<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>det_history</genre><author><first-name>Sascha</first-name><last-name>Berst</last-name></author><book-title>Mord im Garten des Sokrates</book-title><date/><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang></title-info><document-info><author><first-name/><last-name/></author><program-used>FictionBook Editor Release 2.6.6, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date value="2015-10-16">16.10.2015</date><id>AC4A0AAD-6DA4-45B7-9396-78DF567DAA52</id><version>1.0</version></document-info></description><body><section><p>Schon meine <emphasis>S�hne haben mich darum gebeten, jene Ereignisse niederzuschreiben, die zum Untergang unserer geliebten Stadt gef�hrt haben. Aber erst jetzt, im Alter, f�hle ich mich dazu bereit. Wie von fern steigen Bilder und Erinnerungen in mir auf, Erinnerungen an ein Athen in vollster Bl�te und eben gerade deswegen kurz vor dem Verbl�hen. Ja, ich habe sie alle gekannt und getroffen, die M�nner, von denen die ganze Welt mit Staunen spricht. Manche haben meinen Weg nur gekreuzt, manche sind ihn ein St�ck mit mir gegangen, einer war mir ein Freund.</emphasis></p><p><emphasis>Es begann an einem hei�en Tag kurz vor der Sommersonnenwende, und es begann mit dem Tod eines Olympiasiegers.</emphasis></p></section><section><title><p><emphasis>Erstes Buch</emphasis></p><p>TOD EINES OLYMPIASIEGERS</p></title><p><image l:href="#1"/></p></section><section><title><p id="bookmark0">&#x410;</p></title><p>es war im jahr der Herrschaft Alkibiades' �ber Athen. Ich war zum zweiten Mal zum Hauptmann der Bogensch�tzen gew�hlt, als an einem hei�en Tag kurz vor der Sommersonnenwende mein junger Liebhaber Lykon verschwitzt in mein Haus st�rzte und atemlos berichtete, der Stratege lasse mich suchen, es sei etwas geschehen. Die Augen meines Weibes Aspasia blitzten gr�n auf. Sie war eifers�chtig auf Lykon und duldete ihn normalerweise nicht im Haus. Gleichwohl erhob sie sich von unserem Lager, wo wir gerade ein einfaches Mittagsmahl a�en, und brachte mir mein Gewand. Auch wenn sie Lykon nicht traute, ahnte sie doch, dass seine Aufregung nicht gespielt war, und wusste sie, es war ausgeschlossen, sich Alkibiades' Befehl zu widersetzen und seinen Ruf zu �berh�ren.</p><p>Lykon ging voraus. Als ich vom gro�en Zimmer in den Innenhof trat, war ich kurz geblendet und die attische Hitze raubte mir den Atem. Unter dem Feigenbaum, den er selbst gepflanzt hatte, sa� mein Vater und d�ste. Als ich n�her kam, schlug er seine flinken Augen auf und winkte mir zu.</p><p>�Ich muss zu meinem Herrn, er l�sst mich rufen�, sagte ich, und er verstand. Der Herr, sein Herr, war allerdings immer nur Perikles gewesen. Ihn verehrte er wie keinen anderen, denn ihm verdankte unsere Familie ihr Ansehen und Verm�gen. Seine Bewunderung f�r Perikles ging einst so weit, dass er mich als seinen erstgeborenen und einzigen Sohn nach ihm benennen wollte. Wenn er davor im letzten Moment doch zur�ckschreckte, so nur deswegen, weil ihm der Plan schlie�lich zu vermessen schien. So trug ich denn in meinen ersten drei Lebensjahren den Namen Perikles, vom Tag des gro�en Tauf-festes an aber, als ich endg�ltig in den Kreis der Familie aufgenommen wurde, den Namen Nikomachos, und meine Mutter berichtete, die Umstellung sei mir schwerer gefallen als alles andere, was ich als Kind lernen musste. Der Vetter meines Vaters, Raios, der Perikles gleichfalls verehrte - war er als Goldschmied doch zu noch gr��erem Verm�gen gekommen als wir - hatte diese Skrupel nicht. Vater dreier T�chter, benannte er seine Erstgeborene ohne Bedenken nach Perikles' zweiter Frau. So wurde also seine erste Tochter Aspasia genannt - keine andere als die Aspasia, die mich gerade mit einem verkniffenen und trockenen Kuss verabschiedet hatte, denn sie war meine Frau geworden - beinahe immer zu meinem Gl�ck.</p><p>Mein Vater hatte Perikles gedient und ihn geliebt. Jetzt diente ich Perikles' Neffen, aber ich liebte Alkibiades nicht. Vielleicht bewunderte ich die K�hnheit, die er als Feldherr zeigte, aber noch mehr f�rchtete ich seinen Zorn und seinen Wankelmut.</p><p>Ich trat auf die Stra�e. Lykon wartete auf mich. Rechter Hand erhob sich der gewaltige Fels der Akropolis. Der Parthenon leuchtete in der glei�enden Sonne. Daneben thronte die Bronzestatue Athenes und blickte zum Meer, von wo aus die Fischer ihren goldenen Helm noch sehen konnten. Lykon und ich waren allein im Staub der Gassen. Die Hitze hatte die Athener in die Schatten der H�user getrieben. Das sch�ne Gesicht meines jungen Freundes wirkte angespannt und beunruhigt.</p><p>�Du wirst nicht auch eifers�chtig sein, wie mein Weib?�, fragte ich. Er sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Nein, ich mache mir nur Sorgen, was Alkibiades wohl von dir will�, antwortete er und erz�hlte hastig, dass er einen Palastboten getroffen hatte, der um unsere Freundschaft wusste. Von ihm hatte er erfahren, dass Alkibiades �berall nach mir suchen lie�. Er wollte mich sofort sehen. Es musste irgendetwas vorgefallen sein in der letzten Nacht. Vier L�ufer seien unterwegs und durchk�mmten die Stadt.</p><p>Wir lenkten unsere Schritte zum gro�en Marktplatz, zur Agora. Das war der schnellste Weg zum Strategion. Kaum hatten wir die engen Stra�en des T�pferviertels verlassen, lag sie mit ihren S�ulenhallen, Tempeln und Trib�nen offen vor uns. Aber auch das Zentrum der Stadt lag verlassen in der Mittagshitze. Der Basar war verwaist, die Buden und L�den verbarrikadiert. Man sah nur ein paar Lebensmittelh�ndler, wie sie die Bastmatten, die ihre Ware bedeckten, fortlaufend mit Wasser benetzten, um sie zu k�hlen, und vergeblich versuchten, sie vor dem Verderben zu bewahren. Immerhin, das Angebot an Lebensmitteln war ungeachtet des Krieges mit Sparta noch reich. Das war das Verdienst der Langen Mauern, die von der Stadt bis nach Pir�us reichten und den Zugang Athens zu seinen H�fen sicherten.</p><p>Die ein oder andere Hand hob sich zum Gru�, w�hrend Lykon und ich vorbeieilten. Viele H�ndler kannte ich noch aus der Zeit, als mein Vater hier die Aufsicht �ber Ma�e und Gewichte und die Ehrlichkeit beim Handel hatte. Agoranom, Marktrichter, war er unter Perikles geworden. Das war kein hohes Amt, aber f�r den kleinen H�ndler, der mein Vater damals war, ehrenvoll genug. Au�erdem bot es Gelegenheit, ein etwas bedeutenderer H�ndler zu werden und es so zu dem Wohlstand zu bringen, den wir noch heute genossen.</p><p>Das Strategion befand sich auf halbem Weg zur Akropolis hinauf, gleich neben dem Areopag, dem unheimlichen und riesenhaften Felsen des Kriegsgottes, wo das Blutgericht tagt. Was, wenn ich gewusst h�tte, dass ich in nur wenigen Wochen dort vor die Richter w�rde treten m�ssen? -</p><p>Vom Strategion aus hatte Perikles regiert und alle Strategen nach ihm. Nun lag der Oberbefehl bei Alkibiades, aber das verhie� nichts Gutes. Was mochte er nur wollen von mir? Bisher hatte er sich weder f�r mich noch f�r mein Amt je interessiert.</p><p>Der Aufstieg war m�hsam. Wir sprachen kaum. Die Mittagshitze und die Furcht bedr�ckten uns. Selbst Lykon, der leicht wie eine Feder war und die steilsten Pfade sonst mehr rennend als gehend zur�cklegte, bat mitten auf dem Weg um eine kurze Pause. Er war bleich, sein Atem ging schwer. War er krank? Sein Gesicht sah ungesund aus. Wir suchten Schatten unter einer Pinie und ruhten uns aus. Sinnlos, sich zu beeilen; meinem Schicksal w�rde ich ohnehin begegnen.</p><p>�Du bist allzu m�de, mein junger Freund�, sagte ich besorgt und Lykon gestand, wegen der Hitze die halbe Nacht nicht geschlafen zu haben. Ich lie� ihn verschnaufen, aber es dauerte eine ganze Weile, bis er wieder Farbe bekam. Dann gingen wir weiter, ruhiger und vorsichtiger als zuvor.</p><p>Am Strategenpalast wurden wir von zwei Sklaven empfangen, die uns in einen Waschraum brachten. Dort warteten zwei aus Ton gefertigte Bottiche mit frischem Wasser und reine Gew�nder auf uns. Die Diener halfen uns beim Waschen und kleideten uns neu. Mir gaben sie einen leichten, kurzen Chiton aus Leinen, einem seltenen Stoff, Lykon ein leichtes Tuch f�r die H�ften. Danach kam ein Beamter des Stabes und hie� mich, ihn zu Alkibiades zu begleiten. Lykon hingegen musste zur�ckbleiben und sich gedulden.</p><p>Alkibiades erwartete mich in einem gewaltigen Saal. Von der Seite, von wo ich eintrat, bis zu der Erhebung, wo er auf einem Thron halb sa� und halb lag, z�hlte ich vierzig Schritte. W�hrend ich zu ihm ging, senkte ich den Blick, wie mein Vater es mich gelehrt hatte, und wagte kaum, mich umzublicken. Der Beamte folgte mir stumm.</p><p>Alkibiades sah ich an dem Tag zum ersten Mal aus der N�he: Er war ein in voller Bl�te stehender Mann, vierundvierzig Jahre alt, in jenen kraftvollen Jahren zwischen Ephebentum und Alter, in denen sich das Schicksal eines Mannes erf�llt. Sein Haar war noch schwarz und l�nger, als man es in Athen f�r gew�hnlich trug, das Gesicht rasiert und breit, ein wenig stutzerhaft, aber die schmale und gekr�mmte Nase zwischen den dunklen Augen zeugte von einem starken Willen und der Mund und sein L�cheln vom Wesen des gro�en Verf�hrers. Wenn nicht nur b�se Zungen behaupteten, Alkibiades sei nur deswegen aus Sparta geflohen und nach Athen zur�ckgekehrt, weil er einem der beiden Spartiatenk�nige die H�rner aufgesetzt habe und nun dessen t�dlichen Zorn f�rchten musste, so n�hrten sich diese Ger�chte aus eben diesem Wesen des Hegemon autokratos. Er galt als sch�n - M�nner und Frauen liebten ihn gleicherma�en -, und er war es ohne Zweifel, aber es war die Sch�nheit eines gef�hrlichen Tieres, und sie machte mich schaudern.</p><p>Auch Alkibiades trug nur einen Chiton, aber der bestand aus einem schimmernden, flie�enden Gewebe, das ich noch nie gesehen hatte, und war von jenem verschwenderischen Gelb, das die Purpurschnecke gibt, wenn man den Stoff nur einmal mit ihrem Saft tr�nkt. Die �rmel, den Kragen und den Saum zierte eine goldene Borte. Deutlich zeichnete sich sein K�rper unter dem Tuch ab.</p><p>�O Adonis�, begr��te ich ihn. Das war nicht die offizielle Anrede, aber ich wusste, es w�rde ihm schmeicheln, mit dem Liebhaber Aphrodites verglichen zu werden, und das L�cheln, das er mir zuwarf, gab mir recht. Er erhob sich von seinem Thron und trat mir entgegen.</p><p>�Herr der Bogensch�tzen, W�chter �ber die Ordnung der Stadt, sei gegr��t�, sagte er, w�hrend er mich leicht umarmte. Er sah mir f�r einen Moment in die Augen. Sein Blick war kalt.</p><p>�Wei�t du, warum du hier bist, Nikomachos?�, fragte er. Ich wunderte mich, dass er meinen Namen kannte.</p><p>�Nein, Herr!�</p><p>�Das ist gut, das ist sehr gut ... �, sagte er langsam und nachdenklich, w�hrend er wieder zu seinem Thron ging, so als wisse er nicht recht, wie er beginnen sollte.</p><p>�Kennst du Periander?�, fragte er unvermittelt und drehte sich mir wieder zu.</p><p>�Den Olympiasieger? Ja, nat�rlich. Jeder in Athen kennt ihn. Er hat bei den letzen Spielen zu unserem Ruhm den Stadionlauf gewonnen, vor drei Spartanern und einem Thebaner.�</p><p>�Ich sehe, du kennst ihn. Dann wei�t du auch, dass seine Familie zu den reichsten und m�chtigsten der Stadt geh�rt und die Demokratie nicht liebt?�, sagte Alkibiades und trat wieder ganz nah an mich heran. �Periander ist tot, lieber Nikomachos, leider - erschlagen. Soldaten haben in heute Morgen am Itonia-Tor gefunden.� Er schwieg einen Moment und betrachtete den Fries �ber uns: ein Wagenrennen mit schwarzen Hengsten, ehrgeizigen Fahrern und goldenen Streitwagen. �Wir sind im Krieg�, fuhr er nach einer ganzen Weile fort. �Wir sind im Krieg gegen Sparta, und wir sind im Krieg gegen uns selbst. Den Krieg gegen Sparta w�rden wir gewinnen, wenn wir uns nur einig w�ren, so wie wir den Krieg gegen die Perser gewonnen haben, als uns mit Sparta noch Freundschaft verband. Aber du wei�t, dass wir Athener uns nicht einig sind . Die alten, reichen Familien w�rden nichts lieber tun, als die Demokratie zu st�rzen - sofort. Sie kennen keine Bedenken, sie haben keine Skrupel. Aber sie sind noch nicht so weit. Auch sie sind sich nicht einig. Die einen wollen die offene Auseinandersetzung mit uns, die anderen warten ab und machen ihre Gesch�fte. Wehe aber, sie bekommen einen Anlass loszuschlagen, ein Ereignis, das sie verletzt und emp�rt und - vereint ... Warst du schon einmal im hei�en Sommer in einem Wald, wenn es seit Monaten nicht geregnet hat? Die B�ume und Str�ucher sind trocken. Die Luft schwirrt vor Hitze. Du wei�t, ein einziger Funke gen�gt und alles steht in Flammen. So ist es in unserer Stadt. Athen ist wie der trockene Wald. Ein einziger Funke gen�gt�, er schnipste mit den Fingern, �und wir haben den verheerendsten Brand, den es nur gibt: den B�rgerkrieg, den Bruderkrieg. Die Aristokraten bewaffnen ihre Sklaven, verb�nden sich mit Sparta und �ffnen dem Feind die Tore.� Wieder legte er eine lange Pause ein. Er nahm mein Gesicht zwischen die H�nde, als wollte er mich k�ssen, und sah mir eindringlich in die Augen. Trotzdem vermochte ich in seinem Blick kein Gef�hl zu erkennen.</p><p>�Perianders Tod, Herr der Bogensch�tzen, kann dieser Funke sein: Periander, der Olympiasieger, ihr hoffnungsvollster Spross. In den n�chsten Tagen sind sie vor Schmerz und Schrecken gel�hmt, aber bald weicht ihre Trauer, und sie weicht der Wut. Sie werden uns und die Demokratie f�r seinen Tod verantwortlich machen ...� Wieder eine Pause, w�hrend deren er mich nicht aus den Augen lie�. Er stand so nah bei mir, dass ich seinen Atem roch.</p><p>�Du, Nikomachos, du kannst das verhindern�, sagte er dann.</p><p>Meine Knie begannen zu zittern.</p><p>�Wie sollte ich das tun, Herr?�, fragte ich und senkte das Haupt.</p><p>�Du wirst den M�rder suchen. Du wirst ihn finden und der Familie �bergeben. Das wirst du tun, mein lieber Nikomachos. Wir werden ihnen zeigen, dass ihr Verlust unser Verlust ist, ihr Schmerz unser Schmerz, ihre Rache unsere Rache. Das wird sie bes�nftigen gegen uns.�</p><p>Er blieb wie versteinert vor mir stehen. Mein Herz schlug mir bis zum Hals, meine Zunge klebte an meinem Gaumen und wollte sich kaum l�sen. Alkibiades l�chelte zufrieden, wandte sich ab und setzte sich auf seinen Thron. Ich wagte kaum zu atmen.</p><p>�Hast du keine Fragen?�, meinte er nach einer Weile.</p><p>�Doch, gewiss�, stammelte ich und nahm meinen ganzen Mut zusammen: �Was, wenn der M�rder ein Demokrat ist?�</p><p>Alkibiades blieb gelassen: �Dann werden wir ihn der Familie erst recht �bergeben. Sie werden sehen, dass wir den M�rder ausspeien aus dem K�rper des Volkes. Das ist der einzige Weg.�</p><p>Ich verstand und fuhr, durch Alkibiades' Freundlichkeit unvorsichtig geworden, fort: �Was, wenn ich ihn nicht finde, Herr?�</p><p>Der Hegemon erstarrte. Seine Augen verengten sich, in seinen Blick trat etwas Fiebriges.</p><p>�Das wird nicht geschehen�, antworte er leise, und ich fragte nicht weiter.</p><p>Alkibiades winkte dem Beamten zu, der mich zu ihm gef�hrt hatte. Er kam zu uns, den Blick immer noch zu Boden gerichtet.</p><p>�Das ist Anaxos�, sprach Alkibiades. �Er wird dir alles Weitere erkl�ren. Ihm erstattest du regelm��ig Bericht. Von ihm bekommst du alle Vollmachten, die du ben�tigst. Kein Tor und kein Mund sollen vor dir verschlossen, kein Geheimnis verborgen bleiben. Anaxos gibt dir so viel Geld, wie du brauchst. Wenn du bestechen musst, dann bestich. Wenn du jemanden t�ten musst, tu auch das. Finde den M�rder Perianders, und du wirst reich belohnt. Finde ihn!�</p><p>Oder erfinde ihn, dachte ich bei mir, denn sonst muss du sterben und deine Frau und deine Kinder dazu.</p><p>Das Gespr�ch war zu Ende. Anaxos verneigte sich vor Alkibiades und ergriff meinen Arm, um mich hinauszuf�hren. Auch ich verbeugte mich. Gemeinsam verlie�en wir den Saal. Erst jetzt konnte ich ihn betrachten und die Malereien erkennen, die die W�nde schm�ckten: es waren die Heldentaten des Herakles ohne Zweifel, aber dieser Herakles, das sah ich nun, trug die Z�ge des Alkibiades selbst. Mein Herz h�mmerte in meiner Brust. Jeder musste es h�ren.</p><p>Anaxos f�hrte mich durch die G�nge und die Kanzlei, wo vier Schreiber arbeiteten, in einen abgeschiedenen fensterlosen Raum. Er war ein kleiner, schon �lterer, rundlicher Mann mit grauem, gewelltem Haar und feuchten Augen. Seine Bewegungen waren langsam und bedacht, seine Kleidung schlicht, beinahe bescheiden. Nie h�tte ich erwartet, wozu ausgerechnet dieser kleine, freundliche Mann f�hig war. Aber das w�rde ich noch erfahren, fr�h genug.</p><p>Ein nur von �llampen und einer kleinen �ffnung in der Decke beleuchtetes Zimmer war sein Reich: ein kleiner, dunkler Arbeitsraum, in dem es nach dem Staub unz�hliger Schriftrollen, verbranntem �l und dem Schwei� des alten Mannes roch. Mannshohe Regale lehnten an den W�nden, in der Mitte des Raumes stand ein gewaltiger, mehrstufiger Tisch. Die �llampen flackerten und warfen unruhige Schatten an die Wand.</p><p>�Du hast Alkibiades geh�rt�, begann er mit ungew�hnlich sanfter Stimme, �und wei�t, was zu tun ist. Ich brauche dir nicht noch einmal zu erkl�ren, wie wichtig es ist, dass du Erfolg hast.� L�chelnd reichte er mir eine kleine Papierrolle und einen Beutel, in dem die M�nzen klangen. �Hier hast du eine Vollmacht und Geld�, fuhr er fort, �du bist zum besonderen Ermittler ernannt. Jeder Beamte der Stadt und jeder Soldat muss dir gehorchen. Was du mit dem Silber machst, wirst du selbst wissen. Wir werden keine Rechenschaft verlangen. Brauchst du mehr, so sag es nur. Es liegen tausend Drachmen f�r dich bereit. Auf einen Wink sind sie dein.� Er zwinkerte mir zu und rieb die H�nde aneinander. �Du wirst sicher noch mehr Fragen haben, als du sie dem Hegemon stellen konntest!�</p><p>�Ja, die habe ich�, gab ich zu und glaubte fast, ich k�nne Anaxos vertrauen. �Wieso hat Alkibiades ausgerechnet mich ausgesucht? Die Bogensch�tzen untersuchen keine Verbrechen, sie sind dazu da, die Stra�en zu bewachen und f�r Ruhe zu sorgen.�</p><p>�Es gibt zwei Gr�nde�, antwortete Anaxos und klang so liebensw�rdig, als w�ren wir seit Jahren Freunde. �Du hast die Bogensch�tzen zu einer schlagkr�ftigen Truppe gemacht. Wir wissen das. Die Toxotai genie�en Respekt in der Stadt und werden dir bei deinen Ermittlungen gro�e Hilfe leisten k�nnen. Das ist der erste Grund. Du selbst bist der zweite. Du hast einen untadeligen Ruf und giltst als unbestechlich. Das ist eine seltene Bl�te heutzutage. Wir wissen auch, dass du Alkibiades nicht liebst - ja, die W�nde haben Ohren, lieber Nikomachos -, aber umso mehr wird Perianders Familie dir trauen, und hiervon h�ngt viel ab. Sie muss glauben, dass wir den M�rder Perianders finden wollen, und du bist ein Teil unserer Glaubw�rdigkeit. Du willst ihn doch finden?�</p><p>�Gewiss, das will ich�, antwortete ich, kaum mutiger als ein Kaninchen in der Falle. Was blieb mir auch �brig? Anaxos sah mich offen an. Sein L�cheln wich ihm nicht von den Lippen. Er hatte etwas von einem freundlichen Gro�vater, einem freundlichen Gro�vater mit einer reinen und melodi�sen Stimme ...</p><p>�Wo ist Perianders Leichnam jetzt? Noch am Itonia-Tor?�</p><p>�Nein�, erwiderte Anaxos, �wir haben ihn in das Haus seiner Eltern bringen lassen, aber am Tor stehen zwei Wachen, die daf�r sorgen, dass alles unver�ndert bleibt.�</p><p>�Wo liegt das Haus?�, fragte ich und lie� meinen Blick durch den kleinen Raum wandern. Erst allm�hlich hatten sich meine Augen an die Dunkelheit gew�hnt. Die Regale um uns waren voller Schriftrollen mit irdenen Siegeln. Ich erkannte das Zeichen des persischen Gro�k�nigs und die Siegel Thebens und Spartas. Anaxos r�usperte sich. Er beanspruchte meine Aufmerksamkeit.</p><p>�Au�erhalb der Stadtmauern�, antwortete er. �Die Familie hat ihren Sitz in der N�he der Stra�e nach Kephisia. Ich werde dir den Weg zeigen lassen. Du brauchst einen Wagen.�</p><p>�Gibt es Zeugen?�, fragte ich.</p><p>�Bisher haben wir keine gefunden. Wir wissen noch gar nichts�, antwortete er bedauernd, �umso wichtiger ist es, dass du deine Arbeit gleich aufnimmst. Und sorge daf�r, dass Perianders Familie schnell davon erf�hrt.� Mit einem Handzeichen gab er zu verstehen, dass ich ihn nun verlassen solle.</p><p>�Gut�, schloss ich das Gespr�ch, �ich werde zuerst zum Tor gehen und mir den Fundort der Leiche ansehen. Dann gehe ich zum Haus des Toten. Kannst du nach einem Arzt schicken, der den Leichnam untersucht?�</p><p>�Das werde ich tun�, antwortete er ein wenig erstaunt. �Ich schicke dir den Besten, den wir haben.�</p><p>Anaxos erhob sich, ergriff meine Schultern, wie Alkibiades dies bei meiner Begr��ung getan hatte, und w�nschte mir Gl�ck. Dann f�hrte er mich durch die G�nge das Strategions zur�ck zum Hauptportal, wo Lykon auf mich wartete. Neben meinem Freund lagen unsere Gew�nder, gefaltet, ges�ubert und parf�miert. Anaxos gab uns Zeit, uns umzuziehen, dann verabschiedete er sich.</p><p>�Wenn du Hilfe ben�tigst oder Fragen hast, dann wende dich an uns�, sagte er, �wir wissen vieles in diesem Palast, was anderen verborgen ist. Und vergiss nicht, Bericht zu erstatten -alle drei Tage. Schreibe nicht, sondern trage mir vor, keinem anderen. Hast du verstanden? Die Wachen werden dich jederzeit durchlassen.�</p><p>Ich nickte. �Ja, Herr.�</p><p>�Dann geh jetzt.�</p><p>Kaum hatte er dies gesagt, drehte er sich um und verschwand in den G�ngen. Lykon schien aufzuatmen. Ich gab ihm ein Zeichen, hinauszugehen und zu schweigen.</p><p>Drau�en waren die Schatten l�nger geworden, und das Leben hatte wieder Besitz von Athen, seinen Stra�en und Pl�tzen ergriffen. Haussklaven waren mit gro�en K�rben in Richtung Agora unterwegs, um f�r den Abend einzukaufen; M�nner standen in Gruppen und schwatzten. Drei meiner Bogensch�tzen patrouillierten vor dem Areopag. Ich rief sie zu mir. Es waren zuverl�ssige Leute. Einen wies ich an, zu mir nach Hause zu gehen. Er sollte meiner Frau und meinem Vater ausrichten, ich w�rde erst sp�t nach Hause kommen, sie sollten sich aber nicht sorgen. Den anderen beiden befahl ich, die Unteroffiziere zu verst�ndigen. Morgen fr�h schon wollte ich sie treffen. Die Soldaten nickten, gr��ten und gingen.</p><p>Vor den Stufen des Strategions wartete schon ein Wagen auf uns. Es war ein sch�ner Zweisp�nner, die schwarzen Rosse gl�nzend und schlank. Alkibiades besa� weit und breit die sch�nsten Pferde. Lykon fragte, was der Hegemon gewollt habe, und ich erz�hlte kurz vom Mord an Periander und meinem Auftrag. �ber Alkibiades' Motive sprach ich nicht, und Lykon fragte auch nicht weiter nach.</p><p>�Meinst du, du bist in Gefahr?�, fragte er besorgt.</p><p>�Ja�, antwortete ich.</p><p>Schweigend gingen wir zum Wagen und stiegen auf. Der Kutscher nickte uns zu und sprengte los. Er war ein grober Kerl und hatte eine Narbe, die ihm beinahe das ganze Gesicht spaltete. Sie reichte vom rechten Auge �ber die Nase bis zur linken Wange und gab seinen ohnehin unsch�nen Z�gen einen rohen Ausdruck. Und ebenso fuhr er auch. Er jagte mit uns durch Stra�en und Gassen in Richtung Itonia-Tor und nahm nicht die geringste R�cksicht auf die Menschen: Frauen, Kinder, Alte und Junge hatten beiseitezuspringen, sobald er angejagt kam. Einmal h�tten wir beinahe ein altes Weib umgefahren. Durch einen Sprung in eine Ecke voller Unrat konnte sich das arme Gesch�pf gerade noch retten. Unser Fahrer aber blieb unger�hrt und gab den Pferden die Peitsche.</p><p>Am Itonia-Tor erwarteten uns zwei Epheben in voller R�stung. Mit gekreuzten Lanzen und ernsten Gesichtern bewachten die jungen Wehrpflichtigen den Winkel, den das Tor und das angrenzende Zollhaus bildeten, und hielten die neugierigen Passanten zur�ck. Ich stieg vom Wagen. Sie verneigten sich und gaben den Weg frei. Ich suchte den Boden ab, aber es gab nicht viel zu sehen. Auf dem trockenen, festgestampften Lehm waren nur schwach einige Fu�spuren zu erkennen. Ein Fleck schwarzen, geronnenen Blutes verriet die Stelle, wo Perianders K�rper gelegen haben mochte.</p><p>�Habt ihr beiden den Toten gefunden?�, fragte ich die jungen M�nner. Nein, man hatte sie gerufen, um dabei zu helfen, den leblosen K�rper auf einen Wagen zu legen. Sie hatten den Toten aber noch so liegen sehen, wie man ihn entdeckt hatte. Das Blut stammte von ihm. Die Leiche hatte verkrampft auf dem Bauch gelegen, Hinterkopf, Mund und Nase blutverschmiert. Au�er dem K�rper des Toten hatte man nichts weiter entdeckt.</p><p>�Auch keine Fackel oder Lampe?�, wollte ich wissen. Eigentlich musste Periander ein Licht bei sich gehabt haben, wenn er nachts unterwegs war, denn die Stra�en waren unbeleuchtet und der Mond derzeit jung. Aber nein, keine Fackel, keine Lampe.</p><p>�Wie war er gekleidet?�, fragte ich.</p><p>�Er trug einen hellen Chiton� antwortete der gr��ere der beiden. Einen Mantel habe man nicht gefunden, auch keine Kopfbedeckung, keine Schuhe oder Sandalen. Mehr wussten die beiden nicht. Ich lie� sie in Frieden und betrachtete die Fu�spuren genauer. Die Mehrzahl von ihnen stammte von schlichten Sandalen und konnte den Helfern wie dem M�rder geh�ren. Sie waren kaum brauchbar. Nur ein Abdruck zwischen diesen Spuren war nicht so leicht zuzuordnen und schien mehr zu einem Schnabelschuh als zu einer Sandale zu passen. Ich rief Ly-kon zu mir und bat ihn, den Boden mit mir zusammen genauer zu untersuchen, aber auch er konnte weiter nichts entdecken. Es fanden sich weder Spuren eines Kampfes noch Schleifspuren oder Abdr�cke eines Wagens. War Periander hier ermordet worden, war dies schnell geschehen und ohne dass er sich noch h�tte wehren k�nnen. Hatte man ihn hergebracht, musste er getragen worden sein.</p><p>�Was meinst du�, fragte ich Lykon, �ist Periander hier erschlagen worden?� Lykon nickte. Ich entdeckte eine Tr�ne in seinen Augen. Die Sache schien ihm nahezugehen.</p><p>Ich beschloss weiterzuziehen und entlie� die jungen Soldaten. Hier gab es f�r sie nichts mehr zu bewachen und f�r uns nichts zu entdecken.</p><p>�Zu Perianders Vaterhaus, aber langsam und in Ruhe�, befahl ich dem Wagenlenker beim Aufsteigen. Er sah mich an, als h�tte ich etwas Unanst�ndiges gesagt.</p></section><section><title><p id="bookmark1">&#x432;</p></title><p>unser weg f�hrte uns am Tempel des Olympischen Zeus vorbei zur Stadt hinaus. Ich liebte diesen gro� und pr�chtig angelegten, aber seit Jahrzehnten unvollendeten Tempel, auch wenn der Bau stillstand, seit ich denken konnte. Mit dem Ende des Krieges gegen Persien hatten die Athener die Arbeiten begonnen, mit Beginn des Krieges gegen Sparta brach man sie ab, und ebenso wenig, wie ein Ende des Krieges abzusehen war, war mit der Vollendung des Bauwerkes zu rechnen. Was das gr��te Heiligtum der Stadt werden sollte, stand nun ungeweiht im klaren Licht der Sonne, und die h�chsten Marmors�ulen, die Hellas je erblickt hatte, ragten in die H�he, ohne ein Dach zu tragen.</p><p>Vom Tor aus verlie� unser Fahrer die inneren Stadtmauern. Er folgte der Stra�e nach Kephisia, bis er an einem Pinienhain abbog, in dessen Schutz und von au�en beinahe unsichtbar eine hohe Mauer aufragte. Wir bogen ab und kamen an ein Tor.</p><p>�Da ist es�, sagte er m�rrisch und hielt den Wagen an. Am Tor standen zwei Wachen mit Schilden und �xten. Ihre Waffen, die Beinkleider, die nur von Barbaren getragen wurden, und ihr helles Haar verrieten sie als S�ldner, vermutlich Kelten aus den n�rdlichen L�ndern.</p><p>�Was wollt ihr?�, fragte einer der Barbaren in feindlichem Ton, noch ehe wir richtig angekommen waren. Seine blauen Augen blitzten kalt.</p><p>Ich stieg von unserem Wagen und ging auf ihn zu.</p><p>�Ich bin Nikomachos, der Hauptmann der Bogensch�tzen�, sagte ich, �Alkibiades, der Hegemon, schickt uns, um mit dieser Familie zu trauern und ihr seinen Arm zur Hilfe anzubieten.� Ich gab der Wache meine Vollmacht und eine M�nze, damit sie mein Anliegen mit Wohlwollen vortragen w�rde. Der S�ldner nickte und hie� uns zu warten - jetzt schon ein wenig freundlicher. Er verschwand hinter dem Tor.</p><p>�Wie lange wird es wohl dauern?�, fragte ich den zweiten Kelten nach einer Weile. Er war ein H�ne mit roten Z�pfen und wildem Gesicht, aber er sah nur starr vor sich hin und blieb stumm. Vielleicht verstand er mich noch nicht einmal.</p><p>Es dauerte lange, bis sich die Fl�gel des Tores auftaten und ein vornehmer und augenscheinlich reicher Athener uns empfing. Er war etwa f�nfzig Jahre alt, seine Haltung war aufrecht und gebieterisch. Eine Tonsur im grauen Haar verriet uns die aristokratische Abstammung und wies ihn, f�r jedermann erkennbar, als Gegner der Volksherrschaft aus; die Oligarchen machten keinen Hehl aus ihrer Gesinnung. Ungeachtet der Hitze trug er nicht nur einen blauen Chiton, sondern dar�ber einen purpurfarbenen Kurzmantel, den Chlamys. Er betrachtete mich ver�chtlich. Erst als er Lykon sah, wurde sein Gesicht ein wenig freundlicher.</p><p>�Ich bin Kritias! Hauptmann, was st�rst du die Trauer dieses Hauses?�</p><p>Ich muss erbleicht sein, und Kritias quittierte es mit einem hochm�tigen L�cheln, lernte ich an diesem Tag doch einen dritten Mann kennen, vor dem man zittern musste - mehr allerdings, als mir damals bewusst war. Kritias - jedes Kind in Athen kannte diesen Namen.</p><p>�Alkibiades, der Hegemon von Athen, schickt uns, edler Kritias, um die Trauer um Periander mit dieser Familie zu teilen und die Hilfe der Polis anzubieten�, sagte ich unterw�rfig. �Ich soll mich in den Dienst dieser Familie stellen, um den M�rder ihres Sohnes zu finden. Das ist meine Aufgabe. Wenn ich sie nicht erf�lle, ist mein Leben verwirkt.�</p><p>Kritias antwortete nicht und sah an mir vorbei auf den Zweisp�nner. Gerne h�tte ich gewusst, was in ihm vorging, aber er schien es gewohnt zu sein, seine Gef�hle hinter einem unbeweglichen Gesicht verborgen zu halten. Erst ein leichtes Nicken seines Kopfes zeigte, dass er mit seinen �berlegungen zu einem Schluss gekommen war. Er trat zur Seite und bat uns herein.</p><p>Ich bedeutete Lykon mitzukommen und wandte mich an den W�chter, den Kritias verst�ndigt hatte: �Gleich wird ein Arzt kommen. Er geh�rt zu mir. Lass ihn herein.�</p><p>Der Barbar nickte.</p><p>Kritias f�hrte uns �ber einen mit wei�en Kieseln bedeckten Fu�weg durch einen �ppig bl�henden Garten. Das Landhaus, zu dem wir kamen, geh�rt zu den gr��ten, die ich je gesehen habe. An seiner Front ragten S�ulen empor, die das zweite Stockwerk trugen und einen Balkon hielten, wie es oft an Tempeln und Pal�sten, kaum aber an Wohnh�usern zu sehen war. Die Stirn des Hauses zierte ein Relief. Das gesamte Anwesen war in leuchtendem Karmesin gestrichen. Es war pr�chtig, aber bei allem Reichtum blieb es doch ein trauerndes Haus. Noch bevor wir durch das Eingangsportal traten, h�rten wir die Frauen klagen, wie nur sie es verm�gen.</p><p>�Perianders Mutter und seine beiden Schwestern halten die Totenwache�, erkl�rte uns Kritias. �Sein Vater sitzt im Innenhof. Wir werden zuerst zu ihm gehen.�</p><p>Kritias f�hrte uns zu einem alten, gebeugten Mann mit einem vollst�ndig ausdruckslosen Gesicht. Er erhob sich, als wir n�her kamen, aber gr��te nur mit einem leichten Nicken. Seine Augen waren tr�b und sein Mund bitter. Perianders Vater. Ich stellte mich vor und kondolierte in Alkibiades' und in meinem Namen. Dann er�ffnete ich ihm vorsichtig, wieso ich da war und den Leichnam seines Sohnes sehen wollte. Kritias wich zur�ck, als er meine Bitte vernahm. Sie hatte auch etwas g�nzlich Unerh�rtes, aber Perianders Vater war zu sehr von seinem Verlust getroffen, um dies zu empfinden, geschweige denn sich zu emp�ren oder mir irgendeinen Widerstand entgegenzusetzen.</p><p>Er f�hrte mich stumm ins Haus. Kritias und Lykon blieben zur�ck. Der arme Junge hatte �ngstlich darum gebeten, drau�en warten zu d�rfen. Er wollte den Toten nicht sehen. Das k�nne er nicht, wie er mir bleich gestand.</p><p>Das Wehklagen wurde lauter, w�hrend wir in den oberen Stock des Anwesens gingen. Dort lag Periander in seiner Schlafkammer aufgebahrt. Als Perianders Vater die T�r �ffnete, drangen die Klagen der Frauen wie das Geheul von Sirenen an mein Ohr. Es war offenbar: Diese Familie hatte alles verloren, was ihr wichtig war: ihren Stolz, ihre Hoffnung und ihre Zukunft. Ich sah es im leeren Gesicht des Vaters und h�rte es im Wehgeschrei der Mutter.</p><p>Es war nicht leicht, die Frauen aus dem Zimmer zu bringen. Immer wieder warf sich die weinende Mutter auf den K�rper des To-ten und klammerte sich an ihm fest, w�hrend Perianders Schwestern sie zur�ckzuhalten versuchten. Nur der nat�rliche Gehorsam gegen�ber dem Mann und Familienoberhaupt brachte sie schlie�lich dazu, f�r einen Moment von ihrem Sohn abzulassen. Als ihre T�chter sie aus der Kammer brachten, sank sie hinter der Schwelle mit einem einzigen tiefen Schluchzen in sich zusammen.</p><p>Ich schloss die T�r hinter den Frauen. Nun waren der Vater und ich allein mit dem Toten. Das Zimmer zeigte sich schmucklos und streng, strenger und schmuckloser, als ich es erwartet hatte.</p><p>Periander lag aufgebahrt und bekleidet auf einem einfachen Bett. Noch im Tod sah man, wie sch�n er gewesen sein musste. Jetzt aber war seine Haut bl�ulich und durchsichtig, die Wangen eingefallen, der K�rper erstarrt. An seiner rechten Hand fiel mir ein wei�er Kreis auf, der um den Mittelfinger lief. Dort hatte ein Ring das Licht der Sonne abgeschirmt. Dar�ber verliefen zwei kleine Striemen.</p><p>�Wo ist Perianders Ring?�, fragte ich den Vater. �Hatte er ihn nicht mehr bei sich?�</p><p>�Der Ring? Nein. Ich wei� nicht�, antwortete er. Es waren die ersten Worte, die er an mich richtete. �Er wurde uns so gebracht, wie er hier liegt. Wir haben ihn nur gewaschen und das Gewand gewechselt. Sonst haben sie uns nichts gegeben.�</p><p>�Was war es f�r ein Ring?�, fragte ich. �War er wertvoll?�</p><p>�Ja, das war er�, antwortete der Vater, �wir haben ihn nach seinem gro�en Sieg anfertigen lassen, ganz aus Gold. Auf seiner Oberseite ist eine schwarze Perle eingelassen, von einem Lorbeerkranz umfasst. Er trug ihn Tag und Nacht.�</p><p>�Kennst du noch den Namen des Goldschmieds, der den Ring gefertigt hat?�, wollte ich wissen. Bevor Perianders Vater antworten konnte, fiel mir die Antwort aber selbst ein. Wie hatte ich nicht daran denken k�nnen? Hatte sich nicht Raios, mein Onkel und Schwiegervater, wochenlang damit gebr�stet, kein anderer als er habe den Ring f�r den Olympiasieger schmieden d�rfen? Eine gro�e Ehre, die ihn indessen nicht davon abgehalten hatte, Perianders Familie �ber den Wert des Schmuckst�cks zu t�uschen und einen viel zu hohen Preis zu verlangen. Er tat das immer. Es war sein gr��tes Vergn�gen.</p><p>�Er hie� Raios�, antwortete der alte Mann. �Sein Gesch�ft ist beim Hephaistos-Tempel, gleich im Viertel der Schmiede.�</p><p>�Ich kenne ihn�, sagte ich, ohne auf die Art meiner Bekanntschaft mit Raios n�her einzugehen. �Was hat Periander gestern Abend gemacht?�</p><p>�Ich wei� nicht genau. Ich dachte, er w�re vielleicht im Stadion. Das ist in der N�he des Tores, wo ...� Dem Alten versagte die Stimme. Eine Tr�ne lief ihm d�nn �ber das gegerbte Gesicht. Er rang um Fassung und drehte sich weg.</p><p>�Wer waren Perianders Freunde?�, fragte ich weiter.</p><p>�Er hatte viele�, erwiderte der Vater mit einem Anflug stolzer Erinnerung, �oft traf er sich mit Charmides oder mit Aris-tokles und seinem Bruder Glaukon. Das sind Verwandte meines Freundes Kritias, junge M�nner. Er war wohl auch viel mit diesem Sokrates unterwegs. Du kennst ihn?�</p><p>�Ja, nat�rlich�, entgegnete ich. Wer kannte ihn nicht?</p><p>Die T�r ging auf. Ich bef�rchtet schon, Perianders Mutter w�rde wieder in das Zimmer st�rzen, beruhigte mich aber, als ich stattdessen einen kleinen, wohl drei�ig Jahre alten Mann mit strengen Z�gen und stechendem Blick eintreten sah, der in seiner Rechten einen ganz besonderen Stock trug: einen Wanderstock, um dessen Ende sich eine kunstfertig geschmiedete Schlange wand, so wie sich um seinen Besitzer die Legenden rankten. �Hippokrates von Kos�, stellte er sich vor, obwohl dies nicht n�tig war, �man hat mich kommen lassen. Bist du Nikomachos, der Herr der Toxotai?�</p><p>Ich bejahte und verneigte mich tief vor diesem Mann, von dem man sagte, er habe sein Handwerk vom Gott der Heilkunst selbst erlernt. Ich zeigte auf den Leichnam. Hippokrates runzelte die Stirn. Tiefe Furchen liefen senkrecht seine Wangen herunter. Er drehte sich zu Perianders Vater.</p><p>�Du bist der Vater dieses Jungen?� Der Mann nickte.</p><p>�Ich musste deiner Frau ein starkes Mittel zur Beruhigung geben. Sie braucht dich jetzt. Bitte sieh nach ihr.�</p><p>Perianders Vater nickte ein zweites Mal stumm und ging hinaus. Und so gelang es Hippokrates, dem alten Mann eine Aufgabe zu geben und zugleich daf�r zu sorgen, dass wir ungest�rt waren.</p><p>�Was soll ich tun?�, fragte Hippokrates. �Der junge Mann ist tot.�</p><p>�Ich wei߻, antwortete ich verlegen, �ich m�chte wissen -wenn das geht -, wie er gestorben ist.�</p><p>�Das ist gut�, antwortete Hippokrates unverst�ndlicherweise und hie� mich, Perianders Leiche zu entkleiden, w�hrend er einem mitgebrachten Beutel einige Werkzeuge entnahm. Ich wagte nicht, mich zu widersetzen, aber meine Arbeit erwies sich als ungew�hnlich schwer. Perianders K�rper war v�llig steif und schien viel mehr zu wiegen, als man dies bei diesem kaum zwanzigj�hrigen L�ufer angenommen h�tte. Obwohl es in diesem Zimmer angenehm k�hl war, geriet ich ins Schwitzen und h�tte bei meinen ungeschickten Versuchen, Periander auszuziehen, beinahe sein Leichengewand zerrissen. Ich war v�llig au�er Atem, als der Olympiasieger schlie�lich nackt vor mir lag.</p><p>Der K�rper sah aus wie in Stein gemei�elt. Rippen, Muskeln und Sehnen zeichneten sich unter seiner gelblich-blauen Haut ab, das Becken bildete einen vollkommenen Bogen unter dem muskul�sen Bauch, Arme und Beine waren schlank und kraftvoll.</p><p>�Die Leichenstarre ist noch vollst�ndig�, erkl�rte Hippokrates, w�hrend er auf den K�rper zutrat und ein Bein Perianders anzuheben versuchte. �Bei einem Sportler wie ihm kann sie bis zu drei Tage anhalten, aber nur, wenn es nicht so hei� ist, wie es heute war. Bei der Hitze, meine ich, ist er fr�hestens gestern Nacht zu Tode gekommen, sonst m�ssten seine Muskeln schon wieder erschlaffen.�</p><p>Mit unbewegtem Gesicht betrachtete und bef�hlte er Perianders Haut. Dann bat er mich, ihm zu helfen. Gemeinsam drehten wir den leblosen K�rper um. An Perianders Hinterkopf klaffte eine Wunde. Obwohl man ihn gewaschen hatte, war das Haar noch blutverklebt. Der Arzt untersuchte die Verletzung ausgiebig und mit einem eigent�mlichen Funkeln in den Augen. Er versuchte sogar, mit einer Art Bronzenagel in den Sch�del einzudringen, aber es gelang ihm nicht.</p><p>�Der Sch�del ist intakt�, stellte er lapidar fest und legte den Stift zur Seite, um sich dem Nacken zuzuwenden.</p><p>�Das Genick ist intakt�, war sein n�chster Kommentar. Dann hielt er inne und �berlegte. Es war, als spr�che er mehr mit sich selbst und nicht mit mir, als er sagte: �Er ist nicht an einem Schlag auf den Kopf gestorben. Die Wunde am Hinterkopf ist nicht t�dlich.�</p><p>�Woran ist er dann gestorben?�, fragte ich, w�hrend sich Hippokrates schon wieder der Leiche widmete und meine Frage unbeantwortet lie�. Er untersuchte Perianders R�cken und zuletzt die Haut hinter seinen Ohren. Sein Gesicht hellte sich auf.</p><p>�Komm her und sieh dir das an�, befahl er. Ich gehorchte, trat n�her und sah hinter den Ohren Perianders einige kleine, rote Punkte durch die Haut schimmern. Sie waren kaum gr��er als die Samen der Brotbaumfrucht.</p><p>�Das sind Einblutungen�, erkl�rte mir Hippokrates mit einer Begeisterung, die mich im Angesicht des Toten unangenehm ber�hrte. �Ich bin sicher, wenn wir seine Augen �ffnen k�nnten, dann w�rden wir die gleichen Einblutungen auch auf seinen Aug�pfeln finden.�</p><p>�K�nnten?�, fragte ich besorgt nach, denn ich wollte die toten Augen Perianders keinesfalls �ffnen, geschweige denn sehen. �Wir k�nnen es also nicht?�</p><p>�Nein�, erwiderte er, was mich beruhigte. �Dazu ist er noch viel zu steif - in ein paar Tagen vielleicht. Andererseits, ich k�nnte die Lider nat�rlich auch aufschneiden. Wenn du es ganz genau wissen musst.�</p><p>�Nein, das wird nicht n�tig sein�, beeilte ich mich zu versichern, und einige Tropfen kalten Schwei�es rannen mir Schl�fen und Wangen hinunter.</p><p>�Gut. Dann hilf mir, ihn wieder auf den R�cken zu legen�, kommandierte Hippokrates. �Ich glaube, er ist erstickt.�</p><p>Wieder bat er mich um Hilfe, und gemeinsam wuchteten wir Perianders K�rper herum. W�hrend Hippokrates ihn weiter abtastete, versuchte ich mich abzulenken, indem ich konzentriert auf die Wand hinter dem Arzt blickte, an der es rein gar nichts zu sehen gab. Jetzt hatte er eine Art kurzer Eisenstange in der Hand und schob sie Periander zwischen die Lippen. Ich fragte mich noch, was er damit vorhaben konnte, als - ich wage es kaum, mich zu erinnern - ein Krachen ert�nte wie von einem Blitz. Nie werde ich das Ger�usch vergessen, das ich h�ren musste, als Hippokrates Perianders leichenstarren Kiefer aufwuchtete. Es war, als ob der Schaft eines Speeres im Kampfe br�che. Die Stange war eine Art Brechstange gewesen. Mir schauderte und das Blut wich mir aus dem Gesicht, aber Hippokrates sah mich nur verst�ndnislos an und meinte, die Leichenstarre sei bei Sportlern eben immer besonders stark. Das liege an den kr�ftigen Muskeln. Dann erforschte er v�llig unger�hrt Perianders Rachen und seinen Mund, wobei er ihm die Finger so tief in den Hals steckte, wie er nur konnte. Das gen�gte aber offenbar nicht, denn er ging noch einmal zu dem Beutel mit seinen Instrumenten, suchte und kam mit etwas zur�ck, das aussah wie eine lange, feine Zange.</p><p>�Pinzette�, sagte Hippokrates und hielt das Werkzeug hoch, damit ich es sehen konnte. Er l�chelte mir aufmunternd zu, dann steckte er dem bemitleidenswerten Leichnam auch noch dieses Ger�t in den Mund und stocherte darin herum.</p><p>�Da haben wir es ja�, war sein abschlie�ender Kommentar, als er ein fast faustgro�es St�ck zerkn�llten Papyrus aus dem Rachen der Leiche hervorholte und mir mit der Pinzette reichte. Ich ekelte mich und wollte es gar nicht nehmen, aber Hippokrates bedeutete mir, er habe in seinem Leben schon ganz andere Dinge anfassen m�ssen. Ich solle mich nicht so haben. Also ergriff ich den Papyrus tapfer, hielt ihn so fest, wie ich gerade konnte, und sah, sehr zu meinem Erstaunen, dass auf dem Blatt etwas geschrieben stand. Was blieb mir �brig? Ich �ffnete das feuchte Blatt, reinigte es mit einem Tuch, das Hippokrates mir reichte, und gl�ttete es.</p><p>Ich betrachtete den Papyrus lange, bis ich verstand. Ich hielt den Ausriss aus einem Buch in meinen H�nden. Das Schriftst�ck hatte abgerissene Enden, die Tinte war hier und da verlaufen und es war nicht mehr alles zu erkennen, aber ein paar S�tze blieben doch lesbar. Hastig �berflog ich die Zeilen, hastig verbarg ich das Schriftst�ck in meinem �rmel. Der Arzt runzelte die Stirn.</p><p>�Und hast du gefunden, wonach du mich hast suchen lassen?�, fragte er.</p><p>�Vielleicht�, antwortete ich leise, �das wei� ich noch nicht. Und du�, gab ich die Frage zur�ck, �hast du gefunden, was du gesucht hast?�</p><p>�Den Grund f�r seinen Tod? Ja, den habe ich gefunden. Unser olympischer Held ist erstickt. Das ist ganz eindeutig. Zuerst hat man ihm von hinten auf den Kopf geschlagen, wahrscheinlich mit einem harten Stock mit einem Metallbeschlag oder mit einer Stange. Das nahm ihm das Bewusstsein, aber es brachte ihn nicht um. Ich kenne diese Art der Verletzung gut, einmal habe ich eine Abhandlung �ber Kopfverletzungen geschrieben. Kennst du sie? Nein? Ich gebe sie dir gerne ...�</p><p>Ich sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Nein? Auch gut. Dann hat man ihm diesen Papyrus tief in den Rachen gestopft und ihm den Mund zugehalten, bis er nicht mehr geatmet hat. Daher r�hren auch die Einblutungen, die du gesehen hast. H�tte man ihn erw�rgt und dadurch das Blut gestaut, dann h�tte er davon noch viel mehr.�</p><p>�Aber zu ersticken ist ein f�rchterlicher Tod�, wandte ich ein. �H�tte er im Todeskampf nicht um sich geschlagen und sich gewehrt?�</p><p>�Nicht in diesem Fall�, entgegnete Hippokrates. �Der Schlag auf den Hinterkopf war sehr hart. Dadurch war er schon au�er Gefecht gesetzt. Au�erdem war er betrunken, vermutlich schwer betrunken.�</p><p>�Betrunken? Woher wei�t du das?�, fragte ich ungl�ubig.</p><p>�Komm zu mir her�ber�, forderte er mich auf. Ich folgte widerstrebend. �Hier, beuge dich herunter und rieche.� Ich gehorchte und - tats�chlich, obwohl die Leiche schon den f�r die Toten typischen Geruch ausstr�mte, war darunter noch der Duft von geharztem Wein zu erahnen.</p><p>Ich bat Hippokrates, niemandem von dieser Untersuchung und ihren Ergebnissen zu berichten, und er versprach es. Gemeinsam kleideten wir Periander wieder an. Als das geschafft war, verschloss ihm Hippokrates den Mund, indem er ihm ein Band um Kiefer und Kopf wickelte und verknotete.</p><p>�Man sieht kaum, dass ich ihm den Kiefer brechen musste, findest du nicht?�, fragte er. Ich nickte und l�chelte verkrampft.</p><p>Als Honorar gab ich Hippokrates zehn Drachmen. Das war viel Geld, aber bei Asklepios und seinen J�ngern wollte ich keine Schulden haben. Der Arzt bedankte sich und schenkte mir einen Beutel aus Leder, in dem ich den Papyrus aufbewahren und mitnehmen konnte.</p><p>�Du solltest dir noch die H�nde waschen�, riet er mir zum Abschied. Dann nahm er seinen Stock und ging, fr�hlich und bester Dinge, wie es schien.</p><p>Ich blieb allein im Zimmer des Toten. Hier lag einer vor mir, der geliebt und geachtet worden war wie kaum ein anderer. Er war sch�n, er war jung und reich. Und doch hatte ihn jemand get�tet. Weil er ihn hasste? Weil er ihn liebte? Oder nur wegen eines wertvollen Rings? Es sind in Athen schon Menschen wegen einer einzigen Kupferm�nze erschlagen worden. Man findet sie abseits der Wege mit aufgerissenem Mund - viele verbergen ihr Geld noch zwischen Z�hnen und Backen. Wieso nicht also auch wegen eines Rings? Was war dann aber mit dem Schriftst�ck und dem grausigen Tod?</p><p>Ich griff in meinen �rmel und zog den Papyrus hinaus. Dann las ich, was noch zu entziffern war:</p><p><emphasis>Ich kann nicht billigen, dass die Athener die Staatsform gew�hlt haben, die sie nun einmal haben, denn sie geben den Gemeinen gegen�ber den Edlen den Vor</emphasis><sup><emphasis>zu</emphasis></sup><emphasis>g</emphasis> ...</p><p><emphasis>Es gilt f�r jedes Land, dass alle Menschen edler Gesinnung Gegner der Demokratie sind</emphasis> ... <emphasis>Denn sie sind darauf bedacht</emphasis> ... <emphasis>Gutes zu tun</emphasis> ... <emphasis>Das Volk aber wird von Unwissenheit und Schw�che beherrscht - die Armut muss es ins Verbrechen treiben.</emphasis></p></section><section><title><p id="bookmark2">&#x433;</p></title><p>ich ging hinunter, wo Lykon mit Kritias im Innenhof sa�. Sie unterhielten sich. Kritias schien zu scherzen. Er lachte und stie� Lykon freundschaftlich an. Lykon l�chelte. In meinem Herzen f�hlte ich einen Stich.</p><p>Als Kritias mich sah, ver�nderte sich sein Gesicht. Es bekam wieder diesen unbewegten und hochm�tigen Ausdruck, mit dem er mich bereits empfangen hatte - bevor er Lykons gewahr wurde. Perianders Eltern waren nirgendwo zu sehen. F�r einen Moment glaubte ich, ein leichtes Wimmern zu h�ren, wie es vom Haus in den Hof drang, aber ich war mir nicht sicher.</p><p>Ich wollte die Familie in ihrer Trauer nicht weiter st�ren und bat Kritias, mich bei Perianders Eltern zu entschuldigen. Dann verlie� ich mit Lykon dieses ungl�ckliche Haus.</p><p>Vor dem Tor standen die Galater unbeweglich auf ihrem Posten. Unser Fahrer wartete. Er hatte die Pferde versorgt und sich unter eine Zypresse gesetzt. Das Narbengesicht schien kein Wort mit den Wachen gewechselt zu haben. Als er uns sah, erhob er sich nur allzu tr�ge.</p><p>�Zur�ck in die Stadt jetzt�, herrschte ich ihn an, weil er sich auch beim Anspannen der G�ule nicht sonderlich beeilte.</p><p>�Ach, auf einmal ist es eilig?�, fragte er halblaut.</p><p>�Was hast du gesagt?�</p><p>�Nichts, Herr�, antwortete er h�hnisch.</p><p>Er fuhr uns in die Stadt zur Agora zur�ck. Sie war jetzt v�llig �berlaufen. Es war Abend geworden, der Athener liebste Tageszeit, und alles str�mte aus den H�usern und Gassen zum Marktplatz hin. Hier trafen sich Barbaren und Hellenen, Sklaven und Herren, Met�ken und Athener, Frauen, Het�ren und Dirnen und gingen ihren Gesch�ften und Vergn�gungen nach - mal ehrenvoll und mal nicht. Die Agora war nicht einfach nur ein Marktplatz, sondern der Mittelpunkt des st�dtischen Lebens, und die Agora von Athen war nicht Mittelpunkt irgendeiner Stadt. Sie war das schlagende Herz Griechenlands.</p><p>Hier fanden sich der Basar und die Buden der Kaufleute, das Quellhaus, wo die Frauen Wasser sch�pften und tratschten, die Tempel Apolls, Zeus' und Ares', die Amtsh�user und der Sitzungssaal des Rates, die M�nze, die Bibliothek und schlie�lich die Stoen, unsere S�ulenhallen, die Treffpunkte der M�nner, der Politiker, Dichter und Redner.</p><p>Nachdem uns der Fahrer abgesetzt hatte, fragte ich Lykon, was Kritias von ihm gewollt habe.</p><p>�Nichts, er war nur freundlich zu mir. Das ist alles�, gab er zur Antwort.</p><p>�Er war vielleicht ein wenig zu freundlich zu dir�, meinte ich.</p><p>Lykon begann schelmisch zu l�cheln. �Jetzt bist du es wohl, der eifers�chtig ist?�, fragte er kokett und hatte vielleicht sogar ein wenig recht damit. Ich konnte es aber nicht zugeben.</p><p>�Nein, das bin ich nicht�, leugnete ich, �ich m�chte nur, dass du dich von Kritias fernh�ltst. Er ist ein gef�hrlicher Mann.�</p><p>�Was soll an ihm denn gef�hrlich sein? Er ist ein netter �lterer Herr, liebensw�rdig und humorvoll�, entgegnete Lykon.</p><p>�Du sprichst �ber ihn, als kenntest du ihn schon l�nger�, bemerkte ich misstrauisch.</p><p>�Aber woher sollte ich ihn denn kennen?�, antwortete mein junger Liebhaber. �Du siehst Gespenster.�</p><p>Ich schwieg und betrachtete Lykon genauer. Er war jetzt knapp dreizehn Jahre alt und beinahe so gro� wie ich. Bald w�rde er in das Alter kommen, in dem er die Aufmerksamkeit der M�nner verlor. Auf seiner Oberlippe stand dunkler Flaum, und die Haare an seinen Beinen wurden allm�hlich kr�ftiger. Im Moment war er zwar noch viel zu h�bsch mit seinem schmalen K�rper, seinen kurzen Locken und den langen Wimpern �ber den dunklen Augen, die er so unschuldsvoll aufzuschlagen verstand, als dass er sich deswegen Gedanken machen musste, aber das w�rde nicht so bleiben. Hatte ich ihn ausreichend vorbereitet auf sein Leben als Mann, wie es meine Aufgabe als �lterer Liebhaber war?</p><p>Ich kaufte f�r uns eine Schale in Honig kandierter N�sse und s��er Feigen. Ich wollte nicht streiten und bat Lykon, ein wenig mit mir zu essen. Wir setzen uns auf die Stufen vor dem Ares-Tempel, genossen das Obst und die N�sse und beobachteten das Treiben der Menge.</p><p>�Wei�t du, wer Kritias ist?�, fragte ich nach einer Weile.</p><p>�Nein�, antwortete Lykon und zuckte mit den Schultern.</p><p>�Er ist das Oberhaupt der reichsten Familie Athens. Aber das ist nicht alles. Es ist die Familie des fr�heren K�nigs. Verstehst du?�</p><p>�Ja, und?�, antwortete Lykon unaufrichtig.</p><p>�Was ich dir sagen will, ist, dass diese Familie meint, Athen geh�re ihr.�</p><p>Lykon nickte, aber er h�rte mir nicht zu. Er langweilte sich, das war offensichtlich. Er sah gleichg�ltig auf den Platz und spuckte ein St�ck Schale aus. Vielleicht war heute nicht der Tag, um �ber die Demokratie Athens zu sprechen. Vielleicht war ein Athen, das einen Alkibiades zum F�hrer erhoben hatte, auch nicht immer ein leuchtendes Beispiel, aber Lykon sollte immerhin wissen, wer dieser Kritias war, der ihm da Avancen gemacht hatte. Ich wollte gerade noch einmal ansetzen, als ein paar Jungen in Lykons Alter vorbeigingen. Sie winkten uns zu - oder vielmehr meinem h�bschen Freund - und fragten, ob wir nicht mitkommen wollten. Es sollte zum Dionysos-Theater auf der anderen Seite der Akropolis gehen, wo irgendein Satyrspiel geprobt wurde. Sie wollten heimlich zusehen.</p><p>�Na, geh schon!�, sagte ich zu Lykon, der seinen Kameraden allzu sehnsuchtsvoll hinterhersah. �Ich muss sowieso arbeiten.�</p><p>Kaum hatte ich das gesagt, verabschiedete er sich auch schon mit einem fl�chtigen Kuss auf meine Wange und sprang davon. Ich a� die restlichen N�sse, brachte die Schale zur�ck und machte mich auf zu meinem Onkel.</p><p>Raios besa� eines der sch�nsten H�user im Viertel der Schmiede, gleich neben dem Hephaistos-Tempel, den diese Zunft der Stadt gespendet hatte. Es war zweist�ckig und wei� get�ncht wie die anderen H�user, aber sicher doppelt so gro�, was den Neid aller Nachbarn erregte. Im Keller hatte Raios seinen Laden und seine Werkstatt, die durch ein Eichentor, vergitterte Fenster und kr�ftige Sklaven vor allzu gro�en Begehrlichkeiten gesch�tzt waren. Er besch�ftigte vier Schmiede und ihre S�hne als Gehilfen; keiner von ihnen war Vollb�rger, sodass sie keine eigenen Gesch�fte er�ffnen konnten, ohne zus�tzliche Steuern zu bezahlen. Aber er behandelte sie gut.</p><p>�Nikomachos, mein lieber Junge�, empfing er mich, als ich sein Gesch�ft betrat. Er war ein kleiner und dicker, aber ungemein lebhafter Mann. Obwohl er schon grau war, bewegte er sich flink wie ein Wiesel und war zudem schlau wie ein Fuchs. Er umarmte und k�sste mich lachend.</p><p>�Wie geht es meinen Enkeln?�, das war immer das Erste, was er fragte, obwohl er die beiden fast t�glich sah. Wenn ihm sein Leben etwas vorenthalten hatte, dann einen eigenen Sohn, den er, so erz�hlte es meine Frau, schmerzlich vermisst hatte. Jetzt entsch�digte sie ihn mit unseren S�hnen freilich doppelt, und sie liebte ihren Vater sehr. Raios strahlte mich aus seinen gescheiten Augen an. Sein Gesicht war rund und fleischig. Auf seiner Wange bl�hte eine Warze.</p><p>�Was kann ich f�r dich tun, mein Junge?� Das war die zweite Frage im Ritual unserer Begr��ung, das sich stets wiederholte. Ich antwortete normalerweise, er habe mir durch Aspasias Mitgift schon genug Gutes getan, worauf er dann laut lachte. Heute aber erkl�rte ich ihm, wirklich auf seine Hilfe angewiesen zu sein. Raios fasste mich am Arm und wurde sehr ernst.</p><p>�Du hast doch f�r Periander, den Olympiasieger, einen Ring gefertigt�, begann ich. Raios nickte.</p><p>�Er ist erschlagen worden, der Ring ist verschwunden. Ich will den Schmuck durch meine Leute suchen lassen. Wo der Ring ist, da ist vielleicht auch der M�rder. Ich br�uchte eine Zeichnung oder Skizze, die ich meinen M�nnern zeigen kann. Das macht die Suche leichter. Hast du so etwas f�r mich?�</p><p>Raios bl�hte die Backen auf. Dann lachte er.</p><p>�Ich habe noch etwas viel Besseres�, sagte er nachdr�cklich. �Ich habe eine Kopie!�</p><p>Schnell lief er in den hintern Teil der Werkstatt, wo sich sein Lager befand. Es dauerte nicht lange, bis er triumphierend wiederkam. In seiner Hand hielt er einen Ring.</p><p>�Sieh her�, sagte Raios, �als ich den Ring damals gemacht habe, hat er mir so gut gefallen, dass ich ihn kaum weggeben konnte. Da habe ich mir kurzerhand eine Bronzekopie gezogen. An die Stelle der Perle habe ich einen schwarzen Kiesel gesetzt. Dieser Ring hier ist dem echten Ring verbl�ffend �hnlich.�</p><p>Raios dr�ckte mir das St�ck in die Hand. �F�r dich, mein Junge. Ich hoffe, der Ring ist dir eine Hilfe!�</p></section><section><title><p id="bookmark3">&#x394;</p></title><p>es war schon dunkel, als ich mich endlich auf den Weg nach Hause machen konnte. Raios hatte mich nicht gehen lassen, bevor ich nicht mit ihm zu Abend gegessen und zumindest einen Teil meiner Begegnungen mit Alkibiades und mit Kriti-as geschildert hatte. Er war besorgt, und das nicht zu unrecht, denn zwischen diesen M�hlsteinen drohte man allzu schnell aufgerieben zu werden. Er sch�rfte mir ein, niemandem au�er der Familie zu vertrauen und mich vor keinen fremden Karren spannen zu lassen.</p><p>Die Nacht war schwarz und nur von einer d�nnen Neumondsichel beschienen. Man sah die Hand vor Augen nicht und nicht den Boden zu seinen F��en. Wenn Periander gestern Nacht am Itonia-Tor unterwegs gewesen war - und daran hatte ich wenig Zweifel -, musste er eine Laterne oder eine Fackel bei sich getragen haben, um den Weg nicht zu verlieren. Man hatte aber weder das eine noch das andere bei ihm gefunden. Nat�rlich konnte ihm jemand sein Licht weggenommen haben. Vielleicht war er aber auch einfach nicht allein gewesen, sondern in Begleitung, und eben diese Begleitung trug auch das Licht. Was war dann aber aus dem Fackeltr�ger geworden?</p><p>Das waren meine Gedanken, als ich auf Schritte aufmerksam wurde, die hinter mir zu h�ren waren. Begleitete mich dieses Ger�usch nicht schon eine ganze Weile? Jedenfalls zu lange, als dass hier ein n�chtlicher Spazierg�nger zuf�llig hinter mir hergehen konnte? Ich trug keine Waffe bei mir. Als Lykon mich am Mittag zu Alkibiades rief, hatte ich weder mein Schwert noch meinen Bogen mitgenommen. Das bereute ich jetzt. Kamen die Schritte n�her? Der Mensch hinter mir wurde schneller. Wieso beeilte er sich so? Gleich musste er mich einholen. Ich h�rte schon seinen Atem. Rasch glitt ich um die n�chste Ecke und verbarg mich in einem Hauseingang. Mein Verfolger ging unger�hrt weiter. Nicht f�r einen Moment hatte er gez�gert und versucht, mir zu folgen. Jetzt verhallten seine Tritte in den schmalen Gassen des Kerameikos. Ich sah wirklich schon Gespenster, wie Lykon bemerkt hatte.</p><p>Ich war froh, endlich in den von �llampen erleuchteten Innenhof unseres Hauses zu treten, wo Aspasia und mein Vater mich erwarteten. Beide umarmten mich erleichtert - Aspasia in einer Art freilich, die mir verraten sollte, dass der �rger �ber Lykons Erscheinen heute Mittag noch nicht vergessen war.</p><p>Wie setzten uns an den einfachen Tisch, den wir sommers wie winters in unserem Garten stehen hatten. Hier wartete ein Teller mit Fladenbrot, getrocknetem Stockfisch und Fr�chten auf mich. Dazu gab es geharzten Wein und frisches Wasser. Das Fladenbrot war noch ganz warm, Aspasia musste es gerade erst auf dem K�chenherdrand gebacken haben. Also a� ich noch einmal. Nat�rlich durfte ich auch Aspasia und meinem Vater die Geschichte des heutigen Tages nicht schuldig bleiben, und ihnen schilderte ich sie in allen Einzelheiten. Ich erw�hnte sogar den Papyrus, worauf mein Vater mich bat, ihm das Blatt zu zeigen. Er hielt es in das Licht der Lampe, die auf dem Tisch stand, und betrachtete es voller Abscheu.</p><p>�Wei�t du, was das sein k�nnte?�, fragte ich ihn. Er sch�ttelte langsam den Kopf und �berlegte angestrengt. Ich erkannte es daran, wie er seine Lippen spitzte und sich gleich darauf r�usperte, eine Gewohnheit, die er seit jeher besa�, sich im Alter aber zu verst�rken schien. Und er wurde alt; ich bemerkte es nicht zum ersten Mal. Sein braungebrannter Sch�del war fast kahl, seine Haut von der Sonne und seiner Zeit als Hoplit zur See gegerbt, seine Arme und Beine waren d�nner geworden. Aber er blieb ein kluger Kopf und lie� sich nichts vormachen, der alte Marktrichter.</p><p>�Gab es am Itonia-Tor eigentlich keine Wachen?�, fragte er, w�hrend er den Papyrus in der Hand hielt.</p><p>�Nein, in ruhigen Zeiten lassen wir es nachts unbewacht und unverschlossen. Die Leute vom Diorneia-Tor daneben sollen ab und zu nach dem Rechten sehen.�</p><p>Mein Vater r�usperte sich und konzentrierte sich wieder auf das Blatt in seinen H�nden.</p><p>�Es sieht aus, als w�re es aus einem teuren Buch herausgerissen�, sagte er nach einer Weile. �Der Papyrus ist kr�ftig, eine gute Qualit�t. Die Schrift stammt von einem geschickten Kopisten, vielleicht sogar von einem Kanzleischreiber ...�</p><p>�Das dachte ich auch schon. Ich hatte gehofft, die Zeilen w�rden dich an irgendetwas erinnern, was du selbst schon einmal gelesen hast.�</p><p>�Nein, tut mir leid. Sie sagen mir nichts. Aber ich kenne jemanden, der dir weiterhelfen kann. Er hat jedes Buch gelesen, das je geschrieben wurde.�</p><p>�Du meinst Sokrates?�, fragte ich, obwohl mir die Antwort eigentlich klar sein musste, verehrte mein Vater diesen Mann doch beinahe ebenso wie Perikles.</p><p>�Ja, Sokrates, den meine ich�, antwortete er begeistert. �Wei�t du, dass das Orakel von Delphi ihn den Weisesten unter allen Athenern genannt hat?�</p><p>�Ja, Vater, das wei� ich. Du hast es mir schon erz�hlt.� Tats�chlich wusste ich nicht mehr, wie oft mir mein Vater die Geschichte schon erz�hlt hatte. Aspasia versuchte, ein allzu sp�ttisches L�cheln zu verbergen.</p><p>�Ich frage mich nur, woher du wissen willst, dass es wahr ist?�, stichelte ich.</p><p>�Weil ich Sokrates kenne. Einen aufrichtigeren Mann als ihn gibt es nicht�, antwortete mein Vater ein wenig k�hl.</p><p>�Und du h�ltst es wirklich f�r weise, den Athenern zu erkl�ren, man sei kl�ger als sie?�, bemerkte ich schnippisch.</p><p>Hierauf wusste mein Vater nichts mehr zu antworten. Er r�usperte sich beleidigt.</p><p>�Was steht da?�, fragte Aspasia und deutete auf den Papyrus. Wie die meisten Frauen konnte sie nicht lesen. Raios hatte es -ungeachtet des klangvollen Namens, den er ihr gegeben hatte -nicht f�r erforderlich gehalten, seine Tochter zu einem Lehrer zu schicken, der ihr Lesen und Schreiben beigebracht h�tte. So weit ging seine Verehrung f�r Perikles und seine zweite Frau dann doch nicht.</p><p>Ich las ihr die Zeilen vor, zumal ich sie zu vers�hnen hoffte, und sie h�rte aufmerksam zu. Auch ihr fiel diese eigent�mliche Wendung auf, wonach die Armut das Volk zum Verbrechen treibe.</p><p>�Und hieran ist Periander erstickt?�, fragte sie. Ich nickte. Aspasia lehnte sich zur�ck. Ihr Blick verfinsterte sich.</p><p>�Wieso hat es sich der M�rder wohl so schwer gemacht?�, fragte mein Vater, der sich wieder am Gespr�ch beteiligen wollte. �Ich meine, wieso hat er Periander nicht einfach erschlagen? Was musste er ihm noch dieses Blatt in den Rachen stopfen und zudr�cken?�</p><p>�Vielleicht sollte es eine Warnung sein, f�r andere?�, schlug ich vor.</p><p>�Das ist m�glich�, gab mein Vater zu, �aber konnte der T�ter denn sicher sein, dass man den Papyrus entdecken w�rde?� Das war eine berechtigte Frage, und die Antwort war eindeutig.</p><p>�Nein, wenn wir Hippokrates nicht zur Leichenschau gerufen h�tten, h�tte niemand je etwas von dem Papyrus erfahren.�</p><p>�Vielleicht sollte Periander f�r immer schweigen�, warf mein Vater nun ein und nahm einen Schluck aus seinem Becher. �Er sollte hier schweigen und im Hades - das wollte der M�rder sagen, wenn nicht den Menschen, dann den G�ttern.� Seine Augen funkelten. Selbst im einfachen Licht der �llampe war es zu sehen.</p><p>Aspasia nahm eine Feige von meinem Teller und drehte sie zwischen ihren braunen, schlanken Fingern. Sie war ernst. Ihr Gesicht war angespannt und nachdenklich. Obwohl sie ihm nicht �hnlich sah, zeigte sie beinahe den gleichen Ausdruck wie vorhin ihr Vater, als ich ihm von meinem Auftrag erz�hlt hatte.</p><p>�Ich glaube nicht, dass der M�rder den G�ttern oder uns etwas sagen wollte�, widersprach sie, womit sie meinen Vater immer irritierte. �Wenn er ihn erstochen h�tte, l�ge darin doch auch keine Botschaft. Ich sehe etwas anderes: Ich sehe Wut, unb�ndige Wut auf Periander, und diese Wut h�ngt mit dem Papyrus zusammen. Der M�rder wollte Periander etwas sagen. Er wollte ihm sagen, er solle an dem Papyrus ersticken. Das war seine Botschaft. Aber sie war nur an Periander gerichtet. Nur an ihn.� Sie legte die Feige in die Schale zur�ck.</p><p>Manchmal duldete Aspasias Stimme keinen Widerspruch, und jetzt war ein solcher Moment. Sie hatte recht, ich war mir sicher. Hier ging es nur um Periander. Vater spitzte die Lippen und r�usperte sich. Ich wusste, dass er ihr innerlich zustimmte, wenn auch widerwillig. Niemand sprach mehr. Es wurde still in unserem Garten. Ein paar Gl�hw�rmchen stiegen auf. Auf einem Baum in der Nachbarschaft schrie ein K�uzchen.</p><p>Der Wein machte mich m�de, und so zogen Aspasia und ich uns in unser Schlafzimmer zur�ck. Ich entz�ndete eine kleine Lampe, deren scheues Licht kaum die Decke erhellte. Dann wusch ich mir Gesicht, F��e und H�nde und legte mich neben meine Frau. Sie hielt den R�cken zu mir gedreht und stellte sich schlafend, aber ihr Atem ging noch viel zu flach, als dass sie mich t�uschen konnte. Ich wusste, sie brauchte immer lange, bis sie wirklich Ruhe fand. Vorsichtig n�herte ich mich und k�sste ihren Hals und ihre Schultern.</p><p>Sie gab sich weiter schlafend.</p><p>Ich umarmte sie innig und dr�ckte meine Brust gegen ihren R�cken - seit ich sie kenne, liebe ich ihre Haut �ber alle Ma�en.</p><p>Sie r�hrte sich immer noch nicht.</p><p>Da presste ich meine Scham gegen ihren Po, l�stern, wie ich zugeben muss und wie nicht zu verkennen war.</p><p>Das war zu viel. Sofort richtete sie sich neben mir auf und fragte, ob ich mir wirklich einbildete, zu ihr kommen zu d�r-fen, nachdem ich den ganzen Nachmittag mit meinem Lustknaben verbracht h�tte? Ich sei ihr zuwider. Ich w�rde noch nach diesem Lykon stinken. Wahrscheinlich w�rde ich gerade im Augenblick wieder an seinen Hintern denken.</p><p>Ich kannte Aspasia und verehrte sie sehr. Wie oft hatten wir dieses Gespr�ch schon gef�hrt? Ich hatte ihr schon zu erkl�ren versucht, dass die Liebe eines Mannes zu einem Knaben und die Liebe zu seiner Frau verschieden seien und nichts miteinander zu tun h�tten; dass die Knabenliebe dazu diene, den Jungen zu erziehen und in die Welt der M�nner einzuf�hren, die Liebe zur Frau dagegen der Zeugung und dem �berleben des Geschlechts.</p><p>Hierf�r hatte sie keinerlei Verst�ndnis.</p><p>Und wie oft hatte ich schon beteuert, dass ein verantwortungsvoller Liebhaber mit seinem Eromenos keinesfalls das tue, was sie mir immer unterstelle?</p><p>Sie glaubte mir kein Wort.</p><p>Einmal erinnerte ich sie sogar an Zeus selbst, der seinen Ganymed und seine Hera liebte!</p><p>Rasend vor Eifersucht schlug Aspasia mit einem Krug nach mir. Zeus als Beispiel eines liebenden Ehemannes zu nehmen, war wohl auch kein besonders guter Einfall gewesen.</p><p>Also versuchte ich es diesmal anders. Ich schwor ihr, Lykons Ber�hrungen interessierten mich nicht, seine Liebkosungen h�tten mir von jeher nichts bedeutet; ich versicherte, er habe mich heute nur begleitet, und beteuerte endlich, dass ich ihn ohnehin kaum noch s�he, denn auch Lykon halte nicht mehr wirklich an mir fest. Wir seien eigentlich nur noch Kameraden, wenn auch mit einem gewissen Altersunterschied, und da sei nichts, gar nichts, worauf sie eifers�chtig sein m�sse. Und das war beinahe wahr.</p><p>Diesmal verfehlten meine Worte ihr Wirkung nicht. Aspasia beruhigte sich in meinen Armen, und ich f�hlte sie unter meinen Worten mehr noch als unter meinen Liebkosungen sanfter werden. Aspasias Haut schimmerte matt unter meinen Fingern. Sie duftete nach Granatapfelbl�ten. Ihr schwarzes Haar fiel in weichen Locken auf das Kissen. Wie sie so vor mir lag ... Ihr Kuss schmeckte nach Honig und Wein.</p><p>Ich kam zu ihr, und sie war ganz bei mir. Das Licht warf die Schatten unserer K�rper an die Wand, die im Dunkeln sich vereinigten. Aspasias Duft stieg auf und berauschte mich. In ihren Augen sah ich, wie sie sich mir ergab, und ebenso ergab ich mich auch ihr.</p><p>Wir lagen noch lange wach und hielten uns in den Armen. Als unsere Leidenschaft verklungen war, f�hlte ich, sie war bedr�ckt.</p><p>�Was hast du, mein Liebling?�, fragte ich.</p><p>�Angst�, gab sie mir zur Antwort.</p><p>�Ich auch�, sagte ich. �Es ist gef�hrlich. Ich stehe zwischen zwei Feuern. Komme ich einem zu nahe, bin ich verloren.�</p><p>�So gef�hrlich?�</p><p>�Ja, so gef�hrlich.�</p><p>�Gut�, sagte sie, �ich werde morgen packen, damit wir Athen jederzeit verlassen k�nnen. Gib acht und lass uns fliehen, bevor es zu sp�t ist.�</p><p>�Wenn ich die Stadt allein verlasse, geschieht euch nichts. Du k�nntest bei deinem Vater bleiben�, wandte ich ein.</p><p>�Ich lasse dich aber nicht allein gehen�, sagte sie, und ich wusste, auch diesmal w�rde sie keinen Widerspruch dulden.</p></section><section><title><p id="bookmark4">E</p></title><p>meine zw�lf Unteroffiziere waren schon versammelt und warteten in der Vorhalle, als ich am n�chsten Morgen kurz nach Sonnenaufgang das Hauptgeb�ude der Kaserne betrat. Sie teilten mit mir die Aufgabe, die Sicherheit und Ordnung der Polis zu sch�tzen. Wir �berwachten die Stra�en, die Pl�tze und die �ffentlichen Bauten der Stadt, bei den Gerichtsverhandlungen und den Volksversammlungen sorgten wir f�r Ruhe; die Gef�ngnisse und die Gefangenen standen unter unserer Aufsicht. Ich wusste, in ganz Hellas gab es nichts, was mit den To-xotai zu vergleichen war, weder in Sparta oder Theben noch in Korinth oder Kreta.</p><p>Unsere Kaserne bestand aus drei l�nglichen, einfachen Ziegelbauten und einem etwas gr��eren Haupthaus, die um einen �bungsplatz herum angeordnet waren. Im Haupthaus waren Schreibstube, Waffenkammer und Vorratsr�ume untergebracht, in den Nebengeb�uden Mannschaften und Pferde. Die Kaserne lag innerhalb der Stadtmauern zwischen Nymphenh�gel und Pir�us-Tor, und so bildete die Innenstadt ganz nat�rlich den Bereich Athens, den wir am st�rksten bewachten. Aber auch Pir�us mit seinen drei H�fen und der alte Landeplatz Phaleron geh�rten zu unserem Gebiet.</p><p>Die Gesichter meiner M�nner waren grau wie der Morgen. Sie ahnten wohl, dass ich einen guten Grund haben musste, sie so fr�h zusammenzurufen, und h�tten wenig daf�r �brig, wenn ich ihnen etwas vormachte. Ich kam also gleich zur Sache.</p><p>�M�nner�, begann ich, �es gab einen Mord, der die gesamte Polis in Gefahr bringt, und wir m�ssen den M�rder finden. Gestern fr�h w�rde Periander, der Olympiasieger - ihr kennt ihn alle -, am Itonia-Tor tot aufgefunden. Sein Ende war grausam. Er wurde niedergeschlagen und erstickt, mit Sicherheit in der vorherigen Nacht, wahrscheinlich am Tor selbst. Alki-biades hat uns befohlen, den M�rder zu suchen, zu finden und Perianders Familie zu �bergeben. Der Friede innerhalb dieser Stadtmauern h�ngt davon ab.�</p><p>Ich machte eine kurze Pause und sah in die Runde. Meine Unteroffiziere h�rten gespannt zu. Da war keiner, der nicht bei der Sache war. Ich fuhr fort.</p><p>�Periander trug stets einen Ring, der ihm vom Finger gezogen worden ist. Ich habe hier eine Kopie, die ich herumgehen lasse. Zeigt sie euren M�nnern. Sucht den Ring zun�chst bei den Dieben, dann bei den Hehlern, und wenn ihr ihn dann noch nicht gefunden habt, bei den H�ndlern. Bringt mir jeden, der den Ring ber�hrt hat, hierher in die Kaserne. Haltet ihn fest, bis ich etwas anderes sage. Das wird die Aufgabe von euch f�nf.� Und damit zeigte ich auf die ersten Unteroffiziere, die vor mir standen. �Eure Truppen dagegen�, und mit diesen Worten deutete ich auf weitere zwei meiner Hauptleute, �eure Mannschaften befragen jeden, der am Itonia-Tor wohnt, arbeitet oder sonst zu tun hat, ob er etwas Verd�chtiges gesehen hat. Vergesst nicht die Wachen am Diorneia-Tor. Fragt nach allem und nach jedem, der nachts unterwegs war. Fragt nach gefundenen Lampen oder Fackeln. Periander muss eine Lampe bei sich gehabt haben. Es lag aber keine bei der Leiche. Vielleicht hatte er auch Begleiter. Wir wissen es nicht. - Nehmt alle M�nner aus euren Einheiten, die ihr entbehren k�nnt, ohne die Sicherheit der Stadt allzu sehr zu vernachl�ssigen!� Die Hauptleute nickten.</p><p>�Diejenigen, denen ich keinen Sonderauftrag gegeben habe�, sagte ich an die verbleibende Gruppe gerichtet, ��bernehmen den normalen Dienst der anderen mit.�</p><p>Kein Murren, kaum Fragen. Die M�nner waren noch ernster geworden, w�hrend ich sprach. Ganz offenbar hatten sie die Gefahr, in der die Stadt schwebte, deutlich erkannt. Jetzt gingen sie auseinander. Ich sah ihnen nach. Sie lie�en ihre Leute antreten und gaben die Befehle weiter. Den Ring hatten sie bei sich. Sie mussten ihn auch bei den einfachen Soldaten herumgehen lassen.</p><p>Ich ging in die kleine Schreibstube unserer Kaserne. Dort arbeitete seit �ber zehn Jahren ein Met�ke namens Myson. Er war in Pella geboren und schon als Kind mit seinen Eltern nach Athen gekommen, wo er die Schreibkunst erlernt und in vielen Kanzleien gearbeitet hatte. Sein Haar war schon grau, sein R�cken vom Sitzen gebeugt und seine Glieder schmal, aber er bewegte sich viel flinker, als man es ihm zugetraut h�tte. Ich zeigte ihm den Papyrus und h�rte ihn wie mein Vater die Qualit�t des Materials und die Sch�nheit der Schrift loben, aber auch er wusste nicht, wo es geschrieben worden war, geschweige denn wer es verfasst haben k�nnte. Er meinte aber immerhin, nur ein Lohnschreiber k�nne der Schrift einen so regelm��igen Schwung geben, kaum ein Privatmann.</p><p>Ich bat Myson, den Text zweifach zu kopieren, denn ich wollte nicht immer das Original aus der Hand geben m�ssen, und sah ihm dabei zu, mit welchem Ernst und welcher Sorgfalt er zwei Papyri vor sich legte, einen Binsenst�ngel von seinem Tisch ausw�hlte, ihn anspitzte und die Tinte mit ruhiger und sicherer Hand auf das Blatt auftrug. Als die Papyri trocken waren, wickelte er sie auf kleine Lesest�cke und reichte sie mir. Eine Kopie lie� ich aber in seiner Obhut. Dann machte ich mich auf den Weg zu dem Mann, von dem mein Vater glaubte, er sei der Weiseste in unserer Stadt. Die Meinungen �ber Sokrates gingen freilich sehr auseinander. Die einen - zu ihnen geh�rte mein Vater - bewunderten ihn wegen seiner Ehrlichkeit und seines Tiefsinns. Die anderen dagegen hielten ihn f�r einen nichtsnutzigen Alten, der den Menschen und den G�ttern mit unsinnigen Fragen die Zeit stahl. Einmal hat ihn Aristophanes in einer Kom�die auftreten lassen, und halb Athen hielt sich den Bauch vor Lachen �ber den komischen Alten. Sokrates schien dies aber gar nicht weiter zu st�ren. Er lief nur weiter �ber den Marktplatz und fragte: �Was ist Wahrheit? Was ist Tugend?� Wor�ber er denn auch den lieben langen Tag mit jedem sprach, der ihm nur zuh�ren wollte, sei dies ein Fischh�ndler oder ein Gelehrter.</p><p>Meine Meinung �ber Sokrates war - ich muss es zugeben - zwiesp�ltig. Normalerweise traute ich dem Urteil meines Vaters �ber die Menschen, aber seit ich ihn einmal im k�ltesten Winter barfu� einen ganzen Nachmittag regungslos in einer Pf�tze hatte stehen sehen, war ich nicht mehr ganz sicher, ob er nicht doch vielleicht einfach verr�ckt war. Ich ging ihm jedenfalls normalerweise aus dem Weg. Wenn ich ihn von Zeit zu Zeit sah, wie man in Athen von Zeit zu Zeit jeden traf, gr��te ich und lie� mich in kein Gespr�ch verwickeln. Ich glaubte auch die Geschichte um den Orakelspruch nicht, obwohl mein Vater schwor, er kenne Sokrates' Freund, der das Orakel nach dem weisesten Athener gefragt habe. Wenn es ein Gegner gewesen w�re, dem die Pythia in ihrem Rausch Sokrates' Namen zur Antwort gegeben und der dies dann in Athen verbreitet h�tte, dann k�nnte an der Sache etwas dran sein! Aber so?</p><p>Die Sonne war h�her gestiegen, es wurde w�rmer. Das Grau des fr�hen Morgenhimmels wich dem erbarmungslosen Blau des Tages. Pfeile Apolls nannten wir die unerbittlichen Sonnenstrahlen des Sommers, die uns in den Schatten zwangen. Auch der heutige Tag versprach hei� zu werden, hei�, schwer und trocken.</p><p>Ich suchte Sokrates zun�chst auf der Agora, fand ihn dort aber nicht, was mich wunderte, war hier doch sein liebster Aufenthaltsort. Ich ging zu Simon dem Schuster, der gleich gegen�ber dem Tholos-Geb�ude seine Werkstatt hatte, in der man Sokrates oft sah. Wenn die R�te von ihrem Mittagsmahl aus dem Tholos kamen, sprach Sokrates sie von der Werkstatt aus oft an und verwickelte sie in seine gef�rchteten Gespr�che ... Simon war so alt wie mein Vater; ich kannte ihn, seit ich klein war. Er begr��te mich freudig, aber auch er hatte Sokrates an dem Tag nicht gesehen. Er riet mir, es bei ihm zu Hause zu versuchen, beschrieb mir den Weg und machte ein vielsagendes Gesicht, als er Sokrates' Ehefrau erw�hnte.</p><p>Sokrates bewohnte ein schlichtes Haus in einer schmalen Gasse nicht unweit der Stra�e nach Eleusis. Das Viertel war einfach. Es lebten haupts�chlich kleine Bauhandwerker hier; auch Sokrates' Vater war, nach allem, was ich wusste, Steinmetz gewesen. Ich fand einen einfachen, wei�en Bau mit blauen Fensterl�den und einem blauen Tor, der eng an die Nachbarh�user anschloss und erst vor wenigen Tagen frisch gekalkt worden war. Als ich klopfte und nach Sokrates rief, steckte eine h�bsche, junge und energisch wirkende Frau ihren Kopf aus dem Fenster.</p><p>�Was gibt es?�, fragte sie ein wenig unfreundlich.</p><p>�Ich muss Sokrates sprechen, ist er hier?�, gab ich zur�ck, gleichfalls nicht allzu verbindlich.</p><p>�Mein Mann hat heute keine Zeit f�r Plaudereien!�, sagte sie im Ton noch ein wenig rauer und schickte sich an, den Fensterladen wieder zu schlie�en. Sie wollte mich doch tats�chlich stehen lassen! Das war ein starkes St�ck, trug ich an jenem Tag doch meinen Lederharnisch, an dem man mein Amt und meinen Rang erkannte.</p><p>�H�r zu, Weib: Ich bin Nikomachos, der Hauptmann der Toxotai. Ich muss deinen Mann sprechen, und zwar gleich. Es ist besser, du rufst ihn. Es geht nicht um Plaudereien!�, befahl ich ihr in harschem Ton, als das Tor vor mir auch schon aufsprang.</p><p>�Oh, Nikomachos, wie sch�n, dich zu sehen�, begr��te mich Sokrates beinahe �berschw�nglich und trat zu mir auf die Gasse. �Xanthippe, meine Liebe�, wandte er sich an seine Frau, �wichtige Gesch�fte f�hren Nikomachos zu mir. Wir werden ein wenig spazieren gehen. Ich helfe dir heute Nachmittag, die Arbeit l�uft uns schon nicht davon.� Und bevor sie noch antworten konnte, nahm er mich schon am Arm und f�hrte mich weg.</p><p>�Ich bin froh, dass du mich weggeholt hast�, fl�sterte er mir nach ein paar Schritten ins Ohr. �Ich habe meiner Frau versprochen, mit ihr heute unseren kleinen Garten umzugraben, aber es gibt wirklich nichts, was ich weniger mag als Gartenarbeiten.�</p><p>Und so lernte ich ihn kennen. Er war damals wohl sechzig Jahre alt, ein kleiner, kr�ftiger Mann mit einer beim Boxen zerschlagenen Nase, breitem Gesicht, vollen Lippen und einem bis zur Brust reichenden Vollbart. Dass ein so wenig sch�ner alter Mann eine so h�bsche Frau wie diejenige haben w�rde, die gerade hinter uns mit einem lauten Knall die Fensterl�den zuwarf, h�tte kaum jemand erwartet. Unter diesen Umst�nden musste er die ein oder andere Laune seines jungen Weibes wohl oder �bel ertragen.</p><p>Sokrates war gekleidet, wie er dies immer war, wenn ich ihn sah: Er trug einen d�nnen grauen Wollmantel, den ein einfacher Knoten �ber der Schulter zusammenhielt, ging barfu� und barh�uptig und schien sich f�r nichts so wenig zu interessieren wie f�r sein �u�eres - au�er vielleicht noch f�r Gartenarbeit.</p><p>�Was f�hrt dich zu mir, Nikomachos?�, fragte er. �Du wirst kaum mit mir �ber Philosophie sprechen wollen? Obwohl die Frage, was Gerechtigkeit ist, auch f�r den Hauptmann der Bogensch�tzen nicht unbedeutend sein kann und vielleicht immer wichtiger wird?�</p><p>�Periander�, antwortete ich nur. Sokrates blieb stehen.</p><p>�Was ist mit ihm?�, fragte er besorgt.</p><p>�Hast du noch nichts geh�rt? Sonst verbreiten sich in Athen die schlechten Nachrichten doch wie im Flug. Periander ist tot. Er wurde ermordet.�</p><p>Sokrates schloss die Augen. Sein Gesicht verlor seine Heiterkeit, seine Z�ge wurden bitter. F�r einen Moment hielt er sich an einer Hauswand fest, als drohe er zu st�rzen. Eine Weile blieb er stehen, wie versteinert. Die Menschen, die an uns vor�berkamen, be�ugten den Alten neugierig und misstrauisch. Irgendwo bellte ein Hund, und ein Baby schrie. Der Tod geht in ein Haus. Er nimmt sich still sein Opfer, w�hrend das Leben darum herum l�rmend weitergeht.</p><p>Ich blieb bei ihm und schwieg. Er hielt die Augen geschlossen, seine Lider zitterten leicht. Unmerklich bewegten sich seine Lippen, als spr�che er mit sich selbst. Es dauerte lange, bis er sich wieder fasste. Endlich bedeutete er mir, dass wir weitergehen konnten.</p><p>�Du mochtest Periander sehr?�, fragte ich, nachdem wir die ersten Schritte zur�ckgelegt hatten.</p><p>Sokrates nickte. �Er war ein Sch�ler. Er hat mir viel bedeutet.�</p><p>Wir gingen schweigend weiter. Unwillk�rlich hatten wir den Weg zur Agora eingeschlagen. Sokrates' Augen standen ganz fern, so als suche er etwas am Himmel. Dann begann er zu erz�hlen und gestand, Periander habe ihm seit einiger Zeit Kummer bereitet. Vom Wesen her an sich fr�hlich und ausgelassen, habe er von einem Tag auf den anderen etwas Gehetztes, etwas Zerrissenes bekommen. Seine Fragen nach dem, was richtig oder falsch sei, wurden dr�ngender, und Sokrates' Antworten befriedigten ihn nicht mehr. Beinahe heftig habe er Sokrates von sich gesto�en, als der ihm gestand, dass sein einziges Wissen am Ende nur darin bestehe, letztlich nichts zu wissen, und Fragen zu stellen seine gr��te Fertigkeit sei. �Das ist aber nicht genug!�, habe Periander ihn angeschrien und w�tend ein Fest verlassen, das Charmides, ein enger Freund Perianders, ausgerichtet habe.</p><p>�Und hast du ihn nicht nach seinem Kummer gefragt?�, wollte ich von Sokrates wissen.</p><p>�Doch, mehrfach�, gab er mir zur Antwort. �Aber er meinte nur, es sei nichts. Es gehe ihm gut. Ich wusste, dass das nicht stimmte, aber ich konnte ihn nicht zwingen, sich zu offenbaren.�</p><p>�Was ist mit seinen Kameraden? Hast du sie gefragt, was mit Periander sein k�nnte?�</p><p>�Gewiss, aber niemandem schien etwas aufzufallen. Als Charmides damals sah, wie Periander sein Fest gru�los verlie�, lachte er nur und meinte, der Junge habe Liebeskummer und sei in irgendeinen harmlosen Liebeshandel verstrickt.�</p><p>�Und war er das?�</p><p>�Nicht, dass ich w�sste�, antwortete Sokrates. �Ich hatte das Gef�hl, dass er vor einer sehr schwerwiegenden Entscheidung stand. Deswegen hat er so verzweifelt danach gefragt, was richtig, was gerecht oder verwerflich ist. Er wollte wissen, wie er sich verhalten sollte.�</p><p>�Hat er dir keine Beispiele gegeben?�</p><p>�Nein, tut mir leid. Ich habe ihn danach gefragt, aber auch solchen Fragen wich er aus. Aber eines wei� ich noch: Ich erz�hlte ihm einmal eine Geschichte. Sie handelt von einem Mann, der seinen Vater vor Gericht brachte, weil der einen seiner Sklaven erschlagen hatte. Was der Vater getan hatte, war falsch, aber die Frage war, ob nicht die Treue zum Vater h�her zu achten ist als die Gesetze der Stadt.�</p><p>�Und was sagte Periander?�</p><p>�Er entschied sich f�r die Stadt ... aber er k�mpfte wochenlang mit der Antwort.�</p><p>Wir gingen weiter, bis wir zur ersten Stoa kamen. Sokrates wurde teils freundlich, teils h�hnisch begr��t. Einige schnitten ihn ganz offensichtlich, was ihn aber nicht weiter k�mmerte. Ich bat ihn weiterzugehen, damit wir den Marktplatz schnell hinter uns h�tten. Hier waren zu viele Augen und Ohren auf uns gerichtet. Erst als wir an der M�nzst�tte vorbeikamen, sprach ich weiter.</p><p>�Wann hast du Periander zuletzt gesehen?�, fragte ich.</p><p>�Das war bei diesem Gastmahl. Es ist h�chstens zwei Wochen her.�</p><p>�Und was hast du vorgestern Abend gemacht?�, versuchte ich ganz beil�ufig zu fragen.</p><p>�Ich war zu Hause. Vorgestern musste ich die Fassade neu kalken. Ich hatte es Xanthippe schon vor einem Jahr versprochen, und solche Versprechen vergisst sie nie. Du hast sie ja kennengelernt�, antwortete er.</p><p>�Sie scheint sich um das Haus zu k�mmern�, sagte ich anerkennend. �Es ist gut, wenn eine Frau tatkr�ftig ist und auf das Haus h�lt, in dem sie lebt.�</p><p>�Ja, sicher�, best�tigte Sokrates, aber er klang nicht wirklich �berzeugt.</p><p>Wir hatten die Agora hinter uns gelassen und gingen weiter zur Akropolis hinauf, als ich aus meinem Harnisch eine der Kopien des omin�sen Schriftst�ckes zog, die Myson gefertigt hatte.</p><p>�Hast du das schon einmal gesehen?�, fragte ich und gab Sokrates die Rolle.</p><p>Er nahm den Papyrus und las die ersten Zeilen halblaut vor. Er war gerade an der Stelle angelangt, an welcher der unbekannte Autor feststellt, die Armut treibe das Volk in das Verbrechen, als er nickte und mir das Blatt zur�ckgab.</p><p>�Ja�, sagte Sokrates, �ich habe das schon einmal gelesen - in einem Buch, das Periander mir gegeben hat. �</p><p>�In einem Buch�, wiederholte ich, �dann kennst du den Autor?�</p><p>�Nein, leider nicht�, entgegnete er. �Ich habe Periander seinerzeit nach dem Autor gefragt, aber er sagte, er wisse selbst nicht, wer es geschrieben habe.�</p><p>�Das hast du ihm geglaubt?�</p><p>�Ja, habe ich. Das Buch ist ja nicht gerade dazu angetan, den Verfasser bei jedermann beliebt zu machen.�</p><p>�Worum geht es denn?�</p><p>�Wenn du das hier gelesen hast, dann kennst du es schon. Es verteufelt die Schifffahrt, die Fremden in der Stadt und alles, was Athen in den letzten f�nfzig Jahren hervorgebracht hat, vor allem aber die Demokratie. �</p><p>�Eine oligarchische Streitschrift?�</p><p>�Ja�, best�tigte Sokrates.</p><p>�Sie scheint dich nicht sehr �berzeugt zu haben?�, fragte ich vorsichtig.</p><p>�Nein�, erwiderte er, �nein, hat sie nicht. Einiges hat der Autor ganz richtig erkannt, aber seine Schlussfolgerungen sind absto�end. Hier der letzte Satz ist das beste Beispiel: <emphasis>&lt;Die Armut muss es ins Verbrechen treiben.&gt;</emphasis> Das ist einfach emp�rend. Wie viele arme Menschen gibt es denn, die nichts anderes tun, als zu arbeiten und ihre Kinder gro�zuziehen, ohne jemals irgendjemandem zu schaden? Die treibt die Armut nicht ins Verbrechen. Wenn die Armut aber wirklich einige Menschen zum Verbrechen f�hrt, was ja sein kann - denn wenn man Hunger hat, hat man Hunger -, m�sste man dann nicht etwas gegen die Armut selbst unternehmen?�</p><p>�Sicher�, antwortete ich.</p><p>�Das dr�ngt sich auf�, meinte Sokrates, �aber dieser Autor zieht den Schluss noch nicht einmal in Erw�gung. Armut und Reichtum sind f�r ihn unab�nderlich. Woraus ich �brigens schlie�e, dass er reich ist.�</p><p>Ich lachte. Sokrates fuhr fort: �Ich kann mich erinnern, wie er an einer Stelle erw�hnt, wir seien in Athen auf Fremde angewiesen, um Handel zu treiben. Deswegen seien die Met�-ken von den Gesetzen gesch�tzt, w�hrend man in Sparta jeden Fremden gefahrlos schlagen d�rfe. Diese Beobachtung ist gar nicht falsch, aber die Folgerung ist doch ungeheuerlich. Als ob es eine Tugend w�re, �berhaupt jemanden zu schlagen! Er sieht nicht, was Athen hervorgebracht hat: einen Phidias, einen Sophokles; Athen kann sogar einen so komischen Alten wie mich ertragen. Aus Sparta dagegen kommt nichts au�er neuen Kampfformationen.�</p><p>W�hrend Sokrates sprach, war die Stra�e zur Akropolis hin steil geworden und die Luft stickiger. Sokrates war von der Hitze und dem Weg aber v�llig unbeeindruckt. Bald hatten wir den Areopag hinter uns gelassen und gingen um den Berg herum, um zu der gro�en Treppe zu kommen, die zu den Propyl�en hinauff�hrt. Dieser Weg ist schattig, Zypressen und Kiefern s�umen ihn bis zum Aufgang des Akropolis-Tors. Sokrates sprach nicht mehr und schien wieder ganz in sich gekehrt. Ich dachte dar�ber nach, was er �ber dieses Pamphlet gesagt hatte. Wir blieben still, bis wir auf die Treppe traten. Dort brannte die Sonne wieder in voller Glut, und wir beeilten uns, hinaufzukommen. Gleich vor den Propyl�en zeigte Sokrates auf die Hermesfigur, die die Besucher als Schutzgeist des Tores empf�ngt, und fragte mich, wie sie mir gefalle.</p><p>�Sehr gut, ein h�bscher Bursche� erwiderte ich, was Sokrates freute. Er selbst hatte die Statue gefertigt, als er noch Bildhauer in der Werkstatt seines Vaters war, wie er mir gestand.</p><p>Wir durchma�en das Tor mit seinen Hallen - Sokrates viel leichtf��iger als ich -, und endlich erschloss sich der Parthenon vollkommen unserem Blick. Blau schimmerte sein Fries in der Sonne. Er zeigte die olympischen Sportarten in leuchtendsten Farben: das Pferde- und Wagenrennen, den Faust- und Ringkampf - und den Wettlauf, Perianders so gl�ckliche Disziplin.</p><p>�Ich dachte immer, du seist ein Gegner der Demokratie�, gestand ich Sokrates, w�hrend wir im Schatten der Propyl�en standen und unsere Augen �ber die Heiligt�mer der Akropolis schweifen lie�en. �Habe ich dich nicht in vielen Vollversammlungen reden und die F�hrer der demokratischen Partei angreifen h�ren?�</p><p>�Gewiss�, antwortete er, �aber nicht als Gegner der Volksherrschaft. Hast du nicht bemerkt, wie oft junge Adelige so tun, als w�ren sie die Sprecher der einfachen Leute, nur um deren Stimmen f�r eine Sache zu bekommen, die am Ende nur ihnen, aber sicher nicht den einfachen Leuten nutzt? Das ist beinahe das Erste, was sie in ihren Rednerschulen lernen. Am leichtesten f�ngt man die Gunst des Publikums mit Schmeichelei, und niemand schmeichelt den Armen nun einmal mehr als ein Reicher, der behauptet, er sei einer von ihnen. Nun, wenn so einer spricht, dann kann es sein, dass ich mich zu Wort melde und ihm ein bisschen zusetze. Aber als ein Freund und nicht als ein Gegner der Demokraten.�</p><p>Er hob die H�nde und deutete auf die Sch�tze vor unseren Augen: den gewaltigen Parthenon, das anmutige Erechtheion mit den marmornen Frauengestalten, die den Balkon des kleinen Tempels tragen, auf die zahllosen Skulpturen, Tabernakel und Alt�re, die diesen Ort heiligen.</p><p>�Auch das hat die Demokratie hervorgebracht�, sagte er, �und ich bin sicher, man wird diese Tempel und Statuen noch in Tausenden von Jahren bewundern, wenn die Farbe auf ihrer Marmorhaut l�ngst verblasst ist und da, wo heute Sparta steht, nur noch Unkraut wuchert.�</p><p>�Hast du mit Periander ebenso gesprochen?�, fragte ich ihn.</p><p>�Oh ja, nat�rlich�, antwortete Sokrates, �in fast den gleichen Worten.�</p><p>�Und hast du ihn �berzeugt?�</p><p>�Das wei� ich nicht. In einigen Punkten gewiss. Er fand die Idee, Fremde k�nnten schutz- und rechtlos sein, genauso unertr�glich wie ich. Aber sonst? Er hat mir zugeh�rt und genickt, aber er war jung und vielleicht auch ein wenig hochm�tig. Er glaubte vielleicht doch, jemand wie er k�nne zusammen mit seinen gebildeten Freunden den Staat besser f�hren als das einfache Volk, das nicht lesen oder schreiben kann. Aber wir haben sp�ter nicht mehr dar�ber gesprochen. Das war vielleicht falsch von mir, aber ich wollte seinen Blick auf wesentlichere Dinge lenken. Ich sah ihn nicht als Politiker. Dazu war er zu aufrichtig und zu weich.�</p><p>�Als was hast du ihn gesehen?�, fragte ich.</p><p>�Ich dachte, er w�rde ein Dichter werden, sp�ter einmal ...�</p><p>Sokrates sprach nicht weiter. Er legte die Hand �ber die Augen. Ich wei� nicht, ob als Schutz vor der Sonne oder weil er weinte. Sein Blick ging wieder zum Parthenon.</p><p>�Was ist, sollen wir hineingehen?�, fragte er, nachdem er das Bild des Tempels in sich aufgesogen zu haben schien. �Ich war schon lange nicht mehr hier oben. Ich wollte meiner lieben Freundin in ihrem Haus gerne wieder einmal einen Besuch abstatten.�</p><p>�Wenn du m�chtest�, antwortete ich.</p><p>Wir gingen gemeinsam um den Tempel herum. Der Haupteingang liegt zur aufgehenden Sonne hin. Vier junge Priester mit strengen Gesichtern standen auf den Stufen, die zum Inneren des Heiligtums f�hrten. Wir gr��ten; sie lie�en uns nur misstrauischen Blickes vorbei. Im Inneren war es still und k�hl. Unsere Schritte verhallten zwischen den S�ulenreihen. Wir waren nicht allein, aber niemand sprach. Keiner wagte es, Athenes Ruhe und Andacht zu st�ren. Still durchma�en wir den Vorraum, dann betraten wir die Cella, die den gr��ten Reichtum der Stadt h�tet. Und hier stand sie vor uns: die leibhaftige G�ttin in ihrer elfenbeinernen Gestalt, zart und gewaltig zugleich. Sie nahm den ganzen Raum bis hin zur Decke ein. Ihr jungfr�ulicher K�rper war mit Edelsteinen gespickt und in einen aus Gold gesponnenen Mantel geh�llt, so schwer, dass er einen Teil des Athener Kriegsschatzes bildete. Auf ihrem Haupte thronte der dreifach geschm�ckte Helm, in ihrer rechten Hand der gefl�gelte Siegesgott, und neben ihr im Schutz des Schildes wartete die Schlange, bereit, sich sofort auf uns zu st�rzen und uns zu verschlingen. Athenes Augen dagegen sahen mild zu uns herab, und zart war ihr Gesicht, das bald dem Knaben, bald dem Weibe glich.</p><p>Sokrates trat vor die G�ttin, und mit einer Anmut, die ich seinem �lteren und ein wenig plumpen K�rper niemals zugetraut h�tte, verneigte er sich vor ihr.</p><p>Als Sokrates sp�ter zum Tode verurteilt wurde, habe ich oft daran denken m�ssen, wie wir zusammen zur Akropolis gegangen sind und Sokrates mir unter den Augen der G�ttin den Vorzug der Demokratie damit erkl�rt hatte, dass die Volksherrschaft jemanden wie ihn ertrug. Nur zehn Jahre sp�ter w�rde sie ihn nicht mehr ertragen und ihm wegen Gottlosigkeit den Schierlingsbecher reichen. Ich wei�, er leerte ihn, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Aus Respekt vor dem Gesetz eben dieser Demokratie, wie man sagte, und aus Ehrfurcht vor dieser G�ttin, deren gr��ter Sch�ler er war - wie ich wei�.</p><p>�Wann hat er dir denn das Buch gegeben?�, fragte ich Sokrates, nachdem wir den Parthenon wieder verlassen hatten. Ich hoffte, zwischen der Wesens�nderung Perianders und dem Besitz des Buches k�nne vielleicht ein Zusammenhang bestehen. Aber Sokrates konnte dergleichen nicht ausmachen. Nach seiner Erinnerung lag sicher ein ganzes Jahr zwischen diesen beiden Ereignissen.</p><p>Schlie�lich sprachen wir �ber Perianders Freunde. Charmides, einen Vetter des Kritias, hatte Sokrates bereits erw�hnt. Er war ein paar Jahre �lter als Periander, ein geschickter Wagenlenker und oft mit Periander im Stadion. Mit Kritias selbst hatte Periander dagegen nicht viel zu tun. Als ich nach einem gewissen Aristokles und seinem Bruder Glaukon fragte, deren Namen mir von Perianders Vater genannt worden waren, l�chelte Sokrates zum ersten Mal wieder. Glaukon und Periander waren miteinander bekannt, aber nicht befreundet gewesen, erkl�rte er mir, daf�r sei Aristokles vermutlich der engste Freund Perianders. Mit den gleichen Interessen begabt und im gleichen Alter wie Periander, standen die beiden sich von all seinen Sch�lern wohl am n�chsten. Periander habe auch einen Spitznamen f�r Aristokles erfunden, der so treffend sei, dass ihn keiner mehr bei seinem eigentlichen Namen nenne, ja ihn kaum noch einer unter seinem wirklichen Namen kenne.</p><p>�Ah, ja?�, fragte ich, �wie lautet denn dieser Spitzname?�</p><p>Worauf Sokrates antwortete: �Platon.�</p></section><section><title><p id="bookmark5">Z</p></title><p>gegen mittag war ich wieder in der Kaserne. Sokrates und ich hatten uns am Fu�e der Akropolis getrennt; er war zu seinem anspruchsvollen Weib, ich zu meinen t�glichen Pflichten zur�ckgekehrt.</p><p>Ich hatte kaum Zeit, einmal Luft zu holen, schon gab es neue Aufregung. Wie Myson berichtete, war heute Morgen doch tats�chlich ein persisches Handelsschiff in Pir�us eingelaufen. Das war unerh�rt, denn seit unserem Sieg �ber Persien war die �g�is f�r die persische Handelsflotte gesperrt. Die Passierbriefe des Schiffes schienen aber g�ltig zu sein. Der Kapit�n habe eine Sondererlaubnis von Alkibiades selbst vorweisen k�nnen und die Hafensteuern anstandslos abgef�hrt. Gegen die Landung des Schiffes war danach nichts vorzubringen. Einige Passagiere konnten sogar eine Einladung des Bankiers Pasion vorlegen, worauf ein Unteroffizier der Toxotai ihnen z�gernd gestattet hatte, einen Boten nach dem Hause des Bankiers zu schicken, um auszurichten, seine G�ste erwarteten ihn am Hafen. Nur das Verlassen des Schiffes konnte den Persern von meinen M�nnern verwehrt werden.</p><p>Ich beschloss, mir den persischen Rah-Segler aus der N�he anzusehen, und bat Myson, mein Pferd zu satteln und mir einen Schlauch mit Wasser und ein wenig Obst mitzugeben. Der Besitz von Pferden geh�rt zu den gro�en Vorz�gen der Toxotai, und ich genoss dieses Privileg, das ich mir selbst kaum h�tte leisten k�nnen, sehr, denn ich liebte diese Tiere seit meiner Kindheit. Mein Liebling im Marstall war eine dreij�hrige Stute mit honigfarbenem Fell. Ich nannte sie Ariadne. Sie war ein Geschenk der Stadt f�r meine Arbeit w�hrend meines ersten Jahres als Hauptmann. Jetzt wartete sie an Mysons Hand im Hof auf mich und schnaubte zur Begr��ung, als sie mich kommen sah.</p><p>Von Athen aus gibt es zwei Wege nach Pir�us. Der eine verl�uft �ber die Koile-Stra�e zwischen den Langen Mauern, der andere durch das Pir�us-Tor auf offenem Feld. Diesen w�hlte ich. Er ist nicht unbedingt bequemer, aber der Blick auf das Land ist frei und nicht durch den Schutzwall beengt. Auf der ersten Meile f�llt die Stra�e steil ab und ist hart, ausgetrampelt und steinig. Bald f�hrt sie durch Pinien- und Fichtenw�lder, bald �ber kargen Fels, auf dem die Eidechsen d�sen und nur noch die Feigenkakteen sich festhalten k�nnen. Als wir dieses St�ck hinter uns gebracht hatten, legte ich im Schatten eines W�ldchens eine kleine Pause ein. Ich setzte mich neben ein ausgetrocknetes Bachbett und a� das Obst, das ich mitgenommen hatte. Ariadne stand neben mir und �ste. Lichtstrahlen fielen durch die flirrenden Baumkronen und tanzten mit den Schatten. In dem Bachbett vor mir leuchteten wei�e Kiesel. Pl�tzlich h�rte ich ein leises Knacken und erblickte ein Kaninchen hinter einer jungen Kiefer, vielleicht zehn Klafter entfernt. Ich richtete mich leise auf und nahm meinen Bogen, den Ariadne an ihrem Sattel trug. Das Kaninchen bewegte sich nicht, nur seine Augen zuckten unruhig. Ich legte auf und spannte die Sehne. Die Pfeilspitze schimmerte im Wechsellicht des Waldes. Ein Ger�usch, pl�tzlich sprang das Tier auf. Surrend schnellte der Pfeil von der Sehne. Von der Wucht des Geschosses erfasst, st�rzte das Tier zu Boden. Es war t�dlich in die Kehle getroffen.</p><p>Das tote Kaninchen �ber den R�cken meines Pferdes geworfen, machte ich mich wieder auf den Weg. Der Pfad wurde flacher, wir verlie�en bald das W�ldchen, und der Blick �ffnete sich. Ich lockerte die Z�gel und dr�ckte der Stute meine Fersen in die Flanken. Sie nahm Tempo auf und galoppierte �ber die weite Fl�che nach dem Meere zu. Schon schienen ihre Hufe den Boden nicht mehr zu ber�hren, so schnell und gleichm��ig war ihr Schritt. Allm�hlich stieg mir ein Duft in die Nase, dessen erster Eindruck mich immer wieder �berrascht: der Geruch von Salz und Fischen, der Geruch der Gischt, die sich �ber dem Wasser kr�uselt, der Wellen, die gegen die Felsen schlagen - der Duft des Meeres, dem wir Athener alles verdanken. Pir�us war nicht mehr weit. Schon sah man die M�wen �ber den Schiffen kreisen und die gro�en Kr�ne �ber den Frachtschiffen aufgerichtet beim L�schen der Ladung. Bald trabte ich durch das untere Tor und �ber die Hauptstra�e zum Handelshafen Kantharos hin. Er ist der gr��te unserer drei H�fen, gleichwohl liegt sein Korridor zur See noch im Schutz der Langen Mauer.</p><p>Pir�us ist nach den Pl�nen des Hippodamos erbaut, ihre Stra�en bildeten ein rechtwinkliges Netz. Trotzdem bleibt sie eine kaum zu �berblickende, bunte, laute, von Menschen und Tieren �berf�llte Hafenstadt. Hier reihen sich H�user, Lager, Schuppen und Speicher aneinander; das Geschrei der Menschen hallt von Schiff zu Dock und �ber die Stra�en und nimmt die ganze Stadt ein. Die Leiber der schwitzenden Sklaven, die schuften und schleppen, �berf�llen die engen Wege. An jeder Ecke steht ein k�uflicher Knabe mit falschem Lachen oder eine Dirne mit nackten Br�sten. Hier gibt es keinen Baum oder Strauch mehr. Der Duft des Meeres, den ich aus der Ferne gerochen hatte, war dem Gestank der schmutzigen Wasser und fauler Takelagen gewichen.</p><p>Die Masten des persischen Schiffes waren von Weitem schon zu sehen. Im Handelshafen fand ich es angedockt. Es war gewaltig; neben ihm wirkten unsere griechischen Frachter wie Nussschalen. Trotzdem lag es leicht im Wasser. Es musste schnell sein, wenn die zwei Rah-Segel gut im Wind standen. An Deck machten sich zwei Seeleute zu schaffen. Als sie mich kommen sahen, riefen sie etwas in Richtung Kaj�te. Die erhob sich hinter dem Hauptmast und war sicher f�r den Kapit�n und die besseren Passagiere. An den Flanken des imponierenden Seglers prangten persische G�tzen mit fratzenhaften Gesichtern. Der Bug war mit einem gro�en Auge und der H�lfte eines lachenden Mundes verziert, aus dem wie eine b�se Zunge ein Rammsporn herausragte. Ein Handelsschiff, aber alles andere als wehrlos.</p><p>Ein paar Bogensch�tzen hatten auf dem Kai Stellung bezogen, um zu verhindern, dass Athen heute ungebetene G�ste erhielt. Sie gr��ten mich. Ein junger Unteroffizier half mir beim Absteigen und zeigte auf einen vornehmen, in ein blaues Gewand geh�llten Perser, der auf den Zuruf der Matrosen hin hinter der Kaj�te aufgetaucht war und mich von dort aus betrachtete. Er schien etwa drei�ig und damit in meinem Alter zu sein. Sein Gesicht war von schwarzen, kurzen und krausen Haupt- und Barthaaren eingerahmt, seine Oberlippe dagegen rasiert. Eine breite und klobige, dabei aber kurze Nase steckte in seinem Gesicht. Seine Augen waren sp�ttisch auf mich gerichtet und klug.</p><p>�Bist du der Kapit�n dieses Schiffes?�, rief ich nach oben, worauf er nickte. �Ich bin der Hauptmann der Toxotai. Ich komme rauf.�</p><p>�Es wird Zeit, dass jemand kommt und uns an Land l�sst�, antwortete er in bestem Griechisch. Nur ein leichter Akzent verriet, dass er von barbarischer Zunge war. �ber eine schmale Planke kletterte ich an Bord. Beim letzten Schritt wollte mir der Kapit�n die Hand reichen, aber ich schlug seine Hilfe aus. Er l�chelte unergr�ndlich und verbeugte sich zeremoniell. Wir gingen in die Kaj�te, wo ich mir die Passierscheine zeigen lie�. Der Kapit�n hatte sie sorgsam in einem Schrank verwahrt, zusammen mit einigen Schriftrollen und Karten. Wir setzen uns an einen Tisch. Ich erkannte Alkibiades' Siegel. Es war echt, ohne Zweifel.</p><p>�Was habt ihr geladen. und was wollt ihr hier?�, fragte ich den Kapit�n.</p><p>�Seide�, antwortete er und zeigte mir einen Ballen dieses leichten, gl�nzenden Stoffes. Es war das gleiche Tuch, das ich gestern an Alkibiades zum ersten Mal in meinem Leben gesehen hatte. Aus Persien kam es also. �Wir bringen euch Seide. Die Athener beginnen sie zu lieben, wie ich h�re. Vielleicht m�chtest du ein paar Ballen f�r dich selbst und deine sicher sch�ne Frau mit nach Hause nehmen?�</p><p>�Gewiss nicht�, antwortete ich.</p><p>�Und f�r den R�ckweg laden wir eure T�pferwaren�, fuhr er fort, ohne auf meine Grobheit zu achten. �Sie sind begehrt in der Welt.�</p><p>�Was hat es mit den Passagieren auf sich?�, fragte ich den Kapit�n barsch - Feind bleibt Feind, wie ich damals noch dachte.</p><p>�Es sind Kaufleute aus unserem Land. Sie haben eine Einladung ihrer Athener Kollegen. Der Passierschein erstreckt sich auch auf sie. Sieh her.� Noch einmal zeigte er auf Alkibiades' Brief. Dabei l�chelte er milde und m�de, wie jemand, der Widerstand gewohnt ist und genau wei�, dass er ihn am Ende doch �berwinden wird. Sicher gab es in vielen H�fen Z�llner, die ihm das Leben schwer zu machen versuchten. Er hatte das schon zu oft erlebt, um mich noch ernst zu nehmen.</p><p>�Wei�t du zuf�llig, wie es zu dieser Sondererlaubnis kam?�, fragte ich ihn unvermittelt, worauf sein L�cheln noch breiter wurde.</p><p>�Das solltest du doch besser wissen als ich, Hauptmann der Toxotai�, erwiderte er, nahm einen Lederbeutel von seinem pr�chtig verzierten G�rtel und legte ihn mit einer einladenden Geste vor mich auf den Tisch. Wieder klang das Silber. Das L�cheln wich ihm nicht aus dem Gesicht.</p><p>Ich sah ihn an. In meinem Blick lag Abscheu, ich wusste es. Er jedoch blieb vollkommen ruhig, freundlich und gelassen. Die Wellen schlugen gegen die Planken. In der Kaj�te war es unertr�glich hei�. Man h�tte die Luft schneiden k�nnen, aber der Perser schwitzte nicht. Er l�chelte nur.</p><p>Ich wei� nicht, wieso ich den Beutel nahm. Vielleicht, weil ich ausgerechnet wegen meiner Unbestechlichkeit von Alkibia-des ausgew�hlt worden war, Perianders M�rder zu suchen. F�r einen Moment hielt ich ihn in der Hand und wog im Geist das Silber. Er war aus einem Widderhoden, wie er auch in Athen hergestellt wird. Ich steckte ihn wortlos ein. Dann erhob ich mich und mit mir der Kapit�n. Ich f�hlte, er verachtete mich, und ich verachtete ihn. Wir waren wie Hure und Freier.</p><p>�Ihr k�nnt eure Ladung l�schen�, ordnete ich an, w�hrend ich wieder auf das Deck trat, wo mich die stechende Sonne empfing. �Die drei Bankiers k�nnen nach Athen, aber nur in Begleitung eines Athener B�rgers. Deine Mannschaft und du, ihr bleibt in Pir�us. Hier habt ihr alles, was ihr braucht. Sollte es Schwierigkeiten oder Fragen geben, lass nach mir schicken. Meine M�nner wissen, wo ich zu finden bin.�</p><p>Der Perser verbeugte sich vor mir.</p><p>�D�rfen die Passagiere ihre Diener mitnehmen?�, war seine letzte Frage und �Meinetwegen� meine letzte, schroffe Antwort.</p><p>Ich verlie� das Schiff und Pir�us, so schnell ich konnte. F�r den R�ckweg w�hlte ich die ein wenig k�rzere, zwischen den Langen Mauern verlaufende Stra�e. Ich gab Ariadne freie Z�gel und lie� sie traben, aber der Ritt wollte mir keine Freude bereiten. Der Kapit�n des persischen Frachters mit seinem L�cheln und seinem Beutel voller Silber spukte mir im Kopf herum. Wenn der Hauptmann der Toxotai kleine Geschenke bekam, so war dies nicht un�blich. Niemand hielt es f�r falsch, die M�nzen anzunehmen, die einem im Amt zugesteckt wurden, weil man jemandem geholfen hatte. Aber das waren kleine Aufmerksamkeiten aus Dankbarkeit. Der Beutel des Persers war etwas anderes, und das wusste ich, wenn ich es mir auch nicht eingestehen wollte. Etwas in mir wusste, es war nicht richtig gewesen, das Geld zu nehmen. Etwas in mir und doch nicht ganz ich. Ein anderer Teil von mir. Nat�rlich h�tte ich ihn sowieso die Ladung l�schen und seine Passagiere von Bord gehen lassen m�ssen. Wie h�tte ich mich Alkibiades' Anordnung wiedersetzen k�nnen? Wieso daf�r nicht ein wenig Silber einstecken, zumal Alkibiades sich den Landungsschein sicher teuer hatte bezahlen lassen? Der Perser h�tte mich f�r einen Idioten gehalten, wenn ich das Geld nicht angenommen h�tte. Trotzdem blieb mir ein fahler Geschmack im Mund. Vielleicht hatte Sokrates ja recht, vielleicht sollte sich der Hauptmann der Toxotai �ber die Frage, was Gerechtigkeit sei, �fter Gedanken machen?</p><p>Als ich wieder in Athen ankam, war die schlimmste Mittagshitze �berstanden. Ich lie� Ariadne in der Kaserne und ging zu einem naheliegenden, von Kolonnaden ges�umten Sportplatz, einer Palaistra. Lykon war oft dort. Ich wollte mit ihm noch einmal �ber Kritias sprechen, aber ich sah ihn nirgendwo, und er tauchte an diesem fr�hen Abend auch nicht auf. Ich war ver-dreckt und verschwitzt und reinigte mich in einem der Waschr�ume, bevor ich auf den �bungsplatz ging. In einem Knaben, der sich zur Vorbereitung eines Ringkampfes den ganzen K�rper mit �l einrieb, erkannte ich einen Freund meines Geliebten. Ich fragte nach ihm. Aber auch er hatte Lykon nicht gesehen und wusste auch nicht, wo er war.</p><p>Sauber und erfrischt trat ich auf den Platz und lief ein paar Runden, vielleicht f�nf oder sechs Stadien lang. Dann sah ich den J�nglingen beim Ringen zu. Lykons Freund winkte mich zu sich und forderte mich zu einem Kampf heraus. Ich nahm gerne an. Er war drahtig und sehnig, glitschig wie ein Fisch und kaum zu fassen. Ich brauchte unerwartet lange, bis es mir gelang, einen Griff unter seine Achsel zu setzen und ihn �ber meine Schulter zu werfen. Aber noch mit dem Kopf in der Luft packte er mein Knie und versuchte, mich aus dem Gleichgewicht zu bringen. Er geb�rdete sich wie ein toller Hund. Ich musste ihn fallen lassen, um nicht selbst zu st�rzen, und er schlug hart auf den Boden. Weil ich f�rchtete, er k�nne sich verletzt haben, beugte ich mich �ber ihn. Er aber grinste mich nur an, k�sste mich blitzschnell auf den Mund und sprang beh�nde auf. Er war ein frecher und h�bscher Kerl, ohne Zweifel, aber Lykon sicher kein guter Freund.</p><p>�Du solltest dich einem �lteren Mann nicht so anbieten�, sagte ich, w�hrend er um mich herumtanzte. �Was der Mensch ohne M�he haben kann, daran verliert er meist schnell das Interesse.�</p><p>�Ach ja�, entgegnete der J�ngling schnippisch, �und wei� dein kleiner Geliebter das auch?� Und mit diesen Worten rannte er lachend davon.</p><p>Ich ging zur�ck in das Badezimmer, wusch mich abermals gr�ndlich und warf den sauberen Chiton �ber, den ich mir aus der Kaserne mitgebracht hatte. Meinen Harnisch und mein Schwert schulterte ich. Was sollte der Kerl wohl gemeint haben?</p><p>Auf dem R�ckweg ging ich noch einmal �ber den Marktplatz, um nach Lykon zu suchen, und warf einen Blick in die bunte Stoa. Lykon war gerne hier. Er liebte die Gem�lde, die dort hingen, und bewunderte die ausgestellten Waffen.</p><p>Ich sah viele bekannte Gesichter. Sokrates - augenscheinlich hatte er es bei seinem Weib nicht lange ausgehalten - stand inmitten einer Gruppe von Leuten und sprach angeregt, wie man dies von ihm kannte. Lysias und Gorgias waren bei ihm. Sie waren die ber�hmtesten Redner und Redenschreiber der Stadt. Sokrates aber h�rten sie zu. Ich gr��te von Weitem. Sokrates winkte mich zu sich, aber ich leistete der Einladung keine Folge.</p><p>Auch hier war Lykon nirgendwo zu sehen. Ich gab die Suche auf, ohne deswegen allzu traurig zu sein. Ich war m�de und wollte nach Hause. Aspasia wartete.</p></section><section><title><p id="bookmark6">&#x397;</p></title><p>die sonne stand nur noch knapp �ber den westlichen Gipfeln, als ich meinen Weg zum Kerameikos einschlug. Dies ist ein magischer Moment, denn mit der ersten Abendstunde tauchen ihre Strahlen die umliegenden Berge, den Saronischen Golf und endlich ganz Athen in ein feuriges, leuchtendes Purpur. Die Stadt erbl�ht in Sch�nheit wie eine Hyazinthe, und man versteht, wieso zu Anbeginn der Zeit die G�ttin Athene mit ihrem Onkel Poseidon um diesen Besitz stritt, bis Zeus ein Machtwort f�r seine Tochter und wider seinen Bruder sprach. Wie das glei�ende Wei� des Tages dem Violett des Abends weicht, weichen die Hitze und der L�rm aus den Gassen. Die Stunden vor Einbruch der Nacht sind mild. Es ist, als setze ein jeder sich f�r einen Moment zur Ruhe.</p><p>An diesem Abend jedoch war die Ruhe tr�gerisch. Ich bog gerade in die kleine Stra�e zu unserem Haus ein und war in Gedanken schon in unserem Garten, als sie vor mir standen. Sie waren zu zweit, zwei junge Kerle mit b�sen Gesichtern. Es war, als w�ren sie aus dem Nichts aufgetaucht. Der eine hielt mich fest, der andere schlug mir hart in die Magengrube. Ich ging sofort zu Boden. Sie lachten. Zwei Tritte in die Rippen, ich kr�mmte mich und versuchte meinen Kopf zu sch�tzen. Wieder das b�se Lachen. �He, was ist da los?!�, h�rte ich pl�tzlich eine Stimme rufen, �verschwindet!� Schnelle Schritte. Die zwei liefen davon. Janos, ein Nachbar, kam aufgeregt zu mir gerannt. Er hatte einen Kn�ppel in der Hand.</p><p>�Um Gottes willen, Nikomachos�, sagte er und half mir aufzustehen, �ist alles in Ordnung? Geht es dir gut?�</p><p>�Geht schon, Janos, danke�, sagte ich, als ich wieder auf den F��en stand, und bef�hlte meine l�dierten Rippen. Sie schmerzten, schienen aber wenigstens nicht gebrochen. �Wenn du nicht da gewesen w�rst, w�re die Sache �bel ausgegangen.�</p><p>�Was wollten diese Kerle?�, fragte Janos, immer noch au�er Atem.</p><p>�Ich wei� es nicht. Mich ausrauben oder ...� Ich sprach nicht weiter. Ich mochte meinem Nachbarn nicht sagen, worin die zweite M�glichkeit bestand: Dass mir jemand einen Denkzettel verpassen wollte, bevor ich meine Nase allzu tief in fremde Angelegenheiten steckte. Ich schlug den Staub aus meinem Chiton. Aspasia sollte nichts bemerken. Sie sorgte sich sonst zu sehr. Dann bedankte ich mich noch einmal bei Janos und bat ihn, niemandem etwas von dem �berfall zu erz�hlen. Er war ein gutm�tiger und liebenswerter Mann und versprach zu schweigen, obwohl er den Grund f�r meine Bitte nicht verstand. Als ich weiterging, f�hlte ich, wie er mir besorgt nachsah.</p><p>Die Tritte in die Rippen waren hart gewesen, aber mein Gesicht war unverletzt. Mit ein bisschen Gl�ck konnte ich den �berfall vor meiner Familie verheimlichen. Angeschlagen, wie ich war, ging ich nach Hause. Aber der Tag wollte mir noch immer keinen Frieden g�nnen. Als ich in unseren Garten trat, traf ich auf einen mir unbekannten Mann, der zusammen mit meinem Vater am Tisch sa� und scherzte; gerade brachte unsere alte Sklavin Teka den beiden einen Krug Wasser. Aspasia und die Kinder waren nicht zu sehen. Ich h�rte aber ihre Stimmen im Haus, was mich beruhigte.</p><p>Als mich die M�nner sahen, wurden ihre Gesichter ernster. Sie standen gemeinsam auf und traten auf mich zu.</p><p>Mein Vater bemerkte sofort, dass irgendetwas vorgefallen war, fragte vor dem Fremden aber nicht nach. Stattdessen machte er uns miteinander bekannt. Unser Besucher war ein paar Jahre �lter als ich, von eher kleiner Statur und ein wenig untersetzt. Er wirkte unscheinbar und freundlich. Erst wenn man ihn l�nger ansah, bemerkte man seine ungew�hnlich ruhigen und dunklen Augen. Offen und ehrlich sah er damit in die Welt und offen und ehrlich schien sein ganzes Wesen. Unser Gast hie� Thrasybulos. Er war Mitglied der demokratischen Partei. Man hatte ihn zu mir geschickt, um mir zu helfen, was er sofort bekannte, nachdem die ersten H�flichkeiten ausgetauscht waren. Er sah sich um, wie um sicher zu sein, dass ihn niemand belauschte. Dann fl�sterte er: �Wir wissen um deinen Auftrag. Wir wollen dich unterst�tzen.� Ich warf meinem Vater einen vorwurfsvollen Blick zu, weil ich dachte, er h�tte sich an seine alten Freunde gewandt. Aber er sch�ttelte den Kopf und hob die H�nde. Thrasybulos verstand unser stummes Zwiegespr�ch.</p><p>�Nein, Nikomachos, dein Vater hat mit meinem Besuch nichts zu tun. Wir haben auf anderen Wegen von deinem Auftrag erfahren. Auf unseren Wegen.�</p><p>Wir setzten uns an den Tisch unter dem Feigenbaum. Ich griff mir unwillk�rlich an die Seite und f�hlte sofort den fragenden Blick meines Vaters. Ich gab ihm ein Zeichen, sich zu gedulden. Die Sonne ging allm�hlich unter und verabschiedete sich mit einem letzten purpurnen Gru�, den sie in den Himmel malte. Der lange Schatten des Haupthauses lag nun ganz �ber dem Garten. Ein leichter Wind fiel von den Bergen und reinigte die Luft.</p><p>Was Thrasybulos berichtete, best�tigte meine Bef�rchtungen: Periander selbst, Charmides, Platon sowie einige andere Sokratessch�ler aus den reichsten Athener Kreisen waren Anh�nger der oligarchischen Bewegung. Ob sie nur ihre K�pfe zusammensteckten und hitzig debattierten, wie es das Privileg der Jugend ist, oder schon Teil einer Verschw�rung und entsprechend gef�hrlich waren, dar�ber waren sich die Demokraten nicht sicher. Platon zum Beispiel sei ungemein klug, aber mit seinen zwanzig Jahren kaum dem Ephebenat erwachsen, in sich gekehrt, sch�chtern und zur�ckhaltend. Er spreche zwar von einem Staat, in welchem die Gelehrten eine unantastbare F�hrer-Kaste bildeten - bewacht von Soldaten und versorgt durch entrechtete Bauern -, aber das seien Tr�ume. Er rede sogar davon, das Eigentum abzuschaffen, was den Aristokraten um ihn herum nun gar nicht gefalle. Von ihm habe man kaum etwas zu bef�rchten. Charmides dagegen sei �lter und viel gef�hrlicher als sein Neffe Platon. Ihm trauten die Demokraten alles zu, wenn es ihm nur nutze. Beide, Charmides und Platon, h�tten au�erdem regen Kontakt zu Kritias. Ihn h�tten sie gerade in den letzten Wochen oft getroffen, und Kritias f�rchteten die Demokraten wie keinen anderen.</p><p>�Was ist mit Platons Bruder?�, fragte ich.</p><p>�Glaukon?� Thrasybulos lachte. Ein Aufschneider sei er, der mit dem Geld seiner Eltern um sich werfe, dumm und prahlerisch. Platon sch�me sich f�r ihn, Periander sei ihm aus dem Weg gegangen. Der sei keine Gefahr.</p><p>�Und Sokrates?�, fragte ich Thrasybulos ein wenig bange. �Geh�rt er auch zu dieser Clique?�</p><p>Mein Vater r�usperte sich tadelnd, blieb aber weiter still und h�rte zu.</p><p>�Nein�, antwortete Thrasybulos, �er geh�rt nicht zu ihnen. Charmides, Platon und die anderen treffen sich in der Regel ohne Sokrates, wenn sie �ber Politik sprechen. Platon soll ihm einmal eine Art Theaterst�ck vorgelesen haben, in welchem er Sokrates selbst auftreten l�sst. Dieser Sokrates spricht darin �ber den Gelehrtenstaat. Der echte Sokrates hat ihn ausgelacht. Platon soll sehr getroffen gewesen sein.�</p><p>Ich war beruhigt. �Woher wisst ihr diese Dinge?�, fragte ich Thrasybulos, nachdem er mit seinem Bericht zu Ende gekommen war.</p><p>�Es gibt Demokraten unter Sokrates' Sch�lern�, antwortete er, �einer von ihnen h�lt uns auf dem Laufenden, so gut er kann. Aber wenn die Oligarchen sich treffen, wird er nicht eingeladen. Der innerste Kreis bleibt unter sich.�</p><p>�Wie hei�t der Mann?�, fragte ich. Thrasybulos verschloss mit Zeigefinger und Daumen seine Lippen. Dies durfte er mir nicht anvertrauen. Schon von dem Sch�ler zu wissen, war beinahe zu viel.</p><p>�Welche Rolle spielte Periander in dieser Gruppe?�</p><p>�Er war Mitglied im innersten Kreis und muss sehr beliebt gewesen sein�, antwortete Thrasybulos, �gut und sch�n zugleich. Du wei�t, was das bedeutet.� Ich nickte, nat�rlich wusste ich das. Die Verbindung von Sch�nheit und G�te, das war es, wonach wir Hellenen strebten.</p><p>�War er mit jemandem besonders eng befreundet?�</p><p>�Oh, ja�, antwortete Thrasybulos mit einem Unterton, den ich erst sp�ter zu deuten vermochte, �mit Platon.� Ich z�gerte einen Moment, bevor ich weiterfragte und �berlegte, ob in Thrasybulos' Bemerkung vielleicht etwas Anz�gliches mitklang, verwarf den Gedanken aber wieder. �Wo trifft sich der Kreis?� fuhr ich fort.</p><p>��berall, wo man ungest�rt sein kann, soviel wir wissen. Oft sind sie bei Kritias oder Charmides zu Hause, um sich zu sehen. Trinkgelage mit h�bschen Knaben stehen bei Kritias hoch im Kurs, und sie feiern sie reichlich. Manchmal treffen sie sich aber auch in einem Garten au�erhalb der Stadt. Er geh�rt Platon.�</p><p>�Und waren sie vorgestern Nacht zusammen?�</p><p>�Das wei� ich nicht�, erwiderte er. �Ich dachte mir schon, dass du gerade danach fragen w�rdest, aber das hat unser Spion nicht in Erfahrung bringen k�nnen.�</p><p>Teka kam aus dem Haus und brachte uns eine Schale mit Geb�ck und einen Krug Wein. Ich bat Thrasybulos, mit uns zu essen und zu trinken. Die Teigtaschen waren noch hei�, wir verbrannten uns beinahe die Finger daran, aber sie schmeckten k�stlich. Ich wusste, Aspasia musste sie gebacken haben, und hierin lagen zwei Botschaften an mich: Die wichtigste lautete: Sie hatte mir verziehen. Und die zweite: Ich konnte Thrasybulos vertrauen - sonst h�tte sie nicht f�r ihn gekocht, und sie war, wie es vielleicht in der Natur des Weibes liegt, eine gute Menschenkennerin.</p><p>�Wieso will die demokratische Partei mir helfen?�, fragte ich zwischen zwei Bissen unvermittelt und h�rte wieder das tadelnde R�uspern meines Vaters. Er hielt es f�r ebenso taktlos wie dumm, gewisse Dinge allzu freim�tig anzusprechen, bekam man in Athen doch auf eine klare Frage meist eine tr�be L�ge zur Antwort. Thrasybulos aber zeigte ein offenes Gesicht, schluckte seinen Bissen herunter und reinigte sich die Finger.</p><p>�Es gibt zwei Gr�nde daf�r�, sagte er ehrlich, wie mir schien, �beide haben gleiches Gewicht. Viele der �lteren unter uns sind Freunde deines Vaters. F�r sie ist es schlichte Freundesschuld, wenn sie dir helfen.� Mein Vater r�usperte sich geschmeichelt. �F�r die J�ngeren geht es um die Gefahr, die im Tod Perianders liegt. Nur wenn der T�ter schnell gefasst wird, kann der Mord nicht zum Vorwand f�r einen oligarchischen Umsturz genommen werden. Und den f�rchten wir jeden Tag. Du siehst, wir sind mit Alkibiades ganz einer Meinung.�</p><p>Ich zog die Kopie des Pamphlets aus meinem Gewand und reichte Thrasybulos die Rolle.</p><p>�Kennst du das?�, fragte ich ihn, w�hrend er las. Er lie� sich Zeit und dachte nach.</p><p>�&#x391;&#x398;&#x397;&#x39D;&#x391;&#x399;&#x3A9;&#x39D; &#x3A1;&#x39F;&#x39B;&#x399;&#x3A4;&#x395;&#x399;&#x391; - Der Staat der Athener ...� antwortete er schlie�lich, �das m�sste der Titel sein. Ich habe von der Schrift geh�rt, sie aber noch nie zu Gesicht bekommen. Das Pamphlet kursiert bei den Aristokraten. Sie geben es sich im Geheimen weiter und zitieren bei ihren Treffen und Gelagen daraus. Es ist eine Art Bekenntnisschrift. Sie schw�ren sogar auf das Buch.� Er gab mir die Schriftrolle zur�ck. �Mehr wei� ich nicht.�</p><p>Zu meiner �berraschung fragte er weder nach, woher ich die Rolle hatte, noch, ob sie etwas mit Perianders Tod zu tun haben k�nnte. Irgendetwas sagte mir aber, dass er die Antworten auf diese Fragen vielleicht schon kannte.</p><p>Es war dunkel geworden. Teka kam mit einem Fidibus heraus und entz�ndete die Lampe auf dem Tisch und die Laterne am Baum. Dann fragte sie, ob sie uns noch etwas bringen solle. Ich bat um einen Krug Wasser. Im Licht der kleinen Flammen wurden die Nachtfalter unruhig. Auf unserem Dach sa� ein Sandkopfvogel und sang sein Abendlied.</p><p>�Zwei Dinge m�chte ich von euch noch wissen�, setzte ich die Unterhaltung fort, nachdem Teka das Wasser gebracht und sich verabschiedet hatte. �Erstens: Was wisst ihr �ber Anaxos?�</p><p>�Und zweitens?�, fragte Thrasybulos.</p><p>�Was hat es mit dem persischen Handelschiff auf sich, das in unserem Hafen vor Anker liegt?�</p><p>Wieder lie� Thrasybulos sich Zeit, bevor er antwortete. Er war kein Mensch, der unbedacht sprach.</p><p>��ber das persische Handelsschiff wissen wir nichts weiter, als dass es da ist. Selbst im Strategion ist man �berrascht. Sogar derjenige, der es am besten wissen m�sste, wei� von nichts. Und das ist - damit komme ich zu deiner ersten Frage - Anaxos. Er ist der Herr und W�chter der Athener Spitzel, wusstest du das nicht?�</p><p>�Ich dachte es mir.�</p><p>�Anaxos ist �ber sechzig Jahre alt�, fuhr Thrasybulos fort, �und h�lt sich ganz im Verborgenen. Au�erhalb des Strategions wei� man kaum, dass es ihn gibt. Er steht seit drei�ig Jahren immer im Dienste der Polis. Er �berwacht und befehligt die Spione: solche, die Feinde drau�en, und solche, die Feinde in der Stadt selbst auskundschaften, aussp�hen und bespitzeln. Er wei� viel; drei�ig Jahre sind eine lange Zeit. Er hat schon Perikles gedient und jedem Strategen und F�hrer nach ihm. In der Wahl seiner Herren ist er nicht sehr zimperlich.�</p><p>Thrasybulos legte eine kurze Pause ein und goss sich Wasser in seinen Becher. Mir viel auf, dass er den Wein nicht anger�hrt hatte. Mein Vater nickte leicht, aber ich konnte die Geste nicht deuten. Sein Gesicht schien nachdenklich und traurig im Schein der flackernden Lampe. Die Nacht hatte ihre finsteren Schwingen nun vollkommen �ber uns gebreitet, der Sandvogel war unmerklich verstummt.</p><p>�Anaxos lebt und arbeitet im Strategion�, berichtete Thrasybulos weiter, �er verl�sst es kaum. Ger�chten zufolge hat er ein gewaltiges Archiv mit Schriftrollen angelegt, in welchem sich Eintragungen �ber fast jeden Athener finden - auch �ber mich und dich -, aber ich glaube das nicht. Immerhin eines steht fest: Mit Anaxos muss man immer rechnen, wenn man auch nie wei�, was er tun und was er lassen wird. Nimm dich vor ihm in Acht, Nikomachos.�</p><p>�Er ist nicht der Einzige, vor dem ich mich in Acht nehmen muss�, antwortete ich unwillk�rlich.</p><p>Thrasybulos nickte. �Nein, ganz sicher nicht.�</p><p>Unser Gast blieb nicht mehr lange. Nachdem er noch ein paar letzte Fragen beantwortet hatte, verlie� er uns freundlich und ruhig und lie� mich mit meinem Vater allein.</p><p>�Ich hoffe, es geht dir bald wieder besser�, verabschiedete er sich und zeigte auf meinen Brustkorb. Offenbar hatte nicht nur mein alter Vater bemerkt, dass ich mir hin und wieder in die Seite gegriffen hatte. Ich l�chelte gequ�lt und versicherte Thrasybulos, es sei alles in Ordnung. Er nickte liebensw�rdig und ging.</p><p>Vater und ich waren kaum allein, als er mich schon aufgeregt fragte, was mir geschehen sei. Ich brachte er nicht fertig, ihn anzul�gen und den �berfall zu verschweigen, versuchte die Angelegenheit aber herunterzuspielen, so gut ich konnte, damit er sich keine allzu gro�en Sorgen machte: �Es waren nur zwei junge Kerle. Sie haben mich drau�en erwischt. Ich habe nicht aufgepasst. Es war aber nicht weiter schlimm.�</p><p>Vater sah mich angestrengt an und verga� sogar, sich zu r�uspern.</p><p>�Meinst du, das war eine Warnung?�, fragte er.</p><p>Ich zuckte mit den Schultern. �Ich wei� es nicht. Wenn es eine Warnung war, dann kommt sie fr�h. Ich habe mit meiner Arbeit noch gar nicht richtig begonnen ... Vielleicht waren es auch einfach nur zwei Strauchdiebe, die mir mein Geld abnehmen wollten. Du wei�t, wie gef�hrlich Athen ist.�</p><p>�Ja, nur zu gut�, best�tigte er und sah sich schnell um, als ob auch bei uns im Garten pl�tzlich jemand hinter einem Geb�sch hervorspringen k�nnte. Dann r�usperte er sich, und ich war beruhigt.</p><p>An diesem Abend sa�en wir noch sehr lange im Garten. Eine schmale Mondsichel stand �ber der Stadt, und Hunderte und Aberhunderte von Sternen leuchteten wie von einem verschwenderischen Gott verstreutes Gold. Eine Fledermaus kreiste �ber unseren K�pfen und schnappte sich die Falter, die um das Licht flatterten. Aspasia war in ihren Frauengem�chern geblieben. Jetzt schlief sie sicher schon. Kein Laut drang vom Haus in den Garten. Heute w�rde ich ihr meine Verletzung verheimlichen k�nnen. Das beruhigte mich. Die Nacht war friedlich, und ich f�hlte mich meinem Vater nah; trotzdem dauerte es lange, bis ich ihm einen Gedanken anvertrauen konnte, der schon lange in mir schlummerte, jetzt aber vor allem durch die Begegnung mit Alkibiades geweckt worden war.</p><p>�Manchmal �berlege ich mir, ob Periander und Charmides nicht vielleicht doch recht haben�, begann ich vorsichtig. �Glaubst du, es ist wirklich richtig, das Volk �ber die Fragen der Polis entscheiden zu lassen? Die meisten Athener k�nnen doch noch nicht einmal lesen oder schreiben. Sie stimmen gerade f�r das, was ihnen der beste Redner eingegeben hat, wenn sie ihre Stimmen nicht schon vorher von jemandem haben kaufen lassen. Denke nur an Alkibiades: Er hat mit den Spartanern gegen Athen gek�mpft und uns hundertfach verraten. Irgendwann kehrt er zur�ck, verteilt M�nzen unter das Volk und wird prompt zum Strategen gew�hlt ... Ich verstehe das nicht. Meinst du nicht, es w�re besser, die Stadt w�rde von einer Gruppe unbestechlicher M�nnern regiert, die klug und verst�ndig sind und sich nicht von jeder Stimmung mitrei�en lassen?�</p><p>Mein Vater h�rte mir zu, r�usperte sich und spitzte die Lippen, aber er antwortete nicht gleich. Fr�her h�tte er mich w�tend zurechtgewiesen, wenn ich einer Oligarchie das Wort geredet h�tte. Seit er �lter geworden war, war er nachdenklicher und milder gestimmt. Er strich mit der Hand �ber seinen kahlen Sch�del. F�r einen Moment war es ganz still in unserem Garten.</p><p>�Wei�t du, Nikomachos�, antwortete er nach einer ganzen Weile, �das einfache Volk ist nicht so dumm, wie viele meinen, auch wenn es nicht lesen und nicht schreiben kann. Als wir in Athen vor �ber zwanzig Jahren die ersten Kriegsopfer beerdigen mussten, hat Perikles eine Rede gehalten, eine gro�e Rede. An manche S�tze erinnere ich mich noch so genau, als ob ich sie gestern erst geh�rt h�tte. Nein, das stimmt nicht. Ich erinnere mich viel genauer. Im Alter vergisst man vor allem, was gestern war, und die Jugend ist pl�tzlich wieder so nah . Er hat damals Folgendes gesagt: <emphasis>,Wir betrachten einen Menschen, der kein Interesse am Staat hat, nicht als harmlos, sondern als nutzlos</emphasis>- Ja so war das; und weiter - <emphasis>&lt;Zugegeben, nur wenige sind f�hig, die Staatsgesch�fte zu f�hren, aber wir alle sind f�hig, sie zu beurteilen.}</emphasis></p><p>Ich denke, das war f�r ihn entscheidend. Nat�rlich kann nicht jeder Stratege oder Archon sein, aber jemanden auszusuchen, der das Amt ausf�llt, der ehrlich ist und klug, das vermag das Volk sehr wohl. Wir erkennen ja auch, ob eine Statue gut geformt ist oder nicht, auch wenn wir keine Bildhauer sind ...�</p><p>�Und Alkibiades?�</p><p>Mein Vater strich sich �ber den kahlen Kopf. �Ich wei� nicht, ob du ihm nicht Unrecht tust. Alkibiades ist vielleicht kein Musterbeispiel an Tugend, aber er ist ein guter Stratege, und wir stehen nun einmal im Krieg. Wenn du die Wahl hast zwischen einem f�higen General von zweifelhafter Moral und einem unf�higen von bester Gesinnung, wem vertraust du deine Truppen an?�</p><p>�Aber Alkibiades hat nicht einfach nur einen schlechten Ruf. Er ist ein Verr�ter. Er hat mit Sparta gegen Athen gek�mpft.�</p><p>�Sicher�, antwortete mein Vater ruhig, �aber erst, nachdem die Athener ihn zu Tode verurteilt hatten ...�</p><p>�Der Hermen-Frevel!�, sagte ich bestimmt.</p><p>Mein Vater sah mich lange und eindringlich an. �Ja, der Hermen-Frevel. Du wei�t ja, wie es war. Alkibiades wurde zu Tode verurteilt, weil die Hermesfiguren in der Nacht vor seiner Abfahrt nach Sizilien zerschlagen wurden. Alle nahmen an, er sei es gewesen, und alle haben das behauptet, nur gesehen hat es keiner ... Aber lass uns nicht streiten. Ich wollte eigentlich etwas ganz anderes sagen. Vielleicht hast du ja recht und Al-kibiades' Wahl war ein Fehler, aber die Demokratie hat einen gro�en Vorzug. Sie kann diesen Fehler beseitigen, indem man ihn bei n�chster Gelegenheit wieder abw�hlt. In diesem Punkt ist die Demokratie ziemlich gut und die Oligarchie ziemlich schlecht.�</p><p>Mit diesen Worten erhob er sich, k�sste mich auf die Stirn und ging zu Bett. Ich blieb noch eine Weile in der Stille der Nacht, sa� an unserem Tisch und versuchte, Ordnung in meine Gedanken zu bringen. Die zwei Schl�ger, die mich abgepasst hatten, der Perser, der Junge auf dem Sportplatz ... Es war weit nach Mitternacht, als ich zu Bett ging, wo mich Aspasias nachtwarmer K�rper und der Granatapfelduft ihrer Haut empfingen. Ich legte mich zu ihr, schloss die Augen und schlief trotz meiner schmerzenden Rippen sofort ein. Im Traum sah ich Sokrates; er winkte mir zu.</p></section><section><title><p id="bookmark7">&#x398;</p></title><p>charmides bewohnte ein rotes Haus am Fu�e des Areopag. Es zeigte nach S�den und war in den H�gel hineingegraben, vermutlich, weil man so mehr Platz f�r den ausladenden Garten im Innenhof gewann und die in den Berg gemei�elten Zimmer stets k�hl waren. Ein Sklave mit geb�cktem R�cken f�hrte mich durch den Hof in einen Festsaal, der sich im Hauptgeb�ude befand. Als er die T�r zu diesem Raum �ffnete, sah ich, wie Charmides sich gerade schl�frig von einer der Liegen erhob, die unordentlich im Raum standen. Dabei war es nicht mehr fr�h.</p><p>Das Festzimmer war gro� und durch ein kleines M�uerchen zweigeteilt. Es war reich geschm�ckt, aber es herrschte ein heilloses Durcheinander. Auf dem pr�chtigen Mosaikboden aus wei�en und schwarzen Kieselsteinen lagen zerbrochene Kr�ge in ihren Lachen. Trinkschalen t�rmten sich auf den niederen Tischchen, die neben den Liegen standen. St�hle, T�cher und Kissen lagen herum. Es stank nach Wein, Schwei� und anderen menschlichen Ausd�nstungen. Hier hatte es ein Gelage gegeben, und daf�r war der Saal ganz offensichtlich auch bestimmt. Die W�nde waren mit Szenen eines Bacchanals bemalt, das als fr�hliches Fest beginnt und als Orgie endet: Auf der linken Wand sah man eine Gruppe von M�nnern beim Tranke. Zwei f�hrten liegend die Schalen zu ihren Lippen, ein dritter stand zwischen ihnen und hielt eine Rede. Vielleicht ein Lob auf den Gastgeber, wie dies bei Symposien �blich ist. Das zweite Bild an der Stirnseite war schon wilder. Nun lagen alle drei M�nner auf ihren Liegen, tranken und sahen gierig nach einem J�ngling und einem M�dchen hin, die mit Fl�te und Chitara zwischen sie getreten waren. Auf dem dritten Bild waren der Knabe und die Nymphe nackt. Er zeigte sein steifes Glied und hielt es masturbierend in die H�he. Sie tanzte um ihn herum, die wippenden Br�ste und die rasierte Scham allzu deutlich gezeichnet, w�hrend zwei der G�ste klatschten, um die beiden anzufeuern, und der dritte im Trunke schon eingeschlafen war. Ich hatte wenig Zweifel, dass das Symposion, dessen Zeugen diese Mauern gestern geworden waren, nicht weniger ausschweifend verlaufen war, und einen Wimpernschlag lang sah ich eine Gruppe nackter Leiber, die sich im warmen Licht der �lflammen vereinigten.</p><p>Charmides erhob sich tr�ge und kam auf mich zu. Er war klein, schon etwas f�llig und zeigte ein stumpfes Gesicht. Auch er trug die Tonsur der Oligarchen. Die �hnlichkeit mit seinem Vetter Kritias war nicht zu �bersehen, wenn Charmides auch deutlich j�nger war und nicht halb so viel W�rde ausstrahlte wie sein Vetter. Ja, er schien so etwas wie eine j�ngere, dabei aber missratene Kopie von ihm zu sein. Charmides' Chiton war von Wein und Speisen, vielleicht auch noch von anderem befleckt. Das Haar stand ihm wirr am Kopf.</p><p>�Es war wohl ein berauschendes Fest gestern Abend?�, bemerkte ich.</p><p>�Hm, ja, nichts Besonderes�, antwortete Charmides verwirrt und kratzte sich am Sch�del. Er stank aus dem Maul.</p><p>�So sch�n wie das letzte Fest mit Periander?�, wollte ich wissen.</p><p>Charmides antwortete nicht.</p><p>�Periander ist tot, und du gibst ein Gastmahl?�, fragte ich, mein Entsetzen kaum z�gelnd.</p><p>Charmides kratzte sich am Hintern. Sein Gesicht blieb unbewegt. Er ging zur�ck zu seiner Liege und setzte sich vorsichtig.</p><p>�Du musst Nikomachos sein�, antwortete er, w�hrend er sich aus einer Obstschale eine reife Feige nahm. �Ich habe dich schon erwartet.�</p><p>�Man sagte mir, du warst Perianders Freund. Wie kannst du zwei Tage nach seinem Tod ein Fest geben?�</p><p>Charmides biss unger�hrt in die Frucht. Er kaute mit offenem Mund, dann legte er die Feige wieder zur Seite.</p><p>�Sokrates sagt, wir h�tten alle eine unsterbliche Seele�, erwiderte Charmides gelangweilt. �Sie trennt sich im Moment des Todes vom Leib und seinen Beschr�nkungen. Der wahre Philosoph geht freudig in den Tod. Er bringt ihn der Wahrheit n�her. Was sollte ich mir also um Periander Sorgen machen?�, antwortete Charmides mit einem eigent�mlich leeren Ausdruck in seinem Gesicht.</p><p>�Und doch war Sokrates traurig, als er von Perianders Tod h�rte, und du sitzt hier unger�hrt zwischen diesen W�nden�, konnte ich nicht umhin zu bemerken.</p><p>�Komm zur Sache, Toxotes�, sagte Charmides k�hl und offenbar gewohnt zu befehlen. Allm�hlich kam Leben in sein Gesicht, aber es zeigte nicht Gutes. Die �hnlichkeit mit seinem Vetter wurde nur noch deutlicher, und sie war nicht auf die Erscheinung beschr�nkt. Charmides hatte das gleiche kalte Wesen.</p><p>�Wo warst du vorgestern Nacht?�, fragte ich ihn.</p><p>�Hier, mit meinem Vetter Kritias zusammen,� antwortete er, �wir haben die Ankunft der Perser vorbe...� Charmides verstummte mitten im Satz und biss sich auf die Unterlippe. Ich h�tte gar nicht bemerkt, dass er da ein Wort zu viel gesagt hatte, wenn er mich nicht auch noch mit der Nase darauf gesto�en h�tte. Die persischen Bankiers schienen mehr Freunde in Athen zu haben, als ich dachte. Hatte Kritias denn mit Alkibiades zu schaffen?</p><p>�Also euch haben wir die Landung der Perser zu verdanken�, stellte ich fest.</p><p>�Das geht dich nichts an, Nikomachos, und ich rate dir ...�, presste Charmides hervor, sprang auf und versuchte drohend die Faust zu heben, was ihm aber einigerma�en misslang, war er doch einen halben Kopf kleiner als ich, sodass die Geste l�cherlich wirkte. �Ach was�, meinte er und versuchte die Situation zu retten, indem er abwinkte und wieder Platz nahm. Er hielt sich den Sch�del; er hatte wohl Kopfschmerzen.</p><p>�M�sst ihr so laut sein? Ich bin noch nicht wach!�, h�rte ich pl�tzlich eine belegte Stimme sagen.</p><p>�Bleib liegen, Glaukon, schlaf weiter!�, rief Charmides noch, aber da war der �bern�chtigte Besucher auch schon aufgestanden und streckte seine verschlafenes Gesicht �ber das M�uer-chen, welches das Zimmer teilte. Glaukon? Das musste Platons Bruder sein.</p><p>�Was gibt es, sind die anderen schon weg?�, fragte er und schlich zu uns her�ber. Glaukon war um einiges gr��er als Charmides - eine Bohnenstange mit muskul�sem Hals und viel zu kleinem Kopf -, aber in einem noch erb�rmlicheren Zustand. Er g�hnte ausgiebig und setzte sich auf eine Liege. Auf seinem Gewand prangte ein riesiger Fleck. Er erinnerte mich an ein zu gro� geratenes Kind, das sich bekleckert hatte.</p><p>�Haben wir nicht noch etwas zu trinken?�, fragte er seinen Gastgeber und schien mich dabei gar nicht zu bemerken. Dann streckte er sich ausgiebig, seufzte �Was f�r ein Gelage!� und lie� sich auf die Liege zur�ckfallen. Sein Chiton rutschte nach oben und enth�llte sein schlaffes Geschlecht.</p><p>Charmides stie� Glaukon an, aber der drehte sich nur um und streckte uns den nackten Hintern entgegen. Dann begann er zu schnarchen.</p><p>�Hast du sonst noch irgendwelche Fragen?�, wandte sich der Hausherr wieder an mich.</p><p>Ich wusste, Charmides w�rde mir keine einzige ehrliche Antwort mehr geben, jetzt, nachdem die eine Antwort so unfreiwillig ehrlich ausgefallen war, und mit Glaukon w�rde man vor heute Abend nicht vern�nftig reden k�nnen.</p><p>Ich sah mir die beiden genau an, den einen, wie er dalag und schlief, den anderen, wie er auf seiner Liege sa�: Beide m�de, verkatert, stinkend, die jungen Gesichter schon von den zu �ppig genossenen L�sten des Dionysos gezeichnet. Und das sollte also die Elite sein, die das Volk f�hrt, die edlen und besseren Menschen, die noble Klasse?</p><p>�Aber nein, edler Charmides�, antwortete ich mich verneigend und lie� ihn und seinen Gast im Weindunst zur�ck.</p><p>W�hrend ich hinaus in den Garten ging, wo eine alte Sklavin in der prallen Sonne ein Beet umgraben musste, dachte ich dar�ber nach, was Kritias seinem Vetter sagen w�rde, wenn der ihm gestand, was er mir verraten hatte ... W�rde Kritias seinen kalten Hochmut verlieren und dem nichtsnutzigen Vetter s�mtliche noch intakten Weinkr�ge hinterherwerfen, die er noch fand? Die Vorstellung war so sch�n, dass ich dar�ber sogar meine schmerzenden Rippen verga�. Ich ging lachend weiter.</p><p>Aristokles' oder Platons Haus war nur ein paar Stra�en vom Anwesen seines Onkels Charmides entfernt. Ich fand es m�helos, denn Sokrates hatte mir den Weg gestern noch gezeigt, bevor wir uns verabschiedet hatten. Platon lebte allein mit zwei Sklaven in einer einst�ckigen Villa, einem anmutigen kleinen Marmorbau, im Tal zwischen der Akropolis und dem H�gel Pnyx. Ich klopfte an das gro�e Holztor, das wie bei den meisten Athener H�usern zum Innenhof des Anwesens f�hrte, und musste zu meiner Entt�uschung von einem der Haussklaven erfahren, dass der junge Herr das Haus schon sehr fr�h verlassen hatte. Er sei zu einem Hain hinausgeritten, der ihm geh�re, ein wenig au�erhalb der Stadt.</p><p>Ich lie� mir den Weg zu dem Grundst�ck sehr genau beschreiben und lief zur�ck zur Kaserne, um mein Pferd zu satteln. Auf dem Kasernenhof traf ich Myson. Er schien schon den ganzen Morgen auf mich gewartet zu haben. Er war aufgeregt, beinahe au�er Atem, und dies mit gutem Grund. Es gab einen ersten kleinen Erfolg. Die M�nner, die sich bei den Anwohnern des Itonia-Tores umh�rten, waren auf eine alte W�scherin gesto�en, die gerade neben dem Tor wohnte und vorgestern Nacht einen Streit geh�rt hatte. Myson hatte heute Morgen davon erfahren und war gleich zu ihr gegangen, um sie in ihrem armseligen Zimmerchen zu besuchen. Sie lebte in einem Kellerraum gleich neben dem Tor: ein altes, runzeliges Weib ohne Mann und Kinder; Z�hne hatte sie kaum mehr im Mund, aber immerhin schien sie noch ihre f�nf Sinne beisammen zu haben, wie Myson sagte. Froh dar�ber, dass �berhaupt wieder jemand mit ihr sprach und zuh�rte, berichtete sie Myson den gesamten Vorfall ganz genau, und er gab ihn mir ebenso genau wieder:</p><p>Sie habe, so sei eben das Alter, vorgestern wegen der Hitze nicht schlafen k�nnen und sich die halbe Nacht nur auf ihren Strohmatten gew�lzt. Vor und zur�ck ging dies, so lange, bis das Stroh ganz niedergedr�ckt war und auch noch feucht von ihrem Schwei�. Da sei sie aufgestanden, habe einen Becher Wasser getrunken und sich an ihr kleines Fensterchen gestellt, das gerade auf den Platz zwischen dem Itonia-Tor und dem Zollhaus hinausgeht. Lustig sei es dort am Tag, wenn die Athener ihren Gesch�ften nachgehen und man aus dem Kellerfenster nur Beine und H�ften vorbeihuschen sieht.</p><p>Die Luft war stickig, kaum habe sie richtig schnaufen k�nnen. Irgendwann habe sie geh�rt, wie sich zwei M�nner dem Platz vor dem Tor n�herten und miteinander stritten.</p><p>�Hat sie verstehen k�nnen, was die M�nner sagten?�, unterbrach ich Myson ungeduldig. Myson sch�ttelte den Kopf und fuhr fort.</p><p>Immer lauter sei es zugegangen, und sie habe schon gedacht, gleich w�rde einer der Nachbarn seinen Kopf aus einer Luke stecken, um die dringend n�tige Nachtruhe einzufordern, da gab es einen Schlag. Dumpf war er, dumpf und heftig. Damit war der Streit vorbei. Anschlie�end habe sie nur noch eine Stimme geh�rt, leise, beinahe fl�sternd. Am Ende sei aber auch die verstummt.</p><p>�Was war das f�r ein Schlag?�, fragte ich Myson.</p><p>Eben das habe er die W�scherin auch gefragt, meinte Myson. Aber gerade darauf wusste sie keine sichere Antwort. Sie habe etwas dumpf aufschlagen h�ren, aber was das war und woher es r�hrte, das wusste die W�scherin nicht.</p><p>�Und was war das Fl�stern?�, wollte ich wissen. Myson zuckte die Schultern. Auch dazu habe die Alte nichts Genaueres sagen k�nnen. Ein Fl�stern eben, vielleicht auch ein R�cheln, aber sicher, nein, sicher war sie sich dessen nicht gewesen.</p><p>�Gesehen hat sie nichts?�, fragte ich.</p><p>�Nein, gesehen hat sie nichts�, antwortete Myson. �Das konnte sie auch nicht. Sie sieht schon bei Tag nicht mehr viel, und bei Nacht ist sie fast blind.�</p><p>�Was ist mit den Nachbarn? Hat sonst niemand etwas von dem Streit mitbekommen?�, fragte ich, obwohl ich die Antwort beinahe schon kannte.</p><p>�Du wei�t doch, wie die Athener sind�, entgegnete Myson resigniert, �die sind nicht nur blind, sondern auch noch taub und stumm ...�</p><p>Ich dankte Myson und ging in den Stall, um Ariadne zu satteln. Immerhin, wir waren ein Schrittchen weiter; einige Steinchen hielt ich schon in meiner Hand, um das Mosaik zusammenzusetzen, das mir ein Portr�t des M�rders liefern sollte. Als ich aufsa�, sp�rte ich einen stechenden Schmerz in der Seite, und j�h entflammte in mir der Zorn auf die M�nner, die mich gestern �berfallen hatten. F�r einen Moment sah ich auch Charmides wieder vor mir. Hatte er nicht f�r einen Augenblick gel�chelt, als ich mir an die Rippen fasste?</p><p>Ich ritt im ruhigen Trab an der Agora vorbei auf den Dromos. So hei�t die Stra�e, die Sokrates und ich gestern gemeinsam in entgegengesetzter Richtung gegangen waren. Ich musste die Stadt verlassen, um zu dem Hain zu kommen, den Platons Haussklave mir beschrieben hatte. Der Weg f�hrt durch das Kerameikos, das Tor Dipylon und dann �ber den gro�en Friedhof au�erhalb der Stadt. Dort gabelt er sich. Linker Hand verlief die heilige Stra�e, rechter Hand erwartete ich das Grundst�ck zu finden, zu dem Platon in aller Fr�he aufgebrochen war. Die sommerliche Panathen�en-Prozession, Athens wichtigstes Fest, nimmt diesen Weg, um die Schutzg�ttin der Stadt zu ehren. Schon in wenigen Wochen w�rden die Jungfrauen und in ihrem Gefolge halb Athen mit den Heiligt�mern aus Eleusis �ber den Dromos zur Akropolis hin ziehen.</p><p>Die Wache am Dipylon-Tor gr��te mich. H�tte in jener Nacht auch nur ein Soldat am Itonia-Tor gestanden! Periander w�re vielleicht noch am Leben und w�rde nicht bald im Schatten der Stadtmauer auf der gro�en Nekropole liegen, �ber die die Stra�e mich nun f�hrte; er w�rde weiter Siege f�r seine Stadt erringen und die Herzen seines Vaters und seiner Mutter w�ren nicht gebrochen. Ich bekam Angst. Was war nur der Tod, jener schwarze Gott, der das Licht eines jeden Hauses verdunkelt und den endg�ltigen Abschied befiehlt?</p><p>Grabmonumente standen stumm und zahllos in der Sonne: pr�chtige Marmorreliefs, Statuen und Gedenksteine, auf denen sich die Eidechsen aalten - in Stein gemei�elte Zeugnisse des Todes, der hier allgegenw�rtig war. Von hier aus w�rde Periander bald seinen letzten Weg in den Hades gehen. Pr�chtige Grabbeilagen w�rde man ihm geben: Duftlampen gegen die Dunkelheit und den Geruch der Verwesung, Brot und Wein gegen Hunger und Durst, Schwert und Schild gegen die Feinde und eine Silberm�nze auf der Zunge, damit Charon bezahlt werden konnte, der F�hrmann, der die Toten �ber den Fluss bringt. Und dann?</p><p>Unter einem dieser Steine lag auch meine Mutter. Vor f�nf Jahren hatten wir sie hierher gebracht. Ich erinnerte mich genau. Bild f�r Bild erstand vor mir, jeden Schritt mit der Last ihres Leichnams auf der Schulter f�hlte ich. Es war ein k�hler Wintermorgen. Wir trugen sie auf einer Holzbahre. Mein Vater, Raios, Janos und ich hatten sie geschultert. Die Holme der Totenbahre dr�ckten mir ins Fleisch. Aspasia und die Kinder liefen hinter uns. Es folgten Vettern, Nachbarn, Freunde ... Nebel lag an jenem Tag �ber den Gr�bern. Die Sonne stand blass hinter den Wolken.</p><p>Noch die Erinnerung machte mich schaudern. Ich fror bei gr��ter Hitze. Rei� dich zusammen, befahl ich mir. Fort jetzt von diesem Friedhof und seinen Gespenstern!</p><p>Morgen w�rde ich Anaxos einen ersten Bericht erstatten m�ssen. Was wusste ich? Periander war grausam gestorben, erstickt von einem w�tenden M�rder, einen Papyrus im Rachen. Es hatte einen Streit gegeben. Der Mord war vermutlich da geschehen, wo man auch die Leiche gefunden hatte. Selbst ein Aristokrat, stand Periander in regem Kontakt zu anderen Reichen und Adeligen, die die Volksherrschaft Athens hassten und beseitigen wollten. Der Papyrus legte es nahe, dass eine Verbindung zwischen dem Tod Perianders und diesen Oligarchen bestand - welcher Art, das blieb ungewiss. Vielleicht war Periander selbst der Urheber dieses Werkes, und jemand f�hlte sich durch seinen Inhalt verletzt? Der Autor war weder dumm noch unverm�gend, und reich und klug war auch Periander gewesen. Au�erdem schien er beunruhigt in den letzen Monaten. Sein Lehrer hatte es bemerkt, seine Freunde angeblich nicht. �berhaupt Freunde! Was f�r ein Freund war dieser Charmides, wenn er noch an dem Tag, an dem er von dem Mord an Periander h�rte, ein Gelage geben konnte? Ja, und dann die beiden Schl�ger auf meinem Heimweg. Hatten die etwas zu bedeuten? Kritias wusste schon von meinem Auftrag ...</p><p>So sammelte ich alles, was ich wusste, und versuchte, die Splitter zu einem Bild zu vereinen. Ich war so sehr in Gedanken versunken, beinahe h�tte ich nicht bemerkt, dass Ariadne mich an mein Ziel gebracht hatte.</p><p>Es war ein ungew�hnlich sch�nes, fast gartenartiges St�ck Land, auf das mich meine Suche nach Platon hier f�hrte. Im Schatten von Olivenb�umen und Zypressen bl�hten wilde Rosenb�sche und Rhododendron. Kniehohes Gras stand zwischen den B�umen. Vom Schatten der �lb�ume gesch�tzt und von einem kleinen Bach getr�nkt, war es noch nicht zum Opfer der sonst alles ausd�rrenden hellenischen Sonne geworden. Die Quelle, die den Bach speiste, entsprang bei einer Felsengruppe, die auf einem H�gel aus dem Boden ragte. Dort, wo sich der Hain ein wenig erhob, stand auch ein kleines H�uschen, zu dem ein schmaler, mit Kies bedeckter und von Bruchsteinen ges�umter Weg f�hrte.</p><p>Ich hatte mir Platon kaum anders als Charmides vorgestellt und erwartete also die Bekanntschaft eines ebenso reichen wie kalten Stutzers zu machen. Aber ich sollte mich t�uschen. Ich hatte vergessen, wie Thrasybulos von ihm gesprochen, wie er ihn gescheit und schw�rmerisch, sch�chtern und zur�ckhaltend genannt hatte. Ich ritt bis zu dem kleinen Haus, stieg ab und band Ariadne an einen Busch, als auch schon ein junger Mann aus der T�r trat und fragte, wer ich sei.</p><p>Das Erste, was mir an Aristokles auffiel, war seine ungew�hnlich breite Stirn. Sie wirkte so m�chtig, dass sie ihn beinahe verunstaltete, aber nur beinahe, denn seine �brigen Z�ge waren so klar und sch�n, wie man dies bei dem zwanzigj�hrigen attischen Prinzen, der er war, nur erwarten konnte. Allerdings war dieser Prinz alles anderes als gl�cklich. Seine Augen blickten mich rotgeschwollen an. Man sah, dass er bis eben noch geweint hatte. Irgendetwas an dem Ausdruck in seinem Gesicht erinnerte mich an Perianders Vater. Was das aber sein konnte, wurde mir erst sp�ter bewusst.</p><p>Platon war wenig �berrascht, meinen Namen zu h�ren. Die Nachricht, dass ich Perianders Tod untersuchte, musste beinahe ebenso schnell zu ihm gedrungen sein wie diejenige vom Tod des Freundes selbst. Und ihn betrauerte er hier, nichts und niemand anderen. Das stand f�r mich au�er Zweifel. Ich sah es an seinen roten Augen und daran, wie er um Fassung rang, als ich erkl�rte, wieso ich gekommen war. Nein, Platon war aus einem anderen Holz geschnitzt als Charmides und gewiss auch aus einem anderen als sein Bruder Glaukon - noch die Erinnerung an ihn ekelte mich.</p><p>�Ein sch�nes St�ck Land ist das hier�, begann ich unsere Unterhaltung.</p><p>�Ja�, antwortete er leise, �sehr sch�n.� Er habe das Grundst�ck erst vor kurzem von Freunden erworben. Oft sei er mit Periander hier gewesen. Sie h�tten gro�e Pl�ne mit diesem Fleckchen Land gehabt, jede Woche einen anderen zwar ... Aber so sei das eben.</p><p>�Ihr ward gute Freunde?�, fragte ich, was reichlich dumm war. Ich sah es ohnehin. Platons Stimme versagte. Er nickte nur.</p><p>�Und wei�t du, wo Periander vorgestern Abend gewesen ist?�, fuhr ich fort, w�hrend wir uns auf eine Steinbank setzten, die vor dem Haus stand.</p><p>Platon sch�ttelte den Kopf. Periander habe sich in den letzten Wochen zur�ckgezogen, fast isoliert, antwortete er. Er habe ihn nicht mehr oft gesehen.</p><p>�Warum nicht?�, wollte ich wissen. Platon zuckte zusammen und schwieg lang. Dann sah er mich mit dem Ausdruck an, der mich so an Perianders Vater erinnerte. Seit er von seinem Tod erfahren habe, stelle er sich diese Frage, antwortete er. Er vermochte es nicht zu sagen.</p><p>�Sokrates meinte, er sei ver�ndert gewesen. Etwas habe ihn bedr�ckt. Periander wollte sich ihm aber nicht anvertrauen�, bemerkte ich.</p><p>�Ja, das stimmt�, antwortete Platon. �Er hatte etwas auf dem Herzen.�</p><p>�Und du wei�t nicht, was es war?�</p><p>�Nein�, entgegnete er und k�mpfte gegen die Tr�nen, die ihm in die Augen treten wollten.</p><p>Er schlug die H�nde vor das Gesicht. Es waren feine, schlanke und wei�e H�nde, beinahe die H�nde einer Frau. Ich gab ihm Zeit, sich zu beruhigen, und wartete mit meiner n�chsten Frage, bis er mich wieder ansehen konnte.</p><p>�Meinst du, er hatte vielleicht Liebeskummer?� Ich hatte den Satz noch nicht ganz ausgesprochen, da schossen die Tr�nen endg�ltig in Platons Augen und ein heftiges Schluchzen entfuhr seiner Brust. Da wusste ich es unmittelbar: Hier sa� nicht nur Perianders Freund neben mir; Thrasybulos hatte sehr wohl gewusst, wieso er seiner Stimme gestern einen gewissen Klang gegeben hatte.</p><p>�Du hast ihn geliebt!�, sagte ich, und das war keine Frage. Es war eine schlichte Feststellung. Platon blieb still und schlug die Augen nieder. Auch ich schwieg einen Augenblick. Ich sah nach der Felsengruppe hin, die vor uns stand. Gleich neben der Quelle bl�hten wilde Lilien - Todesblumen.</p><p>�Sokrates sagt, der Mensch habe eine unsterbliche Seele. Glaubst du nicht daran?�, fragte ich, um ihn zu tr�sten.</p><p>�Doch�, antwortete er, �daran glaube ich, und ich bin sicher, Perianders Seele ist jetzt gl�cklicher, als sie es hier war. Aber ...� Platon verstummte. Seine Augen l�sten sich von mir, und wie versunken sah auch er zu den Lilien hin�ber.</p><p>�Aber?�, ermunterte ich ihn fortzufahren.</p><p>�Ich will dich nicht langweilen�, sagte Platon mit d�nner Stimme. Er lispelte ein wenig. Erst jetzt fiel es mir auf.</p><p>�Du langweilst mich nicht�, versicherte ich und konnte mich nicht dagegen wehren, Achtung daf�r zu empfinden, wie Platon seine Trauer zeigte.</p><p>�Es gibt eine alte Legende�, begann er z�gernd und so leise, dass ich ihn kaum h�ren konnte, �danach sind wir Menschen kein Ganzes, sondern nur die H�lfte eines Ganzen, eines alten Doppelwesens, das in grauer Vorzeit gelebt hat. Die Wesen hatten vier Beine, vier Arme und zwei Gesichter unter einem einzigen Sch�del. Das eine sah nach vorne, das andere nach hinten. Sie gingen aufrecht, wie sie wollten, vorw�rts oder r�ckw�rts. Mussten sie schnell laufen, schlugen sie das Rad �ber Arme und Beine. M�chtig waren diese Doppelmenschen und stark, so m�chtig, dass sie die G�tter herausforderten und den Olymp best�rmten. Daf�r wurden sie von Zeus bestraft. Er trennte die beiden H�lften f�r immer. Sie irren nun allein umher. An manchen Tagen ist Zeus gn�dig, dann finden sich zwei H�lften wieder und erleben das vollkommene Gl�ck. Wer die zweite H�lfte indessen nicht findet, bleibt verurteilt, sie ewig zu suchen. Wer ...� Wieder wollte er nicht weitersprechen, oder er konnte es vielleicht auch nicht. Ersch�pft schwieg er.</p><p>�Ja?�, sagte ich.</p><p>�Wer sie verliert, der bleibt f�r immer allein.�</p><p>Ich blieb still, Platon wandte den Blick ab und sah zur Seite. Seine H�nde waren so ineinander verkrampft, dass die Kn�chel wei� hervortraten. Sein gesamter K�rper bebte. Ich stand auf und ging zur Quelle. Ein leichter Wind kam auf und spielte in den Baumkronen. Die Sonne blinkte durch die Bl�tter. Das Wasser war klar wie die Luft. In diesem Bach war jeder Kiesel deutlich zu sehen, unverborgen. Es war ein verzauberter Ort, an dem wir uns hier befanden.</p><p>�Entschuldige, wenn ich das fragen muss�, wandte ich mich wieder an Platon, �aber wo bist du vorgestern Nacht gewesen?�</p><p>�Ich war hier�, antwortete er.</p><p>�Allein?�</p><p>�Ja, allein.�</p><p>�Was hast du getan?�</p><p>�Ich habe gearbeitet - geschrieben, die halbe Nacht .�, antwortete Platon leise, �und ich war nicht bei ihm, als er mich brauchte.�</p><p>Ich ging zu Ariadne und nahm die Schriftrolle aus der Satteltasche. Platon blieb sitzen. Ich wusste, ohne ihn zu sehen, dass er wieder gegen die Tr�nen k�mpfte. Dann ging ich zur�ck und reichte ihm den Papyrus.</p><p>�Kennst du das?�, fragte ich.</p><p>Platon rollte das Blatt auf und �berflog es. Ich hatte nicht den Eindruck, er w�rde es wirklich lesen. Schnell wickelte er es wieder zusammen und gab es mir zur�ck.</p><p>�Nein�, sagte er knapp.</p><p>�Nein?�, fragte ich ungl�ubig. �Sokrates kannte es.�</p><p>Platon Gesicht verh�rtete sich. Er versuchte, gleichg�ltig zu scheinen, und zuckte mit den Schultern. Hier verbarg sich etwas.</p><p>�Periander hatte es ihm gegeben - das ganze Buch, meine ich�, fuhr ich fort und beobachtete Platon genau. Sein K�rper zitterte wieder leicht, aber seine Miene blieb versteinert.</p><p>�Ich kenne es nicht�, sagte er, ohne mir in die Augen zu se-hen. Ich glaubte ihm nicht. Er wusste mehr �ber dieses Buch, als er mir sagen wollte! Aber was konnte ich tun? Ich entschied mich, ihm die Wahrheit zu sagen.</p><p>�Wei�t du, woher ich diese Seite habe?�, fragte ich. �Ich meine das Original, nicht diese Kopie?�</p><p>�Nein�, antwortete er, das Gesicht so starr und den K�rper so verkrampft, als w�re er der schlangenh�uptigen Gorgo selbst begegnet.</p><p>�Ich habe das Blatt im Rachen deines Geliebten gefunden. Er ist daran erstickt!�</p><p>Es ist schwer zu beschreiben, was mit Platon in diesem Augenblick geschah. Das Blut wich ihm aus dem Gesicht, es verlor alle Farbe. Gleichzeitig verdrehte er die Augen, bis nur noch seine wei�en Aug�pfel zu sehen waren, die blind ins Leere starrten. Platon begann zu zittern, als h�tte er Sch�ttelfrost. Zuckend sackte sein Oberk�rper in sich zusammen, bis dieser kr�ftige junge Mann endlich seitlich von der Bank kippte. Krampfend und zitternd schlug er auf, ohne dass er �berhaupt nur versucht h�tte, den Sturz aufzufangen. Ich hatte Angst, er w�rde sich die Zunge abbei�en, und steckte ihm den Papyrus mit dem Leseholz quer in den Mund. Platons Z�hne bohrten sich in das Blatt, w�hrend seine Beine wie Trommelst�cke auf den Boden einschlugen. Ich br�llte ihn an und gab ihm zwei Ohrfeigen, um ihn aus jenem Reich zwischen Leben und Tod zur�ckzuholen, in das er getreten war, aber er reagierte nicht.</p><p>Ich hielt ihn fest gegen den Boden gepresst, bis das schreckliche Zittern nachlie�, auch wenn sich seine Muskeln nicht entspannten. Sobald ich ihn f�r einen Augenblick loslassen konnte, rannte ich in das H�uschen, wo ich zum Gl�ck gleich einen Krug mit Wasser fand. Das sch�ttete ich dem attischen Prinzen mit Wucht ins Gesicht und br�llte ihn laut und verzweifelt an. Jetzt erst schien der Krampf sich zu l�sen, der diesen K�rper so gnadenlos in seiner Gewalt gehalten hatte. In Platons Augen trat die Iris wieder hervor. Er sah mich an, erkannte mich aber nicht. Er lag matt in der Wasserlache und kam erst langsam wieder zu sich. Als ihm klar wurde, dass er auf schmutzigem Boden lag, versuchte er sich aufzurichten. Er fiel aber gleich zur�ck.</p><p>�Was ist geschehen?�, fragte er.</p><p>�Du hattest einen Krampf�, entgegnete ich.</p><p>�Ja?�, sagte er abwesend, w�hrend er noch einmal versuchte, sich aufzurichten. Er bewegte sich unbeholfen, fast wie ein K�fer, der auf den R�cken gefallen ist. Als es ihm endlich gelungen war, sich wenigstens auf den Ellbogen zu st�tzen, sah er mich wieder an. Erst jetzt erinnerte er sich allm�hlich, wer ich war.</p><p>�Du bist Nikomachos, nicht?�, fragte er.</p><p>�Ja�, best�tigte ich.</p><p>Er nickte zaghaft, und sofort stiegen ihm wieder die Tr�nen in die Augen. Ich selbst war v�llig au�er mir, trotzdem wollte ich ihn nicht so leicht davonkommen lassen. Ich zeigte auf die Papyrusrolle, die er zerkaut und ausgespuckt hatte.</p><p>�Du bleibst dabei, dass du dieses Schriftst�ck nicht kennst und nie gelesen hast?�, fragte ich so streng ich nur konnte. Platon besann sich. Als er den Kopf abwandte, wusste ich, dass ihm wieder eingefallen war, was ich ihm �ber diesen Papyrus gesagt hatte.</p><p>�Ich bleibe dabei�, antwortete er matt und richtete sich nun auf. Er wusste, dass ich ihm nicht glaubte, aber er gab sich keine M�he, mich zu �berzeugen. Warum log er? Was hatte es mit diesem Pamphlet nur auf sich?</p><p>�Ich bitte dich, geh jetzt�, sagte er, als er wieder Herr seiner selbst war und mir ins Gesicht sehen konnte, ohne gleich wieder in Tr�nen auszubrechen. �Ich muss mich ausruhen und erholen.�</p><p>H�tte da nicht ein Neffe von Kritias vor mir gesessen, ich h�tte mich nicht so leicht wegschicken lassen. Aber pl�tzlich durchzuckte wieder jener stechende Schmerz meine Rippen, und ich sah die beiden Schl�ger vor mir. Ich hatte Angst, ich gebe es zu. F�r einen Augenblick z�gerte ich, dann stand ich auf und ging zu meinem Pferd. Wer wusste denn, wie weit der Arm dieser Familie reichte? Es war gef�hrlich, ihr zu nahe zu kommen. Platon erhob sich langsam und elend. In dem Moment fiel mir ein, was mich in seinem Gesicht schon zu Beginn unserer Begegnung an Perianders Vater erinnert hatte: es war die gleiche Trauer in seinen Z�gen, ein so tiefer Schmerz, dass er diesen Menschen nie wieder ganz verlassen w�rde. �Wenn du dich besinnst, findest du mich in der Kaserne der Toxotai�, rief ich ihm zum Abschied zu. Platon hob aber nur die Hand, und ich wusste nicht, was diese Geste bedeuten mochte. Dann sa� ich auf und lie� den Hain hinter mir.</p><p>Es ging zur�ck in die Stadt. Ich verstand Platon nicht. Er hatte Periander geliebt, dessen war ich mir sicher. Wieso half er mir nicht, wenn es darum ging, seinen M�rder zu finden? War etwa doch Periander der Urheber der Schrift, und wollte Platon dies verbergen, um sein Andenken nicht zu beflecken, oder sch�tzte er einen anderen? Das waren die Fragen, die mich umtrieben, auf die ich aber keine Antwort fand.</p><p>So kam ich in der Kaserne an, wo Myson eine weitere Nachricht f�r mich bereithielt. Es ging Schlag auf Schlag: Die M�nner hatten einen stadtbekannten Hehler ausfindig gemacht, dem Perianders Ring gestern zum Kauf angeboten worden war. Er hatte wohl abgelehnt, sicher mehr aus der angeborenen Vorsicht des Betr�gers als aus einem anderen Grund heraus. Den Namen des Verk�ufers kannte er nicht oder wollte ihn nicht kennen. Aber immerhin: der Ring kursierte. Er suchte einen K�ufer, und fanden wir den Ring, so hatten wir vielleicht auch den M�rder.</p><p>der n�chste vormittag geh�rte Anaxos, dem Herrn der Spione, der mich - kaum war ich gemeldet - in seinem dunklen Zimmer hinter der Kanzlei empfing. Er sa� an seinem gro�en Tisch, die feuchten Augen auf ein Papyrus gerichtet, das aufgerollt vor ihm lag. Die Lichter der Lampen ru�ten und flackerten wie vor drei Tagen. Der Raum roch muffig nach dem Staub der Schriftrollen und den Ausd�nstungen dieses Mannes. Anaxos deutete mit einer Bewegung seines Kinns auf den Schemel, und ich setzte mich. Dann sollte ich sprechen.</p><p>Teilnahmslos lauschte er meinem Bericht. Er unterbrach mich kein einziges Mal, aber er verriet auch nicht das geringste Interesse. Ich erkl�rte ihm, wie Periander gestorben war, zeigte ihm den Papyrus aus dem Rachen des jungen Olympiasiegers, erw�hnte den fehlenden Ring und die Nachricht, er sei zum Kauf angeboten worden. Ich berichtete, wie ich �berfallen und zusammengeschlagen worden war - Anaxos zeigte keine Regung -, schilderte meine Treffen mit Kritias, Sokrates, Charmides und Platon und verga� auch den Streit, den das alte Weib am Tor geh�rt zu haben glaubte, nicht. Nur meine Begegnung mit Thrasybulos verschwieg ich vorsichtshalber. Sicher hatten er und seine Freunde einen Vertrauten hier im Strategion, vielleicht sogar in der Kanzlei, und ich war wenig geneigt, Ana-xos auf diesen Mann aufmerksam zu machen. Nichts sch�tzen Spione weniger, als selbst ausspioniert zu werden, obwohl man einem anderen ja kaum das vorwerfen kann, was man selbst nicht l�sst. In diesem Punkte sind diese M�nner aber empfindlich und den treulosen Liebhabern �hnlich, die dem eigenen Geliebten nicht den geringsten Fehltritt verzeihen.</p><p>Anaxos sagte auch dann noch nichts, als ich mit meinem Bericht zum Ende gekommen war, kaum deutete er ein Nicken an. Dachte er �ber meine Beobachtungen nach, oder war sein Geist mit etwas anderem besch�ftigt? Ich vermochte es nicht zu sagen. Schlie�lich nahm er den Papyrus, den ich ihm �berreicht hatte, und betrachtete ihn sehr lange. Er las ihn sicher zweimal halblaut vor, dann schien er sich an etwas zu erinnern.</p><p>�Ich kenne das�, sagte er ganz ruhig, kaum an mich gewandt, erhob sich und ging mit schleifendem Schritt aus dem dunklen Zimmer. Ich wartete gespannt und blieb unbeweglich auf meinem einfachen Hocker sitzen. Wieso lie� Anaxos mich hier allein? Trug er keine Sorge um die Geheimnisse, die sich in den Schriftrollen verbargen - Geheimnisse, die nicht einmal die Sonne erblicken durfte? Oder brachte er mich absichtlich in Versuchung und beobachtete mich durch ein unsichtbares Loch in der Wand, um zu erkunden, ob ich der Verlockung erliegen w�rde, eines dieser B�cher zu entrollen? Ich blieb sitzen und wartete ...</p><p>Als Anaxos zur�ckkehrte, hielt er eine weitere Buchrolle unter dem Arm. Er z�gerte noch einen Moment, bevor er sie mir gab, so als �berlegte er, ob er sich auf mich verlassen konnte, dann aber hielt er sie mir scheinbar kurzentschlossen hin.</p><p>Es war eine schlechte, eine billige Kopie. Der Papyrus und die Schrift waren nicht von der gleichen Art wie das Blatt, an welchem Periander so j�mmerlich gestorben war, aber es bestand kein Zweifel: Ich hatte es hier mit der gleichen Streitschrift zu tun. Wahrscheinlich hatte einer seiner Spione diese Rolle in aller Heimlichkeit nachts stehlen und abschreiben m�ssen, daher die vielen Fehler und Unklarheiten.</p><p><emphasis>Ich kann nicht billigen, dass die Athener die Staatsform gew�hlt haben, die sie nun einmal haben</emphasis> ...</p><p>Die Einleitung kannte ich, ich �berflog sie bis zu der Stelle, die behauptet, die Armut f�hre das Volk zum Verbrechen. Dann las ich aufmerksamer, was in dem Zwielicht, das den Raum erf�llte, nicht einfach war. Es begannen mir sogar die Augen zu tr�nen; hiervon musste Anaxos dieses Leiden haben.</p><p>Der Verfasser ging in drei Kapiteln daran, die Demokratie Athens anzugreifen: Eine Herrschaft des P�bels �ber die Edlen sei sie, ebenso korrupt wie der P�bel selbst; eine Regierungsart, die lieber seine Bundesgenossen ausbeute, als die Fremden und Sklaven im eigenen Land an die Kandare zu nehmen, wie die es verdienten. Und warum? Weil man die Fremden f�r den Handel brauche und es den Sklaven so gut gehe, dass man sie nicht von einem B�rger unterscheiden k�nne. Schlage man das Pack, so laufe man Gefahr, einen Athener zu erwischen.</p><p><emphasis>In Sparta w�rde dein Sklave mich f�rchten! In Athen</emphasis></p><p><emphasis>hat man f�r ihn sogar die Redefreiheit eingef�hrt.</emphasis></p><p>Und so ging das weiter. Eid- und Vertragsbruch warf er Athen vor, Untreue, Raffgier und Faulheit. Es war so, wie Sokrates das Pamphlet beschrieben hatte. Sein Verfasser war au�er sich vor Zorn. Kaum hatte er die Verfassung Athens mit ein paar Zeilen beschrieben, fiel er auch schon �ber sie her. Am Ende schien das Buch weniger mit Tinte als mit dem Geifer eines tollw�tigen Hundes geschrieben.</p><p>�Kennst du den Autor?�, fragte ich Anaxos, als ich beim letzten Satz angelangt war. Ich hatte nicht allzu lange gebraucht, um die Schrift ganz zu lesen.</p><p>�Nein�, antwortete er mit seiner melodi�sen Stimme, �wir haben das Buch schon vor einigen Jahren bekommen, aber nie herausgefunden, wer es geschrieben hat. Es geht wohl bei den Oligarchen von Hand zu Hand. Einer meiner Leute hat es heimlich kopiert, wie du dir sicher bereits gedacht hast. Aber auch der Eigent�mer des Originals, von dem wir die Abschrift genommen haben, kannte den Verfasser nicht.�</p><p>�Bist du dir sicher?�, fragte ich nach.</p><p>�Wirklich sicher kann man sich nie sein�, entgegnete Anaxos. �Aber er war nur eine Randfigur der oligarchischen Bewegung und spielte keine gro�e Rolle in diesem Kreis. Ein kleiner Geldwechsler, der es zu einem gewissen Wohlstand, aber nicht zu Reichtum gebracht hatte und mehr zur Aristokratie geh�ren wollte, als dass diese ihn aufzunehmen bereit war. Es erschien uns glaubhaft, dass man ihm nicht gesagt hatte, von wem die Schrift stammt. Ich denke ohnehin, dass nur eine sehr kleine Gruppe wei�, wer sie geschrieben hat. Es war uns damals aber auch nicht so wichtig.�</p><p>�Wieso sagst du &lt;spielte&gt;? Was ist mit ihm?�</p><p>�Er ist gestorben. Ein nat�rlicher Tod, soweit ich wei߻, antwortete er.</p><p>�Wie hie� er?�, wollte ich wissen.</p><p>Anaxos tat so, als habe er die Frage �berh�rt. Er erhob sich und kam um den Tisch herum zu mir. Sein Geruch stie� mich ab.</p><p>�Ich dachte, Periander selbst k�nnte der Autor sein�, sprach ich weiter. �Aber wenn du sagst, es gebe das Pamphlet schon seit einigen Jahren, dann ist das ausgeschlossen. Was ist mit Kritias? Auch von ihm h�rt man, er schreibe.�</p><p>Anaxos Gesicht bleib unbewegt. Er trat noch n�her zu mir. Schon f�hlte ich seinen Atem auf meiner Haut.</p><p>�Du musst sehr vorsichtig sein, Nikomachos�, sagte er mit der sanften Stimme, die ihm zu eigen war, und sah mir dabei unmittelbar in die Augen. �In den Kreisen, mit denen du es hier zu tun hast, droht dir gr��te Gefahr. Hast du schon mit irgendjemandem �ber den Papyrus gesprochen?�</p><p>�Nein�, log ich mit trockenem Mund; Anaxos schien mir pl�tzlich ein D�mon der Angst zu sein.</p><p>�Erw�hntest du nicht, du h�ttest es kopieren lassen?�, fragte er mit seiner s��en Stimme. Er hatte mir also doch mit viel gr��erer Aufmerksamkeit zugeh�rt, als ich vermutet hatte.</p><p>�Ja, von Myson, unserem Schreiber�, gestand ich, �aber er ist zuverl�ssig. Du kannst ihm vertrauen.�</p><p>�Ja, gewiss�, sagte Anaxos mit einem so kalten und ausdruckslosen Gesicht, dass ich deutlich verstand, er w�rde ganz sicher niemandem vertrauen, und schon gar keinem Schreiber.</p><p>�Wie viele Kopien hast du anfertigen lassen?�, fragte er beil�ufig, w�hrend er sich von mir abwandte und den Schriftrollen in seinen Regalen zu widmen begann.</p><p>�Nur eine, und die hat Aristokles in seinem Anfall zerbissen�, antwortete ich, und diese zweite L�ge gelang mir �berzeugender.</p><p>�Dann habe ich hier das Original, und die Kopie ist unbrauchbar?�, fragte er, wobei er sich die gr��te M�he gab, angestrengt und scheinbar interessiert zwischen den Schriftrollen nach etwas v�llig anderem zu suchen.</p><p>�Ja, so ist es, Anaxos�, log ich weiter.</p><p>�Gut�, meinte er und drehte sich nun wieder zum Tisch, um sich zu setzen. �Und dabei sollte es auch bleiben. Sprich zu niemandem von dem Manuskript. Am besten ist es, wenn du es ganz vergisst.� Mit diesen Worten l�chelte er mir freundlich zu, nicht anders als ein Onkel, der seinem Neffen einen gut gemeinten Rat erteilt.</p><p>�Auch wenn es mich zu dem M�rder Perianders f�hrt?�, fragte ich naiv. Anaxos l�chelte mich nur weiter freundlich an und antwortete nicht.</p><p>Ich h�tte nun gehen k�nnen. Anaxos schien mit meinem Bericht zufrieden. Seine unruhigen Augen forschten auf seinem Tisch nach etwas Neuem, und diesmal suchte er wohl tats�chlich etwas. Eine n�chste Aufgabe wartete auf ihn. Er behandelte mich beinahe so, als w�re ich schon nicht mehr da. Ich wollte mich aber nicht so schnell vertreiben lassen. Da gab es noch etwas, was mich besch�ftigte. Es lag in Pir�us vor Anker.</p><p>�Entschuldige, edler Anaxos, wenn ich dich das frage�, begann ich nun dieses andere Thema, �vorgestern ist ein persischer Rah-Segler im Handelshafen Kantharos eingelaufen. Der Kapit�n zeigte mir einen Passierschein, den Alkibiades selbst unterzeichnet hat. Wei�t du etwas dar�ber?�</p><p>Anaxos blickte von seinem Tisch auf. Seine Lider zuckten. Er war �berrascht, f�r einen Augenblick konnte er es nicht verbergen, noch nicht einmal er. Es blieb also auch ihm manches verborgen, das zu wissen sich sicher gelohnt h�tte. Ich l�chelte Anaxos unschuldig an, und er verlieh seinem Gesicht wieder den gleichen unbeteiligten Ausdruck, mit dem er mir bei meinem Bericht zugeh�rt hatte.</p><p>�Diese Dinge betreffen dich nicht�, gab er mir zur Antwort. Er konnte nicht zugeben, dass er nichts von Alkibiades' Passierschein wusste. Das musste seine Art der Eitelkeit sein.</p><p>Ich verabschiedete mich von Anaxos mit dem Versprechen, in drei Tagen wiederzukommen und meinen n�chsten Bericht vorzutragen. Sicher w�rde er sich in den n�chsten Stunden damit besch�ftigen, herauszufinden, was es mit dem fremden Schiff im Hafen und - mehr noch - was es mit den von seinem Herrn ausgef�llten P�ssen auf sich hatte.</p><p>Es war hellster Mittag, als ich das Strategion verlie�. Geblendet blieb ich unter dem Marmorgiebel stehen und schirmte meine Augen vor der Sonne ab. Vor dem Gerichtsgeb�ude am Areopag versammelten sich die Richter in den festlichen Gew�ndern, die sie nur am Gerichtstag trugen. Das Purpur und Gold ihrer M�ntel zeugte vom Blutgericht, das sie heute hielten. Brandstiftung und Mord, diese beiden Anklagen waren immer noch Sache dieses Gerichtes, das fr�her das einzige gewesen war -eine Erinnerung an die fr�here Macht dieses Rates, die man ihm gerade noch g�nnte. Heute war eine Verhandlung wegen Brandstiftung zu f�hren; ich wusste um den Fall. Unter den Richtern erkannte ich Kritias, der mich aber nicht sah oder vielleicht auch nicht sehen wollte. Auch er war in einen festlichen Chlamys gekleidet. Das Mantelende hatte er feierlich um die Schulter geworfen. Was tat er hier? Er geh�rte nicht zu den Richtern, aber es mochte sein, dass er die Anklage vertrat. Er galt als gro�er Redner. Offenbar war dies das Publikum, zu dem er sprach, denn nie meldete er sich bei den Vollversammlungen zu Wort. Er verachtete das Volk zu sehr, das er h�tte �berzeugen m�ssen. Selbst jetzt, da er sich unter seinesgleichen befand, blieb sein Gesicht abweisend. Offenbar konnten nur h�bsche Knaben seinen Lippen ein L�cheln entlocken.</p><p>Und da, pl�tzlich und unvermittelt, l�chelten diese Lippen. Ich folgte seinem Blick und sah, wie kein anderer als Lykon �ber den Platz in unsere Richtung lief, den Kopf gesenkt, die H�nde in die H�ften gestemmt. Als Lykon aufsah, war es mir, als h�tte er Kritias und mich gleichzeitig erkannt. Seine Hand hob sich zum Gru� an uns beide, aber er lief auf mich zu, w�hrend Kritias ihm langsam den R�cken zukehrte und wieder in das Gerichtsgeb�ude ging.</p><p>�Hallo Niko, ich habe dich gesucht�, begr��te mich Lykon und k�sste mich auf die Wange.</p><p>�So ging es mir in den letzten Tagen mit dir�, sagte ich. �Wo bist du gewesen?�</p><p>�Zu Hause, Niko. Ich war ein wenig krank�, antwortete er.</p><p>�Krank? Wie das?�</p><p>�Ich hatte Fieber. Nichts Ernstes. Jetzt geht es mir wieder gut.�</p><p>�Deswegen warst du so m�de, als wir uns das letzte Mal gesehen haben�, mutma�te ich.</p><p>�Ja, ich f�hlte mich nicht wohl�, sagte er mit einem eigent�mlichen Klang in seiner Stimme.</p><p>Ich legte meinen Arm um Lykons Schultern und ging mit ihm �ber den Platz in Richtung Akropolis.</p><p>�Woher wusstest du, wo ich bin?�, fragte ich ihn.</p><p>�Ich wusste es nicht�, antwortete er ein wenig stockend. �Ich habe dich in der Kaserne gesucht. Du warst nicht dort, und ich dachte, heute ist der dritte Tag. Du musst wieder im Strategion sein.�</p><p>Wir gingen mit ruhigen Schritten weiter �ber den verlassenen Platz. Die Athener hatten sich zum Mittagsmahl in ihre H�user begeben. Hinter uns folgten die Richter Kritias' Beispiel und gingen in das Geb�ude zur�ck. Der Lehmboden zu unseren F��en gl�hte, die Luft flirrte. Das war nicht die Tageszeit f�r Spazierg�nge in der Sonne. Schon bemerkte ich, wie mir die Hitze den Atem nahm.</p><p>Zwischen Areopag und Akropolis stand ein winziges Kiefernw�ldchen, das ein wenig Schatten versprach. Dorthin lenkte ich unseren Weg. Ich wollte mit Lykon sprechen und ben�tigte Ruhe und Schatten.</p><p>�Du hast Kritias gegr��t�, bemerkte ich, nachdem wir uns im Schutz der B�ume niedergelassen hatten.</p><p>�Ja�, sagte Lykon.</p><p>�Ich hatte neulich schon bei Perianders Elternhaus den Eindruck, du w�rdest ihn kennen. Habe ich recht, kennst du ihn?�, wollte ich wissen.</p><p>�Aber nein, Niko, woher denn?�, antwortete er unwillig. �Was hast du nur immer mit diesem Kritias? Du benimmst dich schon wie dein eifers�chtiges Weib, �ber das du dich sonst immer beschwerst.�</p><p>�Ich bin nicht eifers�chtig�, antwortete ich und bem�hte mich, freundlich zu sein. �Ich habe dir noch nie vorgeschrieben, mit wem du dich abgeben sollst und mit wem nicht. Aber Kritias ist gef�hrlich ...�</p><p>Lykon hielt sein Gesicht von mir abgewandt. Seine Z�ge waren trotzig und verschlossen. Er h�rte mir nicht zu. Auch das geh�rte wohl zu dem Alter, in dem er sich gerade befand: zu jener Schwelle zwischen dem Knaben- und dem Mannsein, auf der man sich an einem Tag schon erwachsen und am n�chsten Tag wieder kindlich w�hnt und dabei vor allem immer t�richt ist. Ich betrachtete sein Gesicht. Blauschwarze Locken, hell und gro�porig die Haut, dunkle, gro�e, von dichten Wimpern eingerahmte Augen, hohe Wangenknochen, die zu einer kleinen Nase wiesen. H�bsch war er, ohne Zweifel, wahrscheinlich zu h�bsch. Es fiel ihm zu leicht, die Herzen f�r sich einzunehmen, deswegen waren sie ihm am Ende zu wenig wert.</p><p>Wir sa�en und schwiegen und waren uns fremd. Da ert�nte nicht weit von unserem Platz mit einem Mal zarte Musik, eine Fl�te und eine Leier stimmten eine schlichte Melodie an. Wie wir hatten die unbekannten Musiker Schutz vor der Mittagsglut im Schatten der Kiefern gesucht, und nun spielten sie den B�umen zum Dank auf.</p><p>�Ich habe dich lange nicht mehr auf der Fl�te spielen h�ren�, stellte ich fest. Lykon war ein sehr begabter Fl�tenspieler. Das Instrument Pans war ihm wie eine zweite Stimme, w�hrend es mir kaum je gelungen war, auch nur einen reinen Ton aus ihm herauszubringen.</p><p>�Ich fasse die Fl�te nicht mehr so oft an�, entgegnete er. �Das ist f�r Kinder.�</p><p>�Du hast gut gespielt. Es w�re schade, wenn du es aufgeben w�rdest.�</p><p>Lykon zuckte mit den Schultern.</p><p>�Wei�t du, dass ich Sokrates kennengelernt habe?�, fragte ich ihn, um das Thema zu wechseln.</p><p>�Den alten Spinner?�, fragte Lykon trotzig.</p><p>�Das ist ganz und gar kein alter Spinner�, antwortete ich. �Er ist ein bemerkenswerter Mensch. Du solltest ihn einmal treffen.�</p><p>�Mein Vater hat mir geraten, mich von ihm fernzuhalten. Er sagt, er verderbe die Jugend und werde ein schlechtes Ende nehmen�, antwortete Lykon.</p><p>�Du wei�t, ich m�chte nicht, dass du etwas gegen den Willen deines Vaters tust, aber ich denke, Sokrates ist wirklich ein besonderer Mann. Wenn du ihn treffen m�chtest, k�nnte ich mit deinem Vater reden.�</p><p>Lykon sch�ttelte den Kopf und sah in die Richtung, aus der die Musik kam. Ich konnte ihn nicht erreichen. Um uns zu vers�hnen, setzte ich mich n�her zu ihm hin und streichelte ihm zart �ber Schl�fe und Wange, aber sein Gesicht blieb genauso abweisend wie bisher. In einem letzten Versuch, ihn zu gewinnen, k�sste ich ihn auf die Stirn. Er blieb kalt, kaum sah er mir ehrlich und gerade ins Gesicht.</p><p>�Wenn du gar nicht bei mir sein m�chtest, wieso hast du mich dann gesucht?�, fragte ich ihn, nachdem mir klar war, dass ich ihn heute nicht mehr f�r mich w�rde einnehmen k�nnen.</p><p>�Ich wei� es nicht�, antwortete er. �Es liegt nicht an dir.�</p><p>�Was willst du noch von mir?�, fragte ich, und es fiel mir weder schwer, diese Frage zu stellen, noch w�rde es mir schwerfallen, die Antwort zu ertragen. Der Bruch zwischen uns lag unangek�ndigt, aber klar zutage, man musste ihn nur noch beim Namen nennen. Aber das wagte Lykon nicht; er log, er wisse es nicht, und seine Stimme klang hohl dabei.</p><p>Ich setzte mich ein St�ck von ihm weg. Die unbekannten Musiker stimmten eine neue Melodie an, ein bekanntes Trink-und Liebeslied, halb Athen sang es. Lykon blieb weiter mit dem R�cken an seinen Baumstamm gelehnt. Er hielt die Augen geschlossen. Ich f�hlte mich v�llig unbeteiligt.</p><p>Nachdem das Lied zu Ende war, stand ich auf und schlug den Staub von meinen Kleidern.</p><p>�Leb wohl, Lykon�, sagte ich zum Abschied, �ich m�chte dich nicht mehr wiedersehen.� Ich betrachtete ihn gelassen. Er nickte. Eine einsame Tr�ne fand den Weg durch seine Lider, aber ich war sicher, es w�rde die einzige bleiben, die er meinetwegen vergoss. Vielleicht weinte er sogar diese eine nur um sich selbst.</p><p>Ich ging zur�ck in Richtung Kaserne. Mit jedem Schritt, mit dem ich mich von Lykon entfernte, f�hlte ich mich wohler, freier, gl�cklicher. Viel zu viel Zeit hatte ich mit dieser h�bschen L�ge verbracht, viel zu viel Zeit.</p><p>Ich begann fr�hlich zu pfeifen. Es war das Liebes- und Trinklied, das ich gerade erst in dem W�ldchen geh�rt hatte. Mir war leicht ums Herz. Der Boden schien weniger hei�, die Sonne weniger dr�ckend als zuvor. Ein strahlender Himmel stand �ber der Stadt, leuchtend wie das Meer der �g�is. Ein paar Kraniche kreisten �ber den D�chern. Der Ostwind fand von den Gebirgen seinen Weg durch die Gassen und begleitete mich. Menschen, denen ich begegnete, lachten mir zu. Ganz Athen war mit mir einig. Ich war schon eine Weile gegangen, als ich mich umdrehte und zur Akropolis hinaufsah. Da stand sie, die k�hle Gebieterin dieser Stadt: Auch die G�ttin der Vernunft schien sich dar�ber zu freuen, dass ich endlich Vernunft angenommen hatte. Belohnte sie mich durch das, was gleich kam?</p><p>Ich war kaum im Hauptgeb�ude der Kaserne angelangt, als mir Myson wieder aufgeregt entgegenst�rmte. Es war ungeheuer, mit welcher Kraft er sich in diese Untersuchung st�rzte. Ob ich denn schon wisse ..., wollte er mich fragen, und ja, sagte ich, ja, ich h�tte Lykon getroffen. Myson schien nicht zu verstehen. Nein, es gehe nicht um Lykon. Etwas anderes, viel Wichtigeres war zu berichten: Der Ring war gefunden.</p><p>Von der Schreibstube nur einen Flur entfernt, befand sich im Hauptgeb�ude der Kaserne eine kleine Zelle, ein kahler Raum mit einer festen Eichent�re, hartem Lehmboden und einem vergitterten Fenster. In dem Raum gab es nur einen Schemel und ein wenig Stroh in einer Ecke, das nie allzu frisch war. Wir benutzten die Zelle manchmal, um einen Trunkenbold ausschlafen zu lassen oder einem Streithammel das M�tchen zu k�hlen. Im Scherz nannten wir sie unser Schlafzimmer. Jetzt wartete dort aber weder ein S�ufer noch ein Raufbold auf uns, sondern ein ganz anderes Kaliber. Gekr�mmt sa� er auf dem Schemel, der unter den Fettsch�rzen seines Hinterns fast verschwand. Das dicke Gesicht hatte er in Falten gelegt und die wulstigen Lippen trotzig gespitzt, ein fetter, ja unf�rmiger Klo� von einem Menschen, ebenso breit wie hoch, dessen Frisur, Kleidung und Schmuck jedoch einen eigent�mlichen Kontrast zu seiner plumpen Erscheinung bildeten. Die Haare waren lang, sorgf�ltig gek�mmt und mit aromatischen �len behandelt, feine Goldf�den hatte er in seinen Bart geflochten. Seine Kleidung war aus rotschimmernder Seide, dem Stoff, von dem ich bis vor drei Tagen noch nicht einmal gewusst hatte, dass es ihn gab, und an jedem Finger seiner wei�en Hand trug er einen zierlichen Ring. Und einen dieser Ringe, ich entdeckte ihn sofort, schm�ckte eine in einen Lorbeerkranz gefasste schwarze Perle.</p><p>Hermogenes war der Name dieses Mannes. Ich kannte ihn durch meinen Schwiegervater. Er war ein reicher Juwelier, ein Gold- und Silberschmied, galt aber selbst in dieser ohnehin nicht allzu ehrlichen Zunft als ausgemachter Betr�ger. Kein Gewicht in seinem Laden stimmte, keine Goldlegierung in seinem Gesch�ft blieb rein.</p><p>Als Hermogenes mich sah, sprang er auf, soweit dies mit seinem K�rper �berhaupt m�glich war, und umarmte mich theatralisch.</p><p>�Nikomachos�, sagte er schwitzend und atemlos, �Athene sei dank, du bist da. Stell dir vor, sie haben mich mitgenommen. Sie haben mich verhaftet! Mich, Hermogenes, den ehrlichsten Juwelier der Stadt! Du kennst mich, dein Schwiegervater kennt mich. Er wird f�r mich b�rgen ...� Seine Stimme �berschlug sich beinahe. Ich unterbrach ihn grob.</p><p>�Zeig mir den Ring�, befahl ich. Er erbleichte augenblicklich, und das devote L�cheln wich ihm aus dem Gesicht. Er wusste nicht, was er tun sollte, wohl aber, dass er in Gefahr war.</p><p>�Zeig mir den Ring�, wiederholte ich. �Es ist besser f�r dich, glaube mir, viel besser.�</p><p>Widerwillig hob er seinen fleischigen Arm und streckte mir die rechte Hand entgegen.</p><p>�Haben wir noch die Kopie?�, fragte ich Myson, der ruhig neben mir stand. Er nickte, zog das Duplikat aus einem Beutel, den er am G�rtel trug, und reichte es mir her�ber. Ich hielt die Ringe nebeneinander. Obwohl Raios f�r das Duplikat Bronze und einen schwarzen Kiesel verwendet hatte, war die �hnlichkeit verbl�ffend.</p><p>�Zieh ihn aus und gibt ihn mir�, wies ich Hermogenes an, worauf dieser sich von neuem emp�rte und w�tend schnaubte.</p><p>�Das h�tte ich von Raios' Schwiegersohn nicht gedacht ...�, stammelte er. Ich hie� ihn zu schweigen, und er hielt verschreckt den Mund.</p><p>Er gab mir den Ring, nachdem er ihn mit einiger M�he und noch mehr Spucke von seinem kleinen Finger gezogen hatte. Ans Fenster tretend betrachtete ich die Innenseite. Dort - im Verh�ltnis zur Perle leicht versetzt - fand ich ein kleines p.</p><p>�Woher hast du den Ring?�, fragte ich Hermogenes.</p><p>�Wie ich deinen Leuten schon sagte�, antwortete er beleidigt und fuchtelte mit den Armen wie eine attische Windm�hle, �ich habe ihn ehrlich erworben. Schon vor zwei Monaten. Er stammt von einem H�ndler aus Syrakus. Lysippos hei�t er. Wir sind gute Freunde. Er kommt einmal im Jahr nach Athen mit bester Ware. Ich schw�re es bei Zeus, beim Leben meiner Mutter!� Hermogenes sah mich mit aufgerissenen Augen an, um sich der Wirkung seiner Beteuerungen zu vergewissern. Als er erkannte, dass ich unbeeindruckt blieb, machte er Anstalten, vor mir auf die Knie zu gehen. Beinahe verlor er das Gleichgewicht. Ich musste ihn an den H�nden packen, damit er nicht wie ein angeschlagenes Kalb auf den R�cken fiel.</p><p>�Schw�r lieber nicht�, riet ich ihm, nachdem er wieder sicher auf den F��en stand, �und setz dich wieder hin! Du bist in gr��ter Gefahr, in Lebensgefahr.�</p><p>Hermogenes riss Mund und Augen noch weiter auf, aber er gehorchte. Schwei�perlen traten ihm auf die Stirn und rannen seine Backen herunter. Die zarte Seide seines Gewandes hatte gro�e feuchte Flecken und klebte an seinem fleischigen K�rper. Er roch nach Angst.</p><p>�Warum sollte ich in Gefahr sein?�, fragte er.</p><p>�Sieh mal, Hermogenes, hier, dieses p, das kennst du. Du kannst doch lesen? Es ist ein Rho, Raios' Handwerkerzeichen. Er pr�gt damit jedes Schmuckst�ck, das aus seiner Werkstatt kommt. Der Ring ist also nicht aus Syrakus. Und erz�hl mir nicht, der Ring w�re von Raios' Werkstatt aus nach Sizilien und dann wieder zur�ck gelangt. Wir wissen, wem er geh�rte.�</p><p>Hermogenes schnappte nach Luft wie ein Fisch, aber er blieb still. Unter der fleischigen Maske seines Gesichts waren die Muskeln zum Bersten gespannt.</p><p>�Woher hast du den Ring?�, fragte ich ihn, aber er antwortete nicht.</p><p>�Also gut�, sagte ich, �ich werde dir ein wenig helfen. Dieser Ring steckte vor drei Tagen noch am Finger eines jungen Aristokraten. Du kennst ihn sicher: Er hie� Periander. Er hat bei der letzten Olympiade den Stadionlauf gewonnen ...�</p><p>Hermogenes nickte. Auch er kannte ihn, Athen liebte seine Helden.</p><p>�... die Sache ist nur�, fuhr ich fort, �Periander ist tot. Er wurde umgebracht. Und wenn seine einflussreichen aristokratischen Freunde nun h�ren, dass du seinen Ring tr�gst, k�nnten einige von ihnen meinen, du h�ttest etwas mit dem Mord zu schaffen. Verstehst du, was ich meine?�</p><p>Hermogenes nickte langsam, als br�uchte sein Kopf erst etwas Zeit, um zu verstehen, was ich gerade gesagt hatte. Myson neben mir lehnte sich an die Wand und beobachtete Hermo-genes gespannt. Ein leises L�cheln stand in seinem mageren Gesicht, fein wie eine Spinnwebe.</p><p>�Wer k�nnte so etwas von mir denken?�, fragte Hermogenes mit d�nner Stimme.</p><p>�Ja, wer zum Beispiel?�, reichte ich die Frage wie eine Frucht an Myson weiter.</p><p>�Jemand wie Kritias zum Beispiel?�, antwortete mir der Me-t�ke in gespielter Unschuld.</p><p>�Ja, richtig, jemand wie Kritias zum Beispiel�, sagte ich im gleichen beil�ufigen Ton.</p><p>�Kritias�, echote Hermogenes und befeuchtete sich die Lippen. �H�r zu, Nikomachos, du musst mir glauben. Ich habe nichts mit Perianders Tod zu tun. Nichts, gar nichts.� Das war ein anderes Gesicht, das er mir nun in der Angst zuwandte, ein ehrliches.</p><p>�Ich glaube dir�, sagte ich, �das Problem ist nur, wenn diese einflussreichen Freunde Perianders auch nur meinen, du k�nntest den M�rder kennen oder decken, dann ist es ganz egal, was ich glaube oder was du mit Perianders Tod zu tun hast und was nicht. Dann werden sie dich einfach umbringen lassen, ganz schnell und einfach so.� Ich schnippte mit dem Finger. Hermo-genes verstand vollkommen und nickte, wieder in dieser langsamen und etwas d�mmlichen Art.</p><p>�Woher hast du den Ring?� Es war Myson, der jetzt fragte.</p><p>Hermogenes dachte keinen Augenblick mehr nach. �Der Kerl hei�t Lysippos�, sprudelte es aus ihm heraus, �er hei�t wirklich so. Er ist ein kleiner Dieb und S�ufer. Vorgestern kam er zu mir in den Laden und hat mir den Ring gezeigt. Er sagte, er h�tte ihn beim W�rfeln gewonnen. Der Ring gefiel mir gut, zu gut. Ich habe Lysippos f�nf Drachmen geboten. Zuerst hat er mich beschimpft, aber dann hat er das Geld genommen und mir den Ring gelassen. Ich habe ihn an meinen kleinen Finger gezogen und meinte, ich w�re ein Gl�ckspilz. Den Rest wisst ihr: Heute sind zwei deiner Bogensch�tzen in den Laden gekommen und haben sich nach einem goldenen Ring mit einer schwarzen Perle erkundigt. Ich war hinten im Lager und habe sie von dort aus geh�rt. Ich wollte den Ring ausziehen und verschwinden lassen, aber meine Hand war von der Hitze angeschwollen, und deswegen habe ich das Ding nicht vom Finger bekommen. Da stehen die Toxotai auch schon vor mir, lachen mich aus und f�hren mich ab. Stell dir vor: Sie f�hren mich einfach ab, vor meiner Familie, vor meinen Sklaven und meinen Nachbarn ... Und lachen und lachen �ber mich. Diese Barbaren!�</p><p>Myson nickte mir zu. So hatte sich die Verhaftung zugetragen. Hermogenes hatte nur vergessen zu erw�hnen, wie er sich noch mit seinem fetten Leib unter einer Werkbank zu verstecken versucht und sich dabei selbst so eingeklemmt und verkeilt hatte, dass man ihn zum allgemeinen Gel�chter beinahe nicht mehr hatte hervorholen k�nnen. Vier Mann waren n�tig, um ihn aus seiner Not zu befreien und an den wei�en Beinen aus der Enge zu ziehen. Aber dieses s��e Detail erfuhr ich sp�ter, zun�chst von Myson und dann in den n�chsten Tagen in immer neuen und schillernderen Varianten von meinen M�nnern, die sich dabei kr�mmten vor Lachen.</p><p>�Wo wohnt dieser Lysippos?�, fragte ich Hermogenes, der nach dem Redeschwall v�llig ersch�pft schien.</p><p>�Ich wei� es nicht,� antwortete er keuchend. �Er hat eine erwachsene Tochter, aber er lebt nicht bei ihr, sondern treibt sich in den Tavernen herum und schl�ft mal hier und mal da.�</p><p>�Wie k�nnen wir ihn dann finden? Athen ist gro߻, meinte Myson.</p><p>�Aber das ist ganz einfach�, entgegnete Hermogenes, so als h�tte er uns das, was er nun sagen wollte, schon tausendmal erkl�rt. �Lysippos fehlt der linke Unterschenkel. Er ist kriegsversehrt!�</p></section><section><title><p id="bookmark8">K</p></title><p>im Gegensatz zu den anderen hellenischen St�dten k�mmert sich Athen um Invaliden und Behinderte. K�nnen sie nicht selbst f�r sich sorgen, so bekommen sie eine Rente von zwei Obolen am Tag, und dies ist nur recht und billig, denn die Kriegsversehrten gaben ihre Glieder zum Schutz der Stadt, und die von Geburt an Behinderten wurden uns von den G�ttern anvertraut, um uns zu pr�fen. Athener Eltern m�ssen ihre kranken Kinder auch nicht aussetzen wie die Spartaner. Niemand h�tte Aspasia und mich dazu gebracht, dergleichen mit unseren S�hnen zu tun, w�ren sie auch krumm geboren. Die Auszahlung der Rente erfolgt einmal in der Woche im Rathaus gleich in der N�he von Simons Werkstatt durch den Logistes, einen hierf�r gew�hlten B�rger. Ihn, ein kleines, schmales M�nnlein mit d�nnem Haar und schiefen Z�hnen, weihten wir ein. Am Zahltag mussten sich meine Bogensch�tzen nur auf die Lauer legen und warten, wie die Versehrten Mann f�r Mann vor den Logistes traten, ihren Namen nannten und das Kupfer in Empfang nahmen, das sie f�r die n�chste Woche brauchten. Nur zwei Tage, nachdem uns Hermogenes ins Netz gegangen war und Lysippos verraten hatte, war es so weit.</p><p>Lysippos war einer der Letzten in der Reihe. Er hinkte auf seinem Holzbein zum Zahltisch und stellte sich vor. Der Lo-gistes pr�fte, ob der Name in der Liste stand, und reichte Lysippos den Beutel mit den M�nzen, lie� ihn dabei aber wie aus Unachtsamkeit fallen. Das war das Zeichen. Kaum b�ckte sich Lysippos nach dem Geld, standen schon sechs M�nner um ihn herum und nahmen ihn fest. Lysippos wehrte sich verzweifelt. Er schrie, spuckte, kratzte und heulte auf wie ein Tier - es gab einen richtigen Auflauf vor dem Rathaus, weil jeder wissen wollte, was denn dort vor sich ging -, aber es nutzte ihm nichts. Gefesselt und geknebelt trugen sie ihn in die Kaserne und sperrten ihn in die kleine Zelle. Dann schickten sie einen jungen Bogensch�tzen zu mir, der stolz meldete: �Er ist im Schlafzimmer!�</p><p>Lysippos war ein armer Teufel: ein abgemagerter S�ufer mit hohlen Wangen, heimt�ckischem Blick, fast zahnlosem Maul und fleckiger Haut, dabei aber hart und verschlagen. Er stank nach billigem Wein, Urin und Schwei�. Was er am Leib trug, erinnerte mehr an einen Lumpen denn an ein Gewand. Bibbernd und wie ein H�ufchen Elend sa� er auf dem Schemel und wartete.</p><p>�Du also bist Lysippos�, sagte ich, als ich zusammen mit Myson in die Zelle trat. Er war l�ngst eine unentbehrliche Hilfe f�r mich geworden.</p><p>Lysippos antwortete nicht. B�se betrachtete er mich aus funkelnden Augen und verzog keine Miene. Seine H�nde waren zu F�usten geballt.</p><p>�Woher hast du das?�, fragte ich ihn und zeigte auf seinen Beinstumpf, �Spartaner? Schwert oder Speer?�</p><p>�Was verstehst du schon davon?�, bellte er mich an.</p><p>�Ich war Hoplit. Ein wenig verstehe ich durchaus�, entgeg-nete ich in der Hoffnung, Lysippos' Vertrauen zu gewinnen.</p><p>�Eben�, erwiderte er feindlich. �Hoplit, Schwerbewaffneter - reicher Bengel. Was verstehst du schon davon?�</p><p>Er wandte sich ab und spuckte ver�chtlich auf den Boden. Ich wollte ihn ohrfeigen, und eine Ohrfeige h�tte er auch verdient.</p><p>Aber Myson reagierte sofort und fiel mir in den Arm. Er wusste, Lysippos w�rde uns kaum noch etwas sagen, wenn ich ihn geschlagen h�tte. Er sah mich fragend an. Ich nickte, um ihm zu zeigen, dass ich mich beruhigt hatte.</p><p>�Du warst also Leichtbewaffneter?� Myson �bernahm die Unterhaltung und l�chelte Lysippos mit seinen d�nnen Lippen an. Ich hatte gar nicht gewusst, was f�r einen freundlichen Ausdruck sein Gesicht annehmen konnte, wenn es nicht gerade auf ein Papyrus gerichtet war. �Die Leichtbewaffneten werden f�r den Ausgang der Schlachten immer wichtiger, vor allem in unwegsamem Gel�nde, nicht?�</p><p>Lysippos nickte, immer noch misstrauisch, aber die Spannung in seinem Gesicht wich doch ein wenig.</p><p>�... manche Schlachten entscheiden sie sogar ganz�, fuhr Myson fort, als w�sste er schon, was da kommen w�rde. Lysip-pos nickte wieder.</p><p>�Und warst du bei so einer Schlacht, die von den Leichtbewaffneten entschieden wurde, w�hrend die Hopliten in Sicherheit waren?� Lysippos sah Myson interessiert an.</p><p>�Wei� ich denn wenigstens, wovon ich rede?�, fragte der Met�ke. Lysippos nickte zum dritten Mal, und damit wich die Spannung vollst�ndig aus seinen Z�gen. War sein Gesicht gerade noch hart und abweisend, bekam es nun etwas Trauriges und Schwerm�tiges - einen Ausdruck, wie man ihn bei Trinkern oft sieht, wenn sie nach einem halben Krug Wein von ihrem traurigen Leben oder ihren Familien zu erz�hlen beginnen.</p><p>�Was war das f�r eine Schlacht?�, fragte Myson.</p><p>�Was verstehst du davon?�, antwortete Lysippos, aber das klang l�ngst nicht so ver�chtlich, wie er gerade noch mit mir gesprochen hatte. Im Gegenteil, es klang ... teilnehmend.</p><p>�Oh, ich war Leichtbewaffneter wie du�, antwortete Myson. Er schien mit einem Freund zu sprechen. �Nat�rlich als ich noch jung und gesund genug war, um zu k�mpfen. Athen ruft auch seine Ausl�nder zu den Waffen. Wir k�mpfen f�r Athen, aber das B�rgerrecht verleiht die Stadt uns trotzdem nicht.� Myson verstummte, und einen Moment nahm sein reifes Gesicht beinahe den gleichen wehm�tigen Ausdruck an wie das des Lysippos. Besch�mt musste ich mir eingestehen, nie dar�ber nachgedacht zu haben, ob Myson im Krieg gewesen sein k�nnte oder ob er darunter litt, kein Vollb�rger zu sein.</p><p>�Pylos�, sagte Lysippos in die Stille. �Ich war in Pylos.�</p><p>Myson schwieg verst�ndnisvoll und tippte ihm auf die Schulter.</p><p>Ich betrachtete Lysippos genau. Log er oder sagte er die Wahrheit? Pylos stand f�r einen der gr��ten Siege Athens und Niederlagen Spartas. Dort waren im siebten Kriegsjahr einige hundert spartanische Hopliten von Athener Leichtbewaffneten eingekreist und niedergeworfen worden: von den Leichtbewaffneten, also den Armen, die sich keine Hoplitenr�stung leisten konnten und nur mir Pfeil und Bogen, einem Kn�ppel oder einer Axt k�mpften oder manchmal auch nur mit den Steinen, die sie zu ihren F��en fanden. -</p><p>Nachdem mehr als ein Viertel der Spartaner gefallen war, haben sich die restlichen Soldaten ergeben. Man wollte es auf der Athener Agora gar nicht glauben, als die Nachricht ihren Weg in die Heimat fand. Besiegt von Leichtbewaffneten, von Hungerleidern? Spartanische Soldaten? Niemals! Das war unerh�rt.</p><p>Die Athener sind an sich ein eitles und leichtgl�ubiges Volk, aber dass sich ein spartanischer Hoplit einem leichtbewaffneten Athener ergeben k�nnte ... das war denn doch zu viel. Hatten nicht eine Handvoll Spartaner unter ihrem K�nig Leonidas das gesamte persische Heer am Thermophylen-Pass aufgehalten? Und die gleichen Spartaner sollten sich unseren Kleinb�rgern, Tagel�hnern und Met�ken ergeben haben? Ein Scherz!</p><p>Aber niemand scherzte. So war es geschehen.</p><p>�Schwert oder Speer?�, wiederholte Myson meine Frage und zeigte auf Lysippos Stumpf.</p><p>�Speer�, gab er zur Antwort, �und wenn ihr es genau wissen wollt: Es war Epitadas' Speer - bevor ich ihm mit meiner Axt den Sch�del gespalten habe. Aber das glaubt ihr mir doch nicht. Niemand glaubt mir das.� Lysippos wandte sich ab. Ein pl�tzliches Zittern ergriff seinen K�rper.</p><p>�Ich glaube dir�, sagte Myson und l�chelte Lysippos respektvoll, fast untert�nig an. Ich konnte kaum fassen, wie Myson diesen S�ufer behandelte. Ich glaubte Lysippos kein Wort. Vor uns sa� gewiss kein Mann, der einen spartanischen General erschlagen hatte.</p><p>�Kennst du einen Juwelier namens Hermogenes?�, fragte Myson, der mit einem Mal das Thema wechselte.</p><p>�Nein, nicht dass ich w�sste�, log Lysippos, dessen K�rper wieder eine gespannte Haltung annahm.</p><p>�Das ist merkw�rdig�, sprach Myson weiter, �er kennt dich n�mlich gut. Und er hat uns eine �ble Geschichte �ber dich erz�hlt. �ber dich und einen Ring.�</p><p>�Er l�gt!�, rief Lysippos - zu schnell, viel zu schnell, wie er selbst erkannte. Der Schreck blitzte kurz in seinem Gesicht auf, doch augenblicklich beherrschte er sich, und seine Z�ge nahmen wieder den Ausdruck des unverstandenen S�ufers an.</p><p>�Langsam�, sagte Myson beruhigend und ganz Lysippos' Freund, �langsam. Wir machen es so, wie ihr euch damals an die Spartaner angeschlichen habt, langsam und vorsichtig. Hat euch nicht ein Mann aus Messenien in den R�cken der Feinde gef�hrt? So machen wir es auch. Wir gehen ruhig und behutsam vor, wie dieser Messenier. Ich glaube Hermogenes auch nicht. Aber h�r dir erst an, was er sagt: Hermogenes hatte einen Ring, einen ganz besonders sch�nen Ring: diesen hier!� Mit diesen Worten zog Myson die Kopie des Ringes aus dem �rmel und hielt sie dem Strauchdieb unter die Nase.</p><p>Es ist schwer zu beschreiben, was in Lysippos' Gesicht in diesem Moment vorging. Zun�chst und f�r den Bruchteil eines Augenblicks erhellte sich seine Miene. Er erkannte den Schmuck. Ge�bter L�gner, der er war, gab er sich jedoch gleich wieder den Anschein der Teilnahmslosigkeit, was ihm aber nicht ganz gl�ckte und nicht gl�cken konnte, bemerkte er doch im gleichen Moment, dass Myson ihm hier keinesfalls einen goldenen Ring mit schwarzer Perle, sondern eben nur ein h�bsches Duplikat aus Bronze mit einem schwarzen Steinchen pr�sentierte. Was f�r eine Teufelei ist das?, sah man ihn sich stumm fragen. Hat Hermogenes mich denn nun schon wieder betrogen?</p><p>�Kennst du diesen Ring?�, fragte Myson und legte dem S�ufer die Hand auf die Schulter.</p><p>Lysippos sch�ttelte nur den Kopf.</p><p>�Hermogenes hat dich n�mlich angezeigt. Du sollst ihn betrogen haben, und er will dich verklagen. Er sagt, du w�rst vorgestern Abend, als es schon dunkel war, in seinen Laden gekommen und h�ttest ihm diesen Ring verkauft. Du h�ttest gesagt, er w�re echt, obwohl er nur aus Bronze ist. Dieser Vorwurf wiegt schwer, sehr schwer! Das wei�t du genau.�</p><p>�Er l�gt!�, br�llte Lysippos zutiefst emp�rt. �Ich soll ihn betrogen haben? Er hat mich betrogen! Das ist nicht der Ring, den ich ihm verkauft habe. Der war aus echtem Gold mit einer echten Perle. Und was hat er mir daf�r gegeben? F�nf Drachmen! Er ist der Be...� Erschrocken hielt er inne und erbleichte, w�hrend gleichzeitig das unterw�rfige L�cheln von Mysons Lippen wich und er den Ausdruck des alten, schlauen Habichts annahm, der er war.</p><p>�Du Sohn einer l�ufigen H�ndin!�, schrie Lysippos, und mit einer Kraft und Schnelligkeit, die ich diesem ausgemergelten K�rper nicht zugetraut h�tte, ging er meinem Schreiber an die Gurgel. Myson fiel gegen die Wand und stemmte Lysippos abwehrend die Arme entgegen. Ich sprang dazu, packte den Teufel von hinten und versuchte ihn von Myson wegzuziehen, aber der Kerl war z�h und b�se wie ein Bluthund. Er lie� erst von der Kehle des armen Met�ken, als ich ihm mit meiner ganzen Kraft den Hocker auf dem Sch�del zerschlug. Das Holz splitterte in meinen H�nden. Lysippos glitt an Mysons K�rper entlang zu Boden und blieb liegen.</p><p>�Das war knapp�, r�chelte Myson, nachdem er Lysippos' ohnm�chtigen K�rper mit den Beinen weggesto�en hatte, und totenbleich und hustend hielt er sich die H�nde vor die Kehle, die ihm dieser alte S�ufer beinahe eingedr�ckt h�tte.</p><p>Ich brachte Myson aus der Zelle, verriegelte die Eichent�r und bat einen Unteroffizier, der den L�rm geh�rt hatte und zu uns geeilt war, nach Lysippos zu sehen. Dann f�hrte ich den Verletzten in die Kanzlei, wo er sich auf eine Bank setzen und ich ihm einen Krug Wasser bringen konnte. Er trank hastig, fast verzweifelt. In seinem Habichtgesicht stand die Angst; seine Haut war bleich und aschfahl.</p><p>�Geht es wieder?�, fragte ich ihn, als er den Krug fast v�llig geleert hatte. Sein Chiton klebte ihm am ganzen K�rper.</p><p>�Geht�, antwortete er, �geht.�</p><p>Ich riet ihm, nach Hause zu gehen, wo er sich waschen und ausruhen konnte, und bot ihm an, ihn zu begleiten. Myson wehrte ein wenig verlegen ab, aber ich bestand darauf, und er war zu schwach, als dass er sich h�tte durchsetzen k�nnen. Ich konnte ihn auch nicht guten Gewissens allein gehen lassen. Kurze Zeit darauf verlie�en wir gemeinsam die Kaserne, von wo aus er unsere Schritte in Richtung Pnyx lenkte.</p><p>�Ich wei� gar nicht, wo du wohnst�, stellte ich fest, w�hrend wir durch die engen Stra�en des Viertels gingen.</p><p>�Nein�, antwortete er, �du hast mich nie gefragt.� Immer noch hielt er sich die H�nde sch�tzend vor seinem Hals. Pl�tzlich �berkam ihn ein bellender und heiserer Husten. Ich legte ihm beruhigend die Hand auf den R�cken, aber er entzog sich. Er war zu stolz, um sich von mir helfen zu lassen.</p><p>�Soll ich einen Arzt rufen?�, fragte ich meinen alten Schreiber, nachdem er sich auf den Boden gesetzt hatte und der Husten allm�hlich nachlie�.</p><p>�Nein, lass nur�, antwortete er.</p><p>Als er nach einer ganzen Weile wieder auf die Beine gekommen war, gingen wir schweigend weiter. Unser Weg f�hrte uns um den H�gel Pnyx herum, vorbei an der Kleons-Mauer bis zu einem �rmlichen Viertel am Stadtrand, das ich sonst nie betrat. Niedrige und schmutzige Lehmziegelh�user standen eng beieinander, keinen Kalk und keinen Tropfen Farbe an den Mauern. Die Gassen waren voller Unrat, der in der Hitze faulte. Es stank. Eine Schar Kinder trieb einen altersschwachen Hund vor sich her.</p><p>�Wieso wird der M�ll hier nicht wegger�umt?�, fragte ich emp�rt. �Jahr f�r Jahr w�hlen wir einen B�rger, der f�r die Sauberkeit verantwortlich ist und gut bezahlt wird. Warum l�sst er dieses Viertel so verkommen?�</p><p>�Willst du wirklich eine Antwort?�, fragte Myson.</p><p>�Sicher�, entgegnete ich.</p><p>�Weil hier nur Met�ken leben und ein Athener B�rger nie hierher kommt�, erwiderte Myson und blickte zu Boden, als sch�mte er sich. Wie sehr war der alte Schreiber mit einem Male ver�ndert! Wieso sch�mte er sich f�r etwas, wof�r er nichts konnte?</p><p>Ich blieb stehen und sah ihn an. Was wusste ich von ihm? Kaum mehr, als dass seine Eltern aus Pella stammten und er schon als Kind mit ihnen hierher gekommen war. Er war also in Athen aufgewachsen und - wie mir heute klar geworden war - auch f�r Athen in den Krieg gezogen. Aber er musste ein Fremder bleiben, und obwohl er zu den geschicktesten Schreibern geh�rte, die ich kannte, lebte er hier in einem Armenviertel zwischen Schmutz und Unrat.</p><p>�Es tut mir leid, wenn ich dich beleidigt habe, Nikomachos. Verzeih einem alten Mann�, sagte er, als er bemerkte, wie ich ihn anstarrte.</p><p>�Nein, Myson. Ich habe dich um Verzeihung zu bitten. Ich muss gestehen, ich wusste nicht, wie es euch hier geht. �</p><p>Myson brachte mich ein paar Stra�en weiter. Dann, neben der Stadtmauer, nicht weit von der Stelle entfernt, wo die Mauer nach dem alten Hafen Phaleron ihren Ausgang nimmt, blieb er stehen und zeigte auf ein bescheidenes Lehmh�uschen.</p><p>�Wir sind da, Herr. Hier wohne ich.�</p><p>�Hast du eine Frau?�, fragte ich, als er die T�r ge�ffnet hatte und wir eintreten konnten.</p><p>�Nein, nicht mehr�, antwortete er, und er klang betr�bt dabei. �Sie ist vor ein paar Jahren gestorben.�</p><p>�Das tut mir leid.�</p><p>Myson zuckte die Schultern. �Wir haben uns eigentlich immer gestritten�, sagte er, �aber jetzt fehlt sie mir doch.�</p><p>Die Haust�r f�hrte unmittelbar in einen Wohnraum, der bescheiden m�bliert, aber peinlich sauber war. In der Mitte stand ein einfacher Tisch. Wie in der Kanzlei lagen zwei offene Buchrollen und Schreibwerkzeug darauf.</p><p>�Was schreibst du?�, fragte ich Myson und deutete auf die B�cher.</p><p>�Nichts weiter, das ist nur eine kleine Zusatzarbeit. Ich schreibe ins Reine. So verdiene ich mir etwas dazu.�</p><p>�Und woran arbeitest du gerade?�</p><p>�Es ist ein Geschichtsbuch, schau es dir an�, antwortete er, w�hrend er einen Wandschirm aufstellte, um sich an seinem Tonzuber zu waschen.</p><p>Ich nahm die Buchrolle auf und suchte nach dem Titel: <emphasis>Der Pelo-ponnesische Krieg, sechstes Buch, beschrieben von Thukydides.</emphasis></p><p>�Wusstest du deswegen so viel �ber die Schlacht von Pylos?�, rief ich ihm �ber den Wandschirm zu. Ich h�rte, wie er sich wusch.</p><p>�Ich war dabei.� Die Antwort kam erst nach einer ganzen Weile. �Ich war Bogensch�tze.�</p><p>�Wirklich? Dann kanntest du Lysippos?�</p><p>�Ich bin mir nicht ganz sicher�, antwortete Myson, w�hrend er in ein sauberes Tuch geh�llt hinter dem Sichtschutz hervortrat. �Wir sind mit siebzig Schiffen nach Pylos gezogen, und ich war nicht bei der Gruppe, die die Spartaner angriff. Au�erdem ist das jetzt siebzehn Jahre her. Aber ich habe eine dunkle Erinnerung an einen einfachen Soldaten, der damals sein Bein verloren hat und behauptete, er habe den Anf�hrer der Spartaner erschlagen.�</p><p>�Lysippos?�</p><p>�Vielleicht, vielleicht auch ein anderer und Lysippos erz�hlt nur seine Geschichte. Wer wei� das schon?� Myson ging zu einer Truhe, �ffnete sie und zog unter einem ganzen Stapel von Schriftrollen ein frisches Gewand hervor.</p><p>�Man k�nnte meinen, du h�ttest ein Archiv wie Anaxos im Strategion�, sagte ich scherzhaft.</p><p>�Das sind nur Kopien, die ich f�r mich selbst gefertigt habe. Manchmal gef�llt mir ein Buch so gut, dass ich es f�r mich selbst noch einmal abschreibe.�</p><p>�Aber die &#x391;&#x398;&#x397;&#x39D;&#x391;&#x399;&#x3A9;&#x39D; &#x3A1;&#x39F;&#x39B;&#x399;&#x3A4;&#x395;&#x399;&#x391; hast nicht zuf�llig du abgeschrieben und f�r dich kopiert?�, scherzte ich weiter.</p><p>�Das Pamphlet, das in Perianders Rachen gefunden wurde?�, antwortete Myson erschrocken. �Wo denkst du hin, Herr? Ich bin Met�ke. Ich werde doch nicht f�r die arbeiten, die Athen von den Fremden befreien wollen!�</p><p>�Lass nur, mein lieber Myson. Ich wollte nur einen Scherz machen. Verzeih, wenn er mir verungl�ckt ist.�</p><p>Myson l�chelte zaghaft und ging wieder hinter den Wandschirm, wo er sich ankleidete.</p><p>�Ich wollte dich �brigens loben�, rief ich ihm zu, um die Situation wieder zu entspannen. �Wie du Lysippos vernommen hast, indem du ihm erst schmeichelst und dann eine Falle stellst, das war gro�artig.�</p><p>Es kam keine Antwort. Stattdessen h�rte ich, wie etwas taumelte und zu Boden ging und wie der Wandschirm umgeworfen wurde. Es war Myson. Er war gest�rzt. Ich eilte sofort zu ihm und half ihm auf. Er zitterte, sein Gesicht war wieder kalkwei�. Lysippos' Angriff hatte ihm augenscheinlich st�rker zugesetzt, als ich dachte. Ich brachte ihn zu einem Stuhl und hielt ihn an den Armen fest, w�hrend er sich setzte. Er wirkte gealtert. Heute Morgen noch war er ein r�stiger Mann gewesen, grauhaarig zwar, reif, �lter, aber doch nicht �ltlich. Jetzt schien er fast ein Greis, als h�tte ihn Lysippos' Attacke Jahre gekostet, als h�tte sie ihn vom Mannes- ins Greisenalter gesto�en.</p><p>Ich blieb noch eine Weile bei ihm, bis das Blut in sein Gesicht und das Leben in seine Glieder zur�ckgekehrt war. Dann bat er mich zu gehen und ihn allein zu lassen. Ich folgte seinem Wunsch.</p><p>Ich lief schnell zur Kaserne zur�ck. Die Armut und der Schmutz in diesem Viertel bedr�ckten mich. Ich verlie� es, so rasch ich nur konnte.</p><p>Der Unteroffizier, den ich dazu abgestellt hatte, wartete geduldig vor Lysippos' Zelle. Er war jung und stammte aus einer vornehmen Familie. Nicht reich, aber wohlhabend, nicht m�chtig, aber auch nicht ohne Einfluss. Konnte ich ihm und seinesgleichen trauen? War er ein Freund der Demokratie, oder geh�rte er zur anderen Seite? Sein Lederharnisch war aufwendig gearbeitet. An seinem Arm trug er einen breiten, mit Ornamenten verzierten Silberreif. Wem verdankte die Familie dieses Silber? Dem Handel? Dann war sie f�r die Demokratie, musste sie f�r die Demokratie sein. Oder war das Geld �lter und stammte von den vielen sklavenbewirtschafteten Latifundien, die sich �ber ganz Attika erstreckten, so wie der Reichtum Kri-tias' und seiner Freunde? Ich musste vorsichtig sein.</p><p>�Und was macht der tolle Hund in unserem Schlafzimmer?�, fragte ich die Wache und zeigte nach der Eichent�r.</p><p>�Ich habe vorhin nach ihm gesehen�, antwortete mein Unteroffizier. �Er lag flach auf dem Boden, aber er atmet und seine Augen sind offen. Er stinkt wie ein Ochse.�</p><p>Ich ging hinein und fand Lysippos beinahe ebenso vor, wie wir ihn verlassen hatten. Er lag flach auf dem Bauch, inmitten der Holzsplitter, aber er lebte. Er atmete, sein schmaler Brustkorb hob und senkte sich. Die Lumpen, die Kleider darstellen sollten, waren ihm vom Oberk�rper gerutscht. Ich habe nie einen ausgemergelteren Leib gesehen. Ein Hund, ja, ein Hund. Er glich einem verhungerten und b�sen, einem geschlagenen und verschlagenen alten K�ter.</p><p>Seine Augen waren offen. Stumpf blickte er zur Wand. Auch seine Lippen standen auf. Ein schmales Rinnsal tr�ben Speichels tropfte ihm aus dem Mundwinkel. Er scherte sich nicht darum, ebenso wenig wie um die Fliege, die ihm �ber das Gesicht spazierte. Er bemerkte sie nicht einmal.</p><p>Ich hie� den Unteroffizier, einen Krug Wasser und etwas Fladenbrot in die Zelle zu stellen. Lysippos blieb regungslos. Ich wollte gehen und hatte schon die T�r in der Hand, als ich h�rte, wie er etwas murmelte. Ich blieb stehen und drehte mich zu ihm. Er hob kaum den Kopf, aber ich verstand seine Worte klar und deutlich.</p><p>�Ich habe ihn nicht get�tet�, lauteten sie.</p></section><section><title><p id="bookmark9">&#x39B;</p></title><p>als ich nach hause kam, fand ich die ganze Familie im Garten. Vater trug einen breiten Strohhut und arbeitete mit einer Hacke in seinen Gem�sebeeten. Aspasia sa� auf einem Schemel im Schatten des Innendachs. Sie stickte. Zu ihren F��en spielten die Kinder mit zwei Tonfiguren, die Raios ihnen geschenkt hatte. Es waren zwei Pferdchen auf Rollen. Teka, unsere Sklavin, kauerte auf einer Strohmatte neben ihnen, putzte Bohnen und summte vor sich hin. Vater sah von der Arbeit auf, strich sich den Schwei� von der Stirn und winkte mir.</p><p>�Gibt es etwas Neues?�, rief er neugierig.</p><p>�Ich erz�hl es dir sp�ter�, antwortete ich und ging zu Aspasia, die ihre Arbeit auf den Boden legte und mich k�sste. Ihr Gesicht war liebevoll und besorgt. In ihren Augen stand die gleiche Frage.</p><p>�Nichts Besonderes�, sagte ich ihr. �Wir haben den Ring und denjenigen, der ihn gestohlen hat.�</p><p>Aspasia schickte Teka ins Haus, um mir das Abendessen zu holen, dann nahm sie ihre Arbeit wieder zur Hand. Ersch�pft setzte ich mich neben sie. Die Kinder spielten weiter mit ihren Fig�rchen. Ich schloss die Augen. Der Duft von Rosmarin und Oleander lag in der Luft. Vaters Hacke ging auf und nieder. Ein paar Grillen zirpten in der Sonne. Die Glut des Tages lag noch �ber den D�chern, aber von den Bergen her k�ndigte sich ein milder Abendwind an.</p><p>Ich sah zu Aspasia und versuchte sie anzul�cheln, aber ihr Gesicht hatte sich pl�tzlich ver�ndert. Ihre Nase war klein und dick. Sie trug einen Bart und kurze Locken. Da sa� ein Mann neben mir! Er betrachtete mich h�hnisch, gelb blinkten seine Z�hne zwischen den zu einem h�sslichen Grinsen verzogenen Lippen. Er warf mir einen Lederbeutel hin. Als ich ihn auffing und begriff, dass M�nzen darin waren, erkannte ich ihn als den Kapit�n des persischen Schiffes, der neben mir sa�. Ich wollte ihm den Beutel zur�ckgeben, aber meine Arme gehorchten mir nicht. Sie blieben unbeweglich und f�hlten sich an wie fremdes Fleisch an meinem eigenen K�rper. Ich versuchte wenigstens die H�nde zu �ffnen - vergeblich.</p><p>Was geschah mit mir? Und was geschah mit dem Perser? Sein Gesicht ver�nderte sich, verformte sich: Die Nase schwoll an, die Backen quollen auf, die Augen fielen in ihre H�hlen zur�ck. Das Gesicht des Kapit�ns wurde zur Fratze. Es verwandelte sich in eine Maske, wie sie die Schauspieler im Theater tragen. Riesenhafte und zornige, dabei aber leere Augen starrten mich an. Aus dem weit aufgerissenen Maul drangen eigent�mliche Laute, Worte einer fremden Sprache, die ich nicht verstand. Da begann von fern eine Glocke leise in meinen Ohren zu klingeln, und der Kapit�n fasste meine unbrauchbaren Arme. Ich f�hlte die Ber�hrung, wie man einen Schlag auf ein Bein empfindet, auf dem man zu lange gelegen hat.</p><p>�Nikomachos!�, h�rte ich Aspasias Stimme zu mir sprechen und schreckte auf. Beinahe h�tte ich sie zur�ckgesto�en. Sie hatte sich zu mir her�bergebeugt und mich geweckt. Teka stand vor mir und hielt ein Tablett in den H�nden. Sie zitterte ein wenig. Krug und Becher stie�en leicht aneinander und t�nten wie eine kleine Glocke. Kalter Schwei� stand mir auf der Stirn.</p><p>�Es ist alles in Ordnung�, beruhigte mich Aspasia. �Du hast getr�umt.�</p><p>�Ja�, antwortete ich. Meine Kehle war trocken. Ich stand auf und wusste f�r einen Moment nicht, wo ich war. Mein Herz schlug heftig. Ich entschied mich, ins Haus zu gehen, um mir das Gesicht zu waschen.</p><p>Drinnen war es k�hl, dunkel und still. Aspasia hielt die Fensterl�den tags�ber geschlossen, um die Hitze drau�en zu halten. Nur einige schmale Streifen Licht fielen durch die Spalten in den Brettern und silberne Staubk�rner tanzten darin.</p><p>Ich goss Wasser in eine Sch�ssel und warf es mir mit vollen H�nden ins Gesicht, um wieder ganz zur Besinnung zu kommen, aber es war nicht leicht, den Schlaf des Tages und seine h�sslichen Traumgespinste zu bannen. W�hrend ich meinen Kopf ganz in die Sch�ssel tauchte, h�rte ich leichte Schritte und f�hlte gleich darauf eine zarte Hand, die mir �ber Nacken und R�cken strich. Es war Aspasia. Ich drehte mich zu ihr. Besorgt l�chelte sie mich an.</p><p>�Was ist mit dir?�, fragte sie. Ich wandte mich ab und trocknete mir das Gesicht, bevor ich antwortete. Aspasia blieb hinter mir stehen und strich mir �ber die Schultern.</p><p>�Ich hatte einen h�sslichen Traum�, sagte ich endlich, �aber das hat keine Bedeutung. Jetzt ist er vorbei. Lass dich nicht beunruhigen.� Sie z�gerte, aber sie lie� es gut sein. Sicher w�rde sie sich Sorgen machen. Sie nahm meine Hand und zog mich nach drau�en.</p><p>�Komm in den Garten. Dein Essen wartet�, sagte sie.</p><p>Ich folgte ihr, setzte mich wieder neben sie und nahm das Tablett auf den Scho�. Teka hatte mir einen Teller mit Oliven, Kichererbsen und K�se gerichtet. Mit dem ersten Bissen kamen meine Lebensgeister zur�ck, und der Wein vertrieb die Erinny-en ganz, die mich da im Schlaf heimgesucht hatten. Trotzdem wollten mir der persische Kapit�n und sein h�hnisches Lachen nicht aus dem Kopf. Ich h�tte Vater oder Aspasia gerne offenbart, dass ich Geld von diesem Barbaren genommen hatte, und ihnen, so gut es eben ging, die Gr�nde daf�r erkl�rt. Aber ich sch�mte mich zu sehr, und kein Wort kam �ber meine Lippen. Vielleicht k�nnte ich mich einem anderen offenbaren? Vielleicht w�sste Sokrates einen Rat?</p><p>Der Abend brach an. Wieder leuchtete Athen im gl�henden Violett der Hyazinthe auf, dann verdunkelte sich der Himmel und die ersten Sterne zeigten sich. Dem Abendstern als einsamem Vorboten der Nacht folgten der Gro�e und der Kleine Wagen, das Zwillingsgestirn und endlich die restlichen Sternbilder des Sommers. Der Mond war ein wenig voller geworden in den letzten Tagen, aber noch war die Nacht finster genug. In einem Monat war das Fest der Panathen�en. Auch dazu w�rde er nicht voll sein. Drei�ig Tage waren es noch bis dahin, und danach war auch mein Amt wieder zu besetzen. Wenn ich mir in die Seite griff, taten mir immer noch die Rippen weh, und schloss ich die Augen, sah ich die Gesichter der Kerle, die mich �berfallen hatten, vor mir.</p><p>Teka brachte die Kinder zu Bett. Sie w�ren lieber noch drau�en bei uns im Garten geblieben und lie�en sich erst �berreden, nachdem Aspasia und ich versprochen hatten, ihnen noch einen Kuss zur Nacht zu geben. Der Gro�e wurde bald sechs Jahre alt; bald w�rde es Zeit, ihn in die H�nde eines Lehrers zu geben, damit er lesen, rechnen und schreiben lernte.</p><p>Wir setzen uns mit Vater an den Tisch, und ich erz�hlte, wie wir Lysippos aufgelauert und ihn verhaftet hatten, von Mysons List mit der Kopie des Ringes und dem b�sartigen Angriff auf meinen armen Schreiber.</p><p>�Glaubst du, dass du den M�rder Perianders nun gefunden hast?�, fragte mein Vater und r�usperte sich wie gewohnt.</p><p>�Offen gestanden, nein�, antwortete ich �Lysippos ist b�se. Ich w�rde ihm jede Schandtat zutrauen, aber was sollte er mit dem Papyrus zu tun haben, den wir in Perianders Rachen gefunden haben? Au�erdem passt dieser Mord nicht zu ihm. Lysippos ist heimt�ckisch, verschlagen. Er w�rde seinem Opfer auflauern, es von hinten niederschlagen oder erstechen. Aber es ersticken, ihm so lange den Mund und die Nase zuhalten, bis das Herz nicht mehr schl�gt, und dabei immer in Gefahr sein, entdeckt zu werden? Das passt nicht zu ihm.�</p><p>�Vielleicht wurde er f�r den Mord bezahlt oder hat dabei geholfen?�, meinte mein Vater. Ich wartete darauf, dass er sich r�uspern w�rde, aber das Ger�usch blieb aus, als ob er mich durchschaut h�tte. Er schmunzelte vielsagend.</p><p>�Das ist m�glich�, antwortete ich, �aber ich glaube es nicht. W�re er f�r den Mord angeheuert worden, dann l�ge er jetzt selbst mit eingeschlagenem Sch�del in einem Graben und moderte vor sich hin. Niemand l�sst so einen Mitwisser lange am Leben. Das w�re viel zu gef�hrlich. Ich glaube, er hat die Leiche gefunden und gefleddert. Sicher hatte der arme Periander ein paar M�nzen bei sich, die Lysippos eingesteckt und versoffen hat. Den Ring hat er bestimmt sofort entdeckt und ihn dem Toten vom Finger gerissen. Aber er wusste nicht, wen er da bestahl. Sonst h�tte er zweimal �berlegt, was er tut, sogar ein so r�udiger Hund wie er.�</p><p>Die Antwort schien meinen Vater zu �berzeugen. Er wiegte den Kopf und konnte sich sein R�uspern diesmal nicht verkneifen. Aspasia verbarg ein kleines Lachen hinter vorgehaltener Hand, aber sie wurde gleich wieder ernst und sah nachdenklich auf den Becher, der vor ihr stand.</p><p>�Wenn du wei�t, dass er nicht der M�rder ist, wieso hast du ihn eingesperrt?�, fragte sie.</p><p>�Er hat gestohlen und meinen Schreiber zu erw�rgen versucht�, antwortete ich ein wenig unwirsch. �Au�erdem will ich ihn weiter befragen, vielleicht hat er etwas gesehen.� Ich verstand nicht recht, wieso Aspasia nach etwas so Selbstverst�ndlichem fragte.</p><p>�Bringst du ihn nicht in gr��te Gefahr?�, hakte sie nach.</p><p>�Gefahr, wieso?� Ich verstand nicht.</p><p>�Denk einmal nach�, meinte sie, und ich h�rte ihrer Stimme an, dass ich sie verletzt hatte. �Alkibiades hat dir aufgegeben, den M�rder zu suchen oder jemanden, dem man den Mord unterschieben kann, einen S�ndenbock. Du findest diesen Lysippos, einen S�ufer, Kr�ppel, Dieb, Leichenfledderer. Er hat weder Familie noch Freunde. Einen besseren T�ter gibt es nicht. Was meinst du, wie lange braucht der Areopag, um jemanden wie ihn zu verurteilen?�</p><p>�Aber er war es nicht�, antwortete ich ebenso naiv wie trotzig. Ich wusste, Aspasia hatte recht, auch wenn ich es nicht gerne zugeben wollte. Zu allem �berfluss r�usperte sich gerade in dem Moment wieder mein Vater, um das Wort zu ergreifen.</p><p>�Aspasia sieht das v�llig richtig, mein Junge�, meinte er und schlug dabei einen selten vorwurfsvollen Ton an, so als wollte er mir eigentlich sagen, ich m�sse meine Frau besser behandeln. Noch bevor ich etwas entgegnen konnte, was ich vielleicht bereut h�tte, stand pl�tzlich mein J�ngster vor uns im Garten und beschwerte sich, weil er nicht im Bett liegen wollte. Ich war froh, das Gespr�ch abbrechen zu k�nnen, ging zu ihm und trug ihn in das Kinderzimmer zur�ck, wo sein �lterer Bruder schon tief und fest schlief.</p><p>�Wieso kannst du nicht schlafen?�, fragte ich den Kleinen fl�sternd, w�hrend ich ihn in sein Bett legte und zudeckte. �Hast du schlecht getr�umt?�</p><p>�Ich schlafe nie�, antwortete er und drehte sich auf die Seite. Ich strich ihm �ber den Kopf und summte ein Schlaflied, bis ich f�hlte, dass sein Atem ruhiger und regelm��iger wurde. Sein kleiner, zarter Oberk�rper hob und senkte sich unter meinem Arm. Seine Nase pfiff ein wenig, wenn er Luft ausstie�. Sein Nacken roch nach s��er Milch.</p><p>Ich blieb lange bei meinen S�hnen in ihrem dunklen Kinderzimmer sitzen, betrachtete ihre schemenhaften Gestalten, lauschte ihrem n�chtlichen Atem und wachte �ber ihren Schlaf. Still war es in diesem Zimmer bei den Knaben. Kein Laut drang von au�en herein. Ich h�rte nur die Ger�usche ihrer Tr�ume. Da lagen sie, schliefen sie, atmeten sie: Teile von mir und doch viel mehr als ich. Wenn ich f�r einen Moment mit dem Gedanken gespielt hatte, die Suche nach Perianders M�rder aufzugeben und Athen Lysippos als T�ter auszuliefern, dann verwarf ich diesen Plan jetzt und hier, im Zimmer meiner S�hne. Denn auch Periander war ein Sohn, und ihm und seiner Familie schuldete ich die Wahrheit.</p><p>Als ich in den Garten zur�ckkam, sa� nur noch mein Vater im Schein der Lampe. Er wartete auf mich. Aspasia hatte sich zur�ckgezogen. Obwohl ich m�de war, setzte ich mich noch ein wenig zu ihm. In meinem Becher war noch etwas Wein. Jemand hatte einen Tondeckel darauf gelegt, damit kein Insekt hineinfiel.</p><p>�Ich wollte dich nicht belehren�, sagte Vater nach einer Weile. �Ich wei�, du hast es nicht leicht. Aber du warst unfreundlich zu deiner Frau, und sie ist eine gute Frau.�</p><p>�Mach dir keine Gedanken�, antwortete ich. Dann erhob ich mich und ging zu Bett.</p></section><section><title><p id="bookmark10">&#x39C;</p></title><p>es dauerte nicht lange, bis ich erfahren sollte, wie berechtigt Aspasias Bef�rchtungen waren.</p><p>Ich ging am n�chsten Tag wieder zur Kaserne, allerdings erst am sp�ten Vormittag, und freute mich, Myson in der Schreibstube an seinem gewohnten Arbeitsplatz zu sehen. Er wirkte zwar immer noch gealtert, schien Lysippos' Angriff aber sonst gut �berstanden zu haben. Sobald er mich sah, zog er die Augenbrauen hoch und deutete mit seinem Kopf in Richtung Zelle. Irgendetwas geschah hier, etwas Ungew�hnliches.</p><p>�Was ist denn los?�, fragte ich. Myson legte seinen Zeigefinger �ber die Lippen und wiederholte die Kopfbewegung. Ich konnte mir keinen Reim auf diese Geste machen und ging sofort in Richtung Zelle, um nachzusehen, wor�ber mein Schreiber nicht reden wollte.</p><p>Zu meiner �berraschung war die T�r offen. Ein Soldat wartete davor und hielt Wache. Er stand im Gegenlicht, daher erkannte ich ihn nicht sofort. Erst als ich die Narbe sah, wusste ich, wen ich da vor mir hatte.</p><p>�Na, heute keine Kutscherarbeiten zu erledigen?�, fragte ich ihn. Anstatt zu antworten, grinste er mich nur ver�chtlich an. Das Mal, das ihn so entstellte, spannte sich wie ein schr�ges zweites Paar Lippen �ber dem Mund. Diesmal trug er den Waffenrock der Strategionssoldaten. Das Narbengesicht war einer von Alkibiades' M�nnern.</p><p>Aus der Zelle h�rte ich eine sanfte, eine beinahe wispernde Stimme. Sie war mir nicht fremd. Es war, als schmeichelte sie sich bei ihrem Zuh�rer ein, um ihn zu bet�uben. Wenn Schlangen sprechen k�nnten, sie h�tten Stimmen wie diese.</p><p>�Gib es doch zu�, h�rte ich sagen, �du hast den Jungen umgebracht. Wir wissen es doch ohnehin. Glaub mir, es wird dir viel besser gehen, wenn du es mir sagst. Ich kann dir helfen.�</p><p>Lysippos antwortete nicht. So schnell lie� sich der alte Hund nicht mehr einwickeln, auch nicht von einer noch so einschmeichelnden Stimme. Nicht nachdem er von Myson so schmerzhaft hatte lernen m�ssen, wie sehr man sich gerade vor der Freundlichkeit in Acht nehmen musste. Stattdessen h�rte ich, wie er mit einem h�sslichen Ger�usch allen Speichel in seinem Rachen vereinte und ausspuckte. Kurz darauf schrie er vor Schmerz auf.</p><p>��berleg es dir gut�, sagte Anaxos, w�hrend er die Zelle verlie�, ��berleg es dir gut.� Er stand kaum im Gang, als er mich auch schon freudigst begr��te.</p><p>�Nikomachos�, rief er und breitete die H�nde aus. �Es ist nicht unerwartet, dem Herrn der Toxotai in seiner eigenen Kaserne zu begegnen, aber eine Freude ist es doch, noch dazu zu diesem Anlass.� Und mit diesen Worten trat er zu mir und umarmte, ja k�sste er mich, als w�re ich sein Bruder.</p><p>�Mein lieber Nikomachos�, fuhr er fort, �ich habe den Vogel schon kennengelernt, den du da gefangen hast. Ich muss dir sagen, alle Achtung, Nikomachos, alle Achtung ... Schon als wir dich f�r diese heikle Aufgabe ausgesucht haben, ahnte ich, dass etwas in dir steckt. Aber den M�rder Perianders in so wenigen Tagen zu finden, mein Freund, das h�tte ich nicht f�r m�glich gehalten. Das Geschick der Stadt lag in deinen H�nden. Du hast es zum Guten gewendet. Ich bin sicher, Athen wird dich f�r diesen Dienst reich belohnen.� Er sprach das Wort <emphasis>reich</emphasis> so melodi�s, dass es schon nach Silber klang. Noch einmal dr�ckte er mich an sich.</p><p>�Ich danke dir, Herr�, antwortete ich vorsichtig und verneigte mich leicht. �Aber woher wei�t du von Lysippos? Ich habe ihn gestern erst verhaftet.�</p><p>Anaxos lie� seinen Arm auf meiner Schulter liegen. Er roch nach altem Mann.</p><p>�Lieber junger Freund�, erwiderte er bestens gelaunt, �die W�nde Athens haben Ohren, hast du das so schnell vergessen?�</p><p>Das hatte ich wohl - jedenfalls hatte ich vergessen, dass auch die W�nde dieser Kaserne Ohren haben mochten und einen Mund, der weitertrug, was sie auch immer h�rten. Wie dumm war ich eigentlich? Hatte ich wirklich angenommen, hier in der Kaserne der Toxotai g�be es niemanden, der auf Anaxos' Soldliste stand und nicht gerne die ein oder andere Silberm�nze einsteckte? Und stand es ausgerechnet mir zu, dar�ber zu richten?</p><p>Wir gingen zusammen in Richtung Schreibstube. Das Narbengesicht blieb bei der Zelle und bei Lysippos. Vertrauensvoll hielt Anaxos meinen Arm. Es war schwer zu entscheiden, ob ich ihn oder ob er mich f�hrte. Er bewegte sich in den Fluren der Kaserne ebenso sicher wie im Strategion.</p><p>�Du musst mir alles erz�hlen�, sagte Anaxos in dem gleichen Ton, mit dem er auch mit Lysippos gesprochen hatte. �Wie bist du auf ihn gekommen, wie konntest du ihn verhaften?�</p><p>�Das war nicht so schwer, Herr�, antwortete ich und war bem�ht, mich nicht allzu sehr von Anaxos einnehmen zu lassen. �Wir sind �ber die Spur des Ringes auf ihn gekommen. Ich hatte dir ja von dem Schmuck erz�hlt. Wir haben ihn bei einem Juwelier entdeckt, und der brachte uns auf Lysippos. Aber du willst mich allzu fr�h mit dem Lorbeer des Siegers kr�nzen. Dieser Wettkampf ist leider noch lange nicht gewonnen: Ich glaube nicht, dass Lysippos Periander get�tet hat. Beraubt gewiss, ermordet aber nicht.�</p><p>Anaxos blieb stehen. Er sah mich aus seinen feuchten Augen an, und das L�cheln in seinem Gesicht war nicht mehr dasselbe, das er mir gerade eben noch gezeigt hatte.</p><p>�Und wieso bist du dir da so sicher?�, fragte er mit seiner ganzen schlangenhaften Freundlichkeit.</p><p>�Das h�ngt mit dem Papyrus zusammen, den wir in Perian-ders Rachen gefunden haben�, entgegnete ich. �Du erinnerst dich, diese Streitschrift �ber die Verfassung Athens. Es ist ausgeschlossen, dass dieser alte S�ufer mit einem solchen Pamphlet zu tun hat.�</p><p>�Ach so�, sagte Anaxos und schien beruhigt, �das meinst du. Das ist eine Kleinigkeit, die wir bald kl�ren werden. Er hatte ja nur ein kleines St�ck dieses Buches. Wahrscheinlich lag es irgendwo herum, vielleicht hatte Periander es sogar selbst bei sich. Du wirst sehen, so war es.� Gelassen ging Anaxos weiter und zog mich mit sich.</p><p>�Aber wieso sollte Lysippos Periander auf eine so langwierige Art t�ten? Er h�tte ihn einfach niederschlagen und ausrauben k�nnen. Wieso sollte er ihm den Papyrus in den Rachen strecken und ihn ersticken?�, wandte ich ein.</p><p>�Aber wer sagt dir denn, dass er ihn damit ersticken wollte?�, fragte Anaxos und trat in die Kanzlei, wo Myson an seinem Tisch sa� und konzentriert zu arbeiten vorgab. Anaxos gr��te ihn mit einem kurzen Nicken und fuhr fort: �Meine Erfahrung sagt mir, das Ganze hat sich sehr viel einfacher abgespielt, als es dir scheint. Periander war betrunken und - unvorsichtigerweise - nachts allein unterwegs. Lysippos ist ein R�uber und Dieb, der sich irgendwo verkrochen hatte. Vielleicht schlief er, vielleicht lauerte er gerade jemandem wie Periander auf. Dieses leichte Opfer kann er sich nicht entgehen lassen. Er hat ihn gesehen, verfolgt und niedergeschlagen. Beim Durchsuchen der Kleider stellt er fest, dass Periander noch lebt, und f�rchtet, er k�nnte schreien und um Hilfe rufen, also hat er ihn mit irgendetwas geknebelt. Das Erste und Beste, was er findet, ist der Papyrus, den Periander selbst bei sich hat. Er steckt ihn dem jungen Mann in den Mund, er verhakt sich. Periander ist zu betrunken, um den Knebel auszuspucken oder sich �berhaupt richtig zu wehren. Lysippos raubt Periander vollst�ndig aus, Periander erstickt ungl�cklich. Das ist alles. Das ist die ganze Geschichte. Ein b�ser alter S�ufer erschl�gt den hoffnungsvollsten jungen Mann. Wie oft passiert dergleichen? Ich habe solche Dinge schon viel zu h�ufig erlebt, um noch �berrascht zu sein ... Aber dir, mein Freund Nikomachos, geb�hrt der Ruhm, diesen M�rder so schnell gefasst und �berf�hrt zu haben! �berlege einmal, welche M�glichkeiten dir winken, welche Karriere so ihren Anfang nehmen kann! Ich sehe dich als Archon, als Strategen!� Zufrieden st�tze Anaxos sich auf Myson Arbeitstisch.</p><p>�Was meinst du, Schreiber?�, fragte er ihn unvermittelt. Myson schreckte auf. �Du hast sicher recht, Herr�, antwortete er hastig und richtete die Augen zu Boden.</p><p>�Siehst du?�, sagte Anaxos nun wieder an mich gerichtet. �Auch dein braver Schreiber ist meiner Meinung.�</p><p>Einen Moment lang blieb ich sprachlos, und ich war mir meiner Sache nicht mehr sicher. Konnte Anaxos recht haben, und Periander war einfach nur von einem Wegelagerer erschlagen worden? Geschah das in Athen nicht allzu oft? Musste der Papyrus etwas bedeuten?</p><p>�Aber was ist mit dem Streit?�, h�rte ich mich fragen, und meine Augen gingen von Myson, der mir wortlos bedeutete, ich solle lieber schweigen, zu Anaxos, dessen L�cheln sich wieder versteinerte.</p><p>�Welcher Streit?�, fragte er.</p><p>�Wir haben eine Zeugin. Ich habe dir von ihr erz�hlt, eine alte W�scherin. Sie wohnt am Itonia-Tor. Sie hat einen Streit zwischen zwei M�nnern geh�rt und einen Kampf - in der Nacht, als Periander erschlagen wurde.�</p><p>Anaxos sah mich nachdenklich an und legte seinen Zeigefinger an die Nase.</p><p>�Eine alte W�scherin, sagst du�, meinte er nach einer Weile, �ein armes altes Weib? Keine gute Zeugin, nicht wahr, Myson?� Wieder versicherte sich Anaxos der Zustimmung meines Schreibers, die der ihm auch prompt erteilte. �Gewiss, Herr, keine gute Zeugin.�</p><p>�Gut�, sagte Anaxos und wandte sich zum Gehen, �dann wollen wir dar�ber auch nicht mehr sprechen. Lysippos ist der M�rder. Er kommt vor den Areopag. Die Richter werden �ber ihn entscheiden, so wie es in Athen Sitte und Recht ist.� Er blieb in der T�r stehen und strich die Falten seines Mantels glatt. �Ich muss nun ins Strategion. Es warten noch andere Aufgaben auf mich. Ich unterrichte Alkibiades. Er will Perianders Familie sicher gleich selbst benachrichtigen und ihnen die Botschaft �berbringen. Noch vor den Panathen�en steht Lysippos vor Gericht. Ich werde alles in die Wege leiten.�</p><p>Mit diesen Worten verlie� er uns. Er hatte bekommen, was er wollte: einen T�ter, seinen T�ter, den besten, den es geben konnte - mit einem kleinen Sch�nheitsfehler vielleicht: Er war unschuldig. Aber das k�mmerte ihn nicht. Ich sah Anaxos durch das Fenster in der Schreibstube nach, wie er mit seinem schleppenden Gang �ber den Kasernenhof schritt. Eine Patrouille junger Bogensch�tzen lief ihm entgegen. Sie kamen von ihrem Rundgang. Der Staub wirbelte unter ihren Tritten auf. Ich bin sicher, alles, was sie erkannten, war ein alter, gebeugter Mann in einem grauen Chiton, der ihren Weg kreuzte.</p><p>�Meinst du nicht, es ist gef�hrlich, dem Herrn der Spione so offen zu widersprechen?�, fragte mich Myson und riss mich damit aus meinen Gedanken.</p><p>�Und du, meinst du nicht, es ist gef�hrlich, es nicht zu tun?�, gab ich die Frage zur�ck, wohl wissend, dass ich ihn mit dieser Bemerkung vor den Kopf sto�en musste. Myson antwortete nicht. Er nickte nur vielsagend, legte die Stirn in Falten und widmete sich wieder seiner Arbeit, ohne ein weiteres Wort zu verlieren.</p><p>Ich drehte mich um und ging zur Zelle zur�ck. Zu meiner �berraschung gr��te mich das Narbengesicht beinahe respektvoll und lie� mich sofort zu Lysippos. Diesmal versuchte er sogar freundlich zu l�cheln, was seinem gezeichneten Gesicht einen halb anr�hrenden, halb verschlagenen Ausdruck gab. Sicher hatte der Soldat mitangeh�rt, wie sein Herr mich in den h�chsten T�nen gelobt hatte. Nun wollte er es sich mit dem zuk�nftigen Strategen Athens unter keinen Umst�nden verderben.</p><p>In der Zelle fand ich Lysippos in einem erb�rmlichen Zustand. Er kauerte in einer Ecke und zitterte. Es war warm in der Zelle, und durch das kleine Fenster fiel ihm das Licht der Sonne ins Gesicht und auf die Brust, trotzdem schlotterte er am ganzen Leib. Sein schmutziger K�per war mit roten Striemen �bers�ht. Blut tropfte aus den Wunden und verband sich mit dem kalten Schwei� und dem Dreck, der ihm an der Haut klebte. Die Augen, die gestern noch so hasserf�llt gespr�ht hatten, glommen kraftlos und leer. Ich sah an ihm hinunter und erstarrte. Sein Bein steckte in einem persischen Schuh. Ich �ffnete die Metallr�hre und sah nach, was die N�gel angerichtet hatten. Noch hatte Anaxos die Winde zum Gl�ck nicht sehr weit gedreht. Die N�gel hatten die Haut verletzt, aber die Wunden waren kaum einen Fingerbreit tief. Daher r�hrte sicher der Schrei, den ich geh�rt hatte, als ich drau�en im Flur stand und Anaxos den Gefangenen befragte. Ohne Zweifel war dies aber nur der Anfang der Folter, an deren Ende das Gest�ndnis stehen w�rde.</p><p>Ich nahm den persischen Schuh an mich und verlie� die Zelle wieder. Im Hinausgehen entdeckte ich auch die Peitsche, der Lysippos die Striemen an seinem Leib zu verdanken hatte. Sie baumelte am G�rtel des Soldaten, der mich wieder verbindlich gr��te.</p><p>�Er foltert einen Athener B�rger und gibt sich noch nicht einmal die M�he, es vor uns zu verbergen!�, platzte es aus mir heraus, als ich wieder in Mysons Schreibstube stand. Myson betrachtete mich zweifelnd. �Und wenn er Met�ke w�re, w�rst du dann weniger emp�rt?�, fragte er.</p><p>�Die Folterung eines Met�ken ist ebenso verboten wie die Folterung des Vollb�rgers. Das wei�t du�, antwortete ich, aber ich klang f�r seine Ohren wohl wenig �berzeugend, und wirklich frage ich mich heute, da ich diese Geschichte niederschreibe, ob mich dieser persische Schuh wohl ebenso entsetzt h�tte, wenn Lysippos kein Vollb�rger gewesen w�re, wie ich es war und bin. Ich musste in der Zwischenzeit lernen, dass uns ein Unrecht immer dann besonders gro� zu sein scheint, wenn es uns oder unseresgleichen trifft. Nur dann erkennen wir, dass es Momente gibt, da wir unserem Schicksal schutzlos gegen�bertreten. F�hlen wir dagegen einen Unterschied zwischen uns und dem Opfer, bedauern wir es kurz und geben ihm gleich darauf selbst die Schuld f�r das Leid, das ihm widerf�hrt. Ein Mann wurde nachts auf offener Stra�e ausgeraubt? Schlimm, aber - unter uns - was ist er um diese Zeit auch unterwegs? Er hatte wohl Gesch�fte im Verborgenen zu erledigen. Eine Frau wurde gesch�ndet? Grauenvoll, aber - um ehrlich zu sein - ich fand schon immer, sie gab sich viel zu aufreizend. Ein Met�ke wurde gefoltert? Das ist schrecklich, aber die Met�ken genie�en nun einmal nicht den vollen Schutz der Gesetze.</p><p>Myson zog eine Augenbraue hoch. �Es tut mir leid, aber mein Mitleid mit Lysippos h�lt sich in Grenzen�, sagte er und griff sich mit der rechten Hand an die Kehle, um zu zeigen, warum.</p><p>Ich war zu aufgebracht, um zu verstehen, was in Myson in diesem Moment vorging, und ich habe dies sp�ter bedauert. Stattdessen dem�tigte ich ihn noch, indem ich ihm auftrug, daf�r zu sorgen, dass Lysippos frische Gew�nder und etwas zu essen und zu trinken bekam. Myson nickte gehorsam, aber seine Augen verd�sterten sich.</p><p>Ich verlie� die Kaserne. Es gab einen Menschen, den ich sehen wollte, sehen musste, und von dem ich mir Gewissheit versprach: Hippokrates von Kos. Konnte es sein, dass Periander nur zuf�llig an dem Knebel erstickt war?</p></section><section><title><p id="bookmark11">N</p></title><p>das ASKLEPiEi�N war der Treffpunkt von �rzten und Kranken: Es liegt am Fu�e der Akropolis zwischen der zu den Propyl�en hinauff�hrenden Treppe und dem Dionysos-Theater auf einer vom Fels, dem Regen und der Zeit selbst geformten nat�rlichen Terrasse. Urspr�nglich kaum mehr als ein Garten mit einigen heiligen �lb�umen, einem Brunnen und einem kleinen Tempel, der dem Gott der Heilkunst geweiht war, war es mit der Zeit zu einer Pilgerst�tte f�r alle Kranken und ihre �rzte geworden. Der Tempel war unscheinbar, beinahe schmucklos, aber er wurde von allen verehrt und geachtet. Dort brachten die Athener die gro�z�gigsten Opfer dar - ohne Zweifel aus Furcht vor Krankheit und Tod -, und dort begegnete man zu jeder Zeit den �rzten, Heilern und Zauberern der Stadt. Unter der Terrasse, die sich �ber dem Weg zum Theater erhob, standen zahlreiche Buden, in denen die Salbenmacher und Pillendreher ihre Pasten, Tr�nke und Tropfen feilboten. Oft wurden die Toxotai hierher gerufen, weil diese M�nner sich st�ndig die Kunden abspenstig zu machen versuchten und dar�ber in allzu derben Streit um die Wirksamkeit ihrer Ware und deren Preis geraten konnten. Wenn sie sich dann nicht nur Verw�nschungen, sondern auch noch ihre Steintiegel an die K�pfe warfen, griffen wir ein.</p><p>Hier hoffte ich Hippokrates zu treffen oder zumindest in Erfahrung zu bringen, wo er wohnte und sich aufhalten k�nne. Da ich nicht wusste, ob ich ihn nicht vielleicht am anderen Ende der Stadt bei einem Patienten suchen musste, sattelte ich Ariadne und ritt mit ihr durch die leeren Gassen des mitt�glichen Athen. Hart und festgebacken waren die Wege; der letzte Regenschauer lag Monate zur�ck, und Ariadne war schon verschwitzt, als sie mich nur um den S�dhang der Akropolis herum getragen hatte.</p><p>�So sollte man mit dem Tier bei der Hitze nicht umgehen, Toxotes!�, rief mir jemand zu, kaum dass ich Ariadne auf die Terrasse gef�hrt und sie an einem Strauch gebunden hatte. Ich drehte mich um und sah einen jungen Mann unter einem Olivenbaum sitzen. Er war teuer gekleidet, aber neben ihm stand eine Amphore. Als ich n�her kam, erkannte ich, dass seine Augen ger�tet waren.</p><p>�Ich danke dir f�r deinen Rat�, antwortete ich und zeigte auf den Krug, �und m�chte ihn dir gerne vergelten: Bei dieser Hitze und um diese Tageszeit sollte man auch mit sich selbst schonend umgehen und noch keinen Wein trinken, insbesondere wenn man ein J�nger des Asklepios ist!�</p><p>�Gut gesprochen, Toxotes�, erwiderte der junge Mann und f�hrte sich die Amphore an den Mund, �am Tag zu trinken ist ungesund.� Er nahm einen tiefen Schluck. Der Wein lief ihm Kinn, Hals und Brust herunter. Ein Trunkenbold aus gutem Hause. Auch das gab es in dieser Stadt.</p><p>Ich wollte mich nicht lange mit diesem Jungen aufhalten. Sollte er doch machen, was er wollte. Aber vielleicht wusste ja er etwas �ber den Mann, den ich suchte.</p><p>�Ich suche Hippokrates von Kos�, sagte ich. �Kennst du ihn und wei�t du, wo er ist?�</p><p>�Ob ich ihn kenne?�, wiederholte der J�ngling lallend. �Ob ich ihn kenne?� Wieder nahm er einen Schluck. �Hast du nicht gesehen, Toxotes, dass der Himmel gestern Nacht dunkler war �ber dieser Stadt als sonst? Nein?�</p><p>�Ich verstehe nicht�, antwortete ich.</p><p>�Du hast es nicht gesehen!�, fuhr er fort. �Du hast es nicht gesehen. Und trotzdem suchst du Hippokrates. Nun, Toxotes�, schlug er einen beinahe feierlichen Ton an, �dieser Stern leuchtet nicht mehr �ber Athen.� Er nahm einen weiteren Schluck und leerte den Krug endg�ltig. Dann hielt er sich das Gef�� vor die Augen und sah wie bl�de hinein, um sich zu vergewissern, dass es nun auch wirklich keinen Tropfen mehr enthielt.</p><p>�Was hei�t das, sein Stern leuchtet nicht mehr �ber der Stadt?�, wollte ich wissen. �Er ist doch nicht tot?�</p><p>�Nein, tot ist er nicht. Er ist gegangen. Er hat die Stadt verlassen�, antwortete er und schleuderte die Amphore dabei im hohen Bogen von sich. Erschrocken und emp�rt sahen einige M�nner zu uns her�ber und sch�ttelten die K�pfe.</p><p>Diese Neuigkeit interessierte mich nun doch. Ich ging ein paar Schritte auf den Jungen zu und setzte mich zu ihm in den Schatten. Er hatte ein ebenm��iges und kluges Gesicht, die Hautfarbe verriet, dass er nicht allzu oft in der Sonne war. Seine Z�ge waren fein, sch�chtern, kaum in die Haut des Gesichtes gegraben, das nur wenig reifer als das Antlitz eines Knaben wirkte. Dieser Kopf wollte so gar nicht zu einem Trunkenbold passen.</p><p>�Wie hei�t du?�, fragte ich ihn. �Und was wei�t du �ber Hippokrates?�</p><p>�Chilon hei�e ich. Ich komme aus Pir�us. Ich war Hippokrates' Sch�ler w�hrend dreier Jahre�, antwortete er und nickte bestimmt mit dem Kopf.</p><p>�Und wohin ist Hippokrates gegangen?�, fragte ich. Chilon begann zu schluchzen wie ein Kind.</p><p>�Syrakus, Mykene ... was spielt das schon f�r eine Rolle. Er ist fort!�</p><p>�Du bist sein Sch�ler, wieso hast du ihn nicht begleitet?�, fragte ich den jungen Mann, denn es w�re in der Tat v�llig nat�rlich gewesen, wenn der Lehrling dem Meister auf seinen Reisen gefolgt w�re.</p><p>�Ich kann meine Mutter nicht allein lassen�, entgegnete Chilon mit schleppender Zunge. �Sie ist krank.� Er zog die Unterlippe in den Mund wie ein Kind. Sein Kopf und sein Blick schwankten. Pl�tzlich drehte er sich von mir weg und w�rgte. Augenblicklich schoss es aus ihm heraus, wie Wasser aus einem viel zu vollen Brunnenrohr. Er erbrach sich in einem roten und nach Magens�ure stinkenden Schwall. Ich drehte mich weg, so schnell ich konnte, und hielt die Nase in den Wind, sonst h�tte ich ihm Gesellschaft geleistet. Wenn mir von etwas �bel wird, dann davon. Immer wieder h�rte ich Chilon w�rgen und husten, immer wieder entleerte sich sein Magen. Der Wein kam ihm beinahe schneller hoch, als er ihn heruntergest�rzt hatte.</p><p>�Oh Zeus, lass mich sterben�, wimmerte er, aber wer h�tte dieses Sto�gebet noch nicht zum Olymp gesandt, wenn der Wein bittere Rache nahm? Ich stand auf und ging ein paar Schritte auf und ab, bis das Schauspiel beendet war.</p><p>Endlich schien Chilons Magen leer. Er hustete noch ein paar Mal, aber er erbrach sich nicht mehr. Ich ging zu ihm zur�ck, half ihm aufzustehen und brachte ihn zum Brunnen. Das Becken f�hrte zwar nicht mehr viel Wasser, aber es gen�gte, damit Chilon sich Gesicht, Nacken und H�nde benetzen und den Mund aussp�len konnte. Ich griff derweil in die Steinschale, nahm etwas Wasser auf und rieb Chilons Nacken ein.</p><p>�Verzeih mir, Toxotes�, entschuldigte er sich mit dem weinerlichen Ton des reuigen S�ufers, �ich trinke normalerweise nicht. Ich bin Wein nicht gew�hnt.�</p><p>�Schon gut�, antwortete ich und brachte ihn zu einer Bank, die weit genug von dem �lbaum entfernt war, so dass man das Erbrochene weder sah noch roch. Vor allem den Geruch konnte ich nur schwer ertragen. Nachdem er sich gesetzt und durchgeatmet hatte - zum Gl�ck hatte Chilons Magen dem Wein nicht viel Zeit gegeben, in den Kopf zu steigen -, brachte ich das Gespr�ch wieder auf Hippokrates. Was Chilon langsam, angestrengt und immer wieder von �belkeitsattacken unterbrochen berichtete, zeigte leider allzu deutlich Anaxos' Handschrift: Wie Chilon erz�hlte, war Hippokrates vor etwa einer Woche von zwei Soldaten aus dem Strategion abgeholt und zu einem Patienten gebracht worden. An sich habe Chilon ihn begleiten wollen, wie sich dies f�r den Sch�ler geh�rte. Aber die Soldaten taten streng und geheimnisvoll und lie�en das nicht zu. So etwas kam schon einmal vor, nicht oft, aber dann und wann, wenn irgendein reicher und m�chtiger B�rger sich in eine ebenso missliche wie peinliche Situation gebracht hatte, in der er die Hilfe eines Arztes brauchte.</p><p>Die Soldaten brachten Hippokrates mit einem Zweisp�nner fort und sp�ter am Abend auch wieder zur�ck. Chilon hatte mit dem Essen auf seinen Meister gewartet. Er war gespannt zu h�ren, wer nach der Hilfe des Arztes gerufen hatte und warum. Normalerweise berichtete sein Lehrer ihm freim�tig �ber jeden Patienten und jede Krankheit, aufgrund derer er konsultiert worden war. Gerade wenn es um Heimlichkeiten ging, gab es besonders viel zu lachen, denn welche Dummheiten die Menschen sich vor allem in ihrer Lust einfallen lassen, k�nne man sich gar nicht vorstellen. Da gab es alte M�nner wiederzubeleben, die beim Liebesakt im Bordell die Besinnung verloren, Penisse zu verbinden, in die ein Tier gebissen hatte, ja, und so mancher Gegenstand, den ein feiner Herr im Spiel genutzt hatte, kam ohne die Hilfe eines Chirurgen und geschickten Arztes eben nicht mehr hinaus ... Bei solchen Gelegenheiten waren die Honorare des Arztes besonders hoch.</p><p>Diesmal aber h�llte sich der Meister in Schweigen und riet Chilon, nicht weiter zu fragen. Es sei das Beste, er wisse von der ganzen Sache nichts. Mit dieser Einsch�tzung lag Hippokrates auch ganz richtig, denn nur vier Tage sp�ter seien wieder zwei Soldaten erschienen, andere diesmal. Chilon war aus dem Zimmer gewiesen worden, um nicht zum Zeugen der Unterhaltung zu werden. Was zwischen den dreien gesprochen wurde, habe er sich aber auch so zusammenreimen k�nnen. Denn gleich nach dem Besuch habe Hippokrates ihm er�ffnet, er m�sse die Stadt verlassen. Vier Tage gab man seinem Lehrer, um seine Angelegenheiten zu regeln. Heute Morgen habe Hippokrates in aller Fr�he ein Schiff bestiegen, das ihn nach Byzanz bringen wird.</p><p>Dort geht es einige Tage vor Anker. Hippokrates m�chte einen ber�hmten Kollegen treffen, dann wird er weiterreisen bis nach Persien, wo er seine K�nste mit denen der orientalischen Heiler zu vergleichen hofft.</p><p>�Wie sahen die Soldaten aus, kannst du sie beschreiben?�, fragte ich Chilon, nachdem er mir dies alles geschildert hatte.</p><p>�Einer hat eine Narbe, die ihn v�llig entstellt�, antwortete er und beschrieb mit einer Bewegung seiner ausgestreckten Hand den Verlauf einer Verletzung, die von der Stirn bis zur Wange reicht und auf ihrem Weg durch das Gesicht die Nase spaltet. Ich wusste, von welchem Soldaten hier die Rede war, und es war nicht schwer, den Grund der Besuche zu erraten. Vor einer Woche war Hippokrates zu dem toten Periander gerufen worden; zusammen hatten wir seine Leiche untersucht. Kaum hatte ich Anaxos davon berichtet und erw�hnt, was Hippokrates im Rachen des Toten gefunden hatte, musste Anaxos auch schon alles veranlasst haben, um diesen Zeugen aus der Stadt zu bekommen ... Ihm war es von Anfang an nicht darum gegangen, den T�ter zu finden und die Hintergr�nde des Mordes ans Licht der hellenischen Sonne zu bringen. Er wollte nur irgendeinen armen Kerl, den er den Aristokraten Athens als Schuldigen vorf�hren konnte. Wer wei�, vielleicht wusste Anaxos l�ngst, wer der T�ter war, vielleicht steckte er selbst hinter dem Mord oder sein Herr, Alkibiades. Wer kannte schon die Pl�ne dieser M�nner?</p><p>�Wann wird das Schiff auslaufen?�, fragte ich Chilon.</p><p>�Das wei� ich nicht genau�, antwortete er und hielt sich die Stirn. Er bekam wohl Kopfschmerzen, wirkte aber allm�hlich wieder n�chterner. �Als ich Hippokrates heute Morgen an Bord brachte, wartete der Kapit�n noch auf eine Gruppe von Passagieren. Er entschuldige sich bei uns und sagte, man habe ihm ausrichten lassen, die Herrschaften h�tten noch wichtige Gesch�fte zu erledigen. Sie wollten aber sp�testens am Nachmittag an Bord kommen. Ich habe mich noch gefragt, was das wohl f�r Gesch�fte sein k�nnen - eigentlich haben persische Kaufleute bei uns ja nichts zu suchen.�</p><p>�Persische Kaufleute?�, wiederholte ich. �Was ist das f�r ein Schiff, auf dem Hippokrates reisen will?�</p><p>�Oh, habe ich das nicht gesagt?�, gab Chilon erstaunt zur�ck. �Es ist dieser persische Frachter, der seit einer Woche im Kantharos liegt.�</p><p>Es gibt Augenblicke im Leben, da wei� man genau, was man nun tun soll und was nicht. Man fragt sich nicht, ob das, was man nun vorhat, vern�nftig ist. Man steht auf und gehorcht einer inneren Stimme. So einen Moment erlebte ich. Ich wollte, ich musste Hippokrates sehen, und ich wollte, ich musste noch einmal mit dem persischen Kapit�n sprechen, dessen Beutel voller Silber mich bei jedem Schritt, den ich ging, st�rte, und den ich bei mir trug, ohne ihn anzur�hren. Ich ging zu Ariadne hin�ber und band sie los. Sie schnaubte zu meiner Begr��ung. Schon sa� ich auf ihrem kr�ftigen R�cken. Der Duft des Tieres stieg mir in die Nase. Ich sah nach Chilon. Er hatte sich aufgerafft und war mir ein paar Schritte gefolgt.</p><p>�Was wirst du jetzt tun, ohne Hippokrates? Suchst du dir einen anderen Lehrer?�, fragte ich den Jungen von meinem Ross herab. Ariadne ging einige Schritte nach hinten und wandte sich von der Terrasse des Asklepieions dem freien Weg zu. Chilon sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Nein, keinen anderen Lehrer. Hippokrates hat mich gestern freigesprochen. Ich bin Arzt. Ich werde mir Patienten suchen und hoffen, dass sie meine Behandlung �berleben�, antwortete er, von der eigenen Kunstfertigkeit offenbar noch nicht ganz �berzeugt.</p><p>Der Einfall kam mir unmittelbar: �Den ersten Patienten h�tte ich schon f�r dich. Komm heute bei Sonnenuntergang zur Kaserne der Toxotai und frage nach mir. Sage niemandem, wer oder was du bist. Du wirst jemanden zu verarzten haben.�</p><p>Chilon nickte dienstfertig und eingesch�chtert. �Und nach wem soll ich fragen? Ich meine, wie hei�t du?�, rief er mir nach.</p><p>�Nikomachos�, antwortete ich. Dann trieb ich meine Fersen in Ariadne Flanken, und sie sprengte los wie ein von der Kette gelassener Jagdhund. Pir�us, Kantharos, das war unser Ziel.</p><p>Ich verlie� die Stadt durch das Henker-Tor. Um keine Zeit zu verlieren, w�hlte ich heute den Weg zwischen den Langen Mauern. Sobald wir das Tor hinter uns gelassen hatten, erschloss sich das gesamte Tal bis zum Saronischen Golf meinem Blick. Tiefblau leuchtete das Meer, still, ruhig und gewaltig ruhte es zwischen den Bergen. Von hier oben aus �ffneten sich die Mauern und f�hrten bis zu den H�fen herunter. Wenn Sparta das umliegende Land �berfiel und zu verw�sten suchte, was w�hrend des nun schon Jahrzehnte dauernden Krieges beinahe jeden Fr�hling geschah, hatte ganz Attika in dieser Festung Platz und litt doch nicht Hunger. Denn was an Nahrung hier nicht wuchs, verschafften wir uns �ber die H�fen. Sie blieben unser Zugang zu Korn und �l - f�r immer, wie wir glaubten.</p><p>Ich lockerte die Z�gel und lie� Ariadne sich ihren Weg den Berg hinab selbst suchen. Kaktusfeigen, Kr�ppelkiefern und Steineichen s�umten den felsigen Pfad. Ein paar V�gel pfiffen von den B�umen. Eidechsen flohen aufgeschreckt vor uns und versteckten sich unter den Steinen. Der wilde Duft von Rosmarin und Thymian w�rzte die Luft. Kein Windhauch lie� die Bl�tter zittern. Unbarmherzig glei�end stand die Sonne am wolkenlosen Himmel Attikas. Mit der Sicherheit des Tieres setzte Ariadne Schritt um Schritt und Tritt um Tritt. Kein Kiesel sprang von ihren Hufen auf, keinen Augenblick geriet sie ins Rutschen. Dabei war der Weg steil und trocken genug. Aber sie wusste ihn zu gehen. Das war ihre Natur. Ich hielt mich an ihrer honigfarbenen M�hne fest und versuchte mein Gewicht so einzupendeln, dass sie die kleinste Last damit hatte. Als wir den Bergfu� erreichten und das Gel�nde wegsamer wurde, schnalzte ich mit der Zunge, und Ariadne schnellte davon. Im Galopp brachte sie mich nach Pir�us, das gesch�ftig war und stank wie vor Tagen, und im Trab f�hrte sie mich zum l�rmenden Kantharos hin.</p><p>Auf dem persischen Schiff war emsiges Treiben. Einige Matrosen kletterten schon auf die Masten, um die Segel zu setzen, die anderen standen an Bord und zerrten und zurrten an den Tauen. Dazwischen stand der Kapit�n in seinem blauen Gewand. Ich sah und h�rte ihn schon von Weitem, denn er br�llte die Kommandos aus vollem Halse, und wenn ich auch kein einziges Wort seiner barbarischen Zunge verstand, wusste ich doch, dass er jeden einzelnen seiner M�nner einen Hundsfott nannte, weil er und die anderen das Schiff nicht schnell genug aus dem Hafen brachten. Schon waren die Leinen los und die gewaltigen Riemen zu Wasser gelassen.</p><p>�Halt, Kapit�n!�, rief ich in das allgemeine Treiben und sprang vom Pferd. �Einen Moment nur noch. Ich komme an Bord!�</p><p>So laut und w�tend der Perser seine Mannschaft zur Eile getrieben hatte, so freundlich und entspannt nickte er mir zu. Ein markiges Wort von ihm, und es wurde ein Steg f�r mich heruntergelassen. Ich band Ariadne an einen Pfeiler und stieg hinauf. Der Kapit�n lachte und begr��te mich mit einer leichten Verbeugung und undurchdringlicher Freundlichkeit.</p><p>�Hauptmann der Toxotai, was f�hrt dich auf mein bescheidenes Schiff?�, fragte er mit theatralischer H�flichkeit. Ich sah mich kurz um. Einige meiner M�nner standen brav am Pier und bewachten das Schiff, wie ich es ihnen befohlen hatte. Ich bat den Kapit�n, mit mir in die Kaj�te zu gehen.</p><p>�Was hast du auf dem Herzen?�, fragte er, als wir in dem stickigen Raum standen.</p><p>�Ich m�chte dir etwas zur�ckgeben�, antwortete ich und fischte den Beutel aus meinem Waffeng�rtel. �Hier, das Geld geh�rt dir. Ich habe es f�r dich aufbewahrt.� Ich dr�ckte ihm den Widderhoden in die Hand.</p><p>�Du scherzt, mein edler Freund�, sagte der Kapit�n und betrachtete ungl�ubig, was ich ihm gerade gegeben hatte.</p><p>�Nein, ich scherze nicht. Es war nicht richtig, das Geld anzunehmen. Jetzt gebe ich es dir zur�ck�, entgegnete ich. �Und ich habe noch etwas auf dem Herzen. Ich war unfreundlich zu dir, obwohl ich dich nicht kannte. Das tut mir leid. Ich entschuldige mich.�</p><p>Das Gesicht des persischen Kapit�ns bekam einen v�llig anderen und neuen Ausdruck. War es zuvor mit diesem tausendfach erprobten, orientalischen L�cheln maskiert, mit der der Kapit�n jedem Hafenmeister vom Hellespont bis Gibraltar begegnete, so bekam es nun und mit einem Male etwas Verletzliches, Ungesch�tztes. Dann spannte sich seine Miene wieder. Er nickte und schwieg, und auch ich hatte nichts weiter zu sagen.</p><p>�Du hast einen Athener Arzt an Bord�, begann ich nun mein zweites Anliegen vorzubringen, �Hippokrates. Ich muss ihn sprechen.�</p><p>�Ich nehme an, ungest�rt?�, fragte der Kapit�n. Ich bejahte.</p><p>�Dann werde ich ihn f�r dich rufen. Warte hier.�</p><p>Es dauerte nicht lange, bis Hippokrates' markante Gestalt in der T�r erschien. Er war in einen weiten Leinenmantel geh�llt und trug eine Ledertasche um die Schulter. In der Hand hielt er den Stab, um dessen Ende sich die beiden Schlangen wanden. Als er mich sah, blieb er abrupt stehen und lie� den Stock zornig zu Boden gleiten.</p><p>�Ach, du bist es�, begr��te er mich in unfreundlichem Ton. �Ich habe mich schon gewundert, welchen <emphasis>hohen Besuch</emphasis> ich im Moment meiner Abreise noch bekommen w�rde. Du willst dich wohl pers�nlich davon �berzeugen, dass ich die Stadt verlasse? Keine Sorge, ich bin auf dem Weg!�</p><p>Kaum hatte er dies gesagt, machte Hippokrates auf dem Absatz kehrt und lie� mich stehen. Ich eilte ihm hinterher und hielt ihn an der Schulter fest.</p><p>�Halt, warte, Hippokrates, du musst mir glauben: Ich habe nichts mit deiner Verbannung zu tun, ich schw�re es!�, beteuerte ich. Er z�gerte und drehte sich zu mir. Er hatte die Kaj�te verlassen, und das Licht fiel ihm nun ins Gesicht. Er war m�de. Die Falten zwischen Nase und Wangen wirkten tiefer und dunkler als noch vor Tagen.</p><p>�Was willst du?�, fragte er.</p><p>Ich bat ihn in die Kaj�te zur�ck. Hier waren wir allein.</p><p>�Also?�, fragte er.</p><p>�Ich m�chte�, begann ich z�gernd, �dass du mir noch einmal sagst, woran Periander gestorben ist. Sag mir, was du in Athen nicht offen aussprechen sollst.�</p><p>Hippokrates lachte auf.</p><p>�Aber das wei�t du ebenso gut wie ich�, antwortete er. �Du warst bei der Leichenschau dabei, wenn ich mich nicht t�usche und du keinen Zwilling hast. Was fragst du also?�</p><p>�Ich muss es einfach noch einmal von dir h�ren�, antwortete ich. �Ich m�chte wissen, ob der Papyrus, den du aus Perianders Mund gezogen hast, vielleicht einfach nur ein Knebel gewesen sein k�nnte, an dem er ungl�cklich erstickt ist ...�</p><p>Hippokrates blieb einen Augenblick still, schloss die Augen und wiegte den Kopf.</p><p>�Ach, so wollen sie es also darstellen ... Und deswegen m�ssen sie mich loswerden�, sagte er wie zu sich selbst - eine Art zu sprechen, wie sie mir schon bei unserer ersten Begegnung aufgefallen war.</p><p>�H�r zu, Toxotes� richtete er Wort und Blick wieder an mich und unterstrich alles, was er nun sagte, mit eindrucksvollen Gesten, �erinnerst du dich an das Instrument, das ich benutzt habe, um den Papyrus aus dem Rachen des Toten zu l�sen? Das war meine gro�e Pinzette, ein sehr wichtiges Ger�t in meinem Beruf. Diese Pinzette misst zwei Handbreit.� Er zeigte mir die L�nge mit seinen Zeigefingern. �Ich musste sie vollst�ndig in den Rachen unserer Leiche einf�hren, um den Papyrus greifen zu k�nnen.� Er zeigte mit dem Finger in seinen Mund. �Das hei�t, ich war um etwas mehr als zwei Handbreit in der Kehle der Leiche. Kannst du mir folgen? Gut. Der Papyrus steckte ganz tief im Rachen unseres armen Opfers, hinter dem Punkt, wo Luftr�hre und Speiser�hre sich teilen.�</p><p>Er deutete auf seinen Kehlkopf, damit mir�m�glichst�klar war, wovon er sprach. Ich nickte. Er fuhr fort.</p><p>�Es ist ausgeschlossen, dass er den Papyrus�bis�dorthin verschluckt haben k�nnte. Wei�t du, warum?� Ich verneinte pflichtschuldig.</p><p>�Ganz einfach: Der Mensch kann mit der Luftr�hre nicht schlucken! Man hat ihn also nicht nur geknebelt, mein Freund, sondern ihm ein fast faustgro�es�, er zeigte die Faust, �zusammengekn�lltes Blatt in den Mund gesteckt, es tief in seinen Hals gedr�ckt und ihn damit erstickt.� Er legte seine F�uste �bereinander und drehte sie in die jeweils entgegengesetzte Richtung: so wie man einem Huhn den Hals umdrehen w�rde. Hippokrates nickte und presste die Lippen trotzig aneinander.</p><p>�Und du bist ganz sicher?�</p><p>�Ganz sicher�, entgegnete der Arzt, �und selbst wenn ich es nicht w�re! �berlege einfach nur, wieso ich Athen verlassen muss. Dann erschlie�t sich dir die Antwort ganz von selbst!�</p><p>Ich h�rte ein Klopfen an der Kaj�tenwand. Der Kapit�n stand in der T�r. Er r�usperte sich.</p><p>�Entschuldige Hauptmann, wenn ich st�re�, sagte er, �es ist Zeit. Wir m�ssen ablegen. Sonst kommt die Flut und h�lt uns im Hafen. Wir wollen absto�en.�</p><p>Ich nickte und sah Hippokrates in die Augen.</p><p>�Es tut mir leid, dass du gehen musst�, sagte ich zum Abschied, �sehr leid. Aber ich habe heute deinen Sch�ler Chilon kennengelernt. Wenn du m�chtest, dann lass ihn wissen, wo du zu finden und zu erreichen bist. Ich k�nnte dir eine Nachricht zukommen lassen, sobald du zur�ckkommen kannst. Wenn du m�chtest.�</p><p>Der Arzt nickte, aber er blieb stumm. Ich wusste, was er dachte. Er hatte keinen Grund, mir zu trauen. Vielleicht war ich nur hier, um zu pr�fen, ob er nicht vielleicht jetzt schon so klug war, einfach zu l�gen, wenn man ihn nach Perianders Tod fragte. Wenn das so w�re, h�tte er diese Pr�fung alles andere als bestanden. Das brachte ihn in zus�tzliche Gefahr, und er wusste das.</p><p>�Du musst mir nicht vertrauen�, sagte ich. �Ich will gar nicht wissen, wo du bist. Vertraue einfach nur Chilon. Und wenn ich ihm sage, dass du gefahrlos zur�ckkehren kannst, dann erkundige dich bei anderen �ber die Verh�ltnisse in Athen. Verschaffe dir selbst ein Bild. Aber dann kehre zu uns zur�ck!�</p><p>Er wandte sich zum Gehen. Ich reichte ihm meine Hand. Er betrachtete mich misstrauisch, dann nahm er sie z�gernd, aber er nahm sie.</p><p>�Wir werden sehen�, sagte er, und die Worte klangen wieder mehr wie an ihn selbst denn an mich gerichtet. �Gr��e mir Chilon.�</p><p>Nachdem Hippokrates die Kaj�te verlassen hatte, legte mir der persische Kapit�n seinen Arm um die Schulter und brachte mich zum Steg. Ich sah, wie mich meine Bogensch�tzen vom Pier aus erstaunt beobachteten, denn der Kapit�n zog seinen Arm auf dem ganzen Weg nicht zur�ck. <emphasis>Perserfreund</emphasis>, das Schandwort schien schon auf ihren Lippen zu liegen. Ich war gespannt, wie lange es dauern w�rde, bis Anaxos davon wusste. Mit einem Fu� hatte ich die Planke schon betreten, als der Kapit�n mich zur�ckhielt.</p><p>�Du bist ein ehrenvoller Grieche�, sagte er. �Ich dachte schon, es g�be keine. Ich danke dir.�</p><p>�Ich w�sste nicht, wof�r�, entgegnete ich. Ich verstand nicht, was mir der Kapit�n sagen wollte - wie sollte ich auch? Um die pl�tzlich eintretende Stille zu �berspielen, w�nschte ich ihm und seinem Schiff gute Fahrt und meinte beil�ufig, dass wir uns vielleicht einmal wiedersehen w�rden.</p><p>�Das ist gut m�glich�, entgegnete er mit eigent�mlichem Ernst und traurigen Augen. �Aber ich f�rchte, ein Wiedersehen wird dir nicht viel Freude bringen.�</p><p>�Was meinst du damit?�, fragte ich, denn mir war klar, dass mir der Perser nicht hatte drohen wollen. Er hatte etwas anderes gemeint.</p><p>�Nichts�, entgegnete er verlegen, �ich habe schon zu viel gesagt. Passt auf euch auf, ihr Athener!�, und schon hatte er sein Gesicht wieder hinter der undurchschaubaren Maske des Orientalen verborgen. Noch einmal fragte ich nach, was er gemeint habe, als er sagte, ein Wiedersehen w�rde mir keine Freude bringen, aber er blieb stumm und seine Z�ge unergr�ndlich. Sie waren wie gefroren, sogar seine Augen blieben starr. Also verlie� ich das Schiff ohne eine Antwort. Heute kenne ich sie, denn wir trafen uns wieder - beinahe am selben Ort.�</p></section><section><title><p><strong>&#x3A3;</strong></p></title><p>die sonne ging schon unter, als ich endlich wieder in der Kaserne ankam. Ich gab Ariadne in die Obhut des Stallknechts. Vor dem Eingang des Haupthauses sa� ein junger Mann, der mir nicht fremd war. Er hatte den Chiton gewechselt und trug einen Lederbeutel um die Schulter, wie sein Lehrer dies auch tat. Er erhob sich und winkte mir zu. Chilon war noch ein wenig bleich, und beim N�herkommen sah ich, dass seine Augen glasig schimmerten. Ansonsten schien er den nachmitt�glichen Rausch aber gut �berstanden zu haben.</p><p>�Wo ist also der Patient?�, fragte er eine Spur zu laut und zu forsch, als ich vor ihn trat.</p><p>�Leise�, sagte ich, �die W�nde haben Ohren.� Ich f�hrte Chilon in das Haupthaus. In der Eingangshalle sa�en drei To-xotai beim W�rfelspiel. Ihre Waffen und Harnische abgelegt, vertrieben sie sich so die Zeit ihrer Abendwache. Sie blickten kurz auf und gr��ten.</p><p>�Alles ruhig?�, wollte ich wissen. Ja, es sei alles ruhig, best�tigten sie.</p><p>Die Schreibstube war leer. Mysons Tisch war fein s�uberlich aufger�umt. Das war ein Ritual, das er jeden Abend einhielt. Er rollte die Papyri zusammen und reihte sie nebeneinander auf, spitzte die Schreibhalme mit einem kleinen, scharfen Messerchen und legte auch diese Seite an Seite. Erst dann ging er nach Hause. Myson war also schon fort. Halb bedauerte ich es, halb war ich erleichtert.</p><p>Ich f�hrte Chilon in den Gang hinter der Schreibstube und war erstaunt, vor unserer Arrestzelle keine Wache mehr zu sehen. Die T�r zur Zelle stand offen. Das Stroh, das zum Schlafen diente und sonst in der hinteren Ecke lag, war �ber den ganzen Boden verteilt. Die Zelle war leer.</p><p>�Komm mit, schnell!�, befahl ich Chilon und lief zur Eingangshalle zur�ck. Die Soldaten schreckten auf, als wir angerannt kamen, und wollten schon nach den Waffen greifen.</p><p>�Wo ist der Gefangene?�, schrie ich in heller Aufregung.</p><p>�Im Gef�ngnis!�, schallte es wie aus einer Kehle zur�ck.</p><p>�Gott sei Dank!�, stammelte ich und blieb atemlos stehen. Mir war, als h�tte mein Herz aufgeh�rt zu schlagen. Daf�r h�mmerte es jetzt wie eine Kriegstrommel.</p><p>�Wer hat das angeordnet?�, fragte ich.</p><p>�Myson�, antwortete der �lteste und rangh�chste von ihnen verlegen, �er sagte, du h�ttest ...�</p><p>� ... es befohlen?�, vervollst�ndigte ich den Satz.</p><p>�Ja, Hauptmann�, best�tigte er verlegen und entschuldigend.</p><p>Ich lie� die M�nner in der Kaserne zur�ck und machte mich mit Chilon auf den Weg zum Gef�ngnis. Nat�rlich h�tten sie gerne gewusst, was es mit dem Gefangenen auf sich hatte und wieso ich �ber seine Verlegung so erstaunt war. Es stand ihnen auf die Stirn geschrieben. Aber keiner wagte zu fragen, und ich sagte nichts weiter dazu.</p><p>Das Gef�ngnis war nicht weit von unserem Hauptquartier entfernt. Als wir auf die Stra�e traten, war es dunkel geworden. Vor uns erhob sich der Aresfelsen wie der R�cken eines schlafenden Riesen. In den H�usern waren die Lichter zur Nacht entz�ndet worden.</p><p>Die Verwaltung des Gef�ngnisses lag bei mir als dem Hauptmann der Bogensch�tzen. Es war also nicht schwer f�r mich, Lysippos aufzusuchen. Und doch war er in jenem Geb�ude, das ich nur ab und zu betrat, weniger unter meiner Aufsicht als in der Kaserne, in der ich mich beinahe t�glich aufhielt. Ich hatte nicht den geringsten Zweifel, dass genau darin der Grund daf�r lag, dass man Lysippos dorthin gebracht hatte. Ich hatte auch keinen Zweifel daran, wer dies in Wirklichkeit befohlen hatte.</p><p>�Warum bist du vorhin so erschrocken?�, fragte Chilon, als wir beinahe angekommen waren. �Du sahst aus, als h�ttest du ein Gespenst gesehen.�</p><p>�Das habe ich auch, Chilon�, erwiderte ich. �Ich habe mich selbst als Gespenst gesehen, wenn du verstehst, was ich meine ... Ich hatte Angst, der Gefangene w�re geflohen. Das w�re mein Tod gewesen.�</p><p>Chilon nickte. Ich sah es aus dem Augenwinkel und blieb still, bis wir an die Pforte des Gef�ngnisses kamen.</p><p>Das Tor, das zum Innenhof des gedrungenen Kalksteinbaus f�hrte, war geschlossen. Ich schlug mit dem Knauf meines Schwertes gegen das m�chtige Eichenportal und wartete eine Weile, bis von drinnen eine schwache Stimme zu h�ren war, die fragte, wer wir seien und was wir wollten.</p><p>�Nikomachos, dein Hauptmann, zum Gefangenen Lysippos�, rief ich. Der gro�e Riegel wurde zur Seite geschoben und das schwerf�llige Tor mit einem langgezogenen Knarren ge�ffnet. Ein kleiner Lichtstrahl leuchtete uns entgegen. Er kam aus einer Laterne, die der W�chter in H�nden hielt. Chilon zuckte zusammen. Ich hatte vergessen, ihn auf diese Begegnung vorzubereiten, denn Bias bot keinen allt�glichen Anblick. Der W�chter glich mehr einem Waldgeist als einem Mann, ein kleines buckeliges Wesen mit gelben Augen und fratzenhaftem Gesicht. Er wohnte hier zusammen mit einer Frau, einer Zwergin, die ebenso h�sslich war wie er, in einem kleinen Nebengeb�ude und verlie� die Gef�ngnismauern weder bei Tag noch bei Nacht. Wie er mir einmal gestand, hatte er Angst, drau�en w�rde man ihn mit Steinen bewerfen, wie dies wohl schon geschehen war. Bias war also als W�rter ebenso gefangen wie die anderen hier, allerdings konnte er weder auf einen Freispruch hoffen noch von einer Flucht aus diesen Mauern tr�umen. Trotzdem war er ein freundlicher kleiner Kerl und behandelte die Gefangenen mit Respekt.</p><p>�Ah, Hauptmann, komm herein, komm herein�, gr��te Bias eilfertig, w�hrend sein durch den Buckel verunstalteter Oberk�rper auf seinen d�nnen Beinchen hin- und herschwankte. �Du willst nach dem Rechten sehen? Das ist gut, komm herein, komm herein.�</p><p>�Nicht nach dem Rechten, Bias, nur nach dem neuen Gefangenen, Lysippos. Sie m�ssten ihn dir heute gebracht haben�, entgegnete ich.</p><p>�Lysippos, ja, den haben wir hier gut untergebracht. Kommt nur! Sie haben ihn heute hergeschleppt. Vier Mann haben ihn auf einer Trage hergebracht. Er hat sich nicht gewehrt, und jetzt sitzt er ganz ruhig in seinem Loch�, antwortete Bias in dem ihm eigenen Singsang. Er sprang beh�nde zum Hauptgeb�ude und bedeutete uns, ihm zu folgen.</p><p>�Wie macht er sich denn?�, fragte ich, als wir ihn eingeholt hatten.</p><p>�Fr�h zu urteilen�, antwortete Bias. �Ich war noch gar nicht bei ihm. Aber ich glaube, er ist kein schlechter Kerl. War ganz ruhig und still, wie sie ihn in die Zelle getragen haben. Ganz ruhig und still.�</p><p>Bias bog kurz vor der Eingangst�r des Hauptgeb�udes ab und f�hrte uns eine schmale Treppe hinunter zu den Verliesen. Man hatte Lysippos also in den Kerkern untergebracht. Wir gingen einen stockfinsteren Gang entlang. Bias' Laterne spendete nur wenig Licht. Endlich standen wir vor einer alten, mit Eisen beschlagenen T�r, die Bias �ffnete.</p><p>Als der W�rter den Raum ausleuchtete, bot sich uns ein Bild des Jammers. Lysippos kauerte an der Wand und wiegte seinen Oberk�rper vor und zur�ck, vor und zur�ck. Auf seiner nackten Haut prangten neue Striemen. Man hatte ihn wieder ausgepeitscht. Er summte eine Melodie vor sich hin, die er st�ndig und scheinbar ohne jede Regung wiederholte. Es war ein Teil eines alten Schlafliedes, mit dem die Ammen die Kinder beruhigten.</p><p>�Kannst du ihm helfen?�, fragte ich Chilon. Er nickte, nahm seinen Lederbeutel ab und ging ein wenig beklommen auf die geschundene Kreatur zu, die da vor uns sa�.</p><p>�Sei vorsichtig. Er ist unberechenbar�, warnte ich, wodurch Chilons Bewegungen noch z�gerlicher wurden.</p><p>�Mach mir Licht�, bat er Bias, w�hrend er sich langsam zu Lysippos hinunterbeugte. Aber Bias hatte sich schon umsichtig hinter den jungen Arzt gestellt und hielt die Laterne so gut es ging �ber ihn und den Patienten, damit er arbeiten konnte. Sein gnomenhaftes Gesicht war besorgt. Ich sah es selbst im Halbschatten des Laternenlichtes. Auch er hatte diesen Anblick nicht erwartet.</p><p>Chilon bat Bias, dem Gefangenen ins Gesicht zu leuchten, und hielt ihn mit beiden H�nden fest, damit Lysippos mit dieser eigent�mlichen Schaukelbewegung aufh�rte. Dann untersuchte Chilon Lysippos' Augen, seine Ohren, seinen Mund und tastete vorsichtig nach seinem Kinn, dem Kehlkopf und dem Hals. Ich musste unwillk�rlich an Hippokrates und die Leichenschau an dem armen Periander denken, denn in Chilons noch etwas unsicheren Bewegungen erkannte ich Hippokrates' Vorbild ohne Zweifel. Als er mit Gesicht und Hals fertig war, widmete sich Chilon den tiefen, blutverkrusteten Striemen an Lysippos K�rper. Mit einer Hand hielt er Lysippos weiterhin fest an die Wand gedr�ckt, mit der anderen ber�hrte er zaghaft die Haut zwischen den Wunden, sorgf�ltig darauf achtend, seinem Patienten nicht wehzutun. Aber Lysippos schien ohnehin keinerlei Notiz von ihm oder der Untersuchung zu nehmen. Als Chilon ihn loslie�, begann er nur wieder seinen Oberk�rper hin- und herzuwiegen und die immer gleiche Strophe des eint�nigen Kinderliedes zu summen.</p><p>Zuletzt untersuchte Chilon Lysippos' Beine und seinen Fu�. Pl�tzlich br�llte der vor Schmerz auf. Wir erschraken alle.</p><p>�Oh Gott!�, rief Chilon entsetzt und winkte mich zu sich. Ich trat n�her, Bias hielt sein Gesicht abgewandt. Das fahle Licht der Laterne zeigte mir den Grund: Lysippos' rechter Fu� - oder vielmehr das, was Anaxos und sein Folterknecht davon �briggelassen hatten.</p><p>Chilon besann sich einen Moment, atmete tief durch und zog seinen Lederbeutel zu sich, dem er zwei gebogene Schienen, einen Lederriemen, einen Tontiegel und eine Verbandsrolle entnahm. Ich musste mich neben Lysippos setzen und mit ganzer Kraft seine Beine festhalten, w�hrend Chilon den verdreht stehenden Fu� zun�chst sorgf�ltig mit einer fetten, wei�en Paste einschmierte, ihn dann zart in die Hand nahm, um ihn pl�tzlich und unter einem ohrenbet�ubenden Schmerzensschrei aus Lysippos' Munde wieder in die richtige Position zu drehen.</p><p>�Du kannst ihn loslassen�, sagte Chilon, nachdem das Gelenk eingerenkt war, �er wehrt sich jetzt nicht mehr.�</p><p>Ich lockerte meinen Griff. Lysippos strampelte und schrie nicht mehr. Er war vor Schmerz in Ohnmacht gefallen.</p><p>Chilon legte den geschundenen und blutenden Fu� zwischen die Schienen und fertigte einen fest sitzenden Verband. Lysippos st�hnte in seiner Ohnmacht, w�hrend Chilon den Fu� umwickelte. Ich zeigte fragend auf den nach unten abgeknickten Spann. Chilon sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Hammerschlag�, sagte er und zuckte mit den Schultern. Dagegen war er machtlos.</p><p>Nachdem Lysippos' Fu� verbunden und die Wunden an seinem K�rper mit einer Talgsalbe verarztet waren, verlie�en wir den Raum. Lysippos war von seiner Ohnmacht in einen tiefen Schlaf gesunken, wie Chilon festgestellt hatte. Schweigend folgten wir Bias' Lampenschein den dunklen Flur entlang und die Treppe hinauf. Als wir auf dem Vorplatz angekommen waren, fragte ich Chilon, wie Lysippos Fu� so zugerichtet worden war.</p><p>�Die kleinen Einstiche im Fu� r�hren von einem persischen Schuh. Du wei�t schon, der Metallschuh mit nach innen zeigenden N�geln. Aber diese Verletzungen sind nicht allzu tief. Sie haben ihn wahrscheinlich abgenommen, um sich dem Gelenk zu widmen. Das haben sie vollst�ndig ausgekugelt, wozu sie vermutlich eine gro�e Zange oder etwas von der Art benutzt haben. Die Verletzungen am Mittelfu� r�hren von einem schweren Hammer her. Sie haben ihn einfach zertr�mmert. Kein sch�ner Anblick�, antwortete Chilon mit einer Sachlichkeit, die mich schaudern machte. Er war wohl doch schon sehr viel mehr Arzt, als ich dies gerade noch vermutet hatte. Bias dagegen hatte die Wunden schon nicht anschauen k�nnen und war mit jedem Satz, den Chilon sprach, einen Schritt von uns weggegangen. Er wollte nicht auch noch genau wissen, was mit Lysippos geschehen war. Ihm gen�gte das, was er gesehen und geh�rt hatte, vollkommen.</p><p>�Ich frage mich nur, wieso sie ihm den persischen Schuh so fr�h abgenommen haben�, fuhr Chilon in seinen �berlegungen fort. �Die Dinger sind ungemein schmerzhaft, und man kann die Qual langsam steigern, ohne dass das Opfer gleich in Ohnmacht f�llt. Einer solchen Folter widersteht niemand lange.�</p><p>Ich kannte den Grund. Er war denkbar einfach. Sie hatten den persischen Schuh nicht mehr gefunden, als sie die Folter heute Nachmittag hatten fortsetzen wollten. Ich hatte ihn weggenommen. Deswegen mussten Anaxos und sein Gehilfe mit dem gespaltenen Gesicht andere Werkzeuge zum Einsatz bringen. Sie haben sich sicher in unserem Stall oder in der Waffenkammer bedient. Was hatte ich mir nur dabei gedacht? Dass die Folterknechte um gutes Werkzeug verlegen w�ren?</p><p>Ich hatte genug. F�r heute musste ich nicht noch mehr erfahren. Ich bat Bias um zwei Laternen, damit Chilon und ich unseren Weg nach Hause finden konnten, bezahlte Chilon gro�z�gig von dem Geld, das mir Anaxos gegeben hatte, und trat ersch�pft meinen Heimweg in den Kerameikos an. Dass Aspasia mich dort mit dem Abendbrot erwartete und nicht fragte, was geschehen war, war der einzige Lichtblick dieses Tages.</p></section><section><title><p id="bookmark12">&#x41E;</p></title><p>ich erwachte, als der Morgen d�mmerte. Kalter Schwei� trat mir auf die Stirn. Periander in seinem Totengewand, Anaxos, Lysippos und Myson standen als ins Reich des Tages getretene Traumgespinste um mein Bett und betrachteten mich. Sie hatten sich aus der Welt des Schlafes hin�berretten k�nnen und verweilten einen Moment schweigend bei mir. Dann drehte sich einer nach dem anderen um, wandte mir den R�cken zu und gemeinsam kehrten sie zu ihrem Herrn Morpheus zur�ck. Ich schmeckte Metall im Mund. An Schlaf war nicht mehr zu denken. Vorsichtig stand ich auf - Aspasia schlief nie sehr tief - und ging leise in den Garten hinaus.</p><p>K�hle Morgenluft begr��te mich. Ein leichter Nebelschleier lag �ber dem Gebirge. An den Bl�ttern des Feigenbaumes hing der Tau, den die Nacht vom Meer her zu uns gebracht hatte.</p><p>Was konnte ich tun? Lysippos musste gestern jeden Vorwurf gestanden haben, den man nur gegen ihn erhob, gleichg�ltig, ob man ihn des Mordes an Periander oder irgendeines anderen Verbrechens beschuldigt hatte. Anaxos w�rde ihn vor den Areopag bringen. Das Todesurteil war schon gewiss. In Lysip-pos' Hinrichtung f�nde der Zorn der Aristokratie seinen H�hepunkt, sein Ziel und sein Ende. Die Stadt w�re wieder befriedet, die B�rgerschaft beruhigt. F�r dieses Mal bliebe der Umsturz aus. Von dem wirklichen M�rder Perianders aber fehlte jede Spur. Nach Lysippos' Tod w�rde kein Mensch mehr nach ihm suchen, ja wer es versuchte, w�rde daran gehindert. Ich war also keinen Schritt weitergekommen. Im Gegenteil, ich war zur�ckgefallen. Die Steine in meiner Tasche waren nicht Teile eines Mosaiks. Es waren einfach nur Steine.</p><p>Ich h�rte das R�uspern meines Vaters. Er stand hinter mir. Ich drehte mich um und begr��te ihn.</p><p>�Verzeih mir, wenn ich dich geweckt habe, Vater�, entschuldigte ich mich, �ich konnte nicht mehr schlafen.�</p><p>�Das macht nichts, mein Junge�, entgegnete er mit noch von der Nacht belegter Stimme. �In meinem Alter braucht man nicht mehr so viel Schlaf. Aber du bist noch jung, du solltest schlafen k�nnen. Was ist mit dir, was bedr�ckt dich?�</p><p>�Nichts. Ich bin nur zu fr�h aufgewacht�, antwortete ich und bem�hte mich um ein L�cheln, das mir aber vollst�ndig misslang.</p><p>�Ich verstehe es gut, wenn du nicht mit mir sprechen willst�, sagte mein Vater vollkommen ruhig. �Du hast Angst, ich w�rde mir um dich zu viele Sorgen machen, und das w�rde ich sicher auch. Wie alle V�ter, die ihre S�hne lieben. Aber mache deinen Kummer nicht mit dir alleine ab. Er wird sonst zu gro�.�</p><p>Er dr�ckte mir kurz die Hand und ging leise zur�ck ins Haus. Ich sah ihm nach, bis er die T�r hinter sich geschlossen hatte. Er hatte recht. Ich konnte diesen Kummer nicht alleine tragen. Ich musste mit jemandem sprechen, und ich wusste auch, mit wem.</p><p>Ich wartete beinahe den ganzen Vormittag und schlenderte immer wieder von der bunten Stoa zu Simons Werkstatt, bevor Sokrates in Begleitung einer Gruppe junger M�nner lachend auf dem Marktplatz erschien. Es war ein merkw�rdiger Haufen, der sich da um ihn geschart hatte: Einer von ihnen schien ausgemergelt, fast verhungert, und trug einen groben, viel zu gro�en Mantel am d�nnen Leib. Trotzdem war er bester Laune. Gerade neben ihm spazierte sein vollkommenes Gegenst�ck: ein in Seide gekleideter J�ngling mit frisiertem Kopf und gesundem Bauch. Auch er lachte aus vollem Hals. Hinter Sokrates ging Platon mit seinem immer noch viel zu ernsten Gesicht und neben ihm ein gro�er, ein wenig ungelenk wirkender Ephebe, der Sokrates angestrengt zuh�rte. Er sah ein wenig aus wie ein Sch�ler, der verzweifelt versucht, seinen Lehrer zu verstehen, aber schon wei�, dass es ihm nie ganz gelingen wird. Ich ging auf die Gruppe zu und sah zu meinem Erstaunen, dass Sokrates' grauer Mantel v�llig durchn�sst war.</p><p>�Guten Tag, Nikomachos�, begr��te er mich freundlich und zeigte auf seine nassen Kleider. �Da hat nun der Hauptmann der Bogensch�tzen endlich den Weg zu mir gefunden, um mit mir �ber Tugend und Gerechtigkeit zu sprechen, und wen sieht er vor sich? Einen begossenen Pudel. Er muss mich f�r einen Narren halten.�</p><p>Die Bemerkung l�ste gr��te Heiterkeit aus, ein geheimer Witz, den nur Eingeweihte verstanden. Die beiden merkw�rdigen Antipoden lachten lauthals los, der junge Soldat feixte, aber am meisten freute Sokrates selbst sich �ber seinen Scherz. Nur Platon verzog keine Miene. Er sah bleich und m�de aus.</p><p>�Entschuldige, wenn wir lachen�, sagte Sokrates, �meine lieben Sch�ler haben mich gerade von zu Hause abgeholt, und Xanthippe hat wieder geschimpft. Du hast sie ja kennengelernt. Sie wollte mich h�sslichen Kerl einfach nicht gehen lassen! Erst gab es Streit, und dann hat sie mir auch noch einen Eimer Wasser hinterhergesch�ttet. Also sagte ich: &lt;Erst macht Xanthippe ein Donnerwetter, und dann l�sst sie es auch noch regnen&gt; ...�</p><p>Die unterschiedlichen Br�der prusteten wieder los, und der gro�e Kerl lachte gutm�tig mit.</p><p>�Aber komm, Nikomachos, ich stelle dir meine Sch�ler vor�, sagte Sokrates und deutete auf seine Begleiter. �Platon hast du schon kennengelernt, nicht wahr? Das hier ist Antisthenes. Du siehst den Mantel? Er tr�gt ihn doppelt, damit er nachts darin schlafen kann, und so sehen er und sein Mantel auch aus. Ich f�nde das unbequem, aber er m�chte es so.</p><p>Unser �beraus gepflegter Freund hei�t Aristippos. Er stammt aus Kyrene, und sicher gibt es zwischen seiner Heimatstadt und Athen keine Het�re, der er nicht das Herz gebrochen h�tte. Dieser gro�e und stattliche Kerl schlie�lich ist Xenophon ...� Er deutete auf den gutm�tigen Soldaten, als er mir in die Augen sah. Sokrates hielt unwillk�rlich inne, legte den Kopf zur Seite und schien mir ins Herz zu sehen.</p><p>�Entschuldigt, meine Freunde�, sagte er an seine Sch�ler gerichtet. �Ich f�rchte, ich muss euch eine Weile allein lassen. Unser neuer Freund braucht meine Hilfe.� Platons Gesicht verfinsterte sich, Xenophon schien �berrascht. Sokrates nickte seinen Sch�lern gutm�tig zu, hakte sich bei mir unter und f�hrte mich weg.</p><p>Wir gingen �ber den Marktplatz, ohne dass ein Wort fiel. Unser Weg f�hrte an Simons Werkstatt und dem Tholos-Ge-b�ude vorbei. Man bereitete gerade das Mittagsmahl f�r die Ratsmitglieder. Als wir den Rundbau hinter uns gelassen hatten, fragte Sokrates, was ich auf dem Herzen h�tte.</p><p>Ich berichtete ihm von Lysippos' Verhaftung, von dem Trick, mit dem Myson ihn aus der Fassung gebracht hatte, von seiner Folterung und Anaxos' Plan, ihn vor den Areopag zu bringen, wo ihn nichts anderes als der Tod erwarten konnte. Schlie�lich erkl�rte ich, wieso ich mir sicher war, dass Lysippos mit dem Mord nichts zu tun hatte. Dies alles erz�hlte ich bald stockend, bald in sprudelndem Wortschwall. Es war sicher kaum m�glich, mir zu folgen, aber Sokrates lauschte mir stumm und aufmerksam. Er hielt mich am Arm und wich nicht von meiner Seite.</p><p>Als ich mir den Kummer von der Seele geredet hatte, standen wir vor dem Hephaistos-Tempel, zu dessen Marmorportal uns der Weg gef�hrt hatte. Er ist auf einem kleinen H�gel gerade neben der Agora errichtet, ein Kleinod, das die Athener Schmiede dem Gott des sch�pferischen Feuers gestiftet haben. Sokrates blieb stehen und sah auf den Marktplatz hinunter.</p><p>�Wieso liegt dir so viel an Lysippos?�, fragte er mich nach einer Weile.</p><p>�Es liegt mir gar nichts an ihm�, antwortete ich, �im Gegenteil. Er ist absto�end und verkommen. Aber mit seinem Tod bliebe der Mord an Periander f�r immer unges�hnt, und es ist einfach nicht recht, ihn f�r etwas zu bestrafen, das ein anderer begangen hat. Auch wenn er den Tod aus anderen Gr�nden verdient haben mag.�</p><p>Sokrates l�chelte.</p><p>�Woher wei�t du das?�, fragte er.</p><p>�Was?�</p><p>�Dass es nicht recht w�re, ihn f�r etwas zu bestrafen, was er nicht getan hat, auch wenn er den Tod verdient.�</p><p>Ich schwieg einen Moment. Die Antwort, die ich zu geben hatte, schien mir dumm, und ich sch�mte mich f�r sie.</p><p>�Ich wei� es nicht wirklich, Sokrates�, antwortete ich z�gernd. �Es ist mehr so, als ob es etwas in mir g�be, das es wei� und mit mir spricht.�</p><p>Sokrates strahlte mich an. F�r einen Augenblick dachte ich, er w�rde gleich loslachen. Aber nichts dergleichen geschah.</p><p>�Dann werden wir versuchen m�ssen, Lysippos zu helfen und ein ungerechtes Urteil zu verhindern�, bestimmte er stattdessen.</p><p>�Und wei�t du, wie wir das tun k�nnten?�, fragte ich.</p><p>�Nun, wenn ich wissen will, wie man Schuhe repariert, dann gehe ich zu einem Schuster und frage ihn. Am besten zu Simon, denn er kennt sich mit Schuhen aus und ist mein Freund�, antwortete Sokrates in der ihm eigenen Art. �Wenn du jetzt wissen willst, wie man einen Prozess gewinnt, musst du zu jemandem gehen, der sich mit Prozessen auskennt. Am besten zu Lysias ...�</p><p>�Aber Lysias ist teuer�, unterbrach ich Sokrates, w�hrend dieser schon losging.</p><p>�... aber auch er ist mein Freund�, fuhr er gelassen fort. �Er kann uns sicher helfen.�</p><p>Unbeirrt ging Sokrates voraus. Ich beeilte mich, ihm zu folgen.</p><p>�Willst du jetzt geradewegs zu Lysias?�, fragte ich, als ich ihn eingeholt hatte.</p><p>�Aber ja�, antwortete Sokrates, �er ist ganz sicher zu Hause.�</p><p>Wir gingen nicht mehr zur Agora zur�ck, sondern wandten uns direkt zur Pnyx und folgten der Stra�e zum Henker-Tor. Dahinter, zwischen der n�rdlichen und der s�dlichen Langen Mauer, hatte die Stadt einigen reichen Met�ken gestattet, ihre H�user zu bauen - gegen eine hohe Sonderpacht, denn sie durften die Grundst�cke, auf denen ihre H�user standen, nicht kaufen. Dorthin wandte Sokrates seinen Schritt, nicht ohne mir ein wenig von Lysias und seiner Familie zu erz�hlen: Lysias' Vater Kephalos stammte aus einer wohlhabenden Syrakuser Familie und war unter Perikles nach Athen gekommen. �ber die Gr�nde hierf�r sprach er nicht gerne. Er hatte wohl vor einer politischen Fehde fliehen m�ssen; selbst Sokrates wusste nichts Genaueres. Hier in Athen gr�ndete Kephalos eine Schildermanufaktur, die ihn zu Reichtum brachte. Ihm geh�rte das sch�nste Met�ken-Haus weit und breit, und er hielt es gastlich. Lysias hatte die Gesch�fte seines Vaters zwischenzeitlich �bernommen, dabei aber noch eine ganz andere Neigung in sich entdeckt: er schrieb Reden, vornehmlich Gerichtsreden, und je aussichtsloser der Fall war, desto gr��er war auch sein Ehrgeiz.</p><p>�Du erstaunst mich immer wieder, Sokrates�, sagte ich, als wir beinahe schon an Kephalos' Haus angekommen waren. �Ich dachte immer, du seist ein Gegner der Redner und Sophisten, und jetzt nennst du einen Logographen deinen Freund.�</p><p>�Ich verstehe gar nicht, wie du das denken konntest�, antwortete Sokrates erstaunt. �Wusstest du denn nicht, dass mich die Athener einen Sophisten nennen? Ich habe nichts gegen die Redner. Platon mag sie nicht, aber das hat andere Gr�nde.�</p><p>�Ach ja, welche?�, fragte ich erstaunt.</p><p>�Hast du es nicht bemerkt? Platon versucht es so gut er kann zu verbergen. Er hat einen kleinen Sprachfehler: Er lispelt. Eigentlich f�llt es nicht weiter auf, aber wenn er vor einer gr��eren Menge sprechen soll, wird es st�rker.�</p><p>Sokrates war im Hause des Kephalos wohlbekannt. Sofort wurden wir zu Lysias vorgelassen. Der hatte sich vor der Hitze in sein Arbeitszimmer zur�ckgezogen. Wir trafen ihn in einem ausladenden Raum mit hoher, blau get�nchter und mit Sternen verzierter Decke. Hier sa� er an einem niedrigen Tisch und blickte auf das Atrium, das man durch einen von Marmors�ulen gest�tzten Wanddurchbruch erreichen konnte. Als Lysias Sokrates sah, erhob er sich, ging ihm entgegen und schloss ihn in die Arme.</p><p>Lysias war ein kr�ftiger, nicht allzu gro�er Mann mit breiten Schultern und breitem L�cheln. Ein kleiner Bauch verriet seinen Hang zu gutem Essen, ein sinnlicher Mund eine Neigung zum K�rperlichen und seine gro�e, gebogene Nase die sizilianische Abstammung.</p><p>�Sokrates, was f�r eine Freude�, sagte er und k�sste ihn auf die Wangen. �Und ich sehe, du hast den Hauptmann der Bogensch�tzen mitgebracht, von dem man in den letzten Tagen ziemlich viel spricht in Athen.�</p><p>Er l�chelte sp�ttisch und deutete eine elegante, aber auch ein wenig theatralische Verbeugung vor mir an. Dann bat er uns, auf zwei gepolsterten Sesseln Platz zu nehmen, bot uns mit Honig ges��tes Wasser und einige Feigen an und fragte schlie�lich ziemlich geradeheraus, was wir eigentlich von ihm wollten.</p><p>�So einen Besuch erh�lt man selten ohne Grund�, sagte er selbstsicher. �Womit kann ich dienen, meine Freunde?�</p><p>�Der gro�e Lysias hat l�ngst durchschaut, dass wir nicht aus reiner Freundschaft und H�flichkeit hierher gekommen sind�, sagte Sokrates mit einem Seitenblick auf mich und tat ergeben. �Aber wie h�tte es auch anders sein k�nnen bei einem Mann mit solchen Begabungen und Fertigkeiten?�</p><p>Lysias lachte. �Der alte Sokrates ist ein Fuchs und will mir schmeicheln, weil er wei�, dass ich daf�r ein wenig empf�nglich bin!�, erkl�rte er mir, und sein Gesicht konnte eine Spur von Eitelkeit nicht verbergen. �Aber was soll ich tun? Ich kann ihm einfach nicht widerstehen. Also�, und jetzt richtete er seine ganze Aufmerksamkeit wieder auf Sokrates, �worum geht es? Haben sie dich endlich wegen Gottlosigkeit angeklagt, und ich soll die Verteidigungsrede f�r dich schreiben? Du wei�t, ich habe das schon lange kommen sehen!�</p><p>�Nein�, antwortete Sokrates und wurde ernster. �Es geht um etwas anderes. Du hast sicher schon von dem Mord an Periander geh�rt?�</p><p>Lysias nickte. Der Ausdruck in seinem Gesicht �nderte sich vollkommen. Hatte er gerade noch schelmisch gelacht, schien er nun beinahe finster.</p><p>�Mein Freund Nikomachos hat vor einigen Tagen einen gewissen Lysippos festgenommen, der wahrscheinlich Perianders Leiche gefleddert hat. Er ist ein armer Teufel, ein Dieb und S�ufer. Anaxos - du wei�t, wer das ist - wird Lysippos vor den Areopag bringen und wegen des Mordes an Periander aburteilen lassen. Er l�sst ihn foltern. Nikomachos ist sich aber sicher, dass dieser Lysippos mit dem Mord nichts zu tun hat. Wenn wir ihm nicht helfen, wird er verurteilt, und Perianders M�rder l�uft weiterhin frei herum.�</p><p>�Und da dachtet ihr an mich?�, fragte Lysias schon wieder heiterer. Es war offensichtlich: Er wollte, dass Sokrates ihm noch einmal schmeichelte.</p><p>�Du bist der beste Logograph weit und breit�, bemerkte Sokrates. Lysias l�chelte. Das hatte er nur h�ren wollen.</p><p>�Ich kann dir und deinem Lob einfach nicht widerstehen�, antwortete er und war offensichtlich schon �berredet. Pl�tzlich drehte er sich zu mir und betrachtete mich einen Moment schweigend.</p><p>�Wieso bist du dir so sicher, dass dieser Kerl - wie hei�t er gleich - Lysippos? - ja, wieso bist du dir so sicher, dass er unschuldig ist?�, fragte er. Lysias' Gesicht, das gerade noch unter Sokrates' Kompliment erstrahlt war, bekam wieder einen so strengen Ausdruck, dass man sich vor ihm h�tte f�rchten k�nnen. Bei meiner Antwort geriet ich deswegen ins Stottern. Ich verhaspelte mich immer wieder und musste zweimal von vorn anfangen. Lysias legte die Stirn in Falten, blieb aber aufmerksam. Ich berichtete kurz von dem Leichenfund, von Hippokrates' schrecklicher Entdeckung im Rachen des armen Periander und den Beobachtungen der alten W�scherin.</p><p>W�hrend ich sprach, hielt Lysias die H�nde zusammen, so-dass sich die Fingerkuppen ber�hrten. Er hatte wei�e, weiche H�nde, die kaum je gearbeitet oder ein Schwert gef�hrt hatten. Nachdem ich meine Beobachtungen zusammengefasst hatte, bat er mich, Lysippos selbst zu beschreiben. Alles schien er �ber ihn wissen zu wollen: was er tat, wer seine Eltern waren, ob er Kinder hatte, wie Lysippos aussah, wie er sich kleidete, wie er sprach, wie er roch ... Die Kriegsverletzung interessierte ihn besonders. Zweimal musste ich sie genau beschreiben und zweimal schildern, wie Lysippos bei der Schlacht um Pylos sein Bein verloren zu haben behauptete.</p><p>�Das ist es�, sagte Lysias, �damit l�sst sich etwas machen. Ich schreibe euch die Rede. In drei Tagen wird sie fertig sein. Lysippos wird sie auswendig lernen m�ssen, und zwar so gut, dass er sie im Schlaf aufsagen kann. Und du, Nikomachos, du musst dich von ihm als Zeuge rufen lassen.�</p><p>Das hatte ich bef�rchtet, und ich war dazu bereit, aber wohl, nein, wohl war mir nicht dabei!</p><p>�Du wei�t, was das bedeuten kann?�, fragte Lysias und zog eine Augenbraue hoch.</p><p>Ich bejahte, und es war mir angst und bange. Lysias nickte. Sokrates sah zur Decke und schien wieder mit sich selbst zu sprechen. Ich denke, beide verstanden, wie es mir ging.</p><p>�Wissen wir eigentlich schon, wer die Anklage f�hren wird?�, fragte Lysias nach einer Weile. Ich sch�ttelte den Kopf. Dar�ber hatte ich mir noch keine Gedanken gemacht.</p><p>Lysias schloss die Augen und lie� seine Zeigefinger aufeinandertippen.</p><p>�Ich glaube, wir wissen es schon�, sagte er nach einer Weile. �Wer, sagtest du, war in Perianders Vaterhaus, um den Eltern beizustehen?�</p><p>�Kritias, warum?�</p><p>�Nun�, sagte Lysias offenbar erstaunt, dass ich �berhaupt noch nachfragte, �da haben wir unseren Ankl�ger! Meinst du, er l�sst sich diese Gelegenheit entgehen? Eine ruhmreiche Anklage f�r einen gebrochenen Freund, ein Angeklagter wie Lysippos! Das ist ihm ein Fest. Was k�nnte ihm denn mehr Gelegenheit geben, um gegen die Demokratie zu wettern, und was k�nnte seiner Eitelkeit mehr schmeicheln als ein solcher Prozess? Kritias vor dem Areopag! Ich sehe ihn vor mir, wie er vor den Richtern auf und ab stolziert ... Manchmal staunt man schon, was aus ihm geworden ist, nicht wahr, Sokrates?�</p><p>�So ist es, mein lieber Lysias�, entgegnete Sokrates.</p><p>�Ihr kennt euch? Ich meine, ihr beide seid mit Kritias bekannt?�, fragte ich erstaunt. Ich w�re nicht auf den Gedanken gekommen, dass der reiche und �berhebliche Kritias irgendetwas mit Sokrates zu tun haben k�nnte. Sokrates war sein v�lliges Gegenst�ck. Lysias schwieg beredt. Die Antwort stand in seinen Augen - auch dies ein Erbe seiner sizilianischen Heimat. Er deutete auf Sokrates.</p><p>�Oh ja�, antwortete der, �er war einmal mein Sch�ler - wie Alkibiades auch. Hast du das nicht gewusst?�</p><p>�Nein�, entgegnete ich �berrascht, �das wusste ich nicht.�</p><p>�Es ist lange her�, sagte Sokrates, und seine Stimme klang wehm�tig. �Die beiden waren die begabtesten S�hne Athens damals - mit Ausnahme von Lysias nat�rlich. Wie gesagt, das ist lange her. Es wachsen viele Blumen in meinem Garten, aber manche davon nicht so, wie der G�rtner es wollte.� Er hielt kurz inne und sah zu Boden. �Und manche haben auch Dornen bekommen�, f�gte er hinzu.</p><p>�oder sie sind giftig .�, erg�nzte Lysias lakonisch.</p><p>Es war Zeit zu gehen. Lysias begleitete uns zur T�r, wo wir uns verabschiedeten, und ich versprach, unseren Gastgeber �ber Anaxos' weitere Pl�ne und die geplante Verhandlung vor dem Areopag auf dem Laufenden zu halten. Sp�testens in drei Tagen sollte ich wiederkommen. Bis dahin w�rde Lysias' Verteidigungsrede f�r Lysippos fertig sein.</p><p>In Kephalos' Haus war es angenehm k�hl gewesen. Nun standen Sokrates und ich wieder auf der Stra�e und in der Hitze dieses gewaltigen Sommers. Wir kehrten zur Agora zur�ck. Sokrates hoffte, dass seine Sch�ler noch in der bunten Stoa auf ihn warteten, und ich wollte noch ein wenig bei ihm sein. Ich h�tte ihn gerne nach Alkibiades und Kritias gefragt. Es fiel mir schwer zu begreifen, wie er, der so wenig auf �u�erlichkeiten gab, ausgerechnet mit den beiden Athenern hatte umgehen k�nnen, denen Macht, Ruhm und Reichtum am meisten bedeuteten. Aber ich f�hlte, Sokrates wollte nicht �ber sie reden, und stellte ihm daher keine Fragen. Stattdessen kam ich auf Lysias zu sprechen. Es war ein eigent�mlicher Mensch, der uns da gerade begegnet war: freundlich, offen und herzlich auf der einen Seite, finster, �berheblich und eitel auf der anderen. Ich wusste nicht, ob ich ihn mochte oder nicht doch eher von ihm abgesto�en war.</p><p>�Lysias ist sehr schwierig�, best�tigte Sokrates meinen Eindruck, �und gerade seine �berheblichkeit verstehe ich nicht. Ich glaube, er bemerkt es nicht einmal, wenn er die Menschen vor den Kopf st��t. Aber er hat ein gutes Herz und hat noch niemanden abgewiesen, der seine Hilfe brauchte. Er hat schon tagelang an Reden gearbeitet, um die ihn arme Leute gebeten hatten, weil sie in einem Prozess Haus und Hof zu verlieren drohten - und das, ohne auch nur eine Drachme anzunehmen. Wenn sie nicht lesen k�nnen, spricht er ihnen sogar vor, bis sie jeden Satz auswendig kennen. Aber dann kann er auch wieder schroff und grob werden, nur weil ihm jemand widerspricht.�</p><p>�Woran liegt das, meinst du?�, fragte ich.</p><p>�Schwer zu sagen. Ich denke, es war nicht leicht f�r ihn, ein Met�kenkind in Athen zu sein. Er durfte nie ganz dazuzugeh�ren, und gerade ihm h�tte das viel bedeutet. Er ist sehr auf andere Menschen und ihren Zuspruch angewiesen, wie du sicher bemerkt hast. Die �berheblichkeit war ein Schutz f�r ihn, dann wurde sie eine Last. Jede Mauer sch�tzt und sperrt zugleich ein.�</p><p>Inzwischen waren wir am Marktplatz angelangt. Die Akropolis erhob sich in ihrer ganzen Majest�t. Wie Sokrates gehofft hatte, warteten seine Sch�ler in der bunten Stoa. Sie waren in irgendeiner heftigen Debatte begriffen und schon von Weitem zu erkennen. Als sie ihn sahen, verstummten sie augenblicklich.</p><p>�Entschuldige, Sokrates, eine letzte Frage�, sagte ich, bevor er sich wieder ganz seinen Sch�lern widmen w�rde. �Als ich vorhin gesagt habe, ich wisse nicht, was richtig sei, aber es gebe etwas in mir, das mit mir spricht, dachte ich, du w�rdest mich auslachen, aber das hast du nicht. Warum?�</p><p>Sokrates blieb vor mir stehen und schmunzelte.</p><p>�Das ist ganz einfach�, antwortete er. �Es geht mir genauso. Es ist mein <emphasis>guter Geist.�</emphasis></p><p>Und damit verabschiedete er sich, um sich wieder seinen Sch�lern Platon, Xenophon, Antisthenes und Aristippos zu widmen.</p></section><section><title><p id="bookmark13">&#x41F;</p></title><p>ich entschied mich, auf meinem Weg zur Kaserne einen kleinen Abstecher zum Gef�ngnis zu machen, um nach Lysippos zu sehen. Bias begr��te mich dienstfertig. Ob schon jemand nach Lysippos gefragt habe? Ja, den ganzen Morgen �ber gingen die Besucher schon ein und aus. Erst sei der junge Arzt gekommen und habe nach dem Gefangenen gesehen. Es gehe Lysippos wohl den Umst�nden entsprechend gut; die Wunden h�tten sich nicht entz�ndet. Kurze Zeit nach Chilon sei eine junge Frau erschienen, einen zweij�hrigen Jungen bei sich. Sie habe sich als Lysippos' Tochter vorgestellt und ihrem Vater einen Korb mit Speisen gebracht. Er habe es einfach nicht fertiggebracht, sie am Tor abzuweisen; ihre Augen waren so rot und verheult. Zu guter Letzt sei auch noch Myson da gewesen. Der habe aber nur gefragt, wie es Lysippos gehe, um dann wieder zu verschwinden. Anaxos oder seine Soldaten h�tten sich aber nicht blicken lassen.</p><p>Wir gingen zusammen in den Gef�ngniskeller, und Bias �ffnete die T�r. Lysippos sa�, das verletzte Bein sorgf�ltig verbunden, auf einer dicken Strohmatte und a�. Gesicht und K�rper waren gewaschen, um Brust und Lende trug er ein sauberes Tuch. Ein ganzer Korb mit Brotfladen, Obst und getrocknetem Fleisch stand neben ihm. Die junge Frau hatte ihn offenbar gut versorgt. Er betrachtete mich aus dem Augenwinkel. In seinem Blick lag der Ausdruck eines misstrauischen Tieres. Hatte ich erwartet, dass er sich bedankte? Ich bat Bias, uns allein zu lassen. Erst nachdem er die T�r hinter sich geschlossen hatte, fragte ich Lysippos, wie es ihm gehe.</p><p>�Wie soll es mir schon gehen?�, antwortete er und zeigte auf sein Bein.</p><p>�Es tut mir leid, was man dir angetan hat. Ich konnte es nicht verhindern. Das waren nicht meine Leute.�</p><p>�Aber du hast mich verhaftet.�</p><p>�Du hast gestohlen.�</p><p>Lysippos zuckte mit den Schultern und biss in ein St�ck D�rrfleisch. Nat�rlich hatte er gestohlen. Was hie� das schon? Das war f�r ihn v�llig ohne Belang.</p><p>�Kannst du lesen?�, fragte ich ihn. Er nickte, ohne mich anzusehen, dann spuckte er irgendetwas aus, vielleicht einen kleinen Knochen.</p><p>�Sie werden dich vor den Areopag bringen. Auch dagegen kann ich nichts tun. Aber ein Freund wird dir eine Verteidigungsrede schreiben. Du wirst sie auswendig lernen. Kannst du das?�</p><p>�Was soll das nutzen?�, fragte er mit vollem Mund, kaute und spuckte abermals aus.</p><p>�Ich wei�, dass du unschuldig bist. Du wirst mich als Zeugen rufen. Wir k�nnen die Richter �berzeugen.�</p><p>Lysippos lachte. Es war ein ver�chtliches, b�ses Lachen, das den ganzen Raum einnahm.</p><p>�Denkst du wirklich, die Richter glauben mir irgendetwas?�, fragte er halb erstickt und begann pl�tzlich zu schluchzen wie ein Kind. Unbeweglich stand ich an der Zellent�r und beobachtete, wie er sich wand, wie er weinte. Es stieg keinerlei Mitleid in mir auf. Und ebenso schnell, wie Lysippos zu weinen begonnen hatte, beruhigte er sich wieder. Ohne sich die Tr�nen oder den Rotz abzuwischen, nahm er den n�chsten Bissen von seinem D�rrfleisch, als w�re nichts gewesen.</p><p>�Ich werde jetzt gehen�, sagte ich, �wenn du etwas brauchst, wende dich an den W�rter. Er wird nach mir schicken, falls es n�tig ist.�</p><p>�Lass mich hier raus�, sagte er leise und versuchte seiner Stimme einen schmeichelnden Klang zu geben. �Du kannst das. Lass die T�r auf und schick den W�rter weg. Ich verschwinde, du siehst mich nie wieder.�</p><p>�Noch bevor die Sonne untergeht, w�ren wir beide tot�, antwortete ich und ging hinaus.</p><p>�Und du meinst, du kannst mir helfen?�, schrie er mir nach. Seine Stimme �berschlug sich vor Abscheu. Ich schloss die T�r und legte den Riegel vor.</p><p>Der kleine Bias erwartete mich am Tor. Ich verabschiedete mich und bat ihn, auf Lysippos Acht zu geben. Nat�rlich wollte ich ihm nicht zumuten, sich Anaxos in den Weg zu stellen, falls der mit seinem Folterknecht auftauchte, aber er sollte mich verst�ndigen, und das versprach er mir, auch wenn sein Zwergen-k�rper bei der Vorstellung, auf die Stra�e zu treten, zu zittern begann.</p><p>Bias schloss den Riegel hinter mir, und ich machte mich auf zur Kaserne. Auch Sokrates hatte eine innere Stimme, auch er. Vielleicht schien er deswegen manchmal so weit weg, so v�llig in sich gekehrt, vielleicht sprach er deswegen auch so oft mit sich selbst. Beim Zeus! Hoffentlich droht mir nicht sein Schicksal, und ich fange an, im Winter barfu� in Pf�tzen herumzustehen ... Und doch: gerade im Augenblick h�tte ich gerne eine innere Stimme, die mir den Weg zu Perianders M�rder weist. Was wusste ich bis jetzt? Wenig bis nichts. Periander war der geliebte Sohn reicher Eltern, klug und sch�n. Er hatte viele Freunde, Erfolg, er hatte .? Langsam, hatte er wirklich Freunde? Sicher nicht Charmides und Glaukon. Das waren kein Freunde, sonst h�tten sie einen Tag nach seinem Tod kein Fest gefeiert. Was aber war mit Platon? Er litt unter Perianders Tod, das war sicher. Er war sein Geliebter, aber war er damit auch sein Freund? Ist man einander denn Freund, wenn man einander liebt? Und wieso hatte Platon mir so wenig helfen wollen? Wenn er Periander liebte, musste er dann nicht w�nschen, dass der M�rder gefunden und hingerichtet w�rde? M�sste er nicht sogar w�nschen, ihn zu t�ten? Ich musste noch einmal mit ihm sprechen. Das war sicher.</p><p>Ich ging zur Kaserne zur�ck und war froh, Myson nicht in der Schreibstube zu treffen. Ich wollte ihn nicht sehen und versuchte, mich anderen Dingen zu widmen. N�chste Woche war eine Versammlung auf der Pnyx, die ich vorbereiten sollte. Ich ging in mein Arbeitszimmer, aber ich fand keine Ruhe. Ich lief auf und ab, auf und ab. Irgendwann zog es mich in die Schreibstube. Mysons Tisch war aufger�umt wie immer. Papyrusrollen, Tinte und Schreibhalme lagen in vollkommener Ordnung. Ich nahm einen beschriebenen Papyrus und sah ihn mir an. Es war eine Aufstellung unseres Lagerbestands, nichts Bedeutendes, ein einfaches Inventar. Ich bewunderte Mysons Schrift, jeder Buchstabe hatte den gleichen feinen Schwung, die gleiche leichte Neigung, &#x43E; und &#x3C3;, &#x3C5; und v blieben stets leicht zu unterscheiden. Die Schrift eines ge�bten Kalligraphen, eines routinierten Kanzlisten. Ich biss mir auf die Lippen. Waren diese Buchstaben der Schrift, in welcher die &#x391;&#x398;&#x397;&#x39D;&#x391;&#x399;&#x3A9;&#x39D; &#x3A1;&#x39F;&#x39B;&#x399;&#x3A4;&#x395;&#x399;&#x391; geschrieben war, nicht doch zu �hnlich? Ich h�tte die Papyri gerne nebeneinandergelegt und genauer verglichen, aber Anaxos besa� das Original, und er hatte es nicht behalten, um es mir bei n�chster Gelegenheit wiederzugeben. Ich versuchte, mich an das Bild der Buchstaben auf dem fatalen Dokument zu erinnern. Je l�nger ich mir das von Myson errichtete Inventar vor die Augen hielt, desto mehr schien auch jener Papyrus aus Perianders Rachen vor meinen Augen Gestalt anzunehmen, und zwar mit eben diesem Schwung, mit dieser leichten und regelm��igen Neigung nach links, mit eben diesen klar gezeichneten und stets zu unterscheidenden Buchstaben ... Oder sah ich nur eine der Kopien, die Myson gefertigt hatte, vor meinem inneren Auge ?</p><p>�Was tust du da, Herr?� Es war Myson Stimme, die mich aus meinem Gr�beleien riss. Er stand pl�tzlich hinter mir. Ich hatte ihn nicht kommen h�ren. �Ist irgendetwas mit dem Inventar nicht in Ordnung?�, fragte er und betrachtete mich misstrauisch.</p><p>�Nein, nein�, wehrte ich ab, �ich wollte nur etwas nachsehen, kein Grund zur Sorge.�</p><p>�Du h�ttest mich nur fragen m�ssen�, sagte er. Unschl�ssig blieb er im Raum stehen. Sein altes Gesicht wirkte angespannt.</p><p>�Ich wollte nur etwas nachsehen�, log ich und rollte den Papyrus unschl�ssig wieder zusammen.</p><p>Myson nickte und schwieg. Ich erhob mich von seinem Platz und bat ihn, sich zu setzen.</p><p>�Du warst bei Lysippos?�, fragte ich beil�ufig.</p><p>�Ich habe nach ihm gefragt�, antwortete er.</p><p>�Warum?�</p><p>Er zuckte mit den Schultern, entrollte die Liste wieder und nahm einen Schreibhalm, den er langsam in das Tintenfass tauchte. Aber er arbeitete nicht weiter. Er blieb bewegungslos sitzen und starrte auf das Dokument. Wie er im Gegenlicht so vor mir sa�, hatte er etwas von einem alten, m�den Raubvogel.</p><p>�Wenn du etwas wissen m�chtest, musst du mich nur fragen, Herr�, sagte er noch einmal, ohne aufzusehen. Ich z�gerte. Dann platzte es aus mir heraus.</p><p>�Wie hat Anaxos so schnell von Lysippos' Verhaftung erfahren k�nnen?�</p><p>Lysippos wandte mir sein m�des Vogelgesicht zu. Er zeigte einen bitteren Zug um die Lippen.</p><p>�Ohne Zweifel gibt es einen Spion bei uns�, antwortete er. Er wusste, dass ich ihn verd�chtigte. Es war herauszuh�ren aus dem traurigen Ton, in dem er mir antwortete. Ich ging hinaus; irgendetwas lag in der Luft, und ich konnte es nicht ertragen.</p><p>Am Nachmittag kamen einige Unteroffiziere zu mir, und gemeinsam besch�ftigten wir uns mit der Vorbereitung der Versammlung. Wir hatten den Auftrag bekommen, daf�r zu sorgen, dass alle B�rger, die sich ihr Sitzungsgeld abgeholt hatten, auch auf der Pnyx blieben. Es gab n�mlich immer wieder Athener, die sich f�r die Sitzung einschrieben und ihr Tagegeld kassierten, sich aber anschlie�end lieber in den Stra�en herumtrieben, anstatt ihren Ratspflichten nachzukommen. Hiergegen sollten wir etwas unternehmen. Wir �berlegten lange, was wir tun k�nnten. Schlie�lich hatte ein junger Unteroffizier die rettende Idee. Wir beschlossen, jedem, der sich seinen Obolus abgeholt hatte, einen roten Kreidestrich auf den Chiton zu zeichnen. Die Farbe war kr�ftig genug, dass sie sich nicht so einfach abwischen lie�. Wir mussten dann nur noch bei den Patrouillen die Augen offen halten. Hatte jemand Farbe am Gewand, hatte er in der Stadt nichts verloren, und wir konnten ihn auf die Pnyx zur�cktreiben!</p><p>Die Planungen lenkten mich den Nachmittag �ber ab. Wir lachten bei der Vorstellung, ein paar Tagediebe mit den Weideruten zur Versammlung zu treiben, damit sie sich ihr Sitzungsgeld auch verdienten. Sobald sich meine Offiziere aber verabschiedet hatten, kehrten meine Gedanken wieder zu Periander zur�ck, und irgendwann stand ich wieder in seinem Zimmer, in jener kargen Zelle, in der sein lebloser K�rper vor mir gelegen hatte. Ein schlichter, ein allzu schlichter Raum war das gewesen. Mochte auch das etwas bedeuten? War dieser Verzicht auf bequeme M�bel und sch�ne Dinge Teil der Zucht, die Periander sich auferlegte? Teil einer Lebensweise, die das oligarchische und jeder Zucht ergebene Sparta zum Vorbild hatte, Athens hellenischen Bruder- und Feindesstaat?</p><p>Es gab nur einen, der mir diese Fragen beantworten konnte. Ich musste noch einmal zu Platon, auch wenn ich dadurch wieder in den Dunstkreis einer Familie k�me, deren Macht ohne Zweifel weiter reichte, als es mir lieb sein konnte.</p><p>Der Duft eines nahen Pinienw�ldchens lag in der Luft, als ich den Weg zu Platons Villa einschlug. Der Boden war noch warm von der sengenden Sonne, die die Stadt den ganzen Tag wie einen Backofen aufgeheizt hatte. Bald erreichte ich das Tor. Hoffentlich hatte Platon sich in der Zwischenzeit von Sokrates verabschiedet.</p><p>Platons Sklave, der mir schon vor einigen Tagen den Weg zu seinem Hain beschreiben hatte, �ffnete. Er war ein kleiner alter Mann mit kurzem, wei�em Haar, sonnenverbrannter Haut und Lachfalten um die Augen. Respektvoll verneigte er sich und fragte mich, was ich w�nschte.</p><p>�Ich m�chte deinen Herrn Aristokles sprechen�, antwortete ich.</p><p>Der alte Mann wiegte den Kopf, ja den halben Oberk�rper hin und her und entschuldigte sich umst�ndlich. Es tue ihm leid, aber der junge Herr sei krank, ernsthaft krank. Gegen Mittag sei er nach Hause zur�ckgekommen, mit fiebrigen Augen und hei�er Stirn. Er habe sich sofort hingelegt und doch den ganzen Nachmittag �ber keine Ruhe gefunden. Jetzt schlafe er endlich. Bitte, er wolle seinen kranken Herrn nicht st�ren und wecken m�ssen. Ob ich ihm dies wohl nachs�he?</p><p>�Es tut mir leid, dass dein Herr krank ist�, antwortete ich, �der Tod seines Freundes geht ihm wohl nahe?�</p><p>Der Alte sah nach allen Seiten. Er wollte nicht gesehen werden, wie er mit mir sprach. Dann kam er einen Schritt n�her.</p><p>�Ja, es geht ihm sehr nahe, viel zu sehr�, sagte er wispernd. �Man kennt ihn gar nicht wieder. Er isst nicht mehr und trinkt nicht mehr. Er ist schon ganz d�nn geworden. Er war so fr�hlich fr�her, mein armer Herr.�</p><p>Ich bat den Sklaven, Platon zu sagen, dass ich hier gewesen sei und gute Besserung w�nsche. Ich war schon im Begriff zu gehen, als ich - einer pl�tzlich Eingebung folgend - nach Glau-kon fragte.</p><p>�Meines Herrn Bruder?�, vergewisserte sich der kleine Sklave. Ich nickte. Zeigte das Gesicht des kleinen Mannes Abneigung, oder bildete ich mir das ein?</p><p>�Er wohnt nicht hier bei uns. Sicher findet ihr ihn auf dem Landsitz seines Onkels. Dort verbringt er meist den Sommer.�</p><p>�Du meinst seinen Onkel Kritias?�</p><p>�Ja�, entgegnete der Sklave leise, und diesmal war ich sicher: Es war Widerwillen, der seiner Stimme nun den k�hlen Klang gab.</p><p>�Wo ist dieses Landhaus?�</p><p>Das sei leicht zu finden, antwortete er: jenseits des Flusses Ilisos an der Stra�e nach Sunion, nicht weit vom Gymnasion entfernt ...</p><p>�Aber was ist mit euch, Herr, ihr seid ja ganz wei� im Gesicht!�, h�rte ich ihn pl�tzlich sagen, so erschrocken musste ich mit einem Male ausgesehen haben, und so erschrocken war ich auch, denn wie von selbst f�gten sich ein paar Steine meines Mosaiks zusammen. Ein Haus an der Stra�e nach Sunion -Kritias' Haus. Wieso hatte ich denn nicht schon fr�her daran gedacht?</p><p>Es war noch Zeit. Ich verabschiedete mich von Platons Haussklaven, bat ihn noch einmal, seinem Herrn gute Besserung zu w�nschen, und machte mich auf den Weg zum Gymnasion. Es war ein gutes St�ck zu gehen, aber ich w�rde sicher noch bei Tageslicht da sein. Der k�rzeste Weg verlief die Stadtmauern entlang in Richtung Olympieion. Unmittelbar davor begann die Stra�e, die zum Gymnasion f�hrt, an einem leider allzu bekannten Ort: dem Itonia-Tor.</p><p>Nachdem ich den Ilisos �berquert hatte - kaum mehr als ein stinkendes Rinnsal in diesem trockenen Sommer -, hielt ich mich vorsichtig am Stra�enrand, vermied den Blick der Passanten und verbarg Kopf und Gesicht, so gut es ging. Um das Gymnasion machte ich einen gro�en Bogen, um nicht zuf�llig auf jemanden zu treffen, der mich erkennen konnte. Zwei Stadien dahinter sah ich endlich ein reiches, gelb leuchtendes, von einer gewaltigen Bruchsteinmauer umgebenes Geb�ude. Das musste Kritias' Haus sein.</p><p>Am Haupttor wartete ein mit Schild und Speer bewaffneter Sklave mit grimmigem Gesicht. Noch bevor er mich sehen konnte, schlug ich mich in ein Geb�sch und dr�ckte mich an der Mauer entlang bis zur R�ckseite des Anwesens, wo mir eine alte Steineiche den Weg versperrte. Augenscheinlich hatten die Baumeister die Kraft dieses Baumes untersch�tzt, denn seine dicken Wurzeln bohrten sich wie Finger einer Titanenhand in die Mauer und drohten sie zu sprengen.</p><p>Ein solider Ast der Eiche reichte auf Mannsh�he herunter. Ich stieg auf eine Wurzel, ergriff ihn und kletterte mit ein wenig M�he in das Ge�st. Nachdem ich Halt gefunden hatte, drehte ich mich um. Von der Krone des Baumes aus waren Kritias' Garten und die R�ckseite des Hauses vollkommen zu �berblicken, w�hrend man selbst im dichten Laub verborgen blieb.</p><p>War Kritias auch ein Oligarch, so waren spartanische Zucht und Gen�gsamkeit ganz offensichtlich nicht nach seinem Geschmack. In seinem Garten stolzierten Pfauen zwischen den Gr�sern, ein Leopard an einer silbernen Kette schlummerte im Schatten eines Lorbeerbaums, zwei Springbrunnen spendeten Wasser. Vor dem Haus hatte Kritias zum Schutz vor der Sonne ein gewaltiges Segel �ber die Terrasse spannen lassen, das nun Schatten spendete. Liegen gruppierten sich um einen gedeckten Tisch, Seidenkissen mit orientalischen Mustern dienten der Bequemlichkeit.</p><p>Ungeachtet allen �berflusses waren seine G�ste aber alles andere als zufrieden. Ich schmunzelte, denn Kodros' Erben lagen im Streit. Charmides und Kritias zankten sich wie die Fischweiber, w�hrend Glaukon auf dem Boden sa�, mit dem Oberk�rper vor- und zur�ckwippte und sich die Ohren zuhielt wie ein Kind. Leider verstand ich nicht, worum es ging, denn obwohl Kritias und Charmides sich anschrien, kam kein klares Wort bei mir an. Der Baldachin schirmte nicht nur die Sonne, sondern auch den Schall ab, und ich konnte nur ahnen, dass die Auseinandersetzung, deren Zeuge ich war, etwas mit dem Besuch der Perser zu tun hatte. Da! Fiel da nicht der Name Perianders? Bei Gott, mir war so, aber ich k�nnte es nicht beschw�ren !</p><p>Dann im Haus ein Schatten und eine Bewegung. Etwas huschte am Fenster vorbei: kein Mann, das war sicher. Ein Knabe vielleicht, vielleicht ein M�dchen. Kritias wandte den Kopf, bedachte Charmides mit einer abf�lligen Geste und ging hinein. War das m�glich? Nein, ich hatte niemanden erkennen k�nnen. Zu schnell war die Gestalt am Fenster vorbeigehuscht. Charmides lie� sich auf eine Liege fallen und f�hrte trotzig einen Becher zum Mund.</p></section><section><title><p id="bookmark14">&#x420;</p></title><p>�Nikomachos, sch�n, dass du so p�nktlich bist�, gr��te Lysias mit lauter Stimme, stand von seinem niedrigen Tischchen auf und breitete die Arme aus. Er empfing mich in dem gleichen Arbeitszimmer, in dem ich ihn vor drei Tagen zusammen mit Sokrates hatte kennenlernen d�rfen, und meiner Bekanntschaft mit dem Philosophen verdankte ich nun auch diese Begr��ung.</p><p>Auch zu Lysias hatte die persische Seide ihren Weg gefunden. Er trug eine Art Mantel aus diesem feinen Stoff, ein Gewand mit langen �rmeln und einem breiten G�rtel, das blau-gr�n schimmerte und st�ndig seine Farbe wechselte - je nachdem, wie das Licht auf die Oberfl�che fiel. Lysias bemerkte meinen Blick sofort. Er fasste den Stoff �ber seiner Brust und hielt ihn mir zur Begutachtung hin.</p><p>�Sch�n, nicht?�, sagte er stolz. �Wenn du willst, kann ich dir ein paar Bahnen von diesem bemerkenswerten Tuch besorgen. Ich habe eine gute Quelle.�</p><p>�Ich danke dir, Lysias�, entschuldigte ich mich so artig es ging, �vielen Dank, aber ich glaube, diese edle Arbeit passt nicht zu einem einfachen Hauptmann wie mir.�</p><p>Lysias sah mir direkt in die Augen und zog, wie es offenbar typisch f�r ihn war, eine Braue hoch.</p><p>�Du bist ein geschickter junger Grieche�, sagte er unvermittelt. �Ich verstehe gut, wieso Sokrates dich so gern hat. Eigentlich wolltest du sagen, dass diese Seide vielleicht zu einem eitlen Met�ken aus Sizilien wie mir, aber nicht zu einem attischen Soldaten wie dir passt. Um mich aber nicht vor den Kopf zu sto�en, spielst du den Bescheidenen. Nicht schlecht. Du hast eine der wichtigsten Grundregeln der Redekunst ganz von selbst entdeckt.�</p><p>Ich neigte mein Haupt, weil ich f�rchtete, Lysias gekr�nkt zu haben.</p><p>�Bitte entschuldige, edler Lysias�, sagte ich, �ich wollte dich nicht kr�nken. Es ist nicht so, dass mir dieser Stoff nicht gefiele oder ich meinen w�rde, er passe nicht zu einem Athener ... Ich hatte eine etwas unangenehme Erfahrung auf dem persischen Frachtschiff, das diese Seide in unsere Stadt gebracht hat. Ich habe einen Fehler gemacht. Jetzt f�hle ich mich immer daran erinnert, wenn ich die Seide sehe. Entschuldige.�</p><p>Lysias lachte mich breit an. �Und du �berraschst mit Ehrlichkeit, ohne auf die Einzelheiten dieser unangenehmen Erfahrung weiter einzugehen. Wenn du keine Rednerschule besucht hast, dann bist du ein Naturtalent. Nur keine Sorge, du hast mich nicht gekr�nkt. Bitte setz dich doch zu mir.�</p><p>Lysias wies auf den niedrigen Tisch und klatschte zwei Mal in die H�nde. Sofort �ffnete sich eine T�r, und eine bildh�bsche Sklavin steckte ihren Kopf durch den Spalt. Lysias gab ihr ein Zeichen, und die T�r schloss sich wieder. Kurze Zeit sp�ter erschien das M�dchen mit einem voll beladenen Tablett, um uns aufzuwarten. Wir sahen zu, wie die junge Frau Teller, Kr�ge, Becher und Sch�sseln anrichtete. Ich konnte kaum die Augen von ihr lassen. Ihre Haut war dunkler als die Haut einer Hellenin, und ihre wei�en Augen�pfel und hellen Z�hne strahlten wie Perlen in einer Schale von Obsidian. Blauschwarz war ihr Haar und dabei vollkommen glatt. Sie trug es wie eine Priesterin in ihrem Nacken zu einem Knoten gebunden. Ein schlanker, geschmeidiger K�rper zeichnete sich unter ihrem d�nnen Kleid ab, ein kleiner Ausschnitt verhie� einen bl�henden Busen.</p><p>�Alles K�stlichkeiten aus Sizilien�, sagte Lysias und lie� mir Mandeln, Waln�sse, Feigen, K�se und Pinienkerne auf den Teller legen. Dann reichte er mir eine Sch�ssel mit dickem Joghurt und einen Topf duftenden Honigs. �Und hier die zwei gr��ten K�stlichkeiten Attikas.�</p><p>Ich kostete die edlen Speisen und den frischen Wein, den die h�bsche Sklavin schweigend nachschenkte. Dabei war es ein zus�tzliches Vergn�gen, Lysias beim Essen zuzusehen, so sehr genoss er jeden Bissen.</p><p>�Ich wei߻, begann er, nachdem er ges�ttigt schien, und deutete dabei auf die junge Sklavin, die bei unserem Tisch sa�, �dass Sokrates weder von den Freuden des Bauches noch von denen des Auges allzu viel h�lt. Aber ich glaube, dass kein Gott Sch�nheit und Genuss geschaffen h�tte, wenn er nicht auch wollte, dass man sich an ihnen erfreut ...�</p><p>Ich nickte, mehr vom Anblick der jungen Frau und dem Geschmack des Honigs �berzeugt als von Lysias' Worten.</p><p>�Aber alles in Ma�en und alles zu seiner Zeit�, fuhr er streng fort und klatschte wieder in die H�nde. Die Sklavin erhob sich, trug die leeren Teller und Sch�sseln ab und verlie� uns so schweigend, wie sie bei uns gesessen hatte. Ihre Bewegungen waren leicht und ohne Hast. Ihre F��e schienen den Boden nicht zu ber�hren.</p><p>�Siehst du�, sagte Lysias, w�hrend mein Blick der sch�nen Sklavin folgte, �auch dieses zauberhafte Wesen lehrt uns etwas �ber die Redekunst. Zwei Dinge streng genommen.�</p><p>Ich sah ihn verbl�fft an.</p><p>�Erstens: Was ich zeigen kann, das brauche ich nicht zu erkl�ren .�</p><p>�Und zweitens?�, fiel ich ihm wohl allzu neugierig ins Wort.</p><p>�Zweitens, die Sch�nheit stimmt uns milde ...�, antwortete er und trank einen Schluck Wein. Der Duft der sch�nen Sklavin hing noch in der Luft, ein Geruch nach Rosmarin und Zimt. Ein zarter Windhauch blies die Vorh�nge an der Terrassent�re auf wie Segel.</p><p>�Lass uns zum Thema kommen�, sagte mein Gastgeber und stellte den Becher ab. �Auch das ist eine wichtige Eigenschaft des Redners: Er muss zum Thema kommen. Was wei�t du �ber den Prozess?�</p><p>�Nicht viel�, antwortete ich entschuldigend. �Die Verhandlung ist f�r den n�chsten Monat angesetzt. Alkibiades hat den Toxotai befohlen, den Areopag zu bewachen. Es bleiben uns nur noch wenige Tage.�</p><p>�Und der Ankl�ger?�</p><p>�Ich wei� es nicht.�</p><p>�Es ist Kritias. Ich bin sicher�, meinte Lysias und wirkte alles andere als fr�hlich dabei.</p><p>�Ihr kennt euch schon l�nger?�, hakte ich nach.</p><p>�Oh ja,� antwortete Lysias, �wie du neulich geh�rt hast. Wir sind alle Pflanzen aus Sokrates' Garten ... Aber kommen wir zum Prozess. Die Rede ist fertig.� Lysias griff unter sein Kissen und zog eine Schriftrolle hervor, die er mir mit einer verspielten Geste reichte. Ganz offenbar wollte er �ber Kritias kein weiteres Wort verlieren.</p><p>Ich dankte ihm und entrollte das Buch ehrf�rchtig -</p><p><emphasis>Des Lysippos Apologie -</emphasis>war die Rede �berschrieben.</p><p>Dann folgte die Anrede:</p><p><emphasis>Meine hohen Richter, ihr Herren der Stadt,</emphasis></p><p>Ich begann gespannt zu lesen, aber Lysias hatte eine andere Idee. Er nahm mir die Schriftrolle aus der Hand, erhob sich und ging zum Fenster, um die Vorh�nge zu schlie�en. Dann stellte er sich wie ein Schauspieler vor mich.</p><p>�Es ist wichtig, dass dein Lysippos sauber und rasiert ist und ein schlichtes, aber reines Gewand anhat. Es sollte so geknotet sein, dass man seinen Beinstumpf sehen kann. Vielleicht gibst du ihm eine Kr�cke, auf die er sich st�tzt. Wenn er sich manchmal hinsetzen muss, um sich vor Ersch�pfung auszuruhen, ist das nur von Vorteil. Er kann beim Aufstehen das Gesicht manchmal vor Schmerz verziehen, aber nicht immer, und er darf weder schreien noch jammern. Hast du das verstanden?� Ich nickte.</p><p>�Er muss seine Rede auswendig kennen, aber er beginnt langsam, stockend und sch�chtern.� Lysias dr�ckte die Schultern zusammen und nahm eine gebeugte Haltung ein. Dann begann er zu sprechen, leise zun�chst, mit jedem Wort ringend, so wie Lysippos es tun sollte. Erst langsam entwickelte seine Stimme Kraft und Leidenschaft. Trotzdem wirkte er stets bescheiden und stets voller Gram um Perianders Tod.</p><p><emphasis>Meine hohen Richter, ihr Herren der Stadt,</emphasis></p><p><emphasis>ich bin meinem Ankl�ger beinahe dankbar f�r die harten Worte, mit denen er mit mir ins Gericht geht, f�hrt er damit doch nicht nur euch, sondern vor allem mir selbst vor Augen, wer ich war und was ich war, bevor ich vor euch trat. Und wenn er mich hier einen Trunkenbold, einen Strolch und Tagedieb nennt, dann hat er damit recht. Ich muss es bekennen. Wolltet ihr mich deswegen verurteilen, dann m�sste euer Stimmstein gegen mich fallen und mein Leben w�re verwirkt. Ich k�nnte mich weder dem Urteil noch dem Tod widersetzen, wenn diese als Strafe f�r ein vergeudetes Leben dienten. Denn der Vergeudung meines Lebens bin ich schuldig, das ist gewiss.</emphasis></p><p><emphasis>Wenn ich es gleichwohl wage, heute vor euch zu meiner Verteidigung zu sprechen, dann deswegen, weil es nicht um mich, sondern nur um die Wahrheit geht und ich nicht immer nur der war, den mein Ankl�ger Kritias euch so eindrucksvoll und wahrhaftig beschrieben hat.</emphasis></p><p><emphasis>Seht her, diesen Stumpf, wo einst ein gesundes Bein war</emphasis> ... <emphasis>Ich habe es in Pylos gelassen. Ein spartanischer Speer nahm es mir. Ich will dar�ber nicht klagen.</emphasis></p><p><emphasis>Wisst ihr noch, wie wir damals Sparta geschlagen haben zum Ruhme unserer glorreichen Stadt? Die unbesiegbaren Spartiaten? Ich sehe in euren Augen, ihr wisst es. Ich war dabei, ich war euer Waffenbruder ... Und als euer Waffenbruder will ich hier sprechen, als ein Soldat und guter B�rger der Stadt.</emphasis></p><p>Lysias legte eine Pause ein und setzte sich, als habe er Schmerzen, starke Schmerzen, die er mannhaft unterdr�ckte. Er biss sich auf die Unterlippe, Schwei�perlen standen ihm auf der Stirn.</p><p><emphasis>Als Soldat also will ich zu euch sprechen, als der Soldat, der ich einst war. H�rt zu und urteilt. Es geht ohnehin nicht um mich. Es ist etwas Schreckliches geschehen in unserer Stadt. Da wurde ein J�ngling ermordet, ein junger Mann, wie er kl�ger und sch�ner in Hellas niemals geboren wurde. Ein Dichter, wie man h�rt; ein Olympiasieger, wie jeder wei�: Stolz seines Vaters, Trost seiner Mutter, Hoffnung unserer Stadt. Ich wage kaum, seinen Namen auszusprechen, um den Schmerz der Eltern nicht zu vertiefen, und muss es doch: Periander!</emphasis></p><p><emphasis>Er wurde ermordet, ohne Zweifel, im Dunkeln einer finsteren und mondlosen Nacht, aber dunkel, ihr Richter, war nicht nur die Nacht, dunkel sind auch die Geschehnisse, die sie verbirgt, und im Dunkeln verbirgt sich der feige T�ter mit seinen Gr�nden.</emphasis></p><p><emphasis>Erschlagen worden sei er, sagte uns der Ankl�ger, erschlagen aus Habgier um einen Ring, den das arme Opfer trug, einen Ring, den man sp�ter bei mir fand. Er war das Siegeszeichen f�r seinen Triumph in Olympia. Es ist wahr, ich habe den Ring gefunden. Aber habe ich Periander deswegen auch get�tet?</emphasis></p><p><emphasis>�berlegt gut, meine Richter, �berlegt gut. Das Opfer war jung, stark und schnell wie kein Zweiter, ein Olympiasieger. Und ich, Kr�ppel, der ich bin, h�tte ihn einholen und erschlagen sollen? Ihm auflauern in einer Nacht, in der man nichts sieht, aber alles h�rt? Mich anschleichen mit meinem verkr�ppelten Bein?</emphasis></p><p>Lysias erhob sich und lachte bitter. Dann schritt er einbeinig und schwer auftretend durch den Raum. Er musste ein St�ck Holz unter die Sohle seines rechten Schuhs genagelt haben, denn bei jedem Tritt auf den Marmorboden ert�nte ein stumpfer Laut, der nicht bei Tag und schon gar nicht bei Nacht zu �berh�ren war. Lysias blickte mich mit finsterem und t�dlich ernstem Gesicht an, als w�re ich seinen Richter. Ich verstand. Er nickte und fuhr fort:</p><p><emphasis>Ich wei� es besser. Dieser edle Spross einer vornehmen Familie wurde nicht erschlagen, er wurde erstickt. Ja, ihr habt recht geh�rt: erstickt. Ich w�rde nicht wagen, es zu behaupten, wenn ich es nicht w�sste und nicht auch beweisen k�nnte. Beweisen!</emphasis></p><p><emphasis>Komm her, mein Zeuge!</emphasis></p><p>Lysias streckte seinen K�rper und deutete mit beiden H�nden auf mich. Mir steckte ein Klo� im Hals. Augenscheinlich sollte ich aufstehen und zu Lysias treten. Ich erhob mich mit zittrigen Knien und lie� mich von ihm an seine Seite ziehen.</p><p>�Jetzt kommt dein Auftritt, mein lieber Nikomachos�, sagte Lysias, wieder ganz er selbst. Er schwitzte vor Anstrengung. �Du berichtest einfach nur, was du wei�t. So wie du es mir neulich erz�hlt hast. Du begr��t die Richter und stellst dich vor. <emphasis>Nikomachos, Sohn des</emphasis> ... <emphasis>derzeitiger Hauptmann der Bogensch�tzen</emphasis> usw. Hier, ich habe auch f�r dich etwas vorbereitet.�</p><p>Lysias ging zu seinem Arbeitstisch und kam mit einer weiteren Schriftrolle zur�ck. Es wunderte mich wenig, die folgende �berschrift zu finden.</p><p><emphasis>Des Nikomachos Zeugenbericht</emphasis></p><p>�Warte�, sagte Lysias, w�hrend er mich wieder zu meinem Sessel brachte und sanft zum Sitzen n�tigte, �ich will es dir zeigen.�</p><p>Lysias baute sich breit vor mir auf. Soldatisch warf er sich in die Brust, soldatisch und sachlich war sein Ton. War das mein Portr�t, das er da vor meinen Augen zeichnete, benahm ich mich tats�chlich so wie ein einf�ltiger Soldat?</p><p>Lysias berichtete an meiner Stelle in knappen Worten und ohne jeden Schn�rkel, wie Alkibiades mir den Auftrag erteilt hatte, den Mord an Periander aufzukl�ren, wie ich zusammen mit Hippokrates den Leichnam untersucht und im Rachen des armen Opfers einen Fetzen der &#x391;&#x398;&#x397;&#x39D;&#x391;&#x399;&#x3A9;&#x39D; &#x3A1;&#x39F;&#x39B;&#x399;&#x3A4;&#x395;&#x399;&#x391;, <emphasis>�eines Werkes, das in Athen in gewissen Kreisen weit verbreitet ist�,</emphasis> wie ich bemerken sollte, gefunden hatte. Einzelheiten der Leichenschau �berging er, und er vermied jeden Eindruck, er k�nne glauben, die vor ihm versammelten Richter seien je selbst mit jenem oligarchischen Werk in Ber�hrung gekommen. Den Inhalt des Pamphlets gab er ausf�hrlich und mit Widerwillen wieder, und so lenkte er den Verdacht an der Schuld f�r das Verbrechen langsam und wie beil�ufig auf eben jene Kreise, in welchen das Machwerk von Hand zu Hand ging.</p><p>Als w�re er ich selbst, schilderte er, wie ich Hippokrates eindringlich befragt hatte, ob dieser Papyrus etwa als Knebel gedacht gewesen und den Tod des armen Periander zuf�llig herbeigef�hrt haben konnte, nicht ohne im gleichen Atemzug die Antwort des Arztes zu geben und keinen Zweifel daran zu lassen, dass der M�rder Periander mit voller Absicht gerade mit diesem Fetzen erstickt habe. Dass Hippokrates die Stadt wegen dieses Wissens habe verlassen m�ssen, deutete er an, ohne Namen zu nennen. Dann folgte der Bericht der W�scherin �ber den Streit am Itonia-Tor, den sie gerade in der Mordnacht vernommen hatte, und - wieder ohne Einzelheiten - ein knapper und kalter Rapport �ber die Folter, der man Lysippos unterzogen hatte, damit er gestehe.</p><p><emphasis>Habt ihr vernommen, ihr Richter, was Nikomachos zu sagen hat, gerade der aufrechte Hauptmann, der mich verhaften lie�? K�nnt ihr euch vorstellen, dass er euch hier und heute bel�gen k�nnte, er, der mich in Ketten gelegt hat, wie es seine Pflicht war? Nein! Dieser Mann ist aufrichtig, ihr wisst es so gut, ja, ihr wisst es besser als ich, denn ihr kanntet auch schon seinen Vater.</emphasis></p><p>Lysias begann Lysippos' Schlusspl�doyer vorzutragen, als sich die T�r �ffnete und ein junger Mann in den Raum trat. Lysias sah auf und hielt augenblicklich inne. Ein Strahlen ging �ber sein Gesicht.</p><p>�Polemarchos, endlich, du bist zur�ck!�, rief er aus, lief auf den Besucher zu und schloss ihn lang und innig in die Arme.</p><p>Ich stand auf, um den mir unbekannten Gast gleichfalls zu begr��en. Als Lysias ihn aus der Umarmung freigab und mir Polemarchos vorstellte, blitzte eine verstohlene Tr�ne in seinem Augenwinkel.</p><p>�Nikomachos, das ist mein j�ngerer Bruder. Er war mit der Paralos unterwegs. Wir haben seit Tagen auf ihn gewartet.�</p><p>Ich verstand ihn gut, denn die Paralos, das Flaggschiff der Athener Flotte, war seit zwei Wochen �berf�llig, und in der Stadt hatte man schon bef�rchtet, sie k�nne angegriffen und zerst�rt worden sein. Lysias' Bruder war offenbar Soldat zur See und mit dem Schiff vermisst worden.</p><p>Ich begr��te Polemarchos und begl�ckw�nschte ihn zu seiner R�ckkehr. Er war um einige Jahre j�nger als Lysias, gro�gewachsen und schlaksig. In seinem jungenhaften, aber von der Sonne gegerbten Gesicht standen die Strapazen einer schweren Reise. Er erwiderte meinen Gru� liebensw�rdig und bat darum, wegen seiner Ankunft doch keine Umst�nde zu machen. Das war freundlich, aber ich wollte die Br�der lieber so schnell wie m�glich allein lassen. Ich lie� mir von Lysias gerade noch die Redemanuskripte und ein paar letzte Anweisungen f�r die Verhandlung geben. Dann verlie� ich das Haus. Die Familie sollte Polemarchos' gesunde R�ckkehr ganz im vertrauten Kreise feiern k�nnen.</p><p>Ich trat hinaus und z�gerte einen Augenblick. Staub tanzte in den Gassen. Weinlaub rankte sich an einer Mauer empor und bildete ein wirres Dickicht von �sten, Knoten und Bl�ttern. Dar�ber erhob sich die Akropolis m�chtig und erhaben vor meinen Augen, und dahinter stand der Berg Lykabettos wie ein unbeweglicher Riese: eine G�ttin und ein Titan.</p><p>Ich wandte meine Schritte zum Gef�ngnis. Nun musste Lysippos seine Verteidigungsrede auswendig lernen. Das w�rde ihm niemand abnehmen k�nnen. Mit seinen eigenen Lippen musste er die Worte sprechen.</p></section><section><title><p>&#x3A3;</p></title><p>die Wochen bis zu Lysippos' Prozess vergingen rasch. Wie Lysias vorausgesagt hatte, sollte Kritias die Anklage �bernehmen. Auch dass Lysias die Verteidigungsrede geschrieben hatte, war bekannt geworden und sprach sich �berall schnell herum. Auf der Agora wurden Wetten auf Lysippos' Kopf geschlossen, und die meisten setzten auf seinen Tod. Ich besuchte Lysippos jeden Tag, sah nach ihm und h�rte ihn ab. Er lernte mit trotziger Verzweiflung. Auch Chilon kam regelm��ig zu seinem Patienten. Er war erstaunt, wie schnell Lysippos' Wunden heilten. Dieser ausgemergelte Hund besa� einen geradezu unerh�rten Lebenswillen und sein d�rrer K�rper eine ungeahnte Kraft und Z�higkeit. Mehr noch als Chilon und ich k�mmerte sich aber Lysippos' Tochter um ihn. Ich begegnete ihr immer wieder. Sie war eine kleine, robuste Frau mit groben Z�gen, deren grell geschminktes Gesicht und absch�tziger Blick kaum Zweifel an ihrem Beruf aufkommen lie�en. Aber sie war beinahe jeden Morgen und jeden Abend in der Zelle, brachte ihrem Vater zu essen und zu trinken, wusch ihn, reinigte seine Wunden und wechselte die Verb�nde. Dabei war sie immer in Begleitung ihres kleinen S�hnchens, eines stillen und schwachen Kindes, das sich fest an die Mutter klammerte und sein Gesicht in ihrem Busen verbarg, sobald sich ein Fremder n�herte. So schwach es war, das Kind hatte eine besondere Gabe: Es liebte seinen Gro�vater. Lysippos habe ich einzig ihm und seiner Tochter gegen�ber freundlich und offen erlebt. F�r Chilon und mich blieb er, ungeachtet der Sorge, die wir um ihn trugen, unzug�nglich, und wenn er seinen h�sslichen Mund doch hin und wieder zu einem L�cheln verzog, war es heuchlerisch, und die Augen lachten nicht mit. Kurze Zeit sp�ter versuchte er dann meist, irgendein Privileg f�r sich zu erschmeicheln.</p><p>Anaxos und seine Gehilfen blieben dem Gef�ngnis fern. Ly-sippos hatte die Tat unter der Folter gestanden und irgendein Schriftst�ck unterzeichnet. Anaxos war sich seiner Sache entsprechend sicher.</p><p>Myson und ich gingen uns aus dem Weg. Wenn ich ihn traf oder ansprechen musste, vermied er es, mir in die Augen zu sehen. Auch erholte er sich, wie es schien, von Lysippos' Angriff weniger leicht als Lysippos von der Folter. Er ging gebeugt, sein Gesicht blieb bleich, und seine sch�ne, kr�ftige Handschrift hatte leicht, aber doch merklich zu zittern begonnen.</p><p>Platon blieb krank. Immer wieder sprach ich vor, immer wieder bat mich sein alter Sklave, den jungen Herrn zu schonen.</p><p>Aspasia und ich waren uns sehr nahe in dieser Zeit. Abend f�r Abend sa�en wir im Garten unter dem Feigenbaum, tranken Wein und Wasser, a�en Oliven und sprachen �ber unsere Tage, die Kinder, den �rger mit den Nachbarn, die Arbeit. Nur �ber Perianders Tod oder Lysippos' Prozess verloren wir kein einziges Wort, so als k�nnten wir die Ereignisse auf diese Art aus unserem Garten, unserem Haus und unserem Leben heraushalten.</p><p>Die B�rgerversammlung auf der Pnyx war f�r die Toxotai ein voller Erfolg. Nachdem sein Gewand bei der Auszahlung des Sitzungsgeldes markiert worden war, wagte es kaum mehr ein B�rger, der Versammlung fernzubleiben. Die M�nner dr�ngten sich auf dem H�gel, und es wurde die Forderung laut, doch ein steinernes Amphitheater zu bauen, gro� genug, um alle stimmberechtigten Vollb�rger aufzunehmen.</p><p>Die Hitze blieb. Es fiel kein Tropfen Regen. Athen st�hnte unter der B�rde des Sommers.</p><p>Dann kam der Tag des Prozesses, und er begann schlecht. Ich erwachte aus einem unruhigen Schlaf. Die Sonne war noch nicht aufgegangen. Vor mir stand ein Netz aus glitzernden Perlen, das in der Dunkelheit allm�hlich verblasste. Aspasia neben mir atmete schwer. Ich erhob mich vorsichtig, um sie nicht zu wecken, aber noch bevor ich mich richtig aufgerichtet hatte, strich sie mir zart �ber den R�cken. Sie war wach und betrachtete mich mit ihren dunklen Augen.</p><p>�Hast du Angst?�, fragte sie mich leise. Ich nickte.</p><p>Ich bat Aspasia weiterzuschlafen, aber sie stand mit mir auf und richtete mir ein kleines Fr�hst�ck. Ich brachte keinen Bissen herunter. Ich sa� stumm am K�chentisch und wartete, bis die Sonne aufging und die Stadt erwachte. Als die ersten H�ndler durch die Stra�en zogen und ihre Waren anpriesen, bereitete ich mich vor. Ich zog meine R�stung an, um mein Amt vor den Richtern zu unterstreichen, ging meine Aussage noch einmal durch und machte mich endlich auf den Weg zur Kaserne. Schon am Vortag hatte ich die vier Soldaten ausgesucht, die mich begleiten sollten, wenn ich Lysippos vom Gef�ngnis zum Areopag brachte. Sie erwarteten mich in der Vorhalle. Zu meinem Erstaunen war Myson bei ihnen. Als ich ankam, trat er auf mich zu und w�nschte mir Gl�ck. Seine Augen jedoch blieben betr�bt. Er glaubte nicht an einen Erfolg.</p><p>Wir waren gerade vor die T�r getreten, als Bias, der kleine Gef�ngnisw�rter, �ber den Kasernenhof zu uns gerannt kam. Er war v�llig au�er Atem und drohte wie der L�ufer von Marathon zusammenzubrechen, aber noch bevor er seine Nachricht �berbracht hatte. Einer meiner Soldaten nahm ihn hoch und trug ihn wie ein Kind in die Vorhalle. Bias musste sich erst beruhigen, bevor er auch nur ein Wort herausbekam. Myson brachte ihm Wasser. Der kleine W�rter trank und japste nach Luft. Langsam wurden meine M�nner ungeduldig. Es dauerte ihnen zu lange, bis Bias sich erholt hatte.</p><p>�Komm schon, Bias�, sagte der gro�e Kerl, der ihn hereingetragen hatte, �rei� dich zusammen. Was ist los?�</p><p>Ich stellte mich abseits und blieb v�llig ruhig. Ich ahnte ohnehin, was vorgefallen war. Am liebsten h�tte ich gar nicht zugeh�rt.</p><p>Was Bias berichtete, ist schnell gesagt. Es entsetzte mich, aber es �berraschte mich nicht. Kurz nach Sonnenaufgang war Anaxos mit vier Soldaten am Gef�ngnis erschienen. Sie h�mmerten gegen das Tor und drohten, Bias und seine Frau zu erschlagen, wenn sie nicht freiwillig �ffneten. Bias wollte sie noch aufhalten, aber seine Frau hatte viel zu viel Angst und schob den Riegel zur Seite. In demselben Moment warf sich von au�en auch schon ein Soldat gegen die T�r. Die schlug mit der ganzen Wucht dieses schweren Menschen auf und traf seine geliebte Gattin am Kopf. Die Frau taumelte, fasste sich an die Stirn, dann sank sie zu Boden, w�hrend Anaxos und die Soldaten unger�hrt an ihr vorbeimarschierten. Bias k�mmerte sich sofort um sie. Ein Faden Blut rann ihr aus der Nase, und ihr Herz schlug ganz schwach. Wie von fern habe er den Puls nur geh�rt, als er sein Ohr auf ihre Brust legte. Gerade in dem Moment sei zum Gl�ck der junge Arzt Chilon erschienen. Er hatte an sich nach Lysippos sehen wollen, half Bias aber sofort, seine verletzte Frau in das W�rterh�uschen neben dem Tor zu tragen. Dort legte sie Chilon auf ihr Bett, untersuchte sie und gab ihr eine Arznei zu riechen, die sie wieder ins Leben zur�ckbrachte, wenn sie auch schwach blieb und f�r einige Tage das Bett w�rde h�ten m�ssen.</p><p>�Und Lysippos?�, fragte Myson.</p><p>�Als meine Frau versorgt war, bin ich sofort zur Zelle gerannt�, antwortete Bias. �Da sind mir die Soldaten schon wieder entgegengekommen. Sie hatten Lysippos in Ketten gelegt und zogen ihn durch den Schmutz hinter sich her. Anaxos rief mir noch zu, ich solle ausrichten, dass sie den M�rder nun zu Gericht bringen.�</p><p>�Unversch�mter Kerl!�, sagte Myson und spuckte aus.</p><p>�Hat er sonst noch etwas gesagt?�, fragte ich von der Ecke her, in die ich mich zur�ckgezogen hatte.</p><p>�Er sagte, er warte am Areopag auf dich�, antwortete Bias. �Dann haben sie Lysippos auf die Stra�e gezogen. Ich bin sofort hierher gerannt. Die Leute haben mit faulem Gem�se nach mir geworfen!�</p><p>Nachdem Bias seine Geschichte beendet hatte, blieben alle f�r einen Moment still. Meine M�nner sahen mich ratlos an. Myson senkte den Kopf.</p><p>�Zum Areopag!�, befahl ich, und wir rannten los. Es war m��ig, dar�ber nachzudenken, ob ich Lysippos h�tte besser sch�tzen k�nnen oder m�ssen. Es blieb jetzt nur noch der Prozess zu f�hren. Das war die einzige Chance f�r Lysippos und f�r die Wahrheit.</p><p>Wir nahmen den Dromos im Laufschritt. Der steile Weg zur Akropolis hielt uns nicht auf. Unsere Waffen und R�stungen klirrten mit jedem Schritt. Auf dem Platz zwischen Strategion und Areopag stand die Menge schon in Trauben. Wir hatten M�he, uns den Weg in das Gerichtsgeb�ude zu bahnen, so dr�ngten sich die Schaulustigen zusammen, nur um einen kurzen Blick auf Lysippos zu werfen. Wir stie�en, schoben und rempelten uns zum Eingang vor. Dort �ffneten uns zwei postierte Bogensch�tzen. Wir traten ein, und hinter uns schlossen sich die Tore.</p><p>Das Geb�ude, in das wir hier traten, barg einen einzigen gro�en, marmornen Saal, in welchem der Gerichtshof des Areopag tagte. Als wir in den Raum traten, bogen sich schon die B�nke unter der Masse der Zuschauer, die l�rmten und schwatzten. Ich sah mich um und erkannte Perianders Vater in der Menge. Der Schmerz gab seinem Gesicht eine bittere W�rde; still und regungslos sa� er auf seinem Platz und blieb ganz unber�hrt von dem Tumult, der um ihn war. Es gab wohl keine reiche Athener Familie, die nicht irgendwie vertreten war. Dutzende hasserf�llter Augen waren auf Lysippos gerichtet. Der bot einen jammervollen Anblick. Er kauerte auf einem Schemel in der Mitte des Saals. Sein Gesicht war von Blut, Tr�nen und Rotz verschmiert, sein Gewand starrte vor Schmutz und Unrat. Die Soldaten mussten ihn durch Kot gezogen und ihr Wasser auf ihm abgeschlagen haben. Lysippos' Blick war stumpf und ging ins Leere. Anaxos war nirgendwo zu sehen, aber sein b�ser Geist, der Soldat mit dem gespaltenen Gesicht, hielt neben Lysippos Wache. Als er mich erkannte, machte er eine obsz�ne Geste und lachte unversch�mt dazu.</p><p>Ich versuchte, zu Lysippos durchzukommen, aber die Palastwachen hoben drohend die Speere. Ohne Blutvergie�en konnte ich nicht mit ihm sprechen, also zog ich mich mit den M�nnern zu den Holzpritschen an den Seitenw�nden zur�ck.</p><p>Ein Raunen ging durch die B�nke. Kritias betrat den Saal durch einen Seiteneingang. Schon stand ein ganzer Block junger M�nner auf und applaudierte. Kritias schritt gelassen an ihnen vorbei und gr��te sie mit einer ausladenden Bewegung seines Armes. Dann hielt er vor den steinernen Richterb�nken an der Kopfseite des Raumes, warf sich die Sch��e seines Chla-mys �ber die Schultern und setzte sich, nicht ohne dabei ins Publikum zu sehen und seinen dort versammelten Freunden und Anh�ngern huldvoll zuzunicken.</p><p>Kurz darauf erschienen die Richter, neun ehemalige Archonten, reiche und m�chtige M�nner. Ein jeder von ihnen trug einen Lorbeerkranz um die Stirn und war mit einem purpurnen, goldges�umten Chiton bekleidet. Die beiden �ltesten mussten sich beim Gehen schon st�tzen lassen, aber niemals w�re es ihnen in den Sinn kommen, ihr Amt niederzulegen. Den Richtern folgten Sklaven mit F�chern, Kr�gen und Obstsch�sseln zur Erfrischung. Der letzte von ihnen, ein wei�haariger Mann mit langem Bart, trug die Wasseruhr. Sobald das Publikum die Richter bemerkt hatte, herrschte Stille im Saal. Man h�rte nur noch ihre schleifenden Schritte. Mit finsteren Gesichtern durchma�en sie den Raum und erklommen ihre steinernen Sitze. W�hrend sie sich niederlie�en, stellte der Wei�haarige den vollen Tonkrug auf die unterste Stufe und den leeren Krug genau darunter auf den Boden. Danach nickte er dem Vorsitzenden zu, worauf der Kritias ein Zeichen gab. Der Ankl�ger erhob sich langsam und ging wie unter dem Gewicht einer schweren B�rde in die Mitte des Saales. Ein weiteres Zeichen des Richters, und der Sklave entfernte den an der Unterseite des oberen Kruges eingelassenen Pfropfen. In hohem Bogen ergoss sich ein d�nner Wasserstrahl in das Gef�� darunter. Kritias durfte nun beginnen. Traurig und ernst sah er erst in das Publikum, dann zu den Richtern. Er schloss die Augen, als habe er gegen Tr�nen zu k�mpfen. Endlich begann er mit stockender Stimme zu sprechen.</p><p><emphasis>�Ihr seht mich hier, ihr Richter, wie ihr mich noch nie gesehen habt, und h�rt eine Anklage, die niemals Vorbringen zu m�ssen ich t�glich gebetet habe, ist sie doch nichts anderes als die Trauerrede um einen jungen Mann, den nicht weniger als einen Sohn ich liebte und den ich Sohn nennen w�rde, wenn dies nicht die Gef�hle seines wahren Vaters, meines besten Freundes Alkmenon, verletzte.</emphasis></p><p><emphasis>Ihr kennt ihn alle, um dessen Andenken willen wir uns hier versammelt haben, jenen sch�nsten, jenen kl�gsten, jenen edelsten jungen Mann, den Attika je hervorgebracht hat, einen J�ngling, der unsere Zukunft war ...�</emphasis></p><p>Mit jedem Satz, den er aussprach, schien Kritias' Stimme sicherer und bestimmter zu werden. Beinahe melodi�s wurde sie aber, als er Perianders Gestalt und seine sportlichen Erfolge beschrieb. Dann brach die Rede ab. Kritias hielt inne und besann sich, um Lysippos pl�tzlich mit bitterster H�rte anzugreifen und auf ihn niederzugehen wie ein Falke auf eine Ratte. Kritias beschrieb Dutzende von Lysippos' Untaten, mochten sie wahr sein oder nicht, bis zu seiner v�lligen Ersch�pfung. Dann hielt er wieder inne und deutete auf den Angeklagten.</p><p><emphasis>��Was erz�hle ich denn? Ihr seht ja selbst!�</emphasis></p><p>Es folgte ein pr�ziser Bericht �ber Perianders Ring, den Ly-sippos an den Hehler Hermogenes verkauft hatte - Anaxos hat-te Kritias offenbar gut informiert -, flankiert von einer kurzen Zeugenaussage des Charmides, der, den Richtern als Perianders engster Freund vorgestellt, best�tigte, dass Periander seinen Ring stets trug und ihn noch am Tag vor seinem Tod im Kreis der Freunde herumgezeigt hatte, weil er so stolz auf dieses Schmuckst�ck war. Ich erwartete, dass Kritias nun Lysippos' Gest�ndnis zitieren w�rde, aber er erw�hnte es mit keinem Wort. <emphasis>�Ihr habt Charmides geh�rt�,</emphasis> fuhr Kritias in seiner Anklage fort,</p><p><emphasis>��ihr wisst, wer den Ring schon am Tag nach Perianders Tod verkauft hat, und wisst damit auch, wer ihn Periander vom Finger zog. Damit kennt ihr aber auch den M�rder. Hier seht ihr ihn: dumm, schmutzig und armselig. Zu sagen gibt es nichts mehr. Urteilt nun und richtet ihn!�</emphasis></p><p>Kritias ging an seinen Platz zur�ck und setzte sich. Es blieb still im Saal, kaum wagte man einzuatmen, so sehr hatte die Anklage die Zuh�rer in ihren Bann gezogen. In dem Moment versiegte der kleine, silberne Wasserstrahl. Der oberste Richter nickte, und der wei�haarige Diener der Zeit verschloss das obere Gef�� wieder. Dann stellte er die Amphoren um.</p><p>Endlich zeigte der Vorsitzende auf den Angeklagten. Der Sklave l�ste den Korken. Wieder ergoss sich der Wasserstrahl in das untere Gef��. Es war nun an Lysippos zu sprechen, um sich zu verteidigen. Es war vollkommen still im Saal. Die Augen eines jeden Richters und Zuschauers waren auf ihn gerichtet. Der aber sah nur zu den Areopagiten hinauf. Sein Gesicht und seine Augen blieben stumpf. Jetzt m�sste er sich erheben und mit den einleitenden Worten beginnen:</p><p><emphasis>Meine hohen Richter, ihr Herren der Stadt,</emphasis></p><p><emphasis>ich bin meinem Ankl�ger dankbar f�r die harten Worte,</emphasis></p><p><emphasis>mit denen er mit mir ins Gericht geht...</emphasis></p><p>Wir hatten es hundertfach geprobt in den letzten Tagen, immer wieder, immer wieder. Ich sprach die Worte leise vor mich hin. Ich h�tte sie ihm vorsagen wollen. Eine gelungene Einleitung sei so wichtig, hatte Lysias mir erkl�rt. Von ihr h�ngt ab, ob dir die Richter �berhaupt zuh�ren werden, hatte ich Lysippos eingebl�ut. Sprich endlich!, wollte ich ihm zurufen, w�h-rend der feine Wasserstrahl unbarmherzig weiterfloss. Aber Lysippos blieb stumm.</p><p>�Nun rede zu deiner Verteidigung!�, forderte der oberste Richter ihn schlie�lich unwillig auf. Die Zuschauer begannen zu murren. Lysippos sch�ttelte den Kopf. Ein paar Tr�nen rannen ihm �ber die schmutzigen Wangen und hinterlie�en eine d�nne Spur in seinem Gesicht.</p><p>�Da seht ihr�, rief Kritias triumphierend, sprang auf und stellte sich vor Richter und Publikum. �Er verteidigt sich nicht! Er wagt nicht, seine Tat zu leugnen! Wie k�nnte er auch? Die Schuld dieses Mannes ist gewiss.� Wieder legte Kritias eine Pause ein, als suchte er nach den richtigen Worten. Dann drehte er sich langsam zu mir und sah mir unvermittelt in die Augen.</p><p>�Und wieder einmal erkennen wir, was ich geschrieben und so oft gesagt habe:</p><p>Die Armut musste ihn ins Verbrechen treiben!�</p><p>Die Zuschauer applaudierten, aber ich h�rte das Klatschen der H�nde und das Trommeln der F��e nur von fern, beinahe wie in einem Traum. Was hatte Kritias gesagt? Zu welcher Urheberschaft bekannte er sich hier vor ganz Athen? Ich zog den Papyrus aus meinem Harnisch. Es war Mysons zweite Kopie. Ich entrollte das Schriftst�ck, schnell fand ich die fatalen Worte:</p><p>... Das Volk aber wird von Unwissenheit und Schw�che beherrscht - die Armut muss es ins Verbrechen treiben.</p><p>Ich hob den Arm und rief: �Halt!�</p><p>Das Bild der keifenden Menge, das sich mir bot, ist unbeschreiblich. Alle Augen richteten sich auf mich. Ein jeder Mund schien eine Verw�nschung auszusprechen, ja auszuspeien. F�uste wurden gegen mich erhoben. Aber irgendein Gott sch�tzte mich und verschloss mir die Ohren. F�r einen Augenblick war ich taub. Ich sah, wie die Spucke von den Lippen dieser M�nner explodierte, aber ich blieb wie im Schlaf, und die Menge, die da vor mir stand und fluchte, schien nichts weiter als ein entferntes, ohnm�chtiges Traumgespinst. Noch war Wasser im oberen Krug.</p><p>Durch einen Nebel sah ich, wie der erste Richter sich erhob und mit drohender Geste der Meute und ihrem L�rm Einhalt gebot. Endlich setzten sich die Menschen wieder und verstummten - ich h�rte es nicht, ich sah es nur an den geschlossenen Lippen. Der Vorsitzende zeigte auf mich.</p><p>�Was willst du, Hauptmann, und weshalb st�rst du das Gericht?�, fragte er drohend, gerade als mir die G�tter mein Geh�r Zur�ckgaben.</p><p>�Ich will aussagen, ihr Richter, ihr Herren der Stadt: Lysippos ist unschuldig!�, antwortete ich laut und bestimmt, und wieder brandete die Emp�rung der Zuschauer an mein Ohr.</p><p>�Niemand hat dich zur Aussage gerufen�, erwiderte der Richter, setzte sich und schien sich f�r einen Moment mit den Beisitzern zu beraten. Sie nickten �bereinstimmend. Darauf wandte sich der Vorsitzende an Lysippos und fragte: �M�chtest du, dass der Hauptmann hier als dein Zeuge aussagt?�</p><p>Lysippos sah mit leerem Blick zu ihm auf. Langsam sch�ttelte er den Kopf.</p><p>Der Vorsitzende beriet sich abermals mit den anderen Richtern und fragte Lysippos schlie�lich frei heraus: �Gibst du zu, dass du Periander erschlagen hast?�</p><p>Lysippos dachte kurz nach, dann nickte er.</p><p>�Dann gibt es hier f�r den Hauptmann nichts auszusagen!�, sagte der Vorsitzende.</p><p>Das waren seine abschlie�enden Worte. Ein letzte, kurze Verst�ndigung auf der Richterbank; die Areopagiten erhoben sich und nahmen die Lorbeerkr�nze vom Haupt.</p><p>Der Spruch ging unter in donnerndem Applaus. Lysippos war zum Tode verurteilt, w�hrend der letzte Tropfen der Wasseruhr fiel.</p><p>Jetzt gab es nur noch einen, der helfen konnte. Ich dr�ngte aus dem Saal, zw�ngte mich, mit beiden Armen rudernd, durch die Menschenmenge im Vorraum und vor dem Gericht und rannte zum Strategenpalast hin�ber. Die Eingangswachen sahen mich, erschraken und z�gerten einen Augenblick zu lange. Ich st�rmte ungehindert an ihnen vorbei. Von Sinnen muss ich ihnen erschienen sein. Ich lief durch die G�nge des Strategions und rief lauthals nach dem einzigen Mann, der mir noch helfen konnte: Alkibiades. Wie ich den Eingang zum Strategensaal wiederfand? Ich wei� es nicht. Pl�tzlich stand ich davor, riss die gewaltige T�r auf und fand Alkibiades mit zum Kampf gez�cktem Schwert vor mir stehen. Er hielt mich f�r seinen M�rder, das war gewiss. Noch bevor er aber sein Schwert gegen mich heben konnte, warf ich mich ihm zu F��en - gerade hatten mich die Wachen eingeholt und wollten mich ergreifen.</p><p>Es folgte ein Moment erstarrter Stille. Einem jeden ging der Atem schwer. Der Geruch von Angst lag in der Luft, gen�hrt aus meinem Schwei�, dem Schwei� der Wachen und dem Schwei� des Strategen. Alkibiades war der Erste, der sich wieder fing. Er trat, sein Schwert immer noch gez�ckt, einen Schritt zur�ck und hie� mich aufstehen. Ich erhob mich, blieb jedoch auf den Knien und wagte es nicht, Alkibiades in die Augen zu sehen.</p><p>�Verzeih, o Tyranne, wie ich hier eingedrungen bin, verzeih, dass ich dich erschreckt habe�, begann ich stammelnd. �Ich erbitte deine Hilfe. Ich erflehe sie! Du kannst gro�es Unrecht verhindern. Der Areopag hat einen Unschuldigen zum Tode verurteilt! Lysippos ist nicht Perianders M�rder.�</p><p>Alkibiades senkte das Schwert und lachte, bis er sich die Tr�nen aus den Augen wischen musste.</p><p>�Oh, Nikomachos, du erstaunst mich immer wieder!�, sagte er feixend. �Du st�rmst herein wie ein w�tender Stier ... Ich dachte, du wolltest mich erschlagen, und dann bittest du f�r jemanden wie Lysippos! Beinahe h�tte ich dir den Sch�del gespalten! Wer sagt dir denn, dass Lysippos unschuldig ist, wenn der Areopag ihn verurteilt hat? Bist du kl�ger als das Gericht?�</p><p>Ich lie� den Blick gesenkt und wagte nicht zu antworten.</p><p>�Sprich, Nikomachos!�, befahl Alkibiades. �Ich m�chte wissen, wie du dazu kommst, hier in den Strategenpalast zu st�rmen. Sprich! Noch hast du Gelegenheit! Woher willst du wissen, dass Lysippos unschuldig ist?�</p><p>�Eine innere Stimme sagt es mir, auch wenn ich nicht kl�ger bin als die Richter�, erwiderte ich mit halb erstickten Worten.</p><p>�Eine innere Stimme?�, wiederholte er fast belustigt. �Etwa ein <emphasis>guter Geist?�</emphasis> Alkibiades sch�ttelte den Kopf, legte sein Schwert zur Seite und b�ckte sich zu mir herunter. Er legte mir sogar den Arm um die Schultern. �Ich f�rchte, mein lieber Nikomachos, du warst zu lange mit meinem alten Lehrer zusammen. Komm, steh auf. Es ist f�r einen Mann unw�rdig zu knien.� Alkibiades zog mich zu sich hoch, t�tschelte meine Schulter und l�chelte.</p><p>�Ich liebte Sokrates einst sehr, wei�t du�, sagte er dann. �Aber w�re ich seinen tugendhaften Lehren gefolgt, w�re ich jetzt tot. Er wollte, dass ich mich stelle, als mich die Athener zum Tode verurteilt hatten, nur weil ein paar Statuen zerschlagen worden sind. Die Tugend sagte: Stirb ehrenvoll. Aber ich sagte mir: Lebe, Alkibiades, lebe, egal wie! Glaub mir, Nikomachos, h�r nicht allzu sehr auf Sokrates. Ein Heiliger gen�gt Athen vollauf, wir brauchen nicht noch einen zweiten, auch nicht, wenn er Nikomachos hei�t.�</p><p>Ich stand da und schwieg. Es kam mir vor, als erwachte ich allm�hlich aus einem Traum, und in mir stieg eine Ahnung dessen auf, was ich gerade getan hatte. Trotzdem f�rchtete ich Alkibiades in dieser Stunde nicht. Wir waren, das f�hlte ich deutlich, miteinander verbunden.</p><p>�Sag mir, Nikomachos, wenn Lysippos nicht der M�rder ist, wer ist es dann?�, h�rte ich Alkibiades nach einer Weile fragen.</p><p>Ich sah ihn offen an. Diesen Namen konnte man nur mutig oder eben gar nicht nennen, also antwortete ich: �Ich glaube, Kritias war es.�</p><p>�Kritias?�, wiederholte Alkibiades und pfiff durch die Z�hne. �Wei�t du, was du da sagst?�</p><p>Ich nickte. Mehr als alles wusste ich, was ich da sagte.</p><p>�Hat du Beweise f�r deinen Verdacht?�</p><p>�Er ist der Autor der &#x391;&#x398;&#x397;&#x39D;&#x391;&#x399;&#x3A9;&#x39D; &#x3A1;&#x39F;&#x39B;&#x399;&#x3A4;&#x395;&#x399;&#x391;<emphasis>�,</emphasis> erwiderte ich.</p><p>Alkibiades sch�ttelte den Kopf. �Das h�tte ich dir schon fr�her sagen k�nnen! Aber auch wenn man ein so t�richtes Buch geschrieben hat, ist man doch noch lange kein M�rder!�</p><p>�Ich bin mir sicher�, antwortete ich, �es gibt einen Zusammenhang zwischen Kritias und Perianders Tod. Sonst w�rde Platon den M�rder nicht decken!�</p><p>Alkibiades l�chelte sp�ttisch. Er war nicht �berzeugt.</p><p>�Und es besteht ein Zusammenhang zwischen Perianders Tod und dem Besuch der persischen Bankiers!�, schoss es aus mir heraus, ohne dass ich �berhaupt dar�ber nachgedacht h�tte.</p><p>Alkibiades' Gesicht wurde ernster.</p><p>�Welcher?�, fragte er. Er klang �u�erst beunruhigt.</p><p>Ich senkte den Kopf. Ich wusste keine Antwort und schwieg.</p><p>�Anaxos!�, rief Alkibiades in den Raum. Ich drehte mich um und sah, wie der Herr der Spione hinter einer S�ule hervortrat. Er hatte das ganze Gespr�ch mitangeh�rt. In seinem Gesicht stand sein s��liches und b�ses L�cheln.</p><p>�Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Besuch der Perser und Perianders Tod?�, fragte Alkibiades.</p><p>�Nein, mein Herrscher� antwortete Anaxos mit seiner lieblichen Stimme - im gleichen Ton, mit dem er zu Lysippos gesprochen hatte, w�hrend er ihm gleichzeitig die mit N�geln gespickte Manschette um seinen gesunden Fu� legte. �Es gibt keinen Zusammenhang. Lysippos ist der T�ter. Er hat gestanden.�</p><p>�Unter deiner Folter!�, schleuderte ich Anaxos entgegen. Der Teufel blieb ganz gelassen. Er sah Alkibiades unterw�rfig an.</p><p>�Unser junger Freund, edler Alkibiades, hat eigene Gr�nde f�r seinen Verdacht gegen Kritias. Ich wollte sie eigentlich diskret behandeln ...�, begann er und betrachtete mich mit einem zweideutigen L�cheln.</p><p>�Sprich nur�, forderte Alkibiades ihn auf.</p><p>�Oh, das alte Lied�, sagte Anaxos mit geheucheltem Gleichmut, w�hrend er mich nicht aus den Augen lie�. �Nikomachos hatte einen kleinen Geliebten. Lykon hei�t er. Ein h�bscher Bursche mit blauschwarzen Locken und reiner Haut, s�� wie der Honig. Nun, ich f�rchte, dieser Knabe hat sich von Nikomachos ab- und jemand anderem zugewandt - gerade dem zugewandt, den er nun hier vor deinen Ohren des Mordes bezichtigt - Kritias.�</p><p>Was hatte er gesagt? Ich verstand nicht. Einen Moment schien die Zeit stillzustehen. Alles in mir war wie taub. Pl�tzlich f�gten sich die Bilder zusammen. Kritias, wie er Lykon bei unserer ersten Begegnung ansah. Lykon, wie er �ber den Platz vor dem Strategion ging und mich und Kritias gleichzeitig begr��te. Er hatte nicht mich gesucht: Er wollte zu Kritias! Deswegen war er so k�hl zu mir, so verschlossen, deswegen auch die dumme Anspielung des Jungen in der Palaistra. Der Schatten in Kritias' Haus!</p><p>Alkibiades brach in schallendes Gel�chter aus. Er ging zu seinem Thron und warf sich auf das Kissen.</p><p>�Ach, so ist das!�, sagte er feixend. �Unser alter Freund Kritias hat den Knaben schon fr�her gerne nachgestellt. Wusstest du, Nikomachos, dass Sokrates sich deswegen mit ihm einmal gestritten hat? Er wei� die s��en Bengel wohl immer noch zu bezaubern!�</p><p>Ich stand da und wusste nichts mehr zu sagen. Ich war nicht eifers�chtig, ich war verraten. Ich drehte mich um und verlie� den Saal. Die Wachen lie�en mich ziehen. Sie grinsten �ber das ganze Gesicht. W�hrend sich die Fl�gelt�ren hinter mir schlossen, h�rte ich Alkibiades immer noch lachen. Ich hatte verloren.</p><p>Ich ging nach Hause. Es war Zeit.</p></section><section><title><p id="bookmark15">T</p></title><p>ein paar Wochen sp�ter - Lysippos war bereits hingerichtet -, sah ich die beiden bei der gro�en Panathen�en-Prozession. Es war ein grauer, ein ungl�ckseliger Tag. Vom fr�hen Morgen an blies ein feuchter und kalter Wind als Ank�ndigung k�nftigen Unheils vom Meer her und trieb Sand durch die Gassen und in die H�user. Aspasia, die Kinder und Teka blieben zu Hause - zum Gl�ck, so b�se schien das Wetter, aber Vater �berredete mich, doch zum Dipylon-Tor zu gehen, wo die gro�e Prozession wie immer ihren Anfang nahm.</p><p>Als wir ankamen, ging gerade die Sonne auf. Schon hatte sich eine gewaltige Menschenmenge versammelt, um dem Zug durch die Stadt, �ber die Agora bis hinauf zur Akropolis zu folgen. Vier junge M�dchen aus vornehmsten Familien hielten das neue Gewand Athenes, an dem die Priesterinnen monatelang gearbeitet hatten. Es war eine pr�chtige Tunika, in die Athenes Sieg �ber den Titanen hineingewirkt war. Mit diesem Gewand sollte die alte Holzstatue der G�ttin im kleinen Tempel neben den Propyl�en neu gekleidet werden.</p><p>Ein Horn ert�nte, und die Prozession setzte sich in Bewegung. Die Jungfrauen gingen voraus, ihnen folgten Athenes Priesterinnen und ein Zug vornehmer Damen. Ich versuchte auszumachen, ob nicht vielleicht Perianders Mutter unter ihnen war, aber es war noch zu dunkel, und vor mir dr�ngten sich zu viele, als dass ich wirklich ein Gesicht h�tte erkennen k�nnen.</p><p>Nach den Frauen gingen die F�hrer der Opfertiere mit 100 K�hen und Schafen. Ihnen folgten die Athener Met�ken mit Tabletts voller Opfergaben, Kuchen und Honig. So mussten sie Jahr f�r Jahr zeigen, dass sie Athene und ihrer Stadt die Treue hielten. Myson musste unter ihnen sein, aber auch ihn sah ich nicht. Dicht hinter den Schutzb�rgern kamen die Wassertr�ger und Musiker, die Fl�ten- und Chitara-Spieler. Sie waren in bunte Kleider geh�llt und versuchten fr�hlich und ausgelassen zu sein, auch wenn der Wind ihnen die Lorbeerkr�nze vom Haar blies und die Musik �bert�nte.</p><p>Den Musikern schlossen sich die alten W�rdentr�ger der Stadt an, die Gener�le und Admir�le, die Archonten und Richter mit ihren ernsten und feierlichen Mienen. Jeder von ihnen hielt einen Olivenzweig in der Hand als Zeichen des Friedens und der Dankbarkeit f�r den �lbaum, den Athene uns geschenkt hatte. Den Richtern folgten die Fahrer mit ihren Streitwagen, die am n�chsten Tag ein Rennen auf der Agora austragen w�rden, und da, in einem der pr�chtigsten Viersp�nner, die man sah, erkannte ich Kritias und Lykon. Sie winkten in die Menge und lie�en sich bejubeln. So zogen sie an mir vorbei. Kritias mit von Hochmut geschwellter Brust, voller Stolz auf seinen Besitz: den Wagen, die Pferde und den J�ngling, Lykon mit weibischem L�cheln und affektierten Gesten wie ein k�uflicher Knabe. Er erkannte mich in der Menge, und f�r einen Augenblick flackerte so etwas wie Scham in seinem Gesicht auf, aber er wandte den Kopf ab, noch bevor unsere Blicke sich kreuzen konnten. Hochrufe ert�nten auf den gro�en Kritias und seinen sch�nen Knaben. Mir grauste. Ich w�nschte mir, ich h�tte die beiden nicht gesehen.</p><p>Nachdem uns alle Streitwagen passiert hatten - die Sonne stand hoch am Himmel, so lange brauchte der Tross, um sich in Bewegung zu setzen -, machten wir uns mit den �brigen Athenern auf den Weg, um der Prozession zu folgen. Wie dies Sitte war, gingen Vater und ich zusammen mit unseren Nachbarn aus dem Kerameikos. Ein Weinkrug machte die Runde. Man schlug sich auf die Schultern und lachte, obwohl uns der Wind ins Gesicht blies. Nur ich blieb stumm; mein Vater bemerkte dies wohl.</p><p>Als die Stra�e anstieg, sahen wir die Streitwagen wieder vor uns. Kritias hielt Lykon im Arm. Der Junge schmiegte sich an die Brust seines neuen Liebhabers und winkte der Menge zu, als k�me er gerade von einer siegreichen Schlacht zur�ck.</p><p>Wie gerne h�tte ich ihm die Wahrheit �ber seinen neuen Freund erz�hlt! Wie gerne erkl�rt, wieso Kritias den Prozess am Areopag gewonnen hatte! Glaubte er, der Erfolg sei Kritias' Redekunst zu verdanken? Er war es nicht, wie mir Lysippos schon am Tag nach dem Urteil gestanden hatte. Nie werde ich das Bild vergessen: Lysippos sa� auf seiner Strohmatte in der Zelle, seine Tochter und sein Enkel bei ihm. Die Frau weinte, das Kind mit ihr, ohne zu verstehen, worum es ging, und Lysippos erz�hlte mir, wie Anaxos ihn vor eine ganz einfache Wahl gestellt hatte: sein Leben oder das Leben seiner Tochter und des Enkels. Die Entscheidung war ihm leichtgefallen, auch wenn er selbsts�chtig war. Die beiden waren die einzigen Menschen, die ihm etwas bedeuteten, und so entschied er sich f�r das Leben seiner Tochter und ihres Kindes. Er bat mich noch nicht einmal mehr, ihn fliehen zu lassen, zu sehr war ihm bewusst, welches Faustpfand Anaxos da in H�nden hielt.</p><p>Einige Tage sp�ter nahm Lysippos den Schierlingsbecher, den Bias ihm reichen musste. Er nahm ihn weder trotzig noch verbittert, sondern mit einer ganz neuen und eigenen W�rde. Er nahm ihn und trank ihn aus - f�r das Leben seines Stammes und seiner Abk�mmlinge.</p><p>Der Wind wurde heftiger und brachte Wolken mit: graue, schwarze, dichte Wolken, die die Sonne verdunkelten. Die Luft war so feucht, dass einem die Kleider an der Haut klebten. Schwei�perlen standen mir auf der Stirn, und zugleich fror ich. Wie wir �ber die Agora gingen, schlossen die H�ndler ihre L�den aus Angst vor dem nahenden Unwetter. Wie Segel bl�hten sich die Stoffd�cher �ber den Verkaufsbuden und zerrten an ihren Leinen. Wo der Wind die Haken aus dem Boden gerissen hatte, flatterten und tanzten sie wie Fahnen im Sturm.</p><p>Pl�tzlich und unvermittelt - den Fl�gelschlag einer Taube lang - schien die Natur innezuhalten. Es wurde still. Die Fahnen senkten und beruhigten, der Staub legte sich. Da zerriss ein Blitz die Wolken, und ein Donnerschlag folgte mit ohrenbet�ubender Wucht. Ein Schwirren wie von tausend Fl�geln in der Luft, und Hagelk�rner, gro� wie Taubeneier, prasselten auf uns nieder. Um den gef�hrlichen Geschossen zu entgehen, packte ich meinen Vater am Arm und zog ihn zur n�chsten Stoa, wo wir uns gerade noch unterstellen konnten. Mochten die anderen die G�ttin feiern und das Blut der Opfertiere vergie�en, wir waren erst einmal sicher! Und wir waren nicht die Einzigen, die so dachten. Mit uns floh halb Athen unter den Schutz der D�cher. Dicht an dicht dr�ngten wir uns in der S�ulenhalle, w�hrend drau�en die Hagelk�rner dicken Regentropfen wichen und ein Gewitter tobte, wie ich es bis dahin noch nie erlebt hatte und seitdem nicht wieder. Blitze zuckten wie Schwerter in der Schlacht, der Donner grollte, als br�che ein Wald von B�umen. Der Wind trieb Regen in die Stoa hinein, wie die Gischt des Meeres bei Sturm schlug er uns ins Gesicht. Ver�ngstigt von diesem Wetter und der dunklen Verhei�ung, die es barg, standen wir Athener zusammen unter unseren d�nnen D�chern und hofften, nicht erschlagen zu werden von Blitz und Donner und von dem Ungl�ck, das dieses Unwetter nur ank�ndigen konnte. Wenn die Zeustochter selbst am Tag ihres h�chsten Festes ein solches Gewitter zulie�, musste die Stadt in Ungnade gefallen sein. Wir f�hlten und wir wussten es, verstanden aber nicht, warum. Niemand sprach, kleinm�tig duckten sich die Menschen unter das Joch des angek�ndigten Geschicks.</p><p>Der Wind tobte durch die Stra�en, in den Gassen schwollen die Rinnsale zu B�chen an. Und da, gerade als wir glaubten, Zeus wolle die Stadt ertr�nken, rissen die Wolken �ber unseren K�pfen auf, und ein paar Sonnenstrahlen fielen hindurch. Der Spalt wurde gr��er und breiter; schon sahen wir die ganze Sonne hinter den Wolken hervorleuchten. Zugleich lie� der Regen nach. Nur wenige dicke Tropfen fielen noch und zerplatzten in den Pf�tzen. Der Wind legte sich. Das Gewitter war vor�ber.</p><p>Zuerst wagten es nur einige junge M�nner, den Schutz der D�cher zu verlassen. Die Sandalen �ber die Schultern geworfen, schritten sie mit blo�en F��en voran, schlitterten �ber den Matsch und tappten durch die Pf�tzen. Wir �lteren folgten, erst z�gernd, dann sicherer. Schon h�rte man fr�hliches Rufen und Jauchzen. Janos, mein Nachbar, rutschte aus und fiel in den Schlamm, aber er lachte und wir mit ihm, als w�re es der gr��te Spa�, sich wie ein Schwein im Dreck zu suhlen. Von irgendwo kam eine Handvoll Matsch angeflogen. Ich duckte mich, bekam meine Portion aber trotzdem mitten ins Gesicht. Nat�rlich lie� ich mich nicht lumpen und warf zur�ck, was ich mit H�nden aufnehmen konnte. Jetzt kam eine Ladung von vorne und traf meinen Vater, der sich r�usperte und sofort mitmischte, so wie die anderen auch. Und so verwandelte sich die ganze Prozession innerhalb k�rzester Zeit in eine einzige Schlammschlacht. Die Menschen waren befreit und so erleichtert, noch einmal davongekommen zu sein, dass noch der w�rdigste Alte wie ein Bub Dreckb�lle formte und fr�hlich verschoss. Die Frauen kreischten, w�hrend sie in den Matsch fielen. Ein paar Kleider rutschten nach oben. Wei�e Schenkel blitzen im Schlamm; J�nglinge warfen sich dazu. Man gr�lte und lachte und tanzte und k�sste sich in einem Bacchanal von Matsch und Lehm. Dann ert�nte das Horn, ein- oder zwei- oder dreimal. Die Priester kletterten auf die Mauern, mahnten emp�rt zur Ruhe und befahlen, uns wieder zu formieren und den Weg zur Akropolis fortzusetzen, wollten wir nicht noch gr��eren Zorn der G�tter auf uns laden. Feixend stellen wir uns in Reih und Glied und gingen schlie�lich weiter, ein w�rdig dreinblickender Haufen vor Dreck starrender Athener ...</p><p>Die Weihefeierlichkeiten sollten bis in die Nacht dauern, aber als die Sonne untergegangen war, machten mein Vater und ich uns auf den Weg nach Hause. Mit dem heutigen Tag war meine Amtszeit als Hauptmann beendet, und ich hoffte, ich k�nnte hinter mir lassen, was ich erlebt hatte, zur�ckkehren in meines Vaters Gesch�ft und vergessen. Schon schien mir fern, was sich doch vor kurzem erst ereignet hatte ...</p><p>Die Hoffnung trog, nat�rlich trog sie. Wir k�nnen die Geschehnisse erst vergessen, wenn auch sie sich unser nicht mehr erinnern wollen. Ich war den Dingen noch allzu nah.</p><p>Es war finstere Nacht, als wir durch den Kerameikos kamen. Der Boden war nass und schlammig. Wir h�rten hinter uns Schritte nahen, schnelle, milit�rische Schritte. Drei Mann mochten es sein, die da hinter uns gingen. Mein Vater sah mich fragend und beunruhigt an. Ich winkte ab. Bei Nacht und auf diesen Wegen bildete man sich viel zu leicht etwas ein. Ein �berfall kam schnell und lautlos, wie der von den beiden Kerlen, die mir aufgelauert hatten. Wir bogen ab, die Schritte folgten. Wir waren Kurz vor der Stra�e zu unserem Haus angelangt, als die M�nner hinter uns aufschlossen. Doch ein wenig beunruhigt, griff ich meinen Vater wieder am Arm und zog ihn in eine Seitengasse. Ich wollte die M�nner vorbeigehen lassen. Aber sie gingen nicht vorbei. Schnell drehte ich mich. Eine Klinge leuchtete auf, und ein von einer Narbe entstelltes Gesicht grinste mich an. Mein Vater schrie. Ich duckte mich und sprang nach vorn. Das Schwert schlug hinter mir in die Wand. Ich bekam eine Kehle zu fassen und ging mit meinem Angreifer zu Boden. Ich dr�ckte zu, so fest ich nur konnte. Fauliger Atem stieg mir ins Gesicht. Da explodierte etwas in meinem Kopf. Neben mir h�rte ich meinen Vater st�hnen. Dann versank ich in dem Dunkel, das mich umgab.</p><p>Ich war auf einer weiten Ebene, kein Mensch weit und bereit. Vor mir stand ein marmorner Tempel, �ber mir die Sonne. Aber es war nicht die Sonne, die schien. Der Tempel leuchtete der Sonne und trug den Himmel und seine Weiten. Ein Adler kreiste am Himmel und war ihm Freund. Der Adler flog, weil der Tempel ruhte.</p><p>Es begann zu regnen. Ich f�hlte Wasser auf meiner Stirn. Langsam schlug ich die Augen auf und sah in Aspasias Gesicht. Wie ein Blitz durchzuckte stechender Schmerz meinen Sch�del. Aus einem Augenwinkel erkannte ich unser gro�es Zimmer. Ich war dort, wo alles begonnen hatte. Aspasia kniete bei mir und wischte mit einem Schwamm �ber meine Stirn. Es roch nach Blut und Essig. Eine Wunde pulsierte an meinem Kopf. Etwas Feuchtes lief meine Schl�fen entlang. An der T�r lehnten Thrasybulos und Myson. Sie hatten besorgte Gesichter, sahen aber nicht zu mir hin�ber. M�hsam richtete ich mich auf und folgte ihrem Blick. Auf der Liege an der hinteren Wand lag mein Vater. Chilon k�mmerte sich noch um ihn, aber der Tod hatte ihn schon zu sich hin�bergezogen.</p></section><section><title><p><emphasis>Zweites Buch</emphasis></p><p>DIE DREISSIG TYRANNEN</p></title><p><image l:href="#2"/></p></section><section><title><p><strong>&#x3B1;</strong></p></title><p>ein abend auf der Agora! Am Himmel verschwand die Sonne in sanftem Abendrot, die H�ndler entz�ndeten ihre �llampchen und Laternen in den Buden, und die Staatssklaven entflammten die Fackeln in den S�ulenhallen. Je dunkler es wurde, desto mehr schien es, als werde der gesamte Marktplatz von kleinen Sternen erleuchtet, und als das Licht der Sonne endg�ltig erloschen war, kreisten Sokrates, Xenophon, Aristippos und ich noch zusammen mit Hunderten von anderen M��igg�ngern zwischen den k�nstlichen Lichtern auf unserer ewig gleichen Runde zwischen Stoa und Tempeln. Wir sprachen wenig. Unser Treffen heute galt mehr der Freundschaft als der Philosophie. Ich f�hlte mich frei und leicht, aber nicht sicher - nein, nicht sicher, auch wenn der Anschlag auf meinen Vater und mich nun vier Jahre zur�cklag und Anaxos und sein Mordgeselle mich vergessen zu haben schienen - oder doch zumindest nicht mehr f�rchteten.</p><p>In den ersten Wochen nach dem Tod meines Vaters hatte ich selbst bei Tage kaum gewagt, das Haus zu verlassen, aus Furcht, jene h�ssliche, vernarbte Fratze lauere mir auf, um mich endg�ltig zu ermorden. Zu meinem Gl�ck besuchten Thrasybulos und Myson mich beinahe jeden Tag und standen mir in meiner Trauer um den Vater, aber auch in meiner Angst um mein Leben und um das Leben meiner Familie bei. Sie waren es, die mir dabei halfen, das Haus wieder zu verlassen, und sie begleiteten mich, als ich meinen Fu� endlich wieder vor die T�r zu setzen vermochte. So habe ich ihnen nicht nur mein Leben zu verdanken, denn sie retteten mich in jener Nacht aus den Klauen der M�rder, sondern auch die Freiheit, mich wieder durch die Stra�en und Gassen zu bewegen.</p><p>Myson! Er war ein Spion. Ja, das war er. Ich hatte mich nicht get�uscht. Und sicher war er mir gegen�ber deswegen so befangen, nachdem wir uns angefreundet und ich ihn nach Lysippos' Attacke nach Hause begleitet hatte. Aber er war nicht Anaxos' Spion. Nein, er war der Spion des Thrasybulos und der Demokraten, die mich auf meinen Wegen besch�tzten, seit er mich in meinem Garten besucht und erraten hatte, wieso ich mir immer wieder an die schmerzhaften Rippen fasste ... Myson gestand es mir wenige Tage nach der Bestattung meines Vaters, und ich umarmte und k�sste ihn daf�r, denn ich verdankte diesem kleinen Verrat das Leben.</p><p>Alkibiades? Nur ein Jahr konnte er sich als Hegemon au-tokratos halten, dann jagten ihn die Athener davon. Schon f�r das gro�e Gewitter bei der Prozession gaben sie ihm die Schuld, eine verlorene Seeschlacht gen�gte dann, um ihn abzuw�hlen ... Die Liebe des Volkes ist wankelm�tiger als die Liebe einer Het�re. Alkibiades wusste das und verlie� Athen auf schnellstem Weg. Ob er etwas mit dem Anschlag auf meinen Vater und mich zu tun hatte, habe ich letztlich nie in Erfahrung gebracht. Einmal habe ich mit Sokrates �ber die Rolle gesprochen, die Alkibiades bei diesem n�chtlichen �berfall gespielt haben mochte, aber Sokrates trat f�r ihn ein und gab mir sein Wort, dass sein ehemaliger Sch�ler von Anaxos' Machenschaften nichts gewusst habe. Ich wunderte mich, wie sicher Sokrates war, dem sonst so wenig sicher schien, aber ich vertraute seinem Urteil. �berhaupt Sokrates: Er war sofort bei mir, nachdem er von der feigen Tat geh�rt hatte, und versuchte mich zu tr�sten. Mit ihm und seinen Vertrauten besuchte ich auch die Agora wieder. Zun�chst nur bei Tage und mit gr��ter Angst, dann zunehmend beruhigter und sicherer, aber es dauerte ein ganzes Jahr, bevor ich es wagte, ihn und seine Freunde auch bei Dunkelheit hierher zu begleiten - selbst bei Tag sah ich mich von Zeit zu Zeit misstrauisch um. Durch Sokrates schloss ich mit beinahe all seinen Sch�lern Freundschaft. Aber eben nur beinahe, denn einer mied mich, so gut er konnte: Platon. Und je mehr ich mich ihm zu n�hern und je mehr ich ihn zu verstehen versuchte, desto mehr entzog er sich.</p><p>Mein Vater fehlte mir sehr, aber Aspasia und die Kinder waren bei mir und gesund. Ihnen geh�rte meine gr��te Sorge, und ihnen verdankte ich den gr��ten Trost. Daher richtete Thrasybulos in den Zeiten, zu denen ich nicht zu Hause sein konnte, eine Wache f�r sie ein, die das Haus bei Tag und Nacht besch�tzte.</p><p>Anaxos und den Soldaten mit der Narbe habe ich in den ganzen Jahren nicht mehr gesehen, obwohl ich oft genug beim Strategion auf sie lauerte, Pfeil und Bogen in der Wurzel des Baumes versteckt, hinter dem ich mich verbarg. Es war, als h�tten sie sich in den Kellern des Strategenpalastes, in den Archiven von Anaxos' Wissen um alles und jeden, verkrochen, aber irgendwann w�rden sie auftauchen m�ssen. Auch die W�rmer konnten sich nicht immer in der Erde verbergen.</p><p>Chilon, dem ich n�hergekommen war in den letzten Jahren, fragte mich einmal, wieso ich Athen und seine Gefahren nicht verlie�. Ich konnte ihm die Frage nicht beantworten, bis ich wieder einmal hinter jenem Baumstamm kauerte und einen ganzen Nachmittag und halben Abend lang zum Hauptportal des Palastes hin�bersah. Es war ein bitterer Wintertag. Der Nordwind fegte schneidend �ber das Land und lie� das Wasser in den Pf�tzen gefrieren. W�hrend ich fast blau gefroren in der K�lte kauerte, erstand die Erinnerung an Sokrates in mir, wie ich ihn einmal mitten im Winter barfu� stundenlang in einer Pf�tze hatte stehen sehen. Da erkannte ich, was mich hier hielt und mich gegen den Frost dieses Tages beinahe unempfindlich machte. Es war der Wille. War Sokrates' Wille aber auf Erkenntnis, so war mein Wille auf Vergeltung gerichtet, wie ich bekenne. Er war darum sicher weniger edelm�tig, aber doch nicht minder m�chtig ... Als ich mich Chilon offenbarte, nahm er mich nachsichtig in den Arm und schwieg, wie nur gute Freunde schweigen k�nnen.</p><p>Unsere Stimmung war heiter und gelassen. Sokrates und Aris-tippos lachten �ber irgendeinen kleinen Scherz, als uns drei bildh�bsche Het�ren entgegenkamen. Eine von ihnen war Lais, die begehrteste, teuerste Kurtisane der Stadt. Sie sah Sokrates, Xenophon und auch mich mit einem schmeichlerischen L�cheln an, Aristippos aber zwinkerte sie vielsagend zu.</p><p>�Wie kann man sich nur Philosoph nennen und gleichzeitig so dem Fleisch ergeben sein!�, murrte Xenophon mit einem Seitenblick auf ihn, als die drei Frauen an uns vor�ber gegangen waren. Aristippos' Lebenslust stand seinem soldatischen Herz fern, und er lie� keine Gelegenheit aus, dies auch zu zeigen. Wobei - ganz aus Marmor war auch Xenophon nicht, gab es da doch einen Jungen mit Namen Kleinas, der das Herz des Soldaten h�herschlagen lie� ...</p><p>�Aber mein lieber Xenophon�, entgegnete Aristippos mit gek�nstelter Emp�rung, �ich ergebe mich doch nicht dem Fleisch! Ich verstehe gar nicht, wie du mir dergleichen vorwerfen kannst. Bei mir ist es umgekehrt: Es ist das Fleisch, das sich mir ergibt!� Aristippos hatte die Lacher auf seiner Seite - nicht zum ersten Mal, wie ich erw�hnen muss -, und Xenophon schwieg beleidigt.</p><p>Alles schien mild und friedlich. Eine warme Abendbrise umgab uns wie ein seidenes Laken, der Duft von Oleander und Thymian w�rzte die Luft. Und doch �nderte sich mit einem Mal die Stimmung. Ich f�hlte eine merkw�rdige Unruhe um mich herum. Ein Raunen ging �ber die Agora, beinahe greifbar setzte es sich vom einen zum anderen fort, so wie ein Feuer sich ausbreitet und sich von einem Haus dem n�chsten mitteilt. Ich sah, wie sich die Gesichter der Menschen um uns ver�nderten. Passanten, die gerade noch ausgelassen gescherzt hatten, blieben stehen, sprachen, fragten, h�rten etwas, sch�ttelten ungl�ubig den Kopf, fragten wieder, diesmal mit ernsterem Gesicht, weiteten die Augen und schlugen die H�nde vor den Mund. Auch die Bewegungen der Menschen ver�nderten sich: Waren sie eben noch flie�end und frei, brachen sie von einem Moment auf den anderen ab. Die Flaneure hielten in-ne und formierten sich zu aufgeregten Gruppen. Die Leute blieben beunruhigt stehen und fragten sich, was hier vorging. Irgendeine schreckliche Neuigkeit verbreitete sich und sprang wie ein Funke vom einen auf den anderen �ber. Xenophon, der dem Gespr�ch zwischen Sokrates und Aristippos seit dessen geistreicher Parade nicht mehr gefolgt war, bemerkte es ebenso wie ich und sah mich fragend an. Ohne uns abzusprechen, verlie�en wir die anderen, um uns zu der n�chsten Gruppe zu stellen. Sokrates und Aristippos sahen uns erstaunt nach, aber auch in ihren Gesichtern stand zu lesen, dass sie die Unruhe des Marktplatzes f�hlten.</p><p>Ich dr�ckte mich in einen Menschenkn�uel.</p><p>�Was, was ist passiert, sag das noch mal!�, schrie jemand neben mir einem armen Kerl in der Mitte zu, der versuchte, sich die Menge vom Leib zu halten.</p><p>�Die Paralos�, rief er zur�ck, �die Paralos ist allein zur�ckgekehrt! Es hei�t, die Flotte ist zerst�rt!�</p><p>�Unsere Flotte?�, schrie mein Nachbar.</p><p>�Unsere gesamte Flotte!�, bekam er zur Antwort.</p><p>Nun sch�ttelte auch ich ungl�ubig den Kopf. Die Athener Flotte? Wer h�tte eine Streitmacht, die gesamte Athener Flotte aufzureiben? Das war ausgeschlossen. Athen war die Herrin der �g�is, unsere Schiffe hatten die persischen Galeeren bezwungen. Und doch: W�hrend sich mein Verstand noch widersetzte, f�hlte mein Herz doch schon die Wahrheit.</p><p>M�hselig l�ste ich mich aus der Menschentraube und rannten zu Sokrates und Aristippos zur�ck, die mich sofort fragten, was geschehen sei. War Aristippos erst einmal nur der Schalk aus den Augen gewichen, so war Sokrates' Ausdruck geradezu finster. Ganz deutlich f�hlte er die Ersch�tterung um uns herum. Ich erkannte es an seinen von Furcht geweiteten Augen.</p><p>�Sag schon, was ist geschehen?�, wiederholte er mit leichenblasser Miene.</p><p>�Ich wei� es nicht! Sie sagen, die Athener Flotte sei zerst�rt. Die gesamte Athener Flotte! Nur die Paralos ist zur�ckgekehrt�, stammelte ich.</p><p>�Nur die Paralos?�, sagte er wie zu sich selbst und schloss die Augen. �Das ist eine Katastrophe!�</p><p>�Glaubst du, es ist wahr?�, fragte Aristippos unseren Lehrer, unsicher, wie ich ihn noch nie gesehen hatte.</p><p>�Gewiss�, antwortete Sokrates dunkel.</p><p>�Habt ihr schon geh�rt?�, rief Xenophon, der gerade atemlos zur�ckkam. Er sah Sokrates' Gesicht und verstummte.</p><p>�Wir m�ssen es genauer wissen�, h�rte ich mich selbst sagen. �Aber wie?�, fragte Sokrates. Da fiel mir etwas ein, das lange in mir geruht hatte. �Lysias' Bruder! Ich wei� nicht mehr, wie er hei�t. Aber er war auf der Paralos - zumindest vor vier Jahren. Vielleicht wei� er mehr.�</p><p>�Polemarchos�, sagte Sokrates, �er hei�t Polemarchos. Du hast recht, er war Hoplit auf der Paralos. Lasst uns zu Lysias gehen!�</p><p>Wir verlie�en den Marktplatz Richtung Pnyx und HenkerTor, um auf k�rzestem Weg zu Kephalos' Haus zu gelangen. Wo wir nur vorbeikamen und wen wir auch trafen, �berall sahen wir die gleiche Unruhe, die gleiche Verst�rung, die gleiche Angst. Niemanden schien es mehr im eigenen Haus zu halten. Die Menschen str�mten auf die Stra�en, Wege und Pl�tze und sprachen mit jedem, der ihnen nur entgegenkam, egal, ob der nun arm, reich, alt oder jung und von welcher Hautfarbe er war. Der Reiche sprach mit dem Bettler, der M��igg�nger mit dem Handwerker und der Freie mit dem Sklaven ... In ihrer Angst kamen sich die Athener mit einem Male nahe wie Br�der. Wieso brauchte man immer nur die Angst dazu?</p><p>Und die Furcht war begr�ndet. Traf es zu, dass die Stadt ihre Flotte verloren hatte, war Athen einem Angriff vom Meer aus wehrlos ausgeliefert. Die Langen Mauern sch�tzen uns vor Attacken zu Land, aber Pir�us mit seinen drei H�fen war zum Wasser hin nat�rlich offen und damit die Achillessehne der Stadt. Wer h�tte es auch je f�r m�glich gehalten, dass Athens Flotte uns nicht mehr w�rde verteidigen k�nnen? Welche Seemacht h�tte uns trotzen sollen?</p><p>Ich dr�ngte meine Freunde zur Eile. Sicher hatte irgendein Nachbar schon bei mir zu Hause angeklopft und Aspasia die beunruhigende Nachricht �bermittelt. Ich wollte so schnell wie m�glich zu ihr.</p><p>Das Haus des Kephalos war hell erleuchtet. Links und rechts vom Haupteingang standen zwei Bronzeschalen, aus denen helle Flammen z�ngelten. Durch die Fenster und die Ritzen des Portals drang Lampenschein.</p><p>Sokrates klopfte laut gegen das Tor und rief seinen Namen. Nur einen kurzen Moment sp�ter �ffnete uns die sch�ne dunkelh�utige Sklavin, die mich und Lysias einst bedient hatte. Ich betrat dieses Haus seit damals zum ersten Mal. Die Sklavin war in den Jahren zur Frau gereift und noch bet�render geworden, als sie mir im Ged�chtnis stand. Aristippos, der neben mir eintrat, schien alle Sorgen um die Athener Flotte sofort zu vergessen. Er �ffnete die Augen weit und verneigte sich vor ihr. Verlegen sah die Sklavin zu Boden und bat uns, ihr zu folgen. Xenophon beobachtete die Szene missmutig und sch�ttelte den Kopf.</p><p>Wir waren nur ein paar Schritte Richtung Innenhof gegangen, als uns auch schon Lysias entgegenkam. Sein Gesicht war ernst wie im Angesicht des Todes.</p><p>�Kommt mit�, sagte er gehetzt, �wir sind im Garten. Po-lemarchos ist gerade erst angekommen. Es ist eine Katastrophe !�</p><p>Wir fanden Kephalos' gesamte Familie zusammen mit einigen Nachbarn und Freunden im von Lampions und Fackeln beleuchteten Peristyl. Die Menschen dr�ngten sich zu Pole-marchos hin, der bleich und m�de auf einer Bank sa� und mit br�chiger, kaum h�rbarer Stimme berichtete. Der junge Mann schien wenig gealtert in den letzten Jahren, aber er war noch ersch�pfter als damals, fast gebrochen - ein erschreckender Anblick, wenn er uns in einem so jungenhaften, freundlichen Gesicht begegnet. Als wir uns zu der Gruppe der Zuh�rer stellten, hielt Polemarchos kurz inne und sah auf. Er erkannte mich wohl und l�chelte mir bitter zu.</p><p>�Wie viele Schiffe hatten die Spartaner?�, fragte Sokrates unvermittelt. Die Laternen warfen unruhige Schatten auf sein silenenhaftes Antlitz.</p><p>�Ich wei� es nicht genau�, antwortete Polemarchos, �zweihundert, dreihundert ... Ihre Flotte war deutlich gr��er als unsere, und wir waren mit ganzen 180 Trieren unterwegs. Ich habe noch nie eine so gro�e Streitmacht gesehen.�</p><p>�Erz�hl es uns bitte�, sagte Sokrates. Polemarchos nickte.</p><p>�Die Paralos segelte vorab, vor der restlichen Flotte. Wir sahen die Spartaner zuerst. Ich werde den Anblick nie vergessen: Die See war ruhig, der Wind kam vom Westen her. Wir nahmen Kurs zum Hellespont und machten gute Fahrt. Es hie�, Sparta habe eine unsere Kolonien angegriffen, Lampsakos, und wir beschlossen, uns den Spartaner entgegenzuwerfen ... das Meer ist unser, nicht wahr? Pl�tzlich kam ein Schrei von einem Jungen, der Wache hielt. <emphasis>Hilfe, oh Gott, so viele Schiffe!&gt;</emphasis> Wir haben ihn ausgelacht. Und dann sahen wir sie selbst. Eine Tri-ere neben der anderen. Soweit das Auge reichte, und vorab das Flaggschiff Spartas mit der Fahne Lysanders. Sie blockierten den ganzen Hellespont.�</p><p>�Aber sie griffen euch nicht an?�, fragte Sokrates.</p><p>�Nein�, erwiderte Polemarchos. �Sie griffen uns nicht an. Lysander n�herte sich bis auf einige Stadien L�nge, dann lie� er abdrehen. Wir verfolgten sie nicht. Wir hatten Angst. Wir drehten bei und gingen an Land.�</p><p>�Wo war das?�</p><p>�Bei einem kleinen Ort, Aigospotamoi hei�t er. Er liegt Lampsakos genau gegen�ber. Wir haben die Schiffe an den Strand gezogen und uns versorgt . Abends sa�en wir zusammen und �berlegten uns, woher Sparta eine so riesige Flotte haben mochte .�</p><p>�Und am n�chsten Tag das Gleiche?�, fragte Sokrates, der allm�hlich den Argwohn der gesamten Gruppe auf sich zog. Sogar Polemarchos, der noch ganz unter dem Eindruck der Ereignisse stand, sah ihn verwundert an.</p><p>�Wie du sagst, Sokrates, wie du sagst. Am n�chsten Tag fuhren wir wieder Richtung Lampsakos. Lysander erwartete uns schon, Schiff an Schiff, Triere an Triere. Es war, als h�tten sie die ganze Nacht ausgeharrt, um uns abzufangen. Dann lie� er seine Schiffe langsam an uns heranrudern, langsam, wie sich die Schlange einem Kaninchen n�hert. Auf vier Stadien kamen sie heran, wie am Vortag. Schon wollten wir die Ruder zu Wasser lassen, um Lysanders Angriff zuvorzukommen. Da drehten sie bei. Die Offiziere waren erleichtert, und die Mannschaften begannen, sich �ber die Spartaner lustig zu machen, weil sie nicht angriffen, obwohl sie uns zahlenm��ig so �berlegen waren. <emphasis>&lt;Was zu Land k�mpft, kann nicht auf dem Wasser k�mpfen&gt;,</emphasis> hie� es bald. Wir segelten zur�ck, zogen unsere Schiffe an den Strand, die M�nner suchten sich etwas zu essen. Manche liefen bis zum n�chsten Marktflecken, um Verpflegung zu besorgen.�</p><p>�Und niemand hat die Schiffe bewacht?� Diesmal war es nicht Sokrates, sondern Lysias, der fragte. Nun begriffen alle, wie die Geschichte weitergehen und enden w�rde.</p><p>�Doch, aber zu wenige ... Alkibiades hat uns sogar noch gewarnt.�</p><p>�Alkibiades!�, rief ich erstaunt. �Was macht er bei Lampsa-kos?�</p><p>�Er hat eine Burg dort�, antwortete Sokrates. Polemarchos nickte.</p><p>�Er kam am zweiten Tag und beschwor uns, nicht am Strand zu lagern, sondern in der Stadt. Unsere Feldherrn haben ihn davongejagt ...�</p><p>�Und was geschah dann?�, fragte Sokrates.</p><p>�Das ging f�nf Tage so. F�nf Tage lang spielten sie Katz und Maus mit uns. Zum Schluss nahm sie gar niemand mehr ernst. <emphasis>&lt;Du kannst einem Fisch zwei Fl�gel schenken, deswegen kann er noch lange nicht fliegen&gt;,</emphasis> spotteten wir. Auch am f�nften Abend fuhren wir unverrichteter Dinge an unseren Landeplatz zur�ck und zogen die Schiffe an den Strand. Die M�nner zerstreuten sich schnell. Nur die Admiralsschiffe blieben besetzt. Wir wollten unseren Ausfall planen. Pl�tzlich tauchten die Spartaner auf. Wie riesenhafte Heuschrecken kamen sie �ber uns, w�hrend unsere M�nner auf dem Weg zu den Bauern waren, um ihnen Wein abzukaufen. Konon, mein Kapit�n, war der Einzige, der sofort reagierte und seine M�nner sofort an die Riemen brachte. Ihm unterstanden die Paralos und f�nf andere Schiffe. Wir konnten die spartanische Front gerade noch durchbrechen, aber wir waren die Einzigen. Alle anderen Schiffe haben sie erobert oder noch am Strand niedergebrannt: �ber einhundertsiebzig St�ck. F�nf Schiffe sind uns geblieben, alle anderen sind zerst�rt oder geh�ren jetzt Lysander ... Konon ist mit vier seiner Schiffe in Richtung Lampsakos gesegelt. Die Paralos nahm Kurs auf Athen.�</p><p>Polemarchos sah zu Boden. Keiner wagte zu sprechen, keiner zu fragen, was wohl mit den zur�ckgelassenen Soldaten geschehen sein mochte. Nur die sch�ne Sklavin schien nicht erschrocken. Ihre Augen leuchteten heimlich wie rotgl�hende Kohle; ihr Blick galt allein Polemarchos, der wohlbehalten zur�ckgekommen war.</p><p>Ich hatte genug geh�rt. Athen war entwaffnet. Schlimmer noch, der Feind hielt die Waffen Athens nun selbst in der Hand. Es war nur eine Frage der Zeit, bis er sie gegen uns f�hren w�rde.</p><p>�Ich muss nach Hause�, fl�sterte ich Sokrates ins Ohr. Unruhige Schatten spielten auf seinem Gesicht. Er sah aus wie ein Geist aus der Erde. Ich winkte Lysias und Kephalos zum Abschied zu, dann verlie� ich das Haus am Henker-Tor, um so schnell wie nur m�glich in den Kerameikos zu kommen.</p><p>Ganz Athen schien noch auf den Beinen. Die Menschen liefen von Haus zu Haus und waren unruhig wie Pferde vor einem Gewitter. Ich gab acht, niemandem zu begegnen, dem ich Rede und Antwort stehen musste.</p><p>Es war sp�t und wohl schon Mitternacht, als ich zu Hause ankam. Aspasia erwartete mich in unserem Garten, einen Becher Wein vor sich - ein Zeichen, dass es schlimm um sie stand, denn normalerweise r�hrte sie keinen Tropfen an. Selbst im Halbdunkel unserer kleinen Lampe sah ich den Vorwurf in ihrem Blick.</p><p>�Hast du schon geh�rt?�, fragte ich. Sie nickte. Ihr Vater war hier gewesen und hatte ihr die schlechten Neuigkeiten �berbracht, aber kaum mehr gewusst, als dass die Paralos allein in Pir�us eingelaufen war und alle Welt von einer schlimmen Schlacht erz�hlte, die gefochten und verloren worden zu sein schien. Da Aspasia wusste, wie sehr ihr Vater zu �bertreibungen neigte, hatte sie ihm nur die H�lfte geglaubt und war deswegen l�ngst nicht so beunruhigt, wie ich angenommen hatte.</p><p>�Aber wieso sitzt du dann noch um diese Zeit im Garten und trinkst Wein?�, fragte ich. Aspasia antwortete nicht. Im Schein der Lampe sah ich gr�ne Blitze in ihren Augen.</p><p>�Du bist nicht etwa eifers�chtig?� Sie sch�ttelte den Kopf. Deutlicher konnte sie gar nicht antworten.</p><p>�Aber ich war mit Sokrates zusammen! Wir sind zu Kephalos und Lysias gegangen, um herauszubekommen, was es mit der verlorenen Seeschlacht auf sich hat�, versuchte ich zu erkl�ren.</p><p>Sie schwieg. Nat�rlich war sie eifers�chtig gewesen, als ich so lange nicht zur�ckgekommen war. Sie hatte mich schon in den Armen irgendeiner Het�re oder - schlimmer noch - bei einem jungen Mann vermutet. Als ich ihr nun den Grund daf�r nannte, wieso ich sie so lange hatte warten lassen, und dabei das gesamte Ausma� des Abgrundes schilderte, vor dem die Stadt stand, da schien sie, r�tselhaft, wie Frauen nun einmal sind, beinahe erleichtert. Erst als sich dieser b�se Knoten l�ste, den die Eifersucht in ihrer Seele gekn�pft hatte, teilte sie den Schrecken mit mir, den die Nachricht um die verlorene Schlacht in sich barg.</p><p>Wir gingen gemeinsam zu Bett und lagen uns lange in den Armen. Wir sprachen nicht, aber wir fanden doch keine Ruhe.</p><p>Wir waren in unserer Angst nicht allein. Es hei�t, in dieser Nacht habe in Athen niemand auch nur ein Auge zugetan, und ich glaube, das ist wahr. Wir alle f�rchteten nun ein Schicksal, das wir anderen schon bereitet hatten. Die Herrin der Meere war verloren ...</p><p>Ich wei� nicht, woran es lag, aber in dieser wei�en Nacht voller Schrecken und Furcht dachte ich zum ersten Mal seit dem Tod meines Vaters wieder an Periander, wie er damals nackt und leblos in seinem kargen Zimmer vor mir gelegen hatte, an Periander und an seinen M�rder.</p></section><section><title><p>&#x3B2;</p></title><p>schon am n�chsten tag fand auf der Pnyx eine Vollversammlung statt. Zwei von den Prytanen durch die Stra�en gejagt Herolde gen�gten, um an einem einzigen Vormittag beinahe alle vollj�hrigen M�nner der Stadt zusammenzubringen, aber es dauerte fast bis zum Abend, bis wir uns vern�nftig beraten konnten. Unruhe und Anspannung waren ungeheuer, und sie entluden sich wie ein Gewitter nach einem schw�len Tag. Die M�nner redeten durcheinander, stritten und br�llten sich an. Immer wieder gingen sie aufeinander los und drohten, sich die K�pfe einzuschlagen. Vor allem die Nachbarn und Freunde der ungl�cklichen Feldherrn luden den Zorn der anderen auf sich. H�tten die Toxotai nicht immer wieder eingegriffen, es h�tte Tote gegeben. So wurden die Freunde der Admir�le wegen der verlorenen Schlacht beschimpft und ihre Nachkommen bis ins Glied der Urenkel verflucht, blieben aber an ihrem Leib immerhin unversehrt. Erst als die Streith�hne von Hitze und �rger ersch�pft waren, konnten die notwendigsten Beschl�sse gefasst werden: Es galt, Pir�us so schnell wie m�glich zu befestigen, die Langen Mauern auszubessern, wo es n�tig war, und die Stadt zu bewaffnen, womit es nur ging. Der Angriff, das wussten wir, geh�rte Sparta und seinen furchtbaren Kriegern. Wir erwarteten ihn kraftvoll und bald - einen gro�en Aufmarsch ihrer Hopliten zu Lande und eine Attacke ihrer nun riesigen Flotte zur See. Darauf mussten wir vorbereitet sein. War dieser erste Angriff abgewehrt, konnte man vielleicht verhandeln.</p><p>Die Versammlung stand kurz vor ihrer Aufl�sung, als Sokrates sich erhob und um Ruhe bat. Es war augenblicklich still. Niemals zuvor haben ihm die Athener so aufmerksam zugeh�rt.</p><p>�Freunde und Mitb�rger!�, sagte er laut und sicher. �Ich wei�, unser Treffen ist schon zu Ende. Die Entscheidungen sind getroffen, und ihr wollt nach Hause zu euren Frauen. Ich will euch nicht lange aufhalten und stelle nur eine Frage. Sie geht mir seit gestern Abend nicht mehr aus meinem alten Kopf und l�sst sich nicht verscheuchen. Vielleicht kennt ihr die Antwort, denn ich kenne sie nicht.</p><p>Wir wissen, Sparta hat unsere Flotte mit zweihundert Schiffen angegriffen. Wir haben unsere Trieren und Tausende von Soldaten verloren. Das ist furchtbar. Aber mir bereitet noch etwas anderes Sorge, weil ich es nicht verstehe. Seit gestern zermartere ich mir den Sch�del,und jetzt frage ich euch: Woher hat Sparta die Schiffe? Woher hatte Sparta das Silber f�r ihren Bau? Woher hat eine Stadt, die so gut wie keinen Handel treibt und keinen Hafen besitzt, zweihundert Trieren? �berlegt es euch. Ich wei� es nicht.�</p><p>Sokrates setzte sich wieder. Die gesamte Pnyx blieb f�r einen Augenblick stumm und sprachlos. Niemand wusste eine Antwort.</p><p>Die Versammlung ging an diesem Tag nur sehr langsam auseinander. Obwohl sich die M�nner gerade erst gegenseitig verflucht und zerstritten hatten, f�hlten sie sich doch sicherer beieinander. Sie hatten Angst; mir ging es nicht anders. Athen sah seinem Schicksal unmittelbar ins Angesicht, und es waren die Z�ge des Krieges und seiner Verw�stungen, die es erblickte. Wie viele griechische St�dte hatten wir selbst versklavt, in diesem Krieg, der nun Jahrzehnte dauerte? Wie viele M�nner get�tet, Frauen gesch�ndet und zusammen mit ihren Kindern auf den Sklavenm�rkten verkauft? Hatten wir Gnade gew�hrt, als unsere Opfer auf Knien darum bettelten? Und wie oft hatten wir selbst schon ehrenvolle Friedensangebote Spartas in den Wind geschlagen? Was w�rde Sparta mit unserem Friedensangebot tun, das, f�r jedermann sichtbar, aus Schw�che und Verzweiflung geboren war? Sparta, die Stadt, die wie keine andere dem Krieg selbst geweiht war? Hatten wir der Phalanx ihrer M�nner und Speere auch nur irgendetwas entgegenzusetzen, jetzt, da sie nicht mehr nur die Herren des Landes, sondern auch die Herren der See waren? Und wie waren sie dazu geworden? Welche Teufelei mochte hier nur im Spiel sein? Dies waren die Fragen, die ich, wie jeder andere auch, mit mir nach Hause trug.</p><p>Auch in dieser Nacht fand ich keine Ruhe. Erst in den fr�hen Morgenstunden geriet ich in jenen Zustand zwischen Schlafen und Wachen, in welchem sich die finstersten Albtr�ume verbergen. Aspasia sa� bei mir und streichelte mir �ber den Kopf. Ich glaube, auch sie hat kein Auge zugetan.</p><p>Am n�chsten Tag ritt ich nach Pir�us. Ich erwartete ein Schiff mit Honig und Wein aus Mazedonien. Schon mein Vater hatte gute Beziehungen zu einigen Kaufleuten dort unterhalten. Das Schiff war seit drei Tagen �berf�llig; f�r heute erwartete ich seine Ankunft sicher. Wie ich es immer tat, wenn ich zu den H�fen kam, besuchte ich Chilon, der hier noch immer im Haus seiner Eltern lebte und sich um seine alte Mutter k�mmerte. Das Anwesen seiner Familie lag auf einem kleinen H�gel n�rdlich des Handelshafens. Von seinen oberen Zimmern aus konnte man die drei H�fen und den halben Golf �berblicken. Wenn ich die R�ckkehr eines Schiffes erwartete, sa� ich oft zusammen mit Chilon hier oben. Wir sprachen miteinander und sahen zusammen auf das Meer hinaus.</p><p>Chilon war schon lange nicht mehr der J�ngling, als den ich ihn kennengelernt hatte. Ein guter und angesehener Arzt war inzwischen aus ihm geworden. �Den kleinen Hippokrates� nannten ihn die Leute, und das war keinesfalls abwertend gemeint, galt er doch als rechtm��iger und ebenb�rtiger Nachfolger seines Lehrers. Nur Chilon selbst wollte von solchen Vergleichen nichts wissen. Er vermisste seinen Meister. Oft sprachen wir �ber ihn und fragten uns, wann Hippokrates wohl nach Athen zur�ckkommen w�rde.</p><p>Mein Freund begr��te mich herzlich und rief sofort seinen Helfer Melatos, damit der sich um Ariadne k�mmerte. Sein besorgtes Gesicht und die schwarzen Ringe unter den Augen verrieten mir, dass er in den letzten N�chten ebenso wenig geschlafen hatte wie ich.</p><p>�Du hast davon geh�rt?�, fragte ich, um irgendetwas zu sagen. Chilon bejahte.</p><p>Chilon hatte an jenem Tag keine Patienten und konnte mich daher gleich nach oben begleiten. Wir setzten uns und sahen �ber die Bucht und die H�fen hin. Mein Schiff war weit und breit nicht in Sicht. Ja es schien �berhaupt kein Schiff einzukommen - ein ungew�hnlicher Anblick f�r Pir�us an einem so strahlenden Tag. Das t�rkisfarbene Wasser des Saronischen Golfs lag wie ein Spiegel vor uns. Die Sonnenstrahlen blinkten auf den Wellen, und silberne Reflexe tanzten auf seiner Oberfl�che. Die Hafenm�wen drehten ihre Kreise in der salzigen Luft. Weit und breit war kein Schiff zu sehen. An den Molen sa�en die Sklaven und starrten auf das Meer. Es gab nichts zu tun. Es war keine Ladung zu l�schen. Die gro�en Holzkr�ne standen still. Die Taue an ihren Armen baumelten im Wind. Es war, als ob Pir�us am helllichten Tage schliefe.</p><p>�Seit wann ist es hier so ruhig?�, fragte ich Chilon. �Seit wann bleiben die Schiffe aus?�</p><p>�Ich wei� es nicht genau. Es ist mir noch gar nicht richtig aufgefallen. Gestern war noch ganz normaler Betrieb ... Heute Morgen wurde es pl�tzlich leise. Ich habe mir nichts dabei gedacht - bis eben�, antwortete er beunruhigt.</p><p>�Glaubst du, die Spartaner blockieren die Einfahrt?�, fragte ich.</p><p>Chilon zuckte mit den Schultern. �Ich wei� es nicht. Irgendetwas ist merkw�rdig.�</p><p>Wir verstummten und starrten zum Hafen. Ein Schiff, irgendwann m�sste doch ein Schiff auftauchen! Nichts. Vor uns lag nur das weite Meer. Die Wellen schlugen gegen die Docks. Das leise Rauschen des Wassers machte mich schl�frig.</p><p>�M�chtest du dich ein wenig hinlegen?�, fragte Chilon nach einer Weile. �Ich kann dich rufen, wenn dein Schiff ankommt.�</p><p>Ich schreckte auf. Ich musste f�r einen Moment eingenickt sein.</p><p>�Nein, entschuldige bitte. Ich habe in den letzten beiden N�chten nicht geschlafen.� Ich streckte mich, um den Schlaf aus meinen Gliedern zu vertreiben. Pl�tzlich erinnerte ich mich wieder an sein Gesicht und seinen toten K�rper. Ich hatte von ihm getr�umt.</p><p>�Wei�t du, an wen ich gerade denken musste?�, fragte ich.</p><p>�Wie k�nnte ich das?�, gab Chilon zur�ck.</p><p>�An Periander�, sagte ich, ohne meinen Blick auf meinen Freund zu richten. �Seit dieses Ungl�ck �ber die Stadt gekommen ist, denke ich wieder an ihn ...�</p><p>�Und in den letzen vier Jahren?�</p><p>�Kein einziges Mal ... Seltsam, nicht?�</p><p>Chilon schob seinen Stuhl zur�ck. Er sa� jetzt ein St�ck hinter mir, sodass ich ihn nicht mehr sehen konnte. Er schwieg, aber ich h�rte seinen ruhigen Atem.</p><p>�Ich habe meine Arbeit damals nicht zu Ende gebracht. Perianders M�rder lebt immer noch unter uns, angesehen und reich. Wie ich ihn kenne, besucht er sogar noch Perianders Eltern und l�sst sich daf�r danken, diesen armen Hund von Lysippos angeklagt und vor seinen Henker gebracht zu haben.�</p><p>�Du glaubst immer noch, dass Kritias Periander umgebracht hat?�, fragte Chilon.</p><p>�Ich bin mir sicher�, erwiderte ich, �ganz sicher.�</p><p>�Wie kannst du so �berzeugt sein?�</p><p>�Er ist der Autor der &#x391;&#x398;&#x397;&#x39D;&#x391;&#x399;&#x3A9;&#x39D; &#x3A1;&#x39F;&#x39B;&#x399;&#x3A4;&#x395;&#x399;&#x391;! Er hat es vor allen bekannt. Erinnerst du dich nicht an diesen Satz? <emphasis>&lt;Die Armut musste ihn ins Verbrechen treiben!&gt;</emphasis> Wie er sich damals vor dem Areopag aufgebaut hat ...�, erwiderte ich bitter.</p><p>Chilon antwortete nicht, aber ich f�hlte, dass er etwas auf dem Herzen hatte.</p><p>�Was ist mit dir?�, fragte ich. �M�chtest du mir etwas sagen?�</p><p>�Du bist mein Freund, und ich will dich nicht verletzen�, begann Chilon z�gernd. �Aber ich f�rchte, allein der Umstand, dass Kritias dieses Buch geschrieben hat, beweist nicht, dass er auch der M�rder dieses armen Jungen ist.�</p><p>�Du hast recht�, gab ich zu, �aber das ist auch nicht der einzige Beweis.�</p><p>�Sondern?�</p><p>�Platon!�, entgegnete ich, wohl ahnend, Chilon w�rde sich auch von diesem Argument nicht so leicht �berzeugen lassen. Wir sprachen nicht zum ersten Mal �ber Kritias als Perianders M�rder.</p><p>�Erkl�r es mir�, bat er mich, obwohl ich es sicher schon einmal getan hatte.</p><p>�Du wei�t doch, Platon und Periander standen sich sehr nahe. Als ich mit Platon �ber Perianders Tod sprach, ist er vor meinen Augen zusammengebrochen. Ich bin mir sicher, er und Periander liebten sich. Trotzdem hat Platon mir bei meiner Suche nach dem M�rder zu keiner Zeit geholfen oder mir auch nur zu helfen versucht. Er kannte Periander wie kein anderer. Er kannte seinen Umgang, seine Sorgen und seine W�nsche. Sokrates hatte mir erz�hlt, dass Periander in den letzten Wochen vor seinem Tod sehr besorgt war, beinahe verzweifelt. Platon muss gewusst haben, was ihn bedr�ckte. Aber er hat es mir nie gesagt. Er hat mir gar nichts gesagt. Und er meidet mich noch heute ...�, antwortete ich.</p><p>�Was schlie�t du daraus?�</p><p>�Ich schlie�e daraus, dass er den M�rder deckt. Er deckt ihn, weil er ihm nahesteht, sehr nahe, so nahe, wie man nur einem Angeh�rigen stehen kann. Er deckt seinen Onkel.�</p><p>�Du kannst recht haben, was Platon angeht�, sagte Chilon ganz und gar ruhig. �Aber Kritias ist nicht der einzige Angeh�rige Platons .�</p><p>�Aber der einzige, der die &#x391;&#x398;&#x397;&#x39D;&#x391;&#x399;&#x3A9;&#x39D; &#x3A1;&#x39F;&#x39B;&#x399;&#x3A4;&#x395;&#x399;&#x391; geschrieben hat�, fiel ich ihm schroff ins Wort. Noch nicht einmal von Chilon, den ich wie einen Bruder zu lieben begonnen hatte, konnte ich mir in dieser Sache etwas sagen lassen.</p><p>Er blieb still und antwortete nicht mehr. Chilon war ein viel zu zarter Mensch, um auf meine Grobheit einzugehen oder mir, wie ich es verdient h�tte, den Kopf zurechtzur�cken. Stattdes-sen legte er mir nur ruhig die Hand auf die Schulter. Ich sollte es nun gut sein lassen. Dann stand er auf und ging an die T�r. Er rief seinen Sklaven, damit er uns Wasser und Obst brachte.</p><p>Mein Schiff lief an diesem Tag nicht mehr ein. Wir warteten vergeblich. Daf�r zeigten sich am fr�hen Abend die Segel eines gro�en Frachters am Horizont, und mit dem Sonnenuntergang lief er im Kantharos ein. Das Schiff lag tief und schwer im Wasser, und weit �ber hundert Passagiere standen an Deck. Am Hauptmast wehte die Flagge der Kolonie Lampsakos. Als wir die Fahne erkannten, liefen wir zum Pier hinunter. Vielleicht brachte uns dieser Frachter Neuigkeiten von unseren Soldaten. Vielleicht war unsere Flotte doch nicht ganz verloren, und der ein oder andere Schiffsverband unter einem mutigen und klugen Trierarchen hatte noch einen Weg aus der spartanischen Umklammerung gefunden. Was Admiral Konon gelungen war, konnten auch andere vollbracht haben. Wie sonst, wenn nicht unter dem Schutz eines solchen Verbandes konnte ein Frachter aus einer verlorenen Kolonie unbehelligt und augenscheinlich unbesch�digt nach Athen kommen?</p><p>Das Schiff dockte an. Sobald die Leinen verknotet und die Landebr�cken festgehakt waren, str�mten die Passagiere von Bord. Ich hielt einen jungen Mann an, der mit seiner Frau und zwei Kindern auf uns zukam. Er machte einen verlorenen Eindruck; sein Weib schien gerade noch geweint zu haben.</p><p>�Wartet einen Augenblick�, bat ich.</p><p>Der junge Mann war froh dar�ber, dass wir ihn ansprachen. Er hie� Hipparchos. Wie wir vermutet hatten, war er ein attischer Siedler. Offen erz�hlte er uns, wie die Spartaner ihn mit seiner Familie bei vorgehaltenen Speeren aus dem eigenen Haus gejagt und alle Kolonisten am Hafen der kleinen Siedlung zusammengetrieben hatten. Dort hatten sie eine Nacht zwischen Hoffnung und Schrecken verbracht. Sie wussten nicht, ob sie den n�chsten Tag �berhaupt noch erleben w�rden. Sie zitterten und bangten bis zum n�chsten Vormittag. Da sei Ly-sander erschienen, ein L�wenfell �ber der Schulter, das Gesicht so grausam und entschlossen, als w�re er der Kriegsgott selbst. Zu ihrer gro�en �berraschung gew�hrte Lysander den �ngstlichen Siedlern aber freies Geleit, freies Geleit bis Athen und nur nach Athen. An Besitz lie� er ihnen nichts als die Kleidung, die sie am Leib trugen. Ein Brot und ein Schlauch S��wasser, das war alles, was die Spartaner ihnen f�r die ganze �berfahrt mitzunehmen erlaubt hatten. Jetzt seien die Kinder m�de, hungrig und durstig, und Hipparchos, dem dies nicht leichtzufallen schien, fragte uns, ob wir ihnen nicht etwas zu essen oder ein wenig Geld geben k�nnten.</p><p>Ich schielte zu Chilon hin�ber. Er lachte und f�gte sich in sein Schicksal. Nat�rlich konnte er dieser mittellosen Familie seine Hilfe nicht verweigern, und ich wusste, er w�rde ihnen nicht nur eine Mahlzeit, sondern f�r die n�chste Zeit sicher auch Obdach gew�hren.</p><p>�Kommt mit�, sagte Chilon, �ich wohne hier ganz in der N�he. Ihr k�nnt bei mir essen.�</p><p>W�hrend wir zu Chilons Haus zur�ckgingen, erz�hlte uns Hipparchos, was er von der verlorenen Seeschlacht und dem Schicksal unserer Soldaten wusste. Mit ganz leeren H�nden hatte Lysander unsere Siedler n�mlich doch nicht nach Attika entlassen. Der gef�hrlichste Feldherr dieses kriegerischen Stammes lie� nichts auf sich kommen. Er hatte die Fl�chtlinge ihres Geldes, ihrer Vorr�te und ihres Hausrats beraubt, aber daf�r gab er ihnen etwas anderes mit ins Gep�ck: Nachrichten, schreckliche Nachrichten. Hipparchos z�gerte, es auszusprechen: Unsere Soldaten waren hingerichtet, niemand hatte �berlebt. Lysander hatte Athen noch nicht einmal die Gelegenheit gegeben, seine S�hne freizukaufen. Die Besatzung von �ber einhundertsiebzig Schiffen war ermordet. Die Siedler hatten ihre Leichen vom Frachter aus an den Str�nden liegen sehen. Der Sand und das Meer waren rot gef�rbt vom Blut der gemetzelten M�nner.</p><p>�Und euch Siedlern haben die Spartaner freies Geleit gew�hrt?�, fragte ich kopfsch�ttelnd, nachdem Hipparchos seinen ersten Bericht geendet hatte.</p><p>�Ja�, best�tigte er, �es kam uns selbst unglaublich vor. Die Spartaner haben uns alle auf den Frachter getrieben und Befehl gegeben, auf schnellstem Weg nach Pir�us zu segeln. Vier spartanische Kriegsschiffe haben uns begleitet. Sie drohten, uns sofort zu rammen und zu versenken, wenn wir vom Kurs abwichen, auch wenn wir nur anlegten, um Proviant zu holen.�</p><p>�Und die �g�is�, wollte ich wissen, �ist sie frei und schiffbar?�</p><p>�Das glaube ich nicht�, antwortete er, obwohl ihm seine Ehefrau warnend den Ellenbogen in die Seite stie� - sie hatte wohl Angst, ich w�rde Hipparchos die schlechten Nachrichten ver�beln. �Wir haben auf dem Weg hierher Dutzende von spartanischen Trieren gesehen. Die Spartaner kontrollieren das Meer.�</p><p>Ich lie� Hipparchos und seine Familie in der Obhut meines Freundes und gab seinem Sklaven - Chilon h�tte nichts angenommen - ein paar Silberdrachmen f�r ihre Verpflegung in den n�chsten Tagen. Ich hatte noch Geld aus jenem prallvollen Beutel, den mir Anaxos vor vier Jahren gegeben hatte, als ich Perianders M�rder finden sollte. F�r mich selbst hatte ich es niemals anger�hrt. Daher besa� ich noch einen reichen Fundus dieser blutigen M�nzen in meinem Keller. Ich hatte mir schon vor l�ngerem vorgenommen, das Geld durch gute Taten zu reinigen.</p><p>Der Himmel war wolkenlos und der Mond fast voll in jener Nacht. Ich nahm den zwischen den Langen Mauern verlaufenden Weg, um in die Stadt zur�ckzukommen. Die Kieselsteine auf dem Pfad vor mir leuchteten hell im Licht des Mondes, und Ariadne fand fast ganz allein zur�ck. W�hrend sie ruhig vor sich hintrabte, fragte ich mich, was die Spartaner wohl damit bezweckten, die attischen Siedler nach Athen zur�ckzuschicken. Sollte dies eine Geste der Gnade sein? Jeder zus�tzliche Mann in der Stadt, und war es auch ein Bauer, st�rkte unsere Truppen. Wenn es aber Gnade war, die ihre Taten leitete, wieso hatten die Spartaner unsere Soldaten nicht auch verschont, sondern so f�rchterlich und sinnlos hingerichtet? Mit der Besatzung von einhundertsiebzig Schiffen als Unterpfand h�tte Lysander Athen den Frieden um beinahe jeden Preis abringen k�nnen. Was wollte er denn mehr? Die Zeit der athenischen Herrschaft �ber das Meer war vorbei und damit auch die Zeit unseres Hochmuts. Lysander musste das wissen.</p><p>Kurz vor dem Stadttor drehte ich mich um, um auf das Land zur�ckzublicken. Ich konnte nicht glauben, was ich sah. Jenseits der Langen Mauern brannten unz�hlige kleine Lagerfeuer bis weit in die Gebirge hinein. Sollten dies schon die Feldlager des Feindes sein? Das war zu fr�h. Auf dem Landweg konnten sie ihre Truppen nicht so schnell vor die Mauern Athens gebracht haben! Was aber, wenn sie mit ihrer neuen Flotte irgendeinen kleinen Naturhafen an der K�ste des Saronischen Golfs angelaufen hatten und dort vor Anker gegangen waren? W�rden wir uns morgen schon ihren unbezwingbaren Hopliten gegen�bersehen? Bereiteten sie jetzt schon den Angriff vor?</p><p>�Wer mag das sein?�, fragte ich die Wache, als ich an das Tor kam - es war jetzt, in kriegerischer Zeit, besetzt.</p><p>�Wer auch immer es ist, morgen werden wir es erfahren�, antwortete der Soldat, und in seiner Stimme klang ebenso wie in meiner die Angst mit.</p><p>Und am n�chsten Tag erfuhren wir es.</p></section><section><title><p>&#x3B3;</p></title><p>es waren Hunderte, in den n�chsten Tagen Tausende von Fl�chtlingen, die von der Angst vor den spartanischen Truppen in den Schutz der Mauern Athens getrieben wurden. Auf Karren oder Eseln, zu Fu� und auf dem Landweg kamen die Bauern und Sch�fer aus dem Umland, auf Schiffen, K�hnen und selbstgezimmerten Fl��en Siedler aus den verlorenen Kolonien. Die Bauern hatten wenigstens einen Teil ihres Besitzes und der Ernte retten k�nnen, die Siedler aber kamen aller G�ter beraubt - wer den Spartiaten in die H�nde gefallen war, besa� nichts mehr als sein Leben.</p><p>Zu unserer �berraschung fanden sogar einige Athener Soldaten den Weg zur�ck. Sie waren aus St�dten geflohen, die wir bisher f�r unsere Bundesgenossen gehalten hatten, die jetzt aber abfielen und sich unter den Schutz des Feldzeichens Ly-sanders stellten. Von den Soldaten erfuhren wir, mit welcher Wucht die Welle des Angriffs gegen Athen rollte: zu Wasser unter Lysander mit seinen zweihundert Schiffen und zu Lande unter den beiden spartanischen K�nigen Pausanias und Agis mit zwanzigtausend Mann.</p><p>Mein Schiff aus Mazedonien blieb weiter aus, ebenso wie jeder andere Frachter, der etwas anderes als Fl�chtlinge und Vertriebene geladen hatte. Allm�hlich hatten wir verstanden. Lysander blockierte die �g�is, um Athen von seiner Versorgung abzuschneiden.</p><p>Immerhin, mit jedem Neuank�mmling stieg unsere Hoffnung, den Angriff Spartas abwehren, ihm zumindest standhalten zu k�nnen. In den Werkst�tten wurden die Essen nicht mehr kalt, und das Viertel der Schmiede hallte wider von den Schl�gen auf die Klingen, die zum Schutze der Stadt geh�rtet wurden. Athen r�stete sich zum Kampf. Die M�nner wurden eingezogen und ihren Waffengattungen zugeteilt. Die Vollb�rger, die sich die R�stung leisten konnten, stellten die Hopliten, die in ihrer jeweiligen Phalanx k�mpften - die gef�hrlichste Waffe im Krieg auf dem Lande. Met�ken und �rmere Athener kamen zu den Leichtbewaffneten, zu den Bogensch�tzen, Steinwerfern, Schleuderern. Die Bauern k�mpften mit ihren Dreschflegeln und Kn�ppeln. Wer ein Pferd und eine R�stung besa�, und das hatten nur die Reichsten, konnte sich um Aufnahme bei der Reiterei bewerben. Ich brauche kaum zu sagen, welche Namen dort eingeschrieben wurden: Kritias, Charmi-des, Glaukon ...</p><p>Als ehemaligem Hauptmann der Bogensch�tzen bot man mir das Kommando �ber die Leichtbewaffneten. Ich nahm es an, nach einer kurzen Beratung mit Myson. Der Kampf mit Bogen und Schleuder ist zwar weniger ehrenhaft als das w�tende Zusammenprallen der Hopliten auf offenem Feld, Myson und ich aber waren sicher, dass die kommenden Schlachten ohnehin nicht auf offenem Feld zu gewinnen waren - zu m�chtig, zu gewaltig war das Heer der Spartaner, dessen Soldaten von Kindheit an zum Krieg mit Speer und Schild erzogen waren. In den kommenden K�mpfen konnte es daher nur darum gehen, die Stadt zu halten und den Angriffswellen so lange zu trotzen, bis auch sie sich ersch�pften und endlich an den Langen Mauern zerschellten. Hierzu brauchte es gute Sch�tzen, M�nner, die in der Lage waren, mit dem Eibenbogen jene wenigen offenen Stellen anzuvisieren, die der runde Schild und die R�stung lie�en. Zum ersten Mal seit vier Jahren betrat ich den Kasernenhof der Toxotai wieder. Dort lie� ich Strohpuppen mit Schilden und Helmen aufbauen und meine Soldaten Tag und Nacht auf das Visier der Sturmhaube zielen, das dem Hopliten die Sicht l�sst und zugleich seine verwundbarste Stelle bildet.</p><p>W�hrend die Stadt dem Kampf entgegenfieberte und die Schreie der Ausbilder durch die Gassen hallten, lie� mich mein Gespr�ch mit Chilon nicht los. Ich war so sicher, dass kein anderer als Kritias der M�rder Perianders sein konnte, dass ich mir kaum Gedanken dar�ber gemacht hatte, hierf�r auch einen letzten Beweis zu finden. Dabei hatte mir schon Alkibiades allzu deutlich gezeigt, wie wenig ich gegen den Verfasser der &#x391;&#x398;&#x397;&#x39D;&#x391;&#x399;&#x3A9;&#x39D; &#x3A1;&#x39F;&#x39B;&#x399;&#x3A4;&#x395;&#x399;&#x391; wirklich in der Hand hatte. Wie sollte ich der L�sung dieses R�tsels aber n�her kommen - jetzt, nachdem vier Jahre vergangen waren, ich nicht mehr der Hauptmann der Toxotai war und kein Stratege mehr seine sch�tzende Hand �ber mich hielt? War die T�r zur Wahrheit f�r immer verschlossen? Ich gr�belte Tag und Nacht dar�ber nach, selbst w�hrend ich meinen M�nnern auf dem �bungsplatz den letzten Schliff gab, und bald wurde mir klar, dass es jemanden gab, der diese T�r f�r mich �ffnen konnte. Die Gedanken und Erinnerungen an ihn dr�ngten sich auf, auch wenn mir die Vorstellung, je wieder ein Wort mit ihm zu wechseln oder auch nur seinen Namen auszusprechen, zuwider war - noch jetzt zittert meine Hand, wenn ich ihn niederschreibe: <emphasis>Lykon.</emphasis> Aber wie ihn finden und sprechen? Er musste jetzt siebzehn Jahre alt sein. Wenn sein Vater nicht allzu ehrgeizig war, dann war er bisher weder in die B�rgerrolle seines Demos eingetragen noch f�r den Wehrdienst eingezogen. Ihn auf dem Sportplatz abzupassen und vor Freunden anzusprechen, war unm�glich, viel zu schnell h�tte Kritias, h�tte auch Anaxos Nachricht davon. Ich musste ihn also bei sich zu Hause treffen, auch wenn ich es seinerzeit streng vermieden hatte, ihn je bei seinen Eltern zu sehen und zu besuchen.</p><p>Kaum hatte ich allerdings den Entschluss gefasst, Lykon wiederzusehen, musste ich seine Ausf�hrung auch schon verschieben. Ich war gerade von der Kaserne aus aufgebrochen, um mich auf den Weg zu ihm zu machen, da erklangen von den Toren her die H�rner. Das konnte nur eines bedeuten: Die Spartaner r�ckten an. Sofort machte ich kehrt und befahl meine Leichtbewaffneten auf die Mauern. Ich selbst bezog Stellung beim Tor Dipylon, von wo aus man die beste Sicht in den Westen und den Norden hatte. Von hier erwarteten wir den Hauptangriff und hatten offenbar recht mit dieser Einsch�tzung. Schon von Weitem sah man die gewaltige Staubwolke, die von den eisenbeschlagenen Schuhen der Spartaner aufgewirbelt wurde. Wie eine riesenhafte Herde Rinder n�herten sie sich der Stadt, und doch war da keine Bewegung zu viel und kein Tritt zu schnell. Einheit um Einheit, Kohorte um Kohorte, Phalanx um Phalanx kamen sie uns entgegen, ruhig und sicher. Bald erkannten wir K�nig Pausanias' Zeichen auf den Standar-ten. Aber es waren nicht nur spartanische Fahnen, die �ber den K�pfen der Angreifer wehten, es waren die Fahnen der ganzen Peloponnes. Die Feldzeichen Megaras, Korinths, Mantineas und Messeniens zogen auf uns zu, ein Wald roter, blauer und gr�ner Fahnen vor einer gigantischen, aus Menschen, Speeren und Schilden geformten, t�dlichen Wand. Ich sah mich um und erkannte die Angst in den Augen meiner Kameraden. Ich gab das Zeichen, die Sehnen anzulegen und die Bogen zu spannen.</p><p>Die Feinde n�herten sich auf f�nf Stadien, dann stoppten sie ihren Aufmarsch und standen bewegungslos vor unseren Toren. Mit einem Mal war es v�llig still. Der Staub legte sich. Die Fahnen beruhigten sich. Ein paar Falken kreisten �ber unseren K�pfen und schrien. Niemand sprach ein einziges Wort. Es war, als w�ren die G�tter f�r einen Moment unter uns getreten.</p><p>Doch der Angriff blieb aus. Wir alle warteten auf den spartanischen Kriegsruf und auf den Sturm auf unsere Mauern. Aber die Armeen der Peloponnes blieben unbeweglich - einen verzweifelten halben Nachmittag lang. Unsere Angreifer blieben so regungslos, dass wir meinten, keine Menschen, sondern Statuen vor uns zu haben ...</p><p>Endlich l�ste sich eine Gruppe Reiter aus der Front der Feinde und kam langsam auf uns zu. Es waren drei M�nner auf wei�en Rossen. Ihre Brustpanzer und Helme leuchteten wie Gold im Licht der tiefstehenden Sonne. Zwei Stadien vor der Stadt legten sie f�r alle sichtbar die Waffen nieder. Es mussten Unterh�ndler sein. Dann ritten sie bis vor unsere Mauern. Nach einem kurzen Wortwechsel lie� man sie herein. Am Tor wartete schon eine kleine Schar Athener Reiter, die die Spartaner empfing und zur Agora begleitete. Ich sah ihnen nach, wie sie den Dromos entlanggaloppierten.</p><p>Die Fremden blieben bis zum Abend. Kurz bevor die Sonne unterging, kehrten sie zur�ck und verlie�en die Stadt auf gleichem Weg. Sie nahmen ihre Waffen auf und reihten sich, ruhig und ohne ein einziges Mal zur�ckzusehen, wieder bei ihren Kameraden ein. Ein rauer Befehl aus der Kehle eines alten Offiziers, und die Armeen der Peloponnes zogen sich zur�ck und errichteten vor der Stadt ihre Lager - eines davon, wie ich sp�-ter erfuhr, auch in dem Hain, in dem ich Platon zum ersten Mal getroffen hatte.</p><p>Sie warteten. Athen wurde belagert.</p><p>Es dauerte nur einen Tag, da traf auch die spartanische Flotte ein und ging vor Pir�us vor Anker. Chilon schickte mir einen Sklaven, damit ich Bescheid wusste: Lysander hielt die gesamte Hafeneinfahrt besetzt. Allein f�nfzig Schiffe hatte Chilon gez�hlt. Der Rest der spartanischen Flotte kreuzte vermutlich in der �g�is. Athen war eingeschlossen. Ohne den Willen der Spartaner konnte niemand herein und niemand mehr heraus. Unsere Mauern sch�tzten uns, aber zugleich hielten sie uns gefangen.</p><p>Ich ging jeden Tag zu den Mauern, um meine M�nner einzuteilen und ihnen Mut zuzusprechen. Das Warten machte sie �berheblich und zerm�rbte sie zugleich. Schon nach drei Tagen legten die Ersten die Bogen zur Seite. Sie begannen, auf den Zinnen W�rfel zu spielen und Wein zu trinken. Als ich dazukam, zerschlug ich w�tend ihre Amphoren und br�llte sie an. Sie erhoben sich unwillig und maulend, gingen aber wieder auf ihre Posten. Wir warteten, aber das spartanische Lager bewegte sich nicht; an diesem Tag nicht und nicht in den n�chsten. Wohl aber standen ihre Wachen senkrecht und unbeweglich vor unseren Toren. An einen Ausfall war nicht zu denken.</p><p>Nach vier Tagen erhielt ich den Befehl, f�r den n�chsten Morgen alle Met�ken in Waffen zum Wachdienst an der Mauer abzukommandieren. Die Prytanen hatten eine B�rgerversammlung angesetzt. Es gab ein Friedensangebot!</p><p>Es war kurz nach Sonnenaufgang, als sich die Pnyx schon f�llte. Die unp�nktlichen und lauten Athener - an diesem Tag versammelten sie sich zeitig, still und ernst. Kein �berfl�ssiges Wort wurde gesprochen. Wo sich die M�nner noch vor Wochen beschimpft und angeschrien hatten, umarmten sie sich jetzt voller Mitgef�hl und gaben sich den Bruderkuss.</p><p>Theramenes erhob sich. Er war der derzeit gew�hlte Stratege, wenn einige auch munkelten, bei seiner Wahl sei nicht alles mit rechten Dingen zugegangen, ein kleiner und rundlicher Mann, der wie alle kleinen M�nner immer viel zu aufrecht ging und dabei seinen Kugelbauch nach vorne schob. Seine Gesicht wirkte freundlich und aufgeweckt; bei n�herem Hinsehen fiel einem aber auf, dass seine Lippen immer l�chelten und wie in einer Theatermaske erstarrt waren. Er gr��te ein paar Freunde, indem er ihnen auf die Schultern klopfte, und ging zur Trib�ne.</p><p>�Liebe Mitb�rger und Freunde�, begann er und blickte in die Runde, um jedermann seiner Aufmerksamkeit und Zuneigung zu versichern, �Athen erlebt seine schwerste Stunde. Die Stadt ist abgeriegelt. Im Hafen ankert Lysander mit 50 Schiffen, vor den Mauern warten Agis und Pausanias mit der ganzen Armee der Peloponnes auf den Moment zum Angriff. Er kann morgen kommen oder in einem Monat ...</p><p>Jetzt hat Sparta uns ein Friedensangebot unterbreitet, das wir beraten sollten. - Ja, es ist richtig: Die Reiter, die ihr gesehen habt, waren Unterh�ndler. -</p><p>Mitb�rger, Athener! Sparta bietet uns den Frieden, aber um einen hohen Preis.� Verstohlen sah er auf ein Blatt, auf dem er sich Notizen gemacht hatte.</p><p>�Erstens: Wir sollen alle unsere Bundesgenossen aus ihrer Pflicht entlassen und durch einen feierlichen Eid Bundesgenossen Spartas werden .�</p><p>Die Athener sch�ttelten den Kopf, als trauten sie ihre Ohren nicht.</p><p>�Zweitens: Wir liefern Sparta die Kasse des Delischen Bundes aus.�</p><p>Ein Raunen ging durch die Versammlung. �Was?�, br�llten ein paar Kaufleute, �und was bekommen wir daf�r?� Thera-menes hob beschwichtigend die H�nde.</p><p>�Ruhig, ruhig, meine Mitb�rger. - Drittens: Wir m�ssen unsere Flotte bis auf zw�lf Schiffe aufl�sen und schw�ren, nie wieder mehr Schiffe zu besitzen als diese zw�lf.�</p><p>Das Raunen wurde lauter; schon erhoben sich ein paar M�nner, ballten die F�uste und stie�en zornige Verw�nschungen aus. �Niemals, das Meer geh�rt uns!�, schrie ein wei�haariger Alter, dem Sonne und Gischt die Haut gegerbt hatten.</p><p>�Viertens -� Theramenes sah auf und versuchte seinem Gesicht den Ausdruck von Schmerz, ja von tiefster Trauer zu geben, konnte sein dauerndes L�cheln aber kaum unterdr�cken.</p><p>�Viertens - ihr wisst nicht, wie schwer es mir f�llt, dies auch nur auszusprechen -�, sagte er, schloss die Augen und erhob in einer zum Himmel gerichteten Geste die H�nde. �Viertens: Wir sollen die Langen Mauern niederrei�en! Auf einer L�nge von mindestens vierzig Stadien.�</p><p>Die Vollversammlung verstummte wie auf Kommando. Man h�tte eine Nadel fallen h�ren, so still war pl�tzlich die Pnyx. Zehntausend Gesichter erstarrten, ungl�ubig rissen die M�nner die Augen auf. Es war, als ben�tigte jedermann Zeit, um �berhaupt zu begreifen, was da von uns verlangt wurde. Die Langen Mauern niederrei�en? Was soll das hei�en: die Langen Mauern niederrei�en? Als wir endlich verstanden, was da von uns verlangt wurde, entbrannte ein Sturm der Entr�stung. Niemanden hielt es mehr auf seinem Platz. Selbst die Greise erhoben sich und ballten die F�uste. �Nie, niemals!�, h�rte man rufen und �Athen ist frei, wir sind keine Sklaven!� skandieren. Wer irgendetwas fand, das er werfen konnte, warf es in Richtung Trib�ne. Theramenes musste sich vor einem Hagelsturm aus �pfeln, Steinen, Scherben und Schnallen in Sicherheit bringen, weil er es gewagt hatte, eine solche Forderung auch nur zu verlesen. Dabei verlie� ihn f�r einen Augenblick sogar sein breites Grinsen. Ich erkannte das Gesicht eines alten Kindes, das nicht begreift, was in der Welt geschieht. Sofort sprangen die Toxotai auf und stellen sich zwischen den Strategen und die w�tende Menge. Dann zogen sie die Weidenruten. Erst das brachte die M�nner wieder zu sich.</p><p>Theodoros, der Vorsitzende der Prytanen, �bernahm die Leitung der Versammlung, w�hrend Theramenes Schutz bei seinen Freunden suchte. War es ein Zufall, dass ausgerechnet Kritias sich erhob und ihn vor unseren Augen begl�ckw�nschte? Er, dessen Z�ge sonst so kalt und dessen Gesten so abweisend waren, erhob sich, lachte Theramenes an und umarmte ihn. Ich konnte es kaum glauben und musste mich zwingen, wieder nach vorne zu sehen, wo nun Theodoros stand und zu sprechen versuchte.</p><p>Er war ein alter, ein geb�ckter Mann. Seine Stimme klang d�nn, und seine Augen schimmerten w�sserig. Wie er so vor der Menge stand, war es, als verfluchte er den Vorsitz, der ihm durch das Los ausgerechnet f�r diesen Tag zugefallen war. Wieso kann ich nicht einfach nur eine Versammlung �ber den Getreidepreis leiten und nicht diese Vollversammlung �ber Krieg und Frieden? Es war, als w�re ihm die Frage auf die Stirn geschrieben.</p><p>�Mitb�rger�, sagte er kaum h�rbar, �wenn ich euch richtig verstanden habe, dann wollt ihr das Friedensangebot Spartas nicht annehmen.�</p><p>�Lauter!!�, br�llten die M�nner von den hinteren Reihen.</p><p>�Ich sagte: Wenn ich euch richtig verstanden habe, dann wollt ihr das Friedensangebot Spartas nicht annehmen!�, wiederholte Theodoros. Seine Stimme �berschlug sich bei beinahe jedem Wort.</p><p>�Gut erkannt!�, kam es von irgendwoher zur�ck, und die Pnyx erschallte vom Lachen der Versammlung.</p><p>�Die Frage ist aber, was wir ihnen antworten sollen�, fuhr Theodoros fort, nachdem es wieder leiser geworden war. Beruhigend versuchte er die H�nde zu heben, aber sie zitterten ebenso wie seine Stimme.</p><p>�Lauter, wir verstehen nichts!�, h�rte man es wieder von �berall her br�llen.</p><p>�Schickt eine Gesandtschaft und ein Gegenangebot!�, kam von irgendwoher ein Vorschlag. �Ja, schickt eine Gesandtschaft und ein Gegenangebot�, fielen von �berall her die M�nner ein. Theodoros nickte angestrengt und winkte Theramenes zu sich. Der hatte zwischenzeitlich sein breites Grinsen wiedergefunden und erhob sich von seinem Platz neben Kritias. Noch bevor er die Trib�ne betrat, t�nte die Forderung aus jedem Winkel: �Gesandtschaft, Gesandtschaft ...� Theramenes trat vor die Versammlung und breitete die Arme aus wie ein Vogel die Fl�g<sup>el</sup>.</p><p>�Freunde, Mitb�rger, Athener�, rief er, so laut er nur konnte, �wir schicken eine Gesandtschaft und unterbreiten ein Gegenangebot!�</p><p>Er hatte das kaum gesagt, als auch schon die M�nner um Kritias aufsprangen und laut zu klatschen begannen. �Gesandtschaft, Gesandtschaft ...�, klang es wie im Chor von allen Seiten.</p><p>�Und wir werden ihnen verbieten, �ber die Langen Mauern auch nur zu sprechen!�, fuhr Theramenes fort und ballte die F�uste. Applaus brandete auf und ergriff den ganzen H�gel. Theramenes reckte die Arme wie ein Sieger in den Himmel und lachte.</p><p>An jenem Abend stahl ich mich davon. Es war kurz vor Sonnenuntergang - mit einem Angriff der Spartaner war nicht mehr zu rechnen -, als ich meinen Beobachtungsposten am Tor still und heimlich verlie�. Ich lenkte meine Schritte nach Skam-bodinai, um jenen Jungen zu treffen, der mich vor vier Jahren betrogen und verlassen hatte. Was mochte aus ihm geworden sein? War er noch Kritias' Geliebter? Hatte jener ihn fallen lassen, als er zum Manne gereift war und den K�rper des Knaben verloren hatte, oder hatte Lykon Kritias den R�cken gekehrt, um sich in ein neues Abenteuer zu st�rzen, wie er es damals mit mir getan hatte ? Beinahe w�nschte ich mir, dass auch Kritias' Geld und Reichtum Lykon nicht zu halten vermocht hatten, w�nschte es um meinet- und um seiner Seele willen.</p><p>Lykon wohnte in einem der �rmlichsten Viertel Athens. Die Gassen waren schmal. Schmutzige, geduckte Schlammziegelh�user standen eng beieinander. Ihre Fassaden br�ckelten; seit Jahren war keines von ihnen mehr verputzt worden. Es stank nach Unrat und nach Kot.</p><p>Der Anblick der Armut, der sich vor mir auftat, r�hrte mich seltsam an. Lag hier der Schl�ssel zu Lykons Wesen? Wie lautete noch jener Satz aus Kritias' Pamphlet?</p><p>Lykons Elternhaus war ebenso sch�big wie die Nachbarh�user, vielleicht sogar noch ein wenig verkommener. Fr�her hatte ich ihn hier nie besucht. Obwohl die Liebe zwischen einem Mann und einem Knaben nichts Anr�chiges hat, gilt es doch als unschicklich, wenn der �ltere seinen Liebling unter den Augen seiner Eltern trifft. W�rde ich es ertragen, wenn meine S�hne Liebhaber h�tten?</p><p>Mein Herz pochte vor Aufregung, als ich an das Tor klopfte, aber auch mein Gewissen schlug. Ich hatte Aspasia nicht erz�hlt, dass ich Lykon treffen wollte, obwohl ich mich seit Langem mit dem Gedanken trug. Sie w�re nicht gl�cklich, wenn sie w�sste, wo ich nun stand. Ich lauschte, nichts. Das Haus schien leer. Ich klopfte noch einmal, fester und bestimmter. Keine Antwort. Ich wollte schon umkehren, als ich endlich Schritte h�rte.</p><p>�Wer ist da?�, ert�nte eine verwaschene Stimme.</p><p>�Nikomachos, der Kaufmann!�, gab ich zur Antwort.</p><p>�Kenne ich nicht! Was willst du?�, h�rte ich durch die geschlossenen Bretter.</p><p>�Du kennst mich, ich war fr�her Hauptmann der Bogensch�tzen. Ich wollte Lykon sprechen.�</p><p>Die T�r wurde langsam ge�ffnet. Der Mann dahinter sah mich mit misstrauischem, aber tr�bem Blick an. Die Haare klebten ihm verschwitzt am Sch�del.</p><p>�Was willst du von meinem Sohn?�, fragte er. Sein Atem stank nach Fusel.</p><p>�Ich m�chte ihn nur sprechen. Ich muss ihn etwas fragen.�</p><p>Er lachte absch�tzig. Ohne aus der T�r zu gehen, wandte er den Kopf und rief hinter sich ins Haus: �Lykon, komm herunter! Du hast hohen Besuch!� Dann drehte er sich wieder zu mir und betrachtete mich feindselig. Er richtete kein Wort mehr an mich. Er dachte auch gar nicht daran, mich hereinzubitten.</p><p>�Wer ist es denn?�, h�rte ich jemanden im Haus fragen. Das musste Lykon sein, aber ich erkannte seine Stimme kaum wieder. Statt zu antworten, �ffnete Lykons Vater die T�r einfach einen Spaltbreit weiter. Lykon sah mir unmittelbar ins Gesicht und erbleichte.</p><p>�Nikomachos, du?�, sagte er ungl�ubig und beeilte sich, seinen Chiton vor der Brust zu verschlie�en. Er hatte sich augenscheinlich gerade erst angezogen. Dann zw�ngte er sich an seinem Vater vorbei aus dem Haus, nahm mich am Arm und zog mich weg.</p><p>�Komm mit, wir gehen ein St�ck�, sagte er, w�hrend sein Vater in der T�r stehen blieb und mich und seinen Sohn mit unverhohlener Verachtung betrachtete.</p><p>Lykon f�hrte mich ein paar Schritte die Gasse hinunter. Es d�mmerte, aber noch war das Licht gut genug, um das Wei� im Auge des Feindes zu sehen. Lykon war fast erwachsen geworden. Er war gr��er als ich, und der Schatten eines kr�ftigen Bartes verdunkelte sein Gesicht. Trotzdem wirkte sein K�rper weich wie der Leib eines M�dchens, und ebenso bewegte er sich. Sein Haar war lang und parf�miert, seine Augen geschminkt.</p><p>�Also, was willst du von mir?�, fragte er, als uns sein Vater nicht mehr sehen konnte. Seine Mannbarkeit hatte ihm eine tiefe Stimme und einen kr�ftigen Adamsapfel beschert, trotzdem gab er sich die gr��te M�he, seinen Worten einen einschmeichelnden Klang zu geben.</p><p>�Nichts, ich wollte dich nur wiedersehen. Ich wollte wissen, ob es dir gut geht�, antwortete ich.</p><p>�Oh, Nikomachos, das ist lieb, aber gelogen, und du warst schon immer ein schlechter L�gner�, antwortete er und schlug die Augen auf. Er hatte mich durchschaut, was offenbar auch nicht allzu schwer war.</p><p>�Du hast recht, mein Lieber�, erwiderte ich und gab mir M�he, ebenso falsch zu l�cheln wie er, �ich war schon immer ein schlechter L�gner - im Gegensatz zu dir m�glicherweise?�</p><p>Lykon zuckte gleichg�tig mit den Schultern. Ich musste mir schon etwas anderes einfallen lassen, um ihn in Verlegenheit zu bringen.</p><p>�Was willst du also?�, wiederholte er seine Frage. Der Ton seiner Stimme hatte alles Einschmeichelnde mit einem Schlag verloren.</p><p>Ich wollte gerade antworten, als wir an einen kleinen Platz kamen. Es war wohl eher eine L�cke zwischen den H�usern als ein Treffpunkt f�r die Nachbarn, aber immerhin standen dort ein alter Brunnen und eine einfach gezimmerte Bank. Ein paar Knaben lungerten herum. Sie lachten sp�ttisch.</p><p>�Na, Lykon, wer ist denn dein neuer Freund?�, rief ein sommersprossiger Kerl, drehte sich um und wackelte mit dem Hintern.</p><p>�Hurensohn!�, fluchte Lykon und zog mich weiter. Die Jungs hinter uns prusteten los und bedachten uns mit Gesten, die an Eindeutigkeit nichts vermissen lie�en. Ich ignorierte sie, Lykon zuliebe.</p><p>�Siehst du Kritias noch?�, fragte ich, nachdem wir den Platz und Lykons reizende Nachbarn hinter uns gelassen hatten.</p><p>�Von Zeit zu Zeit�, erwiderte er gleichg�ltig.</p><p>�Ich hoffe, er unterst�tzt dich, wie es sich f�r einen so reichen und angesehenen Mann geh�rt�, bemerkte ich. Ich wollte beil�ufig klingen, aber irgendetwas schn�rte mir die Kehle zu. Lykon blieb stehen und baute sich vor mir auf. Seine Augen funkelten trotzig.</p><p>�Ich war nicht deswegen mit Kritias zusammen, weil er reich ist, auch wenn das alle zu glauben scheinen�, sagte er bestimmt.</p><p>�Ach, und warum warst du mit ihm zusammen?�, fragte ich �berrascht.</p><p>�Ich ...� Lykon stockte.</p><p>�Was?�</p><p>�Nichts. Schon gut. Ich m�chte deine Gef�hle nicht verletzen.�</p><p>�Sorge dich nicht um meine Gef�hle. Sprich ruhig weiter.�</p><p>�Mir lag etwas an ihm�, gestand er z�gernd, drehte sich weg und ging weiter. Mir war, als n�hme mir etwas den Atem.</p><p>�Das hei�t nicht, dass mir an dir nichts lag�, rief Lykon mir zu, als er bemerkte, dass ich ihm nicht mehr folgte, aber nat�rlich hie� es genau das.</p><p>�Schon gut�, antwortete ich und beeilte mich, ihn einzuholen. �Das ist lange her. Alte Geschichte, vergessen wir das! Ich will nur eins von dir wissen. Kanntest du Kritias schon, als wir ihn damals bei Perianders Eltern getroffen haben?�</p><p>Wieder sah Lykon mich an, und f�r einen kurzen Augenblick glaubte ich, hinter diesem geschminkten Gesicht etwas von dem Knaben zu erkennen, der mir einst nahe gewesen war. Lykon antwortete nicht sofort. Er schien zu �berlegen, ob es ihm schaden k�nne, wenn er mir die Wahrheit sagte.</p><p>�Wieso willst du das wissen?�, fragte er vorsichtig.</p><p>�Nichts weiter�, heuchelte ich. �Ich hatte damals nur so ein Gef�hl ... Kritias hat dich von Anfang an so behandelt, als w�rdet ihr euch schon kennen. Ich will es nur wissen, reine Neugier. Also, habe ich recht?�</p><p>Lykon ging weiter und starrte vor sich auf den Boden. Wenigstens fiel es ihm schwer, mir die Wahrheit ins Gesicht zu sagen.</p><p>�Hei�t das ja?�, fragte ich.</p><p>�Ja�, antwortete er leise.</p><p>Es war beinahe dunkel. Mittlerweile hatten wir die n�rdliche Stadtmauer erreicht. Um diese Zeit standen nur noch wenige Soldaten zur Wache auf den Zinnen. Selbst die Spartaner k�mpften nicht bei Nacht. In den T�rmen wurden ein paar Fackeln angez�ndet.</p><p>�Ist alles ruhig?�, rief ich den M�nnern zu.</p><p>�Alles ruhig�, kam es zur�ck. �Die Spartaner sitzen an ihren Lagerfeuern und schlagen sich die B�uche voll!�</p><p>Wir gingen schweigend weiter. Ich f�hlte mich Lykon v�llig fremd. Dann stellte ich die Frage, die mir schon die ganze Zeit auf der Seele brannte.</p><p>�Hast du irgendetwas mit Perianders Tod zu tun?�</p><p>�Nein, das habe ich nicht.� Die Antwort kam schnell und ehrlich. Ich hatte keinen Zweifel, dass Lykon die Wahrheit sagte.</p><p>�Aber du wei�t etwas �ber seinen Tod, nicht wahr?�</p><p>�Nein, Nikomachos�, erwiderte er. Diesmal hatte er einen Augenblick gez�gert. �Woher sollte ich?�</p><p>�Von Kritias vielleicht? Immerhin wart ihr euch <emphasis>nahe,</emphasis> wie ich vermute ...�, erwiderte ich. Ich musste mir gr��te M�he geben, nicht wie ein verschm�hter und eifers�chtiger Liebhaber zu klingen.</p><p>Pl�tzlich schrie er mich an: �Kritias hat mit Perianders Tod nichts zu tun!� Ich war �berrascht, mit welcher Heftigkeit er dies sagte, aber ich glaubte ihm nicht.</p><p>�Habe ich dir eigentlich je erz�hlt, wie Periander damals umgebracht worden ist?�, fragte ich, w�hrend wir nun wieder in Richtung Innenstadt gingen. �Er ist erstickt worden ...�</p><p>Er fiel mir ins Wort, fast noch heftiger als gerade eben noch: �Ich m�chte das nicht wissen!�, br�llte er.</p><p>�Oh, das tut mir sehr leid, aber es ist wichtig�, sprach ich seelenruhig weiter. Je mehr Lykon sich aufregte, desto gelassener wurde ich und desto mehr genoss ich es, ihn zu qu�len.</p><p>�Wie gesagt, er ist erstickt worden. Auf ziemlich grausame Art und Weise, oder besser: auf ziemlich grausame und ungew�hnliche Art und Weise. Stell dir vor, zuerst hat man ihm fast den Sch�del eingeschlagen. Mit einem schweren Stock oder einem Kn�ppel. Aber das brachte ihn nicht um und war dem M�rder auch nicht genug. Periander war ohnm�chtig und wehrlos. Das muss dem M�rder gefallen haben, denn er hat dem armen Jungen einen Papyrus in den Rachen gestopft, ganz tief in den Rachen hinein. Hierhin bis tief in den Kehlkopf.� Ich zeigte Lykon die Stelle mit dem Finger. Seine H�nde zitterten.</p><p>�Ich habe gesehen, wie Hippokrates es von dort wieder hervorgeholt hat mit einer Art feiner, langer Zange ... Dann hat der M�rder den armen Periander ganz lange festgehalten und ihm den Mund zugedr�ckt, bis er erstickt ist. Das muss recht lange gewesen sein. Der Papyrus war �brigens aus einem Buch - nicht aus irgendeinem Buch, wie du dir denken kannst ...�</p><p>�Es war die &#x391;&#x398;&#x397;&#x39D;&#x391;&#x399;&#x3A9;&#x39D; &#x3A1;&#x39F;&#x39B;&#x399;&#x3A4;&#x395;&#x399;&#x391;! Ich wei� das, und ganz Athen wei� das, weil du n�mlich nicht m�de geworden bist, es jedem zu erz�hlen�, schleuderte Lykon mir ins Gesicht. �Kannst du diese alte Geschichte nicht endlich vergessen? Wem n�tzt es denn, wenn du wieder anf�ngst, deine Nase �berall reinzustecken!�</p><p>Seine Stimme hatte sich �berschlagen. Zwei Soldaten, die gerade an uns vorbeikamen, sch�ttelten die K�pfe, gingen aber weiter. Was mochten sie wohl denken, was hier vor sich ging? Ein Streit zwischen einem Freier und einem Stricher?</p><p>�Was ist das f�r ein L�rm!�, schallte es aus einem der H�user. Ich legte Lykon die Hand auf den Mund, damit er still blieb, aber er versuchte sofort, sich freizumachen. Irritiert hielt ich ihn nur umso st�rker fest, als er mir auch schon seine Krallen in die Wange schlug. Er versuchte, mir das Gesicht zu zerkratzen wie ein b�sartiges Katzentier. Ich griff seine Handgelenke und dr�ckte ihn gegen die Hauswand. Dort standen wir Gesicht an Gesicht. Ich roch das schwere Parf�m seiner Haare. Pl�tzlich k�sste er mich und stie� mir seine Zunge in den Mund. Angeekelt, angewidert, angezogen, all das war ich in diesem Moment. Als ich mein Gesicht wegdrehte, spuckte er mich an, und ich gab ihm eine schallende Ohrfeige. Das schien ihn halbwegs zur Besinnung zu bringen. Er rutschte vor mir auf den Boden und begann zu schluchzen wie ein Kind. Die Schrammen in meinem Gesicht brannten wie Feuer. Der kleine Teufel musste lange, scharfe Fingern�gel haben.</p><p>�Ich wei�, was du �ber mich denkst�, sagte er nach einer ganzen Weile, �und sicher hast du damit recht. Aber ich will nicht, dass dir etwas geschieht. H�r auf mit dieser alten Geschichte. F�r dich ist das Ganze zu gro� und zu gef�hrlich. H�r auf, dich in diese Dinge einzumischen. Im Moment glauben alle, du h�ttest deine Lektion gelernt. Deswegen lassen sie dich in Ruhe. Wenn du wieder zu schn�ffeln anf�ngst, geht es dir am Ende wie deinem Vater.�</p><p>Ich war wie vom Donner ger�hrt.</p><p>�Was wei�t du �ber meinen Vater?�, fragte ich.</p><p>�Nichts�, antwortete Lykon sofort und atemlos, �gar nichts, und es ist besser so, denn sonst w�re ich nicht mehr am Leben.�</p><p>�Hat Kritias irgendetwas mit dem Tod meines Vaters zu tun?�, wisperte ich.</p><p>�Nein�, entgegnete Lykon, sprang auf und stie� mich so heftig zur�ck, dass ich beinahe das Gleichgewicht verlor. Dann rannte er davon, wie nur ein Siebzehnj�hriger dies kann. Ich versuchte nicht einmal, ihm zu folgen. Ich konnte ihm nur nachsehen und h�rte, wie seine Schritte in den dunklen Gassen verhallten.</p></section><section><title><p id="bookmark16">&#x3B4;</p></title><p>als aspasia am n�chsten morgen mein geschundenes Gesicht sah, war sie sofort misstrauisch. Sie war vor mir erwacht und weckte mich zart. Das erste Licht fiel durch das Fenster auf unser Nachtlager, da entdeckte sie die Schrammen. Ihre Augen f�rbten sich gr�n, was immer nur einen Grund haben konnte. Sofort fragte sie mich, woher ich diese Kratzer h�tte, und ich z�gerte die Antwort auf der Suche nach einer Ausrede einen Augenblick zu lange hinaus. Schon stand ihr die Angst, hintergangen worden zu sein, ins Gesicht geschrieben. Ich wollte sie nicht bel�gen, daher gestand ich, mich gestern Abend mit Lykon getroffen zu haben. Als sie den Namen h�rte, fing sie an zu zittern.</p><p>�Wie kamst du nur darauf, Lykon wiederzusehen?�, fragte sie mich mit einer Stimme, die zwischen Angst und K�lte schwankte. Ich richtete mich auf und fasste ihre zitternden H�nde.</p><p>�Lykon kannte Kritias schon vor dem Mord�, antwortete ich.</p><p>Aspasia blickt mich ungl�ubig an. Zuerst schien sie gar nicht zu verstehen, was ich gesagt hatte. Dann l�sten sich ihre Z�ge, um sich gleich darauf wieder in Wut zu verh�rten.</p><p>�Und er hat dich angegriffen?�, fragte sie.</p><p>Ich nickte.</p><p>�Wie kamst du darauf, dass er Kritias schon kannte?�</p><p>�Es war die Art, wie sie miteinander umgingen�, antwortete ich und beschrieb ihr die Blicke und Gesten, die ich schon am ersten Tag zwischen Lykon und Kritias wahrgenommen, aber erst jetzt zu deuten gewusst hatte.</p><p>�Hat er es zugegeben?�, fragte sie.</p><p>�Ja, hat er�, antwortete ich. �Er hat noch nicht einmal versucht, es zu leugnen ...�</p><p>�Und wei� er etwas �ber den Mord?�</p><p>�Ich denke ja, aber er behauptet, Kritias habe mit Perianders Tod nichts zu tun.�</p><p>�Glaubst du ihm?�</p><p>�Nein! Nach dem, was ich gestern geh�rt habe, bin ich nur noch sicherer, dass Kritias Periander umgebracht hat. Stell dir vor, Lykon hat mich gewarnt! Er sagte, ich w�rde wie mein Vater enden, wenn ich nicht aufh�rte, in dieser Geschichte zu w�hlen.�</p><p>�Das hat er gesagt?�, fragte Aspasia, und die Sorge um ihre Familie, die in dieser Frage mitschwang, verdr�ngte die letzten Reste ihrer Eifersucht augenblicklich.</p><p>�Ja, ich kann mich sogar noch an die Worte erinnern: &lt;Im <emphasis>Moment glauben alle, du h�ttest deine Lektion gelernt. Deswegen lassen sie dich in Ruhe.&gt;</emphasis> Er wei� genau, wovon er spricht. Das war keine leere Drohung und keine blo�e Ahnung.�</p><p>�Meinst du denn, Kritias hat etwas mit dem Angriff auf dich und deinen Vater zu tun?�, fragte sie. Bisher waren wir eigentlich sicher gewesen, dass kein anderer als Anaxos hinter dem Anschlag steckte.</p><p>�Ich wei� es nicht. Ich bin sicher, dass ich den Soldaten mit der Narbe erkannt habe, und der war immer Anaxos' Mann�, antwortete ich z�gernd.</p><p>�Und jetzt bist du nicht mehr sicher?�</p><p>Ich zuckte mit den Schultern. �Ich glaube, ich wei� gar nichts mehr ...�, stammelte ich, und unwillk�rlich zog es meinen Geist in jene Nacht der unseligen Panathen�en zur�ck. Mein Vater war neben mir. Unsere Schritte hallten durch die Gassen, aber nicht nur unsere Schritte, nicht nur unsere. Pl�tzlich die Soldaten hinter uns. Ein Schwert im Licht des Mondes und das Gesicht, dieses unertr�gliche Gesicht.</p><p>�Es gibt noch eine andere M�glichkeit�, sagte Aspasia nach einer Weile.</p><p>�Und welche?�</p><p>�Hast du dir nie �berlegt, dass Kritias und Anaxos vielleicht gemeinsame Sache machen?� fragte sie.</p><p>�Offen gestanden, nein�, antwortete ich, �das konnte ich mir bisher nicht vorstellen.�</p><p>Aspasia schwieg einen Moment. Drau�en h�rten wir Teka und die Kinder. Unsere alte Sklavin wollte die Jungs waschen, hatte aber alle M�he mit ihnen. Die beiden balgten herum wie junge Hunde, und Teka, die die Kinder liebte wie eine Gro�mutter, lie� sich langm�tig auf der Nase herumtanzen.</p><p>�Ich glaube, ich muss ihr helfen�, sagte Aspasia und wollte aufstehen. Ich hielt sie zur�ck und zog sie zu mir. Sie sah mich an. Ihre Augen waren traurig. Ich k�sste sie. Aspasia lie� sich auf unsere Lager zur�ckfallen und drehte sich in meine Arme, aber ihr K�rper blieb angespannt. Die Kratzer in meinem Gesicht brannten.</p><p>�Was ist mit dir?�, fragte ich.</p><p>�Ich mache mir Sorgen wegen unserer Kinder�, antwortete sie.</p><p>�Teka kann gut auf sie aufpassen ...�</p><p>�Aber ich mache mir doch keine Sorgen wegen Teka!�, erwiderte sie heftig. �Ich mache mir dar�ber Sorgen, was Lykon gesagt hat!�</p><p>�Thrasybulos besch�tzt uns�, war das Einzige, was mir einfiel, um sie zu beruhigen. Das war wenig, zu wenig. Ihre Angst hatte mich l�ngst ergriffen. Furcht teilt sich mit wie Feuer, lodernd und unaufhaltsam.</p><p>�Jetzt ist es aber genug, ihr Bengel!�, h�rten wir Teka durch das Haus rufen. Endlich trollten sich die beiden und gingen maulend in den Waschraum. Ich setzte mich auf. Tausende von kleinen, silbernen Staubk�rnern tanzten im Licht der aufgehenden Sonne, das durch die Fensterl�den drang.</p><p>�Was soll ich tun?�, fragte ich Aspasia.</p><p>�Das musst du selbst wissen�, antwortete sie. �Es gibt Entscheidungen, die du nur allein treffen kannst.� Sie erhob sich und l�chelte traurig.</p><p>�Aber du bist meine Frau.�</p><p>�Eben�, sagte sie und k�sste mich.</p><p>Sie hatte die Schlafzimmert�r schon ge�ffnet, als sie sich noch einmal umdrehte. Das Gegenlicht des fr�hen Morgens legte einen leuchtenden Schimmer um ihr Haar und enth�llte den Schattenriss ihres weiblichen K�rpers unter ihrem Nachtgewand.</p><p>�Egal, was du tust, sei vorsichtig�, sagte sie. �Und denk an deine S�hne.�</p><p>�Das werde ich�, versprach ich.</p><p>�Ich wei߻, sagte sie leise und ging hinaus.</p><p>Ich blieb im D�mmerlicht des Morgens liegen. Drau�en mahnte Aspasia die Kinder zur Ruhe. Augenblicklich waren die Br�der still. Sie hatten wohl beinahe ebenso viel Respekt vor ihr wie ich. Ich schloss die Augen. Erst blieb alles dunkel. Dann erschien Lykons Gesicht vor mir. Ich sah seine m�dchenhaften Bewegungen und schmeckte beinahe den Kuss, den er mir auf den Mund gedr�ckt hatte. Ich glaube, ich habe ihn Aspasia gegen�ber nicht erw�hnt. Was hatte er damit wohl bezweckt? Glaubte er wirklich, er k�nnte mich verf�hren wie irgendeinen alten Freier?</p><p>Aber es erstand noch ein anderes Bild vor mir. Langsam und wie durch einen dichten Nebelschleier stieg die Erinnerung an den Knaben Lykon in mir auf, an den Jungen, der mich an jenem unsagbar hei�en Tag zu Alkibiades gerufen und begleitet hatte. Lykon war bleich gewesen damals. Er hatte sich auf dem Weg hinauf sogar ausruhen m�ssen. Warum? Ich entsann mich nur dunkel: War er krank oder m�de, weil er in der Nacht davor nicht hatte schlafen k�nnen?</p><p>Genug jetzt! Ich musste gehen. Der Feind stand vor den Toren. Ich sollte aufh�ren, in der Vergangenheit zu w�hlen!</p><p>Auf dem Weg zum Tor traf ich Sokrates. Es war noch fr�h. Die Sonne stand erst halb �ber den Bergen. Athen r�stete sich f�r den neuen Tag. Auch Sokrates trug seine Waffen. Er bot einen ungew�hnlichen Anblick, kannte man ihn doch sonst nur in seinem einfachen Mantel. Jetzt war er ein Hoplit seiner Stadt. Er trug eine Sturmhaube, den Schild hatte er auf den R�cken gebunden, sein Brustharnisch zeigte drei alte, tiefe Schnitte, wie sie nur ein Schwert in dem festen, mit Eisen beschlagenen Leder hatte hinterlassen k�nnen. Einer von ihnen lag nur eine Handbreit unter dem Herz.</p><p>�Nikomachos, wie sch�n, dich zu sehen�, gr��te er mich freudig und umarmte mich, wie es nun einmal seine Gewohnheit war. �Lach bitte nicht �ber mich. Ich wei�, ich sehe aus wie Achilles' Schildkr�te.�</p><p>�Achilles' Schildkr�te?�, wiederholte ich dumm, �ich habe noch nie etwas von Achilles' Schildkr�te geh�rt.�</p><p>�Aber sicher�, widersprach er bestimmt. �Du kennst doch die Geschichte von der Schildkr�te, die sich auf einen Wettlauf mit Achilles einl�sst, oder? Eine Dummheit meinst du? Nein, ganz im Gegenteil. Es ist n�mlich eine alte, kluge Schildkr�te. Sie wei�, dass sie zehnmal langsamer l�uft als er. Also bittet sie um einen Vorsprung von 10 Klaftern.�</p><p>�Und?�</p><p>�Sie gewinnt. Achilles kann sie nicht einholen.�</p><p>�Wie kann das sein?�</p><p>�Ganz einfach: Wenn Achilles ihren Vorsprung von zehn Klaftern eingeholt hat, ist sie einen Klafter weiter. Richtig?� �Richtig!�</p><p>�Hat er den Klafter zur�ckgelegt, ist sie ein zehntel Klafter vor ihm. Richtig?�</p><p>�Richtig.�</p><p>�Ein zehntel Klafter weiter, hat sie immer noch einen Vorsprung von einem hundertstel - ja?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Siehst du, so geht es weiter bis ins Unendliche. Achilles kann sie nicht �berholen. Sie ist ihm immer ein Zehntel voraus.� Er lachte und hatte dabei wirklich etwas von einer alten Schildkr�te. Dann sah er meine Wange und runzelte die Stirn.</p><p>�Woher diese Kratzer?�, fragte er und zeigte mit dem Finger auf die Schrammen. �Die letzten, die mein Gesicht zierten, verdankte ich einem Wutanfall meines treuen Weibes.�</p><p>�Lykon�, antwortete ich.</p><p>�Oh�, bemerkte er, �es kratzen also auch die Untreuen ... Was wolltest du denn von deinem alten Eromenos?�</p><p>�Wer sagt dir, dass ich etwas von ihm wollte?�, antwortete ich ausweichend. Sokrates sah mich an.</p><p>�Niemand, ich dachte nur . Vielleicht lassen dich ja gewisse Fragen ebenso wenig los wie mich�, antwortete er, und ich hatte das Gef�hl, als s�he er mir direkt durch die Augen in die Seele. Warum sollte ich ihm etwas vorspielen?</p><p>�Du hast recht�, gestand ich, �und ich vermute, du wei�t genau, wieso ich zu ihm gegangen bin.�</p><p>Sokrates nickte und hakte sich bei mir unter. �Komm, ich begleite dich ein St�ck. Die Spartaner werden heute ohnehin nicht angreifen.�</p><p>�Nein? Wieso meinst du?�</p><p>�Wieso sollten sie die Tore erst�rmen, die man ihnen bald �ffnen wird?�</p><p>Ich verstand die Bemerkung nicht, war aber froh um seine Begleitung. Ich brauchte jemanden, mit dem ich reden konnte, und Sokrates war ein guter Zuh�rer. Er blieb ganz ruhig, w�hrend der andere sprach, auch wenn man etwas ganz T�richtes sagte. Es war, als verst�nde er alles, und sei es auch noch so dumm. Erst wenn man sich ganz ausgesprochen hatte, begannen seine Fragen ...</p><p>�Es geht um Periander und Kritias�, fing ich an, w�hrend wir gemeinsam und ohne uns zu sehr zu beeilen zum Doppeltor gingen, �du wei�t, dass er f�r mich Perianders M�rder ist.�</p><p>Sokrates nickte.</p><p>�... es spricht einfach alles gegen ihn. Er ist der Urheber dieses uns�glichen Pamphlets. Er ist der Anf�hrer der Aristokraten, denen Periander sich angeschlossen hatte. Ihn muss Platon decken, weil er sein Onkel ist ... Aber ...� Ich sprach nicht weiter. Ich wusste, Sokrates w�rde den Satz ganz allein fortsetzen k�nnen.</p><p>�Aber du hast keinen Beweis gegen ihn, nicht wahr?�, fuhr Sokrates lapidar fort.</p><p>�Nein, keinen Beweis, und trotzdem <emphasis>wei�</emphasis> ich es. Ich wei� es mit jeder Faser meines K�rpers, wenn du verstehst, was ich meine.�</p><p>Sokrates blieb stehen. Normalerweise h�tte er jetzt eine Frage gestellt. Eine <emphasis>seiner</emphasis> Fragen, etwa ob es denn ein Wissen gebe, das nicht zu beweisen sei oder dergleichen. Aber Sokrates war nicht nur ein gro�er Lehrer, er war auch ein gro�er Freund, und deswegen schonte er mich.</p><p>�Und konnte Lykon dir helfen?�, fragte er stattdessen.</p><p>�Er wollte nicht ... Aber er hat mich gewarnt. Er meinte, ich w�rde noch dasselbe Ende nehmen wie mein Vater, wenn ich nicht aufh�rte, in dieser alten Geschichte zu w�hlen. Es sei alles zu gro� und zu gef�hrlich f�r mich.�</p><p><emphasis>�Zu gro� und zu gef�hrlich�,</emphasis> wiederholte Sokrates, �hat er das gesagt?�</p><p>�Ja, ich glaube: <emphasis>F�r dich ist das Ganze zu gro� und zu gef�hrlich,</emphasis> das hat er gesagt.�</p><p>�Das passt zu ihm�, stellte Sokrates fest.</p><p>�Zu Lykon? Ich wusste gar nicht, dass du ihn kennst�, meinte ich irritiert.</p><p>�Nein, nicht zu Lykon, zu Kritias ...� entgegnete er beinahe abwesend, und irgendetwas in der Art, wie er diesen Namen aussprach und dabei in die Ferne sah, gab mir die Gewissheit, dass er sich an etwas ganz Bestimmtes erinnerte.</p><p>Wir hatten das Tor beinahe erreicht. Ein paar Soldaten sa�en gelangweilt auf den Zinnen. Sie lie�en die Beine baumeln.</p><p>�Was gibt's Neues?�, rief ich ihnen zu.</p><p>�Was soll's schon geben?�, kam die Antwort von oben. �Die Bastarde warten ab. Sie schlachten unser Vieh und kochen daraus ihre widerliche Blutsuppe!�</p><p>�Bleibt auf der Hut!�, sagte ich streng. �Denkt daran, was sie mit unseren Schiffen gemacht haben. Sie k�nnen von einem Moment auf den anderen losschlagen.�</p><p>�Schon gut, Hauptmann�, gaben sie zur�ck, und allzu leicht war zu h�ren, wie sehr sie meiner Ermahnungen �berdr�ssig waren.</p><p>W�hrend ich mit den Soldaten sprach, nahm Sokrates seinen Schild vom R�cken und setzte sich auf einen Steinquader, der ein paar Schritte vom Tor entfernt aus der Mauer ragte. Dort verharrte er regungslos, auch noch, als ich meinen kurzen Wortwechsel mit den Wachen beendet hatte und zu ihm kam. Das Licht der Morgensonne schien ihm ins Gesicht, trotzdem blieben seine Augen offen. Ganz klar und durchscheinend schienen mir seine Z�ge, ganz anders, als sie mir in Kephalos' Garten im Feuerschein der Fackeln begegnet waren. Als ich n�her zu ihm trat, sah ich, wie sich seine Lippen bewegten. Sein guter Geist sprach zu ihm. Ich setzte mich neben ihn; er nahm mich gar nicht wahr. Ich wartete und streckte die Beine aus. Der Tag versprach warm zu werden. Schon jetzt brannte die fr�he Sonne auf meinen ledernen Harnisch. Eine zweite Morgenm�digkeit �berkam mich, ich musste g�hnen. Sokrates nahm keine Notiz von mir. Ich betrachtete ihn von der Seite. Stumm bewegten sich seine Lippen. Seine Augen standen ganz fern; er war als Knabe einmal schon im Himmel.</p><p>�Was geht blo� in dir vor?�, fragte ich, nachdem ich ihn eine ganze Weile beobachtet hatte, aber er antwortete nicht. Er blieb in sein stilles Gespr�ch vertieft. Seine Augen blieben offen und starr. Obwohl er in die Sonne sah, blinzelte er nicht.</p><p>�Sokrates!�, rief ich und stie� ihn an. Verwundert rieb er sich die Augen.</p><p>�Oh, Nikomachos, verzeih mir. Ich war einen Moment nicht da�, entschuldigte er sich.</p><p>�Schon gut, ich hatte nur Angst, du verbrennst dir die Augen. Du hast noch nicht einmal geblinzelt�, erkl�rte ich. Ich lie� ihm einen Moment Zeit, zu sich zu kommen.</p><p>�Wei�t du, was ich mich frage, lieber Sokrates�, begann ich nach einer Weile. �Kritias war doch dein Sch�ler?� Sokrates nickte vorsichtig.</p><p>�Was ist zwischen euch beiden vorgefallen? Wieso habt ihr euch �berworfen?�</p><p>Sokrates antwortete nicht gleich. Er rieb sich die Beine, als w�ren sie ihm im Sitzen steif geworden.</p><p>�Das ist eine sehr lange Geschichte�, erwiderte er schlie�lich beinahe verlegen. �Ich erz�hle sie dir ein andermal. Hab Geduld mit einem alten Mann, dessen Augen brennen.� Mit diesen Worten erhob er sich mit einer f�r ihn ganz ungew�hnlichen Eile. �Ich denke, ich sollte jetzt doch zu meiner Einheit gehen. Man muss seine Pflicht tun, nicht wahr?�</p><p>Er wandte sich zum Gehen, z�gerte aber doch einen Augenblick.</p><p>�Kannst du dich noch an unser erstes Treffen erinnern?�, fragte er, bevor er sich endg�ltig verabschiedete.</p><p>�Sehr gut sogar�, antwortete ich aufrichtig. �Du wolltest wissen, was mich zu dir f�hrte, nicht wahr? Die Philosophie war es nicht ... <emphasis>Obwohl die Frage, was Gerechtigkeit ist, auch f�r den Hauptmann der Bogensch�tzen nicht unbedeutend sein kann und vielleicht immer wichtiger wird?�</emphasis></p><p>�Du hast ein au�ergew�hnliches Ged�chtnis�, bemerkte Sokrates mit einer gewissen Anerkennung. Dann winkte er mir zu und ging.</p></section><section><title><p>&#x3B5;</p></title><p>die Spartaner griffen nicht an, an jenem Tage nicht, nicht an den folgenden Tagen und nicht in den n�chsten Wochen. Aber sie hielten die Stadt eisern umklammert. Lysander mit seiner gewaltigen Flotte blockierte den Seeweg, Pausanias und sein Landheer hielten die Stadttore verriegelt. Wir blieben gefangen. Nach wie vor lie�en die Spartaner die wenigen Siedler, die sich in die N�he Athens wagten, passieren, aber sie nahmen ihnen die Waffen, jedes St�ck Brot und jeden Tropfen Wasser, den sie bei sich trugen, sodass auch uns endlich klar wurde, welche Strategie sie verfolgten. Was kein Feind je versucht hatte und vorher auch nicht h�tte gelingen k�nnen, war durch den Untergang der attischen Flotte mit einem Male m�glich. Athen sollte ausgehungert werden - und tats�chlich, die Stadt begann schon sehr bald zu hungern. Und mit jedem Fl�chtling wurde die Not gr��er.</p><p>Wie immer traf es zuerst die Armen. Die Kolonisten, die nach Athen als ihrer Mutterstadt zur�ckgekehrt waren, hatten kaum ein Dach �ber dem Kopf, geschweige denn Land, das sie h�tten bestellen k�nnen. Baten sie zun�chst noch um Arbeit gegen einen Teller Suppe, boten sie bald schon ihre S�hne und T�chter auf den M�rkten feil. Die Bettler auf der Agora, die fr�her nach einer M�nze gefragt hatten, flehten um ein St�ckchen Brot und drohten sich gegenseitig totzuschlagen, wenn einer ihr Revier verletzte. Bald klopften Kinder mit weiten Augen und hohlen Wangen an jedes Tor und warfen sich f�r einen wurmstichigen Apfel auf die Knie. Dann traf es auch die B�rger: zun�chst die kleinen Handwerker und Kr�mer, dann die H�ndler, Marktbeschicker und Kaufleute, Lagerhalter, Sklavenh�ndler und Sklavenhalter, �rzte und Salber, die Manufakturisten und Minenbesitzer. Die Preise f�r Korn kletterten t�glich h�her, und wer wohlhabend war, musste best�rzt erkennen, dass er sein Silber nicht essen konnte. Verschont blieben nur die einen, diejenigen, die immer verschont werden, die Gro�grundbesitzer, und nat�rlich geh�rte Kritias zu ihnen. W�hrend schon die ersten Kinderleichen verbrannt wurden, sah ich ihn noch fr�hlich und wohlgen�hrt durch die Stra�en reiten, zwei Wachen an jeder Seite, die ihm die Hungernden vom Leib hielten.</p><p>Aber ich will ehrlich sein: Zu meinem gro�en Gl�ck und manchmal auch zu meiner Besch�mung traf es auch meine Familie nicht so wie die �brige Stadt. Ich hatte das Gesch�ft meines Vaters in den letzten Jahren vernachl�ssigt und viel mehr Vorr�te an Wein, �l und Honig in unseren Kellern angelegt, als kaufm�nnische Vernunft dies billigen konnte. Raios, mein Onkel und Schwiegervater, hatte denn auch schon mehr als nur einmal mahnende Worte an mich gerichtet, um mich wieder auf den Pfad der gesch�ftlichen Tugenden zu f�hren, f�rchtete er doch um das Wohl seiner Tochter, vor allem aber seiner Enkel. Nun verderben Wein, �l und Honig nicht, und w�hrend der Hunger wie ein Fluch �ber Athen kam, lagerten Hunderte F�sser sizilianischen Weins, apulischen �ls und mazedonischen Honigs in den Kammern unter unserem Haus und wurden zu h�chst begehrten Tauschwaren auf den zahllosen Schwarzm�rkten um die Tempel. Der Wein, das �l und der Honig wurden zu fl�ssigem Gold, ja zu mehr noch als Gold. Sie halfen mir, meine Familie durch die Zeit der Belagerung und des Hungers zu bringen, und mehrten meinen Wohlstand.</p><p>Eine Schande, eine Schmach? Der Kaufmann einmal mehr als Kriegsgewinnler? Ich bekenne, dass ich in jenen Monaten der Belagerung Athens zu essen hatte und gleichwohl nicht an meine Mitb�rger, sondern nur an die Meinen dachte. Meine Keller halfen mir, meine Familie zu retten, w�hrend ich mit meinen Met�ken auf den Mauern stand und Tag f�r Tag vergeblich auf den Angriff wartete. Die Spartaner drau�en vor den Mauern wurden dagegen gut versorgt. Lysanders Flotte bildete die Seebr�cke zu den fruchtbaren �ckern ihrer Heimat, wo die Heloten das Land f�r ihre Herren bestellten, das diese ihnen geraubt hatten. Mein Verhalten war nicht tugendhaft, gewiss, aber es ist ein merkw�rdiges Ding um die Tugend. Ein jeder f�hrt sie im Munde, ein jeder opfert ihr vor dem Zeus-Altar ein mageres Huhn, solange er noch fette V�gel in seinem Stall ste-hen hat - und doch schickt er nur seines Nachbars Kinder auf das Feld der Ehre, w�hrend er die eigenen verbirgt. Ich kenne Gener�le, die ihre gro�en und starken S�hne in Weiberkleider h�llten, um sie vor den Soldatenwerbern und Rekruteuren in Sicherheit zu bringen. Und hat Achilles' Mutter aus Angst um ihren Sohn nicht genau dasselbe getan? Es gibt Momente, da denkt jeder nur an die Seinen, und so tat ich es auch.</p><p>Drei volle Monate lagen die spartanischen Truppen schon vor unserer Stadt. Die Kornvorr�te Athens waren beinahe aufgebraucht, da erhielten wir endlich Nachricht von den Unterh�ndlern, die wir zu unseren Feinden geschickt hatten. Die Botschafter aus Sparta seien zur�ck, meldeten gleich zwei Soldaten aufgeregt und wie aus einem Munde eines Morgens, als ich meinen Dienst antrat.</p><p>�Und gibt es schon Nachrichten? Verhandeln die Spartaner �ber den Frieden?�, wollte ich wissen. Ich bekam nur ein Schulterzucken zur Antwort. Die Soldaten hatten nur gesehen, wie die M�nner, die vor Monaten nach Lakonien aufgebrochen waren, heute Morgen in aller Fr�he ersch�pft zur�ckgekehrt waren, mehr nicht, sagten sie entschuldigend und pl�tzlich eigent�mlich verhalten.</p><p>Nat�rlich machte die Nachricht schnell die Runde. Die Sonne stand kaum im Zenit, da wollte jeder Athener schon mit jemandem gesprochen haben, der �ber den Ausgang der Mission genau Bescheid wusste. Von einem baldigen Frieden mit Sparta und einer Erneuerung unserer Waffenbr�derschaft war die Rede; manche wollten sogar schon von der H�he der Reparationszahlungen geh�rt haben, die Attika leisten musste, um die Waffenruhe zu erkaufen. Man munkelte etwas von Schiffsladungen voller Silber, zumindest die halbe Kasse des Delischen Bundes m�sse herausgegeben werden. Und was war mit den Langen Mauern? W�rden wir sie niederrei�en m�ssen? Die Leute sch�ttelten den Kopf. Von dieser unertr�glichsten aller Forderungen sei Sparta abger�ckt.</p><p>Die Neuigkeiten stimmten uns heiter. Der Frieden schien m�glich, greifbar und nah. Niemand wunderte sich, als zwei Tage nach der Ankunft der Unterh�ndler wieder Herolde durch die Stadt rannten und f�r den n�chsten Abend eine weitere Vollversammlung auf der Pnyx einberiefen. Sicher w�rden uns die Prytanen die Forderungen der Spartaner n�herbringen. Soweit er nur zu bezahlen ist, nehmt den Frieden an! Schluss mit dem sinnlosen Bruderkrieg. Das schienen alle Athener zu denken.</p><p>Wie erstaunt waren wir aber, als Theramenes vor uns trat und seinem Gesicht wieder jenen ernsten Zug zu geben suchte, den es von Natur aus nun einmal nicht hatte.</p><p>Was er berichtete, ist schnell erz�hlt. Keines der Ger�chte, das zwischen Agora, Hephaistos-Tempel und Olympieion die Runde machte, beruhte auch nur auf einem F�nkchen Wahrheit. Es war alles viel schlimmer. Unsere Botschafter hatten sich zun�chst an Agis, den zweiten K�nig Spartas, gewandt und unser Friedensangebot unterbreitet. Durften wir nur den Hafen und die Mauern behalten, so wollten wir die Waffen niederlegen und Bundesgenossen Spartas werden, was zugleich bedeutete, uns seiner Vorherrschaft zu unterwerfen. Agis hatte sich den Vorschlag in seinem Zeltlager in Ruhe angeh�rt, sich am Kopf gekratzt und die M�nner dann mit der Bemerkung fortgeschickt, er habe keine Vollmacht, mit Athen zu verhandeln. Wenn sie Frieden wollten, m�ssten sie nach Sparta gehen. Hierauf waren die Botschafter nach Sellasia gewandert, einer Stadt, die kurz vor der Grenze zu Lakonien liegt. Dort wurden sie erwartet. Berittene Boten des Feindes waren ihnen vorausgeeilt. Zwei Mitglieder des spartanischen Rates der Ephoren fragten sie schroff, welche Botschaften unsere M�nner br�chten. Diese traten dem�tig und gesenkten Hauptes vor die Spartaner und wiederholten das Angebot, das sie auch schon vor K�nig Agis gebracht hatten. Aber sie wurden auf der Stelle fortgeschickt. Wenn Athen Frieden wolle, dann solle es mit anderen Vorschl�gen kommen, h�hnten die Spartaner und gestatteten unseren hungrigen, durstigen und m�den M�nnern noch nicht einmal, eine Nacht in Sellasia zu bleiben, um sich auszuruhen und die geschundenen F��e zu waschen ... Das war alles. Es gab kein neues Angebot, und wir alle fragten uns stumm, was das bedeuten mochte. Wollte Sparta den Krieg um jeden Preis? Sollten wir Athener versklavt werden und unsere Kinder neben den Heloten auf den Feldern stehen? Es schien kaum eine andere Deutung f�r ihr �berhebliches Verhalten zu geben, und wie sich die Nacht d�ster �ber die Stadt legte, legten sich Angst und Furcht finster auf unsere Seelen. Keiner der versammelten M�nner auf der Pnyx sprach noch ein Wort - Tausende von Kehlen blieben verschlossen, so niedergeschlagen waren wir. Es war, als n�hme die Hoffnungslosigkeit in der Stille, die die Versammlung umgab, Gestalt an, eine gespenstische Gestalt, die sich von unserem Lebenswillen n�hrte.</p><p>Und doch, irgendwann erhob sich wieder eine Stimme. Es war diejenige des Theramenes, unseres milit�rischen F�hrers, der sich anbot, als der gew�hlte Stratege pers�nlich mit Lysan-der zu verhandeln und alles zu geben, um Sparta zu einem guten Frieden zu bewegen. Wir m�ssten ihm nur vertrauen und alle Vollmachten geben, die er brauchte, um Attika und den Peloponnes zu befrieden ...</p><p>Was sollten wir tun? Der Vorschlag blieb unsere einzige Hoffnung, und versehen mit allen Ehren und mit allen Befugnissen schickten wir Theramenes zu Lysander, dessen Flotte vor Pir�us lag und uns die Luft zum Atmen nahm.</p><p>Es vergingen wieder drei Monate, ohne dass man etwas von unseren Unterh�ndlern sah oder h�rte. Der Herbst kam, aber seine Ernten brachten der Stadt nur wenig Korn. Selbst das fruchtbare Dreieck innerhalb der Mauern konnte Athen mit seinen hunderttausend Einwohnern und seinen Fl�chtlingen nicht n�hren. Dann schickte Theramenes einen Boten zum Rat, um einen kurzen Zwischenbericht zu geben. Lysander habe ihn nur hingehalten und ihn jetzt endlich nach Sparta selbst geschickt, um zu verhandeln. Er sei aber sicher, Sparta selbst habe vom Krieg endg�ltig genug, und sei zuversichtlich, zwischen den St�dten Frieden stiften zu k�nnen ...</p><p>Dem Herbst folgte der Winter; es war der k�lteste, den Attika bis dahin erlebte hatte. Die Pf�tzen und Brunnen gefroren, der Ilisos versiegte. Eisiger Reif bedeckte die Olivenb�ume, und b�se Winde tobten �ber unseren K�pfen. Die Toxotai zogen Morgen f�r Morgen durch die Stadt, um die Toten der Nacht zu bergen. Ich habe in jenen Tagen Kinder gesehen, die in den Armen ihrer M�tter erfroren sind, nachdem diese verhungert waren.</p><p>Auch in unserem Haus holte Hades sich sein Opfer. Es war kurz nach der Wintersonnenwende, wenn die Tage wieder etwas l�nger und heller werden, daf�r aber umso k�lter sind. Ich erwachte schwei�gebadet. Neben mir lagen Aspasia und die Kinder. Zum Schutz gegen die K�lte schliefen wir in jenem Winter in nur einem Bett. Ihr Atem dampfte, so kalt war es selbst hier. Es war eigent�mlich ruhig im ganzen Haus, und diese Stille machte mir Angst. Ich erhob mich leise, warf meinen Wollmantel um und verlie� das Schlafzimmer. Es wurde allm�hlich hell. Allzu fr�h konnte es nicht mehr sein. Ich ging in die K�che und fand unseren Kamin kalt. Auch das letzte St�ckchen Kohle war zu Asche zerfallen. Da ahnte ich, was geschehen war.</p><p>Die T�r zu Tekas kleiner Kammer lag gleich neben der Feuerstelle. Ich �ffnete sie behutsam und gab mich kurz der vagen Hoffung hin, unsere alte Sklavin mochte verschlafen und das Feuer vergessen haben - zum ersten Mal in ihrem Leben, soweit ich mich erinnern konnte. Ihr Zimmerchen lag im Halbdunkel des fr�hen Morgens. Ich konnte kaum ihren schmalen K�rper zwischen den Laken ausmachen. Sie lag da, regungslos, ganz starr. Nichts hob und senkte mehr ihre Brust, kein Atemhauch war mehr zu h�ren.</p><p>Ich h�tte sie gerne neben meinen Eltern bestattet, aber der gro�e Friedhof lag au�erhalb der Mauern, dort wo jetzt die Spartaner in ihren Zelten froren. Also beerdigte ich Teka in unserem Garten, gleich unter dem Feigenbaum. Die Erde war so hart gefroren, dass ich kaum ein Grab f�r sie ausheben konnte. Zwei Schaufeln zerbrachen in meinen H�nden, bevor ich endlich ein flaches Loch in den Boden gekratzt hatte, das ihren zarten Leib aufzunehmen vermochte. Ihr K�rperchen war klein und zierlich, fast wie der Leichnam eines Kindes.</p><p>Aspasia, die Kinder und ich standen traurig und verloren an der Bahre, um von Teka Abschied zu nehmen, bevor wir sie der Erde �bergaben. Mit ihrem Tod hatte ich alle Menschen verloren, die mich aufgezogen und seit meiner Kindheit begleitet hatten. Endg�ltig war ich nun erwachsen und endg�ltig eine Waise. Ob Sokrates wohl recht hatte: Gab es eine unsterbliche Seele? Dann w�re der Tod nur f�r die �berlebenden schrecklich.</p><p>Dem kalten Hungerwinter folgte ein Fr�hling, der, wie um uns zu besch�men, an Farbe und Pracht alles �bertraf, was ich je erlebt hatte. Von einem Tag auf den anderen gr�nten die G�rten am Fu�e der Akropolis, die Zedern und Pinien sch�ttelten das Grau des Winters ab, und die Oliven-, Apfel- und Quittenb�ume �ffneten ihre Bl�ten in verschwenderischer F�lle. Ein solcher Fr�hling verhie� reiche Ernte, aber er verhie� sie eben nur. Noch war kein Apfel zu pfl�cken und keine Olive reif. Die Toxotai mussten die Hungernden mit Ruten aus den Obstg�rten treiben, damit sie in ihrer Not nicht die Bl�ten a�en.</p><p>Endlich kam Nachricht von Theramenes. Es werde Frieden geben, hie� es, die Spartaner w�rden abziehen, ja sie wollten uns sogar mit Weizen und Saatgut versorgen, wurde gemun-kelt. Ich wagte nicht, es zu glauben. Aber doch, es sei gewiss, erz�hlte man allerorten. Nichts au�er vielleicht der Pest verbreitete sich in Athen so schnell wie ein Ger�cht.</p><p>Wenige Tage sp�ter wurde die n�chste Vollversammlung einberufen. Sie bot ein gespenstisches Bild. Tausende halbverhungerter M�nner mit hohlen Wangen und hohlen Augen schleppten sich auf die Pnyx; kaum hatten sie noch genug Kraft in den Knochen, den Berg zu erklimmen. Die Greise, die noch vor wenigen Monaten auf den vordersten B�nken gesessen hatten, blieben verschwunden, und die Jungen, die ihnen folgten, waren vorzeitig vergreist. Auch an mir schlotterte der Chiton. Wenn mich meine Vorr�te auch durch den Winter gebracht hatten, hatte ich doch viel Gewicht verloren ... Und zwischen diesen mageren Gerippen stand ein kleiner, dicker, wohlgen�hrter Theramenes, der sich wieder alle M�he geben musste, sein Gesicht in gramvolle Falten zu legen. Lysander und die Ephoren hatten diesen Unterh�ndler mehr als augenscheinlich nicht hungern lassen.</p><p>Die Athener nahmen ihre Pl�tze ein und blieben still. Sogar zum L�rmen fehlte ihnen die Kraft, dabei war das L�rmen doch ihre zweite Natur. Trotzdem stand etwas in den glanzlosen Augen der M�nner, das lauter war als jeder emp�rte Zwischenruf. Theramenes baute sich am Rednerpult auf und zog den Mantel eng um die Schultern. Er bemerkte deutlich, wie sehr er sich von uns unterschied, und versuchte zu bedecken, was f�r jedermann so offensichtlich war. Dann berichtete er.</p><p>Nachdem Lysander ihn fortgeschickt habe, sei auch er nach Sellasia an der Grenze zum Gebiet der Spartaner gegangen, um unmittelbar mit den Ephoren zu verhandeln. Dort habe er aber Wochen warten m�ssen, bevor sie �berhaupt nur einen berittenen Boten nach ihm geschickt h�tten. Eines Morgens sei endlich ein junger Offizier in seine Kammer getreten, kaum dass er an die T�r geklopft habe. Der habe ihn nur gefragt, was er wolle und �ber welche Vollmachten er verf�gte. ��ber alle�, habe Theramenes geantwortet. Erst da sei ihm gestattet worden, zusammen mit zwei Begleitern lakonischen Boden zu betreten.</p><p>Die Spartaner brachten Theramenes und seine Freunde in einem schlichten Wohnhaus unter und lie�en ihn erneut warten. Tag und Nacht wurde das Anwesen bewacht. Es war ihnen verboten, auch nur einen Fu� auf die Stra�e zu setzen. Niemand durfte ein Wort an sie richten. Ein alter, taubstummer Sklave brachte ihnen t�glich das Allern�tigste ...</p><p>Das Allern�tigste - bei diesem Wort regte sich Emp�rung in der Versammlung, und Theramenes beeilte sich weiterzusprechen.</p><p>Der Sklave war der Einzige, der das Haus je betrat. Nach drei Wochen des Wartens waren Theramenes und seine Begleiter fest entschlossen, den grausamen Ort wieder zu verlassen und nach Athen zur�ckzukehren. Aber die Wachen lie�en sie nicht vorbei. Am Himmel standen schon die Sternbilder des Fr�hlings, als endlich ein alter Spartanergeneral als Abgesandter der Ephoren zu ihnen kam. Zwei tiefe Narben liefen ihm �ber das m�rrische Gesicht. Seine Haut war von den Wettern gegerbt. Sie baten ihn einzutreten, aber er blieb in dem kleinen Garten vor ihrem Haus stehen. Sie brachten ihm einen Stuhl, aber er setzte sich nicht.</p><p>�Was sollen wir mit euch Athenern nur machen?�, fragte er, nachdem er sie eine Weile gemustert hatte wie seltene Tiere auf dem Markt. �Unsere Verb�ndeten raten uns, eure Stadt zu zerst�ren, eure M�nner zu t�ten und eure Weiber und Kinder zu verkaufen ... Das w�re gewiss auch das Vern�nftigste, was wir tun k�nnten. Aber eure V�ter haben Seite an Seite mit unseren V�tern gek�mpft und die Perser vom griechischen Boden vertrieben. Es gab eine ruhmreiche Zeit f�r euer Stadt. Daher unser Angebot: Ergebt euch und ihr d�rft leben. Ihr k�nnt eure H�fen behalten und Handel treiben. Was von eurer Kriegsflotte �brig ist, liefert ihr aus. Eure Mauern m�ssen fallen. Das ist unser einziges Angebot und das letzte Wort. Geht nach Hause und entscheidet.�</p><p>Mit dieser Nachricht wurden die Athener entlassen. Das war es also: Wie Hunde, die einen Kampf verloren haben, ihrem Bezwinger die ungesch�tzte Kehle offenbaren m�ssen, bevor er von ihnen abl�sst, hatten wir uns g�nzlich der Gnade der Spartiaten zu unterwerfen und ihnen die Stadt schutzlos auszuliefern. Konnten wir uns aber darauf verlassen, dass sie Wort hielten und uns schonten? Konnte es der Hund, der die Schlagader entbl��t?</p><p>Es ist doch ein merkw�rdiges Ding mit den Menschen. Noch vor wenigen Wochen hatte die Forderung der Spartaner, die Mauern zu schleifen, w�tende St�rme entfacht. Unseren ersten Unterh�ndlern hatten wir verboten, �ber die Mauern auch nur zu sprechen. Und nun? Zerm�rbt und hungrig nahmen wir es hin, wie Theramenes sie den Ephoren als Morgengabe �berlie�, ohne zu wissen, was das gewaltige Spartanerheer tun w�rde, wenn sich die jungfr�uliche Athene vor den Augen dieser M�nner entbl��t und sich der Gnade der Spartiaten �berantwortet h�tte. Mehr noch: Mit den wenigen Tieren, die wir noch besa�en und nicht geschlachtet hatten, rissen wir selbst noch die Mauer ein, und die J�nglinge der Stadt spielten Musik dazu.</p><p>Als der erste Quaderstein der Mauer fiel, fiel Athen. Wir ergaben uns ohne einen einzigen Schwerthieb. Als die Mauer niedergerissen war, �ffneten wir unsere Tore und senkten die H�upter. Drau�en wartete schon das ruhmreiche spartanische Heer. Der Krieg war zu Ende, wir waren besiegt. Lysander fuhr in Pir�us ein.</p></section><section><title><p>&#x3BE;</p></title><p>ich hatte vom t�r aus beobachtet, wie sie die Mauer schleiften. Von dort aus sah ich auch das Heer des Feindes heranr�cken. Noch bevor der erste eisenbeschlagene Spartanerstiefel aber athenischen Boden ber�hrte, verlie� ich meinen Posten, um zu meiner Frau und meinen Kindern zu kommen, die zu Hause warteten. Schon vor einigen Monaten hatten wir im Keller einen kleinen, nur �ber eine verborgene Fallt�r erschlossenen Raum eingerichtet und mit Betten, Decken, Wasser und Vorr�ten ausgestatten, um uns dort einige Tage zu verstecken. Dorthin wollten wir uns nun zur�ckziehen, um zu sehen, ob die Spartaner ihr Wort halten und unser Leben vorschonen w�rden. Aspasia erwartete mich gespannt. Sie hatte die Kinder bereits nach unten geschickt, aber selbst nicht in den Keller gehen wollen, bevor ich nicht dazukam. Ich k�sste sie dankbar und nickte, als ich ihren fragenden Blick sah. Das gen�gte, und sie wusste, dass Mauern und Stadt gefallen waren. Aspasia schlug kurz die Augen nieder, besann sich aber schnell. Der weibliche Geist ist in den Momenten der Gefahr sehr viel mehr auf die Familie und den eigenen Hausstand gerichtet als auf den Staat. Die Frau trauert daher weniger um den Verlust einer Stadt als der Mann und sorgt sich mehr darum, im Augenblick der Gefahr ihre N�chsten um sich zu scharen.</p><p>Aspasia dr�ngte zum Aufbruch. Ich suchte aber noch einen alten Bogen, um ihn mit nach unten zu nehmen. An der Waffe selbst lag mir nichts, aber ich wollte sie unter keinen Umst�nden in den H�nden des Feindes wissen. Ich konnte sie aber im ganzen Haus nicht finden. Endlich erinnerte ich mich, den Bogen im Schuppen gelassen zu haben, als ich meinen S�hnen zuletzt Unterricht gegeben hatte. Aber auch dort suchte ich vergeblich. Ich �ffnete gerade eine alte Truhe, um nachzusehen, ob ich ihn vielleicht dort verstaut hatte, als ich h�rte, wie das gro�e Eingangstor ins Schloss fiel. Ich ging sofort hinaus, konnte aber weder im Garten noch im Gang eine Menschenseele entdecken. Sicher, mich get�uscht zu haben, gab ich die Suche auf und ging in die K�che, wo der Einstieg zu unsrem Versteck offen stand. Ich kletterte hinunter und fand Aspasia allein.</p><p>�Wo sind denn die Kinder?�, fragte ich, w�hrend ich meinen Harnisch abnahm. Aspasia richtete gerade unser Lager.</p><p>�Ich dachte, bei dir!�, antwortete sie, und ihre Augen weiteten sich vor Schrecken.</p><p>�Das Tor! Sie m�ssen hinaus sein!�, rief ich entsetzt. Sofort legte ich meine Waffen wieder an und beeilte mich, nach oben zu kommen. Schneller als ich indessen war Aspasia auf der Leiter und kletterte geschwind wie eine Katze hinauf. Erst beim Eingangstor konnte ich sie einholen und festhalten.</p><p>�Aspasia, bleib hier!�, sagte ich. �Wer wei�, was die Spartaner mit euch Frauen machen!� Sie aber riss sich los wie eine Furie, schrie: �Die Kinder� und st�rmte so schnell davon, wie ich sie noch nie habe laufen sehen, ja schneller, als ich selbst laufen konnte. Ich hatte gr��te M�he, ihr nur zu folgen; sie einzuholen war unm�glich. Wir rannten durch die verwinkelten Gassen des Kerameikos, die sich wie leergefegt vor uns auftaten. Offenbar hatten die Athener getan, was uns nun misslungen war, und alle in ihren H�usern und Kellern Schutz vor den Soldaten gesucht.</p><p>�Zum Tor!�, rief ich Aspasia zu, als sie f�r einen Moment z�gerte und nicht wusste, welchen Weg sie einschlagen sollte. �Sie haben den Bogen!�</p><p>Die Nachricht entsetzte sie erneut; augenblicklich sprengte sie mit noch gr��erer Wut los als zuvor. Wir rannten, bis wir endlich zum Dromos kamen, auf dem die spartanische Armee schon wie ein gewaltiger Tausendf��ler voranschritt. Das Doppeltor war offen. Der Feind nahm Besitz von unserer Stadt, aber da war kein St�rmen und Pl�ndern. Die Spartiaten marschierten ein mit dem ihnen eigenen Ernst und der ihnen eigenen Disziplin.</p><p>Ein spartanischer Hauptmann, sechs Fu� gro� und breit wie ein B�r, stand an der Seite und �berwachte seine Truppe. Ungeachtet der schweren Schritte seiner Soldaten musste er uns geh�rt haben, denn er drehte sich pl�tzlich zu uns und griff nach dem Knauf seines Schwertes, z�gerte aber, es auch zu ziehen. Einen Wimpernschlag lang trafen sich unsere Blicke. Seine Augen schienen schwarz unter der schweren Sturmhaube, funkelnd und entschlossen. Was aber mag er gesehen haben? Einen verr�ckten Athener und eine von Wahnsinn gezeichnete Frau? Dann entdeckte er mein Schwert an meiner H�fte und zog blank.</p><p>�Wir suchen unsere Kinder!�, rief ich ihm zu und hob abwehrend die Arme. Im gleichen Augenblick schwirrte ein Pfeil durch die Luft. Er war ungeschickt geschossen, und der Spartaner hatte keine M�he, ihn mit seinem Schild abzuwehren. Das Geschoss war hinter mir abgefeuert worden. Ich drehte mich um und entdeckte meine S�hne auf dem flachen Dach eines Ladens, wie sie mit zitternden H�nden und bleichen Gesichtern schon den n�chsten Pfeil auf die Sehne legten.</p><p>�H�rt auf!�, kreischte Aspasia mit einer Stimme, die sich �berschlug, bevor ich �berhaupt etwas sagen konnte . Die beiden lie�en den Bogen augenblicklich fallen.</p><p>�Deine S�hne?�, fragte mich der Spartiate.</p><p>�Ja, bitte, es sind noch Kinder�, stammelte ich.</p><p>Der Hauptmann drehte sich wieder den Soldaten zu, die in Richtung Agora marschierten.</p><p>�Geh nach Hause!�, kommandierte er �ber die Schulter hinweg. Dann beachtete er mich nicht mehr.</p><p>Nach diesem Erlebnis waren wir sicher, dass die Spartaner uns tats�chlich verschonen w�rden, wie sie dies versprochen hatten, und so war es denn auch. Lysander soll zwar, nachdem die Stadt erobert war, eine Botschaft an die Ephoren geschickt haben, mit den Worten, Athen sei genommen, um sich zu vergewissern, dass er die Stadt nicht doch zerst�ren sollte. Die Antwort lautete aber nur: �Einnahme gen�gt.� So jedenfalls hat es mir Xenophon erz�hlt, nachdem er mit einem Offizier aus Lysanders Gefolge Freundschaft geschlossen hatte.</p><p>Die Spartaner verschonten uns also. Gleichwohl entschieden Aspasia und ich uns daf�r, die unverderblichen Lebensmittel vorl�ufig in unserem Kellerversteck zu lassen, und dort verbarg ich auch meine Waffen - eine kluge Entscheidung, wie sich noch zeigen sollte. Tats�chlich war die Gefahr f�r Athen und unser Leben nicht gebannt. Sie drohte nur von ganz anderer Seite: sie drohte von uns selbst.</p><p>Die Athener merkten schnell, dass die Spartaner sie nicht versklaven w�rden, und so kehrte die Stadt ungeachtet der Besetzung durch feindliche Truppen mit geradezu atemberaubender Geschwindigkeit zu dem Leben zur�ck, das hier vor der Belagerung gef�hrt worden war. Nur wenige Tage nach dem Einmarsch der Truppen �ffneten die ersten H�ndler wieder ihre L�den, und es dauerte h�chstens eine Woche, bis in Pir�us wieder Handelsschiffe vor Anker gingen. Bald war die Stadt gut mit Hirse und Korn versorgt: Wir waren nun einmal geborene H�ndler.</p><p>Die spartanischen Soldaten sahen dem Treiben auf den M�rkten zun�chst noch mit strenger und ver�chtlicher Miene zu. Jede Verbr�derung war ihnen verboten; und doch nahmen sie dann und wann, wenn ihre Hauptleute es gerade nicht sahen, die eine oder andere dargebotene Dattel aus der Hand eines freundlichen Kaufmanns an. Der Dattel folgte ein Becher Wein als Gastgeschenk, manchmal auch eine kleine M�nze, und sehr schnell waren die Gesichter gar nicht mehr so streng. Den gef�rchteten Hauptleuten ging es nicht anders. Nur wurden sie von weitaus verlockenderen und gef�hrlicheren Versuchungen umworben als ihre einfachen Soldaten, von den S�hnen und T�chtern Aphrodites, die Athen so zahlreich beherbergt. Nicht dass den Spartanern der Genuss der Geschlechtlichkeit unbekannt gewesen w�re. Allein, eher an grobe Kost und Blutsuppe denn an feine Verlockungen gew�hnt, ergaben sich die Krieger bereits den schlichteren K�nsten unserer Sch�nen beinahe kampflos. Dazu machten sich unsere Schneider, Kunsthandwerker und Goldschmiede - allen voran Raios - ein ganz spezielles Vergn�gen daraus, den hohen Offizieren ihre feinen Athener Waren vorzuf�hren und die Ares-S�hne so lange zu bet�ren, bis sie f�r ein Fl�schchen Parf�m oder einen Ohrring ihre Waffen einzutauschen bereit waren. Wer aufmerksam beobachtete, sah abends bald schon die ersten goldenen Spangen an den spartanischen Feldm�nteln blinken, und f�r ein Stelldichein mit einem h�bschen Knaben soll sogar Lysander seine Haare parf�miert haben - berichtete jedenfalls Xenophon, dem es wiederum sein spartanischer Freund erz�hlt haben soll. Kurzum: Athen war erobert, aber nicht besiegt. Weit davon entfernt, sich dem Joch der Spartaner zu unterwerfen, dauerte es nicht lange, bis aus unseren spartanischen Besatzern Athener wurden.</p><p>Ein Athener aber braucht Geld, und die h�sslichen spartanischen Eisengroschen wollte niemand haben. Wie bezahlten die Offiziere also die Vergn�gen, denen sie sich fern ihrer strengen Heimat hingaben? Ich erfuhr es, als uns mein Schwiegervater an einem sch�nen Fr�hlingsabend besuchen kam. Der Tag war mild gewesen und blieb es noch in den Sonnenuntergang hinein. Wir setzen uns zu dritt unter den Feigenbaum. Die Jungs tobten um uns herum. Sie spielten Athener und Spar-tiate. Nat�rlich musste der kleinere immer den ungeliebten Spartaner geben und verlieren. Raios war bester Laune. Seine Warze schien auf seinem breiten L�cheln auf- und abzuh�pfen, sein Sch�del gl�hte schon nach dem ersten Schluck. Er brannte f�rmlich danach, uns von den Gesch�ften zu erz�hlen, die er an jenem Tag gemacht hatte.</p><p>Irgendein spartanischer T�lpel, ebenso eitel wie verliebt, hatte einen Armreif f�r sich und ein s�ndhaft teures Geschmeide f�r eine Kurtisane gekauft - keine andere als Lais, wie Raios vollmundig behauptete.</p><p>�Und wie hat dein verliebter Spartaner bezahlt?�, fragte ich ein wenig spitz, zumal ich ihm seine kaufm�nnischen Abenteuer nie ganz glauben konnte. Raios griff mit breitem Grinsen in den G�rtel und zog eine Goldm�nze hervor, die er in hohem Bogen auf den Tisch warf. Es war ein gl�nzender, goldener Dareikos -persisches Geld - und so viel wert wie zwanzig Silberdrachmen.</p><p>W�hrend Raios seine Gespr�che mit dem verliebten Soldaten schenkelklopfend in allen Einzelheiten schilderte, nahm ich die schimmernde M�nze an mich und betrachtete sie genau. Sie schien mir neu, soweit ich es beurteilen konnte, die Pr�gung war klar und unversehrt. Nicht der kleinste Kratzer lief �ber das hochm�tige Profil des Gro�k�nigs, das auf der M�nze prangte. Unwillk�rlich kam mir Sokrates in den Sinn, der bei der denkw�rdigen Vollversammlung nach dem Untergang unserer Flotte diese eine Frage aufgeworfen hatte. <emphasis>�Woher hat Sparta die Schiffe? Woher hatte Sparta das Silber f�r ihren Bau?�</emphasis> Und noch ein Gesicht sah ich vor mir, w�hrend der persische Dareikos zwischen meinen Fingern blinkte: das Gesicht des persischen Kapit�ns mit der kleinen Nase und dem dunklen Bart, der das Kinn umrahmte. Vielleicht, so dachte ich mir, vielleicht ist Sokrates' Frage einfach nur in einem einzigen Punkt falsch gestellt. Vielleicht brauchten die Spartaner gar kein Silber f�r ihre Flotte, sondern bezahlten mit Gold.</p><p>F�r den n�chsten Tag war wieder eine Vollversammlung einberufen, aber ehe ich mich auf den Weg zur Pnyx machen konnte, erhielt ich Nachrichten aus Pir�us, gl�ckliche Nachrichten, wie ich glaubte. Mein Schiff war eingekommen, das Schiff mit seiner Fracht aus Mazedonien, auf das ich im letzten Herbst vergeblich gewartet hatte. Der ebenso kluge wie erfahrene Kapit�n hatte beidrehen lassen, als er die �g�is von den Spartiaten blockiert fand, und war nach Mazedonien zur�ckgekehrt, wo er Unterkunft fand, bis der Seeweg wieder frei war. Nun war er hier, um seinen Kontrakt zu erf�llen, und mein lieber Freund Chilon lie� sofort nach mir schicken, damit ich die Fracht in Besitz nehmen konnte.</p><p>Nat�rlich sattelte ich gleich Ariadne, um mit ihr und dem Boten - kein anderer als der Fl�chtling aus Lampsakos, den Chilon bei sich aufgenommen und w�hrend der gesamten Zeit der Belagerung beherbergt hatte - auf schnellstem Wege zum Kantha-ros zu kommen. Ich versp�rte, wie ich gestehen muss, ohnehin keine Neigung, eine Vollversammlung zu besuchen, die unter der wachen Aufsicht spartanischer Soldaten stand. Was sollte man schon beschlie�en? Etwa Widerstand gegen die Besatzer? Es w�rden sich doch wieder nur einige Leute wichtigtun und �ber Belanglosigkeiten streiten. Mit Grausen dachte ich an den kleinen Theramenes mit dem dicken Bauch und dem dauernden Grinsen und gab einem beherzten Ritt und der Arbeit am Hafen deutlich den Vorzug vor einer seiner Reden. - Und so kam es nun einmal, dass ich ausgerechnet die Versammlung verpasste, deren Verlauf und Ergebnis das Schicksal Athens f�r die n�chsten Monate bestimmen und die der Ursprung von so viel Leid, Ungl�ck und Verbrechen sein sollte: Ich erinnere mich gut, wie ich mir am Abend nach meiner R�ckkehr aus Pir�us noch die F��e vertreten ging. Die Arbeit war getan, die Ladung �berpr�ft, gel�scht und von einigen Tagel�hnern in meine Keller gebracht worden. Ich f�hlte mich wohl wie nach einem warmen Bad und meinte, allen um mich herum m�sste es ebenso gehen. Sollte ich nicht bemerkt haben, was um mich herum geschah, die Gr�pp-chen �bersehen, die sich �berall bildeten, und das Getuschel der Menschen �berh�rt? Ich muss gestehen, so war es, leider.</p><p>Am Ares-Tempel sah ich Xenophon. Er unterhielt sich mit ein paar fremden Soldaten; nichts schien ihn in jenen Tagen mehr zu interessieren als das Milit�r.</p><p>�Xenophon, mein Freund!�, gr��te ich von Weitem, als er sich auch schon aus der Gruppe l�ste und, aus Freundespflicht, wie mir schien, zu mir kam. Mit ihm hatte ich gar nicht gerechnet. Ich war gerade auf dem Weg zum Hause Simons, um dort vielleicht Sokrates zu treffen, den ich schon lange nicht gesehen hatte.</p><p>�Ich wollte dich nicht st�ren�, sagte ich entschuldigend, �bleibe ruhig bei deinen Kameraden. Ich mache nur einen kleinen Abendspaziergang.�</p><p>�Nein, ich wollte sowieso los�, antwortete er und legte mir vertraulich den Arm um die Schulter. �Ich begleite dich gerne ein St�ck.�</p><p>�Du sprichst viel mit den Spartanern in letzter Zeit�, bemerkte ich, als wir ein paar Schritte gegangen waren.</p><p>�Findest du das falsch?�, fragte er sofort.</p><p>�Nein, es fiel mir nur auf. Was zieht dich so zu ihnen?�</p><p>�Wei�t du, Nikomachos�, antwortete er, �ich glaube, es sind gar nicht die Spartaner, die mich so anziehen. Es ist das Fremde, das mich nicht mehr losl�sst, und Athen, das mich abst��t.�</p><p>�Du willst fort?�</p><p>Xenophon nickte, fast versch�mt.</p><p>�Wei�t du�, sagte ich, als wir schon vor Simons Werkstatt standen, �ich glaube nicht, dass etwas falsch daran ist, wenn es dich wegzieht. Du bist ein junger Mann. Du hast keine Frau und keine Kinder. Wenn du die Welt kennenlernen willst, ist das der beste Moment. Ich will dich nur um eins bitten ...�</p><p>�Ja?�, fragte er gespannt.</p><p>�Sprich mit Sokrates.�</p><p>Xenophon versprach es. Er schien mir erleichtert. Dabei hatte ich kaum verstanden, was ihn so bewegte und was ihn wegtrieb.</p><p>Ich klopfte an und trat bei Simon ein. Xenophon folgte mir. Der strenge Geruch von frisch gegerbtem Leder stand im Raum. Simon sa� auf einem Schemelchen und trieb w�tend einen Nagel in eine Sohle.</p><p>�Er ist nicht da!�, sagte er, ohne aufzusehen, nahm den n�chsten Nagel aus dem Mund und schlug ihn mit beinahe noch gr��erer Wut in den Schuh.</p><p>�Hast du ihn denn heute schon gesehen?�</p><p>�Seit der Versammlung nicht mehr.�</p><p>Wir machten, dass wir davonkamen. Simon war an sich ein umg�nglicher Mensch, aber hin und wieder wurden ihm die vielen Sokratessch�ler doch zu anstrengend. Dann wurde er einsilbig, und wenn auch das nichts half, warf er jeden aus dem Laden, der nichts mit Schuhen zu tun hatten. Xenophon und ich kannten seine Launen allzu gut und suchten schnell das Weite.</p><p>�Wie war eigentlich die Versammlung?�, fragte ich, nachdem wir wieder vor dem Tholos-Geb�ude standen. Die Sonne ging gerade unter und tauchte die H�user um uns in bronze-farbenes Licht.</p><p>�Das wei�t du nicht?�, rief Xenophon aus. �Warst du denn nicht auf der Pnyx?�</p><p>�Nein�, antwortete ich entschuldigend, �ich war am Hafen. Eines meiner Schiffe ist eingelaufen.�</p><p>�Dann hast du aber etwas vers�umt�, meinte Xenophon. �Stell dir vor: Die Prytanen� und dieses Wort unterstrich er mit einer abf�lligen Geste in Richtung Rathaus, �haben vorgeschlagen, ein Gremium zu w�hlen, das die Gesetze der Stadt �berarbeiten und Athen dann nach diesen neuen Gesetzen regieren soll.�</p><p>�Regieren? Du meinst, sie haben eine neue Regierung eingesetzt, die auch noch die Gesetze umzuschreiben darf?�</p><p>�Genau so ist es!�, best�tigte er mit allem Nachdruck.</p><p>�Aber, das ... das ist das Ende der Demokratie! Sie haben eine Oligarchie eingesetzt!�</p><p>�Genau, das haben sie getan.�</p><p>Ich musste mich setzen.</p><p>�Und das Volk hat das einfach so hingenommen?�</p><p>Xenophon zog die Augenbrauen hoch. �Das Volk war nicht da�, antwortete er lapidar. �Die Pnyx war leer. Es waren vielleicht tausend Stimmb�rger oben. Niemand hat es f�r m�glich gehalten, dass bei dieser Versammlung irgendetwas Wichtiges beschlossen werde k�nnte - bis auf diejenigen nat�rlich, die alles eingef�delt haben.�</p><p>�Mein Gott, was f�r ein Betrug�, st�hnte ich und sch�ttelte ungl�ubig den Kopf. �Und wer geh�rt jetzt zu dieser Regierung?�</p><p>Xenophon biss sich auf die Lippen. Es war, als fluchte er innerlich, weil ausgerechnet er es sein musste, der mir diese Neuigkeit �berbrachte, und gleich sollte ich auch erfahren, warum.</p><p>�Sprich!�, sagte ich trocken. Xenophon nahm sich viel zu viel Zeit f�r die Antwort, und mich �berkam eine dunkle Ahnung.</p><p>�Es sind drei�ig M�nner�, begann er langsam, �alle aus den reichsten Familien, wie du dir denken kannst. Ich konnte mir gar nicht alle Namen merken: Theramenes ist nat�rlich dabei ... Das kannst du dir sicher denken. Auch einige andere Namen sind bekannt: Polychares, Melobios, Eratosthenes, Hip-pomarchos ...� Xenophon zuckte mit den Schultern.</p><p>�Xenophon�, sagte ich und sah ihm in die Augen, �auch Kritias?�</p><p>Er wich meinem Blick aus und blickte zu Boden. �Auch Kritias!�</p><p>Die Antwort traf mich wie ein Schlag. Obwohl ich f�hlte, wie meine Beine zitterten, drehte ich mich um und rannte davon. Dabei wusste ich noch nicht einmal, wohin ich sollte, rechts, links, geradeaus, zur�ck. Es war mir einerlei. Ich wusste nur, dass ich mich bewegen musste ... Ich musste etwas tun ... Es war ein Albtraum. Warum nur bestraften mich die G�tter so? Mein Feind war am Ziel seiner W�nsche!</p><p>�Lass mich gehen!�, blaffte ich Xenophon an. Der arme Kerl war mir hinterhergelaufen und versuchte, mich zu beruhigen, aber ich machte mich los von ihm. Unentschlossen und taumelnd ging ich weiter. Die Leute auf dem Markt sahen mich an, als w�re ich betrunken. Es war mir gleich. Xenophon folgte mir noch ein paar Schritte, dann blieb er stehen und sah mir best�rzt nach. Ich konnte keinen Gedanken fassen. Erst als ich meinen Kopf in das kalte Wasser eines Brunnens gesteckt hatte, wurde mir klar, mit wem ich jetzt sprechen musste: Thrasybulos. Nur hatte ich ihn seit Monaten nicht gesehen. Ich wusste nicht einmal, ob er �berhaupt noch am Leben war; ich musste ihn suchen.</p><p>Thrasybulos' Haus lag in der N�he des Musenh�gels, ein kleines und unscheinbares Backsteinhaus ohne Zierde und Pomp. Die Nacht war schon hereingebrochen, als ich es erreichte, und ich fand es in vollkommener Dunkelheit. Nicht der geringste Lichtschein drang durch die fest verschlossenen L�den, kein Laut war zu h�ren. Ich klopfte, so fest ich konnte, gegen die Pforte und rief immer wieder nach ihm. Nichts r�hrte sich, bis sich endlich ein Nachbar meiner erbarmte, aus dem Fenster des Nebenhauses herausschaute und mir sagte, mein Warten sei vergeblich, Thrasybulos' Haus stehe seit Monaten leer.</p><p>�Wo ist er denn hin?�, fragte ich den Mann. Der schloss aber schon wieder die L�den und meinte nur noch, ich solle mich davonmachen.</p><p>Thrasybulos, wo mochte er sein? W�hrend der gesamten letzten Jahre, seit meiner vermaledeiten Suche nach Perianders M�rder, war er meine einzige Verbindung zu den Demokraten geblieben. Politischen Ehrgeiz hatte ich nie besessen und es deswegen auch nicht f�r n�tig befunden, weitere Beziehungen zu dieser Partei zu unterhalten. Wen konnte ich jetzt ansprechen? Wer k�nnte zumindest wissen, wo Thrasybulos sich aufhielt?</p><p>Endlich kam mir ein Gedanke. Ein Verbindungsglied zu den Demokraten hatte es stets gegeben, selbst zu Zeiten, als ich dies weder wusste noch w�nschte. Dass er fast am anderen Ende der Stadt wohnte, sollte mich jetzt nicht aufhalten: Auf zu den Met�ken, auf zu meinem alten Schreiber!</p><p>Aus Mysons Haus drang Licht. Die schwache Flamme eines kleinen �ll�mpchens schimmerte durch die halb ge�ffneten Fensterl�den. Als ich hineinsp�hte, sah ich ihn an seinem gro�en Holztisch sitzen. Er kopierte mit den mir v�llig vertrauten Gesten ein Buch.</p><p>�Myson�, fl�sterte ich seinen Namen. Er stand sofort auf und �ffnete die T�r. Freudig k�ssten wir uns auf die Wangen, aber ich erschrak, als ich sein d�nnes K�rperchen unter meinen H�nden f�hlte. Jede einzelne Rippe sp�rte ich unter seinem Gewand; beinahe erinnerte mich sein Leib an die tote Teka. Nat�rlich, als Met�ke muss er unter der Hungersnot ganz besonders gelitten haben, zumal er zu alt war, um noch Waffen zu tragen. Ich f�hlte einen Stich im Herzen und bereute bitter, mich in den Hungermonaten so gar nicht um ihn gek�mmert zu haben.</p><p>�Du bist d�nn geworden�, begr��te ich ihn denn auch. �Wieso hast du dich nicht bei mir gemeldet? Ich h�tte dir helfen k�nnen.�</p><p>�Du hattest deine eigenen Sorgen�, antwortete er verlegen und entzog sich meiner Umarmung wie ein sch�chternes M�dchen, das nicht will, dass man seinen K�rper ertastet. �Aber es geht schon wieder. Ich muss nur vorsichtig sein und meinen alten Magen schonen. Der Hunger hat ihm zugesetzt. Ich kann ihn erst nach und nach wieder an ausreichende Nahrung gew�hnen. Aber komm rein, Nikomachos, was f�hrt dich zu mir?�</p><p>�Hast du schon geh�rt?�, fragte ich, nachdem ich eingetreten war und die T�r verschlossen hatte.</p><p>�Ja, das habe ich.� Er wusste sofort, was ich meinte.</p><p>�Und?�</p><p>Myson zuckte mit den Schultern.</p><p>�Ich bin ein alter Mann�, sagte er und l�chelte verzagt. �Ich f�rchte mich nicht mehr. H�tte ich Kinder oder Enkel, w�rde ich mich sorgen. Aber ich bin allein. Meine Frau wartet schon lange auf mich ...�</p><p>Er setzte sich. Jede Bewegung fiel ihm schwer. Erst jetzt, im Schein der Lampe, sah ich sein Gesicht deutlicher. Seine Haut war wie trockener Papyrus. Es war, als h�tte er sich in eines seiner B�cher verwandelt. Myson schien unendlich gealtert und unendlich m�de.</p><p>�Es tut mir leid, dass ich mich nicht um dich gek�mmert habe, Myson�, sagte ich mit einem Klo� im Hals.</p><p>�Entschuldige dich nicht�, wehrte er ab. �Du hast eine Familie, um die du dich k�mmern musstest. Du hast das Richtige getan. Ich h�tte es nicht anders gewollt ... Aber jetzt sprich, wie kann ich dir helfen?�</p><p>�Thrasybulos, wei�t du, wo er ist?�</p><p>Myson nickte. �Ja, ich habe Nachrichten von ihm. Es geht ihm gut. Er ist in Theben, zusammen mit der ganzen Besatzung seines Schiffes.�</p><p>Ich sch�ttelte den Kopf. Ich verstand nicht.</p><p>�Thrasybulos hatte eine Triere unter sich. Sie kreuzten vor Samos. Als er erfuhr, was mit unserer Flotte geschehen war, wollte er nach Athen zur�ck, fand das Meer aber schon von den Spartanern blockiert. Er konnte gerade noch beidrehen. Sie umschifften Eub�a und flohen nach Theben. Dort hat er mit seiner Mannschaft bei Freunden Unterschlupf gefunden. Seitdem wartet er dort.�</p><p>�Was wird er tun?�, fragte ich.</p><p>Myson zuckte mit den Schultern. �Ich wei� es nicht. Von der Versammlung heute kann er noch nichts erfahren haben.�</p><p>�Bist du sein Mittelsmann hier? Ich meine, schickst du ihm Botschaften, um ihn auf dem Laufenden zu halten?�, fragte ich.</p><p>Myson z�gerte einen Augenblick, bevor er nickte.</p><p>�Das ist gut�, sagte ich. �Ich glaube, du solltest ihm schreiben. Er muss wissen, was heute geschehen ist. Gr��e ihn von mir. Schreib ihm, ich versuche hier zu bleiben, solange es geht.�</p></section><section><title><p id="bookmark17">&#x3B7;</p></title><p>ich kam sp�t nach Hause in jener Nacht. Trotzdem war As-pasia noch nicht zu Bett gegangen. Sie erwartete mich in der K�che am Kaminfeuer sitzend.</p><p>�Schlechte Nachrichten?�, fragte sie, als sie mich eintreten sah.</p><p>�Sehr schlechte Nachrichten�, erwiderte ich und setzte mich ersch�pft zu ihr.</p><p>Wortlos reichte sie mir einen Becher Wein. Er war kaum gemischt; gerade so, wie ich es mochte. Ich trank und sah in die Flammen. Aspasia legte mir eine Hand auf die Schulter.</p><p>�Hast du es schon geh�rt?�, fragte ich. Sie nickte. Ihr Vater war hier gewesen. Er hatte ihr von der Versammlung erz�hlt.</p><p>�Was h�lt er davon?�</p><p>�Er hat gelacht. Du kennst ihn ja. Er macht sich um nichts Sorgen.�</p><p>�Und du?�</p><p>�Ich glaube, wir sind in Gefahr�, antwortete sie. Sie war ganz ruhig bei dieser Feststellung.</p><p>�Das denke ich auch. Er kann meinen Auftritt vor dem Areopag nicht vergessen haben.�</p><p>Aspasia erhob sich langsam und strich mir �ber den Nacken.</p><p>�Komm zu mir�, sagte sie in ungewohnter Offenheit und lie� ihr Gewand vor meinen Augen fallen. Das Feuer zeichnete einen goldenen Schimmer auf ihre nackte Haut. Das �ppige schwarze Haar fiel ihr �ber die Schultern auf die wei�en Br�ste. Ich erhob mich und k�sste sie. Mein Herz schlug wie wild. Ihre Lippen schmeckten nach Honig, nach Wein. Der bet�rende Geruch ihres weiblichen K�rpers stieg mir in die Nase, eine Mischung von Bl�tenduft, Haut und Haar. Sie l�ste meinen Chiton und schmiegte ihren schlanken K�rper an mich. Ihr Bauch schien zu gl�hen, wie sie ihn gegen meine Lenden dr�ckte. Ich umarmte sie und umfasste ihren festen Po. Aspasia seufzte leise. Dann zog sie mich zu Boden, wo ein dickes Fell den Eingang zu unserem Kellerversteck verbarg. Sie �ffnete ihre Beine und nahm mich sofort auf. Ich musste achtgeben, mich nicht gleich in ihr zu verlieren wie ein J�ngling. Ich sah sie an. In ihren Augen spiegelten sich die Flammen. F�r einen Moment wusste ich nicht, ob sie ein Mensch, ein Tier oder eine G�ttin sein mochte. Sie war so sch�n, dass ich ihren Anblick kaum ertragen konnte. Ich schloss die Augen, f�hlte ihren K�rper, lauschte ihrem Atem, roch ihren Duft und glaubte irgendwann ganz mit ihr zu verschmelzen.</p><p>In jener Nacht hatte ich einen Traum, an den ich mich selbst heute noch nur mit Furcht und Scham erinnere. Ich fand mich bei der gro�en Panathen�enfeier inmitten von Freunden und Nachbarn. Ich wusste, mein Vater h�tte bei mir sein sollen, aber er war nirgendwo zu sehen. Wir standen eng beieinander und warteten, bis die gesamte Prozession aus jungen M�dchen, Edelfrauen und W�rdentr�gern an uns vorbeigezogen war. Dann kamen die Wagenlenker. Schon von Weitem erkannte ich Lykon, der sich l�stern an Kritias schmiegte. Ich wollte meinen Blick von ihnen wenden, aber es gelang mir nicht. Als die beiden gerade an mir vorbeifuhren, streckte Lykon sich mir entgegen, als wollte er meine H�nde fassen. Kaum hatte er mich ber�hrt, sah ich nicht mehr ihn, ich sah Aspasia vor mir. Erschrocken lie� ich ihre H�nde los, sie entschwand unerreichbar. Wie ein vergifteter Dolch bohrte sich mir etwas in die Seele. Ich versuchte Aspasia nachzulaufen, aber die M�nner meines Demos hielten mich an H�nden und F��en fest, bis sie nicht mehr zu sehen war.</p><p>Es wurde Morgen, als sie mich weckte. Ein erster grauer Lichtstrahl fiel durch die Fensterl�den. Wir lagen noch immer auf dem Fell. Das Feuer im Kamin war erloschen. Aspasia hatte eine Decke �ber uns gelegt, damit wir nicht froren. Sie reichte mir eine Schale Milch und wartete, bis ich in Ruhe ausgetrunken hatte. Erst dann begann sie zu sprechen.</p><p>�Ich habe Angst um die Kinder�, sagte sie. �Ich glaube, wir sollten nicht in Athen bleiben. Wir sind in Gefahr.�</p><p>Ich legte mich zur�ck und sah an die Decke. Das goldene Licht der Herdflammen war erloschen. Der Raum war grau und traurig wie der fr�he Morgen.</p><p>�Du willst wirklich weg?�, fragte ich.</p><p>�Ja, wir m�ssen, ich bin mir sicher.�</p><p>Sie strich mir durchs Haar. Ich wusste, sie hatte recht. Es gab keinen Zweifel. Die Kinder waren in Gefahr. Wir mussten sie sch�tzen.</p><p>�Ich werde euch zu Chilon nach Pir�us bringen�, sagte ich.</p><p>�Und du?�, fragte sie leise.</p><p>Ich antwortete nicht.</p><p>Am n�chsten Abend, kurz nach Sonnenuntergang, brachen wir auf. Aspasia hatte den Tag mit Packen zugebracht, w�hrend ich versucht hatte, einige Erkundigungen einzuziehen. Ich konnte nicht glauben, dass die Athener ihre Stadt Kritias und einer Handvoll Aristokraten ohne Gegenwehr �berlassen w�rden, die Stadt, die sie selbst errichtet, gef�hrt und gelenkt hatten. Aber so geschah es; tats�chlich scherte sich einfach niemand darum. Die Menschen waren froh, den Krieg und die Belagerung heil �berstanden zu haben. Jetzt bauten sie ihre Gesch�fte wieder auf und sahen zu, wie sie ihre Familien satt bekamen. Wer Athen nun regierte, das k�mmerte sie nicht.</p><p>�Was soll schon passieren?�, sagte Raios in seiner Goldschmiede, den ich an jenem Tag zuletzt besuchte. �Du siehst schwarz. Lass sie sich ein bisschen austoben! Bevor die Drei�ig etwas anrichten k�nnen, schicken die Athener sie l�ngst wieder zum Teufel! Die Menschen hier haben einen Perikles dreimal angeklagt und einen Alkibiades davongejagt, was will ein Kritias da ausrichten? Lass uns mit den Spartanern unsere Gesch�fte machen und k�mmere dich nicht um diesen Haufen Trottel!�</p><p>Und so wie Raios dachten die meisten.</p><p>Ich war wieder auf dem Weg nach Hause und �berlegte, ob die Entscheidung f�r Pir�us nicht �bereilt war, als mir ein Trupp Toxotai entgegenkam. Es waren sechs Soldaten in voller Montur, ger�stet mit Bogen und Weidenruten. Ich kannte die meisten noch aus meiner Zeit als Hauptmann.</p><p>�Na, wohin geht es denn?�, rief ich ihnen zu, als sie meinen Weg kreuzten.</p><p>�Ah, der alte Hauptmann!�, antwortete der Anf�hrer des Trupps, und auch die anderen murmelten eine Begr��ung. �Wir sind auf dem Weg zur Kaserne. Es gibt einen neuen Kommandanten, der uns sehen will!�</p><p>�Einen neuen Hauptmann?�, fragte ich erstaunt und beeilte mich, mit der Patrouille mitzulaufen. �Es wurde doch noch gar kein neuer Hauptmann gew�hlt! Was ist denn mit dem alten geschehen?�</p><p>Der Soldat hob die Arme. �Davon wei� ich nichts�, erwiderte er. �Sie haben uns nur gesagt, wir h�tten einen neuen Kommandanten. Er will uns sehen. Er soll gestern eingesetzt worden sein.�</p><p>�Und wie hei�t er?�, fragte ich entgeistert.</p><p>�Keine Ahnung�, antwortete der Truppenf�hrer und sah verlegen an mir vorbei. Es kam ihm seltsam vor, dass ich einfach mit ihm mitmarschierte. �Aber ein paar Kameraden kennen ihn. Es soll ein erfahrener Soldat sein ... He, Aritos!�, rief er einem der j�ngeren Bogensch�tzen hinter sich zu. �Du hast den neuen Hauptmann doch schon gesehen, oder?�</p><p>�Ja, gestern Abend. Aber nur kurz�, t�nte es aus der letzten Reihe.</p><p>�Wie hei�t er?�, rief der Anf�hrer.</p><p>�Ich habe den Namen nicht verstanden�, antwortete der Soldat. �Aber er hat eine riesige Narbe. Sie geht �ber das ganze Gesicht.�</p><p>Ich blieb stehen und lie� die Toxotai ziehen. Was hatte der junge Bogensch�tze da gesagt? Der neue Hauptmann hatte eine Narbe mitten im Gesicht? Sofort sah ich die Fratze vor mir: nachts in der Gasse vor unserem Haus. Eine Hand an meiner Gurgel. Stinkender Atem, der mir wie Pesthauch entgegenschl�gt. Neben mir ein Schrei. - Sollte er der neue Hauptmann der Toxotai sein? <emphasis>Meiner</emphasis> Toxotai? Das war nicht m�glich! Er war Anaxos' Mann, was sollten er und sein Herr mit den Drei�ig zu schaffen haben? Es gab so viele Soldaten mit Narben ... Sicher war es ein anderer. Wieso sollte gerade er? Nein!</p><p>Die Erinnerung an den Abend, an dem mein Vater umgekommen war, verlie� mich an dem Tag nicht mehr. Auch nicht, als Aspasia, die Kinder und ich uns endlich im Schutze der Dunkelheit davonmachen konnten. Jetzt, da die stolzen Athener Mauern niedergerissen dalagen, war es leicht, die Stadt �ber Schleichwege zu verlassen. Niemand achtete darauf, wie wir, bepackt mit unseren Habseligkeiten, erst durch das Met�-kenviertel zogen und uns dann, Akropolis und Lykabettos im R�cken, in Richtung Meer wandten. Trotzdem sprach keiner von uns ein Wort, bevor wir nicht die Stadt und ihre Gefahren hinter uns gelassen hatten.</p><p>Die Nacht war hell. Wie eine leuchtende Silberschale stand der Vollmond am klaren Himmel, so nah, als k�nnte man ihn anfassen. Aspasia und unser kleiner Sohn ritten auf Ariadnes R�cken, die ruhig und friedlich einherschritt. Mein gro�er Sohn ging an meiner Seite. Ich f�hrte das Tier am Z�gel. Linker Hand floss der Ilisos. Er w�rde uns bis zum Meer begleiten. Der Wind spielte in den Wipfeln. Man h�tte sich kaum eine sch�nere Nacht vorstellen k�nnen als diese Nacht des Abschieds.</p><p>�Du bist bedr�ckt�, sagte Aspasia, als wir beinahe schon die H�lfte des Weges hinter uns hatten.</p><p>�Wir werden uns eine Zeit lang nicht sehen�, antwortete ich.</p><p>�Du willst nach Athen zur�ck?�, fragte sie.</p><p>�Ja, ich werde dort gebraucht. Sobald es geht, komme ich nach.�</p><p>�Wir brauchen dich auch. Bist du sicher, dass wir nicht zusammen in Pir�us bleiben sollten, bis in Athen alles vorbei ist?�, fragte sie. �Mein Vater meint, Kritias wird sich nicht lange halten.�</p><p>�Ich bin sicher�, antwortete ich und hoffte, sie w�rde nicht weiter in mich dringen. Hier vor den Kindern und in der Nacht des Abschieds konnte ich ihr nicht erz�hlen, was ich erfahren hatte. Ich f�hlte ihren Blick in meinem Nacken und sah zu ihr hoch. Sogar im Mondlicht war zu erkennen, dass sie mir misstraute. Ich f�hlte es deutlich. Aber sie lie� es gut sein, und ich war ihr dankbar daf�r.</p><p>�Chilon wird nicht begeistert sein, wenn wir kommen�, sagte sie, um das Thema zu wechseln. �Du h�ttest ihm einen Boten schicken sollen, damit er wenigstens auf uns vorbereitet ist.�</p><p>�Ich hatte daran gedacht�, antwortete ich, �aber dann g�be es einen Mitwisser. Das wollte ich vermeiden.�</p><p>Aspasia sprach nicht weiter. Unser J�ngster war in ihren Armen eingeschlafen. Er atmete ein wenig schwer. Ein d�nnes Pfeifen drang durch seine Nase, wie an jenem Abend ...</p><p>�Na, was ist mit dir?�, fragte ich meinen Gro�en. �Bist du nicht auch m�de?�</p><p>�Nein, Vater, kein bisschen!�, behauptete er tapfer. Ich wusste, dass er schwindelte, und dr�ckte ihn an mich.</p><p>Pir�us schlief, als wir endlich ankamen. Kein einziges Licht brannte mehr in der Stadt. Sogar in den Spelunken und Bordellen war Ruhe eingekehrt. In den Winkeln lagen ein paar betrunkene Seeleute und schnarchten. Vom Hafen her h�rte man das Meer, wie es friedlich gegen die Planken schlug.</p><p>Es dauerte eine Weile, bis uns Chilons T�r ge�ffnet wurde. Dreimal schlug ich gegen das Tor, bis wir endlich die vertraute und reichlich m�rrische Stimme seines Sklaven h�ren konnten.</p><p>�Ja, ja, ich komme schon�, brummte er durch die Bretter und �ffnete den Innenriegel, �wo brennt es denn, Leute? Ich wecke meinen Herrn nicht gerne mitten in der Nacht.� Er �ffnete die T�r und sah uns entgeistert an. Er brachte kaum einen Gru� hervor und zog uns so schnell wie m�glich in den Hof. Dann lief er ins Haus, um seinen Herrn zu holen.</p><p>�Siehst du, Melaos�, sagte Chilon und g�hnte, als er in den Innenhof trat. �Ich wusste, sie w�rden kommen!�</p><p>�Ja, Herr, ihr habt es gewusst�, sagte der Sklave ehrf�rchtig, w�hrend er uns das Gep�ck abnahm, um es ins Haus zu bringe.</p><p>Chilon umarmte mich, k�sste die Kinder und verneigte sich vor Aspasia.</p><p>�Was ist mit ihm?�, fragte ich und zeigte zur T�r, durch die Melaos verschwunden war.</p><p>�Nichts, er wundert sich nur, dass ich heute Mittag schon zwei Zimmer f�r euch habe vorbereiten lassen. Die beide oberen. Du wei�t, die Zimmer mit dem Blick zum Hafen.�</p><p>�Du wusstest, dass wir kommen w�rden?�, fragte Aspasia fast ebenso erstaunt wie Melaos. Und an mich gewandt meinte sie: �Ich dachte, du h�ttest ihm keinen Boten geschickt ...�</p><p>�Das habe ich auch nicht!�, antwortete ich.</p><p>Chilon nickte. �Hat er auch nicht�, best�tigte er, �aber als ich heute Morgen von dieser ungl�ckseligen Versammlung h�rte, ahnte ich, dass ihr Athen verlassen w�rdet. Ich bin froh, dass ihr hier seid. Hier seid ihr in Sicherheit. Kommt herein. Melaos wird uns etwas zu essen bringen.�</p><p>Chilon f�hrte uns ins Haus und half mir, meinen kleinen Sohn nach oben zu tragen, wo ein Bett auf ihn wartete. Nachdem wir angekommen waren, war er kurz wach geworden, hatte sich aber kaum auf den Beinen halten k�nnen. Jetzt schlief er in meinen Armen. Ich hatte alle M�he, ihn die steile Treppe hinaufzubringen. Er war schwer wie ein Stein.</p><p>�Du bleibst wenigstens heute Nacht?�, fragte Chilon, als wir wieder nach unten gingen.</p><p>�Ja, heute Nacht bleibe ich�, erwiderte ich. Offenbar hatte er nicht nur unsere Ankunft vorausgesehen, sondern auch meine R�ckkehr nach Athen. Er drehte sich zu mir, nickte und verstand.</p><p>�Ich werde gut auf sie aufpassen�, sagte er, bevor wir ins Speisezimmer traten.</p><p>Ich erwachte fr�h. Irgendetwas hatte mich geweckt, aber ich konnte nicht ausmachen, was es war. Aspasia schlief friedlich neben mir. Sie hatte mir das Gesicht zugewandt, ihr schwarzes Haar fiel ihr in die Stirn. Vom Hafen her kam eine eigent�mliche Unruhe. Da war noch etwas anderes als die �blichen Ger�usche beim Einlaufen eines Schiffes oder beim L�schen der Ladung. Ich stand vorsichtig auf und schlich zum Fenster. Die L�den standen einen Spalt offen. Mein Blick fiel auf einen schmalen Streifen blauen Himmels und ruhiger See, funkelnd im Licht der Morgensonne. Zwei M�wen zogen ihre Kreise, ein Fischerboot trieb vor der K�ste. Ich wandte den Blick zum Hafen und suchte das Becken und die Landestege ab: Ladekr�ne, Sklaven bei der Arbeit. Und dann entdeckte ich es, gerade dockte es an: ein gewaltiges Schiff, gr��er, als die Griechen es je bauen w�rden, der Bug mit einem gro�en Auge und einem lachenden Mund verziert, aus dem ein Rammsporn wie eine Zunge ragte. Das Schiff brachte die Unruhe. Kein Wunder, wir hatten nicht alle Tage Besuch aus Persien.</p><p>Die Landungstaue waren noch nicht verknotet, als schon spartanische Soldaten aufmarschierten und die Schaulustigen vertrieben, die vor dem Frachter zusammenliefen. W�hrend die Spartaner am Kai Stellung bezogen, wurde die Landungsbr�cke heruntergelassen. Vier in leuchtende Seide gewandete M�nner gingen unsicher von Bord. Ich erkannte ihre Gesichter von Weitem. Ein Offizier half ihnen, trockenen Fu�es �ber die schwankende Planke zu kommen, und begr��te sie so feierlich, wie ein h�lzerner Spartaner das eben vermochte.</p><p>�Was ist da?�, fragte Aspasia und trat verschlafen neben mich. In �ber zehn Ehejahren hatte ich noch nicht gelernt, so leise aufzustehen, dass sie nicht wach wurde. Wahrscheinlich kann ich es heute noch nicht.</p><p>Ich �ffnete die Fensterl�den und zeigte zum Hafen.</p><p>�Ein persisches Schiff�, sagte sie tonlos. �Ist es das, von dem du mir damals erz�hlt hast?�</p><p>Ich nickte und konnte meinen Blick nicht von dem Schauspiel wenden, das sich unter unseren Augen abspielte: Zwei pr�chtige, goldbeschlagene und von je sechs Schimmeln gezogene Kutschen fuhren vor. Sie wurden von einem ganzen Tross von Reitern begleitet. Kaum angekommen, sprang der Anf�hrer der Eskorte vom Pferd und begr��te die Perser ehrerbietig.</p><p>Dabei war er ein hoher Offizier, seine schimmernde Uniform zeigte es. Die in Seide geh�llten M�nner erwiderten den Gru� mit gro�er orientalischer Geste, verneigten sich zeremoniell und k�ssten den Spartiaten zur Belustigung seiner M�nner zu guter Letzt auf den Mund. Dann lie�en sie sich schwatzend und wild gestikulierend zu den Wagen begleiten, die ganz augenscheinlich allein f�r die Perser vorgefahren worden waren.</p><p>�Hast du diese M�nner schon einmal gesehen?�, fragte Aspasia. Sie fl�sterte, als m�ssten wir vorsichtig sein, nicht geh�rt zu werden.</p><p>�Es sind die Bankiers�, antwortete ich.</p><p>�Die gleichen wie vor vier Jahren?�</p><p>�Genau die.�</p><p>Und dann entdeckte ich ihn. Er hatte sich wenig ver�ndert in den letzten Jahren. Vielleicht war er ein wenig kr�ftiger geworden. Sein Kaftan spannte ein wenig um H�fte und Bauch, aber sonst war er ganz der Alte geblieben: schwarzes, krauses Haar und Bart, die das Gesicht einrahmten, eine kleine Nase. Sogar von hier oben erkannte man das feinsinnige und doppelb�dige L�cheln, das um seine Lippen spielte. Er war zur�ckgekehrt, ganz wie er es vorausgesehen hatte. Was hatte er damals gesagt? Dass ich mich �ber das Wiedersehen nicht freuen w�rde.</p><p>�Was hat das alles zu bedeuten?�, fragte Aspasia.</p><p>Ich antwortete nicht, obwohl ich zu ahnen begann, welche Gesch�fte die Perser nach Athen zur�ckgef�hrt haben mochten. Vor mir tat sich ein Abgrund auf.</p><p>Schnell warf ich mein Gewand �ber und eilte zum Hafen, der gerade erst erwachte. Die Fischh�ndler best�ckten singend ihre Buden mit dem Fang der Nacht. Ein paar Packsklaven machten sich m�de auf den Weg zu den Docks und rieben sich den Schlaf aus den Augen. Es war noch k�hl. Noch fehlte der Sonne die Kraft des Nachmittags und des Sommers.</p><p>�Was willst du, geh weiter!�, herrschte mich ein spartanischer Soldat an, der vor dem Rah-Segler Wache schob. Er war kleiner als seine Kameraden und deswegen besonders laut.</p><p>�Nichts, gar nichts, Herr Hauptmann�, antwortete ich katzbuckelnd. �Ich wollte mir nur einmal dieses pr�chtige Handelschiff ansehen. Schiffe bauen k�nnen die Perser ja, nicht wahr? Gro�e Schiffe, gewaltige Schiffe.�</p><p>�Hier gibt's nichts zu sehen, geh weiter!�, kommandierte der Soldat. Er zeigte sich von meiner unterw�rfigen Haltung wenig geschmeichelt und drohte mit dem schweren Eibenspeer, den er in der Hand hielt.</p><p>�Aber Herr Hauptmann, wer wird denn gleich so streng sein?�, versuchte ich es erneut und l�chelte d�mmlich. �Ich wollte mir doch nur das Boot an ...� Ich hatte noch nicht ausgesprochen, da f�hlte ich schon seine Speerspitze unter meinem Kinn. Zwei weitere Soldaten kamen bedrohlich n�her.</p><p>�Schon gut, schon gut, ich gehe ja!�, sagte ich und sah zu, dass ich so schnell wie m�glich ein bisschen Abstand zwischen meinen Hals und diese blinkende Speerspitze bekam. Mit dem kleinen Kerl war nicht zu spa�en, das stand nun fest.</p><p>Ich hatte mich schon damit abgefunden, unverrichteter Dinge gehen zu m�ssen, als pl�tzlich eine wohlbekannte Stimme vom Schiff her ert�nte.</p><p>�Na, wen haben wir denn da? Wenn das nicht der einzige unbestechliche Athener ist, den ich je getroffen habe!�, rief er zur Erheiterung der spartanischen Soldaten von der Reling herunter - wer wei�, wie lange er schon da oben gestanden und dem Treiben zugesehen hatte.</p><p>�Lasst ihn nur durch�, bat er die Spartaner und tippte sich an die Stirn, um ihnen zu zeigen, dass ich ein wenig verr�ckt war. �Ich kenne ihn. Er ist ganz harmlos. Ein Niemand.�</p><p>Der kleine Soldat z�gerte und nahm mich noch einmal ins Visier. Seine Augenschlitze verengten sich unter der Sturmhaube. Dann lachte er los, so als h�tte er endlich erkannt, was f�r ein Trottel ich doch war. Er senkte den Speer und drehte seinen Kopf zum Schiff.</p><p>�Achtung, Perser! Da kommt einer, den es gar nicht gibt: ein unbestechlicher Athener!�, rief er, so laut er nur konnte. �Niemand kommt jetzt rauf!� Er lie� mich passieren, und ich ging an Bord - unter dem Gel�chter der spartanischen Soldaten.</p><p>Der persische Kapit�n lachte lauthals mit und schlug mir g�nnerhaft auf die Schulter, als ich �ber die Planke nach oben gewankt war.</p><p>�Niemand ist jetzt an Bord!�, rief er den Wachen zu. Die hielten sich die B�uche vor Lachen �ber diesen schalen, alten Scherz. Dann murmelte er halblaut: �Geh in die Kaj�te ...� und stie� mich, f�r alle sichtbar, grob an.</p><p>Die Schiffskabine war immer noch dieselbe: der Schrank mit zahlreichen Pergamentrollen, der Tisch, die �llampe, die von der Decke hing und mit den Wellen schwankte.</p><p>�Hier, mein Freund, setz dich�, sagte der Kapit�n und r�umte die Karten vom Tisch. �Bitte entschuldige, dass ich mich �ber dich lustig gemacht habe. Die Spartaner h�tten dich sonst nicht an Bord gelassen ...�</p><p>�Du h�ttest sie bestechen k�nnen!�, scherzte ich.</p><p>�Das haben wir schon vor der Landung erledigt�, schmunzelte der Kapit�n, als w�re es eine Frage der Ehre f�r ihn, alles und jeden zu bestechen. Dann wurde sein Gesicht ernster, und er verneigte sich. �Ich freue mich, dich wiederzusehen�, sagte er w�rdevoll, �wenn ich die Umst�nde auch bedaure.� Seine Stimme war genauso klangvoll wie vor Jahren, und sein Griechisch hatte noch immer den gleichen kleinen barbarischen Zungenschlag.</p><p>�Es ist viel geschehen seit damals�, sagte ich und wurde traurig dabei. Ich wusste nicht, warum, aber ich musste an meinen Vater denken. F�r einen Moment war da wieder jenes Bild, wie er ausgestreckt auf dem Boden lag und Chilon sich �ber ihn beugte.</p><p>�Du hast damals schon gewusst, dass wir uns wiedersehen w�rden�, fuhr ich fort, um mich von dieser Erinnerung wegzurei�en.</p><p>�Nicht wirklich gewusst, geahnt�, antwortete der Kapit�n, w�hrend er eine Schale mit fremdartigem Obst auf den Tisch stelle.</p><p>�Koste davon. Ich habe sie eigens f�r dich mitgebracht�, sagte er und reichte mir anmutig eine Frucht her�ber. Ich nahm sie an, wog und ma� sie in der Hand und betrachtete sie genau. Sie war etwa so gro� wie ein Apfel, hatte aber die Gestalt einer Pflaume. Die Haut wirkte pelzig wie bei einem Tierchen. Neugierig biss ich in das zarte Fleisch, und w�hrend in meinem Mund ungeahnte S��e explodierte, rann mir der Saft �ber das ganze Kinn.</p><p>�Sei vorsichtig, der Kern ist sehr hart�, warnte mich der Kapit�n gerade rechtzeitig, denn beinahe w�re ich mit den Z�hnen gegen den dicken Stein in der Mitte dieses zarten Fleisches gesto�en. �Ich kenne viele Griechen, die sich schon die Z�hne an diesen persischen �pfeln ausgebissen haben!�</p><p>�Das glaube ich dir gern�, sagte ich und nahm dankbar ein feuchtes Tuch, das er mir gab, um H�nde und Mund abzuwischen. �Es scheint, wir Griechen erliegen euren Verlockungen leichter als euren Armeen.�</p><p>Der Kapit�n antwortete schweigend, aber deutlich genug.</p><p>Nachdem ich das kleine Mahl beendet hatte, sah ich ihn lange an. Er erwiderte meinen Blick mit seinem undurchdringlichen L�cheln.</p><p>�Was macht ihr hier?�, fragte ich endlich. Er zog die Augenbrauen hoch.</p><p>�Ich dachte, das w�sstest du schon, mein Freund�, antwortete er.</p><p>�Ihr treibt Schulden ein, nicht wahr?�, sagte ich ins Leere.</p><p>Er nickte langsam und bed�chtig.</p><p>�Erkl�r es mir�, bat ich ihn leise. Er schloss die Augen und sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Bitte!�, sagte ich.</p><p>�Es wird dir nicht gefallen�, meinte er.</p><p>�Das macht nichts. Ich muss es wissen.�</p><p>�Ich bin nur der Kapit�n eines Schiffes. Ich wei� nicht viel von diesen Dingen. Ich habe nur hier und da ein paar S�tze aufgeschnappt, das ist alles.�</p><p>�Erz�hl einfach das, was du wei�t�, sagte ich in v�lliger Ruhe.</p><p>Er atmete tief und schwer ein. �Krieg kostet Geld, viel Geld, und man kann viel Geld dabei verdienen. Das wei�t du sicher?�</p><p>Ich bejahte.</p><p>�Die Spartaner wussten, dass sie den Krieg nur gewinnen konnten, wenn sie eure Flotte bezwangen. Dazu mussten sie aber eine Flotte ausr�sten, die eurer Streitmacht �berlegen oder wenigstens ebenb�rtig war. Aber Schiffe kosten. Wie soll-ten sie so viel Geld aufbringen? Die Spartaner sind Soldaten, keine H�ndler. F�r ihre lumpigen M�nzen h�tten sie h�chstens ein paar wurmstichige K�hne bekommen.� Er brach ab und sah durch die Luke auf das Meer hinaus.</p><p>�Ihr habt es ihnen gegeben ...�, warf ich ein.</p><p>�Ja, aber so einfach war das nicht�, erwiderte er tonlos. �Wie ich schon sagte: die Spartaner sind keine H�ndler. Kein Handel, kein Geld, keine Sicherheiten. Das hei�t: kein Gesch�ft.�</p><p>�Der Gro�k�nig konnte wieder Macht �ber Griechenland gewinnen ...�, wandte ich ein, �und diesmal ganz ohne eigene Kriege und Schlachten. War das kein Gesch�ft f�r Persien?�</p><p>Der Kapit�n machte eine abwehrende Geste. �Griechenland!�, sagte er. �Ich will dich nicht kr�nken. Euer Land ist sch�n. Ich mag es sehr. Aber es bedeutet uns eigentlich nicht viel. Meinst du, Persien w�re nach dieser kleinen Schlacht bei -wie hie� der Ort bei Athen noch gleich?�</p><p>�Marathon!�</p><p>�Ja, ich glaube, so hie� er ... Meinst du, Persien w�re nach der Schlacht bei Marathon nicht mit einer noch viel gr��eren Armee einmarschiert, wenn uns euer Hellas so wichtig gewesen w�re? Das Persische Reich ist zehn Mal gr��er und tausendfach reicher als Griechenland .�</p><p>�Also?�, sagte ich ein wenig trocken. Ich muss zugeben, die �berheblichkeit des Persers hatte mich verletzt. Wie konnte er den Namen Marathons vergessen?</p><p>�Wei�t du es denn immer noch nicht?�, fragte er.</p><p>�Nein�, erwiderte ich aufrichtig.</p><p>��berlege einmal: Die Spartaner sind keine Kaufleute. Ihr Athener seid da aus einem anderen Holz geschnitzt .Verstehst du jetzt?�</p><p>Ich sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Wei�t du, es ist eigentlich ganz einfach�, erkl�rte er schlie�lich. �Es war euer Gesch�ft!�</p><p>Ich sah ihn ungl�ubig an. Was sagte er da? Ich verstand nicht, aber ich wollte auch nicht verstehen, denn das Meer schimmerte immer noch blau durch das Kabinenfenster, und die Gischt kr�uselte sich sanft auf den kleinen Wellen. Nirgendwo tat sich die Erde auf, um uns zu verschlingen, kein Meeresungeheuer zeigte sich, um die See aufzupeitschen, und fern blieben die G�ttinnen der Rache, um uns alle zu jagen. Wenn ich ihn richtig verstanden hatte, h�tte dann nicht l�ngst schon ein Blitz vom Olymp her niedergehen m�ssen, um die verr�terische Stadt in Schutt und Brand zu legen?</p><p>�Ich verstehe nicht ...�, sagte ich, bl�d wie ein Schaf, nachdem ich eine ganze Weile nur vor mich hingestarrt hatte. �Was meinst du damit: es war unser Gesch�ft?�</p><p>Der persische Kapit�n l�chelte mitleidig. �Nun, so wie ich es verstanden habe, waren es eure Bankiers, die auf ihre persischen Kollegen zugingen, um den Kredit f�r Sparta einzuf�deln. Sie hatten wohl selbst keine ausreichenden Mittel f�r eine so gewaltige Flotte. Also haben sie einen Teil des Geldes selbst aufgebracht und sich f�r die restliche Summe verb�rgt: mit allem, was Athen besitzt.�</p><p>�Das ist nicht wahr, du l�gst!�, rief ich aus und sprang auf. Das Blut stieg mir in den Kopf. Einen Augenblick lang wollte ich dem Perser an die Kehle gehen, aber seine traurigen Augen hielten mich davon ab. Er sagte die Wahrheit. Ich wusste es, auch wenn das Meer drau�en glatt blieb. Meine Wut fiel ebenso schnell in sich zusammen, wie sie entflammt war. Ich lie� mich auf meinen Schemel zur�cksinken.</p><p>�Verzeih�, sagte ich und senkte den Kopf. �Das ist jetzt das zweite Mal, dass ich dir Unrecht tue.� Ich sch�mte mich. Ich sch�mte mich f�r meine Wut und f�r Athen.</p><p>Der persische Kapit�n blieb ganz ruhig, so wie er die ganze Zeit ruhig geblieben war.</p><p>�Es tut mir leid, dass du es von mir erfahren musstest�, antwortete er. �Kein Mensch liebt den �berbringer einer schlechten Nachricht.�</p><p>�Aber warum? Warum haben sie das getan?�, fragte ich. �Was haben sie von diesem Verrat? Es kann doch nicht um die paar Zinsen gehen, die die Spartaner zahlen! Dieser Lohn ist zu gering!�</p><p>�Du hast recht�, antwortete mein persischer Freund, �um diesen Lohn ging es auch nicht.�</p><p>�Und worum ging es ? Was war so verlockend, dass sie daf�r die ganze Stadt verraten haben?�</p><p>Der Kapit�n sah hinaus aufs Meer. Er schien mir m�de, m�de und ohne Hoffnung. �Es ging um Athen�, sagte er nach einer Weile. �Verstehst du, die Stadt selbst war der Einsatz. Und sie haben gewonnen.�</p><p>�Kritias!�, sagte ich.</p></section><section><title><p><strong>&#x3C3;</strong></p></title><p>es war, als h�tte jemand eine Fackel in eine H�hle geworfen, die im Flug noch erlischt. Mit dem Lichtschein wird ein Raum sichtbar, und Formen und Gestalten treten f�r einen kurzen Augenblick erschrocken aus der Dunkelheit, um dann gleich wieder von der Nacht umh�llt und eingeschlossen zu werden. Ihr unwirkliches Bild indessen lebt in der Erinnerung des Betrachters fort wie ein Traum. Ich sah Schemen in einem festlich geschm�ckten Saal, ein paar Gesichter am Rande der Finsternis. Man feierte ein Symposion. Man feierte einen Verrat. Die Kr�ge kreisten, der Wein floss in Str�men. Ein nackter Knabe blies die Fl�te, kein Zweifel, wessen Z�ge er trug. Kritias trank den G�sten zu, und einer von ihnen war Periander.</p><p>Noch an jenem Morgen kehrte ich nach Athen zur�ck. Ich verabschiedete mich von dem persischen Kapit�n in dem Bewusstsein, dass ich ihn nie wiedersehen w�rde und gleichwohl ein Leben lang an ihn gebunden war.</p><p>�Es tut mir leid�, entschuldigte ich mich zum Abschied und meinte meinen Zorn, die Feindschaft unserer V�lker und unsere verpasste Freundschaft zugleich. Er l�chelte nur sein orientalisches L�cheln. Trotzdem war ich sicher, er verstand.</p><p>Ungern lie� ich Aspasia und die Kinder allein, obwohl ich sie in den besten H�nden wusste. Aber nur in Pir�us waren sie sicher, jetzt, da Athen in Kritias' H�nden und Thrasybulos fern war. Chilon w�rde auf sie aufpassen und f�r sie sorgen, auch wenn mir etwas zusto�en w�rde. Gemeinsam brachten sie mich zum Tor und winkten mir zum Abschied nach. Wie ich Aspasia und Chilon aber so nebeneinander stehen sah, wusste ich pl�tzlich nicht mehr, wie nahe sie sich vielleicht wirklich waren. Ich sp�rte einen Stich in meiner Seele und das Gift der Eifersucht, das in mich drang .</p><p>Auf dem R�ckweg besuchte ich Myson. Er hatte Neuigkeiten, und keine guten. W�hrend er erz�hlte, stieg ihm die Zornesr�te ins Gesicht: Heute Morgen war er in die Kaserne gegangen, um nachzufragen, ob er vielleicht seine alte Stelle als Schreiber wiederhaben k�nne. Man schickte ihn zum neuen Hauptmann, der ihn schroff fragte, ob er Athener B�rger oder aber Sklave sei. �Weder das eine noch das andere, Herr�, antwortete Myson und gab sich als Met�ke zu erkennen, worauf der Hauptmann erkl�rte, Fremde h�tten von heute an nur noch als Sklaven Platz in der Kaserne, und ihn hinauswarf.</p><p>Aber Myson war nicht deswegen so w�tend. Was ihn �ber die Ma�en verletzt hatte, war, dass keiner der alten Kameraden auch nur einen Abschiedsgru� andeutete, als sie ihn gehen sahen, und ihn einige sogar auslachten - M�nner, mit denen er �ber Jahre gearbeitet hatte, denen er aus Freundschaft und Gef�lligkeit die Briefe geschrieben und vorgelesen hatte, ohne je auch nur eine Kupferm�nze verlangt oder das geringste Geschenk erhalten zu haben.</p><p>�Und ist er es?�, fragte ich meinen alten Schreiber.</p><p>�Wer?� Myson verstand nicht, was ich meinte.</p><p>�Der neue Hauptmann! Ist er der Soldat mit der Narbe, der Lysippos damals gefoltert hat? Du musst ihn damals zusammen mit Anaxos in der Schreibstube gesehen haben!�</p><p>Myson schlug sich vor den Kopf. �Nat�rlich!�, rief er aus. �Daher kannte ich ihn. Ich wusste, ich hatte ihn schon einmal gesehen ...�</p><p>Nun hatte ich Gewissheit. Es war also richtig gewesen, Aspasia und die Kinder nach Pir�us zu bringen! Aspasia war sich sicherer gewesen als ich. Manchmal f�hlte ihr weibliches Herz die Gefahr schneller, als ich sie mit meinen m�nnlichen Augen erkannte.</p><p>Ich berichtete Myson, was mir der persische Kapit�n erz�hlt hatte. Von heute an werde er sich �ber gar nichts in der menschlichen Natur mehr wundern, sagte er bitter. Ohnehin k�me nur ein Athener auf die Idee, einem anderen Athener zu trauen. Er spuckte ver�chtlich aus. Ich habe ihn weder fr�her noch sp�ter je so verletzt gesehen. Noch nicht einmal damals, als Lysippos ihn beinahe erw�rgt h�tte, war er so aufgebracht gewesen.</p><p>Ich gab ihm ein wenig Geld, damit er in den n�chsten Wochen versorgt w�re - es gab noch genug Silber in jenem Beutel -, und bat ihn, Thrasybulos zu schreiben. Ich wollte, dass er erfuhr, wie es zu unserer Niederlage gekommen war.</p><p>Die n�chsten Tage blieben ruhig. Das Leben in der Stadt schien unver�ndert: In den Tempeln wurde geopfert, auf der Agora gehandelt, in den Stoen geschwatzt, gerade so, wie dies in Athen seit jeher geschah. Von den persischen Bankiers war weder etwas zu h�ren noch zu sehen. Es sprach sich auch nicht weiter herum, dass sie in der Stadt waren. Offenbar blieben sie doch lieber im Verborgenen. Nur eines fiel mir auf: Die Toxotai patrouillierten weitaus �fter als fr�her durch die Stra�en, viel h�ufiger, als ich dies in meiner Zeit als Hauptmann f�r n�tig gehalten hatte. Und ihr Verhalten �nderte sich. Einmal - es war vielleicht am dritten oder vierten Tag, nachdem ich aus Pir�us zur�ckgekehrt war - sah ich, wie ein kleiner Trupp durch den Kerameikos zog. Es waren f�nf Mann. Sie kamen mir mit weiten Schritten entgegen, als ihnen ein alter Mann aus Unachtsamkeit in den Weg trat und den Anf�hrer anrempelte. Der Alte war ein einfacher H�ndler, der vor seiner Haust�r T�pferware feilbot. Er bewegte sich wie jemand, dessen Augenlicht schon beinahe erloschen ist. Jedem musste klar sein, dass er kaum noch richtig sehen konnte. Trotzdem wurde der Toxo-tes w�tend, schlug dem Mann grob ins Gesicht und lie� seine gesamte Ware zertrampeln. Der Alte zeterte und schimpfte, da schlugen sie ihn einfach nieder. Zwei hielten ihn fest, ein Dritter pr�gelte auf ihn ein, bis er sich nicht mehr auf den Beinen halten konnte. Zum Gl�ck kam in dem Moment eine junge Frau aus dem Haus. So schnell es ging, zog sie den Alten in den Laden. Lachend zogen die Bogensch�tzen weiter.</p><p>Das hatte ich in Athen noch nicht erlebt. Sicher, die Toxotai waren Soldaten, und Soldaten sind rau. Sie waren auch zu meiner Zeit nicht zimperlich gewesen, aber sich grundlos an einem alten Mann zu vergehen, das h�tte fr�her keiner von ihnen getan. Was war in sie gefahren? Konnte man das Wesen solcher M�nner von einem Tag auf den anderen so ver�ndern? Ich konnte es nicht glauben, und doch hatte ich es eben mit eigenen Augen gesehen. Das waren keine Soldaten mehr, es war eine Schl�gertruppe. Und ich f�hlte, <emphasis>er</emphasis> war daf�r verantwortlich, der Mann, den ich neben Kritias am meisten f�rchtete: das Narbengesicht.</p><p>Aber wie war es Kritias gelungen, sich so schnell mit dem Narbenmann zu verb�nden, und welche Rolle hatte Anaxos in diesem Spiel? War der Herr der Spione zu guter Letzt doch zu den Oligarchen �bergelaufen, oder hatte sich das Narbengesicht gegen den eigenen Herrn gewandt? Ich w�nschte, Thrasybulos w�re hier. Vielleicht waren seine Quellen im Strategion ja noch nicht versiegt und w�ssten Antworten auf diese Fragen?</p><p>Am n�chsten Morgen �nderte sich alles. Herolde liefen durch die Stadt und riefen alle Bewohner Athens auf, sich noch am Nachmittag zu versammeln, Vollb�rger, Sklaven und Fremde. Jeder waffenf�hige Mann sollte sich zur Musterung einfinden. Die M�nner wurden aber nicht alle gemeinsam auf die Pnyx bestellt wie bei einer Vollversammlung, sondern an verschiedene Orte in der Stadt. Die B�rger des Kerameikos sollten zum Museion-H�gel gehen, den Met�ken wurde befohlen, sich beim Kynosarges zu versammeln. Wie ich von Raios erfuhr, als ich zu ihm ging, um herauszufinden, was es mit dieser Musterung auf sich haben konnte, waren er und die Handwerker seines Viertels zum Areopag bestellt. Was das Ganze sollte, das konnte auch er nicht sagen. Er zuckte mit den Schultern und gab sich gelassen. �Was soll schon sein?�, meinte er, aber das erste Mal, seit meine S�hne auf der Welt waren, verga� er, sich nach ihnen zu erkundigen.</p><p>Ich �berlegte lange, was ich tun sollte, und entschied mich schlie�lich, nicht zu dieser omin�sen Musterung zu gehen. Ich dachte einfach, es w�re Aspasia lieber, wenn ich keine Risiken einging, auch wenn mich brennend interessierte, was bei diesen Versammlungen herauskommen mochte. Das konnten mir Raios, Myson und die Nachbarn immer noch erz�hlen.</p><p>Ich ging nach Hause zur�ck. Dort w�rde ich abwarten. Gegen Mittag ging ich in die K�che, deren Eckfenster zur Stra�e hin ging. Ich schloss die L�den, damit man mich von drau�en nicht sehen konnte. Um selbst auf die Gasse zu schielen, gen�gte mir der kleine Spalt, den die windschiefen H�lzer offen lie�en. Ich schob einen Hocker ans Fenster, setze mich und wartete.</p><p>Es dauerte nicht lange, bis sich die Stra�e f�llte. Meine Nachbarn traten aus ihren H�usern und machten sich auf den Weg. Es war, als z�ge eine kleine Prozession an meinem K�chenfenster vorbei. Ich kannte sie alle; es waren die M�nner meiner Gegend, t�chtige Handwerker, mutige M�nner. Aber an dem Tag waren ihre Gesichter angespannt. Da war keiner, der einen Scherz machte wie sonst, wenn wir gemeinsam auf die Pnyx gingen; keiner lie� eine Amphore zur Ehre des Dionysos kreisen. Sie alle f�hlten, dass da etwas nicht in Ordnung war. Trotzdem folgten sie dem Ruf der Drei�ig. Ich konnte mir nicht helfen: Sie kamen mir vor wie K�lber, die freiwillig zur Schlachtbank gingen.</p><p>Es dauerte eine ganze Weile, bis der Aufmarsch an mir vorbeigezogen war. Ein paar versprengte Nachz�gler folgten und beeilten sich, Anschluss zu bekommen. Immer dieselben. Dann waren die Stra�en leer. Ich blieb auf meinem Hocker sitzen, wartete ab und versuchte abzusch�tzen, wo der Pulk der M�nner, den ich gesehen hatte, nun etwa sein konnte. Jetzt sollten sie den Dromos kreuzen und weiter in Richtung Schmiede-Viertel gehen. Dort m�ssten sie der Stra�e folgen, die zwischen der Pnyx und dem Areopag hindurchf�hrt, weiter ein gutes St�ck an der alten Kleonsmauer vorbei - die hatten uns die Spartaner gerade noch gelassen. Sie w�rden das Met�ken-Viertel streifen, um dann endlich am Musen-H�gel anzukommen. Aber was erwartete sie dort?</p><p>Es mussten nach meiner Sch�tzung zwischenzeitlich auch die Nachz�gler angekommen sein, als ich auf der Stra�e Ger�usche h�rte, ungewohnte Ger�usche. Da wurde gebr�llt, an Tore geh�mmert, manche aufgebrochen. Ich schielte vorsichtig hinaus, und pl�tzlich sah ich ihn. Er stand da, inmitten eines Trupps der Bogensch�tzen, und kommandierte die M�nner herum. Es schn�rte mir die Kehle zu. Ich konnte nicht atmen, und doch roch ich seinen Gestank.</p><p>Was ging da vor sich? Die Bogensch�tzen drangen in jedes Haus. Wo ihnen die Frauen die Tore nicht freiwillig �ffneten, brachen sie die Schl�sser auf und hoben die Riegel aus den Angeln. Dann h�rte man L�rm. Die Frauen schrien, Metall schlug aneinander. �Schnell, schnell, beeilt euch! Wir haben nicht den ganzen Tag Zeit!�, br�llte der Hauptmann, das blankgezogene Schwert in der Hand. Die M�nner kehrten beladen auf die Stra�e zur�ck und warfen das Raubgut auf einen Karren. Was trugen sie da blo� aus den H�usern? Ich sah es nicht gleich, mein Blick verschwamm. Als sie n�her kamen, erkannte ich es aber doch. Es waren Waffen! Die Toxotai nahmen den Athenern die Waffen!</p><p>Ich hatte keine Zeit zu �berlegen, welcher Plan sich dahinter verbergen mochte, denn schon kamen die Bogensch�tzen n�her und schlugen gegen das Portal des Nachbarhauses. Die n�chste Einheit w�rde gleich hier sein. Wenn sie mich fanden, war mein Leben verwirkt, das war gewiss. Ich stellte den Hocker weg und �ffnete die verborgene Fallt�re. Es war dunkel in unserem Versteck, aber ich wusste, mein alter Bogen und der alte K�cher standen gleich neben der Leiter. Hastig kletterte ich hinunter, angelte nach den Waffen, zog sie hinauf und brachte sie, so schnell es ging, in das gro�e Zimmer. Hier mussten die Bogensch�tzen sie gleich finden. Mit ein wenig Gl�ck suchten sie nicht weiter. So schnell ich konnte, rannte ich in die K�che zur�ck, stieg in den Keller und schloss gerade noch rechtzeitig die Fallt�r �ber mir. Schon h�mmerte es ans Tor.</p><p>�Aufmachen, sonst schlagen wir die T�r ein!�, br�llte der Toxotes. Ich kannte die Stimme. Ich erinnerte mich an einen Soldaten, kleiner als die meisten seiner Kameraden, sch�chtern, ungelenk, freundlich.</p><p>Dann das Bersten und Splittern von Holz. Sie hatten das Tor aufgebrochen. Schon waren sie im Garten, gleich darauf flog die Haust�r auf. �Los, los beeilt euch!� Eine andere Stimme - seine Stimme. Schritte polterten die Flure entlang, nach rechts zum Schlafzimmer, nach links in die K�che. �ber mir knarrten die Dielen. Ich wagte kaum zu atmen. �Sieht aus, als ob keiner da w�re!� Wieder seine Stimme. Er war es, der da in meiner K�che stand und mein Haus verpestete. �Ja, die V�gel sind ausgeflogen. Haben's mit der Angst zu tun gekriegt!�, rief ein anderer. �He, ihr da, kommt mal her, ich hab' was!� Das war der Kleine, sein Rufen kam vom gro�en Zimmer her. �Was ist es denn?�, dr�hnte es �ber mir. �Ein Bogen und Pfeile!� �Sucht weiter!�, befahl er. �Es sieht nicht so aus, als ob hier ein Leichtbewaffneter wohnt. Der konnte sich die Hoplitenr�stung leisten!� �Die hat er sicher mitgenommen. Du siehst doch, dass hier keiner mehr wohnt!� Keine Antwort, stattdessen Schritte �ber mir. Sie gingen vor und zur�ck. Staub rieselte mir ins Gesicht. Er war unschl�ssig; er dachte nach. Wusste er, dass er in meinem Haus war, im Haus seines Feindes? Ich f�hlte, wie er sich umsah. Er drehte sich, er sp�hte, er wollte sicher sein, nichts �bersehen zu haben. Zum Gl�ck hatte ich den Hocker noch zur Seite gestellt. Tritte schwerer Schuhe, wieder knarrten die Bretter. �Ist gut, wir ziehen ab!� Ein paar T�ren schlugen, Stimmen in meinem Garten. Sie gingen fort. Jetzt w�rden sie auch meinen alten Bogen auf den Eselskarren werfen.</p><p>Ich blieb in meinem dunklen Versteck, bis ich sicher sein konnte, dass der Hauptmann nicht irgendeinen Soldaten zur�ckgelassen hatte, um mich abzupassen. Ich sa� auf der Leiter und starrte in die Finsternis. Es war nicht schwer zu verstehen, wieso und auf wessen Befehl die Bogensch�tzen unser Viertel - aber sicher nicht nur unseres - entwaffnet hatten. Die Drei�ig wollten freie Hand. Eine bewaffnete Bev�lkerung war gef�hrlich. Jetzt konnten die Spartaner abziehen, ohne dass irgendjemand den Drei�ig noch gef�hrlich werden konnte. Ihre Anh�nger und die Bogensch�tzen gen�gten, um die Stadt zu beherrschen - die Bogensch�tzen, ausgerechnet. Ich hatte noch im Ohr, wie Anaxos mich bei unserem ersten Treffen daf�r gelobt hatte, dass ich aus den Toxotai eine so schlagkr�ftige Truppe geformt hatte. Aber da war noch etwas in der Dunkelheit vor mir, eine Ahnung, vielleicht eine Erinnerung an zwei Menschen, vielleicht auch der Eindruck ihrer Seelen.</p><p>Die Ger�usche von der Stra�e verrieten die R�ckkehr der Nachbarn. Die Versammlungen waren zu Ende. Ich musste den ganzen Nachmittag im Dunkeln geblieben sein, ohne es zu bemerken. Vorsichtig �ffnete ich die Fallt�r und sp�hte hinaus. War wirklich keiner da, der auf mich wartete? Nein, das Haus war leer. Ich war allein. Vorsichtig schlich ich hinaus. Ich wollte sehen, was die M�nner tun w�rden, wenn sie entdeckten, dass sie entwaffnet waren. Die zerschlagenen Tore, ihre Ehefrauen und Kinder w�rden es ihnen sofort offenbaren. Aber was erwartete ich? Einen Sturm der Entr�stung, einen Demos, der sich formiert, zum Strategion zieht und lautstark die R�ckgabe der Schwerter, Schilde und Speere reklamiert? Nichts dergleichen geschah. Die M�nner blieben ruhig. Einige rannten auf die Stra�e, um sich zu vergewissern, dass sie nicht die Einzigen waren, die man ihres Schutzes beraubt hatte. Dann zogen sich alle in ihre H�user zur�ck und verriegelten die Tore. An diesem Abend lag bleierne Stille �ber dem Kerameikos und �ber der gesamten Stadt.</p></section><section><title><p><strong>I</strong></p></title><p>und die stille blieb. Die Stadt hatte sich ver�ndert, von einem Moment auf den anderen, und niemand wagte, dar�ber zu sprechen. Die Menschen gingen immer noch ihren Gesch�ften nach, aber die Lebensfreude und Zuversicht, die sie mit dem Ende des Krieges ergriffen hatte wie ein Fr�hling, war ihnen genommen.</p><p>Den Fall der Mauern und den Fall der Stadt hatten sie ertragen k�nnen. Der Waffen zum Schutz des eigenen Hauses beraubt, empfanden die Athener sehr viel mehr als beim Einmarsch der Spartaner das Ausma� ihrer Niederlage, ihrer Dem�tigung. Jetzt war nicht nur Athen, jetzt waren die Menschen selbst besiegt, in ihrem Innern besiegt, und das war sehr viel schmerzlicher als der Fall der Stadt. Was hei�t das schon: Stadt und Polis? Das sind Gedanken, Ideen, unber�hrbar und letztlich unverletzlich. Aber Haus und Hof, Weib und Kind kann ich fassen und sehen, und ich brauche sie. Nah sind sie mir, ganz nah, und dabei zerbrechlich und verwundbar wie das Gl�ck selbst. Und wer tat uns das an, wer? Unsere eigenen M�nner, die F�hrer der Stadt - und mit diesem Wissen bekamen die Athener eine vage und furchtbare Ahnung davon, dass auch das ungl�ckliche Ende des Krieges mehr mit uns selbst als mit den Spartanern zu tun haben mochte.</p><p>In jenen Tagen besuchte ich die Agora nur noch im Schutz der Dunkelheit und hielt mich bis Sonnenuntergang verborgen. Das gen�gte mir, um zu sehen, was in den Menschen vorging. Mehr noch als sonst in der Stadt f�hlte man das Ungl�ck der Menschen auf dem Marktplatz. Das pulsierende Herz Griechenlands drohte zu erstarren. Am dritten Abend nach dem Raub der Waffen traf ich Xenophon, den ich lange nicht gesehen hatte. Sein Gesicht war noch ernster als sonst.</p><p>�Xenophon!�, rief ich ihn vorsichtig zu mir, wie er gerade an der Zeus-Halle vorbeikam. Gehetzt sah er sich um.</p><p>�Nikomachos, entschuldige, ich habe dich gar nicht gesehen�, sagte er und kam zu mir her�ber. Wie sollte ich mich dar�ber wundern? Sein Blick war ganz nach innen gerichtet, und ich hielt mich abseits.</p><p>�Was ist mit dir?�, fragte ich. Es war offensichtlich, dass ihn irgendetwas umtrieb.</p><p>�Du wei�t schon�, antwortete er, �wir haben dar�ber gesprochen. Die Spartaner ziehen bald ab. Mein Freund hat mich eingeladen. Ich soll ihn begleiten. Es gibt einen persischen F�rsten, der Soldaten anheuert. Vielleicht w�re das etwas f�r mich?�</p><p>�Du willst in den Dienst eines Persers? Hast du mit Sokrates dar�ber gesprochen?�</p><p>Xenophon nickte nur z�gerlich.</p><p>�Und, was hat er dir geraten?�</p><p>�Er meinte, ich solle das Orakel befragen.�</p><p>�Und wirst du?�</p><p>Xenophon antwortete mir nicht mehr. Er gab vor, schnell nach Hause zu m�ssen, wo man ihn erwarte. Ich glaubte ihm nicht recht, lie� ihn aber gehen. Was blieb mir �brig? Er w�rde f�r sich schon die richtige Entscheidung treffen ...</p><p>Seit diesem kurzen Treffen habe ich ihn nicht wiedergesehen. Sokrates erz�hlte mir sp�ter, Xenophon habe das Orakel tats�chlich befragt. Aber nicht so, wie der Lehrer es erwartet hatte. Xenophon fragte die Priesterin nicht, ob er Athen verlassen, sondern nur, welchem Gott er sein Geschick auf der Reise anvertrauen sollte. So hatte er denn allein und ganz f�r sich bestimmt, sein Gl�ck andernorts zu suchen. So wie ihm ging es vielen in jenen dunklen Tagen. Vor allem junge M�nner verlie�en die Stadt, weil sie die doppelte Niederlage nicht mehr ertragen konnten. Wer aber glaubte, Athen h�tte mit der Entwaffnung seiner B�rger den Tiefpunkt erreicht, der sollte sich auch darin t�uschen.</p><p>Die persischen Bankiers! Seit ihrer Ankunft hatte man nichts von ihnen geh�rt oder gesehen. Man konnte sich vorstellen, wie sie sich mit ihren Kollegen und den Drei�ig trafen, wie sie mit ihnen a�en, schwatzten, verhandelten und feilschten, aber das blieben blo�e Ahnungen. Bis zu jenem Tag.</p><p>Den ganzen Morgen schon standen zerrissene Wolken �ber der Akropolis, d�stere Nebel mit fratzenhaften Gesichtern und verrenkten Gliedern zum Zeichen des Frevels, der an diesem Tag geschehen sollte. Ich war zu Hause und wartete auf den Sonnenuntergang. Pl�tzlich h�rte ich einen kleinen Jungen durch die Stra�en rennen und laut und aufgeregt rufen. Er war so au�er sich, dass man ihn nicht verstehen konnte. Ich war alarmiert und kletterte auf das Dach, weil ich hoffte, ich k�nnte von dort oben vielleicht irgendetwas sehen. Unten in der Gasse hatte mein beherzter Nachbar Janos den Jungen angehalten. Er beruhigte ihn und sprach mit ihm. Ich konnte nat�rlich nicht h�ren, was der Junge sagte, aber ich sah, wie mein Nachbar die H�nde vor sein Gesicht schlug. Schon lief die halbe Nachbarschaft zusammen und bedr�ngte das Kind. Die M�nner sch�ttelten die K�pfe, gestikulierten wild, diskutierten und setzen sich endlich in Bewegung. Ich kletterte von meinem Posten herunter und rannte ihnen hinterher. Es ging zum Dromos. Sobald ich den Ersten von ihnen eingeholt hatte, fragte ich, was los sei.</p><p>�Die Spartaner!�, sagte er aufgeregt und hob die geballte Faust. �Sie entweihen den Parthenon!�</p><p>Als wir den Kerameikos hinter uns gelassen hatten, sahen wir halb Athen auf den Beinen. Wer noch gehen konnte, der dr�ngte auf den Dromos und zur Akropolis hinauf, eine ungest�me und wilde Prozession auf dem heiligen Pfad, emp�rt und aufgebracht. Pl�tzlich stoppten die Menschen. Die Leute kamen nicht weiter. �Was ist da los? Wieso bleibt ihr stehen?�, t�nte es aus der brodelnden Menge. Ich l�ste mich und schlug mich durch ein W�ldchen, bis ich mit zerkratztem Gesicht und von Pinienharz beschmutztem Chiton beinahe an der gro�en Treppe vor der Akropolis stand. Dort erkannte ich, wieso es nicht weiterging.</p><p>Vor den Propyl�en warteten spartanische Truppen, die Speere gez�ckt, die Schilde grimmig erhoben. Hier kam niemand durch. Einen Schritt weiter, und es w�rde Blut vergossen. So standen wir uns gegen�ber. Unten, am Fu� der Treppe, wir, Hunderte von Athenern, unbewaffnet und gedem�tigt, �ber uns, auf der Zinne, ein kleiner Trupp Spartaner, ger�stet und siegreich. Und nichts geschah.</p><p>Ich habe mich seitdem oft gefragt, wieso wir sie gew�hren lie�en, wieso sich niemand nach einem Stein geb�ckt hat, um ihn den Feinden entgegenzuschleudern, die da auf unserem Tempelberg standen. Wir waren den Spartanern zahlenm��ig weit �berlegen. Einem von unseren H�nden geschleuderten Steinhagel h�tten sie nicht standgehalten. Aber keiner tat den ersten Schritt. Stattdessen harrten wir im Gedr�nge aus und versuchten, unseren Vorderm�nnern �ber die K�pfe zu sehen, um einen Blick nach oben zu erhaschen. Das blieb aber unm�glich, und niemand wusste, was wirklich vor sich ging. Pl�tzlich und wie aus heiterem Himmel setzten sich die Spartaner in Bewegung. Zwei Einheiten sprengten die Stufen herunter und fuhren in die Menge wie eine Axt in einen Holzscheit. �Gebt den Weg frei, macht Platz!�, riefen ihre Hauptleute und dr�ngten uns beiseite. Wer sich nicht bewegte, wurde niedergetrampelt. Die Athener wichen in Panik zur�ck, strauchelten, fielen �bereinander und rutschten den Hang hinunter. Ich selbst rettete mich gerade noch zur Mauer unter dem Tempel Nikes und hielt mich an einem Vorsprung fest. Vor mir lagen etliche M�nner und Frauen schwer verletzt am Boden, aber die Spartaner dr�ngten unbeirrt und gnadenlos weiter auf die Menschenmenge ein, bis eine Gasse freiger�umt war. Dann stie�en von unten her die Toxotai mit ihren Weidenruten dazu und verbreiterten mit ihren Hieben das Spalier. Wer nicht schnell genug fortsprang, den schlugen sie wahllos auf den R�cken, den Bauch und in das Gesicht, egal ob sie es mit einem Mann oder einer Frau, mit einem Kind oder einem Greis zu tun hatten. Und wieder schritt <emphasis>er</emphasis> voran, breitbeinig und roh wie ein Tier. Ich ging in Deckung, damit er mich nicht sah. Mein Herz drohte zu zerspringen, ich wei� nicht, ob aus Angst oder Wut. Das gl�nzende Schwert in der Hand, den Helm der Bogensch�tzen auf dem Haupt, befehligte er meine Soldaten, und sie folgten ihm unbeirrt, auch wenn sie Athener niederschlagen mussten. Ihre Aufgabe war es offenbar, den Weg f�r die Spartaner frei zu machen, und sie erf�llten sie ohne jede R�cksicht gegen die eigenen Leute.</p><p>Bis jetzt wussten wir noch nicht, was auf der Akropolis vor sich ging. Aber auch das R�tsel sollte sich l�sen. Zwei Perser erschienen an der Treppe. Sie hatten vier spartanische Offiziere neben und eine Einheit einfacher Soldaten hinter sich. Die M�nner zogen einen Wagen, einen gro�en, klobigen Ochsenkarren, den sie nur mit M�he heil die Stufen herunterbrachten. Er war schwer beladen und drohte ihnen dauernd wegzuspringen. Ich ahnte, was sie da wegbringen wollten. Noch ehe ich in den Wagen sehen konnte, f�hlte ich es. Das also war das Unterpfand, das Kritias und seine Verschw�rer den Persern versprochen hatten, damit sie Sparta mit dieser riesigen Flotte ausr�steten; das war der Lohn f�r die Perser und der Preis, den sie f�r die Macht �ber die Stadt zu zahlen bereit gewesen waren: unseren Kriegschatz, unser wertvollstes Heiligtum! Sie haben ihn verkauft. In dem Wagen lag der Athene Parthenos goldener Mantel!</p><p>Die Athener, die sahen, was da fortgeschleppt wurde, verstummten. Viele knieten hin und senkten die K�pfe vor Scham und Schande. Es war, als h�tte vor unseren Augen ein Sohn die eigene Mutter zur Sch�ndung feilgeboten. Und <emphasis>er</emphasis> stand dabei, grob lachend und laut.</p></section><section><title><p><strong>&#x41A;</strong></p></title><p>nach dem raub des goldenen Mantels zogen die Spartaner ab und �berlie�en uns unserem Schicksal. Der Krieg war zu Ende, aber in unseren Herzen konnte keine Freude mehr aufkommen. Die Stadt war besiegt, die Mauern geschleift, die Demokratie gest�rzt, die B�rger entwaffnet, unsere G�ttin entkleidet -konnte noch etwas Schlimmeres geschehen? Gab es noch ein Ungl�ck, das auf uns wartete?</p><p>Es gab nur wenige Menschen, die wussten, dass ich in Athen geblieben war und mich im eigenen Haus verborgen hielt. Einer von ihnen war Sokrates. Eines Nachts - es waren seit dem Abzug der Spartaner einige Wochen vergangen, wir schrieben schon den Monat Thargelion - klopfte er vorsichtig an mein K�chenfenster.</p><p>�Nikomachos, lass mich rein. Ich bin es, Sokrates�, fl�sterte die mir wohlbekannte Stimme des Freundes. Ich sa� im Dunkeln und a�. Seit dem Raub der Waffen hatte ich im Haus kein Licht mehr angemacht.</p><p>�Komm ans Tor�, antwortete ich und ging so schnell und leise wie m�glich in den Garten, um ihm zu �ffnen. Ich zog den Riegel zur�ck und lie� ihn hinein. Pl�tzlich erschien der Schatten eines zweiten Mannes hinter ihm. Ich erschrak.</p><p>�Keine Angst, es ist Lysias�, fl�sterte Sokrates beruhigend. �Wir brauchen deine Hilfe.�</p><p>Ich f�hrte die beiden ins Haus und brachte sie in das hintere, gro�e Zimmer. Es lag am weitesten von der Stra�e entfernt. Hier konnten wir sicher sein, von niemandem geh�rt oder gesehen zu werden. Ich entz�ndete sogar eine kleine Lampe. Was ich im Schein ihrer bescheidenen Flamme erblickte, machte mich schaudern.</p><p>�Um Himmels willen!�, stie� ich hervor. Lysias war kaum wiederzuerkennen. Seine Z�ge schienen versteinert. Zwei tiefe, blutige Striemen liefen �ber sein Gesicht, zwei �ber die Schulter. Anstelle seiner sonst so ausgesuchten Gew�nder trug er einen einfachen, leicht verschlissenen Wollmantel.</p><p>�Was ist denn blo� geschehen?�, fragte ich und n�tigte Lysias, sich zu setzen. Er antwortete nicht. Seine Augen blieben weit aufgerissen und starr.</p><p>�Wartet�, bat ich meine Freunde und eilte in die K�che, wo ich Wein und einige Speisen zusammentrug. Als ich mit einem Tablett in das hintere Zimmer zur�ckkam, fand ich Lysias in der gleichen Stellung, in der ich ihn zur�ckgelassen hatte. Er hatte sich nicht ger�hrt. Er schien leblos wie eine Statue. Sokrates sa� neben ihm auf der Liege und betrachtete ihn besorgt.</p><p>�Bedient euch�, bat ich meine G�ste, nachdem ich das Servierbrett auf ein Tischchen gestellt hatte. Ich versuchte, m�glichst fr�hlich und unbefangen zu klingen. Obwohl ich ein wenig zitterte, schenkte ich ein und reichte Lysias eine Trinkschale. Ich l�chelte und nickte ihm zu, um ihn zum Trinken zu ermuntern. Aber Lysias bewegte sich nicht. Er nahm mir noch nicht einmal den Becher aus der Hand. Das Licht der kleinen Lampe warf unruhige Bilder auf sein erstarrtes Gesicht; er aber blieb v�llig regungslos.</p><p>�Was ist geschehen?�, fragte ich Sokrates.</p><p>�Ich wei� es nicht�, antwortete er und lie� Lysias nicht aus den Augen. �Ich habe ihn heute Mittag vor meinem Haus gefunden. Er hat geblutet. Ich habe ihn ins Haus gebracht, gewaschen und ihm einen Mantel gegeben. Er hat kein Wort gesprochen, die ganze Zeit �ber nicht. Nachdem ich ihn halbwegs versorgt und verarztet hatte, wollte ich ihn nach Hause bringen. Aber das lie� er nicht zu. Er wurde rasend. Er schrie, raufte sich die Haare und schlug um sich. Dabei rief er immerzu nach seinem Bruder. Er beruhigte sich erst, als ich versprach, ihn nicht zur�ckzubringen. Aber bei mir konnte er nicht bleiben. Da habe ich gleich an dich gedacht. Meinst du, du kannst ihn f�r ein paar Tage aufnehmen? Bis es ihm besser geht oder wir etwas anderes gefunden haben?�</p><p>�Sicher kann er bleiben�, sagte ich sofort - Lysias hatte mir damals sehr zu helfen versucht -, fragte Sokrates aber gleichzeitig und ohne dar�ber nachzudenken, wieso er ihn denn nicht selbst aufnehmen konnte. Sokrates wurde verlegen, wie ich es noch nie gesehen hatte. Ich bereute meine Frage sofort.</p><p>�Xanthippe�, antwortete er zaghaft, �du wei�t ja, wie sie ist. Sie wollte nicht, dass er bei uns zu Hause bleibt. Sie hatte Angst um die Kinder.�</p><p>�Die h�tte meine Aspasia auch gehabt�, beteuerte ich gleich, obwohl ich sicher war, dass meine Frau einem verletzten Freund die Gastfreundschaft nicht verweigert h�tte. Wozu ein Weib einen Mann doch bringen kann, dachte ich bei mir. Wie sagt das Sprichwort? Das Feuer, das Meer und die Frau - drei Worte, ein �bel. Schnell wechselte ich das Thema.</p><p>�Lysias braucht einen Arzt. Vielleicht kann Chilon ihn sich ansehen. Kannst du einen Boten nach Pir�us schicken?�</p><p>�Ja, ich frage einen meiner Sch�ler�, antwortete Sokrates, dem der Themenwechsel mehr als gelegen kam. Sogar bei diesem schlechten Licht sah ich, dass sich seine Gesichtsz�ge entspannten. Er hatte Angst vor Xanthippe, aber er wollte es sich nicht anmerken lassen. Wer wei�, was aus ihm geworden w�re, wenn seine Frau ihm ein liebevolleres Heim bereitet h�tte, �berlegte ich kurz. Vielleicht h�tte er dann nicht den lieben langen Tag auf der Agora verbringen m�ssen.</p><p>�Schicke lieber keinen Sch�ler�, sagte ich. �Du wei�t um die giftigen Pflanzen in deinem Garten.�</p><p>Sokrates schien einen Augenblick irritiert. Zum ersten Mal, seit ich ihn kannte, war er wirklich verunsichert. Ich sah, wie sich seine Lippen stumm bewegten, dann antwortete er bestimmt.</p><p>�Du hast recht, ich werde einen meiner S�hne bitten.�</p><p>Obwohl wir die ganze Zeit �ber ihn gesprochen hatten, blieb Lysias v�llig unbeteiligt. Er h�rte uns nicht einmal zu. Noch einmal versuchte ich, ihm die Trinkschale in die Hand zu dr�cken, aber es gelang mir nicht. Er schloss nicht einmal die Finger um das Gef��. Aber ich musste ihn irgendwie ins Leben zur�ckholen. Also stand ich auf, um ihm den Wein eigenh�ndig einzufl��en. Unmerklich trank er ein oder zwei kleine Schlucke. Das war gut, das war ein Anfang. Sokrates sah aufmerksam zu und reichte mir ein St�ck Brot. Ich brach ein winziges St�ck und f�hrte es an Lysias' Mund. Zaghaft �ffnete er die Lippen und nahm es an.</p><p>�Ich sehe, mein guter Geist hatte recht, als er mich hie�, Lysias zu dir zu bringen�, fl�sterte Sokrates, und ich sah, wie er sich �ber jede Regung freute, die Lysias zeigte.</p><p>Es war sp�t. Sokrates musste gehen, versprach aber, gleich morgen nach Chilon zu schicken und abends wiederzukommen. Den Tag wollte er nutzen, um in Erfahrung zu bringen, was Lysias geschehen sein konnte. Ich brachte ihn zum Tor und verabschiedete ihn. Die Nacht war noch warm und roch nach Sommer, war aber finster, wie nur eine Neumondnacht es sein kann. Der Mond stand schmal und bleich wie eine Schwertklinge am Himmel.</p><p>Leise schloss und verriegelte ich das Tor. Zum Gl�ck hatte ich den Riegel erst gestern gefettet. Dann ging ich zu Lysias zur�ck. Ich fand ihn schlafend auf der Liege. Er sah aus, als w�re er einfach nur zur Seite gekippt. Immerhin, er schlief, und Schlaf, mehr noch als die Zeit, heilt die Wunden unserer Seele.</p><p>Ich beschloss, die Nacht �ber bei Lysias zu bleiben. Ich holte zwei Decken aus meinem Versteck und stellte die Liegen nebeneinander, um sofort wach zu werden, falls Lysias Hilfe brauchte.</p><p>Als mein Bett gerichtet war, deckte ich Lysias zu. Ich war sicher, er hatte etwas Furchtbares erleben m�ssen. Sein Gesicht zuckte unruhig im Schlaf, Schwei�perlen traten ihm auf die Stirn. Ich trocknete sie mit einem Tuch. Lysias' Atem ging schnell und flach. Da h�rte ich ein Ger�usch, zuerst unmerklich. Leise und verhalten kam es an mein Ohr. Es erinnerte mich an etwas, ich konnte aber erst nicht ausmachen, was es war. Ich musste leise sein und durfte selbst kaum atmen, wenn ich es erkennen wollte. Ganz still blieb ich neben Lysias sitzen. Dann war es da: ein leichtes Pfeifen, das aus Lysias' Nase drang, nicht anders als bei meinem Sohn, wenn er ein wenig verschnupft war. Und da fiel es mir ein. Eine Neumondnacht im Sommer: Bald j�hrte sich Perianders Tod.</p><p>Ich blieb noch lange im Licht der �llampe sitzen. Niemand leistete mir Gesellschaft in der Finsternis meiner Gedanken. Lysias st�hnte von Zeit zu Zeit auf und warf sich im Schlaf herum. Einmal rief er nach seinem Bruder.</p><p>Wie war das noch? Ein Mann zeigt den eigenen Vater an, weil der einen Sklaven erschlagen hat. Richtig, das war die Geschichte, die Sokrates erz�hlt hatte, als wir uns zum ersten Mal sahen. Die Frage war, was h�her zu achten sei, die Treue zur Familie oder die Gesetze der Stadt. Wie hatte sich Periander noch entschieden? Ich wusste es nicht mehr. Ich musste Sokrates danach fragen. Wie w�rde ich selbst mich wohl entscheiden?</p><p>Irgendwann, als das �l in der Lampe und der Wein in der Karaffe zur Neige gingen, suchte auch ich ein wenig Schlaf, fand ihn aber kaum. Die Nacht war unruhig, Lysias tr�umte, st�hnte und rief wieder nach Polemarchos. Trotzdem f�hlte ich mich auf eine eigent�mliche Art gel�st, beinahe heiter. Das kleine Pfeifen aus Lysias' Nase hatte mich an ein Versprechen erinnert, das ich mir selbst gegeben hatte, und ich war entschlossen, es einzul�sen.</p><p>Ich schreckte hoch aus einem traumlosen Schlaf und fand Lysias neben mir sitzen. Der Morgen d�mmerte, es wurde allm�hlich hell. Das Zimmer lag in grauem Licht. Die Lampe stand erloschen auf dem Schemel neben meiner Liege.</p><p>�Ich wollte dich nicht wecken�, sagte Lysias. Ich war sofort hellwach.</p><p>�Du sprichst, was f�r ein Gl�ck!�, sprudelte es unbedacht aus mir heraus, obwohl mein Mund vom Wein trocken und mein Zunge noch tr�ge war. �Was war gestern mit dir? Kannst du dich an irgendetwas erinnern?�</p><p>Lysias sah mich traurig an. �Ich kann mich an alles erinnern�, antwortete er, �an alles.� �Was ist denn passiert?�, fragte ich. Lysias starrte zur Seite. Er antwortete nicht. Ich sah, wie er zu zittern begann.</p><p>�Schon gut�, versuchte ich ihn zu beruhigen, richtete mich auf und legte den Arm um ihn. Das lie� die D�mme seines Widerstands endg�ltig brechen. Es war, als l�sten sich Sturzb�che aus den Wolken, so begann Lysias mit einem Mal zu schluchzen und zu weinen. Wie ein Kind dr�ngte er sich an meine Brust. Rotz und Wasser liefen mir �ber das Gewand, aber mir war klar, dieser Ausbruch w�rde ihn der Heilung n�her bringen als das Schweigen, das sein Herz gestern noch so eisern umklammert hatte.</p><p>Es dauerte lange, bis Lysias sich beruhigen konnte. Als er zu weinen aufgeh�rt hatte, waren sein Gesicht und seine Augen rot verquollen und nass, beinahe entmenschlicht. Er wollte etwas sagen, aber seine Stimme versagte. Ich brachte ihm einen Bottich mit Wasser und lie� ihn allein, damit er sich waschen und wieder zu sich kommen konnte. Dann ging ich in die K�che und bereitete uns ein kleines Fr�hst�ck. Der Tag versprach hei� zu werden. Auch in diesem Jahr w�rde es einen hei�en Sommer geben.</p><p>Da sprang die T�r auf. F�r einen Augenblick sah ich Lykon vor mir, wie er hereinst�rmte, um mich zu Alkibiades zu bringen, aber die Erinnerung und meine geblendeten Augen hielten mich zum Narren. Es war Lysias. Er suchte nach mir. Hinter ihm schien die Sonne zur T�r herein. Das Grau des fr�hen Morgens war dem glei�enden Wei� der Sommersonne gewichen.</p><p>�Komm herein�, bat ich, �ich hoffe, es macht dir nichts aus, hier in der K�che zu fr�hst�cken.�</p><p>�Nein, nat�rlich nicht�, antwortete er mit einer Stimme, die immer noch leicht zitterte, und setzte sich an den kleinen K�chentisch. Er hatte sich gewaschen und frisiert, aber sein Gesicht und seine Augen blieben geschwollen. �Als ich hereinkam, hast du mich angesehen, als w�re ich ein Gespenst�, sagte er. �Sehe ich so furchtbar aus?�</p><p>�Nein, du siehst gar nicht furchtbar aus�, schwindelte ich und stellte ein Fladenbrot auf den Tisch. �Meine Augen haben mir einen Streich gespielt. F�r einen Moment habe ich dich f�r einen anderen gehalten. Ich habe gestern Abend zu viel getrunken.�</p><p>Lysias nickte und goss Wasser in unsere Becher. Ich wagte nicht, ihn noch einmal zu fragen, was ihm gestern widerfahren sei. Wenn er es mir erz�hlen wollte, dann w�rde er es tun, ohne dass ich weiter in ihn drang.</p><p>Ich a� mit Appetit. Lysias dagegen r�hrte das Fr�hst�ck kaum an. Er versuchte ein St�ck Fladenbrot, nahm aber nur einen winzigen Bissen, auf dem er lustlos herumkaute. Sein Blick war leer. Er hielt einen Becher Wasser in der Hand und trank von Zeit zu Zeit einen kleinen Schluck. Dabei machte er keine Anstalten, etwas zu sagen. Ich f�rchtete, seinem Bruder k�nne etwas geschehen sein, wagte aber nicht, mich nach ihm zu erkundigen. Lysias und Polemarchos standen sich nahe. Das wusste ich seit unserem ersten gemeinsamen Treffen. Und so sa�en Lysias und ich schweigend am Tisch in der abgedunkelten K�che, w�hrend von der Stra�e her die Ger�usche der Stadt hereindrangen, einer Stadt, die ihr Tagwerk begann. Ein Obstverk�ufer schob seinen Karren und pries sein Fr�hobst an. Kinder tollten mit einem Hund durch die Gasse und gaben dem armen Tier mitleidlos Befehl um Befehl. In der K�che indessen wurde die Stille dr�ckend und lie� das Leben, das von der Stra�e kam, unwirklich erscheinen.</p><p>Ich wei� nicht mehr, wie ich darauf kam. Ich musste einfach etwas sagen, um nicht an dieser Stille zu ersticken und um Lysias zum Sprechen zu bringen. Ich griff einfach nach einem Fetzen meiner Erinnerung.</p><p>�Kritias war doch Sokrates' Sch�ler, nicht wahr?�, begann ich beinahe zuf�llig. Lysias horchte auf und nickte. �Wei�t du, wieso sie sich �berworfen haben?�</p><p>Lysias stellte seinen Becher weg und legte die H�nde vor sein Gesicht. Als er mich wieder ansah, schien er unendlich m�de.</p><p>�Ich wei� nicht, ob ich es dir erz�hlen darf�, sagte er. �Es w�re besser, wenn Sokrates dir diese Frage beantwortete w�rde, aber er spricht nicht mehr �ber die damalige Zeit. Andererseits stehe ich in deiner Schuld und denke, du solltest es wissen ...�</p><p>Ich war erstaunt �ber diese umst�ndliche Einleitung, hatte ich doch kaum erwartet, dass sich hinter dem Zerw�rfnis der beiden ein gro�es Geheimnis verbergen k�nne. So aber war es. Lysias z�gerte noch einen Augenblick, dann berichtete er, erz�hlte in jener klaren und einfachen Art, die ihm eigen war, eine Geschichte von Eifersucht und Verrat, in deren Mittelpunkt kein anderer als Kritias stehen konnte. Und so erfuhr ich, dass auch Sokrates einst liebte, den sch�nsten J�ngling, den Attika je gesehen hat: Alkibiades, Perikles' Neffen und Sokrates' Sch�ler. Ob diese Liebe k�rperlich wurde, ob Sokrates, der keusche Satyr, diesen J�ngling von apollinischer Sch�nheit je k�sste, wusste niemand genau. Alkibiades selbst - freiz�gig in diesen Dingen, wie man wei� - berichtete wohl einmal bei einem Gelage, wie er versucht hatte, Sokrates zu verf�hren; wie er nackt mit ihm gerungen und sich dann ersch�pft neben ihn gelegt hatte - vergeblich. Der kluge Alte blieb vor allem sich selbst treu und lie� sich auch von diesem jungen und unvergleichlich sch�nen K�rper nicht in Versuchung bringen. Aber wenn Sokrates Alkibiades' Leib auch verschm�hte, liebte er ihn doch. Daran bestand gar kein Zweifel, und t�glich ruhte sein liebevoller Blick auf ihm.</p><p><emphasis>�Warum huldigest du, heiliger Sokrates, diesem J�nglinge stets?�,</emphasis></p><p>begann Lysias die erste Zeile eines alten Gesanges, den ich selbst wohl schon einmal geh�rt hatte. Dann betrachtete er mich einen Augenblick mit dem L�cheln der Wehmut - auch f�r ihn waren viele Jahre vergangen seit damals - und fuhr fort.</p><p>Zusammen mit Alkibiades war Kritias seinerzeit Sokrates' Sch�ler, und je offensichtlicher wurde, welche Zuneigung Sokrates und Alkibiades verband, desto mehr entbrannte Kritias in Eifersucht. In einer doppelten Eifersucht, wie man sagen muss, ging es ihm doch nicht nur um einen, den er selbst gerne besessen h�tte. Kritias war eifers�chtig auf beide zugleich und missg�nnte ihnen die Liebe des jeweils anderen, Sokrates die Sch�nheit, die er empfing, und Alkibiades den Geist, der um ihn warb.</p><p>�Was geschah dann?�, fragte ich w�hrend einer Kunstpause, die Lysias, Redner, der er nun einmal war, einzulegen nicht lassen konnte. Wieder sah er mich traurig an, und sein Blick war ganz klar dabei.</p><p>�Du kannst dir nicht vorstellen, was er tat?�, fragte er. Ich verneinte. Lysias legte den Kopf in den Nacken und schloss die Augen. Er schien seine Erinnerung und seine Worte von weither zu holen.</p><p>�Er schwor Rache und wartete auf eine Gelegenheit, um Lehrer und Sch�ler f�r immer zu trennen�, fuhr er fort. �Er wartete zehn Jahre lang, zehn Jahre, w�hrend derer Alkibiades immer ber�hmter und erfolgreicher wurde, was Neid und Hass in Kritias' Seele st�ndig neue Nahrung gab. Ich bin sicher, du kannst dich selbst noch gut erinnern: Alkibiades hatte einen erfolgreichen Feldzug beendet. Er war ein wenig �lter als drei�ig, die Liebe zwischen ihm und Sokrates war der Freundschaft gewichen, aber sie standen sich noch nah. Alkibiades wurde damals zum ersten Mal zum Strategen gew�hlt - ein weiterer Stachel in Kritias' Fleisch, wie du dir denken kannst, hatte der sich doch schon lange heimlich Hoffnungen auf das Amt gemacht ... Alkibiades war damals ungest�m und noch ehrgeiziger, als du ihn kennst. Er �berzeugte die Athener, gegen Sizilien zu ziehen, und wollte die Flotte selbst f�hren. In der Nacht, bevor er in See stach, geschah etwas ganz Unerh�rtes ...�</p><p>�Die Hermesstatuen auf der Agora wurden zerschlagen�, sagte ich trocken.</p><p>�So ist es�, best�tigte er, �und um es genau zu sagen: Sie wurden kastriert .�</p><p>�Der Hermen-Frevel!�</p><p>�Der Hermen-Frevel�, wiederholte Lysias, w�hrend sich das Mosaik der Ereignisse vor meinem inneren Auge zu einem Bild f�gte. �Ich war sicher, du w�rdest dich erinnern. Alkibiades ging in aller Fr�he an Bord des Flaggschiffes und lie� die Segel setzen. Er konnte nicht wissen, was in der Nacht zuvor geschehen war. Trotzdem war die Emp�rung gro�, weil der Stratege Athen an einem Tag verlassen hatte, an dem die G�tter so beleidigt worden waren. Abergl�ubisch, wie sie sind, f�rchteten die Leute das b�se Omen. Ein paar Tage sp�ter kam dann das Ger�cht auf, Alkibiades selbst habe den Statuen Gewalt angetan. Es hie�, er und ein paar seiner Freunde h�tten sich am Abend vor der Expedition sinnlos betrunken und seien anschlie�end gr�lend �ber die Agora gezogen, um die G�tterbilder zu sch�nden. Zunehmend fanden sich auch Zeugen f�r den Vorfall -keiner hatte wirklich etwas gesehen, aber jeder behauptete, er habe einen zuverl�ssigen Freund, der Alkibiades erkannt habe. Ehe man sichs versah, erhob jemand Anklage gegen den jungen Strategen. Religionsfrevel warf man ihm vor. Der Prozess wurde in seiner Abwesenheit verhandelt, Alkibiades fast einstimmig zum Tode verurteilt. Weder Sokrates noch ich konnten es verhindern. Als Alkibiades von dem Todesurteil erfuhr, weigerte er sich, zur�ckzukehren, obwohl Sokrates ihn beschwor, sich einem neuen Prozess zu stellen. Er floh nach Sparta. Dort empfing man ihn mit offenen Armen. Welchen besseren Verb�ndeten gegen Athen h�tten sich die Spartaner vorstellen k�nnen als Perikles' Neffen? Den Rest der Geschichte kennst du selbst. Alkibiades blieb der Stadt �ber zehn Jahre fern. Er und Sokrates haben sich nicht wiedergesehen. Als Alkibiades endlich zur�ckkehrte, waren die beiden sich fremd.�</p><p>�Wer war der Ankl�ger, der Alkibiades das angetan hat?�, fragte ich. �Ich wei� es nicht mehr.�</p><p>�Ein gewisser Ademantos,� antwortete Lysias, in dessen Augen ein eigent�mliches Funkeln trat. �Aber der ist v�llig unbedeutend. Entscheidend ist, wer hinter ihm stand.�</p><p>�Kritias!�, sagte ich bestimmt.</p><p>Lysias hob die H�nde.</p><p>�Kritias,� wiederholte er, �aber das ist noch nicht alles. Wei�t du, er hat nicht einfach nur eine Gelegenheit ergriffen, um sich zu r�chen und einen Rivalen wie Alkibiades f�r immer zu vertreiben. Mehr noch: Er hat von Anfang bis Ende alles geplant und ins Werk gesetzt.�</p><p>�Wie meinst du das? Ich verstehe nicht.�</p><p>�Oh, es ist ganz einfach�, antwortete Lysias geduldig. �Er hat Alkibiades auf die Idee gebracht, gegen Sizilien zu ziehen - sie kannten sich ja lange -, und er war es, der in der Nacht vor der Abfahrt die Statuen hat sch�nden lassen! Er allein ist f�r den Hermen-Frevel verantwortlich, er allein. Zu guter Letzt hat er daf�r gesorgt, dass alle Welt Alkibiades verd�chtigte.�</p><p>Lysias stellte den Becher auf den Tisch, stand auf und ging zum Fenster. Er machte keine Anstalten, weiterzusprechen. Er schien ans Ende seiner Geschichte gelangt zu sein.</p><p>�Wie kannst du sicher sein, dass Kritias alles geplant hat?�, fragte ich nach einer ganzen Weile, w�hrend der Lysias nur zu den Ritzen hinausgesp�ht und auf die Stra�e gesehen hatte. Lysias drehte sich um.</p><p>�Daf�r gibt es die einfachste Antwort der Welt. Sokrates hat ihn zur Rede gestellt, und eitel, wie Kritias ist, hat er es zugegeben, weil er meinte, damit beweise er seinen �berlegenen Verstand. Er hat Sokrates sogar noch gewarnt, sich weiter einzumischen. Sokrates hat es mir am gleichen Abend noch erz�hlt. &lt;Ich warne dich, Sokrates, wenn du etwas gegen mich unternimmst, werde ich leugnen, �berhaupt mit dir gesprochen zu haben ... <emphasis>F�r dich ist das Ganze zu gro� und zu gef�hrlich.��</emphasis></p><p>Lysias musste bemerkt haben, dass ich bei diesen Worten aufhorchte.</p><p>�Ja, ich wei� schon�, sagte er, �diese Worte sind dir nicht fremd .�</p><p>�Woher wei�t du?�, fragte ich.</p><p>�Sokrates hat mir von deiner Begegnung mit Lykon erz�hlt,� antwortete er schlicht.</p><p>Lysias setzte sich wieder an den kleinen Tisch. Aus seinem Gesicht war die Spannung gewichen. Er war m�de, alt und traurig. Was immer ihm gestern widerfahren sein mochte, es holte ihn ein. Eine Tr�ne lief ihm �ber die Wange. W�hrenddessen klangen in mir die Worte nach: <emphasis>F�r dich ist das Ganze zu gro� und zu gef�hrlich.</emphasis> Was war Kritias nur f�r ein Mensch? Wer konnte zehn Jahre lang hassen? Aber ich verstand noch etwas anderes nicht: Wenn Sokrates wusste, dass kein anderer als Kritias f�r die Verbannung des Menschen verantwortlich war, der ihm nahestand wie kein anderer, wieso hatte er sich nicht an ihm ger�cht?</p></section><section><title><p><strong>&#x3BB;</strong></p></title><p>wie ich es erwartet hatte, besuchten Sokrates und Chilon uns noch am selben Tag. Sie kamen fast gleichzeitig und nutzten den Schutz der Abendd�mmerung, um vorsichtig an das Tor zu klopfen. W�hrend Sokrates mich zwar ernst, aber doch offen und freundschaftlich begr��te, wie ich dies gewohnt war, schien mir Chilon verlegen und ausweichend.</p><p>�Wie geht es Aspasia und meinen S�hnen?�, fragte ich, nachdem wir den Bruderkuss getauscht hatten.</p><p>�Gut, keine Sorge�, erwiderte Chilon und schlug dabei die Augen nieder, �es fehlt ihnen nichts. Ich k�mmere mich um sie, so gut ich kann. Sie vermissen dich.�</p><p>Dann fragte er, den Blick immer noch zu Boden gerichtet, nach Lysias, w�hrend mir der Stachel der Eifersucht wieder ins Herz fuhr. Lange durfte ich meine Familie nicht mehr allein lassen, das war gewiss.</p><p>�Er hat sein Zimmer seit dem Fr�hst�ck nicht verlassen�, antwortete ich, w�hrend ich gegen meine Gef�hle k�mpfte. �Ich war drei Mal bei ihm, um ihm Wasser und ein wenig zu essen zu bringen, aber er hat es nicht anger�hrt. Immerhin spricht er wieder. Gestern war er den ganzen Tag �ber v�llig stumm.�</p><p>Ich brachte Chilon zu Lysias und lie� die beiden dann allein. Sokrates wartete drau�en im Garten. Er sa� unter unserem Feigenbaum auf dem Lieblingsplatz meines Vaters. Er war ungew�hnlich ernst. Er brachte schlimme Nachrichten.</p><p>�Hast du etwas herausgefunden?�, fragte ich.</p><p>Sokrates nickte. �Ja, das habe ich.� In seinem Gesicht stand alle Schwere der Welt.</p><p>�Geht es dir manchmal auch so, dass du dich sch�mst, Athener zu sein?�, fragte er unvermittelt.</p><p>�Ich wei� nicht�, antwortete ich �berrascht, �dar�ber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht. Sollten wir uns denn sch�men?�</p><p>Sokrates antwortete nicht gleich. Er schloss die Augen und legte den Kopf zur�ck. An seiner Schl�fe zuckte eine dunkle Ader. �Sie vertreiben die Met�ken�, sagte er endlich. �Gestern haben sie damit angefangen. Erst rauben sie sie aus, dann werden sie aus der Stadt gejagt.�</p><p>�Ich verstehe nicht�, sagte ich ungl�ubig. �Wer verjagt die Met�ken?�</p><p>�Die Drei�ig, Kritias und seine Spie�gesellen!�, entgegnete Sokrates. �M�rderbande!�, fluchte er.</p><p>Ich gab ihm Zeit, sich zu beruhigen. Dann bat ich ihn, der Reihe nach zu erz�hlen. Er atmete tief durch und berichtete.</p><p>Sokrates war den ganzen Tag durch Athen geeilt und hatte offenbar mit jedem gesprochen, dessen er habhaft werden konnte. Simon der Schuster war wieder eine der zuverl�ssigsten Quellen gewesen. Das Gesch�ft neben dem Tholos blieb der Umschlagplatz f�r neueste Nachrichten, auch wenn es gar keine Ratsherren mehr gab. Den Rest hatte er von Lysias' Nachbarn erfahren, die ihm, bleich und voller Schrecken, erz�hlten, was sie hatten mit ansehen m�ssen: Ja, und dann gab es da noch jemanden, der ihm etwas anvertraut hatte ...</p><p>Nachdem die Drei�ig den Persern den Kriegsschatz �berlassen hatten, mussten sie wohl dar�ber nachgedacht haben, wie sie die Staatskasse so schnell wie m�glich wieder auff�llen konnten. Von wem die Idee stammte, hierzu einfach das Verm�gen der Met�ken zu stehlen, hatte Sokrates nicht in Erfahrung bringen k�nnen. Genau das aber hatten sie beschlossen und gestern in aller Fr�he auch begonnen. Sie brauchten noch nicht einmal einen Vorwand daf�r. Die Familie des Kephalos stand dabei an erster Stelle. Kephalos und seine S�hne waren die reichsten Ausl�nder der Stadt. Um ihre Habgier nicht allzu offen zutage treten zu lassen, w�hlten die Drei�ig aber nicht nur reiche, sondern auch einige arme Met�ken f�r ihre �berf�lle aus ... Kephalos aber traf es als Ersten.</p><p>Gestern Morgen umzingelte ein gewisser Eratosthenes, einer der Drei�ig, zusammen mit einer Gruppe Toxotai Kephalos' Haus. W�tend schlugen sie gegen das Tor. Als ihnen ge�ffnet wurde, st�rmten sie das Anwesen. Was dort geschah, konnten die Nachbarn nur ahnen. Vermutlich durchsuchten die M�nner Kammer um Kammer und Truhe um Truhe, um alles Gold und Silber an sich zu bringen, das sie nur finden konnten. Kurze Zeit sp�ter jedenfalls begannen sie Kephalos' gesamten Besitz auf zwei Ochsenkarren zu laden, die sie f�r ihren Raubzug eigens mitgebracht hatten. Pl�tzlich drang L�rm aus dem Innenhof: wilde Fl�che gefolgt von einem gurgelnden Laut und dem markersch�tternden Schrei eines Weibes, der ebenso pl�tzlich erstarb, wie er erklungen war. Keiner zweifelte daran, dass etwas F�rchterliches geschehen war. Als die Toxotai die Ochsenkarren endlich vollgeladen und das Weite gesucht hatten, wagten sich einige der Nachbarn in Kephalos' Haus. Ihnen bot sich ein Anblick des Grauens. Auf dem Boden lag der junge Polemarchos in einer Lache von Blut. Ein Schwerthieb hatte ihm die Bauchdecke ge�ffnet. Die Eingeweide quollen ihm aus dem Leib. Im Tod noch hatte er sie mit den H�nden zur�ckzuhalten versucht. Halb neben und halb auf Polemarchos lag die schwarze Sklavin und umarmte ihn. Sie war vollkommen nackt, und noch im Tod war ihr K�rper ber�ckend sch�n. Denn tot war sie, ihr Kopf war vom Leib getrennt.</p><p>�Mehr habe ich nicht in Erfahrung bringen k�nnen�, schloss Sokrates seinen Bericht, �Lysias muss mitangesehen haben, wie sein Bruder und diese Frau get�tet worden sind. Du wei�t, er stand Polemarchos sehr nah.�</p><p>Sokrates wischte sich eine Tr�ne aus dem Augenwinkel und sah zum Haus, wo wir Lysias in Chilons Obhut wussten. Er schwieg, und ich erinnerte mich an jene sch�ne Sklavin, die Po-lemarchos nach der R�ckkehr der Paralos vor allen Besuchern angesehen hatte, als w�re er nicht irdisch. Kein Zweifel, dass sie ihn liebte, mit jener grenzenlosen Leidenschaft, zu der nur das Herz einer jungen Frau f�hig ist. Doch das Bild wich einem anderen: Zwei Toxotai halten die junge Sklavin mit eisernen Griffen fest. Sie windet und wehrt sich wie eine verzweifelte Katze. Ein Dritter tritt vor sie und rei�t ihr das Gewand vom Leib. Lachend dreht er sich um; gleich zeigt sich sein Gesicht. Ich rieche seinen absto�enden Atem.</p><p>�Ich habe noch mehr schlechte Nachrichten�, h�rte ich Sokrates sagen, und das Traumgespinst verschwand. Es war der Wirklichkeit sehr nahe gekommen, wie ich sp�ter erfahren sollte.</p><p>Im Dunklen suchte ich Sokrates' Gesicht. Ich ahnte, was er sagen w�rde.</p><p>�Ich habe doch gesagt, dass die Drei�ig nicht nur reiche Me-t�ken �berfallen haben, sondern auch einige arme...�, fuhr er fort.</p><p>�Myson!�, rief ich aus. Ein paar Tauben flogen erschrocken vom Dach. Sofort wurde ich wieder leise. Es war unvorsichtig genug, hier drau�en zu sitzen. �Was ist mit ihm? Ist er tot?�</p><p>Sokrates sch�ttelte den Kopf. �Soweit ich wei�, nein�, erwiderte er ernst. �Aber sie haben ihn verhaftet und - sie verh�ren ihn.�</p><p>�Verh�ren? Wieso das?�, fragte ich best�rzt, denn ich hatte keine Zweifel daran, wie sie ihn verh�rten.</p><p>�Sie wissen von seiner Verbindung zu den Demokraten�, antwortete Sokrates. Er z�gerte einen Augenblick und schien sich einen Ruck geben zu m�ssen, bevor er weitersprechen konnte. �Und sie wissen von seiner Verbindung zu dir. Du bist in Gefahr, Nikomachos. Kritias hat dich nicht vergessen.�</p><p>Kritias! Allein schon der Klang des Namens ersch�tterte mich wie ein Beben, doch gleich darauf musste ich an Myson denken, wie er in einer Zelle sa� und blutete, nicht anders als Lysippos, dieser arme Teufel, den ich damals vor mir gesehen hatte. Ich drehte mich zu Sokrates. Seine Umrisse verschwanden in der Dunkelheit. Der Abendwind strich durch die Bl�tter des Feigenbaumes.</p><p>�Wo ist er?�, fragte ich. �Haben sie ihn in das Gef�ngnis gebracht, oder ist er in der Kaserne?�</p><p>�Im Gef�ngnis�, antwortete Sokrates wie von fern. Er wusste, dass ich ihm nun noch eine andere Frage stellen musste.</p><p>�Sag mir eins, Sokrates�, bat ich ihn denn auch und suchte seine Gestalt im n�chtlichen Schatten des Baumes auszumachen. �Woher wei�t du von Myson?� Obwohl ich ihn kaum sah, f�hlte ich, wie er verlegen zur Seite sah. Er seufzte.</p><p>�Jemand bat mich, dich zu warnen, aber seinen Namen nicht zu nennen. Er ist dir wohlgesinnt. Glaube mir�, antwortete er.</p><p>�Hast du etwa mit Lykon gesprochen?�, fragte ich entsetzt.</p><p>�Lykon? Aber nein, keine Sorge!�, versicherte er vollkommen ruhig. �Ich habe mit deinem alten Eromenos noch nie ein Wort gewechselt. Aber ich bitte dich, dringe nicht weiter in mich. Ich habe versprochen, seinen Namen nicht zu verraten.�</p><p>Ich wei� nicht, ob ich imstande gewesen w�re, Sokrates nicht weiter zu bedr�ngen, w�re in dem Moment nicht die T�r des gro�en Zimmers ge�ffnet worden, wo Chilons jungenhafte Gestalt erschien. Im Licht der kleinen �llampe war zu sehen, wie er sich noch einmal umdrehte, wohl um sich zu vergewissern, ob es Lysias auch gut ging. Dann schloss er die T�r hinter sich. Im Garten wurde es augenblicklich wieder dunkel.</p><p>�Hier sind wir!� fl�sterte ich in seine Richtung. Chilons Schritte kamen auf uns zu. Pl�tzlich ein Ger�usch; er musste gegen etwas Hartes getreten sein. Er jaulte auf vor Schmerz und fluchte wie ein Barbar. Ich lachte in mich hinein. Humpelnd kam Chilon zu uns her�ber. Er ertastete sich einen Stuhl und lie� sich ersch�pft nieder.</p><p>�Ich bin mit dem Zeh gegen einen Stein gesto�en�, sagte er und hielt sich den Fu�. Ich schmunzelte und war froh, dass es niemand sehen konnte.</p><p>�Wie geht es Lysias?�, fragten Sokrates und ich beinahe gleichzeitig. Chilon seufzte, bevor er antwortete.</p><p>�Er schl�ft jetzt. Ich habe ihm ein Schlafmittel gegeben.�</p><p>�Hat er dir gesagt, was ihn so mitgenommen hat?�, fragte Sokrates.</p><p>�Nein�, erwiderte Chilon mehr an Sokrates als an mich gerichtet, �und dazu ist es vielleicht auch noch zu fr�h. Aber du hast sicher recht mit deiner Vermutung. Ich habe Lysias auf seinen Bruder angesprochen. Er hat sofort zu zittern begonnen.� Sokrates musste Chilon schon erz�hlt haben, was er in Erfahrung gebracht hatte. Vielleicht auf dem Weg hierher.</p><p>�Was k�nnen wir tun?�, fragte Sokrates.</p><p>�Nichts, wir k�nnen ihm nur Zeit und Ruhe geben�, antwortete Chilon. �Die Seele kann der Arzt nicht kurieren.� Mit diesen Worten verstummte er und massierte seinen Fu�. Die Seele? Sokrates schien mehr und �fter mit Chilon zu sprechen, als ich annahm. Obwohl ich ihn kaum sehen konnte, sp�rte ich Chilons Blick auf mir.</p><p>�Ich denke, es ist das Beste, wenn ich Lysias morgen kurz vor Tagesanbruch mit nach Pir�us nehme�, sprach er weiter, diesmal eindeutig an mich gewandt.</p><p>�Und warum nach Pir�us?�, fragte ich gekr�nkt. Chilon antwortete nicht. Wie hatte ich nur so dumm sein k�nnen, ihm Aspasia und die Kinder anzuvertrauen, schoss es mir durch den Kopf. Er war viel zu jung und Aspasia viel zu sch�n, als dass ich ihnen h�tte vertrauen d�rfen. Wieso war Aspasia �berhaupt so schnell damit einverstanden gewesen, mit den Kindern zu Chi-lon zu ziehen? Gerade sie, die es sonst nicht ertragen konnte, wenn ich nur eine Nacht ausblieb? Oder war das Versteck bei Chilon nicht vielleicht sogar ihre Idee gewesen?</p><p>Sokrates r�usperte sich. �Ich habe Chilon erz�hlt, dass du in Gefahr bist�, sagte er, so ruhig er nur konnte. �Wir dachten, Lysias sei dir eine Last und es w�re das Beste, wenn Chilon ihn zu sich nimmt. Au�erdem kann Lysias die Stadt von Pir�us aus am leichtesten verlassen. Wir wollten nicht an deinen F�higkeiten als Gastgeber zweifeln.�</p><p>Obwohl es dunkel war, sah ich, wie Chilon nickte. �Nat�rlich bist du eingeladen, sofort mitzukommen�, f�gte er leise und bescheiden hinzu, �deine Familie wartet auf dich.� Mich �berkam augenblicklich bitterste Reue, und ich schwieg besch�mt. Vermutlich war ich viel zu lange allein geblieben. Mit der Zeit verlernt es ein einsamer Hund, zwischen Freunden und Feinden zu unterscheiden.</p><p>�Du w�rdest dich wundern, wie viele Athener schon nach Pir�us geflohen sind�, f�gte Chilon noch hinzu.</p><p>�Bitte entschuldigt�, sagte ich und stand auf, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Pl�tzlich fiel mir ein, was ich Sokrates schon lange hatte fragen wollen. Mitten in der Bewegung blieb ich stehen und drehte mich zu ihm: �Wei�t du noch, wie wir uns kennengelernt und zum ersten Mal �ber Periander gesprochen haben?�, fragte ich und fuhr fort, ohne eine Antwort abzuwarten: �Du hast mir die Geschichte eines Mannes erz�hlt, der den eigenen Vater bei Gericht meldet, weil er einen seiner Sklaven erschlagen hat. Du erinnerst dich?�</p><p>�Gewiss�, antwortete Sokrates.</p><p>�Wenn ich dich damals richtig verstanden habe, geht es bei dieser Geschichte um die Frage, ob es gerecht ist, die Gesetze der Polis �ber die Liebe zur Familie zu stellen.�</p><p>�So sehe ich es�, antwortete Sokrates.</p><p>�Sag mir, was hat Periander dazu gesagt? Ich wei� es nicht mehr.�</p><p>Sokrates z�gerte eine Weile. Sicher musste er sich das Gespr�ch mit Periander erst wieder ins Ged�chtnis rufen. Leider sah ich sein Gesicht nicht, aber ich h�tte schw�ren k�nnen, er bewegte die Lippen, w�hrend er nachdachte.</p><p>�Die Frage hat ihn ungemein besch�ftigt�, sagte er nach einer Weile. �Ich erinnere mich, wie er mich vier oder f�nf Mal auf dieses kleine Gleichnis ansprach und seine Antwort immer wieder herausz�gerte. Irgendwann sagte er dann, er k�nne sich nur f�r die Gesetze der Stadt entscheiden, aber es breche ihm das Herz.�</p><p>Ich biss mir auf die Lippe. Diese Antwort hatte ich erhofft und erwartet, und ganz von selbst begannen sich die vielen kleinen, bunten Steinchen, die sich in den letzten Jahren in meinen Taschen gesammelt hatten, zu einem Bild zusammenzusetzen. Es war noch nicht vollst�ndig, das wusste ich, aber allm�hlich bekam alles einen Sinn. Wir sa�en in unserem dunklen Garten, und trotzdem meinte ich alles so klar zu sehen, als ob die helle attische Sonne �ber dem Lykabettos st�nde.</p><p>�Wann zeigte sich diese Wesens�nderung an Periander, die au�er dir niemand bemerken wollte? Du wei�t, was ich meine?�</p><p>�Das muss ...�, wieder �berlegte Sokrates lange. �Du hast recht! Das muss in etwa zur gleichen Zeit gewesen sein! Was, glaubst du, hat das zu bedeuten?�</p><p>Ich war damals noch viel zu jung und ungeduldig, um die Antwort zur�ckzuhalten. Sie wollte nun einmal aus mir heraus, und Schweigen ist noch nie meine Sache gewesen. Also sagte ich: �Ich glaube, hier liegt der Grund daf�r, dass Periander erschlagen wurde.�</p><p>�In dieser Geschichte?�, fragte Chilon �berrascht. Sokrates dagegen blieb still. Er lauschte.</p><p>�Der Bau der spartanischen Flotte, die Niederlage Athens, die Herrschaft der drei�ig Tyrannen - all das war von langer Hand vorbereitet�, erkl�rte ich. �Periander wurde nur einen Tag vor der Ankunft der persischen Bankiers und ihrem Treffen mit Kritias ermordet. Bei genau diesem Treffen hat Kritias den Athener Staatsschatz an die Perser verpf�ndet. Ihr wisst, der persische Kapit�n hat es mir offenbart. Ich bin sicher, Periander hat von Kritias' Pl�nen gewusst. Er kannte ihn und die Verschw�rer gut. Es waren seine Freunde.�</p><p>�Und?�, fragte Chilon, der immer noch nicht verstand.</p><p>�Siehst du es nicht?�, fragte ich fast hitzig. �Die Verschw�rung war gegen das Gesetz, aber sie wurde von Menschen getragen, die Periander nahestanden. Kritias war der beste Freund seines Vaters und der Onkel seines Geliebten. Sokrates' kleine Geschichte machte ihm klar, dass er ihn und die anderen verraten <emphasis>musste!�</emphasis></p><p>�Weil er nur dann gerecht war?�, fragte Chilon, dem die Dinge allm�hlich klarer zu werden schienen.</p><p>�Weil er nur dann gerecht war�, best�tigte ich. �Er hatte sich entschieden. Sokrates' Geschichte hatte es ihm gezeigt: Die Gesetze der Polis stehen �ber den Gesetzen der Familie und der Freundschaft. Also musste er seine Freunde verraten und damit vielleicht sogar den Menschen, der ihm von allen am n�chsten stand ...�</p><p>Ich brauchte nicht weiterzusprechen. Sokrates und Chilon wussten ohnehin, wen ich meinte. F�r einen Moment blieb al-les still. Selbst die Nachtv�gel schwiegen, als machten sie eine Atempause vor ihrem n�chsten Lied. Aber das Gespr�ch war, das ahnte ich, noch nicht ganz zu Ende.</p><p>�Du tust ihm unrecht�, sagte Sokrates nach einer Weile. �Wem, Kritias?�, fragte Chilon �berrascht.</p><p>�Nein, nicht Kritias�, antwortete Sokrates. �Platon.�</p></section><section><title><p id="bookmark18">&#x3BC;</p></title><p>Athen war meine stadt. Ich kannte jeden Weg, jedes Haus, jeden Tempel und jede Statue. Mit geschlossenen Augen h�tte ich meinen Weg gefunden. Die Viertel, durch die ich mich bewegte, erkannte ich an den Ger�uschen aus den Werkst�tten und den Ger�chen aus den K�chen. Obwohl man kaum die Hand vor Augen sah, wusste ich, dass sich nur f�nf Stadien vor mir der Areopag erhob und hinter ihm die Akropolis thronte. Ein schmaler Lichtschein, kaum heller als ein Stern am Himmel, leuchtete vom Parthenon her. Dort brannte ein ewiges Feuer, st�ndlich von den Priestern gespeist. Jetzt einige Schritte nach rechts hinunter; nur nicht zu laut, um niemanden zu wecken und nicht die Aufmerksamkeit der vermaledeiten Toxotai auf mich zu ziehen. Endlich stand ich vor dem gro�en Gef�ngnisportal. Ich hatte nicht lange dar�ber nachdenken m�ssen. Gleich, nachdem Sokrates gegangen war, wusste ich, dass ich Myson befreien musste. Jetzt stand ich hier, bewaffnet mit einem Brecheisen und einem Hammer, die ich mir bei Raios geborgt hatte.</p><p>�Was willst du mit dem Werkzeug, Nikomachos?�, hatte mich mein Schwiegervater gefragt, nachdem er es mir noch halb im Schlaf gegeben hatte.</p><p>�Nichts, es ist besser, wenn du es nicht wei�t�, antwortete ich und machte mich schon wieder auf den Weg.</p><p>�Warte!�, rief er mir nach. �Hast du nicht geh�rt? Es wird jetzt bald wieder alles besser in Athen!�</p><p>Ich blieb auf der Schwelle stehen. �Was wird besser?�, fragte ich. �Heute Morgen haben sie Jagd auf die Met�ken gemacht.�</p><p>�Nikomachos, das ist nur ein Zwischenfall. Ich wei� es aus sicherer Quelle: Die Drei�ig wollen einen Rat von dreitausend B�rgern einberufen und an der Regierung beteiligen�, erkl�rte er hastig. �Sie werden ihre Macht nach und nach abgeben. Die Tyrannei geht zu Ende. Es ging ihnen nur darum, die Spartaner zu t�uschen. Wir werden weise und milde regieren!�</p><p>�Wir?�, fragte ich erstaunt und entsetzt zugleich.</p><p>Raios wiegte mit gespielter Verlegenheit den Oberk�rper und trat einen Schritt n�her. �Es hei�t, mein Name stehe auf der Liste�, sagte er in vertraulichem Ton. Seine Warze tanzte vor meinen Augen.</p><p>�Noch nie gab ein Tyrann seine Macht freiwillig ab�, sagte ich und ging. Kritias war kein Mann, der teilen w�rde. Ich f�hlte Raios' Blick im R�cken. In diesem Augenblick war er mir v�llig fremd.</p><p>Ich setzte das Stemmeisen unter das rechte Tor und hob es leicht an. Schon bildete sich ein kleiner Spalt zwischen den Fl�geln. Jetzt musste ich sie nur mit einem Kantholz fixieren, dann konnte ich mit der Schneide meines Dolches in den Spalt fahren und versuchen, den inneren Riegel anzuheben. Zun�chst ging es einfacher als erwartet, als h�ttee man den Riegel eigens f�r mich geschmiert. Doch pl�tzlich steckte er fest. Vorsichtig nahm ich den Hammer und trieb den Dolch mit leichten Schl�gen nach oben. Der Riegel bewegte sich kein St�ck weiter. Hatte Bias zwischenzeitlich einen Sicherungshaken in das Holz gehauen? War er �berhaupt noch hier? Schwei�perlen traten mir auf die Stirn. Ich gab einen etwas kr�ftigeren Schlag auf die R�ckseite der Schneide, traf dabei aber so ungl�cklich, dass der Dolch aus dem Spalt schnellte und gef�hrlich nah an meinem Gesicht vorbeiflog. Er blieb hinter mir in der Erde stecken.</p><p>W�hrend ich mich nach der Klinge b�ckte, fluchte ich leise. Ich setzte das Messer ein zweites Mal an, als ich auch schon Schritte vom Innenhof her h�rte. Ich war entdeckt.</p><p>�Wer ist da!�, rief Bias, der versuchte, seiner Stimme einen m�glichst sicheren Ton zu geben, aber ich h�rte doch, wie sie zitterte. Zeus sei Dank hatten die Drei�ig den kleinen W�rter noch nicht ausgewechselt.</p><p>�Bias, ich bin es�, fl�sterte ich durch den Spalt, �Nikomachos, dein alter Hauptmann, kennst du mich nicht mehr?�</p><p>�Hauptmann!�, rief Bias, und f�r einen Moment wusste ich nicht, ob er mich begr��te oder Hilfe herbeirief. Dann h�rte ich, wie er den Riegel wegschob, und das Tor �ffnete sich.</p><p>�Hauptmann!�, sagte Bias noch einmal, sah verstohlen rechts und links die Stra�e hinunter und zog mich hinein.</p><p>�Komm schnell. Ich habe schon mit dir gerechnet.� Flink schloss er das Tor hinter sich. Jetzt war ich gefangen. War das ein Hinterhalt, w�re ich verloren. Hie� es nicht, man solle sich vor den Gezeichneten h�ten?</p><p>�Woher wusstest du, dass ich kommen w�rde?�, fragte ich den kleinen W�rter.</p><p>�Du warst der letzte Hauptmann der Toxotai, der seinem Amt Ehre machte�, antwortete er und f�hrte mich schon zum Hauptgeb�ude. �Ich wusste, du w�rdest deinen treuen Schreiber nicht im Kerker schmoren lassen, nur weil der ein Met�ke ist. Beeilen wir uns. Ich habe Myson die sauberste und hellste Zelle gegeben, die ich hatte, aber ein Gef�ngnis ist keine Herberge.�</p><p>Obwohl nirgendwo ein Licht brannte und er kaum etwas sehen konnte, sprang Bias geschickt wie ein Wiesel die Au�entreppe hinauf. Ich folgte ihm, so gut es ging. Bias' wiegende, tanzende Schritte waren die gleichen wie noch vor vier Jahren. Damals war ich zum letzten Mal hier gewesen.</p><p>�Hier entlang, Hauptmann�, fl�sterte er, nachdem er die T�r ge�ffnet hatte. �Aber sei leise. Ich m�chte nicht, dass die anderen Gefangenen etwas h�ren.�</p><p>Wir gingen durch einen langen, dunklen Gang. Ich folgte Bias' leisen Schritten. Sie bildeten meine einzige Orientie-rung. Dann h�rte ich, wie er eine T�r entriegelte, und der zarte Schimmer eines kleinen L�mpchens fiel in den Flur. Hinter Bias trat ich in die Zelle. F�r einen Moment glaubte ich, Lysippos vor mir zu sehen, so hatten sie Myson zugerichtet. Sein Gesicht war zerschunden und blutverkrustet, rote Striemen liefen ihm �ber die mageren Arme. Myson sah auf. Obwohl man ihm so �bel mitgespielt hatte, begannen seine Augen sofort zu strahlen.</p><p>�Hauptmann�, fl�sterte er und stand auf. �Also hat Bias recht behalten. Er hat gewettet, dass ihr schon heute kommen w�rdet.� Hastig umarmten wir uns, schon mahnte Bias zur Ruhe.</p><p>�Pscht!�, zischte er wie ein Weib. �Was m�sst ihr gro�en M�nner immer f�r ein Spektakel veranstalten! Kommt jetzt, wir haben keine Zeit zu verlieren.�</p><p>Bias nahm die Lampe und f�hrte uns wieder hinaus bis vor das Tor. Als er es ge�ffnet hatte, hielt er mich am Arm fest.</p><p>�Jetzt musst du es tun�, sagte er und sah an mir hinauf.</p><p>�Was muss ich tun?�, fragte ich. Ich verstand nicht, was er wollte.</p><p>�Du musst mich niederschlagen�, antwortete der kleine Mann.</p><p>�Aber warum sollte ich? Du hast uns gerade geholfen!�</p><p>�Eben deswegen!�, sagte Myson. �Was meinst du, was die Drei�ig mit unserem Freund anstellen, wenn sie erfahren, dass er uns geholfen hat?�</p><p>In dem Moment ergriff mich eine eigent�mliche Ahnung. Meine Nackenhaare stellten sich auf, als h�tte sie der kalte Nordwind gestreift. Furcht und Wut �berkamen mich zugleich. <emphasis>Er</emphasis> war hier. Ich wusste es, ich f�hlte es. Noch bevor ich ihn h�tte h�ren oder sehen k�nnen, <emphasis>roch</emphasis> ich ihn, roch die Ausd�nstungen des Mannes, der meinen Vater ermordet hatte. Wie hatte ich auch so dumm sein k�nnen? Sie hatten Myson �berhaupt nur gefangen genommen, um mich aus meinem Versteck zu locken!</p><p>�Also gut, dann werde ich dich jetzt niederschlagen�, sagte ich in �bertriebener Lautst�rke und griff nach dem Hammer.</p><p>Gleichzeitig reichte ich Myson das Stemmeisen und Bias den Dolch. �Hier, ich nehme den Holzstiel, damit ich dich nicht zu sehr verletze!�</p><p>Bias und Myson sahen mich an, als w�re ich nicht ganz bei Trost. Aber dann war es da, das Ger�usch, auf das ich gewartet hatte. Das Kratzen eines Schuhs, ein unterdr�ckter Atemzug - keine zwei Schritte entfernt bei der Mauer hinter meinem R�cken. Ich nahm Bias das Licht aus der Hand und sagte: �Die hier wirst du nicht brauchen!� Dann wirbelte ich herum und schleuderte die �llampe in die Nische, in der sie sich verbargen. Sie zerschellte genau �ber ihren K�pfen. Ein Schrei: einer der M�nner stand in Flammen und rannte wie eine lebende Fackel auf uns zu. Myson hieb ihn mit dem Stemmeisen nieder, ohne auch nur einen Augenblick zu z�gern. Die anderen hatte das brennende �l verfehlt. Sie waren zu dritt, Strategionssoldaten, und schon drangen sie mit gez�ckten Schwertern auf uns ein. Aber der Moment der �berraschung war nicht mehr auf ihrer Seite. Der lag nun bei uns, und unsere Angreifer wussten nicht, was sie tun sollten. Hinter ihnen indessen trat eine vierte Gestalt aus der Dunkelheit, und die wusste es sehr wohl.</p><p>Ein Hammer kann eine furchtbare Waffe sein. Kein Wunder, dass er von manchem Barbarenvolk beinahe wie das Schwert verehrt wird. Noch ehe mein erster Angreifer nur ausgeholt hatte, zerschlug ich ihm das Schl�sselbein. Er lie� sein Schwert sinken und ging in die Knie. Der zweite Schlag zerbeulte seinen Helm; ohnm�chtig fiel er zu Boden. Aus dem Augenwinkel sah ich Myson, der mit seinem zweiten Gegner k�mpfte. Aber noch bevor ich ihm zur Hilfe eilen konnte, stellte sich mir der Feind in den Weg, den ich wie keinen anderen hasste und f�rchtete. Zweimal wich ich dem Hieb seiner Klinge aus, zweimal parierte er meine Attacke, als ich die Augen in diesem h�sslichsten aller Gesichter pl�tzlich im Triumph aufleuchten sah. Sein Schwert zielte genau auf mein Gesicht. Ich konnte die Schneide gerade noch mit dem Hammerstiel abblocken. Schon schlug er unbarmherzig ein zweites und ein drittes Mal zu. Zu sp�t erkannte ich, dass er gar nicht mich, sondern den Hammer hatte treffen wollen, dessen h�lzerner Griff unter der Wucht des dritten Schlages zersplitterte. Ich war entwaffnet. Das Narbengesicht lachte auf und f�hrte sein Schwert zum letzten Schlag. Ich schloss die Augen. Aspasia und die Kinder, Vater und Mutter, sie rief ich an im Augenblick des Todes. Doch der t�dliche Streich blieb aus. Ich sah auf. Der M�rder lie� den Schwertarm sinken. Seine Augen waren starr. Das Leuchten des Triumphes war gewichen. Langsam drehte er sich um die eigene Achse. Mein Dolch steckte zwischen seinen Schulterbl�ttern, hineingetrieben bis zum Schaft, und hinter dem Narbengesicht stand ein zitternder kleiner Bias, kaum gr��er als ein Knabe. Er hatte ihn erstochen und mir das Leben gerettet. Das Narbengesicht ging noch einen Schritt auf Bias zu, dann versagten ihm die Beine. Er st�rzte und erhob sich nicht wieder, niemals wieder. Als der letzte der Angreifer begriff, was geschehen war, lie� er von Myson ab und floh. Ich wollte ihm nach, konnte mich aber nicht einmal mehr auf den Beinen halten und setzte mich einfach in den Staub. Dort begann ich zu weinen. Ich f�hlte mich so kraftlos, als k�nnte ich mich nie wieder bewegen. Bias kam zu mir und setzte sich neben mich. Er zitterte immer noch am ganzen K�rper. Nur Myson schien v�llig unbeeindruckt. Er hob das Brecheisen drohend �ber den Kopf und schickte dem Fliehenden einen Fluch aus seiner Heimat hinterher, der die G�tter err�ten lassen musste.</p><p>Es dauerte eine Weile, bis ich wieder halbwegs Herr meiner Sinne war und die Todesangst, die ich erlitten hatte, mich zugunsten einer rauschhaften Freude �ber das Leben verlie�. Bias' Frau, die Zwergin, war, vom L�rm des n�chtlichen Kampfes geweckt, zwischenzeitlich erschienen, um ihren lieben Mann zu tr�sten.</p><p>Ihr erkl�rte er auch, was geschehen war: Gleich nachdem Myson mit seinem ersten Schlag den brennenden Soldaten niedergestreckt hatte, war Bias aus dem Flammenschein in die Dunkelheit getreten, um den Kampf aus dem Verborgenen zu verfolgen und einzugreifen, sobald er es vermochte. Dieser Vorsicht des Kleinw�chsigen schuldete ich mein Leben, und weinend vor Dankbarkeit und Gl�ck umarmte und k�sste ich ihn wie ein Kind. Bias aber sa� nur traurig neben seiner Frau und wollte sich so gar nicht freuen.</p><p>�Entschuldige�, h�rte ich ihn leise in ihr Ohr fl�stern. Sie nickte und weinte. Da verstand ich. Der geflohene Soldat hatte gesehen, wie Bias uns geholfen hatte. Danach blieb ihm und seiner Frau gar nichts anderes mehr �brig, als die Stadt und das Gef�ngnis, das ihnen doch ein Zuhause war, zu verlassen. Hier in Athen war ihr Leben verwirkt, daran gab es keinen Zweifel.</p><p>�Wir gehen nach Pir�us�, sagte ich dem Zwergenpaar, �ein Freund von mir lebt dort. Ich bin sicher, er nimmt euch auf. Ihr m�sstet ihn kennen. Es ist Chilon, der Arzt.�</p><p>Bias nickte. �Ich denke, es ist das Beste, wir packen unsere Sachen gleich�, sagte er seiner weinenden Frau. Tapfer wischte sie sich die Tr�nen von den Wangen und erhob sich.</p><p>In dem Moment h�rten wir ein St�hnen. Der Soldat, dem ich das Schl�sselbein zerschlagen hatte, erwachte allm�hlich aus seiner Ohnmacht. Immer noch mit dem Brecheisen in der Hand ging Myson auf den am Boden liegenden Mann zu und riss ihm den Helm vom Sch�del. Das Gesicht, das dabei zum Vorschein kam, kam mir bekannt vor. Myson hob die Waffe.</p><p>�Lass ihn, Myson�, bat ich meinen alten Schreiber und erhob mich schwerf�llig, um den Mann aus der N�he zu betrachten. In dem noch jungen Gesicht standen Schmerz, Furcht und Schrecken, aber es bestand kein Zweifel, ich hatte diesen Soldaten schon einmal gesehen. Damals war er kaum �lter als zwanzig gewesen und hatte keinen Waffenrock getragen. Ich beugte mich zu ihm, nahm seinen Kopf zwischen meine H�nde und sah ihm starr in die Augen.</p><p>�Du wei�t, wer ich bin?� Der Soldat nickte. Er stank nach Angst. Damals hatte er gelacht, wie ich vor ihm am Boden lag.</p><p>�Wer hat euch geschickt?�</p><p>�Der Hauptmann�, erwiderte er angestrengt.</p><p>�Und damals?�</p><p>Der Soldat antwortete nicht, aber einen Wimpernschlag lang hatte sich sein Ausdruck ver�ndert. Er wusste genau, wovon ich sprach; und je l�nger ich in dieses �ngstliche Gesicht sah, desto klarer erinnerte ich mich daran, wie er �ber mir gestanden, mich ausgelacht und mir dabei in die Rippen getreten hatte. Und dabei ergriff mich ein alter Zorn.</p><p>�Antworte, oder ich erw�rge dich!�, sagte ich drohend. Jedes Wort meinte ich ernst, und er wusste das. Endlich musste sich auch dieses R�tsel l�sen. Bald gab es keinen Zweifel mehr, dass nur Kritias hinter dem Anschlag auf mich stecken konnte.</p><p>�Antworte�, befahl ich ein letztes Mal.</p><p>�Anaxos�, fl�sterte er erstickt.</p><p>Anaxos? Erst glaubte ich, ich h�tte mich verh�rt. Dann wieder konnte ich nicht glauben, was ich geh�rt hatte. Anaxos? Ich sch�ttelte den Soldaten und presste ihm den Ellbogen auf seine zerschundene Schulter, bis er sich vor Schmerz wand.</p><p>�Wer?�, br�llte ich ihn an. �Sag mir seinen Namen!�</p><p>�Anaxos!�, sagte er, die Stimme vom Schmerz schon beinahe erstickt, und noch einmal leise: �Anaxos.� Und mit dieser Antwort floh seine Seele wieder in die Ohnmacht, in der sie den K�rper vor dem Schmerz und den Geist vor der Angst bewahren konnte.</p></section><section><title><p id="bookmark19"><strong>V</strong></p></title><p>wir bildeten eine merkw�rdige Prozession, wie wir uns da gemeinsam auf den Weg nach Pir�us machten: ein Zwergenpaar, das einen Karren mit T�pfen, Pfannen und sonstigem Hausrat hinter sich herzog, ein alter Mann mit so vielen Buchrollen auf dem R�cken, wie er nur tragen konnte, und der ehemalige Hauptmann der Toxotai mit Bogen und Waffenrock.</p><p>Wir hatten uns kurz vor Sonnenaufgang gleich unterhalb vom Pir�us-Tor getroffen, um Athen so schnell wie m�glich zu verlassen. In der Dunkelheit w�re der Weg zu gef�hrlich gewesen. Wir h�tten ihn kaum gefunden, so schwarz war diese erste Neumondnacht des Sommers. Die Zeit bis zum Morgengrauen hatte jeder genutzt, um in den Wohnungen und H�usern, die er verlassen musste, in aller Hast zusammenzusuchen, was er nach Pir�us mitnehmen konnte, und um Abschied zu nehmen von der vertrauten Umgebung und unserer Stadt.</p><p>Ich hatte es leicht. Mein Hab und Gut war ohnehin schon bei Chilon, und dort erwarteten mich auch Aspasia und die Kinder. Ich hatte also nur wenig mitzunehmen und kaum etwas, was mich in Athen hielt. Aber Myson, Bias und seiner Frau fiel der Abschied schwer. Ich hatte kurz daran gedacht, mich von Raios zu verabschieden, aber irgendetwas hielt mich davon ab.</p><p>W�hrend des ganzen Fu�marsches zur Hafenstadt hinunter ging mir eine Frage nicht aus dem Kopf: Wieso blo� hatte Anaxos mir schon am Tag nach meinem Treffen mit Alkibia-des zwei Schl�ger auf den Hals gehetzt? Hatte er mich damit einsch�chtern wollen, damit ich ihm irgendeinen armen Teufel auslieferte, den man der Stadt, so schnell es nur ging, als M�rder Perianders vorf�hren konnte? Oder hatte Anaxos meinen Verdacht sogar auf Kritias lenken wollen, den Einzigen, der zu diesem Zeitpunkt wusste, dass Alkibiades mich mit der Suche nach dem T�ter betraut hatte? Wieso w�re ihm Lysippos dann aber ein so willkommenes Opfer gewesen, wieso ihn foltern und ein falsches Gest�ndnis von ihm erpressen?</p><p>Als wir das kleine W�ldchen verlie�en, mit welchem der ebene Weg nach Pir�us beginnt, stand die Sonne schon �ber den Bergen. Der Himmel war wolkenlos und von tiefem, dunklem Blau. Klar versprach der Tag zu werden, von jenem durchsichtigen und reinen Licht, das nur Attika kennt. Ich musste an Sokrates denken, an eines der vielen Gespr�che, die wir gef�hrt hatten in den Jahren nach dem Tod meines Vaters. Wir waren auf einem Spaziergang an den Ufern des Ilisos.</p><p>�Was ist Wahrheit, Sokrates?�, habe ich ihn gefragt.</p><p>�Wahrheit ist das Unverborgene. Wahrheit ist, was klar und offen zutage liegt�, lautete seine Antwort.</p><p>Hier lag nun nichts klar zutage. Kritias hatte Periander get�tet, damit der seine Pl�ne nicht verriet. Daran hatte ich keinen Zweifel. Aber war Anaxos eingeweiht? War es m�glich, dass der Herr der Spione damals schon ein doppeltes Spiel spielte? Das konnte ich nicht glauben. Sonst h�tte Anaxos gewusst, was es mit dem persischen Frachter auf sich hatte, der in jenen Tagen vor Anker ging, und an das Eine erinnerte ich mich genau: Anaxos war vom Auftauchen dieses Schiffes ebenso �berrascht gewesen wie jeder andere Athener auch. Und ebenso wenig wie ich wusste er von der vergifteten Ladung, die es au�er den Seidenballen in seinem Bauch barg. Die Verschw�rung um Kritias war Anaxos entgangen, bis zu diesem Tag jedenfalls. Und danach? Konnte er auf sie aufmerksam geworden sein, durch den persischen Frachter und durch <emphasis>mich?</emphasis></p><p>Irgendwo in mir keimte ein Verdacht. Es war, als �ffnete sich in der Erde ein kleiner Bohnenkeim, aber noch sah ich nicht, was sich in seinen Schalen verbarg.</p><p>Wir sahen schon die L�schkr�ne in der Ferne aufragen, als Mys-on mich vorsichtig ansprach und damit aus meinen Gedanke riss.</p><p>�Ich wollte dir noch etwas sagen, Hauptmann�, fl�sterte er leise, damit Bias und seine Frau ihn nicht h�rten.</p><p>Ich gab ihm ein Zeichen, dass ich zuh�rte. Es lag mehr als die H�lfte des Weges hinter uns. Bisher hatten wir kaum miteinander gesprochen. Ich f�hlte, wie die Trauer um den Verlust ihrer H�user in den Herzen meiner Begleiter lag.</p><p>�Es gibt Nachrichten von Thrasybulos�, begann Myson und gab sich eine unbeteiligte Miene. �Du wei�t, er h�lt sich in Theben auf. Seitdem die Langen Mauern gefallen sind, hat er dreihundert M�nner um sich gesammelt und vier Trieren bewaffnen k�nnen. Er will Kritias st�rzen.�</p><p>�Hat er schon einen Plan?�, fragte ich.</p><p>�Keinen endg�ltigen�, entgegnete er. �Er denkt daran, Phy-le zu nehmen, um sich dort festzusetzen. Von da aus will er Athen angreifen. Es muss heimlich und schnell geschehen, damit Kritias keine Zeit bleibt, die Spartaner zur�ckzurufen.�</p><p>Bias, der einige Schritte vor uns ging, blieb stehen und rieb sich den Schwei� von der Stirn. Der Karren, den er hinter sich her zog, war viel zu schwer f�r ihn.</p><p>�Lass mich dir helfen, Bias. Ich l�se dich ab!�, bot Myson ihm an, aber Bias wehrte ab und zog seinen Wagen mit dem ganzen Stolz des kleinen Mannes weiter. Seine Frau sah ihn an, als w�re er ein dummer Junge.</p><p>�Von Phyle ist ein Angriff auf Athen sehr schwer�, sagte ich, nachdem wir uns wieder in Marsch gesetzt hatten. Ich kannte die alte Festung einen halben Tagesmarsch von Athen entfernt. Sie lag auf einem kargen Felsen am Meer. Um ihre Mauern herum wuchsen nur Dornenstr�ucher. Dort gab es weder Wasser noch Nahrung; Thrasybulos h�tte von dort aus kaum seinen Nachschub organisieren k�nnen.</p><p>�Ich wei߻, sagte Myson, �und Thrasybulos wei� es auch. Bisher hat nur niemand eine andere M�glichkeit entdeckt.�</p><p>�Vielleicht gibt es keine�, sagte ich.</p><p>Es war sp�ter Vormittag, als wir Pir�us erreichten. Ich war erstaunt, wie voll und wie lebendig die Hafenstadt wieder war. �berall waren Menschen, �berall war Handel und Handwerk, und doch hatte sich etwas ver�ndert. Obwohl Chilon es bereits erw�hnt hatte, erkannte ich es erst auf den zweiten Blick: Es waren ungew�hnlich viele Athener hier! Da sprachen ein paar Kaufleute miteinander, die ich von der Agora her kannte. Dort arbeitete ein Schmied, dessen Hammerschl�ge bisher neben Raios' Haus niedergegangen waren. Die meisten von ihnen winkten uns zur Begr��ung zu. Sie schienen verstanden zu haben, wieso wir geflohen waren, und hie�en uns nun als ihresgleichen willkommen.</p><p>Chilons Haussklave �ffnete uns das Tor und lie� uns alle eintreten. Im Innenhof fand ich Aspasia mit den Kindern. Meine S�hne rannten mir entgegen und k�ssten mich. Aspasia dagegen schien mir zur�ckhaltender, als ich erwartet, und dabei doch sch�ner, als ich sie in Erinnerung hatte. Chilon kam gleich aus dem Haus. Er wunderte sich noch nicht einmal, dass ich neben Myson nun auch noch Bias und seine Frau mitgebracht hatte. Er lie� sofort ein Fr�hst�ck f�r alle Neuank�mmlinge auftragen, und bald hatte sich sein Innenhof in einen fr�hlichen kleinen Festplatz verwandelt. Wir sa�en auf Kissen und Teppichen an vier niedrigen Tischen. Ein gelbes Sonnensegel, das Chilon hatte spannen lassen, spendete Schatten und h�llte uns ein.</p><p>Aspasia kniete neben mir und reichte mir die Speisen, wie es sich f�r eine gute Ehefrau geh�rt. Nachdem wir die ersten Bissen verschlungen und den ersten Becher geleert hatten, verblassten die Schrecken der zur�ckliegenden Nacht wie Tr�ume. Der tapfere kleine Bias, mein Lebensretter, lachte und begann ein Lied zu summen �ber die Freiheit und die Liebe. Die Zwergin, die eben noch verzweifelt �ber den Verlust ihrer Wohnung gewesen war, k�sste ihn und stimmte mit einer herben und kehligen Stimme ein. Mysons Habichtgesicht erhellte sich. Er begann, einen Becher Wein in der Hand, ausf�hrlich zu erz�hlen, wie Bias uns gerettet hatte, worauf die Zwergin ihren tapferen Mann noch einmal k�sste. Sogar Lysias schien ein wenig heiterer als gestern. Nur Aspasia blieb schweigsam.</p><p>�Freust du dich nicht, dass ich wieder da bin?�, fragte ich sie leise.</p><p>�Doch�, antwortete sie, aber ihre Lippen blieben spr�de und ihre Augen unbeteiligt. Sie war eine Frau, ganz w�rde ich sie nie verstehen. Um mich abzulenken, drehte ich mich zu Chilon, der gleich am Tisch neben mir sa�.</p><p>�Du hattest recht�, sagte ich, �es sind viele Athener in Pir�us. K�nnen sie hier denn ganz unbehelligt leben?�</p><p>�Ja, noch geht es�, antwortete er aufger�umt. �Wir leben recht gesch�tzt und frei hier unten. Seitdem die Drei�ig die Macht an sich gerissen haben, kommen jeden Tag Athener in Pir�us an. Viele wollen mit den Schiffen weiterreisen, lassen sich dann aber bei uns nieder ...�</p><p>�Wie kommt das?�, fragte Myson. Bias beendete sein Lied und wurde auf unsere Unterhaltung aufmerksam.</p><p>�Ganz einfach. Kritias hat einen Statthalter eingesetzt�, erwiderte Chilon, �aber der ist den ganzen Tag betrunken und l�sst uns in Ruhe, solange wir ihn nur mit allem versorgen, was sein Leib begehrt - von Seele will ich bei ihm nicht sprechen. Zehn Soldaten stehen unter seinem Kommando, aber sie sind genauso tr�ge und k�uflich wie er. Wir haben uns mit ihnen arrangiert, und so l�sst es sich hier im Moment ganz friedlich leben.�</p><p>�Habt ihr eure Waffen noch?�, fragte Myson. Ich sah ihm an, was er dachte.</p><p>Chilon nickte. �Die meisten Waffen, ja�, antwortete er. �Charmides hat zwar auch bei uns zum Schein eine Versamm-lung einberufen, um heimlich die M�nner zu entwaffnen, aber seine Soldaten haben uns den Plan vorher verraten. Wir haben ihnen zwei Wagenladungen alter Schwerter und Speere �berlassen, die sie Charmides als Beute pr�sentieren konnten. Es hie�, er sei sehr beeindruckt gewesen.�</p><p>�Charmides?�, wiederholte ich. �Du meinst ...?�</p><p>�Kritias' Vetter, gewiss�, sagte Chilon. �Ich wusste, du bist ihm schon einmal begegnet.�</p><p>�Das kann man sagen�, best�tigte ich, und unwillk�rlich hatte ich das Bild dieses Mannes vor mir: klein, dick, besudelt von den Spuren des Gelages, das er am Tag nach dem Tod Perianders gefeiert hatte. Und neben ihm Platons Bruder, eine Bohnenstange mit dickem Hals, der uns betrunken den nackten Hintern entgegenstreckte.</p><p>�Charmides war ein Freund Perianders!�, sagte ich laut und nahm einen viel zu tiefen Schluck des mit Honig versetzten Weines, den Chilon uns hatte auftragen lassen.</p><p>Pl�tzlich wurden alle still. Niemand sprach mehr ein Wort. Ich sah in die Runde. Chilon richtete den Blick zu Boden, Myson r�usperte sich. Es klang beinahe so wie fr�her bei meinem Vater. Ich h�tte wie ein Kind weinen wollen, so sehr fehlte er mir pl�tzlich. Von einem Moment auf den anderen war die Stimmung gekippt.</p><p>�Was ist, habe ich euch die Laune verdorben?�, fragte ich und k�mpfte mit den Tr�nen. Aspasia gab mir ein Zeichen zu schweigen, aber ich achtete nicht auf sie. �Findet ihr es peinlich, wenn ich wieder mit dieser alten Geschichte anfange?�</p><p>�Nein, Nikomachos, das findet niemand peinlich�, antwortete Myson. Aber er sah mir nicht in die Augen dabei, und ich wusste, er war nicht aufrichtig - nicht einmal er. Konnte es sein, dass sogar meine Freunde, Menschen wie Lysias, Myson und Chilon, glaubten, ich h�tte mich verrannt? Wie konnten sie zweifeln?</p><p>�Was ich sagen wollte�, nahm Chilon das Gespr�ch wieder auf, und es war, als ob sich alle entspannten, �ist, dass uns der Schrecken der Drei�ig bisher einigerma�en verschont hat. Es ist wie bei einem Gewitter in der Ferne. Wir h�ren den Donner, aber noch brauchen wir das Unwetter nicht zu f�rchten. Und genau deswegen sind jetzt so viele Athener hier.�</p><p>�Und jetzt auch wir�, sagte ich und hob meinen Becher.</p><p>�Ja�, antwortete Chilon, �und ihr seid von Herzen willkommen.�</p><p>Ich lag lange wach in jener Nacht. Es war hei�. Ich schwitze, obwohl ich nackt war und mir nur ein d�nnes Tuch um die H�fte geschlungen hatte. Von den Hafenspelunken dr�hnten Seemannslieder herauf. Lieder vom kalten, grausamen Meer und dem geliebten Weib in der Ferne.</p><p>Aspasia lag neben mir. Sie hatte mir den R�cken zugekehrt und atmete tief und regelm��ig. Trotzdem wusste ich, dass sie nicht schlief. Sie trug ein d�nnes Leinenhemd, dessen Saum �ber ihr Knie gerutscht war und ihre runden Oberschenkel entbl��te. Sie roch nach Granatapfelbl�ten und �l. Nichts trennte uns, und doch blieb sie mir fern. Wochenlang waren wir voneinander getrennt gewesen, aber sie war noch nicht wieder bei mir. Ich sehnte mich nach ihr, und Sehnsucht und Begehren liegen beim Mann nahe beieinander. Zaghaft, sehr zaghaft, tastete ich nach ihrer Schulter und strich �ber ihren Nacken und ihren R�cken, um meine Hand endlich auf ihr weibliches Becken zu legen, wo ich sie ruhen lie�. Ich f�hlte, wie Aspasias Atem ihren Bauch hob und senkte. Ihre Haut schien mir unendlich zart, wie die Schale jener s��en Frucht, die mir der persische Kapit�n gegeben hatte. Durfte ich mich n�hern? War ich nicht ihr Mann? W�nschte sie es vielleicht, ohne ein Wort zu sagen? Ich beugte mich langsam zu ihr hin�ber. Sicher w�rde sie meinen Atem in ihrem Nacken f�hlen. - In dem Moment ergriff sie meine Hand und schob sie weg. Sie wies mich ab; die Geste duldete keinen Widerspruch. Ich drehte mich um und schloss die Augen. Das Meer, das Feuer und die Frauen sind die gr��ten �bel, sagt das Sprichwort.</p><p>Am n�chsten Tag kam Sokrates. Barh�uptig und mit blo�en F��en erschien er in der prallen Mittagssonne eines vor Hitze flirrenden Tages. Man wollte keinen Schritt vor die T�r setzen, so br�llend hei� war es. Trotzdem hatte er sich sofort auf den Weg nach Pir�us gemacht, nachdem man ihm erz�hlt hatte, dass es bei der Befreiung Mysons einen Kampf gegeben haben musste.</p><p>�Geht es euch gut, sind alle gesund?�, fragte er, kaum dass er in Chilons Innenhof getreten war. Seine Stirn war von den Strahlen der Sonne halb verbrannt. �In der Stadt erz�hlen sie, es habe Tote gegeben. Da musste ich gleich kommen.�</p><p>Wir beruhigten ihn und brachten ihn ins Haus, wo es um diese Zeit am k�hlsten war. Chilon lie� uns etwas Wasser bringen, musste sich aber um einen Kranken k�mmern. Als er gegangen war, lie� auch Aspasia uns allein.</p><p>�Sie haben uns eine Falle gestellt�, erkl�rte ich, nachdem er einen Becher Wasser getrunken hatte. �Ich denke, sie haben Myson nur deswegen gefangen, weil sie hofften, ich w�rde ihn zu befreien versuchen. Das Narbengesicht hat auf mich gewartet.�</p><p>�Und jetzt?�, fragte Sokrates.</p><p>�Er ist tot. Bias hat ihn erstochen. Sonst w�re ich nicht mehr am Leben.�</p><p>�Den G�ttern sei Dank, mein lieber Nikomachos, den G�ttern sei Dank�, sagte Sokrates, w�hrend eine Tr�ne ihren Weg �ber die Wangen des Philosophen suchte.</p><p>�Dieser Freund von dir�, sagte ich nach einer ganzen Weile, �du wei�t, derjenige, der dir erz�hlt hat, Myson sei verhaftet und im Gef�ngnis. Meinst du, er wusste, dass man mir eine Falle stellen wollte?�</p><p>�Nein, das wusste er sicher nicht�, antwortete Sokrates sofort. �Ich habe es dir schon gesagt, er will mit den Drei�ig nichts zu tun haben. Er verabscheut sie.�</p><p>�Du vertraust Platon sehr�, stellte ich fest. Sokrates sah mich offen an.</p><p>�Du wei�t, ich sage dir nicht, wer er ist�, antwortete er ruhig. �Aber ich vertraue ihm voll und ganz, und du kannst es auch.�</p><p>Ich lie� es gut sein. Nach allem, was ich mittlerweile wusste, lag Sokrates in der Einsch�tzung seiner Freunde und Sch�ler l�ngst nicht so falsch, wie ich ihm dies einmal unterstellt hatte.</p><p>�Sag mir nur etwas anderes�, bat ich stattdessen. �Du erinnerst dich an die Geschichte des Mannes, der den eigenen Vater anzeigt. Du hast sie doch gewiss nicht nur mit Periander, sondern auch mit deinen anderen Sch�lern besprochen?�</p><p>�Sicher�, antwortete Sokrates.</p><p>�Auch mit Platon?�</p><p>�Auch mit Platon�, sagte er ganz unbefangen.</p><p>�Wie hat <emphasis>er</emphasis> sich entschieden?�, fragte ich.</p><p>�Du meinst bei der Wahl zwischen den Gesetzen und der Familie?�, fragte er.</p><p>Ich nickte. Sokrates �berlegte nur kurz. Die Antwort fiel ihm sehr schnell wieder ein.</p><p>�Er entschied sich f�r die Familie�, antwortete er. Es war genau so, wie ich vermutet hatte.</p><p>In den n�chsten Tagen erkundeten wir Pir�us. Myson und ich strichen durch die Stra�en und Tavernen. Wir schwatzten mit den H�ndlern, scherzten mit den Wirten und bestachen die Soldaten, die vor Ort waren, damit sie uns in Ruhe lie�en. Es war, wie Chilon es beschrieben hatte. Kritias hatte seinen Vetter Charmides zwar zum Archon �ber Pir�us eingesetzt, aber Charmides tat keinen Streich, er verlie� kaum das Haus. Seine eigenen Soldaten lachten �ber ihn. Und es trat etwas ein, was ich nicht f�r m�glich gehalten h�tte. Ich war Charmides beinahe dankbar, denn seinem verkommenen Wesen schuldeten wir unsere Sicherheit.</p><p>Die Nachrichten aus Athen dagegen wurden immer schlimmer. Tag f�r Tag kamen Menschen mit ihren Habseligkeiten aus der Stadt und suchten Unterschlupf in Pir�us. Die Drei�ig kannten kein Halten mehr. Die Verm�gen der reichen Met�ken waren ihnen nicht genug gewesen. Es verging kein Tag, ohne dass sie irgendein Haus pl�ndern lie�en. Wer sich widersetzte, wurde erschlagen; zur Abschreckung lie� man die Leichen liegen, bis die Kr�hen sich �ber die leblosen K�rper hermachten. Die Opfer waren vornehmlich Demokraten, aber es konnte jeden treffen, der etwas besa�, das die Habgier eines der Drei�ig weckte, mochte dies Geld, ein schnelles Pferd oder eine sch�ne Tochter sein.</p><p>�Was ist aus dem Versprechen geworden, dreitausend B�rger zu benennen und an der Regierung zu beteiligen?�, fragte ich meinen alten Nachbarn Janos, der ein paar Wochen nach uns angekommen war.</p><p>�Oh, die Dreitausend gibt es�, antwortete er. �Die Drei�ig haben ihre Namen auf eine Liste schreiben lassen und geschworen, keinem von ihnen auch nur ein Haar zu kr�mmen.�</p><p>�Und halten sie sich an das Versprechen?�</p><p>Janos lachte. �Wie man es nimmt. Solange jemand auf der Liste steht, ist er sicher.�</p><p>�Aber?�</p><p>�Wenn Kritias es will, wird man sehr leicht wieder von der Liste gestrichen. Theramenes war der Erste. Jetzt ist er tot.�</p><p>�Was ist mit Raios?�</p><p>�Deinem Schwiegervater?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Er steht auf der Liste�, antwortete er.</p><p>Myson und ich waren uns einig: Wenn Athen �berhaupt erfolgreich anzugreifen war, dann von Pir�us aus. Dass seine Bewohner Thrasybulos allzu sehr unterst�tzen w�rden, glaubten wir zwar nicht. Sie waren zufrieden und w�rden es bleiben, solange die Bestechungsgelder f�r Charmides nicht allzu hoch w�rden. Aber gewiss w�rden sie sich Thrasybulos auch nicht in den Weg stellen und ihn mit allem, was er brauchte, versorgen. Die Athener Fl�chtlinge dagegen mussten sich ihm anschlie�en, davon waren wir �berzeugt. Das war ihre einzige M�glichkeit, ihre H�user, Gesch�fte und manchmal auch ihre Familien zur�ckzuerobern.</p><p>Von Pir�us liefen beinahe t�glich Schiffe nach Theben aus. Weil wir nicht wussten, wem wir vertrauen konnten, schiffte Myson selbst sich ein, um Thrasybulos von unserem Plan zu �berzeugen. Lysias, der Gesch�ftsfreunde und Verm�gen in Theben hatte, begleitete ihn. Er versprach, Thrasybulos' Armee auszur�sten, und er hielt Wort.</p><p>Nachdem Myson und Lysias Pir�us verlassen hatten, wurde es ruhiger im Hause Chilons. Bias und seine Frau lebten noch dort, aber sie blieben ganz f�r sich und waren kaum zu sehen. Chilon war oft unterwegs bei seinen Patienten. Ungehindert besuchte und verlie� er selbst Athen. Die Drei�ig waren klug genug, die �rzte zu verschonen. Dabei bekam er bald einen Begleiter, meinen gro�en Sohn. Der lie� keine Gelegenheit aus, um mit Chilon loszuziehen und ihm bei seiner Arbeit zur Hand zu gehen. Zehn Jahre alt war er jetzt, und offenbar hatte er am Beruf des Arztes nicht nur Interesse, sondern hierf�r auch ein ganz besonderes Geschick.</p><p>�Was meinst du�, fragte ich Chilon eines Abends, �hat er das Zeug zu einem Arzt?�</p><p>�Ganz sicher�, antwortete mein Freund, ohne auch nur einen Augenblick zu z�gern.</p><p>Es h�tten ruhige, gl�ckliche Tage sein k�nnen, h�tte Aspasia sich mir nicht so entzogen. Tags�ber verhielt sie sich gerade wie nur irgendeine brave und treusorgende Gattin. Sie weckte mich, bereitete mir Fr�hst�ck und Abendessen, hielt unsere Zimmer und Kleidung rein und hatte dabei noch die Verantwortung f�r Chilons K�che und Haushalt �bernommen. Nachts indessen blieb sie abweisend. In der ersten Woche versuchte ich, mich ihr an beinahe jedem Abend zu n�hern. Sie aber stie� mich jedes Mal zur�ck und von Mal zu Mal heftiger. Irgendwann hielt ich es nicht mehr aus.</p><p>�Was ist mit dir, bin ich dir jetzt so zuwider, dass du meine Umarmung nicht mehr ertr�gst?�, schrie ich sie an, nachdem sie sich mir wieder einmal verweigert hatte.</p><p>�Sei leise�, zischte sie zur�ck, �sonst weckst du noch das halbe Haus!� Ihre Augen funkelten angriffslustig. Es war selbst in der Dunkelheit zu erkennen.</p><p>�Es ist Chilon, nicht wahr? Gib es zu, du hast mich betrogen!�, sagte ich bedrohlich fl�sternd.</p><p>�Was!�, fuhr Aspasia auf und k�mmerte sich keine Spur um ihre Lautst�rke. �Du wagst es, an mir zu zweifeln? Nach den Wochen und Monaten, in denen du nichts hast von dir h�ren lassen! Was f�llt dir ein?!�</p><p>�Was mir einf�llt? Wieso wendest du dich st�ndig von mir ab?�, fragte ich.</p><p>�Pah�, machte sie nur und drehte sich um. Sie sprach keinen Ton mehr mit mir an jenem Abend, und ich begann, nachdem der erste Zorn verflogen war, zu gr�beln. Sollte meine Zeit in Athen der Grund daf�r sein, dass sie mich nun mied? Wusste sie denn nicht, dass ich in der Stadt hatte bleiben <emphasis>m�ssen,</emphasis> weil ... ich es meinen S�hnen schuldete? Oder war der Grund f�r ihre K�lte doch nur Chilon?</p><p>Chilon und Aspasia, Aspasia und Chilon. Die Vorstellung, die beiden k�nnten zusammen gelegen haben, versengte mir das Herz. Trotzdem hatte ich in den n�chsten Tagen nichts Besseres zu tun, als �berall nach einem Beweis f�r ihren Treuebruch zu suchen, wobei ich zugleich nichts mehr f�rchtete, als ihn auch zu finden. Was w�rde ich tun, wenn es wahr w�re? Chilon erschlagen und Aspasia versto�en? So wollte es das Gesetz. Aber was w�rde aus meinen S�hnen ohne ihre Mutter?</p><p>Ich wurde meinen Verdacht nicht los, fand aber auch keine Gewissheit. Ich beobachtete die beiden genau. Manchmal versuchte ich sie in dem falschen Glauben zu wiegen, sie seien allein: Kein Kuss, keine noch so fl�chtige Umarmung war zu entdecken. Aber sie gingen vertraut miteinander um, vertraut und freundschaftlich. Sie lebten eben auch schon seit einigen Monaten unter einem Dach. Manchmal schien es mir jedoch, als behandelte Aspasia Chilon eher wie einen Bruder als wie einen Mann. Chilon wiederum zeigte Aspasia in meiner N�he nichts anderes als Respekt. Und doch gab es etwas, das sie n�her verband, als ich es ertragen konnte. Was dachten sie sich nur, wenn sich ihre Blicke trafen und sich einen Wimpernschlag zu lange festhielten?</p><p>Drei Monate warteten wir. Die Nachrichten, die Chilon von seinen Besuchen in Athen mitbrachte, wurden immer schlimmer. Die Menschen munkelten von Hunderten von Toten. Die Stadt habe sich zweigeteilt, berichteten sie. Hier gab es die Drei�ig und - ihnen folgend - die Dreitausend. Ihnen geh�rte die Stadt. Dort standen die anderen Bewohner, aber die waren weniger wert als das Vieh, viel weniger .</p></section><section><title><p><strong>&#x3BE;</strong></p></title><p>ein erster kleiner Regenschauer k�ndete das Ende des Sommers und das Heraufziehen des Herbstes an. Kaum benetzten die ersten Tropfen den festgebackenen Boden, schien die Natur, schienen Mensch und Tier aufzuatmen. Der Regen wusch den Staub von den Bl�ttern, Hellas ergr�nte. Die letzte S��e schoss in die Reben, die Wiesenblumen streckten die K�pfe. Die Erntezeit begann, Tag f�r Tag liefen Schiffe voller Korn im Kan-tharos ein. Die H�ndler f�llten ihre Speicher. Dann erhoben sich die Winde. Boreas trieb vom Norden her dunkle Wolken nach Attika, Zephyros aus dem S�den versprengte sie und blies sie am n�chsten Tag zur�ck.</p><p>�ber Monate hatten wir nichts von Thrasybulos, Myson oder Lysias geh�rt und doch beinahe t�glich eine Nachricht erwartet. Dann, am fr�hen Abend eines grauen und verwaschenen Tages, klopfte es an die T�r.</p><p>Ich h�tte ihn beinahe nicht wiedererkannt, so sehr hatte er sich ver�ndert. Er war zum Anf�hrer und Feldherrn gereift, und das spiegelte sich in seinem Gesicht. Sein Blick war entschlossener, seine Z�ge sch�rfer, aber auch eine Spur herrischer geworden. Auch ihn hatten weder Alter noch Schicksal verschont. Eine Narbe lief ihm �ber die Stirn. Dort, wo sie endete, war sein Haar nun grau.</p><p>�Thrasybulos, mein Freund! Wir haben lange auf dich gewartet!�, empfing ich ihn, als er in den Innenhof trat.</p><p>�Nikomachos! Es ist gut, dich zu sehen�, erwiderte Thrasybulos, mehr nach Art eines Soldaten allerdings als nach der Art eines Bruders. �Wir wollten den Herbst abwarten, bevor wir Kritias entgegentreten. Jetzt sind wir ger�stet!�</p><p>Hinter Thrasybulos erschien Myson. Ich war froh, ihn wiederzusehen, und ihm schien es genauso zu gehen. Seine Augen leuchteten. Wie Thrasybulos war er in einen grauen Reisemantel geh�llt, unter dem sich ein Waffenrock verbarg. Aber sein Gru� bewies, dass er mein alter Schreiber und Freund geblieben war. Sofort erkundigte ich mich nach Lysias und erfuhr, dass er nicht nach Athen hatte zur�ckkehren wollen.</p><p>�Wo sind deine M�nner jetzt?�, fragte ich Thrasybulos, nachdem wir die �blichen H�flichkeiten ausgetauscht hatten.</p><p>�Sie halten sich hinter einer Insel kurz vor der Hafeneinfahrt verborgen�, entgegnete er. �Ich wollte erst wissen, wie viele Soldaten hier in Pir�us vor Ort sind, bevor wir an Land gehen.�</p><p>�Es sind nur zehn M�nner, ein verrotteter Haufen�, sagte ich. �Sie werde keine Schwierigkeiten machen.�</p><p>�Dann hat sich seit meiner Abfahrt nichts ver�ndert�, bemerkte Myson.</p><p>�Nein, sie sind h�chstens noch verrotteter als damals�, best�tigte ich.</p><p>Thrasybulos warf den Mantel ab und durchma� den Innenhof mit gro�en Schritten.</p><p>�Das ist gut�, sagte er und rieb sich die H�nde. �Dann wird die Landung nicht schwierig.�</p><p>Mittlerweile war Chilon auf seine neuen G�ste aufmerksam geworden und kam zu uns hinaus in den Innenhof. Thrasybulos begegnete ihm freundlich, nahm seine Einladung zu einem kleinen Essen und zum �bernachten aber beinahe ein wenig zu selbstverst�ndlich hin. Ich sah zu Myson hin�ber und runzelte die Stirn. Ja, bedeutete er mir stumm, unser Freund hat sich ver�ndert.</p><p>Nach dem Imbiss zogen wir uns zur�ck, um die Landung vorzubereiten. Thrasybulos erkl�rte uns seinen Plan und die Rollen, die er uns darin zugedacht hatte. Myson sollte noch heute Nacht mit einem kleinen Boot zu den Trieren hinausrudern und den Kapit�nen Bescheid geben. Der Mond stand g�nstig. Der Weg m�sste sich auch in der Dunkelheit finden lassen. Ein brennender Pfeil w�rde das Signal daf�r sein, dass Thrasybulos' M�nner die Riemen zu Wasser gelassen hatten und die Schiffe in Richtung Pir�us steuerten. Sobald die Flamme in den Nachthimmel stieg, mussten wir die Landungsfeuer entz�nden, damit die Schiffe den Hafen sicher ansteuern konnten.</p><p>�Die Landungsfeuer sind ein Risiko�, bemerkte ich halb in Gedanken, als Thrasybulos zum Schluss gekommen war.</p><p>�Warum?�, fragte er knapp.</p><p>�Weil Charmides' Soldaten das Feuer entdecken und sicher nachsehen werden, was es damit auf sich hat, so betrunken sie in dem Moment auch sein m�gen.�</p><p>�Wir werden sie zu empfangen wissen�, antwortete Thrasybulos und t�tschelte seinen Schwertknauf.</p><p>�Das gibt Aufsehen�, gab Myson zu bedenken.</p><p>�Es geht nicht anders�, bestimmte Thrasybulos. Myson und ich verstummten. Wir waren Soldaten genug, um zu wissen, dass wir Thrasybulos' Befehlsgewalt nicht in Zweifel ziehen durften. Au�erdem hatte er recht. Pir�us konnte bei Nacht nur mit einem Landungsfeuer angesteuert werden. Kurz vor der Einfahrt standen einige Felsen gef�hrlich nah an der Fahrrinne. Sie waren schon bei Tag eine Gefahr f�r jeden Schiffsbug.</p><p>�Ich habe einen Vorschlag�, sagte Chilon unbefangen, obwohl Thrasybulos' Gesicht ihm zu schweigen gebot. �Wenn ihr sicher sein k�nntet, dass Charmides' Soldaten heute Nacht tief und fest schlafen, dann k�nntet ihr die Landungsfeuer doch ohne Gefahr entz�nden?�</p><p>Thrasybulos nickte, wenn auch nicht eben freundlich.</p><p>�Ich glaube, ich habe etwas, was euch hilft�, sagte Chilon, drehte sich um und ging hinaus. �Kommt gleich in den Hof!�, rief er uns noch zu, als er schon im Flur war.</p><p>Myson, Thrasybulos und ich sahen uns ein wenig ratlos an, besprachen noch einmal die Landung und gingen schlie�lich gemeinsam in den Innenhof, wo Chilons Sklave gerade eine kleine Holzkarre mit zwei kleinen F�ssern best�ckte.</p><p>�Das ist der schwerste Wein, den ich in meinen Kellern habe�, erkl�rte Chilon munter, als er aus dem Haupthaus trat, �und das hier wird ihn noch sehr viel schwerer machen.� Er hielt eine Silberphiole in die Luft. �Das ist das beste Schlafmittel, das es nur gibt. Es wirkt langsam, aber dann umso st�rker.� Er ging zu den F�ssern, l�ste die Korken und gab in jedes ein L�ffelchen des wei�en Pulvers, das das kleine Gef�� barg.</p><p>�Werden die Wachen nicht misstrauisch, wenn wir ihnen zwei F�sser Wein bringen?�, fragte Myson.</p><p>�Oh, das w�rden sie gewiss�, antwortete Chilon, w�hrend er die Korken mit Wachs versiegelte. �Deswegen werden wir ihnen den Wein auch nicht bringen. Wir sorgen daf�r, dass sie ihn stehlen.�</p><p>Chilons Plan war einfach und baute ganz auf die Habgier und Trunksucht von Charmides' Soldaten. Myson, der der �lteste von uns war und daher am ungef�hrlichsten schien, sollte seinen staubigen Reisemantel anlegen und den Karren mit den F�ssern so oft an der Kaserne vorbeiziehen, bis die Soldaten auf ihn aufmerksam w�rden. Wenn sie fragten, was er denn suche, sollte er erkl�ren, er sei ein H�ndler aus Theben und habe noch zwei F�sser Wein zum Verkauf �brig. Sobald die Soldaten erfuhren, dass er ein Fremder und daher schutzlos war, w�rden sie nicht lange fackeln und ihm die F�sser abnehmen. Den Rest erledigten der Wein und das Pulver dann von selbst.</p><p>�Bringen wir Myson nicht in Gefahr?�, fragte ich.</p><p>�Nicht, wenn er sich nicht wehrt�, antwortete Chilon. �Charmides' Soldaten werden ihn in Ruhe lassen, sobald sie haben, was sie wollen.�</p><p>�Wir werden ihm folgen, sicher ist sicher�, bestimmte Thrasybulos, der so endlich Gelegenheit fand, das Kommando wieder an sich zu ziehen. Chilon schmunzelte; diesmal war er klug genug zu schweigen.</p><p>Wir lie�en uns nicht viel Zeit. Noch gab es ein wenig Tageslicht, das uns begleitete. Myson warf seinen Reisemantel �ber, griff den kleinen Wagen und machte sich auf den Weg. Wir folgten mit einigem Abstand. Es war ein Schauspieler an dem alten Schreiber verloren gegangen. Je n�her wir der Kaserne kamen, desto schwerer wurden seine Schritte, desto gebeugter sein R�cken. Er schien zehn Jahre gealtert, als er wie zuf�llig vor dem Kasernentor anhielt, sich den Schwei� von der Stirn wischte und ersch�pft auf die Holzkarre setzte, um zu verschnaufen. Chilon und ich sahen uns an. Wir mussten uns beherrschen, nicht loszulachen.</p><p>Es dauerte nicht lange, bis zwei Soldaten auftauchten. Langsam und z�gernd, wie eine Katze eine Maus anschleicht, gingen sie auf Myson zu und sprachen ihn an. Obwohl sie sich eine �berhebliche Miene gaben, waren sie nicht halb so selbstsicher, wie sie es gerne gewesen w�ren. Myson tat ver�ngstigt und antwortete mit krummem R�cken und zur Seite geneigtem Blick. Das ermutigte die beiden und gab ihnen Oberhand. Ihre Gesten wurden ausladender, ihre Stimmen lauter, wenn wir aus der Entfernung auch nicht verstanden, was sie sagten. Einer der beiden fing an, den Wagen mit langsamen Schritten zu umkreisen. Der andere blieb vor Myson stehen und stemmte die Arme in die H�fte. Aber noch wagten sie nicht, den Alten zu berauben. Da erschienen zwei weitere Soldaten am Tor, durch den rauen Ton ihrer Kameraden und Mysons Gejammer offenbar neugierig geworden. Mit ihnen �nderte sich alles. Der Soldat, der bisher nur drohend vor Myson gestanden war, trat pl�tzlich einen Schritt nach vorne, packte meinen alten Schreiber am Kragen und zog ihn von der Karre. Myson hob abwehrend die Arme, lie� aber alles geschehen. Im gleichen Moment h�rte der andere auf, um den Wagen zu kreisen, sprang seinem Kameraden zur Seite und stie� Myson weg. Zum Gl�ck war der geschickt genug, nicht zu stolpern. Am Boden h�tten sie unweigerlich auf ihn eingetreten, feige und verschlagen, wie sie waren. Jetzt mischten sich auch die Neuen ein. Ich wollte schon losrennen, um Myson in seiner Not beizustehen, als der sich frei machen konnte und in unsere Richtung gerannt kam. Die Soldaten folgten ihm noch halbherzig ein paar Schritte, gaben aber schnell wieder auf, war es ihnen doch wichtiger, zu ihrer Beute zur�ckzukehren, um die auch gleich ein Streit entbrannte. Sie hatten den K�der geschluckt.</p><p>Wir nahmen Myson zwischen uns und suchten so schnell wie m�glich das Weite.</p><p>�Ist alles in Ordnung, geht es dir gut?�, fragte ich ihn, nachdem wir zwei Stra�en weitergelaufen waren.</p><p>�Es geht mir gut, Hauptmann�, antwortete er bleich und ganz au�er Atem. Ich bereute, ihm den gef�hrlichen Auftrag zugemutet zu haben. Aber der Plan gelang. Als Chilon und ich in der Nacht die Hafenfeuer entz�ndeten, war weit und breit kein Soldat zu sehen, der uns l�stige Fragen h�tte stellen wollen.</p><p>Nach und nach dockten die Trieren an. Jede von ihnen hatte �berschl�gig achtzig Mann Besatzung. Trotzdem ging es still zu bei der Landung. Thrasybulos hatte seine Mannschaften gut im Griff. Es wurde kein �berfl�ssiges Wort gesprochen, kaum mussten die Hauptleute einen Befehl erteilen. Zwanzig Mann lie� Thrasybulos am Hafen zum Schutz der Schiffe zur�ck, zwanzig entwaffneten und verhafteten Charmides und seine Soldaten. Sie schliefen so tief, dass man sie h�tte forttragen k�nnen. Die restlichen Hundertschaften zogen still und leise vor die Stadt, um dort ihr Lager zu errichten. Als die B�rger von Pir�us am n�chsten Morgen ihre Augen aufschlugen, staunten sie nicht wenig, waren sie doch von zweihundertvierzig disziplinierten und schwerbewaffneten Hopliten umgeben und wussten nicht recht, ob Pir�us nun besetzt oder befreit sei. Immerhin, sie waren Kaufleute, und gleich bei ihrem Antrittsbesuch brachten sie Wein aus ihren Kellern und Korn aus ihren Speichern in Thrasybulos' Zelt, ein Gastgeschenk, das der gerne annahm und zum gr��ten Teil auch zwischen seinen Soldaten aufteilen lie�.</p><p>�Wie geht es jetzt weiter?�, fragte ich Thrasybulos, nachdem sich die Delegation der Pir�er Kaufleute verabschiedet hatte. �Ziehen wir gegen Athen? Je l�nger wir warten, desto besser kann Kritias sich vorbereiten.�</p><p>�Wir warten�, antwortete er. �Kritias wird kommen, ganz von allein.�</p><p>Und er behielt recht.</p></section><section><title><p id="bookmark20">&#x43E;</p></title><p>thrasybulos LIE� den ganzen tag Soldaten durch Pir�us ziehen, um M�nner f�r die bevorstehenden K�mpfe anzuwerben. Wie wir vermutet hatten, winkten die Kaufleute und B�rger von Pir�us freundlich ab, stellten aber mehr oder weniger bereitwillig Waffen und Proviant zur Verf�gung. Die Athener Fl�chtlinge dagegen lie�en sich scharenweise rekrutieren. Die Aussicht, gegen Kritias zu ziehen und ihm die Stadt wieder zu entrei�en, die er in seinen b�sen F�ngen hielt, erhitzte selbst den �ngstlichsten unter ihnen. Am Vormittag verdoppelte und im Laufe des Nachmittags verdreifachte sich die Zahl unserer Soldaten. Thrasybulos lie� die Neuen antreten und sie den Waffengattungen zuteilen. Die meisten waren ge�bte K�mpfer. Nach dem Jahrzehnte dauernden Krieg gab es in Athen kaum einen Mann, der nicht irgendwann einmal in einer Schlacht gestanden h�tte. Mir �bertrug Thrasybulos die F�hrung der Leichtbewaffneten. Er selbst behielt sich das Kommando �ber die Hopliten vor und teilte die Einheiten ein. Dann lie� er die M�nner den Pan singen und in Angriffsformation �ber das Feld st�rmen, das er f�r die Schlacht ausgew�hlt hatte.</p><p>Wir erwarteten den Angriff der Drei�ig sehr bald. Ohne Pir�us' H�fen war Athen nun einmal nicht zu versorgen, und Thrasybulos traf alle Vorkehrungen daf�r, dass keine Lebensmittel mehr ins Landesinnere gelangen konnten. Jeden anderen Handel dagegen lie� er zu, schon damit die Nachricht von seiner Landung Athen so schnell wie m�glich erreichte.</p><p>Die folgende Nacht war klar und kalt wie im Winter. Ein schneewei�er Mond erhob sich �ber den Wassern der H�fen und spiegelte sich in den schwarzen Wellen. Der Wind kam vom Norden. Er trieb feuchtes Laub durch die Gassen. Die Soldaten schlugen ihre M�ntel enger; die Wachen dr�ngten sich um die Feuer.</p><p>Myson und ich standen auf dem H�gel bei Murchia. Von hier aus hatte man freie Sicht auf das Feld, auf die H�fen und die Stadt.</p><p>�Das ist ein guter Platz f�r die Bogensch�tzen�, sagte Myson zuversichtlich. �Von hier aus tragen die Bogen zwei oder drei Stadien weit. Noch bevor Kritias sichs versieht, haben wir die H�lfte seiner Hopliten getroffen.�</p><p>Ich nickte, entz�ndete einen mit Pech getr�nkten Pfeil und legte ihn auf. Das Geschoss surrte von der Sehne und zog am Nachthimmel wie eine Sternschnuppe seine Bahn, bis es weit vor uns zu Boden ging.</p><p>�Drei Stadien�, sagte ich.</p><p>�Drei�, best�tigte Myson.</p><p>Wir besprachen kurz die Aufstellung der M�nner und gingen anschlie�end zum Lager zur�ck. Es war kalt. Ich trug einen doppelten Mantel und warf ihn mir zweimal um die Schultern. Aspasia hatte ihn in den letzten Wochen f�r mich gewebt und ihn mir heute Mittag ins Lager gebracht. Es war eine feine, m�hevolle Arbeit. Sie �berreichte ihn mir mit einem Kuss und w�nschte mir Gl�ck.</p><p>�Du bist schweigsam geworden, seit wir in Pir�us sind�, sagte Myson, als wir uns schlafen legten. �Was besch�ftigt dich?�</p><p>�Nichts�, log ich und wandte mich ab. Ich war froh, dass Myson nicht weiter fragte.</p><p>Der n�chste Tag empfing uns mit klirrender K�lte. Steif gefroren erhob ich mich von meinem Feldlager. Eine hauchd�nne Eisschicht lag auf dem Wasser in meinem Waschbecken.</p><p>�Was meinst du, kommt er heute?�, fragte ich Myson, der vor mir wach geworden war.</p><p>�Wir werden sehen�, antwortete er lakonisch, und sein Atem dampfte dabei.</p><p>Kritias kam nicht, und Thrasybulos war nicht ungl�cklich deswegen. Er lie� die Hopliten antreten und die Angriffsformationen �ben. Mit Schild und aufgestelltem Speer sprengten sie im Laufschritt �ber das Feld. Zwischen den Angriffen sangen sie, um sich die Angst zu vertreiben. Ich sammelte meine Sch�tzen am H�gel und ging mit ihnen noch einmal alle Befehle durch. Eine graue und kraftlose Sonne stand �ber unseren K�pfen.</p><p>In der folgenden Nacht gefroren die Pf�tzen. Niemand, noch nicht einmal Myson, erinnerte sich an einen so kalten Herbst. Selbst unsere Winter waren normalerweise milder als das, was wir jetzt zu ertragen hatten! Bevor sich meine M�nner schlafen legen durften, lie� ich sie die Bogen mit Schweinetalg einfetten und �ber den Lagerfeuern warm halten.</p><p>�Sie kommen, sie kommen!� Ein j�her Schrei weckte uns noch vor Sonnenaufgang. Die M�nner sprangen auf, schimpften und liefen wild durcheinander. Kritias hatte den Vollmond genutzt, um sich, ohne eine einzige Fackel zu entz�nden, mit seinen Truppen in der Nacht von Athen nach Pir�us vorzutasten. Unsere Wachen hatten seine Armee erst zehn Stadien vor unserem Lager ausgemacht. Nur einen Augenblick sp�ter, und er h�tte uns �berrannt und niedergemetzelt. Kein Zweifel, das Moment der �berraschung war auf seiner Seite, aber noch war nichts verloren.</p><p>Ich lie� die Bogensch�tzen auf dem H�gel Stellung beziehen. Hinter uns ertasteten die ersten Sonnenstrahlen den Himmel und f�rbten ihn grau. Der Nordwind brachte dicke, schwere Wolken, die tief �ber unseren K�pfen hingen.</p><p>Es dauerte nicht lange, und wir sahen die Helme unserer Feinde im Licht der Sonne blinken. Feinde, sage ich? Landsleute, Athener, ich wei� nicht, wie ich sie nennen soll: Feinde jedenfalls an jenem Tag. Kritias' Heer war doppelt so gro� wie das unsere. Wer h�tte gedacht, dass er noch so viele M�nner zu den Waffen rufen konnte? Es mussten die M�nner sein, mit denen Kritias die Beute teilte. Kein anderer w�rde den Speer gegen uns f�hren. Was war mit Raios? War vielleicht mein Schwiegervater unter diesen M�nnern dort?</p><p>Als Kritias erkannte, dass wir ihn bereits erwarteten, lie� er den Aufmarsch stoppen. Rechts und links hatte er Reiterei, in der Mitte die Hopliten aufgestellt. Leichtbewaffnete sah ich nur wenige. Ein versprengter �berrest der Toxotai ging vor den Hopliten her, sonst sah ich keine Sch�tzen. Einen Moment lang standen sich die Truppen unbeweglich gegen�ber. Die Standarten wehten im Wind, w�hrend die Sonne die letzten Schatten aus dem Tal vertrieb und sich auf den Helmen spiegelte.</p><p>Von rechts begann die Reiterei auf das Feld zu st�rmen, knapp zwei Stadien entfernt. Besser konnten wir es gar nicht treffen, als dass Kritias ausgerechnet die ungesch�tzten Pferde zuerst in die Schlacht schickte. Ich hob den Arm. Die erste Reihe meiner Sch�tzen trat vor und feuerte. Die Pfeile verdunkelte wie ein Schwarm Kr�hen den Himmel und gingen �ber den Reitern nieder. Schon st�rzten die ersten Pferde und versperrten den nachfolgenden Angreifern den Weg. Als die endlich aufr�cken konnten, trat die zweite Reihe der Bogensch�tzen an. Wieder zogen die t�dlichen Geschosse ihre Bahn, wieder traf es die Reiterei verheerend.</p><p>Die Reiter zogen sich zur�ck. Nun lie� Kritias die Hopliten gegen Thrasybulos aufmarschieren. Ich lie� die in Pech getr�nkten Pfeile entz�nden und in Wellen schie�en, bis ein wahrer Feuerregen auf Kritias' Soldaten niederging. Das war das vereinbarte Signal. Thrasybulos' Reihen schlossen dicht. Die M�nner sangen den Pan und rannten im Laufschritt auf die Athener zu. Die Wucht dieses Schlages trieb Kritias' Truppen auseinander wie ein gespaltenes St�ck Holz. Aber die Teile konnten sich wieder vereinigen, nachdem Thrasybulos' Einheiten abgelassen und sich zur�ckgezogen hatten.</p><p>Und dann sah ich ihn. Mit gezogenem Schwert ritt er vor seinen Truppen. Ein silberner Helm mit blauem Federbusch, ein silberner Brustpanzer mit einem goldenen Stern auf der Brust sch�tzten, schm�ckten und verrieten ihn. Er br�llte, um seine M�nner auf den n�chsten Angriff einzuschw�ren, und es gelang. Wie ein einziges gewaltiges Tier setzten sich seine Fu�truppen in Bewegung, unbeirrbar und unaufhaltsam, wie es schien.</p><p>�Jetzt!�, sagte Myson neben mir. �Du musst schie�en lassen!�</p><p>Ich sah ihn verst�ndnislos an.</p><p>�Nein�, sagte ich und zog einen Pfeil aus dem K�cher.</p><p>Kritias trieb seine M�nner zum Angriff. Zwei Stadien war er entfernt: ein unm�gliches Ziel. Ich legte an, spannte, zielte leicht �ber Kritias Kopf und schoss. Der Pfeil ging links neben ihm nieder. Kritias sah noch nicht einmal hin.</p><p>�Nikomachos!�, rief Myson. �Lass deine M�nner schie�en! Du kannst ihn aus dieser Entfernung nicht treffen!�</p><p>Ich sch�ttelte den Kopf, legte den Mantel ab und nahm den n�chsten Pfeil. Unter uns lie� Thrasybulos seine Hopliten gegen die Athener anrennen, aber diese Attacke gelang ihm l�ngst nicht mehr so entschlossen wie die erste. Ich sah einen seiner Offiziere eine rote Fahne schwenken. Das war der Befehl f�r mich. Die Bogensch�tzen sollten feuern.</p><p>Ich legte das Geschoss auf die Sehne und zielte rechts neben Kritias. Eineinhalb Stadien: immer noch zu weit. Der Pfeil surrte durch die Luft und verfehlte ihn erneut. Ich angelte mir den n�chsten.</p><p>�Nikomachos, um Himmels willen!�, schrie Myson und sch�ttelte mich. �Du gef�hrdest die ganze Schlacht!�</p><p>Ich richtete meine Augen auf ihn. Er lie� sofort ab von mir und tat zwei Schritte zur�ck. Ich wei� nicht, was er in diesem Moment in mir sah, einen Wahnsinnigen vielleicht, vielleicht einen D�mon. Er hat es mir auch sp�ter nie gesagt. Wieder legte ich auf und zielte. Die todbringende Spitze blinkte im Wechsellicht von Sonne und Wolken. Dann war es, als setzte der Wind aus -nur einen winzigen Augenblick lang -, ich legte meine W�nsche, meine Seele, meinen Geist und meinen ganzen Willen in diesen letzten Pfeil. �Jetzt!�, sagte etwas in mir und ich schoss.</p><p>Der Pfeil suchte, der Pfeil fand sein Ziel. Im hohen Bogen ging er auf Kritias nieder und durchbohrte ihm den Hals. Er traf so genau, dass Kritias' K�rper v�llig unbewegt blieb. Langsam lie� sein Arm das blinkende Schwert sinken. Unbarmherzig und t�dlich war der schwarze Schaft zwischen Helm und Brustpanzer gefahren. Die K�mpfer beider Seiten hielten inne und richteten ihre Augen auf den silbernen Reiter, der langsam vom R�cken seines strahlenden Schimmels glitt und endlich st�rzte. Die Waffen schwiegen. F�r einen Moment glich die Ruhe auf dem Schlachtfeld der Stille in einem Tempel.</p><p>Pl�tzlich zeriss ein Schrei das Schweigen. Aus dem Feld der Reiter l�ste sich eine in Purpur gekleidete Gestalt und sprengte auf den Toten zu. Kaum bei Kritias angelangt, sprang sie vom Pferd und schloss den Leichnam kniend in die Arme.</p><p>Jeder wei�, was dann geschah. Es ging von Mund zu Mund und steht seitdem in den B�chern. Noch bevor einer von Kritias' Offizieren oder einer der verbleibenden Tyrannen das Kommando ergreifen und die Athener erneut in die Schlacht h�tte schicken k�nnen, fielen die ersten Schneeflocken. Zuerst dachten wir, der Wind treibe launenhaft eine paar Bl�ten vor sich her, aber diese Bl�ten schmolzen auf der Haut. Die Soldaten trauten ihren Augen nicht. Die meisten hatten noch nie in ihrem Leben auch nur eine einzige Schneeflocke gesehen. Wer den Schnee kannte, hatte ihn vielleicht einmal im tiefsten Winter im Gebirge erblickt, aber niemals an der K�ste und niemals im Herbst.</p><p>Der Olymp lag im Schnee, das wussten wir alle. Niemand zweifelte daran, wer dieses Zeichen gesandt haben k�nnte. Die M�nner legten ihre Waffen auf den Boden, sahen zum Himmel und fingen die kleinen Kristalle mit offenen M�ndern auf. Die Bruderschlacht war beendet, und mit ihr die Herrschaft der Drei�ig.</p><p>Gleich, nachdem Kritias gefallen war und noch bevor die ersten Flocken die Erde ber�hrten, hatte ich meinen Bogen geschultert und war den H�gel hinuntergegangen. Nat�rlich konnte ich in dem Moment nicht sicher sein, dass der Kampf entschieden war. Es war mir auch gleich. Ich musste ihn sehen. Ich musste seinen Leichnam sehen, musste ihm den Helm vom Kopf ziehen und in Kritias' totes Gesicht blicken. Vorher w�rde ich keine Ruhe mehr finden.</p><p>Ich war nur noch zehn Schritte von Kritias' Leiche entfernt, als ich den in Purpur gewandeten Reiter erkannte, obwohl ich nur seinen R�cken sah. Er hielt den Toten an die Brust gedr�ckt. Er weinte und jammerte und schrie wie ein Weib. Als er meine Schritte hinter sich h�rte, drehte er sich um. Er sah mich, sah den Bogen und verstand.</p><p>�Warum nur, warum, Nikomachos?�, klagte Lykon und dr�ckte Kritias' K�rper an sich. �Er hat doch niemandem etwas getan!�</p><p>Zwei Hopliten traten von hinten an Lykon heran und zogen ihn vom K�rper seines Geliebten weg. Er wehrte sich verzwei-felt. Er heulte, kreischte, spuckte und schrie. Niemand lachte �ber ihn.</p><p>Ich kniete mich neben die Leiche und nahm ihr den Helm ab. Es gab keinen Zweifel. Ich sah in Kritias' tote Augen.</p><p>�Lasst ihn�, sagte ich den Soldaten, die Lykon festhielten. Kaum ihrem Giff entwunden, warf er sich wieder auf den Boden und umarmte seinen Kritias wie zuvor.</p><p>�Er hat doch niemandem etwas getan! Er hat doch niemandem etwas getan!�, wimmerte er immer wieder.</p><p>�Ach ja?�, meinte ich h�hnisch und verbittert. �Und was ist mit den vielen Menschen, die er ermordet hat? Was ist mit Periander?�</p><p>Lykon sah mich mit verheultem Gesicht an, dann sch�ttelte er den Kopf. �Das war nicht Kritias!�, sagte er dumpf. Gerade da begann es zu schneien. Dicke Flocken fielen vom Himmel und bedeckten Kritias' leblosen K�rper wie ein Leichentuch.</p></section><section><title><p><strong>&#x3C0;</strong></p></title><p>es war am abend des gro�en Sieges �ber die Drei�ig Tyrannen. Der Schnee war �ber Tag geschmolzen, Pir�us zur gro�en Siegesfeier geschm�ckt. Aspasia reichte mir gerade meinen Purpurmantel, als mein ehemaliger Geliebter Lykon das Haus betrat und darum bat, mich sprechen zu d�rfen. Die Augen meines Weibes blitzten gr�n auf. Sie war von jeher eifers�chtig auf Lykon und duldete ihn normalerweise nicht in ihrer N�he. An jenem Tag aber nickte sie kurz und lie� mich mit meinem fr�heren Eromenos allein. Sie wusste, er hatte vor wenigen Stunden den Geliebten verloren, und ahnte die Tiefe seines Verlustes. Das machte sie nachsichtig gegen ihn.</p><p>Lykon trug nicht mehr das gleiche Gewand wie am Morgen. Er hatte sich in einen schwarzen Umhang geh�llt, sich das Gesicht gewaschen und schien nun m�nnlicher, als ich ihn je zuvor gesehen hatte. Ich f�hrte ihn in Chilons Garten, wo wir uns ungest�rt unterhalten konnten, und fragte, was er von mir wolle.</p><p>�Thrasybulos hat Kritias' Leiche nach Pir�us bringen lassen�, antwortete Lykon in ruhigem Ton. �Ich bitte dich, mit ihm zu sprechen, damit er sie herausgibt. Ich m�chte Kritias beerdigen.�</p><p>�Ich spreche mit ihm�, antwortete ich sofort, �aber unter einer Bedingung.�</p><p>Lykon verstand, ohne dass ich weitersprechen musste.</p><p>�Du willst wissen, wie alles geschah�, sagte er.</p><p>�Ich muss�, antwortete ich.</p><p>�Das habe ich erwartet�, sagte Lykon und presste die Lippen zusammen. Dann seufzte er tief und begann: �Du wei�t, dass ich Kritias schon kannte, als wir ihn in Perianders Elternhaus trafen. Ich war ihm ein paar Tage vorher in der Palaistra begegnet. Ich war mit meinen Kameraden dort. Er kam zu uns, setzte sich zwischen mich und meine Kameraden und schenkte jedem eine Drachme. Jeder Junge wetteiferte um ihn, und ich wollte es ihnen zeigen. Ich wollte der Sch�nste sein, wollte gefallen. Ich habe Kritias verliebte Augen gemacht und ihm etwas auf der Fl�te vorgespielt. Ich hatte Erfolg. Er lud mich zu sich ein. Wir verbrachten einen Nachmittag miteinander. Am n�chsten Tag sahen wir uns wieder und am Abend darauf auch. Wie das eben so geht. Irgendwann lud er mich zu einem Gastmahl. Er bat mich, ihm und seinen Freunden Gesellschaft zu leisten. Ich sollte ihnen ein wenig auf der Fl�te vorspielen, ein wenig tanzen. Du kannst dir vorstellen, wie stolz ich war. Der reichste Mann Athens machte mir den Hof, <emphasis>mir ...�</emphasis></p><p>�Deswegen hatten wir uns zuletzt so wenig gesehen ...�</p><p>Lykon nickte.</p><p>�Und du warst bei diesem Gelage�, stellte ich fest.</p><p>Wieder nickte er.</p><p>�Wer waren die G�ste?�, fragte ich.</p><p>�Es waren nicht viele. Ein kleiner Kreis, wie Kritias sagte, aber die meisten kennst du. Der Bankier Pasion war da, Charmides, Glaukon, Kritias selbst, ich und Periander.�</p><p>�Periander�, wiederholte ich, �ich dachte es mir. War Platon auch dabei?�</p><p>�Nein, nur sein Bruder ...� Lykon stockte, als fiele ihm die Erinnerung schwer.</p><p>�Sprich weiter�, bat ich ihn.</p><p>Er schlug die Augen nieder und fuhr fort.</p><p>�Der Abend begann wundervoll. Kritias hatte die Terrasse und den Garten f�r das Fest herrichten lassen: seidene Kissen, Lampions in den B�umen ... Neben jeder Liege stand ein Sklave, der dem Gast Wind zuf�cherte. Wir wurden von f�nf jungen M�dchen bedient, jedes von anderer Haarfarbe, jedes von anderer Hautfarbe. Die eine war von blassestem Wei�, die n�chste schon ein wenig dunkler, die f�nfte schlie�lich schwarz wie eine St�ck Kohle. Sie waren in hauchd�nne seidene Gew�nder geh�llt, und mit jedem Gang, den sie auftrugen, lie�en sie ein Kleidungsst�ck fallen .�</p><p>�Erspar mir Einzelheiten�, sagte ich scharf. Ich konnte mir das Gelage ohnehin schon viel zu gut vorstellen. Die Bilder in Charmides' Festsaal, der Fl�tenspieler, die nackte T�nzerin und die betrunkenen M�nner vermischten sich mit Lykons Bericht. Ich sah Kritias' Garten, die Pfauen, die �ber die Wiese stolzierten, sah Lykon, nackt und verw�hnt neben seinem neuen Liebhaber, der ihn streichelte und liebkoste ...</p><p>�Alle waren fr�hlich und ausgelassen, nur Periander nicht. Er sa� da, trank Unmengen und machte eine Leichenbittermiene. Kritias wollte ihn aufmuntern und bat die M�dchen, einen kleinen Tanz aufzuf�hren - nur f�r ihn. Also stellten sie sich um seine Liege, wiegten sich in den H�ften und tanzten f�r ihn. Stell dir vor, er hat sie noch nicht einmal angesehen.</p><p>Irgendwann verlor sogar Kritias die Geduld, und er fragte Periander, was er nur habe. &lt;Das wei�t du genau&gt;, antwortete der, schon ganz betrunken. &lt;Ich bitte dich, Periander. Doch nicht heute vor den G�sten&gt;, sagte Kritias beschw�rend und zeigte auf mich. Er wollte nicht, dass ich von ihrem Streit etwas erfuhr. &lt;Doch, heute!&gt;, schrie Periander und stand schwankend auf. Ich wei� noch, wie er uns angesehen hat, sein Blick war voller Abscheu. Er zog eine Buchrolle aus seinem �rmel und schleuderte sie vor Kritias auf den Boden. &lt;Da hast du dein Buch&gt;, schrie er. &lt;Was willst du sein? Edel? Ein Verr�ter bist du und ein <emphasis>Perserfreund</emphasis> dazu! Ich werde es nicht zulassen, dass du Athen dem Feind auslieferst!&gt; Und dann spuckte er Kritias ins Gesicht - vor seinen Freunden und G�sten. Wir waren entsetzt ... Aber wei�t du, was Kritias getan hat?�</p><p>�Nat�rlich wei� ich das. Er hat Periander umgebracht!�</p><p>�Aber nein, Nikomachos. Ich sagte dir schon, Kritias hat Periander nicht get�tet. Er stand auf und umarmte ihn. Du musst dir vorstellen: vor all denen, die gesehen haben, wie sehr er beleidigt worden war, umarmte er ihn. Kritias hat Periander sehr geliebt, musst du wissen ... Wie einen Sohn geliebt, wenn du verstehst.�</p><p>�Was geschah weiter?�</p><p>�Periander stie� Kritias heftig zur�ck und rannte davon. Kritias fiel �ber ein Tischchen, stand aber gleich wieder auf. &lt;Lasst ihn gehen! Er wird sich beruhigen&gt;, sagte er, sobald er wieder auf den F��en war. Aber da hatte schon einer die Buchrolle aufgehoben und war Periander hinterhergerannt. Unter normalen Umst�nden h�tte niemand Periander einholen k�nnen, aber er war betrunken. &lt;Es wird schon nichts geschehen&gt;, sagte Kritias, lie� die Becher neu f�llen und die M�dchen tanzen. Schlie�lich bat er mich, Fl�te zu spielen. Der Zwischenfall war schnell vergessen . Es war ein sch�ner Abend. Bis er zur�ckkam - blutverschmiert und weinend wie ein Kind.�</p><p>�Wer war es?�</p><p>�Hast du noch immer nicht verstanden?�, fragte Lykon und sah mich fast mitleidig an. �Du hast dich so verrannt in die Vorstellung, Kritias h�tte Periander umgebracht, dass du nicht nach rechts und nicht nach links gesehen hast ... Dabei warst du nahe dran.� Lykon hielt mir seine Hand vor das Gesicht und zeigte mir Daumen und Zeigefinger, die sich fast ber�hrten. ��berlege einfach! Du bist doch sonst so klug. Wen konnte Kritias Perianders Familie unm�glich ausliefern, auch wenn er es noch so sehr gewollt h�tte?�</p><p>�Pasion! Ihn brauchte er f�r seine Verschw�rung am allern�tigsten�, antwortete ich.</p><p>�Aber nein, Pasion ist ein alter Mann! Er h�tte niemanden erschlagen k�nnen.�</p><p>�Kritias w�rde nie einen Verwandten ausliefern: Also Char-mides!� Auch diese Antwort kam schnell und un�berlegt.</p><p>�Charmides ist tr�ge ...�, seufzte Lykon.</p><p>Alles begann sich in mir zu drehen. Wieder stiegen die Bilder des Symposions in mir auf. Ich sah die Lichter in den B�umen, die M�dchen in ihren durchsichtigen Gew�ndern, Periander, wie er Kritias betrunken und verzweifelt von sich stie� und wegrannte. Und endlich sah ich <emphasis>ihn</emphasis> - den einen, den ich bisher �bersehen hatte, wie ihn jeder �bersah. Ich erkannte seine schlaksige Gestalt, den kleinen Kopf auf dem breiten Hals. Es war, als st�nde ich neben ihm, w�hrend er die Buchrolle aufhob. Sie war ihm gerade vor die F��e gerollt. Er las den Titel, erkannte Perianders Absicht und ergriff die Gelegenheit, die sich ihm bot. Endlich konnte er bedeutend, konnte er wichtig sein, nicht immer nur das missratene Kind neben dem hochbegabten Bruder, das alle nur dulden, weil es aus einer reichen Familie stammt. Bedeutend sein, bedeutend .</p><p>�Glaukon�, sagte ich endlich und erwachte wie aus einem Traum.</p><p>Lykon nickte und betrachtete mich f�r einen Augenblick mit einer Offenheit, die ich noch nie an ihm gesehen hatte. Es gab keinen Zweifel. Hier endlich lag die Wahrheit zutage, klar und unverborgen.</p><p>�Was ist Wahrheit, Sokrates?�, hatte ich einst gefragt.</p><p>�Wahrheit ist das Unverborgene. Wahrheit ist, was klar und offen zutage liegt�, lautete die Antwort.</p><p>Ich lehnte mich zur�ck, schloss die Augen und legte die H�nde vor mein Gesicht. Platons Bruder, kein anderer. Wie hatte ich ihn �bersehen k�nnen? Wenn Platon gegen irgendjemanden nichts unternehmen w�rde, noch nicht einmal wegen des Mordes an seinem Geliebten, dann gegen ihn, den Bruder, so missraten und selbsts�chtig er auch sein mochte. Und ich hatte noch nicht einmal mit ihm gesprochen!</p><p>Ich wei� nicht, warum, aber in dem Moment fiel mir ein, wie die Unterhaltung mit Sokrates damals am Ufer der Ilisos weitergegangen war. Es war an jenem hellen Tag; die Luft war so rein und durchsichtig, die Gebirge so nah, als k�nnte man sie mit H�nden greifen. Der Tod meines Vaters lastete auf meiner Seele. Ich suchte einen Sinn in den Dingen, die geschahen, und fand ihn nicht. Sokrates hatte mir lange zugeh�rt. Dann erz�hlte er von seinem ersten Besuch in Delphi. Er war wohl ein junger Mann gewesen damals, ein Steinmetz, noch unbeweibt. Er hatte die Pythia fragen wollen, was er aus seinem Leben machen sollte, welches Schicksal ihm bestimmt war. Es kam nicht dazu. Bevor er zu den Priestern ging, besuchte er den Apollo-Tempel. Sein Blick fiel auf die Inschrift �ber dem gro�en Tor. <emphasis>�Erkenne dich selbst.�</emphasis> Der Satz traf ihn unmittelbar. In ihm erkannte er seine Bestimmung, seine einzige Bestimmung. Das war es, was er zu tun hatte, nicht mehr, nicht weniger.</p><p>Lykon blieb eine Weile stumm. Es war kalt. Sein Atem dampfte.</p><p>�Wie war das mit Anaxos?�, fragte ich.</p><p>�Was denkst du, wie es war?�, fragte Lykon zur�ck.</p><p>�Offen gestanden, glaube ich, dass ich es gewesen bin, der Anaxos und Kritias zusammengebracht hat.�</p><p>�Nicht schlecht�, sagte Lykon wie ein Lehrer, der den Sch�ler lobt. �Und wei�t du auch wie?�</p><p>�Ich habe nicht die geringste Vorstellung. Wei�t du es?�</p><p>Lykon zog den Mantel enger.</p><p>�Du hast Anaxos auf Kritias' Spur gebracht, aber da war es schon zu sp�t. Das persische Schiff hatte Pir�us verlassen. Der Kredit f�r Sparta war beschlossen und gesichert. Der Pfeil war abgeschossen ...�, sagte er mit einem Seitenblick, den ich nicht zu deuten wagte. �Kritias hat Anaxos freundlichst empfangen und ihm nach einigem Z�gern fast seinen ganzen Plan offenbart.�</p><p>�Und Anaxos hat nichts gegen ihn unternommen?�</p><p>�Rein gar nichts�, sagte Lykon tonlos. �Kritias hat ihm einfach klargemacht, dass Anaxos ihn jetzt zwar vor Gericht bringen konnte, die Niederlage Athens aber nicht mehr aufzuhalten war. Anaxos soll beeindruckt gewesen sein.�</p><p>�Und?�</p><p>�Kritias hat Anaxos angeboten, mit ihm zusammen zu regieren, wenn die Zeit gekommen war, aber Anaxos hat abgelehnt. Er wollte nur bleiben, was er war, auch unter Kritias: Herr der Spione. Nur f�r seinen Sohn bat er um ein spezielles Amt.�</p><p>�Seinen Sohn?�, fragte ich. �Anaxos hat einen Sohn?�</p><p>�Oh, ja�, antwortete Lykon, �warum auch nicht? Nach allem, was ich h�re, muss man aber wohl sagen, dass er einen Sohn <emphasis>hatte.�</emphasis></p><p>�Um welches Amt hat er Kritias gebeten?�</p><p>�Kennst du die Antwort nicht selbst?�</p><p>�Hauptmann der Bogensch�tzen!�, sagte ich.</p><p>Lykon nickte.</p><p>�Wie habe ich Anaxos auf Kritias' Spur gebracht?�, fragte ich, w�hrend mir noch das Narbengesicht vor Augen stand.</p><p><emphasis>�Der Staat der Athener�,</emphasis> antwortete Lykon. �Anaxos wusste, dass Kritias der Autor war. Er hat es dir nur nicht gesagt. Ein paar Tage nachdem du ihm der Papyrus �bergeben hattest, stand er in Kritias' Garten. Sein Sohn begleitete ihn. Er legte den Ausriss des Buches vor Kritias und fragte, ob er wisse, wo man es gefunden habe ... Aber der Tod Perianders war Anaxos gleichg�ltig. Das Einzige, was ihn besch�ftigte, war die Frage, wie es Kritias gelungen war, die Verschw�rung vor ihm geheim zu halten und dabei nicht nur Verbindungen zu den Persern zu kn�pfen, sondern auch noch Alkibiades zu bestechen, damit der Frachter landen konnte.�</p><p>Ich erhob mich, ich hatte genug geh�rt. Es lag nun klar zutage ... - unverborgen. Ich ging ins Haus, um Aspasia zu sagen, dass ich Lykon zu Thrasybulos begleiten w�rde. Sie sah mich mit einem eigent�mlichen Ausdruck an.</p><p>�Wei�t du nun endlich, was du so dringend wissen musstest?�, fragte sie.</p><p>�Ja�, antwortete ich.</p><p>�Und war dieses Wissen es wert, deine Familie monatelang allein zu lassen?�</p><p>Ich verstand nicht.</p><p>�Geh jetzt�, sagte sie bestimmt und kehrte mir den R�cken.</p><p>Es war nicht leicht, uns den Weg aus der Stadt heraus zu bahnen, wo Thrasybulos' Zelte standen. Ganz Pir�us war auf den Beinen und halb Athen zu Besuch. Es war wie bei einer Prozession. Die Menschen dr�ngten Schulter an Schulter durch die Stra�en, und wo sich ihnen ein wenig Platz bot, tanzten und sangen sie, berauscht von Wein und Freude. Lykon hatte seine Kapuze �ber den Kopf geschlagen und suchte sich geb�ckt einen Weg durch die vollen Gassen. Er musste f�rchten, als Kritias' Geliebter erkannt und von der w�tenden Menge totgeschlagen zu werden. Trotzdem ging er weiter. Es blieb kein Zweifel, Lykon hatte Kritias geliebt, und er tat es noch nach dessen Tod. Und mich?</p><p>Wir hatten die Stadtgrenze hinter uns gelassen und sahen im hellen Mondlicht schon das Zeltlager, als ich Lykon zur�ckhielt. Er drehte sich zu mir und sah mir unmittelbar in die Augen. Mir war, als s�he er in mich hinein.</p><p>�Ich wollte nur noch eines wissen�, sagte ich kleinlaut.</p><p>�Was?�, fragte er sachlich. Ich z�gerte.</p><p>�Ob du mir etwas bedeutet hast?�, fragte er.</p><p>Ich nickte. Ich wei� nicht, warum, aber meine Zunge klebte mir am Gaumen.</p><p>�Ich wusste, dass du mich fragen w�rdest�, antwortete er und sah auf die Stra�e, wo die Menschen in Trauben an uns vorbeizogen. �Kritias wusste es auch. Er hat oft �ber dich gesprochen, wei�t du? Er hat dich in gewisser Weise verstanden ... Aber ich kann dir nicht antworten. Ich wei� es nicht.�</p><p>�Wieso hat Kritias �ber mich gesprochen?�, fragte ich. Allein die Vorstellung war mir zuwider.</p><p>�Er sagte, er k�nne verstehen, dass du ihn hasst, weil er mich dir weggenommen hat .�</p><p>Ich stand da wie versteinert. Lykon zuckte mit den Schultern.</p><p>�Ich habe ihm gesagt, dass es dir nicht um mich geht, aber das hat er mir nie geglaubt. Ich wusste, dass ich dir nicht viel bedeute�, sagte Lykon und wandte sich wieder in Richtung des Lagers, wo die Soldaten den Tod seines Geliebten feierten. Ich folgte ihm langsam.</p><p>�Du hast mir etwas bedeutet�, sagte ich leise, aber da waren wir schon wieder von einem Pulk Menschen umringt. Lykon sah sich nach mir um und winkte mir wie ein Schwimmer in einem rei�enden Strom. Ich wei� bis heute nicht, ob er mich geh�rt hat.</p><p>Wir waren verschwitzt und au�er Atem, als wir endlich vor Thrasybulos' gro�em Zelt standen. Ein Feldfeuer brannte vor seinem Eingang. Ein Hoplit hielt Wache. Mir schien, als h�rte ich Stimmen im Zelt.</p><p>�Einen Augenblick, Herr�, sagte der Hoplit und meldete uns.</p><p>Wir warteten. Thrasybulos' Fahne bl�hte sich im Wind. Lykon war schweigsam und angespannt. Pl�tzlich flog der Zelteingang auf, und Thrasybulos begr��te mich st�rmisch.</p><p>�Nikomachos, Held des Tages, kommt herein!�, sagte er �berschw�nglich und umarmte und k�sste mich.</p><p>Thrasybulos f�hrte uns in sein gro�es Feldherrnzelt. Es hatte sich ver�ndert, seit ich es zuletzt betreten hatte. Von soldatischer Kargheit war nicht mehr viel zu sehen. Stattdessen erwarteten uns bestickte Kissen, mit Gold beschlagene Truhen und silberne Sch�sseln voller Speisen. Kritias' silberne R�stung stand an einen Dreifu� gelehnt. Das Sonnenzeichen auf dem Brustpanzer schimmerte im Licht der �llampen.</p><p>�Wie kann ich dir helfen, mein lieber Nikomachos?�, fragte Thrasybulos und setzte sich in einen pr�chtigen Sessel. Er sah meinem Blick durch das Zelt wandern und nickte voller Stolz. �Dem Sieger der Schlacht geb�hrt der Preis, nicht wahr?�, stellte er fest.</p><p>�Gewiss�, antwortete ich, als mein Blick auf ein kleines Tischchen neben Thrasybulos' Sessel fiel, wo zwei Becher standen. Zwei Becher! Ein eigent�mlicher Geruch stand im Raum.</p><p>�Also, was f�hrt dich zu mir? Sag es frei heraus. Ich wei�, den Sieg verdanke ich nicht zuletzt auch dir und deinem sicheren Auge. Wenn du dir etwas aussuchen m�chtest?�</p><p>�Ich begehre nichts f�r mich�, antwortete ich kurz und konnte den Blick kaum von diesem Tischchen abwenden. �Ich spreche f�r Lykon, hier an meiner Seite. Du kennst ihn sicher.�</p><p>Thrasybulos nickte und zog eine Augenbraue hoch. Er w�rdigte Lykon keines Blickes.</p><p>�Lykon bittet um Kritias' Leichnam, damit er ihn bestatten kann, wie es Sitte unter den Menschen und vor den G�ttern ist�, sagte ich. Thrasybulos strich sich �ber den Bart.</p><p>�Und du w�nscht, dass ich ihm den Leichnam gebe, Niko-machos?�</p><p>�Das w�nsche ich.�</p><p>Thrasybulos dachte eine Weile nach. Dann rief er pl�tzlich: �Hipparchos!�</p><p>Augenblicklich trat die Wache in das Zelt.</p><p>�Hipparchos, bring diesen Mann zu Kritias' Leiche und sorge daf�r, dass er sie unbehelligt mitnehmen kann. Er wird sie beerdigen�, befahl Thrasybulos.</p><p>Hipparchos verbeugte sich und trat einen Schritt zur�ck. �Wenn du mit mir kommen m�chtest�, sagte er an Lykon gerichtet. Der sah kurz zu Thrasybulos und verneigte sich gleichfalls, wurde aber nur mit einer ver�chtlichen Handbewegung weggeschickt. Lykon verlie� das Zelt, ohne sich noch einmal umzudrehen.</p><p>Ich habe ihn nie wiedergesehen.</p><p>�Und du, Nikomachos, was w�nschst du dir an diesem Tag deines Triumphes?�, fragte Thrasybulos und riss mich aus meinen Gedanken.</p><p>�Ich wollte mit dir noch �ber Anaxos sprechen�, sagte ich.</p><p>�Was ist mit ihm?�, fragte Thrasybulos beil�ufig, allzu beil�ufig und griff nach einem der Becher. Ich folgte der Bewegung einen Wimpernschlag zu lange, als dass es ihm nicht auffallen konnte. Er sah mich an und l�chelte, aber seine Augen blieben unbewegt.</p><p>Wir waren nicht allein, jetzt wusste ich es. Wir waren nicht allein! Die Stimmen, die ich geh�rt hatte, der Geruch, der im Zelt hing! Ich kannte beide, die Stimme der Schlange und den Geruch von Staub und feuchten B�chern!</p><p>�Sag es�, befahl Thrasybulos.</p><p>�Er ist hier�, antwortete ich.</p><p>Thrasybulos nahm einen Schluck und deutete ein L�cheln an.</p><p>�Komm heraus!�, sagte er gelassen. Lautlos wie ein Gespenst trat der Herr der Spione hinter einem Wandschirm hervor und stellte sich neben seinen neuen Herrn.</p><p>�Du wirst dich nicht auch mit ihm einlassen?�, fragte ich entsetzt, aber da hatte mir Thrasybulos' gleichg�ltiger Blick die Antwort schon gegeben. Gru�los verlie� ich das Zelt. Aspasia wartete - schon viel zu lange.</p><p>Wir verlie�en Attika am n�chsten Morgen. Der Tag war hell. Eine freundliche Herbstsonne hatte den Winter wieder in das Land jenseits des Nordwinds verbannt. Als ich mich vom Boot aus zu einem letzten Abschied umwandte, sah ich das gro�e Standbild Athenes zwischen den Tempeln der Akropolis stehen. Ihr goldener Helm blinkte im Sonnenlicht.</p></section><section><title><p id="bookmark21"><strong>E&#x3C0;&#x3B9;&#x3BB;&#x3B3;os</strong></p></title><p>wir LIE�EN uns in Mazedonien nieder. Gesch�ftsfreunde b�rgten f�r mich. Hier nahm ich die Arbeit meines Vaters wieder auf, hier reiften meine S�hne zu M�nnern und wurden meine Enkel geboren. Ich trieb wieder Handel und war darum fast jeden Tag am Hafen. Mit den Waren brachten die Schiffe immer auch Nachrichten �ber das Meer, und viele stammten aus Athen. So erfuhr ich, dass die Drei�ig in den acht Monaten ihrer Herrschaft eintausendf�nfhundert M�nner ermordet hatten. Man stelle sich vor, eintausendf�nfhundert, das waren mehr Opfer, als der Krieg gegen Sparta in den Jahrzehnten zuvor gefordert hatte.</p><p>Thrasybulos wurde zum n�chsten Strategen gew�hlt. Er hat die Langen Mauern wieder aufgebaut, wurde aber sp�ter wegen der Unterschlagung von Staatseigentum angeklagt. Er ist aber wohl, so hie� es, noch einmal davongekommen.</p><p>Sokrates hatte weniger Gl�ck. Er wurde beschuldigt, die Jugend zu verderben, und zum Tode verurteilt. Lysias soll angeboten haben, seine Verteidigungsrede zu schreiben, aber Sokrates lehnte ab. Warum, wei� ich nicht. Er hat die Richter wohl zu sehr als das genommen, was sie sein sollen, und nicht als das, was sie sind: Menschen ... Ihr wisst, einer seiner Ankl�ger hie� Lykon. Leider habe ich nie in Erfahrung gebracht, ob es mein ehemaliger Eromenos war. Das w�re Kritias' letzter Triumph gewesen.</p><p>Alkibiades ging es nicht besser als seinem Lehrer. Ein Meuchelm�rder hat ihn hinterr�cks erdolcht. Ob der Grund hierf�r in der Politik oder in der Eifersucht eines betrogenen Gatten lag, wer wei� das zu sagen?</p><p>Xenophon dagegen wurde alt und schrieb B�cher.</p><p>Platon ist mir in all den Jahren immer fremd und r�tselhaft geblieben. Er ist es, ich muss es zugeben, noch heute, wenn ich auch nicht zweifle, dass er es war, der uns damals durch Sokrates hat warnen lassen. Nur ein einziges Mal f�hlte ich mich ihm ein wenig n�her. Das war, als ich eine Schrift von ihm in H�nden hielt, die das <emphasis>H�hlengleichnis</emphasis> genannt wird. Es handelt von einer Gruppe von Menschen, die in der ewigen Dunkelheit einer H�hle gefangen sind. Sie sind gefesselt und angekettet, und so f�llt ihr Blick auf eine Wand vor ihnen, wo sie stets nur Schattenspiele sehen. Niemals ist da eine Frucht oder ein Krug oder ein Baum, sondern immer nur deren Schatten, und die H�hlenbewohner vertreiben sich die Zeit damit, sie zu deuten und zu erkl�ren. Wem das am besten gelingt, der gilt als der Kl�gste und Angesehenste unter ihnen.</p><p>Eines Tages wird einer der H�hlenbewohner befreit und nach oben gef�hrt. Man wei� nicht, warum. Geblendet tritt er aus der H�hle in das Sonnenlicht. Seine Augen schmerzen und tr�nen. Er kann nicht wirklich sehen, aber er wei� doch: Im Licht ist die Wahrheit, in der H�hle dagegen nur ihr Schatten. Halb blind kehrt er zu seinen Kameraden zur�ck, um sie hinauszuf�hren. Sie aber weigern sich, ihm zu folgen. Am Ende schlagen sie ihn sogar tot.</p><p>Ich will das Gleichnis nicht deuten. Andere k�nnen das besser als ich. Aber eines wei� ich doch: Ich wei�, wer der H�hlenbewohner ist, der von seinen Kameraden erschlagen wird, nur weil er sie zur Wahrheit f�hren wollte.</p><p>Durch das H�hlengleichnis wurde ich mit Platon vers�hnt. Ich war deswegen nicht b�se, als mein Lieblingsenkel nach Athen zur�ckkehrte, um bei ihm zu studieren. Platon nennt seine Schule Akademie. Sie ist in dem Hain errichtet, in dem ich ihn einst kennengelernt habe. Meine Ahnung hat sich allerdings bewahrheitet: Niemand hat Platon je wieder lachen sehen.</p><p>Gerne w�rde ich euch noch von meinem Enkel erz�hlen. Aber ich denke, das verschieben wir auf ein andermal. Nur eines vielleicht: Er hei�t nach meinem Vater, seinem Urgro�vater. Ich habe den Namen noch gar nicht erw�hnt: Aristoteles.</p></section><section><title><p id="bookmark22"><emphasis>Nachwort</emphasis></p></title><p>Die Idee zu diesem Roman hatte ich im Fr�hsommer 2004, als ich - beinahe vierzigj�hrig und also fast in dem Alter, in dem sich <emphasis>das Schicksal eines Mannes erf�llt</emphasis> - mit einem Blinddarmdurchbruch im Freiburger Lorettokrankenhaus lag und dort ein Buch las, dem ich mich schon lange hatte widmen wollen: Den ersten Band von Karl Poppers <emphasis>Die offene Gesellschaft und ihre Feinde</emphasis> mit dem Titel <emphasis>Der Zauber Platons.</emphasis> Ich muss gestehen, dass mich dieses gro�e und engagierte Pl�doyer f�r die Demokratie innerlich zun�chst unber�hrt lie�, vermutlich deswegen, weil Poppers pragmatische Argumente f�r Parlament und Rechtsstaat heute zu gel�ufig sind, als dass sie noch �berraschen k�nnten. Das �nderte sich aber, als ich zu den letzten Kapiteln des Buches kam, in denen Popper die n�heren Lebensumst�nde Platons und die Umw�lzungen in Athen am Ende des Peloponnesischen Krieges zeichnet und dabei nicht nur die &#x391;&#x398;&#x397;&#x39D;&#x391;&#x399;&#x3A9;&#x39D; &#x3A1;&#x39F;&#x39B;&#x399;&#x3A4;&#x395;&#x399;&#x391; erw�hnt, jene oligarchische Streitschrift, die in meiner Erz�hlung eine so gro�e Rolle spielt, sondern auch die Herrschaft der Drei�ig Tyrannen in ihrer ganzen Grausamkeit und Habgier schildert. Was mich hier vor allem anderen �berraschte, gefangen nahm und seitdem auch nicht mehr loslie�, ist das Bild, das Kritias und seine Anh�nger in der Geschichte hinterlassen haben, weil es mir archetypisch f�r jede Diktatur zu sein scheint: ein Bild von Ausl�nderfeindlichkeit, Korruption und Brutalit�t, die sich hinter einer Maske von W�rde und Stolz verbirgt. Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet diejenigen, die in der &#x391;&#x398;&#x397;&#x39D;&#x391;&#x399;&#x3A9;&#x39D; &#x3A1;&#x39F;&#x39B;&#x399;&#x3A4;&#x395;&#x399;&#x391; die W�rdelosigkeit der Demokratie und des ungebildeten Volkes gei�eln, nach ihrer Machtergreifung nichts anderes zu tun haben, als die reichen Met�ken auszupl�ndern und zu verfolgen - ebenso wenig, wie es ein Zufall war, dass im Dritten Reich unter dem Euphemismus der Arisierung das Verm�gen der j�dischen Bev�lkerung geraubt und den Parteikadern �berschrieben wurde, oder es ein Zufall war, dass die Datschen der F�hrer des real existierenden Sozialismus mit all jenem Komfort ausgestattet waren, den die B�rger der DDR vermissten: �ber die Jahrtausende hinweg die gleiche nach au�en getragene Attit�de der Moral bei vollkommener innerer Korruption.</p><p>Ich befasste mich l�nger und ausgiebiger mit der Epoche -Xenophons <emphasis>Hellenika</emphasis> und <emphasis>Erinnerungen an Sokrates</emphasis>, Aristoteles' <emphasis>Staat der Athener</emphasis> und nicht zuletzt Platons Dialoge waren wertvolle Quellen - und entdeckte das hohe Niveau, welches Athen um 400 v. u. Z. erreicht hatte. Allgemeine Wehrpflicht, Ordnungspolizei, Invalidenhilfe, M�llabfuhr, Baupolizei und ein beginnendes Gerichtswesen - Institutionen, die wir mehr oder weniger unbesehen der Neuzeit zuordnen, waren im antiken Athen nicht nur schon erdacht, sondern eingerichtet.</p><p>Das r�tselhafte Pamphlet der &#x391;&#x398;&#x397;&#x39D;&#x391;&#x399;&#x3A9;&#x39D; &#x3A1;&#x39F;&#x39B;&#x399;&#x3A4;&#x395;&#x399;&#x391;, dessen Autor bis heute unbekannt geblieben ist, die Finanzierung der spartanischen Flotte durch Persien, der Sturz der Demokratie am Ende des Krieges, die Drei�ig Tyrannen - der Stoff dr�ngte sich auf und fand mich mehr, als dass ich ihn gesucht h�tte. Ich konnte gar nicht anders, als genau hier�ber einen Roman zu schreiben. Darin wollte ich die Bl�te Athens mit ihren Errungenschaften in Kultur und Verwaltung ebenso vorf�hren wie die Abgr�nde des Verrats am eigenen Volk, zu dem sich die Drei�ig Tyrannen wie alle sp�teren Diktatoren haben hinrei�en lassen. Diesem Wunsch entsprechend ist die Kulisse, vor der der Roman spielt, so wahrhaftig, wie dies meine Recherchen und die Gesetzm��igkeiten des Genres zulie�en. Die Politiker Kritias, Thrasybulos und Alkibiades - zum Teil auch Charmides - sind nach historischen Quellen beschrieben, wenn auch mit jenen menschlichen oder allzumenschlichen Eigenschaften bedacht, die den meisten Quellen nicht zu entnehmen sind. Die Schilderung der Verwaltung Athens mit Vollversammlung, Rat, Archonten, Polizei und Gerichten, Behindertenrenten und organisierter M�llabfuhr ist belegbar und insbesondere Aristoteles' kleiner Schrift <emphasis>Der Staat der Athener</emphasis> entnommen. Und nat�rlich haben auch die in dem Roman erw�hnten Philosophen und Schriftsteller, �rzte und Redner in Athen gelebt, wenn auch nicht zwingend in den Jahren 408 bis 404 v. u. Z., in denen die Handlung dieser Erz�hlung spielt. Selbst Glaukon, Platons Bruder, dem in diesem Buch eine eher unr�hmliche Rolle zukommt, ist bei Xenophon erw�hnt und schon von ihm als Aufschneider charakterisiert. Im weiteren Anhang findet sich ein Verzeichnis, das die Lebensdaten der realen Personen benennt, die in dieser Erz�hlung erw�hnt sind, und Dichtung und Wahrheit weiter scheidet.</p><p>Trotzdem bleibt das Buch ein Roman. Die Geschichte um den Mord an einem Olympiasieger ist also ebenso erfunden wie die im Vordergrund der Handlung agierenden Figuren Niko-machos, Aspasia, Raios, Anaxos, Lykon, Chilon, Bias usw. Sie habe ich, so gut ich dies eben vermochte, mit dem Bild der Geschichte verwoben, wie es vor meinem inneren Auge stand. Wo genau die Nahtlinie im Einzelfall verl�uft, ist dabei manchmal nur schwer zu entscheiden. So ist beispielsweise gesichert, dass Sparta seine Flotte tats�chlich nur mit persischem Geld bauen konnte, und es wird vermutet, dass aristokratische Kreise in Athen dabei geholfen haben. Wo beginnt dann die Fiktion, wenn ich die erste Ankunft persischer Bankiers in Athen schildere, die das Gesch�ft der Finanzierung besprechen wollen?</p><p>Auch bei der Beschreibung realer Personen habe ich mir Freiheiten erlaubt, und die Charakterisierung Platons ist gewiss die Ungeh�rigste von allen. Ich bekenne frei, dass es keinen Beleg daf�r gibt, dass der gro�e Philosoph je gelispelt h�tte. Ich habe mir diesen Scherz erlaubt, weil Platon die Vorg�nger meines b�rgerlichen Berufes - ich bin Anwalt und also in gewisser Weise Kollege der Rhetoren und Logographen - in seinen Dialogen immer wieder so massiv angreift, dass noch mein alter, humanistisch gebildeter Schuldirektor meinte, mich vor den zweifelhaften K�nsten der Redekunst warnen zu m�ssen, als er von meiner Berufswahl erfuhr. Belegt jedoch ist Platons sprichw�rtliche Traurigkeit, schon Freud hat auf seine Homosexualit�t hingewiesen, und Platon selbst berichtet im Dialog <emphasis>Phaidon,</emphasis> wie eine Krankheit ihn daran gehindert habe, Sokrates in seinen letzten Stunden beizustehen.</p><p>Was Platon angeht, muss ich ein weiteres Gest�ndnis ablegen: Er ist mir w�hrend all meiner Recherchen fremd geblieben.</p><p>Daher ist die Rolle, die er in dieser Erz�hlung spielt, kleiner, als sie ihm urspr�nglich zugedacht war, und daher musste denn auch ein Verwandter den zweifelhaften Part des M�rders geben, weil nur seine T�terschaft die Passivit�t Platons plausibel machen konnte. Hierf�r bitte ich all seine Anh�nger und Bewunderer um Verzeihung, zugleich aber auch um eine Erkl�rung: Wieso hat Platon seinen Onkel Kritias im gleichnamigen Dialog zum Gespr�chspartner des Sokrates gemacht, obwohl er die Herrschaft der Drei�ig nach eigenem Bekunden ablehnte und obwohl Kritias Sokrates in Schuld verstricken wollte, als er ihm befahl, einen Athener ungesetzlich von eigener Hand zu verhaften - was Sokrates jedoch mutig verweigerte?</p><p>Freiheiten habe ich mir auch bei der Beschreibung der attischen Demokratie erlaubt, wie sie am Ende des Krieges praktiziert wurde. So wurden mittlere Verwaltungs�mter, zu denen auch das Amt des Hauptmanns der Bogensch�tzen zu rechnen w�re, w�hrend der radikalen Demokratie nicht im Wege der Wahl, sondern im Losverfahren vergeben, was keinerlei Gew�hr f�r die Eignung des erfolgreichen Bewerbers bot. Ich wollte f�r meinen Roman aber keinen zuf�lligen Polizeichef und bin �ber dieses Detail hinweggegangen. �berhaupt habe ich die Athener Volksherrschaft unkritisch gezeichnet, was gewiss nicht durchgehend gerechtfertigt ist, war sie in ihrer Au�enpolitik doch sicher nicht den Werten von Frieden und Gerechtigkeit verpflichtete, die wir mit dem Begriff Demokratie heute ohne weiteres verbinden. So paradox es vielleicht klingen mag: Die Kritik, die die &#x391;&#x398;&#x397;&#x39D;&#x391;&#x399;&#x3A9;&#x39D; &#x3A1;&#x39F;&#x39B;&#x399;&#x3A4;&#x395;&#x399;&#x391; in diesem Punkt formuliert, ist durchaus berechtigt: Ein B�ndnispartner Athens zu sein, bedeutete f�r die kleineren St�dte Ausbeutung und Unterdr�ckung. Aber das scheint mir eher ein Wesensmerkmal der Hegemonie Athens zu sein, nicht der Demokratie - oder kann man glauben, ein oligarchisches Athen h�tte sich anders verhalten?</p><p>Ohne der Erz�hlung ganz den Zauber zu nehmen, seien einige weitere Freiheiten erw�hnt, die ich mir gestattet habe:</p><p>� Schon vor Alkibiades' R�ckkehr nach Athen um das Jahr 409 v. u. Z. gab es im Jahr 411 einen ersten oligarchischen Umsturz, den ich an keiner Stelle erw�hne. Diese Ungenauigkeit ist schlicht der Lesbarkeit des Textes geschuldet.</p><p>� Das Amt des Hauptmanns der Bogensch�tzen ist nicht belegt, wird es aber in der einen oder anderen Art gegeben haben. Die Bogensch�tzen als Polizeitruppe sind nachgewiesen. Sie waren jedoch nur f�r die �ffentliche Sicherheit und Ordnung, nicht f�r die Strafverfolgung zust�ndig. Diese galt als reine Privatangelegenheit. Ein Gef�ngnis gab es gleichwohl.</p><p>� Der Areopag war das Athener Blutgericht, tagte aber, wenn ich es richtig verstanden habe, unter freiem Himmel. Ein Gerichtsgeb�ude gab es wohl nicht. �berliefert dagegen ist die Wasseruhr zur Begrenzung der Redezeit.</p><p>� Den Beruf des Advokaten, also dessen, der f�r einen anderen spricht, haben erst die R�mer erfunden. In Athen war es nicht zul�ssig, sich vor Gericht vertreten zu lassen. Da ein Mordprozess eine reine Privatklage war, h�tten Perianders Eltern den Prozess also selbst f�hren m�ssen. Das Auftreten ihres Freundes Kritias als Ankl�ger w�re nicht m�glich gewesen.</p><p>� Der Strategenpalast befand sich unterhalb des Areopag, nicht gegen�ber.</p><p>� Der Parthenon-Fries zeigt nicht die olympischen Sportarten, sondern die Panathen�en-Prozession.</p><p>� Die Agora durfte von Kindern und Jugendlichen wohl nicht besucht werden.</p><p>� Es gibt keinen Anhaltspunkt daf�r, dass Kritias versucht h�tte, Alkibiades mit dem Hermen-Frevel zu belasten. Wohl aber gibt es Autoren, die behaupten, auch Kritias sei wegen dieser Tat angeklagt worden.</p><p>� Die Rolle der Frau im antiken Athen war weitaus eingeschr�nkter, als die Person Aspasias dies vermuten l�sst. Eine zumindest im Haus so selbstst�ndig und sicher agierende Frau h�tte die damalige Zeit kaum geduldet. Mir ist die eifers�chtige, dabei aber liebevolle und lebenskluge Gestalt aber so ans Herz gewachsen, dass ich ihr eine untergeordnetere Rolle einfach nicht zudenken konnte.</p><p>Sonst aber ist (fast) alles wahr ...</p></section><section><title><p id="bookmark23"><emphasis>Personen</emphasis></p></title><p><emphasis>Agis,</emphasis> spartanischer K�nig, f�hrte zusammen mit Lysander den Feldzug gegen Athen.</p><p><emphasis>Alkibiades,</emphasis> 450-404 v. u. Z., athenischer Politiker und Feldherr. Erzogen im Haus seines Onkels Perikles, trat er 422 an die Spitze der radikalen Demokraten und betrieb die Isolierung Spartas. 415 dr�ngte er zum Sizilienfeldzug und wurde dessen Leiter. Im Hermokopidenprozess in Abwesenheit angeklagt und verurteilt, floh er nach Sparta und beriet nun den fr�heren Feind. Bem�hungen der Oligarchen, seine R�ckkehr zu vermitteln, schlugen fehl, bis ihn die demokratische Athener Flotte 411 nach dem ersten oligarchischen Umsturz zu ihrem Oberbefehlshaber w�hlte. So gelang ihm 408 die R�ckkehr nach Athen, wo er zum Hegemon autokratos gew�hlt, aber schon 407 wieder abgesetzt wurde. 404 floh er vor den Spartanern und wurde - wohl auf Veranlassung Lys-anders - ermordet. Alkibiades' Sch�nheit war legend�r. �ber seinen Versuch, Sokrates zu verf�hren, berichtet Platon im <emphasis>Symposion.</emphasis></p><p><emphasis>Antisthenes,</emphasis> 444-366 v. u. Z., griechischer Philosoph. Gemeinsam mit Aristippos wird er zu den kleinen Sokratikern gez�hlt. Er ist der Begr�nder der Kynischen Schule, die in Entsagung und Bed�rfnislosigkeit den Weg zum guten, tugendhaften und gl�cklichen Leben sucht. Er gilt als der Erste, der �den Mantel doppelt� tr�gt, damit er darin nachts auch schlafen kann. Der bekannteste Vertreter der Kyniker ist Diogenes.</p><p><emphasis>Aristippos,</emphasis> 435-355 v. u. Z., griechischer Philosoph. Wie Antisthenes wird er zu den kleinen Sokratikern gerechnet, bildet aber gleichsam sein Gegenst�ck. Suchten die Kyniker ihr Gl�ck in der v�lligen Bed�rfnislosigkeit bis hin zur Selbstkasteiung, sieht die von Aristippos begr�ndete Kyrenaische Schule das Gl�ck in der Genussf�higkeit, sofern man sich nur nicht zum Sklaven seiner L�ste macht. Aristippos begegnet uns in zahlreichen Schriften als gro�z�giger und geistreicher Lebemann.</p><p><emphasis>Aristoteles,</emphasis> 384-322 v. u. Z. Neben Sokrates und Platon geh�rt Aristoteles zu den bedeutendsten griechischen Denkern. Geboren im mazedonischen Stageira als Sohn eines Arztes, verlie� er seine Heimat mit siebzehn Jahren und trat in die Platonische Akademie ein, wo er zwanzig Jahre lang lernte, forschte und lehrte. Gleichwohl wurde er nach Platons Tod nicht deren Leiter. Er verlie� Athen und wurde der Erzieher Alexanders des Gro�en. Um 335 kehrte Aristoteles nach Athen zur�ck. Dort gr�ndete er eine eigene Schule im sogenannten Lykeion. Aristoteles hat in zahlreichen Abhandlungen fast alle Bereiche der Natur und der Gesellschaft behandelt und die sich gerade aus der Philosophie herausl�senden Einzelwissenschaften zum Teil fundamental gepr�gt.</p><p><emphasis>Aspasia,</emphasis> geistreiche und offenbar sch�ne zweite Ehefrau des Perikles. Da sie aus Milet stammte, genoss sie in Athen kein B�rgerrecht. Selbst ihre Ehe wurde nicht vollst�ndig anerkannt, und die gemeinsamen Kinder galten nicht als Vollb�rger. Um Perikles politisch zu schaden, wurde sie 432 wegen Gottlosigkeit angeklagt, jedoch freigesprochen. Von den Sokratikern sehr gesch�tzt, soll sie Vorbild f�r die Figur der Diotima sein, die Platon im <emphasis>Symposion</emphasis> beschreibt.</p><p><emphasis>Aristokles,</emphasis> b�rgerlicher Name Platons.</p><p><emphasis>Charmides,</emphasis> um 440-404 v. u. Z., griechischer Politiker, Onkel Platons und Cousin des Kritias, der ihm w�hrend der Herrschaft der Drei�ig den Oberbefehl �ber Pir�us anvertraut. Platon schildert ihn in dem gleichnamigen Dialog als bl�henden Epheben, Xenophon in den <emphasis>Erinnerungen an Sokrates</emphasis> als begabten, aber zur�ckhaltenden jungen Mann.</p><p><emphasis>Epitadas,</emphasis> spartanischer General, fiel bei der Schlacht um Py-los.</p><p><emphasis>Eratosthenes,</emphasis> griechischer Politiker und Mitglied der Drei�ig Tyrannen. Auf ihn geht die Verfolgung und Ermordung des Polemarchos zur�ck, wegen der er von dessen Bruder Lysias nach der Herrschaft der Drei�ig angeklagt wird. Eine nach dem Sturz der Tyrannen vereinbarte Amnestie d�rfte seine Verurteilung verhindert haben.</p><p><emphasis>Glaukon,</emphasis> Bruder Platons, der ihn im Dialog <emphasis>Politeia</emphasis> auftreten l�sst. Xenophon schildert ihn in den <emphasis>Erinnerungen an Sokrates</emphasis> als Aufschneider.</p><p><emphasis>Hippodamos,</emphasis> vermutlich 485-405 v. u. Z., bedeutender griechischer St�dteplaner. Das Schema seiner Planungen sah regelm��ig vier Haupt- und drei Nebenstra�en vor, die ein schachbrettartiges Muster bildeten.</p><p><emphasis>Hippokrates,</emphasis> 460-370 v. u. Z., griechischer Arzt und Ahnherr der modernen, wissenschaftlich orientierten Medizin. Es sind zahlreiche medizinische Schriften erhalten (u. a. eine Abhandlung �ber Kopfverletzungen), die Hippokrates zugeschrieben werden, jedoch letztlich nicht sicher zuzuordnen sind.</p><p><emphasis>Kephalos,</emphasis> Vater des Redners und Logographen Lysias; reicher Kaufmann aus Syrakus, der sich aufgrund seiner Freundschaft mit Perikles in Athen niederlie�, wo er eine Manufaktur f�r Schilde betrieb.</p><p><emphasis>Kodros,</emphasis> sagenhafter letzter K�nig Athens und angeblicher Vorfahr der Familie des Kritias.</p><p><emphasis>Konon,</emphasis> Athener Admiral.</p><p><emphasis>Kritias,</emphasis> um 460-403 v. u. Z., griechischer Politiker und Aristokrat, Onkel Platons, bet�tigte sich als Dichter und Philosoph und war der Anf�hrer der Drei�ig Tyrannen. Seinen gem��igten Parteig�nger Theramenes beseitigte er, um ungehindert eine Gewalt- und Willk�rherrschaft zu errichten. Als Thrasybulos die oligarchische Ordnung st�rzte, fiel er in Munichia, einem der Athener H�fen. Der Dialog, in dem Platon das sagenhafte Atlantis beschreibt, ist nach ihm benannt.</p><p><emphasis>Lais,</emphasis> bekannte Athener Het�re.</p><p><emphasis>Lykon,</emphasis> Name eines der Ankl�ger des Sokrates.</p><p><emphasis>Lysander,</emphasis> spartanischer Feldherr und Stratege, entschied durch die Vernichtung der Athener Flotte den Peloponnesischen Krieg. Danach liquidierte er die Reste des Attischen Seebundes und erzwang die Einsetzung der Drei�ig Tyrannen. Die Finanzierung des Baus der spartanischen Flotte durch Persien ist bei Xenophon belegt.</p><p><emphasis>Lysias,</emphasis> um 445-380 v. u. Z., Sohn des Kephalos, ber�hmter Redner und Redenschreiber, der - abweichend von der Darstellung in diesem Roman - seine T�tigkeit als Logograph vermutlich erst <emphasis>nach</emphasis> der Herrschaft der Drei�ig aufgenommen hat, und zwar mit der Anklage gegen Eratosthenes. Von Lysias erhalten sind 34 Reden, die sich durch brillante Einleitungen und gro�e Klarheit in der Argumentation auszeichnen.</p><p><emphasis>Pasion,</emphasis> Athener Bankier.</p><p><emphasis>Pausanias, 408</emphasis>-394 v. u. Z., spartanischer K�nig, kommandierte die spartanischen Fu�truppen beim Angriff 405 gegen Athen. Im Gegensatz zu Lysander steht Pausanias allgemein f�r eine gem��igte Politik, die bereit ist, mit den Demokraten in Athen zu verhandeln.</p><p><emphasis>Perikles,</emphasis> um 495-429 v. u. Z., griechischer Politiker und einer der bedeutendsten Staatsm�nner seiner Zeit. Obschon von aristokratischer Herkunft, war Perikles Demokrat, besa� jedoch als gew�hlter Stratege gro�en politischen Einfluss. Perikles zog zahlreiche K�nstler, Gelehrte und Dichter nach Athen. Phidias, Sophokles und Anaxagoras standen ihm besonders nahe. Unter Perikles erlebte Athen sein goldenes Zeitalter.</p><p><emphasis>Platon,</emphasis> (�der Breitling�), 427-347 v. u. Z., ohne Zweifel einer der bedeutendsten griechischen Denker. Platon stammt aus einer alten Athener Adelsfamilie. M�tterlicherseits reicht sein Stammbaum �ber den Gesetzgeber Solon bis zu den Athener K�nigen zur�ck. Der Anf�hrer der Drei�ig Tyrannen, Kritias, ist sein Onkel. Dem k�rperlich und geistig hoch begabten Platon war ein Leben an der Spitze des Staates vorbestimmt. Die politischen Ereignisse in seiner Vaterstadt - auch die Herrschaft der Drei�ig - sto�en ihn jedoch so ab, dass er der praktischen Politik entsagt und sich der Philosophie widmet. Entsetzt �ber die gegen Sokrates verh�ngte Todesstrafe, beschlie�t er, seinem Lehrer in den Dialogen ein Denkmal zu setzen, um ihn weltber�hmt zu machen. Nach einigen Reisen und dem gescheiterten Versuch, den Tyrannen von Syrakus von seinen politischen Vorstellungen zu �berzeugen, gr�ndet er in Athen im Hain des Akademos nach dem Vorbild der Pytha-goreer eine Philosophenschule, die Akademie. Zu den gr��ten W�rfen Platons geh�rt die f�r die Geschichte der Philosophie grundlegende Ideenlehre, zu den problematischsten Hinterlassenschaften die Staatsutopie der <emphasis>Politeia,</emphasis> eines totalit�ren Idealstaates, dessen Organisation zutiefst inhuman ist.</p><p><emphasis>Polemarchos,</emphasis> Bruder des Lysias, verlor bei der Pl�nderung seines Vaterhauses durch Eratosthenes sein Leben.</p><p><emphasis>Simon,</emphasis> Athener Schuhmacher und Freund des Sokrates. Die Werkstatt Simons befand sich auf der Agora gleich gegen�ber dem runden Tholos-Geb�ude. Sokrates soll sich dort oft mit seinen Sch�lern getroffen haben.</p><p><emphasis>Sokrates,</emphasis> 470-399 v. u. Z., griechischer Philosoph. Sokrates markiert den Wendepunkt der Geschichte der antiken Philosophie - man spricht von vorsokratischer und nachsokrati-scher Philosophie -, trotzdem gibt es nur wenige gesicherte Erkenntnisse �ber seine Person. Selbst die h�ufig wiederholte Behauptung, er sei der Sohn einer Hebamme gewesen, ist zweifelhaft. Sokrates hat keine schriftlichen Zeugnisse hinterlassen. Die meisten Beschreibungen seiner Person stammen von seinen Sch�lern und sind ebenso idealisierend wie widerspr�chlich. Nach der g�ngigsten These begegnet uns der wahrhaftige Sokrates vor allem in den fr�hen Dialogen Platons sowie in den Schriften Xenophons. Danach ist Sokrates ein ausschlie�lich seinem Gewissen verpflichteter Skeptiker, der alle Erkenntnisse und Vorstellungen seiner Zeit radikal in Frage stellte, um zu offenbaren, wie wenig man letztlich wei�. Sein Gewissen �u�erte sich als innere Stimme �bernat�rlichen Ursprungs (�daimonion�, hier als <emphasis>guter Geist</emphasis> bezeichnet), der Sokrates bedingungslos folgt. Welche politische Auffassung er vertrat, ist umstritten. Als gesichert kann gelten, dass er die Vergabe der Staats�mter im Losverfahren, wie die radikale Demokratie sie praktizierte, ablehnte, weil hierdurch nicht gew�hrleistet war, dass das Amt kompetent besetzt wurde. Gleichzeitig war f�r ihn die Einhaltung des Rechts als Grundlage staatlicher Ordnung von entscheidender Bedeutung. Kritias ist von ihm in mehrfacher Hinsicht kritisiert, ja sogar verspottet worden, ungeachtet der damit verbundenen Gefahren. Trotzdem haben ihn die Athener f�r die Taten des Kritias und des Alkibiades verantwortlich gemacht und daher zum Tode verurteilt. Dies ist der Hintergrund der gegen ihn gef�hrten Staatsklage. Dass er das ungerechte Urteil akzeptierte und Athen nicht verlie�, obwohl er h�tte fliehen k�nnen, macht ihn zu einem der gro�en M�rtyrer der Wahrheit.</p><p><emphasis>Theramenes,</emphasis> Athener Politiker und Wortf�hrer der gem��igten Aristokraten. Theramenes war schon am oligarchischen Umsturz 411 v. u. Z. beteiligt. Er schlie�t sich Kritias an und geh�rt zu den Drei�ig Tyrannen, wird jedoch bald Kritias' Gegenspieler. Hierauf l�sst dieser ihn aus der Liste der B�rger streichen, denen Immunit�t zugesichert ist, und hinrichten.</p><p><emphasis>Thrasybulos,</emphasis> Athener Politiker, Trierarch und Wortf�hrer der Demokraten. Thrasybulos widersetzte sich schon dem oli-garchischen Umsturz von 411 v. u. Z. W�hrend der Herrschaft der Drei�ig sammelte er die demokratischen Kr�fte um sich. 404 gelang ihm in einem �ber Phyle und Pir�us gef�hrten Feldzug die Befreiung Athens. Bei dem K�mpfen in Munichia fiel Kritias. �ber den Schneefall bei der Schlacht berichtet Xenophon. Der Schnee soll als g�ttliches Zeichen gedeutet worden sein und die K�mpfe beendet haben. Thrasybulos lie� die Langen Mauern wieder errichten, wodurch Athen wieder zur Festung wurde. Er selbst scheint sp�ter aber wegen der Veruntreuung von staatlichen Geldern angeklagt worden zu sein.</p><p><emphasis>Thukydides,</emphasis> um 460-400 v. u. Z., Historiker. Thukydides war als Stratege am Peloponnesischen Krieg beteiligt. Wegen eines milit�rischen Misserfolgs verbannt, verfolgte er die kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Athen und Sparta aufmerksam und fasste sie in der unvollendeten <emphasis>Geschichte des Peloponnesischen Krieges</emphasis> zusammen. Das Werk reicht bis in das Jahr 411 v. u. Z.</p><p><emphasis>Xanthippe,</emphasis> Sokrates' Ehefrau. Xanthippe wird schon in Xenophons Symposion als Typ der z�nkisch-launenhaften Ehefrau beschrieben - kaum ganz zu unrecht, wenn sich die feministische Forschung auch um eine Korrektur des historischen Bildes bem�ht. Nach der Mehrzahl der Autoren hat Sokrates seine Frau geliebt, aber die Gesellschaft m�nnlicher Freunde bevorzugt. Man wird unterstellen d�rfen, dass die im Vergleich zu Sokrates deutlich j�ngere Xanthippe einen weltlicheren Gatten mit Sinn f�r Haus, Gesch�ft und Familie gegen�ber ihrem philosophischen Mann gleichfalls vorgezogen h�tte.</p><p><emphasis>Xenophon,</emphasis> geboren um 435/440 v. u. Z. in Athen, gestorben nach 355 v. u. Z., griechischer Historiker und Schriftsteller. Obwohl nicht eigentlich philosophisch interessiert, geh�rte er zum Kreis der Sokratessch�ler. Nach der Niederlage Athens im Krieg gegen Sparta verlie� er seine Heimatstadt, ging nach Persien und schloss sich dem Kriegszug des j�ngeren Kyros gegen seinen Bruder Artaxerxes an. Nach der Niederlage des Kyros f�hrten Xenophon und ein spartanischer Offizier die griechischen S�ldner unter gro�en Gefahren durch Kleinasien nach Thrakien zur�ck. Dort schloss Xenophon sich Sparta an und k�mpfte mit K�nig Agesilaos gegen Theben. Als Lohn erhielt er ein Landgut bei Olympia, auf dem er als Schriftsteller seinen Lebensabend verbrachte.</p></section><section><title><p id="bookmark24"><emphasis>Glossar</emphasis></p></title><p>&#x391;&#x398;&#x397;&#x39D;&#x391;&#x399;&#x3A9;&#x39D; &#x3A1;&#x39F;&#x39B;&#x399;&#x3A4;&#x395;&#x399;&#x391; - Staat der Athener. Name der in diesem</p><p>Roman erw�hnten oligarchischen Streitschrift eines unbekannten Verfassers (Pseudo-Xenophon) sowie einer Aristoteles zugeschriebenen kleinen Beschreibung der Athener Staatsverfassung.</p><p>Agora - Marktplatz.</p><p>Agoranom - Marktrichter.</p><p>Apologie - Verteidigungsrede.</p><p>Archon - �Regent�, einer der neun j�hrlich gew�hlten h�chsten Beamten Athens.</p><p>Areopag - gewaltiger Fels am Fu�e der Akropolis, Sitz des gleichnamigen Blutgerichts.</p><p>Areopagiten - Richter am Areopag.</p><p>Chiton - griechisches Kleidungsst�ck in Gestalt eines unterschiedlich langen, geg�rteten Hemdes.</p><p>Chitara - Saiteninstrument.</p><p>Chlamys - �ber dem Chiton getragener Kurzmantel.</p><p>Dareikos - persische Goldm�nze.</p><p>Demos (Pl. Demen) - Stadtviertel / politische Einheit, die die jeweiligen Ratsherrn w�hlt. Das Wort Demokratie bezeichnet urspr�nglich die Herrschaft der Demen.</p><p>Ephebe - junger Mann/junger Wehrpflichtiger.</p><p>Ephebenat - zweij�hrige milit�rische Grundausbildung in verschiedenen Abteilungen.</p><p>Ephoren - die von den vollberechtigten Spartiaten gew�hlten f�nf h�chsten Beamte. Sie besa�en umfassende Vollmachten in Verwaltung und Gerichtsbarkeit.</p><p>Eromenos - jugendlicher Geliebter eines �lteren Mannes.</p><p>Galater - Kelten.</p><p>Hegemon autokratos - Herrschaftstitel des Alkibiades nach seiner Wahl 408 v. u. Z. Entspricht vermutlich dem Strategenamt mit kriegsbedingt erweiterten Vollmachten.</p><p>Heloten - von den Spartanern unterworfene und versklavte �ltere Bev�lkerung Lakoniens.</p><p>Hoplit - schwer bewaffneter griechischer Fu�soldat.</p><p>Logograph - Redenschreiber; im Athener Gerichtswesen hatte sich jeder Angeklagte selbst zu verteidigen. Eine Vertretung durch Anw�lte war noch nicht bekannt. In ihrer Not suchten die Menschen Hilfe bei jemandem, der ihnen zumindest die Verteidigungsrede vorfertigte. Zu den hervorragendsten Lo-gographen geh�rt Lysias.</p><p>Met�ke - Schutzb�rger/freier Ausl�nder, der in einer griechischen Stadt wohnte, ohne die B�rgerrechte zu genie�en.</p><p>Palaistra - durch einen S�ulengang umfasster, oft mit B�dern ausgestatteter Sportplatz.</p><p>Pan - hier: griechischer Kriegsgesang.</p><p>Panathen�en-Feier - Hauptfest der Stadt Athen zu Ehren der Stadtg�ttin. Den H�hepunkt bildete eine gro�e Prozession, bei der einem Standbild der Athene ein neues Gewand gebracht wurde. Das Panathen�en-Fest wurde j�hrlich im Hochsommer gefeiert und markierte auch den Zeitpunkt des �mterwechsels.</p><p>Peristyl - Innenhof des griechischen Peristylhauses.</p><p>Phalanx - dicht geschlossene Kampfeinheit schwer bewaffneter Fu�soldaten.</p><p>Pnyx - H�gel im Westen Athens, auf dem bis ins 4. Jahrhundert die Vollversammlungen stattfanden.</p><p>Prytanen - durch das Los bestimmte Vorst�nde unter den Athener Ratsherrn.</p><p>Stratege - gew�hlter milit�rischer Oberbefehlshaber. Die Strategen gewannen gro�en politischen Einfluss und bildeten oft die eigentliche Regierung Athens.</p><p>Stoa - S�ulenhalle, sp�ter Bezeichnung einer nach der bunten S�ulenhalle (Stoa poikile) benannten griechisch-r�mischen Philosophenschule.</p><p>Stadion - griechische Ma�einheit von ca. 196 m L�nge.</p><p>Symposion - festliches Trinkgelage, das der geistvollen Unterhaltung dienen, sich aber auch bis hin zur Orgie entwickeln konnte. Platon und Xenophon haben den Gespr�chen bei Symposien literarische Form gegeben.</p><p>Thargelion - Athener Monat im Fr�hsommer. Der Thargelion gilt als der Geburtsmonat der G�tter Artemis und Apollon.</p><p>Toxotai (Sing. Toxotes) - Bogensch�tzen, Athener Polizeieinheit, der die Aufrechterhaltung der Ordnung in der Stadt oblag. Die Strafverfolgung geh�rte nicht zu ihren Kompetenzen, wohl aber die Aufsicht �ber gr��ere Gerichtsverhandlungen.</p><p>Triere - schnelles, durch Ruderer und Segel angetriebenes griechisches Kriegsschiff von 40 -50 m L�nge und 5 m Breite.</p><p>Trierarch - Befehlshaber/Kapit�n einer Triere.</p></section><section><title><p id="bookmark25"><emphasis>Zeittafel</emphasis><sup><emphasis><a l:href="#bookmark26">1</a></emphasis></sup></p></title><p>431 Beginn des Peloponnesischen Krieges. Sokrates ist etwa vierzig, Kritias drei�ig, Alkibiades neunzehn, Platon drei Jahre alt.</p><p>430 /429 In Athen bricht die Pest aus. Tod des Perikles.</p><p>425 Spartanische Niederlage bei Pylos. Die Athener stellen die erbeuteten Schilde in der Stoa poikile aus.</p><p>423 Einj�hriger Waffenstillstand.</p><p>422 Bau des Asklepieions.</p><p>421 Nikiasfrieden. Einweihung des Hephaistos-Tempels.</p><p>420 Alkibiades schmiedet ein B�ndnis mit Argos, Elis und Mantinea.</p><p>415 Alkibiades dr�ngt zur Expedition nach Sizilien. Nachdem die Flotte in See gestochen ist, wird er wegen des Hermen-Frevels angeklagt und als Befehlshaber der Flotte abberufen. Alkibiades flieht nach Sparta, das er nun milit�risch ber�t.</p><p>413 Sparta besetzt auf Alkibiades' Rat Dekeleia.</p><p>412 Alkibiades flieht aus Sparta und verhandelt �ber die R�ckkehr nach Athen.</p><p>411 Oligarchischer Umsturz in Athen. Die Flotte erkl�rt sich f�r die Demokratie und ruft Alkibiades als Oberbefehlshaber zur�ck. Wegen des Verdachts der Konspiration der Oligarchie mit dem Feind gelingt die Wiederherstellung der Demokratie.</p><p>410 Alkibiades gl�ckt ein vernichtender Schlag gegen die spartanische Flotte.</p><p>409 Alkibiades kehrt nach Athen zur�ck, wo er zum Hegemon autokratos gew�hlt wird.</p><p>407 Athen wird bei Notion geschlagen. Alkibiades wird abberufen und flieht auf die Chersones.</p><p>406 Sieg Athens bei den Arginusen. Wegen eines Sturms werden die schiffbr�chigen Athener von den Kapit�nen nicht gerettet. Dies f�hrt zu ihrer Anklage und ungesetzlichen Verurteilung, der sich nur Sokrates als gew�hlter Prytane widersetzt.</p><p>405 Lysander �bernimmt den Oberbefehl �ber die spartanische Flotte. Persien unterst�tzt Sparta finanziell.</p><p>404 Die Athener Flotte wird bei Aigospotamoi vernichtend geschlagen. Athen kapituliert nach monatelanger Belagerung und schleift die Mauern. Einsetzung der Drei�ig Tyrannen unter Kritias mit der Hilfe Lysanders. Begr�ndung einer Diktatur, w�hrend der 1500 Athener get�tet und 5000 verbannt werden.</p><p>403 Thrasybulos sammelt die demokratischen Kr�fte. Ihm gelingt die Einnahme von Pir�us. In der Schlacht von Murichia f�llt Kritias. Nach dem kurzen oligarchischen Zwischenspiel der elf Tyrannen wird die Demokratie wiederhergestellt. Es kommt zu einer allgemeinen Amnestie.</p><p>399 Prozess und Hinrichtung des Sokrates.</p><p>393 Wiedererrichtung der Mauern - mit persischer Unterst�tzung.</p><p>363</p><p id="bookmark26"><sup><a l:href="#bookmark25">1</a></sup></p><p>Die Jahreszahlen beziehen sich auf die Jahre vor unserer Zeitrechnung.</p></section></body><binary id="cover" 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