<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>antique</genre><author><first-name>John</first-name><middle-name>le</middle-name><last-name>Carr�</last-name></author><book-title>Der Spion, der aus der K�lte kam</book-title><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang></title-info><document-info><author><first-name>John</first-name><middle-name>le</middle-name><last-name>Carr�</last-name></author><program-used>calibre 2.23.0, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date>13.11.2015</date><id>073dd8d9-b197-4ba2-91e0-eea20d2742f3</id><version>1.0</version></document-info><publish-info><year>2013</year></publish-info></description><body><section><p>Es beginnt mit dem M�dchen, das vor dem Kino erschossen wird. Dann werden Paul, Viereck und Landser ermordet. Als der Chef der deutschen Abwehr, Hans Dieter Mundt, auch Riemeck t�tet, ist das Spionagenetz, das Leamas f�r den englischen Geheimdienst aufgebaut hat, vernichtet. Doch die Engl�nder wollen auf jeden Fall Rache �</p></section><section><p><strong>John le Carre</strong></p><p><strong>Der Spion, der aus der K�lte kam</strong></p><p><strong>Roman</strong></p></section><section><p>Vorlage f�r dieses eBook:</p><p>Titel der Originalausgabe THE SPY, WHO CAME IN FROM THE COLD</p><p>Aus dem Englischen von Manfred von Conta</p><p>� 1964 by Paul Zsolnay Verlag Gesellschaft m. b. H., Wien</p><p>� der deutschen �bersetzung Paul Zsolnay Verlag Gesellschaft m. b. H., Wien 1964</p><p>ISBN 3-552-04330-6</p></section><section><p><strong>1 KONTROLLPUNKT</strong></p><p>Der Amerikaner reichte Leamas noch eine Tasse Kaffee und sagte: �Warum gehen Sie nicht heim und legen sich schlafen? Wir k�nnen Sie anrufen, wenn er auftaucht.�</p><p>Leamas sagte nichts, er starrte durch das Fenster der Kontrollbaracke die leere Stra�e hinunter.</p><p>�Sie k�nnen nicht ewig warten, Sir. Vielleicht kommt er zu einem anderen Zeitpunkt. Wir k�nnten die Polizei bitten, die Dienststelle anzurufen. Sie w�ren innerhalb von zwanzig Minuten wieder hier.�</p><p>�Nein�, sagte Leamas, �es ist jetzt fast dunkel.�</p><p>�Aber Sie k�nnen nicht ewig warten. Er ist jetzt schon neun Stunden �berf�llig.�</p><p>�Wenn Sie wollen, gehen Sie.� Leamas f�gte hinzu: �Sie sind sehr hilfsbereit gewesen. Ich werde sagen, dass Sie verdammt anst�ndig waren.�</p><p>�Aber wie lange wollen Sie warten?�</p><p>�Bis er kommt.� Leamas ging zum Beobachtungsfenster und stellte sich zwischen die zwei bewegungslosen Polizisten. Ihre Feldstecher waren auf den ostzonalen Kontrollpunkt gerichtet.</p><p>�Er wartet die Dunkelheit ab�, fl�sterte Leamas. �Ich wei� es.�</p><p>�Heute morgen sagten Sie, er werde mit den Arbeitern her�berkommen.�</p><p>Leamas wandte sich zu ihm. �Agenten sind keine Flugzeuge. Sie haben keine Fahrpl�ne. Er kann hochgegangen oder auf der Flucht sein. Vielleicht hat er Angst. Vielleicht ist Mundt hinter ihm her, jetzt, in diesem Augenblick. Er hat nur eine Chance, lassen Sie ihn selbst den richtigen Zeitpunkt w�hlen.�</p><p>Der j�ngere Mann z�gerte. Er wollte gehen, aber er fand nicht den passenden Abgang.</p><p>In der Baracke l�utete eine Glocke. Sie warteten voll pl�tzlicher Spannung. Ein Polizist sagte auf deutsch: �Schwarzer Opel Rekord, westdeutsches Kennzeichen.�</p><p>�Er kann in der D�mmerung nicht so weit sehen�, fl�sterte der Amerikaner. �Er vermutet es nur.� Dann f�gte er hinzu: �Wie konnte Mundt das wissen?�</p><p>�Seien Sie ruhig�, sagte Leamas vom Fenster her. Einer der Polizisten verlie� die Baracke und ging auf die wei�e Demarkationslinie zu, die wie die Grundlinie eines Tennisplatzes auf die Stra�e gemalt war. Einen halben Meter von ihr entfernt war aus Sands�cken ein Unterstand errichtet, und der andere Polizist wartete, bis sein Kamerad dort hinter dem Teleskop kauerte, dann legte er seinen Feldstecher nieder, nahm seinen schwarzen Helm bei der T�r vom Haken und setzte ihn sorgf�ltig auf. Irgendwo, hoch �ber dem Kontrollpunkt, flammten die Bogenlampen auf und �berfluteten die Stra�e vor ihnen mit grellem B�hnenlicht.</p><p>Der Polizist begann seinen Kommentar - Leamas kannte ihn auswendig.</p><p>�Wagen h�lt an der ersten Kontrolle. Nur ein Insasse, eine Frau. Wird zur Ausweiskontrolle in die Vopobaracke gebracht.� Sie warteten schweigend.</p><p>�Was sagt er?� fragte der Amerikaner. Leamas gab keine Antwort. Er nahm einen Feldstecher und starrte unverwandt zu der ostdeutschen Kontrollstelle hin�ber.</p><p>�Ausweiskontrolle beendet. Darf weiter zur zweiten Kontrolle.�</p><p>�Mr. Leamas, ist das Ihr Mann?� fragte der Amerikaner hartn�ckig. �Ich sollte die Dienststelle anrufen.�</p><p>�Warten Sie.�</p><p>�Wo ist der Wagen jetzt? Was tut er?�</p><p>�Devisenkontrolle, Zoll�, antwortete Leamas kurz angebunden.</p><p>Leamas beobachtete den Wagen. Es standen zwei Vopos an der Fahrert�r, der eine sprach, der andere hielt sich abwartend im Hintergrund. Ein dritter schlenderte um den Wagen herum. Er blieb beim Kofferraum stehen und ging dann zur Fahrerin zur�ck. Er verlangte den Schl�ssel. Er �ffnete den Kofferraum, schaute hinein, schlo� ihn, gab den Schl�ssel zur�ck und ging auf der Stra�e drei�ig Schritte weiter bis zu dem einzelnen ostdeutschen Posten, der dort auf halbem Wege zwischen den beiden Kontrollpunkten stand: eine vierschr�tige Silhouette in Stiefeln und bauschigen Hosen. Die beiden sprachen miteinander, das glei�ende Licht der Bogenlampen machte sie befangen.</p><p>Mit der daf�r typischen Geste bedeutete man dem Wagen weiterzufahren. Er erreichte die beiden Wachtposten in der Mitte der Stra�e und hielt wieder. Die beiden gingen um den Wagen herum, traten zur Seite und sprachen aufs neue miteinander; schlie�lich lie�en sie ihn fast widerwillig �ber die Linie in den westlichen Sektor weiterfahren.</p><p>�Erwarten Sie einen Mann, Mr. Leamas?� fragte der Amerikaner.</p><p>�Ja, einen Mann.�</p><p>Leamas schlug den Kragen seiner Jacke hoch und trat in den eisigen Oktoberwind hinaus. Erst jetzt wurde er sich wieder der Menschenmenge bewu�t. Das war etwas, das man innerhalb der Baracke verga�: diese Gruppe erstaunter Gesichter. Die Menschen wechselten, aber der Ausdruck ihrer Gesichter blieb der gleiche. Die Stimmung war wie bei einer hilflos auf einen Unfall starrenden Menge; niemand wei�, wie es geschehen ist und ob man den K�rper wegtragen soll. Im Lichtkegel der Bogenlampen bildete Rauch oder Staub eine sich unabl�ssig verschiebende Wolke.</p><p>Leamas ging zum Wagen hin�ber und sagte zu der Frau: �Wo ist er?�</p><p>�Sie kamen ihn holen, aber er floh. Er hat das Rad genommen. Von mir konnten sie nichts gewu�t haben.�</p><p>�Wohin ist er gegangen?�</p><p>�Wir hatten ein Zimmer �ber einer Kneipe - in der N�he von Brandenburg. Dort verwahrte er ein paar Sachen, Geld, Papiere. Ich nehme an, dass er zuerst dorthin ist. Nachher wird er her�berkommen.�</p><p>�Heute nacht?�</p><p>�Er sagte, er w�rde heute nacht kommen. Die anderen wurden alle geschnappt - Paul, Viereck, Landser, Salomon. Er hat nicht viel Zeit.�</p><p>�Landser auch?�</p><p>�Letzte Nacht.�</p><p>Ein Polizist stellte sich neben Leamas. �Sie m�ssen hier weiterfahren�, sagte er. �Es ist verboten, den �bergang zu blockieren.�</p><p>�Gehen Sie zum Teufel�, fuhr Leamas ihn an. Der Deutsche erstarrte, aber die Frau sagte:</p><p>�Steigen Sie ein. Wir fahren bis zur Ecke.� Er setzte sich neben sie, und sie fuhren langsam die Stra�e hinunter, auf eine Abzweigung zu.</p><p>�Ich wu�te nicht, dass Sie einen Wagen haben�, sagte Leamas.</p><p>�Er geh�rt meinem Mann�, antwortete sie gleichg�ltig. �Karl hat Ihnen nie erz�hlt, dass ich verheiratet bin, nicht wahr?�</p><p>Leamas schwieg.</p><p>�Mein Mann und ich arbeiten f�r eine optische Firma. Sie lassen uns her�ber, um Gesch�fte zu machen. Karl nannte Ihnen nur meinen M�dchennamen. Er wollte mich nicht in diese Sache mit Ihnen hineinziehen.�</p><p>Leamas zog einen Schl�ssel aus der Tasche. �Sie werden irgendwo bleiben wollen�, sagte er. Seine Stimme klang matt. �Es gibt da eine Wohnung in der Albrecht-D�rer-Stra�e, neben dem Museum, Nummer 28a. Sie werden dort alles finden, was Sie brauchen. Ich rufe Sie an, sobald er kommt.�</p><p>�Ich werde hier bei Ihnen bleiben.�</p><p>�Ich bleibe nicht hier. Fahren Sie in die Wohnung. Ich werde Sie anrufen. Es hat jetzt keinen Sinn, hier zu warten.�</p><p>Einen Augenblick starrte Leamas sie schweigend an.</p><p>�Aber er kommt zu diesem �bergang.�</p><p>Leamas sah sie �berrascht an.</p><p>�Das hat er Ihnen gesagt?�</p><p>�Ja, er kennt dort einen der Vopos, den Sohn seines Vermieters. Es kann helfen, deshalb hat er diese Route gew�hlt.�</p><p>�Und er hat Ihnen das gesagt?�</p><p>�Er vertraut mir. Er hat mir alles erz�hlt.�</p><p>Er gab ihr den Schl�ssel und ging aus der K�lte in die Baracke am Kontrollpunkt zur�ck. Als er eintrat, sprachen die Polizisten leise miteinander; der gr��ere drehte ihm ostentativ den R�cken zu. �Es tut mir leid�, sagte Leamas. �Es tut mir leid, dass ich Sie angeschrien habe.� Er �ffnete eine zerfetzte Aktentasche und kramte darin herum, bis er fand, was er suchte: eine halbe Flasche Whisky. Der �ltere Mann nahm sie mit einem Kopfnicken entgegen, go� jeden Becher halbvoll und f�llte Kaffee nach.</p><p>�Wo ist der Amerikaner hin?� fragte Leamas.</p><p>�Welcher?�</p><p>�Der Junge vom CIA, der bei mir war.�</p><p>�Bettruhe�, sagte der �ltere Mann, und alle lachten.</p><p>Leamas stellte seinen Becher hin und sagte: �Wie lautet Ihr Schie�befehl f�r den Fall, dass ein Mann gesch�tzt werden mu�, der her�berkommt? Ich meine, ein Mann auf der Flucht.�</p><p>�Wir k�nnen erst dann Deckungsfeuer geben, wenn die Vopos in unseren Sektor hineinschie�en.�</p><p>�Das hei�t, Sie k�nnen nicht eher schie�en, als bis der Mann �ber die Grenze ist.�</p><p>Der �ltere Mann sagte: �Wir k�nnen kein Deckungsfeuer geben, Herr ��</p><p>�Thomas�, erwiderte Leamas, �Thomas�. Sie sch�ttelten einander die H�nde, w�hrend die beiden Polizisten ihre Namen nannten.</p><p>�Wir k�nnen wirklich kein Deckungsfeuer geben. Man sagt uns, es g�be Krieg, wenn wir es t�ten.�</p><p>�Das ist Unsinn�, sagte der j�ngere Polizist, der vom Whisky mutig geworden war. �Wenn die Alliierten nicht hier w�ren, w�rde die Mauer jetzt schon verschwunden sein.�</p><p>�Und Berlin auch�, murmelte der �ltere Polizist.</p><p>�Ich habe einen Mann, der diese Nacht her�berkommt�, sagte Leamas pl�tzlich.</p><p>�Hier? An diesem �bergang?�</p><p>�Es w�re viel wert, ihn herauszubekommen. Mundts Leute sind schon hinter ihm her.�</p><p>�Es gibt noch Stellen, wo man her�berklettern kann�, sagte der j�ngere Polizist.</p><p>�Das ist nicht seine Art. Er wird sich seinen Weg durchbluffen; er hat Papiere, wenn die noch gut sind. Er besitzt ein Fahrrad.�</p><p>Es gab nur ein Licht im Kontrollpunkt, eine Leselampe mit gr�nem Schirm, aber der Schein der Bogenlampen fiel wie k�nstliches Mondlicht in die Baracke. Die Dunkelheit war gekommen, und mit ihr die Stille. Sie sprachen, als h�tten sie Angst, belauscht zu werden. Leamas ging zum Fenster und wartete, vor sich die Stra�e und zu beiden Seiten die Mauer, ein schmutziges, h��liches Ding aus Betonbl�cken und Stacheldraht, beleuchtet von billigem gelben Licht wie die R�ckseite eines Konzentrationslagers. �stlich und westlich der Mauer lag der unaufgebaute Teil Berlins, eine Halbwelt der Zerst�rung, auf zwei Dimensionen beschr�nkt, eine Kriegslandschaft.</p><p>Dieses verdammte Weib, dachte Leamas, und Karl, dieser Idiot, der �ber sie nicht die Wahrheit gesagt hatte. Gelogen durch Unvollst�ndigkeit, wie es alle Agenten auf der ganzen Welt machen. Du lehrst sie betr�gen, damit sie ihre Spur verwischen k�nnen, und genauso betr�gen sie dich. Er hatte sie nur einmal vorgef�hrt. Das war letztes Jahr nach diesem Abendessen in der Sch�rzstra�e gewesen. Karl war gerade ein ganz gro�er Wurf gegl�ckt, und der Chef hatte ihn sprechen wollen. Der Chef nahm immer Anteil, wenn jemand erfolgreich war. Sie hatten gemeinsam zu Abend gegessen, Leamas, der Chef und Karl. Karl liebte so etwas. Er erschien wie ein Sonntagssch�ler, gestriegelt und geb�gelt, seinen Hut in der Hand, und voll Respekt. Der Chef hat ihm eine Ewigkeit die Hand gesch�ttelt und gesagt: �Ich m�chte, dass Sie wissen, wie erfreut wir sind, Karl, h�chst erfreut.� Leamas hatte zugeschaut und gedacht: Das wird uns weitere zweihundert Pfund pro Jahr kosten.</p><p>Als sie ihr Essen beendet hatten, sch�ttelte ihnen der Chef nochmals die H�nde, nickte bedeutungsvoll und kletterte - w�hrend er durchblicken lie�, er m�sse sich nun aufmachen, um sein Leben irgendwo anders zu riskieren - in den wartenden Wagen. Dann hatte Karl gelacht, und Leamas hatte gelacht, und gemeinsam hatten sie dem Sekt den Garaus gemacht, w�hrend sie noch immer �ber den Chef lachten. Hinterher waren sie zum �Alten Fa߫ gegangen. Karl hatte darauf bestanden, und dort wartete Elvira auf sie, eine etwa vierzigj�hrige stahlharte Blondine.</p><p>�Das ist mein bestgeh�tetes Geheimnis, Alec�, hatte Karl gesagt, und Leamas war w�tend geworden. Sp�ter hatten sie ihretwegen gestritten.</p><p>�Wieviel wei� sie? Wer ist sie? Wie bist du ihr begegnet?�</p><p>Karl wurde trotzig und verweigerte die Antwort. Danach lief alles schlecht. Leamas versuchte, die Kontaktmethode zu �ndern, die Treffpunkte und Stichworte zu wechseln, aber Karl sah das nicht gern. Er wu�te, welcher Grund dahintersteckte, und das gefiel ihm nicht.</p><p>�Dein Mi�trauen ihr gegen�ber k�me sowieso zu sp�t�, hatte er gesagt, und Leamas verstand den Wink und hielt seinen Mund. Aber nach dieser Geschichte wurde er vorsichtig. Er erz�hlte Karl viel weniger und wandte mehr vom Hokuspokus der Spionagetechnik an.</p><p>Und da war sie jetzt, dort drau�en im Wagen, �ber alles informiert, �ber das ganze Spionagenetz, die Ausweichwohnung, alles; und Leamas schwor sich - nicht zum erstenmal - einem Agenten nie wieder zu trauen.</p><p>Er ging zum Telefon und w�hlte die Nummer seiner Wohnung. Frau Martha war am Apparat. �Wir haben G�ste in der D�rerstra�e�, sagte Leamas, �einen Mann und eine Frau.�</p><p>�Verheiratet?� fragte Martha.</p><p>�Beinahe�, sagte Leamas, und sie lachte dieses furchtbare Lachen. Als er den H�rer auflegte, wandte sich einer der Polizisten zu ihm: �Herr Thomas! Schnell!�</p><p>Leamas ging zum Beobachtungsfenster. �Ein Mann, Herr Thomas�, wisperte der j�ngere Polizist, �mit einem Fahrrad.�</p><p>Leamas hob den Feldstecher.</p><p>Es war Karl, die Gestalt war unverkennbar, selbst auf diese Entfernung, in einen alten Wehrmachtsgummimantel geh�llt, sein Fahrrad schiebend. Er hat's geschafft, dachte Leamas, er mu� es geschafft haben, er ist durch die Ausweiskontrolle durch, er hat nur noch W�hrung und Zoll vor sich. Leamas beobachtete, wie Karl sein Rad gegen das Gel�nder lehnte, sah ihn gleichg�ltig zur Zollbaracke gehen. �bertreibe es nicht, dachte er. Schlie�lich kam Karl heraus, winkte gutgelaunt dem Mann an der Schranke zu, und der rot-wei�e Schlagbaum ging langsam hoch. Er kam durch, er kam auf sie zu, er hatte es geschafft. Nur noch der Vopo in der Stra�enmitte, die Grenzlinie, und dann Sicherheit.</p><p>In diesem Moment schien Karl irgendeinen Laut zu h�ren, irgendeine Gefahr zu f�hlen; er schaute �ber die Schulter, begann wild in die Pedale zu treten, beugte sich tief �ber die Lenkstange. Der einsame Posten stand noch auf der Stra�e. Er hatte sich umgewandt und beobachtete Karl. Dann leuchteten v�llig unerwartet die Suchscheinwerfer auf. Wei� und klar richteten sie sich auf Karl und hielten ihn in ihrem Lichtkegel fest wie ein geblendetes Kaninchen im Scheinwerferlicht eines Autos. Man vernahm das an- und abschwellende Geheul einer Sirene, wild gerufene Befehle. Die beiden Polizisten vor Leamas gingen in die Knie und sp�hten durch die sandsackbewehrten Sehschlitze, w�hrend sie ihre Maschinengewehre entsicherten.</p><p>Der ostdeutsche Wachtposten scho�, wobei er sorgf�ltig von ihnen weghielt, in seinen eigenen Sektor hinein. Der erste Schu� schien Karl nach vor zu werfen, der zweite ihn zur�ckzurei�en. Irgendwie bewegte er sich noch immer. Er sa� noch auf dem Rad und passierte den Wachtposten, der weiter auf ihn feuerte. Dann sackte er zusammen, rollte auf den Boden, und sie h�rten ziemlich deutlich das Klappern des Rades, als es umfiel.</p><p>Leamas hoffte inbr�nstig, dass er tot sei.</p></section><section><p><strong>2 DAS RONDELL</strong></p><p>Er beobachtete, wie die Startbahn von Tempelhof unter ihm wegsank.</p><p>Leamas war kein nachdenklicher Mann und nicht besonders philosophisch veranlagt. Er wu�te, dass er abgeschrieben war - eine Tatsache, mit der er von jetzt an w�rde leben m�ssen, wie jemand mit seinem Krebsgeschw�r oder in dem Bewu�tsein leben mu�, dass er eingesperrt ist. Er wu�te, dass es kein Mittel gab, mit dessen Hilfe er die Kluft zwischen seinem bisherigen Dasein und der gegenw�rtigen Situation h�tte �berbr�cken k�nnen. Er nahm den Mi�erfolg, wie er eines Tages wahrscheinlich den Tod hinnehmen w�rde: mit zynischem Groll und dem Mut des Einsamen. Er hatte l�nger als die meisten durchgehalten. Jetzt war er geschlagen worden. Man sagt, ein Hund lebe ebensolange wie seine Z�hne. Im �bertragenen Sinn waren Leamas die Z�hne gezogen worden - und es war Mundt, der sie gezogen hatte.</p><p>Zehn Jahre fr�her h�tte er den anderen Weg gehen k�nnen, h�tte in dem anonymen Regierungsgeb�ude am Cambridge Circus, dem Rondell, einen Schreibtischposten einnehmen und so lange behalten k�nnen, bis er wei� Gott wie alt geworden w�re. Aber er war nicht von dieser Sorte. Ebensogut, wie man von Leamas erwarten konnte, dass er seine Au�enarbeit gegen das einseitige Theoretisieren und das verstohlene Selbstinteresse Whitehalls eintauschen w�rde, h�tte man einen Jockey ersuchen k�nnen, Angestellter bei der Wettannahme zu werden. Im vollen Bewu�tsein, dass die Personalabteilung seinen Akt bereits f�r die �berpr�fung am Ende eines jeden Jahres vorgemerkt hatte, war er in Berlin geblieben: eigensinnig, trotzig, unempf�nglich f�r Belehrungen, immer in der Hoffnung, dass sich irgend etwas ergeben w�rde. Geheimdienstarbeit kennt nur einen moralischen Grundsatz - sie wird allein durch ihre Resultate gerechtfertigt. Selbst die Sophisterei Whitehalls ehrte dieses Gesetz - Leamas erzielte Resultate. Bis Mundt kam.</p><p>Es war seltsam, wie schnell Leamas begriffen hatte, dass Mundts Erscheinen ein b�ses Vorzeichen f�r ihn war.</p><p>Hans-Dieter Mundt, vor zweiundvierzig Jahren in Leipzig geboren: Leamas kannte seinen Akt, kannte das Lichtbild auf der Innenseite des Einbanddeckels, dies leere, harte Gesicht unter dem strohblonden Haar. Er wu�te die Geschichte von Mundts Aufstieg zur Macht, zum zweiten Mann in der �Abteilung� und zum eigentlichen Leiter der Operationen auswendig. Mundt war sogar innerhalb seines Amtes verha�t.</p><p>Leamas wu�te all dies aus den Aussagen von �berl�ufern und von Riemeck, der als Mitglied des SED-Pr�sidiums gemeinsam mit Mundt in verschiedenen Sicherheitsaussch�ssen sa� und ihn f�rchtete. Zu Recht, wie sich sp�ter herausstellte, als Mundt ihn umbringen lie�.</p><p>Bis 1959 war Mundt in der �Abteilung� ein untergeordneter Funktion�r gewesen, der in London unter dem Deckmantel der ostdeutschen Stahlmission operierte. Nachdem er zwei seiner besten Agenten ermordet hatte, um seine eigene Haut zu retten, kehrte er Hals �ber Kopf nach Ostdeutschland zur�ck, und l�nger als ein Jahr h�rte man nichts mehr von ihm. Ganz pl�tzlich tauchte er im Leipziger Hauptquartier der �Abteilung� wieder auf, und zwar als Verantwortlicher f�r die Zuteilung von Geldmitteln, Ausr�stungsmaterial und Personal f�r Sonderaufgaben. Am Ende desselben Jahres fand der gro�e Machtkampf innerhalb der �Abteilung� statt. Zahl und Einflu� der sowjetischen Verbindungsoffiziere wurden drastisch reduziert, man baute einige von der alten Garde aus ideologischen Gr�nden ab, und drei neue M�nner stiegen auf: Fiedler als Chef der Abwehr, Jahn, der das Zuteilungsamt von Mundt �bernahm, und - mit einundvierzig Jahren zum stellvertretenden Leiter der Operationen ernannt - Mundt selbst, der damit den gr��ten Sprung getan hatte. Dann begann der neue Stil. Der erste Agent, den Leamas verlor, war ein M�dchen. Sie war nur ein kleines Glied in der Kette; sie wurde bei Kurierdiensten eingesetzt. Sie erschossen sie auf der Stra�e, als sie ein Westberliner Kino verlie�. Die Polizei fand den M�rder nie, und Leamas neigte anfangs zu der Annahme, dass der Vorfall nicht im Zusammenhang mit ihrer T�tigkeit stand. Einen Monat sp�ter fand man einen ehemaligen Agenten aus Peter Guillams Netz - einen Dresdner Gep�cktr�ger - tot und verst�mmelt neben einem Eisenbahngleis. Leamas wu�te, dass dies kein Zufall mehr war. Bald darauf wurden zwei Mitglieder unter Leamas' Kontrolle verhaftet und kurz und b�ndig zum Tode verurteilt. So ging es weiter: erbarmungslos und entnervend. Und jetzt hatten sie Karl, und Leamas verlie� Berlin so, wie er gekommen war -ohne einen einzigen Agenten, der einen Groschen wert gewesen w�re. Mundt hatte gewonnen.</p><p>Leamas war ein kleiner Mann mit dichtem eisengrauen Haar und der Statur eines Schwimmers. Er war sehr kr�ftig, wie man an seinem R�cken und an seinen Schultern erkennen konnte, an seinem Nacken und den klobigen H�nden und Fingern.</p><p>In Fragen der Kleidung ging er ebenso wie bei den meisten anderen Dingen allein vom Standpunkt der N�tzlichkeit aus, und so hatte selbst die Brille, die er gelegentlich trug, eine st�hlerne Fassung. Er trug meist Anz�ge aus Kunstfaserstoff, von denen keiner eine Weste besa�. Er bevorzugte Hemden mit Kn�pfen auf den Kragenspitzen und weiche Lederschuhe mit Gummisohlen. Sein markantes Gesicht mit dem eigensinnigen Zug um den schmalen Mund wirkte anziehend. Seine Augen waren braun und klein, manche Leute sagten, sie seien irisch. W�re er in einen Londoner Klub hineinspaziert, so h�tte der Pf�rtner sicherlich nicht den Irrtum begangen, ihn f�r ein Mitglied zu halten. In einem Berliner Nachtklub gab man ihm gew�hnlich den besten Tisch. Er sah wie ein Mann aus, der Schwierigkeiten machen konnte, der auf sein Geld sah und nicht ganz ein Gentleman war. Die Stewarde� im Flugzeug dachte, dass er interessant sei. Sie tippte darauf, dass er aus Nordengland stamme, was m�glich gewesen w�re und dass er reich sei, was er nicht war. Sie sch�tzte ihn auf etwa f�nfzig Jahre, was ungef�hr stimmte. Sie nahm an, dass er ledig sei, was nur halb der Wahrheit entsprach. Irgendwo, vor langer Zeit, hatte es eine Scheidung gegeben; irgendwo gab es inzwischen halbw�chsige Kinder, die ihr Taschengeld von einer etwas seltsamen Privatbank in der City bekamen.</p><p>�Wenn Sie noch einen Whisky w�nschen�, sagte die Stewarde�, �w�re es besser, Sie w�rden sich beeilen. Wir werden auf dem Londoner Flugplatz in zwanzig Minuten landen.�</p><p>�Keinen mehr.� Er schaute sie nicht an; er blickte aus dem Fenster auf die graugr�nen Felder von Kent.</p><p>Fawley holte ihn vom Flugplatz ab und fuhr ihn nach London.</p><p>�Der Chef ist ziemlich ver�rgert wegen Karl�, sagte er und schaute Leamas von der Seite an. Leamas nickte. �Wie geschah es?� fragte Fawley. �Er wurde abgeschossen. Mundt erwischte ihn.� �Tot?�</p><p>�Ich denke schon, inzwischen. Das w�re das beste f�r ihn. Er schaffte es fast. Er h�tte nie Eile zeigen d�rfen, sie konnten ja nicht sicher sein. Die �Abteilung� erreichte den Kontrollpunkt erst, als man ihn gerade durchgelassen hatte. Sie setzten die Sirene in Gang, und ein Vopo scho� auf ihn, zehn Meter vor der Linie. Auf dem Boden bewegte er sich noch etwas, dann lag er still.�</p><p>�Armer Kerl.�</p><p>�Genau�, sagte Leamas.</p><p>Fawley mochte Leamas nicht, und wenn Leamas das wu�te, so war es ihm gleichg�ltig. Fawley war ein Mann, der als Mitglied verschiedenen Klubs angeh�rte und repr�sentative Krawatten trug. Er traf gern endg�ltige Feststellungen �ber das K�nnen von Sportlern und legte Wert darauf, dass man ihn im internen Dienstverkehr mit seinem Rang anredete. Er betrachtete Leamas als verd�chtig, w�hrend dieser ihn f�r einen Esel hielt.</p><p>�Welcher Abteilung geh�ren Sie an?� fragte Leamas.</p><p>�Personal.�</p><p>�Gef�llt's Ihnen?�</p><p>�Faszinierend.�</p><p>�Wohin komme ich jetzt? Auf Eis?�</p><p>�Besser, Sie warten, bis es der Chef Ihnen sagt, alter Junge.�</p><p>�Wissen Sie es?�</p><p>�Freilich.�</p><p>�Weshalb sagen Sie es mir dann nicht, zum Teufel?�</p><p>�Tut mir leid, alter Junge�, antwortete Fawley, und Leamas war pl�tzlich nahe daran, seine Beherrschung zu verlieren. Dann sagte er sich, dass Fawley ihn h�chstwahrscheinlich ohnehin anl�gen w�rde.</p><p>�Gut, aber sagen Sie mir eines, wenn's Ihnen nichts ausmacht: Mu� ich mich in London um eine Wohnung k�mmern?�</p><p>Fawley kratzte sich am Ohr. �Ich glaube nicht, alter Junge, nein.�</p><p>�Nein? Gott sei Dank.�</p><p>Sie stellten den Wagen unweit des Cambridge Circus an einer Parkuhr ab und betraten gemeinsam das Geb�ude.</p><p>�Sie haben keinen Passierschein, nicht wahr? Es w�re besser, Sie f�llten einen Zettel aus.�</p><p>�Seit wann m�ssen wir Passierscheine haben? McCall kennt mich so gut wie seine eigene Mutter.�</p><p>�Neue Anweisung. Das Rondell w�chst, wissen Sie.�</p><p>Leamas erwiderte nichts, nickte McCall zu und bestieg den Lift ohne Passierschein.</p><p>Der Chef sch�ttelte ihm die Hand, mit der vorsichtigen Geste eines Arztes, der die Knochen betastet.</p><p>�Sie m�ssen schrecklich m�de sein�, sagte er entschuldigend. �Nehmen Sie doch Platz.� Die gleiche langweilige Stimme. Derselbe �berhebliche Ton.</p><p>Leamas setzte sich in einen Sessel, der einem olivgr�nen Ofen gegen�berstand, auf dem eine Schale Wasser balancierte.</p><p>�Finden Sie es kalt?� fragte der Chef. Er beugte sich, seine H�nde reibend, �ber den elektrischen Ofen. Er trug eine sch�bige braune Strickweste unter seiner schwarzen Jacke. Leamas erinnerte sich nun an die Frau des Chefs, eine dumme kleine Person namens Mandy, die anscheinend glaubte, ihr Mann sitze in der Kohlenbeh�rde. Leamas nahm an, sie habe die Weste gestrickt.</p><p>�Es ist so trocken, das ist der Haken�, fuhr der Chef fort. �Vertreibe die K�lte, und du versengst die Luft; das ist genauso gef�hrlich.�</p><p>Er ging zum Schreibtisch und dr�ckte einen Knopf. �Wir wollen versuchen, etwas Kaffee zu bekommen�, sagte er. �Ginnie hat Urlaub, das ist Pech. Man hat mir irgendein neues M�dchen gegeben. Wirklich zu dumm.�</p><p>Er war kleiner, als ihn Leamas in Erinnerung hatte, aber sonst war er derselbe geblieben. Dieselbe affektierte Art, Abstand zu wahren, dieselbe steife �berheblichkeit, dieselbe Angst vor der Zugluft. Er war auf eine Weise h�flich, die Leamas' Wesen v�llig fremd war. Er hatte dasselbe nichtssagende L�cheln wie immer, die gleiche Geziertheit, und er klammerte sich noch immer um Entschuldigung bittend an einer Etikette fest, die er doch angeblich so l�cherlich fand. Er schwatzte dasselbe abgedroschene Zeug.</p><p>Er holte eine Packung Zigaretten vom Schreibtisch und bot Leamas eine an.</p><p>�Sie werden feststellen, dass diese hier teurer sind�, sagte er, und Leamas nickte pflichtbewu�t. Der Chef steckte die Zigaretten in seine Tasche und setzte sich. Es entstand eine Pause; schlie�lich sagte Leamas: �Riemeck ist tot.�</p><p>�Tats�chlich�, bemerkte der Chef, als ob Leamas eine sehr treffende Bemerkung gemacht h�tte. �Es ist sehr bedauerlich, au�erordentlich � Ich nehme an, das M�dchen lie� ihn hochgehen - Elvira?�</p><p>�So wird es wohl sein.� Leamas w�rde ihn nicht fragen, woher er das Wissen �ber Elvira hatte.</p><p>�Und Mundt lie� ihn erschie�en?�</p><p>�Ja.�</p><p>Der Chef stand auf und schlenderte auf der Suche nach einem Aschenbecher durchs Zimmer. Er fand einen und stellte ihn unbeholfen zwischen ihren St�hlen auf den Boden. �Was haben Sie empfunden? Als Riemeck erschossen wurde, meine ich. Sie beobachteten es, nicht wahr?�</p><p>Leamas zuckte mit den Achseln. �Ich war verdammt �rgerlich�, sagte er.</p><p>Der Chef legte den Kopf auf die Seite und schlo� halb die Augen. �Sie haben sicher mehr als das empfunden? Sie waren gewi� aus der Fassung gebracht? Das w�re nur nat�rlich.�</p><p>�Ich war aus der Fassung gebracht. Wer w�rde das nicht sein?�</p><p>�Mochten Sie Riemeck als Mensch?�</p><p>�Ich glaube ja�, sagte Leamas hilflos. Dann f�gte er hinzu: �Es hat nicht viel Sinn, sich mit diesen Dingen zu befassen.�</p><p>�Wie verbrachten Sie die Nacht oder was davon �brigblieb, nachdem Riemeck erschossen worden war?�</p><p>�H�ren Sie, was soll das?� fragte Leamas aufgebracht, �worauf wollen Sie hinaus?�</p><p>�Riemeck war der letzte�, �berlegte der Chef, �der letzte in einer Reihe von Todesf�llen. Wenn ich mich recht erinnere, begann es mit dem M�dchen, das sie am Wedding erschossen, au�erhalb des Kinos. Dann kamen der Mann in Dresden und die Verhaftungen in Jena. Wie die zehn kleinen Negerlein. Jetzt Paul, Viereck und Landser - alle tot. Und schlie�lich Riemeck.� Er l�chelte abweisend. �Das ist ein ziemlich hoher Verschlei�. Ich habe mich schon gefragt, ob Sie nicht vielleicht genug h�tten.�</p><p>�Was meinen Sie - genug?�</p><p>�Ich habe mich gefragt, ob Sie nicht m�de geworden sind. Ausgebrannt?�</p><p>Es entstand ein langes Schweigen.</p><p>�Das m�ssen Sie beurteilen�, sagte Leamas schlie�lich.</p><p>�Wir m�ssen ohne Gef�hl leben, ist es nicht so? Das ist freilich unm�glich. Wir spielen es uns gegenseitig vor, all diese H�rte. Aber so sind wir in Wirklichkeit gar nicht. Ich meine, man kann nicht die ganze Zeit drau�en in der K�lte sein; man mu� auch einmal aus der K�lte hereinkommen � verstehen Sie, was ich meine?�</p><p>Leamas verstand. Er sah die lange Stra�e au�erhalb Rotterdams, die lange, gerade Stra�e neben den D�nen, und den Strom von Fl�chtlingen, der sich dort bewegte. Er sah - noch weit entfernt - das kleine Flugzeug, sah die Prozession anhalten und zu ihm hinaufschauen und dann das Flugzeug elegant �ber die D�nen einschwenken, er sah das Chaos, die nackte H�lle, als die Bomben auf die Stra�e schlugen.</p><p>�Ich kann dar�ber nicht reden, Chef�, sagte Leamas schlie�lich. �Was haben Sie mit mir vor?�</p><p>�Ich m�chte, dass Sie noch etwas l�nger in der K�lte aushalten.� Leamas sagte nichts, deshalb fuhr der Chef fort: �Die Ethik unserer Arbeit, wie ich sie verstehe, basiert auf einer einzigen Voraussetzung: dass wir nie die Angreifer sein werden. Glauben Sie, dass das in Ordnung ist?�</p><p>Leamas nickte. Alles war gut, wenn er dabei das Sprechen vermeiden konnte.</p><p>�Auf diese Weise tun wir unangenehme Dinge, aber wir sind in der Verteidigung. Das, glaube ich, ist noch recht. Wir tun unangenehme Dinge, damit hier und anderswo gew�hnliche Menschen nachts sicher in ihren Betten schlafen k�nnen. Ist das zu romantisch? Freilich, gelegentlich tun wir sehr b�se Dinge�, er grinste wie ein Schuljunge. �Und indem wir die moralischen Aspekte gegeneinander aufwiegen, lassen wir uns auf unehrliche Vergleiche ein; man kann schlie�lich nicht die Ideale der einen Seite mit den Methoden der anderen in Vergleich setzen, geben Sie mir recht?�</p><p>Leamas f�hlte sich verloren. Er hatte geh�rt, dass der Mann eine Menge faselte, bevor er das Messer einstie�, aber er hatte nie zuvor etwas wie dies hier geh�rt.</p><p>�Ich meine, man mu� Methode mit Methode vergleichen, und Ideal mit Ideal. Ich m�chte sagen, dass sich unsere Methoden seit dem Krieg weitgehend denen des Gegners angeglichen haben. Ich meine, wir sollten nicht r�cksichtsvoller als der Gegner sein, wenn es daf�r keinen anderen Grund gibt als den, dass die Politik der eigenen Regierung ehrlicher ist. So ist es doch, oder?� Er lachte vor sich hin. �Das w�rde nie gen�gen�, sagte er.</p><p>Himmel, dachte Leamas, das ist, als arbeite man f�r einen verdammten Pfarrer. Worauf will er hinaus?</p><p>�Darum�, fuhr der Chef fort, �meine ich, wir sollten versuchen, Mundt loszuwerden � Oh, wirklich�, sagte er, sich nerv�s nach der T�r umwendend, �wo bleibt dieser elende Kaffee?�</p><p>Der Chef ging zur T�r hin�ber, �ffnete sie und sprach zu einem im Vorzimmer unsichtbar bleibenden M�dchen. Als er zur�ckkehrte, sagte er: �Ich denke wirklich, wir sollten ihn loswerden, wenn sich das bewerkstelligen lie�e.�</p><p>�Warum? Es bleibt uns nichts in Ostdeutschland, �berhaupt nichts. Sie sagten gerade selbst - Riemeck war der letzte. Es bleibt uns nichts zu besch�tzen.�</p><p>Der Chef setzte sich und schaute eine Weile seine H�nde an.</p><p>�Das stimmt nicht ganz�, sagte er schlie�lich, �aber ich glaube nicht, dass ich Sie mit Einzelheiten zu langweilen brauche.�</p><p>Leamas zuckte die Achseln.</p><p>�Sagen Sie�, fuhr der Chef fort, �haben Sie genug von der Spionage? - Entschuldigen Sie, wenn ich die Frage wiederhole. Aber ich glaube, dass wir dieses Ph�nomen verstehen, wissen Sie? Wie Flugzeugkonstrukteure � die Bezeichnung ist daf�r wohl Metallerm�dung. Sagen Sie's mir doch, wenn es bei Ihnen so ist.�</p><p>Leamas erinnerte sich daran, wie er an diesem Morgen nach Hause geflogen war, und er machte sich seine Gedanken.</p><p>�Wenn es so w�re�, f�gte der Chef hinzu, �m��ten wir einen anderen Weg finden, uns mit Mundt auseinanderzusetzen. Was mir vorschwebt, ist ein wenig ungew�hnlich.�</p><p>Das M�dchen kam mit dem Kaffee herein. Sie stellte das Tablett auf den Schreibtisch und schenkte zwei Tassen ein. Der Chef wartete, bis sie das Zimmer verlassen hatte.</p><p>�So ein dummes Ding�, sagte er fast zu sich selbst. �Es ist mir unverst�ndlich, dass es unm�glich sein soll, noch gute M�dchen zu finden. Ich w�nschte, Ginnie w�re nicht gerade jetzt auf Urlaub gegangen.� Er r�hrte eine Weile in seinem Kaffee herum.</p><p>�Wir m�ssen Mundt wirklich in Mi�kredit bringen�, sagte er. �Sagen Sie, trinken Sie viel Whisky und �hnliches Zeug?�</p><p>Leamas war der Meinung gewesen, er kenne seinen Chef.</p><p>�Ich trinke etwas. Mehr als die meisten, glaube ich.�</p><p>Der Chef nickte verstehend. �Was wissen Sie von Mundt?�</p><p>�Er ist ein Totschl�ger. Er war vor ein oder zwei Jahren mit der ostdeutschen Stahlmission hier. Wir hatten damals �Beratung�: der Mann hie� Maston.�</p><p>�Richtig.�</p><p>�Mundt unterhielt eine Agentin, die Frau eines Foreign-Office-Mannes. Er brachte sie um.�</p><p>�Er versuchte, George Smiley umzubringen, und nat�rlich erscho� er den Ehemann dieser Frau. Er ist ein widerw�rtiger Kerl. Fr�her bei der Hitlerjugend und diese Art Sachen. Er ist das Gegenteil des intellektuellen Kommunisten. Ein Praktiker des kalten Krieges.�</p><p>�Wie wir�, bemerkte Leamas trocken.</p><p>Der Chef zeigte keinerlei L�cheln. �George Smiley kannte den Fall gut. Er ist nicht mehr bei uns, aber ich meine, Sie sollten ihn aufst�bern. Er schreibt etwas �ber das Deutschland des 17. Jahrhunderts. Er lebt in Chelsea, gleich hinter dem Sloane Square. Bywater Street, kennen Sie die?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Und auch Guillam hatte mit dem Fall zu tun. Er ist in Abteilung Ost vier im ersten Stock. Ich f�rchte, es hat sich hier seit Ihrer Zeit einiges ver�ndert.�</p><p>�Ja.�</p><p>�Verbringen Sie einen oder zwei Tage mit ihnen. Sie wissen, was ich im Sinne habe. Dann habe ich mich gefragt, ob Sie wohl Lust h�tten, das Wochenende bei mir zu verleben. Meine Frau�, f�gte er schnell hinzu, �versorgt leider ihre Mutter. Nur gerade Sie und ich.�</p><p>�Danke, gern.�</p><p>�Wir k�nnen dann die Dinge in Ruhe besprechen. Das w�re h�bsch. Ich glaube, Sie k�nnen eine Menge Geld mit der Sache machen. Sie k�nnen behalten, was immer Sie auch herausholen.�</p><p>�Danke.�</p><p>�Vorausgesetzt freilich, Sie sind entschlossen, mitzumachen. Keine Metallerm�dung oder etwas �hnliches?�</p><p>�Wenn es sich darum handelt, Mundt zu vernichten, bin ich bereit.�</p><p>�Empfinden Sie wirklich so?� erkundigte sich der Chef h�flich. Dann bemerkte er, nachdem er Leamas einen Augenblick angeschaut hatte: �Ja, ich glaube wirklich, Sie empfinden so. Aber Sie d�rfen nicht glauben, Sie m��ten es aussprechen. Ich glaube, dass man in dieser Umgebung hier sehr rasch gef�hllos wird. Ha� oder Liebe geh�ren zu einer Tonleiter, die wir sehr bald nicht mehr wahrnehmen k�nnen. So wie das Ohr eines Hundes gewisse T�ne nicht mehr vernehmen kann. Alles, was am Schlu� �brigbleibt, ist eine Art �belkeit. Zum Schlu� hat man nur noch den Wunsch, nie wieder Leid zu verursachen. Verzeihen Sie mir, aber haben Sie nicht genau dies gef�hlt, als Karl Riemeck erschossen wurde? Weder Ha� auf Mundt noch Liebe zu Karl, sondern einen widerw�rtigen Sto�, wie den Schlag auf einen bet�ubten K�rper � Man hat mir gesagt, Sie seien die ganze Nacht spazierengegangen, nur durch die Stra�en von Berlin gegangen. Stimmt das?�</p><p>�Es stimmt, dass ich spazierengegangen bin.�</p><p>�Die ganze Nacht?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Was geschah mit Elvira?�</p><p>�Wei� der Himmel � Ich w�rde gern Mundt einen Schwinger geben�, sagte Leamas.</p><p>�Gut � gut. �brigens, wenn Sie inzwischen irgendwelche alte Freunde treffen sollten: ich glaube nicht, dass es Sinn h�tte, mit ihnen dar�ber zu diskutieren. Ich w�rde sogar�, setzte der Chef nach einer Weile hinzu, �ziemlich kurz angebunden sein. Lassen Sie sie glauben, wir h�tten Sie schlecht behandelt. Wenn man schon weitermachen will, ist es wohl das beste, gleich damit anzufangen, meinen Sie nicht?�</p></section><section><p><strong>3 ABSTIEG</strong></p><p>Es �berraschte niemanden, als man Leamas abschob. Es hie�, Berlin sei im gro�en und ganzen seit Jahren ein Mi�erfolg gewesen und irgend jemand habe daf�r b��en m�ssen. Au�erdem sei er schon verh�ltnism��ig alt f�r den Au�endienst, bei dem man �ber die schnellen Reflexe eines berufsm��igen Tennisspielers verf�gen m��te. W�hrend des Krieges hatte Leamas gute Arbeit geleistet, jedermann wu�te das. Seine T�tigkeit war in Norwegen und Holland stets irgendwie sichtbar geblieben, und am Ende gab man ihm einen Orden und lie� ihn gehen. Sp�ter freilich �berredete man ihn dazu, wieder zur�ckzukehren. Was seine Pension betraf, so war dies Pech, ganz entschieden Pech, wie die Buchhaltung in Gestalt Elsies hatte durchblicken lassen. Elsie erz�hlte in der Kantine, dass der arme Alec Leamas wegen der Unterbrechung seiner Dienstzeit pro Jahr nur vierhundert Pfund zum Leben haben w�rde. Elsie war der Meinung, diese Regelung m��te wirklich ge�ndert werden, schlie�lich hatte Mr. Leamas seinen Dienst getan - oder etwa nicht? Aber so war man dran, mit dem Schatzamt im Nacken. Kein Vergleich mehr mit fr�her, und was konnte man schon tun? Selbst w�hrend der schlechten Tage unter Maston waren die Dinge besser geregelt worden.</p><p>Leamas, so wurde den neuen Leuten erz�hlt, sei noch von der alten Schule: gute Familie, Zivilcourage und Kricket - und ein Schulzeugnis in Franz�sisch. In Leamas' Fall war dies ungerecht, da er Deutsch wie seine Muttersprache beherrschte und sein Holl�ndisch bewundernswert war. Auch verabscheute er Kricket. Aber es stimmte, dass er keinen akademischen Titel besa�.</p><p>Da sein Vertrag aber erst in einigen Monaten ablief, steckte man Leamas in die Bankabteilung, damit er seine Zeit absitze. Die Bankabteilung war nicht mit der Buchhaltung zu verwechseln: sie befa�te sich mit �berweisungen ins Ausland, mit der Finanzierung von Agenten und Operationen. Die meisten dieser Arbeiten h�tten von einem B�rolehrling erledigt werden k�nnen, h�tte nicht die Notwendigkeit der Geheimhaltung eine gro�e Rolle gespielt. So aber war die Bankabteilung eine jener Dienststellen des Secret Service, die als Aufbahrungsort f�r Beamte galt, welche man in K�rze begraben wollte.</p><p>Leamas' Leistungen lie�en nach. Allgemein glaubt man, der Leistungsabfall sei ein langwieriger Vorgang, aber bei Leamas war das nicht der Fall. Innerhalb weniger Monate verwandelte er sich unter den Augen seiner Kollegen aus einem ehrenhaft entlassenen Mann zu einem grollenden, betrunkenen Wrack. Trunkenbolde zeigen manchmal, besonders wenn sie n�chtern sind, eine Stumpfsinnigkeit, eine Art Losgel�stsein, die auf den Unaufmerksamen wie Zerstreutheit wirkt und die sich Leamas m it unnat�rlicher Eile anzueignen schien. Er entwickelte kleine Unredlichkeiten, lieh sich von B�roangestellten unbedeutende Summen aus und vers�umte es, sie zur�ckzugeben, und oft kam er unter einem hingemurmelten Vorwand zu sp�t ins B�ro oder ging fr�her weg. Im Anfang behandelten ihn seine Kollegen mit Nachsicht. Vielleicht wurden sie durch seinen Verfall in derselben Weise wie durch den Anblick von Kr�ppeln, Bettlern oder Invaliden erschreckt, der einen bef�rchten l��t, man k�nnte selbst einmal in ihre Situation geraten, aber am Ende isolierte ihn seine Nachl�ssigkeit, seine brutale, blinde Boshaftigkeit.</p><p>Sehr zum Erstaunen der Leute schien es Leamas nichts auszumachen, dass er abgeschoben worden war. Seine Willenskraft schien pl�tzlich zusammengebrochen zu sein. Neu eingestellte Sekret�rinnen, die nicht glauben mochten, dass Geheimdienste von gew�hnlichen Sterblichen bev�lkert sind, wurden von der Feststellung beunruhigt, dass Leamas ganz entschieden verlotterte. Er gab immer weniger acht auf sein �u�eres, nahm immer weniger Notiz von seiner Umgebung. Mittags a� er in der Kantine, was normalerweise den j�ngeren Angestellten vorbehalten war, und es wurde gemunkelt, dass er trinke. Er wurde ein Einzelg�nger, da er nun zu jener tragischen Klasse von aktiven M�nnern geh�rte, die vorzeitig ihrer Aktivit�t beraubt wurden, wie Schwimmer, denen das Wasser verboten ist, oder wie Schauspieler, die man von der B�hne verbannt hat.</p><p>Einige sagten, sein Netz sei aufgerollt worden, weil er in Berlin Fehler gemacht habe, aber niemand wu�te etwas Bestimmtes. Alle waren sich einig, dass er mit ungew�hnlicher H�rte behandelt worden war, selbst wenn man die Ma�st�be einer Personalabteilung anlegte, die sich keineswegs durch besondere Menschenfreundlichkeit auszeichnete. Wenn er vor�berging, zeigte man heimlich auf ihn, wie auf einen fr�her ber�hmten Sportler, und sagte: �Das ist Leamas. Er hat in Berlin Pech gehabt. Traurig, wie er sich gehenl��t.�</p><p>Und dann war er eines Tages verschwunden. Er nahm von niemandem Abschied, offenbar nicht einmal vom Chef. An sich war das nicht �berraschend. Die Natur des Geheimdienstes schlie�t kunstvolle Verabschiedungen und die �berreichung von goldenen Uhren aus, aber selbst nach diesem Ma�stab schien Leamas' Abgang �u�erst pl�tzlich zu sein. Soweit man es beurteilen konnte, schied er vor Ablauf seines Vertrages aus. Elsie aus der Buchhaltung hausierte mit ein paar mageren Informationen. Leamas hatte sich den Rest seines Gehaltes in bar auszahlen lassen, und wenn Elsie �berhaupt etwas von der Sache verstand, so bedeutete dies, dass er Schwierigkeiten mit seiner Bank hatte. Das Geldgeschenk an ihn war am Ende des Monats zu zahlen, sie konnte nicht sagen wieviel, aber es war keine vierstellige Zahl, armer Kerl. Sein Krankenversicherungsausweis war nachgeschickt worden. Von der Personalabteilung war ihm ein Schreiben zugestellt worden, f�gte Elsie mit einem Nasenr�mpfen hinzu, aber freilich konnte man nicht erfahren, was drinstand - nicht von der Personalabteilung.</p><p>Dann war da eine Geldgeschichte. Es sickerte durch - wie �blich wu�te niemand woher -, dass die pl�tzliche Entlassung von Leamas etwas mit Unregelm��igkeiten in der Buchf�hrung der Bankabteilung zu tun habe. Es habe eine gr��ere Summe gefehlt - nach Aussage einer Dame mit blaugef�rbtem Haar, die in der Telefonzentrale arbeitete, war die Summe nicht drei-, sondern vierstellig gewesen, und man hatte fast alles davon zur�ckbekommen, machte jetzt aber ein Zur�ckbehaltungsrecht auf seine Pension geltend. Andere wieder hielten das Ger�cht f�r unglaubw�rdig. Sie sagten, Alec h�tte sicherlich eine bessere Methode gefunden, als sich mit der Buchhaltung der Zentrale anzulegen, wenn er schon die Kasse pl�ndern wollte. Niemand hatte Zweifel daran, dass er dazu f�hig gewesen w�re, aber man glaubte, er h�tte es sicher besser gemacht. Wer jedoch von den schlummernden kriminellen F�higkeiten Leamas' weniger �berzeugt war, erinnerte an den gro�en Alkoholkonsum, an die Kosten, die immer mit dem Unterhalt eines getrennten Haushaltes verbunden sind, an den gro�en Unterschied zwischen den Auslandsbez�gen und dem Gehalt, das Leamas zu Hause bekam, und vor allem erinnerten sie an die Versuchung, die der Umgang mit gro�en Summen hei�en Geldes in dem Augenblick f�r einen Mann bedeuten mu�te, da seine Tage beim Geheimdienst gez�hlt waren. Alle stimmten �berein, dass Alec f�r immer erledigt war, wenn er seine H�nde tats�chlich in den Honigtopf gesteckt hatte. Die Sozialabteilung w�rde sich nicht mehr um ihn k�mmern, und die Personalleute stellten ihm sicherlich kein Zeugnis aus - oder ein so eiskaltes, dass es auch bei dem begeistertsten Arbeitgeber ein Fr�steln hervorrufen m��te.</p><p>Es gab nur eine S�nde, die die Personalabteilung einem nicht zu vergessen erlaubte: die Unterschlagung - und auch sie selbst w�rde diese S�nde nie mehr vergessen. Wenn es stimmte, dass Alec das Rondell bestohlen hatte, so m��te er den Bannfluch der Personalabteilung mit ins Grab nehmen - und sie w�rde nicht einmal das Leichentuch bezahlen.</p><p>Ein paar Leute fragten sich nach seinem Ausscheiden noch ein oder zwei Wochen lang, was wohl aus ihm geworden war. Aber seine fr�heren Freunde hatten schon gelernt, sich von ihm fernzuhalten. Er hatte sich in einen grollenden Langeweiler verwandelt, der nichts anderes im Sinn hatte, als auf den Geheimdienst und dessen Verwaltung zu schimpfen oder seinem �rger �ber jene Leute Luft zu machen, die er �Kommi�kn�pfe� nannte, weil sie - wie er sagte - die Organisation leiteten, als ob sie ein Regimentsklub sei. Er lie� nie eine Gelegenheit aus, �ber die Amerikaner und deren Abwehr herzuziehen. Er schien sie noch mehr zu hassen als die ostzonale Abteilung, die er nur selten oder gar nicht erw�hnte. Er vers�umte es nicht, regelm��ig anzudeuten, die Amerikaner seien es gewesen, die sein Netz aufs Spiel gesetzt hatten. Dieser Gedanke schien sich zu einer fixen Idee bei ihm zu entwickeln, und da er ein miserabler Gesellschafter geworden war, fanden die Versuche tr�stlichen Zuspruchs nur sp�rlichen Dank, so dass ihn bald auch diejenigen seiner Bekannten abschrieben, die ihn stillschweigend gesch�tzt hatten. Leamas' Abschied kr�uselte die Wasserfl�che nur wenig - andere Winde und der Wechsel der Jahreszeiten lie�en ihn bald vergessen sein.</p><p>Seine kleine Wohnung war recht erb�rmlich, die W�nde waren braun get�ncht und an ihnen hingen Fotografien von Clovelly. Die Fenster blickten auf die grauen R�ckseiten von drei Lagerh�usern, auf die aus �sthetischen Gr�nden mit Teerfarbe Fenster aufgemalt waren. �ber einem der Lagerh�user wohnte eine italienische Familie, die sich nachts herumstritt und morgens Teppiche klopfte. Leamas besa� wenig, womit er die R�ume versch�nern konnte. Er kaufte einige Lampenschirme, um die Gl�hbirnen abzudecken, und zwei Paar Laken anstelle des Sackleinens, mit dem der Hausherr die Betten �berzogen hatte. Den Rest tolerierte Leamas: die Blumenmustervorh�nge, die weder eingefa�t noch einges�umt waren, die braunen, abgen�tzten Teppiche und die plumpen M�bel aus dunklem Holz, die aus einer Seemannsherberge zu stammen schienen. Aus einem gelben, zerfallenen Badeofen erhielt er f�r einen Shilling hei�es Wasser.</p><p>Er brauchte Arbeit. Er hatte �berhaupt kein Geld mehr. Deshalb mochte auch die Unterschlagungsgeschichte wahr sein. Die Angebote des Geheimdienstes, bei der Arbeitssuche behilflich zu sein, schienen Leamas lauwarm und merkw�rdig unangemessen zu sein. Er versuchte zuerst, eine kaufm�nnische Arbeit zu bekommen. Eine Fabrik industrieller Klebstoffe zeigte Interesse f�r seine Bewerbung um den Posten eines Direktionsassistenten und Personalchefs. Das Zeugnis, das ihm der Geheimdienst ausgestellt hatte, war unzureichend, aber man nahm keinen Ansto� daran und verlangte keinen weiteren Bef�higungsnachweis. Man bot ihm sechshundert Pfund im Jahr. Er blieb eine Woche, und in dieser Zeit durchdrang der �ble Gestank faulenden Fisch�ls seine Kleider, sein Haar und setzte sich in seinen Nasenl�chern wie der Geruch des Todes fest. Kein noch so h�ufiges Waschen konnte ihn entfernen, so dass Leamas am Schlu� sein Haar bis auf die Kopfhaut abschneiden lie� und zwei seiner besten Anz�ge wegwarf. Er verbrachte eine weitere Woche mit dem Versuch, in den Vororten Londons Nachschlagewerke an Hausfrauen zu verkaufen, aber er war nicht der Mann, den Hausfrauen sch�tzten oder verstanden. Sie hatten nicht auf Leamas gewartet, gar nicht zu reden von seinen Enzyklop�dien. Nacht f�r Nacht kehrte er mit seinem l�cherlichen Musterband unter dem Arm m�de in seine Wohnung zur�ck. Am Ende der Woche rief er die Firma an und sagte, dass er nichts verkauft habe. Sie waren nicht �berrascht und erinnerten ihn nur an seine Verpflichtung, das Muster zur�ckzugeben, sobald er nicht mehr f�r sie arbeiten wollte, und legten auf. W�tend verlie� Leamas die Telefonzelle, lie� den Musterband dort liegen und ging in die Kneipe, um sich f�r f�nfundzwanzig Shilling zu betrinken, was er sich eigentlich nicht leisten konnte. Als er eine Frau anschrie, die ihn mitnehmen wollte, warf man ihn hinaus und verbot ihm, jemals wiederzukommen. Aber eine Woche sp�ter war alles vergessen. Leamas begann dort bekannt zu werden.</p><p>Auch anderswo fing man an, seine graue, torkelnde Gestalt zu kennen, die eigentlich in ein feineres Wohnviertel zu geh�ren schien. Er sprach niemals und hatte keinen einzigen Freund, sei es ein Mann, eine Frau oder ein Tier. Man nahm an, dass er in Schwierigkeiten steckte, dass er h�chstwahrscheinlich seiner Frau davongelaufen war. Beim Einkaufen wu�te er nie den Preis der Ware, sooft er ihm auch gesagt worden war - er konnte sich nie daran erinnern. Wenn er Kleingeld suchte, klopfte er immer alle Taschen ab. Er verga� stets, einen Korb mitzubringen, und kaufte jedesmal einen Tragbeutel. In seiner Stra�e mochte man ihn nicht, aber man f�hlte fast ein gewisses Mitleid mit ihm. Man war auch der Ansicht, dass er schmutzig sei, weil er sich am Wochenende nicht rasierte und seine Hemden ganz schmierig waren. Eine Woche lang machte eine Mrs. McCaird aus der Sudbury Avenue bei ihm sauber, aber sie gab die Arbeit wieder auf, weil er nie ein einziges freundliches Wort mit ihr gesprochen hatte. Sie war in dieser Stra�e, deren Kaufleute einander versicherten, dass man f�r den Fall, Leamas wolle Kredit haben, im Bilde sein m�sse, eine wichtige Informationsquelle. Mrs. McCaird war gegen Kredit. Leamas bekomme nie Post, sagte sie, und dies war ernst zu nehmen - darin waren sich alle einig. Er besitze keine Bilder und nur wenige B�cher, von denen eines ihrer Ansicht nach wohl schmutzig sein m��te, auch wenn sie sich dessen nicht ganz sicher sein konnte, da es in einer fremden Sprache geschrieben war. Sie vertrat die Meinung, er bestreite sein Leben von einem Rest seines Besitzes, dass aber dieser Rest zu Ende gehe. Sie w��te, dass er jeden Dienstag die Arbeitslosenunterst�tzung abholte.</p><p>Bayswater war gewarnt und brauchte keine zweite Warnung. Man h�rte von Mrs. McCaird, dass er soff wie ein Loch, und der Kneipenwirt best�tigte es. Wirte und Zugehfrauen sind meist nicht so gestellt, dass sie ihren Kunden Kredit einr�umen k�nnten, aber ihre Informationen werden von den Leuten gesch�tzt, die dazu in der Lage w�ren.</p></section><section><p><strong>4 LIZ</strong></p><p>Schlie�lich nahm er doch die Stellung in der Bibliothek an. Das Arbeitsamt hatte sie ihm jeden Dienstagmorgen vorgeschlagen, wenn er seine Unterst�tzung abholte, und er hatte stets abgelehnt.</p><p>�Es ist eigentlich nicht das Richtige f�r Sie�, sagte Mr. Pitt, �aber die Bezahlung ist gut, und die Arbeit ist f�r einen gebildeten Mann leicht.�</p><p>�Was ist das f�r eine Bibliothek?� fragte Leamas.</p><p>�Es ist die Bayswater-Bibliothek f�r psychische Forschung. Es ist eine Stiftung. Sie haben Tausende von B�nden, alles m�gliche, und haben noch viel mehr vermacht bekommen. Sie suchen noch einen Helfer.�</p><p>Er nahm seine Unterst�tzung und den Zettel in Empfang.</p><p>�Es sind merkw�rdige Leute�, f�gte Mr. Pitt hinzu, �aber Sie sind ohnehin kein Dauerarbeiter, wie? Ich meine, es w�re an der Zeit, es jetzt einmal zu versuchen, meinen Sie nicht?�</p><p>Etwas war merkw�rdig mit Pitt. Leamas war sicher, ihn schon vorher irgendwann einmal gesehen zu haben. Im Rondell, w�hrend des Krieges.</p><p>Die Bibliothek glich einem Kirchenschiff und war sehr kalt. Die schwarzen Heiz�fen an den beiden Enden des Raumes verbreiteten �lgeruch. In der Mittelhalle stand ein w�rfelf�rmiger Verschlag, in dem Mi� Crail, die Bibliothekarin, sa�.</p><p>Es war Leamas nie der Gedanke gekommen, dass er einmal unter einer Frau w�rde arbeiten m�ssen. Niemand beim Arbeitsamt hatte etwas davon erw�hnt.</p><p>�Ich bin der neue Helfer�, sagte er, �mein Name ist Leamas.�</p><p>Mi� Crail blickte scharf von ihren Karteik�sten auf, als ob sie ein b�ses Wort geh�rt hatte.</p><p>�Helfer? Was meinen Sie mit Helfer?�</p><p>�Assistent. Vom Arbeitsamt. Von Mr. Pitt.�</p><p>Er schob ein vervielf�ltigtes Formblatt, auf dem seine Personalangaben in schr�ger Handschrift eingetragen waren, �ber den Tisch. Sie nahm es auf und pr�fte es.</p><p>�Sie sind Mr. Leamas.� Es war keine Frage, sondern die erste Etappe einer m�hsamen Untersuchung zur Tatsachenfeststellung. �Und Sie sind vom Arbeitsamt?�</p><p>�Nein. Ich wurde vom Arbeitsamt nur hergeschickt. Man sagte mir, dass Sie eine Hilfskraft brauchten.�</p><p>�Ich verstehe.� Ein h�lzernes L�cheln.</p><p>In diesem Moment l�utete das Telefon: Sie hob den H�rer ab und begann mit dem Anrufer sofort heftig zu streiten. Leamas tippte darauf, dass sie mit dieser anderen Person in einem st�ndigen Streit lebte, denn es hatte kein Vorgepl�nkel gegeben. Ihre Stimme hatte sich einfach um eine Tonlage gehoben, w�hrend sie wegen irgendwelcher Konzertkarten zu schimpfen begann. Er lauschte ihr ein oder zwei Minuten und schlenderte dann zu den B�cherregalen. In einer der Nischen bemerkte er ein M�dchen auf einer Leiter, das gro�e B�nde sortierte.</p><p>�Ich bin der neue Mann�, sagte er, �mein Name ist Leamas.�</p><p>Sie kam die Leiter herunter und sch�ttelte etwas f�rmlich seine Hand.</p><p>�Ich bin Liz Gold. Sehr angenehm. Kennen Sie schon Mi� Grail?�</p><p>�Ja, aber sie telefoniert im Moment.�</p><p>�Sie hat einen Krach mit ihrer Mutter, nehme ich an. Was werden Sie hier machen?�</p><p>�Keine Ahnung. Arbeiten, denke ich.�</p><p>�Wir sind im Augenblick beim Registrieren; Mi� Crail legt ein neues Verzeichnis an.�</p><p>Sie war ein gro�es, linkisches M�dchen mit langer Taille und langen Beinen. Sie trug Schuhe mit flachen Abs�tzen, um etwas kleiner zu wirken. Einzelne Partien ihres Gesichtes und ihres K�rpers schienen unentschlossen, ob sie sich f�r grobe Einfachheit oder Anmut entscheiden sollten. Leamas sch�tzte sie auf zweiundzwanzig oder dreiundzwanzig Jahre, wahrscheinlich war sie J�din.</p><p>�Wir m�ssen nur sehen, ob alle B�cher in den Regalen sind. Dies ist die Standortliste, sehen Sie. Wenn Sie kontrolliert haben, schreiben Sie mit Bleistift die Standortbezeichnung hinein und haken den Titel im Katalog ab.�</p><p>�Was geschieht dann?�</p><p>�Nur Mi� Crail darf die Eintragung im neuen Verzeichnis mit Tinte machen. So ist die Vorschrift.�</p><p>�Wessen Vorschrift?�</p><p>�Mi� Crails. Fangen Sie doch bei der Arch�ologie an.�</p><p>Leamas nickte, und gemeinsam gingen sie zu der n�chsten Nische, wo eine Schuhschachtel voll Karteikarten auf dem Boden stand.</p><p>�Haben Sie schon einmal eine derartige Arbeit gemacht?�</p><p>�Nein.� Er b�ckte sich, nahm eine Handvoll Karten heraus und bl�tterte sie durch. �Mr. Pitt vom Arbeitsamt hat mich geschickt.� Er steckte die Karten zur�ck. �Mi� Crail ist auch die einzige Person, die auf diesen Karten mit Tinte schreiben darf?� erkundigte sich Leamas.</p><p>�Ja.�</p><p>Sie lie� ihn in seiner Nische allein, und nach kurzem Z�gern nahm er ein Buch vom Regal und las das Titelblatt. Das Buch hie� �Arch�ologische Entdeckungen in Kleinasien, Band vier.� Man schien hier nur Band vier zu haben.</p><p>Es war ein Uhr und Leamas war sehr hungrig, er ging deshalb zu Liz Gold hin�ber und sagte: �Wie steht es mit dem Mittagessen?�</p><p>�Ich bringe mir immer Brote mit.� Sie sah etwas verlegen aus. �Sie k�nnen davon haben, wenn Ihnen damit gedient ist. Es gibt hier meilenweit kein Caf�.�</p><p>Leamas sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Ich werde weggehen. Vielen Dank. Mu� au�erdem einige Eink�ufe machen.�</p><p>Sie sah ihm nach, als er durch die Schwingt�r ging.</p><p>Es war halb drei, als er zur�ckkam. Er roch nach Whisky. Er schleppte zwei Tragtaschen mit Lebensmitteln. Er stellte sie in einer Ecke der Nische ab und begann widerwillig seine Arbeit bei den Arch�ologieb�chern fortzusetzen. Er hatte ungef�hr zehn Minuten gearbeitet, als er bemerkte, dass ihn Mi� Crail beobachtete.</p><p>�Mr. Leamas!� Er war halb oben auf der Leiter, deshalb schaute er nur �ber seine Schulter hinunter und sagte:</p><p>�Ja?�</p><p>�Wissen Sie, woher diese Beutel kommen?�</p><p>�Es sind meine.�</p><p>�Aha, es sind Ihre.� Leamas wartete.</p><p>�Ich bedaure�, fuhr sie schlie�lich fort, �dass wir es nicht gestatten k�nnen, Eink�ufe in die Bibliothek mitzubringen.�</p><p>�Wo soll ich sie sonst lassen? Ich kann sie nirgendwo anders hinstellen.�</p><p>�Nicht in die Bibliothek�, erwiderte sie.</p><p>Leamas ignorierte sie und wandte seine Aufmerksamkeit wieder dem Regal zu.</p><p>�Wenn Sie die vorgeschriebene Mittagspause einhielten�, fuhr Mi� Crail fort, �w�rden Sie keine Zeit zum Einkaufen haben. Niemand von uns hat das, weder Mi� Gold noch ich selbst. Wir haben keine Zeit zum Einkaufen.�</p><p>�Warum nehmen Sie sich nicht eine halbe Stunde frei?� fragte Leamas. �Dann w�rden Sie Zeit haben. Wenn Sie mit der Arbeit in Druck geraten, k�nnten Sie abends eine halbe Stunde anh�ngen, falls es n�tig ist.�</p><p>Sie blieb einige Augenblicke stumm, indem sie ihn beobachtete und offensichtlich nach einer Antwort suchte. Schlie�lich k�ndigte sie an: �Ich werde es mit Mr. Ironside besprechen.� Dann ging sie weg.</p><p>Punkt halb sechs zog Mi� Crail ihren Mantel an und ging mit einem betonten �Gute Nacht, Mi� Gold�. Leamas sch�tzte, dass sie den ganzen Nachmittag wegen der Einkaufsbeutel gegr�belt hatte. Er ging zur n�chsten Nische, wo Liz Gold auf der untersten Sprosse ihrer Leiter sa� und etwas las, das wie ein Traktat aussah. Als sie Leamas sah, lie� sie es schuldbewu�t in ihrer Handtasche verschwinden und stand auf.</p><p>�Wer ist Mr. Ironside?� fragte Leamas.</p><p>�Ich glaube nicht, dass er existiert�, sagte sie. �Er ist ihr gro�es Gesch�tz, wenn sie um eine Antwort verlegen ist. Ich fragte sie einmal, wer er sei. Sie wurde unruhig und geheimnisvoll und sagte: �Schon gut.� Ich glaube nicht, dass es ihn gibt.�</p><p>�Ich bin nicht sicher, dass es Mi� Crail gibt�, sagte Leamas, und Liz Gold l�chelte.</p><p>Um sechs Uhr schlo� sie ab und gab den Schl�ssel dem Kurator, einem sehr alten Mann, der aus dem Ersten Weltkrieg einen Schock weghatte und der f�r den Fall, dass die Deutschen einen Gegenangriff machten, die ganze Nacht aufblieb, wie Liz erkl�rte. Drau�en war es bitterkalt.</p><p>�Haben Sie weit zu gehen?� fragte Leamas.</p><p>�Zwanzig Minuten. Ich gehe immer zu Fu�. Wie ist es bei Ihnen?�</p><p>�Nicht weit�, sagte Leamas. �Gute Nacht.�</p><p>Er ging langsam zur Wohnung zur�ck. Nachdem er aufgesperrt hatte, drehte er den Lichtschalter, aber nichts geschah. Er versuchte, das Licht in der winzigen K�che anzudrehen und schlie�lich die elektrische Heizung, die bei seinem Bett angeschlossen war. Auf der Fu�matte an der T�r lag ein Brief. Er hob ihn auf, nahm ihn mit hinaus in das d�nne gelbe Licht des Treppenaufganges. Es war ein Schreiben der Elektrizit�tsgesellschaft, die mitteilte, dass der Distriktsleiter es bedauere, keine andere M�glichkeit zu haben, als den Strom solange abzuschalten, bis der ausstehende Betrag von neun Pfund, vier Shilling und acht Pennies beglichen sei.</p><p>Er war ein Feind von Mi� Crail geworden, und sie liebte es, Feinde zu haben. Sie blickte ihn entweder finster an oder �bersah ihn einfach, und wenn er ihr nahe kam, begann sie zu zittern und ihre Augen nach rechts und links wandern zu lassen, entweder auf der Suche nach einem Gegenstand, mit dem sie sich verteidigen konnte, oder nach einem Fluchtweg. Gelegentlich pflegte sie an irgend etwas gewaltigen Ansto� zu nehmen, so, als er seinen Gummimantel an ihren Haken h�ngte, und sie volle f�nf Minuten zitternd davorstand, bis Liz sie bemerkte und Leamas rief. Leamas ging zu ihr hin und sagte: �Was irritiert Sie, Mi� Crail?�</p><p>�Nichts�, erwiderte sie tonlos und kurz. �Gar nichts.�</p><p>�Ist irgend etwas mit meinem Mantel?�</p><p>�Nichts.�</p><p>�Fein�, erwiderte er und ging in seine Nische zur�ck.</p><p>Sie bebte den ganzen Tag und f�hrte den halben Vormittag ein gefl�stertes Telefongespr�ch in der Lautst�rke von B�hnengefl�ster.</p><p>�Sie erz�hlt es ihrer Mutter�, sagte Liz. �Sie erz�hlt alles ihrer Mutter, sie erz�hlt ihr auch von mir.�</p><p>Mi� Crail entwickelte einen so starken Ha� gegen Leamas, dass es ihr unm�glich war, mit ihm zu sprechen. An jedem Zahltag fand er regelm��ig nach der R�ckkehr vom Mittagessen auf der dritten Sprosse seiner Leiter einen Umschlag mit seinem falsch geschriebenen Namen darauf.</p><p>Als es zum erstenmal passierte, ging er mit dem Geld und dem Umschlag zu ihr hin�ber und sagte:</p><p>�Es hei�t L - E - A, Mi� Crail, und nur ein S�, worauf sie von einer richtiggehenden L�hmung befallen wurde. Sie verdrehte die Augen und fuchtelte ziellos mit ihrem Bleistift in der Luft herum, bis Leamas wegging. Danach f�hrte sie ein stundenlanges, verschw�rerisches Telefongespr�ch.</p><p>Ungef�hr drei Wochen, nachdem Leamas in der Bibliothek zu arbeiten begonnen hatte, lud ihn Liz zum Abendessen ein. Sie tat so, als sei ihr dieser Gedanke erst jetzt, an diesem Nachmittag um f�nf Uhr, pl�tzlich gekommen. Es schien ihr klar zu sein, dass er eine Einladung f�r morgen oder den �bern�chsten Tag vergessen oder einfach nicht kommen w�rde, deshalb machte sie ihren Vorschlag erst um f�nf Uhr. Leamas schien nicht geneigt, zu akzeptieren, aber schlie�lich tat er es doch.</p><p>W�hrend sie zu ihrer Wohnung gingen, regnete es, und ihr Weg h�tte durch irgendeine Stadt, wie Berlin oder London, f�hren k�nnen, in der sich die Pflastersteine im Abendregen zu Lichterseen verwandeln und der Verkehr sich hoffnungslos und m�hsam durch nasse Stra�en schleppt.</p><p>Es war die erste von vielen Mahlzeiten, die Leamas in ihrer Wohnung einnahm. Er kam, sooft sie ihn bat - und sie bat ihn oft.</p><p>Er sprach nie viel. Wenn sie sp�rte, dass er ihrer Einladung folgen w�rde, deckte sie den Tisch gew�hnlich schon morgens, ehe sie in die Bibliothek ging. Sie bereitete sogar das Gem�se vorher zu und stellte Kerzen auf den Tisch, denn sie liebte Kerzenlicht. Es war ihr immer bewu�t, dass mit Leamas irgend etwas zutiefst nicht stimmte und dass er wohl eines Tages, aus einem f�r sie nicht erfa�baren Grund, mit ihr Schlu� machen und sie ihn nie wiedersehen w�rde. Sie versuchte, ihm zu sagen, dass sie dies wu�te.</p><p>Sie sagte eines Abends: �Du mu�t gehen, wenn du es willst. Ich werde dir nie folgen, Alec.�</p><p>Seine braunen Augen ruhten f�r einen Moment auf ihr. �Wenn's soweit ist, werd' ich's dir sagen�, erwiderte er.</p><p>Ihre Wohnung hatte nur ein Zimmer und die K�che. Im Zimmer standen zwei Armst�hle, eine Schlafcouch und ein B�cherschrank, der mit Taschenb�chern angef�llt war, haupts�chlich mit Klassikern, die sie nie gelesen hatte.</p><p>Nach dem Abendessen redete sie immer, und er lag dann auf der Couch und rauchte. Sie war nie ganz sicher, ob er ihr zuh�rte, aber das war ihr auch gleichg�ltig. Sie kniete dann neben dem Bett und hielt seine Hand an ihr Gesicht und redete.</p><p>Einmal fragte sie ihn: �Alec, woran glaubst du? Lach nicht, sag es mir!�</p><p>Sie wartete, und schlie�lich sagte er: �Ich glaube, dass mich der Elfuhrbus nach Hammersmith bringen wird. Ich glaube nicht, dass er vom Weihnachtsmann gefahren wird.�</p><p>Sie schien dar�ber nachzudenken und fragte dann: �Aber woran glaubst du wirklich?�</p><p>Leamas zuckte die Achseln.</p><p>�Aber du mu�t doch an etwas glauben�, beharrte sie, �etwas wie Gott - ich wei�, du tust es, Alec. Manchmal hast du einen Blick, als ob du etwas Besonderes tun m��test - wie ein Priester. L�chle nicht, Alec, es ist wahr.�</p><p>Er sch�ttelte den Kopf. �Bedaure, Liz, du hast das falsch verstanden. Ich mag keinen Amerikaner und keine Public-Schools. Ich mag weder Milit�rparaden noch Menschen, die Soldaten spielen.� Ohne zu l�cheln, f�gte er hinzu: �Und ich mag keine Gespr�che �ber das Leben.�</p><p>�Aber, Alec, du k�nntest genausogut sagen -�</p><p>�Ich sollte hinzusetzen�, unterbrach Leamas, �dass ich Menschen nicht mag, die mir sagen, was ich denken soll.�</p><p>Sie wu�te, dass er �rgerlich wurde, aber sie war schon zu sehr in Fahrt, um sich noch zur�ckhalten zu k�nnen.</p><p>�Das kommt daher, dass du nicht denken willst, weil du dich nicht zu denken traust! Es ist irgendein Gift in dir, irgendein Ha�. Du bist ein Fanatiker, Alec, ich wei�, dass es so ist, aber ich wei� nicht, in welcher Hinsicht. Du bist ein Fanatiker, der keine Menschen bekehren will, und das ist eine gef�hrliche Sache. Du bist wie ein Mann, der � Rache geschworen hat, oder etwas �hnliches.�</p><p>Die braunen Augen ruhten auf ihr. Als er sprach, erschrak sie vor dem drohenden Ton in seiner Stimme.</p><p>�Wenn ich du w�re�, sagte er rauh, �w�rde ich mich um meine eigenen Angelegenheiten k�mmern.� Und dann l�chelte er, ein verschmitztes, irisches L�cheln. Bisher hatte er noch nie so gel�chelt, und Liz wu�te, dass er jetzt charmant zu sein versuchte.</p><p>�Woran glaubt Liz?� fragte er, und sie erwiderte:</p><p>�So einfach wirst du auch wieder nicht mit mir fertig, Alec.� Aber in dieser Nacht redeten sie sp�ter nochmals dar�ber. Leamas lenkte das Gespr�ch darauf, indem er sie fragte, ob sie religi�s sei.</p><p>�Du hast mich falsch verstanden�, sagte sie, �ganz falsch.�</p><p>�Woran glaubst du dann?�</p><p>�An Geschichte.�</p><p>Er sah sie einen Moment erstaunt an, dann lachte er.</p><p>�O Liz � o nein � Du bist doch nicht etwa eine verdammte Kommunistin?�</p><p>Sie nickte, wobei sie wie ein kleines M�dchen err�tete, denn sie war �ber sein Gel�chter �rgerlich und doch gleichzeitig erleichtert, dass es ihn nicht weiter st�rte. Sie lie� ihn diese Nacht nicht fortgehen. Er verlie� sie um f�nf Uhr morgens. Sie war sehr stolz, aber er schien besch�mt zu sein. Das konnte sie nicht verstehen.</p><p>Er verlie� ihre Wohnung und ging in Richtung auf den Park die leere Stra�e entlang. Es war nebelig. Nicht weit die Stra�e hinunter, vielleicht zwanzig Meter, stand die Gestalt eines Mannes. Er trug einen Regenmantel, war klein und ziemlich dick. Er lehnte am Gel�nder des Parks und hob sich als Silhouette gegen den ziehenden Nebel ab. Als Leamas n�her kam, schien sich der Nebel zusammenzuziehen und die Figur ganz zu umschlie�en, und als er sich wieder teilte, war der Mann verschwunden.</p></section><section><p><strong>5 KREDIT</strong></p><p>Etwa eine Woche sp�ter kam er eines Tages nicht in die Bibliothek. Mi� Crail war entz�ckt. Bis halb elf hatte sie es ihrer Mutter berichtet. Nach der Mittagspause trat sie vor das Regal, an dem er seit seinem Kommen gearbeitet hatte, und starrte mit auff�llig gespielter Konzentration auf die Buchreihen. Sie gab sich vor Liz den Anschein, als pr�fe sie, ob Leamas etwas gestohlen hatte.</p><p>Liz nahm daraufhin f�r den Rest des Tages keine Notiz mehr von ihr, gab keine Antwort, wenn sie von ihr angesprochen wurde, und arbeitete mit verbissenem Flei�. Als der Abend kam, ging sie nach Hause und weinte sich in den Schlaf.</p><p>Am n�chsten Morgen kam sie fr�her als sonst in die Bibliothek. Sie hatte das Gef�hl, Leamas werde um so eher zur�ckkommen, je fr�her sie selbst an Ort und Stelle war; aber als der Morgen sich hinschleppte, schwanden all ihre Hoffnungen, und sie wu�te, dass er niemals mehr kommen w�rde. Sie hatte an diesem Tag vergessen, sich Sandwiches zu machen, deshalb entschlo� sie sich, mit dem Bus in die Bayswater Road zu fahren und dort in ein Buffet zu gehen. Sie f�hlte sich krank und leer, aber nicht hungrig. Sollte sie sich auf die Suche nach ihm machen? Sie hatte versprochen, ihm nicht nachzulaufen, aber er hatte versprochen, ihr vorher Bescheid zu sagen. Sollte sie zu ihm gehen?</p><p>Sie rief ein Taxi und sagte seine Adresse.</p><p>Sie lief das schmutzige Treppenhaus hinauf und l�utete an seiner T�r. Die Glocke schien nicht zu funktionieren, denn sie h�rte nichts, als sie auf den Knopf dr�ckte. Auf dem Fu�abstreifer standen drei Flaschen Milch, daneben lag ein Brief vom Elektrizit�tswerk. Sie z�gerte einen Moment, dann trommelte sie an die T�r und h�rte das schwache St�hnen eines Mannes.</p><p>Sie lief die Treppe hinunter zur tiefer gelegenen Wohnung, h�mmerte und l�utete an der T�r. Da niemand Antwort gab, rannte sie ganz hinunter und kam in das Hinterzimmer eines Kr�merladens. Eine alte Frau sa� in einer Ecke und schaukelte in ihrem Stuhl vor und zur�ck.</p><p>�Im obersten Stock�, schrie sie fast. �Jemand ist sehr krank. Wer hat einen Schl�ssel?�</p><p>Die alte Frau sah sie einen Moment an, dann rief sie in den Laden: �Arthur! Komm her, Arthur, ein M�dchen ist hier.�</p><p>Ein Mann in einem braunen Overall mit grauem Filzhut schaute zur T�r herein und fragte:</p><p>�M�dchen?�</p><p>�Jemand im obersten Stock ist schwer krank�, sagte Liz. �Er kann nicht an die T�r kommen und sie aufmachen. Haben Sie einen Schl�ssel?�</p><p>�Nein�, sagte der Kr�mer, �aber ich habe einen Hammer.� Zusammen eilten sie die Stufen hinauf, der Kr�mer noch mit seinem Filzhut auf dem Kopf, in der Hand einen schweren Schraubenzieher und einen Hammer. Er pochte an die T�r, und atemlos warteten sie auf Antwort. Es kam keine.</p><p>�Ich habe vorhin geh�rt, dass jemand st�hnte - ganz bestimmt�, fl�sterte Liz.</p><p>�Bezahlen Sie die T�r, wenn ich sie aufbreche?�</p><p>�Ja.�</p><p>Der Hammer machte schrecklichen L�rm. Mit drei Schl�gen hatte der Mann ein St�ck des Rahmens und das Schlo� herausgeschlagen. Liz ging zuerst hinein, der Kaufmann folgte ihr. In dem Raum war es bitter kalt und dunkel, aber auf dem Bett in einer Ecke war die Gestalt eines Mannes zu erkennen.</p><p>O Gott, dachte Liz, ich kann ihn nicht anfassen, wenn er tot ist. Aber sie ging zu ihm hin�ber und sah, dass er lebte. Sie zog die Vorh�nge auf und kniete sich neben das Bett.</p><p>�Ich werde Sie rufen, wenn ich Sie brauche, danke sehr�, sagte sie, ohne sich umzudrehen. Der Kaufmann nickte und ging hinunter.</p><p>�Alec, was ist los? Was hast du, was ist, Alec?�</p><p>Leamas bewegte seinen Kopf auf dem Kissen; seine eingesunkenen Augen waren geschlossen. Der dunkle Bart hob sich von der Bl�sse seines Gesichts ab.</p><p>�Alec, du mu�t es mir sagen, bitte, Alec.� Sie hielt eine seiner H�nde in der ihren. Die Tr�nen liefen ihr die Wangen hinunter. Verzweifelt fragte sie sich, was zu tun sei, dann stand sie auf, lief in die winzige K�che und stellte einen Kessel Wasser aufs Gas. Sie wu�te nicht genau, was sie tun sollte, aber es beruhigte sie, irgend etwas zu unternehmen. Sie lie� den Kessel auf dem Gas, nahm ihre Handtasche und den Wohnungsschl�ssel vom Nachttisch und lief die vier Treppen und �ber die Stra�e zu Mr. Sleaman hinunter, in dessen Gesch�ft sie eine Dose H�hnerbrust, Suppenw�rfel und eine Schachtel Aspirin kaufte. Als sie schon an der T�r war, drehte sie um und kaufte noch ein Paket Zwieback. Alles zusammen kostete sechzehn Shilling. Sie besa� noch vier Shilling in bar und elf Pfund auf ihrem Postsparbuch, von dem sie heute nichts mehr abheben konnte.</p><p>Das Wasser kochte gerade, als sie wieder in die Wohnung zur�ckkam. Sie go� die Suppenw�rfel in einem Glas auf, wie es ihre Mutter immer machte, indem sie einen L�ffel hineinstellte, um das Zerspringen des Glases zu verhindern. Unterdessen lie� sie Leamas nicht aus den Augen, als f�rchtete sie, er k�nnte tot sein.</p><p>Sie mu�te ihn st�tzen, damit er die Suppe trinken konnte. Er besa� nur ein Kopfkissen, und da es in der Wohnung keine anderen Polster gab, nahm sie seinen Mantel vom Haken hinter der T�r, machte ein B�ndel daraus und stopfte es hinter das Kopfkissen. Sie hatte Angst vor der Ber�hrung mit ihm, er war schwei�na�, und sein kurzes graues Haar war feucht und klebrig. Sie stellte das Glas ab, hielt seinen Kopf mit der einen Hand und fl��te ihm die Suppe mit der anderen ein. Als er einige L�ffel zu sich genommen hatte, zerdr�ckte sie zwei Aspirintabletten und gab sie ihm mit dem L�ffel. Sie redete ihm wie einem Kind zu, w�hrend sie auf der Bettkante sa�, ihn und sein Gesicht mit den Fingerspitzen streichelte, wobei sie immer seinen Namen fl�sterte: �Alec, Alec.�</p><p>Allm�hlich wurde sein Atem gleichm��iger und sein K�rper entspannte sich, da er aus dem schmerzhaften Fieberkrampf in einen ruhigen Schlaf hin�berglitt. Liz f�hlte, dass er das Schlimmste �berstanden hatte. Pl�tzlich kam ihr zu Bewu�tsein, dass es fast dunkel war.</p><p>Als ihr einfiel, dass sie aufr�umen konnte, statt herumzusitzen, sch�mte sie sich. Sie sprang auf, holte aus der K�che die Teppichkehrmaschine und einen Staublappen und machte sich fieberhaft an die Arbeit. Als sie in einem Zimmer fertig war und ein sauberes Tischtuch auf den Nachttisch gelegt hatte, wusch sie in der K�che das herumstehende Geschirr ab. Als sie auf die Uhr sah, war es halb neun. Sie setzte den Kessel auf und ging ans Bett zur�ck. Leamas schaute sie b�se an.</p><p>�Alec, sei nicht b�se, bitte, nicht�, sagte sie. �Ich versprech' dir, dass ich dann gehe, aber la� mich erst etwas Richtiges zu essen f�r dich machen. Du bist krank, du kannst so nicht weitermachen. Du bist � oh, Alec.� Sie verlor die Beherrschung und weinte, wobei sie die H�nde vors Gesicht hielt, so dass ihr die Tr�nen wie bei einem Kind zwischen den Fingern hinunterliefen. Seine braunen Augen waren unbewegt auf sie gerichtet, w�hrend seine H�nde das Betttuch hielten.</p><p>Sie half ihm beim Waschen und Rasieren und sie fand sauberes Bettzeug. Sie gab ihm etwas H�hnerbrust aus der Dose, die sie in Mr. Sleamans Laden gekauft hatte. Sie sa� auf dem Bett und sah ihm beim Essen zu, w�hrend sie dar�ber nachdachte, dass sie noch niemals vorher so gl�cklich gewesen war.</p><p>Er schlief bald ein. Sie zog die Decke �ber seine Schultern und ging zum Fenster. Sie schlug die vergilbten Vorh�nge zur�ck, schob das Fenster hoch und schaute hinaus. Im Hof waren Fenster erleuchtet. Durch das eine konnte sie den flimmernden blauen Schatten eines Fernsehschirmes sehen, der bewegungslose Gestalten in seinem Bann hielt, hinter dem anderen drehte sich eine ziemlich junge Frau Lockenwickler in ihr Haar. Liz h�tte �ber die verworrene Selbstt�uschung in ihren Tr�umen weinen k�nnen.</p><p>Sie schlief in einem Sessel, bis es fast hell war, und als sie aufwachte, f�hlte sie sich kalt und steif. Sie ging zum Bett. Leamas regte sich, als sie ihn anschaute, und sie ber�hrte seine Lippen mit den Fingerspitzen. Er zog sie, ohne die Augen zu �ffnen, sanft aufs Bett herunter. Pl�tzlich hatte sie heftiges Verlangen nach ihm, so dass nichts anderes mehr wichtig war, und sie k��te ihn wieder und wieder, und als sie ihn ansah, schien er zu l�cheln.</p><p>Beinahe eine Woche lang kam sie jeden Tag. Er sprach nie viel mit ihr, und als sie ihn einmal fragte, ob er sie liebe, sagte er, er glaube an keine M�rchen. Sie legte sich dann auf das Bett, den Kopf auf seiner Brust, er fuhr ihr mit seinen dicken Fingern ins Haar und hielt es ziemlich fest, w�hrend Liz lachte und sagte, es tue ihr weh.</p><p>Als sie Freitag abend kam, war er angezogen, aber nicht rasiert, und sie wunderte sich dar�ber. Irgendein unbestimmtes Gef�hl alarmierte sie. Im Zimmer fehlten verschiedene Kleinigkeiten, wie etwa die Wanduhr und das billige tragbare Radio, das auf dem Tisch gestanden hatte. Sie wollte fragen, wagte es aber nicht. Sie hatte Eier und Schinken gekauft und daraus bereitete sie das Abendessen, w�hrend Leamas auf dem Bett sa� und eine Zigarette nach der anderen rauchte. Als das Essen fertig war, ging er in die K�che und kam mit einer Flasche Rotwein zur�ck. Er sprach w�hrend des Essens kaum ein Wort. Sie beobachtete ihn mit wachsender Angst, bis sie es nicht mehr aushielt und pl�tzlich rief: �Alec, Alec � was ist denn? Ist das der Abschied?�</p><p>Er stand vom Tisch auf, nahm ihre H�nde und k��te sie, wie er sie nie vorher gek��t hatte. Dann sprach er lange Zeit leise auf sie ein, erz�hlte ihr Dinge, die sie nur halb verstand, weil sie die ganze Zeit wu�te, dass es das Ende war und nichts anderes mehr eine Rolle spielte.</p><p>�Leb wohl, Liz�, sagte er. �Leb wohl.� Und dann: �Diesmal suche mich nicht mehr. Diesmal nicht.�</p><p>Liz nickte und murmelte: �Wie wir gesagt haben.� Sie war dankbar f�r die bei�ende K�lte auf der Stra�e und f�r die Dunkelheit, die ihre Tr�nen verbarg.</p><p>Es war am n�chsten Morgen, am Samstag, als Leamas beim Kr�mer um Kredit bat. Er tat es unbeholfen und auf eine Art, die nicht sehr erfolgversprechend schien. Er verlangte ein halbes Dutzend Dinge, die zusammen nicht mehr als ein Pfund gekostet h�tten, und als sie in seinem Tragbeutel verstaut waren, sagte er: �Am besten, Sie schicken mir die Rechnung.�</p><p>Der Kr�mer zeigte ein schiefes L�cheln und sagte: �Ich f�rchte, das kann ich nicht!�, wobei er das �Sir� mit deutlicher Absicht fortlie�.</p><p>�Warum nicht, zum Teufel?� fragte Leamas. Die Wartenden hinter ihm bewegten sich in unruhiger Verlegenheit.</p><p>�Kenn' Sie ja nicht�, erwiderte der Kr�mer.</p><p>�Seien Sie nicht albern�, sagte Leamas. �Seit vier Monaten kaufe ich jetzt bei Ihnen ein.�</p><p>Der Kr�mer lief rot an. �Bevor wir Kredit geben, brauchen wir eine Bankauskunft�, sagte er. Leamas verlor die Geduld.</p><p>�Reden Sie keinen Unsinn�, br�llte er. �Die H�lfte Ihrer Kunden hat noch nie eine Bank von innen gesehen - und wird sie auch nie zu sehen bekommen.�</p><p>Das war unertr�glich, weil es die Wahrheit war.</p><p>�Ich kenne Sie nicht�, wiederholte der Kr�mer heiser, �und ich sch�tze Sie nicht. Machen Sie jetzt, dass Sie aus meinem Laden hinauskommen.� Er bem�hte sich, das Paket wieder an sich zu nehmen, das Leamas ungl�cklicherweise schon in der Hand hielt.</p><p>Man war sp�ter verschiedener Meinung dar�ber, was im Anschlu� daran geschehen war. Einige sagten, der Kr�mer habe bei dem Versuch, das Paket an sich zu bringen, Leamas gesto�en. Andere sagten, er habe es nicht getan. Auf jeden Fall stand fest, dass Leamas nach dem Kr�mer geschlagen hatte, und zwar nach Ansicht der meisten zweimal, ohne dass er seine rechte Hand freigemacht h�tte, die noch immer den Tragbeutel hielt. Er schien den Schlag nicht mit der Faust zu f�hren, sondern mit der Kante der linken Hand und - als Teil derselben unglaublich schnellen Bewegung - mit dem linken Ellbogen. Der Kr�mer ging kerzengerade zu Boden und r�hrte sich nicht mehr. Vor Gericht wurde sp�ter behauptet, und von der Verteidigung nicht bestritten, dass der Kr�mer zwei Verletzungen davongetragen hatte: vom ersten Schlag einen gebrochenen Backenknochen und vom zweiten ein ausgerenktes Kinn. Die Berichterstattung war angemessen, aber nicht �bertrieben ausf�hrlich.</p></section><section><p><strong>6 KONTAKT</strong></p><p>Nachts lag er auf seiner Pritsche und h�rte auf die Laute der H�ftlinge: das heimliche Schluchzen eines jungen Burschen und den Gesang eines alten Zuchth�uslers, der auf seinem Blechnapf den Takt dazu schlug. Ein W�rter schrie nach jedem Vers: �Halt's Maul, George, du alter Schurke�, aber niemand nahm Notiz davon. Dann war ein Ire da, der Lieder �ber den Freiheitskampf sang, obgleich die anderen sagten, er sei wegen Vergewaltigung eingesperrt.</p><p>Leamas versuchte, am Tage m�glichst viel Bewegung zu machen, um m�de zu werden und nachts schlafen zu k�nnen, aber es half nichts. Nachts wu�te man, dass man im Gef�ngnis war: Nachts gab es nichts, was einem geholfen h�tte, den ekelhaften Zustand des Gefangenseins zu vergessen, keinen Trick der Einbildungskraft, keine Selbstt�uschung. Man konnte sich weder der Gef�ngnisluft entziehen noch dem Geruch der eigenen Str�flingskleidung, noch dem Gestank der K�bel, noch den Ger�uschen der anderen M�nner. Besonders in der Nacht schien die W�rdelosigkeit der Haft kaum noch ertr�glich, und besonders dann sehnte sich Leamas nach einem Spaziergang im freundlichen Sonnenschein eines Londoner Parks. Besonders in der Nacht empfand er gegen den grotesken Stahlk�fig, in dem er eingeschlossen war, einen so gro�en Ha�, dass er nur schwer dem Wunsch widerstehen konnte, mit den blo�en F�usten gegen die K�figstangen loszugehen, die Sch�del seiner W�rter einzuschlagen und in den freien Raum Londons auszubrechen. Manchmal dachte er an Liz. Er hatte sich angew�hnt, die Gedanken wie das Objektiv einer Kamera auf sie zu richten, um f�r einen Augenblick die Erinnerung an die Ber�hrung ihres weichen und doch straffen K�rpers zu genie�en und sie dann wieder aus seinem Ged�chtnis zu verbannen. Leamas war ein Mann, der gewohnt war, von Tr�umen zu leben.</p><p>Er verachtete seine Zellengenossen, und sie ha�ten ihn. Sie ha�ten ihn, weil er das war, was jeder heimlich zu sein w�nschte: ein Geheimnis. Er bewahrte einen deutlich sp�rbaren Teil seiner Pers�nlichkeit vor dem Zugriff der Gef�ngnisgemeinschaft, indem er sich auch in sentimentalen Augenblicken nicht dazu hinrei�en lie�, �ber sein M�dchen, seine Familie oder seine Kinder zu sprechen. Die anderen wu�ten nichts von Leamas. Sie warteten darauf, dass er sich ihnen anvertraute, aber er kam nicht zu ihnen.</p><p>Es gibt im gro�en und ganzen nur zwei Arten von Neulingen im Gef�ngnis, die einen sind von Scham, Furcht oder Schock in einen Zustand des starren Schrecks versetzt, in dem sie darauf warten, in die Lehre des Gef�ngnislebens eingef�hrt zu werden, w�hrend die anderen mit ihrer elenden Neuheit hausieren gehen, um sich bei der Gemeinschaft einzuschmeicheln. Leamas tat keines von beiden. Er schien zufrieden damit zu sein, sie alle zu verachten, und sie ha�ten ihn, weil sie von ihm ebensowenig wie von der Welt drau�en gebraucht wurden. Nach ungef�hr zehn Tagen waren sie es �berdr�ssig. Er hatte den Gro�en nicht gehuldigt und den Kleinen keinen Trost gespendet, so dass man ihn in der Essensschlange rempelte. Rempeln ist ein Gef�ngnisbrauch, der auf die im 18. Jahrhundert �blich gewesene Technik des Quetschens zur�ckgeht. Er hat den Vorteil, ein scheinbarer Zufall zu sein, bei dem der Inhalt des E�geschirrs auf die Uniform des Gefangenen gesch�ttet wird. W�hrend Leamas von der einen Seite heftig gesto�en wurde, senkte sich auf der anderen eine gef�llige Hand auf seinen Unterarm, schon war die Sache bewerkstelligt. Leamas sagte nichts, sondern pr�gte sich nur aufmerksam die Gesichter der beiden M�nner ein. Den unfl�tigen Wutanfall des Aufsehers, der sehr wohl wu�te, was vorgefallen war, lie� er stillschweigend �ber sich ergehen.</p><p>Es war vier Tage sp�ter, als er w�hrend der Arbeit am Blumenbeet des Gef�ngnisses mit seiner Hacke zu stolpern schien. Er hielt den Stiel des Werkzeuges mit beiden H�nden quer vor sich hin. Als Leamas sein Gleichgewicht zur�ckerlangt hatte, hielt sich sein rechter Nebenmann mit schmerzverzerrtem Gesicht und zusammengekr�mmtem Leib den Arm �ber die Magengrube. Danach gab es kein Rempeln mehr.</p><p>Die seltsamste von jenen Erfahrungen, die Leamas im Gef�ngnis machte, war seine Reaktion auf das braune Papierpaket, mit dem man ihn entlie�. In l�cherlicher Weise erinnerte es ihn an eine Hochzeitszeremonie: mit diesem Ring besiegle ich den Bund unserer Ehe, mit diesem Papierpaket besiegle ich deine R�ckkehr in die Gemeinschaft. Als man ihm das Paket �bergab, mu�te er ein Formular unterschreiben. Es enthielt alles, was er auf dieser Welt besa�. Leamas empfand diesen Augenblick als den niederdr�ckendsten w�hrend der drei Monate, und er beschlo�, das Paket wegzuwerfen, sobald er drau�en war.</p><p>Er schien ein ruhiger Gefangener zu sein. Es gab keine Klagen �ber ihn. Der Direktor, der an seinem Fall entfernt interessiert war, schob alles dem irischen Blut zu, das er in Leamas entdeckt haben wollte.</p><p>�Was werden Sie tun�, fragte er, �wenn Sie uns hier verlassen?�</p><p>Leamas erwiderte ohne die geringste Spur eines L�chelns, dass er einen neuen Anfang machen wolle. Der Direktor meinte, dies sei ein ausgezeichneter Vorsatz.</p><p>�Wie steht's mit Ihrer Familie?� fragte er. �K�nnten Sie sich mit Ihrer Frau nicht wieder vers�hnen?�</p><p>�Ich werde es versuchen�, antwortete Leamas gleichg�ltig, �aber sie ist wieder verheiratet.�</p><p>Der Bew�hrungsbeamte h�tte es gerne gesehen, wenn Leamas Pfleger in der Nervenheilanstalt von Buckinghamshire geworden w�re, und Leamas versprach, sich bewerben zu wollen. Er lie� sich sogar die Anschrift geben und notierte die Abfahrtszeiten der Z�ge nach Buckinghamshire.</p><p>�Die Strecke ist bis Great Missenden elektrifiziert�, sagte der Bew�hrungsbeamte, und Leamas erwiderte, das sei eine gro�e Hilfe. Man gab ihm also das Paket, und er verlie� das Gef�ngnis. Er fuhr mit dem Bus bis Marble Arch und ging dann zu Fu�. Er hatte etwas Geld in der Tasche und wollte sich eine gute Mahlzeit g�nnen. Er hatte deshalb vor, durch den Hydepark zum Piccadilly und �ber den Parliament Square durch White Hall zum Strand hinunterzuwandern, wo er im gro�en Caf� am Charing-Cross-Bahnhof f�r sechs Shilling ein ordentliches Lendenst�ck bekommen konnte.</p><p>Es war ein sonniger Tag im sp�ten Fr�hjahr, und in den Parkanlagen bl�hten Krokusse und Narzissen. Er h�tte den ganzen Tag im k�hlen, erfrischenden S�dwind laufen k�nnen. Aber er trug noch immer das Paket, und er mu�te es loswerden. Die Abfallk�rbe waren zu klein f�r sein gro�es Paket. Der Versuch, es in einen von ihnen zu stopfen, w�re l�cherlich gewesen. Au�erdem wollte er noch ein paar Dinge herausnehmen: seine zerknitterten Papiere, wie die Versicherungskarten, den F�hrerschein und seinen E. 93 - was immer das war -, der in einem braunen Umschlag steckte, wie er von amtlichen Dienststellen verwendet wurde. Aber pl�tzlich wollte er sich nicht mehr damit abgeben. Er setzte sich auf eine Bank und legte das Paket neben sich. Dann schob er sich von dem Paket weg ans andere Ende der Bank. Nach ein paar Minuten stand er auf und lie� das Paket, wo es lag. Er hatte den Fu�weg gerade erreicht, als er einen Ruf h�rte. Er wandte sich um, vielleicht sogar ein wenig heftig, und sah einen Mann in einem Armeegummimantel, der ihm zuwinkte und in der anderen Hand das braune Papierpaket hielt.</p><p>Leamas hatte die H�nde in den Taschen, und dort lie� er sie, w�hrend er �ber seine Schulter zu dem Mann im Gummimantel zur�ckschaute. Der Mann z�gerte. Offenbar erwartete er, dass Leamas n�her kommen oder zumindest Interesse zeigen w�rde. Statt dessen zuckte er nur mit den Achseln und ging weiter. Er k�mmerte sich nicht um die weiteren Rufe des Mannes, von dem er wu�te, dass er hinter ihm herkam. Er h�rte seine eiligen Schritte auf dem Kies, die rasch n�her kamen, und dann eine etwas atemlose und ziemlich gekr�nkte Stimme:</p><p>�Hallo, Sie - h�ren Sie doch!�</p><p>Der Mann hatte ihn fast erreicht, als Leamas stehenblieb und ihn ansah. �Ja?�</p><p>�Das ist doch Ihr Paket? Sie haben es auf der Bank liegenlassen. Warum sind Sie nicht stehengeblieben? Ich habe Sie doch gerufen!�</p><p>Der Mann war gro�, mit ziemlich gekr�useltem braunem Haar. Er trug einen orangefarbenen Schlips und ein bla�gr�nes Hemd. Er wirkte ein klein wenig verdrossen. Ein bi�chen schwul, dachte Leamas, k�nnte Lehrer sein, vielleicht leitete er in einem Vorort den Theaterklub. Kurzsichtig.</p><p>�Sie k�nnen es zur�cklegen�, entgegnete Leamas. �Ich will es nicht haben.�</p><p>Der Mann lief rot an: �Es ist Abfall. Sie k�nnen es doch nicht einfach dort liegenlassen�, sagte er.</p><p>�Das kann ich sehr wohl�, erwiderte Leamas. �Irgend jemand wird schon eine Verwendung daf�r haben.� Er wollte weitergehen, aber der andere stand noch immer vor ihm, das Paket wie ein Baby auf beiden Armen haltend. �Gehen Sie aus dem Licht�, sagte Leamas, �wenn ich bitten darf.�</p><p>�H�ren Sie�, sagte der Fremde, wobei sich seine Stimme um einen Ton hob. �Warum sind Sie so verdammt unh�flich? Ich wollte Ihnen doch nur einen Gefallen tun.�</p><p>�Wenn Sie so scharf drauf sind, mir einen Gefallen zu tun�, antwortete Leamas, �dann sagen Sie mir, weshalb Sie mir jetzt schon seit mehr als einer halben Stunde nachlaufen?�</p><p>Er ist ziemlich gut, dachte Leamas. Er hat sich bisher noch nichts anmerken lassen, man mu� ihn hart anfassen.</p><p>�Ich meinte, ich h�tte Sie schon einmal in Berlin gekannt, wenn Sie es unbedingt wissen wollen.�</p><p>�Deshalb sind Sie mir eine halbe Stunde nachgelaufen?� Leamas' Stimme war voller Sarkasmus. Seine braunen Augen wandten sich keinen Moment vom Gesicht des anderen ab.</p><p>�Es war keine halbe Stunde. Ich hab' Sie beim Marble Arch gesehen, und mir kam's vor, als w�ren Sie Alec Leamas - ein Mann, von dem ich mir einmal Geld geliehen hatte. Ich hab' beim britischen Rundfunk in Berlin gearbeitet, m�ssen Sie wissen, und da war auch dieser Leamas, der mir Geld borgte. Ich hab' seitdem oft Gewissensbisse gehabt, und als ich Sie sah, bin ich Ihnen gefolgt, um mir Gewi�heit zu verschaffen.�</p><p>Leamas schaute ihn weiterhin wortlos an. Der Kerl war doch nicht so gut, wie er zuerst gedacht hatte, aber er war immerhin gut genug. Seine Geschichte war zwar nicht sehr plausibel, aber das spielte keine Rolle. Viel wichtiger war, dass er jetzt eine neue Geschichte erfunden hatte und bei ihr blieb, nachdem sein erster, fast klassisch zu nennender Ann�herungsversuch von Leamas zerst�rt worden war.</p><p>�Ich bin Leamas�, sagte er schlie�lich. �Wer, zum Teufel, sind Sie?�</p><p>Er sagte, sein Name sei Ashe, mit einem �E�, wie er schnell hinzuf�gte, und Leamas wu�te, dass er log. Er tat so, als sei er noch nicht ganz davon �berzeugt, dass Leamas wirklich Leamas war, so dass sie w�hrend des Mittagessens das Paket �ffneten und seinen Krankenversicherungsausweis betrachteten. Wie ein paar Schw�chlinge vor einem schmutzigen Foto, dachte Leamas. Ashe bestellte das Essen, wobei er den Preisen um einen Bruchteil zuwenig Beachtung schenkte, und sie tranken Frankenwein, um sich der vergangenen Tage zu erinnern. Leamas begann das Gespr�ch mit der Versicherung, dass er sich nicht an Ashe erinnern k�nne, w�hrend Ashe beteuerte, dass ihn das �berrasche. Er schien verletzt. Er sagte, sie seien sich auf einer Party begegnet, die Derek Williams in seiner Wohnung unweit des Kurf�rstendammes (das war richtig beschrieben) einmal gegeben habe, alle Zeitungsleute seien dagewesen, und es sei ausgeschlossen, dass sich Alec jetzt nicht mehr daran erinnern k�nne.</p><p>Nein, Leamas konnte sich nicht erinnern. Aber ganz bestimmt mu�te er doch noch Derek Williams vom <emphasis>Observer</emphasis> kennen, diesen netten Mann, der so reizende Pizzapartys gab? Leamas hatte jedoch f�r Namen ein sehr schlechtes Ged�chtnis, und sie sprachen schlie�lich vom Jahre 1954. Seit damals ist eine Menge Wasser den Berg hinuntergeflossen � Ashe - sein Vorname war William, und die meisten Leute riefen ihn Bill - erinnerte sich jedoch klar und deutlich daran. Sie h�tten anregende Sachen getrunken, Brandy und Cr�me de Menthe, und seien alle ziemlich angeheitert gewesen. Derek habe f�r ein paar pr�chtige M�dchen gesorgt, das halbe Kabarett vom �Malkasten�, daran m��te sich Alec doch jetzt erinnern? Leamas meinte, es werde ihm alles wieder einfallen, wenn Bill noch etwas weitererz�hlte.</p><p>Bill erz�hlte tats�chlich weiter, ohne Zweifel alles frei erfunden, aber er machte es gut, indem er das Sexuelle etwas in den Vordergrund spielte und erz�hlte, dass sie am Ende mit drei von diesen M�dchen in einem Nachtlokal gewesen seien. N�mlich Alec, ein netter Kerl vom politischen Beratungsb�ro und Bill. Er selbst sei in Verlegenheit gewesen, weil er kein Geld bei sich gehabt habe, Alec habe bezahlt, und da Bill eines der M�dchen mit heimnehmen wollte, habe ihm Alec noch einen Hunderter geliehen.</p><p>�Aber klar!� rief Leamas. �Jetzt erinnere ich mich. Nat�rlich!�</p><p>�Ich war sicher�, sagte Ashe gl�cklich, indem er Leamas �ber sein Glas hinweg zunickte. �La� uns noch einen trinken. Es ist so gem�tlich.�</p><p>Ashe war ein Musterbeispiel jenes Typs, der seine Beziehungen zu anderen Menschen nach dem Prinzip von Angriff und Nachgiebigkeit gestaltet. Wo er Weichheit sp�rte, stie� er vor, wo er Widerstand fand, wich er zur�ck. Da er selbst weder eine bestimmte Meinung noch Geschmack besa�, verlie� er sich stets auf das Urteil seiner jeweiligen Begleitung. Er h�tte ebensogern Tee bei �Fortnum� wie Bier im Aussichtslokal von Whitby getrunken, w�re mit gleicher Begeisterung zur Milit�rmusik im St.-James-Park wie zum Jazz in einem Keller der Compton Street gegangen, und bei der Schilderung des Elends in dem farbigen Viertel von Sharpeville h�tte seine Stimme ebenso bereitwillig vor Mitleid gebebt wie vor Zorn, wenn er �ber das Anwachsen der Negerbev�lkerung in England gesprochen h�tte. Leamas widerte diese ausgesprochen passive Art an, sie weckte die Kampflust in ihm, und er steuerte Ashe im Lauf des Gespr�ches mit spielender Leichtigkeit dauernd in Positionen hinein, in denen der andere festgelegt war, w�hrend er selbst sich zur�ckzog, so dass Ashe st�ndig versuchen mu�te, aus jenen Sackgassen wieder herauszukommen, in die ihn Leamas gelockt hatte. W�hrend des Nachmittags gab es Augenblicke, in denen die perverse Unversch�mtheit von Leamas es Ashe ohne weiteres erlaubt h�tte, das Gespr�ch abzubrechen - nicht zuletzt deshalb, weil er ja daf�r zahlte. Aber Ashe �berh�rte dies alles geflissentlich und blieb.</p><p>H�tte der traurige kleine Mann am Nebentisch, der hinter seiner Brille in ein Buch �ber die Fabrikation von Kugellagern vertieft war, ihrer Unterhaltung zugeh�rt, so h�tte er zu dem Schlu� kommen m�ssen, dass Leamas gerade seiner sadistischen Neigung freien Lauf lie� - oder, w�re er ein Mann von besonderem Scharfsinn gewesen, dass sich Leamas gerade eine Best�tigung daf�r zu verschaffen suchte, dass nur ein sehr triftiger verborgener Grund einen Mann dazu bringen konnte, sich diese Behandlung gefallen zu lassen.</p><p>Es war fast vier Uhr, bevor sie die Rechnung verlangten, und Leamas versuchte ernsthaft, seinen Anteil zu zahlen. Aber Ashe wollte davon nichts h�ren, bezahlte die Rechnung und nahm ein Heft mit �berweisungsformularen heraus, um seine alte Schuld zu begleichen.</p><p>�Zwanzig von den Besten�, sagte er und f�llte das Datum auf dem Formular aus. Dann schaute er Leamas treuherzig an. ��brigens, eine �berweisung ist dir doch recht, wie?�</p><p>Leamas erwiderte etwas verlegen: �Ich stehe im Moment mit keiner Bank in Verbindung - bin gerade erst aus dem Ausland zur�ck und mu� das erst regeln. Gib mir lieber einen Scheck, den ich bei deiner Bank einl�sen kann.�</p><p>�Daran w�rde ich nicht im Traum denken, mein Lieber. Du m��test nach Rotherhithe hinausfahren, um den zu kassieren.�</p><p>Leamas zuckte mit den Achseln, und Ashe lachte. Sie kamen �berein, sich morgen mittag am gleichen Ort wieder zu treffen. Ashe werde das Geld in bar bringen.</p><p>An der Compton Street nahm Ashe ein Taxi, und Leamas winkte ihm nach, bis er au�er Sicht war. Als der Wagen fort war, schaute er auf seine Uhr. Es war vier. Er nahm an, dass er noch beobachtet w�rde. Deshalb ging er die Fleet Street hinunter und trank eine Tasse Kaffee bei �Black and White�. Er schaute Buchl�den an, las die Abendzeitungen, die in Schauk�sten an den Verlagsgeb�uden ausgeh�ngt waren, und sprang dann pl�tzlich, so als sei ihm auf einmal etwas eingefallen, in einen Bus. Der Bus fuhr nach Ludgate Hill. In der N�he einer U-Bahn-Station gab's eine Verkehrsstockung, die Leamas dazu ben�tzte, abzuspringen und mit irgendeinem Zug der U-Bahn weiterzufahren, nachdem er eine Sechspennykarte gekauft hatte. Er stellte sich in den hintersten Wagen und stieg schon auf der n�chsten Station wieder aus, wo gerade ein Zug nach Euston stand. Von dort fuhr er nach Charing Cross zur�ck. Es war neun Uhr, als er den Bahnhof erreichte, und ziemlich kalt. Auf dem Bahnhofsvorplatz wartete ein Lieferwagen, dessen Fahrer schlief. Leamas las das Nummernschild, ging hin und rief durch die Scheibe:</p><p>�Sind Sie von Clements?� Der Fahrer schreckte hoch und fragte:</p><p>�Mr. Thomas?�</p><p>�Nein�, antwortete Leamas. �Thomas konnte nicht kommen. Ich bin Amies aus Hounslow.�</p><p>�Steigen Sie ein, Mr. Amies�, erwiderte der Fahrer und machte die T�r auf. Sie fuhren Richtung King's Road. Der Fahrer kannte den Weg.</p><p>Der Chef �ffnete die T�r. �George Smiley ist nicht da�, sagte er. �Ich habe sein Haus geliehen. Kommen Sie herein.�</p><p>Erst als Leamas drinnen und die Eingangst�r geschlossen war, schaltete der Chef das Licht in der Diele ein.</p><p>�Ich wurde bis Mittag beschattet�, sagte Leamas. Sie gingen in den kleinen, mit B�chern gef�llten Wohnraum. Es war ein h�bsches Zimmer, an der hohen Decke waren Stuckarbeiten aus dem 18. Jahrhunden, es hatte hohe Fenster und einen guten Kamin.</p><p>�Sie haben heute morgen Kontakt mit mir aufgenommen. Ein Mann namens Ashe.� Er z�ndete sich eine Zigarette an. �Ein Schwuler. Wir treffen uns morgen wieder.�</p><p>Der Chef h�rte sich die Geschichte von Leamas Etappe f�r Etappe aufmerksam an, beginnend bei dem Tag, an dem Leamas den Kr�mer niedergeschlagen hatte, bis zur Begegnung mit Ashe.</p><p>�Wie war's im Gef�ngnis?� erkundigte sich der Chef. Genausogut h�tte er fragen k�nnen, ob Leamas einen angenehmen Urlaub verbracht hatte. �Es tut mir leid, dass wir Ihnen nicht mit kleinen Sondergeschichten gewisse Erleichterungen verschaffen konnten, aber das w�re ungeschickt gewesen.�</p><p>�Nat�rlich!�</p><p>�Man mu� konsequent sein. Bei jeder Wende mu� man konsequent sein. Au�erdem w�re es falsch, den Reiz der Echtheit zu zerst�ren. Ich habe geh�rt, dass Sie krank waren. Das tut mir leid. Was war es?�</p><p>�Nur Fieber.�</p><p>�Wie lange waren Sie im Bett?�</p><p>�Ungef�hr zehn Tage.�</p><p>�Wie unangenehm! Und niemand, der Sie versorgt hat, nat�rlich?�</p><p>Es entstand eine lange Pause.</p><p>�Sie wissen, dass sie in der Partei ist, wie?� fragte der Chef ruhig.</p><p>�Ja�, entgegnete Leamas. Wieder Schweigen. �Ich w�nsche nicht, dass sie da hineingezogen wird.�</p><p>�Warum sollte sie?� fragte der Chef scharf. Leamas dachte f�r einen Augenblick, freilich nicht l�nger als einen Augenblick, er habe die Fassade fast wissenschaftlicher Unbeteiligtheit durchdrungen.</p><p>�Wer sagt, dass sie hineingezogen werden sollte?�</p><p>�Niemand�, erwiderte Leamas. �Ich weise nur darauf hin. Ich wei�, wie solche Dinge laufen - alle Operationen mit Angriffscharakter. Sie erzeugen unvorhergesehene Nebenwirkungen, machen pl�tzliche Wendungen in unerwarteter Richtung, man glaubt, dass man den einen Fisch gefangen hat, und entdeckt, dass es ein anderer ist. Ich w�nsche, dass sie aus der Sache herausgehalten wird.�</p><p>�Oh, gewi�, gewi�.�</p><p>�Wer ist dieser Mann auf dem Arbeitsamt - Pitt? War er nicht w�hrend des Krieges im Rondell?�</p><p>�Ich kenne niemanden dieses Namens. - Pitt, sagten Sie?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Nein. Mir unbekannt. Im Arbeitsamt?�</p><p>�Ja doch! Himmel noch mal!� sagte Leamas gereizt.</p><p>�Ich bitte um Entschuldigung�, sagte der Chef und stand auf. �Ich vernachl�ssige meine Pflichten als stellvertretender Gastgeber. Wollen Sie etwas trinken?�</p><p>�Nein. Ich will noch heute hier weg, Chef. Ich m�chte aufs Land und mir etwas Bewegung machen. Ist das Haus offen?�</p><p>�Ich habe einen Wagen bestellt�, sagte er. �Um welche Zeit treffen Sie morgen Ashe - ein Uhr?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Ich werde nun Haldane anrufen und ihm sagen, dass Sie etwas Fruchtsaft w�nschen. Sie w�rden auch besser einen Arzt aufsuchen. Wegen des Fiebers.�</p><p>�Ich brauche keinen Arzt.�</p><p>�Wie Sie wollen.�</p><p>Der Chef schenkte sich einen Whisky ein und begann uninteressiert die B�cher in Smileys B�cherschrank anzusehen.</p><p>�Warum ist Smiley nicht hier?� fragte Leamas.</p><p>�Er mag die Sache nicht�, antwortete der Chef gleichg�ltig. �Er findet sie widerw�rtig. Er sieht zwar die Notwendigkeit ein, will aber nichts damit zu tun haben.� Mit einem sonderbaren kleinen L�cheln f�gte der Chef hinzu: �Sein Fieber l��t merklich nach.�</p><p>�Man kann nicht sagen, dass er mich mit offenen Armen empfing.�</p><p>�Ganz recht. Er will nicht teilnehmen. Aber er hat Ihnen von Mundt erz�hlt und Ihnen den Hintergrund geschildert?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Mundt ist ein sehr harter Mann�, sagte der Chef nachdenklich. �Wir sollten das nie vergessen. Und ein hervorragender Abwehrspezialist.�</p><p>�Wei� Smiley den Grund f�r die Operation? Kennt er die besondere Bedeutung?�</p><p>Der Chef nickte und nahm einen Schluck Whisky.</p><p>�Und er mag es trotzdem nicht?�</p><p>�Es ist keine Frage moralischer �berlegungen. Er ist wie ein Chirurg, der kein Blut mehr sehen m�chte. Es gen�gt ihm, wenn andere operieren.�</p><p>Leamas gab sich nicht zufrieden: �Sagen Sie mir, woher Sie so sicher wissen, dass wir mit dieser Operation unser Ziel erreichen werden. Woher wissen Sie, dass die Ostdeutschen dahinterstecken und nicht die Tschechen oder die Russen?�</p><p>�Seien Sie versichert�, sagte der Chef etwas schwulstig, �dass man sich darum gek�mmert hat.�</p><p>Als sie zur T�r kamen, legte der Chef seine Hand leicht auf Leamas' Schulter. �Dies ist Ihr letzter Auftrag�, sagte er. �Nachher k�nnen Sie aus der K�lte hereinkommen. Wegen des M�dchens: Wollen Sie, das irgend etwas ihretwegen unternommen wird - Geld oder so etwas?�</p><p>�Wenn es vor�ber ist. Ich werde dann selbst f�r sie sorgen.�</p><p>�Richtig. Es w�re sehr gef�hrlich, jetzt etwas zu tun.�</p><p>�Ich will, dass sie in Frieden gelassen wird�, wiederholte Leamas mit Nachdruck. �Ich will nur nicht haben, dass man mit ihr Geschichten macht. Ich w�nsche nicht, dass ein Akt angelegt wird oder etwas Ahnliches. Ich will, dass sie vergessen wird.�</p><p>Er nickte dem Chef zu und schl�pfte in die Nachtluft hinaus. In die K�lte.</p></section><section><p><strong>7 KIEVER</strong></p><p>Leamas kam am folgenden Tag mit zwanzig Minuten Versp�tung zu seiner Verabredung mit Ashe. Er roch nach Whisky. Ashes Freude, Leamas zu sehen, war jedoch unvermindert. Er behauptete, er selbst sei erst in diesem Augenblick gekommen, er sei erst sp�t zur Bank gegangen. Er h�ndigte Leamas einen Umschlag aus.</p><p>�Einzelne Scheine�, sagte Ashe. �Ich hoffe, dass es recht ist.�</p><p>�Danke�, erwiderte Leamas, �wir wollen einen trinken.� Er hatte sich nicht rasiert, und sein Kragen war schmutzig. Er rief den Kellner und bestellte Drinks, einen gro�en Whisky f�r sich und einen Gin f�r Ashe. Als die Drinks kamen und Leamas sich Soda ins Glas gie�en wollte, zitterte seine Hand so sehr, dass er es fast danebensch�ttete.</p><p>Sie a�en gut und tranken viel Alkohol dazu, wobei Ashe die F�hrung des Rennens �bernahm. Wie Leamas erwartete, sprach er zuerst von sich, ein alter Trick, aber kein schlechter.</p><p>�Um ganz offen zu sein, bin ich k�rzlich auf eine ganz gute Sache gesto�en�, sagte Ashe. �Ich schreibe als freier Mitarbeiter f�r Zeitungen im Ausland Englandreportagen. Nach Berlin ging es mir anfangs ziemlich dreckig. Man hatte meinen Vertrag nicht verl�ngert, und ich mu�te einen Job annehmen - ich machte eine langweilige Reklamezeitschrift mit Freizeittips f�r Leute �ber sechzig. Gibt's noch was Schlimmeres? Das Blatt ging beim ersten Druckerstreik ein - ich kann dir nicht sagen, wie erleichtert ich war. Dann lebte ich eine Zeitlang bei meiner Mutter in Cheltenham. Sie hat ein Antiquit�tengesch�ft und l��t dir �brigens vielmals danken. Dann bekam ich einen Brief von einem alten Freund, Sam Kiever, der eine Agentur f�r kleine, speziell auf ausl�ndische Bl�tter zugeschnittene Reportagen aus dem englischen Leben aufgemacht hatte. Du kennst diese Sachen - sechshundert Worte �ber den englischen Volkstanz und derlei Kram. Aber Sam hatte einen neuen Dreh: er verkaufte das Zeug �bersetzt, und das macht einen Unterschied, wei�t du. Man glaubt immer, jeder k�nnte einen �bersetzer bezahlen oder es selbst �bersetzen. Aber wenn man nur noch eine halbe Spalte auf seiner Auslandsseite f�llen mu�, verschwendet man weder Zeit noch Geld f�r �bersetzungen. Sams Trick war es, mit den Redakteuren in pers�nlichen Kontakt zu kommen. Er zog wie ein Zigeuner durch Europa, der arme Kerl, aber es hat sich wirklich ausgezahlt.�</p><p>Ashe machte eine Pause. Offenbar wartete er darauf, dass Leamas die Einladung annehmen w�rde, �ber sich selbst zu sprechen. Aber Leamas �berh�rte das. Er nickte nur gelangweilt und sagte: �Verdammt gut.�</p><p>Ashe hatte eigentlich Wein bestellen wollen, aber Leamas sagte, er werde beim Whisky bleiben, und bis der Kaffee kam, war er schon beim vierten Doppelten. Er schien in schlechter Verfassung zu sein. Wie viele Trinker, schnappte er im letzten Augenblick, ehe das Glas seinen Mund ber�hrte, nach dem Rand des Glases, als ob seine Hand ihn im Stich lassen und der Drink ihm entgegenkommen k�nnte.</p><p>Ashe verfiel f�r einen Augenblick in Schweigen.</p><p>�Du kennst Sam nicht, wie?� fragte er.</p><p>�Sam?�</p><p>Ein Ton von Gereiztheit kam in Ashes Stimme. �Sam Kiever, mein Chef. Ich hab' dir doch gerade von ihm erz�hlt.�</p><p>�War der auch in Berlin?�</p><p>�Nein. Er kennt Deutschland gut, aber in Berlin hat er nie gelebt. Er hat als freier Mitarbeiter manchmal in Bonn ausgeholfen. Er ist ein lieber Kerl. Du k�nntest ihm begegnet sein.�</p><p>�Glaube ich nicht.� Pause.</p><p>�Und du? Was machst du jetzt so, alter Knabe?� fragte Ashe.</p><p>Leamas zuckte die Achseln. �Ich bin kaltgestellt�, entgegnete er mit einem etwas d�mmlichen Grinsen. �Raus aus dem Sack und aufs Regal gestellt.�</p><p>�Ich verga�, was hast du in Berlin gemacht? Warst du nicht einer von diesen geheimnisvollen kalten Kriegern?�</p><p>Mein Gott, dachte Leamas, endlich f�ngst du an, ein bi�chen in die Pedale zu treten.</p><p>Leamas z�gerte. Dann sagte er mit rotem Gesicht und voll �rger: �B�rodiener f�r die verdammten Yankees, wie wir alle.�</p><p>�Wei�t du�, sagte Ashe, als ob er den Gedanken einige Zeit in seinem Kopf gew�lzt h�tte, �du solltest mit Sam zusammenkommen. Du wirst ihn m�gen.� Ganz beil�ufig fragte er dann: �Sag, Alec - ich wei� nicht einmal, wo du zu erreichen bist?�</p><p>�Nirgends�, sagte Leamas teilnahmslos.</p><p>�Wieso, alter Junge? Wo wohnst du denn?�</p><p>�Einmal hier, einmal da, ich schlage mich so durch. Hab' keine Stellung. Die Hunde haben mir nicht einmal eine richtige Pension gegeben.�</p><p>Ashe sah ihn entsetzt an.</p><p>�Aber Alec, das ist schrecklich. Warum hast du mir das denn nicht gesagt? Schau, warum kommst du nicht und wohnst bei mir? Es ist ja recht eng, aber f�r dich ist noch Platz, wenn du nichts gegen Feldbetten hast. Du kannst doch nicht auf den B�umen leben, mein Lieber!�</p><p>�F�r eine Weile bin ich ja versorgt�, antwortete Leamas und klopfte auf die Tasche, die den Umschlag enthielt. Dann sagte er entschlossen: �Ich bin dabei, mir eine Stellung zu suchen. In einer Woche oder so werde ich eine haben. Dann wird alles in Ordnung sein.�</p><p>�Was f�r eine Stellung?�</p><p>�Ich wei� nicht.�</p><p>�Aber du darfst dich nicht selbst wegwerfen, Alec! Du sprichst deutsch wie ein Deutscher, ich erinnere mich genau, dass es so ist. Es mu� doch eine Menge M�glichkeiten f�r dich geben.�</p><p>�Ich habe ja schon einiges gemacht. Zum Beispiel Enzyklop�dien f�r irgendeine verdammte amerikanische Firma verkauft, in einer Bibliothek B�cher sortiert, in einer stinkenden Leimfabrik Arbeitskontrollkarten gelocht. Was, zum Teufel, soll ich denn machen?� Er schaute nicht zu Ashe, sondern auf den Tisch vor sich, w�hrend seine Lippen zitterten.</p><p>Ashe ging auf seine Erregung ein. Er lehnte sich �ber den Tisch, wobei er nachdr�cklich, fast triumphierend zu sprechen begann: �Aber Alec, du brauchst Kontakte, siehst du das nicht? Ich wei�, was es hei�t, habe ja selbst in der Suppenk�che Schlange gestanden. Das ist der Moment, wo du Menschen kennen mu�t. Ich wei� nicht, was du in Berlin gemacht hast, ich will es nicht wissen, aber es war keine Stellung, in der du mit den richtigen Leuten zusammenkamst, nicht wahr? Wenn ich nicht vor f�nf Jahren in Posen Sam �ber den Weg gelaufen w�re, st�nde mir das Wasser noch immer bis zum Hals. Schau, Alec, komm und bleibe eine Woche oder so bei mir. Wir werden Sam zu uns bitten und vielleicht einen oder zwei Zeitungsleute, die mit uns in Berlin waren, vorausgesetzt, es sind ein paar davon jetzt in London.�</p><p>�Aber ich kann nicht schreiben�, sagte Leamas. �Ich k�nnte nicht eine verdammte Zeile schreiben.�</p><p>Ashe legte seine Hand auf Leamas' Arm: �Nun, reg dich nicht auf�, sagte er beschwichtigend. �Wir wollen eines nach dem anderen machen. Wo sind deine Sachen?�</p><p>�Meine was?�</p><p>�Deine Sachen: Kleider, Gep�ck, und was sonst noch alles?�</p><p>�Ich habe nichts. Ich habe alles verkauft, mit Ausnahme des Paketes.�</p><p>�Welches Paket?�</p><p>�Das braune Papierpaket, das du im Park aufgehoben hast. Das ich loswerden wollte.�</p><p>Ashe hatte eine Wohnung am Dolphin Square. Sie entsprach genau der Vorstellung, die sich Leamas von ihr gemacht hatte: sie war klein und unpers�nlich und mit ein paar hastig zusammengeholten Andenken aus Deutschland garniert, wie etwa Bierkr�gen, einer Bauernpfeife und etlichen Nymphenburger Porzellanfiguren von der billigen Sorte.</p><p>�Ich verbringe die Wochenenden bei meiner Mutter in Cheltenham�, sagte Ashe. �Ich ben�tze die Wohnung hier nur an ein paar Tagen der Woche.� Er f�gte entschuldigend hinzu: �Sie ist sehr praktisch.� Sie stellten das Feldbett in dem winzigen Wohnzimmer auf. Es war erst halb f�nf.</p><p>�Wie lange wohnst du schon hier?� fragte Leamas.</p><p>�Ein Jahr ungef�hr, oder mehr.�</p><p>�War sie leicht zu bekommen?�</p><p>�Diese Wohnungen kommen und gehen, wei�t du. Du l��t deinen Namen registrieren, und eines Tages rufen sie dich an und sagen dir, dass es soweit ist.�</p><p>Ashe machte Tee, den Leamas mit der verdrossenen Miene eines Mannes trank, der an Komfort nicht gew�hnt ist. Selbst Ashe schien ein wenig bedr�ckt. Nach dem Tee sagte er: �Ich mu� gehen und ein paar Besorgungen erledigen, ehe die Gesch�fte schlie�en. Nachher werden wir beraten, was man deinetwegen unternehmen kann. Vielleicht werde ich sp�ter anrufen. Je eher ihr zwei zusammenkommt, desto besser, glaube ich. Schlaf ein bi�chen. Du siehst mitgenommen aus.�</p><p>Leamas nickte. �All dies -�, er machte eine verlegene Handbewegung, �es ist verdammt nett von dir.�</p><p>Ashe gab ihm einen Klaps auf die Schulter, nahm seinen Armeegummimantel und ging.</p><p>Als Leamas �berzeugt war, dass Ashe nicht mehr im Hause sein konnte, sorgte er daf�r, dass die Wohnungst�r nicht zuschnappte, und ging in die Eingangshalle hinunter, wo zwei Telefonkabinen waren. Er w�hlte die Nummer in Maida und fragte nach der Sekret�rin von Mr. Thomas. Sofort sagte eine M�dchenstimme: �Hier Sekretariat von Mr. Thomas.�</p><p>�Ich rufe im Namen von Mr. Sam Riever an�, sagte Leamas. �Er hat die Einladung angenommen und hofft, mit Mr. Thomas heute abend pers�nlich in Verbindung treten zu k�nnen.�</p><p>�Ich werde das an Mr. Thomas weitergeben. Wei� er, wo er Sie erreichen kann?�</p><p>�Dolphin Square�, erwiderte Leamas und gab die Adresse an. �Auf Wiedersehen.�</p><p>Nachdem er sich beim Empfangstisch nach verschiedenen Dingen erkundigt hatte, kehrte er in die Wohnung zur�ck, setzte sich auf das Feldbett und betrachtete seine gefalteten H�nde. Nach einer Weile legte er sich hin. Er beschlo�, den Rat Ashes zu befolgen und etwas zu ruhen. Als er seine Augen schlo�, fiel ihm Liz ein und wie sie neben ihm in der Wohnung in Bayswater gelegen hatte. Verschwommen besch�ftigte ihn die Frage, was wohl aus ihr geworden sei.</p><p>Er wurde von Ashe aufgeweckt, der bei seiner R�ckkehr von einem kleinen, ziemlich dicken Mann mit zur�ckgek�mmtem Haar und zweireihigem Anzug begleitet war. Er sprach mit leichtem, vielleicht deutschem Akzent. Er sagte, sein Name sei Kiever, Sam Kiever.</p><p>Sie tranken Gin mit Tonic, wobei Ashe den Hauptteil der Unterhaltung bestritt. Es sei genau wie in den alten Zeiten, sagte er: die Jungens beisammen und die Nacht ihre Dom�ne. Kiever sagte, er wolle es nicht zu sp�t werden lassen, denn er habe morgen zu arbeiten. Sie kamen �berein, in einem chinesischen Restaurant zu essen, das Ashe kannte. Es lag der Polizeiwache von Limehouse gegen�ber, und man mu�te seinen eigenen Wein mitbringen.</p><p>Seltsamerweise hatte Ashe in der K�che ein paar Flaschen Burgunder, die sie nun im Taxi mitnahmen.</p><p>Das Essen war sehr gut, und sie tranken beide Flaschen Wein, so dass Kiever schlie�lich begann, etwas aus sich herauszugehen: Er komme gerade von einer Reise durch Westdeutschland und Frankreich zur�ck. Frankreich sei in einem unsagbaren Durcheinander und de Gaulle auf dem besten Weg zu seinem Sturz, und Gott allein wisse, was dann werden solle. Mit hunderttausend demoralisierten algerischen Siedlern im Anr�cken sei wohl damit zu rechnen, dass in Frankreich der Faschismus vor der T�r stehe.</p><p>�Was ist mit Deutschland?� fragte Ashe, um das Stichwort zu geben.</p><p>�Das h�ngt einfach davon ab, ob es die Yankees halten k�nnen.�</p><p>Kiever sah Leamas auffordernd an.</p><p>�Wie meinen Sie das?� fragte Leamas.</p><p>�Wie ich es sage. Mit der einen Hand hat ihnen Dulles eine Au�enpolitik gegeben, die ihnen mit der anderen jetzt von Kennedy wieder weggenommen wird. Sie sind gereizt.�</p><p>Leamas nickte und sagte: �Typisch Yankee.�</p><p>�Alec scheint unsere amerikanischen Vettern nicht zu m�gen�, sagte Ashe, indem er sich gleich mit schwerem Gesch�tz einmischte, aber Kiever murmelte nur: �Wirklich?� Kiever spielte auf lange Sicht, dachte Leamas. Er lie� einen zu sich kommen, wie jemand, der an Pferde gew�hnt war. Er spielte vollendet den Mann, der den Verdacht nicht loswerden kann, dass man ihn gleich um einen Gefallen bitten werde, den er nicht gerne erwies. Nach dem Essen sagte Ashe: �Ich kenne ein Lokal in der Wardour Street - du bist schon dort gewesen, Sam. Es ist recht angenehm dort. Nehmen wir einen Wagen und fahren wir hin.�</p><p>�Moment�, sagte Leamas. Etwas in seiner Stimme veranla�te Ashe, ihn schnell anzusehen. �Verrate mir eines, ja? Wer wird f�r diese Lustbarkeit zahlen?�</p><p>�Ich nat�rlich�, sagte Ashe schnell. �Sam und ich.�</p><p>�Habt ihr das ausgemacht?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Weil ich kein Geld habe, verdammt! Du wei�t das doch! Jedenfalls habe ich keines zum Rauswerfen.�</p><p>�Freilich, Alec. Ich habe mich doch auch bis jetzt um dich gek�mmert, oder nicht?�</p><p>�Ja�, antwortete Leamas. �Ja, das hast du.�</p><p>Es sah so aus, als wolle er noch etwas sagen, �berlege es sich dann aber anders. Ashe schien weniger beleidigt als vielmehr beunruhigt zu sein, und Kiever wirkte so undurchsichtig wie zuvor.</p><p>Leamas wollte w�hrend der Fahrt im Taxi nichts sagen. Ashe versuchte es mit einer vers�hnlichen Bemerkung, aber Leamas zuckte nur gereizt mit den Achseln. Als sie in der Wardour Street angekommen waren, machten weder Leamas noch Kiever irgendeinen Versuch, das Taxi zu zahlen. Ashe f�hrte sie an einem Schaufenster voller Aktmagazine vorbei, eine enge Gasse hinunter, an deren entfernterem Ende ein flimmerndes Neonschild leuchtete: �Weidenk�tzchenklub. Nur Mitglieder.� Zu beiden Seiten der T�r hingen Fotos von M�dchen, �ber die quer d�nne Papierstreifen liefen, die mit der Hand geschrieben waren: �Naturstudium. Nur Mitglieder.�</p><p>Ashe dr�ckte auf die Glocke. Sofort wurde von einem sehr gro�en Mann in wei�em Hemd und schwarzen Hosen aufgemacht. �Ich bin Mitglied�, sagte Ashe. �Diese zwei Herren geh�ren zu mir.�</p><p>�� Ihre Karte sehen?�</p><p>Ashe nahm eine gelbe Karte aus seiner Brieftasche und reichte sie ihm.</p><p>�Ihre G�ste zahlen f�r sofortige Mitgliedschaft ein Pfund pro Kopf. Auf Ihre Empfehlung, recht so?� Er hielt Ashe die Karte hin, Leamas schob sich an Ashe vorbei und nahm sie. Er betrachtete sie einen Augenblick und gab sie dann zur�ck.</p><p>Leamas zog zwei Pfund aus der Tasche und dr�ckte sie dem wartenden Mann in die Hand.</p><p>�Zwei Pfund f�r die G�ste�, sagte Leamas. Er ignorierte den erstaunten Protest Ashes, schlug den Vorhang am Klubeingang zur�ck und ging ins Halbdunkel voraus.</p><p>Er sagte zu dem Portier: �Verschaffen Sie uns einen Tisch und eine Flasche Scotch. Und sorgen Sie daf�r, dass wir in Ruhe gelassen werden.�</p><p>Der Portier z�gerte einen Augenblick, entschied sich aber daf�r, nicht zu widersprechen, und geleitete sie nach unten, von wo ihnen das ged�mpfte Wehklagen undeutlicher Musik entgegenklang. Sie bekamen im hinteren Teil des Raumes einen Tisch f�r sich. Eine Zweimannkapelle spielte, und mehrere M�dchen sa�en zu zweit und zu dritt herum. Zwei waren aufgestanden, als sie hereinkamen, aber der Portier winkte ihnen ab. Ashe schaute unruhig auf Leamas, w�hrend sie auf den Whisky warteten. Kiever schien leicht gelangweilt zu sein. Der Kellner brachte eine Flasche und drei Gl�ser, und sie beobachteten schweigend, wie er Whisky in jedes Glas einschenkte. Leamas nahm dem Kellner die Flasche aus der Hand und go� die gleiche Menge nach. Als er damit fertig war, lehnte er sich �ber den Tisch und sagte zu Ashe: �Vielleicht wirst du mir jetzt erkl�ren, was hier vor sich geht.�</p><p>�Wie meinst du das?� Ashe war unsicher. �Was meinst du damit, Alec?�</p><p>�An dem Tag, als ich entlassen wurde�, begann Leamas ruhig, �bist du mir schon vom Gef�ngnis nachgelaufen, und zwar mit einer albernen Geschichte �ber unsere angebliche Begegnung in Berlin. Dann hast du mir Geld gegeben, das du mir nicht schuldig warst. Du hast mich zu teuren Mahlzeiten eingeladen und du nimmst mich in deine Wohnung auf.�</p><p>Ashe wurde verlegen und sagte: �Wenn dir das ��</p><p>�Unterbrich mich nicht�, sagte Leamas w�tend. �Warte gef�lligst, bis ich fertig bin, verstanden? Deine Mitgliedskarte f�r dieses Lokal ist auf den Namen Murphy ausgestellt. Ist das dein Name?�</p><p>�Nein, das ist er nicht.�</p><p>�Ich nehme an, ein Bekannter namens Murphy hat dir seine Mitgliedskarte geliehen?�</p><p>�Nein, das hat er nicht. Wenn du es schon wissen mu�t: ich komme manchmal her, um mir ein M�dchen aufzulesen. Ich wollte nicht mit dem richtigen Namen in den Klub eintreten.�</p><p>�Warum ist am Dolphin Square dann Murphy als der Mieter deiner Wohnung eingetragen?�</p><p>Jetzt schaltete sich Kiever ein: �Geh nach Hause�, sagte er zu Ashe. �Ich werde mich um das Weitere k�mmern.�</p><p>Auf der B�hne wurde ein Striptease vorgef�hrt. Das M�dchen war ein junges, langweiliges Ding. Sie war von jener armseligen, spindeld�rren Nacktheit, die in Verlegenheit versetzt, weil keine Erotik von ihr ausgeht und weil sie kunstlos ist, ohne Verlangen zu wecken. Sie drehte sich langsam, wobei sie nur manchmal mit einem Arm oder einem Bein zuckte, so als h�re sie die Musik nur in Bruchst�cken. Dabei sah sie die ganze Zeit mit dem fr�hreifen Interesse eines Kindes, das in die Gesellschaft von Erwachsenen geraten ist, zu ihnen her. Pl�tzlich steigerte die Musik ihr Tempo, und das M�dchen reagierte darauf, wie ein Hund auf die Pfeife, indem es vor und zur�ck h�pfte. Beim letzten Akkord nahm sie ihren B�stenhalter ab, hielt ihn �ber ihren Kopf und stellte ihren mageren K�rper zur Schau, von dem an drei Stellen Flitter herunterhing wie alter Christbaumschmuck.</p><p>Leamas und Kiever sahen schweigend zu.</p><p>�Ich nehme an, Sie werden mir jetzt erz�hlen, dass wir in Berlin Besseres gesehen haben�, bemerkte Leamas schlie�lich. Kiever merkte, dass der andere noch immer sehr �rgerlich war.</p><p>�Ich vermute, dass <emphasis>Sie</emphasis> das haben!� entgegnete Kiever liebensw�rdig. �Ich selbst bin zwar oft in Berlin gewesen, aber leider mu� ich gestehen, dass ich Nachtklubs verabscheue.� Leamas schwieg. �Ich bin nicht pr�de, verstehen Sie, aber ich bin vern�nftig. Ich wei� billigere Methoden, um eine Frau zu finden, wenn ich eine brauche. Und wenn ich tanzen will, kenne ich bessere Lokale.� Leamas hatte ihm nicht zugeh�rt.</p><p>�Vielleicht erz�hlen Sie mir, warum sich dieser warme Bruder aufgedr�ngt hat�, schlug er vor.</p><p>�Gern�, nickte Kiever. �Ich gab ihm den Auftrag.�</p><p>�Warum?�</p><p>�Ich bin interessiert an Ihnen. Ich m�chte Ihnen einen Vorschlag machen, einen journalistischen Vorschlag.�</p><p>Eine Pause entstand.</p><p>�Aha. Einen journalistischen�, wiederholte Leamas. �Ich verstehe.�</p><p>�Ich habe eine Agentur, einen internationalen Feuilletondienst. Die Agentur zahlt gut - sehr gut - f�r interessantes Material.�</p><p>�Wer wird es ver�ffentlichen?�</p><p>�Ich zahle so gut, dass ein Mann mit Ihren Erfahrungen im � im internationalen Geschehen, ein Mann mit Ihrem Hintergrund, verstehen Sie, der �berzeugendes Tatsachenmaterial liefern kann, in verh�ltnism��ig kurzer Zeit aus allen finanziellen Schwierigkeiten heraus w�re.�</p><p>�Wer ver�ffentlicht das Material, Kiever?� In seiner Stimme war ein drohender Unterton, und f�r einen Augenblick schien sich Angst in Kievers glattes Gesicht zu schleichen.</p><p>�Internationale Kunden. Ich habe einen Mitarbeiter in Paris, der eine Menge meines Stoffes absetzt. Oft wei� ich gar nicht einmal, wo eigentlich etwas ver�ffentlicht wird.� Er setzte mit einem entwaffnenden L�cheln hinzu: �Ich mu� gestehen, dass ich mich nicht sonderlich darum k�mmere. Man zahlt und verlangt nach mehr. Sehen Sie, Leamas: meine Kunden geh�ren zu den Leuten, die wegen dummer Einzelheiten keine gro�en Geschichten machen. Sie zahlen prompt und sind noch dazu froh, wenn sie in ausl�ndischen Banken einzahlen k�nnen, wo niemand nach Steuern fragt.�</p><p>Leamas sagte nichts. Er hielt sein Glas mit beiden H�nden und starrte hinein.</p><p>Jetzt �berschl�gt er sich direkt, dachte Leamas, es ist schon fast unanst�ndig. Ein alberner Varietescherz fiel ihm ein: �Dies ist ein Angebot, das kein anst�ndiges M�dchen annehmen kann - au�erdem w��te ich nicht, ob sich's bei ihr auszahlt.�</p><p>Taktisch handeln sie richtig, wenn sie es jetzt beschleunigen, dachte er. Ich bin �ber meine Vorgesetzten w�tend, das Gef�ngniserlebnis ist frisch, der soziale Groll stark. Ich bin ein alter Gaul, der nicht erst zugeritten werden mu�. Ich brauche nicht so zu tun, als h�tten sie die Ehre eines englischen Gentlemens verletzt. Auf der anderen Seite w�rden sie sachliche Einw�nde erwarten. Sie erwarteten sicherlich, dass er Angst bekam, denn seine Organisation war bei der Verfolgung eines Verr�ters so unnachsichtig wie das Auge Gottes, das Kain durch die W�ste folgte.</p><p>Aber schlie�lich mu�ten sie wissen, dass es ein Gl�cksspiel war. Sie waren sich sicher im klaren dar�ber, dass die Unberechenbarkeit jedes menschlichen Entschlusses das bestgeplante Spionagenetz zerrei�en konnte, denn es gab schon Betr�ger, L�gner und Verbrecher, die allen schmeichlerischen K�nsten zu widerstehen vermochten, w�hrend angesehene Gentlemen allein durch den w��rigen Kohl in einer Regierungskantine zum gr��ten Verrat gebracht worden waren.</p><p>�Sie werden eine Menge zahlen m�ssen�, murmelte Leamas schlie�lich. Kiever schenkte ihm noch einen Whisky ein.</p><p>�Man bietet Ihnen eine Sofortzahlung von f�nfzehntausend Pfund. Das Geld liegt schon bei der Kantonalbank in Bern. Sie k�nnen es gegen Vorlage eines entsprechenden Ausweises abheben, den Sie von meinem Klienten bekommen werden. Meine Klienten behalten sich das Recht vor, w�hrend des Zeitraumes von einem Jahr Zahlungen von weiteren f�nftausend Pfund Fragen an Sie zu richten. Sie werden Ihnen bei irgendwelchen � na, sagen wir: Problemen der Neuordnung Ihres k�nftigen Lebens behilflich sein.�</p><p>�Bis wann wollen Sie eine Antwort haben?�</p><p>�Jetzt. Man erwartet nicht, dass Sie alle Ihre Erinnerungen zu Papier bringen. Sie werden meinen Klienten treffen, und er wird es arrangieren, dass Ihr Material von irgend jemandem niedergeschrieben wird.�</p><p>�Wo soll ich ihn treffen?�</p><p>�Wir waren der Ansicht, dass es f�r alle Beteiligten das Einfachste w�re, sich au�erhalb Englands zu treffen. Mein Klient schlug Holland vor.�</p><p>�Ich habe keinen Pa߫, sagte Leamas gleichg�ltig.</p><p>�Ich bin so frei gewesen, Ihnen einen zu besorgen�, entgegnete Kiever verbindlich. Nichts in seiner Stimme oder in seinem Benehmen lie� erkennen, dass er etwas anderes als ein angemessenes Gesch�ft get�tigt hatte.</p><p>�Wir fliegen morgen fr�h um neun Uhr f�nfundvierzig nach Den Haag. Wollen wir in meine Wohnung gehen und noch weitere Einzelheiten besprechen?�</p><p>Kiever zahlte, und sie fuhren per Taxi zu einer recht guten Adresse unweit des St.-James-Parks.</p><p>Kievers Wohnung war teuer und luxuri�s, aber ihre Einrichtung schien in Eile zusammengestellt worden zu sein. In London soll es Gesch�fte geben, die B�cher nach dem laufenden Meter verkaufen, und Innenarchitekten, die die Farbzusammenstellung der Tapeten mit der eines Gem�ldes in Harmonie bringen k�nnen. Da er nicht sonderlich empf�nglich f�r solche Feinheiten war, h�tte Leamas beinahe vergessen, dass er sich in einer Privatwohnung und nicht in einem Hotel befand.</p><p>Als ihm Kiever sein Zimmer zeigte, das einen d�steren Innenhof zu lag, fragte ihn Leamas: �Wie lange wohnen Sie schon hier?�</p><p>�Nicht lange�, entgegnete Kiever leichthin. �Einige Monate, nicht mehr.�</p><p>�Mu� eine Menge kosten. Trotzdem, ich glaube, Sie sind es wert.�</p><p>�Danke.�</p><p>Es war eine Flasche Scotch in seinem Zimmer und ein Siphon mit Soda auf einem Silbertablett. Hinter einem Vorhang am hinteren Ende des Raumes f�hrte ein Durchgang zu Badezimmer und Toilette.</p><p>�Ein ganz nettes Liebesnest. Wird vom gro�en Arbeiterstaat bezahlt?�</p><p>�Seien Sie still�, sagte Kiever �rgerlich. Dann f�gte er hinzu: �Falls Sie mich brauchen - es gibt ein Haustelefon zu meinem Zimmer. Ich werde wach sein.�</p><p>�Ich denke, ich werde mit meinen Kn�pfen jetzt allein fertig�, gab Leamas zur�ck.</p><p>�Dann gute Nacht�, sagte Kiever kurz angebunden und verlie� das Zimmer. Er ist auch gereizt, dachte Leamas.</p><p>Leamas wurde durch das Telefon neben seinem Ben geweckt. Es war Kiever.</p><p>�Es ist sechs Uhr�, sagte er, �Fr�hst�ck um halb sieben.�</p><p>�Gut�, erwiderte Leamas und legte auf. Er hatte Kopfweh.</p><p>Kiever mu�te nach einem Taxi telefoniert haben, denn um sieben Uhr ging die T�rglocke, und Kiever fragte: �Haben Sie alles?�</p><p>�Ich habe kein Handgep�ck�, antwortete Leamas, �au�er einer Zahnb�rste und einem Rasierapparat.�</p><p>�Daf�r wird gesorgt. Sind Sie sonst fertig?�</p><p>Leamas zuckte mit den Schultern. �Ich glaube ja. Haben Sie Zigaretten?�</p><p>�Nein�, gab Kiever zur�ck, �aber Sie k�nnen welche im Flugzeug bekommen. Ich w�rde Ihnen raten, sich dies hier sorgf�ltig anzusehen.� Er gab Leamas einen britischen Pa�, der auf seinen Namen ausgestellt und mit einem Foto versehen war. Quer �ber die Ecke lief das Tiefdrucksiegel des Au�enministeriums. Er war weder alt noch neu, beschrieb Leamas als B�roangestellten und gab seinen Personalstand als ledig an. Leamas war ein wenig nerv�s, als er ihn zum erstenmal in der Hand hielt.</p><p>Es war wie beim Heiraten: Was auch geschehen mochte, die Dinge w�rden nie wieder so sein wie zuvor.</p><p>�Wie steht's mit Geld?� fragte Leamas.</p><p>�Sie werden keines brauchen. Es geht alles auf Kosten der Firma.�</p></section><section><p><strong>8 LE MIRAGE</strong></p><p>Es war ein kalter Morgen. Der leichte Nebel war feucht und grau, er prickelte auf der Haut. Der Flughafen erinnerte Leamas an den Krieg: Maschinen warteten, halb im Nebel verborgen, geduldig auf ihre Herren, laut t�nende Stimmen und ihr Echo, ein pl�tzlicher Ruf, das unpassende Klick-Klack, das die Abs�tze eines M�dchens auf dem Steinboden machten, das Aufheulen einer Maschine, die unmittelbar neben einem zu stehen schien. �berall jene Verschw�rerstimmung, die zwischen Menschen entsteht, die seit dem Morgengrauen auf sind - fast ein Gef�hl gemeinsamer �berlegenheit, da man zusammen erlebt hat, dass die Nacht entschwand, und man den Tag hatte kommen sehen. Das Personal trug jene Mienen zur Schau, die vom Mysterium des Tagesanbruches geformt und von der K�lte belebt werden, und sie behandelten die Passagiere und ihr Gep�ck mit dem inneren Abstand, den M�nner haben, die von der Front zur�ckgekehrt sind: Gew�hnliche Sterbliche gab es an diesem Morgen nicht f�r sie.</p><p>Kiever hatte Leamas mit Handgep�ck versehen. Das war ein nettes Detail und erregte Leamas' Bewunderung: Passagiere ohne Gep�ck erregten Aufmerksamkeit, und das geh�rte sicher nicht zu Kievers Plan. Sie lie�en sich am Schalter ihrer Fluggesellschaft abfertigen und folgten den Wegweisern zur Pa�kontrolle. Es gab einen seltsamen Augenblick, als sie sich verliefen und Kiever zu einem Tr�ger grob wurde. Leamas nahm an, dass Kiever wegen des Passes nerv�s war. Er braucht das nicht zu sein, dachte Leamas, es ist alles in Ordnung.</p><p>Der Pa�beamte war ein jugendlicher kleiner Mann mit einem geheimnisvollen Abzeichen an seinem Rockaufschlag. Er hatte einen r�tlichen Schnurrbart und einen nordenglischen Akzent, den er vergeblich zu unterdr�cken versuchte.</p><p>�Werden Sie lange weg sein, Sir?� fragte er Leamas. �Sie m�ssen achtgeben, Sir. Der Pa� l�uft diesen Monat ab.�</p><p>�Ich wei߫, sagte Leamas.</p><p>Sie gingen Seite an Seite in den Wartesaal f�r Passagiere. Auf dem Weg dorthin sagte Leamas: �Sie sind ein argw�hnischer Gauner, was, Kiever?�, und der andere lachte erleichtert.</p><p>�M�ssen Sie ein bi�chen an der Leine halten, nicht wahr? Geh�rt zum Vertrag�, antwortete Kiever.</p><p>Sie hatten noch zwanzig Minuten zu warten. Sie setzten sich an einen Tisch und bestellten Kaffee. �Und nehmen Sie das hier mit�, sagte Kiever zum Kellner, indem er auf gebrauchte Tassen, Untertassen und Aschenbecher auf dem Tisch zeigte.</p><p>�Es kommt ein Abservierwagen vorbei�, erwiderte der Kellner.</p><p>�Nehmen Sie es weg�, wiederholte Kiever, der schon wieder gereizt war. �Es ist widerlich, schmutziges Geschirr herumstehen zu lassen.�</p><p>Der Kellner drehte sich um und ging weg. Er ging weder zur Theke noch bestellte er ihren Kaffee. Kiever war wei� im Gesicht, krank vor �rger.</p><p>�H�ren Sie um Gottes willen auf�, murmelte Leamas. �Das Leben ist zu kurz.�</p><p>�Ein frecher L�mmel ist das�, sagte Kiever.</p><p>�Gut, gut. Machen Sie ruhig eine Szene. Es w�re der richtige Moment daf�r. Man wird uns hier nie vergessen.�</p><p>Die Formalit�ten auf dem Flughafen in Den Haag verursachten keine Probleme. Kiever schien sich von seinen �ngsten erholt zu haben. Er wurde munter und gespr�chig, als sie die kurze Entfernung vom Flugzeug zur Zollabfertigung zur�cklegten. Der junge holl�ndische Beamte widmete ihrem Gep�ck und den P�ssen nur einen oberfl�chlichen Blick und verk�ndete in ungeschicktem, gutturalem Englisch: �Ich w�nsche einen angenehmen Aufenthalt in den Niederlanden.�</p><p>�Danke�, sagte Kiever fast zu leutselig, �danke vielmals.�</p><p>Vom Zoll gingen sie durch den Korridor zur Eingangshalle auf der anderen Seite der Flughafengeb�ude hin�ber. Kiever steuerte auf den Hauptausgang zu, durch kleine Menschengruppen hindurch, die geistesabwesend auf die Auslagen von Parf�merie-, Foto- und Obstkiosken starrten. Als sie ihren Weg durch die Drehglast�r nahmen, schaute Leamas zur�ck. Am Zeitungskiosk, vertieft in eine Ausgabe der <emphasis>Continental Daily Mail,</emphasis> stand eine kleine froschartige Gestalt mit einer gro�en Brille: ein ernster, mit Sorgen beladener kleiner Mann. Er sah aus wie ein Staatsbeamter. Oder so etwas �hnliches.</p><p>Auf dem Parkplatz wurden sie von einem Volkswagen mit einer holl�ndischen Nummer erwartet. Die Frau, die hinter dem Steuer sa�, nahm keine Notiz von ihnen. Sie fuhr langsam und hielt an Verkehrsampeln immer schon bei gelbem Licht. Leamas zog daraus den Schlu�, dass man ihr diese Fahrweise vorgeschrieben hatte, damit ein anderer Wagen folgen konnte. Er beobachtete den Au�enr�ckspiegel rechts und versuchte, den Wagen zu erkennen, aber ohne Erfolg. Er sah einmal einen schwarzen Peugeot mit einer CD-Nummer, aber als sie dann um die Ecke bogen, war nur noch ein M�beltransporter hinter ihnen. Er kannte Den Haag ziemlich gut vom Krieg her, und er versuchte herauszubekommen, wo es hinging. Er sch�tzte, dass sie auf eine Stelle nordwestlich von Scheveningen zufuhren. Sie hatten bald die Vororte passiert und n�herten sich einer Villenkolonie, die zwischen D�nen und Meer lag. Hier hielten sie. Die Frau stieg aus und l�utete an der T�r des ersten von einer Reihe kleiner, cremefarbener Bungalows. Sein Name, <emphasis>Le Mirage,</emphasis> stand in bla�blauen gotischen Schriftzeichen auf einer Eisentafel �ber der T�r. Im Fenster stand ein Schild, dass alle Zimmer besetzt seien.</p><p>Die T�r wurde von einer freundlichen, dicken Frau aufgemacht, die an der Fahrerin vorbei nach dem Wagen schaute. Sie kam freudestrahlend die Auffahrt herunter. Sie erinnerte Leamas an seine Kindheit, an eine alte Tante, die ihn geschlagen hatte, weil er Bindfaden vergeudete.</p><p>�Wie sch�n, dass Sie gekommen sind!� erkl�rte sie. �Wir freuen uns schrecklich.�</p><p>Kiever ging voran. Die Fahrerin stieg wieder in den Wagen. Leamas blickte die Stra�e zur�ck, die sie gerade gekommen waren. Hundert Meter entfernt hielt ein schwarzer Wagen, ein Fiat vielleicht, oder ein Peugeot. Ein Mann in einem Regenmantel stieg aus.</p><p>In der Diele sch�ttelte die Frau herzlich Leamas' Hand. �Willkommen in <emphasis>Le Mirage.</emphasis> Sch�ne Reise gehabt?�</p><p>�Sehr sch�n�, erwiderte Leamas.</p><p>�Sind Sie geflogen oder mit dem Schiff gekommen?�</p><p>�Wir sind geflogen�, sagte Kiever; �ein ausgezeichneter Flug.� Er h�tte Inhaber der Fluggesellschaft sein k�nnen.</p><p>�Ich werde Ihr Mittagessen machen�, erkl�rte sie, �etwas Besonderes. Ich werde Ihnen etwas besonders Gutes machen. Was soll ich Ihnen bringen?�</p><p>�Guter Gott�, sagte Leamas leise, und die T�rglocke l�utete. Die Frau ging schnell in die K�che. Kiever �ffnete die Eingangst�r.</p><p>Er trug einen Regenmantel mit Lederkn�pfen. Er hatte ungef�hr Leamas' Gr��e, war aber �lter. Leamas sch�tzte ihn auf ungef�hr f�nfundf�nfzig. Sein Gesicht hatte eine ungesunde graue Farbe und scharfe Furchen. Er h�tte Soldat sein k�nnen. Er streckte die Hand aus.</p><p>�Mein Name ist Peters�, sagte er. Seine Finger waren schlank und gepflegt.</p><p>�Hatten Sie eine gute Reise?�</p><p>�Ja�, sagte Kiever schnell, �ziemlich ereignislos.�</p><p>�Mr. Leamas und ich haben eine Menge zu besprechen. Ich glaube nicht, dass wir dich brauchen, Sam. Du k�nntest mit dem Volkswagen zur Stadt zur�ckfahren.�</p><p>Kiever l�chelte. Leamas sah, wie erleichtert er war. �Auf Wiedersehen, Leamas�, sagte Kiever mit scherzender Stimme. �Viel Gl�ck, alter Junge.�</p><p>Leamas nickte, ohne Kievers Hand zu beachten.</p><p>�Auf Wiedersehen�, wiederholte Kiever und ging still zur Eingangst�r hinaus.</p><p>Leamas folgte Peters in einen r�ckw�rtigen Raum. Vor den Fenstern hingen schwere, mit Fransen verzierte und kunstvoll in Falten geraffte Vorh�nge. Das Fensterbrett war mit Topfpflanzen �berladen, mit Kakteen, Tabakpflanzen und einem seltsamen Baumgew�chs mit breiten weichen Bl�ttern. Die M�bel waren schwer und pseudoantik. In der Mitte des Raumes standen ein Tisch und zwei geschnitzte St�hle. Auf dem Tisch lag eine schwere, rostrote Decke, die fast wie ein Teppich wirkte, und auf ihr waren vor jedem Stuhl Bleistifte und Papier bereitgelegt. Auf einer Anrichte standen Whisky und Soda. Peters ging hin und machte ihnen einen Drink.</p><p>�H�ren Sie�, sagte Leamas pl�tzlich, �von jetzt an komme ich ohne Ihre Aufmerksamkeiten aus. Sie verstehen, was ich meine? Wir beide wissen, woran wir sind: wir sind Fachleute. Sie haben einen bezahlten �berl�ufer bekommen - viel Erfolg mit ihm. Aber tun Sie um Himmels willen nicht so, als w�ren Sie in mich verliebt.�</p><p>Es klang nerv�s, als ob er seiner selbst nicht ganz sicher sei.</p><p>Peters nickte. �Kiever sagte mir schon, Sie seien ein stolzer Mann�, bemerkte er unbefangen. Dann f�gte er ohne L�cheln hinzu: �Warum sonst sollte sich ein Mann an Ladenbesitzern vergreifen?�</p><p>Leamas vermutete, Peters sei Russe, aber er war nicht ganz sicher. Peters' Englisch war nahezu vollkommen, er hatte die Ungezwungenheit und das Benehmen eines Mannes, der schon lange an zivilisierten Komfort gew�hnt ist.</p><p>Sie setzten sich an den Tisch.</p><p>�Kiever hat Ihnen gesagt, was ich Ihnen zahlen will?� erkundigte sich Peters.</p><p>�Ja. F�nfzehntausend Pfund, abzuheben auf einer Berner Bank.�</p><p>�Ja.�</p><p>�Er sagte, Sie w�rden im Lauf des n�chsten Jahres vielleicht weitere Fragen haben�, sagte Leamas. �Sie seien zur Zahlung weiterer f�nftausend bereit, wenn ich mich zur Verf�gung hielte.�</p><p>Peters nickte.</p><p>�Diese Bedingung nehme ich nicht an�, fuhr Leamas fort. �Sie wissen so gut wie ich, dass sich das nicht machen l��t. Ich m�chte in der Lage sein, die F�nfzehntausend abheben und dann verschwinden zu k�nnen. Ihre Leute haben eine rauhe Art, mit abgesprungenen Agenten umzugehen, und genauso ist es bei uns. Ich werde mich nicht in St. Moritz auf meine vier Buchstaben setzen, w�hrend Sie jedes Netz aufrollen, das ich Ihnen gegeben habe. Meine Leute sind keine Idioten. Es w�re ihnen klar, nach wem sie zu suchen h�tten. Soviel Sie und ich wissen, sind sie jetzt hinter uns her.�</p><p>Peters nickte: �Sie k�nnten doch aber � wohin gehen, wo es sicher ist?�</p><p>�Hinter den Vorhang?�</p><p>Ja.�</p><p>Leamas sch�ttelte nur den Kopf und sagte:</p><p>�Ich denke, Sie werden f�r die einleitende Befragung drei Tage brauchen. Dann wollen Sie sicherlich nach Hause berichten, um genaue Instruktionen zu erhalten.�</p><p>�Nicht unbedingt�, antwortete Peters.</p><p>Leamas sah ihn interessiert an.</p><p>�Ich verstehe�, sagte er. �Man hat den Experten geschickt. Oder ist die Moskauer Zentrale nicht mit im Spiel?�</p><p>Peters schwieg. Er sah Leamas nur absch�tzend an. Schlie�lich nahm er den Bleistift in die Hand und sagte: �Wollen wir mit Ihrem Kriegseinsatz beginnen?�</p><p>Leamas zuckte mit den Schultern: �Das ist Ihre Sache.�</p><p>�Richtig. Wir fangen mit dem Kriegseinsatz an. Sprechen Sie.�</p><p>�Neununddrei�ig kam ich zu den Pionieren. Ich war gerade am Ende meiner Ausbildung, als man durch einen Aufruf nach Leuten mit Sprachkenntnissen suchte. Sie sollten sich f�r Spezialeins�tze im Ausland melden. Ich konnte Holl�ndisch und Deutsch und ziemlich gut Franz�sisch. Au�erdem hatte ich vom Soldatendasein genug. Also meldete ich mich. Ich kannte Holland gut. Mein Vater hatte in Leyden eine Vertretung f�r Werkzeugmaschinen, und ich habe neun Jahre dort gelebt. Ich wurde auf die �bliche Weise ausgefragt und kam dann auf eine Schule in der N�he von Oxford, wo man mir die bekannten Tricks beibrachte.�</p><p>�Wer leitete die Schule?�</p><p>�Am Anfang wu�te ich's nicht. Dann lernte ich Steed-Asprey kennen, und einen Oxforddozenten namens Fielding. Sie leiteten sie. Einundvierzig wurde ich in Holland abgesetzt, dort blieb ich fast zwei Jahre. Wir verloren die Agenten damals schneller, als sie zu finden waren. Es war reiner Mord. Holland ist f�r diese Art Arbeit eine verflucht schlechte Gegend - es gibt keine einsamen Landstriche und keine abseits gelegenen Stellen, wo man eine Zentrale errichten oder ein Funkger�t aufbauen k�nnte. Immer in Bewegung, immer auf der Flucht. Es war eine scheu�liche Sache. Dreiundvierzig kam ich raus und war einige Monate in England. Dann versuchte ich mich in Norwegen - verglichen mit Holland eine Landpartie. F�nfundvierzig wurde ich ausgezahlt und ging nach Holland zur�ck, um das alte Gesch�ft meines Vaters wieder aufzumachen. Es war nichts. Also tat ich mich mit einem alten Freund zusammen, der ein Reiseb�ro in Bristol hatte. Das dauerte achtzehn Monate, dann waren wir pleite. Pl�tzlich kam aus heiterem Himmel ein Brief vom Geheimdienst: Ob ich nicht zur�ckkommen wollte? Aber ich meinte, ich h�tte inzwischen von diesem Kram genug gehabt. Deshalb antwortete ich, ich w�rde es mir �berlegen. Ich mietete mir ein Landhaus auf Lundy Island. Dort blieb ich ein Jahr und dachte �ber meine Verdauung nach, bis mir auch das langweilig geworden war. Ich schrieb ihnen also. Ende neunundvierzig stand ich wieder auf der Gehaltsliste. Unterbrochener Dienst freilich - verminderter Pensionsanspruch und die �blichen Einschr�nkungen. Mache ich zu schnell?�</p><p>�Im Augenblick nicht�, antwortete Peters und schenkte ihm noch etwas Whisky ein. �Wir werden das alles freilich noch einmal genau, mit Namen und Datum, besprechen.�</p><p>Es wurde an die T�r geklopft, und die Frau brachte das Essen herein, eine enorme Mahlzeit aus kaltem Fleisch, Brot und Suppe. Peters schob seine Notizen beiseite. Sie a�en schweigend.</p><p>Das Geschirr wurde abger�umt. �Sie sind also ins Rondell zur�ckgekehrt�, sagte Peters.</p><p>�Ja. Eine Weile besch�ftigten sie mich mit Schreibtischarbeit, Bearbeitungen von Berichten, Sch�tzungen �ber das Milit�rpotential in Ostblockl�ndern, Beobachtung von Truppen Verschiebungen und derlei Dinge.�</p><p>�Welche Abteilung?�</p><p>�Ostblock vier. Ich war dort von Februar f�nfzig bis Mai einundf�nfzig.�</p><p>�Wer waren Ihre Kollegen?�</p><p>�Peter Guillam, Brian de Grey und George Smiley. Smiley verlie� uns Anfang einundf�nfzig und ging zur Abwehr. Im Mai einundf�nfzig wurde ich als stellvertretender Gebietschef nach Berlin versetzt. Das hei�t, dass ich f�r die ganze praktische Arbeit verantwortlich war.�</p><p>�Wen hatten Sie unter sich?�</p><p>Peters schrieb jetzt schnell. Leamas vermutete, dass er sich f�r den Hausgebrauch eine Art Kurzschrift zugelegt hatte.</p><p>�Hackett, Sarrow und de Jong. De Jong starb neunundf�nfzig bei einem Verkehrsunfall. Wir waren der Meinung, dass er ermordet worden ist, konnten es aber nie beweisen. Sie hatten alle ihre Netze und standen unter meinem Befehl. W�nschen Sie Einzelheiten?� fragte er trocken.</p><p>�Nat�rlich, aber erst sp�ter. Fahren Sie fort.�</p><p>�Gegen Ende vierundf�nfzig zogen wir in Berlin den ersten gro�en Fisch an Land: Fritz Feger, zweiter Mann im DDR-Verteidigungsministerium. Bis dahin war es nur sehr z�h gegangen. Aber im November kamen wir an Fritz heran. Er hielt sich fast zwei Jahre. Dann pl�tzlich h�rten wir nichts mehr von ihm. Ich habe erfahren, er sei im Gef�ngnis gestorben. Es dauerte drei Jahre, ehe wir wieder jemanden fanden, der ihm gleichkam. Das war neunundf�nfzig, als Karl Riemeck auftauchte. Er war im Pr�sidium der ostdeutschen KP. Er war der beste Agent, den ich jemals gekannt habe.�</p><p>�Er ist jetzt tot�, bemerkte Peters.</p><p>Leamas' Gesicht schien f�r einen Augenblick den Ausdruck fast schlechten Gewissens anzunehmen: �Ich war dort, als er erschossen wurde�, murmelte er. �Er hatte eine Freundin, die, kurz ehe er starb, her�berkam. Er hatte ihr alles erz�hlt. Sie kannte das ganze verdammte Netz. Kein Wunder, dass er erwischt wurde.�</p><p>�Wir kommen sp�ter auf Berlin zur�ck. Sagen Sie: Nachdem Karl gestorben war, flogen Sie doch nach London zur�ck. Sind Sie f�r den Rest Ihrer Dienstzeit dort geblieben?�</p><p>�Was davon �brigblieb, ja.�</p><p>�Welche Aufgaben hatten Sie?�</p><p>�Bankabteilung: �berpr�fung von Agentengeh�ltern, geheime Auslandszahlungen. Ein Kind h�tte es bew�ltigen k�nnen. Wir hatten unsere Befehle und danach unterschrieben wir die �berweisungsauftr�ge. Gelegentlich machte uns die Sicherheitsfrage Kopfzerbrechen.�</p><p>�Haben Sie mit Agenten direkt verhandelt?�</p><p>�Wie h�tten wir k�nnen? Unser st�ndiger Mann in einem bestimmten Land forderte f�r irgend etwas eine Summe an, die Direktion gab ihre Genehmigung, und wir erhielten den Auftrag, die �berweisung vorzunehmen. In den meisten F�llen transferierten wir das Geld an eine geeignete ausl�ndische Bank, wo es sich unser Mann abholen und dem Agenten geben konnte.�</p><p>�Wie wurden Agenten bezeichnet? Mit Decknamen?�</p><p>�Mit Kennziffern. Im Rondell hei�t das �Kombinationen�. Jedem Netz ist eine Kombination zugewiesen: der Agent ist durch eine Zahl gekennzeichnet, die an die Kombination angeh�ngt wird. Karls Kombination war 8 a/1.�</p><p>Leamas schwitzte. Peters beobachtete ihn gelassen. Wie ein Berufsspieler sch�tzte er ihn �ber den Tisch hinweg. Was war Leamas wert? Womit konnte man ihn brechen, was zog ihn an, was stie� ihn ab? Was ha�te er? Vor allem: was wu�te er? W�rde er seine beste Karte bis zuletzt behalten, um sie teuer zu verkaufen? Peters glaubte das nicht. Leamas war zu sehr aus dem Gleichgewicht, um herumspielen zu k�nnen. Er war uneins mit sich selbst, ein Mann, der bisher nur ein Leben und einen Glauben gekannt hatte. Daran war er nun zum Verr�ter geworden. Peters hatte so etwas schon �fter gesehen, sogar bei M�nnern, die eine v�llige ideologische Wandlung durchgemacht hatten. Obwohl sie in einsamen Nachtstunden einen neuen Glauben gefunden hatten und allein von der inneren Kraft ihrer neuen �berzeugung zum Verrat an ihrem Beruf, ihrer Familie, ihrem Vaterland gebracht worden waren, hatten selbst sie, die doch gleichsam mit neuem Eifer und neuer Hoffnung erf�llt waren, gegen das Stigma des Verrates zu k�mpfen gehabt. Selbst sie rangen mit der physischen Pein, die ihnen das Aussprechen jener Dinge bereitete, die niemals, niemals zu offenbaren, sie gelehrt worden waren. Wie abtr�nnige Christen, die sich scheuten, das Kreuz zu verbrennen, z�gerten sie zwischen ihrem Instinkt und der Vernunft. Und Peters, der in demselben Gegensatz gefangen war, mu�te ihnen Beruhigung geben und ihren Stolz zerst�ren. Es war eine Situation, die ihnen beiden bewu�t war. Deshalb wehrte sich Leamas leidenschaftlich gegen eine menschliche Beziehung zu Peters, die sein Stolz nicht zugelassen h�tte. Und Peters wu�te, dass Leamas aus diesen Gr�nden l�gen w�rde, vielleicht nur durch Verschweigen, aber trotz allem l�gen - aus Stolz, aus Trotz oder auch nur aus der Perversit�t, die zur Natur seines Berufes geh�rte. Peters' Aufgabe war es, diese L�gen zu erkennen. Ihm war klar, dass schon allein die Berufserfahrung von Leamas gegen seine Interessen wirkte, da sie ihn automatisch zur Auslese von Informationen verf�hren w�rde, w�hrend Peters keine Auslese w�nschte. Leamas hatte bestimmte Vorstellungen dar�ber, welche Art Ausk�nfte Peters brauchte, und diese Vorstellungen mochten ihn dazu verleiten, nicht in sie hineinpassende Dinge in seinem Bericht zu �bergehen, obwohl sie wom�glich von gr��tem Interesse f�r die Auswerter waren. Zu all dem mu�te Peters noch die launischen Eitelkeiten eines alkoholischen Wracks hinzurechnen.</p><p>�Ich denke�, sagte er, �wir sollten jetzt Ihren Berlineinsatz im Detail besprechen. Das w�re also die Zeit von Mai 1951 bis M�rz 1961. Nehmen Sie noch einen Drink!�</p><p>Leamas beobachtete ihn, als er eine Zigarette aus der Schachtel auf dem Tisch nahm und sie anz�ndete. Er registrierte, dass Peters Linksh�nder war und dass er die Zigaretten stets so in den Mund steckte, dass sich der Markenaufdruck am anderen Ende befand und also verbrannte. Es war eine Entdeckung, die Leamas gefiel: sie zeigte, dass Peters wie er selbst vom Fach war.</p><p>Peters hatte ein merkw�rdiges Gesicht. Es war ausdruckslos und grau. Die Farbe mu�te es l�ngst verlassen haben - vielleicht in einem Gef�ngnis w�hrend der fr�hen Tage der Revolution -, und jetzt waren seine Z�ge geformt, Peters w�rde dieses Aussehen behalten, bis er starb. Nur das borstige graue Haar mochte vielleicht wei� werden, aber sein Gesicht w�rde so bleiben. Leamas fragte sich, wie der wirkliche Name von Peters wohl lauten mochte und ob er verheiratet sei. Es war etwas sehr Strenggl�ubiges an ihm, das Leamas sch�tzte. Es war der Glaube an die eigene St�rke, ein gro�es Selbstvertrauen. Wenn Peters log, dann nicht ohne guten Grund. Seine L�ge w�rde kalkuliert und notwendig sein und sehr weit entfernt von der linkischen Unehrlichkeit eines Ashe.</p><p>Ashe, Kiever, Peters: das war eine un�bersehbare Steigerung der Qualit�t, der Autorit�t, was f�r Leamas das Wesentliche an der Rangordnung eines Spionagenetzes darstellte. Er nahm an, dass mit dieser Steigerung ein Fortschritt im Bereich des Moralischen verbunden war: Ashe, der S�ldling; Kiever, der Mitl�ufer; und jetzt Peters, f�r den sich die Mittel allein aus dem Ziel rechtfertigten.</p><p>Leamas begann �ber Berlin zu sprechen. Peters unterbrach ihn kaum, stellte selten eine Frage oder machte eine Bemerkung. Aber wenn er es tat, so zeigte er eine technische Wi�begier und eine Gewandtheit, die vollkommen der Art von Leamas entsprach. Leamas schien sich von der leidenschaftslosen, berufsm��igen Sachlichkeit seines Befragers sogar angenehm angesprochen zu f�hlen - es war die Art, die ihnen beiden gemeinsam war.</p><p>Es habe viel Zeit in Anspruch genommen, ein brauchbares Netz von Berlin aus in der Ostzone aufzubauen, erkl�rte Leamas. In den ersten Jahren war die Stadt von zweitklassigen Agenten �berschwemmt: Die Nachrichtenbeschaffung in Berlin war entwertet und zu einer so allt�glichen Sache gemacht worden, dass man einen neuen Mann bei einer Cocktailparty anwerben und beim Abendessen instruieren konnte, und bis zum Fr�hst�ck war er dann schon hochgegangen. F�r einen Fachmann war es ein Alptraum: Dutzende verschiedener Organisationen, von denen die H�lfte mit Gegenagenten durchsetzt war, Tausende von losen Enden, zu viele Hinweise, zu wenig ernsthafte Quellen, zu wenig Raum, um operieren zu k�nnen. Wohl gab es mit Feger 1954 einen vielversprechenden Anfang, aber ausgerechnet 1956, als jede Geheimdienstabteilung nach erstklassigen Informationen schrie, steckten sie in einer ausgesprochenen Flaute. Feger hatte sie finanziell ausgepl�ndert, aber nur zweitklassiges Material daf�r geliefert, das den allgemeinen Nachrichten nur um eine Nasenl�nge voraus war. Sie h�tten die eigentlichen, entscheidenden Informationen gebraucht - und sie mu�ten weitere drei Jahre warten, ehe sie diese Art Sachen bekamen.</p><p>Sie stie�en auf die Quelle, als de Jong eines Tages einen Picknickausflug in die W�lder am Rande Ostberlins machte. Er fuhr einen Wagen mit britischer Milit�rnummer, den er auf einem Weg neben dem Kanal abgeschlossen parkte. Nach dem Picknick liefen die Kinder mit dem Korb voraus. Als sie den Wagen erreichten, blieben sie stehen, z�gerten, lie�en den Korb fallen und rannten zur�ck. Jemand hatte die Wagent�r aufgebrochen. Der Griff war besch�digt und die T�r leicht ge�ffnet. De Jong fluchte, weil er sich erinnerte, dass er die Kamera im Handschuhfach gelassen hatte. Er ging hin und untersuchte den Wagen. Der T�rgriff war abgebrochen. De Jong nahm an, dass man ein St�ck Stahlrohr verwendet hatte, wie man es im �rmel verstecken kann. Aber die Kamera war noch da, ebenso sein Jacke und einige Pakete, die seiner Frau geh�rten. Auf dem Fahrersitz lag eine Tabakb�chse, und in der B�chse eine kleine Nickelpatrone. De Jong wu�te genau, was sie enthielt; es war die Filmpatrone einer Kleinstbildkamera, wahrscheinlich einer Minox.</p><p>De Jong fuhr heim und entwickelte den Film. Er enthielt das Protokoll der letzten Pr�sidialsitzung der SED. Durch einen kuriosen Zufall hatten sie Vergleichsmaterial aus einer anderen Quelle - die Aufnahmen waren echt.</p><p>Leamas �bernahm den Fall. Er hatte einen Erfolg dringend n�tig. Seit seiner Ankunft in Berlin hatte er praktisch noch nichts erreicht und er stand schon nahe an der f�r hauptberufliche Organisationsarbeit �blichen Altersgrenze. Genau eine Woche sp�ter fuhr er mit de Jongs Wagen zum selben Platz und machte einen Spaziergang.</p><p>Es war ein trostloser Fleck, den sich de Jong f�r sein Picknick ausgesucht hatte: ein St�ck Kanal, daneben die Tr�mmer von einigen gesprengten Bunkern, ringsum ausged�rrte, sandige Felder und auf der Ostseite - ungef�hr siebzig Meter von dem am Kanal entlangf�hrenden Schotterweg entfernt - ein sp�rlicher Kiefernwald. Aber der Fleck hatte den Vorteil, einsam zu liegen - etwas, das in Berlin selten zu finden war. Eine heimliche �berwachung war hier ausgeschlossen. Leamas ging in den Wald. Weil er nicht wu�te, aus welcher Richtung die Ann�herung erfolgen w�rde, machte er keinen Versuch, den Wagen zu beobachten. Er f�rchtete, das Vertrauen seines Informanten zu ersch�ttern, wenn er ihn heimlich zu beobachten versuchte und dabei gesehen w�rde. Freilich war diese Sorge nicht n�tig.</p><p>Als er zur�ckkam, war nichts im Wagen, und er fuhr nach Westberlin zur�ck, wobei er sich f�r seine Dummheit h�tte ohrfeigen m�gen: f�r weitere zwei Wochen stand keine Pr�sidialsitzung auf dem Programm. Nach drei Wochen borgte er sich wieder de Jongs Wagen und nahm diesmal tausend Dollar in Zwanzigern in seinem Picknickkoffer mit. Er lie� den Wagen unabgeschlossen zwei Stunden stehen, und als er zur�ckkehrte, lag eine Tabakb�chse im Handschuhfach. Der Picknickkoffer war verschwunden.</p><p>Die Filme waren erstklassiges Dokumentarmaterial. In den n�chsten sechs Wochen fuhr er noch zweimal. Jedesmal mit dem gleichen Ergebnis.</p><p>Leamas wu�te, dass er auf eine Goldader gesto�en war. Er gab der Quelle den Decknamen �Mayfair� und schickte einen pessimistischen Brief nach London. H�tte er London Appetit auf die Sache gemacht, h�tte man dort nicht gez�gert, den Fall an sich zu ziehen und ihn direkt zu kontrollieren. Leamas wu�te dies und er war verzweifelt bem�ht, es zu verhindern, denn die Operation �Mayfair� war wohl die einzige M�glichkeit, mit der er sich vor der Pensionierung sch�tzen konnte, aber es bestand die Gefahr, dass man ihn ausbooten w�rde, weil die Sache f�r London gro� genug war, um sie selbst zu �bernehmen. Auch wenn er das Rondell auf Arml�nge davon weghielt, bestand noch immer die Gefahr, dass es Theorien aufstellen, Vorschl�ge machen, zur Vorsicht dr�ngen, bestimmte Aktionen befehlen w�rde. Sie h�tten zum Beispiel verlangen k�nnen, dass er nur mit neuen Dollarnoten zahlte, deren Spur man folgen konnte. Sie w�ren imstande gewesen, sich die Filmpatronen zur Untersuchung nach London schicken zu lassen. Sie h�tten schwerf�llige Beschattungsoperationen planen und die anderen Abteilungen davon unterrichten k�nnen. Vor allem h�tten sie die anderen Abteilungen informieren wollen, und das, sagte sich Leamas, h�tte alles f�r immer verdorben. Drei Wochen arbeitete er verbissen daran, die Personalakten des Parteipr�sidiums durchzuk�mmen. Er hoffte, auf diesem Weg einen Hinweis auf die Person seines Informanten zu bekommen, ehe das Rondell Blut geleckt hatte. Er legte eine Liste aller B�roangestellten an, die m�glicherweise Zugang zu den Protokollen haben k�nnten. Auf Grund der Verteilerliste, die zusammen mit der letzten Seite des Sitzungsprotokolls fotografiert war, belief sich die Gesamtzahl m�glicher Informanten auf einunddrei�ig Personen, Sekret�re und B�roangestellte eingeschlossen.</p><p>Die Aufgabe, einen Informanten aus den unvollst�ndigen Akten von einunddrei�ig Kandidaten herauszufinden, war so gut wie unm�glich. Also kehrte Leamas zur Analyse des urspr�nglichen Materials zur�ck, was er - wie er sagte - schon fr�her h�tte tun sollen.</p><p>Es gab ihm zu denken, dass in keinem der fotografierten Protokolle die Seiten numeriert waren, dass keines den Stempel �geheim� trug und dass in der zweiten und vierten Kopie Blei- oder Farbstiftkorrekturen angebracht waren. Das brachte ihn schlie�lich zu einer wichtigen Schlu�folgerung: dass Fotokopien nicht von den Protokollen selbst gemacht worden waren, sondern von den Entw�rfen. Wenn das so war, so mu�te die Informationsquelle im Sekretariat zu suchen sein, und das Sekretariat war sehr klein. Die Entw�rfe waren sehr gut und sorgf�ltig fotografiert worden: der Fotograf hatte also Zeit und einen eigenen Raum gehabt. Leamas nahm sich wieder das Personenverzeichnis vor. Da gab es im Sekretariat einen Mann namens Karl Riemeck, einen fr�heren Sanit�tsunteroffizier, der als Kriegsgefangener drei Jahre in England gewesen war. Seine Schwester hatte bei Kriegsende und dem Einmarsch der Russen in Pommern gelebt, und Karl hatte seitdem nichts mehr von ihr geh�rt. Er war verheiratet und hatte eine Tochter namens Carla.</p><p>Leamas beschlo�, auf dieser F�hrte sein Gl�ck zu versuchen.</p><p>Er lie� in London die Kriegsgefangenennummer Riemecks feststellen. Sie lautete 29012. Das Datum seiner Entlassung war der 10. November 1945. Er kaufte ein ostdeutsches Kinderbuch und malte mit kindlicher Handschrift auf die Innenseite des Deckels: �Dieses Buch geh�rt Carla Riemeck, geboren am 10. Dezember 1945 in Bideford, North Devon, gezeichnet: Mondraumfrau 29012.� Darunter schrieb er: �Bewerber, die Raumfl�ge machen wollen, melden sich zur Instruktion bei C. Riemeck pers�nlich. Ein Bewerbungsformular ist beigef�gt. Lang lebe die Volksrepublik des demokratischen Weltraumes!�</p><p>Er versah ein Blatt liniierten Papiers mit Spalten f�r Name, Anschrift und Alter, und schrieb darunter: �Jeder Kandidat wird pers�nlich befragt. Schreiben Sie an die �bliche Adresse und geben Sie an, wann und wo Sie zu sprechen sind. Antr�ge werden in sieben Tagen erledigt. C. R.�</p><p>Er legte das Blatt zusammen mit f�nf gebrauchten Hundertdollarnoten in das Buch, das er bei der n�chsten Fahrt mit de Jongs Wagen zum �blichen Platz auf dem Beifahrersitz liegenlie�. Als Leamas von seinem Spaziergang zur�ckkam, war das Buch verschwunden. Statt dessen lag eine Tabakb�chse auf dem Sitz. Sie enthielt drei Filmrollen. Leamas entwickelte sie noch in derselben Nacht: Ein Film enthielt wie �blich die Protokolle der letzten Sitzung des Pr�sidiums; der zweite den Entwurf zu einer neugefa�ten Darstellung der Beziehungen Ostdeutschlands zur COMECON; der dritte eine schematische Darstellung der ostzonalen Spionageorganisation, wobei die Aufgaben der einzelnen Abteilungen und besondere Merkmale ihrer Leiter angegeben waren.</p><p>Peters unterbrach: �Augenblick�, sagte er, �wollen Sie mir weismachen, dass Riemeck all das geliefert haben soll?�</p><p>�Warum nicht? Sie wissen, wieviel er zu sehen bekam.�</p><p>�Es ist kaum m�glich�, bemerkte Peters, als spr�che er zu sich selbst. �Er mu� Hilfe gehabt haben.�</p><p>�Das hatte er sp�ter. Ich komme noch darauf.�</p><p>�Ich wei�, was Sie mir erz�hlen werden. Aber hatten Sie nie das Gef�hl, dass er auch Beihilfe von oben gehabt haben mu� - nicht nur von den Leuten, die er dann sp�ter anwarb?�</p><p>�Nein! Nein, das Gef�hl hatte ich nie. Mir kam nie der Gedanke.�</p><p>�Und wenn Sie jetzt dar�ber nachdenken: scheint es dann wahrscheinlich zu sein?�</p><p>�Nicht besonders.�</p><p>�Nachdem Sie all dies Material ins Rondell eingeschickt hatten - ist da nie darauf hingewiesen worden, dass selbst ein Mann in Riemecks Stellung kaum derart umfassende Informationen beschaffen konnte?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Hat man sich jemals erkundigt, woher Riemeck seine Kamera hatte, und wer ihm die Technik der Dokumentarfotografie beigebracht hat?�</p><p>Leamas z�gerte. �Nein � ich bin sicher, dass nie gefragt wurde.�</p><p>�Erstaunlich�, bemerkte Peters trocken. �Entschuldigen Sie, fahren Sie fort. Ich wollte Ihnen nicht vorgreifen.�</p><p>Genau eine Woche sp�ter fuhr Leamas wieder zum Kanal. Diesmal war er nerv�s. Als er in den Weg einbog, sah er drei Fahrr�der im Gras liegen. Achtzig Meter weiter unten am Kanal sa�en drei M�nner und fischten. Er stieg wie �blich aus dem Wagen und begann, auf die Baumreihe jenseits des Feldes zuzugehen. Er hatte ungef�hr zehn Meter zur�ckgelegt, als er einen Ruf h�rte. Er drehte sich um und sah, dass ihm einer der M�nner zuwinkte. Seine beiden Begleiter sahen ebenfalls zu ihm her. Leamas trug einen alten Regenmantel. Er hatte seine H�nde in den Taschen, und es war zu sp�t, sie herauszunehmen. Ihm war klar, dass zwei der M�nner den dritten in ihrer Mitte deckten und dass sie m�glicherweise schie�en w�rden, wenn er seine H�nde aus den Taschen nahm, denn sie k�nnten der Meinung sein, dass er einen Revolver in der Tasche habe. Leamas blieb drei Meter vor dem Mann in der Mitte stehen.</p><p>�W�nschen Sie etwas?� fragte Leamas.</p><p>�Sind Sie Leamas?� Es war ein kleiner, dicker Mann, der sehr sicher auftrat. Er sprach englisch.</p><p>�Ja.�</p><p>�Welche Nummer hat Ihre britische Kennkarte?�</p><p>�P R T/L 58 003/1.�</p><p>�Wo verbrachten Sie die auf den Tag von Japans Kapitulation folgende Nacht?�</p><p>�In Leyden, Holland, in der Werkstatt meines Vaters, mit einigen holl�ndischen Freunden.�</p><p>�Wollen wir einen kleinen Spaziergang machen, Mr. Leamas? Sie werden Ihren Regenmantel nicht brauchen. Ziehen Sie ihn aus und lassen Sie ihn hier liegen. Meine Freunde werden darauf achten.�</p><p>Leamas z�gerte, zuckte mit den Achseln und zog seinen Mantel aus. Dann gingen sie miteinander dem Wald zu.</p><p>�Sie wissen so gut wie ich, wer er war�, sagte Leamas m�de: �dritter Mann im Innenministerium, Sekret�r des SED-Pr�sidiums, Leiter des Koordinierungsausschusses f�r Staatssicherheit. Ich nehme an, dass er zu seinem Wissen �ber de Jong und mich auf diesem Posten gekommen war: er mu� die Akten �ber uns bei der �Abteilung� gesehen haben. Er hatte drei Eisen im Feuer: das Pr�sidium, die internen Berichte �ber innenpolitische und wirtschaftliche Vorg�nge - das war die einfachste Art, sich zu informieren -, und schlie�lich hatte er Zugang zu den Akten des Sicherheitsdienstes.�</p><p>�Aber nur einen begrenzten Zugang. Ein Au�enstehender bekommt niemals alle Akten zu sehen.�</p><p>Leamas zuckte mit den Schultern.</p><p>�Ihn lie�en sie aber�, sagte er.</p><p>�Was machte er mit seinem Geld?�</p><p>�Nach diesem Nachmittag gab ich ihm keines mehr. Das Rondell �bernahm das sofort. Es wurde in eine westdeutsche Bank eingezahlt. Er gab mir sogar zur�ck, was ich ihm bereits gegeben hatte. Das Rondell zahlte es f�r ihn ein.�</p><p>�Wieviel erz�hlten Sie London �ber die ganze Sache?�</p><p>�Danach alles. Ich mu�te. Das Rondell informierte sofort alle Abteilungen.� Leamas setzte giftig hinzu: �Jetzt war es nur noch eine Frage der Zeit, bis sich alles um die Quelle dr�ngte. Mit den dr�ngenden Abteilungen im Genick, wurde London immer habgieriger. Sie wollten immer mehr und mehr, boten ihm mehr Geld. Schlie�lich mu�ten wir Karl vorschlagen, weitere Quellen anzubohren, die wir dann �bernahmen, um ein Netz zu bilden. Das alles war ma�los dumm, denn es legte Karl Belastungen auf, gef�hrdete ihn, untergrub sein Vertrauen zu uns. Es war der Anfang vom Ende.�</p><p>�Wieviel konnten Sie aus ihm herausholen?�</p><p>Leamas z�gerte. �Wieviel? Ich wei� es nicht. Es lief eine unnat�rlich lange Zeit. Ich glaube, er flog auf, lange bevor er gefa�t war. Schon Monate vor dem Ende wurde sein Material immer schlechter. Ich glaube, man verd�chtigte ihn damals schon und lie� ihn deshalb nicht mehr an das gute Material heran.�</p><p>�Alles in allem: was gab er Ihnen?� beharrte Peters.</p><p>St�ck f�r St�ck z�hlte Leamas die von Karl Riemeck geleistete Arbeit auf. Peters registrierte voll Anerkennung, dass Leamas' Ged�chtnis f�r einen Mann, der soviel trank, erstaunlich genau funktionierte. Er konnte Daten und Namen angeben, er konnte sich der Reaktion Londons erinnern und auf welche Weise Riemecks Material best�tigt worden war - soweit dies �berhaupt geschah. Er konnte sich an geforderte und gezahlte Geldsummen erinnern, und an die Termine, zu denen andere Agenten f�r das Netz angeworben wurden.</p><p>�Es tut mir leid�, sagte Peters schlie�lich, �aber ich halte es einfach f�r ausgeschlossen, dass ein einzelner Mann, wenn auch noch so hochgestellt, noch so vorsichtig und noch so flei�ig, �ber eine derartige F�lle detaillierten Wissens verf�gt haben soll. Und selbst wenn Riemeck zu all diesen Dingen selbst Zugang gehabt h�tte, so w�re er doch nie in der Lage gewesen, das alles zu fotografieren.�</p><p>�Er war in der Lage�, beharrte Leamas. Er war pl�tzlich ver�rgert. �Riemeck hat es nur allzugut fertiggebracht. Mehr ist dar�ber nicht zu sagen.�</p><p>�Und das Rondell hat Sie nie angewiesen, ihn einmal zu fragen, wie und wann er dies ganze Material eingesehen hat?�</p><p>�Nein�, fuhr ihn Leamas an. �Riemeck war in dieser Hinsicht empfindlich, und London war damit zufrieden, so wie es war.�</p><p>�Nun gut�, murmelte Peters. Dann sagte er: ��brigens, Sie haben wohl von dieser Frau geh�rt?�</p><p>�Von welcher Frau?� fragte Leamas scharf.</p><p>�Karl Riemecks Freundin, die in der Nacht, als Riemeck erschossen wurde, her�berkam.�</p><p>�Und?�</p><p>�Sie wurde vor einer Woche tot aufgefunden. Ermordet. Man hat sie aus einem Wagen heraus erschossen, als sie ihre Wohnung verlie�.�</p><p>�Einmal war es meine Wohnung�, sagte Leamas mechanisch.</p><p>�Vielleicht wu�te sie mehr �ber Riemecks Netz als Sie�, meinte Peters.</p><p>�Was, zum Teufel, soll das hei�en?� fragte Leamas.</p><p>Peters zuckte mit den Schultern. �Es ist alles sehr merkw�rdig�, bemerkte er. �Ich m�chte wissen, wer sie umgebracht hat.�</p><p>Nachdem sie den Fall Riemeck ersch�pfend besprochen hatten, berichtete Leamas �ber andere, weniger wichtige Agenten, dann �ber die Arbeitsweise seines Berliner B�ros, seine Verbindungen, sein Personal, seine geheimen Ver�stelungen - die Wohnungen, Transportmittel, sein Archiv und das Fotolabor. Sie arbeiteten bis tief in die Nacht hinein und den ganzen n�chsten Tag, und als Leamas schlie�lich in der folgenden Nacht zu Bett ging, wu�te er, dass er alles, was er von der alliierten Spionage in Berlin kannte, verraten und zwei Flaschen Whisky getrunken hatte.</p><p>Etwas gab ihm zu denken: Peters' Bestehen darauf, dass Karl Riemeck Hilfe, dass er einen hochgestellten Mitarbeiter gehabt haben m�sse. Der Chef hatte ihn das gleiche gefragt. Ja, jetzt erinnerte er sich pl�tzlich daran: der Chef hatte ihn nach Riemecks Informationsm�glichkeiten gefragt. Wie konnten beide so sicher sein, dass Karl nicht allein gearbeitet hatte? Gewi�, er hatte Helfer gehabt, zum Beispiel die beiden Leibw�chter, als er sich beim Kanal mit Leamas traf. Aber das waren kleine Fische, von denen Karl ihm sp�ter erz�hlt hatte. Peters weigerte sich nun also, zu glauben, dass Karl allein gearbeitet hatte - und Peters mu�te schlie�lich genau beurteilen k�nnen, welche Art Informationen Karl in die H�nde bekommen konnte und welche nicht. In diesem Punkt waren sich Peters und der Chef v�llig einig.</p><p>Vielleicht war es wahr. Vielleicht war da noch jemand. Vielleicht war dies die besondere Quelle, die der Chef so �ngstlich gegen Mundt zu sch�tzen versuchte. Das w�rde hei�en, dass Karl Riemeck mit dieser Quelle zusammengearbeitet hatte, und dass seine Lieferungen auch Material enthielten, das der andere beschafft hatte. Vielleicht war dies der Grund, weshalb der Chef an jenem Abend in Leamas' Berliner Wohnung allein mit Karl zu sprechen w�nschte. Wie dem auch sei, der morgige Tag w�rde ihn kl�ger machen. Morgen wollte er seine Karten ausspielen.</p><p>Er fragte sich, wer wohl Elvira umgebracht hatte, vor allem aber: aus welchem Grund war sie get�tet worden?</p><p>Allerdings gab es daf�r eine m�gliche Erkl�rung: gesetzt den Fall, Elvira habe etwas �ber Riemecks heimlichen Mitarbeiter gewu�t, vielleicht sogar seinen Namen, dann war es denkbar, dass sie von diesem Mitarbeiter ermordet worden war. Nein, das war eine zu gewagte Spekulation. Sie �bersah die Schwierigkeiten, die das �berwechseln von Ost nach West bereitete - und Elvira war ja in Westberlin ermordet worden.</p><p>Leamas fragte sich, warum ihm der Chef nichts von Elviras Tod gesagt hatte. Er h�tte seine Reaktion auf diese Mitteilung aus dem Mund von Peters besser vorbereiten k�nnen. Aber das waren nutzlose Erw�gungen. Der Chef hatte seine Gr�nde, und die waren im allgemeinen so elend verzwickt, dass es einer Woche angestrengten Gr�beins bedurfte, sie herauszufinden.</p><p>Als Leamas einschlief, murmelte er: �Karl war ein gro�er Idiot. Dieses Weib hat ihn hereingelegt. Da bin ich ganz sicher.�</p><p>Elvira war tot, und das geschah ihr recht. Er dachte an Liz.</p></section><section><p><strong>9 DER ZWEITE TAG</strong></p><p>Am n�chsten Morgen erschien Peters bereits um acht Uhr im Bungalow, und sie setzten sich sofort, ohne weitere Umst�nde zu machen, an den Tisch und fingen an.</p><p>�Dann kamen Sie also nach London zur�ck. Was taten Sie dort?�</p><p>�Man legte mich auf Eis. dass ich erledigt war, wu�te ich schon, als mich dieser Esel von der Personalabteilung vom Flughafen abholte. Ich mu�te direkt zum Chef, um �ber Karl zu berichten. Der war tot - was war dar�ber noch zu sagen?�</p><p>�Was machte man mit Ihnen?�</p><p>�Zuerst sagte man, ich k�nnte meine Zeit in London so lange absitzen, bis ich die Berechtigung zu einer vollen Pension erreicht h�tte. Man war so verdammt g�tig, dass ich w�tend wurde. Da sagte ich ihnen, wenn sie schon so scharf darauf w�ren, mir Geld nachzuwerfen, dann sollten sie doch das N�chstliegende tun und mir meine volle Dienstzeit anrechnen, anstatt dauernd von der Unterbrechung zu schwatzen. Daraufhin wurden sie sauer. Sie steckten mich zu den Frauen in die Bankabteilung. An diese Periode kann ich mich nicht recht erinnern - ich fing etwas zu trinken an. Verlor ziemlich an Kondition.� Er steckte sich eine Zigarette an.</p><p>Peters nickte.</p><p>�Das war der wirkliche Grund, warum sie mich entlie�en. Sie sahen es nicht gerne, dass ich trank.�</p><p>�Erz�hlen Sie wenigstens, woran Sie sich von der Bankabteilung noch erinnern k�nnen�, schlug Peters vor.</p><p>�Es war eine langweilige Angelegenheit. Ich bin nicht f�r B�roarbeit geschaffen. Deshalb hatte ich mich ja auch so an Berlin geklammert. Als sie mich dann zur�ckholten, wu�te ich, dass ich auf Eis gelegt werden sollte. Aber, Himmel noch mal ��</p><p>�Was haben Sie dort gemacht?�</p><p>Leamas zuckte die Achseln.</p><p>�Ich habe in demselben Raum mit zwei Frauen gesessen, sie hie�en Thursby und Larrett. Ich nannte sie �Thursday and Friday�.� Er grinste ziemlich bl�de. Peters sah verst�ndnislos drein.</p><p>�Wir taten nichts anderes, als Formulare weiterzuschicken. Wir bekamen beispielsweise einen Brief von der Finanzabteilung: �Die Zahlung von siebenhundert Dollar an Soundso ist mit Wirkung vom Soundsovielten genehmigt, bitte veranlassen Sie das N�tige.� - Das war in der Hauptsache alles. Thursday und Friday schoben den Zettel dann ein bi�chen herum, hefteten ihn ein, machten Stempel drauf, und ich unterschrieb einen Scheck oder einen Auftrag an die Bank, das Geld zu �berweisen.�</p><p>�Welche Bank?�</p><p>�Blatt and Rodney, eine drollige kleine Bank in der City. Nach einer im Rondell kursierenden Theorie sind n�mlich ehemalige Etonsch�ler verschwiegen.�</p><p>�Praktisch kannten Sie dann also Namen von Agenten in der ganzen Welt?�</p><p>�Nicht notwendigerweise. Das war das Raffinierte daran. Ich habe zwar die Schecks unterschrieben oder die Bankauftr�ge, aber der Name des Empf�ngers wurde erst sp�ter auf dem von uns freigelassenen Platz eingetragen. Der Begleitbrief - oder was es nun war - wurde von uns unterschrieben, und dann ging der Akt zur�ck zur Abteilung f�r Spezialabfertigung.�</p><p>�Wer ist das?�</p><p>�Das sind die F�hrer der Agentenhauptliste. Sie setzen die Namen ein und verschicken die Anweisungen. Sehr schlau, mu� ich sagen.�</p><p>Peters sah entt�uscht aus.</p><p>�Wollen Sie damit sagen, dass Sie keine M�glichkeit hatten, die Namen der Empf�nger zu kennen?�</p><p>�Im allgemeinen nicht, nein.�</p><p>�Aber gelegentlich?�</p><p>�Dann und wann durchschauten wir die Sache nat�rlich. Dieses ganze Hin und Her zwischen Bank-, Finanz- und Abfertigungsabteilung f�hrte manchmal zwangsl�ufig zu bestimmten Schl�ssen. Ein System kann auch allzu clever werden. Dann stie�en wir auf Spezialmaterial, das uns das Leben etwas aufhellte.�</p><p>Leamas stand auf. �Ich habe eine Liste aller Zahlungen angelegt, an die ich mich erinnern kann. Sie ist in meinem Zimmer. Ich hole sie.�</p><p>Er verlie� den Raum mit dem etwas schleppenden Gang, den er seit der Ankunft in Holland angenommen hatte. Er kam mit ein paar Bl�ttern aus einem Notizbuch zur�ck.</p><p>�Ich habe das hier in der letzten Nacht aufgeschrieben�, sagte er. �Ich dachte, es w�rde Zeit sparen.�</p><p>Peters nahm die Bl�tter und sah sie langsam und sorgf�ltig durch. Er schien beeindruckt zu sein.</p><p>�Gut�, sagte er. �Sehr gut.�</p><p>�Am besten kann ich mich an eine Sache erinnern, die sich �Rollstein� nannte. Ich habe im Zusammenhang mit ihr ein paar Reisen gemacht. Eine nach Kopenhagen und eine nach Helsinki. Hatte nichts anderes zu tun, als bei Banken Geld einzuzahlen.�</p><p>�Wieviel?�</p><p>�Zehntausend Dollar in Kopenhagen, vierzigtausend Deutsche Mark in Helsinki.�</p><p>Peters legte seinen Bleistift nieder.</p><p>�F�r wen?� fragte er.</p><p>�Wei� der Himmel. Wir arbeiteten im Fall �Rollstein� nach dem Depotsystem. Der Geheimdienst gab mir einen falschen britischen Pa�. Damit ging ich zur K�niglich-Skandinavischen Bank in Kopenhagen und der Nationalbank von Finnland in Helsinki. Ich deponierte das Geld und lie� das Kontobuch auf ein Gemeinschaftskonto ausstellen, f�r das nicht nur ich - mit meinem Decknamen -, sondern auch jemand anderer zeichnungsberechtigt war. Dieser andere war nach meiner Sch�tzung der Agent, nat�rlich auch nur unter irgendeinem Decknamen. Die Unterschrift meines unbekannten Kompagnons, die ich bei der Bank hinterlegen mu�te, hatte mir die Direktion mitgegeben. Wie es dann weiterging, kann ich nur vermuten, aber wahrscheinlich wurde dem Agenten das Kontobuch gegeben und ein falscher Pa�, den er auf der Bank vorzeigte, wenn er das Geld abholte. Alles, was ich wu�te, war der Deckname.� Er h�rte sich selbst reden, und alles klang auf eine l�cherliche Art unglaubw�rdig.</p><p>�War dies das �bliche Verfahren?�</p><p>�Nein. Es war eine spezielle Zahlung. Diese Aktion umfa�te eine ganze Liste von Zahlungen.�</p><p>�Wieso?�</p><p>�Die Aktion hatte einen Codenamen, der nur sehr wenigen Menschen bekannt war.�</p><p>�Wie war der Codename?�</p><p>�Ich sagte es Ihnen schon - �Rollstein�. Die Operation umfa�te unregelm��ige Zahlungen in verschiedenen W�hrungen in verschiedenen Hauptst�dten im Gesamtwert von zehntausend Dollar.�</p><p>�Immer in Hauptst�dten?�</p><p>�Soviel ich wei�. Ich kann mich erinnern, in den Akten gelesen zu haben, dass es andere �Rollstein�-Zahlungen gegeben hatte, bevor ich zu der Abteilung kam, aber in diesen F�llen veranla�te die Bankabteilung unseren st�ndigen Mann dort, die Sache abzuwickeln.�</p><p>�Diese anderen Zahlungen, die stattfanden, bevor Sie kamen: Wo wurden die gemacht?�</p><p>�Eine in Oslo. Ich kann mich nicht erinnern, wo die andere gemacht wurde.�</p><p>�Ben�tzte der Agent immer denselben Decknamen?�</p><p>�Nein. Das war eine weitere Sicherheitsma�nahme. Ich h�rte sp�ter, dass wir die ganze Technik den Russen abgeschaut h�tten. Es war das durchdachteste Zahlungssystem, das mir je untergekommen ist. Auch ich verwendete auf jeder Reise einen anderen Decknamen und selbstverst�ndlich einen anderen Pa�.� Diese Mitteilung w�rde Peters freuen und ihm helfen, die L�cken zu schlie�en.</p><p>�Diese falschen P�sse, die der Agent bekam, damit er das Geld abheben konnte: Wu�ten Sie irgend etwas dar�ber? Wie sie ausgestellt und verschickt wurden?�</p><p>�Nein. Nur, dass sie f�r das Land, in dem das Geld deponiert war, Visa haben mu�ten. Und Einreisestempel.�</p><p>�Einreisestempel?�</p><p>�Ja. Ich nehme an, dass die P�sse nie an der Grenze gebraucht wurden - dass sie nur bei der Bank als Ausweis vorgezeigt wurden. Der Agent mu� mit seinem Pa� ganz legal in das Land, in dem die Bank war, eingereist sein. Den falschen Pa� wies er nur bei der Bank vor. Das ist jedenfalls meine Vermutung.�</p><p>�Ist Ihnen der Grund bekannt, warum fr�here Zahlungen von Ihren �rtlichen Beauftragten gemacht wurden und sp�tere Zahlungen durch jemanden, der aus London kam?�</p><p>�Ich wei� den Grund. Ich fragte die Frauen der Bankabteilung, Thursday und Friday. Der Chef f�rchtete, dass ��</p><p>�Der Chef? Wollen Sie damit sagen, dass der Chef selbst den Fall bearbeitete?�</p><p>�Ja, das hat er. Er f�rchtete, dass unser st�ndiger Mann dort auf der Bank erkannt werden k�nnte. Deshalb gebrauchte er einen Brieftr�ger: mich.�</p><p>�Wann machten Sie Ihre Reisen?�</p><p>�Kopenhagen am 15. Juni. Ich flog noch in derselben Nacht zur�ck. Helsinki Ende September. Ich blieb zwei N�chte dort und: flog um den 28. herum zur�ck. Ich habe mich in Helsinki ganz gut am�siert.� Er grinste, aber Peters nahm keine Notiz davon.</p><p>�Und die anderen Zahlungen - wann wurden die gemacht?�</p><p>�Ich kann mich nicht erinnern, tut mir leid.�</p><p>�Aber eine war ganz bestimmt in Oslo?�</p><p>�Ja, eine war in Oslo.�</p><p>�Welcher Zeitraum lag zwischen den beiden ersten Zahlungen, den Zahlungen, die durch den jeweiligen st�ndigen Mann gemacht wurden?�</p><p>�Ich wei� nicht. Kein langer, glaube ich. Ein Monat vielleicht. Vielleicht auch etwas mehr.�</p><p>�Hatten Sie den Eindruck, dass der Agent schon einige Zeit gearbeitet hatte, bevor die erste Zahlung gemacht wurde? Ging das aus dem Akt hervor?�</p><p>�Keine Ahnung. Im Akt war nur die Tatsache der Zahlungen vermerkt. Erste Zahlung Anfang neunundf�nfzig. Kein anderes Datum. Das ist das Prinzip, nach dem vorgegangen wird, wenn es sich um eine begrenzte Zahl von Empf�ngern handelt. Verschiedene Akten befassen sich mit den verschiedensten Einzelheiten eines einzigen Falles. Nur jemand, der den Hauptakt hat, w�re imstande, alles zusammenzuf�gen.�</p><p>Peters schrieb jetzt die ganze Zeit. Leamas nahm an, dass irgendwo im R�ume versteckt ein Tonbandger�t lief, dessen �bertragung ins Manuskript aber Zeit erforderte. Was Peters jetzt aufschrieb, war sicherlich das Rohmaterial f�r das abendliche Telegramm nach Moskau. Dar�ber hinaus werden die M�dchen in der russischen Botschaft in Den Haag die ganze Nacht damit besch�ftigt sein, den vollen Wortlaut des Gespr�ches nach einem festgelegten Stundenplan zu telegrafieren.</p><p>�Sagen Sie mir�, sagte Peters, �dies sind gro�e Geldbetr�ge. Die Vorkehrungen bei der Auszahlung waren ausgekl�gelt und sehr kostspielig. Wie war Ihre eigene Meinung dar�ber?�</p><p>Leamas zuckte die Schultern.</p><p>�Welche Meinung konnte ich schon haben? Ich dachte, dass der Chef eine verdammt gute Quelle haben mu�te, aber da ich nie das Material sah, kann ich nichts sagen. Mir gefiel die Art nicht, wie der Fall gehandhabt wurde - alles war zu hochtourig, zu kompliziert, zu schlau. Warum konnte man sich nicht mit ihm treffen und ihm das Geld in bar geben? Hatte man ihn wirklich veranla�t, die Grenzen mit seinem eigenen Pa� zu �berschreiten, w�hrend er den falschen in der Tasche trug? Ich bezweifle es�, sagte Leamas. Es war an der Zeit, die Sache zu verschleiern, ihm eine Spur zu legen.</p><p>�Was wollen Sie damit sagen?�</p><p>�Ich will damit sagen, dass nach allem, was ich wei�, das Geld bei der Bank nie abgehoben worden ist. Angenommen, er war ein hochgestellter Agent hinter dem Eisernen Vorhang - das Geld w�re f�r ihn deponiert gewesen, damit es ihm zur Verf�gung stand, sobald er an es herankonnte. So vermutete ich jedenfalls. Ich dachte nicht weiter dar�ber nach. Warum sollte ich? Es geh�rt zu unserer Arbeit, nur St�cke vom Ganzen zu kennen. Sie wissen das. Wenn man neugierig ist, dann gnade einem Gott.�</p><p>�Wenn das Geld nicht abgehoben wurde, wie Sie meinen, warum dann die ganze M�he mit den P�ssen?�</p><p>�Als ich in Berlin war, trafen wir die Vorkehrungen f�r Karl Riemeck, f�r den Fall, dass er einmal fl�chten m��te und uns nicht erreichen k�nnte. Wir hielten f�r ihn einen falschen westdeutschen Pa� unter einer bestimmten Adresse in D�sseldorf hinterlegt, wo er ihn durch ein vorher vereinbartes Verfahren jederzeit abholen konnte. Der Pa� wurde nie ung�ltig - die Reiseabteilung verl�ngerte stets seine Laufzeit und auch die Visa, wenn sie verfielen. Der Chef hat vielleicht die gleiche Technik bei diesem Mann angewandt. Ich wei� es nicht - es ist nur eine Vermutung.�</p><p>�Wie k�nnen Sie mit Sicherheit behaupten, dass P�sse ausgegeben wurden?�</p><p>�Es waren entsprechende interne Mitteilungen der Bank an die Reiseabteilung im Akt angeheftet. Die Reiseabteilung ist die Stelle, die falsche Ausweispapiere und Visa beschafft.�</p><p>�Ich verstehe.�</p><p>Peters dachte einen Augenblick lang nach und fragte dann: �Welche Namen gebrauchten Sie in Kopenhagen und Helsinki?�</p><p>�Robert Lang, Elektroingenieur aus Derby. Das war in Kopenhagen.�</p><p>�Wann genau waren Sie in Kopenhagen?� fragte Peters.</p><p>�Ich sagte Ihnen schon, am 15. Juni. Ich kam am Morgen an, ungef�hr um elf Uhr drei�ig.�</p><p>�Welche Bank benutzten Sie?�</p><p>�Herrgott noch mal, Peters�, sagte Leamas pl�tzlich �rgerlich, �die K�niglich-Skandinavische. Sie haben es schon aufgeschrieben.�</p><p>�Ich wollte nur sichergehen�, antwortete der andere gleichm�tig und schrieb weiter. �Und in Helsinki, welchen Namen?�</p><p>�Stephen Benett, Marineingenieur aus Plymouth.</p><p>Ich war Ende September dort�, f�gte er sarkastisch hinzu.</p><p>�Sie suchten die Bank am Tag Ihrer Ankunft auf?�</p><p>�Ja. Es war der 24. oder 25. Ich wei� es nicht mehr genau, wie ich Ihnen bereits sagte.�</p><p>�Brachten Sie das Geld in bar aus England mit?�</p><p>�Selbstverst�ndlich nicht. Wir hatten es jeweils auf das Konto unseres st�ndigen Mannes dort �berwiesen. Unser Mann hob es ab, traf mich auf dem Flugplatz mit dem Geld in einem Koffer, und ich trug es zur Bank.�</p><p>�Wer ist Ihr st�ndiger Mann in Kopenhagen?�</p><p>�Peter Jenssen, ein Verk�ufer in der Universit�tsbuchhandlung.�</p><p>�Und wie waren die Namen, die der Agent benutzte?�</p><p>�Horst Karlsdorf in Kopenhagen. Ich glaube, so nannte er sich, ja, ich erinnere mich, das war der Name, Karlsdorf. Ich war immer drauf und dran, Karlshorst zu sagen.�</p><p>�Beschreibung?�</p><p>�Gesch�ftsf�hrer, aus Klagenfurt in �sterreich.�</p><p>�Und der andere, der Name in Helsinki?�</p><p>�Fechtmann, Adolf Fechtmann aus St. Gallen, Schweiz. Er h�tte einen Titel - ja, richtig: Doktor Fechtmann, Archivar.�</p><p>�Aha. Beide sprachen also deutsch.�</p><p>�Ja, das fiel mir auch auf. Aber es kann kein Deutscher sein.�</p><p>�Warum nicht?�</p><p>�Ich war der Leiter der Berliner Organisation, nicht wahr? Ich w�re dar�ber orientiert gewesen.</p><p>Ein wichtiger Agent in Ostdeutschland w�re von Berlin aus gesteuert worden. Ich h�tte �ber die Angelegenheit informiert sein m�ssen.� Leamas stand auf, ging zur Anrichte und go� sich einen Whisky ein. Er fragte nicht, ob es Peters recht war.</p><p>�Sie sagten selbst, dass man in diesem Fall besondere Vorsichtsma�nahmen und eigene Verfahrensweisen entwickelt hatte. Vielleicht war man der Meinung, dass Sie nichts davon zu wissen brauchten.�</p><p>�Seien Sie nicht albern�, gab Leamas zur�ck. �Selbstverst�ndlich h�tte ich davon gewu�t.� An dieser Auffassung w�rde er um jeden Preis festhalten. Das gab ihnen das Gef�hl, besser Bescheid zu wissen als er, und lie� seine �brigen Informationen glaubw�rdiger erscheinen. �Man wird dr�ben trotz Ihrer Aussagen eigene Schl�sse ziehen wollen�, hatte der Chef gesagt. �Wir m�ssen den Leuten das Material geben und gleichzeitig gegen�ber den daraus gezogenen Schlu�folgerungen skeptisch bleiben. Auf die Intelligenz dieser Leute und ihre Eitelkeit, auf den Argwohn, den sie gegeneinander haben - das ist es, worauf wir uns verlassen m�ssen.�</p><p>Peters nickte, als wolle er eine betr�bliche Wahrheit best�tigen. �Sie sind ein stolzer Mann, Leamas�, sagte er abermals.</p><p>Bald danach ging Peters. Er w�nschte Leamas einen guten Tag und spazierte die Strandpromenade hinunter. Es war Mittagszeit.</p></section><section><p><strong>10 DER DRITTE TAG</strong></p><p>An diesem Nachmittag erschien Peters nicht mehr, auch nicht am n�chsten Morgen. Leamas blieb im Haus und wartete mit wachsender Unruhe auf eine Nachricht. Aber es kam keine. Er fragte die dicke Haush�lterin, aber sie l�chelte nur und zuckte mit den Achseln. Ungef�hr um elf Uhr am n�chsten Morgen entschlo� er sich, einen Spaziergang am Strand zu machen. Er kaufte Zigaretten und starrte verdrossen auf die See hinaus.</p><p>Ein M�dchen am Strand warf den M�wen Brot hin. Sie drehte ihm den R�cken zu. Der vom Meer herwehende Wind spielte mit ihrem langen schwarzen Haar, bl�hte ihren Mantel und lie� ihren K�rper als einen Bogen erscheinen, der sich der See entgegenneigte. Da wurde ihm bewu�t, was ihm Liz gegeben hatte: etwas, um dessentwillen er zur�ckkommen mu�te, sollte er je wieder nach England heimkehren. Es war die Liebe zu den kleinen Dingen - der Glaube an das allt�gliche Leben. Einfach etwas Brot in kleine St�cke brechen, es in einer Papiert�te an den Strand hinunternehmen, um es an die M�wen zu verf�ttern. Es war seine Sehnsucht, einmal jene Nebens�chlichkeiten tun zu d�rfen, die ihm bisher verwehrt gewesen waren, was auch immer es betraf: Brot f�r die M�wen oder Liebe. Er w�rde heimkehren und es finden; er w�rde Liz es f�r ihn finden lassen: in ein, zwei Wochen vielleicht konnte er schon wieder daheim sein. Der Chef hatte gesagt, dass er alles behalten k�nne, was man ihm hier zahlen w�rde - und das w�rde gen�gen. Mit f�nfzehntausend Pfund, einer Abfindung und der Pension vom Rondell konnte es sich ein Mann leisten, aus der K�lte hereinzukommen, wie der Chef das zu nennen pflegte.</p><p>Er machte einen Umweg und kam Viertel vor zw�lf zum Bungalow zur�ck. Die Frau lie� ihn wortlos ein, aber er h�rte, dass sie den Telefonh�rer abnahm und eine Nummer w�hlte, sobald er in das Zimmer gegangen war. Sie sprach nur einige Sekunden. Um halb eins brachte sie ihm das Mittagessen und, zu seiner Freude, einige englische Zeitungen, in die er sich zufrieden bis drei Uhr vertiefte. B�cher las Leamas normalerweise nie, aber Zeitungen studierte er immer langsam und sorgf�ltig. Er behielt viele Einzelheiten im Ged�chtnis, wie Namen und Adressen von Menschen, die in irgendeiner kleinen Meldung einmal erw�hnt worden waren. Er pr�gte sich solche Dinge fast unbewu�t ein, als sei es eine Art privates Ged�chtnistraining, und es nahm ihn vollkommen in Anspruch.</p><p>Um drei Uhr kam Peters. Sobald Leamas ihn sah, wu�te er, dass irgend etwas los war. Sie setzten sich nicht an den Tisch; Peters zog nicht einmal seinen Regenmantel aus.</p><p>�Ich habe schlechte Nachrichten f�r Sie�, sagte er. �Sie werden in England gesucht. Ich h�rte es heute morgen. Die H�fen werden beobachtet.�</p><p>Leamas fragte unbeteiligt: �Mit welcher Begr�ndung?�</p><p>�Sie h�tten sich nach der Gef�ngnishaft nicht innerhalb der vorgeschriebenen Zeit bei der Polizei gemeldet.�</p><p>�Und in Wirklichkeit?�</p><p>�Es wird gemunkelt, dass Sie gegen das Gesetz �ber den Schutz von Staatsgeheimnissen versto�en h�tten. Ihr Foto ist in allen Londoner Abendbl�ttern. Die Bildunterschriften sagen nicht viel aus.�</p><p>Leamas stand ganz still. Das hatte der Chef veranla�t. Der Chef hatte diese Hetzjagd angekurbelt. Es gab keine andere Erkl�rung. Selbst wenn Ashe und Kiever hineingezogen worden waren und wenn sie etwas gesagt haben sollten - auch dann lag die Verantwortung f�r die Treibjagd noch immer beim Chef. �Ein paar Wochen ��, hatte er gesagt. �Ich nehme an, man wird Sie irgendwo anders befragen - es k�nnte sogar sein, dass man Sie ins Ausland bringt. Nach einigen Wochen m��te die Sache f�r Sie aber erledigt sein. Danach sollte alles von selbst weiterlaufen. Sie werden sich hier verborgen halten m�ssen, bis sich unsere Chemie ausgewirkt hat; aber ich bin sicher, dass Sie nichts dagegen haben werden. Ich habe zugestimmt, dass man Ihnen die aktiven Dienstbez�ge solange weiterzahlt, bis Mundt beseitigt ist: das schien die gerechteste L�sung zu sein.�</p><p>Und jetzt dies.</p><p>Das war nicht Teil der Abmachung; das war etwas anderes. Wie, zum Teufel, sollte er sich jetzt verhalten? Wenn er jetzt ausstieg und sich weigerte, mit Peters zu gehen, w�rde er damit die Operation zerst�ren. Es bestand die M�glichkeit, dass Peters log, dass dies eine Probe war - um so mehr ein Grund, jetzt mit ihm zu gehen. Aber wenn er mit in den Osten ging, nach Polen, in die Tschechoslowakei oder Gott wei� wohin, so gab es keinen vern�nftigen Grund, weshalb sie ihn je wieder herauslassen sollten, ja es gab nicht einmal eine vern�nftige Begr�ndung f�r seinen Wunsch, herausgelassen zu werden - es lief ja im ganzen Westen eine Fahndung nach ihm.</p><p>Der Chef hatte es getan - dessen war er sicher. Die Bedingungen waren ihm schon die ganze Zeit verd�chtig gro�z�gig vorgekommen. Das Rondell warf nicht grundlos derartig mit dem Geld herum - es sei denn, sie h�tten von Anfang an heimlich mit der M�glichkeit gerechnet, dass sie ihn verlieren k�nnten. Geld in dieser Menge war ein Pflaster f�r H�rten und Gefahren, deren Existenz der Chef nicht offen zugeben wollte. Die Gro�z�gigkeit des Angebotes h�tte eine Warnung sein sollen; aber Leamas hatte diese Warnung nicht beachtet.</p><p>�Wie, zum Teufel�, fragte er ruhig, �sind sie darauf gekommen?� Ein Gedanke schien ihm durch den Kopf zu gehen und er sagte: �Ihr Freund Ashe h�tte sie nat�rlich informieren k�nnen, oder Kiever ��</p><p>�Die M�glichkeit besteht�, erwiderte Peters. �Sie wissen genausogut wie ich, dass solche Dinge immer vorkommen k�nnen. Es gibt in unserem Beruf keine Sicherheit. Tatsache ist�, f�gte er etwas ungeduldig hinzu, �dass inzwischen jedes Land in Westeuropa nach Ihnen Ausschau h�lt.�</p><p>Leamas hatte Peters kaum geh�rt.</p><p>�Sie haben mich jetzt fest am Haken, nicht wahr, Peters?� sagte er. �Ihre Leute m�ssen sich krank lachen. Oder stammt der Tip vielleicht von Ihnen?�</p><p>�Sie �bersch�tzen Ihre Bedeutung�, sagte Peters s�uerlich.</p><p>�Dann verraten Sie mir, weshalb Sie mich beschatten lassen. Als ich heute morgen einen Spaziergang machte, blieben mir dauernd zwei kleine M�nner in braunen Anz�gen auf den Fersen. Einer zehn Meter hinter dem anderen, den ganzen Strand entlang. Als ich zur�ckkam, rief die Haush�lterin Sie an.�</p><p>�Bleiben wir doch bei dem, was wir wissen�, schlug Peters vor.</p><p>�Es kann uns doch im Augenblick ziemlich gleichg�ltig sein, auf welche Weise Ihre Dienststelle Ihnen auf die Spur gekommen ist. Tatsache ist, sie sind Ihnen draufgekommen.�</p><p>�Haben Sie die Londoner Abendzeitung mitgebracht?�</p><p>�Nat�rlich nicht. Man kann sie hier nicht bekommen. Wir erhielten ein Telegramm aus London.�</p><p>�Das ist eine L�ge. Sie wissen sehr gut, dass Ihre Stellen nur mit der Zentrale Verbindung aufnehmen d�rfen.�</p><p>�In diesem Fall wurde ein direkter Kontakt zwischen zwei Au�enstellen gestattet�, erwiderte Peters �rgerlich.</p><p>�Nun gut�, sagte Leamas mit einem gezwungenen L�cheln. �Sie m�ssen eine gro�e Nummer sein. Oder - ein Gedanke schien ihm pl�tzlich durch den Kopf zu schie�en - ist die Zentrale an dieser Angelegenheit nicht beteiligt?�</p><p>Peters �berging diese Frage.</p><p>�Sie kennen die Alternative: entweder Sie �berlassen es uns, f�r Sie zu sorgen und Ihren sicheren �bergang zu arrangieren, oder Sie sind auf sich selbst angewiesen - mit der Gewi�heit, schlie�lich doch gefa�t zu werden. Sie haben keine falschen Papiere, kein Geld, nichts. Ihr britischer Pa� wird in zehn Tagen ung�ltig.�</p><p>�Es gibt eine dritte M�glichkeit. Geben Sie mir einen Schweizer Pa� und etwas Geld und lassen Sie mich laufen. Ich kann selbst f�r mich sorgen.�</p><p>�Ich f�rchte, das wird man nicht f�r w�nschenswert halten.�</p><p>�Sie meinen, Sie haben die Befragung nicht beendet? Vorher kann ich nicht freikommen?�</p><p>�Das ist, grob ausgedr�ckt, die Lage.�</p><p>�Was werden Sie mit mir machen, wenn das Verh�r beendet ist?�</p><p>Peters zuckte die Achseln. �Was schlagen Sie vor?�</p><p>�Einen neuen Ausweis. Skandinavischen Pa� vielleicht. Geld.�</p><p>�Es ist reine Theorie, aber ich will es meinen Vorgesetzten empfehlen. Kommen Sie mit?�</p><p>Leamas z�gerte, dann l�chelte er ein wenig unsicher und fragte: �Wenn ich nicht mitk�me, was w�rden Sie tun? Schlie�lich habe ich eine ganz nette Geschichte zu erz�hlen, wie?�</p><p>�Geschichten dieser Art sind schwer nachzuweisen. Ich werde diese Nacht nicht mehr hier sein. Ashe und Kiever ��, er zuckte mit den Achseln, �was ergibt sich schon daraus?�</p><p>Leamas ging zum Fenster.</p><p>Ein Sturm kam �ber der grauen Nordsee auf. Er sah den M�wen zu, wie sie unter den dunklen Wolken kreisten. Das M�dchen war verschwunden.</p><p>�Gut�, sagte er schlie�lich, �organisieren Sie es.�</p><p>�Es gibt vor morgen kein Flugzeug in den Osten. Aber in einer Stunde fliegt eines nach Berlin. Das werden wir nehmen. Es wird sehr knapp werden.�</p><p>Die passive Rolle, die Leamas an diesem Abend spielen mu�te, erm�glichte es ihm, wieder einmal die trotz gr��ter Einfachheit ungemein wirksamen Vorbereitungen zu bewundern, die Peters getroffen hatte. Der Pa� war schon lange vorher ausgestellt worden. Die Zentrale mu�te das arrangiert haben. Er war auf den Namen Alexander Thwaite, Reisender, ausgestellt und mit Visa und Grenzstempeln vollgepflastert - der alte, vielben�tzte Pa� eines Berufsreisenden. Der holl�ndische Grenzbeamte auf dem Flugplatz nickte blo� und stempelte ihn achtlos, einfach weil es die Vorschrift verlangte. Peters war in der Reihe drei oder vier Pl�tze hinter ihm und nahm kein Interesse an den Formalit�ten.</p><p>Als er in die �Nur f�r Passagiere� reservierte Absperrung kam, erblickte Leamas einen Zeitungsstand. Dort war eine Anzahl internationaler Zeitungen ausgeh�ngt: <emphasis>Figaro, Le Monde, Neue Z�rcher Zeitung, Die Welt</emphasis> und ein halbes Dutzend britischer Tages- und Wochenbl�tter. Gerade als er hinsah, kam die Verk�uferin um den Kiosk herum nach vorn und steckte einen <emphasis>Evening Standard</emphasis> in den Zeitungsst�nder. Leamas ging schnell hin�ber und nahm die Zeitung heraus.</p><p>�Wieviel?� fragte er. Als er in seine Hosentasche griff, fiel ihm pl�tzlich ein, dass er kein holl�ndisches Geld hatte.</p><p>�Drei�ig Cents�, erwiderte das M�dchen. Sie war ziemlich h�bsch, mit dunklem Haar und einem lustigen Gesicht.</p><p>�Ich habe nur zwei englische Shilling. Nehmen Sie das an?�</p><p>�Ja, bitte�, antwortete sie, und Leamas gab ihr das Zweishillingst�ck. Er schaute sich um. Peters war noch an der Pa�abfertigung und hatte Leamas den R�cken zugewandt. Ohne Z�gern ging Leamas weiter zur Herrentoilette. Dort bl�tterte er schnell, aber sorgf�ltig die Zeitung durch, schob sie dann in den Abfallkorb und ging weiter nach drau�en. Es stimmte: Sein Bild war zusammen mit einer kleinen, recht allgemein gehaltenen Unterschrift in der Zeitung. Er fragte sich, ob Liz das gesehen hatte. In Gedanken versunken ging er in den Warteraum hin�ber. Zehn Minuten sp�ter bestiegen sie das Flugzeug nach Hamburg und Berlin. Zum erstenmal seit Beginn des Unternehmens hatte Leamas Angst.</p></section><section><p><strong>11 FREUNDE VON ALEC</strong></p><p>Am selben Abend erhielt Liz den Besuch der M�nner.</p><p>Liz Golds Zimmer war am Nordende von Bayswater. Darin standen eine Schlafcouch und ein Gasofen, ein recht h�bscher, anthrazitgrauer, der auf eine moderne Art zischte, statt altmodisch zu rauschen. Sie hatte manchmal in seine Flammen gestarrt, wenn Leamas bei ihr war und das Gasfeuer als einzige Lichtquelle den Raum erhellte. Er lag dann auf der Couch, und sie sa� neben ihm und k��te ihn oder hatte ihren Kopf an seinen gelehnt und beobachtete das Feuer. Sie vermied es, zuviel an ihn zu denken, weil sein Bild in ihrer Erinnerung dann immer zu verschwimmen begann. Deshalb lie� sie ihre Gedanken immer nur f�r kurze Augenblicke bei ihm verweilen, so wie man seine Augen �ber einen fernen Horizont schweifen l��t, und dann fielen ihr kleine Dinge ein, die er gesagt oder getan hatte, die Art, in der er sie bisweilen angesehen oder - was �fter vorgekommen war - nicht beachtet hatte. Das war das Schreckliche, wenn sie dachte: sie besa� nichts, wodurch sie sich an ihn h�tte erinnern k�nnen - keine Fotografie, kein Souvenier, nichts. Nicht einmal einen gemeinsamen Freund - nur Mi� Crail in der B�cherei, deren Ha� auf ihn nachtr�glich durch sein auffallendes Fortbleiben gerechtfertigt worden war. Einmal war Liz in seinem Zimmer gewesen und hatte den Vermieter gesprochen. Sie konnte nicht genau sagen, warum sie das tat, aber sie nahm ihren ganzen Mut zusammen und ging hin. Der Vermieter sprach sehr nett von Alec; Mr. Leamas hatte seine Miete wie ein Gentleman bezahlt. Und ein Restbetrag, f�r die beiden letzten Wochen, war von einem Freund von Mr. Leamas gro�z�gig und ohne weitere Fragen beglichen worden.</p><p>Er hatte es immer schon gesagt und w�rde es auch in Zukunft stets sagen: Mr. Leamas war ein Gentleman. Keine Public-School, wohlgemerkt, nicht dies affige Gehabe, aber ein echter Gentleman. Er sah ja manchmal ziemlich gereizt aus, und er trank auch mehr, als er vertragen konnte - freilich benahm er sich nie daneben, wenn er besoffen nach Hause kam. Aber dieser kleine Kerl, der herkam - �brigens ein komischer, sch�chterner Mensch mit Brille -, hatte extra betont, dass Mr. Leamas es war, der ihn gebeten habe, die Mietschuld zu begleichen. Wenn das nicht vornehm war, dann wollte der Vermieter verdammt sein. Der Himmel mochte wissen, woher Leamas das Geld hatte: ein undurchsichtiger Mann, ohne Zweifel. Aber mit Ford, dem Lebensmittelh�ndler hatte er nur das gemacht, was seit dem Krieg schon eine ganze Menge Leute gern mit ihm gemacht h�tte. Die Wohnung? Ja, die Wohnung war schon wieder vermietet - an einen Herrn aus Korea, zwei Tage, nachdem sie Mr. Leamas geholt hatten.</p><p>Wahrscheinlich ging Liz nur deshalb weiterhin in die Bibliothek zur Arbeit - weil er wenigstens dort noch existierte: er hatte die Leitern, die Regale, die B�cher, den Kartenindex gekannt und ber�hrt, und zu ihnen mochte er eines Tages vielleicht zur�ckkehren. Er hatte gesagt, er werde nie mehr zur�ckkommen, aber das wollte sie nicht glauben. Es h�tte bedeutet, jede Hoffnung aufzugeben, dass es eines Tages doch noch eine Wende zum Besseren geben k�nnte. Mi� Crail glaubte sicher, dass er zur�ckkommen werde: sie hatte entdeckt, dass sie ihm etwas zuwenig Gehalt ausbezahlt hatte, und es machte sie w�tend, dass dieses Ungeheuer darauf verzichtete, sich den Rest des Geldes abzuholen. Nachdem Leamas verschwunden war, stellte sich Liz immer wieder die Frage, weshalb er Mr. Ford geschlagen hatte? Sie wu�te, dass er schrecklich j�hzornig war, aber das hatte mit dieser Geschichte nichts zu tun. Er hatte von Anfang an geplant gehabt, Ford niederzuschlagen, sobald er sein Fieber los war. Warum h�tte er sonst in der vorausgehenden Nacht von Abschied geredet? Da mu�te er schon gewu�t haben, dass er am folgenden Tag Mr. Ford schlagen w�rde. Die einzige andere m�gliche Erkl�rung wollte sie vor sich selbst nicht gelten lassen: dass er n�mlich ihrer �berdr�ssig geworden war, ihr deshalb die Trennung vorgeschlagen, und dann am n�chsten Tag, als er noch unter der Gef�hlsbelastung dieses Abschieds stand, seine Beherrschung verloren und Mr. Ford geschlagen hatte. Sie war niemals in der Zeit ihrer Bekanntschaft das Gef�hl losgeworden, dass Alec eine bestimmte Aufgabe ausf�hren mu�te. Er selbst hatte es ihr ja einmal gesagt. Sie konnte freilich nur Vermutungen dar�ber anstellen, was das sein mochte.</p><p>Zuerst dachte sie, er k�nne einen Streit mit Mr. Ford gehabt haben oder einen Jahre zur�ckreichenden, tief verwurzelten Ha�. Vielleicht hing es mit einem M�dchen zusammen oder mit Alecs Familie. Aber es gen�gte, Mister Ford einmal nur anzusehen, um diese Erkl�rung l�cherlich zu finden. Er war das Urbild eines Spie�ers: vorsichtig, selbstgef�llig. Aber selbst wenn eine Art Blutrache zwischen Alec und Mr. Ford bestanden h�tte, w�re es von Alec doch t�richt gewesen, ihn im Gedr�nge des Samstagvormittags in seinem Laden anzugreifen, wo jedermann zusehen konnte.</p><p>Man hatte sich �ber den Fall bei einer Sitzung ihrer Parteiorganisation unterhalten. George Hanby, der Kassierer, war gerade an dem Laden vorbeigekommen, als es geschah. Er hatte der vielen Menschen wegen nicht viel sehen k�nnen, aber ein Augenzeuge des Vorfalls hatte ihm alles erz�hlt, und Hanby war davon so beeindruckt gewesen, dass er den <emphasis>Worker</emphasis> anrief, der daraufhin einen Reporter zur Gerichtsverhandlung geschickt hatte. So kam es, dass der <emphasis>Worker</emphasis> die Angelegenheit in seinem Lokalteil breittrat.</p><p>Der <emphasis>Worker</emphasis> erl�uterte den Fall als eindeutigen Protest, als �u�erung eines pl�tzlich erwachten Klassenbewu�tseins und als Ausbruch von Ha� gegen die Ausbeuterklasse. Hanbys Gew�hrsmann, ein brillentragender Durchschnittsb�rger, wahrscheinlich ein kleiner Angestellter, hatte ihm erz�hlt, dass es �so pl�tzlich gewesen� sei - er meinte nat�rlich �spontan� -, und f�r Hanby war dies nur ein weiterer Beweis daf�r, wie leicht entflammbar die Masse unter dem System des Kapitalismus ist. Liz war ruhig geblieben, w�hrend Hanby sprach. Nat�rlich war hier niemandem ihre Beziehung zu Leamas bekannt. Dann wurde ihr bewu�t, dass sie George Hanby ha�te. Er war ein aufgeblasener kleiner Schmutzfink, der st�ndig zu ihr her�berschielte und dabei versuchte, sie zu ber�hren.</p><p>Dann erschienen die M�nner bei ihr.</p><p>Liz fand, dass sie f�r Polizisten etwas zu elegant w�ren: sie kamen mit einem kleinen schwarzen Wagen, der eine Antenne auf dem Dach hatte. Der eine war klein und ziemlich dick. Er trug eine Brille und war sonderbar, aber sicherlich teuer gekleidet - ein freundlicher, sorgenvoll dreinschauender kleiner Mann, dem Liz irgendwie vertraute, ohne zu wissen, weshalb. Das Auftreten des anderen war glatter, doch ohne schmierig zu sein, er hatte etwas Jungenhaftes an sich, obwohl Liz ihn auf mindestens vierzig sch�tzte. Beide sagten, sie k�men von einer Beh�rde, und sie zeigten gedruckte, in Cellophanh�llen steckende Lichtbildausweise vor.</p><p>Der Dicke f�hrte die Unterhaltung.</p><p>�Ich glaube, Sie waren mit Alec Leamas befreundet?� begann er. Liz wollte schon �rgerlich werden, aber der dicke Mann wirkte so ernst, dass es ihr t�richt schien.</p><p>�Ja�, antwortete sie. �Woher wissen Sie das?�</p><p>�Wir sind neulich durch Zufall draufgekommen. H�ftlinge m�ssen im Gef�ngnis ihre n�chsten Verwandten angeben, Leamas sagte, er habe niemanden. Was, nebenbei bemerkt, eine L�ge war. Daraufhin fragte man ihn, wen man benachrichtigen solle, falls ihm etwas zusto�en sollte. Er nannte Sie.�</p><p>�Ich verstehe.�</p><p>�Wei� sonst noch jemand, dass sie in engen Beziehungen zu ihm standen?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Sind Sie zur Verhandlung gegangen?�</p><p>�Nein.�</p><p>�War kein Journalist bei Ihnen, kein Gl�ubiger, �berhaupt niemand?�</p><p>�Nein. Ich sagte es doch schon. Niemand hat etwas davon gewu�t. Nicht einmal meine Eltern, niemand. Wir haben zusammen in der Bibliothek gearbeitet, aber das wei� nur Mi� Crail, die Bibliothekarin. dass dar�ber hinaus etwas zwischen uns war, wird auch Mi� Crail kaum gemerkt haben. Sie ist ziemlich verschroben�, f�gte Liz schlicht hinzu.</p><p>Der kleine Mann betrachtete sie f�r einen Augenblick sehr eindringlich. Dann fragte er:</p><p>�Waren Sie �berrascht, als Leamas Mr. Ford zusammenschlug?�</p><p>�Ja. Nat�rlich.�</p><p>�Weshalb, glauben Sie, tat er es?�</p><p>�Ich wei� nicht. Weil Ford ihm keinen Kredit geben wollte, nehme ich an. Aber ich glaube, dass er es schon l�nger vorhatte.� Sie fragte sich, ob sie wohl zuviel sagte, aber es dr�ngte sie, mit jemandem dar�ber zu sprechen, und welchen Schaden sollte sie schon damit anrichten k�nnen?</p><p>�Denn in der Nacht vorher unterhielten wir uns. Es war bei einem Abendessen - einem besonderen Abendessen, Alec wollte es so. Ich wu�te gleich, dass es unsere letzte Nacht sein sollte. Er hatte irgendwoher eine Flasche Rotwein. Er schmeckte mir nicht besonders. Alec trank das meiste davon. Ich fragte ihn: �Bedeutet das unsere Trennung?��</p><p>�Was sagte er?�</p><p>�Er sprach von einer Arbeit, die er noch zu machen habe. Ich hab's nicht ganz verstanden. Nicht wirklich.�</p><p>Es entstand ein sehr langes Schweigen, und der kleine Mann sah bek�mmerter denn je aus. Schlie�lich fragte er: �Glauben Sie das?�</p><p>�Ich wei� nicht.� Sie hatte pl�tzlich gro�e Angst um Alec, und sie wu�te nicht, weshalb.</p><p>Der Mann fragte: �Leamas hat zwei Kinder aus seiner Ehe. Hat er davon etwas erz�hlt?�</p><p>Liz sagte nichts.</p><p>�Dennoch hat er Ihren Namen als den der n�chsten Anverwandten angegeben. Warum, glauben Sie, hat er das getan?� Der kleine Mann schien durch seine eigene Frage in Verlegenheit zu geraten. Er schaute seine dicken H�nde an, die �ber seinem Bauch gefaltet waren. Liz err�tete.</p><p>�Ich liebte ihn�, erwiderte sie.</p><p>�Liebte er sie?�</p><p>�Vielleicht. Ich wei� nicht.�</p><p>�Lieben Sie ihn noch immer?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Sagte er je, dass er zur�ckkommen w�rde?� fragte der j�ngere Mann.</p><p>�Nein.�</p><p>�Aber er sagte Ihnen Lebewohl?� fragte der kleine Mann schnell. Er wiederholte seine Frage langsam und freundlich: �Sagte er Ihnen Lebewohl? Es kann ihm nichts mehr geschehen, das verspreche ich ihnen. Aber wir wollen ihm helfen, und wenn Sie irgendeine Idee haben, warum er Ford schlug, wenn Sie sich durch irgend etwas, das er gesagt oder getan hat, die leiseste Vorstellung davon machen k�nnen, dann sagen Sie es uns. Um Alecs willen.�</p><p>Liz sch�ttelte den Kopf. �Gehen Sie, bitte�, sagte sie. �Bitte, stellen Sie keine Fragen mehr. Bitte, gehen Sie jetzt.�</p><p>Als er zur T�r kam, z�gerte der �ltere Mann, nahm eine Karte aus seiner Brieftasche und legte sie vorsichtig auf den Tisch, als ob er L�rm machen k�nnte. Liz dachte, dass er ein sehr vorsichtiger Mann sei.</p><p>�Wenn Sie jemals Hilfe brauchen - wenn irgendwas mit Leamas sein sollte - oder � Rufen Sie mich einfach an�, sagte er. �Verstehen Sie?�</p><p>�Wer sind Sie?�</p><p>�Ich bin ein Freund von Alec.� Er z�gerte. �Noch etwas anderes�, f�gte er hinzu, �eine letzte Frage. Wu�te Alec, dass Sie � wu�te Alec von der Partei?�</p><p>�Ja�, antwortete sie bek�mmert, �ich erz�hlte es ihm.�</p><p>�Wei� die Partei von Ihnen und Alec?�</p><p>�Ich sagte ja schon: Niemand hat etwas gewu�t.� Dann schrie sie ihn mit pl�tzlich wei� gewordenem Gesicht an: �Wo ist er? Sagen Sie mir, wo er ist. Warum wollen Sie es mir nicht sagen? Ich k�nnte ihm helfen, sehen Sie das nicht? Ich k�nnte mich doch um ihn k�mmern � Wenn er verr�ckt geworden ist - mir macht das doch nichts. Ich schw�re, ich � Ich habe ihm ins Gef�ngnis geschrieben. Ich wei�, dass ich das nicht h�tte tun sollen. Aber ich schrieb ihm nur, er k�nne jederzeit zur�ckkommen. Ich w�rde immer auf ihn warten �� Sie konnte nicht mehr sprechen, sondern stand schluchzend mitten im Zimmer und verbarg ihr Gesicht in den H�nden. Der kleine Mann betrachtete sie.</p><p>�Er ist ins Ausland gegangen�, sagte er g�tig. �Wir wissen nicht genau, wo er ist. Er ist nicht wahnsinnig, aber er h�tte Ihnen das alles nicht erz�hlen sollen. Es ist schade.�</p><p>Der j�ngere Mann sagte: �Wir werden daf�r sorgen, dass man sich um Sie k�mmert, wegen Geld und so weiter.�</p><p>�Wer sind Sie?� fragte Liz noch einmal.</p><p>�Freunde von Alec�, wiederholte der j�ngere Mann. �Gute Freunde.�</p><p>Sie h�rte sie ruhig die Treppe hinunter und auf die Stra�e hinaus gehen. Von ihrem Fenster aus sah sie, wie sie in einen kleinen schwarzen Wagen stiegen und in Richtung des Parks davonfuhren.</p><p>Dann erinnerte sie sich der Karte. Sie ging zum Tisch, nahm sie auf und hielt sie ans Licht. Es war eine Karte von der teuren Sorte. Solche Karten kosteten mehr, als ein Polizist sich leisten konnte, dachte sie. Pr�gedruck. Kein Dienstrang vor dem Namen, keine Polizeistation oder sonst etwas. Nur der Name. Wer hatte schon von einem Polizisten geh�rt, der in Chelsea wohnte? �Mister George Smiley. 9 Bywater Street, Chelsea.� Darunter die Telefonnummer.</p><p>Das alles war sehr merkw�rdig.</p></section><section><p><strong>15 AUFFORDERUNG ZUM TANZ</strong></p><p>W�hrend Liz den Brief der Parteizentrale betrachtete, fragte sie sich, wie man wohl gerade auf sie gekommen war. Sie fand das etwas r�tselhaft. Sie mu�te zugeben, dass sie geschmeichelt war, aber warum hatten sie nicht vorher mit ihr gesprochen? Wer hatte ihren Namen ausgew�hlt, das Distriktskomitee oder die Zentrale? Aber ihres Wissens war sie doch niemandem in der Zentrale bekannt. Sie war freilich schon mit einigen Rednern zusammengekommen, und auf der Distriktsversammlung hatte sie dem Organisationsleiter der Partei die Hand gesch�ttelt. Vielleicht hatte sich dieser Mann vom Kulturaustausch ihrer erinnert. Er war ein gef�lliger, etwas weibischer Mann, sehr liebensw�rdig. Ashe war sein Name. Er hatte etwas Interesse an ihr gezeigt, und sie nahm an, dass er ihren Namen weitergegeben oder sich vielleicht selbst an sie erinnert hatte, als das Stipendium vergeben wurde. Ein seltsamer Mensch: er hatte sie nach der Versammlung ins �Black and White� auf einen Kaffee eingeladen, sie nach ihren Freunden ausgefragt. Dabei hatte er gar nicht verliebt getan oder so - sie hatte sich gedacht, dass er vielleicht schwul war, um ehrlich zu sein -, aber er hatte ihr unz�hlige Fragen �ber sie selbst gestellt. Wie lange sie schon in der Partei sei, ob sie Heimweh habe, da sie doch getrennt von ihren Eltern lebe? Ob sie viele Freunde habe, oder ob sie einen bestimmten vorziehe? Sie hatte sich nicht allzuviel aus ihm gemacht, aber seine Reden waren bei ihr gut angekommen: der Arbeiterstaat in der Deutschen Demokratischen Republik, der Begriff des Arbeiterdichters und all das. Bestimmt wu�te er alles �ber Osteuropa, er mu�te viel gereist sein. Sie hatte wegen seiner etwas belehrenden, gewandten Art vermutet, dass er Lehrer war. Bei der Sammlung im Anschlu� an die Versammlung hatte Ashe ein Pfund gegeben; sie war verbl�fft gewesen. Er hatte ihren Namen beim Londoner Distrikt erw�hnt, und der Londoner Distrikt hatte ihn an die Zentrale weitergegeben, oder so �hnlich. Nat�rlich blieb es eine seltsame Art, derartige Angelegenheiten zu regeln. Aber diese Geheimnistuerei geh�rte wohl nun einmal zu einer revolution�ren Partei. Zwar machte es keinen guten Eindruck auf sie, weil es so nach Unaufrichtigkeit aussah, aber sie dachte, es sei wohl notwendig, und es gab, wei� Gott, genug Leute, f�r die das etwas Erregendes war. Sie las den Brief nochmals. Er trug den fettgedruckten roten Briefkopf der Zentrale und begann mit �Liebe Genossin�. Liz empfand das als unangenehm milit�risch. Sie hatte sich nie richtig an �Genossin� gew�hnen k�nnen.</p><p>Liebe Genossin, wir haben uns k�rzlich mit Genossen von der Sozialistischen Einheitspartei der Deutschen Demokratischen Republik wegen der M�glichkeit eines Austausches von unseren Parteimitgliedern mit den Genossen im Demokratischen Deutschland besprochen. Es wurde geplant, die Voraussetzungen f�r einen Austausch der Mitglieder unserer beiden Parteien zu schaffen. Die SED wei�, dass ihren Delegierten durch die diskriminierenden Vorschriften des britischen Innenministeriums in unmittelbarer Zukunft keine Einreise ins Vereinigte K�nigreich m�glich sein wird, aber sie glaubt, dass gerade deshalb ein Erfahrungsaustausch besonders wichtig w�re. Man hat uns gro�z�gigerweise eingeladen, f�nf erfahrene Bezirkssekret�re auszuw�hlen, die bereits den Nachweis erbracht haben, dass sie die Massen zu Aktionen auf den Stra�en anfeuern k�nnen. Jeder ausgew�hlte Genosse wird drei Wochen damit verbringen, Parteiversammlungen beizuwohnen, Fortschritte in der Industrie und der sozialen Wohlfahrt kennenzulernen und aus erster Hand die Beweise der faschistischen Provokation durch den Westen zu studieren. Dies ist eine gro�e Gelegenheit f�r unsere Genossen, aus den Erfahrungen eines jungen sozialistischen Systems zu lernen.</p><p>Wir haben deshalb den Distrikt ersucht, uns solche junge Arbeiter aus den Kadern seines Gebietes zu melden, die den gr��ten Nutzen aus dieser Reise ziehen k�nnen. Ihr Name ist uns genannt worden. Wenn es sich irgendwie erm�glichen l��t, w�nschen wir sehr, dass Sie an dem Austausch teilnehmen und dadurch zur Verwirklichung des zweiten Teiles in diesem Plan beitragen, n�mlich zur Herstellung eines Kontaktes zwischen Ihrer eigenen Parteigruppe und einer solchen in der Deutschen Demokratischen Republik, deren Mitglieder aus einem vergleichbaren Industriemilieu stammen und �hnliche Probleme haben. Die Ortsgruppe Bayswater-S�d wird deshalb mit Neuenhagen, einem Vorort von Leipzig, in Verbindung gebracht. Frieda L�man, Sekret�rin des Neuenhagener Bezirkes, bereitet einen gro�en Empfang vor. Wir sind �berzeugt, dass Sie die richtige Genossin f�r diese Aufgabe sind und dass Ihr Unternehmen ein sehr gro�er Erfolg wird. Alle Unkosten werden vom Kulturamt der Deutschen Demokratischen Republik getragen.</p><p>Wir sind �berzeugt davon, dass Ihnen die Ehre dieses Auftrages klar ist, und wir vertrauen darauf, dass Sie sich nicht durch pers�nliche �berlegungen von der Ausf�hrung des Auftrages abhalten lassen werden. Die Abreise ist f�r das Ende des n�chsten Monats vorgesehen, also f�r etwa den 23. Die ausgew�hlten Genossen werden getrennt reisen, da ihre Einladungen nicht gleichzeitig sind. Wollen Sie uns bitte so bald wie m�glich wissen lassen, ob Sie annehmen k�nnen. Wir werden Sie dann �ber weitere Einzelheiten unterrichten.</p><p>Je �fter sie es las, desto seltsamer kam es ihr vor: die Benachrichtigung so kurz vor dem Reisetermin, und woher wu�ten sie, dass sie bei der Bibliothek wegkonnte? Dann fiel ihr zu ihrer eigenen �berraschung wieder ein, dass sich Ashe nach ihren Ferienpl�nen und danach erkundigt hatte, ob sie in diesem Jahr bereits Urlaub genommen habe, und ob sie Urlaubstermine schon immer lange im voraus anmelden m�sse. Weshalb teilte man ihr nicht mit, wer die anderen Kandidaten waren? Sicherlich gab es keinen besonderen Grund, es ihr mitzuteilen. dass man es unterlie�, war dennoch sonderbar. Auch war es ein so langer Brief. Bei der Zentrale gab es so wenig Schreibkr�fte, dass die Briefe gew�hnlich sehr kurz gefa�t waren, wenn man die Genossen nicht einfach bat, im Sekretariat anzurufen. Dieser hier war so sauber und gut getippt, dass er gar nicht danach aussah, als komme er von der Zentrale. Aber er war vom Kulturleiter unterzeichnet. Es war seine Unterschrift, kein Zweifel daran. Sie hatte sie oft genug auf vervielf�ltigten Rundschreiben gesehen. Und der Brief hatte diesen ungeschickten, halb b�rokratischen, halb messianischen Stil, an den sie sich gew�hnt hatte, ohne ihn freilich zu m�gen. Es war eine t�richte Behauptung, dass sie Erfahrungen in der Leitung von Massenaktionen besitze. Sie besa� sie nicht. In Wirklichkeit ha�te sie diese Sorte von Parteiarbeit: die Lautsprecher an den Fabriktoren, den Verkauf des <emphasis>Daily Worker</emphasis> an den Stra�enecken, die Lauferei von T�r zu T�r w�hrend des Wahlkampfes. Gegen die Arbeit f�r den Frieden hatte sie nicht soviel einzuwenden, denn das bedeutete ihr etwas, und es hatte Sinn. Wenn man auf der Stra�e ging, brauchte man nur die kleinen Kinder zu sehen, die M�tter mit ihren Kinderwagen, die alten Leute vor den Haust�ren, und man konnte sich sagen: �Ich tue es f�r sie.� Das hie� wirklich f�r den Frieden k�mpfen.</p><p>Den Kampf um W�hlerstimmen und gr��eren Absatz der Zeitung hatte sie noch nie in dieser Weise betrachten k�nnen. Es lag vielleicht daran, dachte sie, dass es so ern�chternd war. Es war so leicht, die Welt neu aufzubauen, in der Vorhut des Sozialismus zu marschieren und von dem unvermeidlichen Lauf der Geschichte zu sprechen, wenn man zu zehnt oder so bei einem Gruppentreffen beisammensa�. Aber anschlie�end mu�te man mit einem Arm voll <emphasis>Daily Worker</emphasis> auf die Stra�e gehen und ein, zwei Stunden warten, ehe eine Nummer verkauft war. Manchmal mogelte sie, ebenso wie die anderen, und zahlte f�r ein halbes Dutzend Zeitungen aus eigener Tasche, nur um sie loszuwerden und nach Hause zu kommen. Beim n�chsten Treffen br�steten sie sich dann mit ihren Verkaufserfolgen. Sie verga�en einfach, dass sie die Zeitungen selbst gekauft hatten. �Genossin Gold am Samstag achtzehn verkauft - achtzehn!� Es wurde im Protokoll vermerkt und kam ins Bulletin der Gruppe. Beim Distrikt rieb man sich die H�nde, und Liz wurde vielleicht auf der ersten Seite des Bulletins in der kleinen Spalte �ber den Kampffonds erw�hnt. Es war eine so kleine Welt, und Liz w�nschte, dass man h�tte ehrlicher sein k�nnen. Aber sie belog sich ja auch selbst �ber alles. Vielleicht machten es alle so. Oder vielleicht verstanden die anderen besser, warum man soviel l�gen mu�te. Es war schon so merkw�rdig, wie man sie zur Sekret�rin der Gruppe gemacht hatte. Mulligan hatte sie vorgeschlagen: �Unsere junge, energische und au�erdem attraktive Genossin �� Er hatte geglaubt, sie werde mit ihm schlafen, wenn er ihr zum Posten der Gruppensekret�rin verhalf. Die anderen hatten sie dann gew�hlt, weil man sie gut leiden mochte, und weil sie maschineschreiben konnte. Man nahm an, sie werde die Arbeit tun und nicht versuchen, einen an den Wochenenden auf Stimmen-Werbung zu schicken. Nicht zu oft, auf jeden Fall. Man w�hlte sie, weil alle einen annehmbaren kleinen Klub haben wollten, nett und revolution�r, mit nicht allzuviel Wirbel. Es war alles so ein Schwindel. Alec schien das verstanden zu haben: er hatte es nicht ernst genommen. �Manche halten Kanarienv�gel, andere treten der Partei bei�, hatte er einmal gesagt. Und das war die Wahrheit. Auf jeden Fall in Bayswater-S�d, und der Distrikt wu�te das genau. Aus diesem Grund war es seltsam, dass man sie ausgew�hlt hatte, und deshalb konnte sie eigentlich nicht glauben, dass der Distrikt auch nur etwas damit zu tun haben sollte. Sicherlich war Ashe des R�tsels L�sung. Wom�glich war er gar nicht schwul, sondern sah nur so aus.</p><p>Liz zuckte etwas �bertrieben mit den Achseln, wie es Menschen manchmal tun, wenn sie aufgeregt und allein sind. Es war Ausland, kostenlos, und schien interessant. Sie war noch nie im Ausland, und aus eigener Tasche h�tte sie die Reisekosten nicht aufbringen k�nnen. Es w�rde Spa� machen. Sie hatte in Bezug auf Deutschland allerdings Vorbehalte. Sie hatte oft geh�rt, dass Westdeutschland militaristisch und revanchistisch, Ostdeutschland aber demokratisch und friedliebend sei. Sie bezweifelte jedoch, dass alle guten Deutschen auf der einen Seite und alle schlechten auf der anderen leben sollten. Und die schlechten hatten ihren Vater umgebracht. Vielleicht war sie deshalb von der Partei ausgesucht worden, gewisserma�en als gro�z�giger Akt der Vers�hnung. M�glicherweise hatte Ashe schon daran gedacht, als er ihr diese Fragen stellte. Nat�rlich - das war die Erkl�rung. Pl�tzlich durchstr�mte sie ein Gef�hl der W�rme und Dankbarkeit. Es waren wirklich anst�ndige Menschen, und sie war stolz und dankbar, dieser Partei angeh�ren zu d�rfen. Sie ging zum Schreibtisch und �ffnete eine Schublade, wo sie in einem alten Schulranzen das Briefpapier ihrer Ortsgruppe und die Briefmarken aufbewahrte. Sie spannte ein Blatt in ihre alte Schreibmaschine, die der Distrikt geschickt hatte, weil sie tippen konnte. Die Buchstaben sprangen manchmal, aber sonst war die Maschine in Ordnung. Liz schrieb einen netten, dankbaren Brief, in dem sie die Einladung annahm. Die Zentrale war gro�artig: streng, wohlt�tig, unpers�nlich, ewig. Es waren gute Menschen. Menschen, die f�r den Frieden k�mpften. Als sie das Schubfach schlo�, erblickte sie Smileys Karte.</p><p>Es fiel ihr wieder ein, wie der kleine Mann mit dem ernsten, faltigen Gesicht in der T�r ihres Zimmers gestanden und gefragt hatte: �Wu�te die Partei von Ihnen und Alec?� Wie dumm sie gewesen war. Nun, diese Reise w�rde sie auf andere Gedanken bringen.</p></section><section><p><strong>12 OSTW�RTS�</strong></p><p>Leamas �ffnete seinen Sicherheitsgurt.</p><p>Angeblich erleben Todeskandidaten pl�tzliche Zust�nde eines �bersteigerten Gl�cksgef�hls, vielleicht wie Motten es in der Kerzenflamme erleben: als erreichten sie durch ihre Vernichtung ein langersehntes Ziel. Nachdem Leamas sich entschieden hatte, erf�llte ihn eine Empfindung, die fast dem Gef�hl der Erleichterung glich. Es w�hrte nicht lange, gab ihm aber Trost und hielt ihn f�r eine Zeitlang aufrecht. Furcht und Hunger folgten darauf.</p><p>Der Chef hatte recht: Er lie� nach.</p><p>Das war ihm w�hrend des Falls Riemeck zum erstenmal am Anfang des letzten Jahres bewu�t geworden. Karl hatte ihm die Nachricht zukommen lassen, dass er etwas Besonderes f�r ihn habe und einen seiner seltenen Besuche in Westdeutschland mache; er fahre zu einer juristischen Konferenz in Karlsruhe. Leamas war es gelungen, eine Flugkarte nach K�ln zu bekommen, und er mietete dort auf dem Flugplatz einen Wagen. Es war noch ziemlich fr�h am Morgen, und er hatte gehofft, dem gr��ten Teil des Autobahnverkehrs nach Karlsruhe entgehen zu k�nnen, aber die schweren Lastwagen waren schon unterwegs. In der ersten halben Stunde gelang es ihm, siebzig Kilometer hinter sich zu bringen, indem er sich waghalsig durch den Verkehr wand. Er wollte rechtzeitig in Karlsruhe sein. Pl�tzlich begann, nur f�nfzehn Meter vor ihm, ein kleiner Wagen, wahrscheinlich ein Fiat, aus der Kolonne in die �berholspur her�berzuziehen. Leamas trat auf die Bremse, blendete voll auf und hupte. Mit Gottes Hilfe kam er noch um Bruchteile einer Sekunde an ihm vorbei. W�hrend er den Wagen �berholte, sah er gerade noch vier Kinder, die winkend und lachend auf dem R�cksitz sa�en, und das dumme Gesicht ihres erschrockenen Vaters. Fluchend fuhr er weiter, und pl�tzlich geschah es: pl�tzlich zitterten seine H�nde wie im Fieber, sein Gesicht gl�hte, sein Herz klopfte wild. Er bog auf einen Rastplatz ein. Er kletterte aus dem Wagen und starrte schwer atmend auf den vorbeidonnernden Strom riesiger Uberlandtransporter. Im Geist sah er das kleine Auto zwischen den Kolossen gefangen, die es zusammenpre�ten und zerquetschten, bis nichts �brigblieb als das wilde Wimmern der Autohupen und die blauen Blitze der Polizeilichter, und die K�rper der Kinder, ebenso zerfetzt wie die Leichen der ermordeten Fl�chtlinge auf der Stra�e durch die D�nen.</p><p>Den Rest des Weges fuhr er sehr langsam. Er verpa�te die Verabredung mit Karl. Er fuhr nie wieder Auto, ohne dass ihm die zerzausten, winkenden Kinder auf dem R�cksitz jenes Wagens einfielen, und ihr Vater, der das Lenkrad umklammerte wie ein Bauer den Griff seines Pfluges.</p><p>Der Chef h�tte es Fieber genannt.</p><p>Verdrossen sa� er in seinem Sitz an der Tragfl�che.</p><p>Neben ihm war eine Amerikanerin, deren hochhackige Schuhe in Nylonh�llen steckten. Er hatte die fl�chtige Idee, er k�nne ihr irgendeine Nachricht f�r die Leute in Berlin mitgeben, verwarf diesen Gedanken aber sofort wieder. Sie w�rde meinen, er mache einen Ann�herungsversuch, und Peters w�rde es bemerken. Au�erdem war es sinnlos. Der Chef wu�te, was geschehen war; der Chef hatte es veranla�t; es gab nichts mitzuteilen. Er fragte sich, was nun mit ihm geschehen werde.</p><p>Der Chef hatte nicht davon gesprochen, nur von der anzuwendenden Technik: �Erz�hlen Sie ihnen nicht alles auf einmal. Man soll es m�hsam aus Ihnen herausziehen. Verwirren Sie sie mit Einzelheiten, lassen Sie manche Dinge aus, w�hrend Sie auf anderen immer wieder herumreiten. Seien Sie empfindlich, boshaft, schwierig. Saufen Sie wie ein Loch; bleiben Sie in ideologischen Fragen stur, denn in der Beziehung sind sie mi�trauisch. Sie wollen es mit einem Mann zu tun haben, den sie gekauft haben. Sie w�nschen den Zusammensto� oppositioneller Ideen, Alec, keinen abgetakelten Bekehrten. Vor allem sollen sie selbst ihre Schlu�folgerungen ziehen. Der Boden dazu ist vorbereitet; wir haben schon seit langem daran gearbeitet, Kleinigkeiten als K�der ausgelegt, komplizierte Zusammenh�nge konstruiert. Ihre Unternehmung ist nur noch die letzte Station auf der Jagd nach dem Schatz.�</p><p>Er konnte sich nicht weigern, diese Aufgabe zu �bernehmen: er durfte sich nun vor dem gro�en Kampf nicht mehr dr�cken, nachdem alle vorbereitenden Gefechte f�r ihn schon geschlagen worden waren.</p><p>�Eines kann ich Ihnen versprechen: Die Sache ist es wert. Um unseres besonderen Interesses willen lohnt es sich, Alec. Stehen Sie es durch, und wir haben einen gro�en Sieg errungen.�</p><p>Er zweifelte daran, dass er Folterungen w�rde ertragen k�nnen. Ein Buch Koestlers fiel ihm ein, dessen Hauptfigur - ein alter Revolution�r - sich brennende Streichh�lzer an die Fingerspitzen h�lt, um sich auf das Ertragen von Schmerzen vorzubereiten. Er hatte nicht viel gelesen, aber das hatte er gelesen, und daran erinnerte er sich.</p><p>Es war fast dunkel, als sie in Tempelhof landeten. Leamas sah die Lichter von Berlin auftauchen, um sie zu empfangen, f�hlte den Sto�, als das Flugzeug aufsetzte, sah, wie die Zoll- und Pa�beamten aus dem Zwielicht heraustraten.</p><p>F�r einen Augenblick f�rchtete Leamas, er k�nnte auf dem Flugplatz alten Bekannten begegnen. Aber w�hrend Peters und er Seite an Seite durch die endlosen Korridore gingen, die oberfl�chlichen Zoll- und Pa�kontrollen passierten und sich noch immer kein bekanntes Gesicht umwandte, um ihn zu begr��en, da wurde ihm klar, dass seine scheinbare Besorgnis in Wirklichkeit Hoffnung gewesen war; Hoffnung, dass sein stillschweigend gefa�ter Entschlu�, weiterzumachen, durch einen �u�eren Zufall umgesto�en werden k�nnte.</p><p>Er vermerkte mit Interesse, dass Peters es nicht mehr f�r notwendig hielt, ihre Zusammengeh�rigkeit zu verleugnen. Fast schien Peters Westberlin als sicheren Boden zu betrachten, auf dem man Vorsicht und Sicherheitsvorkehrungen lockern konnte, da er nichts anderes war als das Sprungbrett in den Osten.</p><p>Sie gingen durch die gro�e Empfangshalle dem Hauptausgang zu, als Peters pl�tzlich seinen Plan zu �ndern schien, unerwartet eine andere Richtung einschlug und Leamas zu einem kleinen Nebenausgang f�hrte, der auf einen Parkplatz und einen Taxistand hinausf�hrte. Dort z�gerte Peters eine Sekunde und blieb in der beleuchteten T�r stehen; dann stellte er seinen Handkoffer neben sich auf den Boden, zog bed�chtig die Zeitung unter seinem Arm hervor, faltete sie, schob sie in die linke Tasche seines Regenmantels und griff wieder nach seinem Koffer. Fast im selben Augenblick flammten auf dem Parkplatz die Scheinwerfer eines Autos auf, wurden abgeblendet und dann ausgeschaltet.</p><p>�Kommen Sie�, sagte Peters und begann schnell den Asphaltplatz zu �berqueren. Leamas folgte ihm langsamer. Als sie die erste Reihe der parkenden Wagen erreichten, wurde die hintere T�r eines schwarzen Mercedes von innen ge�ffnet, wobei die Innenbeleuchtung anging. Peters war Leamas etwa drei Meter voraus, er trat schnell zu dem Wagen, sprach leise mit dem Fahrer und rief dann Leamas zu:</p><p>�Hier ist der Wagen. Beeilen Sie sich.�</p><p>Es war ein alter Mercedes 180. Leamas stieg wortlos ein. Peters setzte sich neben ihn auf den R�cksitz. Als sie den Parkplatz verlie�en, �berholten sie einen kleinen DKW, in dem zwei M�nner sa�en. In einer zehn Meter entfernten Telefonzelle sprach ein Mann in die Muschel, und sein Blick verfolgte sie, w�hrend sie vorbeifuhren. Leamas schaute durch das Heckfenster und sah, dass der DKW hinter ihnen blieb. Ein ganz sch�ner Empfang, dachte er.</p><p>Sie fuhren sehr langsam. Leamas hatte die H�nde auf den Knien und blickte geradeaus. Er wollte in dieser Nacht nichts von Berlin sehen. Er wu�te, dass er jetzt seine letzte Chance h�tte. So wie er jetzt sa�, k�nnte er mit der Kante seiner rechten Hand auf Peters' Kehle schlagen und dessen Adamsapfel zertr�mmern. Er k�nnte dann herausspringen und im Zickzack davonlaufen, um den Sch�ssen aus dem folgenden Wagen zu entgehen. Er w�rde frei sein - es gab Menschen in Berlin, die sich seiner annehmen w�rden -, er w�re dem allen entronnen.</p><p>Er tat nichts.</p><p>Es war so leicht, die Sektorengrenze zu �berschreiten. Leamas hatte nicht erwartet, dass es derart m�helos sein w�rde. Etwa zehn Minuten bummelten sie dahin, so dass Leamas zu dem Schlu� kam, der �bergang sei f�r einen bestimmten Zeitpunkt verabredet worden. Als sie sich dem westdeutschen Kontrollpunkt n�herten, fuhr der DKW vor und �berholte sie mit dem aufdringlichen L�rm eines �berdrehten Motors. Er hielt an der Polizeibaracke. Der Mercedes wartete zehn Meter dahinter. Zwei Minuten sp�ter hob sich der rot-wei�e Schlagbaum, um den DKW durchzulassen, und als die Schranke offen war, fuhren beide Wagen zusammen hin�ber: der Mercedesmotor heulte im zweiten Gang auf, und der Fahrer dr�ckte sich tief in seinen Sitz, so dass er das Steuer nur mit ausgestreckten Armen halten konnte.</p><p>Als sie die zwanzig Meter zur�ckgelegt hatten, die die zwei Kontrollpunkte voneinander trennten, konnte Leamas undeutlich die neuen Befestigungen auf der Ostseite der Mauer erkennen - spanische Reiter, Beobachtungst�rme und einen doppelten Stacheldrahtzaun. Die Lage hatte sich versch�rft.</p><p>Der Mercedes mu�te am ostzonalen Kontrollpunkt nicht halten, die Schlagb�ume waren schon hochgezogen, und sie fuhren geradewegs durch. Die Vopos beobachteten sie nur durch Feldstecher. Der DKW war verschwunden, und als er zehn Minuten sp�ter wieder auftauchte, war er hinter ihnen. Sie fuhren jetzt schnell - Leamas hatte gedacht, sie w�rden in Ostberlin halten, vielleicht den Wagen wechseln, und sich gegenseitig zu einer gelungenen Operation gratulieren, aber sie durchquerten die Stadt in �stlicher Richtung.</p><p>�Wohin fahren wir?� fragte er Peters.</p><p>�Wir sind schon da. Die Deutsche Demokratische Republik. F�r Ihre Unterkunft ist gesorgt worden.�</p><p>�Ich dachte, wir w�rden weiter nach Osten fahren.�</p><p>�Das werden wir auch. Zuerst bleiben wir aber einen oder zwei Tage hier. Wir waren der Ansicht, die Deutschen sollten Gelegenheit zu einer Unterredung mit Ihnen haben.�</p><p>�Ich verstehe.�</p><p>�Schlie�lich hat sich der Gro�teil Ihrer Arbeit mit Deutschland besch�ftigt. Ich habe deshalb Einzelheiten Ihrer Aussage hierhergeschickt.�</p><p>�Und man wollte mich sprechen?�</p><p>�Man hat hier noch nie jemanden wie Sie gehabt, niemanden so � nahe an der Quelle. Meine Leute waren einverstanden, dass man hier die Gelegenheit haben sollte, mit Ihnen zusammenzutreffen.�</p><p>�Und dann? Wohin fahren wir von Deutschland aus?�</p><p>�Weiter nach Osten.�</p><p>�Wen von den Deutschen werde ich treffen?�</p><p>�Spielt das eine Rolle?�</p><p>�Kaum. Ich kenne dem Namen nach die meisten aus der Abteilung, und es h�tte mich nur so interessiert.�</p><p>�Wen w�rden Sie erwarten?�</p><p>�Fiedler�, antwortete Leamas prompt, �stellvertretender Leiter des Sicherheitsdienstes. Mundts Mann. Er macht alle gro�en Verh�re. Er ist ein Saukerl.�</p><p>�Warum?�</p><p>�Ein brutaler kleiner Saukerl. Ich habe von ihm geh�rt. Als er einen Agenten Peter Guillams fing, brachte er ihn fast um.�</p><p>�Spionage ist kein Kricketmatch�, bemerkte Peters m�rrisch.</p><p>Danach verfielen sie wieder in Schweigen. Es ist also Fiedler, dachte Leamas.</p><p>Leamas wu�te �ber Fiedler recht gut Bescheid. Er kannte ihn von den Fotografien im Akt und von den Berichten seiner fr�heren Untergebenen. Ein schlanker, adretter Mann, ziemlich jung, glattgesichtig. Dunkles Haar, gro�e braune Augen: intelligent und brutal, wie Leamas gesagt hatte. Der geschmeidige, schnelle K�rper wurde von einem geduldigen, zur�ckhaltenden Charakter beherrscht. Ein Mann, der scheinbar f�r sich selbst keinen Ehrgeiz kannte, der aber r�cksichtslos in der Vernichtung anderer war. Fiedler stellte in der �Abteilung� eine Ausnahme dar, denn er beteiligte sich nicht an den dort �blichen Intrigen und schien es zufrieden zu sein, ohne Aussicht auf Bef�rderung im Schatten Mundts zu leben. Er konnte nicht als Mitglied dieser oder jener Clique bezeichnet werden; selbst einstige Mitarbeiter von ihm konnten nicht sagen, wo er seinen Standort innerhalb des Machtgef�ges der �Abteilung� hatte. Fiedler war ein Einzelg�nger - gef�rchtet, unbeliebt und beargw�hnt. Welche Motive er auch haben mochte, er verbarg sie unter einem Mantel von zersetzendem Sarkasmus.</p><p>�Fiedler ist unser bestes Pferd�, hatte der Chef erkl�rt, als er mit Leamas und Peter Guillam in dem d�steren kleinen �Siebenzwergehaus� in Surrey beim Abendessen sa�. Dort lebte der Chef mit seiner zierlichen Frau inmitten geschnitzter indischer Tischchen mit Messingplatten.</p><p>�Fiedler ist der Ministrant, der seinem Priester eines Tages das Messer in den R�cken sto�en wird. Er ist der einzige Mann, der Mundt gewachsen ist� - hier hatte Guillam genickt -, �und er ha�t ihn aus tiefster Seele. Fiedler ist nat�rlich Jude, und Mundt ziemlich das Gegenteil. Ein denkbar schlechtes Gespann. Unsere Aufgabe war es�, erkl�rte er mit einem Hinweis auf Guillam und sich selbst, �dass wir Fiedler die Waffe gaben, mit der er Mundt vernichten kann. Ihre Arbeit, mein lieber Leamas, ist es nun, ihn zum Gebrauch dieser Waffe zu ermutigen. Selbstverst�ndlich nur indirekt, weil Sie ihm nie begegnen werden. Wenigstens hoffe ich das.�</p><p>Dar�ber hatten sie alle gelacht, auch Guillam. Es schien damals ein guter Witz zu sein; jedenfalls gut in den Augen des Chefs.</p><p>Es mu�te schon nach Mitternacht sein. Sie waren l�ngere Zeit auf einer Schotterstra�e gefahren, die zum Teil durch einen Wald und zum Teil durch offenes Gel�nde f�hrte. Nun hielten sie, und einen Augenblick sp�ter war der DKW neben ihnen. Als er und Peters ausstiegen, bemerkte Leamas, dass jetzt drei Leute im zweiten Wagen sa�en. Zwei von ihnen waren gerade im Begriff auszusteigen. Der dritte sa� auf dem R�cksitz und sah beim Licht der Deckenlampe einige Papiere durch - eine kleine Figur; die vom Schatten halb verdeckt war.</p><p>Sie hatten in der N�he einiger unbenutzter St�lle geparkt; das Geb�ude lag zehn Meter weiter hinten. Im Scheinwerferlicht des Wagens konnte Leamas ungenau ein niedriges Bauernhaus mit Fachwerk und wei�gekalkten W�nden ausnehmen. Sie stiegen aus. Der Mond war herausgekommen und schien so hell, dass sich die bewaldeten H�gel scharf gegen den blassen Nachthimmel abzeichneten. Sie gingen zum Haus, voran Peters und Leamas, w�hrend ihnen die beiden M�nner folgten. Der Mann im zweiten Wagen hatte noch immer keine Anstalten gemacht auszusteigen; er blieb im Wagen und las.</p><p>An der Haust�r mu�ten Peters und Leamas auf die herankommenden M�nner warten, von denen einer einen Schl�sselbund in seiner linken Hand hielt. W�hrend er mit den Schl�sseln hantierte, stand der andere mit den H�nden in den Taschen im Hintergrund und gab ihm Deckung.</p><p>�Sie gehen kein Risiko ein�, bemerkte Leamas zu Peters. �Was denken sie, wer ich bin?�</p><p>�Sie werden nicht bezahlt, um zu denken�, erwiderte Peters. Er wandte sich an einen von ihnen und fragte auf deutsch: �Kommt er?�</p><p>Der Deutsche zuckte mit den Schultern und schaute zu den Wagen hinunter. �Er wird schon kommen�, sagte er. �Er kommt gern allein.�</p><p>Sie gingen ins Haus, der Mann f�hrte sie. Es war wie ein Jagdhaus eingerichtet, teils alt, teils neu. Die matte Deckenbeleuchtung gab nur wenig Licht. Die Luft im Haus war muffig, so als sei es unbewohnt und nur f�r ihren Besuch ge�ffnet worden. Da und dort gab es Spuren beh�rdlicher Verwaltung: eine Tafel mit Anweisungen f�r das Verhalten bei Brandgefahr, die amtliche gr�ne Farbe auf den T�ren und schwere automatische T�rschlie�er. In dem ganz bequem eingerichteten Wohnzimmer standen dunkle, schwere, sehr zerkratzte M�bel und die unvermeidlichen Fotografien sowjetischer F�hrer. Diese aus der Anonymit�t kommenden Eingriffe in die Atmosph�re des Hauses zeigten Leamas, wie sehr die Arbeit der �Abteilung� auch dort, wo es nicht gewollt war, vom Geist der B�rokratie durchdrungen wurde. Diese Erscheinung war Leamas schon vom Rondell her vertraut.</p><p>Peters setzte sich, und Leamas folgte seinem Beispiel. Sie warteten zehn Minuten, dann wandte sich Peters an einen der zwei M�nner, die gelangweilt am anderen Ende des Raumes standen.</p><p>�Gehen Sie und sagen Sie ihm, dass wir warten. Und beschaffen Sie uns etwas zu essen, wir sind hungrig.� Als der Mann zur T�r ging, rief Peters: �Und Whisky - sagen Sie ihnen, dass sie Whisky und einige Gl�ser bringen sollen.� Der Mann zuckte wenig entgegenkommend mit den Achseln und ging hinaus, indem er die T�r hinter sich offenlie�.</p><p>�Sind Sie schon einmal hier gewesen?� fragte Leamas.</p><p>�Ja�, sagte Peters.</p><p>�Wozu?�</p><p>��hnliche Unternehmungen, nicht dasselbe, aber unsere Art Arbeit eben.�</p><p>�Mit Fiedler?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Ist er gut?�</p><p>�F�r einen Juden ist er nicht schlecht�, antwortete Peters, w�hrend sich Leamas, der am anderen Ende des Raumes ein Ger�usch geh�rt hatte, umwandte und Fiedler dort in der T�r stehen sah. In der einen Hand hielt er eine Flasche Whisky, in der anderen Gl�ser und eine Flasche Mineralwasser. Er konnte nicht gr��er als ein Meter siebzig sein. Er trug einen dunkelblauen Einreiher; die Jacke war zu lang geschnitten. Seine Bewegungen waren geschmeidig wie die eines Raubtieres, er hatte leuchtende braune Augen. Er schaute nicht sie an, sondern den Wachtposten neben der T�r.</p><p>�Gehen Sie�, sagte er. Er hatte einen leicht s�chsischen Tonfall. �Gehen Sie und sagen Sie dem anderen, er soll uns etwas zu essen bringen.�</p><p>�Ich habe es ihm schon gesagt�, rief Peters. �Sie wissen es bereits. Aber sie haben nichts gebracht.�</p><p>�Sie sind gro�e Snobs�, bemerkte Fiedler trocken auf englisch, �sie meinen, wir sollten uns das Essen von Dienern servieren lassen.�</p><p>Fiedler hatte den Krieg in Kanada verlebt. Leamas erinnerte sich jetzt daran, als er den Akzent erkannte. Fiedlers Eltern waren als deutschj�dische Marxisten geflohen und 1946 zur�ckgekommen, da sie es kaum erwarten konnten, ohne R�cksicht auf pers�nliche Opfer am Aufbau des stalinistischen Deutschland mitzuarbeiten.</p><p>�Hallo�, setzte er, zu Leamas gewandt, fast beil�ufig hinzu, �erfreut, Sie zu sehen.�</p><p>�Hallo, Fiedler.�</p><p>�Sie haben das Ende des Weges erreicht.�</p><p>�Was, zum Teufel, meinen Sie?� fragte Leamas schnell.</p><p>�Ich meine, dass Sie im Gegensatz zu allen Versicherungen von Peters nicht weiter nach Osten fahren werden. Bedaure.� Es klang am�siert.</p><p>Leamas wandte sich zu Peters. �Ist das wahr?� Seine Stimme zitterte vor Zorn. �Ist das wahr? Sprechen Sie!�</p><p>Peters nickte. �Ja. Ich bin nur der Mittelsmann. Wir mu�ten es so aufziehen. Es tut mir leid�, f�gte er hinzu.</p><p>�Warum?�</p><p><emphasis>�Force majeure�,</emphasis> warf Fiedler ein. �Ihr erstes Verh�r fand im Westen statt, und dort konnte nur eine Botschaft jene Art von Verbindung herstellen, wie wir sie brauchten. Die Deutsche Demokratische Republik hat keine diplomatischen Vertretungen im Westen. Noch nicht. Unsere Verbindungsleute richteten es deshalb so ein, dass wir in den Genu� von Einrichtungen, Nachrichtenmitteln und diplomatischer Immunit�t kamen, die man uns gegenw�rtig noch versagt.�</p><p>�Sie Saukerl�, zischte Leamas, �Sie lausiger Saukerl! Sie haben genau gewu�t, dass ich mich Ihrem kl�glichen Verein niemals anvertraut h�tte. Das ist der wahre Grund, oder? Deshalb haben Sie einen Russen vorgeschickt.�</p><p>�Wir nahmen die Hilfe der Sowjetbotschaft in Den Haag in Anspruch. Was h�tten wir sonst machen k�nnen? Bis dahin war es unsere Operation. Das war v�llig richtig gehandelt. Weder wir noch irgend jemand sonst konnte voraussehen, dass Ihre Leute in England so schnell auf Ihre Spur kommen w�rden.�</p><p>�Nein? Auch dann nicht, als ihr selbst sie auf mich gehetzt habt? In Wirklichkeit ist doch genau das geschehen, Fiedler!� - �Vergessen Sie nie�, hatte der Chef gesagt, �ihnen Ihre Abneigung zu zeigen. Dann werden sie sch�tzen, was sie aus Ihnen herausbekommen.�</p><p>�Das ist Unfug�, erwiderte Fiedler kurz. Dann sagte er irgend etwas auf russisch zu Peters, der daraufhin nickte und aufstand.</p><p>�Auf Wiedersehen�, sagte er zu Leamas. �Viel Gl�ck.�</p><p>Er l�chelte m�de, nickte Fiedler zu und ging zur T�r. Als er schon seine Hand auf der T�rklinke hatte, drehte er sich noch einmal um und sagte zu Leamas: �Viel Gl�ck.� Er schien auf irgendeine Antwort von Leamas zu warten, aber Leamas tat so, als habe er nichts geh�rt. Er war sehr bla� geworden und hielt seine H�nde mit den Daumen nach oben locker �ber seinen Leib, als erwarte er jederzeit den Beginn einer Schl�gerei. Peters blieb an der T�r stehen.</p><p>�Ich h�tte es wissen m�ssen�, sagte Leamas, und seine Stimme verriet durch ihren Klang, wie emp�rt er war. �Ich h�tte erraten m�ssen, dass Sie nie den Mut dazu aufbringen w�rden, Ihre schmutzige Arbeit selbst zu tun, Fiedler. Es ist typisch f�r Ihre verkommene kleine Staatsh�lfte und Ihren armseligen Geheimdienst, dass der gro�e Bruder f�r Sie die Kupplerdienste verrichten mu�. Ihr seid hier ja gar kein Staat, das ist �berhaupt keine echte Regierung: ihr habt eine f�nftklassige Diktatur von politischen Irren.�</p><p>Er stie� den Finger in Fiedlers Richtung und br�llte: �Ich kenne Sie, Sie sadistischer Saukerl: all das ist typisch f�r Sie. W�hrend des Krieges waren Sie ja auch in Kanada, nicht wahr? Es war damals ein sehr viel angenehmerer Platz als hier, was? Ich wette, dass Sie bei jedem Flugzeug Ihren dicken Kopf in Mammis Sch�rze gesteckt haben. Und jetzt? Sie sind ein kriechender kleiner Diener von Mundt, w�hrend zweiundzwanzig russische Divisionen auf Mutters T�rschwelle sitzen. An dem Tag, an dem Sie aufwachen und herausfinden werden, dass sie fort sind, m�chte ich nicht in Ihrer Haut stecken, Fiedler. Da wird es Mord und Totschlag geben, und weder Mammi noch gro�er Bruder werden verhindern k�nnen, dass Sie bekommen, was Sie verdienen.�</p><p>Fiedler zuckte mit den Achseln. �Fassen Sie's als Besuch beim Zahnarzt auf, Leamas. Je eher wir fertig sind, desto eher k�nnen Sie nach Hause gehen. Essen Sie etwas und gehen Sie dann zu Bett.�</p><p>�Sie wissen ganz genau, dass ich nicht mehr nach Hause kann�, gab Leamas zur�ck. �Daf�r haben Sie schon gesorgt. Sie haben mich in England gr�ndlich auffliegen lassen. Es blieb euch beiden ja gar nichts anderes �brig, denn ihr habt verdammt genau gewu�t, dass ich niemals gekommen w�re, h�tte man mir eine andere Wahl gelassen.�</p><p>Fiedler sah seine schlanken, kr�ftigen Finger an. �Es d�rfte kaum der rechte Moment zum Philosophieren sein�, sagte er. �Aber ich mu� Ihnen schon sagen, dass Sie eigentlich keinen Grund zu Beschwerden haben. Unsere Arbeit - Ihre und meine - geht schlie�lich von der Annahme aus, dass das Ganze wichtiger als der Einzelne ist. Deshalb betrachtet ein Kommunist seinen Geheimdienst als die ganz nat�rliche und gerechtfertigte Verl�ngerung seines Armes, w�hrend die Arbeit des Nachrichtendienstes in Ihrem Land in eine Art <emphasis>pudeur anglaise</emphasis> geh�llt ist. Die Ausbeutung von Individuen ist nur durch die kollektive Notwendigkeit zu rechtfertigen, nicht wahr? Ich finde es etwas l�cherlich, dass Sie sich so emp�rt geben. Wir sind hier nicht zusammengekommen, um die ethischen Gesetze des englischen Landlebens einzuhalten.� Dann f�gte er sanft hinzu: �Schlie�lich ist auch Ihr eigenes Verhalten von einem puristischen Standpunkt aus nicht untadelig gewesen.�</p><p>Leamas beobachtete Fiedler mit dem Ausdruck der Verachtung.</p><p>�Ich kenne Ihr Problem genau. Sie sind doch Mundts Pudel? Man sagt, Sie wollen seinen Posten haben? Ich nehme an, Sie werden ihn jetzt bekommen. Es ist an der Zeit, dass die �ra Mundts zu Ende geht. Vielleicht tut sie es gerade.�</p><p>�Ich verstehe nicht�, antwortete Fiedler.</p><p>�Ich bin Ihr gro�er Erfolg, nicht wahr?� h�hnte Leamas. Fiedler schien einen Moment nachzudenken, dann zuckte er mit den Achseln und sagte: �Die Operation war erfolgreich. Ob sie es wert war, ist noch fraglich. Wir werden sehen. Aber es war eine gute Operation. Sie erf�llte die einzige Forderung, die unser Beruf kennt: sie funktionierte.�</p><p>�Ich vermute, Sie betrachten das als Ihren pers�nlichen Erfolg?� fragte Leamas mit einem Blick zu Peters.</p><p>�Es geht hier nicht um die Frage eines pers�nlichen Verdienstes�, entgegnete Fiedler. Er setzte sich auf die Sofalehne, blickte Leamas einen Augenblick gedankenvoll an und sagte dann: �Trotz allem haben Sie das Recht, �ber einen Umstand entr�stet zu sein: Wer sagte Ihren Leuten, dass wir Sie aufgegabelt haben? Wir waren es nicht. Sie werden mir vielleicht nicht glauben, aber es ist tats�chlich wahr. Wir haben Ihren Leuten nichts gesagt. Wir wollten es ja gerade vermeiden, dass sie davon erfuhren. Wir hatten sogar �berlegungen angestellt, ob Sie nicht sp�ter f�r uns arbeiten k�nnten - ein Gedanke, dessen L�cherlichkeit ich jetzt erkenne. Wer sonst aber k�nnte es Ihren Leuten gesagt haben? Sie waren doch v�llig allein, trieben sich herum, hatten keine Adresse, keine Bindung, keine Freunde. Wie, zum Teufel, hat man erfahren, dass Sie verschwunden sind? Irgend jemand mu� es ihnen gesteckt haben. Aber es kann weder Ashe noch Kiever gewesen sein, denn beide sind jetzt in Haft.�</p><p>�Verhaftet?�</p><p>�So scheint es. Nicht gerade wegen der Beteiligung an Ihrem Fall. Es gab da noch andere Sachen ��</p><p>�So, so.�</p><p>�Es ist wahr, was ich Ihnen jetzt gerade gesagt habe. Wir h�tten uns mit Peters' Bericht aus Holland zufriedengegeben, und Sie h�tten Ihr Geld nehmen und verschwinden k�nnen. Aber Sie haben noch nicht alles erz�hlt, und ich will alles wissen. Schlie�lich stellt uns Ihre Gegenwart hier auch vor Probleme, wissen Sie!�</p><p>�Nun, ihr habt keine Dummheit gemacht, ich kenne die ganze verdammte Geschichte und w�nsche euch viel Gl�ck dazu.�</p><p>Es entstand eine Pause, w�hrend welcher Peters mit einem abrupten und keineswegs freundlichen Nicken in Fiedlers Richtung ruhig den Raum verlie�.</p><p>Fiedler ergriff die Whiskyflasche und go� ein wenig in jedes Glas.</p><p>�Wir haben leider kein Soda�, sagte er. �Wollen Sie Wasser haben? Ich habe Soda bestellt, aber sie brachten nur irgendeine schlechte Limonade.�</p><p>�Ach, zum Henker mit Ihnen�, sagte Leamas. Pl�tzlich f�hlte er sich sehr m�de.</p><p>Fiedler sch�ttelte den Kopf. �Sie sind ein sehr stolzer Mann�, bemerkte er, �aber das macht nichts. Essen Sie Ihr Abendbrot und gehen Sie zu Bett.�</p><p>Einer der Wachtposten kam mit einem Tablett herein - Schwarzbrot, Wurst und gr�ner Salat.</p><p>�Es ist etwas einfach�, sagte Fiedler, �aber ganz zufriedenstellend. Leider gibt es keine Kartoffeln. Es herrscht eine vor�bergehende Knappheit.�</p><p>Sie fingen schweigend zu essen an, Fiedler sehr sorgsam, wie ein Mann, der seine Kalorien z�hlt.</p><p>Die Wachen f�hrten Leamas zu seinem Schlafzimmer. Sie lie�en ihn sein Gep�ck selbst tragen. Es war dasselbe Gep�ck, das ihm Kiever vor der Abreise aus England gegeben hatte. Er ging zwischen ihnen den breiten Mittelkorridor hinunter, der von der Eingangst�r durch das Haus f�hrte. Sie kamen zu einer gro�en Doppelt�r, die dunkelgr�n gestrichen war, und einer der Wachtposten schlo� auf. Sie bedeuteten Leamas, zuerst hineinzugehen. Er stie� die T�r auf und befand sich in einem kleinen, kasernenartig eingerichteten Raum mit zwei Stockbetten, einem Stuhl und einem primitiven Schreibtisch. Es war wie in einem Gefangenenlager. An den W�nden hingen M�dchenbilder und vor den Fenstern waren L�den. An der gegen�berliegenden Seite des Raumes befand sich eine weitere T�r, auf die die W�chter wiesen. Er stellte sein Gep�ck ab, ging hin und �ffnete sie. Der zweite Raum war ebenso wie der erste, aber es stand nur ein Bett darin, und die W�nde waren kahl.</p><p>�Sie holen die Koffer�, sagte er. �Ich bin m�de.�</p><p>Er zog sich aus, warf sich aufs Bett und war in wenigen Minuten fest eingeschlafen.</p><p>Ein Posten weckte ihn mit dem Fr�hst�ck: Schwarzbrot und Ersatzkaffee. Er stand auf und ging zum Fenster.</p><p>Das Haus stand auf einer Anh�he. Dicht vor seinem Fenster begann ein steil abfallender Hang, so dass der Blick �ber Kiefernwipfel hinweg auf dichtbewaldete H�henz�ge fiel, die sich regelm��ig hintereinander gestaffelt in der Ferne verloren. Hier und da leuchtete ein Kahlschlag oder eine Brandschneise als d�nne br�unliche Trennlinie aus dem gr�nen Meer der Kiefern hervor, als habe dort Arons Stab auf wunderbare Weise die massiven Wogen der vordringenden W�lder geteilt. Menschen schien es hier nirgends zu geben: kein Haus, keine Kirche, nicht einmal die Ruine einer fr�heren Behausung - nur der Weg, der gelbe Schotterweg, der wie eine mit dem Pastellstift gezogene Linie durch die Mulde des Tales f�hrte. Es war kein Laut zu h�ren. Es schien unglaubhaft, dass derartige Weite so still sein konnte. Es war ein klarer, kalter Tag. Es mu�te in der Nacht geregnet haben. Der Boden war feucht, und die ganze Landschaft hob sich so scharf gegen den wei�en Himmel ab, dass Leamas noch auf den fernsten H�geln einzelne B�ume unterscheiden konnte.</p><p>Er zog sich langsam an, w�hrend er den bitteren Kaffee trank. Er war mit dem Ankleiden fast fertig und wollte gerade das Brot zu essen beginnen, als Fiedler hereinkam.</p><p>�Guten Morgen�, sagte er gutgelaunt. �Lassen Sie sich durch mich nicht beim Fr�hst�ck st�ren.� Er setzte sich aufs Bett. Leamas mu�te zugeben: Fiedler hatte Mut. Zwar geh�rte sicher nicht viel Tapferkeit dazu, ihn in seinem Zimmer zu besuchen, da die Wachen noch im anschlie�enden Raum waren, wie Leamas annahm, aber in Fiedlers Auftreten waren Ausdauer und eine bestimmte Zielstrebigkeit sp�rbar, die Leamas bewunderte.</p><p>�Sie haben uns vor ein schwieriges Problem gestellt�, bemerkte Fiedler.</p><p>�Ich habe Ihnen alles gesagt, was ich wei�.�</p><p>�O nein.� Er l�chelte. �O nein, das stimmt nicht. Sie haben uns nur das gesagt, was sie noch <emphasis>bewu�t</emphasis> im Ged�chtnis haben.�</p><p>�Sehr klug�, murmelte Leamas, schob sein Essen beiseite und z�ndete sich eine Zigarette an. Es war seine letzte.</p><p>�Lassen Sie jetzt mich eine Frage stellen�, schlug Fiedler mit der �bertriebenen Gutm�tigkeit eines Mannes vor, der ein Gesellschaftsspiel anregt. �Was w�rden Sie als erfahrener Nachrichtenoffizier mit der Information machen, die Sie uns gegeben haben?�</p><p>�Welche Information?�</p><p>�Mein lieber Leamas, Sie haben uns doch nur Teilinformationen geliefert. Sie haben uns von Riemeck erz�hlt: Wir waren �ber Riemeck l�ngst im Bilde. Sie haben uns von den Einrichtungen Ihrer Berliner Dienststelle berichtet, von Ihren Mitarbeitern und Agenten. Das ist, wenn ich so sagen darf, ein alter Hut. Genau geschildert - sicher. Gutes Hintergrundmaterial, faszinierend zu lesen, hie und da gute Erg�nzungen, hie und da ein kleiner Fisch, den wir jetzt aus dem Teich herausholen werden. Aber kein Material, das - wenn ich es grob ausdr�cken darf - f�nfzehntausend Pfund wert ist.� Er l�chelte wieder. �Wenigstens nicht nach dem gerade g�ltigen Tarif.�</p><p>�H�ren Sie�, sagte Leamas. �Ich habe diesen Handel nicht vorgeschlagen - das haben Sie getan. Sie, Kiever und Peters. Nicht ich bin an Ihre weibischen Freunde herangekrochen, um mit altem Material hausieren zu gehen, sondern Ihr seid <emphasis>mir</emphasis> nachgelaufen, Fiedler. <emphasis>Ihr</emphasis> habt den Preis festgesetzt und damit das Risiko �bernommen. Abgesehen davon: bis jetzt habe ich noch keinen lausigen Penny bekommen. Machen Sie mir also keine Vorw�rfe, wenn die Operation ein Mi�erfolg ist.� Zwinge sie, zu dir zu kommen, dachte Leamas.</p><p>�Es ist kein Mi�erfolg�, antwortete Fiedler. �Es ist noch nicht zu Ende. Kann es nicht sein. Sie haben uns noch nicht alles gesagt, was Sie wissen. Ich sagte, Sie hatten uns nur Teilinformationen geliefen. Ich spreche von der Aktion �Rollstein�. Ich m�chte Sie nochmals fragen: Was w�rden Sie tun, wenn ich, wenn Peters oder jemand wie wir Ihnen eine derartige Geschichte erz�hlt h�tten?�</p><p>Leamas zuckte mit den Achseln.</p><p>�Ich w�re unruhig�, sagte er. �Das ist schon vorgekommen: Man erh�lt einen oder vielleicht mehrere Hinweise, dass es in einer Abteilung oder auf einer bestimmten Ebene einen Spion gibt. Was nun? Man kann nicht den ganzen Regierungsapparat verhaften. Man kann nicht einer ganzen Abteilung Fallen stellen. Also bleibt man ruhig und hofft auf mehr. Man beh�lt die Sache im Auge. Im Fall �Rollstein� kann man ja nicht einmal sagen, in welchem Land er arbeitet.�</p><p>�Sie zeigen deutlich, dass Sie ein Mann des Au�endienstes sind�, sagte Fiedler mit einem kleinen Lachen. �Sie sind kein Auswerter. - Ich m�chte Ihnen ein paar grunds�tzliche Fragen stellen.�</p><p>Leamas sagte nichts.</p><p>�Der Ordner - der eigentliche Akt �Rollstein�, welche Farbe hatte er?�</p><p>�Grau, mit einem roten Kreuz darauf. Das bedeutet, dass nur ein begrenzter Personenkreis Zugang dazu hatte.�</p><p>�War au�en irgend etwas drangeheftet?�</p><p>�Ja, der Warnzettel. Das ist eine Verteilerliste mit der vorgedruckten Erl�uterung, dass jede nicht namentlich auf der Liste erw�hnte Person verpflichtet sei, den Akt - sofern er irgendwie in ihre H�nde gelangt war - sofort und unge�ffnet an die Bankabteilung zur�ckzuschicken.�</p><p>�Wer war auf der Verteilerliste?�</p><p>�F�r �Rollstein�?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Der Chef, sein pers�nlicher Referent, seine Sekret�rin, die Bankabteilung, Mi� Bream von der Spezialregistratur und Abteilung Ost vier. Das sind alle, meine ich. Und die Sonderreiseabteilung, glaube ich - da bin ich nicht ganz sicher.�</p><p>�Ost vier? Was wird dort gemacht?�</p><p>�L�nder hinter dem Eisernen Vorhang, ausgenommen Sowjetunion und China. Die Zone.�</p><p>�Sie meinen die DDR?�</p><p>�Ich meine die Zone.�</p><p>�Ist es nicht ungew�hnlich, dass eine ganze Abteilung auf einem derartigen Verteiler steht?�</p><p>�Ja, wahrscheinlich ist es das. Aber ich kenne mich da nicht aus. Ich hatte vorher noch nie mit derart beschr�nktem Verteilermaterial zu tun gehabt. Ausgenommen in Berlin nat�rlich; aber dort war alles ganz anders.�</p><p>�Wer war zu jener Zeit in Ost vier?�</p><p>�Guillam, Haverlake, de Jong, glaube ich. De Jong war gerade von Berlin zur�ckgekommen.�</p><p>�Und alle diese Leute durften den Akt sehen?�</p><p>�Ich wei� nicht, Fiedler�, Leamas war gereizt. �Und wenn ich Sie w�re ��</p><p>�Ist es nicht seltsam, dass eine ganze Abteilung auf dem Verteiler stand, w�hrend sonst nur Einzelpersonen angef�hrt waren?�</p><p>�Ich sagte Ihnen doch, dass ich es nicht, wei� - wie sollte ich es auch wissen? Ich war doch nur ein kleiner Angestellter in dem Laden.�</p><p>�Wer trug den Akt von einem zum anderen?�</p><p>�Sekret�re, nehme ich an - ich kann mich nicht erinnern. Es ist doch schon Monate her.�</p><p>�Warum waren die Sekret�re dann nicht auf der Liste? Die Sekret�rin vom Chef war darauf.� Es war einen Augenblick still.</p><p>�Nein, Sie haben recht�, sagte Leamas. �Ich erinnere mich jetzt.� In seiner Stimme war Verwunderung. �Wir gaben sie pers�nlich weiter.�</p><p>�Wer sonst hatte in der Bankabteilung mit diesem Akt zu tun?�</p><p>�Niemand. Es war meine Sache, als ich zu dieser Abteilung kam. Vorher hatte es eine der Frauen gemacht, aber als ich kam, �bernahm ich es, und sie wurde von der Liste gestrichen.�</p><p>�Dann waren Sie also derjenige, der den Akt pers�nlich dem n�chsten Leser �berbrachte?�</p><p>�Ja � ja, ich glaube, so war es.�</p><p>�Wem �bergaben Sie ihn?�</p><p>�Ich � ich kann mich nicht erinnern.�</p><p>�Denken Sie nach!� Ohne dass Fiedler seine Stimme erhoben h�tte, war pl�tzlich eine f�r Leamas �berraschende Eindringlichkeit in seinen Worten.</p><p>�Dem pers�nlichen Referenten des Chefs, glaube ich. Ich mu�te ihm zeigen, welche Aktionen wir unternommen oder empfohlen hatten.�</p><p>�Wer brachte den Akt?�</p><p>�Was meinen Sie?� Leamas' Stimme klang unsicher.</p><p>�Wer hat vorher den Akt zu Ihnen gebracht? Es mu� doch jemand gewesen sein, der auf der Liste stand.�</p><p>Leamas fuhr sich mit den Fingern �ber die Backe. Es war eine unbewu�te, nerv�se Geste.</p><p>�Ja, jemand von der Liste mu� es gewesen sein. Es ist schwer, sehen Sie, Fiedler. Damals habe ich eine ganze Menge hinter die Binde gegossen.� Er sprach seltsam vertraulich. �Sie k�nnen sich nicht denken, wie schwer es ist ��</p><p>�Ich frage Sie, Leamas: Wer brachte Ihnen den Akt? Denken Sie nach.�</p><p>Leamas setzte sich an den Tisch und sch�ttelte den Kopf. �Ich kann mich nicht erinnern. Vielleicht f�llt's mir wieder ein. Aber im Augenblick kann ich mich gerade nicht daran erinnern, wirklich nicht. Es w�re nicht gut, jetzt weiter zu bohren.�</p><p>�Es k�nnte nicht das M�dchen vom Chef gewesen sein, oder doch? Sie gaben den Akt immer an den Referenten <emphasis>zur�ck.</emphasis> So sagten Sie jedenfalls. Dann m��ten alle Leute, die auf der Liste standen, den Akt vor dem Chef gesehen haben.�</p><p>�Ja, so ist es, glaube ich.�</p><p>�Was hat es mit der Spezialregistratur auf sich, mit Mi� Bream?�</p><p>�Das war die Frau, die den Tresorraum f�r derartige Geheimakten unter sich hatte. Dort wurde der Akt aufbewahrt, wenn er nicht gebraucht wurde.�</p><p>�Dann�, sagte Fiedler sanft, �mu� es die Abteilung Ost vier gewesen sein, die den Akt zu Ihnen brachte, nicht wahr?�</p><p>�Ja, so wird es wohl gewesen sein�, sagte Leamas hilflos, als sei er Fiedlers Scharfsinn nicht ganz gewachsen.</p><p>�In welchem Stock war Ost vier?�</p><p>�Im zweiten.�</p><p>�Und die Bankabteilung?�</p><p>�Im vierten. Neben der Spezialregistratur.�</p><p>�Erinnern Sie sich daran, wer den Akt heraufbrachte? Oder erinnern Sie sich zum Beispiel daran, dass Sie je hinuntergingen, um ihn zu holen?�</p><p>Leamas sch�ttelte verzweifelt den Kopf. Dann wandte er sich aber pl�tzlich zu Fiedler und rief: �Ja, ja, ich erinnere mich! Nat�rlich! Ich bekam ihn von Peter!�</p><p>Leamas schien aufgewacht zu sein, sein Gesicht war von Erregung ger�tet. �So war's: Ich holte den Akt einmal in Peters Zimmer ab. Wir unterhielten uns �ber Norwegen. Wir hatten dort gemeinsam gedient, wissen Sie.�</p><p>�Peter Guillam?�</p><p>�Ja. Peter - ich hatte nicht mehr an ihn gedacht. Er war einige Monate vorher aus Ankara zur�ckgekommen. Er stand auf der Liste! Nat�rlich! Das ist es. Es hie� <emphasis>Ost vier</emphasis> und in Klammern stand <emphasis>PG</emphasis> dahinter, das sind Peters Initialen. Vorher hatte es jemand anderer bearbeitet, und �ber den alten Namen hatte die Spezialregistratur deshalb ein St�ck wei�es Papier geklebt und Peters Initialen drauf geschrieben.�</p><p>�Welches Gebiet bearbeitete Guillam?�</p><p>�Die Zone. Ostdeutschland. Wirtschaftliche Sachen. Er hatte einen kleinen Abschnitt. Es war eine Art Nebengebiet. - Richtig, er war es. Er brachte den Akt auch einmal zu mir herauf, ich erinnere mich jetzt daran. �brigens f�hrte er keine Agenten: Ich wei� gar nicht, wie er eigentlich dazu kam. Peter und ein paar andere machten eine Art Untersuchung �ber die Lebensmittelknappheit. Es war eigentlich nur Auswertung von Material.�</p><p>�Haben Sie nicht mit ihm dar�ber gesprochen?�</p><p>�Nein. So etwas ist tabu. �ber diese Geheimakten wird nicht gesprochen. Die Frau in der Spezialregistratur, Mi� Bream, hielt mir deshalb eine Predigt: keine Diskussion, keine Fragen.�</p><p>�Aber wenn man einmal in Betracht zieht, wie ausgekl�gelt die Sicherheitsma�nahmen waren, die �Rollstein� umgaben, w�re es doch denkbar, dass Guillams sogenannte Untersuchung teilweise die F�hrung dieses Agenten �Rollstein� einschlo�.�</p><p>�Ich habe Peters gesagt�, br�llte Leamas, indem er seine Faust auf den Tisch schlug, �dass es verdammt albern ist, wenn man glaubt, irgendeine Operation gegen Ostdeutschland h�tte ohne mein Wissen, ohne das Berliner B�ro gef�hrt werden k�nnen. Ich h�tte es gewu�t, verstehen Sie! Wie oft soll ich das sagen? Ich h�tte davon gewu�t!�</p><p>�Ganz recht�, sagte Fiedler sanft. �Nat�rlich h�tten Sie davon gewu�t!� Er stand auf und ging zum Fenster.</p><p>�Sie sollten die Gegend hier einmal im Herbst sehen�, sagte er, w�hrend er hinaussah. �Es ist wundervoll, wenn die Buchen sich f�rben.�</p></section><section><p><strong>13 NADELN ODER KLAMMERN</strong></p><p>Fiedler liebte es, Fragen zu stellen. Manche stellte er nur zu seinem eigenen Vergn�gen, da es ihm als Juristen Spa� machte, den Widerspruch zwischen Augenschein und tieferer Wahrheit aufzudecken. Er besa� eben jene beharrliche Wi�begierde, die bei Journalisten und Rechtsanw�lten oft Selbstzweck ist.</p><p>An diesem Nachmittag machten sie einen Spaziergang. Sie folgten der sandigen Stra�e ins Tal hinunter und gingen dann auf einem ausgefahrenen Weg, neben dem geschlagenes Holz gestapelt war, in den Wald hinein. W�hrend der ganzen Zeit bohrte Fiedler mit seinen Fragen weiter, ohne selbst etwas beizusteuern. Er wollte mehr Einzelheiten �ber das Geb�ude am Cambridgerondell wissen und �ber die Menschen, die dort arbeiten. Aus welcher sozialen Schicht kamen sie, in welchem Teil Londons wohnten sie, durften Ehepaare in der gleichen Abteilung arbeiten? Er fragte nach Einkommen, Urlaub, Moral, Kantine, nach Liebesleben, Klatsch und Weltanschauung. Am meisten fragte er nach ihrer Weltanschauung.</p><p>F�r Leamas war das die schwerste Frage von allen.</p><p>�Was meinen Sie mit Weltanschauung?� fragte er. �Wir sind keine Marxisten, wir sind nichts. Blo� Menschen.�</p><p>�Sind sie dann Christen?�</p><p>�Nicht viele, w�rde ich sagen. Ich jedenfalls kenne nicht viele.�</p><p>�Weshalb tut man dann diese Arbeit?� beharrte Fiedler. �Sie m�ssen doch eine Weltanschauung haben.�</p><p>�Warum m�ssen sie? Vielleicht wissen sie es nicht, wahrscheinlich k�mmerte sie es nicht einmal. Es hat nicht jeder Mensch eine Weltanschauung�, antwortete Leamas ein wenig hilflos.</p><p>�Dann verraten Sie mir wenigstens Ihre eigene Philosophie!�</p><p>�Gro�er Gott�, seufzte Leamas. Sie gingen eine Weile schweigend weiter. Aber Fiedler lie� sich damit nicht abweisen.</p><p>�Wenn sie nicht genau wissen, was sie wollen - wie k�nnen sie behaupten, im Recht zu sein?�</p><p>�Wer, zum Teufel, hat gesagt, dass sie das behaupten?� erwiderte Leamas gereizt.</p><p>�Aber womit rechtfertigen sie dann ihre Arbeit? Womit? F�r uns ist das leicht. Das habe ich Ihnen schon letzte Nacht erkl�rt. Die �Abteilung� und �hnliche Organisationen sind der verl�ngerte Arm der Partei, sozusagen die Vorhut im Kampf f�r Frieden und Fortschritt. Sie haben f�r die Partei die gleiche Bedeutung, die die Partei f�r den Sozialismus hat: sie sind die Vorhut.� Fiedler l�chelte trocken: �Stalin hat einmal gesagt - es ist nicht modern, Stalin zu zitieren -, aber Stalin hat einmal gesagt, eine halbe Million Liquidierte seien Statistik, w�hrend ein einzelner Mensch, der bei einem Verkehrsunfall get�tet wird, eine nationale Trag�die darstellt. Er lachte �ber die b�rgerliche Gef�hlsduselei der Masse, verstehen Sie? Er war ein gro�er Zyniker. Aber das, was er damit ausdr�cken wollte, gilt noch immer:</p><p>Eine Bewegung, die sich vor der Gegenrevolution zu sch�tzen hat, kann es sich kaum leisten, auf die Ausnutzung oder sogar auf die Vernichtung einiger Einzelwesen zu verzichten. All dies ist ein gro�er Zusammenhang. Wir haben nie behauptet, dass es bei dem Proze� der vern�nftigen Umgestaltung der Gesellschaft v�llig gerecht zugeht. Aber hat nicht irgendein R�mer in der Bibel gesagt, es sei der Tod eines einzelnen angebracht, wenn er dem Wohl vieler dient?�</p><p>�Ich nehme es an�, sagte Leamas m�de.</p><p>�Also, wie denken Sie, was ist Ihre Philosophie?�</p><p>�Ich glaube, dass ihr alle miteinander Saukerle seid�, sagte Leamas w�tend.</p><p>Fiedler nickte. �Das ist ein Standpunkt, den ich verstehe. Er ist primitiv, negativ und sehr dumm - aber es ist ein Standpunkt. Er existiert. Aber wie steht's mit dem Rest des Rondells?�</p><p>�Ich wei� nicht. Wie sollte ich auch?�</p><p>�Haben Sie mit Ihren Kollegen nie �ber Weltanschauung diskutiert?�</p><p>�Nein. Wir sind keine Deutschen.� Er z�gerte und f�gte dann unbestimmt hinzu: �Den Kommunismus lehnen sie, glaube ich, ab.�</p><p>�Und damit rechtfertigt man beispielsweise die Opferung menschlichen Lebens? Das rechtfertigt die Bombe im �berf�llten Lokal, die Verlustrate eurer Agenten - all das wird dadurch gerechtfertigt?�</p><p>Leamas zuckte die Achseln. �Ich nehme es an.�</p><p>�F�r uns sind diese Dinge gerechtfertigt�, fuhr Fiedler fort. �Ich selbst h�tte in einem Lokal eine Bombe gelegt, wenn uns das auf unserem Weg vorangebracht h�tte. Ich w�rde nachher die Bilanz ziehen: so viele Frauen, so viele Kinder - aber auch so und so viel auf unserem Weg weiter. Aber Christen d�rfen diese Bilanz nicht ziehen - und Ihre Gesellschaftsordnung ist eine christliche.�</p><p>�Warum nicht? Sie m�ssen sich verteidigen, oder?�</p><p>�Aber Christen glauben an die Unverletzlichkeit des menschlichen Lebens. Sie glauben, dass jeder Mensch eine Seele hat, die gerettet werden kann. Sie glauben an Opfer.�</p><p>�Ich wei� nicht�, sagte Leamas. �Ich scher' mich nicht viel drum.� Und dann: �Stalin tat es auch nicht, oder?�</p><p>Fiedler l�chelte. �Ich mag die Engl�nder�, sagte er, als spr�che er zu sich selbst. �Mein Vater sch�tzte sie auch. Er mochte die Engl�nder sehr gern.�</p><p>�Davon wird mir ganz warm ums Herz�, erwiderte Leamas. Er versank in Schweigen.</p><p>Sie blieben stehen, w�hrend Fiedler Leamas eine Zigarette und Feuer gab.</p><p>Es ging jetzt steil bergan. Leamas tat die k�rperliche Bewegung wohl, und er ging mit langen Schritten und vorgebeugten Schultern voran. Fiedler folgte ihm. Er war hager und behende und wirkte wie ein Terrier, der hinter seinem Herrn herl�uft. Sie waren vielleicht eine Stunde oder etwas mehr gegangen, als sich pl�tzlich die B�ume �ber ihnen lichteten und der Himmel zum Vorschein kam. Sie hatten die Spitze eines kleinen H�gels erreicht und konnten auf die dichte Masse der Kiefern hinuntersehen, zwischen denen nur vereinzelte Buchenwipfel als graue Flecken hervorleuchteten. Jenseits des Tales entdeckte Leamas pl�tzlich dicht unter dem Kamm des gegen�berliegenden H�gels das Jagdhaus, flach und dunkel lag es vor den B�umen. In der Mitte der Lichtung stand eine rohgezimmerte Bank neben einem Stapel von Baumst�mmen und den feuchten �berresten eines Holzfeuers.</p><p>�Wir werden uns einen Moment hinsetzen�, sagte Fiedler. �Dann m�ssen wir zur�ckgehen.� Er machte eine Pause. �Sagen Sie: Was haben Sie eigentlich gedacht, f�r welchen Zweck dieses Geld, die gro�en Summen in ausl�ndischen Banken, gezahlt worden ist?�</p><p>�Na, was glauben Sie? Ich habe Ihnen doch gesagt, dass diese Zahlungen f�r einen Agenten waren.�</p><p>�F�r einen Agenten hinter dem Eisernen Vorhang?�</p><p>�Ja, das dachte ich�, antwortete Leamas gereizt.</p><p>�Wie kamen Sie darauf?�</p><p>�Erstens war es sehr viel Geld. Dann die verwickelte Art, in der man ihn bezahlte, die besondere Vorsicht dabei. Und nat�rlich, weil der Chef in allem mit drin war.�</p><p>�Was hat der Agent Ihrer Ansicht nach mit dem Geld gemacht?�</p><p>�Schauen Sie, ich habe Ihnen doch gesagt, dass ich es nicht wei�. Ich wei� ja nicht einmal, ob er es abgeholt hat. Ich hatte �berhaupt keinen Einblick - ich war doch nur ein lausiger Botenjunge.�</p><p>�Was machten Sie mit den Kontoheften f�r die Depositenkonten?�</p><p>�Die habe ich nach meiner R�ckkehr in London abgeliefert, zusammen mit meinem falschen Pa�.�</p><p>�Haben die Banken in Kopenhagen und Helsinki jemals nach London an Sie geschrieben - unter Ihrem Decknamen, meine ich?�</p><p>�Ich wei� nicht. Ich nehme an, dass auf jeden Fall alle Briefe direkt beim Chef gelandet w�ren.�</p><p>�Die von Ihnen bei der Er�ffnung der Konten geleisteten falschen Unterschriften - hatte der Chef ein Muster davon?�</p><p>�Ja. Zur �bung hatte ich eine ganze Menge Unterschriften angefertigt, und sie hatten sich Muster davon aufgehoben.�</p><p>�Mehr als eins?�</p><p>�Ja. Ganze Seiten voll.�</p><p>�Ich verstehe. Nachdem Sie die Konten er�ffnet hatten, konnte man jederzeit Briefe an die Banken schicken, ohne dass Sie davon h�tten wissen m�ssen. Man konnte die Unterschriften nachmachen und die Briefe ohne Ihr Wissen verschicken.�</p><p>�Ja, das ist richtig. Ich nehme an, dass man es so machte. Ich unterschrieb auch viele leere Briefb�gen. Ich war immer der Meinung, dass ein anderer die Korrespondenz erledigte.�</p><p>�Aber tats�chlich <emphasis>gewu�t</emphasis> haben Sie nie etwas von solcher Korrespondenz?�</p><p>Leamas sch�ttelte den Kopf. �Sie haben das alles noch nicht richtig begriffen�, sagte er, �Sie sehen diese Sachen nicht im richtigen Gr��enverh�ltnis zueinander. Wir hatten doch mit ungeheuer viel Papierkram zu tun, und diese Angelegenheit war nicht mehr als ein kleiner Teil der t�glichen Arbeit. Ich habe nicht viel dar�ber nachgedacht. Warum sollte ich auch? Es war zwar Geheimsache, aber mein ganzes Leben hatte ich mit Dingen zu tun, von denen ich nur einen kleinen Teil wu�te, w�hrend irgendein anderer den Rest kannte. Au�erdem langweilt mich Papierkram. Deshalb habe ich bestimmt keinen Schlaf verloren. Nat�rlich ging ich gern auf diese Reisen - bekam Extraspesen, was angenehm war. Aber deshalb dachte ich doch nicht den ganzen Tag �ber �Rollstein� nach, wenn ich an meinem Schreibtisch sa�. Und au�erdem�, f�gte er etwas verlegen hinzu, �fing ich damals etwas zu trinken an.�</p><p>�So sagten Sie�, bemerkte Fiedler, �und nat�rlich glaube ich Ihnen.�</p><p>�Das ist mir ganz egal, ob Sie mir glauben oder nicht�, gab Leamas aufgebracht zur�ck.</p><p>Fiedler l�chelte. �Gott sei Dank�, sagte er. �Das ist ja gerade das Gute an Ihnen. Das Gute ist Ihre Gleichg�ltigkeit. Sie sind einmal ein bi�chen w�tend, einmal ein bi�chen hochm�tig, aber das macht nichts. Das ver�ndert das Bild nicht mehr, als eine Stimme durchs Tonband verzerrt wird. Sie sind objektiv.� Fiedler fuhr nach einer kleinen Pause fort: �Es kam mir der Gedanke, dass wir mit Ihrer Hilfe immer noch feststellen k�nnten, ob jemals von diesem Geld abgehoben worden ist. Es kann Sie nichts daran hindern, den Banken zu schreiben und sie um eine laufende Abrechnung zu bitten. Wir k�nnten schreiben, dass Sie in der Schweiz seien, und eine dortige Adresse angeben. Sehen Sie irgendeine Schwierigkeit dabei?�</p><p>�Es k�nnte funktionieren. Es h�ngt davon ab, ob der Chef unter meinem Decknamen schon mit der Bank korrespondiert hat. Mein Brief k�nnte in diese Korrespondenz nicht hineinpassen.�</p><p>�Ich sehe nicht, was wir dabei zu verlieren h�tten.�</p><p>�Was haben Sie zu gewinnen?�</p><p>�Wenn das Geld abgehoben worden ist - was nat�rlich nicht feststeht -, k�nnten wir dadurch erfahren, wo sich der Agent an einem bestimmten Tag aufgehalten hat. Mir erscheint es nicht unwichtig, das zu wissen.�</p><p>�Sie tr�umen ja! Mit solchen Hinweisen werden Sie ihn niemals finden. Wenn er einmal irgendwo im Westen ist, kann er auf jedes Konsulat gehen und sich ein Visum f�r ein anderes Land holen. Was haben Sie also davon, wenn Sie wissen, wann das Geld abgehoben wurde? Sie wissen doch nicht einmal, ob der Mann Ostdeutscher ist. Was soll das also?�</p><p>Fiedler antwortete nicht sofort. Er starrte zerstreut �ber das Tal hinweg.</p><p>�Sie sagten, Sie seien es gewohnt, immer nur einen Teil zu wissen. Ich kann Ihre Frage jetzt nicht beantworten, ohne dass ich Ihnen dabei etwas sage, was Sie nicht wissen sollen.� Er z�gerte. �Aber �Rollstein� war eine Operation gegen uns, das kann ich Ihnen versichern.�</p><p>�Uns?�</p><p>�Die Deutsche Demokratische Republik.� Er l�chelte: �Die Zone, wenn Ihnen das lieber ist. So empfindlich bin ich da nicht.�</p><p>Jetzt beobachtete er Leamas und lie� seine braunen Augen nachdenklich auf ihm ruhen.</p><p>�Aber was ist mit mir?� fragte Leamas. �Angenommen, ich schreibe die Briefe nicht?� Seine Stimme hob sich. �Ist es nicht Zeit, �ber mich zu sprechen?�</p><p>Fiedler nickte.</p><p>�Warum nicht?� erwiderte er verbindlich.</p><p>Einen Augenblick herrschte Schweigen, dann sagte Leamas: �Ich habe mein Teil getan, Fiedler, Sie und Peters haben alles bekommen, was ich wei�. Ich habe nie zugesagt, Briefe an Banken zu schreiben. So etwas k�nnte sehr gef�hrlich werden. Ich wei�, das ist Ihnen egal. Wenn's nach Ihnen geht, kann man mich schon abschreiben.�</p><p>�Lassen Sie mich offen sein�, entgegnete Fiedler. �Es gibt, wie Sie wissen, in der Befragung jedes �berl�ufers zwei Etappen. In Ihrem Fall ist die erste beinahe abgeschlossen. Sie haben uns alles gesagt, was wir nach den Ma�st�ben der Vernunft gebrauchen k�nnen. Sie haben uns aber nicht gesagt, ob Ihr Geheimdienst beispielsweise Nadeln oder Papierklammern verwendet - Sie haben es nicht erz�hlt, weil ich Sie nicht danach gefragt habe, und weil Sie es f�r zu unwichtig hielten, um es von sich aus zu sagen. Beide Seiten treffen eben eine unbewu�te Auswahl. Es ist nun immer m�glich - und das beunruhigt mich, Leamas -, dass wir in ein oder zwei Monaten pl�tzlich aus irgendeinem unvorhergesehenen und sehr wichtigen Grund �ber Nadeln und Klammern Bescheid wissen m�ssen. Diesem Umstand wird normalerweise in der zweiten Etappe Rechnung getragen - in jenem Teil des Abkommens, den Sie in Holland nicht akzeptieren wollten.�</p><p>�Sie meinen - Sie werden mich auf Eis legen?�</p><p>�Der Beruf eines Verr�ters�, bemerkte Fiedler mit einem L�dieln, �erfordert gro�e Geduld. Sehr wenige sind daf�r geeignet.�</p><p>�Wie lange?� fragte Leamas hartn�ckig.</p><p>Fiedler schwieg.</p><p>�Nun?�</p><p>Als Fiedler zu sprechen begann, nahm seine Stimme pl�tzlich einen dringlichen Unterton an: �Ich gebe Ihnen mein Wort, dass ich Ihnen die Antwort auf Ihre Frage geben werde, sobald es mir m�glich ist. Sehen Sie, ich k�nnte Sie leicht bel�gen, oder nicht? Ich k�nnte sagen, es werde einen Monat oder noch weniger dauern, nur um Sie in Stimmung zu halten. Aber ich sage Ihnen: ich wei� es nicht, denn das ist die Wahrheit. Sie haben uns einige Hinweise gegeben, und ehe wir denen nicht nachgegangen sind, kann ich nicht daran denken, Sie laufenzulassen. Aber wenn die Dinge wirklich so liegen, wie ich es glaube, dann werden Sie sp�ter einen Freund brauchen. Und dieser Freund werde ich sein. Ich gebe Ihnen mein Wort als Deutscher.�</p><p>Leamas war so verbl�fft, dass er einen Augenblick schwieg.</p><p>�Gut�, sagte er schlie�lich, �ich spiele mit, Fiedler. Aber wenn Sie mich hinhalten, dann werde ich Ihnen irgendwie das Genick brechen.�</p><p>�Das wird wohl nicht n�tig sein�, sagte Fiedler ruhig.</p><p>Ein Mann, der nicht nur anderen, sondern auch sich selbst eine Rolle vorlebt, ist offensichtlich psychologischen Gefahren ausgesetzt. An sich stellt die T�tigkeit des T�uschens keine �berm��igen Anforderungen an den Menschen. Es ist eine Frage der Erfahrung, des beruflichen K�nnens, es ist eine F�higkeit, die sich die meisten von uns aneignen k�nnen. Aber w�hrend ein Betr�ger, ein Schauspieler oder ein Hasardeur nach seiner Vorstellung in die Reihen seiner Bewunderer zur�cktreten kann, hat der Geheimagent keine M�glichkeit, sich diese Erleichterung zu verschaffen. F�r ihn ist die T�uschung anderer in erster Linie eine Frage der Selbsterhaltung. F�r ihn gen�gt es nicht, sich nur nach au�en abzuschirmen, er mu� sich auch vor seinem eigenen Inneren sch�tzen, und zwar gegen die nat�rlichsten Impulse. Obwohl er vielleicht ein Verm�gen verdient, kann es durchaus sein, dass ihm seine Rolle den Kauf eines Rasiermessers verbietet. Obwohl er gebildet sein mag, darf er m�glicherweise nichts als Banalit�ten murmeln. Sei er ein liebevoller Gatte und Vater: er mu� sich unter allen Umst�nden gerade von jenen abkapseln, denen nat�rlicherweise sein Vertrauen geh�rt.</p><p>Da sich Leamas durchaus der fast unwiderstehlichen Versuchungen bewu�t war, denen ein Mann angesichts der Tatsache ausgesetzt ist, dass er unter der Maske st�ndig allein mit seiner L�ge leben mu�, nahm er zu einem Verhalten Zuflucht, das ihm den besten Schutz bot; er zwang sich, die Rolle der vorget�uschten Pers�nlichkeit auch dann beizubehalten, wenn er allein war. Angeblich hat sich Balzac auf seinem Totenbett besorgt nach Gesundheit und Wohlergehen der von ihm selbst geschaffenen Figuren erkundigt. In �hnlicher Weise identifizierte sich Leamas, ohne auf Erfindungskraft zu verzichten, mit dem, was er erfunden hatte. Die Eigenarten, die er vor Fiedler entfaltete, seine rastlose Unberechenbarkeit, seine Arroganz, hinter der er das schlechte Gewissen zu verbergen trachtete, waren seinen eigenen, urspr�nglichen Eigenschaften nicht etwa nur angen�hert, sondern aus ihnen heraus durch eine gewisse �bertreibung entwickelt, also auch das leichte Schlurfen der F��e, die Vernachl�ssigung seiner �u�eren Erscheinung, die Gleichg�ltigkeit, die er dem Essen gegen�ber zeigte, und sein steigendes Bed�rfnis nach Alkohol und Tabak. Auch wenn er allein war, blieb er diesen Gewohnheiten treu. Er pflegte sie dann sogar etwas zu �bertreiben und er hielt Selbstgespr�che �ber die Ungerechtigkeit, mit der ihn sein Geheimdienst behandelt habe.</p><p>Nur sehr selten, wie jetzt an diesem Abend, gestattete er sich w�hrend des Zubettgehens den gef�hrlichen Luxus, die gro�e L�ge, die er lebte, vor sich selbst einzugestehen.</p><p>Der Chef hatte in erstaunlicher Weise recht gehabt. Fiedler stolperte mit schlafwandlerischer Sicherheit in das Netz, das ihm der Chef gelegt hatte. Es war unheimlich, die wachsende Gleichartigkeit der Interessen zwischen Fiedler und dem Chef zu beobachten: fast schien es, als h�tten sie sich auf ein gemeinsames Vorhaben geeinigt und als sei Leamas zu seiner Durchf�hrung ausgeschickt worden.</p><p>Vielleicht war das die Antwort. Vielleicht war Fiedler die geheime Informationsquelle, um deren Erhaltung der Chef so verzweifelt bem�ht war. Aber Leamas vermied es, �ber diese M�glichkeit weiter nachzudenken. Er wollte es nicht wissen. In dieser Beziehung war er alles andere als neugierig. Er wu�te, dass keinerlei Vorteil aus seinen m�glichen Schlu�folgerungen erwachsen konnte. Trotzdem hoffte er zu Gott, dass es wahr sei. Es war m�glich, gerade in diesem Fall war es m�glich, dass er noch einmal nach Hause kommen k�nnte.</p></section><section><p><strong>14 BRIEF AN EINEN KUNDEN</strong></p><p>Am n�chsten Morgen war Leamas noch im Bett, als ihm Fiedler die Briefe zur Unterschrift brachte. Der eine war auf dem d�nnen blauen Schreibpapier des Seiler-Hotels Alpenblick, Spiezersee, Schweiz, geschrieben, der andere auf Papier mit dem Briefkopf des Palace-Hotels in Gstaad. Leamas las den ersten Brief:</p><p>An die K�niglich-Skandinavische Bank GmbH Kopenhagen</p><p>�Sehr geehrte Herren, ich bin seit einigen Wochen auf Reisen und habe keine Post aus England erhalten. Infolgedessen habe ich Ihre Antwort auf meinen Brief vom 3. M�rz nicht bekommen, in dem ich um die laufende Abrechnung f�r das Depositenkonto bat, das ich gemeinsam mit Herrn Karlsdorf habe. Um weitere Verz�gerungen zu vermeiden, m�chte ich Sie bitten, mir eine doppelt ausgestellte Abrechnung an die folgende Adresse zu schicken. Dort werde ich mich ab 21. April zwei Wochen aufhalten:</p><p>Per Adresse Madame Y. de Sanglot 13, Avenue des Colombes Paris 12<sup>e</sup> France Entschuldigen Sie bitte die M�he, die ich Ihnen damit verursache.</p><p>Ihr sehr ergebener Robert Lang</p><p>�Was soll diese Bemerkung von einem Brief vom 3. M�rz?� fragte er. �Ich habe doch keinen Brief geschrieben.�</p><p>�Nein, das haben Sie nicht. Und soviel wir wissen, hat das niemand. Das wird die Bank stutzig machen. Wenn zwischen unserem Brief hier und Briefen, die sie vielleicht vom Chef bekommen haben, innere Widerspr�che vorhanden sind, werden sie aber annehmen, dass die L�sung daf�r in dem fehlenden Brief vom 3. M�rz zu finden ist. Die Reaktion darauf wird sein, dass man Ihnen, wie gew�nscht, die Abrechnung zusammen mit einem Begleitschreiben schicken wird, in dem man bedauernd mitteilt, dass Ihr Brief vom 3. M�rz nicht angekommen sei.�</p><p>Der zweite Brief lautete wie der erste, nur die Namen waren ge�ndert. Die Adresse in Paris war die gleiche. Leamas nahm ein leeres Blatt Papier und seinen F�llfederhalter und schrieb ein halbes dutzendmal mit fl�ssiger Schrift �Robert Lang�. Dann unterschrieb er den ersten Brief. Dann �bte er mit schr�ggehaltener Feder die zweite Unterschrift, bis er damit zufrieden war, und schrieb �Stephen Bennett� unter den zweiten Brief.</p><p>�Ausgezeichnet�, bemerkte Fiedler, �ganz ausgezeichnet.�</p><p>�Was machen wir jetzt?�</p><p>�Die Briefe werden morgen in der Schweiz aufgegeben, in Interlaken und Gstaad. Unsere Leute in Paris werden mir den Text der Antwortschreiben sofort nach ihrem Eintreffen telegrafieren. In einer Woche haben wir sie.�</p><p>�Und bis dahin?�</p><p>�Wir werden uns gegenseitig Gesellschaft leisten. Ich wei�, dass Ihnen das zuwider ist, und ich entschuldige mich daf�r. Ich dachte, wir k�nnten vielleicht Spazierg�nge machen, etwas in der Gegend herumfahren, eben irgendwie die Zeit totschlagen. Ich m�chte, dass Sie sich entspannen und erz�hlen, �ber London, �ber das Rondell, die Arbeit in Ihrer Abteilung. Erz�hlen Sie mir den Klatsch, sprechen Sie �ber die Bezahlung, den Urlaub, die B�ror�ume und die Menschen. �ber die Nadeln und Klammern, sozusagen, Ich m�chte all die kleinen Dinge erfahren, die keine Rolle spielen. �brigens �� - Fiedler hatte den Tonfall ge�ndert.</p><p>�Ja?�</p><p>�Wir haben hier M�glichkeiten f�r Leute, die � f�r Leute, die einige Zeit bei uns zubringen. M�glichkeiten der Zerstreuung und so weiter.�</p><p>�Bieten Sie mir eine Frau an?� fragte er.</p><p>�Ja.�</p><p>�Nein, danke. Im Gegensatz zu Ihnen habe ich nicht das Stadium erreicht, wo ich einen Kuppler brauchte.�</p><p>Die Antwort schien Fiedler nicht zu ber�hren. Er fuhr schnell fort: �Aber Sie hatten eine Freundin in England, nicht wahr? Das M�dchen aus der Bibliothek?�</p><p>Leamas fuhr herum. Er hielt die H�nde ge�ffnet in H�he der H�ften, so als wolle er sich auf Fiedler st�rzen.</p><p>�Eines sage ich Ihnen!� br�llte er. �Nur dies eine: �ber diese Sache will ich nichts mehr h�ren, nicht im Scherz, nicht als Drohung. Nicht einmal als Druckmittel, Fiedler, weil das keinen Erfolg h�tte. Niemals. Ich w�rde kein Wort mehr sagen, verstehen Sie? Sie w�rden von mir nie mehr auch nur ein Wort bekommen, solange ich lebe. Sagen Sie das den Leuten, Fiedler, sagen Sie es Mundt und Stammberger, oder welche Ratte sonst Ihnen befohlen hat, davon zu reden - bestellen Sie ihnen, was ich gesagt habe.�</p><p>�Ich werde es ausrichten�, antwortete Fiedler. �Ich werde es ausrichten. Es ist vielleicht schon zu sp�t.�</p><p>Nachmittags gingen sie noch einmal spazieren. Der Himmel war dunkel und schwer, es war warm.</p><p>�Ich bin nur einmal in England gewesen�, bemerkte Fiedler beil�ufig. �Das war mit meinen Eltern, auf dem Weg nach Kanada, vor dem Krieg. Ich war noch ein Kind. Wir waren zwei Tage dort.�</p><p>Leamas nickte.</p><p>�Ich kann Ihnen jetzt verraten�, fuhr Fiedler fort, �dass ich vor einigen Jahren beinahe wieder hingekommen w�re. Ich sollte Mundt in der Stahlmission abl�sen - wu�ten Sie, dass er einmal in London war?�</p><p>�Ich wu�te es�, erwiderte Leamas vielsagend.</p><p>�Ich habe mich immer gefragt, wie diese T�tigkeit gewesen w�re.�</p><p>�Das �bliche, meistens Umgang mit den anderen Ostblockmissionen, nehme ich an. Dazu gewisse Kontakte zur britischen Gesch�ftswelt, allerdings nicht sehr viel davon.� Leamas schien gelangweilt zu sein.</p><p>�Aber Mundt kam ganz sch�n herum: er fand es nicht schwer.�</p><p>�Das habe ich geh�rt�, sagte Leamas. �Er schaffte es sogar, ein paar Leute umzulegen.�</p><p>�Auch davon haben Sie also geh�rt?�</p><p>�Durch Peter Guillam. Er arbeitete mit George Smiley an dem Fall. Mundt h�tte George fast auch noch umgebracht.�</p><p>�Der Fennan-Fall�, sagte Fiedler nachdenklich. �Eigentlich erstaunlich, dass Mundt �berhaupt davonkam, nicht wahr?�</p><p>�Das finde ich auch.�</p><p>�Man sollte nicht glauben, dass ein Mann, der als Mitglied einer ausl�ndischen Mission mit Fotografie und Personenbeschreibung in den Akten des Ausw�rtigen Amtes gef�hrt wird, gegen den ganzen britischen Sicherheitsdienst eine Chance haben w�rde.�</p><p>�Soviel ich geh�rt habe�, sagte Leamas, �war man gar nicht scharf darauf, ihn zu fassen.�</p><p>Fiedler blieb pl�tzlich stehen.</p><p>�Was sagen Sie da?�</p><p>�Ich sage nichts weiter, als dass Peter Guillam mir gegen�ber bezweifelt hat, dass man Mundt wirklich fassen wollte. Wir waren damals anders organisiert: anstelle des Chefs der Operationen sa� dort eine Art Berater - der Mann hie� Maston. Guillam erz�hlte mir, Maston habe aus dem Fall Fennan von Anfang an ein f�rchterliches Durcheinander gemacht. Peter meinte, wenn Mundt gefa�t worden w�re, h�tte das eine unglaubliche Schweinerei gegeben. Er w�re wohl verurteilt und wahrscheinlich gehenkt worden. Der ganze Schmutz, den dieser Proze� ans Licht gebracht h�tte, w�re das sichere Ende von Mastons Karriere gewesen. Peter konnte nicht genau sagen, was geschehen war, aber er war ganz sicher, dass es keine ernstgemeinte Fahndung nach Mundt gegeben hatte.�</p><p>�Sind Sie sich dessen sicher? Sind Sie sicher, dass Guillam Ihnen das mit diesen Worten gesagt hat? Keine ernstgemeinte Fahndung?�</p><p>�Da bin ich absolut sicher.�</p><p>�Guillam hat nie auf eine andere M�glichkeit angespielt, weshalb man Mundt wohl h�tte laufenlassen?�</p><p>�Was meinen Sie?�</p><p>Fiedler sch�ttelte den Kopf, und sie gingen weiter.</p><p>�Die Stahlmission wurde nach dem Fennan-Fall aufgel�st�, bemerkte Fiedler nach einiger Zeit. �Deshalb kam ich dann doch nicht nach London.�</p><p>�Mundt mu� verr�ckt gewesen sein. Man kann vielleicht auf dem Balkan - oder hier - trotz Mord ungeschoren davonkommen, aber nicht in London!�</p><p>�Er ist aber davongekommen, oder?� warf Fiedler schnell ein. �Und er hat gute Arbeit geleistet.�</p><p>�Wie zum Beispiel die Anwerbung von Kiever und Ashe? dass ich nicht lache.�</p><p>�Die beiden haben Mrs. Fennan lange genug f�r sich arbeiten lassen.�</p><p>Leamas zuckte die Achseln.</p><p>�Sagen Sie mir noch etwas anderes, �ber Karl Riemeck�, begann Fiedler von neuem. �Ist er nicht einmal mit dem Chef direkt zusammengekommen?�</p><p>�Ja, in Berlin. Ungef�hr vor einem Jahr, vielleicht auch etwas fr�her.�</p><p>�Wo kamen sie zusammen?�</p><p>�Wir trafen uns alle in meiner Wohnung.�</p><p>�Warum?�</p><p>�Der Chef hat es gern, bei Erfolgen in Erscheinung zu treten. Wir hatten von Karl eine gro�e Menge gutes Material bekommen. Ich nehme an, dass man in London davon beeindruckt war. Der Chef kam zu einem kurzen Besuch nach Berlin und bat mich, ein Treffen mit Karl zu arrangieren.�</p><p>�War Ihnen das recht?�</p><p>�Warum nicht?�</p><p>�Karl war Ihr Agent. Sie haben es vielleicht nicht gern gesehen, wenn er sich mit anderen Agentenf�hrern traf.�</p><p>�Der Chef ist kein Agentenf�hrer. Er ist der Leiter der Dienststelle. Karl wu�te das und f�hlte sich sehr geschmeichelt.�</p><p>�Waren Sie w�hrend der Begegnung die ganze Zeit dabei?�</p><p>�Ja. Nein, nicht ganz. Ich lie� sie eine Viertelstunde oder so allein - nicht l�nger. Der Chef hatte mich darum gebeten. Er wollte einige Minuten mit Karl allein sein, Gott wei�, warum. Ich verlie� deshalb unter irgendeinem Vorwand die Wohnung, ich kann nicht mehr sagen, weshalb. Oh, doch, ich wei�: Ich behauptete, wir h�tten keinen Scotch mehr. Ich bin wirklich zu de Jong gegangen und habe eine Flasche geholt.�</p><p>�Wissen Sie, was sich zwischen den beiden abspielte, w�hrend Sie weg waren?�</p><p>�Woher sollte ich? Au�erdem war ich gar nicht sehr interessiert daran.�</p><p>�Und Karl hat es Ihnen auch sp�ter nicht erz�hlt?�</p><p>�Ich habe ihn nie danach gefragt. Karl war in mancher Hinsicht ein unversch�mter Kerl. Er benahm sich immer so, als ob er einem durch irgend etwas �berlegen w�re. Ich mochte auch die Art nicht, wie er sich �ber den Chef lustig machte. Allerdings war er v�llig im Recht, wenn er �ber ihn lachte - das Ganze war eine h�chst l�cherliche Veranstaltung. Wir haben ja auch tats�chlich zusammen einige Zeit dar�ber gelacht. Au�erdem h�tte es keinen Sinn gehabt, Karls Eitelkeit zu verletzen. Sinn des ganzen Treffens war es ja, Karl ein bi�chen aufzum�beln.�</p><p>�War er denn niedergeschlagen?�</p><p>�Nein, weit davon entfernt. Er war schon verdorben. Er wurde zu gut bezahlt, zu sehr geliebt, zuviel ins Vertrauen gezogen. Es war zum Teil mein, zum Teil Londons Fehler. H�tten wir ihn nicht verdorben, so w�rde er dieser Frau nichts �ber sein Netz erz�hlt haben.�</p><p>�Elvira?�</p><p>�Ja.� Sie gingen eine Weile schweigend weiter, bis Fiedler seine Tr�umerei mit der Bemerkung unterbrach:</p><p>�Ich beginne, Sie gern zu haben, Leamas. Aber eine Sache macht mir zu schaffen. Es ist merkw�rdig - ehe ich mit Ihnen zusammenkam, hat es mir �berhaupt keine Sorgen gemacht.�</p><p>�Was ist es?�</p><p>�Weshalb Sie eigentlich hierhergekommen sind. Warum haben Sie Verrat begangen?�</p><p>Leamas wollte gerade etwas sagen, als Fiedler lachte.</p><p>�Ich f�rchte, das war eben nicht sehr taktvoll, wie?� sagte er.</p><p>Sie verbrachten die Woche mit Spazierg�ngen in den H�geln. Gegen Abend kehrten sie immer zum Jagdhaus zur�ck, sp�lten das lieblos zubereitete Abendessen mit einer Flasche billigen Wei�weins hinunter und sa�en dann endlos bei einem Steinh�ger vor dem Feuer. Das Feuer schien Fiedlers Idee zu sein - am Anfang hatte es das nicht gegeben. Eines Tages h�rte Leamas, wie Fiedler zu einem der Posten sagte, er solle Holzscheite bringen. Von da an hatte Leamas gegen die Abende nichts mehr einzuwenden. Nach einem ganzen Tag an der frischen Luft bei scharfem Alkohol am Kaminfeuer sitzend, brauchte Leamas keine Aufforderung, um zu reden und von seiner Arbeit zu erz�hlen. Es wurde auf Tonband aufgenommen, wie Leamas annahm, aber das war ihm gleichg�ltig.</p><p>Als auf diese Weise ein Tag nach dem anderen verging, bemerkte Leamas an seinem Begleiter eine steigende Gespanntheit. An einem Sp�tnachmittag nahmen sie den DKW und fuhren ziemlich weit, bis sie zu einer Telefonzelle kamen. Fiedler lie� den Z�ndschl�ssel stecken, obwohl Leamas im Wagen blieb, und f�hrte ein langes Gespr�ch.</p><p>Als er zur�ckkam, fragte Leamas: �Weshalb haben Sie nicht das Telefon im Haus ben�tzt?� Aber Fiedler sch�ttelte nur den Kopf.</p><p>�Wir m�ssen vorsichtig sein�, antwortete er. �Auch Sie!�</p><p>�Warum? Was geht vor?�</p><p>�Das Geld, das von Ihnen bei der Kopenhagener Bank eingezahlt worden war - wir schrieben deswegen, erinnern Sie sich?�</p><p>�Nat�rlich erinnere ich mich.�</p><p>Fiedler sagte nichts weiter, sondern fuhr schweigend zu den H�geln zur�ck. Dort hielt er. Sie konnten durch das geisterhafte Astgewirr gro�er Kiefernb�ume auf eine Stelle hinuntersehen, wo zwei gro�e T�ler ineinanderm�ndeten. Die steilen bewaldeten H�gel zu beiden Seiten verloren in der aufkommenden Dunkelheit allm�hlich ihre Farbe, bis sie grau und still in der D�mmerung lagen.</p><p>�Was auch geschehen mag�, sagte Fiedler, �machen Sie sich keine Gedanken, es wird alles gut werden, verstehen Sie?�</p><p>Seine Stimme war schwer und nachdr�cklich, seine schlanke Hand ruhte auf Leamas' Arm. �Es kann sein, dass Sie sich etwas um sich selbst k�mmern m�ssen, aber es wird nicht lange dauern. Verstehen Sie?� fragte er wieder.</p><p>�Nein. Und da Sie es nicht erkl�ren wollen, werde ich es abwarten m�ssen. Um meine Haut brauchen Sie sich nicht allzuviel Sorgen zu machen, Fiedler.� Er bewegte seinen Arm, aber Fiedlers Hand hielt ihn fest. Leamas ha�te es, wenn er angefa�t wurde.</p><p>�Kennen Sie Mundt?� fragte Fiedler. �Wissen Sie �ber ihn Bescheid?�</p><p>�Wir haben �ber Mundt gesprochen.�</p><p>�Ja�, wiederholte Fiedler, �wir haben �ber ihn gesprochen. Er schie�t erst, und stellt die Fragen hinterher. Das Prinzip der Abschreckung. F�r einen Beruf, in dem die Fragen stets wichtiger als das Schie�en sind, ist dies Verhalten seltsam.�</p><p>Leamas wu�te, was ihm Fiedler erz�hlen wollte.</p><p>�Es ist ein seltsames System - au�er, man f�rchtet die Antwort�, fuhr Fiedler leise sprechend fort.</p><p>Leamas wartete.</p><p>Einen Augenblick sp�ter sagte Fiedler: �Fr�her hat er nie Verh�re durchgef�hrt. Das �berlie� er stets mir. Er sagte immer: �Du verh�rst sie, Jens, denn das kann keiner so gut wie du. Ich fange sie, und du l��t sie singen.� Er verglich Menschen, die sich mit der Abwehr befassen, immer mit Malern: beide m�ssen hinter sich stets einen Mann mit einem Hammer haben, der zuschl�gt, sobald die Arbeit beendet ist. Andernfalls w�rden sie das Ziel ihrer Arbeit vergessen. Er sagte immer zu mir: �Ich werde dein Hammer sein.� Zuerst war es ein Scherz zwischen uns. Aber dann, als er zu t�ten begann, und zwar zu t�ten, noch ehe die Leute gesungen hatten, wurde es ernst. Hier wurde einer erschossen, dort ein anderer ermordet. Ich habe ihn so oft gefragt: �Warum l��t du sie nicht einfangen? Warum �berl��t du sie nicht mir f�r ein oder zwei Monate? Was n�tzen sie dir, wenn sie tot sind?� - Aber er sch�ttelte nur den Kopf und sagte, man m�sse Disteln ausrotten, ehe sie bl�hen. Ich hatte das Gef�hl, dass er sich die Antwort schon zurechtgelegt hatte, noch ehe ich die Frage stellen konnte. Er ist gro�artig in der praktischen Arbeit. Er hat mit der �Abteilung� Wunder bewirkt, Sie wissen das. Er hat sich dar�ber viele Gedanken gemacht, oft habe ich bis sp�t in die Nacht hinein mit ihm gesprochen. Er trinkt Kaffee - nichts anderes als immer nur Kaffee.</p><p>Nach seiner Meinung denken die Deutschen zuviel �ber sich selbst nach, als dass sie gute Agenten sein k�nnten. Das zeigte sich deutlich an den Arbeitsergebnissen der Abwehr. Er sagte, Abwehrleute in Deutschland seien wie W�lfe, die dauernd an trockenen Knochen herumnagen. Man m��te sie ihnen wegnehmen, damit sie sich auf die Suche nach neuen Quellen machen. Ich sehe das alles ein, ich wei�, was er meint. Aber er ist zu weit gegangen. Warum brachte er Viereck um? Warum nahm er ihn mir weg? Viereck war frisches Futter, wir hatten noch nicht einmal das Fleisch vom Knochen genagt, verstehen Sie?� Seine Hand hielt den Arm von Leamas fest gepackt. In der v�lligen Dunkelheit des Wagens sp�rte Leamas die erschreckende Intensit�t der Erregung Fiedlers besonders deutlich.</p><p>�Ich habe Tag und Nacht dar�ber nachgedacht. Seit Viereck erschossen wurde, habe ich dauernd nach dem Grund gesucht. Ich sah nur ein vern�nftiges Motiv, aber zuerst schien es mir allzu unglaublich zu sein. Ich sagte mir, dass ich wohl eifers�chtig sei, dass meine Nerven von dieser Arbeit schon angegriffen waren, wenn ich hinter jedem Baum Verrat witterte. Man wird so, wenn man in dieser Art Welt lebt. Aber ich konnte mir nicht helfen, Leamas, ich mu�te einfach versuchen, es herauszubekommen. Es hatte vorher ja auch schon andere Sachen gegeben. Er f�rchtete sich. Ja, er f�rchtete, dass wir einmal jemanden fassen k�nnten, der zuviel redete!�</p><p>�Was reden Sie da? Sie sind ja verr�ckt!� sagte Leamas, und in seiner Stimme war eine Spur von Furcht.</p><p>�Es pa�t alles zusammen, sehen Sie. Mundt entkam so leicht aus England; Sie haben es ja selbst gesagt. Und was erz�hlte Ihnen Guillam? Er sagte, man habe Mundt gar nicht fassen wollen! Warum nicht? Ich will es Ihnen sagen: er war ihr Mann. Sie hatten ihn schon umgedreht. Sehen Sie nicht den Zusammenhang? Man hatte Mundt schon gefa�t, und mit seiner Freilassung kaufte man sich seine Mitarbeit - mit der Freilassung und dem Geld, das er bekam.�</p><p>�Ich sage Ihnen, Sie sind verr�ckt!� stie� Leamas hervor. �Sollte er je den Verdacht haben, dass Sie solche Geschichten in die Welt setzen, bringt er Sie um. Das ist doch Bl�dsinn, Fiedler. Seien Sie ruhig und fahren Sie uns nach Hause.�</p><p>Schlie�lich lockerte sich der harte Griff um Leamas' Arm.</p><p>�Hier haben Sie unrecht. Sie selbst haben die Antwort gebracht, Leamas. Deshalb sind wir auch aufeinander angewiesen.�</p><p>�Das ist nicht wahr!� br�llte Leamas. �Ich habe Ihnen immer wieder gesagt, dass das Rondell niemanden ohne mein Wissen in der Zone h�tte ansetzen k�nnen. Das war schon verwaltungstechnisch nicht m�glich. Sie wollen mir einreden, dass der Chef pers�nlich und ohne Wissen der Berliner Organisation den stellvertretenden Leiter der �Abteilung� dirigiert. - Sie sind verr�ckt, Fiedler. Sie sind total verr�ckt!� Pl�tzlich begann er leise zu lachen. �Sie m�chten vielleicht diese Stellung gern haben, Sie armes Schwein - so was soll's ja schon gegeben haben -, aber so etwas hat noch nie anders als mit Krach geendet.� Einen Augenblick schwiegen beide.</p><p>Schlie�lich sagte Fiedler: �Dieses Geld in Kopenhagen: die Bank hat Ihren Brief beantwortet. Der Direktor ist sehr in Sorge, dass ein Fehler unterlaufen ist. Denn das Geld ist von Ihrem Kontoteilhaber genau eine Woche nach der Einzahlung wieder abgehoben worden. Das Datum der Auszahlung f�llt genau in die zwei Tage des Februar, die Mundt in D�nemark verbrachte, um unter falschem Namen einen unserer amerikanischen Agenten zu treffen, der zu einer internationalen Tagung von Wissenschaftlern gekommen war.� Fiedler z�gerte, dann setzte er hinzu: �Ich glaube, Sie sollten der Bank schreiben, dass alles in Ordnung ist.�</p></section><section><p><strong>16 VERHAFTUNG</strong></p><p>Fiedler und Leamas fuhren den Rest der Strecke schweigend zur�ck. In der D�mmerung sahen die H�gel wie schwarze H�hlen aus, und entfernte Lichter k�mpften als winzige Punkte gegen die st�rker werdende Dunkelheit wie die Lampen weit vorbeiziehender Schiffe auf See.</p><p>Fiedler parkte den Wagen in einem Schuppen neben dem Haus, und sie gingen gemeinsam zur Eingangst�r. Sie wollten gerade das Haus betreten, als jemand von den B�umen her Fiedlers Namen rief. Sie drehten sich um, und Leamas sah zehn Meter entfernt drei M�nner im Zwielicht stehen, die offenbar darauf warteten, dass Fiedler zu ihnen hin�bergehe.</p><p>�Was wollen Sie?� fragte Fiedler.</p><p>�Wir wollen Sie sprechen, wir sind aus Berlin.�</p><p>Fiedler z�gerte. �Wo ist dieser verdammte Wachtposten?� fragte er Leamas. �An der T�r sollte doch ein Posten sein.�</p><p>Leamas zuckte die Achseln.</p><p>�Warum ist das Licht in der Diele nicht eingeschaltet?� fragte Fiedler. Dann schritt er langsam auf die M�nner zu.</p><p>Leamas wartete einen Augenblick. Als er nichts h�rte, durchquerte er das dunkle Haus zum Anbau, einer Baracke, die sich an die R�ckseite des Hauses lehnte und von einem jungen Kieferndickicht umgeben war. Die H�tte war in drei ineinander �bergehende Schlafr�ume aufgeteilt. Den mittleren Raum hatte man Leamas gegeben, w�hrend der Raum, in den man vom Hauptgeb�ude zuerst trat, von zwei Wachtposten belegt war. Leamas wu�te nicht, wer den dritten bewohnte. Er hatte einmal versucht, die von seinem Zimmer hin�berf�hrende T�r zu �ffnen, aber sie war verschlossen. Als er eines Morgens sehr fr�h seinen Spaziergang machte, entdeckte er nur, dass es ein Schlafraum war. Er hatte vom Fenster her durch einen schmalen Spalt des Spitzenvorhanges gesp�ht, w�hrend die beiden Posten, die ihm in einem Abstand von zwanzig Metern �berallhin folgten, noch nicht um die Ecke der H�tte herumgekommen waren. Der Raum enthielt ein einzelnes Bett, das gemacht war, und einen kleinen Schreibtisch mit Papieren darauf. Er nahm an, dass er von jemandem mit der sogenannten deutschen Gr�ndlichkeit von diesem Schlafraum aus beobachtet wurde. Aber Leamas war ein zu alter Fuchs, um sich durch �berwachung st�ren zu lassen. In Berlin war es ein Bestandteil des Alltags gewesen, und wenn man es nicht bemerkte - um so schlimmer: das hie� nur, dass die anderen vorsichtiger geworden waren, oder man selbst nachl�ssiger. Im allgemeinen entdeckte er seine Schatten immer sehr schnell. Er war eben in solchen Dingen erfahren, wachsam und hatte ein gutes Ged�chtnis. Er war, kurz gesagt, in seinem Beruf sehr t�chtig. Er kannte die Art, in der sich die Beschattungsgruppen am liebsten staffelten, kannte ihre Tricks und Schw�chen und die vor�bergehenden Fehler, durch die sie sich manchmal verrieten. Leamas war es gewohnt, beobachtet zu werden, aber als er durch den behelfsm��igen Gang vom Haus zur H�tte ging und in dem Schlafraum der Posten stand, hatte er das deutliche Gef�hl, etwas sei nicht in Ordnung.</p><p>Die Beleuchtung im Anbau konnte nur von einer zentralen Stelle aus, von unsichtbarer Hand, geschaltet werden. Morgens wurde er oft durch das pl�tzliche Aufflammen der einzigen Lampe an der Decke seines Zimmers geweckt. Abends trieb ihn gew�hnlich �berraschende Finsternis ins Bett. Als er jetzt den Anbau betrat, war es erst neun Uhr, aber das Licht war schon aus, und die L�den vor den Fenstern waren geschlossen. Er hatte die Verbindungst�r vom Haus her offengelassen, so dass von der Diele her schwaches Zwielicht in den Schlafraum der Posten fiel, aber es war zu finster, um mehr als die Umrisse der zwei leeren Betten zu sehen. W�hrend er sich im Zimmer �berrascht umschaute, weil niemand da war, fiel die T�r hinter ihm zu. Vielleicht von selbst, aber Leamas machte keinen Versuch, sie wieder zu �ffnen. Es war stockfinster. Kein Laut begleitete das Schlie�en der T�r, kein Klicken, kein Schritt. Leamas, dessen Sinne pl�tzlich hellwach geworden waren, hatte das gleiche Gef�hl wie im Kino, wenn der Ton �berraschend ausf�llt. Dann roch er die Zigarre, ihr Rauch mu�te in der Luft gehangen haben, aber erst jetzt bemerkte er ihn. Wie bei einem Blinden sch�rfte die Dunkelheit seinen Tast- und Geruchssinn.</p><p>Er hatte Streichh�lzer in seiner Tasche, aber er benutzte sie nicht. Er schlich zur Wand, gegen die er seinen R�cken pre�te, w�hrend er bewegungslos wartete. Leamas konnte sich das alles nur so erkl�ren, dass sie ihn in seinem eigenen Zimmer erwarteten, und er entschlo� sich deshalb zu bleiben, wo er war. Die T�r, die sich gerade geschlossen hatte, wurde gepr�ft, das Schlo� herumgedreht und versperrt. Noch immer bewegte sich Leamas nicht. Noch nicht. Kein Zweifel: er war in der H�tte gefangen. Sehr langsam hockte sich Leamas jetzt nieder und steckte zugleich eine Hand in die Seitentasche seiner Jacke. Er war ganz ruhig. Die Aussicht auf Aktivit�t erleichterte ihn fast. Erinnerungen kamen ihm in den Sinn. �Sie haben fast immer eine Waffe: einen Aschenbecher, ein paar Geldst�cke, einen F�llfederhalter - alles, was schl�gt und sticht.� Es war der Lieblingsspruch des freundlichen kleinen Waliser Feldwebels in jenem Haus bei Oxford, w�hrend des Krieges. �Gebrauchen Sie nie beide H�nde zugleich, weder bei einem Messer, einem Stock, noch einem Revolver. Lassen Sie Ihren linken Arm frei und halten Sie ihn vor den Leib. Wenn Sie nichts zum Schlagen haben, dann halten Sie Ihre H�nde offen und die Daumen steif.� Er nahm die Schachtel Streichh�lzer der L�nge nach in die rechte Hand und zerdr�ckte sie langsam, so dass die kleinen rauhen Kanten des Schachtelholzes ihm zwischen den Fingern herausschauten. Dann tastete er sich an der Wand bis zu dem Stuhl, der - wie er wu�te - in der Ecke des Raumes stand. Ohne auf den L�rm R�cksicht zu nehmen, den er dabei machte, schob er den Stuhl in die Mitte des Zimmers. Er z�hlte seine Schritte, w�hrend er vom Stuhl in die Ecke zur�ckschlich. Noch ehe er sie erreicht hatte, h�rte er, wie die T�r seines Schlafzimmers aufgesto�en wurde. Er versuchte vergeblich, in der Dunkelheit zu erkennen, ob eine Gestalt in der T�r stand, die Finsternis war undurchdringlich. Noch riskierte er keinen Angriff, denn es war sein taktischer Vorteil, dass er, im Gegensatz zu dem anderen, wu�te, wo der Stuhl stand. Er w�nschte sehr, dass sie jetzt kamen, um ihn zu holen, denn er konnte nicht warten, bis ihr Helfer drau�en den Hauptschalter erreicht und das Licht eingeschaltet hatte.</p><p>�Los doch, ihr mistigen Hunde�, rief er auf deutsch. �Hier bin ich, in der Ecke. Kommt und holt mich, wenn ihr k�nnt.�</p><p>Keine Bewegung, nicht ein Laut.</p><p>�Hier bin ich, k�nnt ihr mich nicht sehen? Was ist denn los mit euch, Kinder, kommt her, k�nnt ihr nicht?� Und dann h�rte er jemanden kommen, dahinter einen zweiten, und dann den Fluch eines Mannes, der an den Stuhl stie�. Das war das Zeichen, auf das Leamas gewartet hatte. Er warf die Streichholzschachtel weg und tappte vorsichtig Schritt f�r Schritt vorw�rts, wobei er seinen linken Arm ausgestreckt hielt, als sch�tze er sich im Wald vor zur�ckschnellenden Zweigen. Er stie� schlie�lich sacht an einen Arm und er f�hlte die rauhe W�rme von Uniformstoff. Mit der linken Hand tupfte Leamas zweimal auf den Arm, und er h�rte dicht an seinem Ohr eine erschrockene Stimme in deutscher Sprache fl�stern: �Bist du das, Hans?�</p><p>�H�lt's Maul, du Esel�, fl�sterte Leamas, gleichzeitig packte er den Mann an seinen Haaren und zerrte dessen Kopf nach unten, w�hrend er ihm mit der Kante der rechten Hand einen wuchtigen Hieb in den Nacken versetzte. Er zerrte ihn am Arm nochmals hoch und schlug ihm seine Faust an die Kehle. Dann �berlie� er den K�rper der Schwerkraft, die ihn auf den Boden zog. Gleichzeitig mit dem Aufschlag des K�rpers ging das Licht an. In der T�r stand ein Zigarre rauchender junger Hauptmann der Volkspolizei, dahinter zwei M�nner. Einer von ihnen war ziemlich jung, er trug Zivil und hielt eine Pistole in der Hand. Leamas glaubte, es sei wohl eine tschechische Waffe, da sie einen Ladehebel oben auf dem Griff hatte. Alle blickten auf den Mann am Boden. Jemand sperrte die �u�ere T�r auf, und Leamas wollte sehen, wer das war. Aber w�hrend er sich umdrehte, kam der knappe Befehl, sich nicht zu bewegen - Leamas glaubte, der Hauptmann habe ihn gegeben. Langsam wandte er sich wieder den drei M�nnern zu. Er hatte die H�nde noch an der Seite, als der Schlag kam. Er schien ihm den Sch�del zu zertr�mmern. Noch w�hrend er, in warme Bewu�tlosigkeit sinkend, zu Boden fiel, fragte er sich, ob er mit einem jener alten Revolver geschlagen worden war, die zur Befestigung der Lederschlaufe einen lockeren Ring unten am Kolben haben.</p><p>Er wurde durch den Gesang eines H�ftlings wach, und durch den geschrienen Befehl eines W�rters, der H�ftling solle den Mund halten. Leamas �ffnete die Augen, und wie glei�endes Licht brach der Schmerz in sein Gehirn. Dennoch widerstand er dem Drang, die Augen wieder zu schlie�en. Er lag ganz ruhig und beobachtete grellbunte Bruchst�cke, die durch sein Gesichtsfeld rasten. Er versuchte, sich zurechtzufinden: seine F��e waren eiskalt, und in seiner Nase sp�rte er den bei�enden Gestank von H�ftlingskleidung. Der Gesang hatte aufgeh�rt, und Leamas w�nschte sich pl�tzlich, er m�ge wieder anfangen. Freilich wu�te er, dass er ihn nie mehr h�ren w�rde. Er versuchte, seine Hand zu heben und die Blutkrusten auf seinem Gesicht zu betasten, aber seine H�nde waren auf dem R�cken zusammengebunden. Auch seine F��e waren wahrscheinlich gefesselt, da sie blutleer und eiskalt waren. Der Versuch, sich umzusehen und den Kopf dazu etwas vom Boden zu heben, verursachte ihm gro�e Schmerzen. Zu seiner �berraschung sah er seine Knie vor sich. Als er seine Beine instinktiv strecken wollte, fuhr durch seinen ganzen K�rper ein so pl�tzlicher, schrecklicher Schmerz, dass er einen gurgelnden Schrei ausstie�, der wie ein Todesschrei eines Menschen auf der Folterbank klang. W�hrend er dann still lag, bem�hte er sich keuchend, den Schmerz zu unterdr�cken. Aus schierem Eigensinn versuchte er noch einmal ganz langsam, seine Beine zu strecken. Sofort kehrten die furchtbaren Schmerzen zur�ck, aber jetzt hatte er den Grund daf�r entdeckt: Seine H�nde und F��e waren auf dem R�cken zusammengekettet. Sobald er die Beine streckte, straffte sich dadurch die Kette und zog seine Schultern und den verletzten Kopf auf den Steinboden herunter. Sie mu�ten ihn zusammengeschlagen haben, als er bewu�tlos war. Sein ganzer K�rper war steif und zerschunden, und der R�cken schmerzte. Er fragte sich, ob er den Posten get�tet hatte. Er hoffte es. �ber ihm schien das Licht. Es war gro� und hell, wie in einer Klinik. Keine M�bel, nur wei�gekalkte W�nde und eine in Anthrazitgrau gestrichene Stahlt�r, die die gleiche Farbe wie manche moderne Londoner H�user hatte. Nichts sonst. �berhaupt nichts. Nichts, wor�ber man nachdenken konnte, nur der wilde Schmerz.</p><p>Er mu�te Stunden so gelegen sein, ehe sie kamen. Das Licht lie� es in der Zelle hei� werden, und er war durstig, aber er widerstand dem Wunsch, zu rufen. Schlie�lich �ffnete sich die T�r, und da stand Mundt. Er erkannte Mundt an seinen Augen. Smiley hatte ihm von diesen Augen erz�hlt.</p></section><section><p><strong>17 MUNDT</strong></p><p>Sie l�sten die Fesseln und versuchten, ob er stehen konnte. F�r einen Augenblick schien er fast dazu imstande zu sein. Aber als das Blut in H�nde und F��e zur�ckkehrte, da die Gelenke von der langen Einschn�rung befreit wurden, fiel er hin. Sie lie�en ihn liegen und beobachteten ihn mit dem unbeteiligten Interesse von Kindern, die ein Insekt betrachten. Einer der Posten schob sich an Mundt vorbei und schrie Leamas an, aufzustehen. Leamas kroch zur Wand und stemmte die Innenfl�chen seiner schmerzenden H�nde gegen die wei�e Mauer. Er war schon beinahe auf den Beinen, als ihn der Posten trat, so dass er wieder zur�ckfiel. Er begann von neuem, sich hochzustemmen, und diesmal lie� ihn der Posten in Ruhe, bis er mit dem R�cken zur Mauer stand. Als Leamas sah, dass der Posten das Gewicht seines K�rpers auf das linke Bein legte, wu�te er, dass wieder ein Tritt kommen w�rde. Mit seinen ganzen noch vorhandenen Kr�ften warf er sich nach vorn und stie� seinen gesenkten Kopf dem Posten ins Gesicht. Sie st�rzten zusammen, Leamas fiel obenauf. Der Posten rappelte sich auf, und Leamas wartete darauf, dass er es ihm heimzahlte. Aber Mundt sagte dann etwas zu dem Posten, und Leamas f�hlte, wie man ihn an Schultern und F��en aufhob, und er h�rte seine Zellent�r ins Schlo� fallen, w�hrend sie ihn den Korridor hinuntertrugen. Er war sehr durstig.</p><p>Sie brachten ihn in ein kleines gem�tliches Zimmer, das mit einem Schreibtisch und Klubsesseln h�bsch eingerichtet war. �ber die vergitterten Fenster waren zur H�lfte Sonnenblenden heruntergezogen. Mundt setzte sich an den Schreibtisch, und Leamas fiel in einen Klubsessel. Er hatte die Augen halb geschlossen. Die Posten stellten sich an die T�r.</p><p>�Geben Sie mir etwas zu trinken�, sagte Leamas.</p><p>�Whisky?�</p><p>�Wasser.�</p><p>An einem Waschbecken in der Ecke lie� Mundt eine Karaffe voll Wasser laufen und stellte sie zusammen mit einem Glas neben ihn.</p><p>�Bringen Sie ihm etwas zu essen�, befahl er, und einer der Posten verlie� das Zimmer. Er kehrte mit einem Becher Suppe, in die eine Wurst hineingeschnitten war, zur�ck. Leamas trank und a�, wobei sie ihn schweigend beobachteten.</p><p>�Wo ist Fiedler?� fragte Leamas schlie�lich.</p><p>�Eingesperrt�, antwortete Mundt.</p><p>�Weswegen?�</p><p>�Wegen Verschw�rung gegen die Sicherheit des Volkes.�</p><p>Leamas nickte langsam. �Sie haben also gewonnen�, sagte er. �Wann haben Sie ihn verhaftet?�</p><p>�Letzte Nacht.�</p><p>Leamas wartete einen Augenblick. Er versuchte, sich auf Mundt einzustellen.</p><p>�Was ist mit mir?� fragte er dann.</p><p>�Sie sind ein wesentlicher Zeuge. Sie werden freilich sp�ter selbst vor Gericht kommen.�</p><p>�Ich bin also Mitwirkender an einer Londoner Intrige, durch die Mundt verleumdet werden sollte, nicht wahr?�</p><p>Mundt nickte und z�ndete eine Zigarette an, die er durch einen Posten an Leamas weitergeben lie�. �Richtig�, sagte er. Der Posten kam heran und steckte Leamas die Zigarette mit nur widerwillig geleisteter F�rsorge zwischen die Lippen.</p><p>�Ein kompliziertes Unternehmen�, bemerkte Leamas. T�richt f�gte er hinzu: �Sind doch schlaue Hunde, diese Chinesen.�</p><p>Mundt sagte nichts. W�hrend des Verh�rs konnte sich Leamas an die Pausen im Gespr�ch gew�hnen, die Mundt immer wieder einlegte. Mundt hatte eine recht angenehme Stimme, was Leamas nicht erwartet hatte, aber er sprach selten. Vielleicht war es eine der Erscheinungsformen von Mundts ausgepr�gtem Selbstvertrauen, dass er nur sprach, wenn er etwas ganz Bestimmtes zu sagen w�nschte, und dass er lieber ein langes Schweigen in Kauf nahm, als Austausch leerer Phrasen. Darin unterschied er sich von jenen beruflichen Vernehmern, die gerne Initiative entfalten, um eine bestimmte Atmosph�re zu schaffen, in der sie die psychologische Abh�ngigkeit des Gefangenen ausn�tzen k�nnen. Mundt verachtete jede eingefahrene Technik: Er war ein Mann der Tatsachen und der Tat. Leamas war das nicht unangenehm.</p><p>Mundts Erscheinung stimmte mit seinem Temperament �berein. Er wirkte sehr sportlich. Sein blondes, kurzgeschnittenes Haar klebte stumpf und unordentlich an der Kopfhaut. Sein junges Gesicht hatte einen harten, klaren Zug und eine erschreckende Unmittelbarkeit. Es zeigte keinerlei Humor und hatte nichts Tr�umerisches. Er sah jung aus, aber nicht jugendlich. Auch �ltere M�nner nahmen ihn sicherlich ernst. Er war gut gebaut. Seine Anz�ge pa�ten ihm, weil dieser Figur leicht etwas pa�te. Es fiel Leamas keineswegs schwer, sich daran zu erinnern, dass Mundt ein Totschl�ger war. Er war von gro�er K�lte umgeben, von einer Aura r�cksichtsloser Selbstgen�gsamkeit, die ihn vollkommen f�r den Beruf des M�rders geeignet erscheinen lie�. Mundt war ein sehr harter Mann.</p><p>�Der andere Anklagepunkt, der Sie notfalls vor Gericht bringen wird�, f�gte Mundt gelassen hinzu, �ist Mord.�</p><p>�Der Posten ist also gestorben, ja?� entgegnete Leamas. Ein bohrender Schmerz fuhr ihm durch den Kopf.</p><p>Mund nickte: �Angesichts dieser Tatsache ist das Verfahren gegen Sie wegen Spionage etwas theoretisch. Ich bin daf�r, dass der Fall Fiedler �ffentlich verhandelt wird. Das ist auch der Wunsch des Pr�sidiums.�</p><p>�Und Sie wollen mein Gest�ndnis?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Mit anderen Worten: Sie haben keine Beweise!�</p><p>�Wir werden Beweise haben. Und Ihr Gest�ndnis werden wir auch haben.�</p><p>Es war keine Drohung in Mundts Stimme. Nichts Gek�nsteltes. Kein theatralischer Trick.</p><p>�Andererseits k�nnte man Ihnen mildernde Umst�nde zubilligen. Sie sind vom Secret Service erpre�t worden; man hat Ihnen den Diebstahl von Geld vorgeworfen und Sie damit gezwungen, eine Falle gegen mich vorzubereiten. Das Gericht w�rde f�r diese Entschuldigung Verst�ndnis haben.�</p><p>Leamas schien �berrascht.</p><p>�Woher wissen Sie, dass man mir Unterschlagung vorgeworfen hat?� Aber Mundt gab keine Antwort.</p><p>�Fiedler ist sehr dumm gewesen�, bemerkte Mundt. �Sobald ich den Bericht von unserem Freund Peters las, wu�te ich, warum Sie geschickt worden waren. Und ich wu�te, dass Fiedler in die Falle gehen w�rde. Fiedler ha�t mich sehr.� Mundt nickte, wie um die Wahrheit seiner Bemerkung zu betonen. �Ihre Leute wu�ten das nat�rlich. Es war eine sehr geschickt eingef�delte Sache. Wer hat sie vorbereitet? Smiley? Hat <emphasis>er</emphasis> das gemacht?�</p><p>Leamas sagte nichts.</p><p>�Sehen Sie, ich wollte den Bericht �ber Fiedlers Verh�r mit Ihnen haben. Er sollte ihn mir schicken, aber er schob es immer wieder hinaus, und da wu�te ich, dass ich recht hatte. Gestern verteilte er ihn dann im Pr�sidium, ohne mir einen Durchschlag zu schicken. Irgend jemand in London ist wirklich sehr schlau gewesen.�</p><p>Leamas sagte nichts.</p><p>�Wann haben Sie Smiley zuletzt gesehen?� fragte Mundt beil�ufig. Leamas z�gerte mit der Antwort. Er war unsicher, und sein Kopf schmerzte schrecklich.</p><p>�Wann haben Sie ihn zuletzt gesehen?� wiederholte Mundt.</p><p>�Ich kann mich nicht erinnern�, sagte Leamas schlie�lich. �Er war ja gar nicht mehr bei uns. Von Zeit zu Zeit kam er aber vorbei.�</p><p>�Er ist ein gro�er Freund Peter Guillams, nicht wahr?�</p><p>�Ich glaube, ja.�</p><p>�Sie �u�erten bei Fiedler die Ansicht, Guillam habe die wirtschaftliche Lage in der DDR studiert. Eine einzelne kleine Unterabteilung in Ihrem Amt. Sie konnten nicht mit Gewi�heit sagen, was da eigentlich gemacht wurde.�</p><p>�Ja.�</p><p>Das wilde Klopfen in seinem Kopf lie� die Ger�usche und das Zimmer vor seinen Augen verschwimmen. Seine Augen waren hei� und schmerzten. Er f�hlte sich krank.</p><p>�Nun, wann sahen Sie Smiley zuletzt?�</p><p>�Ich erinnere mich nicht � ich kann mich nicht erinnern.�</p><p>Mundt sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Sie haben ein sehr gutes Ged�chtnis f�r alles, was mich belastet. Wir k�nnen uns alle erinnern, wann wir jemanden zuletzt gesehen haben. Sahen Sie ihn zum Beispiel nach Ihrer R�ckkehr aus Berlin?�</p><p>�Ja. Ich glaube, ja. Ich traf ihn einmal im Rondell.� Leamas hatte seine Augen geschlossen. Er schwitzte. �Ich kann nicht mehr, Mundt � Nicht mehr lange. Ich bin krank�, sagte er.</p><p>�Nachdem Ashe den Kontakt mit Ihnen aufgenommen hatte, nachdem er in die f�r ihn aufgebaute Falle gelaufen war, gingen Sie zusammen essen, nicht wahr?�</p><p>�Ja. Mittagessen.�</p><p>�Das dauerte bis vier Uhr. Wo sind Sie dann hingegangen?�</p><p>�Ich fuhr in die Innenstadt, glaube ich. Ich kann mich nicht genau erinnern � Um Gottes willen, Mundt�, sagte er, indem er seinen Kopf mit der Hand hielt, �ich kann nicht mehr. Mein verdammter Kopf ist ��</p><p>�Und wohin gingen Sie nachher? Warum strengten Sie sich derart an, Ihre Beschatter loszuwerden?�</p><p>Leamas sagte nichts, er keuchte in schweren St��en und hatte den Kopf in die H�nde gest�tzt.</p><p>�Beantworten Sie mir diese eine Frage, dann k�nnen Sie gehen. Sie bekommen ein Bett. Sie k�nnen schlafen, wenn Sie wollen. Sonst m�ssen Sie zur�ck in die Zelle, verstehen Sie? Sie werden wieder gefesselt, und man wird Sie wie ein Tier auf dem Boden f�ttern, verstehen Sie? Sagen Sie mir, wohin Sie gegangen sind?�</p><p>Das wilde Klopfen im Kopf verst�rkte sich pl�tzlich, der Raum begann sich zu drehen. Er h�rte Stimmen um sich herum und das Ger�usch von Schritten. Gespensterhafte, lautlose Schatten schwebten heran und verschwanden. Jemand br�llte, aber nicht zu ihm. Die T�r war offen, er war sicher, dass jemand sie aufgemacht hatte. Das Zimmer war voll schreiender Menschen. Dann gingen sie wieder, einige waren schon vorher verschwunden. Er h�rte sie abmarschieren, das Stampfen ihrer F��e war wie das Klopfen in seinem Kopf. Das Echo erstarb, und es herrschte Stille. Wie die Hand des Erbarmens selbst legte sich ein k�hles Tuch �ber seine Stirn, und g�tige H�nde trugen ihn fort.</p><p>Er kam in einem Krankenbett zu sich, und an dessen Fu�ende stand Fiedler, der eine Zigarette rauchte.</p></section><section><p><strong>18 FIEDLER</strong></p><p>Leamas machte eine Bestandsaufnahme seiner Umgebung. Ein Bett mit Laken. Ein Einzelzimmer, ohne Gitter vor den Fenstern. Nur Vorh�nge und Milchglas. Bla�gr�ne W�nde, dunkelgr�nes Linoleum. Und Fiedler, der ihn rauchend betrachtete.</p><p>Eine Schwester brachte ihm Essen: ein Ei, etwas d�nne Suppe und Obst. Er f�hlte sich sterbenselend, aber er dachte sich, es sei gut, wenn er etwas esse. Fiedler schaute ihm zu.</p><p>�Wie geht es Ihnen?� fragte er.</p><p>�Verdammt schlecht�, antwortete Leamas.</p><p>�Aber besser?�</p><p>�Ich glaube, ja.� Er z�gerte. �Diese Kerle haben mich fertiggemacht.�</p><p>�Sie haben einen Posten get�tet, wissen Sie das?�</p><p>�Ich dachte es mir. Aber was erwartet man sich, wenn man eine Aktion derart bl�dsinnig aufzieht? Warum hat man uns nicht sofort verhaftet? Wozu drehen sie �berall das Licht ab? Wenn irgend etwas �berorganisiert war, dann war es das.�</p><p>�Ich f�rchte, dass wir als ganze Nation zum �berorganisieren neigen. Im Ausland hei�t das dann Gr�ndlichkeit.� Wieder gab es eine Pause.</p><p>�Was war mit Ihnen?� fragte Leamas.</p><p>�Ich wurde auch f�r's Verh�r pr�pariert.�</p><p>�Von Mundts Leuten?�</p><p>�Von Mundts Leuten und Mundt. Es war ein sehr eigenartiges Gef�hl.�</p><p>�So kann man es auch ausdr�cken.�</p><p>�Nein, nein. Nicht physisch. Physisch war es ein Alptraum. Aber, sehen Sie, Mundt hatte ein bestimmtes Interesse, mich zusammenzuschlagen. Ganz unabh�ngig vom Gest�ndnis.�</p><p>�Weil Sie sich diese Geschichte ausgedacht haben, von �.�</p><p>�Weil ich Jude bin.�</p><p>�Gro�er Gott�, sagte Leamas weich.</p><p>�Allein deshalb bekam ich die Sonderbehandlung. Er sprach w�hrend der ganzen Zeit leise zu mir. Es war sehr eigenartig.�</p><p>�Was sagte er?�</p><p>Fiedler gab keine Antwort. Schlie�lich murmelte er:</p><p>�Das ist alles vor�ber.�</p><p>�Warum? Was ist geschehen?�</p><p>�Am Tag unserer Verhaftung hatte ich beim Pr�sidium einen Haftbefehl gegen Mundt beantragt. Er sollte als Feind des Volkes verhaftet werden.�</p><p>�Aber Sie sind verr�ckt - ich habe es Ihnen gesagt, Sie sind wahnsinnig, Fiedler! Er wird niemals -�</p><p>�Es gab au�er Ihrem Material andere Beweismittel gegen ihn. Material, das ich St�ck f�r St�ck w�hrend der letzten drei Jahre zusammengetragen habe. Ihre Aussage schlo� die Beweiskette nur, das war alles. Sobald mir das klargeworden war, schrieb ich einen Bericht und schickte ihn au�er an Mundt an jedes Mitglied des Pr�sidiums. Er ging beim Pr�sidium zusammen mit meinem Antrag auf den Haftbefehl ein.�</p><p>�Das war an dem Tag, an dem wir festgenommen wurden.�</p><p>�Ja. Ich wu�te, dass Mundt k�mpfen w�rde. Ich wu�te, dass er im Pr�sidium Freunde hatte oder zumindest Jasager - Leute, die gen�gend eingesch�chtert waren, um mit meinem Bericht sofort zu ihm zu laufen. Und ich wu�te, dass er am Ende verlieren w�rde. Das Pr�sidium hatte die Waffe zu seiner Vernichtung in H�nden: es hatte den Bericht. W�hrend der paar Tage, als Sie und ich verh�rt wurden, haben sie ihn wieder und wieder gelesen, bis sie �berzeugt waren, dass alles der Wahrheit entsprach, und bis jeder wu�te, dass es auch die anderen wu�ten. Schlie�lich handelten sie. Die gemeinsame Angst, ihre gemeinsame Schw�che und das gemeinsame Wissen hat sie zueinander getrieben, bis sie Front gegen ihn machten und ein Gerichtsverfahren befahlen.�</p><p>�Ein Gerichtsverfahren?�</p><p>�Geheim, nat�rlich. Das Gericht tritt morgen zusammen. Mundt steht unter Arrest.�</p><p>�Woraus besteht Ihr anderes Beweismaterial? Die Beweise, die Sie gesammelt haben?�</p><p>�Warten Sie ab�, entgegnete Fiedler mit einem L�cheln. �Das werden Sie morgen sehen.�</p><p>Fiedler schwieg eine Weile, w�hrend er Leamas beim Essen zusah.</p><p>�Wie wird diese Gerichtsverhandlung gef�hrt?� fragte Leamas.</p><p>�Das ist Sache des Vorsitzenden. Es ist kein Volksgericht, das mu� man im Auge behalten. Es hat mehr den Charakter eines Untersuchungsgerichtes. Wie eine Untersuchung, die von einem Ausschu� gef�hrt wird. Ja, das ist es. Der Ausschu� wird vom Pr�sidium zu dem Zweck ernannt, eine bestimmte Sache zu untersuchen und dar�ber zu berichten. Sein Bericht enth�lt dann eine Empfehlung. In diesem Fall ist eine Empfehlung soviel wie ein Urteil, sie bleibt aber als Teil der Pr�sidialakten geheim.�</p><p>�Wie ist die Verfahrensweise? Gibt es Anw�lte und Richter?�</p><p>�Es gibt drei Richter�, sagte Fiedler, �und praktisch auch eine Art Verteidigung. Ich pers�nlich werde morgen die Anklage gegen Mundt vertreten. Karden wird ihn verteidigen.�</p><p>�Wer ist Karden?�</p><p>Fiedler z�gerte. �Ein sehr hartn�ckiger Mann�, sagte er. �Sieht aber aus wie ein Landarzt, klein und gutm�tig. Er war in Buchenwald.�</p><p>�Warum kann Mundt sich nicht selbst verteidigen?�</p><p>�Er wollte es lieber so. Man sagt, dass Karden einen Zeugen aufrufen wird.�</p><p>Leamas zuckte die Achseln.</p><p>�Das ist Ihre Sache�, sagte er. Dann war wieder Stille.</p><p>Schlie�lich sagte Fiedler nachdenklich: �Ich w�rde ja gar nichts sagen, wenn er mich nur aus Ha� oder Eifersucht gegen meine Person gequ�lt h�tte, verstehen Sie? Dieser endlose Schmerz, w�hrend man sich die ganze Zeit sagt: Entweder werde ich ohnm�chtig oder ich kann den Schmerz ertragen, daf�r wird die Natur schon sorgen. Und der Schmerz w�chst; man hat dasselbe Gef�hl wie ein Geiger, der die E-Saite hinaufklettert: Man meint, h�her k�nne es nun einfach nicht mehr gehen, aber es geht immer h�her - so ist es mit dem Schmerz. Er w�chst und w�chst, und die Natur tut nichts, als einen von Ton zu Ton weiterzuf�hren, als sei man ein taubes Kind, dem das H�ren beigebracht wird. Und die ganze Zeit wispert er: �Jude � Jude.� Ich k�nnte es bestimmt verstehen, wenn er es f�r die Idee oder f�r die Partei getan h�tte oder einfach aus pers�nlichem Ha�. Aber all das war es nicht. Er ha�te ��</p><p>�Nun gut�, sagte Leamas kurz, �schlie�lich sollten Sie wissen, dass er ein Saukerl ist.�</p><p>�Ja�, sagte Fiedler, �das ist er.� Er schien erregt zu sein. Leamas hatte das Gef�hl, Fiedler habe das Bed�rfnis, vor jemandem zu prahlen.</p><p>�Ich habe viel an Sie gedacht�, setzte Fiedler hinzu. �Ich habe an das Gespr�ch gedacht, das wir hatten - Sie erinnern sich -, �ber den Motor?�</p><p>�Welchen Motor?�</p><p>Fiedler l�chelte. �Entschuldigen Sie, das ist w�rtlich �bersetzt. Ich meine den Antrieb, den Geist, die Triebkraft - wie immer es Christen nennen.�</p><p>�Ich bin kein Christ.�</p><p>Fiedler zuckte die Achseln. �Sie wissen aber, was ich meine.� Er l�chelte wieder. �Der Umstand, der Sie verwirrt � oder, ich will es lieber anders ausdr�cken: Nehmen wir an, Mundt sei im Recht. Sie m�ssen wissen, dass er mich aufforderte, ein Gest�ndnis abzulegen. Ich sollte gestehen, dass ich mit britischen Spionen im Bunde sei, die Mundts Ermordung planten. Sie verstehen die Beweisf�hrung: dass die ganze Angelegenheit vom britischen Secret Service aufgezogen worden ist, um uns dahin zu bringen, dass wir den besten Mann in der �Abteilung� liquidieren. Das ganze sei nichts anderes, als der Versuch des Rondells, seinen Kampf gegen uns mit unseren eigenen Waffen zu f�hren.�</p><p>�Mundt hat das bei mir auch versucht�, sagte Leamas gleichg�ltig. Und er f�gte hinzu: �Als ob die ganze verdammte Geschichte von mir ausgeheckt worden w�re.�</p><p>�Aber, was ich meine, ist folgendes: Nehmen wir an, Sie h�tten wirklich so gehandelt - ich sage es nur als Beispiel, Sie verstehen -, aber nehmen wir einmal an, es w�re wahr: W�rden Sie einen Mann t�ten - einen unschuldigen Mann?�</p><p>�Mundt ist nicht unschuldig. Er ist selbst ein Totschl�ger.�</p><p>�Nehmen wir an, er sei nicht gemeint. Nehmen wir an, ich sei das Opfer, auf das man es abgesehen hat: W�rde London so etwas tun?�</p><p>�Es kommt darauf an � Es kommt auf die Notwendigkeit an ��</p><p>�Ah�, sagte Fiedler zufrieden, �es kommt also auf die Notwendigkeit an. Das ist genau wie Stalin. Sein Beispiel vom Verkehrsunfall und der Statistik. Das ist eine gro�e Erleichterung.�</p><p>�Warum?�</p><p>�Sie m�ssen etwas schlafen�, sagte Fiedler. �Bestellen Sie sich zu essen, was Sie wollen. Man wird Ihnen jeden Wunsch erf�llen. Morgen k�nnen Sie erz�hlen.�</p><p>Als er an der T�r war, sah er zur�ck und sagte: �Es ist keinerlei Unterschied zwischen uns - das ist der eigentliche Witz, wissen Sie!�</p><p>Leamas war bald mit der zufriedenen Gewi�heit eingeschlafen, dass Fiedler sein Verb�ndter war und dass sie schon bald Mundt in den Tod schicken w�rden. Das war etwas, worauf er sich schon lange gefreut hatte.</p></section><section><p><strong>19 BEZIRKSTREFFEN</strong></p><p>Liz war gern in Leipzig. Das spartanische Leben gefiel ihr. Es gab ihr das beruhigende Gef�hl, Opfer zu bringen. Das kleine Haus, in dem sie wohnte, war dunkel und �rmlich, das Essen war d�rftig und das meiste davon mu�te den Kindern gegeben werden. Sie sprachen bei jeder Mahlzeit �ber Politik, sie und Frau Ebert, die Parteisekret�rin des Bezirkes Leipzig-Hohengr�n. Sie war eine kleine, ergraute Frau, deren Mann eine Kiesgrube am Rand der Stadt leitete. Es war, als ob man in einer religi�sen Gemeinschaft lebte, dachte Liz, in einem Kloster oder einem Kibbuz oder etwas �hnlichem. Man hatte das Gef�hl, der leere Magen verhelfe zu einer besseren Welt. Liz sprach etwas Deutsch. Sie hatte es von ihrer Tante gelernt. Und sie war �berrascht, wie schnell sie imstande war, es zu gebrauchen. Sie versuchte es zuerst bei den Kindern, und sie lachten und halfen ihr. Die Kinder hatten sich ihr gegen�ber anf�nglich seltsam benommen, als sei sie eine ber�hmte Pers�nlichkeit oder von gro�em Seltenheitswert. Am dritten Tag fa�te sich eines von ihnen ein Herz und fragte, ob sie Schokolade von �dr�ben� mitgebracht habe. Daran hatte sie noch �berhaupt nicht gedacht, und sie sch�mte sich jetzt. Danach schienen die Kinder sie vergessen zu haben.</p><p>An den Abenden gab es Parteiarbeit. Sie verteilten Literatur, suchten Bezirksmitglieder auf, die im Betrieb ihr Soll nicht erf�llt oder in ihrem Eifer beim Besuch von Parteiversammlungen nachgelassen hatten, nahmen beim Distrikt an einer Diskussion �ber �Probleme der zentralen Verteilung von Landwirtschaftsprodukten� teil, bei der alle Sekret�re der Bezirksorganisation anwesend waren, und gingen zu einer Betriebsratssitzung einer Werkzeugmaschinenfabrik am Rande der Stadt.</p><p>Zuletzt, am vierten Tag, einem Donnerstag, kam ihre eigene Bezirksversammlung. Liz erhoffte sich davon die erfreulichste Erfahrung ihres Aufenthaltes, denn es w�rde ein Beispiel f�r all das sein, was aus ihrem eigenen Bezirk in Bayswater einmal werden k�nnte. Sie hatten f�r die Diskussion des Abends einen wundervollen Titel gefunden - �Koexistenz nach zwei Kriegen� -, und sie erwarteten einen Rekordbesuch. Im ganzen Stadtviertel waren Rundschreiben verteilt worden, und sie hatten darauf geachtet, dass zur gleichen Zeit nicht etwa eine �hnliche Veranstaltung in der Nachbarschaft stattfand. Es war auch kein Tag mit verl�ngerter Ladenschlu�zeit.</p><p>Sieben Leute kamen.</p><p>Sieben Leute und Liz, die Sekret�rin der Bezirksorganisation und der Mann vom Kreis. Liz trug ein tapferes Gesicht zur Schau, war aber schrecklich betroffen. Sie konnte sich kaum auf den Redner konzentrieren, und als sie es versuchen wollte, verwendete er so kompliziert zusammengesetzte deutsche Worte, dass sie ihn ohnehin nicht verstand. Es war wie bei den Treffen in Bayswater oder wie bei dem Gottesdienst am Mittwoch abend, als sie noch regelm��ig die Kirche besuchte: die gleiche pflichteifrige kleine Gruppe verlorener Gesichter, die gleiche aufgeregte Befangenheit, das gleiche Gef�hl, hier ruhe eine gro�e Idee in den H�nden von kleinen Leuten. Sie hatte bei diesen Veranstaltungen immer den gleichen Gedanken, und so schrecklich das wirklich war, so w�nschte sie sich doch insgeheim, es m�ge einmal �berhaupt niemand mehr zu diesen Treffen kommen, denn das w�re eine harte Tatsache gewesen und h�tte irgendwie an Glaubensverfolgung und Erniedrigung erinnert - es w�re etwas gewesen, worauf man reagieren konnte.</p><p>Aber sieben Leute waren nichts. Sie waren schlimmer als nichts, weil sie der Beweis f�r die Tr�gheit der nicht zu erobernden Masse waren. Sie brachen einem das Herz.</p><p>Der Raum war besser als das Schulzimmer in Bayswater, aber selbst das war kein Trost. In Bayswater hatte es schon Spa� gemacht, �berhaupt erst einmal einen Versammlungsraum zu finden. Am Anfang hatten sie deshalb immer so getan, als seien sie etwas anderes und nicht die Partei. Sie hatten die Hinterzimmer in Wirtschaften gemietet, einen Konferenzraum im Ardena-Caf�, oder sie hatten sich abwechselnd in ihren Wohnungen zu heimlichen Zusammenk�nften getroffen. Dann war Bill Hazel von der Mittelschule zu ihnen gesto�en, und sie konnten sein Klassenzimmer benutzen. Selbst das war ein Risiko, denn der Rektor war in dem Glauben, Bill leite einen Theaterklub, so dass sie - wenigstens theoretisch - immer noch in der Gefahr schwebten, einmal hinausgeworfen zu werden. Das pa�te aber noch immer besser zur Parteiarbeit, als diese Friedenshalle aus vorgefertigtem Beton mit den Rissen in allen Ecken und dem Leninbild. Warum hatten sie diese alberne Umrahmung um das Bild drapiert? B�ndel von Orgelpfeifen, die aus den Ecken hervorsprossen, und F�hnchen, die schon ganz staubig waren. Es sah aus wie der Schmutz bei einem Faschistenbegr�bnis. Manchmal dachte sie, dass Alec recht gehabt habe: man glaubte an Dinge, weil es f�r einen n�tig war. Das, woran man glaubte, hatte an sich gar keinen Wert, es erf�llte von sich aus keine Aufgabe. Wie sagte er: �Ein Hund kratzt, wo es juckt. Verschiedene Hunde juckt es an verschiedenen Stellen.� Nein, das war falsch, Alec hatte nicht recht. Es war boshaft, so etwas zu sagen. Frieden, Freiheit und Gleichheit, das waren doch Tatsachen, nat�rlich waren sie das. Und dann die historischen Gesetze, deren G�ltigkeit von der Partei bewiesen worden waren. Nein, Alec hatte nicht recht: es gab eine Wahrheit, die au�erhalb der Menschen existierte. Das wurde durch die Geschichte bewiesen, und das Einzelwesen mu�te sich ihr beugen oder notfalls zermalmt werden. Die Partei war die Vorhut der Geschichte, die Lanze im Kampf um den Frieden � Liz betete die Liturgie etwas unsicher herunter. Sie w�nschte, es w�ren mehr Menschen gekommen. Sieben waren zuwenig. Sie sahen so verdrossen aus. Verdrossen und hungrig.</p><p>Als das Treffen beendet war, wartete Liz auf Frau Ebert, die unverkaufte Literatur von dem schweren Tisch bei der T�r wieder einsammelte, ihr Anwesenheitsbuch ausf�llte und den Mantel anzog, denn es war kalt an diesem Abend. Der Redner war schon vor der allgemeinen Diskussion - ziemlich unh�flich, dachte Liz - gegangen. Frau Ebert stand an der T�r und hatte ihre Hand auf dem Lichtschalter, als ein Mann aus der Dunkelheit auftauchte und im Eingang erschien. F�r einen Augenblick glaubte Liz, es sei Ashe. Er war gro� und blond und trug einen dieser Regenm�ntel mit Lederkn�pfen.</p><p>�Genossin Ebert?� erkundigte er sich.</p><p>�Ja?�</p><p>�Ich suche eine englische Genossin, Elisabeth Gold. Sie wohnt bei Ihnen?�</p><p>�Ich bin Elisabeth Gold�, warf Liz ein, und der Mann kam in den Saal und schlo� die T�r hinter sich, so dass ihm das Licht voll ins Gesicht schien.</p><p>�Mein Name ist Holten, ich komme vom Kreis.� Er zeigte Frau Ebert, die noch an der T�r stand, ein Papier, und sie nickte und blickte ein wenig �ngstlich auf Liz.</p><p>�Ich bin vom Pr�sidium ersucht worden, der Genossin Gold eine Nachricht zu �berbringen�, sagte er. �Es betrifft eine Ab�nderung Ihres Programmes. Sie werden eingeladen, an einer Sondersitzung teilzunehmen.�</p><p>�Oh�, sagte Liz etwas benommen. Es erschien ihr seltsam, dass das Pr�sidium von ihr auch nur geh�rt haben sollte.</p><p>�Es ist eine Geste�, sagte Holten. �Nur um den guten Willen zu zeigen.�</p><p>�Aber ich - aber Frau Ebert ��, begann Liz hilflos.</p><p>�Ich bin sicher, dass die Genossin Ebert Sie unter diesen Umst�nden entschuldigen wird.�</p><p>�Selbstverst�ndlich�, sagte Frau Ebert schnell.</p><p>�Wo wird die Sitzung stattfinden?�</p><p>�Sie m�ssen noch diese Nacht reisen�, erwiderte Holten. �Wir haben einen langen Weg vor uns. Fast bis nach G�rlitz.�</p><p>�G�rlitz � Wo ist das?�</p><p>�Im Osten�, sagte Frau Ebert schnell. �An der polnischen Grenze.�</p><p>�Wir werden Sie jetzt nach Hause bringen. Sie k�nnen Ihre Sachen holen, und wir fahren dann sofort weiter.�</p><p>�Heute nacht? Jetzt?�</p><p>�Ja.�</p><p>Holten schien nicht der Meinung zu sein, dass Liz viele M�glichkeiten zu einer Entscheidung hatte.</p><p>Ein gro�er schwarzer Wagen wartete auf sie. Hinter dem Steuer sa� ein Fahrer, und auf dem K�hler war ein Standartenhalter montiert. Es sah wie ein Milit�rfahrzeug aus.</p></section><section><p><strong>20 TRIBUNAL</strong></p><p>Der Gerichtssaal war nicht gr��er als ein Schulraum. An dem einen Ende sa�en Wachen und W�rter auf vier oder f�nf B�nken, die man dort aufgestellt hatte, und zwischen ihnen die Zuschauer: Mitglieder des Pr�sidiums und ausgew�hlte Funktion�re. Am anderen Ende hatten die drei Mitglieder des Gerichtes auf hochlehnigen St�hlen an einem unpolierten Eichenholztisch Platz genommen. �ber ihnen hing an Drahtschlingen ein gro�er roter Stern aus Sperrholz von der Decke herab. Die W�nde des Gerichtssaales waren wei� wie die W�nde in der Zelle von Leamas.</p><p>Etwas vor dem Tisch, aber durch seine ganze L�nge voneinander getrennt, sa�en sich auf St�hlen zwei M�nner gegen�ber. Der eine war mittleren Alters, vielleicht sechzig, und trug einen schwarzen Anzug mit grauem Schlips, jene Art Kleidung, wie sie in deutschen D�rfern zum Kirchgang getragen wird. Der andere war Fiedler.</p><p>Leamas sa� zwischen zwei W�chtern an der R�ckwand des Raumes. Zwischen den K�pfen der Zuschauer hindurch konnte er Mundt sehen, der ebenfalls von Polizei umgeben war. Sein blondes Haar war sehr kurz geschnitten, und seine breiten Schultern steckten unter dem vertrauten Tuch eines H�ftlingsanzuges.</p><p>Es schien Leamas ein bezeichnender Hinweis auf die Einstellung des Gerichtes - oder auf den Einflu� Fiedlers - zu sein, dass er selbst Zivilkleidung tragen durfte, w�hrend Mundt in der Gefangenenkluft dasa�.</p><p>Leamas sa� noch nicht lange auf seinem Platz, als der Vorsitzende des Tribunals, der den Mittelplatz am Tisch einnahm, seine Glocke l�utete. Dieser Klang lenkte den Blick von Leamas auf den Vorsitzenden, und ein Schauer lief ihm �ber die Haut, als er nun bemerkte, dass es eine Frau war. Es war verst�ndlich, dass er dies nicht schon fr�her bemerkt hatte, denn sie war um die F�nfzig, mit kleinen Augen, und ihr dunkles Haar war m�nnlich kurz geschnitten, w�hrend ihre Kleidung aus jener Art schwarzem Waffenrock bestand, den manche Sowjetfrauen bevorzugen. Sie lie� einen scharfen Blick durch den Raum schweifen, bedeutete dann einem Posten durch Kopfnicken, die T�r zu schlie�en, und wandte sich sofort, ohne weiteres Zeremoniell, an die Versammelten:</p><p>�Sie alle wissen, warum wir hier sind. Das Verfahren ist geheim, beachten Sie das. Dies ist ein Gericht, das vom Pr�sidium einberufen wurde, und allein dem Pr�sidium sind wir verantwortlich. Wir werden die Beweise w�rdigen, wie wir es f�r richtig halten.� Sie zeigte mit einer Routinebewegung ihrer Hand auf Fiedler: �Genosse Fiedler, es ist am besten, wenn Sie beginnen.�</p><p>Fiedler stand auf. W�hrend er sich kurz zum Tisch hin verbeugte, zog er aus seiner Aktentasche einen Sto� Papiere, der von einem St�ck schwarzer Schnur zusammengehalten wurde.</p><p>Er sprach ruhig und m�helos, mit einer Zur�ckhaltung, wie Leamas sie an ihm vorher noch nicht wahrgenommen hatte. Leamas empfand es als eine gro�e Leistung, wie sich Fiedler der Rolle eines Mannes anpa�te, der mit Bedauern einen Vorgesetzten h�ngt.</p><p>�Falls Sie nicht bereits dar�ber informiert sind, m�chte ich Sie zun�chst darauf hinweisen�, begann Fiedler, �dass ich an demselben Tag, an dem das Pr�sidium meinen Bericht �ber die Umtriebe des Genossen Mundt erhielt, zusammen mit dem Informanten Leamas verhaftet worden bin. Wir wurden beide eingesperrt und - nun, sagen wir - aufgefordert, und zwar unter �u�erstem Druck, ein Gest�ndnis dar�ber abzulegen, dass die in meinem Bericht erhobene schreckliche Anklage nichts anderes als ein faschistisches Komplott gegen einen treuen Genossen sei.</p><p>Sie k�nnen aus dem vorliegenden Bericht ersehen, auf welche Weise wir auf Leamas aufmerksam geworden sind: Wir selbst haben ihn ausgew�hlt, dazu �berredet, Verrat zu begehen, und ihn schlie�lich ins Demokratische Deutschland gebracht. Nichts k�nnte klarer die Unvoreingenommenheit von Leamas demonstrieren, als dass er es noch immer bestreitet, dass Mundt ein britischer Agent war. Die Gr�nde, die er f�r die Ablehnung angibt, werde ich noch erl�utern. Es ist deshalb grotesk, anzunehmen, dass Leamas ein Werkzeug in fremder Hand sei: die Initiative ging von uns aus, und die fragmentarische, aber wesentliche Aussage von Leamas liefert nur den endg�ltigen Beweis in einer ganzen Kette von Verdachtsmomenten, die sich innerhalb der letzten Jahre ergeben haben.</p><p>Sie haben die Niederschrift dieses Falles vor sich. Ich brauche Ihnen deshalb nur noch Tatsachen zu erl�utern, die Ihnen bereits bekannt sind.</p><p>Die Anklage gegen den Genossen Mundt lautet auf Spionage f�r eine imperialistische Macht. Ich h�tte die Anklage anders vorbringen k�nnen - dass er Informationen an den britischen Geheimdienst lieferte, dass er seine Dienststelle zum ahnungslosen Lakaien eines bourgeoisen Staates machte, dass er mit voller �berlegung revanchistische und parteifeindliche Gruppen deckte und als Entgelt Betr�ge in ausl�ndischer W�hrung annahm. Diese anderen Beschuldigungen sind alle in dem ersten Anklagepunkt zusammengefa�t: dass Hans-Dieter Mundt n�mlich der Agent einer imperialistischen Macht sei. Die Strafe f�r dieses Verbrechen ist der Tod. Es gibt nach unserem Strafgesetz kein schwereres Verbrechen, keines, das unseren Staat mehr gef�hrdet oder unseren Parteiorganisationen gr��ere Wachsamkeit abverlangt ��</p><p>Hier legte er die Papiere nieder.</p><p>�Genosse Mundt ist zweiundvierzig Jahre alt. Er ist stellvertretender Leiter des Amtes f�r Staatssicherheit. Er ist unverheiratet. Er ist stets als Mann von au�erordentlichen F�higkeiten angesehen worden, der unerm�dlich den Parteiinteressen gedient und sie ohne R�cksichtnahme besch�tzt hat.</p><p>Lassen Sie mich einige Einzelheiten aus seiner Laufbahn berichten. Er trat mit achtundzwanzig Jahren in den Dienst dieser Beh�rde ein und erhielt die �bliche Ausbildung. Nach Ablauf der Probezeit erf�llte er Sonderauftr�ge in skandinavischen L�ndern - insbesondere in Norwegen, Schweden und Finnland -, wo es ihm gelang, durch Errichtung eines Aufkl�rungsnetzes den Kampf gegen die faschistischen Agitatoren in das Feindeslager vorzutragen. Er f�hrte seinen Auftrag gut aus, und es besteht kein Grund zu der Annahme, dass er zu dieser Zeit etwas anderes gewesen sein soll als ein flei�iges Mitglied seiner Beh�rde. Aber, Genossen, Sie sollten diese fr�he Verbindung zu Skandinavien nicht aus dem Auge verlieren. Denn diese Netze, die von Genossen Mundt bald nach dem Krieg aufgebaut wurden, lieferten ihm viele Jahre sp�ter den Vorwand f�r Reisen nach Finnland und Norwegen. Nun benutzte er seine Verbindungen nur noch als Deckmantel, unter dessen Schutz er bei ausl�ndischen Banken Tausende von Dollar als Lohn f�r sein verr�terisches Handeln in Empfang nehmen konnte. Geben Sie sich keinem Irrtum hin: Genosse Mundt ist nicht etwa ein Opfer jener Leute geworden, die der �berzeugenden Gesetzm��igkeit des historischen Geschehens entgegenzutreten versuchen. Erst Feigheit, dann Schw�che, dann Habgier: das sind seine Motive gewesen. Sein Traum war es, Reicht�mer zu raffen. Ironischerweise wurde die Macht der Gerechtigkeit gerade durch das ausgekl�gelte System auf seine Spur gebracht, durch das seine Geldgier befriedigt werden sollte.�</p><p>Fiedler machte eine Pause und schaute sich im Raum um. Seine Augen gl�hten vor Leidenschaft. Leamas war von ihm fasziniert.</p><p>�Es soll all jenen Feinden des Staates eine Lehre sein�, rief Fiedler erregt, �deren Verbrechen so schmutzig sind, dass sie ihre Pl�ne in den geheimen Stunden der Nacht schmieden m�ssen.�</p><p>Ein pflichteifrig zustimmendes Murmeln stieg aus der Zuschauergruppe am Ende des Raumes auf.</p><p>�Sie alle werden der Wachsamkeit des Volkes, dessen Blut sie verkaufen m�chten, nicht entgehen!� Es h�rte sich an, als wollte Fiedler zu einer gro�en Menschenmenge sprechen, und nicht zu dieser Handvoll von Funktion�ren und Posten, die in dem kleinen Zimmer versammelt war.</p><p>In diesem Augenblick begriff Leamas, dass Fiedler kein Risiko eingehen wollte: Die Haltung des Gerichtes, der Staatsanwaltschaft und der Zeugen mu�te politisch untadelig sein. Da sich Fiedler zweifellos im klaren dar�ber war, dass in solchen F�llen wie diesem immer die Gefahr einer anschlie�enden Gegenklage schlummerte, versuchte er schon jetzt, seinen R�cken zu decken: Seine Rede wurde ja Bestandteil des Protokolls, und es h�tte eines sehr tapferen Mannes bedurft, wenn jemand sie sp�ter widerlegen wollte.</p><p>Fiedler �ffnete nunmehr die Akte, die auf dem Tisch vor ihm lag.</p><p>�Ende 1956 wurde Mundt als Mitglied der Deutschen Stahlmission nach London geschickt. Er hatte zus�tzlich den Sonderauftrag, Ma�nahmen gegen die Umtriebe von Exilgruppen zu treffen. Im Verlauf dieser T�tigkeit setzte er sich gro�en Gefahren aus - dar�ber besteht kein Zweifel - und er erzielte wertvolle Ergebnisse.�</p><p>Leamas' Aufmerksamkeit wurde wieder auf die drei Personen am Mitteltisch gelenkt. Links von der Vorsitzenden ein ziemlich junger Mann, dunkler Typ. Seine Augen schienen halb geschlossen zu sein. Er hatte str�hniges, widerspenstiges Haar und die bla�graue Gesichtsfarbe eines Asketen. Seine schlanken Finger spielten unerm�dlich mit der Ecke eines vor ihm liegenden Aktenstapels. Leamas nahm an, dass er auf Mundts Seite stand, ohne dass er einen Grund f�r diese Vermutung h�tte angeben k�nnen. Auf der anderen Seite des Tisches sa� ein etwas �lterer Mann mit angehender Glatze und offenem, angenehmem Gesicht. Ein ziemlicher Esel, dachte Leamas. Er vermutete, Mundt werde im Fall eines Zweifels an seiner Schuld von dem jungen Mann verteidigt und von der Frau verurteilt werden. Der zweite Mann w�rde dann durch diese Meinungsverschiedenheit in Verlegenheit geraten und sich der Vorsitzenden anschlie�en.</p><p>Fiedler sprach wieder.</p><p>�Am Ende seiner Dienstzeit in London wurde er vom Gegner angeworben. Ich sagte schon, dass er sich gro�en Gefahren aussetzte. Dabei geriet er in Konflikt mit der britischen Geheimpolizei, und man erlie� einen Haftbefehl gegen ihn. Mundt, der nicht unter diplomatischer Immunit�t stand - der NATO-Staat England erkennt unsere Souver�nit�t nicht an -, mu�te untertauchen, denn alle H�fen wurden beobachtet, und seine Fotografie mit einer Personenbeschreibung �berall auf den Britischen Inseln verbreitet. Dennoch nahm Genosse Mundt nach zwei Tagen im Versteck ein Taxi zum Londoner Flughafen und flog nach Berlin. �Brillant�, werden Sie sagen, und so war es auch. Angesichts der ganzen alarmierten britischen Polizei, trotz st�ndiger �berwachung der Stra�en, Eisenbahnen, Schifffahrts- und Luftlinien besteigt Genosse Mundt auf dem Londoner Flughafen ein Flugzeug. Brillant, in der Tat. Oder vielleicht werden Sie f�hlen, Genossen, wenn Sie die Sache nachtr�glich �berlegen, dass Mundts Flucht aus England ein wenig zu brillant, ein wenig zu leicht war, ja, dass sie ohne Duldung der britischen Beh�rden �berhaupt nie m�glich gewesen w�re!� Wieder erhob sich im hinteren Teil des Raumes ein Murmeln, spontaner als zuvor.</p><p>�Die Wahrheit ist dies: Mundt ist von den Engl�ndern gefa�t worden. In einem kurzen, entscheidenden Verh�r boten sie ihm die klassische Alternative an. Sollte er Jahre in einem britischen Gef�ngnis verbringen, seine gl�nzende Laufbahn auf diese Art beendet sehen, oder w�rde er entgegen allen Erwartungen auf dramatische Weise in seine Heimat zur�ckkehren und dadurch die k�hnen, in ihn gesetzten Hoffnungen seiner Vorgesetzten noch �bertreffen? Freilich setzten die Engl�nder vor seine R�ckkehr noch eine Bedingung: er sollte versprechen, sie mit Informationen zu versehen. Und sie sagten zu, ihm daf�r gro�e Geldbetr�ge zukommen zu lassen. Mundt ist also mit Zucker von vorn und der Peitsche von hinten angeworben worden.</p><p>Von nun an lag es im Interesse der Briten, Mundts Karriere zu f�rdern. Wir k�nnen noch nicht nachweisen, ob Mundts Erfolge bei der Liquidierung von unbedeutenderen Agenten des Westens auf die Hilfe seiner imperialistischen Herren zur�ckgehen, die ihre eigenen, entbehrlicheren Mitarbeiter opferten, um Mundts Prestige zu erh�hen. Wir k�nnen es nicht nachweisen, das vorliegende Material legt uns diese Annahme aber nahe.</p><p>Seit 1960 - dem Jahre, da Genosse Mundt Leiter des Abwehramtes geworden ist - haben uns fortw�hrend Hinweise aus aller Welt erreicht, dass ein hochgestellter Spion in unseren Reihen sein m�sse. Sie alle wissen, dass Karl Riemeck ein Spion war. Wir glaubten, dass mit ihm das �bel ausgerottet sein werde. Aber die Ger�chte hielten sich weiter.</p><p>Gegen Ende des Jahres 1960 nahm ein fr�herer Mitarbeiter von uns im Libanon Kontakt zu einem Engl�nder auf, von dem bekannt war, dass er Verbindung zum Secret Service hatte. Er bot ihm, wie wir bald danach erfuhren, einen vollst�ndigen Aufri� jener beiden B�ros der �Abteilung� an, f�r die er fr�her gearbeitet hatte. Sein Angebot wurde nach einer R�ckfrage in London abgewiesen. Eine sonderbare Sache: es konnte nur hei�en, dass die Engl�nder dieses Material bereits besa�en.</p><p>Von Mitte 1960 an verloren wir im Ausland Mitarbeiter in alarmierendem Ausma�. Sie wurden oft wenige Wochen nach ihrer Entsendung verhaftet. Manchmal versuchte der Feind, unsere Leute umzudrehen. Aber nicht oft. Es schien, als habe man daran kaum Interesse.</p><p>Und dann - es war im Fr�hjahr 1961, wenn mein Ged�chtnis nicht tr�gt - hatten wir Gl�ck. Wir erhielten auf Wegen, �ber die ich mich nicht auslassen m�chte, eine Zusammenfassung der Informationen, die das Secret Service bisher �ber die �Abteilung� bekommen hatte. Diese Informationen waren vollst�ndig, genau und sie entsprachen in verbl�ffender Weise dem neuesten Stand. Ich zeigte es nat�rlich Mundt, da er mein Vorgesetzter war. Er sagte mir, es sei keine �berraschung f�r ihn: Er habe schon gewisse Ermittlungen eingeleitet, und ich solle nichts unternehmen, da sich das st�rend auswirken k�nne. Ich gestehe, dass mir in diesem Moment der Gedanke durch den Kopf ging, abwegig und phantastisch wie er war, dass Mundt wom�glich selbst die Informationen geliefert habe. Es gab auch noch andere Hinweise �</p><p>Ich brauche Ihnen kaum zu sagen, dass der allerletzte Mann, den man der Spionage verd�chtigen w�rde, der Leiter der Abwehr ist. Der Gedanke ist so entsetzlich, so bombastisch, dass nur wenige ihn fassen w�rden, geschweige denn, dass sie ihn auszusprechen wagen. Ich gestehe, dass ich mich selbst eines �berm��igen Widerstrebens schuldig gemacht habe, als ich mich weigerte, eine scheinbar so phantastische Folgerung zu ziehen. Das war leider ein Irrtum.</p><p>Aber, Genossen, der endg�ltige Beweis ist uns in die Hand gegeben worden. Ich beantrage, diesen Zeugen jetzt einzuvernehmen.� Er wandte sich um und blickte zum hinteren Teil des Raumes. �Bringt Leamas nach vorn.�</p><p>Die Posten beiderseits von ihm erhoben sich, und Leamas quetschte sich an seinen Banknachbarn vorbei zu dem Gang, der in der Breite eines halben Meters zwischen den B�nken freigelassen worden war. Ein Posten bedeutete ihm, dass er sich mit dem Gesicht zu den Richtern vor den Tisch stellen solle. Fiedler stand nicht mehr als zwei Meter von ihm entfernt. Zun�chst richtete die Vorsitzende das Wort an ihn.</p><p>�Zeuge, wie ist Ihr Name?� fragte sie.</p><p>�Alec Leamas.�</p><p>�Wie alt sind Sie?�</p><p>�F�nfzig.�</p><p>�Sind Sie verheiratet?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Aber Sie waren es.�</p><p>�Jetzt bin ich es nicht.�</p><p>�Ihr Beruf?�</p><p>�Bibliotheksassistent.�</p><p>Fiedler intervenierte ver�rgert. �Sie waren aber fr�her beim britischen Geheimdienst angestellt, oder?� stie� er hervor.</p><p>�Jawohl. Bis vor einem Jahr.�</p><p>�Das Gericht hat den Bericht Ihres Verh�rs gelesen�, fuhr Fiedler fort. �Ich m�chte, dass Sie dem Gericht nochmals die Unterhaltung schildern, die Sie mit Peter Guillam irgendwann im Mai letzten Jahres hatten.�</p><p>�Sie meinen, als wir von Mundt sprachen?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Ich habe es Ihnen erz�hlt: Im Rondell, das ist unsere Zentrale in London, lief mir Peter auf dem Korridor in den Weg. Ich wu�te, dass er mit dem Fall Fennan zu tun gehabt hatte. Ich fragte ihn, was aus George Smiley geworden w�re. Wir kamen dann auf Dieter Frey zu sprechen, der gestorben, und Mundt, der in den Fall verwickelt war. Peter sagte, nach seiner Meinung habe Maston nicht gew�nscht, dass Mundt gefa�t werde - Maston war es, der damals die Sache unter sich hatte.�</p><p>�Wie erkl�ren Sie sich das?� fragte Fiedler.</p><p>�Ich wu�te, dass Maston den Fall Fennan ziemlich verwirrt hatte. Ich nahm an, er wolle vermeiden, dass durch Mundts Erscheinen vor Gericht Staub aufgewirbelt w�rde.�</p><p>�W�re Mundt im Fall seiner Verhaftung vor einem regul�ren Gericht angeklagt worden?� schaltete sich wieder die Vorsitzende ein.</p><p>�Das w�re darauf angekommen, wer ihn fa�te. Wenn die Polizei ihn erwischt h�tte, w�re ans Innenministerium Meldung gemacht worden. Danach h�tte keine Macht der Erde mehr die Anklage gegen ihn unterdr�cken k�nnen.�</p><p>�Und wenn Ihr Geheimdienst ihn gefa�t h�tte?� erkundigte sich Fiedler.</p><p>�Oh, das ist etwas anderes. Wahrscheinlich h�tte man ihn verh�rt und dann gegen einen unserer hochgegangenen Leute auszutauschen versucht. Oder man h�tte ihm gleich eine Fahrkarte gegeben.�</p><p>�Was hei�t das?�</p><p>�Man h�tte ihn abgesto�en.�</p><p>�Ihn liquidiert?� Fiedler stellte jetzt alle Fragen, und die Mitglieder des Gerichtes schrieben eifrig in ihren Akten.</p><p>�Ich wei� nicht, was man da macht. Ich habe mit solchen Dingen nie etwas zu tun gehabt.�</p><p>�Ist es nicht m�glich, dass man versucht hat, ihn umzudrehen?�</p><p>�M�glich schon. Aber sie hatten keinen Erfolg.�</p><p>�Woher wissen Sie das?�</p><p>�Ach, du meine G�te, ich habe Ihnen das immer wieder erkl�rt. Ich bin schlie�lich nicht nur ein untergeordneter Mann gewesen. Ich war viele Jahre lang Leiter der Berliner Organisation. Wenn Mundt einer von unseren Leuten gewesen w�re, h�tte ich das gewu�t. Ich h�tte gar nicht anders gekonnt, als es zu wissen.�</p><p>�Ganz recht.�</p><p>Fiedler schien mit dieser Antwort zufrieden zu sein, vielleicht weil er davon �berzeugt war, dass der Rest des Gerichtes nicht damit zufrieden sein konnte. Er wandte sich nun der Operation �Rollstein� zu, lie� Leamas eine Schilderung der besonderen Sicherheitsma�nahmen geben, die f�r die Bearbeitung des Aktes erlassen worden waren, fragte ihn nach den Briefen an die Banken in Stockholm und Helsinki, und berichtete von der Antwort, die darauf eingetroffen war.</p><p>Indem er sich an das Gericht wandte, erkl�rte er dann: �Aus Helsinki haben wir keine Antwort bekommen. Ich wei� nicht, warum. Aber erlauben Sie mir, dass ich den ganzen Vorgang noch einmal zusammenfassend wiederhole: Leamas deponierte am 15. Juni Geld. Unter den Papieren, die Sie vor sich haben, befindet sich das Faksimile eines Briefes der K�niglich-Skandinavischen Bank, adressiert an Robert Lang. Robert Lang war der Name, unter dem Leamas das Kopenhagener Depositenkonto er�ffnete. Aus diesem Brief (er tr�gt die Nummer zw�lf in Ihren Akten) geht hervor, dass die ganze Summe von zehntausend Dollar eine Woche nach Er�ffnung des Kontos vom zweiten Verf�gungsberechtigten wieder abgehoben worden ist. Ich denke�, fuhr Fiedler fort, wobei er mit dem Kopf auf die bewegungslose Gestalt Mundts in der vorderen Reihe deutete, �es wird vom Angeklagten nicht bestritten werden, dass er am 21. Juni in Kopenhagen war, angeblich zur Ausf�hrung eines Geheimauftrages der �Abteilung�.�</p><p>Nach einer kleinen Pause fuhr er fort:</p><p>�Leamas' Reise nach Helsinki - die zweite, die er machte, um Geld zu deponieren - fand um den 24. September herum statt.� Er erhob seine Stimme und blickte direkt auf Mundt. �Am 3. Oktober unternahm Genosse Mundt eine geheime Reise nach Finnland - angeblich wieder im Interesse der �Abteilung�.� Es war still. Fiedler drehte sich langsam um und sprach nun wieder direkt zu den Richtern. In ged�mpftem und zugleich drohendem Ton fragte er: �Haben Sie den Eindruck, dass dies nur Indizienbeweise seien? Erlauben Sie mir, dass ich Ihnen noch etwas ins Ged�chtnis rufe.�</p><p>Er wandte sich wieder an Leamas: �Zeuge, w�hrend Ihrer T�tigkeit in Berlin kamen Sie mit Karl Riemeck, dem fr�heren Sekret�r beim Pr�sidium der Sozialistischen Einheitspartei, in Verbindung. Welchen Charakter hatte diese Verbindung?�</p><p>�Er war mein Agent, bis er von Mundts Leuten erschossen wurde.�</p><p>�Ganz richtig. Er wurde von Mundts Leuten erschossen. Einer von mehreren Spionen, die kurz und b�ndig von dem Genossen Mundt liquidiert wurden, noch ehe sie verh�rt werden konnten. Aber bevor er von Mundts Leuten erschossen wurde, war er Agent des britischen Geheimdienstes?�</p><p>Leamas nickte.</p><p>�Schildern Sie Riemecks Zusammenkunft mit dem Mann, den Sie �Chef� nennen.�</p><p>�Der Chef kam von London nach Berlin her�ber, um Karl zu sprechen. Karl war wohl einer der ergiebigsten unserer Agenten, und der Chef wollte ihn treffen.�</p><p>Fiedler schaltete ein: �Ihm wurde wohl auch am meisten vertraut?�</p><p>�Ja. In London wurde Karl direkt geliebt, es gab nichts, was er h�tte falsch machen k�nnen. Als der Chef her�berkam, arrangierte ich ein Treffen in meiner Wohnung. Wir a�en dort zu dritt. Mir war es eigentlich nicht recht, dass Karl in meine Wohnung kam, aber das konnte ich dem Chef nicht sagen. Es ist schwer zu erkl�ren, aber in London sitzt man so weit vom Schu�, und es bilden sich ganz bestimmte Vorstellungen heraus - ich hatte entsetzliche Angst, sie w�rden pl�tzlich irgendeine Ausrede finden, um die F�hrung Karls selbst zu �bernehmen. Sie sind durchaus imstande, so etwas zu machen.�</p><p>�So haben Sie also eine Zusammenkunft zu dritt arrangiert�, unterbrach Fiedler kurz angebunden. �Was geschah?�</p><p>�Der Chef bat mich vorher, ihn unauff�llig mit Karl eine Viertelstunde allein zu lassen. Deshalb tat ich dann irgendwann im Laufe des Abends so, als h�tten wir keinen Scotch mehr. Ich verlie� die Wohnung und ging zu de Jong. Ich nahm dort noch einige Drinks, borgte mir eine Flasche aus, und kehrte zur�ck.�</p><p>�Wie fanden Sie sie vor?�</p><p>�Was meinen Sie?�</p><p>�Sprachen der Chef und Riemeck noch miteinander? Wenn ja, wor�ber sprachen sie?�</p><p>�Sie sprachen �berhaupt nicht, als ich zur�ckkam.�</p><p>�Danke. Sie k�nnen sich setzen.�</p><p>Leamas kehrte auf seinen Platz zur�ck.</p><p>Fiedler wandte sich den drei Mitgliedern des Gerichtes zu und begann: �Ich m�chte zuerst �ber den Spion Riemeck sprechen, der erschossen wurde: Sie haben eine nach der Erinnerung von Leamas zusammengestellte Liste aller jener Informationen vor sich, die Riemeck in Berlin an Alec Leamas �bergeben hat, soweit sich Leamas noch daran erinnern kann. Es ist ein beachtliches Dokument des Verrates. Lassen Sie mich das Material f�r Sie zusammenfassen. Riemeck gab seinen Herren einen detaillierten �berblick �ber die Arbeit und das Personal der gesamten �Abteilung�. Er war in der Lage, wenn man Leamas Glauben schenken darf, die Vorg�nge in unseren geheimsten Sitzungen zu berichten. Als Sekret�r beim Pr�sidium gab er Protokolle von den geheimsten Verhandlungen preis. Das war leicht f�r ihn; er stellte selbst den Bericht �ber jede Sitzung zusammen. Aber wie Riemeck Zugang zu den Geheimsachen der Abteilung gefunden hat, ist eine andere Frage. Wer brachte Ende 1959 Riemeck in den Ausschu� f�r Staatssicherheit, diesen wichtigen Unterausschu� des Pr�sidiums, der die Angelegenheiten unserer Sicherheitsorgane koordiniert und behandelt? Wer machte den Vorschlag, dass Riemeck das Recht auf Zugang zu den Akten der �Abteilung� bekommen solle? Wer w�hlte ihn w�hrend jeder Etappe seiner Laufbahn seit 1959 (dem Jahr, da Mundt aus England zur�ckkehrte, Sie erinnern sich) f�r Stellungen von au�erordentlicher Verantwortlichkeit aus? - Ich will es Ihnen sagen�, rief Fiedler: �Derselbe Mann, der durch seine Stellung einzigartige M�glichkeiten hatte, ihn in seiner Spionagearbeit decken zu k�nnen: Hans-Dieter Mundt! Wir wollen uns noch einmal ins Ged�chtnis zur�ckrufen, wie Riemeck den Kontakt zum britischen Geheimdienst in Berlin aufnahm - wie er den Wagen de Jongs bei einem Picknick aufst�berte, um den Film hineinzulegen. Sind Sie nicht erstaunt �ber Riemecks hellseherische F�higkeiten? Wie konnte er herausbekommen haben, wo dieser Wagen zu finden war und an welchem Tag? Riemeck hatte selbst keinen Wagen, er konnte de Jong nicht von dessen Haus in Westberlin aus gefolgt sein. Es gab nur eine M�glichkeit, woher er es wissen konnte - durch die Vermittlung unserer eigenen Sicherheitspolizei, die de Jongs Anwesenheit routinem��ig zu melden hatte, sobald der Wagen den Sektoren�bergang passiert hatte. Dieses Wissen war Mundt zug�nglich, und Mundt stellte es Riemeck zur Verf�gung. Dies ist der Beweis gegen Hans-Dieter Mundt. Ich versichere Ihnen: Riemeck war seine Kreatur, das Bindeglied zwischen Mundt und seinen imperialistischen Auftraggebern.� Nach einer Pause setzte Fiedler ruhig hinzu: �Mundt-Riemeck-Leamas: das war die Kette, und es ist ein Grundsatz der Aufkl�rungsarbeit in der ganzen Welt, dass jedes Glied der Kette so wenig wie m�glich von den anderen wei�. Es ist deshalb ganz in Ordnung, wenn Leamas behauptet, er wisse nichts �ber eine Mitarbeit von Mundt: Das ist nichts anderes als ein Beweis daf�r, wie gut man in London die einzelnen Stationen gegeneinander abzuschirmen verstand.</p><p>Sie sind weiter davon unterrichtet worden, dass der ganze Fall �Rollstein� mit besonderen Sicherheitsma�nahmen umgeben wurde, und ferner, dass Leamas in sehr ungenauen Vorstellungen von der Abteilung Peter Guillams vermutete, sie befasse sich mit der wirtschaftlichen Situation in unserer Republik. Es klingt �berraschend, dass eine angeblich nur mit Wirtschaftsfragen befa�te Abteilung auf der Verteilerliste von �Rollstein� stand. Erlauben Sie mir den Hinweis, dass derselbe Peter Guillam einer von jenen britischen Sicherheitsoffizieren war, die Mundts T�tigkeit in England zu untersuchen hatten.�</p><p>Der junge Mann am Tisch hob seinen Bleistift und fragte, indem er Fiedler mit harten, kalten, weit offenen Augen ansah: �Warum wurde Riemeck dann von Mundt liquidiert, wenn Riemeck doch sein Agent war?�</p><p>�Mundt konnte nicht anders. Riemeck stand unter Verdacht. Seine Freundin hatte ihn durch indiskrete Prahlerei verraten. Mundt gab den Befehl, ihn bei seinem Auftauchen sofort zu erschie�en, und veranla�te Riemeck zur Flucht. Damit war f�r Mundt die Gefahr, verraten zu werden, ausgeschaltet. Sp�ter lie� Mundt dann die Frau ermorden.</p><p>Ich m�chte einmal kurz Mundts Technik beleuchten: Im Anschlu� an seine R�ckkehr nach Deutschland, im Jahre 1959, begann f�r den britischen Geheimdienst zun�chst einmal ein Geduldspiel. Mundts Bereitschaft zur Zusammenarbeit mu�te erst noch bewiesen werden. Man gab ihm deshalb Anweisungen und wartete. Man beschr�nkte sich darauf, das Geld zu zahlen und das Beste zu hoffen. Zu dieser Zeit war Mundt weder in unserem Amt noch in unserer Partei in leitender Stellung, aber er bekam doch eine Menge zu sehen, und was er sah, wurde weitergegeben. Nat�rlich hielt er die Verbindung zu seinen Herren ohne fremde Hilfe aufrecht. Wir m�ssen annehmen, dass man ihn in Westberlin traf, oder dass man bei seinen kurzen Reisen ins Ausland nach Skandinavien und anderswohin F�hlung mit ihm aufnahm. Die Engl�nder waren am Anfang sehr auf ihrer Hut - wer w�re das nicht -, sie pr�ften seine Informationen mit peinlicher Sorgfalt an dem, was sie schon wu�ten. Sie f�rchteten zweifellos, dass er ein doppeltes Spiel treiben k�nnte. Aber allm�hlich merkten sie, dass sie eine Goldgrube erschlossen hatten. Mundt widmete sich seiner verr�terischen Arbeit mit der systematischen Genauigkeit, f�r die er bekannt ist. Was jetzt folgt, Genossen, ist zwar nur eine Vermutung, aber sie basiert auf langj�hriger Erfahrung mit dieser Art Arbeit und auf der Aussage von Leamas: In den ersten Monaten wagten die Engl�nder nicht, um Mundt herum ein Netz aufzubauen. Sie hielten ihn als einsamen Wolf in ihren Diensten und zahlten und unterwiesen ihn unabh�ngig von ihrer Berliner Organisation. Sie bildeten in London unter Guillam, der ja Mundt in London angeworben hatte, eine kleine Abteilung, deren Aufgaben sogar innerhalb der Organisation geheimgehalten wurden und au�er einem beschr�nkten Personenkreis niemandem bekannt waren. Sie bezahlten Mundt mittels eines eigenen Systems, das sie �Rollstein� nannten, und behandelten seine Informationen zweifellos mit �u�erster Vorsicht. Die Beteuerungen von Leamas, dass ihm die T�tigkeit Mundts unbekannt gewesen sei, steht also keineswegs in Widerspruch zu der Tatsache, von der Sie gleich h�ren werden, dass er ihn n�mlich nicht nur bezahlte, sondern dass es praktisch auch Mundts Material war, das er aus den H�nden von Riemeck entgegennahm, um es nach London weiterzugeben.</p><p>Gegen Ende 1959 informierte Mundt seine Auftraggeber in London, dass er innerhalb des Pr�sidiums einen Mann gefunden habe, der als Vermittler zwischen ihm und London fungieren werde. Dieser Mann war Karl Riemeck.</p><p>Wie fand Mundt zu Riemeck? Wie konnte er es wagen, Riemeck zu einer derartigen Zusammenarbeit aufzufordern? Sie m�ssen sich die Ausnahmestellung Mundts vor Augen halten: Er hatte Zugang zu allen Sicherheitsakten, konnte Telefonleitungen anzapfen, Briefe �ffnen, Beobachtungen machen lassen. Er konnte mit unbestrittenem Recht verh�ren, wen er wollte, und er hatte von allen ein bis ins Detail gehendes Bild ihres privaten Lebens. Vor allem konnte er sofort jeden Verdacht zum Verstummen bringen, indem er eben dieselbe Waffe gegen das Volk kehrte, die eigentlich f�r den Schutz des Volkes gedacht war.� Fiedlers Stimme zitterte vor Emp�rung.</p><p>Ohne M�he kehrte er zu seiner sachlichen Sprechweise zur�ck und fuhr fort:</p><p>�Sie k�nnen jetzt erkennen, was London tat. Man behandelte Mundts Identit�t noch immer als strenges Geheimnis, stimmte stillschweigend der Anwerbung von Riemeck zu, und erm�glichte es, dass ein indirekter Kontakt zwischen Mundt und dem Berliner B�ro hergestellt wurde. Darin liegt die Bedeutung von Riemecks Verbindung zu de Jong und Leamas. So sollten Sie Leamas' Aussagen interpretieren, so m�ssen Sie Mundts Verrat ermessen.� Er drehte sich um und rief, indem er Mundt voll ins Gesicht sah: �Dort sitzt der Saboteur, der Terrorist! Dort ist der Mann, der des Volkes Rechte verkauft hat!</p><p>Ich bin fast am Ende. Nur eines mu� noch gesagt werden. Mundt hat sich den Ruf erworben, ein loyaler und aufrechter Besch�tzer des Volkes zu sein. Er hat f�r immer jene Zeugen zum Schweigen gebracht, die sein Geheimnis h�tten verraten k�nnen. Er t�tete also im Namen des Volkes, um seinen faschistischen Verrat zu decken und um seine eigene Karriere in unserem Amt zu f�rdern. Man kann sich kein schrecklicheres Verbrechen denken als dieses. Das ist der wahre Grund, warum er schlie�lich, nachdem er alles in seiner Macht Stehende zum Schutze des immer verd�chtiger werdenden Karl Riemeck getan hatte, den Befehl zur sofortigen Erschie�ung Riemecks gab. Das ist der Grund, weshalb er Riemecks Geliebte ermorden lie�.</p><p>Wenn Sie dem Pr�sidium Ihr Urteil abgeben werden, dann schrecken Sie nicht davor zur�ck, die volle Abscheulichkeit der Verbrechen dieses Mannes zu erkennen. F�r Hans-Dieter Mundt ist das Todesurteil eine Begnadigung.�</p></section><section><p><strong>21 DER ZEUGE</strong></p><p>Die Vorsitzende wandte sich an den kleinen Mann im schwarzen Anzug, der Fiedler gegen�bersa�.</p><p>�Genosse Karden, Sie sprechen f�r den Genossen Mundt. W�nschen Sie den Zeugen Leamas zu verh�ren?�</p><p>�Gewi�, gewi�. Das m�chte ich dann gleich nachher�, antwortete er, w�hrend er m�hselig aufstand und sich die B�gel seiner goldgefa�ten Brille �ber die Ohren zog. Er war eine g�tige Erscheinung, die etwas provinziell wirkte. Sein Haar war wei�.</p><p>�Genosse Mundt behauptet� - seine sanfte Stimme hatte einen recht angenehmen Klang -, �dass Leamas l�gt. Genosse Fiedler ist - so behauptet Genosse Mundt - wissentlich oder durch eine Verkettung widriger Umst�nde in eine Verschw�rung hineingezogen worden, durch die man die �Abteilung� zu sprengen und damit die Organe zur Verteidigung unseres sozialistischen Staates in Mi�kredit zu bringen hofft. Wir bestreiten nicht, dass Karl Riemeck ein britischer Spion war - daf�r sind Beweise vorhanden. Aber wir bestreiten, dass Mundt zu dem Zweck eines Verrates an der Partei mit ihm unter einer Decke gesteckt oder Geld empfangen hat. Wir erkl�ren, dass es keinen objektiven Beweis f�r diese Anschuldigung gibt und dass Genosse Fiedler von Machttr�umen berauscht und vern�nftigen Argumenten gegen�ber taub geworden ist. Wir behaupten, dass Leamas von dem Augenblick seiner R�ckkehr aus Berlin nach London eine Kom�die gespielt hat, indem er seinen schnellen Verfall in Degeneration, Trunksucht und Verschuldung nur vort�uschte, dass er nur zu dem Zweck, die Aufmerksamkeit der �Abteilung� zu erregen, antiamerikanische Gef�hle �u�erte und in aller �ffentlichkeit einen Kaufmann angriff. Wir glauben, dass um den Genossen Mundt vom britischen Geheimdienst mit voller Absicht ein Gespinst von Indizienbeweisen gelegt worden ist: die Geldzahlungen an ausl�ndische Banken und ihre Abhebung zu einem Zeitpunkt, zu dem Mundt gerade in dem betreffenden Land war, ferner das beil�ufig ge�u�erte und nur auf Redereien beruhende Zeugnis von Peter Guillam sowie das geheime Treffen zwischen dem Chef und Riemeck, bei dem Dinge besprochen wurden, die Leamas nicht h�ren konnte: Dies alles l��t sich zu einer scheinbaren Beweiskette zusammenf�gen - eine Versuchung, der Genosse Fiedler nach der richtigen Spekulation der Engl�nder seines brennenden Ehrgeizes wegen nicht widerstehen konnte. Er ist dadurch zum Handlanger einer sch�ndlichen Verschw�rung geworden, durch deren Hilfe einer der wachsamsten Verteidiger unserer Republik vernichtet werden soll. Besser sagte man ermordet, denn Mundt ist jetzt in Gefahr, sein Leben zu verlieren.</p><p>Pa�t es nicht genau in die Liste ihrer fr�her begangenen Sabotageakte, umst�rzlerischer Umtriebe und Menschenschacherei, dass die Engl�nder dieses verzweifelte Komplott ersonnen haben? Welch anderer Weg war ihnen offen, nachdem der Wall quer durch Berlin gelegt und der Zuflu� westlicher Spione einged�mmt worden ist? Wir sind ihnen ins Garn gegangen. Bestenfalls hat sich Genosse Fiedler eines �u�erst schwerwiegenden Fehlers schuldig gemacht. Schlimmstenfalls hat er wissentlich vor der Unterminierung unserer Staatssicherheit durch imperialistische Agenten und vor der geplanten Vergie�ung unschuldigen Blutes seine Augen geschlossen!</p><p>Wir haben auch einen Zeugen.� Er nickte dem Gericht freundlich zu. �Ja. Auch wir haben einen Zeugen. Denn Sie d�rfen nicht glauben, dass Genosse Mundt die ganze Zeit in Unkenntnis von Fiedlers fieberhafter Verschw�rert�tigkeit gewesen sei. Sollten Sie das wirklich glauben? Schon vor Monaten hat Genosse Mundt die Krankheit in Fiedlers Geist erkannt. Genosse Mundt selbst war es, der die Aufnahme einer Verbindung zu Leamas in England genehmigte. Glauben Sie, er h�tte dieses Risiko auf sich genommen, wenn er bef�rchten mu�te, selbst in die Sache verwickelt zu werden? Und meinen Sie, Genosse Mundt habe die Berichte �ber Leamas' erstes Verh�r in Den Haag ungelesen weggeworfen? Nachdem Leamas in unserem eigenen Land eingetroffen war und Fiedler das Verh�r �bernommen hatte, blieben pl�tzlich die Berichte aus: Glauben Sie, Genosse Mundt sei so beschr�nkt gewesen, nicht einmal jetzt zu erkennen, was Fiedler ausheckte? Als die ersten Berichte von Peters aus Den Haag eintrafen, erkannte Mundt doch schon an den Terminen, zu denen Leamas nach Kopenhagen und Helsinki gefahren war, dass das Ganze eine Falle war, um ihn selbst in Mi�kredit zu bringen. Diese Daten stimmten in der Tat mit Mundts Besuchen in D�nemark und Finnland �berein: Sie waren von London eben gerade aus diesem Grund ausgew�hlt worden. Mundt hatte von diesen sogenannten �fr�hen Hinweisen� ebenso Kenntnis wie Fiedler selbst - behalten Sie das, bitte, im Auge. Auch Mundt war auf der Suche nach einem Spion in den Reihen der �Abteilung� �</p><p>Aus diesen Gr�nden beobachtete Mundt fasziniert, wie Leamas nach seiner Ankunft in der DDR Fiedlers Verdacht mit Andeutungen und versteckten Hinweisen sch�rte. Nie zu sehr, verstehen Sie, nie �berbetont, aber hie und da streute er es mit heimt�ckischer Sicherheit ein. Und dann war der Boden vorbereitet: der Mann im Libanon und die geheimnisvolle Geldgeschichte, auf die sich Fiedler bezieht, weil beides die Anwesenheit eines hochgestellten Spions innerhalb der �Abteilung� zu best�tigen scheint.</p><p>Es war wundervoll inszeniert. Es h�tte die Niederlage, die die Engl�nder durch den Verlust Karl Riemecks erlitten hatten, in einen bemerkenswerten Sieg umwandeln k�nnen - und kann es immer noch tun.</p><p>Genosse Mundt traf eine Vorsichtsma�nahme, w�hrend die Engl�nder mit Fiedlers Hilfe seine Ermordung planten.</p><p>Er veranla�te, dass gewissenhafte Nachforschungen in London angestellt wurden. Er untersuchte jede winzige Einzelheit jenes Doppellebens, das Leamas in Bayswater gef�hrt hatte. Er hielt Ausschau, sehen Sie, nach einem menschlichen Fehler in einer Planung von fast �bermenschlicher Hinterlist. Irgendwo, dachte er, mu�te Leamas auf seiner langen Reise durch die Wildnis das Gel�bde der Armut, der Trunksucht, des Verfalls und vor allem der Einsamkeit gebrochen haben. Er hatte vielleicht einen Gef�hrten gebraucht, vielleicht eine Geliebte. Er mu�te sich nach der W�rme eines menschlichen Kontaktes gesehnt haben. Der andere Teil seiner Seele mu�te ihn dazu gedr�ngt haben, sich irgend jemandem offenbaren zu k�nnen. Genosse Mundt hatte recht, sehen Sie, Leamas, dieser geschickte und erfahrene Agent, machte einen so elementaren Fehler, einen so menschlichen, dass �� Er l�chelte. �Sie werden den Zeugen h�ren, aber noch nicht jetzt. Der Zeuge ist hier. Er wurde von dem Genossen Mundt herbeigeschafft. Es war eine bewundernswerte Vorsichtsma�nahme. Ich werde sp�ter diesen Zeugen vernehmen.� Er sah ein wenig schelmisch aus, als wolle er sagen, man m�sse ihm diesen kleinen Scherz schon erlauben. �Inzwischen m�chte ich gern ein oder zwei Fragen an diesen Belastungszeugen wider Willen, Mr. Alec Leamas, richten.�</p><p>�Sagen Sie mir�, begann er, �ob Sie ein gutsituierter Mann sind.�</p><p>�Seien Sie nicht albern�, sagte Leamas kurz. �Sie wissen, wie man mich aufgelesen hat.�</p><p>�Ja�, erkl�rte Karden, �es war meisterhaft. Ich darf also annehmen, dass Sie �berhaupt kein Geld haben?�</p><p>�Sie d�rfen.�</p><p>�Haben Sie Freunde, die Ihnen Geld leihen w�rden, es Ihnen vielleicht schenken w�rden? Ihnen die Schulden zahlen w�rden?�</p><p>�Wenn ich die h�tte, w�re ich nicht hier.�</p><p>�Sie haben keine? Sie k�nnen sich nicht vorstellen, dass ein freundlicher G�nner, vielleicht jemand, den Sie fast vergessen haben, sich je damit befassen w�rde, Sie auf die Beine zu stellen, mit Gl�ubigern verhandeln w�rde und so weiter?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Danke. Eine andere Frage: Kennen Sie George Smiley?�</p><p>�Freilich kenne ich ihn. Er war bei uns im Rondell.�</p><p>�Er ist jetzt aus dem britischen Geheimdienst ausgeschieden?�</p><p>�Er ging nach dem Fall Fennan.�</p><p>�Ah, ja - der Fall, in den Mundt verwickelt war. Haben Sie ihn seitdem je wiedergesehen?�</p><p>�Ein- oder zweimal.�</p><p>�Haben Sie ihn gesehen, seitdem Sie das Rondell verlie�en?�</p><p>Leamas z�gerte. �Nein�, sagte er.</p><p>�Er hat Sie nicht im Gef�ngnis besucht?�</p><p>�Nein, niemand hat mich besucht.�</p><p>�Und bevor Sie ins Gef�ngnis kamen?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Nachdem Sie das Gef�ngnis verlassen hatten - genau gesagt, am Tag der Entlassung -, wurden Sie von einem Mann namens Ashe angesprochen, nicht wahr?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Sie a�en mit ihm in Soho. Wo gingen Sie hin, nachdem Sie sich getrennt hatten?�</p><p>�Ich kann mich nicht erinnern. Wahrscheinlich in eine Wirtschaft. Keine Ahnung.�</p><p>�Lassen Sie mich nachhelfen. Sie gingen schlie�lich zur Fleet Street und nahmen einen Bus. Von da an scheinen Sie kreuz und quer mit Bus, Untergrundbahn und privatem Wagen, ziemlich unge�bt f�r einen Mann Ihrer Erfahrung, nach Chelsea gefahren zu sein. Erinnern Sie sich daran? Wenn Sie wollen, kann ich Ihnen den Bericht zeigen. Ich habe ihn hier.�</p><p>�Sie haben wahrscheinlich recht. Was wollen Sie also?�</p><p>�George Smiley wohnt in der Bywater Street, einer Nebenstra�e der Kings Road, das ist der Angelpunkt. Ihr Wagen bog in die Bywater Street ein, und unser Agent berichtet, dass Sie vor Nummer neun abgesetzt wurden. Das ist zuf�llig Smileys Haus.�</p><p>�Unsinn�, erkl�rte Leamas. �Ich glaube, ich fuhr zu den �Eight Bells�; das ist eines meiner bevorzugten Lokale.�</p><p>�Mit einem Privatwagen?�</p><p>�Das ist wieder Unsinn. Ich fuhr per Taxi hin, meine ich. Wenn ich Geld habe, dann gebe ich's aus.�</p><p>�Aber warum dann die ganze Herumfahrerei vorher?�</p><p>�Das ist ein M�rchen. Man folgte wahrscheinlich dem falschen Mann. Das w�re typisch.�</p><p>�Ich komme auf meine urspr�ngliche Frage zur�ck: Sie k�nnen sich nicht denken, dass Smiley irgendein Interesse an Ihnen gehabt h�tte, nachdem Sie das Rondell verlassen hatten?�</p><p>�Gro�er Gott, nein.�</p><p>�Weder an Ihrem Wohlergehen, nachdem Sie ins Gef�ngnis kamen, noch an Ihren Angeh�rigen, indem er Ihnen Geld gegeben h�tte? Sie k�nnen sich nicht denken, dass er Interesse an einem Gespr�ch mit Ihnen gehabt haben k�nnte, nachdem Sie Ashe getroffen hatten?�</p><p>�Nein. Ich habe keine Ahnung, worauf Sie hinauswollen, Karden, aber die Antwort ist: nein. Wenn Sie je Smiley begegnen, dann w�rden Sie diese Fragen nicht stellen. Wir sind uns so un�hnlich wie nur m�glich.�</p><p>Karden schien damit sehr zufrieden zu sein. Er l�chelte und nickte, als er seine Brille zurechtr�ckte und sich seinen Akten zuwandte.</p><p>�O ja�, sagte er, als habe er etwas vergessen. �Als Sie den Kr�mer um Kredit ersuchten, wieviel Geld hatten Sie da?�</p><p>�Keines�, sagte Leamas achtlos. �Ich war schon seit einer Woche pleite. Oder noch l�nger, glaube ich.�</p><p>�Wovon hatten Sie gelebt?�</p><p>�Von Kleinigkeiten, ich war krank gewesen, irgendein Fieber. Ich hatte eine Woche lang kaum etwas gegessen. Ich glaube, dass mich das auch nerv�s machte, das Fa� zum �berlaufen brachte.�</p><p>�Man schuldete Ihnen nat�rlich noch Geld bei der Bibliothek, nicht wahr?�</p><p>�Woher wissen Sie das?� fragte Leamas scharf. �Sind Sie -�</p><p>�Warum sind Sie nicht hingegangen und haben es geholt? Sie h�tten dann nicht um Kredit bitten m�ssen, Leamas, nicht wahr?�</p><p>Leamas zuckte die Achseln: �Ich habe es vergessen. Wahrscheinlich, weil die Bibliothek am Samstagmorgen geschlossen war.�</p><p>�Ich verstehe. Sind Sie sicher, dass die Bibliothek am Samstagmorgen immer geschlossen ist?�</p><p>�Nein. Das ist nur eine Vermutung.�</p><p>�Ganz recht. Danke, das war alles, was ich fragen wollte.�</p><p>Leamas war dabei, sich zu setzen, als die T�r aufging und eine Frau hereinkam. Sie war gro� und h��lich und trug einen grauen Overall, auf dessen einem �rmel ein Unteroffizierswinkel aufgen�ht war.</p><p>Hinter ihr stand Liz.</p></section><section><p><strong>22 DIE VORSITZENDE</strong></p><p>Sie betrat den Gerichtssaal langsam und schaute sich mit weit offenen Augen um, wie ein halbwaches Kind, das einen hellerleuchteten Raum betritt. Leamas hatte vergessen, wie jung sie war. Als sie ihn zwischen zwei Wachen sitzen sah, blieb sie stehen.</p><p>�Alec.�</p><p>Der Posten neben ihr legte seine Hand auf ihren Arm und geleitete sie zu der Stelle, wo Leamas gestanden hatte. Es war sehr still im Saal.</p><p>�Wie ist Ihr Name, Kind?� fragte die Vorsitzende sachlich. Liz schwieg. Ihre Arme mit den langen H�nden und gestreckten Fingern hingen hilflos an ihrem K�rper herunter.</p><p>�Wie ist Ihr Name?� wiederholte die Vorsitzende, diesmal lauter.</p><p>�Elisabeth Gold.�</p><p>�Sie sind Mitglied der britischen Kommunistischen Partei?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Und Sie haben sich in Leipzig aufgehalten?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Wann sind Sie der Partei beigetreten?�</p><p>�1955. Nein - 1954 - glaube ich, war es -�</p><p>Sie wurde durch den L�rm einer Bewegung im Raum unterbrochen. St�hle wurden zur Seite gesto�en, und Leamas' Stimme f�llte heiser und hoch und h��lich den Raum: �Ihr Saukerle! La�t sie in Ruhe!�</p><p>Liz drehte sich angsterf�llt um und sah ihn dort mit blutendem wei�em Gesicht stehen, ein Posten versetzte ihm einen Faustschlag, so dass er beinahe fiel, dann waren sie beide �ber ihm, rissen ihn hoch, indem sie seine Arme hinter dem R�cken nach oben stie�en. Sein Kopf fiel nach vorn auf die Brust und dann vor Schmerz auf die Seite.</p><p>�Schaffen Sie ihn hinaus, wenn er sich wieder r�hrt�, ordnete die Vorsitzende an, wobei sie Leamas warnend zunickte und erg�nzte: �Sie k�nnen dann sp�ter sprechen, wenn Sie wollen.� Sie wandte sich wieder an Liz und sagte in scharfem Ton: �Sicher k�nnen Sie angeben, wann Sie der Partei beigetreten sind?�</p><p>Liz sagte nichts, und die Vorsitzende zuckte mit den Achseln, nachdem sie einen Moment gewartet hatte. Dann lehnte sie sich vor, um ihrer Frage mehr Eindringlichkeit zu verleihen: �Elisabeth Gold, sind Sie je in der Partei �ber die Notwendigkeit der Verschwiegenheit belehrt worden?�</p><p>Liz nickte.</p><p>�Und es ist Ihnen gesagt worden, niemals einen anderen Genossen nach Organisation und Einrichtungen der Partei zu fragen?�</p><p>Liz nickte wieder. �Ja�, sagte sie, �nat�rlich.�</p><p>�Heute werden Sie eine ernste Bew�hrungsprobe ablegen m�ssen, ob Sie sich dieser Parteiregel aufrichtig unterwerfen. Es ist besser f�r Sie, viel besser, dass Sie nichts wissen - nichts�, f�gte sie mit pl�tzlichem Nachdruck hinzu. �Lassen wir es mit folgendem gen�gen: Wir drei an diesem Tisch nehmen eine sehr hohe Stellung in der Partei ein. Wir handeln mit Wissen unseres Pr�sidiums, im Interesse der Parteisicherheit. Wir m�ssen Ihnen einige Fragen stellen, und Ihre Antworten sind von gr��ter Bedeutung. Durch wahrheitsgem��e und mutige Antworten k�nnen Sie der Sache des Sozialismus dienen.�</p><p>�Aber wer�, fl�sterte Liz, �wer steht hier vor Gericht? Was hat Alec getan?�</p><p>Die Vorsitzende sah an ihr vorbei auf Mundt und sagte: �Vielleicht steht hier niemand vor Gericht. Das ist der springende Punkt. Vielleicht nur die Ankl�ger.� Sie setzte hinzu: �Es ist belanglos, <emphasis>wer</emphasis> angeklagt ist. dass Sie es nicht wissen k�nnen, garantiert uns Ihre Unparteilichkeit.�</p><p>In dem kleinen Raum breitete sich Stille aus, und dann fragte Liz mit so leiser Stimme, dass die Vorsitzende instinktiv den Kopf wandte, um ihre Worte verstehen zu k�nnen: �Ist es Alec? Ist es Leamas?�</p><p>�Ich sage Ihnen�, beharrte die Vorsitzende, �es ist besser f�r Sie - viel besser -, dass Sie nichts wissen. Sie m�ssen die Wahrheit sagen und gehen. Das ist das Kl�gste, was Sie tun k�nnen.�</p><p>Liz mu�te eine Geste gemacht oder einige Worte gefl�stert haben, die die anderen nicht verstehen konnten, denn die Vorsitzende beugte sich wieder vor und sagte mit gro�er Eindringlichkeit: �H�ren Sie, Kind, wollen Sie wieder heimfahren? Tun Sie, was ich Ihnen sage, und Sie werden es. Aber wenn Sie �� Sie brach ab, wies mit der Hand auf Karden und f�gte geheimnisvoll hinzu: �Dieser Genosse will Ihnen einige Fragen stellen, nicht viele. Dann k�nnen Sie gehen. Sagen Sie die Wahrheit.�</p><p>Karden stand wieder auf und zeigte sein freundliches L�cheln, das an einen Kirchenvorstand erinnerte.</p><p>�Elisabeth�, erkundigte er sich, �Alec Leamas war Ihr Geliebter, nicht wahr?�</p><p>Sie nickte.</p><p>�Sie lernten ihn in der Bibliothek in Bayswater kennen, wo Sie arbeiteten?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Sie waren ihm vorher nicht begegnet?�</p><p>Sie sch�ttelte den Kopf. �Wir lernten uns in der Bibliothek kennen.�</p><p>�Haben Sie viele Liebhaber gehabt, Elisabeth?�</p><p>Ihre Antwort wurde von dem Schrei Leamas' �bert�nt: �Karden, Sie Schwein!�, aber Liz drehte sich um und sagte ziemlich laut: �Alec, nicht. Sie werden dich abf�hren.�</p><p>�Ja�, bemerkte die Vorsitzende trocken, �das werden sie.�</p><p>�Sagen Sie mir�, fuhr Karden geschmeidig fort, �war Alec ein Kommunist?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Wu�te er, dass Sie Kommunistin waren?�</p><p>�Ja. Ich sagte es ihm.�</p><p>�Was sagte er da, als Sie es ihm erz�hlten, Elisabeth?�</p><p>Sie wu�te nicht, ob sie l�gen sollte, das war das Schreckliche. Die Fragen kamen so schnell, dass sie keine Gelegenheit zum Nachdenken hatte. Die ganze Zeit h�rte man ihr zu, beobachtete sie, wartete auf ein Wort oder vielleicht auch nur eine Geste, die Alec schrecklichen Schaden zuf�gen konnte. Wie sollte sie aber l�gen, wenn sie nicht wu�te, warum es ging? Sie w�rde weiter im dunkeln tappen, und Alec w�rde sterben m�ssen - denn sie hatte keinen Zweifel daran, dass Leamas in Gefahr war.</p><p>�Was sagte er also?� wiederholte Karden.</p><p>�Er lachte. Er stand �ber all dem.�</p><p>�Glauben Sie, dass er dar�berstand?�</p><p>�Nat�rlich.�</p><p>Der junge Mann am Richtertisch sprach zum zweitenmal. Seine Augen waren halb geschlossen: �Sehen Sie das als wertvolles Urteil �ber ein menschliches Wesen an? Dass es �ber dem Gang der Geschichte und �ber den zwingenden Forderungen der Dialektik steht?�</p><p>�Ich wei� nicht. Es kam mir einfach so vor, nichts weiter.�</p><p>�Lassen wir das�, sagte Karden. �Sagen Sie mir, ob er ein gl�cklicher Mensch war, viel lachte und so weiter?�</p><p>�Nein. Er lachte nicht oft.�</p><p>�Aber er lachte, als Sie ihm sagten, dass Sie in der Partei waren. Wissen Sie, warum?�</p><p>�Ich glaube, er verachtete die Partei.�</p><p>�Meinen Sie, dass er sie ha�te?� fragte Karden nebenbei.</p><p>�Ich wei� nicht�, antwortete Liz versch�chtert.</p><p>�War er ein Mann mit starken Neigungen oder Abneigungen?�</p><p>�Nein � nein, das war er nicht.�</p><p>�Aber er hat einen Kaufmann angegriffen. Warum wohl tat er das?�</p><p>Liz hatte pl�tzlich kein Vertrauen mehr zu Karden. Sie traute der schmeichelnden Stimme und dem g�tigen Engelsgesicht nicht.</p><p>�Ich wei� nicht.�</p><p>�Aber Sie haben dar�ber nachgedacht.�</p><p>�Ja.�</p><p>�Nun, zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?�</p><p>�Zu keinem�, sagte Liz einfach. Karden schaute sie nachdenklich, vielleicht auch ein wenig entt�uscht an, so als habe sie ihren Katechismus nicht gelernt.</p><p>�Wu�ten Sie vorher, dass Leamas den Kaufmann schlagen w�rde?�</p><p>�Nein�, erwiderte Liz. Ihre Antwort kam etwas zu schnell, so dass Kardens L�cheln in der nun folgenden Pause einer Miene belustigter Neugier Platz machte. Schlie�lich fragte er: �Wann haben Sie Leamas vor der heutigen Begegnung zum letztenmal gesehen?�</p><p>�Ich habe ihn nicht mehr gesehen, seit er ins Gef�ngnis ging�, antwortete Liz.</p><p>�Wann sahen Sie ihn also zuletzt?� - Die Stimme war liebensw�rdig, aber beharrlich. dass Liz dem Saal ihren R�cken zukehren mu�te, war ihr sehr unangenehm. Am liebsten h�tte sie sich umgewandt, um Leamas sehen zu k�nnen. Vielleicht h�tte sie in seinem Gesicht einen Hinweis oder irgendein Zeichen entdeckt, das ihr sagte, wie sie antworten sollte. Auch begann sie sich nun zu f�rchten - diese Fragen wurzelten in Anklagen und Verd�chtigungen, von denen sie keine Ahnung hatte. Die Leute mu�ten doch wissen, dass sie Alec zu helfen w�nschte und dass sie selbst Angst hatte, aber niemand unterst�tzte sie. Warum kam ihr niemand zu Hilfe?</p><p>�Elisabeth, wann waren Sie zum letztenmal mit Leamas zusammen?� Oh, diese Stimme. Oh, wie sie diese seidige Stimme ha�te!</p><p>�Am Abend, bevor es geschah�, antwortete sie. �Am Abend, bevor er den Kampf mit Mr. Ford hatte.�</p><p>�Den Kampf? Es war kein Kampf, Elisabeth. Der Kaufmann hat nicht zur�ckgeschlagen. Er hatte keine Gelegenheit dazu. Sehr unsportlich!� Karden lachte, und es klang besonders entsetzlich, weil niemand mitlachte.</p><p>�Sagen Sie mir, wo Sie Leamas an diesem letzten Abend getroffen haben.�</p><p>�In seiner Wohnung. Er war krank und nicht zur Arbeit gekommen. Er war im Bett geblieben. Ich hatte nach ihm gesehen und f�r ihn gekocht.�</p><p>�Und die Lebensmittel gekauft? Besorgungen gemacht?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Wie nett. Das mu� Sie eine Menge Geld gekostet haben�, bemerkte Karden teilnahmsvoll. �Konnten Sie es sich leisten, ihn auszuhalten?�</p><p>�Ich habe ihn nicht ausgehalten. Ich bekam das Geld von Alec. Er ��</p><p>�Oh�, unterbrach Karden scharf, �er hat also doch etwas Geld?�</p><p>O Gott, dachte Liz, o Gott, o lieber Gott, was habe ich jetzt gesagt?</p><p>�Nicht viel�, sagte sie schnell, �nicht viel. Ich wei� das. Ein Pfund, zwei Pfund, nicht mehr. Mehr hatte er nicht. Er konnte seine Rechnungen nicht bezahlen - sein elektrisches Licht und die Miete -, sie wurden alle hinterher von einem Freund bezahlt, nachdem er gegangen war, sehen Sie. Ein Freund mu�te bezahlen, nicht Alec.�</p><p>�Nat�rlich�, sagte Karden gelassen. �Ein Freund bezahlte. Kam eigens und bezahlte alle seine Rechnungen. Irgendein alter Freund von Leamas, den er vielleicht schon kannte, bevor er nach Bayswater kam. Sind Sie diesem Freund jemals begegnet, Elisabeth?�</p><p>Sie sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Ich verstehe. Welche Rechnungen hat dieser gute Freund sonst noch bezahlt, wissen Sie das?�</p><p>�Nein � nein.�</p><p>�Warum z�gern Sie?�</p><p>�Ich sagte doch, ich wei� es nicht�, erwiderte Liz w�tend.</p><p>�Aber Sie z�gerten�, erkl�rte Karden. �Ich habe nur �berlegt, ob Ihnen nicht vielleicht gerade etwas eingefallen ist.�</p><p>�Nein.�</p><p>�Sprach Leamas irgendwann von diesem Freund? Von einem Freund mit Geld, der seine Adresse kannte?�</p><p>�Er hat �berhaupt nie einen Freund erw�hnt. Ich war der Meinung, er habe gar keinen Freund.�</p><p>�Ah.�</p><p>Die Stille im Gerichtssaal war f�r Liz besonders schrecklich, weil sie - �hnlich einem blinden Kind unter Sehenden - von den Menschen in ihrer Umgebung abgeschnitten war. Die anderen konnten jede ihrer Antworten an irgendwelchen geheimen Ma�st�ben pr�fen, w�hrend ihr selbst dies schreckliche Schweigen nicht verriet, zu welchen Ereignissen sie dabei kamen.</p><p>�Wieviel Geld, verdienen Sie, Elisabeth?�</p><p>�Sechs Pfund in der Woche.�</p><p>�Haben Sie Ersparnisse?�</p><p>�Etwas. Einige Pfund.�</p><p>�Wie hoch ist die Miete Ihrer Wohnung?�</p><p>�F�nfzig Shilling die Woche.�</p><p>�Das ist eine ganze Menge, nicht wahr, Elisabeth? Haben Sie k�rzlich Ihre Miete bezahlt?�</p><p>Sie sch�ttelte hilflos den Kopf.</p><p>�Warum nicht?� fuhr Karden fort. �Haben Sie kein Geld?�</p><p>Fl�sternd erwiderte sie: �Ich habe einen Mietvertrag. Jemand kaufte den Vertrag und schickte ihn mir.�</p><p>�Wer?�</p><p>�Ich wei� nicht.� �ber ihr Gesicht liefen nun Tr�nen. �Ich wei� nicht � Bitte fragen Sie nicht mehr. Ich wei� nicht, wer es war � Vor sechs Wochen schickten sie ihn, eine Bank in der City � Irgendeine Wohlt�tigkeitsstiftung war es � f�r tausend Pfund. Ich schw�re, dass ich nicht wei�, wer � Eine Schenkung von einer Wohlt�tigkeitsstiftung. Sie wissen doch schon alles, sagen Sie mir doch, wer ��</p><p>Sie weinte, w�hrend sie ihr Gesicht in den H�nden verbarg. Noch immer kehrte sie dem Saal ihren R�cken zu. Das Schluchzen lie� ihre Schultern zucken und sch�ttelte ihren K�rper. Niemand regte sich, und schlie�lich lie� sie die H�nde sinken, ohne jedoch den Kopf zu heben.</p><p>�Warum haben Sie sich nicht erkundigt?� fragte Karden. �Oder sind Sie gewohnt, anonyme Geschenke in H�he von tausend Pfund zu bekommen?�</p><p>Sie sagte nichts, und Karden fuhr fort: �Sie haben sich nicht erkundigt, weil Sie es erraten hatten. Habe ich nicht recht?�</p><p>Sie nickte und hob ihre Hand wieder ans Gesicht.</p><p>�Sie errieten, dass es von Leamas oder von seinem Freund kam, nicht wahr?�</p><p>�Ja.� Die Antwort kam m�hsam �ber ihre Lippen.</p><p>�In der Stra�e hie� es, dass der Kaufmann Geld bekommen habe. Von irgendwoher nach der Verhandlung eine Menge Geld. Es wurde viel dar�ber gesprochen, und ich dachte, dass es sicher von Alecs Freund sei ��</p><p>�Das ist sehr seltsam �, sagte Karden fast zu sich selbst. �Wie merkw�rdig.� Und dann: �Sagen Sie mir, Elisabeth, sind Sie von jemandem besucht worden, nachdem Leamas ins Gef�ngnis gekommen war?�</p><p>�Nein�, log sie. Sie wu�te jetzt ganz sicher, dass man Alec irgend etwas nachweisen wollte, das mit dem Geld oder seinen Freunden zusammenhing. Es hatte sicher mit dem Kaufmann zu tun.</p><p>�Sind Sie sicher?� fragte Karden, w�hrend er seine Augenbrauen �ber die goldenen Brillenr�nder emporzog.</p><p>�Ja.�</p><p>�Ihr Nachbar, Elisabeth�, wandte Karden geduldig ein, �behauptet aber, dass zwei M�nner gekommen seien, und zwar ziemlich bald, nachdem Leamas verurteilt worden war. Oder waren das nur Liebhaber, Elisabeth? Gelegentliche Liebhaber, wie Leamas einer war, der Ihnen Geld gab?�</p><p>�Alec war kein gelegentlicher Liebhaber�, rief sie, �wie k�nnen Sie ��</p><p>�Aber er gab Ihnen Geld. Haben diese M�nner Ihnen auch Geld gegeben?�</p><p>�O Gott�, schluchzte sie.</p><p>�Wer war das?� Sie antwortete nicht.</p><p>Pl�tzlich br�llte Karden, es war das erstemal, dass er seine Stimme erhob: �Wer?�</p><p>�Ich wei� nicht. Sie kamen im Auto. Freunde von Alec.�</p><p>�Weitere Freunde? Was wollten sie?�</p><p>�Ich wei� nicht. Sie fragten mich immer wieder, was er mir erz�hlt habe � Sie sagten mir, ich solle mich an sie wenden, wenn ��</p><p>�Wie? Wie sollten Sie sich an sie wenden?�</p><p>Schlie�lich antwortete Liz: �Er wohnte in Chelsea � sein Name war Smiley � George Smiley � ich sollte ihn anrufen.�</p><p>�Und taten Sie das?�</p><p>�Nein.�</p><p>Karden legte seine Akten weg.</p><p>Eine t�dliche Stille breitete sich im Saal aus. Endlich sagte Karden mit v�llig beherrschter Stimme, und deshalb besonders eindrucksvoll, w�hrend er auf Leamas dteutete: �Smiley wollte wissen, ob Leamas ihr zuviel erz�hlt hatte. Denn dieses eine, das Leamas getan hatte, h�tte der britische Geheimdienst niemals von ihm erwartet: Er hatte sich ein M�dchen genommen, um sich an ihrer Schulter auszuweinen.� Dann lachte Karden leise, als sei das alles ein netter Scherz: �Genau wie Karl Riemeck, er hat den gleichen Fehler gemacht.�</p><p>�Sprach Leamas jemals �ber sich selbst?� fuhr Karden fort.</p><p>�Nein.�</p><p>�Sie wissen nichts von seiner Vergangenheit?�</p><p>�Nein. Ich wu�te, dass er etwas in Berlin getan hatte. Etwas f�r die Regierung.�</p><p>�Er sprach also doch von seiner Vergangenheit, nicht wahr? Sagte er Ihnen, dass er verheiratet gewesen war?�</p><p>Es entstand ein langes Schweigen. Liz nickte.</p><p>�Warum haben Sie ihn nicht im Gef�ngnis besucht? Sie h�tten ihn besuchen k�nnen.�</p><p>�Ich glaube nicht, dass er mich sehen wollte.�</p><p>�Ich verstehe. Sie haben ihm aber geschrieben?�</p><p>�Nein. Ja, doch, einmal � Ich wollte ihm nur sagen, dass ich warten w�rde. Ich dachte, er k�nnte nichts dagegen haben.�</p><p>�Sie dachten nicht, dass er das auch wollte?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Und nachdem er seine Zeit abgesessen hatte, machten Sie da keinen Versuch, mit ihm in Verbindung zu kommen?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Hatte er irgend jemanden, zu dem er gehen konnte, wartete ein Arbeitsplatz auf ihn, hatte er Freunde, die ihn aufnehmen wollten?�</p><p>�Ich wei� es nicht.�</p><p>�Also hatten Sie Schlu� mit ihm gemacht, nicht wahr?� fragte Karden h�hnisch. �Hatten Sie einen neuen Geliebten gefunden?�</p><p>�Nein! Ich wartete auf ihn � Ich werde immer auf ihn warten.� Sie dachte nach. �Ich wollte, dass er zu mir zur�ckkommt.�</p><p>�Warum schrieben Sie ihm dann nicht? Warum versuchten Sie nicht, ihn zu finden?�</p><p>�Er wollte das nicht haben, verstehen Sie nicht?</p><p>Ich mu�te ihm versprechen � ihm nie zu folgen � nie zu ��</p><p>�Er hat also vorausgesehen und erwartet, dass er am n�chsten Tag eingesperrt werden w�rde, so ist es doch?� verlangte Karden mit triumphierender Stimme zu wissen.</p><p>�Nein � Ich wei� es nicht. Wie kann ich Ihnen sagen, was ich nicht wei� ��</p><p>�Verlangte er an diesem letzten Abend, bevor er den Kaufmann zusammenschlug, eine Erneuerung Ihres Versprechens? � Nun, tat er das?� Karden sprach jetzt barsch und einsch�chternd.</p><p>Liz nickte ersch�pft. Es war eine ergreifende Geste der Selbstaufgabe.</p><p>�Ja.�</p><p>�Und Sie sagten ihm Lebewohl?�</p><p>�Wir sagten uns Lebewohl.�</p><p>�Nach dem Abendessen, nat�rlich. Es war ziemlich sp�t. Oder verbrachten Sie die Nacht mit ihm?�</p><p>�Nach dem Essen. Ich ging heim � nicht geradewegs heim � Ich ging erst noch spazieren, ich wei� nicht, wohin. Eben nur so spazieren.�</p><p>�Womit begr�ndete er denn diesen Abbruch Ihrer Beziehung?�</p><p>�Er hat die Beziehung doch gar nicht abgebrochen�, sagte sie. �Das hat er nie getan. Er sagte nur, dass er noch etwas tun m�sse, dass da noch jemand ist, mit dem er unbedingt abzurechnen habe. Aber hinterher, wenn alles vor�ber sei, k�me er eines Tages vielleicht � wieder, wenn ich noch da w�re, und ��</p><p>�Und Sie sagten nat�rlich�, erkl�rte Karden ironisch, �dass Sie stets auf ihn warten w�rden? dass Sie ihn immer lieben w�rden?�</p><p>�Ja�, erwiderte Liz einfach.</p><p>�Sagte er, dass er Geld schicken wolle?�</p><p>�Er sagte � er sagte, die Dinge st�nden gar nicht so schlecht, wie es auss�he, dass man sich um mich k�mmern werde.�</p><p>�Und das war der Grund daf�r, dass Sie sp�ter keine R�ckfragen gestellt haben, als Ihnen eine Bank in der City nebenbei tausend Pfund zukommen lie�?�</p><p>�Ja, ja, das ist richtig! Jetzt wissen Sie alles - Sie haben es doch schon vorher gewu�t. Warum lie�en Sie mich holen, wenn doch schon alles klar war?�</p><p>Gelassen wartete Karden, bis ihr Schluchzen aufh�rte.</p><p>�Dies�, bemerkte er schlie�lich zu den Richtern, �ist das Beweismaterial der Verteidigung. Ich bedaure es, dass unsere britischen Genossen ihre Partei�mter einem M�dchen anvertrauen, dessen Wahrnehmungsverm�gen von Gef�hlen getr�bt ist, und dessen Wachsamkeit mit Geld eingeschl�fert werden kann.�</p><p>Brutal f�gte er hinzu, wobei er zuerst Leamas und dann Fiedler ansah: �Sie ist eine N�rrin. Es war jedoch ein gl�cklicher Umstand, dass Leamas ihr begegnet ist. Es w�re jedoch nicht das erstemal gewesen, dass sich eine Revanchistenverschw�rung durch die Dekadenz ihrer Drahtzieher selbst aufgedeckt hat.�</p><p>Nach einer kleinen, exakten Verbeugung vor dem Gericht setzte sich Karden nieder.</p><p>Als Leamas nun aufstand, lie�en ihn die W�chter gew�hren.</p><p>London mu�te vollkommen verr�ckt geworden sein. Er hatte ihnen doch ausdr�cklich gesagt - und dass war der Witz der Sache -, dass man Liz aus dem Spiel halten und sie in Ruhe lassen solle. Und jetzt stellte sich heraus, dass in demselben Augenblick, in dem er England verlie� - oder sogar noch davor, n�mlich als er im Gef�ngnis sa� -, irgendein verdammter Idiot herumgelaufen war, um Ordnung zu machen, Rechnungen zu bezahlen, die Angelegenheit mit dem Kaufmann und mit dem Vermieter zu erledigen - und vor allen Dingen Liz. Das war Wahnsinn, das war unfa�bar. Was wollten sie eigentlich erreichen: Fiedler umlegen, ihren eigenen Agenten t�ten? Wollten sie ihre eigene Organisation sabotieren? War es Smiley allein - hatte ihn sein kleines, verderbtes Gewissen dazu getrieben? Jetzt hatte er nur noch eines zu tun: Liz und Fiedler herauszuholen, und alles auf sich zu nehmen. Er selbst war wohl so oder so schon abgeschrieben.</p><p>Wenn es ihm gelang, Fiedlers Haut zu retten, bestand eine kleine Hoffnung, dass auch Liz davonkam.</p><p>Woher, zum Teufel, wu�te Karden soviel? Leamas war absolut sicher, dass ihm an jenem Nachmittag niemand zu Smileys Haus gefolgt war. Und das Geld - wie kamen sie auf die Geschichte von dem Geld, das er angeblich im Rondell gestohlen hatte? Das war doch nur f�r den inneren Gebrauch bestimmt � - Also wie? Wie, verdammt noch mal?</p><p>Verwirrt, zornig und bitter besch�mt ging Leamas den Gang hinunter, langsam und starr wie ein Mann, der aufs Schafott steigt.</p></section><section><p><strong>23 GEST�NDNIS</strong></p><p>�Gut, Karden.� Sein Gesicht war wei� und hart wie Stein. Er hatte den Kopf ein wenig zur Seite und nach hinten geneigt, wie ein Mann, der in die Ferne lauscht. Eine erschreckende Stille umgab ihn. Es war nicht Resignation, sondern Selbstbeherrschung: der Wille hielt seinen K�rper in eisernem Griff. �Gut, Karden, lassen Sie jetzt das M�dchen in Ruhe.�</p><p>Liz sah ihn mit verweinten Augen an, ihr Gesicht war verschwollen und h��lich.</p><p>�Nein, Alec � nein�, sagte sie. Es schien f�r sie niemand anderen im Raum zu geben: nur Leamas. �Erz�hle ihnen nichts�, sagte sie mit lauter werdender Stimme. �Nur meinetwegen sollst du ihnen nichts erz�hlen. Ich mache mir nichts mehr daraus, Alec, sicher nicht.�</p><p>�Sei ruhig, Liz�, sagte Leamas unbeholfen. �Es ist schon zu sp�t.� Seine Augen wandten sich der Vorsitzenden zu.</p><p>�Sie wei� nichts. �berhaupt nichts. Lassen Sie das M�dchen hier heraus und schicken Sie sie nach Hause. Ich werde Ihnen den Rest erz�hlen.�</p><p>Die Vorsitzende sah kurz zu den M�nnern, die neben ihr sa�en, �berlegte, und sagte dann: �Sie kann den Gerichtssaal verlassen. Aber ehe die Beweisaufnahme beendet ist, kann sie nicht fahren. Nachher werden wir sehen.�</p><p>�Sie wei� nichts, sage ich Ihnen�, br�llte Leamas. �Karden hat recht, verstehen Sie nicht? Es war von Anfang an eine geplante Sache. Woher sollte sie das gewu�t haben? Sie ist nur ein entt�uschtes kleines M�dchen aus einer miesen Bibliothek. F�r Sie ist sie doch v�llig bedeutungslos!�</p><p>�Sie ist eine Zeugin�, erwiderte die Vorsitzende kurz. �Fiedler wird sie vielleicht vernehmen wollen.� Jetzt hie� er nicht mehr �Genosse�.</p><p>Bei der Erw�hnung seines Namens schien Fiedler aus den Tr�umen zu erwachen, in die er versunken gewesen war. Liz sah ihn zum erstenmal mit Bewu�tsein an. Seine tiefen braunen Augen ruhten kurz auf ihr, und er l�chelte schwach, als habe er ihre Rasse bemerkt. Er war eine kleine, einsame Gestalt, und sie wunderte sich, wie entspannt er wirkte.</p><p>�Sie wei� nichts�, sagte Fiedler. �Leamas hat recht. Lassen Sie sie gehen.� Seine Stimme klang m�de.</p><p>�Sind Sie sich klar dar�ber, was Sie sagen?� fragte die Vorsitzende. �Sie wissen, was das hei�t? Haben Sie Ihr keine Fragen zu stellen?�</p><p>�Sie hat alles gesagt, was von ihr aus zu sagen war.�</p><p>Fiedlers H�nde waren �ber den Knien gefaltet, und er studierte sie, als g�be, es im Saal nichts Interessanteres.</p><p>�Es war alles sehr geschickt aufgezogen.� Er nickte. �Lassen Sie sie gehen. Sie kann uns nicht sagen, was sie nicht wei�.� Mit gespielter F�rmlichkeit f�gte er hinzu: �Ich habe keine Fragen an die Zeugin.�</p><p>Ein Posten schlo� die T�r auf und rief etwas in den Gang hinaus. In der v�lligen Stille des Saales h�rte man die antwortende Stimme einer Frau und ihre sich n�hernden schweren Schritte. Fiedler stand unvermittelt auf, nahm Liz beim Arm und f�hrte sie zur T�r. Als sie die T�r erreichte, drehte sie sich um und blickte zu Leamas zur�ck, aber Leamas starrte in eine andere Richtung, wie ein Mann, der den Anblick von Blut nicht ertragen kann.</p><p>�Kehren Sie nach England zur�ck�, sagte Fiedler zu ihr. �Fahren Sie heim nach England.� Pl�tzlich begann Liz unbeherrscht zu weinen. Die W�rterin legte den Arm um ihre Schultern - mehr als St�tze, denn als Geste des Trostes - und f�hrte sie aus dem Saal. Der Posten schlo� die T�r. Ihr Weinen entfernte sich, bis nichts mehr zu h�ren war.</p><p>�Es gibt nicht viel zu sagen�, begann Leamas. �Karden hat recht. Es war eine geplante Sache. Mit Karl Riemeck verloren wir den einzigen annehmbaren Agenten, den wir noch in der Zone hatten. Alle anderen waren schon vorher beseitigt. Wir konnten es nicht verstehen - es sah fast so aus, als w�rden sie von Mundt schon gefa�t, noch ehe wir sie angeworben hatten. Ich kam nach London zur�ck und ging zum Chef. Peter Guillam war da und George Smiley. George war eigentlich schon im Ruhestand. Er machte irgend etwas sehr Intelligentes - Philologie oder etwas �hnliches.</p><p>Jedenfalls hatten sie diese Idee ausgeheckt. Wenn's nicht anders geht, mu� man die Leute in ihren eigenen Fallen fangen, war die Ausdrucksweise des Chefs. Man mu� die Beweggr�nde kennen, auf die sie ansprechen. Nach diesem Rezept haben wir es sozusagen vom Ende her ausgearbeitet. �Induktiv� nannte Smiley diese Methode. Wenn Mundt unser Agent w�re, wie w�rden wir ihn bezahlt haben, wie s�he das in den Akten aus, und so weiter. Peter erinnerte sich, dass ein Araber versucht hatte, uns vor ein oder zwei Jahren einen Plan der �Abteilung� zu verkaufen, dass wir ihn aber abgewiesen hatten. Sp�ter war uns klargeworden, dass dies ein Fehler gewesen war. Es war Peters Idee, diese Geschichte einzubauen - so, als h�tten wir abgelehnt, weil wir schon alles kannten. Das war geschickt.</p><p>Sie k�nnen sich den Rest denken. dass ich scheinbar zu Bruch ging, meine Geldschwierigkeiten, die Ger�chte, Leamas habe die Kasse geklaut - all das hing zusammen. Wir brachten Elsie aus der Buchhaltung und ein oder zwei andere dazu, dass sie den Klatsch verbreiten.� Mit einem Anflug von Stolz setzte er hinzu: �Sie machten ihre Sache sehr gut. Dann suchte ich mir zum Losschlagen eben Samstagmorgen aus, denn da sind viele Leute unterwegs. Es ging durch die lokale Presse, es kam sogar in den <emphasis>Worker,</emphasis> soviel ich wei�. Inzwischen hatten Sie es hier schon aufgegriffen.� Und Leamas f�gte ver�chtlich hinzu: �Von dem Augenblick an schaufelten Sie an Ihrem eigenen Grab.�</p><p>�An <emphasis>Ihrem</emphasis> Grab�, sagte Mundt ruhig. Er sah Leamas nachdenklich mit seinen blassen Augen an. �Und vielleicht an dem des Genossen Fiedler.�</p><p>�Sie k�nnen Fiedler kaum die Schuld daran geben�, sagte Leamas gelassen. �Er war nur wachsam. Au�erdem w�re er nicht der einzige Mann in der �Abteilung�, der Sie gerne h�ngen w�rde, Mundt.�</p><p>�Sie werden auf jeden Fall h�ngen�, sagte Mundt beruhigend. �Einen Posten haben Sie ermordet, und mich wollten Sie auch ermorden.�</p><p>Leamas l�chelte trocken.</p><p>�In der Nacht sind alle Katzen grau, Mundt � Smiley hat immer davor gewarnt, dass es schiefgehen k�nnte. Er sagte, wir w�rden m�glicherweise eine ganze Kette von unerwarteten Folgen ausl�sen, auf die wir dann keinen Einflu� mehr h�tten. Seine Nerven sind kaputt. Aber das wissen Sie ja. Seit dem Fall Fennan ist er nicht mehr der alte. Die Londoner Mundt-Aff�re hat ihn ver�ndert. Man erz�hlt sich, damals sei irgend etwas mit ihm geschehen, und deshalb habe er das Rondell verlassen. Es ist mir jetzt v�llig unverst�ndlich, weshalb man die Rechnungen bezahlte, dem M�dchen Geld gab und so weiter. Es kann gar nicht anders sein, als dass Smiley diese Operation absichtlich zerschlagen hat, anders kann ich mir das nicht vorstellen. Es mu� eine Gewissenskrise bei ihm gewesen sein. Vielleicht dachte er pl�tzlich, es sei unrecht, jemanden zu t�ten, oder etwas �hnliches. Nach all den Vorbereitungen und all der Arbeit war es Wahnsinn, das Unternehmen derart zu verpfuschen.</p><p>Aber Smiley hat Sie geha�t, Mundt. Obwohl wir nicht dar�ber sprachen, haben wir das wohl alle getan. Wir haben die ganze Sache ein bi�chen wie ein gro�es Spiel entworfen. Das ist jetzt schwer zu erkl�ren, aber wir standen damals sozusagen mit dem R�cken zur Wand: Wir hatten gegen Mundt dauernd verloren und wollten deshalb versuchen, ihn umzubringen. Aber es war trotzdem noch immer ein Spiel.�</p><p>Dann wandte sich Leamas wieder an die Richter: �Sie sehen die Rolle Fiedlers ganz falsch. Er ist nicht auf unserer Seite. Warum h�tte London mit einem Mann in Fiedlers Position ein derartiges Risiko eingehen sollen? Ich gebe zu, dass er ein fester Bestandteil in unserer Rechnung war. Wir wu�ten, dass er Mundt ha�te. Wie h�tte er ihn auch nicht hassen sollen? Fiedler ist Jude, nicht wahr? Sie alle m�ssen den Ruf Mundts kennen, und was er �ber die Juden denkt.</p><p>Da niemand anderer Ihnen das sagen w�rde, werde ich es Ihnen jetzt erz�hlen: Mundt lie� Fiedler zusammenschlagen. W�hrend der ganzen Prozedur h�hnte und verspottete er ihn, weil er Jude ist. Sie alle wissen, zu welcher Sorte Mensch Mundt geh�rt, und Sie dulden ihn, weil er gute Arbeit leistet. Aber �� Leamas stockte eine Sekunde, fuhr dann jedoch fort: �Es sind doch schon, wei� Gott, genug Menschen in all das hineingezogen worden, auch ohne dass Fiedlers Kopf in den Korb fallen m��te. Fiedler ist in Ordnung, das kann ich Ihnen verraten. ideologisch zuverl�ssige das ist wohl der richtige Ausdruck daf�r, nicht wahr?�</p><p>Er sah die Richter an. Sie beobachteten ihn teilnahmslos, beinahe neugierig, mit festen, kalten Augen. Fiedler, der wieder auf seinem Stuhl Platz genommen und mit etwas gek�nstelt wirkendem Gleichmut zugeh�rt hatte, sah Leamas verbl�fft an.</p><p>�Und alles haben Sie verpfuscht, Leamas, das wollen Sie doch sagen? Ein alter Fuchs wie Leamas, der mit diesem Unternehmen gerade seine Laufbahn kr�nen m�chte, f�llt auf ein - wie haben Sie das genannt? - �entt�uschtes kleines M�dchen in einer miesen Bibliothek� herein! Nein, Leamas. Das Rondell mu� davon gewu�t haben. So etwas kann Smiley nicht allein gemacht haben.�</p><p>Fiedler wandte sich an Mundt: �Das ist doch sehr seltsam, Mundt. Man mu� sich doch dar�ber klar gewesen sein, dass Sie diese Geschichte von Anfang an nachpr�fen w�rden. Gerade deshalb hat doch Leamas dieses Leben gef�hrt. Und dann hat man dennoch dem Kaufmann nachtr�glich Geld geschickt, hat man die Mietschulden bezahlt und dem M�dchen eine Wohnung gekauft? Dies erscheint mir von den vielen Merkw�rdigkeiten die seltsamste: dass so erfahrene Leute einem M�dchen -�einem Parteimitglied sogar - tausend Pfund auszahlen, w�hrend sie doch glauben soll, dass er pleite sei. Erz�hlen Sie mir nicht, das Gewissen Smileys habe ihn so weit getrieben. Das Rondell mu� es getan haben. - Welches Risiko!�</p><p>Leamas zuckte die Achseln.</p><p>�Smiley hatte recht. Wir konnten die Entwicklung nicht mehr steuern. Wir hatten niemals angenommen, dass Sie mich hierherbringen w�rden. Nach Holland, ja - aber nicht hierher.� Nach einer Pause setzte er hinzu: �Und ich habe nie daran gedacht, dass Sie das M�dchen herbringen k�nnten. Ich bin ein gro�er Esel gewesen.�</p><p>�Aber Mundt nicht�, warf Fiedler schnell ein. �Mundt wu�te sehr wohl, wonach er zu suchen hatte. Und er wu�te sogar, dass von diesem M�dchen der Beweis kommen w�rde - sehr schlau, mu� ich sagen. Er hat sogar von diesem Mietvertrag gewu�t -�wirklich h�chst erstaunlich. Wie hat er das �berhaupt herausfinden k�nnen, frage ich mich. Das M�dchen hat es bestimmt niemandem erz�hlt. Ich kenne sie: sie h�tte davon mit keinem Menschen gesprochen.�</p><p>Er sah Mundt an. �Vielleicht kann Mundt uns erkl�ren, woher er das alles wu�te?�</p><p>Mundt z�gerte. Eine Sekunde zu lang, dachte Leamas.</p><p>�Es war ihr Mitgliedsbeitrag�, sagte er. �Vor einem Monat hat sie ihren Parteibeitrag um monatlich zehn Shilling erh�ht. Ich h�rte davon und wunderte mich, wieso sie sich das leisten konnte. Ich habe versucht, das herauszufinden - mit Erfolg.�</p><p>�Eine meisterhafte Erkl�rung�, erwiderte Fiedler k�hl.</p><p>Stille.</p><p>Die Vorsitzende sah ihre beiden Kollegen an und sagte: �Ich denke, das Gericht ist jetzt in der Lage, dem Pr�sidium seinen Bericht zu erstatten.� W�hrend sie ihre kleinen, grausamen Augen zu Fiedler wandte, f�gte sie hinzu: �Es sei denn, Sie h�tten noch etwas zu sagen.�</p><p>Fiedler sch�ttelte den Kopf. Trotz allem schien er noch immer belustigt.</p><p>�In diesem Fall�, fuhr die Vorsitzende fort, �sind meine Kollegen der Ansicht, dass Genosse Fiedler von seinen Pflichten entbunden werden sollte, bis der Disziplinarausschu� des Pr�sidiums seine Sache erwogen hat.</p><p>Leamas ist bereits in Haft. Ich m�chte Sie alle darauf hinweisen, dass das Gericht keine Exekutivgewalt hat. Zweifellos wird der Staatsanwalt gemeinsam mit dem Genossen Mundt pr�fen, welche Ma�nahmen gegen einen britischen Agenten, Provokateur und M�rder zu ergreifen sind.�</p><p>Sie sah an Leamas vorbei zu Mundt. Aber Mundt betrachtete Fiedler. In seinem Blick lag das Interesse eines Henkers, der an seinem Opfer Ma� f�r den Strick nimmt.</p><p>Und pl�tzlich, mit der gespenstischen Klarsicht eines Mannes, der allzulange get�uscht worden war, durchschaute Leamas den ganzen grausigen Trick.</p></section><section><p><strong>24 GENOSSIN KOMMISSAR</strong></p><p>Liz stand mit dem R�cken zur W�rterin am Fenster und starrte ausdruckslos in den kleinen Hof hinunter. Sie nahm an, dass man dort die Gefangenen spazierengehen lie�. Es war ein B�roraum, in dem sie sich aufhielt, und auf dem Schreibtisch stand neben dem Telefon ein Teller mit Essen, aber sie konnte nichts anr�hren. Sie f�hlte sich krank und war sehr m�de. Die Beine taten ihr weh, ihr Gesicht war vom Weinen verschwollen und wund. Sie f�hlte sich schmutzig und sehnte sich nach einem Bad.</p><p>�Warum essen Sie nicht?� fragte die Frau wieder. �Es ist doch schon alles vor�ber.� Sie sagte das ohne Mitgef�hl. F�r sie war das M�dchen verr�ckt, wenn es nicht essen wollte, solange etwas zu essen da war.</p><p>�Ich bin nicht hungrig.�</p><p>Die W�rterin zuckte die Schultern. �Sie werden vielleicht eine lange Fahrt haben�, bemerkte sie, �und am anderen Ende wird auch nicht viel sein.�</p><p>�Wie meinen Sie das?�</p><p>�Die Arbeiter in England hungern doch�, erkl�rte sie selbstgef�llig. �Die Kapitalisten lassen sie hungern.�</p><p>Liz wollte etwas sagen, aber es hatte keinen Sinn. Au�erdem wollte sie etwas wissen. Sie mu�te etwas erfahren, und diese Frau konnte es ihr sagen.</p><p>�Was ist das hier f�r ein Geb�ude?�</p><p>�Das wissen Sie nicht?� Die W�rterin lachte. �Dann fragen sie die dort dr�ben.� Sie nickte gegen das Fenster hin. �Die k�nnen Ihnen sagen, was es ist.�</p><p>�Was sind das f�r Leute?�</p><p>�Gefangene.�</p><p>�Was f�r Gefangene?�</p><p>�Staatsfeinde�, erwiderte sie prompt. �Spione, Agitatoren.�</p><p>�Woher wissen Sie, dass es Spione sind?� �Die Partei wei� so etwas. Die Partei wei� �ber jeden Menschen mehr als er selbst. Hat man Ihnen das nie gesagt?� Die W�rterin sah sie an, sch�ttelte den Kopf und bemerkte: �Diese Engl�nder! Die Reichen haben eure Zukunft gegessen und eure Armen haben ihnen das Essen gegeben - so ist es in England gewesen.�</p><p>�Wer hat Ihnen denn das erz�hlt?�</p><p>Die Frau l�chelte und sagte nichts. Sie schien mit sich selbst zufrieden zu sein.</p><p>�Und das ist ein Gef�ngnis f�r Spione?� fragte Liz hartn�ckig.</p><p>�Es ist ein Gef�ngnis f�r Leute, die die sozialistische Wirklichkeit nicht erkennen wollen, die ein Recht auf Irrtum zu haben glauben, die den Aufbau verz�gern. Eben Verr�ter�, schlo� sie kurz.</p><p>�Aber was haben sie getan?�</p><p>�Wir k�nnen den Kommunismus nicht aufbauen, ohne vorher den Individualismus erledigt zu haben. Man kann nicht ein gro�es Geb�ude planen, wenn auf dem Grundst�ck irgendein Schwein seinen Stall errichtet.�</p><p>Liz sah sie erstaunt an.</p><p>�Wer hat Ihnen das alles gesagt?�</p><p>�Ich bin hier Kommissar�, sagte sie stolz. �Ich arbeite im Gef�ngnis.�</p><p>�Sie sind sehr klug�, bemerkte Liz und kam n�her.</p><p>�Ich bin eine Arbeiterin�, erwiderte die Frau scharf. �Die Vorstellung, dass der Gehirnarbeiter einer h�heren Klasse angeh�rt, mu� ausgerottet werden. Es gibt keine Klassen, alle sind Arbeiter. Zwischen physischer und geistiger Arbeit ist kein Unterschied. Haben Sie Lenin nicht gelesen?�</p><p>�Dann sind die Menschen in diesem Gef�ngnis Intellektuelle?�</p><p>Die Frau l�chelte. �Ja�, sagte sie, �es sind Reaktion�re, die sich fortschrittlich nennen: Sie verteidigen das Individuum gegen den Staat. Wissen Sie, was Chruschtschow �ber die Gegenrevolution in Ungarn gesagt hat?�</p><p>Liz sch�ttelte den Kopf. Sie mu�te Interesse zeigen, sie mu�te die Frau zum Sprechen bringen.</p><p>�Er sagte, es w�re nie passiert, wenn man rechtzeitig ein paar Schriftsteller erschossen h�tte.�</p><p>�Wen werden sie jetzt nach dem Proze� erschie�en?� fragte Liz schnell.</p><p>�Leamas�, erwiderte sie gleichg�ltig. �Und den Juden - Fiedler.� Einen Augenblick glaubte Liz, sie m�sse fallen, aber ihre Hand fand die Lehne eines Stuhles, und es gelang ihr, sich niederzusetzen.</p><p>�Was hat Leamas getan?� fl�sterte sie. Die Frau schaute sie mit ihren kleinen schlauen Augen an. Sie war eine massige Frau mit d�nnem Haar, das �ber den Kopf zur�ckgek�mmt und im speckigen Nacken zu einem Knoten geschlungen war. Ihr gro�es Gesicht war schlaff und bla�.</p><p>�Er hat einen Posten get�tet�, sagte sie.</p><p>�Warum?�</p><p>Die Frau zuckte mit den Achseln. �Was den Juden betrifft�, fuhr sie fort, �er hat Anklagen gegen einen loyalen Genossen erhoben.�</p><p>�Und deshalb werden sie Fiedler erschie�en?� fragte Liz ungl�ubig.</p><p>�Juden sind alle gleich�, kommentierte die Frau. �Genosse Mundt wei� mit Juden umzugehen. Wir k�nnen sie hier nicht brauchen. Falls sie der Partei beitreten, meinen sie, dass die Partei ihnen geh�rt. Bleiben sie aber drau�en, dann glauben sie, die Partei mache eine Verschw�rung gegen sie. Man sagt, dass Leamas und Fiedler zusammen ein Komplott gegen Mundt angezettelt h�tten. - Essen Sie das hier?� erkundigte sie sich dann und wies auf die Mahlzeit auf dem Schreibtisch. Liz sch�ttelte den Kopf. �Dann mu� ich es�, erkl�rte sie mit dem l�cherlichen Versuch, Widerwillen zu zeigen.</p><p>�Man hat Ihnen Kartoffeln gegeben: Sie m�ssen einen Verehrer in der K�che haben!� Der in dieser Bemerkung liegende Humor am�sierte sie, bis sie den letzten Rest von Liz' Mahlzeit gegessen hatte.</p><p>Liz kehrte zum Fenster zur�ck.</p><p>Trotz der Verwirrung, zu der sich in der Seele von Liz Scham, Kummer und Angst mischten, wurden ihre Gedanken von der schrecklichen Erinnerung an Leamas beherrscht, so wie sie ihn zuletzt im Gerichtssaal gesehen hatte: steif auf seinem Stuhl sitzend und ihren Blick meidend. Sie hatte ihn im Stich gelassen, und er wagte nicht, sie noch einmal anzusehen, bevor er starb. Er wollte ihr die Verachtung und vielleicht die Furcht in seinem Gesicht nicht zeigen. Aber wie h�tte sie sich anders verhalten k�nnen? Wenn er ihr doch nur von seinem Vorhaben erz�hlt h�tte! Selbst jetzt war es ihr noch nicht klar. Sie h�tte f�r ihn gelogen und betrogen und alles getan, wenn er ihr nur etwas gesagt h�tte! Sicher verstand er das. Sicher kannte er sie gut genug, um zu wissen, dass sie schlie�lich immer tun w�rde, was er auch sagte, dass sie sich ganz seiner Art, seinem Leben, Willen, Vorbild und Leid anpassen w�rde, wenn es ihr m�glich war, dass sie sich nichts sehnlicher w�nschte, als diese M�glichkeit zu haben. Aber wenn man ihr nicht sagte, was sie auf die verh�llten, heimt�ckischen Fragen zu antworten hatte - woher h�tte sie es wissen sollen? Die durch sie verursachte Zerst�rung schien ohne Grenzen. In ihren fiebrigen Gedanken erinnerte sie sich daran, wie entsetzt sie als Kind gewesen war, als sie erfuhr, dass ihr Fu� bei jedem seiner Schritte Tausende winziger Kreaturen vernichtete. Und jetzt war sie gezwungen worden, ein menschliches Leben zu vernichten, gleichg�ltig, ob sie die Wahrheit gesagt, gelogen oder auch nur geschwiegen h�tte. Vielleicht hatte sie sogar zwei Menschen vernichtet, denn war da nicht auch der Jude, Fiedler, der g�tig zu ihr gewesen war, ihren Arm genommen und ihr gesagt hatte, sie solle nach England heimkehren? Man werde Fiedler erschie�en, hatte die Frau gesagt. Warum mu�te es Fiedler sein? Warum nicht der alte Mann, der die Fragen gestellt hatte, oder der blonde, der in der vorderen Reihe zwischen zwei W�chtern gesessen und fortw�hrend gel�chelt hatte? Sie hatte jedesmal, wann immer sie sich auch umwandte, seinen glatten blonden Kopf gesehen und sein glattes, grausames Gesicht, dessen st�ndiges L�cheln sagen zu wollen schien, dass alles ein gro�er Spa� sei. Es beruhigte sie, dass Leamas und Fiedler auf derselben Seite standen. Sie wandte sich wieder zu der Frau und fragte: �Warum warten wir hier?�</p><p>Die W�rterin schob den Teller beiseite und stand auf. �Wir warten auf Anweisungen�, antwortete sie. �Man entscheidet noch, ob Sie bleiben m�ssen.�</p><p>�Bleiben?� wiederholte Liz mit leeren Ausdruck.</p><p>�Es ist eine Frage der Beweisaufnahme. Fiedler wird vielleicht verurteilt werden. Ich sagte Ihnen schon: Man vermutet eine Verschw�rung zwischen Fiedler und Leamas.�</p><p>�Aber gegen wen? Wie konnte er sich in England verschw�ren? Wie konnte er hierherkommen? Er ist nicht in der Partei.�</p><p>Die Frau sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Es ist geheim�, antwortete sie. �Es ist alleinige Sache des Pr�sidiums. Vielleicht hat ihn der Jude hergebracht.�</p><p>�Aber Sie wissen es doch�, beharrte Liz mit einem schmeichelnden Unterton. �Sie sind Kommissar hier im Gef�ngnis. Bestimmt hat man es Ihnen gesagt?�</p><p>�Vielleicht�, erwiderte die Frau selbstgef�llig. �Aber es ist streng geheim.�</p><p>Das Telefon l�utete. Die Frau nahm den H�rer ab und lauschte dann. Kurz darauf schaute sie Liz an.</p><p>�Ja, Genosse, sofort�, sagte sie und legte den H�rer auf.</p><p>�Sie m�ssen bleiben�, sagte sie kurz. �Das Pr�sidium wird den Fall Fiedler behandeln. Solange m�ssen Sie bleiben. Genosse Mundt will es so.�</p><p>�Wer ist Mundt?�</p><p>Die Frau sah verschmitzt aus.</p><p>�Es ist der Wunsch des Pr�sidiums�, sagte sie.</p><p>�Ich will nicht bleiben�, schrie Liz. �Ich will ��</p><p>�Die Partei wei� mehr �ber uns als wir selbst�, erwiderte die Frau. �Sie m�ssen hierbleiben. Es ist der Wunsch der Partei.�</p><p>�Wer ist Mundt?� fragte Liz wieder, aber auch diesmal erhielt sie keine Antwort.</p><p>Langsam folgte Liz der Frau durch endlose G�nge, durch bewachte Gittertore, an eisernen T�ren vorbei, durch die kein Laut drang, endlose Stufen hinunter, durch tief unter der Erde liegende R�ume, bis sie dachte, sie sei ins Innere der H�lle selbst hinabgestiegen, wo ihr nicht einmal mehr der Tod von Leamas mitgeteilt wurde.</p><p>Sie hatte keine Vorstellung, wie sp�t es sein mochte, als sie drau�en vor ihrer Zelle Schritte auf dem Gang h�rte. Es konnte ebensogut f�nf Uhr nachmittag wie Mitternacht sein. Sie war wach gewesen und hatte mit leerem Ausdruck in die Dunkelheit gestarrt, w�hrend sie sich nach irgendeinem Ger�usch sehnte. Sie h�tte nie gedacht, dass Stille so furchtbar sein konnte. Einmal hatte sie laut geschrien, aber es gab kein Echo, nichts, nur die Erinnerung an ihre eigene Stimme. Sie stellte sich vor, dass ihr Schrei gegen die Dunkelheit geschlagen habe wie eine Faust gegen einen Felsen. W�hrend sei auf dem Bett sa�, war sie mit den H�nden um sich gefahren, und es war ihr dabei so vorgekommen, als lasse die Dunkelheit sie schwerer werden, so dass sie wie ein Taucher unter Wasser umhertappte. Sie wu�te, dass die Zelle klein war und au�er dem Bett ein Waschbecken ohne H�hne und einen groben Tisch enthielt: sie hatte das gesehen, als sie heruntergekommen war. Danach war das Licht pl�tzlich erloschen, und sie war schnell in der Richtung auf das Bett zu gegangen, bis sie mit den Schienbeinen dagegenstie�. Dort war sie voll Angst geblieben, bis sie die Schritte h�rte, und pl�tzlich die T�r ihrer Zelle ge�ffnet wurde.</p><p>Sie erkannte ihn sofort, obwohl sie nur seine Silhouette gegen das fahle blaue Ganglicht wahrnehmen konnte: die gutgebaute, bewegliche Gestalt, die klare Linie der Backen und das kurze blonde Haar, das vom Schein des Lichtes dahinter nur leicht ber�hrt wurde.</p><p>�Ich bin Mundt�, sagte er. �Kommen Sie mit mir, sofort.� Seine Stimme war voll von Verachtung, aber doch leise, als wolle er es vermeiden, von anderen geh�rt zu werden. Liz war pl�tzlich von Angst erf�llt. Sie dachte an die W�rterin: �Mundt wei� mit Juden umzugehen.� Sie stand neben dem Bett, starrte ihn an und wu�te nicht, was sie tun sollte.</p><p>�Schnell, Sie Idiotin.� Mundt war vorgetreten und hatte sie am Handgelenk gepackt. �Schnell.� Sie lie� sich hinaus in den Gang ziehen. Verwirrt sah sie, wie Mundt die T�r ihrer Zelle wieder verschlo�. Er fa�te sie rauh am Arm und f�hrte sie schnell, halb laufend, halb gehend den Gang entlang. Sie h�rte das ferne Surren von Ventilatoren und - dann und wann aus abzweigenden G�ngen - den Laut anderer Schritte. Sie bemerkte, dass Mundt vor den Einm�ndungen anderer G�nge z�gerte oder manchmal sogar zur�ckwich, um erst weiterzuwinken, nachdem er sich vergewissert hatte, dass auch niemand kam. Er schien anzunehmen, dass sie ihm freiwillig folgte und dass sie den Grund daf�r wisse. Es war fast, als behandle er sie wie eine Komplizin.</p><p>Er war pl�tzlich stehengeblieben und �ffnete nun mit einem Schl�ssel eine schmutzige Metallt�r. Liz wartete voll panischer Angst. Er stie� die T�r auf, und wohltuend streifte die kalte Luft eines Winterabends ihr Gesicht. Er winkte ihr wieder mit derselben dringenden Eile, und sie folgte ihm zwei Stufen hinab auf einen Kiesweg, der durch einen ungepflegten K�chengarten f�hrte.</p><p>Sie gingen den Weg entlang bis zu einer kunstvollen gotischen Toreinfahrt, hinter der eine Stra�e vorbeif�hrte. An der Einfahrt parkte ein Wagen. Daneben stand Alec Leamas.</p><p>�Halten Sie Abstand�, warnte Mundt, als sie losrennen wollte. �Warten Sie hier.�</p><p>Mundt ging allein, und ihr schien es eine Ewigkeit, die die beiden M�nner beisammen standen und ruhig miteinander sprachen. Ihr Herz schlug wie verr�ckt, und vor Angst und K�lte zitterte sie am ganzen K�rper. Schlie�lich kam Mundt zur�ck.</p><p>�Kommen Sie mit�, sagte er und f�hrte sie zu Leamas. Die zwei M�nner sahen sich einen Augenblick lang an.</p><p>�Leben Sie wohl�, sagte Mundt gleichg�ltig. Dann f�gte er hinzu: �Sie sind ein Esel, Leamas. Sie taugt genausowenig wie Fiedler.� Und ohne ein weiteres Wort wandte er sich ab und ging schnell davon, in die D�mmerung hinein.</p><p>Sie streckte ihre Hand nach ihm aus und ber�hrte ihn, aber er wandte sich ab und schob ihre Hand beiseite, w�hrend er die Wagent�r �ffnete. Er bedeutete ihr mit einem Nicken, sie solle einsteigen, aber sie z�gerte.</p><p>�Alec�, fl�sterte sie, �Alec, was machst du? Wieso l��t er dich gehen?�</p><p>�Sei ruhig!� zischte Leamas. �Daran darfst du nicht einmal denken, h�rst du? Steig ein!�</p><p>�Was sagte er von Fiedler? - Alec, warum l��t er uns gehen?�</p><p>�Er l��t uns gehen, weil wir unsere Arbeit getan haben. Steig ein, schnell!� Sein starker Wille zwang sie dazu, in den Wagen zu steigen. Sie schlo� die T�r, w�hrend er sich hinter das Steuer setzte.</p><p>�Was hast du f�r einen Handel mit ihm gemacht?� beharrte sie. Argwohn und Furcht schwangen in ihrer Stimme mit. �Es hie� doch, du h�ttest gegen ihn konspiriert, du und Fiedler! Wieso l��t er dich jetzt gehen?�</p><p>Leamas fuhr schnell. Zu beiden Seiten der schmalen Stra�e waren kahle Felder. In der Ferne mischten sich eint�nige H�gel mit der aufkommenden Dunkelheit. Leamas sah auf die Uhr.</p><p>�Wir haben f�nf Stunden bis Berlin�, sagte er. �Wir m�ssen K�penick bis Viertel vor eins erreichen. Wir sollten das leicht schaffen.�</p><p>Eine Weile schwieg Liz. Sie starrte durch die Windschutzscheibe auf die leere Stra�e. Sie war verwirrt und fand sich in dem Labyrinth ihrer halbgeformten Gedanken kaum noch zurecht. Es war Vollmond, und der Reif breitete sich in langen Schleiern �ber die Felder. Sie bogen auf eine Autobahn ein.</p><p>�Lag ich dir auf dem Gewissen, Alec?� fragte sie schlie�lich. �Hast du Mundt deshalb veranla�t, mich gehen zu lassen?�</p><p>Leamas sagte nichts.</p><p>�Ihr seid Feinde, du und Mundt, nicht wahr?�</p><p>Er sagte immer noch nichts. Er fuhr jetzt schnell, die Tachometernadel stand auf hundertzwanzig. Die Autobahn war von Rissen durchzogen und holprig. Sie sah, dass er das Fernlicht eingeschaltet hatte und auch bei Gegenverkehr auf der anderen Fahrbahn nicht abblendete. Er fuhr wild, sa� nach vorn gebeugt und lag mit seinen Ellbogen fast auf dem Steuer.</p><p>�Was wird aus Fiedler?� fragte Liz pl�tzlich.</p><p>Diesmal antwortete Leamas.</p><p>�Man wird ihn erschie�en.�</p><p>�Warum haben sie dich dann nicht erschossen?� fragte Liz schnell weiter. �Sie sagten doch, du h�ttest mit Fiedler gegen Mundt konspiriert. Du hast einen Posten get�tet. Wieso l��t Mundt dich laufen!�</p><p>�Nun gut!�, schrie Leamas pl�tzlich. �Ich werde dir sagen, was weder du noch ich jemals h�tten erfahren sollen. H�r zu: Mundt ist unser Mann, der Agent Londons. Man kaufte ihn, als er in England war. Wir erleben den lausigen Schlu� einer dreckigen, lausigen Aktion zum Schutz von Mundts Haut. Mundt sollte vor einem schlauen kleinen Juden in seinem eigenen Amt gesch�tzt werden, der die Wahrheit zu ahnen begann. Sie lie�en ihn durch uns t�ten, verstehst du? Wir sollten den Juden ermorden. Jetzt wei�t du es, und Gott sei uns gn�dig.�</p></section><section><p><strong>25 DIE MAUER</strong></p><p>�Wenn das so ist, Alec�, sagte sie schlie�lich, �was hatte dann ich dabei zu tun?� Ihre Stimme war ganz ruhig, fast sachlich.</p><p>�Das kann ich nur erraten, Liz, aus dem, was ich selbst wei�, und dem, was Mundt mir erz�hlt hat, bevor wir abfuhren: Fiedler hatte Mundt wohl schon gleich nach dessen R�ckkehr aus England in Verdacht, doppeltes Spiel zu treiben. Er ha�te ihn nat�rlich - warum sollte er nicht -, und �berdies hatte er auch noch recht. Mundt hatte sich an London verkauft. Fiedler war zu m�chtig, als dass Mundt ihn ohne Hilfe h�tte beseitigen k�nnen, deshalb entschlo� man sich in London, es f�r ihn zu tun. Ich kann sie mir gut bei der Ausarbeitung vorstellen. Sie sind so verdammt akademisch: ich sehe sie um ein Kaminfeuer herumsitzen, in einem ihrer eleganten, verfluchten Klubs. Sie wu�ten, dass Fiedlers Beseitigung allein nicht genug war. Er hatte seinen Verdacht vielleicht schon Freunden erz�hlt oder �ffentlich irgendwelche Vorw�rfe gegen Mundt erhoben. Deshalb mu�te zusammen mit Fiedler auch jeder Verdacht gegen Mundt aus der Welt geschafft werden. Eine �ffentliche Rehabilitierung, das war's, was sie f�r Mundt organisiert haben.�</p><p>Er zog in die �berholspur hin�ber, um an einem Laster mit Anh�nger vorbeizufahren. Im gleichen Augenblick schwenkte auch der Lastwagen her�ber, so dass Leamas auf der holprigen Stra�e heftig bremsen mu�te, um nicht in das Schutzgitter auf der linken Seite gedr�ckt zu werden.</p><p>�Ich sollte Mundt verleumden�, sagte er. �Sie sagten mir, er m�sse liquidiert werden, und ich war bereit. Es sollte mein letzter Auftrag sein. Zu diesem Zweck habe ich meine Arbeit immer mehr vernachl�ssigt und schlie�lich schlug ich den Kaufmann nieder. Du wei�t das alles.�</p><p>�Und dass du mit mir ein Verh�ltnis hattest?� fragte sie ruhig. Leamas sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Das ist ja gerade der springende Punkt, verstehst du?� fuhr er fort. �Mundt wu�te von all dem, er kannte den Plan, er veranla�te mit Fiedler zusammen, dass ich von Ashe aufgelesen werde. Von da an �berlie� er mich freilich Fiedler. Er wu�te, dass sich Fiedler am Ende selbst h�ngen w�rde. Meine Aufgabe bestand nur darin, dass ich ihn auf die Wahrheit f�hrte, n�mlich zu der �berzeugung, dass Mundt ein britischer Spion sei.� Er z�gerte. �Deine Aufgabe war es, meine Glaubw�rdigkeit zu ersch�ttern. Fiedler ist erschossen worden, w�hrend Mundt vor einem faschistischen Komplott gn�dig errettet werden konnte. Die alte Geschichte von den Schattenseiten der Liebe.�</p><p>�Aber wie konnten sie von mir wissen, wie konnten sie wissen, dass wir zusammenkommen w�rden?� rief Liz. �Mein Gott, Alec, k�nnen sie sogar schon voraussagen, ob sich Menschen verlieben werden?�</p><p>�Davon hing es nicht ab. Sie w�hlten dich, weil du jung warst, h�bsch und in der Partei, und weil sie wu�ten, dass du mit einer richtig aufgetakelten Einladung leicht nach Deutschland zu holen warst. Dass ich in der Bibliothek arbeiten w�rde, das wu�ten sie, denn sie hatten auf dem Arbeitsamt diesen Pitt, und er schickte mich hin. Er war w�hrend des Krieges beim Geheimdienst, ich nehme an, dass sie ihm etwas zahlten. Es gen�gte f�r ihre Zwecke ja, dass sie uns irgendwie in Kontakt miteinander brachten, und wenn es nur f�r einen Tag war, das spielte keine Rolle. Hinterher konnten sie dich dann aufsuchen, dir Geld schicken, damit es wie eine Liebesaff�re aussah, selbst wenn es keine gewesen w�re, verstehst du? Es gen�gte schon, wenn sie es wie eine Verliebtheit aussehen lie�en. Entscheidend war nur, dass es so wirkte, als schickten sie dir auf meinen Wunsch und meine Veranlassung hin das Geld - und so konnte man es auslegen, nachdem wir einmal in Kontakt gebracht worden waren. Wie es lief, haben wir es ihnen sehr leicht gemacht ��</p><p>�Ja, das haben wir.� Dann f�gte sie hinzu: �Ich f�hle mich schmutzig, Alec, als w�re ich als Zuchtstute ben�tzt worden.�</p><p>Leamas sagte nichts.</p><p>�War es f�r das Gewissen deiner Dienststelle leichter, dass sie jemanden von der Partei mi�braucht haben und nicht nur irgendwen?� fuhr Liz fort.</p><p>Leamas sagte: �Vielleicht. Sie denken ja nicht wirklich in solchen Begriffen. Es war eben f�r die Unternehmung n�tzlich.�</p><p>�Ich h�tte in diesem Gef�ngnis bleiben sollen, nicht wahr? Das wollte doch Mundt, oder nicht? Er hat keinen Grund gesehen, weshalb er das Risiko eingehen sollte - ich habe schon zuviel geh�rt und h�tte noch mehr vermuten k�nnen. Schlie�lich war Fiedler unschuldig, nicht wahr? - Aber er ist ja nur ein Jude�, f�gte sie erregt hinzu, �deshalb macht es nichts weiter, nicht wahr?�</p><p>�Aber so h�r doch auf!� rief Leamas.</p><p>�Trotz allem ist es merkw�rdig, dass Mundt mich gehen l��t - auch wenn es mit dir so abgemacht ist�, gr�belte sie. �Ich stelle doch jetzt ein Risiko dar. Wenn wir nach England zur�ckkommen, meine ich. Ein Parteimitglied mit all dem Wissen � Es kommt mir unlogisch vor, dass er mich gehen lie�.�</p><p>�Ich nehme an�, erwiderte Leamas, �dass er durch unsere Flucht dem Pr�sidium demonstrieren m�chte, dass noch mehr Fiedlers in seinem Amt sitzen und gestellt werden m�ssen.�</p><p>�Und noch mehr Juden?�</p><p>�Es gibt ihm die Chance, seine Stellung zu sichern�, antwortete Leamas kurz angebunden.</p><p>�Dadurch, dass er noch mehr Unschuldige umbringt? Es scheint dich nicht weiter zu ber�hren.�</p><p>�Freilich ber�hrt es mich. Es macht mich krank vor Scham und �rger und � Aber ich bin anders erzogen worden, Liz! Ich kann es nicht nur in Schwarz und Wei� sehen. Menschen, die in diesem Spiel mitmachen, nehmen Risiken auf sich. Fiedler verlor, und Mundt gewann. London gewann, das ist der springende Punkt! Es war ein sehr schmutziges Unternehmen. Aber es hat sich gelohnt. Und hier gilt nur das.� Als er sprach, hob sich seine Stimme, bis er schlie�lich fast schrie.</p><p>�Du versuchst ja, dich selbst zu �berzeugen�, rief Liz. �Sie haben abscheulich gehandelt. Wie kannst du Fiedler umbringen - er war gut, Alec. Ich wei�, dass er gut war. Und Mundt ��</p><p>�Wor�ber, zum Teufel, beschwerst du dich?� wollte Leamas wissen. �Deine Partei ist immer im Kampf, nicht wahr? Und opfert das Individuum f�r die Masse. Das sagt deine Partei selbst. Sozialistische Wirklichkeit: Tag und Nacht k�mpfen - den gnadenlosen Kampf -, so sagen sie doch, nicht wahr? Wenigstens hast du �berlebt. Ich habe nie geh�rt, dass die Kommunisten die Unverletzlichkeit des menschlichen Lebens gepredigt h�tten. Nun, vielleicht habe ich es falsch verstanden�, f�gte er sarkastisch hinzu. �Ich gebe zu, ja, ich gebe zu, dass du vielleicht dabei h�ttest umkommen k�nnen. Die M�glichkeit bestand. Mundt ist ein gemeines Schwein. Er sah keinen Sinn darin, dich �berleben zu lassen. Sein Versprechen - ich nehme an, er gab ein Versprechen, f�r dich sein Bestes zu tun - ist nicht viel wert. Deshalb w�rest du in einem Gef�ngnis des Arbeiterparadieses gestorben - heute, n�chstes Jahr, in zwanzig Jahren. Vielleicht auch ich. Aber ich erinnere mich, dass die Partei auf die Vernichtung einer ganzen Klasse abzielt. Oder habe ich das falsch verstanden?�</p><p>Er zog eine Packung Zigaretten aus seiner Jacke, und zusammen mit einer Schachtel Streichh�lzer gab er ihr zwei. Ihre Finger zitterten beim Anz�nden und als sie Leamas eine zur�ckgab.</p><p>�Du hast diese Probleme alle gel�st, nicht wahr?� fragte sie.</p><p>�Wir pa�ten zuf�llig gut in die Form�, beharrte Leamas, �und ich bedauere es. Ich bedauere auch die anderen, die in die Form passen. Aber beklage dich nicht �ber die Bedingungen, Liz! Es sind Parteibedingungen. Ein kleiner Preis f�r einen gro�en Gewinn. Einer geopfert f�r viele. Ich wei�, es ist nicht angenehm, dar�ber zu entscheiden, wer den Gedanken in der Praxis zu verwirklichen hat.�</p><p>Sie h�rte ihm zu, und in der Dunkelheit war ihr f�r einen Augenblick nichts anderes bewu�t, als die vor ihnen zur�ckweichende Stra�e und das dumpfe Entsetzen in ihrem Inneren.</p><p>�Aber sie lie�en mich dich lieben�, sagte sie schlie�lich. �Und du lie�est mich an dich glauben und dich lieben.�</p><p>�Sie haben uns ben�tzt�, antwortete Leamas erbarmungslos. �Sie betrogen uns beide, weil es n�tig war. Es war der einzige Weg. Fiedler war schon verdammt nahe dem Ziel, begreifst du das nicht? Mundt war nahe daran, gefa�t zu werden, kannst du das nicht verstehen?�</p><p>�Wie kannst du die ganze Welt verdrehen?� schrie Liz pl�tzlich. �Fiedler war g�tig und anst�ndig. Er tat nur seine Pflicht. Und jetzt habt ihr ihn umgebracht. Mundt ist ein Spion und Verr�ter, und ihr besch�tzt ihn. Mundt ist ein Nazi, wei�t du das? Er ha�t die Juden � Auf welcher Seite stehst du? Wie kannst du ��</p><p>�In dem ganzen Spiel gibt es nur eine Regel�, antwortete Leamas. �Mundt ist ihr Mann, er gibt ihnen, was sie brauchen. Das ist leicht genug zu verstehen, oder nicht? Leninismus - die Zweckm��igkeit zeitlich begrenzter B�ndnisse. Was glaubst du, dass Spione seien: Priester, Heilige, M�rtyrer? Sie sind eine schmutzige Prozession von hohlen Narren und Verr�tern. Ja, auch von Schwulen, Sadisten und Trinkern. Von Leuten, die R�uber und Gendarm spielen, um ihrem erb�rmlichen Leben etwas Reiz zu geben. Glaubst du, sie sitzen wie M�nche in London und w�gen Recht gegen Unrecht ab? Ich w�rde Mundt get�tet haben, wenn ich gekonnt h�tte, ich hasse seinen Charakter. Aber nicht jetzt, da man ihn gerade braucht. Man braucht ihn, damit die gro�e, dumme Masse, die du bewunderst, nachts ruhig in ihren Betten schlafen kann. Man braucht ihn f�r die Sicherheit gew�hnlicher, unscheinbarer Leute wie du und ich.�</p><p>�Aber was ist mit Fiedler - empfindest du gar nichts f�r ihn?�</p><p>�Dies ist ein Krieg�, antwortete Leamas. �Es wird besonders deutlich, wie unerfreulich er ist, weil er im kleinen Ma�stab aus gro�er N�he ausgetragen wird. Manchmal wird dabei unschuldiges Leben vergeudet, das gebe ich zu. Aber er ist nichts, �berhaupt nichts, im Vergleich zu anderen Kriegen - dem letzten oder dem n�chsten.�</p><p>�O Gott�, sagte Liz schwach. �Du verstehst nicht. Du willst nicht verstehen. Du versuchst, dich selbst zu �berzeugen. Was sie tun, ist doch viel schlimmer: sie sp�ren die menschlichen Gef�hle in den Leuten auf - in mir und allen anderen, die sie ben�tzen wollen - und verwandeln sie in ihren H�nden zu Waffen, um damit zu verletzen und zu t�ten ��</p><p>�Gro�er Gott�, rief Leamas. �Was sonst haben die Menschen getan, seit die Welt besteht? Ich glaube an nichts, verstehst du? Nicht einmal an Zerst�rung oder Anarchie. Ich habe genug vom T�ten, �bergenug, aber ich sehe nicht, welche andere M�glichkeit sie h�tten. Sie versuchen nicht, zu bekehren, sie stehen nicht auf Kanzeln oder Parteitrib�nen, um zum Kampf f�r Frieden oder f�r Gott oder f�r was auch immer aufzurufen. Sie sind die armen Hunde, die die Prediger daran zu hindern versuchen, einander in die Luft zu jagen.�</p><p>�Du hast nicht recht�, erkl�rte Liz hoffnungslos. �Sie sind schlechter als wir alle.�</p><p>�Weil ich mit dir ein Verh�ltnis hatte, als du glaubtest, ich sei ein Vagabund?� fragte Leamas w�tend.</p><p>�Weil sie alles verachten�, antwortete Liz. �Weil sie alles verachten, was wahr und gut ist: die Liebe, die ��</p><p>�Ja�, stimmte Leamas pl�tzlich ersch�pft zu. �Das ist der Preis, den sie zahlen: Gott und Karl Marx im selben Satz zu verachten. Wenn du das meinst.�</p><p>�Du bist nicht anders�, fuhr Liz fort, �nicht anders als Mundt und der ganze Rest. Ich mu� es ja wissen, ich bin diejenige gewesen, die herumgesto�en wurde, oder nicht? Von den anderen und von dir, von dir, weil es dir egal ist. Nur von Fiedler nicht � Aber ihr anderen alle habt mich behandelt, als ob ich nichts w�re � nur W�hrung, mit der man bezahlen kann. Ihr seid alle gleich, Alec.�</p><p>�O Liz�, sagte er verzweifelt. �Glaube mir um Gottes willen. Ich hasse das alles, ich bin es leid. Aber es ist die Welt, es ist die Menschheit, die verr�ckt geworden ist. Wir w�ren doch nur ein kleiner Preis. Aber es ist �berall das gleiche, Menschen, betrogen und irregef�hrt, ganze Leben weggeworfen, Menschen erschossen und im Gef�ngnis, ganze Gruppen und Klassen abgeschrieben - f�r nichts. Und deine Partei: Gott wei�, dass sie auf den Leibern gew�hnlicher Leute errichtet worden ist. Du hast nicht wie ich Menschen sterben gesehen, Liz ��</p><p>W�hrend er sprach, erinnerte sich Liz wieder des sch�bigen Gef�ngnishofes und der W�rterin, die sagte: �Es ist ein Gef�ngnis f�r die, die den Aufbau verz�gern � F�r die, die ein Recht auf Irrtum zu haben glauben.�</p><p>Leamas schaute pl�tzlich angespannt durch die Windschutzscheibe. Im Scheinwerferlicht des Wagens sah Liz einen Mann auf der Stra�e stehen. In der Hand hielt er eine kleine Lampe, die er an- und ausknipste, als sich der Wagen n�herte. �Das ist er�, murmelte Leamas. Er schaltete die Scheinwerfer und den Motor ab, und lie� den Wagen lautlos weiterrollen. Als sie den Mann erreicht hatten, lehnte sich Leamas zur�ck und �ffnete die hintere T�r. Liz drehte sich nicht um und sah ihn nicht an, als er einstieg. Sie starrte bewegungslos geradeaus die Stra�e hinunter in den fallenden Regen.</p><p>�Fahren Sie mit drei�ig Stundenkilometern�, sagte der Mann. Seine Stimme klang heiser und �ngstlich. �Ich werde Ihnen den Weg zeigen. Wenn wir die Stelle erreichen, m�ssen Sie aussteigen und zur Mauer laufen. Der Scheinwerfer wird die Stelle anstrahlen, wo Sie hochklettern m�ssen. Stellen Sie sich in Richtung des Lichtstrahls. Beginnen Sie hochzuklettern, sobald der Strahl weiterschwenkt. Sie werden neunzig Sekunden haben, um hin�berzukommen. Sie gehen zuerst�, sagte er zu Leamas, �und das M�dchen folgt. Es sind Eisensprossen im unteren Teil - hernach m�ssen Sie sich hochziehen, so gut Sie k�nnen. Sie werden sich oben setzen und das M�dchen hochziehen m�ssen. Haben Sie verstanden?�</p><p>�Wir haben verstanden�, sagte Leamas. �Wie lange ist es noch?�</p><p>�Wenn Sie mit drei�ig Stundenkilometern fahren, werden wir in ungef�hr neun Minuten dort sein. Der Scheinwerfer wird genau f�nf nach eins auf die Mauer gerichtet. Man kann Ihnen neunzig Sekunden geben. Nicht mehr.�</p><p>�Was geschieht nach neunzig Sekunden?� fragte Leamas.</p><p>�Man kann Ihnen nur neunzig Sekunden geben�, wiederholte der Mann. �Sonst ist es zu gef�hrlich. Es ist nur eine Streife instruiert worden. Die M�nner glauben, dass Sie nach Westberlin eingeschleust werden. Sie haben den Befehl erhalten, es nicht zu leicht zu machen. Neunzig Sekunden gen�gen.�</p><p>�Das will ich sehr hoffen�, sagte Leamas trocken. �Wie sp�t haben Sie?�</p><p>�Ich habe meine Uhr mit der des Streifenf�hrers verglichen�, antwortete der Mann. Auf dem R�cksitz des Wagens zuckte kurz ein Licht auf. �Es ist zw�lf Uhr achtundvierzig. F�nf vor eins m�ssen wir weiter. Noch sieben Minuten zu warten.�</p><p>Sie sa�en in v�lliger Stille, bis auf das Ger�usch des Regens, der auf das Wagendach trommelte. Das Pflaster der vor ihnen liegenden Stra�e wurde alle hundert Meter von schwachen Stra�enlaternen beleuchtet. Es war niemand zu sehen. Der Himmel �ber ihnen schimmerte d�ster im unnat�rlichen Schein entfernter Bogenlampen. Gelegentlich strich der Strahl des Scheinwerfers �ber sie hinweg. Weit links erblickte Leamas dicht �ber dem Horizont ein Licht, das wie der Widerschein eines Feuers laufend seine St�rke wechselte.</p><p>�Was ist das?� fragte er, indem er darauf deutete.</p><p>�Der Informationsdienst�, antwortete der Mann. �Eine Tafel aus vielen Lampen, mit der in Leuchtschrift Nachrichtenschlagzeilen nach Ostberlin her�bergestrahlt werden.�</p><p>�Nat�rlich�, murmelte Leamas. Sie waren dem Ende der Stra�e sehr nahe.</p><p>�Es gibt kein Umkehren�, fuhr der Mann fort. �Hat er Ihnen das gesagt? Es gibt keine zweite Chance.�</p><p>�Ich wei߫, erwiderte Leamas.</p><p>�Wenn irgend etwas schiefgeht - wenn Sie fallen oder sich verletzen, kehren Sie nicht um. Innerhalb des Streifens an der Mauer wird sofort geschossen. Sie m�ssen hin�berkommen.�</p><p>�Wir wissen Bescheid�, wiederholte Leamas. �Er hat es mir gesagt.�</p><p>�Sobald Sie aus dem Wagen gestiegen sind, befinden Sie sich im Grenzstreifen.�</p><p>�Wir wissen es. Nun seien Sie ruhig�, sagte Leamas.</p><p>Dann f�gte er hinzu: �Bringen Sie den Wagen zur�ck?�</p><p>�Sobald Sie ausgestiegen sind, fahre ich weg. Auch f�r mich ist es gef�hrlich.�</p><p>�Was Sie nicht sagen.�</p><p>Wieder war Stille. Dann fragte Leamas: �Haben Sie einen Revolver?�</p><p>�Ja�, sagte der Mann. �Aber ich kann ihn nicht hergeben. Er sagte, ich d�rfe ihn Ihnen nicht geben � Sie w�rden sicher danach fragen.�</p><p>Leamas lachte sp�ttisch. �Das dachte ich mir�, sagte er.</p><p>Leamas startete den Motor. Mit einem L�rm, der die ganze Stra�e auszuf�llen schien, fuhr der Wagen langsam vorw�rts. Sie waren ungef�hr hundert Meter gefahren, als der Mann aufgeregt fl�sterte: �Hier rechts, dann links.� Sie bogen in eine enge Nebenstra�e ein. Zu beiden Seiten waren leere Marktst�nde, so dass der Wagen kaum hindurchkam.</p><p>�Hier links, jetzt.�</p><p>Leamas zog den Wagen schnell herum, diesmal zwischen zwei hohe Geb�ude in eine Stra�e hinein, die wie eine Sackgasse aussah. Es hing W�sche �ber der Stra�e, und Liz war nicht sicher, ob sie darunter hindurchkommen w�rden.</p><p>Als sie sich dem Ende der Sackgasse n�herten, sagte der Mann: �Links, fahren Sie auf den Fu�weg.�</p><p>Leamas fuhr den Bordstein hinauf und �ber den B�rgersteig in einen breiten Fu�weg, der links von einem verfallenen Gel�nder und rechts von einem hohen, fensterlosen Geb�ude einges�umt war. Irgendwo �ber ihnen h�rten sie eine Frauenstimme rufen. �Halt den Mund�, murmelte Leamas, w�hrend er ungeschickt eine rechtwinkelige Biegung des Weges nahm, der fast gleich darauf in eine breitere Stra�e m�ndete.</p><p>�Wohin?� fragte er.</p><p>�Geradeaus dr�ber - an der Apotheke vorbei - zwischen der Apotheke und dem Postamt - da!� Der Mann beugte sich so weit nach vorn, dass sein Gesicht fast zwischen ihren K�pfen war. �ber die Schulter von Leamas hinweg zeigte er jetzt die Richtung an, wobei er seine Fingerspitze gegen die Windschutzscheibe pre�te.</p><p>�Setzen Sie sich zur�ck�, zischte Leamas. �Nehmen Sie Ihre Hand weg. Wie, zum Teufel, soll ich etwas sehen, wenn Sie mit Ihrer Hand so herumfuchteln?� Er dr�ckte den Schalthebel in den ersten Gang und �berquerte schnell die breite Stra�e. Als er dabei nach links schaute, bemerkte er erstaunt nur hundert Meter entfernt die gedrungene Silhouette des Brandenburger Tores und an dessen Fu� die unheimlich wirkende Ansammlung von Milit�rfahrzeugen.</p><p>�Wohin fahren wir?� fragte Leamas pl�tzlich.</p><p>�Wir sind fast da. Fahren Sie langsam jetzt. Links, links, fahren Sie nach links!� schrie er, und Leamas ri� das Steuer gerade noch rechtzeitig herum. Sie fuhren durch einen engen Torbogen in einen Hof. Die Fensterscheiben in dem Geb�ude fehlten zur H�lfte, teils waren die �ffnungen mit Brettern verschlagen; die leeren Eing�nge g�hnten sie an. Am anderen Ende des Hofes war ein offenes Tor. �Da durch�, kam der gefl�sterte Befehl, �dann scharf rechts. Sie werden rechts eine Stra�enlaterne sehen, die n�chste dahinter ist kaputt. Wenn Sie an die zweite Laterne kommen, stellen Sie den Motor ab und rollen Sie weiter, bis Sie einen Hydranten sehen. Das ist es.�</p><p>�Warum, zum Teufel, sind Sie nicht selbst gefahren?�</p><p>�Er sagte, Sie sollten fahren. Er meinte, es w�re sicherer.�</p><p>Sie passierten das Tor und bogen scharf nach rechts. Sie waren in einer engen Stra�e. Es war stockfinster.</p><p>�Licht aus.�</p><p>Leamas schaltete das Wagenlicht aus und fuhr langsam auf die erste Laterne zu. Weiter vorn war gerade noch die zweite zu sehen. Sie brannte nicht. Er stellte den Motor ab, und sie rollten lautlos weiter, bis sie acht Meter vor sich den schwachen Umri� des Hydranten wahrnahmen. Leamas bremste, der Wagen hielt.</p><p>�Wo sind wir?� fl�sterte Leamas. �Haben wir nicht die Leninallee �berquert?�</p><p>�Greifswalder Stra�e. Dann nordw�rts. Wir sind n�rdlich der Bernauerstra�e.�</p><p>�Pankow?�</p><p>�So ungef�hr. Sehen Sie�, der Mann zeigte in eine Seitenstra�e hinein. An ihrem Ende sahen sie ein kurzes St�ck der Mauer. Es schimmerte graubraun im m�den Licht der Bogenlampen. Oben waren drei Reihen Stacheldraht gespannt.</p><p>�Wie soll das M�dchen �ber den Draht kommen?�</p><p>�Er ist schon durchschnitten, wo Sie hin�bersteigen. Es ist ein schmales Loch. Sie haben eine Minute, um die Mauer zu erreichen. Leben Sie wohl.�</p><p>Sie hatten den Wagen verlassen, alle drei. Leamas nahm Liz am Arm, und sie wich zur�ck, als h�tte er sie verletzt.</p><p>�Leben Sie wohl�, sagte der Deutsche.</p><p>Leamas fl�sterte nur: �Lassen Sie den Motor nicht an, bis wir hin�ber sind.�</p><p>Liz blickte den Deutschen einen Moment an. In dem schwachen Licht hatte sie den fl�chtigen Eindruck eines �ngstlichen, jungen Gesichtes: das Gesicht eines Knaben, der tapfer zu sein versuchte.</p><p>�Leben Sie wohl�, sagte Liz.</p><p>Sie l�ste ihren Arm und folgte Leamas in die enge Stra�e, die zur Mauer f�hrte.</p><p>Als sie die Stra�e betraten, h�rten sie den Wagen hinter sich starten, wenden und schnell in der Richtung, aus der sie gekommen waren, davonfahren.</p><p>�Bring dich nur in Sicherheit, du Saukerl�, murmelte Leamas und blickte dem Wagen nach.</p><p>Liz h�rte ihn kaum.</p></section><section><p><strong>26 AUS DER K�LTE HEREIN</strong></p><p>Sie gingen schnell. Von Zeit zu Zeit blickte Leamas �ber die Schulter zur�ck, um sich zu vergewissern, dass sie folgte. Als er das Ende der Gasse erreichte, blieb er stehen und trat dann in den Schatten eines Einganges. Er sah auf die Uhr.</p><p>�Zwei Minuten�, fl�sterte er.</p><p>Sie sagte nichts. Sie starrte geradeaus auf die Mauer und die schwarzen Ruinen dahinter.</p><p>�Zwei Minuten�, wiederholte Leamas.</p><p>Vor ihnen war ein Streifen von zehn Metern. Er lief in beiden Richtungen an der Mauer entlang. Vielleicht f�nfundzwanzig Meter zu ihrer Rechten war ein Wachtturm. Der Strahl seines Scheinwerfers spielte �ber den Streifen hin. Der d�nne Regen hing in der Luft, so dass das Licht der Bogenlampe fahl und bla� war und die Welt dahinter verbarg. Es war niemand zu sehen, kein Laut war zu h�ren. Eine leere B�hne.</p><p>Der Scheinwerfer des Wachtturmes begann z�gernd, sich seinen Weg an der Mauer entlang abzutasten. Er kam langsam auf sie zu, und jedesmal, wenn er einhielt, konnten sie einzelne Steinbl�cke und dazwischen die Streifen achtlos hingeworfenen M�rtels sehen. Der Lichtstrahl hielt unmittelbar vor ihnen an. Leamas sah auf die Uhr.</p><p>�Fertig?� fragte er.</p><p>Sie nickte.</p><p>Er ergriff ihren Arm und begann vorsichtig, den Streifen zu �berqueren. Liz wollte laufen, aber er hielt sie so fest, dass sie nicht konnte. Sie waren jetzt auf halbem Wege zur Mauer; der helle Halbkreis des Lichtes zog sie vorw�rts, der Strahl war direkt �ber ihnen. Leamas war entschlossen, Liz sehr nahe bei sich zu halten, als f�rchte er, dass Mundt sein Wort nicht halten und sie irgendwie im letzten Augenblick wegschnappen w�rde. Sie waren schon fast an der Mauer, als der Lichtstrahl nach Norden schwenkte und sie in v�lliger Dunkelheit lie�. Leamas f�hrte Liz am Arm, w�hrend er mit seiner ausgestreckten linken Hand blind nach vorne tastete. Pl�tzlich stie� er gegen den rauhen, harten Beton. Jetzt konnte er die Mauer erkennen, und dar�ber den dreifachen Draht und die groben Haken, die ihn hielten. In die Steine waren Eisenklammern, �hnlich den Kletterhaken, geschlagen. Leamas ergriff den obersten und zog sich schnell hoch, bis er den Scheitel der Mauer erreicht hatte. Er ri� scharf an dem unteren Draht, der ihm durchschnitten entgegenfiel. �Los�, fl�sterte er dr�ngend, �fang an zu klettern.�</p><p>Er legte sich flach auf die Mauer, fa�te hinunter, ergriff ihre ausgestreckte Hand und begann sie langsam nach oben zu ziehen, als ihr Fu� die erste Metallsprosse gefunden hatte.</p><p>Pl�tzlich schien die ganze Welt in Flammen aufzugehen; von �berallher, von oben und beiden Seiten vereinigten sich m�chtige Lichtstrahlen und trafen sie mit unbarmherziger Genauigkeit. Leamas war geblendet, er drehte seinen Kopf weg und ri� wild an Liz' Arm. Sie schwang jetzt frei; er glaubte, sie sei abgerutscht. Er rief wie wahnsinnig ihren Namen, wobei er sie weiter nach oben zu ziehen versuchte. Er konnte nichts sehen - nur einen wilden Farbentanz vor seinen Augen.</p><p>Dann kam das hysterische Geheul von Sirenen und das Gebr�ll befehlender Stimmen. Halb auf der Mauer kniend, packte er sie an beiden Armen und zog sie ganz langsam Zentimeter um Zentimeter zu sich herauf, wobei er selbst zu fallen drohte.</p><p>Dann schossen sie. Es waren drei oder vier einzelne Sch�sse, und Leamas f�hlte das Zittern, das durch Liz' K�rper fuhr. Ihre d�nnen Arme l�sten sich aus seinen H�nden. Er h�rte eine Stimme von der Westseite der Mauer auf englisch rufen:</p><p>�Spring, Alec! Spring!�</p><p>Alles schrie jetzt auf englisch, franz�sisch und deutsch durcheinander. Er h�rte Smileys Stimme aus ziemlicher N�he: �Das M�dchen, wo ist das M�dchen?�</p><p>Er hielt die Hand �ber seine Augen und sah an der Mauer hinunter. Schlie�lich entdeckte er sie. Sie lag reglos auf dem Pflaster.</p><p>Einen Augenblick z�gerte er. Dann kletterte er langsam wieder an den Sprossen hinunter, bis er neben ihr stand. Sie war tot. Das schwarze Haar war �ber ihr abgewandtes Gesicht gefallen, als solle es sie gegen den Regen sch�tzen.</p><p>Sie schienen zu z�gern, bevor sie wieder schossen. Jemand br�llte einen Befehl, und noch immer feuerte niemand. Schlie�lich gaben sie zwei oder drei Sch�sse auf ihn ab. Er stand und starrte wie ein geblendeter Stier in der Arena um sich. W�hrend er st�rzte, sah Leamas zwischen gro�en Lastwagen ein kleines zerquetschtes Auto, aus dem ihm Kinder fr�hlich durch die Scheibe zuwinkten.</p></section></body><binary id="cover" 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