<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>antique</genre><author><first-name>Carre,</first-name><middle-name>John</middle-name><last-name>le</last-name></author><book-title>Dame Koenig As Spion (Smiley Bd 5)</book-title><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang></title-info><document-info><author><first-name>Carre,</first-name><middle-name>John</middle-name><last-name>le</last-name></author><program-used>calibre 2.23.0, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date>13.11.2015</date><id>10c20e4c-54d9-46f1-ad2e-2be6f72b01eb</id><version>1.0</version></document-info><publish-info><year>2011</year></publish-info></description><body><section><empty-line/><p>John
le Carre</p><p><emphasis>Dame, K�nig, As, Spion</emphasis></p><p>Aus dem
Englischen von Rolf und Hedda Soellner</p><p>Titel der
Originalausgabe: �Tinker, Tailor, Soldier, Spy�</p><p><emphasis/></p><p><emphasis/></p><p><emphasis>Die
Personen des Romans</emphasis></p><p><emphasis>In den
Hauptrollen</emphasis></p><p>Control</p><p>Percy
Alleline</p><p>George
Smiley</p><p>Peter
Guillam</p><p>Bill
Haydon</p><p>Roy
Bland Toby Esterhase</p><p>Lauder
Strickland Diana Dolphin</p><p>Ricki
Tarr</p><p>SteveMackelvore</p><p>Lord
Miles Sercombe</p><p>Oliver
Lacon Inspektor Mendel</p><p>ehemals
Chef des Circus, des Britischen Geheimdienstes neuer Chef des Circus ehemals
Controls rechte Hand zur Zeit Chef der Skalpj�ger in Brixton, Einsatzleiter des
Teams unter Percy Alleline</p><p>Mitarbeiter
von Bill Haydon</p><p>Leiter der
Bankabteilung des Circus</p><p>die
Gestrenge der Personalabteilung des Circus Au�enagent im Fernen Osten, zu
Guillams Section in Brixton geh�rig</p><p>Au�enagent
in Paris</p><p>Staatssekret�r
in Whitehall</p><p>der Mann
des Ministers</p><p>George
Smileys Freund und Helfer</p><p>Sam
Collins Jerry Westerby</p><p>Roddy</p><p>Martindale
Karla, alias Gerstmann Gerald,</p><p>der
�Maulwurf� Oberst Viktorow, alias Alexei Poljakow Boris</p><p>Irina</p><p>Mr.
Thursgood</p><p>Jim
Prideaux Max</p><p>Bill
Roach Ann Camilla Ian</p><p>Connie
Sachs</p><p>Mrs.
Graham Pope</p><p>Manager
eines Spielclubs</p><p>Sportjournalist</p><p>ein
gef�rchteter Schw�tzer</p><p>der Gro�e
Geheimnisvolle auf der Gegenseite</p><p>sowjetrussischer
Agent innerhalb des Circus Kulturattache der sowjetischen Botschaft in London</p><p>Mitglied
einer russischen Handelsdelegation in Hongkong Boris' Frau</p><p>Direktor
des Thursgoodschen Internats</p><p>Aushilfslehrer
bei Mr. Thursgood ein tschechischer Babysitter a. D. ein schwieriger Z�gling
George Smileys sch�ne Frau Peter Guillams sch�ne Freundin Bill Haydons Freundin
eine Dame mit ph�nomenalem Ged�chtnis</p><p>Inhaberin
des Hotels �Islay�</p><p><emphasis>Ferner
wirken mit</emphasis></p><p>Angeh�rige
beider Geheimdienste, Lehrerinnen, Lehrer und Sch�ler des Thursgoodschen
Internats, einige Oxford-Professoren, Babysitter, Inquisitoren, Hausdamen, ein
tschechischer General, eine tote Eule u.a.m.</p><p>Erster
Teil</p><p>Jim Prideaux trifft im
Thursgoodschen Internat ein und wird von einem Sch�ler adoptiert</p><p>Jim w�re
nie zu Thursgood gekommen, wenn den alten Major Dover beim Taunton-Rennen nicht
der Schlag getroffen h�tte. Er fing dort ohne Einstellungsgespr�ch mitten im
Quartal an - es war Ende Mai, obwohl man es dem Wetter nicht anmerkte.
Vermittelt hatte ihn eine fragw�rdige Agentur, die sich auf Aushilfslehrkr�fte
f�r Heimschulen spezialisierte, und er sollte die F�cher des alten Dover
�bernehmen, bis passender Ersatz gefunden w�re. �Er ist Linguist�, erkl�rte
Thursgood im Lehrerzimmer, �ein Notbehelf�, und fegte k�mpferisch die Haarlocke
aus der Stirn. �Priddo.� Er buchstabierte den Namen �P-R-I-D-...� Franz�sisch
war nicht sein Fach, er konsultierte einen Zettel -�E-A-U-X, Vorname James. Ich
glaube, bis Juli k�nnen wir uns mit ihm behelfen.� Der Lehrk�rper konnte
m�helos die Zeichen lesen. Jim Prideaux war ein armer Wei�er aus dem Schulmeisterstand.
Er geh�rte der gleichen traurigen Gilde an wie die selige Mrs. Loveday, die
einen Persischlamm-Mantel getragen und den Religionsunterricht in der
Unterstufe erteilt hatte, bis ihre Schecks platzten; oder wie der selige Mr.
Maltby, der Klavierlehrer, der mitten aus einer Chor�bung abberufen worden
war, um der Polizei bei ihren Nachforschungen behilflich zu sein, und ihr, nach
allem was man wu�te, noch heute behilflich war, denn Maltbys Reisekoffer lag
noch immer im Keller und wartete auf seine Weisung. Einige Lehrer, vor allem
Marjoribanks, waren daf�r, da� man den Koffer �ffnete. Er enthalte, sagten sie,
verschwundene bekannte Kostbarkeiten: Aprahamians silbergerahmtes Bild seiner
libanesischen Mutter zum Beispiel, Best-Ingrams Schweizer Armeemesser und
Matrons Uhr. Aber Thursgood wehrte sich entschieden gegen ihr Dr�ngen. Seit er
die Schule von seinem Vater geerbt hatte, waren erst f�nf Jahre vergangen, aber
sie hatten ihn bereits gelehrt, da� manche Dinge am besten unter Verschlu�
bleiben.</p><p>Jim
Prideaux kam an einem Freitag unter Regeng�ssen an. Die Schauer rollten wie
Gesch�tzrauch �ber die braunen H�nge der Quantocks herab und preschten dann
�ber die leeren Kricketplatze gegen den Sandstein der alten Fassaden. Er kam
kurz nach dem Lunch, in einem alten roten Alvis mit schrottreifem Wohnanh�nger,
der fr�her einmal blau gewesen war. Der fr�he Nachmittag ist bei Thursgood
eine friedliche Zeit, eine kurze Kampfpause im R�ckzugsgefecht eines jeden
Schultags. Die Jungens werden zur Mittagsruhe in ihre Schlafs�le geschickt,
die Lehrer sitzen beim Kaffee im Lehrerzimmer und lesen Zeitung oder
korrigieren Hefte. Thursgood liest seiner Mutter einen Roman vor. So kam es,
da� Bill Roach als einziger von der ganzen Schule Jim ankommen sah, sah, wie
der Dampf aus dem K�hler des Alvis brodelte, wie der Wagen den br�ckeligen
Fahrweg entlangkeuchte, die Scheibenwischer auf Hochtouren liefen und der
Wohnanh�nger durch die Pf�tzen hinterherrumpelte.</p><p>Roach war
neu an der Schule und als lernschwach eingestuft, wenn nicht gar als
geistesschwach. Thursgood war seine zweite Privatschule in zwei Halbjahren. Er
war ein fettes, kurzbeiniges Kind mit Asthma und einem romantischen Herzen, und
er verbrachte stets einen gro�en Teil der Ruhezeit damit, keuchend am Fu�ende
seines Bettes zu knien und durchs Fenster zu schauen. Seine Mutter lebte in
Bath auf gro�em Fu�, sein Vater galt allgemein f�r verm�gender als die �brigen
V�ter, eine Auszeichnung, die den Sohn teuer zu stehen kam. Als Kind einer
gescheiterten Ehe war Roach von Natur aus ein guter Beobachter. Wie Roach
beobachtete, hielt Jim nicht vor den Schulgeb�uden an, sondern nahm die Kehre
zum Wirtschaftshof. Er kannte also die Anlage. Roach kam sp�ter zu dem Schlu�,
da� Jim sich eingehend erkundigt oder Pl�ne studiert haben mu�te. Auch im Hof
machte er noch nicht halt, sondern fuhr weiter ins nasse Gras, schnell genug,
um nicht steckenzubleiben. Dann �ber die Koppel in die Senke, Kopf voran und
weg war er. Roach erwartete fast, da� der Wohnanh�nger am Grabenrand abknicken
werde, so schnell ri� Jim ihn hinter sich her, aber er l�pfte nur das
Hinterteil und verschwand wie ein riesiges Karnickel in seinem Loch.</p><p>Die Senke
geh�rt zur Folklore des Thursgoodschen Internats. Sie liegt in einem St�ck
�dland zwischen dem Obstgarten, dem Vorratshaus und den Stallungen. Der
Betrachter sieht weiter nichts als eine grasbewachsene Bodenmulde mit Erdh�geln
an der Nordseite, etwa von Bubenh�he und mit Gestr�pp �berwuchert, das im
Sommer morastig wird. Diese Erdhocken verliehen der Senke ihre besondere
Eignung als Spielplatz, und ihre Legende, die je nach der Phantasie jeder neuen
Jungengeneration wechselt. Sie sind die Reste einer aufgelassenen Silbermine,
sagt der eine Jahrgang und buddelt begeistert nach Reicht�mern. Sie waren eine
r�misch-britannische Befestigung, sagt ein anderer und inszeniert Schlachten
mit St�cken und Lehmgeschossen. F�r wieder andere ist die Senke ein
Bombenkrater aus dem Krieg, und die Erdhocken sind sitzende Menschen, die durch
die Explosion ums Leben kamen. Die Wahrheit ist viel prosaischer. Vor sechs
Jahren, kurz ehe er mit der Empfangsdame des Schlo�hotels durchbrannte, hatte
Thursgoods Vater den Bau eines Schwimmbeckens angeregt und die Jungens dazu
gebracht, da� sie eine gro�e Grube aushoben, mit einem tiefen und einem flachen
Ende. Aber die eingehenden Gelder reichten nie ganz aus, um das ehrgeizige
Vorhaben zu finanzieren, und so wurden sie an andere Pl�ne verzettelt, zum Beispiel
einen neuen Projektionsapparat f�r den Kunstunterricht und die Vorarbeiten zur
Einrichtung einer Champignonzucht in den Schulkellern. Und sogar, sagten die
Zyniker, als Nestpolster f�r ein gewisses, s�ndiges Liebespaar, das inzwischen
nach Deutschland, die Heimat der Dame, entfleucht war. Jim ahnte nichts von
diesen Zusammenh�ngen. Aus schierem Gl�ck hatte er die einzige Stelle des
Thursgood-Anwesens gew�hlt, die, jedenfalls f�r Roach, mit �bernat�rlichen
Eigenschaften ausgestattet war. Roach blieb am Fenster, sah aber nichts mehr.
Der Alvis samt Anh�nger waren im toten Winkel verschwunden, und w�ren nicht
die nassen roten Fahrspuren auf dem Gras gewesen, so h�tte er sich fragen
k�nnen, ob er das Ganze nicht blo� getr�umt habe. Aber die Spuren waren da, und
als die Glocke das Ende der Mittagsruhe anzeigte, zog er seine Gummistiefel an
und stapfte durch den Regen zum Rand der Senke. Als er hinunterlinste, sah er
Jim, der einen Milit�r-Regenmantel trug und einen h�chst absonderlichen Hut,
breitrandig, wie ein Safarihut, aber aus Haarfilz und an einer Seite mit
verwegenem Piratenschwung hochgeschlagen, und das Wasser rann herab wie aus
einer Regenrinne. Der Alvis stand im Wirtschaftshof. Roach erfuhr nie, wie Jim
ihn aus der Senke herausgezaubert hatte, aber der Anh�nger war noch drunten, er
stand am tieferen Ende auf verwitterten Ziegelsteinen aufgebockt und Jim sa�
auf der Treppe, trank aus einem gr�nen Plastikbecher und rieb sich die rechte
Schulter, als h�tte er sie an etwas gesto�en, und der Regen troff aus seinem
Hut. Dann hob sich der Hut, und Roach starrte pl�tzlich in ein �u�erst
grimmiges rotes Gesicht, das im Schatten der Hutkrempe und durch einen braunen,
vom Regen zu zwei Fangz�hnen verklebten Schnurrbart noch grimmiger wirkte. Das
�brige Gesicht war kreuz und quer von zackigen Furchen durchzogen, so tief und
verwinkelt, da� Roach in einem seiner Phantasieblitze zu dem Schlu� kam, Jim
m�sse einmal irgendwo in den Tropen sehr ausgehungert gewesen sein und
inzwischen wieder zugenommen haben. Der linke Arm lag noch immer �ber der
Brust, die linke Schulter war noch immer zum Hals hochgezogen. Aber die ganze
verdrehte Gestalt verhielt sich regungslos, sah aus wie ein festgefrorenes
Tier: ein Edelhirsch, lautete Roachs optimistische Interpretation, etwas Besonderes.</p><p>�Wer zum
Teufel bist denn du?� fragte eine sehr milit�rische Stimme.</p><p>�Sir,
Roach, Sir. Ich bin ein Neuer.�</p><p>Das
ziegelrote Gesicht musterte Roach aus dem Hutschatten hervor noch eine Weile.
Dann entspannten sich seine Z�ge zur gro�en Erleichterung des Jungen zu einem
w�lfischen Grinsen, die linke Hand, die �ber der rechten Schulter gelegen
hatte, nahm ihr langsames Massieren wieder auf, und gleichzeitig hob die
Rechte den Plastikbecher f�r einen Schluck.</p><p>�Ein
Neuer, so?� wiederholte Jim, noch immer grinsend, in den Plastikbecher. �Na,
das trifft sich ja gro�artig.� Dann stand Jim auf, wandte Roach den verkr�mmten
R�cken zu und machte sich, wie es schien, an eine gr�ndliche Untersuchung der
vier Beine des Anh�ngers, eine sehr kritische Untersuchung, einschlie�lich
mehrmaligen Testens der Aufh�ngung, mehrmaligen Neigens des seltsam bedeckten
Kopfs und Unterschiebens von Ziegelsteinen in verschiedenen Lagen und an allen
m�glichen Stellen. Inzwischen trommelte der Fr�hlingsregen auf alles herab:
auf Jims Mantel, seinen Hut und das Dach des gr�nen Anh�ngers. Und Roach
stellte fest, da� Jims rechte Schulter sich w�hrend aller dieser Man�ver
�berhaupt nicht bewegt hatte, sondern zum Hals hochgeschoben blieb, als steckte
ein Felsbrocken unter dem Regenmantel. Er �berlegte daher, ob Jim vielleicht
einen Buckel habe und ob alle Buckligen solche Schmerzen h�tten wie Jim. Und ferner
nahm er ganz allgemein zur Kenntnis, da� Leute mit schmerzendem R�cken lange
Schritte machten, es mu�te mit dem Gleichgewicht zusammenh�ngen.</p><p>�Ein Neuer
also? Na, <emphasis>ich </emphasis>bin kein Neuer�, fuhr Jim nun viel
freundlicher fort und zog an einem Bein des Anh�ngers. �Ich bin ein alter Hase.
So alt wie Rip van Winkle, wenn du's genau wissen willst. �lter. Irgendwelche
Freunde? Hast du Freunde?�</p><p>�Nein,
Sir�, sagte Roach einfach, in dem m�den Ton, den Schuljungen immer anschlagen,
wenn sie �nein� sagen und jede positive Reaktion den Fragestellern �berlassen.
Von Jim kam jedoch �berhaupt keine Reaktion, und Roach vermutete in j�her
Hoffnung in ihm eine verwandte Seele.</p><p>�Mein
Vorname ist Bill�, sagte Roach. �Bill bin ich getauft, aber Mr. Thursgood nennt
mich William.�</p><p>�Bill ist
schon in Ordnung.�</p><p>�Ja, Sir.�</p><p>�Hab' eine
Menge Bills gekannt. Waren alle in Ordnung.� Damit war gewisserma�en die
Bekanntschaft geschlossen. Jim schickte Roach nicht weg, also blieb Roach am
Grabenrand stehen und linste durch seine regenverschmierten Brillengl�ser
hinunter. Die Ziegel, so stellte er bewundernd fest, waren vom Gurkenbeet
geklaut. Einige waren schon immer ein bi�chen locker gewesen, und Jim mu�te sie
noch ein wenig mehr gelockert haben. Roach fand es wundervoll, da� jemand, der
gerade erst im Thursgood angekommen war, so kaltbl�tig sein konnte, sozusagen
die Bausteine der Schule f�r seine eigenen Zwecke zu klauen, und er fand es
doppelt Wundervoll, da� Jim f�r seine Wasserversorgung den Hydranten angezapft
hatte, denn dieser Hydrant war Gegenstand einer besonders strengen Schulregel:
Schon das Ber�hren wurde mit Pr�geln bestraft. �He du, Bill. Du hast nicht
vielleicht zuf�llig so was wie eine Murmel bei dir?�</p><p>�Wie
bitte, Sir, eine was, Sir?� fragte Roach und beklopfte verwirrt seine Taschen.</p><p>�Murmeln,
alter Junge. Runde Glasmurmeln, kleine Kugeln. Spielen Jungens heute nicht mehr
mit Murmeln? Haben wir getan zu meiner Schulzeit.�</p><p>Roach
hatte keine Murmel, aber Kerani in III C besa� eine ganze Sammlung, die per Flugzeug
aus Beirut gekommen war. Er brauchte ungef�hr f�nfzig Sekunden, um ins
Schulgeb�ude zur�ckzurasen, trotz heftiger Gegenwehr eine Murmel an sich zu
rei�en und keuchend wieder an der Senke einzutreffen. Dort z�gerte er, denn f�r
ihn war die Senke bereits Jims Revier, und Roach w�rde es nicht ohne Erlaubnis
betreten. Aber Jim war im Wohnwagen verschwunden, also stieg Roach nach einer
Weile zaghaft den Abhang hinunter und reichte die Murmel durch die T�r hinein.
Jim sah ihn nicht sofort. Er nippte an seinem Becher und starrte durchs Fenster
auf die schwarzen Wolken, die in allen Richtungen �ber die Quantocks jagten. Dieses
Nippen war, wie Roach feststellte, eine schwierige Sache, denn Jim konnte nicht
einfach aufrechtstehend schlucken, er mu�te den ganzen entstellten Rumpf nach
hinten kippen, um den richtigen Winkel zu erzielen. Inzwischen war der Regen
wieder heftiger geworden, er prasselte wie Hagel auf den Wohnwagen. �Sir�,
sagte Roach, aber Jim bewegte sich nicht. �Nix wie Scherereien mit einem Alvis,
hat praktisch keine Federung�, sagte Jim endlich, mehr zum Fenster als zu
seinem Besucher. �Man f�hrt praktisch mit dem Hintern auf der Stra�e, was?
Haut jeden zum Kr�ppel.� Und kippte den Rumpf zur�ck und trank. �Ja, Sir�,
sagte Roach und wunderte sich, da� Jim anzunehmen schien, er k�nne Auto
fahren.</p><p>Jim hatte
den Hut abgenommen. Das sandfarbene Haar war kurz gestutzt, stellenweise mu�te
die Schere zu tief hineingeraten sein. Diese Stellen waren fast s�mtlich auf
einer Seite, und Roach schlo� daraus, da� Jim sich das Haar selber geschnitten
hatte mit seinem heilen Arm, wodurch er noch einseitiger wirkte. �Ich bringe
Ihnen eine Murmel�, sagte Roach. �Sehr nett von dir. Danke alter Junge.� Jim
nahm die Murmel und lie� sie langsam in seiner harten staubigen Handfl�che
herumrollen, und Roach wu�te sofort, da� er in allen m�glichen Dingen sehr
geschickt sein mu�te; da� er zu den Leuten geh�rte, die mit Werkzeug und mit
Gegenst�nden im allgemeinen umzugehen wu�ten. �Nicht eben, siehst du, Bill�,
erkl�rte er, die Augen noch immer auf die Murmel geheftet. �Schlagseite. Wie
ich. Pa� auf�, und wandte sich energisch zum gr��eren Fenster. Ein St�ck
Aluminiumrinne lief an der Unterseite entlang, die das Kondensationswasser
auffangen sollte. Jim legte die Murmel hinein und sah zu, wie sie ans andere
Ende rollte und auf den Boden fiel. �Uneben�, wiederholte er. �Hecklastig. So
geht's nicht, wie? He, he, wo bist du denn hin, du kleines Biest?�</p><p>Der
Wohnwagen war nicht besonders wohnlich, stellte Roach fest, w�hrend er sich
b�ckte, um die Murmel zu suchen. Er h�tte irgend jemandem geh�ren k�nnen, war
allerdings peinlich sauber. Eine Koje, ein K�chenhocker, ein Gaskocher, eine
Propangasflasche. Nicht einmal ein Bild seiner Frau, dachte Roach, der au�er
Mr. Thursgood noch nie einem Junggesellen begegnet war. An pers�nlichen
Gegenst�nden entdeckte er lediglich einen Werkzeugbeutel aus Sackleinen, der
an der T�r hing, einiges N�hzeug, das neben der Koje verwahrt war und eine
selbstfabrizierte Dusche, bestehend aus einer durchl�cherten und s�uberlich am
Dach festgel�teten Keksdose. Und auf dem Tisch eine Flasche, die ein farbloses
Getr�nk enthielt, Gin oder Wodka, dachte Roach, denn das trank sein Vater, wenn
er in den Ferien die Wochenenden bei ihm verbrachte.</p><p>�Ost-West
scheint okay, aber Nord-S�d h�ngt ganz eindeutig�,</p><p>erkl�rte
Jim nach einem Test an der anderen Fensterrinne. �In was bist du besonders gut,
Bill?�</p><p>�Ich wei�
nicht, Sir�, sagte Roach h�lzern.</p><p>�In
irgendwas bist du bestimmt gut, das ist jeder. Wie steht's mit Fu�ball? Bist du
gut in Fu�ball?�</p><p>�Nein,
Sir�, sagte Roach.</p><p>�Bist du
am Ende ein Stubenhocker?� fragte Jim zerstreut, lie� sich mit einem kurzen
Grunzton aufs Bett nieder und nahm einen Schluck aus dem Becher. �Aber du
siehst mir wirklich nicht aus wie ein Stubenhocker�, f�gte er h�flich hinzu.
�Obwohl du ein Einzelg�nger bist.�</p><p>�Ich wei�
nicht�, wiederholte Roach und schob sich einen halben Schritt auf die offene
T�r zu.</p><p>�Also, was
ist dann deine starke Seite?� Er tat wiederum einen langen Zug. �In irgendwas mu�t
du gut sein, ist jeder. Meine starke Seite war Steine �bers Wasser h�pfen
lassen.� Nun war das eine besonders ungl�ckliche Frage, denn sie besch�ftigte
Roach ohnehin fast den ganzen Tag. Ja, in letzter Zeit bezweifelte er sogar, ob
er �berhaupt irgendeinen Daseinszweck hatte. Bei Arbeit und Spiel fand er sich
bedenklich ungen�gend; sogar die kleinen Alltagspflichten in der Schule, wie
Bettenbau und Kleiderb�rsten, schienen seine F�higkeiten zu �bersteigen. Auch
seine Fr�mmigkeit lie� zu w�nschen �brig, wie die alte Mrs. Thursgood ihm
vorgeworfen hatte, in der Kapelle schnitt er sogar Grimassen. Er nahm sich
diese Unzul�nglichkeiten sehr zu Herzen, am meisten aber nahm er sich das
Scheitern der elterlichen Ehe zu Herzen, das er h�tte vorhersehen und verhindern
m�ssen. Er fragte sich sogar, ob er nicht direkt daf�r verantwortlich sei, ob
er zum Beispiel abnorm b�sartig oder tr�ge oder ein St�renfried sei und sein
schlechter Charakter den Bruch herbeigef�hrt habe. In seiner letzten Schule
hatte er versucht, sich durch Schreikr�mpfe und simulierte Anf�lle von
progressiver Paralyse, an der seine Tante litt, verst�ndlich zu machen. Seine
Eltern hatten den Fall gemeinsam beraten, wie sie es in ihrer vern�nftigen Art
zu tun pflegten, und ihn in eine andere Schule gesteckt. Und als ihn nun hier,
in dem engen Wohnwagen, diese Frage aus dem Mund eines zumindest
halbgottgleichen Wesens unversehens ansprang, h�tte sie ihn um ein Haar in die
Katastrophe gest�rzt. Er f�hlte, wie ihm die Hitze ins Gesicht scho�, sah, wie
seine Brillengl�ser sich beschlugen und der Wohnwagen in einem Meer von Kummer
zu versinken schien. Roach erfuhr nie, ob Jim es bemerkt hatte, denn dieser
hatte sich pl�tzlich abgewandt, war zum Tisch gegangen und bediente sich nun
aus dem Plastikbecher, wobei er rettende Bemerkungen von sich gab.</p><p>�Also, ein
guter Beobachter bist du mal auf jeden Fall, alter Junge. Das sind wir
Eigenbr�tler alle, haben keinen, auf den wir uns verlassen k�nnen, was? Au�er
dir hat mich kein Mensch entdeckt. Ganz sch�ner Schreck, steht da droben wie
vom Himmel gefallen. Hab' gedacht, du bist ein Juju-Mann. Bill Roach ist der
beste Beobachter im ganzen Stall, wetten? Wenn er seine Brille aufhat. Wie?�</p><p>�Ja�,
stimmte Roach dankbar zu, �das bin ich.�</p><p>�Dann
bleib jetzt mal hier und beobachte�, befahl Jim und st�lpte sich den Safari-Hut
wieder auf den Kopf, �w�hrend ich rausgehe und die Beine reguliere. Willst du?�</p><p>�Ja, Sir.�</p><p>�Wo ist
die Murmel?�</p><p>�Hier,
Sir.�</p><p>�Du rufst,
wenn sie rollt, ja? Nord, S�d, eben in welcher Richtung,</p><p>verstanden?�</p><p>�Ja, Sir.�</p><p>�Wei�t du,
wo Norden ist?�</p><p>�Hier�,
sagte Roach prompt und streckte blindlings den Arm aus.</p><p>�Richtig.
Also, du rufst, wenn sie rollt�, wiederholte Jim und verschwand in den Regen.
Kurz darauf f�hlte Roach den Boden unter seinen F��en schwanken und h�rte einen
Aufschrei des Schmerzes oder der Wut, als Jim sich mit einem widerspenstigen
Bein abqu�lte.</p><p>Im Lauf
dieses Sommerquartals ehrten die Jungens Jim durch die Verleihung eines
Spitznamens. Erst nach mehreren Anl�ufen fanden sie das Richtige. Sie hatten
es mit W�stenfuchs probiert, was den milit�rischen Einschlag traf, sein
gelegentliches harmloses Fluchen und seine einsamen Streifz�ge in die
Quantocks. Trotzdem setzte W�stenfuchs sich nicht durch, und sie versuchten
Pirat und eine Weile Gulasch. Gulasch wegen seiner Vorliebe f�r hei�e Gerichte,
des Geruchs nach Gew�rzen und Zwiebel und Paprika, der ihnen in Schwaden
entgegenschlug, wenn sie auf ihrem Weg zur Abendandacht im G�nsemarsch an der
Senke vor�berzogen. Gulasch wegen seines vollendeten Franz�sisch, dem angeblich
etwas Lasches anhaftete. Spikely aus F�nf B konnte es t�uschend nachahmen: �Du
hast die Frage geh�rt, Berger. Was blickt Emil an?� Eine ruckartige Bewegung
der rechten Hand. -�Starr mich nicht so an, alter Junge, ich bin kein
Juju-Mann. <emphasis>Qu'estce qu'il regarde, Emile,
dans le tableau que tu as sous le nez? </emphasis><emphasis>Mon cher </emphasis>Berger,
wenn du jetzt nicht bald einen anst�ndigen franz�sischen Satz zusammenbringst, <emphasis>je te
mettrai tout de suite a la porte, tu comprends, </emphasis>du
Knallkopf.�</p><p>Aber diese
schrecklichen Drohungen wurden nie wahr gemacht, weder auf franz�sisch noch auf
englisch. Wunderlicherweise trugen sie sogar noch zu der Aura von G�te bei, die
Jim bald schon umgab, eine G�te, die nur Jungensaugen an gro�en, kr�ftigen
M�nnern entdecken k�nnen.</p><p>Trotzdem,
Gulasch war auch nicht das Richtige. Es fehlte der Hinweis auf die innere
Kraft. Auch war Jims leidenschaftliches Englischsein nicht ber�cksichtigt, das
einzige Thema, mit dem man ihn todsicher vom Unterricht ablenken konnte. Knallfrosch
Spikely mu�te nur eine geringsch�tzige Bemerkung �ber die Monarchie
fallenlassen, die Vorz�ge eines fremden - vorzugsweise warmen - Landes in den
Himmel heben, und schon scho� Jim das Blut ins Gesicht, und er ereiferte sich
gute drei Minuten lang �ber das Privileg, als Engl�nder geboren zu sein. Er
wu�te, da� sie ihn hochnahmen, aber er konnte sich einfach nicht zur�ckhalten.
Oft beendete er seine Erbauungspredigt mit einem reuigen Grinsen und murmelte
etwas von Ablenkungsman�vern und Betragensnoten und langen Gesichtern, wenn
gewisse Herrschaften nachsitzen m��ten und das Fu�ballspiel vers�umten. Aber
England war seine gro�e Liebe; im Ernstfall w�rde er niemanden ihretwegen
leiden lassen.</p><p>�Bestes
Land in der ganzen verdammten Welt!� hatte er einmal gebellt. �Wei�t du, warum?
Wei�t du warum, Knallfrosch?� Spikely wu�te es nicht, also nahm Jim ein St�ck
Kreide und zeichnete einen Globus. �Im Westen ist Amerika�, sagte er, �voll
gieriger Narren, die ihr Erbteil versauten. Im Osten China-Ru�land�, er zog
keine Grenze: �Arbeitskluft, Gefangenenlager und ein verdammt langer Marsch
nirgendwohin. In der Mitte ...� Schlie�lich verfielen sie auf Rhino.</p><p>Es war zum
Teil eine Art Reim auf Prideaux, zum Teil eine Anspielung auf seine
Geschicklichkeit als Selbstversorger und auf den Bewegungshunger, den sie
st�ndig an ihm beobachteten. Wenn sie morgens vor K�lte zitternd an der Dusche
Schlange standen, sahen sie schon Rhino die Coombe Lane heranstiefeln, wie er
mit einem Rucksack auf dem Buckel von seinem Morgenmarsch zur�ckkam. Beim
Zubettgehen konnten sie seinen einsamen Schatten durch das Kunstglasdach der
Ballspielhalle ersp�hen, wo Rhino unerm�dlich die Betonmauer attackierte. Und
an warmen Abenden beobachteten sie ihn manchmal durch die Fenster des Schlafsaals
beim Golf spielen, wobei er den Ball mit einem gr��lichen alten Schl�ger im
Zickzack �ber den Platz trieb, oft, nachdem er ihnen aus einem besonders
englischen Abenteuerbuch vorgelesen hatte: Biggles, Percy Westerman oder
Jeffrey Farnol, die er auf gut Gl�ck aus der sch�bigen Bibliothek geholt hatte.
Sooft ein neuer Schlag f�llig war, warteten sie auf das anfeuernde Grunzen
beim Ausholen, und sie wurden selten entt�uscht. Sie f�hrten genau Buch �ber
seinen Leistungsstand. Beim Kricket-Match hatte er f�nfundzwanzig geschafft,
ehe er einen Ball absichtlich zu Spikely ins Aus schlug. �Fang ihn, du Knallfrosch,
fang ihn, h�pf! Gut gemacht, Spikely, braver Junge, daf�r bist du schlie�lich
da.�</p><p>Au�erdem
wurde ihm, trotz seines Hanges zur Toleranz, eine gesunde Witterung f�r
kriminelle Veranlagungen bescheinigt. Er hatte sie bereits mehrmals bewiesen,
am �berzeugendsten aber ein paar Tage vor Ferienbeginn, als Spikely in Jims
Papierkorb den Entwurf f�r die morgige Klassenarbeit fand und reihum an Anw�rter
f�r jeweils f�nf neue Pennies auslieh. Mehrere Jungen zahlten ihren Obolus und
lernten die Antworten eine qualvolle Nacht hindurch beim Schein der
Taschenlampen unter der Bettdecke auswendig. Als jedoch die Klassenarbeit
geschrieben wurde, legte Jim ein v�llig anderes Aufgabenblatt vor. �Das da
k�nnt ihr gratis haben�, bellte er und setzte sich hinters Pult. Und nachdem er
seine <emphasis>Daily Telegraph </emphasis>entfaltet hatte, widmete er sich
in aller Ruhe den j�ngsten Weisheiten der Juju-M�nner, wie er, soviel die Jungens
begriffen hatten, so ziemlich alle Leute mit intellektuellen Anspr�chen
benannte. Dann war die Sache mit der Eule passiert, die in ihrer Meinung �ber
ihn einen besonderen Platz einnahm, denn dabei hatte der Tod eine Rolle
gespielt, etwas, worauf Kinder verschieden reagieren. Da das Wetter
unver�ndert kalt war, brachte Jim einen Eimer Kohlen mit ins Klassenzimmer, und
an einem Mittwoch z�ndete er ein Feuer an, setzte sich mit dem R�cken davor und
las ein <emphasis>dictee. </emphasis>Zuerst fiel ein bi�chen Ru� durch
den Kamin, was Jim nicht beachtete, dann kam die Eule herunter, eine ausgewachsene
Schleiereule, die zu Dovers Zeiten gewi� manchen ungest�rten Winter und Sommer
hindurch dort oben genistet hatte und nun ausger�uchert war, benommen und
schwarz und ersch�pft vom verzweifelten Herumschlagen im Rauchfang. Sie
purzelte �ber die Kohlen und dann als zusammengesunkenes H�uflein auf den
h�lzernen Fu�boden, flatterte und prustete noch ein bi�chen und hockte dann da
wie ein Teufelsbote, verkr�mmt, aber atmend und glotzte aus starren,
ru�verklebten Augen auf die Jungens. Es war keiner unter ihnen, der sich nicht
gef�rchtet h�tte; sogar Spikely, der Held, f�rchtete sich. Nur nicht Jim, der
den Vogel ohne viel Federlesens zusammenfaltete und wortlos mit ihm hinausging.
Sie h�rten nichts, obwohl sie die Ohren spitzten. Eine Weile sp�ter ert�nte
Wasserpl�tschern hinten im Korridor, wo Jim sich offenbar die H�nde wusch. �Er
war pinkeln�, sagte Spikely und erntete ein nerv�ses Gel�chter. Aber als sie im
G�nsemarsch das Klassenzimmer verlie�en, entdeckten sie, s�uberlich gefaltet,
s�uberlich get�tet, die Eule, die auf dem Misthaufen neben der Senke auf ihr
Begr�bnis wartete. Jemand hatte ihr, wie die Beherzteren feststellten, den Hals
gebrochen. Nur ein Wildh�ter, erkl�rte Sudeley, verstehe sich darauf, eine Eule
so perfekt <emphasis>zu </emphasis>t�ten.</p><p>Im anderen
Teil des Hauses Thursgood waren die Meinungen �ber Jim weniger ungeteilt. Der
Geist Mr. Maltbys starb schwer. Matron erkl�rte ihn, genau wie es Roach tat,
f�r heldenhaft und schutzbed�rftig: es sei ein Wunder, da� er mit diesem R�cken
das Leben meisterte. Marjoribanks sagte, er sei in betrunkenem Zustand unter
einen Bus geraten. Es war auch Marjoribanks gewesen, der bei jenem f�r Jim so
glorreichen Lehrermatch auf den Sweater hingewiesen hatte. Marjoribanks war
kein Kricketspieler, war aber hinuntergegangen und hatte an Thursgoods Seite zugesehen.</p><p>�Glauben
Sie, da� der Sweater koscher ist?� hatte er in scherzhaftem Tonfall gekr�ht,
�oder glauben Sie, er hat ihn geklaut?�</p><p>�Leonard,
das ist sehr unfair�, r�gte Thursgood und klopfte seiner Labradorh�ndin die
Flanken. �Bei� ihn, Ginny, bei� den b�sen Mann.�</p><p>Aber als
Thursgood dann wieder in seinem Arbeitszimmer war, hatte seine Heiterkeit sich
gelegt, und er wurde �u�erst nerv�s. Mit falschen Oxford-Leuten wu�te er
umzugehen, hatte er doch w�hrend seiner Amtszeit schon mit Altphilologen zu tun
gehabt, die kein Griechisch konnten, und mit Geistlichen, die keinen Schimmer
von Theologie hatten. Wenn man solche Burschen mit den Beweisen f�r ihren Betrug
konfrontierte, so brachen sie zusammen, weinten und gingen fort, oder sie
blieben f�r das halbe Gehalt. M�nner jedoch, die ihre tats�chlichen F�higkeiten
geheimhielten, geh�rten einer unbekannten Spezies an, von der er nur wu�te,
da� er sie nicht mochte. Nachdem er im Universit�ts-Almanach nachgeschlagen
hatte, rief er die Agentur an, einen gewissen Mr. Stroll.</p><p>�Um welche
<emphasis>bestimmte </emphasis>Information geht es?� fragte Mr.
Stroll unter gr��lichem R�cheln.</p><p>�Um keine <emphasis>bestimmte.�
</emphasis>Thursgoods Mutter sa� �ber einer N�harbeit und schien nicht
zuzuh�ren. �Nur, wenn man einen schriftlichen Lebenslauf anfordert, dann
m�chte man einen vollst�ndigen. Der keine L�cken aufweist. Nicht, wenn man die
volle Geb�hr bezahlt.�</p><p>An dieser
Stelle kam Mr. Thursgood der verzweifelte Verdacht, er habe Mr. Stroll aus
einem Schlummer geweckt, in den sein Gespr�chspartner nun wieder zur�ckgesunken
sei. �Ein sehr patriotisches Haus�, bemerkte Mr. Stroll endlich. �Ich habe ihn
nicht wegen seines Patriotismus engagiert.�</p><p>�Er war im
Krankenhaus�, keuchte Mr. Stroll weiter wie durch greuliche Schwaden von
Zigarettenrauch. �Bettl�gerig. R�ckenmark.�</p><p>�Meinetwegen.
Aber ich nehme an, er hat nicht die ganzen letzten f�nfundzwanzig Jahre im
Spital verbracht. - <emphasis>Touche�, </emphasis>fl�sterte
er seiner Mutter zu und hielt die Hand �ber die Sprechmuschel, und wiederum
fragte er sich, ob Mr. Stroll nicht eingeschlafen sei.</p><p>�Sie haben
ihn blo� bis Quartalsende�, rasselte Mr. Stroll endlich. �Wenn er Ihnen nicht
pa�t, feuern Sie ihn. Sie wollten eine Aushilfe, Sie haben eine Aushilfe
gekriegt. Sie wollten was Billiges, Sie haben was Billiges gekriegt.�</p><p>�Sei dem,
wie ihm wolle�, entgegnete Thursgood unverzagt, �aber ich habe Ihnen eine
Geb�hr von zwanzig Guineas gezahlt, mein Vater hat viele Jahre lang mit Ihnen gearbeitet,
und ich habe ein Recht auf verbindliche Ausk�nfte. Sie schreiben hier - darf
ich vorlesen? - Sie schreiben hier, <emphasis>vor seiner Versetzung auf verschiedenen
Auslandsposten mit kommerziellen Angelegenheiten und Recherchen besch�ftigt. </emphasis>Das gibt
doch wirklich wenig Aufschlu� �ber sein Berufsleben, wie?�</p><p>Die Mutter
nickte beipflichtend �ber ihrer N�harbeit. � <emphasis>�berhaupt </emphasis>keinen�,
sagte sie laut.</p><p>�Das w�re
das erste. Ich m�chte aber noch einiges.�</p><p>�Nicht zu
viel, Darling�, warnte seine Mutter. �Ich wei� zuf�llig, da� er anno 1938 in
Oxford war. Warum hat er nicht fertiggemacht? Was ist schiefgegangen?�</p><p>�Ich
vermeine mich zu entsinnen, da� es um jene Zeit ein Zwischenspiel gegeben
hat�, sagte Mr. Stroll nach einem weiteren Jahrhundert. �Aber Sie sind wohl zu
jung, um sich daran zu erinnern.�</p><p>�Er kann
schlie�lich nicht die <emphasis>ganze </emphasis>Zeit im
Gef�ngnis gesessen haben�, sagte seine Mutter nach sehr langem Schweigen, ohne
von ihrer Arbeit aufzublicken.</p><p>�Er hat
irgendwo gesteckt�, sagte Thursgood erbittert, und starrte �ber die
windgepeitschten G�rten hinweg zur Senke.</p><p>W�hrend
der ganzen Sommerferien, in denen er sich m�hselig zwischen dem einen und dem
anderen Haushalt hin und her bewegte, zwischen freudigem Willkommen und
Zur�ckweichen, machte Bill Roach sich Sorgen �ber Jim, ob sein R�cken schmerzte,
wie er sich jetzt Geld verdiente, nachdem er niemanden mehr zu unterrichten und
nur das Gehalt f�r ein halbes Quartal zum Leben hatte; und vor allem, ob er
noch da sein w�rde, wenn das neue Quartal beginnen w�rde; denn er hatte das
vage Gef�hl, Jim lebe so gef�hrlich auf der Weltoberfl�che, da� er jeden Augenblick
herunter und ins Leere st�rzen k�nnte; denn er bef�rchtete, Jim k�nne, wie er
selber, von keiner nat�rlichen Schwerkraft festgehalten werden. Er rief sich
ihre erste Begegnung wieder ins Ged�chtnis, insbesondere die Frage nach seinen
Freunden, und er bekam eine Heidenangst, da� er nicht nur die Liebe seiner
Eltern, sondern auch die Zuneigung Jims verspielt hatte, vor allem wegen ihres
Altersunterschieds. Und da� Jim daher weitergezogen war und sich bereits
anderswo nach einem Gef�hrten umsah, die blassen Augen in anderen Schulen
umherschweifen lie�. Er stellte sich ferner vor, da� Jim, genau wie er selber,
eine tiefgehende Bindung gehabt hatte, die ihn entt�uscht hatte und f�r die er
einen Ersatz suchte. Aber hier war Bill Roach mit seinem Latein am Ende: Er
hatte keine Ahnung, wie Erwachsene einander liebten. Er konnte praktisch so
wenig f�r ihn tun. Er schlug in einem medizinischen Werk nach und fragte seine
Mutter �ber Bucklige aus, und er h�tte zu gerne eine Flasche von seines Vaters
Wodka mitgehen lassen, um sie im Thursgood als K�der auszulegen, aber er
getraute sich nicht. Und als ihn schlie�lich der Chauffeur seiner Mutter an den
verha�ten Stufen absetzte, blieb er nicht einmal mehr stehen, um sich zu
verabschieden, sondern rannte, so schnell er konnte, zum Rand der Senke, und da
stand zu seiner grenzenlosen Freude Jims Wohnwagen noch immer am alten Platz in
der Mulde, um eine Nuance verdreckter, und daneben war ein frischer Erdhaufen
aufgesch�ttet, f�r Wintergem�se. Und Jim sa� auf der Stufe, grinste zu ihm
auf, als h�tte er Bill kommen h�ren und das Willkommen-Grinsen schon bereit
gehabt, ehe Bill am Rand der Senke erschienen war. In diesem Quartal erfand Jim
einen Spitznamen f�r Roach. Anstatt Bill nannte er ihn nur noch Jumbo. Er gab
daf�r keinen Grund an, und Roach war, wie dies bei Taufen �blicherweise der Fall
ist, nicht in der Lage, Einspruch zu erheben. Daf�r ernannte Roach sich selber
zu Jims Besch�tzer, als Ersatzmann f�r Jims verschwundenen Freund, wer immer
dieser Freund gewesen sein mochte.</p><p>George Smiley entdeckt, da�
unerw�nschte Gesellschaft deprimierender ist als gar keine</p><p>Im
Gegensatz zu Jim Prideaux war Mr. George Smiley von der Natur nicht f�r
Eilm�rsche im Regen ausger�stet, schon gar nicht mitten in der Nacht. Er h�tte,
genau gesagt, die Endform sein k�nnen, f�r die Bill Roach der Prototyp war. Der
kleine, rundliche und, schonend ausgedr�ckt, mittelalte Mann geh�rte dem Aussehen
nach zu Londons Sanftm�tigen, die nicht das Erdreich besitzen werden. Seine
Beine waren kurz, sein Gang war alles andere als beschwingt, die Kleidung
teuer, schlechtsitzend und ungemein durchn��t. Sein Mantel, der etwas von einer
Witwentracht an sich hatte, war aus jenem schwarzen lockeren Gewebe, das wie geschaffen
ist, den Regen aufzusaugen. Entweder waren die �rmel zu lang oder seine Arme zu
kurz, denn wie bei Roach, wenn er seinen Regenmantel trug, verschwanden die
Finger fast in den Stulpen. Aus Eitelkeit trug er keinen Hut, da er zu Recht annahm,
da� H�te ihn l�cherlich machten: �Wie ein Eierw�rmer�, hatte seine sch�ne Frau
bemerkt, nicht lange, ehe sie ihn das letzte Mal verlassen hatte, und ihre
Kritik war ihm, wie so oft, geblieben. So hatte der Regen sich in gro�en, nicht
abzusch�ttelnden Tropfen auf seinen dicken Brillengl�sern gesammelt und zwang
ihn, den Kopf abwechselnd zu senken oder in den Nacken zu werfen, w�hrend er
den Gehsteig vor den geschw�rzten Arkaden der Victoria Station entlangeilte. Er
war auf dem Weg nach Westen, zur Freistatt in Chelsea, seiner Wohnung. Sein
Schritt war aus irgendeinem Grund unsicher und w�re Jim Prideaux aus dem
Schatten auferstanden und h�tte ihn gefragt, ob er Freunde habe, h�tte er wahrscheinlich
geantwortet, ein Taxi w�re ihm lieber. �Ein Schw�tzer, dieser Roddy�, brabbelte
er vor sich hin, als ein neuerlicher Wasserschwall gegen seine ausladenden
Backen klatschte und dann in sein durchweichtes Hemd rann. �Warum bin ich nicht
einfach aufgestanden und gegangen?� Zerknirscht rief Smiley sich noch einmal
die Gr�nde f�r sein augenblickliches Elend in den Sinn und kam mit einer vom dem�tigen
Teil seines Charakters untrennbaren Sachlichkeit zu dem Schlu�, da� er sie
ausschlie�lich selber geliefert hatte.</p><p>Es war von
Anfang an ein vertrackter Tag gewesen. Er war zu sp�t aufgestanden, nachdem er
am Vortag bis sp�t in die Nacht hinein gearbeitet hatte, eine Gewohnheit, die
sich trotz seines hartn�ckigen Widerstands eingenistet hatte, seit er im Jahr
zuvor aus dem Dienst ausgeschieden war. Dann hatte er entdeckt, da� ihm der
Kaffee ausgegangen war, und sich im Laden angestellt, bis ihm auch die Geduld
ausging und er hochgemut beschlo�, sich der Regelung seiner gesch�ftlichen
Angelegenheiten zu widmen. Sein Bankauszug, der mit der Morgenpost gekommen
war, hatte ihm gezeigt, da� seine Frau den L�wenanteil seiner monatlichen
Pension abgehoben hatte: Na sch�n, entschied er, dann w�rde er irgend etwas
verkaufen. Die Reaktion war unsinnig, denn er stand sich recht gut, und die
obskure City-Bank, auf die seine Pension �berwiesen wurde, zahlte sie ihm
regelm��ig aus. Dennoch verpackte er eine fr�he Grimmelshausen-Ausgabe, einen
bescheidenen Schatz aus den Oxforder Jahren, und machte sich feierlich auf den Weg
zu Heywood Hills Buchhandlung in der Curzon Street, wo er mit dem Inhaber dann
und wann freundschaftliche Gelegenheitsk�ufe ausfeilschte. Unterwegs steigerte
er sich noch mehr in seinen Unmut hinein und traf von einer Telefonzelle aus
eine Verabredung mit seinem Anwalt f�r den Nachmittag.</p><p>�George,
wie k�nnen Sie so vulg�r sein? Von Ann l��t man sich nicht scheiden. Schicken
Sie ihr ein paar Blumen nach und kommen Sie zum Lunch.�</p><p>Dieser Rat
richtete ihn auf, und frohen Herzens n�herte er sich Heywood Hill, nur um Roddy
Martindale, der vom w�chentlichen Haarschnitt kam, geradewegs in die Arme zu
laufen. Martindale hatte keinen legitimen Anspruch auf Smiley, weder beruflich
noch gesellschaftlich. Er arbeitete auf der nahrhaften Seite des <emphasis>Foreign
Office, </emphasis>und seine Aufgabe bestand darin, ausw�rtige W�rdentr�ger
zum Lunch zu f�hren, die kein Mensch sonst auch nur in seinen Holzschuppen
eingeladen h�tte. Er war ein flatterhafter Junggeselle mit grauer M�hne und
jener Behendigkeit, wie sie nur Dicke haben. Er hatte ein Faible f�r Knopflochblumen
und zartfarbene Anz�ge, und er machte sich unter fadenscheinigsten Begr�ndungen
einer intimen Vertrautheit mit den gro�en r�ckw�rtigen R�umen von Whitehall
anheischig. Vor ein paar Jahren, kurz vor ihrer Aufl�sung, hatte er eine untergeordnete
Whitehall-Gruppe zur Koordinierung von Nachrichten seiner Mitwirkung gew�rdigt.
W�hrend des Krieges war er dank einer gewissen mathematischen Begabung in die
Randbereiche der Geheimwelt eingedrungen; und einmal hatte er, wie er zu berichten
nie m�de wurde, zusammen mit John Landsbury vom Circus an einer h�chst
delikaten Chiffriersache gearbeitet. Aber der Krieg lag, wie Smiley sich
zuweilen selber in Erinnerung rufen mu�te, drei�ig Jahre zur�ck. �Hallo Roddy�,
sagte Smiley. �Nett, Sie zu sehen.� Martindale sprach mit jenem dr�hnenden
Von-Mann-zu-Mann-Ton der Oberklasse, der Smiley bei Urlaubsaufenthalten im Ausland
mehr als einmal aus seinem Hotel vertrieben hatte: �Mein lieber Junge, wenn das
nicht der Maestro pers�nlich ist! Mir hat man gesagt, sie s��en bei den M�nchen
in St. Gallen oder sonstwo und schwitzten �ber alten Handschriften! Gestehen
Sie auf der Stelle. Ich will genau wissen, was Sie treiben, jede kleinste
Einzelheit. Geht es Ihnen gut? Lieben Sie England noch immer? Was macht die
entz�ckende Ann?� - sein unsteter Blick flackerte die Stra�e auf und ab, ehe er
auf dem eingewickelten Grimmeishausen unter Smileys Arm zur Ruhe kam - �eins zu
hundert, da� das ein Geschenk f�r sie ist. Hab' schon geh�rt, da� Sie sie ma�los
verw�hnen.� Er senkte die Stimme zu vernehmlichem Fl�stern: �H�ren Sie, Sie
sind doch nicht wieder auf Kriegspfad? Sollte das alles nur Tarnung sein,
George, nur <emphasis>Tarnung"?� </emphasis>Seine feuchte Zunge fuhr rasch in
die Winkel des kleinen M�ndchens, dann verschwand sie wie eine Schlange
zwischen den W�lsten. So beging Smiley die Torheit, sich durch das Versprechen
loszukaufen, da� sie noch am gleichen Abend gemeinsam am Manchester Square in
einem Club essen w�rden, dem sie beide angeh�rten, den Smiley jedoch mied wie
die Pest, nicht zuletzt, weil Martindale dort Mitglied war. Am Abend war er
noch immer kn�ppelsatt vom Lunch im <emphasis>White Tower, </emphasis>denn sein
Anwalt, ein alter Genie�er, hatte entschieden, da� nur eine gewaltige Mahlzeit
George von seinen Depressionen heilen k�nne. Martindale war, wenn auch auf
einem anderen Weg, zur gleichen Entscheidung gelangt, und vier endlose Stunden
lang hatten sie sich, bei Speisen, die Smiley anwiderten, Namen zugeworfen, als
w�ren sie vergessene Fu�baller: Jebedee, Smileys einstiger Tutor: �Ein <emphasis>schwerer </emphasis>Verlust
f�r uns, wei� der Teufel�, murmelte Martindale, der, soviel Smiley wu�te,
Jebedee noch nicht einmal vom Sehen gekannt hatte. �Und so begabt f�r das
Spiel, was? Einer der wirklich Gro�en, sag' ich immer.� Dann Fielding, der
Altfranzose in Cambridge: �Ach, dieser <emphasis>k�stliche </emphasis>Sinn f�r
Humor. Scharfer Denker, ganz scharf!� Dann Sparke, der Orientalist, und
schlie�lich Steed-Asprey, der eben diesen Club gegr�ndet hatte, um Nervens�gen
wie Roddy Martindale zu entkommen. �Ich kannte seinen armen Bruder, wissen Sie,
halb soviel im Kopf und das Doppelte an Muskeln. Alles Hirn ging an den �ndern,
wei� Gott.� Und Smiley hatte sich durch den Alkoholdunst diesen Unsinn
angeh�rt, �ja� und �nein� gesagt und �ein Jammer�, und �nein, er wurde nie
gefunden�, und einmal zu seiner lebensl�nglichen Besch�mung, �na, na, Sie
schmeicheln mir�, bis Martindale mit fataler Unabwendbarkeit auf aktuellere
Ereignisse zu sprechen kam, auf den Machtwechsel und Smileys Ausscheiden aus
dem Amt.</p><p>Wie
vorherzusehen war, begann er mit Controls letzten Tagen: �Ihr alter Bo�,
George, Teufel noch mal, der einzige, der je seinen Namen geheimgehalten hat.
Nat�rlich nicht vor Ihnen: vor Ihnen hatte er <emphasis>nie </emphasis>Geheimnisse,
George, nicht wahr? Ein Herz und eine Seele, Smiley und Control, hei�t es, bis
ans Ende.�</p><p>�Zuviel
der Ehre.�</p><p>�Zieren
Sie sich nicht, George, ich bin ein alter Hase, vergessen Sie das nicht. Sie
und Control waren <emphasis>so </emphasis>miteinander.� Die plumpen Finger
deuteten kurz zwei verschlungene Ringe an. �Deshalb sind Sie auch geflogen,
machen Sie mir nichts vor, und deshalb hat Bill Haydon Ihren Job gekriegt.
Deshalb ist er Percy Allelines Mundschenk, und nicht Sie.�</p><p>�Wenn
Sie's sagen, Roddy.�</p><p>�Das tue
ich. Ich sage noch mehr. <emphasis>Vielmehr.� </emphasis>Als
Martindale sich n�her zu ihm beugte, erhaschte Smiley den Hauch einer der
kultiviertesten Trumperschen Duft-Kreationen. �Ich sage noch folgendes: Ich
sage, Control ist �berhaupt nicht gestorben. Er wurde unl�ngst gesehen.� Mit
einer flatternden Handbewegung erstickte er Smileys Proteste. �Lassen Sie mich
ausreden. Willy Andrewartha hat ihn im Flughafengeb�ude von Johannesburg, in
der Wartehalle, aus n�chster N�he gesehen. Keinen Geist. Fleisch und Blut.
Willy kauft sich an der Bar ein Sodawasser gegen die Hitze, Sie haben Willy
lang nicht mehr gesehen, er ist ein Fa�. Er dreht sich um, und da steht
Control direkt neben ihm, in so einem gr��lichen Burenkost�m. Sowie er Willy
sieht, wird er schneewei� und st�rzt davon. Wie finden Sie das? Jetzt wissen
wir also Bescheid, wie? Control ist �berhaupt nicht gestorben. Er wurde von
Percy Alleline und seiner Drei-Mann-Kapelle verjagt und hat sich nach
S�dafrika abgesetzt, Teufel noch mal. Na ja, man kann's ihm nicht ver�beln,
wie? Man kann's einem Menschen nicht ver�beln, da� er an seinem Lebensabend
noch ein bi�chen Frieden m�chte. Ich jedenfalls nicht.� Die Ungeheuerlichkeit
dieses Ger�chts, das durch einen immer dicker werdenden Wall geistiger
Ersch�pfung zu ihm drang, verschlug Smiley einen Augenblick die Rede.</p><p>�Das ist
doch l�cherlich! Das ist die idiotischste Geschichte, die ich je geh�rt habe!
Control ist tot. Er starb nach langer Krankheit an Herzversagen. Au�erdem ha�te
er S�dafrika. Er ha�te jeden Ort mit Ausnahme von Surrey, dem Circus und Lords
Cricket Ground. Wirklich, Roddy, Sie d�rfen solche Ger�chte nicht verbreiten.�</p><p>Er h�tte
hinzuf�gen k�nnen, ich hab' ihn selbst eingescharrt, in einem lausigen
Krematorium im East End, am letzten Heiligen Abend, allein. Der Pfarrer hatte
einen Sprachfehler. �Willy Andrewartha war schon immer der gottverdammteste
L�gner�, �berlegte Martindale g�nzlich unger�hrt. �Ich sagte genau das gleiche
zu ihm: purster Unsinn, Willy, Sie sollten sich sch�men.� Und nahtlos weiter,
als h�tte er niemals in Gedanken oder Worten diese alberne Annahme geteilt:
�Der Tschechen-Skandal, der war wohl der letzte Nagel zu Controls Sarg. Der
arme Kerl, der in den R�cken geschossen wurde und in die Zeitungen kam, und
der angeblich immer so dick mit Bill Haydon war. <emphasis>Ellis </emphasis>mu�ten wir
ihn nennen, und so nennen wir ihn noch, nicht wahr, auch wenn wir seinen
wirklichen Namen so gut kennen wie unsern eigenen.�</p><p>Listig
wartete Martindale, da� Smiley seinen Trumpf daraufsetzte: Aber Smiley war
nicht gesonnen, auf irgend etwas irgendeinen Trumpf zu setzen, also versuchte
Martindale eine dritte Tour: �Irgendwie finde ich Percy Alleline als Chef nicht
recht glaubhaft, Sie etwa? Ist es das Alter, George, oder nur mein angeborener
Zynismus? Sagen Sie's mir, Sie sind ein so guter Menschenkenner. Ich glaube,
Macht pa�t einfach nicht zu Leuten, mit denen man aufgewachsen ist. K�nnte das
die L�sung sein? Es gibt so wenige, die mir heutzutage noch imponieren k�nnen,
und der arme Percy ist ein so <emphasis>durchsichtiger </emphasis>Mensch,
finde ich immer, vor allem nach diesem Reptil, Control. Diese ganze kernige
Kumpanei, wie kann man so jemanden ernst nehmen? Man mu� sich nur an ihn erinnern,
wie er in den alten Tagen an der Bar im <emphasis>Travellers </emphasis>lungerte,
an seiner Stummelpfeife nuckelte und den gro�en Tieren Drinks spendierte: also,
wenn einer schon intrigieren mu�, sollte er's raffinierter anfangen, meinen Sie
nicht auch? Oder finden Sie, da� der Erfolg die Mittel heiligt? Was ist sein
Trick, George, sein Geheimrezept?� Er sprach mit h�chster Eindringlichkeit,
beugte sich mit gierigen und erregten Augen �ber den Tisch. Nur Essen konnte
ihn normalerweise in solche Erregung versetzen. �Sich mit den F�higkeiten
seiner Untergebenen schm�cken, das ist wohl heutzutage das F�hrungsprinzip.�</p><p>�Wirklich,
Roddy, ich kann Ihnen nicht helfen�, sagte Smiley matt. �Ich habe Percy nie als
Gr��e gekannt. Nur als -� Er fand das Wort nicht mehr.</p><p>�Als
Gernegro߫, half Martindale mit glitzernden Augen aus, �immer mit einem Auge
auf Controls Purpurkleid, Tag und Nacht. Jetzt tr�gt er es, und der Mob liebt
ihn. Wer ist also sein starker linker Arm, George? Wer verdient ihm seine
Lorbeeren? Er macht sich fabelhaft, h�rt man von allen Seiten. Kleine Leses�le
in der Admiralit�t, kleine Aussch�sse mit komischen Namen schie�en aus dem
Boden, roter Teppich f�r Percy in allen Whitehall-Korridoren, die sein Fu�
betritt, j�ngere Mitarbeiter werden von oberster Stelle begl�ckw�nscht, Leute,
von denen man nie geh�rt hat, kriegen Orden f�r nichts und wieder nichts. Ich
hab' das alles schon mal gesehen, wissen Sie.�</p><p>�Roddy,
ich kann Ihnen nicht helfen�, wiederholte Smiley und schickte sich an,
aufzustehen. �Sie �berfordern mich, ehrlich.� Aber Martindale zwang ihn, sitzen
zu bleiben, hielt ihn mit einer feuchten Hand am Tisch fest, w�hrend er noch
schneller auf ihn einsprach.</p><p>�Also wer
ist der Pfiffikus? Percy nicht, das steht fest. Und sagen Sie nicht, die
Amerikaner vertrauten uns auf einmal wieder.� Der Griff wurde h�rter. �Das
kluge Kind Bill Haydon: unser moderner Lawrence von Arabien. Genau, Bill ist
es, Ihr alter Rivale.� Martindales Zunge streckte wiederum den Kopf heraus,
erkundete das Terrain und zog sich zur�ck, wobei sie eine kleine Schneckenspur
hinterlie�. �Ich habe geh�rt, Sie und Billy h�tten einst <emphasis>alles </emphasis>miteinander
geteilt�, sagte er. �Orthodox war er ja nie, was? Genies sind das niemals.�</p><p>�Noch
einen Wunsch, Mr. Smiley?� fragte der Kellner. �Oder Bland: der letzte
Strohhalm der Nation, der Akademiker aus der Proleten-Presse.� Noch immer
wollte er nicht lockerlassen. �Und wenn diese beiden nicht den Laden schmei�en,
dann ist es jemand im Ruhestand, wie? Ich meine, jemand, der angeblich im
Ruhestand ist, ja? Und wenn Control tot ist, wer bleibt dann noch �brig? Au�er
Ihnen?�</p><p>Sie zogen
ihre M�ntel an. Der Garderobier war schon heimgegangen, sie mu�ten sich selber
von den braunen St�ndern bedienen.</p><p>�Roy Bland
ist nicht aus der Proleten-Presse�, sagte Smiley laut. �Er war am St. Anthony's
College in Oxford, wenn Sie's genau wissen wollen.�</p><p>Gott sei
mir gn�dig, etwas Besseres ist mir nicht eingefallen, dachte Smiley.</p><p>�Seien Sie
doch nicht albern, mein Lieber�, fuhr Martindale ihn an. Smiley hatte ihn
gelangweilt, er schaute m�rrisch drein und wie jemand, den man �bers Ohr
gehauen hatte, traurige senkrechte Falten hatten sich in der unteren
Wangenpartie gebildet. �Nat�rlich ist St. Anthony's eine Proleten-Presse.
Daran �ndert auch die Tatsache nichts, da� in der gleichen Stra�e eine Elite
ausgebildet wird. Oder da� Bland Ihr Protege war. Jetzt ist er vermutlich Bill
Haydons Protege - geben Sie ihm kein Trinkgeld, ich habe eingeladen, nicht Sie.
Bill ist ihnen allen ein Vater, immer gewesen. Zieht sie an wie Bienen. Nun
ja, er hat eben etwas Strahlendes, das, was manchen von uns fehlt.
Star-Qualit�t nenne ich es, einer der wenigen. Es hei�t, die Frauen liegen ihm
buchst�blich zu F��en, und das ist noch das wenigste.�</p><p>�Gute
Nacht, Roddy.�</p><p>�Vergessen
Sie nicht, Ann zu gr��en.�</p><p>�Bestimmt
nicht.�</p><p>�Ich
will's hoffen.�</p><p>Und jetzt
go� es in Str�men. Smiley wurde na� bis auf die Haut, und Gott hatte zur Strafe
s�mtliche Taxis vom Antlitz Londons getilgt.</p><p>George Smiley kommt vom Regen in
die Traufe</p><p>�Purer
Mangel an Willenskraft�, schalt er sich und lehnte das Anerbieten einer Dame
unter der T�r dankend ab. �Man nennt es H�flichkeit, aber in Wahrheit ist es
nur Schw�che. Martindale, du <emphasis>Strohkopf. </emphasis>Du
aufgeblasener, falscher, weibischer, nichtsnutziger . . .� Mit einem weiten
Schritt setzte er �ber ein vermutetes Hindernis hinweg. �Schw�che�,
wiederholte er, �und die Unf�higkeit, ein erf�lltes Leben unabh�ngig von Institutionen
zu f�hren . . .�, eine Pf�tze entleerte sich s�uberlich in seinen Schuh, �und
emotionale Bindungen, die ihren Sinn l�ngst �berlebt haben. Als da sind meine
Frau, der Circus, mein Leben in London. Taxi!�</p><p>Smiley
st�rzte vor, aber zu sp�t. Zwei M�dchen, die unter einem gemeinsamen
Regenschirm kicherten, stiegen von der Fahrbahnseite ein. Er schlug v�llig
sinnlos den Mantelkragen hoch und setzte seinen einsamen Marsch fort. �Letzter
Strohhalm der Nation�, brummte er w�tend. �Proleten-Presse. Du schw�lstiger,
neugieriger, impertinenter . . .� Und dann fiel ihm ein, zu sp�t nat�rlich, da�
er den Grimmeishausen im Club gelassen hatte. �O verdammt!� rief er <emphasis>sopra voce
</emphasis>aus und hielt zur Bekr�ftigung in seinem Trab inne. �Verdammt, <emphasis>verdammt, </emphasis>verdammt.�
Er w�rde sein Londoner Haus verkaufen. Das stand fest. W�hrend er sich wiederum
unter dem Vordach des Clubs eng an den Zigarettenautomaten dr�ckte, um das Ende
des Wolkenbruchs abzuwarten, hatte er diesen schwerwiegenden Entschlu� gefa�t.
Die Immobilienpreise waren in London ins Unerme�liche gestiegen, das h�rte man
von allen Seiten. Gut. Er w�rde verkaufen und mit einem Teil des Erl�ses ein
Cottage in den Cotswolds erstehen. Burford? Zu viel Verkehr. Steeple Aston,
das war ideal. Er w�rde sich dort als harmloser Sonderling etablieren, als zerstreuter,
zur�ckgezogen lebender Kauz mit ein paar liebenswerten Eigenschaften, zum
Beispiel Selbstgespr�che f�hren, wenn er durch das St�dtchen schlenderte. Ein
bi�chen r�ckst�ndig vielleicht, aber wer war das heutzutage nicht?
R�ckst�ndig, aber der eigenen Zeit treu geblieben. F�r jeden Menschen kommt
schlie�lich der Moment, da er sich entscheidet: wird er vorw�rtsgehen, wird er
r�ckw�rtsgehen? Es war nicht unehrenhaft, wenn man sich nicht von jedem
modernen L�ftchen durcheinanderwehen lie�. Es war besser, Bestand zu haben,
sich zu verschanzen, eine Eiche aus der eigenen Generation zu sein. Und falls
Ann zu ihm zur�ckzukommen w�nschte, w�rde er ihr die T�r weisen. Oder ihr nicht
die T�r weisen, je nachdem, wie sehr sie zur�ckzukommen w�nschte.</p><p>Von diesen
Zukunftsbildern getr�stet, kam Smiley zur King's Road, wo er auf dem Gehsteig
stehenblieb, als wollte er hin�ber. Zu beiden Seiten strahlende Schaufenster.
Vor ihm seine heimatliche Bywater Street, eine Sackgasse, genau 117
Smileyschritte lang. Als er hier eingezogen war, hatten diese georgianischen
Cottages einen bescheidenen, vergammelten Charme besessen, junge Paare hatten
sich hier schlecht und recht mit f�nfzehn Pfund pro Woche und einem
steuerfreien, im Kellergescho� versteckten, Untermieter durchgeschlagen. Jetzt
sch�tzten Stahlgitter ihre unteren Fenster, und vor jedem Haus verstellten
drei Autos den Weg. Aus alter Gewohnheit hielt Smiley unter ihnen Musterung ab,
pr�fte, welche ihm bekannt waren und welche nicht; bei den unbekannten, welche
von ihnen Antennen und zus�tzliche Spiegel hatten, welche zu jenen
geschlossenen Lieferwagen geh�rten, wie Observanten sie gern benutzten. Es war
zum Teil ein Ged�chtnistest, zum Teil ein privates Spiel, um seine Wachsamkeit
vor dem Verk�mmern im Ruhestand zu bewahren, genau wie er unl�ngst die Namen
der Gesch�fte an seiner Busstrecke zum Britischen Museum auswendig gelernt
hatte; genau wie er wu�te, wie viele Stufen jeder Treppenabsatz in seinem Haus
z�hlte und in welche Richtung sich jede der zw�lf T�ren �ffnete.</p><p>Aber
Smiley hatte noch einen anderen Grund, und der war Furcht, die geheime Furcht,
die jeden Professionellen bis ins Grab verfolgt. Da� n�mlich eines Tages, aus
dem Dschungel einer Vergangenheit, in der er sich mehr Feinde gemacht haben
mochte, als er selber noch wu�te, einer von ihnen ihn finden und Abrechnung
halten w�rde.</p><p>Am Ende
der Stra�e f�hrte eine Nachbarin ihren Hund spazieren; als sie ihn sah, hob sie
den Kopf und wollte etwas sagen, aber er tat, als s�he er sie nicht, denn er
wu�te, sie w�rde von Ann anfangen. Er �berquerte die Stra�e. Sein Haus lag im
Dunkeln, die Gardinen waren so, wie er sie zur�ckgelassen hatte. Er stieg die
sechs Stufen zur Vordert�r hinauf. Seit Anns Abreise hatte ihn auch seine
Putzfrau verlassen: niemand au�er Ann hatte einen Schl�ssel. An der T�r waren
zwei Schl�sser, ein Riegelschlo� und ein Chubb-Schlo�, und zwei Splinte seiner
eigenen Herstellung, daumennagelgro�e St�ckchen Eichenholz, �ber- und
unterhalb des Riegelschlosses in die T�r geklemmt. Ein �berbleibsel aus seiner
Zeit im Au�endienst. In letzter Zeit pflegte er, ohne zu wissen warum, diese
Holzsplinte wieder einzuklemmen; vielleicht wollte er nicht, da� Ann ihn
�berraschte. Mit den Fingerspitzen stellte er fest, da� beide an ihrem Platz
waren. Nach dieser Routinepr�fung schlo� er die T�r auf, schob sie nach innen
und sp�rte, wie die Mittagspost �ber den Teppich rutschte. Was war heute
f�llig, fragte er sich. <emphasis>German Life and Letters?
Philologie? </emphasis>Philologie war f�llig, entschied er. Er knipste das Licht
in der Diele an, b�ckte sich und warf einen Blick auf seine Post. Eine
�beiliegende Rechnung� von seinem Schneider f�r einen Anzug, den er nicht
bestellt hatte und der, wie er vermutete, im Moment Anns Liebhaber zur Zier
gereichte; eine Rechnung von einer Garage in Henley f�r ihr Benzin - was hatten
sie blo� in Henley zu suchen, abgebrannt, am neunten Oktober? - ein Brief von
der Bank betreffs einer Vollmacht f�r Barabhebungen bei einer Zweigstelle der
Midland Bank in Immingham, zugunsten von Lady Ann Smiley.</p><p>Und was
zum Teufel tun sie in Immingham? begehrte er von diesem Schriftst�ck zu
wissen. Wer um Gottes willen hatte je eine Aff�re in Immingham gehabt? Wo <emphasis>war </emphasis>�berhaupt
dieses Immingham?</p><p>Er sann
noch immer �ber diese Frage nach, als sein Blick auf einen unbekannten
Regenschirm im St�nder fiel, einen seidenen mit handgen�htem Ledergriff und
einem goldenen Ring ohne Initialen. Und mit einer Schnelligkeit jenseits jeder
me�baren Zeit durchfuhr ihn der Gedanke, da� dieser Schirm trocken war und
daher vor sechs Uhr f�nfzehn hierhergekommen sein mu�te, vor Einsetzen des
Regens, denn auch im Schirmst�nder war keine N�sse. Auch da� es ein sehr
eleganter Schirm war und die Zwinge kaum verkratzt, obwohl er nicht neu war.
Und da� der Schirm folglich einem agilen Mann geh�ren mu�te, sogar einem jungen
wie Anns derzeitigem Galan. Da� aber sein Besitzer h�chst wahrscheinlich auch
Smiley kennen mu�te, denn er hatte von den Holzsplinten gewu�t und sie auch
wieder angebracht, sobald er im Haus war, und war so schlau gewesen, die
Briefe, nachdem er sie zusammengeschoben und zweifellos auch gelesen hatte,
wieder hinter die T�r zu legen; und da� er kein Liebhaber war, sondern ein
Profi wie er selber, der irgendwann einmal mit ihm zusammengearbeitet hatte und
seine Handschrift, wie es im Fachjargon hei�t, genau kannte.</p><p>Die
Wohnzimmert�r stand einen Spalt offen. Leise schob Smiley sie weiter auf.
�Peter?� sagte er.</p><p>Durch die
T�r�ffnung sah er zwei schwarze Schuhe bequem �bereinandergeschlagen �ber das
Sofaende ragen. �Ich an deiner Stelle w�rde den Mantel anbehalten, George,
alter Junge�, sagte eine liebensw�rdige Stimme. �Wir haben einen langen Weg vor
uns.�</p><p>F�nf
Minuten sp�ter sa� George Smiley, angetan mit einem weiten braunen Reisemantel,
einem Geschenk Anns und seinem einzigen trockenen St�ck, erbost auf dem
Beifahrersitz von Peter Guillams ungemein zugigem Sportwagen, der auf einem
Platz in der N�he geparkt gewesen war. Ihr Ziel war Ascot, ber�hmt f�r Frauen
und Pferde. Und wohl nicht ganz so ber�hmt als Wohnort von Mr. Oliver Lacon vom
Ministerium, Ehrenmitglied in mehreren gemischten Aussch�ssen und Wachhund des
Nachrichtendienstes. Oder, wie Guillam es weniger ehrerbietig ausdr�ckte,
Vorturner in Whitehall.</p><p>Im Thursgoodschen
Internat lag indessen Bill Roach wach im Bett und �berdachte die j�ngsten
Wunder, die ihm im Lauf seiner t�glichen Wacht �ber Jims Wohlergehen begegnet
waren. Gestern hatte Jim den G�rtner Latzy in Erstaunen versetzt. Heute hatte
er Miss Aaronsons Post gestohlen. Miss Aaronson lehrte Cello und die Bibel, und
Roach verehrte sie wegen ihrer Sanftmut. Latzy, der Hilfsg�rtner, war eine <emphasis>Displaced
Person, </emphasis>ein Fl�chtling, und wie alle DPs sprach er kein Englisch
oder nur sehr wenig. Aber gestern hatte Jim mit Latzy gesprochen, ihn um seine
Hilfe beim Auto-Club gebeten, und er hatte in der Fl�chtlingssprache mit ihm
gesprochen oder in der, die DPs eben sprechen, und Latzy war auf der Stelle um
einen Kopf gr��er geworden. Die Sache mit Miss Aaronsons Post war schon
verzwickter. Als Roach am Morgen nach dem Gottesdienst die Hefte seiner Klasse
im Lehrerzimmer abgeholt hatte, hatten zwei Briefe auf dem Ablagetisch gelegen,
einer an Jim adressiert und einer an Miss Aaronson. Jims Brief war mit Maschine
geschrieben. Der f�r Miss Aaronson mit der Hand, und die Schrift war Jims
Schrift nicht un�hnlich. Das Lehrerzimmer war, als Roach diese Entdeckung
machte, leer gewesen. Er nahm sich die Klassenhefte und ging gerade in aller
Ruhe wieder hinaus, als Jim durch die andere T�r hereinstapfte, rot und
keuchend von seinem Fr�hmarsch. �Beeilung, Jumbo, es hat schon gel�utet�, und
er beugte sich �ber die Briefe. �Ja, Sir.�</p><p>�Hundewetter,
was, Jumbo?�</p><p>�Ja, Sir.�</p><p>�Also, ab
mit dir.�</p><p>An der T�r
blickte Roach sich um. Jim stand wieder aufrecht, zur�ckgelehnt und schlug den <emphasis>Daily
Telegraph </emphasis>auf. Die Ablage war leer. Beide Umschl�ge waren
verschwunden. Hatte Jim an Miss Aaronson geschrieben und es sich anders �berlegt.
Ihr vielleicht einen Heiratsantrag gemacht? Dann kam Bill Roach ein anderer
Gedanke. Jim hatte unl�ngst eine alte Schreibmaschine erstanden, eine invalide
Remington, und sie eigenh�ndig repariert. Hatte er auf ihr einen Brief an sich
selber getippt? War er so einsam, da� er sich selber Briefe schrieb, und dazu
noch die Briefe anderer Leute klaute? Roach schlief ein.</p><p>Peter
Guillam f�hrt George Smiley zu sp�ter Stunde zu einem Whitehall-Beamten nach
Ascot</p><p>Guillam
fuhr l�ssig, aber schnell. Herbstger�che f�llten den Wagen, der Vollmond
leuchtete. Zu beiden Seiten hingen Nebelstreifen �ber dem freien Feld, und es
war bitter kalt. Smiley �berlegte, wie alt Guillam sei, und sch�tzte vierzig,
aber bei diesem Licht h�tte er ein Student sein k�nnen, der ein Skullboot
ruderte; denn er handhabte den Schalthebel mit einer langen flie�enden
Bewegung, als z�ge er ihn durchs Wasser. Auf jeden Fall, �berlegte Smiley
gereizt, war der Wagen viel zu jugendlich f�r Guillam. Sie waren durch
Runnymeade gerast und nahmen die Steigung nach Egham Hill. Zwanzig Minuten
fuhren sie bereits, und Smiley hatte ein Dutzend Fragen gestellt und keine
stichhaltige Antwort bekommen, und jetzt erwachte in ihm eine nagende Furcht,
der er keinen Namen zu geben wagte.</p><p>�Ich
wundere mich, da� Sie nicht auch mit uns zusammen hinausgeworfen wurden�,
sagte er in nicht gerade liebensw�rdigem Ton und wickelte die Mantelsch��e
enger um sich. �Sie hatten s�mtliche Qualifikationen: gut bei der Arbeit,
loyal, zur�ckhaltend.�</p><p>�Ich habe
die Skalpj�ger �bernehmen m�ssen.�</p><p>�Ach du
lieber Gott�, sagte Smiley schaudernd, zog den Mantelkragen �ber sein
Doppelkinn hoch und �berlie� sich, statt noch unerfreulicheren Erinnerungen,
der R�ckschau auf Brixton und das freudlose steinerne Schulgeb�ude, das den
Skalpj�gern als Hauptquartier diente. Der offizielle Name der Skalpj�ger war
Reisestelle. Die Einheit war auf Bill Haydons Anregung hin von Control ins
Leben gerufen worden, in den Pioniertagen des Kalten Krieges, als Mord und
Kidnapping und Erpressung auf Tod und Leben an der Tagesordnung waren, und ihr
erster Kommandant war von Haydon vorgeschlagen worden. Es war eine kleine
Gruppe, ungef�hr ein Dutzend M�nner, und sie mu�ten die Blitzaktionen im
Ausland erledigen, die f�r einen dort ans�ssigen Agenten zu schmutzig oder zu riskant
waren. Gute Arbeit f�r den Nachrichtendienst, hatte Control immer gepredigt,
sei Schritt f�r Schritt und auf die sanfte Tour zu erledigen. Die Skalpj�ger
waren die Ausnahme von seiner eigenen Regel. Sie arbeiteten weder Schritt f�r
Schritt noch auf die sanfte Tour, worin sich eher Haydons als Controls
Temperament spiegelte. Und sie arbeiteten solo, und deshalb hausten sie im
Verborgenen hinter einer hohen Steinmauer mit Glasscherben und Stacheldraht
obendrauf.</p><p>�Ich habe
gefragt, ob das Wort Lateralismus Ihnen etwas sagt�, sagte Guillam. �Ganz gewi�
nicht.�</p><p>�Es ist
jetzt die Mode-Doktrin. Fr�her ging's hin und her. Jetzt geht's in einer
Richtung.�</p><p>�Was soll
das hei�en?�</p><p>�Zu Ihrer
Zeit hat der Circus regional funktioniert. Afrika, die Satellitenstaaten,
Ru�land, China, S�dostasien, und was wei� ich noch alles: jede Region wurde von
ihrem eigenen Juju-Mann geleitet, Control sa� im Himmel und hielt die F�den in
der Hand. Erinnern Sie sich?�</p><p>�Kommt mir
entfernt bekannt vor.�</p><p>�Und heute
gehen alle Operationen von einer Stelle aus. Sie hei�t London Station. Die
Regionen sind out, Lateralismus ist in. Bill Haydon ist Befehlshaber von London
Station, Roy Bland seine Nummer zwei, Toby Esterhase rennt wie ein Pudel
zwischen ihnen hin und her. Sie sind eine Dienststelle innerhalb einer
Dienststelle. Sie haben ihre eigenen Geheimnisse und verkehren nicht mit dem
Plebs. Vergr��ert unsere Sicherheit.�</p><p>�H�rt sich
an wie eine sehr gute Idee�, sagte Smiley und �berh�rte geflissentlich die
versteckte Anspielung. Als die Erinnerungen aufs neue in sein bewu�tes Denken
heraufdr�ngten, �berkam ihn ein wunderliches Gef�hl: als lebte er diesen Tag
zweimal, zuerst mit Martindale im Club, jetzt nochmals mit Guillam im Traum.
Sie fuhren an einem Bestand junger Tannen vorbei, das Mondlicht lag in Streifen
zwischen den B�umen. �H�rt man irgend etwas von ...� begann Smiley von neuem.
�Was wei� man Neues �ber Ellis?� fragte er unverbindlicher. �In Quarant�ne�,
sagte Guillam kurz.</p><p>�Ach
gewi�. Nat�rlich. Ich m�chte nicht neugierig sein. Nur, ich meine, kann er sich
behelfen und so? Er ist wieder gesund, aber kann er auch gehen? Der R�cken kann
einem angeblich schwer zu schaffen machen.�</p><p>�Wie es
hei�t, kommt er ganz gut zurecht. Ach, ich hab' noch gar nicht gefragt, wie es
Ann geht.�</p><p>�Gut,
danke. Sehr gut.�</p><p>Es war
pl�tzlich stockdunkel im Wagen. Sie waren von der Stra�e abgebogen und fuhren
�ber Kies. Schwarze Mauern aus Blattwerk erhoben sich zu beiden Seiten, Lichter
wurden sichtbar, dann ragte ein hohes Portal und der von T�rmchen gekr�nte
Umri� eines weitl�ufigen Hauses aus den Wipfeln. Der Regen hatte aufgeh�rt,
aber als Smiley in die frische Luft hinaustrat, h�rte er rundum das rastlose
Ticken nasser Bl�tter.</p><p>Ja, dachte
er, als ich letztes Mal hier war, hat es auch geregnet; damals als der Name Jim
Ellis Schlagzeilen machte.</p><p>Sie hatten
sich gewaschen und in dem ger�umigen Ankleidezimmer Lacons Kletterausr�stung
inspiziert, die g�nzlich unpassend in einem wirren Haufen auf der
Sheraton-Kommode lag. Jetzt sa�en sie im Halbkreis vor einem leeren Stuhl. Es
war das h��lichste Haus weit und breit, und Lacon hatte es f�r ein Butterbrot
erworben. �Eine Berkshire-Gralsburg�, hatte er es einmal Smiley gegen�ber
genannt, �erbaut von einem millionenschweren Abstinenzler.� Der Wohnraum war
eine riesige Halle mit sechs Meter hohen Buntglasfenstern und einer h�lzernen
Galerie �ber dem Eingang. Smiley z�hlte die bekannten Gegenst�nde nach. Ein
Pianino, darauf St��e von Noten, alte Portr�ts von Geistlichen in Amtstracht,
ein Stapel gedruckter Einladungen. Er suchte das Universit�tsruder aus
Cambridge und sah es �ber dem offenen Kamin h�ngen. Das gleiche Feuer brannte
darin, viel zu sp�rlich f�r den gewaltigen Rost. Eine Atmosph�re von Kargheit,
die den Reichtum verdr�ngt hatte.</p><p>�Macht der
Ruhestand Spa�, George?� fragte Lacon, als faselte er gedankenlos in die
Ohrtrompete einer tauben Tante. �Die W�rme des menschlichen Kontakts fehlt
Ihnen nicht? W�rde mir schon fehlen, glaube ich. Die alte Arbeit, der alte
Haufen.� Er war ein langes Gerippe von Mann, ohne Eleganz und alterslos
jungenhaft: Der Spion, der aus der Kirche kam, sagte Haydon, der geistreiche
Kopf im Circus. Lacons Vater war Kanonikus der schottischen Kirche gewesen und
seine Mutter irgend etwas Adeliges. Gelegentlich schrieben die smarteren
Sonntagsbl�tter �ber ihn und nannten ihn einen Vertreter des neuen Stils, weil
er jung war. Sein Gesicht war vom hastigen Rasieren verschrammt.</p><p>�Ach, ich
komme eigentlich ganz gut zurecht, vielen Dank�, sagte Smiley h�flich. Und um
das Gespr�ch in die L�nge zu ziehen: �Ja, ja, wirklich recht gut. Und Sie? Ist
bei Ihnen alles in Ordnung?�</p><p>�Keine
gro�en Ver�nderungen, nein. Alles geht seinen Gang. Charlotte bekam ihr
Stipendium f�r Roedean, was uns sehr gefreut hat.�</p><p>�Oh, gut.�</p><p>�Und Ihre
Frau, gesund und bl�hend und so weiter?� Auch seine Ausdrucksweise war
jungenhaft.</p><p>�Wie eine
Rose, vielen Dank�, sagte Smiley in dem ritterlichen Bem�hen, in gleicher
Tonart zu antworten.</p><p>Sie
hielten die Augen auf die Doppelt�r gerichtet. In weiter Ferne h�rten sie das Klappern
von Schritten auf einem Fliesenboden. Smiley sch�tzte zwei Leute, beides
M�nner. Die T�r ging auf, und eine gro�e Gestalt tauchte im Gegenlicht halb als
Schattenbild auf. Den Bruchteil einer Sekunde lang erblickte Smiley dahinter
einen zweiten Mann, dunkel und klein und aufmerksam; aber nur der erste betrat
den Raum, und sofort schlossen unsichtbare H�nde die T�rfl�gel wieder.</p><p>�Bitte,
schlie�en Sie uns ein�, rief Lacon, und sie h�rten das Schnappen des
Schl�ssels. �Sie kennen Smiley, nicht wahr?�</p><p>�Ja, ich
glaube�, sagte die Gestalt, w�hrend sie sich auf den langen Weg aus dem fernen
Halbdunkel bis zu den drei anderen machte. �Ich glaube, er hat mir einmal einen
Job gegeben, oder, Mr. Smiley?�</p><p>Seine
Stimme war so sanft wie der Singsang eines S�dstaatlers, aber der koloniale
Akzent war nicht zu �berh�ren. �Tarr, Sir, Ricki Tarr aus Penang.�</p><p>Das
Flackern des Feuerscheins erhellte eine Seite des starren L�chelns und lie�
das eine Auge wie ein Loch erscheinen. �Der Anwaltssohn, wissen Sie nicht mehr?
Na aber, Mr. Smiley, Sie haben mir schon die Windeln gewechselt.�</p><p>Und dann
standen sie l�cherlicherweise alle vier aufrecht, und Guillam und Lacon sahen
aus wie Taufpaten, w�hrend Tarr Smileys Hand sch�ttelte, dann nochmals, dann
ein drittes Mal, wie f�r die Fotografen.</p><p>�Sehr
erfreut, Mr. Smiley. Wirklich nett, Sie zu sehen, Sir.� Endlich lie� er Smileys
Hand los und nahm Kurs auf den f�r ihn reservierten Stuhl, w�hrend Smiley
dachte: Ja, bei Ricki Tarr w�re es m�glich gewesen. Bei Ricki Tarr war einfach
alles m�glich. Mein Gott, dachte er, noch vor zwei Stunden habe ich mir eingeredet,
ich w�rde mich in die Vergangenheit fl�chten. Er war durstig und vermutete, es
komme von der Furcht.</p><p>Vor zehn?
Vor zw�lf Jahren? Sein Zeitgef�hl war in dieser Nacht nicht auf der H�he.
Damals hatte es zu Smileys Aufgaben geh�rt, die Rekruten zu sieben: keiner
wurde genommen ohne sein Nicken, keiner ausgebildet ohne seine Unterschrift auf
dem Lehrplan. Der Kalte Krieg lief auf Hochtouren, Skalpj�ger waren gefragt,
die Au�enstellen des Circus hatten Anweisung von Haydon, sich nach geeignetem
Material umzusehen. Steve Mackelvore aus Djakarta hatte Tarr angeworben.
Mackelvore war ein alter Profi, als Schiffsmakler getarnt, und hatte seinen
Sch�tzling gefunden, als Tarr, reizbar und betrunken, in den Docks
herumrandalierte und ein M�dchen namens Rose suchte, das ihn hatte sitzenlassen.</p><p>Nach Tarrs
eigener Darstellung hatte er mit ein paar Belgiern zusammengearbeitet, die
zwischen den Inseln und der K�ste Waffenhandel trieben. Er ha�te Belgier, und
das Waffenschieben hing ihm zum Hals heraus, und er war erbost, weil sie ihm
Rose gestohlen hatten. Nach Mackelvores Ansicht w�rde er auf Disziplin
ansprechen, und zudem war er jung genug f�r das Nahkampftraining, das die
Skalpj�ger hinter den Mauern ihres unfreundlichen Hauses in Brixton betrieben.
Nach den �blichen Erkundigungen wurde Tarr zu einer zweiten Inspektion nach
Singapur weitergereicht und dann zu einer dritten an die <emphasis>Nursery </emphasis>in
Sarratt. Hier schaltete Smiley sich ein, als Moderator bei einer Reihe von
Interviews, darunter ein paar sehr unerfreulichen. Die <emphasis>Nursery </emphasis>war das
Ausbildungslager, aber sie hatte auch Platz f�r andere Zwecke.</p><p>Tarrs
Vater, ein australischer Advokat, lebte angeblich in Penang. Die Mutter,
Provinzschauspielerin aus Surrey, war vor dem Krieg mit einer britischen
Theatertruppe nach Asien gekommen. Der Vater war, wie Smiley sich erinnerte,
missionarisch angehaucht und predigte in evangelischen Gemeindeh�usern. Die
Mutter hatte in England ein kleines Strafregister gehabt, aber Tarrs Vater
wu�te entweder nichts davon, oder es war ihm egal. Bei Kriegsausbruch
�bersiedelte das Paar des kleinen Jungen wegen nach Singapur, und Ricki Tarr
erhielt seine erste Ausbildung im Gef�ngnis von Changi unter japanischer Aufsicht.
In Changi predigte der Vater jedem, dessen er habhaft werden konnte, Gottes
Barmherzigkeit, und w�ren die Japse ihm nicht auf den Pelz ger�ckt, so h�tten
seine Mitgefangenen diese Aufgabe f�r sie �bernommen. Nach der Befreiung gingen
alle drei nach Penang zur�ck. Ricki nahm einen Anlauf, das Strafrecht zu
studieren, kam jedoch h�ufig damit in Konflikt, und der Vater hetzte ihm ein
paar rauhe Gottesm�nner auf den Hals, die ihm die S�nden aus der Seele pr�geln
sollten. Tarr setzte sich nach Borneo ab. Mit achtzehn war er regul�r bezahlter
Waffenschmuggler, der auf dem indonesischen Archipel Freund und Feind
belieferte, und dabei war Mackelvore auf ihn gesto�en.</p><p>Als Tarr
die <emphasis>Nursery </emphasis>absolviert hatte, war die
Malaya-Krise ausgebrochen, und er wurde erneut in den Waffenhandel eingeschleust.
So ziemlich die ersten, mit denen er zu tun bekam, waren seine alten belgischen
Freunde. Sie waren von ihren Waffenlieferungen an die Kommunisten zu sehr in
Anspruch genommen, um sich Gedanken dar�ber zu machen, wo er gesteckt hatte,
und sie waren knapp an Leuten. Tarr �bernahm ein paar Lieferungen f�r sie, um
ihre Vertr�ge platzen zu lassen, dann setzte er sie eines Nachts unter Alkohol,
erscho� vier oder f�nf von ihnen, einschlie�lich Rose, und steckte ihren Kahn
in Brand. Er trieb sich in Malaya herum und erledigte noch einige Auftr�ge,
dann wurde er nach Brixton zur�ckbeordert und f�r Sondereins�tze in Kenia
umgeschult: oder weniger vornehm ausgedr�ckt: f�r die Mau-Mau-Jagd gegen
Kopfpr�mie.</p><p>Nach Kenia
hatte Smiley ihn mehr oder weniger aus den Augen verloren, aber einige Vorf�lle
blieben ihm in Erinnerung, weil sie sich zu Skandalen h�tten auswachsen k�nnen
und Control in Kenntnis gesetzt werden mu�te. Im Jahr einundsechzig war Tarr
nach Brasilien geschickt worden, um einem R�stungsminister, dem das Wasser bis
zum Hals stand, ein massives Bestechungsangebot zu unterbreiten. Tarr ging zu
brutal vor, der Minister verlor die Nerven und informierte die Presse. Tarr
hatte einen falschen holl�ndischen Pa�, und niemand konnte sich einen Vers auf
die Geschichte machen, ausgenommen der niederl�ndische Geheimdienst, der
w�tend war. Ein Jahr darauf erpre�te - oder verheizte, wie die Skalpj�ger zu
sagen pflegten - Tarr aufgrund eines von Bill Haydon gelieferten hei�en Tips einen
polnischen Diplomaten in Spanien, der sein Herz an eine T�nzerin verloren
hatte. Die erste Lieferung war gut, Tarr erntete eine Belobigung und eine
Pr�mie. Aber als er sich eine zweite Rate holen wollte, schrieb der Pole ein
Gest�ndnis an seinen Botschafter und st�rzte sich, mit oder ohne Ermutigung,
aus dem Fenster.</p><p>In Brixton
bezeichneten sie ihn als einen Unfall-Magneten. Nach dem Ausdruck seines
unreifen aber alternden Gesichts zu schlie�en, bezeichnete ihn Guillam als
etwas weit Schlimmeres, w�hrend sie im Halbkreis um das k�mmerliche Feuer
sa�en. �Tja, dann will ich jetzt mal loslegen�, sagte Tarr unbeschwert und nahm
gel�st auf dem freien Stuhl Platz. Hinter ihm stie�en graue Speere durch die
Fensterl�den, es wurde Tag.</p><p>Ricki Tarr berichtet, was eine
russische Handelsdelegation in Hongkong alles treibt</p><p>�Es war
vor etwa einem halben Jahr�, begann Tarr. �Im April�, fauchte Guillam. �Wir
wollen uns an die genauen Daten halten, nicht wahr, auf der ganzen Linie?�</p><p>�Also es war
im April�, sagte Tarr gleichm�tig. �In Brixton war es ziemlich ruhig, ich
glaube, wir waren ungef�hr unser sechs auf Abruf. Pete Sembrini, der aus Rom
zur�ck war, Cy Vanhofer hatte soeben in Budapest einen Coup gelandet�, er
l�chelte schelmisch - �Tischtennis und Billard im Wartesaal von Brixton,
stimmt's, Mr. Guillam?�</p><p>�War die
Sauregurkenzeit.�</p><p>�Als aus
heiterem Himmel�, sagte Tarr, �eine Blitzanforderung der Au�enstelle Hongkong
eintraf.</p><p>Sie hatten
eine zweitrangige sowjetische Handelsdelegation in der Stadt, die auf
Elektroartikel f�r den Moskauer Markt Jagd machte. Einer der Delegierten machte
flei�ig die Nachtclubs unsicher. Ein gewisser Boris, Mr. Guillam hat die
Einzelheiten. Noch nichts �ber ihn in den Akten. Sie hatten ihn seit f�nf Tagen
unter Beobachtung, die Delegation sollte noch zw�lf weitere Tage bleiben.
Politisch war der Fall zu hei� f�r die Jungens am Ort, aber sie dachten, mit
direktem Vorgehen w�re Abhilfe zu schaffen. Das Ergebnis w�rde nicht umwerfend
sein, aber was soll's? Vielleicht k�nnten wir ihn auf Vorrat kaufen, stimmt's,
Mr. Guillam?� Vorrat bedeutete Verkaufs- oder Tauschobjekt f�r andere Geheimdienste:
ein Handel mit Schmalspur-Verr�tern, der den Skalpj�gern oblag.</p><p>Guillam,
der Tarr keinerlei Beachtung schenkte, sagte: �S�dostasien war Tarrs Pfarrei.
Er sa� herum und hatte nichts zu tun, also gab ich ihm den Auftrag, sich an Ort
und Stelle umzusehen und telegrafisch zu berichten.�</p><p>Sooft ein
anderer sprach, versank Tarr in einem Traum. Sein Blick heftete sich auf den
Sprecher, seine Augen verschleierten sich, und es entstand eine Pause, als
komme er wieder zu sich, ehe er fortfuhr.</p><p>�Ich tat
also, was Mr. Guillam angeordnet hatte�, sagte er. �Wie immer, nicht wahr, Mr.
Guillam? Ich bin wirklich ein braver Junge, wenn auch ein bi�chen impulsiv.�</p><p>Er flog in
der n�chsten Nacht, Sonnabend, den 31. M�rz, mit einem australischen Pa�, der
ihn als Autoverk�ufer auswies, und zwei unbeschriebenen Schweizer Notp�ssen,
die im Futter seines Koffers versteckt waren. Es waren P�sse f�r
unvorhergesehene F�lle, die je nach Bedarf ausgef�llt wurden: einer f�r Boris,
einer f�r ihn. Er verabredete ein Treffen im Wagen mit dem Leiter der
Au�enstelle Hongkong, nicht weit von seinem Hotel, dem <emphasis>Golden
Gate </emphasis>auf Kaulun.</p><p>Hier
beugte Guillam sich zu Smiley hin�ber und fl�sterte: �Dusty Thesinger, dieser
Hanswurst. Ex-Major, <emphasis>King's African Rifles. </emphasis>Von Percy
Alleline ausgesucht.�</p><p>Thesinger
brachte einen Bericht �ber Boris' Bewegungen zum Vorschein, das Ergebnis einer
einw�chigen �berwachung: �Boris war ein komischer Vogel. Ich wu�te nicht, woran
ich bei ihm war. Nacht f�r Nacht pausenlos gezecht. Hatte eine Woche lang nicht
geschlafen, und Thesingers Observanten waren schon die Knie weich. Den ganzen
Tag trabte er mit der Delegation herum, besichtigte Fabriken, leistete
Diskussionsbeitr�ge und war ganz und gar der brillante junge Sowjetfunktion�r.
�Wie jung?� fragte Smiley.</p><p>Guillam
warf ein: �Laut Visa-Antrag geboren in Minsk, 1946.�</p><p>�Abend f�r
Abend ging er zun�chst ins <emphasis>Alexandra Lodge, </emphasis>eine alte
Spelunke am North Point, wo die Delegation abgestiegen war. Er a� mit der
Mannschaft, dann, gegen neun, verdr�ckte er sich durch die Seitent�r, schnappte
sich ein Taxi und ab ging's zu den bekannten Nachtlokalen um die Peddar Street.
Sein Lieblingspl�tzchen war das <emphasis>Cat's Cradle </emphasis>in der
Queen's Road, wo er f�r die einheimischen Gesch�ftsleute Runden spendierte und
den beliebtesten Mann des Jahrhunderts markierte. Er blieb meist bis Mitternacht.
Aus dem <emphasis>Cradle </emphasis>brauste er straks zum Aberdeen
Harbour, in ein Lokal namens <emphasis>Angelika, </emphasis>wo die Getr�nke
billiger sind. Allein. Dort drau�en sind vor allem schwimmende Restaurants und
die dicken Brieftaschen, aber das <emphasis>Angelika </emphasis>ist ein
Cafe auf dem Festland mit einem Spielzimmer im Keller. Er nahm meist drei, vier
Drinks zu sich und verwahrte die Rechnung. Im allgemeinen trank er Brandy, aber
dann und wann auch zur Abwechslung einen Wodka. Einmal hat er mit einer Eurasierin
angeb�ndelt, und Thesingers Observanten sind ihr nach und haben die Story
gekauft. Sie sagt, er sei einsam gewesen und habe auf dem Bett gesessen und
gejammert, da� seine Frau sein Genie nicht zu sch�tzen wisse. Das war ein
echter Durchbruch�, f�gte er sarkastisch hinzu, als Lacon sich ger�uschvoll
�ber das k�rgliche Feuer hermachte und die einzelnen Kohlen zu neuem Leben
sch�rte. �In dieser Nacht bin ich zum <emphasis>Cradle, </emphasis>um ihn mir
selber anzuschauen. Thesingers Observanten wurden mit einem Glas Milch zu Bett
geschickt. Sie brauchten davon nichts zu wissen.�</p><p>W�hrend
Tarr sprach, �berkam seinen ganzen K�rper manchmal eine v�llige
Bewegungslosigkeit, als lauschte er auf seine eigene Stimme, die ihm auf Band
vorgespielt wurde.</p><p>�Er kam
zehn Minuten nach mir an und brachte sich Gesellschaft mit, einen gro�en
blonden Schweden mit einer Chinesenbiene im Schlepptau. Es war dunkel, und ich
schob mich hinter den Nebentisch. Sie bestellten Scotch, Boris bezahlte, und
ich sa� anderthalb Meter entfernt, beobachtete die lausige Kapelle und
belauschte ihre Unterhaltung. Die junge Chinesin verhielt sich schweigsam, der
Schwede bestritt den Gro�teil des Gespr�chs. Sie sprachen englisch. Der Schwede
fragte Boris, wo er wohne, und Boris sagte, im <emphasis>Excelsior,
</emphasis>was eine verdammte L�ge war, denn er wohnte mit dem �brigen
Kirchenchor im <emphasis>Alexandra Lodge. </emphasis>Klar: das <emphasis>Alexandra </emphasis>steht
recht weit unten auf der Liste. <emphasis>Excelsior </emphasis>klingt
besser. Gegen Mitternacht bricht die Gesellschaft auf. Boris sagt, er mu� nach
Hause, und morgen ist ein arbeitsreicher Tag. Das war die zweite L�ge, denn er
ging so wenig nach Hause, wie - welcher ist es doch gleich, Jekyll und Hyde,
richtig! - der ehrenwerte Doktor, der sich in Schale wirft und auf den Schwoof
geht. Also welcher war Boris?� Zun�chst half ihm keiner.</p><p>�Hyde�,
wiederholte Lacon zu seinen rotgeschrubbten H�nden. Er sa� jetzt wieder und
hatte sie im Scho� gefaltet. �Hyde�, wiederholte Tarr. �Vielen Dank, Mr. Lacon.
Ich wu�te immer schon, da� Sie ein gebildeter Mann sind. Sie begleichen also
die Rechnung, und ich troll mich runter nach Aberdeen, um schon vor ihm da zu
sein, wenn er im <emphasis>Angelika </emphasis>anr�ckt. Aber ich bin jetzt schon
fast �berzeugt, da� ich an der falschen Adresse bin.�</p><p>An seinen
trockenen langen Fingern z�hlte Tarr gewissenhaft die Gr�nde auf: erstens, er
hatte noch nie eine sowjetische Delegation gesehen ohne ein paar Gorillas,
deren Aufgabe es war, die Jungens von den Fleischt�pfen fernzuhalten. Also, wie
ging Boris ihnen Nacht f�r Nacht durch die Lappen? Zweitens gefiel ihm die Art
nicht, wie Boris mit seinen Devisen herumwarf. Das war unnat�rlich bei einem
Sowjetfunktion�r, behauptete er: �Er hat einfach keine verdammten Devisen. Und
wenn er welche hat, kauft er Glasperlen f�r seine Squaw. Und drittens, es
gefiel mir nicht, wie er log. Zu glattz�ngig, um seri�s zu sein.� Tarr wartete
also im <emphasis>Angelika, </emphasis>und tats�chlich tauchte nach einer
halben Stunde sein Mr. Hyde mutterseelenallein auf: �Er setzt sich und bestellt
sich zu trinken. Sitzt nur da und trinkt wie so ein Mauerbl�mchen!�</p><p>Wiederum
war Smiley der Empf�nger von Tarrs sonnigem Charme: �Also was soll das Ganze,
Mr. Smiley? Sie wissen, was ich meine? Ich habe ein Auge f�r die <emphasis>kleinen </emphasis>Dinge�,
gestand er, noch immer zu Smiley gewandt. �Zum Beispiel, wie er sa�. Glauben
Sie mir, Sir, wenn wir selber dort gewesen w�ren, wir h�tten uns nicht
g�nstiger setzen k�nnen als Boris. Er hatte die Ausg�nge und die Treppe im
Auge, �berblickte den Haupteingang und alles, was im Lokal vorging, er war
Rechtsh�nder und hatte linker Hand Deckung durch eine Wand. Boris war ein
Profi, Mr. Smiley, daran war �berhaupt nicht zu zweifeln. Er wartete auf eine
Verbindung, betreute einen Briefkasten, oder er hat absichtlich auf die Pauke
gehauen und auf einen Gegenzug von einem T�lpel wie mir gewartet. Und h�ren
Sie: einen kleinen Pinscher von einer Handelsdelegation zu verheizen, ist eine
Sache. Aber sich mit einem vollausgebildeten Nahkampfspezialisten anzulegen,
ist eine ganz andere, stimmt's Mr. Guillam?� Guillam sagte: �Seit der
Umorganisierung haben die Skalpj�ger nicht mehr den Auftrag, Doppelagenten zu
fangen. Sie m�ssen unverz�glich an London Station weitergereicht werden. Die
Jungens haben stehende Order, sie ist von Bill Haydon pers�nlich
unterzeichnet. Wenn es nur im geringsten nach der Gegenseite riecht: H�nde
weg.� Er f�gte, vielleicht nur f�r Smileys Ohr hinzu: �Der Lateralismus hat
unserer Autonomie den Garaus gemacht.�</p><p>�Und ich
habe schon fr�her mit Doppel-Doppelspielern zu tun gehabt�, bekannte Tarr im
Tonfall der gekr�nkten Tugend. �Glauben Sie mir, Mr. Smiley, sie sind ein
Natterngez�cht.�</p><p>�Das
glaube ich Ihnen�, sagte Smiley und r�ckte affektiert an seiner Brille.</p><p>Tarr
telegrafierte an Guillam �kein Verkauf�, buchte einen R�ckflug und ging
einkaufen. Aber, da seine Maschine erst am Dienstag abging, dachte er, er k�nne
inzwischen noch, blo� um sein Fahrgeld zu verdienen, in Boris' Zimmer
einbrechen. �Das <emphasis>Alexandra </emphasis>ist eine ganz bauf�llige Bude, Mr.
Smiley, in der N�he der Marble Road, lauter Holzbalkone �bereinander. Und die
Schl�sser, also Sir, die gehen von alleine auf, wenn sie einen nur kommen
sehen.�</p><p>Daher
stand Tarr nach k�rzester Zeit in Boris' Zimmer, mit dem R�cken zur T�r, und
wartete, bis seine Augen sich an die Dunkelheit gew�hnten. Er stand noch immer
dort, als ihn eine Frauenstimme schl�frig auf russisch vom Bett her anredete.
�Es war Boris' Frau�, erkl�rte Tarr. �Sie weinte. Ich nenne sie einfach Irina,
ja? Mr. Guillam hat alle Einzelheiten.� Smiley meldete bereits Einspruch an:
�Frau war unm�glich�, sagte er. �Moskau h�tte sie niemals beide gleichzeitig
aus Ru�land herausgelassen, sie h�tten einen behalten und den anderen
fortgeschickt.�</p><p>�Ehe nach
dem Gewohnheitsrecht�, sagte Guillam trocken. �Inoffiziell, aber dauerhaft.�</p><p>�Es gibt
heutzutage viele, die's auf die andere Tour machen�, sagte Tarr mit gemeinem
Grinsen zu niemandem im besonderen und schon gar nicht zu Smiley, und Guillam
warf ihm einen weiteren giftigen Blick zu.</p><p>Ricki Tarr erz�hlt, wie er einen
sch�chternen Fu� ins Land der Liebe setzte</p><p>Vom ersten
Augenblick der Besprechung an hatte George Smiley eine undurchdringliche
Buddha-Pose eingenommen, aus der ihn weder Tarrs Bericht noch Lacons und
Guillams gelegentliche Zwischenbemerkungen aufzur�tteln vermochten. Er sa�
zur�ckgelehnt, die kurzen Beine angewinkelt, den Kopf vorgereckt und die
plumpen H�nde vor dem ausladenden Magen gefaltet. Die Augen unter den
�berh�ngenden Lidern hatten sich hinter den dicken Brillengl�sern geschlossen.
Als einziges Zeichen von Unruhe polierte er von Zeit zu Zeit seine Brille am
Seidenfutter der Krawatte, und sooft er das tat, hatten seine Augen einen
verquollenen, nackten Blick, der jeden, der ihn in diesem Moment beobachtete,
in leichte Verlegenheit setzte. Sein Einwand jedoch und der gek�nstelte,
nichtssagende Laut, den er auf Guillams Erkl�rung hin ausgesto�en hatte,
wirkten nun auf die �brige Versammlung wie ein Signal und veranla�te
allgemeines St�hlescharren und R�uspern. Lacon meldete sich als erster:
�George, was trinken Sie? Darf ich Ihnen einen Scotch geben oder sonstwas?� Er
bot den Drink so f�rsorglich an wie ein Aspirin gegen Kopfschmerz. �George,
einen zum Aufw�rmen, ja? Es ist schlie�lich Winter. Ein Schl�ckchen?�</p><p>�Ich bin
ganz zufrieden, danke�, sagte Smiley. Er h�tte gern eine Tasse Kaffee aus der
Maschine gehabt, aber irgendwie f�hlte er sich au�erstande, darum zu bitten.
Au�erdem erinnerte er sich, da� Lacons Kaffee abscheulich war. �Guillam?�
wandte Lacon sich an den n�chsten. Nein; auch Guillam fand es unm�glich, von
Lacon ein alkoholisches Getr�nk anzunehmen.</p><p>Tarr wurde
nichts angeboten, und er fuhr in seiner Berichterstattung fort.</p><p>Er habe
Irinas Anwesenheit gefa�t hingenomnen, sagte er. Ehe er ins Haus ging, hatte er
sich einen Fluchtweg zurechtgelegt, und jetzt schritt er zur Tat. Er zog keine
Kanone oder schlug sie mit der Hand auf den Mund oder dergleichen Humbug, wie
er sich ausdr�ckte, sondern sagte, er sei gekommen, um mit Boris eine
Privatangelegenheit zu besprechen, sie solle entschuldigen, aber er werde
verdammt noch mal solange hier sitzenbleiben, bis Boris auftauche. In gutem
Australisch, wie es einem erz�rnten Autoverk�ufer von dort unten anstand,
erkl�rte er, er wolle sich zwar nicht in andrer Leute Angelegenheiten
einmischen, aber er wolle verdammt sein, wenn er sich in einer einzigen Nacht
sein M�del und sein Geld stehlen lasse, von einem lausigen Russen, der f�r
seinen Spa� nicht zahlen k�nne. Er steigerte sich in gro�e Erbitterung, achtete
jedoch darauf, leise zu sprechen, und dann wartete er, was sie tun w�rde. Und
damit, sagte Tarr, fing die ganze Geschichte an. Er hatte Boris' Zimmer um elf
Uhr drei�ig betreten. Er ging um halb zwei, mit dem Versprechen, in der
n�chsten Nacht wiederzukommen. Inzwischen hatte die Situation sich v�llig
gewandelt: �Wir haben nat�rlich nichts Ungeh�riges getan. Nur rein platonisch,
ja, Mr. Smiley?�</p><p>Einen
Augenblick schien es, als spielte dieses Gebl�del auf Smileys kostbarste
Geheimnisse an. �Ja�, best�tigte er schwach.</p><p>An Irinas
Anwesenheit in Hongkong war nichts Ausgefallenes, und es war nicht einzusehen,
da� Thesinger davon wissen mu�te, erkl�rte Tarr. Sie war gelernte
Textilverk�uferin: �Nebenbei, sie war bedeutend f�higer als ihr Alter, wenn ich
ihn so nennen darf. Sie war keine Sch�nheit, ein bi�chen blaustr�mpfig f�r
meinen Geschmack, aber sie war jung, und ihr L�cheln reizend, als sie zu weinen
aufh�rte.� Tarr malte ein Genrebildchen. �Sie war ein nettes M�dchen�, betonte
er, als m�sse er sie gegen eine Mehrheit verteidigen. �Als Mr. Thomas aus
Adelaide in ihr Leben trat, war sie v�llig am Ende vor Sorgen, was sie mit dem
verteufelten Boris anfangen sollte. F�r sie war ich der Engel Gabriel. Wem
konnte sie von ihrem Mann erz�hlen, ohne damit die Hunde auf ihn zu hetzen? Sie
hatte in der Delegation keine Freunde, auch zu Hause in Moskau hatte sie
niemanden, dem sie vertrauen konnte, sagte sie. Niemand, der das nicht selber
mitgemacht habe, k�nne je wissen, was es bedeute, eine zerbrochene Verbindung
weiterzuf�hren, wenn man st�ndig unterwegs sei.� Smiley war wieder in tiefe
Trance verfallen. �Ein Hotel nach dem anderen, eine Stadt nach der anderen, und
nirgends d�rfe man auch nur unbefangen mit den Einheimischen sprechen oder von
einem Fremden ein L�cheln entgegennehmen, so hat sie ihr Leben beschrieben. Sie
fand das einen recht erb�rmlichen Zustand, Mr. Smiley, wof�r Gott und alle
Heiligen und die leere Wodkaflasche neben dem Bett als Zeugen herhalten mu�ten.
Warum konnte sie nicht sein wie normale Menschen? fragte sie immer wieder.
Warum konnte sie sich nicht der lieben Sonne freuen, wie alle anderen? Sie liebte
Reisen, sie liebte fremde Kinder, warum konnte sie nicht ein eigenes haben?
Ein Kind, das in der Freiheit zur Welt kam, nicht in der Gefangenschaft. Sie
wiederholte st�ndig: In der Gefangenschaft geboren, freigeboren. &gt;Ich bin
ein fr�hlicher Mensch, Thomas. Ich bin ein normales, umg�ngliches M�dchen. Ich
mag die Menschen: warum mu� ich sie betr�gen, wenn ich sie liebe?&lt; Und dann
sagte sie, zu ihrem Ungl�ck habe man sie schon vor langer Zeit f�r eine Arbeit
bestimmt, die eine gef�hllose alte Frau aus ihr mache und sie von Gott trenne.
Deshalb habe sie auch einen Schluck trinken m�ssen und sich ausweinen m�ssen.
Ihren Mann hatte sie inzwischen ganz vergessen, sie rechtfertigte sich nur noch
f�r ihren Suff.�</p><p>Wieder
z�gerte er. �Ich konnte es wittern, Mr. Smiley. Sie war Gold wert. Hab's vom
ersten Moment an gewittert. Wissen ist Macht, hei�t es, Sir, und Irina hatte
diese Macht, genauso wie sie die F�higkeiten dazu hatte. Sie war vielleicht ein
verr�cktes Huhn, aber dennoch - sie konnte ganz und gar in einer Sache
aufgehen. Ich kann die Gro�z�gigkeit in einer Frau sp�ren, wenn sie vorhanden
ist, Mr. Smiley. Daf�r bin ich begabt. Und diese Frau war ganz und gar von
Gro�z�gigkeit durchdrungen. Herrje, wie soll man so ein Gesp�r beschreiben? Manche
Leute k�nnen Wasser unterm Boden riechen . . .�</p><p>Er schien
irgendeine Sympathiekundgebung zu erwarten, also sagte Smiley: �Ich verstehe�
und zupfte sich am Ohrl�ppchen. Tarr beobachtete ihn mit einem seltsam
erwartungsvollen Gesichtsausdruck und schwieg noch eine ganze Weile. �Am n�chsten
Morgen machte ich als erstes die Buchung r�ckg�ngig und zog in ein anderes
Hotel�, sagte er schlie�lich. Smiley �ffnete abrupt die Augen: �Was haben Sie
London gesagt?�</p><p>�Nichts.�</p><p>�Warum
nicht.�</p><p>�Vielleicht,
weil ich glaubte, Mr. Guillam w�rde sagen, &gt;Kommen Sie heim, Tarr&lt;�,
antwortete er mit einem schlauen Blick auf Guillam, der nicht erwidert wurde.
�Wissen Sie, vor langer Zeit, als kleiner Junge, habe ich einmal einen Fehler
gemacht und bin auf ein Lockv�glein reingefallen.�</p><p>�Er hat
sich von einer Polin zum Narren halten lassen�, sagte Guillam. <emphasis>�Ihre </emphasis>Gro�z�gigkeit
hat er auch gesp�rt.�</p><p>�Ich
wu�te, da� Irina kein Lockvogel war, aber ich konnte nicht erwarten, da� Mr.
Guillam mir glauben w�rde.�</p><p>�Haben Sie
es Thesinger erz�hlt?�</p><p>�Kein
Gedanke!�</p><p>�Welchen
Grund haben Sie London f�r Ihre Versp�tung angegeben?�</p><p>�Ich h�tte
am Donnerstag abfliegen sollen. Ich sch�tzte, da� mich zu Hause niemand vor
Dienstag vermissen w�rde. Zumal, da Boris eine taube Nu� war.�</p><p>�Er hatte
keinen Grund angegeben, und die Personalabteilung f�hrte ihn ab Montag unter
&gt;Unentschuldigtes Fehlen&lt;�, sagte Guillam schroff. �Er hat s�mtliche
eisernen Regeln gebrochen, und noch ein paar dazu. Mitte der Woche r�hrte sogar
Bill Haydon die Kriegstrommeln. Und ich mu�te es mir anh�ren�, f�gte er
erbittert hinzu.</p><p>Wie dem
auch gewesen sein mochte, Tarr und Irina trafen sich am n�chsten Abend wieder.
Desgleichen am �bern�chsten. Das erste Rendezvous fand in einem Cafe statt und
war eine lahme Sache. Sie mu�ten sich schrecklich in acht nehmen, nicht gesehen
zu werden, denn Irina war ganz krank vor Angst, nicht nur vor ihrem Mann,
sondern vor den auf die Delegation angesetzten Sicherheitsbeamten, den
Gorillas, wie Tarr sie nannte. Sie wollte nichts trinken und zitterte dauernd.
Am zweiten Abend wartete Tarr immer noch auf ihre Gro�z�gigkeit. Sie fuhren mit
der Tram hinauf zum Victoria Peak, eingekeilt zwischen amerikanischen Matronen
mit wei�en S�ckchen und Lidschatten. Am dritten mietete er einen Wagen und fuhr
sie in den New Territories herum, bis sie pl�tzlich das Zittern kriegte, weil
sie so nah an der chinesischen Grenze waren, also mu�ten sie schleunigst kehrtmachen.
Trotz alledem hatte die Fahrt ihr Spa� gemacht und sie sprach oft davon, wie
sch�n es gewesen sei, die Fischteiche und die Reisfelder. Tarr hatte es auch
Spa� gemacht, denn jetzt wu�ten sie beide, da� sie nicht beschattet wurden.
Aber Irina hatte immer noch nicht ausgepackt, wie er es ausdr�ckte.</p><p>�Und jetzt
will ich Ihnen sagen, was sich bei diesem Stand der Dinge Komisches
herausgestellt hat. Anfangs habe ich Thomas von Australien �berstrapaziert.
Hab' ihr eine Menge blauen Dunst vorgemacht �ber eine Schafzucht in der
Umgebung von Adelaide und einen eigenen Laden in der Hauptstra�e mit Glasfront
und Thomas als Star. Sie glaubte mir nicht. Sie nickte und tat als ob und
wartete, bis ich mein St�ckchen aufgesagt hatte, dann sagte sie &gt;Ja, Thomas,
nein, Thomas &lt; und wechselte das Thema.� Am vierten Abend fuhr er sie zu den
H�geln �ber North Shore, und Irina gestand Tarr, da� sie sich in ihn verliebt
habe und da� sie f�r die Zentrale in Moskau arbeite, sie und ihr Mann, und da�
sie wisse, da� auch Tarr vom Bau sei, das sehe sie an seiner Umsicht und an
der Art, wie er mit den Augen lausche. �Sie war zu dem Schlu� gekommen, ich sei
ein britischer Oberst vom Geheimdienst�, sagte Tarr ohne eine Spur von L�cheln.
�Sie weinte und lachte im n�chsten Moment, und meiner Meinung nach war sie auf
dem besten Weg, meschugge zu werden. Halb redete sie wie eine �bergeschnappte
Groschenheft-Heldin, halb wie ein nettes einfaches Vorstadtm�dchen. Kein Volk
liebte sie so wie die Engl�nder. Gentlemen, sagte sie immer wieder. Ich hatte
ihr eine Flasche Wodka mitgebracht, und sie hatte sie in ungef�hr f�nfzehn Sekunden
halb ausgetrunken. Ein Hoch auf die englischen Gentlemen. Boris war der Vormann
und Irina seine Assistentin. Es war eine Partner-Nummer, und eines Tages wollte
sie mit Percy Alleline sprechen und ihm ein gro�es Geheimnis ins Ohr sagen. Sie
kannte die gro�en Tiere des Circus, wie ein Junge seine Fu�ball-Kanonen kennt.
Boris war auf Fischfang nach Gesch�ftsleuten in Hongkong und betreute nebenbei
einen Briefkasten f�r die dortige sowjetische Dienststelle. Irina erledigte
G�nge, entzifferte die Mikro-Punkt-Informationen und funkte die abgehenden
Nachrichten in �berh�hter Geschwindigkeit, damit sie nicht abgeh�rt werden
konnten. So las es sich auf dem Papier, verstehen Sie? Die beiden Nachtclubs
waren Treffpunkte f�r Boris' lokale Verbindungen. Aber Boris wollte weiter
nichts als trinken und den Tanzm�dchen nachstellen und Depressionen haben. Oder
f�nfst�ndige Spazierg�nge unternehmen, weil er es nicht im gleichen Zimmer mit
seiner Frau aushielt. Und Irina tat nichts anderes als heulen und sich vollaufen
lassen und sich ausmalen, wie sie allein mit Percy am Kamin sa� und ihm alles
erz�hlte, was sie wu�te. Ich lie� sie sich aussprechen, dort oben auf dem
H�gel im Wagen. Ich habe keinen Mucks getan, weil ich den Zauber nicht brechen
wollte. Wir sahen zu, wie die D�mmerung sich �ber den Hafen senkte und der
liebliche Mond dar�ber aufging und die Bauern mit ihren langen Stangen und
ihren Kerosinlampen vor�berglitten. Fehlte nur noch Humphrey Bogart im Smoking.
Ich hielt die Wodkaflasche unter Verschlu� und lie� sie reden. Ich regte keinen
Muskel. Tatsache, Mr. Smiley, Tatsache�, erkl�rte er mit der Hilflosigkeit
eines Mannes, der um Glauben bettelt, aber Smileys Augen waren geschlossen und
er war taub gegen jeden Anruf.</p><p>�Sie
packte hemmungslos aus�, erkl�rte Tarr, als w�re das Ganze pl�tzlich ein
Zufall, an dem er keinen Anteil hatte. �Sie erz�hlte mir ihre ganze
Lebensgeschichte, von ihrer Geburt bis zu Oberst Thomas, das bin ich. Mammi,
Pappi, erste Lieben, Anwerbung, Ausbildung, ihre lausige Halb-Ehe, alles von A
bis Z. Wie sie und Boris als Partner-Nummer ausgebildet wurden und seither
immer beisammen gewesen waren: eine der gro�en unzerst�rbaren Beziehungen. Sie
verriet mir ihren richtigen Namen, ihren Arbeitsnamen und die Decknamen, unter
denen sie gereist war und Nachrichten �bermittelt hatte, dann brachte sie ihre
Handtasche zum Vorschein und zeigte mir ihr Zauberwerkzeug: den hohlen F�llhalter,
darin aufgerollt die Codetabelle. Versteckte Kamera, den ganzen Klimbim.
&gt;Warte, bis Percy das sieht�, sage ich und lotse sie damit weiter. Alles
Serienherstellung, wissen Sie, keine Spezialanfertigung, aber trotzdem
erstklassiges Material. Und um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, f�ngt sie an,
�ber die sowjetische Au�enorganisation in Hongkong zu l�stern: die Kuriere, die
sicheren H�user&lt;, die Briefk�sten, rein alles. Ich bin fast verr�ckt
geworden, als ich es nachher wieder zusammenkriegen wollte.�</p><p>�Aber Sie
haben's geschafft�, sagte Guillam kurz. Ja, best�tigte Tarr; so ziemlich. Er
wu�te, da� sie ihm nicht die volle Wahrheit gesagt hatte, aber er wu�te, wie
schwer die Wahrheit einer Frau fallen mu�te, die seit ihrem f�nfzehnten Jahr
unter falschem Namen gelebt hatte, und er fand, da� sie es f�r den Anfang
schon recht nett machte.</p><p>�Ich
f�hlte sozusagen mit ihr�, sagte er, wiederum in seinem verlogenen
Bekennerton. �Ich f�hlte, da� wir auf der gleichen Wellenl�nge waren,
ungelogen.�</p><p>�Bestimmt�,
lie� Lacon sich ausnahmsweise vernehmen. Er war sehr bla�, aber ob der �rger
daran schuld war oder das st�ndig heller werdende Licht des fr�hen Morgens, das
durch die L�den kroch, lie� sich nicht sagen.</p><p>Ricki Tarr enth�llt seine
Methoden, London Station h�llt sich in Schweigen</p><p>�Nun war
ich in einer vertrackten Situation. Ich sah Irina am n�chsten und �bern�chsten
Tag, und ich sch�tzte, wenn sie nicht �berhaupt schon schizoid war, so w�rde
sie es verdammt bald werden. Im Augenblick faselte sie davon, da� sie von Percy
einen Job im Circus kriegte und f�r Oberst Thomas arbeitete, brach dann einen
Streit mit mir vom Zaun, ob sie Leutnant oder Major werden w�rde. Im n�chsten
Augenblick sagte sie, sie wolle nie wieder f�r irgend jemanden spionieren und
werde Blumen z�chten und sich mit Thomas im Heu tummeln. Dann kriegte sie die
Klostertour: Baptistennonnen w�rden ihre Seele reinwaschen. Ich bin fast
gestorben. Wer zum Teufel hat jemals von Baptistennonnen geh�rt, fragte ich
sie. Egal, sagte sie, die Baptisten seien die Wucht, ihre Mutter sei B�uerin
und kenne sich aus. Das sei das zweitgr��te Geheimnis, das sie mir jemals
anvertrauen werde. &gt;Und was ist dann das gr��te?&lt; frage ich. Fehlanzeige.
Sie sagt lediglich, wir seien in t�dlicher Gefahr, in gr��erer Gefahr, als ich
wissen k�nne: keiner von uns h�tte noch die geringste Chance, es sei denn, sie
k�nne dieses Schw�tzchen mit Bruder Percy halten. &gt;Was f�r eine Gefahr, um
Gottes willen? Was wei�t du, was ich nicht wei�?&lt; Sie war wahnsinnig stolz
auf ihr Wissen, aber als ich sie dr�ngte, klappte sie zu wie eine Auster, und
ich bekam h�llische Angst, sie k�nnte heimsausen und alles br�hwarm Boris erz�hlen.
Au�erdem wurde die Zeit knapp. Es war schon Mittwoch, und die Delegation sollte
am Freitag nach Moskau zur�ckfliegen. Irina war technisch gesehen nicht ganz
ohne, aber wie konnte ich einer Irren wie ihr vertrauen? Sie wissen, wie Frauen
sind, wenn sie sich verlieben, Mr. Smiley. Sie k�nnen kaum . . .� Guillam war
ihm ins Wort gefallen. �Bleiben Sie gef�lligst beim Thema, ja?� befahl er, und
Tarr schwieg eine kleine Weile. �Mit Sicherheit wu�te ich nur, da� Irina �berlaufen
wollte - mit Percy sprechen, nannte sie es -, sie hatte noch drei Tage Zeit,
und je eher sie absprang, um so besser f�r alle. Wenn ich noch lange wartete,
w�rde sie es sich wieder ausreden. Also riskierte ich es und suchte Thesinger
auf, sofort, nachdem er seinen Laden aufgemacht hatte.�</p><p>�Mittwoch,
der elfte�, murmelte Smiley. �In London ganz fr�h am Morgen.�</p><p>�Thesinger
mu� mich f�r ein Gespenst gehalten haben. &gt;Ich mu� nach London
telegrafieren, pers�nlich f�r den Leiter von London Station&lt;, sagte ich. Er
wehrte sich mit H�nden und F��en, aber er lie� mich dann doch. Ich setzte mich
an seinen Schreibtisch und verschl�sselte selber die Botschaft nach einem
alten Code, w�hrend Thesinger mir zusah wie ein kranker Hund. Wir mu�ten das
Ganze auf Handelscode zurechtstutzen, denn Thesingers Tarnung war das
Exportgesch�ft. Das dauerte nochmals eine halbe Stunde. Ich war v�llig fertig,
wirklich. Dann verbrannte ich den verdammten Code und tippte die Nachricht in
den Apparat. Au�er mir wu�te damals kein Mensch auf der Welt, was die Zahlen
auf diesem Blatt Papier bedeuteten, auch Thesinger nicht. Ich forderte volles �berl�uferverfahren
f�r Irina an, Schnellverfahren. Ich erbat alle die Verg�nstigungen, von denen
sie nicht einmal gesprochen hatte: Bargeld, Pa�, neue Identit�t, kein Rampenlicht
und einen Ort zum Leben. Schlie�lich war ich gewisserma�en ihr Sachwalter,
nicht wahr, Mr. Smiley?�</p><p>Smiley
blickte auf, als �berraschte ihn die Anrede. �Ja�, sagte er ganz freundlich,
�ja, ich nehme an, das waren Sie, gewisserma�en.�</p><p>�Und
au�erdem war er auch real beteiligt, wie ich ihn kenne�, sagte Guillam leise.</p><p>Tarr hatte
es aufgeschnappt oder erraten und wurde w�tend. �Das ist eine verdammte L�ge!�
schrie er und wurde krebsrot. �Das ist eine . . .� Nachdem er Guillam
ha�erf�llt angestarrt hatte, kehrte er zu seiner Erz�hlung zur�ck.</p><p>�Ich umri�
ihre Laufbahn bis dato und wo sie Zugang gehabt hatte, einschlie�lich ihrer
Auftr�ge von der Zentrale. Ich bat um Inquisitoren und eine Milit�rmaschine.
Sie glaubte, ich h�tte um eine pers�nliche Unterredung mit Percy Alleline auf
neutralem Boden gebeten, aber ich fand, diese H�rde sollten wir erst nehmen,
wenn wir auf der anderen Seite w�ren. Ich schlug vor, sie sollten ein paar von
Esterhases Aufkl�rern vorschicken, die sich um sie k�mmern k�nnten, dazu
vielleicht einen von unseren �rzten.�</p><p>�Warum die
Aufkl�rer?� fragte Smiley scharf. �Sie sind nicht autorisiert, �berl�ufer zu
betreuen.�</p><p>Die
Aufkl�rer waren Toby Esterhases Meute und nicht in Brixton stationiert, sondern
in Acton. Sie hatten die Hilfsdienste bei Gro�aktionen zu leisten: Beschatten,
Abh�ren, Transport und �sichere H�user�.</p><p>�Ja, Toby
hat's seit Ihrer Zeit ein St�ck weitergebracht, Mr. Smiley�, erkl�rte Tarr.
�Ich habe geh�rt, da� seine Pflastertreter jetzt sogar in Cadillacs rumfahren.
Und stehlen den Skalpj�gern das Brot vom Mund weg, wenn sie Gelegenheit dazu
kriegen, stimmt's, Mr. Guillam?�</p><p>�Sie sind
die offiziellen Stra�enr�uber von London Station geworden�, sagte Guillam
kurz. �Im Zuge des Lateralismus�, f�gte er hinzu.</p><p>�Ich
sch�tzte, da� die Inquisitoren ein halbes Jahr brauchen w�rden, um sie
auszuquetschen, und aus irgendeinem Grund war sie ganz erpicht auf Schottland.
Ja, am liebsten h�tte sie dort den Rest ihres Lebens verbracht. Mit Thomas.
Unsere Babys im Brutkasten aufgezogen. Ich gab die Adresse von London Station
an, kennzeichnete es als &gt;sofort nach Empfang und nur an einen h�heren
Dienstrang zu �bermitteln&lt;.�</p><p>Guillam
warf ein: �Das ist die neue Formel f�r maximale Geheimhaltung. Soll wahrscheinlich
eine Bearbeitung in den Coder�umen ausschlie�en.�</p><p>�Aber
nicht in London Station?� sagte Smiley. �Das ist deren Sache.�</p><p>�Sie haben
vermutlich geh�rt, da� Bill Haydon den Job gekriegt hat?� sagte Lacon und fuhr
zu Smiley herum. �Chef von London Station? Er ist praktisch der Einsatzleiter,
was Percy zu Controls Zeiten war. Sie haben einfach alle Namen ausgetauscht.
Sie wissen, wie Ihre alten Kollegen in bezug auf Namen sind. Sie sollten ihn
aufkl�ren, ihn up to date bringen.�</p><p>�Oh, ich
glaube, ich bin im Bilde, vielen Dank�, sagte Smiley h�flich. Mit tr�gerischer
Vertr�umtheit erkundigte er sich bei Tarr: �Sie sprach von einem gro�en
Geheimnis, sagten Sie?�</p><p>�Ja, Sir.�</p><p>�Haben Sie
in Ihrem Telegramm nach London dar�ber eine Andeutung gemacht?�</p><p>Er hatte
an irgend etwas ger�hrt, das war nicht zu �bersehen; er hatte einen wunden
Punkt ber�hrt, denn Tarr blinzelte, warf einen argw�hnischen Blick auf Lacon,
dann auf Guillam. Lacon, der erriet, worum es ging, lie� sofort ein Dementi
los:</p><p>�Smiley
wei� nur soviel, wie Sie ihm jetzt in diesem Zimmer berichtet haben�, sagte
er. �Das stimmt doch, Guillam?� Guillam nickte best�tigend und beobachtete
Smiley.</p><p>�Ich habe
London das gleiche gesagt, was sie mir gesagt hat�, gab Tarr m�rrisch zu, wie jemand,
dem man eine besonders gute Geschichte gestohlen hat.</p><p>�In
welchen Worten, ganz genau?� fragte Smiley. �Wenn Sie sich noch an den Wortlaut
erinnern.�</p><p>&gt;�Behauptet,
weitere Informationen von h�chster Bedeutung f�r Wohl des Circus zu besitzen,
bisher ohne n�here Angaben.&lt; Jedenfalls ganz �hnlich.�</p><p>�Danke.
Haben Sie vielen Dank.� Sie warteten, bis Tarr fortfuhr.</p><p>�Ferner
ersuchte ich den Chef von London Station, Mr. Guillam zu informieren, da� ich
f�ndig geworden sei und mich nicht zum Spa� drau�en rumtriebe.�</p><p>�Ist das
geschehen?� fragte Smiley. �Mir hat niemand etwas gesagt�, sagte Guillam kalt.
�Den ganzen Tag war ich dort und habe auf Antwort gewartet, aber am Abend war
noch immer nichts da. Irina tat ihre Arbeit wie alle Tage. Darauf habe ich
bestanden, verstehen Sie. Sie wollte einen kleinen Fieberanfall simulieren und
im Bett bleiben, aber davon wollte ich nichts h�ren. Die Delegation sollte ein
paar Fabriken auf Kaulun besichtigen, und ich sagte, sie solle h�bsch mitzotteln
und intelligent dreinschauen. Sie mu�te mir schw�ren, nicht zu trinken. Ich
wollte nicht, da� sie im letzten Moment eine Schau abzog, alles sollte bis zum
Absprung normal wirken. Ich wartete bis zum Abend, dann stie� ich noch mal
nach.� Smileys verschleierter Blick heftete sich auf das blasse Gesicht vor
ihm.</p><p>�Sie
bekamen nat�rlich Best�tigung?� fragte er. �&gt;In Bearbeitung&lt;. Sonst
nichts. Ich habe die ganze verdammte Nacht wie auf Kohlen gesessen. Bei
Tagesanbruch noch immer keine Antwort. Ich dachte: vielleicht ist die
RAF-Maschine schon unterwegs. London macht's gr�ndlich, dachte ich, kn�pfen
erst s�mtliche F�den, bevor sie mir gr�nes Licht geben. Ich meine, wenn man so
weit von ihnen entfernt ist, <emphasis>mu� </emphasis>man
einfach glauben, da� sie's richtig machen. Was immer man von ihnen h�lt, daran
<emphasis>mu� </emphasis>man glauben. Und ich meine, ab und zu machen sie's
tats�chlich richtig, stimmt's, Mr. Guillam?� Niemand kam ihm zu Hilfe.</p><p>�Ich habe
mir Sorgen wegen Irina gemacht, verstehen Sie? Noch einen Tag, und sie w�rde
schlappmachen. Endlich kam die Antwort. Es war �berhaupt keine Antwort. Es war
Verz�gerungstaktik: &gt;Teilen Sie uns mit, in welchen Abteilungen sie
gearbeitet hat, die Namen fr�herer Kontakte und Bekannte innerhalb der Moskauer
Zentrale, wie ihr jetziger Bo� hei�t, Eintrittsdatum in Zentrale. &lt; Herrje,
ich wei� nicht mehr, was noch alles. Ich setzte schnell eine Antwort auf, denn
ich war f�r drei Uhr mit ihr verabredet, drunten an der Kirche . . .�</p><p>�An
welcher Kirche?� Wieder Smiley.</p><p>�Englische
Baptisten, Kennedy Road.� Zu jedermanns Erstaunen err�tete Tarr aufs neue. �Sie
ging so gern hinein. Nicht zum Gottesdienst, nur so'n bi�chen rumschnuppern.
Ich lungere am Eingang herum, aber sie kreuzt nicht auf. War das erste Mal, da�
sie eine Verabredung nicht eingehalten hat. Unser Ausweich-Treff war drei
Stunden sp�ter oben auf dem H�gel, danach jeweils zwei Minuten vor der vollen
Stunde an der Kirche, bis es klappen w�rde. Falls sie in Schwierigkeiten w�re,
w�rde sie ihren Badeanzug vors Fenster legen. Sie war eine leidenschaftliche
Schwimmerin, ging alle Tage schwimmen. Ich rase zum <emphasis>Alexandra,
</emphasis>kein Badeanzug. Ich mu�te zweieinhalb Stunden totschlagen. Ich konnte
nichts anderes mehr tun als nur warten.�</p><p>Smiley
sagte: �Welchen Vermerk hatte das Telegramm der Zentrale an Sie?�</p><p>�Dringend.�</p><p>�Aber
Ihres war ein Blitztelegramm.�</p><p>�Meine
beiden waren Blitze.�</p><p>�Trug das
Telegramm aus London eine Unterschrift?� Guillam schaltete sich ein: �Das ist
nicht mehr �blich. Au�enstehende haben immer mit London Station allgemein zu
tun.�</p><p>�Hie� es
&gt;Pers�nlich entschl�sseln?�</p><p>�Nein�,
sagte Guillam. Sie warteten, bis Tarr fortfuhr.</p><p>�Ich trieb
mich in Thesingers B�ro herum, aber dort erfreute ich mich keiner besonderen
Beliebtheit, er h�lt nichts von Skalpj�gern und er hatte eine gro�e Sache auf
dem chinesischen Festland laufen und f�rchtete offenbar, ich w�rde
dazwischenfunken.</p><p>Also
setzte ich mich in ein Cafe, und dort fiel mir ein, ich k�nnte zum Flugplatz
hinunterschauen. Es war nur ein Einfall: wie man sich sagt, &gt;eigentlich
k�nnte ich ins Kino gehen&lt;. Ich setzte mit der F�hre �ber, nahm ein Taxi und
wies den Chauffeur an, zu fahren wie der Teufel. Dann hat es sich zu einer Art
Panik ausgewachsen. Ich dr�ngte mich an der Auskunft vor und fragte nach
s�mtlichen Fl�gen nach oder aus Ru�land. Ich bin fast verr�ckt geworden,
w�hrend sie die Fluglisten durchgingen, und habe die chinesischen Clerks
angebr�llt, aber die letzte Maschine war bereits gestern gestartet, und die
n�chste ging an diesem Abend um sechs. Aber jetzt hatte mich diese Ahnung
gepackt. Ich mu�te Gewi�heit haben. Wie stand es mit Chartermaschinen, mit
au�erplanm��igen Fl�gen, Fracht-, Sondermaschinen? War seit gestern vormittag
nichts, wirklich <emphasis>gar </emphasis>nichts nach Moskau abgeflogen?
Dann r�ckt diese Kleine mit der Antwort heraus, eine der chinesischen
Hostessen. Ich gefalle ihr, verstehen Sie. Sie tut mir einen Gefallen. Eine
au�erplanm��ige Sowjetmaschine war vor zwei Stunden gestartet. Mit nur vier
Passagieren an Bord. Die Attraktion war eine kranke Frau gewesen. Eine Dame. Im
Koma. Sie mu�te auf einer Bahre zum Flugzeug gebracht werden, und ihr Gesicht
war mit Bandagen umwickelt. In ihrer Begleitung waren zwei Krankenpfleger und
ein Arzt. Das war die ganze Reisegesellschaft. Ich rief als letzte Hoffnung das
<emphasis>Alexandra </emphasis>an. Weder Irina noch ihr
sogenannter Ehemann waren offiziell abgereist, aber aus ihrem Zimmer kam keine
Antwort. Das windige Hotel wu�te nicht mal, da� sie fort waren.�</p><p>Vielleicht
hatte die Musik schon eine ganze Weile gespielt, und Smiley h�rte sie erst
jetzt. Sie drang in Fetzen aus verschiedenen Teilen des Hauses zu ihm: eine
Tonleiter auf der Fl�te, ein Kinderlied von einem Bandger�t, ein beherztes
intoniertes Geigensolo. Die zahlreichen Lacon-T�chter erwachten.</p><p>Ein
russisches Tagebuch, das allen spanisch vorkommt</p><p>�Vielleicht
war sie <emphasis>wirklich </emphasis>krank�, sagte Smiley sachlich,
mehr zu Guillam als zu einem der anderen. �Vielleicht war sie <emphasis>wirklich </emphasis>im Koma.
Vielleicht wurde sie von echten Pflegern weggebracht. Nach dem, wie sie sich
anh�rt, war sie ziemlich durchgedreht, gelinde gesagt.�</p><p>Mit einem
Seitenblick zu Tarr f�gte er hinzu: �Schlie�lich waren zwischen Ihrem ersten
Telegramm und Irinas Abflug erst vierundzwanzig Stunden vergangen. Bei diesem
knappen Timing k�nnen Sie die Schuld kaum London in die Schuhe schieben.�</p><p>�Eben
doch�, sagte Guillam und blickte zu Boden. �Es ist �u�erst knapp, aber es
funktioniert <emphasis>gerade, </emphasis>wenn jemand in London . . .� - sie
warteten alle - �wenn jemand in London Dampf dahinter macht. Und in Moskau
ebenfalls, nat�rlich.�</p><p>�Genau das
habe ich mir auch gesagt, Sir�, sagte Tarr voll Stolz in Beantwortung von
Smileys Argument, w�hrend er Guillams Einwurf ignorierte. �Meine Rede, Mr.
Smiley. Immer mit der Ruhe, Ricki, sage ich mir, wenn du nicht verdammt
aufpa�t, schie�t du noch auf Gespenster.�</p><p>�Oder aber
die Russen haben sie geschnappt�, fuhr Smiley unerbittlich fort. �Die
Beschatter haben von Ihrer Aff�re Wind gekriegt und sie aus dem Verkehr
gezogen. Es w�re ein Wunder, wenn sie es nicht rausgekriegt h�tten, so wie ihr
beide euch benommen habt.�</p><p>�Oder sie
hat es ihrem Mann gebeichtet�, gab Tarr zu bedenken. �Ein bi�chen verstehe ich
auch von Psychologie, Sir. Ich wei�, was zwischen Mann und Frau passieren kann,
wenn sie sich �berworfen haben. Sie will ihm weh tun. Um ihn zu reizen, eine
Reaktion zu provozieren, dachte ich mir. &gt;Soll ich dir sagen, was ich getan
habe, w�hrend du auf deinen Sauftouren warst? &lt; - so in dieser Art. Boris
geht auf der Stelle hin und erz�hlt's den Gorillas, sie ziehen ihr eins �ber
und schaffen sie nach Haus. Ich bin alle diese M�glichkeiten durchgegangen, Mr.
Smiley, glauben Sie mir. Ich habe sie durchgearbeitet. Ehrenwort. So wie's
jeder Mann macht, dem die Frau abhaut.�</p><p>�Wir
wollen uns auf den Bericht beschr�nken, ja?� zischte Guillam w�tend.</p><p>Na also,
sagte Tarr, er gebe zu, da� er vierundzwanzig Stunden lang den wilden Mann
gespielt habe: �Und das passiert mir nicht oft, stimmt's, Mr. Guillam?�</p><p>�Oft
genug.�</p><p>�Ich war
ziemlich angeschlagen. Frustriert, k�nnte man sagen.� Die �berzeugung, da� man
ihm mit brutaler Gewalt einen stolzen Preis vor der Nase weggeschnappt hatte,
versetzte ihn in ziellosen Zorn, der sich in einer Sauftour durch alte
Stammlokale austobte. Er ging ins <emphasis>Cat's Cradle, </emphasis>dann ins <emphasis>Angelika, </emphasis>und bis
zum Morgengrauen hatte er ein halbes Dutzend weiterer Kneipen absolviert, ganz
zu schweigen von ein paar M�dchen, die ihm dabei unterkamen. Einmal fuhr er
ans andere Ende der Stadt und wirbelte in der Nachbarschaft des <emphasis>Alexandra </emphasis>ein
bi�chen Staub auf. Er hoffte, mit diesen Sicherheits-Gorillas ins Gespr�ch zu
kommen. Als er wieder n�chtern wurde, fiel ihm Irina ein und ihr gemeinsames
Abenteuer, und er beschlo�, vor seinem Abflug nach London ihre toten
Briefk�sten aufzusuchen und nachzusehen, ob sie ihm zuf�llig noch hatte
schreiben k�nnen, ehe man sie wegbrachte. Zum Teil einfach, damit er irgend
etwas zu tun hatte. �Zum Teil habe ich wahrscheinlich den Gedanken nicht ertragen
k�nnen, da� ein Brief von ihr irgendwo in einem Mauerloch herumliegt, w�hrend
sie im Schwitzkasten sitzt�, gestand er, der verlorene Sohn, der immer wieder
heimfand. Sie hatten zwei Verstecke, wo sie Briefe f�reinander hinterlegten.
Das erste war nicht weit vom Hotel auf einer Baustelle. �Haben Sie schon mal
die Bambusger�ste gesehen, mit denen sie arbeiten? Phantastisch. Ich habe
welche gesehen, die zwanzig Stockwerke hoch waren, und die Kulis krabbelten
dar�ber mit Bauteilen aus Fertigbeton.� Ein unbenutztes Rohrst�ck, in
Schulterh�he. Wenn Irina in Eile gewesen war, so hatte sie h�chstwahrscheinlich
diesen Rohrpostkasten benutzt, aber als Tarr hinkam, war er leer. Der zweite
war in der Kirche, �unten drin, wo sie die Traktate verwahren�, wie er sagte.
�Der Stand war Teil einer ehemaligen Kleiderablage, wissen Sie. Wenn man im
hintersten Kirchenstuhl kniet und herumtastet, findet man ein loses Brett.
Dahinter ist ein Hohlraum voller Abfall und Rattendreck. Ich sage Ihnen, es gab
ein reizendes Versteck ab, nicht zu �berbieten.�</p><p>Eine kurze
Pause trat ein, im Raum schwebte das Bild von Ricki Tarr und seiner Moskauer
Liebsten, die Seite an Seite in der hintersten Bank einer Baptistenkirche in
Hongkong knieten. In diesem toten Briefkasten, sagte Tarr, fand er keinen
Brief, sondern ein ganzes verfluchtes Tagebuch. Die Handschrift war gut, und
jedes Blatt zweiseitig beschrieben, so da� h�ufig die schwarze Tinte
durchschlug. Es war in gro�er Eile geschrieben, ohne Verbesserungen. Er sah auf
den ersten Blick, da� sie es in ihren lichten Momenten gef�hrt hatte.</p><p>�Das ist
nat�rlich nicht das Original. Das ist nur meine Kopie.� Seine lange Hand
schl�pfte unter sein Hemd und brachte eine Ledertasche an einem breiten Riemen
zum Vorschein. Er entnahm ihr ein schmuddeliges P�ckchen Papier. �Ich nehme
an, sie hat das Tagebuch hineingelegt, kurz bevor es sie erwischt hat�, sagte
er. �Vielleicht hat sie bei dieser Gelegenheit noch ein letztes Gebet
gesprochen. Ich habe die �bersetzung selbstgemacht.�</p><p>�Ich wu�te
nicht, da� Sie russisch sprechen�, sagte Smiley, nur f�r Tarr h�rbar, der
pl�tzlich grinste.</p><p>�Ah,
heutzutage mu� man in unserem Beruf auf Draht sein, Mr. Smiley�, erkl�rte er,
w�hrend er die Seiten aufschlug. �Als Jurist bin ich vielleicht kein gro�es
Licht, aber eine Fremdsprache kann entscheidend wichtig sein. Sie kennen
vermutlich den ber�hmten Ausspruch: &gt;Man ist sovielmal ein Mensch, wie man
Sprachen spricht.&lt; Stammt von einem gro�en Herrscher, Sir, von Karl dem
F�nften. Mein Vater verga� nie ein Zitat, das mu� ich ihm lassen, und das
Komische dabei ist, da� er au�er Englisch kein Wort in einer anderen Sprache
konnte. Ich lese Ihnen das Tagebuch vor, wenn es Ihnen recht ist.�</p><p>�Er
versteht kein Wort Russisch�, sagte Guillam. �Sie haben die ganze Zeit englisch
gesprochen. Irina hat einen dreij�hrigen Englischkurs absolviert.�</p><p>Guillam blickte
zur Decke hoch, Lacon auf seine H�nde. Nur Smiley behielt Tarr im Auge, der
lautlos �ber seinen Scherz lachte.</p><p>�Sind wir
so weit?� fragte er. �Also, dann fange ich an. &gt;Thomas, h�r mir zu, ich
spreche mit dir.&lt; Sie nannte mich bei meinem Nachnamen�, erkl�rte er. �Hab'
ihr gesagt, ich hie�e Tony, aber f�r sie war ich immer Thomas, ja? &gt;Dieses
Tagebuch ist mein Abschiedsgeschenk, falls sie mich fortschleppen, ehe ich mit
Alleline sprechen kann. Ich m�chte dir mein Leben schenken, Thomas, und
nat�rlich meinen K�rper, aber es sieht so aus, als w�rde dieses armselige
Geheimnis alles sein, womit ich dich gl�cklich machen kann. Nutze es gut! &lt;
� Tarr blickte auf. �Das ist mit Montag datiert. Sie hat das Tagebuch w�hrend
der vier Tage gef�hrt.� Seine Stimme war ausdruckslos geworden, fast
gelangweilt. �&gt;In der Zentrale von Moskau geht mehr Klatsch um, als unseren
Vorgesetzten lieb sein kann. Besonders die kleinen W�rstchen machen sich gern
wichtig und tun, als w��ten sie Bescheid. Zwei Jahre vor meiner Versetzung zum
Handelsministerium habe ich n�mlich in der Registratur unseres Hauptquartiers
am Dzerzhinsky-Platz gearbeitet. Die Arbeit war furchtbar langweilig. Thomas,
das Klima war unfreundlich, und ich war damals noch nicht verheiratet. Wir
wurden angehalten, einander zu mi�trauen, es ist so zerm�rbend, nie unbefangen
sprechen zu d�rfen, niemals. Ich hatte einen Gehilfen namens Iwlow. Obwohl
Iwlow mir weder gesellschaftlich noch im Dienstrang gleichgestellt war, brachte
die bedr�ckende Atmosph�re eine Gleichgestimmtheit unserer Temperamente ans
Licht. Verzeih mir, manchmal kann nur der K�rper f�r uns sprechen, du h�ttest
mir fr�her begegnen sollen, Thomas! Iwlow und ich machten mehrmals zusammen
Nachtschicht, und schlie�lich kamen wir sogar �berein, uns entgegen den
Vorschriften au�erhalb des Dienstgeb�udes zu treffen. Er war blond, Thomas, wie
du, und ich begehrte ihn. Wir trafen uns in einem Cafe in einem armen
Stadtviertel von Moskau. In Ru�land lehrt man, da� Moskau keine armen Stadtviertel
besitzt, aber das ist eine L�ge. Iwlow erz�hlte mir, sein wirklicher Name sei
Brod, aber er sei kein Jude. Er brachte mir Kaffee mit, den ihm ein Kamerad
schwarz aus Teheran geschickt hatte, er war sehr s��, auch Str�mpfe. Iwlow
sagte, er bewundere mich sehr, und er habe einmal in einer Abteilung
gearbeitet, wo �ber s�mtliche von der Zentrale besch�ftigten ausl�ndischen
Agenten bis ins kleinste Kartei gef�hrt werde. Ich lachte und sagte, eine
solche Kartei gebe es gar nicht, es sei ein Wunschtraum, anzunehmen, so viele
Geheimnisse k�nnten an einer einzigen Stelle versteckt sein. Nun ja, wir waren
wohl beide nur Tr�umer !&lt;� Wieder unterbrach sich Tarr.</p><p>�Jetzt
kommt der n�chste Tag�, verk�ndete er. �Sie f�ngt an mit Gutenmorgengr��en an
Thomas, Gebeten und ein bi�chen Liebesgefl�ster. Eine Frau kann nicht an die
Luft schreiben, sagt sie, also schreibt sie an Thomas. Ihr Alter ist fr�h
weggegangen, und sie hat eine Stunde Zeit, Okay?� Smiley grunzte.</p><p>�&gt;Beim
zweiten privaten Zusammensein mit Iwlow traf ich ihn im Zimmer einer Cousine
von Iwlows Frau, einer Lehrerin an der Staatsuniversit�t in Moskau. Wir waren
allein. Bei diesem Zusammensein, das ganz verstohlen stattfand, kam es zu
einem, wie wir es in einem Bericht nennen w�rden, inkriminierenden Akt. Ich
glaube, Thomas, du selber hast auch schon einige Male einen solchen Akt
begangen! Bei diesem Zusammensein erz�hlte Iwlow mir auch die folgende
Geschichte, um uns noch fester aneinander zu binden. Thomas, du mu�t dich in
acht nehmen. Hast du schon einmal von Karla geh�rt? Er ist ein alter Fuchs, der
listigste, der verschwiegenste in der Zentrale, sogar sein Name ist kein Name,
den ein Russe versteht. Iwlow hatte schreckliche Angst, mir diese Geschichte zu
erz�hlen, die angeblich mit einer gro�en Verschw�rung zusammenh�ngt, vielleicht
der gr��ten �berhaupt. Iwlows Geschichte lautete folgenderma�en. Du darfst sie
nur <emphasis>absolut vertrauensw�rdigen Personen </emphasis>erz�hlen,
Thomas, weil sie �u�erst konspiratorischer Natur ist. Du darfst sie keinem
Menschen im Circus erz�hlen, denn man darf niemandem vertrauen, ehe das R�tsel
gel�st ist. Iwlow sagte, es stimmte nicht, da� er eine Agentenkartei bearbeitet
habe. Er habe diese Geschichte nur erfunden, um mir zu zeigen, wie gut er sich
in der Zentrale auskenne und mir zu beweisen, da� ich mich nicht in einen
Niemand verliebt habe. In Wahrheit hatte er in einer von Karlas gro�en
Verschw�rungen mitgewirkt und war als Karlas Helfer in England stationiert
gewesen, als Chauffeur und Verschl�sselungsgehilfe bei der Botschaft getarnt.
F�r diese Aufgabe hatte er den Decknamen Lapin bekommen. Aus Brod war also
Iwlow geworden und aus Iwlow Lapin: darauf war der arme Iwlow besonders stolz.
Ich habe ihm nie gesagt, was <emphasis>lapin </emphasis>im
Franz�sischen bedeutet. Da� man den Wert eines Menschen nach der Zahl seiner Namen
bemi�t! Iwlows Aufgabe war, bei einem Maulwurf zu dienen. Ein Maulwurf ist ein
Tiefen-Agent, und wird so genannt, weil er sich tief in das System des
westlichen Imperialismus vorw�hlt, in diesem Fall war es ein Engl�nder.</p><p>Maulw�rfe
sind f�r die Zentrale sehr wertvoll, denn es dauert viele Jahre, bis man sie
ansetzen kann, oft f�nfzehn oder zwanzig. Die meisten englischen Maulw�rfe
wurden vor dem Krieg von Karla angeworben und waren aus dem gehobenen B�rgertum,
sogar Aristokraten und Adelige, die ihre Herkunft verabscheuten und zu
heimlichen Fanatikern wurden, weitaus fanatischer als ihre Kameraden aus der
englischen Arbeiterklasse, die eher trag sind. Einige bewarben sich um Aufnahme
in die Partei, als Karla sie abfing und mit einer Spezialaufgabe betraute. Andere
k�mpften in Spanien gegen den Franco-Faschismus, wo Karlas Talentsucher sie
aufst�berten und sie zur Anwerbung an Karla weiterreichten. Manche wurden
w�hrend des Krieges angeworben, als Ru�land mit den Briten ein Zweckb�ndnis
hatte eingehen m�ssen, manche danach, als sie entt�uscht waren, weil der Krieg
dem Westen keinen Sozialismus gebracht hatte. &lt; Hier bricht sie ab�,
verk�ndete Tarr, ohne von seinem Manuskript aufzublicken. �Ich habe vermerkt:
&gt;bricht ab&lt;. Wahrscheinlich ist ihr Alter fr�her als erwartet
zur�ckgekommen. Die Tinte ist ganz verwischt. Gott wei�, wo sie das verdammte
Ding versteckt hat. Vielleicht unter der Matratze.� Falls dies ein Scherz sein
sollte, so mi�lang er. �&gt;Der Maulwurf, f�r den Lapin in London arbeitete,
wurde unter dem Decknamen Gerald gef�hrt. Er war von Karla angeworben worden
und war Gegenstand strengster Geheimhaltung. Hilfsdienste bei Maulw�rfen werden
nur von Genossen mit erstklassiger Bef�higung versehen, sagt Iwlow. Iwlow-Lapin
war an der Botschaft scheinbar eine blo�e Null und mu�te sich auf Grund dieser
untergeordneten Stellung viele Dem�tigungen gefallen lassen, zum Beispiel bei
festlichen Anl�ssen mit Frauen hinter der Bar stehen, in Wahrheit hingegen war
er ein wichtiger Mann, der geheime Adjutant von Oberst Gregor Viktorow, dessen
Arbeitsname bei der Botschaft Poljakow lautet.&lt;� Hier meldete Smiley sich
ein einziges Mal zu Wort; er lie� sich den Namen buchstabieren. Wie ein
Schauspieler, der mitten im sch�nsten Monolog unterbrochen wird, antwortete
Tarr ungn�dig: �P-O-L-J-A-K-O-W. Haben Sie's jetzt verstanden?�</p><p>�Ja,
vielen Dank�, sagte Smiley mit unersch�tterlicher H�flichkeit und in einem
Ton, der eindeutig besagte, da� der Name f�r ihn keinerlei Bedeutung habe. Tarr
fuhr fort:</p><p>�&gt;Viktorow
ist selber ein alter Hase und mit allen Wassern gewaschen, sagte Iwlow. Seine
Tarnung ist Kulturattache, und in dieser Eigenschaft verst�ndigt er sich mit
Karla. Als Professor Poljakow organisiert er an britischen Universit�ten und
bei Gesellschaften Vorlesungen �ber kulturelle Probleme der Sowjetunion, aber
nachts arbeitet er als Oberst Gregor Viktorow. Nach Anweisung Karlas aus der
Zentrale instruiert er den Maulwurf Gerald und holt dessen Informationen ein.
Zu diesem Zweck setzt Oberst Viktorow Kuriere ein, und der arme Iwlow war eine
Zeitlang einer von ihnen. Aber nach wie vor wird der Maulwurf Gerald von Karla
in Moskau unmittelbar kontrolliert.&lt; Jetzt �ndert es sich v�llig�, sagte
Tarr. �Sie schreibt nachts und ist entweder blau oder halbtot vor Angst - ein
einziges Gefasel die ganze Seite �ber. �ber Schritte auf dem Korridor und
Seitenblicke, die die Gorillas ihr zuwerfen. Nicht �bernommen, o. k., Mr.
Smiley?� Und auf ein sparsames Nicken hin fuhr er fort: �&gt;Die
Sicherheitsma�nahmen zum Schutz des Maulwurfs waren bemerkenswert. Schriftliche
Berichte aus London an Karla wurden, auch wenn sie verschl�sselt waren,
auseinandergeschnitten und durch getrennte Kuriere geschickt, andere waren
unter der �blichen Botschaftskorrespondenz, nur mit Geheimtinte verfa�t. Iwlow
erz�hlte mir, der Maulwurf Gerald habe zeitweise mehr Material geliefert, als
Viktorow-Poljakow beim besten Willen bew�ltigen konnte. Vieles war auf unentwickelten
Filmen, oft drei�ig Rollen in einer Woche. Wenn der Beh�lter nicht auf eine
bestimmte Art ge�ffnet wurde, war der Film verdorben. Anderes Material wurde
vom Maulwurf bei streng geheimen Zusammenk�nften m�ndlich geliefert und auf
Spezialband aufgenommen, das nur �ber einen raffiniert konstruierten Apparat
abgespielt werden konnte. Auch dieses Band wurde gel�scht, wenn man es dem
Licht aussetzte oder auf einem falschen Ger�t abzuspielen versuchte. Die
Zusammenk�nfte wurden von Fall zu Fall verabredet, immer anders, immer
pl�tzlich, mehr wei� ich nicht, au�er da� es sich um die Zeit handelte, als die
faschistische Aggression in Vietnam ihren H�hepunkt erreicht hatte; in England
hatten die reaktion�ren Kr�fte wieder die Macht an sich gerissen. Auch da�,
laut Iwlow-Lapin, der Maulwurf Gerald einen hohen Rang im Circus bekleidete.
Thomas, ich sage dir dies alles, weil ich, seit ich dich liebe, alles Englische
bewundere, dich am meisten. Ich mag nicht glauben, da� ein englischer Gentleman
ein Verr�ter sein soll, obwohl ich es nat�rlich richtig finde, da� er sich f�r
die Sache der Arbeiterklasse einsetzt. Auch f�rchte ich f�r die Sicherheit
eines jeden, der f�r den Circus arbeitet. Thomas, ich liebe dich, geh
vorsichtig um mit diesem Wissen, es k�nnte auch dir schaden. Iwlow war ein Mann
wie du, auch wenn sie ihn Lapin nannten . . .&lt;� Tarr z�gerte versch�mt. �Am
Ende kommt eine Stelle, wo ...�</p><p>�Lesen
Sie�, brummte Guillam.</p><p>Tarr hob
den Papierpacken leicht schr�g an und las in der gleichen schleppenden Tonart
weiter:</p><p>�&gt;Thomas,
ich sage dir alles auch deshalb, weil ich Angst habe. Als ich heute morgen
aufwachte, sa� er auf dem Bett und starrte mich an wie ein Irrer. Als ich zum
Kaffee hinunterging, belauerten mich die W�chter Trepow und Nowikow wie Tiere,
ihr Fr�hst�ck r�hrten sie kaum an. Sie waren bestimmt schon seit Stunden da,
auch Awilow, ein Junge von der Au�enstelle, sa� bei ihnen. Hast du geplaudert,
Thomas? Hast du ihnen mehr erz�hlt, als ich ahnen konnte? Jetzt begreifst du
wohl, warum nur Alleline in Frage kommt. Mach dir keine Vorw�rfe, ich kann erraten,
was du ihnen erz�hlt hast. Im Herzen bin ich frei. Du hast nur meine schlechten
Seiten zu sehen bekommen. Das Trinken, die Angst, die L�ge, in der wir leben.
Aber tief in meinem Innern brennt ein neues und seliges Licht. Ich glaubte
immer, die Geheimwelt sei ein hermetisch abgeschlossener Ort und ich sei f�r
immer auf eine Insel von Halbmenschen verbannt. Aber Thomas, sie ist nicht
abgeschlossen. Gott hat mir gezeigt, da� sie hier ist, inmitten der wirklichen Welt,
in unserer Reichweite, und da� wir nur die T�ren �ffnen und hinaustreten
m�ssen, um frei zu sein. Thomas, du mu�t immer nach diesem Licht streben, das
ich gefunden habe. Man nennt es Liebe. Jetzt werde ich dieses Buch zu unserem
Versteck bringen und dort lassen, solange noch Zeit ist. Lieber Gott, ich
hoffe, es ist noch nicht zu sp�t. Gott gew�hre mir eine Freistatt in seiner
Kirche. Erinnere dich: auch dort habe ich dich geliebt.&lt;� Tarr war
leichenbla�, und seine H�nde, die das Hemd aufkn�pften, um das Tagebuch wieder
in die Ledertasche zu stecken, waren zittrig und feucht. �Es kommt noch ein
Nachsatz�, sagte er. �Er lautet: &gt;Thomas, warum wei�t du nur noch so wenige
Gebete aus deiner Kindheit? Dein Vater war ein gro�er und guter Mensch.&lt; Wie
ich schon sagte�, erl�uterte er, �sie war verr�ckt.�</p><p>Lacon
hatte die L�den ge�ffnet, und jetzt str�mte das wei�e Tageslicht voll in den
Raum. Die Fenster gingen auf eine kleine Koppel hinaus, wo Jackie Lacon, ein
fettes kleines M�dchen mit Z�pfen und Reitkappe, behutsam ihr Pony im Kanter
laufen lie�.</p><p>Au�erplanm��ige
Fl�ge mit Landung in Ost und West</p><p>Ehe Tarr
wegging, stellte Smiley ihm einige Fragen. Er blickte dabei nicht Tarr an,
sondern stellte die kurzsichtigen Augen auf mittlere Distanz ein. Die Trag�die
hatte einen trostlosen Ausdruck auf dem feisten Gesicht hinterlassen. �Wo ist
das Original dieses Tagebuchs?�</p><p>�Ich habe
es sofort wieder in den toten Briefkasten gelegt. Sie m�ssen es sich so
vorstellen, Mr. Smiley: Als ich das Tagebuch fand, war Irina schon
vierundzwanzig Stunden in Moskau. Meiner Vermutung nach w�rde sie nicht mehr
viel Puste haben, wenn das Verh�r losging. H�chstwahrscheinlich war sie schon
im Flugzeug gr�ndlich pr�pariert worden, dann folgte eine zweite Runde bei der
Landung, dann Frage Eins, sobald die Obermacher mit dem Fr�hst�ck fertig waren.
So machen sie's bei den Sch�chternen: erst die Daumenschrauben und dann die
Fragen, stimmt's? Es k�nnte daher nur einen, h�chstens zwei Tage dauern, bis
die Zentrale einen Strauchdieb losschicken w�rde, der sich ein bi�chen dort
hinten in der Kirche umsehen sollte, okay?� Und dann wieder affektiert:
�Au�erdem mu�te ich auf mein eigenes Wohlergehen bedacht sein.�</p><p>�Er will
sagen, da� die Moskauer Zentrale weniger daran interessiert sein w�rde, ihm
die Kehle durchzuschneiden, wenn sie glaubten, er h�tte das Tagebuch nicht
gelesen�, sagte Guillam. �Haben Sie es fotografiert?�</p><p>�Ich trage
keine Kamera. Ich habe mir ein dickes Schreibheft gekauft. In dieses Heft habe
ich das Tagebuch abgeschrieben. Das Original habe ich wieder in sein Versteck
gelegt. Die ganze Arbeit hat rund vier Stunden gedauert.� Er schaute Guillam
an, dann von ihm weg. Das frische Tageslicht enth�llte pl�tzlich tiefverborgene
Furcht auf Tarrs Gesicht. �Als ich ns Hotel zur�ckkam, war mein Zimmer v�llig
verw�stet: sie hatten sogar die Tapeten von den W�nden gerissen. Der Direktor
schrie mich an, ich solle mich zum Teufel scheren. Er wollte von nichts gewu�t
haben.�</p><p>�Er hat
eine Kanone bei sich�, sagte Guillam. �Er wird sie nicht mit hinausnehmen.�</p><p>�Da haben
Sie verdammt recht, das werd' ich nicht.� Aus Smileys Magengegend kam ein
mitf�hlendes Grunzen: �Diese Zusammenk�nfte, die Sie mit Irina hatten: die
toten Briefk�sten, die Warnsignale und Ausweichtreffpunkte. Wer hat diese fachm�nnischen
Vorschl�ge gemacht: die Frau oder Sie?�</p><p>�Irina.�</p><p>�Worin
bestanden die Warnsignale?�</p><p>�K�rpersprache.
Wenn ich den Kragen offen trug, wu�te sie, da� ich die Umgebung abgesucht hatte
und vermutete, da� die Luft rein sei. Wenn ich ihn geschlossen trug, Treffen
abgeblasen bis zum Ausweichtermin.�</p><p>�Und
Irina?�</p><p>�Handtasche.
Linke Hand, rechte Hand. Ich kam als erster und wartete irgendwo, wo sie mich
sehen konnte. Sie hatte die Wahl: Bleiben oder Abhauen.�</p><p>�Das Ganze
ereignete sich vor einem halben Jahr. Was haben Sie inzwischen gemacht?�</p><p>�Geschlafen�,
sagte Tarr grob.</p><p>Guillam
sagte: �Er hat durchgedreht und sich nach Kuala Lumpur in eines der Bergd�rfer
verzogen. Sagt er jedenfalls. Er hat eine Tochter namens Danny.�</p><p>�Danny ist
meine Kleine.�</p><p>�Er hat bei
Danny und ihrer Mutter sein Lager aufgeschlagen�, sagte Guillam. Wie immer
redete er Tarr ganz einfach dazwischen. �Er hat seine Weiber �ber den ganzen
Globus verstreut, aber im Moment scheint sie die Lieblingsfrau zu sein.�</p><p>�Warum
sind Sie ausgerechnet jetzt zur�ckgekommen?� Tarr sagte nichts.</p><p>�H�tten
Sie nicht gern Weihnachten mit Danny verbracht?�</p><p>�Schon.�</p><p>�Also, was
ist passiert? Hat Ihnen etwas einen Schreck eingejagt?�</p><p>�Es sind
Ger�chte umgegangen�, sagte Tarr m�rrisch. �Welche Art von Ger�chten?�</p><p>�So ein
Franzose ist in KL aufgetaucht und hat herumerz�hlt, ich schuldete ihm Geld.
Wollte mir einen Anwalt auf den Hals hetzen. Ich schulde niemandem Geld.�</p><p>Smiley
wandte sich wieder an Guillam: �Im Circus wird er noch immer als �berl�ufer
gef�hrt?�</p><p>�Als
mutma�licher.�</p><p>�Was haben
Sie bisher unternommen?�</p><p>�Ich bin
nicht zust�ndig. Ich habe auf Umwegen erfahren, da� London Station vor einer
Weile mehrmals Kriegsrat �ber ihn gehalten hat, aber ich war nicht eingeladen
und wei� also nicht, was dabei herauskam. Ich vermute, gar nichts, wie �blich.�</p><p>�Welchen
Pa� hat er benutzt?�</p><p>Tarr hatte
die Antwort bereit: �Thomas habe ich abgeworfen, sobald ich in Malaya ankam.
Wie ich annahm, war Thomas zur Zeit in Moskau nicht gerade Liebkind, und so
machte ich ihm besser an Ort und Stelle den Garaus. In KL lie� ich mir einen
Commonwealth- und britischen Pa� anfertigen.� Er gab ihn Smiley. �Auf den Namen
Poole. Nicht schlecht f�r den Preis.�</p><p>�Warum
benutzten Sie nicht einen Ihrer Schweizer P�sse?� Wieder eine argw�hnische
Pause.</p><p>�Oder
kamen die P�sse bei der Durchsuchung Ihres Hotelzimmers abhanden?�</p><p>Guillam
sagte: �Er hat sie sofort nach seiner Ankunft in Hongkong gut versteckt. Das
�bliche.�</p><p>�Warum
haben Sie sie dann nicht benutzt?�</p><p>�Sie waren
numeriert, Mr. Smiley. Sie waren zwar nicht ausgef�llt, aber numeriert waren
sie. Mir war ein bi�chen mulmig, ehrlich gesagt. Wenn London die Nummern hatte,
dann hatte Moskau sie vielleicht auch, wenn Sie wissen, was ich meine.�</p><p>�Und was
taten Sie mit Ihren Schweizer P�ssen?� wiederholte Smiley freundlich.</p><p>�Er sagt,
er hat sie weggeworfen�, sagte Guillam. �Wahrscheinlich hat er sie verkauft.
Oder f�r diesen da in Tausch gegeben.�</p><p>�Wie? Wie
hat er sie weggeworfen? Haben Sie sie verbrannt?�</p><p>�Stimmt,
ich habe sie verbrannt�, sagte Tarr, und seine Stimme klang frech, halb
Drohung, halb Furcht. �Aber Sie sagten, dieser Franzose habe Sie gesucht...�</p><p>�Er suchte
Poole.�</p><p>�Wer hat
jemals etwas von Poole wissen k�nnen, au�er dem Mann, der diesen Pa� gef�lscht
hat?� fragte Smiley und bl�tterte darin. Tarr sagte nichts. �Sagen Sie mir, wie
Sie nach England zur�ckgereist sind�, forderte Smiley ihn auf.</p><p>�Hinten
rum, �ber Dublin. Kein Problem.� Tarr war ein schlechter L�gner, wenn er unter
Druck gesetzt wurde. War vielleicht die Schuld seiner Eltern. Er reagierte
�berst�rzt, wenn er nicht vorbereitet war, und zu aggressiv, wenn er eine
Antwort in petto hatte.</p><p>�Wie sind
Sie nach Dublin gekommen?� fragte Smiley und pr�fte die Einreisestempel auf der
Mittelseite.</p><p>�Ging wie
geschmiert.� Er hatte sein Selbstvertrauen zur�ckgewonnen. �Ich habe ein
M�dchen, die Stewarde� bei der <emphasis>South African </emphasis>ist. Ein
Kumpel hat mich per Fracht zum Kap geflogen, dort hat mich mein M�dchen
�bernommen und mir dann durch einen der Piloten einen Freiflug nach Dublin
verschafft. F�r die Leute im Osten habe ich die Halbinsel �berhaupt nicht verlassen.�</p><p>�Ich tue
alles in meiner Macht Stehende, um das zu pr�fen�, sagte Guillam mit einem
Blick zur Decke.</p><p>�Dann
passen Sie verteufelt auf, Baby�, herrschte Tarr Guillam an.</p><p>�Hetzen
Sie mir nicht die falschen Leute auf den Pelz.�</p><p>�Warum
sind Sie zu Mr. Guillam gekommen�, erkundigte sich Smiley, der noch immer in
Mr. Pooles Pa� vertieft war. Es war ein benutztes, ein vielbenutztes Dokument,
weder zu voll noch zu leer. �Abgesehen davon, da� Sie nat�rlich Angst hatten.�</p><p>�Mr.
Guillam ist mein Bo߫, sagte Tarr tugendhaft.</p><p>�Ist Ihnen
�berhaupt nicht in den Sinn gekommen, da� er sie kurzerhand an Alleline
weiterreichen k�nnte? Schlie�lich sind Sie, jedenfalls in den Augen der
Circus-Riesen, ein sehr begehrter Mann.�</p><p>�Klar.
Aber ich kann mir nicht vorstellen, da� Mr. Guillam mehr f�r die neue
Gruppierung �brig hat als Sie, Mr. Smiley.�</p><p>�Au�erdem
liebt er England�, erl�uterte Guillam mit bei�endem Hohn.</p><p>�Klar. Ich
hab' Heimweh gekriegt.�</p><p>�Haben Sie
jemals erwogen, sich an jemanden anders als an ihn zu wenden? Warum zum
Beispiel nicht an eine der Au�enstellen, wo Sie weniger Gefahr liefen? Ist
Mackelvore noch der Leiter in Paris?� Guillam nickte. �Na also: Sie h�tten zu
Mr. Mackelvore gehen k�nnen. Er hat Sie angeworben, Sie k�nnen ihm vertrauen:
ein alter Circus-Mann. Sie h�tten sicher in Paris sitzen k�nnen, anstatt hier
Ihren Hals zu riskieren. Du lieber Gott. Lacon, schnell!�</p><p>Smiley war
aufgesprungen, er hatte den Handr�cken an den Mund gepre�t und starrte aus dem
Fenster. Auf der Koppel lag Jackie Lacon schreiend auf dem Bauch, w�hrend ein
reiterloses Pony zwischen den B�umen davonraste. Sie schauten noch immer
hinaus, als Mrs. Lacon, eine h�bsche Frau mit langem Haar und dicken
Winterstr�mpfen, �ber den Zaun sprang und das Kind aufhob.</p><p>�Sie
fallen oft runter�, bemerkte Lacon ziemlich �rgerlich. �In diesem Alter tun sie
sich nicht weh.� Und nicht viel liebensw�rdiger setzte er hinzu: �George, Sie
sind nicht f�r Gott und die Welt verantwortlich.� Langsam setzten sie sich
wieder zurecht.</p><p>�Und wenn
Sie Paris zum Ziel gehabt h�tten�, fuhr Smiley fort, �welche Route h�tten Sie
dann gew�hlt?�</p><p>�Die
gleiche bis Irland, und dann wahrscheinlich Dublin-Orly. Was haben Sie gedacht:
da� ich auf dem Wasser wandle?� Hier wurde Lacon rot, und Guillam sprang mit
einem zornigen Ausruf hoch. Nur Smiley schien ganz unger�hrt. Er nahm den Pa�
wieder zur Hand und kehrte langsam zum Anfang zur�ck. �Und wie haben Sie sich
mit Mr. Guillam in Verbindung gesetzt?�</p><p>Guillam
antwortete an seiner Stelle, er sprach schnell: �Er wu�te, wo ich meinen Wagen
unterstelle. Er schlug einen Treffpunkt vor und deutete an, wir sollten das
Ganze zun�chst als Privatsache betrachten. Ich nahm Fawn als Babysitter mit.�
Smiley unterbrach: �Vorhin an der T�r, war das Fawn?�</p><p>�Er stand
f�r mich Wache, w�hrend wir redeten. Seitdem ist er st�ndig bei uns. Sobald ich
Tarrs Geschichte geh�rt hatte, rief ich von einer Telefonzelle aus Lacon an und
bat um eine Unterredung. George, sollten wir das nicht unter uns besprechen?�</p><p>�Haben Sie
Lacon hier angerufen oder in London?�</p><p>�Hier�,
sagte Lacon.</p><p>Stille
trat ein, bis Guillam erkl�rte: �Ich erinnerte mich zuf�llig an den Namen eines
M�dchens in Lacons B�ro. Ich erw�hnte ihren Namen und sagte, sie habe mich
gebeten, ihn dringend wegen einer Privatsache anzurufen. Es war nicht ideal,
aber es war das Beste, was mir auf Anhieb einfiel.� Und um das Schweigen auszuf�llen,
setzte er hinzu: �Verdammt noch mal, es bestand kein Grund zur Annahme, da� die
Leitung angezapft war.�</p><p>�Es
bestand jeder Grund.�</p><p>Smiley
hatte den Pa� zugeklappt und pr�fte den Einband im Licht einer neben ihm
stehenden sch�bigen Leselampe. �Recht ordentlich, wie?� bemerkte er leichthin.
�Sogar sehr ordentlich. Ich w�rde sagen, Facharbeit. Ich kann keine schwache
Stelle entdecken.�</p><p>�Bem�hen
Sie sich nicht, Mr. Smiley�, konterte Tarr und nahm den Pa� wieder an sich, �er
ist nicht <emphasis>made in Russia.� </emphasis>Als er an der T�r stand, war das
L�cheln wieder zur�ckgekehrt. �Soll ich Ihnen mal was sagen?� fragte er die
drei M�nner �ber die Schneise des langen Raums hinweg. �Wenn Irina recht hat,
dann werdet ihr Jungens einen ganz neuen Circus brauchen. Wenn wir also zusammenhalten,
k�nnten wir die Kerntruppe bilden.� Er trommelte spielerisch an die T�r. �Mach
auf, Darling, ich bin's. Ricki.�</p><p>�Danke!
Geht in Ordnung! �ffnen Sie bitte�, rief Lacon, und einen Augenblick sp�ter
wurde der Schl�ssel umgedreht, die dunkle Gestalt Fawns, des Babysitters, wurde
einen kurzen Moment sichtbar, und die Schritte der beiden verklangen in den
tiefen Gew�lben des Hauses, zur Begleitmusik von Jackie Lacons fernem Gebr�ll.</p><p>Worin der
Name Ellis zum ersten, aber nicht zum letzten Mal f�llt</p><p>Auf der
Seite des Hauses, die der Pony-Koppel entgegengesetzt war, lag unter den B�umen
versteckt ein Tennisrasen. Es war kein guter Tennisrasen, er wurde selten
gem�ht. Im Fr�hling war das Gras sumpfig vom Winter und die Sonne konnte nicht
hingelangen und es trocknen, im Sommer verschwanden die B�lle im Laubwerk, und
an diesem Morgen war er kn�cheltief von gefrorenen Bl�ttern bedeckt, die sich
�berall aus dem Garten hier angesammelt hatten. Aber au�en herum, ungef�hr
parallel mit dem Drahtrechteck, zog sich ein Pfad zwischen einigen Birken hin,
und auf diesem Pfad gingen auch Smiley und Lacon f�rba�. Smiley hatte seinen
Reisemantel angezogen, aber Lacon trug nur seinen fadenscheinigen Anzug.
Vielleicht hatte er deshalb eine so scharfe r�cksichtslose Gangart
angeschlagen, da� jeder Schritt ihn ein St�ck weiter �ber Smiley hinausbrachte
und er st�ndig innehalten und - Schultern und Ellbogen angehoben -, warten
mu�te, bis der kleinere Mann aufgeholt hatte. Dann legte er sofort wieder los
und gewann aufs neue Vorsprung. Auf diese Weise brachten sie zwei Runden hinter
sich, bis Lacon das Schweigen brach. �Als Sie vor einem Jahr mit einem
�hnlichen Vorschlag zu mir kamen, habe ich Sie leider hinausgeworfen. Ich nehme
an, ich sollte mich entschuldigen. Ich war nicht auf der H�he.� Angemessenes Schweigen
herrschte, w�hrend er sein Pflichtvers�umnis erwog. �Ich gab Ihnen Anweisung,
Ihre Nachforschungen einzustellen.�</p><p>�Sie
sagten, es sei Amtsanma�ung�, sagte Smiley betr�bt, wie in Erinnerung an den
gleichen Trauerfall.</p><p>�Habe ich
diesen Ausdruck gebraucht? Gro�er Gott, wie schw�lstig!�</p><p>Vom Haus
her h�rte man Jackie noch immer schreien.</p><p>�Sie
hatten nie welche, wie?� qu�kte Lacon pl�tzlich und hob lauschend den Kopf.</p><p>�Wie
bitte?�</p><p>�Kinder.
Sie und Ann.�</p><p>�Nein.�</p><p>�Neffen,
Nichten?�</p><p>�Einen
Neffen.�</p><p>�Ihr
eigener?�</p><p>�Anns
Neffe.�</p><p>Vielleicht
bin ich nie von hier weggegangen, dachte er und blickte um sich, auf die
wuchernden Rosen, die zerbrochenen Schaukeln und morastigen Sandgruben, das
ungepflegte rote Haus, das im Morgenlicht so roh wirkte. Vielleicht sind wir
noch vom letzten Mal da. Lacon rechtfertigte sich aufs neue: �Ich gebe zu, da�
ich Ihren Motiven nicht hundertprozentig traute. Es ging mir durch den Kopf,
da� Control Sie darauf angesetzt haben k�nnte, wissen Sie. Um sich an der Macht
zu halten und Alleline nicht zum Zug kommen zu lassen�, und wieder rannte er
los, mit langen Schritten, abgewinkelten Handgelenken.</p><p>�O nein,
ich garantiere Ihnen, da� Control �berhaupt nichts davon wu�te.�</p><p>�Das ist
mir jetzt klar. Damals nicht. Es ist nicht ganz einfach zu entscheiden, wann
man euch trauen darf und wann nicht. Sie haben ganz andere Ma�st�be, nicht
wahr? Ich meine, notwendigerweise. Ich akzeptiere sie. Ich will hier nicht
richten. Schlie�lich haben wir alle das gleiche Ziel, wenn auch unsere Methoden
verschieden sind� - er setzte �ber einen Viehgraben. �Einmal h�rte ich jemanden
sagen, Moral ist Methode. Sind Sie auch dieser Meinung? Wahrscheinlich nicht.
Sie w�rden vermutlich sagen, die Moral sei durch das Ziel definiert. Nur, da�
es schwer zu sagen ist, welche Ziele man wirklich hat, besonders wenn man Brite
ist. Wir k�nnen von euch Leutchen nicht erwarten, da� ihr die Politik f�r uns
festsetzt, wie? Wir k�nnen euch nur bitten, sie zu sch�tzen. Habe ich recht?
Knifflige Sache das.� Smiley, der keine Lust mehr hatte, hinter ihm herzujagen,
setzte sich auf eine rostige Schaukel, wickelte den Mantel enger um sich und
wartete, bis Lacon endlich zur�ckstelzte und sich neben ihm niederlie�. Eine
Weile schaukelten sie gemeinsam sanft im Rhythmus der �chzenden Federn.</p><p>�Wie zum
Teufel ist sie auf Tarr verfallen�, brummte Lacon schlie�lich und lie� die
langen Finger knacken. �Von allen Menschen auf der Welt ausgerechnet den als
Beichtvater zu w�hlen, der so ziemlich der unpassendste sein d�rfte.�</p><p>�Ich
f�rchte, diese Frage werden Sie einer Frau stellen m�ssen,</p><p>nicht
uns�, sagte Smiley und fragte sich wieder einmal, wo Immingham sein mochte.</p><p>�Wahrhaftig�,
sagte Lacon mit �bertriebener Betonung, �ein vollst�ndiges R�tsel, das Ganze.
Um elf Uhr bin ich beim Minister. Ich mu� ihn ins Bild setzen. Ihren
Parlamentsvetter�, f�gte er als gezwungenen vertraulichen Scherz hinzu.</p><p>�Eigentlich
Anns Vetter�, berichtigte ihn Smiley im gleichen abwesenden Tonfall. �Um
etliche Ecken, sollte ich hinzuf�gen, aber trotz allem ein Vetter.�</p><p>�Und Bill
Haydon ist auch Anns Vetter? Unser vornehmer Direktor von London Station.� Ach
dies hatten sie schon einmal durchgespielt.</p><p>�Auf
andere Weise, ja, ist Bill auch ihr Vetter.� Ziemlich �berfl�ssig f�gte er
hinzu: �Sie kommt aus einer alten Familie mit einer starken politischen
Tradition. Im Laufe der Zeit hat sie sich ziemlich ausgebreitet.�</p><p>�Die
Tradition?� Lacon liebte es, auf Doppeldeutigkeiten hinzuweisen. �Die
Familie.�</p><p>Hinter
diesen B�umen, dachte er, fahren Autos vorbei. Hinter diesen B�umen liegt eine
ganze Welt, aber Lacon hat seine rote Burg und sein christliches Pflichtgef�hl,
das ihm keinen anderen Lohn verspricht als einen Adelstitel, die Achtung seiner
<emphasis>Peers, </emphasis>eine fette Pension und ein paar
Aufsichtsratsp�stchen in der City. �Auf jeden Fall sehe ich ihn um elf.� Lacon
war aufgesprungen, und nun marschierten sie wieder. Smiley fing den Namen Ellis
auf, den die herbstliche Morgenluft zu ihm zur�ckwehte. Einen Augenblick
�berkam ihn, genau wie neben Guillam im Auto, eine seltsame Nervosit�t.</p><p>�Schlie�lich�,
sagte Lacon gerade, �haben wir beide nur unsere Pflicht getan. Sie glaubten,
Ellis sei ein Verr�ter, und Sie verlangten eine Hexenjagd. Mein Minister und
ich glaubten, es handele sich um schlimmste Unf�higkeit von Control - eine
Ansicht, die, um es milde auszudr�cken, das <emphasis>Foreign
Office </emphasis>teilte -, und wir verlangten einen neuen Besen.�</p><p>�Oh, ich
verstehe <emphasis>Ihr </emphasis>Dilemma sehr gut�, sagte Smiley mehr
zu sich selber als zu Lacon.</p><p>�Freut
mich. Und vergessen Sie nicht, George: Sie waren Controls Mann. Control hat
Sie Haydon vorgezogen, und als er gegen Ende die Dinge nicht mehr im Griff
hatte - und dieses ganze ungeheure Abenteuer begann -, haben Sie sich f�r ihn
exponiert. Nur Sie, George. Es passiert nicht alle Tage, da� der Leiter eines
Geheimdienstes einen Privatkrieg gegen die Tschechen beginnt.� Es war klar, da�
die Erinnerung immer noch schmerzte. �Unter anderen Gegebenheiten h�tte
wahrscheinlich Haydon dran glauben m�ssen, aber Sie sa�en schon auf dem
Schleudersitz, und . . .�</p><p>�Und
Alleline war der Mann des Ministers�, sagte Smiley so milde, da� Lacon seine
Gangart z�gelte und ihm zuh�rte. �Sie hatten ja keinen Verd�chtigen, nicht
wahr? Sie wiesen nicht mit dem Finger auf einen bestimmten Mann. Eine ziellose
Untersuchung kann au�erordentlich viel Schaden anrichten.�</p><p>�Ein neuer
Besen hingegen kehrt besser.�</p><p>�Percy
Alleline macht seine Sache sehr gut. Er sorgt f�r Nachrichten statt f�r
Skandale; er h�lt sich genau an die Abmachungen und hat das Vertrauen der
Klienten gewonnen. Und soviel ich wei�, ist er noch nicht in
tschechoslowakisches Gebiet eingedrungen.�</p><p>Sie waren
zu einem leeren Schwimmbassin gelangt und starrten auf den Grund. Aus den
schlammigen Tiefen vermeinte Smiley wieder Roddy Martindales hinterh�ltige
Stimme zu h�ren: �Kleine Leser�ume in der Admiralit�t, kleine Aussch�sse mit
komischen Namen wachsen aus dem Boden . . .�</p><p>�Sprudelt
Percys Spezialquelle noch immer?� erkundigte sich Smiley. �Das <emphasis>Witchcraft-Material
</emphasis>oder wie man das heutzutage nennt.�</p><p>�Ich wu�te
nicht, da� Sie eingeweiht sind�, sagte Lacon keineswegs erfreut. �Da Sie
danach fragen, ja. Quelle Merlin ist unser wichtigster Anhaltspunkt, und <emphasis>Witchcraft
</emphasis>ist immer noch der Name des Produkts. Der Circus hat seit Jahren kein
so gutes Material vorgelegt. �berhaupt nie, soweit ich mich erinnern kann.�</p><p>�Und es
unterliegt noch immer diesen besonderen Sicherheitsbestimmungen ?�</p><p>�Gewi�,
und nachdem das jetzt passiert ist, werden wir bestimmt noch weit strengere
Vorsichtsma�nahmen treffen.�</p><p>�Das w�rde
ich an Ihrer Stelle nicht tun. Gerald k�nnte den Braten riechen.�</p><p>�Das ist
der Haken, nicht wahr?� bemerkte Lacon rasch. Seine Z�higkeit war unglaublich,
dachte Smiley. Im einen Augenblick war er ein d�rrer, ausgepumpter Boxer, dem
die Handschuhe zu gro� waren f�r die mageren Gelenke; im n�chsten hatte er
ausgeholt, einen in die Seile geschickt und beobachtete sodann sein Opfer mit
christlichem Mitgef�hl. �Wir k�nnen nichts tun. Wir k�nnen keine
Nachforschungen anstellen, weil das gesamte Instrumentarium f�r eine solche
Untersuchung in den H�nden des Circus liegt, vielleicht sogar beim Maulwurf
Gerald pers�nlich. Wir k�nnen nicht beschatten oder abh�ren oder Post �ffnen.
Wir w�rden in jedem solchen Fall auf Esterhases Aufkl�rer zur�ckgreifen
m�ssen, und Esterhase mu� wie jeder andere auch suspekt sein. Wir k�nnen keine
Verh�re anstellen, wir k�nnen nicht daf�r sorgen, da� bestimmten Personen der
Zugang zu heiklen Geheimnissen verwehrt wird. Wenn wir etwas Derartiges
untern�hmen, w�rden wir riskieren, den Maulwurf stutzig zu machen. Es ist die
�lteste Frage der Welt, George. Wer kann den Spion ausspionieren? Wer kann den
Fuchs hetzen, ohne mit ihm zu rennen?� Er machte einen weiteren mi�gl�ckten
Versuch, Humor zu beweisen: �H�chstens der Maulwurf�, sagte er im Verschw�rerton.</p><p>In einer
j�hen Aufwallung von Energie hatte Smiley sich losgerissen und trabte vor
Lacon den Pfad entlang, der zur Koppel f�hrte.</p><p>�Dann
gehen Sie doch zur Konkurrenz�, rief er, �Gehen Sie zum Sicherheitsdienst. Sie
sind die Experten, sie werden Ihnen eine feine Arbeit liefern.�</p><p>�Der
Minister m�chte das nicht. Sie wissen sehr genau, was er und Alleline von der
Konkurrenz halten. Und ganz zu recht, wenn ich das sagen darf. Eine Meute
ehemaliger Verwaltungsbeamter aus den Kolonien, die in den Circus-Papieren
herumst�bert: ebensogut k�nnte man das Heer ansetzen, um die Marine zu
�berpr�fen!�</p><p>�Das ist
�berhaupt kein Vergleich�, wandte Smiley ein. Aber Lacon als guter Beamter
hatte schon die zweite Metapher bereit: �Jedenfalls w�rde der Minister lieber
unter einem undichten Dach wohnen, als sich von diesen Au�enseitern seine ganze
Burg einrei�en zu lassen. Entspricht Ihnen diese Formulierung! Er hat einen
absolut stichhaltigen Grund, George. Wir haben doch Agenten im Au�endienst, und
ich w�rde keinen Pfifferling mehr f�r sie geben, wenn die Herren vom
Sicherheitsdienst angewalzt k�men.�</p><p>Jetzt war
es an Smiley, sein Tempo zu m��igen. �Wie viele?�</p><p>�Sechshundert,
ein paar mehr oder weniger.�</p><p>�Und
hinter dem Vorhang?�</p><p>�Auf dem
Etat stehen hundertundzwanzig.� Bei Zahlen, bei Fakten kannte Lacon keine
Unsicherheit. Sie waren das Gold, mit dem er arbeitete, das er im Schwei�
seines Angesichts der grauen b�rokratischen Erde entrungen hatte. �Soviel ich
den Zahlungsquittungen entnehmen kann, sind Sie zur Zeit fast alle im Einsatz.�
Er machte einen langen Satz. �Ich kann ihm also sagen, da� Sie es �bernehmen,
nicht wahr?� fl�tete er so ganz beil�ufig, als w�re die Frage eine reine
Formalit�t, nur damit dieser Punkt abgehakt werden k�nnte. �Sie �bernehmen die
Arbeit, misten den Stall aus? Gehen Sie zur�ck, vorw�rts, alles was notwendig
ist. Schlie�lich ist es Ihre Generation. Ihr Erbteil.�</p><p>Smiley hatte
das Gatter der Koppel aufgesto�en und schlug es hinter sich zu. Sie ma�en
einander �ber den wackligen Zaun. Lacons rosig angehauchtes Gesicht zeigte ein
unterw�rfiges L�cheln.</p><p>�Wie komme
ich auf Ellis?� fragte er im Konversationston. �Warum spreche ich von der
Ellis-Aff�re, wenn der arme Mensch doch Prideaux hie�?�</p><p>�Ellis war
sein Arbeitsname.�</p><p>�Nat�rlich.
So viele Skandale in letzter Zeit, man vergi�t einfach die Details.�
Unterbrechung. Schwingen des rechten Unterarms. Ausfall. �Und er war mit Haydon
befreundet, nicht mit Ihnen?� erkundigte sich Lacon.</p><p>�Sie waren
vor dem Krieg zusammen in Oxford.�</p><p>�Und
w�hrend des Krieges und danach Stallgef�hrten im Circus.</p><p>Das ber�hmte
Gespann Haydon-Prideaux. Mein Vorg�nger sprach dauernd davon.� Er wiederholte:
�Aber Sie standen ihm nie nah?�</p><p>�Prideaux?
Nein.�</p><p>�Kein
Vetter, meine ich?�</p><p>�In drei
Teufels Namen�, japste Smiley.</p><p>Lacon
wurde pl�tzlich wieder linkisch, aber irgendeine verbissene Absicht lie� ihn
den Blick nicht von Smiley wenden. �Und es besteht kein emotionaler oder
sonstiger Grund, der Sie veranlassen k�nnte, den Auftrag abzulehnen? Seien Sie
ganz aufrichtig, George�, dr�ngte er so besorgt, als w�re &gt;aufrichtig
sein&lt; das letzte, was er sich w�nschte. Er wartete einen Moment, dann warf
er alle Bedenken beiseite: �Ich sehe eigentlich auch keinen Grund. Ein Teil
unserer Person geh�rt wohl immer der Arbeit f�r die �ffentlichkeit, nicht wahr?
Der Gesellschaftsvertrag hat seine zwei Seiten, das haben Sie gewi� schon immer
gewu�t. Und Prideaux ebenfalls.�</p><p>�Was soll
das hei�en?�</p><p>�Ja, du
lieber Gott, er hat einiges abbekommen, George. Eine Kugel im R�cken gilt
allgemein als ziemliches Opfer, nicht wahr, sogar in Ihrer Welt?�</p><p>Smiley
stand allein am entfernten Ende der Koppel unter triefenden B�umen und
versuchte, seine Gef�hle zu ergr�nden, w�hrend er um Atem rang. Wie ein altes
Leiden hatte ihn der Zorn angefallen. Seit seinem Abtreten hatte er ihn
verleugnet, alles gemieden, was ihn zum Ausbruch bringen k�nnte: Zeitungen,
ehemalige Kollegen, Klatsch � la Martindale. Nachdem er ein Leben lang von
seinem Verstand und seinem ernormen Ged�chtnis gelebt hatte, widmete er sich
nun hauptamtlich der Aufgabe des Vergessens. Er hatte sich gezwungen,
wissenschaftliche Interessen zu pflegen, die ihm w�hrend seiner Dienstzeit im
Circus hinl�nglich als Zerstreuung gedient hatten, aber jetzt, in seiner
Unt�tigkeit, waren sie nichts, absolut nichts. Er h�tte laut schreien k�nnen:
nichts!</p><p>�Verbrenn
den ganzen Kram�, hatte Ann hilfsbereit vorgeschlagen und damit seine B�cher
gemeint. �Z�nde das ganze Haus an. Alles, nur nicht verschimmeln.�</p><p>Wenn sie
mit �verschimmeln� resignieren meinte, dann hatte sie sein Bestreben richtig
beurteilt. Er hatte versucht, ehrlich versucht, als er sich seinem, wie die
Versicherungsprospekte es mit Vorliebe nannten, Lebensabend n�herte, einen
musterg�ltigen <emphasis>Rentier </emphasis>abzugeben; obgleich niemand, und
am allerwenigsten Ann, ihm diese M�he dankte. Sooft er am Morgen sein Bett verlie�,
sooft er es des Abends, meist allein, wieder aufsuchte, hatte er sich
eingeh�mmert, da� er nicht unentbehrlich sei und es niemals war. Er hatte sich
das Bekenntnis eingepaukt, da� er in jenen elenden letzten Monaten von
Controls Amtsf�hrung, als eine Katastrophe die andere jagte, die Dinge viel zu
�berspitzt gesehen hatte. Und wenn jetzt der alte Amtsadam in ihm rebellierte
und sagte: du <emphasis>wei�t, </emphasis>da� es mit dem Circus bergab ging,
du <emphasis>wei�t, </emphasis>da� Jim Prideaux verraten wurde;
nun, hatte er erwidert, und wennschon? �Es ist schiere Eitelkeit, zu glauben,
da� als einziger Mensch ein fetter, �lterer Spion imstande w�re, die Welt zusammenzuhalten�,
ermahnte er sich. Und bei anderen Gelegenheiten: �Ich habe noch nie geh�rt, da�
irgendwer bei seinem Ausscheiden aus dem Circus <emphasis>keine </emphasis>unvollendete
Arbeit zur�ckgelassen h�tte.� Nur Ann weigerte sich, diesen Schlu�
anzuerkennen, zu dem er mit soviel M�he gelangt war. Sie ereiferte sich sogar,
wie nur Frauen sich �ber gesch�ftliche Dinge ereifern k�nnen, sie dr�ngte ihn,
umzukehren, seine Arbeit dort wieder aufzunehmen, wo er sie abgebrochen hatte,
nicht unter billigen Argumenten vom Kurs abzugehen. Nicht da� sie etwas gewu�t
h�tte, aber welche Frau hat sich jemals von einem Mangel an Wissen aufhalten
lassen? Sie f�hlte. Und verachtete ihn, weil er nicht in �bereinstimmung mit
ihrem F�hlen handelte.</p><p>Und jetzt,
genau in dem Moment, als er endlich so weit war, an sein eigenes Dogma zu
glauben, ein Schritt, der ihm durch Anns Verliebtheit in einen stellenlosen
Schauspieler nicht leichter gemacht wurde, was passiert jetzt? Die vollz�hlig
versammelten Gespenster aus seiner Vergangenheit: Lacon, Control, Karla,
Alleline, Esterhase, Bland und zu guter Letzt Bill Haydon pers�nlich st�rmen
in seine Zelle und teilen ihm strahlend mit, w�hrend sie ihn wieder zur�ck in
den gleichen Garten zerren, da� alles, was er Eitelkeit genannt hatte, Wahrheit
sei! Haydon, wiederholte er leise, denn er konnte sich nicht mehr gegen die
Flut der Erinnerungen wehren. Schon der Name versetzte ihm einen Sto�. �Ich habe
geh�rt, Sie und Bill h�tten einst <emphasis>alles </emphasis>miteinander
geteilt�, sagte Martindale.</p><p>Er starrte
auf seine pummeligen H�nde und sah, wie sie zitterten. Zu alt? Impotent? Angst
vor der Jagd? Oder Angst vor dem, was er am Ende aufst�bern w�rde?</p><p>�F�r das
Nichttun gibt es immer ein Dutzend Gr�nde�, sagte Ann mit Vorliebe - es war
tats�chlich eine treffliche Rechtfertigung vieler ihrer Seitenspr�nge. �F�r
das <emphasis>Tun </emphasis>gibt es nur einen Grund. N�mlich,
da� man es will.� Oder mu�? Ann w�rde das leidenschaftlich verwerfen: Zwang,
w�rde sie sagen, ist nur ein anderes Wort f�r �tun, was man will�; oder f�r
�nicht tun, wovor man sich f�rchtet�.</p><p>Mittlere
Kinder weinen l�nger als ihre Geschwister. Jackie Lacon lag an der Schulter
ihrer Mutter, um ihren Schmerz und den verletzten Stolz zu beschwichtigen, und
beobachtete den Aufbruch der G�ste. Zuerst zwei M�nner, die sie noch nie
gesehen hatte, der eine gro� und schlank, der andere kurz und dunkel. Sie
fuhren in einem kleinen gr�nen Lieferwagen weg. Niemand winkte ihnen nach, wie
sie feststellte, oder sagte auch nur auf Wiedersehen. Dann fuhr ihr Vater in
seinem Wagen weg und schlie�lich gingen ein sch�ner blonder Mann und ein
kleiner fetter in einem viel zu gro�en Mantel zu einem Sportwagen, der unter
den Birken geparkt war. Zuerst glaubte sie, mit dem Fetten m�sse etwas nicht
stimmen, er folgte dem anderen so langsam und m�hselig. Aber als er sah, da�
der sch�ne Mann ihm die Wagent�r hielt, schien er aufzuwachen und fiel in
einen schwerf�lligen Trab. Aus unerfindlichen Gr�nden regte diese Szene sie von
neuem auf. Eine Woge von Kummer erfa�te sie, und ihre Mutter konnte sie nicht
tr�sten.</p><p>Peter
Guillam folgt den Spuren eines �Maulwurfs� und findet die Jagd nicht
ungef�hrlich</p><p>Peter
Guillam war ein ritterlicher Mann, dessen bewu�te Loyalit�t durch seine Gef�hle
der Zuneigung bestimmt wurde. Seine angeborene Loyalit�t geh�rte seit vielen
Jahren dem Circus. Sein Vater, ein franz�sischer Gesch�ftsmann, hatte w�hrend
des Krieges f�r Haydons <emphasis>reseau </emphasis>spioniert,
w�hrend die Mutter, geb�rtige Engl�nderin, geheimnisvollen Besch�ftigungen mit
Chiffren nachging. Guillam selber hatte bis vor acht Jahren, als Angestellter
eines Transportunternehmens getarnt, seine eigenen Agenten in Franz�sisch
Nordafrika gehabt, ein ausgesprochenes Himmelfahrtskommando. Sein Netz flog
auf, seine Agenten wurden gehenkt, und f�r ihn begannen die langen Jahre des
gestrandeten Profis mittleren Alters. Er verrichtete in London
Gelegenheitsarbeiten, manchmal f�r Smiley, leitete ein paar Inlandseins�tze,
dirigierte ein Netz von Freundinnen, die, wie es im Fachjargon hie�, nicht
rundgeschaltet waren, und als Allelines Clique ans Ruder kam, wurde er nach
Brixton abgeschoben, vermutlich, weil er die falschen Beziehungen hatte, unter
anderem Smiley. So h�tte er bis vergangenen Freitag ganz entschieden seine
Lebensgeschichte dargestellt. Seine Verbindung zu Smiley h�tte er sich
gr��tenteils f�r den Schlu� aufgehoben. Guillam wohnte damals vorwiegend in den
Londoner Docks, wo er unter den vereinzelten polnischen und russischen Matrosen,
die er und einige Talentsucher aufgetan hatten, ein untergeordnetes Marinenetz
zusammenstellte. Zwischendurch sa� er immer wieder in einem kleinen Zimmer im
Erdgescho� des Circus, tr�stete ein h�bsche Sekret�rin namens Mary und war ganz
zufrieden, abgesehen davon, da� keiner, der etwas zu sagen hatte, jemals seine
Aktennotizen beantwortete. Wenn er das Telefon benutzte, war entweder besetzt,
oder es meldete sich niemand. Er hatte ger�chtweise etwas von Schwierigkeiten
geh�rt, aber es gab dauernd Schwierigkeiten. So war zum Beispiel allgemein
bekannt, da� Alleline und Control einander in der Wolle hatten, aber darin
bestand schon seit Jahren ihre Hauptbesch�ftigung. Er wu�te ferner, genau wie
alle anderen, da� eine gro�angelegte Sache in der Tschechoslowakei geplatzt war
und da� Jim Prideaux, der Chef der Skalpj�ger, der �lteste Tschechen-Spezialist
und Bill Haydons lebenslanger Gef�hrte, angeschossen und erwischt worden war.
Daher vermutlich das un�berh�rbare Schweigen und die d�steren Mienen. Daher
auch Bill Haydons rasender Zorn, der durchs ganze Haus seine Wellen schlug; wie
Gottes Zorn, sagte Mary, der ausgewachsene Leidenschaften imponierten. Sp�ter
h�rte er die Katastrophe als �Operation Testify� bezeichnen. <emphasis>Testify, </emphasis>so sagte
Haydon ihm sp�ter, sei die st�mperhafteste Operation gewesen, die jemals ein
alter Mann um seines welkenden Ruhmes willen angezettelt habe, und Jim
Prideaux sei der Preis daf�r.</p><p>Einiges
dar�ber war in die Zeitungen gelangt, es gab Anfragen im Parlament und sogar
Ger�chte - die offiziell nicht best�tigt wurden -, da� britische Truppen in
Deutschland in h�chster Alarmbereitschaft seien.</p><p>Schlie�lich,
nachdem er sich lange genug in allen m�glichen B�ros herumgetrieben hatte,
ging ihm auf, was allen anderen schon vor sechs Wochen aufgegangen war. Der
Circus schwieg nicht nur, er war eingefroren. Nichts kam herein, nichts ging
hinaus; jedenfalls nicht auf der Ebene, auf der Guillam sich bewegte. Alle
M�chtigen des Hauses waren wie vom Erdboden verschluckt, und als der Zahltag
kam, steckten keine dicken Kuverts in den F�chern, weil, laut Mary, die
Personalabteilung nicht die �bliche allmonatliche Anweisung erhalten habe, sie
auszugeben. Dann und wann berichtete jemand, er habe Alleline beim Verlassen
seines Clubs gesehen, ausgesprochen verbiestert. Oder Control beim Einsteigen
in seinen Wagen, ausgeprochen sonnig. Oder da� Bill Haydon seine Entlassung
eingereicht habe, mit der Begr�ndung, da� er �bergangen oder unterlaufen
worden sei, aber Bill reichte st�ndig seine Entlassung ein. Dieses Mal jedoch,
wie das Ger�cht wissen wollte, aus andersgearteten Gr�nden: Haydon sei w�tend
dar�ber, da� der Circus sich weigere, den Tschechen den Preis f�r Jim Prideaux'
Freilassung zu zahlen; sie verlangten angeblich zu viel an Agenten oder an
Prestige. Und da� Bill einen seiner Ausbr�che von Chauvinismus gehabt und
erkl�rt habe, jeder Preis sei angemessen, wenn man daf�r einen Engl�nder
zur�ckbekomme: gebt ihnen alles, was sie wollen, aber holt Jim zur�ck.</p><p>Dann
erschien eines Abends Smiley unter Guillams T�r und lud ihn zu einem Drink ein.
Mary wu�te nicht, wer er war, und sagte nur in ihrem einstudiert klassenlosen
Tonfall �Hallo�. Als sie Seite an Seite den Circus verlie�en, w�nschte Smiley
den Kontrollbeamten ungew�hnlich knapp gute Nacht, und in der Kneipe an der
Wardour Street sagte er: �Sie haben mich gescha�t�, und das war alles.</p><p>Vom Pub
gingen sie in ein Weinlokal in der N�he von Charing Cross, einem Keller mit
Musik und ohne G�ste. �Haben sie irgendeinen vern�nftigen Grund angegeben?�
erkundigte sich Guillam. �Oder ist es nur, weil Ihre Figur gelitten hat?�
Smiley hakte bei dem Wort �vern�nftig� ein. Er war inzwischen ehrenhaft, aber
gr�ndlich betrunken, doch �vern�nftige Gr�nde� drangen, w�hrend sie am
Themseufer entlangschwankten, zu ihm durch.</p><p>�Vern�nftig
als logisch?� fragte er, und es klang weniger nach Smiley als nach Bill Haydon,
dessen polemischer Stil aus der Vorkriegszeit in diesen Tagen jedermann in den
Ohren zu klingen schien. �Oder vern�nftig als begr�ndet? Vernunft als Lebensform?�
Sie setzten sich auf eine Bank. �Ich pfeife auf ihre vern�nftigen Gr�nde&lt;.
Ich habe meine eigenen. Und zwar ganz andere�, r�sonierte er hartn�ckig weiter,
w�hrend Guillam ihn sorgsam in ein Taxi verlud und dem Chauffeur Geld und Adresse
gab, �ganz andere, als diese halbgare Toleranz, die nur der Interesselosigkeit
entspringt.�</p><p>�Amen�,
sagte Guillam, der dem entschwindenden Taxi nachschaute und in diesem
Augenblick klar erkannte, da� nach den Regeln des Circus ihre Freundschaft, so
wie sie bisher gewesen war, hier und jetzt endete. Am n�chsten Tag erfuhr
Guillam, da� noch mehr K�pfe gerollt waren und da� Percy Alleline als Nachtw�chter
mit dem Titel eines amtierenden Chefs zun�chst den Laden �bernehmen sollte, und
da� Bill Haydon zu jedermanns Erstaunen, aber h�chst wahrscheinlich aus
nagendem Zorn auf Control, unter ihm arbeiten wolle; oder, wie die ganz Gescheiten
sagten, �ber ihm. Weihnachten war Control tot. �Du wirst der n�chste sein�,
sagte Mary, die in diesen Ereignissen eine zweite Erst�rmung des Winterpalastes
sah, und sie weinte, als Guillam in die sibirische Verbannung nach Brixton zog,
ironischerweise, um Jim Prideaux' Planstelle auszuf�llen. Als Guillam nun an
jenem feuchten Montagnachmittag, beschwingt von der Aussicht auf Treuebruch,
die Stufen zum Circus hinaufstieg, lie� er sich alle diese Ereignisse nochmals
durch den Kopf gehen und kam zu dem Schlu�, da� heute sein Weg zur�ck begann.</p><p>Er hatte
die vorangegangene Nacht in seiner ger�umigen Wohnung am Eaton Place in
Gesellschaft Camillas verbracht, einer Musikstudentin mit langgestrecktem
K�rper und traurigem sch�nem Gesicht. Obwohl sie erst zwanzig war, hatte ihr
schwarzes Haar graue Str�hnen, wie von einem Schock, �ber den sie niemals
sprach. Als vielleicht weitere Folge des gleichen unausgesprochenen Traumas a�
sie kein Fleisch, trug keine Lederschuhe und nahm keine alkoholischen Getr�nke
zu sich; nur in der Liebe war sie, wie es Guillam schien, frei von solchen
geheimnisvollen Hemmungen. Er hatte den ganzen Vormittag allein in seinem
�u�erst sch�bigen Zimmer in Brixton Dokumente aus dem Circus fotografiert,
mittels einer Kleinstbildkamera aus seinen eigenen Ausr�stungsbest�nden; er tat
das h�ufig, um in �bung zu bleiben. Der Lagerverwalter hatte gefragt
�Tageslicht oder k�nstlich�, und sie hatten sich freundschaftlich �ber
Lichtempfindlichkeit unterhalten. Er hatte seiner Sekret�rin gesagt, da� er
nicht gest�rt werden wolle, seine T�r abgeschlossen und sich nach Smileys
pr�zisen Anweisungen an die Arbeit gemacht. Die Fenster waren hoch in der Wand
eingelassen. Im Sitzen konnte er nur den Himmel sehen und das Dach der neuen
Schule am Ende der Stra�e.</p><p>Er begann
mit Nachschlagematerial aus seinem Privatsafe. Smiley hatte ihm die Reihenfolge
angegeben. Zuerst das Mitarbeiterverzeichnis, nur an h�here Beamte
auszuh�ndigen, mit den Privatadressen, Telefonnummern, Namen und Arbeitsnamen
des gesamten im Inland stationierten Circuspersonals. Zweitens, Richtlinien
der Aufgabenverteilung, mit Ausfalt-Diagramm des neuen Organisationsplans des
Circus unter Alleline. In seinem Mittelpunkt lag London Station wie eine
Riesenspinne in ihrem Netz. �Nach der Prideaux-Pleite�, hatte Bill zu
wiederholten Malen gewettert, �wird es f�r uns keine Geheimarmeen mehr geben,
keine linke Hand, die nicht wei�, was die linke tut.� Alleline war, wie Guillam
feststellte, zweimal eingetragen, einmal als Chef, einmal als �Direktor der
Abteilung Besondere Quellen�. Das Ger�cht wollte wissen, da� diese Quellen den
Circus am Leben hielten. Nach Guillams Daf�rhalten war der minimale
Arbeitsaussto� des Circus und das Ansehen, das er in Whitehall geno�, durch
nichts anderes zu erkl�ren. Diesen Dokumenten f�gte er auf Smileys Dr�ngen noch
den revidierten Organisationsplan der Skalpj�ger hinzu. Es handelte sich
hierbei um einen Brief Allelines, der mit den Worten �Lieber Guillam� begann
und ihm im einzelnen die Beschneidung seiner Befugnisse mitteilte. Sie gingen
in mehreren F�llen an Toby Esterhase, den Chef der Aufkl�rer in Acton �ber, der
einzigen Zweigstelle, die im Zuge des Lateralismus an Bedeutung gewonnen hatte.
Danach ging er hin�ber an seinen Schreibtisch und fotografierte, ebenfalls auf
Anweisung Smileys, ein paar Routine-Rundschreiben, die als allgemeine Lekt�re
n�tzlich sein konnten. Unter ihnen war ein Klagelied der Verwaltung �ber den
Zustand �sicherer H�user� im Gebiet von London: �Es wird <emphasis>dringend </emphasis>gebeten,
sie <emphasis>pfleglich </emphasis>zu behandeln�, und ein weiteres
�ber den Mi�brauch nicht registrierter Telefone im Circus zu Privatgespr�chen.
Schlie�lich ein sehr massives pers�nliches Anschreiben der Dokumentenabteilung,
worin er �zum unwiderruflich letzten Mal� darauf aufmerksam gemacht wurde, da�
seine auf seinen Arbeitsnamen lautenden Autopapiere abgelaufen seien, und da�
er, falls er sie nicht zu erneuern geruhte, �der Personalstelle zur Einleitung
entsprechender disziplinarischer Ma�nahmen gemeldet w�rde�.</p><p>Er legte
die Kamera zur Seite und ging wieder zum Safe. Im untersten Fach lag ein
Packen Aufkl�rerberichte, mit Toby Esterhases Unterschrift versehen und mit
dem Codewort Axt gestempelt. Sie enthielten die Namen und Tarnberufe der zwei-
bis dreihundert identifizierten sowjetischen Geheimdienstagenten, die in London
unter legaler oder halblegaler Tarnung t�tig waren: Handel, Tass, Aeroflot,
Radio Moskau, konsularischer und diplomatischer Dienst. Gegebenenfalls auch die
Daten von Nachforschungen, die durch die Aufkl�rer angestellt worden waren und
die Namen von Nebenstellen, wie man in dar Fachsprache solche Kontakte nannte,
die im Zug einer �berwachung entdeckt und nicht unbedingt immer weiter
verfolgt wurden. Die Berichte waren in einem j�hrlichen Hauptband mit
monatlichen Erg�nzungsb�nden zusammengefa�t. Guillam studierte zuerst den
Hauptband, dann die Erg�nzungen. Um elf Uhr zwanzig verschlo� er den Safe, rief
�ber die direkte Leitung London Station an und verlangte Lauder Strickland von
der Bankabteilung. �Lauder, hier Peter in Brixton, wie geht das Gesch�ft?�</p><p>�Ja,
Peter, was kann ich f�r Sie tun?�</p><p>Kurz und
b�ndig. Wir in London Station haben wichtigere Freunde, besagte der Tonfall.</p><p>Es handle
sich darum, ein paar Moneten abzustauben, erkl�rte Guillam, und damit einen
franz�sischen diplomatischen Kurier einzukaufen, der offenbar zu haben war. Mit
seiner dem�tigsten Stimme brachte er die Frage vor, ob Lauder wohl Zeit finden
k�nnte, da� sie sich treffen und die Sache besprechen w�rden. Ob das Projekt
von London Station freigegeben sei? wollte Lauder wissen. Nein, aber Guillam
habe die Papiere bereits mit dem Pendelbus an Bill abgeschickt. Lauder
Strickland wurde eine Spur zug�nglicher. Guillam lie� nicht locker: �Die Sache
hat ein paar kitzlige Aspekte, Lauder, ohne Ihren Grips werden wir nicht
auskommen.�</p><p>Lauder
sagte, er k�nne eine halbe Stunde f�r ihn er�brigen. Auf dem Weg ins West End
lieferte er seine Filme in der unansehnlichen Drogerie Lark in der Charing
Cross Road ab. Lark, wenn er es selber war, war ein sehr fetter Mann mit riesigen
F�usten. Der Laden war leer.</p><p>�Die Filme
von Mr. Lampton, zum Entwickeln�, sagte Guillam. Lark nahm das P�ckchen mit ins
Hinterzimmer, und als er wiederkam, sagte er mit gurgelnder Stimme: �Alle in
Ordnung�, und stie� einen Luftschwall aus, als rauchte er, was er aber nicht
tat. Er brachte Guillam zur T�r und schlo� sie hinter ihm. Wo mag George sie
nur immer auftreiben? fragte er sich. Er hatte eine Packung Hustenpastillen
gekauft. Jeder einzelne Schritt mu� zu begr�nden sein, hatte Smiley ihm eingesch�rft:
Nehmen Sie stets an, da� Tobys Hunde vierundzwanzig Stunden am Tag auf Ihrer
F�hrte sind. Das ist schlie�lich nichts Neues, dachte Guillam; Toby Esterhase
w�rde seiner eigenen Mutter die Hunde auf die Spur hetzen, wenn es ihm ein
Schulterklopfen von Alleline einbr�chte.</p><p>Von
Charing Cross ging er zu <emphasis>Chez Victor </emphasis>zu einem
Lunch mit seinem Vorturner Cy Vanhofer und einem Halunken, der sich Lorimer
nannte und behauptete, seine M�tresse mit dem ostdeutschen Gesandten in
St�ckholm zu teilen. Lorimer sagte, das M�dchen sei bereit, mitzuspielen, aber
sie ben�tige die britische Staatsb�rgerschaft und einen Haufen Geld, zahlbar
bei der ersten Lieferung. Sie w�rde alles tun, sagte er: Die Post des Botschafters
abfangen, Mikros in seine R�ume pflanzen �oder ihm Glasscherben ins Badewasser
streuen�, was ein Witz sein sollte. Guillam hielt Lorimer f�r einen L�gner, und
er h�tte gern gewu�t, ob auch Vanhofer einer sei, aber er wu�te nur zu gut,
da� keiner von beiden darauf kommen w�rde, nach welcher Seite er tendierte. Er
mochte das Lokal <emphasis>Chez Victor, </emphasis>konnte sich aber nicht erinnern,
was er gegessen hatte, und als er den Vorplatz im Circus betrat, war ihm klar,
da� er schrecklich aufgeregt war. �Hallo Bryant.�</p><p>�Freut
mich, Sie zu sehen, Sir. Nehmen Sie doch Platz, Sir, nur einen Augenblick, Sir,
vielen Dank�, sagte Bryant, alles in einem Atemzug, und Guillam lie� sich auf
der Holzbank nieder und dachte an Zahn�rzte und Camilla. Sie war eine ganz neue
und ziemlich schillernde Erwerbung; alles war so schnell gegangen wie schon
seit langem nicht mehr. Sie hatten sich bei einer Party kennengelernt, wo sie
bei einem Glas Karottensaft allein in einer Ecke sa� und �ber die Wahrheit
sprach. Guillam setzte alles auf eine Karte und sagte, Ethik sei nicht seine
starke Seite und ob sie nicht lieber einfach ins Bett gehen sollten? Camilla
�berlegte eine Weile ernsthaft; dann holte sie ihren Mantel. Seitdem hing sie
in Guillams Wohnung herum, briet Nu�-Frikadellen und spielte Fl�te.</p><p>Der
Vorplatz sah sch�biger aus denn je. Drei alte Aufz�ge, eine Holzbarriere, ein
Werbeplakat f�r Mazawatee-Tee, Bryants verglastes Schilderh�uschen mit einem
Bilder-aus-England-Kalender und mehrere bemooste Telefone.</p><p>�Mr.
Strickland <emphasis>erwartet </emphasis>Sie bereits, Sir�, sagte Bryant,
als er wieder auftauchte, und stempelte bed�chtig auf einen rosa Zettel die
Tageszeit auf: Vierzehn Uhr f�nfundf�nfzig, P. Bryant, Portier. Das Gitter des
mittleren Aufzuges klapperte wie ein B�ndel trockener Stecken.</p><p>�Zeit, da�
das Ding mal ge�lt wird, wie?� rief Guillam, w�hrend er wartete, bis der
Mechanismus in Gang kam.</p><p>�Wir haben
schon x-mal angemahnt�, sagte Bryant und stieg in seine Lieblingsklage ein.
�Sie r�hren keinen Finger. Man kann nachfragen, bis man schwarz wird. Wie
geht's der Familie, Sir?�</p><p>�Bestens�,
sagte Guillam, der keine hatte.</p><p>�Freut
mich�, sagte Bryant. Von oben sah Guillam den sahnefarbenen Kopf zwischen
seinen F��en verschwinden. Mary nannte ihn immer Erdbeer mit Vanille, fiel ihm
ein: rotes Gesicht, wei�es Haar und breiig.</p><p>Im Lift
betrachtete er seinen Besuchsschein. �Berechtigt zum Betreten von LS�, lautete
die erste Zeile. �Zweck des Besuches: Bankabteilung. Dieses Dokument ist vor
Verlassen des Geb�udes zur�ckzugeben.� Und neben �Unterschrift des Besuchten�
ein freier Platz.</p><p>�Tag,
Peter. Begr��e Sie. Sie haben sich ein bi�chen versp�tet, aber das macht
nichts.�</p><p>Lauder
wartete an der Schranke, das ganze 1 Meter 80 hohe Nichts von ihm, mit wei�em
Kragen und voll heimlichen Stolzes, weil er aufgesucht wurde. Zu Controls
Zeiten war diese Etage ein einziges Hin und Her gesch�ftiger Leute gewesen.
Heute verschlo� eine Schranke den Zutritt. Ein rattengesichtiger Portier
pr�fte eingehend seinen Besuchsschein.</p><p>�Du lieber
Gott, seit wann haben Sie denn dieses Unget�m?� fragte Guillam und blieb vor
einem gl�nzenden neuen Kaffeeautomaten stehen. Ein paar M�dchen, die ihre
Becher f�llten, blickten auf und sagten: �Hallo, Lauder�, wobei sie Guillam
anschauten. Die gro�e erinnerte ihn an Camilla: das gleiche langsam glimmende
Auge, das die m�nnliche Unzul�nglichkeit �chtete.</p><p>�Ach, Sie
ahnen gar nicht, wie viele Mann-Stunden das einspart�, schrie Lauder pl�tzlich.
�Phantastisch. Ganz phantastisch�, und h�tte in seiner Begeisterung beinah Bill
Haydon �berrannt. Haydon war aus seinem Zimmer getreten, einem sechseckigen
MG-Stand mit Blick �ber New Compton Street und Charing Cross Road. Er bewegte
sich in der gleichen Richtung wie sie, aber im Tempo von einer halben Meile pro
Stunde, was bei Bill innerhalb des Hauses Vollgas bedeutete. Im Freien verhielt
er sich anders; Guillam hatte auch das gesehen, bei �bungsspielen in Sarratt
und einmal bei einem n�chtlichen �berfall in Griechenland. Im Freien war er
flink und gewandt; das scharfgeschnittene Gesicht, das in diesem dumpfen
Korridor fahl und verschlossen wirkte, schien unter freiem Himmel von den
fernen Orten gepr�gt, an denen er gearbeitet hatte. Sie waren Legion: f�r Guillams
bewundernde Augen gab es kein Einsatzfeld, das nicht irgendwo Haydons Siegel
getragen h�tte. Er war in seiner eigenen Karriere immer wieder den Spuren von
Bills ungew�hnlicher Laufbahn begegnet. Vor ein paar Jahren, als er noch f�r
den Marine-Geheimdienst arbeitete und unter anderem die Aufgabe hatte, ein Team
von K�stenbewachern f�r die chinesischen H�fen Wentschou und Amoy
zusammenzustellen, entdeckte Guillam zu seinem Erstaunen, da� es in beiden
St�dten noch chinesische Agenten gab, die Bill Haydon w�hrend irgendeines
vergessenen Kriegseinsatzes rekrutiert, mit Geheimsendern und allem Zubeh�r
ausgestattet hatte und mit denen man sich in Verbindung setzen konnte. Und ein
anderes Mal, als er die Berichte �ber Himmelfahrtskommandos von Circus-K�mpfern
w�hrend des Krieges durchging - weniger, weil er f�r die Gegenwart Wichtiges zu
finden hoffte, als in wehm�tigem R�ckblick -, stie� Guillam zweimal innerhalb
von zwei Minuten auf Haydons Arbeitsnamen: Im Jahr einundvierzig hatte er
franz�sische Fischkutter aus der Heiford-Bucht gefahren; im gleichen Jahr
richtete er, mit Jim Prideaux als Sozius, Kurierstafetten quer durch S�deuropa
ein, vom Balkan bis Madrid. F�r Guillam geh�rte Haydon jener einmaligen, aus
sterbenden Circus-Generation an, zu der auch seine Eltern und Smiley geh�rten -
exklusiv und in Haydons Fall von blauem Blut. Aus einem einzigen Dasein, das er
in unsteter Hast zubrachte, hatten sie in aller Gelassenheit ein Dutzend Leben
gemacht, und noch heute, nach drei�ig Jahren, verdankte der Circus ihnen seinen
ersterbenden Hauch von Abenteuer.</p><p>Als er die
beiden M�nner sah, blieb Haydon wie angewurzelt stehen. Seit Guillam zuletzt
mit ihm gesprochen hatte, war ein Monat vergangen; vermutlich war er in
ungenannten Gesch�ften verreist gewesen. Als er jetzt, das Licht im R�cken, vor
seiner offenen B�rot�r stand, sah er seltsam schwarz und gro� aus. Er trug
irgend etwas, Guillam konnte nicht feststellen, was es war, eine Zeitschrift,
eine Akte oder ein Bericht; sein B�ro, das von seinem Schatten
entzweigeschnitten wurde, war ein Mittelding zwischen M�nchszelle und
unaufger�umter Studentenbude. �berall lagen Berichte, Manuskripte und Akten
herum; ein filzbespanntes Anschlagebrett an der Wand war mit Postkarten und
Zeitungsausschnitten besteckt; daneben hing, schief und ungerahmt, eines von
Bills fr�hen Bildern, konsequent abstrakt, in harten, flachen W�stenfarben.
�Hallo Bill�, sagte Guillam.</p><p>Haydon
lie� seine T�r offenstehen � ein eklatanter Bruch der Hausordnung - und setzte
sich, noch immer wortlos, vor ihnen in Bewegung. Er war wie immer sagenhaft
verschroben gekleidet. Die Lederflecke auf seinem Jackett waren sternenf�rmig
aufgen�ht, nicht viereckig, so da� er von hinten wie ein Harlekin aussah. Die
Brille hatte er �ber die graue Stirntolle geschoben wie eine Schutzbrille. Eine
Weile trabten sie unsicher hinter ihm her, bis er sich pl�tzlich unversehens
umdrehte, in ganzer Figur, wie eine Statue, die langsam auf ihrem Sockel
herumschwenkt, und den Blick auf Guillam richtete. Dann grinste er, so da� die
sichelf�rmigen Augenbrauen sich hoben wie die Brauen eines Clows, und sein
angespanntes Gesicht wurde h�bsch und unwahrscheinlich jung.</p><p>�Was, zum
Teufel, haben Sie denn hier zu suchen, Sie Paria?� erkundigte er sich
liebensw�rdig.</p></section><section><p>Lauder,
der die Frage ernst nahm, st�rzte sich in Erkl�rungen �ber Belgrad und das
n�tige Kleingeld.</p><p>�Schlie�en
Sie besser die L�ffel weg�, sagte Bill und redete einfach durch Lauder
hindurch. �Diese Skalpj�ger stehlen Ihnen das Gold aus den Z�hnen�, und setzte
mit einem weiteren freundschaftlichen Grinsen seinen Weg fort, nachdem er sie
vorbeigelassen hatte. �Und verschlie�en Sie auch die M�dchen�, rief er ihnen
noch nach, �wenn sie sich's gefallen lassen. Seit wann stauben die Skalpj�ger
ihr Geld selber ab? Das ist unsere Arbeit.�</p><p>�Lauder
staubt ab. Wir verpulvern's nur.�</p><p>�Unterlagen
an mich�, sagte Haydon mit pl�tzlicher Barschheit zu Strickland. �Mit dem
Kuddelmuddel ist jetzt Schlu�.�</p><p>�Sind
schon an Sie unterwegs�, sagte Guillam. �Liegen wahrscheinlich bereits in
Ihrem Einlaufkorb.�</p><p>Ein
letztes Nicken forderte sie zum �berholen auf, so da� Guillam auf dem ganzen
Weg bis zur n�chsten dunklen Biegung sp�rte, wie Haydons bla�grauer Blick sich
in seinen R�cken bohrte.</p><p>�Phantastischer
Kerl�, erkl�rte Lauder, als h�tte Guillam Bill zum erstenmal gesehen. �London
Station k�nnte gar nicht in besseren H�nden sein. Unglaubliche Bef�higung. Unglaubliche
Beurteilung. Gl�nzend.�</p><p>W�hrend
ihr, dachte Guillam, vom Abglanz profitiert. Indem man euch mit Haydon
identifiziert, mit dem Kaffeeautomaten, mit den Banken. Seine Betrachtungen
wurden durch die �tzende Cockney-Stimme Roy Blands unterbrochen, der aus der
n�chsten T�r vor ihnen auftauchte.</p><p>�He,
Lauder, Moment mal: haben Sie Bloody Bill irgendwo gesehen? Er wird dringend
gew�nscht.�</p><p>Darauf
folgte unmittelbar Toby Esterhases getreues mitteleurop�isches Echo aus der
gleichen Richtung: �Umgehend, Lauder, wir haben sogar schon seinetwegen Alarm
geschlagen.� Sie waren in den letzten engen Korridor eingeschwenkt. Lauder
hatte vielleicht drei Schritt Vorsprung und setzte bereits zu seiner Antwort
an, als Guillam die offene T�r erreichte und hineinschaute. Bland lungerte in
Hemds�rmeln an seinem Schreibtisch. Schwei�ringe umzogen die Achselh�hlen.
Esterhase beugte sich wie ein Oberkellner zu ihm, ein sehr kleiner Mann mit
steifem R�cken, eine Miniatur-Exzellenz mit Silberhaar und einem verkrampften
unfreundlichen Kiefer, und er hatte eine Hand nach dem Schriftst�ck
ausgestreckt, als wollte er eine Spezialit�t empfehlen. Sie hatten offenbar
gerade das gleiche Dokument gelesen, als sie des vorbeigehenden Lauder
ansichtig wurden. �Doch Roy, ich habe Bill Haydon gesehen�, sagte Lauder, der
die Gabe hatte, ungeb�hrliche Fragen in eine anst�ndige Form umzufunktionieren.
�Mir schwant sogar, da� Bill zu Ihnen unterwegs ist, er kommt schon hinten im
Korridor, wir haben nur kurz �ber ein paar Dinge gesprochen.�</p><p>Blands
Blick glitt langsam zu Guillam und blieb auf ihm haften; dieses frostige
Absch�tzen erinnerte unangenehm an Haydon. �Hallo, Peter�, sagte er. Im
gleichen Moment reckte sich Klein Toby zu voller H�he und wandte die Augen
gleichfalls auf Guillam; braun und still wie die Augen eines Sch�tzen. �Hei�,
sagte Guillam, �wor�ber wird gelacht?� Ihre Begr��ung war nicht nur frostig,
sie war schlichtweg feindselig. Guillam hatte w�hrend eines sehr kniffligen
Einsatzes in der Schweiz drei Monate lang eng mit Toby Esterhase zusammengearbeitet,
und Toby hatte die gleiche Zeit �ber nicht ein einziges Mal auch nur
gel�chelt, daher war sein eisiges Glotzen keine �berraschung f�r Guillam. Aber
Bland war eine von Smileys Entdeckungen, zu warmherzig und impulsiv f�r diese
Welt, rothaarig und st�mmig, von unverdorbenem Intellekt, und ein erfreulicher
Abend bestand f�r ihn darin, da� man in den Kneipen rund um Kentish Town �ber
Wittgenstein diskutierte. Er hatte zehn Jahre als Spitzel in der
Kommunistischen Partei gearbeitet, die akademische Route in Osteuropa
abgeklappert, und jetzt war er, genau wie Guillam, zur�ckgepfiffen worden, was
immerhin eine Gemeinsamkeit darstellte. Zu seinem Begr��ungsstil geh�rten im
allgemeinen ein breites Grinsen, ein Schlag auf die Schulter und eine
abgestandene Bierfahne. Aber nicht so heute. �Es wird �berhaupt nicht gelacht,
Peter, alter Junge�, sagte Roy schlie�lich und rang sich ein reichlich
versp�tetes L�cheln ab. �War nur �berrascht, Sie zu sehen, weiter nichts. Wir
sind so daran gew�hnt, dieses Stockwerk ganz f�r uns allein zu haben.�</p><p>�Da kommt
Bill�, sagte Lauder, hoch befriedigt, weil seine Prognose sich so prompt
best�tigte. Als Haydon in einen Lichtstreifen trat, fiel Guillam die
merkw�rdige F�rbung seiner Wangen auf. Eine tiefe wallende R�te hoch auf den
Backenknochen, die von geplatzten �derchen stammte. Sie verlieh ihm, wie
Guillam in seiner Erregtheit dachte, eine gewisse �hnlichkeit mit Dorian Gray.</p><p>Seine
Unterredung mit Lauder Strickland dauerte eine Stunde und zwanzig Minuten.
Guillam hatte sie nach Kr�ften in die L�nge gezogen, und w�hrend der ganzen
Zeit dachte er �ber Bland und Esterhase nach und fragte sich, was den beiden so
sehr im Magen liegen mochte.</p><p>�Ich gehe
jetzt wohl besser und kl�re das Ganze mit dem Delphin�, sagte er schlie�lich.
�Wir wissen ja, wie sie sich hat, wenn's um Schweizer Banken geht.� Die
Personalabteilung hauste zwei T�ren von der Bankabteilung entfernt. �Das lasse
ich hier�, f�gte er hinzu und warf den Pa� auf Lauders Schreibtisch. Diana
Dolphins Zimmer roch nach Deodorant; ihre Kettentasche lag auf dem Safe neben
einer Nummer der <emphasis>Financial Times. </emphasis>Diana war
eine jener modebewu�ten Circus-Br�ute, die nie jemand wirklich heiratet. Ja,
sagte er m�de, die Unterlagen habe er London Station bereits eingereicht. Ja,
er verstehe, da� das Herumwerfen mit schmutzigem Geld der Vergangenheit angeh�re.</p><p>�Wir
werden die n�tigen Schritte unternehmen und Ihnen Bescheid geben�, verk�ndete
sie, was hei�en sollte, da� sie Phil Porteous fragen w�rde, der nebenan sa�.
�Ich werd's Lauder bestellen�, sagte Guillam und ging. Weiter, dachte er.</p><p>Bei
�Herren� wartete er drei�ig Sekunden am Waschbecken, beobachtete im Spiegel
die T�r und horchte. Seltsame Stille hatte sich �ber das ganze Stockwerk
gesenkt. Los, dachte er, du wirst alt, weiter. Er �berquerte den Korridor, trat
ungeniert ins B�ro des Diensthabenden, knallte die T�r zu und sah sich um. Er
sch�tzte, da� er zehn Minuten Zeit haben w�rde, und er sch�tzte, da� eine
zugeknallte T�r weniger L�rm in dieser Stille verursachte als eine leise und
verstohlen geschlossene T�r. Weiter. Er hatte die Kamera bei sich, aber das
Licht war miserabel. Das Fenster mit der Netzgardine ging auf einen Innenhof
voll geschw�rzter Rohre. Er h�tte keine hellere Gl�hbirne wagen k�nnen, selbst
wenn er eine bei sich gehabt h�tte, also strengte er sein Ged�chtnis an. Seit
dem Machtwechsel schien sich nicht viel ver�ndert zu haben. Das Zimmer war
tags�ber als Ruheraum f�r Damen bestimmt gewesen und war es wohl noch immer,
nach dem billigen Parf�mgeruch zu schlie�en. An einer Wand stand das
Kunstledersofa, das nachts als Behelfslager diente; daneben der
Erste-Hilfe-Kasten mit dem abbl�tternden roten Kreuz auf dem Deckel und ein
aufgeklapptes Fernsehger�t. Der Stahlschrank stand noch am alten Platz
zwischen dem Schaltbrett und den gesperrten Telefonen, und er ging straks
darauf zu. Es war ein alter Schrank, er h�tte ihn mit einem Dosen�ffner aufgekriegt.
Er hatte seine Dietriche und einiges Leichtmetallwerkzeug mitgebracht. Dann
fiel ihm ein, da� die Kombination 312211 gelautet hatte, und er probierte sie,
vier linksrum, drei rechtsrum, zwei linksrum, rechtsrum, bis er aufgeht. Die
Scheibe war so ausgeleiert, da� sie ihre Tour von alleine lief. Als er die T�r
�ffnete, quoll eine Staubwolke hervor, kroch ein St�ck am Boden entlang und
entschwebte dann langsam zum dunklen Fenster. Im gleichen Augenblick h�rte er
einen Ton wie eine einzelne Note, die auf der Fl�te gespielt wurde;
wahrscheinlich hatte auf der Stra�e ein Auto gebremst; oder das Rad eines Aktenkarrens
auf dem Linoleum gequietscht; aber f�r ihn war es in diesem Moment einer der
langgezogenen klagenden T�ne, aus denen Camillas Tonleiter-�bungen bestanden.
Sie spielte, wann immer sie dazu Lust hatte. Um Mitternacht, fr�hmorgens, egal
wann. Die Nachbarn konnten ihr gestohlen bleiben; sie schien �berhaupt v�llig
skrupellos zu sein. Er erinnerte sich, wie sie an jenem ersten Abend gewesen
war: �Welche Bettseite ist dir lieber? Wo soll ich meine Kleider hintun?� Er
hielt sich einiges auf seinen Takt in solchen Dingen zugute, aber Camilla hatte
daf�r keinen Sinn, Technik war f�r sie bereits ein Kompromi�, ein Kompromi� mit
der Wirklichkeit, sie w�rde sogar sagen, eine Flucht aus der Wirklichkeit. Na
sch�n, dann hilf mir mal raus aus dem Salat hier.</p><p>Die
Dienst-Tageb�cher waren im obersten Fach, gebunden, die Daten klebten auf den
Einbandr�cken. Sie sahen aus wie Haushaltsb�cher. Er nahm den Band �April�
heraus und studierte die Namensliste auf dem Innendeckel, wobei er �berlegte,
ob er vom Kopierraum �ber dem Hof gesehen werden konnte, und wenn ja, w�rden
sie stutzig werden? Er ging die Eintragungen durch, seine Suche galt der Nacht
vom 10. zum 11. des Monats, in der die Codeverbindung zwischen London Station
und Tarr angeblich stattgefunden hatte. Hongkong war zeitlich acht Stunden
voraus: sowohl Tarrs Telegramm wie Londons erste Antwort waren in die Zeit
au�erhalb der Dienststunden gefallen. Vom Korridor kam pl�tzlich ein
Stimmenschwall, und eine Sekunde lang glaubte er sogar, das humorlose Scherzen
von Allelines schottisch gef�rbtem Brummba� herauszuh�ren, aber was er
glaubte, war im Moment keinen Pfifferling wert. Er hatte sich eine Ausrede
zurechtgelegt, und ein Teil seiner Person hielt sie bereits f�r wahr. Sollte er
erwischt werden, so w�rde seine ganze Person sie f�r wahr halten, und falls die
Inquisitoren in Sarratt ihn in die Zange nehmen w�rden, hatte er einen Helfer
in der Not, er reiste niemals ohne. Dennoch packte ihn Entsetzen. Die Stimmen
erstarben, und der Geist Percy Allelines mit ihnen. Schwei� rann ihm �ber die
Rippen. Ein M�dchen trippelte vorbei und summte eine Melodie aus <emphasis>Hair. </emphasis>Wenn Bill
dich h�rt, M�dchen, bringt er dich um, dachte er; wenn es etwas gibt, was Bill
in Fahrt brachte, dann war es Summen. �Was haben Sie hier zu suchen, Sie
Paria?�</p><p>Dann h�rte
er zu seiner fl�chtigen Erheiterung tats�chlich Bills w�tendes Gebr�ll, das aus
Gott wei� welcher Entfernung erscholl: �Schlu� mit dem Gewinsel. Wer ist denn
dieses Kamel?� Weiter. Sobald du stehenbleibst, kommst du nie mehr los; dieses
Lampenfieber macht dich fertig, du vergi�t deinen Text und l�ufst weg, deine
Finger verbrennen, sobald du f�ndig wirst, und das Herz f�llt dir in die Hosen.
Weiter. Er stellte den April-Band zur�ck und nahm auf gut Gl�ck Februar, Juni,
September und Oktober heraus. Er bl�tterte sie rasch durch, suchte nach �hnlichen
F�llen, stellte sie ins Fach zur�ck und ging in die Hocke. Wenn sich doch der
Staub legen wollte, er schien unersch�pflich zu sein. Warum beschwerte sich
niemand? Immer das gleiche, wenn viele Leute den gleichen Gegenstand benutzen:
keiner ist verantwortlich, keiner schert sich einen Deut. Er suchte jetzt die
Anwesenheitslisten der Nachtportiers. Er fand sie im untersten Fach, zwischen
den Teebeuteln und der Dosenmilch: ganze B�ndel, in gro�en Kuverts. Die
Portiers f�llten sie aus und brachten sie einem zweimal w�hrend der
zw�lfst�ndigen Dienstzeit: um Mitternacht und um sechs Uhr morgens. Man
best�tigte ihre Richtigkeit, was praktisch unm�glich war, denn das Personal vom
Nachtdienst war �ber das ganze Geb�ude verstreut � zeichnete sie ab, behielt
eine dritte Kopie und schmi� sie in den Stahlschrank, niemand wu�te, warum. Das
jedenfalls war das Verfahren vor der Sintflut gewesen und war es anscheinend
auch jetzt noch.</p><p>Staub und Teebeutel
im gleichen Fach, dachte er. Wann hat zum letztenmal jemand Tee gemacht?</p><p>Wiederum
konzentrierte er seine Aufmerksamkeit auf den 10./11. April. Das Hemd klebte
ihm an den Rippen. Was ist los mit mir. Herrgott, ich bin auf dem absteigenden
Ast. Er bl�tterte vor und zur�ck, dann wieder vor, zweimal, dreimal, dann
stellte er alles zur�ck und schlo� den Schrank. Er wartete, lauschte, warf
einen letzten besorgten Blick auf die Staubwolke und schritt dann k�hn �ber den
Korridor und zur�ck in die Geborgenheit von �Herren�.</p><p>Unterwegs
fielen ihn die Ger�usche an: �Wo ist der verdammte Wisch, ich hab ihn in der
Hand gehabt�, und wieder dieses geheimnisvolle Fl�ten, aber es klang nicht
mehr wie Camillas Spiel im Morgengrauen. N�chstes Mal bring' ich sie dazu, da�
sie's tut, dachte er grimmig, ohne Kompromi�, Auge in Auge, wie das Leben sein
sollte.</p><p>In
�Herren� standen Spike Kaspar und Nick de Silsky Schulter an Schulter an den
Waschbecken und fl�sterten einander im Spiegel zu: Kuriere f�r Haydons
sowjetisches Netz, seit Jahren im Haus und nur unter dem Namen �die Russen�
bekannt. Als sie Guillam sahen, h�rten sie sofort zu sprechen auf. �Hallo, ihr
zwei! Herrgott, ihr seid <emphasis>wirklich </emphasis>unzertrennlich!�
Sie waren blond und vierschr�tig und sahen russischer aus als jeder Russe. Er
wartete, bis sie weg waren, wusch sich den Staub von den Fingern und spazierte
zur�ck in Lauder Stricklands B�ro. �Du meine G�te, dieser Delphin redet wie ein
Buch�, sagte er nonchalant.</p><p>�Sehr
t�chtige Kraft. Nahezu unentbehrlich, mehr als jeder andere. �u�erst
kompetent, ich wei�, was ich sage�, sagte Lauder. Er blickte pedantisch auf die
Uhr, ehe er den Zettel unterschrieb, und begleitete ihn zu den Aufz�gen. Toby
Esterhase stand an der Schranke und sprach mit dem unfreundlichen jungen Portier.
�Fahren Sie zur�ck nach Brixton, Peter?� Sein Tonfall war beil�ufig, seine
Miene wie immer undurchdringlich. �Warum?�</p><p>�Ich hab'
drau�en einen Wagen stehen. Dachte, ich k�nnte Sie vielleicht mitnehmen. Wir
haben dort drau�en etwas zu erledigen.�</p><p>Toby
sprach keine bekannte Sprache perfekt, aber er sprach sie alle. In der Schweiz
hatte Guillam sein Franz�sisch geh�rt, und es hatte einen deutschen Akzent
gehabt; sein Deutsch klang slawisch, und sein Englisch war voller winziger
Fehler und Stockungen und falschklingender Vokale.</p><p>�Sehr
nett, Toby, ich glaube, ich geh' nach Hause. Gute Nacht.�</p><p>�Direkt
nach Hause? Ich w�rde Sie hinbringen.�</p><p>�Danke,
ich mu� noch Besorgungen machen. Alle diese verw�nschten Patenkinder.�</p><p>�Klar�,
sagte Toby, als h�tte er auch welche und zog das kleine steinharte Kinn
entt�uscht zur�ck.</p><p>Was zum
Teufel will er? dachte Guillam wieder. Beide, der kleine Toby und der gro�e
Roy: Warum sind sie so scharf auf mich? Hatten sie vorhin etwas Bestimmtes
gelesen oder etwas in den falschen Hals bekommen?</p><p>Drau�en
schlenderte er die Charing Cross Road entlang und be�ugte die Schaufenster der
Buchl�den, w�hrend die andere H�lfte seiner Aufmerksamkeit den beiden Seiten
des Gehsteigs galt. Es war bedeutend k�lter geworden, Wind kam auf, und Erwartung
stand in den Gesichtern der Vor�berhastenden zu lesen. Er f�hlte sich
befl�gelt. Bisher hatte er viel zu sehr in der Vergangenheit gelebt, fand er.
Zeit, da� ich mich wieder auf de Gegenwart einschie�e. Bei Zwemmer schaute er
sich einen repr�sentativen Bildband an mit dem Titel �Musikinstrumente im
Wandel der Jahrhunderte�, und erinnerte sich, da� Camilla eine Abendlektion bei
Doktor Sand, ihrem Fl�tenlehrer, hatte. Er ging bis zu Foyle zur�ck und sah
sich im Vorbeigehen die Busschlangen genau an. Betrachten Sie alles wie ein
fremdes Land, hatte Smiley gesagt. Wenn er sich an das Dienstzimmer und Roy
Blands kalte Fischaugen erinnerte, hatte Guillam keine Schwierigkeiten. Und
auch an Bill: Teilte Haydon ihren Verdacht? Nein. Bill war eine eigene Klasse,
dachte Guillam in einer unwiderstehlichen Aufwallung von Loyalit�t gegen�ber
Haydon. Bill w�rde nie etwas teilen, was nicht urspr�nglich seine eigene Idee
war. Neben Bill waren die beiden anderen nur Pygm�en.</p><p>In Soho
nahm er ein Taxi und fuhr zur Waterloo Station. Am Bahnhof rief er von einer
�belriechenden Telefonzelle aus eine Nummer in Mitcham, Surrey, an und sprach
mit einem Inspektor Mendel, einem ehemaligen Mitglied der Sonderabteilung, den
Guillam und Smiley aus einem fr�heren Leben kannten. Als Mendel sich meldete,
fragte er nach Jenny und h�rte, wie Mendel ihm kurz angebunden mitteilte, hier
wohne keine Jenny. Er entschuldigte sich und h�ngte ein. Er w�hlte die
Zeitansage und mimte ein heiteres Gespr�ch mit seiner automatischen Partnerin,
denn drau�en wartete eine alte Dame auf das Ende des Gespr�chs. Inzwischen
m��te er da sein, dachte er. Er h�ngte ein und w�hlte eine zweite Nummer in
Mitcham, dieses Mal eine �ffentliche Sprechzelle am Ende von Mendels Stra�e.
�Hier Will�, sagte Guillam.</p><p>�Und hier
Arthur�, sagte Inspektor Mendel fr�hlich. �Wie geht's, Will!�</p><p>Er war ein
gewiefter, unbeirrbarer Sp�rhund mit scharfen Z�gen und scharfen Augen, und
Guillam konnte sich genau vorstellen, wie er sich jetzt mit gez�cktem Stift
�ber sein Notizbuch beugte.</p><p>�Ich
m�chte Ihnen die Schlagzeilen durchgeben, falls ich unter einen Bus geraten
sollte.�</p><p>�Sehr
richtig, Will�, sagte Mendel tr�stlich. �Man kann gar nicht vorsichtig genug
sein.� Er berichtete langsam und in Ausdr�cken aus der Universit�tswelt, was
sie als letzte Sicherung gegen etwaiges Abh�ren vereinbart hatten: Examen,
Studenten, gestohlene Pr�fungsaufgaben. Sooft er absetzte, h�rte er nur ein
schwaches Kratzen. Er stellte sich vor, wie Mendel bed�chtig und leserlich
mitschrieb und nicht sprach, ehe er alles zu Papier hatte.</p><p>�Ich hab'
�brigens die phantastischen Pr�parate aus der Drogerie gekriegt�, sagte Mendel
schlie�lich, nachdem er alles nochmals �berlesen hatte. �Eine wahre Freude.
Kein einziges verdorben.�</p><p>�Vielen
Dank. Das freut mich.� Aber Mendel hatte bereits eingeh�ngt.</p><p>Apropos
Maulw�rfe, dachte Guillam, ihr Leben mu� ein einziger dunkler Tunnel sein.
Aber als er die T�r f�r die alte Dame offenhielt, sah er den Telefonh�rer auf
der Gabel liegen und den Schwei� in Tropfen dar�berkleben. Er bedachte noch
einmal seine Botschaft an Mendel, dachte wieder an Roy Bland und Toby
Esterhase, wie sie ihn von der T�r her angestarrt hatten und �berlegte
fieberhaft, wo Smiley sein mochte und ob er sich in acht nehmen w�rde. Er
kehrte zum Eaton Place zur�ck, sehnte sich nach Camilla und f�rchtete sich ein
bi�chen vor seinen Gr�nden. War ihm wirklich pl�tzlich sein Alter so im Weg?
Zum erstenmal im Leben hatte er sozusagen gegen sein eigenes Elitedenken
ges�ndigt. Er f�hlte sich schmutzig, empfand Ekel vor sich selbst.</p><empty-line/><p>George
Smiley sucht wieder einmal Oxford auf und konsultiert eine Ged�chtnis-Akrobatin</p><empty-line/><p>Es gibt
alte M�nner, die Oxford wieder aufsuchen und in jedem Stein einen Gru� aus
ihrer Jugend erblicken. Smiley geh�rte nicht zu ihnen. Vor zehn Jahren h�tte er
vielleicht ein leises Ziehen gesp�rt. Jetzt nicht mehr. Als er an der Bodleian
Library vor�berkam, dachte er: dort habe ich gearbeitet. Beim Anblick des
Hauses seines alten Tutors in der Parks Road erinnerte er sich, wie in diesem langgestreckten
Garten, vor dem Krieg, Jebedee mit dem Vorschlag herausger�ckt war, Smiley
k�nne, wenn er Lust habe, �mit ein paar Leuten, die ich in London kenne�,
sprechen. Und als er vom Tom Tower die sechste Abendstunde schlagen h�rte,
fielen ihm Bill Haydon und Jim Prideaux ein, die im gleichen Jahr
hierhergekommen sein mu�ten, in dem Smiley abgegangen war, und die dann der
Krieg in seinen Strudel gerissen hatte, und er �berlegte fl�chtig, wie sie
damals wohl nebeneinander ausgesehen haben mochten, Bill, der Maler, Polemiker
und Sozialkritiker; Jim, der Sportsmann, der an jedem seiner Worte hing.
W�hrend ihrer gemeinsamen Bl�tezeit im Circus hatte diese Verschiedenheit sich,
wie Smiley noch wu�te, nahezu ausgeglichen: Jim wurde ein flinker Denker, und Bill
konnte im Au�endienst keiner mehr etwas vormachen. Erst am Ende best�tigte
sich die alte Gegens�tzlichkeit: das Zugpferd kehrte wieder in seinen Stall
zur�ck, der Denker an seinen Schreibtisch. Einzelne Regentropfen fielen, aber
er sah sie nicht. Er war mit dem Zug gekommen und vom Bahnhof aus auf allerlei
Umwegen - Blackwells, immerhin sein fr�heres College, dann nordw�rts - zu Fu�
gegangen. Wegen der B�ume war die D�mmerung hier fr�h eingefallen.</p><p>Vor einer
Sackgasse hielt er aufs neue inne, machte aufs neue Inventur. Eine Frau, in
einen Schal geh�llt, radelte durch die Lichtkegel der Stra�enlampen, soweit
sie die Nebelschwaden durchstachen, an ihm vorbei. Sie stieg ab, zog ein
Gittertor auf und verschwand. Auf der anderen Stra�enseite f�hrte eine vermummte
Gestalt, ob Mann oder Frau, war nicht zu unterscheiden, einen Hund spazieren.
Sonst war die Stra�e leer, desgleichen die Telefonzelle. Dann gingen pl�tzlich
zwei M�nner an ihm vorbei, die sich laut �ber Gott und Krieg unterhielten. Der
j�ngere sprach die meiste Zeit und der �ltere stimmte ihm zu, woraus Smiley
schlo�, da� er der Professor sei.</p><p>Er ging an
einem hohen Staketenzaun entlang, durch den Buschwerk quoll. Das Tor zu Nummer
f�nfzehn hing windschief in den Angeln, nur einer der beiden Fl�gel wurde
benutzt. Er dr�ckte, das Schlo� war zerbrochen. Das Haus stand weit zur�ck,
die meisten Fenster waren erleuchtet. In einem der oberen R�ume beugte sich ein
junger Mann �ber einen Schreibtisch. In einem anderen schienen zwei M�dchen zu
streiten, an einem dritten Fenster spielte eine Frau auf der Bratsche, aber er
konnte keinen Ton h�ren. Auch im Erdgescho� waren die Fenster erleuchtet, aber
die Gardinen zugezogen. Der Vorplatz war gefliest, die Haust�rf�llung aus
Buntglas, am Pfosten hing ein alter Zettel: <emphasis>Nach 23
Uhr nur Seiteneingang benutzen. </emphasis>�ber den Klingeln weitere Zettel:
�Prince, 3 x klingeln�, Lumby 2 x�, �Buzz: bin den ganzen Abend weg, Gru�
Janet.� An der untersten Klingel stand �Sachs�, und dort klingelte er. Sofort
erscholl Hundegebell und die scheltende Stimme einer Frau.</p><p>�Flush, du
<emphasis>dummer </emphasis>Kerl, ist doch blo� einer von den Eselsb�nklern.
Schlu� jetzt, Flush. Flush!�</p><p>Die T�r
ging einen Spalt auf, eine Sperrkette war vorgelegt; ein K�rper zw�ngte sich in
den T�rspalt. W�hrend Smiley sich fieberhaft bem�hte, zu sehen, wer sonst noch
im Haus sei, musterten ihn zwei schlaue Augen, feucht wie Babyaugen, sch�tzten
ihn ab, registrierten seine Aktenmappe und die verspritzten Schuhe, huschten
nach oben, um �ber seine Schultern hinweg die Auffahrt abzusuchen, und nahmen
ihn sich noch einmal im ganzen vor. Endlich erstrahlte das wei�e Gesicht in
einem reizenden L�cheln, und Mi� Connie Sachs, Ex-K�nigin der
Recherchen-Abteilung im Circus, gab ihrem spontanen Entz�cken Ausdruck. �George
Smiley�, rief sie mit sch�chtern verwehendem Lachen und zog ihn ins Haus. �Sie
lieber, netter Mensch, und ich dachte, Sie wollten mir einen Staubsauger
verkaufen und dabei ist es unser George!� Sie schlo� hinter ihm schnell die
T�r. Sie war eine stattliche Frau, einen Kopf gr��er als Smiley. Wirres, wei�es
Haar rahmte das zerflie�ende Gesicht. Sie trug einen braunen Blazer und Hosen
mit Gummizug um die Taille, und sie hatte einen H�ngebauch wie ein alter Mann.
Im Kamin schwelte ein Koksfeuer. Katzen lagen davor, und ein r�udiger grauer
Spaniel, bis zur Unbeweglichkeit verfettet, lungerte auf dem Sofa. Auf einem
Teewagen standen die Konservendosen, aus denen sie a�, und die Flaschen, aus
denen sie trank. Aus einem Mehrfachstecker bezog sie den Strom f�r ihr Radio, ihre
Kochplatte und die Brennschere. Ein Junge mit schulterlangem Haar lag auf dem
Boden und bereitete Toast. Als er Smiley sah, legte er die Blechgabel weg.</p><p>�Ach
Jingle, Darling, <emphasis>k�nntest </emphasis>du wohl morgen kommen?� flehte
Connie. �Es passiert nicht oft, da� meine aller�lteste Liebe mich besucht.� Er
hatte ihre Stimme vergessen. Sie spielte st�ndig damit, zog s�mtliche Register.
�Ich gebe dir eine Freistunde, Lieber, ganz unter uns: einverstanden? - Einer
von meinen Eselsb�nklern�, erkl�rte sie Smiley, l�ngst ehe der Junge au�er H�rweite
war. �Ich gebe immer noch Stunden, warum wei� ich nicht, George�, murmelte sie
und beobachtete ihn stolz �ber das Zimmer hinweg, w�hrend er die Sherryflasche
aus der Aktenmappe nahm und zwei Gl�ser f�llte. �Von all den lieben, netten
M�nnern, die ich je gekannt habe - er ist <emphasis>zu Fu� </emphasis>gegangen�,
erkl�rte sie dem Spaniel.</p><p>�Schau nur
seine Stiefel an. Den ganzen Weg von London hierher zu Fu�, nicht wahr,
George?�</p><p>Das
Trinken fiel ihr schwer. Ihre gichtigen Finger waren nach unten gekr�mmt, als
h�tte sie sie allesamt beim gleichen Unfall gebrochen, und ihr Arm war steif.
�Sind Sie allein marschiert, George?� fragte sie und fischte eine lose
Zigarette aus der Jackentasche. �Hat uns niemand begleitet?�</p><p>Er z�ndete
ihr die Zigarette an, und sie hielt sie wie ein Erbsenblasrohr, die Finger an
der Spitze, und visierte ihn aus ihren schlauen rosa Augen damit an. �Und was
m�chte er von seiner Connie, der b�se Junge?�</p><p>�Ihr
Ged�chtnis.�</p><p>�Welchen
Teil?�</p><p>�Wir gehen
einiges aus der Vergangenheit durch.�</p><p>�Hast du
das geh�rt, Flush?� schrie sie zu dem Spaniel. �Erst stellen sie uns den Stuhl
vor die T�r, dann m�chten sie bei uns schnorren. Welche <emphasis>Vergangenheit,
</emphasis>George?�</p><p>�Ich habe
Ihnen einen Brief von Lacon mitgebracht. Er ist heute abend um sieben in seinem
Club. Wenn Sie Bedenken haben, rufen Sie ihn von der Telefonzelle an der Ecke
aus an. Mir w�re lieber, Sie t�ten's nicht, aber wenn's sein mu�, wird er die
n�tigen ergreifenden Ger�usche von sich geben.�</p><p>Sie hatte
sich an ihn geklammert, aber jetzt fielen ihre H�nde herab und eine ganze Weile
tappte sie im Zimmer herum, suchte Rast und St�tze an den vertrauten Pl�tzen
und fluchte: �Fahr zur H�lle, George Smiley, und alle, die im gleichen Boot
sitzen.� Am Fenster schob sie, wohl aus Gewohnheit, die Gardine beiseite, aber
drau�en schien nichts ihre Aufmerksamkeit zu fesseln. �O George, der Teufel
soll Sie holen�, murmelte sie. �Wie k�nnen Sie einen Lacon zuziehen? Dann
k�nnten Sie auch gleich die Konkurrenz zuziehen.�</p><p>Auf dem
Tisch lag die heutige <emphasis>Times, </emphasis>Kreuzwortr�tsel
obenauf. Jedes Quadrat war mit schwerf�lligen Buchstaben ausgef�llt. Nicht
eines war wei�.</p><p>�War heute
beim Fu�ballspiel�, sang sie aus dem Dunkel unter der Treppe, wo sie sich am
Teewagen st�rkte. �Der liebe Will hat mich mitgenommen. Mein Lieblingsesel, war
das nicht super von ihm?� Ihre Kleinm�dchenstimme, dazu geh�rte ein Schmollm�ndchen.
�Connie hat <emphasis>gefroren, </emphasis>George. Richtig eisig, arme
Connie, Zehen und alles.�</p><p>Er nahm
an, sie weinte, holte sie aus dem Dunkeln und f�hrte sie zum Sofa. Ihr Glas war
leer, und er f�llte es zur H�lfte. Seite an Seite auf dem Sofa sitzend tranken
sie, w�hrend Connies Tr�nen �ber den Blazer auf seine H�nde tropften. �O
George�, sagte sie immer wieder, �wissen Sie, was sie gesagt hat, als sie mich
rauswarfen? Diese Personalkuh?� Sie hielt eine Ecke von Smileys Kragen fest und
zwirbelte sie zwischen Finger und Daumen, w�hrend sie sich beruhigte. �Wissen
Sie, was diese Kuh gesagt hat?� Ihre Feldwebelstimme: &gt;Sie verlieren den
Sinn f�r die Realit�t, Connie. Zeit, da� Sie rauskommen in die reale Welt!&lt;
Ich <emphasis>hasse </emphasis>die reale Welt, George. Ich mag
nur den Circus und alle meine lieben Jungens.� Sie nahm seine H�nde und versuchte,
ihre Finger in die seinen zu flechten. �Poljakow�, sagte er ruhig. �Alexei
Alexandrowitsch Poljakow, Kulturattache, Sowjetbotschaft London. Er ist wieder
auferstanden, genau wie Sie vorhergesagt haben.� Ein Wagen bog in die Stra�e
ein, er h�rte nur das Ger�usch der Reifen, der Motor war bereits abgestellt.
Dann Schritte, sehr behutsam.</p><p>�Janet
schmuggelt ihren Freund ein�, fl�sterte Connie, und ihre rosager�nderten Augen
hefteten sich auf die seinen, w�hrend sie mit ihm lauschte. �Sie glaubt, ich
w��te es nicht. Haben Sie geh�rt? Eisen an den Schuhen. Passen Sie auf.� Die
Schritte hielten inne, man h�rte ein leises Scharren. �Sie gibt ihm den
Schl�ssel. Er glaubt, er kann leiser damit aufschlie�en als sie. Kann er
nicht.� Das Schlo� drehte sich mit lautem Schnappen. �Ach, ihr M�nner�, hauchte
Connie mit hoffnungslosem L�cheln. �Ach, George. Warum m�ssen Sie Alex
ausgraben?� Und eine Zeitlang weinte sie um Alex Poljakow.</p><p>Ihre
Br�der waren Akademiker, erinnerte Smiley sich; ihr Vater war
Universit�tsprofessor. Control hatte sie beim Bridge kennengelernt und einen
Job f�r sie erfunden.</p><p>Sie begann
ihre Geschichte wie ein M�rchen: �Es war einmal, vor vielen, vielen Jahren,
anno dreiundsechzig, ein �berl�ufer namens Stanley�, und sie ging dabei mit der
gleichen Pseudo-Logik zu Werke, teils Intuition, teils intellektueller
Opportunismus, wie sie ein gro�artiger Verstand hervorbringt, der nie erwachsen
wurde. Auf ihrem formlosen wei�en Gesicht erschien der gro�m�tterliche Glanz
begl�ckten Erinnerns. Ihr Ged�chtnis war so umfangreich wie ihr K�rper, und sie
liebte es sicherlich mehr, denn um ihm zu lauschen, hatte sie alles andere
beiseite geschoben: den Drink, die Zigarette, eine Weile sogar Smileys geduldige
Hand. Sie sa� nicht mehr zusammengekauert, sondern kerzengerade, den gro�en
Kopf zur Seite geneigt, und zupfte an dem wei�en Wollhaar. Er hatte angenommen,
sie w�rde sofort mit Poljakow beginnen, aber sie begann mit Stanley; er hatte
ihre Leidenschaft f�r Stammb�ume vergessen. Stanley also; der Deckname f�r
einen f�nftklassigen �berl�ufer aus der Moskauer Zentrale. M�rz dreiundsechzig.
Die Skalpj�ger hatten ihn aus zweiter Hand von den Holl�ndern gekauft und nach
Sarratt verfrachtet, und wenn nicht Sauregurkenzeit gewesen w�re und die
Inquisitoren zuf�llig wenig Arbeit gehabt h�tten, wer wei�, ob irgend etwas von
der ganzen Geschichte ans Licht gekommen w�re. In Br�derchen Stanley steckte
ein Goldk�rnchen, ein einziges winziges K�rnchen, und sie fanden es. Den
Holl�ndern war es entgangen, aber die Inquisitoren fanden es, und eine Kopie
ihres Berichts fand den Weg zu Connie: �Was ein <emphasis>weiteres </emphasis>Wunder
war�, bellte Connie erz�rnt, �wenn man bedenkt, da� alle, und <emphasis>besonders </emphasis>Sarratt,
dem Grundsatz huldigten, die Recherchen-Abteilung nicht auf ihrer
Verteilerliste zu f�hren . . .� Smiley wartete geduldig auf das Goldk�rnchen,
denn Connie war in einem Alter, wo ein Mann ihr nur noch seine Zeit schenken
konnte.</p><p>Stanley
sei w�hrend eines bewaffneten Einsatzes in Den Haag �bergelaufen, erkl�rte sie.
Er war ein berufsm��iger Killer und nach Holland geschickt worden, um einen
russischen Emigranten zu ermorden, der der Zentrale auf die Nerven ging. Statt
dessen beschlo� er, sich der Gegenseite zu stellen. �Irgendein <emphasis>M�dchen </emphasis>hat ihm
den Kopf verdreht�, sagte Connie voll Verachtung. �Die Holl�nder hatten diesen
Lockvogel auf ihn angesetzt, und er ist ihm mit weit geschlossenen Augen ins
Garn gegangen.�</p><p>Um ihn auf
diese Mission vorzubereiten, hatte die Zentrale ihn in ein Trainingslager in
der N�he von Moskau gebracht, zwecks Auffrischung in den schwarzen K�nsten:
Sabotage und lautloses T�ten. Die Holl�nder, die ihn zun�chst hatten, waren
dar�ber schockiert gewesen und hatten ihre Verh�re auf diesen Punkt
konzentriert. Sie brachten ein Foto in die Zeitungen und lie�en ihn Zeichnungen
von Zyanidkugeln und all den anderen schmutzigen Waffen anfertigen, die der
Zentrale so teuer sind. Aber die Inquisitoren in der <emphasis>Nursery </emphasis>kannten
das alles in- und auswendig, sie interessierten sich f�r das Trainingslager,
das neu eingerichtet und wenig bekannt war. �Eine Art Nobel-Sarratt�, erkl�rte
sie. Sie erstellten eine Skizze der Anlage, die Hunderte von Morgen Wald- und
Seenland umfa�t, und zeichneten alle Geb�ude ein, an die Stanley sich erinnern
konnte: W�schereien, Kantinen, Vortrags-Baracken, den ganzen Plunder. Stanley
war mehrmals dort gewesen und erinnerte sich an eine Menge. Sie glaubten schon,
ziemlich alles zu haben, als Stanley sehr still wurde. Er nahm einen Bleistift
und malte in die Nordwestecke f�nf weitere Baracken und rundum einen Doppelzaun
f�r die Wachhunde, der Gute. Diese Baracken seien neu, sagte Stanley, erst in
den letzten Monaten errichtet. Man erreichte sie �ber eine Privatstra�e;
Stanley hatte sie von einem H�gel aus gesehen, als er mit seinem Instrukteur
Milos einen Spaziergang machte. Laut Milos, der Stanleys Freund war, sei dort
eine unl�ngst von Karla gegr�ndete Spezialschule untergebracht, die Offiziere
f�r Verschw�rungen ausbildete.</p><p>�Da hatten
wir's also, mein Lieber�, schrie Connie. �Seit Jahren kamen uns Ger�chte zu
Ohren, wonach Karla versuchte, innerhalb der Moskauer Zentrale seine eigene
Privatarmee aufzubauen, aber, das arme Schaf, er hat es nicht geschafft. Wir
wu�ten, da� er Agenten rund um den Globus hatte und nat�rlich mit zunehmendem
Alter immer besorgter wurde, er k�nne sie eines Tages nicht mehr allein unter
Kontrolle halten. Wir wu�ten, da� er, wie jeder, <emphasis>schrecklich
</emphasis>eifers�chtig auf sie war und den Gedanken, sie den Au�enstellen in
den Ziell�ndern zu �berlassen, nicht ertragen konnte. Ganz klar: Sie wissen,
wie er Au�enstellen ha�te: zu viele Leute, zu wenig Sicherheit. Genau, wie er
die alte Garde ha�te - Kriechtiere, nannte er sie. Stimmt. Jetzt aber hatte er
die Macht, und er nutzte sie, wie jeder echte Mann. M�rz dreiundsechzig�,
wiederholte sie, falls Smiley das Datum entgangen sein sollte.</p><p>Dann war
nat�rlich Sense. �Das �bliche Spiel: abwarten, inzwischen etwas anderes tun.�</p><p>Drei Jahre
lang hatte sie gewartet, bis Major Mikhail Fedorowitsch Komarow,
stellvertretender Milit�rattache an der Sowjetischen Botschaft in Tokio, <emphasis>in
flagranti </emphasis>bei der �bernahme von sechs streng geheimen Filmrollen
erwischt wurde, die ein h�herer Beamter des japanischen
Verteidigungsministeriums beschafft hatte. Komarow war der Held ihres zweiten
M�rchens: kein Verr�ter, sondern ein Soldat mit den Schulterst�cken der
Artillerie.</p><p>�Und
Orden, mein Lieber! Jede Menge Orden!� Komarow hatte Tokio so �berst�rzt
verlassen m�ssen, da� sein Hund in der Wohnung zur�ckblieb und sp�ter
verhungert dort aufgefunden wurde, etwas, das Connie nicht verzeihen konnte.
Komarows japanischer Agent wurde indessen geb�hrend ausgequetscht, und durch
einen gl�cklichen Zufall konnte der Circus von der Toka das Protokoll erwerben.</p><p>��brigens,
George, da f�llt mir ein, Sie haben ja den Handel arrangiert!�</p><p>In seiner
beruflichen Eitelkeit geschmeichelt, sch�rzte Smiley kokett die Lippen und
r�umte ein, da� dies durchaus m�glich sei.</p><p>Der Inhalt
des Protokolls war im wesentlichen ganz einfach. Der japanische
Verteidigungsbeamte war ein Maulwurf. Er war vor dem Krieg im Schatten des
japanischen Einfalls in die Mandschurei von einem gewissen Martin Brandt
angeworben worden, einem deutschen Journalisten, der mit der Komintern in
Verbindung stand. Brandt, sagte Connie, sei in den drei�iger Jahren einer von
Karlas Namen gewesen. Komarow habe selber nie der offiziellen Tokioter Au�enstelle
innerhalb der Botschaft angeh�rt, er habe solo gearbeitet, mit einem Kurier und
einem direkten Draht zu Karla, dessen Waffenbruder er im Krieg gewesen war: �Es
kommt noch besser: Vor seiner Ankunft in Tokio hatte er eine Spezialausbildung
in einem neuen Trainingslager in der Umgebung von Moskau absolviert, das f�r
Karlas eigens ausgesuchte Sch�ler eingerichtet worden war. �Schlu�folgerung�,
sang Connie, �Br�derchen Komarow war unser erster und leider <emphasis>nicht </emphasis>sehr
gl�nzender Absolvent von Karlas Ausbildungsst�tte. Er wurde erschossen, der
arme Kerl�, f�gte sie hinzu und senkte theatralisch die Stimme. �Sie <emphasis>h�ngen </emphasis>sie nie,
was? Zu ungeduldig, die kleinen Schlingel.� Jetzt sah Connie ihre Zeit
gekommen, sagte sie. Sie wu�te, wonach sie suchen mu�te, und sie nahm sich
Karlas Akte vor. Sie verbrachte drei Wochen in Whitehall bei den Moskau-Onkels
und k�mmte die sowjetischen Armee-Postb�cher nach verschl�sselten Eintr�gen
durch, bis sie aus einem Heer von Verd�chtigen drei neue, identifizierbare
Karla-Sch�ler aussortiert hatte. Alle Milit�rs, alle pers�nlich mit Karla
bekannt, alle zehn bis f�nfzehn Jahre j�nger als er. Als ihre Namen gab sie
Bardin, Stokowsky und Viktorow an, alle drei Oberst.</p><p>Bei der
Erw�hnung des dritten Namens senkte sich Schl�frigkeit �ber Smileys Z�ge, seine
Augen blickten sehr m�de, als m�sse er verzweifelt gegen die Langeweile
ank�mpfen. �Und was ist aus ihnen geworden?� fragte er. �Aus Bardin wurde
Sokolow und dann Rusakow. Wurde Mitglied der sowjetischen Delegation bei den
Vereinten Nationen in New York. Keine offene Verbindung zur dortigen
Au�enstelle, keine Teilnahme an kleinen Fischz�gen, keine Provokationsversuche,
ein guter, solider Tarnposten. Ist noch immer dort, soviel ich wei�.�</p><p>�Stokowsky?�</p><p>�In die
Illegalit�t gegangen, hat in Paris unter dem Namen Grodescu, Franco-Rum�ne,
ein fotografisches Unternehmen aufgezogen. Errichtete eine Zweigstelle in
Bonn, betreut angeblich eine von Karlas westdeutschen Quellen von jenseits der
Grenze.�</p><p>�Und der
dritte? Viktorow?�</p><p>�Spurlos
untergetaucht.�</p><p>�So was�,
sagte Smiley, und seine Langeweile schien sich zu vertiefen.</p><p>�Ausgebildet
und vom Erdboden verschwunden. Kann nat�rlich gestorben sein. Man neigt dazu,
die nat�rlichen Ursachen zu vergessen.�</p><p>�Stimmt�,
pflichtete Smiley bei. �Ja, das stimmt.� In einem langen Leben im Geheimdienst
hatte er die Fertigkeit entwickelt, mit sorgsam geteilter Aufmerksamkeit
zuzuh�ren; die vordergr�ndigen Ereignisse direkt vor sich abrollen zu lassen,
w�hrend eine zweite, v�llig unabh�ngige Begabung die historische Verkn�pfung
herzustellen suchte. Der rote Faden lief �ber Tarr zu Irina, �ber Irina zu
ihrem armen Geliebten, der so stolz darauf war, Lapin zu hei�en und bei einem
gewissen Oberst Gregor Viktorow zu dienen, �dessen Arbeitsname an der Botschaft
Poljakow lautete�: In seiner Erinnerung waren diese Dinge gleichsam Teil einer
Kindheit. Er w�rde sie nie vergessen. �Waren Fotos vorhanden, Connie? Haben Sie
�berhaupt Personenbeschreibungen an Land gezogen?�</p><p>�Von
Bardin bei den Vereinten Nationen, selbstverst�ndlich. Von Stokowsky
m�glicherweise. Wir hatten ein altes Zeitungsfoto aus seiner aktiven
Soldatenzeit, aber wir konnten die �bereinstimmung nie v�llig nachweisen.�</p><p>�Und vom
spurlos untergetauchten Viktorow?� Es h�tte jeder beliebige Name sein k�nnen.
�Auch von ihm kein h�bsches Bildchen?� fragte Smiley und durchquerte das
Zimmer, um die Gl�ser frisch zu f�llen.</p><p>�Viktorow,
Oberst Gregor�, wiederholte Connie mit liebevollem zerstreutem L�cheln. �Hat
wie ein L�we bei Stalingrad gek�mpft. Nein, ein Foto hatten wir nie. Schade.
Es hie�, er sei mit Abstand der Beste gewesen.� Sie reckte sich: �Obwohl wir's
nat�rlich bei den anderen nicht <emphasis>sicher </emphasis>wissen.
F�nf Baracken und ein zweij�hriger Kursus: mein Lieber, nach so vielen Jahren
mu� einiges mehr herausgekommen sein als drei Absolventen!� Mit einem kleinen
Seufzer der Entt�uschung, der besagen sollte, da� an dem ganzen Bericht weiter
nichts daran gewesen sei, ganz zu schweigen von der Person Oberst Gregor
Viktorows, was ihn in seiner m�hevollen Suche voranbringen k�nnte, schlug
Smiley vor, da� sie sich dem damit in keinerlei Zusammenhang stehenden Ph�nomen
Poljakow, Alexei Alexandrowitsch, von der Sowjetischen Botschaft in London,
Connie besser bekannt als der liebe Alex Poljakow, zuwenden und herauszufinden
suchen sollten, wie und wo er in Karlas Schema pa�te und wieso man Connie
verboten hatte, ihre Nachforschungen nach ihm fortzusetzen.</p><empty-line/><p>George
Smiley stellt zerstreuten Blicks gezielte Fragen</p><empty-line/><p>Sie war
jetzt viel munterer. Poljakow war kein M�rchenheld, er war ihr lieber Alex,
obwohl sie nie mit ihm gesprochen, ihn vermutlich nie in Person gesehen hatte.
Sie hatte in einen Sessel neben der Leselampe �bergewechselt, einen
Schaukelstuhl, der gewisse Beschwerden linderte: sie konnte nirgends lang
sitzen bleiben. Sie hatte den Kopf zur�ckgelegt, so da� Smiley das wei�e Gewoge
ihres Halses sehen konnte, eine der steifen H�nde lie� sie kokett baumeln,
w�hrend sie Indiskretionen bekannte, die sie nicht bedauerte. Dabei erschienen
Smileys akkuratem Verstand ihre Spekulationen, gemessen an der klassischen
Arithmetik des Nachrichtendienstes, sogar noch wilder als zuvor. �Ach, er war
ja <emphasis>so </emphasis>gut�, sagte sie. �Sieben lange
Jahre war Alex schon hier gewesen, ehe wir auch nur die kleinste Spur hatten.
Sieben Jahre, mein Lieber.�</p><p>Sie
zitierte seinen ersten Visa-Antrag vor jenen sieben Jahren: Poljakow, Alexei
Alexandrowitsch, promoviert an der Staatsuniversit�t von Leningrad,
stellvertretender Kulturattache im Rang eines Legationsrats zweiter Klasse,
verheiratet, aber nicht von Ehefrau begleitet, geboren am dritten M�rz
neunzehnhundertzweiundzwanzig in der Ukraine als Sohn eines Transportarbeiters,
Partei-Ausbildungsgang nicht angegeben. Ein L�cheln war in ihrer Stimme, als
sie gel�ufig die erste Routinebeschreibung der Aufkl�rer hersagte: �Gr��e 1
Meter 79, robust, Augenfarbe gr�n, Haarfarbe schwarz, keine weiteren besonderen
Kennzeichen. Fideler Riese von einem Kerl�, erkl�rte sie lachend. �Kolossaler
Spa�vogel. Schwarze Tolle, hier �ber dem rechten Auge. Ganz bestimmt ein
Popo-Kneifer, obwohl wir ihn nie dabei erwischt haben. Ich h�tte ihm ein paar
von unseren Popos angeboten, wenn Toby gespurt h�tte, aber er wollte nicht.
Nicht da� Alexei Alexandrowitsch auf so <emphasis>etwas </emphasis>hereingefallen
w�re, wohlgemerkt. Alex war <emphasis>viel </emphasis>zu
gerissen�, sagte sie stolz. �Hinrei�ende Stimme. Melodisch wie die Ihre. Ich
habe die B�nder oft zweimal abgespielt, nur um ihm zuzuh�ren. Ist er wirklich
noch im Lande, George? Am liebsten w�rde ich nicht danach fragen. Aus Furcht,
sie k�nnten alle wechseln und ich w�rde sie nicht mehr kennen.� Er sei noch
immer hier, versicherte ihr Smiley. Gleiche Tarnung, gleicher Rang.</p><p>�Und wohnt
er noch immer in diesem gr��lichen kleinen Vorstadthaus in Highgate, das Tobys
Beschatter so ha�ten? Meadow Close Nummer vierzig, oberster Stock. Eine
schauderhafte Bude. Ich mag M�nner, die ihre Tarnung wirklich leben, und Alex
geh�rte zu ihnen. Er war der emsigste Kulturmanager, den die Botschaft je
gehabt hat. Wenn irgend etwas sofort ben�tigt wurde: Vortrag, Konzert oder was
auch immer, Alex hat dem Amtsschimmel Beine gemacht.�</p><p>�Wie hat
er das angestellt, Connie?�</p><p>�Nicht so,
wie <emphasis>Sie </emphasis>denken, George Smiley�, sang sie,
und das Blut stieg ihr ins Gesicht. �O nein. Alexei Alexandrowitsch war nur
das, als was er sich ausgab, fragen Sie Percy Alleline oder Toby Esterhase.
Rein wie frisch gefallener Schnee war er. Nicht einen Spritzer auf der Weste,
das kann Toby Ihnen best�tigen!�</p><p>�He�,
murmelte Smiley und f�llte ihr Glas. �He, ruhig, Connie. Regen Sie sich ab.�</p><p><emphasis>�Bl�dsinn�,
</emphasis>schrie sie, keineswegs bes�nftigt. �Schierer ausgewachsener <emphasis>Bl�dsinn. </emphasis>Alexei
Alexandrowitsch Poljakow war ein ehemaliger Klassenprimus bei Karla, wenn ich
Augen im Kopf habe, aber sie wollten nicht auf mich h�ren! &gt;Sie sehen schon
Spione unterm Betts sagt Toby. &gt;Die Aufkl�rer sind voll ausgelastet sagt
Percy� � ihr schottischer Tonfall - �&gt;F�r Marotten haben wir hier keinen
Platz. &lt; Von wegen Marotten!� Jetzt weinte sie wieder. �Armer George�, sagte
sie immer wieder. �Armer George, Sie wollten helfen, aber was konnten Sie tun?
Sie waren selber auf der Abschu�liste. O George, jagen Sie nicht mit den
Lacons. Bitte tun Sie's nicht.� Behutsam geleitete er sie wieder zur�ck zu
Alex, und warum sie so �berzeugt war, da� er Karlas Spion war und aus Karlas
Schule kam.</p><p>�Es war am
Heldengedenktag�, schluchzte sie. �Wir haben seine Orden fotografiert, klarer
Fall.�</p><empty-line/><p>Zur�ck zum
Jahr eins, zum ersten Jahr ihrer Liebschaft mit Alex Poljakow. Das Seltsame
war, sagte sie, da� sie vom ersten Augenblick seines Eintreffens ein Auge auf
ihn geworfen hatte:</p><p>�Hallo,
dachte ich. Mit dir werde ich bestimmt einigen Spa� haben.�</p><p>Warum
eigentlich, wu�te ich nicht. Vielleicht war es sein sicheres Auftreten,
vielleicht sein strammer Gang, direkt vom Exerzierplatz: �Hart wie eine Nu�.
Der Milit�r durch und durch.� Oder vielleicht seine Wohnung. �Er hat sich das
einzige Haus in ganz London ausgesucht, an das die Aufkl�rer nicht auf f�nfzig
Schritt herankamen.� Oder vielleicht seine Arbeit: �Es gab bereits drei
stellvertretende Kulturattaches, zwei von ihnen waren Gorillas, und der dritte
tat nichts anderes, als die Blumen f�r den armen Karl Marx zum
Highgate-Friedhof karren.�</p><p>Sie war
ein bi�chen benebelt, und er f�hrte sie wieder im Zimmer herum und fing ihr
ganzes Gewicht auf, wenn sie strauchelte. Also, sagte sie, zuerst war Toby
Esterhase einverstanden, da� Alex auf die A-Liste kam, und die Aufkl�rer
beschatteten ihn in unregelm��igen Abst�nden, an zw�lf von drei�ig Tagen, und
sooft sie ihm nachsp�rten, war er so rein wie frisch gefallener Schnee.</p><p>�Mein
Lieber, man konnte meinen, ich h�tte ihn angeklingelt und zu ihm gesagt:
&gt;Alex Alexandrowitsch, seien Sie auf der Hut, denn ich lasse Klein Tobys
Hunde auf Sie los. Leben Sie also ausschlie�lich Ihre Tarnung und keine faulen
Tricks! &lt;� Er ging zu Begr�bnissen, Vortr�gen, spazierte im Park, spielte
ein bi�chen Tennis und h�tte nicht respektabler sein k�nnen, fehlte nur noch,
da� er S��igkeiten an die Kinder verteilte. Connie k�mpfte um weitere
Beschattung, aber es war von Anfang an eine verlorene Schlacht. Die Maschinerie
ging ihren schwerf�lligen Gang, und Poljakow kam auf die B-Liste: nachzupr�fen
alle sechs Monate oder je nach Arbeitsanfall. Die halbj�hrlichen Nachpr�fungen
ergaben nicht das geringste, und nach drei Jahren hatte er bei uns seinen
Persilschein: Ersch�pfend �berpr�ft, Resultat: ohne Interesse f�r den
Geheimdienst. Connie konnte nichts unternehmen, ja, sie hatte beinah schon
begonnen, mit dieser Auflage zu leben, als eines pr�chtigen Novembertags der
reizende Teddy Hankie ziemlich atemlos von der <emphasis>Laundry </emphasis>in Acton
bei ihr anrief und sagte, Alex Poljakow habe seine Tarnung fallenlassen und
endlich Farbe bekannt. Eine Farbe, die zum Himmel schrie.</p><p>�Teddy war
ein alter, <emphasis>alter </emphasis>Freund. Alter Circus-Mann und ein
wahrer Schatz, wenn er auch an die Neunzig ist. Er war auf dem Heimweg, nach
Dienstschlu�, als der Wolga des sowjetischen Botschafters, der sich zur
Kranzniederlegung begab, an ihm vor�berfuhr. Darin sa�en die drei Attaches vom
Dienst. Drei weitere folgten in einem zweiten Wagen. Einer war Poljakow, und
er war mit Orden beh�ngt wie ein Weihnachtsbaum. Teddy raste mit seiner Kamera
nach Whitehall und fotografierte sie �ber die Stra�e. Mein Lieber, <emphasis>alles </emphasis>war auf
unserer Seite: das Wetter war genau richtig, ein bi�chen Regen und dann die
sch�ne Abendsonne, er h�tte noch aus dreihundert Meter Entfernung jeden
Fliegenklecks daraufgebracht. Prachtvoll. Wir haben die Fotos vergr��ert, und
da waren sie: zwei Tapferkeitsmedaillen und drei Felddienstorden. Poljakow war
Kriegsteilnehmer gewesen und hatte in sieben Jahren keinem Menschen ein Wort
davon gesagt. Ich war wahnsinnig aufgeregt! Unn�tig, die Feldz�ge zu
identifizieren. &gt;Toby&lt;, sagte ich - ich rief ihn sofort an - &gt;Jetzt
h�ren Sie mir mal kurz zu, Sie ungarischer Giftzwerg. Es ist soweit, endlich
ist meine Wenigkeit einmal schlauer gewesen als jede Tarnung. Sie m�ssen mir
den lieben Alex Alexandrowitsch um- und umst�lpen, keine Wenns und Abers,
unsere kleine Connie hat richtig getippt. &lt;�</p><p>�Und was
hat Toby gesagt?�</p><p>Der graue
Spaniel lie� einen wehen Seufzer h�ren und schlief wieder ein.</p><p>�Toby?�
Connie war pl�tzlich sehr einsam. �Oh, Klein Tobys Stimme klang wie ein toter
Fisch, und er sagte, jetzt sei Percy Alleline der Einsatzleiter, nicht wahr?
Es sei Percys Job, nicht der seine, die Anweisungen zu erteilen. Ich wu�te
sofort, da� irgend etwas faul war, aber ich dachte, es sei Toby.� Sie
verstummte. �Verdammtes Feuer�, brabbelte sie mi�mutig. �Sobald man ihm den
R�cken kehrt, geht es aus.� Ihr Interesse war erloschen. �Den Rest kennen Sie.
Der Bericht ging an Percy. &gt;Na und?&lt; sagte Percy. &gt; Poljakow war in .der
russischen Armee. Es war eine ziemlich gro�e Armee, und nicht jeder, der in
ihr k�mpfte, war Karlas Agent. &lt; Sehr komisch. Warf mir unwissenschaftliche
Deduktion vor. &gt;Von wem stammt dieser Ausdruck?&lt; fragte ich ihn. &gt;Es
ist �berhaupt keine Deduktion&lt;, sagt er, &gt;es ist Induktion.&lt; -
&gt;Mein lieber Percy, wo immer Sie solche Ausdr�cke gelernt haben, Sie h�ren
sich an wie so ein widerlicher Doktor oder so.&lt; Mein Lieber, er war w�tend!
Pro forma setzt Toby die Hunde auf ihn an, aber sonst passiert nichts. &gt;Sein
Haus anzapfen&lt;, sagte ich. &gt;Seinen Wagen, alles! Fotos schie�en, ihn um �
und umst�lpen, die Abhorcher auf ihn ansetzen. Sch�tzen Sie eine
Personenverwechslung vor und durchsuchen Sie ihn. Was immer Sie wollen, aber
tun Sie um Gottes willen irgend etwas, denn ich wette ein Pfund gegen einen
Rubel, da� Alex Poljakow einen englischen Maulwurf betreut ! &lt; Daraufhin
l��t Percy mich rufen, sehr ungn�dig� - wieder der schottische Akzent -:
�&gt;Sie lassen jetzt gef�lligst Poljakow in Ruhe. Schlagen Sie ihn sich aus ihrem
albernen Weiberkopf, verstanden? Sie und ihr verfluchter Polly - oder wie er
hei�t � h�ngen mir langsam zum Hals raus, also Schlu� damit.&lt; In Best�tigung
des Gespr�chs ein grober Brief. &gt;Wie bereits m�ndlich vereinbart&lt;, Kopie
an die Leitkuh. Ich schrieb darunter &gt;Ja, wiederhole nein&lt;, und schickte
ihm den Brief zur�ck.� Sie stellte um auf ihre Feldwebelstimme: �&gt;Sie
verlieren den Sinn f�r die Realit�t, Connie. Zeit, da� Sie rauskommen in die
reale Welt.&lt;� Connie hatte jetzt einen Katzenjammer. Sie war wieder �ber
ihrem Glas zusammengesunken. Die Augen hatten sich geschlossen und der Kopf
fiel immer wieder zur Seite. �O Gott�, fl�sterte sie, als sie wieder erwachte.
�O himmlischer Vater!�</p><p>�Hatte
Poljakow einen Kurier?� fragte Smiley. �Wozu? Er ist Kulturmanager. Die
brauchen keine Kuriere.�</p><p>�Komarow
in Tokio hat einen gehabt. Das sagten Sie.�</p><p>�Komarow
war Milit�r�, erwiderte sie m�rrisch. �Poljakow auch. Sie haben seine Orden
gesehen.� Er hielt ihre Hand und wartete. Lapin, der Hase, sagte sie, B�rodiener,
Chauffeur an der Botschaft, M�dchen f�r alles. Anfangs war sie nicht aus ihm
klug geworden. Sie vermutete, er sei ein gewisser Iwlow alias Brod, aber sie
konnte es nicht nachweisen, und es half ihr ja auch keiner. Bummelte die meiste
Zeit blo� durch London, guckte nach den M�dchen, wagte aber nicht, eine anzusprechen.
Aber nach und nach bekam sie die F�den zu fassen. Poljakow gab einen Empfang,
Lapin, der Hase, half beim Servieren der Getr�nke. Poljakow wurde sp�tnachts
zur Botschaft beordert, und eine halbe Stunde sp�ter tauchte auch Br�derchen
Lapin dort auf, vermutlich um ein Telegramm zu entziffern. Und als Poljakow
nach Moskau flog, �bersiedelte Lapin regelrecht in die Botschaft und schlief
auch dort, bis Poljakow zur�ckkam. �Er war mit von der Partie�, sagte Connie
entschieden. �Sah man von weitem.�</p><p>�Und Sie
haben auch das berichtet?�</p><p>�Nat�rlich.�</p><p>�Und was
geschah?�</p><p>�Connie
wurde gescha�t und Meister Lampe hoppelte nach Hause�, sagte Connie und
kicherte. Sie g�hnte. �Heia hoh�, sagte sie. �Halkyonische Tage. Hab' ich den
Erdrutsch ausgel�st, George?�</p><p>Das Feuer
war erstorben. Irgendwo oben h�rte man einen Plumps, vielleicht war es Janet
mit ihrem Liebhaber. Langsam begann Connie zu summen und sich dann zu ihrer
eigenen Musik zu wiegen. Er gab ihr noch mehr zu trinken, und endlich erwachte
sie wieder zum Leben.</p><p>�So�,
sagte sie, �jetzt will ich Ihnen <emphasis>meine </emphasis>verdammten
Orden zeigen.�</p><p>Erneutes
Get�mmel im Schlafgemach. Sie hatte sie in einer abgeschabten Diplomatenmappe,
die Smiley unter dem Bett hervorziehen mu�te. Zuerst einen richtigen Orden in
einem Etui und eine maschinengeschriebene Belobigung, die auf ihren Arbeitsnamen
Constance Salinger lautete und sie auf die Empfangsliste des
Ministerpr�sidenten setzte.</p><p>�Weil
Connie ein so braves M�dchen war�, erl�uterte sie und schmiegte ihre Wange an
die seine. �Und sie liebte alle ihre Prachtjungens.�</p><p>Dann Fotos
ehemaliger Mitglieder des Circus; Connie in der Uniform des weiblichen
Hilfscorps, die zwischen Jebedee und dem alten Bill Magnus, dem Funker, stand,
irgendwo in England aufgenommen. Connie mit Bill Haydon auf der einen und Jim
Prideaux auf der anderen Seite, die M�nner im Kricket-Dre� und alle drei
schauten typisch �bitte recht freundlich� drein, wie Connie sich ausdr�ckte.
Das Bild war w�hrend eines Sommerkurses in Sarratt aufgenommen, hinter ihnen
lagen die Kricketpl�tze, gem�ht und sonnenhell, und die Seitenabschirmungen
gl�nzten. Daneben ein riesiges Vergr��erungsglas, auf dessen Linse Autogramme
eingeritzt waren: von Bill und Percy, von Toby und vielen anderen. �F�r Connie
mit allen guten W�nschen, und, wer wei�, auf Wiedersehen!�</p><p>Schlie�lich
eine Karikatur Connies, wie sie �ber ganz Kensington Palace Gardens
hingestreckt liegt und mit einem Teleskop die sowjetische Botschaft beobachtet:
�Mit allen guten W�nschen und lieben Erinnerungen, liebe, liebe Connie.�</p><p>�Man
erinnert sich hier noch immer an ihn, wissen Sie. Der Goldjunge. Christ Church
besitzt ein paar von seinen Bildern, Sie werden ziemlich oft ausgestellt.
Neulich hielt Giles Langley mich auf der Stra�e an: ob ich gelegentlich von
Haydon h�rte? Wei� nicht, was ich sagte: Ja. Nein. Betreut Giles' Schwester
immer noch &gt;sichere H�user&lt;, wissen Sie das zuf�llig?� Smiley wu�te es
nicht. �&gt;Sein <emphasis>Flair </emphasis>fehlt uns sehr&lt; sagt Giles,
&gt;diese Z�chtung gibt es heutzutage nicht mehr.&lt; Giles sagt, er sei Bills
Lehrer in Neuer Geschichte gewesen, damals, als <emphasis>Empire </emphasis>noch kein
Schimpfwort war. Fragte auch nach Jim. &gt;Sein <emphasis>alter ego,
</emphasis>sozusagen, hem, hem, hem, hem. &lt; George, Sie haben Bill nie gemocht,
wie?� Connie plapperte weiter, w�hrend sie alles wieder in Plastikt�ten und
Lappen verpackte. �Ich habe nie rausbekommen, ob Sie auf ihn eifers�chtig waren
oder er auf Sie. Zu attraktiv, nehme ich an, Sie haben dem �u�eren immer
mi�traut. Nur bei M�nnern, wohlgemerkt.�</p><p>�Meine
liebe Connie, wie kommen Sie auf diesen Unsinn�, protestierte Smiley,
ausnahmsweise unvorsichtig. �Bill und ich waren immer gute Freunde. Was um
alles in der Welt bringt Sie auf solche Gedanken?�</p><p>�Nichts.�
Sie hatte es schon fast vergessen. �Ich habe mal geh�rt, er habe mit Ann eine
Runde im Park gedreht, das ist alles. Ist er nicht ein Vetter von ihr oder so
was ? Ich habe mir immer gedacht, Sie und Bill h�tten ein so gutes Team
abgegeben, wenn es geklappt h�tte. Ihr beide h�ttet den alten Geist wieder
zur�ckgebracht. Statt dieses schottischen Fatzkes. Bill erbaut ein neues
Camelot� - wieder das M�rchentanten-L�cheln- �und George . . .�</p><p>�George
sammelt die Brosamen auf�, sagte Smiley, indem er auf ihren Ton einging, und
sie lachten beide, Smiley gezwungen. �Geben Sie mir einen Ku�, George. Geben
Sie Connie einen Ku�.�</p><p>Sie
begleitete ihn durch den K�chengarten hinaus, den Weg, den ihre Mieter
benutzten, sie sagte, das w�rde ihm lieber sein als der Anblick der gr��lichen
neuen Bungalows, den die Harrison-Schweine im Garten nebenan errichtet hatten.
Leichter Regen fiel, die Sterne standen gro� und bleich im Nebel, auf der Landstra�e
donnerten Lastwagen nordw�rts durch die Nacht. Pl�tzlich wurde Connie von
Furcht erfa�t und klammerte sich an ihn. �Sie sind abscheulich, George. H�ren
Sie? Sehen Sie mich an. Sehen Sie nicht dort hin�ber, da gibt's nur Neonlampen
und Sodom. K�ssen Sie mich. Auf der ganzen Welt sind garstige Menschen am
Werk, die uns die Zeit stehlen, warum m�ssen Sie ihnen helfen? Warum?�</p><p>�Ich helfe
ihnen nicht, Connie.�</p><p>�Nat�rlich
tun Sie's. Sehen Sie mich an. Es war eine gute Zeit, h�ren Sie? Eine echte
Zeit. Damals konnten die Engl�nder stolz sein. Lassen Sie ihnen jetzt diesen
Stolz.�</p><p>�Das liegt
nicht ganz in meiner Macht, Connie.� Sie zog sein Gesicht zu sich herab, also
k��te er sie auf den Mund. �Die armen Lieben.� Sie keuchte schwer, nicht aus
einer bestimmten Erregung, sondern aus einem Durcheinander von Erregungen, das
in ihr herum schwappte wie verschiedene Sorten Alkohol. �Die armen Lieben. F�r
das Empire erzogen, erzogen, um die Meere zu beherrschen. Alle dahin. Alle
fort. Gute Nacht, sch�ne Welt. Sie sind der letzte, George, Sie und Bill. Und
ein bi�chen auch der gr��liche Percy.� Er hatte gewu�t, da� es so enden w�rde;
aber doch nicht ganz so schlimm. Er hatte die gleiche Geschichte mit ihr bei
jeder der kleinen Weihnachtsfeiern erlebt, die im Circus in stillen Winkeln
abgezogen wurden. �Sie kennen Millponds nicht, oder?� fragte sie jetzt. �Was ist
Millponds?�</p><p>�Da wohnt
mein Bruder. Sch�nes klassizistisches Haus, reizende Umgebung, in der N�he von
Newbury. Dann haben sie eine Stra�e gebaut. Krach. Bumm. Autostra�e. Das ganze
Grundst�ck dahin. Ich bin dort aufgewachsen, verstehen sie. Sarratt ist nicht
verkauft worden, oder? Ich habe es immer bef�rchtet.�</p><p>�Nein,
ganz bestimmt nicht.�</p><p>Er h�tte
sich gern von ihr freigemacht, aber sie klammerte sich noch verzweifelter an
ihn, und er f�hlte, wie ihr Herz pochte. �Wenn es schlimm ist, d�rfen Sie nicht
wiederkommen. Versprechen Sie's? Ich bin zu alt, ich kann nicht mehr umdenken.
Ich m�chte euch alle so in der Erinnerung behalten, wie ihr damals wart. Liebe,
liebe Jungens.�</p><p>Er wollte
sie nicht allein und schwankend im Dunkeln unter den B�umen zur�cklassen, also
ging er wieder ein St�ck mit ihr zum Haus zur�ck; keiner von ihnen sprach. Als
er in die Stra�e einbog, h�rte er sie wieder summen, so laut, da� es wie ein
Aufschrei war. Aber es war nichts im Vergleich zu dem Tumult in seinem Inneren,
die Wogen von Panik und Erbitterung und Ekel �ber diesen Nachtmarsch mit
geschlossenen Augen, an dessen Ende sich Gott wei� wessen Leichen finden
w�rden.</p><p>Er fuhr
mit dem Personenzug nach Slough, wo Mendel ihn mit einem Mietwagen erwartete.
W�hrend sie langsam auf das orangefarbene Leuchten der Stadt zufuhren, h�rte
er sich das Ergebnis von Peter Guillams Nachforschungen an. Das Dienstbuch enthalte
keine Eintr�ge f�r die Nacht vom zehnten auf den elften April, sagte Mendel.
Die Seiten seien mit einer Rasierklinge herausgetrennt worden. Auch die Listen
der Portiers f�r die gleiche Nacht fehlten, desgleichen die Signallisten.</p><p>�Peter
glaubt, es sei erst k�rzlich geschehen. Auf die folgende Seite ist eine
Anmerkung gekritzelt: &gt;Alle Nachfragen an Chef von London Station.&lt; Es
ist Esterhases Handschrift und mit Freitag datiert.�</p><p><emphasis>�Letzten </emphasis>Freitag?�
fragte Smiley und fuhr so j�h herum, da� sein Sicherheitsgurt einen klagenden
Laut von sich gab. �Das ist der Tag von Tarrs Ankunft in England.�</p><p>�Das alles
sagt Peter�, erwiderte Mendel stoisch. Und schlie�lich, da� betreffs Lapin
alias Iwlow, und Legationsrat Poljakow, beide von der Sowjetischen Botschaft in
London, Toby Esterhases Aufkl�rerberichte nicht die geringste verd�chtige Spur
aufzeigten. �ber beide M�nner war eingehend ermittelt worden, beiden wurde der
Persilschein ausgestellt: das strahlendste Wei�, das es je gab. Lapin war vor
einem Jahr nach Moskau zur�ckbeordert worden.</p><p>Mendel
hatte eine Mappe mit Guillams Fotos mitgebracht, die Ergebnisse seines Raubzugs
in Brixton, alle entwickelt und auf Normalgr��e gebracht. Beim Bahnhof
Paddington stieg Smiley aus und Mendel reichte ihm die Mappe durch die T�r.
�Soll ich wirklich nicht mitkommen?� fragte Mendel. �Vielen Dank. Es sind nur
ein paar Schritte.�</p><p>�Ein Gl�ck
f�r Sie, da� der Tag vierundzwanzig Stunden hat, wie?�</p><p>�Ja,
wirklich.�</p><p>�Manche
Leute schlafen.�</p><p>�Gute
Nacht.�</p><p>Mendel
hielt die Mappe noch immer fest. �Kann sein, da� ich die Schule gefunden habe�,
sagte er. �Hei�t Thursgood, in der N�he von Taunton. Er hat ein halbes Quartal
irgendwo in Berkshire ausgeholfen und ist dann anscheinend nach Somerset
getreckt. Soll einen Wohnwagen haben. M�chten Sie, da� ich's nachpr�fe?�</p><p>�Wie
wollen Sie das machen?�</p><p>�An seine
T�r bollern. Ihm einen Staubsauger verkaufen, ihn gesellschaftlich
kennenlernen.�</p><p>�Entschuldigen
Sie�, sagte Smiley pl�tzlich bek�mmert. �Es sieht so aus, als s�he ich schon
Gespenster. Entschuldigen Sie, das war unfreundlich von mir.�</p><p>�Der junge
Guillam sieht auch schon Gespenster�, sagte Mendel mit Entschiedenheit.
�Behauptet, er w�rde im ganzen Haus so komisch angesehen. Behauptet, da gehe
was vor, und sie steckten alle drin. Hab' ihm gesagt, er soll einen Strammen
kippen.�</p><p>�Ja�,
sagte Smiley nach weiterem Nachdenken. �Ja, das ist das einzig Richtige. Jim
ist ein Profi�, erl�uterte er. �Ein Au�enagent der alten Schule. Er ist gut,
was immer sie ihm auch angetan haben.�</p><empty-line/><p>Camilla
war sp�t zur�ckgekommen. Soviel Guillam wu�te, war die Fl�tenstunde bei Sand um
neun zu Ende, aber es war schon elf, als sie die T�r aufschlo�. Er war
entsprechend kurz angebunden mit ihr, er konnte nicht anders. Jetzt lag sie im
Bett, das grauschwarze Haar �ber das Kissen gebreitet, und beobachtete ihn,
w�hrend er am dunklen Fenster stand und auf den Platz hinausstarrte.</p><p>�Hast du
gegessen?�</p><p>�Doktor
Sand hat mir was gegeben.�</p><p>�Was?�
Sand war Perser, hatte sie ihm erz�hlt. Keine Antwort. Tr�ume vielleicht?
Nu�kroketten? Liebe? Im Bett r�hrte sie sich nie, au�er um ihn zu umarmen. Im
Schlaf atmete sie kaum; manchmal lag er wach, beobachtete sie und �berlegte,
wie ihm wohl zumute w�re, wenn sie tot w�re. �Hast du Sand gern?� fragte er.
�Manchmal.�</p><p>� Gehst du
mit ihm ins Bett ?�</p><p>�Manchmal.�</p><p>�Vielleicht
solltest du mit ihm zusammenwohnen statt mit mir.�</p><p>�So ist es
nicht�, sagte Camilla. �Das verstehst du nicht.� Nein, das verstand er nicht.
Zuerst dieses P�rchen, das auf dem R�cksitz eines Rover seine Spiele trieb,
dann ein einsamer Bubi mit Schlapphut, der seinen Sealyham spazierenf�hrte,
dann ein M�dchen, das ein stundenlanges Gespr�ch von der Telefonzelle vor
seiner Haust�r aus f�hrte. Nichts von alledem mu�te etwas bedeuten, nur da� sie
alle hintereinander aufgezogen waren wie bei der Wachabl�sung. Jetzt hatte ein
Lieferwagen geparkt, und niemand stieg aus. Noch ein Liebespaar oder eine
Aufkl�rer-Nachtschicht? Der Lieferwagen hatte zehn Minuten dagestanden, als
der Rover wegfuhr.</p><p>Camilla
schlief. Er lag neben ihr wach und wartete auf morgen. Morgen wollte er auf
Smileys Anweisung die Akte �ber den Fall Prideaux stehlen, auch bekannt als der
Ellis-Skandal - oder f�r Eingeweihtere - Operation <emphasis>Testify.</emphasis></p><empty-line/><p>Im
Thursgood �bernimmt Bill Roach das Steuer von Jim Prideaux' Wagen</p><empty-line/><p>Bis zu
diesem Augenblick war dies der zweitgl�cklichste Tag in Bill Roachs kurzem
Leben gewesen. Der gl�cklichste war kurz vor der Aufl�sung seines Elternhauses,
als sein Vater unterm Dach ein Wespennest entdeckt und Bill als Hilfskraft beim
Ausr�uchern herangezogen hatte. Der Vater war kein Naturmensch, auch nicht sehr
geschickt, aber nachdem Bill in seinem Lexikon alles �ber Wespen nachgelesen
hatte, waren sie gemeinsam zur Drogerie gefahren und hatten Schwefel gekauft,
den sie auf einer gro�en Platte unter der Dachrinne verbrannten und damit den Wespen
den Garaus machten.</p><p>Der
heutige Tag jedoch hatte die feierliche Er�ffnung von Jim Prideaux'
Automobil-Club-Rallye gesehen. Bisher hatten sie nur den Alvis
auseinandergenommen und wieder zusammengesetzt, aber heute hatten sie zum Lohn
und mit Latzys Hilfe eine Slalompiste mit Strohballen auf der steinigen Seite
der Strecke angelegt, dann hatte reihum jeder sich ans Steuer gesetzt und war
mit Jim als Stopper unter dem brausenden Jubel der Supporters durch die Tore
gekeucht und gewedelt. �Bester Wagen, den England je gebaut hat�, hatte Jim
sein Auto vorgestellt. �Wird heute nicht mehr hergestellt, von wegen
Sozialismus.� Jetzt war der Alvis frisch lackiert, trug auf der K�hlerhaube
einen Rallye-Union-Jack und war unbestritten der sch�nste und schnellste Wagen
der Welt. Im ersten Durchgang hatte Roach den dritten Platz unter vierzehn
Teilnehmern belegt, und jetzt, im zweiten, war er, ohne ein einziges Mal
abzubremsen, beim Kastanienbaum angelangt und startbereit f�r die Endrunde.
Eine Rekordzeit! Er h�tte nie gedacht, da� ihm etwas so viel Spa� machen
k�nnte. Er fand das Auto herrlich, und zum erstenmal in seinem Leben h�tte er
es herrlich gefunden, zu siegen. Er h�rte, wie Jim br�llte: �Sachte, Jumbo�,
und er sah Latzy auf und ab h�pfen und die improvisierte Zielfahne schwingen,
aber als er um den Pfosten radierte, wu�te er bereits, da� Jim nicht mehr auf
ihn achtete, sondern �ber die Rennstrecke hinweg zu den Birken hin�berstarrte.
�Sir, wie lange, Sir?� fragte er atemlos und h�rte nur ein leises Psst!�</p><p>�Stopper!�
rief Spikely und riskierte eine Lippe. �Die Zeit, bitte, Rhino.�</p><p>�War
prima, Jumbo�, sagte Latzy und blickte ebenfalls auf Jim. Ausnahmsweise fanden
weder Spikelys Frechheit noch Bills Flehen Beachtung. Jim starrte �ber das
Spielfeld zum Fahrweg hin�ber, der die �stliche Grenze bildete. Neben ihm
stand ein Junge namens Coleshaw, ein Repetierer aus III B, bekannt daf�r, da�
er den Lehrern um den Bart ging. Das Gel�nde war hier sehr flach, ehe es zu den
H�geln anstieg; nach ein paar Regentagen stand oft alles unter Wasser. Deshalb
lief auch keine ordentliche Hecke am Fahrweg entlang, sondern nur ein Drahtzaun
mit Holzpfosten; und es gab auch keine B�ume, nur den Drahtzaun, die Ebene und
da und dort dahinter die Quantocks, die heute im alles beherrschenden Wei�
verschwunden waren. Die Ebene h�tte daher auch Sumpfland sein k�nnen, das zu
einem See f�hrte oder einfach in die wei�e Unendlichkeit. Vor diesem farblosen
Hintergrund wanderte eine einzelne Gestalt dahin, ein normaler, unauff�lliger
Fu�g�nger, ein Mann mit schmalem Gesicht, weichem Filzhut und grauem
Regenmantel; er trug einen Spazierstock, den er kaum benutzte. Roach, der ihn
gleichfalls beobachtete, kam zu dem Schlu�, da� der Mann gern schneller
gegangen w�re, aber aus einem bestimmten Grund den Schritt z�gelte. �Hast du
die Brille auf, Jumbo?� fragte Jim und starrte unverwandt auf diese Gestalt,
die sich nun dem n�chstgelegenen Pfosten n�herte. �Ja, Sir.�</p><p>�Wer ist
denn der? Sieht aus wie Salomon Grundy.�</p><p>�Wei�
nicht, Sir.�</p><p>�Noch nie
in der Gegend gesehen?�</p><p>�Nein,
Sir.�</p><p>�Kein
Lehrer, keiner aus dem Dorf. Also was ist er? R�uber? Dieb? Warum schaut er
nicht zu uns her�ber, Jumbo? Was pa�t ihm nicht an uns? W�rdest du nicht
hinschauen, wenn du einen Haufen Jungens sehen w�rdest, die im Auto um ein Feld
rasen? Mag er keine Autos? Mag er keine Jungens?� Roach �berlegte noch immer
eine Antwort auf alle diese Fragen, als Jim anfing, zu Latzy in der DP-Sprache
zu reden. Sein tonloses Fl�stern verriet Roach sofort, da� zwischen den beiden
ein Einvernehmen bestand, ein besonderes fremdartiges Band. Der Eindruck
wurde durch Latzys Antwort verst�rkt, die mit der gleichen unersch�tterlichen
Zur�ckhaltung erteilt wurde und deutlich negativ war,</p><p>�Sir,
bitte, Sir, ich glaube, er hat was mit der Kirche zu tun, Sir�, sagte Coleshaw.
�Ich hab' ihn mit Wells Fargo sprechen sehen, Sir, nach der Andacht.�</p><p>Der Name
des Vikars lautete Spargo, und er war sehr alt. Die Thursgood-Legende wollte,
da� er in Wahrheit der gro�e Wells Fargo sei, der sich hierher zur�ckgezogen
hatte. Jim dachte eine Weile �ber diese Erkl�rung nach, und Roach war w�tend
und fand, Coleshaw wolle sich nur interessant machen.</p><p>�Geh�rt,
wor�ber sie geredet haben, Coleshaw?�</p><p>�Sir,
nein, Sir. Sie haben die Sitzordnung der Kirche studiert, Sir.</p><p>Aber ich
k�nnte Wells Fargo fragen, Sir.�</p><p><emphasis>�Unsere </emphasis>Sitzordnung?
Die Sitzordnung von Thursgood?�</p><p>�Ja, Sir.
Die Sitzordnung der Schule. Von Thursgood. Mit den ganzen Namen, Sir, und wo
wir sitzen.�</p><p>Und auch
wo die Lehrer sitzen, dachte Roach erbittert. �Wer ihn nochmals sieht, sagt
mirs. Ihn oder sonstige tr�be Figuren, verstanden?� Jim wandte sich an alle
und lieferte dabei eine einfache Erkl�rung. �Hab' nichts �brig f�r komische
V�gel, die sich um Schulen rumtreiben. An meiner letzten war's eine richtige Bande.
Haben alles mitgehen lassen. Silber, Geld, Ambanduhren der Jungens, Radios,
Gott wei�, was sie nicht geklaut haben. Er wird n�chstens den Alvis klauen.
Bester Wagen, den England je gebaut hat, und wird nicht mehr hergestellt.
Haarfarbe, Jumbo?�</p><p>�Schwarz,
Sir.�</p><p>�Gr��e,
Coleshaw?�</p><p>�Sir,
einsachtzig, Sir.�</p><p>�F�r
Coleshaw sieht jeder wie einsachtzig aus, Sir�, sagte ein Spa�vogel, denn
Coleshaw war ein Zwerg und angeblich mit der Ginflasche aufgezogen.</p><p>�Alter,
Spikely, du Knallfrosch?�</p><p>�Einundneunzig,
Sir.�</p><p>Die
Situation l�ste sich in Gel�chter auf, Roach durfte den Durchgang wiederholen
und schnitt schlecht ab, und in dieser Nacht lag er in qualvoller Eifersucht
wach und f�rchtete, der ganze Automobilclub, ganz zu schweigen von Latzy,
k�nnte in Bausch und Bogen in den ehrenvollen Rang von Beobachtern erhoben
worden sein. Es tr�stete ihn kaum, da� er sich sagte, ihre Wachsamkeit k�nne
sich nie und nimmer mit der seinen vergleichen; da� Jims Anweisung nur f�r
diesen einen Tag Geltung habe; oder da� Roach von nun an seine Anstrengungen
verdoppeln m�sse, um dieser eindeutig n�herr�ckenden Bedrohung zu begegnen. Der
Fremde mit dem schmalen Gesicht war wieder verschwunden, aber anderntags
stattete Jim dem Kirchhof einen seltenen Besuch ab; Roach sah ihn mit Wells
Fargo sprechen, vor einem offenen Grab.</p><p>Von diesem
Tag an stellte Bill Roach an Jim eine verschlossene Miene fest und eine
Sprungbereitschaft, die manchmal wie Zorn hervortrat, wenn er allabendlich
durch das Zwielicht stapfte oder vor dem Wohnwagen auf den Erdhocken sa�,
unempfindlich gegen K�lte oder N�sse, und seine d�nne Zigarre rauchte und am
Whisky nippte, w�hrend die Dunkelheit ihn einh�llte.</p><empty-line/><p>Zweiter
Teil</p><empty-line/><p>Mrs. Pope
Graham vom Hotel Islay kommt zu einem verd�chtigen Gast, Inspektor Mendel zu
einem billigen Babysitter</p><empty-line/><p>Das Hotel <emphasis>Islay </emphasis>in Sussex
Gardens, wo George Smiley am Tag nach seinem Besuch in Ascot unter dem Namen
Barraclough sein Hauptquartier aufgeschlagen hatte, war ein f�r diese Lage sehr
ruhiges Haus und f�r Smileys Zwecke vorz�glich geeignet. Es stand in einer
Reihe �lterer Herrschaftsh�user knapp hundert Meter s�dlich von Paddington
Station und war von der Hauptstra�e durch eine Reihe gleichhoher B�ume und
einen Parkplatz getrennt. Drau�en dr�hnte der Verkehr die ganze Nacht hindurch.
Das Innere jedoch war trotz der Anh�ufung scheu�licher Tapeten und kupferner
Lampenschirme ein Hort der Stille. Nicht nur, da� sich im Hotel nichts regte:
Auch in der Au�enwelt regte sich nichts, und dieser Eindruck wurde noch
verst�rkt durch die Besitzerin, Mrs. Pope Graham, Majorswitwe, deren furchtbar
schleppende Stimme Mr. Barraclough genau wie jedem anderen, der das gastliche
Haus aufsuchte, ein Gef�hl grenzenloser M�digkeit vermittelte. Inspektor
Mendel, dessen Informantin sie seit vielen Jahren war, behauptete, ihr Name
sei schlicht Graham. Das Pope habe sie zwecks gr��erer Vornehmheit oder als
Huldigung an Rom hinzugef�gt. �Ihr Vater war nicht zuf�llig bei der Greenjacket-Brigade?�
erkundigte sie sich g�hnend, als sie den Namen Barraclough im Register las.
Smiley zahlte ihr f�nfzig Pfund Vorschu� f�r einen zweiw�chigen Aufenthalt und
sie gab ihm Zimmer Nummer acht, weil er ungest�rt arbeiten wollte. Er bat um
einen Schreibtisch, und sie gab ihm einen wackeligen Bridgetisch, Norman, der
Hotelboy, schleppte ihn an. �Er ist georgianisch�, seufzte sie, als sie die
Lieferung �berwachte. �Sie werden ihn doch sorgsam behandeln, nicht wahr, mein
Lieber? Eigentlich sollte ich ihn gar nicht ausleihen, er hat dem Major
geh�rt.� Zu den f�nfzig Pfund f�gte Mendel privatim weitere zwanzig a conto aus
seiner eigenen Brieftasche hinzu, Schmierlappen, wie er sagte, die er sp�ter
wieder von Smiley kassierte. �Wo nichts ist, kann auch nichts stinken, wie?�
meinte er.</p><p>�So k�nnte
man sagen�, best�tigte Mrs. Pope Graham und barg die Scheine hoheitsvoll in
ihren Dessous.</p><p>�Ich will
jeden Dreck erfahren�, sch�rfte Mendel ihr ein, als sie in ihrer
Souterrainwohnung bei einer Flasche ihrer Lieblingsmarke sa�en. �Genaue Zeiten
von Kommen und Gehen, Kontakte, Lebensweise und vor allem� � er hob einen
mahnenden Finger - �vor allem, und das ist wichtiger, als Sie wissen k�nnen,
m�ssen mir alle verd�chtigen Personen gemeldet werden, die sich f�r ihn
interessieren oder unter irgendeinem Vorwand Ihr Personal aushorchen wollen.�
Er warf ihr seinen Lage-der-Nation-Blick zu. �Auch wenn sie behaupten, sie
w�ren die K�nigliche Leibgarde und Sherlock Holmes in einer Person.�</p><p>�Wir sind
allein hier, ich und Norman�, sagte Mrs. Pope Graham und wies auf einen fr�stelnden
Jungen in einem schwarzen Mantel, den Mrs. Pope Graham mit einem beigen
Samtkragen herausgeputzt hatte. �Und bei Norman werden sie kein Gl�ck haben,
nicht wahr, Lieber, du bist viel zu taktvoll.�</p><p>�Au�erdem
alle Briefe, die f�r ihn kommen�, sagte der Inspektor. �Briefmarken und
Poststempel, wenn irgend lesbar, notieren, aber nicht dran rumpfuschen oder
zur�ckhalten. Au�erdem seine Sachen.� Er lie� einen Engel durch den Raum
schweben, w�hrend er den m�chtigen Safe betrachtete, der einen so wesentlichen
Bestandteil des Mobiliars darstellte. �Hin und wieder wird er etwas
hinterlegen wollen. Es werden haupts�chlich Papiere sein, manchmal B�cher.
Au�er ihm darf nur ein einziger Mensch auf der Welt diese Dinge zu Gesicht
bekommen� - er lie� ein kurzes Seer�ubergrinsen aufblitzen -, �ich.
Verstanden? Niemand sonst darf auch nur wissen, da� sie hier sind. Und murksen
Sie nicht dran herum, er merkte es, er ist ein scharfer Hund. Es m��te meisterhaft
gemurkst sein. Mehr sage ich nicht�, schlo� Mendel. Smiley gegen�ber bemerkte
er nach seiner R�ckkehr aus Somerset, wenn der Preis nicht h�her sei als
zwanzig Lappen, dann seien Norman und seine Herrin die billigsten Babysitter in
der Branche. Worauf er zu Unrecht stolz war, verzeihlicherweise, denn er konnte
schlie�lich nicht wissen, da� Jim den gesamten Automobilclub eingespannt
hatte; und ebensowenig konnte er wissen, auf welche Weise es Jim in der Folge
m�glich war, den Pfaden von Mendels mi�trauischen Nachforschungen zu folgen.
Und weder Mendel noch irgend jemand sonst ahnte das Ausma� elektrisierter
Alarmbereitschaft, in die der Zorn, die Anspannung des Wartens und vielleicht
ein kleiner Knacks Jim versetzt haben mochten.</p><p>Zimmer
acht lag im obersten Stock. Das Fenster ging auf die Dachbr�stung hinaus. Gegen�ber,
in einer Seitenstra�e, war eine zweifelhafte Buchhandlung und ein Reiseb�ro mit
dem Namen �Weite Welt�. Im Handtuch war <emphasis>Swan Hotel Marlow </emphasis>eingewebt.
Lacon kam noch am gleichen Abend mit einer dicken Aktenmappe angestelzt, die
eine erste Portion Papiere aus seinem B�ro enthielt. Zu ihrer Unterredung
setzten sie sich nebeneinander aufs Bett, und Smiley lie� ein Transistorradio
spielen, um ihre Stimmen zu �bert�nen. Lacon nahm das ungn�dig auf, irgendwie
schien er zu alt f�r solche Scherze. Anderntags holte Lacon auf dem Weg zum
Dienst die Papiere wieder ab und gab die B�cher zur�ck, mit denen Smiley die
Mappe ausgestopft hatte. In dieser Rolle war Lacon miserabel. Er gab sich
gekr�nkt und zerfahren und machte kein Hehl daraus, da� er diese Unregelm��igkeit
ha�te. Die R�te, die sein Gesicht in der K�lte annahm, schien nicht mehr
weichen zu wollen. Aber bei Tag konnte Smiley die Papiere nicht lesen, da sie
Lacons Mitarbeitern jederzeit zug�nglich sein mu�ten, und ihr Verschwinden
h�tte Staub aufgewirbelt. Er h�tte es auch nicht gewollt. Er wu�te besser als
jeder andere, da� die Zeit verzweifelt dr�ngte. In den n�chsten drei Tagen �nderte
sich sein Programm nur sehr wenig. Allabendlich lieferte Lacon auf dem Weg zum
Bahnhof Paddington seine Papiere ab, und alln�chtlich meldete Mrs. Pope Graham
Mendel verschw�rerisch, da� der lange Griesgram wieder dagewesen sei, der Norman
immer so scheel ansehe. Allmorgendlich, nach drei Stunden Schlaf und einem
widerlichen Fr�hst�ck aus halbgaren W�rsten und zerkochten Tomaten - etwas
anderes war nicht zu haben - wartete Smiley auf Lacons Kommen, dann floh er
dankbar hinaus in den kalten Wintertag, um seinen Platz in der menschlichen Gesellschaft
wieder einzunehmen.</p><p>Es waren
schon au�ergew�hnliche N�chte f�r Smiley, so allein dort oben im Dachgescho�.
Wenn er sp�ter nach einer Zeit, die ebenso erf�llt und nach au�en hin weit
ereignisreicher war, an sie zur�ckdachte, so erschienen sie ihm wie eine
einzige Reise, fast wie eine einzige Nacht. <emphasis>Ich kann
ihm doch sagen, da� Sie es �bernehmen, </emphasis>hatte Lacon schamlos im Garten
gefl�tet. <emphasis>Vorw�rts, zur�ck ? </emphasis>W�hrend Smiley Pfad um Pfad in
seine eigene Vergangenheit zur�ckwanderte, verschwand dieser Unterschied:
Vorw�rts oder r�ckw�rts, es war die gleiche Reise, und sein Ziel lag vor ihm.</p><p>Nichts in
diesem Zimmer, kein einziger Gegenstand in diesem Sammelsurium sch�bigen
Hotelkrams, trennte ihn von den Zimmern seiner Erinnerung. Er war wieder in
der obersten Etage des Circus, in seinem eigenen sch�bigen B�ro mit den Drucken
von Oxford, genau wie er es vor einem Jahr verlassen hatte. Jenseits der T�r
war das niedrige Vorzimmer, wo Controls grauhaarige Damen, die M�tter, leise
tippten und Anrufe beantworteten; w�hrend hier im Hotel ein unentdecktes Genie
ein paar T�ren weiter Tag und Nacht geduldig auf einer alten Schreibmaschine
klapperte. Am anderen Ende des Vorzimmers - in Mrs. Pope Grahams Haus befand
sich dort ein Badezimmer mit einem Schild, das die Benutzung verbot - war die
verbotene T�r zu Controls Allerheiligstem: ein Schlauch von Zimmer, mit alten
Stahlschr�nken und alten roten B�chern, einem Geruch nach s��em Staub und Jasmintee.
Hinter dem Schreibtisch Control pers�nlich, damals schon nur mehr ein Gerippe
von Mann, mit seinem sch�tteren grauen Stirnhaar und dem warmen L�cheln eines
Totensch�dels. Diese geistige Verwandlung war so vollst�ndig, da� Smiley, als
sein Telefon klingelte - der Anschlu� war eine zus�tzliche Leistung und in bar
zu bezahlen - sich erst wieder erinnern mu�te, wo er war. Andere Ger�usche
�bten eine �hnlich verwirrende Wirkung auf ihn aus, zum Beispiel das Scharren
von Tauben auf dem Dach, das Knarren der Fernsehantenne im Wind, und bei Regen
der gurgelnde Bach in der Dachrinne. Denn auch diese Ger�usche geh�rten zu
seiner Vergangenheit und waren in Cambridge Circus nur in der f�nften Etage zu
vernehmen gewesen. Das war wohl der Grund, warum sein Ohr sie nun heraush�rte:
Sie waren die Ger�uschkulisse seiner Vergangenheit. Als Smiley einmal
fr�hmorgens im Hotelkorridor Schritte h�rte, ging er tats�chlich zur T�r, weil
er mit dem Chiffreur vom Nachtdienst rechnete. Er war gerade in Guillams Fotos
vertieft und versuchte, an Hand viel zu sp�rlicher Informationen das Verfahren
auszut�fteln, nach dem eingehende Telegramme aus Hongkong unter dem Circus-Lateralismus
bearbeitet werden mochten. Aber anstatt des Chiffreurs hatte er Norman
vorgefunden, der barfu� im Schlafanzug vor der T�r stand. �ber den L�ufer waren
Konfetti verstreut, und vor der T�r gegen�ber standen zwei Paar Schuhe, ein
Paar Damen- und ein Paar Herrenschuhe, obwohl kein Mensch im <emphasis>Islay, </emphasis>am
allerwenigsten Norman, sie jemals putzen w�rde.</p><p>�La� das
Spionieren und geh zu Bett�, hatte Smiley gesagt. Und als Norman ihn nur
anglotzte; �Ach, so geh doch, ja?� - und beinahe, aber er hielt sich zur�ck-
�Du schmieriger Knirps.�</p><p>�Operation
<emphasis>Witchcraft� </emphasis>lautete der Titel des ersten
Bands, den Lacon ihm an diesem Sonntag brachte. �Vorschriften zur Verteilung
besonderer Produkte.� Der �brige Einband war mit Warnzetteln und
Benutzungsanweisungen vollgeklebt, darunter eine, die mit entz�ckender Naivit�t
dem zuf�lligen Finder nahelegte: �Diese Akte ungelesen zur�ck an
den Chefarchivar im Kabinettsb�ro.�</p><p>�Operation
<emphasis>Witchcraft� </emphasis>stand auf dem zweiten Band.
�Antrag auf zus�tzliche Mittel an Schatzamt, Wohnm�glichkeit in London, besondere
Zahlungsvereinbarungen, Pr�mie etc.�</p><p>�Quelle
Merlin�, stand auf dem dritten, der mittels einer rosa Kordel mit dem ersten
zusammengebunden war. �Auswertung durch Konsumenten, Kosteneffektivit�t,
weitere Auswertung, siehe auch geheimer Anhang.� Aber der geheime Anhang war
nicht angeh�ngt, und als Smiley nach ihm fragte, schlug ihm ein Eishauch
entgegen. �Der Minister verwahrt ihn in seinem Privatsafe�, knurrte Lacon.
�Kennen sie die Kombination?�</p><p>�Wo denken
Sie hin!� erwiderte Lacon w�tend. �Wie lautet der Titel des Anhangs?�</p><p>�Das kann
f�r Sie von keinerlei Interesse sein. Ich begreife nicht, warum Sie Ihre Zeit
�berhaupt damit vergeuden sollen, hinter diesem Material herzujagen. Es ist
streng geheim, und wir haben alles Menschenm�gliche getan, um den Leserkreis
auf ein Minimum zu beschr�nken.�</p><p>�Auch ein
geheimer Anhang mu� einen Titel haben�, sagte Smiley milde.</p><p>�Dieser
hat keinen.�</p><p>�Gibt er
Merlins Identit�t an?�</p><p>�Machen
Sie sich nicht l�cherlich. Der Minister w�rde sie nicht kennen wollen, und
Alleline w�rde ihn nicht aufkl�ren.�</p><p>�Was
bedeutet weitere Auswertung?�</p><p>�Sie haben
kein Recht, mich auszufragen, George. Sie geh�ren nicht mehr zur Familie, wie
Sie wissen. Von Rechts wegen h�tte ich Sie erst einmal genau durchleuchten lassen
m�ssen.�</p><p>�
Witchcraft-durchleuchten?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Gibt es
eine Liste der Personen, die solche Durchleuchtungen hinter sich haben?�</p><p>Sie liegt
im Kabinettsb�ro, gab Lacon zur�ck und h�tte um ein Haar die T�r hinter sich
zugeknallt, doch kam er zur�ck, w�hrend sanft das Lied �Sag mir, wo die Blumen
sind� erklang. �Der Minister . . .� begann er von neuem. �Er hat nichts �brig
f�r umschweifige Erkl�rungen. Er sagt immer: Ich glaube nur, was auf einer
Postkarte Platz hat. Er wartet ungeduldig auf handgreifliche Resultate.�</p><p>�Sie
vergessen Prideaux nicht, ja? Einfach alles, was Sie �ber ihn finden k�nnen;
jeder kleinste Wisch ist besser als gar nichts.� Smiley lie� Lacon eine Weile
hier�ber nachglotzen, dann zu einem zweiten Abgang ansetzen: �Verrennen Sie
sich auch nicht in eine fixe Idee, George? Es ist Ihnen doch klar, da� Prideaux
h�chstwahrscheinlich kein einziges Wort von <emphasis>Witchcraft
</emphasis>geh�rt hat, ehe er angeschossen wurde? Ich begreife wirklich nicht,
warum sie nicht bei der Hauptsache bleiben k�nnen, anstatt dieses Herumw�hlens
in . . .� Aber inzwischen hatte er sich bereits aus dem Zimmer hinausgeredet.</p><p>Smiley
wandte sich dem letzten Sto� zu: �Operation <emphasis>Witchcraft,
</emphasis>Schriftwechsel mit Department.� Department war eine von Whitehalls
zahlreichen besch�nigenden Umschreibungen f�r den Circus. Dieser Band bestand
aus offiziellen Aktennotizen, gewechselt zwischen dem Minister einerseits und
- sofort zu erkennen an seiner ber�hmten Schulschrift - Percy Alleline andererseits,
der damals noch auf den unteren Sprossen von Controls hierarchischer Leiter
schmachtete.</p><p>Ein recht
glanzloses Denkmal, fand Smiley bei der Durchsicht dieser vielbenutzten Akten,
f�r einen so langen und grausamen Krieg.</p><empty-line/><p>George
Smiley f�ttert sein Ged�chtnis mit Akten aus Oliver Lacons Geheimarchiv</p><empty-line/><p>Als Smiley
nun in die Lekt�re von Lacons Akten einstieg, erlebte er diesen langen und
grausamen Krieg in seinen wichtigsten Schlachten noch einmal. Die Gegenspieler
waren Alleline und Control, der Ursprung des Krieges im dunkeln. Die Akten
enthielten einen denkbar d�rftigen Bericht; Smileys Ged�chtnis enthielt weit
mehr. Bill Haydon, der die Ereignisse ebenso sorgf�ltig wie besorgt verfolgt
hatte, behauptete, die beiden M�nner h�tten einander in Cambridge hassen
gelernt, wo Control sich kurze Zeit als Lehrer und Alleline als Student
aufgehalten hatten. Laut Bill sei Alleline Controls Sch�ler gewesen, ein
schlechter Sch�ler, und Control habe sich �ber ihn mokiert, was sehr wohl
m�glich war. Die Geschichte war so grotesk, da� Control nicht umhin konnte, sie
noch hochzuspielen:</p><p>�Percy und
ich sind Blutsbr�der, h�re ich. Haben uns gemeinsam in diesen Stechk�hnen, den
<emphasis>Punts, </emphasis>getummelt, man stelle sich vor!� Er sagte nie, ob
es wahr war.</p><p>Derartige
Halbmythen konnte Smiley mit ein paar Tatsachen aus dem fr�heren Leben der
beiden M�nner zurechtr�cken. W�hrend Controls Herkunft unbekannt war, stammte
Percy Alleline aus dem S�den Schottlands und war in einem Pfarrhaus geboren;
sein Vater war ein presbyterianischer Eiferer, und wenn Percy auch nicht seinen
Glauben hatte, so hatte er doch zweifellos seine sektiererische Unduldsamkeit
geerbt. Er verpa�te den Krieg um ein paar Jahre und kam von einer Firma in der
City zum Circus. In Cambridge hatte er sich ein bi�chen als Politiker (gleich
rechts von Dschingis Khan, sagte Haydon, der wei� Gott selber kein
Schei�-Liberaler gewesen war) und ein bi�chen als Sportler hervorgetan. Er war
von einem unbedeutenden Menschen namens Maston angeworben worden, der eine
Zeitlang versucht hatte, sich ein Pl�tzchen bei der Gegenspionage einzurichten.
Maston sah f�r Alleline eine gro�e Zukunft voraus, fiel jedoch selber in
Ungnade, nachdem er seinen Sch�tzling frenetisch feilgeboten hatte. Die
Personalabteilung des Circus expedierte Alleline, um ihn loszuwerden, nach
S�damerika, wo er unter konsularischer Tarnung zwei volle Dienstperioden
ableistete, ohne nach England zur�ckzukehren.</p><p>Sogar
Control gab sp�ter zu, wie Smiley sich erinnerte, da� Alleline dort vorz�glich
gearbeitet habe. Den Argentiniern gefiel die Art, wie er ritt und Tennis
spielte, und sie hielten ihn f�r einen Gentleman - so Control - und nahmen
daher an, er m�sse dumm sein, was Percy niemals v�llig war. Als er die Stelle
an seinen Nachfolger �bergab, hatte er an beiden K�stenstrichen seine
Agentenkette gezogen und war auch schon auf dem Vorsto� nach Norden. Nach einem
Heimaturlaub und einer mehrw�chigen Instruktion wurde er nach Indien versetzt,
wo seine Agenten ihn als den wiedererstandenen britischen Sahib zu betrachten
schienen. Er predigte ihnen Loyalit�t, zahlte ihnen so gut wie gar nichts und
verbriet sie, wenn es ihm in den Kram pa�te. Von Indien aus ging er nach
Kairo. Dieser Posten h�tte f�r Alleline schwierig, wenn nicht unhaltbar sein
m�ssen; denn der Nahe Osten war bis dato Haydons Stammrevier gewesen. Die Netze
in Kairo blickten zu Bill auf wie zu einem modernen Lawrence von Arabien �
buchst�blich das gleiche Bild, das Martindale in jener schicksalhaften Nacht in
seinem obskuren Club von ihm gezeichnet hatte. Sie waren bereit, seinem
Nachfolger das Leben zur H�lle zu machen. Trotzdem boxte Percy sich verbissen
durch, und wenn er den Amerikanern aus dem Weg gegangen w�re, h�tte Haydon in
ihm noch seinen Meister gefunden. So aber kam es zu einem Skandal und einem offenen
Zusammensto� zwischen Percy und Control.</p><p>Die
Umst�nde lagen noch immer im dunkeln: der Zwischenfall hatte sich lange vor
Smileys Ernennung zu Controls oberstem Kammerherrn ereignet. Alleline hatte
sich offenbar ohne Autorisation Londons in ein albernes amerikanisches Komplott
zur Absetzung eines einheimischen Potentaten, der durch eine genehmere Figur
ersetzt werden sollte, eingelassen: Alleline war schon immer ein gro�er
Bewunderer der Amerikaner gewesen. In Argentinien hatte er staunend ihre Rotte linksgerichteter
Politiker um den halben Erdball verfolgt; in Indien entz�ckte ihn ihre
Geschicklichkeit bei der Zunichtemachung der Zentralisierungsbestrebungen.
W�hrend Control, wie die meisten im Circus, die Amerikaner ebenso verachtete
wie alle ihre Werke, die er h�ufig zu sabotieren suchte.</p><p>Das
Komplott platzte, die britischen �lgesellschaften waren w�tend, und Alleline
mu�te sich, wie es so bildhaft im Jargon hei�t, barfu� auf die Socken machen.
Sp�ter behauptete Alleline, Control habe ihn zuerst dazu gedr�ngt und ihm dann
den Teppich unter den F��en weggezogen. Wie dem auch gewesen sei, Alleline kam
nach London und fand dort den Befehl vor, sich in der <emphasis>Nursery </emphasis>einzustellen,
wo er die Ausbildung von Neulingen �bernehmen sollte. Diese Planstelle war
normalerweise Vertragsangestellten vorbehalten, die noch ein paar J�hrchen bis
zu ihrer Pensionierung hatten. Heutzutage, erkl�rte Bill Haydon, damals
Personalchef, gebe es in London so furchtbar wenige Jobs f�r einen Mann von
Percys Dienstalter und F�higkeiten. �Dann werden Sie verdammt noch mal einen
f�r mich erfinden m�ssen�, sagte Percy. Er hatte recht. Wie Bill sich wenig
sp�ter Smiley gegen�ber in sch�ner Offenheit ausdr�ckte: Er hatte die Rechnung
ohne die Alleline-Lobby gemacht. �Aber wer sind diese Leute?� hatte Smiley
immer wieder gefragt. �Wie k�nnen sie Ihnen einen Mann aufzwingen, wenn Sie ihn
nicht wollen?�</p><p>�Golfer�,
knurrte Control. Golfer und Konservative, denn Alleline lieb�ugelte damals mit
der Opposition und wurde mit offenen Armen empfangen, nicht zuletzt von Miles
Sercombe, Anns leider nicht gescha�tem Vetter und Lacons Minister. Doch Control
konnte wenig dagegen machen. Im Circus herrschte Flaute, und es ging sogar die
Rede, man wolle die ganze Mannschaft ausrangieren und irgendwo mit einer
anderen neu anfangen. In dieser Welt treten Fehlschl�ge traditionsgem�� in
Serien auf, aber dies war eine ungew�hnlich lange Pechstr�hne gewesen. Das
Produkt war zur�ckgegangen; immer mehr Material hatte sich als verd�chtig
erwiesen. Dort, wo es darauf ankam, hatte Control nicht allzuviel zu sagen.</p><p>Diese
vor�bergehende Ohnmacht tr�bte Controls Freude bei der Abfassung von Percy
Allelines Eignungsgutachten f�r den Posten des Operationsleiters nicht im
geringsten. Damit machte er Percy, wie er sagte �hofnarrenf�hig�.</p><p>Smiley
konnte nichts unternehmen. Bill Haydon war damals in Washington und versuchte,
mit den, wie er es ausdr�ckte, faschistischen Puritanern der amerikanischen
Dienststelle erneut �ber ein Informationsabkommen zu verhandeln. Aber Smiley
war in die f�nfte Etage aufgestiegen, und dort geh�rte es zu seinen Aufgaben,
Control alle Bittsteller vom Hals zu halten. Folglich hatte Alleline mit Smiley
zu tun, sooft er kam und fragte: �Warum?� Suchte ihn in seinem B�ro auf, wenn
Control nicht da war, lud ihn in seine tr�bselige Wohnung ein, nachdem er seine
Geliebte vorsorglich ins Kino geschickt hatte und fragte immer wieder in
seinem klagenden Tonfall: �Warum?� Einmal hatte er sogar eine Flasche
Malzwhisky erstanden, den er Smiley nachgerade aufdr�ngte, w�hrend er selber
der billigeren Sorte treu blieb.</p><p>�Was habe
ich ihm denn so Furchtbares angetan, George? Wir haben uns ein paarmal
gekabbelt, aber was ist daran so ungew�hnlich, k�nnen Sie mir das sagen? Warum
hackt er auf mir herum? Ich will doch nichts als einen Platz am obersten Tisch.
Gott wei�, da� meine Qualifikation mich dazu berechtigt.� Mit obersten Tisch
meinte er die f�nfte Etage. Die Kompetenzen, die Control ihm zugewiesen hatte
und die auf den ersten Blick h�chst eindrucksvoll wirkten, gaben Alleline das
Recht, s�mtliche Einsatzpl�ne zu �berpr�fen, ehe sie durchgef�hrt w�rden. Das
Kleingedruckte machte dieses Recht von der Zustimmung der betroffenen
Abteilungen abh�ngig, und Control sorgte daf�r, da� es nicht so weit kam. Der
Dienstvertrag verpflichtete ihn zur �Koordinierung von Quellen und Schlichtung
regionaler Kompetenzstreitigkeiten�, eine Aufgabe, die Alleline sp�ter mit der
Einrichtung von London Station erf�llt hat. Aber die f�r Quellen zust�ndigen
Abteilungen, wie zum Beispiel die Aufkl�rer, die F�lscher, die Abh�rer und die
Funker, weigerten sich, ihm Einblick zu gew�hren, und er hatte keine
M�glichkeit, sie zu zwingen. Alleline darbte also, von Mittag an war sein Tisch
leer.</p><p>�Ich bin
mittelm��ig, das ist der Grund, wie? Heutzutage mu� jeder ein Genie sein, eine
Primadonna, kein Statist, und uralt obendrein.� Denn Alleline, obwohl man es
bei ihm leicht verga�, war f�r den obersten Tisch ein noch junger Mann. Einen
Unterschied von acht und zehn Jahren konnte er gegen Haydon und Smiley ins
Treffen f�hren, und gegen Control noch mehr. Control war unerbittlich: �Percy
Alleline w�rde seine Mutter f�r einen Adelstitel verkaufen, und diese
Dienststelle f�r einen Sitz im Oberhaus.� Und sp�ter, als die niedertr�chtige
Krankheit ihn bereits befallen hatte: �Ich weigere mich, mein Lebenswerk einem
Paradepferd zu hinterlassen. Ich bin zu eingebildet, um auf Schmeicheleien
reinzufallen, zu alt, um ehrgeizig zu sein, und ich bin h��lich wie die Nacht.
Percy ist in allem das Gegenteil, und in Whitehall gibt es gen�gend
Tausendsassas, denen einer wie er mehr liegt als ich.�</p><p>Womit
Control sich gewisserma�en selber den Fall <emphasis>Witchcraft
</emphasis>auf Umwegen aufgehalst hatte.</p><p>�George,
kommen Sie rein�, hatte Control eines Tages durch die Sprechanlage gebellt.
�Bruder Percy will mir das Messer auf die Brust setzen. Kommen Sie rein, oder
es gibt ein Blutbad.� Es war die Zeit, erinnerte sich Smiley, als ruhmlose
Krieger aus aller Herren L�nder zur�ckkehrten. Roy Bland war soeben aus Belgrad
heimgeflogen, wo er mit Toby Esterhases Hilfe versucht hatte, die Reste eines
sterbenden Agentennetzes zu retten; Paul Skordeno, zu jener Zeit Nr. 1 in
Deutschland, hatte vor kurzem seinen besten sowjetischen Agenten in Ostberlin
verloren, und Bill selber war nach einer weiteren erfolglosen Reise zur�ck in
seinem Turmzimmer und w�tete �ber die Pentagon-Arroganz, die Pentagon-Idioten,
die Pentagon-Lumpen; und behauptete, die Zeit sei gekommen, �sich lieber mit
den verdammten Russen zusammenzutun�.</p><p>Und im
Hotel <emphasis>Islay </emphasis>war es nach Mitternacht, denn ein
versp�teter Gast klingelte an der T�r. Wof�r Norman ihm zehn Silberlinge
abkn�pfen wird, dachte Smiley. Mit einem Seufzer zog er den ersten Band der <emphasis>Witchcraft-</emphasis>Akten
heran, leckte bed�chtig Zeigefinger und Daumen der rechten Hand und ging
daran, das amtliche Ged�chtnis mit seinem eigenen zu verquicken.</p><p>�Wie
besprochen�, schrieb Alleline nur ein paar Monate nach dieser Unterredung in
einem leicht hysterischen pers�nlichen Brief an Anns einflu�reichen Vetter, den
Minister, der in Lacons Akte enthalten war.</p><p>�Die <emphasis>Witchcraft-Berichte
</emphasis>kommen s�mtlich aus einer Quelle, die unbedingt �u�erste Behutsamkeit
erfordert. Meiner Meinung nach wird keine der in Whitehall �blichen
Verteilermethoden diesem Fall gerecht. Depeschenkoffer, wie wir sie f�r gadfly benutzten,
erwiesen sich als ungeeignet, als Whitehall-Konsumenten die Schl�ssel verloren
und, in einem besonders bedauerlichen Fall, ein �berarbeiteter
Unterstaatssekret�r seinem Mitarbeiter seinen Schl�ssel �berlie�. Ich sprach
bereits mit Lilley vom Geheimdienst der Kriegsmarine, der bereit ist, uns im
Hauptgeb�ude der Admiralit�t einen eigenen Leseraum zu �berlassen, wo das
Material den Konsumenten zur Verf�gung gestellt und von einem dienst�lteren
Aufsichtsbeamten dieser Dienststelle bewacht werden k�nnte. Der Leseraum wird
aus Sicherheitsgr�nden als Konferenzraum der <emphasis>Adriatic
Working Party </emphasis>oder kurz AWP bezeichnet. Zugelassene Konsumenten
erhalten keine Lesekarten, da hier zu leicht Mi�brauch getrieben werden
k�nnte. Sie weisen sich vielmehr pers�nlich meinem Aufsichtsbeamten gegen�ber
aus� - Smiley nahm das Pronomen zur Kenntnis -, �der eine Eintragungsliste mit
Fotos der Konsumenten zur Hand hat.�</p><p>Lacon, der
noch nicht �berzeugt war, an das Schatzamt auf dem Weg �ber seinen verha�ten
Gebieter, den Minister, dem unumg�nglichen Dienstweg:</p><p>�Vorausgesetzt,
da� dies notwendig ist, m��te der Leseraum weitgehend umgebaut werden.</p><p>1. Werden Sie
die Finanzierung �bernehmen?</p><p>2. Wenn ja,
so sollten die Kosten offiziell von der Admiralit�t getragen werden. Das
Department wird vertraulich R�ckzahlung leisten.</p><p>3. Es erhebt
sich ferner die Frage zus�tzlichen Aufsichtspersonals, ein weiterer
Kostenpunkt...�</p><p>Und ferner
erhebt sich die Frage gr��eren Ruhms f�r Percy Alleline, kommentierte Smiley,
w�hrend er langsam die Seiten umwandte. Schon blitzte es auf Schritt und Tritt
wie ein Leuchtsignal: Percy ist auf dem Marsch zum obersten Tisch, und Control
k�nnte ebensogut schon tot sein.</p><p>Aus dem
Treppenhaus erscholl recht wohlt�nender Gesang. Ein wallisischer Gast w�nschte,
stockbetrunken, der Welt eine gute Nacht.</p><p><emphasis>Witchcraft
</emphasis>war, wie Smiley sich erinnerte - wiederum war sein Ged�chtnis am Zug,
die Akten wu�ten nichts von solchem menschlichen Kleinkram -, keineswegs Percy
Allelines erster Versuch, auf seinem neuen Posten eine eigene Operation aufzuziehen;
doch da seine Dienstanweisung ihn an Controls Zustimmung band, war er bisher
nicht zum Zug gekommen. Eine Zeitlang hatte er sich auf Tunnelbau
konzentriert. Die Amerikaner hatten in Berlin und Belgrad Audio-Tunnels gebaut,
und die Franzosen hatten sich �hnlicher Einrichtungen gegen die Amerikaner
bedient. Sch�n, nun w�rde unter Percys Banner auch der Circus in diesen Markt
einsteigen. Control sah dem Ganzen milde zu, ein innerdienstlicher Ausschu�
wurde gebildet (bekannt als Alleline-Ausschu�), ein Spezialteam der Klempner
inspizierte die Fundamente der Sowjetbotschaft in Athen, wo Alleline auf
uneingeschr�nkte Unterst�tzung durch das letzte Milit�rregime hoffte, das er
genau wie seine Vorg�nger ungemein bewunderte. Dann stie� Control ganz sanft
Percys Baukl�tzchen um und wartete, bis er mit einem neuen Projekt ankam. Und
das hatte Percy nach verschiedenen Zwischenversuchen an jenem grauen Morgen
getan, an dem Control Smiley mit solcher Entschiedenheit zur Tafelrunde
gebeten hatte.</p><p>Control
sa� an seinem Schreibtisch, Alleline stand am Fenster, zwischen ihnen lag ein
einfacher Aktenhefter, knallgelb und geschlossen.</p><p>�Setzen
Sie sich hierhin und schauen Sie sich diesen Bl�dsinn an.�</p><p>Smiley
setzte sich in den Lehnstuhl, und Alleline blieb am Fenster stehen, st�tzte die
Ellbogen aufs Fensterbrett und starrte �ber die D�cher hinweg auf die
Nelsons�ule und die etwas k�mmerlichen T�rmchen von Whitehall.</p><p>In dem
Hefter befand sich die Fotografie eines Dokuments, das sich als hochwichtige
sowjetische Marinedepesche entpuppte, f�nfzehn Seiten lang.</p><p>�Wer hat
die �bersetzung angefertigt?� fragte Smiley und dachte, der Qualit�t nach k�nne
sie Roy Blands Werk sein. �Der liebe Gott�, antwortete Control. �Der liebe Gott
pers�nlich, nicht wahr, Percy? Stellen sie ihm keine Fragen, George, er sagt
kein Wort.�</p><p>Um diese
Zeit hatte Control ungemein jugendlich ausgesehen, entsann sich Smiley, auch,
da� Control schlanker geworden war, da� seine Wangen rosig waren und da� jeder,
der ihn nur fl�chtig kannte, sich bem��igt gef�hlt hatte, ihn zu seinem guten
Aussehen zu begl�ckw�nschen. Smiley war vielleicht der einzige, dem die
winzigen Schwei�perlen auffielen, die sogar damals fast st�ndig Controls
Haaransatz s�umten.</p><p>Das
Dokument war, genau gesagt, eine angeblich f�r das sowjetische Oberkommando
erstellte Bewertung einer vor kurzem im Mittelmeer und im Schwarzen Meer
abgehaltenen Flotten�bung. In Lacons Akte fand es sich schlicht als Report Nr.
1, unter der Bezeichnung <emphasis>Marine. </emphasis>Seit
Monaten schon l�cherte die Admiralit�t den Circus wegen irgendeiner
Information �ber diese �bung. Sie war daher von beachtlichem Aktualit�tswert,
was sie in Smileys Augen sofort verd�chtig machte. Sie ging ins Detail,
handelte jedoch von Dingen, die Smiley nicht einmal entfernt verst�ndlich
waren: K�sten-See-Schlagkapazit�t, Radioaktivierung feindlicher Warnsysteme,
die h�here Mathematik des Gleichgewichts des Schreckens. Wenn das Dokument
echt war, hatte es Goldwert, aber es gab keinen Grund zu der Annahme, da� es
echt war. Woche f�r Woche behandelte der Circus Dutzende nicht angeforderter
sogenannter Sowjet-Dokumente. Die meisten waren nichts als Plunder. Einige
waren von Verb�ndeten, die ihre eigenen Absichten verfolgten, eingespielt
worden, andere russische Abfallprodukte. Nur sehr selten erwies das eine oder
andere sich als einwandfrei, aber meist erst, nachdem es verworfen worden war.</p><p>�Wessen
Initialen sind das?� fragte Smiley und meinte ein paar russische Buchstaben,
die mit Bleistift an den Rand geschrieben waren. �Wei� das jemand?�</p><p>Control
wies mit einer Kopfbewegung auf Alleline.</p><p>�Fragen
Sie die zust�ndige Stelle. Nicht mich.�</p><p>�Zharow�,
sagte Alleline. �Admiral, siebente Eskadra.�</p><p>�Es ist
nicht datiert�, bem�ngelte Smiley.</p><p>�Es ist
ein Entwurf�, erwiderte Alleline �berlegen, und sein Akzent war deutlicher
denn je. �Zharow hat es am Donnerstag abgezeichnet. Die endg�ltige Fassung mit
den Zus�tzen ging am Montag hinaus und ist entsprechend datiert.� Heute war
Dienstag.</p><p>�Woher
kommt es?� fragte Smiley, der noch immer ratlos war. �Percy sieht sich
au�erstande, das zu sagen�, sagte Control. �Was sagen unsere Auswerter?�</p><p>�Die haben
es noch nicht gesehen�, sagte Alleline. �Und sie werden es auch nicht zu sehen
bekommen.�</p><p>Control
sagte eisig: �Mein Bruder in Christo, Lilley vom Geheimdienst der
Kriegsmarine, hat immerhin eine vorl�ufige Beurteilung abgegeben, nicht wahr,
Percy? Percy hat es ihm gestern abend gezeigt � bei einem Gl�schen Gin, nicht
wahr, Percy, im <emphasis>Travelle</emphasis><emphasis>r</emphasis><emphasis>s?�</emphasis></p><p>�In der
Admiralit�t.�</p><p>�Bruder
Lilley, ebenfalls Schotte, geizt im allgemeinen mit seinem Lob. Als er mich
jedoch vor einer halben Stunde anrief, war er au�er Rand und Band. Er hat mir
sogar gratuliert. Er erachtet das Dokument f�r echt und bittet uns - oder
vielmehr Percy - um die Genehmigung, die �brigen Lords der Admiralit�t vom
Inhalt in Kenntnis setzen zu d�rfen.�</p><p>�Ganz
unm�glich�, sagte Alleline. �Es ist ausschlie�lich f�r seine Augen bestimmt,
jedenfalls f�r die n�chsten paar Wochen.�</p><p>�Die Ware
ist so hei߫, erkl�rte Control, �da� sie erst abk�hlen mu�, ehe sie verteilt
werden kann.�</p><p>�Aber
woher kommt sie?� bohrte Smiley weiter.</p><p>�Keine
Sorge, Percy hat schon einen Decknamen. Waren um Decknamen nie verlegen, wie,
Percy?�</p><p>�Wo setzt
sie an? Wer ist damit befa�t?�</p><p>�Sie
werden Ihre helle Freude haben�, versprach Control leise. Er war
au�erordentlich w�tend. W�hrend ihrer langen Zusammenarbeit hatte Smiley ihn
noch nie so w�tend gesehen. Die mageren, fleckigen H�nde zitterten, und die
normalerweise leblosen Augen spr�hten Feuer. �Quelle Merlin�, sagte Alleline
und lie� der Er�ffnung ein leichtes, aber sehr schottisches Schmatzen
vorangehen, �ist eine hochrahmige Quelle mit Zugang zu den h�chsten Ebenen
sowjetischer Politik.� Und er f�gte im <emphasis>pluralis majestatis </emphasis>hinzu:
�Wir haben sein Produkt <emphasis>Witchcraft </emphasis>getauft.�
Er hatte genau die gleichen Worte gebraucht, bemerkte Smiley, wie in seinem
streng geheimen und pers�nlichen Brief an einen G�nner im Schatzamt, worin er
f�r sich gr��ere Ermessensfreiheit bei ad hoc Zahlungen an Agenten erbat.</p><p>�N�chstens
wird er sagen, er hat ihn bei der Fu�ball-Lotterie gewonnen�, prophezeite
Control, der trotz seiner zweiten Jugend in der Umgangssprache nicht mehr ganz
auf dem laufenden war. �Jetzt fragen Sie ihn, warum Sie ihn nicht fragen
d�rfen.� Alleline blieb unersch�ttert. Auch er war rot im Gesicht, aber aus
Triumph, nicht aus �rger. Er dehnte die breite Brust zu einer langen Rede,
ausschlie�lich an Smiley und mit ausdrucksloser Stimme, wie ein schottischer
Polizist vor Gericht aussagt:</p><p>�Die
Identit�t Merlins ist ein Geheimnis, zu dessen Enth�llung ich nicht befugt bin.
Er ist die Frucht langer Bem�hungen gewisser Leute in dieser Dienststelle. Leute,
die mir verbunden sind, wie ich ihnen verbunden bin. Leute, die so wenig wie
ich erbaut sind �ber die Mi�erfolgskurve dieses Hauses. Es ist zuviel schiefgegangen.
Zuviel Verluste, Verschwendung, Skandale. Ich habe es immer wieder gesagt, aber
es war immer nur in den Wind gesprochen, er hat mir nicht einmal zugeh�rt.�</p><p>�Mit
&gt;er&lt; meint er mich�, erl�uterte Control aus dem Zuschauerraum. �&gt;Er
&lt; bin in dieser Ansprache immer ich, kapiert, George?�</p><p>�Die
etablierten Grunds�tze von Effizienz und Sicherheit werden in diesem Betrieb
mit F��en getreten. Man fragt sich: wo sind sie �berhaupt noch? Abschottung auf
allen Ebenen: wo ist sie, George? Es gibt zu viele regionale Intrigen, die von
oben gef�rdert werden.�</p><p>�Wieder
eine Anspielung auf mich�, warf Control ein. �Teile und herrsche, lautet
heutzutage die Devise. Die Leute, die gemeinsam den Kommunismus bek�mpfen
helfen sollten, liegen sich gegenseitig in den Haaren. Auf diese Weise
verlieren wir unsere wichtigsten Partner.�</p><p>�Er meint
die Amerikaner�, kommentierte Control. �Wir verlieren unseren Elan. Unsere
Selbstachtung. Jetzt reicht's uns.� Er nahm den Bericht wieder an sich und
klemmte ihn unter den Arm. �Wir haben, genau gesagt, die Schnauze voll.�</p><p>�Und wie
jeder, dem's reicht�, sagte Control, als Alleline ger�uschvoll das B�ro verlie�,
�m�chte er noch mehr.� Nun f�hrten eine Weile, statt Smileys Erinnerungen,
Lacons Akten die Geschichte weiter. Es war typisch f�r die Atmosph�re der
letzten Wochen, da� Smiley, nachdem er anfangs mit einbezogen worden war, nie
wieder ein Wort �ber die weitere Entwicklung erfuhr. Control ha�te
Fehlschl�ge, so wie er Kranksein ha�te, und am meisten ha�te er seine eigenen
Fehlschl�ge. Er wu�te, wenn man einen Fehlschlag akzeptierte, mu�te man mit ihm
leben; wenn eine Dienststelle nicht k�mpfte, konnte sie nicht �berleben. Er
verachtete die Agenten im Seidenhemd, die sich gewaltige Brocken aus dem Etat
unter den Nagel rissen, zum Schaden der Netze, die um ihr t�gliches Brot
arbeiteten und in die er alle Hoffnung setzte. Er liebte den Erfolg, aber er
ha�te Wunder, wenn sie alle seine �brigen Bem�hungen in den Schatten stellten.
Er ha�te Schw�che, wie er Gef�hle und Religion ha�te, und er ha�te Percy
Alleline, der von beidem sein Gutteil abbekommen hatte. Seine Methode, sich mit
ihnen auseinanderzusetzen, bestand darin, da� er buchst�blich seine T�r davor
verschlo�: sich in die sch�bige Abgeschlossenheit seiner oberen R�ume
zur�ckzog, keine Besucher empfing und sich alle Telefonanrufe durch die M�tter
verabreichen lie�. Die gleichen stillen Damen verabreichten ihm Jasmintee und
die zahllosen Dienstakten, die er in St��en anforderte und zur�ckreichte.
Smiley sah sie st�ndig vor der T�r angeh�uft, w�hrend er seinen eigenen
Obliegenheiten nachging und versuchte, den �brigen Circus in Schwung zu halten.
Viele waren uralt, aus den Tagen, ehe Control die Meute anf�hrte. Einige waren
pers�nlich, die Lebensl�ufe fr�herer und gegenw�rtiger Mitarbeiter.</p><p>Control
sagte nie, womit er sich besch�ftigte. Wenn Smiley die M�tter fragte, sogar
wenn Bill Haydon, der Lieblingssohn, antanzte und sich erkundigte, sch�ttelten
sie nur die K�pfe oder hoben die Brauen in Richtung auf das Allerheiligste:
�Endphase�, besagten diese sanften Blicke. �Wir h�tscheln einen gro�en Mann am
Ende seiner Laufbahn.� Smiley jedoch, der nun geduldig Akte f�r Akte
durchbl�tterte und in einem Winkel seines komplexen Ged�chtnisses Irinas
Tagebuch f�r Ricki Tarr rezitierte: Smiley wu�te - und dieses Wissen war ihm
ein durchaus realer Trost -, da� er nicht als erster diese Forschungsreise
unternahm; da� Controls Geist ihn fast bis zu den letzten Stationen begleitete;
und vielleicht sogar �ber die ganze Strecke mitgegangen w�re, wenn die
Operation <emphasis>Testify </emphasis>ihn nicht in elfter Stunde
abgew�rgt h�tte.</p><empty-line/><p>Wiederum
Fr�hst�ck, und ein sehr gedr�ckter Walliser, ohne jeden Appetit auf halbgare
W�rste und zerkochte Tomaten. �M�chten Sie diese da zur�ckhaben�, fragte Lacon,
�oder sind Sie damit durch? Sie k�nnen nicht sehr aufschlu�reich sein, denn sie
enthalten nicht einmal die Berichte.�</p><p>�Heute
abend, bitte, wenn es Ihnen nichts ausmacht.�</p><p>�Sie
wissen vermutlich selber, da� Sie wie ein Wrack aussehen.� Er wu�te es nicht,
aber als er in die Bywater Street zur�ckkehrte, zeigte ihm Anns h�bscher
Spiegel dort seine rotger�nderten Augen und die Furchen der �berm�dung in den
fleischigen Backen.</p><p>Er schlief
ein bi�chen, dann ging er wieder seine geheimnisvollen Wege. Als der Abend kam,
wartete Lacon bereits auf ihn. Smiley machte sich sogleich wieder an seine
Lekt�re. Sechs Wochen lang hatte die Marinedepesche laut Akten offenbar keinen
Nachfolger. Andere Abteilungen des Verteidigungsministeriums stimmten in den
Lobgesang der Admiralit�t �ber die erste Depesche ein, das Ausw�rtige Amt
bemerkte, dieses Dokument �werfe ein entscheidend neues Licht auf das sowjetische
Aggressionsdenken�, was immer das hei�en sollte; Alleline betonte immer wieder
seine Forderung nach Sonderbehandlung des Materials, aber er glich einem
General ohne Armee. Lacon bezog sich frostig auf den �verz�gerten Nachschub�,
und schlug seinem Minister vor, er solle �die Situation mit der Admiralit�t
abkl�ren�. Von Control, soviel aus den Akten zu ersehen war, nichts. Vielleicht
war er jetzt bettl�gerig und betete, es m�ge vor�bergehen. In der Zwischenzeit
wies ein Moskau-Observant des Schatzamts s�uerlich darauf hin, da� Whitehall in
den letzten Jahren eine Menge �hnlicher F�lle erlebt habe: ein vielverhei�ender
erster Bericht, dann Schweigen oder schlimmer noch: ein Skandal.</p><p>Er hatte
unrecht. In der siebenten Woche verk�ndete Alleline die Ver�ffentlichung von
drei neuen <emphasis>Witchcraft-Reports, </emphasis>alle am gleichen Tag. Alle waren
in Form geheimer sowjetischer ministerialinterner Korrespondenz, obwohl die
Themen weit auseinandergingen.</p><p><emphasis>Witchcraft
</emphasis>Nr. 2, wie Lacon den Bericht nannte, beschrieb Spannungen innerhalb des
Comecon und sprach von der zersetzenden Wirkung von Handelsabkommen mit dem
Westen auf die schw�cheren Mitglieder. Nach Circus-Normen war Nr. 2 ein
klassischer Report aus Roy Blands Dom�ne, denn er behandelte das gleiche
Zielobjekt, das vom Netz �Aggravate� seit Jahren von Ungarn aus vergeblich
angepeilt wurde. �Ausgezeichneter <emphasis>tour d'horizon�, </emphasis>schrieb
ein Konsument des Ausw�rtigen Amts, �von guten Nebeninformationen gest�tzt.�</p><p><emphasis>Witcbcraft
</emphasis>Nr. 3 besch�ftigte sich mit dem Revisionismus in Ungarn und mit Kadars
erneuten S�uberungsaktionen im politischen und akademischen Leben: wenn man
m��igem Geschw�tz ein f�r allemal ein Ende machen wollte, schrieb der Autor des
Papiers, wobei er ein vor langer Zeit gepr�gtes Chruschtschow-</p><p>Wort
�bernahm, m�sse man blo� noch ein paar Intellektuelle abknallen. Auch dies war
Roy Blands Dom�ne. �Eine heilsame Mahnung�, schrieb der gleiche Kommentator aus
dem Ausw�rtigen Amt, �an alle jene, die sich in der Illusion wiegen, da� die
Sowjetunion mit ihren Satelliten sanft umgehe.� Die beiden letzten Berichte
waren im wesentlichen Background-Information, aber <emphasis>Witchcraft
</emphasis>Nr. 4, sechzig Seiten lang, wurde von den Konsumenten f�r einzigartig
gehalten. Es handelte sich um ein umfangreiches technisches Gutachten des sowjetischen
Auslandsnachrichtendiensts �ber die Vor- und Nachteile des Verhandelns mit
einem geschw�chten amerikanischen Pr�sidenten. Die Schlu�folgerung lautete,
per saldo: wenn die Sowjetunion dem Pr�sidenten einen K�der f�r seine
W�hlerschaft lieferte, so k�nnte sie damit n�tzliche Zugest�ndnisse bei bevorstehenden
Diskussionen �ber nukleare Mehrfach-Sprengk�pfe einhandeln. Hingegen wurde
ernstlich in Frage gestellt, ob es w�nschenswert sei, die Vereinigten Staaten
zu sehr auf die Verliererseite zu dr�ngen, da dies das Pentagon zu einem Vergeltungs-
oder Pr�ventivschlag verleiten k�nnte. Der Bericht stammte mitten aus Bill
Haydons Dom�ne. Doch wie Haydon selber in einer herzbewegenden Notiz an
Alleline schrieb - die prompt ohne Haydons Wissen fotokopiert an den Minister
geschickt und in die Akten des Kabinettsb�ros aufgenommen wurde -, in den
f�nfundzwanzig Jahren, die er mit der Bearbeitung des sowjetischen
Nuklearziels verbracht habe, sei ihm nichts von ann�hernd solcher Qualit�t
untergekommen. �Und auch nicht unseren amerikanischen Waffenbr�dern�, schlo�
er, �wenn mich nicht alles t�uscht. Ich wei�, es ist daf�r noch zu fr�h, aber
ich m�chte doch meinen, wer immer dieses Material nach Washington schaffte,
k�nnte allerhand daf�r einhandeln. Ja, wenn Merlin seine Qualit�t h�lt, wage
ich die Vorhersage, da� wir uns daf�r alles kaufen k�nnen, was die Amerikaner
in ihrem Laden haben.�</p><p>Percy
Alleline bekam seinen Leseraum; und George Smiley braute sich Kaffee auf dem
vorsintflutlichen Kocher neben dem Waschtisch. Mittendrin lief die Gasuhr ab,
und w�tend rief er nach Norman und bestellte f�r f�nf Pfund Shillingm�nzen.</p><empty-line/><p>Bill
Haydon und Roy Bland machen Karriere, jeder auf seine Art</p><empty-line/><p>Mit
steigendem Interesse setzte Smiley seine Reise durch Lacons magere Berichte �ber
jenes erste Treffen der Gegenspieler bis zum heutigen Tag fort. Seinerzeit
hatte sich im Circus der Argwohn in einem Ma� ausgebreitet, da� das Thema
sogar zwischen Smiley und Control tabu wurde. Alleline brachte die Berichte
herauf und wartete im Vorzimmer, w�hrend die M�tter sie zu Control
hineinbrachten, der sie unverz�glich abzeichnete, um zu demonstrieren, da� er
sie gar nicht erst las. Alleline nahm die Akte wieder an sich, steckte den Kopf
zu Smileys T�r herein, brummte einen Gru� und stapfte treppab. Haydon und Bland
hielten sich fern, und sogar Bill Haydons Stippvisiten bei den traditionellen
Wortgefechten in der obersten Etage, zu denen Control in vergangenen Tagen
seine dienst�lteren Leutnants gern ermutigte, wurden seltener und immer k�rzer,
bis sie schlie�lich ganz aufh�rten.</p><p>�Control
wird kindisch�, erkl�rte Haydon voll Verachtung. �Und wenn ich nicht irre, dann
stirbt er auch bald. Fragt sich nur, was ihn zuerst erwischt.�</p><p>Die
Donnerstags-Besprechungen wurden eingestellt und Smiley wurde von Control
pausenlos gepiesackt; entweder sollte er irgendeinen undurchsichtigen Auftrag
im Ausland erledigen oder als Controls pers�nlicher Abgesandter die
inl�ndischen Niederlassungen aufsuchen, Sarratt, Brixton, Acton und so weiter.
Er hatte immer st�rker das Gef�hl, Control wolle ihn aus dem Weg haben. Wenn
sie miteinander sprachen, f�hlte er die ungute Spannung des Verdachts zwischen
ihnen, so da� Smiley sich allen Ernstes fragte, ob Bill vielleicht doch recht
habe und Control seiner Aufgabe nicht mehr gewachsen sei.</p><p>Aus den
Akten des Kabinettsb�ros ging klar hervor, da� die Operation <emphasis>Witchcraft
</emphasis>w�hrend der folgenden drei Monate bl�hte und gedieh, und zwar ganz
ohne Controls Zutun. Die Berichte trafen in einer Frequenz von zwei oder sogar
drei pro Monat ein und ihre Qualit�t war, nach Aussage der Konsumenten, nach
wie vor ausgezeichnet, aber Controls Name wurde selten erw�hnt, und er wurde
nie aufgefordert, seinen Kommentar dazu zu geben. Gelegentlich stie�en die
Auswerter auf geringf�gige Unstimmigkeiten. Weit �fter beklagten sie sich, da�
eine �berpr�fung unm�glich sei, da Merlin sie auf nicht erfa�te Gebiete f�hre:
k�nnen wir nicht die Amerikaner um Nachpr�fung bitten? K�nnen wir nicht, sagte
der Minister. Noch nicht, sagte Alleline, der in einer vertraulichen Notiz, die
niemand zu Gesicht bekam, hinzuf�gte: �Wenn die Zeit reif ist, werden wir mehr
tun, als unser Material f�r ihres eintauschen. Wir sind nicht an einem
einmaligen Austausch interessiert. Unsere Aufgabe ist es, Merlin v�llig
einwandfrei zu identifizieren. Wenn das geschafft ist, kann Haydon die Ware zu
Markt tragen . . .� Es war kein Zweifel mehr m�glich: unter der kleinen Elite,
der die Gem�cher der <emphasis>Adriatic Working Party </emphasis>(AWP)
vorbehalten waren, war Merlin bereits der Favorit. Sein Material war exakt, wie
andere Quellen oft im nachhinein best�tigten. Ein <emphasis>Witchcraft-Ausschu�
</emphasis>mit dem Minister an der Spitze wurde gebildet. Alleline war zweiter
Vorsitzender. Merlin war zu einer ganzen Industrie geworden, in der Control
nicht einmal einen Arbeitsplatz hatte. Und deshalb hatte er in seiner
Verzweiflung Smiley zum Klinkenputzen ausgeschickt: �Es sind drei und
Alleline�, sagte er. �Quetschen Sie sie aus, stellen Sie sie auf die Probe,
drangsalieren Sie sie, geben Sie ihnen alles, was sie schlucken k�nnen.�</p><p>Auch von
diesen Besprechungen wu�ten die Akten nichts zu berichten, sie geh�rten
ausschlie�lich in die dunkelsten Bereiche von Smileys Erinnerung. Er hatte
schon gewu�t, da� bei Control nichts mehr zu holen war, was ihren Hunger
stillen konnte. Es war M�rz. Smiley kehrte aus Portugal zur�ck, wo er einen
Skandal vertuscht hatte, und fand Control in einer belagerten Festung. Akten
lagen auf dem Fu�boden verstreut; neue Riegel waren an die Fenster montiert
worden. Er hatte den Tee w�rmer �ber sein einziges Telefon gest�lpt, und von
der Decke hing ein Unterbrecher gegen elektronische Abh�rversuche, ein Ding wie
ein elektrischer Ventilator, der st�ndig die Stellung �nderte. In den drei
Wochen von Smileys Abwesenheit war Control ein alter Mann geworden.</p><p>�Sagen Sie
ihnen, wir sollen hier mit Falschgeld bestochen werden�, murmelte er und
blickte kaum von seiner Lekt�re auf. �Sagen Sie ihnen, was Sie wollen. Ich
brauche Zeit.�</p><p>Es sind
drei, wiederholte Smiley nun im stillen, als er am Spieltisch des Majors sa�
und Lacons Liste der Leute studierte, die zu <emphasis>Witchcraft
</emphasis>Zugang hatten. Im Moment war dreiundsechzig Besuchern die Benutzung
des Leseraums der <emphasis>Adriatic Working Party </emphasis>gestattet.
Jeder hatte, wie in der Kommunistischen Partei, eine Nummer, entsprechend
seinem Eintrittsdatum. Nach Controls Tod war die Liste neu erstellt worden;
Smiley stand nicht darauf. Aber die Spitze hielten noch immer die gleichen vier
Gr�nderv�ter: Alleline, Bland, Esterhase und Bill Haydon. Drei und Alleline,
hatte Control gesagt. Pl�tzlich wurde Smileys Denken, das w�hrend des Lesens
f�r jede Folgerung, jede Querverbindung empf�nglich war, von einer ganz
abwegigen Vision �berfallen. Er sah sich selber und Ann vor einem Jahr in den
Klippen Cornwalls wandern. Es war die Zeit unmittelbar nach Controls Tod; die
schlimmste Zeit, an die Smiley sich in ihrer langen und wirren Ehe erinnern
konnte. Sie waren hoch �ber der K�ste, irgendwo zwischen Lamorna und
Porthcurno, wohin sie zu einer unm�glichen Jahreszeit gefahren waren, unter dem
Vorwand, da� Ann in der Seeluft ihren Husten loswerden w�rde. Sie waren den
Klippenweg entlanggegangen, jeder hing seinen Gedanken nach: sie dachte an
Haydon, vermutete er, er selber dachte an Control, Jim Prideaux und <emphasis>Testify, </emphasis>und an das
furchtbare Durcheinander, das er bei seiner Pensionierung hinterlassen hatte.
Zwischen ihnen herrschte kein Einklang. Sogar die Ruhe war dahin, die sie
fr�her bei ihrem Beisammensein genossen hatten; sie waren einander ein R�tsel,
und das harmloseste Geplauder konnte seltsame, unkontrollierbare Wege
einschlagen. Ann hatte in London ein z�gelloses Leben gef�hrt und jeden
genommen, der sich dazu bereit fand. Er wu�te, da� sie etwas zu begraben
versuchte, das sie sehr schmerzte oder beunruhigte; aber er fand den Zugang zu
ihr nicht.</p><p>�Wenn <emphasis>ich </emphasis>gestorben
w�re�, fragte sie pl�tzlich, �anstatt Control, wie w�re dann deine Einstellung
zu Bill?� Smiley �berlegte sich noch immer eine Antwort, als sie fortfuhr:
�Manchmal habe ich das Gef�hl, ich besch�nige deine Ansicht �ber ihn. Kann das
sein? Da� ich euch beide irgendwie zusammenhalte?�</p><p>�Das kann
sein.� Er f�gte hinzu: �Ja, ich glaube, ich h�nge in gewisser Weise auch an
ihm.�</p><p>�Ist Bill
im Circus noch immer ein wichtiger Mann?�</p><p>�Vermutlich
mehr denn je.�</p><p>�Und er
reist noch immer nach Washington, mauschelt mit ihnen und dreht sie um und um?�</p><p>�Ich nehme
es an. Man sagt so.�</p><p>�Ist er so
wichtig, wie du fr�her warst?�</p><p>�Wahrscheinlich.�</p><p>�Wahrscheinlich�,
wiederholte sie. �Ich nehme es an. Man sagt so. Ist er also <emphasis>besser? </emphasis>Ist er
t�chtiger als du, ein besserer Kenner der h�heren Circus-Mathematik? Sag mir's.
Bitte, sag mir's. Bitte.�</p><p>Sie war
seltsam erregt. Ihre Augen, die vom Wind tr�nten, schimmerten verzweifelt, sie
hatte beide H�nde auf seinen Arm gelegt und zerrte an ihm wie ein Kind, das
eine Antwort will. �Du hast immer zu mir gesagt, man solle M�nner nicht vergleichen�,
erwiderte er unbeholfen. �Du hast immer gesagt, du d�chtest nicht in
Vergleichen.�</p><p>�Sag
mir's!�</p><p>�Gut, wie
du willst: Er ist nicht besser.�</p><p>�Genauso
gut?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Und wenn
es mich nicht g�be, was w�rdest du dann von ihm halten? Wenn Bill nicht mein
Vetter w�re, nicht mein ein und alles? Sag mir's. W�rdest du mehr von ihm
halten oder weniger?�</p><p>�Weniger,
nehme ich an.�</p><p>�Dann mu�t
du von <emphasis>jetzt </emphasis>an weniger von ihm halten. Ich versto�e
ihn aus der Familie, aus unserem Leben, aus allem. Hier und jetzt. Ich werfe
ihn ins Meer. Da. Begreifst du?� Er begriff nur eins: Geh zur�ck zum Circus und
beende deine Arbeit. Es war eine der unendlich vielen Arten, auf die sie den
gleichen Gedanken ausdr�cken konnte.</p><p>Noch immer
beunruhigt durch diesen Spuk stand Smiley ziemlich erregt auf, trat ans
Fenster und schaute hinaus, wie gew�hnlich, wenn er aus dem Tritt gekommen
war. Eine Reihe M�wen, ein halbes Dutzend, hatte sich am Dachrand
niedergelassen. Er hatte wohl ihren Schrei geh�rt und sich an diese Wanderung
nach Lamorna erinnert.</p><p>Ich mu�
immer husten, wenn ich irgend etwas nicht sagen kann, hatte Ann ihm einmal
gestanden. Was hatte sie damals nicht sagen k�nnen? fragte er m�rrisch die
Schornsteinaufs�tze gegen�ber. Connie konnte es sagen, Martindale konnte es
sagen; warum nicht! auch Ann?</p><p>�Es sind
drei und Alleline�, murmelte Smiley laut. Die M�wen waren weggeflogen, alle auf
einmal, als h�tten sie einen besseren Platz ersp�ht. �Sagen Sie ihnen, sie
wollen sich mit Falschgeld einkaufen.� Wenn aber die Banken dieses Falschgeld
annehmen? Wenn die Experten es f�r echt erkl�ren und Bill Haydon es in den
Himmel lobt? Und die Akten des Ministers voll sind des Beifalls f�r die wackeren
neuen M�nner des Circus, die endlich den Bann gebrochen haben?</p><p>Er nahm
sich Esterhase als ersten vor, denn Toby verdankte ihm seine Karriere. Smiley
hatte ihn in Wien angeworben, wo Toby als halbverhungerter Student in den
Ruinen eines Museums lebte, dessen Kurator sein verstorbener Onkel gewesen war.
Smiley war also zur <emphasis>Laundry </emphasis>nach Acton
gefahren, wo er ihm am Walnu�-Schreibtisch mit der Reihe elfenbeinfarbener
Telefone gegen�bersa�. An der Wand Anbetung der K�nige, dubioser Italiener,
17. Jahrhundert. Vor dem Fenster ein umfriedeter Hof, vollgestellt mit Autos,
Lieferwagen und Motorr�dern, und Ruhebaracken, wo die Aufkl�rer-Teams ihre
Freizeit totschlugen. Zuerst fragte Smiley nach Tobys Familie: er hatte einen
Sohn in Westminster und eine Tochter an der medizinischen Fakult�t, erstes
Semester. Dann hielt er Toby vor, da� die Aufkl�rer mit ihrem Arbeitsplan zwei
Monate in Verzug waren, und als Toby Ausfl�chte gebrauchte, fragte er
geradeheraus, ob die Jungens in letzter Zeit Sonderauftr�ge erf�llt h�tten,
entweder im Lande oder ausw�rts, die Toby aus verst�ndlichen Sicherheitsgr�nden
in seinen Meldungen nicht habe erw�hnen k�nnen. �F�r wen sollte ich das tun,
George?� fragte Toby mit ausdruckslosem Blick. �Sie wissen, da� das nach meinem
Kanon v�llig illegal w�re.� Und in deinem Kanon, Toby, bist du eine wahre
Kanone. �Nun, ich k�nnte mir zum Beispiel vorstellen, da� Sie es f�r Percy
Alleline tun�, schlug Smiley vor und lieferte ihm damit eine Ausrede.
�Schlie�lich, wenn Percy Sie <emphasis>anweisen </emphasis>w�rde, irgend
etwas zu tun und es nicht in die Meldung aufzunehmen, w�ren Sie in einer
heiklen Lage.�</p><p>�Was f�r
eine Art von irgend etwas zum Beispiel, George?�</p><p>�Im
Ausland einen Briefkasten leeren, ein &gt;sicheres Haus &lt; trimmen, jemanden
beschatten, in einer Botschaft Meisen kleben. Percy ist schlie�lich oberster
Einsatzleiter. Sie k�nnten annehmen, er handle auf Befehl der obersten Etage.
Ich kann mir so etwas ohne weiteres vorstellen.�</p><p>Toby
blickte Smiley aufmerksam an. Er hielt eine Zigarette in der Hand, die er angez�ndet
hatte, aber nicht rauchte. Es war eine Selbstgedrehte, aus einem silbernen
Etui, sie brannte, aber er f�hrte sie nicht ein einziges Mal an die Lippen. Sie
kreiste, manchmal vor ihm, manchmal zur Seite; zuweilen schien es, als wagte
sie den Sprung, aber es kam nie so weit. Unterdessen hielt Toby seine Rede:
eine von Tobys pers�nlichen Verlautbarungen, die seinen endg�ltigen Standpunkt
in dieser Lebensphase ausdr�ckte. Toby liebte seine Arbeit, sagte er. Er wolle
sie gern behalten. Sie sei sein Leben. Er h�nge an ihr. Er habe noch andere
Interessen, die ihn jederzeit ganz in Anspruch nehmen k�nnten, aber seine
Arbeit sei ihm am liebsten. Sein einziger Kummer, sagte er, sei die
Bef�rderung. Nicht da� er aus ehrgeizigen Gr�nden danach strebe. Er w�rde
sagen, seine Gr�nde seien sozialer Natur. �Wissen Sie, George, ich habe so
viele Dienstjahre hinter mir, da� es mir richtig peinlich ist, wenn diese
jungen Burschen verlangen, ich solle von ihnen Auftr�ge entgegennehmen. Sie
verstehen, was ich sagen will? Acton sogar: Allein der Name Acton klingt f�r
sie l�cherlich.�</p><p>�Oh�,
sagte Smiley milde. �Was sind das f�r junge Burschen?� Aber Esterhases
Interesse war erloschen. Das Gesicht nahm nach dem Abschlu� seiner
Verlautbarung wieder den gewohnten leeren Ausdruck an, die Puppenaugen hefteten
sich auf einen Punkt in mittlerer Entfernung.</p><p>�Meinen
Sie Roy Bland?� fragte Smiley. �Oder Percy? Ist Percy jung? Wer, Toby?�</p><p>Es war
sinnlos, bedauerte Toby: �George, wenn man �berf�llig ist f�r eine Bef�rderung
und sich krumm schuftet, dann kommt einem jeder jung vor, der eine Sprosse
h�her auf der Leiter steht.�</p><p>�Vielleicht
k�nnte Control Sie ein St�ck nach oben hieven�, meinte Smiley und fand seine
Rolle wenig sympathisch. Esterhases Erwiderung traf den Nerv. �Ach, wissen Sie,
George, ich bin nicht so sicher, da� er im Moment dazu in der Lage ist. Ich
m�chte Ihnen etwas f�r Ann mitgeben� - er zog eine Schublade auf -, �als ich
erfuhr, da� Sie kommen w�rden, rief ich ein paar Freunde an, etwas Sch�nes,
sage ich, etwas f�r eine ideale Frau, wissen Sie, ich kann sie nicht mehr
vergessen, seit wir uns einmal bei Bill Haydons Cocktail begegneten.� Und so
trug Smiley den Trostpreis davon - ein kostbares Parf�m, vermutlich von einem
heimkehrenden Aufkl�rer eingeschmuggelt - und sagte bei Bland sein Spr�chlein
auf. Damit, das wu�te er, kam er einen Schritt n�her an Haydon heran.</p><p>Smiley
nahm wieder am Tisch des Majors Platz und suchte unter Lacons Akten, bis er auf
einen schmalen Band mit der Aufschrift <emphasis>Operation Witchcraft, direkte
Zuweisungen </emphasis>stie�, worin die ersten, w�hrend der Laufzeit von Quelle
Merlin angefallenen Ausgaben verzeichnet waren. �Aus Sicherheitsgr�nden wird
vorgeschlagen�, schrieb Alleline in einem weiteren pers�nlichen Memorandum an
den Minister, datiert mit dem 8. Februar vor zwei Jahren, �die Finanzierung f�r
<emphasis>Witchcraft absolut getrennt </emphasis>von allen anderen Circusmitteln zu
f�hren. Bis passende Deckung gefunden werden kann, ersuche ich um direkte
Subventionen aus dem Etat des Schatzamtes anstelle blo�er Zusch�sse an die Geheime
Bewilligung, die <emphasis>zweifellos in angemessener Zeit ihren Weg in die
generelle Rechnungslegung des Circus finden w�rden. </emphasis>Ich werde
Ihnen pers�nlich Rechenschaft ablegen.�</p><p>�Genehmigt�,
hatte der Minister eine Woche sp�ter geschrieben, �vorbehaltlich...�</p><p>Es gab
keine Vorbehalte. Ein Blick auf die erste Zahlenreihe zeigte Smiley alles, was
er wissen mu�te: Bereits bis Mai jenes Jahres, um die Zeit jenes Gespr�chs in
Acton, hatte Toby Esterhase pers�nlich nicht weniger als acht Reisen auf Rechnung
des <emphasis>Witch</emphasis>craft-Budgets unternommen, zwei
nach Paris, zwei nach Den Haag, eine nach Helsinki und drei nach Berlin. In
jedem Fall war als Zweck der Reise kurz und b�ndig �Produkt-Beschaffung�
angegeben. Zwischen Mai und November, als Control in der Versenkung verschwand,
unternahm er weitere neunzehn. Eine davon f�hrte ihn nach Sofia, eine andere
nach Istanbul. Keine erforderte eine Abwesenheit von mehr als drei vollen
Tagen. Die meisten fanden an Wochenenden statt. Auf mehreren Reisen wurde er
von Bland begleitet. Milde ausgedr�ckt, hatte Toby Esterhase, wie Smiley nie
ernstlich bezweifelte, in seinen Hals gelogen. Es machte Spa�, da� die Akte
diesen Eindruck best�tigte.</p><p>Smiley
hegte damals Roy Bland gegen�ber zwiesp�ltige Gef�hle. Als er sie jetzt pr�fte,
fand er, da� sich daran nichts ge�ndert hatte. Ein Universit�tslehrer hatte ihn
gemeldet, Smiley hatte ihn angeworben; auf erstaunlich �hnliche Weise war
Smiley selber ins Netz geraten. Doch zu Roy Blands Zeiten fachte keine deutsche
Bestie die patriotische Flamme an, und antikommunistische Motive hatte Smiley
immer ein bi�chen st�rend empfunden. Wie Smiley hatte auch Bland keine richtige
Kindheit gehabt. Sein Vater war Dockarbeiter, leidenschaftlicher Gewerkschafter
und Mitglied der Kommunistischen Partei. Die Mutter starb, als Bland noch klein
war. Der Vater ha�te Bildung, wie er Autorit�t ha�te, und als Bland ein
gescheiter Junge wurde, setzte sein Vater sich in den Kopf, er habe seinen Sohn
an die verha�te herrschende Klasse verloren und pr�gelte ihn halb tot. Bland
k�mpfte sich trotzdem aufs Gymnasium durch, und in den Ferien schuftete er sich
krumm, wie Toby sagen w�rde, um das Schulgeld zu verdienen. Als Smiley ihn in
seiner Tutorenwohnung in Oxford kennenlernte, wirkte er so ausgepowert wie jemand,
der gerade von einer schlimmen Reise zur�ckgekehrt. Smiley k�mmerte sich um ihn
und brachte ihm im Lauf mehrerer Monate behutsam einen Vorschlag nahe, den
Bland annahm, vorwiegend, wie Smiley vermutete, aus Ha� auf seinen Vater.
Danach war er Smileys Obhut entzogen. Bland lebte nun von namenlosen
Zuwendungen, arbeitete in der Marx Memorial Library und schrieb linksgerichtete
Artikel f�r winzige Gazetten, die l�ngst eingegangen w�ren, wenn der Circus sie
nicht unterst�tzt h�tte. An den Abenden debattierte er bei verr�ucherten
Meetings in Wirtsh�usern und Turns�len. Den Urlaub verbrachte er in der <emphasis>Nursery, </emphasis>wo ein
Fanatiker namens Thatch Mannequin-Kurse f�r Tiefenagenten im Auslandseinsatz
abhielt, mit jeweils einem Sch�ler pro Kurs. Thatch trainierte Bland in allen
Disziplinen und lotste seine progressiven Ansichten behutsam n�her an das
marxistische Lager seines Vaters. Genau drei Jahre nach seiner Anwerbung bekam
er, teils wegen seines proletarischen Stammbaums und des v�terlichen
Einflusses, in King Street einen Einjahresvertrag als Hilfslektor f�r
Wirtschaftswissenschaften von der Universit�t Poznan. Damit war er lanciert.
Von Polen aus bewarb er sich erfolgreich f�r eine Stelle an der Akademie der
Wissenschaften in Budapest, und in den folgenden acht Jahren lebte er das
Nomadendasein eines kleinen <emphasis>Links- </emphasis>intellektuellen
auf der Suche nach dem wahren Licht, gewann Sympathien, niemals Vertrauen. Er
hielt sich in Prag auf, kehrte nach Polen zur�ck, lehrte zwei h�llische
Semester in Sofia und sechs in Kiew, wo er einen Nervenzusammenbruch erlitt,
den zweiten in zwei Monaten. Wiederum nahm die <emphasis>Nursery </emphasis>ihn auf,
dieses Mal um ihn �auszutrocknen�. Er wurde als sauber entlassen, seine Netze
bekamen andere Au�enagenten, und Roy selber wurde in den Circus versetzt, wo
er, im wesentlichen vom Schreibtisch aus, die Netze f�hrte, die er drau�en
angeworben hatte. In j�ngster Zeit, so schien es Smiley, hatte Bland sich sehr
an Haydon angeschlossen. Wenn Smiley unangemeldet bei Roy auftauchte, um mit
ihm zu plaudern, so fand er mit ziemlicher Sicherheit Bill im Sessel lungern,
umgeben von Papieren, Karten und Zigarettenrauch; kam er in Bills B�ro, so
bedeutete es keine �berraschung, wenn er Bland im durchgeschwitzten Hemd gewichtig
auf dem Teppich hin und her stapfen sah. Bill bearbeitete Ru�land, Bland die
Satelliten; doch schon in jenen fr�hen Tagen von <emphasis>Witchcraft
</emphasis>war der Unterschied nahezu verschwunden.</p><p>Sie hatten
sich in einem Gartenlokal in St. John's Wood verabredet. Es war immer noch
Mai, halb sechs Uhr an einem tr�ben Tag, und der Park war leer. Roy brachte ein
Kind mit, einen etwa f�nfj�hrigen Jungen, einen winzigen Bland, blond, st�mmig
und rosig. Er sagte nicht, wer der Junge sei, aber manchmal verstummte er
w�hrend ihres Gespr�chs pl�tzlich und schaute hin�ber zu der entfernten Bank,
auf der er sa� und N�sse knapperte. Nervenzusammenbr�che oder nicht, Bland trug
noch den Stempel der Thatch-Philosophie f�r Agenten im feindlichen Lager;
Selbstvertrauen, positive Beteiligung, Rattenf�nger-Appeal und alle �brigen
unbequemen Parolen, die in der Bl�tezeit des Kalten Krieges aus der <emphasis>Nursery </emphasis>fast so
etwas wie ein Zentrum f�r moralische Aufr�stung gemacht hatten. �Also, wie
lautet der Handel?� fragte Bland verbindlich. �Es geht nicht um einen Handel,
Roy. Control findet die gegenw�rtige Situation ungesund. Er sieht nicht gern
zu, wie Sie in eine Kabale verwickelt werden. Und ich auch nicht.�</p><p>�Gro�artig.
Also, wie lautet der Handel?�</p><p>�Was
m�chten Sie?�</p><p>Auf dem
Tisch, der noch na� war vom Nachmittagsregen, stand eine Lunch-Garnitur mit
Essig und �l und einem P�ckchen Plastikzahnstocher in der Mitte. Bland nahm
einen heraus, spuckte das Papier auf den Rasen und fing an, mit dem breiten
Ende seine Backenz�hne zu bearbeiten.</p><p>�Tja, wie
war's mit f�nftausend unter der Hand aus dem Reptilienfonds?�</p><p>�Und ein
Haus und einen Wagen?� sagte Smiley und machte einen Scherz daraus.</p><p>�Und der
Junge nach Eton�, f�gte Bland hinzu und winkte �ber das Betonpflaster zu dem
Jungen hin�ber, w�hrend er weiter in den Z�hnen stocherte. �Ich habe bezahlt,
George. Sie wisssen es. Ich wei� nicht, was ich daf�r eingekauft habe, aber ich
habe einen gesalzenen Preis bezahlt. Davon will ich etwas zur�ckhaben. Zehn
Jahre von allem abgeschnitten, nur f�r die f�nfte Etage, das ist ein sch�ner
Batzen in jedem Alter. Sogar in Ihrem. Es mu� einen Grund gehabt haben, warum
ich mich auf dieses Spiel einlie�, aber ich wei� nicht mehr recht, was es war.
Mu� Ihre magnetische Pers�nlichkeit gewesen sein.�</p><p>Smileys
Glas war noch nicht leer, also holte Bland sich selber eins an der Theke und
auch etwas f�r den Jungen. �Sie haben doch die Bildung mit L�ffeln gefressen�,
erkl�rte er leichthin und setzte sich wieder. �Ein K�nstler ist ein Kerl, der
zwei fundamental entgegengesetzte Ansichten besitzen und damit leben kann. Wer
hat sich das ausgedacht?�</p><p>�Scott
Fitzgerald�, antwortete Smiley und dachte einen Augenblick lang, Bland wolle
etwas �ber Bill Haydon sagen. �Ja. Fitzgerald war nicht dumm�, best�tigte
Bland. Als er trank, glitten seine leicht vorstehenden Augen seitw�rts zum
Zaun, als suchte er jemanden. �Und ich kann durchaus damit leben, George. Als
guter Sozialist bin ich auf Geld aus. Als guter Kapitalist halte ich es mit der
Revolution, denn wenn man's nicht besiegen kann, soll man's bespitzeln. Schauen
Sie mich nicht so an, George. Es ist heute die Spielregel: Du kitzelst mein
Gewissen, ich fahr daf�r deinen Jaguar, stimmt's?� Noch w�hrend er das sagte,
hatte er den Arm gehoben. �Bin gleich wieder da!� rief er �ber den Rasen.
�Tischen Sie noch einen f�r mich auf!� Zwei M�dchen trieben sich jenseits des
Zauns herum. �Stammt der Witz von Bill?� fragte Smiley und war pl�tzlich sehr
�rgerlich.</p><p>�Wie
bitte?�</p><p>�Ist das
einer von Bills Witzen �ber das materialistische England die verhausschweinte
Gesellschaft?�</p><p>�W�re
m�glich�, sagte Bland und trank sein Glas aus. �Gef�llt er Ihnen nicht?�</p><p>�Nicht
besonders, nein.�</p><p>�Ich habe
Bill nie als radikalen Reformer gekannt. Was ist denn pl�tzlich �ber ihn
gekommen?�</p><p>�Das ist
nicht radikal�, erwiderte Bland, der es nicht mochte, wenn jemand seinen
Sozialismus oder Bill Haydon madig machte. �Das ist blo�, was man sieht, wenn
man aus dem verdammten Fenster schaut. Das ist England heute, Mensch. Gef�llt
keinem, oder?�</p><p>�Wie
sollte man Ihrer Meinung nach�, fragte Smiley und h�rte sich in seinem
bombastischsten Tonfall sprechen, �die Besitz- und Wettbewerbsinstinkte in der
westlichen Gesellschaft ausrotten, ohne gleichzeitig ...�</p><p>Bland
hatte sein Glas ausgetrunken; und damit die Unterredung beendet.</p><p>�Was regen
Sie sich auf? Sie haben Bills Job bekommen. Was wollen Sie mehr? So lang, wie's
dauert.�</p><p>Und Bill
hat meine Frau bekommen, dachte Smiley, als Bland sich zum Gehen anschickte;
und Gott verdamm ihn, er hat dir's erz�hlt.</p><p>Der Junge
hatte ein Spiel erfunden. Er hatte einen Tisch hochgekantet und lie� eine
Flasche in den Kies rollen. Jedesmal setzte er die Flasche h�her an der
Tischfl�che an. Smiley ging, ehe sie zerschellte.</p><p>Zum
Unterschied von Esterhase hatte Bland sich nicht einmal die M�he gemacht, zu
l�gen. Lacons Akten lie�en keine Zweifel an seiner Beteiligung an der Operation
<emphasis>Witchcraft: </emphasis>�Quelle Merlin�, schrieb Alleline
in einer Aktennotiz, die kurz nach Controls Verschwinden von der
Whitehall-B�hne datiert war, �ist in jedem Sinn eine Operation des <emphasis>gesamten
Ausschusses ... </emphasis>Ich vermag nicht zu entscheiden, welcher meiner
drei Mitarbeiter die von Ihnen vorgeschlagene Auszeichnung verdient . . .
Blands Tatkraft liefert uns allen einen Ansporn . . .� Er beantwortete hierin
den Vorschlag des Ministers, da� die Verantwortlichen f�r <emphasis>Witchcraft
</emphasis>in der Neujahrsliste lobend erw�hnt werden sollten: �. . . w�hrend
Haydons Ingenium zuweilen dem von Merlin selber kaum nachsteht�, f�gte er
hinzu. Die Orden wurden allen dreien verliehen; Allelines Ernennung zum Chef
wurde best�tigt, und damit r�ckte der ersehnte Ritterschlag n�her.</p><empty-line/><p>George
Smiley beschw�rt die Erinnerung an Ann und meditiert �ber Liebe und
Freundschaft</p><empty-line/><p>Womit mir
nur noch Bill �brigblieb, dachte Smiley. Einmal tritt sogar in einer Londoner
Nacht eine L�rmpause ein. Zehn, zwanzig Minuten, drei�ig, sogar eine Stunde lang
gr�lt kein Betrunkener, schreit kein Kind und prallen keine Autos mit
kreischenden Reifen aufeinander. In Sussex Gardens ist das gegen drei Uhr der
Fall. In dieser Nacht war es fr�her, um eins, und Smiley stand wieder einmal an
seinem Dachfenster und blickte wie ein Gefangener hinunter auf Mrs. Pope
Grahams Sandfleck, wo seit kurzem ein Kombiwagen parkte. Das Dach war mit
Slogans bekleckst: <emphasis>Sydney neunzig Tage, Athen Nonstop,
Mary </emphasis><emphasis>LOH, </emphasis><emphasis>wir kommen. </emphasis>Drinnen
glomm Licht, und er vermutete, da� dort ein paar Kinder in trauter Zweisamkeit
schlummerten. Teenager sollte er wohl sagen. An den Fenstern hingen Gardinen.</p><p>Womit mir
nur noch Bill �brigblieb, dachte er und starrte noch immer auf die zugezogenen
Gardinen des Kombiwagens und die grelle Globetrotter-Beschriftung; womit ich
wieder bei Bill angelangt w�re und unserem freundschaftlichen kleinen Schwatz
in der Bywater Street, nur wir beide, alte Freunde, alte Waffengef�hrten, die
�alles miteinander teilten�, wie Martindale sich so elegant ausgedr�ckt hatte.
Aber Ann war f�r den Abend weggeschickt worden, damit die M�nner allein sein
konnten. Womit mir nur noch Bill �brigblieb, wiederholte er und f�hlte, wie
sein Blut in Wallung geriet, seine Vision deutlichere Farben annahm und seine
Beherrschung gef�hrlich zu schwinden begann. Wer war er? Smiley hatte ihn nicht
mehr im Griff. Sooft er an Bill dachte, malte er ihn zu gro� und jedesmal wieder
anders. Vor Anns Aff�re mit Bill hatte er geglaubt, ihn recht gut zu kennen:
seine Qualit�ten und seine Grenzen. Er geh�rte jenem angeblich ausgestorbenen
Vorkriegstypus an, der gleichzeitig schuftig und nobel sein konnte. Sein Vater
war hoher Justizbeamter, zwei seiner sch�nen Schwestern hatten in die
Aristokratie geheiratet; in Oxford war er Parteig�nger der unmodernen Rechten
gewesen, nicht etwa der modischen Linken, wobei er sich allerdings kein Bein
ausri�. Noch vor seinem zwanzigsten Jahr hatte er sich als unerschrockener
Forscher und Amateurmaler originaler, wenn auch allzu ehrgeiziger Pr�gung
bet�tigt: mehrere seiner Bilder hingen jetzt in Miles Sercombes albernem Palais
in Carlton Gardens. Er hatte an jeder Botschaft und in jedem Konsulat im ganzen
Vorderen Orient seine Verbindungen und nutzte sie r�cksichtslos. Er erlernte
m�helos die ausgefallensten Sprachen, und als das Jahr neununddrei�ig kam,
holte ihn sich der Circus, der seit Jahren ein Auge auf ihn gehabt hatte. Der
Krieg war eine Glanzzeit f�r ihn. Er war �berall zugleich und charmant; er war
unorthodox und zuweilen hemmungslos. Wahrscheinlich war er ein Held. Der
Vergleich mit Lawrence dr�ngte sich auf. Es stimmte ferner, wie Smiley zugab,
da� Bill seinerzeit mit wichtigen historischen Problemen experimentiert hatte;
alle m�glichen gro�artigen Pl�ne f�r ein Wiedererstarken Englands zu Einflu�
und Gr��e vorbrachte - wie Rupert Brooke sprach er selten von Gro�britannien.
Doch selbst in seinen wenigen objektiven Augenblicken konnte Smiley sich kaum
an ein Projekt erinnern, das je vom Start gekommen w�re.</p><p>F�r die
andere Seite von Haydons Charakter indessen vermochte Smiley als Kollege eher
Respekt aufzubringen: die Unbeirrbarkeit des geborenen Agentenf�hrers, sein
hochentwickeltes Gef�hl f�r das rechte Ma� beim Zur�ckspielen von
Doppelagenten, und das Aufziehen von Ablenkungs-Operationen; seine F�higkeit,
Zuneigung, sogar Liebe zu hegen, auch wenn sie anderen Bindungen zuwiderlief.</p><empty-line/><p>Als Zeuge
daf�r ausgerechnet meine eigene Frau - besten Dank! Vielleicht ist Bill <emphasis>wirklich </emphasis>ein
Sonderfall, �berlegte er bei seinem verzweifelten Bem�hen, eine Norm zu finden.
Wenn er sich Bill jetzt vorstellte und ihn mit Bland, Esterhase und sogar
Alleline verglich, so schien es Smiley allen Ernstes, da� die anderen nur mehr
oder weniger unvollkommene Nachahmungen des Originals waren, Nachahmungen
Haydons. Da� ihre Posen nur Versuche waren, sich zum gleichen unerreichbaren
Ideal des perfekten Mannes hochzuschrauben, mochte die Vorstellung auch irrig
oder unzutreffend sein; mochte Bill ihrer auch im h�chsten Ma� unw�rdig sein.
Bland und seine demonstrative Ungeschliffenheit, Esterhase und sein
k�nstliches super-englisches Gehabe,</p><p>Alleline
und sein unechter F�hrungsanspruch: ohne Bill waren sie Nullen. Smiley wu�te
auch oder glaubte zu wissen - der Einfall kam ihm jetzt wie eine sanfte
Erleuchtung -, da� Bill dagegen f�r sich allein auch sehr wenig war: da� er,
w�hrend seine Bewunderer - Bland, Prideaux, Alleline, Esterhase und der ganze
�brige Supporter-Club - ihn f�r vollkommen hielten, in Wahrheit sie f�r sich
einspannte, Anleihen aus ihren passiven Pers�nlichkeiten machte, hier ein
St�ck, dort ein St�ck, und damit sein eigenes Ich abrundete: mit diesem Trick
die Tatsache verschleierte, da� er weniger, viel weniger war als die Summe
seiner scheinbaren Qualit�ten . . . und schlie�lich seine Abh�ngigkeit von
ihnen hinter der Arroganz des K�nstlers verbarg, der sie als Gesch�pfe seines
Genius bezeichnete . . . � Jetzt reicht's aber�, sagte Smiley laut.</p><p>Er ri�
sich abrupt aus seiner Meditation los, verscheuchte sie �rgerlich als eine
seiner vielen Theorien �ber Bill und k�hlte sein �berhitztes Denken durch die
Erinnerung an ihre letzte Begegnung.</p><empty-line/><p>�Sie
wollen mich vermutlich �ber den verdammten Merlin ausquetschen�, begann Bill.
Er wirkte m�de und nerv�s; es war kurz vor seiner Abreise nach Washington. In
den alten Tagen h�tte er ein unpassendes M�dchen mitgebracht und sie Anns Gesellschaft
�berlassen, w�hrend er mit Smiley das Gesch�ftliche besprach; von Ann erwartete
er, da� sie dem M�dchen gegen�ber sein Genie herausstrich, dachte Smiley
boshaft. Sie waren alle von der gleichen Sorte: Halb so alt wie er,
schmuddelige Bohemeweiber, m�rrische Kletten; Ann sagte, er m�sse einen Hoflieferanten
haben. Und einmal brachte er sogar einen gr��lichen Knaben namens Steggie an,
Hilfskellner aus einer der Kneipen in Chelsea, mit offenem Hemd und einem
Goldkettchen um den Magen.</p><p>�Es hei�t
allgemein, Sie schreiben die Berichte�, erkl�rte Smiley. �Ich dachte, das sei
Blands Job�, sagte Bill mit seinem f�chsischen Grinsen.</p><p>�Roy macht
die �bersetzungen�, sagte Smiley. �Sie verfassen die kommentierenden Berichte;
sie sind auf Ihrer Maschine geschrieben. Das Material darf Stenotypistinnen
nicht zug�nglich gemacht werden.�</p><p>Bill h�rte
aufmerksam zu, er hatte die Brauen hochgezogen, als k�nne er jeden Augenblick
unterbrechen oder zu einem passenderen Thema �bergehen, dann hievte er sich
aus dem tiefen Sessel und schlenderte zum B�cherregal, wo er um ein ganzes Fach
h�her hinauf reichte als Smiley. Mit den langen Fingern fischte er einen Band
heraus, schlug ihn auf, grinste.</p><p>�Percy
Alleline ist nicht gut genug�, verk�ndete er und bl�tterte um. �Ist das die
Pr�misse?�</p><p>�So
ziemlich.�</p><p>�Was
bedeutet, da� auch Merlin nicht gut genug ist. Merlin w�rde gut genug sein,
wenn er <emphasis>meine </emphasis>Quelle w�re, nicht wahr? Was w�rde
passieren, wenn unser lieber Bill hier zu Control spazieren und sagen w�rde, er
habe einen gro�en Fisch und wolle ihn selber drillen? &gt;Gro�e Klasse, Bill,
mein Junge, klar tun Sie das. Ein T��chen Hundepi�?&lt; Er h�tte mir einen
Orden verliehen, anstatt Sie in den Korridoren herumschn�ffeln zu lassen. Wir
waren einmal ein feiner Haufen. Warum sind wir so vulg�r geworden?�</p><p>�Wer f�hrt
ihn, Bill?�</p><p>�Percy?
Karla nat�rlich, wer sonst? Kleiner Pinscher mit h�chster Protektion. Wei�
sich Liebkind zu machen. Percy hat sich an Karla verkauft, ist die einzige
Erkl�rung.� Er hatte schon vor langer Zeit die Kunst absichtlichen Mi�verstehens
entwickelt. �Percy ist unser Haus-Maulwurf�, sagte er.</p><p>�Ich
meinte, wer f�hrt Merlin? Wer <emphasis>ist </emphasis>Merlin?
Was ist eigentlich los?�</p><p>Haydon
verlie� das Regal und machte einen Rundgang vor Smileys Bildern. �Ein Callot,
wie?� - er hakte einen kleinen Goldrahmen ab und hielt das Bild ans Licht -
�H�bsch.� Er kippte die Brille, um sie als Vergr��erungsglas zu benutzen.
Smiley war �berzeugt, da� er das Bild schon ein dutzendmal betrachtet hatte. <emphasis>�Sehr </emphasis>h�bsch.
Kommt niemand auf die Idee, da� <emphasis>ich </emphasis>dabei der
Gelackmeierte bin? Mein Zielobjekt ist zuf�llig Ru�land, wissen Sie. Hab' ihm
meine besten Jahre geopfert, Netze eingerichtet, Talentsucher, s�mtliche
Verbindungsstellen. Ihr Leute im f�nften Stock habt vergessen, was das hei�t:
Ein Einsatz, bei dem es drei Tage dauert, bis man einen Brief aufgeben kann,
und man kriegt nicht mal Antwort f�r seine M�he.�</p><p>Smiley,
pflichtschuldigst: �Ja, das habe ich vergessen. Ja, ich kann's Ihnen
nachf�hlen. Nein, ich denke nicht die Bohne an Ann; wir sind schlie�lich
Kollegen und M�nner von Welt und sind hier beisammen, um �ber Merlin und
Control zu sprechen.�</p><p>�Und dann
kommt dieser Parven� Percy des Wegs, dieser verdammte schottische
Klinkenputzer, keine Spur von Klasse, und schleppt eine ganze Wagenladung
russischer Leckerbissen an. Verdammt �rgerlich, finden Sie nicht?�</p><p>��u�erst.�</p><p>�Der Haken
ist, meine Netze sind nicht sehr gut. Viel einfacher, Percy auszuspionieren,
als . . .� Er brach ab, als h�tte er genug von seiner eigenen These. Seine
Aufmerksamkeit hatte sich einem winzigen Van Mieris, einem Kopf in Kreide,
zugewandt. �Und das hier mag ich <emphasis>sehr�, </emphasis>sagte er.
�Hat Ann mir geschenkt.�</p><p>�Wiedergutmachung
?�</p><p>�Wahrscheinlich.�</p><p>�Mu� eine
recht schwere S�nde gewesen sein. Seit wann haben Sie es?�</p><p>Noch jetzt
erinnerte Smiley sich, wie still die Stra�e gewesen war. Dienstag? Mittwoch?
Und er erinnerte sich, da� er gedacht hatte: �Nein, Bill. F�r dich habe ich
bisher noch keinen Trostpreis bekommen. Bis zum heutigen Abend bist du nicht
einmal ein Paar Pantoffeln wert.� Gedacht, aber nicht gesagt. �Ist Control
krank oder was?� fragte Haydon. �Nur sehr besch�ftigt.�</p><p>�Was tut
er den ganzen Tag? Er lebt wie ein Einsiedler. Wie ein bekloppter Einsiedler
kratzt er in dieser H�hle dort oben still vor sich hin. Diese ganzen verdammten
Akten, die er durchschn�ffelt, was um Gottes willen soll das sein? Eine
sentimentale Reise durch seine unerfreuliche Vergangenheit, m�cht ich wetten.
Er sieht hundeelend aus. Daran ist wahrscheinlich auch Merlin schuld, wie?�</p><p>Wiederum
sagte Smiley nichts.</p><p>�Warum
kommt er nicht aus seinem Bau? Warum besch�ftigt er sich nicht mit uns, anstatt
dort oben nach Tr�ffeln zu w�hlen? Wonach ist er aus?�</p><p>�Ich wu�te
nicht, da� er nach etwas aus ist�, sagte Smiley. �Ach, stellen Sie sich doch
nicht so an. Nat�rlich ist er nach etwas aus. Ich hab eine Quelle dort oben,
eine von den M�ttern, wu�ten Sie das nicht? Liefert mir Indiskretionen gegen
Schokolade. Control ackert die Personalakten der alten Circusrecken durch,
klaubt den Dreck heraus, wer war rot? Wer war andersrum? Die H�lfte von ihnen
liegt schon unter der Erde. Arbeitet an einer Zusammenstellung aller unserer
schwachen Seiten: k�nnen Sie sich das vorstellen? Und weshalb? Weil wir Erfolg
haben. Er ist verr�ckt, George. Nicht mehr alle Tassen im Schrank:
Altersbl�dsinn, d�rfen Sie mir glauben. Hat Ann Ihnen je vom b�sen Onkel Fry
erz�hlt? Der glaubte, die Diener w�rden die Rosen mit Mikros spicken, um
rauszukriegen, wo er sein Geld versteckt hat? Gehn Sie weg von ihm, George. Der
Tod ist eine Nervens�ge. Rei�en Sie sich los, ziehen sie ein paar Etagen weiter
runter. Zum Fu�volk.�</p><p>Ann war
noch nicht zur�ck, und so schlenderten sie nebeneinander die King's Road
entlang und hielten nach einem Taxi Ausschau, w�hrend Bill seine j�ngsten
politischen Ideen zum besten gab und Smiley �ja, Bill� und �nein, Bill� sagte
und �berlegte, wie er es Control beibringen sollte. Vor einem Jahr war Bill
�berzeugter Falke gewesen. Er hatte die konventionellen Streitkr�fte in Europa
reduzieren und sie kurzerhand durch nukleare Waffen ersetzen wollen. Er war
ungef�hr der einzige Mensch in Whitehall gewesen, der noch an Englands
unabh�ngige Abschreckungsmacht glaubte. In diesem Jahr war Bill, wenn Smiley
sich recht erinnerte, Pazifist und wollte das Schwedenmodell ohne Schweden.</p><p>Kein Taxi
kam, es war eine sch�ne Nacht, und wie alte Freunde wanderten sie Seite an
Seite dahin.</p><p>��brigens,
wenn Sie jemals diesen Mieris verkaufen wollten, lassen Sie mich's wissen, ja?
Ich w�rde Ihnen einen anst�ndigen Preis zahlen.�</p><p>Da er
glaubte, Bill mache wieder einmal einen schlechten Witz, fuhr Smiley zu ihm
herum und wollte �rgerlich erwidern. Haydon entging es v�llig. Er sp�hte
stra�ab und winkte einem nahenden Taxi.</p><p>�Herrgott,
seh'n Sie sich das an�, rief er ungehalten. �Voller verdammter Juden, die zu
Quag's zum Fressen fahren.�</p><p>�Bill mu�
schon lauter Schwielen am Hintern haben�, brummte Control am n�chsten Tag und
blickte kaum von seiner Lekt�re auf. �Seit Jahren sitzt er blo� herum und
wartet seinen Tag ab. Einen Augenblick starrte er Smiley verloren an, als ob er
durch ihn hindurch auf ein anderes, weniger fleischliches Ziel s�he ; dann
senkte er die Augen und schien sich wieder ans Lesen zu machen. �Ich bin froh,
da� er nicht <emphasis>mein </emphasis>Vetter ist�, sagte er. Am
folgenden Morgen hatten die M�tter �berraschende Nachrichten f�r Smiley.
Control sei nach Belfast zu Besprechungen mit der <emphasis>Army </emphasis>geflogen.
Als Smiley sp�ter die Reisevorsch�sse nachpr�fte, entdeckte er die L�ge.
Niemand aus dem Circus war in diesem Monat nach Belfast geflogen, aber es fand
sich eine Belastung f�r ein Retourbillett erster Klasse nach Wien und als Antragsteller
war Smiley angegeben. Haydon, der auch zu Control wollte, war w�tend:</p><p>�Was, zum
Teufel, ist denn in letzter Zeit los mit ihm? Er will wohl Irland kapern, die
Organisation aufspalten. Herrjeh, der Mann ist eine Nervens�ge.�</p><p>Das Licht
im Kombiwagen erlosch, aber Smiley konnte den Blick noch immer nicht von dem
buntscheckigen Dach abwenden. Wie leben sie? fragte er sich. Woher kriegen sie
Wasser, Geld? Er versuchte, sich in die Logistik eines Klausnerdaseins in
Sussex Gardens einzuf�hlen: Wasser, Dr�nage, Licht. Ann w�rde das ohne weiteres
l�sen, ebenso Bill. Tatsachen. Was waren die Tatsachen?</p><p>Tatsache
war, da� ich eines linden Sommerabends vor der <emphasis>Witchcraft-Zeit
</emphasis>unerwartet aus Berlin zur�ckkehrte, um Bill Haydon auf dem Teppich im
Salon ausgestreckt zu finden, w�hrend Ann ihm auf dem Grammophon Liszt
vorspielte. Ann sa� am anderen Ende des Zimmers, im Neglige ohne Make-up. Es
gab keine Szene, jeder benahm sich gequ�lt nat�rlich. Bill war, laut eigener
Aussage, soeben aus Washington gelandet und auf dem Weg vom Flugplatz kurz
vorbeigekommen. Ann war schon im Bett gewesen, hatte es sich jedoch nicht
nehmen lassen, aufzustehen und ihn willkommen zu hei�en. Wir waren uns dar�ber
einig, wie schade es sei, da� wir nicht gemeinsam ein Taxi von Heathrow
genommen hatten. Bill ging wieder, ich fragte:</p><p>�Was
wollte er?� und Ann sagte: �Sich an einer Schulter ausweinen.� Bill hatte
Liebeskummer und wollte sein Herz aussch�tten, meinte sie.</p><p>�In
Washington sitzt Felicity und m�chte ein Baby, und in London Jan, die eins
kriegt.�</p><p>�Von
Bill?�</p><p>�Das wei�
der Himmel. Bill wei� es bestimmt nicht.� Am n�chsten Vormittag stellte Smiley
wider eigene Absicht fest, da� Bill seit zwei Tagen zur�ck war, nicht erst seit
einem. In der Folge benahm Bill sich Smiley gegen�ber ungewohnt manierlich, und
Smiley vergalt es ihm mit einer Zuvorkommenheit, die normalerweise j�ngeren
Freundschaften vorbehalten ist. Nach angemessener Zeit wurde Smiley deutlich,
da� die Katze aus dem Sack war, und noch heute war er perplex, mit welcher Geschwindigkeit
es sich herumgesprochen hatte. Vermutlich hatte Bill vor irgend jemandem damit
geprahlt, vielleicht vor Bland. Wenn das Ger�cht stimmte, dann hatte Ann drei
ihrer eigenen Regeln verletzt. Bill war vom Circus und er war vom <emphasis>Set, </emphasis>wie sie
Familie und Freundeskreis bezeichnete. Aus jedem der beiden Gr�nde war er
tabu. Drittens hatte sie ihn in der Bywater Street empfangen, laut �bereinkunft
ein grober Versto� gegen den Revierfrieden.</p><p>Wieder
einmal zog Smiley sich in sein eigenes einsames Leben zur�ck und wartete
darauf, da� Ann etwas sagen w�rde. Er �bersiedelte ins G�stezimmer und sorgte
daf�r, da� er eine Menge abendlicher Verabredungen hatte und auf diese Weise
von ihrem Kommen und Gehen weniger bemerkte. Ganz allm�hlich d�mmerte ihm, da�
sie zutiefst ungl�cklich war. Sie nahm ab, verlor ihre spielerische Art, und
wenn er sie nicht so gut gekannt h�tte, h�tte er geschworen, sie leide unter
einem schweren Anfall von Zerknirschung, ja, von Abscheu vor sich selber. Wenn
er freundlich zu ihr war, wehrte sie ihn ab; sie zeigte kein Interesse an
Weihnachtseink�ufen und erkrankte an einem qu�lenden Husten, was, wie er wu�te,
ihr SOS-Ruf war. Ohne die Operation <emphasis>Testify </emphasis>w�re er
schon fr�her mit ihr nach Cornwall abgereist. So aber mu�ten sie die Reise bis
Januar verschieben, und dann war Control tot, Smiley pensioniert und das Blatt
hatte sich gewendet; und um die Schmach vollzumachen, deckte Ann die
Haydon-Karte mit jeder Menge anderer, die sie aus dem Haufen herausziehen
konnte.</p><p>Was war
passiert? Hatte sie die Beziehung abgebrochen? Oder Haydon? Warum sprach sie
nie dar�ber? War es denn �berhaupt so wichtig, eine Aff�re unter so vielen
anderen? Er gab auf. Wie die Katze aus <emphasis>Alice im Wunderland </emphasis>schien
Bill Haydons Gesicht zu verschwimmen, sobald er sich ihm n�herte und nur das
Grinsen blieb. Aber er wu�te, da� Bill auf die eine oder andere Art Ann
zutiefst verwundet hatte, und das war die unverzeihlichste aller S�nden.</p><empty-line/><p>Merlin
beginnt endlich, menschliche Z�ge anzunehmen</p><empty-line/><p>Mit einem
Grunzen des Abscheus kehrte Smiley an den wenig einladenden Schreibtisch zur�ck
und setzte seine Lekt�re von Merlins Fortschritten seit seinem erzwungenen
Ausscheiden aus dem Circus fort. Die �ra Alleline hatte, wie er sofort sah,
unverz�glich mehrere vorteilhafte Ver�nderungen in Merlins Lebensstil
bewirkt. Etwas wie eine Reifung, eine Beruhigung. Die n�chtlichen Spritztouren
in europ�ische Hauptst�dte h�rten auf, der Nachrichtenstrom wurde regelm��iger,
weniger hektisch. Gewi�, es gab noch allerhand Kopfschmerzen. Merlins
Geldw�nsche gingen weiter - Ersuchen, niemals Drohungen -, und mit dem
anhaltenden Wertverfall des Pfundes wurden diese ansehnlichen Zahlungen f�r das
Schatzamt zu einem Alptraum. Es fand sich einmal sogar eine � nie weiter
verfolgte - Anregung, Merlin m�ge �da wir das Land seiner Wahl sind, auch in
etwa unserem finanziellen Engpa� Rechnung tragen�. Haydon und Bland waren
offensichtlich emp�rt gewesen: �Ich habe nicht die Stirn�, schrieb Alleline mit
ungewohnter Offenheit an den Minister, �meinen Mitarbeitern dieses Thema
nochmals vorzutragen.� Au�erdem hatte es Krach wegen einer neuen Kamera
gegeben, die von den Klempnern unter gro�em Kostenaufwand in r�hrenf�rmige
Bestandteile zerlegt und in eine genormte Stehlampe sowjetischer Herstellung
eingepa�t worden war. Die Lampe wurde nach gro�em Wehgeschrei, diesmal aus dem <emphasis>Foreign
Office, </emphasis>per Diplomatengep�ck nach Moskau gemogelt. Dann stellte
sich das Problem der Ablieferung. Die Au�enstelle konnte nicht �ber Merlins
Identit�t informiert werden und wu�te auch nicht, was in der Lampe steckte. Die
Lampe war sperrig und pa�te nicht in den Gep�ckraum des Wagens des
Au�enagenten. Nach mehreren Versuchen wurde eine �unsaubere� �bergabe bewerkstelligt,
aber die Kamera funktionierte nie, und es gab b�ses Blut zwischen dem Circus
und seiner Moskauer Au�enstelle.</p><empty-line/><p>Ein weniger
raffiniertes Modell wurde von Esterhase nach Helsinki gebracht und dort - so
Allelines Aktennotiz an den Minister - �einem vertrauensw�rdigen Mittelsmann
�bergeben, der unbehelligt die Grenze passieren konnte�. Pl�tzlich richtete
Smiley sich mit einem Ruck auf. �Wie besprochen�, schrieb Alleline in einer
Notiz an den Minister, datiert mit dem 27. Februar dieses Jahres. �Sie
erkl�rten sich einverstanden, dem Schatzamt einen zus�tzlichen Antrag f�r ein
Londoner Haus vorzulegen, das im <emphasis>Witchcraft-Budget </emphasis>gef�hrt
werden soll.� Er las es einmal, dann nochmals langsamer. Das Schatzamt hatte
sechzigtausend Pfund f�r das Anwesen und weitere zehntausend f�r Einrichtung
und Zubeh�r bewilligt. Es wollte jedoch, zwecks Kostenersparnis, die �berschreibung
durch seine eigenen Anw�lte erledigen lassen. Alleline weigerte sich, die
Adresse mitzuteilen. Aus dem gleichen Grund gab es Unstimmigkeiten dar�ber,
wer die Unterlagen verwahren sollte. Dieses Mal blieb das Schatzamt hart, und
seine Anw�lte trafen Vorsorge, da� das Haus zur�ckgegeben w�rde, falls Alleline
sterben oder Bankrott machen sollte. Aber die Adresse behielt er f�r sich,
desgleichen die Rechtfertigung dieses au�ergew�hnlichen und kostspieligen
Beitrags zu einer Operation, die angeblich im Ausland abgewickelt wurde. Smiley
suchte eifrig nach einer Erkl�rung. Die Abrechnungen waren darauf angelegt, wie
er bald herausfand, keine zu liefern. Sie enthielten einen einzigen verkappten
Hinweis auf das Londoner Haus, und zwar, als die Steuern verdoppelt wurden. Der
Minister an Alleline: �Ich nehme an, das Londoner Ende ist noch immer wichtig?�
Alleline an den Minister: �Eminent. Ich m�chte sagen, mehr denn je. Ich m�chte
ferner sagen, da� der Kreis derer, die Bescheid wissen, sich seit unserem
Gespr�ch nicht erweitert hat.� Bescheid- wor�ber?</p><p>Erst als
er sich wieder den Akten zuwandte, in denen das <emphasis>Witchc</emphasis>raft-Produkt
bewertet wurde, stie� er auf die L�sung. Das Haus war Ende M�rz bezahlt worden.
Unmittelbar darauf wurde es bezogen. Genau vom gleichen Datum an begann Merlin,
menschliche Z�ge anzunehmen, und sie stellten sich hier in Form der
Konsumentenkommentare dar. Bisher war Merlin f�r Smileys kritisches Auge eine
Maschine gewesen: fehlerlos arbeitend, unheimlich in der Reichweite, frei von
den Stre�-Symptomen, die das Arbeiten mit den meisten Agenten so schwierig
machten. Jetzt war ihm pl�tzlich der Gaul durchgegangen.</p><p>�Wir
legten Merlin Ihre erneuten Fragen wegen der Haltung des Kreml in Sachen eines
Verkaufs russischer �l�bersch�sse an die Vereinigten Staaten vor. Wir machten
ihn wunschgem�� darauf aufmerksam, da� dies im Widerspruch zu seinem Bericht
vom letzten Monat stehe, wonach der Kreml zur Zeit mit der Regierung Tanaka
wegen eines Vertrags �ber die Lieferung sibirischen Erd�ls an den japanischen
Markt Kontakt aufgenommen habe. Merlin sah in den beiden Berichten keinen
Widerspruch und lehnt eine Prognose ab, welcher Markt im Endeffekt bevorzugt
werden k�nnte.� Whitehall bedauerte seine Dreistigkeit. �Merlin wird seinen
Bericht �ber die Unterdr�ckung des georgischen Nationalismus und die Aufst�nde
in Tiblisi nicht - wiederhole <emphasis>nicht - </emphasis>ausweiten.
Da er nicht selber Georgier ist, vertritt er die g�ngige russische Ansicht,
wonach alle Georgier Diebe und Vagabunden und am besten hinter Gittern seien .
. .� Whitehall dr�ngte nicht weiter.</p><p>Merlin war
pl�tzlich n�her ger�ckt. War es nur der Erwerb eines Londoner Hauses, was
Merlin f�r Smiley in greifbare physische N�he brachte? Merlin schien aus der
Abgeschiedenheit eines Moskauer Winters pl�tzlich hierher zu ihm, in dieses
erb�rmliche Zimmer, gekommen zu sein; auf der Stra�e vor dem Fenster hielt,
wie Smiley wu�te, Mendel seine einsame Wache. Aus dem Nichts war ein Merlin
aufgetaucht, der redete und Antwort gab und unentgeltlich seine Meinung dartat;
ein Merlin, der Zeit hatte f�r Begegnungen. Hier in London? Der in einem Haus
f�r sechzigtausend Pfund aus- und einging, a� und Bericht erstattete, gro�e
T�ne spuckte und Witze �ber Georgier ri�? War das der Kreis derer, die Bescheid
wu�ten? Der Kern, der sich innerhalb des gr��eren Kreises der <emphasis>Witchcraft</emphasis>-Konsumenten
gebildet hatte?</p><p>An dieser
Stelle huschte eine h�chst ausgefallene Gestalt �ber die B�hne: ein gewisser J.
P. R., ein Neuling in Whitehalls wachsender Gruppe von <emphasis>Witchcraft-Auswertern.
</emphasis>Smiley konsultierte die Verteilerliste und stellte fest, da� der volle
Name Ribble lautete und da� Ribble dem <emphasis>Research Department </emphasis>des <emphasis>Foreign
Office </emphasis>angeh�rte. J. P. Ribble stand vor einem R�tsel. J. P. R.
an die <emphasis>Adriatic Working Party </emphasis>(AWP):
�Darf ich mir erlauben, Sie auf eine offensichtliche Diskrepanz bez�glich der
Daten hinzuweisen? <emphasis>Witchcraft </emphasis>Nr. 104
(Sowjetisch-franz�sische Gespr�che �ber gemeinsame Projekte im Flugzeugbau)
tr�gt das Datum 21. April. Gem�� Ihrem Begleitschreiben erhielt Merlin diese
Information direkt vom General Markow, einen Tag nachdem die
Verhandlungspartner sich �ber einen geheimen Notenaustausch geeinigt hatten.
An diesem 21. April indessen war Markow laut Auskunft unserer Pariser Botschaft
noch in Paris, und Merlin besuchte, wie aus Ihrem Bericht Nr. 109 hervorgeht,
an diesem Tag eine Raketenforschungsanstalt in der N�he von Leningrad . . .� �
Das Schreiben f�hrte nicht weniger als vier �hnliche �Diskrepanzen� an, die
zusammengenommen bedeutet h�tten, da� Merlin in der Tat so frei beweglich war,
wie sein wunderbarer Name besagte.</p><p>J. P.
Ribble erhielt den b�ndigen Bescheid, sich um seine eigenen Angelegenheiten zu
k�mmern. In einem getrennten Schreiben an den Minister jedoch machte Alleline
eine au�erordentliche Er�ffnung, die ein v�llig neues Licht auf den Charakter
der Operation <emphasis>Witchcraft </emphasis>warf.</p><p>�Streng
geheim und pers�nlich. Wie besprochen. Merlin ist, wie Sie seit einiger Zeit
wissen, nicht eine Einzelquelle, sondern eine Kombination verschiedener
Quellen. Obwohl wir unser M�glichstes taten, diese Tatsache aus
Sicherheitsgr�nden vor Ihren Lesern geheimzuhalten, macht es der blo�e Umfang
des Materials zunehmend schwierig, die Wahrheit zu verbergen. W�re es nicht an
der Zeit, die Karten auf den Tisch zu legen, zumindest innerhalb gewisser
Grenzen? Im gleichen Zusammenhang darf das Schatzamt getrost darauf hingewiesen
werden, da� Merlins monatliches Honorar von zehntausend Schweizer Franken nebst
einer gleichen Summe f�r Spesen und laufende Kosten kaum zu hoch gegriffen
sind, wenn die Mittel in so viele Teile gehen.� Aber das Schreiben endete in
einer h�rteren Tonart: �Wie dem auch sei, selbst wenn wir �bereinkommen, die
T�r so weit zu �ffnen, so betrachte ich es doch als unerl��lich, da� die
Kenntnis von der Existenz des Londoner Hauses und vom Zweck, dem es dient, auf
ein absolutes Minimum beschr�nkt bleibt. Denn sobald Merlins Pluralit�t unter
unseren Lesern bekannt wird, d�rfte sich der Londoner Teil der Operation noch
heikler denn je gestalten.�</p><p>In
v�lliger Ratlosigkeit as Smiley die Briefe immer wieder von neuem. Dann blickte
er wie von einem j�hen Einfall gepackt auf, sein Gesicht ein einziges Bild der
Verwirrung. Seine Gedanken waren so weit weg, so intensiv und komplex, da� das
Telefon im Zimmer mehrmals klingelte, ehe er reagierte. Er nahm den H�rer ab
und blickte auf die Uhr; es war sechs Uhr abends, er hatte kaum eine Stunde
gelesen.</p><p>�Mister
Barraclough? Hier Lofthouse von der Finanzabteilung, Sir.�</p><p>Peter
Guillam bediente sich der verabredeten Wendungen, um einen Notruf nach einer
sofortigen Zusammenkunft loszulassen, und seine Stimme klang ersch�ttert.</p><empty-line/><p>Peter Guillam
setzt die Jagd auf den �Maulwurf� fort</p><empty-line/><p>Das Archiv
des Circus war vom Haupteingang aus nicht erreichbar. Es war in einem
Labyrinth sch�biger R�ume und Zwischenstockwerken an der R�ckseite des
Geb�udes untergebracht, und glich eher einem der Antiquariate, die in dieser
Gegend wuchern, als dem organisierten Ged�chtnis eines bedeutenden Amts. Der
Weg f�hrte durch eine unauff�llige T�r in der Charing Cross Road, zwischen
einem Rahmengesch�ft und einem Tagescafe, dessen Betreten den Mitarbeitern verboten
war. An dieser T�r hing ein Schild �Stadt- und Bezirks-Sprachenschule,
Lehrereingang�, und ein zweites �C und L Vertriebs-A.G.� Wer hineinwollte,
dr�ckte auf den einen oder den anderen Klingelknopf und wartete auf Alwyn,
einen weibischen Marinesoldaten, der nur von seinen Wochenenden sprach. Bis
etwa Mittwoch sprach er vom vergangenen Wochenende, danach vom kommenden. An
diesem Morgen, einem Dienstag, dr�ckte seine Stimmung entr�stete Besorgnis
aus.</p><p>�Also, was
sagen Sie denn zu dem Unwetter?� fragte er, w�hrend er Guillam �ber die Theke
das Buch zum Unterschreiben zuschob. �Als w�re man in einem Leuchtturm. Den
ganzen Samstag, den ganzen Sonntag. Ich sagte zu meinem Freund: &gt; Da sind
wir mitten in London, und h�r dir das an. &lt; Soll ich das f�r Sie verwahren?�</p><p>�Da h�tten
Sie erst dort sein m�ssen, wo ich war�, sagte Guillam und legte den braunen
Segeltuchsack in Alwyns wartende H�nde. �Von wegen anh�ren, man konnte sich
kaum aufrecht halten.� Nicht �bertrieben freundlich sein, ermahnte er sich.
�Und trotzdem liebe ich das Land�, vertraute Alwyn ihm an und verstaute den
Sack in einem der offenen F�cher hinter der Theke. �M�chten Sie eine Nummer?
Ich mu� Ihnen eine geben, der Delphin w�rde mich umbringen, wenn sie
dahinterk�me.�</p><p>�Ich
vertraue Ihnen�, sagte Guillam. Er ging die vier Stufen hinauf und stie� die
Schwingt�ren zum Leseraum auf. Darin sah es aus wie in einem improvisierten
H�rsaal: ein Dutzend Arbeitspl�tze, alle in einer Richtung, und eine �berh�hte
Fl�che, wo die Archivarin sa�. Guillam setzte sich an die R�ckwand. Es war noch
fr�h - zehn nach zehn auf seiner Uhr -, und au�er ihm war nur Ben Thruxton von
der Forschung da, der die meiste Zeit hier zubrachte. Vor langer Zeit war Ben,
als lettischer Dissident verkleidet, mit Aufst�ndischen durch die Stra�en
Moskaus gerannt und hatte �Tod den Unterdr�ckern� gebr�llt. Jetzt kauerte er
�ber seinen Schriften wie ein alter Priester, wei�haarig und schweigend.</p><p>Als
Guillam an das Pult der Archivarin trat, l�chelte sie. Wenn in Brixton nichts
los war, verbrachte Guillam h�ufig einen Tag im Archiv und suchte in den alten
F�llen nach einem, der sich neu anheizen lie�e. Sie war Sal, ein st�mmiges,
sportliches M�dchen, Leiterin eines Jugendclubs in Chiswick und Tr�gerin des
schwarzen Judog�rtels.</p><p>�Ein paar
h�bsche H�lse gebrochen am Wochenende?� fragte er und nahm sich einen Packen
gr�ner Bestellzettel. Sal h�ndigte ihm die Notizen aus, die sie f�r ihn in
ihrem Stahlschrank verwahrte. �Wie immer. Und Sie?�</p><p>�Tanten in
Shropshire besucht, vielen Dank.�</p><p>�Die m�cht
ich auch mal sehen�, sagte Sal.</p><p>Er blieb
an ihrem Pult stehen und f�llte die Zettel f�r die beiden n�chsten Titel auf
seiner Liste aus. Er sah zu, wie sie die Zettel stempelte, die
Kontrollabschnitte abtrennte und sie durch einen Schlitz in ihrem Pult warf.
�Reihe D�, murmelte sie und gab ihm die Stammzettel zur�ck. �Die Nummern
zwei-acht sind auf halbem Weg links, die drei-acht in der n�chsten Nische
hinten.� Er �ffnete die T�r am r�ckw�rtigen Ende des Saals und betrat die
Haupthalle. In der Mitte brachte ein alter Lift, der aussah wie ein F�rderkorb,
Akten ins Innere des Circus. Zwei m�de Stifte pullten ihn, ein dritter
bet�tigte die Winde. Guillam wanderte langsam an den Regalen entlang und las
die fluoreszierenden Nummernschilder.</p><p>�Lacon
schw�rt, da� er �ber <emphasis>Testify </emphasis>�berhaupt
keine Akte habe�, hatte Smiley ihm in seiner �blichen bek�mmerten Art gesagt.
�Nur ein paar Dokumente �ber Prideaux' R�ckf�hrung, sonst nichts.� Und im
gleichen Leichenbitterton: �Ich f�rchte demnach, wir m�ssen uns auf irgendeinem
Weg beschaffen, was sich in der Registratur des Circus befindet.�</p><p>�Beschaffen�
hie� in Smileys Vokabular �klauen�. Ein M�dchen stand auf einer Leiter. Karl
Allitson, der Ordner, f�llte einen Waschkorb mit Akten f�r die Funker, Astrid,
der Hauswart, reparierte einen Heizk�rper. Die Regale waren aus Holz, tief wie
Kojen und durch Sperrholzplatten senkrecht durchteilt. Er wu�te bereits, da�
die Referenznummer f�r <emphasis>Testify </emphasis>vier-vier-acht-zwei
E war, was bedeutete, Nische vierundzwanzig, vor der er jetzt stand. E stand
f�r <emphasis>extinct </emphasis>und wurde nur f�r tote Operationen
verwendet. Guillam z�hlte bis zum achten Fach von links. Testify sollte das
zweite von links sein, aber es war nicht mit Sicherheit zu sagen, denn die
R�cken trugen keine Signatur. Nachdem er seine Erkundung beendet hatte, zog er
die beiden Akten heraus, die er angefordert hatte, und steckte die gr�nen
Zettel in die daf�r vorgesehenen Stahlklammern. �Viel ist bestimmt nicht da�,
hatte Smiley gesagt, als w�re es mit d�nnen Akten einfacher. �Aber etwas mu� da
sein, und w�re es nur um den Schein zu wahren.� Das war auch eine Eigenschaft,
die Guillam in diesem Moment nicht an ihm sch�tzte: er sprach, als k�nnte man
seinem Gedankengang folgen, als w�re man die ganze Zeit mit in seinem Kopf.</p><p>Er setzte
sich und tat, als l�se er, dachte jedoch die ganze Zeit an Camilla. Was sollte
er mit ihr anfangen? Als sie heute fr�h in seinen Armen lag, hatte sie ihm
erz�hlt, sie sei einmal verheiratet gewesen. Manchmal redete sie so, als h�tte
sie schon zwanzig Leben gelebt. Es sei ein Fehlgriff gewesen, also h�tten sie's
wieder aufgesteckt.</p><p>�Was ging
denn schief?�</p><p>�Nichts.
Wir pa�ten nicht zueinander.�</p><p>Guillam
glaubte ihr nicht.</p><p>�Bist du
geschieden?�</p><p>�Ich nehme
es an.�</p><p>�Sei nicht
so verdammt albern, du mu�t doch wissen, ob du geschieden bist oder nicht!�</p><p>Seine
Eltern h�tten sich darum gek�mmert, sagte sie; er sei Ausl�nder.</p><p>�Schickt
er dir Geld?�</p><p>�Warum
sollte er? Er schuldet mir nichts.�</p><p>Dann
wieder die Fl�te, im G�stezimmer, lange fragende Noten im Halblicht, w�hrend
Guillam Kaffee machte. Ist sie eine Kom�diantin oder ein Engel? Wenn er nur
ihren Namen durch die Registratur laufen lassen k�nnte. In einer Stunde hatte
sie eine Lektion bei Sand.</p><p>Mit einem
gr�nen Zettel f�r eine vier-drei-Nummer in der Hand stellte er die beiden Akten
an ihre Pl�tze zur�ck und postierte sich vor der Nische neben <emphasis>Testify. </emphasis>�Abfrage
negativ�, dachte er.</p><p>Das
M�dchen stand noch immer auf seiner Leiter. Allitson war verschwunden, aber der
Waschkorb stand noch da. Der Heizk�rper hatte Astrid bereits ersch�pft, er sa�
daneben und las die <emphasis>Sun. </emphasis>Auf dem
gr�nen Zettel stand vier-drei-vier-drei, und er fand die Akte sofort, weil er
sie bereits fr�her aufgesucht hatte. Sie hatte einen rosa Umschlag, genau wie <emphasis>Testify. </emphasis>Genau wie <emphasis>Testify </emphasis>war sie
ziemlich abgegriffen. Er steckte den gr�nen Zettel in die Klammer. Er ging
wieder den Gang entlang zur�ck, blickte sich nochmals nach Allitson und dem
M�dchen um, dann griff er nach der Akte <emphasis>Testify </emphasis>und
vertauschte sie blitzschnell mit der Akte, die er in der Hand hielt.</p><p>�Das
wichtigste ist meines Erachtens, Peter� - so Smiley - �da� keine L�cke bleibt.
Ich schlage daher vor, da� Sie sich eine �hnliche Akte beschaffen, ich meine,
eine <emphasis>�u�erlich </emphasis>�hnliche, und sie dort einstellen,
wo ...�</p><p>�Kapiert�,
sagte Guillam.</p><p>Guillam
hielt die Akte <emphasis>Testify </emphasis>ungezwungen in der rechten Hand,
Titelseite nach innen, ging in den Lesesaal zur�ck und setzte sich wieder an
seinen Tisch. Sal hob die Brauen und maulte irgend etwas. Guillam nickte ihr
zu, da� alles in Ordnung sei, da er annahm, da� sie das habe fragen wollen,
aber sie winkte ihn zu sich. Ein Moment der Panik. Die Akte mitnehmen, oder
liegenlassen? Was tue ich sonst immer? Er lie� sie auf dem Tisch liegen.
�Juliet geht Kaffee holen�, fl�sterte Sal. �M�chten Sie welchen?� Guillam legte
einen Shilling auf die Theke.</p><p>Er blickte
auf die Wanduhr, dann auf seine Armbanduhr. Herrgott, h�r doch auf, dauernd
auf die verdammte Uhr zu sehen! Denk an Camilla, an ihre Unterrichtsstunde, die
jetzt anf�ngt, denk an die Tanten, bei denen du das Wochenende nicht verbracht
hast, denk an Alwyn, der nicht in deine Tasche schaut. Denk an alles, nur nicht
an die Zeit. Noch achtzehn Warteminuten. �Peter, wenn Sie den geringsten
Vorbehalt haben, H�nde weg. Das ist das allerwichtigste.� Gro�artig, und wie
soll ich wissen, ob ich Vorbehalte habe, wenn mein Magen das reinste Bienenhaus
ist und mir der Schwei� wie heimlicher Regen unterm Hemd rinnt? Noch nie, das
konnte er schw�ren, hatte es ihn so schlimm erwischt.</p><p>Er schlug
die Akte <emphasis>Testify </emphasis>auf und versuchte zu lesen. Sie
war nicht ganz so d�nn, aber dick war sie auch nicht. Der erste Abschnitt
handelte von dem, was nicht enthalten war: �Anlagen 1 bis 8 bei London Station,
siehe auch pfs
ellis Jim, prideaux Jim, hajek Wladimir, collins Sam, habold Max . . .�
noch eine ganze Fu�ballmannschaft au�erdem. �Interessenten wenden sich an
H/London Station oder CR�, was hei�en sollte, Chef des Circus und seine M�tter
von Amts wegen. Nicht auf deine Armbanduhr schauen, schau auf die Wanduhr und rechne
dir's selber aus, du Idiot. Acht Minuten. Komisch, Akten �ber den eigenen
Vorg�nger klauen. Komisch, Jim als Vorg�nger zu haben, wenn man's recht
bedenkt, und seine Sekret�rin, die �ber ihn wachte, ohne jemals seinen Namen zu
erw�hnen. Die einzige lebendige Spur, die Guillam, abgesehen von dem
Arbeitsnamen auf den Akten, je von ihm gefunden hatte, war der verbeulte
Tennisschl�ger, der hinter dem Safe in seinem Zimmer gequetscht war, mit dem
eingebrannten J. P. im Griff. Er zeigte ihn Ellen, einem z�hen alten Besen, der
Cy Vanhofer zum Zittern bringen konnte wie einen Schuljungen, und sie brach in
Str�me von Tr�nen aus, wickelte den Schl�ger ein und schickte ihn mit dem
n�chsten Aktenkarren an den Delphin, mit einem pers�nlichen Schreiben und der
dringenden Bitte, ihn Jimmy zur�ckzuerstatten, �wenn irgend menschenm�glich�.
Wie ist Ihr Spiel zur Zeit, Jim, mit ein paar tschechischen Kugeln im
Schulterknochen? Noch immer acht Minuten.</p><p>�Also,
wenn es Ihnen m�glich w�re�, sagte Smiley, �ich meine, wenn es nicht zu viele
Umst�nde macht, bringen Sie Ihren Wagen in Ihre Werkstatt. Treffen Sie die
Verabredung �ber Ihr privates Telefon, in der Hoffnung, da� Toby zuh�rt...� In
der Hoffnung. Heilige Perlmutter. Und all sein Liebesgefl�ster mit Camilla?
Noch immer acht Minuten.</p><p>Die �brige
Akte schien aus Telegrammen des <emphasis>Foreign Office </emphasis>zu
bestehen, aus tschechischen Zeitungsausschnitten, Zeitfunkberichten von Radio
Prag, Ausz�gen einer Verfahrensregelung f�r die R�ckf�hrung und Rehabilitation
von �verbrannten� Agenten, Auftr�gen an das Schatzamt und einen <emphasis>post
mortem </emphasis>Allelines, worin er Control die Schuld an dem Fiasko gab.
Lieber du als ich, George.</p><p>Guillam
fing an, im Geist die Entfernung von seinem Tisch zur Hintert�r zu messen, wo
Alwyn an der Empfangstheke d�ste. Er sch�tzte sie auf f�nf Schritt und
beschlo�, eine taktische Zwischenstation zu machen. Zwei Schritt von der T�r
entfernt stand eine Kartentruhe wie ein gro�es gelbes Klavier. Sie war mit
allem m�glichen Nachschlagematerial gef�llt. Generalstabskarten, alten
Exemplaren von <emphasis>Who's Who, </emphasis>alten Baedekern. Er klemmte sich
einen Bleistift zwischen die Z�hne, nahm die Akte <emphasis>Testify, </emphasis>schlenderte
zur Truhe, suchte ein Telefonbuch von Warschau heraus und fing an, Namen auf
ein Blatt Papier zu schreiben. Meine Schrift! Es schrie in ihm: meine Schrift
ist ganz zittrig, sie f�hrt �ber die ganze Seite, schau dir diese Zahlen an,
als w�re ich betrunken! Wieso merkt das niemand? Das M�dchen Juliet kam mit
einem Tablett herein und stellte eine Tasse auf seinen Tisch. Er warf ihr eine
zerstreute Ku�hand zu. Er suchte ein zweites Telefonbuch heraus, von Poznan,
glaubte er, und legte es neben das erste. Als Alwyn hereinkam, blickte er nicht
einmal auf. �Telefon, Sir�, fl�sterte Alwyn.</p><p>�Ach,
Mist�, sagte Guillam, ins Telefonbuch vertieft. �Wer denn?�</p><p>�Stadtgespr�ch,
Sir. Rauher Bursche. Ich glaube die Werkstatt wegen Ihres Wagens. Sagt, er hat
schlechte Nachrichten f�r Sie�, sagte Alwyn hocherfreut.</p><p>Guillam
hielt die Akte <emphasis>Testify </emphasis>mit beiden H�nden, verglich
scheinbar etwas mit dem Telefonbuch. Er wandte Sal den R�cken und sp�rte, wie
seine Knie gegen die Hosenbeine schlotterten. Der Bleistift steckte immer noch
in seinem Mund. Alwyn ging voraus und hielt ihm die T�r, und er durchschritt
sie eifrig lesend: wie ein verdammtes Greenhorn, dachte er. Er wartete, da� der
Blitzstrahl ihn traf, da� Sal Mordio schrie, Ben, der Superspion, pl�tzlich zum
Leben erwachte, aber nichts geschah. Er f�hlte sich viel besser: Alwyn ist mein
Verb�ndeter, ich vertraue ihm, wir sind gegen den Delphin verschworen, ich kann
rausgehen. Die Schwingt�r schlo� sich, er ging die drei Stufen hinunter, und da
stand wieder Alwyn und hielt die T�r der Telefonkabine auf. Der untere Teil war
undurchsichtig, der obere Teil verglast. Er nahm den H�rer auf und legte die
Akte neben seine F��e und h�rte Mendel ihm mitteilen, er brauche ein neues
Getriebe, der Spa� k�nne bis zu hundert Pfund kosten. Das hatten sie sich f�r
die Personalabteilung ausgedacht, oder wer immer die Aufzeichnung lesen w�rde,
und Guillam hielt das Gespr�ch ungezwungen in Gang, bis Alwyn hinter seiner
Theke verschwunden war, wo er mit gerecktem Hals lauschte. Es klappt, dachte
er, es klappt, ich fliege, es klappt doch. Er h�rte sich sagen: �Na, sch�n,
aber fragen Sie zuerst beim Haupth�ndler nach, wie lange es dauert, bis sie das
verdammte Ding beschaffen k�nnen. Haben Sie die Nummer?� Und gereizt: �Bleiben
Sie am Apparat.� Er �ffnete die T�r einen Spalt und dr�ckte das Mundst�ck fest
an sein Hinterteil, damit die n�chsten Worte auf keinen Fall registriert
werden k�nnten. �Alwyn, werfen Sie mir den Sack mal r�ber, ja?� Alwyn brachte
ihn schneidig herbei, wie der Erste-Hilfe-Mann bei einem Fu�ballmatch. �In
Ordnung, Mister Guillam, Sir? Soll ich ihn f�r Sie aufmachen?�</p><p>�Lassen
Sie ihn nur hier fallen, danke.�</p><p>Der Sack
lag auf dem Boden vor der Kabine. Jetzt b�ckte er sich, zog den Sack herein und
�ffnete den Rei�verschlu�. In der Mitte, zwischen seinen Hemden und einer Menge
Zeitungen, steckten drei blinde Ordner, einer lederfarben, einer gr�n, einer
rosa. Er nahm den rosa Ordner und sein Notizbuch heraus und steckte daf�r die
Akte <emphasis>Testify </emphasis>hinein. Er zog den Verschlu� zu,
richtete sich auf und las Mendel eine Telefonnummer vor, �brigens die richtige.
Er h�ngte ein, gab Alwyn den Sack und ging mit dem Blindband zur�ck in den
Lesesaal. Allitson f�hrte sein St�ckchen auf, erst zog er am Waschkorb, dann
versuchte er es mit Schieben.</p><p>�Peter,
helfen Sie uns bitte, ich bring ihn nicht vom Fleck.�</p><p>�Sekunde.�</p><p>Er holte
die Akte vier-drei wieder aus dem Fach, ersetzte sie durch den Blindband,
stellte sie an ihren richtigen Platz in der Nische vier-drei und zog den gr�nen
Zettel aus der Klammer. Gott thront im Himmel, und die erste Nacht war eine
Wucht. Er h�tte am liebsten laut gesungen: Gott thront im Himmel, und ich kann
noch immer fliegen.</p><p>Er brachte
den Zettel Sal, die ihn abzeichnete und auf einen Dorn spie�te. Wie immer.
Sp�ter am Tag w�rde sie nachsehen. War die Akte an ihrem Platz, dann w�rde sie
den gr�nen Zettel und auch den Abschnitt in der Schachtel vernichten, und nicht
einmal die kluge Sal w�rde sich erinnern, da� er sich vor Nische vier-vier
aufgehalten hatte. Er wollte gerade ins Archiv zur�ck, um dem alten Allitson zu
helfen, als er pl�tzlich direkt in die braunen unfreundlichen Augen Toby
Esterhases blickte. �Peter�, sagte Toby in seinem nicht ganz perfekten
Englisch. �Tut mir leid, wenn ich st�re, aber wir haben eine kleine Krise, und
Percy Alleline m�chte Sie dringend sprechen. K�nnen Sie jetzt kommen? Das w�re
sehr freundlich.� Und an der T�r, als Alwyn sie hinauslie�: �Er m�chte Ihre
Meinung h�ren�, bemerkte er mit der Beflissenheit eines kleinen, aber
kommenden Mannes. �Er m�chte in einer Sache Ihre Meinung einholen.� In einem
verzweifelten, aber erleuchteten Moment wandte Guillam sich an Alwyn. �Mittags
f�hrt ein Bus nach Brixton. Rufen Sie doch bitte bei der Transportabteilung an,
und bitten Sie, da� das Ding da f�r mich mit hinausgenommen wird, ja?�</p><p>�Wird
gemacht, Sir�, sagte Alwyn. �Wird gemacht. Vorsicht, Stufe.�</p><p>Und sprich
ein Gebet f�r mich, dachte Guillam.</p><empty-line/><p>Mit Percy
Alleline als Circus-Direktor arbeitet Peter Guillam am Hochseil ohne Netz</p><empty-line/><p>�Unsere
graue Eminenz�, nannte ihn Haydon. Die Portiers nannten ihn Schneewittchen
wegen seines Haars. Toby Esterhase kleidete sich wie ein Dressman, aber sobald
er die Schultern senkte und die winzigen F�uste ballte, wurde er eindeutig zum
Boxer. Guillam ging hinter ihm durch den Korridor des vierten Stocks, sah
wieder den Kaffeeautomaten, h�rte wieder Lauder Stricklands Stimme verk�nden,
da� er nicht zu sprechen sei, und dachte: �Herrgott, wir sind wieder drunten in
Bern und auf der Flucht.� Er spielte schon mit dem Gedanken, es Toby laut
zuzurufen, verwarf den Vergleich jedoch als nicht opportun. Sooft er an Toby
dachte, mu�te er an die Schweiz vor zehn Jahren denken, als Toby noch ein
simpler Beschatter gewesen war und sich mit seiner F�higkeit, nebenbei die
Ohren zu spitzen, immer mehr einen Namen machte. Guillam war aus Nordafrika
zur�ck und im Wartestand, und so schickte der Circus die beiden zu einem
Sondereinsatz nach Bern, wo sie im Haus belgischer Waffenh�ndler, die mit
Schweizer Hilfe ihre Waren in unerw�nschte Richtungen verschickten, Meisen
kleben sollten. Sie mieteten eine Villa neben dem Zielhaus, und in der n�chsten
Nacht stellte Toby einen Anschlu� her und sorgte daf�r, da� sie �ber ihr
eigenes Telefon die Gespr�che der Schweizer abh�ren konnten. Guillam war Bo�
und Kurier, zweimal t�glich lieferte er die B�nder an die Au�enstelle Bern,
wobei er einen geparkten Wagen als Briefkasten benutzte. Mit gleicher
Leichtigkeit bestach Toby den Brieftr�ger, der ihm die Post der Belgier vor der
Zustellung zur Durchsicht �berlie�, und die Putzfrau, die im Salon, wo
gew�hnlich die Besprechungen stattfanden, ein Mikrophon installierte. Zur
Ablenkung gingen sie ins <emphasis>Chikito, </emphasis>wo Toby
mit den j�ngsten M�dchen tanzte. Gelegentlich brachte er eine von den Kleinen
mit nach Hause, aber am n�chsten Morgen war sie immer verschwunden, und Toby
hatte alle Fenster ge�ffnet, um den Geruch loszuwerden.</p><p>So lebten
sie drei Monate lang, und Guillam kannte Toby nicht besser als am ersten Tag.
Er wu�te nicht einmal, in welchem Land er geboren war. Er war ein Snob und
wu�te, wo man essen und sich zeigen mu�te. Er wusch seine Sachen selber, und
nachts trug er ein Netz �ber dem Schneewittchenhaar, und an dem Tag, als die
Polizei in die Villa eindrang und Guillam �ber die r�ckw�rtige Mauer springen
mu�te, fand er Toby im Hotel Bellevue, wo er Patisserien mampfte und dem <emphasis>the
dansant </emphasis>zusah. Toby h�rte sich an, was Guillam zu sagen hatte,
zahlte seine Zeche, gab zuerst dem Kapellmeister ein Trinkgeld, danach Franz,
dem Chefportier, dann f�hrte er Guillam durch ein Gewirr von Korridoren und
Treppenh�usern zu der unterirdischen Garage, wo er den Fluchtwagen und die
P�sse versteckt hatte. Auch dort bat er gewissenhaft um die Rechnung. �Wer es
je eilig hat, aus der Schweiz herauszukommen�, dachte Guillam, �der bezahle zuerst
seine Rechnungen.� Die Korridore waren endlos, mit Spiegelw�nden und
Versailles-Kandelabern, so da� Guillam nicht einem Esterhase folgte, sondern
einer ganzen Prozession. Dieses Bild stand ihm jetzt wieder vor Augen, obwohl
das enge h�lzerne Treppenhaus zu Allelines B�ros schmutziggr�n gestrichen war
und nur ein verbeulter Pergamentschirm die Kandelaber ersetzte.</p><p>�Zum
Chef�, verk�ndete Toby gro�spurig dem jungen Portier, der sie mit l�ssigem
Nicken durchwinkte. Im Vorzimmer sa�en an vier grauen Schreibmaschinen die vier
grauen M�tter in Twinsets und Perlen. Sie nickten Guillam zu und �bersahen
Toby. Ein Schild an Allelines T�r besagte �Bitte nicht st�ren�. Daneben ein
riesiger Schranksafe, neu. Guillam fragte sich, wie der Fu�boden die Belastung
aushalte. Obenauf Flaschen mit afrikanischem Sherry, Gl�ser, Teller. Mittwoch,
fiel ihm ein: Zwangloses Lunch-Meeting in London Station.</p><p>�Ich
m�chte keine Telefonanrufe, sagen Sie's ihnen�, schrie Alleline, als Toby die
T�r �ffnete.</p><p>�Der Chef
nimmt keine Anrufe entgegen, bitte, meine Damen�, sagte Toby gew�hlt und hielt
Guillam die T�r. �Wir haben eine Besprechung.�</p><p>Eine der
M�tter sagte: �Wir haben es geh�rt.� Es war Kriegsrat.</p><p>Alleline
sa� am obersten Ende des Tisches in dem geschnitzten �berdimensionalen
Lehnstuhl, er las ein zweiseitiges Dokument und regte sich nicht, als Guillam
eintrat. Er knurrte nur: �Setzen. Neben Paul. Nach dem Salzfa߫, und las mit
gesammelter Aufmerksamkeit weiter.</p><p>Der Stuhl
rechts von Alleline war leer, und Guillam wu�te, da� er Haydon geh�rte, denn an
die Lehne war eine R�ckenst�tze gebunden. Links von Alleline sa� Roy Bland,
gleichfalls lesend, aber er blickte auf, als Guillam vorbeiging, und sagte
�Guck mal, Peter�, und die vorstehenden blassen Augen folgten ihm dem Tisch
entlang. Neben Roy sa� Mo Delaware, das weibliche Paradepferd von London
Station, mit scharf gewelltem Haar und braunem Tweed-Kost�m. Neben ihr Phil
Porteous, der Personalchef, ein reicher serviler Mensch mit einem gro�en Haus
am Stadtrand. Als er Guillam sah, h�rte er auf zu lesen, klappte ostentativ die
Akte zu, legte die schlanken H�nde darauf und feixte. �Nach dem Salzfa� hei�t
neben Paul Skordeno�, sagte Phil und feixte noch immer. �Danke. Ich seh's.�</p><p>Nach
Porteous kamen Bills Russen, die er zuletzt bei �Herren� im vierten Stock
gesehen hatte, Nick de Silsky und sein Busenfreund Kaspar. Sie konnten nicht
l�cheln, und soviel Guillam wu�te, konnten sie auch nicht lesen, denn sie
hatten als einzige keine Papiere vor sich liegen. Sie sa�en da, hatten die vier
dicken H�nde auf dem Tisch liegen, als st�nde jemand mit dem Gewehr hinter
ihnen, und beobachteten ihn nur mit ihren vier braunen Augen.</p><p>Noch
weiter bergab sa� Paul Skordeno, angeblich Roy Blands Au�enagent in den
Satelliten-Netzen, es hie� aber auch, er arbeite zwischendurch f�r Bill. Paul
war d�nn und mies und vierzig, hatte ein narbiges braunes Gesicht und lange
Arme. Guillam hatte ihn einmal bei einem Nahkampfkurs in der <emphasis>Nursery </emphasis>zum Partner
gehabt, und sie h�tten einander um ein Haar umgebracht. Guillam r�ckte seinen
Stuhl ein St�ck von ihm ab und setzte sich, Toby war also der n�chste in der
Reihe, wie die andere H�lfte eines Bewacherteams. Was zum Teufel glauben sie,
da� ich tun werde? dachte Guillam: Einen wahnwitzigen Ausbruchsversuch
unternehmen? Aller Augen waren auf Alleline gerichtet, der seine Pfeife
stopfte, als Bill Haydon ihm die Schau stahl. Die T�r ging auf, und zun�chst
kam niemand herein. Dann h�rte man ein langsames Schlurfen, und Bill erschien,
eine Kaffeetasse in beiden H�nden, obenauf die Untertasse. Er trug einen
gestreiften Ordner unter den Arm geklemmt, und die Brille hatte er
hochgeschoben, also mu�te er vorher gelesen haben. Sie alle haben es gelesen,
nur ich nicht, dachte Guillam, und ich wei� nicht, worum es geht. Er fragte
sich, ob es das gleiche Dokument war, das Esterhase und Roy am Vortag
gemeinsam gelesen hatten, und entschied ohne jeden Anhaltspunkt, da� dem so
sei; da� es gestern gerade eingetroffen sei; da� Toby es zu Roy gebracht und
da� er die beiden in ihrer ersten Begeisterung gest�rt habe; falls Begeisterung
das rechte Wort war.</p><p>Alleline
hatte noch immer nicht aufgeblickt. Vom unteren Tischende konnte Guillam nur
das volle schwarze Haar und ein Paar breite tweedbedeckte Schultern sehen. Mo
Delaware zupfte beim Lesen an ihrer Stirnlocke. Percy hat zwei Ehefrauen,
erinnerte er sich, als Camilla aufs neue durch das Gewimmel seiner Gedanken
geisterte, und beide waren Alkoholikerinnen, was gar nicht so einfach sein
mu�te. Er hatte nur das Londoner Exemplar kennengelernt. Percy baute damals
gerade die Liga seiner Getreuen auf und hatte in seinem weitl�ufigen
holzget�felten Apartment in Buckingham Palace Mansions eine Cocktailparty gegeben.
Guillam kam zu sp�t und legte gerade in der Diele seinen Mantel ab, als eine
blasse blonde Frau sch�chtern auf ihn zuschwebte und beide H�nde ausstreckte.
Er hielt sie f�r das M�dchen, das ihm den Mantel abnehmen wollte. �Ich bin
Joy�, sagte sie mit dramatischer Stimme, es klang wie �Ich bin die Tugend�,
oder �Ich bin die Enthaltsamkeit�. Sie wollte nicht seinen Mantel, sondern
einen Ku�. Als er sich ihrem Wunsch beugte, atmete er die vereinte S��e von <emphasis>Je reviens
</emphasis>und einer hohen Konzentration billigen Sherrys ein.</p><p>�Ja,
junger Herr Guillam�, - so Alleline - �haben Sie jetzt endlich Zeit f�r mich
oder stehen noch weitere Erledigungen in meinem Haus an?� Er blickte halbwegs
auf, und Guillam sah zwei winzige pelzige Dreiecke auf den verwitterten Wangen.
�Was treiben wir denn zur Zeit drau�en auf dem flachen Land?� - er bl�tterte um
- �au�er den Dorfjungfrauen nachstellen, falls es in Brixton welche geben
sollte, was ich ernsthaft bezweifle, wenn Sie mir diese Frivolit�t verzeihen
wollen, Mo, und �ffentliche Gelder f�r opulente Mahlzeiten verschwenden?�</p><p>Dieses
Anrempeln war Allelines Kommunikationsmethode. Es konnte freundschaftlich oder
feindselig sein, vorwurfsvoll oder guthei�end, aber im Endeffekt war es wie der
erste Tropfen auf die gleiche Stelle.</p><p>�Ein paar
Arabergr�ppchen sehen recht vielversprechend aus. Cy Vanhofer hat einen Draht
zu einem deutschen Diplomaten. Das w�r' alles.�</p><p>�Araber�,
wiederholte Alleline, schob den Ordner beiseite und zog eine rustikale Pfeife
aus der Tasche. �Jeder Idiot kann einen Araber umdrehen, was, Bill? Ein ganzes
arabisches Kabinett f�r eine halbe Krone kaufen, wenn's ihm Spa� macht.� Aus
einer anderen Tasche nahm Alleline einen Tabaksbeutel, den er l�ssig auf den
Tisch warf. �Wie ich h�re, sind Sie ein Herz und eine Seele mit unserem unl�ngst
verblichenen Bruder Tarr. Wie geht's ihm heutzutage?�</p><p>Eine
Unmenge Gedanken schossen Guillam durch den Kopf, w�hrend er sich antworten
h�rte. Da� die Beobachtung seiner Wohnung erst gestern abend aufgenommen worden
war, durfte als sicher gelten. Da� er �bers Wochenende frei von Kontrolle war,
wenn nicht Fawn, der Babysitter, zum Verr�ter geworden war, was ein harter
Schlag gewesen w�re. Da� Roy Bland eine auffallende �hnlichkeit mit dem
verstorbenen Dylan Thomas hatte; Roy hatte ihn immer an jemanden erinnert, er
war nur nie dahinter gekommen, an wen; und da� Mo Delaware nur dank ihres
m�nnlichen Pfadfinderinnen-Habitus die Bezeichnung Frau erworben hatte. Ob
Dylan Thomas wohl auch Roys ungew�hnlich helle blaue Augen hatte? Da� Toby
Esterhase eine Zigarette aus seinem goldenen Etui nahm und da� Alleline im
allgemeinen keine Zigaretten duldete, nur Pfeifen, also mu�te Toby sich im
Moment recht gut mit ihm stehen. Da� Bill Haydon seltsam jung aussah und da�
die Circus-Ger�chte �ber sein Liebesleben vielleicht doch nicht so lachhaft
waren: sie behaupteten, er sei doppelseitig begabt. Da� Paul Skordeno eine
braune Handfl�che auf den Tisch gelegt und den Daumen leicht in die Luft
gereckt hatte, als wolle er die Schlagwirkung des Handr�ckens vergr��ern. Er
dachte auch an seinen Segeltuchsack: hatte Alwyn ihn dem Bus mitgegeben? Oder
war er zum Lunch weggegangen und hatte den Sack einfach in der Garderobe
gelassen, wo jeder bef�rderungshungrige junge Portier die Nase hineinstecken
konnte? Und Guillam fragte sich, nicht zum erstenmal, wie lange Toby wohl schon
um das Archiv herumgestrichen sein mochte, ehe Guillam ihn gesehen hatte.</p><p>Er w�hlte
einen scherzenden Tonfall: �Stimmt, Chef, Tarr und ich trinken jeden Nachmittag
bei Fortnum zusammen Tee.� Alleline nuckelte an der kalten Pfeife, bef�hlte die
Tabakf�llung. �Peter Guillam�, sagte er mit wohl�berlegter Ironie. �Es ist
Ihnen vielleicht entgangen, aber ich bin ein ungemein vers�hnlicher Charakter.
Ja, ich triefe geradezu vor Menschenfreundlichkeit. Ich will weiter nichts, als
den Inhalt Ihrer Unterredung mit Tarr. Ich fordere weder seinen Kopf noch
irgendeinen anderen Teil seiner verdammten Anatomie, und ich will den Impuls
z�geln, ihn mit eigenen H�nden zu erw�rgen. Oder Sie.� Er ri� ein Streichholz
an und entz�ndete die Pfeife; eine gewaltige Flamme schlug hoch. �Ich w�rde
mich vielleicht sogar bereitfinden, Ihnen eine goldene Kette um den Hals zu
h�ngen und Sie aus dem verha�ten Brixton wieder in den Palast zu holen.�</p><p>�Wenn dem
so ist, kann ich es gar nicht erwarten, bis er auftaucht�, sagte Guillam.</p><p>�Und Tarr
soll freies Geleit haben, bis ich ihn zu fassen kriege.�</p><p>�Ich
will's ihm sagen. Er wird begeistert sein.� Eine dicke Rauchwolke rollte �ber
den Tisch. �Ich bin sehr entt�uscht von Ihnen, junger Peter, �blen Nachreden
destruktiver und heimt�ckischer Art das Ohr zu leihen. Ich zahle Ihnen
ehrliches Geld, und Sie fallen mir in den R�cken. Meiner Ansicht nach ein
erb�rmlicher Dank daf�r, da� ich Sie am Leben erhalte. Gegen die dringenden Vorstellungen
meiner Ratgeber, wie ich Ihnen sagen m�chte.�</p><p>Alleline
hatte sich eine neue Manieriertheit angew�hnt, eine, die Guillam oft bei eitlen
M�nnern mittleren Alters beobachtete: Er packte eine Fleischtasche unter dem
Kinn und massierte sie zwischen Daumen und Finger, in der Hoffnung, sie zu
verkleinern. �Erz�hlen Sie uns doch noch etwas �ber Tarrs Lebensumst�nde�,
sagte Alleline. �Etwas �ber seine Gem�tsverfassung. Er hat eine Tochter, nicht
wahr? Ein T�chterchen namens Danny. Spricht er manchmal von ihr?�</p><p>�Fr�her
hat er's getan.�</p><p>�Erg�tzen
Sie uns mit ein paar Anekdoten �ber sie.�</p><p>�Ich kenne
keine. Er hat sie sehr gern, mehr wei� ich nicht.�</p><p>�Wahnsinnig
gern?� Die Stimme schwoll pl�tzlich vor Zorn.</p><p>�Was soll
das Achselzucken bedeuten? Wie kommen sie pl�tzlich dazu, mich mit einem
Achselzucken abspeisen zu wollen? Ich spreche mit Ihnen �ber einen Verr�ter aus
Ihrer eigenen verdammten Abteilung, ich bezichtige Sie, mit ihm hinter meinem
R�cken zu konspirieren, bei einem idiotischen Spielchen mitmischen zu wollen,
wenn Sie nicht einmal wissen, wie hoch der Einsatz ist, und Sie zucken einfach
die Achseln. Es gibt ein Gesetz, Peter Guillam, gegen die Zusammenarbeit mit
Feindagenten. Vielleicht wu�ten Sie das nicht. Ich habe gute Lust, Sie unter
Anklage zu stellen.�</p><p>�Aber ich
war nicht mit ihm zusammen�, sagte Guillam, und jetzt kam ihm auch der Zorn zu
Hilfe. �Ich bin nicht derjenige, der hier sein Spielchen spielt. Das sind Sie.
Also lassen Sie mich in Frieden.�</p><p>Im
gleichen Augenblick sp�rte er die Entspannung in der Tischrunde, wie ein fast
unmerkliches Absinken in Langeweile, wie die allgemeine Erkenntnis, da�
Alleline sein Pulver verschossen hatte und das Ziel unber�hrt geblieben war.
Skordeno fummelte an einem St�ckchen Elfenbein herum, einem Talisman, den er
immer bei sich trug. Hand hatte seine Lekt�re wieder aufgenommen, Bill Haydon
trank seinen Kaffee und fand ihn abscheulich, denn er schnitt eine Grimasse zu
Mo Delaware und setzte die Tasse ab. Toby Esterhase hatte das Kinn in die Hand
gest�tzt, die Brauen gehoben, und starrte auf die Glut-Attrappe im
victorianischen Kamin. Nur die Russen wandten auch weiterhin kein Auge von ihm,
wie zwei Terrier, die nicht glauben wollten, da� die Jagd abgeblasen war.</p><p>�Er hat
also mit Ihnen �ber Danny geplaudert, wie? Und Ihnen gesagt, da� er sie liebe�,
sagte Alleline, der sich wieder den Dokumenten zugewandt hatte. �Wer ist
Dannys Mutter?�</p><p>�Eine
Eurasierin.�</p><p>Jetzt
ergriff Haydon zum erstenmal das Wort. �Unverkennbar Eurasierin, oder k�nnte
sie auch aus einer n�her gelegenen Gegend stammen?�</p><p>�Tarr
findet offenbar, sie sehe v�llig europ�isch aus. Die Kleine auch, findet er.�</p><p>Alleline
las vor: �Zw�lf Jahre alt, langes blondes Haar, braune Augen, schlank. Ist das
Danny?�</p><p>�Ich w�rde
sagen, sie k�nnte es sein. H�rt sich so an.�</p><p>Lange Zeit
herrschte Schweigen, und nicht einmal Haydon machte Miene, es zu brechen.</p><p>�Wenn ich
Ihnen also sagte�, fuhr Alleline schlie�lich fort und w�hlte seine Worte mit
�u�erster Vorsicht, �wenn ich Ihnen sagte, da� Danny und ihre Mutter vor drei
Tagen mit dem direkten Flug aus Singapur am Flughafen London h�tten landen
sollen, so d�rfte ich annehmen, da� Sie ebenso perplex w�ren wie wir.�</p><p>�Ja, das
w�re ich.�</p><p>�Und Sie
w�rden dar�ber schweigen, nachdem Sie dieses Haus verlassen haben. Kein Wort,
nicht einmal zu ihren zw�lf allerbesten Freunden?�</p><p>Aus
geringer Entfernung kam Phil Porteous' Schnurren: �Die Quelle ist strengstens
geheim, Peter. F�r Sie mag es sich anh�ren wie eine gew�hnliche Flugauskunft.
Aber es ist ultra-ultra-ge-heim.�</p><p>�Aha, in
diesem Fall will ich versuchen, meine Klappe <emphasis>ultra-ges</emphasis>chlossen
zu halten�, sagte Guillam zu Porteous, und w�hrend Porteous rot wurde, grinste
Bill Haydon aufs neue wie ein Schuljunge.</p><p>Alleline
kam wieder zum Thema. �Und wie w�rden Sie diese Information beurteilen? Los,
Peter�, wieder der herausfordernde Ton, �los, Sie waren sein Bo�, sein F�hrer,
Philosoph und Freund, wo um Gottes willen bleibt Ihre Psychologie? Warum kommt
Tarr nach England?�</p><p>�Davon
haben Sie kein Wort gesagt. Sie sagten, Tarrs Frau und ihre Tochter Danny seien
vor drei Tagen in London erwartet worden. Vielleicht will sie Verwandte
besuchen. Vielleicht hat sie einen neuen Freund. Wie soll ich das wissen?�</p><p>�Stellen
Sie sich doch nicht dumm, Mann. Leuchtet es Ihnen nicht ein, da� man dort, wo
Danny ist, vermutlich nicht sehr weit nach Tarr zu suchen braucht? Wenn er
nicht schon hier ist, was ich beinahe glauben m�chte, denn im allgemeinen kommt
der Mann zuerst und l��t die Tro�weiber sp�ter nachkommen. <emphasis>Pardon, </emphasis>Mo
Delaware, ist mir so herausgerutscht.�</p><p>Zum
zweitenmal gestattete Guillam sich einen kleinen Temperamentsausbruch. �Bisher
hat es mir nicht eingeleuchtet, nein. Bisher war Tarr ein �berl�ufer. Das
wurde vor sechs Monaten offiziell festgelegt. Stimmt's, Phil, oder nicht? Tarr
sa� in Moskau, und alles, was er wu�te, war als verraten zu betrachten.
Stimmt's,</p><p>Phil? Man
nahm das auch zum Anla�, in Brixton die Lichter zu l�schen und eine Portion
unserer Arbeit London Station und den Rest Tobys Aufkl�rern zu �bertragen. Was
soll Tarr jetzt eigentlich machen - wieder zu uns �berlaufen?�</p><p>�Wieder
�berlaufen w�rde eine verdammt milde Bezeichnung sein, das kann ich Ihnen nur
sagen�, erwiderte Alleline, ohne von den Papieren vor ihm aufzublicken. �H�ren
Sie zu, h�ren Sie gut zu, und merken Sie sich's. Denn ich zweifle nicht, da�
Sie, genau wie meine �brigen Mitarbeiter, ein Ged�chtnis haben wie ein Sieb,
ihr Primadonnas seid alle gleich. Danny und ihre Mutter reisen mit gef�lschten
britischen P�ssen unter dem Namen Poole. Die P�sse sind russische F�lschungen,
und Tarr hat einen dritten von der gleichen Sorte, der wohlbekannte <emphasis>Mister </emphasis>Poole.
Tarr ist bereits in England, aber wir wissen nicht, wo. Er ist vor Danny und
ihrer Mutter abgereist und hat eine andere Route genommen, unseren Nachforschungen
zufolge eine schwarze. Seine Frau oder Freundin oder was immer�, er sagte das,
als h�tte er keins von beidem, �nochmals pardon, Mo, sollte ihm eine Woche
sp�ter nachkommen, was offenbar bis heute nicht der Fall war. Diese Information
erreichte uns gestern, wir haben also noch eine Menge Kleinarbeit zu leisten.
Tarr wies sie an - Danny und ihre Mutter -, falls es ihm aus irgendeinem Grund
nicht m�glich sein sollte, mit ihnen in Verbindung zu treten, so m��ten sie
sich auf Gnade und Ungnade einem gewissen Peter Guillam anvertrauen. Das sind
Sie, wenn ich nicht irre.�</p><p>�Wenn sie
vor drei Tagen f�llig gewesen w�ren, was ist ihnen passiert?�</p><p>�Versp�tet.
Flugzeug verpa�t. Pl�ne ge�ndert. Flugtickets verloren. Wie zum Teufel soll
ich das wissen?�</p><p>�Oder
aber, die Information ist falsch�, schlug Guillam vor. �Das ist sie nicht�,
schnappte Alleline. Wut, Irref�hrung, Guillam klammerte sich an beide. �Na
sch�n. Die Russen haben Tarr umgedreht. Sie haben seine Angeh�rigen
her�bergeschickt - Gott wei�, warum, ich h�tte gedacht, sie legen sie auf Eis
- und ihn dazu. Was ist daran so hei�? Was f�r eine Funktion kann er haben,
wenn wir kein Wort von dem glauben, was er sagt?�</p><p>Dieses
Mal, stellte er mit Erheiterung fest, beobachteten die Zuh�rer Alleline, der, so
schien es Guillam, schwankte zwischen einer vern�nftigen, aber indiskreten
Antwort und einer, mit der er sich l�cherlich machen w�rde.</p></section><section><p>�Egal,
welche Funktion! Verwirrung stiften, Brunnen vergiften vielleicht. Etwas in
dieser Art. Uns ein Bein stellen, kurz ehe wir durch's Ziel sind.� Seine
Rundschreiben klingen genauso, dachte Guillam. Eine Metapher jagt die andere.
�Aber merken Sie sich eins: Beim ersten Zeichen, noch vor dem ersten Anzeichen,
beim ersten Pieps von ihm oder seiner Dame oder seinem T�chterlein, junger
Peter Guillam, kommen Sie zu einem von uns Erwachsenen. Zu irgendeinem, den
Sie hier am Tisch sehen. Aber sonst zu keinem Menschen. Schreiben Sie sich das
hinter die Ohren. Weil es n�mlich in diesem Laden mehr
Kompetenzen�berschneidungen gibt, als Sie wissen k�nnen oder d�rfen . . .�
Pl�tzlich kam Bewegung in die Szene. Bland hatte die H�nde in die Tasche
gerammt, latschte durchs Zimmer und lehnte sich an die r�ckw�rtige T�r.
Alleline hatte die Pfeife frisch angez�ndet und l�schte das Streichholz mit
ausholender Armbewegung, w�hrend er Guillam durch den Rauch finster anblickte.
�Wem machen Sie zur Zeit den Hof, Peter, wer ist die Gl�ckliche?� Porteous lie�
ein Blatt Papier den Tisch entlangschlittern, das Peter unterschreiben sollte.
�F�r Sie, Peter, bitte.� Paul Skordeno fl�sterte seinem russischen Nachbarn
etwas ins Ohr, und Esterhase stand unter der T�r und erteilte den M�ttern
unliebsame Anweisungen. Nur Mo Delawares schlichte braune Augen blieben
unverwandt auf Guillam gerichtet.</p><p>�Lesen Sie
es bitte vorher�, riet Porteous �lig. Guillam war bereits halbwegs damit
durch.</p><p>�Ich
best�tige hiermit, da� ich heute vom Inhalt des <emphasis>Witchcraft-</emphasis>Report Nr.
1308, Quelle Merlin, in Kenntnis gesetzt wurde�, lautete der erste Absatz. �Ich
verpflichte mich, �ber keinen Teil dieses Berichts zu anderen Mitgliedern der
Dienststelle zu sprechen oder die Existenz der Quelle Merlin zu erw�hnen. Ich
verpflichte mich ferner, alles zur Meldung zu bringen, was mir an
m�glicherweise mit diesem Material in Zusammenhang Stehendem zur Kenntnis
gelangt.�</p><p>Die T�r
war offengeblieben, und als Guillam unterschrieb, marschierte die zweite
Garnitur von London Station auf, angef�hrt von den M�ttern mit Tabletts voll
Sandwiches. Diana Dolphin, Lauder Strickland, aufgeblasen bis zum Platzen, die
M�dchen von der Verteilung, und ein sauert�pfisches altes Schlachtro� namens
Haggard, Ben Thruxtons Vorgesetzter. Guillam ging langsam hinaus und z�hlte
dabei die H�upter, denn er wu�te, da� Smiley w�rde wissen wollen, wer dagewesen
war. An der T�r gesellte sich zu seiner �berraschung Haydon zu ihm, der
anscheinend zu dem Schlu� gekommen war, da� die nun folgenden Festlichkeiten
nichts f�r ihn seien.</p><p>�Ein
Affentanz�, bemerkte Bill und winkte den M�ttern salopp zu. �Percy wird von Tag
zu Tag unertr�glicher.�</p><p>�Scheint
wirklich so�, sagte Guillam herzlich.</p><p>�Was macht
eigentlich Smiley? Sehen Sie ihn �fter? Sie waren doch ziemlich mit ihm
befreundet, oder?�</p><p>Guillams
Welt, die bis zu diesem Moment wieder zu einer halbwegs normalen Drehzahl
zur�ckzukehren schien, erhielt einen heftigen Sto�. �Bedauere�, sagte er, �er
ist gesperrt.�</p><p>�Machen
Sie mir doch nicht weis, da� Sie ein Wort von diesem Unsinn glauben�, schnaubte
Bill. Sie waren an der Treppe angelangt. Haydon ging voran.</p><p>�Und Sie?�
rief Guillam hinter ihm her. �Sehen Sie ihn �fter?�</p><p>�Und Ann
ist ihm ausger�ckt�, sagte Bill und �berh�rte die Frage. �Abgehauen mit einem
Matrosen oder Kellner oder dergleichen.� Die T�r zu seinem B�ro stand weit auf,
der Schreibtisch war mit Geheimakten �bers�t. �Stimmt das?�</p><p>�Das wu�te
ich nicht�, sagte Guillam. �Armer alter George.�</p><p>�Kaffee?�</p><p>�Ich
glaube, ich mu� gehen, vielen Dank.�</p><p>�Zum Tee
mit Bruder Tarr?�</p><p>�Genau.
Bei Fortnum. Wiedersehen.�</p><p>Im
Archivtrakt war Alwyn wieder auf seinem Posten. �Sack schwimmt schon, Sir�,
sagte er munter. �Sollte jetzt sogar schon in Brixton sein.�</p><p>�Mist!�
sagte Guillam und scho� damit seine letzte Patrone ab. �Es war was drin, was
ich gebraucht h�tte.�</p><p>Eine
emp�rende Erkenntnis �berfiel ihn: sie schien so klar und so schrecklich
naheliegend, da� er sich nur wundern konnte, wieso er erst jetzt darauf kam.
Sand war Camillas Ehemann. Sie f�hrte ein Doppelleben. Nun sah er lauter
Hinterlist und Betrug vor sich. Seine Freunde, seine Geliebten, selbst der
Circus taten sich zusammen und bildeten neue endlose Formen der Intrige. Ein
Satz von Mendel fiel ihm wieder ein, den dieser vorgestern abend bei einigen
Glas Bier in einem d�steren Vorstadt-Pub von sich ge geben hatte:</p><p>�Kopf
hoch, Peter. Jesus Christus hatte nur zw�lf, wie du wei�t, und einer von ihnen
war ein Verr�ter.� Tarr, dachte er. Dieses Schwein Ricki Tarr.</p><empty-line/><p>Peter
Guillam und George Smiley suchen einen alten Bekannten auf und Babysitter Fawn
greift taktvoll in die Unterhaltung ein</p><empty-line/><p>Der
Schlafraum war lang und niedrig, ein ehemaliges Dienstbotenzimmer im
Dachgescho�. Guillam stand an der T�r, Tarr sa� bewegungslos auf dem Bett, den
Kopf an die schr�ge Decke zur�ckgelehnt, die H�nde mit gespreizten Fingern
neben dem K�rper. �ber ihm war ein Dachfenster, und Guillam konnte von seinem
Standort aus lange Strecken schwarzen Suffolk-Lands sehen und eine Reihe
schwarzer B�ume, die sich vor dem Himmel abhob. Die einzige Gl�hbirne hing in
einem schwarzeichenen Leuchter von der Decke, sie warf seltsam geometrische
Muster auf die Gesichter, und wenn einer von ihnen sich bewegte, Tarr auf dem
Bett oder Smiley auf dem h�lzernen K�chenstuhl, so schienen sie durch ihre
Bewegung das Licht ein St�ck weit mitzunehmen, ehe es wieder zur Ruhe kam.</p><p>H�tte
Guillam Tarr f�r sich allein gehabt, so w�re er bestimmt rauh mit ihm
umgesprungen. Seine Nerven waren in Hochspannung, auf der Herfahrt hatte er
hundertvierzig erreicht und Smiley mu�te ihn scharf zur Ordnung rufen. H�tte
er Tarr f�r sich allein gehabt, er h�tte die Wahrheit aus ihm herausgepr�gelt
und notfalls Fawn als Verst�rkung geholt; am Steuer hatte er klar vor Augen
gehabt, wie er die T�r des Hauses, wo Tarr sich aufhielt, �ffnen und ihm
zun�chst ein paar kr�ftige Ohrfeigen versetzen w�rde, mit herzlichen Gr��en von
Camilla und ihrem Ex-Gatten, dem trefflichen Doktor des Fl�tenspiels. Und
vielleicht hatte Smiley in der gemeinsamen Spannung dieser Reise auf telepathischem
Weg das gleiche Bild empfangen, denn das wenige, was er sagte, war deutlich
dazu bestimmt, Guillam zu beschwichtigen. �Tarr hat uns nicht belogen, Peter.
Nicht mit Worten. Er hat nur getan, was s�mtliche Agenten auf der ganzen Welt
tun; er hat uns nicht die ganze Geschichte erz�hlt. Andererseits ist er ganz geschickt
gewesen.� Er war weit entfernt von Guillams �bler Laune, ja, er schien sogar
seltsam zuversichtlich; seine Gel�stheit ging so weit, da� er sich erlaubte,
ein Bonmot von Steed-Asprey �ber die Kunst des Doppelspiels zu zitieren; irgend
so etwas wie, da� man nicht nach Perfektion streben solle, sondern nach
Vorteilen, was Guillam wiederum auf Camilla brachte. �Karla hat Uns in den
inneren Kreis reingelassen�, verk�ndete Smiley, und Guillam machte einen
schlechten Witz �ber den Kreisverkehr. Danach beschr�nkte sich Smiley darauf,
Anweisungen zu geben und den Au�enspiegel im Auge zu behalten. Sie hatten sich
am Crystal Palace getroffen, wo Mendel sie mit einem Lieferwagen abgeholt
hatte. Sie fuhren nach Barnsbury, direkt in eine Karosseriewerkstatt am Ende
einer Kopfsteingasse, in der es von Kindern wimmelte. Dort wurden sie mit
geb�ndigtem Entz�cken von einem alten Deutschen und dessen Sohn begr��t, die
dem Lieferwagen die Nummernschilder abgenommen hatten, fast noch ehe sie ausgestiegen
waren, und sie zu einem hochfrisierten Vauxhall f�hrten, der bereits zu<sup>-</sup>
Ausfahrt durch die r�ckw�rtige T�r bereitstand. Mendel blieb zur�ck, und mit
ihm die <emphasis>Testify-Akte, </emphasis>die Guillam in seinem Reisesack
aus Brixton mitgebracht hatte; Smiley sagte: �Zur A 2�. Es herrschte wenig Verkehr,
aber kurz vor Colchester gerieten sie hinter eine Schlange von Lastwagen, und
Smiley mu�te Guillam befehlen, sich einzureihen. Einmal trafen sie einen alten
Mann, der mit drei�ig auf dem �berholstreifen fuhr. Als sie ihn auf der
falschen Seite �berholten, ri� er das Steuer j�h zu ihnen herum, er war
betrunken oder krank oder einfach erschrocken. Und einmal stie�en sie
unversehens auf eine Nebelwand, sie mu�te vom Himmel herabgefallen sein.
Guillam fuhr mitten hindurch, wegen der Vereisung wagte er nicht zu bremsen.
Hinter Colchester w�hlten sie Nebenstra�en.</p><p>Auf den
Ortsschildern standen Namen wie Little Horkesley, Wormingford und Bures Green,
dann h�rten die Ortsschilder auf, und Guillam hatte das Gef�hl, nirgendwo zu
sein. �Jetzt links und am Pf�rtnerhaus nochmals nach links. Fahren Sie, soweit
es geht, aber parken Sie nicht am Gitter.� Sie kamen zu einer Art Weiler, aber
man sah keine Lichter, keine Leute, keinen Mond. Als sie ausstiegen, fiel die
K�lte sie an, und Guillam roch einen Kricketplatz und Holzrauch und Weihnachten,
alles zugleich; er glaubte, niemals an einem so ruhigen oder so kalten oder so
abgelegenen Ort gewesen zu sein. Ein Kirchturm ragte vor ihnen auf, auf einer
Seite lief ein wei�er Zaun entlang, und oben auf dem H�gel stand ein Geb�ude,
das er f�r das Pfarrhaus hielt, ein niedriges, unregelm��ig angelegtes Haus,
teilweise mit Stroh gedeckt, er konnte den Giebelrand gegen den Himmel
ausmachen. Fawn erwartete sie: sobald sie standen, kam er zum Wagen und
kletterte schweigend in den R�cksitz. �Mit Ricki geht's heute vie l besser,
Sir�, meldete er. Er hatte offensichtlich in den letzten Tagen regelm��ig an
Smiley Meldung gemacht. Er war ein ausgeglichener, stiller Junge voller
Diensteifer, aber die �brige Brixton-Meute schien ihn zu f�rchten, Guillam
wu�te nicht, warum. �Nicht so nerv�s, entspannter w�rde ich sagen. Hat am
Vormittag seine Partie Billard gespielt, spielt gern Billard , der Ricki,
nachmittags haben wir f�r Miss Ailsa Tannen ausgegraben, damit sie sie zum
Markt fahren konnte. Am Abend haben wir ein Kartenspielchen gemacht, und dann
ging's fr�h zu Bett.�</p><p>�Ist er
allein fortgewesen?� fragte Smiley. �Nein, Sir.�</p><p>�Hat er
das Telefon benutzt?�</p><p>�Um Gottes
willen, nein, Sir, nicht solange ich in der N�he bin, und bestimmt auch nicht,
solange Miss Ailsa da ist.� Ihr Atem hatte die Wagenfenster beschlagen, aber
Smiley wollte nicht, da� der Motor lief, und daher arbeiteten auch Heizung und
Entl�ftung nicht.</p><p>�Hat er
von seiner Tochter Danny gesprochen?�</p><p>�Am
Wochenende die ganze Zeit. Jetzt hat sich's ein bi�chen gelegt. Ich meine, er
hat sich die beiden sozusagen aus dem Gem�t geschlagen.�</p><p>�Er hat
nicht davon gesprochen, sie wiederzusehen?�</p><p>�Nein,
Sir.�</p><p>�Nichts
�ber Vorbereitungen zu einem Treffen, wenn diese Geschichte hier vor�ber ist?�</p><p>�Nein,
Sir.�</p><p>�Oder da�
er die beiden nach England holen will?�</p><p>�Nein,
Sir.�</p><p>�Und da�
er ihnen Papiere verschaffen will?�</p><p>�Nein,
Sir.�</p><p>Guillam
fiel gereizt ein: �Wor�ber hat er also gesprochen, Herrgott noch mal?�</p><p>��ber die
russische Dame, Sir. Irina. Er liest gern in ihrem Tagebuch. Er sagt, wenn der
Maulwurf geschnappt wird, l��t er ihn vom Circus gegen Irina eintauschen. Dann
verschaffen wir ihr ein h�bsches Pl�tzchen, Sir, wie es Miss Ailsa hat, aber
droben in Schottland, wo es noch h�bscher ist. Er sagt, mich wird er auch nicht
vergessen. Gibt mir einen feinen Job im Circus. Er redet mir zu, ich soll eine
Fremdsprache lernen, dann hab' ich mehr M�glichkeiten.�</p><p>Der
gleichm��igen Stimme von hinten, aus dem Dunkeln, war nicht anzuh�ren, was Fawn
von diesem Rat hielt. �Wo ist er jetzt?�</p><p>�Im Bett,
Sir.�</p><p>�Schlie�en
Sie die T�ren leise.�</p><p>Ailsa
Brimley wartete in der Vorhalle auf sie: eine grauhaarige Sechzigerin mit
festem, gescheitem Gesicht. Sie war fr�her beim Circus, hatte Smiley gesagt,
eine von Lord Landsburys Codiererinnen w�hrend des Krieges, jetzt im
Ruhestand, aber noch immer gro�artig. Sie trug ein adrettes braunes Kost�m. Sie
sch�ttelte Guillam die Hand, sagte �Angenehm�, verriegelte die T�r, und als er
wieder nach ihr schaute, war sie verschwunden. Smiley ging die Treppe hinauf
voran. Fawn sollte auf dem unteren Absatz warten, falls er gebraucht w�rde.</p><p>�Ich
bin's, Smiley�, sagte er und klopfte an Tarrs T�r. �Ich m�chte ein bi�chen mit
Ihnen plaudern.�</p><p>Tarr �ffnete
sofort. Er mu�te sie kommen geh�rt und hinter der T�r gewartet haben. Er
�ffnete sie mit der linken Hand, in der rechten hielt er den Revolver, und er
blickte an Smiley vorbei in den Korridor.</p><p>�Ist nur
Guillam�, sagte Smiley. �Eben,� sagte Tarr. �Babies k�nnen bei�en.� Sie traten
ein. Er trug Trainingshosen und eine Art billigen malaiischen �berwurf.
Kreuzwortkarten lagen �ber den ganzen Fu�boden verstreut, in der Luft hing der
Geruch nach einem Curry-Gericht, das er sich auf einem Kocher zubereitet
hatte. �Tut mir leid, Sie zu bel�stigen�, sagte Smiley mit einer Miene
aufrichtigen Bedauerns. �Aber ich mu� Sie nochmals fragen, was Sie mit diesen
Schweizer Notp�ssen angefangen haben, die Sie nach Hongkong mitkriegten.�</p><p>�Warum?�
sagte Tarr schlie�lich.</p><p>Seine
flotte Art war dahin. Das Gesicht zeigte Gef�ngnisbl�sse, er hatte abgenommen,
und w�hrend er auf dem Bett sa�, den Revolver auf dem Kissen neben sich,
forschten seine Augen fieberhaft in den Z�gen der beiden M�nner, sein
Mi�trauen war grenzenlos.</p><p>Smiley
sagte: �H�ren Sie zu. Ich m�chte Ihre Geschichte gern glauben. Nach wie vor.
Sobald wir das wissen, respektieren wir Ihr Privatleben. Aber wir m�ssen es
wissen. Es ist ungemein wichtig. Ihre ganze Zukunft steht und f�llt damit.�
Und noch eine ganze Menge au�erdem, dachte Guillam und beobachtete schweigend;
ein ganzes B�ndel labyrinthischer Berechnungen hing an einem Faden, wenn
Guillam Smiley �berhaupt kannte.</p><p>�Ich hab'
schon gesagt, ich verbrannte sie. Die Nummern st�rten mich. Ich sch�tzte, da�
sie aufgeflogen waren. H�tte mir genausogut ein Schild um den Hals h�ngen
k�nnen: &gt;Tarr, Ricki Tarr, steckbrieflich gesucht&lt;, wie diese P�sse
benutzen.� Smileys Fragen kamen furchtbar langsam. Selbst Guillam konnte sie in
der tiefen Stille der Nacht kaum noch erwarten. �Womit verbrannten Sie die
P�sse?�</p><p>�Das
d�rfte doch wohl egal sein?�</p><p>Aber
Smiley schien keine Lust zu haben, die Gr�nde f�r seine Fragen zu erl�utern, er
lie� einfach das Schweigen seine Wirkung tun und war offenbar �berzeugt, da�
sie nicht ausbleiben werde. Guillam hatte ganze Verh�re so f�hren sehen: ein
ausgekl�gelter Katechismus, unter vielen Schichten von Routinefragen versteckt,
erm�dende Pausen, w�hrend jede Antwort in Langschrift festgehalten wurde und
das Hirn des Verd�chtigen sich bei der einzigen Frage des Inquisitors mit
tausend weiteren qu�lte, und von Tag zu Tag vermochte er weniger an seiner
Geschichte festzuhalten.</p><p>�Als Sie
Ihren britischen Pa� auf den Namen Poole kauften�,</p><p>fragte
Smiley nach einem weiteren Jahrhundert, �haben Sie da noch mehr P�sse von der
gleichen Quelle gekauft?�</p><p>�Warum
sollte ich?�</p><p>Aber
Smiley geruhte nicht zu antworten.</p><p>�Warum
sollte ich?� wiederholte Tarr. �Ich bin schlie�lich kein Sammler, Hergott noch
mal, ich wollte blo� raus von dort unten.�</p><p>�Und Ihr
Kind sch�tzen�, warf Smiley mit verst�ndnisvollem L�cheln ein. �Und auch dessen
Mutter, wenn irgend m�glich. Bestimmt haben Sie sich den Kopf zerbrochen, wie
Sie's anstellen k�nnten�, sagte er in anerkennendem Ton. �Schlie�lich konnten
Sie die beiden nicht gut diesem jagdeifrigen Franzosen ausliefern, wie?�</p><p>Smiley
wartete und schien inzwischen die Karten zu betrachten, las die W�rter in der
Senkrechten und in der Waagrechten. Sie waren nichts Besonderes: irgendwelche
zuf�lligen W�rter. Eines war falsch geschrieben, wie Guillam feststellte. Was
tut er blo� die ganze Zeit dort droben, fragte sich Guillam, in dieser stinkenden
Wanzenburg von Hotel? Welchen verstohlenen Spuren ist er im Geist
nachgeschlichen, zwischen Ketchup-Flaschen und Handlungsreisenden eingesperrt?</p><p>�Na
sch�n�, sagte Tarr m�rrisch, �ich habe also P�sse f�r Danny und ihre Mutter
gekriegt. Mrs. Poole, Miss Danny Poole. Und was tun wir jetzt: uns weinend an
den Busen sinken?� Wieder wurde das Schweigen zum Ankl�ger. �Warum haben Sie
uns das nicht gleich gesagt?� fragte Smiley im Tonfall eines entt�uschten
Vaters. �Wir sind keine Unmenschen. Wir wollen die beiden nicht ins Ungl�ck
st�rzen. Warum haben Sie es uns nicht gesagt? Vielleicht h�tten wir Ihnen sogar
helfen k�nnen�, und wandte sich wieder der Betrachtung der Karten zu. Tarr
mu�te mehrere P�ckchen benutzt haben, sie lagen in Mengen auf dem Kokosteppich.
�Warum haben Sie es uns nicht gesagt?� wiederholte er. �Es ist kein Verbrechen,
f�r die Menschen zu sorgen, die man liebt.�</p><p>Wenn sie
einen lassen, �berlegte Guillam und dachte dabei an Camilla.</p><p>Um Tarr
die Antwort zu erleichtern, machte Smiley selber ein paar hilfreiche
Vorschl�ge. �Vielleicht, weil Sie in die Spesenkasse gegriffen haben, um diese
britischen P�sse zu bezahlen? Haben Sie es uns deshalb nicht sagen wollen? Du
lieber Gott, kein Mensch schert sich hier um Geld. Sie haben uns wertvolle
Informationen geliefert. Warum sollten wir um ein paar tausend Dollar
markten?� Und die Zeit tr�pfelte weiter, und niemand nutzte sie. �Oder
vielleicht�, schlug Smiley vor, �weil Sie sich gesch�mt haben?�</p><p>Guillam
straffte sich, seine eigenen Probleme waren vergessen. �Ich meine, Sie haben
sich vielleicht ganz einfach gesch�mt. Es war schlie�lich nicht sehr ritterlich,
Danny und ihre Mutter mit ung�ltigen P�ssen diesem sogenannten Franzosen
auszuliefern, der so eifrig hinter Mr. Poole her war? W�hrend Sie selber sich
davonmachten und als VIP reisten? Ein gr��licher Gedanke�, best�tigte Smiley,
als h�tte Tarr, nicht er, diese Erkl�rung vorgebracht.</p><p>�Gr��lich,
wenn man sich vorstellt, wie weit Karla gehen w�rde, um sich Ihres Schweigens
zu versichern. Oder Ihrer Dienste.� Der Schwei� auf Tarrs Gesicht wurde
pl�tzlich unertr�glich. El war einfach zu viel, es sah aus wie Str�me von
Tr�nen. Die Karten interessierten Smiley jetzt nicht mehr, sein Auge ruhte auf
einem anderen Zeitvertreib. Es war ein Spielzeug, bestehend aus zwei
Stahlst�ben, wie die Griffe einer Zange. Der Trick bestand darin, da� man eine
Stahlkugel zwischen ihnen entlangrollen lie�. Je weiter die Kugel rollte, um so
mehr Punkte bekam man, wenn die Kugel in ein Loch darunter fiel.</p><p>�Ein
weiterer Grund, warum Sie es uns nicht erz�hlen wollten, war wohl der, da� Sie
sie verbrannt haben. Ich meine, Sie verbrannten die <emphasis>britischen
</emphasis>P�sse, nicht die schweizerischen.� Sieh dich vor, George, dachte
Guillam und schob sich behutsam einen Schritt n�her heran, um den freien Raum
zwischen ihnen zu verkleinern. Sieh dich blo� vor.</p><p>�Sie
wu�ten, da� Poole aufgeflogen war, also verbrannten Sie die Poole-P�sse, die
Sie f�r Danny und ihre Mutter gekauft hatten. Ihren eigenen aber behielten Sie,
weil Ihnen nichts anderes �brigblieb. Dann buchten Sie die Reise f�r die
beiden auf den Namen Poole, um jedermann zu �berzeugen, da� Sie die Poole-P�sse
noch immer f�r verwendbar hielten. Mit jedermann meine ich Karlas Observanten,
ja? Sie haben die Schweizer Notp�sse aufgetakelt, einen f�r Danny, einen f�r
ihre Mutter, im Vertrauen darauf, da� die Nummern nicht nachgepr�ft w�rden, und
machten dann eine zweite Reservierung, diesesmal nicht in aller �ffentlichkeit.
Eine Reservierung f�r einen fr�heren Zeitpunkt als die der Damen Poole. Wie
war's damit? Die beiden w�rden in Ostasien bleiben, aber an einem anderen Ort,
zum Beispiel in Djakarta: irgendwo, wo Sie Freunde haben.�</p><p>Sogar von
seinem neuen Standplatz aus brauchte Guillam zu lange. Tarrs H�nde schlossen
sich um Smileys Kehle, der Stuhl kippte um, und Tarr st�rzte ebenfalls. Aus dem
Haufen suchte Guillam sich Tarrs Arm heraus und verdrehte ihn auf dem R�cken,
wobei er ihn beinah gebrochen h�tte. Aus dem Nichts erschien Fawn, nahm die
Pistole vom Kopfkissen und ging wieder zu Tarr, als wolle er ihm helfen. Dann
zog Smiley seinen Anzug zurecht, und Tarr sa� wieder auf dem Bett und betupfte
sich den Mund mit einem Taschentuch.</p><p>Smiley
sagte: �Ich wei� nicht, wo sie sind. Soviel ich wei�, ist ihnen nichts
geschehen. Sie glauben mir doch, nicht?� Tarr starrte ihn an und wartete. Seine
Augen waren wei� und voll Zorn, aber �ber Smiley hatte sich eine An Ruhe
gesenkt, und Guillam vermutete, da� er die erhoffte Best�tigung erhalten hatte.
�Sie sollten sich verdammt noch mal lieber um Ihre eigene Frau k�mmern und
meine in Ruhe lassen�, fl�sterte Tarr hinter vorgehaltener Hand. Mit einem
Aufschrei st�rzte Guillam auf ihn zu, aber Smiley hielt ihn zur�ck.</p><p>�Solange
Sie nicht versuchen, sich mit ihnen in Verbindung zu setzen�, fuhr Smiley fort,
�ist es wahrscheinlich besser, wenn ich es nicht wei�. Es sei denn, Sie
m�chten, da� ich irgend etwas f�r sie tue. Geld oder Schutz oder irgendeine
Hilfe?� Tarr sch�ttelte den Kopf. Er hatte Blut im Mund, eine ganze Menge, und
Guillam war klar, da� Fawn in geschlagen haben mu�te, aber er hatte es nicht
gesehen.</p><p>�Es wird
nicht mehr lange dauern�, sagte Smiley. �Eine Woche vielleicht. Weniger, wenn
ich es machen kann. Versuchen Sie, nicht dauernd dran zu denken.�</p><p>Als sie
dann gingen, grinste Tarr wieder, woraus Guillam schlo�, da� der Besuch oder
sein Ausfall gegen Smiley oder der Schlag ins Gesicht ihm gutgetan hatten.</p><p>�Diese
Fu�ball-Tippscheine�, sagte Smiley gelassen zu Fawn, als sie ins Auto
kletterten: �Sie geben sie doch nicht zur Post, oder?�</p><p>�Nein,
Sir.�</p><p>�Wir
k�nnen nur hoffen und beten, da� er keinen Treffer hat�, bemerkte Smiley in
einer h�chst ungew�hnlichen Anwandlung von Scherzhaftigkeit, und alles lachte.</p><p>Das
Ged�chtnis spielt einem ersch�pften, �berladenen Gehirn seltsame Streiche.
W�hrend Guillam fuhr und ein Teil seines bewu�ten Denkens auf die Stra�e
gerichtet war und der andere sich mit zunehmend abstruseren Vermutungen �ber
Camilla herumschlug, zogen Bilder aus diesem und anderen langen Tagen unkontrolliert
durch seinen Kopf. Tage schieren Entsetzens in Marokko, als seine Agenten einer
um den anderen ausfielen, und er bei jedem Schritt, der auf der Treppe h�rbar
wurde, ans Fenster st�rzte und auf die Stra�e sp�hte; m��ige Tage in Brixton,
als er diese armselige Welt drau�en vorbeigleiten sah und sich fragte, wann er
wohl wieder zu ihr geh�ren werde. Und pl�tzlich lag der schriftliche Bericht
wieder vor ihm auf dem Schreibtisch: auf Blaupause abgezogen, weil er
�berspielt worden war, Quelle unbekannt und wahrscheinlich unzuverl�ssig, und
jedes Wort stand in fu�hohen Lettern vor ihm:</p><p><emphasis>Nach
Aussage eines k�rzlich aus Lubianka entlassenen Gefangenen hat die Zentrale
Moskau im vergangenen Juli im Hinrichtungsblock eine geheime Exekution
durchgef�hrt. Die Opfer waren drei ihrer eigenen Funktion�re. Eines war eine
Frau. Alle drei wurden durch Genickschu� liquidiert. </emphasis>�Er trug
den Stempel &gt;international&lt;�, sagte Guillam dumpf. Sie hatten auf einem
Platz neben dem Rasthaus geparkt, das mit bunten Gl�hbirnen beh�ngt war.
�Irgendwer von London Station hatte daraufgekritzelt: <emphasis>Kann
jemand die Toten identifizieren?� </emphasis>Im farbenfrohen Schein der Lichter
sah Guillam, wie Smileys Gesicht sich vor Abscheu verzog.</p><p>�Ja�,
best�tigte er schlie�lich. �Ja, die Frau war nat�rlich Irina, nicht wahr? Der
eine war Iwlow und der andere war Boris, ihr Mann, nehme ich an.� Seine Stimme
war ganz sachlich geblieben. �Tarr darf es nicht erfahren�, fuhr er energischer
fort, als sch�ttelte er seine M�digkeit ab. �Es ist wichtig, da� er nichts
davon ahnt. Gott wei�, was er tun oder nicht tun w�rde, wenn er w��te, da�
Irina tot ist.� Eine Weile blieben beide regungslos sitzen, vielleicht fehlte
beiden, wenn auch aus verschiedenen Gr�nden, die Kraft oder der Mut.</p><p>�Ich
sollte telefonieren�, sagte Smiley, machte aber keinerlei Versuch,
auszusteigen. �George?�</p><p>�Ich mu�
telefonieren�, murmelte er. �An Lacon.�</p><p>�Dann
telefonieren Sie doch.� Guillam langte �ber ihn hinweg und �ffnete die T�r.</p><p>Smiley
kletterte aus dem Wagen, marschierte ein St�ck �ber den geteerten Platz, dann
schien er es sich anders �berlegt zu haben und kam zur�ck.</p><p>�Kommen
Sie, wir essen etwas�, rief er im gleichen zerstreuten Tonfall durchs Fenster.
�Ich glaube, nicht einmal Tobys Leute w�rden uns hierher folgen.�</p><p>Es war
fr�her ein Restaurant gewesen und jetzt ein Fernfahrer-</p><p>Cafe mit
Resten vergangener Pracht. Die Speisekarte war in rotes Leder gebunden und
voller Fettflecke. Der Junge, der sie brachte, schlief beinahe.</p><p><emphasis>�Coq au
vin </emphasis>soll angeblich eine sichere Sache sein�, sagte Smiley voll
Galgenhumor, als er aus der Telefonzelle in der Ecke zur�ckkam. Und mit
ruhigerer Stimme, die nicht weit trug und kein Echo ausl�ste: �Sagen Sie,
wieviel wissen Sie �ber Karla?�</p><p>�Ungef�hr
soviel, wie ich �ber <emphasis>Witchcraft </emphasis>und die
Quelle Merlin und all das wei�, was sonst noch auf dem Papier stand, das ich
f�r Porteous unterzeichnet habe.�</p><p>�Aha, das
ist zuf�llig eine ausgezeichnete Antwort. Sie war vermutlich als Vorwurf
gedacht, aber zuf�llig war die Analogie �u�erst treffend.� Der Junge erschien
wieder, er schwang eine Flasche Burgunder wie eine Gymnastikkeule. �Lassen Sie
sie bitte ein bi�chen zu Atem kommen.� Der Junge starrte Smiley an wie einen
Irren. �Machen Sie sie auf, und lassen Sie sie auf dem Tisch stehen�, sagte
Guillam kurz.</p><p>Smiley
erz�hlte nicht die ganze Geschichte. Sp�ter stellte Guillam verschiedene
L�cken fest. Aber es gen�gte, um seine Lebensgeister aus den Niederungen zu
befreien, in denen sie sich verfangen hatten.</p><empty-line/><p>Bei karger
Kost berichtet George Smiley von seinem Versuch, Mr. Gerstmann das Leben zu
retten</p><empty-line/><p>�Es geh�rt
zum Beruf der Agentenf�hrer, da� sie sich selber in Legenden verwandeln�,
begann Smiley, fast als hielte er einen Vortrag vor Kursteilnehmern in der <emphasis>Nursery. </emphasis>�Sie tun
dies zun�chst, um ihre Agenten zu beeindrucken. Sp�ter probieren sie es bei
ihren Kollegen und machen sich damit, nach meiner pers�nlichen Erfahrung, nur
l�cherlich. Manche gehen sogar so weit, da� sie es selber glauben. Das sind die
Scharlatane, man mu� sie so schnell wie m�glich absto�en, eine andere
M�glichkeit gibt es nicht.� Dennoch, Legenden wurden geschaffen, und eine von
ihnen war Karla. Sogar sein Alter war ein Geheimnis. H�chstwahrscheinlich war
Karla nicht sein richtiger Name. Jahrzehnte seines Lebens lagen v�llig im
dunkeln und w�rden es wohl auch immer bleiben, denn die Leute, mit denen er
arbeitete, hatten die Eigenheit, pl�tzlich zu sterben oder wie Gr�ber zu
schweigen. �Es hei�t, sein Vater sei in der O<emphasis>chrana </emphasis>gewesen
und sp�ter in der <emphasis>Tscheka </emphasis>aufgetaucht. Das mag stimmen, aber
ich glaube es nicht. Andere Quellen wollen wissen, da� er als K�chenjunge in
einem Panzerzug gegen die japanischen Besatzungstruppen im Osten gearbeitet
habe. Angeblich hat er seine Technik von Berg gelernt - soll genau gesagt sein
Lieblingsj�nger gewesen sein -, was ungef�hr so ist, als studierte ein junger
Musiker bei.. ach, nehmen Sie irgendeinen gro�en Komponisten. F�r mich begann
seine Karriere im Jahr sechsunddrei�ig in Spanien, denn daf�r haben wir
Beweise. Er trat damals als wei�russischer Journalist bei den Franco-Leuten auf
und rekrutierte eine Mannschaft deutscher Agenten. Es war eine h�chst
schwierige Operation und bemerkenswert f�r einen so jungen Mann. Dann begegnen
wir ihm wieder bei der sowjetischen Gegenoffensive auf Smolensk im Herbst
einundvierzig, als Abwehroffizier unter Konew. Er hatte die Aufgabe,
Partisanennetze hinter den deutschen Linien zu f�hren. Bei dieser Gelegenheit
entdeckte er, da� sein Funker umgedreht worden war und Botschaften an den
Feind funkte. Er drehte ihn wieder zur�ck und veranstaltete von da an ein
Funkfeuerwerk, das ein heilloses Durcheinander stiftete.�</p><p>Auch dies
sei ein Teil der Legende, sagte Smiley: Es sei Karlas Verdienst gewesen, da�
die Deutschen bei Yelnia ihre eigene Front unter Beschu� nahmen.</p><p>�Und
zwischen diesen beiden Auftritten�, fuhr er fort, �also zwischen
sechsunddrei�ig und zweiundvierzig, besuchte Karla England, wir nehmen an, f�r
ein halbes Jahr. Aber noch heute wissen wir nicht - das hei�t, wei� <emphasis>ich </emphasis>nicht -,
unter welchem Namen und welcher Tarnung. Was nicht hei�en mu�, da� Gerald es
nicht wei�. Aber Gerald wird es uns kaum erz�hlen, jedenfalls nicht absichtlich.�</p><p>Smiley
hatte noch nie so mit Guillam gesprochen. Er hielt nichts von Vertraulichkeiten
oder langen Vortr�gen; Guillam kannte ihn als einen bei aller Eitelkeit sehr
sch�chternen Menschen, der sich wenig von einem Meinungsaustausch versprach.
�'48 wurde Karla, der seinem Land stets loyal gedient hatte, ns Gef�ngnis
geschickt und anschlie�end nach Sibirien. Das Ganze hatte nichts mit seiner
Person zu tun. Er geh�rte nur zuf�llig zu einer der roten Abwehrgruppen, die
der einen oder anderen S�uberungsaktion zum Opfer fielen.�</p><p>Und mit
Sicherheit sei er, fuhr Smiley fort, nach Stalins Tod und seiner
Rehabilitierung nach Amerika gegangen, denn als die indischen Beh�rden ihn im
Sommer '55 unter dem vagen Vorwand eines Versto�es gegen die
Einwanderungsbestimmungen festgenommen hatten, war er gerade aus Kalifornien
gelandet. Der Circus-Klatsch brachte ihn sp�ter mit den gro�en
Hochverrats-Skandalen in England und den Vereinigten Staaten in Verbindung.
Smiley wu�te es besser: �Karla war wieder in Ungnade gefallen. Moskau lechzte
nach seinem Blut, und wir dachten, wir k�nnten ihn jetzt auf unsere Seite
bringen. Deshalb flog ich nach Delhi. Um mich mit ihm zu unterhalten.�</p><p>Er schwieg
eine Weile, als der m�de Junge her�bergeschlurft kam und sich erkundigte, ob
alles nach Wunsch sei. Smiley bejahte die Frage pflichtschuldigst.</p><p>�Die
Geschichte meiner Begegnung mit Karla�, fuhr er fort, �ist typisch f�r die
Stimmung der damaligen Zeit. In den f�nfziger Jahren war die Moskauer Zentrale
am Boden zerst�rt. Ranghohe Beamte wurden aus unerfindlichen Gr�nden erschossen
oder ausgemerzt, und bei den unteren Chargen w�tete der Massenwahnsinn. In
der Folge liefen die im Ausland stationierten Beamten der Zentrale scharenweise
�ber. Aus der ganzen Welt, Singapur, Nairobi, Stockholm, Canberra, Washington
und was wei� ich sonst noch, bekamen wir den gleichen stetigen Zulauf von den
Au�enstellen geschickt: nicht direkt die gro�en Fische, aber die Kuriere,
Fahrer, Chiffreure, Stenotypistinnen. Irgendwie mu�ten wir reagieren - ich glaube,
niemand macht sich je klar, in welchem Ma� die Industrie selber ihre Inflation
anheizt -, und im Handumdrehen wurde ich eine Art Handlungsreisender, flog an
einem Tag in eine Metropole, am n�chsten zu einem gottverlassenen Grenzkaff und
einmal sogar zu einem Schiff auf hoher See, um Abschl�sse mit abtr�nnigen
Russen zu machen. Um die Spreu vom Weizen zu scheiden, die Bedingungen
festzulegen, f�r Desinformation und eventuelle Verwendung zu sorgen.� Guillam
beobachtete ihn unabl�ssig, aber selbst unter dem gnadenlosen Neonlicht
verrieten Smileys Z�ge nichts als leicht bem�hte Konzentration. �Wir hielten
f�r Leute, deren Geschichten Hand und Fu� hatten, sozusagen drei Arten von
Vertr�gen bereit. Hatte der Klient nichts Interessantes zu bieten, so verh�kerten
wir ihn an ein anderes Land und Schwamm dr�ber. Auf Vorrat kaufen, nennt man
das wohl, so wie es die Skalpj�ger heute machen. Oder wir spielten ihn wieder
nach Ru�land zur�ck: Vorausgesetzt, da� sein Verrat dort noch nicht bekannt
war. Und wenn einer Gl�ck hatte, dann nahmen wir ihn; holten alles aus ihm
heraus, was er wu�te, und setzten ihn neu ein. Im allgemeinen entschied London
dar�ber. Nicht ich. Aber bedenken Sie eins: Damals war Karla - oder Gerstmann,
wie er sich nannte - nur einer von vielen Klienten. Ich habe seine Geschichte
von r�ckw�rts erz�hlt. Es sollte keine Geheimnistuerei sein, Sie m�ssen sich
vielmehr jetzt, bei allem, was zwischen uns vorging oder besser gesagt nicht
vorging, stets vor Augen halten, da� ich und alle anderen im Circus lediglich
wu�ten: ein Mann, der sich Gerstmann nannte, installierte eine Richtfunk-Br�cke
zwischen Rudnew, dem Chef der illegalen Netze in der Moskauer Zentrale, und
einem von der Zentrale gesteuerten Apparat, der mangels Kommunikationsmittel
brachlag. Sonst nichts. Gerstmann hatte �ber die kanadische Grenze einen Sender
eingeschmuggelt und drei Wochen in San Francisco verbracht, um den neuen
Sendetechniker einzuarbeiten. So lautete die Vermutung, und sie wurde durch
eine Reihe von Testsendungen best�tigt.�</p><p>F�r diese
Testsendungen zwischen Moskau und Kalifornien, erkl�rte Smiley, sei ein
vereinbarter Code benutzt worden. �Dann, eines sch�nen Tages, gab Moskau einen
direkten Befehl durch...�</p><p>�Auch nach
dem vereinbarten Code?�</p><p>�Genau.
Das ist der springende Punkt. Dank einer kleinen Fahrl�ssigkeit von Rudnews
Codierern waren wir um eine Nasenl�nge voraus. Unsere Funker haben ihren Code
geknackt, und so kamen wir an unsere Information. Gerstmann sollte San
Francisco verlassen und sich in Delhi mit dem Tass-Korrespondenten treffen,
einem Talentsucher, der auf eine hei�e chinesische Spur gesto�en sei und
sofortige Anleitung n�tig habe. Warum er dazu von San Francisco nach Delhi
mu�te, und warum es ausgerechnet Karla sein mu�te - davon sp�ter. Wichtig ist
nur: Als Gerstmann sich am Treffpunkt in Delhi einstellte, h�ndigte der
Tass-Mann ihm ein Flugticket aus und bestellte ihm, er m�sse unverz�glich
zur�ck nach Moskau. Keine Fragen. Der Befehl kam von Rudnew pers�nlich. Er war
mit Rudnews Arbeitsnamen unterzeichnet und selbst f�r russische Ma�st�be
�u�erst barsch.� Woraufhin der Tass-Mann das Weite suchte, und Gerstmann stand
da mit einer Menge Fragen und achtundzwanzig Stunden Zeit bis zum Abflug.</p><p>�Er blieb
aber nicht lange so stehen, denn die indischen Beh�rden nahmen ihn auf unser
Ersuchen hin fest und transportierten ihn ins Gef�ngnis von Delhi. Soviel ich
mich erinnere, hatten wir den Indern einen Anteil am Produkt versprochen. Ich <emphasis>glaube </emphasis>jedenfalls,
so war's�, bemerkte er, verstummte und blickte abwesend durch den rauchigen
Raum, wie jemand, der durch das Versagen seines Ged�chtnisses zutiefst
betroffen ist. �Oder vielleicht haben wir auch gesagt, sie k�nnten ihn haben,
wenn wir mit ihm fertig seien. Ach, du liebe Zeit.�</p><p>�Ist ja
egal�, sagte Guillam.</p><p>�Es war
das einzige Mal in Karlas Leben, wie gesagt, da� der Circus ihm voraus war�,
fuhr Smiley fort, nachdem er einen Schluck Wein getrunken und ein saures
Gesicht geschnitten hatte. �Er konnte es nicht wissen, aber das Netz in San
Francisco, das er gerade eingerichtet hatte, war am Tag seines Abflugs nach
Delhi mit Haut und Haaren aufgerollt worden. Die St�psler hatten alles
mitgeh�rt, Control verkaufte die Geschichte, sobald er sie von den Funkern
bekam, an die Amerikaner, die vereinbarungsgem�� Karla unbehelligt lie�en,
aber das �brige kalifornische Netz Rudnews zerschlugen. Gerstmann flog
ahnungslos nach Delhi, und er hatte noch immer keine blasse Ahnung, als ich ins
Gef�ngnis von Delhi kam, um ihm eine Versicherungspolice zu verkaufen, wie
Control es nannte. Karlas Wahl war sehr einfach. Nach dem Stand der Dinge war
nicht daran zu zweifeln, da� Gerstmanns Kopf in Moskau auf dem Block lag, da
Saschtazy dort alles tat, um ihm das Auffliegen des kalifornischen Netzes anzulasten.
Die Aff�re hatte in den Staaten gro�en Wirbel gemacht, und Moskau war �ber
diese Publicity sehr erbost. Ich hatte die amerikanischen Pressefotos von der
Festnahme bei mir; sogar ein Foto des Sendeger�ts, das Karla eingeschmuggelt
hatte, und der Signalpl�ne, die er vor seinem Abflug in einem Versteck deponierte.
Sie wissen, wie kribbelig wir alle werden, wenn etwas in die Presse gelangt.�</p><p>Guillam
wu�te es; und in j�hem Schreck dachte er an die Akte <emphasis>Testify, </emphasis>die er zu
Beginn dieses Abends an Mendel weitergegeben hatte.</p><p>�Kurzum,
Karla war das sprichw�rtliche Waisenkind des Kalten Krieges. Er hatte seine
Heimat verlassen, um eine Sache im Ausland zu erledigen. Die Sache war
geplatzt, aber er konnte nicht zur�ck: die Heimat war feindseliger als die
Fremde. Wir konnten nicht daf�r sorgen, da� er st�ndig eingesperrt blieb, also
war es Karla anheimgestellt, unseren Schutz zu erbitten. Ich glaube, ich habe
nie einen idealeren Fall f�r einen Frontwechsel gesehen. Ich mu�te ihn nur
davon �berzeugen, da� das Netz in San Francisco im Gef�ngnis sa�, mu�te ihm die
Pressefotos und Zeitungsausschnitte aus meiner Brieftasche vor die Nase
halten, ihm ein wenig von den unfreundlichen Machenschaften Br�derchen Rudnews
in Moskau erz�hlen, daraufhin an die ziemlich �berarbeiteten Inquisitoren in
Sarratt telegrafieren, und mit ein bi�chen Gl�ck k�nnte ich am Wochenende
wieder in London sein. Ich glaube sogar, ich hatte Karten f�r das &gt;Sadlers
Wells&lt;. Ann schw�rmte in diesem Jahr f�rs Ballett.�</p><p>Ja, auch
davon hatte Guillam geh�rt. Ein zwanzigj�hriger wallisischer Apoll, der
Wunderknabe der Saison. London hatte monatelang �ber die beiden gel�stert.</p><p>Die Hitze
im Gef�ngnis war m�rderisch, fuhr Smiley fort. In der Mitte der Zelle stand ein
Eisentisch, Vieh-Halteringe waren ringsum in die W�nde eingelassen. �Sie
f�hrten ihn in Handschellen herein, was albern schien, denn er war so
schm�chtig; ich bat sie, ihm die Handfesseln zu l�sen, und als er die H�nde
frei hatte, legte er sie vor sich auf den Tisch und sah zu, wie das Blut
zur�ckstr�mte. Es mu�te schmerzhaft gewesen sein, aber er �u�erste sich nicht
dazu. Er war seit einer Woche hier und trug einen Kattunkittel. Rot. Ich habe
vergessen, was das Rot bedeutete. Irgendeine Einstufung.� Er trank einen
Schluck Wein, verzog wieder das Gesicht, dann wechselte sein Ausdruck, als die
Erinnerungen sich erneut zu Wort meldeten. �Also, auf den ersten Blick machte
er wenig Eindruck auf mich. Ich h�tte schwerlich in dem kleinen Burschen vor
mir den schlauen Fuchs aus dem Brief der armen Irina erkannt. Wahrscheinlich stimmt
es auch, da� meine Nervenenden ein bi�chen abgestumpft waren von den vielen
�hnlichen Begegnungen in den letzten Monaten, den Reisen und den - nun ja, den
Vorg�ngen zu Hause.� In den vielen Jahren, die Guillam ihn nun kannte, hatte
Smiley nie ann�hernd so deutlich auf Anns Untreue angespielt. �Aus irgendeinem
Grund hat es ganz sch�n weh getan.� Seine Augen waren ge�ffnet, aber sein Blick
richtete sich auf eine innere Welt. Die Haut der braunen Wangen war gestrafft
wie unter der Anspannung seines Ged�chtnisses; aber nichts vermochte Guillam
�ber die Einsamkeit hinwegzut�uschen, die dieses eine Gest�ndnis enth�llt
hatte. �Ich habe eine Theorie, die leider ziemlich unmoralisch sein d�rfte�,
fuhr Smiley lockerer fort. �Jeder von uns verf�gt �ber ein bestimmtes Ma� an
Mitleid. Und wenn wir unsere Gef�hle an jede streunende Katze verschwenden,
sto�en wir nie zum Kern der Dinge vor. Was halten Sie davon?�</p><p>�Wie hat
Karla ausgesehen?� fragte Guillam und tat Smileys Frage als reine Rhetorik ab.</p><p>�Onkelhaft.
Bescheiden und onkelhaft. Er h�tte sich gut als Priester gemacht: die
armselige, gnomische Sorte, die man in kleinen italienischen St�dtchen sehen
kann. Kleiner, drahtiger Bursche mit silbrigem Haar und hellbraunen Augen, ganz
verrunzelt. Oder als Schullehrer, er h�tte Schullehrer sein k�nnen: hart, was
immer das bedeuten mag, und gescheit, im Rahmen seiner Erfahrung: aber
trotzdem Kleinformat. Einen weiteren ersten Eindruck machte er nicht, au�er
da� sein Blick fest war und sich vom Beginn unseres Gespr�chs an auf mich
heftete. Wenn man es Gespr�ch nennen kann - denn er sprach kein Wort. Nicht ein
einziges, solange wir beisammen waren, nicht eine Silbe. Au�erdem war es
br�llend hei�, und ich war von den vielen Reisen l v�llig kaputt.�</p><p>Weniger
aus Hunger, als um der Form Gen�ge zu tun, machte Smiley sich �ber seinen
Teller her. Er a� lustlos ein paar Bissen, ehe er seine Erz�hlung wieder
aufnahm. �So�, murmelte er, �jetzt mu� sich die K�chin nicht kr�nken. Offen
gestanden war ich gegen Gerstmann ein bi�chen voreingenommen. Wir alle haben
unsere Vorurteile, und meines richtet sich gegen Radioleute. Sie sind nach
meiner Erfahrung eine l�stige Bande, schlechte Au�enarbeiter, meist �berzogen
und aufs peinlichste unzuverl�ssig, wenn es darauf ankommt. Gerstmann war f�r
mich auch nur einer aus diesem Clan. Vielleicht suche ich auch nur nach Entschuldigungen
daf�r, da� ich ihn mit weniger . . .�, er z�gerte, �weniger Sorgfalt, weniger
Behutsamkeit behandelte, als man r�ckblickend f�r n�tig erachtet.� Pl�tzlich
wurde er wieder sicherer. �Dabei bin ich keineswegs �berzeugt, da� ich mich
�berhaupt entschuldigen mu߫, sagte er.</p><p>Hier
sp�rte Guillam eine Aufwallung ungew�hnlichen Zorns, die sich durch ein
geisterhaftes L�cheln um Smileys blasse Lippen ausdr�ckte. �Hol's der Teufel�,
murmelte Smiley. Guillam wartete verdutzt.</p><p>�Ich
erinnere mich auch, da� ich dachte, die nur sieben Tage im Gef�ngnis haben ihn
ganz sch�n geschafft. Seine Haut hatte schon dieses staubige Wei�. Und er
schwitzte �berhaupt nicht. Ich um so mehr. Ich sagte also mein Spr�chlein auf, wie
bereits ein Dutzendmal in diesem Jahr, nur da� nat�rlich nicht daran zu denken
war, ihn als unseren Agenten nach Ru�land zur�ckzuspielen. �Sie haben die
Alternative. Es liegt nur bei Ihnen. Entweder Sie kommen in den Westen, dann
verschaffen wir Ihnen innerhalb vern�nftiger Grenzen ein angenehmes Leben. Nach
der Befragung, bei der mit Ihrer Mitarbeit gerechnet wird, k�nnen wir Ihnen zu
einem neuen Start verhelfen, einem neuen Namen, Zur�ckgezogenheit, hinl�nglich
Geld. Oder Sie k�nnen heimkehren, dann werden Sie vermutlich erschossen oder in
ein Lager verschickt. Im vergangenen Monat waren Bykow, Schur und Muranow an
der Reihe. Warum sagen Sie mir eigentlich nicht, wie Sie wirklich hei�en?�
Etwas in dieser Art. Dann lehnte ich mich zur�ck, wischte mir den Schwei� ab
und wartete, da� er sagen w�rde &gt;ja, vielen Dank&lt;. Aber das tat er nicht.
Er tat �berhaupt nichts. Er sagte kein Wort. Er sa� nur da, steif und klein,
unter dem gro�en Ventilator, der nicht funktionierte, und blickte mich mit
seinen braunen, beinah lustigen Augen an. Seine H�nde lagen vor ihm auf dem
Tisch. Sie waren voller Schwielen. Ich erinnere mich, da� ich dachte, ich mu�
ihn fragen, wo er so hart gearbeitet hat. Er hatte sie mit den Handfl�schen
nach oben auf dem Tisch liegen, die Finger ein bi�chen geknickt - so -, als
w�ren sie noch immer gefesselt.�</p><p>Der Junge,
der glaubte, Smiley wolle mit dieser Geste einen Wunsch andeuten, kam
angetrabt, und Smiley versicherte ihm, da� alles bestens sei und der Wein
geradezu einmalig, er frage sich wahrhaftig, wo sie ihn herh�tten; bis der
Junge sich feixend entfernte und seine Serviette auf den Nebentisch klatschen
lie�. �Ich glaube, genau in diesem Augenblick beschlich mich ein ungew�hnlich
starkes Gef�hl des Unbehagens. Die Hitze machte mir sehr zu schaffen. Der Mief
war f�rchterlich, und ich wei� noch, da� ich auf das Tropf-Tropf der
Schwei�perlen lauschte, die von meiner Stirn auf den Eisentisch fielen. Es lag
nicht nur an seinem Schweigen; seine v�llige k�rperliche Unbewegtheit fing an,
mir auf die Nerven zu gehen. Gewi�, ich war schon �berl�ufern begegnet, die
sich Zeit lie�en, ehe sie sprachen. F�r einen Menschen, der auf
Verschwiegenheit sogar seinen besten Freunden gegen�ber gedrillt ist, kann es
eine schmerzhafte Umstellung bedeuten, wenn er pl�tzlich den Mund auftun und
seinen Feinden Geheimnisse ausliefern soll. Es kam mir auch in den Sinn, da�
die Gef�ngnisleute es als ein Gebot der H�flichkeit erachtet haben mochten, ihn
schon ein bi�chen m�rbe f�r mich zu machen, ehe sie ihn mir vorf�hrten. Sie
schworen zwar, das sei nicht der Fall, aber man wei� das nie. Also schrieb ich
sein Schweigen zun�chst dem Schock zu. Aber diese Unbewegtheit, diese intensive,
lauernde Unbewegtheit war etwas ganz anderes. Zumal, da in meinem eigenen
Inneren alles in Aufruhr war: Ann, mein eigenes Herzklopfen, die Auswirkungen
der Hitze und des Reisens . . .�</p><p>�Das kann
ich verstehen�, sagte Guillam ruhig. �Wirklich? Sitzen ist eine sehr beredte
Sache, das kann ihnen jeder Schauspieler sagen. Wir sitzen je nach unserem
Charakter. Wir recken und spreizen uns, wir ruhen wie Boxer zwischen zwei
Runden, wir rutschten herum, hocken auf der Kante, schlagen die Beine �ber und
wieder zur�ck, verlieren die Geduld, verlieren die Ausdauer. Gerstmann tat
nichts von allem. Seine Haltung war endg�ltig und unbeirrbar, seine kleine
eckige Gestalt glich einem Felsenkap; er h�tte den ganzen Tag so dasitzen k�nnen,
ohne eine Muskel zu bewegen. W�hrend ich -� Smiley brach in ein linkisches,
verlegenes Lachen aus und probierte aufs neue den Wein, der indessen nicht
besser geworden war. �W�hrend ich dachte, wenn ich nur irgend etwas vor mir
h�tte, Papiere, | ein Buch, einen Bericht. Ich glaube, ich bin ein ruheloser
Mensch; schusselig, unbest�ndig. Jedenfalls damals glaubte ich es. Ich fand,
da� es mir an philosophischer Gelassenheit fehle. �berhaupt an Philosophie,
wenn Sie wollen. Meine Arbeit hatte mir weit mehr zugesetzt, als mir bis dahin
klargeworden war. Nun aber, in dieser stinkenden Zelle, f�hlte ich mich
wirklich deprimiert. Mir war, als h�tte man mir die ganze Verantwortung f�r den
Kalten Krieg aufgeb�rdet. Was nat�rlich Blech war, ich war einfach ersch�pft
und ein bi�chen krank.� Er trank wieder. �Glauben Sie mir�, dr�ngte er nochmals
und �rgerte sich �ber sich selbst, �niemand braucht sich f�r das zu
entschuldigen, was ich getan habe.�</p><p>�Was haben
Sie denn getan?� fragte Guillam lachend. �Also, da trat nun diese gro�e Pause
ein�, fuhr Smiley fort. �Kaum von Gerstmanns Seite, denn er war ja nur eine
einzige gro�e Pause; vielmehr von meiner Seite. Ich hatte meinen Spruch
aufgesagt, hatte die Fotos vorgezeigt - denen er �berhaupt keine Beachtung
schenkte, er schien mir auch so aufs Wort zu glauben, da� das San-Francisco-Netz
aufgerollt war - und nahm diesen und jenen Teil nochmals auf, variierte ein
bi�chen und dann sa� ich auf dem trockenen. Nun wei� jeder Narr, was passiert,
wenn es einmal so weit ist. Man steht auf und geht: &gt;Es liegt ganz bei Ihnen&lt;,
sagt man. &gt;Wir sprechen uns morgen wieder&lt;; irgend etwas. &gt;Gehen Sie
und �berlegen Sie eine Stunde. &lt; Also, ehe ich selber wu�te, was ich tat,
hatte ich angefangen, von Ann zu sprechen.� Guillams unterdr�ckten Ausruf
fegte er vom Tisch. �Nein, nicht �ber <emphasis>meine </emphasis>Ann, mit
keinem Wort. �ber <emphasis>seine </emphasis>Ann. Ich nahm an, er habe eine.
Ich hatte mich, gewi� recht beil�ufig, gefragt, woran w�rde ein Mann in seiner
Lage denken, woran w�rde ich in seiner Lage denken? Und meine Antwort war
h�chst subjektiv: an seine Frau. Nennt man das Projektion oder Substitution?
Ich hasse diese Ausdr�cke, aber ich bin �berzeugt, da� einer von ihnen hier
zutrifft. Ich habe mein eigenes Problem ihm unterstellt, darauf l�uft's
hinaus, und, wie mir jetzt klar ist, ein Verh�r mit mir selber angestellt - er
sagte nichts, k�nnen Sie sich das vorstellen? - Allerdings ging ich dabei von
gewissen �u�eren Anhaltspunkten aus. Er <emphasis>sah aus </emphasis>wie ein
verheirateter Mann; er <emphasis>sah aus </emphasis>wie die
H�lfte eines Ganzen; er sah zu <emphasis>komplett </emphasis>aus, f�r
jemand, der ganz allein im Leben steht. Au�erdem wurde er im Gerstmann-Pa� als
verheiratet bezeichnet; und wir alle haben die Angewohnheit, unsere falschen
Lebensl�ufe oder angenommenen Identit�ten der Wirklichkeit zumindest parallel
laufen zu lassen.� Wieder verfiel Smiley in Nachdenken. �Ich habe mir das oft
gedacht. Ich trug es sogar Control vor: wir sollten die Tarnungen der
Gegenseite ernster nehmen, sagte ich. Je mehr Identit�ten jemand hat, um so
mehr zeigt sich in ihnen die Person, die darunter steckt. Der F�nfzigj�hrige,
der von seinem Alter f�nf Jahre abzwackt. Der Verheiratete, der sich als
Junggeselle ausgibt; der Vaterlose, der sich zwei Kinder zulegt . . . oder der
Fragesteller, der sich selber in das Leben eines Mannes hineinprojiziert, von
dem er keine Antwort bekommt. Wenige Menschen k�nnen ihre eigentlichen
Neigungen verleugnen, wenn sie sich eine andere Pers�nlichkeit andichten.�
Wiederum verlor er sich in seinen Gedanken, und Guillam wartete geduldig, bis
er zur�ckk�me. Denn w�hrend Smiley sich auf Karla konzentrierte - oder auch
nicht -, konzentrierte Guillam sich auf Smiley und w�re ihm �ber die l�ngsten
Strecken, auf den verwinkeltsten Pfaden gefolgt, um mit ihm Schritt zu halten
und die Geschichte bis zum Schlu� zu h�ren.</p><p>�Au�erdem
wu�te ich aus den amerikanischen Observanten-Berichten, da� Gerstmann
Kettenraucher war: Camels. Ich lie� ein paar P�ckchen besorgen, und ich wei�
noch, wie seltsam es mir vorkam, als ich dem W�rter Geld gab. Wissen Sie, ich
hatte den Eindruck, Gerstmann sehe in der Aush�ndigung des Geldes von mir an
den Inder etwas Symbolisches. Ich trug damals einen Geldg�rtel. Ich mu�te
herumgrapschen und einen Geldschein aus einem B�ndel ziehen. Unter Gerstmanns
Blick f�hlte ich mich wie ein f�nftklassiger imperialistischer Unterdr�cker.�
Er l�chelte. �Und das bin ich ganz gewi� <emphasis>nicht. </emphasis>Bill schon
eher.</p><p>Auch
Percy. Aber nicht ich.� Dann nahm er die Erz�hlung von neuem auf: �Ich fragte
ihn also nach Mrs. Gerstmann.� - Er rief den Jungen herbei und sagte, nur um
ihn aus dem Weg zu schicken: �Bringen Sie uns bitte Wasser. Eine Karaffe und
zwei Gl�ser. Vielen Dank.�</p><p>�Ich
fragte ihn, wo sie sich aufhalte. Eine Frage, die ich in bezug auf Ann liebend
gern beantwortet w��te. Keine Antwort, die Augen starr. Im Vergleich zu ihm
wirkten die beiden W�rter rechts und links von ihm und ihre Augen lebhaft. Sie
m�sse ein neues Leben anfangen, sagte ich; eine andere M�glichkeit gebe es
nicht. Ob er keinen verl��lichen Freund habe, der sich um sie k�mmern k�nne?
Vielleicht k�nnten wir es erm�glichen, uns heimlich mit ihr in Verbindung zu
setzen? Ich wies ihn darauf hin, da� Mrs. Gerstmann mit seiner R�ckkehr nach
Moskau nicht im geringsten gedient w�re. Ich h�rte mich selber sprechen, immer
weiter, ich konnte nicht mehr aufh�ren. Vielleicht wollte ich auch nicht. Ich
hatte ernsthaft daran gedacht, mich von Ann zu trennen, ich hielt den
Augenblick f�r gekommen. Eine R�ckkehr sei reine Don Quichotterie, sagte ich,
ohne jeden praktischen Wert f�r seine Frau, ganz im Gegenteil. Sie w�rde
ge�chtet werden; im g�nstigsten Fall w�rde man ihr erlauben, ihn vor seiner
Erschie�ung noch kurz zu sehen. Wenn er dagegen mit uns gemeinsame Sache
machte, k�nnten wir sie vielleicht austauschen; erinnern Sie sich, wir hatten
damals gro�e Vorr�te, und einiges davon ging als Tauschware nach Ru�land
zur�ck; warum um alles in der Welt wir es allerdings zu diesem Zweck h�tten
verwenden sollen, geht �ber meinen Verstand. Bestimmt, sagte ich, w�rde sie ihn
lieber sicher und gesund im Westen wissen als erschossen oder in Sibirien dem
Hungertod ausgeliefert. Ich ritt auf dem Thema herum: sein Gesichtsausdruck
ermutigte mich dazu. Ich h�tte schw�ren k�nnen, da� ich zu ihm durchdringen
w�rde, da� ich den Sprung in seiner R�stung entdeckt hatte: w�hrend ich in
Wirklichkeit - in Wirklichkeit nur ihm zeigte, wo meine R�stung einen Sprung
hatte. Und als ich Sibirien erw�hnte, hatte ich eine wunde Stelle ber�hrt. Ich
sp�rte es wie einen Klumpen in meiner eigenen Kehle, ich sp�rte Gerstmanns
Zur�ckschaudern. Wirklich kein Wunder�, kommentierte Smiley s�uerlich:
�schlie�lich war er noch vor kurzem ein Str�fling gewesen. Endlich kam auch der
W�rter mit den Zigaretten, einem ganzen Arm voll, und lie� sie auf den
Eisentisch klatschen. Ich z�hlte das Wechselgeld, gab ihm eine Belohnung, und
fing dabei wiederum Gerstmanns Blick auf; ich bildete mir ein, Belustigung
darin zu lesen, aber ich wu�te, da� ich bereits nicht mehr in der Lage war, das
zu beurteilen. Ich stellte fest, da� der W�rter mein Trinkgeld liegengelassen
hatte; vermutlich ha�te er die Engl�nder. Ich ri� ein P�ckchen auf und bot
Gerstmann eine Zigarette an. &gt;Na los&lt;, sagte ich, &gt;Sie sind doch
Kettenraucher, das ist allgemein bekannt. Und Camels sind Ihre Lieblingsmarke.
&lt; Meine Stimme klang angespannt und albern, aber ich konnte es nicht
�ndern. Gerstmann stand auf und bedeutete den W�rtern h�flich, da� er in seine
Zelle zur�ckgebracht werden wolle.�</p><p>Bed�chtig
schob Smiley den halb leeren Teller zur�ck, auf dem sich wei�e Fettflocken
gebildet hatten wie Winterfrost. �Ehe er die Zelle verlie�, �berlegte er es
sich anders; er nahm ein P�ckchen Zigaretten und das Feuerzeug vom Tisch, mein
Feuerzeug, ein Geschenk von Ann. &gt;F�r George in Liebe von Ann.&lt;
Normalerweise w�re es mir nicht im Traum eingefallen, ihn das Feuerzeug nehmen
zu lassen; aber diese Situation war nicht normal. Ich fand es sogar durchaus
angemessen, da� er ihr Feuerzeug nahm. Ich empfand es, Gott verzeih mir, als
Ausdruck unserer Gemeinsamkeit. Er lie� das Feuerzeug und die Zigaretten in die
Tasche seines roten Kittels fallen und hielt dann die H�nde f�r die Fesseln
hin. Ich sagte: &gt; Z�nden Sie sich gleich eine an, wenn Sie wollen.&lt; Ich
sagte zu den W�rtern: &gt;Bitte lassen Sie ihn eine Zigarette anz�nden.&lt;
Aber er machte keine Bewegung. &gt;Es ist beabsichtigt, Sie morgen in die
Maschine nach Moskau zu setzen, falls wir zu keiner Einigung gelangen&lt;,
f�gte ich hinzu. Er �berh�rte es. Ich sah zu, wie der W�rter ihn hinausf�hrte,
dann kehrte ich in mein Hotel zur�ck, irgendwer fuhr mich hin, ich k�nnte bis
heute nicht sagen, wer. Ich wu�te nicht mehr, was ich empfand. Ich war
verwirrter und kr�nker, als ich mir selber eingestehen wollte. Ich a�
sp�rlich, trank zu viel und hatte hohes Fieber. Ich lag auf meinem Bett,
schwitzte und tr�umte von Gerstmann. Ich w�nschte mir sehnlichst, er m�ge
bleiben. In meinem Fieberwahn hatte ich es mir in den Kopf gesetzt, ihn
zur�ckzuhalten, sein Leben neu zu gestalten, ihm wenn m�glich zusammen mit
seiner Frau eine Idylle zu schaffen. Ihn frei zu machen, ihn ein f�r allemal
aus dem Krieg hereinzuholen. Ich w�nschte mir verzweifelt, da� er nicht
zur�ckgehen w�rde. Wieder blickte er mit dem Ausdruck der Selbstironie auf.
�Was ich hier sage, Peter, bedeutet folgendes: Smiley, nicht Gerstmann hat in
dieser Nacht seine Krisis durchgemacht.�</p><p>�Sie waren
krank�, sagte Guillam wieder.</p><p>�Sagen
wir, m�de. Krank oder m�de, in jener ganzen Nacht zwischen Aspirin und Chinin
und z�hen Traumvorstellungen VOM der
wiedererstandenen Gerstmannschen Ehe, kehrte ein Bild immer wieder. Gerstmann,
auf der Fensterbr�stung, starrt mit seinen regungslosen braunen Augen hinunter
auf die Stra�e und ich rede auf ihn ein, unaufh�rlich: &gt;Bleib, nicht
springen, bleib. &lt; Wobei mir nat�rlich nicht klar war, da� es um meine
eigene Unsicherheit ging, nicht um die seine. Am fr�hen Morgen bekam ich vom
Arzt eine Spritze, die das Fieber senken sollte. Ich h�tte den Fall aufgeben
sollen, um einen Ersatzmann telegrafieren. Ich h�tte noch warten sollen, ehe
ich wieder ins Gef�ngnis ging, aber ich hatte nur noch Gerstmann im Sinn: ich
mu�te h�ren, wie er sich entschieden hatte. Schon um acht lie� ich mich zum
Zellenblock f�hren. Er sa� stocksteif auf einer Bank; zum erstenmal sah ich den
Soldaten in ihm und wu�te, da� er genau wie ich die ganze Nacht nicht
geschlafen hatte. Er war unrasiert und durch den silbernen Flaum auf den Wangen
sah er aus wie ein alter Mann. Auf anderen B�nken schliefen Inder, und mit
seinem roten Kittel und dem silbrigen Teint wirkte er zwischen ihnen sehr wei�.
Er hielt Anns Feuerzeug in der Hand; das Zigarettenp�ckchen lag neben ihm auf
der Bank - unber�hrt. Ich schlo� daraus, da� er die Nacht und die verschm�hten
Zigaretten benutzt hatte, um zu pr�fen, ob er dem Gef�ngnis und den Verh�ren
und dem Tod ins Auge blicken k�nne. Ein Blick in sein Gesicht sagte mir, da� er
die Pr�fung bestanden hatte. Ich drang nicht in ihn�, sagte Smiley und fuhr in
einem Zug fort. �Er h�tte sich keinen blauen Dunst vormachen lassen. Seine
Maschine flog am sp�teren Vormittag ab; ich hatte noch zwei Stunden Zeit. Ich
bin der schlechteste Advokat der Welt, aber in diesen zwei Stunden versuchte
ich alle Gr�nde anzuf�hren, die gegen diesen Flug nach Moskau sprachen.
Verstehen Sie, ich glaubte, in seinem Gesicht etwas erblickt zu haben, was dem
blo�en Dogma haushoch �berlegen war; und ich begriff nicht, da� das nur meine
eigene Reflektion war. Ich hatte mir eingeredet, Gerstmann sei im Grunde
normalen menschlichen Argumenten zug�nglich, wenn sie von einem Mann seines
Alters und Berufs und, nun ja, seiner eigenen Ausdauer k�men. Ich versprach ihm
nicht Reichtum und Frauen und billige Butter, es war klar, da� er daf�r keine
Verwendung hatte. Ich besa� nun wenigstens gen�gend Verstand, um das Thema
Ehefrau beiseite zu lassen. Ich hielt ihm keine Reden �ber die Freiheit, was
immer das bedeuten mag, oder �ber den ehrlichen guten Willen des Westens:
au�erdem war das damals nicht der richtige Zeitpunkt, um diese Geschichte
aufzutischen, und ich selber befand mich in keiner eindeutigen ideologischen
Position. Ich versuchte es mit der Kameradschaft. &gt;Sehen Sie&lt;, sagte ich,
&gt;wir beide werden alt, und wir beide haben unser Leben damit zugebracht, in
den Systemen des anderen die schwachen Stellen zu suchen. Ich durchschaue die
Werte des Ostens ebenso, wie Sie die des Westens durchschauen. Wir haben bestimmt
beide bis zum �berdru� die technischen Siege dieses elenden Krieges
ausgekostet. Aber jetzt wollen Ihre eigenen Leute Sie abschie�en. Finden Sie es
nicht an der Zeit, zuzugeben, da� Ihre Seite genauso wenig wert ist wie die
meine? In unserem Metier&lt;, sagte ich zu ihm, &gt;bekommen wir doch immer nur
das Negative zu sehen. In diesem Sinn hat keiner von uns beiden mehr ein Ziel.
Als wir jung waren, verschrieben wir uns beide <emphasis>gro�en </emphasis>Idealen&lt;,
wieder sp�rte ich, da� etwas in ihm vorging, Sibirien, ich hatte einen Nerv
getroffen, &gt;aber das ist vorbei. Ja?&lt; Ich dr�ngte ihn, mir nur dieses
eine zu beantworten: kam es ihm nicht in den Sinn, da� er und ich auf
verschiedenen Wegen sehr wohl zum gleichen Schlu� �ber das Leben gekommen sein
konnten? Selbst wenn meine Schl�sse nach seinem Denken reaktion�r sein
mochten, waren nicht unsere Werke identisch? Glaubte er zum Beispiel nicht
auch, da� die Politik im allgemeinen bedeutungslos war? Da� f�r ihn im Leben
jetzt nur noch das Besondere wichtig war? Da� die gro�en Pl�ne in den H�nden
der Politiker nichts anderes hervorbringen als neue Formen des alten Elends?
Und da� daher sein Leben, die Rettung seines Lebens vor einem der vielen
sinnlosen Erschie�ungskommandos, wichtiger war - moralisch, ethisch wichtiger
-, als das Pflichtgef�hl oder die Treue oder der Ehrenstandpunkt oder, was
immer es sein mochte, das ihn zur Selbstzerst�rung zwang? Kam es ihm nicht in
den Sinn, nach all den vielen Reisen seines Lebens, die Integrit�t eines
Systems in Frage zu stellen, das kaltbl�tig vorhatte, ihn f�r Missetaten zu
erschie�en, die er niemals begangen hatte? Ich bat ihn � ja, ich flehte ihn
wohl buchst�blich an � wir waren auf der Fahrt zum Flugplatz und er hatte bis
jetzt noch immer kein einziges Wort an mich gerichtet -, ich bat ihn, zu
�berlegen, ob er wirklich glaube; ob der urspr�nglich ehrliche Glaube an das
System, dem er gedient hatte, ihm in diesem Augenblick noch m�glich sei.�</p><p>Nun sa�
Smiley eine ganze Weile schweigend da. �Ich hatte meine ganze Psychologie in
den Wind geschlagen; meine berufliche Technik ebenfalls. Sie k�nnen sich
vorstellen, was Control sagte. Dennoch, mein Bericht erheiterte ihn; er h�rte
gern von den Schw�chen des Menschen. Besonders von den meinen, aus bestimmten
Gr�nden.� Er hatte seine sachliche Art wiedergewonnen. �Das war's also. Als die
Maschine bereitstand, ging ich mit ihm an Bord und flog ein St�ck mit: damals
gab's noch nicht lauter Jetfl�ge. Er entglitt mir, und ich hatte keine
M�glichkeit, ihn aufzuhalten. Das Reden hatte ich aufgegeben, aber ich war da,
falls er es sich anders �berlegen sollte. Das tat er nicht. Er w�rde lieber
sterben als mir geben, was ich wollte; er w�rde lieber sterben als das
politische System verleugnen, dem er sich verschworen hatte. Das letzte, was
ich meines Wissens bis heute von ihm sah, war sein ausdrucksloses Gesicht im
Rahmen des Kabinenfensters, das mir nachsah, als ich die; Gangway
hinunterschritt. Ein paar sehr russisch aussehende Burschen waren zugestiegen
und sa�en nun hinter ihm, und es hatte wirklich keinen Sinn, da� ich noch
l�nger blieb. Ich flog nach Hause, und Control sagte: &gt;Ich hoffe zu Gott,
da� sie ihn abknallen&lt;, und labte mich mit einer Tasse Tee. Dieses
widerliche chinesische Kraut, das er immer trinkt, Zitronenjasmin oder so, er
l��t es im Kramladen um die Ecke holen. Ich meine, er lie�. Dann schickte er
mich zwangsweise f�r drei Monate in Urlaub. &gt;Ich mag es, wenn Sie
zweifeln&lt;, sagte er. &gt;Daran sehe ich, wo Sie stehen. Aber machen Sie
keinen Kult daraus, Sie werden sonst zur Nervens�ge. &lt; Es war eine Warnung.
Ich beherzigte sie. Er sagte auch, ich solle aufh�ren, mir dauernd wegen der
Amerikaner Gedanken zu machen; er versicherte mir, da� er selber kaum jemals an
sie denke.�</p><p>Guillam
blickte ihn an und wartete auf die L�sung. �Aber wie erkl�ren <emphasis>Sie </emphasis>es sich?�
fragte er. �Dachte Karla jemals wirklich daran zu bleiben?�</p><p>�Ich bin
�berzeugt, da� es ihm nicht im Traum einfiel�, sagte Smiley angewidert. �Ich
habe mich wie ein armer Irrer benommen. Der Archetypus eines knieweichen
westlichen Liberalen. Aber ich m�chte trotz allem lieber nach meiner Fasson den
Narren spielen, als nach der seinen. Ich bin �berzeugt�, wiederholte er, �da�
ihn weder meine Argumente noch seine prek�re Lage gegen�ber der Moskauer
Zentrale letztlich auch nur im geringsten beeinflu�ten. Vermutlich hat er
w�hrend dieser Nacht einen Plan ausgearbeitet, wie er nach seiner R�ckkehr nun
seinerseits Rudnew abschie�en k�nnte. Rudnew wurde �brigens wirklich einen
Monat sp�ter erschossen. Karla bekam Rudnews Job und machte sich daran, seine
alten Agenten wieder zu aktivieren. Unter ihnen zweifellos auch Gerald.
Komisch, wenn man bedenkt, da� er vielleicht die ganze Zeit �ber mich angesehen
und dabei an Gerald gedacht hat. Vermutlich haben die beiden sich sp�ter
dar�ber halb totgelacht.�</p><p>Die
Episode habe eine weitere Folge gezeitigt, sagte Smiley. Seit seinem Abenteuer
in San Francisco habe Karla nie wieder einen Geheimsender angefa�t. Kam f�r ihn
nicht mehr in Frage. Er strich es ein f�r allemal von seiner Liste:
�Botschaftsverbindungen sind etwas anderes. Aber seine Au�enagenten m�ssen die
Finger davon lassen. Und Anns Feuerzeug hat er noch immer.�</p><p>�Ihr
Feuerzeug�, berichtigte Guillam.</p><p>�Ja. Ja,
meines. Nat�rlich. Sagen Sie�, fuhr er fort, als der Kellner mit dem Geld
abgezogen war, �hat Tarr sich auf irgend jemanden besonders bezogen, als er
diese unsch�ne Anspielung auf Ann machte?�</p><p>�Hat er
leider. Ja.�</p><p>�Das
Ger�cht ist also schon so konkret?� erkundigte sich Smiley.</p><p>�Und
bereits �berallhin gedrungen? Sogar bis zu Tarr?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Und was
besagt es, ganz genau?�</p><p>�Da� Bill
Haydon ein Verh�ltnis mit Ann Smiley hatte�, sagte Guillam und sp�rte, wie ihn
jene K�lte �berkam, die sein Schutzmantel war, wenn er schlechte Nachrichten
f�r jemanden hatte: Sie sind hochgegangen; Sie sind gescha�t; Sie liegen im
Sterben.</p><p>�Ah; Aha.
Ja. Vielen Dank.� Verlegenes Schweigen.</p><p>�Und gab
es, gibt es eine Mrs. Gerstmann?� fragte Guillam. �Karla war fr�her einmal mit
einem M�dchen in Leningrad verheiratet, einer Studentin. Sie beging
Selbstmord, als er nach Sibirien deportiert wurde.�</p><p>�Karla ist
demnach gegen alles gefeit�, sagte Guillam schlie�lich. �Er ist nicht zu
kaufen, er ist nicht zu schlagen.� Sie gingen zum Wagen zur�ck.</p><p>�Eigentlich
ziemlich teuer, im Verh�ltnis�, gestand Smiley. �Glauben Sie, der Kellner hat
mich beschummelt?� Aber Guillam war nicht in der Stimmung, �ber den Preis
miserabler Mahlzeiten in England zu plaudern. Als er wieder hinter dem Steuer
sa�, wurde der Tag f�r ihn aufs neue zum Alptraum, ein tr�ber Wirbel aus
nebelhaft erfa�ten Gefahren und argw�hnischen Gedanken.</p><p>�Und wer
ist nun Quelle Merlin?� fragte er. �Woher k�nnte Alleline diese Information
haben, wenn nicht von den Russen selbst?�</p><p>�Oh, er
hatte sie nat�rlich von den Russen.�</p><p>�Aber um
Gottes willen, wenn die Russen Tarr ausschickten . . .�</p><p>�Haben sie
nicht. Und Tarr hat auch nicht die britischen P�sse benutzt, nicht wahr? Die
Russen haben es mi�verstanden. Was Alleline in die H�nde bekam, war der Beweis,
da� Tarr sie �bert�lpelt hat. Das ist die wichtige Botschaft, die dieser Sturm
im Wasserglas uns zugetragen hat.�</p><p>�Was zum
Teufel meinte Percy dann mit &gt;Verwirrung stiften&lt;? Er mu� sich doch dabei
auf Irina bezogen haben, oder?�</p><p>�Und auf
Gerald�, pflichtete Smiley bei.</p><p>Wieder fuhren
sie schweigend dahin, und die Kluft zwischen ihnen schien pl�tzlich
un�berbr�ckbar zu sein.</p><p>�H�ren
Sie: Ich bin selber noch nicht ganz dahintergekommen, Peter�, sagte Smiley
ruhig. �Aber fast. Karla hat den Circus v�llig durcheinandergebracht; soviel habe
ich begriffen, und Sie auch. Und er hat noch einen letzten gekonnten Knoten
geschlungen, und ich kann ihn nicht aufkriegen. Aber ich bin entschlossen. Und
wenn ich Ihnen mal was sagen soll: Karla ist nicht gegen alles gefeit, denn er
ist ein Fanatiker. Und wenn's nach mir geht, dann kommt der Tag, an dem dieser
Mangel an M��igung ihn zu Fall bringen wird.�</p><p>Es
regnete, als sie die Station Stratford erreichten; ein Gr�ppchen Fu�g�nger
kuschelte sich unter dem Schutzdach zusammen. �Peter, ich m�chte, da� Sie von
jetzt an ein bi�chen kurztreten.�</p><p>�Drei
Monate Zwangsurlaub?�</p><p>�Ziehen
Sie f�r eine Weile die Ruder ein.�</p><p>Als
Guillam die T�r des Beifahrersitzes hinter Smiley schlo�, dr�ngte es ihn
pl�tzlich, ihm gute Nacht oder sogar viel Gl�ck zu w�nschen. Er beugte sich
�ber den Sitz, kurbelte das Fenster herunter und holte Atem, um ihm
nachzurufen. Aber Smiley war verschwunden. Guillam hatte niemals einen Menschen
gekannt, der so schnell in der Menge untertauchen konnte.</p><empty-line/><p>W�hrend
des Rests derselben Nacht brannte ununterbrochen das Licht im Dachfenster von
Mr. Barracloughs Mansarde im Hotel <emphasis>Islay. </emphasis>Ohne sich
umzuziehen oder zu rasieren, blieb George Smiley �ber den Schreibtisch des
Majors gebeugt, las, verglich, merkte an, stellte Querbez�ge her, alles mit
einer Gr�ndlichkeit, die ihn, wenn er sich selber h�tte beobachten k�nnen,
bestimmt an Controls letzte Tage im f�nften Stock des Circus erinnert h�tte.
Dann nahm er eine Umgruppierung vor, er zog Guillams Urlaubstabellen und
Krankenlisten f�r das vergangene Jahr heran und legte sie neben die offizielle
Aufstellung der Reisen des Kulturattaches Alexei Alexandrowitsch Poljakow,
seine Aufenthalte in Moskau, seine Aufenthalte au�erhalb Londons, soweit sie
dem <emphasis>Foreign Office </emphasis>durch die Sonderabteilung und die
Einreisebeh�rden gemeldet worden waren. Er verglich sie wiederum mit den Daten,
an denen Merlin anscheinend seine Informationen lieferte, und zerlegte, ohne
eigentlich zu wissen, warum er das tat, die <emphasis>Witchcraft-Berichte
</emphasis>in solche, die zur Zeit ihres Eintreffens nachweisbar aktuell waren,
und in solche, die bereits einen oder zwei Monate fr�her gesammelt sein
konnten, sei es von Merlin oder denen, die ihn kontrollierten, um Leerzeiten
zu �berbr�cken: Analysen, Charakterstudien prominenter Regierungsmitglieder, Hist�rchen
aus dem Kreml, die zu einem beliebigen Zeitpunkt aufgelesen und f�r
Durststrecken verwahrt lein mochten. Nachdem er die aktuellen Berichte in einer
Liste zusammengefa�t hatte, notierte er ihre Daten in einer eigenen Spalte und
warf den Rest beiseite. In diesem Stadium h�tte man seine Stimmung am besten
mit der eines Wissenschaftlers vergleichen k�nnen, der instinktiv sp�rt, da�
er kurz vor einer Entdeckung steht und in jedem Augenblick die logische
Verkn�pfung erwartet. Sp�ter nannte er es in einem Gespr�ch mit Mendel �alles
in eine Testr�hre f�llen und abwarten, ob es explodiert�. Was ihn am meisten
fasziniert habe, sagte er, sei die Bemerkung gewesen, die Guillam �ber
Allelines d�stere Warnung von wegen �Verwirrung stiften� gemacht hatte, in anderen
Worten, er suchte nach dem �letzten gekonnten Knoten�, den Karla geschlungen
hatte, um den ganz bestimmten Verdacht entkr�ften zu k�nnen, den Irinas
Tagebuch geweckt hatte.</p><p>Zun�chst
stie� er auf ein paar seltsame Funde. Zum einen, da� jedesmal, wenn Merlin
einen seiner neun aktuellen Berichte geliefert hatte, entweder Poljakow in
London gewesen war oder Toby Esterhase eine Spritztour ins Ausland gemacht
hatte. Zum anderen, da� w�hrend der wichtigen Zeit, die auf Tarrs Abenteuer in
Hongkong folgte, Poljakow zu dringenden Kulturgespr�chen in Moskau gewesen
war; und da� bald darauf Merlin mit einer seiner spektakul�rsten und
aktuellsten Informationen �ber die �ideologische Durchdringung� der Vereinigten
Staaten herausr�ckte, einschlie�lich einer Wertung der Ermittlungen des Circus
�ber die wichtigsten amerikanischen Aufkl�rungsziele. Als er nochmals die Probe
machte, entdeckte er, da� auch die Umkehrung stimmte: da� die Berichte, die er
mangels engen Bezugs zu j�ngsten Ereignissen verworfen hatte, fast immer zur
Verteilung gelangten, w�hrend Poljakow in Moskau oder auf Urlaub war. Und dann
hatte er's.</p><p>Keine
schlagartige Enth�llung, keine j�he Erleuchtung, kein �Heureka� und keine
Anrufe bei Guillam oder Lacon: �Smiley ist der Beste.� Einfach nur, da� hier,
in den Berichten, die er gepr�ft, und in den Notizen, die er zusammengetragen
hatte, die Best�tigung einer Theorie lag, der er schon oft nahegekommen war,
ohne ihr jedoch einen Namen gegeben zu haben; einer Theorie, f�r die an diesem
Tag Smiley und Guillam und Ricki Tarr, jeder von seinem Blickpunkt aus, den
Beweis vor Augen gehabt hatten: da� zwischen dem Maulwurf Gerald und der Quelle
Merlin eine nicht mehr wegzuleugnende Verbindung bestand; da� Merlins
sprichw�rtliche Beweglichkeit ihm erlaubte, sowohl Karlas wie auch Allelines
Werkzeug zu sein. Oder sollte er besser sagen, �berlegte Smiley- w�hrend er
sich ein Handtuch umwarf und frohgemut in den Korridor hinaust�nzelte, um sich
zur Feier des Tages ein Bad zu genehmigen � Karlas Agent? Da� dieser ganzen
Verschw�rung ein verbl�ffend einfacher Mechanismus zugrunde lag, dessen
Symmetrie f�r ihn die reine Wonne war. Es war sogar mit H�nden zu greifen: hier
in London, ein Haus, vom Schatzamt bezahlt, die ganzen sechzigtausend Pfund;
und gewi� oft von den ungl�cklichen Steuerzahlern, die t�glich daran
vorbeigingen, mit begehrlichen Blicken bedacht - nie w�rden sie sich etwas
Derartiges leisten k�nnen, und doch hatten sie es, ohne ihr Wissen, bar
bezahlt.</p><p>Seit
vielen Monaten hatte er sich nicht mehr so erleichtert gef�hlt wie jetzt, als
er sich die gestohlene Akte �ber die Operation <emphasis>Testify </emphasis>vornahm.</p><empty-line/><p>Bill Roach
sieht verbotene Dinge und ist entgeistert</p><empty-line/><p>Eins mu�te
man Matron lassen: Sie hatte sich schon die ganze Woche �ber wegen Roach Sorgen
gemacht, seit sie ihn allein im Waschraum entdeckt hatte, zehn Minuten, nachdem
der ganze �brige Schlafsaal zum Fr�hst�ck hinuntergegangen war. Er hatte, noch
immer im Pyjama, �ber ein Waschbecken gebeugt dagestanden und sich verbissen
die Z�hne geb�rstet, Als sie ihn ausfragte, mied er ihren Blick. �Es ist sein
elender Vater�, hatte sie zu Thursgood gesagt: �Er macht ihn wieder mal
fertig.� Und am Freitag: �Sie <emphasis>m�ssen </emphasis>seiner
Mutter schreiben und ihr sagen, da� es ihn erwischt hat.�</p><p>Aber nicht
einmal Matron h�tte trotz all ihres m�tterlichen Scharfblicks auf blankes
Entsetzen diagnostiziert.</p><p>Was konnte
er nur tun, er, ein Kind? Hier lag seine Schuld. Hier lag der Anfang des
Fadens, der direkt zur�ckf�hrte zum Ungl�ck seiner Eltern. Hier lag der Fluch,
der seinen gebeugten Schultern bei Tag und Nacht die Verantwortung f�r die
Erhaltung des Friedens auf der Welt aufb�rdete. Roach, der Beobachter - der
�beste Beobachter im ganzen Stall�, um Jim Prideaux' treulich bewahrte Worte zu
gebrauchen - hatte am Ende allzu gut beobachtet. Er h�tte alles daf�r gegeben,
sein Geld, den Lederrahmen mit den Fotos seiner Eltern, alles, was ihm in der
Welt Wert verlieh, wenn er sich daf�r von der Erkenntnis h�tte loskaufen
k�nnen, die ihn seit Sonntagabend qu�lte. Er hatte Signale gegeben.
Sonntagnacht, eine Stunde, nachdem die Lichter gel�scht worden waren, war er
ger�uschvoll aufs Klo gegangen, hatte sich den Finger in den Hals gesteckt,
hatte gew�rgt und sich schlie�lich �bergeben. Die Schlafsaal-Aufsicht, die
h�tte wachen und Alarm schlagen sollen - �Matron, Roach ist krank� - verschlief
jedoch die ganze Scharade. Roach kletterte hundeelend wieder in sein Bett. Am
n�chsten Nachmittag hatte er von der Telefonzelle neben dem Lehrerzimmer aus
irgendeine Nummer gew�hlt und sinnloses Zeug in die Muschel gefl�stert, in der
Hoffnung, da� einer der Lehrer es h�ren und ihn f�r verr�ckt erkl�ren w�rde.
Niemand achtete auf ihn. Er hatte versucht, Wirklichkeit und Tr�ume zu
vermischen, und gehofft, alles, was er erlebt hatte, k�nne zu einem
Phantasiegebilde werden; aber allmorgendlich, wenn er an der Senke vorbeikam,
sah er wieder Jims bucklige Gestalt im Mondlicht �ber den Spaten gebeugt; er
sah den schwarzen Schatten des Gesichts unter der Krempe seines alten Huts und
h�rte Jim beim Graben vor Anstrengung grunzen.</p><p>Roach
h�tte gar nicht dort sein d�rfen. Auch das war seine Schuld: sein Wissen war
durch S�nde erworben. Nach einer Cellostunde am anderen Ende des Dorfs war er
absichtlich langsam zur Schule zur�ckgekehrt, um zur Abendandacht zu sp�t zu
kommen und Mrs. Thursgoods mi�billigendem Auge zu entgehen. Die ganze Schule
lobte Gott, alle, au�er ihm und Jim: er h�rte sie das <emphasis>Tedeum </emphasis>singen,
als er an der Kirche vor�berkam. Er hatte den l�ngeren Weg gew�hlt, um an der
Senke vorbeizukommen, wo Jims Licht brannte. Von seinem gewohnten Platz aus beobachtete
Roach, wie Jims Schatten sich langsam �ber die Fenstergardine bewegte. Er geht
fr�h schlafen, dachte er beif�llig, als das Licht pl�tzlich erlosch; denn Jim
war nach seiner Ansicht in letzter Zeit zu viel weg gewesen, er war nach dem
Rugby im Alvis weggefahren und erst zur�ckgekommen, wenn Roach bereits schlief.
Dann �ffnete sich die T�r des Wohnwagens und schlo� sich wieder, und Jim stand
an der Gem�semiete mit einem Spaten in der Hand, und Roach fragte sich in
gro�er Verwunderung, wonach er dort im Dunkeln wohl graben mochte. Nach Gem�se
f�r sein Abendessen? Eine Weile stand Jim v�llig still und lauschte auf das <emphasis>Tedeum; </emphasis>dann
blickte er langsam in die Runde und direkt auf Roach, der vor den schwarzen
Erdhocken nicht zu sehen war. Roach �berlegte sogar, ob er ihn anrufen solle;
aber er hatte ein zu schlechtes Gewissen, weil er die Andacht geschw�nzt hatte.</p><p>Dann fing
Jim an, Ma� zu nehmen. So wenigstens schien es Roach. Anstatt zu graben war er
an einer Ecke des Beets niedergekniet und hatte den Spaten auf die Erde
gelegt, als wolle er damit etwas anvisieren, was Roach nicht sehen konnte: zum
Beispiel den Kirchturm. Daraufhin schritt Jim rasch dorthin, wo das platt des
Spatens lag, markierte mit der Ferse die Stelle, hob den Spaten auf und f�hrte
schnell mehrere Stiche, Roach z�hlte zw�lf; dann trat er zur�ck und nahm wieder
Ma�. Aus der Kirche h�rte man nichts; dann Gebete. Jim b�ckte sich hastig und
hob ein Paket aus der Erde, das er sofort unter seinem Dufflecoat verbarg.
Sekunden sp�ter, und viel schneller, als menschenm�glich schien, fiel die T�r
des Wohnwagens wiederum zu, das Licht ging wieder an, und Bill Roach schlich im
k�hnsten Augenblick seines Lebens auf Zehenspitzen hinunter in die Senke, bis
drei Schritt vor dem d�rftig verhangenen Fenster, wo er noch hoch genug stand,
um hineinschauen zu k�nnen. Jim stand am Tisch. Auf der Koje hinter ihm lag ein
Stapel Schulhefte, eine Wodkaflasche und ein leeres Glas. Er mu�te alles
dorthin geworfen haben, um Platz zu schaffen. Er hielt ein Federmesser in der
Hand, benutzte es aber nicht. Jim h�tte nie eine Schnur durchschnitten, wenn es
zu vermeiden war. Das P�ckchen war drei�ig Zentimeter lang und aus gelbem
Material wie ein Tabaksbeutel. Er �ffnete es und zog etwas heraus, das wie ein
englischer Schraubenschl�ssel aussah, der in Rupfen gewickelt war. Aber wer
w�rde einen �Engl�nder� vergraben, selbst wenn er ihn f�r den besten Wagen brauchte,
den England je fabriziert hat? Die Schrauben oder Bolzen waren in einem eigenen
gelben Umschlag; er sch�ttete sie auf den Tisch und pr�fte jedes einzelne
St�ck. Keine Schrauben: Gewinde. Auch keine Gewinde, aber jetzt waren sie unter
Bills Blickfeld gerutscht. Und auch kein �Engl�nder�, kein Schraubenschl�ssel,
nichts, aber schon absolut nichts f�r den Wagen.</p><p>Roach war
Hals �ber Kopf hinaufgerannt. Er lief zwischen den Erdhocken durch auf den
Fahrweg zu, aber langsamer, als er je gelaufen war; lief durch Sand und tiefes
Wasser und saugendes Gras, schlang die Nachtluft hinunter und schluchzte sie
wieder hinaus, lief mit Schlagseite wie Jim, hinkte bald auf dem einen Bein,
bald auf dem anderen, und warf den Kopf nach vorn, um Tempo zu gewinnen. Er
wu�te nicht, worauf er zulief. Er hatte sein Bewu�tsein hinter sich gelassen;
auf den schwarzen Revolver und die Wildlederriemen gebannt; auf die Schrauben
und Muttern, aus denen Kugeln geworden waren, als Jim sie methodisch in die
Kammer f�delte und sein gefurchtes Gesicht sich dem Lampenlicht zukehrte,
bleich und ein wenig blinzelnd in dem hellen Schein.</p><empty-line/><p>George
Smiley begegnet einem der zahlreichen, unerfreulichen Cousins seiner sch�nen
Frau</p><empty-line/><p>�Ich darf
nicht zitiert werden, George�, warnte der Minister in seiner schleppenden
Sprechweise. �Keine schriftlichen Notizen, kein Wort zuviel l. Ich mu� auf
meine W�hler R�cksicht nehmen. Sie brauchen das nicht, und Oliver Lacon auch
nicht oder, Oliver?�</p><p>�Ich
wei߫, sagte Smiley. �Bedauere sehr.�</p><p>�Sie
w�rden es noch mehr bedauern, wenn Sie meinen Wahlkreis h�tten�, erwiderte der
Minister.</p><p>Wie
vorauszusehen war, hatte bereits die Frage, wo sie sich treffen sollten, einen
albernen Streit ausgel�st. Smiley hatte Lacon klargemacht, da� es unklug w�re,
sich in seinem B�ro in Whitehall zu treffen, da sich dort st�ndig Leute aus
dem Circus herumtrieben, von Boten, die Depeschentaschen ablieferten, bis zu
Percy Alleline h�chstpers�nlich, der vorbeischaute, um �ber Irland zu sprechen.
Der Minister seinerseits lehnte sowohl das Hotel <emphasis>Islay </emphasis>wie die
Bywater Street ab, mit der willk�rlichen Behauptung, beide seien unsicher. Er
war unl�ngst im Fernsehen aufgetreten und stolz darauf, da� die Leute ihn
erkannten. So entschieden sie sich nach einigem Hin- und Hertelefonieren f�r
Mendels ziemlich alleinstehenden Tudor-Wohnsitz in Mitcham, wo er und sein
blankpoliertes Auto auffielen wie ein Paar wei�e Raben, und nun sa�en sie,
Lacon, Smiley und der Minister, in dem schmucken Vorderzimmer mit den dichten
Netzgardinen und der Platte mit frischen Lachsbr�tchen auf dem Tisch, w�hrend
ihr Gastgeber oben stand und den Zugang bewachte. Auf dem Fahrweg versuchten
Kinder, den Chauffeur auszuhorchen, wem das Auto geh�rte.</p><p>Hinter dem
Kopf des Ministers stand eine Reihe B�cher �ber Bienen. Sie waren Mendels
Leidenschaft, wie Smiley wu�te; er bezeichnete alle Bienen, die nicht aus
Surrey stammten, als �exotisch�. Der Minister war ein noch junger Mann, sein
dunkler Kiefer sah aus, als sei er ihm bei einer unziemlichen Keilerei
ausgerenkt worden. Er hatte einen Kahlkopf, der ihm ein ungerechtfertigt
reifes Aussehen verlieh, und den gr��lich schleppenden Tonfall eines
Eton-Boys. �Also, welche Anregungen liegen vor?� Er beherrschte auch die Kunst
autorit�rer Dialogf�hrung. �Nun, ich w�rde vorschlagen, da� Sie als erstes
alle Verhandlungen einstellen, die in letzter Zeit mit den Amerikanern gelaufen
sind. Ich denke an den geheimen Anhang ohne Titel, der in Ihrem Safe verwahrt
ist�, sagte Smiley, �der sich mit der m�glichen weiteren Verwertung von <emphasis>Witchcraft-Material
</emphasis>befa�t.�</p><p>�Nie davon
geh�rt�, sagte der Minister.</p><p>�Ich
verstehe nat�rlich v�llig die Beweggr�nde. Es ist immer verlockend, an die
Creme dieses enormen amerikanischen Apparates heranzukommen, und mir ist klar,
was daf�r spricht, ihnen daf�r <emphasis>Witchcraft </emphasis>abzutreten.�</p><p>�Was
spricht also <emphasis>dagegen?� </emphasis>fragte der Minister, als spr�che
er mit seinem B�rsenmakler.</p><p>�Wenn der
Maulwurf Gerald existiert�, begann Smiley. Von allen ihren Vettern, hatte Ann
einmal stolz gesagt, habe nur Miles Sercombe nicht einen einzigen vers�hnlichen
Charakterzug. Zum erstenmal glaubte Smiley, da� sie recht hatte. Er kam sich
nicht nur idiotisch vor, sondern auch unlogisch. �Wenn der Maulwurf existiert,
wor�ber wir uns einig sein d�rften . . . � Er wartete, aber niemand verneinte.
�Wenn Gerald existiert�, wiederholte er, �so wird nicht nur der Circus vom
Amerikagesch�ft profitieren, sondern auch die Moskauer Zentrale, denn sie
werden von Maulwurf Gerald alles bekommen, was Sie den Amerikanern abkaufen.�</p><p>Verdrie�lich
lie� der Minister die flache Hand auf den Tisch klatschen, auf dessen Politur
ein feuchter Abdruck zur�ckblieb. �Herrgott, ich verstehe <emphasis>kein </emphasis>Wort�,
erkl�rte er. �Dieses <emphasis>Witchcraft-Zeug </emphasis>ist
verdammt fabelhaft! Vor einem Monat war's die gro�e Sensation. Jetzt verkriechen
wir uns in unsere H�hlen und sagen, die Russen brauen es laufend f�r uns
zusammen. Was zum Teufel geht eigentlich vor?�</p><p>�Ich
glaube offen gestanden nicht, da� es ganz so widersinnig ist, wie es klingt.
Schlie�lich haben wir selber gelegentlich das eine oder andere russische Netz
gef�hrt, und obwohl ich pro domo spreche, darf ich sagen, nicht einmal
schlecht. Wir haben das beste Material geliefert, das wir uns leisten konnten.
Raketen, Kriegsplanung. Sie haben selber mitgemacht� - dies zu Lacon, der fl�chtig
Zustimmung nickte, �wir haben ihnen Agenten hin�bergeschickt, die wir
entbehren konnten, r�umten ihnen gute Verbindungen ein, sicherten ihren
Kurierdienst, hielten die Luft frei f�r Signale, so da� wie sie abh�ren
konnten. Diesen Preis zahlten wir daf�r, da� wir die Gegenseite f�hren konnten,
da� wir - wie dr�ckten Sie sich aus? � erfuhren, wie sie ihre Kommissare instruierten.
Ich bin �berzeugt, Karla w�rde das gleiche f�r uns tun, wenn er unsere Netze
leitete. Er w�rde noch mehr tun, nicht wahr, wenn er auch den amerikanischen
Markt anpeilen k�nnte.� Er brach ab und blickte Lacon an. �Viel, viel mehr.
Eine amerikanische Verbindung, ich meine, eine fette, amerikanische Gewinnbeteiligung
w�rde den Maulwurf Gerald direkt auf Platz eins versetzen. Nat�rlich indirekt
auch den Circus. Als Russe w�rde man den Engl�ndern praktisch alles geben, was
sie wollen, wenn man . . ., wenn man sich daf�r die Amerikaner kaufen k�nnte.�</p><p>�Danke�,
sagte Lacon.</p><p>Der
Minister ging, nachdem er sich ein paar Sandwiches f�r die R�ckfahrt
mitgenommen und vers�umt hatte, sich von Mendel zu verabschieden, vermutlich,
weil Mendel nicht seinem Wahlkreis angeh�rte. Lacon blieb.</p><p>�Sie baten
mich, alles �ber Prideaux ausfindig zu machen�, erkl�rte Lacon schlie�lich.
�Ich habe festgestellt, da� wir doch einige Unterlagen besitzen.�</p><p>Er habe
zuf�llig einige Akten �ber die interne Sicherheit im Circus durchgebl�ttert,
erl�uterte er, �einfach um auf meinem Schreibtisch Ordnung zu machen�. Dabei
sei er auf einige alte positive Untersuchungsberichte gesto�en. Einer davon
habe sich auf Prideaux bezogen.</p><p>�Er war
komplett sicherheits�berpr�ft worden. Nicht ein Schatten zu entdecken.
Allerdings�, er senkte die Stimme, was Smiley veranla�te, aufzublicken, �eins
k�nnte Sie vielleicht trotzdem interessieren. Ein winzig kleines Munkeln �ber
seine Zeit in Oxford. Aber in diesem Alter hat jeder das Recht, ein bi�chen
rosig angehaucht zu sein.�</p><p>�Durchaus.�</p><p>Das
Schweigen stellte sich erneut ein, es wurde nur von Mendels ged�mpften
Schritten droben unterbrochen. �Prideaux und Haydon waren damals sehr eng
miteinander befreundet, wissen Sie�, bekannte Lacon. �Es war mir entgangen.�</p><p>Er hatte
es pl�tzlich schrecklich eilig, wegzukommen. Er tauchte in seine Mappe, holte
einen gro�en neutralen Umschlag hervor, dr�ckte ihn Smiley in die Hand und
kehrte in die erhabeneren Gefilde Whitehalls zur�ck; und Mr. Barraclough vom
Hotel <emphasis>Islay </emphasis>zu seiner Lekt�re der Operation <emphasis>Testify.</emphasis></p><empty-line/><p>Sam
Collins, ein alter Hase, plaudert aus der alten Schule</p><empty-line/><p>Es war um
die Mittagszeit am folgenden Tag. Smiley hatte gelesen und ein bi�chen
geschlafen, wieder gelesen und ein Bad genommen, und als er jetzt die Stufen
des h�bschen Londoner Hauses hinaufstieg, war er guter Laune, denn er mochte
Sam. Das Haus war in georgianischem Stil aus braunen Ziegeln erbaut und stand
ganz in der N�he des Grosvenor Square. Es hatte f�nf T�rstufen und eine
schalenf�rmig eingelassene Messingklingel. Die schwarze T�r war von S�ulen
flankiert. Er dr�ckte auf die Klingel und h�tte ebensogut die T�r aufgedr�ckt
haben k�nnen, denn sie �ffnete sich sofort. Er betrat einen runden Vorplatz mit
einer weiteren T�r im Hintergrund, und die beiden breitschultrigen M�nner in
Schwarz h�tten Wachen in der Westminster Abbey sein k�nnen. �ber einem
Marmorkamin b�umten sich Pferde, es h�tte ein Stubbs sein k�nnen. Der eine Mann
war ihm behilflich, als er den Mantel auszog. Der andere f�hrte ihn zu einem
Stehpult, wo er sich eintrug.</p><p>�Hebden�,
murmelte Smiley, w�hrend er schrieb; Sam w�rde sich an diesen Arbeitsnamen
erinnern. �Adrian Hebden.�</p><p>Der Mann,
der seinen Mantel hatte, wiederholte den Namen in ein Haustelefon. �Mr. Hebden,
Mr. Adrian Hebden.�</p><p>�Wenn Sie
bitte einen Augenblick warten wollen, Sir�, sagte der Mann neben dem Stehpult.
Man h�rte keine Musik, und Smiley fand, sie geh�rte eigentlich hierher; ebenso
ein Springbrunnen.</p><p>�Ich bin
n�mlich ein Bekannter von Mr. Collins�, sagte Smiley.</p><p>�Wenn Mr.
Collins zu sprechen ist. Vielleicht erwartet er mich sogar.�</p><p>Der Mann
am Telefon murmelte �danke� und h�ngte auf. Er f�hrte Smiley zur Innent�r und
dr�ckte sie auf. Nicht das geringste Ger�usch war zu h�ren, nicht einmal ein
Schaben auf dem Seidenteppich.</p><p>�Mr.
Collins ist hier, Sir�, fl�sterte er respektvoll. �Die Getr�nke gehen auf
Kosten des Hauses.�</p><p>Die drei
Empfangsr�ume gingen ineinander �ber; sie waren durch S�ulen und Bogen optisch
abgeteilt und mit Mahagony get�felt.</p><p>In jedem
Raum stand ein Tisch. Der dritte war zwanzig Meter entfernt. Die Beleuchtung
erhellte nichtssagende Stilleben in gewaltigen Goldrahmen und die gr�nen
Flanellbez�ge der Tische. Die Gardinen waren zugezogen, die Tische etwa zu
einem Drittel besetzt, jeder mit vier bis f�nf Spielern, alles M�nner, aber man
h�rte nichts als das Klicken der Kugel im Rad und das Klicken der Chips, wenn
sie verteilt wurden, und das sehr leise Fl�stern der Croupiers. �Adrian
Hebden�, sagte Sam Collins mit einem Zwinkern in der Stimme. �Lange nicht
gesehen.�</p><p>�Hallo,
Sam�, sagte Smiley, und sie sch�ttelten sich die H�nde. �Kommen Sie mit in
meine H�hle�, sagte Sam und nickte dem einzigen anderen Mann zu, der
herumstand, einem sehr dicken Mann mit zu hohem Blutdruck und einem
zerschlagenen Gesicht. Der dicke Mann nickte zur�ck.</p><p>�Gef�llt's
Ihnen?� erkundigte sich Sam, als sie einen mit roter Seide bespannten Korridor
durchschritten. �Sehr eindrucksvoll�, sagte Smiley h�flich.</p><p>�Genau�,
sagte Sam. �Eindrucksvoll. Genau das ist es.� Er trug einen Smoking. Sein B�ro
war in Pl�sch gehalten, der Schreibtisch hatte eine Marmorplatte und
Klauenf��e, aber der Raum selber war klein und keineswegs gut bel�ftet, eher
wie eine Requisitenkammer im Theater, dachte Smiley, voller alter
Versatzst�cke. �Sp�ter kann ich mich vielleicht sogar mit eigenem Geld
beteiligen, in einem Jahr oder so. Sind harte Jungs, aber sehr auf Draht, mu�
man sagen.�</p><p>�Bestimmt�,
sagte Smiley. �Wie wir, in den alten Tagen.�</p><p>�Genau.�</p><p>Er war
gepflegt und trat unbefangen auf, und er hatte ein gepflegtes schwarzes
Schnurrb�rtchen. Smiley konnte ihn sich ohne dieses B�rtchen nicht vorstellen.
Er war um die f�nfzig. Er hatte viele Jahre im Fernen Osten verbracht, wo sie
einmal gemeinsam eine Blitzaktion gegen einen chinesischen Geheimsender
durchgef�hrt hatten. Haut und Haar fingen an, grau zu werden, aber im �brigen sah
er noch immer aus wie f�nfunddrei�ig. Er konnte grinsen wie ein Schuljunge,
seine Kameradschaftlichkeit war aufrichtig. Er hielt beide H�nde �ber dem Tisch
wie beim Kartenspiel und blickte Smiley mit einem Besitzerstolz an, als w�re er
sein Vater oder sein Sohn oder beides.</p><p>�Wenn
unser Freund �ber f�nf kommt�, sagte er und l�chelte noch immer, �geben Sie
Laut, Harry, ja? Im �brigen halten Sie die Klappe, ich versuche gerade, einen
�lscheich rumzukriegen.� Er sprach in einen Apparat auf seinem Schreibtisch.
�Wo ist er jetzt?�</p><p>�Drei
plus�, sagte die schnarrende Stimme. Smiley vermutete, sie geh�re dem l�dierten
Mann mit dem �berdruck. �Dann kann er noch acht verlieren�, sagte Sam milde.
Halten Sie ihn am Tisch, das ist wichtig. Machen Sie einen Helden aus ihm.� Er
schaltete ab und grinste. Smiley grinste zur�ck. �Wirklich, ein gro�artiges
Leben�, versicherte Sam. �Auf jeden Fall besser, als Waschmaschinen verkaufen.
Bi�chen komisch nat�rlich, sich um zehn Uhr fr�h in den Smoking zu schmei�en.
Erinnert mich an diplomatische Tarnung.� Smiley lachte. �Geht sogar ehrlich
zu, ob Sie's glauben oder nicht�, erg�nzte Sam, ohne eine Miene zu verziehen.
�Man mu� nur gut rechnen k�nnen.�</p><p>�Das
k�nnen Sie bestimmt�, sagte Smiley wiederum �u�erst h�flich.</p><p>�M�chten
Sie Musik h�ren?�</p><p>Es war
Tonband-Musik und kam aus der Decke. Sam drehte so laut auf, wie sie es
ertragen konnten.</p><p>�Also, was
kann ich f�r Sie tun?� fragte Sam und grinste noch breiter.</p><p>�Ich
m�chte mit Ihnen �ber die Nacht sprechen, in der die Sch�sse auf Jim Prideaux
fielen. Sie waren Offizier vom Dienst.� Es entstand eine lange Pause. Sam
rauchte braune Zigaretten, die wie Zigarren rochen. Er z�ndete eine an, lie�
das Ende Feuer fangen und sah dann zu, wie die Flamme vergl�hte. �Schreiben Sie
Ihre Memoiren, alter Junge?� fragte Sam. �Wir rollen den Fall erneut auf.�</p><p>�Wer ist <emphasis>wir, </emphasis>alter
Junge?�</p><p>�Ich,
meine Wenigkeit und Ihr sehr Ergebener, wobei Lacon schiebt und der Minister
zieht.�</p><p>�Macht
verdirbt den Charakter, aber irgendwer mu� regieren, und in diesem Fall wird
Bruder Lacon sich widerwillig an die Spitze schieben.�</p><p>�Es hat
sich nichts ge�ndert�, sagte Smiley.</p><p>Sam zog
nachdenklich an seiner Zigarette. Die Musik ging in S�tze von Noel Coward �ber.</p><p>�Ein alter
Traum von mir�, sagte Sam Collins durch den Rauch. �Eines sch�nen Tages
spaziert Percy Alleline mit einem sch�bigen braunen K�fferchen durch diese T�r
und bittet um ein Spielchen. Er setzt alle Geheimstimmen auf Rot und verliert.�</p><p>�Die Akte
ist gefl�ht�, sagte Smiley. �Jetzt mu� ich bei den Leuten rumgehen und fragen,
woran sie sich erinnern. So gut wie keine Unterlagen greifbar.�</p><p>��berrascht
mich nicht�, sagte Sam. �bers Telefon bestellte er Sandwiches. �Lebe davon�,
erkl�rte er. �Sandwiches und Kanapees. Geh�rt zur Pfr�nde.�</p><p>Er go�
Kaffee ein, als das rote L�mpchen zwischen ihnen auf dem Schreibtisch
aufleuchtete.</p><p>�Unser
Freund ist patt�, sagte die schnarrende Stimme. �Dann z�hlen Sie mit�, sagte
Sam und schaltete ab. Sam erz�hlte schlicht, aber exakt, wie ein guter Soldat
den Hergang einer Schlacht rekapituliert, nicht um nochmals zu gewinnen oder
zu verlieren, sondern einfach zur Erinnerung. Er sei gerade aus dem Ausland
zur�ckgekommen, sagte er, von einem Dreijahres-Kontrakt in Vientiane. Er hatte
sich bei der Personalabteilung zur�ckgemeldet, alles mit dem Delphin ins reine
gebracht, und da niemand Pl�ne f�r ihn zu haben schien, �berlegte er, ob er
nicht einen Monat Urlaub in S�dfrankreich machen sollte, als Mac Fadean, der
alte Portier, der praktisch Controls Kammerdiener war, ihn im Korridor
aufgriff und in Controls B�ro schleppte.</p><p>�Das war
an welchem Tag genau?� sagte Smiley.</p><p>�Am 19.
Oktober.�</p><p>�Donnerstag.�</p><p>�Donnerstag.
Ich hatte vor, am Montag nach Nizza zu fliegen. Sie waren in Berlin. Ich wollte
Sie zu einem Glas einladen, aber die M�tter sagten, Sie seien <emphasis>occupe, </emphasis>und als
ich bei der Reisestelle nachfragte, hie� es, Sie seien nach Berlin geflogen.�</p><p>�Ja, das
stimmt�, sagte Smiley nur. �Control hat mich hingeschickt.�</p><p>Um mich
aus dem Weg zu r�umen, h�tte er hinzuf�gen k�nnen: sogar damals hatte er dieses
Gef�hl gehabt.</p><p>�Ich habe
�berall nach Bill herumgeschn�ffelt, aber Bill war ebenfalls Fehlanzeige.
Control hatte ihn irgendwohin aufs Land geschickt�, sagte Sam und mied Smileys
Blick.</p><p>�Zur
Schmetterlings-Hatz�, murmelte Smiley, �aber er ist wiedergekommen.�</p><p>Hier
schickte Sam einen scharfen, fragenden Blick in Smileys Richtung, aber er
ber�hrte das Thema von Bill Haydons Reise nicht mehr.</p><p>�Das ganze
Haus war wie ausgestorben. Um ein Haar h�tte ich die erste Maschine zur�ck nach
Vientiane genommen.�</p><p>�Es war
wirklich so gut wie tot�, gestand Smiley und dachte: ausgenommen <emphasis>Witchcraft.</emphasis></p><p>Und
Control, sagte Sam, sah aus, als habe er Malaria. Er war von einem Meer von
Akten umgeben, seine Haut war gelb, und beim Sprechen unterbrach er sich
st�ndig, um sich mit dem Taschentuch die Stirn zu wischen. Er hielt sich kaum
mit dem �blichen Tamtam auf, sagte Sam. Er begl�ckw�nschte ihn nicht zu den
drei erfolgreichen Jahren im Au�endienst und machte nicht einmal eine
hinterh�ltige Anspielung auf sein Privatleben, das damals ziemlich unruhig war;
er sagte nur, da� es ihm recht w�re, wenn Sam an Stelle von Mary Masterman den
Wochenend-Dienst �bern�hme, ob Sam es einrichten k�nne?</p><p>�Klar kann
ich's einrichten�, sagte ich. �Wenn Sie wollen, da� ich den O.v.D. mache, dann
mach' ich ihn.� Er sagte, den Rest der Geschichte werde er mir Sonnabend
erz�hlen. Inzwischen d�rfe ich niemandem etwas sagen. Kein Wort zu irgendwem im
Hause, auch nicht dar�ber, worum er mich vorhin gebeten habe. Er brauche einen
t�chtigen Mann, der die Telefonzentrale bedienen k�nne, falls eine Krise
ausbr�che, aber es mu�te jemand von einem Au�enposten sein oder jemand wie ich,
der lange vom Hauptb�ro weggewesen sei. Und es mu�te ein alter Hase sein.�
Also ging Sam zu Mary Masterman und jammerte ihr vor, da� er den Mieter nicht
aus seiner Wohnung herauskriegen k�nne, ehe er am Montag seinen Urlaub antrete;
wie w�r's, wenn sie ihn ihren Dienst �bernehmen lie�e, dann k�nne er das Hotel
sparen? Sam trat am Sonnabend um neun Uhr fr�h an, mit seiner Zahnb�rste und
sechs Dosen Bier in einer Aktenmappe, auf der noch Hoteletiketten mit Palmen
klebten. Geoff Agate sollte ihn am Sonntag abl�sen.</p><p>Nochmals
hielt Sam sich dar�ber auf, wie tot das Haus war. Fr�her war der Sonnabend gewesen
wie jeder andere Tag, sagte er. Die meisten Abteilungen hatten �ber das ganze
Wochenende einen Notdienst eingerichtet, manche sogar eine besondere Nachtschicht,
und wenn man die Runde im Haus machte, hatte man das Gef�hl, da� in diesem
Laden einiges los war. Aber an diesem Sonnabend vormittag h�tte das Haus
evakuiert sein k�nnen; was es, wie er sp�ter erfuhr, auch tats�chlich gewesen
war -, aber auf Controls Befehl. Ein paar Funker werkten im zweiten Stock, die
Sende- und Codierr�ume liefen auf Hochtouren, aber die Jungens dort arbeiteten
ohnehin zu jeder Tages- und Nachtzeit. Im �brigen, sagte Sam, herrschte das
gro�e Schweigen. Er sa� herum und wartete auf Controls Anruf, aber nichts kam.
Er schlug eine weitere Stunde damit tot, da� er sich die Portiers vornahm, die
er als den faulsten Haufen im ganzen Circus bezeichnete. Er pr�fte ihre
Anwesenheitslisten und fand zwei Stenotypistinnen und einen diensthabenden
Beamten eingetragen, die jedoch nicht da waren, also setzte er den ersten
Wachmann, einen Neuen namens Mellows, auf die Meldeliste. Schlie�lich ging er
hinauf, um nachzusehen, ob Control da sei.</p><p>�Er sa�
ganz allein oben, nur Mac Fadean war bei ihm. Die M�tter nicht, Sie nicht, nur
der alte Mac, der mit Jasmintee und Sympathie herumhuschte. Zu viel?�</p><p>�Nein,
bitte erz�hlen Sie weiter. So viele Einzelheiten, wie sie noch
zusammenbringen.�</p><p>�Dann lie�
Control einen weiteren Schleier fallen. Einen halben Schleier. Irgend jemand
erledige etwas f�r ihn, sagte er. Es sei von gr��ter Wichtigkeit f�r den
Geheimdienst. Das sagte er mehrmals: den Geheimdienst. Nicht f�r Whitehall
oder das Pfund Sterling oder die Fischpreise, sondern f�r uns. Auch wenn alles
vor�ber sei, d�rfe ich keinen Ton verlauten lassen. Auch nicht zu Ihnen. Oder
zu Bill oder Bland oder sonst wem.�</p><p>�Und
Alleline?�</p><p>�Percy hat
er �berhaupt nicht erw�hnt.�</p><p>�Nein�,
pflichtete Smiley bei �Das konnte er in diesem Stadium wohl kaum mehr.�</p><p>�Ich
sollte ihn f�r den Rest der Nacht als Einsatzleiter betrachten. Ich selber
sollte als Schaltstelle zwischen Control und allem, was sonstwo im Haus
vorgehen mochte, t�tig sein. Wenn irgend etwas hereinkomme, ein Signal, ein
Anruf, wie unwichtig es auch immer erschiene, dann sollte ich warten, bis die
Luft rein sei, dann hinaufflitzen und es Control �bermitteln. Niemand d�rfe
wissen, jetzt oder sp�ter, da� Control der Mann am Abzug gewesen war. Auf
keinen Fall sollte ich ihn anrufen oder ihm eine Notiz zukommen lassen; sogar
die Hausleitungen waren tabu. Ehrlich, George�, sagte Sam und nahm sich ein
Sandwich.</p><p>�Oh, ich
glaube Ihnen�, sagte Smiley, und es kam ihm von Herzen. Sollten Telegramme
abzuschicken sein, so m�sse Sam ebenfalls den Mittler machen. Er m�sse vor dem
Abend nicht mit viel Betrieb rechnen. Den Portiers und solchen Leuten, wie
Control sich ausdr�ckte, gegen�ber, sollte Sam das verdammtest M�gliche tun, um
sich nat�rlich zu geben und besch�ftigt zu wirken. Als die Seance vor�ber war,
kehrte Sam ins Wachzimmer zur�ck, lie� sich eine Abendzeitung holen, �ffnete
eine Bierdose, suchte sich eine Amtsleitung und fing an, sein Hemd zu
verwetten. In Kempton fand ein Hindernisrennen statt, was er seit Jahren nicht
mehr verfolgt hatte. Am fr�hen Abend machte er einen zweiten Rundgang und
testete die Alarmschwellen im Fu�boden der Registratur. Drei von f�nfzehn
funktionierten nicht, und inzwischen hatten die Portiers ihn aufrichtig
liebengelernt. Er kochte sich ein Ei, und als er es gegessen hatte, trottete er
hinauf, um dem alten Mac ein Pfund abzukn�pfen und ihm ein Bier zu bringen. �Er
hatte mich beauftragt, das Geld f�r ihn auf irgendeinen alten Klepper mit drei
linken Beinen zu setzen. Ich plauderte zehn Minuten mit ihm, dann ging ich
wieder hinunter in meinen Bau, schrieb ein paar Briefe, sah mir einen miesen
Film an und legte mich in die Falle. Der erste Anruf kam in dem Augenblick, als
ich am Einschlafen war. Genau elf Uhr zwanzig. W�hrend der n�chsten zehn
Stunden h�rten die Telefone nicht mehr auf zu klingeln. Ich dachte schon, die
Schaltanlagen w�rden mir ins Gesicht explodieren.�</p><p>�Arcadi ist
f�nf minus�, sagte eine Stimme �ber die Sprechanlage. �Entschuldigen Sie mich�,
sagte Sam mit seinem gewohnten Grinsen und lie� Smiley mit der Musik allein,
um droben die Sache in Ordnung zu bringen.</p><p>Smiley sah
zu, wie Sams braune Zigarre langsam im Aschenbecher verbrannte. Er wartete,
Sam kam nicht zur�ck, er fragte sich, ob er sie ausdr�cken sollte. Rauchen im
Dienst ist verboten, dachte er; Hausordnung. �Erledigt�, sagte Sam.</p><p>Der erste
Anruf kam von dem im Hause wohnenden Sekret�r des <emphasis>Foreign
Office </emphasis>�ber die direkte Leitung, sagte Sam. Das <emphasis>Foreign
Office </emphasis>hatte sozusagen beim Gro�en Preis von Whitehall mit einer
ger�mpften Nasenl�nge gewonnen.</p><p>�Der
Reuter-Chef in London hatte ihm gerade telefonisch von einer Schie�erei in Prag
Mitteilung gemacht. Ein britischer Spion sei von russischen Sicherheitskr�ften
erschossen worden, die Jagd nach seinem Komplizen sei in vollem Gang, ob das <emphasis>Foreign
Office </emphasis>interessiert sei! Der Sekret�r gab es zur Information an
uns weiter. Ich sagte, es klinge nach einer Ente und legte auf, als Mike Meakin
von den Funkern herunterkam, um mir zu sagen, da� �ber der Tschechoslowakei der
Teufel los sei. Die H�lfte sei verschl�sselt, aber die andere H�lfte im
Klartext. Er fange dauernd verst�mmelte Geschichten �ber eine Schie�erei in der
N�he von Brunn auf. Prag oder Brunn? fragte ich. Oder beides? Nur Brunn. Ich
sagte, bleiben Sie dran, und da gingen auch schon alle f�nf Summer. Als ich
gerade hinausgehen wollte, kam nochmals der Sekret�r auf der direkten Leitung.
Reuter habe die Meldung berichtigt, sagte er: nicht Prag, sondern Brunn. Ich
schlo� die T�r, und es war, als h�tte man ein Wespennest hinter sich gelassen.
Control stand an seinem Schreibtisch, als ich das B�ro betrat. Er hatte mich
heraufkommen h�ren. Hat Alleline �brigens diese Treppe mit L�ufern belegen
lassen?�</p><p>�Nein�,
sagte Smiley. Er war v�llig teilnahmslos. &gt;George ist wie ein Lurch&lt;,
hatte Ann einmal in seiner Gegenwart zu Haydon gesagt. �Er senkt seine
K�rpertemperatur, bis sie mit der Temperatur seiner Umwelt �bereinstimmt. Dann
verschwendet er keine Anpassungsenergie.�</p><p>�Sie
wissen, wie schnell er war, wenn er einen ansah. Er schaute auf meine H�nde, ob
ich ein Telegramm f�r ihn h�tte, und ich w�nschte, ich h�tte irgend etwas
zwischen den Fingern gehabt, aber sie waren leer! &gt;Ich f�rchte, es ist eine
kleine Panik ausgebrochen&lt;, sagte ich. Ich setzte ihn kurz ins Bild, er sah
auf seine Uhr, vermutlich rechnete er aus, was jetzt h�tte geschehen sollen,
wenn alles geklappt h�tte. Ich sagte: &gt;Kann ich bitte Instruktionen
haben?&lt; Er setzte sich, ich konnte ihn nicht sehr gut sehen, er hatte nur
die niedrige gr�ne Schreiblampe brennen. Ich wiederholte: &gt;Ich brauche
Instruktionen. Soll ich ableugnen? Kann ich irgend jemanden hinzuziehen?&lt;
Keine Antwort. Wissen Sie, es gab keinen Menschen, den ich h�tte hinzuziehen
k�nnen, aber das wu�te ich damals nicht. &gt;Ich mu� Instruktionen haben.&lt;
Wir h�rten drunten Schritte, und ich wu�te, da� die Radiojungens mich suchten.
&gt;M�chten Sie hinunterkommen und die Sache selber �bernehmen?&lt; fragte ich.
Ich ging um den Schreibtisch herum, stieg �ber die Akten, die alle an
verschiedenen Stellen aufgeschlagen waren; man konnte meinen, er stelle eine
Enzyklop�die zusammen. Einige mu�ten aus der Zeit von vor dem Krieg stammen.
Er sa� so da.�</p><p>Sam schlo�
die Finger, legte die Spitzen an die Stirn und starrte auf den Schreibtisch.
Die andere Hand lag auf der Platte und hielt Controls imagin�re Taschenuhr.
�&gt;Sagen Sie Mac Fadean, er soll mir ein Taxi besorgen, dann schaffen Sie mir
Smiley herbei. &lt; &gt;Und dieses Unternehmen?&lt; fragte ich. Ich mu�te die
halbe Nacht auf eine Antwort warten. &gt;Ist abzuleugnen&lt;, sagte er.
&gt;Beide M�nner hatten ausl�ndische P�sse. In diesem Stadium kann kein Mensch
wissen, da� sie Engl�nder sind.&lt; &gt;Es wird nur von einem Mann
gesprochen&lt;, sagte ich. Dann sagte ich: &gt;Smiley ist in Berlin.&lt;
Jedenfalls glaube ich, da� ich das sagte. Daraufhin wieder zwei Minuten
Schweigen. &gt;Jeder andere tut's auch. Es ist egal. &lt; Er h�tte mir leid tun
sollen, aber in diesem Moment brachte ich wohl nicht viel Sympathie f�r ihn
auf. Ich stand da mit dem Schwarzen Peter in der Hand und wu�te nicht, was
eigentlich los war. Mac Fadean war nicht zu finden, also dachte ich, Control
soll sich sein Taxi selber besorgen, und als ich wieder die Treppe runter war,
mu� ich ausgesehen haben wie Lord Kitchener. Der alte Schraubendampfer vom
Abh�rdienst schwenkte Berichte vor meiner Nase wie F�hnchen, ein paar Portiers
br�llten mir entgegen, der Radiojunge hatte ein B�ndel Meldungen in der Hand,
die Telefone klingelten, nicht nur meine eigenen, sondern ein halbes Dutzend
der direkten Leitungen von der vierten Etage. Ich ging zun�chst ins Wachzimmer
und schaltete s�mtliche Leitungen ab, w�hrend ich versuchte, Haltung zu
gewinnen. Die Abh�r-Hexe - wie hei�t dieses Weib gleich wieder- sie hat immer
mit dem Delphin Golf gespielt?�</p><p>�Purcell.
Molly Purcell.�</p><p>�Ja, die
war's. Ihre Geschichte war wenigstens eindeutig, Radio Prag k�ndigte innerhalb
der n�chsten halben Stunde einen Sonderbericht an. Das war vor einer Viertelstunde
gewesen. Der Bericht w�rde einen Akt gr�blicher Provokation durch eine
westliche Macht betreffen, eine Verletzung der tschechoslowakischen Souver�nit�t
und einen Schlag ins Gesicht aller freiheitsliebenden V�lker. Davon
abgesehen�, sagte Sam trocken, �nichts wie Jubel, Trubel, Heiterkeit. Ich
klingelte nat�rlich in Bywater Street an, dann signalisierte ich nach Berlin,
sie sollten Sie aufst�bern und sp�testens gestern zur�ckschicken. Ich gab
Mellows die wichtigsten Telefonnummern und schickte ihn weg, er solle sich
drau�en ein Telefon suchen und alles zusammentrommeln, was er von den hohen
Herrschaften an die Strippe bek�me. Percy war �bers Wochenende in Schottland
und zum Abendessen ausgegangen. Seine K�chin gab Mellows eine Nummer, er l�utete
dort an und sprach zu Percys Gastgeber. Percy war soeben gegangen.�</p><p>�Verzeihung�,
unterbrach Smiley. �Wozu haben Sie Bywater Street angerufen?� Er hielt seine
Oberlippe zwischen Finger und Daumen und zog sie nach vorn wie eine Mi�bildung,
w�hrend er in die mittlere Entfernung starrte. �F�r den Fall, da� Sie fr�her
aus Berlin zur�ckgekommen w�ren�, sagte Sam. �Und war ich zur�ckgekommen?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Mit wem
haben Sie dann gesprochen?�</p><p>�Mit Ann.�</p><p>Smiley
sagte: �Ann ist zur Zeit verreist. K�nnten Sie mir wiederholen, wie dieses
Gespr�ch verlaufen ist?�</p><p>�Ich
fragte nach Ihnen, und sie sagte, Sie seien in Berlin.�</p><p>�Und das
war alles?�</p><p>�Es war
eine Krise, George�, sagte Sam in warnendem Ton. �Und?�</p><p>�Ich
fragte sie, ob sie zuf�llig wisse, wo Bill Haydon sei. Es war dringend. Soviel
ich wu�te, hatte er Urlaub, aber ich dachte, vielleicht ist er bei ihr. Irgend
jemand hat mir mal gesagt, er sei ihr Vetter.� Er f�gte hinzu: �Au�erdem geht
er bei Ihnen ein und aus, wie ich h�rte.�</p><p>�Ja, das
stimmt. Was hat sie gesagt?�</p><p>�Warf mir
ein pikiertes &gt;Nein&lt; hin und legte auf. Tut mir leid, George, Krieg ist
Krieg.�</p><p>�Wie klang
sie?� fragte Smiley, nachdem er das gefl�gelte Wort eine Weile in der Luft
hatte h�ngenlassen. �Hab' ich schon gesagt: pikiert.�</p><p>Roy Bland
war in Leeds, um an der Universit�t nach Talenten zu sch�rfen, sagte Sam, war
also nicht verf�gbar.</p><p>Zwischen
den einzelnen Anrufen machten sie Sam die H�lle hei�. Ganz, als w�re er auf
Kuba eingefallen. Das Milit�r br�llte etwas von tschechischen Panzerbewegungen
an der �sterreichischen Grenze, die Funker konnten nicht einmal ihre eigenen
Gedanken h�ren, so gro� war der Funksalat rings um Brunn, und im <emphasis>Foreign
Office </emphasis>bekam der diensthabende Beamte gleichzeitig hysterische
Anf�lle und gelbes Fieber. Zuerst Lacon und nach ihm der Minister bellten vor
den T�ren, und um halb eins kam der tschechische Sonderbericht mit zwanzig
Minuten Versp�tung, aber deshalb noch genauso schlecht. Ein britischer Spion
namens Jim Ellis, der mit falschen tschechischen Papieren reiste und von einem
tschechischen Konterrevolution�r unterst�tzt wurde, habe versucht, einen nicht
genannten tschechischen General in den W�ldern um Brunn zu entf�hren und �ber
die �sterreichische Grenze zu schmuggeln. Ellis sei von Sch�ssen getroffen
worden, aber sie sagten nicht get�tet, weitere Verhaftungen standen
unmittelbar bevor. Ich suchte Ellis im Verzeichnis der Arbeitsnamen auf und
fand Jim Prideaux. Und ich dachte, genau wie Control gedacht haben mu�te: Wenn
Jim tot ist und tschechische Papiere hatte, wieso wissen sie dann, da� er
Engl�nder ist? Dann kam Bill Haydon an, wei� wie ein Laken. Hatte die
Geschichte am Fernschreiber in seinem Club aufgeschnappt. Er machte stracks
kehrt und kam in den Circus.�</p><p>�Um welche
Zeit war das genau?� fragte Smiley mit leichtem Stirnrunzeln. �Es mu� ziemlich
sp�t gewesen sein.� Sam sah aus, als h�tte er es ihm von Herzen gern erspart.
�Ein Uhr f�nfzehn�, sagte er.</p><p>�Was
ziemlich sp�t ist, nicht wahr, um im Club Fernschreiben zu lesen?�</p><p>�Kann ich
nicht sagen, alter Junge.�</p><p>�Bill ist
im Savile, nicht wahr?�</p><p>�Wei�
nicht�, sagte Sam bockig. Er trank einen Schluck Kaffee. �Aber Bill war eine
Wucht, das kann ich Ihnen sagen. Ich habe immer gefunden, da� er ein
�berkandidelter Bursche ist. Aber nicht in dieser Nacht, glauben Sie mir. Ja,
er war ersch�ttert. W�re jeder andere auch gewesen. Er kam an und wu�te weiter
nichts, als da� es eine mordsm��ige Schie�erei gegeben hatte. Aber als ich ihm
sagte, da� Jim getroffen wurde, starrte er mich an wie ein Verr�ckter. Ich
hab' gedacht, er geht auf mich los. &gt;Getroffen? Wie getroffen? T�dlich?&lt;
Ich schob ihm die Meldungen hin, und er las jede einzelne durch . . .�</p><p>�H�tte er
es nicht schon aus dem Fernschreiben wissen m�ssen?� fragte Smiley leise. �Ich
dachte, um diese Zeit sei es bereits allgemein bekannt gewesen: Ellis
niedergeschossen. Das war doch der Kn�ller, oder?�</p><p>�Kommt
vermutlich drauf an, welche Meldung er zu sehen kriegte�, sagte Sam und tat den
Einwand mit einem Achselzucken ab. �Also, er �bernahm die Telefonzentrale, und
bis zum Morgen hatte er das wenige zusammengeklaubt, was zu haben war, und fast
so etwas wie Ruhe wiederhergestellt. Er sagte den Leuten im <emphasis>Foreign
Office, </emphasis>sie sollten abwarten und Tee trinken, er st�berte Toby
Esterhase auf und wies ihn an, ein tschechisches Agentenpaar zu kassieren,
Studenten an der <emphasis>London School of Economics. </emphasis>Bill hatte
sie bisher ungeschoren gelassen, er plante, sie umzudrehen und
zur�ckzuspielen. Tobys Aufkl�rer zogen ihnen eins �ber und sperrten sie in
Sarratt ein. Dann rief Bill den tschechischen Agentenf�hrer in London an und
br�llte wie ein Feldwebel: Wenn Jim Prideaux auch nur ein Haar gekr�mmt werde,
drohte er, werde er den Tschechen so blo�stellen, da� er zum Gesp�tt der
ganzen Zunft w�rde. Das k�nne er seinen Brotgebern bestellen. Auf mich wirkte
das Ganze wie ein Verkehrsunfall, bei dem Bill der einzige Arzt war. Er rief
eine Presseverbindung an und erz�hlte seinem Mann dort unter dem Siegel der
Verschwiegenheit, Ellis sei ein tschechischer S�ldner unter amerikanischem
Vertrag: er k�nne die Story ohne Quellenangabe verwenden. Sie schaffte
tats�chlich noch die Sp�tausgabe. Sobald er konnte, lief er in Jims Zimmer, um
sich zu �berzeugen, da� dort nichts liegengeblieben war, wo ein Journalist
h�tte einhaken k�nnen, falls ein Journalist clever genug w�re, den Zusammenhang
herzustellen zwischen Ellis und Prideaux. Ich nehme an, er hat gr�ndlich reinen
Tisch gemacht. Angeh�rige, alles.</p><p>�Er hatte
keine Angeh�rigen�, sagte Smiley. �Au�er vielleicht Bill�, f�gte er fast
unh�rbar hinzu.</p><p>Sam
beendete seinen Bericht. �Um acht Uhr traf Percy Alleline ein, er hatte bei der
Air Force eine Sondermaschine lockergemacht. Er grinste �bers ganze Gesicht.
Was ich in Anbetracht von Bills Stimmung nicht sehr schlau von ihm fand. Er
wollte wissen, warum ich Dienst machte, und ich verpa�te ihm den gleichen
Schmus wie Mary Masterman: aufs Wort. Er benutzte mein Telefon, um eine
Verabredung mit dem Minister zu treffen, und hing noch dran, als Roy Bland
ankam, stinkw�tend und halb besoffen, und wissen wollte, wer zum Teufel von
seinem Tischchen gefressen habe, und bezichtigte praktisch mich. Ich sagte:
�Herrgott, Mann, und unser alter Jim? Sie k�nnten ihn bedauern, wenn Sie schon
mal dabei sind�, aber Roy ist ein hungriger Knabe und liebt die Lebenden mehr
als die Toten. Ich �bergab ihm die Telefonzentrale mit herzlichen Gr��en, ging
hin�ber ins <emphasis>Savoy </emphasis>zum Fr�hst�ck und las die
Sonntagsbl�tter. Die meisten beschr�nkten sich auf eine Wiedergabe der
tschechischen Berichte und ein m�des Dementi aus dem <emphasis>Foreign
Office.�</emphasis></p><p>Schlie�lich
sagte Smiley: �Und danach gingen Sie nach S�dfrankreich?�</p><p>�F�r zwei
zauberhafte Monate.�</p><p>�Hat
irgend jemand Ihnen nochmals Fragen gestellt � �ber Control zum Beispiel?�</p><p>�Erst als
ich wieder zur�ckkam. Sie waren inzwischen gegangen worden, Control lag krank
im Spital.� Sams Stimme wurde ein wenig tiefer. �Er hat doch nichts <emphasis>Dummes </emphasis>angestellt,
oder?�</p><p>�Nein, er
ist nur gestorben.�</p><p>�Percy
spielte den Obermacher. Er lie� mich rufen und wollte wissen, warum ich f�r die
Masterman Dienst gemacht hatte und in welcher Verbindung ich mit Control stand.
Ich blieb bei meiner Geschichte, und Percy nannte mich einen L�gner.�</p><p>�Also
deshalb hat man Sie gescha�t: L�gen?�</p><p>�Alkoholismus,
alter Junge. Die Portiers haben sich ein bi�chen schadlos gehalten. Z�hlten
f�nf Bierdosen im Papierkorb des O.v.D. und meldeten es dem Personalb�ro. Es
gibt eine eiserne Regel: keinen Alkohol innerhalb des Hauses. Nach der �blichen
Zeit befand ein Disziplinarausschu� mich f�r schuldig, und ich flog im hohen
Bogen. Wie war's bei Ihnen?�</p><p>�Ach, ganz
�hnlich. Ich vermochte sie offenbar nicht zu �berzeugen, da� ich mit der Sache
nichts zu tun hatte.�</p><p>�Wenn Sie
mal einen aus dem Weg haben wollen�, sagte Sam, als er Smiley in aller Stille
durch eine Seitent�r in ein h�bsches G��chen hinauslie�, �Anruf gen�gt.� Smiley
war in Gedanken versunken. �Und wenn Sie jemals ein Spielchen machen m�chten,
bringen Sie ein paar von Anns smarten Freunden her.�</p><p>�Sam,
h�ren Sie zu. Bill war in jener Nacht mit Ann im Bett. Nein, h�ren Sie zu. Sie
haben angerufen, sie sagte, Bill sei nicht dort.</p><p>Sobald sie
aufgelegt hatte, warf sie Bill aus dem Bett und eine halbe Stunde sp�ter
tauchte er im Circus auf und wu�te bereits, da� es in der Tschechoslowakei eine
Schie�erei gegeben hatte. Wenn Sie mir die Geschichte in kurzen Worten erz�hlen
w�rden - auf einer Postkarte - w�rden Sie es so fassen?�</p><p>�Ungef�hr.�</p><p>�Aber Sie
haben Ann bei Ihrem Anruf nichts von der Tschechoslowakei gesagt. . .�</p><p>�Er hat
auf dem Weg zum Circus bei seinem Club reingeschaut.�</p><p>�Wenn
ge�ffnet war. Gut: Aber warum wu�te er dann nicht, da� Jim Prideaux getroffen
worden war?�</p><p>Im
Tageslicht sah Sam schlichtweg alt aus, obwohl er noch immer grinste. Er schien
etwas sagen zu wollen, besann sich aber anders. Er wirkte zornig, dann
entt�uscht, dann wurde sein Gesicht wieder ausdruckslos. �Also, bis dann�,
sagte er. �Passen Sie auf sich auf�, und zog sich in die ewige Nacht seines
selbstgew�hlten Arbeitsfelds zur�ck.</p><empty-line/><p>Max, der Aufkl�rer,
berichtet, wie Jim Prideaux ihn auf eine Reise mitnahm</p><empty-line/><p>Als Smiley
an diesem Morgen das <emphasis>Islay </emphasis>verlassen
hatte, um sich zum Grosvenor Square zu begeben, waren die Stra�en in grelles
Sonnenlicht gebadet, und der Himmel war blau gewesen. Als er jetzt in seinem
gemieteten Rover an den unfreundlichen Fassaden der Edgware Road entlangfuhr,
hatte der Wind sich gelegt, der Himmel war von Regenwolken schwarz verhangen,
und von der Sonne war nur noch ein r�tlicher Widerschein auf dem Stra�enbelag
zur�ckgeblieben. Er parkte in der St. John's Wood Road, im Vorhof eines neuen
Wohnturms mit verglaster Eingangshalle, benutzte aber diesen Eingang nicht.
Vorbei an einer gro�en Skulptur, die ihm eine Art kosmischen Kuddelmuddels
darzustellen schien, schritt er im eisigen Nieselregen zu einer abw�rts f�hrenden
Au�entreppe mit der Aufschrift: �Nur Ausgang.� Der erste Treppenabsatz war
gefliest und mit einem Gel�nder aus afrikanischem Teakholz versehen. Danach
endete die Gro�z�gigkeit des Erbauers. Rauhputz ersetzte den fr�heren Luxus,
und ein schaler Abfallgeruch erf�llte die Luft. Er bewegte sich mehr vorsichtig
als verstohlen, aber als er die Eisent�r erreicht hatte, hielt er inne, ehe er
mit beiden H�nden die lange Klinke anfa�te, ri� sich zusammen wie zu einem
schweren Gang. Die T�r �ffnete sich ein paar Zentimeter weit und prallte dann
gegen ein Hindernis, worauf ein zorniger Ausruf folgte, der ein vielfaches
Echo ausl�ste wie ein Schrei in einem Hallenbad.</p><p>�He,
k�nnen Sie nicht aufpassen?� Smiley schl�pfte durch den Spalt. Die T�r hatte
die Sto�stange eines funkelnden Wagens gerammt, aber Smiley beachtete den
Wagen nicht. Am anderen Ende der Garage spritzten zwei M�nner in Overalls einen
Rolls-Royce an. Beide blickten in seine Richtung.</p><p>�Warum
nicht kommen andere T�r?� fragte die gleiche �rgerliche Stimme. �Sie Mieter
hier? Warum nicht benutzen Mieterlift? Diese Treppe f�r Feuer.�</p><p>Es war
nicht festzustellen, welcher der M�nner sprach, aber er sprach mit einem stark
slawischen Akzent. Die Beleuchtung war hinter ihnen. Der kleinere Mann hielt
den Schlauch.</p><p>Smiley
trat vor, wobei er darauf achtete, beide H�nde au�erhalb der Taschen zu halten.
Der Mann mit dem Schlauch machte sich wieder an die Arbeit, aber der gr��ere
beobachtete ihn durch das Halbdunkel. Er trug einen wei�en Overall und hatte
den Kragen hochgeschlagen, was ihm ein verwegenes Aussehen verlieh. Das
schwarze Haar war zur�ckgestrichen und voll. �Nein, ich bin kein Mieter�,
gestand Smiley. �Ich m�chte nur fragen, ob ich vielleicht einen Abstellplatz
mieten k�nnte. Mein Name ist <emphasis>Carmichael�, </emphasis>erkl�rte
er lauter. �Ich habe eine Wohnung in dieser Stra�e gekauft.�</p><p>Er machte
eine Handbewegung, als wolle er eine Visitenkarte z�cken; als k�nne ein solcher
Ausweis ihm f�rderlicher sein, als seine unbedeutende Erscheinung. �Ich zahle
im voraus�, versprach er. �Ich k�nnte einen entsprechenden Vertrag
unterschreiben, oder was immer. Ich m�chte, da� alles v�llig korrekt ist. Ich
kann Referenzen angeben, eine Garantie hinterlegen, alles was zumutbar ist. Es
mu� nur korrekt sein. Es ist ein Rover. Ein neuer. Ich m�chte nichts hinter dem
R�cken der Verwaltung tun, es kommt nichts dabei heraus, sage ich immer. Aber
alles Zumutbare soll mir recht sein. Ich h�tte ihn heruntergefahren, aber ich
wollte nicht vorgreifen. Und au�erdem, ich wei�, es klingt albern, aber die
Rampe war mir unsympathisch. Sie ist noch so neu.� W�hrend dieser ausgedehnten
Darlegung seiner Absichten, die in wirrer Bem�htheit vorgebracht wurden, war
Smiley im Strahl einer hellen Lampe stehengeblieben, die �ber ihm von einem Balken
hing: eine flehende, ziemlich unerfreuliche Erscheinung, wie man wohl denken
mochte, und �ber den freien Raum hinweg deutlich sichtbar. Die Pose tat ihre
Wirkung. Der Mann im wei�en Overall schritt auf ein Glash�uschen zu, das
zwischen zwei Eisenpfeilern stand, und machte Smiley mit dem schmalen Kopf ein
Zeichen, ihm zu folgen. Im Gehen zog er die Handschuhe ab. Lederhandschuhe,
handgen�ht und sehr elegant. �N�chstes Mal Sie aufpassen, wie T�r aufmachen�,
warnte er mit derselben lauten Stimme. �Sie Lift benutzen, ja, oder sonst
zahlen ein paar Pfund vielleicht. Mit Lift kein Problem.�</p><p>�Max, ich
mu� mit Ihnen sprechen�, sagte Smiley, sobald sie in dem H�uschen waren.
�Allein. Nicht hier.� Max war breit und kr�ftig, er hatte ein blasses
Knabengesicht, aber die Haut war faltig wie bei einem alten Mann. Er war
h�bsch, und die braunen Augen waren sehr ruhig. Seine ganze Person strahlte t�dliche
Ruhe aus.</p><p>�Jetzt?
Sie wollen jetzt sprechen?�</p><p>�Im Wagen.
Ich hab ihn drau�en. Wenn Sie die Rampe rauf gehen, k�nnen Sie direkt
einsteigen.�</p><p>Max legte
die H�nde um den Mund und br�llte durch die Garage. Er war einen halben Kopf
gr��er als Smiley und hatte die Stimme eines Feldwebels. Smiley verstand nicht,
was er schrie. Wahrscheinlich etwas auf tschechisch. Es kam keine Antwort,
aber Max kn�pfte bereits seinen Overall auf. �Wegen Jim Prideaux�, sagte
Smiley. �Klar.�</p><p>Sie fuhren
nach Hampstead, wo sie in dem funkelnden Rover sitzen blieben und den Kindern
zusahen, die das Eis auf dem Teich zerbrachen. Der Regen hatte endlich
aufgeh�rt, vielleicht weil es zu kalt war.</p><p>�ber der
Erde trug Max einen blauen Anzug und ein blaues Hemd. Auch die Krawatte war
blau, aber sorgf�ltig von den beiden anderen T�nen abgesetzt: er hatte lang
gesucht, bis er diese Nuance gefunden hatte. Er trug mehrere Ringe und
Pilotenstiefel mit Rei�verschlu� an der Seite.</p><p>�Ich
geh�re nicht mehr dazu. Hat man's Ihnen gesagt?� fragte Smiley. Max zuckte die
Achseln. �Ich dachte, man w�rde es Ihnen sagen�, sagte Smiley.</p><p>Max sa�
kerzengerade; er lehnte sich nicht an, dazu war er zu stolz. Er blickte Smiley
nicht an. Seine braunen Augen waren starr auf den Teich und auf die Kinder
gerichtet, die im Schilf tollten und schlitterten.</p><p>�Mir
erz�hlt man nichts�, sagte er.</p><p>�Ich bin
gescha�t worden�, sagte Smiley. �Wahrscheinlich zur gleichen Zeit wie Sie.�</p><p>Max schien
sich ein wenig zu recken, dann entspannte er sich wieder. �Tut mir leid,
George. Was machen Sie jetzt: Geld stehlen?�</p><p>�Ich
m�chte nicht, da� sie's erfahren, Max.�</p><p>�Sie
privat, ich privat�, sagte Max und bot Smiley aus einem goldenen Etui eine
Zigarette an, die Smiley ablehnte. �Ich m�chte h�ren, was passiert ist�, fuhr
Smiley fort. �Ich wollte es in Erfahrung bringen, bevor sie mich gescha�t
haben, aber ich hatte keine Zeit mehr.�</p><p>�Sind Sie
deshalb gescha�t worden?�</p><p>�Vielleicht.�</p><p>�Sie
wissen nicht viel, was?� sagte Max, und sein Blick war l�ssig auf die Kinder
gerichtet.</p><p>Smiley
sprach sehr einfach und beobachtete Max dabei die ganze Zeit, falls er nicht
verstehen sollte. Sie h�tten deutsch sprechen k�nnen, aber Max tat das nicht
gern, wie Smiley wu�te. Also sprach er englisch und beobachtete Max' Gesicht.
�Ich wei� �berhaupt nichts, Max. Ich hatte �berhaupt nichts damit zu tun. Ich
war in Berlin, als es passierte, ich wu�te nichts von der Planung oder den
Zusammenh�ngen. Sie haben mir telegrafiert, aber als ich nach London
zur�ckkam, war es zu sp�t.�</p><p>�Planung�,
wiederholte Max. �Das war vielleicht Planung.� Kiefer und Wangen wurden
pl�tzlich ein Meer von Runzeln, und seine Augen verengten sich - eine Grimasse
oder ein L�cheln. �Und jetzt haben Sie eine Menge Zeit, wie, George? Herrje,
das nenn' ich Planung.�</p><p>�Jim hatte
eine Sonderaufgabe durchzuf�hren. Er hat Sie angefordert.�</p><p>�Klar. Jim
wollte Max als Babysitter.�</p><p>�Wie hat
er Sie gekriegt? Ist er in Acton aufgetaucht und hat zu Toby Esterhase gesagt
&gt;Toby, ich m�chte Max haben&lt;. Wie hat er Sie gekriegt?�</p><p>Max' H�nde
lagen auf seinen Knien. Sie waren gepflegt und schlank, bis auf die breiten
Kn�chel. Jetzt, als der Name Esterhase fiel, drehte er die Handfl�chen leicht
nach innen und machte einen K�fig daraus, als h�tte er einen Schmetterling
gefangen. �Was zum Teufel?� fragte Max. �Also, was ist passiert?�</p><p>�War
privat�, sagte Max. �Jim privat, ich privat. Genau wie jetzt.�</p><p>�Na�,
sagte Smiley. �Bitte.�</p><p>Max
sprach, als h�tte es sich um irgendeinen Verdru� gehandelt: Familie oder Gesch�ft
oder Liebe. Es war ein Montagabend Mitte Oktober, ja, der sechzehnte. Eine tote
Zeit, er war seit Wochen nicht im Ausland gewesen und hatte genug. Den ganzen
Tag hindurch hatte er ein Haus in Bloomsbury ausgekundschaftet, wo angeblich
ein paar chinesische Studenten wohnten; die Aufkl�rer erwogen, einen Einbruch
in ihre Zimmer zu inszenieren.</p><p>Er wollte
schon zur <emphasis>Laundry </emphasis>nach Acton zur�ckkehren, um seinen
Bericht zu schreiben, als Jim ihn nach der Methode �Zufallstreffen� unterwegs
auflas und bis zum Crystal Palace fuhr, wo sie im Auto sitzenblieben und
redeten, genau wie jetzt, nur da� sie tschechisch sprachen.</p><p>Jim sagte,
es laufe eine Sondersache, so gro�, so geheim, da� kein Mensch im Circus, auch
nicht Toby Esterhase, wissen d�rfe, da� sie stattfinde. Komme von der obersten
Spitze und sei haarig. Ob Max interessiert sei?</p><p>�Ich sage:
&gt;Klar, Jim. Max interessiert.&lt; Dann fragen er mich, Urlaub nehmen. Geh zu
Toby und sag Toby, meine Mutter krank, ich brauch ein paar Tage Urlaub. Ich hab
keine Mutter nicht. &gt;Klar&lt;, sag ich, &gt;ich nehm Urlaub. F�r wie lange,
bitte, Jim?&lt;� Die ganze Sache sollte nicht l�nger als das Wochenende dauern,
sagte Jim. Am Sonnabend sollten sie drinnen sein und am Sonntag wieder drau�en.
Dann fragte er Max, ob er zur Zeit irgendwelche g�ltigen Papiere habe: am
besten als �sterreicher, kleiner Gesch�ftsmann, mit passendem F�hrerschein.
Falls Max in Acton nichts bereitliegen habe, w�rde Jim in Brixton etwas
zusammenstellen lassen.</p><p>�&gt;Klar&lt;,
sage ich. &gt;Ich habe Hartmann, Rudi, aus Linz, Sudeten-Auswanderer.&lt;�</p><p>Also
erz�hlte Max Toby eine Geschichte von Schwierigkeiten mit einem M�dchen in
Bradford, und Toby hielt Max zehn Minuten lang einen Vortrag �ber die
Sexualmoral der Engl�nder; und am Donnerstag trafen Jim und Max sich in einem
�sicheren Haus�, das die Skalpj�ger damals hatten, einer alten Bruchbude in Lambeth.
Jim hatte die Schl�ssel mitgebracht. Ein Drei-Tage-Werk, wiederholte Jim, eine
Geheimkonferenz in der N�he von Brunn. Jim hatte eine gro�e Landkarte, die sie
studierten. Jim wollte mit einem tschechischen Pa� reisen, Max w�rde als
�sterreicher gehen. Bis Brunn w�rden sie getrennt reisen. Jim w�rde von Paris
nach Prag fliegen, dann Eisenbahn bis Brunn. Er sagte nicht, welche Papiere er
selber bei sich haben w�rde, aber Max nahm an, tschechische, denn er hatte sie
ihn schon �fter benutzen sehen. Max war Hartmann, Rudi, Handelsreisender in
Glas und Keramik. Er sollte mit dem Lieferwagen bei Mikulow �ber die �sterreichische
Grenze, dann nordw�rts nach Brunn und sich die Zeit So einteilen, da� er um
sechs Uhr drei�ig am Samstagabend zum Treffpunkt in einer Seitenstra�e in der
N�he des Fu�ballplatzes sei. Um sieben Uhr w�rde dort ein gro�es Match beginnen.
Sie vereinbarten die Zeiten, Ausweich-Treffs und besprachen alle
Eventualit�ten; und au�erdem, sagte Max, kannte jeder die Handschrift des
anderen. Sobald sie Brunn verlassen h�tten, w�rden sie auf der Stra�e nach
Bilovice bis Krtiny fahren, dann ostw�rts nach Racice abzweigen. Irgendwo auf
der Stra�e nach Racice w�rden sie an einem auf der linken Seite geparkten
schwarzen Wagen vorbeikommen, vermutlich einem Fiat. Die ersten beiden Zahlen
des Nummernschildes w�rden neun neun sein. Der Fahrer w�rde eine Zeitung lesen.
Sie w�rden neben dem Wagen halten, Max w�rde hin�bergehen und fragen, ob ihm
etwas fehle. Der Mann w�rde antworten, sein Arzt habe ihm verboten, mehr als
drei Stunden hintereinander zu fahren. Max w�rde sagen, ja, lange Fahrten
gingen aufs Herz. Der Fahrer w�rde ihnen dann zeigen, wo sie den Lieferwagen
abstellen k�nnten und sie in seinem eigenen Wagen zu dem Treffen mitnehmen.
�Wen haben Sie treffen wollen, Max? Hat Jim Ihnen das auch gesagt?�</p><p>Nein, Jim
hatte weiter nichts gesagt.</p><p>Bis Brunn,
sagte Max, ging alles ziemlich wie geplant. Als er von Mikulow wegfuhr, folgten
ihm eine Zeitlang zwei zivile Motorradfahrer, aber das schrieb er seinen
�sterreichischen Nummernschildern zu und lie� sich nicht st�ren. Er kam bequem
bis nachmittags nach Brunn, und der Ordnung halber nahm er ein Zimmer im Hotel
und trank im Restaurant ein paar Tassen Kaffee. Irgendein Hanswurst machte
sich an ihn heran, und Max erz�hlte ihm von den vielerlei Unbilden im
Glaswarenhandel und da� ihm sein M�del in Linz mit einem Amerikaner
durchgegangen sei. Jim schaffte das erste Treffen nicht, kam aber zum Ausweich-Treff
eine Stunde danach. Max dachte zuerst, der Zug habe Versp�tung gehabt, aber
Jim sagte �Langsam fahren�, und da wu�te Max, da� etwas schiefgegangen war.</p><p>Folgenderma�en
w�rde es ablaufen, sagte Jim. Der Plan sei ge�ndert worden. Max sollte sich
raushalten. Er sollte Jim kurz vor dem Treffpunkt absetzen und dann bis Montag
fr�h in Brunn warten. Er d�rfe mit keiner der Kontaktstellen des Circus Verbindung
aufnehmen: mit niemandem von Aggravate, mit niemandem von Plato, und am
allerwenigsten mit der Au�enstelle in Prag. Sollte Jim am Montag bis acht Uhr
fr�h nicht im Hotel aufgetaucht sein, so m�sse Max zusehen, wie er allein
herauskomme. Wenn Jim auftauchte, so bestehe Max' Aufgabe darin, Control eine
Botschaft von Jim zu �berbringen: die Botschaft k�nne sehr einfach sein,
vielleicht nur ein einziges Wort. In London solle er nur zu Control pers�nlich
gehen, �ber den alten MacFadean eine Verabredung treffen, und Control die
Botschaft �bermitteln, sei das klar? F�r den Fall, da� Jim nicht zur�ckkommen
w�rde, sollte Max einfach sein fr�heres Leben wieder aufnehmen und alles
ableugnen, inner- und au�erhalb des Circus. �Hat Jim gesagt, warum der Plan
ge�ndert wurde?�</p><p>�Jim hat
sich Sorgen gemacht.�</p><p>�Es war
also etwas passiert, als er auf dem Weg zu dem Treffen mit Ihnen war?�</p><p>�Vielleicht.
Ich sage Jim: &gt; H�ren Sie Jim, ich komme mit. Sie Sorgen, ich Babysitter,
ich fahre f�r Sie, schie�e f�r Sie, was zum Teufel? &lt; Jim wird verdammt
w�tend. Okay?�</p><p>�Okay�,
sagte Smiley.</p><p>Sie fuhren
die Stra�e nach Racice und fanden den unbeleuchteten Wagen, einen Fiat, vor
einem Feldweg geparkt, neun neun auf den Nummernschildern, schwarz. Max hielt
den Lieferwagen an und lie� Jim aussteigen. Als Jim auf den Fiat zuging,
�ffnete der Fahrer die T�r einen Spalt, um die Innenbeleuchtung anzuschalten.
�ber dem Steuerrad lag eine aufgeschlagene Zeitung. �Konnten Sie sein Gesicht
sehen?�</p><p>�War im
Schatten.�</p><p>Max
wartete, vermutlich tauschten sie Losungsworte aus, Jim stieg ein, und das Auto
fuhr �ber den Feldweg davon, noch immer ohne Licht. Max kehrte nach Brunn
zur�ck. Er sa� gerade bei einem Schnaps im Restaurant, als die ganze Stadt zu
dr�hnen begann. Er dachte zuerst, es komme aus dem Fu�ballstadion, dann begriff
er, da� es Lastwagen waren, ein ganzer Konvoi, der die Stra�e hinunterraste. Er
fragte die Kellnerin, was los sei, und sie sagte, es habe eine Schie�erei in
den W�ldern gegeben, Konterrevolution�re h�tten sie angezettelt. Max ging
hinaus zum Lieferwagen, stellte das Radio an und h�rte die Sondermeldung aus
Prag. Damals h�rte er zum erstenmal etwas von einem General. Er nahm an, da�
�berall Absperrungen seien, und au�erdem hatte er von Jim Anweisung, bis Montag
fr�h im Hotel zu bleiben.</p><p>�Vielleicht
schickt Jim mir Botschaft. Vielleicht kommt irgendwer vom Widerstand zu mir.�</p><p>�Mit
diesem einen Wort�, sagte Smiley ruhig.</p><p>�Klar.�</p><p>�Er hat
nicht gesagt, was f�r eine Art Wort es sein w�rde?�</p><p>�Sie
verr�ckt�, sagte Max. Es konnte eine Feststellung oder eine Frage sein.</p><p>�Ein
tschechisches Wort oder ein englisches Wort oder ein deutsches Wort?�</p><p>Niemand
kam, sagte Max. Auf die verr�ckte Frage ging er nicht ein.</p><p>Am Montag
verbrannte er den Pa�, mit dem er eingereist war, wechselte die Nummernschilder
an seinem Lieferwagen und benutzte seine westdeutschen Fluchtpapiere. Anstatt
direkt nach S�den fuhr er nach S�dwesten, lie� den Lieferwagen in einem
Stra�engraben und �berquerte die Grenze im Bus bis Freistadt, der sicherste
�bergang, den er kannte. In Freistadt genehmigte er sich ein Glas und verbrachte
die Nacht mit einem M�dchen, weil er ganz durcheinander und �rgerlich war und
wieder zu Atem kommen wollte. Dienstagnacht traf er in London ein und trotz
Jims Befehl dachte er, er sollte doch versuchen, Control zu erreichen: �Das
war ganz verdammt schwierig�, kommentierte er. Er versuchte es per Telefon, kam
aber nicht �ber die M�tter hinaus. MacFadean war nicht da. Er dachte an
Schreiben, aber da fiel ihm ein, da� Jim gesagt hatte, niemand sonst im Circus
d�rfe etwas erfahren. Er beschlo�, Schreiben sei zu gef�hrlich. Ger�chte in
Acton wollten wissen, da� Control krank sei. Er versuchte, das Krankenhaus
ausfindig zu machen, aber vergebens. �Hatten Sie den Eindruck, da� die Leute in
Acton wu�ten, wo Sie gewesen waren?�</p><p>�Frage ich
mich auch.�</p><p>Er fragte
sich noch immer, als die Personalabteilung ihn kommen lie� und seinen
Rudi-Hartmann-Pa� sehen wollte. Er sagte, er habe ihn verloren, was schlie�lich
der Wahrheit sehr nahekam. Warum er den Verlust nicht gemeldet habe: Wu�te er
nicht. Wann hatte er ihn verloren? Wu�te er nicht. Wann hatte er Jim Prideaux
zum letztenmal gesehen? Erinnerte er sich nicht. Sie schickten ihn zur <emphasis>Nursery </emphasis>nach
Sarratt, aber Max f�hlte sich in Form und war w�tend, und nach ein paar Tagen
hatten die Inquisitoren entweder genug von ihm, oder jemand pfiff sie zur�ck.</p><p>�Ich geh
wieder zur�ck nach Acton. Toby Esterhase gibt mir hundert Pfund, sagt, ich soll
mich zum Teufel scheren.�</p><p>Schrille
Beifallsrufe stiegen vom Ufer des Teichs auf. Zwei Buben hatten eine gro�e
Eisscholle versenkt und jetzt blubberte das Wasser durch das Loch.</p><p>�Max, was
ist mit Jim passiert?�</p><p>�Was zum
Teufel?�</p><p>�Sie
kriegen solche Dinge zu h�ren. Es kommt unter den Emigranten herum. Was ist
mit ihm passiert? Wer hat ihn geflickt, wie haben sie ihn zur�ckgekauft?�</p><p>�Emigranten
reden nicht mehr mit Max.�</p><p>�Aber Sie
haben etwas geh�rt, nicht wahr?� Dieses Mal erz�hlten es ihm die wei�en H�nde.
Smiley sah, wie die Finger sich spreizten, f�nf an der einen Hand, drei an der
anderen, und er f�hlte die �belkeit aufsteigen, noch ehe Max sprach:</p><p>�Sie haben
also Jim von hinten angeschossen. Vielleicht ist Jim davongerannt, was zum
Teufel? Sie haben Jim ins Gef�ngnis gesteckt. Das ist nicht gut f�r Jim. Auch
f�r meine Freunde. Nicht gut.� Er fing an, aufzuz�hlen. �Pribyl�, begann er und
ber�hrte seinen Daumen. �Bukowa, Mirek, von Pribyls Frau und Bruder.� Er nahm
einen Finger. �Auch Pribyls Frau.� Ein zweiter Finger, ein dritter: �Kolin
Jiri, seine Schwester auch, meistens tot. Das war Netz Aggravate.� Er nahm die
andere Hand. �Nach Netz Aggravate kommt Netz Plato. Kommt Rechtsanwalt Rapotin,
kommt Oberst Landkron und die Stenotypistinnen Eva Kriegiowa und Hanka Bilowa.
Auch meistens tot. Verdammt hoher Preis, George�, er hielt die sauberen Finger
nah an Smileys Gesicht, �verdammt hoher Preis f�r einen einzigen Engl�nder mit
Schu� im R�cken.� Er geriet au�er sich. �Was geht Sie's an, George? Circus
nicht gut f�r Tschecho. Alliierte nicht gut f�r Tschecho. Kein Reicher holt
keinen Armen aus dem Gef�ngnis! Soll ich Ihnen eine Fabelgeschichte erz�hlen?
Wie sagt man, bitte?�</p><p>�M�rchen�,
sagte Smiley.</p><p>�Okay,
also, ich will keine verdammten M�rchen mehr h�ren, wie die Engl�nder m�ssen
die Tschechen befreien!�</p><p>�Vielleicht
war es gar nicht Jim�, sagte Smiley nach langem Schweigen. �Vielleicht hat
jemand anderer die Netze hochgehen lassen. Nicht Jim.�</p><p>Max
�ffnete bereits die T�r. �Was zum Teufel?� fragte er. �Max�, sagte Smiley.</p><p>�Keine
Angst, George. Ich hab keinen, an den ich Sie verkaufen k�nnte. Okay?�</p><p>�Okay.�</p><p>Smiley
blieb im Auto sitzen und sah zu, wie Max einem Taxi winkte. Mit einer kurzen
Handbewegung, als riefe er einen Kellner herbei. Ohne einen Blick auf den
Fahrer gab er die Adresse an. Dann fuhr er ab, wiederum sa� er sehr aufrecht
und starrte vor sich hin wie eine k�nigliche Hoheit, die der Menge nicht
achtet. Als das Taxi verschwunden war, erhob sich Inspektor Mendel langsam von
der Bank, faltete seine Zeitung zusammen und ging zu dem Rover hin�ber.</p><p>�Alles in
Ordnung�, sagte er. �Die Luft ist rein. Ihr Gewissen ist rein.�</p><p>Smiley,
der dessen nicht ganz so sicher war, h�ndigte Mendel die Schl�ssel des Wagens
aus, dann ging er zu Fu� zur Bushaltestelle, zuerst �ber die Stra�e und dann
nach Westen.</p><empty-line/><p>George
Smiley trifft sich mit einem Sportjournalisten und st��t abermals auf Toby
Esterhases Handschrift</p><empty-line/><p>Sein Ziel
war die Fleet Street, ein Kellerlokal voller Weinf�sser. In anderen
Stadtvierteln mochte man halb vier Uhr ein bi�chen sp�t f�r den vormitt�glichen
Aperitif finden, aber als Smiley sachte die T�r aufdr�ckte, drehten sich ein
Dutzend schattenhafter Gestalten um und be�ugten ihn von der Theke her. Und an
einem Ecktisch sa�, so unbeachtet wie die k�nstlichen Gew�lbebogen oder die
imitierten Musketen an der Wand, Jerry Westerby vor einem gro�en rosa Gin.</p><p>�Alter
Knabe�, sagte Jerry Westerby sch�chtern, und seine Stimme schien aus dem Boden
heraufzukommen. �Das darf doch nicht wahr sein. He, Jimmy!� Die Hand, die er
auf Smileys Arm legte, w�hrend er mit der anderen Erfrischungen herbeiwinkte,
war riesig und mit Muskeln gepolstert, denn Jerry war fr�her einmal Tormann
einer Kricketmannschaft gewesen. Im Gegensatz zu den sonstigen Torwarten war er
gro� und f�llig, aber seine Schultern waren noch immer vorgebeugt wie in
Fanghaltung. Er hatte einen Sch�pf sandig grauen Haars und ein rotes Gesicht,
und er trug die Krawatte eines ber�hmten Sportclubs �ber einem cremefarbenen
Seidenhemd. Smileys Anblick entz�ckte ihn sichtlich, denn er strahlte vor
Freude.</p><p>�Das darf
doch nicht wahr sein�, wiederholte er. �Alles was recht ist. Was treiben Sie
denn immer?� � und zog ihn mit Gewalt auf den Platz neben ihm. �Sonne aufn Pelz
brennen lassen, an die Decke spucken? Heh� - im Moment die dringendste Frage �
�Was darf's denn sein?� Smiley bestellte eine Bloody Mary.</p><p>�Es ist
nicht nur reiner Zufall, Jerry�, gestand Smiley. Es entstand eine kurze Pause,
die Jerry pl�tzlich schnell zu �berbr�cken trachtete.</p><p>�Und was
macht der D�mon Weib? Alles in Ordnung? Ist <emphasis>die </emphasis>Sache.
Eine der fabelhaftesten Ehen, hab' ich immer gesagt.� Jerry Westerby hatte
selber mehrere Ehen geschlossen, aber nur an den wenigsten hatte er seine
Freude gehabt. �Schlage Ihnen ein Gesch�ft vor, George�, erbot er sich und lie�
eine der m�chtigen Schultern in seine Richtung rollen. �Ich zieh zu Ann und spucke
an die Decke, Sie �bernehmen meinen Job und schreiben �ber's Damen-Pingpong.
Wie w�r' das? Tolles Ding.�</p><p>�Cheers�,
sagte Smiley jovial.</p><p>�Hab' in
letzter Zeit nicht viel von den Jungen und M�dchen zu sehen gekriegt�, gestand
Jerry unbeholfen und err�tete wiederum grundlos. �Weihnachtskarte vom alten
Toby voriges Jahr, das ist so ungef�hr mein Anteil. Haben mich wohl auch abgeschrieben.
Kann's ihnen nicht ver�beln.� Er schnippte an den Rand seines Glases. �Zuviel
von dem Zeug da, daran liegt's. Sie glauben, ich kann nicht dichthalten. Keinen
Mumm mehr.�</p><p>�Das
glauben sie bestimmt nicht�, sagte Smiley, und das Schweigen ergriff wiederum
von ihnen Besitz.</p><p>�Zuviel
Feuerwasser, nicht gut f�r roten Krieger�, zitierte Jerry feierlich. Es war
einer ihrer alten Indianer-Witze gewesen, erinnerte Smiley sich, und das Herz
wurde ihm schwer. �Hugh�, sagte er.</p><p>�Hugh�,
sagte Jerry, und sie tranken.</p><p>�Ich habe
Ihren Brief sofort verbrannt, nachdem ich ihn gelesen hatte�, sagte Smiley mit
ruhiger, beherrschter Stimme. �Falls Sie sich Gedanken machen sollten. Ich habe
zu niemandem ein Wort gesagt. Er kam ohnehin zu sp�t. Es war alles schon
vorbei.� Hier wurde Jerrys lebhafte Gesichtsfarbe zu einem dunklen
Scharlachrot.</p><p>�Also lag
es nicht an dem Brief, den Sie mir schrieben, da� man Sie kaltgestellt hat�,
fuhr Smiley im gleichen freundlichen Ton fort, �falls Sie das geglaubt haben
sollten. Und au�erdem haben Sie ihn doch pers�nlich eingeworfen.�</p><p>�Sehr
anst�ndig von Ihnen�, murmelte Jerry. �Vielen Dank. H�tte ihn nicht schreiben
sollen. Aus der Schule geplaudert.�</p><p>�Unsinn�,
sagte Smiley und bestellte zwei weitere. �Sie haben es f�r die Sache getan.�</p><p>Smiley
hatte das Gef�hl, Lacon sprechen zu h�ren. Aber wer mit Jerry Westerby sprechen
wollte, mu�te sich ausdr�cken wie seine Zeitung: kurze S�tze, eing�ngige
Meinungen. Jerry stie� den Atem und Schwaden von Zigarettenrauch aus. �Letzter
Job, ach, ist Jahre her�, erinnerte er sich mit neugewonnener Munterkeit.
�L�nger. Kleines P�ckchen in Budapest deponieren. Wirklich nichts dabei.
Telefonzelle. Oberer Rand. Nur hochgelangt. Hingelegt. Kinderspiel. Glaub'
nicht, da� ich's vermasselt hab' oder so. Hab' zuerst brav alles erledigt.
Sicherheitssignale. &gt;Leerung jederzeit. Bitte sich zu bedienen.&lt; So, wie
sie es uns beigebracht haben, ja? Ihr Junges m��t's schlie�lich wissen, oder?
Ihr seid die weisen Eulen. Sein Teil beitragen, darauf kommt's an. Mehr kann
man nicht tun. Eins kommt zum anderen. Ergibt das Muster.�</p><p>�Sie
werden bald wieder auf Sie zur�ckkommen�, sagte Smiley tr�stend.
�Wahrscheinlich sollen Sie nur ein bi�chen ausruhen. Das machen sie gern so,
wissen Sie.�</p><p>�Hoffentlich�,
sagte Jerry mit loyalem, aber unsicherem L�cheln. Sein Glas zitterte leicht,
als er trank.</p><p>�War das
die Reise, die Sie gemacht haben, kurz ehe Sie mir den Brief schrieben,� fragte
Smiley.</p><p>�Klar.
Genau die gleiche Reise, Budapest, dann Prag.�</p><p>�Und in
Prag haben Sie diese Geschichte geh�rt? Auf die Sie sich in Ihrem Brief bezogen
haben?�</p><p>An der
Theke prophezeite ein bl�hender Mann in schwarzem Anzug den unmittelbar
bevorstehenden Zusammenbruch des Landes. Er gebe uns noch drei Monate, sagte
er, dann Sense. �Komischer Kauz, Toby Esterhase�, sagte Jerry. �Aber gut�,
sagte Smiley.</p><p>�Mein
Gott, alter Knabe, erste G�te. Brillant, sage ich. Aber komisch, wissen Sie. <emphasis>Hugh!�</emphasis></p><p>Sie
tranken wieder, und Jerry Westerby hielt sich den gereckten Zeigefinger wie
eine Apachenfeder hinter den Kopf.</p><p>�Der Haken
ist�, sagte der bl�hende Mann an der Theke �ber sein Glas hinweg, �wir werden
nicht mal merken, da� es passiert ist.�</p><p>Sie
beschlossen, unverz�glich essen zu gehen, da Jerry seine Story f�r die morgige
Ausgabe in Satz geben mu�te: der Schl�ger von Bromwich Albion hatte einen
Skandal verursacht. Sie gingen in ein Curry-Lokal, wo man bereitwillig Bier zur
Teestunde bekam, und sie machten aus, falls sie jemandem begegnen sollten,
w�rde Jerry George als seinen Bankmanager vorstellen, eine Idee, die ihn
w�hrend seiner herzhaften Mahlzeit immer wieder belustigte. Die Musikkulisse
bezeichnete Jerry als den Hochzeitsflug des Moskitos, und manchmal drohte sie,
die schw�cheren T�ne seiner heiseren Stimme wegzuschwemmen; was vermutlich
nicht schadete. Denn w�hrend Smiley sich tapfer bem�hte, Begeisterung f�r das
Currygericht zu zeigen, war Jerry nach seinem anf�nglichen Z�gern in eine ganz
andere Geschichte eingestiegen, bei der es um einen gewissen Jim Ellis ging: in
die Geschichte, die der liebe alte Toby Esterhase ihn nicht hatte in die
Zeitung bringen lassen.</p><p>Jerry
Westerby geh�rte einer �u�erst seltenen Spezies an, er war der ideale Zeuge! Er
hatte keine Phantasie, keine boshafte Ader, keine pers�nliche Meinung. Nur: die
Sache war komisch. Er konnte sie sich nicht aus dem Kopf schlagen, und dabei
fiel ihm ein, er hatte seitdem nicht mehr mit Toby gesprochen. �Nur diese Karte
da: <emphasis>Fr�hliche Weihnachten, Toby. </emphasis>Foto der
Leadenhall Street im Schnee.� Er starrte v�llig perplex auf den elektrischen
Ventilator. �Ist doch nichts <emphasis>Besonderes </emphasis>an der Leadenhall
Street, wie, alter Knabe? Kein konspiratives Haus oder Treffpunkt oder
sonstwas, oder?�</p><p>�Nicht da�
ich w��te�, sagte Smiley lachend. �Konnte mir nicht vorstellen, warum er die
Leadenhall Street als Weihnachtskarte benutzte. Verdammt seltsam, finden Sie
nicht?� Vielleicht habe er blo� ein Foto von London im Schnee schicken wollen,
schlug Smiley vor; schlie�lich war Toby in mancher Hinsicht ein bi�chen
ungew�hnlich.</p><p>�Komische
Art, Gr��e zu schicken, mu� schon sagen. Hat mir immer eine Kiste Scotch geschickt,
p�nktlich wie die Uhr.� Jerry runzelte die Stirn und trank aus seinem Krug.
�Geht mir nicht um den Scotch�, erkl�rte er mit jener Ratlosigkeit, die h�ufig
sein inneres Sehverm�gen st�rte. �Kann mir meinen Scotch jederzeit selber
kaufen. Nur, wenn man drau�en ist, schreibt man allem eine Bedeutung zu,
deshalb sind Geschenke wichtig, verstehen Sie, was ich meine?�</p><p>Es war vor
einem Jahr, ja, im Dezember. Das Restaurant <emphasis>Sport </emphasis>in Prag,
sagte Jerry Westerby, geh�re nicht zu den Stammlokalen der Journalisten aus dem
Westen. Die meisten lungerten im <emphasis>Cosmo </emphasis>oder im <emphasis>International
</emphasis>herum, redeten nur leise und steckten immer zusammen, weil sie nerv�s
waren. Aber Jerrys Lokal war das <emphasis>Sport, </emphasis>und seit
er einmal Holotek, den Torwart, nach dem gewonnenen Match gegen die Tataren
mitgebracht hatte, stand Jerry unter dem pers�nlichen Schutz des Barmanns
namens Stanislaus oder Stan:</p><p>�Stan ist
ein wahrer F�rst. Tut genau, was ihm verdammt noch mal Spa� macht. Kommt einem
pl�tzlich vor, als w�re die Tschechoslowakei ein freies Land.�</p><p>Restaurant,
erkl�rte er, bedeute Bar. W�hrend Bar in der Tschechoslowakei Nachtclub
bedeute, was komisch sei. Smiley stimmte zu, da� es verwirrend sein mu�te.</p><p>Wie dem
auch sei, Jerry hielt immer die Ohren offen, wenn er dort war, es war trotz allem
ein tschechisches Lokal, und schon ein paarmal hatte er Toby von dort das
fehlende Steinchen mitbringen oder ihn auf irgend jemandens F�hrte setzen
k�nnen. �Auch wenn's blo� um W�hrungsgesch�fte ging, den schwarzen Markt. Alles
Wasser auf die M�hle, meinte Toby. Kleinvieh macht auch Mist - das jedenfalls
sagte Toby.� Sehr richtig, pflichtete Smiley bei. So funktioniere es. �Toby war
die weise Eule, was?�</p><p>�Klar.�</p><p>�Ich habe
fr�her immer direkt f�r Roy Bland gearbeitet, wissen Sie. Dann fiel Roy die Treppe
hinauf, und Toby �bernahm mich.</p><p>Bi�chen
beunruhigend, solche Ver�nderungen. Cheers.�</p><p>�Wie lange
hatten Sie schon f�r Toby gearbeitet, als Sie diese Reise unternahmen?�</p><p>�Paar
Jahre, mehr nicht.�</p><p>Sie
schwiegen eine Weile, das Essen kam, die Kr�ge wurden frisch gef�llt, und Jerry
Westerby w�rzte sich mit seiner riesigen Hand das sch�rfste Currygericht der
Speisekarte nach und go� feuerrote So�e �ber das Ganze. Die So�e, sagte er,
gebe dem Gericht Aroma. �Der alte Khan h�lt sie eigens f�r mich�, erkl�rte er
nebenbei. �Verwahrt sie im Atomkeller.� Also damals, fuhr er fort, in jener
Nacht in Stans Bar sei dieser Junge mit dem Salatsch�ssel-Haarschnitt und dem
h�bschen M�dchen am Arm dagewesen.</p><p>�Und ich
dachte: aufgepa�t Jerry-Boy, das da ist ein Kommi�haarschnitt. Stimmt's?�</p><p>�Stimmt�,
echote Smiley und dachte, in mancher Hinsicht war Jerry selber ein bi�chen wie
eine Eule.</p><p>Es stellte
sich heraus, da� der Junge Stans Neffe und sehr stolz auf sein Englisch war:
�Toll, was die Leute einem erz�hlen, wenn sie blo� mit ihren Sprachkenntnissen
prahlen k�nnen.� Der Junge war auf Urlaub vom Milit�r und hatte sich in dieses
M�dchen verliebt, er hatte noch acht Tage vor sich und h�tte die ganze Welt
umarmen m�gen, einschlie�lich Jerry. Ja, Jerry sogar ganz besonders, denn
Jerry zahlte den Sprit.</p><p>�Wir
sitzen also alle kunterbunt um den gro�e Tisch in der Ecke, Studenten, h�bsche
M�dchen, alles m�gliche. Der alte Stan war hinter seiner Theke hervorgekommen,
und ein Bursche spielte recht ordentlich auf einer Quetschkommode. Jede Menge
Gem�tlichkeit, jede Menge Sprit, jede Menge Krach.� Der Krach war besonders
wichtig, erkl�rte Jerry, weil er dadurch mit dem Jungen schwatzen konnte, ohne
da� irgend jemand aufpa�te.</p><p>Der Junge
sa� neben Jerry, er hatte ihn von Anfang an ins Herz geschlossen. Er hatte
einen Arm um das M�dchen gelegt und den anderen um Jerry.</p><p>�Einer von
den Bengels, die einen anfassen k�nnen, ohne da� man das Gruseln kriegt. Mag's
im allgemeinen nicht, wenn mich einer anfa�t. Die Griechen tun's. Kann's
pers�nlich nicht leiden.� Smiley sagte, er k�nne es auch nicht leiden.</p><p>�Weil ich
grad dran denke, das M�dchen sah ein bi�chen aus wie Ann�, �berlegte Jerry.
�Klasse, verstehen Sie, was ich meine? Garbo-Augen, jede Menge gewisses Etwas.�
Und w�hrend alle munter sangen und tranken und Ringk�ssen spielten, fragte
dieser Junge auf einmal Jerry, ob er die Wahrheit �ber Jim Ellis wissen wolle.</p><p>�Hab'
getan, als h�tt' ich nie von ihm geh�rt�, sagte Jerry zu Smiley. �Schrecklich
gern&lt;, sage ich. �Wer ist denn dieser Jim Ellis ?&lt; Und der Junge schaut
mich an, als w�re ich plemplem und sagt: &gt;Ein englischer Spion.&lt; Nur
hat's niemand geh�rt, sie schrien alle durcheinander und sangen gepfefferte
Lieder. Der Kopf des M�dchens lag auf seiner Schulter, aber sie war schon halb
hin�ber und im siebenten Himmel, also redete er seelenruhig weiter und war
stolz auf sein Englisch, verstehn Sie?�</p><p>�Versteh
schon�, sagte Smiley.</p><p>�&gt;Englischer
Spion&lt;. Pl�rrt mir direkt ins Ohr. &gt;Hat im Krieg mit tschechischen
Partisanen gek�mpft. Kommt hierher unter dem Namen Hajek und wird von der
russischen Geheimpolizei erschossen.&lt; Aber ich hab' blo� die Achseln gezuckt
und gesagt:</p><p>&gt;Das
erste, das ich h�re, alter Junge. &lt; Nur nicht dr�ngen, wissen Sie. Auf
keinen Fall dr�ngen. Macht sie kopfscheu.�</p><p>�Da haben
Sie vollkommen recht�, sagte Smiley aus vollem Herzen und beantwortete ein
Weilchen geduldig weitere Fragen nach Ann, und wie es sei, wenn man liebte,
einen anderen Menschen wirklich und ein ganzes Leben lang liebte.</p><empty-line/><p>�Ich
leiste gerade meinen Milit�rdienst ab�, begann der Junge in Jerry Westerbys
Bericht. �Ich mu�, andernfalls darf ich nicht studieren.� Im Oktober hatte er
an einer Grundausbildungs�bung in den W�ldern bei Brunn teilgenommen. In diesen
W�ldern wimmelte es st�ndig von Soldaten; im Sommer war das ganze Areal einen
Monat lang f�r die �ffentlichkeit gesperrt gewesen. Es war eine langweilige
Infanterie�bung, die zwei Wochen dauern sollte, aber am dritten Tag wurde sie
ohne Angabe von Gr�nden abgeblasen und die Truppen wurden in die Stadt
zur�ckbeordert. Der Befehl lautete: Sofort packen und zur�ck in die Kasernen.
Bis zum Abend mu�te der Wald ger�umt sein. �Nach wenigen Stunden schwirrte es
nur so von bl�dsinnigen Ger�chten�, fuhr Jerry fort. �Einer sagte, die ballistische
Forschungsanstalt in Tisnow sei explodiert. Ein anderer sagte, die
�bungsbataillone h�tten gemeutert und schossen auf die russischen Soldaten.
Neuer Aufstand in Prag, die Russen haben die Regierung �bernommen, die
Deutschen greifen an, Gott wei� was ist passiert. Sie wissen, wie Soldaten
sind. �berall gleich, die Soldaten. Latrinenger�chte.� Das Thema Milit�r
brachte Westerby auf verschiedene Bekannte aus seiner eigenen Soldatenzeit,
und er fragte nach Leuten, die Smiley fl�chtig gekannt und wieder vergessen
hatte. Endlich kamen sie zur Sache. �Sie brachen das Lager ab, beluden die
Lastwagen und sa�en herum und warteten, da� der Konvoi sich in Bewegung setzte.
Sie waren eine halbe Stunde gefahren, als es hie�, das Ganze halt, und dem
Konvoi befohlen wurde, die Stra�e freizumachen. Die Wagen mu�ten sich zwischen
die B�ume verdr�cken. Blieben im Dreck stecken, in Gr�ben, alles m�gliche.
Offenbar heilloses Durcheinander.� Es seien die Russen gewesen, sagte Westerby.
Sie kamen aus Richtung Brunn und hatten's furchtbar eilig, und alles, was
tschechisch war, mu�te die Bahn freimachen oder die Folgen tragen.</p><p>�Zuerst
brauste eine Motorradstaffel mit aufgeblendeten Scheinwerfern daher, und die
Fahrer br�llten sie an. Dann ein Stabsauto und Zivilisten, der Junge sch�tzte,
im ganzen sechs Zivilisten. Dann zwei Lastwagenladungen Spezialtruppen, bis an
die Z�hne bewaffnet und in Tarnanz�gen. Schlie�lich ein Wagen voller Sp�rhunde.
Alles unter h�llischem Get�se. Langweile ich Sie, alter Knabe?�</p><p>Westerby
tupfte sich mit dem Taschentuch den Schwei� vom Gesicht und blinzelte, wie
jemand, der gerade wieder zu sich kommt. Der Schwei� war auch durch das Hemd
gedrungen; er sah aus, als h�tte er unter der Dusche gestanden. Da Curry nicht
zu Smileys Lieblingsgerichten z�hlte, bestellte er zwei weitere Kr�ge Bier, um
den Geschmack hinunterzusp�len. �Das war also der erste Teil der Geschichte.
Tschechische Truppen raus, russische Truppen rein. Kapiert?�</p><p>Smiley
sagte, ja, er glaube, er sei soweit ganz gut mitgekommen. Als sie wieder zur�ck
in Brunn waren, erfuhr der Junge jedoch, da� seine Einheit noch l�ngst nicht
auf ihren Lorbeeren ausruhen sollte. Ihr Konvoi wurde mit einem zweiten
gekoppelt, und in der folgenden Nacht rasten sie acht bis zehn Stunden lang
ohne bekanntes Ziel in der Gegend herum. Sie fuhren nach Westen bis Trebic,
hielten und warteten, w�hrend die Nachrichtenabteilung eine lange Sendung
durchgab, dann ging es in s�d�stlicher Richtung zur�ck, fast bis Znojmo an der
�sterreichischen Grenze, und w�hrend des Fahrens wurde wie irre gehupt; niemand
wu�te, wer die Route befohlen hatte, niemand wollte irgend etwas erkl�ren.
Einmal bekamen sie Befehl, die Bajonette aufzupflanzen, ein anderes Mal
schlugen sie ein Lager auf und packten alsbald ihren Kram wieder zusammen und
zischten ab. Da und dort begegneten sie anderen Einheiten: Bei Breclav
Feldpolizei, Panzer, die immer rundum fuhren, einmal zwei Kanonen auf
Selbstfahr-Lafetten �ber eigens verlegte Gleise. �berall die gleiche
Geschichte: kopfloses, sinnloses Get�mmel. Die �lteren Hasen sagten, es sei
eine Strafe der Russen daf�r, da� man Tscheche sei. Als sie wieder zur�ck in
Brunn waren, h�rte der Junge eine ganz andere Erkl�rung. Die Russen waren
hinter einem englischen Spion namens Hajek her. Er hatte die Forschungsanlage
ausspionieren wollen und versucht, einen General zu entf�hren, und die Russen
hatten ihn erschossen.</p><p>�Also
fragte der Junge�, sagte Jerry, �der freche kleine Teufel fragte seinen
Unteroffizier: &gt;Wenn Hajek schon erschossen ist, warum m�ssen wir dann in
der Gegend rumbrausen und einen Mordswirbel machen?&lt; Und der Unteroffizier
belehrt ihn: &gt;Weil wir hier beim Milit�r sind.&lt; Auch �berall die gleiche
Marke, wie?�</p><p>Sehr ruhig
fragte Smiley: �Wir sprechen da von zwei N�chten, Jerry. In welcher Nacht sind
die Russen in den Wald eingedrungen?</p><p>Jerry
Westerbys Gesicht verzog sich vor Betroffenheit. �Genau das wollte der Junge
mir sagen, George. Genau das wollte er mir in Stans Bar stecken. Worum's bei
all den Ger�chten ging. Die Russen sind am Freitag eingedrungen. Aber Hajek
haben sie erst am Sonnabend erschossen. Also sagten die Schlaumeier: ganz klar,
die Russen haben Hajek aufgelauert. Wu�ten, da� er kommen w�rde. Wu�ten alles.
Hinterhalt. �ble Geschichte, was? Schlecht f�r unseren guten Ruf, Sie
verstehen, was ich meine. Schlecht f�r gro�en H�uptling. Schlecht f�r ganzen
Stamm. Hugh.�</p><p>�Hugh�,
sagte Smiley in sein Bierglas.</p><p>�Toby hat
es auch so aufgefa�t. Wir haben es genau gleich beurteilt, blo� verschieden
reagiert.�</p><p>�Sie haben
also Toby alles erz�hlt�, sagte Smiley beil�ufig, w�hrend er Jerry eine gro�e
Sch�ssel Bohnen reichte. �Sie mu�ten ihn ohnehin aufsuchen und ihm sagen, da�
Sie das P�ckchen f�r ihn in Budapest abgeliefert h�tten, also haben Sie ihm die
Hajek-Story auch gleich erz�hlt.�</p><p>Ja, genau
so war's, sagte Jerry. Das war's auch, was ihm keine Ruhe gelassen hatte, was
ihm komisch vorkam, was ihn veranla�t hatte, George zu schreiben. �Der alte
Toby sagte, es sei Blech. Wird ganz befehlshaberisch und unangenehm. War zuerst
ganz weg, schl�gt mich auf den R�cken und Westerby ist der Beste. Dann geht er
zur�ck in den Laden, und am n�chsten Morgen f�hrt er das schwere Gesch�tz auf.
Dringende Zusammenkunft, f�hrt mich im Wagen immer rund um den Park und br�llt
Mord und Brand. Sagt, ich war damals so besoffen, da� ich Phantasie und
Tatsachen nicht auseinanderhalten konnte. In dieser Tonart. Hat mich ein
bi�chen gefuchst.�</p><p>�Ich nehme
an, Sie fragten sich, mit wem er inzwischen gesprochen haben mochte�, sagte
Smiley mitf�hlend. �Was hat er <emphasis>genau </emphasis>gesagt?�
fragte er, keineswegs eindringlich, sondern nur so, als wolle er alles
kristallklar vor sich sehen.</p><p>�Hat
gesagt, es war h�chstwahrscheinlich eine abgekartete Sache. Der Junge war ein
Provokateur. Irref�hrung, damit der Circus hinter seinem eigenen Schwanz
herjagen sollte. Rei�t mir die Ohren ab, weil ich halbgare Ger�chte
ausgestreut h�tte. Ich sage zu ihm. &gt;Alter Junge&lt;, sage ich, &gt;Toby,
ich hab' nur berichtet, alter Junge. Kein Anla�, da� Ihnen der Kragen platzt.
Gestern war ich noch Ihr bestes St�ck. Ist doch sinnlos, auf den Boten zu schie�en.
Wenn die Geschichte Ihnen nicht mehr gef�llt, das ist Ihre Sache.� Will mir
�berhaupt nicht zuh�ren, verstehen Sie? V�llig unlogisch, habe ich mir gedacht.
Ein Bursche wie der. Ist im einen Moment hei� und im n�chsten kalt. War nicht
seine beste Leistung, verstehen Sie, was ich meine?�</p><p>Mit der
linken Hand rieb Jerry sich die Schl�fe wie ein Schuljunge, der vorgibt,
nachzudenken. �Okie dokie�, sagte ich. &gt;Schwamm dr�ber. Ich schreib's f�r
das Bl�ttchen. Nicht den Teil �ber die Russen, die zuerst hingekommen sind. Den
anderen Teil. <emphasis>Schmutzige Arbeit im Wald, </emphasis>diese Art
Schmus.&lt; Ich sag zu ihm: &gt;Wenn's f�r den Circus nicht gut genug ist,
f�r's Bl�ttchen gen�gt's.&lt; Da geht er schon wieder die Wand hoch. Am n�chsten
Tag klingelt so ein Uhu unseren Alten an. Halten Sie diesen Pavian Westerby
von der Ellis-Story fern. Steckt ihm die Nase in die D-Vorschrift: formelle
Warnung. &gt;Alle weiteren Hinweise auf Jim Ellis alias Hajek gegen das
nationale Interesse, also H�nde weg.&lt; Zur�ck zum Damen-Pingpong. Cheers.�</p><p>�Aber da
hatten Sie mir bereits geschrieben�, erinnerte Smiley ihn. Jerry Westerby wurde
feuerrot. �Tut mir schrecklich leid�, sagte er. �Bin richtig fremdenfeindlich
und mi�trauisch geworden. Kommt davon, wenn man drau�en ist: man traut seinen
besten Freunden nicht mehr.�</p><p>Er
versuchte es nochmals: �Hab' halt gedacht, der alte Toby ist ein bi�chen
durchgedreht. H�tt' ich nicht tun sollen, wie? Gegen die Regeln.� Trotz seiner
Verlegenheit brachte er ein m�hsames Grinsen zustande. �Dann h�r' ich
hintenrum, da� die Firma Sie an die Luft gesetzt hat, und ich komm' mir noch
verdammt bl�der vor. Kein einsamer J�ger, wie, alter Knabe? Nein . . .?� Die
Frage blieb ungestellt; aber vielleicht nicht unbeantwortet.</p><p>Als sie
gingen, fa�te Smiley freundlich Jerrys Arm. �Falls Toby sich mit Ihnen in
Verbindung setzen sollte, dann sagen Sie ihm besser nicht, da� wir uns heute
getroffen haben. Er ist schon in Ordnung, aber er hat die fixe Idee, alle
k�nnten sich gegen ihn verschw�ren.�</p><p>�Fiele mir
nicht im Traum ein, alter Knabe.�</p><p>�Und falls
er sich <emphasis>wirklich </emphasis>in den n�chsten Tagen melden
sollte�, fuhr Smiley fort - eine sehr entfernte M�glichkeit, besagte sein
Tonfall - �k�nnen Sie mir einen Wink zukommen lassen. Dann kann ich Ihnen den
R�cken st�rken. Rufen Sie �brigens nicht <emphasis>mich </emphasis>an, w�hlen
Sie diese Nummer.�</p><p>Pl�tzlich
war Jerry Westerby in Eile; die Story �ber den Albion-Schl�ger konnte nicht
mehr warten. Aber als er Smileys Karte entgegennahm, fragte er mit einem
seltsamen, verlegenen Blick an Smiley vorbei: �Doch nichts Unsch�nes im Gang,
wie, alter Knabe? Keine faulen Sachen im engen Kreis?� Das Grinsen war
furchterregend: �Stamm ist nicht auf dem Kriegspfad oder so?�</p><p>Smiley
lachte und legte eine Hand leicht auf Jerrys gewaltige, ein wenig hochgezogene
Schulter. �Jederzeit�, sagte Westerby. �Werde dran denken.�</p><p>�Hab'
gedacht, Sie w�ren's gewesen, verstehn Sie: der den Alten angerufen hat.�</p><p>�Ich war's
aber nicht.�</p><p>�Vielleicht
war's Alleline.�</p><p>�Nehme ich
an.�</p><p>�Jederzeit�,
sagte Westerby nochmals. �Tut mir leid, ja? Gr��en Sie Ann.� Er z�gerte.</p><p>�Na los,
Jerry, raus damit�, sagte Smiley.</p><p>�Toby hat
eine h��liche Geschichte �ber sie und Bill, das Gro�hirn. Hab' ihm gesagt, er
soll sich's in seinen dreckigen Schlund stecken. Ist doch nichts dran, wie?�</p><p>�Vielen
Dank, Jerry. Wiedersehn, Hugh.�</p><p>�Hab'
gewu�t, da� nichts dran ist�, sagte Jerry aufrichtig erfreut, hob wieder den
Zeigefinger zur Indianerfeder und trabte zur�ck in seine Jagdgr�nde.</p><empty-line/><p>Worin sich
junge Liebe �berraschend in Erinnerung bringt</p><empty-line/><p>Als Smiley
in dieser Nacht allein in seinem Bett im <emphasis>Islay </emphasis>lag und
nicht schlafen konnte, nahm er sich noch einmal die Akte vor, die Lacon ihm in
Mendels Haus gegeben hatte. Sie stammte aus den sp�ten f�nfziger Jahren, als
der Circus genau wie andere Whitehall-Dienststellen unter dem Druck der
Konkurrenz die Zuverl�ssigkeit seiner Mitarbeiter genau unter die Lupe hatte
nehmen m�ssen. Bei den meisten Eintr�gen handelte es sich um
Routine�berpr�fungen: Abgeh�rte Telefongespr�che, �berwachungsberichte, endlose
Interviews mit Universit�tslehrern, Freunden und B�rgern. Ein Dokument jedoch
hielt Smiley fest wie ein Magnet; er konnte sich nicht mehr davon trennen. Es
war ein Brief, im Index schlicht als �Haydon an Fanshaw, 3. Februar 1937�
aufgef�hrt. Genauer gesagt war es ein handschriftlicher Brief des Studenten
Bill Haydon an seinen Tutor Fanshaw, einen Talentsucher des Circus, worin der
junge Jim Prideaux als m�glicher Kandidat auf eine Anwerbung f�r den
britischen Geheimdienst vorgestellt wurde. Eine geschraubte <emphasis>explication
de texte </emphasis>war vorangestellt. Die <emphasis>Optimates </emphasis>seien �ein
elit�rer Christ Church Club, haupts�chlich ehemalige Eton-Sch�ler�, schrieb der
unbekannte Verfasser. Fanshaw (P.R. de T. Fanshaw, Ehrenlegion, O.B.E.* [* Officer
of the Order of the British Empire] Personalakte soundso), war sein
Gr�nder, Haydon (unz�hlige Referenzen) war in dem betreffenden Jahr seine
Primadonna gewesen. Die politische Couleur der <emphasis>Optimates,
</emphasis>denen schon Haydons Vater seinerzeit angeh�rt hatte, war unverhohlen
konservativ. Fanshaw, inzwischen l�ngst gestorben, k�mpfte leidenschaftlich
f�r das Empire, und �die Optimates waren seine private Truppenreserve f�r das
Gro�e Spiel�, wie der Vorspann ausf�hrte. Seltsamerweise erinnerte sich Smiley
aus seiner eigenen Studienzeit undeutlich an Fanshaw: Ein d�nner, emsiger Mann
mit randloser Brille, Neville-Chamberlain-Regenschirm und unnat�rlich
ger�teten Backen, als zahnte er noch immer. Steed
Asprey nannte ihn den Tantenonkel.</p><empty-line/><p>�Mein
lieber Fan, k�nnten Sie sich entschlie�en, einige Erkundigungen �ber den
jungen Herrn einzuziehen, dessen Name auf einliegendem St�ck Menschenhaut
geschrieben steht? (�berfl�ssige Anmerkung der Inquisitoren: Prideaux.)
Vermutlich kennen Sie Jim - wenn Sie ihn �berhaupt kennen - als Athletikus von
einigen Graden. Was Sie indes nicht wissen, aber wissen sollten, ist folgendes:
Er ist kein mieser kleiner Linguist oder sonst ein kompletter Idiot. . .�
(hier folgte ein biographischer �berblick von erstaunlicher Genauigkeit:. . .
Lycee Lakanal in Paris, f�r Eton angemeldet, aber nie hingegangen,
Jesuitenschule in Prag, zwei Semester Stra�burg, Eltern Bankgesch�ft auf dem
Balkan, Kleinadel, leben getrennt. . .)</p><p>�Daher die
innige Vertrautheit unseres Jims mit fremden Gebieten und sein elternloses
Aussehen, das ich unwiderstehlich finde. �brigens: wenn er auch aus s�mtlichen
Bestandteilen Europas zusammengesetzt ist, t�uschen Sie sich nicht: die
komplette Mischung ist aus unserem Schrot und Korn und uns treu ergeben. Zur
Zeit ist er ein bi�chen aus dem Tritt, er hat n�mlich soeben entdeckt, da� es
au�erhalb des Spielfelds auch noch eine Welt gibt, und diese Welt bin ich.</p><p>Aber
zuerst sollen Sie erfahren, wie ich ihn kennenlernte. Wie Sie wissen,
entspricht es meinen Gewohnheiten (und Ihrer Anweisung), von Zeit zu Zeit
arabische Tracht anzulegen und hinunter zu den Bazaren zu gehen, wo ich mich zu
den gro�en Ungewaschenen setze und den Worten ihrer Propheten lausche, auf da�
ich sie besser fertigmachen k�nne, wenn es soweit ist. Der Juju-Mann <emphasis>en vogue </emphasis>dieses
Abends war direkt von M�tterchen Ru�lands Busen herbeigeeilt: ein gewisser
Professor Chlebnikow, zur Zeit an der Sowjetischen Botschaft in London, ein
fideler, recht mitrei�ender kleiner Bursche, der au�er dem �blichen Unsinn
auch ein paar ganz witzige Dinge von sich gab. Der genannte Bazar war ein
Debattierclub, genannt die Volksfreunde, unsere Konkurrenz, mein lieber Fan,
und Ihnen bereits von einigen meiner fr�heren Streifz�ge her bekannt. Nach der
Predigt wurde brutal proletarischer Kaffee gereicht, dazu ein grauenhaft demokratisches
Br�tchen, und ich bemerkte diesen gro�en Burschen, der allein ganz hinten im
Saal sa� und offenbar zu sch�chtern war, um sich zu den anderen zu gesellen.
Sein Gesicht war mir vom Kricketplatz her bekannt, und es stellte sich heraus,
da� wir gemeinsam in der College-Mannschaft gespielt hatten, ohne je ein Wort
zu wechseln. Ich wei� nicht recht, wie ich ihn beschreiben soll. Er hat
Pers�nlichkeit, Fan. Ich bin jetzt ganz ernst.� Hier wurde die Schrift, bisher
verkrampft und stelzig, breiter, als der Schreiber auf Touren kam:</p><p>�Er hat
die alles beherrschende Gelassenheit. Hartk�pfig, im wahren Sinn des Wortes.
Einer von den Stillen im Lande, die ihr Team f�hren, ohne da� man es merkt.
Fan, Sie wissen, wie schwer es mir f�llt, zu <emphasis>handeln. </emphasis>Sie m�ssen
mich st�ndig daran erinnern, meinen Verstand daran erinnern, da� ich mich den
Gefahren des Lebens stellen mu�, wenn ich seine Geheimnisse ergr�nden will. Jim
dagegen handelt aus dem Instinkt... er ist funktionell. . . Er ist meine andere
H�lfte, gemeinsam w�rden wir einen fabelhaften Menschen ergeben, au�er da�
keiner von uns singen kann. Und Fan, kennen Sie das Gef�hl, da� man einfach
losziehen und einen neuen Menschen finden mu�, oder die eigene Welt geht zum
Teufel?�</p><p>Die
Schrift wurde wieder stetiger.</p><p>�&gt;Yavas
Lagloo&lt;, sage ich, was russisch sein und etwa hei�en soll, &gt;Komm in meine
Liebeslaube&lt; oder so �hnlich, und er sagt &gt;Oh, hallo&lt;, was er
vermutlich auch zum Erzengel Gabriel gesagt h�tte, wenn der zuf�llig des Weges
gekommen w�re. &gt;Wo klemmt's ?&lt; sage ich.</p><p>&gt;Nirgends
&lt;, sagt er, nachdem er ungef�hr eine Stunde lang nachgedacht hatte.</p><p>&gt;Was
tun Sie dann hier? Wenn's nirgends klemmt, was suchen Sie dann hier?&lt;</p><p>Da grinste
er mich breit und freundlich an, und wir hopsen r�ber zum gro�en Chlebnikow,
sch�tteln eine Weile seine kleine Hand und vertrollen uns dann in meine
Wohnung. Wo wir trinken. Und trinken. Und Fan, er trank alles, was er fassen
kriegte. Oder vielleicht ich, ich wei� es nicht mehr. Und wie's Tag wird,
wissen Sie, was wir taten? Ich will's Ihnen sagen, Fan. Wir spazierten feierlich
hinunter zu den Sportpl�tzen, ich setz mich mit einer Stoppuhr auf eine Bank,
Big Jim steigt in seinen Trainingsanzug und rei�t zwanzig Runden herunter.
Zwanzig. Ich war v�llig ersch�pft.</p><p>Wir k�nnen
jederzeit zu Ihnen kommen, er w�nscht sich nichts Besseres als meine
Gesellschaft oder die meiner gottlosen, g�ttlichen Freunde. Kurz, er hat mich
zu seinem Mephisto ernannt, und ich f�hle mich sehr gebauchkitzelt. Nebenbei
gesagt, er ist Jungfrau, ungef�hr einsachtzig gro�, und von derselben Firma
hergestellt, die die H�nengr�ber fabriziert hat. Keine Angst!� Danach gab die
Akte wieder nichts mehr her. Smiley richtete sich auf, bl�tterte hastig die
Seiten um und suchte ungeduldig nach etwas Handfestem. Die Tutoren beider
M�nner versichern (nach zwanzig Jahren), es sei undenkbar, da� die Beziehung
zwischen den beiden &gt;mehr als rein freundschaftlicher Natur&lt; gewesen sei
. . . Haydons Zeugenaussage wurde nie angefordert. . . Jims Tutor bezeichnet
ihn als &gt;intellektuellen Vielfra� nach langem Hungern&lt; und weist jede
Andeutung zur�ck, da� Jim etwa &gt;rot angehaucht war. Die Gegen�berstellung
in Sarratt beginnt mit langatmigen Entschuldigungen, vor allem auf Grund von
Jims gro�artigen Leistungen w�hrend des Kriegs. Jims Antworten bringen nach den
Manieriertheiten von Haydons Brief frischen Wind in die Lekt�re. Ein Vertreter
der Konkurrenz ist anwesend, ergreift aber kaum das Wort. Nein, Jim hatte
Chlebnikow <emphasis>nie </emphasis>wiedergesehen, auch niemanden, der
sich als dessen Abgesandter ausgab; nein, mit Ausnahme dieses einen Mals hat er
nie mit ihm gesprochen. Nein, er hatte damals keine weiteren Kontakte mit
Kommunisten oder Russen gehabt, er konnte sich an keinen Namen eines Mitglieds
der Volksfreunde erinnern. <emphasis>Frage: </emphasis>(Alleline)
&gt;Was Ihnen wohl keine schlaflosen N�chte bereitet, wie?&lt; <emphasis>Antwort: </emphasis>&gt;Ehrlich
gesagt, nein.&lt; (Lachen)</p><empty-line/><p>Ja, er war
Mitglied bei den Volksfreunden gewesen, genau wie er Mitglied des Theaterclubs
am College gewesen war, der philatelistischen Gesellschaft, der Gesellschaft
f�r moderne Sprachen, der Union und der Historischen Gesellschaft, der
Ethischen Gesellschaft und der Rudolf Steiner-Arbeitsgruppe . . . Auf diese
Weise konnte man interessante Vortr�ge h�ren und Leute kennenlernen; besonders
dieses. Nein, er hatte nie linke Literatur verteilt, allerdings kurze Zeit <emphasis>Soviet
Weekly </emphasis>gelesen . . . Nein, er hatte niemals Beitr�ge an
irgendeine politische Partei entrichtet, weder in Oxford noch sp�ter, er hatte
sogar nie von seinem Wahlrecht Gebrauch gemacht. . . Da� er sich in Oxford so
vielen Clubs anschlo�, hatte vor allem einen Grund: Nach einer wechselvollen
Schulzeit im Ausland hatte er keine gleichaltrigen englischen Kameraden von
fr�her . . .</p><p>Hier sind
die Inquisitoren bereits ausnahmslos auf Jims Seite; alle machen gemeinsam
Front gegen die Konkurrenz und ihre b�rokratische Einmischung.</p><p><emphasis>Frage: </emphasis>(Alleline)
�Nur interessehalber, h�tten Sie etwas dagegen, mir zu sagen, wo Sie bei Ihren
vielen Auslandsaufenthalten Kricketspielen gelernt haben?� (Lachen) <emphasis>Antwort: </emphasis>�Wissen
Sie, ich hatte einen Onkel mit einem Kricketplatz in der N�he von Paris.
Ausgesprochener Kricketfan. Mit Netz und allen Schikanen. Wenn ich in den
Ferien dort war, mu�te ich nonstop mit ihm spielen.� (Anmerkung der
Inquisitoren: Comte Henri de Sainte-Yvonne, Dez. 1942, Personalakte. AF64 - 7.)
Ende des Interviews. Vertreter der Konkurrenz m�chte Haydon als Zeugen
vorf�hren lassen, aber Haydon ist im Ausland und verhindert. Termin auf unbestimmte
Zeit verschoben . . .</p><p>Smiley war
schon fast eingeschlafen, als er die letzte Eintragung las, die achtlos
eingef�gt worden war, l�ngst nachdem Jims Sicherheits�berpr�fung durch die
Konkurrenz formell abgeschlossen war. Es war ein Zeitungsausschnitt vom Juni
1938, eine Besprechung von Haydons damaliger Ein-Mann-Ausstellung, und der
Titel lautete �Realismus oder Surrealismus? Oxforder Perspektiven.� Nachdem
der Kritiker Bill Haydons Gem�ldeausstellung in Grund und Boden verrissen
hatte, endete er mit folgender launiger Bemerkung:</p><p>�Wie uns
zu Ohren kam, hat der treffliche Mr. James Prideaux sich sogar zeitweise von
seinem Kricket losgerissen, um beim H�ngen der Leinw�nde behilflich zu sein.
Wir meinen zwar, da� er besser daran getan h�tte, in der Banbury Road zu
bleiben. Da indessen seine Rolle als F�rderer der sch�nen K�nste das einzig
Echte an der ganzen Veranstaltung war, sollten wir vielleicht nicht allzusehr
l�stern . . .�</p><p>Smiley
d�ste, in seinem Hirn dr�ngten sich, wohlgeordnet, Zweifel, Argwohn und
Gewi�heiten. Er dachte an Ann und empfand gro�e Z�rtlichkeit f�r sie, sehnte
sich danach, ihre Schwachheit mit seiner eigenen zu besch�tzen. Wie ein junger
Mann fl�sterte er ihren Namen und stellte sich vor, da� ihr sch�nes Gesicht
sich im Halbdunkel �ber ihn beuge, w�hrend Mrs. Pope Graham durchs
Schl�sselloch ihren Bannfluch zeterte. Er dachte an Tarr und Irina und gr�belte
nutzlos �ber Liebe und Treue; er dachte an Jim Prideaux und was wohl der Morgen
bereithalten w�rde. Er f�hlte in aller Bescheidenheit, da� ein Sieg bevorstand.
Er hatte einen weiten Weg zur�ckgelegt, lange auf den Meeren gekreuzt; morgen,
wenn er Gl�ck hatte, w�rde er vielleicht Land erblicken: eine friedliche kleine
verlassene Insel zum Beispiel. Eine, von der Karla nie geh�rt hatte. Gerade
gro� genug f�r ihn und Ann. Er schlief ein.</p><empty-line/><p>Dritter
Teil</p><empty-line/><p>Jim
Prideaux r�stet sich f�r einen Besuch und bekommt selber einen Gast</p><empty-line/><p>In Jim
Prideaux' Welt war der Donnerstag abgelaufen wie jeder andere Tag, nur da�
irgendwann in den fr�hen Morgenstunden die Wunde in seinem Schulterknochen zu
n�ssen begonnen hatte, woran wohl der Wettlauf vom Mittwochnachmittag schuld
war. Er erwachte durch den Schmerz und durch den Luftzug �ber die feuchte
Stelle seines R�ckens, wo die Wundabsonderung herabrann. Es war schon einmal
passiert, und damals war er mit dem Auto nach Taunton gefahren, aber die
Schwestern im Kreiskrankenhaus warfen nur einen Blick auf ihn, dann
verfrachteten sie ihn schleunigst in die Notstation, wo er auf Doktor Soundso
und eine R�ntgenaufnahme warten sollte, und er schnappte sich seine Kleider
und verduftete. Er hatte genug von �rzten und Krankenh�usern. Ob englische
oder sonstige, Jim hatte die Nase voll. Sie hatten gesagt, sie Wunde �zeichne
noch�.</p><p>Er konnte
nicht an die Wunde heranreichen, um sie zu behandeln, aber seit dem letzten Mal
hatte er sich Dreiecke aus Scharpie zurechtgeschnitten und B�nder an die Ecken
gen�ht. Nachdem er sie sich auf dem Ablaufbrett bereitgelegt hatte, kochte er
Wasser, sch�ttete ein halbes P�ckchen Salz hinein und verabreichte sich damit
eine improvisierte Dusche, wobei er sich so zusammenkauerte, da� der Strahl
seinen R�cken traf. Er tr�nkte die Scharpie mit einer Desinfektionsl�sung, warf
sie sich auf den R�cken, verschn�rte die B�nder �ber der Brust und legte sich
b�uchlings auf sein Bett, einen Wodka in Reichweite. Der Schmerz lie� nach, und
Schl�frigkeit �berkam ihn, aber er wu�te, wenn er jetzt nachgab, w�rde er den
ganzen Tag schlafen; also nahm er die Wodkaflasche mit zum Fenster und setzte
sich an den Tisch und korrigierte die Franz�sischhefte von V B, w�hrend die
Morgend�mmerung des Donnerstags in die Senke glitt und die Saatkr�hen in den
Ulmen zu l�rmen begannen.</p><p>Manchmal
war die Wunde f�r ihn eine Erinnerung, die er nicht verdr�ngen konnte. Er
beschwor Himmel und H�lle, um sie zu verdr�ngen und zu vergessen, aber der
Himmel oder die H�lle halfen auch nicht immer.</p><p>Er lie�
sich Zeit mit dem Korrigieren, weil er es gern tat und weil diese Arbeit seine
Gedanken bei der Stange hielt. Zwischen halb sieben und sieben war er fertig;
er zog eine alte Flanellhose und ein Sportjackett an und schlenderte hinunter
zur Kirche, die nie abgeschlossen war. Eine Weile kniete er im Mittelgang der
Curtois-Kapelle, einer Familien-Gedenkst�tte f�r die Toten zweier Kriege und
fast immer leer. Das Kreuz auf dem kleinen Altar hatten Pioniere bei Verdun
geschnitzt. Beim Knien tastete Jim vorsichtig unter dem Kirchenstuhl herum,
bis seine Fingerspitzen auf eine Reihe von Klebestreifen stie�en, und �ber
diese Spur auf ein Etui aus kaltem Metall. Nachdem er seine Andacht verrichtet
hatte, preschte er die Combe Lane bis zur nebelumwallten Spitze des H�gels
hinauf, im Trab, um in Schwei� zu kommen, denn die W�rme tat ihm gut, solange
sie anhielt, und der Rhythmus d�mpfte seine �berwachheit. Nach der schlaflosen
Nacht und dem Morgenwodka war er ein bi�chen durchgedreht, und als er die
Ponys am Hang sah, die ihm ihre t�rischten Gesichter zuwandten, schrie er sie
an: �Trollt euch! Ihr bl�den Viecher, glotzt mich nicht so an!� Dann stapfte er
die Landstra�e entlang wieder zur�ck, trank Kaffee und wechselte seinen
Verband.</p><p>Die erste
Unterrichtsstunde nach der Morgenandacht war Franz�sisch in Klasse V B, und
hier w�re Jim um ein Haar der Gaul durchgegangen: brummte diesem Bl�del
Clements, Sohn eines Tuchh�ndlers, eine Strafe auf und mu�te sie am Ende der
Stunde r�ckg�ngig machen. Im Aufenthaltsraum brachte er eine weitere Routine
hinter sich, �hnlich der, die er in der Kirche praktiziert hatte: rasch, ohne
zu denken, kein Herumfummeln und raus. Es war eine ganz simple Prozedur, die
Post zu untersuchen, und es klappte. Er kannte keinen Profi, der das machte.
Aber Profis erz�hlen nicht alles. �Man mu� es so sehen�, w�rde er gesagt haben,
�wenn die Gegenseite dich �berwacht, dann �berwacht sie bestimmt deine Post,
denn das ist die einfachste Form der �berwachung: und noch einfacher, wenn die
Gegenseite die eigene Seite ist und die Post mit ihr zusammenarbeitet. Was also
ist zu tun? Man schickt jede Woche, vom gleichen Briefkasten, zur gleichen
Zeit, in gleichem Abstand, einen Umschlag an sich selber und einen zweiten an
eine unbeteiligte Person mit der gleichen Adresse. Steckt irgend etwas hinein -
Wohlt�tigkeitskarten mit Weihnachtswunsch, Sonderangebot vom Supermarkt in der
N�he - verklebt den Umschlag sorgf�ltig, wartet ab und vergleicht die Zeiten
des Eintreffens. Wenn der Brief an die eigene Adresse sp�ter ankommt als der
an die andere Person, dann ist jemand hinter einem her, in diesem Fall Toby.</p><p>Die beiden
Briefe kamen gleichzeitig an, aber Jim kam zu sp�t, um den Umschlag an
Majoribanks abzufangen, der als ahnungsloser Mitl�ufer an der Reihe war. So
steckte Jim seinen eigenen Brief in die Tasche und stie� hinter seinem <emphasis>Daily
Telegraph </emphasis>mi�billigende T�ne aus, w�hrend Marjoribanks mit einem
w�tenden �Hol euch der Teufel� eine gedruckte Einladung zur Mitgliedschaft bei
den Bibelforschern zerri�. Danach lie� er sich vom �blichen Tagesablauf
mittragen, bis zum Rugby-Match der Unterklassen gegen Saint-Ermin, zu dem er
als Schiedsrichter abgeordnet war. Es war ein schnelles Spiel, und als es zu
Ende war, meldete sein R�cken sich wieder, also trank er Wodka, bis es Zeit
f�rs erste L�uten war. Er hatte versprochen, dies f�r den jungen Elwes zu
�bernehmen. Warum er das versprochen hatte, wu�te er nicht mehr, aber die
j�ngeren Lehrer und besonders die verheirateten bedachten ihn gern mit allerlei
kleinen Nebenarbeiten, und er lie� es sich gefallen. Die Glocke war eine alte
Schiffsglocke, die Thursgoods Vater ausgegraben hatte und die jetzt zur
Tradition geh�rte. Als Jim sie l�utete, sah er, da� der kleine Bill Roach
direkt neben ihm stand und l�chelte und um Aufmerksamkeit heischend zu ihm
hochblickte, wie er es jeden Tag ein dutzendmal tat. �Hallo Jumbo, wo brennt's
denn jetzt wieder?�</p><p>�Sir,
bitte, Sir.�</p><p>�Los,
Jumbo, raus mit der Sprache.�</p><p>�Sir, da
will jemand wissen, wo Sie wohnen, Sir�, sagte Roach. �Was f�r ein Jemand,
Jumbo? Los, ich bei� dich nicht, los, heh . . . heh! Was f�r ein Jemand? Mann?
Frau? Juju-Mann? He! Los, alter Freund�, sagte er sanft und kauerte sich neben
Roach nieder. �Kein Grund zum Heulen. Was ist los mit dir? Hast du Fieber?�
Er zog ein Taschentuch aus seinem �rmel. �Was f�r ein Jemand?� wiederholte er
mit derselben leisen Stimme. �Er hat bei Mrs. McCullum gefragt. Er sagte, er
sei ein Freund. Dann hat er sich wieder in sein Auto gesetzt, es steht im Kirchhof,
Sir.� Ein neuer Tr�nenschwall. �Er sitzt einfach drinnen.�</p><p>�Schert
euch doch zum Teufel!� schrie Jim ein Gr�ppchen �lterer Sch�ler an, die
grinsend unter der T�r standen. �Schert euch zum Teufel! Gro�er Freund?� Er
wandte sich wieder an Roach. �Langer Schlaks, Jumbo? Dicke Augenbrauen,
schlechte Haltung? D�nner Bursche? Bradbury. Komm mal her und h�r auf zu
gaffen! Hilf Jumbo rauf zu Matron bringen. D�nner Bursche?� fragte er wieder in
gleichm�tigem Ton.</p><p>Aber Roach
hatte es die Sprache verschlagen. Er hatte kein Ged�chtnis mehr, keinen Sinn
mehr f�r Gr��e und Perspektive; sein Unterscheidungsverm�gen in der Welt der
Erwachsenen war fort. Gro�e M�nner, kleine M�nner, alte, junge, krumme, gerade,
sie waren nur noch ein Heer unerfindlicher Gefahren. Jims Frage mit Nein zu
beantworten, war mehr, als er ertragen konnte; mit einem Ja w�rde er die ganze
furchtbare Verantwortung f�r Jims Entt�uschung auf sich laden.</p><p>Er sah
Jims Augen auf sich gerichtet, sah, wie das L�cheln erlosch, und dann f�hlte
er die rettende Ber�hrung der gro�en Hand auf seinem Arm.</p><p>�Braver
Jumbo. Keiner hat je so gut beobachtet wie du, was?� Bill Roach legte den Kopf
verzagt auf Bradburys Schulter und schlo� die Augen. Als er sie wieder �ffnete,
sah er durch die Tr�nen, da� Jim schon halbwegs die Treppe hinauf war.</p><empty-line/><p>Jim war
ruhig, fast leicht zumute. Ganze vierzehn Tage lang hatte er gewu�t, da� da
jemand war. Auch das geh�rte zu seiner Routine; die Pl�tze beobachten, wo die
Beobachter ihre Fragen stellten. Die Kirche, wo �ber jeden Zu- und Weggang in
der Gemeinde unbefangen geredet wird; das Rathaus, das Verzeichnis der W�hler.
Gesch�ftsleute, falls sie die Kundenrechnungen aufhoben; Pubs, wenn die
Gejagten sie nicht aufsuchten. Er wu�te, da� dies in England die nat�rlichen
Fallen waren, die die Observanten automatisch abklapperten, bevor sie �ber
einem zuschnappten. Und so war es denn auch. Als Jim vor zwei Wochen einen
netten Plausch mit einem Buchh�ndler hatte, stie� er auf die Spur, nach der er
suchte. Ein Fremder, offenbar aus London, hatte sich nach Wahlkreisen
erkundigt; ja, er war ein politischer Herr - nun, mehr so auf der Ebene
politischer Erhebungen, ein Professioneller, das konnte man sehen, und unter
anderem wollte er - man stelle sich das nur vor, jetzt - die neueste
Aufstellung ausgerechnet von Jims Dorf - ja, die W�hlerliste -, da sie erwogen,
eine Fragebogen-Kampagne von T�r zu T�r in einer Gemeinde j.w.d., besonders bei
neu Zugezogenen, zu starten - Ja, man stelle sich nur vor, stimmte Jim zu, und
von da an traf er Vorkehrungen. Er kaufte Eisenbahn-Fahrkarten - Taunton nach
Exeter, Taunton nach London, Taunton nach Swindon, g�ltig einen Monat - denn er
wu�te, w�re er mal wieder auf der Flucht, w�rde an Fahrkarten schwer
heranzukommen sein. Er hatte seine alten Ausweise und sein Gewehr hervorgeholt
und hielt sie - leicht greifbar - versteckt; er verstaute einen mit Kleidern
vollgestopften Koffer im Gep�ckraum des Alvis und sorgte f�r einen vollen Tank.
Diese Vorsichtsma�nahmen milderten seine �ngste etwas, lie�en den Schlaf
immerhin zu einer M�glichkeit werden, zumindest solange sein R�cken nicht
schmerzte. �Sir, wer hat gewonnen, Sir?�</p><p>Prebble,
ein Neuer, im Schlafrock und voll Zahnpasta, auf dem Weg zur Krankenstube.
Manchmal sprachen die Jungen Jim ohne jeden Grund an, seine Gr��e und der
Buckel reizten sie dazu. �Sir, das Match, Sir, gegen Saint-Ermin.�</p><p>�Sir, die <emphasis>�ndern </emphasis>haben
gewonnen, Sir�, bellte Jim. �Wie Sie selber wissen w�rden, Sir, wenn Sie
zugesehen h�tten, <emphasis>Sir�, </emphasis>schwang eine enorme Faust in einem
langsamen Schattenboxhieb gegen die Jungen und schubste beide �ber den
Korridor zu Matrons Arzneistube.</p><p>�Nacht,
Sir.�</p><p>�Nacht, du
Knallfrosch�, rief Jim und ging hin�ber in den Krankenschlafsaal, um einen
Blick auf die Kirche und den Friedhof zu werfen. Der Schlafsaal war
unbeleuchtet, Jim ha�te seinen Anblick und seinen Mief. Zw�lf Jungen lagen im
Dunkeln und d�sten zwischen Abendbrot und Fiebermessen. �Wer ist das?� kr�chzte
eine Stimme.</p><p>�Rhino�,
sagte eine andere. �He, Rhino, wer hat gegen Saint-Ermin gewonnen?�</p><p>Es war
ungeh�rig, Jim mit seinem Spitznamen anzusprechen, aber Jungen im Krankensaal
f�hlten sich von der Disziplin entbunden. �Rhino? Wer zum Teufel ist <emphasis>Rhino? </emphasis>Kenn ich
nicht. F�r mich kein Name�, schnaubte Jim und quetschte sich zwischen zwei
Betten durch, �Weg mit der Taschenlampe, nicht gestattet. War ein verdammt
leichter Sieg. Achtzehn zu null f�r die Ermins.� Das Fenster reichte fast bis
zum Boden. Ein altes Kamingitter sch�tze es vor den Jungen. �Zu viel Gest�mper
in der Dreiviertellinie�, brummte er und �ugte hinunter. �Ich hasse Rugby�,
sagte ein Junge namens Stephen. Der blaue Ford stand im Schatten der Kirche,
dicht unter den Ulmen. Vom Erdgescho� aus w�re er nicht zu sehen gewesen, aber
er wirkte nicht versteckt. Jim stand ganz still da, ein bi�chen vom Fenster
zur�ck, und inspizierte den Wagen nach verr�terischen Zeichen. Das Tageslicht
schwand bereits, aber er hatte gute Augen und wu�te, wonach er Ausschau halten
mu�te: zweiter Innenspiegel f�r den Kurier, Brandstellen unter dem Auspuff. Als
sie seine Spannung sp�rten, begannen die Jungen zu witzeln. �Sir, ist es eine
Puppe, Sir? Taugt sie etwas, Sir?�</p><p>�Sir,
brennt die Schule?�</p><p>�Sir, hat
sie h�bsche Beine?�</p><p>�Gosh,
Sir, ist es wirklich Miss <emphasis>Aaronson?� </emphasis>Hier
begannen alle zu kichern, denn Miss Aaronson war alt und h��lich. �Klappe
halten�, schnappte Jim �rgerlich. �Haltet die Klappe, ihr R�benschweine.�
Drunten im Tagesraum verlas Thursgood die Anwesenheitsliste der Gro�en vor der
Lernstunde. �Abercrombie? Sir. Astor? Sir. Blakeney? Krank, Sir.� Von seinem
Beobachtungsposten aus sah Jim, wie die Wagent�r aufging und George Smiley
behutsam aus dem Wagen herauskletterte; er trug einen schweren Mantel.</p><p>Matrons
Schritte hallten im Korridor. Er h�rte das Quietschen ihrer Gummiabs�tze und das
Klappern der Fieberthermometer in einem Kleistertopf.</p><p>�Mein
lieber Rhino, was tun Sie in meinem Krankensaal? Und schlie�en Sie den Vorhang,
Sie b�ser Junge, sonst stirbt mir noch die ganze Bande an Lungenentz�ndung.
William Merridew, aufsetzen, dalli!�</p><p>Smiley
schlo� den Wagen ab. Er war allein und trug nichts bei sich, nicht einmal eine
Mappe.</p></section><section><empty-line/><p>�Sie
schreien in Grenville nach Ihnen, Rhino.�</p><p>�Geh
schon, bin schon weg�, gab Jim munter zur�ck, und mit einem zackigen �Nacht
mit'nander� wuchtete er zum Grenville-Schlafsaal, wo er sein Versprechen, eine
Geschichte fertig zu lesen, einhalten mu�te. Beim Vorlesen stellte er fest, da�
er bei manchen Lauten Schwierigkeiten hatte, sie verhakten sich irgendwo in
seiner Kehle. Er wu�te, da� er schwitzte, er vermutete, da� sein R�cken n��te,
und als er mit der Geschichte zu Ende war, hatte er eine Art Krampf im Kiefer,
der nicht blo� vom Vorlesen kam. Aber das alles waren nebens�chliche Symptome
im Vergleich zu der Wut, die in ihm aufstieg, als er in die eisige Nachtluft
hinaustrat. Eine Weile stand er unschl�ssig auf der unkrautbewachsenen
Terrasse und starrte auf die Kirche. Er w�rde drei Minuten brauchen, weniger
sogar, um den Revolver unter dem Kirchenstuhl loszumachen, in den Hosenbund zu
stecken, links, Griff nach innen, zur Leiste.</p><p>Aber sein
Instinkt sagte �Nein�, also nahm er direkten Kurs auf den Wohnwagen und sang
dabei �Hei diddel dei, hei diddel dei�, so laut seine unmelodische Stimme
reichte.</p><empty-line/><p>Jim
Prideaux beschreibt einen Nachtmarsch, und George Smiley sieht zum ersten Mal
Licht</p><p>In dem
Motelzimmer herrschte dauernde Ruhelosigkeit. Selbst wenn der Verkehr drau�en
eine seiner seltenen Pausen machte, vibrierten die Fenster weiter. Auch die
Zahngl�ser im Bad vibrierten, und durch beide Zimmerw�nde und die Decke h�rten
sie Musik, Poltern und Gespr�chsfetzen oder Lachen. Wenn ein Wagen im Vorhof
ankam, schien das T�renknallen mitten im Zimmer stattzufinden und die Schritte
ebenfalls. Die Einrichtungsgegenst�nde waren aufeinander abgestimmt. Die gelben
St�hle waren auf die gelben Bilder und den gelben Teppich abgestimmt. Die
H�keldecken �ber den Betten pa�ten zur orangefarbenen T�rbemalung und zuf�llig
auch zum Etikett auf der Wodkaflasche. Smiley hatte alles s�uberlich
vorbereitet. Er hatte die St�hle in angemessene Entfernung ger�ckt, die
Wodkaflasche auf den niedrigen Tisch gestellt, und als Jim nun dasa� und ihn
finster anstarrte, holte er einen Teller mit ger�uchertem Lachs aus dem
winzigen K�hlschrank, nebst fertig mit Butter bestrichenem Landbrot. Im
Gegensatz zu Jim war er bemerkenswert gut gelaunt, und seine Bewegungen waren
flink und gezielt.</p><p>�Ich
dachte, wir sollten's wenigstens gem�tlich haben�, sagte er mit fl�chtigem
L�cheln und deckte gesch�ftig den Tisch. �Wann m�ssen Sie wieder in der Schule
sein? Ist eine Zeit festgesetzt?�</p><p>Als er
keine Antwort erhielt, setzte er sich. �Macht Ihnen das Unterrichten Spa�? Ich
glaube mich zu erinnern, da� Sie's nach dem Krieg eine Weile getan haben,
stimmt das? Ehe Sie wieder zur�ckgeholt wurden? War das auch ein Internat?�</p><p>�Schauen
Sie in den Akten nach�, bellte Jim. �Spielen Sie gef�lligst nicht Katz und Maus
mit mir, George Smiley. Wenn Sie irgend etwas wissen wollen, lesen Sie meine
Akte.�</p><p>Smiley
langte �ber den Tisch, go� zwei Gl�ser ein und reichte eines davon Jim.</p><p>�Ihre
Personalakte im Circus?�</p><p>�Holen Sie
sie bei der Personalabteilung, bei Control.�</p><p>�Ja, das
w�re vielleicht besser�, sagte Smiley zweifelnd. �Der Haken ist nur: Control
ist tot, und ich wurde rausgeworfen, lange ehe Sie zur�ckkamen. Hat sich
niemand die M�he gemacht, Ihnen das mitzuteilen, als man Sie nach Hause holte?�
Nun wurden Jims Z�ge weicher, und er vollf�hrte in Zeitlupe eine jener
Handbewegungen, die den Jungen in Thursgood soviel zu lachen gaben! �Lieber
Gott�, fl�sterte er, �Control ist also hin�ber�, fuhr sich mit der linken Hand
�ber die Schnurrbarth�rner und dann hinauf zu seinem mottenzerfressenen Haar.
�Armer alter Knabe�, murmelte er. �Woran ist er gestorben, George? Herz?
Herztod?�</p><p>�Nicht
einmal das hat man Ihnen bei Ihrer Desinstruktion nach der R�ckkehr gesagt?�
fragte Smiley.</p><p>Bei dem
Wort �Desinstruktion� wurde Jims Haltung steif und sein Blick wieder starr.</p><p>�Ja�,
sagte Smiley, �es war sein Herz.�</p><p>�Wer hat
den Job gekriegt?�</p><p>Smiley
lachte: �Du liebe G�te, Jim, <emphasis>wor�ber </emphasis>habt ihr
eigentlich in Sarratt gesprochen, wenn sie Ihnen nicht mal das gesagt haben?�</p><p>�Herrgott
noch mal, wer hat den Job gekriegt? Sie waren's nicht, wie, Sie sind
rausgeflogen! Wer hat den Job gekriegt, George?�</p><p>�Alleline
hat ihn gekriegt�, sagte Smiley und beobachtete Jim scharf; er sah, da� der
rechte Unterarm regungslos auf seinen Knien lag. �Wem h�tten Sie ihn zugedacht?
Sie hatten einen Kandidaten, wie, Jim?� Und nach einer langen Pause: �Und sie
haben Ihnen auch nicht zuf�llig gesagt, was mit dem Netz Aggravate passiert
ist? Mit Pribyl, mit seiner Frau und seinem Schwager? Oder mit dem Netz Plato?
Landkron, Eva Kriegiowa, Hanka Bilowa? Einige von ihnen haben Sie selber
angeworben, nicht wahr, in den alten Tagen vor Roy Bland? Der alte Landkron hat
sogar vor dem Krieg f�r Sie gearbeitet.�</p><p>Es war f�r
Smiley schrecklich anzusehen, wie Jim keine Bewegung nach vorn machte und auch
nicht zur�ck konnte. Das unregelm��ige rote Gesicht war von der Qual der
Unentschlossenheit verzerrt, und Schwei� hatte sich in dicken Tropfen �ber den
r�tlichen Brauen gesammelt.</p><p>�Herrgott
noch mal, George, was zum Teufel wollen Sie eigentlich? Ich habe einen
Schlu�strich gezogen. Genau das sagten sie, solle ich tun. Einen Schlu�strich
ziehen, ein neues Leben anfangen, die ganze Geschichte vergessen.�</p><p>�Wer sind
diese <emphasis>sie, </emphasis>Jim? Roy? Bill, Percy?� Er
wartete. �Haben sie Ihnen gesagt, wer immer sie auch waren, was aus Max
geworden ist? Max ist �brigens wohlauf�, f�gte er rasch hinzu. Er stand behend
auf, go� Jims Glas aufs neue voll, dann setzte er sich wieder.</p><p>�Na sch�n,
schie�en Sie los, was ist mit den beiden Netzen passiert?�</p><p>�Aufgerollt,
angeblich haben Sie sie verpfiffen, um Ihre eigene Haut zu retten. Ich glaube
es nicht. Aber ich mu� wissen, was passiert ist.� Er sprach sofort weiter: �Ich
wei�, Sie mu�ten Control schw�ren, bei allem, was heilig ist, aber das ist
vorbei. Ich wei�, da� Sie halb zu Tode ausgequetscht wurden, und ich wei�, Sie
haben einiges so gr�ndlich weggepackt, da� Sie es selber kaum mehr finden und
nicht mehr wissen, was Wahrheit und was Tarnung ist. Ich wei�, da� Sie einen
Schlu�strich darunter gezogen haben und sich sagen, das alles ist �berhaupt
nicht passiert. Ich habe das selber auch versucht. Nach diesem Abend k�nnen
Sie Ihren Schlu�strich ziehen. Ich habe einen Brief von Lacon bei mir, und wenn
Sie ihn anrufen wollen, dann garantiert er f�r mich. Ich will Sie nicht zum
Schweigen bringen. Eher zum Sprechen. Warum haben Sie mich nach Ihrer R�ckkehr
nicht zu Hause aufgesucht? Das h�tten Sie doch tun k�nnen. Vor Ihrer Reise
haben Sie versucht, mich zu sprechen, warum also nicht danach? Sie lie�en sich
nicht nur von den Vorschriften davon abhalten.�</p><p>�Ist
niemand davongekommen?� sagte Jim. �Nein. Sie wurden vermutlich alle erschossen.�
Sie hatten Lacon angerufen, und jetzt sa� Smiley allein da und nippte an seinem
Glas. Aus dem Badezimmer- h�rte er Wasserrauschen und Grunzen, als Jim sich
das Gesicht abspritzte. �Gehen wir doch um Gottes willen irgendwohin, wo man
Luft kriegt�, fl�sterte Jim, als sei das die Bedingung f�r seine Sprechbereitschaft.
Smiley nahm die Flasche vom Tisch und ging neben ihm her �ber den Parkplatz zum
Wagen.</p><p>Sie fuhren
zwanzig Minuten lang; Jim sa� am Steuer. Dann hielten sie auf dem H�gel,
demselben vom Morgen, ohne Nebel und mit einem weiten Blick ins Tal. Da und
dort in der Ferne blinkten einzelne Lichter. Jim sa� regungslos da, mit
herabh�ngenden H�nden, die rechte Schulter hochgezogen und blickte durch die
beschlagene Windschutzscheibe auf die H�gelschatten. Smiley hielt die ersten
Fragen knapp. Der Zorn war aus Jims Stimme geschwunden, und allm�hlich sprach
er freier. Einmal, als sie �ber Controls professionelle Geschicklichkeit
sprachen, lachte er sogar, aber Smiley entspannte sich nie, er war so
aufmerksam, als f�hrte er ein Kind �ber die Stra�e. Wenn Jim zu rasch voranzog
oder bockte oder aufbrausen wollte, holte Smiley ihn behutsam zur�ck, bis sie
wieder im gleichen Schritt und in die gleiche Richtung gingen. Wenn Jim
z�gerte, lockte Smiley ihn geschickt �ber das Hindernis. Eine Mischung aus
Instinkt und Logik erlaubte ihm, Jim zun�chst mit seiner eigenen Geschichte zu
f�ttern. Hatten sie sich nicht f�r Jims erste Instruktionen durch Control, so
fragte Smiley, au�erhalb des Circus getroffen? Ja, das stimmte. Wo? In einem
Apartmenthaus in St. James, Control hatte den Treffpunkt vorgeschlagen. War
sonst noch jemand anwesend? Nein, niemand. Und um sich zum erstenmal mit Jim in
Verbindung zu setzen, hatte Control seinen Leibdiener Mac Fadean geschickt,
nicht?</p><p>Ja, der
alte Mac war mit dem Brixton-Bus und einem Zettel gekommen, worin Jim f�r den
kommenden Abend zu einem Treffen aufgefordert wurde. Jim sollte Mac ja oder
nein sagen und ihm den Zettel zur�ckgeben. Auf keinen Fall d�rfe er das Telefon
benutzen, auch nicht den Hausapparat, um �ber die Verabredung zu sprechen. Jim
hatte zu Mac �Ja� gesagt und war um sieben zur Stelle gewesen.</p><p>�Als
erstes hat Control Sie vermutlich gewarnt?�</p><p>�Gesagt,
ich darf keinem Menschen trauen.�</p><p>�Hat er
irgend jemanden namentlich genannt?�</p><p>�Sp�ter�,
sagte Jim. �Zuerst nicht. Zuerst sagte er nur: Trauen Sie keinem. Besonders
keinem von der Kerntruppe aus dem inneren Kreis. George?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Sie sind
einfach erschossen worden, ja? Landkron, Kriegiowa, die Pribyls? Kurzerhand
erschossen?�</p><p>�Die
Geheimpolizei hat beide Netze in der gleichen Nacht aufgerollt. Was danach
geschah, wei� niemand, aber den Verwandten wurde mitgeteilt, sie seien tot. Was
im allgemeinen hei�t, da� sie's wirklich sind.�</p><p>Zu ihrer
Linken kletterte eine Reihe Tannen wie eine bewegungslose Armee aus dem Tal
herauf.</p><p>�Und dann
hat Control Sie vermutlich gefragt, welche g�ltigen tschechischen Papiere Sie
zur Zeit bes��en�, fuhr Smiley fort. �Stimmt das?�</p><p>Er mu�te
die Frage wiederholen.</p><p>�Ich
sagte, Hajek�, sagte Jim schlie�lich. �Jan Hajek, tschechischer Journalist, in
Paris stationiert. Control fragte mich, wie lange diese Papiere noch brauchbar
seien. &gt;Wei� man nicht&lt;, sagte ich. &gt;Manchmal sind sie nach einer
einzigen Reise wertlos. &lt;� Seine Stimme wurde pl�tzlich lauter, als habe er
sie nicht mehr unter Kontrolle. �Stocktaub war er, Control, wenn er nicht h�ren
wollte.�</p><p>�Und dann
sagte er Ihnen, was Sie f�r ihn tun sollten�, half Smiley weiter.</p><p>�Zuerst
sprachen wir �ber die M�glichkeit, alles abzuleugnen. Er sagte, wenn ich
erwischt w�rde, m�sse ich Control raushalten. Ein Plan der Skalpj�ger, eine Art
Privatunternehmung. Schon damals dachte ich: wer zum Teufel soll mir das glauben?
Er lie� sich jedes Wort abkaufen�, sagte Jim. �W�hrend der ganzen Instruktion
sp�rte ich seinen Widerstand. Er wollte mich rein gar nichts wissen lassen,
aber ich sollte gut informiert sein. &gt;Mir ist ein Angebot zugegangen&lt;,
sagt Control. &gt;Hochgestellte Pers�nlichkeit, Deckname <emphasis>Testify.
&lt; </emphasis>Tschechische Pers�nlichkeit?&lt; frage ich. &gt;Hoher
Milit�r&lt;, sagt er. &gt;Sie sind selber Milit�r, Jim, Sie beide sollten gut
miteinander auskommen. &lt; Und so ging's den ganzen Abend lang. Ich dachte,
wenn du mir's nicht sagen willst, dann la� es, aber h�r auf mit dem Drumrum.�
Nach einigen weiteren Runden um den hei�en Brei, sagte Jim, sei Control damit
herausger�ckt, da� Testify ein tschechischer General der Artillerie sei. Sein
Name war Stevcek, er war bekannt als prosowjetischer Falke in der Prager
Verteidigungs-Hierarchie, was immer das bedeuten mochte. Er war
Verbindungsoffizier in Moskau gewesen, einer der sehr wenigen Tschechen, denen
die Russen vertrauen. Stevcek hatte Control durch einen Mittelsmann, den
Control pers�nlich in �sterreich interviewt hatte, seinen Wunsch vonragen
lassen, mit einem f�hrenden Mann des Circus �ber Angelegenheiten von
beiderseitigem Interesse zu sprechen. Der Emiss�r m�sse tschechisch sprechen
und in der Lage sein,</p><p>Entscheidungen
zu treffen. Am Freitag, dem 20. Oktober, werde Stevcek die
Waffenforschungsanstalt in Tisnow bei Brunn besichtigen, etwa hundert Meilen
n�rdlich der �sterreichischen Grenze. Anschlie�end wolle er sich �ber das
Wochenende zu einer Jagdh�tte begeben, und zwar allein. Die H�tte liege hoch
droben in den W�ldern, nicht weit von Racice entfernt. Er sei bereit, dort am
Abend des Sonnabend, <emphasis>21. </emphasis>Oktober,
einen Emiss�r zu empfangen. Er w�rde auch nach und von Brunn eine Eskorte
stellen.</p><p>Smiley
fragte: �Hat Control irgend etwas �ber Stevceks Motiv verlauten lassen?�</p><p>�Ein
M�dchen�, sagte Jim. �Eine Studentin, mit der er liiert war. Sein sp�ter
Fr�hling, sagte Control: zwanzig Jahre Altersunterschied zwischen den beiden.
Sie wurde w�hrend des Aufstands vom Sommer achtundsechzig erschossen. Bis dahin
war es Stevcek gelungen, seine anti-russischen Gef�hle seiner Karriere zuliebe
zu unterdr�cken. Der Tod des M�dchens machte dem ein Ende: er wollte sich nur
noch an den Russen r�chen. F�nf Jahre lang hatte er in aller Stille Informationen
gesammelt, die ihnen wirklichen Schaden zuf�gen k�nnten. Sobald er unsere
Zusage und einen sicheren Kanal bekommen w�rde, sei er bereit, uns alles zu
verkaufen.�</p><p>�Hatte
Control diese Angaben nachgepr�ft?�</p><p>�Soweit es
ihm m�glich war. �ber Stevcek war reichlich Material vorhanden. Hungriger
Schreibtischgeneral mit einer langen Liste von Stabs-Ernennungen. Technokrat.
Wenn er nicht Kurse besuchte, wetzte er sich im Ausland die Z�hne: Warschau,
Moskau, ein Jahr lang Peking, eine Zeitlang Milit�rattache in Afrika, dann
wieder Moskau. Jung f�r seinen Rang.�</p><p>�Hat
Control Ihnen gesagt, welche Art von Informationen Sie zu erwarten h�tten?�</p><p>�Verteidigungsmaterial.
Raketen. Ballistik.�</p><p>�Sonst
nichts?� sagte Smiley und reichte ihm die Flasche.</p><p>�Bi�chen
Politik.�</p><p>�Sonst
nichts?�</p><p>Nicht zum
erstenmal hatte Smiley das entschiedene Gef�hl, da� er nicht �ber Jims
Unwissenheit strauchelte, sondern �ber den Rest eines willentlichen
Entschlusses, sich nicht zu erinnern. Jim Prideaux' Atem wurde im Dunkeln
pl�tzlich tief und keuchend.</p><p>Er hatte
die H�nde auf s Steuerrad gelegt und das Kinn aufgest�tzt und starrte blicklos
auf die undurchsichtige Windschutzscheibe. �Wie lange waren sie in Haft, ehe
sie erschossen wurden?� fragte er.</p><p>�Ich
bef�rchte, eine ganze Zeit l�nger, als Sie es waren�, gestand Smiley.</p><p>�Mein
Gott�, sagte Jim. Er zog ein Taschentuch aus dem �rmel und wischte sich den
Schwei� ab, und was sonst noch auf seinem Gesicht gl�nzen mochte.</p><p>�Die
Enth�llungen, die Control von Stevcek zu erhalten hoffte�, soufflierte Smiley
so behutsam wie m�glich. �Das haben sie mich beim Verh�r auch gefragt.�</p><p>�In
Sarratt?�</p><p>Jim
sch�ttelte den Kopf. �Dr�ben.� Er machte mit dem zottigen Kopf eine Bewegung zu
den H�geln. �Sie wu�ten von Anfang an, da� das Ganze Controls Unternehmen war.
Ich konnte ihnen nicht weismachen, da� es das meine gewesen sei. Sie lachten
nur.�</p><p>Abermals
wartete Smiley geduldig, bis Jim bereit war, fortzufahren.</p><p>�Stevcek�,
sagte Jim. �Control hatte sich folgende Idee in den Kopf gesetzt: Stevcek w�rde
die Antwort liefern, Stevcek w�rde den Schl�ssel liefern. &gt;Was f�r einen
Schl�ssel ?&lt; fragte ich. &gt;Was f�r einen Schl�ssel ?&lt; Hatte seine Mappe
bei sich, die alte braune Notenmappe. Zog Tabellen heraus, alle in seiner
eigenen Handschrift angemerkt. Mit farbiger Tinte, mit Stift. &gt;Ihre
optischen Kr�ckens sagte er. &gt;Das ist der Mann, den Sie treffen.&lt;
Stevceks Karriere Jahr f�r Jahr aufgezeigt: er f�hrt sie mir von A bis Z vor.
Milit�rakademien, Orden, Ehefrauen. &gt;Er hat Pferde gern&lt;, sagt er.
&gt;Sie sind fr�her auch geritten, Jim. Wieder eine Gemeinsamkeit, denken Sie
daran.&lt; Ich dachte: Das wird ein Hauptspa�: ich sitze in der
Tschechoslowakei, wei� die Bluthunde hinter mir und plaudere �ber das Zureiten
von Vollblutstuten. Er lachte ein bi�chen komisch, also lachte Smiley auch.
�Die rot markierten Bef�rderungen waren f�r Stevceks Verbindungsarbeit f�r die
Sowjets. Die gr�nen waren seine Geheimdienstarbeit. Stevcek hatte �berall die
Pfoten drin. Vierter Mann im tschechischen Abwehrdienst, Obergehilfe im
Waffenwesen, Sekret�r des nationalen Komitees f�r innere Sicherheit, eine Art Milit�rberater
des Pr�sidiums. Angloamerikanischer Vertreter im milit�rischen Abwehrdienst der
Tschechen. Dann kommt Control zu dieser Stelle in der Mitte der sechziger
Jahre, Stevceks zweitem Aufenthalt in Moskau, halb gr�n und halb rot markiert.
Nach au�en hin geh�rte Stevcek dem Verbindungsstab des Warschauer Pakts als
Generaloberst an, sagt Control, aber das war nur Tarnung. &gt;Er hatte mit dem
Warschauer Pakt �berhaupt nichts zu tun. Sein wirklicher Job war die
England-Abteilung in der Moskauer Zentrale. Er war unter dem Arbeitsnamen Minin
t�tig &lt;, sagt er. &gt;Er mu�te die tschechische und die Moskauer T�tigkeit
koordinieren. Hier liegt der Schatz&lt;, sagt Control. &gt;Was Stevcek uns
wirklich verkaufen will, ist der Name der Moskauer Agenten innerhalb des
Circus.&lt;� Vielleicht ist es nur ein einziges Wort, dachte Smiley in
Erinnerung an sein Gespr�ch mit Max, und pl�tzlich f�hlte er wieder diese j�he
Woge der Furcht. Er wu�te, am Ende w�rde nur das eine herauskommen: ein Name
f�r den Maulwurf Gerald, ein Schrei im Dunkel.</p><p>�&gt;Es
ist ein fauler Apfel dabei, Jim&lt;, sagte Control, &gt;und er steckt alle
anderen an&lt;�, fuhr Jim fort. Seine Stimme war hart geworden, seine Miene
ebenfalls. �Er sprach dauernd von Ausmerzen, wie er die Spuren zur�ckverfolgt
habe und allem nachgegangen und fast am Ziel sei. Es gebe f�nf M�glichkeiten,
sagte er. Fragen Sie mich nicht, wie er sie ausgegraben hat. &gt;Es ist einer
von den oberen F�nf&lt;, sagt er. &gt;F�nf Finger einer Hand.&lt; Er gab mir
was zu trinken, und wir sa�en da wie zwei Schuljungen und machten uns einen
Code, ich und Control. Wir einigten uns auf Spielkarten. Auf die, die z�hlen, also
Zehner, Bube, Dame und so weiter. Wir sa�en in dieser Wohnung und knobelten es
aus und tranken diesen billigen zyprischen Sherry, den er immer servierte.
Falls ich nicht mehr heraus k�nnte, falls es nach meiner Begegnung mit Stevcek
Schwierigkeiten geben sollte, falls ich in den Untergrund m��te, so m�sse ich
ihm dieses eine Wort zukommen lassen, und wenn ich nach Prag gehen und es mit
Kreide an die T�r der Botschaft schreiben oder unseren Mann in Prag anrufen und
es ihm durchs Telefon zubr�llen m��te. Zehner, Bube, Dame, K�nig, As. Alleline
war As, Haydon war K�nig, Bland war Bube und Toby Esterhase war Zehner. Sie
waren Dame�, sagte Jim. �Ach, nein wirklich! Und was hielten Sie davon, Jim?
Von Controls Theorie? Wie fanden Sie die Idee, alles in allem?�</p><p>�Verdammt albern.
Schnapsidee.�</p><p>�Warum?�</p><p>�Einfach
verdammt albern�, wiederholte er stur. �Da� einer von euch ein Maulwurf sein
soll- <emphasis>bl�dsinnig!�</emphasis></p><p><emphasis>�</emphasis>Aber haben
Sie es geglaubt?�</p><p>�Nein!
Heiliger Gott, Mann, glauben Sie's vielleicht?�</p><p>�Warum
nicht? Rein verstandesm��ig haben wir immer eingesehen, da� es fr�her oder
sp�ter passieren w�rde. Wir haben einander dauernd gewarnt: sei auf der Hut.
Wir haben gen�gend Mitglieder anderer Organisationen umgedreht: Russen, Polen,
Tschechen, Franzosen. Sogar dann und wann einen Amerikaner. Was ist pl�tzlich
an den Briten so Besonderes dran?� Da er Jinis inneren Widerstand sp�rte,
�ffnete Smiley die T�r auf seiner Seite und lie� die kalte Luft hereinstr�men.
�Wie war's mit einem kleinen Auslauf?� sagte er. �Warum sollen wir hier eingepfercht
sein, wenn wir genausogut Spazierengehen k�nnen?�</p><p>Die
Bewegung brachte, wie Smiley vorhergesehen hatte, Jims versiegenden Redeflu�
aufs neue in Schwung.</p><p>Sie waren
am Westrand des Plateaus, wo nur ein paar B�ume standen und etliche gef�llt am
Boden lagen. Eine mit Reif bedeckte Bank lud zum Sitzen ein, aber sie machten
keinen Gebrauch. Es war windstill, die Sterne waren sehr hell, und Jim nahm den
Faden seiner Geschichte wieder auf, w�hrend sie nebeneinander hergingen und Jim
seinen Schritt immer dem Smileys anglich. Weg vom Wagen, hin zum Wagen.
Manchmal hielten sie an und blickten, Schulter an Schulter, hinunter ins Tal.
Zuerst beschrieb Jim, wie er Max angeheuert und was er alles angestellt hatte,
um seine Mission vor dem �brigen Circus geheimzuhalten. Er lie� durchsickern,
er habe versuchsweise eine Verbindung zu einem ehrgeizigen sowjetischen
Codierer in Stockholm angekn�pft und lie� auf seinen alten Arbeitsnamen Ellis
eine Reise nach Kopenhagen buchen. Statt dessen flog er nach Paris, wechselte
auf seine Hajek-Papiere und landete mit dem regul�ren Flug am Samstagvormittag
zehn Uhr auf dem Flugplatz von Prag. Er kam ohne weiteres durch die Sperre,
pr�fte die Abfahrtszeit seines Zuges am Hauptbahnhof nach, dann ging er
spazieren, denn er mu�te noch ein paar Stunden totschlagen, und dachte, er
k�nne ein bi�chen aufpassen, was sich hinter ihm tue, ehe er nach Brunn
abreiste. In diesem Herbst war das Wetter ungew�hnlich schlecht gewesen. Es lag
schon Schnee, und es fiel noch mehr.</p><p>In der
Tschechoslowakei, sagte Jim, sei die Beschattung im allgemeinen kein Problem.
Die Sicherheitsdienste arbeiteten praktisch ohne alle Raffinessen,
wahrscheinlich, weil seit Menschengedenken keine Regierung sich in dieser
Hinsicht je hatte Zwang antun m�ssen. Der Trend war noch immer, sagte Jim, mit
Autos und Pflastertretern herumzuwerfen wie Al Capone, und genau danach hielt
Jim Ausschau: nach schwarzen Skodas und Trios von gedrungenen M�nnern mit
Schlapph�ten. Bei K�lte sind diese Dinge ein bi�chen schwerer zu entdecken,
weil der Verkehr z�h l�uft, die Leute schneller gehen und jeder bis �ber die
Nasenspitze vermummt ist. Trotzdem, bis zum Masaryk-Bahnhof, oder zum
Hauptbahnhof, wie er heute hei�t, ging alles glatt. Aber am Bahnhof, sagte Jim,
sei seine Aufmerksamkeit rein instinktiv auf zwei Frauen gelenkt worden, die
vor ihm am Fahrkartenschalter standen.</p><p>Nun
�berdachte Jim mit der leidenschaftlichen Gelassenheit des Profis noch einmal
den zur�ckgelegten Weg. In einer Ladenarkade neben dem Wenzelsplatz hatten ihn
drei Frauen �berholt, die mittlere schob einen Kinderwagen. Die Frau auf der
Fahrbahnseite trug eine rote Plastikhandtasche, und die Frau, die ganz innen
ging, f�hrte einen Hund an der Leine. Zehn Minuten sp�ter waren ihm zwei
Frauen, Arm in Arm, entgegengekommen, sie hatten es eilig gehabt, und er
dachte, wenn Toby Esterhase diese Sache organisiert h�tte, so w�re das genau
seine Handschrift; schnelle Abl�sung am Kinderwagen, in einiger Entfernung Einsatzwagen
mit Kurzwellensender oder - und ein zweites Team in Bereitschaft, f�r den Fall,
da� das erste zum �berholen gezwungen sein w�rde. Als Jim nun am
Masaryk-Bahnhof die beiden Frauen ansah, die vor ihm in der Schlange am
Schalter standen, wu�te er, da� es jetzt soweit war. Es gibt ein Kleidungsst�ck,
das ein Beschatter weder wechseln kann noch will, schon gar nicht bei na�kaltem
Wetter, und das ist sein Schuhwerk. Von den beiden Paaren, die sich am Schalter
seinen Blicken darboten, erkannte Jim das eine wieder: pelzbesetzte
Plastikstiefel, schwarz, mit Rei�verschlu� an der Au�enseite und diesen dicken
braunen Synthetiksohlen, die im Schnee quietschen. Er hatte sie an diesem
Vormittag schon einmal gesehen, in der Sterba-Passage; die Frau, die den
Kinderwagen an ihm vorbeischob, hatte sie unter einem anderen Mantel getragen.
Von da an vermutete Jim nichts mehr. Er wu�te, genau wie Smiley gewu�t h�tte.
Am Zeitungsstand kaufte Jim sich eine <emphasis>Rude Pravo </emphasis>und stieg
in den Zug nach Brunn. Wenn die ihn h�tten festnehmen wollen, dann w�re es
schon passiert. Sie mu�ten hinter den Nebenlinien her sein: das hei�t, sie
folgten Jim, um seine Verbindungsleute dingfest zu machen. Es hatte keinen
Sinn, sich �ber das Warum den Kopf zu zerbrechen, aber Jim vermutete, da� die
Hajek-Papiere hochgegangen waren und da� sie die Falle schon aufgestellt
hatten, als er den Flug buchte. Solange sie nicht wu�ten, da� er die
Hajek-Papiere ins Klo gesp�lt hatte, war er noch immer im Vorteil; und f�r
kurze Zeit war Smiley wieder im besetzten Deutschland, in seinem einzigen
Einsatz als Au�enagent, ein Leben in st�ndiger Angst, jeder Blick eines Fremden
schien bis auf die Haut zu gehen. Er h�tte urspr�nglich den Zug um dreizehn Uhr
acht benutzen sollen, der in Brunn um sechzehn Uhr siebenundzwanzig ankam. Er
fiel aus, und Jim nahm einen wundersch�nen Personenzug, einen Sonderzug zum
Fu�ball-Match, der an jeder zweiten Laterne hielt, und jedesmal vermeinte Jim,
seine Wachmannschaft herauspicken zu k�nnen. Ihre Qualit�t war
unterschiedlich. In Chocen, einem elenden Kaff, stieg er aus, kaufte sich eine
Wurst, und da standen nicht weniger als f�nf, alles M�nner, �ber den Bahnsteig
verteilt, H�nde in den Taschen, und taten so, als plauderten sie miteinander
und machten sich verdammt l�cherlich. �Wenn's etwas gibt, was einen guten
Beschatter von einem schlechten unterscheidet�, sagte Jim, �dann ist es die
sanfte Kunst, alles ganz �berzeugend wirken zu lassen.�</p><p>In Switawi
kamen zwei M�nner und eine Frau in sein Abteil und unterhielten sich �ber das
gro�e Match. Nach einer Weile beteiligte Jim sich an ihrem Gespr�ch: er hatte
in seiner Zeitung alles dar�ber gelesen. Es war ein Club-R�ckspiel, und alle
Leute waren schon ganz verr�ckt. Bis Brunn hatte sich nichts Neues mehr
ereignet, er stieg also aus und schlenderte durch Gesch�fte und belebte Stra�en,
so da� sie ihm dicht auf den Fersen bleiben mu�ten, um ihn nicht zu verlieren.</p><p>Er wollte
sie in Sicherheit wiegen, ihnen beweisen, da� er nichts ahnte. Er wu�te jetzt,
da� er das Ziel eines, wie Toby es nennen w�rde, gro�en Schlemm war. Die
Fu�g�nger arbeiteten in Teams zu je sieben. Die Autos wechselten so oft, da� er
sie nicht z�hlen konnte. Die Leitung der Aktion lag bei einem sch�bigen gr�nen
Lieferwagen, der von einem Schl�gertyp gefahren wurde. Der Lieferwagen hatte
eine Rundantenne, und hoch am Heck war mit Kreide ein Stern aufgemalt, an einer
Stelle, die ein Kind nicht erreichen konnte. Die Autos, die er identifizieren
konnte, hatten als gegenseitiges Erkennungszeichen eine Damenhandtasche auf dem
Handschuhbord und eine heruntergeklappte Sonnenblende �ber dem Beifahrersitz.
Vermutlich gab es auch noch andere Zeichen, aber diese beiden gen�gten Jim. Aus
Tobys Erz�hlungen wu�te er, da� solche Eins�tze bis zu hundert Leuten
erforderten und dennoch ergebnislos verliefen, wenn das Wild pl�tzlich einen
Haken schlug. Deshalb ha�te Toby sie.</p><p>Am
Hauptplatz von Brunn gibt es einen Laden, der rein alles verkauft, sagte Jim.
In der Tschechoslowakei ist das Einkaufen im allgemeinen eine Plage, weil jeder
der staatlichen Industriezweige seine eigenen Verkaufsstellen hat, aber dieses
Gesch�ft war neu und recht ansehnlich. Er kaufte Spielsachen, einen Schal,
Zigaretten und probierte Schuhe an. Er nahm an, da� seine Beschatter noch
immer auf seine Kontaktperson lauerten. Er klaute eine Pelzm�tze und einen
wei�en Plastikregenmantel und eine Tragetasche, um beides hineinzustecken. Er
trieb sich in der Herrenabteilung lange genug herum, um sich zu vergewissern,
da� die beiden Frauen, die das vorderste Paar bildeten, noch immer hinter ihm
her waren, jedoch z�gerten, ihm zu nahe zu kommen. Wahrscheinlich hatten sie
m�nnliche Abl�sung angefordert und warteten nun. In der Herrentoilette
handelte er blitzschnell. Er zog die wei�e Regenhaut �ber seinen Mantel,
stopfte den Tragbeutel in die Tasche und setzte die Pelzm�tze auf. Er lie�
seine �brigen Pakete liegen und rannte dann wie ein Irrer �ber die Nottreppe
hinunter, stie� eine Feuert�r auf, sauste eine Hintergasse entlang, schlenderte
gem�chlich durch eine weitere, eine Einbahnstra�e, stopfte den wei�en
Regenmantel in den Tragebeutel, schl�pfte gerade noch in einen Laden, der
bereits schlie�en wollte und kaufte sich dort einen schwarzen Regenmantel, den
er an Stelle des wei�en �berzog. Im Schutz der hinausstr�menden Kunden
quetschte er sich in eine volle Tram, blieb bis zur vorletzten Haltestelle,
marschierte eine Stunde lang und schaffte den Ausweichtreff mit Max auf die
Minute.</p><p>Nun
beschrieb er sein Gespr�ch mit Max und sagte, um ein Haar h�tten sie sich
gepr�gelt.</p><p>Smiley
fragte: �Sind Sie nie auf den Gedanken gekommen, die Sache fallenzulassen?�</p><p>�Nein. Bin
ich nicht�, bellte Jim.</p><p>Seine
Stimme hob sich drohend.</p><p>�Obwohl
Sie von Anfang an fanden, da� es eine Schnapsidee war?� In Smileys Tonfall
schwang nichts als Nachsicht. Keine Sch�rfe, kein Wunsch, Jim ins Unrecht zu
setzen: nur der Wunsch, die Wahrheit zu erfahren, sonnenklar unter dem
Nachthimmel. �Sie sind einfach weitermarschiert. Sie hatten gesehen, was Ihnen
im R�cken drohte, Sie fanden den Auftrag absurd, aber Sie marschierten weiter,
immer tiefer hinein in den Dschungel.�</p><p>�Ja.�</p><p>�Oder
sahen Sie den Auftrag inzwischen mit anderen Augen? Hat Sie schlie�lich die
Neugier vorw�rtsgetrieben, war das der Grund? Weil Sie zum Beispiel
leidenschaftlich gern wissen wollten, wer der Maulwurf war? Ich stelle nur
Vermutungen an, Jim.�</p><p>�Was hat
das schon zu sagen? Was zum Teufel haben meine Gr�nde zu sagen, wenn's um eine
solche Schweinerei geht?� Der Halbmond �ber dem H�gel war aus den Wolken hervorgekommen
und schien sehr nah. Jim setzte sich auf die Bank. Sie stand auf einer
Kiesfl�che, und w�hrend des Sprechens nahm er dann und wann einen Kiesel auf
und schleuderte ihn mit einem R�ckhandwurf ins Farngestr�pp. Smiley sa� neben
ihm und schaute immer nur Jim an. Einmal trank er ebenfalls einen Schluck
Wodka, um Jim Gesellschaft zu leisten und dachte an Tarr und Irina und, wie sie
damals auf ihrem H�gel in Hongkong getrunken hatten. Es mu� eine
Berufsgewohnheit sein, dachte er: wir sprechen leichter, wenn wir eine Aussicht
vor uns haben. Durch das Fenster des geparkten Fiat, sagte Jim, kam das Codewort
ohne Z�gern. Der Fahrer war einer jener steifen, muskelbepackten tschechischen
Magyaren mit Schnurrbart � la Edward VII. und einem Mund voller Knoblauch. Jim
mochte ihn nicht, hatte das aber auch nicht erwartet. Die beiden hinteren T�ren
waren verschlossen, und es gab einen Streit dar�ber, wo er sitzen sollte. Der
Magyar sagte, aus Sicherheitsgr�nden solle Jim nicht hinten sitzen. Au�erdem
sei es undemokratisch. Jim w�nschte ihn zum Teufel. Er fragte Jim, ob er einen
Revolver habe, und Jim sagte nein, was eine L�ge war, aber wenn der Magyar ihm
nicht glaubte, so wagte er doch nicht, es zu sagen. Er fragte, ob Jim Anweisungen
f�r den General mitgebracht habe? Jim sagte, er habe gar nichts mitgebracht. Er
sei gekommen, um zuzuh�ren.</p><p>Jim sei
wohl etwas kribbelig, sagte er. Sie fuhren, und der Magyar sagte sein St�ckchen
her. Wenn sie zur Jagdh�tte k�men, w�rde kein Licht und kein Lebenszeichen zu
sehen sein. Der General w�rde sich in der H�tte befinden. Sollte irgend etwas,
ein Fahrrad, ein Auto, ein Licht, ein Hund, irgendein Zeichen darauf
hinweisen, da� die H�tte bewohnt war, so w�rde der Magyar zuerst hineingehen, und
Jim w�rde im Wagen warten. Andernfalls sollte Jim allein hineingehen, und der
Ungar w�rde drau�en warten. War das klar?</p><p>Warum
gingen sie nicht einfach zusammen hinein? fragte Jim. Weil der General das
nicht w�nschte, sagte der Ungar. Sie fuhren, nach Jims Uhr, eine halbe Stunde
lang, immer nord-ostw�rts und mit einem Durchschnittstempo von drei�ig Stundenkilometern.
Der Weg war kurvenreich und steil und von B�umen ges�umt. Es schien kein Mond,
und er konnte sehr wenig sehen, nur dann und wann hoben weitere W�lder und
H�gel sich vor dem Himmel ab. Der Schnee trieb vom Norden her, stellte er fest;
diese Beobachtung war sp�ter von Nutzen. Der Weg war ger�umt, aber von schweren
Lastwagen zerpfl�gt. Sie fuhren ohne Licht. Der Magyar hatte begonnen, eine unanst�ndige
Geschichte zu erz�hlen, und Jim vermutete, da� dies seine Art der Nervosit�t
sei. Der Knoblauchgeruch war furchtbar. Er schien die ganze Zeit Knoblauch zu
kauen. Unvermittelt stellte er den Motor ab. Sie fuhren abw�rts, aber
langsamer. Sie waren noch nicht ganz zum Halten gekommen, als der Magyar die
Handbremse anzog, und Jim stie� mit dem Kopf gegen den Fensterrahmen und
packte seinen Revolver. Sie standen an der Abzweigung eines Seitenwegs.
Drei�ig Meter entfernt stand an diesem Weg eine niedrige Holzh�tte. Kein
Lebenszeichen war zu bemerken.</p><p>Jim wies
den Magyaren an, was er tun sollte. Er sollte Jims Pelzm�tze und Jims Mantel
anziehen und statt seiner zur H�tte gehen. Er sollte langsam gehen, die H�nde
im R�cken verschr�nkt, und sich immer in der Mitte des Weges halten. Falls er
eine dieser Anweisungen mi�achte, werde Jim ihn erschie�en. Wenn er bei der
H�tte sei, solle er hineingehen und dem General erkl�ren, da� Jim nur eine
elementare Vorsichtsma�nahme getroffen habe. Dann solle er langsam
zur�ckkommen, Jim melden, da� alles in Ordnung sei und da� der General ihn
empfangen wolle. Oder nicht, je nachdem.</p><p>Der Magyar
schien davon nicht begeistert zu sein, aber er hatte keine Wahl. Ehe er
ausstieg, lie� Jim den Wagen so drehen, da� die Scheinwerfer den Weg entlang
wiesen. Sollte er Geschichten machen, erkl�rte Jim, so w�rde er die
Scheinwerfer einschalten und in ihrem Licht auf ihn schie�en, und zwar nicht
einmal, sondern etliche Male, und bestimmt nicht in die Beine. Der Magyar ging
los. Er hatte die H�tte fast erreicht, als die ganze Gegend in Flutlicht
getaucht wurde: die H�tte, der Weg und ein gro�es Gebiet rundum. Dann geschahen
mehrere Dinge gleichzeitig. Jim sah nicht alles, weil er schleunigst den Wagen
wendete. Er sah vier M�nner hinter den B�umen hervorst�rzen, und soviel er unterscheiden
konnte, hatte einer den Magyaren niedergeschlagen. Sch�sse fielen, aber keiner
der vier achtete darauf, sie traten zur�ck, w�hrend jemand Fotos machte. Die
Sch�sse schienen in den hellen Himmel hinter dem Flutlicht zu zielen. Es war
sehr theatralisch. Leuchtkugeln wurden abgeschossen, Leuchtraketen stiegen
hoch, sogar Rauchspurgeschosse, und als Jim im Fiat den Weg entlangraste, hatte
er den Eindruck, einer milit�rischen Galavorstellung auf ihrem H�hepunkt den
R�cken zu wenden. Er war fast in Sicherheit - er hatte wirklich das Gef�hl, in
Sicherheit zu sein -, als pl�tzlich rechts im Wald aus gro�er N�he Maschinengewehrfeuer
auf ihn er�ffnet wurde. Die erste Garbe scho� ein Hinterrad ab und st�rzte den
Wagen um. Jim sah das Rad �ber die K�hlerhaube wegfliegen, als der Wagen in den
linken Weggraben rollte. Der Graben war etwa drei Meter tief, aber der Schnee
linderte den Fall. Der Wagen fing nicht Feuer, also legte Jim sich dahinter und
wartete, sp�hte �ber den Weg und hoffte, den Sch�tzen aufs Korn nehmen zu
k�nnen. Die n�chste Salve kam von hinten und schleuderte ihn hoch und gegen den
Wagen. In den W�ldern mu�te es von Soldaten gewimmelt haben. Er wu�te, da� er
zweimal getroffen worden war. Beide Sch�sse erwischten ihn an der rechten
Schulter, und als er dalag und die Vorf�hrung verfolgte, schien es ihm
erstaunlich, da� sie ihm nicht den Arm abgerissen hatten. Eine Hupe ert�nte,
vielleicht auch mehrere. Ein Krankenwagen kam den Weg heruntergerollt, und
noch immer fielen gen�gend Sch�sse, um das Wild auf Jahre hinaus zu
verscheuchen. Der Krankenwagen erinnerte ihn an die alten
Hollywood-Feuerspritzen, er war genauso hochbeinig. Eine ganze Man�verschlacht
war im Gang, aber die Jungen von der Ambulanz standen da und starrten ihn
v�llig unger�hrt an. Er war dabei, das Bewu�tsein zu verlieren, als er einen
zweiten Wagen ankommen h�rte, und M�nnerstimmen, und weitere Fotos wurden
geschossen, diesmal vom richtigen Mann. Jemand erteilte Befehle, aber er wu�te
nicht, wie sie lauteten, sie wurden in russischer Sprache erteilt. Als sie ihn
auf die Bahre luden, drehte sich sein einziger Gedanke um die R�ckkehr nach
London. Er sah sich in der St. James-Wohnung mit den bunten Tabellen und dem
B�ndel Notizen im Sessel sitzen und Control erkl�ren, wie sie beide auf ihre
alten Tage in die gr��te Gimpelfalle der Firmengeschichte getappt waren. Sein
einziger Trost war, da� sie dem Magyaren eins �bergezogen hatten, aber
r�ckblickend w�nschte er, er h�tte ihm das Genick gebrochen; er h�tte das ohne
M�he und ohne Reue bewerkstelligen k�nnen.</p><empty-line/><p>Dramatischer
Verlauf und unerwartete Folgen der Operation Testify</p><empty-line/><p>Die
Beschreibung von Schmerzen war f�r Jim ein m��iges Unterfangen. F�r Smiley
hatte dieser Stoizismus etwas Furchterregendes, um so mehr, als er Jim nicht
bewu�t zu sein schien. Die L�cken in seinem Bericht seien haupts�chlich dort,
wo er ohnm�chtig geworden war. Die Ambulanz fuhr ihn, soweit er sich erinnern
konnte, weiter nach Norden. Er hatte es an den B�umen abgelesen, als man die
T�r f�r den Arzt �ffnete: der Schnee war dick, wenn er zur�ckblickte. Die
Fahrbahn war gut, und er vermutete, da� sie sich auf der Stra�e nach Hradec
befanden. Der Arzt gab ihm eine Spritze, und als er wieder zu sich kam, war er
in einem Gef�ngniskrankenhaus mit vergitterten Fenstern hoch oben in der Wand,
und drei M�nner bewachten ihn. Dann kam er erst nach der Operation wieder zu
sich, in einem anderen Bau ganz ohne Fenster, und er glaubte, das erste Verh�r
habe wohl hier stattgefunden, ungef�hr zweiundsiebzig Stunden, nachdem sie ihn
zusammengeflickt hatten, aber die Zeitbestimmung war bereits problematisch
geworden, und nat�rlich hatten sie ihm seine Uhr weggenommen.</p><p>Sie fuhren
ihn st�ndig herum. Entweder in andere R�ume, je nachdem, was sie mit ihm
vorhatten, oder in andere Gef�ngnisse, je nachdem, wer ihn verh�rte. Manchmal
sollte die Bewegung ihn einfach wach halten, dann f�hrten sie ihn nachts in
Gef�ngniskorridoren herum. Er wurde auch in Lastwagen bef�rdert und einmal mit
einem tschechischen Transportflugzeug, aber er war gefesselt und mit
verbundenen Augen in die Maschine gebracht worden und hatte kurz nach dem Start
die Besinnung verloren. Das folgende Verh�r war sehr lang. Im �brigen konnte er
die einzelnen Verh�re kaum auseinanderhalten, und vom Nachdenken wurde es auch
nicht besser, eher das Gegenteil. Am deutlichsten war ihm immer noch der
Schlachtplan im Ged�chtnis, den er sich zurechtgelegt hatte, als er auf das
erste Verh�r wartete. Er wu�te, Schweigen w�rde unm�glich sein, und er w�rde,
wenn er den Verstand behalten oder einfach �berleben wollte, einen Dialog
aufrechterhalten m�ssen, und am Ende w�rden sie glauben m�ssen, er h�tte ihnen
erz�hlt, was er wu�te, alles, was er wu�te. Als er im Spital lag, teilte er
sein Denken in einzelne Verteidigungslinien ein, hinter die er sich, wenn er
Gl�ck hatte, Zug um Zug absetzen k�nnte, bis er den Eindruck der totalen
Niederlage erwecken w�rde. Seine vorderste und wie er annahm, auch
entbehrlichste Linie war das Skelett der Operation <emphasis>Testify. </emphasis>Jeder
sollte selber raten, ob Stevcek ein falscher Fuffziger war, oder ob man ihn
verraten hatte. Aber was immer der Fall sein mochte, eins war sicher: die
Tschechen wu�ten mehr �ber Stevcek als Jim. Sein erstes Zugest�ndnis w�rde also
die Stevcek-Story sein, denn die kannten sie bereits; aber er w�rde ihnen
nichts schenken. Zuerst w�rde er alles leugnen und bei seiner Tarnung bleiben.
Nach einigem Wehren w�rde er eingestehen, ein britischer Spion zu sein, und seinen
Arbeitsnamen Ellis angeben, damit, wenn sie ihn ver�ffentlichten, der Circus
zumindest w��te, da� er am Leben war und sein Bestes versuchte. Er zweifelte
kaum daran, da� die ausgekl�gelte Falle und die Fotos einen ganz gro�en Wirbel
versprachen. Danach w�rde er, entsprechend seinem �bereinkommen mit Control,
die Operation als sein Privatunternehmen darstellen, das er im Alleingang und
ohne Wissen seiner Vorgesetzten aufgezogen hatte, weil er sich davon eine
Bef�rderung erhoffte. Begraben dagegen w�rde er, so tief wie sie irgend
sch�rfen konnten und noch tiefer, jeden Gedanken an einen Spion innerhalb des
Circus �Kein Maulwurf�, sagte Jim zu den schwarzen Konturen der Quantocks.
�Kein Treffen mit Control, keine Wohnung in St. James.�</p><p>�Keine
Dame, K�nig, As.�</p><p>Seine
zweite Verteidigungslinie w�rde Max sein. Zuerst w�rde er vorbringen, da� er
�berhaupt keinen Kurier dabeigehabt habe. Dann k�nnte er sagen, ja, aber er
kenne seinen Namen nicht. Dann - denn jeder h�rt gern Namen - w�rde er ihnen
einen geben: den falschen zuerst, den richtigen danach. Inzwischen m��te Max in
Sicherheit sein oder im Untergrund oder geschnappt.</p><p>Nun folgte
in Jims Phantasie eine Reihe weniger heftig verteidigter Stellungen:
Skalpj�ger-Operationen der j�ngsten Zeit, Circusklatsch, alles, was seine
Inquisitoren auf die Idee br�chten, sein Widerstand sei gebrochen und er packe
jetzt aus, und das sei alles, was er wisse, sie h�tten den letzten
Sch�tzengraben erobert. Er w�rde in seinem Ged�chtnis nach alten
Skalpj�ger-Unternehmungen forschen und ihnen notfalls die Namen von ein paar
sowjetischen oder den Satellitenstaaten angeh�renden Beamten nennen, die in
letzter Zeit umgedreht oder verbrannt worden waren; die Namen einiger, die in
der Vergangenheit einen einmaligen Verkauf von Informationen t�tigten und, da
sie nicht �bergelaufen waren, jetzt zum Verbrennen oder f�r eine zweite
Lieferung in Frage k�men. Er w�rde ihnen jeden Knochen vorwerfen, den er
ausgraben konnte, ihnen, wenn n�tig, den ganzen Brixton-Stall verkaufen. Und das
alles w�rde den Rauchvorhang abgeben, hinter dem Jim sein, wie er glaubte,
gef�hrdetstes Wissen verbergen k�nnte, denn sie w�rden bestimmt annehmen, da�
er es ihnen verraten k�nne: die Identit�t der Mitglieder des tschechischen
Teils der Netze <emphasis>Aggravate </emphasis>und <emphasis>Plato. </emphasis>�Landkron,
Krieglowa, Bilowa, die Pribyls�, sagte Jim. Warum w�hlte er f�r ihre Namen
ausgerechnet diese Reihenfolge? fragte sich Smiley.</p><p>Jim war
schon lange nicht mehr f�r diese Netze verantwortlich. Vor Jahren, ehe er
Brixton �bernahm, hatte er geholfen, sie aufzuziehen, er hatte einige der
Gr�ndungsmitglieder angeworben; inzwischen hatte sich mit ihnen in Blands und
Haydons H�nden eine Menge getan, wovon er nichts wu�te. Aber er war �berzeugt,
noch immer gen�gend zu wissen, um sie beide himmelhochgehen zu lassen. Und am
meisten bedr�ngte ihn die Furcht, da� Control oder Bill oder Percy Alleline
oder wer immer zur Zeit das letzte Wort hatte, zu gierig oder zu langsam sein
k�nnte, um die Netze rechtzeitig zu evakuieren, bis Jim unter einem Druck, �ber
dessen Formen er nur Vermutungen anstellen konnte, nichts anderes mehr
�brigbleiben w�rde, als vollst�ndig zusammenzubrechen.</p><p>�Und jetzt
kommt der Witz�, sagte Jim ohne den leisesten Anflug von Humor. �Die Netze
waren ihnen schei�egal. Sie stellten mir ein halbes Dutzend Fragen �ber <emphasis>Aggravate,
</emphasis>dann verloren sie jedes Interesse. Sie wu�ten verdammt gut, da� <emphasis>Testify </emphasis>nicht
meines Geistes Kind war, und sie wu�ten auch dar�ber Bescheid, wie Control sich
in Wien Stevcek gekauft hatte. Sie fingen genau dort an, wo ich enden wollte:
mit dem Treffen in St. James. Sie fragten mich nicht nach einem Kurier, es
interessierte sie nicht, wer mich zu der Verabredung mit dem Magyaren gefahren
hatte. Sie wollten immer nur �ber Controls Theorie vom faulen Apfel reden.�</p><p>Das eine
Wort, dachte Smiley wieder. Es ist vielleicht nur ein einziges Wort. Er sagte:
�Kannten sie tats�chlich die St. James-Adresse?�</p><p>�Sie
kannten die Marke von dem gr��lichen Sherry, Mann.�</p><p>�Und die
Tabellen?� fragte Smiley rasch. �Die Notenmappe?�</p><p>�Nein.� Er
f�gte hinzu: �Anfangs nicht. Nein.� Umgest�lptes Denken, nannte Steed Asprey
das immer. Sie wu�ten das alles, weil der Maulwurf Gerald es ihnen gesagt hat,
dachte Smiley. Der Maulwurf wu�te, was die Personalabteilung aus dem alten Mac
Fadean herausgeholt hatte. Der Circus schreitet zur Leichen�ffnung. Karla kommt
in den Genu� der Ergebnisse, fr�h genug, um sie gegen Jim einzusetzen.</p><p>�Ich nehme
an, sp�testens dann ist Ihnen aufgegangen, da� Control recht hatte: es <emphasis>gab </emphasis>einen Maulwurf�,
sagte Smiley.</p><empty-line/><p>Jim und
Smiley lehnten �ber einem Holzgatter. Vor ihnen fiel der Boden steil ab und
ging in eine lange Kurve von Farnkraut und Feldern �ber. Unter ihnen lag noch
ein Dorf, eine Bucht und ein d�nner Streifen Meer, in Mondlicht getaucht. �Sie
fackelten nicht lange und kamen direkt auf den Kern der Dinge. &gt;Warum
versuchte Control einen Alleingang? Was hoffte er zu erreichen?&lt; &gt;Sein
Comebacks sagte ich. Sie lachten nur: &gt;Mit wertlosen Informationen �ber
milit�rische Verschiebungen um Brunn herum ?&lt; Daf�r k�nnte er sich nicht
einmal einen schlichten Lunch in seinem Club kaufen. &gt;Vielleicht glitten ihm
die F�den aus der Hand&lt;, sagte ich. Wenn Control die F�den verlor, meinten
sie, wer trampelte ihm dann auf den Fingern herum? &gt;Alleline&lt;, sagte ich,
&gt;das war so das Gefl�ster. Alleline und Control konkurrierten miteinander
bei der Beschaffung von Nachrichten. Aber in Brixton bekamen wir nur Ger�chte
mit&lt;, sagte ich. &gt;Und was f�rdert Alleline zutage, was Control <emphasis>nicht </emphasis>tut?&lt;
&gt;Wei� ich nicht.&lt; &gt;Aber Sie haben gerade gesagt, da� Alleline und
Control bei der Nachrichtenbeschaffung miteinander konkurrierten !&lt; &gt;Das
sind Ger�chte. Ich wei� es nicht.&lt; Zur�ck ins K�hlhaus.�</p><p>�Das
Zeitgef�hl, sagte Jim, sei ihm in diesem Stadium bereits v�llig abhanden
gekommen. Er lebte entweder im Dunkel der Kapuze oder im wei�en Licht der
Zellen. Es gab weder Tag noch Nacht, und um es noch unheimlicher zu machen,
wurde er fast st�ndig mit Ger�uschen berieselt.</p><p>Sie
bearbeiteten ihn nach dem Flie�bandprinzip, erkl�rte er: keinen Schlaf,
Befragung durch wechselnde Teams, Verwirrung, k�rperliche Gewaltanwendung, bis
das Verh�r f�r ihn zu einem z�hen Wettlauf zwischen einem kleinen Dachschaden,
wie er es nannte, und dem v�lligen Zusammenbruch geworden war. Nat�rlich hoffte
er, der Dachschaden w�rde gewinnen, aber das hatte man nicht in der Hand, denn
die anderen wu�ten allerlei Mittel, das zu verhindern. Eine Menge besorgte
elektrischer Strom.�</p><p>�Es geht
also wieder los. Neuer Kurs. &gt;Stevcek war ein bedeutender General. Wenn er
einen rangh�heren britischen Beamten anforderte, so durfte er erwarten, da�
dieser Mann �ber alle Aspekte seiner Laufbahn informiert sein w�rde. Wollen Sie
uns erz�hlen, Sie h�tten sich nicht informiert?&lt; &gt;Ich sage doch, ich
bekam meine Informationen von Control. &lt; &gt;Haben Sie Stevceks Akte im
Circus gelesen?&lt; &gt;Nein. &lt; &gt;Hat Control sie gelesen?&lt; &gt;Das
wei� ich nicht.&lt; &gt;Welche Schl�sse zog Control aus Stevceks zweiter
Berufung nach Moskau? Hat Control mit Ihnen �ber Stevceks Rolle im
Verbindungsausschu� zum Warschauer Pakt gesprochen?&lt; &gt;Nein.&lt; Sie
beharrten auf dieser Frage, und ich mu� wohl auf meiner Antwort beharrt haben,
denn nachdem ich noch ein paarmal &gt;Nein&lt; gesagt hatte, wurden sie ein
bi�chen ungehalten. Sie schienen die Geduld zu verlieren. Als ich ohnm�chtig
wurde, spritzten sie mich mit dem Schlauch ab und probierten's noch mal.�</p><p>Ortswechsel,
sagte Jim. Sein Bericht war seltsam sprunghaft geworden. Zellen, Korridore,
Auto . . . Am Flugplatz VIP-Abfertigung und eine Tracht Pr�gel vor dem Einstieg.
W�hrend des Fluges verlor er das Bewu�tsein und erhielt seine Strafe daf�r.
�Bin wieder mal in einer Zelle zu mir gekommen, einer kleineren, ohne T�nche
an den W�nden. Manchmal habe ich geglaubt, in Ru�land zu sein; nach den Sternen
hatte ich errechnet, da� wir nach Osten geflogen waren. Aber manchmal war ich
wieder in Sarratt beim Abh�rtungs-Training.�</p><p>Ein paar
Tage lang lie�en sie ihn in Ruhe. Sein Kopf war sehr wirr. Immer wieder h�rte
er die Schie�erei im Wald, sah die Milit�rparade vor sich, und als schlie�lich
die gro�e Sitzung begann, die Marathonsitzung, trat er mit dem Handikap an, da�
er sich bereits halb besiegt f�hlte.</p><p>�Unter
anderem einfach Frage der Gesundheit�, erkl�rte er nun sehr angespannt.</p><p>�Wir k�nnen
eine Pause einlegen, wenn Sie wollen�, sagte Smiley. Aber dort, wo Jim war,
gab es keine Pausen, und was er wollte, z�hlte nicht.</p><p>Dieses
Verh�r ging endlos, sagte Jim. Einmal erz�hlte er ihnen von Controls Notizen
und seinen Tabellen und den farbigen Tinten und Buntstiften. Sie setzten ihm zu
wie die Teufel, und er erinnerte sich an eine ausschlie�lich m�nnliche
Zuh�rerschaft, die von der anderen Seite des Raums her�berlinste wie lauter
verdammte Mediziner und miteinander tuschelte, und er berichtete von den
Buntstiften nur, um das Gespr�ch in Gang zu halten und damit sie mit Fragen
aufh�rten. Sie h�rten zu, aber sie h�rten nicht auf.</p><p>�Sobald
sie von den Farben wu�ten, wollten sie wissen, was die Farben bedeuteten.
&gt;Was bedeutete blau?&lt; &gt;Control benutzte kein Blau.&lt; &gt;Was
bedeutete rot? Nennen Sie ein Beispiel f�r Rot auf der Tabelle. Was bedeutet
rot? Was bedeutete rot?&lt; Dann gehen alle hinaus, bis auf ein paar Wachen
und einen kleinen, frostigen Burschen, stocksteif, schien der Chef zu sein.
Die Wachen f�hren mich an einen Tisch, und der Kleine setzt sich neben mich wie
so ein Zwerg, mit gefalteten H�nden. Vor ihm liegen zwei Stifte, rot und gr�n,
eine Tabelle von Stevceks Laufbahn.� Jim war nicht eigentlich
zusammengebrochen, seine Phantasie war einfach ersch�pft. Er konnte sich keine
neuen Geschichten mehr ausdenken. Die Wahrheiten, die er so tief drinnen verschlossen
hatte, waren das einzige, das sich noch anbot. �Und da haben Sie ihm von dem
faulen Apfel erz�hlt�, sagte Smiley. �Und von Dame, K�nig, As.�</p><p>Ja, gab
Jim zu, das habe er getan. Er erz�hlte ihm, da� Control glaube, Stevcek k�nne
einen Maulwurf innerhalb des Circus identifizieren. Er erz�hlte ihm von dem
Dame-K�nig-Code, und wer jeder einzelne war, Namen f�r Namen. �Und wie
reagierte er?�</p><p>�Dachte
ein Weilchen nach, dann bot er mir eine Zigarette an. Hat scheu�lich
geschmeckt.�</p><p>�Warum?�</p><p>�Amerikanischer
Tabak. Camel, eine von der Sorte.�</p><p>�Hat er
selber auch eine geraucht?� Jim nickte kurz. �Der reinste Schlot�, sagte er.
Danach, sagte Jim, sei die Zeit von neuem in Flu� gekommen. Er wurde in ein
Lager gebracht, vermutlich in der Umgebung einer Stadt, und lebte dort in
einem H�ttenkomplex mit doppelter Stacheldrahtumz�unung. Mit Hilfe eines
W�rters konnte er bald allein gehen; einmal machten sie sogar einen Spaziergang
im Wald. Das Lager war sehr gro�: seine eigene H�ttenanlage war nur ein Teil
des Ganzen. Nachts konnte er im Osten den Lichtschimmer einer Stadt sehen. Die
Wachen trugen Drillichanz�ge und redeten nichts, also konnte er auch daran
nicht feststellen, ob er in der Tschechoslowakei oder in Ru�land war, aber er
setzte entschieden auf Ru�land, und der Arzt, der nach einiger Zeit erschien,
um sich Jims R�cken anzusehen, benutzte einen russisch-englischen Dolmetscher,
um seiner Verachtung f�r das Werk des Vorg�ngers Ausdruck zu verleihen. Die
Befragung wurde weiterhin in Abst�nden durchgef�hrt, aber ohne Feindseligkeit.
Sie setzten ein neues Team auf ihn an, aber verglichen mit den ersten elf war
es ein Kaffeekr�nzchen. Eines Nachts wurde er zu einem Milit�rflugzeug gebracht
und mit einem Kampfflugzeug der RAF nach Inverness transportiert. Von dort ging
es mit einer kleinen Maschine nach Elstree, dann mit dem Lieferwagen nach
Sarratt, beide Male �ber Nacht. Jim kam jetzt rasch zum Ende. Er hatte sogar
schon mit seinen Erlebnissen in der <emphasis>Nursery </emphasis>angefangen,
als Smiley die Frage einwarf:</p><p>�Und der
Chef, der kleine Frostige: den haben Sie nie wiedergesehen?�</p><p>Einmal,
bejahte Jim; kurz ehe er das Lager verlie�. �Was wollte er?�</p><p>�Klatschen.�
Und dann lauter: �Eine Menge bl�des Geschw�tz �ber Leute aus dem Circus, genau
gesagt.�</p><p>��ber
welche Leute?�</p><p>Jim wich
der Frage aus. Geschw�tz dar�ber, wer im Kommen war und wer auf dem
absteigenden Ast. Wer der n�chste Anw�rter f�r die Leitung sei: �Wie soll ich
das wissen?� sagte ich. �Wissen die verdammten Personalleute l�ngst vor
Brixton.�</p><p>�Und wer
genau wurde bei diesem Geschw�tz genannt?� Haupts�chlich Roy Bland, erwiderte
Jim m�rrisch. Wie vereinbarte Bland seinen Linksdrall mit seiner Arbeit im Circus?
Er hat keinen, ganz einfach, sagte Jim. Wie stand Bland mit Esterhase und
Alleline? Was hielt Bland von Bill Haydons Malkunst? Dann, wieviel Roy trank
und was aus ihm w�rde, wenn Bill ihm jemals seine Hilfe entz�ge? Jim gab
d�rftige Antworten auf diese Fragen.</p><p>�Wurde
sonst noch jemand erw�hnt?�</p><p>�Esterhase�,
knurrte Jim ebenso barsch. �Der Schei�kerl wollte wissen, wie man jemals einem
Ungarn trauen k�nnte.�</p><p>Nach
Smileys n�chster Frage schien es, sogar ihm selber, als senkte sich absolute
Stille �ber das ganze schwarze Tal.</p><p>�Und was
hat er �ber mich gesagt?� Er wiederholte: �Was hat er �ber mich gesagt?�</p><p>�Zeigte
mir ein Feuerzeug. Sagte, es geh�re Ihnen. Geschenk von Ann. &gt;F�r George in
Liebe von Ann&lt;. Eingraviert.�</p><p>�Hat er
gesagt, wie er zu dem Feuerzeug gekommen ist? Was hat er gesagt, Jim? Los, ich
werde nicht zu heulen anfangen, blo� weil ein russischer Bauernl�mmel einen
schlechten Witz �ber mich gemacht hat.�</p><p>Jims
Antwort h�rte sich an wie ein milit�rischer Befehl. �Er k�nne sich vorstellen,
da� sie nach ihrem Seitensprung mit Bill Haydon die Widmung �ndern m�chte.� Er
wirbelte zum Wagen herum. �Ich hab' ihm gesagt�, br�llte er w�tend, �hab's ihm
in seine verschrumpelte Visage gesagt. Sie k�nnen Bill nicht nach so was
beurteilen. K�nstler haben v�llig andere Ma�st�be. Sehen Dinge, die wir nicht
sehen. F�hlen Dinge, die uns nicht zug�nglich sind. Der kleine Schei�kerl lacht
nur. &gt;Wu�te nicht, da� seine Bilder so gut sind&lt;, sagte er. Ich sage zu
ihm, George: &gt;Gehn Sie zum Teufel. Gehn Sie verdammt noch mal zum Teufel.
Wenn ihr in euerem verdammten Laden einen einzigen Bill Haydon h�ttet, dann
h�ttet ihr das Spiel l�ngst gewonnen.&lt; Ich sagte zu ihm: &gt; Herrgott noch
mal&lt;, sagte ich, &gt;was ist das hier eigentlich, ein Geheimdienst oder die
Heilsarmee ?&lt;�</p><p>�Sehr gut
gesagt�, bemerkte Smiley endlich, als kommentierte er eine weit zur�ckliegende
Debatte. �Und Sie hatten ihn vorher noch nie gesehen?�</p><p>�Wen?�</p><p>�Den
kleinen frostigen Burschen. Er kam Ihnen nicht bekannt vor - von sehr viel
fr�her zum Beispiel? Sie wissen doch, wie wir sind. Wir sind entsprechend
ausgebildet, wir sehen eine Menge Gesichter, Fotos von Leuten aus der Moskauer
Zentrale, und manchmal bleiben sie haften. Auch wenn wir ihnen keinen Namen
mehr geben k�nnen. Das war hier also nicht der Fall. Hab' mich nur gefragt.
Weil Sie soviel Zeit zum Nachdenken hatten�, fuhr er im Gespr�chston fort. �Sie
lagen da und warteten auf ihre Genesung, auf Ihren Heimtransport, und womit
konnten Sie sich die Zeit vertreiben, wenn nicht mit Nachdenken?� - er wartete
-�Wor�ber haben Sie also nachgedacht, sagen Sie? �ber den Auftrag. �ber Ihren
Auftrag, w�rde ich sagen.�</p><p>�Manchmal.�</p><p>�Und mit
welchem Erfolg? Irgend etwas N�tzliches? Irgendeinen ausgefallenen Verdacht,
eine Erleuchtung, ein Hinweis, mit dem ich etwas anfangen k�nnte?�</p><p>�Rutschen
Sie mir den Buckel runter�, herrschte Jim ihn an. �Sie kennen mich, George
Smiley, ich bin kein Juju-Mann, ich bin ein...�</p><p>�Sie sind ein
einfacher Au�enagent, der das Denken den anderen �berl��t. Trotzdem: Wenn man
wei�, da� man in eine �berdimensionale Falle geschickt wurde, verraten, in den
R�cken geschossen, und monatelang nichts zu tun hat, als auf einer Pritsche zu
liegen oder zu sitzen oder in einer russischen Zelle hin- und herzugehen, dann
w�rde ich meinen, da� selbst der eingefleischteste Mann der Tat� � seine Stimme
hatte nichts von ihrer Freundlichkeit verloren � �anfangen w�rde, zu �berlegen,
wie er in einer solchen Patsche landen konnte. Nehmen wir uns doch kurz mal
Operation <emphasis>Testify </emphasis>vor�, forderte Smiley die
regungslose Gestalt vor ihm auf. <emphasis>�Testify </emphasis>beendete
Controls Karriere. Er fiel in Ungnade, und er konnte seinen Maulwurf nicht
weiter verfolgen, falls es einen gegeben hat. Der Circus ging in andere H�nde
�ber. Und Control starb zur rechten Zeit. <emphasis>Testify </emphasis>bewirkte
noch etwas anderes. Die Russen erfuhren dadurch - genau gesagt, durch Sie - die
ganze Reichweite von Controls Verdacht. Da� er den Kreis auf f�nf Personen
eingeengt hatte, aber offenbar nicht weiter. Ich unterstelle nicht, da� Sie
sich das alles ganz allein in Ihrer Zelle w�hrend der Wartezeit h�tten
zusammenreimen k�nnen. Schlie�lich hatten Sie in Ihrem Bau keine Ahnung, da�
Control kaltgestellt worden war - obwohl Sie auf den Gedanken h�tten kommen
k�nnen, da� die Russen von diesem Scheingefecht im Wald nur deshalb soviel
hermachten, um eine Reaktion zu provozieren. Sind Sie darauf gekommen?�</p><p>�Sie haben
die Netze vergessen�, sagte Jim finster. �Ach, die Tschechen hatten die Netze
l�ngst vor Ihrem Auftritt aufs Korn genommen. Sie haben Sie nur aufgerollt, um
Controls Versagen hervorzuheben.�</p><p>Der
beil�ufige, fast plaudernde Ton, in dem Smiley diese Theorien vorbrachte, fand
in Jim kein Echo. Smiley wartete noch eine Weile vergebens, da� er freiwillig
sprechen w�rde, dann lie� er das Thema fallen. �Kommen wir doch mal auf Ihren
Empfang in Sarratt, ja? Um das Ganze abzurunden?�</p><p>In einem
f�r ihn seltenen Augenblick der Verge�lichkeit bediente er sich erst aus der
Wodka-Flasche, bevor er sie Jim weiterreichte.</p><p>Nach
seiner Stimme zu urteilen, hatte Jim jetzt genug. Er sprach rasch und zornig,
milit�risch schnarrend - seine Zuflucht vor intellektuellen Streifz�gen.</p><p>Vier Tage
lang war Sarratt die Zwischenstation gewesen: �Viel gegessen, viel getrunken,
viel geschlafen. Um den Kricketplatz spaziert.� Er w�re auch geschwommen, aber
der Swimming-pool wurde zur Zeit ausgebessert, wie schon vor einem halben Jahr:
ein Saustall. Er wurde �rztlich untersucht, sa� in seiner H�tte vor dem
Fernsehapparat und spielte Schach mit Cranko, der das Pf�rtneramt versah.</p><p>Die ganze
Zeit wartete er auf Control, der jedoch nicht auftauchte. Der erste, der ihn
aus dem Circus besuchte, war der R�ckf�hrungsberater, der von einer
hilfsbereiten Agentur f�r Lehrpersonen sprach, danach kam ein Scheich von der
Zahlstelle, um mit ihm seinen Pensionsanspruch zu er�rtern, dann nochmals ein
Arzt, der ihn f�r ein Schmerzensgeld einstufte. Jim wartete, da� die
Inquisitoren erscheinen w�rden, aber sie blieben aus, zu seiner Erleichterung,
denn er h�tte nicht gewu�t, was er ihnen h�tte sagen sollen, solange er von
Control kein gr�nes Licht hatte, und au�erdem hingen Fragen ihm nachgerade zum
Hals heraus. Er vermutete, da� Control sie fernhielt. Es schien bl�dsinnig, da�
er den Inquisitoren verschweigen sollte, was er bereits den Russen und den
Tschechen erz�hlt hatte, aber was sollte er tun, solange er von Control nichts
h�rte? Als Control weiterhin schwieg, �berlegte er, ob er nicht bei Lacon
vorsprechen und ihm seine Geschichte erz�hlen solle. Dann kam er zu dem Schlu�,
da� Control wartete, bis die <emphasis>Nursery </emphasis>ihn
freigab, ehe er sich mit ihm in Verbindung setzte. Ein paar Tage lang hatte er
einen R�ckfall, und als er vorbei war, erschien Toby Esterhase in einem neuen
Anzug, scheinbar nur, um ihm die Hand zu sch�tteln und viel Gl�ck zu w�nschen.
Aber in Wahrheit, um ihm zu sagen, wie die Dinge standen. �Verdammt komisch,
ausgerechnet diesen Vogel herzuschicken, aber er schien die Treppe
hinaufgefallen zu sein. Dann fiel mir ein, da� Control einmal gesagt hatte, man
solle nur Leute von drau�en verwenden.�</p><p>Esterhase
berichtete ihm, da� der Circus durch <emphasis>Testify </emphasis>an den
Rand des Untergangs geraten und da� Jim zur Zeit im Circus der Auss�tzige Nr. 1
sei. Control sei nicht mehr im Spiel, und alles werde neu organisiert, um
Whitehall zu bes�nftigen. �Dann sagte er, ich solle mir keine Sorgen machen�,
sagte Jim. �Wor�ber keine Sorgen machen?�</p><p>��ber
meine Sonderinstruktion. Er sagte, ein paar Leute kennen die wahre Geschichte und
ich h�tte keinen Grund, mir Sorgen zu machen, alles N�tige werde getan. Alle
Tatsachen seien bekannt. Dann gab er mir tausend Pfund in bar, als Extrazulage
zu meinem Schmerzensgeld.�</p><p>�Von wem?�</p><p>�Hat er
nicht gesagt.�</p><p>�Hat er
Controls Theorie �ber Stevcek erw�hnt? Den Spion der Moskauer Zentrale
innerhalb des Circus?�</p><p>�Die
Tatsachen waren bekannt�, wiederholte Jim mit starrem Blick. �Er <emphasis>befahl </emphasis>mir, mit
keinem Menschen Kontakt aufzunehmen und nicht zu versuchen, meine Geschichte
zu Geh�r zu bringen, denn es werde auf h�chster Ebene alles N�tige unternommen,
und alles, was ich tun w�rde, k�nne den entscheidenden Schlag vermasseln. Der
Circus sei wieder im Lot. Ich k�nne Bube, Dame und das ganze verdammte Spiel
vergessen: Maulw�rfe, alles. &gt;Mach Schlu�&lt;, sagte er. &gt;Du bist ein
Gl�ckspilz, Jim&lt;, sagte er immer wieder. &gt;Du bist zum Lotos-Esser ausersehen.&lt;
Ich k�nne das Ganze vergessen, Ja? Vergessen. Einfach so tun, als w�re es nie
passiert.� Er br�llte jetzt. �Und das hab' ich die ganze Zeit getan: Melde
gehorsamst, alles vergessen!�</p><p>Die
n�chtliche Landschaft wirkte pl�tzlich wie unber�hrt; wie eine gro�e Leinwand,
auf die niemals etwas B�ses oder Grausames gemalt worden war. Seite an Seite
starrten sie �ber die Lichtb�schel hinweg ins Tal zu einer Felskuppe, die vor
dem Horizont aufragte. Auf der Spitze stand ein einsamer Turm, und einen
Augenblick lang bezeichnete er f�r Smiley das Ende der Reise. �Ja�, sagte er.
�Ich habe mich auch ein bi�chen mit Vergessen besch�ftigt. Toby hat also
tats�chlich Ihnen gegen�ber Dame, Bube erw�hnt. Wie ist er nur an <emphasis>diese </emphasis>Geschichte
herangekommen, wenn nicht. . . Und von Bill keine Silbe?� fuhr er fort. �Nicht
einmal eine Postkarte?�</p><p>�Bill war
im Ausland�, sagte Jim kurz. �Wer hat Ihnen das gesagt?�</p><p>�Toby.�</p><p>�Sie haben
Bill also kein einziges Mal gesehen: seit <emphasis>Testify, </emphasis>Ihren
besten Freund: Er ist verschwunden.�</p><p>�Sie haben
doch geh�rt, was Toby sagte. Ich war tabu. Quarant�ne.�</p><p>�Bill hat
nie besonders viel f�r Vorschriften �brig gehabt, oder?�</p><p>sagte
Smiley, wie in Erinnerung versunken.</p><p>�Und Sie
haben nie besonders viel f�r Bill �brig gehabt�, bellte Jim.</p><p>�Tut mir
leid, da� ich nicht da war, als Sie mich vor Ihrer Abreise in die
Tschechoslowakei aufsuchten�, bemerkte Smiley nach einer kleinen Pause.
�Control hatte mich nach Deutschland geschickt, damit ich ihm aus den Augen
w�re, und als ich wiederkam - was hatten Sie eigentlich genau gewollt?�</p><p>�Nichts.
Dachte, die Tschechoslowakei k�nnte ein bi�chen haarig werden. Dachte, ich
k�nnte vorbeischauen, mich verabschieden.�</p><p>�Vor einem
Auftrag?� rief Smiley in gelinder Verwunderung. �Vor einem so ganz <emphasis>besonderen
</emphasis>Auftrag?� Jim lie� durch nichts erkennen, da� er es geh�rt hatte.
�Haben Sie sich von anderen auch verabschiedet? Wir waren wohl alle ausw�rts.
Toby, Roy, Bill, haben Sie sich von Ihnen verabschiedet?�</p><p>�Von
keinem.�</p><p>�Bill
hatte Urlaub, nicht wahr? Aber er d�rfte wohl trotzdem in der N�he gewesen
sein.�</p><p>�Von
keinem�, beharrte Jim, als ein furchtbarer Schmerzanfall ihn zwang, die linke
Schulter hochzuziehen und den Kopf abzuwenden. �Alle ausw�rts�, sagte er.</p><p>�Das sieht
Ihnen gar nicht �hnlich, Jim�, sagte Smiley im gleichen milden Ton, �da� Sie
herumgehen und allen Leuten Pf�tchen geben, ehe Sie einen wichtigen Auftrag
ausf�hren. Es scheint, Sie werden sentimental auf Ihre alten Tage. Sie wollten
. . .� er z�gerte. �Sie wollten nicht einen Rat oder dergleichen, wie?
Schlie�lich hielten Sie den Auftrag doch f�r eine Schnapsidee, nicht wahr? Und
fanden, da� Control die Dinge nicht mehr recht im Griff hatte. Vielleicht
glaubten Sie, Sie sollten eine dritte Person zuziehen? Denn ich gebe zu, das
Ganze wirkte ziemlich verr�ckt.�</p><p>Die Fakten
kennenlernen, sagte Steed Asprey immer, dann Geschichten probieren wie
Kleider.</p><p>Jim
verschanzte sich hinter w�tendem Schweigen, und sie gingen zur�ck zum Wagen.</p><p>Im Motel
zog Smiley zwanzig postkartengro�e Fotos aus den Tiefen seines �berziehers und
legte sie in zwei Reihen auf dem Keramiktisch aus. Einige waren Schnappsch�sse,
einige Portr�tfotos; alle zeigten M�nner, und keiner von ihnen sah wie ein
Engl�nder aus. Jim verzog das Gesicht, fischte zwei davon heraus und gab sie
Smiley. Beim ersten sei er ganz sicher, brummte er, beim zweiten weniger. Der
erste war der Chef, der frostige Zwerg. Der zweite eins der Schweine, die im
Schatten standen und zusahen, wie die Schl�ger Jim auseinandernahmen. Smiley
steckte die Fotos wieder in die Tasche. Als er die Gl�ser zum Schlummertrunk
f�llte, h�tte ein weniger gequ�lter Beobachter als Jim an ihm vielleicht eher
eine Spur von Feierlichkeit als von Triumph bemerkt; als besiegelte dieses
letzte Glas irgend etwas. �Also, wann haben Sie nun Bill zum letzenmal gesehen?
Mit ihm gesprochen�, fragte Smiley, wie man sich eben nach einem alten Freund erkundigt.
Er hatte Jim offenbar aus anderen Gedanken aufgescheucht, denn es dauerte eine
Weile, ehe er den Kopf hob und die Frage begriff.</p><p>�Ach,
immer mal wieder�, sagte er leichthin. �Bestimmt �fter in den Korridoren mit
ihm zusammengesto�en.�</p><p>�Und gesprochen?
Ach, ist ja egal.� Denn Jim hatte sich wieder seinen eigenen Gedanken
zugewandt.</p><p>Jim wollte
nicht den ganzen Weg bis zur Schule gefahren werden. Smiley mu�te ihn am
Anfang des geteerten Weges absetzen, der durch den Friedhof zur Kirche f�hrte.
Er habe ein paar Hefte in der Kapelle liegenlassen, sagte er. Im Augenblick war
Smiley eher geneigt, ihm nicht zu glauben, weshalb, begriff er selber nicht.
Vielleicht weil er zu der Meinung gelangt war, da� Jim - trotz drei�ig Jahren
im Gesch�ft - immer noch ein ziemlich schlechter L�gner war. Das letzte, was
Smiley von ihm sah, war der seitenlastige Schatten, der auf das normannische
Portal zustrebte, w�hrend seine Abs�tze wie Gewehrsch�sse zwischen den
Grabsteinen knallten.</p><p>Smiley
fuhr nach Taunton und t�tigte vom Schlo�hotel aus eine Reihe von
Telefonanrufen. Trotz seiner Ersch�pfung schlief er nur mit Unterbrechungen, in
seinen Tr�umen sah er Karla mit zwei Farbstiften an Jims Tisch sitzen, und
Professor Poljakow, alias Viktorow, der, gedr�ngt von der Sorge um die
Sicherheit seines Maulwurfs Gerald, ungeduldig darauf wartete, da� Jim in der
Verh�rzelle zusammenbr�che: Zuletzt sah er noch Toby Esterhase, der an Stelle
des abwesenden Haydon nach Sarratt gehoppelt kam und Jim jovial den Rat gab,
er solle die ganze Geschichte um Bube, Dame und ihren toten Erfinder, Control,
vergessen.</p><empty-line/><p>In der
gleichen Nacht fuhr Peter Guillam nach Westen, quer durch England nach
Liverpool, mit Ricki Tarr als einzigem Fahrgast. Es war eine langweilige Tour
unter gr��lichen Bedingungen. Die meiste Zeit prahlte Tarr mit den Summen, die
er als Belohnung fordern w�rde, und der Bef�rderung, die f�llig w�rde, sobald
er seinen Auftrag ausgef�hrt h�tte. Dann kam er auf seine Frauen zu sprechen:
Danny, ihre Mutter, Irina. Er schien ein <emphasis>menage � quatre </emphasis>im Auge zu
haben, wobei die beiden Frauen gemeinsam f�r Danny sorgen sollten: �Irina hat
viel M�tterlichkeit. Das frustriert sie nat�rlich.� Boris, sagte er, k�nne
ihnen gestohlen werden, er werde Karla sagen, da� er ihn behalten solle. Als
sie sich ihrem Ziel n�herten, schlug seine Stimmung erneut um, und er verfiel
in Schweigen. Die Morgend�mmerung war kalt und nebelig. In den Vororten konnten
sie nur noch dahinkriechen und wurden von Radfahrern �berholt. Gestank nach Ru�
und Stahl erf�llte den Wagen.</p><p>�Und
halten Sie sich auch in Dublin nicht auf�, sagte Guillam pl�tzlich. �Es wird
erwartet, da� Sie sich klammheimlich davonmachen, also ziehen Sie den Kopf
ein. Nehmen Sie die erste ausfliegende Maschine.�</p><p>�Das haben
wir alles bereits durchgekaut.�</p><p>�Dann kaue
ich es eben nochmals durch�, gab Guillam zur�ck. �Wie lautet Mackelvores
Arbeitsname?�</p><p>�Himmel,
Zwirn und zugen�ht�, schnaufte Tarr und nannte den Namen.</p><p>Es war
noch dunkel, als die F�hre nach Irland ablegte. �berall wimmelte es von
Soldaten und Polizei: dieser Krieg, der letzte, der vorletzte. Ein heftiger
Wind blies vom Meer her, und die �berfahrt w�rde vermutlich bewegt werden. F�r
kurze Zeit wurde das Gr�ppchen an Land vom Gef�hl der Zusammengeh�rigkeit erfa�t,
als die Lichter des Schiffs rasch ins Dunkel davontanzten. Irgendwo weinte eine
Frau, irgendwo feierte ein Betrunkener seine Freilassung.</p><p>Er fuhr
langsam zur�ck und versuchte, �ber sich selber Klarheit zu gewinnen: �ber den
neuen Guillam, der bei unvermittelten Ger�uschen hochf�hrt, Alptr�ume hat und
nicht nur sein M�dchen nicht halten kann, sondern sich auch noch idiotische
Gr�nde ausdenkt, um ihr zu mi�trauen. Er hatte Camilla wegen Sand zur Rede
gestellt, wegen ihrer Stunden und ihrer Geheimnistuerei im allgemeinen.
Nachdem sie ihm mit ihren ernsten braunen Augen zugeh�rt hatte, sagte sie, er
sei ein Narr, und ging. �Ich bin das, wof�r du mich h�ltst�, sagte sie und
holte ihre Sachen aus dem Schlafzimmer. Von seiner leeren Wohnung aus rief er Toby
Esterhase an und lud ihn f�r den n�chsten Tag zu einem freundschaftlichen
Schwatz ein.</p><empty-line/><p>Ein
Franz�sisch-Lehrer bleibt unerlaubt dem Unterricht fern</p><empty-line/><p>Smiley sa�
im Rolls-Royce des Ministers, Lacon neben ihm. In Anns Familie wurde der Wagen
als die schwarze Bettpfanne bezeichnet und wegen seiner Auff�lligkeit
verabscheut. Der Chauffeur war zum Fr�hst�cken weggeschickt worden. Der
Minister sa� vorn, und alle drei blickten geradeaus die gestreckte K�hlerhaube
entlang und sahen �ber den Flu� auf die vernebelten T�rme des
Battersea-Kraftwerks. Das Haar des Ministers war im Nacken voll und um die
Ohren in kleine schwarze H�rner gelegt.</p><p>�Wenn Sie
recht haben�, erkl�rte der Minister nach langem d�steren Schweigen, �ich sage
nicht, da� Sie unrecht haben, aber wenn Sie recht haben, wieviel Porzellan wird
er dann bis zum Ende des heutigen Tages zerschlagen haben?� Smiley begriff
nicht ganz.</p><p>�Ich
spreche von dem Skandal. Gerald geht nach Moskau. Sch�n, und was passiert dann?
Steigt er auf eine Seifenkiste und macht sich �ffentlich lustig �ber alle die
Leute, die er hier zum Narren gehalten hat? Ich meine, Herrgott, wir sitzen
alle in diesem Boot, nicht wahr? Ich sehe nicht ein, warum wir ihn laufen
lassen sollen, damit er uns das Dach �ber dem Kopfe einrei�en kann und die
Konkurrenz sich totlacht.�</p><p>Er
probierte eine andere Tour. �Ich meine, nur weil die Russen unsere Geheimnisse
kennen, mu� nicht unbedingt die ganze Welt sie erfahren. Wir haben au�er ihnen
noch einiges mehr zu ber�cksichtigen, nicht wahr? Zum Beispiel die Schwarze
Welt: sollen sie alle es innerhalb einer Woche in den Wallah-Wallah-Nachrichten
lesen?�</p><p>Oder zum
Beispiel seine W�hlerschaft, dachte Smiley. �Ich glaube, das ist etwas, wof�r
die Russen Verst�ndnis haben�, sagte Lacon. �Schlie�lich, wenn man seinen
Gegner als einen Narren hinstellt, verliert der Kampf seine Berechtigung.� Er
f�gte hinzu: �Bisher haben sie von ihren M�glichkeiten noch nie Gebrauch
gemacht, nicht wahr?�</p><p>�Dann
sorgen Sie daf�r, da� es auch in Zukunft so bleibt. Lassen Sie es sich
schriftlich geben. Nein, lieber nicht. Aber sagen Sie ihnen, was dem einen
recht ist, mu� dem �ndern billig sein. Wir bringen die Moskauer Zentrale auch
nicht �ffentlich in Verschi�, also k�nnen sie sich verdammt noch mal
ausnahmsweise an die Spielregeln halten.�</p><p>Das
Angebot, ihn nach Hause zu fahren, lehnte Smiley mit der Erkl�rung ab, der
Spaziergang werde ihm guttun. Es war Thursgoods Aufsichtstag, und er empfand es
als eine Zumutung. Schuldirektoren sollten seiner Meinung nach �ber den
niedrigen Pflichten stehen und ihren Geist f�r die Anforderungen der
Organisation und Leitung freihalten. Da� er seine Cambridge-Robe zur Schau
stellen konnte, tr�stete ihn nicht, und als er im Turnsaal stand und zusah, wie
die Jungen in Reihen hereinkamen und zum Morgenappell Aufstellung nahmen,
ruhte sein Auge finster, wenn nicht sogar feindselig auf ihnen. Aber erst
Marjoribanks versetzte ihm den Todessto�: �Er sagt, es sei wegen seiner
Mutter�, fl�sterte er dumpf in Thursgoods linkes Ohr. �Er habe ein Telegramm
bekommen, da� er sofort abreisen m�sse. Wollte nicht mal mehr eine Tasse Tee
trinken. Ich habe versprochen, es Ihnen zu bestellen.�</p><p>�Das ist
ungeheuerlich, absolut ungeheuerlich�, sagte Thursgood.</p><p>�Ich
�bernehme sein Franz�sisch, wenn Sie wollen. Wir k�nnen die Klassen V und VI
zusammenlegen.�</p><p>�Ich bin
au�er mir�, sagte Thursgood. �Ich kann nicht nachdenken, ich bin v�llig au�er
mir.�</p><p>�Und
Irving sagt, er �bernimmt das Rugby-Finale.�</p><p>�Berichte
zu schreiben, Pr�fungen, Rugby-Finale zu spielen. Was soll denn mit der Frau
los sein? Wahrscheinlich einfach die Grippe, wie �blich um diese Jahreszeit.
Wir haben sie alle und unsere M�tter auch. Wo lebt sie?�</p><p>�Nach dem,
was er zu Sue gesagt hat, liegt sie schon im Sterben.�</p><p>�Immerhin
eine Ausrede, die er kein <emphasis>zweites </emphasis>Mal
verwenden kann�, sagte Thursgood unger�hrt, dann brachte er durch ein scharfes
Bellen die Jungens zur Ruhe und verlas die Anwesenheitsliste. �Roach?�</p><p>�Krank,
Sir.�</p><p>Genau das
hatte ihm jetzt noch gefehlt. Der reichste Junge an der Schule hatte einen
Nervenzusammenbruch wegen seiner nichtsw�rdigen Eltern, und der Vater drohte,
ihn wegzuholen.</p><empty-line/><p>Toby
Esterhase demonstriert die Kunst, gleichzeitig vor- und zur�ckzugehen, und
Smiley macht sich Sorgen �ber Schatten auf seinen Wegen</p><p>Es war am
gleichen Tag um vier Uhr nachmittags. &gt;Sichere H�user, die ich kannte&lt;,
dachte Guillam und sah sich in der d�steren Wohnung um. Er h�tte �ber sie
schreiben k�nnen, wie ein Handlungsreisender �ber Hotels schreiben k�nnte: von
F�nfsterne-Spiegelhallen im Belgravia mit Wedgwood-Pilastern und vergoldeten
Eichenbl�ttern bis zu diesem Zweizimmerschuppen der Skalpj�ger in Lexham
Gardens, der nach Staub und Abfl�ssen roch und einen ein Meter hohen
Feuerl�scher in der pechdunklen Halle hatte. �ber dem Kamin tranken Kavaliere
aus Zinnkr�gen. Auf den gedr�ngten Tischen Muscheln als Aschenbecher, und in
der grauen K�che anonyme Anweisungen �Unbedingt beide Gash�hne schlie�en�. Er
ging durch die Diele, als die T�rglocke anschlug, auf die Sekunde p�nktlich. Er
nahm das Haustelefon ab und h�rte Tobys verzerrte Stimme in die H�rmuschel
kr�chzen. Er dr�ckte auf den T�r�ffner und h�rte das Klicken des Schlosses im
Treppenhaus widerhallen. Er �ffnete die Vordert�r, lie� jedoch die Kette
eingehakt, bis er sich �berzeugt hatte, da� Toby allein war.</p><p>�Na, wie
geht's uns?� sagte Guillam fr�hlich und lie� ihn ein. �Ausgezeichnet, Peter�,
sagte Toby und zog Mantel und Handschuhe aus.</p><p>Auf einem
Tablett standen Tee und zwei Tassen. Guillam hatte alles vorbereitet.
&gt;Sichere H�user&lt; haben eine ganz bestimmte Aufmachung. Man gibt entweder
vor, hier zu wohnen oder �berall zu Hause zu sein; oder einfach an alles zu
denken. In unserem Metier ist Nat�rlichkeit eine Kunst, dachte Guillam. Das
war etwas, das Camilla nicht zu sch�tzen wu�te. �Wirklich h�chst sonderbares
Wetter�, verk�ndete er, als h�tte er eine meteorologische Studie angestellt.
Sehr viel geistreichere Konversation wurde in &gt;sicheren H�usern&lt; nie
betrieben. �Man geht ein paar Schritte und ist v�llig ersch�pft. Wir erwarten
also einen Polen?� sagte er und setzte sich. �Einen Polen im Pelzhandel, von
dem sie glauben, er k�nne f�r uns Kurierdienste leisten?�</p><p>�Mu� jeden
Moment kommen.�</p><p>�Kennen
wir ihn? Ich habe von meinen Leuten unter seinem Namen nachsehen lassen, aber
sie fanden keine Spur.�</p><p>�Die
freien Polen haben ihn vor ein paar Monaten angelaufen, und er hat sofort das
Weite gesucht. Dann hat Karl Stock ihn bei den Lagerh�usern aufgest�bert und
gedacht, er k�nne den Skalpj�gern n�tzlich sein.� Er zuckte die Achseln. �Mir
hat er gefallen, aber was soll's? Wir haben nicht mal genug Arbeit f�r unsere
eigenen Leute.�</p><p>�Peter,
Sie sind sehr gro�z�gig�, sagte Esterhase ehrerbietig, und Guillam hatte das
l�cherliche Gef�hl, ihm ein Trinkgeld gegeben zu haben. Da klingelte es zu
seiner Erleichterung an der T�r, und Fawn bezog seinen Posten am Eingang. �Tut
mir leid, Toby�, sagte Smiley, von der Treppe ein wenig au�er Atem. �Peter, wo
soll ich meinen Mantel aufh�ngen?� Guillam drehte Toby um, hob ihm die H�nde
und legte sie flach an die Wand, dann durchsuchte er ihn nach einer Waffe,
wobei er sich reichlich Zeit lie�. Toby hatte keine Waffe. �Ist er allein
gekommen?� fragte Guillam. �Oder wartet ein lieber Freund auf der Stra�e?�</p><p>�Ich
glaube, die Luft ist rein�, sagte Fawn.</p><p>Smiley
stand am Fenster und blickte auf die Stra�e hinunter. �W�rden Sie bitte kurz
das Licht l�schen?� bat er. �Warten Sie in der Diele�, befahl Guillam, und Fawn
zog sich zur�ck; Smileys Mantel nahm er mit. �Was gesehen?� fragte Guillam und
stellte sich neben Smiley ans Fenster. Der Londoner Nachmittag hatte bereits
die verschleierten Rosa- und Gelbt�ne des Abends angenommen. Der Platz war ein
typisch victorianisches Wohnviertel. In der Mitte ein umz�unter Garten, der
schon dunkel war. �Vermutlich nur ein Schatten�, sagte Smiley mit einem Knurren
und wandte sich wieder Esterhase zu. Die Kaminuhr klimperte vier Schl�ge. Fawn
mu�te sie aufgezogen haben.</p><empty-line/><p>�Ich
m�chte Ihnen gern eine These vortragen, Toby. Eine Theorie �ber das, was zur
Zeit vorgeht. Darf ich?� Esterhase zuckte nicht mit der Wimper. Die kleinen
H�nde ruhten auf den h�lzernen Armlehnen seines Sessels. Er sa� ganz bequem
da, aber die Spitzen und Fersen seiner gl�nzend geputzten Schuhe waren wie in
Habacht-Stellung geschlossen.</p><p>�Sie
m�ssen �berhaupt nicht sprechen. Zuh�ren ist doch kein Risiko, wie?�</p><p>�M�glich.�</p><p>�Gehen wir
achtzehn Monate zur�ck. Percy Alleline m�chte Controls Job, hat aber im Circus
keinen guten Stand. Daf�r hat Control gesorgt. Control ist krank und �ber die
erste Bl�te hinaus, aber Percy kann ihn nicht ausbooten. Erinnern Sie sich,
wie es war?�</p><p>Esterhase
nickte kurz.</p><p>�Wie es so
ist in der toten Saison�, sagte Smiley mit seiner vern�nftigen Stimme.
�Drau�en gibt's nicht gen�gend zu tun, also fangen wir an, innerhalb der
Dienststelle zu intrigieren, einer spioniert gegen den anderen. Eines Morgens
sitzt Percy in seinem B�ro und hat nichts zu tun. Auf dem Papier ist er zum
Einsatzleiter ernannt, aber in Wahrheit ist er h�chstens ein Puffer zwischen
den regionalen Abteilungen und Control. Percys T�r geht auf, und jemand kommt
herein. Wir wollen ihn der Einfachheit halber Gerald nennen. &gt;Percy&lt;,
sagt er, &gt;ich bin auf eine bedeutende russische Quelle gesto�en. K�nnte eine
Goldmine sein.&lt; Oder vielleicht sagt er gar nichts, bis sie das
Dienstgeb�ude verlassen haben, denn Gerald ist vorwiegend ein Au�enmann, von
W�nden und Telefonen umgeben spricht er nicht gern. Vielleicht machen sie einen
Spaziergang im Park oder eine Autofahrt. Vielleicht gehen sie irgendwohin
essen, und in diesem Stadium kann Percy nicht viel mehr tun als zuh�ren. Percy
hatte wenig Erfahrung auf dem europ�ischen Sektor, noch viel weniger auf dem
tschechischen oder auf dem Balkan. Er hat sich seine Sporen in S�damerika
verdient und anschlie�end die fr�heren Kolonien bearbeitet: Indien, den
Vorderen Orient. Osteuropa ist f�r Percy fast ein Buch mit sieben Siegeln ...
Er wei� nicht viel �ber Russen oder Tschechen oder dergleichen, f�r ihn ist
rot ganz einfach rot und damit punktum. Unfair?�</p><p>Esterhase
sch�rzte die Lippen und runzelte leicht die Stirn, als wolle er sagen, da� er
niemals �ber einen Vorgesetzten urteile. �Gerald hingegen ist Fachmann auf
diesem Gebiet. W�hrend seiner Einsatz-Zeit hat er sich st�ndig an den �stlichen
M�rkten herumgetrieben. F�r Percy ist das Ganze Neuland, aber h�chst
verlockend. Gerald steht auf vertrautem Boden. Diese russische Quelle, sagt
Gerald, k�nne die ergiebigste sein, die der Circus seit langem hatte. Gerald
m�chte nicht zu viel sagen, aber er erwartet in den n�chsten Tagen ein paar
Proben, und die solle Percy sich dann genau ansehen, um sich ein Bild von der
Qualit�t zu machen. �ber die Quelle im einzelnen k�nnten sie sp�ter sprechen. &gt;Aber
warum ich?&lt; sagt Percy. &gt;Worum geht es eigentlich ?&lt; Gerald sagt es
ihm also. &gt;Percy&lt;, sagt er. &gt;Ein paar von uns in den regionalen
Abteilungen sind schon ganz krank wegen der H�he der Einsatzverluste. Ein b�ser
Geist scheint umzugehen. Es wird zuviel geschwatzt, innerhalb und au�erhalb des
Circus. Zu viele Leute haben Einsicht in die Akten. Unsere Au�enagenten werden
an die Wand gestellt, unsere Netze aufgerollt oder schlimmer, und jedes neue
Unternehmen endet als Verkehrsunfall. Sie sollen uns helfen, das wieder in
Ordnung zu bringen.&lt; Gerald emp�rt sich nicht, er vermeidet sorgf�ltig jede
Anspielung auf einen m�glichen Verr�ter innerhalb des Circus, der s�mtliche
Operationen auffliegen l��t, denn Sie und ich wissen, da� die ganze Maschinerie
zum Stillstand kommt, sobald ein solches Wort sich herumspricht. Jedenfalls,
das letzte, was Gerald sich w�nscht, ist eine Hexenjagd. Aber er sagt immerhin,
da� die Dienststelle nicht ganz dicht sei und da� Schlamperei an der Spitze zu
Fehlschl�gen auf den unteren Ebenen f�hre. Alles Musik in Percys Ohren. Gerald
z�hlt die j�ngsten Skandale auf und betont geflissentlich Allelines eigenes
Nahost-Abenteuer, das so schief gelaufen war und Percy um ein Haar seine
Karriere gekostet h�tte. Dann r�ckt er mit seinem Vorschlag heraus. Er sagt
folgendes. Nach meiner Theorie, wohlgemerkt; es ist nur eine Theorie.�</p><p>�Klar,
George�, sagte Toby und leckte sich die Lippen. �Eine andere Theorie k�nnte
lauten, da� Alleline sein eigener Gerald gewesen sei, verstehen Sie. Nur da�
ich das zuf�llig nicht glaube: Ich glaube nicht, da� Percy f�hig w�re,
herzugehen, sich einen erstklassigen russischen Spion zu kaufen und von da an
sein Schiff mit eigenen Leuten zu bemannen. Ich nehme an, er h�tte alles
verpatzt.�</p><p>�Klar�,
sagte Esterhase mit absoluter Bestimmtheit. �Also, nach meiner Theorie sagt
Gerald zu Percy sodann folgendes: &gt;Wir - das hei�t, ich und die
gleichgesinnten Seelen, die mit diesem Projekt verbunden sind - m�chten, da�
Sie, Percy, als unsere Vaterfigur handeln. Wir sind keine Politiker, wir sind Praktiker.
Im Whitehall-Dschungel kennen wir uns nicht aus. Sie schon. Sie �bernehmen die
Aussch�sse, wir �bernehmen Merlin. Wenn Sie als unsere Sicherung fungieren und
uns vor dem Unfug, der dort getrieben wird, sch�tzen, was im Effekt bedeutet,
da� Sie die Kenntnis von unserer Operation auf das absolute Minimum
beschr�nken, dann liefern wir die Ware. &lt; Sie besprechen die praktischen
M�glichkeiten, wie das zu bewerkstelligen w�re, dann l��t Gerald eine Weile
Percy im eigenen Saft schmoren. Eine Woche, einen Monat, das wei� ich nicht.
Lange genug, da� Percy es sich hat �berlegen k�nnen. Eines Tages legt Gerald
das erste Muster vor. Und es ist nat�rlich sehr gut. Sehr, sehr gut. Zuf�llig
etwas, das die <emphasis>Navy </emphasis>angeht, was Percy nicht besser
zupa� kommen k�nnte, denn er ist bei der Admiralit�t sehr gut angeschrieben,
sie st�tzen ihm dort den R�cken. Percy l��t also seine Freunde von der <emphasis>Navy </emphasis>einen
verstohlenen Blick darauf werfen, und das Wasser l�uft ihnen im Mund zusammen.
&gt;Woher kommt es? Wird noch mehr folgen?&lt; Eine ganze Menge. Was die
Identit�t der Quelle angeht - nun, die ist in diesem Stadium noch streng
geheim, aber das ist ganz in Ordnung. Entschuldigen Sie, wenn ich hier
vielleicht ziemlich weit danebentippe, aber ich habe als einzigen Anhaltspunkt
die Akten.�</p><p>Die
Erw�hnung der Akten, die erste Andeutung, da� Smiley vielleicht in irgendeiner
offiziellen Eigenschaft handle, rief bei Esterhase eine deutliche Reaktion
hervor. Zu dem gew�hnlichen Lippenlecken gesellte sich ein Vorw�rtsrecken des
Kopfes und ein Ausdruck gerissener Vertraulichkeit, als versuchte Toby mittels
aller dieser Signale anzudeuten, auch er habe die Akte gelesen, welche Akte es
auch immer gewesen sein mochte, und teile Smileys Schlu�folgerungen r�ckhaltlos.
Smiley hatte sich abgewandt und trank einen Schluck Tee. �F�r Toby auch?�
fragte er �ber seine Tasse hinweg. �Mach ich�, sagte Guillam mehr energisch als
gastfreundlich. �Tee, Fawn�, rief er durch die T�r. Sie �ffnete sich sofort,
und Fawn erschien auf der Schwelle, eine Tasse in der Hand. Smiley stand nun
wieder am Fenster. Er hatte den Vorhang einen Spalt beiseite geschoben und
starrte auf den Platz hinunter. �Toby?�</p><p>�Ja,
George?�</p><p>�Haben Sie
einen Babysitter mitgebracht?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Niemanden?�</p><p>�George,
warum sollte ich Babysitter mitbringen, wenn ich doch nur Peter und einen armen
Polen treffen wollte?� Smiley kehrte zu seinem Stuhl zur�ck. �Merlin als
Quelle�, begann er von neuem. �Wo war ich stehengeblieben? Ach, ja. Merlin
war nicht eigentlich nur eine einzige Quelle, nicht wahr, wie Gerald nach und
nach Percy und den beiden anderen beibrachte, die er inzwischen in den
magischen Kreis einbezogen hatte. Gewi�. Merlin war sowjetischer Agent, aber
�hnlich wie Alleline war er auch der Sprecher einer Gruppe Unzufriedener. Wir
sehen uns selber gern in der Situation anderer, und ich bin �berzeugt, da�
Percy sich von Anfang an f�r Merlin erw�rmte. Diese Gruppe, die Clique, deren
Anf�hrer Merlin war, bestand aus, sagen wir, einem halben Dutzend gleichgesinnter
sowjetischer Beamter, von denen jeder auf seine Weise vortrefflich plaziert
war. Im Lauf der Zeit hat Gerald, wie ich argw�hne, seinen Leutnants und Percy
ein ziemlich genaues Bild dieser Unter-Quellen vermittelt, aber ich wei� es
nicht. Merlins Job bestand darin, ihre Informationen zu sammeln und in den
Westen zu spielen, und w�hrend der folgenden Monate bewies er bei dieser
T�tigkeit bemerkenswertes Geschick. Er benutzte alle m�glichen Methoden, und
der Circus lieferte ihm nur zu gern das R�stzeug. Geheimschriften, Mikropunkte,
die �ber Punkte in harmlos aussehenden Briefen angebracht wurden, tote Briefk�sten
in westlichen Hauptst�dten, die von Gott wei� welchem wackeren Russen gef�llt
und von Toby Esterhases wackeren Aufkl�rern pflichtbewu�t geleert worden waren.
Sogar pers�nliche Zusammenk�nfte, von Tobys Babysittern arrangiert und
bewacht� - kurze Pause, w�hrend Smiley wieder zum Fenster blickte - �ein paar
Hinterlegungen in Moskau, die von unserer dortigen Au�enstelle weitergespielt
werden mu�ten, obwohl sie dort nie erfahren durften, wer ihr Wohlt�ter war.
Aber kein Geheimfunk. Daf�r hat Merlin nichts �brig. Es war einmal vorgeschlagen
worden - kam sogar bis zum Schatzamt - einen st�ndigen Langwellensender in
Finnland einzurichten, nur zu seiner Verf�gung, aber man lie� das Projekt
fallen, als Merlin sagte: &gt;Nicht in die T�te. &lt; Mu� bei Karla in die
Schule gegangen sein, wie? Sie wissen, Karla ha�t den Funk. Das Tollste an
Merlin ist seine Beweglichkeit: sein gr��tes Talent. Vielleicht sitzt er im
Moskauer Handelsministerium und kann die Handlungsreisenden einsetzen. Wie dem
auch sei, er hat die Mittel und er hat die Kan�le, die aus Ru�land
herausf�hren. Und deshalb haben seine Mitverschw�rer ihn ausersehen, mit Gerald
zu verhandeln, die Bedingungen auszuhandeln, die finanziellen Bedingungen. Sie
wollen n�mlich Geld. Eine Menge Geld. Ich h�tte das schon erw�hnen sollen. In
dieser Hinsicht sind Geheimdienste und ihre Konsumenten leider wie gew�hnliche
Sterbliche. Sie sch�tzen am meisten, was am meisten kostet, und Merlin kostet
ein Verm�gen. Schon mal ein gef�lschtes Bild gekauft?�</p><p>�Hab' mal
ein paar verkauft�, sagte Toby mit einem zuckenden nerv�sen L�cheln, aber
niemand lachte.</p><p>�Je mehr
man daf�r zahlt, um so weniger ist man geneigt, an der Echtheit zu zweifeln.
T�richt, aber so sind wir. Es ist auch f�r jedermann tr�stlich zu wissen, da�
Merlin k�uflich ist. Das ist ein Motiv, das wir alle verstehen, stimmt's Toby?
Besonders im Schatzamt. F�nfzigtausend Franken pro Monat auf ein Schweizer Bankkonto:
also, ich m�chte wissen, wer daf�r nicht ein paar Gleichheitsprinzipien ein
bi�chen verdreht. Whitehall zahlt ihm also ein Verm�gen und bezeichnet seine
Informationen als unbezahlbar. Und einiges ist tats�chlich gut�, r�umte Smiley
ein. �Sehr gut, meine ich, und das sollte es auch sein. Dann weiht Gerald
eines sch�nen Tages Percy in das allergr��te Geheimnis ein. Die Merlin-Clique
hat einen Londoner Anhang. Es ist der Anfang, wie ich Ihnen jetzt verraten
sollte, einer sehr, sehr klugen Kombination.�</p><p>Toby
stellte seine Tasse ab und betupfte mit dem Taschentuch geziert seine
Mundwinkel.</p><p>�Laut
Gerald ist ein Mitglied der Sowjetbotschaft hier in London willens und in der
Lage, als Merlins Londoner Repr�sentant zu fungieren. Er kann es sich sogar
leisten, in Ausnahmef�llen die Botschaftseinrichtungen zu benutzen, um mit
Merlin in Moskau zu sprechen, Botschaften zu senden und zu empfangen. Und da�
es, vorbehaltlich aller nur denkbaren Vorsichtsma�nahmen, Gerald sogar darin
und wann m�glich sei, heimliche Zusammenk�nfte mit diesem Zauberer zu
arrangieren, ihn zu instruieren und zu desinstruieren, Nachfa�-Fragen an Merlin
zu stellen und die Antwort beinah postwendend zu erhalten. Wir wollen diesen
Sowjetfunktion�r Alexei Alexandrowitsch Poljakow nennen und von der Annahme
ausgehen, er geh�re der Kulturabteilung der Sowjetbotschaft an. K�nnen Sie mir
folgen?�</p><p>�Ich habe
kein Wort geh�rt�, sagte Esterhase. �Ich bin ertaubt.�</p><p>�Es hei�t,
er habe l�ngere Zeit der Londoner Botschaft angeh�rt - acht Jahre, um genau zu
sein -, aber Merlin habe ihn erst k�rzlich in die Herde aufgenommen.
Vielleicht w�hrend Poljakow auf Urlaub in Moskau war?�</p><p>�Ich h�re
kein Wort.�</p><p>�Poljakow
wird sehr schnell ein sehr bedeutender Mann, denn Gerald ernennt ihn alsbald
zum Angelpunkt der Operation <emphasis>Witchcraft </emphasis>und noch
zu allerhand mehr. Die toten Briefk�sten in Amsterdam und Paris, die
Geheimtinten, Mikropunkte: das alles geht nach wie vor weiter, aber in
verringertem Ma�. Man kann die Gelegenheit, Poljakow praktisch in Reichweite zu
haben, einfach nicht ungenutzt lassen. Ein Teil von Merlins bestem Material
wird per Diplomatengep�ck nach London geschmuggelt: Poljakow hat weiter nichts
zu tun, als die Umschl�ge aufzuschlitzen und sie an seinen Partner im Circus
weiterzugeben: an Gerald oder eine von Gerald benannte Person. Wir d�rfen aber
niemals vergessen, da� dieser Teil der Operation Merlin t�dlich, t�dlich geheim
ist. Der <emphasis>Witchcraft-Ausschu�, </emphasis>ist
nat�rlich auch geheim, aber zahlenm��ig gro�. Das ist unvermeidlich. Die
Operation ist gro� angelegt, der Eingang ist gro�, Aufbereitung und Verteilung
erfordern allein schon eine Menge b�rokratischer �berwachung: Kopisten,
�bersetzer, Codierer, Stenotypisten, Auswerter und was wei� ich noch alles.
Nichts von alledem st�rt Gerald auch nur im geringsten: es ist ihm sogar recht,
denn die Kunst, Gerald zu sein, besteht darin, einer aus einer gro�en Zahl zu
sein. Wird der <emphasis>Witchcraft-Ausschu� </emphasis>von unten
gef�hrt? Von der Mitte, von oben? Mir gef�llt Karlas Beschreibung von
Aussch�ssen, Ihnen nicht? Ist es ein chinesisches Sprichwort? Ein Ausschu� ist
ein Tier mit vier Hinterbeinen. Aber der Londoner Anhang - Poljakows Hinterbein
- dieser Teil ist auf den urspr�nglichen Zauberkreis beschr�nkt. Skordeno, de
Silski, die ganze Meute: sie k�nnen losbrausen ins Ausland und �berall
Handlangerdienste f�r Merlin leisten. Aber hier in London, der Teil der
Veranstaltung, zu dem Br�derchen Poljakow geh�rt, die An, wie der Knoten
geschlungen ist, das ist ein ganz besonderes Geheimnis aus ganz besonderen
Gr�nden. Sie, Percy, Bill Haydon und Roy Bland. Sie vier bilden den Zauberkreis.
Stimmt's? Wir wollen einmal Vermutungen dar�ber anstellen, wie im einzelnen
vorgegangen wird. Es gibt ein Haus, das wissen wir. Die Zusammenk�nfte dort
werden sehr sorgf�ltig vorbereitet, das d�rfte feststehen, nicht wahr? Wer
trifft sich mit ihm, Toby? Wer f�hrt Poljakow? Sie? Roy? Bill?� Smiley ergriff
das breite Ende seiner Krawatte, drehte das Seidenfutter nach au�en und
begann, seine Brillengl�ser zu putzen. �Jeder von euch�, sagte er in
Beantwortung seiner eigenen Frage. �Wie w�re das? Manchmal trifft Percy sich
mit ihm. Ich m�chte vermuten, da� Percy ihm gegen�ber die Autorit�t spielt.
&gt;Ist es nicht Zeit, da� Sie Urlaub nehmen? Haben Sie in dieser Woche von
Ihrer Frau geh�rt?&lt; Percy w�rde das gut k�nnen. Aber der <emphasis>Witchcraft-Ausschu�
</emphasis>setzt Percy nur selten ein. Percy ist die Kanone, er mu�
Seltenheitswert behalten. Dann kommt Bill Haydon; Bill trifft sich mit ihm. Das
w�rde �fter der Fall gewesen sein, nehme ich an. Bill hat eine Schw�che f�r
Ru�land, und er kann gut mit Leuten umgehen. Ich habe das Gef�hl, er und
Poljakow w�rden gut miteinander auskommen. Ich w�rde sagen, Bill gl�nzte, wenn
es zur Instruktion und zu den Nachsto�-Fragen kam, meinen Sie nicht? Daf�r
sorgen, da� die richtigen Botschaften nach Moskau gelangten? Manchmal nimmt er
Roy Bland mit, manchmal schickt er Roy allein hin. Vermutlich machen sie das
untereinander aus. Und Roy ist nat�rlich Wirtschaftsexperte und �berdies
Fachmann f�r die Satellitenstaaten, also wird es auch in dieser Sparte
allerhand zu besprechen geben. Und manchmal - ich denke da an Geburtstage,
Toby, oder an Weihnachten oder sonstige �bermittlungen von Dankbarkeit und Geld
-, wird ein kleines Verm�gen �ber Spesen gebucht, wie ich feststellte, ganz zu
schweigen von Sonderpr�mien; manchmal, um den Kreis bei Laune zu halten, kommt
ihr alle vier zusammen und hebt die Gl�ser auf den K�nig jenseits des Meeres:
auf Merlin, in Gestalt seines Abgesandten: Poljakow. Schlie�lich nehme ich an,
da� auch Toby einiges mit Freund Poljakow zu besprechen hat. Fachsimpeln,
n�tzliche Brocken �ber Vorg�nge innerhalb der Botschaft, die den Aufkl�rern so
zupa� kommen bei ihren kleinen �berwachungseins�tzen gegen die Gesandtschaft
Also hat auch Toby seine Solo-Sitzungen. Wir d�rfen n�mlich, ganz abgesehen von
Poljakows Rolle als Merlins Londoner Repr�sentant, auch seine M�glichkeiten am
Ort nicht �bersehen. Nicht alle Tage haben wir in London einen zahmen Sowjetdiplomaten,
der uns aus der Hand fri�t. Ein bi�chen Anleitung mit der Kamera, und Poljakow
k�nnte auch an der Heimatfront sehr n�tzlich sein. Vorausgesetzt, jeder h�lt
sich auf seinem Platz.�</p><p>Sein Blick
war nicht von Tobys Gesicht gewichen. �Ich k�nnte mir vorstellen, da� Poljakow
es zu etlichen Filmspulen gebracht hat, wie? Und da� jeder, der sich mit ihm
traf, nebenbei auch die Aufgabe hatte, seine Vorr�te aufzuf�llen: ihm kleine
versiegelte P�ckchen zu �berbringen. Filme. Unbelichtete Filme nat�rlich, denn
sie stammten ja aus dem Circus. Beantworten Sie mir doch bitte eine Frage,
Toby, sagt Ihnen der Name Lapin irgend etwas?�</p><p>Ein
Lecken, ein Stirnrunzeln, ein L�cheln, ein Vorw�rtsrecken des Kopfs: �Klar,
George, ich kenne Lapin.�</p><p>�Wer hat
angeordnet, da� die Aufkl�rer-Berichte �ber Lapin zerst�rt werden sollten?�</p><p>�Ich,
George.�</p><p>�Auf
eigene Initiative?�</p><p>Das
L�cheln wurde eine Spur breiter. �H�ren Sie, George, ich bin in letzter Zeit
ein paar Sprossen h�her geklettert.�</p><p>�Wer hat
gesagt, Connie Sachs m�sse abges�gt werden?�</p><p>�Also, ich
glaube, es war Percy, okay? Vermutlich Percy, vielleicht auch Bill. Sie
wissen, wie das ist bei einer gro�en Operation. Die Routinearbeit, der
Kleinkram, es gibt dauernd irgend etwas zu tun.� Er zuckte die Achseln. �Vielleicht
war's Roy, he?�</p><p>�Sie
nehmen also Befehle von allen dreien entgegen�, sagte Smiley leichthin. �Das
ist sehr unbedacht von Ihnen. Sie sollten es besser wissen.�</p><p>Esterhase
gefiel das alles gar nicht.</p><p>�Wer hat
Sie angewiesen, Max kaltzustellen, Toby? Waren es die gleichen drei Leute? Ich
mu� das nur alles Lacon melden, verstehen Sie. Er dr�ngt im Moment ganz
furchtbar. Der Minister scheint ihm im Nacken zu sitzen. Wer war es?�</p><p>�George,
Sie haben mit den falschen Leuten geredet.�</p><p>�Einer von
uns hat das getan, ja�, sagte Smiley liebensw�rdig. �Soviel steht fest. Sie
wollen auch einiges �ber Westerby wissen: wer hat ihm den Mund gestopft? War es
die gleiche Person, die Sie mit tausend Pfund und einer Instruktion nach
Sarratt schickten, da� Sie Jim Prideaux' Geist Ruhe verschaffen sollte? Ich
jage nur nach Fakten, Toby, nicht nach Skalpen. Sie kennen mich, ich bin nicht
rachs�chtig. Und was besagt �berhaupt, da� Sie nicht ein sehr loyaler Mann
w�ren? Fragt sich nur, wem gegen�ber.� Er f�gte hinzu: �Nur, sie wollen es eben
unbedingt wissen, verstehen Sie. Es geht sogar ein h��liches Ger�cht um, da�
die Konkurrenz eingeschaltet werden soll. Das m�chte doch niemand, oder? Es
ist, als ginge man zum Anwalt, weil man sich mit seiner Frau gezankt hat: ein
unwiderruflicher Schritt. Wer hat Ihnen die Botschaft f�r Jim �ber Bube, Dame,
K�nig gegeben? Wu�ten Sie, was es bedeutete? Wu�ten Sie es direkt von Poljakow,
war es das?�</p><p>�Herrgott�,
fl�sterte Guillam, �lassen Sie mich den Kerl in den Schwitzkasten nehmen.�</p><p>Smiley
beachtete ihn nicht. �Sprechen wir noch ein wenig �ber Lapin. Welchen Job hatte
er hier?�</p><p>�Er
arbeitete f�r Poljakow.�</p><p>�Als sein
Sekret�r in der Kulturabteilung?�</p><p>�Als sein
Kurier.�</p><p>�Aber mein
lieber Toby: was in aller Welt soll ein Kulturattache mit einem eigenen Kurier
anfangen?�</p><p>Esterhases
Augen waren die ganze Zeit auf Smiley gerichtet. Er ist wie ein Hund, dachte
Guillam, er wei� nicht, kriegt er einen Tritt oder einen Knochen. Die Augen
flitzten von Smileys Gesicht zu den H�nden, dann zur�ck zum Gesicht, sie
lie�en nicht ab von den verr�terischen Stellen.</p><p>�Seien Sie
doch nicht so verdammt albern, George�, sagte Toby nonchalant. �Poljakow
arbeitet f�r die Moskauer Zentrale. Das wissen Sie genausogut wie ich.� Er
schlug die kurzen Beine �bereinander, lehnte sich mit seiner ganzen
wiederaufgelebten Arroganz in seinem Stuhl zur�ck und trank einen Schluck
kalten Tee. W�hrend Smileys Miene, so fand Guillam, fl�chtige Entspannung
verriet; woraus Guillam in seiner Verwirrung folgerte, da� Smiley sehr mit sich
zufrieden sein m�sse. Vielleicht, weil Toby sich endlich entschlossen hatte, zu
sprechen:</p><p>�Na, los,
George�, sagte Toby, �Sie sind doch kein Kind mehr. Bedenken Sie, wie viele
Operationen wir auf diese Weise hinter uns gebracht haben. Wir kaufen Poljakow,
okay? Poljakow ist ein Moskauer Spitzel, aber er ist unser bestes St�ck. Er mu�
aber seinen eigenen Leuten weismachen, da� er gegen uns spioniere. Wie sonst
k�me er damit durch? Wie sonst k�nnte er den ganzen Tag in diesem Haus aus- und
eingehen, ohne Gorillas, ohne Babysitters, ganz ungeniert? Er kommt hinaus in
unseren Laden, wenn er ein paar Bonbons heimbringen mu�. Also geben wir ihm
Bonbons. Bagatellen, nur damit er sie zu Hause abliefern kann und jeder in
Moskau ihm auf die Schulter klopft und sagt, er sei ein toller Bursche,
passiert alle Tage.�</p><p>Wenn
Guillam jetzt von einer Art rasenden Entsetzens erf�llt war, so schien Smileys
Kopf bemerkenswert klar zu sein. �Und das ist ziemlich genau die
Standard-Geschichte, nicht wahr, unter den vier Eingeweihten?�</p><p>�Ob es die
Geschichte ist, kann ich nicht sagen�, sagte Esterhase mit einer sehr
ungarischen Handbewegung, einem Drehen der gespreizten Hand von einer Seite zur
anderen. �Wer ist also Poljakow s Agent?�</p><p>Diese
Frage, das sah Guillam, war Smiley sehr wichtig: er hatte alle vorhergegangenen
Karten nur ausgespielt, um zu ihr zu kommen. W�hrend Guillam wartete - die
Augen bald auf Esterhase, der keineswegs so sicher war, bald auf Smileys
Mandarinsgesicht gerichtet �, d�mmerte auch ihm allm�hlich, wie Karlas letzter
gekonnter Knoten gesch�rzt, und worum es bei seiner eigenen nervenaufreibenden
Audienz bei Alleline gegangen war. �Was ich Sie frage, ist ganz einfach�,
dr�ngte Smiley. �Rein hypothetisch, wer ist Poljakows Agent im Circus? Mein Gott,
Toby, seien Sie doch nicht so vernagelt. Wenn Poljakow sich mit euch treffen
kann, weil er vorgibt, gegen den Circus zu spionieren, dann mu� er einen Spion
im Circus haben, oder? Also, wer ist es? Poljakow kann nicht nach einem Treffen
mit euch zur Botschaft zur�ckkommen, beladen mit einem Haufen von Circus-Abf�llen,
und sagen: das da hab' ich von den Jungen bekommen. Es mu� eine Geschichte
aufgebaut sein, und zwar eine gute: ein ganzes Gewebe aus Umwerbung, Anwerbung,
heimlichen Zusammenk�nften, Geld und Motiven. Stimmt doch? Lieber Gott, es ist
nicht blo� Poljakows Tarngeschichte: es ist seine Lebenslinie. Sie mu�
durchg�ngig sein. Sie mu� �berzeugend sein; das ist wichtig. Also, wer ist es?�
erkundigte Smiley sich liebensw�rdig. �Sie? Toby Esterhase verkleidet sich als
Spion im Circus, um Poljakow im Gesch�ft zu halten? Respekt, Toby, das ist eine
ganze Handvoll Orden wert.� Sie warteten, w�hrend Toby nachdachte.</p><p>�Sie sind
auf einem verdammt langen Weg, George�, sagte Toby. �Was passiert, wenn Sie das
andere Ende nicht erreichen?�</p><p>�Auch
nicht mit Lacon hinter mir?�</p><p>�Dann
bringen Sie Lacon her. Und Percy; Bill. Warum halten Sie sich an den Kleinsten?
Gehen Sie zu den Gro�en und hacken Sie auf denen herum.�</p><p>�Ich
dachte, Sie <emphasis>geh�rten </emphasis>jetzt zu den Gro�en. Sie pa�ten
ausgezeichnet f�r die Rolle, Toby, ungarische Abstammung, Bitterkeit mangels
Bef�rderung, Zugang zu manchem, wenn auch nicht zu �berm��ig vielem . . .
schneller Denker, auf Geld aus. . . mit Ihnen als seinem Agenten h�tte Poljakow
eine Tarngeschichte, die hieb- und stichfest w�re. Die gro�en Drei geben Ihnen
die Abf�lle, Sie reichen sie an Poljakow weiter, Moskau glaubt, Toby sei ganz
der ihre, jeder wird bedient, jeder ist zufrieden. Problematisch wird es erst,
wenn durchsickert, da� Sie Poljakow die Kronjuwelen ausgeh�ndigt und daf�r
russische Abf�lle bekommen haben. Sollte sich tats�chlich herausstellen, da�
das der Fall war, dann werden Sie gute Freunde bitter n�tig haben. Freunde wie
uns. Immer nach meiner Theorie - nur um sie zu Ende zu f�hren. Dieser Gerald
ist ein russischer Maulwurf, gef�hrt von Karla. Und er hat den Circus
buchst�blich ausgeweidet.�</p><p>Esterhase
sah ein bi�chen krank aus. �H�ren Sie, George. Falls Sie sich irren, dann
m�chte ich mich nicht ebenfalls irren, verstehen Sie mich?�</p><p>�Aber wenn
er recht hat, dann m�chten Sie auch recht haben�, meldete Guillam sich nach
langer Zeit wieder zu Wort. �Und je eher Sie recht haben, um so gl�cklicher
werden Sie sein.�</p><p>�Klar�,
sagte Toby, dem die Ironie v�llig entgangen war. �Klar. Ich meine, George hat
die Sache sehr gut hingekriegt, aber, mein Gott, jeder hat seine zwei Seiten,
George, besonders ein Agent, und vielleicht haben Sie die falsche erwischt.
Passen Sie auf: wer hat jemals <emphasis>Witchcraft </emphasis>als Abfall
bezeichnet? Niemand, niemals.</p><p>Es ist
Spitze. Dann kommt einer, der das Maul aufrei�t und mit Dreck schmei�t, und
schon graben Sie halb London um. Verstehn Sie mich? Ich tu doch nur, was mir
gesagt wird, okay? Sie sagen, ich soll f�r Poljakow den Handlanger spielen, ich
spiele ihn. Bringen Sie ihm diesen Film, ich bring ihn ihm. Ich bin in einer
sehr gef�hrlichen Lage�, erkl�rte er. �F�r mich tats�chlich sehr gef�hrlich.�</p><p>�Das tut
mir leid�, sagte Smiley vom Fenster her, wo er aufs neue durch einen
Vorhangspalt den Platz beobachtete. �Mu� beunruhigend f�r Sie sein.�</p><p>��u�erst�,
best�tigte Toby. �Ich kriege Magengeschw�re, kann nichts essen. Sehr mi�liche
Lage.�</p><p>Eine Weile
waren sie alle drei zu Guillams Erbitterung in schweigendem Mitgef�hl mit Toby
Esterhases mi�licher Lage vereint.</p><p>�Toby, Sie
l�gen mich doch nicht an, was diese Babysitter betrifft, wie?� erkundigte sich
Smiley, der noch immer am Fenster stand.</p><p>�George,
drei Finger aufs Herz, ich schw�r's Ihnen.�</p><p>�Was
w�rden Sie f�r solche kleinen Jobs verwenden? Autos?�</p><p>�Die Pflastertreter.
Bus bis zum <emphasis>Air Terminal, </emphasis>dann zu Fu� zur�ck.�</p><p>�Wie
viele?�</p><p>�Acht,
zehn. In dieser Jahreszeit vielleicht nur sechs. Eine Menge sind zur Zeit
krank. Weihnachten�, sagte er d�ster. �Und einen einzelnen Mann?�</p><p>�Niemals.
Sind Sie verr�ckt? Ein Mann! Glauben Sie, ich leite heutzutage ein
Bonbon-Gesch�ft?� Smiley ging vom Fenster weg und setzte sich wieder. �H�ren
Sie George, was Sie sich da ausgedacht haben, ist furchtbar, wissen Sie das?
Ich bin Patriot. Herrje�, wiederholte Toby. �Welchen Job hat Poljakow in der
Londoner Au�enstelle?� fragte Smiley. �Polly arbeitet solo.�</p><p>�F�hrt
seinen Meisterspion im Circus?�</p><p>�Klar. Er
ist von aller eigentlichen Arbeit dispensiert, sie geben ihm freie Hand, damit
er Toby managen kann, den Meisterspion. Wir besprechen alles, stundenlang sitze
ich mit ihm zusammen. &gt;H�ren Sie&lt;, sage ich. &gt;Bill verd�chtigt mich,
meine Frau verd�chtigt mich, meine Kinder haben Masern, und ich kann den Arzt
nicht bezahlen.&lt; Eben den Mist, den Agenten so schwatzen, den schwatze ich
Poljakow vor, damit er ihn zu Hause f�r bare M�nze verkaufen kann.�</p><p>�Und wer
ist Merlin?� Esterhase sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Aber Sie
haben doch zumindest geh�rt, da� er in Moskau sitzt�, sagte Smiley. �Und dem
sowjetischen Geheimdienst angeh�rt?�</p><p>�Das haben
sie mir gesagt�, gab Esterhase zu. �Wodurch es Poljakow m�glich ist, mit ihm
Verbindung zu halten. Im Interesse des Circus nat�rlich. Heimlich, ohne da�
seine eigenen Leute Verdacht sch�pfen?�</p><p>�Klar.�
Toby stimmte erneut sein Klagelied an, aber Smiley schien T�nen zu lauschen,
die nicht im Zimmer waren. �Und Dame, K�nig?�</p><p>�Herrgott,
ich wei� nicht, was das soll. Ich tue, was Percy anordnet.�</p><p>�Und Percy
hat angeordnet, da� Sie Jim Prideaux bestechen?�</p><p>�Klar.
Vielleicht war es Bill. Oder vielleicht Roy. H�ren Sie, ich mu� essen, George,
verstehen Sie? Ich bring mich nicht um Hals und Kragen, kapiert?�</p><p>�Es ist
die perfekte F�lschung: das sehen Sie doch, nicht wahr, Toby?� bemerkte Smiley
ruhig und ziemlich reserviert. �Nehmen wir an, es <emphasis>ist </emphasis>eine F�lschung.
Sie setzt jeden ins Unrecht, der im Recht ist: Connie Sachs, Jerry Westerby . .
. Jim Prideaux . . . sogar Control. Stopft den Zweiflern den Mund, noch ehe sie
ihn aufgemacht haben . . . die Abwandlungsm�glichkeiten sind zahllos, wenn
erst einmal die Grundl�ge steht. N�mlich, da� die Moskauer Zentrale in dem
Glauben zu wiegen sei, sie habe eine wichtige Quelle im Circus; w�hrend
Whitehall um keinen Preis von eben dieser Ansicht Wind bekommen d�rfe. Folgern
Sie logisch weiter, und Gerald br�chte uns dazu, da� wir unsere eigenen
Kinder in ihren Betten erw�rgen. Es w�rde wunderbar sein in einem anderen
Zusammenhang�, bemerkte er fast vertr�umt. �Armer Toby: ja, ich verstehe genau.
Was m�ssen Sie durchgemacht haben, zwischen so vielen M�hlsteinen.� Toby hatte
seine n�chste Ansprache schon bereit: �Selbstverst�ndlich, wenn ich irgend
etwas Praktisches tun kann, Sie kennen mich, George, ich helfe immer gern,
kein Problem. Meine Jungens sind gut ausgebildet, wenn Sie sie ausleihen
wollen, vielleicht k�nnen wir zu einer Einigung kommen. Nat�rlich mu� ich
zuerst mit Lacon sprechen. Ich will nur eins, ich will diese Geschichte in
Ordnung gebracht haben. Zum Besten des Circus nat�rlich. Das ist alles, was
ich will. Das Wohl der Firma. Ich bin ein bescheidener Mensch, ich will nichts
f�r mich selber, okay?�</p><p>�Wo ist
dieses &gt;sichere Haus&lt; das Sie ausschlie�lich f�r Poljakow halten?�</p><p>�Nummer
f�nf, Lock Gardens, Camden Town.�</p><p>�Mit einer
Haush�lterin?�</p><p>�Mrs.
McCraig.�</p><p>�Fr�her
bei der Abh�rabteilung?�</p><p>�Klar.�</p><p>�Sind dort
Abh�ranlagen eingebaut?�</p><p>�Was
glauben Sie?�</p><p>�Millie
McCraig besorgt also das Haus und handhabt die Aufnahmeger�te.�</p><p>Das tue
sie, sagte Toby und duckte sich wachsam. �Sie werden sie nachher gleich anrufen
und ihr sagen, da� ich die Nacht �ber dort bleiben und die Anlage benutzen
m�chte. Sagen Sie ihr, ich wurde mit einer Spezialaufgabe betraut, und sie hat
zu tun, was ich verlange. Ich werde gegen neun Uhr dort sein. Wie setzen Sie
sich mit Poljakow in Verbindung, wenn ein Blitztreffen vereinbart werden
soll?�</p><p>�Meine
Jungens haben ein Zimmer in Haverstock Hill. Polly f�hrt jeden Morgen auf dem
Weg zur Botschaft und jeden Abend auf dem Heimweg an ihrem Fenster vorbei. Wenn
sie ein gelbes Plakat aush�ngen, mit einem Protest gegen den Verkehrsl�rm, dann
ist das das Signal.�</p><p>�Und bei
Nacht? Und am Wochenende?�</p><p>�Telefonanruf.
Falsche Nummer. Aber das hat niemand gern.�</p><p>�Wurde
schon einmal davon Gebrauch gemacht?�</p><p>�Wei� ich
nicht.�</p><p>�Wollen
Sie sagen, da� Sie sein Telefon nicht abh�ren?� Keine Antwort.</p><p>�Ich
m�chte, da� Sie das Wochenende freinehmen. W�rde das beim Circus Argwohn
ausl�sen?� Begeistert sch�ttelte Esterhase den Kopf. �Sie werden sich bestimmt
lieber aus der Sache raushalten, nicht wahr?� Esterhase nickte. �Sagen Sie,
Sie h�tten Scherereien mit einem M�dchen, oder womit immer Sie zur Zeit
Scherereien haben. Sie werden die Nacht hier verbringen, m�glicherweise zwei
N�chte. Fawn wird sich um Sie k�mmern. Essen ist in der K�che. Was ist mit
Ihrer Frau?�</p><p>W�hrend
Guillam und Smiley zusahen, w�hlte Esterhase die Nummer des Circus und
verlangte Phil Porteous. Er sagte sein Verschen tadellos auf: ein bi�chen
Selbstmitleid, ein bi�chen Verschw�rung, ein bi�chen Scherz. Ein M�dchen, im
Norden, das verr�ckt nach ihm war, Phil, und ihm mit Gr��lichem drohte, wenn er
nicht k�me und H�ndchen hielte:</p><p>�Sagen Sie
nichts, ich wei�, so was passiert Ihnen alle Tage, Phil. He, was macht Ihre
pr�chtige neue Sekret�rin? Und, passen Sie auf, Phil, wenn Mara von zu Hause
anruft, sagen Sie ihr, Toby ist hinter einer gro�en Sache her, okay? Sprengt
den Kreml in die Luft, Montag wieder da. Machen Sie's anst�ndig und wichtig,
ja? Cheers, Phil.�</p><p>Er legte
auf und w�hlte dann eine Nummer im Norden von London. �Mrs. M., hallo, hier
spricht Ihr Herzensfreund, erkennen Sie die Stimme? Gut. H�ren Sie, ich schicke
Ihnen heute abend einen Gast, einen alten, lieben Freund, Sie werden sich
wundern. - Sie ha�t mich�, erkl�rte er den beiden und hielt die Hand �ber die Sprechmuschel.
- �Er m�chte die Dr�hte nachpr�fen�, fuhr er fort. �Schauen Sie alles durch,
�berzeugen Sie sich, da� alles klappt, okay, keine schwachen Stellen, all
right?�</p><p>�Wenn er
Geschichten macht�, sagte Guillam im Hinausgehen voller Geh�ssigkeit zu Fawn,
�fesseln Sie ihm H�nde und F��e.�</p><p>Im
Treppenhaus ber�hrte Smiley leicht seinen Arm. �Peter, ich m�chte, da� Sie
aufpassen, was sich hinter mir tut. W�rden Sie das machen? Geben Sie mir ein
paar Minuten Vorsprung, dann treffen Sie mich an der Ecke der Marloes Road,
nordw�rts. Bleiben Sie auf dem westlichen Gehsteig.�</p><empty-line/><p>Guillam
wartete, dann trat er auf die Stra�e. Feiner Nieselregen lag in der Luft, der
unheimlich warm war, wie Tau. Wo Lichter schienen, wallte die Feuchtigkeit in
d�nnen Wolken, aber im Schatten konnte er sie weder sehen noch f�hlen: nur ein
Nebel tr�bte die Sicht, zwang ihn, die Augen halb zu schlie�en. Er machte eine
Runde um die G�rten und w�hlte dann ein h�bsches G��chen ziemlich weit s�dlich
des Treffpunkts. An der Marloes Road wechselte er auf den westlichen Gehsteig
�ber, kaufte eine Abendzeitung und fing an, gem�tlich an Villen vor�berzuschlendern,
die weit hinten in gro�en G�rten standen. Er z�hlte die Fu�g�nger, die
Radfahrer und Autos, w�hrend weit vor ihm George Smiley in Sicht kam, der
steten Schrittes dahintrabte, der Prototyp des nach Hause gehenden Londoners.
�Ist es ein Team?� hatte Guillam gefragt. Smiley konnte es nicht bestimmt
sagen. �Kurz vor Abingdon Villas gehe ich �ber die Stra�e�, sagte er. �Achten
Sie auf einen Einzelg�nger. Halten Sie die Augen offen!�</p><p>W�hrend
Guillam die Augen offenhielt, hielt Smiley abrupt an, als w�re ihm gerade etwas
eingefallen, trat unbedenklich auf die Fahrbahn und schl�ngelte sich zwischen
den erbosten Autofahrern durch, um pl�tzlich auf der anderen Seite durch die
T�ren eines Spirituosenladens zu verschwinden. Und als er das tat, sah Guillam
- oder glaubte zu sehen - wie eine gro�e krumme Gestalt im dunklen Mantel ihm
nachstrebte, aber in diesem Moment hielt ein Bus an und verdeckte beide, Smiley
und seinen Verfolger; und als der Bus wieder abfuhr, mu�te er den Verfolger
mitgenommen haben, denn der einzige �berlebende auf diesem Teil des Gehsteigs
war ein alter Mann mit schwarzem Plastikregenmantel und Tuchkappe, der an der
Bushaltestelle lehnte und seine Abendzeitung las; und als Smiley mit seiner
braunen Tasche wieder aus dem Spirituosenladen auftauchte, hob der Mann nicht
einmal den Kopf von der Sportseite. Guillam folgte Smiley noch kurze Zeit durch
die eleganteren Gefilde des victorianischen Kensington; Smiley huschte von
einem der stillen Pl�tze zum n�chsten, bog flugs in eine Gasse ein und auf dem
gleichen Weg wieder heraus. Nur einmal, als Guillam nicht mehr an Smiley
dachte, sondern sich instinktiv umdrehte, hatte er den entschiedenen Verdacht,
da� eine dritte Gestalt mit ihnen marschierte: ein h�ckeriger Schatten an den
einf�rmigen Ziegelmauern einer leeren Stra�e; aber als er darauf zugehen
wollte, war der Schatten verschwunden.</p><p>In dieser
Nacht �berst�rzten sich die Ereignisse, folgten einander so schnell, da� er
sie nicht im einzelnen hatte festhalten k�nnen. Erst Tage sp�ter wurde ihm
bewu�t, da� die dritte Gestalt oder ihr Schatten ihn an etwas erinnert hatten.
Woran, das wusste er noch immer nicht. Und dann, eines fr�hen Morgens, fuhr er
aus dem Schlaf auf und hatte es: eine bellende milit�rische Stimme, Sanftheit
unter rauher Schale, ein Tennisschl�ger, der hinter dem Safe eines Zimmers in
Brixton steckte und bei dessen Anblick eine stoische Sekret�rin in Tr�nen ausgebrochen
war.</p><empty-line/><p>In Paris
springt Ricki Tarr hart mit einem alten Freund um und schickt Percy Alleline
ein Gru�telegramm</p><empty-line/><p>Steve
Mackelvore beging an diesem selben Abend vermutlich nur den einen Kunstfehler:
er machte sich Vorw�rfe, da� er die Beifahrert�r seines Wagens nicht
abgeschlossen hatte. Als er von der Fahrerseite her eingestiegen war, hatte er
es seiner eigenen Nachl�ssigkeit zugeschrieben, da� die andere Seite nicht
verriegelt war. �berleben, wie Jim Prideaux sich immer wieder sagte, ist die
unbegrenzte F�higkeit zum Argwohn. Nach diesem strengen Ma�stab h�tte
Mackelvore argw�hnen m�ssen, da� mitten in einer besonders schlimmen Sto�zeit,
an einem besonders miesen Abend in einer der l�rmerf�llten Seitenstra�en, die
in das untere Ende der Champs Elysees m�nden, Ricki Tarr die Beifahrert�r
aufgeschlossen haben und ihn mit vorgehaltener Pistole bedrohen w�rde. Aber
das Leben in der Pariser Au�enstelle war damals wenig geeignet, den Verstand
eines Mannes im st�ndigen Alarmzustand zu halten, und Mackelvores Arbeitstag
war gr��tenteils mit der Aufstellung seiner w�chentlichen Spesenabrechnung und
mit dem Einsammeln der Spesenquittungen seiner Mitarbeiter f�r die
Personalabteilung vergangen. Nur der Lunch, eine recht l�ngliche Angelegenheit
mit einem heuchlerischen Englandfreund im franz�sischen Sicherheitslabyrinth,
hatte die Eint�nigkeit dieses Freitags unterbrochen. Sein Wagen war unter einer
Platane geparkt, die an Auspuffgasen dahinsiechte. Er hatte exterritoriale
Nummernschilder und auf der R�ckseite CC aufgeklebt, denn die Au�enstelle war
als Konsulatsb�ro getarnt, was allerdings niemand ernst nahm. Mackelvore war
Circus-Veteran, ein vierschr�tiger, wei�haariger Mann aus Yorkshire, mit einer
langen Liste von Konsulatsposten, die ihn in den Augen der Welt nicht
vorangebracht hatten. Paris war die letzte Station. Er hatte f�r Paris nicht
besonders viel �brig und wu�te aus vielen Berufsjahren im Fernen Osten, da� die
Franzosen nicht sein Fall waren. Aber als Auftakt zum Ruhestand konnte es
nichts Besseres geben. Die Bez�ge waren reichlich, der Posten bequem, und in
den zehn Monaten, die er jetzt hier war, hatte man nicht mehr von ihm verlangt,
als sich gelegentlich eines durchreisenden Agenten anzunehmen, hier und dort
ein Zeichen oder Signal anzubringen. Bei irgendeinem Unternehmen der Londoner
Zentrale den Brieftr�ger zu spielen und den �Feuerwehrleuten�, die auf einen
Sprung her�berkamen, mal was Tolles zu bieten.</p><p>Das hei�t,
bis jetzt, bis er nun in seinem eigenen Wagen sa�, mit Tarrs Kanone gegen seine
Rippen gepre�t, w�hrend Tarrs Hand liebevoll auf seiner rechten Schulter ruhte,
bereit, ihm den Hals umzudrehen, falls er Zicken machen sollte. Kaum einen
Meter entfernt hasteten M�dchen auf ihrem Weg zur Metro vor�ber, und noch einen
Meter weiter war der Verkehr zum Stillstand gekommen und konnte eine Stunde
lang so bleiben. Niemand k�mmerte sich im geringsten um zwei M�nner, die in
einem geparkten Auto gem�tlich miteinander plauderten. Seit Mackelvore
eingestiegen war, hatte Tarr das Reden besorgt. Er m�sse dringend eine
Botschaft an Alleline absenden, sagte er. <emphasis>Pers�nlich
</emphasis>und <emphasis>nur vom Adressaten zu entschl�sseln </emphasis>und Tarr
m�chte, da� Mackelvore f�r ihn den Apparat bedient, w�hrend Tarr mit der Kanone
danebenstehe.</p><p>�Was zum
Teufel haben Sie ausgefressen, Ricki?� klagte Mackelvore, w�hrend sie Arm in
Arm zur Au�enstelle zur�ckgingen. �Der ganze Geheimdienst sucht Sie, das
wissen Sie doch, oder? Sie ziehen Ihnen das Fell �ber die Ohren, wenn sie Sie
finden. Wir sollen Sie bei erster Gelegenheit mit allen Mitteln dingfest
machen.� Er dachte daran, sich auf Tarr zu st�rzen und ihm einen Nackenschlag
zu versetzen, aber er wu�te, da� er nicht schnell genug sei und da� Tarr ihn
t�ten w�rde. Die Botschaft w�rde etwa zweihundert Gruppen umfassen, sagte Tarr,
als Mackelvore die Vordert�r aufschlo� und die Lichter anknipste. Wenn Steve
diese Gruppen durchgegeben h�tte, w�rden sie am Apparat sitzenbleiben und auf
Percys Antwort warten. Sp�testens morgen w�rde Percy, wenn Tarrs Instinkt nicht
trog, in Paris angebraust kommen, um mit Ricki eine Unterredung zu haben. Diese
Unterredung w�rde ebenfalls in der Au�enstelle stattfinden, da Tarr es f�r eine
Spur weniger wahrscheinlich hielt, da� die Russen versuchen w�rden, ihn auf
konsularischem Boden umzubringen.</p><p>�Sie sind
von Sinnen, Ricki. Nicht die Russen wollen Sie umbringen, sondern unsere
Leute.�</p><p>Der
vordere Raum wurde als Empfang bezeichnet, das einzige, was von der Tarnung
�briggeblieben war. Eine alte Holztheke stand darin, und an den schmuddeligen
W�nden hingen l�ngst �berholte Bekanntmachungen an britische Staatsb�rger. Hier
durchsuchte Tarr mit der linken Hand Mackelvore nach einer Waffe, fand jedoch
keine. Das Haus war im Geviert um einen Innenhof erbaut, und fast alles
Wichtige lag �ber dem Hof: der Chiffrierraum, der Tresorraum und die Apparate.
�Sie sind wahnsinnig, Ricki�, warnte Mackelvore nochmals, als er durch eine
Reihe leerer B�ros voranging und am Chiffrierraum klingelte. �Sie hielten sich
schon immer f�r Napoleon Bonaparte, und jetzt sind Sie vollends
�bergeschnappt. Sie haben von Ihrem Dad zuviel Religion erwischt.�</p><p>Die
st�hlerne Sprechklappe wurde zur�ckgeschoben, und ein fragendes, leicht
albernes Gesicht erschien in der �ffnung. �Sie k�nnen nach Hause gehen, Ben.
Gehen Sie heim zu Ihrer Missus, aber gehen Sie nicht weit vom Telefon weg,
falls ich Sie brauchen sollte, mein Junge. Lassen Sie die B�cher da, wo sie
sind, und stecken Sie die Schl�ssel in die Maschinen. Ich mu� sofort mit London
sprechen, und zwar allein.�</p><p>Das
Gesicht verschwand, und sie warteten, bis der junge Mann die T�r von drinnen
aufgeschlossen hatte: ein Schl�ssel, noch ein Schl�ssel, ein Schnappschlo�.</p><p>�Dieser
Herr kommt aus Nahost, Ben�, erkl�rte Mackelvore, als die T�r aufging. �Er ist
einer meiner allerbesten V-Leute.�</p><p>�Hallo,
Sir�, sagte Ben. Er war ein gro�er Junge, der aussah wie ein Mathematikstudent,
mit Brille und beharrlichem Blick. �Trollen Sie sich nur, Ben. Ich werd's Ihnen
nicht abziehen. Sie haben das Wochenende frei bei voller Bezahlung, und Sie m�ssen
die Zeit auch nicht nacharbeiten. Also raus mit Ihnen.�</p><p>�Ben
bleibt hier�, sagte Tarr.</p><p>Die
Beleuchtung am Cambridge Circus war gelb, und von Mendels Standplatz im
dritten Stockwerk des Bekleidungshauses funkelte die nasse Fahrbahn wie
Golddouble. Es war fast Mitternacht, und er stand seit drei Stunden dort. Er
stand zwischen einer Netzgardine und einem Kleidergestell. Er stand so, wie
Polizisten auf der ganzen Welt stehen: Gewicht gleichm��ig auf beide F��e
verteilt, Beine gestreckt, leicht �ber die Standlinie zur�ckgebeugt. Er hatte
den Hut tief ins Gesicht gezogen und den Kragen hochgeschlagen, damit man von
der Stra�e aus sein wei�es Gesicht nicht sehen k�nne, aber seine Augen, die den
Vordereingang gegen�ber beobachteten, leuchteten wie Katzenaugen in einem
Keller.</p><p>Er w�rde
noch weitere drei Stunden warten oder weitere sechs: Mendel war wieder auf
Kriegspfad, die Witterung der Jagd war in seinen N�stern. Mehr noch, er war ein
Nachtvogel; die Dunkelheit in dieser Kleiderwerkstatt weckte alle seine Sinne.
Das Stra�enlicht, das bis hierherauf reichte, warf blasse Flecken an die Decke
des Raumes. Alles �brige, die Zuschneidetische, die Stoffballen, die
zugedeckten N�hmaschinen, das Dampfb�geleisen, die signierten Fotos der
F�rstlichkeiten von Gebl�t, war nur vorhanden, weil er es auf seinem Erkundungsgang
am Nachmittag gesehen hatte; das Licht reichte nicht bis zu diesen
Gegenst�nden, und sogar jetzt konnte er sie kaum ausmachen.</p><p>Von seinem
Fenster aus �berblickte er fast alles, was sich drunten tat: acht oder neun
ungleiche Stra�en und Gassen, die ohne ersichtlichen Grund Cambridge Circus
zum Treffpunkt gew�hlt hatten.</p><p>Die
Geb�ude zwischen ihnen waren Tineff, mit Stilzutaten billig herausgeputzt: eine
romantische Bank, ein Theater wie eine gro�e s�kularisierte Moschee. Dahinter
schoben sich Hochbauten vor wie eine Armee von Robotern. Dar�ber f�llte ein
rosa Himmel sich langsam mit Nebel.</p><p>Warum war
es so still? fragte er sich. Das Theater hatte zwar l�ngst Schlu� gemacht, aber
warum sorgte die Vergn�gungsindustrie von Soho, die nur einen Steinwurf von
seinem Fenster entfernt war, nicht daf�r, da� der Platz voll von Taxis und Gruppen
von Nachtschw�rmern war? Kein einziger Lastwagen mit Obst war auf dem Weg nach
Covent Garden durch die Shaftesbury Avenue gerumpelt.</p><p>Wieder
einmal betrachtete Mendel durch seinen Feldstecher das Haus direkt gegen�ber.
Es schien noch tiefer zu schlafen als seine Nachbarn. Die Doppelt�ren des
Eingangs waren geschlossen und in den Fenstern des Erdgeschosses war kein Licht
zu sehen. Nur in der dritten Etage kam aus dem zweiten Fenster von links ein
bleicher Schein, und Mendel wu�te, da� es das Zimmer des Diensthabenden war,
Smiley hatte es ihm gesagt. Er hob das Glas kurz zum Dach, wo ein Antennenwald
wilde Muster an den Himmel zeichnete; dann ein Stockwerk tiefer auf die vier
abgedunkelten Fenster der Funkabteilung.</p><p>�Nachts
benutzen alle den Vordereingang�, hatte Guillam gesagt. �Dadurch spart man
Portiers ein.�</p><p>In diesen
drei Stunden hatten nur drei Ereignisse Mendels Wachsamkeit belohnt: eines pro
Stunde ist nicht viel. Um f�nf nach neun hatte ein blauer Ford Transit zwei
M�nner abgesetzt, die etwas trugen, das wie eine Munitionskiste aussah. Sie
schlossen sich die T�r selber auf und wieder zu, sobald sie drinnen waren,
w�hrend Mendel seinen Kommentar ins Telefon fl�sterte. Um zehn Uhr oder wenig
sp�ter war der Pendelbus angekommen: darauf hatte Guillam ihn ebenfalls
vorbereitet. Der Pendelbus sammelte hei�e Dokumente von den umliegenden Dienststellen
und brachte sie �bers Wochenende in den Safe des Circus. Er fuhr in Brixton
vor, in Acton und in Sarratt, in dieser Reihenfolge, sagte Guillam, zuletzt
bei der Admiralit�t, und war um zehn Uhr soundsoviel im Circus. An diesem Abend
kam er punkt zehn an, und dieses Mal st�rzten zwei M�nner aus dem Haus und
halfen beim Abladen: Mendel meldete auch dies, und Smiley best�tigte die
Meldung mit einem geduldigen: �Danke.� Sa� Smiley irgendwo? Stand er im Dunkeln
wie Mendel? Mendel vermutete es. Von all den komischen V�geln, die er je
gekannt hatte, war Smiley der komischste. Wenn man ihn sah, glaubte man, er
k�nne nicht allein �ber die Stra�e gehen, aber man h�tte genausogut einem Igel
seinen Schutz anbieten k�nnen. Spinner, dachte Mendel. Ein Leben lang
Verbrecher gejagt, und wie ende ich? Einbruch und unbefugtes Betreten, im
Dunkeln stehen und die Spinner bespitzeln. Er hatte nie etwas f�r Spinner �brig
gehabt, bis er Smiley kennenlernte. Hielt sie f�r eine l�stige Bande von
Amateuren und College-Boys; hielt sie f�r verfassungswidrig; dachte, das
Beste, was diese besondere Branche um ihres eigenen Wohls und des Wohls der
�ffentlichkeit willen tun k�nne, sei �Ja, Sir�, �Nein, Sir� sagen, und die
Unterlagen verlieren. Apropos, mit Ausnahme von Smiley und Guillam war es
genau das, was er auch an diesem Abend dachte. Kurz vor elf, also vor genau
einer Stunde, war ein Taxi gekommen. Eine gew�hnliche zugelassene Londoner
Autodroschke, die vor dem Theater hielt. Auch darauf hatte Smiley ihn hingewiesen:
es war beim Geheimdienst �blich, da� man Taxis nie bis an die T�r fahren lie�.
Manche hielten bei Foyle's Buchhandlung, manche in der Old Compton Street oder
vor einem der Gesch�fte; die meisten Circus-Leute hatten ein bestimmtes Tarnziel,
Alleline zum Beispiel fuhr immer bis zum Theater. Mendel hatte Alleline noch
nie gesehen, aber er hatte seine Beschreibung, und als er ihn durch das Glas
beobachtete, erkannte er ihn zweifelsfrei, einen gro�en, schwerf�lligen Mann
im dunklen Mantel, und er sah sogar, da� der Taxifahrer das Trinkgeld mit
saurer Miene betrachtete und ihm etwas nachrief, als Alleline nach seinen
Schl�sseln tastete.</p><p>Die
Vordert�r ist nicht gesichert, hatte Guillam ihm erkl�rt, sie ist nur
verschlossen. Die Sicherung beginnt erst drinnen, wenn man am Ende des
Korridors links abgebogen ist. Alleline haust in der f�nften Etage. Sie werden
kein Licht in seinen Fenstern sehen, aber durch ein Oberlichtfenster f�llt der
Schein auf einen hohen Schornstein. Und tats�chlich erschien, w�hrend er das
Glas nach oben gerichtet hatte, ein gelber Fleck auf den verschmutzten
Klinkern des Schornsteins: Alleline hatte sein B�ro betreten.</p><p>Und der
junge Guillam hat Urlaub n�tig, dachte Mendel. Auch <emphasis>das </emphasis>hatte er
kommen sehen: die harten Burschen, die mit vierzig zusammenklappen. Sie
schieben es beiseite, sie tun, als w�re nichts, suchen Halt bei Erwachsenen,
die sich dann als gar nicht so erwachsen erweisen; und eines Tages ist es
soweit, ihre Helden st�rzen vom Postament, und sie selber sitzen an ihren
Schreibtischen, und die Tr�nen tropfen auf die L�schunterlage. Er hatte den
Telefonh�rer auf den Boden gelegt. Nun nahm er ihn auf und sagte: �Sieht aus,
als w�re das As reingeschl�pft.� Er gab die Nummer des Taxis durch und wartete.
�Wie hat er ausgesehen?� fl�sterte Smiley. �In Eile�, sagte Mendel. �Hat allen
Grund.�</p><p>Der da
wird bestimmt nicht zusammenklappen, befand Mendel anerkennend: typische
Schwammeiche, dieser Smiley. Sieht aus, als k�nnte man ihn mit einem Schubs
umwerfen, aber wenn der Sturm losbricht, ist er der einzige, der am Ende
stehenbleibt. W�hrend dieser �berlegungen fuhr ein zweites Taxi vor, geradewegs
am Vordereingang, und eine hohe, bed�chtige Gestalt kletterte vorsichtig Stufe
f�r Stufe hinauf, wie ein Mann, der auf sein Herz achten mu�.</p><p>�Hier
kommt Ihr K�nig�, fl�sterte Mendel ins Telefon. �Moment noch, der Bube ist
auch da. Sieht aus wie gro�es Treffen der Clans. Hoppla, immer langsam.�</p><p>Ein alter
Mercedes 190 kam aus der Earlham Street geschossen, machte direkt unter seinem
Fenster kehrt und kratzte gerade noch die Kurve bis zum Nordende der Charing
Cross Road, wo er parkte. Ein junger, schwergebauter Mann mit rostbraunem Haar
stieg aus, knallte die T�r zu und wuchtete �ber die Stra�e zum Eingang, ohne
auch nur den Z�ndschl�ssel abgezogen zu haben. Kurz darauf ging ein weiteres
Licht im vierten Stock an, als Roy Bland sich dazugesellte.</p><p>�Jetzt
brauchen wir nur noch zu wissen�, dachte Mendel, �wer kommt wieder raus?�</p><empty-line/><p>In London
bekommt Inspektor Mendel eine Freikarte f�r den Circus, und George Smiley macht
sich auf die Socken</p><p>Lock
Gardens war eine Reihe von vier schmucklosen H�usern aus dem neunzehnten
Jahrhundert, halbmondf�rmig angelegt, jedes mit drei Obergeschossen und einem
Souterrain und einem schmalen ummauerten Hintergarten, der sich zum Regent's
Canal hinunterzog. Sie waren von zwei bis f�nf numeriert: Nummer eins war
entweder eingest�rzt oder nie erbaut worden. Nummer f�nf bildete das Nordende,
und als �sicheres Haus� h�tte man sich nichts Vorteilhafteres denken k�nnen,
denn es gab drei Zug�nge im Umkreis von zehn Metern und der Treidelpfad am
Kanal bot noch zwei weitere. N�rdlich lag die Camden High Street als Verkehrsanschlu�;
s�dlich und westlich lagen die Parks und Primrose Hill. Und was noch hinzukam:
die Gegend war vom sozialen Anstrich her nicht einzustufen und war auch nicht
darauf aus. Einige H�user waren in Ein-Zimmer-Apartments aufgeteilt und hatten
zehn T�rklingeln, wie Schreibmaschinentasten angeordnet. Andere waren vornehm
geworden und hatten nur eine Klingel. Nr. 5 hatte zwei: eine f�r Millie McCraig
und eine f�r ihren Mieter, Mr. Jefferson.</p><p>Mrs.
McCraig war sehr kirchlich eingestellt und sammelte f�r alles, was ihr zuf�llig
eine ausgezeichnete Gelegenheit verschaffte, die Umwohner im Auge zu behalten,
wenn sie auch ihren Sammeleifer kaum so auslegten. Von Jefferson, ihrem
Mieter, wu�te man nur, da� er Ausl�nder war und in der �lbranche und viel auf
Reisen. Lock Gardens war sein <emphasis>pied-�-terre. </emphasis>Wenn die
Nachbarn ihm �berhaupt Aufmerksamkeit schenkten, so fanden sie ihn sch�chtern
und respektabel. Den gleichen Eindruck h�tten sie auch von George Smiley
gewonnen, wenn sie ihn zuf�llig an jenem Abend um neun Uhr im tr�ben
Eingangslicht gesehen h�tten, ehe Millie McCraig ihn ins Vorderzimmer f�hrte und
die z�chtigen Gardinen zuzog. Sie war eine drahtige schottische Witwe mit
braunen Str�mpfen und gewelltem Haar und der blanken, runzeligen Haut eines
alten Mannes. Zur Ehre Gottes und des Circus hatte sie Bibelschulen in
Mozambique geleitet und ein Seemannsheim in Hamburg, und obwohl sie seit
nunmehr zwanzig Jahren berufsm��ige Lauscherin war, neigte sie noch immer
dazu, alle Mannsbilder als Misset�ter zu behandeln. Er konnte nicht
herausfinden, was sie dachte. Ihr Benehmen war vom Augenblick seines Kommens
an von tiefer und einsamer Schweigsamkeit gepr�gt; sie f�hrte ihn durch das
Haus wie eine Schlo�herrin, deren G�ste l�ngst tot sind.</p><p>Zuerst das
Souterrain, wo sie selber wohnte und das angef�llt war mit Pflanzen und jenem
Sammelsurium alter Postkarten, Messingtischchen und schwarzen geschnitzten
M�beln, das weitgereisten englischen Damen eines bestimmten Alters und Standes
ans Herz gewachsen zu sein scheint. Ja, wenn der Circus ihr nachts etwas
mitteilen wollte, wurde sie �ber den Apparat im Souterrain angerufen. Ja, oben
war ein eigener Anschlu�, aber nur f�r Gespr�che vom Haus nach drau�en. Das
Souterrain-Telefon hatte einen Nebenapparat droben im E�zimmer. Dann hinauf ins
Erdgescho�, einem wahren Heiligtum der kostspieligen Geschmacksverirrung der
Haush�lterin: aufdringliche Regency-Streifen, vergoldete Stilsessel,
Pl�schsofas mit Kordeleinfassung. Die K�che war unbenutzt und verwahrlost.
Dahinter lag ein verglaster Anbau, halb Treibhaus, halb Sp�lk�che, der auf den
verwilderten Garten und den Kanal hinausging. �ber den Fliesenboden verstreut:
eine alte W�schemangel, ein Kupferkessel und Kisten mit Tonic-Water. �Wo sind
die Mikros, Millie?� fragte Smiley, als sie wieder im Wohnzimmer waren.</p><p>Paarweise
angebracht, murmelte Millie, hinter der Tapete eingelassen, zwei Paar in jedem
Raum im Erdgescho�, je ein Paar in jedem der oberen R�ume. Jedes Paar war mit
einem eigenen Aufnahmeger�t verbunden. Er folgte Millie die steile Treppe
hinauf. Das oberste Stockwerk war unm�bliert, mit Ausnahme eines Dachzimmers,
das einen grauen Stahlrahmen mit acht Bandger�ten enthielt, vier oben, vier
unten. �Und Jefferson wei� �ber das alles Bescheid?� Mr. Jefferson, sagte
Millie steif, werde auf Vertrauensbasis behandelt. Dies war der deutlichste
Ausdruck ihrer Mi�billigung Smileys oder ihrer Ehrfurcht vor der christlichen
Ethik, den sie sich gestattete.</p><p>Als sie
wieder unten waren, zeigte sie ihm die Schalter, mit denen das System zu
bedienen war. Es waren Doppelschalter. Wenn Mr. Jefferson oder einer der
Jungens, wie sie sich ausdr�ckte, etwas aufnehmen wollten, mu�te er nur
hingehen und die linke Schalttaste hinunterdr�cken. Sodann war die Anlage auf
Aufnahme gestellt; das Band begann jedoch erst zu laufen, sobald jemand
sprach.</p><p>�Und wo
sind Sie, Millie, w�hrend das alles vor sich geht?� Sie bleibe unten, sagte
sie, als w�re das der Platz einer Frau. Smiley �ffnete Schr�nke und Schubladen,
ging von einem Zimmer zum anderen. Dann wieder zur�ck in die Sp�lk�che mit dem
Blick auf den Kanal. Er nahm eine Taschenlampe und funkte einen Lichtstrahl in
die Dunkelheit des Gartens.</p><p>�Wie sind
die Sicherheitsvorkehrungen?� fragte Smiley und befingerte gedankenvoll den
Lichtschalter an der T�r des Wohnzimmers.</p><p>Ihre
Antwort kam monoton wie eine Litanei: �Zwei volle Milchflaschen auf der
T�rschwelle, dann kann man reinkommen und alles ist in Ordnung. Keine
Milchflaschen, dann darf man nicht reinkommen.� Aus der Richtung des Glashauses
kam ein schwaches Klopfen. Smiley ging wieder zur�ck in die Sp�lk�che, �ffnete
die Glast�r, f�hrte ein hastig gefl�stertes Gespr�ch und kam mit Peter Guillam
herein. �Sie kennen Peter, nicht wahr, Millie?� Es blieb dahingestellt, ob
Millie ihn kannte, ihre kleinen harten Augen hatten sich voll Verachtung auf
ihn geheftet. Er studierte die Schaltanlage und tastete dabei in seiner Tasche.
�Was tut er da? Er darf das nicht tun. Verbieten Sie es ihm.� Wenn sie Bedenken
hege, sagte Smiley, solle sie �ber den Apparat im Souterrain Lacon anrufen.
Millie McCraig r�hrte sich nicht, aber zwei rote Flecken waren auf ihren
ledrigen Wangen erschienen, und sie schnalzte �rgerlich mit den Fingern.
Guillam hatte inzwischen mit einem kleinen Schraubenzieher die Schrauben zu
beiden Seiten der Plastikverkleidung entfernt und sah sich die
dahinterliegenden Dr�hte an. Dann drehte er sehr vorsichtig de linke Taste um
hundertachtzig Grad, wobei er die Dr�hte entsprechend verbog und schraubte die
Verkleidung wieder auf; die �brigen Tasten lie� er unber�hrt.</p><p>�Probieren
wir's mal aus�, sagte Guillam, und w�hrend Smiley hinaufging, um das Bandger�t
zu kontrollieren, sang Guillam &gt;Old Man River&lt; mit der grollenden
Ba�stimme Paul Robesons. �Vielen Dank�, sagte Smiley und schauderte, �das
gen�gt vollauf.� Millie war ins Souterrain hinuntergegangen, um Lacon anzurufen.
Smiley richtete in aller Ruhe die B�hne her. Er stellte die Telefone neben
einen Sessel im Wohnzimmer, dann machte er sich den R�ckzug in die Sp�lk�che
frei. Er holte zwei volle Milchflaschen aus der Coca-Cola-K�hlbox in der K�che
und stellte sie vor die T�r, um im McCraigschen Esperanto zu sagen, da� sie
hereinkommen k�nnten und alles in Ordnung sei. Er zog die Schuhe aus, trug sie
in die Sp�lk�che, machte alle Lichter aus und hatte gerade seinen Posten im
Sessel bezogen, als Mendel seinen Kontrollanruf t�tigte.</p><p>Guillam
hatte w�hrenddessen auf dem Treidelpfad die �berwachung des Hauses wieder
aufgenommen. Dieser Pfad wird eine Stunde vor Einbruch der Dunkelheit f�r die
�ffentlichkeit gesperrt; danach dient er sowohl als Stelldichein f�r Liebespaare
wie als Asyl f�r Clochards; beiden ist, wenn auch aus verschiedenen Gr�nden,
die Dunkelheit unter den Br�cken lieb. In dieser kalten Nacht sah Guillam
jedoch keinen Menschen. Dann und wann raste ein unbesetzter Zug vorbei und
hinterlie� eine noch gr��ere Leere. Seine Nerven waren so gespannt, seine
Erwartungen so mannigfach, da� er einen Augenblick lang die ganze Szenerie dieser
Nacht in apokalyptischen Bildern sah: die Signale auf der Eisenbahnbr�cke
wurden zu Galgen, die victorianischen Lagerh�user mit ihren vergitterten
Fenstern und Gew�lben, die sich vor dem dunstigen Himmel abzeichneten, zu
gigantischen Gef�ngnissen. Nahebei das Rascheln von Ratten und der Gestank von
Brackwasser. Dann erloschen die Lichter im Wohnzimmer, und das Haus lag im Dunkeln,
mit Ausnahme der gelblichen Ritzen zu beiden Seiten von Millies
Souterrain-Fenster. Aus der Sp�lk�che winkte ihm ein d�nner Lichtstrahl �ber
den ungepflegten Garten hinweg. Er nahm eine F�llhalter-Lampe aus der Tasche,
entfernte die silberne Kappe, visierte mit zitternden Fingern den Punkt an, von
dem das Licht gekommen war und signalisierte zur�ck. Von jetzt an konnten sie
nur noch warten.</p><empty-line/><p>Tarr warf
das eingegangene Telegramm Ben zu, zusammen mit der Codeliste zum einmaligen
Gebrauch aus dem Safe. �Los�, sagte er, �verdienen Sie Ihr Geld, Trennen Sie's
auf.�</p><p>�Es ist an
Sie pers�nlich�, wandte Ben ein. �Sehen Sie. Pers�nlich von Alleline nur vom
Adressaten zu entschl�sseln. &lt; Ich darf es nicht anfassen. Es ist topsecret.�</p><p>�Tun Sie,
was er sagt, Ben�, sagte Mackelvore und beobachtete Tarr.</p><p>Zehn
Minuten lang wurde zwischen den drei M�nnern kein Wort gesprochen. Tarr stand
am anderen Ende des Raums, sehr nerv�s vom Warten. Die Kanone hatte er in den
Hosenbund gesteckt, Kolben nach innen, zur Leiste. Seine Jacke lag �ber einem
Stuhl. Der Schwei� hatte sein Hemd am ganzen R�cken festgeklebt. Ben las mit
Hilfe eines Lineals die Zahlengruppen ab und schrieb seine Ergebnisse
sorgf�ltig auf einen Zeichenblock mit Ma�einteilung, der vor ihm lag. Zwecks
besserer Konzentration hatte er die Zunge gegen die Z�hne gepre�t, und jetzt
zog er sie mit einem leisen Schnalzen zur�ck. Dann legte er den Stift weg und
reichte Tarr das Abrei�blatt. �Lesen Sie vor�, sagte Tarr.</p><p>Bens
Stimme war freundlich und ein bi�chen erregt. �&gt;Pers�nlich an Tarr von
Alleline, nur vom Adressaten zu entschl�sseln. Verlange entschieden Aufkl�rung
bzw. Proben vor Erf�llung Ihrer Forderung. Information in Anf�hrung
lebenswichtig f�r Sicherheit der Dienststelle Abf�hrung nicht qualifiziert.
Bedenken Sie Ihre ung�nstige Position hier infolge schimpflichen Verschwindens
stop Mackelvore ist unverz�glich ins Bild zu setzen wiederhole unverz�glich
stop Chef. &lt;�</p><p>Ben war
noch nicht ganz zu Ende, als Tarr bereits seltsam unbeherrscht zu lachen
begann.</p><p>�So ist's
richtig, Percy-Boy!� schrie er. �Ja wiederhole nein! Wissen Sie, warum er
mauert, Herzenslieben? Er nimmt Ma�, um mich in den R�cken zu schie�en! Genauso
hat er mein Ruskim�del erwischt. Wieder seine alte Masche, dieser gemeine Hund.�
Er zauste Bens Haar, schrie ihn an, lachte: �Ich warne Sie, Ben: in diesem
Laden stecken ein paar ganz falsche Fuffziger, also traun Sie keinem einzigen
von ihnen, lassen Sie sich's gesagt sein, oder Sie werden nie gro� und stark
werden!�</p><empty-line/><p>Im dunklen
Wohnzimmer wartete auch Smiley, er sa� allein im unbequemen Sessel der
Haush�lterin, die H�rmuschel des Telefons schmerzhaft gegen den Kopf geklemmt.
Dann und wann murmelte er etwas, und Mendel murmelte zur�ck, meist jedoch
verband sie das Schweigen. Seine Stimmung war m��ig, sogar ein bi�chen tr�be.
Wie ein Schauspieler hatte er Lampenfieber, ehe der Vorhang hochging, ein
Gef�hl, als ob alles Gro�e pl�tzlich zu einem kleinlichen, miesen Ende
zusammenschrumpfte; schlie�lich erschien ihm nach den K�mpfen seines Lebens
sogar der Tod kleinlich und mies. Er war sich keines Siegesgef�hls bewu�t. Wie
so oft, wenn er Furcht empfand, kreisten seine Gedanken um die betroffenen
Menschen. Er hatte keine besonderen Theorien oder fertigen Urteile. Er
�berlegte nur, in welcher Weise jeder einzelne ber�hrt w�rde; und er f�hlte
sich verantwortlich. Er dachte an Jim und Sam und Max und Connie und Jerry
Westerby und die vielen pers�nlichen Treuebande, die zerrissen waren; auf
anderer Ebene dachte er an Ann und die hoffnungslose Verworrenheit ihres
Gespr�chs auf den Klippen Cornwalls; er fragte sich, ob es �berhaupt Liebe
zwischen Menschen gab, die nicht auf irgendeiner Art von Selbstt�uschung
beruhte; am liebsten w�re er einfach aufgestanden und weggegangen, ehe es
passieren w�rde, aber das konnte er nicht. Er machte sich, fast wie ein Vater,
Sorgen um Guillam, fragte sich, wie er die versp�teten M�hen des Erwachsenwerdens
verkraften mochte. Wieder dachte er an den Tag, an dem er Control begrub. Er
dachte �ber Verrat nach und �berlegte, ob es wohl fahrl�ssigen Verrat geben
k�nne, so wie es fahrl�ssige K�rperverletzung gibt. Es best�rzte ihn, da� er
sich so am Ende f�hlte; da� alle intellektuellen oder philosophischen Leitlinien,
an die er sich gehalten hatte, v�llig zusammenbrachen, jetzt, da er sich mit
der Situation des Menschen konfrontiert sah. �Gibt's was?� fragte er Mendel
�ber das Telefon. �Ein paar Betrunkene�, sagte Mendel, �sie singen &gt; Am Tag,
als der Regen kam&lt;.�</p><p>�Nie
geh�rt.�</p><p>Er nahm
den H�rer ans linke Ohr und zog die Pistole aus der Brusttasche seines
Jacketts, wo sie bereits das vorz�gliche Seidenfutter ruiniert hatte. Er
entdeckte die Sicherung und am�sierte sich fl�chtig bei dem Gedanken, da� er
nicht wu�te, welche Stellung &gt;zu&lt; und welche &gt;auf&lt; bedeutete. Er
lie� das Magazin herausgleiten und steckte es wieder hinein und erinnerte
sich, wie er es Hunderte von Malen im Laufen getan hatte, bei den Nacht�bungen
in Sarratt vor dem Krieg; er erinnerte sich daran, da� man immer mit beiden
H�nden scho�, Sir, eine h�lt die Pistole und die andere das Magazin, Sir; und
an jenes Detail der Circus-Folklore, das verlangte, da� er den Zeigefinger der
einen Hand flach an den Lauf legen und den Abzug mit dem anderen dr�cken
sollte. Aber als er es versuchte, war das Gef�hl dabei ausgesprochen
l�cherlich, und er lie� es sein.</p><p>�Geh ein
bi�chen spazieren�, murmelte er, und Mendel sagte: �Nur zu.�</p><p>Die
Pistole noch immer in der Hand, ging er in die Sp�lk�che, lauschte dabei auf
ein Knarren der Bodenbretter, das ihn verraten k�nnte, aber der Boden unter dem
Strohteppich mu�te Zement sein; er h�tte darauf herumh�pfen k�nnen, ohne da�
auch nur eine Schwingung entstanden w�re. Mit der Taschenlampe gab er zwei
kurze Signale, machte eine lange Pause und gab nochmals zwei. Sofort antwortete
Guillam mit drei kurzen Zeichen. �Wieder zur�ck�</p><p>�Verstanden�,
sagte Mendel.</p><p>Er lie�
sich nieder und dachte mi�launig an Ann: den unm�glichen Traum tr�umen. Er
steckte die Pistole in die Tasche. Vom Kanal her das Muhen eines Nebelhorns.
Bei Nacht? Fuhren dort Schiffe bei Nacht? Mu�te ein Auto sein. Wie, wenn Gerald
eine komplette Notstands-Prozedur hatte, �ber die wir nichts wissen? Verbindung
zwischen Fernsprechzellen, einen Auto-Treff? Wie, wenn Poljakow doch einen
Kurier hatte, einen Gehilfen, den Connie nie identifizieren konnte? Das war ihm
alles schon untergekommen. Solche Systeme waren wasserdicht, waren bei Zusammenk�nften
unter allen m�glichen Umst�nden anwendbar. Wenn's ums Handwerkliche geht, ist
Karla ein Pedant. Und seine fixe Idee, da� er beschattet wurde? Was war damit?
Was war mit dem Schatten, den er nicht gesehen, nur gef�hlt hatte, bis sein
R�cken unter dem beharrlichen Blick seines Beobachters zu kribbeln schien; er
hatte nichts gesehen, nichts geh�rt, nur gef�hlt. Er war zu alt, um die Warnung
in den Wind zu schlagen. Das Knarren einer Stufe, die sonst nie geknarrt
hatte; das Klappern eines Fensterladens, obwohl kein Wind ging; das Auto mit
anderen Nummernschildern, aber dem gleichen Kratzer auf dem inneren Kotfl�gel:
das Gesicht in der U-Bahn, das man bestimmt schon irgendwo gesehen hatte: er
hatte einmal jahrelang mit diesen Zeichen gelebt; jedes einzelne von ihnen war
ein ausreichender Grund gewesen, sich zu ver�ndern, die Stadt zu wechseln,
die Identit�t. Denn in diesem Beruf gibt es keine blo�en Zuf�lle.</p><p>�Einer
geht�, sagte Mendel pl�tzlich. �Hallo?�</p><p>�Bin da.�</p><p>Jemand sei
gerade aus dem Circus gekommen, sagte Mendel. Vordert�r, aber er konnte nicht
genau feststellen, wer es war. Trug Regenmantel und Hut. Bullig, rascher Schritt.
Er mu�te ein Taxi vor die T�r bestellt haben und direkt eingestiegen sein.
�F�hrt nach Norden, in Ihre Richtung.�</p><p>Smiley
schaute auf seine Uhr. Gib ihm zehn Minuten, dachte er. Gib ihm zw�lf, er wird
unterwegs haltmachen und Poljakow anrufen m�ssen. Dann dachte er: sei nicht
albern, das hat er bereits vom Circus aus erledigt. �Ich lege auf�, sagte
Smiley. �Cheers�, sagte Mendel.</p><p>Guillam
auf dem Treidelpfad las drei lange Lichtzeichen. Der Maulwurf ist unterwegs.</p><p>In der
Sp�lk�che hatte Smiley noch einmal seine Piste gepr�ft, drei Liegest�hle
beiseite geschoben und an die W�schemangel eine Schnur gebunden, die ihm als
Leitseil dienen sollte, denn im Dunkeln sah er schlecht. Die Schnur f�hrte zur
offenen K�chent�r, die K�che f�hrte sowohl ins Wohnzimmer wie ins Speisezimmer,
die beiden T�ren lagen nebeneinander. Die K�che war ein langgestreckter Raum,
genau gesagt ein Anbau, ehe das Glashaus angef�gt worden war. Er hatte daran
gedacht, das E�zimmer zu benutzen, aber es war zu riskant, und au�erdem konnte
er vom E�zimmer aus keine Signale zu Guillam senden. Also wartete er in der
Sp�lk�che, kam sich l�cherlich vor ohne Schuhe, in Socken, putzte seine Brille,
denn die Hitze seines Gesichts beschlug dauernd die Gl�ser. Hier in der
Sp�lk�che war es viel k�lter. Das Wohnzimmer war von anderen Zimmern umgeben
und �berheizt, die Sp�lk�che dagegen hatte Au�enw�nde, und das Glas und der
Fliesenboden unter den Matten bewirkten, da� seine F��e sich feucht anf�hlten.
Der Maulwurf kommt als erster, dachte er, der Maulwurf spielt den Gastgeber:
das geh�rt zum Protokoll, zu der Farce, wonach Poljakow Geralds Agent ist. Ein
Londoner Taxi ist eine fliegende Bombe. Der Vergleich stieg langsam in ihm auf,
aus den Tiefen seiner unbewu�ten Erinnerung. Das Knattern, wenn es in die
ansteigende Kurve einbiegt, das regelm��ige Tick-tack, w�hrend das Taxameter
stillsteht. Das Halten: wo hat es angehalten, vor welchem Haus, w�hrend wir
alle hier in der Stra�e im Dunkeln warten, unter Tischen kauern oder uns an
Seilen festhalten, vor welchem Haus? Dann das Zuknallen der T�r, die
Entspannung mit der Explosion: wenn du sie h�ren kannst, ist sie nicht f�r dich
bestimmt.</p><p>Aber
Smiley h�rte sie, und sie war f�r ihn bestimmt. Er h�rte die Schritte eines
Paars F��e auf dem Kies, flott und kraftvoll. Sie blieben stehen. Es ist die
falsche T�r, dachte Smiley absurderweise, geh weg. Er hatte die Pistole in der
Hand, die Sicherung nach unten gedr�ckt. Er lauschte noch immer, h�rte nichts.
Du bist auf der Hut, Gerald, dachte er. Du bist ein alter Maulwurf, du
witterst, da� etwas nicht stimmt. Millie, dachte er; Millie hat die
Milchflaschen weggenommen, ein Warnzeichen aufgestellt, ihn verscheucht.
Millie hat uns den Fang verpatzt. Dann h�rte er, wie das Schlo� sich drehte,
einmal, zweimal, es ist ein Banham-Schlo�, erinnerte er sich, mein Gott, wir
sorgen bei Banham f�r Absatz. Nat�rlich: der Maulwurf hatte seine Taschen nach
dem Schl�ssel abgeklopft. Ein nerv�ser Mensch h�tte ihn bereits in der Hand
gehalten, ihn umklammert, auf der ganzen Taxifahrt in seiner Tasche damit
gespielt; nicht so der Maulwurf; der Maulwurf mochte beunruhigt sein, nerv�s
war er nicht. Im gleichen Moment, indem das Schlo� sich drehte, schlug die Klingel
an: auch dies im Hauswarts-Geschmack, hoher Ton, tiefer Ton, hoher Ton. Das
bedeutet, da� es einer von uns ist, hatte Millie gesagt; einer der Jungens,
ihrer Jungen s, Connies Jungens, Karlas Jungens. Die Vordert�r ging auf, jemand
trat ins Haus, er h�rte das Scharren der Fu�matte, er h�rte das Schlie�en der
T�r, er h�rte das Klicken der Lichtschalter und sah einen blassen Streifen
unter der K�chent�r erscheinen, er steckte die Pistole in die Tasche und
wischte sich die Handfl�chen an der Jacke ab, dann nahm er die Pistole wieder
heraus, und im gleichen Augenblick h�rte er eine zweite fliegende Bombe, ein
zweites anhaltendes Taxi und rasche Schritte: Poljakow hatte nicht nur den
Schl�ssel bereitgehalten, er hatte auch das Fahrgeld bereitgehalten: geben
Russen Trinkgelder, fragte er sich, oder sind Trinkgelder undemokratisch?
Wieder schlug die Klingel an, die Vordert�r �ffnete und schlo� sich und Smiley
h�rte das doppelte Klirren, als - wie Ordnung und sauberes Arbeiten es
befahlen - zwei Milchflaschen auf den Dielentisch gestellt wurden.</p><p>Gott sei
mir gn�dig, dachte Smiley voll Entsetzen und starrte auf den alten
Coca-Cola-K�hlschrank neben sich, auf diesen Gedanken bin ich �berhaupt nicht
gekommen: wenn er sie jetzt in die Box h�tte zur�ckstellen wollen?</p><p>Der
Lichtstreifen unter der K�chent�r wurde pl�tzlich heller, als die Lampen im
Wohnzimmer angeschaltet wurden. Eine au�ergew�hnliche Stille senkte sich �ber
das Haus. An das Seil geklammert schob Smiley sich langsam �ber den eiskalten
Boden voran. Dann h�rte er Stimmen. Zuerst waren sie undeutlich. Sie m�ssen
noch am anderen Ende des Zimmers sein, dachte er. Oder vielleicht fangen sie
immer leise an. Jetzt kam Poljakow n�her: er stand am Barwagen und go� Drinks
ein.</p><p>�Wie ist
unsere Tarngeschichte, falls wir gest�rt werden sollten?� fragte er in gutem
Englisch.</p><p>H�bsche
Stimme, erinnerte sich Smiley, melodisch wie die Ihre. Ich habe die B�nder oft
zweimal abgespielt, nur um ihm zuzuh�ren. Connie, Sie sollten ihn jetzt h�ren.</p><p>Vom
entfernten Zimmerende her beantwortete ein ged�mpftes Murmeln jede Frage.
Smiley konnte nichts verstehen. �Wo sollen wir uns wieder sammeln?�</p><p>�Was ist
der Ausweich-Treff ? Haben Sie irgend etwas bei sich, das Sie w�hrend unserer
Unterredung lieber mir �bergeben m�chten, da ich diplomatische Immunit�t
besitze?�</p><p>Es mu� ein
Katechismus sein, dachte Smiley, ein Teil von Karlas Schulungsroutine.</p><p>�Ist
heruntergeschaltet? W�rden Sie bitte nachsehen? Vielen Dank. Was m�chten Sie
trinken?�</p><p>�Scotch�,
sagte Haydon, �und einen verdammt gro�en.� Mit dem Gef�hl �u�erster Ungl�ubigkeit
lauschte Smiley der vertrauten Stimme, die nun genau jenes Telegramm vorlas,
das Smiley vor nur achtundvierzig Stunden ausschlie�lich zu Tarrs H�nden
abgefa�t hatte.</p><p>Dann
lehnte sich einen Augenblick lang ein Teil von Smileys Pers�nlichkeit in offener
Rebellion gegen den anderen auf. Die Woge zornigen Zweifels, die ihn in Lacons
Garten �berschwemmt und seitdem st�ndig wie ein feindlicher Sog sein
Fortschreiten hatte hemmen wollen, schleuderte ihn jetzt auf die Klippen der
Verzweiflung und trieb ihn dann in die Meuterei: Ich weigere mich. Nichts ist
die Zerst�rung eines anderen Menschen wert. Irgendwo mu� der Weg von Schmerz
und Verrat sein Ende finden. Bis dahin gab es keine Zukunft: es gab nur ein
stetes Abgleiten in noch grauenhaftere Versionen der Gegenwart. Dieser Mann war
mein Freund und Anns Geliebter, Jims Freund und, soviel Smiley wu�te, auch Jims
Geliebter; dem Bereich der �ffentlichkeit geh�rte nur der Verrat, nicht der
Mann. Haydon hatte Verrat ge�bt. Als Geliebter, als Kollege, als Freund, als
Patriot; als Mitglied jener unsch�tzbaren Gemeinschaft, die Ann vage als den <emphasis>Set </emphasis>bezeichnete:
in jeder dieser Eigenschaften hatte Haydon nach au�en hin ein einziges Ziel
verfolgt und insgeheim das Gegenteil davon erreicht. Smiley wu�te sehr genau,
da� er nicht einmal jetzt den vollen Umfang dieses haarstr�ubenden Doppelspiels
begriff. Und doch meldete sich bereits etwas in ihm zu Haydons Verteidigung.
War Bill nicht gleichfalls verraten worden? Connies Klage hallte ihm in den
Ohren: �Die armen Kinder. F�r das Empire erzogen, erzogen, um die Meere zu
beherrschen . . . Sie sind der letzte, George, Sie und Bill.� Mit schmerzender
Klarheit sah er einen ehrgeizigen Mann vor sich, der zu gro�en Dingen geboren
war, erzogen zum Herrschen, Teilen und Erobern, dessen Planen und Trachten,
genau wie es bei Percy der Fall war, dem Spiel mit der Weltkugel galt; f�r den
die Wirklichkeit eine k�mmerliche Insel war mit kaum einer Stimme darauf, die
�ber das Wasser reichte. Daher empfand Smiley nicht nur Ekel; sondern, trotz
allem, was dieser Augenblick f�r ihn bedeutete, regte sich Emp�rung gegen die
Institutionen, die er von Amts wegen sch�tzen sollte: �Der Gesellschaftsvertrag
hat seine zwei Seiten�, hatte Lacon gesagt. Die l�ssige Verlogenheit des
Ministers, Lacons schmallippige moralische Selbstgef�lligkeit, die brutale
Gier Percy Allelines: solche M�nner machten jeden Vertrag wertlos: warum sollte
irgendwer ihnen die Treue halten?</p><p>Er wu�te
es nat�rlich. Er hatte die ganze Zeit gewu�t, da� es Bill war. Genau wie
Control es gewu�t hatte, und Lacon, damals in Mendels Haus. Genau wie Connie
und Jim es gewu�t hatten, und Alleline und Esterhase, sie alle hatten
schweigend jenes unausgesprochene Halbwissen geteilt, von dem sie gehofft
hatten, es werde vor�bergehen wie ein Leiden, wenn es nur niemals eingestanden,
niemals diagnostiziert w�rde. Und Ann? Hatte Ann es gewu�t? War dies der
Schatten gewesen, der an jenem Tag auf den Klippen Cornwalls �ber sie beide
gefallen war?</p><p>Das also
war Smiley, wie er jetzt so dastand: ein fetter, barf��iger Spion, wie Ann
sagen w�rde, betrogen in der Liebe und ohnm�chtig im Ha�, im Dunkeln lauernd,
in der einen Hand eine Pistole und in der anderen ein St�ck Schnur. Dann ging
er auf Zehenspitzen, noch immer mit gez�ckter Pistole, an seinem Leitseil
zur�ck in die Sp�lk�che und bis zum Fenster, von wo aus er f�nf kurze
Lichtblitze in rascher Folge signalisierte. Er wartete, bis er die Antwort
erhalten hatte, und kehrte auf seinen Lauscherposten zur�ck.</p><p>Guillam
rannte in solcher Eile den Treidelpfad entlang, da� die Taschenlampe in seiner
Hand wilde Spr�nge machte, bis er eine niedrige Bogenbr�cke und eine
Eisentreppe erreichte, die im Zickzack zur Gloucester Avenue hinauff�hrte.
Droben war das Gitter geschlossen und er mu�te hin�berklettern, wobei er sich
einen �rmel bis zum Ellbogen aufschlitzte. Lacon stand an der Ecke der Princess
Road, er trug seinen alten, derben Mantel und in der Hand eine Aktentasche.</p><p>�Er ist
da. Er ist gekommen�, keuchte er. �Er hat Gerald erwischt.�</p><p>�Ich m�chte
kein Blutvergie�en�, warnte Lacon. �Es mu� in aller Stille erledigt werden.�</p><p>Guillam
gab sich nicht die M�he, zu antworten. Zehn Meter entfernt wartete Mendel in
einem Geheimdienst-Taxi. Sie fuhren zwei Minuten, nicht ganz so lang, und
lie�en das Taxi kurz vor der Steigung halten. Guillam hatte Esterhases
T�rschl�ssel bei sich. Bei Hausnummer 5 stiegen Mendel und Guillam �ber das
Gitter, um kein Ger�usch zu riskieren, und hielten sich auf dem Rasenstreifen.
Guillam blickte sich im Gehen um und glaubte einen Augenblick im
gegen�berliegenden Hauseingang eine lauernde Gestalt zu sehen, ob Mann oder
Frau konnte er nicht sagen; aber als er Mendels Aufmerksamkeit auf die Stelle
lenkte, war sie leer, und Mendel befahl ihm ziemlich barsch, er solle sich
beruhigen. Die Lampe vor dem Eingang brannte nicht. Guillam ging zur T�r,
Mendel wartete unter einem Apfelbaum. Guillam steckte den Schl�ssel hinein,
sp�rte, wie das Schlo� nachgab. Du verdammter Narr, dachte er triumphierend,
warum hast du den Riegel nicht vorgeschoben? Er schob die T�r einen Spalt auf
und z�gerte. Er atmete langsam, f�llte die Lungen zum Angriff. Mendel tat einen
weiteren Sprung nach vorn. Auf der Stra�e gingen zwei Jungen vorbei, sie
lachten laut, weil sie sich in der Nacht f�rchteten. Noch einmal blickte
Guillam sich um, aber die Luft war rein. Er trat in die Diele. Seine
Wildlederschuhe quietschten auf dem Parkett, in der Diele lag kein Teppich. An
der T�r des Wohnzimmers lauschte er so lange, bis endlich die Wut in ihm
Oberhand gewann. Seine ermordeten Agenten in Marokko, seine Verbannung nach
Brixton, die t�gliche Sinnlosigkeit seiner Arbeit, w�hrend er t�glich �lter
wurde und die Jugend ihm durch die Finger rann; die graue Eint�nigkeit, die ihn
umschlo�; seine nachlassende F�higkeit zur Liebe, zum Genu�, zum Lachen; das
st�ndige Abbr�ckeln der einfachen, heroischen Grunds�tze, nach denen er leben
wollte; die Grenzen und Entsagungen, die er sich im Namen schweigender
Pflichterf�llung selber auferlegt hatte; das alles konnte er nun in Haydons
�berheblich l�chelndes Gesicht schleudern. Haydon, einst sein Beichtvater,
Haydon, immer zu einem Scherz, einem Schwatz und einer Tasse Kaffee zu haben;
Haydon, ein Vorbild, nach dem er sein Leben aufgebaut hatte. Mehr, viel mehr.
Jetzt, da er es sah, wu�te er es. Haydon war mehr gewesen als sein Vorbild, er
war seine Inspiration gewesen, der Fackeltr�ger eines gewissen �berholten
Romantizismus, der Inbegriff einer britischen Berufung, die - allein schon weil
sie vage und voller Vorbehalte und schwer zu definieren war � Guillams Leben
bis jetzt einen Sinn gegeben hatte. In diesem Augenblick f�hlte Guillam sich
nicht nur verraten, sondern verwaist. Seine Zweifel, seine Ressentiments, die
sich so lange Zeit nach au�en, gegen die reale Welt gerichtet hatten - gegen
seine Frauen, seine mi�lungenen Liebschaften, st�rzten sich jetzt auf den
Circus und den tr�gerischen Zauber, der sein Glaubensbekenntnis gewesen war.
Mit aller Kraft stie� er die T�r auf und sprang ins Zimmer, die Pistole im
Anschlag. Haydon und ein schwerer Mann mit schwarzer Stirntolle sa�en zu beiden
Seiten eines kleinen Tisches. Poljakow - Guillam erkannte ihn nach den Fotos -
rauchte eine sehr englische Pfeife. Er trug eine graue Strickweste mit
Rei�verschlu�, wie die obere H�lfte eines Monteuranzugs. Er hatte noch nicht
einmal die Pfeife aus dem Mund genommen, als Guillam bereits Haydon beim Kragen
gepackt hielt. Mit einem einzigen Zug hob er ihn aus dem Sessel. Er hatte die
Pistole weggeworfen und wirbelte Haydon von einer Seite zur anderen, sch�ttelte
ihn wie einen Hund und br�llte. Dann erschien ihm pl�tzlich alles sinnlos.
Schlie�lich war das nur Bill, und sie hatten eine Menge zusammen erlebt.
Guillam war zur�ckgewichen, lange bevor Mendel ihn am Arm packte, und er h�rte
Smiley, h�flich wie immer, �Bill und Oberst Viktorow�, wie er sie nannte,
auffordern, die H�nde zu heben und �ber den Kopf zu legen, bis Percy Alleline
hier sei. �Sie haben drau�en niemanden sonst gesehen, oder?� fragte Smiley
Guillam, w�hrend sie warteten.</p><p>�Alles
ruhig wie das Grab�, sagte Mendel und antwortete f�r beide.</p><empty-line/><p>Ein
stilles Haus bekommt viele Besucher</p><empty-line/><p>Es gibt
Augenblicke, die zu vollgepackt sind, als da� man sie zu dem Zeitpunkt, da sie
geschehen, ganz erleben k�nnte. F�r Guillam und alle anderen Anwesenden war
das jetzt der Fall. Smileys fortgesetzte Zerstreutheit und seine h�ufigen
vorsichtigen Blicke aus dem Fenster, Haydons Gleichg�ltigkeit, Poljakows programmgem��e
Entr�stung, seine Forderungen, da� man ihn behandle, wie es einem Mitglied des
diplomatischen Corps zustehe -Forderungen, die Guillam von seinem Sofaplatz aus
in barschen Worten zu erf�llen drohte - das Hereinplatzen Allelines und Blands,
weitere Proteste und die Wallfahrt nach oben, wo Smiley die B�nder abspielte,
das lange d�stere Schweigen, das ihrer R�ckkehr ins Wohnzimmer folgte; die
Ankunft Lacons und schlie�lich Esterhases und Fawns, Millie McCraigs
schweigendes Hantieren mit der Teekanne: alle diese Ereignisse rollten mit
einer b�hnenhaften Unwirklichkeit ab, die genau wie die Fahrt nach Ascot vor
einer Ewigkeit durch die unwirkliche Nachtstunde vertieft wurde. Es stimmte
ferner, da� diese Begebenheiten, zu denen in einem fr�heren Stadium die
k�rperliche Gewaltanwendung gegen Poljakow geh�rte - und ein Schwall russischer
Verw�nschungen gegen Fawn, der ihm trotz Mendels Wachsamkeit einen Schlag
versetzt hatte, der Himmel wei� wohin - wie eine kindische Mini-Verschw�rung
gegen Smileys einziges Ziel wirkten, weswegen er diese Versammlung einberufen
hatte: er wollte Alleline davon �berzeugen, da� Haydon seine einzige Chance
darstellte, mit Karla zu verhandeln und zu retten - im menschlichen, wenn auch
nicht im professionellen Sinn -, was immer von den Netzen, die Haydon verraten
hatte, noch �brig sein mochte. Smiley war nicht erm�chtigt, diese Transaktionen
zu t�tigen, und es schien ihm auch gar nicht daran gelegen zu sein; vielleicht
nahm er an, da� Esterhase und Bland und Alleline die geeigneteren Leute seien,
zu erfahren, welche Agenten theoretisch noch vorhanden waren. Jedenfalls begab
er sich bald nach oben, wo Guillam ihn wiederum ruhelos von einem Raum zum
anderen stapfen h�rte, als er seine Wache an den Fenstern erneut aufnahm.</p><p>W�hrend
sich also Alleline und seine Leutnants zusammen mit Poljakow ins E�zimmer
zur�ckzogen, um dort ihre Gesch�fte unter sich zu besprechen, sa�en die �brigen
schweigend im Wohnzimmer und blickten entweder Haydon an oder geflissentlich
von ihm weg. Er schien ihre Anwesenheit nicht zur Kenntnis zu nehmen. Er sa�
allein, das Kinn in die Hand gest�tzt, in einer Ecke, bewacht von Fawn, und
wirkte recht gelangweilt. Dann war die Besprechung im E�zimmer zu Ende, die
Teilnehmer str�mten heraus, und Alleline vermeldete Lacon, der darauf bestanden
hatte, bei der Unterredung nicht anwesend zu sein, da� man sich in drei Tagen
am gleichen Ort wieder treffen wolle und da� in der Zwischenzeit �der Oberst
Gelegenheit haben wird, seine Vorgesetzten zu konsultieren�. Lacon nickte. Es
h�tte eine Aufsichtsratssitzung sein k�nnen. Der Abzug der Gesellschaft war
sogar noch seltsamer, als ihre Ankunft gewesen war. Besonders der Abschied
zwischen Esterhase und Poljakow verlief dramatisch. Esterhase, der schon immer
lieber den Gentleman gespielt h�tte als den Spion, schien ein �ritterliches
Schauspiel� daraus machen zu wollen und bot Poljakow die Hand, die Poljakow
erbittert ausschlug. Esterhase blickte sich hilflos nach Smiley um, vielleicht
in der Hoffnung, ihn weiter f�r sich einzunehmen, dann zuckte er die Achseln
und legte Bland den Arm um die breiten Schultern. Bald darauf gingen sie
zusammen weg. Sie verabschiedeten sich von niemandem, Bland wirkte furchtbar
ersch�ttert, und Esterhase schien ihn zu tr�sten, obwohl ihm seine eigene
Zukunft in diesem Augenblick kaum rosig erscheinen konnte. Bald darauf kam ein
Funktaxi f�r Poljakow, und auch er ging weg, ohne irgend jemandem auch nur
zuzunicken. Jetzt war das Gespr�ch v�llig verstummt; als der Russe nicht mehr
anwesend war, wurde das Theater erb�rmlich provinziell. Haydon, noch immer von
Fawn und Mendel bewacht, verharrte in seiner gelangweilten Pose. Lacon und
Alleline starrten ihn in stummer Verlegenheit an. Es wurde noch einige Male
telefoniert, vor allem nach Taxis. Einmal kam Smiley von oben herunter und
erw�hnte Tarr. Alleline rief den Circus an und diktierte ein Telegramm nach
Paris des Inhalts, Tarr k�nne in allen Ehren nach England zur�ckkehren, was
immer das bedeuten mochte; und ein zweites an Mackelvore, das Tarr als vertrauensw�rdige
Pers�nlichkeit auswies, was Guillam wiederum Ansichtssache zu sein schien.</p><p>Endlich
kam zur allgemeinen Erleichterung ein fensterloser Lieferwagen aus der <emphasis>Nursery </emphasis>an, und
zwei M�nner stiegen aus, die Guillam noch nie gesehen hatte, der eine gro� und
hinkend, der andere teigig und mit rostbraunem Haar. Schaudernd wurde ihm klar,
da� es Inquisitoren waren. Fawn holte Haydons Mantel aus der Diele, durchsuchte
die Taschen und half ihm respektvoll hinein. In diesem Augenblick mischte
Smiley sich h�flich ein und bestand darauf, da� w�hrend Haydons Gang von der
Vordert�r zum Lieferwagen das Licht in der Diele ausgeschaltet sein und da� die
Begleitmannschaft zahlreich sein m�sse. Guillam, Fawn und sogar Alleline wurden
zu diesem Dienst gezwungen, und schlie�lich schlurfte der ganze Geleitzug mit
Haydon in der Mitte durch den Garten zum Lieferwagen.</p><p>�Nur
vorsichtshalber�, beteuerte Smiley. Niemand hatte Lust, ihm zu widersprechen.
Haydon stieg ein, die Inquisitoren folgten und verschlossen von innen das
Gitter. Als die T�r sich schlo�, hob Haydon eine Hand in einer leutseligen
Geste der Entlassung in Richtung Allelines.</p><p>Erst
sp�ter kamen Guillam die Einzelheiten zum Bewu�tsein, pr�gten sich einzelne
Personen seiner Erinnerung ein: zum Beispiel Poljakows unterschiedsloser Ha�
auf alle Anwesenden von der armen kleinen Millie McCraig aufw�rts - er
entstellte ihn buchst�blich; der Mund verzog sich zu einer wilden, unbez�hmbaren
Hohngrimasse, er wurde wei� und zitterte, aber nicht vor Furcht und nicht vor
Wut. Es war einfach blanker Ha� von einer Art, wie Guillam ihn an Haydon nicht
gesehen hatte; aber schlie�lich war Haydon ein Mann vom gleichen Schlag wie er
selber. F�r Alleline entdeckte Guillam in sich eine heimliche Bewunderung im
Augenblick der Niederlage: Alleline hatte immerhin Haltung gezeigt. Sp�ter
allerdings war Guillam nicht mehr so �berzeugt, da� Percy bei dieser ersten
Konfrontation mit den Tatsachen im vollen Umfang begriffen hatte, was die
Tatsachen wirklich waren: trotz allem war er noch immer der Chef, und Haydon
noch immer sein Jago.</p><p>Aber das
Seltsamste war f�r Guillam, da� es in dem Augenblick, als sie in das Zimmer
st�rzten, f�r ihn eines Willensaktes bedurfte, und zwar eines betr�chtlichen,
um Bill Haydon etwas anderes als Zuneigung entgegenzubringen. Diese Einsicht
nahm er mit nach Hause und �berdachte sie gr�ndlicher, als es seiner Gewohnheit
entsprach. Vielleicht war er, wie Bill sagen w�rde, endlich erwachsen geworden.
Und das Sch�nste war - als er am selben Abend die Treppe zu seiner Wohnung
hinaufstieg, t�nten ihm die vertrauten T�ne von Camillas Fl�te entgegen. Und
wenn Camilla auch in jener Nacht einiges von ihrem geheimnisvollen Zauber
verlor, so war es ihm doch bis zum Morgen gelungen, sie aus den Schlingen von
Abscheulichkeit und Entt�uschung zu l�sen, in die er sie verstrickt hatte.</p><p>Auch in
anderer Hinsicht nahm sein Leben in den n�chsten Tagen eine Wendung zum
Besseren. Percy Alleline war auf unbestimmte Zeit beurlaubt worden. Smiley
wurde gebeten, vorl�ufig zur�ckzukommen und das, was �briggeblieben war,
ausfegen zu helfen. Man sprach davon, da� Guillam aus Brixton befreit werden
sollte. Erst vie l, viel sp�ter erfuhr er, da� das Drama noch einen letzten Akt
gehabt hatte, und da� jener vertraute Schatten, der nun endlich einen Namen
hatte, Smiley aus gutem Grund durch die n�chtlichen Stra�en von Kensington
gefolgt war.</p><empty-line/><p>Inmitten
der Nacht unter klarem Himmel beim Mondenschein</p><empty-line/><p>W�hrend
der folgenden zwei Tage lebte George Smiley in einer Schattenwelt. Seine
Nachbarn fanden, wenn sie seiner ansichtig wurden, da� er einem zehrenden
Kummer verfallen sei. Er stand sp�t auf, tr�delte im Schlafrock im Haus herum,
machte sauber, wischte Staub, kochte sich Mahlzeiten, die er nicht a�. Am Nachmittag
z�ndete er v�llig gegen die ungeschriebenen Gesetze seiner Umgebung ein
Kohlenfeuer an, setzte sich davor und las seine deutschen Dichter oder schrieb
Briefe an Ann, die er selten vollendete und niemals zur Post gab. Wenn das
Telefon klingelte, lief er rasch hin, nur um jedesmal entt�uscht zu werden.
Drau�en war das Wetter nach wie vor miserabel, und die wenigen Passanten -
Smiley beobachtete sie st�ndig � waren vermummt wie arme Leute vom Balkan.
Einmal rief Lacon an und �bermittelte eine Bitte des Ministers, Smiley solle
�mithelfen, den Stall im Cambridge Circus auszumisten, wenn eine solche Aufforderung
erginge�, in Wahrheit den Nachtw�chter spielen, bis ein Ersatz f�r Percy
Alleline gefunden w�re. Smiley antwortete ausweichend und legte Lacon nochmals
ans Herz, er solle mit �u�erster Umsicht �ber Haydons k�rperliche Sicherheit
w�hrend des Aufenthalts in Sarratt wachen.</p><p>�Dramatisieren
Sie nicht ein bi�chen?� meinte Lacon. �Der einzige Platz auf der Welt, wohin
er gehen kann, ist Ru�land, und dorthin schicken wir ihn ohnedies.�</p><p>�Wann? Wie
bald?�</p><p>Die
Ausarbeitung der Einzelheiten w�rden noch ein paar Tage in Anspruch nehmen.
Smiley verschm�hte es in seiner Erschlaffung nach einem Zustand der
Hochspannung zu fragen, ob es mit dem Verh�r vorangehe, aber Lacons Verhalten
legte nahe, da� die Antwort schlecht gewesen w�re. Mendel brachte ihm handfestere
Kost.</p><p>�Der
Bahnhof Immingham ist geschlossen�, sagte er. �Sie werden in Grimsby aussteigen
und auf Schusters Rappen laufen oder einen Bus nehmen m�ssen.�</p><p>H�ufig sa�
Mendel einfach da und beobachtete ihn wie einen Kranken. �Das Warten bringt sie
nicht zur�ck, oder?� sagte er. �Fr�her mal ging der Berg zu Mohammed. Ein
zaghaft Herz hat nie die Sch�nste heimgef�hrt, wenn ich so sagen darf.� Am
Morgen des dritten Tages klingelte es an der T�r, und Smiley ging so schnell
�ffnen, als k�nne es nur Ann sein, die wie �blich ihren Schl�ssel verlegt
hatte. Es war Lacon. Smiley werde in Sarratt ben�tigt, sagte er; Haydon
bestehe darauf, mit ihm zu sprechen. Die Inquisitoren hatten nichts erreicht,
und die Zeit wurde knapp. Man war sich dar�ber einig, wenn Smiley als
Beichtvater fungierte, w�rde Haydon ein Teilbekenntnis ablegen. �Es wurde mir
versichert, da� kein Zwang ausge�bt wurde�, sagte Lacon.</p><p>Sarratt
war ein tr�ber Anblick nach dem Glanz, an den Smiley sich erinnerte. Die
meisten Ulmen waren dem Borkenk�fer zum Opfer gefallen; Lichtmaste waren aus
dem alten Kricketplatz hochgeschossen. Auch das Haus selber, ein weitl�ufiges,
aus Ziegeln erbautes Herrenhaus, war seit der Bl�tezeit des Kalten Krieges in
Europa sehr heruntergekommen, und der gr��te Teil des besseren Mobiliars schien
verschwunden zu sein, er vermutete, in eines von Allelines H�usern. Er fand
Haydon in einer Nissenh�tte, die unter B�umen versteckt war.</p><p>Drinnen
herrschte der Mief einer Wachstube, die W�nde waren schwarz bemalt und die
hochgelegenen Fenster vergittert. In den Zimmern zu beiden Seiten waren
Wachmannschaften, und sie empfingen Smiley respektvoll und nannten ihn Sir.
Offenbar hatte sich einiges herumgesprochen.</p><p>Er trug
einen Drillichanzug, zitterte und klagte �ber Schwindel. Mehrmals mu�te er sich
aufs Bett legen, um das Nasenbluten zu stillen. Ihm war so etwas wie ein Bart
gewachsen: anscheinend herrschte Uneinigkeit dar�ber, ob er ein Rasiermesser
bekommen d�rfe. �Kopf hoch�, sagte Smiley. �Bald sind Sie hier weg.� Auf der
Fahrt hierher hatte er versucht, an Prideaux und Irina und an die tschechischen
Netze zu denken, und er hatte sogar Haydons Zimmer noch mit einem vagen Gef�hl
�ffentlicher Verantwortung betreten: irgendwie, dachte er, m��te er ihn im
Namen aller Rechtlichdenkenden verurteilen. Statt dessen kam er sich ziemlich
sch�chtern vor; er sp�rte, da� er Haydon �berhaupt nie gekannt hatte, und
jetzt war es zu sp�t. Er �rgerte sich auch �ber Haydons k�rperlichen Zustand,
aber als er den Wachen Vorw�rfe machte, bekundeten sie Verst�ndnislosigkeit.
Noch �rgerlicher wurde er, als er erfuhr, da� die zus�tzlichen Sicherheitsma�nahmen,
auf denen er bestanden hatte, nach dem ersten Tag gelockert worden waren. Als
er Craddox, den Leiter der <emphasis>Nursery, </emphasis>zu
sprechen verlangte, war Craddox unabk�mmlich und sein Assistent stellte sich
dumm. Die Unterhaltung war stockend und banal.</p><p>Ob Smiley
so freundlich sein wolle, die Post aus seinem Club nachzuschicken und Alleline
zu bestellen, er m�ge seinen Kuhhandel mit Karla ein bi�chen beschleunigen?
Und er ben�tige Taschent�cher, Papiertaschent�cher f�r seine Nase. Da� er st�ndig
weine, erl�uterte Haydon, habe nichts mit Reue oder Schmerz zu tun, es sei eine
rein physische Reaktion auf das, was er die Verbohrtheit der Inquisitoren
nannte, die es sich in den Kopf gesetzt hatten, da� er, Haydon, die Namen
weiterer Karla-Trabanten kenne, und sie unbedingt vor seinem Weggang erfahren
wollten. Au�erdem gebe es eine Richtung, die daf�rhielt, da� Fanshaw von den <emphasis>Christ
Church Optimates </emphasis>als Talentsucher sowohl f�r die Moskauer Zentrale
wie f�r den Circus t�tig gewesen sei. Dazu erkl�rte Haydon: �Ehrlich, was soll
man mit solchen Eseln anfangen?� Trotz seines geschw�chten Zustands gelang es
ihm, den Eindruck zu vermitteln, da� er der einzige verst�ndige Mensch weit
und breit sei. Sie machten einen Spaziergang, und Smiley stellte mit gelinder
Verzweiflung fest, da� im ganzen Umkreis keine Wachen patrouillierten, weder
bei Nacht noch bei Tag. Nach einer Runde bat Haydon, wieder in die H�tte
zur�ckzugehen, wo er ein Fu�bodenbrett losmachte und ein paar mit Hieroglyphen
bedeckte Bl�tter hervorholte. Sie erinnerten Smiley wider Willen an Irinas
Tagebuch. Er hockte sich aufs Bett und sortierte sie, und in dieser Haltung,
dem tr�ben Licht, mit der langen Haarstr�hne, die fast bis auf das Papier hing,
h�tte er wieder wie damals in den sechziger Jahren in Controls B�ro
herumlungern und irgendein wundervoll eing�ngiges und g�nzlich
undurchf�hrbares Projekt zum gr��eren Ruhme Englands entwickeln k�nnen. Smiley
machte sich nicht die M�he, irgend etwas niederzuschreiben, denn es war ihnen
beiden v�llig klar, da� ihr Gespr�ch ohnehin mitgeschnitten wurde. Der Bericht
begann mit einer langen Rechtfertigung, von der Smiley sich sp�ter nur an ein
paar S�tze erinnerte:</p><p>�Wir leben
in einer Zeit, in der nur noch grunds�tzliche Fragen Beachtung verdienen ...�</p><p>�Die
Vereinigten Staaten sind nicht mehr in der Lage, ihre Revolution selber zu
unternehmen ...�</p><p>�Die
politische Potenz des Vereinigten K�nigreichs ist ohne jegliche Relevanz oder
moralische Lebensf�higkeit in der Weltpolitik ...�</p><p>Vielen
dieser Behauptungen h�tte Smiley unter anderen Gegebenheiten zugestimmt: es
war mehr der Ton als die Musik, was ihn abstie�. �Im kapitalistischen Amerika
ist die Unterdr�ckung in einem Ma� institutionalisiert, das nicht einmal Lenin
h�tte vorhersehen k�nnen...�</p><p>�Der Kalte
Krieg begann 1917, aber die schwersten K�mpfe liegen noch vor uns, denn Amerika
wird von seinem Todesdelirium zu immer gr��eren Exzessen in anderen L�ndern
getrieben ...� Er sprach nicht vom Verfall des Westens, sondern von seinem Tod
durch Habgier und Verstopfung. Er hasse Amerika zutiefst, sagte er, und Smiley
nahm es ihm ab. Haydon sah ferner als erwiesen an, da� die Geheimdienste der
einzig reale Ma�stab f�r die politische Gesundheit einer Nation waren, der
einzige reale Ausdruck ihres Unterbewu�tseins.</p><p>Schlie�lich
kam er zu seinem eigenen Fall. In Oxford, sagte er, habe er aufrichtig rechts
gestanden, und im Krieg sei es ziemlich belanglos gewesen, wo man gestanden habe,
solange man gegen die Deutschen k�mpfte.</p><p>Nach '45,
sagte er, habe er sich eine Zeitlang mit Englands Rolle in der Welt
zufriedengegeben, bis ihm nach und nach d�mmerte, wie unbedeutend diese Rolle
gewesen sei. Wie und wann das geschah, blieb ein Geheimnis. Er konnte nicht
angeben, bei welcher Gelegenheit sein historisches Weltbild diesen schweren
Schock erlitten hatte: er wu�te nur, wenn England nicht mehr mit von der Partie
sei, so werde sich der Fischpreis nicht um einen Penny �ndern. Er hatte sich
oft selber die Frage gestellt, auf welcher Seite er stehen werde, wenn die
entscheidende Pr�fung jemals k�me; nach langem �berlegen hatte er sich
schlie�lich eingestehen m�ssen: falls nur einer der beiden Monolithen die
Schlacht gewinnen sollte, w�rde ihm der Osten als Sieger lieber sein. �Es ist
unter anderem auch ein �sthetisches Urteil�, erkl�rte er und blickte auf.
�Nat�rlich zum Teil auch ein moralisches.�</p><p>�Nat�rlich�,
sagte Smiley h�flich.</p><p>Von da an,
sagte er, sei es nur eine Zeitfrage gewesen, bis er seine Kr�fte dort
einsetzte, wo seine �berzeugungen lagen. Das war die Ernte des ersten Tages.
Eine wei�e Absonderung hatte sich auf Haydons Lippen gebildet, und seine Augen
begannen wieder zu tr�nen. Sie beschlossen, sich anderentags um die gleiche
Zeit wiederzusehen.</p><p>�Es w�re
gut, wenn wir ein bi�chen ins Detail gehen k�nnten, Bill�, sagte Smiley, als er
sich verabschiedete. �Ach, noch eins, sagen Sie's Jan, ja?� Haydon lag auf dem
Bett und betupfte sich wieder die Nase. �Ist v�llig egal, was Sie sagen,
Hauptsache, Sie machen's endg�ltig.� Er setzte sich auf, schrieb einen Scheck
aus und steckte ihn in einen braunen Umschlag. �Geben Sie ihr das f�r die
Milchrechnung.� Da er vielleicht bemerkte, da� Smiley von diesem Auftrag nicht
gerade entz�ckt war: �Schlie�lich kann ich sie nicht gut mitnehmen, oder?
Sogar wenn man sie r�berlie�e, w�re sie blo� ein verdammter Klotz am Bein.�</p><p>Am
gleichen Abend noch fuhr Smiley nach Haydons Anweisung mit der U-Bahn nach
Kentish Town und machte eine Cottage in einem noch nicht modernisierten G��chen
ausfindig. Ein unansehnliches blondes M�dchen in Jeans �ffnete ihm, es roch
nach �lfarbe und Baby. Er wu�te nicht mehr, ob er sie schon einmal in der
Bywater Street getroffen hatte, daher begann er: �Ich komme von Bill Haydon. Es
geht ihm soweit gut, aber ich soll Ihnen einiges von ihm bestellen.�</p><p>�Herrje�,
sagte das M�dchen sanft. �Ist auch wahrhaftig Zeit.� Das Wohnzimmer war
sch�big. Durch die K�chent�r sah er einen Stapel schmutzigen Geschirrs und
schlo� daraus, da� sie alles benutzte, solange der Vorrat reichte, und dann im
gro�en abwusch. Der Fu�boden war kahl bis auf langgestreckte psychedelische
Muster aus Schlangen und Blumen und Insekten. �Das ist Bills Michelangelo-Decke�,
sagte sie im Konversationston. �Er wird sich nur dabei nicht Michelangelos
R�ckenschmerzen zuziehen. Kommen Sie von der Regierung?� fragte sie und
z�ndete sich eine Zigarette an. �Er arbeitet f�r die Regierung, hat er mir
gesagt.� Ihre Hand zitterte, und sie hatte gelbe Monde unter den Augen.</p><p>�Also, als
erstes soll ich Ihnen das da geben�, sagte Smiley, tauchte in eine Innentasche
und reichte ihr den Umschlag mit dem Scheck.</p><p>�Brot�,
sagte das M�dchen und legte den Umschlag neben sich. �Brot�, sagte Smiley und
grinste genau wie sie, dann aber bewirkte irgend etwas in seinem
Gesichtsausdruck oder die Art, wie er dieses eine Wort wiederholt hatte, da�
sie den Umschlag nahm und ihn aufri�. Es lag kein Brief darin, nur der Scheck,
aber der Scheck gen�gte: sogar von seinem Platz aus konnte Smiley sehen, da�
die Zahl vierstellig war.</p><p>Wie eine
Schlafwandlerin ging sie hin�ber zum Kamin und legte den Scheck zu den
Haushaltsrechnungen in eine alte Blechdose auf dem Kaminsims. Dann ging sie in
die K�che und bereitete zwei Tassen Neskaffee, kam aber nur mit einer wieder
heraus. �Wo ist er?� sagte sie. Sie stand vor ihm. �Er ist wieder mal mit
diesem rotzn�sigen kleinen Matrosen abgehauen, wie? Und das ist die Abfindung,
ja? Na, Sie k�nnen ihm verdammt noch mal von mir sagen . . .�</p><p>Smiley
hatte solche Szenen schon �fter erlebt, und nun kamen ihm l�cherlicherweise die
�blichen Worte auf die Zunge: �Bill erf�llt zur Zeit einen Auftrag von
nationaler Bedeutung. Es tut mit leid, aber wir d�rfen nicht dar�ber sprechen,
und Sie d�rfen es auch nicht. Er ist vor ein paar Tagen zu einem geheimen
Einsatz ins Ausland gegangen. Er wird l�ngere Zeit fort sein. Er durfte keinem
Menschen etwas von seiner Abreise sagen. Er bittet Sie, ihn zu vergessen.
Glauben Sie mir, es tut mir sehr leid. Soweit war er gekommen, als sie
losplatzte. Er h�rte nicht alles, was sie sagte, denn sie tobte und schrie, und
als das Baby es h�rte, fing es droben ebenfalls zu schreien an. Sie stie�
Beschimpfungen aus, nicht gegen ihn, nicht einmal speziell gegen Bill, sie
schimpfte und fluchte einfach tr�nenlos und fragte, wer zum Teufel, wer
verdammt, verdammt noch mal heutzutage noch der Regierung vertraue? Dann schlug
ihre Stimmung um. An den Wanden sah Smiley lauter Bilder, die Bill gemalt hatte,
haupts�chlich von dem M�dchen: nur wenige waren fertig, und sie hatten etwas
Verkrampftes, fast Gehetztes im Vergleich zu seinen fr�heren Arbeiten.</p><p>�Sie m�gen
ihn nicht, wie? Das wei� ich�, sagte sie. �Warum erledigen Sie dann die
Dreckarbeit f�r ihn?�</p><p>Auch auf
diese Frage schien es keine unmittelbare Antwort zu geben. Auf dem R�ckweg zur
Bywater Street hatte er wiederum den Eindruck, verfolgt zu werden, und
versuchte Mendel anzurufen, ihm die Nummer eines Taxis durchzugeben, das ihm
zweimal aufgefallen war, und ihn um sofortige Nachforschungen zu bitten. Doch
Mendel war ausnahmsweise bis nach Mitternacht au�er Haus: Smiley schlief
unruhig und erwachte um f�nf Uhr. Um acht war er bereits wieder in Sarratt, wo
er Haydon in festlicher Stimmung antraf. Die Inquisitoren hatten ihn nicht mehr
bel�stigt; Craddox hatte ihm gesagt, da� der Austausch genehmigt sei und da� er
sich bereithalten solle, morgen oder �bermorgen abzureisen. Seine Bitten
klangen wie Abschiedsworte: man m�ge ihm sein restliches Gehalt und die Erl�se
aus etwaigen Verk�ufen in seinem Namen auf die Moskauer Narodny-Bank
�berweisen, die ihm auch seine Post zustellen werde. Die Galerie Arnolfini in
Bristol habe einige seiner Bilder, darunter ein paar fr�he Aquarelle von
Damaskus, die er wiederhaben wollte. Ob Smiley bitte daf�r sorgen k�nne? Dann,
die Tarnung f�r sein Verschwinden:</p><p>�Ziehen
Sie es m�glichst lang hin�, riet er. �Sagen Sie, ich h�tte dringend verreisen
m�ssen, machen Sie es m�glichst geheimnisvoll, lassen Sie ein paar Jahre dr�ber
vergehen, dann machen Sie mir den Garaus ...�</p><p>�Ach, ich
glaube, wir kriegen das schon hin, vielen Dank�, sagte Smiley.</p><p>Zum
erstenmal, seit Smiley ihn kannte, machte Haydon sich Gedanken wegen seiner
Kleidung. Er wolle bei seiner Ankunft nach etwas aussehen, sagte er: der erste
Eindruck sei so wichtig. �Diese Moskauer Schneider sind indiskutabel. Putzen
einen auf wie einen Commis.�</p><p>�Genau�,
sagte Smiley, dessen Meinung �ber Londoner Schneider keineswegs besser war.</p><p>Ach, und
da sei noch ein Junge, f�gte er nonchalant hinzu, ein Freund bei der Marine,
wohnte in Notting Hill. �Am besten geben Sie ihm ein paar Hunderter, damit er
die Klappe h�lt. K�nnen Sie das aus dem Reptilienfonds bestreiten?�</p><p>�Bestimmt.�</p><p>Er schrieb
eine Adresse auf. Dann ging Haydon in der gleichen kameradschaftlichen Tonart
auf das ein, was Smiley die Details genannt hatte.</p><p>Er lehnte
es ab, �ber irgendeine Einzelheit seiner Anwerbung oder seiner lebenslangen
Verbindung zu Karla zu sprechen. �Lebenslang?� wiederholte Smiley prompt. �Wann
lernten Sie ihn kennen?�</p><p>Die
gestrigen Versicherungen erschienen pl�tzlich sinnlos, aber Haydon wollte nicht
ausf�hrlicher werden. Etwa von 1950 an hatte Haydon � wenn man ihm Glauben
schenken konnte � Karla gelegentlich mit ausgew�hlten Geheiminformationen
best�ckt. Diese fr�hen Zuwendungen beschr�nkten sich auf solche Enth�llungen,
die seiner Ansicht nach die russischen Interessen gegen�ber den Vereinigten
Staaten direkt f�rdern w�rden; er hatte �streng darauf geachtet, ihnen nichts
zu geben, was uns selber schaden k�nnte�, wie er sich ausdr�ckte, oder was den
Au�enagenten h�tte schaden k�nnen.</p><p>Das
Suez-Abenteuer von '56 hatte ihn endg�ltig von der Unhaltbarkeit der
britischen Situation �berzeugt und von dem Talent Englands, den Gang der
Geschichte zu hemmen, w�hrend es andererseits nicht in der Lage war, positive
Beitr�ge zu leisten. Das Erlebnis, wie die Amerikaner das britische Eingreifen
in �gypten sabotierten, war paradoxerweise ein weiterer Beweggrund. Deshalb
w�rde er sagen, da� er von '56 an ein �berzeugter hundertprozentiger
sowjetischer Maulwurf war. 1961 bekam er die sowjetische Staatsb�rgerschaft und
im Verlauf der folgenden zehn Jahre zwei sowjetische Orden - kurios, er wollte
nicht sagen, welche, betonte jedoch, da� sie �erste Klasse� seien. Leider
beschr�nkten Eins�tze in fernen L�ndern w�hrend dieser Zeit seinen Zugriff; und
da er darauf bestand, da� nach seinen Informationen wenn irgend m�glich auch
praktisch zu handeln sei -�da� sie nicht blo� in irgendeinem bl�den
Sowjetarchiv verschimmeln�, war seine Arbeit sowohl gef�hrlich wie qualitativ
unterschiedlich. Bei seiner R�ckkehr nach London schickte Karla ihm Polly
(offenbar der Haus-Name f�r Poljakow), als Gehilfen, aber Haydon fand den
st�ndigen Druck der heimlichen Zusammenk�nfte auf die Dauer schwer ertr�glich,
vor allem, wenn er die von ihm fotografierten Materialmengen bedachte. Er
lehnte es ab, �ber Kameras, Ausr�stung, Bezahlung oder handwerkliche Verfahren
w�hrend dieser Vor-Merlin-Periode in London zu sprechen, und Smiley war sich
die ganze Zeit dessen bewu�t, da� sogar das Wenige, was Haydon ihm erz�hlte,
mit �u�erster Sorgfalt aus einer gr��eren und vielleicht anderen Wahrheit herausgesucht
war.</p><p>Inzwischen
erhielten sowohl Karla wie Haydon Hinweise, wonach Control Unrat wittere.
Gewi�, Control war krank, aber es war v�llig klar, da� er niemals freiwillig
die Z�gel aus der Hand geben w�rde, wenn die M�glichkeit bestand, da� er mit
Karla den Geheimdienst zum Geschenk machte. Es war ein Rennen zwischen Controls
Nachforschungen und seiner Gesundheit. Zweimal w�re er um ein Haar f�ndig
geworden - wiederum lehnte Haydon ab zu sagen, wie, und wenn Karla nicht unverz�glich
reagiert h�tte, w�re der Maulwurf Gerald in die Falle gegangen. Aus dieser
nervenaufreibenden Situation war zuerst Merlin entstanden und schlie�lich die
Operation <emphasis>Testify, Witchcraft </emphasis>war in
erster Linie geschaffen worden, um die Nachfolge zu sichern: um Alleline zum
Thronanw�rter zu machen und Controls Abgang zu beschleunigen. Zweitens
verschaffte <emphasis>Witchcraft </emphasis>nat�rlich der Zentrale v�llige
Verf�gungsgewalt �ber das nach Whitehall gelangende Material. Als drittes - und
in der Folge wichtigstes Ergebnis, betonte Haydon - machte <emphasis>Witchcraft
</emphasis>den Circus zu einer wichtigen Waffe gegen das amerikanische Ziel.</p><p>�Wieviel von
dem Material war echt?� fragte Smiley. Selbstverst�ndlich variierte das Niveau
je nachdem, was man zu erreichen beabsichtigte, sagte Haydon. Theoretisch war
die Herstellung sehr einfach: Haydon mu�te Karla nur benachrichtigen, auf
welchen Gebieten Whitehall keine Informationen besa�, und die Hersteller
schrieben prompt dar�ber. Ein paarmal, sagte Haydon, habe er einfach aus Spa�
selber einen Bericht geschrieben. Es war eine am�sante �bung, die eigene Arbeit
zu erhalten, auszuwerten und zu verteilen. Die Vorteile <emphasis>Witchcrafts
</emphasis>f�r interne Arbeitsm�glichkeiten waren nat�rlich unsch�tzbar. Haydon
wurde dadurch praktisch Controls Zugriff entzogen und hatte eine gu�eiserne
Tarngeschichte, um Polly so oft zu treffen, wie er wollte. H�ufig vergingen
Monate, ohne da� sie einander sahen. Haydon fotografierte Circus-Dokumente in
der Abgeschlossenheit seines B�ros - offiziell bereitete er die Abfallprodukte
f�r Polly vor -, gab sie, zusammen mit einem weiteren Haufen wertlosen Zeugs
Esterhase und lie� sie von ihm zu dem sicheren Haus &lt; im Lock Gardens
bef�rdern. �Es war ein klassisches Spiel�, sagte Haydon schlicht. �Percy
f�hrte, ich folgte, Roy und Toby �bernahmen die Lauferei.� Hier fragte Smiley
h�flich, ob Karla je daran gedacht habe, Haydon selber den Circus �bernehmen
zu lassen: warum sich �berhaupt mit einem Strohmann belasten? Haydon
antwortete nicht, und Smiley stellte sich vor, da� Karla, genau wie Control,
sehr wohl der Ansicht gewesen sein mochte, Haydon sei f�r eine untergeordnete
Rolle besser geeignet.</p><p>Die
Operation <emphasis>Testify, </emphasis>sagte Haydon, sei eine Art
Verzweiflungstat gewesen. Haydon war �berzeugt, da� Control der Wahrheit schon
sehr nahe gekommen sei. Eine Analyse der Akten, die er sich kommen lie�, ergab
ein beunruhigendes komplettes Inventar der Operationen, die Haydon hatte
hochgehen lassen oder anderswie zum Platzen gebracht hatte. Ferner war es
Control gelungen, das Feld auf Beamte eines bestimmten Alters und Dienstrangs
zu beschr�nken ...</p><p>�War
�brigens Stevceks urspr�ngliches Angebot echt?� fragte Smiley.</p><p>�Lieber
Himmel, nein�, sagte Haydon echt schockiert. �Es war von Anfang an eine Falle.
Nat�rlich gab es Stevcek wirklich. Er war ein hoher tschechischer General. Aber
er hat nie irgend jemandem ein Angebot gemacht.�</p><p>Hier sp�rte
Smiley, wie Haydon z�gerte. Zum erstenmal schien er gewisse Bedenken bez�glich
der moralischen Vertretbarkeit seiner Handlungen zu haben. Sein Verhalten wurde
deutlich defensiv.</p><p>�Nat�rlich
mu�ten wir Gewi�heit haben, da� Control reagieren w�rde und wie er reagieren
w�rde . . . und wen er schicken w�rde. Wir konnten nicht zulassen, da� er
irgendeinen lahmarschigen kleinen Pflastertreter schickte: es mu�te eine
Kanone sein, wenn die Geschichte hieb- und stichfest sein sollte. Wir wu�ten,
da� er sich nur f�r jemanden von au�erhalb der Zentrale entscheiden w�rde, und
f�r jemanden, der keinen Zugang zum <emphasis>Witcbcraft-Material </emphasis>hatte.
Wenn wir einen Tschechen anbrachten, mu�te er jemanden schicken, der
tschechisch sprach, ganz klar.�</p><p>�Ganz
klar.�</p><p>�Wir
wollten einen alten Circus-Mann: einen, der Schlagzeilen machen w�rde.�</p><p>�Ja�,
sagte Smiley und erinnerte sich an die keuchende, schwitzende Gestalt auf dem
H�gel. �Ja, ich sehe die Logik dieses Arguments ein.�</p><p>�Verdammt
noch mal, ich hab' ihn wieder rausgekriegt�, fuhr Haydon ihn an.</p><p>�Ja, das
war sehr freundlich von Ihnen. Sagen Sie, hat Jim Sie aufgesucht, ehe er wegen
dieses <emphasis>Testify-</emphasis>Auftrags abfuhr?�</p><p>�Ja, das
hat er tats�chlich getan.�</p><p>�Und was
wollte er Ihnen sagen?�</p><p>Haydon z�gerte
lange, sehr lange, dann antwortete er gar nicht. Aber trotzdem war die Antwort
da, in der pl�tzlichen Leere der blassen, hellen Augen, in dem Schatten der
Schuld, der sich �ber das schmale Gesicht legte. Er ist gekommen, um dich zu
warnen, dachte Smiley; weil er dich liebte. Um dich zu warnen, genau wie er zu
mir kam, um mir zu sagen, Control sei �bergeschnappt, mich aber nicht antraf,
weil ich in Berlin war. Jim hat dir den R�cken gedeckt bis zum bitteren Ende.</p><p>Ferner,
sagte Haydon, mu�te es ein Land sein, das erst vor kurzem eine Gegenrevolution
durchgemacht hatte: die Tschechoslowakei sei das einzig Richtige gewesen.
Smiley schien nicht genau zuzuh�ren.</p><p>�Warum
haben Sie ihn wieder rausgeholt?� fragte er. �Aus alter Freundschaft? Weil er
harmlos war und Sie alle Karten in der Hand hielten?�</p><p>Es war
nicht nur das, erkl�rte Haydon. Solange Jim in einem tschechischen � er sagte
nicht russischen - Gef�ngnis sa�, h�tte man Wind um ihn gemacht und ihn als
eine Art Schl�sselfigur betrachtet. Aber sobald er zur�ck w�re, w�rde in
Whitehall jeder alles tun, damit er den Mund nicht aufmachte: das wurde bei
R�ckf�hrungen immer so gemacht.</p><p>�Ich bin
�berrascht, da� Karla ihn nicht einfach erschossen hat. Oder hat er aus purer
Feinf�hligkeit Ihnen gegen�ber davon Abstand genommen?�</p><p>Aber
Haydon war schon wieder in halbgare politische Dogmen versunken.</p><p>Dann
begann er �ber sich selbst zu sprechen, und schon schien er f�r Smileys Augen
sichtlich zu etwas ganz Kleinem und Miesem zusammenzuschrumpfen. Er war tief
ber�hrt von der Meldung, da� Ionesco uns k�rzlich ein St�ck versprochen habe,
in dem der Held beharrlich schweige und alle um ihn unaufh�rlich redeten. Wenn
einmal die Psychologen und die Mode-Historiker ihre Verteidigungsreden f�r ihn
schreiben w�rden, so erinnerten sie sich hoffentlich, da� er selber sich
genauso gesehen habe. Als K�nstler habe er schon mit siebzehn Jahren alles
gesagt, was er zu sagen hatte, und irgend etwas m�sse man ja auch mit seinen
sp�teren Jahren anfangen. Er bedauere schrecklich, da� er nicht ein paar seiner
Freunde mitnehmen k�nne. Er hoffe, Smiley werde seiner in Zuneigung gedenken.
Smiley h�tte ihm an dieser Stelle nur zu gern gesagt, da� er keineswegs
vorhabe, in diesem Sinn an ihn zu denken, und er h�tte noch manches andere gern
gesagt, aber es schien keinen Sinn zu haben, und Haydon hatte wieder
Nasenbluten bekommen. �Ach, und ich sollte Sie noch bitten, jede Publicity zu
vermeiden. Miles Sercombe liegt kolossal daran.�</p><p>Hier
gelang Haydon ein Lachen. Nachdem er im stillen den ganzen Circus
durcheinander gebracht habe, sagte er, wolle er nun nicht den Proze� vor der
�ffentlichkeit wiederholen. Ehe er ging, stellte Smiley die eine Frage, die ihm
noch immer am Herzen lag.</p><p>�Ich werde
es Ann sagen m�ssen. Gibt es irgend etwas, das ich ihr bestellen soll?�</p><p>Es
erforderte einiges Hin- und Herreden, ehe ihm die Bedeutung von Smileys Frage
aufging. Zuerst glaubte er, Smiley habe gesagt �Jan� und konnte nicht
begreifen, warum Smiley sie noch nicht aufgesucht hatte.</p><p>�Ach so, <emphasis>Ihre </emphasis>Ann�,
sagte er, als g�be es eine Menge Anns um sie herum.</p><p>Es sei
Karlas Idee gewesen, erkl�rte er. Karla hatte l�ngst erkannt, da� Smiley die
gr��te Bedrohung f�r den Maulwurf Gerald darstellte. �Er sagt, Sie seien sehr
gut.�</p><p>�Vielen
Dank.�</p><p>�Aber Sie
hatten diesen einen Preis: Ann. Die letzte Illusion eines illusionslosen
Mannes. Er sch�tzte, wenn ich �berall als Anns Liebhaber bekannt w�re, so
w�rden Sie mich in anderer Hinsicht nicht so genau sehen.� Seine Augen, so
stellte Smiley fest, waren sehr starr geworden. Zinnkugeln hatte Ann sie
genannt. �Nichts forcieren oder so, aber wenn m�glich, nehmen Sie am Rennen
teil. Ja?�</p><p>�Ja�,
sagte Smiley.</p><p>Zum
Beispiel, in der Nacht von <emphasis>Testify </emphasis>hatte
Karla darauf bestanden, da� Haydon, wenn irgend m�glich, mit Ann turteln sollte.
Als eine Art Versicherung.</p><p>�Und war
in dieser Nacht nicht tats�chlich eine Kleinigkeit schiefgegangen?� fragte
Smiley und dachte an Sam Collins und die Frage, ob Ellis erschossen wurde.
Haydon gab zu, da� es so gewesen sei. W�re alles nach Plan gegangen, so h�tten
die ersten tschechischen Bulletins um zehn Uhr drei�ig einlaufen m�ssen. Haydon
h�tte Gelegenheit gehabt, in seinem Club die Meldungen des Fernschreibers zu
lesen, nachdem Collins Ann angerufen hatte und ehe er zum Circus ging, um die
Sache in die Hand zu nehmen. Aber weil Jim getroffen worden war, hatte es am
tschechischen Ende Kuddelmuddel gegeben und das Bulletin war erst herausgekommen,
nachdem sein Club geschlossen hatte. �Ein Gl�ck, da� keiner es nachgepr�ft
hat�, sagte er und nahm sich noch eine von Smileys Zigaretten. �Welcher war ich
�brigens?� fragte er leichthin. �Ich hab's vergessen.�</p><p>�K�nig.
Ich war Dame.�</p><p>Smiley
hatte nun genug und ging, ohne sich zu verabschieden. Er stieg in sein Auto und
fuhr eine Stunde lang blindlings dahin, bis er sich mit hundertzwanzig auf
einer Landstra�e nach Oxford befand, also machte er halt, a� zu Mittag und fuhr
nach London zur�ck. Er konnte sich noch immer nicht entschlie�en, in die
Bywater Street zur�ckzukehren und ging ins Kino, a� irgendwo zu Abend und kam
um Mitternacht leicht angetrunken nach Hause, wo er Lacon und Miles Sercombe
auf der T�rschwelle vorfand und Sercombes bl�dsinnigen Rolls-Royce, die
schwarze Bettpfanne, in seinen ganzen f�nfzehn Metern L�nge schr�g �ber den
Gehsteig geparkt sah.</p><p>Sie fuhren
in einem Affentempo nach Sarratt, und dort sa�, inmitten der Nacht unter einem
klaren Himmel, beleuchtet von mehreren Stablampen und angestarrt von mehreren
leichenblassen Insassen der <emphasis>Nursery, </emphasis>Bill
Haydon auf einer Gartenbank und blickte auf das mondbeschienene Kricketfeld. Er
trug einen gestreiften Pyjama unter seinem Mantel, der aussah wie ein Str�flingsanzug.
Seine Augen waren ge�ffnet und sein Kopf unnat�rlich nach der Seite verdreht,
wie der Kopf eines Vogels, dem eine kundige Hand den Hals umgedreht hat. �ber
das, was geschehen war, wurde weiter nicht geredet. Um 10 Uhr 30 hatte Haydon
vor seinen W�chtern �ber Schlaflosigkeit und �belkeit geklagt, er meinte, er
m�sse etwas frische Luft sch�pfen. Da sein Fall f�r abgeschlossen galt, kam keiner
auf den Gedanken, ihn zu begleiten, und so spazierte er allein in die
Dunkelheit hinaus. Einer der W�chter erinnerte sich, wie er gescherzt habe, er
wolle �den Zustand des Kricket-Tores untersuchen�. Der andere war zu sehr ins
Fernsehen vertieft gewesen, als da� er sich an irgend etwas hatte erinnern
k�nnen. Nach einer halben Stunde wurde es ihnen mulmig, und der �ltere W�chter
ging, um nachzuschauen, w�hrend sein Gehilfe im Haus blieb f�r den Fall, da�
Haydon zur�ckkommen sollte.</p><p>Haydon
wurde dort gefunden, wo er jetzt sa�. Zun�chst nahm der W�chter an, er sei
eingeschlafen. Als er sich �ber ihn beugte,</p><p>schlug ihm
eine Alkohol-Fahne entgegen - er vermutete Gin oder Wodka -, und er hielt
Haydon f�r betrunken.</p><p>Dies
�berraschte ihn, da sich in der <emphasis>Nursery </emphasis>offiziell
kein Alkohol befand.</p><p>Erst als
er versuchte, Haydon hochzuheben, sackte dessen Kopf weg, und der Rest folgte
in seiner ganzen Schwere nach. Er mu�te sich �bergeben haben (die Spuren waren
an einem Baum zu besichtigen), und so st�tzte der W�chter ihn wieder auf und
schlug Alarm.</p><p>Ob Haydon
w�hrend des Tages irgendwelche Nachrichten erhalten habe, fragte Smiley. Nein,
aber sein Anzug sei von der Reinigung zur�ckgekommen, und m�glicherweise sei
darin eine Botschaft versteckt worden - zum Beispiel die Aufforderung zu einem
Treffen.</p><p>�Die
Russen haben das also getan�, verk�ndete der Minister befriedigt in Richtung
Haydons regungsloser Gestalt. �Ihn am Ausplaudern zu hindern, nehme ich an.
Verdammte Bande!�</p><p>�Nein�,
sagte Smiley. �Sie setzen alles daran, um ihre Leute zur�ckzubekommen .�</p><p>�Wer zum
Teufel hat es dann getan?�</p><p>Jeder
wartete auf Smileys Antwort, aber es kam keine. Die Stablampen verloschen, und
die Gruppe bewegte sich langsam auf den Wagen zu.</p><p>�K�nnen
wir ihn trotzdem hergeben?� fragte der Minister auf dem R�ckweg.</p><p>�Er war
sowjetischer Staatsb�rger. Sollen sie ihn haben�, sagte Lacon, wobei er in der
Dunkelheit immer noch Smiley beobachtete.</p><p>Sie waren
sich dar�ber einig, da� es um die Netze schade sei. Mal sehen, ob Karla
trotzdem auf den Handel eingehen w�rde. �Bestimmt nicht�, sagte Smiley.</p><empty-line/><p>George
Smiley kehrt zu seiner letzten Illusion zur�ck</p><empty-line/><p>Als er all
dies in der Abgeschiedenheit seines Erster-Klasse-Coupes �berdachte, hatte
Smiley das kuriose Empfinden, als betrachtete er Haydon durch das verkehrte
Ende eines Teleskops, wo er immer kleiner wurde und schlie�lich ganz
verschwand. Smiley hatte seit dem vergangenen Abend nur wenig gegessen, aber
die Bar war w�hrend des gr��ten Teils der Reise ge�ffnet gewesen.</p><p>Als
Liverpool Street hinter ihm lag, hatte er sich der wehm�tigen Vorstellung
hingegeben, da� er Haydon gemocht und respektiert hatte: er sei trotz allem
ein Mensch gewesen, der etwas zu sagen gehabt und es gesagt habe. Aber sein
ganzes Denken verwarf diese bequeme Vereinfachung: je mehr er �ber Haydons
sprunghafte Rechtfertigung nachgr�belte, um so deutlicher wurden ihm ihre
Widerspr�chlichkeiten. Er versuchte zuerst, in Haydon das romantische Klischee
des Intellektuellen der drei�iger Jahre zu sehen, f�r den Moskau das
nat�rliche Mekka bedeutete. �Moskau war Bills akademische Disziplin�, sagte er
sich. �Er brauchte die Symmetrie einer historisch-�konomischen L�sung.� Eine
unzureichende Erkl�rung, also f�gte er noch mehr �ber den Mann hinzu, den er zu
sch�tzen und abzusch�tzen versuchte. �Bill war ein Romantiker und ein Snob. Er
tr�umte von einem elit�ren Vortrupp, der die Massen aus der Finsternis herausf�hren
w�rde.� Dann fielen ihm die halbfertigen Bilder im Wohnzimmer des M�dchens in
Kentish Town ein: verkrampft, bem�ht, verworfen. Er erinnerte sich auch an den
Geist von Bills autorit�rem Vater - Ann hatte ihn den Unhold getauft - und in
seinen Augen war Bills Marxismus ein Ausgleich f�r seine Unzul�nglichkeit als
K�nstler und f�r eine lieblose Kindheit. Sp�ter hatte es dann nat�rlich wenig
ge�ndert, da� die Doktrin sich als nicht recht tragf�hig erwies. Bill hatte die
Bahn betreten, und Karla wu�te ihn dort zu halten. Verrat ist gr��tenteils
Gewohnheitssache, entschied er und sah Bill wieder auf dem Boden des
Wohnzimmers in der Bywater Street ausgestreckt, w�hrend Ann ihm Schallplatten
vorspielte.</p><p>Und Bill
hatte seine Rolle gern gespielt. Daran zweifelte Smiley keinen Augenblick. Im
Mittelpunkt einer geheimen B�hne stehen, Welt gegen Welt ausspielen. Held und
Autor in einem: o ja, diese Rolle war Bill auf den Leib geschrieben.</p><p>Dann schob
er achselzuckend alles beiseite � den stereotypen Formen menschlicher
Motivierung hatte er schon immer mi�traut -, und konzentrierte sich statt
dessen auf das Bild einer dieser russischen Holzpuppen, die sich �ffnen lassen
und eine zweite Puppe freigeben und darunter eine dritte. Von allen lebenden
Menschen hatte nur Karla die letzte kleine Puppe in Bill Haydons Innerem
erblickt. Wann war Bill angeworben worden, und wie? War sein Rechtsdrall in
Oxford eine Pose gewesen oder paradoxerweise der Zustand der S�nde, aus dem
Karla ihn zur Gnade erweckt hatte?</p><p>Man m��te
Karla fragen: schade, da� ich's nicht tat. Man m��te Jim fragen: werde ich nie
tun.</p><p>Vor der
langsam vorbeigleitenden flachen ostenglischen Landschaft schob sich Karlas
unnachgiebiges Gesicht �ber Bill Haydons verrenkte Totenmaske. �Aber Sie
hatten einen Preis�, hatte Bill so vern�nftig erkl�rt: �Ann. Die letzte
Illusion eines illusionslosen Mannes. Er sch�tzte, wenn ich �berall als Anns
Liebhaber bekannt w�re, so w�rden Sie mich in anderer Beziehung nicht mehr
deutlich sehen k�nnen.�</p><p>Illusion?
War das wirklich Karlas Bezeichnung f�r Liebe? Und Bills?</p><p>�Wir sind
da�, sagte der Schaffner sehr laut und vielleicht schon zum zweitenmal.
�H�chste Zeit. Sie wollen doch nach Grimsby, oder?�</p><p>�Nein,
nein: nach Immingham.� Dann erinnerte er sich an Mendels Anweisungen und
kletterte hinaus auf den Bahnsteig. Es war kein Taxi in Sicht, also erkundigte
er sich am Fahrkartenschalter und machte sich auf den Weg �ber den leeren
Vorplatz bis zu einem gr�nen Schild mit der Aufschrift: �Hier anstellen�. Er
hatte gehofft, da� sie ihn abholen w�rde, aber vielleicht hatte sie sein
Telegramm nicht erhalten. Ach, ja, die Post um die Weihnachtszeit! Kann man ihr
nicht ver�beln. Er fragte sich, wie sie die Nachricht �ber Bill aufnehmen
w�rde; bis er wieder ihr erschrockenes Gesicht auf den Klippen in Cornwall vor
sich sah und wu�te, da� Bill schon damals f�r sie tot gewesen war; sie hatte
die K�lte in seiner Ber�hrung gef�hlt und irgendwie den Rest erraten.</p><p>Illusion?
sagte er sich wieder. Illusionslos?</p><p>Es war
bitter kalt; er hoffte inst�ndig, da� ihr ungl�ckseliger Liebhaber f�r sie ein
warmes Pl�tzchen zum Wohnen gefunden hatte.</p><p>Wenn er
nur ihre Pelzstiefel aus dem Schrank unter der Treppe mitgebracht h�tte!</p><p>Ihm fiel
der Band Grimmeishausen ein, den er immer noch nicht in Martindales Club
abgeholt hatte.</p><p>Dann sah
er sie: ihren unm�glichen Wagen, der auf dem Streifen mit der Markierung �Nur
f�r Autobusse� auf ihn zuhielt, und Ann am Steuer, die nach der falschen Seite
Ausschau hielt. Sah sie aussteigen, w�hrend der Winker weiterblinkte, und in
das Bahnhofsgeb�ude gehen, um sich zu erkundigen: gro� und zauberisch,
ungew�hnlich sch�n, von Kopf bis Fu� die Frau eines anderen.</p><p>Bis zum
Ende des Semesters benahm sich Jim nach Roachs Ansicht etwa so, wie seine
Mutter sich benahm, als sein Vater sie verlassen hatte. Er verbrachte viel Zeit
mit Nichtigkeiten, arrangierte zum Beispiel die Beleuchtung f�r das
Fu�ballspiel, reparierte die Fu�ballnetze mit Bindfaden, und in den
Franz�sischstunden machte er viel Get�se wegen kleiner Ungenauigkeiten. Die
wichtigen Dinge dagegen, wie seine Spazierg�nge und sein einsames Golfspiel,
gab er v�llig auf, blieb vom fr�hen Abend an in seinem Wagen und hielt sich vom
Dorf fern. Das schlimmste aber war sein starrer, leerer Blick, wenn Roach ihm
unversehens begegnete; au�erdem verga� er vieles beim Unterricht, sogar die
roten Striche f�r besondere Verdienste. Roach mu�te ihn daran erinnern, sie
jede Woche dem Direktor vorzulegen. Um ihn zu unterst�tzen, machte Roach f�r
ihn den Hilfsbeleuchter. Daher mu�te Jim ihm bei den Proben ein besonderes
Zeichen geben, Bill und keinem anderen, den Arm heben und wieder fallen lassen,
wenn das Rampenlicht abgeblendet werden sollte.</p><p>Mit der
Zeit jedoch schien Jim auf die Behandlung zu reagieren; seine Augen wurden
klarer, und er wurde wieder munter, und der Schatten des Todes seiner Mutter
wich von ihm. Am Abend des Spiels war er fr�hlicher, als Roach ihn je gekannt
hatte. �He, Jumbo, du alberner Knallfrosch, wo ist denn dein Regenmantel,
siehst du nicht, da� es sch�ttet?� rief er laut, als sie m�de, aber siegreich
nach der Vorstellung zum Hauptgeb�ude zur�ckwanderten, �Eigentlich hei�t er
Bill�, h�rte er ihn einem Besucher erkl�ren. �Wir sind gleichzeitig als Neue
hierhergekommen.� Die Pistole, entschied Roach schlie�lich, war doch nur ein
Traum gewesen.</p></section></body><binary id="cover" 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