<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>antique</genre><author><first-name>Carre,</first-name><middle-name>John</middle-name><last-name>le</last-name></author><book-title>Ein Mord erster Klasse (Smiley Bd 2)</book-title><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang></title-info><document-info><author><first-name>Carre,</first-name><middle-name>John</middle-name><last-name>le</last-name></author><program-used>calibre 2.23.0, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date>13.11.2015</date><id>a777007c-1972-403f-a46d-8771a1fa1523</id><version>1.0</version></document-info><publish-info><year>2011</year></publish-info></description><body><section><p>John� le Carr�</p><p><strong/></p><p><strong><emphasis>Ein Mord erster Klasse</emphasis></strong></p><p><strong/></p><p><strong>Deutsch von Hans B�tow</strong></p><p><strong>Titel der
Originalausgabe: A MURDER OF QUALITY </strong></p><p><strong/></p><p><strong/></p><p>Es <strong><emphasis>gibt wahrscheinlich ein Dutzend gro�er Schulen, von denen man mit
�berzeugung versichern wird, da� nur sie f�r Carne als Vorbild gedient hatten.
Aber wer in ihnen nach den D'Arcys, Fieldings und Hechts Ausschau halt, wird
vergeblich suchen.</emphasis></strong></p><p><strong><emphasis>JOHN LE CARRE</emphasis></strong></p><p>SCHWARZE KERZEN</p><p>Die
Bedeutung von Carne School f�hrt man allgemein auf Eduard VI. zur�ck, und
dessen p�dagogischer Eifer wird von der Geschichtsschreibung eigentlich dem
Herzog von Somerset zugeschrieben. Aber Carne zieht das Ansehen des Monarchen
der fragw�rdigen Politik seines Beraters vor und gewinnt Kraft aus der
�berzeugung, da� gro�e Schulen, wie Tudor-K�nige, im Himmel geweiht wurden.</p><p>Seine
Gr��e ist tats�chlich fast so etwas wie ein Wunder. Von obskuren M�nchen
gegr�ndet, von einem kr�nklichen Kinder-K�nig dotiert, von einem
Viktorianischen Tyrannen der Vergessenheit entrissen, hatte Carne seinen
Kragen zurechtger�ckt, seine b�uerlichen H�nde und Gesichtsz�ge geschrubbt und
sich den H�fen des zwanzigsten Jahrhunderts im vollen Glanz pr�sentiert. Und im
Handumdrehen wurde der Bauernt�lpel aus Dorset der Liebling Londons: Dick
Whittington war arriviert. Carne besa� Urkunden in lateinischer Sprache, Siegel
in Wachs und Pfr�nde hinter der Abtei. Carne hatte Landbesitz, Kreuzg�nge und
den Holzwurm, einen Auspeitschblock und eine Zeile im <strong><emphasis>Doomsday Book* </emphasis></strong><strong><emphasis>[</emphasis></strong><strong>Reichsgrundbuch Englands (1085/86)]</strong><strong><emphasis/></strong>- was brauchte es also mehr, die S�hne der Reichen zu
unterrichten?</p><p>Und sie
kamen; jedes Semester kamen sie (denn Trimester sind nicht nobel), so da� die
Z�ge einen ganzen Nachmittag lang traurige Gruppen von schwarzr�ckigen Jungen
auf den Stationsbahnsteig entluden. Sie kamen in gro�en Autos, die von d�sterer
Sauberkeit gl�nzten. Sie kamen, um den armen K�nig Eduard zu begraben,
Handkarren durch die kopfsteingepflasterten Stra�en zerrend, oder mit Proviantschachteln
wie kleinen S�rgen. Einige trugen Talare und sahen darin beim Gehen wie Kr�hen
aus oder wie schwarze Engel, die zum Begr�bnis gekommen sind. Manche folgten
einzeln wie Statisten bei einer Beerdigung nach, und man konnte das Klippklapp
ihrer Stiefel beim Gehen h�ren. In Carne waren sie immer in Trauer; die kleinen
Jungen, weil sie bleiben, und die gro�en, weil sie abgehen mu�ten, die Lehrer,
weil Trauer respektabel war, und die Ehefrauen, weil Respektabilit�t
unterbezahlt war; und jetzt, da das Fastensemester (wie das Ostertrimester
genannt wurde) zu Ende ging, hatte sich wie eh und je die Wolke der D�sternis
entschlossen �ber die grauen T�rme von Carne gesenkt.</p><p>D�sternis
und die K�lte. Die K�lte war bei�end und scharf wie Feuerstein. Sie schnitt in
die Gesichter der Jungen, als sie sich nach dem Schulmatch langsam von den
verlassenen Sportpl�tzen entfernten. Sie durchdrang ihre schwarzen �berzieher
und verwandelte ihre steifen, spitzigen Kragen zu eisigen Halsreifen.
Verfroren trotteten sie vom Platz zu der langen, ummauerten Stra�e, die zum
gr��ten S��warenladen der Stadt f�hrte; die Reihe verringerte sich allm�hlich
zu Gruppen, die Gruppen verringerten sich zu Paaren.</p><p>Zwei
Jungen, die noch verfrorener aussahen als die �brigen, �berquerten die Stra�e
und gingen einen schmalen Pfad entlang, der zu einem entfernten, aber weniger
�berlaufenen S��warenladen f�hrte.</p><p>�Ich
sterbe, wenn ich noch einmal bei einem von diesen biestigen Rugbyspielen
zusehen mu�. Der Krach ist ja fantastisch!� sagte der eine. Er war gro�, blond
und hie� Caley.</p><p>�Die
schreien nur deswegen, weil die Pauker vom Pavillon aus zusehen�, erwiderte der
andere; �deswegen mu� jedes Internat zusammenhalten. Damit die Hauspauker
damit angeben k�nnen, wie laut ihre Internate schreien.�</p><p>�Was sagst
du zu Rode?� fragte Caley. �Warum steht er bei uns und animiert uns zum
Schreien? Er ist doch kein Hauspauker, nur 'n verdammter Hilfslehrer.�</p><p>�Der
schmei�t sich doch die ganze Zeit bei den Hauspaukern ran. Du kannst ihn auf
dem Hof sehen, wie er zwischen den Unterrichtsstunden um die hohen Tiere
herumschwirrt. Alle j�ngeren Lehrer tun das.� Caleys Gef�hrte war ein zynischer
Rotschopf namens Perkins, Pr�fekt von Fieldings Haus.</p><p>�Ich bin
bei Rode zum Tee gewesen�, sagte Caley.</p><p>�Rode ist
die H�lle. Tr�gt braune Schuhe. Wie war denn der Tee?�</p><p>�Tr�b.
Komisch, wie Tee sie blo�stellt. Mrs. Rode ist aber ganz passabel - hausbacken,
auf plebejische Art: Spitzendeckchen und Porzellanv�gel. Ihr Essen ist gut;
Frauenverein, aber gut.�</p><p>�Rode
leitet n�chstes Semester das Offiziersausbildungscorps. Das wird der Sache die
Krone aufsetzen. Er ist so <strong><emphasis>eifrig, </emphasis></strong>springt
st�ndig herum. Man merkt, da� er kein Gentleman ist. Du wei�t doch, welche
Schule er besucht hat?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Branxome,
�ffentliche Schule. Fielding erz�hlte es meiner Mama, als sie im letzten
Semester von Singapur r�berkam.�</p><p>�Mein
Gott! Wo liegt denn Branxome?�</p><p>�An der
K�ste. Bei Bournemouth. Ich bin noch bei niemandem zum Tee gewesen, au�er bei
Fielding.� Perkins f�gte nach einer kleinen Pause hinzu: �Man kriegt ger�stete
Kastanien und kleine Teekuchen. Man darf ihm nicht danken, wei�t du. Er sagt,
Gef�hlsduselei ist nur f�r die unteren Klassen. Typisch f�r Fielding. Er
benimmt sich gar nicht wie ein Pauker. Ich glaube, Jungen langweilen ihn. Das
ganze Haus geht einmal im Semester zu ihm zum Tee, er l�dt uns abwechselnd ein,
jedesmal vier; mit den meisten Leuten spricht er nur bei diesem Anla�.�</p><p>Schweigend
gingen sie eine Weile weiter, bis Perkins sagte: �Fielding gibt heute abend
wieder 'ne Dinnerparty.�</p><p>�Er gibt
sehr an neuerdings�, sagte Caley mi�billigend. �Ich nehme an, der Fra� in
seinem Haus ist schlimmer denn je?�</p><p>�Es ist
sein letztes Semester, bevor er pensioniert wird. Gegen Ende des Semesters l�dt
er jeden Pauker und alle Frauen einzeln ein. Schwarze Kerzen jeden Abend. Aus
Trauer. Die H�lle ist verschwenderisch.�</p><p>�Ja, ich
nehme an, es ist eine Art Geste.�</p><p>�Mein
alter Herr sagte, er ist verkehrt.�</p><p>Sie
�berquerten die Stra�e und verschwanden im S��warenladen, wo sie fortfuhren,
die gewichtigen Angelegenheiten von Mr. Terence Fielding zu er�rtern, bis
Perkins widerstrebend ihr Zusammensein beendete. Da er in Naturwissenschaft
eine Niete war, war er ungl�cklicherweise gen�tigt, auf diesem Gebiet
Nachhilfeunterricht zu nehmen.</p><p>Die
Dinnerparty, auf die Perkins an diesem Nachmittag angespielt hatte, n�herte
sich ihrem Ende. Mr. Terence Fielding, rang�ltester Internatsleiter von Carne,
g�nnte sich noch etwas Portwein und schob die Kristallflasche verdrie�lich nach
links. Es war sein Portwein, der beste, den er hatte. Es gab von diesem besten
noch genug, um das Semester durchzuhalten - und was dann geschah, war ihm
v�llig egal. Er f�hlte sich etwas m�de, nachdem er beim Spiel zugesehen hatte,
ein wenig betrunken und etwas gelangweilt von Shane Hecht und ihrem Mann. Shane
war so h��lich. Massiv und besitzergreifend, wie eine verbl�hte Walk�re. All
das schwarze Haar. Er h�tte jemand anderen einladen sollen. Die Snows zum Beispiel,
aber er war zu klug. Oder Felix D'Arcy, aber D'Arcy fiel einem ins Wort. Na
gut, etwas sp�ter w�rde er Charles Hecht �rgern; Hecht w�rde beleidigt sein und
fr�h aufbrechen.</p><p>Hecht
r�ckte nerv�s herum, wollte seine Pfeife anz�nden, aber Fielding w�rde das
unter keinen Umst�nden dulden. Hecht konnte eine Zigarre haben, wenn er rauchen
wollte. Aber seine Pfeife hatte in seiner Smokingtasche zu bleiben, wohin sie
geh�rte oder nicht geh�rte, und sein athletisches Profil konnte ohne diese
Verzierung bleiben.</p><p>�Zigarre,
Hecht?�</p><p>�Nein,
danke, Fielding. H�ttest du etwas dagegen, wenn ich...�</p><p>�Ich kann
die Zigarre empfehlen. Der junge Havelake schickte sie aus Havanna. Sein Vater
ist dort Botschafter.�</p><p>�Ja, mein
Lieber�, sagte Shane nachsichtig. �Vivian Havelake war in Charles' Abteilung,
als Charles die Kadetten kommandierte.�</p><p>�Guter
Junge, Havelake�, bemerkte Hecht und pre�te die Lippen zusammen, um zu zeigen,
da� er ein strenger Richter war.</p><p>�Es ist
doch am�sant, wie sich die Dinge ge�ndert haben.� Shane Hecht sagte dies rasch,
mit einem etwas h�lzernen L�cheln, als sei es nicht wirklich am�sant. �Solch
eine tr�be Welt, in der wir jetzt leben. Ich erinnere mich an die Zeit vor dem
Krieg, als Charles das Corps auf einem Schimmel inspizierte. So etwas tut man
heute nicht mehr, oder? Ich habe nichts gegen Mr. Iredale als Kommandanten, gar
nichts. In welchem Regiment war er doch blo�, Terence, wei�t du's? Ich bin
sicher, er macht es sehr gut, was immer sie jetzt im Ausbildungscorps tun - er
kommt mit den Jungen so gut zurecht, nicht? Seine Frau ist eine so nette
Person... Ich frage mich nur, wieso sie nie ihr Personal halten k�nnen. Ich
h�re, Mr. Rode wird im n�chsten Semester beim Corps aushelfen.�</p><p>�Armer
kleiner Rode�, sagte Fielding langsam; �rennt herum wie ein junger Hund und
versucht, seine Br�tchen zu verdienen. Er strengt sich so an; habt ihr ihn bei
Schulwettk�mpfen br�llen h�ren? Er hatte noch nie ein Rugbyspiel gesehen, bevor
er hierherkam. In den �ffentlichen Schulen spielen sie ja kein Rugby - immer
nur Fu�ball. Erinnerst du dich, als er hier ankam, Charles? Es war faszinierend.
Zuerst war er sehr dem�tig und nahm alles in sich auf: die Spiele, die
Ausdrucksweise, die Manieren. Dann war es eines Tages, als sei ihm die Macht
der Rede gegeben, und er redete unsere Sprache. Es war erstaunlich, wie eine
Sch�nheitsoperation. Es war nat�rlich Felix D'Arcys Werk - ich habe nie etwas
�hnliches gesehen.�</p><p>�Die liebe
Mrs. Rode�, sagte Shane Hecht mit jener abstrakten Unbestimmtheit, die sie f�r
ihre giftigsten Ausspr�che reservierte: �So s��... und solch simpler Geschmack,
findest du nicht? Ich meine, wem sonst w�re es auch nur im Traum eingefallen,
diese Porzellanenten an die Wand zu stellen? Die gr��eren vorne und die
kleineren dahinter. Reizend, findet ihr nicht? Wie in einem dieser Teel�den. Wo
sie die nur gekauft hat? Ich mu� sie einmal fragen. Ich habe geh�rt, ihr Vater
lebt bei Bournemouth. Es mu� sehr einsam f�r ihn sein, meint ihr nicht? So ein
vulg�rer Ort; niemand, mit dem man sprechen kann.�</p><p>Fielding
lehnte sich zur�ck und �berblickte seine eigene Tafel. Das Silber war gut. Das
beste in Carne, hatte er sagen h�ren, und er war geneigt, dem zuzustimmen. In
diesem Semester verwendete er nur schwarze Kerzen. An derartige Einzelheiten
erinnerten sich die Leute, wenn man abgegangen war: �Der gute alte Terence -
wunderbarer Gastgeber. Er lud jedes Mitglied des Lehrk�rpers w�hrend seines
letzten Semesters ein, wissen Sie, auch die Ehefrauen. Schwarze Kerzen,
eigentlich r�hrend. Es brach ihm das Herz, da� er sein Haus aufgeben mu�te.�
Aber er mu�te Charles Hecht �rgern. Shane w�rde das begr��en. Sie w�rde ihn
dabei anfeuern, weil sie Charles ha�te, weil sie in ihrem gro�en, h��lichen
K�rper so listig war wie eine Schlange.</p><p>Fielding
sah Hecht an, und dann Hechts Frau, und sie l�chelte zur�ck, das langsame,
verkommene L�cheln einer Hure. Einen Augenblick stellte sich Fielding vor, wie
Hecht in dem dicken K�rper w�hlte: Es war eine Szene, die an Lautrec
gemahnte... ja, das war's! Charles, aufgeblasen und zylinderbeh�tet, steif auf
der Pl�schbettdecke sitzend; sie massiv, h�ngebr�stig und gelangweilt. Das
Bild gefiel ihm: Pervers, den Dummkopf Hecht aus der spartanischen Sauberkeit
Carnes in die Pariser Bordelle des neunzehnten Jahrhunderts zu versetzen...</p><p>Fielding
begann zu sprechen, oder vielmehr mit jenem Anschein freundlicher Objektivit�t,
den Hecht, wie er wu�te, verabscheute, zu dozieren.</p><p>�Wenn ich
auf meine drei�ig Jahre in Carne zur�ckblicke, so wird mir bewu�t, da� ich
noch weniger erreicht habe als ein Stra�enkehrer.� Sie beobachteten ihn jetzt.
�Ich pflegte einen Stra�enkehrer als eine im Vergleich zu mir inferiore Person
zu betrachten. Nun bezweifle ich das. Etwas ist schmutzig, er macht es sauber,
und der Zustand der Welt ist verbessert. Aber ich - was habe ich getan? Ich
habe die Stellung einer herrschenden Klasse verteidigt, die sich weder durch
Begabung noch Kultur oder Geist auszeichnet; habe f�r eine weitere Generation
die Konventionen eines toten Zeitalters lebendig erhalten.�</p><p>Hecht, der
die Kunst, Fielding nicht zuzuh�ren, nie bis zur Vollendung gebracht hatte,
wurde rot und wetzte am anderen Tischende nerv�s herum.</p><p>�Lehren
wir sie denn nicht, Fielding? Wie steht's denn mit unseren Erfolgen, unseren
Stipendien?�</p><p>�Ich habe
nie in meinem Leben einen Jungen etwas gelehrt, Charles. Gew�hnlich war der
Junge nicht klug genug; manchmal war ich's nicht. Siehst du, bei den meisten
Jungen erlischt die Aufnahmef�higkeit in der Pubert�t. Bei einigen h�lt sie an;
aber wo wir sie finden, geben wir in Carne uns alle M�he, sie abzuw�rgen. Wenn
sie unsere Anstrengungen �berlebt, gewinnt der Junge ein Stipendium... Habe
Nachsicht mit mir, Shane; es ist mein letztes Semester.�</p><p>�Letztes
Semester oder nicht, du �bertreibst, Fielding�, sagte Hecht zornig.</p><p>�Das ist
in Carne Tradition. Diese Erfolge, wie du sie nennst, sind die Fehlschl�ge, sind
die seltenen Jungen, die die Lehren von Carne nicht aufgenommen haben. Sie
haben den Kult der Mittelm��igkeit ignoriert. Wir k�nnen nichts f�r sie tun.
Aber f�r die �brigen - die verwirrten kleinen Kleriker und die blinden kleinen
Soldaten -, f�r die ist die Wahrheit von Carne an die Wand geschrieben, und sie
hassen uns.�</p><p>Hecht
lachte etwas schwerf�llig.</p><p>�Warum
kommen dann so viele zur�ck, wenn sie uns so sehr hassen? Warum erinnern sie
sich an uns und kommen uns besuchen?�</p><p>�Weil wir,
mein lieber Charles, die Schrift an der Wand sind! Die einzige Lehre von Carne,
die sie nie vergessen. Sie kommen zur�ck, um uns zu lesen, siehst du das nicht?
Von uns haben sie das Geheimnis des Lebens erlernt: da� wir alt werden, ohne
weise zu werden. Sie haben erkannt, da� sich nichts ereignete, als wir
erwachsen wurden: kein blendendes Licht auf der Stra�e nach Damaskus, kein
pl�tzliches Gef�hl der Reife!� Fielding legte den Kopf zur�ck und blickte zum
derben viktorianischen Fries an der Decke hinauf, und zum Schmutzring um die
Lampenrosette. �Wir sind nur ein bi�chen �lter geworden. Wir haben dieselben
Witze gemacht, dieselben Gedanken gedacht, dieselben Dinge gewollt. Jahraus,
jahrein, Hecht, waren wir dieselben, nicht weiser, nicht besser; wir haben in
den letzten f�nfzig Jahren unseres Lebens alle zusammen nicht einen
selbst�ndigen Gedanken gehabt. Sie fanden heraus, was f�r ein Schwindel das
alles war, Carne und wir: unsere akademische Kleidung, unsere Klassenzimmerscherze,
unsere schlauen kleinen Angebote, sie zu beraten. Und deswegen kommen sie Jahr
f�r Jahr zur�ck aus ihrem komplizierten, sterilen Leben, um dich und mich,
Hecht, fasziniert zu betrachten; wie Kinder, die an einem Grab nach dem
Geheimnis von Leben und Tod suchen. O ja, <strong><emphasis>das </emphasis></strong>haben sie von uns gelernt.�</p><p>Hecht sah
Fielding einen Augenblick lang schweigend an.</p><p>�Die
Flasche, Hecht?� sagte Fielding leichthin, vers�hnlich, aber Hechts Augen
waren noch auf ihn gerichtet.</p><p>�Wenn das
ein Scherz sein soll...�, begann er, und seine Frau bemerkte mit Befriedigung,
da� er au�erordentlich zornig war.</p><p>�Ich
w�nschte, ich w��te es, Charles�, antwortete Fielding mit scheinbarem Ernst.
�Ich w�nschte wirklich, ich w��te es. Ich dachte fr�her, da� es klug sei,
Trag�die mit Kom�die zu vermengen. Nun w�nschte ich, ich k�nnte sie
unterscheiden.� Er fand das eigentlich ganz gut.</p><p>Sie
tranken den Kaffee im Wohnzimmer, wo Fielding beim Klatsch Zuflucht suchte,
aber Hecht lie� sich nicht ablenken. Fielding w�nschte fast, er h�tte ihn seine
Pfeife anz�nden lassen. Dann erinnerte er sich seiner Vision von den Hechts in
Paris, und das stellte seine frohe Laune wieder her. Er war an diesem Abend
wirklich gut gewesen. Es gab Augenblicke, in denen er sich selbst �berzeugte.</p><p>W�hrend
Shane ihren Mantel holte, standen die beiden M�nner zusammen in der Halle, aber
keiner sprach.</p><p>Shane kam
zur�ck, eine Hermelinstola, gelb vor Alter, �ber ihre breiten wei�en Schultern
drapiert. Sie neigte ihren Kopf nach rechts, l�chelte und reichte Fielding die
Hand zum Ku�.</p><p>�Terence,
Darling�, sagte sie, als Fielding ihre dicken Finger k��te, �so liebensw�rdig.
Und in deinem letzten Semester. Du mu�t mit uns essen, ehe du gehst. So
traurig. So wenige von uns �brig.� Sie l�chelte wieder, mit halb geschlossenen
Augen, um eine Gef�hlsverwirrung anzudeuten, und folgte dann ihrem Mann auf die
Stra�e. Es war noch immer bitter kalt, Schnee lag in der Luft.</p><p>Fielding
schlo� und verriegelte sorgf�ltig die T�r hinter ihnen - vielleicht einen
Bruchteil fr�her, als es die H�flichkeit erforderte - und kehrte ins E�zimmer
zur�ck. Hechts Portweinglas war noch etwa halbvoll. Fielding nahm es und go�
den Inhalt sorgsam in die Kristallflasche zur�ck. Er hoffte, da� Hecht nicht zu
aufgebracht war, denn er sch�tzte es nicht, bei den Leuten unbeliebt zu sein.
Er l�schte die schwarzen Kerzen, indem er die Dochte zwischen Zeigefinger und
Daumen dr�ckte. Dann drehte er das Licht an, nahm ein billiges Notizbuch von
der Anrichte und �ffnete es. Es enthielt eine Liste seiner Dinnerg�ste f�r den
Rest des Semesters. Mit seiner F�llfeder machte er ein ordentliches H�kchen an
dem Namen Hecht. Die waren erledigt. Am Mittwoch w�rde er die Rodes bei sich
haben. Der Mann hatte einigen Wert, aber sie war nat�rlich gr��lich... Das war
bei Ehepaaren nicht immer so. In der Regel waren die Frauen viel sympathischer.</p><p>Er �ffnete
die Anrichte und nahm eine Flasche Brandy und einen Schwenker heraus. Beide in
einer Hand haltend, mit der anderen beim Gehen an der Wand Halt suchend,
schlurfte er m�rrisch ins Wohnzimmer zur�ck. Gott! Er f�hlte sich pl�tzlich
alt; dieses d�nne schmerzhafte Ziehen �ber der Brust, diese Schwere in den
Beinen und F��en. Solch eine Anstrengung, mit Menschen zusammenzusein - immer
Theater zu spielen. Er ha�te es, allein zu sein, aber die Menschen langweilten
ihn. Alleinsein war wie M�desein ohne die F�higkeit zu schlafen. Irgendein
deutscher Dichter hatte das gesagt; er hatte es einmal zitiert: �Du darfst
schlafen, aber ich mu� tanzen.� Etwas dergleichen.</p><p>So bin
ich, dachte Fielding. So ist auch Carne; ein alter Satyr, der zur Musik tanzt.
Die Musik wurde schneller, und ihre K�rper wurden �lter, doch sie mu�ten
weitertanzen - in den Kulissen warteten junge Leute. Einmal war es komisch
gewesen, die alten T�nze in einer neuen Welt zu tanzen. Er schenkte sich noch
etwas Brandy ein. Eigentlich ging er nicht ungern von hier fort, obwohl er
irgendwo anders wieder unterrichten mu�te.</p><p>Aber es
hatte seine Reize, Carne... Der Hof der Abtei im Fr�hling... die
Flamingo-Gestalten der Jungen, die auf das Ritual der Andacht warteten... die
Ebbe und Flut der Kinder, wie die Jahreszeiten, und die alten M�nner, die
dazwischen starben. Er w�nschte, malen zu k�nnen; er w�rde das Schauspiel von
Carne in den falben Braunt�nen des Herbstes malen... Was f�r ein Jammer, dachte
Fielding, da� sein Geist, der f�r Sch�nheit empf�nglich war, kein
sch�pferisches Talent besa�.</p><p>Er sah auf
die Uhr. Viertel vor zw�lf. Fast an der Zeit auszugehen... um zu tanzen, nicht,
um zu schlafen.</p><p>DAS DONNERSTAG-GEF�HL</p><p>Es war
Donnerstagabend, und die �Christliche Stimme� war gerade in Druck gegangen. In
der Fleet Street war dies kaum ein historisches Ereignis. Der picklige
Botenjunge, der den zerzausten Sto� von Umbruchseiten mitnahm, zeigte sich
nicht dienstwilliger als unbedingt n�tig war, um seine Weihnachtsgratifikation
nicht zu gef�hrden. Und selbst in dieser Hinsicht hatte er gelernt, da� die
weltlichen Journale von �Unipress� mehr materielle Wohltat versprachen als die
�Christliche Stimme�; Wohltat stand n�mlich genau im Verh�ltnis zum Absatz.</p><p>Miss
Brimley, die Herausgeberin der Zeitschrift, r�ckte das Luftkissen unter sich
zurecht und z�ndete sich eine Zigarette an. Ihre Sekret�rin und Redakteurin -
die Anstellung schlo� beide Verantwortungen ein - g�hnte, lie� ihr
Aspirinfl�schchen in die Handtasche fallen, k�mmte ihr gelbliches Haar und
sagte Miss Brimley gute Nacht, wie �blich einen Geruch stark parf�mierten
Puders und einen leeren Papiert�cherkarton zur�cklassend. Miss Brimley h�rte
zufrieden das scharf abgehackte Echo ihrer Schritte den Korridor hinunter verklingen.
Es gefiel ihr, da� sie endlich, endlich allein war, und sie geno� die pl�tzliche
Leere. Sie mu�te sich immer wieder �ber sich selbst wundern, wie jeder
Donnerstagmorgen, wenn sie das riesige Unipress-Geb�ude betrat und etwas
l�cherlich, gleich einem farblosen B�ndel auf einem Luxusdampfer, auf einer
Rolltreppe nach der anderen stand, dasselbe leichte Unbehagen mit sich brachte.
Jeder wu�te, sie hatte die �Stimme� vierzehn Jahre lang herausgebracht, und es
gab Leute, die sagten, da� ihr Layout das Beste sei, was Unipress mache. Und
doch verlie� sie dieses Donnerstag-Gef�hl nie, nie die wache Sorge, da� sie
eines Tages, vielleicht schon heute, nicht fertig sein w�rde, wenn der Botenjunge
kam. Sie �berlegte oft, was dann wohl passieren w�rde. Sie hatte von
Fehlschl�gen anderswo in diesem riesigen Konzern geh�rt, von Sonderartikeln,
die mi�billigt, und von Redakteuren, die getadelt worden waren. Ihr war es ein
R�tsel, warum sie die �Stimme� �berhaupt beibehielten, mit dem teuren B�ro im
siebenten Stock und einer Auflage, die, wenn Miss Brimley �berhaupt etwas
wu�te, kaum die B�roklammern bezahlte.</p><p>Die
�Stimme� war um die Jahrhundertwende von dem alten Lord Landsbury gleichzeitig
mit einer nonkonformistischen Tageszeitung und der �Temperenz-Gazette�
gegr�ndet worden. Aber die Tageszeitung und die �Gazette� waren seitdem l�ngst
eingegangen, und Landsburys Sohn war vor nicht so langer Zeit eines Morgens
aufgewacht, um zu erfahren, da� seine ganze Firma, jeder Mann und jede Frau
darin, jedes M�belst�ck, die gesamte Tinte, jede B�ro- und Setzschiffklammer
mit dem verborgenen Gold von Unipress aufgekauft worden war.</p><p>Das war
vor drei Jahren gewesen, und jeden Tag hatte sie auf ihre Entlassung gewartet.
Aber die kam nie - keine Anweisung, keine Frage, kein Wort. Und da sie eine
vern�nftige Frau war, machte sie genauso weiter wie zuvor und h�rte auf, sich
zu wundern.</p><p>Und sie
war gl�cklich. Es war leicht, �ber die �Stimme� die Nase zu r�mpfen. Jede Woche
bot sie, dem�tig und ohne Fanfaren, Beweise f�r das Eingreifen des Herrn in
das Weltgeschehen, erz�hlte sie in einfachen und ziemlich unwissenschaftlichen
Wendungen die Fr�hgeschichte der Juden und versah in einer Rubrik unter einem
Phantasienamen jeden, der deswegen schreiben oder danach fragen mochte, mit
m�tterlichem Rat. Die �Stimme� befa�te sich kaum mit den rund f�nfzig Millionen
der Bev�lkerung, die nie von ihr geh�rt hatten. Sie war eine Familienangelegenheit,
und anstatt die zu verunglimpfen, die nicht zu ihr geh�rten, tat sie lieber ihr
Bestes f�r die, die dazugeh�rten. F�r diese war sie g�tig, optimistisch und
informativ. Wenn in Indien eine Million Kinder an der Pest starben, konnte man
sicher sein, da� der Leitartikel der Woche von der wunderbaren Errettung einer
Methodistenfamilie in Kent aus Feuersnot berichtete. Die �Stimme� beriet einen
nicht, wie man die zunehmenden F�ltchen um die Augen beseitigen oder die sich
ausdehnende Figur kontrollieren k�nne; sie entmutigte einen, wenn man alt war,
nicht durch ihre eigene ewige Jugend. Sie geh�rte selbst zum mittleren Alter
und zur Mittelklasse, sie riet M�dchen Vorsicht und allen Nachsicht an.
Nonkonformismus ist die konservativste aller Gewohnheiten, und Familien, die
die �Stimme� 1903 abonniert hatten, abonnierten sie auch 1960 weiter.</p><p>Miss Brimley
war nicht ganz das Abbild ihrer Zeitschrift. Das Kriegsgeschick und die Launen
der Arbeit in der milit�rischen Abwehr hatten sie mit dem j�ngeren Lord
Landsbury in Partnerschaft gebracht, und in den sechs Kriegsjahren hatten sie
t�chtig und unauff�llig in einem namenlosen Geb�ude in Knightsbridge
zusammengearbeitet. Die Wechself�lle des Friedens machten sie beide arbeitslos,
doch Landsbury war nicht nur so klug, sondern auch so gro�z�gig, Miss Brimley
einen Posten anzubieten. Die �Stimme� hatte w�hrend des Krieges ihr Erscheinen
eingestellt, und niemand schien erpicht darauf, sie wieder herauszugeben.
Zuerst hatte Miss Brimley sich etwas besch�mt gef�hlt, eine Zeitschrift
wiederzubeleben und herauszugeben, die in keiner Weise ihren eigenen vagen Gottesglauben
ausdr�ckte; aber sehr bald, als die r�hrenden Briefe eintrafen und die Auflage
sich erholte, entwickelte sie eine Zuneigung zu ihrer Arbeit - und zu ihren
Lesern-, die ihre fr�heren Bedenken �berwog. Die �Stimme� war ihr Leben, und
ihre Leser waren ihre Hauptbesch�ftigung. Sie bem�hte sich, ihre kuriosen,
besorgten Fragen zu beantworten, suchte Rat von anderen, wenn sie ihn nicht
selbst geben konnte, und wurde mit der Zeit unter einer Handvoll Decknamen wenn
nicht ihr Philosoph, so doch ihre F�hrerin, Freundin und Tante f�r alles.</p><p>Miss
Brimley machte ihre Zigarette aus, r�umte geistesabwesend Zwecken und
B�roklammern, Schere und Leim in die rechte obere Schublade ihres
Schreibtisches und raffte die Nachmittagspost aus ihrem Eingangsk�rbchen zusammen,
die sie, weil Donnerstag war, unber�hrt gelassen hatte. Darunter waren einige
an Barbara Fellowship adressierte Briefe, unter welchem Namen die �Stimme� seit
ihrer Gr�ndung sowohl privat wie in ihren ver�ffentlichten Spalten die vielen
Zuschriften ihrer Leser beantwortet hatte. Sie konnten bis morgen warten. Sie
hatte Freude an der �Problem-Post�, aber diese wurde am Freitagvormittag
gelesen. Sie �ffnete den kleinen Ablageschrank, der knapp neben ihr stand, und
lie� die Briefe in einen kleinen Ablagekasten vorn im Schrank fallen. Dabei
drehte einer sich um, und sie bemerkte �berrascht, da� die gesiegelte Klappe
mit einem eleganten blauen Delphin gepr�gt war. Sie nahm den Umschlag aus dem
Schrank und besah ihn neugierig, ihn mehrfach umwendend. Er war aus hellgrauem
Papier, ganz schwach liniert. Teuer - vielleicht handgesch�pft. Unter dem
Delphin befand sich ein winziges Schriftband, auf dem sie die Inschrift gerade
noch erkennen konnte: <strong><emphasis>Regem defendere
diem videre. </emphasis></strong>Der Poststempel war Carne, Dorset. Das mu�te das
Schulwappen sein. Aber warum war ihr Carne vertraut? Miss Brimley war stolz auf
ihr Ged�chtnis, das ausgezeichnet war, und es �rgerte sie, wenn es sie im Stich
lie�. Als letzten Ausweg �ffnete sie den Umschlag mit ihrem Papiermesser aus
vergilbtem Elfenbein und las den Brief.</p><p>Sehr
geehrte Miss Fellowship, ich wei� nicht, ob Sie wirklich existieren, aber das
spielt keine Rolle, weil Sie immer so liebe, g�tige Antworten geben. Ich habe
letzten Juni �ber die Kuchenmischung geschrieben. Ich bin nicht verr�ckt, und
ich wei�, da� mein Mann versucht, mich zu t�ten. K�nnte ich wohl bitte kommen
und Sie, sobald es Ihnen pa�t, besuchen? Ich bin sicher, Sie werden mir glauben
und erkennen, da� ich normal bin. K�nnte es wohl bitte so <strong><emphasis>bald wie m�glich </emphasis></strong>sein, ich f�rchte mich so sehr vor
den langen N�chten. Ich wei� nicht, an wen ich mich sonst wenden soll. Ich
k�nnte es mit Mr. Cardew im Bethaus versuchen, aber er w�rde mir nicht glauben,
und Vater ist zu praktisch eingestellt. Ebensogut k�nnte ich tot sein. Irgend
etwas an ihm ist nicht ganz in Ordnung. Manchmal bei Nacht, wenn er glaubt, ich
schlafe, liegt er jetzt da und starrt in die Dunkelheit. Ich wei�, es ist
falsch, solche h��lichen Dinge zu denken und Angst im Herzen zu haben, aber ich
kann es nicht �ndern.</p><p>Ich hoffe,
Sie bekommen nicht viele Briefe wie diesen.</p><p>Hochachtungsvoll
Stella Rode (Mrs.) geborene Glaston</p><p>Einen
Augenblick sa� sie ganz still an ihrem Schreibtisch und betrachtete die Adresse
in h�bscher blauer Gravur am Kopf der Seite: �North Fields, Carne School, Dorset.�
In diesem Moment des Schocks und des Staunens dr�ngt sich ein Satz in ihr
Ged�chtnis: �Der Wert einer Nachricht h�ngt von ihrer Herkunft ab.� Das war
John Landsburys Lieblingswort. Ehe man nicht die Abstammung einer Information
kennt, kann man einen Bericht nicht auswerten. Ja, das pflegte er zu sagen.
�Wir sind nicht demokratisch. Wir verschlie�en die T�r vor Nachrichtenmaterial
ohne gute Abkunft.� Und sie pflegte zu antworten: �Ja, John, aber selbst die
besten Familien mu�ten irgendwo anfangen.�</p><p>Stella
Rode kam jedoch aus einer guten Familie. Miss Brimley erinnerte sich jetzt an
alles. Stella war das Glaston-M�dchen. Das M�dchen, �ber dessen Heirat im
Leitartikel berichtet worden war, das M�dchen, welches das Sommerpreisausschreiben
gewonnen hatte; Samuel Glastons Tochter aus Branxome. �ber die gab es eine
Karte in Miss Brimleys Kartothek.</p><p>Abrupt
stand sie auf, den Brief noch immer in der Hand, und ging zum vorhanglosen
Fenster. Unmittelbar vor ihr war ein moderner Blumenkasten aus geflochtenem
Wei�eisendraht. Merkw�rdig, �berlegte sie, da� sie es nie fertigbrachte, in
diesem Blumenkasten etwas zum Wachsen zu bringen. Sie blickte zur Stra�e
hinab, eine schmale, vern�nftige Gestalt, die sich ein wenig nach vorn beugte,
eingerahmt von dem leuchtenden Nebel drau�en; Nebel, gelb gef�rbt von dem
Licht, das er Londons Stra�en stahl. Tief unten konnte sie gerade noch die
Stra�enlampen unterscheiden, die fahl und tr�b wirkten. Pl�tzlich empfand sie
das Bed�rfnis nach frischer Luft und �ffnete mit einem ihrer sonstigen Ruhe
v�llig widersprechenden Impuls weit das Fenster. Augenblicklich brachen K�lte
und eine Welle tosenden L�rms �ber sie herein, und der heimt�ckische Nebel
folgte. Das Ger�usch des Verkehrs war stetig, so da� sie einen Augenblick
glaubte, es komme vom Lauf einer gro�en Maschine. Dann h�rte sie �ber dem
gleichm��igen Dr�hnen die Zeitungsjungen. Ihre Schreie waren wie die von M�wen
gegen einen aufkommenden Sturm. Sie konnte sie jetzt sehen, Wachtposten unter
den hastenden Schatten.</p><p>Es konnte
wahr sein. Das war immer die Schwierigkeit gewesen. Den ganzen Krieg hindurch
war es die gleiche rastlose Suche gewesen. Es konnte wahr sein. Es war
zwecklos, Berichte auf ihre Wahrscheinlichkeit zu untersuchen, wenn man gar
nichts wu�te, von dem man ausgehen konnte. Sie erinnerte sich an die ersten
Agentenberichte aus Frankreich �ber die V-Waffen, wildes Gerede �ber
Betonabschu�basen in den Tiefen eines Waldes. Man mu�te dem Dramatischen
widerstehen, sich dagegen behaupten. Doch, es konnte wahr sein. Morgen, am Tage
danach, w�rden die Zeitungsjungen da unten es vielleicht ausrufen, und Stella
Rode, geborene Glaston, konnte tot sein. Und wenn das so war, wenn die
geringste Chance bestand, da� dieser Mann plante, diese Frau zu t�ten, dann
mu�te sie, Ailsa Brimley, alles tun, was in ihren Kr�ften stand, um es zu
verhindern. Wenn irgend jemand Anspruch auf ihre Unterst�tzung hatte, so war es
Stella Rode: Sowohl ihr Vater wie ihr Gro�vater hatten die �Stimme� abonniert,
und als Stella vor f�nf Jahren heiratete, hatte Miss Brimley dar�ber einige
Zeilen im Leitartikel gebracht. Die Glastons schickten ihr jedes Jahr eine
Weihnachtsgl�ckwunschkarte. Sie geh�rten zu den ersten Abonnentenfamilien...</p><p>Es war
kalt am Fenster, aber sie blieb, wo sie war, immer noch fasziniert von den
halbverborgenen Schatten, die sich unter ihr begegneten und trennten, und den
nutzlosen Stra�enlampen, die m�hsam zwischen ihnen brannten. Sie begann, sich
ihn als einen der Schatten vorzustellen, drohend und dr�ngend, seine
M�rderaugen in dunkle H�hlen verwandelt. Und pl�tzlich hatte sie Angst und
brauchte Hilfe.</p><p>Aber nicht
die Polizei, noch nicht. Wenn Stella Rode das gewollt h�tte, w�re sie selbst
hingegangen. Warum war sie nicht zur Polizei gegangen? Aus Liebe? Aus Furcht,
t�richt zu erscheinen? Weil Instinkt kein Beweis war? Man wollte Fakten. Aber
das Faktum des Mordes war der Tod. Mu�ten sie darauf warten?</p><p>Wer w�rde
helfen? Sie dachte sogleich an Landsbury. Aber der war Farmer in Rhodesien. Wer
war im Krieg sonst noch bei ihnen gewesen? Fielding und Jebedee waren tot,
Steed-Asprey verschollen. Smiley - wo war er? George Smiley, der Kl�gste und
vielleicht der Seltsamste von ihnen allen. Nat�rlich, erinnerte sich Miss
Brimley jetzt. Er war diese unwahrscheinliche Heirat eingegangen und zur Forschungsarbeit
nach Oxford zur�ckgekehrt. Aber dort war er nicht geblieben... Die Ehe war
auseinandergegangen ... Was hatte er nur danach gemacht?</p><p>Sie kehrte
an ihren Schreibtisch zur�ck und nahm den Band S-Z des Telefonbuchs. Zehn
Minuten sp�ter sa� sie in einem Taxi, unterwegs zum Sloane Square. In ihrer
h�bsch behandschuhten Hand hielt sie einen Aktendeckel mit Stella Rodes
Karteiblatt und den Briefen, die zur Zeit des Sommer-Preisausschreibens zwischen
ihnen gewechselt worden waren. Sie war schon fast in Piccadilly, als ihr
einfiel, da� sie das B�rofenster offengelassen hatte. Es machte wohl nichts
aus.</p><p>�Bei
anderen Leuten sind's Perserkatzen oder Golf. Bei mir sind's die &gt;Stimme&lt;
und meine Leser. Ich bin eine l�cherliche alte Jungfer, das wei� ich, aber so
ist es nun einmal. Ich will nicht zur Polizei gehen, ehe ich nicht <strong><emphasis>etwas </emphasis></strong>versucht habe, George.�</p><p>�Und du
dachtest, du k�nntest es mit mir versuchen?�</p><p>�Ja.�</p><p>Sie sa� im
Arbeitszimmer von George Smileys Haus in der Bywater Street; das einzige Licht
kam von der komplizierten Lampe auf seinem Schreibtisch, einem schwarzen,
spinnenartigen Ding, das hell die Notizen auf der Tischplatte beleuchtete.</p><p>�Du hast
also den Dienst quittiert?� fragte sie.</p><p>�Ja, ja,
das habe ich.� Er nickte energisch mit dem runden Kopf, als wollte er sich
selbst beteuern, da� ein widerw�rtiges Erlebnis wirklich vorbei war, und
mischte Miss Brimley einen Whisky und Soda. �Ich war dort noch einmal
besch�ftigt, nach... Oxford. In Friedenszeiten ist alles ganz anders, wei�t
du�, fuhr er fort.</p><p>Miss
Brimley nickte. �Ich kann's mir vorstellen. Mehr Zeit, widerlich zu sein.�</p><p>Smiley
sagte nichts, z�ndete nur eine Zigarette an und setzte sich ihr gegen�ber.</p><p>�Und die
Leute haben gewechselt. Fielding, Steed, Jebedee. Alle
fort.� Sie sagte dies auf n�chterne Art, w�hrend sie aus ihrer
gro�en praktischen Handtasche Stella Rodes Brief herausnahm. �Dies ist der
Brief, George.�</p><p>Nachdem er
ihn gelesen hatte, hielt er ihn kurz gegen die Lampe; sein rundes Gesicht wurde
von dem Licht in einem Augenblick fast komischen Ernstes erfa�t. W�hrend sie
ihn beobachtete, fragte sich Miss Brimley, was f�r einen Eindruck er wohl auf
Leute machte, die ihn nicht sehr gut kannten. Sie hatte ihn als den
verge�lichsten Menschen in Erinnerung, der ihr je begegnet war; kurz und plump,
mit dicker Brille und sich lichtendem Haar, war er auf den ersten Blick der
Prototyp eines erfolglosen Junggesellen mittleren Alters mit einer sitzenden
Besch�ftigung. Seine angeborene Sch�chternheit in den meisten praktischen
Angelegenheiten spiegelte sich in seiner Kleidung wider, die teuer und
unzweckm��ig war, denn er war Wachs in den H�nden seines Schneiders, der ihn
ausraubte.</p><p>Er hatte
den Brief auf den kleinen Intarsientisch neben sich gelegt und sah sie mit
einem eulenhaften Blick an.</p><p>�Der
andere Brief, den sie dir schickte, Brim. Wo ist er?�</p><p>Sie
reichte ihm den Aktendeckel. Er �ffnete ihn und las nach einem Augenblick
Stella Rodes fr�heren Brief laut vor:</p><p>Sehr
geehrte Miss Fellowship, ich m�chte mir erlauben, f�r Ihr
�K�chenwinke�-Preisausschreiben folgenden Vorschlag zu machen: Man bereite die
Kuchenmischungs-Grundmasse einmal im Monat zu. Sahne, gleiche Mengen Fett und
Zucker; man f�ge f�r je 170 Gramm der Mischung ein Ei hinzu. F�r Puddings und Kuchen
f�ge man die entsprechende Menge Mehl zur Grundmischung hinzu. Dies wird sich
einen Monat gut halten.</p><p>Ich lege
einen Freiumschlag bei.</p><p>Hochachtungsvoll Stella Rode (geb. Glaston)</p><p>P. S. Bei
dieser Gelegenheit: Man kann Drahtwolle vor Rost sch�tzen, indem man sie in
einer Schale mit Seifenwasser aufbewahrt. Sind uns zwei Vorschl�ge erlaubt?
Wenn ja, darf dies, bitte, mein zweiter sein?</p><p>�Sie
gewann das Preisausschreiben�, bemerkte Miss Brimley, �aber darum geht es
nicht. Was ich dir sagen will, George, ist dies: sie ist eine Glaston, und die
Glastons haben die &gt;Stimme&lt; seit ihrer Gr�ndung gelesen. Stellas
Gro�vater war der alte Rufus Glaston, ein T�pferei-K�nig in Lancashire; er und
John Landsburys Vater bauten Kapellen und Beth�user in praktisch jedem Dorf
der Midlands. Als Rufus starb, brachte die &gt;Stimme&lt; eine Gedenknummer
heraus, und der alte Landsbury selbst schrieb den Nachruf. Samuel Glaston
�bernahm die Firma des Vaters, mu�te aber nach S�den ziehen, wegen seiner
Gesundheit. Er wohnt jetzt bei Bournemouth, ein Witwer mit einer Tochter,
Stella. Sie ist die letzte dieser gro�en Familie. Die ganze Sippschaft ist so
n�chtern, wie man's nur w�nschen kann, Stella eingeschlossen, m�chte ich
meinen. Ich glaube nicht, da� irgendeiner von ihnen unter Verfolgungswahn
leiden k�nnte.� Smiley sah sie erstaunt an.</p><p>�Meine
liebe Brim, ich kann das nicht auf einmal fassen. Woher, um Himmels willen,
wei�t du das alles?�</p><p>Miss
Brimley l�chelte entschuldigend.</p><p>�Bei den
Glastons ist das leicht - sie sind fast ein Teil der Zeitschrift. Sie schicken
uns Weihnachtsgl�ckw�nsche und Bonbonnieren am Jahrestag unserer Gr�ndung.
Wir haben etwa f�nfhundert Familien, die das bilden, was ich unsere
Stammkundschaft nenne. Sie bezogen die &gt;Stimme&lt; von Anbeginn und sind
immer dabeigewesen. Sie schreiben uns, George: wenn sie Sorgen haben, schreiben
sie und sprechen sich aus; wenn sie heiraten, umziehen, sich pensionieren
lassen, wenn sie krank sind, deprimiert oder zornig, dann schreiben sie. Nicht
oft, wei� der Himmel; aber oft genug.�</p><p>�Wie
beh�ltst du das nur alles?�</p><p>�Ich
behalte es nicht. Ich habe eine Kartothek. Ich beantworte Briefe immer, wei�t
du... nur...�</p><p>�Ja?�</p><p>Miss
Brimley sah ihn ernst an. �Dies ist das erste Mal, da� jemand geschrieben hat,
weil er sich f�rchtet.�</p><p>�Was soll
ich tun?�</p><p>�Ich habe
bis jetzt nur eine gute Idee gehabt. Ich glaube mich zu erinnern, da� Adrian
Fielding einen Bruder gehabt hat, der in Carne unterrichtet...�</p><p>�Er ist
dort Internatsleiter, wenn er nicht ausgeschieden ist.�</p><p>�Nein, er
scheidet dieses Semester aus - vor einigen Wochen stand es in der <strong><emphasis>Times, </emphasis></strong>in der kleinen Ecke auf der Seite mit den
Hofnachrichten, wo Carne sich immer selbst anzeigt. Es hie� da: &gt;Carne
School beginnt heute das Fastensemester. Mr. T. R. Fielding wird am Ende des
Semesters ausscheiden, nachdem er die vorgeschriebenen f�nfzehn Jahre als
Internatsleiter vollendet hat.&lt;�</p><p>Smiley
lachte.</p><p>�Wirklich,
Brim, dein Ged�chtnis ist schon fast absurd.�</p><p>�Es war
die Erw�hnung Fieldings... Wie dem auch sei, ich dachte, du k�nntest ihn
anrufen. Du mu�t ihn kennen.�</p><p>�Ja, ja.
Ich kenne ihn. Zumindest habe ich ihn einmal in Magdalen College bei einem
Dinner getroffen. Aber-� Smiley wurde ein bi�chen rot.</p><p>�Aber was,
George?�</p><p>�Nun, er
ist nicht das, was sein Bruder war.�</p><p>�Wie
k�nnte er das sein?� erwiderte Miss Brimley ein wenig scharf. �Aber er kann dir
etwas �ber Stella Rode sagen. Und �ber ihren Mann.�</p><p>�Ich
glaube nicht, da� er das am Telefon tun k�nnte. Ich meine, ich suche ihn lieber
auf. Aber was kann dich hindern, Stella Rode anzurufen?�</p><p>�Heute
abend doch nicht, oder? Ihr Mann wird zu Hause sein. Ich dachte, ich k�nnte ihr
heute abend einen Brief schicken und ihr sagen, da� sie mich jederzeit besuchen
kann. Aber�, setzte sie mit einer leichten, ungeduldigen Bewegung des Fu�es
fort, �ich m�chte <strong><emphasis>jetzt </emphasis></strong>etwas tun,
George.�</p><p>Smiley
nickte und ging zum Telefon. Er rief die Auskunft an und fragte nach Terence
Fieldings Nummer. Nach einer langen Pause sagte man, er m�ge die
Telefonzentrale von Carne School anrufen, die ihn mit jedem gew�nschten
Teilnehmer verbinden w�rde.</p><p>Miss
Brimley, die ihn beobachtete, w�nschte sich, sie w��te etwas mehr �ber George
Smiley, etwa, wieviel von jener Scheu nur angenommen, wie verwundbar er war.</p><p>�Der
Beste�, hatte Adrian gesagt. �Der St�rkste und der Beste.�</p><p>Aber so
viele M�nner hatten im Krieg St�rke gewonnen, hatten schreckliche Dinge
gelernt, und ihr Wissen mit einem Schauder wieder abgelegt, als er zu Ende war.</p><p>Bei der
Nummer klingelte es jetzt. Sie h�rte das Amtsfreizeichen und war einen
Augenblick von Furcht erf�llt. Zum erstenmal hatte sie Angst, sich l�cherlich
zu machen, Angst, in unwahrscheinliche Auseinandersetzungen mit steifen,
argw�hnischen Leuten verwickelt zu werden.</p><p>�Mr.
Terence Fielding bitte...� Eine Pause.</p><p>�Fielding,
guten Abend. Mein Name ist George Smiley; ich habe Ihren Bruder gut gekannt, im
Krieg. Wir haben uns tats�chlich einmal kennengelernt... Ja, ja, ganz richtig -
Magdalen, war es nicht vorigen Sommer? H�ren Sie, ich m�chte fragen, ob ich Sie
einmal in einer pers�nlichen Angelegenheit aufsuchen d�rfte... ziemlich
schwierig, am Telefon zu erkl�ren. Eine Freundin von mir hat einen etwas
beunruhigenden Brief von der Frau eines Lehrers in Carne bekommen... Nun,
ich... Rode, Stella Rode; ihr Mann...�</p><p>Pl�tzlich
erstarrte er, und Miss Brimley, die Augen auf ihn gerichtet, sah entsetzt, wie
sein pausb�ckiges Gesicht einen Ausdruck von Schmerz und Abscheu bekam. Sie
h�rte nicht mehr, was er sagte. Sie konnte nur die schreckliche Ver�nderung
seines Gesichtes beobachten, und wie die Kn�chel seiner Hand, die den H�rer
festhielten, wei� wurden. Er sah sie jetzt an, sagte etwas... es war zu sp�t.
Stella Rode war tot. Sie war Mittwoch sp�t am Abend ermordet worden. Sie waren
sogar an jenem Abend, als es geschah, bei Fielding zum Dinner gewesen.</p><p>DIE MORDNACHT</p><p>Der
Sieben-Uhr-f�nf von London-Waterloo nach Yeovil ist kein beliebter Zug, obwohl
man in ihm ein ausgezeichnetes Fr�hst�ck bekommt. Smiley hatte keine M�he, ein
leeres Erste-Klasse-Abteil zu finden. Es war ein bitterkalter Tag, dunkel, und
der Himmel schwer von Schnee. Smiley sa�, in einen umfangreichen Reisemantel
kontinentaler Herkunft geh�llt, und hielt ein B�ndel Zeitungen dieses Tages in
seinen behandschuhten H�nden. Da er ein pedantischer Mensch war und keinen
Wert darauf legte zu hetzen, war er drei�ig Minuten vor der Abfahrtszeit des
Zuges eingetroffen. Noch m�de von den Belastungen der vorangegangenen Nacht, in
der er aufgeblieben war und mit Ailsa Brimley bis wei� Gott wann geredet hatte,
versp�rte er keine Lust zu lesen. Als er aus dem Fenster auf einen fast leeren
Bahnhof blickte, gewahrte er zu seiner gro�en �berraschung Miss Brimley, die
den Bahnsteig entlangging und in die Fenster sah, eine Tragtasche in der Hand.
Er lie� das Fenster herunter und rief ihr zu: �Meine liebe Brim, was tust du
denn so schrecklich fr�h hier? Du solltest im Bett sein.�</p><p>Sie setzte
sich ihm gegen�ber, packte ihre Tasche aus und �berreichte ihm den Inhalt:
Thermosflasche, belegte Brote und Schokolade.</p><p>�Ich wu�te
nicht, ob der Zug einen Speisewagen f�hrt�, erkl�rte sie, �und au�erdem wollte
ich mich von dir verabschieden. Du bist so nett, George, und ich w�nschte, ich
k�nnte dich begleiten. Aber Unipress w�rde wild werden, wenn ich's t�te. Sie
bemerken einen nur dann, wenn man nicht da ist.�</p><p>�Hast du
die Zeitungen gelesen?� fragte er.</p><p>�Nur
fl�chtig, unterwegs hierher. Sie meinen anscheinend, da� es nicht er war,
sondern irgendein Verr�ckter...�</p><p>�Ich wei�,
Brim. Das sagte auch Fielding, nicht wahr?� Ein Augenblick unbehaglichen
Schweigens folgte.</p><p>�George,
bin ich ein schrecklicher Dummkopf, wenn ich dich so reisen lasse? Gestern
nacht war ich sicher, aber jetzt �berlege ich...�</p><p>�Nachdem
du gegangen warst, rief ich Ben Sparrow vom Sonderdezernat an. Du erinnerst
dich doch an ihn, nicht? Er war im Krieg bei uns. Ich erz�hlte ihm die ganze
Geschichte.�</p><p>�George!
Um drei Uhr morgens?�</p><p>�Ja. Er
ruft den Polizei-Superintendenten in Carne an. Er wird ihm von dem Brief
berichten, und da� ich komme. Ben hatte den Einfall, da� jemand namens Rigby
den Fall bearbeiten sollte. Rigby und Ben waren zusammen auf der
Polizeischule.� Er sah sie einen Augenblick freundlich an. �Au�erdem, ich bin
ein Mann, der Zeit hat, Brim. Die Abwechslung wird mir guttun.�</p><p>�Dank dir,
George�, sagte Miss Brimley, Frau genug, ihm zu glauben. Sie stand auf, um zu
gehen, und Smiley sagte:</p><p>�Brim,
solltest du sonst irgendeine Hilfe brauchen, oder irgendwas, und mich nicht
erreichen k�nnen - es gibt jemanden namens Mendel, er wohnt in Mitcham, ein
pensionierter Polizeiinspektor. Er steht im Telefonbuch. Wenn du ihn erreichst
und dich auf mich berufst, wird er f�r dich tun, was er kann. Ich habe ein
Zimmer im &gt;Sawley Arms&lt; bestellt.�</p><p>Wieder
allein, besah Smiley den Vorrat an Essen und Trinken, den Miss Brimley besorgt
hatte. Er hatte sich den Luxus eines Fr�hst�cks im Speisewagen versprochen. Er
w�rde die Brote und den Kaffee f�r sp�ter aufheben, das war das beste;
vielleicht f�rs Mittagessen. Und er w�rde ordentlich fr�hst�cken.</p><p>Im
Speisewagen las Smiley zuerst die weniger sensationellen Berichte �ber den Tod
von Stella Rode. Aus ihnen ging hervor, da� Mr. und Mrs. Rode am Mittwochabend
G�ste bei einem Dinner von Mr. Terence Fielding gewesen waren, dem Senior der Internatsleiter
von Carne und Bruder des verstorbenen Adrian Fielding, des ber�hmten
Romanisten, der w�hrend des Krieges als Sonderbeauftragter des
Kriegsministeriums verschwunden war. Sie hatten Mr. Fieldings Haus gemeinsam um
etwa zehn vor elf verlassen und waren zu Fu� die achthundert Meter vom Zentrum
von Carne zu ihrem Haus gegangen, das einsam am Rande der ber�hmten Carne-Sportpl�tze
stand. Als sie ihr Haus erreichten, fiel Mr. Rode ein, da� er in Mr. Fieldings
Haus einige Pr�fungsarbeiten hatte liegenlassen, die noch in dieser Nacht
eilige Korrekturen erforderten. (An dieser Stelle fiel Smiley ein, da� er
vergessen hatte, seinen Smoking einzupacken, und da� ihn Fielding h�chstwahrscheinlich
zum Essen einladen w�rde.) Rode beschlo�, zu Fieldings Haus zur�ckzugehen und
die Pr�fungsarbeiten zu holen, und war daher etwa um f�nf nach elf umgekehrt.
Offenbar hatte sich Mrs. Rode eine Tasse Tee gemacht und ins Wohnzimmer
gesetzt, um die R�ckkehr ihres Mannes zu erwarten.</p><p>An der
R�ckseite des Hauses befindet sich ein Wintergarten, dessen Innent�r zum
Wohnzimmer f�hrt. Dort fand Rode schlie�lich seine Frau, als er zur�ckkehrte.
Es gab Spuren eines Kampfes, und gewisse billige Schmuckst�cke fehlten an der
Leiche. Das Durcheinander im Wintergarten war schrecklich. Gl�cklicherweise war
am Mittwochnachmittag Neuschnee gefallen, und Kriminalbeamte aus Dorchester
untersuchten die Fu�abdr�cke und andere Spuren am fr�hen Morgen des
Donnerstags. Mr. Rode war im Zentralkrankenhaus von Dorchester wegen Schock
behandelt worden. Die Polizei wollte eine Frau aus dem nahegelegenen Dorf Pylle
vernehmen, die wegen ihrer exzentrischen und seltsamen Gewohnheiten �rtlich
als �Verr�ckte Janie� bekannt war. Mrs. Rode, die in Carne wegen ihres
tatkr�ftigen Wirkens zugunsten des Internationalen Fl�chtlingsjahres
wohlbekannt war, hatte offenbar ein mitleidiges Interesse an ihrem Ergehen
gezeigt. Janie war seit der Mordnacht verschwunden, ohne eine Spur zu
hinterlassen. Die Polizei war augenblicklich der Meinung, da� der M�rder Mrs.
Rode durch das Wohnzimmerfenster gesehen (sie hatte die Vorh�nge nicht
zugezogen) und da� Mrs. Rode den M�rder an der Vordert�r eingelassen habe, im
Glauben, es sei ihr von Mr. Fieldings Haus zur�ckkehrender Mann. Der Pathologe
des Innenministeriums hatte die Weisung erhalten, eine Obduktion vorzunehmen.</p><p>Die
anderen Berichte waren nicht so zur�ckhaltend. �Ein abscheulicher Mord entweiht
die geheiligten Sportpl�tze von Carne�, begann einer, und ein anderer:
�Chemielehrer findet ermordete Frau in blutbespritztem Wintergarten.� Ein
dritter schrie: �Verr�ckte Frau im Carne-Mord gesucht.� Mit einem Ausdruck
des Abscheus kn�llte Smiley alle Zeitungen au�er dem <strong><emphasis>Guardian </emphasis></strong>und der <strong><emphasis>Times </emphasis></strong>zusammen
und warf sie ins Gep�cknetz.</p><p>Er stieg
in Yeovil in einen Lokalzug nach Sturminster, Okeford und Carne um. Es
war etwas nach elf Uhr, als er endlich in der Bahnstation Carne ankam.</p><p>Vom
Bahnhof rief er das Hotel an und schickte sein Gep�ck mit einem Taxi voraus.
Das �Sawley Arms� war nur am Kriegsgedenk- und am St.-Andreas-Tag voll. Die
meiste Zeit des Jahres war es leer; es sa� wie eine pr�de viktorianische Dame,
sein Schieferdach in der violetten Farbe der Halbtrauer, auf schlechtgepflegtem
Rasen zwischen dem Bahnhof und der Abtei Carne.</p><p>Es lag
noch immer Schnee, aber der Tag war sch�n und trocken. Smiley beschlo�, in die
Stadt zu gehen und sich mit dem Polizeibeamten zu verabreden, der die
Morduntersuchung leitete. Er verlie� den Bahnhof mit seinem Vorgeschmack
viktorianischer N�chternheit und ging die Allee kahler B�ume hinunter, die zu
dem gro�en Turm der Abtei f�hrte; der Bau zeichnete sich platt und schwarz vom
farblosen Winterhimmel ab. Smiley �berquerte den Hof der Abtei, einen ehrw�rdigen
und wunderbaren Platz mit mittelalterlichen H�usern; die D�cher waren schneebedeckt,
der wei�e Rasen war durch die feinen Striche der Gr�ser schattiert. Als er die
Westt�r der Abtei passierte und der weiche Schnee unter seinen Schritten
knirschte, schlug die Glocke hoch �ber ihm die halbe Stunde: zwei Ritter zu
Pferde sprengten aus ihrer kleinen Burg �ber der Pforte und hoben langsam die
Lanzen, um einander zu begr��en. Dann �ffneten sich, als sei das alles ein Teil
des gleichen Uhrwerkes, andere T�ren rund um den Hof und entlie�en Schw�rme
schwarz-r�ckiger Jungen, die durch den Schnee zur Abtei st�rmten. Ein Junge kam
so nahe vorbei, da� sein Talar Smileys �rmel streifte. Smiley rief ihn an, als
er vorbeirannte.</p><p>�Was ist
los?�</p><p>�Sext*<strong> [Die sechste der kanonischen Stunden oder Gebetszeiten (gegen 12 Uhr
mittags)]</strong>�, schrie der Junge als Antwort und war verschwunden.</p><p>Er ging am
Haupteingang der Schule vorbei und kam sogleich zum Verwaltungszentrum der
Stadt, in ein trauriges M�rchenland, aus dem Gestein der Gegend im Stil des 19.
Jahrhunderts erbaut, und zusammengehalten durch ein Gewirr gotischer
Schornsteine und schie�scharten�hnlicher Fenster. Hier war das Rathaus und
daneben, mit der St.-Georgs-Fahne am Flaggenmast, die Polizeidirektion von
Carne, vor neunzig Jahren erbaut, um dem Ansturm von Bogensch�tzen und
Rammb�cken zu trotzen.</p><p>Er nannte
dem Wachhabenden seinen Namen und bat, den Polizeibeamten sprechen zu k�nnen,
der den Tod von Mrs. Rode untersuchte. Der Sergeant, ein �lterer,
undurchdringlicher Mann, wandte sich dem Telefon mit einer gewissen
F�rmlichkeit zu, als gelte es, ein schwieriges Taschenspielerkunstst�ck zu vollf�hren.
Zu Smileys �berraschung wurde ihm gesagt, da� Inspektor Rigby sich freuen
w�rde, ihn sofort zu empfangen, und ein Polizeianw�rter wurde aufgefordert,
ihm den Weg zu zeigen. Er wurde in munterem Tempo das weite Treppenhaus in der
Mitte der Halle hinaufgef�hrt und befand sich in wenigen Augenblicken vor dem
Inspektor.</p><p>Er war ein
sehr gedrungener und sehr breitschultriger Mann. Er h�tte ein Kelte aus den
Zinnminen von Cornwall oder den Kohlensch�chten von Wales sein k�nnen. Sein
dunkles, graumeliertes Haar war sehr kurz geschnitten; es wuchs wie eine
Teufelskappe in einer Spitze in seine Stirn hinein. Seine H�nde waren gro� und
kraftvoll, er hatte den Leib und die Haltung eines Ringers, aber er sprach
langsam, seine leise Stimme hatte den brummenden Ton von Dorset. Smiley
bemerkte rasch, da� er eine bei kleinen Menschen seltene Eigenschaft besa�: Offenheit.
Obwohl seine Augen dunkel und leuchtend waren, seine K�rperbewegungen rasch,
vermittelte er einen Eindruck von Ehrlichkeit und Geradheit.</p><p>�Ben
Sparrow rief mich heute morgen an, Sir. Ich bin sehr froh, da� Sie gekommen
sind. Ich nehme an, Sie haben einen Brief f�r mich.�</p><p>Rigby sah
Smiley nachdenklich �ber seinen Schreibtisch hinweg an und entschied, da� ihm
gefiel, was er sah. Er war im Krieg herumgekommen und hatte ein wenig, nur ein
klein wenig, von der Arbeit in George Smileys Abteilung geh�rt. Wenn Ben sagte,
Smiley sei in Ordnung, so gen�gte ihm das - oder beinahe. Aber Ben hatte mehr
als das gesagt:</p><p>�Sieht aus
wie ein Frosch, zieht sich an wie ein Buchmacher und hat einen Verstand, f�r
den ich meine Augen herg�be. Hat eklige Zeiten erlebt im Krieg. Wirklich sehr
eklig.�</p><p>Nun, er
sah wie ein Frosch aus, wahrhaftig. Gedrungen und st�mmig, runde Brille mit
dicken Gl�sern, die seine Augen vergr��erten. Und seine Kleider <strong><emphasis>waren </emphasis></strong>eigenartig. Teuer, wohlgemerkt, das konnte man
sehen. Aber seine Jacke schien zu drapieren, wo gar kein Platz f�r Drapierung
war. Was Rigby �berraschte, war seine Sch�chternheit. Rigby hatte jemanden
erwartet, der ein wenig auftrumpfte, ein wenig zu glatt f�r Carne, w�hrend
Smiley tats�chlich eine ernsthafte F�rmlichkeit an den Tag legte, die Rigbys
konservativem Geschmack zusagte.</p><p>Smiley
nahm das Schreiben aus seiner Brieftasche und legte es auf den Tisch, w�hrend
Rigby eine alte goldgefa�te Brille aus einem abgenutzten Metallfutteral
herausnahm und die B�gel sorgf�ltig �ber den Ohren befestigte.</p><p>�Ich wei�
nicht, ob Ben das erkl�rt hat�, sagte Smiley, �aber dieser Brief wurde an die
Korrespondenzabteilung einer kleinen Nonkonformisten-Zeitschrift geschickt,
die Mrs. Rode hielt.�</p><p>�Und Miss
Fellowship ist die Dame, die Ihnen den Brief brachte?�</p><p>�Nein; sie
hei�t Brimley. Sie gibt die Zeitschrift heraus. Fellowship ist nur ein Deckname
f�r die Bearbeiterin des Leserbriefkastens.�</p><p>Die
braunen Augen richteten sich einen Augenblick auf ihn.</p><p>�Wann
erhielt sie diesen Brief?�</p><p>�Gestern,
am Siebzehnten. Donnerstag ist der Tag, an dem sie in Druck gehen, ihr
arbeitsreichster Tag. Die Nachmittagspost wird gew�hnlich erst am Abend
ge�ffnet. Dieser Brief wurde gegen sechs Uhr ge�ffnet, glaube ich.�</p><p>�Und sie
brachte ihn sofort zu Ihnen?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Warum?�</p><p>�Sie
arbeitete im Krieg f�r mich, in meiner Abteilung. Sie hatte Hemmungen, direkt
zur Polizei zu gehen - ich war die einzige Person, die ihr einfiel und die kein
Polizist war�, f�gte er albern hinzu. �Die helfen konnte, meine ich.�</p><p>�Darf ich
fragen, Sir, was Sie selbst f�r einen Beruf aus�ben?�</p><p>�Nichts
Besonderes. Ein bi�chen Privatforschung �ber Deutschland im siebzehnten
Jahrhundert.� Es klang sehr l�ppisch.</p><p>Rigby
schien das nicht zu st�ren.</p><p>�Was ist
mit diesem fr�heren Brief, den sie erw�hnt?�</p><p>Smiley
�bergab ihm nun den zweiten Umschlag, und wieder nahm ihn die gro�e, viereckige
Hand entgegen.</p><p>�Sie
gewann das Preisausschreiben�, erkl�rte Smiley. �Ihre Einsendung bekam den
Preis. Ich h�rte, da� sie aus einer Familie stammt, die die Zeitschrift seit
ihrer Gr�ndung abonniert hat. Aus diesem Grund war Miss Brimley auch weniger
geneigt, den Brief als Unsinn zu betrachten. Nicht, da� daraus folgt-�</p><p>�Nicht,
da� was daraus folgt?�</p><p>�Ich
meinte, die Tatsache, da� ihre Familie die Zeitschrift seit f�nfzig Jahren
abonniert hat, schlie�t logischerweise keineswegs die M�glichkeit aus, da� sie
geistesgest�rt war.�</p><p>Rigby
nickte, als verstehe er, was gemeint war, aber Smiley hatte das ungem�tliche
Gef�hl, da� dem nicht so war.</p><p>�Ah�,
sagte Rigby mit einem langsamen L�cheln, �Frauen, wie?�</p><p>Smiley,
v�llig verwirrt, lachte ein bi�chen. Rigby sah ihn nachdenklich an.</p><p>�Kennen
Sie irgend jemanden vom Lehrk�rper hier, Sir?�</p><p>�Nur Mr.
Terence Fielding. Wir lernten uns vor einiger Zeit bei einem Dinner in Oxford
kennen. Ich wollte ihn aufsuchen. Ich habe seinen Bruder ganz gut gekannt.�</p><p>Rigbys
Haltung schien sich bei der Erw�hnung Fieldings etwas zu versteifen, aber er
sagte nichts, und Smiley fuhr fort:</p><p>�Fielding
habe ich auch angerufen, als mir Miss Brimley den Brief brachte. Er gab mir die
Nachricht. Das war gestern nacht.�</p><p>�Ich
verstehe.�</p><p>Wieder
sahen sie einander schweigend an, Smiley unbehaglich und etwas komisch, Rigby
ihn absch�tzend und �berlegend, wieviel er sagen sollte.</p><p>�Wie lange
bleiben Sie?� fragte er schlie�lich.</p><p>�Ich wei�
nicht�, erwiderte Smiley. �Miss Brimley wollte selbst herkommen, aber sie mu�
sich um ihre Zeitschrift k�mmern. Sie legte gro�en Wert darauf, alles in ihren
Kr�ften Stehende f�r Mrs. Rode zu tun, obwohl diese bereits tot war. Weil sie Abonnentin
war, glaube ich. Ich versprach, mich darum zu k�mmern, da� dieser Brief rasch
in die richtigen H�nde k�me. Ich glaube nicht, da� ich sonst noch viel tun
kann. Wahrscheinlich werde ich ein oder zwei Tage bleiben, nur um mich mit
Fielding zu unterhalten... der Beerdigung beizuwohnen. Ich habe mich im &gt;Sawley
Arms&lt; einquartiert.�</p><p>�Ordentliches
Hotel.�</p><p>Rigby
legte die Brille sorgf�ltig ins Futteral zur�ck und lie� dieses in eine
Schublade fallen.</p><p>�Komischer
Ort, Carne. Es besteht eine tiefe Kluft zwischen B�gerrock und Gelehrtentalar,
wie wir sagen; keine Seite kennt oder mag die andere. Furcht bewirkt das,
Furcht und Unwissenheit. Das macht es schwer in einem Fall wie diesem. Oh, ich
kann Mr. Fielding und Mr. D'Arcy besuchen, und sie sagen &gt;Guten Tag,
Sergeant&lt; und laden mich zu einer Tasse Tee in der K�che ein, aber ich kann
mit ihnen nicht warm werden. Sie haben ihre eigene Gemeinschaft, und keiner
kann da von drau�en hinein. Kein Klatsch in den Lokalen, keine Kontakte, nichts...
nur Tee und Aniskuchen und die Anrede &gt;Sergeant&lt;.� Rigby lachte
pl�tzlich, und Smiley lachte erleichtert mit ihm. �Es gibt 'ne Menge Dinge, die
ich sie fragen m�chte, 'ne Menge; wer die Rodes leiden konnte und wer nicht, ob
Mr. Rode ein guter Lehrer ist und ob seine Frau zu den anderen pa�te. Ich habe
die nackten Tatsachen, aber gewisserma�en keine Kleider dazu.� Er sah Smiley
erwartungsvoll an. Ein langes Schweigen folgte.</p><p>�Wenn Sie
wollen, da� ich mithelfe, wird mich das freuen�, sagte Smiley schlie�lich.
�Aber lassen Sie mich zuerst die Tatsachen wissen.�</p><p>�Stella
Rode wurde in der Nacht von Mittwoch, dem Sechzehnten, etwa zwischen zehn nach
elf und Viertel vor zw�lf ermordet. Sie mu� mit einem Kn�ppel, einem St�ck
Rohr oder sonst etwas f�nfzehn- bis zwanzigmal geschlagen worden sein. Es war
ein schrecklicher Mord... schrecklich. Ihr ganzer K�rper ist voll Wunden.
Vermutlich kam sie aus dem Wohnzimmer zur Vordert�r, weil es geklingelt hatte;
als sie die T�r �ffnete, wurde sie niedergeschlagen und zum Wintergarten
geschleift. Die T�r zum Wintergarten war n�mlich nicht versperrt.�</p><p>�Ich
begreife... Merkw�rdig, da� er das gewu�t haben sollte, wie?�</p><p>�Der
M�rder kann sich dort schon versteckt gehalten haben; wir k�nnen das nach den
Spuren gerade dort nicht feststellen. Er trug Gummistiefel. Nach dem Abstand
der Fu�spuren im Garten kann man annehmen, da� er ungef�hr 1 Meter 80 gro� war.
Nachdem er sie in den Wintergarten gezerrt hatte, mu� er wiederholt auf sie
eingeschlagen haben - haupts�chlich auf den Kopf. Im Wintergarten ist eine
Menge von dem, was wir verstr�mtes Blut nennen, das hei�t Blut, das aus einer
offenen Arterie gespritzt ist. Sonst gibt's davon nirgends eine Spur.�</p><p>�Und keine
Spur davon an ihrem Mann?�</p><p>�Ich werde
sp�ter noch darauf zu sprechen kommen, aber die kurze Antwort ist nein.� Er
hielt einen Augenblick inne und fuhr fort: �Nun, ich sagte, es g�be Fu�spuren,
und es gab sie tats�chlich. Der M�rder kam durch den Hintergarten. Woher er
kam und wohin er ging, wei� der Himmel. Sehen Sie, es gibt keine vom Tatort
wegf�hrenden Fu�spuren - nicht von Gummistiefeln. �berhaupt keine. Es ist
nat�rlich m�glich, da� die wegf�hrenden Spuren dem Pfad zur Vorderpforte
folgten und dann im sp�teren Hin- und Herlaufen in der Nacht verlorengingen.
Aber ich glaube nicht, da� wir sie selbst dann verloren h�tten.� Er warf einen
kurzen Blick auf Smiley und setzte hinzu: �Er lie� etwas im Wintergarten zur�ck
- einen alten Stoffg�rtel, marineblau, von einem billigen Mantel, dem Aussehen
nach. Wir bearbeiten das jetzt.�</p><p>�Wurde
sie... beraubt oder sonst etwas?�</p><p>�Kein
Zeichen von Gewaltanwendung. Sie trug eine Kette gr�ner Perlen um den Hals; die
sind verschwunden; und es sieht so aus, als ob er versuchte, ihr die Ringe vom
Finger zu ziehen, aber sie sa�en zu fest.� Er hielt inne. �Ich brauche Ihnen
kaum zu sagen, da� wir Berichte aus allen Ecken des Landes �ber gro�e M�nner in
blauen M�nteln und Gummistiefeln bekommen haben. Aber keiner von ihnen hatte
Fl�gel, soviel ich wei�. Oder Siebenmeilenstiefel, um vom Wintergarten bis zur
Stra�e zu springen.�</p><p>Sie
unterbrachen das Gespr�ch, w�hrend ein junger Polizist Tee auf einem Tablett
hereinbrachte. Er stellte es auf dem Tisch ab, sah Smiley aus den Augenwinkeln
an und entschied, dem Inspektor das Eingie�en zu �berlassen. Er drehte die
Teekanne herum, so da� der Griff bei Rigby war, und zog sich zur�ck. Smiley war
am�siert �ber den makellosen Zustand der Tablettdecke, �ber das zueinander
passende Porzellan und das Teesieb, die von den enormen H�nden des Polizisten
vor sie hingestellt worden waren. Rigby go� den Tee ein, und sie tranken eine
Weile schweigend. Rigby hatte, �berlegte Smiley, etwas umwerfend Kompetentes.
Gerade die Allt�glichkeit des Mannes und seines Zimmers identifizierten ihn mit
der Gesellschaft, die er besch�tzte. Die unklassifizierbaren M�bel, die
h�lzernen Aktenschr�nke, die kahlen W�nde, das altmodische Telefon mit seiner
gesonderten H�rmuschel, der braune Fries um die Wand und der braune Anstrich
der T�r, das gl�nzende Linoleum und der leichte Geruch von Karbol, das
blubbernde Gasfeuer und der Kalender einer Versicherungsgesellschaft - dies
waren die Beweise von Rechtschaffenheit und M��igung; ihre Kargheit gab Trost
und Zuversicht.</p><p>Rigby fuhr
fort: �Rode ging zu Fieldings Haus zur�ck, um die Pr�fungsarbeiten zu holen.
Fielding best�tigt das selbstverst�ndlich. Rode traf in Fieldings Haus gegen 11
Uhr 35 ein, soweit Fielding das sagen kann. Er hielt sich dort kaum auf,
sammelte nur seine Pr�fungsarbeiten an der T�r ein - sie waren in einer kleinen
Aktenmappe, die er zum Tragen von Lehrb�chern verwendete. Er erinnert sich
nicht, ob er jemanden auf der Stra�e gesehen hat. Er meint, da� ihn ein
Radfahrer �berholt hat, ist aber nicht sicher. Wenn wir Rode glauben, so ging
er direkt nach Hause. Dort angekommen, klingelte er. Er trug einen Smoking und
hatte daher keinen Schl�ssel bei sich. Seine Frau erwartete, da� er klingeln
w�rde, wissen Sie. Das ist das Teuflische daran. Es war eine mondhelle Nacht,
wohlgemerkt, der Boden schneebedeckt, so da� man �beraus weit sehen konnte. Er
rief sie, aber sie antwortete nicht. Dann sah er Fu�spuren, die um das Haus
herumf�hrten. Nicht blo� Fu�abdr�cke, sondern auch Blutspuren und aufgew�hlten
Schnee, dort, wo der Leichnam zum Wintergarten geschleift worden war. Aber im
Mondlicht wu�te er nicht, da� es Blut war; es waren nur dunkle Flecken, und
Rode sagte sp�ter, er habe gedacht, es sei das Schmutzwasser aus den
Dachrinnen, das �ber den Schnee lief. Er folgte den Spuren, bis er zum
Wintergarten kam. Drinnen war es dunkler, und er tastete nach dem
Lichtschalter, der aber nicht funktionierte.�</p><p>�Z�ndete
er ein Streichholz an?�</p><p>�Nein, er
hatte keine. Er ist Nichtraucher. Seine Frau mochte Rauchen nicht. Er bewegte
sich von der T�r weiter. Die W�nde des Wintergartens bestehen haupts�chlich aus
Glas, bis auf einen Mauersockel von ein Meter H�he, aber das Dach ist mit
Schindeln gedeckt. Der Mond stand in jener Nacht hoch, und es drang nicht viel
Licht herein, au�er durch das Verbindungsfenster zwischen Wintergarten und
Wohnzimmer - sie hatte jedoch nur eine kleine Tischlampe im Wohnzimmer
brennen. So tastete er sich weiter, redete die ganze Zeit, rief nach Stella,
seiner Frau. Im Gehen stolperte er �ber etwas und fiel beinahe hin. Er kniete
nieder und tastete mit den H�nden ihren K�rper entlang. Er bemerkte, da� seine
H�nde mit Blut bedeckt waren. Danach erinnerte er sich an fast nichts mehr,
aber es gibt einen �lteren Lehrer, der einige hundert Meter die Stra�e aufw�rts
wohnt - Mr. D'Arcy hei�t er, wohnt bei seiner Schwester-, und der h�rte ihn auf
der Stra�e schreien. D'Arcy ging zu ihm hinaus. Rode hatte Blut �berall, an den
H�nden und im Gesicht, und schien wie von Sinnen. D'Arcy rief die Polizei an,
und ich kam gegen ein Uhr morgens hin. Ich habe wohl schon einiges an scheu�lichen
Dingen gesehen, aber dies war das scheu�lichste. �berall Blut. Wer sie auch
ermordet hat, mu� damit bedeckt gewesen sein. Es gibt einen Au�enhahn an der
Wintergartenwand. Der Hahn war angedreht, wahrscheinlich vom M�rder, der sich
die H�nde s�ubern wollte. Die Fachleute haben im Schnee darunter Blutspuren
gefunden. Der Hahn war vor kurzem von Rode gedichtet worden, wie man mir gesagt
hat...�</p><p>�Und
Fingerabdr�cke?� fragte Smiley. �Wie steht's damit?�</p><p>�Die von
Mr. Rode waren �berall. Auf dem Boden, den W�nden und Fenstern, sogar auf der
Leiche. Aber es gab auch andere Abdr�cke; Blutwischer, wenig mehr,
wahrscheinlich von einer behandschuhten Hand verursacht.�</p><p>�Und das
waren die des M�rders?�</p><p>�Sie waren
da, <strong><emphasis>ehe </emphasis></strong>Rode seine
hinterlie�. In einigen F�llen waren Rodes Abdr�cke teilweise �ber die
Handschuhabdr�cke gelagert.�</p><p>Smiley
schwieg eine Weile.</p><p>�Diese
Pr�fungsarbeiten, derentwegen er zur�ckging, waren sie denn so wichtig?�</p><p>�Ja. Wie
man mir gesagt hat, ja. Jedenfalls einigerma�en. Die Zensuren waren Mr. D'Arcy
bis Freitag auszuh�ndigen.�</p><p>�Aber
warum nahm er sie dann vorher zu Fielding mit?�</p><p>�Das tat
er nicht. Er hatte den ganzen Nachmittag Pr�fungsaufsicht gehabt, und die
Arbeiten wurden ihm um sechs Uhr ausgeh�ndigt. Er tat sie in seine Mappe und
lie� sie durch einen Jungen zu Fielding bringen - durch den Pr�fekten in Mr.
Fieldings Haus. Sein Name ist Perkins. Rode hatte letzte Woche Kirchendienst,
daher hatte er keine Zeit, vor dem Abendessen nach Hause zu gehen.�</p><p>�Wo zog er
sich dann um?�</p><p>�Im
Lehrerankleidezimmer neben den Gemeinschaftsr�umen. Dort gibt es
Einrichtungen, haupts�chlich f�r Sportlehrer, die etwas entfernt von Carne
wohnen.�</p><p>�Der
Junge, der die Mappe zu Fieldings Haus brachte - wer war das?�</p><p>�Ich kann
Ihnen nicht viel mehr sagen, als ich bereits getan habe. Sein Name ist Perkins;
er ist Pr�fekt von Mr. Fieldings Haus. Fielding hat mit ihm gesprochen und
Rodes Aussage best�tigt... Internatsleiter sind sehr auf ihre Jungen bedacht,
wissen Sie... m�gen es nicht, wenn rauhe Polizisten mit ihnen sprechen.� Rigby
schien etwas aufgebracht.</p><p>�Ich
begreife�, sagte Smiley endlich, hilflos, und dann: �Aber wie erkl�ren Sie den
Brief?�</p><p>�Wir haben
nicht nur den Brief zu erkl�ren.�</p><p>Smiley sah
ihn scharf an. �Was meinen Sie?�</p><p>�Ich
meine�, sagte Rigby langsam, �da� Mrs. Rode in den letzten Wochen einige
ziemlich merkw�rdige Dinge getan hat.�</p><p>B�RGERROCK UND GELEHRTENTALAR</p><p>�Mrs. Rode geh�rte nat�rlich zur
Chapel*<strong>[Dissenter (Protestanten, die sich
nicht zur anglikanischen Kirche bekennen)]</strong>-Gemeinde�,
fuhr Rigby fort, �und dazu geh�ren in Carne ziemlich viele. Um die Wahrheit zu
sagen�, f�gte er mit einem langsamen L�cheln hinzu, �meine Frau geh�rt auch
dazu. Vor einigen Wochen kam unser Prediger mich besuchen. Es war am Abend, so
um halb sieben. Ich dachte gerade ans Nachhause gehen. Er kam hier herein und
setzte sich dahin, wo Sie jetzt sitzen. Er ist ein gro�er Kerl, der Prediger,
ein feiner Mann; kommt aus dem Norden, wo auch Mrs. Rode herstammt. Cardew
hei�t er.�</p><p>�Der Mr.
Cardew in dem Brief?�</p><p>�Ja, der.
Er wu�te alles �ber Mrs. Rodes Familie, bevor die Rodes �berhaupt hierherkamen.
Glaston, der Name bedeutet im Norden etwas, und Mr. Cardew war sehr entz�ckt,
als er h�rte, da� Stella Rode Mr. Glastons Tochter war, sehr entz�ckt. Mrs.
Rode ging regelm��ig wie die Uhr zum Bethaus, wie Sie sich denken k�nnen, und
das sch�tzt man hier. Meine Frau war begeistert wie nur was, kann ich Ihnen
sagen. Es war das erste Mal, da� irgend jemand aus den Schulkreisen das getan
hatte. Die meisten Chapel-Anh�nger hier sind Kaufleute - was wir die Ortseingesessenen
nennen.� Rigby l�chelte wieder. �Es passiert nicht oft, da� B�rgerrock und
Gelehrtentalar sozusagen zusammenkommen. Nicht hier.�</p><p>�Wie
steht's mit ihrem Mann? Geh�rte er auch zur Chapel?�</p><p>�Nun, er
hatte dazugeh�rt, so hatte sie Mr. Cardew erz�hlt. Mr. Rode war in Branxome
geboren und aufgewachsen, und seine ganze Familie geh�rte zur Chapel-Gemeinde.
Ich h�rte, da� Mr. und Mrs. Rode sich so zum ersten Mal begegnet sind - im
Bethaus von Branxome. Waren Sie jemals dort? Eine feine Kirche, Branxome, ganz
oben auf dem H�gel, mit Blick aufs Meer.�</p><p>Smiley
sch�ttelte den Kopf, und Rigbys gro�e braune Augen ruhten einen Augenblick
nachdenklich auf ihm.</p><p>�Sie
sollten hinfahren�, sagte er, �Sie sollten hinfahren und sie sich ansehen. Es
scheint�, fuhr er fort, �da� Mr. Rode zur anglikanischen Kirche �bertrat, als
er nach Carne kam. Versuchte sogar, auch seine Frau dazu zu �berreden. Sie sind
sehr stark hier an der Schule. Das erfuhr ich eigentlich von meiner Frau. In
der Regel lasse ich mir von ihr als Polizistenfrau keinen Klatsch erz�hlen,
aber Mr. Cardew sagte es ihr selbst.�</p><p>�Ich
verstehe�, sagte Smiley.</p><p>�Also,
Cardew kam und besuchte mich. Er war ganz durcheinander und mit sich uneins. Er
wu�te nicht, was er davon halten sollte, wollte aber mit mir als Freund und
nicht als Polizisten sprechen.� Rigby sah verdrie�lich drein. �Wenn die Leute
mir das sagen, wei� ich immer, da� sie doch mit mir als Polizisten sprechen
wollen. Dann erz�hlte er mir seine Geschichte. Mrs. Rode h�tte ihn an diesem
Nachmittag besucht. Er sei aus gewesen, eine B�uerin dr�ben in Okeford zu
besuchen, und nicht vor etwa halb sechs nach Hause gekommen, daher hatte Mrs.
Cardew mit ihr sprechen und die Festung halten m�ssen, bis der Prediger
heimkam. Mrs. Rode war wei� wie ein Leintuch und sa� sehr still am Feuer. Sowie
der Prediger eintraf, lie� Mrs. Cardew sie allein, und Stella Rode begann �ber
ihren Mann zu sprechen.� Er machte eine Pause. �Sie sagte, Mr. Rode wolle sie
t�ten. In den langen N�chten. Sie schien eine Art fixer Idee zu haben, da� sie
in den langen N�chten ermordet werden w�rde. Cardew nahm das zuerst nicht
allzu ernst, entschied aber, nachdem er es hinterher �berdacht hatte, es mich
wissen zu lassen.� Smiley sah ihn scharf an.</p><p>�Er konnte
nicht herausbekommen, was sie meinte. Er dachte, sie sei von Sinnen. Er ist ein
n�chterner Mann, wissen Sie, obwohl er Prediger ist. Ich glaube, er war vielleicht
etwas zu streng mit ihr. Er fragte, wer ihr diesen schrecklichen Gedanken in
den Kopf gesetzt habe, und sie begann zu weinen. Offenbar nicht hysterisch,
sondern still f�r sich. Er versuchte, sie zu beruhigen, versprach, ihr in jeder
m�glichen Weise zu helfen, und fragte sie wieder, wie sie auf die Idee gekommen
sei. Sie sch�ttelte nur den Kopf, stand dann auf und ging zur T�r, immer noch
verzweifelt den Kopf sch�ttelnd. Sie wandte sich ihm zu, und er dachte, sie
w�rde etwas sagen, doch sie sagte nichts. Sie ging einfach weg.�</p><p>�Wie
au�erordentlich seltsam, da� sie in ihrem Brief dar�ber nicht die Wahrheit
gesagt hat. Sie strengte sich besonders an, zu erkl�ren, da� sie Cardew <strong><emphasis>nichts </emphasis></strong>gesagt h�tte.�</p><p>Rigby
zuckte mit den breiten Schultern.</p><p>�Entschuldigen
Sie�, sagte er, �ich bin in einer verflixt schwierigen Lage. Der
Polizeidirektor w�rde sich eher den Hals abschneiden, als Scotland Yard
hinzuziehen. Er will eine Verhaftung, und zwar rasch. Wir haben genug
Anhaltspunkte, um einen Weihnachtsmann damit zu dekorieren: Fu�abdr�cke,
Mordzeit, Angaben �ber die Kleidung des M�rders und sogar noch die Mordwaffe.�</p><p>Smiley sah
ihn �berrascht an. �Sie haben die Waffe also <strong><emphasis>gefunden?�</emphasis></strong></p><p>Rigby
z�gerte. �Ja, wir haben sie gefunden. Kaum eine Menschenseele wei� das, Sir, und
ich bitte Sie, das nicht zu vergessen. Wir fanden sie am Morgen nach dem Mord,
sechs Kilometer n�rdlich von Carne, auf der Stra�e nach Okeford. Sie war in
einen Graben geworfen worden. Ein f�nfundvierzig Zentimeter langes St�ck eines
sogenannten Koaxialkabels. Sie kennen das doch? Es gibt sie in allen Gr��en,
aber dieses St�ck hat etwa f�nf Zentimeter Durchmesser. Ein Kupferstab l�uft
durch die Mitte, und zwischen Stab und Au�enh�lle befindet sich eine
Plastikisolierung. Es war Blut daran: Stella Rodes Blutgruppe, und Haare von
ihrem Kopf, die im Blut klebten. Wir bewahren dar�ber Stillschweigen. Gott sei
Dank wurde das von einem unserer Leute gefunden. Es weist auf die Richtung hin,
die der M�rder eingeschlagen hat.�</p><p>�Es gibt
keinen Zweifel, da� es die Mordwaffe ist?� fragte Smiley lahm.</p><p>�Wir haben
Kupferteilchen in den Wunden der Leiche gefunden.�</p><p>�Merkw�rdig,
nicht wahr�, �u�erte Smiley nachdenklich, �da� der M�rder die Waffe so weit
getragen hat, bevor er sich ihrer entledigte. Besonders, wenn er zu Fu� ging.
Man sollte doch annehmen, da� er sie loswerden wollte, sobald er konnte.�</p><p>�Es ist
merkw�rdig. Sehr merkw�rdig. Die Stra�e nach Okeford verl�uft die H�lfte dieser
sechs Kilometer am Kanal entlang; er h�tte das Kabel dort �berall irgendwo in
den Kanal werfen k�nnen. Wir w�ren also nicht kl�ger gewesen.�</p><p>�War das
Kabel alt?�</p><p>�Nicht
besonders. Nur ein Standardtyp. Es h�tte so ungef�hr von �berall her stammen
k�nnen.� Rigby z�gerte und platzte dann heraus: �Sehen Sie, Sir, das versuche
ich klarzumachen. Die Umst�nde dieses Falles verlangen einen bestimmten Typ
von Untersuchungen: weitgespannte Suche, detaillierte Laboratoriumsarbeit,
Massenbefragung. Das verlangt der Chef, und er hat recht. Wir haben keine
Verdachtsmomente gegen den Gatten, und er ist, um es ehrlich zu sagen, uns
wirklich wenig von Nutzen. Er scheint ein bi�chen verloren zu sein, ein bi�chen
vage, widerspricht sich in kleinen, belanglosen Dingen, wie in seinem
Heiratsdatum oder im Namen seines Arztes. Das ist nat�rlich der Schock, ich
habe das schon fr�her erlebt. Ich bin im Bild �ber Ihren Brief, Sir, und es ist
verdammt merkw�rdig, aber wenn Sie mir sagen k�nnen, wie er Gummistiefel aus
einem Hut produzieren und sie sp�ter wieder loswerden, wie er, ohne mehr als
ein paar Blutschmierer auf sich zur�ckzulassen, seine Frau totschlagen und die
Waffe sechs Kilometer vom Tatort entfernen konnte, und das alles innerhalb von
zehn Minuten, nachdem er in Fieldings Haus gewesen war, w�re ich Ihnen dankbar.
Wir suchen einen Unbekannten, 1 Meter 80 gro�, der ziemlich neue
Dunlop-Gummistiefel, Gr��e IOV2, Lederhandschuhe
und einen alten blauen, blutbespritzten Mantel tr�gt. Einen Mann, der zu Fu�
unterwegs war, der in der Mordnacht zwischen 11 Uhr 10 und 11 Uhr 45 in der
Gegend von North Fields war, der sich in Richtung Okeford aufmachte, mit f�nfundvierzig
Zentimeter Koaxialkabel,� einer Kette gr�ner Perlen und einem
Imitations-Diamantclip, gesch�tzter Wert dreiundzwanzig Shilling und sechs
Pence. Wir suchen einen Irren, einen Mann, der aus Vergn�gen mordet oder f�r
den Preis einer Mahlzeit.� Rigby hielt inne, l�chelte gedankenvoll und f�gte
hinzu: �Wer kann f�nfzehn Meter durch die Luft fliegen? Aber wie sollen wir mit
solchen Informationen unsere Zeit anders vertun? Wonach sonst k�nnen wir
suchen? Ich kann nicht Leute ansetzen, Schatten zu jagen, wenn derartige Arbeit
zu tun ist.�</p><p>�Ich
begreife das.�</p><p>�Aber ich
bin ein alter Polizist, Mr. Smiley, und ich wei� gern, woran ich bin. Ich mag
nicht nach Leuten fahnden, an deren Existenz ich nicht glauben kann, und ich
mag nicht von Zeugen abgeschnitten sein. Ich treffe gern Leute und spreche mit
ihnen, schn�ffle hier und da herum und mache mich mit der Umwelt vertraut. Aber
ich kann das nicht, nicht in der Schule. K�nnen Sie mir folgen? So m�ssen wir
uns auf Laboratorien, Sp�rhunde und landweite Suchaktionen verlassen. Aber
irgendwie habe ich ein Gef�hl in den Knochen, da� dies nicht einer dieser F�lle
ist.�</p><p>�Ich las
in der Zeitung von einer Frau, einer &gt;Verr�ckten Janie&lt;...�</p><p>�Darauf
komme ich noch. Mrs. Rode war eine g�tige Frau, umg�nglich. Ich habe das
jedenfalls immer wieder festgestellt. Einige Frauen in der Chapel waren gegen
sie eingenommen, aber Sie wissen ja, wie Frauen sind. Es scheint, sie freundete
sich mit dieser armen Janie an. Janie kam betteln, verkaufte Kr�uter und
Wundermittel an der Hintert�r; Sie kennen das. Sie ist sonderbar, spricht mit
V�geln und so. Sie lebt in einer verfallenen romanischen Kapelle auf dem Weg
nach Pylle. Stella Rode pflegte ihr Essen und Kleidung zu geben - die arme
Seele war mehr als einmal halb verhungert. Nun ist Janie verschwunden. Sie
wurde Mittwoch am fr�hen Abend auf dem Feld nach North Fields gesehen, und
seitdem nicht mehr. Das bedeutet gar nichts. Diese Leute kommen und gehen auf
ihre Art. Jahrelang sind sie �berall in der Nachbarschaft anzutreffen, und
eines Tages verschwinden sie wie Schnee im Feuer. Sie sind vielleicht in einem
Graben gestorben, oder sie sind krank geworden und haben sich wie eine Katze
verkrochen; Janie ist nicht die einzige Wunderliche hier herum. Es gibt 'ne
Menge Aufregung, weil wir noch eine weitere Serie von Fu�abdr�cken gefunden
haben, die am Rand der B�ume am hinteren Ende des Gartens entlanglaufen. Nach
ihrem Aussehen waren es die Abdr�cke einer Frau, und sie kommen an einer Stelle
ganz nahe an den Wintergarten heran. K�nnten von einer Zigeunerin oder einem
Bettelweib sein. K�nnten alles sein, aber ich nehme an, es war wohl wirklich
Janie. Ich hoffe es inst�ndig, Sir; wir k�nnten einen Augenzeugen brauchen,
selbst einen, der verr�ckt ist.�</p><p>Smiley
stand auf. Als sie sich die H�nde sch�ttelten, sagte Rigby:</p><p>�Auf
Wiedersehen, Sir. Rufen Sie mich an, wann immer Sie wollen.� Er kritzelte eine
Telefonnummer auf einen Block, ri� den Zettel ab und gab ihn Smiley. �Das ist
meine Nummer zu Hause.� Er brachte Smiley zur T�r, schien zu z�gern und sagte
dann: �Sie sind nicht etwa zuf�llig selbst ein ehemaliger Carne-Sch�ler, Sir?�</p><p>�Um
Himmels willen, nein.�</p><p>Wieder
z�gerte Rigby. �Unser Chef ist ein alter Carnianer. Fr�her indische Armee.
Brigadegeneral Havelock. Dies ist sein letztes Jahr. Er ist an diesem Fall sehr
interessiert. Sch�tzt es nicht, da� ich in der Schule herumschn�ffle. Will's
nicht haben.�</p><p>�Ich
verstehe.�</p><p>�Er will
eine schnelle Verhaftung.�</p><p>�Und
au�erhalb von Carne, darf ich wohl annehmen?�</p><p>�Auf
Wiedersehen, Mr. Smiley. Vergessen Sie nicht, mich anzurufen. Oh, ich h�tte
noch etwas erw�hnen sollen. Das Kabelst�ck...�</p><p>�Ja?�</p><p>�Mr. Rode
benutzte ein St�ck derselben Machart als Demonstrationsobjekt in einer
Unterrichtsstunde �ber elementare Elektronik. Verlor es vor etwa drei Wochen.�</p><p>Smiley ging langsam in sein Hotel zur�ck.</p><p>Liebe Brim,</p><p>sogleich
nach meiner Ankunft habe ich Deinen Brief dem Mann von der Kriminalpolizei
�bergeben, der den Fall bearbeitet - es war Rigby, wie Ben angenommen hatte: Er
sieht aus wie eine Mischung von Humpty-Dumpty und kornischem Kobold - sehr
gedrungen und plump-, und ich glaube nicht, da� er sich von irgend jemandem
hereinlegen l��t.</p><p>Um in der
Mitte zu beginnen - unser Brief hatte nicht ganz die von uns erwartete Wirkung;
offenbar hat Stella Rode dem hiesigen Baptistenprediger Cardew schon vor zwei
Wochen erz�hlt, da� ihr Mann versuche, sie in den langen N�chten, was immer sie
sein m�gen, zu t�ten. Was die Umst�nde des Mordes betrifft - der Bericht im <strong><emphasis>Guardian </emphasis></strong>ist im wesentlichen richtig.</p><p>Tats�chlich
wurde es, je mehr Rigby mir erz�hlte, desto unwahrscheinlicher, da� sie von
ihrem Mann ermordet worden ist. Fast alles wies auf einen anderen T�ter. Ganz
abgesehen vom Motiv, gibt es den Fundort der Waffe, die Fu�spuren im Schnee
(die auf einen gro�en Mann in Gummistiefeln hinweisen), das Vorhandensein von
unidentifizierten Handschuhabdr�cken im Wintergarten. Dazu kommt als st�rkstes
Argument �berhaupt: wer sie auch ermordete, mu� von Blut bedeckt gewesen sein -
der Wintergarten sah schrecklich aus, sagte mir Rigby. Nat�rlich waren an Rode
Blutspuren, als er auf der Stra�e von seinem Kollegen aufgelesen wurde, aber
nur Wischer, die vom Stolpern �ber die Leiche im Dunkeln herr�hren k�nnten. Au�erdem
f�hren die Fu�spuren nur in den Garten hinein, nicht aus ihm heraus. Wie die
Dinge im Augenblick stehen, gibt es, laut Rigby, nur eine Erkl�rung: der M�rder
war ein Fremder, ein Landstreicher, vielleicht ein Irrer, der sie zu seinem
Vergn�gen ermordete, oder wegen ihres Schmucks (der wertlos war), sich auf der
Okeford-Stra�e davonmachte und die Waffe in einen Graben warf. (Aber warum sie
sechs Kilometer weit tragen, und warum sie nicht in den Kanal auf der anderen
Seite des Grabens werfen? Die Okeford-Stra�e quert das Oke-Moor, das kreuz und
quer abgedeicht ist, um �berflutungen zu verhindern.) Wenn diese Erkl�rung
richtig ist, dann schreiben wir Stellas Brief und ihre Unterhaltung mit Cardew
wohl einem Verfolgungswahn zu, oder der Vorahnung des Todes, je nachdem, ob wir
abergl�ubisch sind oder nicht. Wenn das so ist, dann ist es der tollste Zufall,
von dem ich je geh�rt habe. Das bringt mich zum letzten Punkt. Ich habe aus
dem, was Rigby <strong><emphasis>nicht </emphasis></strong>gesagt
hat, entnommen, da� sein Vorgesetzter ihn in den Hintern getreten hat und ihn
antreibt, das Land nach Stromern in blutverschmierten blauen M�nteln
abzusuchen. (Du erinnerst dich an den G�rtel.) Rigby hat nat�rlich keine andere
Wahl, als den Hinweisen zu folgen und das zu tun, was sein Chef erwartet - aber
er ist offensichtlich besorgt �ber etwas - entweder etwas, das er mir nicht
gesagt hat oder das er nur instinktiv sp�rt. Ich glaube, er meinte es ernst,
als er mir sagte, ich solle ihm alles erz�hlen, was ich �ber die Schul-Seite
herausf�nde - �ber die Rodes, die Art, wie sie sich einf�gten, und so weiter.
Carnes Klostermauern sind immer noch ziemlich hoch, findet er... Also werde ich
ein bi�chen herumschn�ffeln, denke ich, und sehen, was vorgeht. Ich rief Fielding
an, als ich von der Polizeistation zur�ckkam, und er hat mich f�r heute abend
zum Essen eingeladen. Ich werde wieder schreiben, wenn ich Dir etwas zu
berichten habe.</p><p>George</p><p>Nachdem er den Umschlag sorgf�ltig
zugeklebt hatte, indem er die Ecken mit den Daumen herunterpre�te, verschlo�
Smiley die T�r und ging die breite Marmorfreitreppe nach unten, vorsichtig auf
die d�nne Kokosmatte tretend, die in der Mitte hinunterlief. In der Halle war
ein roter Holzbriefkasten zur Benutzung f�r Hotelg�ste, aber Smiley, ein
vorsichtiger Mann, mied ihn. Er ging zum Briefkasten an der Stra�enecke, warf
seinen Brief ein und �berlegte, was er wegen eines Mittagessens unternehmen
solle. Es gab nat�rlich die von Miss Brimley vorbereiteten Brote und den
Kaffee. Widerwillig kehrte er zum Hotel zur�ck. Es war voll von Journalisten,
und Smiley ha�te Journalisten. Au�erdem war es kalt, und er ha�te K�lte. Und
belegte Brote in einem Hotelzimmer waren etwas sehr Vertrautes.</p><p>KATZE UND HUND</p><p>Als George
Smiley die Stufen hinaufstieg, die zur Vordert�r von Terence Fieldings Haus
f�hrten, war es kurz nach sieben am selben Abend. Er klingelte und wurde von
einer kleinen, plumpen Frau Mitte F�nfzig in die Halle eingelassen. Zu seiner
Rechten brannte ein freundliches Feuer aus Scheiten auf einem Haufen Holzasche,
und �ber sich gewahrte er undeutlich eine Galerie und eine Mahagonitreppe, die
sich in einer Spirale zum Obergescho� wand. Das meiste Licht schien vom Feuer
herzur�hren, und Smiley konnte sehen, da� an den W�nden ringsum eine gro�e Zahl
von Gem�lden verschiedener Perioden und Stile hing und da� das Kaminsims mit
allen m�glichen Kunstgegenst�nden beladen war. Mit einem unfreiwilligen
Schauder bemerkte er, da� weder das Feuer noch die Bilder es ganz
fertigbrachten, den schwachen Geruch der Schule zu bannen - von en gros
gekaufter Politur, Kakao und Gemeinschaftsk�che. Korridore f�hrten aus der
Halle, und Smiley stellte fest, da� der untere Teil einer jeden Wand nach der
unbeugsamen Schulregel dunkelbraun oder gr�n gestrichen war. Aus einem dieser
Korridore tauchte die enorme Gestalt von Mr. Terence Fielding auf.</p><p>Er n�herte
sich Smiley, massig und jovial; eine sch�ne M�hne grauen Haars fiel
unordentlich �ber seine Stirn, und sein Talar bl�hte sich hinter ihm.</p><p>�Smiley?
Ah! Sie haben True kennengelernt, nicht wahr? Miss Truebody, meine
Haush�lterin? Wunderbar, dieser Schnee, nicht? Purer Breughel! Haben Sie die
Jungen am Eyot Schlittschuh laufen sehen? Wunderbares Bild! Schwarze Anz�ge,
bunte Halst�cher, bleiche Sonne; alles da, alles da! Breughel, wie er leibt und
lebt. Wunderbar!� Er nahm Smileys Mantel und warf ihn auf einen wackligen
Kiefernholzstuhl mit Binsensitz, der in der Ecke der Halle stand.</p><p>�Dieser
Stuhl gef�llt Ihnen - Sie erkennen ihn wieder?�</p><p>�Ich
glaube nicht�, erwiderte Smiley in einiger Verwirrung.</p><p>�Ah, das
sollten Sie aber, wissen Sie, das sollten Sie! Habe ihn in der Provence
anfertigen lassen, vor dem Krieg. Kleiner Schreiner, den ich kannte. K�nnen Sie
ihn nun identifizieren? Faksimile des gelben Stuhls von van Gogh; manche
erkennen ihn.� Er ging voran durch einen Korridor und in ein gro�es,
behagliches Arbeitszimmer, das mit holl�ndischen Fliesen, kleinen
Renaissanceskulpturen, mysteri�sen Bronzen, Porzellanhunden und unglasierten
Vasen ausgestattet war, und Fielding selbst machte sich gro�artig unter ihnen.</p><p>Als
rang�ltester Internatsleiter von Carne trug Fielding anstelle der �blichen
akademischen Kleidung eine wunderbare Mischung von schweren schwarzen R�cken
und einer Richterhalskrause; er sah aus wie ein M�nch im Abendanzug. All dies
vermittelte eine Andeutung von klerikaler Kargheit in betontem Gegensatz zu dem
ausgekl�gelten Prunk seiner Pers�nlichkeit. Sich dessen offensichtlich bewu�t,
suchte er die Feierlichkeit seiner Uniform zu betonen und ihr ein wenig von
seinem eigenen Temperament hinzuzuf�gen, indem er sie mit sorgf�ltig
ausgew�hlten Blumen aus seinem Garten schm�ckte. Er hatte die Schneider von
Carne, deren Milchglasfenster die Insignien k�niglicher Hofhaltung trugen,
dadurch schockiert, da� er sich in seine Talare Knopfl�cher machen lie�. Diese
f�llte er je nach Laune mit allem, von Erika bis zur Glockenblume. An diesem
Abend trug er eine Rose, und aus ihrer Frische schlo� Smiley, da� er sie erst
in dieser Minute angesteckt hatte; er hatte sie extra bestellt.</p><p>�Sherry
oder Madeira?�</p><p>�Danke;
ein Glas Sherry.�</p><p>�Hurengetr�nk,
Madeira!� rief Fielding, indem er aus einer Kristallflasche einschenkte. �Aber
die Jungen m�gen ihn. Vielleicht deswegen. Sie sind schreckliche Sch�ker.� Er
reichte Smiley ein Glas und f�gte hinzu, indem er seiner Stimme einen
dramatischen Klang gab:</p><p>�Wir sind
im Augenblick alle durch diese schreckliche Geschichte etwas bedr�ckt. Wir
haben n�mlich nie etwas dergleichen erlebt. Haben Sie die Abendzeitungen
gesehen?�</p><p>�Nein,
leider nicht. Aber das &gt;Sawley-Arms&lt;-Hotel ist nat�rlich gepackt voll von
Journalisten.�</p><p>�Sie haben
sich wirklich ganz in die Sache hineingekniet. Sie haben die Armee in
Hampshire aufgeboten, und sie spielt mit Minensuchger�ten herum. Wei� Gott, was
sie zu finden erwarten.�</p><p>�Wie haben
die Jungen es aufgenommen?�</p><p>�Begeistert!
Mein eigenes Haus war nat�rlich besonders begl�ckt, weil diese Rodes an jenem
Abend hier diniert haben. Irgendein Flegel von der Polizei wollte sogar einen
von meinen Jungen ausfragen.�</p><p>�Tats�chlich!�
Smiley l�chelte unschuldig. �Wor�ber denn?�</p><p>�Oh, Gott
wei� was�, antwortete Fielding kurz angebunden. Das Thema wechselnd, fragte er:
�Sie kannten meinen Bruder gut, nicht? Er sprach von Ihnen.�</p><p>�Ja, ich
habe Adrian sehr gut gekannt. Wir waren eng befreundet.�</p><p>�Auch im
Krieg?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Sie waren
also in seinem Laden?�</p><p>�Welchem
Laden?�</p><p>�Steed-Asprey,
Jebedee. Alle diese Leute.�</p><p>�Ja.�</p><p>�Ich habe
nie wirklich erfahren, wie er starb. Sie?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Wir haben
uns in sp�teren Jahren nicht mehr oft gesehen, Adrian und ich. Da ich eine
F�lschung bin, kann ich's mir nicht leisten, neben dem echten St�ck gesehen zu
werden�, erkl�rte Fielding mit etwas von seiner fr�heren Prahlerei. Smiley
wurde der Verlegenheit einer Antwort durch ein leises Klopfen an der T�r
enthoben, und ein gro�er rothaariger Junge kam sch�chtern ins Zimmer.</p><p>�Ich habe
das &gt;Adsum&lt; angesagt, Sir, wenn Sie bereit sind, Sir.�</p><p>�Verdammt�,
sagte Fielding und leerte sein Glas. �Andacht.� Er wandte sich an Smiley.
�Perkins, mein Pr�fekt. Musikalisches Genie, aber schwierig im Klassenzimmer.
Stimmt's, Tim? Bleiben Sie hier oder kommen Sie mit, wie Sie wollen. Es dauert
nur zehn Minuten.�</p><p>�Heute
abend sogar weniger, Sir�, sagte Perkins. �Es ist das &gt;Nunc Dimittis&lt;.�</p><p>�Gott sei
f�r kleine Wohltaten gedankt�, erkl�rte Fielding, zupfte kurz an seiner
Halskrause und f�hrte Smiley mit raschen Schritten in den Korridor hinaus und
durch die Halle; Perkins stakte hinter ihnen her. Fielding sprach die ganze
Zeit, ohne sich die M�he zu machen, den Kopf zu wenden:</p><p>�Ich bin froh,
da� Sie diesen Abend f�r Ihren Besuch gew�hlt haben. In der Regel habe ich
samstags nie G�ste, weil jeder welche hat, obwohl niemand von uns recht wei�,
was er zur Zeit mit Einladungen anfangen soll. Felix D'Arcy wird heute abend
kommen, aber das ist kaum unterhaltend. D'Arcy ist ein Fachmann. �brigens, wir
ziehen uns gew�hnlich f�r den Abend um, aber das ist nicht wichtig.�</p><p>Smileys
Herz sank. Sie bogen um eine Ecke und betraten noch einen Korridor.</p><p>�Wir haben
hier zu allen Stunden Andachten. Der Master hat die sieben Taghoren f�r die
Offizien <strong>Wie</strong>deraufleben
lassen: Prim, Terz, Sext und so weiter. �berf�tterung w�hrend des Semesters,
Abstinenz w�hrend der Ferien - das ist das System, wie bei den Sport�bungen.
N�tzlich im Haus auch f�r Appelle.� Er ging noch einen Korridor voran, ri� an
seinem Ende eine Doppelt�r auf und marschierte geradewegs in den Speisesaal,
sein Talar bauschte sich anmutig hinter ihm. Die Jungen erwarteten ihn.</p><p>�Noch
etwas Sherry? Wie fanden Sie die Andacht? Sie singen ganz h�bsch, nicht? Ein
oder zwei gute Ten�re. Im letzten Semester haben wir etwas gregorianischen
Choralgesang versucht; ganz gut, wirklich ganz gut. D'Arcy wird gleich hier
sein. Er ist ein f�rchterliches Ekel. Sieht aus wie ein Sickert-Modell f�nfzig
Jahre danach - nichts wie Hose und Kragen. Sie k�nnen jedoch von Gl�ck sagen,
da� seine Schwester ihn nicht begleitet. Sie ist noch schlimmer!�</p><p>�Was f�r
ein Fach unterrichtet er?� Sie waren wieder in Fieldings Arbeitszimmer.</p><p>�Fach! Wir
haben hier keine festen Unterrichtsf�cher. Keiner von uns hat ein Wort �ber
irgendein Fach gelesen, seit wir die Universit�t verlie�en.� Er senkte die
Stimme und f�gte geheimnisvoll hinzu: �Das hei�t, <strong><emphasis>wenn </emphasis></strong>wir die Universit�t besucht haben. D'Arcy lehrt
Franz�sisch. D'Arcy ist Senior des Lehrk�rpers durch Wahl, Junggeselle von
Profession, vergeistigter Homosexueller aus Neigung...�, er stand jetzt ganz
still, den Kopf zur�ckgelegt und die rechte Hand auf Smiley gerichtet, �... und
sein Fach sind die Fehler anderer Leute. Zuv�rderst aber ist er der selbsternannte
Haushofmeister des Protokolls von Carne. Wenn man auf dem Fahrrad einen Talar
tr�gt, eine Einladung inkorrekt beantwortet, einen Fehler bei der Plazierung
seiner Dinnerg�ste begeht oder von einem Kollegen als &gt;Mister&lt; spricht,
D'Arcy wird einen ertappen und ermahnen.�</p><p>�Worin
bestehen denn die Pflichten eines Seniors des Lehrk�rpers?� fragte Smiley, nur
um etwas zu sagen.</p><p>�Er ist
der Schiedsrichter zwischen den klassischen Philologen und den
Naturwissenschaftlern; er arrangiert den Stundenplan und untersucht die
Pr�fungsergebnisse eingehend. Aber haupts�chlich mu� der arme Mann die
Geistes- mit den Naturwissenschaften in Einklang bringen.� Er sch�ttelte weise
den Kopf. �Um das fertigzubringen, braucht man einen besseren Mann als D'Arcy.
Nicht�, f�gte er m�de hinzu, �da� es den geringsten Unterschied macht, wer die
Extrastunde an den Freitagabenden bekommt. Wer fragt schon danach? Nicht die
Jungen, die armen Kerle, das steht fest.�</p><p>Fielding
sprach weiter, wahllos und immer in Superlativen; manchmal griff er dabei mit
der Hand in die Luft, als wolle er die fl�chtigen Metaphern einfangen; jetzt
von seinen Kollegen mit �tzendem Spott, jetzt von den Jungen mit Mitleid, wenn
nicht Verst�ndnis; jetzt von den Geisteswissenschaften mit Leidenschaft - und
mit der ausgekl�gelten Verwirrung eines einsamen Sch�lers.</p><p>�Carne ist
keine Schule. Es ist ein Sanatorium f�r intellektuelle Auss�tzige. Die Symptome
begannen, als wir von den Universit�ten kamen; ein allm�hliches Fauligwerden
unserer geistigen Extremit�ten. Von Tag zu Tag stirbt unser Geist mehr und mehr
ab, verk�mmern unsere Seelen und verrotten. Wir beobachten den Vorgang bei uns
gegenseitig, in der Hoffnung, ihn in uns selbst zu vergessen.� Er hielt inne
und betrachtete nachdenklich seine H�nde.</p><p>�In mir
ist der Proze� beendet. Sie sehen vor sich eine tote Seele, und Carne ist der
K�rper, in dem ich lebe.� Sehr entz�ckt von seinem Bekenntnis, breitete
Fielding die langen Arme aus, so da� die �rmel seines Talars den Fl�geln einer
riesigen Fledermaus glichen. �Der Vampir von Carne�, erkl�rte er mit einer
tiefen Verbeugung. <strong><emphasis>�Alcoholique et
po�te.� </emphasis></strong>Ein bellendes Gel�chter folgte dieser Darbietung.</p><p>Smiley war
von Fielding fasziniert, von seiner Gr��e, seiner Stimme, der z�gellosen
Unbest�ndigkeit seines Temperaments, von seinem ganzen Breitwandstil; er fand
sich angezogen und abgesto�en von dieser Folge einander widersprechender Posen;
er �berlegte, ob von ihm eine Teilnahme an der Vorstellung erwartet wurde,
aber Fielding schien so vom Rampenlicht geblendet, da� ihn das Publikum davor
nicht interessierte. Je mehr Smiley beobachtete, desto undefinierbarer erschien
der Charakter, den er zu verstehen versuchte: ver�nderlich, aber unfruchtbar;
mutig, aber unbest�ndig; farbig, ma�los, schlicht, aber doch wieder t�ckisch
und widerspenstig. Smiley begann zu w�nschen, da� er die wesentlichen Fakten
�ber Fielding erlangen k�nne - seine Einkommensverh�ltnisse, seinen Ehrgeiz,
seine Entt�uschungen.</p><p>In diesen
�berlegungen wurde er von Miss Truebody gest�rt. Felix D'Arcy war eingetroffen.</p><p>Keine
Kerzen und ein kaltes Abendessen, vortrefflich zubereitet von Miss Truebody.
Kein Rotwein, sondern Wei�wein, der wie Portwein herumgereicht wurde. Und
endlich, endlich erw�hnte Fielding Stella Rode.</p><p>Sie hatten
eher pflichtgem�� von den Geistes- und Naturwissenschaften gesprochen. Die
Unterhaltung w�re langweilig gewesen (denn sie war oberfl�chlich), w�re nicht
D'Arcy st�ndig von Fielding angestachelt worden, der darauf erpicht schien,
D'Arcy in seinem schlechtesten Licht zu zeigen. D'Arcys Urteile �ber Menschen
und Probleme waren haupts�chlich davon gef�rbt, was er als �angemessen� (ein
Lieblingswort) betrachtete, und von einer weibischen Bosheit gegen seine
Kollegen. Nach einer Weile fragte Fielding, wer Rode w�hrend seiner Abwesenheit
vertrete, worauf D'Arcy erwiderte: �Niemand� und salbungsvoll hinzusetzte:
�Sie war ein schrecklicher Schock f�r die Gemeinschaft, diese Aff�re.�</p><p>�Unsinn�,
gab Fielding zur�ck. �Jungen lieben Katastrophen. Je weiter entfernt wir vom
Tode sind, desto anziehender erscheint er uns. Sie finden die ganze
Angelegenheit sehr anregend.�</p><p>�Die
Publizit�t war h�chst unangemessen�, sagte D'Arcy, �wirklich. Ich glaube, das
ist bei vielen von uns im Konferenzzimmer die vorherrschende Meinung gewesen.�
Er wandte sich an Smiley:</p><p>�Die
Presse, wissen Sie, ist hier eine st�ndige Ursache von �rger. Fr�her h�tte das
nie passieren k�nnen. In der Vergangenheit waren unsere gro�en Familien und
Institutionen nicht solchen Zudringlichkeiten unterworfen. Nein, wirklich
nicht. Aber heute ist das alles anders. Viele von uns sind gen�tigt, die
billigeren Zeitungen zu halten, aus genau diesem Grund. Eine Sonntagszeitung
erw�hnte nicht weniger als vier von Hechts ehemaligen Sch�lern in einer
Ausgabe. Alle in einem unziemlichen Zusammenhang, darf ich sagen. Und nat�rlich
verabs�umt eine solche Zeitung es nie, darauf hinzuweisen, da� der betreffende
Junge ein Carnianer ist. Sie wissen, nehme ich an, da� wir den jungen Prinzen
hier haben. Ich selbst habe die Ehre, seine franz�sischen Studien zu
beaufsichtigen. Der junge Sawley ist ebenfalls in Carne. Die Betriebsamkeit
der Presse w�hrend des Scheidungsprozesses seiner Eltern war beklagenswert.
Wirklich beklagenswert. Der Direktor schrieb an den Presserat, wissen Sie. Ich
habe den Brief selbst aufgesetzt. Aber bei diesem tragischen Ereignis haben sie
sich selbst �berboten. Wir hatten die Presseleute gestern abend sogar beim
letzten Gottesdienst, sie warteten auf das besondere Gebet. Sie nahmen die
ganzen zwei hinteren Stuhlreihen an der Westseite ein. Hecht hatte Kirchendienst
und versuchte, sie hinauszubekommen.� Er machte eine Pause, hob die Brauen in
sanfter Abwehr und l�chelte. �Nat�rlich war er dazu nicht befugt, aber das
hielt den guten Hecht nicht ab.� Er wandte sich wieder an Smiley. �Einer
unserer <strong><emphasis>athletischen </emphasis></strong>Glaubensgenossen�,
erkl�rte er.</p><p>�Stella
war dir zu gew�hnlich, Felix, wie?�</p><p>�Durchaus
nicht�, sagte D'Arcy rasch. �Ich m�chte nicht, da� du das von mir sagst,
Terence. Ich bin gar nicht w�hlerisch in bezug auf die Klasse, sondern nur in
bezug auf die Manieren. Ich gestehe dir zu, auf diesem besonderen Gebiet war
sie nicht ganz vollwertig.�</p><p>�In
mancher Beziehung war sie genau das, was wir brauchten�, fuhr Fielding fort. Er
wandte sich an Smiley und �bersah D'Arcy. �Sie war alles das, was wir zu
�bersehen gezwungen sind - sie war moderne Universit�t, sozialer Wohnbau,
Stadtrandsiedlung; genau die Antithese von Carne.� Er wandte sich pl�tzlich an
D'Arcy und sagte: �Aber f�r dich, Felix, war sie nur unerzogen.�</p><p>�Durchaus
nicht; blo� unpassend.�</p><p>Fielding
wandte sich verzweifelt an Smiley.</p><p>�Sehen
Sie�, sagte er. �Wir reden hier akademisch, tragen akademische Kleidung und
geben Festdiners im Gesellschaftsraum; wir halten lange Gebete auf lateinisch,
die niemand von uns �bersetzen kann. Wir gehen in die Abtei, und die Ehefrauen
sitzen mit ihren entsetzlichen H�ten im Weiberverschlag. Aber es ist eine Scharade.
Es bedeutet gar nichts.�</p><p>D'Arcy
l�chelte schwach.</p><p>�Ich kann
nicht glauben, mein lieber Terence, da� jemand, der eine so exzellente Tafel
h�lt wie du, eine so niedrige Meinung von den Verfeinerungen gesellschaftlichen
Verhaltens haben kann.� Er blickte hilfeheischend zu Smiley hin�ber, und
dieser echote pflichtgem�� das Kompliment. �Au�erdem kennen wir in Carne
Terence von jeher. Leider sind wir an sein Gebr�ll gew�hnt.�</p><p>�Ich wei�,
warum du diese Frau nicht leiden konntest, Felix. Sie wahr ehrlich, und Carne
hat keine Abwehr gegen diese Art von Ehrlichkeit.�</p><p>D'Arcy
wurde pl�tzlich sehr zornig: �Terence, ich will nicht, da� du das sagst. Ich
will's einfach nicht haben. Ich empfinde eine gewisse Pflicht gegen�ber Carne,
wie wir ja alle, jene Normen des Benehmens wiederherzustellen und
aufrechtzuerhalten, die im Krieg so traurig gelitten haben. Ich bin mir bewu�t,
da� mich diese Entschlossenheit bei mehr als einer Gelegenheit unbeliebt
gemacht hat. Aber die Stellungnahme oder der Rat, den ich anbiete, ist nie -
ich bitte, das zu bemerken - gegen irgendeine Person gerichtet, nur gegen
Benehmen, gegen unziemliche Entgleisungen im Verhalten. Ich will zugeben, da�
ich mehr als einmal gen�tigt war, mit Rode �ber das Thema des Verhaltens seiner
Frau zu sprechen. Das ist eine vom Pers�nlichen ganz getrennte Sache, Terence.
Ich will nicht, da� gesagt wird, ich h�tte Mrs. Rode nicht gemocht. Eine solche
Unterstellung w�re zu jeder Zeit unangenehm, aber unter den augenblicklichen
Umst�nden ist sie beklagenswert. Mrs. Rodes eigenes ... Milieu und ihre
Erziehung bereiteten sie nat�rlich nicht auf unsere Lebensart vor; das ist
eine ganz andere Sache. Es unterstreicht jedoch, was ich hervorheben m�chte,
Terence: es war eine Frage der Aufkl�rung, nicht der Kritik. Dr�cke ich mich
klar aus?�</p><p>�Au�erordentlich�,
erwiderte Fielding trocken.</p><p>�Mochten
die anderen Frauen sie denn?� versuchte es Smiley.</p><p>�Nicht
unbedingt�, antwortete D'Arcy kurz.</p><p>�Die
Frauen! Mein Gott!� st�hnte Fielding und legte die Hand an die Stirn. Eine
Pause trat ein.</p><p>�Ihre
Kleider waren, glaube ich, f�r einige eine Quelle von Pein. Au�erdem
frequentierte sie die �ffentliche W�scherei. Auch das machte keinen g�nstigen
Eindruck. Ich sollte hinzuf�gen, da� sie unsere Kirche nicht besuchte...�</p><p>�Hatte sie
unter den Frauen irgendwelche enge Freundinnen?� fuhr Smiley hartn�ckig fort.</p><p>�Ich
glaube, die junge Mrs. Snow schlo� sich ihr an.�</p><p>�Und Sie
sagen, sie war zum Essen hier an dem Abend, als sie ermordet wurde?�</p><p>�Ja�,
erwiderte Fielding ruhig, �Mittwoch. Und Felix und seine Schwester nahmen den
armen Rode hinterher bei sich auf...� Er warf einen raschen Blick auf D'Arcy.</p><p>�Ja,
nat�rlich�, sagte D'Arcy kurz. Sein Blick ruhte auf Fielding, und Smiley schien
es, da� sie einander etwas mitgeteilt hatten. �Wir werden es nie vergessen,
nie... Terence, wenn ich einen Augenblick fachsimpeln darf; Perkins'
Satzkonstruktionen sind bodenlos schlecht; ich erkl�re, da� ich nie �hnliche
Arbeiten gesehen habe. Ist er krank? Seine Mutter ist eine sehr kultivierte
Frau, eine Kusine der Samfords, hat man mir gesagt.�</p><p>Smiley sah
ihn an und �berlegte. Seine Smokingjacke war verschossen, gr�n vor Alter.
Smiley konnte ihn fast sagen h�ren, sie habe seinem Gro�vater geh�rt. Seine
Gesichtshaut war so faltenlos, da� er irgendwie fettleibig wirkte, ohne dick zu
sein. Seine Stimme war auf einen einschmeichelnden Ton festgesetzt, und er
l�chelte immerzu, ob er sprach oder nicht. Das L�cheln schwand nie aus seinem
glatten Gesicht, es war in die knetbare Masse seines Fleisches eingearbeitet,
streckte die Lippen �ber seine makellosen Z�hne und �ffnete die Winkel seines
roten Mundes, so da� es schien, als werde es von den unsichtbaren Fingern
seines Zahnarztes festgehalten. Dennoch war D'Arcys Gesicht alles andere als
ausdruckslos; jedes Merkmal zeigte sich. Die kleinste Regung seines Mundes
oder seiner Nase, der fl�chtigste Blick, das geringste Stirnrunzeln waren da,
um gelesen und gedeutet zu werden. Und er wollte vom Thema ablenken. Nicht von
Stella Rode (denn einen Augenblick sp�ter diskutierte er selbst sie wieder),
aber von dem bestimmten Abend, an dem sie starb, von der genauen Schilderung
der Ereignisse. Mehr noch: Smiley zweifelte nicht daran, da� Fielding es
ebenfalls bemerkt hatte, da� in dem Blick, den sie gewechselt hatten, ein Pakt
der Furcht enthalten war, vielleicht eine Warnung, so da� von diesem Augenblick
an Fieldings Verhalten sich �nderte; er wurde m�rrisch und voreingenommen auf
eine Art, die Smiley noch lange nachher zu denken gab.</p><p>D'Arcy
wandte sich an Smiley und sprach ihn mit �bertriebener Vertraulichkeit an: <strong><emphasis>�Bitte, </emphasis></strong>verzeihen Sie mir meinen beklagenswerten Abstieg in
den Klatsch von Carne. Sie finden uns hier ein wenig abgeschnitten, nicht wahr?
Man h�lt uns oft f�r isoliert, ich wei�. Carne ist eine &gt;Snob-Schule&lt;,
das ist der Slogan. Man kann es t�glich in der Asphaltpresse lesen. Und doch
darf ich, trotz der Behauptungen der Avantgarde�, f�gte er hinzu, verstohlen
zu Fielding hin�berblickend, �sagen, da� <strong><emphasis>niemand </emphasis></strong>weniger
ein Snob sein k�nnte als Felix D'Arcy.� Smiley nahm Notiz von seinem Haar. Es
war d�nn und gelblich, fiel vom Scheitel und lie� seinen roten Nacken blo�.</p><p>�Nehmen
Sie zum Beispiel den armen Rode. Ich halte dem armen Kerl gewi� in keiner Weise
seine Herkunft vor. Die �ffentlichen Schulen leisten Gro�artiges, da bin ich
sicher. Au�erdem hat er sich hier schon sehr gut eingew�hnt. Ich habe das auch
dem Direktor gesagt. Ich sagte ihm, da� Rode sich sehr gut eingew�hnt habe; er
versieht den Kirchendienst ganz bewundernswert - gerade darauf habe ich
hingewiesen. Ich hoffe, ich habe das Meine getan, mehr noch, ihm geholfen,
sich anzupassen. Mit sorgf�ltiger Unterweisung k�nnen solche Leute, wie ich dem
Direktor sagte, unsere Gebr�uche lernen, sogar unsere Manieren, und der
Direktor stimmte zu.�</p><p>Smileys
Glas war leer, und D'Arcy f�llte es, ohne Fielding zu fragen, f�r ihn aus der
Kristallflasche. Seine H�nde waren glatt und haarlos wie die eines M�dchens.</p><p>�Aber�,
fuhr er fort, �ich mu� ehrlich sein. Mrs. Rode glich sich nicht so willig
unserer Lebensart an.� Immer noch l�chelnd, trank er zierlich aus dem Glas. Er
will seine Darstellung berichtigen, dachte Smiley.</p><p>�Sie w�rde
sich nie wirklich ganz an Carne angepa�t haben; das ist meine Meinung - ich
habe sie aber zu ihren Lebzeiten bestimmt nie ausgesprochen. Ihr Milieu
schadete ihr. Es war nicht ihre Schuld - es war ihr Milieu, das, wie gesagt,
ung�nstig war. Tats�chlich habe ich, wenn wir offen und vertraulich sprechen
d�rfen, Grund zu der Annahme, da� ihr Vorleben ihren Tod verursacht hat.�</p><p>�Warum
sagen Sie das?� fragte Smiley rasch, und D'Arcy antwortete, mit einem kurzen
Blick auf Fielding: �Es sieht so aus, als habe sie erwartet, �berfallen zu
werden.�</p><p>�Meine
Schwester ist in Hunde vernarrt�, sprach D'Arcy weiter. �Vielleicht wissen Sie
das bereits. King-Charles-Spaniels sind ihre St�rke. Sie gewann letztes Jahr
auf der North-Dorset-Hundeschau einen Preis und erhielt kurz danach bei Crufts
f�r ihre &gt;K�nigin von Carne&lt; eine lobende Anerkennung. Sie verkauft nach
Amerika, wissen Sie. Ich darf sagen, es gibt in England wenig Leute mit
Dorothys Erfahrung in dieser Zucht. Die Frau des Direktors sah sich veranla�t,
vorige Woche genau dasselbe zu sagen. Nun, die Rodes waren unsere Nachbarn, wie
Sie wissen, und Dorothy ist nicht die Person, ihre nachbarlichen Pflichten zu
vernachl�ssigen. Wo es sich um Pflichten handelt, wird man sie nicht w�hlerisch
finden, versichere ich Ihnen. Die Rodes hatten auch einen Hund, einen ziemlich
gro�en Bastard, ein ganz intelligentes Tier, das sie mitgebracht hatten. - Ich
habe kaum eine Ahnung, woher sie gekommen sind, aber das ist etwas anderes. -
Sie schienen ziemlich an dem Hund zu h�ngen, und ich bezweifle es nicht. Rode
nahm ihn mit zum Fu�ballspiel, bis ich Gelegenheit fand, ihm davon abzuraten.
Diese Gepflogenheit gab n�mlich Veranlassung zu unangemessener Belustigung bei
den Jungen. Ich selbst fand das auch heraus, als ich Dorothys Spaniels
spazierenf�hrte. Ich werde sofort zur Sache kommen. Dorothy konsultierte einen
Tierarzt namens Harriman, einen �berragenden K�nner, der dr�ben nach
Sturminster zu wohnt. Vor zwei Wochen lie� sie ihn kommen. �K�nigin von
Carne&lt; hustete schlimm, und Dorothy bat Harriman her�berzukommen. Eine
H�ndin von dieser Qualit�t darf man nicht vernachl�ssigen, versichere ich Ihnen.�</p><p>Fielding
st�hnte, und D'Arcy fuhr fort, ohne ihn zu beachten.</p><p>�Ich war
zuf�llig zu Hause, und Harriman blieb zu einer Tasse Kaffee. Er ist, wie
gesagt, ein �berragender K�nner. Harriman erw�hnte irgendwie den Hund der
Rodes, und dann kam die Wahrheit heraus; Mrs. Rode hatte den Hund am Vortag
t�ten lassen. Sie sagte, er habe den Postboten gebissen. Eine lange und konfuse
Geschichte; die Postverwaltung w�rde sie gerichtlich belangen, die Polizei sei
dagewesen, und ich wei� nicht, was sonst noch. Jedenfalls sagte sie, der Hund
k�nne sie doch nicht wirklich sch�tzen, nur warnen. Sie hatte zu Harriman
gesagt: &gt;Er w�re zu nichts n�tze.&lt;�</p><p>�War sie
�ber den Verlust des Hundes nicht ungl�cklich?� fragte Smiley.</p><p>�O doch,
ja. Harriman sagte, sie sei bei ihrer Ankunft in Tr�nen gewesen. Mrs. Harriman
mu�te ihr eine Tasse Tee machen. Sie schlugen vor, sie solle dem Hund doch noch
eine Chance geben, ihn f�r einige Zeit in einen Zwinger tun, aber sie blieb
unnachgiebig, ganz unnachgiebig. Harriman war sehr verbl�fft. Auch seine Frau.
Als sie es hinterher besprachen, stimmten sie darin �berein, da� Mrs. Rodes
Verhalten nicht ganz normal gewesen war. Wirklich gar nicht normal. Eine
weitere merkw�rdige Tatsache war der Zustand des Hundes: er war mi�handelt
worden, sehr ernstlich. Sein R�cken war wie von Schl�gen gezeichnet.�</p><p>�Ging
Harriman auf ihre Bemerkung ein? Da� der Hund zu nichts n�tze sei? Was hielt er
davon?� Smiley beobachtete D'Arcy gespannt.</p><p>�Sie
wiederholte sie gegen�ber Mrs. Harriman, aber sie wollte sie nicht n�her
erkl�ren. Ich glaube jedoch, die Erkl�rung liegt auf der Hand.�</p><p>�Oh?�
sagte Fielding.</p><p>D'Arcy
legte den Kopf zur Seite und zupfte sich geziert am Ohrl�ppchen. �Wir alle
haben ein wenig von einem Detektiv in uns�, sagte er. �Dorothy und ich
besprachen es nach dem - Tod. Wir kamen zu dem Schlu�, da� Stella Rode, ehe sie
nach Carne kam, irgendwo eine anst��ige Verbindung eingegangen war, die sie
neuerdings wieder aufgenommen hat... m�glicherweise gegen ihren Willen.
Irgendein gewaltt�tiger W�stling - ein alter Bewunderer-, dem die Verbesserung
ihrer Stellung zuwider war.�</p><p>�Wie arg
wurde denn der Brieftr�ger von dem Hund gebissen?�</p><p>D'Arcy
wandte sich wieder zu ihm.</p><p>�Das ist
ja das Erstaunliche, der springende Punkt der Geschichte, verehrter Herr: Der
Brieftr�ger war gar nicht gebissen worden. Dorothy hat sich erkundigt, Ihre
ganze Erz�hlung war von Anfang bis zum Ende eine einzige L�genkette.�</p><p>Sie
standen vom Tisch auf und gingen in Fieldings Studierzimmer, wo Miss Truebody
den Kaffee serviert hatte. Die Unterhaltung bewegte sich weiterhin um die
Trag�die des Mittwochs. D'Arcy war besessen von der Gew�hnlichkeit der
Begleitumst�nde - der Hartn�ckigkeit der Journalisten, der Gef�hllosigkeit der
Polizei, der Ungewi�heit von Mrs. Rodes Herkunft, dem Mi�geschick ihres Mannes.
Fielding war immer noch merkw�rdig schweigsam, in seine Gedanken versunken, aus
denen er gelegentlich auftauchte, um D'Arcy mit einem feindseligen Blick zu
mustern. Um genau Viertel vor elf erkl�rte D'Arcy, er sei m�de, und alle drei
gingen in die gro�e Halle, wo Miss Truebody einen Mantel f�r Smiley und Mantel,
Schal und Kappe f�r D'Arcy bereithielt. Fielding nahm D'Arcys Dank mit einem
m�rrischen Nicken entgegen. Er wandte sich an Smiley:</p><p>�Die
Sache, wegen der Sie mich anriefen. Worum handelt es sich genau?�</p><p>�Oh - ein
Brief von Mrs. Rode, unmittelbar bevor sie ermordet wurde�, sagte Smiley vage,
�die Polizei bearbeitet ihn jetzt, aber sie betrachtet ihn nicht als...
bedeutsam. Keineswegs als bedeutsam. Sie scheint an einer Art von� - er l�chelte
verwirrt - �Verfolgungswahn gelitten zu haben. Nennt man es so? Jedenfalls,
wir m�ssen uns einmal dar�ber unterhalten. Sie m�ssen mit mir im &gt;Sawley
Arms&lt; essen, bevor ich zur�ckfahre. Kommen Sie eigentlich nie nach London?
Wir k�nnten uns vielleicht in London treffen, am Semesterende.�</p><p>D'Arcy stand im T�reingang und
betrachtete den Neuschnee, der wei� und makellos auf dem Pflaster vor ihm lag.</p><p>�Ah�, sagte er mit einem kleinen
wissenden Lachen, �die langen N�chte, Terence, die langen N�chte.�</p><p>STECHPALMEN F�R DEN TEUFEL</p><p>�Was sind
denn die langen N�chte?� fragte Smiley, als er und D'Arcy rasch von Fieldings
Haus durch den Neuschnee zum Abteihof gingen.</p><p>�Wir haben
ein Sprichwort, da� es in Carne immer in den langen N�chten schneit. Das ist
hier die traditionelle Bezeichnung f�r die Fastenn�chte�, antwortete D'Arcy.
�Vor der Reformation hielten die M�nche der Abtei eine Vigil w�hrend der
Fastenzeit zwischen den Offizien des Abends und Morgens. Sie wissen das
vielleicht schon. Da kein religi�ser Orden mehr mit der Abtei verbunden ist,
ist man von der �bung abgekommen. Wir fahren aber fort, sie zu beachten, indem
wir die Komplet w�hrend der Fastenzeit halten. Die Komplet war der letzte der
kanonischen Tagesgottesdienste und wurde vor dem Zubettgehen gehalten. Der
Direktor, der vor dieser Art von Traditionen einen gro�en Respekt hat, f�hrte
die alten Worte f�r unsere Andachts�bungen wieder ein. Die Prim war die
Fr�handacht, wie Ihnen zweifellos bekannt ist. Terz war zur dritten Stunde nach
Tagesanbruch - das hei�t, neun Uhr morgens. Derart nennen wir es nicht mehr
Morgenandacht, sondern Terz. Ich finde das reizvoll. Desgleichen halten wir w�hrend
Advent und Fastenzeit mittags Sext in der Abtei.�</p><p>�Sind alle
diese Andachten Pflicht?�</p><p>�Nat�rlich.
Sonst w�re es ja notwendig, f�r diejenigen Jungen Vorkehrungen zu treffen, die
nicht teilnehmen. Das ist nicht erw�nscht. Au�erdem, Sie vergessen, da� Carne
eine religi�se Stiftung ist.�</p><p>Es war
eine sch�ne Nacht. Als sie den Platz �berquerten, sah Smiley zum Turm hinauf.
Er schien im Mondlicht kleiner und friedlicher. Das Wei� des Neuschnees
erhellte selbst den Himmel; die ganze Abtei hob sich so scharf dagegen ab, da�
sogar die verst�mmelten Statuen der Heiligen in jeder traurigen Einzelheit
ihrer Entstellung klar hervortraten, armselige Gestalten, ihrer Wirkung
beraubt, ohne Augen, die sich ver�ndernde Welt zu sehen.</p><p>Sie
erreichten die Kreuzung s�dlich der Abtei.</p><p>�Hier
trennen sich leider unsere Wege�, sagte D'Arcy, die Hand ausstreckend.</p><p>�Es ist
eine wunderbare Nacht�, erwiderte Smiley rasch, �lassen Sie mich bis zu Ihrem
Haus mitkommen.�</p><p>�Gern�,
erwiderte D'Arcy trocken.</p><p>Sie gingen
die North-Fields-Allee hinunter. Eine hohe Steinmauer lief an einer Seite
entlang; auf der anderen begrenzte die gro�e Fl�che der Sportpl�tze, zwanzig
oder mehr Rugby-Felder, die Stra�e auf mehr als achthundert Meter. Sie gingen
dieses St�ck schweigend, bis D'Arcy anhielt und mit seinem Stock an Smiley
vorbei auf ein kleines Haus am Rande der Sportpl�tze deutete.</p><p>�Das ist
North Fields, das Haus der Rodes. Es geh�rte fr�her dem Platzaufseher, aber die
Schule lie� vor einigen Jahren einen Fl�gel anbauen, und jetzt dient es als
Lehrerhaus. Mein eigenes Haus ist bedeutend gr��er und liegt weiter oben an
der Stra�e. Gl�cklicherweise gehe ich gern zu Fu�.�</p><p>�Haben Sie
in jener Nacht Stanley Rode hier in der N�he gefunden?�</p><p>Nach einer
Pause erwiderte D'Arcy: �Es war n�her bei meinem Hause, ungef�hr vierhundert
Meter weiter. Er war in einem schrecklichen Zustand, der arme Kerl,
schrecklich. Ich kann selbst den Anblick von Blut nicht ertragen. H�tte ich
gewu�t, wie er aussehen w�rde, als ich ihn ins Haus brachte, ich glaube nicht,
da� ich's gekonnt h�tte. Gott sei Dank ist meine Schwester Dorothy eine sehr
t�chtige Frau.�</p><p>Schweigend
gingen sie weiter, bis Smiley sagte: �Aus Ihren �u�erungen bei Tisch ging
hervor, da� die Rodes sehr schlecht zueinanderpa�ten.�</p><p>�Genau.
Wenn sie auf andere Weise umgekommen w�re, so w�rde ich es als eine F�gung des
Schicksals bezeichnen: eine segensvolle Befreiung f�r Rode. Sie war eine durch
und durch boshafte Frau, Smiley, die darauf aus war, ihren Mann der
L�cherlichkeit preiszugeben. Ich glaube, es war Absicht. Andere glauben es
nicht. Ich aber schon, und ich habe meine Gr�nde. Sie fand ein Vergn�gen daran,
ihren Mann zu verh�hnen.�</p><p>�Und auch
Carne, ohne Zweifel.�</p><p>�Genau
das. Dies ist ein kritischer Augenblick in Carnes Entwicklung. Viele
Internatsschulen haben dem vulg�ren Geschrei nach Ver�nderung nachgegeben -
Ver�nderungen um jeden Preis. Ich freue mich, feststellen zu k�nnen, da� Carne
sich diesen Selbstm�rdern nicht angeschlossen hat. Deshalb ist es jetzt um so
wichtiger, da� wir uns von innen wie von au�en sch�tzen.� Er sprach mit
�berraschender Heftigkeit.</p><p>�Aber war
Stella Rode wirklich so schwierig? Sicher h�tte doch ihr Mann mit ihr sprechen
k�nnen.�</p><p>�Ich habe
ihn nie ermutigt, es zu tun, das versichere ich Ihnen. Es ist nicht meine Art,
mich in Eheprobleme einzumischen.�</p><p>Sie
erreichten D'Arcys Haus. Eine hohe Lorbeerhecke schlo� es v�llig von der
Stra�e ab, nur zwei Karninkasten waren dar�ber sichtbar und best�tigten Smileys
Eindruck, da� das Haus gro� war und aus der viktorianischen Zeit stammte.</p><p>�Ich
sch�me mich viktorianischen Geschmacks nicht�, sagte D'Arcy und �ffnete langsam
das Gartentor; �aber wir sind ja auch, f�rchte ich, hier in Carne mit der
modernen Sprechweise nicht vertraut. Das Haus war einmal das Pfarrhaus der
North-Fields-Kirche, aber der Kirchendienst wird jetzt von einem beauftragten
Pfarrer von der Abtei versehen. Das Pfarrhaus ist noch im Verleihungsrecht der
Schule, und ich war so gl�cklich, es zu bekommen. Gute Nacht. Sie m�ssen zu
einem Sherry kommen, ehe Sie abreisen. Bleiben Sie l�nger?�</p><p>�Ich
bezweifle es�, erwiderte Smiley, �aber ich bin sicher, Sie haben im Augenblick
auch genug Sorgen.�</p><p>�Was
meinen Sie damit?� fragte D'Arcy scharf.</p><p>�Die
Presse, die Polizei und der ganze damit verbundene Wirbel.�</p><p>�Ach so.
Ganz richtig! Dennoch, unser Gemeinschaftsleben mu� fortgesetzt werden. Wir
haben immer eine kleine Party in der Semestermitte, und ich habe das Gef�hl,
da� es besonders wichtig ist, sie auch diesmal abzuhalten. Ich werde Ihnen
morgen eine Einladung ins Hotel schicken. Meine Schwester w�rde sich freuen.
Gute Nacht!� Er warf klirrend das Tor zu, und das Ger�usch erregte irgendwo
hinter dem Haus wildes Hundegebell. Ein Fenster �ffnete sich, und eine harte
weibliche Stimme rief:</p><p>�Bist du
das, Felix?�</p><p>�Ja,
Dorothy.�</p><p>�Warum
mu�t du einen so verdammten Radau machen? Du hast schon wieder die Hunde
geweckt.� Das Fenster schlo� sich mit einem Knall, und D'Arcy verschwand, ohne
auch nur einen Blick in Smileys Richtung zu werfen, schnell im Schatten des
Hauses.</p><p>Smiley
trat wieder auf die Stra�e und ging zur Stadt zur�ck. Nach etwa zehn Minuten
blieb er stehen und sah noch einmal zum Haus der Rodes hin�ber, etwa hundert
Meter jenseits der Sportpl�tze. Es lag im Schatten eines kleinen
Fichtengeh�lzes; dunkel und verschwiegen hob es sich gegen die wei�en Felder
ab. Ein schmaler Weg f�hrte zum Haus, in einer Ecke war eine Briefkastens�ule
aus Backstein; und ein kleiner eichener Wegweiser, ganz neu, wies die Allee
hinunter, die, wie er schlo�, nach Pylle f�hren mu�te. Die Inschrift auf dem
Wegweiser war durch eine Schneeschicht verdeckt, und Smiley wischte sie mit
der Hand weg, so da� er die Worte �North Fields� lesen konnte; sie waren in
einer gek�nstelten, provinziellen gotischen Schrift gehalten, die D'Arcy
erhebliches Unbehagen bereitet haben mu�te. Der Schnee in der Allee war ohne
Fu�spuren; offenbar war k�rzlich mehr gefallen. Zwischen Carne und Pylle konnte
es nicht viel Verkehr geben. Rasch die Hauptstra�e auf und ab blickend, begann
Smiley die Allee hinunterzugehen. Auf beiden Seiten stand die Hecke hoch, und
bald konnte er nur noch den blassen Himmel �ber sich und die wuchernden
Weidengerten sehen, die sich ihm entgegenstreckten. Einmal glaubte er, Schritte
dicht hinter sich zu h�ren, aber als er stehenblieb, h�rte er nichts als das
verstohlene Rieseln der schneebeladenen Hecken. Er empfand die K�lte st�rker:
sie schien in dem unbeweglichen Dunst der tiefliegenden Stra�e zu h�ngen und
ihn wie die eisige Luft eines leeren Hauses zu fassen und zu halten. Dann wich
die Hecke zu seiner Linken einer sch�tteren Baumreihe, die nach Smileys Urteil
zu dem Geh�lz geh�rte, das er von der Stra�e aus gesehen hatte. Der Schnee
unter den B�umen lag ungleichm��ig, und der nackte Boden sah pl�tzlich h��lich
und zerrissen aus. Die Allee f�hrte ihn in einer allm�hlichen Kr�mmung nach links,
und urpl�tzlich stand das Haus vor ihm, unheimlich und schroff im Mondlicht.
Die Mauern waren aus Backstein und Flint, halb verdunkelt von dem Efeu, der es
�ppig �berwucherte und in einer verfilzten M�hne �ber das Tor fiel.</p><p>Er blickte
zum Garten. Das Geh�lz, das die Allee s�umte, griff fast bis zur Ecke des
Hauses �ber und erstreckte sich bis zum entfernten Rasenende, das Haus von den
Sportpl�tzen abschirmend. Der M�rder hatte das Haus auf einem Pfad erreicht,
der �ber den Rasen und zwischen den B�umen zur Allee am entferntesten
Gartenende f�hrte. Als Smiley sorgf�ltig den Schnee auf dem Rasen betrachtete,
konnte er den Verlauf des Pfades erkennen. Die wei�e Glast�r zur Linken des
Hauses mu�te zum Wintergarten f�hren ... Und pl�tzlich wu�te er, da� er Angst
hatte - Angst vor dem Haus, vor dem wuchernden dunklen Garten. Diese Erkenntnis
�berkam ihn wie das Bewu�tsein eines Schmerzes. Die Efeumauern schienen sich
vorzuneigen und ihn zu halten, wie eine alte Frau, die ein widerstrebendes Kind
liebkost. Das Haus war gro� und doch sch�big, in den j�hen Gegens�tzen des
Mondlichtes hielt es unheimliche Gebilde, schwarz und �lig, in sich fest. Trotz
seiner Angst fasziniert, bewegte er sich darauf zu. Die Schatten zerfielen und
formten sich wieder, schossen flink davon und blieben wieder regungslos,
versteckten sich im �ppigen Efeu oder verschmolzen mit den schwarzen Fenstern.</p><p>Erschrocken
empfand er die erste unfreiwillige Regung von Panik. Er hatte Angst; und dann
schlossen sich alle seine Sinne zu einem vereinten Schreckensschrei zusammen:
Anblick und Ger�usch und Ber�hrung lie�en sich in der wilden Erregung seines
Hirns nicht mehr unterscheiden. Er drehte sich um und rannte zum Tor zur�ck.
Dabei sah er �ber seine Schulter zum Haus.</p><p>Eine Frau
stand auf dem Pfad, sah ihn an, und hinter ihr bewegte sich die Wintergartent�r
langsam in den Angeln.</p><p>Eine
Sekunde stand sie ganz still, drehte sich dann um und lief zum Wintergarten
zur�ck. Smiley verga� seine Furcht und folgte ihr. Als er die Hausecke
erreichte, sah er zu seinem Erstaunen, da� sie an der T�r stand und sie sachte
hin und her bewegte, auf eine nachdenkliche, spielerische Art, wie ein Kind.
Sie hatte Smiley den R�cken zugewandt, drehte sich aber pl�tzlich zu ihm und sprach
mit dem sanften Tonfall von Dorset und dem kindlichen Lispeln einer Einf�ltigen:</p><p>�Ich
dacht', Sie w�r'n der Teufel, Mister, aber Sie ha'm ja keine Fl�gel.�</p><p>Smiley
z�gerte. Wenn er sich weiterbewegte, konnte sie wieder Angst bekommen und
weglaufen. Er blickte sie �ber den Schnee hinweg an und versuchte, sie klar zu
sehen. Sie schien eine Kapuze oder einen Schal �ber dem Kopf zu tragen und
einen dunklen Umhang um die Schultern. In der Hand hielt sie ein
Bl�tterb�schel, und dieses schwenkte sie sachte hin und her, als sie mit ihm
sprach: �Aber Sie k�nnen nix tun, Mister, weil ich die Stechpalmen hab', um Sie
festzuhalten. Blei'm Sie also sch�n da, denn die kleine Jane kann Sie halten.�
Sie sch�ttelte die Bl�tter heftig gegen ihn und begann leise zu lachen. Sie
hatte noch immer eine Hand an der T�r, und beim Sprechen baumelte ihr Kopf nach
einer Seite.</p><p>�Sie
blei'm von der kleinen Jane weg, Mister, so h�bsch sie auch is.�</p><p>�Ja,
Jane�, sagte Smiley sanft. �Sie sind ein sehr h�bsches M�dchen, das kann ich
sehen, und das ist ein h�bscher Umhang, den Sie da tragen, Jane.�</p><p>Von diesen
Worten offenbar entz�ckt, fa�te sie die Aufschl�ge ihres Capes und drehte sich
langsam, in der kindlichen Parodie einer feinen Dame.</p><p>Als sie
sich drehte, sah Smiley zwei leere Mantel�rmel an ihrer Seite schwingen.</p><p>�Manche
gibt's, die lachen �ber Janie�, sagte sie mit einem Ton von Gereiztheit in der
Stimme, �aber 's gibt nicht viele, die den Teufel fliegen gesehn ha'm. Aber
Janie hat'n gesehn, Janie hat'n gesehn. Silberfl�gel wie Fische hat er gehabt,
Janie sah's.�</p><p>�Wo hast
du den Mantel gefunden, Janie?�</p><p>Sie legte
die H�nde zusammen und bewegte langsam den Kopf hin und her.</p><p>�Der is'n
B�ser. Uh, der is'n B�ser, Mister�, und sie lachte leise. �Ich hab' ihn fliegen
gesehn, aufm Wind reiten�, sie lachte wieder, �und der Mond hinter ihm
beleuchtete den Weg! Sind so verwandt wie Schwestern, der Mond und der
Teufel.�</p><p>In einer
pl�tzlichen Eingebung ri� Smiley eine Handvoll Efeu von der Hausseite, hielt
ihn ihr hin und bewegte sich dabei langsam vorw�rts.</p><p>�M�gen Sie
Blumen, Janie? Hier sind Blumen f�r Janie; h�bsche Blumen f�r die h�bsche
Janie.� Er hatte sie fast erreicht, als sie mit bemerkenswerter Schnelligkeit
�ber den Rasen rannte, unter den B�umen verschwand und die Allee hinunterlief.
Smiley lie� sie entwischen. Er war in Schwei� gebadet.</p><p>Sowie er
das Hotel erreichte, telefonierte er mit Kriminalinspektor Rigby.</p><p>K�NIG ARTHURS KIRCHE</p><p>Der
Kaffee-Salon des Sawley Arms hat die gr��te �hnlichkeit mit dem Pavillon f�r
Tropenpflanzen im Botanischen Garten von Kew. In einem Zeitalter erbaut, da
Kaktus die Modepflanze und Bambus sein unentbehrlicher Gef�hrte war, hatte man
den Salon als das architektonische Abbild einer Dschungellichtung entworfen.</p><p>Stahls�ulen,
in Segmente aufgeteilt wie der Stamm einer Palme, trugen ein hohes Glasdach,
dessen k�nigliche Kuppel den afrikanischen Himmel ersetzte. Riesige Bronzeurnen
und gr�nglasiertes Steingut enthielten alles, was in der Kaktuswelt elegant
und �ppig war, und dazwischen konnten sich uralte Hotelg�ste auf Sofas aus
d�nnem Bambusrohr entspannen, warmen Kaffee schl�rfen und die Beschwerden einer
Safari wiedererleben.</p><p>Smileys
Bem�hungen, um halb elf Uhr nachts eine Flasche Whisky und einen Soda-Siphon zu
bekommen, wurden nicht sogleich belohnt. Es schien, da� die Journalisten wie
Aasgeier von einem Kadaver verschwunden waren. Das einzige Lebendige im Hotel
war der Nachtportier, der Smileys Bitte mit abweisender Mi�billigung
behandelte und ihm riet, zu Bett zu gehen. Smiley, von Natur durchaus nicht
hartn�ckig, entdeckte in seiner Manteltasche eine Halbkronenm�nze und dr�ckte
sie leicht gereizt dem alten Mann in die Hand. Das Resultat war, wenn nicht
magisch, so doch wirksam, und als Rigby das Hotel betrat, sa� Smiley vor einem
hellen Gasfeuer im Kaffee-Salon, Gl�ser und eine Whiskyflasche vor sich.</p><p>Smiley
berichtete seine Erlebnisse des Abends mit �berlegter Genauigkeit.</p><p>�Der
Mantel fiel mir auf. Es war ein schwerer Mantel, wie der eines Mannes�, schlo�
er. �Ich erinnerte mich an den blauen G�rtel und...� Er beendete den Satz
nicht.</p><p>Rigby
nickte, stand auf und ging energisch durch den Salon und die Pendelt�r und trat
zum Tisch des Portiers. Nach zehn Minuten kam er zur�ck.</p><p>�Ich
glaube, wir gehen lieber und schnappen sie�, sagte er nur. �Ich habe einen
Wagen beordert.�</p><p>�Wir?�
fragte Smiley.</p><p>�Ja, wenn
es Ihnen recht ist. Was ist los? Haben Sie Angst?�</p><p>�Ja�,
sagte er. �Ja, das habe ich.�</p><p>Das Dorf
Pylle liegt s�dlich von North Fields, auf einem hohen Bergvorsprung, der steil
aus den flachen, feuchten Wiesen von Carne herausragt. Es besteht aus einer
Handvoll Steinkaten und einem kleinen Gasthaus, wo man im G�stezimmer Bier trinken
kann. Von den Carne-Sportpl�tzen aus gesehen, k�nnte das Dorf leicht f�r einen
zutageliegenden Fels auf einem hohen H�gel gehalten werden, denn der Berg, auf
dem es liegt, sieht von der Nordseite kegelf�rmig aus. Lokalhistoriker
behaupten, da� Pylle die �lteste Siedlung in Dorset sei, da� sein Name angels�chsisch
�Hafen� bedeute und es den R�mern als Landeplatz diente, als die Niederungen
ringsum von der See bedeckt waren. Sie werden einem auch erz�hlen, da� K�nig
Arthur hier nach sieben Monaten auf See rastete und Sankt Andreas, dem
Schutzheiligen der Seefahrer, huldigte, auf der St�tte der Kirche von Pylle, wo
er f�r jeden Monat, den er zu Schiff verbracht hatte, eine Kerze stiftete; und
da� es in der zur Erinnerung an seinen Besuch erbauten Kirche, die bis heute
verlassen und vernachl�ssigt auf dem H�gel steht, eine Bronzem�nze als Zeugnis
seines Besuchs gibt - genau die, die K�nig Arthur dem K�ster schenkte, ehe er
wieder zur Insel Avalon absegelte.</p><p>Inspektor
William Rigby, selbst ein eifriger Lokalhistoriker, gab Smiley einen knappen
Abri� der legend�ren Vergangenheit von Pylle, w�hrend er vorsichtig die schneebedeckte
Landstra�e entlangfuhr.</p><p>�Diese
kleinen abgelegenen D�rfer sind ziemlich seltsame Orte�, schlo� er. �Oft nur
drei oder vier Familien, alle mit derartiger Inzucht, da� man sie ebensowenig
auseinanderhalten kann wie eine Scheune voll Katzen. Daher kommen die
Dorftrottel. Sie nennen's Teufelszeichen; ich nenne es Inzest. Sie k�nnen sie
im Dorf nicht ausstehen, wissen Sie - sie treiben sie um jeden Preis davon, als
versuchten sie, ihre Schande wegzuwaschen, wissen Sie.�</p><p>�Ich
wei�.�</p><p>�Diese
Jane geh�rt zur religi�sen Sorte. Zwei oder drei werden so. Die Dorfbewohner
von Pylle geh�ren jetzt alle zur Chapel-Sekte, deswegen hat man seit Wesley f�r
K�nig Arthurs Kirche keine Verwendung mehr gehabt. Steht leer und verf�llt.
Einige aus dem Tal kommen noch herauf, um sie zu besichtigen, wohl wegen ihrer
Geschichte, aber niemand k�mmert sich darum oder hat sich gek�mmert, bis Janie
einzog.�</p><p>�Einzog?�</p><p>�Ja. Sie
hat sich angew�hnt, die Kirche bei Nacht und Tag auszukehren, und bringt wilde
Blumen und so weiter herein. Darum sagen sie, sie sei 'ne Hexe.�</p><p>Sie fuhren
schweigend an Rodes Haus vorbei und begannen, nachdem sie die scharfe Kr�mmung
genommen hatten, den langen, steilen, zum Dorf Pylle hinauff�hrenden Berg zu
erklimmen. Der Schnee auf dem Feldweg war unber�hrt, und abgesehen von einem
gelegentlichen Schleudern kamen sie ohne Schwierigkeiten voran. Die tieferen
Bergh�nge waren bewaldet, die Stra�e war dunkel, bis sie sich pl�tzlich auf
einem glatten Plateau befanden, wo ein grimmiger Wind feinen Schnee wie Rauch
�ber die Felder blies und gegen das Auto peitschte. Der Schnee war auf der
einen Stra�enseite hochgeweht, und das Fahren wurde immer schwieriger.</p><p>Schlie�lich
stoppte Rigby den Wagen und sagte: �Von hier aus gehen wir zu Fu�, Sir, wenn es
Ihnen recht ist.�</p><p>�Wie weit
ist es noch?�</p><p>�Kurz und
bitter, w�rde ich sagen. Das ist das Dorf gerade voraus.� Durch die
Windschutzscheibe konnte Smiley hinter den treibenden Schleiern wehenden
Schnees zwei niedrige Geb�ude etwa vierhundert Meter entfernt erkennen. Als er
hinsah, kam eine gro�e, vermummte Gestalt die Stra�e entlang auf sie zu.</p><p>�Das ist
Ted Mundy�, sagte Rigby zufrieden. �Ich habe ihm gesagt, er soll hier sein. Er
ist der Sergeant von Okeford.� Er lehnte sich aus dem Wagenfenster und rief
fr�hlich:</p><p>�Hallo,
Ted, du alter Geier, wie steht's?� Er �ffnete die hintere T�r des Wagens, und
der Sergeant stieg ein. Smiley und Mundy wurden kurz vorgestellt.</p><p>�In der
Kirche ist Licht�, sagte Mundy, �aber ich wei� nicht, ob Janie da ist. Ich kann
im Dorf niemanden fragen, oder ich h�tte die ganze Bande um mich versammelt.
Sie dachten, sie w�re endg�ltig fortgegangen.�</p><p>�Schl�ft
sie denn da, Ted? Hat sie da ein Bett oder so was?� fragte Rigby, und Smiley
bemerkte mit Wohlgefallen, da� sein Dorset-Akzent deutlicher war, wenn er mit
Mundy sprach.</p><p>�So sagt
man, Bill. Ich konnte kein Bett finden, als ich letzten Samstag reinschaute.
Aber ich will dir etwas Merkw�rdiges erz�hlen, Bill. Es sieht so aus, als ob
Mrs. Rode hier manchmal raufgekommen ist zu der Kapelle, um Janie zu besuchen.�</p><p>�Ich habe
davon geh�rt�, sagte Rigby kurz. �Nun, wo liegt die Kirche?�</p><p>��ber dem
Berg�, sagte Mundy. �Au�erhalb vom Dorf, in einer Koppel.� Er wandte sich an
Smiley. �Das ist hier herum ganz �blich, Sir, wie Sie wohl wissen.� Mundy sprach
sehr langsam und w�hlte bedachtsam seine Worte. �Sehen Sie, als sie hier die
Pest hatten, lie�en sie ihre Toten in den D�rfern und zogen davon; aber nicht
weit, wegen ihres Landes und der Kirche. Schrecklich war das, schrecklich.�
Irgendwie bekam Mundy es fertig, den Eindruck zu vermitteln, als sei der
Schwarze Tod eine noch nicht weit zur�ckliegende, wenn nicht gar im Ged�chtnis
der Lebenden bewahrte Katastrophe.</p><p>Sie
stiegen aus dem Auto, die T�ren gegen den starken Wind aufstemmend, und machten
sich auf den Weg zum Dorf, Mundy voran und Smiley als dritter. Der feine und
harte Treibschnee stach ihnen ins Gesicht. Hoch auf dem wei�en Berg war es in
einer solchen Nacht ein unheimlicher Gang. Die Kr�mmung des kahlen Berggrates,
das Heulen des Windes, die Schneewolke, die rasch �ber den Mond zog, die
elenden, unbeleuchteten H�tten, an denen sie vorsichtig vorbeigingen, geh�rten
einer anderen Welt an.</p><p>Mundy
f�hrte sie scharf nach links, und Smiley vermutete, da� er durch Vermeidung der
Dorfmitte der Aufmerksamkeit seiner Bewohner zu entgehen hoffte. Nach einer
Wanderung von etwa zwanzig Minuten, oft durch tiefen Schnee, folgten sie einer
niedrigen Hecke zwischen zwei Feldern. In der �u�ersten Ecke des Feldes zur
Rechten sahen sie ein fahles Licht �ber den Schnee schimmern, so fahl, da�
Smiley zuerst den Blick abwenden und dann wieder auf die lange Zeile jener
fernen Hecke richten mu�te, um sich zu �berzeugen, da� er nicht einer T�uschung
unterlegen war. Rigby blieb stehen und winkte den anderen.</p><p>�Ich �bernehme
das jetzt�, sagte er. Er wandte sich an Smiley. �Ich w�re dankbar, Sir, wenn
Sie etwas abseits bleiben w�rden. Sollte es irgendwelche Unannehmlichkeiten
geben, m�chten wir Sie nicht gern darin verwickelt haben, nicht wahr?�</p><p>�Selbstverst�ndlich.�</p><p>�Ted
Mundy, du kommst zu mir.�</p><p>Sie
folgten der Hecke, bis sie zu einem Zauntritt kamen. Durch die L�cke in der
Hecke sahen sie die Kirche jetzt deutlich, ein niedriges Bauwerk, mehr eine
Scheune als eine Kirche. An einem Ende kam ein fahler Schimmer, wie das
ungewisse Licht einer Kerze, verschwommen durch die bleigefa�ten Fenster.</p><p>�Sie ist
da�, fl�sterte Mundy. Er und Rigby gingen weiter, Smiley folgte in einigem
Abstand.</p><p>Sie
�berquerten jetzt das Feld, Rigby voran; die Kirche r�ckte immer n�her. Neue
Ger�usche �bert�nten das �chzen des Sturms; das trockene Knarren einer T�r,
das Knistern eines verfallenden Daches, das unaufh�rliche Windseufzen �ber
einem sterbenden Haus. Die beiden M�nner vor Smiley waren stehengeblieben,
fast im Schatten der Kirchenmauer, und fl�sterten miteinander. Dann ging Mundy
leise davon und verschwand um die Ecke der Kirche. Rigby wartete einen Moment,
n�herte sich dann dem niedrigen Eingang an der R�ckwand und schob die T�r auf.</p><p>Sie ging
langsam auf und quietschte dabei gequ�lt in den Angeln. Dann verschwand er in
der Kirche. Smiley wartete drau�en; pl�tzlich h�rte er �ber allen
Nachtger�uschen einen Schrei, so beklommen, schrill und klar, da� er keinen
Ursprung zu haben, sondern �berall auf dem Wind hinzureiten und den zerrissenen
Himmel auf Fl�geln zu besteigen schien; und Smiley hatte eine Vision der
Verr�ckten Janie, wie er sie schon fr�her in der Nacht gesehen hatte, und h�rte
in ihrem sinnlosen Schrei wieder den schrecklichen Ton des Irrsinns,. Einen
Augenblick wartete er noch. Das Echo starb. Dann ging er langsam und
erschrocken durch den Schnee zur offenen T�r.</p><p>Zwei
Kerzen und eine Petroleumlampe auf dem kahlen Altar gossen ein tr�bes Licht
�ber die winzige Kapelle. Vor dem Altar, auf der Stufe des Heiligtums, sa�
Janie und sah vage in ihre Richtung. Ihr ausdrucksloses Gesicht war mit blauen
und gr�nen Flecken beschmiert, ihre schmutzigen Kleider waren mit Zweigen von
Immergr�n durchzogen, und �berall vor ihr auf dem Boden lagen die Leichen von
kleinen Tieren und V�geln.</p><p>Die
Kirchenb�nke waren �hnlich mit allen m�glichen toten Kreaturen geschm�ckt; auf
dem Altar lagen zerbrochene Zweige und kleine Haufen von Stechpalmen. Zwischen
den Kerzen stand ein grobgeformtes Kreuz. An Rigby vorbei ging Smiley schnell
den Chorgang hinunter, vorbei an Janes nachl�ssig dasitzender Gestalt, bis zum
Altar. Einen Moment z�gerte er, dann wandte er sich um und rief leise Rigby.</p><p>Auf dem
Kreuz, �ber seine drei Enden drapiert wie ein plumper Kranz, hing eine Kette
gr�ner Perlen.</p><p>BLUMEN F�R STELLA</p><p>Er
erwachte, das Echo ihres Schreis noch in den Ohren. Er hatte lange schlafen
wollen, aber seine Uhr zeigte erst halb acht. Nun drehte er seine Nachttischlampe
an, denn es war noch halb dunkel, und blickte sich mit Eulenaugen im Zimmer um.
Da waren seine Hosen, �ber den Stuhl geworfen, unten immer noch feucht vom
Schnee. Da waren seine Schuhe; er w�rde sich ein neues Paar kaufen m�ssen. Und
da neben ihm lagen die Notizen, die er sich in den fr�hen Morgenstunden gemacht
hatte, ehe er schlafen gegangen war, Ged�chtnisprotokolle von einigen der
Selbstgespr�che der Verr�ckten Janie, aufgezeichnet auf der R�ckfahrt nach
Carne, einer Fahrt, die er nie vergessen w�rde. Mundy hatte mit ihr auf dem
R�cksitz gesessen. Sie f�hrte Selbstgespr�che wie ein Kind, stellte Fragen und
beantwortete sie dann in dem geduldigen Ton eines Erwachsenen, f�r den sich die
Antworten von selbst verstehen.</p><p>Eine fixe
Idee schien ihren Geist zu erf�llen: sie hatte den Teufel gesehen. Sie hatte
ihn auf dem Winde fliegen sehen, seine silbernen Fl�gel hinter sich
ausgestreckt. Manchmal belustigte die Erinnerung sie, manchmal bl�hte sie sie
mit dem Gef�hl ihrer eigenen Bedeutung oder Sch�nheit auf, und manchmal
erschreckte sie sie, so da� sie st�hnte und weinte und ihn bat, sie zu verlassen.
Dann sprach Mundy freundlich mit ihr und versuchte, sie zu beruhigen. Smiley
�berlegte, ob sich Polizisten an den Schmutz solcher Dinge gew�hnten, an
Kleider, die nicht mehr waren als stinkende, um erb�rmliche Glieder gewickelte
Lumpen, an winselnde Bl�de, die sich festklammerten, schrien und weinten. Sie
mu�te endlose N�chte auf der Flucht gelebt, ihre Nahrung auf den Feldern und
in den M�lleimern gefunden haben seit der Mordnacht... Was hatte sie in jener
Nacht getan? Was hatte sie gesehen? Hatte sie Stella Rode get�tet? Hatte sie
den M�rder gesehen und sich eingebildet, er sei der auf dem Winde fliegende
Teufel? Warum sollte sie das denken? Wenn Janie Stella nicht ermordet hatte,
welcher Anblick hatte sie so erschreckt, da� sie drei lange Wintern�chte
angstvoll herumgeschlichen war wie ein Tier im Wald? Hatte der Teufel in ihr
Janie ergriffen und ihren Armen Kraft gegeben, als sie Stella niederschlug? War
das der Teufel, der auf dem Winde ritt?</p><p>Aber die
Perlen und der Mantel und die Fu�abdr�cke, die nicht von ihr stammte - was war
mit denen? Er lag da, dachte nach und kam zu keinem Ergebnis. Endlich war es
Zeit zum Aufstehen: es war der Morgen des Begr�bnisses.</p><p>Als er aus
dem Bett stieg, klingelte das Telefon. Es war Rigby. Seine Stimme klang
angestrengt und dringlich. �Ich m�chte Sie sprechen�, sagte er. �K�nnen Sie
vorbeikommen?�</p><p>�Vor oder
nach dem Begr�bnis?�</p><p>�Vorher,
wenn m�glich. Wie w�re es jetzt?�</p><p>�Ich bin
in zehn Minuten bei Ihnen.�</p><p>Rigby sah
zum erstenmal, seit Smiley ihn kennengelernt hatte, m�de und besorgt aus.</p><p>�Es ist
die Verr�ckte Janie�, sagte er. �Der Chef meint, wir sollten sie unter Anklage
stellen.�</p><p>�Weswegen?�</p><p>�Mord�,
sagte Rigby trocken und schob eine d�nne Akte �ber den Tisch. �Die alte N�rrin
hat etwas zu Protokoll gegeben... eine Art Gest�ndnis.�</p><p>Sie sa�en
schweigend da, w�hrend Smiley das ungew�hnliche Protokoll las. Es war mit der
Signatur der Verr�ckten Janie - J. L. - gezeichnet, in kindlicher Schrift und
mit zollhohen Buchstaben. Der Beamte, der es aufgenommen, hatte damit begonnen,
ihren Bericht zusammenzufassen und zu vereinfachen, aber am Ende der ersten
Seite hatte er dies offensichtlich verzweifelt aufgegeben. Endlich kam Smiley
zur Schilderung des Mordes:</p><p>�Dann sag'
ich meinem Liebling, ich sag zu ihr: &gt;Du bist ein unartiges Gesch�pf, da� du
mit dem Teufel gehst&lt;, aber sie h�rt nicht, siehst du, und ich wurde b�se
mit ihr, aber sie pa�te nicht auf. Ich kann die nicht leiden, die mit Teufeln
gehen in der Nacht, und ich sag' es ihr. Sie h�tte Stechpalmen haben sollen,
Mister, das ist die Wahrheit. Ich sag<sup/>es ihr, Mister, aber sie
wollte ja nicht h�ren, und das sind alles Janies Worte, aber Janie trieb den
Teufel weg, das tat Janie, und eine gibt's, die wird's mir danken, das ist mein
Liebling, und ich nahm ihren Schmuck, f�r die Heiligen tat ich's, um die Kirche
zu versch�nern, und einen Mantel, um mich zu w�rmen.�</p><p>Rigby
beobachtete ihn, wie er das Protokoll langsam wieder auf den Tisch zur�cklegte.</p><p>�Nun, was
halten Sie davon?�</p><p>Smiley
z�gerte. �Ziemlicher Unsinn, wie es da steht�, sagte er schlie�lich.</p><p>�Nat�rlich�,
sagte Rigby. Es klang ver�chtlich. �Sie sah etwas, Gott wei� was, als sie da
drau�en herumlungerte; um zu stehlen, wahrscheinlich. Sie kann die Leiche
beraubt haben, oder sie hat die Perlen aufgehoben, wo der M�rder sie
fallenlassen hat. Wir forschten wegen des Mantels nach. Geh�rte einem Mr.
Jardine, einem B�cker in Carne-Ost. Mrs. Jardine gab ihn Stella Rode letzten
Mittwoch f�r die Fl�chtlinge. Janie mu� ihn aus dem Wintergarten gestohlen
haben. Das hat sie mit dem &gt;um mich zu w�rmen&lt; gemeint. Aber sie hat
Stella Rode ebensowenig ermordet wie Sie oder ich. Wie ist es denn mit den
Fu�abdr�cken, den Handschuhspuren im Wintergarten? Au�erdem, sie ist nicht
stark genug - Janie ist das nicht, um diese arme Frau zw�lf Meter durch den
Schnee zu schleppen. Das ist M�nnerarbeit, wie jeder Mensch einsehen wird.�</p><p>�Was also
genau...�</p><p>�Wir haben
die Suche abgeblasen, und ich soll einen Haftbefehl vorbereiten gegen eine Jane
Lyn aus dem Dorf Pylle, wegen vors�tzlicher Ermordung von Stella Rode. Ich
wollte es Ihnen selbst sagen, bevor Sie es �berall in den Zeitungen lesen
k�nnen. Damit Sie wissen, wie es war.�</p><p>�Danke.�</p><p>�Wenn ich
Ihnen inzwischen irgendwie helfen kann, sind wir noch immer dazu bereit.� Er
z�gerte, schien noch etwas sagen zu wollen und es sich dann anders zu
�berlegen.</p><p>Als Smiley
die breite Treppe hinabging, kam er sich nutzlos vor und war sehr zornig, was
kaum die richtige Geistesverfassung f�r die Teilnahme an einer Beerdigung war.</p><p>Es war
eine bewundernswert organisierte Angelegenheit. Weder die Blumen noch die
Trauergemeinde �berstiegen das dem Anla� Angemessene. Sie wurde nicht in der
Abtei bestattet, vielleicht aus Achtung vor ihrem einfachen Geschmack, sondern
auf dem Gemeindefriedhof unweit von North Fields. Der Direktor war an dem Tag
verhindert, wie er das meistens war, und hatte seine Frau geschickt, eine
kleine, �u�erst ausdruckslose Frau, die lange in Indien gelebt hatte. D'Arcy
benahm sich sehr auffallend und flatterte vor der Feier wie ein eifriger
Pedell hier herum und da, und Mr. Cardew war gekommen, um die arme Stella durch
die ungewohnte anglikanische Hochkirchenprozedur zu geleiten. Die Hechts waren
anwesend, Charles ganz in Schwarz, geschrubbt und gl�nzend, und Shane in
dramatischer Aufmachung, mit einem sehr breitrandigen Hut.</p><p>Smiley,
der wie die anderen in Erwartung des ungesunden �ffentlichen Interesses, das
die Zeremonie vielleicht erregen w�rde, fr�hzeitig gekommen war, fand einen
Sitz in der N�he des Kircheneingangs. Er beobachtete jeden neu Ankommenden mit
Interesse und wartete auf seinen ersten Anblick von Stanley Rode.</p><p>Einige
Gesch�ftsleute trafen ein, in ausgebeulte Serge gezw�ngt und mit schwarzen
Schlipsen, und bildeten eine kleine Gruppe rechts des Mittelganges, abseits der
Lehrerschaft und ihrer Frauen. Bald stie�en andere Mitglieder der B�rgerschaft
zu ihnen, Frauen, die Stella Rode im Bethaus kennengelernt hatten, und dann
Rigby, der Smiley gerade ansah und kein Zeichen des Erkennens gab. Dann schritt
beim dritten Glockenschlag ein gro�er alter Mann langsam durch die Eingangst�r;
er sah gerade vor sich hin; kannte und sah niemanden. Neben ihm ging Stanley
Rode.</p><p>Er hatte
ein Gesicht, das Smiley beim ersten Anblick nichts sagte, da es weder den
Stempel eines Temperaments noch die ausgepr�gten Elemente eines Charakters zu
haben schien; es war ein seichtes, gew�hnliches Gesicht, zur Plumpheit neigend,
ohne Qualit�t. Es pa�te zu seinem gedrungenen, gew�hnlichen K�rper und seinem
schwarzen, gew�hnlichen Haar; es trug einen angemessenen Ausdruck von Trauer.
W�hrend Smiley ihn in das Mittelschiff eintreten und seinen Platz unter den
Hauptleidtragenden einnehmen sah, fiel ihm auf, da� Rodes Gang und Haltung
erforgreich etwas durchblicken lie�en, was Carne v�llig fremd war. Wenn es
vulg�r ist, in der Brusttasche der Jacke einen Federhalter zu tragen, einen
Island-Pullover und braune Schlipse zu bevorzugen, beim Gehen etwas
einzuknicken und die F��e ausw�rts zu drehen, dann war Rode ohne jeden Zweifel
vulg�r; denn obwohl er diese S�nden jetzt nicht beging, deutete sein Benehmen
doch auf ihr Vorhandensein hin.</p><p>Sie
folgten dem Sarg auf den Friedhof und versammelten sich um das offene Grab.
D'Arcy und Fielding standen beisammen, offenbar auf die Zeremonie konzentriert.
Die gro�e, �ltliche Gestalt, die die Kirche zusammen mit Rode betreten hatte,
war jetzt sichtlich bewegt, und Smiley erriet, da� es Stellas Vater war, Samuel
Glaston. Als die Zeremonie zu Ende war, entfernte sich der alte Mann schnell
von der Menge, nickte Rode kurz zu und verschwand in der Kirche. Er schien beim
Gehen einen Widerstand zu �berwinden, wie jemand, der gegen einen starken Wind
ank�mpft.</p><p>Die kleine
Gruppe bewegte sich langsam vom Grabe fort, bis nur noch Rode �brig war, eine
seltsame steife Gestalt, gespannt und beherrscht, die Augen geweitet, aber
irgendwie ins Leere blickend, den Mund zum strengen Ausdruck eines Lehrers gestrafft.</p><p>Dann
schien Rode, w�hrend Smiley zusah, aus einem Traum zu erwachen; sein K�rper
entspannte sich pl�tzlich, und auch er ging langsam, aber ganz zuversichtlich
vom Grabe zu der kleinen Gruppe, die sich jetzt am Friedhofstor wieder
versammelt hatte. Dabei sah ihn Fielding, in der Ecke der Gruppe, n�her kommen
und ging, zu Smileys �berraschung, ganz absichtlich und schnell mit dem
Ausdruck starken Abscheus davon. Es war nicht die berechnete Handlung eines
Mannes, der einen anderen beleidigen wollte, denn sie wurde weder von Rode noch
sonst von einem Umstehenden bemerkt. Wenn einer, dann schien Terence Fielding
von einer echten Gef�hlsregung �bermannt und gleichg�ltig dagegen zu sein,
welchen Eindruck er damit hervorrief.</p><p>Widerstrebend
n�herte sich Smiley der Gruppe. Rode stand ziemlich abseits, die D'Arcys waren
da und drei oder vier Mitglieder des Lehrerkollegiums. Niemand sprach viel.
�Mr. Rode?� erkundigte er sich.</p><p>�Das
stimmt, ja.� Rode sprach langsam, die Spur eines Akzents wurde sorgf�ltig vermieden.</p><p>�Ich
vertrete Miss Brimley von der �Christlichen Stimmen�</p><p>�Oh, ja.�</p><p>�Sie legte
gro�en Wert darauf, da� die Zeitschrift vertreten w�re. Ich dachte, Sie w�rden
das gern wissen.�</p><p>�Ich sah
Ihren Kranz; sehr g�tig, ganz gewi�.�</p><p>�Ihre Frau
war eine unserer treuesten Helferinnen�, fuhr Smiley fort. �Wir betrachteten
sie fast als zur Familie geh�rig.�</p><p>�Ja, sie
war sehr interessiert an der &gt;Stimme&lt;.�</p><p>Smiley
�berlegte, ob Rode immer so passiv war oder ob ihn der Trauerfall gleichg�ltig
gemacht hatte.</p><p>�Wann sind
Sie eingetroffen?� fragte Rode pl�tzlich. �Am Freitag.�</p><p>�Machen
ein Wochenende daraus, wie?�</p><p>Smiley war
einen Moment so erstaunt, da� ihm keine Erwiderung einfiel. Rode sah ihn immer
noch antwortheischend an.</p><p>�Ich habe
ein oder zwei Bekannte hier... Mr. Fielding ...�</p><p>�Oh,
Terence.�</p><p>Smiley war
�berzeugt, da� Rode mit Fielding nicht auf Duzfu� stand.</p><p>�Ich
m�chte, wenn es Ihnen recht ist�, begann Smiley vorsichtig, �gern f�r Miss
Brimley einen Nachruf schreiben. H�tten Sie etwas dagegen?�</p><p>�Stella
w�re das sehr recht gewesen.�</p><p>�Wenn Sie
nicht zu durcheinander sind, k�nnte ich vielleicht morgen wegen ein oder zwei
Einzelheiten bei Ihnen vorbeikommen?�</p><p>�Gewi�.�</p><p>�Elf Uhr?�</p><p>�Es wird
mir ein Vergn�gen sein�, antwortete Rode fast schnippisch, und sie gingen
zusammen zum Friedhofstor.</p><p>DIE TRAUERNDEN</p><p>Es war
eine sch�bige List, die er da gegen einen Mann anwandte, der pl�tzlich seine
Frau verloren hatte. Smiley wu�te das. Als er behutsam das Tor �ffnete und die
Auffahrt betrat, wo er vor zwei N�chten seine merkw�rdige Unterhaltung mit Jane
Lyn gehabt hatte, gestand er sich ein, da� er v�llig gewissenlos handelte, wenn
er Rode zu einer solchen Zeit unter irgendeinem Vorwand besuchte. Es war eine
Besonderheit von Smileys Charakter, da� er es w�hrend seiner ganzen
Geheimdienstarbeit niemals fertiggebracht hatte, die Mittel mit dem Zweck in
Einklang zu bringen. Als strenger Kritiker seiner eigenen Motive hatte er nach
langer Beobachtung herausgefunden, da� er sich weniger oft vom Intellekt leiten
lie�, als seine Gewohnheiten und Neigungen andeuten mochten; einmal war er im
Krieg von seinem Vorgesetzten als ein Mann beschrieben worden, der die List
Satans mit dem Gewissen einer Jungfrau vereinigt, und das schien ihm nicht ganz
ungerecht.</p><p>Er dr�ckte
auf den Klingelknopf und wartete.</p><p>Stanley
Rode �ffnete die T�r. Er war sehr sauber angezogen, wirkte sehr gepflegt.</p><p>�Oh,
hallo�, sagte er, als seien sie alte Freunde. �Sagen Sie, Sie haben nicht etwa
einen Wagen?�</p><p>�Ich habe
ihn leider in London gelassen.�</p><p>�Nicht so
wichtig.� Rode schien entt�uscht. �Dachte, wir h�tten vielleicht eine Fahrt
unternehmen und uns unterwegs unterhalten k�nnen. Ich kriege es langsam satt,
hier allein herumzumurksen. Miss D'Arcy hat mich gebeten, bei ihnen zu wohnen.
Sehr nette Leute, sehr nett, aber irgendwie wollte ich's nicht, noch nicht.�</p><p>�Ich
verstehe das.�</p><p>�Wirklich?�
Sie waren jetzt in der Halle. Smiley zog seinen Mantel aus, Rode wartete
darauf, ihn in Empfang zu nehmen. �Ich glaube, viele verstehen es nicht - die
Einsamkeit, meine ich. Wissen Sie, was sie gemacht haben, der Direktor und
D'Arcy? Sie haben es gut gemeint, ich wei�. Sie haben alle meine Korrekturen
weitervergeben - meine Examenskorrekturen. Was glaubt man wohl, was ich hier
allein machen soll? Ich habe keinen Unterricht, nichts; sie sind alle eingesprungen.
Man k�nnte glauben, sie wollen mich loswerden.�</p><p>Smiley
nickte vage. Sie gingen zum Wohnzimmer, Rode voran.</p><p>�Ich wei�,
sie meinten es gut, wie ich schon sagte. Aber schlie�lich mu� ich ja die Zeit
irgendwie hinbringen. Simon Snow hat einiges von meinen Aufgaben zum
Korrigieren bekommen. Haben Sie ihn vielleicht zuf�llig getroffen?
Einundsechzig Prozent hat er einem Jungen gegeben - einundsechzig! Der Junge
ist ein v�lliger Dummkopf; ich sagte Fielding am Semesterbeginn, da� er
unm�glich versetzt werden k�nne. Perkins ist sein Name, ein ganz netter Junge,
Pr�fekt in Fieldings Haus. Drei�ig Prozent w�ren schon viel f�r ihn...
einundsechzig Prozent gab ihm Snow. Ich habe die Pr�fungsarbeiten nat�rlich
noch nicht gesehen, aber es ist unm�glich, ganz unm�glich.�</p><p>Sie
setzten sich.</p><p>�Nicht,
da� ich etwas gegen das Weiterkommen des Jungen h�tte. Er ist ein ganz netter
Junge, nichts Besonderes, aber gute Manieren. Mrs. Rode und ich wollten ihn
dieses Semester mal zum Tee einladen. Wir h�tten es auch getan, wenn nicht...�</p><p>Einen
Augenblick herrschte Stille. Smiley wollte sprechen, aber Rode stand auf und
sagte:</p><p>�Ich habe
einen Kessel auf dem Herd, Mr - �</p><p>�Smiley.�</p><p>�Ich habe
einen Kessel auf dem Herd, Mr. Smiley. Darf ich Ihnen eine Tasse Kaffee
machen?� Diese schwache, starre Stimme mit den sorgf�ltig gezeichneten Kanten,
wie ein geliehener Cutaway, dachte Smiley.</p><p>Rode kam
nach ein paar Minuten mit einem Tablett zur�ck und ma� den Kaffee nach ihrem
pers�nlichen Geschmack in genauen Mengen zu.</p><p>Smiley war
st�ndig irritiert von Rodes gesellschaftlichem Getue und seinem dauernden
Bem�hen, seine Herkunft zu verbergen. Die ganze Zeit konnte man, aus jedem Wort
und jeder Geste, bestimmen, was er war; aus dem Abwinkeln seines Ellbogens beim
Kaffeetrinken, aus dem raschen, fachm�nnischen Zupfen am Knie seiner Hose beim
Hinsetzen.</p><p>�D�rfte
ich jetzt vielleicht...�, begann Smiley.</p><p>�Schie�en
Sie los, Mr. Smiley.�</p><p>�Wir sind
nat�rlich besonders an Mrs. Rodes Beziehung zu unserer Kirche interessiert.�</p><p>�Gewi�.�</p><p>�Sie sind
in Branxome getraut worden, nehme ich an.�</p><p>�Branxome
Berg-Bethaus; sch�ne Kirche.� D'Arcy h�tte die Art, wie er das sagte, nicht gemocht;
selbstsicherer Bursche auf einem Motorrad, Bleistifte in der Au�entasche.</p><p>�Wann war
das?�</p><p>�September
einundf�nfzig.�</p><p>�Hat sich
Mrs. Rode in Branxome karitativ bet�tigt? Ich wei�, sie war hier sehr aktiv.�</p><p>�Nein,
nicht in Branxome, aber hier sehr viel. Sie mu�te in Branxome ihren Vater
versorgen, wissen Sie. Hier befa�te sie sich eifrig mit Fl�chtlingshilfe. Die
kam erst sp�t im Jahre 1956 richtig in Gang - die Ungarn fingen damit an, und
dann dieses letzte Jahr...�</p><p>Smiley sah
Rode nachdenklich durch seine Brille an, verga� sich, zwinkerte und blickte
weg.</p><p>�Nahm sie
gro�en Anteil an den gesellschaftlichen Vorg�ngen in Carne? Hat die
Lehrerschaft eine eigene Frauenorganisation und so weiter?� fragte er unschuldig.</p><p>�Sie tat
ein bi�chen mit, ja. Aber da sie zur Chapel geh�rte, hielt sie haupts�chlich zu
den Chapel-Leuten aus der Stadt... Sie sollten Mr. Cardew danach fragen, er
ist der Prediger.�</p><p>�Aber darf
ich sagen, da� sie auch an Schulangelegenheiten aktiv teilnahm?�</p><p>Rode
z�gerte.</p><p>�Ja,
nat�rlich�, sagte er.</p><p>�Danke.�</p><p>Einen
Augenblick herrschte Schweigen, dann fuhr Smiley fort: �Unsere Leser werden
nat�rlich Mrs. Rode als Gewinnerin unseres Preisausschreibens f�r K�chenwinke
in Erinnerung haben. War sie eine gute K�chin, Mr. Rode?�</p><p>�Sehr gut,
in einfachen, nicht in ausgefallenen Sachen.�</p><p>�Gibt es
irgendeine kleine Einzelheit, die Sie besonders erw�hnt haben m�chten, irgend
etwas, von dem sie selbst gew�nscht h�tte, da� man sich deswegen an sie
erinnert?�</p><p>Rode sah
ihn mit ausdruckslosen Augen an. Dann zuckte er die Achseln.</p><p>�Nein,
eigentlich nicht. Mir f�llt nichts ein. Oh, Sie k�nnten sagen, da� ihr Vater
oben im Norden Friedensrichter war. Darauf war sie stolz.�</p><p>Smiley
trank seinen Kaffee aus und stand auf.</p><p>�Sie haben
mir sehr viel Zeit gewidmet, Mr. Rode. Wir sind Ihnen sehr dankbar, versichere
ich Ihnen. Ich werde daf�r sorgen, da� Sie ein Vorausexemplar unseres Berichtes
bekommen...�</p><p>�Danke.
Ich tat es f�r sie, wissen Sie. Sie mochte die &gt;Stimme&lt; schon immer.
Wuchs mit ihr auf.�</p><p>Sie
reichten einander die Hand.</p><p>��brigens,
wissen Sie, wo ich den alten Mr. Glaston antreffen k�nnte? Bleibt er noch in
Carne, oder ist er schon nach Branxome zur�ckgereist?�</p><p>�Er war
gestern hier. Er f�hrt heute nachmittag nach Branxome zur�ck. Die Polizei wollte
ihn vor seiner Abreise noch sprechen.�</p><p>�Ach so.�</p><p>�Er wohnt
im &gt;Sawley&lt;.�</p><p>�Danke.
Ich k�nnte versuchen, ihn zu treffen, bevor ich wegfahre.�</p><p>�Wann
reisen Sie denn ab?�</p><p>�Ziemlich
bald, denke ich. Adieu, Mr. Rode. �brigens -�</p><p>�Ja?�</p><p>�Wenn Sie
je in London sind und nicht wissen, was Sie anfangen sollen, wenn Sie den
Wunsch nach einem Tratsch versp�ren... und nach einer Tasse Tee, werden wir uns
immer freuen, Sie in der &gt;Stimme&lt; zu sehen. Immer.�</p><p>�Danke.
Vielen Dank, Mr - �</p><p>�Smiley.�</p><p>�Danke,
das ist sehr freundlich. Das hat mir seit langem niemand gesagt. Ich werde Sie
eines Tages beim Wort nehmen. Sehr nett von Ihnen.�</p><p>�Auf
Wiedersehen.� Wieder sch�ttelten sie einander die Hand; Rodes Hand war trocken
und k�hl. Glatt.</p><p>Er kehrte
zum �Sawley Arms� zur�ck, setzte sich in der leeren Hotelhalle an einen Tisch
und schrieb einen Brief an Mr. Glaston:</p><p>Sehr
geehrter Mr. Glaston,</p><p>ich bin im
Auftrag von Miss Brimley von der �Christlichen Stimme� hier. Ich habe einige
Briefe von Stella, von denen ich annehme, da� Sie sie vielleicht sehen m�chten.
Verzeihen Sie, da� ich Sie in diesem traurigen Augenblick behellige; wie ich
h�re, verlassen Sie Carne heute nachmittag, und ich m�chte fragen, ob ich Sie
vielleicht vor Ihrer Abreise sprechen k�nnte.</p><p>Er
verschlo� den Umschlag sorgf�ltig und trug den Brief zum Rezeptionspult. Dort
war niemand, er klingelte also und wartete. Endlich kam der Portier; wie ein
alter Gefangenenaufseher mit einem grauen, stoppeligen Gesicht sah er aus.
Nachdem er den Umschlag lange und kritisch gepr�ft hatte, war er f�r ein �bertriebenes
Trinkgeld bereit, ihn in Mr. Glastons Zimmer zu bef�rdern. Smiley blieb am
Pult und erwartete seine Antwort.</p><p>Smiley war
einer von jenen Einzelg�ngern, die vollkommen entwickelt mit achtzehn Jahren
auf die Welt gekommen zu sein schienen. Ein zur�ckgezogenes Dasein entsprach
sowohl seiner Natur als auch seinem Beruf. Die Nebenwege der Spionage werden
nicht von den lauten und farbenfrohen Abenteurern der Unterhaltungsliteratur
bev�lkert. Ein Mann, der wie Smiley jahrelang unter den Feinden seines Landes
gearbeitet hat, lernt nur ein Gebet: da� man nie, nie auffallen m�ge. Anpassung
ist sein h�chstes Ziel. Er lernt die Menschenmassen lieben, die an ihm auf der
Stra�e ohne einen Blick vor�bergehen; er h�ngt sich an sie um seiner Anonymit�t
und Sicherheit willen. Seine Furcht macht ihn servil - er k�nnte die Kauflustigen
umarmen, die ihn in ihrer Ungeduld sto�en und vom Gehsteig dr�ngen. Er k�nnte
die Beamten, die Polizisten, die Omnibuschauffeure wegen der harten
Gleichg�ltigkeit ihrer Haltung anbeten.</p><p>Doch diese
Furcht, diese Servilit�t, diese Abh�ngigkeit hatten in Smiley ein
Einf�hlungsverm�gen f�r die Eigenheit menschlicher Wesen entwickelt: eine
rasche, feminine Empfindsamkeit f�r ihre Charaktere und Motive. Er kannte die
Menschen wie ein J�ger seine Deckung, wie ein Fuchs den Wald. Denn ein Spion
mu� jagen, w�hrend er gejagt wird, und die Menge ist sein Revier. Er konnte
ihre Gesten und Worte ablesen, das Zusammenspiel von Blick und Bewegung
vermerken, wie ein J�ger das geknickte Farnkraut, den gebrochenen Zweig
registriert oder wie ein Fuchs die Zeichen der Gefahr entdeckt.</p><p>So war er,
w�hrend er geduldig auf Glastons Antwort wartete und sich die
zusammengedr�ngten Ereignisse der letzten achtundvierzig Stunden in Erinnerung
rief, imstande, sie gelassen zu ordnen und zu pr�fen. Was war der Grund von
D'Arcys Haltung gegen�ber Fielding, als seien sie widerwillige Teilhaber eines
sch�bigen Geheimnisses? �ber den verwahrlosten Hotelgarten zur Abtei von Carne
hin�berblickend, konnte er hinter dem Bleidach der Abtei die vertrauten Zinnen
der Schule erkennen: Sie lie�en die neue Welt nicht ein und sch�tzten die alte.
Vor seinem geistigen Auge sah er jetzt den gro�en Hof und die Jungen, die aus
der Kapelle kamen: die schwarz-r�ckigen Gruppen mit den l�ssigen Geb�rden, die
im England des achtzehnten Jahrhunderts �blich waren. Und er dachte an die
andere Schule neben der Polizeistation: die �ffentliche Schule von Carne; ein
kleines, sch�biges Geb�ude, wie ein Pf�rtnerhaus auf einem leeren Friedhof, so
weit entfernt vom Stil von Carne wie sein Back- und Feldstein von den safrangelben
Zinnen der Schulhalle.</p><p>Ja,
�berlegte er, Stanley Rode war der �ffentlichen Schule in Branxome ganz und gar
entwachsen. Und wenn er seine Frau ermordet hatte, so waren das Motiv - davon
war Smiley �berzeugt - und selbst das Mordwerkzeug in diesem m�hevollen Gang
nach Carne zu finden.</p><p>�Sehr
freundlich von Ihnen, da� Sie gekommen sind�, sagte Glaston, �freundlich von
Miss Brimley, Sie zu schicken. Es sind gute Leute an der &gt;Stimme&lt;; immer
gewesen.� Er sagte dies, als sei �gut� eine absolute Eigenschaft, mit der er
vertraut war.</p><p>�Sie lesen
am besten die Briefe, Mr. Glaston. Der zweite wird sie schockieren, f�rchte
ich, aber ich bin sicher, Sie werden mir zustimmen, da� es falsch von mir w�re,
ihn Ihnen nicht zu zeigen.� Sie sa�en im Kaffeesalon, die Mammutpflanzen wie
W�chter neben sich.</p><p>Er �bergab
Glaston die beiden Briefe, und der alte Mann nahm sie mit fester Hand und las
sie. Er hielt sie beim Lesen ziemlich weit von sich weg, den charaktervollen
Kopf zur�ckgeworfen, die Augen halb geschlossen, die scharfe Linie seines
Mundes an den Winkeln herabgezogen. Schlie�lich sagte er:</p></section><section><p>�Sie waren im Krieg mit Miss
Brimley zusammen, nicht wahr?�</p><p>�Ich habe mit John Landsbury
gearbeitet, ja.�</p><p>�Ich verstehe. Deswegen wandte sie
sich an Sie?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Geh�ren
Sie zur Chapel-Sekte?�</p><p>�Nein.�</p><p>Er schwieg
eine Weile, die H�nde im Scho� gefaltet, die Briefe vor sich auf dem Tisch.</p><p>�Stanley
geh�rte zur Chapel, als sie heirateten. Dann trat er �ber. Wu�ten Sie das?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Dort, wo
ich herkomme, im Norden, tun wir das nicht. Unsere Religion war etwas, wof�r
wir eintraten und siegten. Fast wie das Stimmrecht.�</p><p>�Ich wei�.�</p><p>Seine
Haltung war gerade, soldatisch. Er sah eher streng als traurig aus. Ganz
pl�tzlich richtete er seinen Blick auf Smiley und sah ihn lange und aufmerksam
an.</p><p>�Sind Sie
ein Schulmeister?� fragte er, und Smiley fiel ein, da� Samuel Glaston zu seiner
Zeit ein sehr schlauer Gesch�ftsmann gewesen war.</p><p>�Nein...
Ich habe mich mehr oder weniger zur�ckgezogen.�</p><p>�Verheiratet?�</p><p>�Ich war es.�</p><p>Wieder
fiel der alte Mann in Schweigen, und Smiley w�nschte, er h�tte ihn in Ruhe
gelassen.</p><p>�Sie war
eine gro�e Klatschbase�, �u�erte er endlich.</p><p>Smiley erwiderte nichts.</p><p>�Haben Sie es der Polizei gesagt?�</p><p>�Ja. Aber
sie wu�te schon Bescheid. Das hei�t, sie wu�te, da� Stella dachte, ihr Mann
werde sie ermorden. Sie hatte versucht, es Mr. Cardew zu sagen...�</p><p>�Dem
Prediger?�</p><p>�Ja. Er
meinte, sie w�re �berreizt und... von Wahnvorstellungen verfolgt.�</p><p>�Glauben
Sie, da� sie das nicht war?�</p><p>�Das wei�
ich nicht. Ich wei� es einfach nicht. Aber nach allem, was ich �ber Ihre
Tochter geh�rt habe, glaube ich nicht, da� sie geistesgest�rt war. Irgend etwas
erregte ihren Verdacht, irgend etwas erf�llte sie mit gro�er Furcht. Ich glaube
nicht, da� wir das einfach au�er acht lassen k�nnen. Ich halte es nicht f�r
einen Zufall, da� sie Angst hatte, bevor sie starb. Und deswegen glaube ich
nicht, da� die Bettlerin sie ermordet hat.�</p><p>Samuel
Glaston nickte langsam. Smiley schien es, da� der alte Mann Interesse zu zeigen
versuchte, teils aus H�flichkeit und andererseits, weil Teilnahmslosigkeit ein
Eingest�ndnis sein w�rde, da� er das Interesse am Leben selbst verloren hatte.</p><p>Dann
faltete er nach einem langen Schweigen die Briefe sorgf�ltig wieder zusammen
und gab sie ihm zur�ck. Smiley wartete darauf, da� er etwas sagen werde, aber
er sagte nichts.</p><p>Nach
einigen Augenblicken stand Smiley auf und verlie� leise den Raum.</p><p><emphasis/></p><p>KLEINE FRAUEN</p><empty-line/><p>Shane
Hecht l�chelte und nahm einen Schluck Sherry. �Sie m�ssen ja furchtbar wichtig
sein�, sagte sie zu Smiley, �wenn D'Arcy anst�ndigen Sherry serviert. Stehen
Sie im Gotha?�</p><p>�Leider
nicht. D'Arcy und ich haben Samstag abend bei Terence Fielding gegessen, und
D'Arcy hat mich zum Sherry eingeladen.�</p><p>�Terence
ist niedertr�chtig, nicht? Charles verabscheut ihn. Ich furchte, jeder von den
beiden sieht Sparta mit ganz anderen Augen... Armer Terence, es ist sein
letztes Semester.�</p><p>�Ich
wei�.�</p><p>�So nett
von Ihnen, da� Sie gestern zum Begr�bnis gekommen sind. Ich hasse Begr�bnisse,
Sie nicht auch? Schwarz ist so unhygienisch. Ich werde mich immer an das
Begr�bnis Georgs V. erinnern. Lord Sawley war damals am Hof und gab Charles
zwei Karten. So g�tig. Ich glaube immer, es hat uns f�r gew�hnliche Begr�bnisse
in gewisser Weise <strong><emphasis>verdorben. </emphasis></strong>Obwohl ich
mir �ber Begr�bnisse nie ganz klar bin, und Sie? Ich habe den Verdacht, da� sie
haupts�chlich eine Unterhaltung f�r die unteren Schichten sind; Cherry Brandy
und Aniskuchen in der guten Stube. Ich finde, Leute unserer Art neigen in
diesen Tagen zu einem <strong><emphasis>stillen </emphasis></strong>Begr�bnis;
keine Blumen, nur ein kurzer Nachruf und Ged�chtnisgottesdienst sp�ter.� Ihre
kleinen Augen strahlten vor Vergn�gen. Sie trank ihren Sherry aus und hielt
Smiley das leere Glas hin.</p><p>�W�rde es
Ihnen etwas ausmachen, mein Bester? Ich hasse Sherry, aber Felix ist ja so
knickrig.�</p><p>Smiley
f�llte ihr Glas aus der Karaffe auf dem Tisch.</p><p>�Schrecklicher
Mord, nicht? Dieses Bettelweib mu� verr�ckt sein. Stella Rode war eine so nette
Person, habe ich immer gefunden... und so <strong><emphasis>ungew�hnlich. </emphasis></strong>Sie machte so geschickte Sachen
aus ein und demselben Kleid... Aber sie hatte so merkw�rdige Freunde. Alles f�r
Hans, den Holzf�ller, und Pedro, den Fischer, wenn Sie wissen, was ich meine.�</p><p>�War sie
beliebt in Carne?�</p><p>Shane
Hecht lachte liebensw�rdig. �Niemand ist beliebt in Carne... aber es war nicht
leicht, sie zu m�gen... An Sonntagen trug sie schwarzen Krepp... Verzeihen Sie,
aber tun das die unteren Klassen immer? Die Leute in der Stadt mochten sie,
glaube ich. Sie sch�tzen ja jeden, der Carne verr�t. Aber sie war ja auch
Christian Science oder so was.�</p><p>�Baptistin,
soviel ich wei߫, sagte Smiley gedankenlos. Sie sah ihn einen Augenblick mit
unverhohlener Neugier an. �Wie s�߫, murmelte sie. �Sagen Sie, was <strong><emphasis>sind </emphasis></strong>Sie eigentlich?�</p><p>Smiley gab
eine scherzhafte Antwort, indem er sagte, er sei arbeitslos, und merkte, da� er
nur um Haaresbreite vermieden hatte, sich Shane Hecht zu offenbaren wie ein
kleiner Junge. Gerade ihre H��lichkeit, ihr Umfang und ihre Stimme, verbunden
mit der blasierten Bosheit ihrer Unterhaltung, gaben ihr die gef�hrliche
F�higkeit, andere zu beherrschen. Smiley war versucht, sie mit Fielding zu
vergleichen. Aber f�r Fielding existierten andere Menschen kaum. F�r Shane
Hecht existierten sie: sie waren da, um in kleinlichen Pr�fungen ihres
gesellschaftlichen Verhaltens als unzul�nglich erkannt, l�cherlich gemacht,
isoliert und vernichtet zu werden.</p><p>�Ich las in
der Zeitung, da� ihr Vater ziemlich wohlhabend war. Aus dem Norden. Zweite
Generation. Wirklich bemerkenswert, wie wenig verw�hnt sie war... so
nat�rlich. Man w�rde nicht denken, da� sie es n�tig hatte, zur Waschanstalt zu
gehen oder sich mit Bettlern anzufreunden... Aber die Midlands sind nat�rlich
anders, nicht?... Nur ungef�hr drei gute Familien zwischen Ipswich und
Newcastle. Woher kommen Sie, mein Bester?�</p><p>�London.�</p><p>�Wie nett.
Ich war einmal bei Stella zum Tee. Zuerst die Milch in die Tasse und dann
indischen Tee! So anders.� Sie sah Smiley pl�tzlich an und meinte: �Ich will
Ihnen etwas sagen. Ich bewunderte sie fast, so unertr�glich fand ich sie. Sie
war eine von den l�stigen kleinen Snobs, die denken, da� nur die Dem�tigen
tugendhaft sind.� Dann l�chelte sie und f�gte hinzu: �Ich stimmte sogar mit
Charles �ber Stella Rode �berein, und das will etwas hei�en. Wenn Sie die
Menschheit studieren wollen, gehen Sie hin und betrachten Sie ihn, der
Gegensatz ist fesselnd.� Doch in diesem Augenblick gesellte sich D'Arcys
Schwester zu ihnen, eine knochige, m�nnlich wirkende Frau mit unordentlichem
grauen Haar und einem arroganten, gierigen Mund.</p><p>�Dorothy,
Liebling�, murmelte Shane; �so eine wunderbare Party, so <strong><emphasis>nett. </emphasis></strong>Und so <strong><emphasis>aufregend, </emphasis></strong>jemand
aus London zu treffen, findest du nicht? Wir sprachen gerade �ber das Begr�bnis
der armen Mrs. Rode.�</p><p>�Stella
Rode hat vielleicht verdammt schlechte Manieren gehabt, Shane, aber sie hat
eine Menge f�r meine Fl�chtlinge getan.�</p><p>�Fl�chtlinge?�
fragte Smiley unschuldig.</p><p>�Ungarn.
Sammelte f�r sie. Kleider, M�bel, Geld.</p><p>Eine der
wenigen Frauen, die etwas <strong><emphasis>taten.� </emphasis></strong>Sie
blickte Shane Hecht, die milde an ihr vorbei zu ihrem Mann hin�berl�chelte,
scharf an: �Flei�iges kleines Gesch�pf war sie; machte sich nichts daraus, die
�rmel hochzukrempeln und von T�r zu T�r zu gehen. Brachte ihre kleinen Frauen
in der Baptistenkapelle auch dazu und schaffte eine Menge Zeug herbei. Das mu�
man ihnen lassen, wissen Sie. Sie haben Unternehmungsgeist. Felix, noch einen
Sherry!�</p><p>Es waren
ungef�hr zwanzig Personen in den zwei R�umen, aber Smiley, der etwas versp�tet
eingetroffen war, blieb bei einer Gruppe von ungef�hr acht kleben, die der T�r
am n�chsten standen: D'Arcy und seine Schwester; Charles und Shane Hecht; ein
junger Mathematiker namens Snow mit seiner Frau; ein Hilfsgeistlicher von der
Abtei und Smiley selbst, verwirrt und maulwurf�hnlich hinter seiner Brille.
Smiley blickte sich rasch im Zimmer um, konnte jedoch keine Spur von Fielding
entdecken.</p><p>�...Ja�,
fuhr Dorothy D'Arcy fort, �sie war eine gute kleine Arbeiterin, sehr... noch
bis zum Ende. Ich ging am Freitag hin�ber mit diesem Pfarrersmann vom
Blech-Bethaus - Cardew-, um nachzusehen, ob es da noch Fl�chtlingszeug
aufzur�umen gebe. Da war nichts am falschen Platz - jedes St�ck, das sie hatte,
war verpackt und adressiert; wir brauchten es nur abzuschicken. Sie war eine
verdammt gute kleine Arbeiterin, mu� ich schon sagen. Machte ihre Sache im
Basar gl�nzend, wei�t du.�</p><p>�Ja,
Liebling�, sagte Shane Hecht s��. �Ich erinnere mich genau. Es war der Tag, an
dem ich sie Lady Sawley vorstellte. Sie trug einen so reizenden kleinen Hut -
den, den sie sonntags trug, wei�t du. Und so respektvoll. Sie redete sie mit
&gt;Milady&lt; an.� Sie wandte sich an Smiley und hauchte: �Richtig feudal,
finden Sie nicht, mein Bester? Ich sch�tze das immer. Wir sind nur noch
wenige.�</p><p>Der
Mathematiker und seine Frau sprachen in einer Ecke mit Charles Hecht, und
einige Minuten sp�ter gelang es Smiley, sich aus der Gruppe herauszuwinden und
sich ihnen zuzugesellen.</p><p>Ann Snow
war eine h�bsche junge Frau mit einem etwas eckigen Gesicht und einer
Stupsnase. Ihr Mann war gro� und hager und hatte eine angenehm gebeugte
Haltung. Er hielt sein Sherryglas zwischen geraden, schlanken Fingern, als sei
es eine chemische Retorte, und wenn er sprach, schien er sich mehr an den
Sherry als an den H�rer zu wenden; Smiley erinnerte sich vom Begr�bnis an die
beiden. Hecht sah rot und ziemlich ver�rgert aus, er sog an seiner Pfeife. Sie
sprachen unzusammenh�ngend, ihre Unterhaltung wurde von dem Meinungsaustausch
der Nachbargruppe �bert�nt. Hecht wandte sich schlie�lich von ihnen ab, immer
noch stirnrunzelnd und in sich gekehrt, und stand betont allein bei der T�r.</p><p>�Arme
Stella�, sagte Ann Snow nach einem Augenblick der Stille. �Verzeihung, ich
kann sie noch nicht aus meinen Gedanken bekommen. Es scheint verr�ckt, einfach
verr�ckt. Ich meine, warum sollte sie es <strong><emphasis>getan </emphasis></strong>haben,
dieses Janie-Weib?�</p><p>�Mochten
Sie Stella?� fragte Smiley.</p><p>�Nat�rlich.
Sie war reizend. Wir sind jetzt vier Semester hier, aber sie war die einzige
hier, die zu uns wirklich freundlich gewesen ist.� Ihr Mann sagte nichts,
nickte nur seinem Sherry zu. �Simon war kein Carne-Sch�ler, sehen Sie - die
meisten Lehrer waren es-, daher kannten wir niemanden, und niemand interessierte
sich wirklich f�r uns. Sie taten selbstverst�ndlich alle so, als seien sie
furchtbar eingenommen von uns, aber es war Stella, die wirklich...�</p><p>Dorothy
D'Arcy st�rzte sich auf sie. �Mrs. Snow�, sagte sie energisch, �ich wollte mit
Ihnen sprechen. Ich m�chte, da� Sie Stella Rodes Job bei den Fl�chtlingen
�bernehmen.� Sie warf einen absch�tzenden Blick in Simons Richtung: �Der
Direktor ist an den Fl�chtlingen sehr interessiert.�</p><p>�Du meine
G�te!� antwortete Ann Snow erschrocken. �Ich k�nnte nicht, unm�glich, Miss
D'Arcy, ich...�</p><p>�Sie
k�nnten nicht? Warum k�nnten Sie nicht? Sie haben doch Mrs. Rode bei ihrem
Stand im Basar geholfen, oder?�</p><p>�Daher hat
sie also ihre Kleider bekommen�, hauchte Shane hinter ihnen.</p><p>Ann
verhedderte sich immer mehr:</p><p>�Aber... Nun,
ich habe nicht Stellas Energie, verstehen Sie mich; und au�erdem war sie
Baptistin: alle Ortsans�ssigen halfen ihr, gaben ihr Sachen, und alle mochten
sie leiden. Bei mir w�re das anders.�</p><p>�Lauter
verdammter Unsinn�, erkl�rte Miss D'Arcy, die zu allen, die j�nger waren als
sie, sprach, als seien sie Bediente oder unartige Kinder; und Shane Hecht sagte
neben ihr: �Baptisten sind doch die Leute, die keine eigenen Kirchenst�hle
m�gen, nicht? Sie haben ja so recht - man hat das Gef�hl, wenn man schon daf�r
bezahlt hat, dann mu� man auch hingehen.�</p><p>Der
Hilfsgeistliche, der sich in einer Ecke �ber Cricket unterhalten hatte, f�hlte
sich zu mildem Protest veranla�t: �Nein, wirklich, Mrs. Hecht, der eigene
Kirchenstuhl hatte viele Vorteile...� und lie� sich auf eine weitschweifige
Apologie des alten Brauchs ein, der Shane mit allen Anzeichen eifrigster
Teilnahme lauschte. Als er endlich fertig war, sagte sie: �Danke, William, mein
Bester, so s�߫, wandte ihm den R�cken zu und f�gte f�r Smiley im
B�hnengefl�ster hinzu: �William Trumper - einer von Charles' alten Sch�lern - solch
ein Triumph, als er sein Abitur bestand.�</p><p>Smiley,
erpicht darauf, sich von Shane Hechts Rache an dem Hilfsgeistlichen zu
distanzieren, wandte sich Ann Snow zu, aber diese war noch immer Miss D'Arcys
karitativen Absichten ausgeliefert, und Shane redete noch immer auf ihn ein:
�Der einzige Smiley, von dem ich je geh�rt habe, heiratete Lady Ann Sercombe am
Ende des Krieges. Sie verlie� ihn nat�rlich bald danach. Eine sehr merkw�rdige
Verbindung. Ich habe geh�rt, er habe gar nicht zu ihr gepa�t. Sie war Lord
Sawleys Kusine, wissen Sie. Die Sawleys sind seit vierhundert Jahren mit Carne
verbunden. Der jetzige Erbe ist ein Sch�ler von Charles; wir dinieren oft im
Schlo�. Ich habe nie geh�rt, was aus Ann Sercombe geworden ist... sie ging nach
Afrika... oder war es Indien? Nein, es war Amerika. So tragisch. Man spricht im
Schlo� nicht dar�ber.� Einen Augenblick h�rte der L�rm im Zimmer auf. Einen
Augenblick, nicht l�nger, konnte er nichts wahrnehmen als den beharrlichen
Blick, den Shane Hecht auf ihn richtete, und er wu�te, da� sie auf eine Antwort
wartete. Und dann lie� sie ihn los, als wollte sie sagen: Ich k�nnte Sie
zerquetschen, sehen Sie, aber ich will's nicht. Ich werde Sie leben lassen; und
sie drehte sich um und ging davon.</p><empty-line/><p>Er richtete es so ein, da� er zur gleichen Zeit wie Ann
und Simon Snow aufbrach. Sie hatten einen alten Wagen und bestanden darauf,
Smiley zu seinem Hotel zur�ckzubringen. Unterwegs sagte er:</p><p>�Wenn Sie
nichts Besseres vorhaben, w�rde ich mich freuen, wenn ich Sie beide zum Dinner
in meinem Hotel einladen d�rfte. Ich f�rchte blo�, das Essen ist gr��lich.�</p><p>Die Snows
protestierten und nahmen an, und eine Viertelstunde sp�ter sa�en alle drei in
einer Ecke des riesigen Speisesaals im Hotel �Sawley Arms�, zur gro�en
Verzweiflung von drei Kellnern und einem Dutzend Generationen von Lord Sawleys
Ahnen, aufgedunsenen Herren in abbr�ckelnden �lfarben.</p><p>�Wir
lernten sie wirklich erst in unserem zweiten Semester kennen�, setzte Ann Snow
fort. �Stella verkehrte nicht viel mit den anderen Frauen - sie wu�te damals
schon, warum. Sie ging nicht zu Kaffeegesellschaften und so weiter, daher war
es ein wirkliches Gl�ck, da� wir uns trafen. Als wir hierherkamen, war kein
Lehrerhaus f�r uns verf�gbar; wir mu�ten das erste Semester in einem Hotel
verbringen. Am Ende unseres zweiten Semesters zogen wir in ein kleines Haus in
der Bread Street. Der Umzug war ein Chaos - Simon hatte Pr�fungen f�r die
Stipendienkandidaten, und wir waren so schrecklich pleite, da� wir alles nur
M�gliche selbst machen mu�ten. Es war ein nasser Donnerstagmorgen, als wir
umzogen. Der Regen str�mte nur so herunter; aber keines von unseren guten
M�belst�cken wollte durch die Haust�r gehen, und am Ende luden mich die M�belpacker
der Spedition Mulligan einfach an der T�rschwelle ab und �berlie�en es mir,
damit fertig zu werden.� Sie lachte, und Smiley dachte, was f�r ein
liebensw�rdiges Kind sie doch war. �Sie waren absolut ekelhaft. Sie w�ren
einfach weggefahren, glaube ich, aber sie wollten einen Scheck, sowie sie die
Lieferung gemacht hatten, und die Rechnung betrug viel mehr als der Voranschlag.
Ich hatte nat�rlich auch das Scheckbuch nicht. Simon war damit ausgegangen. Die
Leute von Mulligan drohten sogar, das ganze Zeug wieder fortzubringen. Es war
entsetzlich. Ich glaube, ich war den Tr�nen nahe.� Sie ist's beinahe jetzt
noch, dachte Smiley. �Dann erschien Stella wie aus heiterem Himmel. Ich wei�
nicht, woher sie �berhaupt wu�te, da� wir umzogen - ich bin sicher, niemand
sonst wu�te es. Sie hatte einen Overall und ein altes Paar Schuhe mitgebracht,
und sie war gekommen, um zu helfen. Als sie sah, was vorging, k�mmerte sie sich
�berhaupt nicht um die M�nner, ging einfach zum Telefon und rief Mr. Mulligan
selbst an. Ich wei� nicht, was sie ihm sagte, aber sie lie� den Vorarbeiter
hinterher mit ihm sprechen, und danach gab es keinen �rger mehr. Sie war
schrecklich gl�cklich - gl�cklich zu <strong><emphasis>helfen. </emphasis></strong>So ein
Mensch war sie. Sie hoben kurzerhand die T�r aus den Angeln und bekamen es
fertig, alles hineinzuschaffen. Sie verstand es wunderbar zu helfen, ohne zu
kommandieren. Die �brigen Frauen�, f�gte sie bitter hinzu, �sind gut im
Kommandieren, helfen aber �berhaupt nicht.�</p><p>Smiley
nickte und f�llte diskret ihre Gl�ser.</p><p>�Simon
geht�, sagte Ann, pl�tzlich vertraulich. �Er hat ein Stipendium, und wir gehen
nach Oxford zur�ck. Er wird seinen Dr. phil. machen und eine Stelle an der
Universit�t bekommen.�</p><p>Sie
tranken auf seinen Erfolg, und die Unterhaltung wandte sich anderen Dingen zu,
bis Smiley fragte: �Wie ist es denn, mit Rode zu arbeiten?�</p><p>�Er ist
ein guter Lehrer�, sagte Simon langsam, �aber unangenehm als Kollege.�</p><p>�Oh, er
war ganz anders als Stella�, sagte Ann; �schrecklich Carne-bewu�t. D'Arcy nahm
sich seiner an, und er wurde davon angesteckt. Simon sagt, alle Leute aus
�ffentlichen Schulen werden so - es ist die Wut des Konvertiten. Widerlich. Er
wechselte sogar seine Religion, als er nach Carne kam. Aber Stella tat es
nicht; sie dachte nicht im Traum daran.�</p><p>�Die
Staatskirche hat in Carne viel zu bieten�, bemerkte Simon, und Smiley erfreute
sich an der trockenen Pr�zision seiner �u�erung.</p><p>�Stella
ist wohl nicht besonders gut mit Shane Hecht ausgekommen?� sondierte Smiley
sanft.</p><p><strong><emphasis>�Nat�rlich </emphasis></strong>nicht!� erkl�rte Ann zornig. �Shane
war ekelhaft zu ihr, verh�hnte sie immer, weil sie ehrlich und schlicht �ber
das sprach, was ihr gefiel. Shane ha�te Stella - ich glaube deswegen, weil
Stella gar keine distinguierte Lady sein wollte. Sie war ganz zufrieden, sie
selbst zu sein. Genau das irritierte Shane. Shane hat es gern, wenn die
Menschen miteinander konkurrieren, so da� sie sie l�cherlich machen kann.�</p><p>�Das tut
auch Carne�, sagte Simon leise.</p><empty-line/><p>�Bei der
Fl�chtlingshilfe war sie sehr gut. Dadurch kam sie erst richtig in
Schwierigkeiten.� Ann Snows schlanke H�nde wiegten sanft ihr Kognakglas.
�Schwierigkeiten?�</p><p>�Unmittelbar
vor ihrem Tod. Hat Ihnen das niemand erz�hlt? Von ihrem schrecklichen Krach
mit D'Arcys Schwester?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Nat�rlich
h�tte man es nicht getan. Stella klatschte nie.�</p><p>�Ich
will's Ihnen erz�hlen�, sagte Simon. �Es ist eine gute Geschichte. Als die
Sache mit dem Fl�chtlingsjahr anfing, war Dorothy D'Arcy von karitativem
Enthusiasmus entflammt. Ebenso der Direktor. Dorothys Schw�rmereien scheinen
immer den seinen zu entsprechen.</p><p>Sie
begann, Kleider und Geld zu sammeln und es nach London zu verfrachten. Alles
ganz lobenswert, aber es war ein v�llig gleichwertiges, vom B�rgermeister
gestartetes Unternehmen der Stadt im Gange. Das war aber nicht gut genug f�r
Dorothy: Die Schule mu�te ihren eigenen Aufruf machen; man kann seine
Wohlt�tigkeit nicht vermischen. Ich glaube, dahinter stand haupts�chlich Felix.
Wie dem auch sei, nachdem die Sache einige Monate im Gange gewesen war,
schrieb das Fl�chtlingszentrum offenbar an Dorothy und fragte, ob jemand bereit
sei, ein Fl�chtlingspaar bei sich aufzunehmen. Anstatt den Brief bekanntzumachen,
schrieb Dorothy umgehend zur�ck, da� sie selbst es aufnehmen w�rde. So weit, so
gut. Das Paar erschien, Dorothy und Felix wiesen mit stolzem Finger auf sie,
und die Lokalpresse berichtete ausf�hrlich �ber dieses Beispiel britischer
Humanit�t.</p><p>Eines
Nachmittags, sechs Wochen sp�ter, erschienen die beiden auf Stellas Schwelle.
Die Rodes und die D'Arcys sind Nachbarn, wissen Sie, und Stella hatte
jedenfalls versucht, sich f�r Dorothys Fl�chtlinge zu interessieren. Die Frau
vergo� Tr�nenfluten, und der Mann schrie Zeter und Mordio, aber das be�ngstigte
Stella nicht. Sie holte sie direkt ins Wohnzimmer und gab ihnen Tee.
Schlie�lich bekamen sie es fertig, in Basic English zu erkl�ren, da� sie von
den D'Arcys wegen der Behandlung, die sie erfuhren, weggelaufen seien. Von der
Frau wurde erwartet, da� sie von morgens bis nachts in der K�che arbeitete, und
der Mann wurde als unbezahlter Stallbursche f�r die biestigen Spaniels
verwendet, die Dorothy z�chtete. Die ohne Nasen.�</p><p>�King
Charles�, soufflierte Ann.</p><p>�Es war
ungef�hr so schlimm, wie es nur sein konnte. Die Frau war schwanger, und er war
ein voll ausgebildeter Mechaniker, so da� beide f�r Hausarbeit nicht gerade
geeignet waren. Sie sagten Stella, da� Dorothy bis zum Abend fort sei - sie war
zu einer Hundeschau gegangen. Stella riet ihnen, zun�chst einmal bei ihr zu bleiben,
und ging am Abend zu Dorothy hin�ber und sagte ihr, was geschehen war. Sie
hatte ziemlichen Mut, nicht wahr? Aber eigentlich war es nicht Mut. Sie tat das
Nat�rliche.</p><p>Dorothy
D'Arcy war sehr w�tend und verlangte, Stella solle &gt;ihre Fl�chtlinge&lt; sofort
zur�ckgeben. Stella antwortete, sie sei sicher, da� sie nicht kommen w�rden,
und ging wieder nach Hause. Zu Hause rief sie die Fl�chtlingsstelle in London
an und fragte um Rat. Man schickte eine Frau zu Dorothy und dem Paar, mit dem
Ergebnis, da� sie am n�chsten Tag nach London zur�ckkehrten ... Sie k�nnen
sich vorstellen, was Shane Hecht aus dieser Geschichte gemacht h�tte.�</p><p>�Kam sie
nie darauf?�</p><p>�Stella
erz�hlte niemandem au�er uns davon, und wir gaben es nicht weiter. Dorothy lie�
nur verlauten, da� die Fl�chtlinge in London irgendeine Arbeit gefunden h�tten,
und damit hatte es sich.�</p><p>�Wie lange
ist es her, da� das passierte?�</p><p>�Sie
reisten vor genau drei Wochen ab�, sagte Ann zu ihrem Mann. �Stella sagte es
mir, als sie an dem Abend, an dem du wegen deiner Vorsprache in Oxford warst,
zum Abendessen kam. Das war heute vor drei Wochen.� Sie wandte sich an Smiley:
�Der arme Simon machte eine gr��liche Zeit durch. Felix D'Arcy hatte Rodes
s�mtliche Pr�fungskorrekturen auf ihn abgeladen. Es ist schon schlimm genug,
die Korrekturen f�r eine Person zu machen - f�r zwei ist es wahnsinnig.�</p><p>�Ja�,
antwortete Simon nachdenklich. �Es war eine schlimme Woche. Und ziemlich
dem�tigend in gewisser Weise. Einige der Jungen, die in Naturwissenschaft bei
mir waren, sind nun in Rodes Klassen. Ich betrachte ein oder zwei von ihnen als
praktisch unbelehrbar, aber Rode scheint sie gro�artig vorangebracht zu haben.
Ich gab einem der Sch�ler - Perkins - einundsechzig Prozent auf seine Arbeit
in elementarer Naturwissenschaft. Im letzten Semester bekam er f�nfzehn Prozent
in einer viel leichteren Arbeit. Er wurde nur in die n�chste Klasse versetzt,
weil Fielding die H�lle loslie�. Er war in Fieldings Haus.�</p><p>�Oh, ich
wei� - ein rothaariger Junge, ein Pr�fekt.�</p><p>�Gro�er
Gott!� rief Simon. �Sie wollen doch nicht sagen, da� Sie ihn kennen?�</p><p>�Oh,
Fielding machte uns bekannt�, sagte Smiley ausweichend. ��brigens - sonst hat
niemand diesen Zwischenfall mit Miss D'Arcys Fl�chtlingen Ihnen gegen�ber
erw�hnt? Hat ihn sozusagen best�tigt?�</p><p>Ann Snow
sah ihn seltsam an. �Nein. Stella erz�hlte uns davon, aber Dorothy D'Arcy
sprach nat�rlich �berhaupt nie davon. Sie mu� Stella jedoch <strong><emphasis>geha�t </emphasis></strong>haben.�</p><p>Er brachte
sie zu ihrem Wagen und wartete trotz ihrer Proteste, w�hrend Simon ihn anlie�.
Endlich fuhren sie ab, das Auto heulte die stille Stra�e hinunter. Smiley
stand noch einen Augenblick auf dem Gehsteig, eine seltsame, einsame Gestalt,
und blickte die leere Stra�e hinab.</p><empty-line/><p>EINEN MANTEL, UM SIE ZU W�RMEN</p><empty-line/><p>Ein Hund,
der den Postboten nicht gebissen hatte; ein Teufel, der auf dem Wind dahinfuhr;
eine Frau, die wu�te, da� sie sterben w�rde; ein besorgter kleiner Mann im
Mantel, der vor seinem Hotel im Schnee stand, und vom Turm der Abtei das
m�hsame Glockenschlagen, das ihm zu Bett zu gehen befahl.</p><p>Smiley
z�gerte, �berquerte dann mit einem Achselzucken die Stra�e zum Hoteleingang,
stieg die Stufen hinauf und trat in das d�rftige gelbe Licht der Halle. Langsam
ging er die Treppe nach oben.</p><p>Er
verabscheute das �Sawley Arms�. Das ged�mpfte Licht in der Halle war typisch:
unwirksam, antiquiert und selbstgef�llig. Wie die Kellner im Speisesaal und die
ged�mpften Stimmen im Salon, wie sein eigenes scheu�liches Zimmer mit den
blauen und vergoldeten Urnen und dem gerahmten Wandteppich, dem Bild eines
Gartens in Buckinghamshire.</p><p>Sein
Zimmer war bitterkalt; das M�dchen mu�te das Fenster ge�ffnet haben. Er steckte
einen Shilling in den Z�hler und stellte das Gas an. Das Feuer blubberte
mi�mutig und ging aus. Murrend sah Smiley sich nach Schreibpapier um und fand,
sehr zu seiner �berraschung, etwas in der Schublade des Schreibtisches. Er zog
seinen Pyjama und seinen Schlafrock an und kroch ins Bett. Nachdem er da
ungem�tlich einige Minuten gesessen hatte, stand er wieder auf, holte seinen
Mantel und breitete ihn �ber die Daunendecke. Ein Mantel, um sie zu w�rmen...</p><p>Wie hie�
es in ihrer Aussage? �Eine gibt's, die wird's mir danken, das ist mein
Liebling, und ich nahm ihren Schmuck, f�r die Heiligen tat ich's, und einen
Mantel, um mich zu w�rmen...� Der Mantel war Stella am letzten Mittwoch f�r die
Fl�chtlinge gegeben worden. Nach der Art ihrer Aussage schien die Annahme
vern�nftig, da� Janie den Mantel zur selben Zeit aus dem Schuppen genommen
hatte wie die Perlen von Stellas Leiche. Aber Dorothy D'Arcy war am
Freitagmorgen dort gewesen - nat�rlich, mit Mr. Cardew-, sie hatte an eben
diesem Abend auf ihrer Party dar�ber gesprochen: �Da war nichts am falschen
Platz - jedes St�ck Kleidung, das sie hatte, war verpackt und adressiert -
�eine verdammt gute kleine Arbeiterin, mu� ich sagen...� Warum hatte dann
Stella den Mantel nicht verpackt? Wenn sie alles andere verpackt hatte, warum
nicht auch den Mantel?</p><p>Oder hatte
Janie den Mantel fr�her am Tag gestohlen, noch ehe Stella ihr Paket machte?
Wenn es so war, dann bedeutete es eine gewisse Entlastung f�r Janie. Aber so
war es nicht. Es war nicht so, weil es v�llig unwahrscheinlich war, da� Janie
am Nachmittag einen Mantel stehlen und am selben Abend zum Haus zur�ckkehren
w�rde.</p><p>�Beginn
doch beim Anfang�, murmelte Smiley etwas lehrhaft zu dem wappengeschm�ckten
Papier auf seinem Scho�. �Janie stahl den Mantel zu derselben Zeit, als sie
die Perlen stahl - das hei�t, nachdem Stella tot war. Folglich war der Mantel
entweder nicht mit den anderen Kleidungsst�cken verpackt worden oder...�</p><p>Oder was?
Oder <strong><emphasis>jemand anders, </emphasis></strong>jemand,
der nicht Stella Rode war, verpackte die Kleidungsst�cke, nachdem Stella Rode
gestorben und ehe Dorothy D'Arcy und Mr. Cardew am Freitagmorgen nach North
Fields gekommen waren. Und warum, zum Teufel, dachte Smiley, sollte jemand das
tun?</p><empty-line/><p>Es war
eines von Smileys Grundprinzipien bei Nachforschungen gewesen, ob er sich mit
den Inkunabeln eines obskuren Dichters oder den m�hsam gesammelten
Bruchst�cken der Spionage befa�te, nicht weiter zu gehen, als das
Beweismaterial reichte. Hatte man einmal eine Tatsache logisch festgestellt,
dann durfte man ihr nicht mehr Bedeutung beimessen, als ihr zukam.
Dementsprechend spekulierte er nicht weiter �ber die bemerkenswerte Entdeckung,
die er gemacht hatte, sondern wandte sich der am schwersten zug�nglichen Seite
des Ganzen zu: dem Motiv f�r den Mord. Er begann zu schreiben:</p><p>Dorothy
D'Arcy - Groll nach Fl�chtlingsfiasko. Als Motiv f�r Mord - entschieden zu
schwach. Und doch, warum schien sie solchen Wert darauf zu legen, Stellas Lob
zu singen?</p><p>Felix
D'Arcy - lehnte Stella ab, weil sie die Ma�st�be von Carne nicht beachtete. Als
Motiv f�r Mord - l�cherlich.</p><p>Shane
Hecht - Ha�.</p><p>Terence
Fielding - in einer geistig normalen Welt, kein denkbares Motiv.</p><p>Aber war
es eine geistig normale Welt? Jahraus, jahrein mu�ten sie das gleiche Leben
teilen, den gleichen Leuten das gleiche sagen, die gleichen Hymnen singen. Sie
hatten kein Geld, keine Hoffnung. Die Welt ver�nderte sich, die Mode; die
Frauen sahen es aus zweiter Hand in den Magazinen; verk�rzten ihre Kleider,
steckten die Haare auf und ha�ten ihre M�nner noch etwas mehr. Shane Hecht -
t�tete sie Stella Rode? Verbarg sie in der sterilen Allwissenheit ihres
gewaltigen K�rpers nicht nur Ha� und Eifersucht, sondern auch den Mut zu t�ten?
Hatte sie Angst f�r ihren dummen Mann, Angst vor Rodes Bef�rderung, vor seiner
Klugheit? War sie wirklich so zornig, als Stella es ablehnte, sich an dem
gemeinsamen Wettkampf um Vornehmheit zu beteiligen?</p><p>Rigby
hatte recht - das zu wissen war unm�glich. Man mu�te krank, mu�te bettl�gerig
sein, um das zu verstehen, man mu�te dort im Sanatorium sein, nicht wochen-,
sondern jahrelang, mu�te eines in der Reihe der wei�en Betten sein, um den
Geruch ihres Essens und die Gier in ihren Augen zu kennen. Man mu�te es h�ren
und sehen, ein Teil davon sein, um ihre Spielregeln zu kennen und ihre
�bertretungen dieser Regeln zu begreifen. Diese Welt war in eine Form anomaler
Konventionen zusammengepre�t: blind, pharis�erhaft, aber real.</p><p>Und doch
zeichnete sich einiges deutlich genug ab: die seltsame Bindung, die Felix
D'Arcy und Terence Fielding trotz ihrer gegenseitigen Abneigung aneinanderkettete;
D'Arcys Widerstreben, �ber die Mordnacht zu sprechen; da� Fielding offenkundig
Stella Rode ihrem Mann gegen�ber vorzog; Shane Hechts Geringsch�tzung aller.</p><p>Er konnte
Shane nicht aus seinen Gedanken verdr�ngen. W�re Carne ein rationaler Ort
gewesen und jemand mu�te dort sterben, dann h�tte es eigentlich Shane Hecht
sein m�ssen. Sie speicherte die Geheimnisse anderer Leute, sie hatte einen
untr�glichen Sinn f�r ihre Schw�chen. Hatte sie nicht sogar Smiley ertappt? Sie
hatte ihn mit seiner ungl�cklichen Heirat verspottet, sie hatte zu ihrem
eigenen Vergn�gen mit ihm gespielt. Ja, sie war als m�gliches Opfer eines
Mordes gro�artig geeignet.</p><p>Aber
warum, in aller Welt, mu�te Stella Rode sterben? Warum und wie? Wer
verschn�rte das Paket nach ihrem Tod? Und warum?</p><empty-line/><p>Er
versuchte zu schlafen, aber er konnte es nicht. Als die Abteiglocke drei
schlug, machte er schlie�lich wieder Licht und setzte sich auf. Das Zimmer war
viel w�rmer, und zuerst dachte Smiley, ob wohl jemand mitten in der Nacht die
Zentralheizung angestellt hatte, nachdem sie den ganzen Tag nicht in Betrieb
gewesen war. Dann nahm er das Rauschen des Regens wahr; er ging zum Fenster und
zog die Vorh�nge zur�ck. Ein stetiger Regen fiel; bis morgen w�rde der Schnee
fortgewaschen sein. Zwei Polizisten gingen langsam die Stra�e hinunter; er
konnte das Platschen ihrer Stiefel h�ren, als sie in den schmelzenden Schnee
traten. Ihre nassen Umh�nge schimmerten im Lichtkegel der Stra�enlampe.</p><p>Und
pl�tzlich schien er Rigbys Stimme zu h�ren: ��berall Blut. Wer sie auch get�tet
hat, mu� davon bedeckt gewesen sein.� Und dann die Verr�ckte Janie, die ihm
�ber den mondhellen Schnee zurief: �Janie hat ihn gesehen... Silberfl�gel wie
Fische... fliegend auf dem Wind... nicht viele haben den Teufel fliegen
sehn...� Nat�rlich, das Paket! Er blieb lange am Fenster und starrte in den
Regen hinaus. Schlie�lich stieg er, nun doch zufrieden, ins Bett zur�ck und
schlief ein.</p><empty-line/><p>Er
versuchte den ganzen Morgen, Miss Brimley anzurufen. Jedesmal war sie
ausgegangen und hatte keine Nachricht hinterlassen. Gegen Mittag erreichte er
sie endlich.</p><p>�George,
es tut mir furchtbar leid - irgendein Missionar ist in London - ich mu�te
wegen eines Interviews hingehen und habe diesen Nachmittag eine
Baptistenkonferenz. Beides mu� in dieser Woche sein! Gen�gt es morgen als
erstes?�</p><p>�Ja�,
sagte Smiley. �Sicher.� Es gab keine besondere Eile. Da waren sowieso ein oder
zwei offene Fragen, die er an diesem Nachmittag erledigen wollte.</p><p><emphasis/></p><p>UNGEM�TLICHE WORTE</p><empty-line/><p>Die
Autobusfahrt am�sierte ihn. Der Fahrer war ein sehr griesgr�miger Mann, der �ber
die Busgesellschaft und die Ursachen ihres Defizits allerhand zu sagen hatte.
Von Smiley sanft ermutigt, taute er immer mehr auf, so da� er bei ihrer Ankunft
in Sturminster die Direktoren der Allgemeinen Verkehrsgesellschaft von
Dorsetshire in eine Herde von Schweinen der Gadarener verwandelt hatte, die dem
Abgrund freiwilligen Bankrotts zust�rmten. Der Chauffeur wies Smiley den Weg
zum Zwinger von Sturminster, und als er in dem winzigen Dorf ausstieg, machte
er sich zuversichtlich zu einer Gruppe von Katen auf den Weg, die etwa
vierhundert Meter hinter der Kirche an der Okeford-Stra�e standen.</p><p>Er hatte
das unangenehme Gef�hl, da� er Mr. Harriman nicht sympathisch finden werde.
Allein die Tatsache, da� D'Arcy ihn als einen �berragenden K�nner bezeichnet hatte,
nahm Smiley gegen ihn ein. Smiley war nicht gegen gesellschaftliche Unterschiede,
aber er machte sie gern selbst.</p><p>Am Eingang
stand ein Schild: �Sturminster-Zwinger, Inhaber C.J. Reid-Harriman,
Dipl.-Veterin�r, Z�chter von Sch�fer- und Labradorhunden. Pension.�</p><p>Ein
schmaler Weg f�hrte zu so etwas wie einem Hinterhof. �berall hing W�sche,
Hemden, Unterzeug, das meiste in Khaki. Es roch kr�ftig nach Hunden. Smiley
sah einen verrosteten Pumpbrunnen, etwa ein Dutzend Hundeleinen dar�ber
drapiert, und ein kleines M�dchen. Sie beobachtete ihn traurig, w�hrend er sich
durch den dicken Schmutz einen Weg zur T�r suchte. Er zog die Klingelschnur und
wartete, versuchte es nochmals, bis das Kind sagte:</p><p>�Geht
nicht. Ist kaputt. Ist seit Jahren kaputt.�</p><p>�Ist irgend
jemand zu Hause?� fragte Smiley.</p><p>�Ich seh'
mal nach�, erwiderte es k�hl, bog nach einem weiteren langen Blick auf ihn um
die Ecke und verschwand. Dann h�rte Smiley aus dem Inneren des Hauses ein
Ger�usch; es n�herte sich jemand, und einen Augenblick sp�ter �ffnete sich die
T�r.</p><p>�Sch�nen
guten Tag.� Der Mann hatte sandfarbenes Haar und einen Schnurrbart. Er trug
ein Khakihemd und einen Khakischlips von hellerem Ton, alte Milit�rhosen und
eine Tweedjacke mit Lederkn�pfen.</p><p>�Mr.
Harriman?�</p><p>�Major�,
entgegnete er leichthin. �Aber spielt keine Rolle, alter Junge. Was k�nnen wir
f�r Sie tun?�</p><p>�Ich
m�chte einen Sch�ferhund kaufen�, antwortete Smiley, �als Wachhund.�</p><p>�Sicher.
Kommen Sie bitte herein. Die Gn�dige ist aus. Ignorieren Sie das Kind; ist von
nebenan. Lungert nur hier herum; hat die Hunde gern.�</p><p>Smiley
folgte Harriman ins Wohnzimmer, und sie setzten sich. Es brannte kein Feuer.</p><p>�Woher
kommen Sie?� fragte Harriman.</p><p>�Ich halte
mich zur Zeit in Carne auf, mein Vater lebt dr�ben in Dorchester. Er wird �lter
und ist nerv�s, er m�chte, da� ich einen guten Hund f�r ihn finde. Es ist ein
G�rtner da, der sich tags�ber um ihn k�mmern, ihn f�ttern, ausf�hren w�rde und
so weiter. Der G�rtner ist nachts nat�rlich nicht da, und gerade nachts wird
der alte Herr so �ngstlich. Ich habe schon seit einiger Zeit vor, ihm einen
Hund zu kaufen, und diese Geschichte in Carne k�rzlich hat mich wieder darauf
gebracht.�</p><p>Harriman
�berh�rte den Wink. �Der G�rtner ist ein zuverl�ssiger Kerl?�</p><p>�Ja,
sehr.�</p><p>�Sie
brauchen nichts Blendendes�, sagte Harriman. �Sie brauchen einen guten,
verl��lichen Typ. Ich w�rde eine H�ndin nehmen, wenn ich Sie w�re.� Seine H�nde
waren dunkelbraun, auch die Gelenke. Das Taschentuch hatte er in die
Manschette gesteckt. Smiley bemerkte, da� seine Armbanduhr, entsprechend den
obskuren Riten der milit�rischen Demimonde, der er zu entstammen schien, nach
innen zeigte.</p><p>�Was wird
sie tun, eine solche H�ndin? Wird sie angreifen, oder was?�</p><p>�H�ngt
davon ab, wie sie abgerichtet ist, alter Junge; h�ngt davon ab, wie sie
abgerichtet ist. Doch sie wird warnen; das ist ja die Hauptsache. Wird die
Burschen verscheuchen. Bringen Sie ein Schild an &gt;Bissiger Hund&lt;, lassen
Sie sie die Lieferanten ein bi�chen beschn�ffeln, und es wird sich schon herumsprechen.
Sie werden im Umkreis von einem Kilometer keinen Einbrecher finden.�</p><p>Sie gingen
wieder in den Garten hinaus, und Harriman f�hrte zu einem Gehege mit einem
halben Dutzend junger Sch�ferhunde, die durch den Draht w�tend nach ihnen
jappten.</p><p>�Gute
kleine Biester, allesamt!� rief er. �Mutig wie der Teufel.� Er schlo� die T�r
auf und kam endlich mit einem plumpen Hundebaby heraus, das wild an seiner
Jacke kaute.</p><p>�Diese
kleine Dame w�re vielleicht die richtige�, sagte er. �Wir k�nnen sie nicht auf
Ausstellungen zeigen, sie ist zu dunkel.�</p><p>Smiley tat
so, als z�gere er, lie� sich von Harriman �berreden und stimmte schlie�lich zu.
Sie kehrten ins Haus zur�ck.</p><p>�Ich
m�chte gern eine Anzahlung geben�, sagte Smiley, �und sie in etwa zehn Tagen
abholen. W�re das in Ordnung?� Er gab Harriman einen Scheck �ber f�nf Pfund,
und sie setzten sich wieder; Harriman st�berte in seinem Schreibtisch nach
Impfscheinen und Stammb�umen. Dann sagte Smiley:</p><p>�Ist es
nicht schade, da� Mrs. Rode keinen Hund hatte? Ich meine, er h�tte ihr
vielleicht das Leben gerettet.�</p><p>�Oh, sie <strong><emphasis>hatte </emphasis></strong>einen Hund, aber sie lie� ihn t�ten, unmittelbar
bevor sie ermordet wurde. Verdammt merkw�rdige Sache, unter uns gesagt. Sie
hing an dem Tier. Merkw�rdiger kleiner K�ter, eine richtige Mischung, aber sie
liebte ihn. Brachte ihn eines Tages hierher, mit einer Geschichte, da� er den
Postboten gebissen hatte, lie� ihn durch mich t�ten - sagte, er sei gef�hrlich.
Das stimmte gar nicht. Freunde von mir in Carne erkundigten sich. Nirgends
Klagen. Postbote mochte das Vieh. Verdammt dumme L�ge f�r eine so kleine
Gemeinde. Das mu�te doch herauskommen.�</p><p>�Warum in
aller Welt erz�hlte sie sie dann?�</p><p>Harriman
machte eine Geste, die Smiley besonders irritierte. Er strich sich mit dem
Zeigefinger der L�nge nach �ber die Nase und zwirbelte dann sehr rasch jedes
Ende seines absurden Schnurrbartes. Die ganze Bewegung hatte etwas Versch�mtes,
als ma�e er sich die Eigenheiten von Stabsoffizieren an und f�rchte sich
zugleich vor einer Zurechtweisung.</p><p>�Sie war
schwierig�, sagte er. �Ich kann so was sofort sehen. Ich hatte ein paar im
Regiment, Ehefrauen, die �rger machen. Kleine weinerliche Typen. Sehen aus,
als k�nnten sie nicht bis drei z�hlen, tugendhafter als irgendwer. Arrangieren
die Blumen in der Kirche und so weiter - so gottesf�rchtig wie nur m�glich. Ich
w�rde sagen, sie war von der hysterischen Sorte, theatralisch; die tagelang
�berall im Haus herumweinen. Alles f�r ein bi�chen Drama.�</p><p>�War sie
beliebt?� Smiley bot ihm eine Zigarette an.</p><p>�Glaube
nicht. Danke. Sie trug sonntags Schwarz, h�re ich. Typisch. Drau�en im Osten
pflegten wir sie &gt;Kr�hen&lt; zu nennen, die, die Schwarz trugen - Sonntags-Jungfrauen.
Sie waren meistens A.K. - andere Konfessionen, nicht Staatskirche - einige
waren Katholiken... Ich hoffe, da� ich Sie nicht...�</p><p>�Durchaus
nicht.�</p><p>�Kann man
nie wissen, wie? Ich kann sie selbst nicht ausstehen; kein Vorurteil, aber ich
mag Katholiken nicht - das sagte schon mein alter Vater.�</p><p>�Kannten
Sie ihren Mann?�</p><p>�Nicht so
gut, den armen Teufel, nicht so gut.�</p><p>Harriman
schien, so �berlegte Smiley, weit mehr Sympathie f�r die Lebenden als f�r die
Toten zu haben. Vielleicht waren Soldaten so. Er wu�te es nicht.</p><p>�Er ist
schrecklich zusammengebrochen, h�re ich. Furchtbarer Schock - Laune des
Schicksals, wie?� f�gte er hinzu, und Smiley nickte. � Er ist der andere Typ.
Einfache Herkunft, gute Offizierseigenschaften, macht dem Kasino Ehre. Das sind
die, die am schwersten getroffen werden, die, die sich die Frauen aufs Korn
nehmen.�</p><p>Sie gingen
zum Gartentor. Smiley verabschiedete sich und versprach, in etwa einer Woche
wiederzukommen, um den kleinen Hund zu holen.</p><p>Als er
davonging, rief ihm Harriman nach: �Oh, �brigens...�</p><p>Smiley
blieb stehen und drehte sich um.</p><p>�Ich werde
diesen Scheck einl�sen, wie, und Ihnen den Betrag gutschreiben?�</p><p>�Nat�rlich�,
sagte Smiley. �Das ist ganz in Ordnung.� Er ging zur Bushaltestelle und dachte
�ber die seltsamen Nebenwege des milit�rischen Denkens nach.</p><empty-line/><p>Derselbe
Bus brachte ihn nach Carne zur�ck, derselbe Fahrer schimpfte auf seine Arbeitgeber,
derselbe Fahrer fuhr die ganze Strecke im zweiten Gang. Smiley stieg am
Bahnhof aus und ging zum roten Backstein-Bethaus. Leise die gotische T�r
�ffnend, die aus dick gelacktem, ockergelbem Kiefernholz bestand, trat er ein.
Eine �ltere Frau mit einer Sch�rze putzte den schweren Messingleuchter, der
�ber dem Mittelschiff hing. Er wartete einen Augenblick, ging auf den
Zehenspitzen zu ihr und fragte nach dem Prediger. Sie wies auf die
Sakristeit�r. Ihrer mimischen Anweisung folgend, ging er hin�ber, klopfte und
wartete. Ein gro�er Mann mit einem Kollar �ffnete die T�r.</p><p>�Ich bin
von der �Christlichen Stimme&lt;�, sagte Smiley ruhig. �Kann ich Sie
sprechen?�</p><p>Mr. Cardew
f�hrte ihn durch den Seiteneingang in einen kleinen Gem�segarten, der
sorgf�ltig bestellt war; hellgelbe Wege verliefen zwischen den leeren Beeten.
Die Sonne erf�llte die frische Luft mit ihren Strahlen. Es war ein kalter,
sch�ner Tag. Sie durchquerten den Garten und traten in eine Umz�unung. Trotz
des Regens der letzten Nacht war der Boden hart und das Gras kurz. Sie gingen
Seite an Seite und sprachen im Gehen.</p><p>�Dies ist
Pfr�nde, es geh�rt der Schule. Wir veranstalten hier im Sommer unsere
Gartenfeste. Sehr praktisch.�</p><p>Cardew
schien mit seinem Stand nicht ganz in Einklang zu stehen. Smiley, der ein
kindliches Mi�trauen gegen Geistliche hegte, hatte einen wesleyanischen
Grobian, einen weitschweifigen, abweisenden Mann mit einem Hang zur
Bildersprache erwartet.</p><p>�Miss
Brimley, unsere Redakteurin, hat mich geschickt�, begann Smiley. �Mrs. Rode
bezog unsere Zeitschrift; ihre Familie hat sie seit Beginn abonniert. Sie war
fast ein Teil der Familie. Wir wollen einen Nachruf �ber ihre Arbeit f�r die
Kirche schreiben.�</p><p>�Ach ja.�</p><p>�Es gelang
mir, mit ihrem Mann zu sprechen; wir wollten den richtigen Ton treffen.�</p><p>�Was hat
er gesagt?�</p><p>�Er sagte,
ich solle mit Ihnen �ber ihre Arbeit sprechen - besonders ihre Arbeit f�r die
Fl�chtlinge.�</p><p>Schweigend
gingen sie eine Weile weiter, dann meinte Cardew: �Sie kam aus dem Norden, nahe
bei Derby. Ihr Vater war ein verm�gender Mann im Norden, aber das Geld
ver�nderte ihn nie.�</p><p>�Ich
wei�.�</p><p>�Ich kenne
die Familie seit Jahren, bin ihr immer wieder begegnet. Ihren alten Vater traf
ich vor dem Begr�bnis.�</p><p>�Was darf
ich �ber ihre Arbeit f�r die Kirche, ihren Einflu� auf die hiesige
Chapel-Gemeinde sagen? Darf ich sagen, da� sie allgemein geliebt wurde?�</p><p>�Verzeihen
Sie�, sagte Cardew nach einer kurzen Pause, �aber ich halte von einer solchen
Schreibweise nicht viel, Mr. Smiley. Menschen werden nie von allen geliebt,
selbst wenn sie tot sind.� Sein nordenglischer Akzent war sehr stark.</p><p>�Was darf
ich also sagen?� beharrte Smiley.</p><p>�Ich wei�
es nicht�, erwiderte Cardew gelassen. �Und wenn ich etwas nicht wei�, schweige
ich gew�hnlich. Aber da Sie so liebensw�rdig sind, mich zu fragen: Ich bin noch
nie einem Engel begegnet, und Stella Rode war keine Ausnahme.�</p><p>�Aber
spielte sie nicht eine r�hrende Rolle in der Fl�chtlingsarbeit?�</p><p>�Ja. Ja,
das tat sie.�</p><p>�Und
ermutigte sie nicht andere, �hnliche Anstrengungen zu machen?�</p><p>�Nat�rlich.
Sie war eine gute Arbeiterin.�</p><p>Schweigend
gingen sie weiter. Der Weg �ber das Feld f�hrte abw�rts, machte eine Biegung
und folgte einem Bach, der von dem verfilzten Stachelginster und Wei�dorn auf
beiden Ufern fast verborgen war. Jenseits war eine Reihe kahler Ulmen und
dahinter die vertraute Silhouette von Carne.</p><p>�Ist das
alles, was Sie mich fragen wollten?� sagte Cardew pl�tzlich.</p><p>�Nein�,
erwiderte Smiley. �Unsere Redakteurin war sehr beunruhigt �ber einen Brief, den
sie von Mrs. Rode kurz vor ihrem Tode bekam. Es war eine Art... Anklage. Wir
haben die Sache der Polizei �bergeben. Miss Brimley machte sich irgendwie
Vorw�rfe, da� sie nicht imstande war, ihr zu helfen. Das ist vielleicht
unlogisch, aber so ist es nun einmal. Ich m�chte ihr gern versichern k�nnen,
da� zwischen Stella Rodes Tod und diesem Brief kein Zusammenhang bestand. Das
ist ein weiterer Grund meines Besuches...�</p><p>�Wen klagt
der Brief an?�</p><p>�Ihren
Gatten.�</p><p>�Ich w�rde
Ihrer Miss Brimley mitteilen�, sagte Cardew langsam und mit einiger Betonung,
�da� sie sich nicht den geringsten Vorwurf zu machen braucht.�</p><empty-line/><p>DIE HEIMFAHRT</p><empty-line/><p>Es war
Montagabend. Ungef�hr zu der Zeit, als Smiley nach seiner Unterhaltung mit Mr.
Cardew in sein Hotel zur�ckkehrte, verabschiedete sich Tim Perkins, der Pr�fekt
von Fieldings Haus, von Mrs. Harlowe, die ihm Cellounterricht erteilte. Sie war
eine freundliche Frau, wenn auch neurotisch, und es betr�bte sie, ihn so
bedr�ckt zu sehen. Er war der beste Sch�ler, den Carne ihr je geschickt hatte,
und sie mochte ihn.</p><p>�Du hast
heute miserabel gespielt, Tim�, sagte sie, als sie ihm an der T�r auf
Wiedersehen sagte. �Ganz miserabel. Du brauchst es mir nicht zu sagen - du hast
nur noch ein Semester und hast noch immer nicht die drei Vorpr�fungen f�rs
Abitur bestanden, du mu�t deine Versetzung kriegen und bist ganz durcheinander.
Wir werden n�chsten Montag nicht �ben, wenn du nicht willst - komm nur und i�
Kuchen, und wir spielen ein paar Platten.�</p><p>�Ja, Mrs.
Harlowe.� Er schnallte seine Notenmappe auf den Gep�cktr�ger seines Fahrrades.</p><p>�Lampen in
Ordnung, Tim?�</p><p>�Ja, Mrs.
Harlowe.�</p><p>�Also,
versuche nicht, heute abend den Rekord zu schlagen, Tim. Du hast genug Zeit bis
zum Tee. Denk daran, da� die Stra�e vom Schnee ganz glitschig ist.�</p><p>Perkins
sagte nichts. Er schob sein Fahrrad auf den Kiesweg und setzte sich zum Tor hin
in Bewegung.</p><p>�Hast du
auch nichts vergessen, Tim?�</p><p>�Entschuldigen
Sie, Mrs. Harlowe.�</p><p>Er drehte
sich um und reichte ihr im T�reingang die Hand. Sie bestand immer darauf.</p><p>�H�r mal,
Tim, was ist denn los? Hast du eine Dummheit gemacht? Mir kannst du's doch
sagen, nicht? Ich geh�re nicht zur Lehrerschaft, das wei�t du.�</p><p>Perkins
z�gerte und sagte dann: �Es sind nur die Pr�fungen, Mrs. Harlowe.�</p><p>�Geht's
deinen Eltern gut? Kein Kummer zu Hause?�</p><p>�Nein,
Mrs. Harlowe; es geht ihnen sehr gut.� Wieder z�gerte er, dann: �Gute Nacht,
Mrs. Harlowe.�</p><p>�Gute
Nacht.�</p><p>Sie beobachtete,
wie er das Gartentor hinter sich schlo� und die lange Stra�e hinabfuhr. In
einer Viertelstunde w�rde er in Carne sein; es ging praktisch die ganze
Strecke bergab.</p><empty-line/><p>Gew�hnlich
liebte er die R�ckfahrt. Sie war der beste Teil der Woche. Aber an diesem Abend
achtete er kaum darauf. Er fuhr rasch, wie immer; die Hecke raste gegen den
dunklen Himmel, und die wilden Kaninchen fl�chteten vor dem Strahl seiner
Lampe; aber heute abend bemerkte er sie kaum.</p><p>Er w�rde
es jemand sagen m�ssen. Er h�tte es Mrs. Harlowe sagen sollen; h�tte er das nur
getan! Sie w�rde wissen, was er tun sollte. Bei Mr. Snow w�re es auch gegangen,
aber der war in Naturwissenschaft ja nicht mehr sein Lehrer, sondern Rode. Das
war der halbe Kummer. Das und Fielding.</p><p>E konnte
es True sagen - ja, der w�rde er es sagen. Er w�rde heute nach der
Abendkrankenvisite zu Miss Truebody gehen und ihr die Wahrheit sagen. Sein Vater
w�rde es nat�rlich nie verwinden, weil es Versagen bedeutete und vielleicht
Schande. Es bedeutete, da� er am Ende des n�chsten Semesters nicht nach
Sandhurst auf die Milit�rakademie kommen w�rde, es bedeutete noch mehr
Ausgaben, f�r die sie nicht das Geld aufbringen konnten...</p><p>Jetzt
n�herte er sich dem steilsten Teil der abfallenden Stra�e. Die Hecke h�rte an
einer Seite auf und gab einen wunderbaren Blick auf Schlo� Sawley gegen den
Abendhimmel frei; es war wie ein Prospekt f�r �Macbeth�. Er liebte das
Theaterspielen, h�tte gew�nscht, der Direktor lie�e sie in Carne Theater
spielen.</p><p>Er beugte
sich �ber die Lenkstange nach vorn und lie� das Rad schneller laufen, um die
seichte Furt am unteren Ende des H�gels zu durchfahren. Die kalte Luft schnitt
ihm ins Gesicht, und einen Augenblick verga� er beinahe... Pl�tzlich bremste
er; f�hlte das Rad wild unter sich weggleiten.</p><p>Irgend
etwas stimmte nicht; voraus war ein Licht, ein blitzendes Licht, und eine
vertraute Stimme rief ihm durch die Dunkelheit eindringlich zu.</p><empty-line/><p>DIE ART DER GNADE</p><empty-line/><p>Das
Internatsschulen-Komitee f�r Fl�chtlingshilfe (Patronin: Sarah, Gr�fin von
Sawley) hat ein B�ro am Belgrave Square. Es ist durchaus nicht klar, ob diese
luxuri�se Lage dazu bestimmt ist, die Reichen zu verlocken oder die Enterbten
zu ermutigen - oder, wie einige respektlose Stimmen in der Gesellschaft
wisperten - die Gr�fin von Sawley mit einem billigen <strong><emphasis>pied-�-terre </emphasis></strong>im Londoner Westend zu versehen.
Die Aufgabe der Fl�chtlingshilfe ist geziemenderweise auf das S�dufer der
Themse verbannt worden, auf einen der ungepflegten Pl�tze von Kennington, die
ein Teil der architektonischen Schizophrenie von London sind. York Gardens, wie
der Platz hei�t, wird eines Tages von der Welt entdeckt werden und seinen
Charme verlieren, aber suchen Sie ihn jetzt auf, und Sie k�nnen dort richtige Kinder
auf der Stra�e Himmel und H�lle spielen sehen und ihre M�tter, die mit
Pantoffeln in der Haust�r stehen, mit ihnen schimpfen h�ren.</p><p>Miss
Brimley, durch Smileys Telefonanruf vom Vortag auf ihren Weg geschickt, hatte
die ungew�hnliche Gabe, mit Kindern zu sprechen, als seien sie menschliche
Wesen, und entdeckte so ohne Schwierigkeiten das verfallene Haus ohne Namen,
das dem Komitee als Sammelzentrale diente. Mit der Assistenz von sieben kleinen
Jungen zog sie die Klingel und wartete geduldig. Endlich h�rte sie klappernde
Schritte eine l�uferlose Treppe herunterkommen, und die T�r wurde von einem
sehr sch�nen M�dchen ge�ffnet. Sie sahen einander einen Moment mit Wohlwollen
an.</p><p>�Entschuldigen
Sie die St�rung�, begann Miss Brimley, �aber eine Freundin von mir auf dem
Lande hat mich gebeten, Erkundigungen �ber ein Kleiderpaket einzuziehen, das
vor ein oder zwei Tagen hierher geschickt wurde. Sie hat einen ziemlich dummen
Fehler gemacht.�</p><p>�Du meine
G�te, wie schrecklich�, sagte das M�dchen freundlich. �M�chten Sie nicht
hereinkommen? Alles ist schrecklich chaotisch, f�rchte ich, und es gibt hier
keine Sitzgelegenheit, aber wir k�nnen Ihnen Instant-Kaffee in einem Becher
anbieten.�</p><p>Miss
Brimley folgte ihr in das Haus und schlo� die T�r fest vor den sieben Kindern,
die in ihrem Kielwasser sanft nach vorne dr�ngten. Sie war in der Halle. Wo
sie auch hinsah, lagen Pakete jeder Art, einige in Jute mit schicken Anh�ngern
verpackt, einige in zerrissenem und unordentlichem Packpapier, einige in
Lattenkisten und W�schek�rben, alten Handkoffern und sogar in einem
antiquierten Kabinenkoffer mit einem vergilbten Zettel, auf dem zu lesen stand:
�Wird auf der �berfahrt nicht ben�tigt.�</p><p>Das
M�dchen f�hrte sie nach oben in einen Raum, der offenbar das B�ro war, ein gro�es
Zimmer, das einen mit Briefen �bers�ten Holztisch und einen K�chenstuhl
enthielt. Ein �lofen blubberte in einer Ecke, und ein elektrischer Kessel
dampfte auf melancholische Weise daneben. �Entschuldigen Sie�, sagte das
M�dchen, als sie das Zimmer betraten, �aber unten ist einfach kein Platz zum
Sprechen. Ich meine, man kann ja nicht auf einem Bein reden wie die Inkas. Oder
sind's nicht die Inkas? Vielleicht sind's die Afghanen. Wie haben Sie uns nur
gefunden?�</p><p>�Ich bin
zuerst in Ihr Westend-B�ro gegangen�, antwortete Miss Brimley, �und dort sagte
man mir, ich solle Sie aufsuchen. Ich glaube, sie waren dort ziemlich
ungehalten. Danach verlie� ich mich auf Kinder. Die wissen immer den Weg. Sie
sind Miss Dawney, nicht wahr?�</p><p>�Himmel,
nein. Ich bin so was wie die Aushilfe. Till Dawney ist zum Zollamt in
Rotherhide gefahren - sie wird zur Teezeit zur�ck sein, wenn Sie sie sprechen
wollen.�</p><p>�Meine
Liebe, ich bin sicher, da� ich Sie nicht zwei Minuten aufhalten werde. Eine
Freundin von mir, die in Carne lebt - (�Himmel! Wie gro�artig�, sagte das
M�dchen), sie ist tats�chlich eine Art Kusine, aber es ist einfacher, sie eine
Freundin zu nennen, nicht wahr?-, gab den Fl�chtlingsleuten letzten Donnerstag
ein altes graues Kleid, und nun ist sie �berzeugt, da� sie ihre wertvolle
Brosche am Oberteil steckengelassen hat. Ich bin sicher, da� sie nichts
dergleichen getan hat, wissen Sie - sie ist ein schusseliges Gesch�pf-, aber
sie rief mich gestern fr�h in einem schrecklichen Zustand an, und ich mu�te ihr
versprechen, sofort vorbeizukommen und zu fragen. Gestern konnte ich leider
nicht kommen - ich bin vom Morgen bis zum Abend an meine Zeitschrift gebunden.
Aber ich h�re, Sie sind etwas im R�ckstand, und so ist's wohl nicht zu sp�t?�</p><p>�Du liebe
G�te, nein. Wir sind gewaltig im R�ckstand. Das ganze Zeug da unten wartet
darauf, ausgepackt und sortiert zu werden. Es kommt von den freiwilligen
Helfern an jeder Schule - manchmal Sch�lern, manchmal Lehrern-, und sie tun
alle Kleider zusammen und schicken sie in gro�en Paketen, entweder per Bahn
oder mit gew�hnlicher Post, meist per Bahn. Wir sortieren sie hier, bevor wir
sie ins Ausland schicken.�</p><p>�Das
erfuhr ich von Jane. Sobald sie ihren Irrtum bemerkte, wandte sie sich an die
Frau, die das Sammeln und den Versand besorgte, aber es war nat�rlich zu sp�t.
Das Paket war weg.�</p><p>�Wie
furchtbar... Wissen Sie, wann das Paket abgeschickt wurde?�</p><p>�Ja. Am
Freitagvormittag.�</p><p>�Aus
Carne? Bahn oder Post?�</p><p>Miss
Brimley hatte diese Frage gef�rchtet, aber sie wagte eine Vermutung: �Post,
glaube ich.�</p><p>An Miss
Brimley vorbeist�rzend, st�berte das M�dchen in einem Berg von Papieren auf
dem Schreibtisch und zog schlie�lich ein steifgebundenes Schulheft mit einem
Etikett �Hauptbuch� hervor. Sie �ffnete es aufs Geratewohl und bl�tterte rasch
die Seiten durch, indem sie hie und da auf eine etwas gehetzte Art eine
Fingerspitze leckte.</p><p>�W�re
fr�hestens gestern angekommen�, sagte sie. �Wir werden es sicher noch nicht
ge�ffnet haben. Ehrlich gesagt, ich wei� nicht, wie wir's <strong><emphasis>je </emphasis></strong>schaffen sollen, und jetzt knapp vor Ostern wird's nur
noch schlimmer werden. Obendrein verfault die H�lfte von unserem Zeug in den
Zollschuppen - hallo, da haben wir's!� Sie schob das Hauptbuch zu Miss Brimley
hin�ber, und ihr schlanker Finger deutete auf eine Bleistifteintragung in der
Hauptspalte: �Carne, Postpaket, 27 Pfund.�</p><p>�W�rde es
Sie�, sagte Miss Brimley, �furchtbar st�ren, wenn wir schnell mal
hineinblicken?�</p><p>Sie gingen
nach unten in die Halle.</p><p>�Es ist
nicht ganz so greulich, wie's aussieht�, rief das M�dchen �ber die Schulter.
�Das ganze Zeug vom Montag wird der T�r am n�chsten liegen.�</p><p>�Wie
wissen Sie, woher sie kommen, wenn Sie den Poststempel nicht lesen k�nnen?�
fragte Miss Brimley, als das junge M�dchen unter den Paketen zu w�hlen begann.</p><p>�Wir
verteilen unsere Aufklebeschildchen an die freiwilligen Helfer. Die Schildchen
haben eine Herkunftsnummer. In anderen F�llen bitten wir sie einfach, den
Namen ihrer Schule in Blockbuchstaben au�en anzuschreiben. Sehen Sie, wir
k�nnen einfach keine Begleitbriefe erlauben, es w�re <strong><emphasis>zu </emphasis></strong>schrecklich. Wenn wir ein Paket bekommen, brauchen wir nur
eine vorgedruckte Karte abzuschicken und dankend den Empfang eines Pakets von
dem und dem Datum, von soundsoviel Gewicht zu best�tigen. Leute, die keine
freiwilligen Helfer sind, werden keine Pakete an diese Adresse schicken, wissen
Sie - sie schicken sie an die angegebene Adresse am Beigrave Square.�</p><p>�Funktioniert
das System?�</p><p>�Nein�,
sagte das M�dchen, �es funktioniert nicht. Die Freiwilligen vergessen entweder,
unsere Schildchen zu benutzen, oder diese gehen ihnen aus und sie haben keine
Lust, es uns mitzuteilen. Zehn Tage sp�ter rufen sie w�tend an, weil sie keine
Empfangsbest�tigung bekommen haben. Auch die Freiwilligen wechseln, ohne es
uns mitzuteilen, und die Instruktionen f�rs Verpacken und Beschriften werden
nicht weitergegeben. Manchmal entschlie�en sich die Schuljungen, es selbst zu
machen, und keiner sagt ihnen, wie sie es anfangen m�ssen. Lady Sarah wird so
wild wie eine Schlange, wenn Pakete im Hauptb�ro erscheinen - sie m�ssen alle
zum Neuverpacken und Registrieren hierhergeschafft werden.�</p><p>�Ich bin
im Bilde.� Miss Brimley sah besorgt zu, wie das M�dchen, immer noch
weitersprechend, unter den Paketen st�berte.</p><p>�Sagten
Sie, da� Ihre Freundin tats�chlich in Carne <strong><emphasis>unterrichtet? </emphasis></strong>Sie mu� ja ganz gro�artig sein.
Ich m�chte wissen, wie der Prinz ist: er sieht auf den Fotos ziemlich weichlich
aus. Mein Vetter war Sch�ler in Carne - er ist eine v�llige Niete... Wissen
Sie, was er mir erz�hlte? W�hrend der Rennwoche von Ascot machten sie
folgendes... Hallo! Da haben wir's!� Das M�dchen stand auf, ein gro�es
viereckiges Paket in den Armen, und trug es zu einem Tisch, der im Schatten des
Treppenhauses stand. Miss Brimley, die neben ihr stand, als sie sorgf�ltig die
starken Bindf�den aufzukn�pfen begann, sah neugierig nach dem gedruckten
Aufklebeschildchen. In der linken oberen Ecke war das Zeichen gestempelt,
welches das Komitee offenbar Carne zugeteilt hatte: C 4. Nach der Vier war der
Buchstabe B mit einem Kugelschreiber hineingeschrieben worden. �Was bedeutet
das B?�</p><p>�Oh, das
ist ein �rtliches Arrangement in Carne. Miss D'Arcy ist dort die Vertreterin,
aber sie haben ja neuerdings so gut gearbeitet, da� sie eine Freundin als Hilfe
beim Versand angeworben hat. Wenn wir best�tigen, erw�hnen wir immer, ob es A
oder B gewesen ist. B mu� schrecklich eifrig sein, wer immer sie ist.�</p><p>Miss
Brimley unterdr�ckte die Frage, wie viele der Pakete aus Carne bei Miss D'Arcy
ihren Ursprung hatten und wie viele bei ihrer anonymen Assistentin.</p><p>Das
M�dchen entfernte den Bindfaden und stellte das Paket auf den Kopf, um das
�bereinandergreifende Einwickelpapier freizubekommen. Dabei sah Miss Brimley
nahe der Verschlu�stelle einen schwachen braunen verschmierten Fleck ungef�hr
von der Gr��e eines Shillings. Es entsprach ihrem angeborenen Rationalismus,
da� sie nach jeder Erkl�rung suchte, nur nicht nach jener, die sich ihr so
deutlich anbot. Das M�dchen setzte das Auswickeln fort und sagte pl�tzlich:
�Carne, ist dort nicht der gr��liche Mord passiert - die Lehrersfrau, die von
einer Zigeunerin ermordet wurde? Es ist wirklich furchtbar, wie viele solcher
Sachen passieren, nicht? Hm! Hab' ich mir schon gedacht�, bemerkte sie, sich
pl�tzlich unterbrechend. Sie hatte das �u�ere Papier entfernt und war dabei,
das B�ndel innen auszupacken, als ihre Aufmerksamkeit offensichtlich vom
Aussehen des inneren Pakets erregt wurde.</p><p>�Was?�
fragte Miss Brimley rasch.</p><p>Das
M�dchen lachte. �Ach, nur die Verpackung�, sagte sie. �Die C-4-B-Sachen sind in
der Regel so ordentlich - so ziemlich das Beste, was wir kriegen. Dies ist
ganz anders. �berhaupt nicht dieselbe Person. Mu� ein Ersatz sein. Ich habe es
mir gleich gedacht.�</p><p>�Wie
k�nnen Sie so sicher sein?�</p><p>�Oh, es
ist wie eine Handschrift. Wir k�nnen es ablesen.� Sie lachte wieder und
entfernte ohne weitere Umst�nde die letzte Umh�llung. �Graues Kleid, sagten
Sie, nicht? Wir wollen mal sehen.� Mit beiden H�nden begann sie, Kleider oben
vom Haufen zu nehmen und nach links und rechts zu legen. Sie war fast zur
H�lfte durch, als sie ausrief: �Nein, wirklich! Die m�ssen ja einen Dachschaden
haben!� Dabei zog sie aus dem B�ndel getragener Kleider einen durchsichtigen
Kunststoffregenmantel, ein Paar sehr alte Lederhandschuhe und ein Paar
Gummi�berschuhe.</p><empty-line/><p>Miss
Brimley hielt sich an der Tischkante fest. In ihren Handfl�chen pochte das
Blut.</p><p>�Hier ist
ein Cape, auch noch feucht�, f�gte das M�dchen mit Abscheu hinzu und
schleuderte die anst��igen Gegenst�nde neben dem Tisch auf den Boden. Miss
Brimley konnte nur an Smileys Brief denken: �Wer sie auch get�tet hat, mu� mit
Blut����������� bedeckt gewesen sein.� Ja, und wer
sie get�tet hatte, trug ein Kunststoffcape mit einer Kapuze, Gummi�berschuhe
und jene alten Lederhandschuhe mit den rostbraunen Flecken. Wer Stella Rode
get�tet hatte, war nicht aufs Geratewohl in der Nacht auf sie losgegangen,
sondern hatte lange im voraus geplant, hatte gewartet. Ja, dachte Miss Brimley,
hatte auf die langen N�chte gewartet.</p><p>Das
M�dchen sprach wieder: �Ich f�rchte, es ist wirklich nicht dabei.�</p><p>�Nein, meine
Liebe�, antwortete Miss Brimley. �Das sehe ich. Danke. Sie waren sehr nett.�
Ihre Stimme schwankte einen Moment, dann bekam sie es fertig zu sagen: �Ich
finde, meine Liebe, Sie sollten das Paket genauso lassen, wie es jetzt ist, die
Verpackung und alles darin. Etwas Schreckliches ist passiert, und die Polizei
wird... davon wissen und das Paket sehen wollen... Sie m�ssen mir vertrauen,
meine Liebe - die Dinge sind nicht ganz das, was sie zu sein scheinen...� Und
auf irgendeine Weise entfloh sie in die tr�stliche Freiheit von York Gardens
und zum gro��ugigen Wunder seiner Kinder.</p><empty-line/><p>Sie ging
zu einer Telefonzelle. Sie bekam Verbindung mit dem �Sawley Arms� und fragte
einen sehr gelangweilten Empfangschef nach Mr. Smiley. V�llige Stille senkte
sich auf die Verbindung, bis das Fernamt sie aufforderte, nochmals drei
Shilling und Sixpence einzuwerfen. Miss Brimley antwortete scharf, da� alles,
was sie bisher f�r ihr Geld bekommen habe, ein Dreiminutenvakuum gewesen sei;
darauf folgte das unmi�verst�ndliche Ger�usch der an ihren Z�hnen lutschenden
Telefonistin und dann, ganz pl�tzlich, kam George Smileys Stimme.</p><p>�George,
hier ist Brim. Ein Kunststoffregenmantel, ein Cape, Gummi�berschuhe und
Lederhandschuhe, die blutbefleckt aussehen. Auch Flecken auf einem Teil der
Verpackung allem Anschein nach.�</p><p>Eine
Pause.</p><p>�Etwas
Handschriftliches auf der Au�enseite des Pakets?�</p><p>�Nichts.
Die Wohlt�tigkeitsorganisation verteilt vorgedruckte Zettel.�</p><p>�Wo ist
das Zeug jetzt? Hast du's?�</p><p>�Nein. Ich
habe dem M�dchen gesagt, alles genauso zu lassen, wie es ist. Das wird f�r ein,
zwei Stunden in Ordnung gehen... George, bist du noch da?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Wer hat
es getan? War es der Ehemann?�</p><p>�Ich wei�
es nicht. Ich wei� es einfach nicht.�</p><p>�Soll ich
irgend etwas tun - wegen der Kleider, meine ich? Sparrow anrufen oder irgend
etwas?�</p><p>�Nein. Ich
werde sofort mit Rigby sprechen. Adieu, Brim. Danke f�r den Anruf.�</p><empty-line/><p>Sie legte
den H�rer auf. Er h�rte sich seltsam an, fand sie. Er schien manchmal ganz
geistesabwesend. Als wenn er abgeschaltet h�tte. Sie ging in nordwestlicher
Richtung zum Themsekai. Es war lange nach zehn - das erstemal, da� sie sp�t
dran war. Das war wei� Gott wie lange nicht mehr vorgekommen. Sie sollte sich
ein Taxi nehmen. Da sie jedoch eine sparsame Frau war, fuhr sie mit dem Bus.</p><p>Ailsa
Brimley glaubte nicht an Notf�lle, denn sie erfreute sich einer bei M�nnern
ungew�hnlichen und bei Frauen noch selteneren geistigen Disziplin. Je gr��er
der Notfall, desto gr��er ihre Ruhe. John Landsbury hatte dar�ber bemerkt: �Du
widersetzt dich dem Dramatischen, Brim; du hast die seltene Gabe, das zu
verachten, was dringend ist. Ich kenne ein Dutzend Leute, die dir f�nftausend
j�hrlich daf�r zahlen w�rden, da� du ihnen t�glich sagst, da� das, was wichtig
ist, selten auch dringend ist. Das Dringende ist gleich dem Verg�nglichen, und
das Verg�ngliche ist gleich dem Unwichtigen.�</p><p>Sie stieg
aus dem Bus und warf den Fahrschein sorgsam in den Abfallkorb. Als sie in dem
warmen Sonnenlicht der Stra�e stand, gewahrte sie die Plakate, die die erste
Ausgabe der Abendbl�tter anzeigten. W�re die Sonne nicht gewesen, h�tte sie
vielleicht gar nicht hingesehen; aber die Sonne blendete sie und lie� sie nach
unten blicken. Und so sah sie es, las sie im fetten Schwarz des feuchten
Zeitungsdrucks, in der vorgefa�ten Hysterie der Fleet-Street: �N�chtliche Suche
nach verschwundenem Carne-Sch�ler.�</p><empty-line/><p>DER WEG ZU FIELDING</p><empty-line/><p>Smiley
legte den H�rer hin und ging rasch am Empfangstisch vorbei zum Ausgang. Er
mu�te Rigby sofort sprechen.</p><p>Als er
eben das Hotel verlie�, h�rte er jemanden seinen Namen rufen. Er drehte sich um
und sah seinen alten Feind, den Nachtportier, der dem Tageslicht trotzte und
ihm mit seiner grauen Hand wie Charon zuwinkte.</p><p>�Die von
der Polizeistation haben Sie schon gesucht�, bemerkte er mit unverhohlenem
Vergn�gen: �Mr. Rigby m�chte Sie sprechen, der Inspektor. Sie sollen sofort
hinkommen. Sofort, verstehen Sie.�</p><p>�Ich bin
ja schon dorthin unterwegs�, antwortete Smiley gereizt, und als er sich durch
die Pendelt�r schob, h�rte er den alten Mann wiederholen: �Sofort, verstehen
Sie; man wartet auf Sie.�</p><empty-line/><p>Auf dem
Weg durch die Stra�en von Carne dachte er zum hundertsten Male �ber die
Unergr�ndlichkeit des Motivs im menschlichen Handeln nach: Es gibt nichts
Wahres auf Erden. Es gibt keinen festen, keinen verl��lichen Punkt, nicht
einmal in der reinsten Logik oder im dunkelsten Mystizismus; am wenigsten in
den Motiven von Menschen, wenn sie sich zu einer Gewalttat gedr�ngt f�hlen.</p><p>Hatte der
M�rder, der nun so nahe vor der Entdeckung stand, in der peinlich genauen
Ausf�hrung seiner Pl�ne Befriedigung gefunden? Denn jetzt war es �ber jeden
Zweifel erhaben: Dies war ein bis in die letzten Einzelheiten vorbereiteter
Mord - selbst bis zu der unerkl�rlich weit vom Tatort weggeschafften Waffe. Ein
Mord mit Spuren, die zur Irref�hrung ausgestreut worden waren, ein Mord,
geplant, um ungeplant zu wirken, ein Mord wegen einer Kette von Perlen. Nun war
das Geheimnis der Fu�abdr�cke gekl�rt: nachdem er die �berschuhe ins Paket
getan hatte, war der M�rder den Pfad hinunter zum Tor gegangen, und seine
eigenen Spuren waren durch die zahlreichen Fu�abdr�cke anderer verwischt
worden.</p><empty-line/><p>Rigby sah
m�de aus.</p><p>�Sie haben
die Nachricht geh�rt, Sir, nehme ich an?�</p><p>�Was f�r
eine Nachricht?�</p><p>��ber den
Jungen, den Jungen in Fieldings Haus, der die ganze Nacht abg�ngig war.�</p><p>�Nein.�
Smiley f�hlte pl�tzliche �belkeit. �Nein, ich habe nichts geh�rt.�</p><p>�Himmel,
ich dachte, Sie w��ten Bescheid! Gestern abend um halb neun rief uns Fielding
hier an. Perkins, sein Pr�fekt, sei nicht von einer Musikstunde bei Mrs.
Harlowe, die in Richtung Longemede wohnt, nach Hause gekommen. Wir gaben Alarm
und begannen, nach ihm zu suchen. Ein Streifenwagen wurde auf die Stra�e
geschickt, auf der er h�tte zur�ckkommen m�ssen - er fuhr mit dem Rad, wissen
Sie. Zuerst sahen sie nichts, aber auf der R�ckfahrt stoppte der Fahrer den
Wagen am Fu� des Longemede-H�gels, da, wo die seichte Furt ist. Es fiel ihm
ein, da� der Junge vielleicht vom oberen Ende des Steilst�ckes einen langen
Anlauf auf die Furt zu gemacht haben und in der Vertiefung zu Schaden gekommen
sein k�nnte. Sie fanden ihn halb im Graben, das Rad daneben. Tot.�</p><p>�Ach, mein
Gott!�</p><p>�Wir haben
der Presse zuerst nichts verlautbart. Die Eltern sind in Singapur. Der Vater
ist Berufsoffizier, Fielding hat ihm ein Telegramm geschickt. Wir haben uns
auch mit dem Kriegsministerium in Verbindung gesetzt.�</p><p>Sie
schwiegen einen Augenblick, dann fragte Smiley: �Wie ist das passiert?�</p><p>�Wir haben
die Stra�e gesperrt und versucht, den Unfall zu rekonstruieren. Ich habe jetzt
einen Beamten dr�ben, nur zum Nachsehen. Das dumme ist, wir konnten bis zum
Morgen nicht viel tun. Au�erdem, die M�nner sind �berall herumgetrampelt; man
kann's ihnen nicht �belnehmen. Es sieht so aus, als ob er nahe dem Ende des
Gef�lles hingefallen und mit seinem Kopf auf einem Stein aufgeschlagen w�re:
die rechte Schl�fe.�</p><p>�Wie hat
Fielding es aufgenommen?�</p><p>�Er war
sehr ersch�ttert. Sehr ersch�ttert, wirklich. Ehrlich gesagt, ich h�tte es
nicht geglaubt. Er schien einfach... zu resignieren. Es gab eine Menge zu tun -
den Eltern zu telegrafieren, mit dem Onkel des Jungen in Windsor Verbindung
aufzunehmen und so weiter. Aber er �berlie� das alles einfach Miss Truebody,
seiner Haush�lterin. Wenn sie nicht gewesen w�re, ich wei� nicht, wie wir
fertig geworden w�ren. Ich war ungef�hr eine halbe Stunde bei ihm, dann brach
er einfach v�llig zusammen und bat, allein gelassen zu werden.�</p><p>�Wie
meinen Sie das: brach zusammen?� fragte Smiley rasch.</p><p>�Er
weinte. Weinte wie ein Kind�, sagte Rigby gelassen. �Ich h�tte's nie gedacht.�</p><p>Smiley bot
Rigby eine Zigarette an und nahm selbst eine.</p><p>�Ich nehme
an�, wagte er, �es war ein Unfall?�</p><p>�Das nehme
ich an�, erwiderte Rigby h�lzern.</p><p>�Vielleicht�,
sagte Smiley, �teile ich Ihnen, ehe wir fortfahren, meine Neuigkeiten mit. Ich
war unterwegs, um Sie aufzusuchen, als Sie anriefen. Ich habe gerade von Miss
Brimley geh�rt.� Und auf seine pr�zise, ziemlich formelle Art berichtete er
alles, was ihm Miss Brimley gesagt hatte und wie er auf den Inhalt des Paketes
neugierig geworden war.</p><empty-line/><p>Smiley
wartete, w�hrend Rigby mit London telefonierte. Fast mechanisch beschrieb
Rigby alles, was er getan wissen wollte: das Paket und sein Inhalt waren zu
beschlagnahmen und Vorkehrungen zu treffen, sie sofort einer
gerichtsmedizinischen Untersuchung zu unterziehen; die Oberfl�chen waren nach
Fingerabdr�cken zu untersuchen. Er werde selbst mit einigen Proben der
Handschrift eines Jungen und einer Examensarbeit nach London kommen; er werde
das Gutachten eines Handschriftexperten einholen. Nein, er werde mit der Bahn,
mit dem Zug 4 Uhr 25 ab Carne ankommen, der in Waterloo um 8 Uhr 05 eintrifft.
K�nne man ihn mit dem Wagen vom Bahnhof abholen lassen? Stille trat ein, und
dann sagte Rigby verdrossen: �Schon gut, dann nehme ich mir so ein verfluchtes
Taxi�, und legte ziemlich j�h auf. Er sah Smiley einen Moment �rgerlich an,
grinste dann, zupfte sich am Ohr und sagte:</p><p>�Verzeihung,
Sir, ich werde schon ein bi�chen verdrossen.� Er deutete mit dem Kopf auf die
entfernte Wand und f�gte hinzu: �K�mpfe an zu vielen Fronten, nehme ich an.
Ich werde den Chef �ber das Paket in Kenntnis setzen m�ssen, aber er ist im
Augenblick auf der Jagd - nur Tauben, mit ein paar Freunden, er wird nicht lange
weg sein -, aber ich habe Ihre Anwesenheit in Carne tats�chlich noch nicht
erw�hnt, und wenn Sie nichts dagegen haben, werde ich...�</p><p>�Selbstverst�ndlich�,
unterbrach ihn Smiley schnell. �Ist ja viel einfacher, wenn Sie mich heraushalten.�</p><p>�Ich werde
ihm sagen, da� es nur eine Routineerkundigung war. Wir werden Miss Brimley
sp�ter erw�hnen m�ssen... Aber es hat keinen Sinn, die Dinge noch schlimmer zu
machen, wie?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Ich mu�
Janie freilassen, glaube ich... Sie hatte doch recht, nicht wahr? Silberfl�gel
im Mondschein.�</p><p>�Ich w�rde
- nein, ich w�rde sie nicht freilassen, Rigby�, sagte Smiley mit ungewohnter
Heftigkeit. �Behalten Sie sie so lange, wie Sie nur k�nnen, in Haft. Keine
weiteren Unf�lle, um Himmels willen! Wir haben genug davon gehabt.�</p><p>�Dann
glauben Sie also nicht, da� Perkins' Tod ein Unfall war?�</p><p>�Lieber
Himmel, nein�, rief Smiley pl�tzlich, �und Sie auch nicht, oder?�</p><p>�Ich habe
einen Beamten darauf angesetzt�, erwiderte Rigby k�hl. �Ich kann den Fall
nicht selbst �bernehmen. Ich werde beim Mordfall Rode ben�tigt. Der Chef wird
jetzt Scotland Yard hinzuziehen m�ssen, und die H�lle wird los sein, kann ich
Ihnen sagen. Er dachte, es sei alles so gut wie vor�ber.�</p><p>�Und in
der Zwischenzeit?�</p><p>�In der
Zwischenzeit werde ich mein Bestes tun, um herauszufinden, wer Stella Rode
ermordet hat.�</p><p>�Wenn
man�, sagte Smiley langsam, �auf diesem Regenmantel Fingerabdr�cke findet, was
ich bezweifle, wird man irgendwelche... hier greifbar haben, um sie damit zu
vergleichen?�</p><p>�Wir haben
nat�rlich Rodes und Janies.�</p><p>�Aber
nicht Fieldings?� Rigby z�gerte.</p><p>�Tats�chlich
haben wir welche�, sagte er endlich. �Aus lange zur�ckliegender Zeit. Das hat
aber nichts mit dieser Art von Verbrechen zu tun.�</p><p>�Es war
w�hrend des Krieges�, sagte Smiley. �Sein Bruder erz�hlte es mir. Oben im
Norden. Es wurde vertuscht, nicht wahr?�</p><p>Rigby
nickte. �Soviel ich geh�rt habe, wu�ten es nur die D'Arcys, und nat�rlich der
Direktor. Es geschah in den Ferien - irgendein Junge aus der Air Force. Der
Chef war sehr hilfsbereit...�</p><p>Smiley
sch�ttelte Rigby die Hand und ging das vertraute mit Weichholz get�felte
Treppenhaus hinunter. Er bemerkte wieder den unbestimmten Institutsgeruch von
Bohnerwachs und Karbolseife, �hnlich dem Geruch in Fieldings Haus.</p><empty-line/><p>Langsam
ging er zum �Sawley Arms� zur�ck. An der Stelle jedoch, wo er sich nach links
zu seinem Hotel h�tte wenden m�ssen, z�gerte er und schien sich anders zu
entschlie�en. Dann �berquerte er bed�chtig, fast widerstrebend, die Stra�e zum
Abteiplatz und ging um die S�decke herum auf Fieldings Haus zu. Er sah
beunruhigt aus, fast erschrocken.</p><empty-line/><p>SINN F�R MUSIK</p><empty-line/><p>Miss
Truebody �ffnete die T�r. Ihre Augenlider waren ger�tet, als ob sie geweint
h�tte.</p><p>�K�nnte
ich vielleicht Mr. Fielding sprechen? Um mich zu verabschieden.�</p><p>Sie
z�gerte. �Mr. Fielding ist ganz au�er sich. Ich bezweifle, da� er irgend
jemanden empfangen m�chte.�</p><p>Er folgte
ihr durch die Halle und sah zu, wie sie zur T�r des Studierzimmers ging. Sie
klopfte, neigte den Kopf, dr�ckte dann sacht die T�rklinke und trat ein. Es dauerte
lange, bis sie zur�ckkam.</p><p>�Er wird
gleich herauskommen�, sagte sie, ohne Smiley anzusehen.</p><p>�Wollen
Sie Ihren Mantel ablegen?� Sie wartete, w�hrend er umst�ndlich aus dem Mantel
schl�pfte, nahm ihn dann und h�ngte ihn neben den Van-Gogh-Stuhl. Sie standen
schweigend nebeneinander und blickten zur T�r des Arbeitszimmers.</p><p>Dann, ganz
pl�tzlich, stand Fielding in der halboffenen T�r, unrasiert und in
Hemds�rmeln. �Um Gottes willen�, sagte er heiser. �Was wollen Sie?�</p><p>�Ich
wollte mich nur verabschieden, Fielding, und mein Beileid aussprechen.�</p><p>Fielding
sah ihn einen Augenblick fest an; er lehnte sich schwer gegen die T�rf�llung:
�Also, adieu. Danke f�r Ihren Besuch.� Er fuchtelte mit einer Hand unbestimmt
umher. �Sie h�tten sich wirklich nicht zu bem�hen brauchen�, setzte er
unh�flich hinzu. �Sie h�tten mir auch eine Karte schicken k�nnen, nicht?�</p><p>�H�tte ich
tun k�nnen, ja; es schien nur so sehr tragisch, da er so nahe vor dem Erfolg
war.�</p><p>�Was
meinen Sie? Was, zum Teufel, meinen Sie?�</p><p>�Ich meine
seine Arbeit... die Besserung. Simon Snow hat mir alles erz�hlt. Wirklich
erstaunlich, die Art, wie ihn Rode weitergebracht hat.�</p><p>Ein langes
Schweigen, dann sprach Fielding: �Adieu, Smiley. Danke f�r Ihren Besuch.� Er
wandte sich zum Studierzimmer zur�ck, als Smiley rief:</p><p>�Aber
bitte... bitte sehr. Ich nehme an, auch der arme Rode mu� sich von diesen
Pr�fungsergebnissen aufgekratzt gef�hlt haben. Ich meine, es war doch mehr oder
weniger eine Sache von Leben und Tod f�r Perkins, diese Pr�fung zu bestehen,
nicht wahr? Er h�tte doch seine Versetzung im n�chsten Semester nicht bekommen,
wenn er in Naturwissenschaft durchgefallen w�re. Sie h�tten ihn vielleicht
nicht zulassen k�nnen, nehme ich an, obwohl er Hauspr�fekt war; dann h�tte er
nicht zur Aufnahmepr�fung in die Armee antreten d�rfen. Armer Perkins, er hatte
Rode eine Menge zu verdanken, nicht wahr? Und sicherlich auch Ihnen, Fielding.
Sie m�ssen ihm wunderbar geholfen haben... Sie beide, Sie und Rode; Rode und
Fielding. Seine Eltern sollten das wissen. Sie sind ziemlich in Geldnot, h�re
ich; der Vater ist Berufsoffizier, nicht wahr, in Singapur? Es mu� eine gro�e
Anstrengung bedeutet haben, den Jungen in Carne zu halten. Es wird sie tr�sten,
zu wissen wieviel f�r ihn getan wurde, nicht wahr, Fielding?� Smiley war sehr
bla�. �Sie haben das Neueste wohl schon geh�rt?� fuhr er fort. ��ber dieses
elende Zigeunerweib, das Stella Rode get�tet hat? Man hat entschieden, da�
sie zurechnungsf�hig ist. Ich nehme an, man wird sie h�ngen. Das w�re dann der
dritte Tod, nicht wahr? H�ren Sie, ich werde Ihnen etwas Seltsames erz�hlen -
ganz unter uns-, Fielding. Ich glaube nicht, da� sie es getan hat. Glauben
Sie's? Ich glaube einfach nicht, da� sie es getan hat.�</p><p>Er sah
Fielding nicht an. Seine kleinen H�nde hatte er fest hinter dem R�cken
verschr�nkt; er stand mit h�ngenden Schultern da, den Kopf zur Seite geneigt,
als lausche er auf eine Antwort.</p><p>Fielding
schien Smileys Worte wie einen physischen Schmerz zu empfinden. Langsam
sch�ttelte er den Kopf.</p><p>�Nein�,
sagte er. �Carne t�tete sie; es war Carne. Es konnte nur hier passieren. Es ist
das Spiel, das wir spielen: das Ausschlie�ungsspiel. Teile und herrsche!� Er
sah Smiley voll ins Gesicht und schrie: �Nun gehen Sie, um Himmels willen! Sie
haben bekommen, was Sie wollten, nicht? Nun k�nnen Sie mich auf Ihr kleines
Brett heften, wie?� Und dann begann er, zu Smileys Qual, in langgezogenen
unbeherrschten Schluchzern zu wimmern, die Hand auf der Stirn. Pl�tzlich
erschien er grotesk, wie er den kindlichen Tr�nen mit seiner kreidewei�en Hand
Einhalt gebot, die plumpen F��e nach innen gedreht. Sachte lockte ihn Smiley
ins Studierzimmer zur�ck, sachte setzte er ihn vor das erloschene Feuer. Dann
begann er leise und mitf�hlend mit ihm zu sprechen.</p><p>�Wenn es
wahr ist, was ich denke, ist nicht mehr viel Zeit�, begann er. �Ich m�chte, da�
Sie mir von Tim Perkins erz�hlen - von dem Examen.�</p><p>Fielding
nickte, das Gesicht in die H�nde vergraben.</p><p>�Er w�re
durchgefallen, nicht wahr? Er w�re durchgefallen und nicht versetzt worden; er
h�tte abgehen m�ssen.� Fielding schwieg. �Nach der Pr�fung, an jenem Tag, gab
ihm Rode die Aktenmappe, um sie hierherzubringen, die Mappe, die die Arbeiten
enthielt; Rode hatte in dieser Woche Kirchendienst und kam vor dem Abendessen
nicht nach Hause, aber er wollte die Arbeiten in jener Nacht korrigieren, nach
seinem Essen mit Ihnen.�</p><p>Fielding
nahm die H�nde vom Gesicht und lehnte sich im Stuhl zur�ck, den gro�en Kopf
nach hinten geneigt, die Augen geschlossen. Smiley fuhr fort:</p><p>�Perkins
kam nach Hause und brachte an diesem Abend die Mappe zu Ihnen, wie Rode es ihm
gesagt hatte, zur sicheren Aufbewahrung. Perkins war schlie�lich Ihr
Hauspr�fekt, ein verantwortungsbewu�ter Junge... Er �bergab Ihnen die Mappe,
und Sie fragten ihn, wie er bei der Pr�fung abgeschnitten habe.�</p><p>�Er
weinte�, sagte Fielding pl�tzlich. �Er weinte, wie nur ein Kind weinen kann.�</p><p>�Und
nachdem er zusammengebrochen war, sagte er Ihnen, da� er gemogelt hatte? Da� er
die Antworten nachgesehen und in seine Pr�fungsarbeit �bertragen hatte.
Stimmt das? Und nach der Ermordung von Stella Rode erinnerte er sich, was er
sonst noch in der Mappe gesehen hatte?�</p><p>Fielding
stand auf. �Nein! Sehen Sie's denn nicht? Tim h�tte nicht gemogelt, um sein
Leben zu retten! Das ist ja der springende Punkt, die ganze verdammte Ironie
dabei�, rief er. �Er hat �berhaupt nicht gemogelt. <strong><emphasis>Ich </emphasis></strong>mogelte f�r ihn.�</p><p>�Aber das
konnten Sie doch nicht! Sie konnten seine Handschrift nicht kopieren!�</p><p>�Er
schrieb mit einem Kugelschreiber. Es waren nur Formeln und Diagramme. Als er
fortgegangen war und mich mit der Aktenmappe allein gelassen hatte, sah ich mir
seine Arbeit an. Sie war hoffnungslos - er hatte nur zwei von sieben Aufgaben
gel�st. So mogelte ich f�r ihn. Ich schrieb sie einfach aus dem Lehrbuch ab und
trug sie mit blauem Kugelschreiber ein, wie wir ihn alle benutzen. Abbotts
verkaufen sie. Ich ahmte seine Schrift nach, so gut ich konnte. Ich brauchte
nur etwa drei Zahlenreihen. Das �brige waren Diagramme.�</p><p>�Dann
waren Sie es, der die Mappe �ffnete? Der sah...�</p><p>�Ja,- ich
war es, sage ich Ihnen, nicht Tim! Er konnte f�r sein Leben nicht mogeln! Aber
Tim bezahlte daf�r, sehen Sie's nicht? Als die Zensuren bekanntgegeben wurden,
mu� Tim gewu�t haben, da� etwas mit ihnen nicht in Ordnung war. Schlie�lich
hatte er nur zwei Aufgaben von sieben versucht, und jetzt hatte er
einundsechzig Prozent bekommen. Aber sonst wu�te er <strong><emphasis>nichts, </emphasis></strong>gar <strong><emphasis>nichts!�</emphasis></strong></p><p>Lange Zeit
sprach keiner von ihnen. Fielding blickte auf Smiley herab, frohlockend vor
Erleichterung dar�ber, da� jemand sein Geheimnis teilte, und Smiley sah vage
an ihm vorbei, das Gesicht in vollkommener Konzentration gestrafft.</p><p>�Und
nat�rlich�, sagte er endlich, �wu�ten Sie, als Stella ermordet wurde, wer es
getan hatte.�</p><p>�Ja�,
antwortete Fielding, �ich wu�te, da� Rode sie get�tet hatte.�</p><empty-line/><p>Fielding
go� sich einen Brandy ein und gab auch Smiley einen. Er schien seine
Selbstbeherrschung wiedergewonnen zu haben, setzte sich und sah Smiley eine
Weile nachdenklich an.</p><p>�Ich habe
kein Geld�, sagte er endlich. �Keines. Niemand wei� das au�er dem Direktor. Oh,
sie wissen, da� ich mehr oder minder bankrott bin, aber sie wissen nicht, <strong><emphasis>wie </emphasis></strong>bankrott. Vor langer Zeit benahm ich mich wie ein Esel.
Ich geriet in Schwierigkeiten. Es war im Krieg, als man keine Lehrer bekam. Ich
hatte ein Internat f�r Jungen und leitete praktisch die Schule - D'Arcy und
ich. Wir leiteten sie zusammen, und der Direktor leitete uns. Dann benahm ich
mich wie ein Esel. Es war w�hrend der Ferien. Ich war damals oben im Norden und
hielt eine Reihe von Vortr�gen in einem Ausbildungsort der Royal Air Force. Und
ich lie� mir was zuschulden kommen. Schlimm. Sie schnappten mich. Und herbei
kam D'Arcy, mit seinem b�uerlichen Mantel angetan, und �berbrachte die
Bedingungen des Direktors: Kommen Sie zur�ck nach Carne, lieber Kollege, und
wir werden nicht mehr dar�ber sprechen; leiten Sie weiter Ihr Haus, lieber
Kollege, und leihen Sie uns weiter Ihre Weisheit. Es ist nicht an die
�ffentlichkeit gedrungen. Wir wissen, es wird nie wieder geschehen, lieber Kollege,
und wir sind sehr knapp an Lehrern. Kommen Sie als Aushilfslehrer zur�ck. So
hab' ich's gemacht, bin seitdem immer einer gewesen und gehe jeden Dezember mit
der M�tze in der Hand zum Liebling D'Arcy mit der Bitte, meinen Vertrag zu
erneuern. Und nat�rlich - keine Pension. Ich werde an einem Einpaukinstitut
unterrichten m�ssen. Es gibt einen Ort in Somerset, wo sie mich nehmen werden.
Ich besuche den Direktor in London am Donnerstag. Es ist eine Art Abbruchshof
f�r alte Professoren. Unser Direktor mu� es gewu�t haben; er gab mir eine
Empfehlung.�</p><p>�Deswegen
konnten Sie es niemandem sagen? Wegen Perkins?�</p><p>�In
gewisser Weise, ja. Ich meine, die Polizei w�rde ja alles m�gliche wissen
wollen. Ich tat es f�r Tim, sehen Sie. Die Kuratoriumsmitglieder h�tten das
nicht besonders gemocht... ungeb�hrliche Zuneigung... Es sieht schlimm aus,
nicht wahr? Aber es war nicht jene Art von Zuneigung, Smiley, nicht mehr. Sie
haben ihn nie Cello spielen h�ren. Er war nicht gro�artig, aber zuweilen
spielte er so sch�n, mit einer Art gew�hlter Schlichtheit, die unbeschreiblich
gut war. Er war ein linkischer Junge, und wenn er gut spielte, war es eine
solche �berraschung. Sie h�tten ihn spielen h�ren sollen.�</p><p>�Sie
wollten ihn da nicht hineinziehen. Wenn Sie der Polizei sagten, was Sie gesehen
hatten, w�rde es auch Tim ruinieren?�</p><p>Fielding
nickte. �In ganz Carne war er das einzige, was ich liebte.�</p><p>�Liebte?�
fragte Smiley.</p><p>�Um
Himmels willen�, sagte Fielding mit ersch�pfter Stimme, �warum nicht?�</p><empty-line/><p>�Seine
Eltern wollten, da� er auf die Milit�rakademie nach Sandhurst geht, ich nicht,
leider. Ich dachte, ich k�nnte ihm, wenn ich ihn noch ein oder zwei Semester
hierbehalten k�nnte, vielleicht ein Musikstipendium verschaffen. Deswegen
machte ich ihn zum Hauspr�fekten: Ich wollte, da� seine Eltern ihn hierlie�en,
weil er sich so gut machte.� Fielding machte eine Pause. �Er war ein miserabler
Hauspr�fekt�, f�gte er hinzu.</p><p>�Und was
genau war in der Aktenmappe�, fragte Smiley, �als Sie sie an jenem Abend
�ffneten, um Tims Pr�fungsarbeit zu besehen?�</p><p>�Ein
Packen aus durchsichtigem Kunststoff - es kann eines von diesen
zusammenfaltbaren Capes gewesen sein, ein altes Paar Handschuhe und ein Paar
selbstgemachte Gummischuhe.�</p><p>�Selbstgemacht?�</p><p>�Ja. Von
einem Paar Gummistiefel abgetrennt, w�rde ich sagen.�</p><p>�Das ist
alles?�</p><p>�Nein. Da
war noch ein St�ck schweres Kabel; wie ich annahm, um etwas in seinem
Naturwissenschafts-Unterricht zu demonstrieren. Es schien nat�rlich genug, im
Winter eine Regenhaut bei sich zu f�hren. Dann, nach dem Mord, begriff ich, wie
er es gemacht hatte.�</p><p>�Wu�ten
Sie�, fragte Smiley, <strong><emphasis>�warum </emphasis></strong>er es
getan hatte?�</p><p>Fielding
schien zu z�gern. �Rode ist ein Versuchskaninchen�, begann er, �der erste, den
wir von einer �ffentlichen Schule hatten. Die meisten von uns sind tats�chlich
selbst alte Carnianer. Schon darauf eingestellt, wenn wir anfangen. Rode war
es nicht, und Carne regte ihn auf. Der Name Carne selbst bedeutet Qualit�t, und
Rode liebte Qualit�t. Seine Frau war nicht so. Sie hatte ihren Standard, und
der war anders, aber genausogut. Ich pflegte Rode mitunter in der Abtei am
Sonntagmorgen zu beobachten. Die Lehrer sitzen am Ende der Bankreihen, ganz
beim Mittelschiff, wissen Sie. Ich beobachtete sein Gesicht, wenn der Chor an
ihm vorbeizog, in Wei� und Scharlach, und der Direktor in seinem Talar eines
Doktors der Philosophie, die Kuratoren hinter sich. Rode war trunken - trunken
vom Stolz auf Carne. Wir sind berauschender Wein f�r die Leute von �ffentlichen
Schulen, wissen Sie. Es mu� ihn schrecklich geschmerzt haben, da� Stella daran
�berhaupt nicht teilnahm. Man konnte das sehen. Noch an dem Abend, als sie zu
mir zum Dinner kamen, an demselben Abend, als sie starb, zankten sie sich. Ich
habe es niemandem erz�hlt, aber es stimmt. Der Direktor hatte an jenem Abend
bei der Komplet eine Predigt �Haltet fest am Guten&lt; gehalten. Rode sprach
bei Tisch dar�ber; er konnte nicht viel Alkohol vertragen, wissen Sie, er war
nicht daran gew�hnt. Er war erf�llt von dieser Predigt und der Beredsamkeit des
Direktors. Seine Frau kam nie in die Abtei - sie ging in das sch�bige Bethaus
beim Bahnhof. Er verbreitete sich �ber die Sch�nheit des Abteirituals, die
W�rde, die Ehrfurcht. Sie verhielt sich still, bis er fertig war, lachte dann
und sagte: &gt;Armer alter Stan. Du wirst immer Stan f�r mich bleiben. &lt; Ich
habe noch nie jemanden so zornig gesehen wie damals ihn. Er wurde ganz bla�.�</p><p>Fielding
wischte sich das wei�e Haar aus den Augen und fuhr beinahe mit der alten
Gro�spurigkeit fort: �Ich habe sie bei den Mahlzeiten beobachtet. Nicht nur
hier, sondern auch bei Dinnergesellschaften anderswo, wenn wir beide eingeladen
waren. Ich habe beobachtet, wie sie die simpelsten Dinge tat - etwa einen Apfel
a�. Sie sch�lte ihn in einem St�ck rundherum, bis die ganze Schale abfiel. Dann
schnitt sie den Apfel auf und w�rfelte die Viertel, machte alles fertig, ehe
sie ihn a�. Sie h�tte die Frau eines Bergarbeiters sein k�nnen, die den Apfel
f�r ihren Mann vorbereitet. Sie mu�te doch <strong><emphasis>gesehen </emphasis></strong>haben, wie die Leute so etwas hier machen, aber es
fiel ihr nie ein, da� sie sie nachahmen sollte. Ich bewundere das. Sie, Mr.
Smiley, vermutlich auch. Aber Carne nicht - und Rode nicht; vor allem Rode
nicht. Er pflegte sie zu beobachten, und ich glaube, er begann sie zu hassen,
weil sie sich nicht anpa�te. Er sah sie allm�hlich als Hindernis f�r seinen
Erfolg, als den einen Faktor, der ihn einer gro�en Karriere berauben w�rde.
Einmal zu diesem Ergebnis gekommen, was konnte er tun? Er konnte sich nicht
scheiden lassen - das h�tte ihm mehr Schaden zugef�gt, als wenn er mit ihr
verheiratet blieb. Rode wu�te, was Carne �ber eine Scheidung denken w�rde; wir
sind eine Kirchengr�ndung, bedenken Sie das. Deswegen t�tete er sie. Er plante
seinen sch�bigen Mord und gab ihnen mit seinem kleinen
Naturwissenschaftlerverstand all die Spuren, die sie finden wollten.
Fabrizierte Spuren. Spuren, die auf einen M�rder hindeuten sollten, der gar
nicht existierte. Aber etwas ging schief; Tim Perkins bekam einundsechzig
Prozent. Er hatte eine unwahrscheinlich gute Note bekommen - er mu�te gemogelt
haben. Er hatte die Gelegenheit dazu - er hatte die Arbeiten in der Aktentasche
gehabt. Rode setzte seinen kleinen Verstand daran und entschied, was geschehen
war: Tim hatte die Mappe ge�ffnet und das Cape, die Schuhe und Handschuhe
gesehen. Und das Kabel. Deswegen t�tete Rode auch ihn.�</p><p>Mit
�berraschender Energie stand Fielding auf und schenkte sich einen Brandy ein.
Sein Gesicht war ger�tet, fast triumphierend.</p><p>Smiley
stand auf. �Wann, sagten Sie, w�rden Sie nach London kommen? Donnerstag, nicht
wahr?�</p><p>�Ja. Ich
hatte abgemacht, da� ich mit meinem Einpaukmann in einem dieser schrecklichen
Clubs in Pall Mall essen w�rde. Ich gehe immer in den falschen, Sie auch? Aber
ich f�rchte, es hat nicht viel Sinn, ihn jetzt noch zu treffen, wenn dies alles
herauskommen wird, nicht wahr? Nicht einmal ein Einpaukinstitut wird mich dann
noch nehmen.�</p><p>Smiley
z�gerte.</p><p>�Kommen
Sie, und essen Sie mit mir an jenem Abend. Bleiben Sie �ber Nacht, wenn Sie
wollen. Ich werde noch ein oder zwei Leute dazubitten. Wir werden eine Party
abhalten. Sie werden sich bis dahin besser f�hlen. Wir k�nnen ein bi�chen
plaudern. Vielleicht bin ich imstande, Ihnen zu helfen... um Adrians willen.�</p><p>�Danke.
Ich t�te es gern. Abgesehen von der Unterredung habe ich ohnehin allerlei in
London zu ordnen.�</p><p>�Gut.
Viertel vor acht. Bywater Street, Chelsea, Nummer 9 A.�</p><p>Fielding
schrieb es in sein Notizbuch. Seine Hand war ganz sicher.</p><p>�Smoking?�
fragte Fielding, den Stift gez�ckt, und irgendein Kobold lie� Smiley antworten:</p><p>�Ich ziehe
gew�hnlich einen an, aber es ist nicht wichtig.� Einen Moment war Schweigen.</p><p>�Ich nehme
an�, begann Fielding tastend, �da� dies alles in der Gerichtsverhandlung
herauskommen wird, �ber Tim und mich? Ich werde ruiniert sein, wenn das
geschieht, wissen Sie, ruiniert.�</p><p>�Ich wei�
nicht, wie man das verhindern k�nnte.�</p><p>�Jetzt
f�hle ich mich jedenfalls viel besser�, sagte Fielding, �viel besser.�</p><p>Mit einem
fl�chtigen Adieu lie� Smiley ihn allein. Still ging er zur Polizeistation
zur�ck, ziemlich sicher, da� Fielding der vollendetste L�gner war, dem er seit
langem begegnet war.</p><p><emphasis/></p><p>ENTWISCHT</p><empty-line/><p>Er klopfte an Rigbys T�r und trat sofort ein.</p><p>�Es tut
mir furchtbar leid, Sie m�ssen Rode verhaften�, begann er und schilderte seine
Unterredung mit Fielding.</p><p>�Ich werde
es dem Chef berichten m�ssen�, sagte Rigby zweifelnd. �M�chten Sie das alles
vor ihm wiederholen? Wenn wir einen Carne-Lehrer einn�hen wollen, so meine
ich, da� es der Chef zuerst wissen mu�. Er ist gerade zur�ckgekehrt. Warten Sie
eine Minute.� Er griff nach dem Telefon auf seinem Tisch und verlangte den
Polizeidirektor. Einige Minuten sp�ter gingen sie schweigend einen
teppichbelegten Korridor hinunter. An beiden W�nden hingen Fotos von Rugby- und
Cricketmannschaften, einige vergilbt und von der indischen Sonne gebleicht,
andere in dem Sepiaton, der bei Carne-Fotografen zu Beginn des Jahrhunderts in
Gunst gestanden hatte. In Zwischenr�umen den Korridor entlang standen leere
Eimer in leuchtendem Rot, die in Wei� den sorgf�ltigen Aufdruck FEUER zeigten.
Am hintersten Ende des Korridors war eine dunkle Eichent�r. Rigby klopfte und
wartete. Stille. Er klopfte wieder, und das wurde mit dem Ruf �Herein�
beantwortet.</p><p>Zwei sehr
gro�e Spaniels beobachteten ihr Eintreten. Hinter den Spaniels, an einem enormen
Schreibtisch, sa� Brigadegeneral Havelock, O. B. E.* [O<strong>rder of the British Empire]</strong>
Polizeidirektor von Carne, wie eine Wasserratte auf einem Flo�.</p><p>Die
wenigen Str�hnen wei�en Haars, die seitw�rts �ber seinen sonst kahlen Kopf
liefen, waren sorgsam so angeordnet, da� sie eine m�glichst gro�e Fl�che
bedeckten. Das gab ihm ein merkw�rdig nasses Aussehen, als sei er gerade aus
dem Flu� aufgetaucht. Sein Schnurrbart, der �ppig die Sch�tterkeit sonstigen
Haarwuchses wettmachte, war gelb und schien recht kr�ftig zu sein. Er war ein
sehr kleiner Mann, trug einen braunen Anzug und einen steifen wei�en Kragen
mit abgerundeten Ecken.</p><p>�Sir�,
begann Rigby, �darf ich Ihnen Mr. Smiley aus London vorstellen?�</p><p>Er kam
hinter seinem Schreibtisch hervor, als ergebe er sich, nicht �berzeugt, doch
resigniert. Dann schob er eine kleine knorrige Hand vor und sagte: �Aus London,
�h? Guten Tag, Sir�, alles auf einmal, als habe er es auswendig gelernt.</p><p>�Mr.
Smiley ist zu einem Privatbesuch hier, Sir�, fuhr Rigby fort. �Er kennt Mr.
Fielding.�</p><p>�Ein
komischer Kauz, dieser Fielding, ein komischer Kauz�, schnauzte der
Polizeidirektor.</p><p>�Ja,
tats�chlich, Sir�, sagte Rigby und fuhr fort: �Mr. Smiley hat Mr. Fielding
gerade besucht, Sir, um sich von ihm vor seiner R�ckkehr nach London zu
verabschieden.�</p><p>Havelock
warf einen blitzenden Blick auf Smiley, als �berlege er, ob dieser imstande
sei, die Reise zu unternehmen.</p><p>�Mr.
Fielding hat eine Art Aussage gemacht, die er mit neuem, eigenem Beweismaterial
unterbaute. �ber den Mord, Sir.�</p><p>�Nun,
Rigby?� sagte er herausfordernd.</p><p>Smiley
griff ein: �Er sagte, der Ehemann habe es getan; Stanley Rode. Fielding sagte,
als ihm sein Pr�fekt Rodes Aktenmappe mit den Pr�fungsarbeiten brachte...�</p><p>�Was f�r
Pr�fungsarbeiten?�</p><p>�Rode
f�hrte an jenem Nachmittag die Aufsicht, Sie erinnern sich. Er hatte au�erdem
Kirchendienst, bevor er zum Dinner in Fieldings Haus ging. Aus Gr�nden der
Zweckm��igkeit gab er die Pr�fungsarbeiten Perkins, der sie...�</p><p>�Der
Junge, der den Unfall hatte?� fragte Havelock.</p><p>�Ja.�</p><p>�Sie
wissen eine Menge dar�ber�, meinte Havelock dunkel.</p><p>�Fielding
sagte, als Perkins ihm die Mappe �berbrachte, habe er, Fielding, sie ge�ffnet.
Er habe sehen wollen, wie Perkins bei der Pr�fungsarbeit abgeschnitten hatte.
Es war f�r die Zukunft des Jungen von Bedeutung, da� er seine Versetzung
bekam�, fuhr Smiley fort.</p><p>�Oh,
Arbeit ist heute das einzige�, sagte Havelock mit Bitterkeit. �War nicht so,
als ich hier Sch�ler war, versichere ich Ihnen.�</p><p>�Als
Fielding die Mappe �ffnete, waren die Pr�fungsarbeiten darin. Aber auch ein
Kunststoffcape, ein altes Paar Lederhandschuhe und ein Paar Gummischuhe, die
von Stiefeln abgeschnitten waren.�</p><p>Eine
Pause.</p><p>�Gro�er
Gott! Gro�er Gott! Haben Sie's geh�rt, Rigby? Das ist doch das, was sie in dem
Paket in London gefunden haben. Gro�er Gott!�</p><p>�Schlie�lich
war auch ein St�ck Kabel, schweres Kabel, in der Mappe. Wegen dieser Mappe ging
Rode, wie Sie sich erinnern, in der Mordnacht zur�ck�, schlo� Smiley. Es war
wie das F�ttern eines Kindes - man durfte den L�ffel nicht zu voll machen.</p><p>Eine sehr
lange Stille trat ein. Dann sagte Rigby, der seinen Mann zu kennen schien:</p><p>�Das Motiv
war Vorankommen im Beruf, Sir. Mrs. Rode zeigte kein Verlangen, ihre Stellung
zu verbessern, zog sich schlampig an und beteiligte sich nicht am religi�sen
Leben der Schule.�</p><p>�Augenblick
mal�, sagte Havelock. �Rode plante den Mord von Anfang an, richtig?�</p><p>�Ja, Sir.�</p><p>�Er
wollte, da� es so auss�he wie Raub unter Gewaltanwendung?�</p><p>�Ja, Sir.�</p><p>�Nachdem
er die Aktenmappe an sich genommen hatte, ging er nach North Fields zur�ck. Was
tat er danach?�</p><p>�Er zieht
das Kunststoffcape mit Kapuze, �berschuhe und Handschuhe an. Er bewaffnet sich
mit dem Kabel, Sir. Er �ffnet das Gartentor, geht zur Vordert�r und klingelt,
Sir. Seine Frau kommt zur T�r. Er schl�gt sie nieder, schleppt sie in den
Wintergarten und ermordet sie. Er reinigt die Kleidung unter dem Wasserhahn
und tut sie in das Paket. Nachdem er das Paket verschlossen hat, geht er die
Zufahrt hinunter, diesmal auf dem Pfad zur vorderen Gartent�r, Sir, da er
wei�, da� seine eigenen Fu�spuren bald von denen anderer Leute verwischt
werden. An der Stra�e angelangt, wo der Schnee hart war und keine Abdr�cke
zeigte, drehte er sich um, betrat wieder das Haus, spielte die Rolle des
entsetzten Ehemanns und achtete darauf, als er die Leiche entdeckte, Sir,
seine eigenen Fingerabdr�cke �ber die der Handschuhspuren zu bringen. Es gab
einen Gegenstand, der zum Verschicken zu gef�hrlich war, Sir, die Waffe.�</p><p>�Schon
gut, Rigby. Verhaften Sie ihn. Mr. Borrow wird Ihnen einen Haftbefehl
ausstellen, wenn Sie einen brauchen; sonst rufe ich Lord Sawley an.�</p><p>�Ja, Sir.
Und ich werde Sergeant Low schicken, um von Mr. Fieldings Aussage ein
vollst�ndiges Protokoll aufzunehmen, Sir?�</p><p>�Warum,
zum Teufel, hat er nicht fr�her ausgepackt, Rigby?�</p><p>�Das mu�
ich ihn fragen, Sir�, sagte Rigby ausdruckslos und verlie� das Zimmer.</p><empty-line/><p>�Sind Sie
Carnianer?� fragte Havelock und schob eine silberne Zigarettendose �ber den
Tisch.</p><p>�Nein.
Nein, leider�, antwortete Smiley.</p><p>�Woher
kennen Sie dann Fielding?�</p><p>�Wir
trafen uns nach dem Kriege in Oxford.�</p><p>�Merkw�rdiger
Kauz, Fielding, sehr merkw�rdig. Sagen Sie, Ihr Name ist Smiley?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Da gab es
einen Kerl namens Smiley, der heiratete Ann Sercombe, Lord Sawleys Kusine.
Verdammt h�bsches M�dchen, diese Ann, und ging hin und heiratete diesen
Burschen. Irgendein kleiner komischer Mensch im Staatsdienst mit 'nem Orden des
Britischen Empire und 'ner goldenen Uhr. Sawley war verdammt ver�rgert.�
Smiley sagte nichts. �Sawley hat einen Sohn in Carne. Wu�ten Sie das?�</p><p>�Ich habe
es in der Zeitung gelesen, glaube ich.�</p><p>�Sagen Sie
- dieser Rode. Kommt von einer �ffentlichen Schule, oder nicht?�</p><p>�Ich nehme
es an, ja.�</p><p>�Verdammt
merkw�rdige Sache. Experimente machen sich nie bezahlt, nicht wahr? Man kann
mit der Tradition nicht experimentieren.�</p><p>�Nein.
Nein, wahrhaftig nicht.�</p><p>�Das ist
der Jammer heutzutage. Wie Afrika. Niemand scheint zu begreifen, da� man eine
Gesellschaft nicht �ber Nacht aufbauen kann. Es braucht Jahrhunderte, einen
Gentleman zu formen.� Havelock blickte stirnrunzelnd vor sich hin und fuhr mit
dem Papiermesser auf seinem Tisch herum.</p><p>�M�chte
wissen, wie er sein Kabel in diesen Graben bekommen hat, das Ding, mit dem er
sie t�tete. Wir haben ihn doch achtundvierzig Stunden nach dem Mord nicht aus
den Augen gelassen.�</p><p>�Das ist
es�, sagte Smiley, �was mir R�tsel aufgibt. Ebenso Jane Lyn.�</p><p>�Was
meinen Sie?�</p><p>�Ich
glaube nicht, da� Rode den Mut gehabt h�tte, zum Haus zur�ckzugehen, nachdem er
seine Frau get�tet hatte, wenn er wu�te, da� Jane Lyn ihn dabei beobachtet
hatte. Unter der Annahme nat�rlich, <strong><emphasis>da� </emphasis></strong>er es
wu�te, was wahrscheinlich ist. Es ist zu kaltbl�tig... viel zu kaltbl�tig.�</p><p>�Seltsam,
verdammt seltsam�, murmelte Havelock. Er sah auf seine Uhr, indem er den linken
Ellbogen in einer raschen Reiterbewegung, die Smiley komisch und etwas traurig
fand, nach au�en schob. Die Minuten tickten vorbei. Smiley �berlegte, ob er
gehen solle, aber er hatte das unbestimmte Gef�hl, da� Havelock seine
Gesellschaft brauchte.</p><p>�Es wird
ein h�llisches Aufsehen geben�, sagte Havelock. �Nicht jeden Tag verhaftet man
einen Lehrer von Carne wegen Mordes.� Er legte das Papiermesser heftig auf
den Tisch. �Diese widerlichen Journalisten sollten ausgepeitscht werden!�
erkl�rte er. �Sehen Sie mal das Zeug an, das sie �ber die K�nigsfamilie
schreiben. B�se, b�se!� Er stand auf, ging, durchs Zimmer und setzte sich in
einen Ledersessel am Feuer. Einer der Spaniels kam und lie� sich zu seinen F��en
nieder. �Was, zum Teufel, hat ihn dazu veranla�t? Seine eigene Frau, meine
ich; ein Mensch wie er.� Havelock sagte dies schlicht, als bitte er um
Aufkl�rung.</p><p>�Ich
glaube nicht�, sagte Smiley langsam, �da� wir je ganz ergr�nden k�nnen, was
irgend jemanden zu irgend etwas veranla�t.�</p><p>�Mein
Gott, Sie haben vollkommen recht... Womit verdienen Sie sich Ihren
Lebensunterhalt, Smiley?�</p><p>�Nach dem
Krieg war ich eine Zeitlang in Oxford. Unterricht und Forschung. Jetzt bin ich
in London.�</p><p>�Einer von
den klugen Burschen, �h?�</p><p>Smiley
fragte sich, wann Rigby zur�ckkehren w�rde.</p><p>�Wissen
Sie was �ber die Familie dieses Kerls? Hat er Verwandte?�</p><p>�Ich
glaube, seine Eltern sind beide tot�, erwiderte Smiley, und das Telefon auf
Havelocks Schreibtisch klingelte scharf. Es war Rigby. Stanley Rode war verschwunden.</p><p><emphasis/></p><p>NACH DEM FEST</p><empty-line/><p>Er nahm
den Zug um ein Uhr drei�ig nach London. Nach einer Auseinandersetzung �ber die
Hotelrechnung erreichte er ihn gerade noch. Er lie� einen Zettel f�r Rigby
zur�ck, auf dem er seine Londoner Adresse und Telefonnummer angab und ihn bat,
ihn in dieser Nacht anzurufen, wenn die Laboratoriumsuntersuchungen
abgeschlossen waren. Es gab in Carne sonst nichts mehr f�r ihn zu tun.</p><p>Als der
Zug langsam aus Carne herausfuhr und die vertrauten Wahrzeichen eines nach dem
anderen im kalten Februarnebel verschwanden, wurde Smiley von einem Gef�hl der
Erleichterung erf�llt. Er hatte nicht kommen wollen, das wu�te er. Er hatte
sich vor dem Ort gef�rchtet, wo seine Frau ihre Kindheit verbracht, sich vor
den Feldern gef�rchtet, wo sie gelebt hatte. Doch er hatte nichts gefunden,
nicht das leiseste Andenken, weder in den leblosen Umrissen von Schlo� Sawley
noch in der umgebenden Landschaft, nichts, was ihn an sie erinnert h�tte. Nur
der Klatsch blieb �brig, wie es nur zu selbstverst�ndlich war, solange die
Hechts und Havelocks weiterlebten, um mit ihrer Bekanntschaft mit der ersten
Familie von Carne zu protzen.</p><empty-line/><p>Er nahm
ein Taxi nach Chelsea, trug seinen Koffer nach oben und packte ihn mit der
Sorgfalt eines Mannes aus, der allein zu leben gewohnt ist. Er dachte daran,
ein Bad zu nehmen, entschied jedoch, zuerst Ailsa Brimley anzurufen. Das
Telefon stand neben seinem Bett. Er setzte sich auf die Bettkante und w�hlte
die Nummer. Eine blecherne Stimme sang �Unipress, guten Abend�, und er fragte
nach Miss Brimley. Es gab ein langes Schweigen, und dann: �Ich bedaure, Miss
Brimley ist in einer Konferenz. Kann jemand anderes Ihre Anfrage beantworten?�</p><p>Anfrage,
dachte Smiley. Guter Gott! Warum in aller Welt Anfrage, warum nicht Frage oder
Erkundigung?</p><p>�Nein�,
sagte er. �Sagen Sie nur, Mr. Smiley habe angerufen.� Er legte den H�rer auf,
ging ins Badezimmer und drehte den Hei�wasserhahn auf. Er zerrte an seinen
Manschettenkn�pfen, als das Telefon klingelte. Es war Ailsa Brimley.</p><p>�George?
Ich glaube, du solltest am besten gleich her�berkommen. Wir haben einen
Besucher. Mr. Rode aus Carne. Er m�chte mit uns sprechen.�</p><p>Er zog
seine Jacke an, rannte auf die Stra�e und rief ein Taxi.</p><empty-line/><p>EINE
LEGENDE WIRD ZERST�RT</p><empty-line/><p>Die von
oben kommende Rolltreppe war gedr�ngt voll von Angestellten der Unipress. Sie
waren mit m�den Augen auf dem Heimweg. Der Anblick eines beleibten Herrn
mittleren Alters, der die Treppe daneben hinaufst�rmte, bereitete ihnen
unerwartete Unterhaltung, so da� Smileys Aufstieg durch das Gesp�tt von
B�rojungen und das Gel�chter von Stenotypistinnen beschleunigt wurde. Im ersten
Stock hielt er an, um eine riesige Tafel zu studieren, auf der die Titel eines
Viertels aller Tageszeitungen des Landes angef�hrt waren. Schlie�lich entdeckte
er unter der �berschrift �Technik und Diverses� die �Christliche Stimme�,
Zimmer 619. Der Lift schien sehr langsam nach oben zu gehen. Hinter seinem
Pl�sch str�mte formlose Musik hervor, zu deren kr�ftigeren Takten ein Boy in
einer Affenjacke mit den H�ften zuckte. Dann teilte sich die goldene T�r mit
einem Seufzer, der Boy sagte �Sechster Stock�, und Smiley trat schnell in den
Korridor. Kurz danach klopfte er an die T�r von Zimmer 619. Ailsa Brimley
�ffnete ihm.</p><empty-line/><p>�George,
wie nett�, sagte sie fr�hlich. �Mr. Rode wird sehr entz�ckt sein, dich zu
sehen.� Und ohne weitere Einleitung f�hrte sie ihn in ihr B�ro. In einem Sessel
nahe am Fenster sa� Stanley Rode, Lehrer in Carne, in einem ordentlichen
schwarzen Mantel. Als Smiley eintrat, stand er auf und streckte ihm die Hand
entgegen.</p><p>�Nett, da�
Sie gekommen sind, Sir�, sagte er steif. �Sehr nett.� Dieselbe farblose Art,
dieselbe vorsichtige Stimme.</p><p>�Was kann
ich f�r Sie tun?� fragte Smiley.</p><p>Sie
setzten sich alle. Smiley bot Miss Brimley eine Zigarette an und gab ihr Feuer.</p><p>�Es ist
wegen dieses Artikels, den Sie �ber Stella schreiben�, begann Rode. �Ich habe
wirklich ein schlechtes Gef�hl dabei, weil Sie so gut zu ihr und ihrem Andenken
gewesen sind, wenn Sie wissen, was ich meine. Ich bin �berzeugt, Sie meinen es
gut, aber ich m�chte nicht, da� Sie ihn schreiben.�</p><p>Smiley
sagte nichts, und Ailsa war klug genug, sich still zu verhalten.</p><p>Von nun an
war es Smileys Unterredung. Ihn st�rte das Schweigen nicht, aber Rode schien es
zu bedr�cken.</p><p>�Es w�re
nicht richtig; es w�re ganz unpassend. Mr. Glaston stimmte zu; ich sprach
gestern vor seiner Abreise mit ihm, und er stimmte zu. Ich k�nnte Sie einfach
das Zeug nicht schreiben lassen.�</p><p>�Warum
nicht?�</p><p>�Zu viele
Leute wissen Bescheid. Der arme Mr. Cardew, ich habe ihn gefragt. Er wei� eine
Menge, und auch eine Menge �ber Stella, daher fragte ich ihn. Er versteht auch,
warum ich das Bethaus aufgegeben habe; ich konnte nicht mehr zusehen, wie sie
jeden Sonntag hinging und auf die Knie sank.� Er sch�ttelte den Kopf. �Es war
alles falsch. Es machte den Glauben l�cherlich.�</p><p>�Was sagte
Cardew dazu?�</p><p>�Er sagte,
wir sollten uns nicht zu Richtern aufwerfen. Wir sollten Gott richten lassen.
Aber ich erwiderte, es w�re nicht richtig, da die Leute sie kannten und
wu�ten, was sie getan hatte, und dann all das Zeug in der &gt;Stimme&lt; lesen
w�rden. Sie w�rden es f�r verr�ckt halten. Er schien das nicht einzusehen, er
sagte nur, man solle es Gott �berlassen. Aber ich kann es nicht, Mr. Smiley.�</p><p>Wieder
sprach eine Weile niemand. Rode sa� ganz still, wiegte nur leise den Kopf. Dann
fing er wieder zu sprechen an:</p><p>�Zuerst
glaubte ich dem alten Mr. Glaston nicht. Er sagte, sie sei schlecht, aber ich
glaubte es nicht. Sie lebten damals oben auf dem H�gel, Gorse Hill, nur einen
Schritt vom Bethaus; Stella und ihr Vater. Sie schienen ihr Personal nie lange
zu behalten, daher machte sie die meiste Arbeit selbst. Ich besuchte sie
manchmal an Sonntagvormittagen nach der Kirche. Stella versorgte ihren Vater,
kochte f�r ihn und richtete alles, und ich fragte mich immer, wie ich jemals
den Mut aufbringen w�rde, bei Mr. Glaston um ihre Hand anzuhalten. Die Glastons
waren wichtige Leute in Branxome. Ich unterrichtete damals an einer �ffentlichen
Schule. Sie lie�en mich mit verk�rzter Arbeitszeit unterrichten, w�hrend ich
mich auf mein Examen vorbereitete, und ich hatte mich entschlossen, Stella zu
bitten, mich zu heiraten, wenn ich die Pr�fung bestanden hatte.</p><p>Am
Sonntag, nachdem die Ergebnisse bekanntgegeben worden waren, ging ich nach dem
Morgengottesdienst zum Haus hin�ber. Mr. Glaston �ffnete selbst die T�r. Er
brachte mich sofort in sein Studierzimmer. Vom Fenster konnte man die H�lfte
der T�pfereifabriken von Poole sehen und die See dahinter. Er lie� mich Platz
nehmen und sagte: &gt;Ich wei�, warum Sie hier sind, Stanley. Sie wollen Stella
heiraten. Aber Sie kennen sie nicht&lt;, sagte er, &gt;Sie kennen sie
nicht&lt;. &gt;Ich komme seit zwei Jahren zu Besuch, Mr. Glaston&lt;, erwiderte
ich, &gt;und ich glaube, ich wei�, was ich will.&lt;</p><p>Dann
begann er �ber sie zu sprechen. Ich h�tte nie gedacht, da� ein Mensch je so
�ber das eigene Kind sprechen w�rde. Er sagte, sie sei schlecht - schlecht im
Herzen. Sie sei voll T�cke. Deswegen wollten keine Dienstboten auf dem H�gel
bleiben. Er erz�hlte mir, wie sie die Leute an der Nase herumf�hrte, ganz
gutartig und warmherzig tat, bis sie ihr alles anvertrauten, und sie dann
beleidigte, indem sie b�se, ganz b�se Dinge sagte, halb wahr, halb erlogen. Er
erz�hlte mir noch viel mehr, und ich glaubte ihm nichts, nicht ein Wort. Ich
glaube, ich verlor den Kopf und nannte ihn einen eifers�chtigen alten Mann, der
seine Haush�lterin nicht verlieren wolle, einen verlogenen, eifers�chtigen
alten Mann, der wollte, da� ihn sein Kind bis zu seinem Tode bediente. Ich
sagte, er sei schlecht, nicht Stella; und ich schrie ihn an: &gt;Sie L�gner,
Sie L�gner. &lt; Er schien es nicht zu h�ren, sch�ttelte nur den Kopf, und ich
rannte in die Halle und rief Stella. Sie war in der K�che gewesen, glaube ich;
jetzt kam sie, legte die Arme um mich und k��te mich.</p><p>Wir
heirateten einen Monat sp�ter, und er war Beistand der Braut. Auf der Hochzeit
sch�ttelte er mir die Hand und nannte mich einen feinen Mann, und ich dachte,
was f�r ein Heuchler er w�re. Er gab uns Geld - mir, nicht ihr -, zweitausend
Pfund. Ich dachte, er versuchte vielleicht, die schrecklichen Dinge
wiedergutzumachen, die er gesagt hatte, und so schrieb ich ihm sp�ter, da� ich ihm
verg�be. Er antwortete nie, und ich sah ihn danach nicht mehr oft.</p><p>�ber ein
Jahr waren wir in Branxome hinl�nglich gl�cklich. Stella war genau das, was ich
mir von ihr gedacht hatte, sauber und einfach. Sie ging gern spazieren und
k��te mich an den Zaun�bertritten; manchmal trat sie gern etwas gro�spurig auf,
ging in gro�er Toilette in den &gt;Delphin&lt; zum Dinner. Damals bedeutete es
mir viel, wie ich zugeben will, die richtigen Orte mit Mr. Glastons Tochter zu
besuchen. Er war Rotarier und im Stadtrat und in Branxome ziemlich
einflu�reich. Sie pflegte mich damit zu necken - vor anderen Leuten noch dazu,
was mich ein wenig irritierte. Ich erinnere mich, einmal, als wir den &gt;Delphin&lt;
besuchten, war da ein Kellner, ein Kerl namens Johnnie Raglan. Wir waren
zusammen auf der Schule gewesen. Johnnie war ein ziemlicher Herumtreiber und
hatte, seitdem er die Schule verlassen hatte, nicht viel anderes getan, als
M�dchen nachzulaufen und in Schwierigkeiten zu geraten. Stella kannte ihn,
woher, wei� ich nicht, und winkte ihm, sowie wir uns gesetzt hatten. Johnnie
kam her�ber, und Stella forderte ihn auf, noch einen Stuhl zu bringen und sich
zu uns zu setzen. Der Gesch�ftsf�hrer warf Dolchblicke, wagte aber nichts zu
tun, weil sie Samuel Glastons Tochter war. Johnnie blieb w�hrend des ganzen
Essens da, und Stella sprach mit ihm �ber die Schule, und wie ich denn so
gewesen w�re. Johnnie gefiel das gro�artig, er wurde frech und sagte, ich sei
ein Streber, ein braver Junge und so weiter gewesen und wie er mich herumgeboxt
habe - fast lauter L�gen, und Stella stachelte ihn auf. Ich stellte sie
hinterher zur Rede und sagte, ich bezahlte nicht gutes Geld im &gt;Delphin&lt;
daf�r, um mir von Johnnie eine Menge Aufschneidereien anzuh�ren, und sie fuhr
so rasch wie eine Katze auf mich los. Es sei ihr Geld, sagte sie, und Johnnie
sei immer noch so gut wie ich. Dann tat es ihr leid, sie k��te mich, und ich
tat so, als verzeihe ich ihr.�</p><p>Schwei�
trat ihm ins Gesicht; er sprach rasch, die Worte �berschlugen sich. Es war, als
erinnere sich jemand eines Alpdrucks, als sei die Erinnerung noch da, die
Furcht erst halb verschwunden. Er machte eine Pause und sah Smiley scharf an,
als erwarte er von ihm eine �u�erung, doch Smiley schien an ihm vorbeizusehen,
das Gesicht teilnahmslos; die weichen Umrisse seiner Z�ge waren hart geworden.</p><p>�Dann
gingen wir nach Carne. Ich war gerade Abonnent der &gt;Times&lt; geworden und
sah die Anzeige. Sie suchten einen Lehrer f�r Naturwissenschaft, und ich
bewarb mich. Mr. D'Arcy interviewte mich, und ich bekam die Stelle. Erst als
wir nach Carne kamen, erkannte ich, da� das, was ihr Vater gesagt hatte, wahr
war. Sie war vorher nicht besonders auf ihre Sekte erpicht gewesen, aber
sobald sie hier angekommen war, engagierte sie sich in gro�em Stil daf�r. Sie
wu�te, es w�rde falsch aussehen, w�rde mich verletzen. Branxome hat eine sch�ne
gro�e Kirche; es war nichts Sonderbares daran, zum Branxome-Bethaus zu gehen.
Aber in Carne war das anders; Carnes Bethaus ist ein kleines abgelegenes
Geb�ude mit einem Blechdach. Sie wollte anders sein als die anderen, wollte die
Schule und mich kr�nken, indem sie die Dem�tige spielte. Es h�tte mir nichts
ausgemacht, wenn es ihr ernst gewesen w�re, aber das war es nicht; Mr. Cardew
wu�te es. Er lernte Stella kennen. Ich glaube, ihr Vater sagte es ihm;
jedenfalls war Mr. Cardew schon vorher im Norden gewesen und kannte die Familie
gut. Nach allem, was ich wei�, schrieb er an Mr. Glaston oder ging wohl hin und
besuchte ihn.</p><p>Sie fing
hier ganz gut an. Die Leute aus der Stadt waren alle entz�ckt, sie zu sehen -
eine Frau aus dem College, die zum Bethaus kam, das hatte es nie zuvor gegeben.
Dann machte sie sich daran, den Aufruf f�r die Fl�chtlinge zu organisieren -
Kleider zu sammeln und so weiter. Miss D'Arcy machte das f�r die Schule, Mr. D'Arcys
Schwester, und Stella wollte sie in ihrem eigenen Spiel schlagen - mehr von den
Bethaus-Leuten bekommen, als Miss D'Arcy von der Schule bekam. Aber ich wu�te,
was sie tat, Mr. Cardew wu�te es auch, und am Ende wu�ten es auch die
Stadtleute. Sie lauschte. Jeden Tropfen Klatsch und Schmutz sammelte sie.
Manchmal kam sie abends nach Hause - Mittwoch und Freitag machte sie ihre
Arbeit f�r die Gemeinde -, warf ihren Mantel ab und lachte, bis ich meinte, sie
sei verr�ckt geworden.</p><p>&gt;Ich
hab' sie! Ich habe sie alle!&lt; sagte sie dann. &gt;Ich kenne alle ihre
kleinen Geheimnisse, und ich habe sie in der Hand, Stan.&lt; Das sagte sie
immer wieder. Und die, die es herausbekamen, kriegten allm�hlich Angst vor ihr.
Sie klatschten alle, wei� der Himmel, aber nicht, um davon zu profitieren wie
Stella. Stella war verschlagen; alles Anst�ndige, alles Gute zog sie in den
Schmutz. Es gab ein Dutzend Leute, die sie genau durchschaut hatte. Da war
Mulligan, der Spediteur; er hatte eine Tochter mit einem Kind bei Leamington.
Irgendwie fand sie heraus, da� sie nicht verheiratet war, da� man sie zu einer
Tante geschickt hatte, um ihr Baby zur Welt zu bringen und da oben neu anzufangen.
Sie rief Mulligan einmal an, es hatte etwas mit einer Rechnung f�r den Transport
von Simon Snows M�beln zu tun, und sagte: &gt;Gr��e aus Bad Leamington, Mr.
Mulligan. Wir brauchen etwas Mitarbeit.&lt; Sie erz�hlte es mir - sie kam nach
Hause, sch�ttelte sich vor Lachen und erz�hlte es mir. Aber sie kriegten sie am
Ende, wie? Sie r�chten sich!�</p><p>Smiley
nickte langsam, seine Augen jetzt voll auf Rode gerichtet.</p><p>�Ja�,
sagte er endlich. �Sie r�chten sich.�</p><p>�Sie
dachten, die verr�ckte Janie habe es getan, aber ich nicht. Janie h�tte eher
ihre eigene Schwester get�tet als Stella. Sie waren sich so nahe wie Mond und
Sterne, sagte Stella. Sie redeten abends stundenlang miteinander, wenn ich sp�t
aus war, auf Versammlungen oder bei Nachhilfeunterricht. Stella kochte f�r
sie, gab ihr Kleider und Geld. Es gab ihr ein Gef�hl der Macht, einer Kreatur
wie Janie zu helfen und sie um sich herumschw�nzeln zu lassen. Nicht, weil sie
g�tig, sondern weil sie grausam war.</p><p>Sie hatte
aus Branxome einen kleinen Hund mitgebracht, einen K�ter. Vor einigen Monaten
kam ich eines Tages nach Hause und fand ihn in der Garage liegen, winselnd,
verschreckt. Er humpelte und hatte einen blutigen R�cken. Sie hatte ihn
geschlagen. Sie mu�te verr�ckt geworden sein. Sie hatte ihn schon fr�her
geschlagen, aber so noch nie; noch nie. Dann geschah etwas - ich schrie sie an,
und sie lachte, und dann schlug ich sie. Nicht heftig, aber doch heftig genug.
Ins Gesicht. Ich gab ihr vierundzwanzig Stunden, entweder den Hund t�ten zu
lassen, oder ich w�rde es der Polizei sagen. Sie kreischte mich an - es sei ihr
Hund und sie k�nne mit ihm tun, was ihr, zum Teufel, gefalle -, aber am
n�chsten Tag setzte sie ihren kleinen schwarzen Hut auf und brachte den Hund
zum Tierarzt. Ich nehme an, sie erz�hlte ihm irgendeine Geschichte. Sie konnte
um alles eine gute Geschichte herumspinnen, das konnte Stella. Sie schl�pfte
sozusagen in eine Rolle hinein und spielte sie bis zum Ende durch. Wie die
Geschichte, die sie den Ungarn erz�hlte.</p><p>Miss
D'Arcy hatte einmal Fl�chtlinge aus London zum Aufenthalt bei sich, und Stella
erz�hlte ihnen eine solche Geschichte, da� sie fortliefen und man sie wieder
nach London zur�ckholen mu�te. Miss D'Arcy bezahlte ihre Reisekosten und alles,
bestellte sogar den F�rsorger her, um sie zu besuchen und den Versuch zu
machen, alles wieder in Ordnung zu bringen. Ich glaube nicht, da� Miss D'Arcy
wu�te, wer sich an sie herangemacht hatte, aber ich wu�te es - Stella erz�hlte
es mir. Sie lachte, immer dasselbe Lachen: &gt;Da hast du deine feine Lady,
Stan. Sieh dir jetzt mal ihre Wohlt�tigkeit an.&lt;</p><p>Nach der
Sache mit dem Hund gew�hnte sie sich an, so zu tun, als sei ich gewaltt�tig;
sie duckte sich weg, wann immer ich ihr nahe kam, hielt den Arm hoch, als
wollte ich sie wieder schlagen. Sie gab sogar vor, da� ich plante, sie zu
ermorden: sie ging hin und erz�hlte das Mr. Cardew. Sie glaubte es selbst
nicht; manchmal lachte sie dar�ber. Sie sagte mir: &gt;Es hat keinen Sinn, mich
jetzt zu t�ten, Stan. Alle werden wissen, wer es getan hat.&lt; Aber zu anderen
Zeiten winselte sie, streichelte mich und bat, sie nicht zu t�ten. &gt;Du wirst
mich in den langen N�chten t�ten!&lt; Sie schrie das heraus - das waren die
Worte, an denen sie sich berauschte: &gt;die langen N�chte&lt;; sie liebte
ihren Klang in der Art eines Schauspielers, und sie baute eine ganze Geschichte
um sie herum. &gt;Oh, Stan&lt;, sagte sie, &gt;besch�tze mich in den langen
N�chten.&lt; Wissen Sie, wie es ist, wenn man ohnehin nie daran gedacht hat,
irgend etwas zu tun, und jemand einen unentwegt bittet, es nicht zu tun? Man
denkt, man tut es schlie�lich vielleicht doch, man beginnt, die M�glichkeit in
Betracht zu ziehen.�</p><p>Miss
Brimley zog ziemlich scharf den Atem ein. Smiley stand auf und ging zu Rode
hin�ber.</p><p>�Warum
gehen wir nicht in mein Haus zur�ck und essen etwas?� sagte er. �Wir k�nnen das
in Ruhe miteinander besprechen. Unter Freunden.�</p><empty-line/><p>Sie nahmen
ein Taxi zur Bywater Street, Rode sa� neben Ailsa Brimley, jetzt etwas
entspannter, und Smiley, ihm gegen�ber auf einem Klappsitz, beobachtete ihn
und dachte nach. Und es fiel ihm ein, da� das Wichtigste an Rode die Tatsache
war, da� er keine Freunde hatte. Smiley erinnerte sich an B�chners M�rchen von
dem in einer leeren Welt allein gelassenen Kind, das, weil es niemanden fand,
mit dem es sprechen konnte, auf den Mond ging, da dieser es anl�chelte; aber
der Mond war aus morschem Holz gemacht. Und als Sonne, Mond und Sterne alle zu
nichts geworden waren, versuchte es, auf die Erde zur�ckzugelangen, aber sie
war verschwunden.</p><p>Vielleicht,
weil Smiley m�de war, oder vielleicht, weil er ein wenig alt wurde, empfand 6r
eine Regung pl�tzlichen Mitleids f�r Rode, wie sie Kinder f�r die Armen und
Eltern f�r ihre Kinder empfinden. Rode hatte sich so sehr bem�ht - er hatte
Carnes Sprache gebraucht, die richtigen Kleider gekauft und nach bestem
Verm�gen die richtigen Gedanken gedacht und war doch hoffnungslos abseits,
hoffnungslos allein geblieben.</p><empty-line/><p>Er z�ndete
das Gasfeuer im Wohnzimmer an, w�hrend Ailsa Brimley in den Delikatessenladen
in der King's Road ging, um Suppe und Eier zu kaufen. Er schenkte Whisky und
Soda ein und gab Rode einen; dieser trank in kurzen Schlucken, ohne zu
sprechen.</p><p>�Ich mu�te
es jemandem erz�hlen�, sagte er schlie�lich. �Ich dachte, Sie w�ren der
richtige Mann daf�r. Ich wollte aber nicht, da� Sie den Artikel ver�ffentlichen.
Zu viele wu�ten Bescheid, sehen Sie.�</p><p>�Wie viele
wu�ten wirklich Bescheid?�</p><p>�Nur die,
hinter denen sie her war, glaube ich. Ungef�hr ein Dutzend Stadtleute, nehme
ich an. Und Mr. Cardew nat�rlich. Sie war schrecklich schlau, wissen Sie. Sie
gab Klatsch nicht h�ufig weiter. Sie wu�te aufs Haar genau, wie weit sie gehen
konnte. Die Bescheid wu�ten, das waren die, die sie am Haken hatte. Oh - und
D'Arcy, Felix D'Arcy, er wu�te es. Sie hatte da etwas Besonderes, etwas, wovon
sie mir nie erz�hlt hat. Es gab N�chte, da legte sie ihren Schal um und
schl�pfte hinaus, ganz aufgeregt, als gehe sie zu einer Party. Manchmal ganz
sp�t, elf oder zw�lf. Ich fragte sie nie, wohin sie ging, weil es sie nur
verstockt machte, aber manchmal sah sie mich ganz schlau an und sagte: &gt;Du
wei�t es nicht, aber D'Arcy wei� es, und der darf nichts sagen.&lt; Dann lachte
sie wieder, versuchte geheimnisvoll auszusehen und ging fort.�</p><p>Smiley
schwieg lange, beobachtete Rode und dachte nach. Dann fragte er pl�tzlich: �Was
war Stellas Blutgruppe, wissen Sie es?�</p><p>�Meine ist
B. Das wei� ich. Ich war Blutspender in Branxome. Ihre war anders.�</p><p>�Woher
wissen Sie das?�</p><p>�Sie lie�
einen Test machen, bevor wir heirateten. Sie litt unter Blutarmut. Ich erinnere
mich nur, da� ihres anders war, das ist alles. Wahrscheinlich A. Ich kann mich
nicht genau erinnern. Warum?�</p><p>�Wo waren
Sie als Blutspender registriert?�</p><p>�In der
Bluttransfusionszentrale North Poole.�</p><p>�Wird man
Sie dort noch erkennen? Sind Sie noch registriert?�</p><p>�Ich nehme
es an.�</p><p>Die
Klingel an der Haust�r ert�nte. Es war Ailsa Brimley, die von ihrem Einkauf
zur�ckkam.</p><empty-line/><p>Ailsa
bet�tigte sich in der K�che, w�hrend Rode und Smiley in der warmen
Behaglichkeit des Wohnzimmers sa�en.</p><p>�Sagen Sie
mir noch etwas�, sagte Smiley, ��ber die Nacht des Mordes. Warum lie�en Sie die
Aktenmappe zur�ck? War es Gedankenlosigkeit?�</p><p>�Nein,
nicht eigentlich. Ich hatte an jenem Abend Kirchendienst, und daher kamen
Stella und ich getrennt in Fieldings Haus an. Sie traf vor mir dort ein, und
Fielding gab ihr, glaube ich, die Mappe - ganz zu Beginn des Abends, damit es
nicht vergessen w�rde. Er sagte sp�ter am Abend etwas dar�ber. Sie hatte die
Mappe neben ihren Mantel in der Halle hingelegt. Es war nur ein kleines Ding,
ungef�hr f�nfundvierzig mal drei�ig Zentimeter. Ich h�tte schw�ren k�nnen, da�
sie es trug, als wir in der Halle standen und uns verabschiedeten, aber ich mu�
mich wohl geirrt haben. Erst als wir zum Haus kamen, fragte sie mich, was ich
damit gemacht h�tte.�</p><p>�Sie
fragte <strong><emphasis>Sie, </emphasis></strong>was Sie
damit gemacht h�tten?�</p><p>�Ja. Dann
geriet sie au�er sich und sagte, ich erwartete wohl, da� sie an alles d�chte.
Ich hatte keine besondere Lust zur�ckzugehen, ich h�tte ja auch Fielding
anrufen und verabreden k�nnen, da� ich sie gleich am n�chsten Morgen abholen
w�rde, aber Stella wollte davon nichts wissen. Sie lie� mich hingehen. Ich
wollte der Polizei die Geschichte von unserem Streit nicht erz�hlen, es schien
nicht richtig.�</p><p>Smiley
nickte. �Als Sie zu Fielding zur�ckkamen, klingelten Sie?�</p><p>�Ja. Da
ist die Haust�r, dann eine innere Glast�r, eine Art Windfang. Die Haust�r war
noch offen, und das Licht in der Halle brannte. Ich klingelte und bekam das
K�fferchen von Fielding.�</p><empty-line/><p>Sie hatten
das Abendessen beendet, als das Telefon l�utete.</p><p>�Rigby
hier, Mr. Smiley. Ich habe die Laboratoriumsergebnisse bekommen. Sie sind
ziemlich r�tselhaft.�</p><p>�Die
Pr�fungsarbeiten zuerst: Es stimmt nicht �berein?�</p><p>�Nein,
nicht. Unsere Experten sagen, alle Zahlen und alles Geschriebene seien mit
demselben Kugelschreiber ausgef�hrt. Bei den Diagrammen sind sie nicht sicher,
aber sie erkl�ren, da� die Beschriftungen aller Diagramme der sonstigen Schrift
auf dem Bogen entsprechen.�</p><p>�Alles
tats�chlich doch von dem Jungen ausgef�hrt?�</p><p>�Ja. Ich
habe einige andere Proben seiner Handschrift zum Vergleich beigebracht. Sie
entsprechen durchgehend jenen auf der Pr�fungsarbeit. Fielding kann daran nicht
herumgepfuscht haben.�</p><p>�Gut. Und
die Kleidung? Auch da nichts drauf?�</p><p>�Nur
Blutspuren. Keine Abdr�cke auf dem Kunststoff.�</p><p>�Nebenbei,
was f�r Blutgruppe hatte sie?�</p><p>�Gruppe
A.�</p><p>Smiley
setzte sich auf die Bettkante. Den H�rer ans Ohr pressend, begann er leise zu
sprechen. Zehn Minuten sp�ter ging er langsam nach unten. Er war ans Ende der
Jagd gelangt und schon angewidert vom Kesseltreiben.</p><p>Es dauerte
fast eine Stunde, bis Rigby eintraf.</p><p><emphasis/></p><p>DER
AUSWURF DES FLUSSES</p><empty-line/><p>Die Albert
Bridge war so grotesk wie je; knochiger Stahl, der sich vor dem geduldigen
Londoner Himmel zu wagnerianischen Zinnen erhob; die Themse, die resigniert
darunter dahinkroch, ihren Schmutz gegen die Werften von Battersea dr�ngte und
dann dem Nebel stromabw�rts entgegenglitt.</p><p>Der Nebel
war dicht. Smiley beobachtete, wie das Treibholz an ihm anstie�, sich zuerst in
wei�en Staub verwandelte, dann sich zu heben, sich aufzul�sen und zu
verschwinden schien.</p><p>So w�rde
es enden, an einem abscheulichen Morgen wie diesem, wenn sie den winselnden
M�rder aus seiner Zelle zerrten und den Hanfstrick um seinen Nacken legten.
W�rde Smiley in zwei Monaten den Mut haben, sich an dies zu erinnern, wenn
drau�en vor dem Fenster der Morgen anbrach und die Turmuhr laut die Stunde
schlug? Wenn sie einem Mann auf dem Blutger�st den Hals brachen und ihn
beseitigten wie den Auswurf des Flusses?</p><p>Er nahm
seinen Weg die Beaumont Street entlang zur King's Road. Der Milchmann surrte
mit seinem elektrisch betriebenen Lieferwagen an ihm vorbei. Er w�rde an diesem
Morgen ausw�rts fr�hst�cken, dann ein Taxi zur Curzon Street nehmen und Wein
zum Dinner bestellen. Er w�rde etwas Gutes aussuchen. Fielding w�rde das zu
sch�tzen wissen.</p><p>Fielding
schlo� die Augen und trank, die linke Hand locker �ber die Brust haltend.</p><p>�G�ttlich�,
sagte er, �g�ttlich!�</p><p>Ailsa
Brimley, ihm gegen�ber, l�chelte sanft. �Wie werden Sie Ihren Ruhestand
verbringen, Mr. Fielding?� fragte sie. �Frankenwein trinkend?�</p><p>Sein Glas
immer noch an den Lippen, sah er in die Kerzen. Das Silber war gut, besser als
sein eigenes. Er �berlegte, warum sie nur zu dritt bei Tisch waren. �In
Frieden�, antwortete er endlich. �Ich habe k�rzlich eine Entdeckung gemacht.�</p><p>�Was w�re
das?�</p><p>�Da� ich vor
einem leeren Haus gespielt habe. Aber jetzt tr�stet mich der Gedanke, da� sich
niemand daran erinnert, wie ich meine Worte verga� oder einen Auftritt
verpa�te. So viele von uns warten geduldig auf eine Zuschauerschaft, um zu
sterben. In Carne wird sich niemand l�nger als ein oder zwei Semester daran
erinnern, wie ich mein Leben verpfuscht habe. Ich war bis vor kurzem zu eitel,
um das zu erkennen.� Er setzte das Glas vor sich hin und l�chelte Ailsa Brimley
pl�tzlich an. �Das ist der Frieden, den ich meine. In niemandes Gedanken zu
existieren, au�er in meinen eigenen; ein weltlicher M�nch zu sein, in
Sicherheit und vergessen.�</p><p>Smiley
schenkte ihm Wein nach. �Miss Brimley hat Ihren Bruder im Krieg gut gekannt.
Wir waren alle in derselben Abteilung�, sagte er. �Sie war eine Weile Adrians
Sekret�rin. Nicht wahr, Brim?�</p><p>�Es ist
eigentlich deprimierend, wie die Schlechten weiterleben�, erkl�rte Fielding.
�Ziemlich verwirrend. F�r die Schlechten, meine ich.� Er stie� einen kleinen
feinschmeckerischen Seufzer aus. �Der Augenblick der Wahrheit in einem guten
Mahl! �bergangsperiode� - er verwendete das deutsche Wort -�zwischen <strong><emphasis>entremet </emphasis></strong>und Dessert�, und sie lachten alle Und waren dann
still.</p><p>Smiley
stellte sein Glas hin und sagte: �Die Geschichte, die Sie mir am Donnerstag
erz�hlten, als ich Sie besuchte...�</p><p>�Nun?�
Fielding war gereizt.</p><p>��ber das
Mogeln f�r Tim Perkins... wie Sie die Arbeit aus der Aktentasche nahmen und sie
ab�nderten. ..�</p><p>�Ja?�</p><p>�Sie ist
nicht wahr.� Es klang, als spr�che er �ber das Wetter. �Man hat sie �berpr�ft,
und sie ist nicht wahr. Die Schrift stammt zur G�nze von einer Person - dem
Jungen. Wenn einer gemogelt hat, dann mu� es der Junge gewesen sein.�</p><p>Ein langes
Schweigen trat ein. Fielding zuckte die Achseln. �Lieber Herr, Sie k�nnen doch
von mir nicht erwarten, da� ich das glaube. Diese Leute sind ja wirklich
schwachsinnig.�</p><p>�Nat�rlich
bedeutet das an sich noch nichts. Ich meine, Sie k�nnten den Jungen ja sch�tzen
wollen, nicht? Indem Sie f�r ihn l�gen, f�r seine Ehre sozusagen. Ist dies die
Erkl�rung?�</p><p>�Ich habe
Ihnen die Wahrheit gesagt�, erwiderte er kurz. �Machen Sie daraus, was Sie
wollen.�</p><p>�Ich
glaube, ich kann mir eine Situation vorstellen, wo es ein geheimes
betr�gerisches Einverst�ndnis gegeben haben mag, wo Sie von der Not des Jungen
ger�hrt wurden, als er Ihnen die Arbeiten brachte; und wo Sie in einer
Eingebung des Augenblicks die Mappe �ffneten, seine Arbeit herausnahmen und ihm
sagten, was er schreiben solle.�</p><p>�H�ren Sie
einmal�, sagte Fielding hitzig, �warum lassen Sie Ihre Finger nicht davon? Was
haben Sie damit zu tun?�</p><p>Smiley
erwiderte mit pl�tzlicher Leidenschaft: �Ich versuche zu helfen, Fielding. Ich
bitte Sie, mir zu glauben, da� ich zu helfen versuche. Um Adrians willen. Ich
m�chte nicht, da� es... mehr Leid als n�tig gibt, mehr Schmerz. Ich m�chte es
in Ordnung bringen, bevor Rigby kommt. Man hat die Anklage gegen Tanie
fallenlassen. Sie wissen das, nicht? Man scheint zu denken, da� es Rode ist,
aber man hat ihn nicht verhaftet. Man h�tte es tun k�nnen, hat es aber nicht
getan. Man hat nur noch mehr Aussagen von ihm protokolliert. Daher ist das mit
der Aktenmappe schrecklich wichtig, sehen Sie. Alles h�ngt davon ab, ob Sie
wirklich hineingesehen haben und ob Perkins hineingeblickt hat. Verstehen Sie
das denn nicht? Wenn es Perkins gewesen ist, der schlie�lich doch gemogelt hat,
wenn nur der Junge die Mappe ge�ffnet hat und nicht Sie, dann wird man die
Antwort auf eine sehr wichtige Frage haben wollen: man wird wissen wollen,
wieso Sie wu�ten, was darin war.�</p><p>�Was wollen
Sie damit sagen?�</p><p>�Die
Polizei ist wirklich nicht schwachsinnig, wissen Sie. Lassen Sie uns mal einen
Augenblick am anderen Ende beginnen. Angenommen, Sie waren es, der Stella Rode
t�tete, angenommen, Sie hatten einen Grund, einen au�erordentlich triftigen
Grund, und die Polizei wu�te, was dieser Grund sein konnte; angenommen, Sie
eilten Rode voraus, nachdem Sie ihm die Mappe in jener Nacht �bergeben hatten -
mit dem Fahrrad zum Beispiel; wie Jane es sagte, &gt;auf dem Wind reitend&lt;.
Wenn das wirklich so war, so w�re keines von den Dingen, die Sie sahen,
�berhaupt in der Mappe gewesen. Sie h�tten es fingieren k�nnen. Und als sp�ter
die Pr�fungsergebnisse herauskamen und Sie erkannten, da� Perkins gemogelt
hatte, dann schlossen Sie, da� er in die Mappe gesehen hatte.</p><p>Gesehen
hatte, da� sie nichts enthielt, <strong><emphasis>nichts </emphasis></strong>als Pr�fungsarbeiten.
Ich glaube, das w�rde erkl�ren, warum Sie den Jungen t�ten mu�ten.� Er hielt
inne und blickte zu Fielding. �Und in gewisser Weise�, f�gte er fast
widerstrebend hinzu, �klingt das vern�nftiger, nicht wahr?�</p><p>�Und was,
darf ich fragen, war der Grund, von dem Sie sprechen?�</p><p>�Vielleicht
erpre�te sie Sie. Sie wu�te bestimmt von Ihrer Verurteilung im Krieg, aus der
Zeit, als sie im Norden war. Ihr Vater war Friedensrichter, nicht? Ich h�re,
da� man die Akten durchgesehen hat. Die Polizei, meine ich. Es war ihr Vater,
der den Fall verhandelte. Sie wu�te, da� Sie bankrott sind, eine neue Stelle
brauchen, und sie hielt Sie an einem Haken. D'Arcy wu�te es anscheinend auch.
Sie erz�hlte es ihm. Sie hatte nichts zu verlieren; er war von Anfang an in der
Geschichte drin, er w�rde nie erlauben, da� die Zeitungen davon erfuhren; sie
wu�te das, sie wu�te, woran sie mit ihm war. Haben auch <strong><emphasis>Sie </emphasis></strong>es D'Arcy erz�hlt, Fielding? Ich glaube, Sie haben es
vielleicht getan. Als sie zu Ihnen kam und sagte, sie wisse es, als sie Sie
verspottete und verlachte, gingen Sie zu D'Arcy und erz�hlten es ihm. Sie
fragten ihn, was Sie tun sollten. Und er sagte - was w�rde er wohl sagen?-,
vielleicht sagte er: Finde heraus, was sie will. Aber sie wollte nichts; kein
Geld zumindest, sondern etwas, das ihrem verkorksten kleinen Geist besser
zusagte: sie wollte Sie beherrschen und besitzen. Sie liebte das Konspirieren,
sie befahl Sie zu Zusammenk�nften, zu absurden Zeiten, an absurden Orten; in
Geh�lzen, in leerstehenden Kirchen und vor allem bei Nacht. Und sie wollte
nichts von Ihnen als Ihren Willen, sie lie� Sie ihre Prahlereien und verr�ckten
Intrigen anh�ren, machte, da� Sie krochen und sich duckten, und lie� Sie dann
laufen, bis zum n�chsten Mal.� Er sah wieder auf. �In dieser Richtung denkt
man vielleicht, sehen Sie. Deswegen ist es n�tig, da� wir wissen, wer in die
Mappe hineinsah. Und wer in der Pr�fung schwindelte.�</p><p>Sie sahen
ihn beide an, Ailsa in Schrecken, Fielding regungslos, passiv.</p><p>�Wenn man
das bedenkt�, fragte Fielding endlich, �wieso nimmt man dann an, da� ich wu�te,
Rode werde wegen der Mappe in derselben Nacht noch zur�ckkommen?�</p><p>�Oh, man
wu�te, da� sie erwartete, Sie in jener Nacht nach dem Dinner in Ihrem Haus zu
treffen.� Smiley warf dies hin, als sei es eine langweilige Einzelheit. �Es
geh�rte zu dem Spiel, das sie zu spielen liebte.�</p><p>�Woher
wei� man das?�</p><p>�Nach
Rodes Aussage�, fuhr Smiley fort, �trug Stella die Mappe in die Halle, hatte
sie tats�chlich in der Hand. Als sie in North Fields ankamen, hatte sie sie
nicht; sie geriet in Wut und bezichtigte ihn, sie vergessen zu haben. Sie
veranla�te ihn, deswegen zur�ckzugehen. Sie sehen die Folgerung?�</p><p>�Oh,
klar�, sagte Fielding, und Smiley h�rte Ailsa Brimley voll Schreck seinen Namen
fl�stern.</p><p>�Mit
anderen Worten: Als Stella diesen Trick ausheckte, um ihren verschrobenen
Willen zu befriedigen, sahen Sie es als eine Gelegenheit, sie zu t�ten, indem
Sie die Schuld einem nicht existierenden Landstreicher zuschoben oder, wenn
das fehlschlug, als zweiter Verteidigungslinie Rode. Angenommen, Sie h�tten
vorgehabt, sie zu t�ten. Sie h�tten vorgehabt, nehme ich an, eines Nachts dort
hinauszufahren, wenn Rode Abendunterricht hatte. Sie hatten Ihre Stiefel und Ihr
Cape, selbst das aus Rodes Zimmer entwendete Kabel, und Sie hatten vor, eine
falsche F�hrte zu legen. Aber was f�r eine blendende Gelegenheit, als Perkins
mit der Aktenmappe erschien! Stella wollte ihr Zusammentreffen - es war
verabredet, da� die vergessene Mappe als Mittel dienen sollte, es herbeizuf�hren.
In dieser Richtung, f�rchte ich, werden sich vielleicht die �berlegungen
bewegen. Und sehen Sie, man <strong><emphasis>wei�, </emphasis></strong>da� es
Rode nicht war.�</p><p>�Wieso
wei� man es? Wie <strong><emphasis>kann </emphasis></strong>man es
wissen? Rode hat kein Alibi.�</p><p>Smiley
schien nicht zu h�ren. Er sah zum Fenster und den sich unruhig bewegenden
schweren Samtvorh�ngen.</p><p>�Was ist?
Wohin sehen Sie?� fragte Fielding pl�tzlich dr�ngend, aber Smiley antwortete
nicht.</p><p>�Sehen
Sie, Fielding�, sagte er endlich, �wir wissen einfach nicht, wie die Menschen
sind, wir k�nnen es niemals erkl�ren; es gibt keine Wahrheit �ber menschliche
Wesen, keine Formel, die jedem von uns entspricht. Und es gibt einige unter
uns - nicht wahr? -, die nichts sind, die so labil sind, da� wir uns selbst
verbl�ffen; wir sind Cham�leons. Ich las einmal eine Geschichte von einem
Dichter, der in kalten Quellen badete, so da� er in dem Gegensatz seine eigene
Existenz erkennen konnte. Er mu�te sich selbst best�tigen, sehen Sie, wie ein
Kind, das gegen seine Eltern widerw�rtig ist. Sie k�nnten vielleicht sagen, er
habe die Sonne auf sich scheinen lassen, so da� er seinen Schatten sehen und
sich lebendig f�hlen konnte.�</p><p>Fielding
machte eine ungeduldige Handbewegung. �Wieso wissen Sie, da� es nicht Rode war?�</p><p>�Die
Leute, die so sind - es gibt wirklich einige, Fielding-, kennen Sie ihr
Geheimnis? Sie k�nnen in ihrem Innern nichts empfinden, weder Freude noch Leid,
weder Liebe noch Ha�; sie sch�men sich und sind erschrocken, da� sie nichts
f�hlen k�nnen. Und ihre Scham, diese Scham, Fielding, dr�ngt sie zu �bertreibungen
und Prunk; sie m�ssen das kalte Wasser sp�ren; ohne das sind sie nichts. Die
Welt sieht sie als Showmen, Phantasten, L�gner, vielleicht als Sensualisten,
aber nicht als das, was sie sind: lebende Leichname.�</p><p>�Woher wissen Sie es? Woher wissen
Sie, da� es nicht Rode war?� rief Fielding mit Zorn in der Stimme, und Smiley
antwortete: �Ich werde es Ihnen sagen.�</p><empty-line/><p>�Wenn Rode
seine Frau ermordete, so hatte er das lange vorher geplant. Das Kunststoffcape,
die Stiefel, die Waffe, die knifflige Zeiteinteilung, Perkins' Verwendung, um
die Mappe zu Ihrem Haus zu tragen - dies sind Beweise langer Vorausplanung.
Nat�rlich k�nnte man fragen: Wenn das so ist, warum gab er sich �berhaupt mit
Perkins ab - warum behielt er die Mappe nicht die ganze Zeit bei sich? Aber
lassen wir das auf sich beruhen. Betrachten wir, wie er es macht. Er geht mit
seiner Frau nach dem Dinner nach Hause, nachdem er absichtlich die Mappe
vergessen hat. Nachdem er Stella zu Haus gelassen hat, kehrt er zu Ihrem Haus
zur�ck, um sie abzuholen. Es war �brigens eine riskante Sache, die Mappe
zur�ckzulassen. Ganz abgesehen von der Tatsache, da� man von ihm erwartet
h�tte, er habe sie abgeschlossen, h�tte vielleicht seine Frau bemerken k�nnen,
da� er sie nicht bei sich hatte, als sie fortgingen - oder Sie h�tten es
bemerken k�nnen, oder Miss Truebody -, aber gl�cklicherweise bemerkte es
niemand. Er holt also die Mappe, eilt zur�ck, t�tet seine Frau, fabriziert die
Hinweise, die die Polizei irref�hren. Er wirft Cape, Stiefel und Handschuhe in
das Fl�chtlingspaket, verschn�rt es und trifft Vorbereitungen, sein Entkommen
zu sichern. Er wird vielleicht von der verr�ckten Janie erschreckt, erreicht
aber die Gasse und betritt von neuem das Haus als Stanley Rode. F�nf Minuten
sp�ter ist er bei den D'Arcys. Von da an ist er f�r die n�chsten achtundvierzig
Stunden unter st�ndiger �berwachung. Vielleicht wu�ten Sie das nicht, Fielding,
aber die Polizei fand die Mordwaffe sechs Kilometer stra�enabw�rts in einem
Graben. Sie fand sie zehn Stunden nach der Entdeckung des Mordes, lange bevor
Rode eine Chance hatte, sie dorthin zu werfen.</p><p>Darauf
aber kommt es an, Fielding. Dar�ber kann die Polizei nicht hinwegkommen. Ich
nehme an, es w�re m�glich, eine fingierte Mordwaffe herzustellen. Rode h�tte
Haare von Stellas Kamm nehmen, sie mit Menschenblut auf ein St�ck Koaxialkabel
kleben und das Ding in einen Graben legen k�nnen, <strong><emphasis>bevor </emphasis></strong>er den Mord beging. Aber das einzige Blut, das er
benutzen konnte, war sein eigenes - das zu einer anderen Blutgruppe geh�rt. Das
Blut an der Waffe, die die Polizei fand, geh�rte zu Stellas Blutgruppe. Er hat
es also nicht getan. Es gibt einen noch konkreteren Beweis, der mit dem Paket
zu tun hat. Rigby sprach gestern mit Miss Truebody. Es scheint, da� sie mit
Stella Rode telefoniert hat, am Morgen des Tages, an dem sie ermordet wurde. In
Ihrem Auftrag telefoniert hat, Fielding, um zu bestellen, da� ein Junge am
Donnerstagvormittag einige alte Kleider nach North Fields bringen w�rde -
w�rde sie wohl bis dahin das Paket bestimmt offenlassen... Was drohte Stella
an, Fielding? Einen anonymen Brief an Ihre n�chste Schule zu schreiben?�</p><p>Dann legte
Smiley seine Hand auf Fieldings Arm und sagte: �Gehen Sie jetzt in Gottes
Namen, gehen Sie jetzt. Es ist sehr wenig Zeit, um Adrians willen, gehen Sie
jetzt�, und Ailsa Brimley fl�sterte etwas, was er nicht verstehen konnte.</p><p>Fielding
schien nicht zu h�ren. Er hatte den gro�en Kopf zur�ckgeworfen, die Augen halb
geschlossen, hielt sein Weinglas noch immer zwischen den dicken Fingern. Und
die T�rglocke erklang wie der Schrei einer Frau in einem leeren Haus.</p><empty-line/><p>Smiley
erfuhr nie, was das Ger�usch verursachte, ob es Fieldings H�nde auf dem Tisch
waren, als er aufstand, oder sein Stuhl, der hinten�berfiel. Vielleicht war es
gar kein Ger�usch, sondern einfach der Schock heftiger Bewegung, wenn man sie
am wenigsten erwartet; der Anblick Fieldings, der noch einen Augenblick zuvor
lethargisch in seinem Stuhl gesessen hatte und nun vorw�rts durchs Zimmer
sprang. Dann hielt Rigby ihn, hatte Fieldings rechten Arm ergriffen und tat
etwas mit ihm, da� Fielding vor Schmerz und Angst aufschrie, sich unter dem
Zwang von Rigbys Griff herumdrehte, um ihnen ins Auge zu sehen. Dann sprach
Rigby die Verhaftung aus, und Fieldings entsetzter Blick fiel auf Smiley.</p><p>�Halten
Sie ihn auf, halten Sie ihn auf, Smiley, um Himmels willen! Sie werden mich
h�ngen!� Und er schrie die letzten zwei Worte wieder und wieder: �Mich h�ngen,
mich h�ngen�, bis die Kriminalbeamten von der Stra�e hereinkamen und ihn ohne
F�rmlichkeit in einen wartenden Wagen schoben.</p><empty-line/><p>Smiley sah
zu, wie der Wagen abfuhr. Dieser beeilte sich nicht, suchte nur seinen Weg die
nasse Stra�e hinunter und verschwand. Smiley blieb noch lange stehen, nachdem
er fort war, und blickte zum Ende der Stra�e, so da� Vor�bergehende ihn
merkw�rdig anstarrten oder versuchten, seinem Blick zu folgen. Aber es gab
nichts zu sehen. Nur die halberleuchtete Stra�e und die Schatten, die sich auf
ihr dahinbewegten.</p></section></body><binary id="cover" 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