<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>antique</genre><author><first-name>Carre,</first-name><middle-name>John</middle-name><last-name>le</last-name></author><book-title>Eine Art Held (Smiley Bd 6)</book-title><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang></title-info><document-info><author><first-name>Carre,</first-name><middle-name>John</middle-name><last-name>le</last-name></author><program-used>calibre 2.23.0, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date>13.11.2015</date><id>3e4e30be-6b0c-4c57-988b-b456dd7dcec3</id><version>1.0</version></document-info><publish-info><year>2011</year></publish-info></description><body><section><empty-line/><p>John le
Carr�</p><p><emphasis>Eine
Art Held </emphasis></p><p>Ich und
das Publikum, wir wissen,</p><p>Was jedes
Schulkind lernt:</p><p>Wer heute
B�ses leidet,</p><p>Wird B�ses
morgen tun.</p><p>W. H.
Auden</p><p><strong/></p><p><strong>Erster Teil</strong></p><p><strong>Die Uhr wird aufgezogen</strong></p><p><emphasis/></p><p><emphasis>Wie der </emphasis><emphasis>Circus
</emphasis><emphasis>die Stadt verlie�</emphasis></p><p>Noch lang
danach stritten sich Londons Geheimdienstler in ihren staubigen Stammkneipen um
die Frage, wann denn genau der Beginn des Unternehmens Delphin anzusetzen sei.
Die eine Partei, angef�hrt von einem dicklichen Burschen aus der Abteilung
Abh�rprotokollierung, ging so weit, zu behaupten, der Stichtag sei vor sechzig
Jahren gewesen, als �dieser Erzlump Bill Haydon� unter einem verr�terischen
Stern das Licht der Welt erblickt hatte. Allein schon der Name Haydon jagte
ihnen Schauder �ber den R�cken und tut es noch heute! Denn eben jener Haydon
war noch w�hrend seiner Zeit in Oxford von dem Russen Karla als �Maulwurf� oder
�Schl�fer�, das hei�t als Tiefenagent angeworben worden, um gegen sie zu
arbeiten. Und hatte sich unter Karlas Weisung in ihre Mannschaft eingereiht und
sie drei�ig Jahre oder noch l�nger ausspioniert. Und seine endliche Entdeckung
hatte die britische Mannschaft - so lautet die Lesart - in eine fatale
Abh�ngigkeit vom amerikanischen Schwesterunternehmen gebracht, von den
�Vettern�, wie es in ihrem Privatjargon hie�. Die Vettern modelten das Spiel
v�llig um, sagte der Dicke: im gleichen Ton, als bedauerte er die Entwicklung
des Leistungssports zum Massensport. Und haben es dabei v�llig verdorben,
sagten seine Sekundanten.</p><p>F�r
weniger umschweifige Geister begann die Geschichte mit Haydons Entlarvung durch
George Smiley und mit Smileys darauffolgender Ernennung zum amtierenden Chef
der verratenen Dienststelle, so geschehen Ende November 1973. Nachdem George
einmal Karlas Witterung aufgenommen hatte, so sagten sie, war er nicht mehr zu
halten. Alles �brige sei nur die zwangsl�ufige Folge gewesen, sagten sie. Armer
alter George: aber was f�r ein Kopf auf den schwachen Schultern! Ein gelehrtes
Haus, Ermittler seines Zeichens, im Jargon �W�hlmaus� genannt, wollte in
seinem Suff sogar den 26. Januar 1841 ansetzen, den Tag, an dem ein gewisser
Captain Elliot von der Royal Navy seine Mannschaft auf einen umnebelten Felsen
Namens Hongkong an der M�ndung des Perlflusses an Land setzte und den Ort wenige
Tage sp�ter zur britischen Kolonie erkl�rte. Mit Elliots Landung, so das
gelehrte Haus, wurde Hongkong zum Hauptquartier des britischen Opiumhandels mit
China und in der Folge zu einer der wirtschaftlichen S�ulen des Empire. H�tten
die Briten nicht den Opiummarkt erfunden, sagte er - nicht unbedingt im Ernst
-, dann h�tte es auch keinen Fall, kein Unternehmen, kein Ergebnis und folglich
auch keine Wiedergeburt des Circus nach Bill Haydons verheerendem Verrat
gegeben.</p><p>F�r die
harten Burschen hingegen - die gelernten Au�enagenten, die Instruktoren und die
Einsatzleiter, die immer ihren eigenen Kommentar brummten - war das Ganze eine
reine Verfahrensfrage. Sie erinnerten daran, wie zielsicher Smiley Karlas
Zahlmeister in Vientiane aufgest�bert hatte, wie Smiley mit den Eltern des
M�dchens umzugehen verstand und wie er mit den Whitehall-Baronen verfuhr, die
den Daumen auf der Kasse hielten und in der Geheimwelt das Sagen und das Fragen
hatten. Vor allem aber, wie er zu jenem grandiosen Zeitpunkt die ganze Operation
um hundertachtzig Grad herumschwenkte. F�r diese Profis war Unternehmen Delphin
ein Triumph der Technik. Nichts weiter. Sie betrachteten die Mu�-Ehe mit den
Vettern lediglich als einen weiteren schlauen Trick in einem langen und heiklen
Pokerspiel. Und was das Endresultat betraf: nebbich. Der K�nig ist tot, lang
lebe der n�chste.</p><p>Die
Debatte wird fortgef�hrt, wo immer alte Kameraden beieinandersitzen, der Name
Jerry Westerby f�llt dabei jedoch aus verst�ndlichen Gr�nden nur selten. Gewi�,
gelegentlich passiert es dennoch, irgendwer holt ihn aus der Versenkung hervor,
aus Gro�sprecherei, aus Gef�hlsduselei oder einfach aus Unbesonnenheit, und
dann kommt Spannung auf: aber das geht vorbei. Erst unl�ngst hat ihn zum
Beispiel ein junger Gr�nschnabel, frisch aus dem neuer�ffneten Trainingslager
des Circus in Sarratt - im Jargon die �Nursery� genannt -, in der Kneipe der
Unterdrei�iger herausposaunt. Eine entsch�rfte Version von Unternehmen Delphin
war vor einiger Zeit in Sarratt als Material f�r Roundtable-Diskussionen
eingef�hrt worden, Teile davon hatte man sogar durchgespielt, und der arme,
noch so recht gr�ne Junge schnappte fast �ber vor Aufregung, als er entdeckte,
da� er im Bilde war: �Mein Gott�, entr�stete er sich im Schutze jener
Narrenfreiheit, wie sie manchmal junge Marineleutnants in der Offiziersmesse
genie�en, �mein <emphasis>Gott, </emphasis>warum will denn niemand Westerbys
Rolle in dieser Sache w�rdigen? <emphasis>Wenn </emphasis>hier einer
das Risiko zu tragen hatte, dann war's Jerry Westerby. Er war die Speerspitze
gewesen. Oder etwa nicht? Ehrlich?� Nur da� er nat�rlich nicht den Namen
�Westerby� aussprach, auch nicht den Namen �Jerry�, allein schon deshalb nicht,
weil er sie nicht kannte; er bediente sich des Decknamens, der Jerry f�r die
Dauer seines Einsatzes zugeteilt worden war.</p><p>Peter
Guillam griff rettend ein. Guillam ist gro� und drahtig und elegant, und
Novizen, die auf ihren ersten Einsatz warten, blicken gern zu ihm auf, wie zu
einer griechischen Gottheit. �Westerby war der Stecken, der das Feuer sch�rte�,
erkl�rte er br�sk und beendete damit das Schweigen. �Jeder Au�enmann h�tte es
genausogut getan, mancher sogar verdammt viel besser.� Als der Junge noch immer
nicht kapierte, stand der sehr bla� gewordene Guillam auf, ging zu ihm hin�ber
und schnauzte ihm ins Ohr, er solle sich noch einen Drink holen, wenn er ihn
vertragen k�nne, und danach ein paar Tage oder besser ein paar Wochen lang die
Klappe halten. Worauf das Gespr�ch sich wiederum dem lieben - alten George
Smiley zuwandte, dem gewi� letzten der <emphasis>wahrhaft </emphasis>Gro�en,
und was er wohl jetzt, da er wieder in den Ruhestand zur�ckgekehrt war, mit
sich anfangen mochte? Er hatte so viele Leben gelebt; so vieles am stillen Herd
zu �berdenken, meinten sie einhellig.</p><p>�George
hat f�nfmal soviel geleistet wie wir�, erkl�rte jemand ritterlich - eine Frau.</p><p>Zehnmal,
fanden sie alle. Zwanzigmal! <emphasis>F�nfzigmal! </emphasis>�ber
diesem massiven Lob geriet Westerbys Schatten in gn�dige Vergessenheit. Und in
gewissem Sinn auch George Smileys Schatten. Schlie�lich hatte George ein
erf�lltes Leben gehabt, sagten sie. Was konnte man in <emphasis>seinem </emphasis>Alter noch
erwarten?</p><p>Vielleicht
ist es realistischer, als Ausgangspunkt einen Sonnabend in der Mitte des Jahres
1974 anzunehmen, als ein Taifun �ber Hongkong hinwegfegte und die Stadt gegen
drei Uhr nachmittags wie ausgestorben dalag und auf den n�chsten Sturmangriff
wartete. In der Bar des Auslandskorrespondenten-Clubs lungerten eine Handvoll
Journalisten, in der Mehrzahl aus ehemaliger britischen Kolonien - Australien,
Kanada, Amerika -, herum, alberten und tranken in einer Art aggressiver
Unt�tigkeit: eine Truppe ohne Hauptdarsteller. Dreizehn Stockwerke unter ihnen
schoben sich die alten Stra�enbahnen und Doppeldeckerbusse durch die
schmutzigbraunen Ausd�nstungen der H�user und den Ru� der Fabriken von Kaulun.
Die winzigen Teiche vor den hochaufragenden Hotels wurden vom langsamen,
penetranten Regen punktiert. Und in �Herren�, von wo aus man den sch�nsten Blick
�ber den Hafen hatte, tauchte der junge Kalifornier Luke das Gesicht ins Becken
und wusch sich das Blut vom Mund. Luke war ein eigenwilliger,
hochaufgeschossener Tennisspieler, ein Greis von siebenundzwanzig Jahren, der
bis zum Abzug der Amerikaner das beste Pferd im Saigoner Stall der
Kriegsberichterstatter seiner Zeitschrift gewesen war. Wer ihn als
Tennisspieler kannte, konnte sich kaum vorstellen, da� er auch noch etwas
anderes tat, und w�re es nur trinken. Man sah ihn am Netz, wie er unbeirrbar
alles, was da kommen mochte, zum Teufel schmetterte; oder zwischen
Doppelfehlern Asse servierte. W�hrend er saugte und spuckte, war sein Denken durch
Alkohol und eine gelinde Gehirnersch�tterung in mehrere luzide Teile gespalten.
Der eine Teil besch�ftigte sich mit einer Barmaid in Wanchai namens Ella, der
zuliebe er dem neuseel�ndischen Polizisten einen Kinnhaken versetzt und die
unvermeidlichen Folgen erlitten hatte: mit einem Minimum an Kraftaufwand hatte
ihn Superintendent Rockhurst, alias der Rocker, der sich jetzt in einer Ecke
der Bar von seinem Tun ausruhte, auf die Bretter geschickt und ihm einen
herzhaften Tritt in die Rippen verpa�t. Ein weiterer Teil von Lukes Denken
besch�ftigte sich mit einem Ausspruch seines chinesischen Hauswirts, der sich
an diesem Morgen wegen des Grammophonl�rms bei ihm beschwert hatte und auf ein
Bierchen geblieben war.</p><p>Irgendein
Kn�ller, soviel stand fest, aber was f�r einer? Er erbrach sich nochmals, dann
linste er aus dem Fenster. Die Dschunken waren hinter den Schutzmauern vert�ut,
und die Star Ferry hatte den Betrieb eingestellt. Eine altgediente britische
Fregatte d�mpelte vor Anker und im Club ging das Ger�cht, Whitehall wolle sie
verkaufen.</p><p>�Sollte in
See stechen�, brabbelte Luke wirr, denn er entsann sich einigen Seemannsgarns,
das er auf seinen Reisen aufgeschnappt hatte. �Fregatten stechen auch bei
Taifun in See. Yes Sir.� Die H�gel waren schiefergrau unter den schwarzen
Wolkenschichten. Vor einem halben Jahr h�tte Luke bei diesem Anblick vor Wonne
geschnurrt. Den Hafen, das Get�se, sogar die Hochhausschuppen, die vom Strand
bis zum Peak, zur H�gelspitze, hinaufklommen: nach Saigon hatte er die ganze
Szenerie jubelnd begr��t. Aber heute sah er nur noch einen satten, reichen,
britischen Felsen in den H�nden einiger feister Kr�mer, die nicht �ber die
eigenen W�nste hinaussahen. Die Kolonie war daher f�r ihn genau das geworden,
was sie f�r die �brigen Journalisten l�ngst war: ein Flugplatz, ein Telefon,
eine W�scherei, ein Bett. Dann und wann - aber niemals f�r lange - eine Frau.
Sogar die Erfahrungen mu�te man importieren. Und die Kriege, die so lange Zeit
hindurch seine Droge gewesen waren: sie waren von Hongkong genauso weit
entfernt wie von London oder New York. Nur die B�rse reagierte andeutungsweise,
aber am Sonnabend war sie ohnehin geschlossen.</p><p>�Meinst
du, du wirst's �berleben, Goldjunge?� fragte der strubbelige kanadische Cowboy,
der an die Pi�-Sch�ssel nebenan trat. Die beiden M�nner hatten die Freuden der
Tet-Offensive geteilt.</p><p>�Danke,
mein Lieber, ich bin in a<emphasis>usgesprochner Hochform�, </emphasis>erwiderte
Luke mit seinem �bertriebensten englischen Akzent. Luke kam zu dem Schlu�, da�
er sich unbedingt an das erinnern m�sse, was Jake Chiu am Vormittag beim Bier
zu ihm gesagt hatte, und pl�tzlich fiel es ihm wie ein Geschenk des Himmels
wieder ein.</p><p>�Ich
hab's�, schrie er. �Herrgott, Cowboy, ich wei� es wieder! Luke, du wei�t es
wieder! Mein Gehirn! Es funktioniert! Leute, alle mal herh�ren!�</p><p>�Vergi�
es!� riet ihm der Cowboy. �Da drau�en herrscht heute dicke Luft, Goldjunge. Was
es auch sein mag, vergi� es.� Aber Luke trat die f�r auf und rannte mit
ausgebreiteten Armen in die Bar.</p><p>�Heh! Heh!
<emphasis>Leute!�</emphasis></p><p>Niemand
wandte den Kopf. Luke formte die H�nde zu einem Megaphon:</p><p>�H�rt zu,
ihr besoffenen Strolche, ich hab ne <emphasis>Neuigkeit. </emphasis>Zwei
Flaschen Whisky am Tag undn Gehirn wien Rasiermesser. Ist das nicht fabelhaft?
Wo is die Bimmel?�</p><p>Da er
keine <strong>fand, </strong>griff er
sich ein Bierseidel und h�mmerte damit gegen die Theke, da� das Bier
�berschwappte. Auch dann geruhte nur der Zwerg, von ihm Notiz zu nehmen. �Na,
wo brennt's denn, Luide?� n�selte der Zwerg mit seinem
Greenwich-Village-Akzent. �Hat Big Moo wiedermal den Schluckauf? Bricht mir das
Herz.�</p><p>Big Moo
nannten sie im Clubjargon den Gouverneur, und der Zwerg war Lukes B�rochef. Ein
formloser, m�rrischer Mensch mit wirrem Haar, das ihm in schwarzen Str�hnen ins
Gesicht fiel, und der Angewohnheit, wie aus dem Nichts neben einem
aufzutauchen. Vor einem Jahr hatten ihn ein paar Franzosen, die man sonst hier
selten sieht, wegen einer beil�ufigen Bemerkung �ber den Ursprung des
Vietnam-Fiaskos beinah umgebracht. Sie zerrten ihn zum Lift, brachen ihm den
Kiefer und mehrere Rippen, dann kippten sie ihn im Erdgescho� wie ein lebloses
B�ndel heraus und kehrten zu ihren Gl�sern zur�ck. Kurz darauf wurde ihm eine
�hnliche Behandlung von <strong>Seiten </strong>der
Australier zuteil, als er eine absurde �u�erung betreffs ihrer milit�rischen
Rolle in diesem Krieg zum besten gab. Er behauptete, Canberra habe mit
Pr�sident Johnson vereinbart, da� die australischen Jungens in Vung Tau bleiben
sollten, einem wahren Picknickpl�tzchen, w�hrend die Amerikaner anderswo den
wirklichen Krieg f�hrten. Im Gegensatz zu den Franzosen verschm�hten die
Australier den Lift. Sie pr�gelten den Zwerg einfach an Ort und Stelle
windelweich, und als er zu Boden ging, bekam er noch eine Zugabe. Danach hatte
er begriffen, wann er den Leuten in Hongkong aus dem Weg gehen mu�te. Zum
Beispiel bei lang anhaltendem Nebel. Oder wenn es nur vier Stunden am Tag
Wasser gab. Oder an einem Sonnabend w�hrend des Taifuns. Im �brigen war der
Club recht leer. Die Starkorrespondenten hielten sich aus Prestigegr�nden
ohnehin fern. Ein paar Gesch�ftsleute, die wegen der um die Pressem�nner
herrschenden Atmosph�re kamen, ein paar M�dchen, die der M�nner wegen kamen.
Eine Handvoll Fernseh-Kriegstouristen in imitierten Kampfanz�gen. Und, in
seiner Stammecke, der furchterregende Rocker, Polizei-Superintendent und
ehemaliger Pal�stina-, Kenia-, Malaya- und Fidji-K�mpfer, ein erbarmungsloses
Schlachtro� mit einem Bier, einer Garnitur leicht ger�teter Fingerkn�chel und
einer Wochenendausgabe der <emphasis>South China Morning Post. </emphasis>Der
Rocker, so sagten die Leute, komme aus Standesgr�nden. Und an dem gro�en
Mitteltisch, der an Wochentagen das Reservat von <emphasis>United
Press International </emphasis>war, lungerte der Shanghai Junior
Baptist Conservative Bowling Club unter dem Vorsitz des gescheckten alten
Australiers Craw und gab sich dem �blichen Sonnabendturnier hin. Bei diesem
Kampf ging es darum, eine zusammengedrehte Serviette quer durch den Raum segeln
und im Weinregal landen zu lassen. Bei jedem Treffer stifteten die Mitspieler
dem Torsch�tzen die betreffende Flasche und halfen sie ihm leeren. Old Craw
knurrte die Schie�befehle, und ein �ltlicher Kellner aus Schanghai, der bei
Craw einen Stein im Brett hatte, best�ckte m�de den Schie�stand und servierte
die Preise. An diesem Tag fehlte dem Spiel die W�rze; ein paar Mitglieder
beteiligten sich �berhaupt nicht. Dennoch w�hlte Luke gerade diesen Kreis als
sein Publikum.</p><p>�Die Frau
von Big Moo hatn Schluckauf!� quengelte der Zwerg weiter. �Das <emphasis>Pferd </emphasis>von der
Frau von Big Moo hatn Schluckauf! Der <emphasis>Stallknecht </emphasis>vom Pferd
von der Frau von Big Moo hatn Schluckauf! Das . . . �</p><p>Luke
marschierte zum Tisch, sprang mit einem Satz darauf, da� er krachte; ein paar Gl�ser
zerbrachen, und Lukes Kopf rammte die Decke. Die leicht geb�ckte Gestalt hob
sich �berlebensgro� vor dem S�dfenster ab: der suppige Nebel, dahinter der
dunkle Schatten des Peak und dieser schwarze Riese, der den ganzen Vordergrund
ausf�llte. Aber die M�nner warfen und tranken weiter, als h�tten sie ihn nicht
gesehen. Nur der Rocker blickte ein einzigesmal in Lukes Richtung, ehe er
seinen riesigen Daumen ableckte und zur Witzseite umbl�tterte.</p><p>�Dritte
Runde!� kommandierte Craw mit seinem kr�ftigen australischen Akzent. �Bruder
Kanada, Feuer frei. Warte, du Knallkopf. Feuer!�</p><p>Eine
zusammengedrehte Serviette segelte im hohen Bogen zum Regal. Fand eine L�cke,
verhakte sich eine Sekunde lang, glitt ab, flatterte zu Boden. Luke, vom Zwerg
angestachelt, begann auf den Tisch zu stampfen und warf noch ein paar Gl�ser
um. Schlie�lich gab sein Publikum den Widerstand auf. �Ehrw�rdens�, sagte Old
Craw seufzend, �darf ich um Aufmerksamkeit bitten f�r meinen Sohn. Ich f�rchte,
er hat uns etwas mitzuteilen. Bruder Luke, du hast heute mehrere Friedensbr�che
begangen, jeder weitere wird unserer ernsten Mi�billigung begegnen. Sprich klar
und knapp und lasse nichts aus, auch nicht die geringste Kleinigkeit, und dann
halt die Luft an.� In ihrer unerm�dlichen gegenseitigen Mythenstrickerei hatten
sie Old Craw den <emphasis>�Ancient Mariner� </emphasis>getauft.
Craw habe sich, so erz�hlten sie einander, schon mehr Sand von den Hosen
geklopft, als die meisten von ihnen je unter die Sohlen kriegen w�rden; und das
stimmte. In Schanghai, wo seine Laufbahn begann, war er <emphasis>Tee-Boy </emphasis>und
Lokalredakteur der einzigen englischsprachigen Zeitung der Hafenstadt gewesen.
Seither berichtete er �ber den Kampf der Kommunisten gegen Tschiang Kaischek,
den Kampf Tschiangs gegen die Japaner und die K�mpfe der Amerikaner gegen
nahezu alle anderen. Craw vermittelte ihnen eine Art Geschichtsbewu�tsein in
dieser wurzellosen Stadt. Seine Redeweise, die an Taifuntagen sogar den
Abgeh�rtetsten verzeihlicherweise auf die Nerven fallen konnte, war ein echtes
Relikt aus den drei�iger Jahren, als Australien den Gro�teil der Journalisten
im Fernen Osten stellte und der Vatikan aus unerfindlichen Gr�nden den Jargon
ihrer Gemeinde.</p><p>So gelang
es Luke dank Old Craw schlie�lich, seine Neuigkeit an den Mann zu bringen.</p><p>�Gentlemen!
- Zwerg, verdammter Polack, la� meinen Fu� los! - Gentlemen!� Er hielt inne und
betupfte sich die Lippen mit dem Taschentuch. �Das Haus, bekannt unter dem
Namen High Haven, steht zum Verkauf, und Ehrw�rden Tufty Thesinger haben sich
aus dem Staub gemacht.�</p><p>Nichts tat
sich, aber er hatte auch nichts Besonderes erwartet. Journalisten geben ihrem
Erstaunen nicht lauthals Ausdruck, nicht einmal ihrem Unglauben.</p><p>�High Haven�,
wiederholte Luke schallend, �ist zu haben. Mr, Jake Chiu, der bekannte und
beliebte Immobilienmakler, Ihnen besonders in seiner Eigenschaft als mein
aufgebrachter Hauswirt ein Begriff, wurde von der Regierung Ihrer Majest�t
beauftragt, �ber High Haven zu <emphasis>disponieren. </emphasis>Im
Klartext: die Bude zu verscheuern. Loslassen, polnischer Saukerl, ich bring
dich um!� Der Zwerg hatte ihn vom Tisch gesto�en. Nur ein hurtiger Luftsprung
bewahrte Luke vor Schaden. Vom Fu�boden aus br�llte er weitere Beschimpfungen
gegen seinen Angreifer. Inzwischen hatte Craw seinen gro�en Kopf Luke
zugewendet, die feuchten Augen hefteten sich b�se glotzend auf ihn, schienen
ihn nie mehr loslassen zu wollen. Luke fragte sich, gegen welches von Craws
zahlreichen Gesetzen er versto�en haben mochte. Unter seinen verschiedenen
Verkleidungen war Craw ein komplizierter und einsamer Mensch, wie die ganze
Tischrunde wu�te. Die absichtliche Ruppigkeit verdeckte eine Liebe zum Fernen
Osten, die ihn zuweilen bis zur Unertr�glichkeit zu packen schien, so da� er
monatelang von der Bildfl�che verschwinden konnte und wie ein gereizter Elefant
auf seinen eigenen Pfaden stapfte, bis er sich diesem Leben wieder gewachsen
f�hlte.</p><p>�Bitte
nicht zu faseln, Ehrw�rden, wenn's beliebt�, sagte Craw schlie�lich und warf
den gro�en Kopf gebieterisch in den Nacken. �Kein dreckiges Gew�sch in die
bek�mmlichen Gew�sser spucken, wenn's gef�llig ist, Herr Baron. High Haven ist
das &gt;Spukhaus&lt;, schon seit Jahren, die Residentur. Bau des luchs�ugigen
Major Tufty Thesinger, ehedem bei Her Majesty's Rifles, jetzt der Lestrade des
Yard in Hongkong. Tufty w�rde sich nie aus dem Staub machen. Er ist ein
&gt;Spuk&lt;, kein Waschlappen. Gebt meinem Sohn zu trinken, Monsignore� - dies
zu dem chinesischen Barmann -, �er redet irre.�</p><p>Craw gab
einen weiteren Feuerbefehl, und der Club wandte sich wieder seinen intellektuellen
Exerzitien zu. Lukes gro�artige Erstmeldung in Sachen Spionage war f�r die
Kollegen kein Novum. Er geno� seit langem einen Ruf als verhinderter
Spitzelj�ger, und seine Hinweise waren unweigerlich haltlos. Seit Vietnam sah
dieser D�mlack Spione unter jedem Teppich. Er war �berzeugt, da� sie die Welt
regierten, und einen Gro�teil seiner freien Zeit trieb er sich, falls er
n�chtern war, in der Umgebung der zahlreichen Heere kaum getarnter
China-Beobachter und noch �blerer Gestalten herum, die das riesige
amerikanische Konsulat auf dem H�gel heimsuchten. An einem weniger
ereignislosen Tag h�tte die Sache folglich damit ihr Bewenden gehabt: So jedoch
sah der Zwerg eine Gelegenheit zur Kurzweil, und ergriff sie.</p><p>�Sag mal,
Luide�, begann er und drehte dabei die ausgestreckten Handfl�chen nach oben,
�steht High Haven, <emphasis>mit kompletter Einrichtung </emphasis>zum
Verkauf oder nur wie besichtigt?�</p><p>Die Frage
wurde mit Applaus belohnt. War High Haven wertvoller mit seinen Geheimnissen
oder ohne sie?</p><p>�Steht es <emphasis>mit </emphasis>Major
Thesinger zum Verkauf?� hakte der s�dafrikanische Fotograf in seinem humorlosen
Singsang ein, und wiederum lachten alle, wenn auch nicht mehr so herzhaft. Der Fotograf
war eine gespenstische, klapperd�rre Gestalt mit B�rstenhaarschnitt, und sein
Gesicht war so zerpfl�gt wie die Schlachtfelder, auf denen er herumgeisterte.
Er kam aus Kapstadt, aber sie nannten ihn Deathwish den Hunnen. Sie sagten, er
w�rde sie noch alle begraben, denn er stelzte immer hinter ihnen her wie ein
Klageweib.</p><p>Ein paar
vergn�gliche Minuten lang ging Lukes Er�ffnung v�llig unter in einer Flut von
Thesinger-Stories und Thesinger-Imitationen, an denen sich alle au�er Craw
beteiligten. Man erinnerte sich, da� der Major urspr�nglich als Importkaufmann
in der Kolonie aufgetaucht war, drunten in den Docks mit irgendeiner albernen
Legende; nach einem halben Jahr erschien er v�llig �bergangslos auf der
Beamtenliste und �bersiedelte komplett mit seinem Personal blasser Schreiber
und teigiger, wohlerzogener Sekret�rinnen in besagtes Spukhaus, um dort irgend
jemandes Nachfolge anzutreten. Besonders seine Tete-�-tete-Lunches wurden
geschildert, zu denen, wie sich jetzt herausstellte, fast jeder der anwesenden
Journalisten irgendwann einmal eingeladen war, und die mit spitzfindigen
Vorschl�gen beim Cognac endeten, einschlie�lich so wundersch�ner Formulierungen
wie: �H�ren Sie, alter Junge, falls Ihnen jemals ein interessanter Chinaman vom
anderen Flu�ufer vor die B�chse kommen sollte - einer mit <emphasis>Zugang, </emphasis>Sie
verstehen? -, dann denken Sie an High Haven!� Dann die magische Telefonnummer,
die �direkt auf meinem Schreibtisch anklingelt, keine Zwischenstation, keine
Tonb�nder, nichts, ja?� - die ein gutes halbes Dutzend von ihnen in ihren
Notizb�chern stehen hatte: �Da, schreiben Sie's auf Ihre Manschette, sagen Sie
einfach, es ist ein Rendezvous oder eine Freundin oder so. Fertig? Hongkong
f�nf-null-zwei-vier . . . � Sie leierten die Zahlen im Chor herunter, dann
wurde es still. Irgendwo schlug eine Uhr Viertel nach drei. Luke erhob siel
langsam und klopfte sich den Staub von den Jeans. Der alt� schanghainesische
Kellner gab seinen Posten bei den Regalen au und holte die Speisenkarte hervor,
in der Hoffnung, jemand wolle essen. Eine Weile z�gerten sie. Der Tag war
vertan. War es schon beim ersten Gin gewesen. Im Hintergrund ert�nte tiefes
Knurren als der Rocker sich einen �ppigen Lunch bestellte: �Und dazu ein kaltes
Bier, <emphasis>kalt, </emphasis>verstanden? <emphasis>Sehl kalt.
Und luck zuck.� </emphasis>Der Superintendent wu�te mit Eingeborenen umzugehen
und vers�umte nie, darauf hinzuweisen. Dann war es wieder still �Na, geschafft,
Lukie�, rief der Zwerg und brachte sich au�er Reichweite. �Damit d�rften Sie
den Pulitzerpreis gewinnen. Gratuliere, <emphasis>darling. </emphasis>Kn�ller
des Jahres.�</p><p>�Ach,
leckt mich doch, alle mitnander�, sagte Luke und begab sich durch das Lokal zur
Bar, wo zwei bla�gelbe M�dchen sa�en. Armym�dchen auf der Pirsch. �Jake Chiu
hat mir die Schei�-Anweisung gezeigt, oder? Anweisung von Her Majesty's
Schei�-Service, oder? Schei�-Wappen aufm Briefkopf, L�we v�gelt Gei�. Hei, <emphasis>sweethearts,
</emphasis>kennt ihr mich noch? Ich bin der nette Onkel, der euch aufm Jahrmarkt
die Lutscher gekauft hat.�</p><p>�Thesinger
antwortet nicht�, sang Deathwish der Hunne moros vom Telefon her. �Niemand
antwortet. Nicht Thesinger, nicht sein Diensthabender. Apparat ist au�er
Betrieb.� War es die Aufregung oder die Langeweile gewesen, niemand hatte
bemerkt, wie Deathwish ans Telefon gegangen war.</p><p>Bis jetzt
war Old Craw so leblos gewesen wie ein Dodo. Nun blickte er j�h auf.</p><p>�W�hl
nochmal, du Narr�, befahl er scharf wie ein Feldwebel beim Exerzieren.</p><p>Achselzuckend
w�hlte Deathwish wiederum Thesingers Nummer, und ein paar von ihnen gingen
hin�ber und sahen ihm dabei zu. Craw blieb, wo er war, und beobachtete. Es gab
zwei Apparate. Deathwish probierte es mit dem zweiten, aber das Ergebnis blieb
das gleiche.</p><p>�Ruf die
Vermittlung an�, befahl Craw quer durch das Lokal. �Steh nicht da wie die
schwangere Jungfrau. Ruf die Vermittlung an, du afrikanischer Baumaffe.�</p><p>�Kein
Anschlu� unter dieser Nummer�, sagte die Vermittlung. �Seit wann,
Menschenskind?� fragte Deathwish. �Keine weiteren Angaben�, sagte die
Vermittlung. �Haben die vielleicht ne neue Nummer gekriegt? Hallo! Vermittlung!�
heulte Deathwish in die Muschel. Niemand hatte ihn je so aufgebracht gesehen.
Das Leben war f�r Deathwish etwas, was sich vor dem Sucher abspielte: an dieser
Leidenschaftlichkeit konnte nur der Taifun schuld sein. �Keine weiteren
Angaben�, sagte die Vermittlung. �Ruf Shallow Throat an�, befahl Craw, der
jetzt richtig w�tend war. �Ruf jeden verdammten Protokollhengst in der Kolonie
an.� Deathwish. sch�ttelte zweifelnd den langen Kopf. Shallow Throat war der
offizielle Regierungssprecher, ihnen allen ein Dorn im Auge. Ihn um irgend
etwas angehen hie� das Gesicht verlieren. �Los, gib ihn mir�, sagte Craw, stand
auf, schob die anderen beiseite, griff nach dem Telefon und hob ein makabres
Werben um Shallow Throat an. �Ihr ergebener Craw hier, Sir, Ihnen stets zu
Diensten. Wie geht's Euer Eminenz an Leib und Seele? Sehr erfreut, Sir, sehr
erfreut. Und die Frau Gemahlin und die Kleinen, Sir? Essen sch�n ihren Teller
leer, will ich hoffen? Kein Kopfgrind, kein Typhus? Wundervoll. Also dann,
vielleicht w�rden Sie die G�te haben, mir mitzuteilen, warum zum Teufel Tufty
Thesinger sich aus dem Staub gemacht hat?�</p><p>Sie
beobachteten ihn, aber seine Z�ge waren wie versteinert, und es gab nichts aus
ihnen zu lesen.</p><p>�Danke
sehr, gleichfalls, Sir!� schnaubte er schlie�lich und hieb den H�rer so hart auf
die Gabel, da� der ganze Tisch einen Satz machte. Dann wandte er sich an den
alten schanghainesischen Kellner. �Monsignore Goh, Sir, besorgen Sie mir eine
Benzinkutsche, seien Sie so freundlich! Ehrw�rdens, l�ftet eure �rsche, die
ganze Bande!�</p><p>�Warum zum
Teufel?� fragte der Zwerg, in der Hoffnung, der Befehl gelte auch f�r ihn.</p><p>�Weil's
'ne Story gibt, du rotziger kleiner Kardinal, 'ne Story, ihr versoffenen
Eminenzen. Und Reichtum, Ruhm, Weiber und ein langes Leben!�</p><p>Seine
grimmige Laune war ihnen allen ein R�tsel.</p><p>�Was hat
Shallow Throat denn so Schlimmes gesagt?� fragte der zottige kanadische Cowboy
ratlos.</p><p>Der Zwerg
echote: �Ja, was hat er denn gesagt, Bruder Craw?�</p><p>�Er hat
gesagt: <emphasis>Kein Kommentar�, </emphasis>erwiderte Craw mit sch�ner W�rde,
als w�ren diese Worte der gemeinste Schandfleck auf seiner Berufsehre.</p><p>Also
fuhren sie alle zum Peak hinauf, nur die schweigende Mehrheit der S�ufer blieb
friedlich sitzen. Der zerfahrene Deathwish, der lange Luke, der zottige
kanadische Cowboy, ein malerischer Anblick mit seinem mexikanischen Revoluzzer
Schnurrbart, der Zwerg, wie immer nicht abzusch�tteln, und schlie�lich Old Craw
und die beiden Armyweibchen: eine Plenarsitzung des Shanghai Junior Baptist
Conservative Bowling Club also, nebst Damen - obwohl der Club auf Ehelosigkeit
eingeschworen war. Wunderbarerweise brachte der lustige kantonesische Chauffeur
sie alle unter, ein Triumph der Masse �ber physikalische Gesetze. Er war sogar
einverstanden, drei Quittungen �ber den jeweils vollen Fahrpreis auszustellen,
eine f�r jeden beteiligten Journalisten: was kein Taxichauffeur von Hongkong
jemals getan hatte oder in Zukunft tat. Ein Tag, der alles bisher Dagewesene
�ber den Haufen warf. Old Craw sa� vorn, auf dem Kopf den ber�hmten weichen
Strohhut mit den Eton-Farben am Band, den ihm ein alter Kamerad testamentarisch
vermacht hatte. Der Zwerg kauerte �ber dem Schalthebel, die drei anderen M�nner
sa�en hinten und die beiden M�dchen hatten sich Luke auf den Scho� gesetzt, so
da� er M�he hatte, sich die Lippen abzutupfen. Der Rocker war offenbar nicht am
Mitkommen interessiert gewesen. Er hatte die Serviette in den Kragen gestopft
und harrte der Spezialit�t des Clubs in Form von gegrilltem Lamm mit
Pfefferminzso�e und reichlich Kartoffeln. �Und noch ein Bier! Aber diesmal <emphasis>kalt, </emphasis>verstanden?
<emphasis>Sehl kalt, </emphasis>und zwar <emphasis>luck
zuck!�</emphasis></p><p>Aber
sobald die Luft rein war, benutzte auch der Rocker das Telefon und sprach mit
einer zust�ndigen Stelle, nur um ganz sicher zu gehen, obwohl beide Teilnehmer
der Meinung waren, da� sich gar nichts machen lasse.</p><p>Das Taxi
war ein roter Mercedes, ziemlich neu, aber nirgends geht ein Wagen so schnell
vor die Hunde wie am Peak, wo es im Schneckentempo mit voll aufgedrehter
Klimaanlage endlos bergauf geht. Das Wetter war und blieb m�rderisch. Als sie
langsam die Zementklippen hinaufwimmerten, umfing sie ein Nebel, an dem man
fast erstickte. Und als sie ausstiegen, war es sogar noch schlimmer. Ein
hei�er, unbeweglicher Vorhang, geschw�ngert von Benzingestank und getr�nkt mit
dem L�rm aus dem Tal hatte sich �ber den Gipfel gebreitet. Die Feuchtigkeit
wallte in d�nnen hei�en Schwaden. An einem klaren Tag h�tten sie nach beiden
Seiten Aussicht gehabt, eine der sch�nsten der Welt: im Norden auf Kaulun und
die blauen Berge der New Territories, hinter denen sich die achthundert
Millionen Chinesen, denen nicht das Gl�ck britischer Herrschaft l�chelte, den
Blicken entzogen; im S�den auf Repulse und Deep Water Bays und hinaus aufs
offene Chinesische Meer. Die Royal Navy hatte schlie�lich in der ihr eigenen
Naivit�t in den zwanziger Jahren High Haven erbaut, damit es das Gef�hl von
Macht repr�sentiere und ausstrahle. Doch bef�nde sich das Haus nicht in einer
Mulde, von B�umen umstanden, die danach strebten, den Himmel zu erreichen, und
h�tten sie nicht den Nebel abgehalten, dann w�re an jenem Nachmittag nichts
weiter zu sehen gewesen als die beiden wei�en Betons�ulen mit den
Klingelkn�pfen f�r �Tag� und �Nacht� und die abgesperrten Gittertor dazwischen.
Doch dank der B�ume sahen sie das Haus ganz deutlich, obwohl es f�nfzig Yards
zur�ckgesetzt war. Sie konnten die Regenrinnen unterscheiden, die Feuertreppen
und die W�scheleinen, und sie konnten die gr�ne Kuppel bewundern, die die
japanische Armee w�hrend ihres vierj�hrigen Aufenthalts draufgesetzt hatte. Der
Zwerg, der sich n�tzlich machen wollte, lief hin und dr�ckte die Klingel mit
dem Schildchen �Tag�. Eine Sprechanlage war in die S�ule eingebaut, und sie
starrten alle darauf und warteten, da� sie t�nen w�rde, oder, wie Luke sich
ausdr�ckte, Opiumrauch aussto�e. Am Stra�enrand hatte der kantonesische Fahrer
das Autoradio auf volle Lautst�rke gedreht, es spielte unerm�dlich ein
winselndes chinesisches Liebeslied. Die zweite S�ule war kahl bis auf ein
Messingschild mit der Aufschrift Inter Services Liaison Staff, Thesingers fadenscheinige
Legende. Deathwish der Hunne hatte eine Kamera gez�ckt und fotografierte so
methodisch, als w�re er auf einem seiner vertrauten Schlachtfelder. �Vielleicht
arbeiten sie sonnabends nicht�, gab Luke zu bedenken, w�hrend sie weiter
warteten, worauf Craw ihn einen blutigen Esel nannte: Spione arbeiteten sieben
Tage in der Woche rund um die Uhr, sagte er. Auch ��en sie niemals, ausgenommen
Tufty. �W�nsche einen <emphasis>sch�nen </emphasis>guten
Tag,� sagte der Zwerg. Er hatte die Nachtklingel gedr�ckt und die gespitzten
roten Lippen den Schlitzen der Sprechanlage gen�hert. In, wie man ihm
zubilligen mu�te, �berraschend gekonntem Oberklassen-Englisch fl�tete er
hinein:</p><p>�Mein Name
ist Michael Hanbury-Steadly-Heamoor, ich bin Erster Bumsboy bei Big Moo. Ich
w�rde, <emphasis>biete, </emphasis>gern Major Thesinger in einer
wichtigen Angelegenheit sprechen, <emphasis>biete, da </emphasis>ist eine
pilzf�rmige Wolke, die der Herr Major vielleicht noch nicht gesehen haben, <emphasis>schoint </emphasis>�ber dem
Perriflu� aufzusteigen und <emphasis>beeintr�chtigt </emphasis>Big Moos
Golfplatz. <emphasis>Tanke </emphasis>sch�n. W�rden Sie
freundlicherweise das Tor �ffnen?� Eines der blonden M�dchen kicherte.</p><p>�Ich hab'
nicht gewu�t, da� er ein Sreaiiiy-Heamoor ist�, sagte sie.</p><p>Sie hatten
Luke stehenlassen und sich an den zottigen Cowboy geklammert, dem sie dauernd
ins Ohr fl�sterten. �Er ist Rasputin�, sagte eines der M�dchen bewundernd und
streichelte die R�ckseite seines Schenkels. �Ich hab' den Film gesehen. Gleicht
ihm wie ein Ei dem anderen, stimmt's, Kanada?� Nun nahmen sie alle einen
Schluck aus Lukes Flachmann, w�hrend sie sich wieder sammelten und �berlegten,
was zu tun sei. Vom geparkten Wagen her t�nte unbeirrbar das chinesische
Liebeslied, aber die Sprechanlagen an den S�ulen gaben keinen Ton von sich. Der
Zwerg dr�ckte gleichzeitig auf beide Klingeln und probierte es mit der
Al-Capone-Masche. �H�ren Sie, Thesinger, wir wissen, da� Sie drinnen sind.
Kommen Sie jetzt raus, H�nde �berm Kopf, ohne Visier, und ihre Dolche werfen
Sie weg - <emphasis>Heh, pa� doch auf, du Rindvieh!� </emphasis>Das
Kosewort galt weder dem Kanadier noch Old Craw - der sich gerade seitw�rts in
die B�sche schlug, offenbar einem Ruf der Natur folgend -, sondern Luke, der
sich entschlossen hatte, mit Gewalt ins Haus einzudringen. Das Tor stand in
einer verschlammten Zufahrt unter triefenden B�umen. Auf der anderen Seite lag
ein Haufen Abfall, einiger davon neueren Datums. Luke war hin�bergesprungen und
hatte auf der Suche nach erhellenden Anhaltspunkten ein S-f�rmiges St�ck
Roheisen ausgegraben. Obwohl es seine drei�ig Pfund haben mu�te, schleppte er
es zum Tor, wuchtete es mit beiden H�nden �ber den Kopf und lie� es auf den
Stahl hinuntersausen, worauf das Tor den Ton einer gesprungenen Kirchenglocke
von sich gab. Deathwish war niedergekniet, sein ausgemergeltes Gesicht zu einem
M�rtyrerl�cheln verzerrt, w�hrend er Fotos scho�. �Z�hle bis f�nf, Tufty�,
br�llte Luke und holte wiederum mit aller Kraft aus. �Eins ... �, er schlug
erneut zu, �Zwei . . . � �ber ihren K�pfen erhob sich ein Schwarm von allerhand
V�geln, einigen sehr gro�en, aus den B�umen und floh in langsamen Spiralen, das
Donnern aus dem Tal und das Dr�hnen des Eisentors �bert�nten ihr Geschrei. Der
Taxichauffeur tanzte herum, klatschte in die H�nde und lachte, das Liebeslied
war vergessen. Und was noch seltsamer war angesichts der bedrohlichen Witterung:
eine komplette Chinesenfamilie tauchte auf, schob nicht nur einen Kinderwagen,
sondern deren zwei vor sich her und fing ebenfalls an zu lachen, auch das
Kleinste lachte, und sie hielten die H�nde vor den Mund, um ihre Z�hne zu
verbergen. Bis der kanadische Cowboy j�hlings einen Schrei ausstie�, die
M�dchen absch�ttelte und durch die Gitterst�be wies. �Um Himmels willen, was
treibt denn blo� Old Craw? Der alte Bussard ist �ber den Stacheldraht
gesprungen.� Jetzt war es um den letzten Rest von Vernunft geschehen, der
bislang noch gewaltet haben mochte. Die ganze Horde schien von Wahnsinn erfa�t.
Der Alkohol, der elende Tag, die Klaustrophobie hatten ihnen endg�ltig die
K�pfe verwirrt. Die M�dchen h�tschelten hingebungsvoll den Cowboy; Luke h�mmerte
unaufh�rlich auf das Tor ein; die Chinesen trompeteten vor Lachen - bis sich
pl�tzlich mit g�ttlicher Pr�zision der Nebel hob, blau-schwarze Wolkenburgen
sich genau �ber ihnen t�rmten und ein Platzregen in die B�ume prasselte. Eine
Sekunde sp�ter hatte er sie erreicht und durchn��te sie im Handumdrehen. Die
M�dchen, die pl�tzlich halb nackt dastanden, flohen lachend und kreischend in
den Mercedes, die Reihen der M�nner jedoch hielten eisern stand - der Zwerg
eingeschlossen - und starrten durch den Wasserschleier auf die
unverwechselbare Gestalt Old Craws des Australiers mit seinem alten Etonhut.
Craw stand dicht am Haus unter einem primitiven Vordach, das aussah wie ein
Fahrradschuppen, obwohl nur ein Irrer den Peak hinaufradeln w�rde. �Craw!� schrien
sie. �Monsignore! Der alte Bastard hat uns abgeh�ngt!�</p><p>Der Regen
prasselte ohrenbet�ubend, die �ste schienen unter seiner Gewalt zu krachen.
Luke hatte seinen bl�den Hammer weggeworfen. Der zottige Cowboy ging als
erster, Luke und der Zwerg folgten, Deathwish bildete mit seinem L�cheln und
seiner Kamera die Nachhut, hoppelte geduckt dahin, w�hrend er blindlings
fotografierte. Der Regen str�mte wie aus Eimern, spritzte in roten B�chlein um
ihre Kn�chel, w�hrend sie Craws F�hrte h�gelan folgten, wo das Kr�chzen von
Ochsenfr�schen den H�llenkrach noch steigerte. Sie nahmen im Sturm einen Farnkrauth�gel,
kamen vor einem Stacheldrahtzaun schlitternd zum Stehen, schl�pften durch die
auseinandergebogenen Str�nge und setzten �ber einen niedrigen Graben. Als sie
bei Craw ankamen, starrte der Alte zur gr�nen Kuppel hinauf, w�hrend der Regen
ungeachtet des Strohhuts ihm flott �bers Gesicht und weiterlief und seinen
adretten rostbraunen Anzug in einen schw�rzlichen, formlosen Kittel
verwandelte. Er stand wie hypnotisiert da und starrte nach oben. Luke, der ihn
besonders gern mochte, versuchte als erster, Craw in die Gegenwart
zur�ckzuholen. �Ehrw�rden? Heh, aufwachen! Ich bin's: Romeo. Herrjeh, was zum
Teufel ficht ihn an?�</p><p>Pl�tzlich
bekam Luke Angst und ber�hrte sanft seinen Arm. Aber Craw sprach noch immer
kein Wort.</p><p>�Vielleicht
isser im Stehen gestorben�, lie� sich der Zwerg vernehmen, w�hrend der
grinsende Deathwish ihn auf diesen Verdacht hin fotografierte.</p><p>Langsam,
wie ein alter Berufsboxer, rappelte Craw sich auf. �Bruder Luke, wir m�ssen dir
dem�tig Abbitte tun, Sir,� murmelte er.</p><p>�Bringt
ihn zur�ck ins Taxi�, sagte Luke und fing an, ihm einen Weg zu bahnen, aber der
alte Knabe wollte sich nicht von der Stelle r�hren.</p><p>�Tufty
Thesinger. Ein guter Sp�rhund. Keine ausgesprochene Spitzenklasse - dazu ist er
nicht schlau genug -, aber ein guter Sp�rhund.�</p><p>�Tufty
Thesinger ruhe in Frieden�, sagte Luke ungeduldig.</p><p>�Gehen
wir. Zwerg, verzieh dich�.</p><p>�Stockbesoffen�,
sagte der Cowboy.</p><p>�Sieh dir
mal die Spuren an, Watson�, fuhr Craw nach einer weiteren Denkpause fort,
w�hrend Luke ihn am Arm zog und der Regen noch heftiger fiel. �Beachte zun�chst
die leeren K�sten �ber dem Fenster, aus denen zur Unzeit die Klimaanlagen
herausgerissen wurden. Sparsamkeit, mein Sohn, eine empfehlenswerte Tugend,
besonders, wenn ich so sagen darf, bei einem Spion. Siehst du die Kuppel dort?
Schau sie dir genau an, Sir. Kratzspuren. Doch ach! Nicht die Krallen eines
riesigen Hunds, sondern die Kratzspuren von Funkantennen, von fiebrigen wei�en
H�nden entfernt. Schon mal von einem Spukhaus ohne Antennen geh�rt? W�re wie
ein Puff ohne Klavier.� Der Regengu� hatte sich zum Crescendo gesteigert.
Riesentropfen schlugen wie Sch�sse rings um sie ein. Craws Gesicht zeigte eine
Mischung aus Gef�hlen, die Luke nur erraten konnte. Tief in seinem Herzen regte
sich der Verdacht, Craw k�nne wirklich am Sterben sein. Luke hatte wenige
nat�rliche Todesf�lle gesehen und war sehr scharf darauf, einen zu erleben.
�Vielleicht haben sie die Bergkrankheit gekriegt und sind weg�, sagte er und
versuchte erneut, Craw zum Wagen zu locken. �Durchaus m�glich, Ehrw�rden, ja,
durchaus m�glich. Ist genau die rechte Jahreszeit f�r unbesonnene,
kurzgeschlossene Handlungen.�</p><p>�Nach
Hause�, sagte Luke und zog ihn energisch am Arm. �Platz da, ja? Sanit�ter!�</p><p>Aber der
alte Mann lie� es sich nicht nehmen, noch einen letzten langen Blick auf das
englische Spukhaus zu werfen, das im Sturm schauderte.</p><p>Der
kanadische Cowboy reichte seine Story als erster ein, und sie h�tte ein
besseres Los verdient. Er schrieb sie noch in der gleichen Nacht, w�hrend die
M�dchen in seinem Bett schliefen. Er fand, die Story w�rde sich besser als
Zeitschriftenartikel eignen, nicht als Sensationsmeldung, also baute er sie um
den Peak im allgemeinen und benutzte Thesinger nur als Aufh�nger. Er erkl�rte,
wie der Peak von jeher der Olymp Hongkongs gewesen sei - �je weiter oben man
wohnt, desto h�her rangiert man in der Gesellschaft� - und wie die reichen britischen
Opiumh�ndler, Hongkongs Gr�nderv�ter, dort hinauf vor der Cholera und dem
Fieber in der Stadt fl�chteten; wie noch vor ein paar Jahrzehnten jeder Chinese
sogar einen Pa� brauchte, wenn er einen Fu� dorthin setzen wollte. Er schilderte
die Geschichte von High Haven und zuletzt dessen, von der chinesischsprachigen
Presse begr�ndeten, Ruf als Hexenk�che f�r britisch-imperialistische Anschl�ge
auf das Reich Maos. �ber Nacht war die K�che geschlossen worden, die K�che
waren verschwunden.</p><p>�Eine
weitere Vers�hnungsgeste?� fragte er. �Ein Entgegenkommen? Im Zuge der
britischen Beschwichtigungspolitik gegen�ber dem Festland? Oder einfach nur ein
weiteres Indiz daf�r, da� die Briten in S�dostasien wie �berall auf der Welt
von ihrer hohen Warte heruntersteigen m�ssen?�</p><p>Er beging
den Fehler, eine weitverbreitete englische Sonntagszeitung zu w�hlen, die
gelegentlich seine Arbeiten brachte. Die Sperr-Anweisung, die alle Hinweise auf
diese Vorkommnisse untersagte, kam ihm zuvor. �Bedauern Ihre h�bsche Havenstory
nicht unterzubringen�, telegrafierte der Redakteur und lie� sie prompt in der
Schublade verschwinden. Ein paar Tage sp�ter fand der Cowboy beim
Nachhausekommen sein Zimmer gr�ndlich durchsucht. Auch litt sein Telefon ein
paar Wochen lang an einer Art Kehlkopfentz�ndung, so da� er es nie benutzte,
ohne eine obsz�ne Anspielung auf Big Moo und sein Gefolge zu �u�ern.</p><p>Luke kam
voll guter Ideen nach Hause, badete, trank gro�e Mengen schwarzen Kaffee und
machte sich ah die Arbeit. Er rief bei Fluggesellschaften an, bei
Regierungsleuten und bei zahlreichen bleichen, geschniegelten Bekannten im
amerikanischen Konsulat, die ihn durch Ausfl�chte und delphische Antworten
erbitterten. Er bel�stigte Umzugsfirmen, die vorwiegend f�r die Regierung
arbeiteten. Noch in der gleichen Nacht um zehn Uhr hatte er, wie er w�rtlich
zum Zwerg sagte, �hieb- und stichfeste Beweise� daf�r, da� Thesinger mit Frau
und s�mtlichem Personal von High in den fr�hen Morgenstunden des Dienstag
Hongkong mit einer Chartermaschine in Richtung London verlassen hatte.
Thesingers Boxerhund, so erfuhr er durch einen gl�cklichen Zufall, sollte im
Lauf der Woche per Luftfracht nachkommen. Mit seinen Notizen setzte Luke sich
an die Schreibmaschine und blieb, wie er genau vorhersah, alsbald stecken. Er
fing hastig und flie�end an zu schreiben: �Heute h�ngt eine neue Skandalwolke
�ber der kampfgewohnten und nichtgew�hlten Regierung von Britanniens einzig
verbliebener Kolonie in Asien. Der Aufdeckung von Korruption im Polizei- und
Zivildienst folgt die Nachricht auf dem Fu�e, da� das geheimnisvollste
Etablissement der Insel, das Haus High Haven, die Basis f�r Englands Mantel-
und Degenkomplotte gegen Rotchina, �ber Nacht geschlossen wurde.� Hier hielt er
mit einem gottesl�sterlichen Fluch �ber sein Unverm�gen inne und pre�te das
Gesicht in die Handfl�chen. Alptr�ume: die konnte er ertragen. Erwachen nach
soviel Krieg, schwei�bedeckt ob unaussprechlicher Visionen, in den N�stern den
Gestank von Napalm auf Menschenfleisch: in gewisser Weise war es ihm ein Trost,
da� die D�mme seines Gef�hls nach so langem Verdr�ngen gebrochen waren. Es
hatte Zeiten gegeben, damals, als er das alles erlebte, in denen er sich nach
einer Atempause sehnte, die ihm erlauben w�rde, Ekel zu empfinden. Wenn
Alptr�ume notwendig waren, damit er wieder in die Reihen normaler Menschen
zur�ckf�nde, dann konnte er sie dankbar willkommen hei�en. Doch nicht im
schlimmsten Alptraum war die M�glichkeit aufgetaucht, da� er nach jahrelangem
Kriegsberichten nicht mehr imstande sein k�nnte, �ber den Frieden zu
berichten. Sechs Nachtstunden lang k�mpfte Luke mit dieser schrecklichen
Starre. Manchmal dachte er an Old Craw, wie er dort stand, regentriefend, und
seine Grabrede gehalten hatte: vielleicht war <emphasis>das </emphasis>die Story?
Aber wer h�ngt schon eine Story an der ausgefallenen Gem�tsverfassung eines
Zunftkollegen auf?</p><p>Der
Version, die der Zwerg zusammenbraute, war auch nicht viel mehr Erfolg
beschieden, was den Verfasser sehr reizbar machte. Auf den ersten Blick hatte
die Story alles, was man sich w�nschen konnte. Sie mokierte sich �ber die
Briten, enthielt das Wort SPION in Gro�buchstaben und verzichtete ausnahmsweise
auf das Bild von Onkel Sam als Henker S�dostasiens. Doch alles, was er nach
f�nft�gigem Warten zur Antwort erhielt, war die b�ndige Anweisung, er m�ge bei
seinem Leisten bleiben und nicht in anderer Leute Stiefeln, auftreten.</p><p>Blieb nur
noch Old Craw. Verglichen mit der Rasanz der Haupthandlung war die Art, wie
Craw den Zeitpunkt f�r sein Tun und Nichttun w�hlte, zwar nur ein Nebeneffekt,
aber sie blieb denkw�rdig bis auf den heutigen Tag. Drei Wochen lang schickte
er gar nichts ein. Es gab ein paar Kleinigkeiten, um die er sich h�tte k�mmern
sollen, aber er tat es nicht. Luke, der sich ernstlich um ihn Sorgen machte,
hielt es zun�chst f�r ein Zeichen fortschreitenden r�tselhaften Verfalls. Craw
verlor jeden Schwung und jedes Bed�rfnis nach Geselligkeit. Er wurde schwierig
und zuweilen ausgesprochen unfreundlich und bellte die Kellner in schlechtem
Kantonesisch an; sogar Goh, seinen Liebling. Er behandelte die Shanghai Bowlers
wie seine schlimmsten Feinde, und grub angebliche Missetaten aus, die sie
l�ngst vergessen hatten. Er sa� allein auf seinem Fensterplatz wie ein alter
Boulevardier in mageren Zeiten, verbiestert, abweisend, unt�tig. Dann verschwand
er eines Tages, und als Luke voll banger Ahnungen seine Wohnung aufsuchte,
teilte ihm die alte Amah mit, �Whisky Papa lauflauf London, laschlasch�. Sie
war ein sonderbares kleines Wesen, und Luke glaubte ihr nicht recht. Ein
stumpfsinniger Schreiber des <emphasis>Spiegel </emphasis>berichtete,
er habe Craw in Vientiane in der Constellation Bar bechern sehen, aber auch das
schien Luke fragw�rdig. Die Insider hatten sich schon immer einen Sport daraus
gemacht, Old Craw zu beobachten, und jede zus�tzliche Information erh�hte das
eigene Prestige. Bis eines sch�nen Montags so gegen Mittag der alte Knabe in
einem neuen beigen Anzug mit eleganter Knopflochblume in den Club spaziert kam,
voller Anekdoten und L�cheln, ganz wie ehedem, und sich an die High-Haven-Story
machte. Er gab mehr Geld aus, als sein Blatt ihm normalerweise zugestanden
h�tte. Er verzehrte mehrere vergn�gte Mahlzeiten mit gutgekleideten Amerikanern
von recht vage bezeichneten US-Organisationen, darunter ein paar, die Luke
bekannt waren. Den ber�hmten Strohhut auf dem Kopf, f�hrte er jeden einzeln in
ein ruhiges, ausgew�hltes Restaurant. Im Club wurde er als Diplomatenknecht
geschm�ht, eine schwere Anschuldigung, und er lachte dazu. Danach mu�te er zu
einer Konferenz der China-Beobachter nach Tokio, und r�ckblickend darf wohl
angenommen werden, da� er diesen Besuch nutzte, um nach weiteren Bestandteilen
der Story zu recherchieren, die langsam f�r ihn Gestalt annahm. Bestimmt bat er
alte Bekannte bei dieser Konferenz, das eine oder andere f�r ihn auszugraben,
sobald sie wieder zu Hause sein w�rden, in Bangkok oder Singapur oder Taipeh
oder woher immer sie gekommen waren, und sie taten ihm den Gefallen, weil sie
wu�ten, da� er das gleiche auch f�r sie getan h�tte. Auf geheimnisvolle Weise
schien er zu wissen, wonach er suchte, noch ehe sie es gefunden hatten.</p><p>Das
Ergebnis erschien in voller Ausf�hrlichkeit in einer Sydneyer Morgenzeitung,
die f�r den langen Arm der anglo-amerikanischen Zensur unerreichbar war. Alle
fanden, da� es an die besten Jahre des Meisters erinnerte. Ein Artikel von
zweitausend W�rtern. Typischerweise stand keineswegs die High-Haven-Story im
Vordergrund, sondern der �geheimnisvolle leere Fl�gel� der britischen Botschaft
in Bangkok, der bis vor einem Monat eine seltsame K�rperschaft namens �The
Seato Coordination Unit� beherbergt hatte und au�erdem eine Visa-Abteilung mit
sage und schreibe sechs Zweiten Sekret�ren. Waren es die Freuden der
Massage-Salons von Soho, so fragte der alte Australier zuckers��, die die
Thail�nder in solcher Anzahl nach England lockten, da� man zur Bearbeitung
ihrer Visa-Antr�ge sechs Zweite Sekret�re ben�tigte? Sonderbar desgleichen, so
seine weiteren �berlegungen, da� sich nach ihrer Abreise und der Schlie�ung
des betreffenden Geb�udefl�gels <emphasis>keine </emphasis>Warteschlangen
von Reisewilligen vor der Botschaft bildeten. Ganz allm�hlich - er schrieb mit
leichter Hand, aber immer wohl�berlegt - tat sich ein �berraschendes Bild vor
seinen Lesern auf. Er bezeichnete den britischen Geheimdienst als den �Circus�.
Er sagte, der Name komme von der Adresse dieser Organisation, deren
Hauptquartier an einem ber�hmten Platz in London stehe. Der Circus hatte sich
nicht nur aus High Haven abgesetzt, sagte er, sondern auch aus Bangkok,
Singapur, Saigon, Tokio, Manila und Djakarta. Und aus Seoul. Sogar das
entlegene Taiwan sei nicht immun, dort sei festgestellt worden, da� ein
zweitrangiger britischer Resident drei Schreiber-Chauffeure und zwei
Sekretariatsgehilfen abgesto�en habe, nur eine Woche ehe dieser Artikel in
Druck gegangen sei. �Das D�nkirchen der Spione�, hatte Craw es genannt, �wobei
Chartermaschinen vom Typ DC <strong>8 </strong>die
Fischerboote aus Kent ersetzten.�</p><p>Was hatte
einen solchen Exodus ausgel�st? Craw bot mehrere geistreiche Theorien an. Waren
wir Zeugen einer weiteren Beschneidung der Staatsausgaben? Der Autor hatte da
seine Zweifel. In ihren schweren Stunden neigte Britannia eher dazu, mehr,
nicht weniger Wert, auf ihre Spione zu legen. Die ganze Geschichte des Empire
bewies das. Je schmaler die Handelswege, desto raffinierter die geheimen
Bem�hungen, sie zu sch�tzen. Je mehr sich der Zugriff auf die Kolonien
lockerte, desto verzweifelter der Kampf gegen jene, die ihn vollends l�sen
wollten. Nein: Gro�britannien mochte bei Wasser und Brot schmachten, seine
Spione w�rden der letzte Luxus sein, den es aufg�be. Craw zeigte noch weitere
M�glichkeiten auf und tat sie sogleich wieder ab. Eine Geste der Entspannung
gegen�ber China? fragte er, wie vor ihm schon der Cowboy. Gewi� w�rde England
alles Menschenm�gliche tun, um Hongkong vor Maos antikolonialistischem Eifer
zu bewahren - alles, nur nicht seine Spione opfern. Und so kam Old Craw
schlie�lich zu seiner Lieblingstheorie: �Quer �ber das ganze Fern�stliche
Schachbrett�, schrieb er, �ging der Circus, wie man im Fachjargon sagt, auf
Tauchstation.� Aber warum?</p><p>Der
Schreiber zitierte nun seine �verehrten amerikanischen Amtsbr�der von der
streitenden Geheimkirche in Asien�. Amerikanische Geheimdienstler seien
allerorts, so sagte er, nicht nur in Asien, �fuchsteufelswild �ber die laxe
Sicherheitshandhabung bei den britischen Dienststellen�. Am verbittertsten
seien sie �ber die k�rzliche Entdeckung eines hohen russischen Spions - er warf
hier das Fachwort �Maulwurf� ein - innerhalb des Londoner Hauptquartiers, eben
des Circus: eines britischen Verr�ters, dessen Namen sie nicht nennen wollten,
der jedoch mit den Worten der verehrten Amtsbr�der �jede auch nur einigerma�en
nennenswerte anglo-amerikanische Geheimoperation w�hrend der letzten zwanzig
Jahre zunichte gemacht� habe. Wo war der Maulwurf jetzt?, habe der Schreiber
seine Quellen gefragt. Worauf sie mit unverhohlener Erbitterung geantwortet
h�tten: �Tot. In Ru�land. Und hoffentlich beides.�</p><p>Craw war
nie um einen effektvollen Schlu� verlegen gewesen, aber dieser hatte f�r Lukes
liebendes Auge etwas geradezu Erhabenes. Er war beinah eine Aussage �ber das
Leben selbst, und sei es nur �ber das geheime Leben.</p><p>�Ist Kim,
der junge Spion, f�r immer aus den Legenden des Fernen Ostens verschwunden?�
fragte er. �Soll der englische Pundit nie wieder seine Haut f�rben und seinen
Platz am Dorffeuer einnehmen? F�rchtet euch nicht�, donnerte er. �Die Briten
werden zur�ckkommen! Der altehrw�rdige Sport der Spionenjagd wird Urst�nd
feiern! Der Spion ist nicht tot: er tut nur einen tiefen Schlaf.�</p><p>Der
Artikel erschien. Im Club wurde er fl�chtig bewundert, beneidet, vergessen.
Eine �rtliche englischsprachige Zeitung mit starken amerikanischen Verbindungen
druckte ihn ungek�rzt nach, mit dem Erfolg, da� die Eintagsfliege noch weitere
vierundzwanzig Stunden leben durfte. Die Benefiz-Vorstellung des alten Knaben,
sagten sie: eine letzte Reverenz, ehe er von der B�hne abtrat. Dann brachten
ihn die �berseeischen Sender von BBC, und schlie�lich strahlte der m�de Sender
der Kolonie eine Version der Version von BBC aus, und einen vollen Tag lang wurde
die Frage er�rtert, ob Big Moo beschlossen habe, den �rtlichen Medien den
Maulkorb abzunehmen. Doch obwohl inzwischen Wochen vergangen waren, sah weder
Luke noch der Zwerg sich zu der Frage veranla�t, wieso zum Teufel der Alte den
Hintereingang zu High Haven gekannt hatte. Was nur bewies, wenn ein Beweis
jemals n�tig war, da� Journalisten genauso lange brauchen wie gew�hnliche
Sterbliche, bis sie spitzkriegen, was sich vor ihrer eigenen Nase tut.
Schlie�lich tobte an jenem Sonnabend der Taifun.</p><p>Im Circus
selbst, wie Old Craw den Sitz des britischen Geheimdienstes zutreffend benannt
hatte, l�ste der Artikel unterschiedliche Reaktionen aus, je nachdem, wieviel
die Betroffenen wu�ten. Bei den Housekeepers zum Beispiel, die f�r das bi�chen
Tarnung verantwortlich waren, mit dem sich der Circus zur Zeit umgeben konnte,
l�ste der alte Knabe eine Woge aufgestauten Zorns aus, wie sie nur ein Mensch
verstehen kann, der die Atmosph�re in einer Geheimdienststelle im
Belagerungszustand kennt. Sogar sonst duldsame Geister wurden von wilder
Rachsucht erfa�t. Verrat! Vertragsbruch! Sperrt seine Pension! Setzt ihn auf
die Observierungsliste! Strafverfolgung, sobald er nach England zur�ckkehrt!
Ein St�ckchen weiter unten sahen die weniger fanatisch um ihre Sicherheit
Besorgten die Sache mit milderem Auge, obgleich auch sie von falschen
Voraussetzungen ausgingen. Na ja, so sagten sie ein bi�chen kleinlaut, so geht
es eben: zeigt uns einen, der nicht schon dann und wann mal durchgedreht h�tte,
und ganz besonders einen, der so lange in Unkenntnis gelassen wurde wie Old
Craw. Und schlie�lich hatte er nichts ver�ffentlicht, was nicht allgemein
zug�nglich gewesen w�re, nicht wahr? Wirklich, diese Housekeepers da sollten
sich ein <emphasis>bi�chen </emphasis>m��igen. Wie sie zum Beispiel
neulich abends die arme Molly Meakin, die schlie�lich Mikes Schwester ist,
fertiggemacht haben, nur weil sie ein Blatt leeres Briefpapier in ihrem
Papierkorb lie�! Nur die Leute vom innersten Kreis sahen die Sache anders. F�r
sie war Old Craws Artikel ein Meisterst�ck an Desinformation: George Smiley in
seinen besten Tagen, sagten sie. Klar, da� die Sache herauskommen mu�te, und
alle stimmten darin �berein, da� Zensur zu jeder Zeit ein fragw�rdiges Mittel
sei. Viel besser also, wenn sie nach unserer eigenen Fasson herauskam. Der
rechte Zeitpunkt, das rechte Ma�, der rechte Ton: in jedem Federstrich die
Erfahrung eines ganzen Lebens, so sagten sie einm�tig. Aber diese Ansicht drang
nicht �ber ihren Kreis hinaus.</p><p>Dr�ben in
Hongkong erwies sich Craws High-Haven-Story - v�llig klar, sagten die Shanghai
Bowlers, wie die Sterbenden hatte der alte Knabe hier einen prophetischen
Instinkt entwickelt - als sein Schwanengesang. Einen Monat nach dem Erscheinen
hatte Craw sich zur�ckgezogen, nicht aus der Kolonie, aber aus seinem
Schreiberjob und von der Insel. Er mietete ein Cottage in den New Territories
und verk�ndete, da� er unter einem gelben Himmel aus der Welt zu scheiden
gedenke. F�r die Bowlers h�tte er ebensogut Alaska w�hlen k�nnen. Es war
einfach zu verdammt weit, sagten sie, um zur�ckzufahren, wenn man blau war. Es
ging das Ger�cht - barer Unsinn, denn Craws Neigungen zielten nicht in diese
Richtung -, er habe sich einen h�bschen Chinesenjungen als Gef�hrten zugelegt.
Es war das Werk des Zwergs: er konnte es nicht verwinden, da� ein alter Mann
ihm die Story weggeschnappt hatte. Nur Luke wollte ihn nicht vergessen. Luke
fuhr eines Morgens von der Nachtschicht direkt zu ihm hinaus. Nur so, und weil
er den alten Bussard schrecklich gern hatte. Craw sei gl�cklich wie der Mops im
Paletot berichtete er: ganz der alte Widerling, nur ein bi�chen verwirrt, Lukes
unangemeldetes Erscheinen habe ihn aus dem Tritt gebracht. Er hatte einen
Freund bei sich, keinen Chinesenjungen, sondern einen �berraschungsbesuch, den
er als George vorstellte: ein gedrungenes, kurzsichtiges Kerlchen mit runden
Brillengl�sern, der ihm offenbar ins Haus geschneit war. Craw hatte Luke beiseite
genommen und ihm erkl�rt, dieser George schreibe gelehrte Fachartikel f�r
englische Zeitungen, f�r die er selber in finsterer Vorzeit gearbeitet habe.
�Zust�ndig f�r die Sparte Lebensabend, Ehrw�rden. Rutscht mal schnell quer
durch Asien.�</p><p>Wer immer
er auch sein mochte, eins wurde deutlich, n�mlich da� Craw einen Heidenrespekt
vor dem kleinen Dicken hatte, denn er betitelte ihn sogar �Seine Heiligkeit�. -
Luke war sich als Eindringling vorgekommen und hatte den R�ckweg angetreten,
ohne sich zu betrinken.</p><p>So standen
also die Dinge. Thesingers heimliche Flucht, Old Craws naher Tod und
Wiederauferstehung sein Schwanengesang trotz aller heimlicher Zensur; Lukes
rastloses Interesse f�r die Geheimwelt; die schlaue Nutzbarmachung eines
unvermeidlichen �bels durch den Circus. Nichts Geplantes, doch, wie das Leben
so spielt, ein Er�ffnungsst�ck zu vielem, das sp�ter geschah. Ein
Taifun-Sonnabend; ein Kr�useln auf dem t�ckischen, stinkenden, �den, sterilen,
wimmelnden T�mpel Hongkong, ein gelangweilter Chor, noch immer ohne einen
Hauptdarsteller. Und seltsamerweise fiel es ein paar Monate sp�ter wiederum
Luke in seiner Rolle als Shakespearescher Bote zu, die Ankunft des Helden zu
verk�nden. Die Nachricht kam �ber den Fernschreiber, als Luke gerade
Bereitschaftsdienst hatte, und er machte sie mit seinem �blichen Eifer einem
gelangweilten Publikum zug�nglich: �Leute! Herh�ren! Eine Neuigkeit! Jerry
Westerby ist wieder auf dem Kriegspfad, M�nner! Nimmt Kurs gen Osten, h�rt ihr,
arbeitet immer noch f�r das gleiche Revolverblatt!�</p><p>�Seine <emphasis>Lordschaft</emphasis>!� schrie
der Zwerg mit gespielter Begeisterung.</p><p><emphasis>�Endlich </emphasis>ein Schu�
blaues Blut, damit hier ein anderer Ton einkehrt! Es <emphasis>lebe der
Adel! </emphasis>Mit einem gemeinen Fluch schleuderte er eine Serviette
nach dem Flaschenregal. �Herrgott�, sagte er und trank Lukes Glas aus.</p><p><emphasis/></p><p><emphasis>Der gro�e
Ruf</emphasis></p><p>Am
Nachmittag traf das Telegramm ein. Jerry Westerby sa� auf der Schattenseite des
Balkons vor seinem heruntergekommenen Bauernhaus und hackte auf der
Schreibmaschine, der Sack mit alten B�chern lag zu seinen F��en. Den Umschlag
brachte die schwarzgewandete Gestalt der Postmeisterin h�chstpers�nlich, eine
finstere und ungehobelte B�uerin, die durch den R�ckzug der einstigen F�hrungsschicht
zur ersten Macht in diesem toskanischen Drecknest geworden war. Sie war schon
eine alte Hexe, aber eine so dramatische Gelegenheit wie heute konnte sie sich
einfach nicht entgehen lassen, und so stapfte sie trotz der Hitze z�gig den
staubigen Pfad hinan. In ihrem Postbuch wurde der historische Augenblick sp�ter
um f�nf Uhr sechs festgehalten, was glatter Schwindel war, der Sache jedoch
Nachdruck verlieh. Die wahre Zeit war punkt f�nf Uhr. Im Haus h�mmerte
Westerbys zaund�rres M�dchen, im Dorf die Waise genannt, auf ein z�hes St�ck
Ziegenfleisch ein, voll Erbitterung, wie sie alles betrieb. Das gierige Auge
der Postmeisterin machte sie schon aus betr�chtlicher Entfernung hinter dem
offenen Fenster aus: Ellbogen nach allen Seiten gespreizt und die oberen Z�hne
in die Unterlippe gepre�t: und bestimmt, wie �blich, m�rrischen Blicks. �Hure�,
dachte die Postmeisterin aufgebracht, �jetzt hast du's doch noch erwarten
k�nnen.�</p><p>Das Radio
schmetterte Verdi: die Waise mochte nur klassische Musik, wie das ganze Dorf
seit jenem Abend in der Taverne wu�te, als sie eine Szene gemacht hatte, nur
weil der Dorfschmied Rockmusik aus der Jukebox spielen lie�. Sie hatte einen
Krug nach ihm geworfen. Und der Verdi und die Schreibmaschine und die Ziege?,
sagte sich die Postmeisterin. Der Krach war so ohrenbet�ubend, da� ihn sogar
ein Italiener geh�rt h�tte. Jerry sa�, so erinnerte sie sich, wie eine
Heuschrecke auf dem Holzboden - vielleicht auch auf einem Kissen - und benutzte
den B�chersack als Fu�schemel. Er hockte mit ausw�rts gerichteten F��en da und
tippte zwischen den Knien. Manuskriptbl�tter voller Fliegendreck waren rings um
ihn ausgebreitet, mit Steinen beschwert wegen der gl�henden Winde, die den
ausgebrannten H�gel heimsuchten, und neben seinem Ellbogen stand eine
Korbflasche mit dem roten Landwein, gewi� f�r die selbst dem gr��ten Meister
bekannten Augenblicke, in denen die Inspiration ihn im Stich lie�e. Er tippte
nach Adlerart, berichtete sie sp�ter den bewundernden Lachern: kreiste immer
lang herum, ehe er zustie�. Und er trug, was er immer trug, ob er sich nun
sinnlos auf seinem St�ck Land zu schaffen machte und das Dutzend unn�tzer
Olivenb�ume bestellte, die dieser Spitzbube Franco ihm angedreht hatte, oder
mit der Waise ins Dorf hinunter zum Einkaufen zockelte oder in der Taverne bei
einem Schnaps sa�, ehe er sich wieder an den langen Aufstieg machte:
Wildlederstiefel, denen die Waise noch nie einen B�rstenstrich hatte zukommen
lassen und die folglich an den Zehen gl�nzten, Kn�chelsocken, die sie niemals wusch,
ein schmuddeliges Hemd, das vor langer Zeit wei� gewesen war, und graue Shorts,
die aussahen wie von feindseligen Hunden zerkrallt und die eine anst�ndige Frau
l�ngst geflickt h�tte. Und er begr��te sie mit dem gewohnten schnarrenden
Wortschwall, der zugleich sch�chtern und �berschwenglich klang und den sie
nicht im einzelnen verstand, aber doch im allgemeinen, wie eine
Rundfunkmeldung, und den sie durch die schwarzen L�cken ihrer schadhaften Z�hne
erstaunlich getreu wiederzugeben vermochte.</p><p>�Mamma Stefano,
sowas, super, m�ssen kochen. Hier, altes Haus, was zum Gurgeln�, rief er,
w�hrend er die Ziegelstufen heruntergeschlurft kam und ihr ein Glas Wein
anbot. Dabei grinste er wie ein Schuljunge, wie sein Spitzname im Dorf lautete:
der Schuljunge, ein Telegramm f�r den Schuljungen, dringend, aus London! In
neun Monaten nichts weiter als ein Packen brosch�rter B�cher und jede Woche ein
gekritzelter Brief seiner Tochter, und jetzt aus heiterem Himmel dieses Denkmal
von einem Telegramm, kurz wie ein Befehl, aber f�r die Antwort f�nfzig W�rter
im voraus bezahlt! Man stelle sich vor, f�nfzig, was das blo� kostet! Nur
nat�rlich, da� das halbe Dorf den Versuch gemacht hatte, es zu entr�tseln.</p><p>Schon bei
der Adresse waren sie steckengeblieben: �The <emphasis>honourable
</emphasis>Gerald Westerby�. Warum? Der B�cker, der als Kriegsgefangener in
Birmingham gewesen war, f�rderte ein zerfleddertes W�rterbuch zutage:
H�flichkeitstitel f�r den Sohn eines Adeligen. Nat�rlich. Signora Sanders, die
auf der anderen Seite des Tals wohnte, hatte ja gleich gesagt, der Schuljunge
habe blaues Blut. Zweiter Sohn eines Zeitungsbarons, hat sie gesagt, <emphasis>Lord </emphasis>Westerby,
Zeitungsbesitzer, verstorben. Zuerst war die Zeitung gestorben, dann ihr
Besitzer - laut Signora Sanders, ein Witz, er hatte die Runde gemacht. Dann
folgte <emphasis>regret, </emphasis>kein Problem, das hie� Bedauern.
Auch <emphasis>advise </emphasis>war nicht schwierig. Die
Postmeisterin stellte erfreut und wider alles Erwarten fest, wieviel gutes
Latein die Engl�nder trotz ihrer Dekadenz �bernommen hatten. Das Wort <emphasis>guardian </emphasis>war
heikel, denn es f�hrte zu Protektor und von da zu plumpen M�nnersp��en, die von
der Postmeisterin erz�rnt vom Tisch gefegt wurden. Bis schlie�lich Schritt f�r
Schritt der Text entschl�sselt und die Geschichte klar war. Der Schuljunge
hatte einen <emphasis>guardian, </emphasis>also eine Art Vormund. Dieser <emphasis>guardian </emphasis>lag
lebensgef�hrlich krank im Spital und wollte den Schuljungen vor seinem Tod noch
einmal sehen. Niemanden sonst wollte er sehen: Es mu�te der Honourable Westerby
sein. Rasch erg�nzten sie das Bild: die schluchzende Familie umstand das Lager,
die Ehefrau dem Sterbenden zun�chst und untr�stlich, elegante Priester
zelebrierten die Letzte �lung, Wertsachen wurden weggeschlossen und durch das
ganze Haus, in Korridoren und K�chen, zog ein gefl�stertes Wort: Westerby - wo
ist der Honourable Westerby? Zuletzt waren noch die Unterzeichner des
Telegramms zu identifizieren. Es waren drei, und sie bezeichneten sich als <emphasis>solicitors,
</emphasis>ein Wort, das eine weitere Flut schmutziger Vermutungen ausl�ste, bis
sie auf <emphasis>Notar </emphasis>kamen und die Gesichter
schlagartig hart wurden. Heilige Jungfrau Maria. Wenn sie drei Notare
brauchten, dann war eine Menge Geld vorhanden. Und wenn sie alle drei
unterzeichnen wollten und noch dazu diese f�nfzig W�rter R�ckantwort zahlten,
dann nicht nur eine Menge, sondern eine Unmenge! Haufen! Wagenladungen! Kein
Wunder, da� sich die Waise so an ihn gekrallt hatte, diese Hure! Pl�tzlich ri�
sich jeder darum, zum H�gel hinaufzusteigen. Guido konnte mit seiner Lambretta
bis zum Wassertank fahren, Mario konnte rennen wie ein Fuchs, Manuela, die
Tochter des Kr�mers, hatte so sanfte Augen, die Trauerbotschaft w�rde ihr gut
anstehen. Doch die Postmeisterin wies alle Freiwilligen ab - Mario mit einem
t�chtigen Knuff ob seiner Anma�ung -, verschlo� die Geldschublade und lie�
ihren schwachsinnigen Sohn als H�ter der Poststelle zur�ck. Auch wenn es
zwanzig Minuten W�stenmarsch bedeutete und - falls dort droben dieser Glutwind
blasen sollte - einen Mundvoll roten Staub f�r ihre M�he.</p><p>Sie hatte
Jerry anfangs nicht richtig eingesch�tzt. Das bedauerte sie jetzt, w�hrend sie
sich durch die Olivenhaine h�gelan m�hte, aber der Irrtum hatte seine Gr�nde.
Erstens war er im Winter angekommen, wenn die billigen Kunden eintreffen. Er
kam allein, aber er hatte den gejagten Blick eines Mannes, der vor kurzem eine
Menge menschlichen Ballast abgeworfen hat, Kinder, Ehefrauen, M�tter: die
Postmeisterin hatte zu ihrer Zeit manchen Mann gekannt und dieses weidwunde
L�cheln allzuoft gesehen, um es bei Jerry zu mi�deuten: �Ich bin verheiratet, aber
zu haben�, besagte es, und keine von beiden Behauptungen war wahr. Zweitens
hatte ihn der parf�mierte englische Major angeschleppt, ein allbekanntes
Schwein, das ein Immobilienb�ro betrieb und die Bauern �bers Ohr haute: ein
weiterer Grund, den Schuljungen links liegen zu lassen. Der parf�mierte Major
zeigte ihm mehrere schmucke Anwesen, darunter eines, an dem die Postmeisterin
finanziell beteiligt war - �brigens zuf�llig das sch�nste von allen -, doch der
Schuljunge entschied sich statt dessen f�r die Bruchbude dieser Tunte Franco
droben auf dem gottverlassenen H�gel, den sie nunmehr erklomm: den Teufelsh�gel
nannten sie ihn; der Teufel kam dorthin, wenn es ihm in der H�lle zu kalt
wurde. Ausgerechnet Franco, der seine Milch und seinen Wein panschte und sonntags
mit einer Bande von Zierbengeln auf der Piazza in der Stadt herumstolzierte.
Der Wucherpreis betrug eine halbe Million Lire, wovon der parf�mierte Major
sich ein Drittel unter den Nagel rei�en wollte, blo� weil ein Vertrag bestand.
�Und jeder wei�, warum der Major den Franco beg�nstigt hat�, zischte sie
sabbernd durch die Zahnl�cken und die Meute ihrer Anh�nger sahen einander
wissend an und machten �Ts, ts�, bis sie ihnen unwirsch befahl, damit
aufzuh�ren. Au�erdem mi�traute sie als erfahrene Frau irgend etwas an Jerrys
�u�erem: H�rte unter der Liederlichkeit. Sie hatte das schon fr�her an
Engl�ndern beobachtet, aber der Schuljunge bildete eine Klasse f�r sich, und
sie mi�traute ihm: sie hielt ihn f�r gef�hrlich, trotz seines beharrlichen
Charms. Heute lie�en sich diese fr�heren M�ngel auf die Spleenigkeit eines
adeligen englischen Schriftstellers zur�ckf�hren, aber seinerzeit hatte die
Postmeisterin ihm keine mildernden Umst�nde zugebilligt. �Wartet bis zum
Sommer�, hatte sie ihre Kunden brummig gewarnt, schon bald nachdem er zum
erstenmal in ihren Laden gelatscht war - pasta, Brot, Fliegent�ter. �Im Sommer
wird ihm aufgehen, was er da gekauft hat, der Schwachkopf.� Im Sommer w�rden
Francos M�use das Schlafzimmer st�rmen, Francos Fl�he w�rden ihn bei lebendigem
Leib auffressen und Francos schwule Hornissen w�rden ihn im Garten herumjagen,
und der H�llenwind w�rde ihm den Schwanz zu Klumpen schmoren. Es w�rde kein
Wasser mehr geben, er w�rde seine Notdurft auf den Feldern verrichten m�ssen
wie ein Tier. Und wenn es dann wieder Winter w�rde, k�nnte der parf�mierte
Schweinekerl von einem Major das Haus dem n�chsten Narren andrehen, ein
Verlustgesch�ft f�r jeden, au�er ihm selbst.</p><p>Von hoher
Abkunft verriet der Schuljunge in den ersten Wochen nicht die Bohne. Er
feilschte nie, hatte nie etwas von Preisnachl�ssen geh�rt, es machte nicht
einmal Spa�, ihn auszunehmen. Und wenn sie im Laden daf�r sorgte, da� ihm sein
armseliges bi�chen K�chenitalienisch ausging, dann fing er nicht an, auf sie
einzubr�llen, wie es bei richtigen Engl�ndern Usus ist, sondern zuckte nur
vergn�gt die Achseln und bediente sich selbst. Er <emphasis>schreibe, </emphasis>hie� es.
Na und?, wer tat das heutzutage nicht? Sch�n, er kaufte ihr St��e von
Kanzleipapier ab. Sie bestellte mehr, er kaufte es. Bravo. Er besa� B�cher:
stockfleckige Schm�ker allem Anschein nach, die er in einem grauen Jutesack -
wie ein Wilderer - herumschleppte, und ehe die Waise ankam, konnte man ihn
h�ufig querfeldein marschieren sehen, den B�chersack �ber der Schulter, um sich
irgendwo zum Lesen niederzulassen. Guido war im Wald der Contessa auf ihn
gesto�en, wo er wie eine Kr�te auf einem Holzsto� hockte und die B�cher eines
nach dem anderen durchbl�tterte, als w�ren sie ein einziger Band und als w��te
er nicht mehr, wo er stehengeblieben war. Au�erdem besa� er eine
Schreibmaschine, deren sch�bige H�lle ein Flickwerk aus abgeschabten
Kofferetiketten war: Bravo auch hierf�r. So wie jeder Langm�hnige, der einen
Topf Farbe gekauft hat, sich K�nstler schilt: <emphasis>das </emphasis>war seine
Schreiberei. Im Fr�hling kam die Waise an, und die Postmeisterin ha�te sie
gleichfalls. Eine Rothaarige, was sie schon von Anfang an als halbe Hure
kennzeichnete. Nicht genug Busen, um ein Kaninchen zu stillen, und, schlimmer
noch, eine flinke Kopfrechnerin. Es hie�, er habe sie in der Stadt aufgegabelt:
klar, eine Hure. Vom ersten Tag an hatte sie ihn nicht mehr aus den Augen
gelassen. Klebte an ihm wie ein Kind. A� mit ihm und schmollte; trank mit ihm
und schmollte; ging mit ihm einkaufen, stahl sich die Sprache zusammen wie ein
Dieb, bis die beiden zu den Sehensw�rdigkeiten der Gegend geh�rten: der
englische Riese und seine schmollende sauert�pfische Hure, wie sie mit ihrem
Binsenkorb den H�gel hinabzogen, der alles und jedes angrinsende Schuljunge in
seinen zerrissenen Shorts, die verbiesterte Waise in ihrer Hurenkutte mit
nichts darunter, so da� die M�nner ihr, obwohl sie spindeld�rr war,
nachstarrten, um ihre harten H�ften unter dem Stoff schaukeln zu sehen. Im
Gehen hatte sie alle Finger um seinen Arm gekrallt und die Wange an seiner
Schulter, und sie lie� nur locker, w�hrend er knickerig aus der B�rse bezahlte,
f�r die jetzt sie zust�ndig war. Wenn sie einem bekannten Gesicht begegneten,
gr��te er es f�r beide, indem er wie ein Faschist den langen freien Arm
hochwarf. Und Gott sei dem Manne gn�dig, der, wenn sie ausnahmsweise allein
ging, ein anz�gliches Wort oder einen bewundernden Pfiff riskierte: sie fuhr,
herum und fauchte wie eine Wildkatze, und in ihren Augen brannte ein h�llisches
Feuer.</p><p>�Und jetzt
wissen wir, warum!� rief die Postmeisterin laut, als sie bei ihrem Aufstieg
einen Kamm erklettert hatte. �Die Waise ist hinter seiner Erbschaft her. Warum
sollte eine Hure sonst treu sein?�</p><p>Der Besuch
Signora Sanders' veranla�te Mamma Stefano zu einer dramatischen Kehrtwendung in
der Einsch�tzung des Schuljungen und zur Aufdeckung der Motive der Waise. Die
Sanders war reich und z�chtete Pferde weiter drau�en im Tal, wo sie mit einer
Freundin hauste, genannt die Kn�bin, weil sie kurzgeschorenes Haar und
Ketteng�rtel trug. Ihre Pferde gewannen �berall Preise. Die Sanders war
gerieben und gescheit und gen�gsam auf eine Art, die den Italienern zusagte,
und sie kannte jeden der wenigen �ber die H�gel verstreuten bemoosten
Engl�nder, die des Kennens wert waren. Sie war vor etwa einem Monat in den
Laden gekommen, vorgeblich um Schinken zu kaufen, aber ihr wirkliches Anliegen
war der Schuljunge. Stimme es, fragte sie, �Signor <emphasis>Gerald </emphasis>Westerby,
und er wohnt im Dorf? Ein gro�er, sportlich gebauter Mann, graumeliert, voll
Energie, Aristokrat, sch�chtern?� Ihr Vater, der General, habe die Familie in
England gekannt, sagte sie; eine Zeitlang waren sie auf dem Land Nachbarn
gewesen, der Vater des Schuljungen und der ihre. Die Sanders �berlegte, ob sie
ihm einen Besuch machen solle: sie erkundigte sich nach den genaueren
Umst�nden. Die Postmeisterin murmelte etwas �ber die Waise, aber die Sanders
war nicht zu ersch�ttern: �Ach, die Westerbys haben schon <emphasis>immer </emphasis>ihre Frauen
gewechselt�, sagte sie lachend und wandte sich zur T�r. Verbl�fft hielt die
Postmeisterin sie zur�ck und �bersch�ttete sie mit Fragen.</p><p>Wer er
denn sei? Was er in seiner Jugend gemacht habe? Er sei Journalist, sagte die
Sanders, und berichtete, was sie �ber die Familie wu�te; der Vater, ein
Prachtmensch, hellhaarig wie der Sohn, hielt Rennpferde, sie hatte ihn noch
kurz vor seinem Tod gesehen, und er war noch immer ein Mann. Wie der Sohn
kannte er keine Ruhe: Frauen und H�user, und beide wechselte er st�ndig;
br�llte immerzu jemanden an, wenn nicht seinen Sohn, dann irgendwen auf der
anderen Stra�enseite. Die Postmeisterin bohrte weiter. Aber, was ihn selbst
betraf: hatte der Schuljunge sich auch schon ausgezeichnet? Nun, er hatte f�r
ein paar ausgezeichnete Zeitungen gearbeitet, sagen wir mal so, sagte die
Sanders, und ihr L�cheln strahlte geheimnisvoll auf: �In England ist es im
allgemeinen nicht �blich, Journalisten besonders auszuzeichnen�, erkl�rte sie
in ihrer klassischen r�mischen Sprechweise.</p><p>Aber die
Postmeisterin wollte mehr, viel mehr. Sein Schreiben, sein Buch, was hatte es <emphasis>damit </emphasis>auf sich?
So lange Zeit! So vieles weggeworfen! K�rbevoll, hatte der M�llmann ihr
berichtet - denn kein vern�nftiger Mensch w�rde dort droben im Sommer ein Feuer
anz�nden. Beth Sanders verstand die Hartn�ckigkeit isoliert lebender Menschen
und wu�te, da� ihre Intelligenz sich an uninteressanten Orten auf Kleinigkeiten
konzentrieren mu�te. Also versuchte sie, versuchte sie wirklich, gef�llig zu
sein. Nun, er sei die ganze Zeit <emphasis>gereist, </emphasis>sagte sie,
kam an die Theke zur�ck und legte ihr Paket wieder ab. Heutzutage seien
nat�rlich alle Journalisten viel auf Reisen, Fr�hst�ck in London, Mittagessen
in Rom, Abendbrot in Delhi, aber Signor Westerby sei selbst nach diesen
Ma�st�ben eine Ausnahme gewesen. Also schrieb er vielleicht ein Reisebuch.</p><p>Aber <emphasis>warum </emphasis>war er
gereist? bohrte die Postmeisterin weiter, denn f�r sie gab es keine Reise ohne
Ziel: <emphasis>warum? </emphasis>Wegen der Kriege, erwiderte die
Sanders geduldig: der Kriege, der Seuchen und Hungersn�te: �Was hat ein
Journalist heutzutage schlie�lich anderes zu tun als �ber die Drangsale des
Lebens zu berichten?� fragte sie.</p><p>Die
Postmeisterin sch�ttelte weise den Kopf, alle ihre Sinne waren auf die
Enth�llung gerichtet: Der Sohn eines blonden Pferdelords, der herumbellte;
reist wie ein Irrer, schreibt f�r ausgezeichnete Zeitungen! Und gab es einen
besonderen <emphasis>Schauplatz-, </emphasis>irgendeinen Winkel der Erde -,
auf den er sich spezialisiert hatte? Er sei die meiste Zeit im Fernen Osten,
meinte die Sanders nach kurzem Nachdenken. Er sei schon �berall gewesen, aber
es gebe eine Sorte von Engl�ndern, die sich nur im Fernen Osten wirklich zu
Hause f�hlten. Bestimmt war das auch der Grund, warum er nach Italien kam:
Manche M�nner werden tr�bsinnig ohne Sonne. Und manche Frauen auch, kreischte
die Postmeisterin, und sie lachten beide herzhaft.</p><p>Ach der
Ferne Osten, sagte die Postmeisterin mit tragischem Kopfneigen - ein Krieg nach
dem anderen, warum griff der Papst nicht ein? W�hrend Mamma Stefano in dieser
Tonart fortfuhr, schien der Sanders etwas einzufallen. Zuerst l�chelte sie nur
ein wenig, dann immer mehr. Das L�cheln der Verbannten, dachte die
Postmeisterin, die sie nicht aus den Augen lie�: wie ein Matrose, der ans Meer
denkt.</p><p>�Er hat
fr�her immer einen Sack voller B�cher mit sich herumgeschleppt�, sagte die
Sanders. �Wir sagten damals, er hat sie aus den besten H�usern geklaut.�</p><p>�Er tr�gt
ihn immer noch rum!� rief die Postmeisterin, und sie erz�hlte, wie Guido im
Wald der Contessa auf den Schuljungen gesto�en war, der lesend auf einem
Holzsto� sa�.</p><p>�Ich
glaube, er wollte eigentlich einmal <emphasis>Romane </emphasis>schreiben�,
fuhr die Sanders im gleichen Ton privater Erinnerungen fort: �Ich erinnere
mich, da� sein Vater es uns sagte. Er war <emphasis>furchtbar </emphasis>w�tend.
Br�llte durch das ganze Haus.�</p><p>�Der
Schuljunge? Der <emphasis>Schuljunge </emphasis>war w�tend?� rief Mamma Stefano
ungl�ubig.</p><p>�Nein,
nein. Der Vater.� Die Sanders lachte laut. In der englischen
Gesellschaftsordnung, erkl�rte sie, rangierten die Romanschreiber sogar noch
unter den Journalisten. �Malt er auch noch immer?�</p><p>�Malen? Er
ist Maler?� staunte die Postmeisterin. Er hat's versucht, sagte die Sanders,
aber der Vater hat auch das verboten. Maler seien die allerniedrigsten Gesch�pfe,
sagte sie unter erneutem Lachen: nur die erfolgreichen wurden widerstrebend
geduldet.</p><p>Kurz nach
diesem Mehrfachz�nder berichtete der Dorfschmied - der gleiche Dorfschmied, den
die Waise als Ziel f�r ihren Krug ausersehen hatte -, er habe Jerry und das
M�dchen im Gest�t der Sanders gesehen, zuerst zweimal in einer Woche, dann
dreimal, sie h�tten auch dort gegessen. Und da� der Schuljunge gro�en
Pferdeverstand gezeigt habe, die Tiere h�tten sich von ihm ohne weiteres f�hren
und longieren lassen, auch die wildesten. Die Waise beteiligte sich nicht,
sagte der Dorf schmied. Sie sa� mit der Kn�bin im Schatten und las entweder
etwas aus dem B�chersack oder beobachtete ihn mit ihren eifers�chtigen, starren
Augen; sie wartete, wie jedermann wu�te, auf den Tod des Vormunds. Und heute
das Telegramm! Jerry hatte Mamma Stefano schon von weitem gesehen. Es war sein
Instinkt, etwas in ihm schien immer zu beobachten: eine schwarze Gestalt, die
unerbittlich den staubigen Pfad hinaufhumpelte wie ein lahmer K�fer; durch das
exakte Streifenmuster aus Sonne und Schatten, das die Zedernreihen warfen; das
ausgetrocknete Bachbett von Francos Olivenhainen hinan, querbeet durch Jerrys
Klein-Italien, wie er es nannte, ganze zweihundert Quadratmeter, aber gro�
genug, um an k�hlen Abenden, wenn er und die Waise sportliche Anwandlungen
hatten, einen zerfledderten Tennisball an einer Schnur um einen Pfahl zu
treiben. Er hatte sehr bald schon den blauen Umschlag gesehen, den sie
schwenkte, und er hatte sogar das Miauen geh�rt, das sie ausstie� und das sich
gegen die �brigen Ger�usche aus dem Tal durchsetzte: die Lambrettas und die
Kreiss�gen. Und, ohne im Tippen innezuhalten, warf er zun�chst einen
verstohlenen Blick auf das Haus, um sich zu versichern, da� das M�dchen das
K�chenfenster als Schutz vor Hitze und Insekten geschlossen hatte. Dann lief
er, genau wie die Postmeisterin es sp�ter beschrieb, mit einem Glas Wein in der
Hand die Stufen herunter auf sie zu, um sie nicht zu nah herankommen zu lassen.</p><p>Er las das
Telegramm langsam, einmal, beugte sich dar�ber, damit die Schrift im Schatten
liege, und sein Gesicht, das von Mamma Stefano genau beobachtet wurde, nahm
einen finsteren, verschlossenen Ausdruck an, und seine Stimme wurde noch
rauher, als er ihr die riesige fleischige Hand auf den Arm legte. <emphasis>�La sera�,
</emphasis>brachte er zustande, w�hrend er sie wieder zum Weg zur�ckgeleitete. Er
wollte die Antwort heute Abend absenden, meinte er. <emphasis>�Molto
grazie, </emphasis>Mamma. Super. Bin Ihnen sehr dankbar. Ganz schrecklich.�</p><p>Noch beim
Verabschieden schnatterte sie wie wild, bot ihm jede nur denkbare Hilfe an,
Taxis, Gep�cktr�ger, Telefonanrufe beim Flugplatz, und Jerry tastete zerstreut
seine Hosentaschen nach kleinen oder gro�en M�nzen ab: er hatte offenbar
vor�bergehend vergessen, da� die Waise jetzt das Geld verwaltete. Der
Schuljunge habe die Nachricht mit Fassung entgegengenommen, berichtete die
Postmeisterin dem Dorf. Leutselig, er habe sie sogar ein St�ck Wegs
zur�ckbegleitet; tapfer, so da� nur eine welterfahrene Frau - eine Frau, die
�berdies die Engl�nder kannte - den verborgenen nagenden Kummer gewahren
konnte: so verwirrt, da� er vers�umt habe, ihr ein Trinkgeld zu geben. Oder
fing er bereits an, sich in der hochgradigen Knickrigkeit der Superreichen zu
�ben? -</p><p>�Aber wie
hat sich die Waise verhalten?� fragten sie. Habe sie nicht geschluchzt und die
Heilige Jungfrau angerufen, um zum Schein seinen Gram zu teilen?</p><p>�Er mu� es
ihr erst noch sagen�, fl�sterte die Postmeisterin und entsann sich des einzigen
kurzen Blicks, den sie auf das M�dchen erhascht hatte, w�hrend es auf das
Fleisch einschlug: �Er mu� erst �ber ihre Position nachdenken.�</p><p>Das Dorf
beruhigte sich, wartete auf den Abend, und Jerry sa� in seinem Hornissenfeld,
blickte aufs Meer und drehte den B�chersack so lange rundum, bis es nicht mehr
ging und der Sack sich wieder zur�ckprallte.</p><p>Zuerst kam
das Tal und dar�ber ragten im Halbkreis die f�nf H�gel und �ber den H�geln sah
man das Meer, das um diese Tageszeit nur ein flacher brauner Fleck am Himmel
war. Das Hornissenfeld, in dem er sa�, war ein langer, von Steinen ges�umter
Erdstreifen mit einer verfallenen Scheune an der einen Ecke, die ihnen zum
Picknicken und Sonnenbaden Schutz gew�hrte, bis die Hornissen in der Wand
nisteten. Sie hatte sie gesehen, als sie W�sche aufhing, und war hineingerannt,
um es Jerry zu sagen, und Jerry hatte ohne weiteres Nachdenken einen Eimer voll
M�rtel bei Franco geholt und alle Schlupfl�cher vermauert. Dann hatte er die
Waise gerufen, damit sie sein Werk bewundern k�nne: der Mann an meiner Seite,
er besch�tzt mich allerwege. In der Erinnerung sah er sie deutlich vor sich:
wie sie zitternd neben ihm stand, die Arme um sich geschlagen, und auf den
frischen Zement starrte, den wild rasenden Hornissen drinnen lauschte und
�Jesus, Jesus� fl�sterte, starr vor Entsetzen. Vielleicht wartet sie auf mich,
dachte er.</p><p>Er
erinnerte sich an den Tag, an dem er sie kennengelernt hatte. Er erz�hlte sich
diese Geschichte h�ufig, denn Jerry hatte selten in seinem Leben Gl�ck bei
Frauen gehabt, und wenn es dann einmal der Fall war, lie� er es gern auf der
Zunge zergehen, wie er sich ausdr�ckte. Es war an einem Donnerstag.. Er hatte
seine �bliche Tour in die Stadt gemacht, um einzukaufen oder vielleicht auch
nur um ein paar neue Gesichter zu sehen und eine Weile von seinem Roman
wegzukommen; oder vielleicht nur um der schrillen Eint�nigkeit dieser leeren
Landschaft zu entfliehen, in der er sich immer wie inhaftiert vorkam, und wie
in Einzelhaft noch dazu; vielleicht auch mit dem Hintergedanken, da� er sich
eine Frau angeln k�nnte, was ihm zuweilen gelang, wenn er an der Bar des
Touristenhotels herumlungerte. Er sa� also lesend in der Trattoria am
Stadtplatz - eine Karaffe Wein, einen Teller Schinken, Oliven -, als er
pl�tzlich dieses magere langbeinige Kind erblickte, das rote Haar, das
verdrossene Gesicht, ein braunes Kleid wie eine M�nchskutte und eine
Schultertasche aus Teppichgewebe.</p><p>�Sieht
nackt aus ohne Gitarre�, hatte er gedacht. Sie erinnerte ihn vage an seine
Tochter Cat, die Abk�rzung f�r Catherine, aber nur vage, denn er hatte Cat seit
zehn Jahren nicht mehr gesehen, seit dem Scheitern seiner ersten Ehe. Warum er
sie nie mehr gesehen hatte, konnte er auch jetzt noch nicht genau sagen. Unter
dem ersten Schock der Trennung sagte ihm ein wirres Gef�hl der Ritterlichkeit,
da� es f�r Cat besser sei, wenn sie ihn verg��e. �Am besten, sie schreibt mich
ab. L��t ihr Herz, wo alles �brige wohnt.� Als ihre Mutter wieder heiratete,
schien solche Selbstverleugnung noch mehr angeraten. Aber manchmal hatte er
gro�e Sehnsucht nach ihr, und h�chstwahrscheinlich war dies der Grund, warum
das M�dchen, nachdem es ihm einmal aufgefallen war, ihn nicht wieder loslie�.
Ging Cat auch so herum, allein und wie gedopt vor M�digkeit? Hatte Cat noch
immer ihre Sommersprossen und das feste kleine Kinn? Sp�ter erz�hlte ihm das
M�dchen, sie sei ausgerissen. Sie war als Gouvernante bei einer reichen Familie
in Florenz gewesen. Die Mutter war zu sehr mit ihren Liebhabern besch�ftigt, um
sich um die Kinder zu k�mmern, aber der Herr Papa hatte jede Menge Zeit f�r die
Gouvernante. Sie hatte alles Bargeld genommen, das sie finden konnte, �ber die
Mauer gesetzt, und da war sie nun: ohne Gep�ck, die Polizei auf den Fersen und
einen letzten schmierigen Geldschein, um sich noch einmal richtig sattzuessen
vor der Katastrophe.</p><p>Am
Stadtplatz war nicht viel los an jenem Tag - es war nie viel los -, und das
M�dchen hatte sich kaum hingesetzt, als ihr auch schon so ziemlich jeder normal
gebaute Mann der Stadt seine Aufmerksamkeiten zollte, angefangen beim Kellner,
der �beautiful missus� s�uselte, bis zu weit derberen Bemerkungen, deren
genauer Sinn Jerry entging, die jedoch das allgemeine Gel�chter auf sie zogen.
Dann versuchte einer, sie in die Brust zu kneifen, worauf Jerry aufstand und zu
ihrem Tisch hin�berging. Er war kein gro�er Held, er selbst hielt sich eher f�r
das Gegenteil, aber im Moment gingen ihm eine Menge Gedanken im Kopf herum und
es h�tte genausogut Cat sein k�nnen, die da bel�stigt wurde. Sagen wir also:
�rger. Er lie� die eine Hand auf die Schulter des kleinen Kellners fallen, der
ihr hatte zu nahe treten wollen, und die andere auf die Schulter des gro�en
Burschen, der diese Mannestat mit Beifall belohnte, und er erkl�rte ihnen in
schlechtem Italienisch, aber durchaus einleuchtend, da� sie jetzt Schlu� machen
m��ten mit ihren Bel�stigungen und die beautiful missus in Ruhe essen lassen.
Andernfalls w�rde er ihnen die dreckigen H�lse umdrehen. Die Atmosph�re war
danach nicht allzu herzlich, und der Kleine schien es auf eine Keilerei
anzulegen, denn seine Hand wanderte immer wieder zur hinteren Hosentasche und
zerrte am Jackett, bis ihn ein letzter Blick auf Jerry eines Besseren belehrte.
Jerry warf Geld auf den Tisch, nahm ihre Tasche auf, holte seinen B�chersack
und f�hrte sie, trug sie beinah, �ber den Platz zum Apoll. �Sind Sie
Engl�nder?� fragte sie im Gehen. �Vom Scheitel bis zur Sohle, Ma'am!� schnaubte
Jerry w�tend, und in diesem Augenblick sah er sie zum erstenmal l�cheln. Ein
L�cheln, das entschieden einige M�he wert war: das knochige Gesichtchen
strahlte unter dem Schmutz zu einem breiten, ansteckenden Gassenbubengrinsen
auf.</p><p>Nachdem
Jerry nun ein wenig Dampf abgelassen hatte, f�tterte er sie, und mit
zunehmender Beruhigung begann er, die Geschichte weiter auszuspinnen, denn nach
so vielen Wochen im luftleeren Raum war es nur nat�rlich, da� er etwas bieten
wollte. Er erkl�rte, er sei abgehalfterter Zeitungsreporter und schreibe jetzt
einen Roman, es sei sein erster Versuch, er erf�lle sich damit einen alten
Traum und er habe einen rasch dahinschmelzenden Haufen Geld von einem Blatt
gekriegt, das ihn im �berflu� bezahlte, was ein Witz sei, denn er sei sein
ganzes Leben lang �berfl�ssig gewesen. �Art goldener H�ndedruck�, sagte er.
Einen Teil habe er f�r das Haus angelegt, habe eine Weile gefaulenzt, und jetzt
sei nur noch wenig von dem goldenen Segen �brig. Hier l�chelte sie zum
zweitenmal. Ermutigt kam er auf die Einsamkeit des sch�pferischen Menschen zu
sprechen. �Mein Gott, nicht zu glauben, wieviel M�he es kostet, bis man's
wirklich, ich meine <emphasis>wirklich </emphasis>rausgeschwitzt
hat, fast wie . . . �</p><p>�Ehefrauen?�,
fiel sie ihm ins Wort. Im ersten Moment hatte er angenommen, sie beziehe sich
auf den Roman. Dann sah er ihre wartenden argw�hnischen Augen und antwortete
vorsichtig: �Keine aktiven�, als w�ren Ehefrauen Vulkane, was sie in Jerrys
Leben auch gewesen waren. Als sie nach dem Mittagessen leicht anges�uselt �ber
den leeren Platz zockelten, wo die Sonne ihnen direkt auf die K�pfe knallte,
gab sie ihre einzige Absichtserkl�rung von sich:</p><p>�Alles,
was ich besitze, ist in dieser Tasche, <emphasis>capito?� </emphasis>sagte sie.
Es war die Schultertasche aus Teppichstoff. �Und dabei will ich auch bleiben.
Soll mir also keiner irgendwas geben, was ich nicht tragen kann. <emphasis>Capito?�</emphasis></p><p>Als sie
die Bushaltestelle erreichten, blieb sie auch stehen, und als der Bus kam,
stieg sie hinter ihm ein und lie� Jerry ihre Fahrkarte bezahlen, und als sie im
Dorf ausstiegen, kletterte sie mit ihm den H�gel hinauf, Jerry trug seinen
B�chersack und das M�dchen die Schultertasche, und damit hatte sich's. Drei
N�chte und den gr��ten Teil der Tage verschlief sie, in der vierten Nacht kam
sie zu ihm. Er war sowenig auf sie gefa�t, da� er wie immer seine Schlafzimmert�r
verschlossen hatte: er war ein bi�chen eigen mit T�ren und Fenstern, zumal bei
Nacht. So da� sie an die T�r h�mmern und schreien mu�te: �Ich will in deine
verdammte Falle, Herrgottnochmal!�, bis er endlich aufmachte.</p><p>�L�g mich
blo� nie an�, warnte sie ihn, als sie in sein Bett kletterte, als feierten sie
ein Fest im Schlafsaal. �Kein Gefasel, �keine L�gen. <emphasis>Capito?�</emphasis></p><p>Als
Geliebte glich sie einem Schmetterling: h�tte Chinesin sein k�nnen, dachte er.
Schwerelos, niemals in Ruhe, so schutzlos - es war zum Verzweifeln. Als die
Leuchtk�fer flogen, knieten sie beide auf dem Fenstersims und beobachteten sie,
und Jerry dachte an den Fernen Osten. Die Zikaden schrillten und die Fr�sche
r�lpsten und die Leuchtk�fer schwirrten unerm�dlich rings um eine schwarze
Kernzone, und die beiden knieten nackt eine Stunde und mehr, schauten und
lauschten, w�hrend der hei�e Mond in die H�gelk�mme sank. Sie sprachen dabei
niemals, trafen auch keine Entscheidungen, jedenfalls er nicht. Aber er schlo�
seine T�r jetzt nie mehr ab.</p><p>Die Musik
und das H�mmern hatten aufgeh�rt, daf�r setzte l�rmender Glockenklang ein, das
Vesperl�uten, wie er vermutete. Das Tal war niemals still, aber wegen des Taus
h�rte man die Glocken lauter. Er schlenderte hin�ber zum angebundenen Ball,
nestelte die Schnur von dem Eisenpfahl, dann m�hte er mit seinem alten
Wildlederstiefel das Gras ringsum und dachte an ihren geschmeidigen kleinen
K�rper, der bei jedem Schlag mitflog, und an die M�nchskutte, die sich im Wind
bl�hte. <emphasis>�Guardian </emphasis>ist das gro�e Wort�, hatten sie
ihm gesagt. <emphasis>�Guardian </emphasis>bedeutet den Weg zur�ck�, hatten
sie gesagt. Jerry verhielt noch eine Weile und blickte hinunter auf die blaue
Ebene, wo der wirkliche Weg, kein bildlicher, gl�nzend und schnurgerade wie ein
Kanal zur Stadt und zum Flugplatz f�hrte. Jerry war keineswegs das, was er
einen Denker genannt h�tte. Das Gebr�ll des Vaters hatte seine ganze Kindheit
begleitet und ihn beizeiten gelehrt, was von gro�en Ideen und von gro�en Worten
zu halten war. Vielleicht hatte das ihn zuerst mit dem M�dchen verbunden,
dachte er. Darum ging es ihr: �Ich will nichts, was ich nicht tragen kann.�</p><p>Vielleicht.
Vielleicht auch nichts Sie wird einen anderen finden. Sie finden immer einen
anderen.</p><p>Es <emphasis>ist Zeit, </emphasis>dachte er.
Geld verbraucht, Rorrjan Fehlanzeige, M�dchen zu jung: mach schon. Es ist <emphasis>Zeit. </emphasis>Zeit
wof�r?</p><p>Zeit!
Zeit, da� sie sich einen jungen Bullen suchte, anstatt einen alten auszupowern.
Zeit, da� die Wanderlust sich regte. Lager abbrechen. Die Kamele wecken.
Weiter. Jerry hatte es wei� Gott schon ein paarmal getan. Das alte Zelt aufgeschlagen,
eine Weile geblieben, weitergezogen: tut mir leid, altes Haus. Es ist ein
Befehl, sagte er sich. Mein ist das Denken, spricht der Herr. Signal ert�nt.
Sprung auf, marsch, marsch. Keine Widerrede. <emphasis>Guardian.</emphasis></p><p>Trotzdem,
komisch, er hatte es kommen sehen, dachte er und starrte noch immer hinaus auf
die dunstverh�llte Ebene. Keine gro�artige Ahnung oder dergleichen Humbug:
einfach, ja, ein Gef�hl, da� es Zeit sei. F�llig. Reif. Aber anstatt einer
fr�hlichen Aufwallung von Tatendrang �berkam seinen ganzen K�rper tiefe
Lethargie. Er f�hlte sich pl�tzlich zu m�de, zu fett, zu schl�frig, um sich
jemals wieder vom Fleck zu bewegen. Er h�tte sich am liebsten hingelegt, wo er
stand. Er h�tte auf dem harten Gras schlafen k�nnen, bis sie ihn geweckt h�tte
oder bis die Nacht gekommen w�re.</p><p>Humbug,
schalt er sich. Schierer Humbug. Er zog das Telegramm aus der Tasche, schritt
energisch ins Haus und rief ihren Namen. �Heh! Altes Haus! Wo steckst du?
Schlechte Nachrichten.� Er reichte ihr das Telegramm. �Aus der Traum�, sagte er
und ging zum Fenster, damit er ihr nicht beim Lesen zusehen mu�te. Er wartete,
bis er das Papier flattern und auf dem Tisch landen h�rte. Dann drehte er sich
um, denn es erfolgte nichts weiter. Sie hatte nichts gesagt, aber sie hatte die
H�nde unter die Achselh�hlen geklemmt und ihre K�rpersprache konnte manchmal
ohrenbet�ubend sein. Er sah die Finger blindlings herumfuchteln auf der Suche
nach einem Halt.</p><p>�Geh doch
auf eine Weile zu Beth r�ber�, schlug er vor. �Beth nimmt dich sofort. Hat dich
schrecklich gern. Bei Beth kannst du bleiben, so lang du willst.�</p><p>Sie blieb
mit gekreuzten Armen stehen, bis er hinunterging, um sein Telegramm
abzuschicken. Als er wiederkam, hatte sie seinen Anzug hergerichtet, den
blauen, �ber den sie immer gelacht hatten - seine Gef�ngniskluft nannte sie ihn
-, aber sie zitterte und ihr Gesicht sah wei� und krank aus, wie damals bei der
Sache mit den Hornissen. Als er sie k�ssen wollte, war sie kalt wie Marmor,
also gab er es auf. In der Nacht schliefen sie zusammen, und es war schlimmer
als Alleinsein.</p><p>Am
n�chsten Mittag verk�ndete Mamma Stefano atemlos die Neuigkeit. Der adelige
Schuljunge sei weggefahren, sagte sie. Er habe seinen Anzug angehabt. Er trug
eine Reisetasche, seine Schreibmaschine und den B�chersack. Franco habe ihn mit
dem Lieferwagen zum Flugplatz gebracht. Die Waise sei mitgefahren, aber nur bis
an die Zufahrt zur <emphasis>autostrada. </emphasis>Als sie
ausstieg, habe sie nicht einmal auf Wiedersehen gesagt: habe sich einfach an
den Stra�enrand gelagert wie der Abfall, der sie ja war. Nachdem sie sie
abgesetzt hatten, sei der Schuljunge eine Weile ganz still und in sich gekehrt
gewesen. Habe kaum auf Francos geschickte und gezielte Fragen geachtet und nur
st�ndig an seiner graugelben Haarstr�hne gezerrt, wie er es oft tat, wenn er
sich langweilte oder� nachdachte. Am Flugplatz hatten sie noch eine Stunde
totzuschlagen, ehe sein Flug aufgerufen wurde, also tranken sie eine Flasche
zusammen und spielten Domino, aber als Franco ihn mit dem Fahrpreis �bers Ohr
hauen wollte, habe der Schuljunge ungew�hnlichen Widerstand geleistet und
endlich geschachert wie die wirklich Reichen.</p><p>Franco
habe es ihr erz�hlt, sagte sie: ihr Busenfreund. Franco, der als P�derast
verschrien war. Hatte sie ihn nicht immer verteidigt, den eleganten Franco, den
Vater ihres schwachsinnigen Sohnes? Sie hatten ihre Meinungsverschiedenheiten
gehabt - wer h�tte die nicht? -, aber es m�ge doch einmal einer kommen und ihr,
wenn er das k�nne, im ganzen Tal einen aufrechteren, flei�igeren, h�flicheren,
besser gekleideten Mann nennen als Franco, ihren Freund und Liebhaber! Der
Schuljunge sei nach Hause gereist, um seine Erbschaft zu kassieren, sagte sie.</p><p><strong/></p><p><emphasis>Mister
George Smileys bestes Pferd </emphasis></p><p>Nur George
Smiley, sagte Roddy Martindale, ein feister Witzbold aus dem Foreign Office,
konnte sich zum Kapit�n eines havarierten Schiffes ernennen lassen. Nur
Smiley, f�gte er hinzu, konnte die Miseren einer solchen Ernennung noch
verkomplizieren, indem er sich gleichzeitig von seiner sch�nen, wenn auch ein
wenig unsteten Ehefrau trennte.</p><p>Auf den
ersten und auch noch auf den zweiten Blick pa�te George Smiley f�r keine der
beiden Rollen, wie Martindale sogleich feststellte. Er war kugelrund und in
Kleinigkeiten hoffnungslos nachgiebig. Aus angeborener Sch�chternheit wurde er
gelegentlich bombastisch, und auf M�nner von Martindales Temperament wirkte
seine Bescheidenheit wie ein stetiger Vorwurf. Au�erdem war er kurzsichtig, und
wer ihn an jenen ersten Tagen nach dem Debakel sah, mit seinen runden Brillengl�sern
und im Beamtenzivil, wie er, begleitet von seinem schlanken, schweigsamen
Schildknappen Peter Guillam, leise auf den besonders morastigen Pfaden des
Whitehall-Dschungels dahinwatschelte; oder zu den unm�glichsten Tag- und
Nachtstunden in seinem sch�bigen Thronsaal auf der f�nften Etage des
edwardianischen Mausoleums am Cambridge Circus, das er jetzt leitete, �ber
einen Sto� Akten gebeugt sa�, der mochte daf�rhalten, da� Smiley, und nicht der
tote Haydon, der weiland russische Spion, den Beinamen �Maulwurf� verdiente. Nach
diesen langen Arbeitsstunden in dem h�hlenartigen und halb verlassenen Bau
wurden die S�cke unter seinen Augen zu Geschw�lsten, er l�chelte selten, obwohl
er keineswegs humorlos war, und manchmal schien ihm von der blo�en M�he des Aufstehens
der Atem zu stocken, stand er dann gl�cklich aufrecht, so verhielt er eine
Weile mit leicht ge�ffnetem Mund und stie� ein leises schnarchendes �Ah� aus,
ehe er sich in Bewegung setzte. Wenn er nach alter Angewohnheit seine Brille
zerstreut mit dem breiten Krawattenende polierte, wirkte sein Gesicht so
best�rzend nackt, da� eine sehr altgediente Sekret�rin - eine der Damen, die im
Hausjargon �die M�tter� hie�en - mehr als einmal von einem kaum noch zu
b�ndigenden Drang gepackt wurde, aus dem die Psychiater alles m�gliche
hergemacht h�tten: aufzuspringen und ihn vor der unm�glichen Aufgabe zu besch�tzen,
die er sich vorgenommen zu haben schien. �George Smiley mistet nicht nur den
Stall aus�, bemerkte der obengenannte Roddy Martindale beim Lunch im Garrick,
�er tr�gt auch noch sein Pferd selber durchs Ziel. Hah, hah.� Andere Ger�chte,
haupts�chlich von Abteilungen verbreitet, die selbst an einer �bernahme der
angeschlagenen Dienststelle interessiert waren, �u�erten sich weniger
respektvoll �ber seine Arbeit.</p><p>�George
zehrt von seinem Ruf�, sagten sie, nachdem ein paar Monate verstrichen waren.
�Da� er Bill Haydon erwischte, war ein gl�cklicher Zufall.�</p><p>Und
�berhaupt, sagten sie, sei es ein amerikanischer Tip gewesen und keineswegs
Georges gro�er <emphasis>Coup: </emphasis>der Ruhm geb�hre den Vettern, aber
die hatten aus diplomatischen Gr�nden auf ihn verzichtet. Nein, nein, wollten
andere wissen, es waren die Holl�nder. Die Holl�nder hatten Moskaus Code
geknackt und den Fang �ber die Verbindungsstelle weitergegeben, man frage nur
Roddy Martindale - Martindale, den professionellen Verbreiter von
Falschmeldungen �ber den Circus. Und so ging es hin und her, w�hrend Smiley,
der von alledem keine Ahnung zu haben schien, seine Meinung f�r sich behielt
und seine Frau verlie�. Sie konnten es kaum glauben. Sie waren perplex.</p><p>Martindale,
der nie im Leben eine Frau geliebt hatte, war besonders emp�rt. Er machte im
Garrick eine regelrechte <emphasis>Sache </emphasis>daraus:</p><p>�Unversch�mtheit!
Er ein kompletter Niemand, und sie eine halbe Sawley! Ich sage nur: Pawlow.
Typisch pawlowsche Grausamkeit. Anders kann man's nicht nennen. Nachdem er
jahrelang ihre durchaus gesunden kleinen Fehltritte akzeptiert hat - ich sage,
er hat sie sogar dazu getrieben -, was tut dieser Knirps? Macht Front und
versetzt ihr mit <emphasis>napoleonischer </emphasis>Brutalit�t
einen Schlag mitten ins Gesicht! Ein Skandal! Das werde ich jedem sagen. Ein
Skandal ist das! Ich bin ein ziemlich toleranter Mensch, nicht engstirnig, wie
ich meine, aber Smiley ist zu weit gegangen. Jawohl.�</p><p>In diesem
Fall hatte Martindale, was zuweilen auch vorkam, eine zutreffende Darstellung
geliefert. Die Fakten waren allen zug�nglich�. Nachdem Haydon tot und die
Vergangenheit begraben war, hatten die Smileys ihre Differenzen beigelegt, und
das neugeeinte Paar war feierlich in das kleine Haus an der Bywater Street in
Chelsea zur�ckgekehrt. Sie hatten es sogar mit Geselligkeit versucht. Sie waren
ausgegangen, sie hatten in dem Stil, der Georges neuer Stellung entsprach,
G�ste empfangen; die Vettern, dann und wann einen Minister, verschiedene
Whitehall-Barone, und alle lie�en sich's wohl sein und gingen fr�hlich und satt
nach Hause; die beiden hatten sogar ein paar Wochen lang eine kleine
Sehensw�rdigkeit in h�heren b�rokratischen Kreisen gebildet. Bis George Smiley
sich �ber Nacht und zum unverkennbaren Mi�behagen seiner Frau aus ihrem
Gesichtskreis zur�ckgezogen und sein Lager in den �rmlichen Mansarden hinter
seinem Thronsaal im Circus aufgeschlagen hatte. Bald schien die Tr�bseligkeit
dieser St�tte sich auf seinem Gesicht festzusetzen wie der Staub auf der Haut
eines Gefangenen, w�hrend sich Ann Smiley in Chelsea h�rmte und sehr unter
ihrer Rolle als verlassene Ehefrau zu leiden schien.</p><p>Hingabe,
sagten die Wissenden. M�nchische Entsagung. George ist ein Heiliger. Und in <emphasis>seinem </emphasis>Alter.</p><p>Quatsch,
konterte die Martindale-Fraktion. Hingabe an was? Was gab es denn noch in
diesem ver�deten Ziegelschuppen, das einen solchen Akt der Selbstopferung
irgend fordern konnte? Was war denn �berhaupt noch <emphasis>irgendwo, </emphasis>in diesem
verfluchten Whitehall oder, Gott sei uns gn�dig, in diesem verfluchten <emphasis>England, </emphasis>das heute
noch eine solche Forderung stellen konnte? Die Arbeit, sagten die Wissenden.</p><p>Aber <emphasis>was f�r
eine </emphasis>Arbeit?, fistelten die selbsternannten Circus-Spezialisten
im Chor und lie�en das Wenige, das sie vom H�rensagen wu�ten, die Runde machen.
Was macht er dort oben, nachdem ihm die Planstellen von drei Vierteln seiner
Mitarbeiter gestrichen wurden - bis auf die ein paar alter Hennen, die ihm Tee
brauten - und seine Netze beim Teufel waren, seine ausl�ndischen Residenturen,
sein Reptilienfonds - sie meinten seine Einsatzkonten - vom Schatzamt
dauerhaft eingefroren waren, und er keinen Menschen in Whitehall oder
Washington seinen Freund nennen konnte? Es sei denn, man betrachte diesen affektierten
Parven� Lacon im Ministerium als seinen Freund, der immer so entschlossen war,
sich bei jeder nur denkbaren Gelegenheit f�r ihn in die Nesseln zu setzen. Und
nat�rlich w�rde <emphasis>Lacon </emphasis>um ihn k�mpfen: was hatte er denn
sonst? Der Circus war Lacons Hausmacht. Ohne ihn w�re er - nun ja, was er auch
jetzt schon war - ein Eunuch. Nat�rlich w�rde <emphasis>Lacon </emphasis>sich ins
Get�mmel st�rzen. �Ein Skandal�, verk�ndete Martindale idigniert, w�hrend er
seinen ger�ucherten Aal wegputzte und die Steak-and-Kidney-Pastete und den
Rotspon, die Hausmarke des Clubs, die schon wieder um zwanzig Pence pro Karaffe
gestiegen war. �Ich werde es jedem sagen.�</p><p>Zwischen
den D�rflern von Whitehall und den D�rflern der Toskana war der Unterschied
manchmal erstaunlich gering.</p><p>Die Zeit machte
den Ger�chten nicht den Garaus. Im Gegenteil, sie wurden immer mehr, bezogen
neue Nahrung aus seinem Einsiedlerdasein und nannten es Besessenheit. Man
erinnerte sich, da� Bill Haydon nicht nur George Smileys Kollege gewesen war,
sondern auch Anns Cousin und noch einiges mehr daneben. Smileys Zorn auf ihn,
so hie� es, sei nicht mit Haydons Tod erloschen: er tanze buchst�blich auf
Bills Grab. Zum Beispiel habe George pers�nlich das Ausr�umen von Haydons
ber�hmtem Dienstzimmer, dem Maschinengewehrstand hoch �ber der Charing Cross
Road, und die Vernichtung auch der geringsten seiner Spuren �berwacht, von den
mittelm��igen selbstgemalten �lbildern bis zu dem Krimskrams in seinen
Schreibtischladen; sogar der Schreibtisch selbst mu�te auf sein Gehei� zers�gt und
verbrannt werden. Und als auch das vollbracht war, hie� es, habe er die
Arbeiter des Circus kommen lassen, damit sie die Trennw�nde einrissen. Jawohl,
sagte Martindale. Oder, um ein weiteres und wirklich sehr besch�mendes Beispiel
zu nennen, nehmen wir das Foto, das an der Wand von Smileys armseligem
Thronsaal hing, offensichtlich ein Pa�foto, aber weit �ber dessen Format
vergr��ert, so da� es k�rnig und irgendwie gespenstisch wirkte. Einer der
Jungens aus dem Schatzamt hatte es w�hrend einer Sondersitzung �ber die
Beschneidung der Einsatzkonten entdeckt.</p><p>�Soll das
Controls Portr�t sein?� hatte er Peter Guillam gefragt, einfach um etwas zu
sagen. Keinerlei finstere Absichten dahinter. Man durfte doch wohl noch <emphasis>fragen, </emphasis>wie?
Control, dessen sonstige Namen noch immer unbekannt waren, war der legend�re
Geist des Hauses. Er war drei�ig Jahre hindurch Smileys F�hrer und Mentor
gewesen. Smiley hatte ihn sogar in aller Stille begraben, hie� es: denn die
sehr Geheimen wie die sehr Reichen teilen das Schicksal, unbetrauert zu
sterben.</p><p>�Nein, das
ist verdammt <emphasis>nicht </emphasis>Control�, hatte Guillam, der
Schildknappe, ihn in seiner hochn�sigen Art abgefertigt. �Das ist Karla.�</p><p>Und wer
bitte sei Karla, wenn man fragen d�rfe? Karla, mein Lieber, sei der Deckname
des sowjetischen Einsatzleiters, der Bill Haydon zuerst angeworben und dann
gef�hrt hatte: �Eine <emphasis>g�nzlich </emphasis>andere
Lesart, um es milde auszudr�cken�, sagte Martindale, vor Entr�stung bebend.
�Wirklich die reinste Vendetta, die wir da auf dem Hals haben. Ich frage mich
nur, wie kindisch kann ein Mensch werden?� Sogar Lacon war von diesem Bild
leicht beunruhigt. �Also ehrlich, George, warum h�ngen Sie ihn hier aus?�
fragte er mit seiner kr�ftigen Oberlehrerstimme, als er eines Abends auf dem
Heimweg vom Ministerium einen �berraschungsbesuch bei Smiley machte. �Was
bedeutet er blo� f�r Sie? Schon mal dar�ber nachgedacht? Finden Sie das nicht
selber ein bi�chen makaber? Der siegreiche Feind? Ich h�tte eher gedacht, es
w�rde Sie ganz fertigmachen, wenn er so den ganzen Tag auf Sie runterfeixt?�</p><p>�Nun, Bill
ist <emphasis>tot, </emphasis>sagte Smiley in seiner
elliptischen Art. Zuweilen lieferte er nur den Hinweis auf ein Argument, nicht
das Argument selbst.</p><p>�Und Karla
lebt, wollen Sie sagen?� hakte Lacon ein. �Und ein lebender Gegner ist Ihnen
lieber als ein toter? Ist es so gemeint?� Aber es gab Fragen, die an George
Smiley abglitten; die sogar, so sagten seine Kollegen, an ihn gerichtet,
geschmacklos erschienen.</p><p>Ein
Zwischenfall, der den Whitehall-Gark�chen kernigere Kost lieferte, betraf die
Frettchen, auch Wanzent�ter genannt. An einen �bleren Fall von Bevorzugung
konnte man sich nirgends erinnern. Mein <emphasis>Gott, </emphasis>diese
Geheimen hatten manchmal Nerven! Martindale, der ein Jahr gewartet hatte, bis <emphasis>sein </emphasis>B�ro
drankam, schickte eine Beschwerde an seinen Unterstaatssekret�r. Handschriftlich.
Nur pers�nlich zu �ffnen. Desgleichen tat sein Bruder in Christo vom
Verteidigungsministerium und beinah auch Hammer vom Schatzamt, aber entweder
verga� Hammer, seine Beschwerde in den Briefkasten zu werfen, oder er hatte es
sich im letzten Augenblick anders �berlegt. <emphasis>Es </emphasis>ging hier
nicht nur um die Rangfolge. Nicht einmal ums Prinzip. Hier ging es um <emphasis>Geld. </emphasis>Um Geld
der <emphasis>Steuerzahler. </emphasis>Das Schatzamt hatte bereits auf
Georges Drangen im halben Circus neue Leitungen gelegt. Sein Verfolgungswahn
in puncto Lauschangriffe kannte offenbar keine Grenzen. Hinzu kam, da� die
Frettchen ohnehin knapp an Personal waren, es hatte Auseinandersetzungen mit
der Industrie �ber unsoziale Arbeitsstunden gegeben - einfach jede Menge �rger!
Dynamit, das ganze Thema.</p><p>Was aber
war in der ganzen Sache eigentlich passiert? Martindale z�hlte die Einzelheiten
an den wohlmanik�rten Fingern auf. George war an einem Donnerstag zu Lacon
gegangen - w�hrend dieser irren Hitzewelle, Sie erinnern sich, als alle Welt
praktisch <emphasis>verschmachtete, </emphasis>sogar im Garrick -, und bereits am
Sonnabend - an einem Sonnabend, man stelle sich diese �berstunden vor! - waren
diese Ungeheuer im Circus eingefallen, hatten die Anwohner mit ihrem Krach zum
Wahnsinn getrieben und das ganze Haus auseinandergenommen. Ein <emphasis>eklatanterer
</emphasis>Fall von blinder Bevorzugung war nicht mehr dagewesen, seit, ja, seit
sie Smiley erlaubten, seine r�udige alte Ru�land-Tante zur�ckzuholen, Sachs,
Connie Sachs, diese Professorin aus Oxford, wider jede Vernunft, und sie als
eine der M�tter f�hrten, obwohl sie das gar nicht war.</p><p>Diskret,
jedenfalls so diskret, wie es ihm m�glich war, setzte Martindale alle Hebel in
Bewegung, um herauszubekommen, ob die Frettchen tats�chlich etwas entdeckt
hatten, stie� jedoch auf Granit. In der Geheimwelt ist Information gleich Geld,
und zumindest nach diesem Ma�stab war Roddy Martindale, vielleicht ohne es zu
wissen, bettelarm, denn die insides dieser inside-story kannten nur die
wenigsten. Es stimmte, da� Smiley am Donnerstag Lacon in seinem get�felten
B�ro mit Blick auf den St. James' Park aufsuchte und da� dieser Tag
ungew�hnlich hei� f�r einen Herbsttag war. Breite Sonnenstr�me ergossen sich
auf den repr�sentativen Teppich, und die Staubteilchen tummelten sich darin wie
winzige exotische Fische. Lacon hatte sogar das Jackett abgelegt, die Krawatte
nat�rlich nicht.</p><p>�Connie
Sachs hat ein paar Rechenkunstst�cke mit Karlas Handschrift in vergleichbaren
F�llen angestellt�, verk�ndete Smiley.</p><p><emphasis>�Handschrift?�
</emphasis>echote Lacon, als w�re Handschrift etwas ausgesprachen
Reglementwidriges.</p><p>�Technik.
Karlas �bliches Vorgehen. Es scheint, da� er, wo es irgend anging, Maulw�rfe
und Lauscher als Tandem f�hrte.�</p><p>�Das Ganze
nochmals im Klartext, George, wenn ich bitten darf.� Wo die Umst�nde es
erlaubten, sagte Smiley, habe Karla seine Agenteneins�tze durch Mikrophone
unterst�tzt. Obwohl Smiley zu seiner Genugtuung feststellte, da� innerhalb des
Hauses nichts gesagt worden war, was das �gegenw�rtige Vorhaben�, wie er sich
ausdr�ckte, beeintr�chtigen konnte, war allein schon die M�glichkeit
beunruhigend Lacon sollte auch Smileys Handschrift kennenlernen. �Irgendeinen
Anhaltspunkt f�r diese ziemlich akademische Theorie?� wollte er wissen und
pr�fte Smileys ausdruckslose Z�ge �ber die Spitze des Bleistifts hinweg, den er
wie ein Lineal zwischen beiden Zeigefingern hielt.</p><p>�Wir haben
in unserem eigenen Tonbandarchiv Inventur gemacht�, gestand Smiley
stirnrunzelnd. �Es fehlt einiges vom <strong>hauseigenen </strong>Material.
Eine Menge scheint w�hrend der Ver�nderungen von anno <strong>Sechsundsechzig </strong>verschwunden zu sein.� Lacon
wartete, holte jedes Wort einzeln aus ihm heraus. �Haydon <strong>geh�rte </strong>dem daf�r zust�ndigen Bau-Ausschu� an�, endete
Smiley als letzten Seufzer. �Er war sogar die treibende Kraft. Es ist nur -
also, ich meine, wenn die Vettern jemals davon erf�hren, dann w�re es der
letzte Nagel zu unserem Sarg.� Lacon war kein Narr, und die Vettern auf die Palme
zu bringen, genau in dem Augenblick, da alles versucht wurde, um ihr Gefieder
wieder zu gl�tten, mu�te um jeden Preis vermieden werden. W�re es nach ihm
gegangen, er h�tte die Frettchen noch am gleichen Tag geschickt. Der Sonnabend
war ein Kompromi�, und ohne jemanden zu fragen, schickte er das ganze Team los,
alle zw�lf Mann, in zwei grauen Lieferwagen mit der Aufschrift
�Umweltschutz-Me�wagen.� Und sie nahmen wirklich das ganze Haus auseinander,
daher das alberne Ger�cht �ber die Zerst�rung von Bill Haydons B�ro. Sie waren
w�tend wegen des verpatzten Wochenendes und vielleicht deshalb so unn�tig grob:
die �berstunden wurden schrecklich hoch besteuert. Aber ihre Stimmung <strong>schlug </strong>j�h um, als sie auf einen Streich acht
Abh�rmikrophone ausbuddelten, s�mtlich Standard-Ger�te des Circus aus den
Audio-Lagern. Haydons Verteilung war klassisch gewesen, wie Lacon zugab, als er
zur Inspektion auftauchte. Eines in einer Schublade eines nicht mehr benutzten
Schreibtisches, als w�re es in aller Unschuld dort liegengeblieben und in
Vergessenheit geraten. Nur da� der Schreibtisch ausgerechnet im Codierraum
stand. Eines verstaubte auf einem alten Stahlschrank im Konferenzzimmer auf der
f�nften Etage - im Haus die Rumpelkammer genannt. Und eines war, mit typisch
Haydonschem Flair, hinter den Wasserkasten in der Toilette der h�heren
Dienstgrade gleich nebenan geklemmt. Ein zweiter Durchgang, bei dem auch die
Tragmauern drankamen, f�rderte weitere drei zutage, die w�hrend der Bauarbeiten
eingef�gt worden waren. Sonden, mit Plastik-Schnorchelh�lsen zum Transportieren
der T�ne. Die Frettchen legten sie aus wie eine Jagdstrecke. Tot,
selbstverst�ndlich, wie s�mtliche Apparate, aber dennoch von Haydon hier
angebracht und auf Frequenzen eingestellt, die der Circus nicht benutzte.</p><p>�Und auf
Kosten des Schatzamtes unterhalten, wohlgemerkt�, sagte Lacon mit dem
allerd�nnsten L�cheln und spielte mit den Leitungen, die einstmals die
Abh�rmikrophone mit dem Stromversorgungsnetz verbunden hatten. �Oder
jedenfalls fr�her, denn George lie� im ganzen Haus neue Leitungen legen. Das
mu� ich unbedingt Bruder Hammer erz�hlen. Er wird begeistert sein.� Hammer,
geb�rtiger Waliser, war Lacons Erzfeind. Auf Lacons Anraten inszenierte Smiley
nun eine kleine Kom�die. Er lie� die Frettchen die Radiomikrophone im
Konferenzzimmer wieder in Betrieb setzen und den Empf�nger auf einen der
wenigen, dem Circus verbliebenen Observierungswagen einstellen. Dann bat er
drei der bockigsten Schreibtischhengste von Whitehall, unter ihnen den Waliser
Hammer, in einem Radius von einer halben Meile um das Geb�ude zu fahren und
einer gestellten Diskussion zwischen zwei von Smileys schattenhaften Gehilfen
zu lauschen, die in der Rumpelkammer sa�en. Sie h�rten jedes Wort. Keine Silbe
ausgelassen.</p><p>Worauf
Smiley pers�nlich sie absolutes Stillschweigen schw�ren und zum �berflu� eine
Erkl�rung unterschreiben lie�, die eigens von den Housekeepers zwecks
Abschreckung aufgesetzt worden war. Peter Guillam sch�tzte, da� sie daraufhin
f�r etwa einen Monat lang den Mund halten w�rden.</p><p>�Oder auch
nicht so lange, falls es regnet�, f�gte er mit j�her Geh�ssigkeit hinzu.</p><p>Aber nicht
nur Martindale und seine Kollegen im Vorfeld von Whitehall lebten im Stande
paradiesischer Unschuld, was die Realit�t von Smileys Welt betraf, auch jene,
die dem Thron n�her standen, f�hlten sich von Smiley auf Distanz gehalten. Die
Kreise um ihn wurden je n�her, desto kleiner, und nur verflixt wenige drangen bis
zum Mittelpunkt vor. Auch hinter dem braunen h��lichen Portal des Circus und
seinen behelfsm��igen, mit wachsamen Pf�rtnern bemannten Barrieren gab Smiley
keine seiner gewohnten Abschirmungsma�nahmen auf. Bei Tag wie bei Nacht blieb
die, T�r zu seiner winzigen B�rosuite verschlossen, und seine einzige
Gesellschaft bestand aus Peter Guillam und einem allgegenw�rtigen
finsterblickenden Faktotum namens Fawn, dem Mann, der sich mit Guillam den Job
als Smileys Babysitter geteilt hatte, w�hrend sie Haydon ausr�ucherten.
Manchmal verschwand Smiley nur mit einem Nicken durch den Hinterausgang,
begleitet von Fawn, einem kleinen geschmeidigen Mann, w�hrend Guillam
zur�ckbleiben mu�te, um die Telefonanrufe entgegenzunehmen und in dringenden
F�llen Smiley zu benachrichtigen. Die M�tter verglichen sein Benehmen mit den
letzten Tagen Controls, der dank Haydon an gebrochenem Herzen in den Sielen
gestorben war. Im Zug der Gesetzm��igkeiten in einer geschlossenen Gesellschaft
wurde der Hausjargon um ein neues Wort bereichert. Haydons Entlarvung hie�
jetzt nur noch der <emphasis>S�ndenfall, </emphasis>und die
Geschichte des Circus zerfiel in die Zeitr�ume <emphasis>vor dem
S�ndenfall </emphasis>und <emphasis>danach. </emphasis>Der
materielle <emphasis>Verfall </emphasis>des Geb�udes, das zu drei Viertel
leer stand und seit dem Besuch der Frettchen eher einer Ruine glich, verlieh
Smileys An- und Abwesenheiten etwas von Untergangsstimmung, die f�r alle, die
damit leben mu�ten, symbolisch wurde. Was die Frettchen einrei�en, wird nicht
wieder aufgerichtet: und das gleiche galt vielleicht f�r Karla, dessen
verstaubte Z�ge von dort, wo der meist unsichtbare Chef sie plaziert hatte, aus
dem D�mmer seines spartanischen B�ros nun auf sie herabblickte. Das wenige, was
sie w��ten, war schauderhaft. Belangloses, wie zum Beispiel die Personalfrage,
nahm erschreckende Dimensionen an. Smiley mu�te aufgeflogene Agenten entlassen
und aufgeflogene Residenturen aufl�sen; die des armen Tufty Thesinger in
Hongkong war, da Hongkong ziemlich weit vom antisowjetischen Schauplatz
entfernt liegt, eine der letzten, die daran glauben mu�ten. In der Umgebung
Whitehalls, ein Gel�nde, das sie wie Smiley mit tiefem Mi�trauen betrachteten,
h�rten sie, da� Thesinger in bizarre und erbitterte Auseinandersetzungen �ber
die Bedingungen einer Abfindung oder Neubestallung verwickelt sei. Es war
anscheinend vorgekommen - und wiederum lieferte der arme Tufty Thesinger in
Hongkong das n�chstliegende Beispiel -, da� Bill Haydon mit voller Absicht die
�berbewertung lahmliegender Residenten betrieben hatte, solcher, die
zuverl�ssig keine eigene Initiative entwickeln w�rden. Sollten sie nun nach
ihrem wirklichen Wert entlohnt werden oder nach dem k�nstlich hochgetriebenen,
den Haydon ihnen zum Schaden der Sache verliehen hatte? In anderen F�llen
wiederum hatte Haydon zu seiner eigenen Sicherheit Entlassungsgr�nde
gedrechselt. Sollten solche Leute die volle Pension erhalten? Hatten sie
Anspruch auf Wiedereinstellung? Ratlose junge Minister, die seit den Wahlen neu
ins Amt gekommen waren, trafen tapfere und widerspr�chliche Entscheidungen.
Die Folge war, da� ein trauriger Zug von get�uschten Circus-Au�enleuten,
M�nnern und Frauen, von Smiley abgefertigt werden mu�te und die Housekeepers
angewiesen wurden, aus einschl�gigen Gr�nden - und vielleicht auch um der
�sthetik willen - auf keinen Fall einen dieser Heimkehrer aus ausl�ndischen
St�tzpunkten einen Fu� ins Innere des Hauptgeb�udes setzen zu lassen. Auch
duldete Smiley keinerlei Kontakt zwischen den Verdammten und den noch einmal
Davongekommenen. Also er�ffneten die Housekeepers, mit widerwilligem
Einverst�ndnis des Walisers Hammer, in einem gemieteten Haus in Bloomsbury eine
Meldestelle, die sie als Sprachenschule tarnten (Besuch nur nach vorheriger
Vereinbarung) und mit einem Quartett aus Beamten der Zahl- und Personalstelle
bemannten. Aus dieser Einrichtung wurde alsbald die Bloomsbury Group, und man
h�rte, da� Smiley es sich nicht nehmen lie�, manchmal auf ein abgezwacktes
St�ndchen oder so hin�berzuhuschen und, wie bei einem Trauerbesuch,
verschiedenen, ihm h�ufig unbekannten Gesichtern sein Beileid auszusprechen.
Dann wieder, je nach Stimmung, sprach er kein Wort, sondern thronte nur
geheimnisvoll und buddhagleich in einer Ecke des staubigen Vernehmungsraums.
Was trieb ihn dorthin? Was suchte er? Wenn der Grund Zorn war, dann war es ein
Zorn, der ihnen in jenen Tagen allen gemeinsam war. Sie konnten nach einem
langen Tagewerk in der Rumpelkammer unterm Dach sitzen, scherzend und
schwatzend; aber wenn jemand den Namen Karla oder seines Maulwurfs Haydon
verlauten lie�, senkte sich eisiges Schweigen �ber den Raum, und nicht einmal
die gerissene alte Connie Sachs, die Moskau-Tante Bann zu brechen. Sogar noch
ergreifender waren in den Augen seiner Untergebenen Smileys Bem�hungen,
wenigstens einen Teil der Agentennetze aus dem Schiffbruch zu retten. Innerhalb
eines Tages nach Haydons Festnahme waren alle neun Netze des Circus in Ru�land
und Osteuropa tot gewesen. Die Funkverbindung abgerissen, der Kurierverkehr
eingestellt, und man durfte mit gutem Grund annehmen, da� etwaige echte
Circus-Agenten, die. sich dort befunden hatten, �ber Nacht aufgerollt worden
waren. Aber Smiley widersetzte sich leidenschaftlich dieser billigen Ansicht,
genau wie er es nicht hinnehmen wollte, da� Karla und die Moskauer Zentrale im
Verbund unschlagbar t�chtig seien, oder tadellos, oder logisch. Er entnervte
Lacon, er entnervte die Vettern in ihren weitl�ufigen Anbauten am Grosvenor
Square, er bestand darauf, da� die Funkfrequenzen der Agenten weiterhin
abgeh�rt w�rden, und trotz erbitterter Proteste des Foreign <emphasis>Office </emphasis>- Roddy
Martindale wie immer an vorderster Stelle - lie� er durch die Auslandsdienste
von BBC unverschl�sselte Meldungen ausstrahlen, wonach jeder lebende Agent,
der sie zuf�llig h�rte und das Codewort kannte, sich unverz�glich auf die
Socken machen solle. Und, ganz allm�hlich und zu ihrem gro�en Erstaunen, trafen
winzigkleine Lebenszeichen ein, wie verst�mmelte Botschaften von einem anderen
Stern.</p><p>Zuerst
meldeten die Vettern in der Person ihres verd�chtig offenherzigen Londoner
Dienststellenleiters Martello vom Grosvenor Square, da� ein amerikanischer
Fluchtkanal zwei britische Agenten durchschleuse, einen Mann und eine Frau. Sie
w�rden zu dem alten Badeort Sochi am Schwarzen Meer gebracht, wo ein kleines
Boot f�r den, wie Martellos schweigsame Leute es hartn�ckig nannten,
�Exfiltrationsauftrag� bereitlag. Der Beschreibung nach handelte es sich um
die Tschurajews, Knotenpunkte des Netzes <emphasis>Contemplate,
</emphasis>das f�r Georgien und die Ukraine zust�ndig war. Ohne die Genehmigung
des Schatzamtes abzuwarten, holte Smiley einen gewissen Roy Bland aus der
Versenkung hervor, einen st�mmigen ex-marxistischen Dialektiker und zeitweiligen
Au�enagenten, der die Eins�tze dieses Netzes geleitet hatte. Diesem Bland, den
es beim S�ndenfall ebenfalls erwischt hatte, vertraute er das russische Gespann
de Silsky und Kaspar an, die auch eingemottet, auch zwei ehemalige
Haydon-Proteges waren, damit sie zu dritt den Ank�mmlingen Hilfestellung geben
k�nnten. Sie sa�en noch in ihrem Transportflugzeug der Royal Air Force, als die
Meldung durchkam, da� das Paar beim Verlassen des Hafens erschossen worden sei.
Der Exfiltrationsauftrag sei danebengegangen, sagten die Vettern. In
aufrichtigem Mitgef�hl telefonierte Martello Smiley die Nachricht pers�nlich
durch. Er war nach seiner eigenen Ansicht ein freundlicher Mensch und wie
Smiley ein Mann der alten Schule. Es war Nacht, und es regnete in Str�men.</p><p>�Nehmen
Sie's blo� nicht so schwer, George�, ermahnte er ihn in seinem onkelhaften
Tonfall. �H�ren Sie? Die einen sind drau�en, und die anderen sitzen am
Schreibtisch, und Sie und ich m�ssen daf�r sorgen, da� die Unterscheidung
gewahrt bleibt. Sonst werden wir alle verr�ckt. Man kann sich nicht f�r jeden
einzelnen umbringen. Das ist Feldherrnlos. Also denken Sie daran.� Peter
Guillam, der, als der Anruf kam, dicht neben Smiley sa�, schwor sp�ter, Smiley
habe keine besondere Reaktion gezeigt: und Guillam kannte ihn gut. Dennoch war
Smiley zehn Minuten sp�ter von allen unbemerkt verschwunden, und sein
ger�umiger Regenmantel hing nicht mehr am Haken. Er kam nach Einbruch derD�mmerung
zur�ck, na� bis auf die Haut, den Regenmantel trug er noch immer �ber dem Arm.
Er zog sich um und setzte sich wieder an den Schreibtisch, aber als Guillam auf
Zehenspitzen hereinkam und ihm unaufgefordert Tee brachte, sah er zu seiner
gr��ten Verlegenheit seinen Herrn stocksteif vor einem alten Band deutscher
Lyrik sitzen, die geballten F�uste auf der Tischplatte, und lautlos weinen.</p><p>Bland, de
Silsky und Kaspar bewarben sich um Wiedereinstellung. Sie beriefen sich darauf,
da� der kleine Toby Esterhase, der Ungar, habe zur�ckkommen d�rfen, und
verlangten die gleiche Behandlung, aber vergebens. Sie wurden abschl�gig
beschieden und nie wieder erw�hnt. Unrecht zu Unrecht. Wenn sie auch leicht
l�diert waren, so h�tten sie doch n�tzlich sein k�nnen, aber Smiley wollte ihre
Namen nicht mehr h�ren; nicht damals, nicht sp�ter, nie mehr. Das war der
absolute Tiefpunkt dieser Zeit unmittelbar nach dem S�ndenfall. Ein paar Leute
- sowohl innerhalb wie au�erhalb des Circus - glaubten aufrichtig, den letzten
Schlag des geheimen Herzens Englands geh�rt zu haben. Doch ein paar Tage nach dieser
Katastrophe bescherte das Gl�ck Smiley einen kleinen Trost. In Warschau fing
ein fl�chtiger Spitzenagent des Circus am hellichten Tag das BBC-Signal auf und
marschierte schnurstracks in die britische Botschaft. Dank vereinten und
beharrlichen Antichambrierens sowohl Lacons wie Smileys wurde er trotz
Martindales Widerstand noch in der gleichen Nacht, als diplomatischer Kurier
getarnt, nach London heimgeflogen. Da Smiley seiner Tarngeschichte mi�traute,
reichte er den Mann an die Inquisitoren des Circus weiter, die ihn, mangels
anderer Opfer, fast zu Tode brachten, ihn danach jedoch als sauber
bezeichneten. Er wurde in Australien aufs neue eingesetzt.</p><p>Anschlie�end
war Smiley, dessen Herrschaft noch immer im Anfangsstadium steckte, gezwungen,
sich die verbrannten St�tzpunkte des Circus innerhalb des Landes vorzunehmen.
Am liebsten h�tte er alles abgeschrieben: die sicheren H�user, die jetzt total
unsicher waren; die Nursery in Sarratt, wo traditionsgem�� die Instruktion und
Ausbildung von Agenten und Neulingen stattfand; die Audio-Versuchslabors in
Harlow, die Bombenbastler- und Knallerschule in Argyll; die Matrosenschule in
der Bucht von Heiford, wo abgemusterte Seeleute die schwarzen K�nste der
Kleinstfahrzeug-Schiffahrt zelebrierten wie das Ritual einer untergegangenen
Religion; und die Funkstelle f�r Fernverkehr in Canterbury. Er h�tte sogar das
Hauptquartier der St�psler in Bath aufgel�st, wo nach wie vor die Codes
geknackt wurden. �Weg mit dem Ganzen�, sagte er zu Lacon, den er in seinem B�ro
aufgesucht hatte.</p><p>�Und was
dann?� fragte Lacon, verwundert �ber Smileys Heftigkeit, die seit dem Sochi-Fehlschlag
an ihm auffiel.</p><p>�Neu
anfangen.�</p><p>�Verstehe�,
sagte Lacon, was nat�rlich bedeutete, da� er nicht verstand. Lacon hatte
Zahlenaufstellungen des Schatzamtes vor sich liegen und studierte sie, w�hrend
er sprach. �Die Nursery in Sarratt wird aus irgendeinem mir nicht zug�nglichen
Grund im Milit�rhaushalt gef�hrt�, bemerkte er nachdenklich. �Nicht etwa in
Ihrem Reptilienfonds. Das Foreign Office kommt f�r Harlow auf - und hat das
bestimmt l�ngst vergessen -, Argyll ist unter den Fittichen des
Verteidigungsministeriums, das h�chstwahrscheinlich nicht von der Existenz
dieser Einrichtung wei�, das Postministerium hat Canterbury, und die Navy hat
Heiford. Bath wird, wie ich mich freue sagen zu k�nnen, gleichfalls aus Geldern
des Foreign Office unterhalten, laut eigenh�ndiger Unterschrift von Martindale,
es kam vor sechs Jahren dazu und ist inzwischen auch in Vergessenheit geraten.
Also tut uns das alles nicht weh, oder?�</p><p>�Es sind
nutzlose Anh�ngsel�, sagte Smiley eigensinnig. �Und solange diese Einrichtungen
bestehen, k�nnen wir sie nicht durch neue ersetzen. Sarratt ist schon lange zum
Teufel, Heiford liegt in den letzten Z�gen, Argyll ist nur noch ein Witz. Und was
die St�psler angeht, so haben sie die letzten f�nf Jahre praktisch hauptamtlich
f�r Karla gearbeitet.�</p><p>�Mit Karla
meinen Sie die Moskauer Zentrale?�</p><p>�Ich meine
die Abteilung, die zust�ndig war f�r Haydon und ein halbes Dutzend -�</p><p>�Ich wei�,
was Sie meinen. Aber ich finde es sicherer, wenn wir bei den Einrichtungen
bleiben, Sie nicht auch? Dadurch ersparen wir uns die Peinlichkeit, Namen zu
nennen. Dazu sind Einrichtungen schlie�lich da, wie?� Lacon stie� das
Bleistiftende rhythmisch auf den Schreibtisch. Endlich blickte er auf und sah
Smiley neckisch an. �Sch�n, sch�n, Sie sind im Moment der gro�e Neuerer,
George. Ich darf gar nicht daran denken, was passierte, wenn Sie jemals die
S�ge an <emphasis>meinen </emphasis>Ast ansetzen w�rden. Diese
Au�enstellen sind m�ndelsichere Aktien. Wenn Sie sich jetzt davon trennen,
sehen Sie keine einzige mehr wieder. Sp�ter, wenn alles wieder l�uft, k�nnen
Sie sie absto�en und sich etwas Besseres kaufen. Man soll nie verkaufen, wenn
die B�rse schlecht steht. Man wartet, bis man Gewinn mitnehmen kann.�
Widerstrebend f�gte Smiley sich seinem Rat. Als w�ren's der Schwierigkeiten
noch nicht genug, kam der schwarze Montag, an dem eine Rechnungspr�fung im
Schatzamt auf erhebliche Diskrepanzen in der Verwaltung des Reptilienfonds des
Circus w�hrend der f�nf Jahre stie�, ehe der Fonds nach dem S�ndenfall
eingefroren wurde. Smiley war gezwungen, ein Femegericht abzuhalten, bei dem
ein �lterer Buchhalter der Finanzabteilung, den man aus dem Ruhestand
aufgescheucht hatte, zusammenbrach und eine sch�ndliche Leidenschaft f�r ein
M�dchen aus der Registratur gestand, das ihn an der Nase herumgef�hrt hatte. In
einem grausigen Anfall von Reue ging der alte Mann heim und erh�ngte sich.
Gegen Guillams dringendes Zureden lie� Smiley es sich nicht nehmen, der Bestattung
beizuwohnen.</p><p>Dennoch
ist es verb�rgte Tatsache, da� George Smiley bereits in der Zeit dieser
betr�blichen Anf�nge, in seinen allerersten Wochen im Amt zum Angriff �berging.</p><p>Die Basis,
von der aus dieser Angriff gef�hrt wurde, war zuv�rderst philosophischer, zum
zweiten theoretischer und erst in letzter Linie und dank dem dramatischen
Auftreten des unschlagbaren Gl�cksspielers Sam Collins menschlicher Natur. Die
Philosophie war einfach. Die Aufgabe eines Geheimdienstes, verk�ndete Smiley
energisch, bestehe nicht darin, Haschen zu spielen, sondern seinen Kunden
geheime Informationen zu liefern. Vers�umte er diese Aufgabe, so w�rden sich
seine Kunden an andere, weniger korrekte Verk�ufer wenden oder, was noch
schlimmer sei, zu amateurhafter Selbsthilfe greifen. Und der Geheimdienst w�rde
an Schwindsucht eingehen. Nicht auf den Whitehall-M�rkten vertreten sein hie�
nicht gefragt sein, fuhr er fort. Schlimmer: wenn der Circus nichts
produzierte, w�rde er auch keine Waren f�r den Tauschhandel mit den Vettern
oder anderen Schwesterorganisationen in der Hand haben, mit denen von alters
her solche Gesch�fte get�tigt wurden. Wer nicht produzierte, konnte nicht
handeln, und wer nicht handeln konnte, war tot.</p><p>Amen,
sagten sie.</p><p>Seine
Theorie - er nannte sie seine <emphasis>Pr�misse </emphasis>- �ber die
Produktion von Geheimnachrichten ohne Nachrichtenquellen war Gegenstand einer
zwanglosen Zusammenkunft in der Rumpelkammer, keine zwei Monate nach seinem
Amtsantritt, zwischen ihm und dem winzigen inneren Kreis, der bis zu einem
gewissen Punkt sein Vertrauen geno�. Insgesamt waren sie f�nf: Smiley selbst,
Peter Guillam, sein Schildknappe; die dicke wallende Moskau-Tante Connie Sachs;
Fawn, das finsterblickende Faktotum in schwarzen Turnschuhen, das den
russischen Kupfersamowar betreute und Kekse ausgab; und schlie�lich Doc di
Salis, genannt der Tolle Jesuit, oberster China-Onkel des Circus. Als es Gott
gelungen war, Connie Sachs zu erschaffen, so sagten die L�sterzungen, habe er
eine Pause n�tig gehabt, also pfuschte er aus den Resten rasch Doc di Salis
zusammen. Der Doc war ein struppiges schmuddeliges M�nnchen, eher eine
Karikatur Connies als ihr Pendent, er wirkte tats�chlich von dem borstigen
Silberhaar, das ihm �ber den unsauberen Kragen hing, bis zu den feuchten
mi�gestalteten Fingerspitzen, die wie H�hnerschn�bel nach allem hackten, ganz
eindeutig verformt. H�tte Beardsley ihn gezeichnet, er h�tte ihn zottig und in
Ketten dargestellt, wie er hinter Connies gewaltigem Kaftan hervorlugte.
Trotzdem war di Sallis ein Orientalist von Graden, ein Gelehrter und sogar so
etwas wie ein Held, denn er hatte einen Teil des Krieges in China verbracht, wo
er f�r Gott und den Circus warb, und einen weiteren Teil im Gef�ngnis von
Tschangi, um den Japanern eine Freude zu machen. Das also war das Team: der
F�nfer-Club. Mit der Zeit vergr��erte er sich, aber diese ersten f�nf bildeten den
ber�hmten Kern, und einer von ihnen gewesen zu sein war, wie di Salis sagte,
�als h�tte man einen K.P.-Parteiausweis mit einer einstelligen
Mitgliedsnummer�. Zun�chst inspizierte Smiley das Wrack, und das nahm einige
Zeit in Anspruch, genau wie das Pl�ndern einer Stadt oder die Liquidierung
zahlreicher Personen einige Zeit in Anspruch nimmt. Er fuhr einfach durch jede
obskure Hintergasse, die dem Circus geh�rte, und machte schonungslos deutlich,
wie, durch welche Methode und oft auch genau wann Haydon ihre Geheimnisse
seinen sowjetischen Herren und Meistern offenbart hatte. Nat�rlich kam ihm
dabei sein Verh�r Haydons zustatten sowie die Recherchen, die ihn urspr�nglich
auf Haydons F�hrte gef�hrt hatten. Er kannte den Parcours. Dennoch war die
Zusammenfassung seiner Rede ein <emphasis>tour de force </emphasis>destruktiver
Analyse. �Also, keine Illusionen�, endete er b�ndig. �Diese Dienststelle wird
nie wieder das gleiche sein wie vordem. Sie kann besser werden, auf jeden Fall
aber wird sie anders.� Amen, sagten sie wiederum und nutzten die Pause, um
betr�bt die Beine zu strecken.</p><p>Es war
seltsam, erinnerte Guillam sich sp�ter, da� alle wichtigen Szenen dieser fr�hen
Monate sich bei Nacht abzuspielen schienen. Die Rumpelkammer war ein
langgestreckter Raum mit freiliegenden Dachbalken und hohen Fenstern, die
keine andere Aussicht b�ten als den orangefarbenen Nachthimmel und ein Gestr�pp
von rostigen Funkantennen, �berbleibsel aus dem Krieg, die zu entfernen sich
niemand veranla�t sah.</p><p>Die <emphasis>Pr�misse, </emphasis>sagte
Smiley, als sie sich wieder zusammengesetzt hatten, sei, da� Haydon nichts
gegen den Circus unternahm, wozu er nicht angewiesen wurde, und da� diese
Anweisung von einem ganz bestimmten Mann ausgegangen sei: von Karla. Seine
Pr�misse sei, da� Karla durch seine Anweisungen an Haydon die
Informationsl�cken der Moskauer Zentrale aufgezeigt habe: da� Karla, indem er
Haydon die Unterdr�ckung bestimmter, dem Circus zugedachter Geheiminformationen
befohlen, ihn angewiesen habe, dieses Material herunterzuspielen oder zu
entstellen, zu bagatellisieren oder glatt zu leugnen, verraten habe, welche
Geheimnisse er nicht entdeckt wissen wollte..</p><p>�Wir
k�nnen demnach zur R�ckpeilung schreiten, nicht wahr, <emphasis>Darling?� </emphasis>murmelte
die umfangreiche Connie Sachs, die dank ihrer schnellen Auffassungsgabe dem
�brigen Feld wie immer weit voraus war.</p><p>�Stimmt,
Con. Genau das k�nnen wir tun�, sagte Smiley ernst. �Wir k�nnen r�ckpeilen.� Er
nahm seinen Vortrag wieder auf, und Guillam tappte mehr denn je im dunkeln.
Wenn man Haydons zerst�rerische Schritte - seine Raubtierf�hrte, wie Smiley
sie nannte - bis ins Kleinste zur�ckverfolge, indem man seine Aktenauswahl
ersch�pfend registriere; wenn man, und wenn n�tig nach wochenlanger m�hsamer
Suche, das von den Au�enstellen des Circus im guten Glauben zusammengetragene
Material neu sichte und es in jedem Detail mit dem Material vergleiche, das
Haydon an die Kunden des Circus in Whitehall verteilte, so w�rde es m�glich
sein, die R�ckpeilung, wie Connie das so richtig nannte, vorzunehmen und
Haydons und damit auch Karlas Ausgangspunkt festzustellen, sagte Smiley. Sobald
eine korrekte R�ckpeilung gemacht sei, w�rden sich die �berraschendsten
M�glichkeiten er�ffnen und der Circus wider alle �u�ere Wahrscheinlichkeit in
der Lage sein, zur Initiative �berzugehen, oder, wie Smiley sich ausdr�ckte,
�zu agieren und nicht blo� zu reagieren�.</p><p>Die
Pr�misse besagte, um Connie Sachs' launige Beschreibung aufzugreifen, �nach
einem zweiten verdammten Tut-ench-Amun zu buddeln, w�hrend George Smiley die
Laterne h�lt und wir armen Hunde das Graben besorgen�.</p><p>Zu jener
Zeit war von Jerry Westerby nat�rlich nicht einmal andeutungsweise die Rede.</p><p>Anderntags
zogen sie in die Schlacht, Connie in die eine Ecke, der griesgr�mige di Salis
in die andere. Wie di Salis in n�selndem, mi�billigendem Tonfall, der grimmige
Entschlossenheit ausdr�ckte, sagte: �Wenigstens wissen wir endlich, warum wir
hier sind.� Ihr Anhang aus bl��lichen W�hlm�usen zerlegte das Archiv in zwei
Teile. An Connie und �meine Bolschies�, wie sie sagte, fielen Ru�land und die
Satellitenstaaten. An di Salis und seine �gelben Gefahren� China und die Dritte
Welt. Was dazwischenlag - zum Beispiel Quellenberichte �ber die theoretischen
Verb�ndeten der Nation - wurde einem besonderen Aufbewahrungs-Fach zu sp�terer
Auswertung anvertraut. Sie arbeiteten, wie Smiley selber, zu den unm�glichsten
Stunden. Die Kantine beklagte sich, die Portiers drohten mit dem Ausstand, aber
nach und nach wurden sogar die dienstbaren Geister von der Energie der
W�hlm�use angesteckt, und sie schwiegen. Spielerische Rivalit�t machte sich
breit. Unter Connies Einflu� lernte das junge Volk aus der Recherchenabteilung,
das man bislang kaum jemals hatte l�cheln sehen, sich pl�tzlich gegenseitig in
der Sprache ihrer gro�en Bekannten au�erhalb des Circus aufzuziehen.
Zaristisch imperialistische Opportunisten tranken mit aufspalterisch-abweichlerisch-stalinistischen
Chauvinisten schalen Kaffee und waren stolz darauf. Die erstaunlichste
Ver�nderung vollzog sich eindeutig mit di Salis, der sein n�chtliches M�hen
durch kurze, aber energische Zwischenspiele am Ping-Pong-Tisch unterbrach, wo
er jeden Hinzukommenden zu einem Match aufforderte und herumsprang wie ein
Schmetterlingssammler auf der Jagd nach einem seltenen Exemplar. Bald zeigten
sich die ersten Fr�chte und gaben ihnen neuen Schwung. Innerhalb eines Monats
waren drei Berichte bangen Herzens und unter �u�erst beschr�nktem Zugang
verteilt worden und hatten sogar vor den skeptischen Vettern Gnade gefunden.
Einen Monat sp�ter erntete eine zusammenfassende Brosch�re, umschweifig
betitelt <emphasis>Zwischenbericht �ber Informationsl�cken im sowjetischen
Geheimdienst betreffs See-Luft-Kapazit�t der Nato, </emphasis>widerwilligen
Beifall seitens Martellos Stammhaus in Langley, Virginia, und einen
begeisterten Anruf von Martello pers�nlich. �George, ich hab's den Burschen ja <emphasis>gesagt, </emphasis>schrie er
so laut, da� das Telefon der reine Luxus zu sein schien. �Ich hab's ihnen
gesagt: &gt;Der Circus wird liefern.&lt; Und haben sie mir geglaubt? Den Teufel
haben sie!�</p><p>Inzwischen
unternahm Smiley, manchmal in Begleitung Guillams, manchmal mit dem
schweigenden Fawn als Babysitter, seine eigenen dunklen Streifz�ge und
marschierte, bis er halbtot war vor M�digkeit. Der M�he Lohn blieb aus, aber er
marschierte weiter. Bei Tag und oft auch bei Nacht klapperte er die n�here und
fernere Umgebung ab, befragte ehemalige Angestellte des Circus und
abgehalfterte Agenten. Als er in Chiswick dem�tig in einer Agentur f�r
Discount-Reisen hockte und murmelnd mit einem ehemaligen polnischen
Kavallerieobersten sprach, der hier als Angestellter eingesetzt war, glaubte
er, einen fl�chtigen Schimmer erhascht zu haben; doch gleich einer Fata
Morgana schwand das Bild, als er sich ihm n�herte. In einem Gebrauchtladen f�r
Radios in Sevenoaks weckte ein Sudetentscheche die gleiche Hoffnung in ihm,
aber als er und Guillam zur�ckeilten, um die Geschichte anhand der
Circus-Unterlagen nachzupr�fen, stellte sich heraus, da� die Akteure tot waren
und ihm niemand mehr weiterhelfen konnte. In einem Privatgest�t in Newmarket
mu�te er sich, zu Fawns um ein Haar handgreiflichem Zorn, von einem
tweedbedeckten und eigenbildeten Schotten, einem Protege von Smileys Vorg�nger
Alleline, beleidigen lassen, alles in dieser gleichen ungreifbaren Sache. In
seinem B�ro lie� er sich die Akten bringen, und stellte fest, da� der schwache
Lichtschein wiederum erlosch.</p><p>Denn dies
war die letzte und unausgesprochene jener Pr�missen, die Smiley in der
Rumpelkammer umrissen hatte: da� die Schlinge, in der Haydon sich gefangen hatte,
nicht die einzige gewesen war. Da� es letzten Endes nicht Haydons schriftliches
Material war, das ihn zu Fall gebracht hatte, auch nicht seine Manipulation von
Berichten oder das �Verlieren� unliebsamer Aufzeichnungen. Es war Haydons Panik
gewesen. Haydons spontanes Eingreifen bei einem Auslandseinsatz, als die Gefahr
f�r ihn selber oder f�r einen anderen Agenten Karlas pl�tzlich so drohend
wurde, da� ihm nichts anderes �brigblieb als ihn, trotz des Risikos, mit allen
Mitteln abzuw�rgen. Smiley hoffte inst�ndig, da� diese Masche sich wieder
finden w�rde. Und so stellten Smiley und seine Helfer in der Meldestelle in
Bloomsbury nie direkt, immer auf Umwegen, die gleiche Frage: �K�nnen Sie sich
an irgendeine Gelegenheit w�hrend Ihres Au�endienstes erinnern, bei der Sie
ohne ersichtlichen Grund von der weiteren Verfolgung eines Operationsziels
abgehalten wurden?�</p></section><section><p>Ausgerechnet
der adrette Sam Collins im Smoking mit seiner braunen Zigarette und dem
gepflegten Schnurrbart und dem L�cheln eines Mississippi-Dandy, der eines
Abends zu einem gem�tlichen kleinen Schwatz geladen war, segelte herein und
sagte: �Wenn ich mir's recht �berlege, ja, alter Junge, das kann ich.�</p><p>Aber
hinter Smileys neuerlicher Frage und Sams entscheidender Antwort lauerte die
furchteinfl��ende Gestalt von Miss Connie Sachs auf der Pirsch nach russischem
Gold. Und hinter Connie wiederum, wie eh und je, die unscharfe Fotografie
Karlas.</p><p>�Connie <emphasis>hat einen
erwischt, Peter�, </emphasis>fl�sterte sie eines Nachts Guillam �ber das
Haustelefon zu. <emphasis>�Sie hat einen erwischt, klar wie Klo�br�he.�</emphasis></p><p>Es war
keineswegs ihr erster Fund, auch nicht ihr zehnter, aber ihr untr�glicher
Instinkt sagte ihr sofort, dies sei �der wahre Jakob, <emphasis>darling, </emphasis>glaub's
der alten Connie�. Also sagte Guillam es Smiley, und Smiley schlo� seine Akten
weg, r�umte den Schreibtisch ab und sagte: <emphasis>�All
right, </emphasis>rein mit ihr.�</p><p>Connie war
eine gewaltige, verkr�ppelte, gerissene Frau, Tochter eines
Universit�tsprofessors, Schwester eines Universit�tsprofessors, selber
Akademikerin und bei den �lteren Mitarbeitern bekannt als M�tterchen Ru�land.
Es ging die Sage, Control habe sie, als sie noch eine junge Dame war, beim
Bridgespiel angeworben, in der Nacht, in der Neville Chamberlain �Frieden,
solange wir leben� versprach. Als Haydon auf den Gleitspuren seines Protektors
Alleline zur Macht schlitterte, war einer seiner ersten und umsichtigsten
Schachz�ge, da� er Connie abhalfterte. Denn Connie wu�te mehr �ber die Wege und
Stege der Moskauer Zentrale als die meisten der, wie sie sie nannte,
erb�rmlichen Kerle, die sich dort abrackerten, und Karlas Privatarmee von
Maulw�rfen und Anwerbern war schon immer ihre ganz besondere Wonne gewesen. Es
gab in jenen alten Tagen keinen einzigen sowjetischen �berl�ufer, dessen
Vernehmungsprotokoll nicht durch M�tterchen Ru�lands gichtige Finger gegangen
w�re; keinen einzigen Provokateur, der sich an einen identifizierten
Talentsucher Karlas herangemacht hatte, den Connie nicht gierig bis in die
kleinste Kleinigkeit in seinem Tanz um das Opfer nachgespielt h�tte; kein
Quentchen H�rensagen in den nahezu vierzig Jahren beim Bau, das nicht ihrem
schmerzgequ�lten K�rper einverleibt wurde und dort unter dem Tr�del ihres
umfassenden Ged�chtnisses lagerte, um sofort wieder aufzutauchen, wenn sie
danach kramte. Connies Hirn, hatte Control einmal in einer Art Verzweiflung
gesagt, sei ein einziger riesiger Aktendeckel. Nach ihrer Entlassung ging sie
zur�ck nach Oxford und vor die Hunde. Bis Smiley sie wieder anforderte, bestand
ihr einziger Zeitvertreib darin, das Kreuzwortr�tsel der Times zu l�sen, und
sie brachte es gut und gerne auf ihre zwei Flaschen pro Tag. Aber in jener
Nacht, in jener fast k�nnte man sagen historischen Nacht, als sie ihre Massen
durch den Korridor des f�nften Stockwerks und in Smileys Allerheiligstes schob,
hatte sie sich in einen sauberen grauen Kaftan geworfen, ein Paar rosige
Lippen, nicht unfern ihren eigenen, aufgemalt, sich den ganzen Tag nichts
St�rkeres genehmigt als einen gr��lichen Pfefferminzlik�r, dessen Fahne sie
hinter sich herzog, und ihre Z�ge, darin waren sich sp�ter alle einig, trugen
den Stempel des gro�en Ereignisses. Sie schleppte eine volumin�se
Einkaufstasche aus Plastik, denn sie mochte kein Leder. In ihrer H�hle auf
einem unteren Stockwerk wimmerte der Bastardhund Trot, den sie in einer Anwandlung
von schlechtem Gewissen gegen�ber seinem verstorbenen Vorg�nger ins Haus
genommen hatte, untr�stlich unter ihrem Schreibtisch, zur h�chsten Erbitterung
des Zimmergenossen di Salis, der h�ufig insgeheim nach dem Tier ausschlug; oder
in jovialeren Augenblicken sich damit begn�gte, Connie die zahlreichen
schmackhaften Arten aufzuz�hlen, in denen die Chinesen ihre Hunde f�r die Tafel
zubereiteten. Vor den hohen edwardianischen Fenstern, an denen sie
vor�berschritt, prasselte nach langer Trockenheit endlich der Sp�tsommerregen,
und sie betrachtete ihn - wie sie sp�ter den anderen berichtete - als
symbolisch, wenn nicht gar biblisch. Die Tropfen knallten wie Sch�sse auf das
Schieferdach und klebten die welken Bl�tter fest, die sich dort angesammelt
hatten. Im Vorzimmer setzten die M�tter unbeirrt ihre Arbeit fort; sie waren an
Connies Pilgerfahrten gew�hnt, ohne ihnen deshalb Sympathie entgegenzubringen.
<emphasis>�Darlings�, </emphasis>murmelte Connie und winkte ihnen
mit der verschwollenen Hand zu wie eine K�nigin. �So treue Seelen. So reine
Seelen.�</p><p>In den
Thronsaal f�hrte eine Stufe nach abw�rts - Uneingeweihte stolperten trotz des
verblichenen Warnschilds meist hinunter -, und Connie mit ihrer Arthritis stieg
r�cklings ab wie �ber eine Leiter, w�hrend Guillam sie am Ellbogen festhielt.
Smiley hatte die fleischigen H�nde auf dem Schreibtisch gefaltet und sah ihr
zu, wie sie ihre Opfergaben feierlich aus dem Beh�lter nahm: nicht das Auge
eines Wassermolchs, nicht der Finger eines bei der Geburt erstickten S�uglings
- dies Guillams Ausspruch -, sondern Akten, eine ganze Reihe mit Aufklebern und
Anmerkungen versehen, die Ausbeute der j�ngsten ihrer leidenschaftlichen
Expeditionen durch das Archiv der Moskauer Zentrale, die bis vor ihrer R�ckkehr
aus dem Totenreich vor ein paar Monaten dank Haydon drei lange Jahre nur
herumgelegen und Staub angesammelt hatten. W�hrend sie sie herauszog und die
Zettel gl�ttete, die sie ihnen auf ihrer Schnitzeljagd wie Wegmarkierungen angesteckt
hatte, l�chelte sie ihr randvolles L�cheln - wiederum laut Guillam, den die
Neugier gezwungen hatte, Feierabend zu machen und her�berzukommen -, und sie
brabbelte �Aha, du kleiner Satan� und �Wo steckst du denn, du St�ck Malheur?�,
womit nat�rlich weder Smiley noch Guillam gemeint waren, sondern die Dokumente,
denn Connie gefiel sich darin, so zu tun, als w�re alles lebendig und zeigte
sich wenn irgend m�glich widerspenstig, ob es nun ihr Hund Trot war oder ein
Stuhl, der ihr im Weg stand oder die Moskauer Zentrale oder schlie�lich Karla
selbst. �Eine richtige Rundreise, <emphasis>darlings�, </emphasis>verk�ndete
sie, �hat Connie machen d�rfen. Superspa�. Erinnert mich an Ostern, als Mutter
rings ums Haus bunte Eier versteckte, und wir M�dels mu�ten sie suchen.�</p><p>Danach
bem�hte Guillam sich ungef�hr drei Stunden lang, nur unterbrochen von Kaffee,
Sandwiches und anderen unverlangten K�stlichkeiten, die der finstere Fawn ihnen
aufn�tigte, den verschlungenen Pfaden von Connies wunderbarer Reise zu folgen,
deren solide Unterlagen sie inzwischen erfolgreich zusammengesucht hatte. Sie
teilte Smiley Schriftst�cke zu, als w�ren es Spielkarten, klatschte sie hin und
scharrte sie mit den verkr�mmten H�nden schon wieder zusammen, fast ehe er sie
hatte lesen k�nnen. Die ganze Prozedur �bergo� sie mit ihrem, laut Guillam,
�f�nftrangigen Rotwelsch�, dem Abrakadabra der verfolgungswahnsinnigen
W�hlmaus. Im Kern ihrer Entdeckung lag, soweit Guillam ausmachen konnte, eine
Moskauer <emphasis>Goldader; </emphasis>eine sowjetische Manipulation, die
geheime Gelder in offene Kan�le leiten sollte. Das Lagebild sei noch nicht
vollst�ndig. Die Israelis hatten einen Teil geliefert, einen weiteren die
Vettern, Steve Mackelvore, Oberresident in Paris, jetzt tot, den dritten. Von
Paris aus wandte die Spur sich nach Osten, auf dem Weg �ber die Banque del Indochine.
In dieser Phase wurden zudem die Dokumente Haydons London Station, wie die
Einsatzzentrale hie�, angeboten, zusammen mit einer Empfehlung der entv�lkerten
Ru�land-Abteilung, da� der Fall f�r umfassende Recherchen vor Ort freigegeben
werde. London Station w�rgte den Vorschlag glatt ab.</p><p>�Potentiell
sch�dlich f�r eine hochempfindliche Quelle�, schrieb einer von Haydons
G�nstlingen, und damit hatte sich's. �Ablegen und vergessen�, murmelte Smiley,
w�hrend er zerstreut die Seiten umwandte. �Ablegen und vergessen. Wir haben
immer gute Gr�nde, nichts zu unternehmen.� Drau�en lag die Welt in tiefem
Schlaf.</p><p><emphasis>�Genau, </emphasis>mein
Lieber�, sagte Connie sehr leise, als f�rchtete sie, ihn zu wecken.</p><p>Jetzt
waren Akten und Hefter �ber den ganzen Thronsaal verstreut. Die Szenerie glich
weit eher einer Katastrophe als einem Triumph. Eine weitere Stunde hindurch
blickten Guillam und Connie schweigend ins Leere oder auf Karlas Fotografie,
w�hrend Smiley gewissenhaft Connies Schritte zur�ckverfolgte. Sein aufmerksames
Gesicht war dicht �ber die Leselampe gebeugt, die schwammigen Z�ge wurden vom
Lichtstrahl sch�rfer hervorgehoben, die H�nde fuhren �bers Papier und hoben
sich dann und wann zum Mund, damit er den Daumen ablecken konnte. Ein paarmal
machte er Miene, sie anzublicken oder den Mund zum Sprechen zu �ffnen, aber
Connie hatte die Antwort schon bereit, ehe er die Frage stellen konnte. Sie
ging im Geist st�ndig neben ihm her. Als er fertig war, lehnte er sich zur�ck,
nahm die Brille ab und putzte sie, ausnahmsweise nicht mit dem breiten Ende
seiner Krawatte, sondern mit einem neuen Seidentuch aus der Brusttasche seines
schwarzen Rocks, denn er hatte den Tag gr��tenteils in Klausur mit den Vettern
behufs Durchsetzung seiner Interessen verbracht. W�hrend er dies tat, strahlte
Connie Guillam an und knautschte affektiert: �Ist er nicht geliebt?� - ein
gefl�geltes Wort, wenn sie von ihrem obersten Chef sprach, das Guillam fast zur
Raserei trieb.</p><p>Smileys
n�chste Verlautbarung kam im Ton eines milden Einwands.</p><p>�Trotzdem,
Con, London hat <emphasis>wirklich </emphasis>ein formelles Ansuchen um
Aufkl�rung an unseren Residenten in Vientiane geschickt.�</p><p>�War, ehe
Bill Zeit gehabt hat, seinen Huf draufzusetzen�, erwiderte sie.</p><p>Smiley
schien sie nicht geh�rt zu haben, er nahm eine aufgeschlagene Akte und hielt
sie ihr �ber den Schreibtisch weg vor die Nase: �Und Vientiane hat <emphasis>wirklich </emphasis>ausf�hrlich
geantwortet. Alles im Index vermerkt. Das Schreiben scheint aber nicht dabei zu
sein. Wo ist es?�</p><p>Connie
hatte sich nicht die M�he gemacht, die dargebotene Akte entgegenzunehmen.</p><p>�In der
H�ckselmaschine, <emphasis>darling�, </emphasis>sagte sie und strahlte Guillam triumphierend
an.</p><p>Der Tag
war angebrochen. Guillam ging �berall herum und knipste die Lampen aus.</p><p>Am
gleichen Nachmittag suchte Guillam den ruhigen Spielclub im West End auf, wo
Sam Collins in der ewigen Nacht seines freiwilligen Exils die Leiden des
Ruhestands geno�. Zu seiner �berraschung wurde Guillam, der ihn bei der
Beaufsichtigung des �blichen nachmitt�glichen chemm-de-fer-Spielchens
vermutete, in ein pr�chtiges Gemach mit der Aufschrift �Gesch�ftsleitung�
gef�hrt. Sam ruhte hinter einem imposanten Schreibtisch und grinste wohlig
durch den Rauch seiner �blichen braunen Zigarette.</p><p>�Was zum
Teufel haben Sie angestellt, Sam?� fl�sterte Guillam wie ein B�hnenschurke und
tat, als blickte er sich nerv�s um. �Die Mafia �bernommen? Herrjeh!�</p><p>�Ach, das
war nicht n�tig�, sagte Sam mit dem gleichen Schmierengrinsen. Er warf einen
Regenmantel �ber den Smoking, f�hrte Guillam durch einen Korridor und den
Notausgang auf die Stra�e, und sie sprangen in Guillams wartendes Taxi, w�hrend
Guillam sich insgeheim noch immer �ber Sams nagelneue Vornehmheit wunderte.</p><p>Au�enleute
haben verschiedene Arten, ihre Gef�hle nicht zu zeigen. Sam zum Beispiel tat es,
indem er grinste, langsamer rauchte und einen dunklen Glanz besonderer
Nachsicht in die Augen bekam, die er fest auf seinen Gespr�chspartner richtete.
Sam war Asienmann gewesen, ein alter Circus-Hase mit einer Menge Erfahrung im
Au�endienst: f�nf Jahre in Borneo, sechs in Birma, weitere f�nf im n�rdlichen
Thailand und zuletzt drei in der laotischen Hauptstadt Vientiane, alles unter
der naheliegenden Legende als Export-Import-Kaufmann. Die Thais hatten ihn
zweimal im Schwitzkasten gehabt, aber wieder laufen lassen. Er hatte Hals �ber
Kopf aus Sarawak abzischen m�ssen. Wenn er in Stimmung war, konnte er allerhand
�ber seine Abenteuer bei den Bergst�mmen Nordbirmas und in den Shan-Staaten
erz�hlen, aber er war nur selten in Stimmung. Sam war auch eines der Haydon-Opfer.
Vor nunmehr f�nf Jahren hatte Sams m�helose Meisterschaft ihn einen Augenblick
lang zum ernsthaften Kandidaten f�r eine Bef�rderung in die f�nfte Etage
gemacht - ja, so hie� es, sogar f�r den Chefposten selbst, wenn Haydon sich
nicht mit seinem ganzen Gewicht hinter den l�cherlichen Percy Alleline gestellt
h�tte. Anstatt in Amt und W�rden grau zu werden, konnte Sam nun im Au�endienst
verschimmeln, bis Haydon eine Gelegenheit fand, ihn zur�ckzupfeifen und wegen
angeblich schuldhaften Fehlverhaltens an die Luft setzen zu lassen. �Sam! Wie
nett von Ihnen! Bitte Platz zu nehmen!� sagte Smiley in ausnahmsweise
�berstr�mender Gastlichkeit. �Etwas zu trinken? Wie sp�t ist es nach Ihrer
Zeitrechnung? Vielleicht sollten wir Ihnen ein Fr�hst�ck anbieten?�</p><p>In
Cambridge hatte Sam mit Auszeichnung abgeschlossen, zum ratlosen Erstaunen
seiner Lehrer, die ihn bis dato als Halbidioten eingestuft hatten. Er hatte es,
wie die Herren Professoren einander tr�stend versicherten, ausschlie�lich dank
seinem ph�nomenalen Ged�chtnis geschafft. Weniger weltfremde Zungen erz�hlten
allerdings eine andere Geschichte. Nach ihrer Version habe Sam eine Liebschaft
mit einem h��lichen M�dchen aus dem B�ro der Pr�fungskommission auf sich
genommen und von seiner Herzdame, neben anderen Gunstbeweisen, ein
Vorausexemplar der Examensthemen erhalten.</p><p><strong/></p><p><strong><emphasis>Das </emphasis></strong><emphasis>Schlo� erwacht </emphasis></p><empty-line/><p>Smiley
tastete zun�chst einmal bei Sam das Gel�nde ab und Sam, selbst ein alter
Pokerspieler, tastete das Gel�nde bei Smiley ab. Manche Au�enagenten, und
besonders die kl�gsten, setzen einen perversen Ehrgeiz darein, nicht das ganze
Bild zu kennen. Ihre Kunst besteht in der geschickten Handhabung der Details.
Sie weigern sich hartn�ckig, weiterzugehen. Sam war so veranlagt. Nachdem
Smiley ein bi�chen in Sams Dossier gest�bert hatte, testete er ihn anhand
verschiedener alter Vorf�lle, die nichts Bedrohliches an sich hatten, aber auf
Sams gegenw�rtige Disposition schlie�en lie�en und sein pr�zises
Erinnerungsverm�gen best�tigten. Er empfing Sam allein, denn in Anwesenheit
weiterer Personen w�re es ein anderes Spiel gewesen: intensiver oder weniger
intensiv, auf jeden Fall anders. Sp�ter, als die Geschichte klar ans Licht
gekommen war und nur noch Nachsto�fragen zu stellen waren, lie� er allerdings
Connie und Doc di Salis aus den Niederungen heraufholen und auch Guillam
dabeisitzen. Aber das war sp�ter, und f�rs erste testete Smiley Sams Ged�chtnis
allein, wobei er ihm verschwieg, da� alle einschl�gigen Unterlagen vernichtet
waren und da� Sam nun, nach Mackelvores Tod, der einzige Zeuge gewisser
entscheidender Vorkommnisse war. �Also, Sam, erinnern Sie sich noch�, fragte
Smiley, als ihm endlich der rechte Augenblick gekommen schien, �an eine Anfrage
aus London, die Sie einmal in Vientiane erreichte betreffs gewisser
Geld�berweisungen aus Paris? Es m��te ein ganz normales Ansuchen um &gt;anonyme
Nachforschungen gewesen sein, &gt;bitten um Best�tigung oder Fehlanzeige&lt; -
so in dieser Art? F�llt Ihnen da zuf�llig etwas ein?�</p><p>Er hatte
ein ganzes Blatt voll Notizen vor sich liegen, so da� diese Frage nur eine von
vielen in einer langsamen Abfolge war. Er schrieb sich sogar w�hrend des
Sprechens etwas mit Bleistift auf und sah Sam �berhaupt nicht an. Aber so, wie
man mit geschlossenen Augen besser h�rt, f�hlte er, da� Sams Aufmerksamkeit
sich steigerte: was hei�en will, da� Sam die Beine ein wenig streckte und
kreuzte und seine Bewegungen fast bis zum Stillstand verlangsamte.</p><p>�Monatliche
�berweisungen an die Banque del Indochine�, sagte Sam nach angemessener Pause.
�Saftige. Stammten aus einem kanadischen �berseekonto bei der Pariser Filiale.�
Er nannte die Kontonummer. �Zahlungen am letzten Freitag eines jeden Monats.
Fing an im Januar dreiundsiebzig oder so. Klar f�llt mir da etwas ein.�</p><p>Smiley
entdeckte sofort, da� Sam sich auf ein langes Spiel einrichtete. Sein
Ged�chtnis war klar, aber seine Information mager: mehr ein Erstangebot als
eine unumwundene Antwort. Smiley, noch immer �ber seine Papiere gebeugt, sagte:
�Wir sollten das vielleicht ein bi�chen genauer durchgehen, Sam. Einiges in den
Akten ist hier widerspr�chlich, und ich m�chte gern Ihre Version klarstellen.�</p><p>�Klar�,
sagte Sam wiederum und zog gelassen an seiner braunen Zigarette. Er beobachtete
Smileys H�nde und gelegentlich mit forcierter Unabsichtlichkeit auch seine
Augen - aber nie zu lange. W�hrend Smiley seinerseits sich ausschlie�lich
bem�hte, Ohr und Geist f�r die verschlungenen Lebenspfade eines Au�enagenten
offenzuhalten. Es war leicht m�glich, da� Sam irgend etwas ganz Unwichtiges
verbergen wollte. Er hatte zum Beispiel ein bi�chen an seinen Ausgaben gedreht
und f�rchtete, aufgekommen zu sein. Er hatte seinen Bericht erfunden, anstatt
hinauszugehen und Hals und Kragen zu riskieren: Sam war schlie�lich in einem
Alter, in dem ein Au�enagent zuerst seine eigene Haut rettet. Oder es war genau
umgekehrt: Sam hatte seine Nachforschungen ein wenig weiter ausgedehnt als die
Hauptstelle genehmigte. Unter Druck war er lieber zu den Hausierern gegangen,
als Fehlanzeige einzureichen. Er hatte ein wenig mit den Vettern am Ort
gemauschelt. Oder die �rtlichen Sicherheitskr�fte, die Engel, wie sie im
Sarratt-Jargon hie�en, hatten ihm die Daumenschrauben angelegt, und er hatte
die Geschichte nach beiden Seiten ausgespielt, um zu �berleben und zu l�cheln und
seine Pension vom Circus zu behalten. Smiley wu�te, wenn er Sams Bewegungen
richtig deuten wollte, so mu�te er diesen und zahlreichen anderen M�glichkeiten
wache Aufmerksamkeit schenken. Ein Schreibtisch ist ein gef�hrlicher Ausguck.</p><p>Also
gingen sie es durch, wie Smiley vorgeschlagen hatte. Londons Ansuchen um
Nachforschungen vor Ort, sagte Sam, erreichte ihn in der normalen Form, ganz
wie Smiley es beschrieb. Es wurde ihm vom alten Mac vorgelegt, der bis zu
seiner Versetzung nach Paris Verbindungsmann des Circus in der Botschaft von
Vientiane war. Eine Abendsitzung in ihrem sicheren Haus. Eine Routinesache,
obwohl der Zusammenhang mit den Russen sofort augenf�llig war, und Sam
erinnerte sich sogar, da� er schon damals zu Mac gesagt habe: �London mu� glauben,
es handle sich um Geld aus dem Reptilienfonds der Moskauer Zentrale�, denn er
hatte die Tarnbezeichnung der Sowjetabteilung des Circus bei der Absenderangabe
des Telegramms ersp�ht. (Smiley notierte, da� Mac keine Veranlassung hatte,
Sam das Telegramm zu zeigen.) Sam erinnerte sich auch an Macs Antwort auf seine
Bemerkung: �Sie h�tten die alte Connie Sachs nie und nimmer abs�gen d�rfen�,
hatte er gesagt. Sam stimmte ihm aus vollem Herzen zu. Zuf�llig, sagte Sam, sei
das Ansuchen unschwer zu erf�llen gewesen. Sam hatte bereits einen Kontakt in
der <emphasis>Indochine, </emphasis>einen guten, nennen wir ihn
Johnny. �Aktenkundig, Sam?� fragte Smiley h�flich. Sam vermied es, die Frage
direkt zu beantworten, und Smiley respektierte seine Hemmung. Der Au�enagent,
der alle seine Kontakte bei seiner Dienststelle aktenkundig macht oder sie auch
nur auf Sicherheit �berpr�ft, ist noch nicht geboren. So wie Zauberk�nstler
ihre Geheimnisse h�ten, so sind Au�enagenten, wenn auch aus anderen Gr�nden,
von Haus aus verschwiegen, was ihre Quellen betrifft.</p><p>Johnny sei
zuverl�ssig, sagte Sam mit W�rme. Er habe bei verschiedenen Waffen- und
Rauschgiftgesch�ften ausgezeichnete Arbeit geleistet und �berhaupt, Sam w�rde
f�r ihn die Hand ins Feuer legen.</p><p>�Ach, mit
solchen Sachen besch�ftigten Sie sich auch, Sam?� fragte Smiley respektvoll.</p><p>Sam hatte
also f�r das dortige Rauschgiftdezernat Schwarzarbeit geleistet, notierte sich
Smiley. Das taten viele Au�enagenten, einige sogar mit Wissen ihrer
Dienststelle: f�r sie war das, als verkauften sie Abfallprodukte. Es war ein
Nebenverdienst. Folglich nichts Weltbewegendes, aber Smiley speicherte die
Information dennoch.</p><p>�Johnny
war okay�, wiederholte Sam mit drohendem Unterton. �Davon bin ich �berzeugt�,
sagte Smiley unbeirrt h�flich. Sam fuhr in seiner Erz�hlung fort. Er hatte
Johnny in der <emphasis>Indochine </emphasis>aufgesucht und ihm ein Tarnm�rchen
aufgebunden, um ihn zu beruhigen, und ein paar Tage sp�ter hatte Johnny, der
nur ein bescheidener Schalterbeamter war, die B�cher durchgesehen und die
Belegzettel ausgegraben, und Sam hatte den ersten Anhaltspunkt in der Hand. Die
Routine sei folgenderma�en abgelaufen, sagte Sam:</p><p>�Am
letzten Freitag eines jeden Monats traf aus Paris eine telegrafische
Geldanweisung zugunsten eines Monsieur Delassus ein, wohnhaft zur Zeit im Hotel
Condor, Vientiane, zahlbar gegen Vorlage des Reisepasses. Folgte die Nummer�.
Wiederum sagte Sam m�helos die Zahlen her. �Die Bank lie� das Aviso
hinausgehen, Delassus stellte sich am Montag fr�hstm�glich ein, hob das Geld in
bar ab, stopfte es in eine Aktentasche und marschierte damit hinaus. Ende des
Fahnenmastes�, sagte Sam. �Wieviel?�</p><p>�Fing
klein an und wuchs rasch. Wuchs immer weiter, wuchs dann kr�ftiger.�</p><p>�Bis
wohin?�</p><p>�F�nfundzwanzigtausend
US in gro�en Lappen�, sagte Sam prompt.</p><p>Smileys
Brauen hoben sich leicht. �Im Monat?� sagte er mit komischem Erstaunen.</p><p>�Der gro�e
Tisch�, pflichtete Sam ihm bei und verfiel in gem�tliches Schweigen. Gescheite
Leute, deren Gehirn unterbeansprucht ist, haben eine besondere Spannung in
sich, und manchmal k�nnen sie deren Ausstrahlungen einfach nicht unter
Kontrolle halten. Insofern sind sie, im Scheinwerferlicht, weit mehr gef�hrdet
als ihre d�mmeren Kollegen. �Sie bringen mich mit der Akte zur Deckung, alter
Junge?� fragte Sam. �Ich bringe Sie mit gar nichts zur Deckung, Sam. Sie wissen
doch, wie es ist in einer solchen Lage. Man klammert sich an jeden Strohhalm,
horcht auf jeden Wind.�</p><p>�Klar�,
sagte Sam mitf�hlend, und nachdem sie weitere vertrauensvolle Blicke getauscht
hatten, fuhr er mit seiner Erz�hlung fort.</p><p>Sam
erkundigte sich also im Hotel Condor sagte er. Der Portier war eine feste
Informationsquelle, jedem zug�nglich. Kein Delassus hier abgestiegen, aber der
Mann am Empfang gestern vergn�gt, da� er eine Kleinigkeit daf�r bekommen habe,
diesem Herrn eine Gelegenheitsadresse zu verschaffen. Gleich am n�chsten Montag
- es war zuf�llig der Montag nach dem letzten Freitag des Monats, sagte Sam -
trieb Sam sich mit Hilfe seines Kontakts Johnny pflichtschuldigst in der Bank
herum, �kassierte Reiseschecks und so weiter�, und geno� eine gro�artige
Aussicht auf obengenannten Monsieur Delassus, der hereinstapfte, seinen franz�sischen
Pa� vorzeigte, das Geld in eine Aktenmappe stopfte und den R�ckmarsch zu einem
wartenden Taxi antrat.</p><p>Taxis,
erkl�rte Sam, seien in Vientiane seltene Tiere. Wer �berhaupt jemand war, hatte
Wagen und Chauffeur, also durfte angenommen werden, da� Delassus keinen Wert
darauf legte, jemand zu sein.</p><p>�So weit,
so gut�, schlo� Sam und sah interessiert zu, wie Smiley schrieb.</p><p>�So weit,
so <emphasis>sehr </emphasis>gut�, verbesserte Smiley. Wie sein
Vorg�nger Control benutzte Smiley niemals Schreibblocks: nur einzelne Bl�tter,
eines nach dem anderen, und als Unterlage eine Glasplatte, die Fawn zweimal am
Tag polierte. �Haut's hin mit der Akte oder liege ich daneben?� fragte Sam.
�Ich w�rde sagen, Sie liegen richtig, Sam�, sagte Smiley. �Die <emphasis>Details </emphasis>sind mir
besonders wichtig. Sie wissen, wie das mit Akten ist.�</p><p>Am
gleichen Abend, sagte Sam, nochmals mit seinem Verbindungsmann Mac im Dunkeln
gemunkelt. Er warf einen langen k�hlen Blick auf das Verbrecheralbum der dort
ans�ssigen Russen und konnte die uneinnehmenden Z�ge eines Zweiten Sekret�rs
(Handel) an der Sowjetischen Botschaft in Vientiane identifizieren,
Mittf�nfziger, milit�risches Aussehen, keine Vorstrafen, vollst�ndiger Name
bekannt, aber unaussprechbar und daher in Diplomatenkreisen nur �Handels-Boris�
genannt. Aber Sam hatte selbstverst�ndlich die unaussprechbaren Namen im Kopf
parat und buchstabierte sie Smiley langsam genug vor, da� er sie in
Blockbuchstaben aufschreiben konnte. �Mitgekriegt?� erkundigte er sich
hilfsbereit. �Ja, vielen Dank.�</p><p>�Irgendwer
hat die Kartei im Autobus liegenlassen, wie, alter Junge?� fragte Sam.</p><p>�Stimmt�,
best�tigte Smiley lachend.</p><p>Als der
kritische Montag nach Ablauf eines Monats wieder kam, sagte Sam weiter,
beschlo� er, behutsam vorzugehen. Anstatt also selbst hinter Handels-Boris
herzuschleichen, blieb er zu Hause und setzte ein Paar am Ort stationierte Sp�rhunde
an, die auf Beschattung spezialisiert waren.</p><p>�Blo�
observieren�, sagte Sam. �Keine B�ume sch�tteln, keine Nebenarbeiten, kein gar
nichts. Lao-Jungs.�</p><p>�Unsere?�</p><p>�Drei
Jahre beim Bau�, sagte Sam. �Und <emphasis>gut�, </emphasis>f�gte der
Au�enagent in ihm hinzu, f�r den alle seine G�nse Schw�ne sind. Besagte
Sp�rhunde beobachteten die Aktenmappe bei ihrer n�chsten Fahrt. Das Taxi, ein
anderes als im letzten Monat, fuhr Boris eine Weile durch die Stadt und setzte
ihn nach einer halben Stunde wieder in der N�he des Hauptplatzes ab, nicht weit
von der <emphasis>Indochine </emphasis>entfernt. Handels-Boris ging ein
kleines St�ck zu Fu�, flitzte in eine andere Bank, eine Lokalbank, und zahlte
die ganze Summe auf den Tisch des Hauses zugunsten eines anderen Kontos wieder
ein.</p><p>�Aus dein
treuer Vater�, sagte Sam, z�ndete sich eine neue Zigarette an und tat nichts,
um sein belustigtes Staunen dar�ber zu verbergen, da� Smiley einen so umfassend
dokumentierten Fall Wort f�r Wort wiederk�ute.</p><p>�Ja, aus
dein treuer Vater�, murmelte Smiley und schrieb mit Volldampf.</p><p>Danach,
sagte Sam, verhielt er sich ein paar Wochen still, bis der Staub sich gelegt
hatte, dann setzte er seine Assistentin f�r den Entscheidungsschlag ein.
�Name?�</p><p>Sam nannte
ihn. Eine bew�hrte Mitarbeiterin des Circus, in Sarrat ausgebildet, ebenfalls
unter kaufm�nnischer Tarnung. Diese bew�hrte Mitarbeiterin wartete in der
Lokalbank vor Boris, lie� ihn seine Einzahlungsformulare ausf�llen und machte
dann eine kleine Szene.</p><p>�Wie hat
sie das gemacht, Sam?� wollte Smiley wissen. �Verlangte, zuerst abgefertigt zu
werden�, sagte Sam feixend. �Bruder Boris, dieser chauvinistische Schweinehund,
erachtete sich f�r gleichberechtigt und protestierte. Ein Wort gab das andere.�</p><p>Der
Einzahlungsschein lag auf dem Tresen, sagte Sam, und w�hrend die bew�hrte
Mitarbeiterin ihre Schau abzog, las sie ihn verkehrtherum:
f�nfundzwanzigtausend amerikanische Dollar zugunsten des �berseekontos einer
Schmalspur-Luftfahrtgesellschaft namens Indocharter S.A.: �Betriebskapital:
eine Handvoll klapprige DC 3s, eine Blechh�tte, ein Stapel Luxus-Briefpapier,
eine t�richte Blondine f�r das Besucherb�ro und einen tollk�hnen mexikanischen
Piloten, in der Stadt bekannt als Tiny Ricardo, wegen seiner beachtlichen
Gr��e�, sagte Sam. Er erg�nzte noch: �Und die �bliche anonyme Horde
bienenflei�iger Chinesen im Hintergrund, versteht sich.�</p><p>Smileys
Ohren waren in diesem Moment so gesch�rft, da� er ein Blatt h�tte vom Baum
fallen h�ren: was er aber h�rte, waren, bildlich gesprochen, niedergehende
Schranken, und er wu�te sofort - er erkannte es an der angespannteren Stimme,
an den winzigen Ver�nderungen in Gesicht und Haltung, die eine �bertriebene
Bagatellisierung ausdr�ckten, da� er ins Zentrum von Sams Verteidigungsstellung
vorgesto�en war. Also legte er an dieser , ,Stelle im Geist ein Lesezeichen ein
und beschlo�, noch ein wenig bei der Schmalspur-Luftfahrtgesellschaft zu
verweilen:</p><p>�Ah�,
sagte er leichthin, �Sie wollen sagen, da� Sie die Firma bereits kannten?�</p><p>Sam
spielte eine niedrige Karte aus. �Vientiane ist nicht ganz Ihre gewaltige
Metropole, alter Junge.�</p><p>�Aber Sie
kannten sie? Das ist wichtig.�</p><p>�Jedermann
in der Stadt kannte Tiny Ricardo�, sagte Sam und grinste breiter denn je, und Smiley
wu�te sofort, da� Sam ihm Sand in die Augen streute. Aber er drillte Sam
unverdrossen weiter.</p><p>�Erz�hlen
Sie mir von Ricardo�, schlug er vor.</p><p>�Einer der
Ex-Clowns von Air America. Vientiane wimmelte von ihnen. Trugen den heimlichen
Krieg in Laos aus.�</p><p>�Und verloren
ihn�, sagte Smiley, der jetzt wieder schrieb.</p><p>�M�helos�,
pflichtete Sam ihm bei und sah zu, wie Smiley ein Blatt beiseitelegte und ein
neues aus der Schublade nahm.</p><p>�Ricardo
geh�rte zur Ortslegende. Flog mit Captain Rocky und dieser Bande. Hat angeblich
f�r die Vettern ein paar Spritztouren in die Provinz Y�nnan geflogen. Nach
Kriegsende ist er ein bi�chen rumgekreuzt und hat sich dann mit den Chinesen eingelassen.
Wir nannten diese Sorte Air Opium. Um die Zeit, als Bill mich zur�ckpfiff, hat
ihr Weizen in voller Pracht gebl�ht.� Smiley lie� Sam noch immer weitermachen.
Solange Sam glaubte, er locke Smiley von der Witterung weg, w�rde er ihm L�cher
in den Bauch reden; sobald er jedoch glaubte, Smiley komme der Sache zu nah,
w�rde er augenblicklich den Rolladen herunterlassen.</p><p>�Sehr
sch�n�, sagte Smiley daher, nachdem er wiederum sorgf�ltig Notizen gemacht
hatte. �Jetzt wollen wir zur�ckgehen zu Sams n�chstem Schritt, ja? Wir haben
das Geld, wir wissen, an wen es bezahlt wird, wir wissen, wer es besorgt. Was
ist Ihr n�chster Schritt, Sam?�</p><p>Also, wenn
Sam sich recht erinnere, �berlegte er ein paar Tage. Es waren da einige
�berstehende <emphasis>Kanten, </emphasis>erkl�rte Sam, der wieder
Zuversicht gefa�t hatte: Kleinigkeiten, die auffielen. Erstens der seltsame
Fall des Handels-Boris, wie man sagen k�nnte. Boris galt, wie Sam bereits
angedeutet hatte, als Diplomat mit wei�er Weste, falls es das �berhaupt gab:
keine bekannte Verbindung mit irgendeiner anderen Firma. Trotzdem kutschierte
er allein herum, hatte alleinige Zeichnungsvollmacht f�r einen Haufen Geld, und
nach Sams beschr�nkter Erfahrung schrie jeder dieser beiden Umst�nde f�r sich
allein schon lauthals <emphasis>Spion. </emphasis>�Nicht
blo� ein Spion, ein verdammt hohes Tier, alter Stabsoffizier, irgendwas vom
Oberst aufw�rts, stimmt's?�</p><p>�Was sonst
noch f�r <emphasis>Kanten, </emphasis>Sam?� fragte Smiley, der Sam
weiterhin am langen Z�gel laufen lie� und noch immer keine Anstrengungen
unternahm in Richtung auf das, was Sam als das Herz der Dinge betrachtete.</p><p>�Das Geld
war nicht regul�r�, sagte Sam. �Es war au�er der Reihe. Mac sagte das. Ich
sagte das. Wir alle sagten das.� Smileys Kopf hob sich sogar noch langsamer als
bisher. �Warum?� fragte er und blickte Sam direkt in die Augen. �Die offizielle
Sowjet-Residentur in Vientiane hielt drei Bankkonten, �ber die Stadt verteilt.
Die Vettern hatten alle drei angezapft. Schon seit Jahren. Sie wu�ten �ber
jeden Cent Bescheid, den die Residentur abhob und sogar, je nach der
Kontpnummer, ob es f�r beigebrachtes Nachrichtenmaterial oder subversive
Aktivit�ten war. Die Sowjet-Residentur hatte ihre eigenen Geldboten und f�r
jede Abhebung �ber tausend Eier waren drei Unterschriften n�tig. Herrgott,
George, das steht doch alles in den Akten!�</p><p>�Sam, ich
m�chte, da� Sie sich vorstellen, diese Akte existierte nicht�, sagte Smiley
ernst und schrieb noch immer. �Zur rechten Zeit sollen Sie alles erfahren. Bis
dahin m�ssen Sie Geduld mit uns haben.�</p><p>�Ganz wie
Sie w�nschen�, sagte Sam und atmete bedeutend leichter, wie Smiley feststellte:
er schien sich jetzt auf festerem Boden zu f�hlen.</p><p>An dieser
Stelle machte Smiley den Vorschlag, sie sollten Connie heraufkommen und zuh�ren
lassen und vielleicht auch Doc di Salis, denn schlie�lich war S�dostasien Docs
Revier. Aus taktischen Gr�nden war er durchaus willens, sich mit Sams kleinem
Geheimnis Zeit zu lassen; und strategisch war der Inhalt von Sams Geschichte
bereits von brennendem Interesse. Also wurde �Guillam ausgeschickt, die beiden
anzuschleppen, w�hrend Smiley eine Pause einlegte und Sam und er ein wenig die
Beine ausstreckten. �Wie geht's Gesch�ft?� fragte Sam h�flich. �Ein <emphasis>bi�chen </emphasis>schleppend�,
gab Smiley zu. �Vermissen Sie es?�</p><p>�Das ist
Karla, wie?� fragte Sam und studierte das Foto. Smileys Tonfall wurde sofort
steif und ausweichend. �Wer? Ah ja, ja, gewi�. Leider nicht sehr �hnlich, aber
das Beste, das wir haben.�</p><p>Sie h�tten
ein fr�hes Aquarell bewundern k�nnen.</p><p>�Sie haben
irgend etwas pers�nlich gegen ihn, wie?� sagte Sam gr�belnd.</p><p>In diesem
Moment kamen Connie, di Salis und Guillam im G�nsemarsch herein, Guillam an der
Spitze, und der kleine Fawn hielt g�nzlich �berfl�ssigerweise die T�r auf.</p><p>Das R�tsel
wurde vor�bergehend ausgespart und die Sitzung glich einem Kriegsrat: die Jagd
war er�ffnet. Zuerst rekapitulierte Smiley, was Sam berichtet hatte, wobei er <emphasis>en passant
</emphasis>einflocht, sie h�tten sich <emphasis>vorgestellt, </emphasis>es
existierten keine Akten - eine verschleierte Warnung an die Neuank�mmlinge.
Dann nahm Sam seinen Bericht dort auf, wo er stehengeblieben war: bei den <emphasis>Kanten, </emphasis>den
auff�lligen Kleinigkeiten; obwohl es, wie er betonte, wirklich nicht mehr viel
zu sagen gab. Die F�hrte f�hrte bis zu Indocharter, Vientiane S. A. und brach
dort ab.</p><p>�Indocharter
war eine chinesische �berseegesellschaft�, sagte Sam mit einem fl�chtigen Blick
auf di Salis. �Vorwiegend swatonesisch.�</p><p>Bei dem
Wort �swatonesisch� stie� di Salis einen Laut aus, halb Lachen, halb Klage:
�Oh, die sind die <strong>All</strong>erschlimmsten�,
erkl�rte er: sollte hei�en, am schwierigsten zu knacken. �Es war eine
chinesische �berseefirma�, wiederholte Sam f�r die �brige Gesellschaft, �und
die Klapsm�hlen von S�dostasien sind randvoll mit ehrlichen Au�enagenten, die
versucht haben, den weiteren Lebenslauf hei�er Gelder aufzudr�seln, nachdem sie
einmal im Rachen der �bersee-Chinesen gelandet waren.� Ganz besonders, f�gte er
hinzu, im Rachen der Swatonesen oder der Chiu Chow, die ein Volk f�r sich seien
und das Reis-Monopol in Thailand, Laos und noch verschiedenen anderen Orten
innehatten. F�r diese Sippschaft, sagte Sam, sei Indocharter, Vientiane S. A.
klassisch gewesen. Seine Tarnung als Kaufmann hatte ihm anscheinend erlaubt,
der Sache weiter nachzugehen. �Erstens war die <emphasis>societe
anonyme </emphasis>in Paris eingetragen�, sagte er. �Zweitens geh�rte die <emphasis>societe </emphasis>nach
zuverl�ssiger Information einer ebenso diskreten wie vielseitigen schanghainesischen
�bersee-Handelsgesellschaft mit Sitz in Manila, die ihrerseits im Besitz einer
Chiu-Chow-Gesellschaft, eingetragen in Bangkok, war, welche hinwiederum ihre
Gewinne an ein total undurchsichtiges Unternehmen in Hongkong abf�hrte, das
sich China Airsea nannte und an der dortigen Aktienb�rse notiert war; ihm
geh�rte alles m�gliche, von ganzen Dschunken-Flotten �ber Zementfabriken und
Rennpferden bis zu Restaurants. Nach Hongkonger Ma�st�ben war China Airsea ein
hochseri�ses Handelshaus, alteingesessen und sehr angesehen�, sagte Sam, �und
die einzige Verbindung zwischen Indocharter und China Airsea bestand vermutlich
darin, da� irgend jemandes f�nft�ltester Bruder eine Tante hatte, die mit einem
der Aktion�re zur Schule gegangen war und ihm eine Gef�lligkeit schuldete.�</p><p>di Salis
nickte fl�chtig Zustimmung, verschr�nkte die ungeschickten H�nde, schlang sie
m�hsam �ber ein angewinkeltes Knie, und zog es bis zum Kinn hoch.</p><p>Smiley
hatte die Augen geschlossen und schien entschlummert zu sein. Aber in
Wirklichkeit h�rte er genau, was er zu h�ren erwartet hatte: als die Rede auf
das Personal der Firma Indocharter kam, umging Sam Collins leichtf��ig eine
bestimmte Person. �Aber ich glaube, Sie erw�hnten auch zwei Nicht-Chinesen in
der Firma, Sam�, erinnerte Smiley ihn. �Eine t�richte Blondine, sagten Sie, und
ein Pilot: Ricardo.� Sam wischte den Einwand l�ssig vom Tisch.</p><p>�Ricardo
war verr�ckt wie ein M�rzhase� sagte er. �Die Chinesen h�tten ihm nicht einmal
die Portokasse anvertraut. Die wirkliche Arbeit wurde im Hinterzimmer erledigt.
Wenn Bargeld hereinkam, dann ging es dorthin und dann verschwand es dort. Ob
Russengeld, Opiumgeld oder sonstwas.�</p><p>Di Salis
ri� sich ungest�m an einem Ohrl�ppchen und pflichtete prompt bei: �Um nach
Gutd�nken in Vancouver, Amsterdam oder Hongkong wieder aufzutauchen, wo immer
es jemand in seinen sehr chinesischen Kram pa�te�, erkl�rte er und wand sich
vor Vergn�gen �ber seine eigene Bemerkung. Sam hat sich auch diesmal wieder vom
Haken losgemacht, dachte Smiley. �Nun gut�, sagte er. �Und wie ging es danach
weiter, Sam, nach Ihrer autorisierten Lesart?�</p><p>�London
hat die Sache abgeblasen.�</p><p>An der
Totenstille mu�te Sam blitzschnell erkannt haben, da� er an einen wichtigen
Nerv ger�hrt hatte. Was sich allerdings nur aus gewissen Anzeichen entnehmen
lie�: er blickte weder in die Runde, um ihre Gesichter zu sehen, noch lie� er
irgendeine Neugier erkennen. Statt dessen betrachtete er in einer Art
theatralischer Bescheidenheit angelegentlich seine gl�nzenden Abendschuhe und
die eleganten Seidensocken, und zog nachdenklich an seiner braunen Zigarette.
�Und wann ist das passiert, Sam?� Sam nannte das Datum.</p><p>�Gehen Sie
ein St�ck zur�ck. Immer noch, als g�be es keine Akten, ja? Wieviel wu�te London
von Ihren Nachforschungen, w�hrend Sie am Ball waren? Sagen Sie uns das.
Schickten Sie t�gliche Lageberichte? Schickte Mac welche?� H�tten die M�tter
nebenan eine Bombe losgelassen, sagte Guillam sp�ter, keiner von ihnen h�tte
den Blick von Sam gewendet. Nun, sagte Sam unbefangen, als ginge er zum Spa�
auf Smileys Grillen ein, er sei ein alter Hase. Sein Grundsatz bei der
Au�enarbeit sei immer gewesen: erst handeln, dann fragen. Auch Mac habe es so
gemacht. Wer den umgekehrten Weg einschlage, der sei bald so weit, da� London
ihn nicht mehr �ber die Stra�e gehen lasse, ohne ihm zuerst die Windeln zu
wechseln, sagte Sam. �Also?� sagte Smiley geduldig.</p><p>Also war
die erste Mitteilung, die sie �ber die Sache nach London machten, sozusagen
auch ihre letzte. Mac best�tigte die Anfrage, berichtete �ber die Hauptpunkte
von Sams Entdeckungen und bat London um weitere Instruktionen.</p><p>�Und
London? Was hat London getan, Sam?�</p><p>�Hat an
Mac einen eilig-dringend-wichtigen Aufschrei gejagt, da� wir beide von der Sache
abgezogen seien und er umgehend die Best�tigung zur�ckkabeln solle, ich h�tte
den Befehl verstanden und befolgt. Sicherheitshalber knallten sie uns noch eins
auf den Deckel: wir sollten nie wieder solo fliegen.�</p><p>Guillam
malte auf das vor ihm liegende Blatt Papier eine Blume, dann Bl�tenbl�tter, dann Regen, der auf die Blume
fiel. Connie strahlte Sam an, als w�re es sein Hochzeitstag, und in ihren Babyaugen
standen Tr�nen der Erregung, di Salis ruckte und zuckte seiner Gewohnheit gem��
wie ein alter Motor, aber sein Blick war, wenn �berhaupt irgendwohin, auf Sam
gerichtet.</p><p>�Sie
m�ssen ziemlich w�tend gewesen sein�, sagte Smiley schlie�lich.</p><p>�Eigentlich
nicht.�</p><p>�Wollten
Sie die Sache denn nicht zu Ende f�hren? Sie hatten schlie�lich einen
gro�artigen Treffer gemacht.�</p><p>�Ge�rgert
hat es mich schon, klar.�</p><p>�Aber Sie
hielten sich an die Anweisungen aus London?�</p><p>�Ich bin
Soldat, George. Wir stehen alle im Feld.�</p><p>�Sehr
lobenswert�, sagte Smiley und betrachtete wieder Sam, der sich so nett und
charmant im Smoking rekelte.</p><p>�Befehl
ist Befehl�, sagte Sam l�chelnd.</p><p>�Jawohl.
Und als Sie dann schlie�lich nach London zur�ckkamen�, fuhr Smiley beherrscht
und zwanglos fort, �und ihre &gt;Willkommen-zuhause-gut-gemacht&lt;-Sitzung mit
Bill hatten, ob Sie da wohl, so ganz nebenbei, zuf�llig die Sache Bill
gegen�ber erw�hnten?�</p><p>�Hab' ihn
gefragt, was zum Teufel er sich dabei gedacht hat�, gab Sam ebenso l�ssig
zur�ck.</p><p>�Und was
hatte Bill darauf zu antworten, Sam?�</p><p>�Hat's auf
die Vettern geschoben. Sagte, sie h�tten es schon vor uns im Programm gehabt.
Sagte, es sei ihr Fall und ihr Sprengel.�</p><p>�Hatten
Sie irgendeinen Grund, ihm das zu glauben?�</p><p>�Klar.
Ricardo.�</p><p>�Sie
nahmen an, er geh�rte den Vettern?�</p><p>�Er ist f�r
sie geflogen. Stand schon in ihren B�chern. Genau der Richtige. Sie mu�ten nur
daf�r sorgen, da� er bei der Stange blieb.�</p><p>�Ich
dachte, wir w�ren uns einig, da� ein Mann wie Ricardo keinen Zugang zu den
wirklichen Gesch�ften der Gesellschaft haben w�rde.�</p><p>�H�tte sie
nicht abgehalten, ihn zu benutzen. Nicht die Vettern. W�rde immer noch ihr Fall
sein, auch wenn Ricardo eine Null w�re. Das H�nde-Weg-Abkommen w�rde unter
allen Umst�nden gelten.�</p><p>�Gehen wir
nochmals zur�ck bis dorthin, als London Sie von der Sache abzog. Sie erhielten
den Befehl &gt;alles einstellen. Sie gehorchten. Aber es dauerte doch noch eine
ganze Weile, ehe Sie nach London zur�ckkehrten, nicht wahr? Hat's noch
irgendeine Nachlese gegeben?�</p><p>�Kann
Ihnen nicht ganz folgen, alter Junge.�</p><p>Wiederum
machte Smiley sich im stillen eine gewissenhafte Notiz �ber Sams Ausweichen.</p><p>�Zum
Beispiel Ihr freundschaftlicher Kontakt zur Banque del Indochine. Johnny. Sie
hielten die Beziehung zu ihm aufrecht, versteht sich.�</p><p>�Klar�,
sagte Sam.</p><p>�Und
erw�hnte Johnny Ihnen gegen�ber zuf�llig, rein als geschichtliche Tatsache, was
aus der Goldader wurde, nachdem Sie Ihr H�nde-Weg-Telegramm erhielten? Flo� sie
auch weiterhin Monat f�r Monat, so wie vorher?�</p><p>�Knall auf
Fall aufgeh�rt. Paris hat den Hahn zugedreht. Kein Indocharter, kein gar
nichts.�</p><p>�Und
Handels-Boris, der Mann ohne Vorstrafen? Lebt er noch heute bis an sein seliges
Ende?�</p><p>�Ging nach
Hause.�</p><p>�War er
dran?�</p><p>�Hat drei
Jahre voll gehabt.�</p><p>�Im
allgemeinen machen sie mehr.�</p><p>�Besonders
die Geheimen�, pflichtete Sam grinsend bei.</p><p>�Und
Ricardo, der verr�ckte mexikanische Flieger, den Sie als Agenten der Vettern
verd�chtigen: was ist aus ihm geworden?�</p><p>�Tot�,
sagte Sam und lie� Smiley nicht aus den Augen, �Abgest�rzt droben an der Grenze von Thailand. Die
Jungens schoben es auf eine �berdosis Heroin.�</p><p>Unter
Druck f�rderte Sam auch dieses Datum zutage.</p><p>�Herrschte
gro�e Trauer dar�ber in der Gemeinde, sozusagen?�</p><p>�Nicht
viel. Allgemein schien man der Ansicht zu sein, Vientiane w�rde sicherer sein
ohne Ricardo, der gern seine Pistole in den Plafond des White Rose oder bei
Madame Lulu abfeuerte.�</p><p>�Wo wurde
dieser Ansicht Ausdruck verliehen, Sam?�</p><p>�Oh, Bei
Maurice.�</p><p>�Maurice?�</p><p>�Hotel
Constellation. Maurice ist der Besitzer.�</p><p>�Aha.
Danke.�</p><p>Hier
klaffte entschieden eine L�cke, aber Smiley zeigte keine Neigung, sie
auszuf�llen. W�hrend Sam und seine drei Assistenten und Fawn das Faktotum ihn
beobachteten, r�ckte Smiley an seiner Brille, kippte sie nach vorn, setzte sie
wieder zurecht und legte die H�nde auf die gl�serne Schreibplatte zur�ck. Dann
lie� er Sam die ganze Geschichte noch einmal herbeten, verglich Daten und Namen
und Orte sehr eingehend, wie das alle gelernten Vernehmer in der ganzen Welt
tun, lauschte aus alter Gewohnheit auf die winzigen Abweichungen und die zuf�lligen
Widerspr�che und die Auslassungen und die Akzentverschiebungen, und schien
keine zu finden. Und Sam lie� es geschehen, wiegte sich in falscher Sicherheit
und zeigte das gleiche ausdruckslose L�cheln, mit dem er Spielkarten �ber die
Tuchbespannung gleiten sah oder das Rouletterad beobachtete, wie es die wei�e
Kugel von einer Vertiefung in die andere h�pfen lie�.</p><p>�Sam, ob
Sie es wohl einrichten k�nnten, die Nacht �ber bei uns zu bleiben?� sagte
Smiley, als die beiden wieder allein waren. �Fawn wird Ihnen ein Bett
zurechtmachen und so weiter. Glauben Sie, da� Sie es mit Ihrem Club hinkriegen?�</p><p>�Mein
lieber Freund�, sagte Sam gro�m�tig. Dann tat Smiley etwas ausgesprochen
Beunruhigendes. Nachdem er Sam einen Packen Zeitschriften gegeben hatte,
telefonierte er nach Sams Personalakte, s�mtliche B�nde, und w�hrend Sam vor
ihm sa�, las er sie schweigend durch, einen Band nach dem anderen.</p><p>�Wie ich
sehe, sind Sie ein Damenfreund�, bemerkte er schlie�lich, als vor den Fenstern
die D�mmerung herabsank. �Dann und wann�, gab Sam zu und l�chelte noch immer.
�Dann und wann.� Aber seiner Stimme war die Nervosit�t deutlich anzuh�ren.</p><p>Als es
Abend wurde, schickte Smiley die M�tter nach Hause und lie� durch die
Housekeepers Befehl ergehen, da� bis sp�testens acht Uhr die Archive von allen
W�hlm�usen ger�umt sein m��ten. Er gab keine Gr�nde an. Er lie� sie denken, was
sie wollten. Sam sollte sich in der Rumpelkammer hinlegen, um jederzeit zur
Hand zu sein, und Fawn sollte ihm Gesellschaft leisten und ihn nicht herumgeistern
lassen. Fawn f�hrte diesen Befehl buchst�blich aus. Selbst als die Stunden sich
hinzogen und Sam zu d�sen schien, blieb Fawn zusammengekauert wie eine Katze
auf der T�rschwelle hocken, aber die Augen hielt er offen. Dann verschanzten
sich die vier in der Registratur - Connie, di Salis, Smiley und Guillam - und
machten sich auf die lange, vorsichtige Schnitzeljagd. Zuerst suchten sie nach
den Unterlagen zu dem betreffenden Einsatz, die von Rechts wegen bei S�dostasien
abgelegt sein sollten, unter den von Sam angegebenen Daten. In der Kartei fand
sich keine Karte, und es fanden sich auch keine Einsatzpapiere, aber das mu�te
noch nichts zu bedeuten haben. In Haydons London Station waren operative Akten
h�ufig abgefangen und seinem eigenen Geheimarchiv einverleibt worden. Also
tappten sie durch das Souterrain, wo ihre Tritte auf den braunen
Linoleumfliesen klapperten, bis sie zu einem vergitterten Alkoven kamen, einer
Art Seitenkapelle, in der die �berreste des einstigen Archivs von London
Station zur Ruhe gebettet waren. Wieder fanden sie keine Karteikarte und keine
Papiere. �Sehen wir bei den Telegrammen nach�, befahl Smiley, also gingen sie
die Telegrammb�cher durch, Eingang und Ausgang, und f�r einen Augenblick war
zumindest Guillam drauf und dran, Sam der L�ge zu verd�chtigen, bis Connie sie
darauf aufmerksam machte, da� die entscheidenden Seiten auf einer anderen
Schreibmaschine getippt worden waren: einer Maschine, die, wie sich sp�ter
herausstellte, erst sechs Monate nach dem Datum auf der Seite angeschafft
worden war. �Die Laufzettel�, befahl Smiley.</p><p>Die
Laufzettel des Circus waren zweifache Kopien der Ausleihlisten, die von der
Registratur ausgegeben wurden, wenn Einsatzunterlagen in st�ndiger Bewegung zu
sein drohten. Sie wurden in Lose-Blatt-Heftern verwahrt wie alte Zeitschriften,
und alle sechs Wochen wurde eine Kartei anglegt. Nach langem Graben wurde
Connie mit Hilfe des S�dostasienbandes f�ndig, der die sechs Wochenperioden
unmittelbar nach Collins' Suchanforderung enthielt. Es fand sich darin kein
Hinweis auf eine vermutete sowjetische Goldader, und auch keiner auf
Indocharter, Vientiane, S. A.</p><p>�Probieren
Sie's mit den PAs�, sagte Smiley unter Benutzung der ansonsten von ihm
verabscheuten Abk�rzung. Also zogen sie in eine andere Ecke der Registratur und
arbeiteten sich durch Schubk�sten voller Karteikarten. Zuerst suchten sie nach
pers�nlichen Unterlagen �ber Handels-Boris, dann �ber Ricardo, dann unter
angenommenen Namen f�r Tiny, mutma�lich tot, die Sam anscheinend in seinem
urspr�nglichen, vom Ungl�ck verfolgten Bericht an London Station erw�hnt hatte.
In Abst�nden wurde Guillam nach oben geschickt, um Sam eine Kleinigkeit zu
fragen, fand ihn bei der Lekt�re von <emphasis>Field </emphasis>und an
einem gro�en Glas Whisky nippen, unerbittlich bewacht von Fawn, der zur Abwechslung
- wie Guillam sp�ter erfuhr - gelegentlich Liegest�tze machte, zuerst auf zwei
Kn�cheln einer jeden Hand, dann auf den Fingerspitzen. F�r Ricardo entwickelten
sie phonetische Varianten und suchten im Personenregister auch nach ihnen. �Wo
sind die Organisationen abgelegt?� fragte Smiley. Aber von der als Indocharter,
Vientiane, bekannten <emphasis>societe anonyme </emphasis>fand sich
auch in der Kartei der Organisationen nichts. �Sehen Sie das Material der
Verbindungsstelle nach.� Verhandlungen mit den Vettern wurden zu Haydons Zeit
ausschlie�lich �ber das Sekretariat der Londoner Verbindungsstelle
abgewickelt, �ber das er aus naheliegenden Gr�nden pers�nliche Befehlsgewalt
hatte und das von der gesamten Korrespondenz zwischen den beiden B�ros seine
eigenen Kopien verwahrte. Sie kehrten wieder in die Seitenkapelle zur�ck und
zogen abermals eine Niete. F�r Peter Guillam nahm die Nacht unwirkliche
Dimensionen an. Smiley war fast v�llig verstummt. Das volle Gesicht wurde zu
Stein. Connie hatte in der Erregung ihre arthritischen Schmerzen und
Beschwerden vergessen und h�pfte herum wie ein Teenager beim Ball. Guillam, der
alles andere als ein geborener Papiermensch war, m�hte sich hinter ihr her,
tat, als hielte er mit der Meute Schritt und war insgeheim dankbar f�r seine
Ausfl�ge hinauf zu Sam. �Wir <emphasis>haben </emphasis>ihn,
George, <emphasis>darling�, </emphasis>sagte Connie immer wieder
fl�sternd. �Klar wie Klo�br�he, da� wir die verdammte Kr�te <emphasis>hierhaben.�</emphasis></p><p>Doc di
Salis war abget�nzelt, um die chinesischen Direktoren von Indocharter
herauszusuchen - Sam hatte erstaunlicherweise noch immer zwei Namen im Kopf -
und schlug sich zun�chst mit der chinesischen Form der Namen herum, dann mit
der Umschrift in lateinischen Buchstaben und schlie�lich im chinesischen
Handelscode. Smiley sa� auf einem Stuhl und las die Akten, die er auf den Knie
liegen hatte wie ein Mann in der Eisenbahn, der die �brigen Fahrg�ste
beharrlich ignoriert. Von Zeit zu Zeit hob er den Kopf, aber die T�ne, die er
vernahm, kamen nicht aus diesem Raum. Connie hatte sich aus eigenem Antrieb in
die Suche nach Querverbindungen zu Akten gest�rzt, mit denen die Einsatzpapiere
theoretisch in Bezug stehen sollten. Es fanden sich pers�nliche Unterlagen �ber
S�ldner und �ber freiberufliche Piloten. Es fanden sich Verfahrensunterlagen
�ber die Techniken der Zentrale f�r das Durchschleusen von Agentenentlohnungen
und sogar eine von ihr selbst vor Jahren verfa�te Abhandlung �ber das Thema:
Anonyme Zahlmeister f�r Karlas illegale Netze, die ohne Wissen der regul�ren
Residenten betrieben werden. Handels-Boris' unaussprechliche Familiennamen
waren dem Anhang nicht beigef�gt. Es fanden sich Background-Unterlagen �ber die
Banque de l'Indochine und ihre Verbindungen zur Moskauer Narodny Bank und
Statistiken �ber die wachsenden Aktivit�ten Moskaus in S�dostasien und
Arbeitspapiere �ber die Residentur in Vientiane. Aber die Fehlanzeigen wurden
nur immer mehr, und je mehr sie wurden, desto mehr best�tigten sie die positive
Annahme. Nirgendwo waren sie bei ihrer Jagd nach Haydon auf eine so
systematische und umfassende Verwischung aller Spuren gesto�en. Es war die
R�ckpeilung aller Zeiten. Und die F�hrte wies unleugbar nach Fernost. In dieser
Nacht fand sich nur ein einziger Hinweis auf den Schuldigen. Sie entdeckten ihn
irgendwann zwischen D�mmerung und Tag, w�hrend Guillam im Stehen schlief.
Connie hatte den Fingerzeig ausgegraben, Smiley legte ihn schweigend auf den
Tisch, und zu dreien be�ugten sie ihn unter der Leselampe, als w�re er der
Schl�ssel zu einem vergrabenen Schatz: ein Packen Anweisungen zur Vernichtung
von Dokumenten, insgesamt ein Dutzend, abgezeichnet mit einem in schwarzem
Filzstift hingekritzelten Codesigel quer durch die Mitte, fast wie eine
h�bsche Kohlezeichnung. Die todgeweihten Dokumente bezogen sich auf: �streng
geheime Korrespondenz mit H/Annex� - was hei�en sollte mit dem Londoner Chef
der Vettern, damals wie heute Smileys Bruder in Christo, Martello. Der Grund
f�r die Vernichtung war der gleiche, den Haydon Sam Collins f�r das Einstellen
der Nachforschungen in Vientiane genannt hatte: <emphasis>�Gefahr,
schwierige amerikanische Operation zu st�ren.� </emphasis>Unterzeichnet
war das Papier, das die Dokumente zum Feuertod verurteilte, mit Haydons
Codenamen.</p><p>Smiley
begab sich wieder nach oben und bat Sam nochmals in sein B�ro. Sam hatte die
Smokingschleife abgenommen, und die Stoppeln um sein Kinn und das offene wei�e
Hemd machten ihn bedeutend weniger elegant.</p><p>Als erstes
schickte Smiley Fawn um Kaffee. Er wartete, bis der Kaffee kam und bis Fawn
wieder hinausgeflitzt war, ehe er zwei Tassen eingo�, beide schwarz, Zucker f�r
Sam, S��stoff f�r Smiley wegen seiner Figurprobleme. Dann lie� er sich in einem
weichen Polstersessel neben Sam nieder, nicht hinter dem Schreibtisch, um mit
Sam auf gleicher Ebene zu verhandeln. �Sam, ich glaube, ich sollte noch einiges
�ber das M�dchen erfahren�, sagte er sanft, als �berbr�chte er eine schlechte
Nachricht. �Haben Sie sie aus Ritterlichkeit aus dem Spiel gelassen?�</p><p>Sam wirkte
recht belustigt: �Die Unterlagen verloren, was, alter Junge?� erkundigte er
sich mit der gleichen augenzwinkernden Vertraulichkeit.</p><p>Manchmal
mu� man, um ein Geheimnis zu erfahren, ein eigenes preisgeben.</p><p><emphasis>�Bill </emphasis>hat sie
verloren�, erwiderte Smiley freundlich. Sam verfiel demonstrativ in tiefes
Sinnen. Er rollte eine seiner Kartenspielerh�nde ein und inspizierte die
Fingerspitzen; beklagte deren unsauberen Zustand.</p><p>�Mein Club
da l�uft heutzutage praktisch von alleine�, gr�belte er. �Langweilt mich
allm�hlich, offen gesagt. Geld, Geld. Zeit, da� ich mich ver�ndere, etwas aus
mir mache.�</p><p>Smiley
verstand, aber er mu�te fest bleiben.</p><p>�Ich habe
keine Mittel, Sam. Ich kann kaum die M�nder f�ttern, die ich bis jetzt
engagiert habe.�</p><p>Sam
schl�rfte gedankenvoll seinen schwarzen Kaffee und l�chelte durch den Dampf.</p><p>�Wer ist
sie, Sam? Was hat's damit auf sich. Niemand wird sich dar�ber aufregen, und
wenn's noch so schlimm ist. Vergessen und vergeben.�</p><p>Sam stand
auf, schob die H�nde in die Taschen, sch�ttelte den Kopf und fing an, �hnlich
wie Jerry Westerby es gemacht h�tte, im Zimmer umherzuwandern und die
deprimierenden Relikte zu betrachten, die an den W�nden herumhingen:
Gruppenfotos von Oxfordleuten in Uniform, aus der Kriegszeit; ein gerahmter
handgeschriebener Brief eines toten Premierministers und wiederum Karlas
Portr�t, das er ganz in der N�he studierte, lange Zeit hindurch.</p><p>�&gt; Wirf
niemals deine Chips weg&lt;�, bemerkte er so dicht vor Karla, da� sein Atem das
Glas beschlug. �Das hat meine alte Mutter mir st�ndig eingetrichtert. &gt;Verschleudere
niemals deine Tr�mpfe. Wir bekommen nur sehr wenige im Leben. Mu�t sie sparsam
herausr�cken.&lt; Nicht als ob das Spiel nicht rollte, wie?� erkundigte er
sich. Mit dem �rmel wischte er das Glas ab. �In Ihrem Haus hier herrscht ein
gesunder Appetit. Hab' ich sofort gesp�rt, als ich reinkam. Der gro�e Tisch,
sagte ich mir. F�llt f�r Klein Sammy auch was ab.�</p><p>Er war
wieder bei Smileys Schreibtisch angelangt und setzte sich auf den Stuhl, als
wolle er ausprobieren, ob er bequem sei. Der Stuhl war nicht nur drehbar, er
schaukelte auch. Sam probierte beide Bewegungen aus. �Ich brauche eine
Suchanforderung�, sagte er.</p><p>�In
Ordnung�, sagte Smiley und beobachtete Sam, w�hrend er die Schublade aufzog,
ein gelbes Formular herauszog und es auf die gl�serne Schreibplatte legte.</p><p>Ein paar
Minuten lang war Sam wortlos mit dem Ausf�llen besch�ftigt, hielt, von Zeit zu
Zeit zwecks k�nstlerischer �berlegung inne und schrieb wieder weiter.</p><p>�Rufen Sie
mich an, wenn sie auftaucht�, sagte er, winkte Karla scherzhaft zu und empfahl
sich.</p><p>Als er
fort war, nahm Smiley das Formblatt vom Schreibtisch, lie� �Guillam kommen und
h�ndigte es ihm wortlos aus. Auf der Treppe machte Guillam halt, um den Text zu
lesen. �Worthington Elizabeth alias Lizzie, alias Ricardo Lizzie.� Das war die
erste Zeile. Dann die Einzelheiten: �Alter etwa siebenundzwanzig.
Staatsangeh�rigkeit britisch. Familienstand verheiratet, N�heres �ber den
Ehemann nicht bekannt, M�dchenname gleichfalls nicht bekannt. 1972/73 Ehe nach
dem Common Law mit Ricardo Tiny, inzwischen verstorben. Letzter bekannter
Wohnort Vientiane, Laos. Letzte bekannte Besch�ftigung: Empfangssekret�rin bei
Indocharter, Vientiane S. A. Fr�here Besch�ftigungen: Nachtclub-Hostess,
Whiskyvertreterin, Edelnutte.� Zur Aus�bung ihrer wie immer glanzlosen Rolle
ben�tigte die Registratur in jenen Tagen ungef�hr drei Minuten, um zu bedauern:
�Keine Hinweise wiederholen keine Hinweise auf Zielperson.� Dar�ber hinaus
griff die Bienenk�nigin den Ausdruck �edel� auf. Sie bestand darauf, �bessere�
sei die korrekte Bezeichnung f�r eine solche Nutte.</p><p>Seltsamerweise
lie� Smiley sich durch Sams Widerspenstigkeit nicht st�ren. Er schien sie
klaglos als wesentlichen Bestandteil des Metiers hinzunehmen. Hingegen forderte
er Kopien aller Quellenberichte an, die Sam w�hrend der letzten rund zehn
Jahre aus Vientiane oder anderswo beigebracht hatte und die Haydons geschicktem
Messer entgangen waren. Und dann begann er sie in seinen Mu�estunden, soweit
vorhanden, durchzuackern und gestattete seiner rastlosen Phantasie, sich Bilder
von Sams privater tr�ber Welt zu machen.</p><p>In diesem
Stadium, als die ganze Sache in der Schwebe hing, bewies Smiley h�chst
lobenswertes Taktgef�hl, wie sp�ter alle zugaben. Ein geringerer Mann w�re vielleicht
zu den Vettern hin�bergest�rmt und h�tte als eine Sache von h�chster Dringlichkeit
verlangt, da� Martello die amerikanische Seite des vernichteten
Schriftwechsels heraussuche und ihm Einblick gew�hre, aber Smiley wollte nichts
aufr�hren, nichts andeuten. Also w�hlte er statt dessen seinen bescheidensten
Boten. Molly Meakin war eine artige h�bsche junge Dame mit Hochschulexamen,
vielleicht ein bi�chen blaustr�mpfig, ein bi�chen vergeistigt, aber sie hatte
sich bereits einen bescheidenen Namen als f�hige Kraft gemacht und war dem
Circus von Vaters- und Brudersseite seit langem verbunden. Zur Zeit des
S�ndenfalls war sie noch auf Probe angestellt und verdiente sich ihre Sporen in
der Registratur. Danach wurde sie dem Stammpersonal einverleibt und bekam eine
Bef�rderung, wenn dies das richtige Wort ist, in die �Fleischbeschau�, von
wannen, wie die Sage behauptet, noch niemals ein Mann, geschweige eine Frau,
lebend wiedergekehrt war. Aber Molly hatte - vielleicht durch Vererbung - das,
was man beim Bau als nat�rliches Auge bezeichnet. W�hrend ihre Umgebung noch
dar�ber palaverte, wo genau jeder gewesen sei und was jede getragen habe, als
die Nachricht von Haydons Festnahme bei ihnen eintraf, baute Molly in aller
Stille einen unauff�lligen und inoffiziellen Kanal zu ihrer Partnerstelle im
Annex am Grosvenor Square, der sich an den von den Vettern seit dem S�ndenfall
eingef�hrten Dienstwegen vorbeischl�ngelte. Ihr wichtigster Verb�ndeter war die
Routine. Mollys Besuchstag war Freitag. Jeden Freitag trank sie Kaffee mit Ed,
der den Computer bediente; sie sprach �ber Musik mit Marge, die Ed abl�ste, und
manchmal blieb sie auf ein T�nzchen oder eine Partie Shuffleboard oder Kegeln
im Twilight Club im Souterrain des Annex. Freitag war auch der Tag, an dem sie
so ganz nebenbei ihre kleine Einkaufsliste von Suchanforderungen mitnahm. Auch
wenn nichts anstand, so erfand Molly vorsorglich irgend etwas, um den Kanal
offen zu halten. An diesem speziellen Freitag nahm Molly Meakin auf Smileys
Gehei� den Namen Tiny Ricardo in ihre Liste auf. �Aber ich will nicht, da� er
irgendwie auff�llt, Molly�, sagte Smiley besorgt.</p><p>�Nat�rlich
nicht�, sagte Molly.</p><p>Als Rauch,
wie Molly es nannte, w�hlte sie ein Dutzend weitere Rs, und als sie zu Ricardo
kam, schrieb sie auf �Richards, siehe auch Rickard, siehe auch Ricardo, Beruf
Lehrer, siehe auch Fluglehrer�, so da� der echte Ricardo nur als eine m�gliche
Identifizierung auftauchen w�rde. Staatsangeh�rigkeit mexikanisch siehe auch
arabisch, f�gte sie hinzu: und sie streute als zus�tzliche Information hinein,
da� er ohnehin bereits tot sein k�nne.</p><p>Es war
wieder einmal sp�ter Abend, als Molly in den Circus zur�ckkehrte. Guillam war
ersch�pft. Vierzig ist ein schwieriges Alter zum Wachbleiben, fand er. Mit
zwanzig oder mit sechzig wei� der K�rper, woran er ist, aber vierzig ist eine
Entwicklungsstufe, in der man schl�ft, um erwachsen zu werden oder jung zu
bleiben. Molly war dreiundzwanzig. Sie ging direkt in Smileys Zimmer, setzte
sich artig mit zusammengepre�ten Knien hin und packte ihre Tasche aus, genau
beobachtet von Connie Sachs und noch genauer von Peter Guillam, wenn auch aus
unterschiedlichen Gr�nden. Es tue ihr leid, da� sie so sp�t komme, sagte sie
ernsthaft, aber Ed habe darauf bestanden, sie in eine Wiederauff�hrung von <emphasis>True Grit </emphasis>mitzunehmen,
einem Kn�ller <emphasis>im </emphasis>Twilight Club, und anschlie�end
habe sie ihn abwimmeln m�ssen, wollte ihn jedoch nicht kr�nken, am
allerwenigsten heute Abend. Sie reichte Smiley einen Umschlag, und er �ffnete
ihn und zog eine lange gelbbraune Computerkarte heraus. Hat sie ihn nun
abgewimmelt oder nicht?, h�tte Guillam gern gewu�t. �Wie ist es gelaufen?� war
Smileys erste Frage.</p><p>�Wie am
Schn�rchen�, antwortete sie.</p><p>�Was f�r
ein seltsames Schriftst�ck�, rief Smiley zun�chst aus. Aber als er weiterlas, wechselte
sein Gesichtsausdruck langsam zu einem ungewohnten w�lfischen Grinsen. Connie
war weniger beherrscht. Als sie die Karte schlie�lich an Guillam weiterreichte,
lachte sie lauthals: �O Bill! O du b�ser lieber Junge! Wie er alle in die
falsche Richtung geschickt hat! O dieser Satan!� Um die Vettern zu
beschwichtigen, hatte Haydon seine urspr�ngliche L�ge umgekehrt. Im Klartext
erz�hlte das ziemlich lange Computerblatt die folgende ber�ckende Geschichte:
Um zu verhindern, da� die Vettern parallel zum Circus Recherchen �ber die
Firma Indocharter anstellten, hatte Bill Haydon in seiner Eigenschaft als
Leiter von London Station pro forma ein H�nde-Weg-Schreiben an den Annex
geschickt, entsprechend der g�ltigen bilateralen Vereinbarung zwischen den
beiden Dienststellen. Darin wurde den Amerikanern zur Kenntnis gebracht, da�
Indocharter, Vientiane S. A. zur Zeit von London �berpr�ft werde und da� der
Circus einen Agenten am Ort habe. Die Amerikaner erkl�rten sich einverstanden,
alle eventuellen Interessen an der Sache ruhen zu lassen, gegen Beteiligung am
eventuellen Resultat. Um der britischen Operation behilflich zu sein, erw�hnten
die Vettern jedoch, da� ihre Verbindung zu dem Piloten Tiny Ricardo erloschen
sei.</p><p>Kurzum,
ein einmalig sch�nes Beispiel daf�r, wie man ein doppeltes Spiel treibt.</p><p>�Danke,
Molly�, sagte Smiley h�flich, als alle ihrer Bewunderung Ausdruck verliehen
hatten. �Vielen Dank.�</p><p>�Nichts zu
danken�, sagte Molly artig wie ein Kinderm�dchen. �Und Ricardo ist wirklich
tot, Mister Smiley�, f�gte sie abschlie�end hinzu und nannte das gleiche
Sterbedatum, das auch Sana Collins angegeben hatte. Damit lie� sie ihre
Taschenb�gel zuschnappen, zog den Rock �ber die bewundernswerten Knie und ging
anmutig aus dem Zimmer, auch hierbei wieder genau beobachtet von Peter Guillam.</p><p>Jetzt
herrschte eine andere Gangart, eine v�llig andere Stimmung im Circus. Die
fieberhafte Suche nach einer Spur, irgendeiner Spur, war vor�ber. Sie konnten,
anstatt in alle Richtungen zu galoppieren, auf ein Ziel zuschreiten. Die
trennenden Schranken zwischen den beiden Familien fielen weitgehend: die
Bolschies und die Gelben Gefahren wurden eine einzige Mannschaft unter der
vereinten F�hrung Connies und des Doc, auch wenn jede ihre spezielle Dom�ne
bewahrte. Danach kamen die freudigen Ereignisse f�r die W�hlm�use in weiten
Abst�nden, wie Wasserl�cher auf einem langen und staubigen Treck, und manchmal
w�ren sie beinah am Wegrand zusammengebrochen. Connie brauchte nur eine Woche,
um den sowjetischen Zahlmeister in Vientiane zu identifizieren, der die
�berweisung von Geldern an Indocharter, Vientiane S. A. t�tigte -
Handels-Boris. Es handelte sich um den ehemaligen Soldaten Zimin, Ex-Absolvent
von Karlas privatem Ausbildungslager in der N�he von Moskau. Unter dem fr�heren
Decknamen Smirnow war dieser Zimin bereits aktenkundig als einstiger
Zahlmeister f�r einen ostdeutschen <emphasis>Apparat </emphasis>in der
Schweiz vor sechs Jahren. Davor war er unter dem Namen Kursky in Wien
aufgetaucht. Er hatte sich auch als Lauscher und Fallensteller hervorgetan, und
man wollte wissen, da� er der gleiche Zimin sei, der in West-Berlin die
gro�artige Liebesfalle f�r eben jenen franz�sischen Senator aufgestellt habe,
der dann sp�ter die H�lfte aller Geheimnisse seines Landes an die andere Seite
verkauft hatte. Er hatte Vientiane genau einen Monat nach dem Eintreffen von
Sams Bericht in London verlassen. Nach diesem kleinen Sieg nahm Connie sich die
scheinbar unm�gliche Aufgabe vor, herauszufinden, welche Anordnungen Karla oder
sein Zahlmeister Zimin getroffen haben mochten, um die stillgelegte Goldader zu
ersetzen. Verschiedene Ans�tze standen ihr zur Verf�gung. Erstens der bekannte
Konservativismus riesiger Nachrichtenapparate und deren Festhalten an
bew�hrten Handelswegen. Zweitens die Annahme, da� die Zentrale, da es sich um
bedeutende Zahlungen handelte, das alte System baldm�glichst durch ein neues
ersetzen m��te. Drittens Karlas Genugtuung sowohl vor dem S�ndenfall, als er
den Circus man�vrierunf�hig machte wie auch danach, als der Circus ihm zahnlos
und in den letzten Z�gen zu F��en lag. Und schlie�lich verlie� sie sich ganz
einfach auf ihre eigene umfassende Kenntnis der Materie. Connies Team suchte
zun�chst die Unmengen nicht verarbeiteten Rohmaterials zusammen, das in den
Jahren ihres Exils absichtlich vernachl�ssigt herumgelegen hatte, und unternahm
gewaltige Streifz�ge durch die Unterlagen, sichtete, verglich, fertigte Karten
und Diagramme an, verfolgte die individuelle Handschrift bekannter
Spezialisten, litt an Migr�nen, zankte sich, spielte Ping-Pong; und unternahm
dann und wann mit nervt�tender Behutsamkeit und mit Smileys ausdr�cklicher
Genehmigung sch�chterne Erkundungsvorst��e in die Au�enwelt. Eine
freundschaftliche Beziehung in der City wurde �berredet, einen alten Bekannten
aufzusuchen, der sich mit Firmen auf dem Festland von Hongkong auskannte. Ein
Devisenh�ndler in Cheapside gew�hrte Toby Esterhase, dem scharf�ugigen
ungarischen �berlebenden des fr�hen Circus - er war alles, was von der
ruhmreichen riesigen Schar von Kurieren und Observanten noch �brig war -,
Einsicht in seine B�cher. So ging es weiter, im Schneckentempo: aber wenigstens
wu�te die Schnecke, wohin sie wollte. Doc di Salis schlug in seiner distanzierten
Art den �berseeischen Chinapfad ein, arbeitete sich durch die verschlungenen
Zusammenh�nge zwischen Indocharter, Vientiane S. A. und dessen schwer zu
fassenden Abfolgen von Stammfirmen. Seine Gehilfen waren so ungew�hnlich wie
er selbst, entweder Sprachstudenten oder �ltere reaktivierte Chinaexperten. Mit
der Zeit nahmen sie eine einheitliche Bl�sse an, wie die Insassen des gleichen
feuchtkalten Alumnats. Inzwischen schob Smiley sich nicht weniger behutsam
voran, wom�glich durch noch gewundenere Stra�en und durch eine noch gr��ere
Anzahl von T�ren.</p><p>Wieder
einmal verschwand er von der Bildfl�che. Es war eine Zeit des Wartens, und er
nutzte sie, um sich den hundert anderen Dingen zu widmen, die seine dringende
Aufmerksamkeit erheischten. Nach seinem kurzen Ausflug ins Teamwork zog er
sich in die inneren Regionen seiner einsamen Welt zur�ck. Whitehall bekam ihn
zu sehen, auch noch Bloomsbury und die Vettern, dann aber blieb die T�r zum
Thronsaal ganze Tage hindurch verschlossen, und nur der finstere Fawn, das
Faktotum, durfte auf seinen Turnschuhen hinein- und heraushuschen, mit Tassen
dampfenden Kaffees, Tellern mit Keksen und gelegentlich schriftlichen
Memoranden an oder von seinem Herrn. Smiley hatte das Telefon schon immer
geha�t, jetzt nahm er �berhaupt keine Gespr�che mehr entgegen, es sei denn, sie
betr�fen nach Guillams Ansicht Dinge von �u�erster Wichtigkeit, und das war
nicht der Fall. Der einzige Apparat, den Smiley nicht abstellen konnte, war die
direkte Verbindung mit Guillams Schreibtisch, aber wenn er in �berreizter
Verfassung war, ging er so weit, einen Teew�rmer dar�ber zu st�lpen, um das
Klingeln zu d�mpfen. Guillam hatte ein f�r allemal Anweisung, jedem
mitzuteilen, Smiley sei au�er Haus oder in einer Besprechung und w�rde in einer
Stunde zur�ckrufen. Er machte dann eine Notiz, h�ndigte sie Fawn aus, und da
nun die Initiative auf seiner Seite war, rief Smiley manchmal tats�chlich
zur�ck. Er konferierte mit Connie, dann und wann mit di Salis, gelegentlich
auch mit beiden, aber Guillam wurde nicht ben�tigt. Die Karla-Akte wurde
endg�ltig von Connies Recherchenabteilung in Smileys Privatsafe �berf�hrt, alle
sieben B�nde. Guillam unterschrieb f�r sie und brachte sie Smiley, und als
Smiley den Blick vom Schreibtisch hob und sie sah, kam die Ruhe des
Wiedererkennens �ber ihn, und er streckte die H�nde nach ihnen aus wie nach
einem alten Freund. Die T�r schlo� sich wieder, und weitere Tage vergingen.
�Was geh�rt?� erkundigte Smiley sich in Abst�nden bei Guillam. Er meinte: �Hat
Connie angerufen?�</p><p>Die
Residentur in Hongkong wurde etwa um diese Zeit ger�umt, und Smiley erfuhr zu
sp�t von den gigantischen Bem�hungen der Housekeepers, die High-Haven-Story zu
unterdr�cken. Er holte sich sofort Craws Dossier und lie� wiederum Connie zu
sich rufen. Ein paar Tage sp�ter tauchte Craw pers�nlich zu einem achtundvierzigst�ndigen
Besuch in London auf. Guillam hatte Vortr�ge von ihm in Sarratt geh�rt und
ha�te ihn. Etliche Wochen danach erblickte der ber�hmte Artikel des Alten
endlich das Licht der Welt. Smiley las ihn aufmerksam, gab ihn dann an Guillam
weiter und lieferte ausnahmsweise sogar eine Erkl�rung f�r sein Vorgehen: Karla
w�rde sehr genau wissen, worauf der Circus aus war, sagte er. R�ckpeilungen
seien ein altehrw�rdiger Zeitvertreib. Indessen w�rde Karla kein menschliches
Wesen sein, wenn er nach einem so gro�en Fang nicht eine Weile schliefe. �Er
soll von allen Seiten zu h�ren kriegen, wie mausetot wir sind�, erkl�rte er.</p><p>Bald wurde
diese Scheintot-Masche auch auf andere Sph�ren ausgedehnt, und es war eine von
Guillams erg�tzlicheren Aufgaben, daf�r zu sorgen, da� Roddy Martindale
reichlich mit Geschichten �ber die trostlose Lage des Circus eingedeckt wurde.</p><p>Und die
W�hlm�use werkelten weiter. Sie nannten es sp�ter den Scheinfrieden. Sie hatten
die Landkarte, sagte Connie, und sie hatten die Richtungen, aber noch waren
l�ffelweise ganze Berge zu versetzen. W�hrend der Wartezeit f�hrte Guillam
Molly Meakin zu ausgedehnten und kostspieligen Dinners aus, die indes erfolglos
endeten. Er spielte Squash mit ihr und bewunderte ihr Auge, er schwamm mit ihr
und bewunderte ihren K�rper, aber jeden engeren Kontakt wehrte sie mit
geheimnisvollem, verhaltenem L�cheln ab, drehte den Kopf zur Seite und nach
unten, w�hrend sie ihn fest an der Leine hielt.</p><p>Unter dem
st�ndigen Druck des M��iggangs nahm Fawn, das Faktotum, seltsame Gewohnheiten
an. Wenn Smiley verschwand und ihn zur�cklie�, schmachtete er buchst�blich nach
der R�ckkehr seines Herrn. Eines Abends �berraschte ihn Guillam in seiner
kleinen H�hle und war zutiefst betroffen, ihn zusammengekauert wie einen F�tus
vorzufinden; er wand sich ein Taschentuch wie eine Abbindungsschnur um den
Daumen, bis es ihm wehtat.</p><p>�Um Gottes
willen, es ist doch nicht pers�nlich gemeint, Mensch!� rief Guillam aus.
�George braucht Sie ausnahmsweise mal nicht, das ist alles. Nehmen Sie ein paar
Tage Urlaub oder so. Dampf ablassen.�</p><p>Aber f�r
Fawn war Smiley der Chef, und er blickte jeden scheel an, der ihn George
nannte.</p><p>Gegen Ende
dieser unfruchtbaren Phase erschien ein neues und wundersch�nes Spielzeug auf
der f�nften Etage. Es wurde von zwei b�rstenk�pfigen Technikern in Koffern
angebracht und in dreit�giger Arbeit installiert: ein gr�nes Telefon, das trotz
Smileys Vorurteilen f�r seinen Schreibtisch bestimmt war und ihn direkt mit dem
Annex verband. Es lief �ber Guillams B�ro und war mit allen m�glichen
r�tselhaften grauen Boxen verbunden, die ohne Warnung lossummten. Sein
Vorhandensein vergr��erte noch die allgemeine Nervosit�t: was sollte eine
solche Maschine, fragten sie einander, wenn sie ihr nichts einzuf�ttern hatten?
Aber sie hatten etwas.</p><p>Pl�tzlich
war die Katze aus dem Sack. Connie sagte nicht, was sie gefunden hatte, aber
die Nachricht von ihrer Entdeckung verbreitete sich wie ein Lauffeuer durch
das ganze Haus: �Connie hat einen <emphasis>Treffer </emphasis>gemacht!
Die W�hlm�use haben einen <emphasis>Treffer </emphasis>gemacht!
Sie haben die neue Goldader gefunden! Sie haben sie von A bis Z aufgesp�rt!�</p><p>Wo
aufgesp�rt? Wo war A? Wo war Z? Connie und di Salis sagten nichts. Einen Tag
und eine Nacht hindurch schleppten sie Akten in den Thronsaal und wieder
heraus, zweifellos wieder einmal, um Smiley ihre Werke vorzuf�hren.</p><p>Dann
verschwand Smiley auf drei Tage, und Guillam erfuhr erst lang danach, da� er,
�um alles wasserdicht zu machen�, wie er sagte, Hamburg und Amsterdam
aufgesucht und mit bedeutenden Bankiers aus seinem Bekanntenkreis gesprochen
hatte. Diese Herren lie�en es sich viel Zeit kosten, ihm zu erkl�ren, der Krieg
sei vorbei und sie k�nnten unter keinen Umst�nden gegen ihren Ehrencodex
versto�en, und am Ende gaben sie ihm die Auskunft, die er so dringend brauchte:
obwohl sie nur die letzte Best�tigung alles dessen war, was die W�hlm�use
errechnet hatten. Smiley kehrte zur�ck, aber Peter Guillam blieb weiterhin
ausgeschlossen und w�re wom�glich auf unabsehbare Zeit in seiner privaten
Vorh�lle isoliert geblieben, h�tte nicht das Dinner bei den Lacons
stattgefunden.</p><p>Da� er
einbezogen wurde, war reiner Zufall. Desgleichen das Dinner. Smiley hatte Lacon
um eine Nachmittagsaudienz in dessen Ministerium gebeten und zur Vorbereitung
mehrere Stunden in Gesellschaft Connies und di Salis' zugebracht. Im letzten
Moment wurde Lacon von seinen Vorgesetzten im Parlament mit Beschlag belegt und
schlug Smiley als Ersatz ein improvisiertes Essen in seiner scheu�lichen Burg
in Ascot vor. Smiley ha�te das Chauffieren, und es gab keinen Dienstwagen.
Schlie�lich bot Guillam an, ihn in seinem zugigen alten Porsche hinzufahren. Er
breitete eine Decke �ber Smiley, die immer in seinem Wagen lag, f�r den Fall,
da� Molly Meakin sich zu einem Picknick bereitf�nde. Auf der Fahrt versuchte
Smiley, Konversation zu machen, was ihn hart ankam, aber er war nerv�s. Sie
kamen bei Regen an, und an der T�r gab es einige Verwirrung dar�ber, was mit
dem unerwarteten Gefolgsmann zu tun sei. Smiley beteuerte, Guillam k�nne
inzwischen freinehmen und um halb elf wiederkommen; die Lacons, da� er bleiben
m�sse, es sei <emphasis>massenhaft </emphasis>zu essen da. �Wie Sie w�nschen�,
sagte Guillam zu Smiley. �Oh, nat�rlich. Nein, ich meine nat�rlich, wenn es den
Lacons recht ist, selbstverst�ndlich�, sagte Smiley mi�mutig, und sie gingen
hinein.</p><p>Es wurde
also ein viertes Gedeck aufgelegt und das verbratene Steak in so kleine St�cke
geschnitten, da� es wie vertrocknetes Stew aussah; eine Tochter wurde mit einem
Pfund per Fahrrad ausgeschickt, um eine zweite Flasche Wein aus der Kneipe an
der Landstra�e zu holen. Mrs. Lacon war das scheue Reh, blond und err�tend,
eine Kindbraut, aus der eine Kindmutter geworden war. Der Tisch war zu lang f�r
vier Personen. Sie setzte Smiley und ihren Mann ans eine Ende und Guillam neben
sich. Im Anschlu� an die Frage, ob er Madrigale liebe, st�rzte sie sich in eine
endlose Schilderung eines Konzerts an der Privatschule ihrer Tochter. Sie
sagte, die Schule werde einfach <emphasis>kaputtgemacht </emphasis>von den
reichen Ausl�ndern, die dort aufgenommen w�rden, blo� damit die Kasse stimmte.
Die H�lfte von ihnen k�nne �berhaupt nicht nach europ�ischer Art singen:</p><p>�Ich
meine, wer l��t sein Kind gern mit einem Haufen Perserinnen aufwachsen, wo
dort jeder sechs Ehefrauen hat?� Guillam ermunterte sie zum Weiterplappern und
spitzte die Ohren, um etwas von dem Gespr�ch am anderen Tischende
mitzubekommen. Lacon schien gleichzeitig alle Register zu ziehen:</p><p>�Zuerst
ein Gesuch an <emphasis>mich�, </emphasis>trompetete er, �machen Sie das
sofort und sehr korrekt. In diesem Stadium sollten Sie h�chstens einen
vorl�ufigen �berblick geben. Minister haben bekannterma�en eine Abneigung
gegen alles, was nicht auf einer Postkarte Platz hat. Am besten auf einer Ansichtskarte�,
sagte er und nahm einen beherzten Schluck von dem gr��lichen Rotwein. Mrs.
Lacon, deren Intoleranz etwas von strahlender Unschuld an sich hatte, jammerte
nun �ber die Juden: �Ich meine, sie essen nicht einmal die gleichen <emphasis>Speisen </emphasis>wie wir�,
sagte sie. �Penny sagt, sie kriegen zum Lunch besondere Heringsgerichte.�</p><p>Guillam
verlor wiederum den Faden, bis Lacon warnend die Stimme hob:</p><p>�Versuchen
Sie, <emphasis>Karla </emphasis>hier rauszuhalten, George. Ich bat
Sie bereits darum. Gew�hnen Sie sich an, statt dessen <emphasis>Moskau </emphasis>zu sagen,
ja? Die Leute m�gen nichts Pers�nliches - so leidenschaftslos Ihr Ha� gegen
ihn auch sein mag. Ich auch nicht.�</p><p>�Gut,
Moskau�, sagte Smiley.</p><p>�Nicht da�
man etwas gegen sie <emphasis>h�tte�, </emphasis>sagte Mrs.
Lacon. �Sie sind nur so anders.�</p><p>Lacon kam
wieder auf einen fr�heren Punkt zu sprechen: �Wenn Sie sagen, eine <emphasis>gro�e </emphasis>Summe, wie
gro� ist dann gro�?�</p><p>�Wir sind
noch nicht in der Lage, das anzugeben�, erwiderte Smiley.</p><p>�Gut. Um
so verlockender. Haben Sie keinen Panik-Faktor?� Smiley konnte dieser Frage
sowenig folgen wie Guillam. �Was regt Sie an Ihrer Entdeckung am meisten auf,
George? Worum f�rchten Sie, hier, in Ihrer Rolle als Wachhund?�</p><p>�Um die
Sicherheit einer britischen Kronkolonie?� schlug Smiley nach einigem �berlegen
vor.</p><p>�Sie
sprechen �ber Hongkong�, erkl�rte Mrs. Lacon Guillam. �Mein Onkel war
Staatssekret�r. V�terlicherseits�, f�gte sie hinzu. �Mamas Br�der haben nie
etwas Gescheites getan.� Sie sagte, Hongkong sei nett, aber es <emphasis>rieche. </emphasis>Lacon war
jetzt rosig angehaucht und schweifte ein bi�chen ab. �Kolonie, mein Gott, hast
du das geh�rt, Val?� rief er �ber den Tisch, um ihr bei dieser Gelegenheit ein
bi�chen Bildung zu vermitteln. �Doppelt so reich wie wir, denke ich, und von
meiner Warte aus gesehen auch beneidenswert sicherer. Volle zwanzig Jahre mu�
der Vertrag noch laufen, auch wenn die Chinesen die Pacht hochtreiben. In
dieser Preislage sollten sie uns in Frieden aussterben lassen.�</p><p>�Oliver
glaubt, wir seien <emphasis>verloren�, </emphasis>erkl�rte Mrs. Lacon Guillam so
erregt, als vertraute sie ihm ein Familiengeheimnis an, und warf ihrem Mann ein
engelhaftes L�cheln zu. Lacon nahm seinen fr�heren freundschaftlichen Tonfall
wieder auf, aber er sprach sehr sonor, so da� Guillam vermutete, er wolle vor
seiner Squaw eine Schau abziehen.</p><p>�Sie
w�rden mich au�erdem darauf hinweisen, ja? - gewisserma�en als Hintergrund der
Ansichtskarte -, da� bedeutendere nachrichtendienstliche Aktivit�ten der
Sowjets in Hongkong f�r die Kolonialregierung eine verheerende Erschwernis in
ihren Beziehungen zu Peking darstellen w�rde?�</p><p>�Ehe ich
so weit gehen w�rde . . . �</p><p>�Von
dessen Wohlwollen�, fuhr Lacon fort, �ihr �berleben von Stunde zu Stunde
abh�ngt, stimmt's?�</p><p>�Es geht
darum, da� allein solche m�glichen Weiterungen . . . �, sagte Smiley.</p><p>�Oh,
Penny, du bist <emphasis>nackt�, </emphasis>rief Mrs. Lacon nachsichtig. Zu
Guillams unendlicher Erleichterung sprang sie auf, um eine ungeb�rdige kleine
Tochter zu beruhigen, die unter der T�r erschienen war. Lacon hatte inzwischen
zu einer Arie Luft geholt. �Daher besch�tzen wir Hongkong nicht nur vor den <emphasis>Russen - </emphasis>was schon
schwierig genug ist, das garantiere ich Ihnen, aber vielleicht nicht schwierig
genug f�r einige unserer feinsinnigen Minister -, wir besch�tzen Hongkong auch
vor dem Zorn Pekings - der weltweit als schrecklich gilt, stimmt's, Guillam? <emphasis>Indessen�,
</emphasis>fuhr Lacon fort, und ging, um dem <emphasis>volte face
</emphasis>Nachdruck zu verleihen, so weit, Smileys Arm mit seiner langen Hand
festzuhalten, so da� er das Glas absetzen mu�te -, �indessen�, warnte er, und
seine unberechenbare Stimme fiel und hob sich wieder, �ob unsere Herrn und
Meister das alles schlucken werden, ist eine ganz andere Frage.�</p><p>�Ich habe
nicht vor, sie darum zu bitten, ehe ich nicht Erh�rtung unserer Daten erhalten
habe�, sagte Smiley scharf. �Ah, aber das k�nnen Sie nicht, oder?� protestierte
Lacon, der das Rollenfach wechselte. �Sie k�nnen nicht �ber Inlandsuntersuchungen
hinausgehen. Sie haben keine Befugnis.�</p><p>�Ohne
eingehende Pr�fung der Information . . . �</p><p>�Ah, was
wollen Sie damit sagen, George?�</p><p>�Da� ein
Agent angesetzt werden mu�.� Lacon hob die Brauen und wandte den Kopf ab,
wodurch er Guillam unwillk�rlich an Molly Meakin erinnerte. �Weder die
Verfahrensart noch Details sind meine Angelegenheit. Klar ist, da� Sie nichts
Unliebsames unternehmen k�nnen. Schlie�lich haben Sie kein Geld und keine Hilfsmittel.�
Er go� sich Wein nach und versch�ttete kr�ftig. �Val!� schrie er. �Lappen!�</p><p>�Ich habe <emphasis>einiges </emphasis>Geld.�</p></section><section><p>�Aber
nicht f�r diesen Zweck.� Der Wein hatte Flecke auf dem Tischtuch hinterlassen.
Guillam streute Salz dar�ber, w�hrend Lacon das Tuch anhob und seinen
Serviettenring darunterschob, um die Politur zu sch�tzen.</p><p>Die nun
folgende, lange Stille wurde vom Ticken des auf den Boden tropfenden Weins
ausgef�llt. Schlie�lich sagte Lacon: �Es liegt ausschlie�lich bei Ihnen zu
bestimmen, was im Rahmen Ihres Mandats gerechtfertigt ist.�</p><p>�Kann ich
das schriftlich haben?�</p><p>�Nein.�</p><p>�W�rden
Sie mich erm�chtigen, alle n�tigen Schritte zur Erh�rtung der Information zu
unternehmen?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Aber Sie
werden mich nicht daran hindern?�</p><p>�Da ich
nichts von Verfahrensweisen verstehe und dies auch nicht von mir verlangt wird,
f�llt es kaum mir zu, Ihnen Vorschriften zu machen.�</p><p>�Aber wenn
ich in aller Form an Sie herantrete ...� begann Smiley.</p><p>�Val, <emphasis>bitte </emphasis>einen
Lappen. Sobald Sie in aller Form an mich herantreten, werde ich jede
Verantwortung ablehnen. Ihr Handlungsspielraum wird vom Lenkungsausschu� f�r
den Geheimen Nachrichtendienst abgesteckt, nicht von mir. Dort lassen Sie Ihren
Schmonzes los. Der Ausschu� wird Sie bis zum Schlu� anh�ren. Danach ist die
Sache zwischen Ihnen und dem Ausschu� auszufechten. Ich bin nur die Hebamme.
Val, bring einen Lappen, es schwimmt schon alles!�</p><p>�Oh, mein
Kopf liegt auf dem Block, nicht der Ihre�, sagte Smiley wie zu sich selbst.
�Sie sind neutral. Das wei� ich alles.�</p><p>�<emphasis>Oliver </emphasis>ist nicht
neutral�, sagte Mrs. Lacon fr�hlich, als sie mit dem M�dchen auf dem Arm, das
frisch geb�rstet war und ein Nachthemd anhatte, wieder hereinkam. �Er hat <emphasis>unheimlich
</emphasis>viel f�r Sie �brig, nicht wahr, Olly?� Sie reichte Lacon einen Lappen,
und er fing an, aufzuwischen. �Er ist in letzter Zeit ein richtiger <emphasis>Falke </emphasis>geworden.
Mehr noch als die Amerikaner. Jetzt sag allen gute Nacht, Penny, los.� Sie
reichte das Kind herum. �Mister Smiley zuerst . . . Mister Guillam . . . jetzt
Daddy . . . Wie geht's Ann, George, doch nicht schon wieder auf dem Lande will
ich hoffen?�</p><p>�Oh,
bestens, vielen Dank.�</p><p>�Sie
m�ssen Oliver herumkriegen. Er wird <emphasis>schrecklich </emphasis>bombastisch.
Nicht wahr, Olly?�</p><p>Sie tanzte
hinaus und sang dem Kind selbstverfa�te Ritualweisen vor:</p><p>�Hitti-Pitti
an der Wand Hitti-Pitti im ganzen Land Und bums, da macht es Plumps!� Lacon sah
ihr voll Stolz nach.</p><p>�Wollen
Sie die Amerikaner nicht mit ins Spiel bringen, George?� fragte er munter.
�W�ren ein phantastischer K�der, wissen Sie? R�cken Sie mit den Vettern an, und
Sie haben den Ausschu� in der Tasche, ohne einen Schu� abzufeuern. Das Foreign
Office w�rde Ihnen aus der Hand fressen.�</p><p>�Ich w�rde
diese Sache lieber in der Hand behalten.�</p><p>Als h�tte
es, dachte �Guillam, nie ein gr�nes Telefon gegeben. Lacon spielte mit seinem
Glas und �berlegte. �Schade�, verk�ndete er schlie�lich. �Schade. Keine
Vettern, keinen Panik-Faktor . . . �. Er blickte auf die pummelige, wenig
eindrucksvolle Gestalt vor ihm. Smiley sa� mit gefalteten H�nden und geschlossenen
Augen da und schien nah am Einschlafen. �Und auch keine Glaubw�rdigkeit�, fuhr
Lacon fort, offenbar als direkten Kommentar zu Smileys Erscheinung. �Das
Verteidigungsministerium wird keinen Finger f�r Sie r�hren, das will ich Ihnen
gleich sagen. Und das Innenministerium ebensowenig. Das Schatzamt ist ein
Gl�cksspiel, und das Au�enministerium? - Kommt darauf an, wen sie zu der
Besprechung entsenden und was es zum Fr�hst�ck gegeben hat.� Wieder dachte er
nach. �George.�</p><p>�Ja?�</p><p>�Lassen
Sie mich Ihnen einen Vertreter schicken. Jemanden, der Ihre Sache verfechten,
der f�r Sie auf die Barrikaden gehen kann.�</p><p>�Oh, ich
glaube, ich werde es schaffen, vielen Dank!�</p><p>�Sorgen
Sie daf�r, da� er mehr ausruht�, riet Lacon Guillam in ohrenbet�ubendem
Fl�stern, als sie zum Wagen gingen. �Und versuchen Sie ihn zu bewegen, da� er
diese schwarzen Jacketts und so weiter ablegt. Sind zusammen mit Reifr�cken aus
der Mode gekommen. Wiedersehen, George! L�uten Sie mich morgen an, wenn Sie
sich's anders �berlegen sollten und Hilfe m�chten. Fahren Sie vorsichtig,
Guillam. Sie haben Alkohol getrunken, denken Sie daran!�</p><p>Als sie
durchs Tor fuhren, tat Guillam einen wirklich sehr starken Ausspruch, aber
Smiley steckte zu tief in der Decke, um ihn zu h�ren.</p><p>�Es geht
also nach Hongkong?� sagte Guillam. Keine Antwort: aber auch kein Dementi.</p><p>�Und wer
ist der gl�ckliche Au�enmann?� fragte Guillam ein wenig sp�ter, ohne
eigentliche Hoffnung auf eine Antwort. �Oder hat das Ganze nur den Zweck, die
Vettern auszutricksen?�</p><p>�Wir
tricksen die Vettern keineswegs aus�, brauste Smiley auf, gereizt wie selten.
�Wenn wir sie mittun lassen, buttern sie uns unter. Wenn nicht, dann haben wir
keine Mittel. Will einfach genau austariert werden.� Smiley tauchte wieder
unter die Decke.</p><p>Doch schon
am folgenden Tag, siehe da, war es soweit. Um zehn berief Smiley
ein Einsatzdirektorium ein. Smiley redete, Connie
redete, di Salis zappelte herum und kratzte sich wie ein verlauster
Dorfschullehrer in einer Bauernkom�die, bis die Reihe zum Sprechen an ihm war
und er sich mit seiner rauhen, klugen Stimme �u�erte. Noch am gleichen Abend
schickte Smiley sein
Telegramm nach Italien: ein richtiges Telegramm, nicht nur einen Funkspruch,
Codewort <emphasis>guardian, </emphasis>Kopie in
die rasch anwachsende Akte. Smiley schrieb es
aus, Guillam �bergab es Fawn, und der
raste triumphierend damit zum Nachtpostamt Charing
Cross. Er zog so feierlich damit ab, da� man h�tte meinen k�nnen,
das br�unliche kleine Formular bilde den bisherigen H�hepunkt seines beh�teten
Daseins. Dem war nicht so. Vor dem S�ndenfall hatte Fawn
unter Guillam bei den in Brixton stationierten
Skalpj�gern gearbeitet. Sein erlernter Beruf indessen war der eines lautlosen
Killers.</p><p><strong/></p><p><emphasis>Spaziergang
im Park</emphasis></p><p><emphasis/></p><p>Diese
ganze sonnige Woche hindurch trugen Jerry Westerbys Reisevorbereitungen das
Gepr�ge festlicher Betriebsamkeit, die nicht einen Augenblick nachlie�. Wie
London einen sp�ten Sommer feierte, so auch, mochte man denken, Jerry Westerby.
Stiefm�tter, Impfungen, Reisetips, literarische Agenturen und
Fleet-Street-Redakteure; Jerry, der London sonst ha�te wie die Pest, stiefelte
frisch und fr�hlich vom einen zum andern. Er hatte f�r London sogar ein eigenes
Kost�m zu seinen Wildlederstiefeln: einen Anzug, nicht direkt aus der Savile
Row, aber unleugbar einen Anzug. Seine Gef�ngnismontur, wie die Waise gesagt
hatte, war ein waschbares, verschossen-blaues Etwas, die Kreation eines
Rund-um-die-Uhr-Schneiders namens Pontschak Happy House in Bangkok, der es in
gl�nzenden Seidenlettern auf dem Etikett als <emphasis>knitterfrei
</emphasis>garantierte. In den milden Mittagsbrisen bl�hte es sich am Brighton
Pier so schwerelos wie eine Soutane. Sein aus gleicher Quelle stammendes
Seidenhemd war vergilbt, als h�tte es lange in einer Mannschaftsgarderobe von
Wimbledon oder Henley gehangen. Seine Sonnenbr�une war, obgleich toskanischen
Ursprungs, genauso englisch wie die ber�hmte Kricket-Krawatte, die gleich
einer Landesfahne an ihm flatterte. Nur sein Gesichtsausdruck hatte f�r die
sehr Scharf�ugigen eine gewisse Wachsamkeit, die auch Mamma Stefano, die
Postmeisterin, festgestellt hatte und die man instinktiv als �berufsbedingt�
empfindet und damit abtut. Manchmal, wenn er sich auf Wartezeiten gefa�t
machte, schleppte er den B�chersack mit sich, so da� er wie ein Hinterw�ldler
aussah.</p><p>Er
logierte, wenn �berhaupt irgendwo fest, am Thurloe Square bei seiner
Stiefmutter, der dritten Lady Westerby, in einer winzigen Wohnung voller
Schnickschnack und riesiger Antiquit�ten, geborgenem Gut aus aufgegebenen
H�usern. Sie war eine bemalte, hennenartige Frau, z�nkisch, wie das gealterte
Sch�nheiten zuweilen sind, und beschimpfte ihn h�ufig wegen wirklicher oder
eingebildeter Delikte wie zum Beispiel wegen Rauchens ihrer letzten Zigarette
oder Einschleppens von Schmutz nach seinen bemessenen Streifz�gen im Park.
Jerry nahm alles geduldig hin. Manchmal, wenn er erst um drei oder vier Uhr
morgens heimkam, aber noch immer nicht schl�frig war, h�mmerte er an ihre T�r,
um sie zu wecken, obwohl sie meist ohnehin schon wach war; und wenn sie ihr
Make-up aufgelegt hatte, setzte er sie in ihrem r�schenraschelnden Morgenrock
auf sein Bett, dr�ckte ihr eine Riesenportion <emphasis>creme de
menthe frappee </emphasis>in die winzigen Klauen, streckte sich in ganzer
L�nge auf der freien Fl�che des Fu�bodens inmitten eines Zauberbergs von
Gerumpel und fuhr mit dem, was er als Einpacken bezeichnete, fort. Der Berg
bestand aus allem m�glichen unn�tzen Zeug: alten Zeitungsausschnitten, Haufen
vergilbter Zeitungen, Dokumenten, mit gr�nem Band umwunden, und sogar ein Paar
ma�gearbeitete Reitstiefel war darunter, auf Leisten gespannt und gr�n vor
Schimmel. Theoretisch traf Jerry eine Auswahl alles dessen, was er f�r seine
Reise ben�tigen w�rde, aber er kam selten �ber die Bergung von Souvenirs
hinaus, die in beiden von ihnen eine Kette von Erinnerungen ausl�sten. Eines
Nachts zum Beispiel grub er einen Band seiner fr�hesten Erz�hlungen aus.</p><p>�Heh, Pet!
Hier ist eine gute! Hier rei�t Westerby einem die Maske ab! L��t dein Herz
schneller schlagen, wie, altes Haus? Treibt das tr�ge Blut durch die Adern?�</p><p>�Du
h�ttest ins Gesch�ft deines Onkels eintreten sollen�, erwiderte sie, w�hrend
sie mit gro�er Genugtuung die Seiten umbl�tterte. Besagter Onkel war ein
Kiesk�nig, den Pet gern ins Treffen f�hrte, um Old Sambos mangelnde
Gesch�ftst�chtigkeit herauszustreichen.</p><p>Ein
andermal fanden sie das jahrealte Testament des alten Herrn - �Ich, Samuel,
auch bekannt als Sambo Westerby� - zusammen mit einem Packen Rechnungen und
Anwaltskorrespondenz an die Adresse Jerrys in seiner Eigenschaft als
Testamentsvollstrecker irgendwo hineingestopft, alles voller Whisky- oder
Chininflecken und stets beginnend mit: �Zu unserem Bedauern.�</p><p>�Hartes
Schl�gchen, das�, murmelte Jerry verlegen, als es zu sp�t war, den Umschlag
wieder unter dem Gerumpel verschwinden zu lassen. �K�nnten wir eigentlich ins
Na-du-wei�t-schon schmei�en, was, altes Haus?�</p><p>Ihre
Knopfaugen funkelten ihn w�tend an. �Laut�, befahl sie mit rauher B�hnenstimme,
und schon durchstreiften sie gemeinsam die unentwirrbaren Kn�uel von Treuh�nderscharten,
die Enkelkinder versorgten, Neffen und Nichten auf Schulen schickten, Apanagen
f�r eine Ehefrau auf Lebenszeit sicherten, Kapital an Soundso bei Tod oder
Verheiratung; qu�lten sich durch Nachs�tze, die Wohlverhalten belohnten,
andere, die Verst��e r�chten.</p><p>�Heh,
wei�t du, wer das war? Vetter Aldred, das schwarze Schaf, der im Kittchen war!
Herrjeh, warum wollte er ausgerechnet <strong><emphasis>dem </emphasis></strong>Geld
hinterlassen? H�tt's in einer einzigen Nacht verputzt!� Und Nachs�tze zwecks
Versorgung der Rennpferde, die andernfalls wom�glich unters Beil k�men: �Mein
Pferd Rosalie in Maison Lafitte, zusammen mit zweitausend Pfund pro Jahr f�r
Stallgeld . . . Mein Pferd Intruder, zur Zeit zum Training in Dublin, gehen an
meinen Sohn Gerald, mit der Auflage, da� er bis zu ihrem nat�rlichen Tod f�r
sie sorgen wird . . . � Old Sambo konnte, genau wie Jerry, ein Pferd �ber alles
lieben. Auch f�r Jerry: Aktien. Ausschlie�lich f�r Jerry: das Aktienkapital
der Gesellschaft in Millionenh�he. Mantel, Macht, Verantwortung; eine ganze
gro�artige Welt zum Erben und Sich-Tummeln - eine Welt, die dargeboten, sogar
versprochen und dann wieder entzogen wurde: � . . . meinen Sohn, s�mtliche
Zeitungen der Gruppe entsprechend den zu meinen Lebzeiten �blichen Gepflogenheiten
und Regeln zu �bernehmen.� Sogar ein Bastard wurde bedacht; ein Betrag von
zwanzigtausend, �frei von allen Steuern und anderen Zahlungsverpflichtungen,
zahlbar an Mi� Mary Soundso in Chobham, nachweislich Mutter meines Sohnes
Adam�. Der einzige Haken: die Kasse war leer. Als das Imperium des gro�en
Mannes dem Konkurs entgegentaumelte, schrumpften die Konten unaufhaltsam. Dann
wuchsen die roten Zahlen zu langen blutsaugenden Insekten heran, schwollen
jedes Jahr um eine Null.</p><p>�Ach ja,
Pet�, sagte Jerry in der unirdischen Stille der ersten Morgend�mmerung, als er
den Umschlag wieder auf den Zauberberg warf. �Fix und fertig mit ihm, wie,
altes Haus?� Er rollte sich auf die Seite, zog sich den Stapel vergilbter
Zeitungen heran - letzte Nummern der v�terlichen Geisteskinder - und w�hlte
sich, wie es nur alte Zeitungsleute k�nnen, durch den ganzen Haufen zugleich.
�Kann nicht hinter den munteren V�glein herjagen, dort, wo er <emphasis>jetzt ist,
</emphasis>wie?� - gewaltiges Bl�tterrascheln-, �zwar, zuzutrauen w�r's ihm, wie?
Versuchen wird er's immer noch, wenn du mich fragst.� Und mit ruhigerer Stimme,
w�hrend er sich umdrehte und die stumme kleine Puppe ansah, die auf seiner
Bettkante sa� und mit ihren F��en kaum bis zum Boden reichte; �Du warst immer
seine <emphasis>thai-thai, </emphasis>altes Haus, seine Nummer eins.
Immer dein Lob gesungen. Hat's mir gesagt. &gt;Pet ist das sch�nste M�del auf
der Welt&lt;. Hat's mir gesagt. Seine eignen Worte. Hat's mir einmal �ber die
ganze Fleet Street zugebr�llt. &gt;Beste Ehefrau meines Lebens&lt;.�</p><p>�Verdammter
Satan�, sagte seine Stiefmutter mit leisem, j�hem Ausbruch reinsten
Nordengland-Dialekts, und die F�ltchen reihten sich wie Operationsnadeln rings
um den roten Saum ihrer Lippen. �Niedertr�chtiger Satan, ich hasse jeden Zoll
an ihm.� Und eine ganze Weile verblieben sie so, keiner von ihnen sprach, Jerry
lag auf dem Boden, kramte in seinem Gerumpel herum und ri� an einer
Haarstr�hne, die ihm in die Stirn fiel, Pet sa� auf dem Bett, und beide waren
in einer Art Liebe zu Jerrys Vater vereint. �Du h�ttest f�r deinen Onkel Paul
Schotter verkaufen sollen�, seufzte sie mit der Klugheit einer vielentt�uschten
Frau. An ihrem letzten Abend f�hrte Jerry sie zum Essen aus, und danach, als
sie wieder in Thurloe Square waren, servierte sie ihm Kaffee in dem erhalten
gebliebenen Sevres-Service. Die noble Geste hatte eine Katastrophe zur Folge.
Als Jerry gedankenlos den dicken Zeigefinger in den Henkel seiner Tasse
zw�ngte, brach der Henkel mit einem leisen <emphasis>ptt, </emphasis>das
gn�digerweise ihrer Aufmerksamkeit entging. Er hielt die Tasse geschickt in
der hohlen Hand, um das Malheur vor ihr zu verbergen, bis er in die K�che
entwischen und sie gegen eine andere austauschen konnte. Doch vor Gottes Zorn
gibt es kein Entrinnen. Als Jerrys Flugzeug in Taschkent zwischenlandete - er
hatte sich unterderhand eine Flugerlaubnis auf der transsibirischen Route
verschafft -, stellte er zu seiner �berraschung fest, da� die russischen
Beh�rden an einem Ende der Wartehalle eine Bar er�ffnet hatten: nach Jerrys
Ansicht ein schlagender Beweis f�r die liberale Tendenz des Landes. Als er in
seiner Jackentasche nach Hartgeld suchte, um sich einen gro�en Wodka zu
genehmigen, zog er statt dessen das niedliche Porzellanfragezeichen mit den
angebrochenen Enden heraus. Er verzichtete auf den Wodka.</p><p>In
gesch�ftlichen Dingen zeigte er sich gleichbleibend vertr�glich, gleichbleibend
nachgiebig. Sein literarischer Agent war eine alte Kricket-Bekanntschaft, ein
Snob ungewisser Herkunft namens Mencken, bekannt als Ming, einer jener echten
Narren, f�r die sich in der englischen Gesellschaft und besonders im Verlagswesen
allemal ein bequemes Pl�tzchen findet. Mencken war dreist und ungest�m und
schm�ckte sich mit einem Pfeffer-und-Salz-Vollbart, vielleicht um den Eindruck
zu erwecken, er schriebe die B�cher, die er verh�kerte. Sie lunchten in Jerrys
Club, einem w�rdigen, heruntergekommenen Haus, das sein �berleben nur der
Fusion mit bescheideneren Clubs und wiederholter Postwerbung verdankte. In
einer Ecke des Speisesaals, unter den Marmoraugen einstiger Bildner des Empire,
beklagten sie den Mangel schneller Ballm�nner bei Lancashire. Jerry w�nschte,
Kent w�rde �den verdammten Ball schlagen, nicht daran rumstochern.� Middlesex,
darin waren sich beide einig, hatte ein paar gute junge Nachwuchsspieler, aber:
�Herr im Himmel, sehen Sie doch blo�, wie man sie aussucht�, sagte Ming
kopfsch�ttelnd und schnitt sich das Essen auf dem Teller zurecht. �Schade, da�
Ihnen die Puste ausging�, verk�ndete er Jerry und allen, die es h�ren wollten.
�Niemand hat in j�ngster Zeit einen Fernost-Roman geschrieben, soviel ich sehe.
Greene hat es fertiggebracht, wenn Sie Greene ausstehen k�nnen, was ich
pers�nlich nicht kann - zu viel Papisterei. Malraux, wenn Sie Philosophie
m�gen, ich pers�nlich mag sie nicht. Maugham <emphasis>geht </emphasis>noch, und
davor ist es erst wieder Conrad. Wohlsein. Darf ich mal was sagen?� Jerry
f�llte Mings Glas. �Vorsicht mit der Hemingway-Masche. Diese gute Miene zum
b�sen Spiel, Liebe mit kaputten Eiern. Mag kein Mensch mehr, soviel ich sehe.
War alles schon da.�</p><p>Jerry
begleitete Ming ans Taxi.</p><p>�Darf ich
mal was sagen?�fragte Mencken. �L�ngere S�tze. Wenn ihr alten Journalisten auf
Romane umsteigt, schreibt ihr immer zu kurz. Kurze Abs�tze, kurze S�tze, kurze
Kapitel. Ihr seht das Ganze in schmalen Kolumnen, anstatt quer �ber die Seite.
Hemingway war genauso. Immer versucht, Romane auf die R�ckseite einer
Streichholzschachtel zu schreiben. In die Breite gehen, sage ich.�</p><p>�Cheero,
Ming. Vielen Dank.�</p><p>�Cheero,
Westerby. Empfehlung an Ihren alten Herrn, ja? Mu� jetzt wohl auch nicht mehr
der J�ngste sein. Jaja, das bleibt keinem erspart.�</p><p>Sogar
Stubbs gegen�ber bewahrte Jerry fast genau die gleiche sonnige Laune; obwohl
Stubbs, wie Connie Sachs gesagt haben w�rde, eine widerliche Kr�te war.</p><p>Zeitungsleute
richten, wie alle, die viel reisen, �berall das gleiche Durcheinander an, und
Stubbs, der Chefredakteur der Gruppe, bildete keine Ausnahme. Sein.
Schreibtisch war �bers�t mit teefleckigen Druckfahnen, tintenfleckigen Tassen
und den Resten eines Schinkenbr�tchens, das an Altersschw�che eingegangen war.
Stubbs selbst thronte mittendrin und blickte Jerry so finster entgegen, als sei
Jerry gekommen, um ihm seine Sch�tze zu rauben.</p><p>�Stubbsi.
Stolz der Gilde�, murmelte Jerry, stie� die T�r auf und lehnte sich an die
Wand, die H�nde hinter den R�cken geklemmt, wie um sie in Schach zu halten.</p><p>Stubbs bi�
auf etwas Hartes und Ekliges an seiner Zungenspitze, ehe er sich wieder dem
Studium der Akte zuwandte, die zuoberst auf seinem M�llhaufen von Schreibtisch
lag. Stubbs war die Best�tigung aller m�den Witze �ber Zeitungsredakteure. Ein
gr�mlicher Mensch mit schweren grauen Backen und schweren Lidern, die aussahen,
als w�ren sie mit Ru� eingerieben. Er w�rde beim <emphasis>Daily </emphasis>bleiben,
bis er Magengeschw�re h�tte, dann w�rde er zum <emphasis>Sunday </emphasis>versetzt.
Noch ein Jahr, und sie w�rden ihn zu den Frauenzeitschriften abschieben, wo er
sich bis zu seiner Pensionierung von Kindern herumkommandieren lassen m��te.
Derzeit war er ein falscher Hund, der die hereinkommenden Telefonate der
Korrespondenten mith�rte, ohne ihnen zu sagen, da� er in der Leitung hing.</p><p>�Saigon�,
grollte Stubbs und machte mit einem zerkauten Kugelschreiber eine Randnotiz.
Sein Londoner Akzent wurde durch einen leisen Stich ins Kanadische verfremdet,
wie es fr�her eine Zeitlang in der Fleet Street Mode gewesen war. �Weihnachten
vor drei Jahren. Klingelt's bei Ihnen?�</p><p>�Was soll
da klingeln, alter Junge?� fragte Jerry, noch immer an die Wand gedr�ckt.</p><p>�Eine <emphasis>festliche </emphasis>Glocke�,
sagte Stubbs mit einem Henkerl�cheln. �Jubel und Trubel im B�ro, als die Gruppe
noch bl�d genug war, da dr�ben eines zu unterhalten. Eine Weihnachtsparty.
Haben Sie gegeben.� Er las aus einer Akte vor. �&gt;Weihnachtsessen im Hotel Continental.
Saigon.&lt; Dann die G�steliste, die wir von Ihnen angefordert hatten. Tagl�hner,
Fotografen, Fahrer, Sekret�rinnen, Botenjungen, wei� ich's oder wei� ich's
nicht? Blanke siebzig Pfund ausgegeben im Dienste von Public-Relations und
Jubelstimmung. Erinnern Sie sich?� Er fuhr unbeirrt fort. �Unter den G�sten
haben Sie Smoothie Stallwood aufgef�hrt. Er war mit von der Partie, was?
Stallwood? Seine �bliche Nummer? Wanzt sich an die h��lichsten M�dchen ran und
fl�tet ihnen, was sie h�ren wollen!�</p><p>Stubbs
wartete und knabberte wieder an dem Etwas auf seiner Zungenspitze herum. Aber
Jerry blieb hart an die Wand gepre�t und h�tte notfalls auch den ganzen Tag so
gewartet. �Wir sind eine linksorientierte Gruppe�, betete Stubbs seinen Leib- und-Lieblingsspruch
her. �Das bedeutet, wir sind Antikapitalisten, und unsere ganze Existenz h�ngt
von der Gro�mut eines analphabetischen Million�rs ab. Aus den Akten geht
hervor, da� Stallwood seinen Weihnachtslunch in Phnom Penh verzehrte, wo er
seine Gastfreundschaft einigen W�rdentr�gern der kambodschanischen Regierung
aufdr�ngte, Gott sei ihm gn�dig. Ich habe mit Stallwood gesprochen, er scheint
der Meinung zu sein, da� er dort war. In Phnom Penh.�</p><p>Jerry
schlurfte zum Fenster hin�ber und lehnte sich an einen alten schwarzen
Heizk�rper. Drau�en, keine sechs Fu� von ihm entfernt, hing �ber dem vielgetretenen
Pflaster eine verdreckte Uhr, ein Geschenk des Gr�nders an die Fleet Street. Es
war Vormittag, aber die Zeiger standen auf f�nf vor sechs. In einer Einfahrt
jenseits der Stra�e standen zwei M�nner und lasen Zeitung. Sie trugen H�te, und
die Zeitung verbarg ihre Gesichter, und Jerry dachte bei sich, wie angenehm das
Leben sein w�rde, wenn Observanten in Wirklichkeit auch so auss�hen. �Jeder
schr�pft dieses Comic, Stubbsi�, sagte er nach weiterem l�ngerem Schweigen
nachdenklich. �Sie inklusive. Sie sprechen von einer drei Jahre alten Sache.
Lassen Sie's gut sein, altes Haus. Mein Rat. Stopfen Sie sich's sonstwo rein.
Da geh�rt's hin.�</p><p>�Das ist
kein Comic, das ist ein Schmierblatt. Comic ist eine Farbbeilage.�</p><p>�F�r mich
ist es ein Comic, altes Haus. War's immer, wird's immer sein.�</p><p>�Willkommen�,
stimmte Stubbs seufzend an. �Willkommen im Spitzenmanagement.� Er nahm ein
Vertragsformular zur Hand.</p><p>�Name:
Westerby, Clive Gerald�, deklamierte er, als l�se er ab, �Beruf: Aristokrat.
Willkommen, Sohn von Old Sambo!� Er warf das Formular auf den Schreibtisch.
�Sie �bernehmen beide. Den Sunday und den Daily. Berichterstattung sieben Tage
pro Woche, von Krieg bis Tittenschau. Kein K�ndigungsschutz, keine Pension.
Spesen auf der Sch�bigstm�glichen Ebene, nur die Arbeitswindeln d�rfen
abgerechnet werden, nicht die ganze W�sche. Sie bekommen eine Telegrammkarte,
aber vor Ben�tzung wird gewarnt. Story per Luftfracht schicken und Nummer des
Frachtbriefs �ber Telex durchgeben, wir legen sie sofort bei Ankunft unter
�nicht ver�ffentlicht� ab. Weitere Bezahlung nach Leistung. Auch BBC ist
gn�digst geneigt, Tonbandinterviews von Ihnen zum �blichen Schandhonorar
anzunehmen. Direktor sagt, es ist gut f�rs Prestige, was immer das bedeutet.
Und was die Zusammenarbeit mit einer Presseagentur angeht . . . �</p><p>�Halleluja�,
sagte Jerry und atmete lange aus. Er schlenderte zum Schreibtisch, nahm den
zerkauten Kugelschreiber, der noch feucht war von Stubbs' �Zunge, und
kritzelte ohne einen Blick auf den Besitzer des Stifts oder den Wortlaut des
Vertrages zu werfen, seine Unterschrift in langsamem Zickzack und mit breitem
Grinsen an den unteren Rand der letzten Seite. Im gleichen Augenblick trat, wie
gerufen, um diesen heiligen Akt zu unterbrechen, ein M�dchen in Jeans h�chst
unzeremoni�s die T�r mit dem Fu� auf und knallte einen frischen Packen
Fahnenabz�ge auf den Schreibtisch. Die Telefone klingelten - vielleicht hatten
sie schon eine ganze Weile geklingelt -, das M�dchen entfernte sich l�cherlich
schwankend auf ihren riesigen Plateausohlen, ein unbekannter Kopf schob sich
durch die T�r und schrie: �Der Alte sammelt zum Gebet, Stubbsi�, ein Sklave
erschien, und wenig sp�ter wurde Jerry auf die Ochsentour geschickt:
Verwaltung, Ausland, Chefredaktion, Kasse, Vermischtes, Sport, Reisen, die
schauderhaften Frauenzeitschriften. Sein F�hrer war ein zwanzigj�hriger
vollb�rtiger Abiturient, und Jerry nannte ihn w�hrend des ganzen Rituals
�Cedric�. Auf der Stra�e blieb er eine Weile stehen, wippte leicht von der
Ferse auf die Spitze und zur�ck, als w�re er anges�uselt oder angeschlagen.
�Super�, brummte er, laut genug, da� ein paar M�dchen sich im Vorbeigehen
umdrehten und ihn anglotzten. �Ausgezeichnet. Wunderbar. Einmalig. Perfekt.�
Damit tauchte er in die n�chste Kneipe, wo eine Rotte alter Hasen die Bar
umlagerten, zumeist aus den Sparten Industrie und Politik, und Spr�che
klopften, wie sie um ein Haar einen Aufmacher auf Seite f�nf gekriegt h�tten.
�Westerby! Da kommt der Herr Graf pers�nlich! Da kommt der <emphasis>Anzug! �</emphasis>Der
gleiche Anzug! Und hol's der Kuckuck, Graf Westerby steckt drin!�</p><p>Jerry
blieb, bis der Wirt �Sperrstunde� rief. Aber er trank sparsam, denn er wollte
einen klaren Kopf behalten f�r seine Spazierg�nge im Park mit George Smiley.</p><p>Jede
geschlossene Gesellschaft hat ihre Innen- und ihre Au�enseite, und Jerry war
an der Au�enseite. Um in jenen Tagen mit George Smiley einen Spaziergang im
Park zu machen oder - nicht in der Fachsprache ausgedr�ckt - ein heimliches
Treffen mit ihm abzuhalten; oder, wie Jerry selber wohl gesagt h�tte, wenn er,
Gott beh�te!, jemals den bedeutenderen Umst�nden seines Daseins einen Namen
gegeben h�tte, �um einen Sprung in sein anderes, besseres Leben zu tun�, mu�te
er im Zickzackkurs von einem bestimmten Ausgangspunkt starten, gew�hnlich einer
ziemlich unterbev�lkerten Gegend wie dem unl�ngst stillgelegten Covent Garden,
und, immer noch zu Fu�, an einem festgesetzten Ziel anlangen, kurz vor sechs,
so da� inzwischen, wie er vermutete, das sch�ttere Team der Circus-Pflasterk�nstler
seinen R�cken begutachten und f�r sauber befinden konnte. Am ersten Abend war
sein Ziel die Embankment-Seite der U-Bahn-Station Charing Cross, wie sie in
jenem Jahr noch hie�, eine belebte, chaotische Stelle, wo der Verkehr st�ndig durch
irgendeine Panne behindert zu sein scheint. Am letzten Abend war der Treff eine
Doppelhaltestelle f�r Autobusse am s�dlichen Gehsteig von Piccadilly am Rand
des Green Park. Im Ganzen waren es vier Termine, zwei in London und zwei in der
Nursery. Die beiden in Sarratt waren operativer Natur - das obligatorische
Nachschleifen in Verfahrenstechnik, dem sich jeder Au�enagent von Zeit zu Zeit
unterziehen mu� -, und er hatte viel Ged�chtnisarbeit leisten m�ssen, zum
Beispiel sich Telefonnummern merken, Wort-Code und Kontaktverfahren;
Klartext-Wendungen, die in normale Telex-Mitteilungen an das Comic eingebaut
werden konnten, Ausweichtreffs und Notfallverhalten f�r gewisse hoffentlich
entfernte M�glichkeiten. Wie viele Sportler hatte Jerry ein klares, m�heloses
Erinnerungsverm�gen f�r Fakten, und als die Inquisitoren ihn testeten, waren
sie zufrieden. Er wurde auch im Nahkampf aufgefrischt, mit dem Ergebnis, da�
sein R�cken vom allzu h�ufigen Aufprall auf die abgewetzte Matte blutete. Die
Sitzungen in London bestanden aus einer sehr kurzen Instruktion und einem sehr
kurzen Lebewohl. Die Transporte kamen auf verschiedene Art zustande. Am Green
Park trug er als Erkennungszeichen eine Tragetasche von Fortnum &amp; Mason und
brachte es trotz der immer l�nger werdenden Warteschlange an der Bushaltestelle
durch beharrliches Grinsen und Wegr�cken fertig, immer h�bsch am Schwanzende zu
bleiben. Als er sich am Embankment herumdr�ckte, hatte er eine �ltere Nummer
von Time in der Hand, zuf�llig mit den wohlgen�hrten Z�gen des Vorsitzenden Mao
auf der Titelseite, deren rote Beschriftung und Umrahmung auf wei�em Feld im
schr�gen Sonnenlicht seltsam auffielen. Big Ben schlug sechs, und Jerry z�hlte
die Glockenschl�ge, aber das Gesetz solcher Zusammenk�nfte will, da� sie nicht
zur vollen Stunde, auch nicht zur Viertelstunde stattfinden, sondern in den
vageren Zeitr�umen dazwischen, die als weniger verd�chtig gelten. Sechs Uhr war
die herbstliche Geisterstunde, wenn die Ger�che aller feuchten laubbestreuten
Kricketpl�tze in ganz England mit den Dunstschwaden der D�mmerung flu�auf
treiben, und Jerry verbrachte die Zeit in einer angenehmen Halbtrance, atmete
gedankenlos den Duft ein und hielt das linke Auge aus irgendeinem Grund fest
geschlossen. Der Lieferwagen, der endlich herangerumpelt kam, war ein
verbeulter gr�ner Bedford mit einer Leiter auf dem Dach und der Aufschrift
�Harris Builder�, die zwar �bermalt, aber an den Seiten noch immer lesbar war:
ein altes abgehalftertes Observierungspferd mit Stahlklappen �ber den Fenstern.
Als er den Wagen an die Bordkante fahren sah, lief Jerry hin, im gleichen
Augenblick, als der Fahrer, ein m�rrischer Junge mit Hasenscharte, den
Stoppelkopf durch das offene Fenster schob. �Wo ist denn Wilf?� fragte der
Junge unfreundlich. �Hat gehei�en, Sie bringen Wilf mit.�</p><p>�M�ssen
mit mir vorlieb nehmen�, erwiderte Jerry launig. �Wilf ist auf Montage.� Und er
�ffnete die Heckt�r, kletterte hinein und schlug sie wieder zu: denn der
Beifahrersitz war absichtlich mit Sperrholzbrettern verstellt, so da� dort kein
Platz f�r ihn war. Das war die einzige Unterhaltung, die sie jemals f�hrten. In
den alten Zeiten, als der Circus noch einen ungezwungenen Stil pflegte, h�tte
Jerry sich auf einen kleinen Schwatz gefreut. Aus damit. Wenn er nach Sarratt
mu�te, ging es in etwa genauso zu, nur da� sie f�nfzehn Meilen weit
dahinrumpelten und der Junge, falls Jerry Gl�ck hatte, ein Kissen
hineingeworfen hatte, damit Jerry nicht mit v�llig gebrochenem R�ckgrat
ankomme. Die Fahrerkabine war vom Inneren des Lieferwagens, wo Jerry kauerte,
hermetisch abgetrennt, und er konnte, w�hrend er auf der Holzbank hin- und
herrutschte und sich an die Handgriffe klammerte, allenfalls durch die Ritzen
an den Kanten der st�hlernen Fensterblenden schauen, was bestenfalls ein
durchl�chertes Bild der Au�enwelt vermittelte, aber Jerry war flink genug, um
die Landmarken zu lesen.</p><p>Die
Strecke nach Sarratt f�hrte an deprimierenden Resten ehemaliger Fabriken
vor�ber, die sch�big get�nchten Kinos aus den zwanziger Jahren glichen, und an
einer Rastst�tte aus Ziegeln, auf der in roten Leuchtbuchstaben stand
�Lieferant von Hochzeits-B�ffets�. Aber am ersten und am letzten Abend, auf der
Fahrt zum Circus f�hlte er sich besonders erregt. Als am ersten Abend die
sagenumwobenen T�rmchen in Sicht kamen, empfand er wie immer - darauf konnte er
sich verlassen - eine Art verworrener Fr�mmigkeit: �Ja, ja, so ist der Dienst
am Vaterland.� Etwas Ziegelrotes, dann die schw�rzlichen St�mme von Platanen,
dann ein Gewirr bunter Lichter, dann flog eine Toreinfahrt an ihm vorbei, und
der Lieferwagen hielt mit einem Ruck an. Die T�ren wurden von au�en
aufgerissen, gleichzeitig h�rte er die Torfl�gel zuschlagen und eine
Feldwebelstimme br�llen: �Na los, Mann, <emphasis>Beeilung, </emphasis>Herrgottnochmal�,
und das war Guillam, der sich einen Spa� leistete. �Hallo, Peter, mein Junge,
was macht's Gesch�ft. Herrjeh, ist das kalt!�</p><p>Statt
einer Antwort versetzte Guillam Jerry einen t�chtigen Klaps auf die Schulter,
als schickte er ihn auf die Rennbahn, schlo� die T�r fest, versperrte sie oben
und unten, steckte die Schl�ssel in die Tasche und f�hrte ihn im Trab einen
Korridor entlang, den die Frettchen im Zorn aufgerissen haben mu�ten. Verputz
war in Klumpen weggehackt worden, die Armierung lag frei, T�ren waren aus den
Angeln gerissen, Schwellen und Pfosten hingen lose, Abdeckt�cher, Leitern und
Abfall lagen �berall. �Die Iren dagehabt, wie?� schrie Jerry. �Oder nur einen
Ringelpietz?�</p><p>Seine
Fragen gingen in dem Krach unter. Die beiden M�nner stiegen rasch wie um die
Wette hinauf, Guillam voran und Jerry ihm auf den Fersen, sie lachten atemlos,
ihre F��e donnerten und scharrten auf den blo�en h�lzernen Stufen. Eine T�r
gebot ihnen Einhalt, und Jerry wartete, w�hrend Guillam sich mit den Schl�ssern
abm�hte. Dann wartete er auf der anderen Seite wiederum, w�hrend Guillam aufs
neue abschlo�. �Willkommen an Bord�, sagte Guillam jetzt ruhiger. Sie waren in
der f�nften Etage angelangt. Jetzt bewegten sie sich gemessener, nicht mehr
ausgelassen, sondern wie Subalterne, die zur Ordnung gerufen wurden. Der Korridor
machte eine Biegung nach links, dann wieder nach rechts, dann ging es ein paar
enge Stufen hinauf. Ein halbblinder Spiegel, wieder Stufen, zwei hinauf, drei
hinunter, bis sie zu einem Portierspult kamen, das unbesetzt war. Zu ihrer
Linken lag die Rumpelkammer, leer, die Clubsessel waren in einem unvollkommenen
Kreis aufgestellt, und im Kamin brannte ein ordentliches Feuer. Von dort f�hrte
der Weg durch einen langgestreckten teppichbelegten Raum, beschriftet
�Sekretariat�, in Wahrheit jedoch das Vorzimmer, wo drei M�tter in Twinsets und
Perlen beim Schein von Leselampen ruhig tippten. Am Ende dieses Raums eine
weitere T�r, geschlossen, unlackiert und rings um die Klinke sehr schmierig.
Kein T�rschoner, keine Schlo�blende. Nur die Schraubenl�cher, stellte er fest,
und der Ring, in dem fr�her eine gewesen war. Guillam stie� die T�r auf ohne
anzuklopfen, steckte den Kopf durch den Spalt und sagte etwas leise hinein.
Dann trat er beiseite und lie� Jerry rasch ein: Jerry Westerby meldet sich zur
Stelle. �Super, George, hallo.�</p><p>�Und
fragen Sie ihn nicht nach seiner Frau�, warnte Guillam ihn mit hastigem leisen
Raunen, das noch eine gute Weile in Jerrys Ohr nachsummte.</p><p>Vater und
Sohn? Diese Art von Beziehung? Kraft zu Klugheit?</p><p>Genauer
w�rde vielleicht sein: Sohn zu Adoptivvater, was im Metier als das st�rkste
aller Bande gilt.</p><p>�Altes
Haus�, brabbelte Jerry und lachte heiser.</p><p>Englische
Freunde haben keine eigentliche Begr��ungsformel, und schon gar nicht in einer
tr�bseligen Amtsstube mit nichts Gem�tlicherem darin als einem Schreibtisch aus
grobem Holz.</p><p>Den
Bruchteil einer Sekunde lang legte Jerry seine Pranke in Smileys weiche,
z�gernde Handfl�che, dann tappte er in einigem Abstand hinter ihm zum offenen
Kamin, wo zwei Armsessel ihrer harrten: altes, rissiges Leder und
durchgesessen. Wieder einmal brannte in dieser unberechenbaren Jahreszeit ein
Feuer auf dem viktorianischen Rost, aber es war sehr klein im Vergleich zu dem
Feuer in der Rumpelkammer.</p><p>�Und wie
war's in Lucca?� erkundigte sich Smiley und f�llte zwei Gl�ser aus einer
Karaffe.</p><p>�Lucca war
prima�, erwiderte Jerry.</p><p>�O je.
Dann d�rfte der Abschied schwergefallen sein.�</p><p>�Ach Gott,
nein. Super. Cheers.�</p><p>�Cheers.�</p><p>Sie
setzten sich.</p><p>�Warum
dann <emphasis>super, </emphasis>Jerry?� fragte Smiley, als sei
super f�r ihn ein Fremdwort. Auf dem Schreibtisch lagen keine Papiere, und das
ganze Zimmer war kahl, glich eher einem unbenutzten Raum als seinem B�ro.</p><p>�Ich
dachte, mit mir w�r's aus!� erkl�rte Jerry. �Endg�ltig beim alten Eisen.
Telegramm hat mir glatt die Puste verschlagen. Dachte, na ja, Bill hat mich
himmelhochgehenlassen. Hat er schlie�lich jeden, also warum nicht auch mich?�</p><p>�Ja�,
pflichtete Smiley ihm bei, als teilte er Jerrys Zweifel, und linste ihn eine
Weile unverh�llt pr�fend an. �Ja, ja, stimmt. Aber per saldo scheint es, da� er
die Gelegentlichen nie v�llig hochgehen lassen konnte. Wir haben seine Spuren
so ziemlich in jedem anderen Winkel des Archivs entdeckt, aber die Gelegentlichen
waren unter den Reservisten in der Sparte &gt;Freundschaftliche Kontakte&lt;
abgelegt, in einem v�llig getrennten Archiv, einem, zu dem er nicht ohne
weiteres Zugriff hatte. Nicht etwa, da� er Sie f�r nicht wichtig genug gehalten
h�tte� - f�gte er hastig hinzu -, �nur hatten andere Erfordernisse eben Vorrang
f�r ihn.�</p><p>�Werd's verwinden�,
sagte Jerry und grinste. �Freut mich�, sagte Smiley, dem die Ironie entgangen
war. Er stand auf, f�llte die Gl�ser von neuem, trat dann zum Kamin, nahm einen
Sch�rhaken aus Messing und begann, nachdenklich in den Kohlen zu stochern.
�Lucca. Ja. Ann und ich waren einmal dort. Oh, es mu� schon elf oder zw�lf
Jahre her sein. Es hatte geregnet.� Er lachte leise. In einem engen Alkoven am
Ende des Raums konnte Jerry ein schmales knochenhart wirkendes Feldbett sehen
und am Kopfende eine Reihe von Telefonen. �Ich wei� noch, da� wir das <emphasis>bagno </emphasis>besichtigten.
Es war damals die Modekur. Gott allein wei�, was wir kurierten.� Wieder
attackierte er das Feuer, und diesmal schossen die Flammen hoch auf, �berzogen
die rundlichen Konturen seines Gesichts mit orangeroten Streifen und machten
goldene Pf�tzen aus den dicken Brillengl�sern. �Wu�ten Sie, da� der Dichter
Heine dort ein gro�es Abenteuer erlebte? Eine Romanze? Ich glaube fast, das war
�berhaupt der Grund, warum wir hinreisten, ja, so war's wohl. Wir glaubten, es
w�rde vielleicht abf�rben.�</p><p>Jerry
grunzte irgend etwas, er wu�te im Moment nicht so ganz genau, wer Heine war.</p><p>�Er
besuchte das <emphasis>bagno, </emphasis>gebrauchte die Kur und begegnete
bei dieser Gelegenheit einer Dame, deren Name allein ihn so beeindruckte, da�
er sp�ter auch seine Frau so nannte.� Smiley besch�ftigte sich immer noch mit
dem Feuer. �Und Sie hatten dort auch ein Abenteuer, nicht wahr?�</p><p>�Zufallsbekanntschaft.
Nichts Weltbewegendes.� Beth Sanders, dachte Jerry automatisch, als seine Welt
einen Sto� erhielt und dann wieder ins Lot kam. Beth war daf�r wie geschaffen.
Vater pensionierter General, High Sheriff der Grafschaft. Die liebe Beth mu�te
in jeder geheimen Dienststelle in Whitehall eine Tante sitzen haben.</p><p>Smiley
b�ckte sich abermals, stellte den Sch�rhaken in eine Ecke, so behutsam, als
legte er einen Kranz nieder. �Wir sind nicht grunds�tzlich gegen Gef�hle. Wir
wissen nur gern, wo sie liegen.� Jerry sagte nichts. Smiley warf �ber die
Schulter hinweg Jerry einen Blick zu, und Jerry rang sich ihm zuliebe ein
Grinsen ab. �Der Name von Heines Herzensdame war, wie ich hier vielleicht
einflechten darf, <emphasis>Mathilde�, </emphasis>fuhr Smiley fort, und aus Jerrys
Grinsen wurde linkisches Lachen. �Nun ja, ich gestehe, auf deutsch klingt es
besser. Und der Roman, wie wird's ihm ergehen? Es w�re mir unangenehm, wenn wir
Ihre Muse verscheucht h�tten. Ja, das k�nnte ich mir wohl nie verzeihen.�</p><p>�Kein
Problem�, sagte Jerry.</p><p>�Beendet?�</p><p>�Nun ja,
Sie wissen ja.�</p><p>Eine Weile
war kein anderes Ger�usch zu h�ren als das Tippen der M�tter und das Brausen
des Verkehrs drunten auf der Stra�e. �Wir werden Sie entsch�digen, wenn diese
Sache vorbei ist�, sagte Smiley. �Doch, doch. Wie ist es bei Stubbs gelaufen?�</p><p>�Kein
Problem�, sagte Jerry wieder.</p><p>�Nichts
mehr, was wir f�r Sie tun k�nnen, um Ihnen die Wege zu ebnen?�</p><p>�Glaube
nicht.�</p><p>Von
drau�en, vom Vorzimmer, h�rte man ein Gewirr von Schritten, die alle in eine
Richtung strebten. Es ist ein Kriegsrat, dachte Jerry, die Clans sammeln sich.</p><p>�Und Sie
sind entschlossen und so weiter?� fragte Smiley. �Sie sind, �hem, <emphasis>bereit? </emphasis>Willens?�</p><p>�Kein
Problem.� Warum kann ich nicht etwas anderes sagen? fragte er sich. Verdammte
Grammophonnadel ist steckengeblieben.</p><p>�Eine
Menge Leute sind das heutzutage nicht, ich meine willens. Besonders in England.
Eine Menge Leute betrachten den <emphasis>Zweifel </emphasis>als
legitime philosophische Haltung. Sie glauben sich in der Mitte, w�hrend sie
nat�rlich nirgendwo sind. Keine Schlacht ist je von den Zuschauern gewonnen
worden, nicht wahr? Wir in dieser Dienststelle wissen das. Wir haben Gl�ck.
Unser gegenw�rtiger Krieg begann neunzehnhundertsiebzehn mit der bolschewistischen
Revolution. Er hat sich bis heute nicht ge�ndert.� Smiley hatte einen neuen
Standort bezogen, auf der anderen Seite des Raums, nicht weit vom Bett entfernt.
Hinter ihm gl�nzte eine unscharfe Fotografie im Licht des auflodernden Feuers.
Jerry hatte sie beim Hereinkommen gesehen. Jetzt, in der augenblicklichen
Hochspannung, f�hlte er sich doppelt gemustert: von Smiley und von den
verschwommenen Augen des Portr�ts, die hinter dem Glas im Flammenschein
tanzten. Die vorbereitenden Ger�usche vervielfachten sich. Sie h�rten Stimmen
und kurzes Auflachen und das Knarzen von St�hlen.</p><p>�Ich las
einmal�, sagte Smiley, �bei einem Historiker, wenn ich mich recht erinnere -
auf jeden Fall einem Amerikaner -, eine Stelle �ber Generationen, die in
Schuldgef�ngnissen zur Welt kommen und sich ihr ganzes Leben lang m�hen, sich
den Weg in die Freiheit zu erkaufen. Ich glaube, unsere Generation geh�rt dazu.
Glauben Sie nicht? Ich habe noch immer das entschiedene Gef�hl, in Schuld zu
sein. Sie nicht? Ich war diesem Amt immer dankbar, da� es mir Gelegenheit gibt,
abzuzahlen. Haben Sie dieses Gef�hl auch? Ich glaube nicht, da� wir uns davor
f�rchten sollten, uns aufzuopfern. Ist das altmodisch von mir?� Jerrys Miene
erstarrte. Er verga� diese Seite Smileys immer wieder, wenn er weit weg war,
und entsann sich ihrer zu sp�t, wenn sie zusammen kamen. Es war etwas von einem
Priester an Old George verlorengegangen, und je �lter er wurde, desto
deutlicher kam es zum Vorschein. Er schien anzunehmen, da� die ganze verflixte
westliche Welt seine Besorgnisse teilte und zur rechten Denkungsart �berredet
werden m��te. �In diesem Sinne glaube ich, da� wir uns zu Recht begl�ckw�nschen
d�rfen, ein bi�chen altmodisch zu sein.� Jerry reichte es. �Altes Haus�, wies
er ihn mit unbeholfenem Lachen zurecht, und die R�te stieg ihm ins Gesicht. �Um
Himmels willen. Sie deuten in die Richtung, und ich zieh los. Okay? Sie sind
die Eule, nicht ich. Sie geben mir die Schl�ge an, ich f�hre sie aus. Die Welt
ist randvoll mit zimperlichen Intellektuellen, die f�nfzehn verschiedene
Gr�nde daf�r anf�hren, ob sie sich die Nase putzen sollen oder nicht. Die haben
mich nicht n�tig. Okay? Ich meine, Herrjeh.�</p><p>Ein
scharfes Klopfen an der T�r verk�ndete das Wiedererscheinen Peter Guillams.</p><p>�Friedenspfeifen
alle angez�ndet, Chef.� Zu seiner �berraschung glaubte Jerry �ber alle
Ger�usche dieser Unterbrechung hinweg den Ausdruck �Damenfreund� geh�rt zu
haben, aber ob er sich auf ihn oder auf den Dichter Heine bezog, konnte er
nicht sagen, und es war ihm auch ziemlich egal. Smiley z�gerte, runzelte die
Stirn und schien erst dann seine Umgebung wieder wahrzunehmen. Er blickte
Guillam an, dann nochmals Jerry, dann richteten sich seine Augen auf jene
mittlere Distanz, die das Privatgehege englischer Akademiker zu sein scheint.
�Also, ja, dann wollen wir anfangen, die Uhr aufzuziehen�, sagte er, und es
klang wie von weither.</p><p>Als sie
hinausmarschierten, blieb Jerry vor dem Foto an der Wand stehen, die H�nde in
den Taschen, grinste es bewundernd an und hoffte, Guillam m�ge ebenfalls
zur�ckbleiben, was er auch tat.</p><p>�Sieht
aus, als h�tte er seinen letzten Nickel verschluckt�, sagte Jerry. �Wer ist
das?�</p><p>�Karla�,
sagte Guillam. �Hat Bill Haydon angeworben. Russischer Spion.�</p><p>�Klingt
mehr wie ein M�dchenname. Wie geht's immer?�</p><p>�Ist der
Codename seines ersten Netzes. Eine andere Lesart will wissen, da� es auch der
Name seiner einzigen Liebe ist.�</p><p>�Hoch soll
er leben�, sagte Jerry gleichg�ltig und schlenderte neben Guillam noch immer
grinsend in Richtung Rumpelkammer. Smiley war, vielleicht absichtlich,
vorausgegangen, au�er H�rweite ihrer Unterhaltung. �Immer noch mit der
Verr�ckten zusammen, dieser Fl�tenspielerin, wie?� fragte Jerry. �Sie ist
inzwischen weniger verr�ckt�, sagte Guillam. Sie machten noch ein paar
Schritte.</p><p>�Ausger�ckt?�
erkundigte Jerry sich mitf�hlend. �So �hnlich.�</p><p>�Und bei <emphasis>ihm </emphasis>ist alles
in Ordnung, oder?� fragte Jerry ungemein beil�ufig und wies mit dem Kopf nach
der einsamen Gestalt vor ihnen. �I�t ordentlich, zieht sich warm an und so
weiter?�</p><p>�Besser
denn je. Warum?�</p><p>�Nur so
gefragt�, sagte Jerry sehr erleichtert.</p><p>Vom
Flugplatz aus rief Jerry seine Tochter Cat an, was er selten tat, aber diesmal
mu�te es sein. Noch ehe er das Geld einwarf, wu�te er, da� es ein Fehler war,
aber er machte weiter und nicht einmal die schrecklich vertraute Stimme der
verflossenen Ehefrau konnte ihn abbringen.</p><p>�Hallo!
Ja, ich bin's. Super. H�r zu: wie geht's Phillie?� Phillie war ihr jetziger
Mann, Beamter, schon fast pensionsreif und doch um etwa drei�ig bewegte Leben
j�nger als Jerry. �Ausgezeichnet, danke�, erwiderte sie in dem frostigen
Tonfall, in dem einstige Ehefrauen neue Ehem�nner verteidigen. �Ist das der Grund
deines Anrufs?�</p><p>�Ach, ich
hab' nur gedacht, ich k�nnte vielleicht ein bi�chen mit Cat schwatzen. Geh 'ne
Weile nach Fernost, wieder ins Geschirr�, sagte er. Er glaubte sich
rechtfertigen zu m�ssen. �Das Comic braucht, da dr�ben einen Lohnschreiber�,
sagte er und h�rte wie der H�rer klappernd auf die Kommode in der Diele fiel.
Eiche, erinnerte er sich. Barleytwist-Beine. Auch eine von Old Sambos Hinterlassenschaften.</p><p>�Daddy?�</p><p>�Hei!�
schrie er, als w�re die Verbindung schlecht, als h�tte sie ihn furchtbar �berrascht.
�Cat? Hallo, hey, h�r zu, altes Haus, hast du meine Briefe und so gekriegt?� Er
wu�te es, sie hatte sich regelm��ig in ihren w�chentlichen Briefen an ihn
bedankt. Als er nur wiederum �Daddy�, diesmal mit fragendem Tonfall h�rte,
fragte Jerry jovial: �Du sammelst doch noch immer Briefmarken, wie? Nur weil
ich wieder r�berfahre, wei�t du. Wo ich schon �fter war Fernost.�</p><p>Fl�ge
wurden aufgerufen, Landungen gemeldet, ganze Welten tauschten die Pl�tze, aber
Jerry Westerby, der mit seiner Tochter sprach, blieb regungslos inmitten der
Bewegung.</p><p>�Du warst
doch immer so scharf auf Briefmarken�, erinnerte er sie.</p><p>�Ich bin
siebzehn.�</p><p>�Klar,
klar, und was sammelst du jetzt? Sag nichts. Jungens!� In strahlendster Laune
f�hrte er das Gespr�ch fort, w�hrend er von einem Wildlederstiefel auf den
anderen tanzte, seine Scherze ganz allein machte und ganz allein dar�ber
lachte. �Pa� auf, ich schicke dir Geld, Blatt and Rodney erledigen das, f�r
Geburtstag und Weihnachten zusammen, frag lieber Mammy, ehe du's ausgibst. Oder
vielleicht Phillie, wie? Ist ein vern�nftiger Bursche, was? Schick Phillie los,
f�r sowas ist er zu haben.� Er �ffnete die T�r der Telefonzelle, um k�nstlichen
Trubel zu erzeugen. �Glaube, sie rufen schon meinen Flug aus, Cat�, bellte er
�ber das Stimmengewirr hinweg. �Also, benimm dich, h�rst du? Pa� auf dich auf.
Mach's ihnen nicht zu leicht. Verstehst du, was ich meine?� Eine Weile stand er
Schlange an der Bar, aber im letzten Moment erwachte der alte Fernostmann in
ihm, und er ging hin�ber zur Cafeteria. Es konnte eine Weile dauern, ehe er das
n�chste Glas frischer Kuhmilch bekommen w�rde. W�hrend des Anstehens hatte
Jerry das Gef�hl, beobachtet zu werden. War nichts Besonderes: in einer
Flughalle beobachtet jeder jeden, also was soll's? Er dachte an die Waise und
w�nschte, er h�tte Zeit gehabt, sich ein M�dchen zu suchen, ehe er weg mu�te,
und w�re es nur, um die unerfreuliche Erinnerung an die notwendige Trennung
loszuwerden.</p><p>Smiley
ging dahin, ein rundlicher kleiner Mann im Regenmantel. Gesellschaftsjournalisten,
qualifizierter als Jerry, die seinen Wandel durch die Umgebung von Charing
Cross kennerisch verfolgt h�tten, w�rden den Typus sofort erkannt haben:
Provinzonkel, wie er im Buch steht, leichte Beute der gemischten Massagesalons
und der Sex-Shops. Diese langen M�rsche waren ihm zur Gewohnheit geworden. Mit
seiner wiedergefundenen Energie konnte er halb London durchqueren, ohne es zu
bemerken. Vom Cambridge Circus konnte er, jetzt, da er alle Schleichwege
kannte, zwanzig verschiedene Routen w�hlen, ohne zweimal die gleiche Stra�e zu
�berqueren. Nachdem er einen Start gew�hlt hatte, lie� er sich von Gl�ck und
Instinkt leiten, w�hrend die andere H�lfte seines Geistes entlegenere Gegenden
seiner Seele pl�nderte. Aber an diesem Abend zog es ihn in eine bestimmte
Richtung, nach S�den und Westen, und Smiley gab dem Dr�ngen nach. Die Luft war
feucht und kalt, voll rauhen Nebels, der nie die Sonne gesehen hatte. Im
Dahinwandern trug er seine eigene Insel mit sich, und sie war dicht bev�lkert
von Bildern, nicht von Menschen. Wie ein zweiter Mantel h�llten die wei�en
Mauern ihn in seine Gedanken ein. In einer T�rnische fl�sterten zwei M�rder in
Lederkluft; unter einer Stra�enlaterne hielt ein dunkelhaariger Junge zornig
einen Geigenkasten umklammert. Vor einem Theater brannte eine wartende Menge
in den Flammen der bunten Lichter �ber dem Vordach, und der Nebel wirbelte um
sie wie Feuerrauch. Nie war Smiley mit so geringem Wissen und so vielen
Erwartungen in den Kampf gezogen. Er f�hlte sich verlockt und verfolgt. Doch
wenn er m�de wurde und den Schritt verhielt und �ber die Logik seines Vorhabens
nachdachte, fand er sich kaum zurecht. Er blickte zur�ck und sah den Rachen des
Scheiterns auf sich warten. Er sp�hte nach vorn, und sah durch die beschlagene Brille
die Schemen gro�er Hoffnungen im Nebel tanzen. Er blinzelte um sich und wu�te,
da� es hier, wo er stand, nichts f�r ihn zu sehen gab. Noch schritt er ohne
letzte �berzeugung vorw�rts. Es f�hrte zu nichts, die Schritte zu wiederholen,
die ihn bis hierher gef�hrt hatten - die russische Goldader, die Fu�stapfen von
Karlas Privatarmee, die Gr�ndlichkeit von Haydons Bem�hungen, jede Kenntnis von
deren Vorhandensein zu tilgen. Jenseits der Grenzen solcher �u�erlichen Gr�nde
entdeckte Smiley in sich selbst das Vorhandensein eines dunkleren, unendlich
geheimnisvolleren Motivs, eines Motivs, das seine ratio beharrlich verwarf. Er
nannte es Karla. Und es stimmte, da� irgendwo in ihm wie eine uralte Sage die
Glut eines Hasses auf jenen Mann brannte, der ausgezogen war, die Tempel seines
innersten Glaubens zu zerst�ren, was immer von ihnen �briggeblieben sein
mochte: den Circus, den er liebte, seine Freunde, sein Land, seine Auffassung
von einem vern�nftigen Gleichgewicht menschlicher Beziehungen. Es stimmte auch,
da� die beiden M�nner einander vor einem Lebensalter oder vor zweien in einem
gluthei�en indischen Gef�ngnis Auge in Auge gegen�bersa�en, Smiley und Karla,
jeder auf einer Seite eines eisernen Tisches: obgleich Smiley damals keinen
Grund zu der Annahme hatte, da� er seinem Schicksal gegen�bersa�. Karlas Kopf
lag in Moskau schon auf dem Block, Smiley hatte versucht, ihn in den Westen zu
locken, und Karla hatte geschwiegen und den Tod oder Schlimmeres dem bequemen
�berlaufen vorgezogen. Und es stimmte, da� dann und wann die Erinnerung an
diese Begegnung, an Karlas unrasiertes Gesicht und den wachsamen, nach innen
gerichteten Blick aus dem D�mmerlicht seines kleinen Zimmers wie ein
anklagendes Gespenst auf ihn zukam, w�hrend er unruhig auf seinem Feldbett schlief.</p><p>Doch Ha�
war kein Gef�hl, das er beliebig lange n�hren konnte, es sei denn, er w�re die
andere Seite der Liebe. Er n�herte sich der King's Road in Chelsea. Der Nebel
war hier in der N�he des Flusses noch dichter. �ber ihm hingen die Kugeln der
Stra�enlaternen wie chinesische Lampions in den kahlen �sten der B�ume. Der
Verkehr war sp�rlich und z�gernd. Smiley �berquerte die Fahrbahn und folgte dem
Gehsteig, bis er zur Bywater Street kam, in die er einbog: eine Sackgasse mit
sauberen, flachbr�stigen Reihenh�usern. Jetzt trat er behutsamer auf, hielt
sich auf der Westseite und im Schatten der geparkten Autos. Es war die
Cocktailstunde, und hinter Fenstern erkannte er sprechende K�pfe und auf und zu
klappende M�nder. Einige kannte er, f�r einige hatte sie sogar Namen: Felix die
Katze, Lady Macbeth, Der Ausrufer. Er war auf der H�he seines eigenen Hauses
angekommen. Zur Feier ihrer R�ckkehr hatte sie die L�den des Hauses blau
lackieren lassen, und blau waren sie noch immer. Die Vorh�nge waren offen, denn
sie ha�ten es, eingeschlossen zu sein. Sie sa� allein an ihrem Sekret�r, und
sie h�tte das Bild eigens f�r ihn gestellt haben k�nnen: die sch�ne und
gewissenhafte Ehefrau beschlie�t ihren Tag, widmet sich verwalterischen
Aufgaben. Sie h�rte Musik, und er fing das Echo auf, das der Nebel her�bertrug.
Sibelius. Er verstand nicht viel von Musik, aber er kannte alle ihre
Schallplatten und hatte sich mehrmals aus H�flichkeit lobend �ber Sibelius
ge�u�ert. Er konnte den Plattenspieler nicht sehen, aber er wu�te, da� er auf
dem Boden stand, wo er auch f�r Bill Haydon gestanden hatte, als ihre Aff�re
mit Bill Haydon im Gang war. Er �berlegte, ob wohl das deutsche W�rterbuch
danebenlag und ihre Anthologie deutscher Dichtung. Sie hatte mehrmals in den
letzten zehn oder zwanzig Jahren, meist in den Perioden ihrer Vers�hnung,
demonstrativ Deutsch gelernt, damit Smiley ihr vorlesen k�nne.</p><p>W�hrend er
sie beobachtete, stand sie auf, durchquerte das Zimmer, blieb vor dem h�bschen
vergoldeten Spiegel stehen und richtete ihr Haar. Die Merkzettel, die sie sich
zum eigenen Gebrauch schrieb, steckten im Rahmen. Was mochte es diesmal sein?
dachte er. <emphasis>Garage sprengen. Lunch Madeleine absagen. Fleischer
kleinhacken. </emphasis>Manchmal, wenn es Spitz auf Knopf stand, hatte sie ihm auf
diesem Wege Botschaften zukommen lassen: <emphasis>George zum L�cheln bringen,
unaufrichtiges Bedauern wegen faux pas aussprechen. </emphasis>In
schlimmen Zeiten schrieb sie ihm ganze Briefe und deponierte sie hier f�r ihn.</p><p>Zu seiner
�berraschung l�schte sie das Licht. Dann h�rte er die Riegel an der Haust�r
vorgleiten. Kette einhaken, dachte er automatisch. Banharn-Schlo�, zwei
Umdrehungen. Wie oft mu� ich dir noch sagen, jeder Riegel ist so schwach wie
die Schrauben, die ihn halten? Trotzdem sonderbar: irgendwie hatte er angenommen,
sie w�rde die Riegel offenlassen, falls er zur�ckk�me. Dann ging das Licht im
Schlafzimmer an, und er sah ihre Gestalt wie einen Scherenschnitt im
Fensterrahmen, als sie engelsgleich die Arme nach den Vorh�ngen ausstreckte.
Sie zog sie fast zu, hielt inne, und einen Augenblick f�rchtete er, sie habe
ihn gesehen, bis ihm ihre Kurzsichtigkeit und ihre Abneigung gegen eine Brille
einfielen. Sie geht aus, dachte er. Sie macht sich sch�n. Er sah, wie sie halb
den Kopf wandte, als h�tte jemand sie angesprochen. Er sah, wie ihre Lippen
sich bewegten und zu einem koboldhaften L�cheln sch�rzten, als ihre Arme sich
wiederum hoben, diesmal zu ihrem Nacken, und sie den obersten Knopf ihres
Hauskleids zu �ffnen begann. Im gleichen Moment wurde der Spalt zwischen den
beiden Vorh�ngen mit einem Ruck von anderen, ungeduldigen H�nden geschlossen.</p><p>O <emphasis>nein, </emphasis>dachte
Smiley verzweifelt. Bitte! Wartet, bis ich weg bin. Eine Minute lang,
vielleicht l�nger stand er auf dem Gehsteig und starrte ungl�ubig auf das
dunkel gewordene Fenster, bis ihn Zorn, Scham und schlie�lich Ekel vor sich
selbst wie k�rperliche Qualen �berfielen und er blindlings zur�ck zur King's
Road hastete. Wer war es diesmal? Wieder ein bartloser Ballett�nzer, der ein
narzi�tisches Ritual vollzog? Ihr gr��licher Cousin Miles, der
Karrierepolitiker? Oder ein Adonis f�r eine Nacht, den sie in der n�chstbesten
Kneipe aufgegabelt hatte?</p><p>Als das
Au�entelefon klingelte, sa� Peter Guillam allein in der Rumpelkammer, leicht
anges�uselt und sehnte sich nach Molly Meakins K�rper und nach George Smileys
R�ckkehr. Er nahm den H�rer sofort ab und h�rte Fawn au�er Atem und voll Zorn:
�Ich hab' ihn verloren!� schrie er. �Er hat mich abgeh�ngt!�</p><p>�Dann sind
Sie ein verdammter Idiot!� erwiderte Guillam voll Genugtuung.</p><p>�Von wegen
Idiot! Er steuert Richtung Heimat, ja? Unser �bliches Ritual. Ich warte auf
ihn, ich halt mich im Hintergrund, er kommt zur�ck auf die Hauptstra�e, schaut
mich an. Als w�r ich Dreck. Blo� Dreck. Im n�chsten Moment bin ich allein auf
weiter Flur. Wie macht er das? Wohin geht er? Ich bin sein Freund, oder? F�r
wen zum Teufel h�lt er sich? Fette kleine Mi�geburt. Ich bring ihn um!�</p><p>Guillam
lachte noch immer, als er auflegte.</p><p><emphasis/></p><p><emphasis>Frost mu�
brennen </emphasis></p><empty-line/><p>In
Hongkong war wiederum Sonnabend, aber die Taifune waren vergessen, und der Tag
brannte hei� und klar und atemlos. Im Hongkong Club verk�ndete eine unbeirrbar
christliche Uhr die elfte Morgenstunde, und die Schl�ge klirrten in der
get�felten Stille wie L�ffel, die auf einen weit entfernten K�chenboden fallen.
Die besseren Sessel waren bereits mit Lesern des <emphasis>Telegraph </emphasis>vom
vergangenen Donnerstag besetzt, der ein recht deprimierendes Bild der
moralischen und wirtschaftlichen Misere ihres Heimatlands malte.</p><p>�Pfund ist
wieder im Keller�, grollte eine gr�mliche Stimme hinter der Pfeife hervor.
�Metallarbeiter im Ausstand. Eisenbahner im Ausstand. Piloten im Ausstand.�</p><p>�Wer ist
noch im <emphasis>Einstand? </emphasis>W�re die bessere Frage�, sagte
eine andere Stimme ebenso gr�mlich.</p><p>�Wenn ich
der Kreml w�re, w�rde ich sagen, wir leisteten einen erstklassigen Job�, sagte
der erste Sprecher und bellte das letzte Wort, um ihm einen Ton milit�rischer
Entr�stung zu verleihen, dann bestellte er seufzend ein paar trockene Martinis.
Keiner der M�nner war �ber f�nfundzwanzig, aber Exilpatrioten auf der Suche
nach schnellem Profit k�nnen sehr rasch altern. Der
Auslandskorrespondenten-Club hatte einen seiner frommen Tage: die Zahl der
braven B�rger �berwog die der Journalisten bei weitem. Seit der alte Craw sie
nicht mehr zusammenhielt, hatten die Shanghai Bowlers sich verlaufen, und
einige waren �berhaupt aus der Kolonie verschwunden. Die Fotografen hatte es
nach Phnom Penh gezogen, wo man sich nun, da die Regenzeit vor�ber war,
neuerliche heftige K�mpfe versprach. Der Cowboy war in Bangkok, in Erwartung
neuer Studentenunruhen, Luke sa� im B�ro, und sein Bo�, der Zwerg, hing
verdrossen an der Bar, umgeben von vollt�nenden britischen Vorst�dtern in
dunklen Hosen und wei�en Hemden, die sich �ber die Vorz�ge und Nachteile der
Kupplung des Elfhunderters unterhielten. �Aber <emphasis>kalt </emphasis>diesmal.
Verstanden? <emphasis>Sehl </emphasis>kalt, und <emphasis>luck </emphasis>zuck!�
Sogar der Rocker war zahm. Er war in Begleitung seiner Ehefrau, einer
ehemaligen Bibelschullehrerin aus Borneo, einer vertrockneten Xanthippe mit
Bubikopf und S�ckchen, die eine S�nde schon riechen konnte, noch ehe sie
begangen war. Und ein paar Meilen weiter �stlich, in der Cloudview Road, eine
Drei�ig-Cent-Fahrt mit dem Einheitspreis-Stadtbus entfernt, in der angeblich
volkreichsten Ecke unseres Planeten, am North Point, dort, wo die Stadt zum
Peak ansteigt, im sechzehnten Stock eines Hochhausblocks genannt 7A, lag Jerry
Westerby nach einem kurzen, aber traumlosen Schlaf auf einer Matratze, sang
seinen eigenen Text zur Melodie von �Miami Sunrise� und sah einem sch�nen
M�dchen beim Auskleiden zu. Die Matratze war �ber zwei Meter lang und daf�r
gedacht, in der Querrichtung einer ganzen chinesischen Familie als Lager zu
dienen, und so ungef�hr zum erstenmal in Jerrys Leben hingen seine F��e nicht
�ber den unteren Rand. Die Matratze war um eine Meile l�nger als Pets
G�stebett, l�nger sogar als das Bett in der Toskana, obwohl es in der Toskana
keine Rolle spielte, denn dort hatte er ein wirkliches M�dchen zum
Entlangkringeln, und mit einem M�dchen liegt man ohnehin nicht so gerade.
Wohingegen das M�dchen, dem er zusah, hinter einem Fenster stand, dem seinigen
gegen�ber, zehn Meter oder Meilen au�erhalb seiner Reichweite; und an jedem der
neun Tage, an denen er hier erwacht war, hatte sie sich dort entkleidet und
gewaschen, was ihn zu betr�chtlicher Begeisterung hinri�, sogar zu Applaus.
Wenn er Gl�ck hatte, konnte er die ganze Zeremonie verfolgen, von dem
Augenblick an, da sie den Kopf zur Seite legte, um das schwarze Haar lose bis
zur Taille fallen zu lassen, bis zum Finale, wenn sie sich keusch in ein Laken
wickelte und zur�ck zu ihrer zehnk�pfigen Familie in den angrenzenden Raum
ging, wo sie alle lebten. Er kannte die Familie aufs Innigste; ihre
Waschgewohnheiten, ihren Geschmack in puncto Musik, K�che und Liebe, ihre
Feiern und ihre j�h aufflammenden gef�hrlichen Zwistigkeiten. Nur �ber eines
war er sich nicht klar: ob sie <emphasis>ein </emphasis>M�dchen
war oder zwei. Sie verschwand, aber er sang weiter. Er versp�rte Ungeduld, so
fing es bei ihm jedesmal an, ob er eine finstere Hintergasse in Prag
entlangschlich, um mit einem angstbibbernden Burschen kleine P�ckchen zu
tauschen oder - H�hepunkt seines Daseins und f�r einen �Gelegentlichen� etwas
nie Dagewesenes - drei Meilen in einem kleinen schwarzbemalten Boot ruderte, um
an einer Uferstelle des Kaspischen Meers einen Funker abzuholen. Als der
kritische Moment nahte, entdeckte Jerry die gleiche �berraschende
Selbstbeherrschung, die gleiche Fr�hlichkeit und die gleiche Wachheit. Und den
gleichen Bammel, was nicht unbedingt ein Widerspruch ist. Heute ist es soweit,
dachte er. Heute wird's ernst. Es waren drei winzige R�ume, und in allen dreien
lag Parkett. Das stellte er allmorgendlich als erstes fest, denn es gab
keinerlei Mobiliar, ausgenommen die Matratze und den K�chenstuhl und den Tisch
mit seiner Schreibmaschine, dem einzigen Teller, der als Aschenbecher diente,
und dem H�schen-Kalender Jahrgang 1960 mit einem Rotschopf darauf, dessen Reize
inzwischen l�ngst ihre Bl�te hinter sich hatten. Er kannte den Typus genau:
gr�ne Augen, hei�es Blut und eine Haut, die so empfindlich war, da� sie wie ein
Schlachtfeld aussah, wenn man nur einen Finger darauflegte. Ferner ein Telefon,
einen uralten Plattenspieler nur f�r Achtundsiebziger und zwei richtiggehende
Opiumpfeifen, die an h�chst n�chternen N�geln von der Wand baumelten: dies war
das komplette Inventar der Besitzt�mer und Interessen von Deathwish dem Hunnen,
zur Zeit in Kambodscha, von dem Jerry die Wohnung gemietet hatte. Und dann war
der B�chersack, sein eigener, neben der Matratze.</p><p>Der
Plattenspieler war abgelaufen. Jerry rappelte sich vergn�gt auf die F��e und
schlang den improvisierten Sarong um den Magen. In diesem Augenblick klingelte
das Telefon, also setzte er sich wieder, grabschte nach der Telefonschnur und
zog den Apparat �ber den Fu�boden zu sich heran. Es war wieder Luke, der wie
gew�hnlich ein Spielchen machen wollte. �Tut mir leid, altes Haus. Bin an einer
Story. Versuch's mit Solo-Whist.�</p><p>Jerry
w�hlte die Zeitansage, h�rte ein chinesisches Qu�ken, dann ein englisches
Qu�ken und richtete seine Armbanduhr auf die Sekunde genau. Dann ging er zum
Plattenspieler und lie� wiederum �Miami Sunrise� laufen, so laut es ging. Es
war seine einzige Platte, aber sie �bert�nte das Gegurgel der nutzlosen Klimaanlage.
Vor sich hinsummend, �ffnete er den einzigen Schrank und nahm aus einer alten
ledernen Reisetasche das vergilbte Tennisrackett seines Vaters, Jahrgang
neunzehnhundertdrei�ig, die Initialen S. W. mit W�schetinte am Griff aufgemalt.
Er schraubte den Schaft ab und fischte aus dem Hohlraum vier Kapseln Mikrofilm,
einen grauen Wattewurm und eine verbeulte Mikrokamera mit Me�kette; sein
konservatives Ich zog dieses Modell den Spitzenprodukten vor, die ihm die
Sarratt-Kanonen hatten aufdr�ngen wollen. Er legte eine Kassette in die Kamera
ein, regulierte die Laufgeschwindigkeit und machte drei Belichtungsproben vom
Busen der Rothaarigen, ehe er in seinen Sandalen in die K�che schlappte, wo er
sich wie ein Beter vor dem K�hlschrank auf die Knie niederlie� und die Free
Foresters' Krawatte lockerte, mit der die T�r festgebunden war. Er fuhr mit dem
rechten Daumennagel an den br�chigen Gummistreifen entlang, was ein scheu�lich
rei�endes Ger�usch verursachte, nahm drei Eier heraus und band die Krawatte
wieder fest. W�hrend er wartete, bis die Eier kochten, lehnte er sich ins
Fenster, st�tzte die Ellbogen auf und linste wohlgef�llig durch das
Schutzgitter auf seine geliebten Hausd�cher, die wie Riesenstufen zum Meer
abfielen.</p><p>Die
Dachaltane waren eine Zivilisation f�r sich, ein atemraubendes Schauspiel des
�berlebens vor dem w�tenden Anbranden der Stadt. In ihrem Stacheldrahtgehege
wurden unter unmenschlichen Bedingungen Anoraks angefertigt, Gottesdienste
abgehalten, Mahjong gespielt, und Wahrsager verbrannten R�ucherkerzen und
konsultierten riesige braune B�cher. Gerade vor ihm lag ein regelrechter
Garten, aus geschmuggelter Erde angelegt. Darunter m�steten drei alte Frauen
Chowchow-H�ndchen f�r den Kochtopf. Es gab Tanzschulen, Leseschulen,
Ballettschulen, Kampf- und Sportschulen, Schulen, in denen Bildung und die
Wunder Maos gelehrt wurden, und an diesem Morgen, w�hrend Jerrys Fr�hst�ckseier
kochten, beendete ein alter Mann sein Pensum absurder gymnastischer �bungen,
ehe er den winzigen Faltstuhl aufstellte, um sich an die t�gliche Lekt�re der
Gedanken des Gro�en Mannes zu machen. Die reicheren Armen bauten sich, wenn sie
kein Dach hatten, schwindelerregende Mastk�rbe, zwei zu acht Fu�, auf
selbstgebastelten St�tzen, die sie in den Boden ihres Wohnraums rammten.
Deathwish behauptete, es ereigneten sich st�ndig Selbstmorde. Das lasse ihn an
dieser Gegend nicht los, sagte er. Wenn er nicht gerade v�gelte, hing er
zumeist mit seiner Nikon aus dem Fenster, in der Hoffnung, einen Selbstm�rder
vor die Linse zu kriegen, was ihm nie gelang. Rechts unten lag der Friedhof,
was Deathwish als ungl�ckbringend bezeichnete und daher ein paar Dollar von der
Miete abgeknapst hatte. W�hrend Jerry a�, klingelte das Telefon aufs neue. �Was
f�r eine Story?� sagte Luke.</p><p>�Wanchai-Huren
haben Big Moo gekidnappt�, sagte Jerry, �nach Stonecutters' Island verschleppt
und verlangen jetzt L�segeld.� Wenn es nicht Luke war, dann riefen meist
Deathwishs Weiber an, aber sie wollten Jerry nicht als Ersatzmann. Vor der
Dusche war kein Vorhang, so da� Jerry sich wie ein Boxer in die gekachelte Ecke
ducken mu�te, um das Badezimmer nicht zu �berschwemmen. Er ging zur�ck ins
Schlafzimmer, zog den Anzug an, packte ein Brotmesser und z�hlte von der
Zimmerecke an zw�lf Holzgevierte ab. Das dreizehnte hob er mit der Messerklinge
heraus. In einem Versteck, das in den teerartigen Unterbelag geschnitten war,
lag ein Plastikbeutel, der eine Rolle amerikanischer Banknoten gr��eren und
kleineren Nennwerts enthielt; einen Fluchtpa�, F�hrerschein und Flugnetzkarte
auf den Namen Worrell, Bauunternehmer; und eine Handfeuerwaffe, die Jerry sich
wider die eisernen Regeln des Circus von Deathwish verschafft hatte, der keinen
Wert darauf legte, sie auf Reisen mitzunehmen. Diesem Schatzk�stchen entnahm er
f�nf Einhundertdollar-Noten, alles andere lie� er unber�hrt und setzte das
Holzgeviert wieder ein. Er steckte die Kamera und zwei Reservekassetten in die
Taschen und trat pfeifend auf den winzigen Vorplatz hinaus. Seine Wohnungst�r
wurde durch ein wei�lackiertes Gitter gesichert, das einen gewandten Einbrecher
neunzig Sekunden lang aufgehalten h�tte. Jerry hatte das Schlo� erbrochen, als
er einmal nichts Besseres zu tun hatte, und genauso lange hatte es gedauert. Er
dr�ckte auf den Liftknopf, und die Kabine kam vollbesetzt mit Chinesen an, die
alle ausstiegen. So ging es jedesmal: Jerry war einfach zu gro� f�r sie, zu
h��lich und zu fremdartig.</p><p>Nach
Szenen wie dieser, dachte Jerry mit erzwungener Heiterkeit, als er ins
Pechdunkel des stadteinw�rts fahrenden Busses stieg, ziehen Sankt Georgs Kinder
aus, das Empire zu retten. <emphasis>�Sorgf�ltige Vorbereitung ist
niemals verlorene Zeit�, </emphasis>lautet die m�hselige Maxime der
Nursery betreffs Gegen-Observierung. Manchmal wurde Jerry der Sarratt-Mann und
sonst nichts. Nach der gew�hnlichen Logik der Dinge h�tte er geradenwegs zu
seinem Ziel gehen k�nnen: es war sein gutes Recht. Nach der gew�hnlichen Logik
der Dinge gab es keinen Grund der Welt, schon gar nicht nach dem gestrigen
Gelage, warum Jerry nicht mit dem Taxi am Haupteingang vorfahren, vergn�gt
hineinschwanken, vor seinen neugewonnenen Busenfreund hintreten und es hinter
sich bringen sollte. Aber das hier war nicht die gew�hnliche Logik der Dinge,
und nach der Sarratt-Sage n�herte Jerry sich jetzt dem operativen Augenblick
der Wahrheit: dem Augenblick, in dem die Hintert�r sich mit einem Knall hinter
ihm schlie�en und es nur noch einen Ausweg geben w�rde, den nach vorn. Dem
Augenblick, in dem jedes einzelne seiner zwanzig Jahre Berufserfahrung sich in
ihm zu Wort meldete und �Vorsicht� rief. Wenn er in eine Falle tappen sollte,
dann war sie hier aufgestellt. Auch� wenn sie seine Marschroute bereits genau
kannten, w�rden doch die statischen Posten vor ihm ausgestellt sein, in Autos,
hinter Fenstern, und die Observanten-Teams ihm auf den Fersen folgen, f�r den
Fall eines Schnitzers oder eines Abstechers. Wenn es je eine letzte M�glichkeit
gab, das Wasser auszuloten, ehe er sprang, dann jetzt. Letzte Nacht beim
Puff-Bummel h�tten ihn hundert gelbe Engel beobachten k�nnen, ohne da� er
gewu�t h�tte, ob er ihr Wild sei. Hier dagegen konnte er Haken schlagen und die
Schatten z�hlen: hier hatte er, zumindest theoretisch, eine Chance zu erfahren,
woran er war.</p><p>Er schaute
auf die Uhr. Noch genau zwanzig Minuten Zeit, und selbst in chinesischer,
geschweige in europ�ischer Gangart, brauchte er nur sieben. Also ging er
gem�chlich, aber er verhielt den Schritt nie. In anderen L�ndern, in fast jedem
anderen Ort der Welt, ausgenommen Hongkong, h�tte er viel mehr Zeit angesetzt.
Hinter dem Eisernen Vorhang, sagten sie in Sarratt, einen halben Tag, lieber
noch mehr. Er h�tte einen Brief an sich selber geschrieben, so da� er ein St�ck
die Stra�e entlanggehen, am Briefkasten haltmachen und wieder umkehren k�nnte,
feststellen, ob F��e stockten, K�pfe wegduckten; nach den klassischen
Formationen Ausschau halten, einem Zweigespann auf dieser Stra�enseite, drei
auf der anderen, einer Vorausabteilung ein St�ck weiter vorn.</p><p>Doch
w�hrend er an diesem Vormittag das alles eifrig durchexerzierte, wu�te
paradoxerweise sein anderes Ich, da� er nur seine Zeit verplemperte; wu�te, da�
in Fernost ein Europ�er sein ganzes Leben lang im gleichen H�userblock wohnen
und nie die blasseste Ahnung von dem geheimnisvollen Tick-tack an seiner
Schwelle zu haben braucht. An jeder Ecke einer jeden von Menschen wimmelnden
Zweigstra�e, in die er einbog, warteten M�nner, lungerten herum und
beobachteten, waren mit angestrengtem Nichtstun besch�ftigt. Der Bettler, der
pl�tzlich die Arme reckte und g�hnte, der verkr�ppelte Schuhputzer, der nach
seinen fliehenden F��en grabschte, und als er sie nicht mehr erwischen konnte,
die R�ckseiten seiner Schuhb�rsten mit einem Peitschenknall zusammenschlug;
die alte Hexe, die beidrassige Pornographie feilbot, die Hand vor den Mund
hielt und in den Bambusverschlag �ber ihr ein einziges Wort gellte: obwohl
Jerry sie alle im Geist registrierte, waren sie f�r ihn noch heute so
unverst�ndlich wie bei seinem ersten Aufenthalt in Fernost vor - zwanzig? -, du
lieber Gott, vor f�nfundzwanzig Jahren. Zuh�lter? Strichjungen? Drogenh�ndler,
die ihm farbige R�llchen Schokoladenpapier unter die Nase hielten - �gelb zwei
Dollar, blau f�nf Dollar? Sie wollen Drachen, m�chten Spritze�? Oder bestellten
sie eine Schale Reis aus den Gark�chen �ber der Stra�e? Im Fernen Osten, altes
Haus, hei�t �berleben: wissen, da� man nichts wei�. Er benutzte die Spiegelung
in den Marmorfassaden der L�den: Regale voll Bernstein, Regale voll Jade,
Kreditkartenschilder, elektrische Artikel und Pyramiden schwarzer Gep�ckst�cke,
die kein Mensch jemals zu tragen schien. Bei Cartier dekorierte ein sch�nes
M�dchen Perlen auf ein Samtkissen, legte sie f�r den Tag zu Bett. Als sie seine
Gegenwart f�hlte, hob sie den Blick zu ihm; und in Jerry regte sich trotz aller
Sorgen der alte Adam. Aber ein Blick auf sein unsicheres Grinsen und seinen
zerknitterten Anzug und die Wildlederstiefel sagte ihr alles, was sie wissen
mu�te: Jerry Westerby war kein potentieller Kunde. Die Schlagzeilen k�ndeten
von neuen K�mpfen, stellte Jerry fest, als er an einem Zeitungsstand vorbeikam.
Die chinesischsprachigen Bl�tter brachten auf der Titelseite Fotos von
get�teten Kindern, schreienden M�ttern und Soldaten mit Helmen, wie die
Amerikaner sie trugen. Ob Vietnam oder Kambodscha oder Korea oder die
Philippinen, konnte Jerry nicht sagen. Die roten Schriftzeichen der Schlagzeile
sahen aus wie vergossenes Blut. Vielleicht hatte Deathwish Gl�ck.</p><p>Jerry war
durstig nach der Bes�ufnis der vergangenen Nacht, durchquerte das Mandarin und
tauchte in das D�mmerlicht der Captain's Bar, aber er trank nur Wasser dr�ben
bei �Herren�. Dann kehrte er wieder zur�ck in die Halle und kaufte ein Exemplar
von Time, aber es gefiel ihm nicht, wie die feinen Pinkels ihn anstarrten, und
er ging. Er mischte sich wieder unter die Menge, bummelte bis zum Postamt,
erbaut anno 1911, inzwischen abgerissen, damals jedoch ein selten scheu�liches
Relikt, das neben den klobigen Betonk�sten ringsum sch�n wirkte, dann ging er
durch die Arkaden zur�ck zur Peddlar Street und unter einer gr�nen gerippten Br�cke
hindurch, von der Posts�cke wie Truth�hne am Galgen hingen. Er machte wiederum
kehrt, benutzte den Fu�g�ngersteg zum Connaught Centre, um das Feld zu lichten.</p><p>In der
st�hlern funkelnden Eingangshalle schrubbte eine Bauersfrau die Z�hne einer
stillstehenden Rolltreppe mit einer Drahtb�rste, und im Wandelgang bewunderte
eine Gruppe chinesischer Studenten in respektvollem Schweigen Henry Moores <emphasis>Oval with
Points. </emphasis>Im Zur�ckblicken sah Jerry die braune Kuppel der alten
Justizgeb�ude, die durch den Bienenstock des Hilton-Baus zu Zwergen
schrumpften: Regina <emphasis>versus Westerby, </emphasis>dachte er,
�und die Anklage gegen den Gefangenen lautet auf Erpressung, Korruption,
vorget�uschte Zuneigung und ein paar weitere Delikte, die wir uns noch
ausdenken werden, ehe der Tag zu Ende geht�. Der Hafen wimmelte von Schiffen,
zumeist kleinen. Dahinter versuchten die New Territories, pockennarbig von
Baugruben, schiefergraue Smogwolken wegzuschieben. Zu ihren F��en erstreckten
sich neue Lagerh�user, und Fabrikschlote spien braunen Qualm aus.</p><p>Er machte
aufs neue kehrt und kam an den gro�en schottischen Gesch�ftsh�usern vorbei:
Jardines, Swire, und bemerkte, da� ihre T�ren versperrt waren. Mu�te ein
Feiertag sein, dachte er. Von uns oder von ihnen? Am Statue Square fand ein
gesitteter Karneval statt, mit Springbrunnen, Strandschirmen',
Coca-Cola-Verk�ufern und ungef�hr einer halben Million Chinesen, die in
Gruppen herumstanden oder wie eine barf��ige Armee hinter ihm herschlurften und
verstohlene Blicke auf seine Gr��e warfen. Lautsprecher, Pre�luftbohrer,
wimmernde Musik. Er �berquerte die Jackson Road, und der L�rmpegel fiel ein
wenig. Vor ihm waren auf einem vollendeten englischen Rasen f�nfzehn
wei�gekleidete Gestalten hingelagert. Das t�gliche Kricket-Match hatte soeben
begonnen. Am Torende fummelte eine schlacksige arrogante Gestalt, die eine
Kappe von anno dazumal auf hatte, mit den Schlaghandschuhen herum. Jerry legte
eine Pause ein, sah eine Weile zu und grinste in wohlwollender Kennerschaft.
Der Werfer warf. Der Schl�ger f�hrte einen eleganten Schlag aus, fehlte und
lief in Zeitlupe los. Jerry sah ein langes, langweiliges und glanzloses Spiel
voraus. Er fragte sich, wer wohl gegen wen spiele, und kam zu dem Schlu�, da�
die �bliche Peak-Mafia gegen sich selbst spiele. Jenseits des Spielfelds auf
der anderen Stra�enseite erhob sich die Bank of China, ein weitl�ufiges
goldgekehltes Ehrenmal mit scharlachroten Slogans ges�umt, die von der Liebe zu
Mao k�ndeten. An seinem Sockel starrten Granitl�wen blicklos vor sich hin,
w�hrend Herden wei�hemdiger Chinesen einander, an deren Flanken lehnend,
fotografierten. Die Bank, die Jerry im Auge hatte, stand direkt hinter dem Arm
des Werfers. Ein Union Jack hoch auf schwankem Mast, unten auf dem sicheren
Pflaster ein gepanzerter Geldtransportwagen. Die T�ren standen offen und die
polierten Innenfl�chen gl�nzten wie falsches Gold. W�hrend Jerry im <strong>Weiten </strong>Bogen darauf zuschlenderte, tauchte ein Trupp
behelmter Wachleute, eskortiert von hochgewachsenen Indern mit
Elefantenflinten, pl�tzlich aus dem dunklen Inneren auf und zelebrierten drei
schwarze Geldk�sten die breiten Stufen hinunter, als enthielten sie geweihte
Hostien. Der gepanzerte Wagen fuhr weg, und einen beklemmenden Augenblick lang
sah Jerry im Geist die Tore der Bank sich nach seiner Abfahrt schlie�en.</p><p>Es waren
keine logischen Visionen. Auch keine nerv�sen Visionen. Nur da� Jerry einen
Moment lang Verdru� gew�rtigte, mit dem gleichen Berufspessimismus, mit dem ein
G�rtner eine D�rreperiode vorhersieht oder ein Sportler irgendeine alberne
Kn�chel-Verstauchung am Vorabend eines gro�en Kampfs; oder ein Au�enmann mit
zwanzig Jahren auf dem Buckel einen weiteren unvorhersehbaren Fehlschlag
argw�hnt. Aber die Tore blieben ge�ffnet, und Jerry machte linksum. Den Wachen
Zeit lassen zum Abreagieren, dachte er. Dieses Geldverladen mu� sie nerv�s
gemacht haben. Sie werden zu genau hinsehen, sie werden sich zu genau erinnern.</p><p>Er
schwenkte langsam, gedankenversunken in Richtung auf den Hong Kong Club ein:
Wedgwood-Portale, gestreifte Markisen und schon am Eingang der Geruch nach
fadem englischem Essen. Legende ist keine L�ge, wird einem gesagt. Legende ist
das, an was du glaubst. Legende ist der, der du bist. <emphasis>Am
Vormittag des Sonnabend begibt sich Mr. Gerald Westerby, der nicht sehr bekannte
Journalist, zu einer gern besuchten Tr�nke </emphasis>. . . Auf
den Stufen des Clubs blieb Jerry stehen, beklopfte seine Taschen, wendete und
eilte zielstrebig von dannen, ging die beiden L�ngsseiten des Platzes aus und
achtete ein letztesmal auf die schlurfenden Schritte und die abgewandten
Blicke. <emphasis>Mr. Gerald Westerby stellt fest, da� seine Barschaft f�r
das Wochenende nicht ausreicht, und beschlie�t einen kurzen Besuch in der Bank.
</emphasis>Die indischen Wachen hatten die Elefantent�ter l�ssig �ber die
Schultern geschlungen und musterten ihn uninteressiert. <emphasis>Nur, da�
Mr. Westerby das nicht tut!</emphasis></p><p>Jerry
schalt sich selbst einen verdammten Narren, als ihm einfiel, da� es schon zw�lf
Uhr vorbei war und da� die Schalterhalle Punkt zw�lf schlo�. Nach zw�lf war nur
noch droben ge�ffnet, und genau dorthin hatte er gewollt.</p><p>Ruhig,
dachte er. Du denkst zu viel. Nicht denken: handeln. <emphasis>Im Anfang
war die Tat. </emphasis>Wer hatte das einmal zu ihm gesagt? Old George, du meine
G�te, er hatte Goethe zitiert. Ausgerechnet der! Als er zum Sturm ansetzte,
�berfiel ihn eine Woge des Widerwillens, und er wu�te, da� es Furcht war. Er
war hungrig. Er war m�de. Warum hatte George ihn so alleingelassen? Warum mu�te
er alles ganz auf sich gestellt erledigen? Vor dem S�ndenfall h�tten sie
Babysitter vor ihm postiert - ein paar sogar innerhalb der Bank -, nur f�r alle
F�lle. Ein Empfangskomitee w�re dagewesen, um die Beute abzufangen, fast schon,
ehe er das Geb�ude verlassen h�tte, und ein Fluchtauto, wenn er Hals �ber Kopf
h�tte untertauchen m�ssen. Und in London - dachte er ironisch, nur um sich
selbst zu beschwichtigen - h�tten sie den lieben alten Bill Haydon gehabt,
nicht wahr? -, der die ganze Chose postwendend an die Russen weitergegeben
h�tte, hol ihn der Teufel. Bei diesem Gedanken zwang Jerry sich selbst eine
phantastische Halluzination auf, j�h wie ein Blitzlicht und genauso langsam
erl�schend. Gott hatte sein Gebet erh�rt, dachte er. Die alten Tage waren doch
wieder zur�ckgekommen, und die Stra�e wurde von einer erstklassigen
Hilfsmannschaft belebt. Hinter ihm war ein blauer Peugeot an die Bordkante
gefahren, und zwei bullige Europ�er sa�en darin und studierten eine Rennkarte
von Happy Valley. Funkantennen, alle Schikanen. Zu seiner Linken schlenderten
amerikanische Matronen daher, beladen mit Fotoapparaten und Reisef�hrern und
der ausdr�cklichen Verpflichtung, alles zu beobachten. Und aus der Bank
selbst, auf deren Portal er z�gig zuschritt, tauchte ein Paar feierlicher
Geldleute auf, und sie zeigten das gleiche grimmige Glotzen, dessen Observanten
sich manchmal bedienen, um forschende Blicke zu entmutigen.</p><p>Vergreisung,
schalt Jerry sich. Du hast deine besten Jahre hinter dir, altes Haus, keine
Frage. Das Alter und der Schi� haben dich knieweich gemacht. Er sprang die
Stufen hinauf, munter wie ein Rotkehlchen an einem hei�en Fr�hlingstag.</p><p>Die Halle
war so gro� wie ein Bahnhof, die Kassettenmusik ebenso martialisch. Der Zugang
zu den Schaltern war vergittert, und er sah niemanden im Hintergrund lauern,
nicht einmal die Illusion eines Flankenschutzes. Der Lift war ein goldener
K�fig mit einem sandgef�llten Spucknapf f�r Zigaretten, aber im neunten Stock
war es vorbei mit der Gro�z�gigkeit der unteren Geschosse. Platz war Geld. Ein
schmaler cremefarbener Korridor f�hrte zu einem leeren Empfangspult. Jerry wanderte
gem�chlich dahin, merkte sich den Notausgang und den Personalaufzug, den ihm
die B�rentreiber bereits aufgezeichnet hatten, falls er schleunigst
verschwinden m��te. Komisch, da� sie soviel wissen, dachte er, bei so wenigen
Quellen; m�ssen irgendwo einen Bauplan ausgegraben haben. Auf dem Tresen ein
Teakholzschild mit der Aufschrift �Trustee Department Enquiries�. Daneben eine
schmuddelige Brosch�re �ber Astrologie, aufgeschlagen und mit zahlreichen
Anmerkungen versehen. Aber keine Empfangsdame, denn am Sonnabend war alles
anders. Am Sonnabend geht's am besten, hatten sie gesagt, Er blickte vergn�gt,
reinen Gewissens um sich. Ein zweiter Korridor lief die Breitseite des Geb�udes
entlang, links B�rot�ren, rechts tr�bselige kunststoffbeschichtete W�nde. Dahinter
waren das langsame Tappen einer elektrischen Schreibmaschine - jemand tippte
einen Schriftsatz - und der langsame Singsang chinesischer Stenotypistinnen zu
h�ren, die am Sonnabend wenig anderes zu tun hatten, als auf den Lunch und den
freien Nachmittag zu warten. Vier der T�ren waren lasiert und hatten
pfenniggro�e Guckl�cher, durch die man hinaus- und hineinsehen konnte. Jerry
spazierte den Korridor entlang und sp�hte durch ein jedes, als w�re Sp�hen sein
Lieblingssport, H�nde in den Taschen, ein albernes Grinsen im Gesicht. Das
vierte links, hatten sie gesagt, eine T�r, ein Fenster. Ein Angestellter ging
an ihm vorbei, dann eine Sekret�rin auf modischen, klappernden Abs�tzen, aber
Jerry war bei aller Schlampigkeit immerhin Europ�er und trug einen Anzug, und
keiner von beiden hielt ihn an.</p><p>�Morgen,
zusammen�, brabbelte er, und sie w�nschten ihm daf�r �Guten Tag, Sir�.</p><p>Am Ende
des Korridors war ein Eisengitter, und Eisengitter waren auch vor den Fenstern.
An der Decke war ein blaues Nachtlicht angebracht, aus Sicherheitsgr�nden, nahm
er an, aber genau wu�te er es nicht: Feuerschutz, Raumschutz, er wu�te es
nicht, die B�rentreiber hatten es nicht erw�hnt, und Brand und Einbruch waren
nicht sein Fach. Der erste Raum war ein B�ro, leer bis auf ein paar verstaubte
Sporttroph�en auf dem Fensterbrett und ein gesticktes Wappen des Sportclubs der
Bank an der Wand bei der Kleiderablage. Er ging an einem Stapel Apfelkisten mit
der Aufschrift �Trustee� vorbei. Sie schienen mit �berschreibungen und
Testamenten vollgestopft zu sein. Die traditionelle Knauserigkeit der alten
chinesischen Handelsfirmen starb offenbar schwer. Auf einem Schild an der Wand
stand �Privat�, und auf einem zweiten �Nur nach vorheriger Anmeldung�. Die
zweite T�r f�hrte in einen Korridor und ein kleines Archiv, das gleichfalls
leer war, die dritte in die Toilette, �Nur f�r Direktoren�, neben der vierten
hing ein schwarzes Brett, an den T�rpfosten war eine rote Gl�hlampe montiert,
und auf einem imposanten Namensschild in Letraset die Aufschrift: �J. FROST,
DEPUTY CHIEF TRUSTEE, Nur nach Anmeldung, bitte NICHT eintreten, wenn rotes
Licht BRENNT.� Aber das Licht brannte nicht, und das pfenniggro�e Guckloch gab
den Blick auf einen Mann allein an seinem Schreibtisch frei. Seine einzige
Gesellschaft bestand aus einem Haufen Akten und Rollen teurer, nach dem Muster
englischer Dokumente in gr�ner Seide gebundener Papiere, aus den beiden
abgeschalteten Kabel-Fernsehger�ten f�r die B�rsenkurse und dem Blick auf den
Hafen: obligatorisch f�r das Image einer h�heren Verwaltungsebene, und von den
ebenso obligatorischen Lattenjalousien in bleistiftgraue Streifen geschnitten.
Ein properer, rundlicher, bl�hender kleiner Mann im Robin-Hood-gr�nen
Leinenanzug, allein und viel zu gewissenhaft arbeitend f�r einen Sonnabend.
Schwei� auf der Stirn; schwarze Halbmonde unter den Armen und - f�r Jerrys
wissendes Auge - die bleierne Bewegungslosigkeit eines Mannes, der nach
ausgedehntem Zechgelage sehr langsam wieder auf den Damm kommt.</p><p>Ein
Eckzimmer, dachte Jerry. Nur eine T�r, diese da. Blo� ein Schubs, und du bist
drau�en. Er warf einen letzten Blick nach beiden Seiten des leeren Korridors.
Jerry Westerbys Auftritt, dachte er. Wenn du den Text nicht kannst, dann tanze.
Die T�r gab sofort nach. Er trat vergn�gt hindurch und setzte sein bew�hrtes
sch�chternes L�cheln auf.</p><p>�Hallo
Frosti, super. Komm ich zu sp�t oder zu fr�h? Altes Haus - sagen Sie mal -, das
ist ja ganz <emphasis>ungew�hnlich </emphasis>da drau�en. Im Korridor - w�re
beinah dar�ber gestolpert - ein Haufen Apfelkisten voller Aktenkram. &gt;Wer
mag Frostis Kunde sein?&lt; frag ich mich. &gt;Cox Orange, Pippin�pfel? Oder
Beauty of Bath?&lt; Wie ich Sie kenne, ist es Beauty of Bath. Fand's richtig
komisch, nach den gastlichen St�tten, die wir letzte Nacht abgegrast haben.�
Dieses Gefasel, so schwach es f�r den erstaunten Frost auch klingen mochte, gab
Jerry Zeit, das B�ro zu betreten, flugs die T�r zu schlie�en und sich mit dem
breiten R�cken vor das einzige Guckloch zu stellen, w�hrend er Dankgebete f�r
seine weiche Landung nach Sarratt schickte und Sto�gebete zu seinem Sch�pfer.</p><p>Jerrys
Auftritt folgte ein Augenblick voll dramatischer Spannung. Frost hob langsam
den Kopf, hielt dabei die Augen halb geschlossen, als schmerzte ihn das Licht,
was vermutlich auch der Fall war. Bei Jerrys Anblick blinzelte er und blickte
weg, dann sah er ihn wieder an, um sich zu vergewissern, da� er keinen Geist
vor sich hatte. Dann wischte er sich mit dem Taschentuch die Stirn. �Herrje�,
sagte er. �Der hohe Herr pers�nlich! Was zum Teufel haben Sie hier zu suchen,
Sie widerlicher Aristokrat?� Worauf Jerry, der noch immer an der T�r stand, mit
einem weiteren breiten Grinsen antwortete und die Hand zum Indianergru� hob,
w�hrend er sich die Schwachstellen genau einpr�gte: die beiden Telefone, die
graue Box der Wechselsprechanlage und den Stahlschrank, der ein Schl�sselloch
hatte, aber keine Zahlenkombination.</p><p>�Wie sind
Sie �berhaupt reingekommen? Haben ihnen wohl Ihren Honourable an den Kopf
geworfen. Was soll das, hier so einfach reinzuplatzen?� Frost, der nicht halb
so ungehalten war, wie seine Worte das nahegelegt h�tten, war vom Schreibtisch
aufgestanden und watschelte durch das B�ro. �Das hier ist kein Puff,
verstanden. Das hier ist eine achtbare Bank. Eine mehr oder weniger achtbare
Bank, sagen wir.�</p><p>Als er vor
Jerrys beachtlicher Masse angelangt war, stemmte er die H�nde in die Seiten,
glotzte ihn an und sch�ttelte verdutzt den Kopf. Worauf er Jerry auf den Arm
schlug, ihn in den Magen boxte und wieder mit dem Kopf wackelte. �Sie
versoffener, liederlicher, geiler, ausschweifender . . . �</p><p>�Zeitungsschmierer�,
erg�nzte Jerry.</p><p>Frost war
noch nicht �ber vierzig, aber das Leben hatte ihm bereits die grausamen Male
der Durchschnittlichkeit aufgepr�gt, als da waren ein wichtigtuerisches
Herumfummeln mit Manschetten und Fingern, ein Benetzen und zugleich Sch�rzen
der Lippen. Zu seinen Gunsten hingegen sprach ein offenkundiger Sinn f�r Humor,
der auf den feuchten Backen strahlte wie Sonnenlicht. �Da�, sagte Jerry.
�Vergiften Sie sich�, und bot ihm eine Zigarette an.</p><p>�Herrje�,
sagte Frost nochmals, und mit einem Schl�ssel vom Bund �ffnete er ein altmodisches
Walnu�b�ffet, voll von Spiegeln und Reihen von Cocktailsticks mit k�nstlichen
Kirschen, von Juxbechern mit Pin-ups und rosa Elefanten. �Bloody Mary
gef�llig?�</p><p>�Bloody
Mary tut der Kehle immer gut, altes Haus�, versicherte ihm Jerry.</p><p>An der
Schl�sselkette hing ein einzelner Messingschl�ssel zu einem Chubb-Schlo�. Der
Safe war also ein Chubb-Safe, erste Ware, mit einem abgenutzten goldenen
Medaillon, das sich kaum noch von der gr�nen Farbe abhob.</p><p>�Eines mu�
man euch blaubl�tigen W�stlingen ja lassen�, rief Frost, w�hrend er den
Cocktail mixte und sch�ttelte wie ein Chemiker. �In Bumslokalen kennt ihr euch
aus. Wenn ihr mitten in Salisbury Plain vom Himmel fallt, dauert's keine
drei�ig Sekunden, und schon habt ihr 'n Puff aufgerissen. Mein jungfr�uliches
Gem�t hat gestern nacht wieder mal Schaden genommen. Ersch�ttert bis auf seine
zarten kleinen Grundfesten - sagen Sie halt! Gelegentlich m�ssen Sie mir ein
paar Adressen� geben, wenn's mir wieder besser geht. Falls es je soweit kommt,
woran ich zweifle.�</p><p>Jerry war
zu Frosts Schreibtisch hin�bergeschlendert und bl�tterte m��ig die
Korrespondenz durch, dann fing er an, auf den Tasten der Sprechanlage
herumzuspielen, lie� eine nach der anderen mit dem dicken Zeigefinger auf und
ab schnippen; aber es tat sich nichts. Ein einzelner Knopf trug die Aufschrift
�besch�ftigt�.</p><p>Jerry
dr�ckte ihn und sah einen rosigen Schimmer im Guckloch, als das Warnlicht im
Korridor aufflammte.</p><p>�Und diese
Puppen�, sagte Frost, der Jerry noch immer den R�cken kehrte, w�hrend er die
Saucenflasche sch�ttelte. �Waren ganz Schlimme. Skandal�s.� Mit entz�cktem
Lachen durchschritt Frost das B�ro und hielt die Gl�ser in den ausgestreckten
H�nden.</p><p>�Wie
hie�en die doch gleich? Ach du liebe G�te!�</p><p>�Sieben
und Vierundzwanzig�, sagte Jerry zerstreut.</p><p>Im
Sprechen b�ckte er sich und suchte den Alarmknopf, der, wie er wu�te, irgendwo
am Schreibtisch montiert sein mu�te.</p><p>�Sieben
und Vierundzwanzig!� wiederholte Frost hingerissen.</p><p>�Wie
poetisch! Was f�r ein Ged�chtnis!�</p><p>In
Knieh�he hatte Jerry ein graues K�stchen entdeckt, das an die Schubladenst�tze
geschraubt war. Der Schl�ssel steckte in der Waagerechten, in Aus-Position. Er
zog ihn heraus und lie� ihn in die Tasche gleiten.</p><p>�Ich habe
gesagt, was f�r ein fabelhaftes Ged�chtnis�, wiederholte Frost ziemlich ratlos.</p><p>�Sie
kennen doch Zeitungsschmierer, altes Haus�, sagte Jerry und richtete sich auf.
�Schlimmer als Ehefrauen, was das Ged�chtnis betrifft.�</p><p>�Hier
r�ber. Gehen Sie weg dort. Geheiligter Boden.� Jerry hatte Frosts riesigen
Terminkalender vom Schreibtisch genommen und studierte die Verabredungen des
Tages. �Mein Gott�, sagte er. �Bienenflei�ig, wie? Wer ist N., altes Haus? N.,
acht bis zw�lf? Doch nicht Ihre Schwiegermama?� Frost neigte den Mund zum Glas,
trank gierig, schluckte und tat dann, als h�tte er's in die falsche Kehle
bekommen, kr�mmte sich, fing sich wieder. �H�ren Sie gef�lligst mit meiner
Schwiegermutter auf, ja? H�tte um ein Haar einen Herzanfall gekriegt. Prosit.�</p><p>�N. f�r
n�rrisch? N. f�r Napoleon? Wer ist N.?�</p><p>�Natalie.
Meine Sekret�rin. Sehr nett. Beine kerzengerade bis obenhin, hei�t es
allgemein. War nie selber dort, also wei� ich's nicht. Meine einzige Regel.
Erinnern Sie mich, da� ich sie gelegentlich breche. Prosit�, sagte er nochmals.
�Ist sie da?�</p><p>�Ich glaube,
ihren leichtf��igen Schritt vernommen zu haben, ja. Soll ich sie kommen lassen?
Angeblich hat sie ein besonderes Faible f�r die gehobenen Klassen.�</p><p>�Nein,
danke�, sagte Jerry, legte den Terminkalender hin und blickte Frost stracks an,
von Mann zu Mann, obwohl der Kampf ungleich war, denn Jerry war einen ganzen
Kopf gr��er als Frost und bedeutend breiter.</p><p>�Unglaublich�,
erkl�rte Frost ehrf�rchtig und strahlte Jerry noch immer an. �Unglaublich war
das gestern.� Sein Gehabe war hingebungsvoll bis besitzergreifend.
�Unglaubliche Puppen, unglaubliche Gesellschaft. Ich meine, warum sollte ein
Kerl wie ich sich �berhaupt mit einem Kerl wie Ihnen abgeben? Einem kleinen
Honourable! F�r mich sind Herz�ge gerade gut genug. Herz�ge und Huren. Machen
wir's doch heute nacht gleich noch mal. Los.� Jerry lachte.</p><p>�Im Ernst.
Zeigen wir mal, was wir k�nnen. Besser dran eingehen, bevor wir zu alt dazu
sind. Heute geht's auf meine Rechnung, der ganze Rummel.� Vom Korridor
erklangen schwere Schritte, kamen n�her. �Wissen Sie, was <emphasis>ich </emphasis>tun werde?
Mich testen. Ich geh wieder ins Meteor mit Ihnen, und ich la� Madame Dingsbums kommen,
und dann verlange ich, da� - was ist denn mit Ihnen los?� fragte er, als er
Jerrys Miene gewahrte.</p><p>Die
Schritte verlangsamten sich, blieben stehen. Ein schwarzer Schatten erf�llte
das Guckloch und verweilte.</p><p>�Wer ist
das?� fragte Jerry ruhig.</p><p>�Milkie.�</p><p>�Wer ist
Milkie?�</p><p>�Milkie
Way, mein Bo߫, sagte Frost, als die Schritte sich entfernten, schlo� die Augen
und bekreuzte sich fromm. �Geht nach Hause zu seiner reizenden Eheliebsten, der
vortrefflichen Mrs. Way alias Moby Dick. Sechs Fu� acht Zoll und Dragonerschnurrbart.
Nicht er. Sie�. Frost kicherte. �Warum ist er nicht reingekommen?�</p><p>�Dachte
wohl, ich h�tte einen Klienten hier�, sagte Frost achtlos und wunderte sich
aufs neue �ber Jerrys Wachsamkeit und �ber seine Ruhe. �Abgesehen davon, da�
Moby Dick ihm den Sch�del einschlagen w�rde; wenn er sich um diese Tageszeit
mit einer Alkoholfahne um die gottlosen Lippen erwischen lie�e. Keine Bange,
Sie haben ja mich. Trinken Sie aus. Sie gucken heute so gottesf�rchtig drein.
Kriege direkt 'ne G�nsehaut.� Wenn <emphasis>Sie drin sind, dann los, </emphasis>hatten die
B�rentreiber gesagt. <emphasis>Nicht zu lange ma�nehmen, ihn gar
nicht erst warm werden lassen.</emphasis></p><p>�Heh, Frosti�,
rief Jerry, als die Schritte v�llig verklungen waren.</p><p>�Wie
geht's der Missus?� Frost hatte die Hand nach Jerrys Glas ausgestreckt. �Ihrer
Missus. Wie geht's ihr?�</p><p>�Immer
noch erfreulich leidend, danke�, sagte Frost unbehaglich.</p><p>�Schon im
Krankenhaus angerufen, wie?�</p><p>�Heute
morgen? Sind Sie verr�ckt? Konnte bis elf Uhr keinen vern�nftigen Satz zustande
bringen. Und selbst wenn. Sie h�tte den Schnaps gerochen.�</p><p>�Wann
besuchen Sie sie wieder?�</p><p>�Also
bitte. H�ren Sie auf, h�ren Sie auf mit ihr, ja?�</p><p>Unter
Frosts starrem Blick schlenderte Jerry zum Safe hin�ber. Er probierte die gro�e
Klinke, aber die Safet�re war verschlossen.</p><p>Auf dem
Safe lag staubbedeckt ein schwerer Gummikn�ppel.</p><p>Jerry
packte ihn mit beiden H�nden, f�hrte zerstreut ein paar Kricketschl�ge aus und
legte ihn wieder zur�ck, w�hrend Frosts ratloser Blick ihm beunruhigt folgte.</p><p>�Ich
m�chte ein Konto er�ffnen, Frosti�, sagte Jerry noch immer vom Safe her.</p><p>�Sie?�</p><p>�Ich.�</p><p>�Nach
allem, was Sie gestern nacht erz�hlten, haben Sie nicht mal genug, um ein
Sparschwein zu er�ffnen. Au�er Ihr feiner Herr Papa hat noch einiges in der
Matratze versteckt, was ich leicht bezweifle.� Frosts Welt st�rzte ein wie ein
Kartenhaus, trotzdem versuchte er verzweifelt, sich daran zu klammern. �Los,
kippen Sie noch einen und h�ren Sie auf, Boris Karloff zu spielen, ja? Gehen
wir zu den Hotteh�s: Happy Valley, wir kommen. Ich lade Sie zum Lunch ein.�</p><p>�Ich
meinte nicht eigentlich, da� wir <emphasis>mein </emphasis>Konto
er�ffnen sollten, altes Haus. Ich meinte, eins von jemand anderem�, erkl�rte
Jerry. Wie bei einem langsamen, traurigen Possenspiel erlosch der Humor in
Frosts kleinem Gesicht, und er fl�sterte atemlos �O nein, o Jerry�, ganz leise;
als w�re er Zeuge eines Unfalls, bei dem Jerry das Opfer war, nicht Frost. Zum
zweitenmal n�herten sich Schritte auf dem Korridor. M�dchenschritte, kurz und
rasch. Dann ein scharfes Klopfen. Dann Stille.</p><p>�Natalie?�
sagte Jerry ruhig. Frost nickte. �Wenn ich ein Kunde w�re, w�rden Sie mich dann
vorstellen?� Frost sch�ttelte den Kopf. �Lassen Sie sie rein.�</p><p>Frosts
Zunge schob sich wie eine erschreckte rosige Schlange zwischen den Lippen
hervor, sicherte nach allen Seiten und verschwand wieder.</p><p>�Herein!�
rief er heiser, und ein gro�es Chinesenm�dchen mit dicken Brillengl�sern holte
ein paar Briefe aus seinem Auslaufkorb ab.</p><p>�Sch�nes
Wochenende, Mister Frost�, sagte sie. �Bis Montag dann�, sagte Frost. Die T�r
schlo� sich wieder.</p><p>Jerry
durchquerte das B�ro, legte den Arm um Frosts Schultern und f�hrte ihn, der
keinen Widerstand leistete, rasch zum Fenster. �Ein Treuhand-Konto, Frosti.
Ihren unbestechlichen H�nden anheimgegeben. Gro�e Sache.�</p><p>Drunten
auf dem Platz ging der Karneval weiter. Auf dem Kricketplatz war jemand im Aus.
Der schlacksige Schl�ger mit der Kappe von anno dazumal reparierte geduldig den
Raum zwischen den Dreist�ben. Die Spieler lagen herum und plauderten.</p><p>�Sie regen
mich auf�, sagte Frost schlicht und versuchte, sich an die Lage zu gew�hnen.
�Ich glaubte, ich h�tte endlich einen Freund gefunden, und jetzt wollen Sie mir
die Daumenschrauben ansetzen. Und sowas will ein Lord sein.�</p><p>�Man soll
sich nie mit Zeitungsleuten abgeben, Frosti. Rauhes Volk. Keinen Sportsgeist.
H�tten nicht aus der Schule plaudern sollen. Wo bewahren Sie die Unterlagen
auf?�</p><p>�Freunde
plaudern aus der Schule!� protestierte Frost, �dazu sind Freunde da! Da� sie
einander <emphasis>alles </emphasis>sagen!�</p><p>�Dann
sagen Sie mir alles.�</p><p>Frost
sch�ttelte den Kopf. �Ich bin ein Christ�, sagte er d�mmlich. �Ich gehe jeden
Sonntag in die Messe. Tut mir leid, aber das kommt gar nicht in Frage. Lieber
w�rde ich meinen Platz in der Gesellschaft verlieren, als einen Vertrauensbruch
begehen. Daf�r bin ich bekannt, wie? Nichts zu machen. Bedaure.� Jerry schob
sich am Fenstersims n�her heran, bis sich ihre Ellbogen fast ber�hrten. Die
gro�e Scheibe zitterte vom Verkehrsl�rm. Die Jalousien waren rot von
Ziegelstaub, Frost grimassierte erb�rmlich, w�hrend er versuchte, die Nachricht
von seiner Vernichtung zu fassen.</p><p>�Der
Handel ist folgender, altes Haus�, sagte Jerry sehr ruhig. �H�ren Sie gut zu.
Ja? Es hei�t: entweder Zuckerbrot oder Peitsche. Wenn Sie nicht spuren, h�ngt
mein Blatt alles an die gro�e Glocke. Portr�t auf der Titelseite, Schlagzeilen
�ber die volle Breite, Fortsetzung letzte Seite, Spalte <strong>6, </strong>mit allen Schikanen. &gt;W�rden Sie von diesem Mann einen
Gebrauchtwagen kaufen?&lt; Hongkong, die Brutst�tte der Korruption, und Frosti,
das geifernde Ungeheuer. So in dieser Art. Wir sagen allen, wie Sie im
&gt;Young Banker's Club&lt; Bettpolonaise spielen, genau wie Sie's mir erz�hlt
haben, und wie Sie bis vor kurzem ein s�ndhaftes Liebesnest dr�ben in Kaulun
unterhielten, nur da� sie sauer wurde, weil sie mehr Futter wollte. Ehe wir das
alles bringen, pr�fen wir nat�rlich die Geschichte mit Ihrem Direktor nach und
vielleicht auch mit Ihrer Missus, wenn es ihr gut genug geht.� Auf Frosts
Gesicht war ohne jede Warnung eine Sturmflut von Schwei� ausgebrochen. Die
fahlen Z�ge hatten nur ganz kurz �ligen Glanz angenommen, dann waren sie auch
schon klitschna�, und der Schwei� rann ungehindert �ber das feiste Kinn und
fiel auf den Robin-Hood-Anzug.</p><p>�Kommt vom
Saufen�, sagte er t�richt und versuchte, die Flut mit seinem Taschentuch
einzud�mmen. �Ich kriege das immer, wenn ich trinke. Verfluchtes Klima. Ich
sollte ihm nicht ausgesetzt sein. Sollte niemand. Hier geht man vor die Hunde.
Ich hasse dieses Land.�</p><p>�Das ist
die <emphasis>schlechte </emphasis>Nachricht�, fuhr Jerry fort. Sie
standen noch immer am Fenster, Seite an Seite, wie zwei M�nner, die den
Ausblick genie�en. �Die gute Nachricht lautet f�nfhundert US in ihr hei�es
H�ndchen, beste Empfehlungen von Grub Street, keiner erf�hrt was, und Frosti
soll Direktor werden. Warum also entspannen Sie sich nicht und genie�en es!
Gewisserma�en.�</p><p>�Und darf
ich <emphasis>erfahren�, </emphasis>japste Frost schlie�lich mit einem
verzweifelten Versuch zur Ironie, �zu welchem Zweck Sie diese Unterlagen
�berhaupt einzusehen w�nschen?�</p><p>�Verbrechen
und Korruption, altes Haus. Die Hongkong Connection. Grub Street benennt die
Schuldigen. Konto-Nummer vier vier zwei. Haben Sie es hier?� fragte Jerry und
deutete auf den Safe.</p><p>Frosts
Lippen formten ein �Nein�, aber aus seinem Mund kam kein Ton.</p><p>�Zweimal
vier, dann die Zwei. Wo ist es?�</p><p>�H�ren
Sie�, murmelte Frost. Sein Gesicht war ein hoffnungsloses Durcheinander von
Angst und Entt�uschung. �Tun Sie mir einen Gefallen, ja! Lassen Sie mich aus
dem Spiel. Bestechen Sie einen meiner chinesischen Angestellten, okay? Das ist
die richtige Methode. Ich meine, ich habe hier eine Position.�</p><p>�Sie
kennen die Redensart, Frosti. In Hongkong plaudern sogar die G�nsebl�mchen. Ich
will <emphasis>Sie. </emphasis>Sie sind hier, und Sie sind besser
qualifiziert. Ist es im Tresorraum?�</p><p><emphasis>Sie m�ssen
die Sache in Gang halten, </emphasis>sagten sie, <emphasis>die
Schraube st�ndig noch fester anziehen. Verlieren Sie die Initiative ein
einziges Mal, und Sie haben sie f�r immer verloren. </emphasis>Da Frost
noch immer verdattert dastand, tat Jerry, als verl�re er die Geduld. Mit einer
sehr gro�en Hand packte er Frost an der Schulter, wirbelte ihn herum und schob
ihn r�ckw�rts, bis seine kleinen Schultern flach an den Safe gepre�t waren.
�Ist es im Tresorraum?�</p><p>�Wieso
soll ich das wissen?�</p><p>�Ich sag
Ihnen gleich, wieso�, versprach Jerry und nickte so nachdr�cklich, da� seine
Haarstr�hne auf- und abflog. �Ich sag Ihnen wieso, altes Haus�, wiederholte er
und versetzte Frost mit der freien Hand einen leichten Schlag auf die Schulter.
�Weil Sie n�mlich sonst vierzig sind und auf der Stra�e liegen, mit einer
kranken Frau am Hals und hungrigen Bambinos; und das Schulgeld und die ganze
Katastrophe! Es gibt nur ein Entweder-oder, und die Entscheidung f�llt jetzt.
Nicht in f�nf Minuten, sondern jetzt. Es ist mir egal, wie Sie's machen, aber
sorgen Sie daf�r, da� es unverd�chtig klingt, und lassen Sie Natalie aus dem
Spiel.�</p><p>Jerry f�hrte
ihn wieder in die Mitte des B�ros zur�ck, zum Schreibtisch mit dem Telefon. Es
gibt Rollen im Leben, die man unm�glich mit W�rde spielen kann. Eine solche war
Frost an diesem Tag zugeteilt. Er hob den H�rer ab und w�hlte eine einzige
Zahl.</p><p>�Natalie?
Oh, Sie sind noch nicht weg. H�ren Sie zu, ich mu� noch ungef�hr eine Stunde
hierbleiben, hatte gerade einen Kunden am Telefon. Sagen Sie Syd, er soll den
Tresorraum offen lassen, ich verschlie�e ihn, sobald ich gehe, ja?� Er lie�
sich in seinen Sessel fallen.</p><p>�Bringen
Sie Ihr Haar in Ordnung�, sagte Jerry und trat wieder ans Fenster, w�hrend sie
warteten.</p><p>�Von wegen
Verbrechen und Korruption!� murrte Frost. �Na sch�n, und wenn er wirklich eine
krumme Tour dreht: nennen Sie mir einen Chinesen, der das nicht tut. Nennen Sie
mir einen Briten, der's nicht tut, Glauben Sie, das bringt die Insel wieder auf
die F��e?�</p><p>�Er ist
also Chinese?� sagte Jerry sehr scharf. Jerry trat wieder an den Schreibtisch
und w�hlte selbst Natalies Nummer. Keine Antwort. Er hievte Frost behutsam aus
dem Sessel und f�hrte ihn zur T�r.</p><p>�Und
schlie�en Sie ja nicht ab�, warnte er. �Wir m�ssen alles wieder reinlegen, ehe
Sie gehen.�</p><empty-line/><p>Frost war
zur�ckgekommen. Er sa� d�ster am Schreibtisch, vor ihm auf der Schreibunterlage
lagen drei Aktenhefter. Jerry go� ihm einen Wodka ein. Er blieb neben seiner
Schulter stehen, w�hrend Frost trank, und erkl�rte, wie eine Zusammenarbeit
dieser Art funktionierte. Frosti werde nicht das geringste sp�ren, sagte er. Er
m�sse nur alles dort liegenlassen, wo es lag, dann in den Korridor hinausgehen
und die T�r sorgf�ltig hinter sich schlie�en. Neben der T�r hing ein Schwarzes
Brett: Frosti habe es bestimmt schon oft angesehen, er solle sich vor dieses
Schwarze Brett stellen und die Anschl�ge gewissenhaft studieren, einen nach dem
anderen, bis er Jerry innen zweimal klopfen h�re, dann k�nne er wieder
hereinkommen. W�hrend er lese, solle er sich so vor dem Guckloch aufstellen,
da� Jerry sich seiner Gegenwart vergewissern k�nne und Vor�berkommenden die
Einsicht versperrt bleibe. Frost k�nne sich �berdies mit dem Gedanken tr�sten,
da� er niemandens Vertrauen mi�braucht habe. Schlimmstenfalls k�nne ihm h�heren
Orts - oder auch von Kundenseite - vorgeworfen werden, da� er Jerry im B�ro
alleingelassen und damit einen technischen Versto� gegen die
Sicherheitsbestimmungen der Bank begangen habe. �Wie viele Ausz�ge sind in
diesen Akten?�</p><p>�Woher
soll ich das wissen?� fragte Frost. Die ihm bescheinigte Unschuld hatte ihn
wieder ein wenig k�hner gemacht. �Dann z�hl' sie, altes Haus, ja? Braver
Junge.� Es waren genau f�nfzig, eine ganze Menge mehr, als Jerry erwartet
hatte. Blieben noch Vorkehrungen zu treffen f�r den Fall, da� Jerry wider alle
Wahrscheinlichkeit gest�rt werden sollte.</p><p>�Ich brauche
Antragsformulare�, sagte er.</p><p>�Was denn
f�r verdammte Antragsformulare? Ich habe hier keine Formulare�, erwiderte
Frost. �Ich habe <emphasis>M�dchen, </emphasis>die mir die Dinger bringen. Nein,
die hab' ich auch nicht. Die sind heute schon nach Hause gegangen.�</p><p>�Um mein
Treuhandkonto in Ihrem w�rdigen Haus zu er�ffnen, Frosti. Hier auf dem Tisch
ausgebreitet, zusammen mit Ihrer vergoldeten F�llfeder f�r Vorzugskunden. Sie
schnappen ein bi�chen Luft, w�hrend ich die Formulare ausf�lle. Und das ist die
erste Einlage�, sagte er, zog ein kleines B�ndel amerikanischer Banknoten aus
der H�fttasche und lie� sie mit einem satten Klatsch auf den Tisch fallen.
Frost schielte auf das Geld, nahm es aber nicht.</p><p>Sobald
Jerry allein war, ging er rasch zu Werke. Er l�ste die Bl�tter aus den Klammern
und legte sie paarweise nebeneinander, so da� er zwei auf einmal fotografieren
konnte. Er hielt die gro�en Ellbogen dicht am K�rper, um eine ruhige Hand, die
gro�en F��e leicht gegr�tscht, um einen besseren Stand zu haben, wie ein
Eckmannf�nger beim Krickett, und die Me�kette ber�hrte gerade noch die Papiere,
um die Tiefensch�rfe zu bestimmen. Wenn er nicht zufrieden war, machte er die
Aufnahme nochmals. Manchmal regulierte er die Belichtungszeit. H�ufig wandte
er den Kopf und warf einen Blick auf den Robin-Hood-gr�nen Kreis im Guckloch,
um sich zu vergewissern, da� Frost auf seinem Posten verharrte und nicht etwa
die bewaffnete Garde herbeirief. Einmal wurde Frost ungeduldig und klopfte an
das Glas, und Jerry knurrte ihn an, er solle sich still verhalten. Dann und
wann h�rte er Schritte n�herkommen, dann lie� er alles auf dem Tisch stehen und
liegen, einschlie�lich Geld und Antragsformulare, steckte die Kamera in die
Tasche und spazierte zum Fenster, blickte auf den Hafen und fuhr sich durchs
Haar, wie jemand, der vor der gro�en Entscheidung seines Lebens steht. Und
einmal wechselte er die Kassette, eine knifflige Sache, wenn man dicke Finger
hat und unter Hochspannung steht. Er w�nschte sich, die alte Kamera w�rde dabei
ein bi�chen weniger Ger�usch verursachen. Als er Frost hereinrief, lagen die
Aktenhefter wieder auf dem Schreibtisch, die Geldscheine neben den Heftern,
und Jerry fror und empfand leise Mordgel�ste.</p><p>�Sie sind
ein gottverdammter Narr�, verk�ndete Frost und stopfte die f�nfhundert Dollar
in die zukn�pfbare Tasche seines Jacketts. �Klar�, sagte er. Er sah sich im
ganzen B�ro um, verwischte seine letzten Spuren.</p><p>�Sie
m�ssen Ihr dreckiges bi�chen Verstand verloren haben�, er�ffnete ihm Frost.
Seine Miene war sonderbar entschlossen.</p><p>�Glauben
Sie denn, Sie k�nnen einen Mann wie ihn aufs Kreuz legen? Genausogut k�nnten
Sie versuchen, Fort Knox mit einem Brecheisen und einer Schachtel Knallfr�sche
beizukommen, als dieser Bande das Handwerk zu legen.�</p><p>�Mister
Big pers�nlich. Das hab' ich gern.�</p><p>�Nein, das
werden Sie bald ganz und gar nicht gern haben.�</p><p>�Sie
kennen ihn, wie?�</p><p>�Wir sind
wie Schinken und Ei�, sagte Frost s�uerlich. �Ich gehe alle Tage bei ihm aus
und ein. Sie kennen ja meine Vorliebe f�r die Gro�en und M�chtigen.�</p><p>�Wer hat
dieses Konto f�r ihn er�ffnet?�</p><p>�Mein Vorg�nger.�</p><p>�Er war
selbst hier, oder?�</p><p>�Nicht zu
meiner Zeit.�</p><p>�Haben Sie
ihn jemals gesehen?�</p><p>�Canidrome
in Macao.�</p><p>�Wo?�</p><p>�Hunderennen
in Macao. Hat sein letztes Hemd verwettet. Sich unters niedrige Volk gemischt.
Ich war mit meinem Chinesenp�ppchen dort, der vorletzten. Sie hat ihn mir
gezeigt. &gt;Der?&lt; sagte ich. &gt;Der? Ach ja, ein Kunde von mir.&lt; Sie
war zutiefst beeindruckt.� Ein Abglanz seines fr�heren Ichs erschien auf Frosts
bedr�cktem Gesicht. �Und eins kann ich Ihnen sagen: er hat sich auch nicht
schlecht gebettet. Hatte eine sehr h�bsche Blonde bei sich. Europ�erin.
Filmstar, dem Aussehen nach. Schwedisch. Sehr gewissenhafte K�nstlerin auf der
Leinwand. Hier - � Frost brachte ein gespenstisches Grinsen zustande.
�Beeilung, altes Haus. Was ist?�</p><p>�Vertragen
wir uns wieder. Los. Gehen wir in die Stadt. Hauen meine f�nfhundert Eier in
die Pfanne. In Wirklichkeit sind Sie ja gar nicht so, stimmt's? Sie tun es
blo�, um sich Ihren Lebensunterhalt zu verdienen.�</p><p>Jerry
kramte in seiner Tasche, fischte den Alarmschl�ssel heraus und lie� ihn in
Frosts leblose Hand fallen. �Den werden Sie brauchen.�</p><p>Als er das
Geb�ude verlie�, stand ein schlanker, gutgekleideter junger Mann in
tiefangesetzten amerikanischen Slacks auf den breiten Stufen. Er las ein seri�s
aussehendes Buch, eine gebundene Ausgabe. Den Titel konnte Jerry nicht
erkennen. Der junge Mann war noch nicht sehr weit gekommen, las jedoch mit
gr��ter Konzentration, wie nur jemand, der fest entschlossen ist, sich zu
bilden.</p><p>Er war
wieder der Sarratt-Mann, alles �brige wich in den Hintergrund.</p><p>Immer
kreuz und quer, sagten die B�rentreiber. Nie den direkten Weg nehmen. Wenn man
den Fang nicht gleich verstecken kann, wenigstens die Hundenasen t�uschen. Er
nahm verschiedene Taxis, aber immer zu bestimmten Zielen. Zur Queen's Pier, wo
er das Beladen der F�hren beobachtete und die braunen Dschunken, die zwischen
den gro�en Schiffen dahinglitten. Nach Aberdeen, wo er mit den Touristen
bummelte und mit ihnen Baukl�tze staunte �ber diese komischen Menschen, die auf
Booten hausten, und �ber die schwimmenden Restaurants. Nach Stanley Village und
am �ffentlichen Strand entlang, wo chinesische Badeg�ste, die bleichen K�rper
leicht gebeugt, als laste die Stadt noch immer auf ihren Schultern, keusch mit
ihren Kindern dahinwateten. <emphasis>Chinesen schwimmen nicht mehr,
wenn das Mondfest vor�ber ist, </emphasis>erinnerte er sich automatisch,
aber es fiel ihm im Moment einfach nicht ein, wann dieses Mondfest war. Er
hatte auch daran gedacht, die Kamera an der Garderobe des Hilton-Hotels
abzugeben. Er hatte daran gedacht, einen Nachttresor zu benutzen oder ein
P�ckchen an seine eigene Adresse aufzugeben; sich als Journalist einen
speziellen Boten zu nehmen. Aber das alles war ihm nicht sicher genug - genauer
gesagt, es war den B�rentreibern nicht sicher genug. Es ist ein Solo, hatten
sie gesagt; im Do-it-yourself-Verfahren oder gar nicht. Also kaufte er einen
Beh�lter: eine Tragetasche aus Plastik und ein paar Baumwollhemden zum
Ausstopfen. Wenn sie deine Spur haben, dann sorge f�r eine Ablenkung. Sogar die
�ltesten Beschatter fallen drauf rein. Und wenn sie dich stellen, dann la� es
fallen. Wer wei�? Vielleicht kannst du dir die Hunde lang genug vom Halse
halten, um dich in die B�sche zu schlagen. Trotzdem hielt er sich von der Menge
fern. Er hatte eine Heidenangst vor einem zuf�lligen Taschendiebstahl. In der
Mietgarage dr�ben in Kaulun stand ein Wagen f�r ihn bereit. Er war ruhig - die
Spannung legte sich -, aber seine Wachsamkeit lie� keine Sekunde nach. Er
f�hlte sich siegesgewi�, und wie er sich sonst noch f�hlte, z�hlte nicht.
Manche Arbeiten sind eben einfach dreckig.</p><p>W�hrend
der Fahrt hielt er besonders nach Hondas Ausschau, die in Hongkong das niedere
Fu�volk des Beschattungsgewerbes bilden. Ehe er Kaulun verlie�, unternahm er
ein paar Abstecher durch Seitenstra�en. Nichts. An der Junction Road reihte er
sich in den Picknick-Konvoi ein und fuhr eine weitere Stunde lang in Richtung
Clear Water Bay, dankbar �ber den wirklich katastrophalen Verkehr, denn nichts
ist schwieriger, als eine gut funktionierende Abl�sung innerhalb eines
Honda-Trios in einem f�nfzehn Meilen langen Stau zu bewerkstelligen. Jetzt galt
es, die Spiegel im Auge zu behalten, zu fahren, anzukommen und alles im
Alleingang. Die Nachmittagshitze blieb m�rderisch. Jerry hatte die Klimaanlage
auf vollen Touren laufen, sp�rte aber nichts davon. Er passierte Felder voll
eingetopfter Pflanzen, Seiko-Schilder, dann Karos von Reispflanzungen und
Parzellen mit jungen Pfirsichb�umchen, die f�r den Neujahrsmarkt herangezogen
wurden. Dann folgte zu seiner Linken ein schmaler Sandweg, er schwenkte scharf
ein und lie� dabei den R�ckspiegel nicht aus den Augen, stoppte, blieb eine
Weile stehen und �ffnete dann die Heckhaube, als wolle er den Motor abk�hlen
lassen. Ein erbsengr�ner Mercedes glitt an ihm vorbei, get�nte Fenster, ein
Chauffeur, ein Fahrgast auf dem Vordersitz. Er war schon eine ganze Weile
hinter ihm gewesen. Aber er blieb auf der Hauptstra�e. Jerry �berquerte die
Stra�e, betrat ein Cafe, ging ans Telefon, w�hlte eine Nummer, lie� es viermal
klingeln und legte auf. Er w�hlte die gleiche Nummer nochmals, lie� es sechsmal
klingeln, und als der H�rer abgenommen wurde, legte er wieder auf. Er fuhr
weiter, rumpelte durch die �berreste von Fischerd�rfern bis zu einem See, wo das
Schilf sich bis weit ins Wasser vorgearbeitet hatte und durch sein
kerzengerades Spiegelbild verdoppelt wurde. Ochsenfr�sche l�rmten, und leichte
Vergn�gungsjachten tauchten aus dem Hitzedunst und verschwanden wieder. Der
Himmel war totenbla� und senkte sich ins Wasser. Er stieg aus. In diesem
Augenblick hoppelte ein alter Citroen-Lieferwagen daher, an Bord eine
chinesische Familie: Coca-Cola-H�te, Angelzeug, Kinder; aber zwei M�nner, keine
Frauen, und die M�nner beachteten ihn nicht. Er hielt auf eine Zeile
Schindelh�user mit Balkonen zu, sehr verwahrlost und mit durchbrochenen
Betoneinfriedungen davor, wie H�user an der englischen K�ste, nur da� die
Bemalung von der Sonne verblichener war. Die Namen waren auf St�cken von
Schiffsholz in plumpen Lettern eingebrannt: Driftwood, Susy May, Dunromin. Am
Ende des Wegs war eine Bootswerft, aber sie war geschlossen, und die Jachten
ankerten jetzt anderswo. W�hrend er sich den H�usern n�herte, blickte Jerry
beil�ufig zu den oberen Fenstern auf. Im zweiten von links stand eine
grellbunte Vase voll getrockneter Blumen, deren Stengel in Silberpapier
gewickelt waren. Alles klar, sagte sie. Komm rein. Er stie� das kleine Tor auf
und dr�ckte auf den Klingelknopf. Der Citroen hatte am Seeufer angehalten. Er
h�rte die Wagent�ren zuschlagen und gleichzeitig die mi�handelte Elektronik aus
der Torsprechanlage.</p><p>�Was ist
denn das f�r ein bl�der Hund?� fragte eine rollende Stimme, deren voller
australischer Tonfall durch die St�rger�usche donnerte, aber der T�rsummer
wurde bereits bet�tigt, und als Jerry gegen die T�r dr�ckte, sah er Old Craws
gewaltige Gestalt im Kimono oben an der Treppe aufgepflanzt. Der Alte freute
sich riesig, nannte Jerry �Monsignore� und einen �diebischen Stra�enk�ter� und
lud ihn ein, er m�ge seinen h��lichen Grafenarsch raufbewegen und sich einen
verdammten Drink unter die Weste jubeln.</p><p>Das ganze
Haus stank nach brennendem R�ucherwerk. Aus den Schatten einer T�r im
Erdgescho� grinste ihn eine zahnlose Amah an, das gleiche seltsame kleine
Wesen, das Luke ausgefragt hatte, als Craw in London war. Der Wohnraum befand
sich im ersten Stock. �ber die schmierige T�felung verstreut waren wellige
Fotos von Craws alten Kameraden, Journalisten, mit denen er sich durch f�nfzig
Jahre chaotischer orientalischer Geschichte gearbeitet hatte. In der Mitte
stand ein Tisch mit einer altersschwachen Remington, auf der Craw angeblich
jetzt seine Memoiren hackte. Im �brigen war der Raum kaum m�bliert. Wie Jerry
hatte Craw Nachkommen und Ehefrauen aus einem halben Dutzend Leben, und nach
Bestreitung des unmittelbar Notwendigen blieb nicht mehr viel Geld f�r
Ausstattung �brig. Das Badezimmer hatte kein Fenster.</p><p>Neben dem
Waschbecken ein Entwicklertank und braune Flaschen mit Fixativ und Entwickler.
Auch eine kleine Leuchtplatte mit Mattglasscheibe zum Pr�fen der Negative. Craw
knipste das Licht aus und werkelte zahllose Jahre hindurch in der v�lligen
Finsternis, grunzte, fluchte und rief den Papst an. Jerry hockte schwitzend
neben ihm und versuchte, die Arbeitsphasen des Alten nach dessen Fl�chen zu
ermitteln. Jetzt, riet er, spulte Craw den schmalen Streifen aus der Kassette
um. Jerry stellte sich vor, da� er ihn allzu behutsam hielt, um die
Beschichtung nicht zu besch�digen. Im n�chsten Moment wird er �berhaupt nicht
mehr wissen, ob er ihn h�lt oder nicht, dachte Jerry. Er wird seine
Fingerspitzen zwingen m�ssen, nicht loszulassen. �belkeit befiel ihn. Im
Dunkeln wurde Old Craws Fluchen viel lauter, aber nicht laut genug, um das
Kreischen der Wasserv�gel auf dem See zu �bert�nen. Er ist geschickt, dachte
Jerry beruhigt. Er kann es im Schlaf. Er h�rte das Knirschen von Bakelit, als
Craw den Deckel zuschraubte und ein �Sch�n ins Bettchen, du kleiner Heidenbastard�
brummelte. Dann das seltsam trockene Rasseln, als er behutsam die Luftblasen
aus dem Entwickler sch�ttelte. Dann ging die Kontrollampe mit einem Knacks an,
der so laut war wie ein Pistolenschu�, und Old Craw war wieder sichtbar, rot
wie ein Papagei vom Dunkelkammerlicht, �ber den hermetisch verschlossenen Tank
gebeugt. Zuerst go� er rasch das Fixiermittel ein, dann stellte er den Tank
seelenruhig auf den Kopf und richtete ihn wieder gerade, w�hrend er auf den
alten K�chenwecker lauschte, der die Sekunden herunterstotterte.</p><p>Halb
gel�hmt von Nervosit�t und Hitze ging Jerry allein zur�ck in den Wohnraum, go�
sich ein Bier ein und plumpste in einen Rohrsessel. Sein Blick war ziellos,
w�hrend er auf das stetige Tropfen des Wasserhahns horchte. Durchs Fenster
drang das Plappern chinesischer Stimmen. Die beiden Angler hatten ihr Ger�t am
Seeufer aufgestellt. Die Kinder sa�en im Staub und sahen ihnen zu. Aus dem
Badezimmer kam wiederum das Kratzen des Deckels, und Jerry sprang auf, aber
Craw mu�te ihn geh�rt haben, denn er knurrte �Warten� und schlo� die T�r. <emphasis>Linienpiloten,
Journalisten, Spione, </emphasis>warnte die Sarratt-Doktrin. <emphasis>Der
gleiche Schlauch. Verdammte Warterei, und dann zwischendurch ein irrer Rummel.</emphasis></p><p>Er will's
erst sehen, dachte Jerry: falls sie verpatzt sind. Nach der Hackordnung mu�te
Craw seinen Frieden mit London machen, nicht Jerry. Craw, der ihn im �u�ersten
Notfall zu einer zweiten Runde mit Frost ausschicken w�rde.</p><p>�Was
machen Sie denn da drinnen, um Himmels willen?� br�llte Jerry. �Was ist los?�</p><p>Vielleicht
pinkelt er nur, dachte er t�richt.</p><p>Langsam
�ffnete sich die T�r. Craws Feierlichkeit war erschreckend.</p><p>�Sie sind
nichts geworden�, keuchte Jerry.</p><p>Er hatte
das Gef�hl, sich Craw nicht verst�ndlich machen zu k�nnen. Er wollte es
nochmals sagen, laut. Er wollte schon herumtanzen und eine bl�dsinnige Szene
machen. So da� Craws Antwort, als sie endlich erfolgte, gerade noch zur rechten
Zeit kam.</p><p>�Im
Gegenteil, mein Sohn.� Der alte Knabe trat einen Schritt vor, und Jerry konnte
jetzt die Filme sehen, die wie schwarze nasse W�rmer an Craws kleiner
W�scheleine baumelten, von rosa Klammern festgehalten. �Im Gegenteil, Sir�,
sagte er. �Jedes einzelne ist ein k�hnes und erregendes Meisterst�ck.�</p><empty-line/><p><emphasis>Noch </emphasis><emphasis>mehr �ber
Pferde </emphasis></p><empty-line/><p>Die ersten
Meldungen �ber Jerrys Erfolge tr�pfelten fr�hmorgens im Circus ein, wo bisher
t�dliche Stille geherrscht hatte, und sie machten das Wochenende zu einem
einzigen Wirbel. Guillam, der wu�te, was ihn erwartete, hatte sich um zehn zu
Bett begeben und einen unruhigen Schlaf getan, unterbrochen von Besorgnisanf�llen
um Jerry und unverh�llt s�ndigen Visionen von Molly Meakin mit und ohne ihren
braven Badeanzug. Jerry sollte sich kurz nach vier Uhr morgens Londoner Zeit
bei Frost einfinden, und um drei Uhr drei�ig knatterte Guillam in seinem alten
Porsche durch neblige Stra�en zum Circus. Es h�tte Morgengrauen oder
Abendd�mmerung sein k�nnen. Als er die Rumpelkammer betrat, sah er Connie die
letzten leeren Felder des Kreuzwortr�tsels der Times ausf�llen und Doc di
Salis �ber den Meditationen Thomas Trahernes sitzen, sich am Ohr zupfen und
gleichzeitig mit dem Fu� wippen, wie ein Ein-Mann-Schlagorchester. Ruhelos wie
immer flitzte Fawn zwischen ihnen hin und her, wischte Staub und r�umte auf wie
ein Kellner, der ungeduldig auf die n�chste G�steschicht wartet. Dann und wann
saugte er an den Z�hnen und lie� in kaum noch beherrschter Frustration ein
fauchendes �Pff� h�ren. Eine Schwade von Tabaksqualm hing wie eine Regenwolke
im Raum, vereint mit dem �blichen Gestank nach abgestandenem Tee aus dem
Samowar. Smileys T�r war geschlossen, und Guillam sah keinen Grund, ihn zu
st�ren. Er schlug eine Nummer von <emphasis>Country Life </emphasis>auf. Wie
wenn man bei einem Schei�-Zahnarzt wartet, dachte er, sa� da und glotzte
gedankenlos auf die Fotos gro�artiger H�user, bis Connie leise ihr
Kreuzwortr�tsel weglegte, sich kerzengerade aufsetzte und sagte: �Horcht�.
Dann h�rte er das gr�ne Telefon der Vettern kurz schnarren, bis Smiley abhob.
Durch die offene T�r zu seinem eigenen B�ro blickte Guillam auf die Reihe
elektronischer Boxen. An einer von ihnen brannte ein gr�nes Warnlicht w�hrend
der ganzen Dauer des Gespr�chs. Dann klingelte der Anschlu� in der
Rumpelkammer, und diesmal war Guillam schneller als Fawn.</p><p>�Er hat
die Bank betreten�, verk�ndete Smiley kryptisch �ber die Nebenstellenanlage.</p><p>Guillam
gab die Nachricht an die Versammlung weiter: �Er ist in die Bank reingegangen�,
sagte er, aber er h�tte ebensogut zu den Toten sprechen k�nnen. Niemand gab das
kleinste Zeichen, da� er ihn geh�rt hatte.</p><p>Um f�nf
hatte Jerry die Bank wieder verlassen. Nerv�s erwog Guillam die weiteren
M�glichkeiten. Er f�hlte sich physisch �bel. Verbrennen war ein gef�hrliches
Spiel, und wie die meisten Profis war Guillam dagegen, wenn auch nicht aus
Gewissensgr�nden. Da war zuerst einmal die verfolgte Beute, oder, noch
schlimmer, die Schar der Engel von der Ortspolizei. Zweitens das Verbrennen
selbst: nicht jeder reagiert logisch auf Erpressung. Es gibt Helden, es gibt
L�gner, es gibt hysterische Jungfrauen, die den Kopf in den Nacken werfen und Zeter
und Mordio schreien, auch wenn es ihnen Spa� macht. Aber die gr��te Gefahr kam
jetzt, nachdem der Brand gelegt war und Jerry der rauchenden Bombe den R�cken
kehren und losrennen mu�te. Nach welcher Seite w�rde Frost sich st�rzen? W�rde
er die Polizei anrufen? Seine Mutter? Seinen Bo�? Seine Frau? <emphasis>�Darling, </emphasis>ich
gestehe alles, rette mich, und wir wollen ein neues Leben beginnen.� Guillam
schlo� nicht einmal die grauenhafte M�glichkeit aus, da� Frost direkt zu seinem
Kunden gehen k�nnte: �Sir, ich habe mich f�r einen gr�blichen Bruch des
Bankgeheimnisses zu verantworten.� �Guillam schauderte in der Unheimlichkeit
der fr�hen Morgenstunde und konzentrierte seine Gedanken energisch auf Molly.
Als das gr�ne Telefon wiederum ert�nte, h�rte Guillam es nicht. George mu�te
praktisch auf dem Ding gesessen haben. Pl�tzlich glomm das L�mpchen in Guillams
B�ro auf, und es glomm f�nfzehn Minuten lang weiter. Es erlosch, und sie
warteten, aller Augen auf Smileys T�r geheftet, als wollten sie ihn aus seiner
Klause hypnotisieren. Fawn war mitten in der Bewegung erstarrt, einen Teller
mit braunen Marmeladebroten in der Hand, die niemand je essen w�rde. Dann
bewegte sich die Klinke und Smiley erschien mit einem
Wald-und-Wiesen-Suchantrag in der Hand, den er bereits in seiner sauberen
Schrift ausgef�llt und mit �Stripe� gekennzeichnet hatte, was �Eilige
Chefsache� bedeutete und die h�chste Dringlichkeitsstufe darstellte. Er gab es
Guillam und bat ihn, es sofort der Bienenk�nigin in der Registratur zu bringen
und bei ihr stehenzubleiben, w�hrend sie den Namen heraussuchte. Als �Guillam
es entgegennahm, fiel ihm eine fr�here Gelegenheit ein, bei der er mit einem
�hnlichen Formular zu tun gehabt hatte, das mit Worthington Elizabeth alias
Lizzie begonnen und mit �Edelnutte� geendet hatte. Und im Hinausgehen h�rte er,
wie Smiley ruhig an Connie und di Salis die Aufforderung richtete, mit ihm in
den Thronsaal zu kommen, w�hrend Fawn zur allgemeinen Bibliothek abzischte, um
von dort die letzte Ausgabe von �Who's Who in Hong Kong� zu holen. Die
Bienenk�nigin war eigens f�r die Fr�hschicht eingeteilt worden, und als �Guillam
zu ihr hereinkam, glich ihre H�hle einem Gem�lde aus der Reihe �Die Nacht, in
der London brannte�, komplett mit eisernem Feldbett und Spirituskocher, obwohl
im Korridor eine Kaffeemaschine stand. Alles, was sie braucht, ist eine
Garnitur Kocht�pfe und ein Portr�t Winston Churchills, dachte er. Die einzelnen
Angaben auf dem Formular lauteten; �Ko, Vorname Drake, andere Namen unbekannt,
geboren 1925 in Schanghai, wohnhaft zur Zeit Seven Gates, Headland Road,
Hongkong, Beruf Vorsitzender und gesch�ftsf�hrender Direktor von &gt;China
Airsea Ltd., Hong Kong&lt;.� Die Bienenk�nigin st�rzte sich in eine
eindrucksvolle Schnitzeljagd, aber alles, was sie schlie�lich zutage f�rderte,
war die Information, da� Ko im Jahr 1966 (Hongkong-Liste) �wegen besonderer
Verdienste um das Wohlfahrts- und Sozialwesen der Kolonie� f�r den O. B. E.,
den Order of the British Empire, vorgeschlagen wurde und da� der Circus damals
auf das Ansuchen des Gouverneurs um kritische Nachpr�fung die Auskunft erteilt
habe, �laut Akten keine Hinderungsgr�nde�, ehe die Auszeichnung nach oben zur
Best�tigung weitergeleitet wurde. W�hrend er mit dieser frohen Botschaft
treppauf eilte, war �Guillam wach genug, um sich zu erinnern, da� �China Airsea
Ltd., Hong Kong� von Sam Collins als letztendlicher Eigner jener
Schmalspur-Fluggesellschaft in Vientiane genannt worden war, die als
Empf�ngerin von Handels-Boris' milden Gaben fungierte; was �Guillam als h�chst
logische Verbindung ansah. Zufrieden mit sich selber kehrte er in den Thronsaal
zur�ck, um dort von Grabesschweigen empfangen zu werden. �ber den Fu�boden
verstreut lag nicht nur die letzte Ausgabe von �Who's Who�, sondern auch eine
ganze Anzahl �lterer B�nde: Fawn war wieder einmal �bers Ziel hinausgeschossen.
Smiley sa� an seinem Schreibtisch und starrte auf ein Blatt mit Notizen in
seiner eigenen Handschrift, Connie und di Salis starrten auf Smiley, Fawn
hingegen war wieder abwesend, vermutlich auf einem weiteren Botengang. Guillam
reichte Smiley das Formular, in dessen Mitte die Bienenk�nigin ihre
Entdeckungen in gestochener Schrift niedergelegt hatte. Im gleichen Augenblick
surrte das gr�ne Telefon wieder. Smiley nahm den H�rer auf und begann, auf das
Blatt Papier, das vor ihm lag, zu kritzeln.</p><p>�Ja.
Danke, habe ich. Bitte weiter. Ja, habe ich auch.� Und so weiter, zehn Minuten
lang, bis er sagte: �Gut. Dann bis heute Abend�, und auflegte.</p><p>Drau�en
auf der Stra�e proklamierte ein irischer Milchmann enthusiastisch, da� er nie
wieder der wilde Vagabund sein werde. �Westerby hat die komplette Akte an Land
gezogen�, sagte Smiley endlich - wobei er, wie alle anderen, ihn nur mit seinem
Arbeitsnamen bezeichnete. �S�mtliche Zahlen.� Er nickte, als stimmte er sich
selber zu und studierte weiterhin das Blatt Papier. �Der Film wird nicht vor
heute abend hier sein, aber das Muster ist bereits klar. Alles, was
urspr�nglich �ber Vientiane bezahlt wurde, ist auf dem Konto in Hongkong
gelandet. Von allem Anfang an war Hongkong die Endstation der Goldader. F�r
alles. Bis zum letzten Cent. Keine Abz�ge, nicht einmal f�r Bankspesen. Es war
anfangs eine bescheidene Zahl, dann stieg sie steil an, warum, das k�nnen wir
nur ahnen. Alles, wie Collins gesagt hat. Bis die Summe bei 25 000 pro Monat
angelangt war und dort blieb. Als die Verbindung �ber Vientiane endete, lie�
die Zentrale nicht einen einzigen Monat aus. Die Umstellung auf die andere
Route erfolgte augenblicklich. Sie haben recht, Con. Karla unternimmt nie etwas
ohne eine Ausweichm�glichkeit.�</p><p>�Er ist
ein Profi, <emphasis>darling�, </emphasis>murmelte Connie Sachs. �Wie Sie.�</p><p>�Nicht wie
ich.� Er las in seinen Notizen weiter. �Es ist ein Anderkonto�, erkl�rte er im
gleichen nat�rlichen Ton. �Nur ein Name ist angegeben, und zwar der des
Trustgr�nders. Ko. Verf�gungsberechtigter unbekannt, hei�t es. Vielleicht
erfahren wir heute abend, warum. Nicht ein Penny wurde bis jetzt abgehoben�,
sagte er, ausschlie�lich an Connie Sachs gewandt. Er wiederholte es: �Seit die
Einzahlungen vor drei Jahren begannen, wurde kein einziger Penny von dem Konto
abgehoben. Der Saldo bel�uft sich auf etwa eine halbe Million amerikanischer
Dollar.</p><p>Mit Zins
und Zinseszins w�chst es nat�rlich rasch.� F�r Guillam war diese letztere
Information glatter Wahnsinn. Was zum Teufel sollte eine Goldader von einer
halben Million, wenn das Geld am anderen Ende nicht benutzt wurde? F�r Connie
Sachs und di Salis hingegen war dieser Punkt offensichtlich von enormer
Bedeutung. Ein Krokodilsl�cheln breitete sich langsam �ber Connies Z�ge, und
ihre Babyaugen hefteten sich in lautloser Ekstase auf Smiley.</p><p>�Oh, <emphasis>George�, </emphasis>hauchte
sie schlie�lich, als die Enth�llung in sie eingesickert war. <emphasis>�Darling. </emphasis>Anderkonto!
Ja, das ist ein anderes Paar Stiefel. Nat�rlich, mu�te es ja sein, nicht wahr.
Alle Anzeichen waren vorhanden. Vom allerersten Tag an. Und wenn die fette,
bl�de Connie nicht so alt und tatterich und unn�tz w�re und nicht ein Brett vor
dem Hirn h�tte, denn w�re ihr <emphasis>l�ngst </emphasis>alles
klar. Fassen Sie mich nicht an, Peter Guillam, Sie junger Sittenstrolch.� Sie
umklammerte mit den verkr�ppelten H�nden die Armlehnen und stemmte sich m�hsam
hoch. �Aber wer kann soviel wert sein? Vielleicht ein Agentennetz? Nein, nein,
f�r ein Netz w�rden sie das nie und nimmer tun. Kein Pr�zedenzfall. Keine
ungezielte Sache, war noch nie da. Also wer kann es sein? Was mag er zu liefern
haben, was so viel wert w�re?� Sie humpelte zur T�r, zerrte den Schal �ber ihre
Schultern und glitt bereits hin�ber in ihre eigene Welt: �Karla wirft nicht so
mit dem Geld herum.� Sie h�rten sie noch eine ganze Weile murmeln. Im B�ro der
M�tter durchschritt Connie das Spalier der zugedeckten Schreibmaschinen,
vermummte Schildwachen im Schummerlicht. �Karla ist ein solcher Geizkragen,
da� er findet, seine Agenten sollten <emphasis>gratis </emphasis>f�r ihn arbeiten!
Genau. Bezahlt sie pfennigweise. Taschengeld. Inflation hin oder her, aber eine
halbe Million Dollar f�r einen einzigen kleinen Maulwurf! Nie von sowas
geh�rt!�</p><p>di Salis
war auf seine schrullige Art nicht weniger beeindruckt als Connie. Er sa� da, hatte
den oberen Teil seines verdrehten, unproportionierten K�rpers nach vorn gekippt
und stocherte so ungest�m mit einem silbernen Messer im Pfeifenkopf, als w�re
es ein angebrannter Kochtopf. Das silberne Haar am Hinterkopf starrte wie ein
Hahnenkamm �ber dem schuppenbedeckten Kragen seines zerknitterten schwarzen
Jacketts. �Nun, <emphasis>well, </emphasis>kein Wunder, da� Karla die Leichen
verschwinden lassen wollte�, platzte er pl�tzlich heraus, als h�tte so viel Aktivit�t
die Worte aus ihm herauskatapultiert. �Kein Wunder. Karla ist auch ein alter
Chinahase, m�ssen Sie wissen. Beglaubigte Tatsache. Ich wei� es von Connie.� Er
rappelte sich hoch und raffte viel zu viele Gegenst�nde mit den kleinen H�nden
an sich: Pfeife, Tabaksdose, sein Federmesser und seinen Thomas Traherne.
�Nat�rlich keine Intelligenzbestie. Erwartet man auch nicht. Karla ist kein
Gelehrter, er ist Soldat. Aber auch nicht blind, kein Gedanke, sagte sie mir.
Ko.� Er wiederholte den Namen in verschiedenen Lautqualit�ten. �K�. <emphasis>Ko. </emphasis>Ich mu�
die Ideogramme sehen. Alles h�ngt von den Ideogrammen ab. H�he . . . Baum-. . .
sogar, ja, Baum w�re m�glich . . . oder nicht? ... oh, und noch mehrere weitere
Bedeutungen. &gt;Drake&lt; ist nat�rlich Missionsschule. Missionssch�ler in
Schanghai. Mhm, <emphasis>well, </emphasis>allererste Parteizelle war in
Schanghai. Warum habe ich das gesagt? <emphasis>Drake Ko. </emphasis>Frage
mich, wie er wirklich hei�en mag. Aber das werden wir bestimmt alles bald
herausbekommen. Ja. Gut. Also, dann begebe ich mich auch wieder an meine
Lekt�re. Smiley, glauben Sie, da� ich einen Kohlensch�tter in mein Zimmer
kriegen kann? Ohne Heizung erfriert man einfach. Ich habe die Housekeepers
schon ein Dutzendmal gebeten und nur impertinente Bemerkungen einstecken
m�ssen. Anno domini wahrscheinlich, aber der Winter steht wohl schon vor der T�r.
Sie zeigen uns doch das Rohmaterial, sobald es eintrifft? Man arbeitet nicht
gern allzu lang an konstruierten Versionen. Ich werde einen Lebenslauf
zusammenstellen. Soll meine erste Arbeit sein. Ko. Ah, vielen Dank, Guillam.�</p><p>Er hatte
seinen Thomas Traherne fallenlassen. Als er ihn entgegennahm, entglitt ihm die
Tabaksdose, also hob Guillam auch sie auf: �Drake Ko. Schanghainese bedeutet
nat�rlich �berhaupt nichts. Schanghai war der wahre Schmelztiegel. Die L�sung
lautet Chiu Chow, nach allem, was wir wissen. Trotzdem, keine voreiligen
Schl�sse. Baptist. Nun ja, das sind die Christen in Chiu Chow gr��tenteils,
nicht wahr! Swatonese: wo kam das vor? Ja, die zwischengeschaltete Gesellschaft
in Bangkok. Ja, das pa�t ganz gut. Oder Hakka. Was sich gegenseitig nicht
ausschlie�t, ganz und gar nicht.� Er stelzte hinter Connie her in den Korridor
hinaus und lie� Guillam allein mit Smiley, der aufstand, zu einem Lehnstuhl
hin�berging, sich hineinfallen lie� und blicklos ins Feuer starrte.</p><p>�Komisch�,
bemerkte er endlich. �Man f�hlt keinen Schock. Warum nicht, Peter. Sie kennen
mich. Warum denn nicht?� Guillam war klug genug, zu schweigen.</p><p>�Ein
gro�er Fisch. In Karlas Sold. Anderkonten, die Gefahr, da� russische Spione
mitten im Herzen der Kolonie am Werk sind. Also, warum f�hlt man keinen
Schock?� Wieder bellte das gr�ne Telefon, diesmal nahm Guillam den Anruf
entgegen. W�hrend er am Apparat stand, sah er zu seinem Erstaunen einen neuen
Band von Sam Collins' Fernost-Berichten offen auf dem Schreibtisch liegen.</p><p>Das war das
Wochenende. Connie und di Salis verschwanden spurlos; Smiley machte sich daran,
seine Eingabe an Whitehall auszuarbeiten. Guillam gl�ttete sein Gefieder,
trommelte die M�tter zusammen und teilte sie zur Schichtarbeit ein. Am Montag
rief er nach eingehender Vergatterung durch Smiley Lacons Privatsekret�r an. Er
machte es sehr gut. �Kein Tamtam�, hatte Smiley ihn gewarnt. �Ganz l�ssig.� Und
genauso tat Guillam. Neulich abends beim Dinner sei die Rede gewesen - so sagte
er - von einem <emphasis>prima facie </emphasis>Fall, der m�glicherweise vor den
Lenkungsausschu� geh�re.</p><p>�Die Sache
hat ein bi�chen Gestalt angenommen, es w�re daher vielleicht am Platz, einen
Termin zu bestimmen. Geben Sie uns die Schlagfolge, und wir lassen die
Unterlagen vorher herumgehen.�</p><p>�Eine <emphasis>Schlagfolge?�</emphasis></p><p>Lacons
Privatsekret�r war eine fette Stimme namens Pym.</p><p>Guillam
war ihm nie begegnet, ha�te ihn jedoch ganz unsinnig.</p><p>�Ich kann
es ihm nur sagen�, gab Pym zu bedenken, �ich kann es ihm sagen und dann
zusehen, was er antwortet, und rufe dann zur�ck. Seine Tanzkarte f�r diesen
Monat ist fast voll.�</p><p>�Es w�re
nur ein ganz kleiner Walzer, wenn er's m�glich machen k�nnte�, sagte Guillam
und legte zornbebend auf. Warte nur, du Bl�dmann, dann wirst du schon sehen,
was dir bl�ht, dachte er.</p><empty-line/><p>Wenn in
London ein freudiges Ereignis f�llig ist, sagt der Volksmund, dann kann der
Au�enagent nur im Wartezimmer auf und ab traben. Linienpiloten, Journalisten,
Spione: die verfluchte Warterei hatte Jerry wieder am Wickel.</p><p>�Wir sind
eingemottet�, verk�ndete Craw. �Jetzt hei�t's abwarten, und achten Sie auf
alles, was Sie tun.� Sie sprachen mindestens jeden zweiten Tag miteinander, Kassiber-Anrufe
zwischen zwei neutralen Telefonen, meist von einer Hotelhalle zur anderen. Sie
maskierten ihre Unterhaltung durch eine Mischung aus Sarratt-Wortcode und
Journalisten-Kauderwelsch.</p><p>�Ihr
Artikel mu� noch h�heren Orts abgesegnet werden�, sagte Craw. �Wenn unsere
Redakteure auf Zack sind, bringen sie ihn beizeiten. Inzwischen Finger in die
Nase und drinlassen. Das ist ein Befehl.�</p><p>Jerry
hatte keine Ahnung, wie Craw mit London sprach, und er wollte es auch nicht
wissen, solange es nur sicher war. Er vermutete �ber einen Vertrauensmann aus
der riesigen unber�hrbaren regul�ren Nachrichtendienst-Bruderschaft, aber er
wu�te es nicht.</p><p>�Ihr Job
ist es, Futter f�r das Comic zu sammeln, und stecken Sie sich eine Kopie unters
Hemd, damit Sie sie Bruder Stubbs vor den Latz knallen k�nnen, wenn die n�chste
Krise kommt�, hatte Craw zu ihm gesagt. �Und sonst nichts, verstanden?� Jerry
griff auf seine Spritztouren mit Frost zur�ck und verzapfte einen Artikel �ber
die Auswirkung des amerikanischen Truppenabzugs auf das Nachtleben von Wanchai:
�Was ist aus Susi Wong geworden, seit keine kriegsm�den GIs mit dicken
Brieftaschen mehr zu Spiel und Spa� anr�cken?� Er tippte ein �Interview im
Morgengrauen� mit einer ebenso ungl�cklichen wie frei erfundenen Barfrau, die
bereits so runter war, da� sie japanische Kunden annahm, schickte es per
Luftfracht ab und �berredete Lukes B�ro, die Nummer des Frachtbriefs per Telex
durchzugeben, alles genau wie Stubbs angeordnet hatte. Jerry war durchaus kein
unf�higer Reporter, aber so wie er unter Druck sein Bestes leisten konnte, war
M��iggang das Schlechteste f�r ihn. Doch zu seinem Erstaunen best�tigte Stubbs
die Annahme umgehend und sogar gn�digst - ein �Herogramm� nannte Luke es, als
er den Text von seinem B�ro aus durchtelefonierte -, und Jerry sah sich nach
weiteren w�rdigen Objekten um. Ein paar sensationelle Korruptionsprozesse, bei
denen die �bliche Clique mi�verstandener Polizisten im Mittelpunkt stand,
interessierten gute Bl�tter, aber nach genauerem Hinsehen fand Jerry, da� sie
keine Exportchancen h�tten. England war mit diesem Artikel zur Zeit selber
bedient. Eine �Kontaktpostille� beauftragte ihn, einem Ger�cht �ber die
angebliche Schwangerschaft der Miss Hong Kong nachzugehen, das ein
Konkurrenzblatt in Umlauf gebracht hatte, aber eine Verleumdungsklage kam ihm
zuvor. Er besuchte eine unergiebige Pressekonferenz der Regierung, die Shallow
Throat abhielt, selbst ein humorloser Ausgesto�ener einer nordirischen
Tageszeitung, vertr�delte einen Vormittag mit dem Aufst�bern einstmals
erfolgreicher Stories, die man wieder aufw�rmen k�nnte; und da eine
Beschneidung des Armee-Etats im Gespr�ch war, lie� er sich einen Nachmittag
lang von einem Public-Relations-Major, der aussah wie achtzehn, in der
Gurkha-Garnison herumf�hren. Und, nein, der Herr Major wu�te <emphasis>nicht, </emphasis>vielen
Dank, so die Antwort auf Jerrys unbek�mmerte Frage, wie seine M�nner ihr
Sexualleben gestalten w�rden, wenn ihre Familien nach Nepal zur�ckm��ten. Sie
w�rden ungef�hr alle drei Jahre ihre Heimatd�rfer besuchen d�rfen, meinte er
und schien dies in jedem Fall f�r ausreichend zu halten. Jerry trieb die Fakten
aus, bis sie den Eindruck vermittelten, die Gurkhas w�ren bereits eine Brigade
von Strohwitwern, �Kalte Duschen in Hei�em Klima f�r Britanniens S�ldner�, und
sicherte sich damit triumphierend einen Vorsprung in der Berichterstattung. Er
hortete noch ein paar Stories f�r Notzeiten, lungerte an den Abenden im Club
herum und zerqu�lte sich das Hirn, w�hrend er darauf wartete, da� das
Circuskind das Licht der Welt erblickte.. �Herrgottnochmal�, beklagte er sich
bei Craw, �der verdammte Kerl liegt doch praktisch auf dem Pr�sentierteller.�</p><p>�Trotzdem�,
sagte Craw unerbittlich.</p><p>Also sagte
Jerry �Yes, Sir�, und fing ein paar Tage danach aus schierer Langeweile an,
seine g�nzlich inoffiziellen Nachforschungen �ber Leben und Lieben von Mr.
Drake Ko, O. B. E., �Steward� des �Royal Hong Kong Jockey Club�, Million�r und
�ber jeden Verdacht erhabener B�rger, zu betreiben. Nichts Aufsehenerregendes;
nichts was nach Jerrys Auffassung verbotswidrig gewesen w�re; denn der
Au�enagent m��te erst geboren werden, der sich nicht irgendwann einmal �ber die
Grenzen seines Auftrags hinausverirrte. Er begann mit versuchsweisen Vorst��en:
wie Angriffe auf eine verbotene Keksdose. Zuf�llig hatte er bereits erwogen,
Stubbs eine dreiteilige Serie �ber die �Reichen und die Superreichen von
Hongkong� vorzuschlagen. Als er eines Tages vor dem Lunch unter den
Nachschlagewerken im Auslandskorrespondenten-Club herumsuchte, tat er es
unwissentlich Smiley gleich und schlug in der letzten Ausgabe von �Who's Who in
Hong Kong� den Passus Ko, Drake auf: verheiratet, ein Sohn, der 1968 starb,
seinerzeit Jurastudent am Grey's Inn, London, aber offenbar nicht erfolgreich;
da sich kein Vermerk �ber eine Aufnahme in die Anwaltskammer fand. Dann eine
Aufz�hlung seiner �ber zwanzig Direktorenposten. Hobbies: Pferderennen, Segeln
und Jade. F�r wen galt das nicht? Dann die wohlt�tigen Einrichtungen, die er
unterst�tzte, einschlie�lich einer Baptistenkirche, eines Chiu Chow Spirit
Tempel und des Drake-Ko-Kinderspitals. Nach allen Seiten abgesichert, dachte
Jerry erheitert. Das Foto zeigte die �bliche sanft�ugige, zwanzigj�hrige sch�ne
Seele, reich an Verdiensten und irdischen G�tern, und war im �brigen
unerkennbar. Der Name des toten Sohnes war Nelson, stellte Jerry fest: Drake
und Nelson, britische Admirale. Es wollte ihm nicht aus dem Kopf, da� der Vater
nach dem ersten britischen Seemann getauft sein sollte, der in die chinesischen
Meere vorstie�, und der Sohn nach dem Helden von Trafalgar. Jerry hatte viel
weniger Schwierigkeiten als Peter Guillam, die Verbindung zwischen �China
Airsea� in Hongkong und �Indocharter, Vientiane S. A.� herzustellen, und es
belustigte ihn, als er im Firmenprospekt von �China Airsea� las, die
Gesellschaft betreibe �weitgestreute Handels- und Transportgesch�fte in ganz
S�dostasien� - zum Beispiel Reis, Fisch, Elektroartikel, Teak, Immobilien und
Spedition.</p><p>Als er
wieder einmal Lukes B�ro heimsuchte, ging er einen k�hnen Schritt weiter: ein
blo�er Zufall schob ihm den Namen Drake Ko unter die Nase. Zugegeben, er hatte
unter Ko in der Ablagekartei nachgeschlagen. Genau so, wie er ein Dutzend oder
zwanzig andere reiche Chinesen der Kolonie nachgeschlagen hatte; genau so, wie
er die chinesische B�rodame in aller Unschuld gefragt hatte, wer <emphasis>ihrer </emphasis>Meinung
nach die f�r seine Zwecke am besten geeigneten und exotischsten Million�re
seien. Und wenn Drake vielleicht auch nicht zu ihren absoluten Favoriten z�hlen
mochte, so bedurfte es wenig M�he, ihr den Namen und folglich auch die
dazugeh�rigen Unterlagen zu entlocken. Wie er Craw bereits geklagt hatte, war
es tats�chlich deprimierend, um nicht zu sagen traumatisierend, einem derart im
Licht der �ffentlichkeit stehenden Mann auf Schleichpfaden nachzusp�ren.
Sowjetische Geheimdienstagenten traten, nach Jerrys beschr�nkter Erfahrung mit
dieser Spezies, normalerweise in bescheidener Gestalt auf. Ko wirkte
vergleichsweise �berdimensional. Erinnert mich an Old Sambo, dachte Jerry. Zum
erstenmal dr�ngte sich ihm ein solcher Vergleich auf. Die detaillierteste
Ausbeute bot eine auf Glanzpapier gedruckte Illustrierte namens <emphasis>Goldener
Orient, </emphasis>die inzwischen ihr Erscheinen eingestellt hatte. In einer
der letzten Nummern befa�te sich eine achtseitige Bildreportage, betitelt �Die
Roten Ritter von Nangyang�, mit der wachsenden Zahl von �bersee-Chinesen, die
eintr�gliche Handelsbeziehungen zu Rotchina unterhielten, gemeinhin als die
fetten Fische bekannt. Nangyang bedeutete, wie Jerry wu�te, die Meere s�dlich
von China; und erweckte in den Chinesen die Vorstellung eines Eldorado des
Friedens und Wohlstands. Jedem der auserw�hlten Honoratioren widmete der
Artikel eine Seite Text und ein Foto, das den Betreffenden meist vor dem
Hintergrund seines Besitztums zeigte. Der Held des Hongkong-Interviews - andere
spielten in Bangkok, Manila, Singapur - war der &gt;allgemein beliebte&lt;
Sportsmann und Steward des &gt;Jockey Club&lt;, Mr. Drake Ko, Pr�sident,
Vorsitzender, gesch�ftsf�hrender Direktor und Hauptaktion�r von &gt;China
Airsea&lt;�, und das Foto zeigte ihn mit seinem Pferd Lucky Nelson am Ende
einer erfolgreichen Rennsaison in Happy Valley. Der Name des Pferdes machte den
Europ�er Jerry stutzig. Er fand es makaber, da� ein Vater einem Pferd den Namen
seines toten Sohnes geben sollte.</p><p>Das
dazugeh�rige Bild enth�llte weit mehr als die nichtssagenden Schnappsch�sse in
�Who's Who�. Ko wirkte fr�hlich, ja sogar �berm�tig, und obwohl er eine
Kopfbedeckung trug, hatte man den Eindruck, er sei kahl. Die Kopfbedeckung war
im Moment das Interessanteste an Ko, denn es handelte sich um eine, die man,
soweit Jerry das beurteilen konnte, noch nie an einem Chinesen gesehen hatte. Es
war eine Baskenm�tze, schr�g aufgesetzt, und sie reihte Ko irgendwo zwischen
einem britischen Soldaten und einem franz�sischen Zwiebelh�ndler ein: aber vor
allem verriet sie die f�r einen Chinesen allerseltenste Eigenschaft:
Selbstironie. Er war offensichtlich hochgewachsen, er trug einen
Burberry-Mantel, und seine langen H�nde ragten wie �ste aus den �rmeln hervor.
Er schien das Pferd wirklich sehr gern zu haben, ein Arm ruhte leicht auf dem
R�cken des Tieres. Auf die Frage, warum er noch immer eine Dschunkenflotte
unterhielte, was doch allgemein als unrentabel galt, erwiderte er: �Meine
Leute sind Hakkas aus Chiu Chow. Wir atmeten das Wasser ein, bebauten das
Wasser, schliefen auf dem Wasser. Boote sind mein Element.� Gern schilderte er
auch seine Reise von Schanghai nach Hongkong im Jahre 1951. Damals war die
Grenze noch offen, und es bestanden keine wirksamen
Einwanderungsbeschr�nkungen. Dennoch hatte Ko es vorgezogen, die Reise auf
einem Fischerboot zu machen, Piraten, Blockaden und Unbilden der Witterung zum
Trotz: was man, gelinde ausgedr�ckt, als exzentrisch bezeichnen konnte.</p><p>�Ich bin
ein gro�er Faulpelz�, soll er gesagt haben. �Wenn der Wind mich umsonst treibt,
warum dann zu Fu� gehen? Jetzt besitze ich eine Jacht von sechzig Fu� L�nge,
aber ich liebe das Meer noch immer.�</p><p>Ber�hmt
f�r seinen Humor, sagte der Artikel.</p><p>Ein guter
Agent mu� Unterhaltungswert haben, sagen die B�rentreiber von Sarratt: das
hatte auch die Moskauer Zentrale begriffen.</p><p>Da er
unbeobachtet war, schlenderte Jerry hin�ber zur Ablage und hatte sich ein paar
Minuten sp�ter einen dicken Band mit Presseausschnitten angeeignet, vorwiegend
�ber einen Aktienskandal von 1965, bei dem Ko und eine Gruppe Swatonesen eine
undurchsichtige Rolle gespielt hatten. Die Ermittlungen der B�rsenaufsicht
erwiesen sich, wie kaum �berraschte, als nicht schl�ssig und wurden ad acta
gelegt. Im folgenden Jahr bekam Ko seinen O. B. E.: �Wenn du jemanden kaufst�,
pflegte Old Sambo zu sagen, �dann kauf ihn gr�ndlich.�</p><p>In Lukes
B�ro arbeitete ein Stab von chinesischen Rechercheuren, unter ihnen ein
geselliger Kantonese namens Jimmy, der h�ufig im Club auftauchte und gegen
chinesische Entlohnung das Orakel f�r Chinafragen spielte. Jimmy sagte, die
Swatonesen seien ein Volk f�r sich, �wie die Schotten oder die Juden�,
unternehmend, stammesverbunden und notorisch geizig und siedelten am Meer, so
da� sie dort Zuflucht finden konnten, wenn sie verfolgt wurden, am Verhungern
oder tief verschuldet waren. Er sagte, ihre Frauen seien sehr begehrt, denn sie
seien sch�n, flei�ig, gen�gsam und woll�stig.</p><p>�Sind Sie
wieder einen Roman am Schreiben, Westerby?� fragte der Zwerg honigs��, als er
aus seinem B�ro kam, um nachzusehen, was Jerry trieb. Jerry hatte fragen
wollen, warum ein Swatonese in Schanghai erzogen sein sollte, aber er fand es
kl�ger, auf ein weniger delikates Thema umzuschwenken. Am n�chsten Tag lieh
Jerry sich Lukes klappriges Auto aus. Mit einer gew�hnlichen
F�nfunddrei�igmillimeter-Kamera ausger�stet fuhr er zur Headland Road, einem
Million�rs-Getto zwischen Repulse Bay und Stanley, wo er demonstrativ vor den
Villen hielt und sich den Hals verrenkte, wie es viele m��ige Touristen tun.
Seine Tarngeschichte war noch immer diese Reportage f�r Stubbs �ber die
�Reichen und die Superreichen von Hongkong�: auch jetzt noch h�tte er nicht
einmal sich selber eingestanden, da� er wegen Drake Ko hierherkam.</p><p>�Er macht
Krach in Taipeh�, hatte Craw ihm bei einem ihrer Telefongespr�che beil�ufig
erz�hlt. �Wird nicht vor Donnerstag zur�ck sein.� Wieder einmal akzeptierte Jerry
fraglos Craws Nachrichtenverbindungen.</p><p>Er
fotografierte das Haus namens Seven Gates nicht, aber er musterte es wiederholt
mit langen, d�mlichen Blicken. Er sah eine niedrige ziegelgedeckte Villa, ein
gutes St�ck von der Stra�e zur�ckgesetzt, mit einer gro�en Veranda auf der
Meerseite und einer Pergola aus wei�get�nchten S�ulen, die sich vor dem blauen
Horizont abhoben. Craw hatte ihm erz�hlt, da� Drake den Namen gew�hlt haben
mu�te, weil in Schanghai die alte Stadtmauer von sieben Toren durchbrochen wurde.
�Gef�hle, mein Sohn. Untersch�tzen Sie niemals die Macht der Gef�hle �ber ein
Schlitzauge, und z�hlen Sie niemals darauf. Arrien.� Er sah Rasenfl�chen,
darunter zu seiner Belustigung auch einen Krocketrasen. Er sah eine sch�ne
Sammlung von Azaleen und Hibiskus. Er sah das Modell einer Dschunke, etwa zehn
Fu� lang, auf einem Zementmeer, und er sah eine Gartenbar, rund wie ein
Musikpavillon, mit einer blau-wei� gestreiften Markise dar�ber, und einen Kreis
leerer wei�er St�hle, beaufsichtigt von einem Boy in wei�er Tunika, wei�en
Hosen und wei�en Schuhen. Die Kos erwarteten offenbar G�ste. Er sah weitere
Hausboys eine tabakfarbene Rolls-Royce-Phantom-Limousine waschen. Die lange
Garage war offen, und er z�hlte einen kombiartigen Chrysler und einen schwarzen
Mercedes, dessen Nummernschild entfernt war, vermutlich im Zuge irgendeiner
Reparaturarbeit. Aber er achtete sorgf�ltig darauf, den anderen H�usern an der
Headland Road die gleiche Aufmerksamkeit zu schenken, und er fotografierte drei
davon. Dann fuhr er weiter nach Deep Water Bay, stand am Strand und blickte auf
die kleine Armada der Dschunken und Motorboote im Besitz der B�rsianer, konnte
aber die �Admiral Nelson�, Kos ber�hmte Hochseejacht, nicht entdecken - die
Allgegenwart des Namens Nelson wurde nachgerade dr�ckend. Als er schon aufgeben
wollte, h�rte er einen Ruf von drunten, ging einen wackeligen Fu�steig hinab
und sah eine alte Frau in einem Sampan, die zu ihm hinaufgrinste und mit einem
gelben H�hnerbein, an dem sie mit ihrem zahnlosen Gaumen genuckelt hatte, auf
sich selbst wies. Er kletterte an Bord und wies auf die Boote, und sie fuhr ihn
einmal rundum, lachte und sang, w�hrend sie skullte, und behielt das H�hnerbein
im Mund. Die �Admiral Nelson� war elegant und schnittig. Drei Boys in wei�en Segeltuchanz�gen
schrubbten emsig die Verdecke. Jerry versuchte zu berechnen, wie hoch sich Kos
monatliche Haushaltsausgaben, allein f�r Personalkosten, belaufen mochten. Auf
der R�ckfahrt legte er einen Halt ein, um sich das Drake-Ko-Kinderspital
anzusehen, und stellte fest, was immer diese Information wert sein mochte, da�
auch hier alles in erstklassigem baulichen Zustand war. Am folgenden fr�hen
Vormittag nahm Jerry in der Halle eines vielst�ckigen B�ropalasts in der
Central Street Aufstellung und studierte die Messingschilder der hier
residierenden Firmen. �China Airsea� nebst Tochtergesellschaften hatten die
drei obersten Stockwerke inne, aber, wie beinah vorauszusehen, fand sich keine
Erw�hnung von �Indocharter, Vientiane S. A.�, jenem Unternehmen, das einst
jeden letzten Freitag des Monats f�nfundzwanzigtausend US-Dollar in Empfang
nahm.</p><p>In der
Mappe mit den Zeitungsausschnitten in Lukes B�ro war auch ein Verweis auf die
Archive des US-Konsulats aufgetaucht. Jerry sprach anderntags dort vor, angeblich
um seine Reportage �ber die amerikanischen Truppen in Wanchai noch genau
nachzupr�fen. Unter der Aufsicht eines extrem h�bschen M�dchens suchte Jerry
eine Weile herum, fischte einiges heraus und entschlo� sich dann zu einigen der
�ltesten St�cke, Material aus den fr�hen f�nfziger Jahren, als Truman ein
Handelsembargo �ber China und Nordkorea verh�ngt hatte. Das Konsulat in
Hongkong hatte Anweisung erhalten, �bertretungen zu melden, und dies war der
Bericht �ber die Resultate. Die bevorzugte Handelsware war, neben Medikamenten
und Elektroartikeln, �l gewesen, und die �United States Agencies�, wie sie hier
genannt wurden, waren im gro�en Stil dahinter hergewesen, hatten Fallen
gestellt, Kanonenboote ausgeschickt, �berl�ufer und Gefangene verh�rt und schlie�lich
den Unteraussch�ssen von Kongre� und Senat gewaltige Dossiers vorgelegt.</p><p>Das
bewu�te Jahr war 1951, zwei Jahre nach der kommunistischen Machtergreifung in
China und ein Jahr nachdem Ko, ohne einen Cent sein eigen zu nennen, von
Schanghai nach Hongkong gesegelt war. Die Operation, auf die der Vermerk des
Archivs ihn hinwies, war von Schanghai ausgegangen, und dies war zun�chst das
einzige, was sie mit Ko gemeinsam hatte. Damals lebten viele schanghainesische
Einwanderer in einem �berf�llten unhygienischen Hotel an der Des Voeux Road.
Die Einleitung besagte, da� sie wie eine einzige riesige Familie gewesen seien,
durch geteilte Leiden und geteiltes Elend zusammengeschwei�t. Einige waren
schon gemeinsam vor den Japanern gefl�chtet, ehe sie vor den Kommunisten
fl�chteten.</p><p>�Nachdem
wir von den Kommunisten so viel zu erdulden hatten�, er�ffnete ein Angeklagter
seinen Befragern, �wollten wir doch wenigstens ein bi�chen Geld an ihnen
verdienen.� Ein anderer war aggressiver. �Die fetten Fische von Hongkong verdienen
Millionen an diesem Krieg. Wer verkauft den Roten ihr elektronisches Ger�t, ihr
Penicillin, ihren Reis?� Anno 51 hatten sie zwei Methoden zur Verf�gung, sagte
der Bericht. Sie konnten die Grenzposten bestechen und das �l in Lastwagen
durch die New Territories und �ber die Grenze bef�rdern; oder sie konnten es
auf dem Seeweg transportieren, was bedeutete, da� sie die Hafenbeh�rden
bestechen m��ten. Wiederum ein Informant: �Uns Hakka kennen Meer. Wir finden
Schiff, dreihundert Tonnen, wir mieten. Wir f�llen mit F�sser voll �l, machen
falsche Erkl�rung und falsches Ziel. Wir kommen in internationale Gew�sser,
rasen wie Teufel nach Amoy. Rote nennen uns Bruder, Profit hundert Prozent.
Nach ein paar Fahrten wir kaufen Schiff.�</p><p>�Woher
stammte das erste Geld?� wollten die Befrager wissen. �Ritz Ballroom�, lautete
die verwirrende Antwort. Das Ritz war ein hochnobler Nuttenbunker Ecke Kings
Road und Hafen, erkl�rte eine Fu�note. Die meisten M�dchen waren Schanghainesirinen.
Die gleiche Fu�note z�hlte Mitglieder der Bande auf. Drake geh�rte dazu.</p><p>�Drake Ko
war sehr harter Junge�, lautete eine kleingedruckte Zeugenaussage im Anhang.
�Drake Ko erz�hlt man kein M�rchengeschichte nicht. Er mag keine Politischen
�berhaupt nicht. Tschiang Kaischek. Mao. Er sagt, sind alles eine Person. Er
sagt, er ist f�r Tschiang Maoschek. Einmal f�hrt Mr. Ko unsere Bande.�</p><p>�ber das
organisierte Verbrechen erzielten die Recherchen keine Informationen. Es ist
eine geschichtliche Tatsache, da� Schanghai, als es 1949 an Mao fiel, bereits
drei Viertel seiner Unterwelt nach Hongkong verlagert hatte; da� die Rote Bande
und die Gr�ne Bande sich wegen der Schutz-Racketts f�r Hongkong so viele
Schlachten geliefert hatten, da� daneben das Chicago der zwanziger Jahre wie
ein Kinderspielplatz wirkte. Aber es konnte kein einziger Zeuge gefunden
werden, der zugegeben h�tte, irgend etwas �ber Banden, Triaden oder andere
kriminelle Organisationen zu wissen.</p><p>Es kann
nun nicht �berraschen, da� Jerry, als er sich am folgenden Samstag zu den
Pferderennen nach Happy Valley begab, ein recht detailliertes Portr�t seiner
Jagdbeute im Besitz hatte.</p><p>Das Taxi
kostete den doppelten Preis, weil Renntag war, und Jerry bezahlte, weil er
wu�te, da� es so �blich war. Er hatte Craw gesagt, da� er hingehe, und Craw
hatte keinen Einwand erhoben. Er hatte Luke auf die Fahrt mitgenommen, denn er
wu�te, da� zwei manchmal weniger verd�chtig sind als einer. Er war ein bi�chen
�ngstlich, da� er Frost begegnen k�nnte, denn das Hongkong der Europ�er ist
eine sehr kleine Stadt. Am Haupteingang rief er die Veranstaltungsleitung an,
um ein bi�chen Eindruck zu schinden, und nach angemessener Zeit erschien ein
Captain Grant, ein junger Angestellter, dem Jerry den Grund seiner Anwesenheit
erkl�rte: er schreibe f�r das Comic eine Reportage �ber Happy Valley. Grant war
ein witziger, eleganter Mann, der t�rkische Zigaretten in einer Spitze rauchte,
und alles, was Jerry sagte, schien ihn auf eine freundschaftliche, wenn auch
sehr zur�ckhaltende Art zu am�sieren. �Sie sind also der Sohn�, sagte er
schlie�lich. �Kannten Sie ihn?� sagte Jerry grinsend. �Nur von ihm geh�rt�,
erwiderte Captain Grant, aber was er geh�rt hatte, schien ihm zu gefallen.</p><p>Er gab
beiden M�nnern Abzeichen und bot ihnen sp�ter Drinks an. Das zweite Rennen war
soeben gelaufen. W�hrend sie sich unterhielten, h�rten sie das Gebr�ll der
erregten Menge wie eine Lawine andonnern, dann ersterben. Als sie auf den Lift
warteten, sah Jerry auf dem Schwarzen Brett nach, wer die Privatlogen gemietet
hatte. Die eiserne Garde stellte die Peak-Mafia: die Bank - wie die Hong Kong
and Shanghai Bank sich zu nennen beliebte -, Jardine Matheson,- der Gouverneur,
der Kommandeur der britischen Streitkr�fte. Mr. Drake Ko, O. B. E. war, obgleich
Steward des Clubs, nicht unter ihnen.</p><p>�Westerby!
Lieber Gott, Mann, wer zum Teufel hat denn Sie hier reingelassen? H�ren Sie,
stimmt es, da� Ihr alter Herr noch Pleite machte, ehe er starb?�</p><p>Jerry
z�gerte, grinste, dann zog er mit einiger Versp�tung die Karte aus seinem
Ged�chtnis: Clive Soundso, Society-Anwalt, Haus in Repulse Bay, penetrant
schottisch, ganz gespielte Leutseligkeit und f�r seine krummen Touren bekannt.
Jerry hatte von ihm einmal Hintergrund-Material �ber einen maconesischen Goldschwindel
bekommen und schlo� daraus, da� Clive damals eine Scheibe vom Kuchen abbekommen
hatte. �Clive, super, wunderbar.�</p><p>Sie
tauschten Banalit�ten aus, der Lift war immer noch nicht da. �Los. Geben Sie
uns Ihre Karte. Ich verschaffe Ihnen ein Verm�gen.� <emphasis>Porton, </emphasis>dachte
Jerry: Clive Porton. Porton entri� Jerry die Rennkarte, leckte sich den gro�en
Daumen, bl�tterte etwa bis zur Mitte und zog mit dem Kugelschreiber einen Kreis
um einen Pferdenamen. �Nummer sieben im dritten, kann gar nichts schiefgehen�,
fl�sterte er. �Setzen Sie Ihr Hemd darauf, okay? Wissen Sie, ich schenke nicht
alle Tage Geld her.�</p><p>�Was hat
Ihnen dieser Dreckskerl verkauft?� erkundigte sich Luke, als Porton au�er
H�rweite war. �Nennt sich Open Space.�</p><p>Ihre Wege
trennten sich. Luke ging, um Wetten zu plazieren und sich in den American Club
im oberen Stockwerk einzumogeln. Jerry setzte spontan hundert Dollar auf Lucky
Nelson und steuerte dann eilends den Speisesaal des Hong Kong Club an. �Wenn
ich verliere�, dachte er kaltl�chelnd, �setz' ich's George auf die Rechnung.�
Die Doppelt�ren waren offen, und er marschierte stracks hinein. Alles atmete
ordin�ren Reichtum: ein Golfclub in Surrey an einem regnerischen Wochenende,
nur da� diejenigen, die den Taschendieben trotzten, echte Juwelen trugen. Eine
Gruppe von Ehefrauen sa� abseits, wie unbenutztes Ger�t, starrte finster in die
Mattscheibe und jammerte �ber Dienstboten und unversch�mte Fotoreporter. Der
Geruch von Zigarrenrauch und Schwei� und abserviertem Essen lag in der Luft.
Als sie ihn hereinschlendern sahen - den gr��lichen Anzug, die Wildlederstiefel,
�Presse� vom Scheitel bis zur Zehe - wurde ihr Starren noch finsterer. Das
Unangenehme f�r uns Prominente in Hongkong, sagten ihre Mienen, ist, da� nicht
gen�gend Leute hinausgeworfen werden. An der Bar hatte sich ein Schwarm
ernsthafter Trinker versammelt, zumeist Gl�cksritter von den Londoner
Handelsbanken mit penetrantem Akzent, verfr�hten Bierb�uchen und Specknacken.
Neben ihnen die Nachwuchsstars von Jardine Matheson, die f�r die Firmenloge
noch nicht gro� genug waren: geschniegelte J�nglinge, f�r die der Himmel in
Geld und Bef�rderung bestand. Jerry blickte sich besorgt nach Frosti um, aber
entweder hatten die Hotteh�hs ihn heute nicht locken k�nnen oder er steckte bei
irgendeinem anderen Haufen. Mit einem Grinsen und einem vagen Winken in die
Runde lotste er den zweiten Gesch�ftsf�hrer aus seiner Ecke, begr��te ihn wie
einen verlorengeglaubten Freund, erw�hnte nebenhin Captain Grant, steckte ihm
zwanzig Dollar zu, erhielt in Umgehung s�mtlicher Vorschriften eine Tageskarte
und trat, noch achtzehn Minuten vor dem n�chsten Start, dankbar hinaus auf den
Balkon: Sonne, D�ngerduft, das wilde Geschiebe einer chinesischen
Menschenmenge, und sein eigener immer schneller werdender Herzschlag, der fl�sterte:
�Pferde�.</p><p>Eine Weile
lehnte Jerry grinsend da und betrachtete das Bild, denn so oft er es sah, war
es f�r ihn das erstemal. Der Rasen der Rennstrecke von Happy Valley mu�te die
kostbarste Anpflanzung der Welt sein. Es gab nur sehr wenig. Ein schmaler Ring
umzog eine Art Londoner Vorstadtstadion, das Sonne und viele F��e zu Dreck
zerw�hlt hatten. Acht zertrampelte Fu�ball-Torr�ume, ein Rugby-Torraum und ein
Hockey-Torraum, alles sah st�dtisch-vernachl�ssigt aus. Das d�nne gr�ne Band
jedoch, das diese schmutzige Masse umzog, hatte allein in diesem Jahr
vermutlich eine schlanke Million Pfund Sterling in legalen Wetten eingebracht
und die gleiche Summe nochmals unter der Hand. Die Anlage ist weniger ein Tal
als eine Feuerpfanne: das glei�end wei�e Stadion auf der einen Seite, braune
H�gel auf der anderen, w�hrend vor Jerry und zu seiner Linken das andere
Hongkong lauerte: ein Kartenhaus-Manhattan aus grauen Wolkenkratzer-Slums, die
so dicht gepfercht sind, da� sie sich in der Hitze aneinanderzulehnen scheinen.
Von jedem der winzigen Balkone ragte ein Bambusstab, als h�tte man den Bau mit
Stecknadeln abgest�tzt; von jedem Stab hingen unz�hlige Wimpel schwarzer
Kleidungsst�cke, als h�tte etwas Riesiges gegen das Geb�ude gewischt und in
seinem Sog diese Fetzen zur�ckgelassen. Sofortige Errettung aus Behausungen wie
diesen - das war der Traum, mit dem Happy Valley den Wettlustigen, mit Ausnahme
der verschwindendsten Minderheit, heute winkte. Rechter Hand, von Jerry aus
gesehen, gl�nzten neuere, stolzere Bauten. Dort, so erinnerte er sich, schlugen
illegale Buchmacher ihre B�ros auf und hielten durch ein Dutzend
geheimnisvoller Methoden: Ticker, Walkie-Talkie, Lichtsignale - Sarratt w�re
hingerissen gewesen - den Dialog mit ihren Zutr�gern aufrecht. Noch weiter oben
verliefen die Grate kahlgeschorener H�gel, zerfleischt von Steinbr�chen und
entstellt vom Eisenschrott elektronischer Horchanlagen. Jerry hatte irgendwo
geh�rt, die Radarger�te seien hier f�r die Vettern installiert worden, damit
sie die �berfl�ge taiwanischer U-2-Maschinen verfolgen k�nnten. �ber den H�geln
Ballen wei�er Wolken, die keine Witterung jemals zu zerstreuen schien. Und �ber
den Wolken schmachtete heute der gebleichte chinesische Himmel in der Sonne,
und ein Falke zog langsam seine Kreise. Das alles nahm Jerry in einem einzigen
dankbaren Zug in sich auf.</p><p>F�r die
Menge war ziellose Wartezeit. Brennpunkt der Aufmerksamkeit, wenn es �berhaupt
einen gab, waren die vier fetten Chinesenfrauen mit fransigen Hakka-H�ten und
schwarzen Pyjamas, die mit Rechen die Rennbahn entlanggingen und das kostbare
Gras neu frisierten, wo die galoppierenden Hufe es verwuschelt hatten. Sie
bewegten sich mit der W�rde totaler Gleichg�ltigkeit: Es war, als dr�ckte der
ganze chinesische Bauernstand sich in ihren Bewegungen aus. Eine Sekunde lang
galt ihnen, wie es die Art der Menschenmengen ist, eine Woge kollektiver
Solidarit�t, dann waren sie vergessen. Nach dem Wettstand war Clive Portons
Open Space dritter Favorit. Drake Kos Lucky Nelson war unter ferner liefen mit
vierzig zu eins, also gleich Null. Jerry dr�ckte sich an einer Gruppe festlich
gestimmter Australier bis zur Ecke des Balkons, reckte den Hals und �ugte
scharf nach unten, �ber die Kopf reihen hinweg zur Box der Pferdebesitzer, die
vom gew�hnlichen Volk durch ein gr�nes Eisentor und einen Wachposten getrennt
war. Er hielt die Hand �ber die Augen, w�nschte sich, da� er ein Glas
mitgebracht h�tte, und sichtete einen fetten, hart aussehenden Mann mit Anzug
und dunkler Brille, begleitet von einem jungen und sehr h�bschen M�dchen. Der
Mann sah halb chinesisch, halb s�damerikanisch aus, und Jerry ordnete ihn als
Philippino ein. Das M�dchen war das Beste, was man f�r Geld bekommen konnte.
Mu� bei seinem Pferd sein, dachte Jerry und erinnerte sich an Old Sambo.
H�chstwahrscheinlich am Sattelplatz, letzte Besprechung mit Trainer und Jockey.</p><p>Er
wanderte zur�ck durch den Speisesaal zur Haupthalle, gelangte zu einer breiten
Hintertreppe, stieg zwei Etagen hinunter und durchquerte einen Vorplatz zur
Zuschauergalerie, die mit einer betr�chtlichen und nachdenklichen Chinesenschar
gef�llt war, alles M�nner. Sie starrten in ehrf�rchtigem Schweigen hinunter auf
eine �berdachte Sandgrube, in der sich l�rmende Spatzen und drei Pferde
befanden, jedes von seinem st�ndigen Reitknecht, dem Mafu, gef�hrt. Die Mafus
hielten ihre Sch�tzlinge miserabel, als w�ren sie krank vor Angst. Der elegante
Captain Grant sah zu, desgleichen ein alter wei�russischer Trainer namens
Sacha, den Jerry gern mochte. Sacha sa� auf einem winzigen Klappstuhl, leicht
vorgebeugt, wie beim Angeln. Sacha hatte w�hrend der Vertragszeit in Schanghai
mongolische Ponies trainiert, und Jerry konnte ihm n�chtelang zuh�ren: wie
Schanghai damals drei Rennpl�tze hatte, einen britischen, einen
internationalen, einen chinesischen; wie die britischen Handelsf�rsten jeder
seine sechzig, ja hundert Pferde hielten und sie an der K�ste auf und ab
transportierten, von einem Hafen zum anderen wie die Irren miteinander in
Konkurrenz lagen. Sacha war ein sanfter philosophischer Bursche mit
tr�umerischen blauen Augen und einem eingedr�ckten Kiefer wie ein Ringer. Er
war auch der Trainer von Lucky Nelson. Er sa� allein und beobachtete, wie Jerry
vermutete, eine T�r, die er selbst von seinem Standort aus nicht sehen konnte.
Ein j�hes Get�mmel von den Trib�nen her veranla�te Jerry, mit einem Ruck gegen
die Sonne zu blicken. Gebr�ll erscholl, dann ein schriller, erstickter
Aufschrei, als die Menge auf einem Rang ins Schwanken geriet und ein Sto�trupp
grauer und schwarzer Uniformen sich r�cksichtslos Bahn brach. Eine Sekunde
sp�ter, und ein Schwarm von Polizisten zerrte irgendeinen armseligen
Taschendieb, blutend und hustend, in den Tunneldurchgang zwecks Ablegung eines
freiwilligen Gest�ndnisses. Geblendet wandte Jerry den Blick wieder dem dunklen
Inneren des Sattelplatzes zu, und es dauerte ein wenig, ehe er die verschwommene
Gestalt von Mr. Drake Ko unterscheiden konnte. Die Identifizierung war
keineswegs direkt. Der erste Mensch, den Jerry sehen konnte, war nicht etwa Ko,
sondern der junge chinesische Jockey, der neben dem alten Sacha stand, ein
hochgewachsener Junge, spindeld�rr, wo die seidene Jacke in die Breeches
gestopft war. Er schlug mit der Reitgerte gegen seine Stiefel, als h�tte er das
einem englischen Reiterbild abgeguckt, und er trug Kos Farben (�himmelblau und
meergrau geviertelt� besagte der Artikel im <emphasis>Goldenen
Orient), </emphasis>und der kleine Sacha starrte auf etwas, das Jerry nicht
sehen konnte. Als n�chstes kam, unterhalb der Galerie, auf der Jerry stand, ein
brauner Junghengst, den ein kichernder fetter Mafu im dreckigen grauen Overall
f�hrte. Die Startnummer war unter einer Decke verborgen, aber Jerry kannte das
Pferd bereits vom Foto, und jetzt kannte er es noch weit besser: er kannte es
sogar sehr gut. Es gibt Pferde, die einfach besser sind als ihre Klasse, und in
Jerrys Augen war Lucky Nelson ein solches Pferd. Nicht ohne, dachte er, gute
Kopfhaltung, ein feuriges Auge. Keiner von diesen halbgaren Braunen mit heller
M�hne und hellem Schweif, denen bei jedem Rennen die Stimmen der Damen geh�ren:
wenn man die hier �bliche Form bedenkt, die durch das Klima schwer reduziert
ist, war Lucky Nelson ebenso in Ordnung wie jedes andere Pferd am Platz. Davon
war Jerry �berzeugt. Einen mi�lichen Augenblick lang hatte er f�r die Kondition
des Pferdes gef�rchtet: es schwitzte, zu gl�nzend an Flanken und Kruppe. Dann
sah er sich nochmals das feurige Auge an und die ein wenig unnat�rlich
verlaufenden Schwei�streifen, und seine gute Laune kehrte zur�ck: dieser
schlaue Teufel hat es mit dem Schlauch abspritzen lassen, damit es mies
aussieht, dachte er in heiterem Angedenken an Old Sambo.</p><p>So kam es,
da� Jerry erst zu diesem sp�ten Zeitpunkt den Blick von dem Pferd zu seinem
Besitzer wandte.</p><p>Mr. Drake
Ko, O. B. E., Empf�nger bis dato einer schlanken halben Million russischer
US-Dollar, eingestandenerma�en Anh�nger von Tschiang Maoschek, stand von allen
anderen abseits, im Schatten einer wei�en Betons�ule von zehn Fu� Durchmesser:
eine h��liche, aber harmlose Erscheinung auf den ersten Blick, gro�, leicht
gebeugt, was berufsbedingt sein konnte: Zahnarzt oder Flickschuster. Er war
nach englischer Art gekleidet, formlose graue Flanellhose und schwarzer
doppelreihiger Blazer, der in der Taille zu lang war, wodurch die
unproportionierten Beine noch betont wurden und der magere K�rper
verschrumpfelt wirkte. Gesicht und Nacken waren gl�nzend wie altes Leder und
ebenso haarlos, und die vielen Falten sahen aus wie scharf plissiert. Sein
Teint war dunkler, als Jerry erwartet hatte: sah fast nach einem Schu� Araber-
oder Inderblut aus. Er trug die gleiche unpassende Kopfbedeckung wie auf dem
Foto, eine dunkelblaue Baskenm�tze, und die Ohren standen darunter hervor wie
Marzipanrosen. Seine sehr schmalen Augen wurden durch den Druck der M�tze noch
mehr in die L�nge gezogen. Braune italienische Schuhe, wei�es Hemd, am Kragen
offen. Keine Requisiten, nicht einmal einen Feldstecher: aber ein wundervolles
Halb-Millionen-Dollar-L�cheln, von einem Ohr zum anderen, zum Teil in Gold,
offensichtlich erfreut �ber jedermanns Gl�ck und Wohlstand, einschlie�lich
seines eigenen.</p><p>Nur: da
war ein gewisses Etwas - manche Menschen haben es, es ist wie eine elektrische
Spannung: Oberkellner, Portiers, Journalisten erkennen es auf den ersten
Blick; Old Sambo hatte es <emphasis>beinah </emphasis>gehabt -,
ein Etwas, das sofort verf�gbare Mittel verriet. Sollte irgend etwas ben�tigt
werden, so w�rden unsichtbare Geister es im Handumdrehen herbeischaffen.</p><p>Das
Gem�lde erwachte zum Leben. �ber den Lautsprecher erhielten die Jockeys den
Befehl zum Aufsitzen. Der kichernde Mafu zog die Decke weg, und Jerry stellte
mit Vergn�gen fest, da� Ko das Fell des Braunen gegen den Strich hatte
striegeln lassen, um seine vorgeblich schlechte Verfassung zu unterstreichen.
Der d�rre Jockey machte die lange und linkische Reise in den Sattel und rief
mit nerv�ser Freundlichkeit etwas zu Ko, der auf der anderen Seite stand,
hinunter. Ko, der schon am Weggehen war, fuhr herum und bellte etwas zur�ck,
nur eine einzige h�rbare Silbe, ohne sich darum zu k�mmern, wohin er sprach und
wer das Wort auffing. Ein Tadel? Eine Ermutigung? Ein Befehl an einen
Bediensteten? Das L�cheln hatte nichts von seinem Strahlen eingeb��t, aber die
Stimme war hart wie ein Peitschenschlag. Pferd und Reiter entfernten sich, Ko
desgleichen, und Jerry raste wieder treppauf durch den Speisesaal zum Balkon,
arbeitete sich bis zur Ecke vor und sah hinab.</p><p>Inzwischen
war Ko nicht mehr allein, er war jetzt verheiratet. Ob beide gemeinsam zur
Trib�ne gekommen waren, ob sie ihm in Sekundenabstand gefolgt war, das erfuhr
Jerry nie. Sie war so klein. Er sah einen gl�nzenden Fleck schwarzer Seide und
eine Bewegung ringsherum, als M�nner ihr Platz machten - die Trib�ne f�llte
sich -, aber zuerst setzte er den Blick zu hoch an und verfehlte sie. Ihr Kopf
war in Brusth�he der M�nner. Dann sah er sie wieder an Kos Seite, eine winzige,
untadelige chinesische Ehefrau, souver�n, �ltlich, bla�, so gepflegt, da� man
sich nicht vorstellen konnte, sie h�tte je ein anderes Alter gehabt oder andere
Kleidung getragen als dieses schwarzseidene Pariser Modell, verschn�rt und
brokatbetre�t wie eine Husarenuniform. <emphasis>Frau ist blo� eine Handvoll, </emphasis>hatte Craw
gesagt, und, w�hrend sie verwirrt vor dem winzigen Projektor gesessen hatten,
weiter extemporiert: <emphasis>Klaut in den gro�en Gesch�ften.
Kos Leute m�ssen vor ihr hineingehen und versprechen, da� alles bezahlt wird,
was sie mitgehen l��t.</emphasis></p><p>Der
Artikel im <emphasis>Goldenen Orient </emphasis>hatte sie als �anf�ngliche
Gesch�ftspartnerin� bezeichnet. Jerry glaubte, zwischen den Zeilen lesen zu
d�rfen, da� sie eines der M�dchen im Ritz Ballroom gewesen war. Das Gebr�ll der
Menge schwoll an.</p><p>�Haben Sie
auf ihn gesetzt, Westerby? Haben Sie, Mann?� Schotte Clive Porton segelte auf
ihn zu, schwei�bedeckt vom Trinken. �Open Space, Herrgott! Sogar bei den
jetzigen Odds verdienen Sie immer noch ein paar Dollar! Los Mann, das ist
todsicher!�</p><p>Das �Ab�
ersparte ihm eine Antwort. Das Gebr�ll stockte, erhob sich wieder und schwoll
weiter an. Rings um ihn pl�tscherte ein Durcheinander von Namen und Zahlen auf
den Trib�nen, die Pferde schossen aus den Startboxen, von ohrenbet�ubendem L�rm
angefeuert. Die erste geruhsame Achtelmeile hatte begonnen. Warten: Raserei
folgt dem M��iggang. Wenn sie im ersten Morgengrauen trainierten, erinnerte
Jerry sich, sind ihre Hufe umwickelt, damit die Anwohner nicht im Schlaf
gest�rt wurden. Manchmal, in den alten Tagen, wenn Jerry zwischen Kriegsberichten
der Stoff ausging, stand er fr�h auf und kam hier herunter, nur um ihnen
zuzusehen, und wenn er Gl�ck hatte und einen einflu�reichen Freund fand, ging
er mit den Tieren zu den klimatisierten vielgeschossigen Stallungen, in denen
sie lebten, um zuzusehen, wie sie versorgt und verw�hnt wurden. Tags�ber
indessen �bert�nte das Brausen des Stra�enl�rms ihr Donnern vollst�ndig, und
die gl�nzende Traube, die so langsam n�herkam, machte �berhaupt kein Ger�usch,
sondern schwamm auf dem d�nnen smaragdenen Flu�.</p><p>�Open
Space allerwege�, verk�ndete Clive Porton unsicher, als er durch das Glas
blickte. �Der Favorit hat's geschafft. O ja. Open Space, gut gemacht, Junge.�
Sie bogen in die lange Kurve vor der Zielgeraden ein. �Komm schon, Open Space,
rei� dich zusammen, Mann, reite! Nimm doch die Peitsche, du Trottel!� schrie
Porton, denn jetzt war auch dem blo�en Auge klar, da� die himmelblauen und
meergrauen Farben von Lucky Nelson sich nach vorn schoben und da� seine Konkurrenten
ihm h�flich Platz machten. Ein zweites Pferd setzte zu einer kurzen
Herausforderung an, fiel dann zur�ck, aber Open Space lag bereits drei L�ngen
hinten, w�hrend sein Jockey w�tend mit der Peitsche auf die Luft rings um die
Kruppe seines Pferdes einschlug.</p><p>�Schiebung!�
br�llte Porton. �Wo ist die Rennleitung, verdammt nochmal? Dieses Pferd wurde
gepullt! Ich habe im ganzen Leben noch nie gesehen, da� ein Pferd so
offenkundig gepullt wurde!� Als Lucky Nelson elegant am Zielpfosten vorbeizog,
wandte Jerry den Blick rasch wieder nach rechts und nach unten. Ko schien
unger�hrt. Es war nicht orientalische Unergr�ndlichkeit: von diesem Mythos
hatte Jerry nie etwas gehalten. Bestimmt war es nicht Gleichg�ltigkeit. Er
wohnte einfach der zufriedenstellenden Abwicklung einer Zeremonie bei: Mr.
Drake Ko nimmt einen Vorbeimarsch seiner Truppen ab. Seine kleine verr�ckte
Frau stand mit steifem R�cken neben ihm, als w�rde endlich, nach all den
K�mpfen ihres Lebens, ihre Siegerhymne gespielt. Einen Augenblick mu�te Jerry
an Old Pet in ihren besten Jahren denken. Genau wie Pet, dachte Jerry, wenn
Sambos Stolz auf einen guten achtzehnten Platz kam. Genauso hatte sie
dagestanden und die Niederlage mit Fassung getragen.</p><p>Die
Siegerehrung war wie aus dem Bilderbuch. Man vermi�te vielleicht ein
Kuchenbuffet, aber der Sonnenschein �bertraf gewi� alle Erwartungen auch des
optimistischsten Organisators einer englischen Dorffete; und die Silberpokale
waren weit gro�z�giger als der verkr�tzte kleine Becher, den der Squire dem
Sieger im Dreibeinwettlauf �berreichte. Die sechzig uniformierten Polizisten
waren ebenfalls vielleicht eine Spur angeberisch. Aber die huldvolle Dame mit
dem Turban � la drei�iger Jahre, die der langen wei�en Tafel vorsa�, war so
gr��lich und arrogant, da� sie den Anforderungen auch des anspruchsvollsten
Patrioten Gen�ge getan h�tte. Sie kannte das Protokoll genau. Der Vorsitzende
der Rennleitung reichte ihr den Pokal, und sie hielt ihn sofort weit von sich
ab, als w�re er zu hei� f�r ihre H�nde. Drake Ko und seine Frau, beide gewaltig
grinsend, Ko noch immer mit der Baskenm�tze, tauchten aus einer Traube
entz�ckter Supporters auf und schnappten sich den Pokal, aber sie trippelten so
rasch und fr�hlich �ber den abgesperrten Grasfleck hin und zur�ck, da� der
Fotograf nicht vorbereitet war und die Akteure bitten mu�te, den Augenblick der
Kr�nung noch einmal zu spielen. Der huldvollen Dame war dies ungemein l�stig,
und Jerry fing �ber das Geplapper der Zuschauer hinweg ein affektiertes
�verdammter Schwachkopf� auf. Dann war der Pokal Ko endg�ltig zu eigen, die
huldvolle Dame trennte sich mi�mutig von Gardenien im Wert von sechshundert
Dollar, Ost und West kehrten erleichtert in ihre getrennten Quartiere zur�ck.
�Auf ihn gesetzt?� erkundigte sich Captain Gram liebensw�rdig. Sie schlenderten
zu den Trib�nen zur�ck. �Hm, ja, hab' ich�, gestand Jerry feixend. �Freudige
�berraschung sozusagen, wie?�</p><p>�Oh, es
war Kos Rennen, <emphasis>all right�, </emphasis>sagte Grant nur. Sie spazierten
eine Weile dahin. �Eine gute Nase haben Sie. Besser als wir. M�chten Sie mit
ihm sprechen?�</p><p>�Mit wem
sprechen?�</p><p>�Ko.
Solange er noch siegestrunken ist. Vielleicht kriegen Sie ausnahmsweise etwas
aus ihm raus�, sagte Grant mit seinem wohlwollenden L�cheln. �Kommen Sie, ich
stelle Sie ihm vor.� Jerry z�gerte nicht. Als Reporter hatte er allen Grund,
�ja� zu sagen. Als Spion - nun ja, in Sarratt sagen sie manchmal, nichts sei an
sich gef�hrlich, erst das Denken mache es dazu. Sie schlenderten zu der Gruppe
zur�ck. Die Ko-Lobby hatten einen unvollkommenen Kreis um den Pokal gebildet,
und das Gel�chter war sehr laut. Im Mittelpunkt, direkt neben Ko, stand der
fette Philippino mit seinem sch�nen M�dchen, und Ko alberte mit dem M�dchen
herum, k��te es auf beide Wangen, k��te es dann nochmals, w�hrend alle lachten,
ausgenommen Kos Frau, die sich demonstrativ an den Rand zur�ckgezogen hatte,
um mit einer Chinesin ihres eigenen Alters zu plaudern.</p><p>�Das ist
Arpego�, sagte Grant Jerry ins Ohr und wies auf den fetten Philippino. �Ihm
geh�ren Manila und das Gro�teil der umliegenden Inseln.�</p><p>Arpegos
Wanst thronte stramm �ber seinem G�rtel, wie ein kleiner Felsen, den er sich
unters Hemd gestopft hatte.</p><p>Grant
hielt nicht direkt auf Ko zu, sondern wandte sich an einen vierzigj�hrigen,
st�mmigen Chinesen mit sanften Z�gen, der einen stratoblauen Anzug trug und
eine Art Adjutant zu sein schien. Jerry hielt sich wartend abseits. Der
rundliche Chinese kam zu ihm her�ber, Grant an seiner Seite.</p><p>�Das ist
Mr. Tiu�, sagte Grant ruhig. �Mr. Tiu, das ist Mr. Westerby, Sohn des Gro�en.�</p><p>�Sie
m�chten mit Mr. Ko sprechen, Mr. Wessby?�</p><p>�Wenn es
m�glich ist.�</p><p>�Nat�rlich
ist es m�glich�, sagte Tiu begeistert. Die pummeligen H�nde wedelten ruhelos
vor seinem Magen herum. Am rechten Handgelenk trug er eine goldene Uhr, die
Finger waren gekr�mmt, als wollten sie Wasser sch�pfen. Er war glatt und
gl�nzend und h�tte ebensogut drei�ig wie sechzig sein k�nnen. �Mr. Ko gewinnt
Rennen. Ich bringe ihn her�ber. Bleiben Sie hier. Wie hei�t Ihr Vater?�</p><p>�Samuel�,
sagte Jerry.</p><p><emphasis>�Lord </emphasis>Samuel�,
sagte Grant ebenso energisch wie unrichtig. �Wer ist er?� wandte sich Jerry an
Grant, nachdem der rundliche Tiu zu der l�rmenden Chinesengruppe zur�ckgekehrt
war. �Kos Majordomo, Manager, Obergep�cktr�ger, Flaschenw�scher, Makler. War
von Anfang an bei ihm. Im Krieg sind sie gemeinsam vor den Japanern get�rmt.�</p><p>�Und sein
Obergorilla ist er auch�, dachte Jerry, als er Tiu mit seinem Herrn wieder
heranwatscheln sah. Grant fing erneut mit den Vorstellungen an. �Sir�, sagte
er, �das ist Westerby, dessen ber�hmter Vater, der Lord, eine ganze Menge sehr
langsamer Pferde, besa�. Er hat au�erdem verschiedene Rennpl�tze f�r die
Buchmacher aufgekauft.�</p><p>�Welche
Zeitung?� fragte Ko. Seine Stimme war rauh und kr�ftig und tief, doch Jerry
h�tte geschworen, zu seiner �berraschung die Spur eines nordenglischen Akzents
aufgeschnappt zu haben, der ihn an Old Pets Akzent erinnerte.</p><p>Jerry
sagte ihm, welche Zeitung.</p><p>�Das ist
das Blatt mit den M�dels�, kr�hte Ko vergn�gt. �Ich hab das Blatt immer
gelesen, wenn ich in London war, w�hrend meines Aufenthaltes zwecks
Rechtswissenschaften am ber�hmten Gray's Inn of Court. Wissen Sie, warum ich
Ihr Blatt las, Mr. Westerby? Weil n�mlich, wenn mehr Zeitungen h�bsche M�dels
lieber drucken als Politik, haben wir jede Menge begr�ndete Aussicht und
erleben noch eine bessere Welt, Mr. Westerby�, erkl�rte Ko in einer kr�ftigen
Mischung aus falscher Idiomatik und Beh�rden-Englisch. �Bitte sagen Sie das
Ihrer Zeitung von mir, Mr. Westerby. Diesen Rat geb ich Ihnen gratis.� Lachend
schlug Jerry sein Notizbuch auf. �Ich habe auf Ihr Pferd gesetzt, Mr. Ko. Wie
f�hlt man sich als Gewinner?�</p><p>�Besser,
als wenn man verliert.�</p><p>�Nutzt
sich das Gef�hl nie ab?�</p><p>�Mir
gef�llt es von Mal zu Mal besser.�</p><p>�Gilt das
auch f�r Gesch�fte?�</p><p>�Nat�rlich.�</p><p>�Kann ich
mit Mrs. Ko sprechen?�</p><p>�Sie ist
besch�ftigt.�</p><p>W�hrend er
kritzelte, stieg Jerry ein vertrauter Geruch in die Nase. Moschushaltige, sehr
intensiv duftende franz�sische Seife, eine Mischung aus Mandeln und
Rosenwasser, Lieblingsseife einer fr�heren Ehefrau: aber offenbar auch des
gelackten Mr. Tiu, um seinen Reiz zu erh�hen.</p><p>�Wie
lautet Ihre Erfolgsformel, Mr. Ko?�</p><p>�Harte
Arbeit. Keine Politik. Viel Schlaf.�</p><p>�Sind Sie
jetzt sehr viel reicher als noch vor zehn Minuten?�</p><p>�Ich war
vor zehn Minuten auch h�bsch reich. Sie k�nnen Ihrer Zeitung noch sagen, da�
ich den britischen Lebensstil sehr bewundere.�</p><p>�Obwohl
wir nicht hart arbeiten? Und viel Politik betreiben?�</p><p>�Sagen
Sie's ihnen�, sagte Ko stracks an ihn gewandt, und das war ein Befehl.</p><p>�Wieso
haben Sie soviel Gl�ck, Mr. Ko?� Ko schien diese Frage nicht geh�rt zu haben,
doch sein L�cheln erlosch ganz allm�hlich. Er starrte Jerry geradewegs ins
Gesicht, ma� ihn mit seinen sehr schmalen Augen, und seine Z�ge hatten sich
betr�chtlich verh�rtet.</p><p>�Wieso
haben Sie soviel Gl�ck, Sir?� wiederholte Jerry. Langes Schweigen.</p><p>�Kein
Kommentar�, sagte Ko, wiederum direkt Jerry ins Gesicht. Die Versuchung, auf
der Frage zu beharren, war unwiderstehlich geworden: �Fair play, Mr. Ko�,
dr�ngte Jerry und feixte kr�ftig. �Die Welt ist voll von Menschen, die davon
tr�umen, so reich zu sein wie Sie. Geben Sie ihnen doch einen Tip, ja? Wieso
haben Sie soviel Gl�ck?�</p><p>�Das geht
Sie verdammt gar nichts an�, erkl�rte Ko, und ohne viel Federlesens wandte er
Jerry den R�cken und ging weg. Im gleichen Augenblick tat Tiu l�ssig einen
halben Schritt vorw�rts, so da� er Jerry den Weg abschnitt, und legte ihm eine
weiche Hand auf den Oberarm.</p><p>�Werden
Sie das n�chstemal auch wieder gewinnen, Mr. Ko?� rief Jerry dem sich entfernenden
R�cken �ber Tius Schulter hinweg nach.</p><p>�Das
sollten Sie das Pferd fragen, Mr. Wessby�, meinte Tiu mit pausb�ckigem L�cheln.
Seine Hand lag noch immer auf Jerrys Arm.</p><p>Er h�tte
den Rat ebensogut annehmen k�nnen, denn Ko stand bereits wieder bei seinem
Freund Mr. Arpego, und sie lachten und schwatzten wie zuvor. <emphasis>Drake Ko
war sehr harter Junge, </emphasis>erinnerte sich Jerry. <emphasis>Drake Ko
erz�hlt man kein M�rchengeschichte. </emphasis>Tiu ist aber auch nicht ohne,
dachte er.</p><p>Als sie
zur Haupttrib�ne zur�ckgingen, lachte Grant lautlos in sich hinein.</p><p>�Als Ko
das letztemal gewann, wollte er nach dem Rennen nicht einmal das Pferd zum
Sattelplatz f�hren�, entsann er sich. �Hat abgewinkt. Wollte nicht.�</p><p>�Warum zum
Teufel denn nicht?�</p><p>�War nicht
darauf gefa�t, da� es gewinnen w�rde, darum nicht. Hatte es seinen Chiu-Chow-Freunden
nicht vorhergesagt - schlecht f�rs Gesicht. Vielleicht hat er das auch
gef�rchtet, als Sie ihn nach seinem Gl�ck fragten.�</p><p>�Wieso
wurde er zum Steward des Clubs gew�hlt?�</p><p>�Oh, hat
durch Tiu die Stimmen kaufen lassen, nehme ich an. Das �bliche. Cheers.
Vergessen Sie Ihren Gewinn nicht.�</p><p>Dann
passierte es: As Westerby zieht eine Erstmeldung an Land.</p><p>Das letzte
Rennen war vor�ber, Jerry hatte viertausend Dollar auf der Habenseite, und Luke
war verschwunden. Jerry probierte es im American Club, im Club Lusitano und
einigen weiteren, aber man hatte ihn entweder nicht gesehen oder bereits hinausgeworfen.
In der Umz�unung war nur ein einziges Tor, also schlo� Jerry sich dem Exodus
an. Der Verkehr war chaotisch. Rolls-Royces und Mercedes suchten Pl�tze zum
Anhalten, und die Menge schob und dr�ngte von hinten. Jerry beschlo�, sich
nicht in den Kampf um ein Taxi einzulassen, begann, den schmalen Gehsteig
entlangzuwandern und sah zu seiner �berraschung Drake Ko ganz allein aus einem
Tor auf der anderen Stra�enseite treten, und zum erstenmal, seit Jerry seiner
ansichtig geworden war, l�chelte er nicht. Als er den Bordstein erreicht hatte,
schien er unentschlossen, ob er hin�bergehen solle, blieb dann, wo er war und
blickte auf den heranbrausenden Verkehr. Er wartet auf den Rolls-Royce Phantom,
dachte Jerry und erinnerte sich an den Wagenpark in der Headland Road. Oder auf
den Mercedes oder auf den Chrysler. Pl�tzlich sah Jerry, wie Ko die Baskenm�tze
vom Kopf ri� und wie zum Spa� in den Autostrom hielt, als wollte er das
Gewehrfeuer auf sie ziehen. Um Augen und Mund sprangen die F�ltchen auf, die
Goldz�hne funkelten gr��end, und anstatt eines Rolls-Royce oder eines Mercedes
oder eines Chryslers hielt ein langer roter Jaguar E mit zur�ckgeklapptem
Faltverdeck kreischend und ohne R�cksicht auf die �brigen Wagen vor ihm an.
Jerry h�tte ihn beim besten Willen nicht �bersehen k�nnen. Allein das Ger�usch
der Reifen lie� alle K�pfe auf dem Gehsteig herumfahren. Seine Augen lasen die
Nummer, sein Ged�chtnis registrierte sie. Ko kletterte hinein, so aufgeregt wie
jemand, der noch nie in seinem Leben in einem offenen Wagen' gefahren war, und
er schwatzte und lachte bereits, ehe sie wieder anfuhren. Aber nicht, ehe Jerry
gesehen hatte, wer am Steuer sa�, ihr flatterndes blaues Kopftuch, die dunkle
Brille, das lange blonde Haar und gen�gend von ihrer Figur, als sie sich �ber
Ko beugte, um die T�r auf seiner Seite zu schlie�en, zeigten ihm, da� sie ein
Prachtst�ck von Frau war. Drakes Hand ruhte auf ihrem nackten R�cken, die
Finger waren gespreizt, die freie Hand fuchtelte herum, w�hrend er ihr
zweifellos eine Zug-um-Zug-Schilderung seines Sieges gab, und als sie gemeinsam
abfuhren, pflanzte er ihr einen sehr unchinesischen Ku� auf die Wange, und
dann, als Zugabe, noch zwei, und zwar mit weit mehr �berzeugung, als er f�r das
K�ssen von Mr. Arpegos Begleiterin aufgebracht hatte.</p><p>Jenseits
der Fahrbahn war der Eingang, aus dem Ko soeben herausgekommen war, und das
Eisentor stand noch offen. In Jerrys Hirn rasten die Gedanken, er duckte sich
und rannte durch den Verkehrsstrom. Er gelangte in den alten Friedhof der
Kolonie, eine �ppige Anlage, blumenduftend und von gewaltigen �berh�ngenden
B�umen beschattet. Jerry war noch nie hier gewesen und betrat diese
Abgeschlossenheit voll Scheu. Der Friedhof war an einem H�gelrund um eine alte
Kapelle angelegt, die still und unbenutzt verfiel. Die spr�ngigen Mauern
schimmerten im fleckigen Abendlicht. Daneben lag ein umz�unter Zwinger, aus dem
ihn ein abgemagerter Sch�ferhund w�tend anheulte. Jerry blickte sich um, er
wu�te nicht recht, warum er hier war und was er hier suchte. Die Gr�ber
geh�rten verschiedenen Epochen, Rassen und Sekten an.. Es gab wei�russische
Gr�ber, deren orthodoxe Grabsteine reich gemei�elt waren und von zaristischer
Grandeur zeugten. Jerry stellte sich dicken Schnee dar�ber vor, der gerade noch
ihre Form erkennen lie�. Ein anderer Stein beschrieb die ruhelose Pilgerschaft
einer russischen F�rstin, und Jerry blieb stehen und las: von Tallin nach
Peking, mit Daten, von Peking nach Schanghai, wieder die Daten, nach Hongkong
neunundvierzig, um hierzu sterben. �Und G�ter in Swerdlowsk�, schlo� die
Inschrift trotzig. War Schanghai die Verbindung? Er gesellte sich wieder zu den
Lebenden: drei alte M�nner in Pyjamas sa�en schweigend auf einer Bank im
Schatten. Sie hatten ihre Vogelk�fige �ber sich in die Zweige geh�ngt, nahe
genug, da� sie einander �ber das L�rmen des Verkehrs und der Zikaden singen
h�ren konnten. Zwei Totengr�ber mit Stahlhelmen sch�tteten ein frisches Grab
zu. Keine Trauerg�ste standen dabei. Als er an den Stufen der Kapelle anlangte,
wu�te er noch immer nicht, was er eigentlich wollte. Er lugte durch die T�r.
Drinnen war es nach der Sonnenhelle stockdunkel. Eine alte Frau starrte ihn an.
Er zog sich zur�ck. Der Sch�ferhund heulte noch lauter. Er war sehr jung. Ein
Hinweisschild besagte �Friedhofsw�rter�. Jerry folgte ihm. Das Schrillen der
Zikaden war ohrenbet�ubend, es �bert�nte sogar das Hundegebell. Der Blumenduft
war feucht und ein bi�chen modrig. Jerry war eine Idee gekommen., fast eine
Ahnung. Er war entschlossen, ihr zu folgen. Der Friedhofsw�rter war ein
freundlicher zur�ckhaltender Mann und sprach nicht englisch. Die Totenb�cher
waren sehr alt, die Eintragungen glichen denen in alten Kontob�chern. Jerry
setzte sich an einen Holztisch und wandte langsam die schweren Seiten um, las
die Namen und Geburtstage, die Daten des Todes und der Beerdigung; zuletzt die
Lage der Gr�ber: die Sektion und die Nummer. Nachdem er gefunden hatte, was er
suchte, trat er wieder hinaus ins Freie und schritt nun einen anderen Pfad
entlang, durch eine Wolke von Schmetterlingen h�gelan nach den Klippen zu. Von
einem Steg aus beobachtete ihn eine Gruppe kichernder Schulm�dchen. Er zog die
Jacke aus und h�ngte sie �ber die Achsel. Er ging zwischen hohem Gestr�pp
hindurch und betrat eine absch�ssige Wildnis gelber Gr�ser, wo die Grabsteine
sehr klein waren, die H�gel nur einen oder zwei Fu� lang. W�hrend er sich
zwischen ihnen durchschl�ngelte, las er die Nummern, bis er vor einem niedrigen
Eisengitter stand, das die Nummer sieben zwei acht trug. Es umfriedete ein
rechteckiges Areal, und als Jerry den Blick hob, sah er die Statue eines
kleinen Jungen vor sich, in viktorianischen Kniehosen und einem Eton-Jackett,
in Lebensgr��e, mit zerzausten steinernen Locken und knospenden steinernen
Lippen, aus einem aufgeschlagenen steinernen Buch lesend oder absingend,
w�hrend lebendige Schmetterlinge wie trunken um seinen Kopf flatterten. Der
Junge war ein durch und durch englisches Kind, und die Inschrift lautete Nelson
<emphasis>Ko in liebendem Angedenken. </emphasis>Eine Menge Zahlen folgten, und
Jerry brauchte eine Weile, ehe er ihre Bedeutung begriff: zehn
aufeinanderfolgende Jahre, keines ausgelassen, und das letzte war 1968. Dann
war ihm klar, da� dies die zehn Lebensjahre des Jungen waren, deren jedes
einzeln gew�rdigt werden sollte. Auf der untersten Stufe des Sockels lag ein
gro�er Orchideenstrau�, noch im Papier.</p><p>Ko dankte
Nelson f�r seinen Sieg. Jetzt verstand Jerry wenigstens, warum er nicht mit
Fragen nach seinem Gl�ck bel�stigt werden wollte.</p><p>Es gibt
eine Art gelegentlich auftretender Erm�dung, die nur Au�enagenten kennen: eine
Versuchung zur Milde, die der Ku� des Todes sein kann. Jerry verharrte noch
eine Weile, betrachtete die Orchideen und den steinernen Jungen und f�gte sie
im Geist all dem hinzu, was er bisher von Ko gesehen und �ber ihn erfahren
hatte. Und er hatte ein �berw�ltigendes Gef�hl - nur eine Sekunde lang, aber es
ist allemal gef�hrlich - der Erf�llung �als w�re er einer Familie begegnet, nur
um zu entdecken, da� es seine eigene war. Er hatte ein Gef�hl, angelangt zu
sein. Hier war ein Mann, der dieses Haus besa�, mit jener Frau verheiratet war,
strebte und spielte auf eine Art, die Jerry m�helos verstand. Kein besonders
einpr�gsamer Mann, und doch sah Jerry ihn in diesem Augenblick deutlicher, als
er sich selber je gesehen hatte. Ein armer Chiu-Chow-Junge, der Steward eines
Jockey Clubs wird und Tr�ger des O.B.E. und vor einem Rennen sein Pferd mit dem
Schlauch abspritzt. Ein Hakka-Wasserzigeuner, der seinem Kind ein baptistisches
Begr�bnis und ein englisches Standbild gibt. Ein Kapitalist, der Politik ha�t.
Ein gescheiterter Jurist; Bandenbo�, Erbauer von Krankenh�usern, der Opiumfl�ge
befehligt, Stifter von Geistertempeln, der Krocket spielt und in einem
Rolls-Royce herumf�hrt. Eine amerikanische Bar in seinem chinesischen Garten,
und russisches Gold auf seinem Treuhandkonto. Alle diese umfassenden und widerspr�chlichen
Einblicke alarmierten Jerry damals nicht im geringsten; sie waren nicht
Vorboten schlimmer oder paradoxer Ereignisse. Er sah sie vielmehr durch Kos
r�cksichtsloses Bem�hen zusammengeschwei�t zu einem einzigen, aber
vielseitigen Mann, nicht un�hnlich Old Sambo. Und noch nachdr�cklicher hatte er
- in den wenigen Sekunden, die es andauerte - das unabweisbare Gef�hl, in guter
Gesellschaft zu sein, etwas, das er schon immer gesch�tzt hatte. In stiller
Hochstimmung kehrte er zum Friedhofstor zur�ck, als h�tte Jerry, nicht Ko, das
Rennen gewonnen. Erst als er wieder auf der Stra�e stand, fand er in die
Wirklichkeit zur�ck. Der Verkehr war lockerer geworden, und er fand sofort ein
Taxi. Sie waren etwa hundert Yards gefahren, als er Luke auf dem Bordstein
einsame Pirouetten drehen sah. Jerry lotste ihn in den Wagen und setzte ihn vor
dem Auslandskorrespondenten Club wieder ab. Im Furama-Hotel rief er Craws
Privatnummer an, lie� es zweimal klingeln, l�utete nochmals an und h�rte Craws
Stimme fragen: �Wer zum Teufel ist denn dort?� Er fragte nach einem Mr. Savage,
erntete ein gemeines Schimpfwort und die Auskunft, er habe die falsche Nummer
gew�hlt, lie� Craw eine halbe Stunde Zeit, ein anderes Telefon aufzusuchen und
ging dann hin�ber zum Hilton, um auf den R�ckruf zu warten.</p><p>Unser
Freund sei in persona aufgetaucht, berichtete Jerry ihm. Mittelpunkt der
Aufmerksamkeit, wegen eines gewaltigen Ge<strong>winns. </strong>Als es vorbei gewesen sei, habe
ihn eine sehr h�bsche Blonde in ihrem Sportwagen mitgenommen. Jerry nannte die
Zulassungsnummer. Die beiden waren eindeutig befreundet, sagte er. Sehr
auffallend und h�chst unchinesisch. <emphasis>Mindestens</emphasis>
befreundet, w�rde er sagen. �Rundauge?�</p><p>�Nat�rlich
war sie ein Rundauge, und ob! Wer zum Teufel hat schon je geh�rt, da� . . .�</p><p>�Herrje�,
sagte Craw leise und legte auf, ehe Jerry Gelegenheit hatte, ihm von Klein
Nelsons Grabmal zu berichten.</p><p><emphasis/></p><p><emphasis/><emphasis>Die Barone
tagen </emphasis></p><empty-line/><p>Der
Warteraum im h�bschen Tagungshaus des Foreign Office in Carlton Gardens f�llte
sich langsam. Leute kamen zu zweien und dreien herein, ohne einander zur
Kenntnis zu nehmen, wie Trauerg�ste vor einem Begr�bnis. An der Wand hing ein
Schild mit der Warnung: �Besprechen Sie keine vertraulichen Angelegenheiten�.
Smiley und Guillam hatten sich verzagt direkt darunter auf einer mit
lachsfarbenem Samt bezogenen Bank niedergelassen. Der Raum war oval und im
Rokoko-Stil des Arbeitsministeriums gehalten. Am bemalten Plafond machte
Bacchus Jagd auf ein paar Nymphen, die bedeutend williger waren, sich fangen zu
lassen, als Molly Meakin. An den W�nden standen leere L�scheimer, und zwei
Regierungs-Cerberusse bewachten den Zugang zu den inneren R�umlichkeiten. Vor
den geschwungenen Schiebefenstern erf�llte Herbstsonne den Park und hob jedes
einzelne Blatt scharf ab. Saul Enderby f�hrte strammen Schritts das Kontingent
des Foreign Office herein. Guillam kannte ihn nur dem Namen nach. Er war fr�her
Gesandter in Indonesien gewesen, jetzt Ober-Pundit der S�dostasien-Abteilung
und galt als entschiedener Verfechter des amerikanischen harten Kurses. Im
Schlepptau ein ergebener parlamentarischer Unterstaatssekret�r, ein
Gewerkschafts-Protege und eine bl�hende, schmucke Gestalt, die sich auf
Zehenspitzen - Smiley n�herte, die H�nde waagerecht ausgestreckt, als �berraschte
sie ihn bei einem Nickerchen.</p><p>�Kann das
wahr sein?� fl�sterte er strahlend. �Wirklich? Wirklich ! George Smiley in
voller Pracht. Mein Lieber, Sie haben ja Pfunde verloren. Wer ist Ihr netter
Junge. Nichts sagen. Peter Guillam. Ich wei� alles von ihm. <emphasis>G�nzlich </emphasis>unverdorben
vom Mi�erfolg, hei�t es.�</p><p>�O nein!�
rief Smiley unwillk�rlich. �O Himmel, Roddy.�</p><p>�Was
meinen Sie mit: <strong>&gt;0 </strong>nein. O
Himmel, Roddy&lt;,� fragte Martindale v�llig unger�hrt im gleichen leisen
Vibrato. �O <strong><emphasis>ja, </emphasis></strong>meinen Sie
wohl! &gt;Ja, Roddy. Gottvoll, Sie zu sehen, Roddy !&lt; H�ren Sie zu. Ehe das
Pack anr�ckt. Was macht die hinrei�ende Ann? Nur f�r meine Ohren. Kann ich f�r
Sie beide ein Dinner geben? Sie sollen die G�ste w�hlen. Wie w�re das? Und, <strong><emphasis>ja, </emphasis></strong>ich stehe auf der Liste, falls das Ihr kleines Rattenhirn
beunruhigen sollte, junger Peter Guillam, ich bin aufger�ckt, ich bin eine
gro�e Nummer, unsere neuen Herren beten mich an. Sollten sie auch, nach all dem
Wirbel, den ich um sie gemacht habe.� Die Innent�ren flogen mit einem Knall
auf. Einer der Wachtposten rief �Gentlemen!�, und die Kenner des Protokolls
traten zur�ck, um den Damen den Vortritt zu lassen. Es waren zwei. Die M�nner
folgten, Guillam bildete den Schlu�. Ein paar Meter weit h�tte es der Circus
sein k�nnen: ein eigens angelegter Engpa�, wo jedes einzelne Gesicht von
Kontrolleuren gepr�ft wurde, dann ein provisorischer Korridor, der zu einer Art
Bauh�tte inmitten eines ausgeh�hlten Treppenschachts f�hrte: nur da� die
Bauh�tte keine Fenster hatte und an Dr�hten hing und mit Seilen gesichert war.
Guillam hatte Smiley v�llig aus den Augen verloren, und als er die Stufen aus
Hartfaserplatten hinaufstieg und den streng gesicherten Sitzungssaal betrat,
sah er nur Schatten unter einem blauen Nachtlicht geistern.</p><p>�So <strong><emphasis>tu </emphasis></strong>doch wer was�, grollte Enderby wie ein ungeduldiger Gast,
der sich �ber die Bedienung beklagt. �Licht, Herrgottnochmal. <strong><emphasis>Verdammtes </emphasis></strong>Volk.�</p><p>Die T�r
schlug hinter Guillams R�cken zu, ein Schl�ssel drehte sich im Schlo�, ein
elektrisches Summen klomm die Tonleiter hinauf und verschwand wimmernd aus dem
H�rbereich, drei Neonr�hren wurden stotternd hell und tauchten die Anwesenden
in kr�nkliche Bl�sse.</p><p>�Hurrah�,
sagte Enderby und setzte sich. Sp�ter �berlegte Guillam, wieso er so sicher
war, da� Enderby im Dunkeln gerufen hatte, aber es gibt Stimmen, die man h�rt,
noch ehe sie sprechen. Der Konferenztisch war mit schadhaftem gr�nem Filz
bezogen, wie die Billardtische in einem Jugendclub. Das Foreign Office sa� am
einen Ende, das Colonial Office am anderen. Die Trennung war eher biologisch
als gesetzlich bedingt. Seit sechs Jahren lebten' die beiden Ministerien als
offiziell verm�hltes Paar unter dem gro�artigen Dach des Diplomatic Service,
aber kein vern�nftiger Mensch nahm die Verbindung ernst. Guillam und Smiley
sa�en in der Mitte, Schulter an Schulter, flankiert von leeren St�hlen. Als
Guillam die Besetzung musterte, fiel ihm absurderweise vor allem die Kleidung
auf. Das Foreign Office war kategorisch in anthrazitgrauen Anz�gen und den
diskreten Attributen der Bevorzugten erschienen: sowohl Enderby wie Martindale
trugen Alt-Eton-Krawatten. Die Colonialists boten den handgewebten Eindruck von
Landbewohnern, die in die Stadt kamen, und das Beste, was sie in puncto
Krawatten vorzuzeigen hatten, war ein einziger Royal-Artillery-Mann: der
redliche Wilbraham, ihr Anf�hrer, ein r�stiger, schlanker schulmeisterlicher
Herr mit hochroten �derchen auf den wettergegerbten Wangen. Eine stille Frau in
Orgelbraun sa� ihm zur Seite und auf der anderen Seite ein frischgebackener
junger Mitarbeiter mit Sommersprossen und einem r�tlichen Haarschopf. Die
�brigen Sitzungsteilnehmer sahen aus wie Sekundanten bei einem Duell, das sie
zutiefst mi�billigten, und sie waren vorsichtshalber immer paarweise gekommen:
der finstere Pretorius vom Staats-Sicherheitsdienst mit einem namenlosen
weiblichen Aktentaschen tr�ger; zwei blasse Krieger vom
Verteidigungsministerium; zwei Schatzamt-Bankiers, einer davon der Waliser
namens Hammer. Oliver Lacon war allein und hatte sich abseits von allen anderen
gesetzt, f�r aller Augen derjenige, den die Sache am wenigsten anging. Vor
jedem H�ndepaar lag Smileys Eingabe in einem Hefter mit der Aufschrift �Streng
geheim, nur f�r Dienstgebrauch�, rot und rosa wie ein Souvenirprogramm. Das
�Nur f�r Dienstgebrauch� bedeutete, la�t die Vettern nicht dran. Smiley hatte
die Eingabe aufgesetzt, die M�tter hatten sie getippt, Guillam hatte daneben
gestanden, als sie vervielf�ltigt wurde und die vierundzwanzig Abz�ge von Hand
zusammengeheftet wurden. Nun lag das Werk ihrer aller H�nde auf diesem gro�en
Tisch herum, zwischen den Wassergl�sern und den Aschenbechern. Enderby hob
einen Hefter sechs Zoll vom Tisch hoch und lie� ihn klatschend wieder fallen.</p><p>�Jeder
gelesen?� fragte er. Jeder hatte gelesen. �Dann fangen wir an�, sagte Enderby
und blickte mit blutunterlaufenen arroganten Augen in die Runde. �Wer macht
den ersten Wurf? Oliver? Sie haben uns hierhergeholt. Also los.� Guillam fand,
da� Martindale, die Gottesgei�el des Circus und seiner T�tigkeit, heute seltsam
kleinlaut war. Die Augen hatte er pflichtschuldig auf Saul Enderby gerichtet,
die Mundwinkel ergeben gesenkt.</p><p>Lacon
setzte sofort zur Verteidigung an: �Darf ich zun�chst bemerken, da� dies f�r
mich ebenso �berraschend kam wie f�r alle anderen�, sagte er. �Ein regelrechter
Tiefschlag, George. Es w�re eine Hilfe gewesen, ein bi�chen vorbereitet zu
sein. Es ist einigerma�en heikel f�r <strong><emphasis>mich, </emphasis></strong>mu� ich
sagen, die Verbindung zu einer Dienststelle zu bilden, die in letzter Zeit so
ziemlich jede Verbindung abgebrochen hat.�</p><p>Wilbraham
sagte: �H�rt, h�rt.� Smiley verhielt sich schweigend wie ein Mandarin.
Pretorius von der Konkurrenz runzelte billigend die Stirn.</p><p>�Auch
kommt es zu einem ungeschickten Zeitpunkt�, f�gte Lacon unheilverk�ndend hinzu.
�Ich meine, die These, Ihre These <strong><emphasis>allein, </emphasis></strong>ist - wie
soll ich sagen,- gewaltig. Nicht leicht zu schlucken. Nicht leicht zu
verkraften, George.�</p><p>Nachdem er
sich so den R�ckzug gesichert hatte, tat Lacon, als wolle er behaupten, es
liege vielleicht �berhaupt keine Bombe unterm Bett.</p><p>�Ich will
versuchen, die Zusammenfassung zusammenzufassen. Darf ich? In d�rren Worten,
George. Ein prominenter chinesischer B�rger von Hongkong wird verd�chtigt,
russischer Spion zu sein. Das ist doch der Kern der Sache?�</p><p>�Es steht
fest, da� er sehr betr�chtliche russische Zuwendungen erh�lt�, korrigierte
Smiley ihn, redete jedoch zu seinen H�nden. �Aus einem Geheimfonds, der dazu
dient, Tiefenagenten zu finanzieren?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Ausschlie�lich
zu deren Finanzierung? Oder hat dieser Fonds noch andere Verwendungszwecke?�</p></section><section><p>�Soviel
wir wissen, hat er keinerlei anderen Verwendungszweck�, sagte Smiley im
gleichen lapidaren Ton wie vorher.</p><p>�Zum
Beispiel - Propaganda, die Verkaufsf�rderung unter der Hand, Rabatte - diese
Art Zahlungen? Nein?�</p><p>�Soviel
wir wissen nein�, wiederholte Smiley.</p><p>�Ah, aber
wieviel wissen Sie?� rief Wilbraham vom unteren Tischende. �War in der
Vergangenheit nicht gerade besonders viel, wie?�</p><p>�Sie
sehen, worauf ich hinauswill?� fragte Lacon. �Wir w�rden <strong><emphasis>weit </emphasis></strong>mehr Beweise ben�tigen�, sagte die Kolonialdame in Braun
mit herzerquickendem L�cheln.</p><p>�Wir
auch�, pflichtete Smiley milde bei. Ein paar K�pfe hoben sich �berrascht. �Eben
um weiteres Beweismaterial zu erhalten, bitten wir um Rechte und
Genehmigungen.� Lacon ergriff erneut die Initiative.</p><p>�Nehmen
wir Ihre These einmal als gegeben an. Ein geheimdienstlicher Fonds, alles so,
wie Sie sagen.� Smiley nickte vage.</p><p>�Gibt es
Anhaltspunkte daf�r, da� Ko in der Kolonie W�hlarbeit leistet?�</p><p>�Nein.�</p><p>Lacon warf
einen Blick auf seine Notizen. Guillam fand, da� er flei�ig Hausaufgaben
gemacht haben mu�te.</p><p>�Er
predigt zum Beispiel nicht den R�ckzug ihrer Sterlingreserven aus London? Was
uns weitere neunhundert Millionen Pfund in die roten Zahlen bringen w�rde?�</p><p>�Meines
Wissens: nein.�</p><p>�Er sagt nicht,
da� wir die Insel r�umen sollen. Er zettelt keine Aufst�nde an oder dr�ngt auf
Verschmelzung mit dem Festland oder h�lt uns den elenden Vertrag unter die
Nase?�</p><p>�Nicht da�
wir w��ten.�</p><p>�Er ist
kein Gleichmacher. Er fordert keine einflu�reichen Gewerkschaften, oder freies
Wahlrecht, oder Mindestl�hne, oder allgemeine Schulpflicht, oder
Rassengleichheit, oder ein eigenes Parlament f�r die Chinesen anstelle ihrer
zahmen K�rperschaften oder wie immer sie hei�en?�</p><p>�Legco und
Exco�, schnappte Wilbraham. �Und sie sind nicht zahm.�</p><p>�Nein, das
tut er nicht�, sagte Smiley.</p><p>�Was tut
er <strong><emphasis>dann?� </emphasis></strong>unterbrach
Wilbraham erregt. �Nichts. Das ist die Antwort. Sie sind v�llig auf dem
Holzweg. Jagen Hirngespinsten nach.�</p><p>�Ich darf
noch bemerken�, fuhr Lacon fort, als h�tte er nichts geh�rt, �da� er vermutlich
ebensoviel zum Wohle der Kolonie tut wie jeder andere reiche und angesehene
chinesische Gesch�ftsmann. Oder ebensowenig. Er diniert mit dem Gouverneur,
aber ich glaube nicht, da� er schon einmal den Safe gepl�ndert hat. Er ist in
der Tat nach au�en hin so etwas wie ein Prototyp in Hongkong: Steward des
Jockey Club, unterst�tzt karitative Einrichtungen, ist eine S�ule der
integrierten Gesellschaft, erfolgreich, wohlt�tig, besitzt den Reichtum eines
Kr�sus und die Gesch�ftsmoral eines Bordells.�</p><p>�H�ren
Sie, das ist ein bi�chen stark!� protestierte Wilbraham. �Langsam Oliver.
Denken Sie doch an die neuen Sozialbauten.� Wiederum schenkte Lacon ihm keine
Beachtung: �Abgesehen vom Victoriakreuz, einer Kriegsinvalidenrente und dem
Baronstitel ist es daher schwer vorstellbar, wie er ein noch weniger geeignetes
Ziel f�r die Verfolgung durch einen britischen oder die Anwerbung durch einen
russischen Geheimdienst sein k�nnte.�</p><p>�In meiner
Welt nennen wir das gute Legende�, sagte Smiley.</p><p><strong><emphasis>�Touche, </emphasis></strong>Oliver�, sagte Enderby voll Genugtuung.</p><p>�Ach,
heutzutage ist alles Legende�, sagte Wilbraham d�ster, aber das zog Lacon auch
nicht aus der Aff�re.</p><p>Runde eins
an Smiley, dachte Guillam hocherfreut und erinnerte sich an das gr��liche
Dinner in Ascot: <strong><emphasis>Hitti-pitti an der Wand, und
bums, da macht es Plumps, </emphasis></strong>tr�llerte er im stillen mit geb�hrender
Anerkennung f�r seine Gastgeberin.</p><p>�Hammer?�
sagte Enderby, und das Schatzamt durfte sich kurz Luft machen und Smiley wegen
seiner Abrechnungen die Leviten lesen, aber niemand au�er dem Schatzamt schien
Smileys Verfehlungen wichtig zu nehmen.</p><p>�Das
entspricht nicht dem Zweck, f�r den Ihnen ein �berbr�ckungsfonds zugestanden
wurde�, beharrte Hammer in zunehmender Entr�stung. �Das waren ausschlie�lich
Post-mortem-Zahlungen -.�</p><p>�Sch�n,
sch�n, Georgie ist also ein ganz b�ser Junge�, unterbrach Enderby schlie�lich
und stopfte Hammer den Mund. �Hat er sein Geld ins Klo gesp�lt oder hat er's
beiseite geschafft? Das ist die Frage. Chris, h�chste Zeit, da� das Empire mal
wieder was zu sagen hat.�</p><p>Auf diese
direkte Aufforderung hin ergriff Wilbraham in aller Form das Wort, moralisch
unterst�tzt von seiner Dame in Braun und seinem rothaarigen Assistenten, dessen
junges Gesicht bereits grimmige Entschlossenheit ausdr�ckte, seinen Gebieter zu
besch�tzen.</p><p>Wilbraham
geh�rte zu den Leuten, die gar nicht bemerken, wie lange sie zum Denken
brauchen. �Ja�, begann er nach einer Ewigkeit. �Ja. Ja, <strong><emphasis>well, </emphasis></strong>ich m�chte zun�chst noch bei dem Geld bleiben, wenn
Sie gestatten, so wie Lacon.� Es war bereits klar, da� er die Eingabe als einen
�bergriff auf sein Terrain betrachtete. �Schlie�lich ist dieses Geld alles,
woran wir uns halten k�nnen�, bemerkte er treffend und bl�tterte eine Seite in
seinem Hefter zur�ck. �Ja.� Worauf eine weitere endlose Unterbrechung folgte.
�Sie schreiben hier, das Geld sei urspr�nglich aus Paris �ber Vientiane
gekommen.� Pause. �Dann schalteten die Russen auf ein anderes System um,
sozusagen, und es wurde durch einen v�llig anderen Kanal geleitet. Eine
Hamburg-Wien-Hongkong-Route. Endlose Verwicklungen, Winkelz�ge, und so weiter -
wir setzen voraus, da� Ihre Version stimmt, - ja? Gleiches Karnickel, anderer
Zylinder, sozusagen. Gut. Und warum, glauben Sie, haben sie das getan,
sozusagen?�</p><p><strong><emphasis>Sozusagen, </emphasis></strong>registrierte Guillam, der ein sehr
scharfes Geh�r f�r sprachliche Eigenarten hatte.</p><p>�Es ist
eine wohldurchdachte Praxis, die Routine von Zeit zu Zeit zu wechseln�,
erwiderte Smiley und wiederholte damit die Erkl�rung, die er bereits in der
Eingabe geliefert hatte. <strong><emphasis>�Verfahrenstechnik,
</emphasis></strong>Chris�, warf Enderby ein, der immer gern sein bi�chen Fachjargon
leuchten lie�, und Martindale, noch immer <strong><emphasis>piano, </emphasis></strong>warf ihm eine bewundernden, Blick zu. Wiederum
brachte sich Wilbraham langsam in Gang. �Wir m�ssen uns davon leiten lassen,
was Ko <strong><emphasis>tut�, </emphasis></strong>erkl�rte
Wilbraham in verst�ndnislosem Eifer und lie� die Fingerkn�chel auf dem
Filzbelag trommeln. �Nicht von dem, was er <strong><emphasis>bekommt. </emphasis></strong>Dabei bleibe ich. Schlie�lich, ich meine, zum
Donnerwetter, das Geld geh�rt doch nicht Ko, oder? Dem Gesetz nach hat es
nichts mit ihm zu tun.� Das Argument verursachte kurzes verwirrtes Schweigen.
�Seite zwei, oben. Das ganze Geld ist auf einem Treuhandkonto.� Gro�es
Geraschel, als alle, mit Ausnahme von Smiley und Guillam, nach ihren Heftern
griffen. �Ich meine, es wird nicht nur nichts davon <strong><emphasis>ausgegeben - </emphasis></strong>was an sich schon reichlich
sonderbar ist, ich komme gleich darauf -, es ist einfach <strong><emphasis>nicht Kos Geld. </emphasis></strong>Es wird treuh�nderisch verwaltet,
und wenn der Verf�gungsberechtigte sich einstellt, wer immer er oder sie sein
mag, dann geh�rt es dem Verf�gungsberechtigten. Bis dahin bleibt es auf dem
Konto. Sozusagen. Also, ich meine, <strong><emphasis>was hat Ko
Unrechtes getan? </emphasis></strong>Ein Treuhandkonto er�ffnet? Gibt kein Gesetz
dagegen. Wird alle Tage gemacht. Besonders in Hongkong. Der <strong><emphasis>Verf�gungsberechtigte - </emphasis></strong>oh, der k�nnte �berall sein! In
Moskau, in Timbuktu oder . . . � Es schien ihm kein dritter Ort mehr
einzufallen, also gab er es auf, zum Mi�behagen seines feuerk�pfigen
Assistenten, der Guillam finster anstarrte, als wolle er ihn herausfordern.
�Sache ist die: was liegt gegen <strong><emphasis>Ko </emphasis></strong>vor?�
Enderby hatte ein Streichholz in den Mund gesteckt und rollte es zwischen den
Vorderz�hnen. Vielleicht im Bewu�tsein dessen, da� sein Gegenspieler ein gutes
Argument schlecht vorgebracht hatte - w�hrend seine eigene Spezialit�t im
umgekehrten Verfahren lag -, nahm er das Streichholz heraus und betrachtete das
angesabberte Ende.</p><p>�Was zum
Teufel soll dieser ganze Schiet �ber <strong><emphasis>Daumenabdr�cke,
</emphasis></strong>George?� fragte er, vielleicht in dem Bestreben, Wilbrahams Erfolg zu
schm�lern. �Klingt wie aus Phillips Oppenheim.� <strong><emphasis>Belgravia Cockney, </emphasis></strong>dachte Guillam: das letzte Stadium
sprachlichen Niedergangs.</p><p>Smileys
Antwort klang ungef�hr so leidenschaftlich wie die Zeitansage:</p><p>�Der
Gebrauch von Daumenabdr�cken ist bei den Banken an der chinesischen K�ste eine
altehrw�rdige Praxis. Sie stammt aus den Tagen des weit verbreiteten
Analphabetentums. Viele �berseechinesen bedienen sich lieber britischer Banken
als ihrer eigenen, und die Struktur dieses Kontos ist keineswegs ungew�hnlich.
Der Verf�gungsberechtigte weist sich durch visuelle Mittel aus, zum Beispiel
durch die H�lfte einer durchgerissenen Banknote, oder in diesem Fall durch den
Abdruck seines Daumens, des linken, da angenommen wird, er sei weniger durch
schwere Arbeit abgenutzt als der rechte. Die Bank wird kaum mit der Wimper
zucken, vorausgesetzt, da� der Er�ffner des Treuhandkontos sie von jeder
Verantwortung im Fall einer irrt�mlichen oder widerrechtlichen Auszahlung
entbunden hat.�</p><p>�Vielen
Dank�, sagte Enderby, und das Streichholz verschwand wieder zwischen seinen
Z�hnen. �K�nnte zum Beispiel auch Kos <strong><emphasis>eigener </emphasis></strong>Daumenabdruck
sein�, gab er zu bedenken. �Gibt nichts, was ihn hindern k�nnte, oder? <strong><emphasis>Dann </emphasis></strong>w�rde es eindeutig sein Geld sein. Wenn er Treuh�nder und
Verf�gungsberechtigter in einer Person ist, dann ist es <strong><emphasis>nat�rlich </emphasis></strong>sein eigenes verdammtes Geld.� F�r Guillam hatte
die Diskussion bereits eine l�cherlich falsche Wendung genommen.</p><p>�Das ist
blo�e Annahme�, sagte Wilbraham nach dem �blichen zweimin�tigen Schweigen.
�Angenommen, Ko tut einem alten Freund einen Gefallen. Nur mal angenommen. Und
dieser alte Freund hat eine krumme Tour gedreht oder macht von Zeit zu Zeit
Gesch�fte mit den Russen. Eure Chinesen <strong><emphasis>lieben </emphasis></strong>Verschw�rungen.
Sind mit <strong><emphasis>allen </emphasis></strong>Wassern
gewaschen, auch die nettesten. Ko ist keine Ausnahme, da m�chte ich wetten.�
Zum erstenmal meldete sich der rothaarige Junge zu Wort und unternahm einen
Entlastungsangriff.</p><p>�Die
Eingabe fu�t auf einem Trugschlu߫, erkl�rte er unverbl�mt und wandte sich zun�chst
mehr an Guillam als an Smiley. Puritanischer Primaner, dachte Guillam: ist
�berzeugt, da� Sex entkr�ftend wirkt und Spionieren unmoralisch ist. <strong><emphasis>�Sie </emphasis></strong>sagen, Ko steht auf der russischen Gehaltsliste. Wir
sagen, das ist nicht bewiesen. Wir sagen, das Konto <strong><emphasis>kann </emphasis></strong>russisches Geld enthalten, aber Ko und das Konto sind
v�llig getrennte Faktoren.� In seiner Entr�stung redete er viel zu lange
weiter: <strong><emphasis>�Sie </emphasis></strong>sprechen
von Vergehen. W�hrend <strong><emphasis>wir </emphasis></strong>sagen, Ko
hat sich nicht gegen das in Hongkong geltende Gesetz vergangen und sollte der
ihm als B�rger einer Kolonie zustehenden Rechte teilhaftig sein.� Mehrere
Stimmen donnerten gleichzeitig los. Lacon gewann. �Niemand spricht hier von
Vergehen�, konterte er. �Von Vergehen ist �berhaupt nicht die Rede. Wir
sprechen �ber Sicherheit. Ausschlie�lich. Sicherheit, und die Frage, ob es
w�nschbar ist oder nicht, wegen einer augenscheinlichen Gefahr Untersuchungen
anzustellen.�</p><p>Hammers
Kollege vom Schatzamt war, wie sich herausstellte ein eiskalter Schotte, mit
einem ebenso schmucklosen Stil wie der Primaner.</p><p>�Kein
Mensch macht sich hier stark, Kos Rechte als B�rger der Kolonie zu
beschneiden�, fauchte er. �Er hat keine. In den Gesetzen von Hongkong steht <strong><emphasis>kein Wort, </emphasis></strong>da� der Gouverneur nicht Mr. Kos
Post �ffnen oder Mr. Kos Telefon abh�ren darf oder sein Zimmerm�dchen bestechen
oder in seinem Haus bis Ultimo Meisen kleben. Kein einziges Wort. Und es gibt
noch einiges mehr, was der Gouverneur tun kann, wenn er es f�r richtig h�lt.�</p><p>�Auch rein
spekulativ�, sagte Enderby mit einem Blick zu Smiley. �Der Circus verf�gt dort
nicht �ber den n�tigen Apparat f�r solche <strong>Spa�e, </strong>und unter den gegebenen Umst�nden w�re es auf jeden
Fall unsicher.�</p><p>�Es w�re
skandal�s�, sagte der rothaarige Junge vorwitzig, und Enderbys Schlemmerauge,
gelb von allen Mahlzeiten seines Lebens, hob sich zu ihm und merkte ihn vor zu
sp�terer Behandlung.</p><p>So verlief
das zweite erfolglose Scharm�tzel. Sie kabbelten sich herum bis zur Kaffeepause,
kein Sieger, keine Leichen. Zweite Runde unentschieden, lautete Guillams
Spruch. Er fragte sich b�nglich, wie viele Runden es wohl geben werde. �Was ist
denn los?� fragte er Smiley tuschelnd: �Sie k�nnen es doch nicht aus der Welt
reden.�</p><p>�Sie m�ssen
es auf ihr eigenes Format reduzieren�, erkl�rte Smiley ohne jede Kritik. Im
�brigen schien er sich auf orientalische Selbstvergessenheit verlegt zu haben,
und Guillams Sticheln w�rde ihn nicht daraus aufscheuchen. Enderby bestellte
frische Aschenbecher. Der Parlamentarische Unterstaatssekret�r sagte, man solle
versuchen, weiterzukommen.</p><p>�Bedenken
Sie, was es den Steuerzahler kostet, nur da� wir hier sitzen�, dr�ngte er voll
Stolz. Bis zum Lunch waren es noch zwei Stunden.</p><p>Enderby
er�ffnete die dritte Runde mit der kitzligen Frage, ob das Gouvernement in
Hongkong von dem �ber Ko vorliegenden Nachrichtenmaterial in Kenntnis zu setzen
sei. Was ziemlich hinterh�ltig von ihm war, fand Guillam, denn das Schattenkabinett
des Colonial Office (wie Enderby seine handgewebten <strong><emphasis>confreres </emphasis></strong>zu nennen pflegte) stellte sich nach wie vor auf
den Standpunkt, es gebe keine Krise und folglich auch nichts, wovon irgendwer
in Kenntnis gesetzt werden k�nne. Doch der redliche Wilbraham, der die Falle
nicht sah, tappte prompt hinein und sagte:</p><p>�Nat�rlich
sollten wir Hongkong benachrichtigen. Sie haben Selbstverwaltung. Es gibt f�r
uns keine Alternative.�</p><p>�Oliver?�
sagte Enderby mit der Ruhe eines Mannes, der ein gutes Blatt in der Hand hat.
Lacon blickte hoch, deutlich irritiert �ber diese direkte Einbeziehung.
�Oliver?� wiederholte Enderby. �Ich bin <strong><emphasis>versucht </emphasis></strong>zu
antworten, dies sei Smileys Fall und Wilbrahams Kolonie, und wir sollten es die
beiden unter sich ausfechten lassen�, sagte er und hielt sich eisern drau�en.
Blieb also Smiley: �Oh, <strong><emphasis>well, </emphasis></strong>wenn es
nur der Gouverneur w�re und sonst niemand, so k�nnte ich kaum dagegen sein�,
sagte er. �Das hei�t, wenn Sie der Ansicht sind, da� es nicht zuviel von ihm
verlangt ist�, f�gte er dunkel hinzu, und Guillam sah, wie der Rotkopf sich abermals
zum Eingreifen anschickte.</p><p>�Warum zum
Kuckuck sollte es vom Gouverneur zuviel verlangt sein?� fragte Wilbraham
aufrichtig verbl�fft. �Erfahrener Verwaltungsbeamter, gerissener
Verhandlungspartner. Kommt mit allem zurecht. Warum ist es zuviel?�</p><p>Diesmal
lie� Smiley erst eine Pause eintreten. �Er w�rde seine Telegramme nat�rlich
eigenh�ndig codieren und decodieren m�ssen�, �berlegte er laut, als setzte er
sich in seiner Zerstreutheit erst jetzt mit allen unausbleiblichen Folgen
auseinander. �Wir k�nnten selbstverst�ndlich nicht zulassen, da� er seine
Mitarbeiter einweihte. Es w�re von jedem Menschen zuviel verlangt. Pers�nliche
Codeb�cher - nun ja, die k�nnten wir ihm allerdings zukommen lassen. K�nnten
seine Geschicklichkeit im Codieren aufpolieren, wenn n�tig. Ich pers�nlich sehe
noch das Problem, da� der Gouverneur praktisch in die Rolle des <strong><emphasis>agent provocateur </emphasis></strong>gezwungen wird, wenn er Ko auch
weiterhin in seinem Haus empf�ngt - was er fraglos tun mu�. Wir d�rfen das Wild
in diesem Stadium nicht kopfscheu machen. W�rde ihm das unangenehm sein?
Vielleicht nicht. Manche Menschen sind von Hause aus dazu veranlagt.� Er
blickte zu Enderby hin�ber. Wilbraham war bereits dabei, seiner Emp�rung Luft
zu machen: �Aber du lieber Himmel, Mann, wenn Ko ein russischer Spion ist - was
wir ohnehin verneinen -, und der Gouverneur l�dt ihn zum Dinner ein und begeht
im vertraulichen Gespr�ch, wie es nur nat�rlich w�re, irgendeine geringf�gige
Indiskretion - also, das ist verdammt unfair. Es k�nnte die Karriere des Mannes
ruinieren. Ganz zu schweigen von dem, was es der Kolonie schaden k�nnte! Er <strong><emphasis>mu� </emphasis></strong>informiert werden!� Smiley wirkte schl�friger denn je.</p><p>�Ja,
nat�rlich, wenn er zu Indiskretionen neigt,� brabbelte er dem�tig, �dann k�nnte
man allerdings ins Treffen f�hren, da� er ohnehin nicht der rechte Mann ist,
dem man Informationen zukommen lassen sollte.�</p><p>In dem
eisigen Schweigen nahm Enderby wiederum bedauernd das Streichholz aus dem Mund.</p><p>�Verdammt
komisch w�r's schon, oder, Chris�, rief er fr�hlich �ber den Tisch Wilbraham
zu, �wenn Peking eines Morgens auf dem Nachtk�stchen die frohe Botschaft
vorf�nde, der Gouverneur von Hongkong, Stellvertreter der K�nigin und was sonst
noch, Oberster Befehlshaber der Truppen et cetera, habe es sich nicht nehmen
lassen, Moskaus Superspion einmal monatlich bei sich zu Tisch zu sehen und ihm
f�r seine M�he einen Orden verliehen. Was hat er bis jetzt? Doch keinen
Ritterschlag, oder? Von und zu?�</p><p>�Den
O.B.E.�, sagte jemand <strong><emphasis>sotto voce.</emphasis></strong></p><p>�Armer
Kerl. Aber er wird's schon noch dazu bringen, nehme ich an. Wird sich
hinaufarbeiten, wie wir alle.�</p><p>Enderby
hatte zuf�llig schon seinen Ritterschlag, w�hrend Wilbraham, wegen der
zunehmenden Knappheit an Kolonien, in den unteren R�ngen steckengeblieben war.</p><p>�Es liegt
kein konkreter Fall vor�, sagte Wilbraham standhaft und legte eine behaarte
Hand flach auf den farbenfrohen Hefter vor ihm.</p><p>Es folgte
eine allgemeine Aussprache, f�r Guillams Ohr ein Intermezzo, bei dem in stillschweigender
�bereinkunft auch die minderen Stimmen gelegentlich mit belanglosen Fragen
einfallen durften, um im Sitzungsprotokoll Erw�hnung zu finden. Der Waliser
Hammer w�nschte <strong><emphasis>hier und jetzt </emphasis></strong>festgestellt
zu wissen, was mit der halben Million Dollar aus dem Reptilienfonds der Moskauer
Zentrale geschehen w�rde, wenn sie zum Beispiel in britische H�nde fiele. Es
k�nne nicht in Frage kommen, da� sie einfach durch den Circus wieder in Umlauf
gesetzt w�rde, warnte er. Die Alleinrechte m��ten beim Schatzamt liegen. Ob das
klar sei?</p><p>Es sei
klar, sagte Smiley.</p><p>Guillam
erkannte, da� sich eine Spaltung anbahnte. Zwischen denen, die, wenn auch
widerstrebend, akzeptierten, da� die Untersuchung ein <strong><emphasis>fait accompli </emphasis></strong>war, und denen, die ihr Nachhutgefecht
gegen deren Abhaltung weiterf�hrten. Hammer schien sich, wie Guillam �berrascht
feststellte, mit einer Untersuchung abgefunden zu haben.</p><p>Eine lange
Reihe von Fragen �ber �legale� und �illegale� Residenturen war zwar erm�dend,
diente indes dazu, die Furcht vor einer Roten Gefahr zu verankern. Luff, der
Parlamentarier, verlangte, man solle ihm den Unterschied genau erkl�ren. Smiley
tat es geduldig. Ein �legaler� oder �oberirdischer� Resident, sagte er, sei ein
Geheimdienstbeamter, der unter offiziellem oder halboffiziellem Schutz in dem
betreffenden Land lebe. Da es das Gouvernement in Hongkong mit R�cksicht auf
Pekings Animosit�t gegen�ber Ru�land f�r gut befunden habe, jede Art sowjetischer
Repr�sentation aus der Kolonie zu verbannen - Botschaft, Konsulat, TASS, Radio
Moskau, Novosti, Aeroflot, Intourist und s�mtliche sonstigen dienlichen
Flaggen, unter denen die �Legalen� traditionsgem�� zu segeln pflegten -, sei
es unvermeidlich, da� jede sowjetische Aktivit�t in der Kolonie durch einen
illegalen oder unterirdischen Apparat erfolgen m�sse. Eben diese Voraussetzung
habe die Recherchen des Circus in jene Richtung gelenkt, die dazu f�hrte, da�
die Ersatz-Route f�r das Geld entdeckt wurde, sagte er, und vermied den
Fachausdruck �Goldader�.</p><p>�Aha, dann
haben wir also die Russen dazu gezwungen�, sagte Luff voll Genugtuung. �Wir
haben es nur uns selbst zu verdanken. Wir schikanieren die Russen, sie bei�en
zur�ck. Wen kann das �berraschen? Wir baden hier die Fehler der <strong><emphasis>letzten </emphasis></strong>Regierung aus, nicht unserer jetzigen. Wer die
Russen reizt, bekommt, was er verdient. Klar. Wir ernten wieder einmal den
Sturm, wie �blich.�</p><p>�Was
hatten die Russen <strong><emphasis>vordem </emphasis></strong>in
Hongkong gehabt?� fragte ein cleverer J�ngling aus dem Home Office. Mit einem
Schlag kam Leben in die Kolonialisten. Wilbraham begann, fieberhaft eine Akte
zu durchbl�ttern, aber als er sah, wie sein rothaariger Assistent an der Leine
zerrte, brummte er: �Sie �bernehmen das, John, ja? Gut�, lehnte sich zur�ck und
blickte grimmig drein. Die braune Dame l�chelte wehm�tig auf die
Tischbespannung, als ged�chte sie der Zeiten, da der gr�ne Filz noch heil war.
Also unternahm der Primaner seinen zweiten unseligen Ausbruchsversuch:</p><p>�Es gibt
hierf�r unseres Erachtens in der Tat h�chst lichtvolle Exempel�, begann er
aggressiv. �Die fr�heren Versuche der Moskauer Zentrale, in der Kolonie Fu� zu
fassen, waren s�mtlich ohne Ausnahme fruchtlos und unergiebig.� Er leierte eine
Anzahl langweiliger Beispiele herunter.</p><p>Vor f�nf
Jahren, sagte er, sei ein falscher russisch-orthodoxer Archimandrit aus Paris
eingeflogen worden, der Verbindung mit der wei�russischen Gemeinde aufnehmen
sollte: �Dieser Herr versuchte, einen �lteren Restaurantbesitzer in die Dienste
der Moskauer Zentrale zu n�tigen und wurde prompt festgenommen. In j�ngerer
Zeit kam es vor, da� Besatzungsmitglieder russischer Frachter, die Hongkong zu
Reparaturzwecken anliefen, dort an Land gingen. Sie unternahmen plumpe Versuche,
Hafenarbeiter und Docker, die sie f�r linksgerichtet hielten, zu bestechen. Sie
wurden arretiert, verh�rt, in der Presse l�cherlich gemacht und durften, wie
nur recht und billig, das Schiff f�r den Rest der Liegezeit nicht mehr
verlassen.� Er lieferte noch weitere nichtige Beispiele, und alle wurden
schl�frig und warteten auf den letzten Gang: �Wir verfahren jedesmal in <strong><emphasis>genau </emphasis></strong>der gleichen Weise. Sobald sie erwischt werden, auf
der Stelle, werden die Schuldigen �ffentlich blo�gestellt, Pressofotos? So
viele Sie wollen, Gentlemen. Fernsehen? Kamera l�uft. Ergebnis? Peking klopft
uns freundschaftlich auf den R�cken, weil wir sowjetische Expansionisten
abwehren.� In seiner ma�losen �bererregtheit hatte er den Nerv, sich direkt an
Smiley zu wenden. �Sie sehen also, was Ihre illegalen Netze betrifft, so ziehen
wir sie offen gestanden stark in Zweifel. Legal, illegal, ober- oder unterirdisch.
Unsere Ansicht lautet, der Circus dr�ckt hier ein bi�chen auf die Tube, um
wieder ins Spiel zu kommen!� Guillam �ffnete bereits den Mund zu einem
entsprechenden R�ffel, als er eine warnende Ber�hrung am Ellbogen sp�rte, und
schlo� ihn wieder.</p><p>Es folgte
ein langes Schweigen, w�hrend dessen Wilbraham noch verlegener aussah als alle
anderen.</p><p>�Klingt
mir eher nach blauem Dunst, Chris�, sagte Enderby n�chtern.</p><p>�Was soll
das hei�en?� fragte Wilbraham nerv�s.</p><p>�Antworte
nur auf das Argument, das Ihr Prachtjunge f�r Sie vorgebracht hat, Chris.
Blauer Dunst. T�uschung. Die Russen rasseln mit dem S�bel, dort, wo ihr sie
sehen k�nnt, und w�hrend ihr alle brav dorthin schaut, machen sie in aller Ruhe
ihre dreckige Arbeit auf der anderen Seite der Insel. Siehe Bruder Ko.
Stimmt's, George?�</p><p>�Nun,
dieser Ansicht sind wir, ja�, r�umte Smiley ein. �Und ich sollte Sie wohl daran
erinnern - es steht �brigens in der Eingabe -, da� Haydon seinerzeit immer
besonders eifrig betonte, die Russen h�tten in Hongkong nichts laufen.�</p><p>�Lunch�
verk�ndete Martindale ohne viel Optimismus. Sie a�en droben, ein freudloses
Mahl, das per Lieferwagen in Menagetellern aus Plastik gekommen war. Die
einzelnen Vertiefungen waren zu flach, und Guillams Eiercreme schwappte in das
Fleischgericht.</p><p>Also
gest�rkt nutzte Smiley die allgemeine nachmitt�gliche Tr�gheit, um das ins
Spiel zu bringen, was Lacon als den Panik-Faktor bezeichnet hatte. Genauer
gesagt, er versuchte, der Versammlung das Gef�hl einzufl��en, da� eine
sowjetische Pr�senz in Hongkong eigentlich nur logisch sei, auch falls, wie er
es formulierte, Ko nicht das Beispiel daf�r lieferte: Hongkong als der gr��te
Hafen Festland-Chinas, �ber den vierzig Prozent seines Au�enhandels abgewickelt
werden. Wie sch�tzungsweise jeder f�nfte Einwohner Hongkongs allj�hrlich legal
in China ein- und ausreise, wobei die Mehrfach-Reisen diesen Durchschnitt
zweifellos noch anh�ben. Wie China in Hongkong, <strong><emphasis>sub rosa, </emphasis></strong>aber mit voller Billigung der Beh�rden, Teams erstklassiger
Unterh�ndler, Wirtschaftler und Techniker unterhalte, die �ber Pekings
Interessen in Handel, Verkehr und Entwicklung wachten, und wie jeder einzelne
dieser M�nner ein nat�rliches Ziel f�r Geheimdienste zwecks �Verleitung oder
anderer Formen einer geheimen �berredung�, wie er sich ausdr�ckte, darstelle.</p><p>Wie
Hongkongs Fischerei- und Dschunkenflotte sich eines doppelten Heimatrechts
erfreute, in Hongkong und entlang der chinesischen K�ste, und ungehindert in
chinesischen Gew�ssern ein- und auslaufe -.</p><p>Enderby
unterbrach ihn mit einer hilfreichen Frage:</p><p>�Und Ko
besitzt eine eigene Dschunkenflotte. Sagten Sie nicht, er sei einer der letzten
Wackeren der Gilde?�</p><p>�Ja, ja,
das stimmt.�</p><p>�Aber er
sucht das Festland nicht pers�nlich auf?�</p><p>�Nein,
nie. Das tut sein Assistent, aber nach unseren Ermittlungen Ko selbst niemals.�</p><p>�Assistent?�</p><p>�Er hat
einen Freund und Manager namens Tiu. Die beiden sind schon seit zwanzig Jahren
beisammen. L�nger. Sie kommen aus dem gleichen Stall: Hakka, Schanghai und so
weiter. Tiu ist in mehreren Firmen sein Strohmann.�</p><p>�Und Tiu
sucht regelm��ig das Festland auf?�</p><p>�Mindest
einmal im Jahr.�</p><p>�Gr��ere
Reisen?�</p><p>�Kanton,
Peking und Schanghai sind aktenkundig. Aber die Akte ist nicht notwendigerweise
vollst�ndig.�</p><p>�Aber Ko
bleibt zu Hause. Komisch.�</p><p>Da keine
weiteren Fragen oder Kommentare hierzu kamen, fuhr Smiley in seiner Anpreisung
der Reize Hongkongs als Spionagebasis fort. Hongkong sei einmalig, stellte er
schlicht fest. Kein anderer Ort der Welt biete auch nur ein Zehntel der
Voraussetzungen f�r ein Fu�fassen in China.</p><p><strong><emphasis>� Voraussetzungen!� </emphasis></strong>echote Wilbraham. �Versuchungen
sollten Sie sagen.�</p><p>Smiley
zuckte die Achseln. �Versuchungen, wenn Sie so wollen�, stimmte er zu. �Der
sowjetische Geheimdienst ist nicht gerade ber�hmt f�r seine Widerstandskraft in
dieser Hinsicht.� Und unter einigem wissenden Gel�chter setzte er die
Aufz�hlung dessen fort, was bisher an Vorst��en der Zentrale auf das
chinesische Ziel als Ganzes bekannt war: ein kombinierter Abri� aus Connie und
di Salis. Er schilderte die Bem�hungen der Zentrale, einen Angriff von Norden
her zu f�hren, mittels einer Gro�-Anwerbung und Infiltration der eigenen Leute
chinesischer Volkszugeh�rigkeit. Erfolglos, sagte er. Er schilderte ein gewaltiges
Netz von Lauschposten entlang der viereinhalbtausend Meilen
chinesisch-russischer Landgrenze: unproduktiv, sagte er, denn die Ausbeute sei
milit�rischer Art, w�hrend die Gefahr politischer Natur sei. Er kolportierte
die Ger�chte sowjetischer Ann�herungsversuche an Taiwan, den Vorschlag,
gemeinsame Sache gegen die chinesische Bedrohung zu machen durch kombinierte
Operationen und geteilten Profit: abgelehnt, sagte er, und wahrscheinlich
�berhaupt nur als St�rung geplant, um Peking zu �rgern, nicht zum vorgegebenen
Zweck. Er gab Beispiele daf�r, wie die Russen ihre Talentsucher auf
Chinesengemeinden in London, Amsterdam, Vancouver und San Francisco ansetzten
und streifte die verh�llten Vorschl�ge der Zentrale an die Vettern vor einigen
Jahren, man solle einen �Nachrichten-Pool� schaffen, der den gemeinsamen
Feinden Chinas zug�nglich w�re. Fruchtlos, sagte er. Die Vettern zogen nicht.
Und schlie�lich kam er noch auf die lange Geschichte wilder Verbrennungs- und
Bestechungsoperationen der Zentrale gegen Amtstr�ger Pekings auf �berseeischen
Posten: Produkt unbestimmt, sagte er. Nachdem das gesagt war, lehnte er sich
zur�ck und stellte nochmals die These auf, die an diesem ganzen Hin und Her
schuld war.</p><p>�Fr�her
oder sp�ter�, wiederholte er, �mu� die Moskauer Zentrale in Hongkong
auftauchen.�</p><p>Womit
wiederum Ko an der Reihe war, und Roddy Martindale, der unter Enderbys
Adlerauge den n�chsten wirklichen Waffengang einleitete:</p><p>�Well, was
glauben Sie, wof�r das Geld ist, George? Ich meine, wir haben jetzt alles
geh�rt, wof�r es <strong><emphasis>nicht </emphasis></strong>ist, und
wir haben geh�rt, da� es nicht ausgegeben wird. Aber wir sind keinen Schritt <strong><emphasis>weiter, </emphasis></strong>oder?, verdammt nochmal. Sieht nicht aus, als <strong><emphasis>w��ten </emphasis></strong>wir etwas. Es ist die gleiche alte Frage: wie wird
das Geld verdient, wie wird es ausgegeben, was sollen wir tun?�</p><p>�Das sind
drei Fragen�, sagte Enderby leise, aber hart.</p><p>�Eben <strong><emphasis>weil </emphasis></strong>wir nichts wissen�, sagte Smiley st�rrisch, �ersuchen wir
um die Genehmigung, es festzustellen.�</p><p>Von den
Schatzamtb�nken her sagte jemand: �Ist eine halbe Million viel Geld?�</p><p>�Nach
meiner Erfahrung beispiellos�, sagte Smiley. �Die Moskauer Zentrale� - er
vermied pflichtschuldig den Namen Karla -�hat es schon immer geha�t, Loyalit�t
zu kaufen. Und ein Kaufpreis in dieser H�he ist bei ihnen etwas Unerh�rtes.�</p><p>�Aber <strong><emphasis>wessen </emphasis></strong>Loyalit�t wollen sie kaufen?� wehklagte jemand.
Martindale der Gladiator warf sich erneut ins Get�mmel: �Sie sagen uns nicht
alles, George. Das wei� ich. Sie haben irgendeinen Tip, ganz klar. Also r�cken
Sie schon raus damit. Seien Sie nicht so spr�de.�</p><p>�Ja, k�nnten
Sie nicht doch ein paar Karten aufdecken?� lamentierte auch Lacon.</p><p>�Bestimmt
k�nnen Sie doch ein <strong><emphasis>bi�chen </emphasis></strong>mehr
auspacken�, flehte Hammer.</p><p>Selbst
unter diesem Dreifrontendruck wankte Smiley noch immer nicht. Der Panik-Faktor
tat endlich seine Wirkung. Smiley selbst hatte ihn ausgel�st. Wie �ngstliche
Patienten best�rmten sie ihn um eine Diagnose. Und Smiley weigerte sich, eine
solche zu stellen, mit der Begr�ndung, da� ihm die Daten fehlten. �Glauben Sie
mir, ich kann nichts weiter tun, als Ihnen die Fakten mitteilen, soweit sie
feststehen. Wenn ich in diesem Stadium laute Spekulationen anstellte, w�re
niemandem gedient.� Zum erstenmal seit Beginn der Sitzung tat die Kolonialdame
den Mund auf und stellte eine Frage. Ihre Stimme war wohlklingend und intelligent.</p><p>�Um auf
den Punkt Pr�zedenzf�lle zur�ckzukommen, Mr. Smiley -� Smiley zog den Kopf ein
und machte eine altmodische kleine Verbeugung -. �Gibt es Pr�zedenzf�lle daf�r,
da� geheime russische Gelder an einen Treuh�nder gezahlt wurden? Auf anderen
Schaupl�tzen, zum Beispiel?�</p><p>Smiley
antwortete nicht sofort. Guillam, der nur ein paar Zentimeter von ihm entfernt
sa�, h�tte geschworen, eine pl�tzliche Spannung zu sp�ren, als h�tte seinen
Nachbarn ein j�her Energiesto� durchzuckt. Aber als er einen Blick auf das
unger�hrte Profil warf, konnte er an seinem Herrn und Meister nur zunehmende
Schl�frigkeit und ein leichtes Absacken der m�den Lider konstatieren.</p><p>�Es gab
ein paar F�lle von dem, was wir als <strong><emphasis>Alimente </emphasis></strong>bezeichnen�,
r�umte er schlie�lich ein.</p><p><strong><emphasis>�Alimente, </emphasis></strong>Mr. Smiley?� echote die
Kolonialdame, w�hrend ihr rothaariger Gef�hrte noch f�rchterlicher die Stirn
runzelte, als geh�rten auch Ehescheidungen zu den Dingen, die er mi�billigte.
Smiley setzte die Schritte mit �u�erster Behutsamkeit: �Es gibt selbstverst�ndlich
Agenten, die in feindlichen L�ndern arbeiten - feindlich vom sowjetischen
Standpunkt aus - und aus Gr�nden der Tarnung ihren Sold nicht nutzen k�nnen,
solange sie im Einsatz sind.� Die braungewandete Dame nickte leicht, zum
Zeichen, da� sie verstanden habe. �In derlei F�llen ist es �blich, das Geld in
Moskau zu deponieren und dem Agenten zug�nglich zu machen, sobald er in der
Lage ist, es auszugeben. Ihm oder seinen Angeh�rigen, falls -�</p><p>�- falls
es ihn erwischt hat�, erg�nzte Martindale genie�erisch. �Aber Hongkong ist
nicht Moskau�, erinnerte ihn die Kolonialdame l�chelnd.</p><p>Smiley
hatte seine Ausf�hrungen beinah abgeschlossen: �In seltenen F�llen, wenn das
Motiv Geld ist und der Agent vielleicht keine sp�tere R�ckkehr nach Ru�land
anstrebt, kam es vor, da� die Moskauer Zentrale, als Notl�sung, sich zu einem
�hnlichen Arrangement in, sagen wir, der Schweiz entschlo�.�</p><p>�Aber
nicht in Hongkong?� bohrte sie.</p><p>�Nein, das
nicht. Und nach aller Erfahrung ist es unvorstellbar, da� Moskau sich zu einer
Alimentenzahlung in dieser Gr��enordnung entschlie�en k�nnte. Allein schon,
weil dies f�r den Agenten einen Anreiz b�te, sich von seiner T�tigkeit
zur�ckzuziehen.� Gel�chter wurde laut, aber als es sich gelegt hatte, war die
Dame in Braun schon mit ihren n�chsten Fragen zur Hand. �Aber die Zahlungen
fingen bescheiden an�, meinte sie mit h�flicher Hartn�ckigkeit. �Das steile
Ansteigen ist erst verh�ltnism��ig neuen Datums?�</p><p>�Stimmt�,
sagte Smiley.</p><p>Stimmt zu
verdammt genau, dachte Guillam und fing an, sich ernsthaft zu beunruhigen.</p><p>�Mr.
Smiley, wenn das betreffende Aufkl�rungsmaterial f�r die Russen entsprechend
wertvoll w�re, glauben Sie, da� sie sich <strong><emphasis>bereit finden </emphasis></strong>w�rden,
ihre Vorbehalte �ber Bord zu werfen und einen solchen Preis zu zahlen?
Schlie�lich ist, absolut gesprochen, das Geld an und f�r sich unerheblich,
verglichen mit dem Wert eines gro�en Informationsvorsprungs.�</p><p>Smiley
hatte einfach aufgeh�rt zu sprechen. Er dr�ckte sich auch nicht durch bestimmte
Geb�rden aus. Er blieb h�flich, rang sich sogar ein kleines L�cheln ab, aber er
hatte eindeutig genug von Mutma�ungen. Enderby mu�te mit seinem blasierten
N�seln einspringen, um die Frage wegzuwischen. �Kinder, wenn wir nicht
aufpassen, vertun wir den ganzen Tag mit Theoretisieren�, rief er mit einem
Blick auf die Uhr. �Chris, wie ist das, lassen wir die Amerikaner mitspielen?
Wenn wir dem Gouverneur nicht Mitteilung machen, wie steht's dann mit einer
Mitteilung an unsere tapferen Alliierten?� Der Gong hat George gerettet, dachte
Guillam. Bei der Erw�hnung der Vettern legte Colo Wilbraham los wie ein
gereizter Stier. Guillam vermutete, da� er diese Frage hatte kommen sehen und
entschlossen war, sie abzuschie�en, sobald sie nur den Kopf herausstreckte.</p><p>�Veto,
bedaure�, schnappte er ohne eine Spur seiner sonstigen Anlauffrist. �Absolut.
Jede Menge Gr�nde. Erstens Abgrenzung. Hongkong ist unser Revier. Die
Amerikaner haben dort keine Fangrechte. Gar nichts. Zweitens ist Ko britischer
Untertan und hat einigen Anspruch auf unseren Schutz. Ist vermutlich altmodisch
von mir. Mir aber egal, offen gesagt. Die Amerikaner w�rden sofort loslegen.
War schon mal da. Gott wei�, wo es enden w�rde. Drittens: kleiner
Protokollpunkt.� Er meinte es ironisch. Er appellierte an den Instinkt eines
Ex-Botschafters und versuchte, dessen Sympathie zu gewinnen. �Nur ein kleiner
Punkt, Enderby. Die Amerikaner in Kenntnis setzen und den Gouverneur nicht -
also, wenn <strong><emphasis>ich </emphasis></strong>der
Gouverneur w�re und in diese Lage k�me, ich w�rde meinen Hut nehmen. Mehr kann
ich nicht sagen. Das w�rden Sie auch tun. Ich wei� es. Sie w�rden es tun. Ich
auch.�</p><p>�Vorausgesetzt,
da� Sie dahinterk�men�, korrigierte ihn Enderby.</p><p>�Keine
Sorge. Ich w�rde dahinterkommen. Erstens w�rden sie, zehn Mann hoch, im ganzen
Haus mit Mikrophonen herumkrauchen. Haben es schon ein paarmal in Afrika
getan, wo wir sie reinlie�en. Katastrophe. Komplett.� Er warf die, gekreuzten
Unterarme auf den Tisch und starrte w�tend auf sie nieder. Ein heftiges Tuckern
wie von einem Au�enbordmotor meldete eine Panne in einem der elektronischen
Abschirmger�te, stockte, erholte sich wieder und surrte im Senkrechtstart au�er
H�rbereich.</p><p>�M��te ein
mutiger Mann sein, der's hinter Ihrem R�cken wagen w�rde�, murmelte Enderby mit
breitem bewunderndem Grinsen in das gespannte Schweigen. �Richtig�, bellte
Lacon aus heiterem Himmel. Sie wissen es, dachte Guillam nur. George hat sie
gek�dert. Sie wissen, da� er mit Martello einen Handel geschlossen hat, und sie
wissen, da� er es nicht sagen wird, weil er entschlossen ist, sich tot zu
stellen. Aber Guillam sah an jenem Tag nichts klar. W�hrend Schatzamt und
Verteidigung vorsichtig in dem offenbar logischen Argument �bereinstimmten -
�Haltet die Amerikaner hier raus� -, schien Smiley seltsamerweise gar keine
Neigung zu versp�ren, diese Frage anzutippen.</p><p>�Aber es
bleibt nach wie vor das Problem, was mit dem Rohmaterial geschehen soll�, sagte
er. �Ich meine, falls Sie beschlie�en sollten, da� meine Dienststelle die Sache
nicht weiter verfolgen darf�, f�gte er, zur allgemeinen Verwirrung, nachdenklich
hinzu.</p><p>Guillam
war erleichtert, auch Enderby v�llig verbl�fft zu sehen. �Soll 'n das hei�en?�
fragte Enderby und schlo� sich damit k�rz der �brigen Meute an.</p><p>�Ko hat
finanzielle Interessen in ganz S�dostasien�, erinnerte Smiley sie. �Seite eins
meiner Eingabe.� Gesch�ftigkeit, Gebl�tter. �Wie uns zum Beispiel bekannt ist,
besitzt er auf dem Umweg �ber Mittelsleute und Strohm�nner alles m�gliche, zum
Beispiel eine Nachtclubkette in Saigon, eine Fluggesellschaft mit Sitz in
Vientiane, eine Tankerflotte in Thailand. Es w�re durchaus vorstellbar, da�
einige dieser Unternehmen politische Obert�ne h�tten, die tief in die
amerikanische Einflu�sph�re hineinreichen. Ich w�rde nat�rlich Ihre
schriftliche Anweisung in H�nden haben m�ssen, wenn ich unsere Seite der
bestehenden bilateralen Abkommen au�er acht lassen sollte.�</p><p>�Sprechen
Sie weiter�, befahl Enderby und fischte aus der vor ihm liegenden Schachtel ein
frisches Z�ndholz. �Oh, ich glaube, ich habe alles gesagt, vielen Dank�, sagte
Smiley h�flich. �Die Sache ist in der Tat h�chst einfach. Angenommen, wir
machen nicht weiter, was, wie Lacon mir sagte, das Resultat der heutigen
Sitzung sein d�rfte, was habe ich dann zu tun? Das Material auf den M�ll
werfen? Oder es im Rahmen der bestehenden Austauschabmachung an unsere Alliierten
weitergeben?�</p><p>�Alliierte�,
rief Wilbraham erbittert. �Alliierte? Sie setzen uns die Pistole auf die Brust,
Mann!�</p><p>Smileys
eiserne Erwiderung war nach seiner bisherigen Lethargie um so best�rzender.</p><p>�Ich habe
von diesem Ausschu� strikte Anweisung erhalten, unsere Verbindung mit den
Amerikanern zu reparieren. In dem Vertrag, der mir von Ihnen ausgestellt wurde,
hei�t es w�rtlich, da� ich alles nur M�gliche zu tun h�tte, um diese besondere
Beziehung zu pflegen und den Geist gegenseitigen Vertrauens wiederzuerwecken,
der vor - vor Haydon existierte. &gt;Um uns wieder an den F�hrungstisch
zur�ckzubringen&lt;, sagten Sie . . . � Er blickte Enderby direkt an.</p><p>�F�hrungstisch�,
echote jemand - eine ganz neue Stimme. �Opferaltar, wenn Sie mich fragen. Wir
haben bereits den Nahen Osten und halb Afrika darauf verbrannt. Alles der
besonderen Beziehung zuliebe.�</p><p>Aber
Smiley schien nicht zu h�ren. Er war erneut in die Haltung bek�mmerter
Widerborstigkeit zur�ckgefallen. Manchmal, so sagte seine traurige Miene, waren
die B�rden seines Amts einfach zu schwer f�r ihn.</p><p>Ein
neuerlicher Anfall von Nachtisch-Gr�mlichkeit setzte ein. Jemand beklagte sich
�ber den Tabaksqualm. Ein Bote wurde herbeizitiert.</p><p>�Was - zum
Teufel ist mit der Entl�ftung los?� fragte Enderby m�rrisch. �Wir ersticken.�</p><p>�Die
Ersatzteile�, sagte der Bote. �Wir haben sie schon vor Monaten bestellt, Sir.
Vor Weihnachten war das, Sir, also fast ein Jahr her. Trotzdem, gegen solche
Verz�gerungen kann man nichts machen, stimmt doch, Sir?�</p><p>�Herrje�,
sagte Enderby.</p><p>Es wurde
Tee bestellt. Er kam in Pappbechern an, die auf den Tischbelag leckten. Guillam
lie� seine Gedanken zu Molly Meakins unvergleichlicher Figur schweifen. Es war
fast vier Uhr, als Lacon sich herbeilie�, die Spitze der Armeen zu �bernehmen,
und Smiley aufforderte, er m�ge jetzt �genau sagen, was Sie, praktisch gesehen,
von uns haben wollen, George, raus damit auf den Tisch des Hauses, und dann
wollen wir versuchen, eine Antwort auszuhecken�.</p><p>Freudenbezeigung
w�re t�dlich gewesen. Smiley schien das zu begreifen.</p><p>�Erstens,
wir ben�tigen Rechte und Genehmigung, um auf dem S�dostasien-Schauplatz zu
operieren - inoffiziell, so da� der Gouverneur seine H�nde in Unschuld waschen
kann� - ein Blick hin�ber zum Unterstaatssekret�r - �und unsere Herren hier
ebenfalls; zweitens, um gewisse Recherchen im Inland durchzuf�hren.�</p><p>K�pfe
fuhren in die H�he. Das Innenministerium wurde pl�tzlich unruhig. Warum? Wer?
Wie? <strong><emphasis>Welche </emphasis></strong>Recherchen?
Wenn es sich um das Inland handle, m�sse die Konkurrenz damit befa�t werden.
Pretorius vom Staatssicherheitsdienst befand sich bereits in G�rung.</p><p>�Ko hat in
London Jura studiert�, beharrte Smiley. �Er hat hier Verbindungen,
gesellschaftlicher und gesch�ftlicher Art. Wir m��ten sie selbstverst�ndlich
unter die Lupe nehmen.� Er blickte Pretorius an. �Wir w�rden der Konkurrenz
unsere s�mtlichen Ergebnisse zug�nglich machen�, versprach er und fuhr in
seinem Ansuchen fort.</p><p>�Nun zum
Geld: meine Eingabe enth�lt eine vollst�ndige Aufschl�sselung der Summe, die
wir sofort ben�tigen, plus zus�tzlicher Kostenvoranschl�ge f�r verschiedene
Eventualit�ten. Schlie�lich bitten wir, sowohl auf lokaler als auch auf
Whitehall-Ebene, unsere Residentur in Hongkong wieder �ffnen zu d�rfen, um eine
vorgeschobene Basis f�r die Operation zu haben.� Betroffenes Schweigen
quittierte diesen letzten Punkt, und Guillam schlo� sich dem allgemeinen
Erstaunen an. Nirgendwo, weder bei einer der vorbereitenden Diskussionen im
Circus noch bei Lacon hatte irgend jemand, auch Smiley nicht, die Frage
angeschnitten, ob High Haven wieder er�ffnet oder eine Nachfolgeeinrichtung
geschaffen werden solle. Wiederum erhob sich gro�er Tumult.</p><p>�Andernfalls�,
endete Smiley ungeachtet der Proteste, �das hei�t, wenn wir unsere Residentur
nicht bekommen, so fordern wir zumindest Blankovollmacht, um unsere eigenen
unterirdischen Agenten in der Kolonie anzusetzen. Kein Einverst�ndnis der
dortigen Stellen, sondern die Billigung und den Schutz Londons. Alle
existierenden Quellen sind nachtr�glich zu legitimieren. Schriftlich�, f�gte er
mit einem harten Blick auf Lacon hinzu und erhob sich.</p><p>Tr�bsinnig
nahmen �Guillam und Smiley erneut im Warteraum auf der gleichen lachsroten Bank
Platz, auf der sie schon vor Beginn gesessen hatten, Seite an Seite, wie Reisende,
die das gleiche Ziel haben.</p><p><strong><emphasis>�Warum?� </emphasis></strong>murmelte Guillam einmal, aber George Smiley Fragen
zu stellen, war an jenem Tag nicht nur ein Versto� gegen den guten Geschmack,
sondern ausdr�cklich durch das Warnschild verboten, das �ber ihnen an der Wand
hing. Noch d�mmer h�tte man nicht ausreizen k�nnen, dachte Guillam bedr�ckt. Du
hast die Vorstellung geschmissen, dachte er. Armes altes Wrack: eben doch aus
mit dir. Die einzige Operation, die uns wieder ins Spiel bringen k�nnte.
Habgier, das war's. Die Habgier eines alten Spions, der's eilig hat. Ich halte
zu ihm, dachte Guillam. Ich will mit dem sinkenden Schiff untergehn. Wir machen
zusammen eine H�hnerfarm auf. Molly kann die Buchhaltung �bernehmen, und Ann
sich bukolischen Verquickungen mit den Landarbeitern �berlassen. �Wie f�hlen
Sie sich?� fragte er. �Es handelt sich nicht ums F�hlen�, erwiderte Smiley.
Besten Dank, dachte Guillam.</p><p>Zwanzig
Minuten vergingen. Smiley hatte sich nicht bewegt. Sein Kinn war auf die Brust
gesunken, die Augen hielt er geschlossen, er h�tte in ein Gebet vertieft sein
k�nnen. �Vielleicht sollten Sie einen Abend ausspannen�, sagte Guillam. Smiley
runzelte nur die Stirn.</p><p>Ein Bote
erschien und forderte sie auf, in den Saal zur�ckzukehren. Lacon nahm jetzt
das Pr�sidium ein, sein Gebaren war das einer Aufsichtsperson. Enderby sa� auf
dem �bern�chsten Platz und unterhielt sich fl�sternd mit dem Waliser Hammer.
Pretorius blickte drohend wie eine Gewitterwolke, und seine namenlose Dame
sch�rzte die Lippen zu einem unbewu�ten Feindesku�.</p><p>Lacon
raschelte ruheheischend mit seinen Notizen und begann, wie ein pedantischer
Richter den detaillierten Wahrspruch des Ausschusses vorzulesen, ehe er das
Urteil verk�ndete. Das Schatzamt hatte energischen Protest eingelegt, zu Protokoll
genommen, wegen mi�br�uchlicher Handhabung von Smileys Gesch�ftskonto. Smiley
solle zudem eingedenk sein, da� alle Antr�ge auf Rechte und Genehmigungen im
Inland im vorhinein mit dem Staatssicherheitsdienst abzusprechen seien und
nicht �mitten in einer offiziellen Ausschu�sitzung wie Kaninchen aus dem Hut zu
zaubern�. Von einer Wiederer�ffnung der Residentur Hongkong k�nne keinesfalls
die Rede sein. Ein solcher Schritt sei allein schon aus zeitlichen Gr�nden
unm�glich. Er lie� durchblicken, da� es sich in der Tat um einen schamlosen
Vorschlag gehandelt habe. Hier gehe es um Prinzipielles, Konsultationen auf
h�chster Ebene w�rden vonn�ten sein, und da Smiley sich bereits ausdr�cklich
gegen eine Weitergabe seines Materials an den Gouverneur ausgesprochen habe -
womit Lacon Wilbraham seine Reverenz erwies -, w�rde sich die Wiedereinrichtung
einer Residentur in vorhersehbarer Zukunft schwerlich verfechten lassen, zumal
in Anbetracht der ungl�ckseligen Publicity, die sich mit der R�umung von High Haven
verbunden habe. �Ich mu� diese Ansicht mit gr��tem Bedauern akzeptieren�, sagte
Smiley ernst.</p><p>Um Himmels
willen, dachte Guillam: wir wollen doch wenigstens k�mpfend untergehen!</p><p>�Akzeptieren
Sie sie, wie immer Sie wollen�, sagte Enderby - und Guillam h�tte schw�ren
k�nnen, sowohl in Enderbys Augen wie in denen des Waliser Hammers einen
Schimmer von Triumph gesehen zu haben.</p><p>Dreckskerle,
dachte er schlicht. F�r euch gibt's keine Gratish�hner. Im Geist sagte er
bereits dieser ganzen Meute Adieu. �Alles �brige�, sagte Lacon, legte ein Blatt
Papier beiseite und nahm ein anderes auf, �ist, unter gewissen einschr�nkenden
Bedingungen und Sicherheitsbestimmungen bez�glich Zweckdienlichkeit,
Finanzierung und Geltungsdauer der Sonderbefugnis, bewilligt.�</p><p>Der Park
war menschenleer. Die unbedeutenderen Besucher hatten das Feld f�r die Profis
ger�umt. Einige Liebespaare lagen auf dem feuchten Gras wie Krieger nach der
Schlacht. Ein paar Flamingos d�sten. Neben �Guillam, der euphorisch in Smileys
Kielwasser dahinschlenderte, sang Roddy Martindale Smileys Lob: �Ich finde
George einfach wundervoll. Nicht umzubringen. Und ein Durchsetzungsverm�gen!
Bewundernswert. Ist die menschliche F�higkeit, die ich am meisten bewundere.
George hat sie in rauhen Mengen. Diese Dinge sehen sich ganz anders an, wenn
man aufger�ckt ist. Man w�chst erst in ihr Format hinein, unter uns gesagt. War
Ihr Vater nicht Arabist?�</p><p>�Ja�,
sagte Guillam, der sich in Gedanken schon wieder mit Molly und mit der Frage
besch�ftigte, ob wohl ein gemeinsames Dinner noch m�glich sei.</p><p>�Und
schrecklich <strong><emphasis>Almanach de Gotha: </emphasis></strong>War er
eigentlich Spezialist f�r <strong><emphasis>ante </emphasis></strong>oder
post?�</p><p>Guillam,
der bereits zu einer hochgradig obsz�nen Erwiderung ansetzte, wurde gerade noch
rechtzeitig gewahr, da� Martindale sich nach nichts Gewagterem als den
wissenschaftlichen Neigungen seines Vaters erkundigte.</p><p>�Oh, <strong><emphasis>ante, ante </emphasis></strong>war das Panier. Am liebsten w�re
er bis Adam und Eva zur�ckgegangen.�</p><p>�Kommen
Sie zum Dinner.�</p><p>�Vielen
Dank.�</p><p>�Den Tag
sprechen wir noch ab. Wer ist ausnahmsweise mal <strong><emphasis>am�sant? </emphasis></strong>Wen m�gen Sie?�</p><p>Von weiter
vorn trug die taufeuchte Luft die affektierte Stimme Enderbys zu ihnen, der
Smileys Sieg bejubelte. <strong><emphasis>�Nette </emphasis></strong>kleine
Sitzung. Eine Menge geschafft. Nichts verschenkt. Blatt <strong><emphasis>sehr </emphasis></strong>nett ausgespielt. Ziehen Sie diesen Fisch an Land, und Sie
k�nnen anbauen, meine ich. Und die Vettern werden spuren, wie?� bellte er, als
bef�nden sie sich noch immer im abh�rsicheren Konferenzraum. �Sie haben dort
das Gel�nde sondiert? Die Vettern werden die Balljungen spielen und nicht
versuchen, das Match an sich zu rei�en? Bi�chen riskant, das Ganze, aber Sie
werden's schaffen. Und sagen Sie Martello, er soll Kreppsohlen tragen, wenn er
welche hat, oder wir kriegen die gr��ten Scherereien mit den Colonials, eh wir
bis drei z�hlen. Schade um den alten Wilbraharn. H�tte Indien ordentlich
verwaltet.� Noch ein St�ck weiter vorn, beinah schon au�er Sicht unter den
B�umen, gestikulierte der kleine Hammer energisch auf Lacon ein, der sich
arrogant zu ihm niederbeugte, um seine Worte zu verstehen.</p><p>Auch eine
nette kleine Verschw�rung, dachte Guillam. Er blickte zur�ck und sah zu seiner
�berraschung Fawn, den Babysitter, herbeirennen. Zuerst schien er noch eine
ganze Strecke entfernt, Nebelfetzen verh�llten seine Beine. Nur die obere
H�lfte ragte �ber den Dunstspiegel. Dann war er pl�tzlich viel n�her, und
Guillam vernahm das vertraute klagende R�hren, �Sir, Sir�, womit er Smileys
Aufmerksamkeit erregen wollte. Guillam schob Martindale schleunigst au�er
H�rweite und marschierte auf Fawn zu.</p><p>�Was zum
Teufel ist denn los? Warum bl�ken Sie denn so?�</p><p>�Sie haben
ein M�dchen gefunden. Miss Sachs, Sir, sie schickt mich, damit ich es ihm
eigens sage.� Seine Augen gl�nzten hell und ein bi�chen irre. �&gt;Sagen Sie
dem Chef, das M�dchen ist gefunden&lt;. Ihre eigenen Worte, pers�nlich an den
Chef.�</p><p>�Wollen
Sie sagen, da� Mi� Sachs Sie hierhergeschickt hat?�</p><p>�Pers�nlich
f�r den Chef, unverz�glich�, erwiderte Fawn ausweichend.</p><p>�Ich
frage: &gt;Hat sie Sie hierhergeschickt?&lt;� Guillam kochte. �Antwort:
&gt;Nein, Sir, das hat sie nicht.&lt; Sie verdammte Schmierentante, in
Turnlatschen durch ganz London rennen! Total �bergeschnappt.� Er entri� Fawn
den zerkn�llten Zettel und las ihn fl�chtig. �Es ist nicht mal der gleiche
Name. Verdammter hysterischer Bl�dsinn. Marsch zur�ck in Ihren Stall,
verstanden? Der Chef wird sich um die Sache k�mmern, sobald er zur�ck ist. Und
Schlu� mit dem Wirbelmachen, ein f�r allemal!�</p><p>�Wer war
denn das?� erkundigte sich Martindale ganz atemlos vor Aufregung, als Guillam
wieder bei ihm war. �Was f�r ein entz�ckendes Gesch�pfchen! Sind alle Spione so
niedlich? Nein, wie <strong><emphasis>venezianisch. </emphasis></strong>Ich werde
mich sofort freiwillig melden.�</p><p>Noch am
gleichen Abend wurde in der Rumpelkammer eine improvisierte Besprechung
abgehalten, und die Euphorie - in Connies Fall alkoholischer Natur -, ausgel�st
durch Smileys Triumph bei der Ausschu�sitzung, trug noch zu ihrem ungew�hnlichen
Charakter bei. Nach den Zw�ngen und Spannungen der letzten Monate war Connie
nun au�er Rand und Band. Das M�dchen! Das M�dchen war der Schl�ssel! Connie
hatte ihre s�mtlichen intellektuellen Hemmungen abgeworfen. Schickt Toby
Esterhase nach Hongkong, stellt sie, fotografiert sie, beschattet sie,
durchsucht ihr Zimmer! Zieht <strong><emphasis>sofort </emphasis></strong>Sam
Collins hinzu! di Salis zappelte, kicherte albern, suckelte an seiner Pfeife
und schlenkerte mit den F��en, war jedoch an diesem Abend v�llig in Connies
Bann. Einmal sprach er sogar von �einem nat�rlichen Zugang zum Herzen der
Dinge� - womit er wiederum das geheimnisvolle M�dchen meinte. Kein Wunder, da�
der kleine Fawn von ihrem Eifer angesteckt worden war. �Guillam sch�mte sich
fast wegen seines Ausbruchs im Park. Tats�chlich w�re an jenem Abend, wenn
Smiley und Guillam nicht gebremst h�tten, eine kollektive Wahnsinnstat m�glich
gewesen, und Gott wei�, wohin sie gef�hrt h�tte. In der Geheimwelt gibt es eine
F�lle von Beispielen daf�r, da� vern�nftige Leute pl�tzlich aushaken. Guillam
erlebte diese Krankheit hier zum erstenmal aus erster Hand.</p><p>Es wurde
zehn Uhr oder noch sp�ter, bis eine kurze Instruktion f�r Craw verfa�t war, und
halb elf, als Guillam v�llig benommen auf dem Weg zum Lift mit Molly Meakin
zusammenstie�. Als Folge dieses gl�cklichen Zufalls - oder hatte Molly das
Zusammentreffen geplant?, er sollte es nie erfahren - erstrahlte in Guillams
Leben ein Leuchtfeuer, das von Stund an nie mehr erl�schen sollte. Milde wie
immer willigte Molly ein, von ihm nach Hause gefahren zu werden, obwohl sie in
Highgate wohnte, ein meilenweiter Umweg, und als sie vor der T�r standen, lud
sie ihn wie �blich noch rasch zu einem T��chen Kaffee ein. In Voraussicht der
vertrauten Abfuhr - �Nein-Peter-bitte-Peter-Lieber-tut-mir-leid� - war Guillam
schon drauf und dran, dankend abzulehnen, als irgend etwas in ihrem Blick -
eine gewisse ruhige Entschlossenheit, wie ihm schien - ihn zu einem
Sinneswandel bewog. In der Wohnung schlo� Molly hinter ihnen die T�r ab und
legte die Kette vor. Dann f�hrte sie Guillam mit niedergeschlagenen Augen in
ihr Schlafzimmer, wo sie ihn mit einer fr�hlichen und gepflegten Sinnlichkeit
in Erstaunen versetzte.</p><p><strong/></p><p><emphasis>Craws
</emphasis><emphasis>kleines Schiff </emphasis></p><empty-line/><p>In
Hongkong, achtundvierzig Stunden sp�ter. Sonntag abend. Craw schritt wachsam
durch das schmale G��chen. Mit der fr�hen D�mmerung war der Nebel eingefallen,
aber die H�user standen zu nah aneinandergepfercht, um ihn einzulassen, und er
hing vor den oberen Stockwerken mit der W�sche und den Leitungskabeln und
spuckte hei�e verschmutzte Regentropfen, die Orangend�fte von den Obstst�nden
aufsteigen lie�en und auf der Krempe von Craws Strohhut tickten. Hier war er in
China, auf Meeresh�he, in dem China, das er am meisten liebte, und China
erwachte zum Festival der Nacht: singend, hupend, klagend, gongschlagend,
feilschend, kochend, zwanzig verschiedenen Instrumenten ein Aufgebot blecherner
Kl�nge entlockend: oder regungslos aus T�rnischen beobachtend, wie vorsichtig
sich der bizarr aufgeputzte fremde Teufel seinen Weg durch dieses China
bahnte. Craw liebte das alles, aber seine z�rtlichste Liebe galt seinen <strong><emphasis>kleinen Schiffen, </emphasis></strong>wie die Chinesen ihre geheimen
Zwischentr�ger nennen, und von diesen wiederum war Miss Phoebe Wayfarer, zu
der er nun unterwegs war, ein klassisches, wenn auch bescheidenes Exemplar.</p><p>Er atmete
tief ein, geno� die vertrauten Wonnen. Der Ferne Osten hatte ihn nie
entt�uscht: �Wir kolonisieren sie, Ehrw�rdens, wir korrumpieren sie, wie beuten
sie aus, wir bombardieren sie, pl�ndern ihre St�dte, verachten ihre Kultur und
verwirren sie mit der unendlichen Vielfalt unserer religi�sen Sekten. Wir sind
scheu�lich, nicht nur f�r ihre Augen, Monsignores, sondern auch f�r ihre Nasen
- der Gestank des Rundauges ist ihnen ein Greuel, und wir sind zu dickfellig,
um es zu bemerken. Und doch, wenn wir unser Schlimmstes getan haben, und mehr
als unser Schlimmstes, geliebte S�hne, so haben wir das asiatische L�cheln kaum
ein kleines bi�chen angekratzt.�</p><p>Andere
Rundaugen w�ren vielleicht nicht so ohne weiteres allein hierhergekommen. Die
Peak-Mafia h�tte nicht einmal gewu�t, da� es diese Gegend gab. Die britischen
Ehefrauen, die in ihren regierungseigenen Gettos in Happy Valley verschanzt
lebten, h�tten hier all das gefunden, was ihnen ihre Stationierung so verha�t
machte. Es war kein schlechter Stadtteil, aber er war auch nicht europ�isch:
das Europa der Central und Peddar Street, der elektrischen T�ren, die den
Seufzer mitliefern, wenn sie den Zugang zur klimatisierten Zone freigeben, war
eine halbe Meile entfernt. Andere Rundaugen h�tten in ihrer �ngstlichkeit vielleicht
unwillk�rlich deutliche Blicke um sich geworfen, und das war gef�hrlich. In
Schanghai hatte Craw mehr als einen Mann gekannt, der an einem zuf�lligen
falschen Blick starb. W�hrend Craws Blick allezeit freundlich war. Er gab sich
gef�llig, trat bescheiden auf, und wenn er halt machte, um etwas einzukaufen,
entbot er dem H�ndler respektvolle Gr��e in schlechtem, derbem Kantonesisch.
Und er bezahlte, ohne �ber den Aufschlag zu n�rgeln, wie es seiner inferioren
Rasse zukam. Er kaufte wie jeden Sonntag Orchideen und Lammleber, verteilte
seine K�ufergunst gerecht unter den rivalisierenden H�ndlern und verfiel - wenn
ihm das Kantonesische ausging - in sein verschn�rkeltes Privatenglisch.</p><p>Er dr�ckte
auf die Klingel. Phoebe hatte, wie Craw auch, eine Sprechanlage. Laut Anweisung
des Head Office geh�rte das zur Standardausr�stung. Sie hatte einen Strau�
gl�ckbringendes Heidekraut in ihren Briefkasten gestopft, als Signal, da� die
Luft rein war.</p><p>�Hei�,
qu�kte eine M�dchenstimme aus dem Lautsprecher. Es konnte Amerikanisch oder
Kantonesisch sein, dann folgte ein fragendes <strong><emphasis>�Ja?�</emphasis></strong></p><p>�Larry
nennt mich Pete�, sagte Craw. �Kommen Sie rauf, Larry ist gerade hier.� Das
Treppenhaus war stockdunkel und stank nach Erbrochenem, und Craws Abs�tze
klapperten auf den Steinstufen wie auf Blech. Er dr�ckte auf den Knopf der
Treppenhausbeleuchtung, aber es blieb dunkel, und er mu�te sich drei Stockwerke
hinauftasten. Es waren Bestrebungen im Gang gewesen, sie besser unterzubringen,
aber mit Thesingers Verschwinden waren sie gestorben, und jetzt gab es keine
Hoffnung mehr, und, in gewisser Hinsicht, auch keine Phoebe.</p><p>�Bill�,
fl�sterte sie, als sie die T�r hinter ihm schlo�, und k��te ihn auf beide
fleckige Wangen, wie h�bsche M�dchen einen netten Onkel k�ssen m�gen nur da�
Phoebe nicht h�bsch war. Craw gab ihr die Orchideen. Sein Benehmen war
liebensw�rdig und besorgt.</p><p>�Meine
Liebe�, sagte er. �Meine Liebe.�</p><p>Sie
zitterte. Das Apartment bestand aus einem Wohnschlafzimmer mit Kocher und
Ausgu�, dazu einem Waschraum mit Dusche. Das war alles. Er ging an ihr vorbei
zum Ausgu�, wickelte die Leber aus und gab sie der Katze.</p><p>�Oh, Sie
verw�hnen sie, Bill�, sagte Phoebe und l�chelte die Blumen an. Er hatte einen
braunen Umschlag auf das Bett gelegt, aber keiner von beiden erw�hnte ihn.</p><p>�Wie
geht's <strong><emphasis>William?�, </emphasis></strong>fragte sie
und flirtete mit dem Klang seines Namens.</p><p>Craw hatte
Hut und Stock an die T�r geh�ngt und go� jetzt Whisky ein: pur f�r Phoebe, mit
Soda f�r ihn. �Wie geht's Pheeb? Das ist viel wichtiger. Wie ging's hier
drau�en, die ganze kalte Woche lang? He, Pheeb?� Sie hatte das Bett zerw�hlt
und ein frivoles Nachthemd auf den Boden geworfen. F�r den ganzen Wohnblock war
Phoebe das Halbblut, das mit dem fetten fremden Teufel schlief. �ber den
zerdr�ckten Kissen hing ein Bild der Schweizer Alpen, ein Bild, das anscheinend
jedes Chinesenm�dchen besa�, und auf der Truhe neben dem Bett thronte die
Fotografie ihres englischen Vaters, das einzige Bild, das sie jemals von ihm
gesehen hatte: ein Handlungsgehilfe aus Dorking in Surrey, kurz nach seiner
Ankunft auf der Insel: runder Kragen, Schnurrbart und starre, fast irre Augen.
Craw fragte sich zuweilen, ob das Foto entstand, nachdem sie ihn erschossen
hatten.</p><p><strong><emphasis>�Jetzt </emphasis></strong>ist alles in Ordnung�, sagte Phoebe. <strong><emphasis>�jetzt </emphasis></strong>geht es mir gut, Bill.�</p><p>Sie stand
neben ihm, go� Wasser in die Vase, wobei ihre H�nde stark zitterten, wie
gew�hnlich an Sonntagen. Sie trug Peking zu Ehren eine graue Tunika und das
goldene Halskettchen, das sie zum Andenken an ihr erstes Dienstjahrzehnt yom
Circus bekommen hatte. In einer l�cherlichen Anwandlung von Ritterlichkeit
hatte das Head Office beschlossen, es bei Asprey anfertigen und im
Diplomatengep�ck bef�rdern zu lassen, zusammen mit einem pers�nlichen Brief an
sie, unterzeichnet von Percy Alleline, George Smileys gl�cklosem Vorg�nger. Den
Brief hatte sie lesen, aber nicht behalten d�rfen.</p><p>Nachdem
sie die Vase gef�llt hatte, wollte sie sie mm Tisch balancieren, aber das
Wasser schwappte �ber, und Craw nahm sie ihr ab:</p><p>�Hoppla.
Immer mit der Ruhe.�</p><p>Eine Weile
blieb sie stehen und l�chelte ihn an, dann sank sie mit einem gedehnten,
erl�senden Schluchzen auf einen Stuhl. Manchmal weinte sie, manchmal nieste sie
oder benahm sich zu laut oder redete zu viel, aber immer hob sie ihre
Gef�hlsausbr�che f�r Craw auf.</p><p>�Bill,
manchmal bekomme ich solche Angst.�</p><p>�Ich wei�,
Liebes, ich wei�.� Er setzte sich neben sie und hielt ihre Hand.</p><p>�Dieser
neue Junge im Feuilleton. Er <strong><emphasis>starrt </emphasis></strong>mich an,
Bill, er beobachtet alles, was ich tue. Ich bin sicher, er arbeitet f�r
jemanden. Bill, f�r wen arbeitet er?�</p><p>�Vielleicht
ist er ein bi�chen verliebt?� sagte Craw im sanftesten Ton, w�hrend er
rhythmisch ihre Schulter t�tschelte. �Sie sind eine attraktive Frau, Phoebe.
Vergessen Sie das nicht, meine Liebe. Sie k�nnen faszinieren, ohne es selbst zu
wissen.� Er heuchelte v�terliche Strenge: �Haben Sie vielleicht mit ihm
geflirtet? Auch so eine Sache. Eine Frau wie Sie kann flirten, ohne sich dessen
bewu�t zu sein. Ein Weltmann erkennt das. Er hat es schnell herausgefunden.�</p><p>Vergangene
Woche war es der Pf�rtner im Erdgescho� gewesen. Sie sagte, er notiere sich
alles, wann sie komme und gehe. Letzte Woche fiel ihr ein Auto immer wieder
auf, ein gr�ner Opel. Er mu�te darauf bedacht sein, ihre �ngste auszur�umen,
ohne da� ihre Wachsamkeit dadurch nachlie�e; denn - das durfte Craw nie
vergessen - irgendwann w�rde sie recht haben. Sie f�rderte ein B�ndel
handgeschriebener Notizen vom Bett her zutage und begann mit ihrer
Berichterstattung so �bergangslos, da� Craw sich �berrannt f�hlte. Sie hatte
ein blasses l�ngliches Gesicht, das bei keiner Rasse als sch�n gegolten h�tte.
Ihr Oberk�rper war lang, die Beine waren zu kurz und die H�nde
angels�chsisch-h��lich und kr�ftig. Als sie so auf der Bettkante sa�, wirkte
sie pl�tzlich matronenhaft. Zum Lesen hatte sie eine dicke Brille aufgesetzt.
Kanton schicke am Dienstag einen Studentensprecher zum F�hrungskader, sagte
sie, daher sei die Donnerstagsversammlung ausgefallen, und Ellen Tuo habe
wieder einmal ihre Chance verpa�t, f�r einen Abend Schriftf�hrerin zu sein.
�Nun mal langsam�, rief Craw lachend. �Es brennt doch nicht, um Himmels
willen!�</p><p>Er �ffnete
ein Notizbuch, legte es auf seine Knie und versuchte ihr zu folgen. Aber Phoebe
war nicht zu bremsen, auch nicht von Bill Craw, von dem man ihr gesagt hatte,
er sei in Wirklichkeit Oberst oder sogar ein noch h�heres Tier. Sie wollte die
ganze Beichte hinter sich bringen. Zu ihren Routineobjekten geh�rte eine
linksintellektuelle Gruppe von Universit�tsstudenten und kommunistischen
Journalisten, die Phoebe ein wenig am Rande geduldet hatten. Sie erstattete
allw�chentlich Bericht, allerdings ohne nennenswerten Fortschritt. Jetzt war
die Gruppe aus irgendeinem Grund j�h aktiv geworden. Billy Chan sei zu einer Sondersitzung
nach Kuala Lumpur berufen worden, sagte sie, Johnny und Belinda Fong h�tten
Order erhalten, einen gut getarnten Unterschlupf ausfindig zu machen, in dem
sich eine Druckpresse aufstellen l��t. Schnell r�ckte der Abend n�her. W�hrend
Phoebe weiterlas, stand Craw leise auf und knipste die Lampen an, damit das grelle
Licht sie nicht erschrecke, wenn der Tag vollends verd�mmert sein w�rde.</p><p>Es sei die
Rede von einem Zusammengehen mit den Fukienesen in North Point gewesen, sagte
sie, aber die akademischen Genossen h�tten wie �blich dagegen opponiert: �Sie
opponieren gegen <strong><emphasis>alles�, </emphasis></strong>sagte
Phoebe erbittert, �diese Snobs. Und �berhaupt ist dieses dumme St�ck Belinda
mit ihren Beitr�gen Monate im R�ckstand; und wir sollten sie aus der Partei
ausschlie�en, wenn sie nicht mit dem Gl�cksspiel aufh�rt.�</p><p>�W�re nur
recht und billig, meine Liebe�, sagte Craw beschwichtigend.</p><p>�Johnny
Fong sagt, Belinda sei schwanger, aber nicht von ihm. Also ich hoffe, es
stimmt. Dann wird sie die Klappe halten�, sagte Phoebe, und Craw dachte: dieses
Problem hatten wir ein paarmal auch mit <strong><emphasis>dir, </emphasis></strong>wenn ich
mich recht erinnere, aber du hast deshalb nicht die Klappe gehalten, oder?</p><p>Craw
schrieb brav mit, obwohl er wu�te, da� weder London noch irgend jemand sonst je
ein Wort davon lesen w�rde. In den Tagen seines Wohlstands hatte der Circus
Dutzende solcher Gruppen infiltrieren lassen, in der Hoffnung, beizeiten in den
Kreis der idiotischerweise so genannten Peking-Hongkong-Pendler einzubrechen,
und auf diese Weise auf dem Festland Fu� zu fassen. Die Sache verlief im Sand,
und der Circus hatte keinen Auftrag, f�r die Sicherheit der Kolonie den
Wachhund zu spielen; eine Rolle, die Special Branch sich eifers�chtig
vorbehielt. Aber kleine Schiffe k�nnen nicht so leicht ihren Kurs �ndern wie
die Winde, die sie treiben, das wu�te Craw sehr gut. Er lie� sie also weitermachen,
warf die entsprechenden Fragen auf, pr�fte Haupt- und Nebenquellen. Haben Sie
das vom H�rensagen, Pheeb? Und woher hatte Billy Lee die Geschichte? War es
m�glich, da� Billy Lee, um sich mehr Gesicht zu geben, die ganze Story ein
bi�chen aufgezappelt hatte? Er bediente sich des Journalistenausdrucks, denn
wie Jerry und Craw selber, war Phoebe nebenberuflich Journalistin, freie
Mitarbeiterin, die die englischsprachigen Lokalbl�tter mit kleinen Leckerbissen
�ber die Lebensgewohnheiten der �rtlichen chinesischen Aristokratie
belieferte.</p><p>W�hrend er
zuh�rte, w�hrend er aufs Stichwort wartete, erz�hlte sich Craw im Geiste
nochmals Phoebes Geschichte, so, wie er sie bei der Reserve�bung in Sarratt vor
f�nf Jahren erz�hlt hatte, als er dort in den schwarzen K�nsten den letzten
Schliff erhielt. Er war der H�hepunkt des vierzehnt�tigen Kurses, hatten sie
ihm sp�ter gesagt. Man hatte in weiser Voraussicht eine Plenarsitzung
anberaumt. Sogar der F�hrungsstab hatte die Arbeit ruhen lassen und war
erschienen, um ihm zuzuh�ren. Die Dienstfreien hatten um einen Sonderbus
gebeten, der sie rechtzeitig vom Anwesen in Watford herbringen k�nnte, und das
alles nur, um Old Craw zu h�ren, den alten Fernostfachmann, der in der
zweckentfremdeten Bibliothek unter den Hirschgeweihen sa� und �ber sein langes
Leben in der Branche res�mierte. Titel: <strong><emphasis>Agenten, die
sich selbst anwerben. </emphasis></strong>Das Rednerpult auf dem Podium
benutzte er nicht, statt dessen hockte er auf einem simplen Stuhl, ohne Jacke,
mit hervorquellendem Bauch, gespreizten Knien und dunklen Schwei�flecken auf
dem Hemd, und er erz�hlte es ihnen, wie er es den Shanghai Bowlers an einem
Taifun-Sonnabend in Hongkong erz�hlt h�tte, wenn die Umst�nde danach gewesen
w�ren. <strong><emphasis>Agenten, die sich selbst anwerben,
Ehrw�rdens. </emphasis></strong>Niemand kenne den Job besser, sagten sie zu ihm - und er
glaubte es ihnen. Wenn der Ferne Osten Craws Heim war, dann waren die kleinen
Schiffe seine Familie, und er verschwendete an sie alle Z�rtlichkeit, f�r die
ihm die offene Welt niemals ein Ventil geboten hatte. Er zog sie gro� und
unterwies sie mit einer Liebe, die einem Vater alle Ehre gemacht h�tte; und es
war der schlimmste Augenblick im Leben eines alten Mannes, als Tufty Thesinger
bei Nacht und Nebel ohne Vorwarnung verschwand und Craws Leben zeitweise jeden
Sinn verloren zu haben schien. �Manche Menschen sind geborene Agenten, Monsignores�,
sagte er zu ihnen, �zu dieser Arbeit bestimmt vom Lauf der Geschichte, vom
Standort, von ihren nat�rlichen Veranlagungen. In derlei F�llen besteht nur die
Frage, wer zuerst an sie herankommt, Eminenzen: Ob wir's sind; ob's die Konkurrenz ist, oder ob's
diese gottverdammten Missionare sind.�</p><p>Gel�chter.</p><p>Es folgten
die Fallstudien mit ge�nderten Namen und Standorten und darunter war kein
anderer als der Codename Susan, ein kleines Schiff der weiblichen Spezies,
Monsignores, Schauplatz S�dostasien, geboren im Jahr des, Unheils 1941 als
Mischblut. Er sprach von Phoebe Wayfarer.</p><p>�Vater ein
mittelloser Handlungsgehilfe aus Dorking, Ehrw�rdens. Trat dr�ben in einer der
schottischen Firmen ein, die sechs Tage in der Woche die K�ste pl�nderten und
am siebenten zu Calvin beteten. Zu abgebrannt, um sich eine europ�ische Ehefrau
zu leisten, Jungens, also nimmt er ein verbotenes Chinesenm�del und mietet sie
f�r ein paar Pence ein, und das Resultat ist Codename Susan. Im gleichen Jahr
betreten die Japaner die B�hne. Nennen Sie's Singapur, Hongkong oder Malaya,
die Geschichte ist �berall die gleiche, Monsignores. Sie erscheinen �ber Nacht.
Um zu bleiben. In diesem Chaos tut Codenamen Susans Vater etwas sehr Edles:
&gt;Hol der Teufel die Vorsicht, Eminenzen&lt;, sagt er. &gt;Jetzt mu� ein
echter Mann Farbe bekennen.&lt; Also heiratet er die Dame, Ehrw�rdens, ein Vorgehen,
zu dem ich normalerweise nicht raten w�rde, aber er tut's, und nachdem er sie
geheiratet hat, tauft er seine Tochter Codenamen Susan und tritt bei den
Freiwilligen ein, einer erlesenen Streitmacht heroischer Narren, die eine Art
Heimwehr zur Verteidigung der Stadt vor den Horden Nippons gebildet hatten.
Aber er war nicht zum Kriegsmann geboren, Ehrw�rdens, und so kriegt er gleich
am n�chsten Tag von den Japsen eins auf den Pelz gebrannt und haucht prompt
sein Leben aus. Amen. M�ge der Held aus Dorking in Frieden ruhen, Ehrw�rdens.�</p><p>Als Old
Craw sich bekreuzt, bricht da und dort Gel�chter aus. Craw lacht nicht mit, er
spielt das schlichte Gem�t. In den beiden vorderen Reihen sind lauter neue
Gesichter, ungeformte, unbeschriebene Fernsehgesichter; Craw vermutet, da� es
Novizen sind, die zusammengetrommelt wurden, damit sie den Gro�en Alten Mann
h�ren. Ihre Anwesenheit sch�rft seine Darbietung: von nun an hat er ein
besonderes Auge auf die vorderen Reihen. �Codename Susan steckt noch in den
Windeln, als ihr guter Vater von hinnen scheidet. Jungens, aber sie soll sich
ihr ganzes Leben lang erinnern: wenn die Aktien fallen, stehen die Briten zu
ihren unver�u�erlichen Werten. Mit jedem Jahr, das vergeht, liebt sie den toten
Helden ein bi�chen mehr. Nachdem Krieg erinnert sich die Firma ihres Vaters ein
paar Jahre lang an sie, vergi�t sie dann aber bequemerweise. Egal. Mit f�nfzehn
hat sie es satt, ihre kranke Mutter zu ern�hren und in den Tanzbars arbeiten zu
m�ssen, um sich ihr Schulgeld zu verdienen. Egal. Ein Sozialarbeiter nimmt
sich ihrer an, gl�cklicherweise ein Mitglied unserer ehrenwerten Bruderschaft,
Hochw�rdens, und er geleitet sie in unsere Richtung.� Craw wischt sich die
Stirn. �Codenamen Susans Aufstieg zu Wohlstand und Gottgef�lligkeit hat begonnen,
Ehrw�rdens�, erkl�rt er. �Als Journalistin getarnt bringen wir sie ins Spiel,
geben ihr chinesische Zeitungen zu �bersetzen, lassen sie kleine Besorgungen
machen, binden sie an uns, vervollst�ndigen ihre Ausbildung und trainieren sie
in Nachtarbeit. Ein bi�chen Geld, ein bi�chen Schutz, ein bi�chen Liebe, ein
bi�chen Geduld, und es dauert nicht lang, und unsere Susan kann sieben legale
Reisen nach dem chinesischen Festland auf ihrem Konto verbuchen, darunter ein
paar ausgesprochen haarige Sachen. Geschickt durchgef�hrt, Ehrw�rdens. Sie hat
Kurier gespielt und einen �berraschungsbesuch bei einem Onkel in Peking
gemacht, der sich auszahlte. Das alles, Jungens, obwohl sie ein halber <strong><emphasis>kweilo </emphasis></strong>ist und die Chinesen ihr nicht �ber den Weg trauen.�</p><p>�Und was
glaubte sie, wer der Circus war, diese ganze Zeit hindurch?� bellte Craw seine
hypnotisierten Zuh�rer an - �was glaubte sie, wer wir waren, Jungens?� Der alte
Zauberer senkt die Stimme und hebt einen fetten Zeigefinger. �Ihr Vater�, sagt
er in das Schweigen. �Wir sind der tote Buchhalter aus Dorking. Der heilige
Georg sind wir. S�ubern die �berseeischen Chinesengemeinden von <strong><emphasis>sch�dlichen Elementen, </emphasis></strong>was zum Teufel sie auch sein
m�gen. Machen Schlu� mit den Triaden, den Reiskartellen und den Opiumbanden und
der Kinderprostitution. Sie sah in uns sogar, wenn es sein mu�te, die geheimen
Verb�ndeten Pekings, weil uns, dem Circus, das Interesse aller <strong><emphasis>guten </emphasis></strong>Chinesen am Herzen lag.� Craw lie� ein loderndes
Auge �ber die Reihen der Kindergesichter schweifen, die so gern hart sein
wollten. �Sehe Ich jemanden l�cheln, Ehrw�rdens?� fragte er mit Donnerstimme.
Er sah niemanden.</p><p>�Wohlgemerkt,
Junkers�, schlo� Craw, �ein Teil ihrer Person wu�te verdammt genau, da� das
ganze kalter Kaffee war. Und hier beginnt <strong><emphasis>Ihre </emphasis></strong>Aufgabe. Hier mu� der Au�enmann immer auf dem Sprung sein.
Ja! Wir sind die H�ter des Glaubens, Jungens. Wenn er wankt, wir st�rken ihn.
Wenn er strauchelt, unsere Arme sind ausgestreckt, ihn zu halten.� Er hatte den
Zenith erreicht. Als Antiklimax lie� er die Stimme zu einem weichen Fl�stern
abfallen. �Sei der Glaube noch so hirnrissig, Euer Ehrw�rdens, verachten Sie
ihn nicht. Wir haben heutzutage wei� Gott wenig anderes zu bieten. Amen.�</p><p>Sein
ganzes Leben lang sollte sich Old Craw in seiner ungenierten Sentimentalit�t an
den Applaus erinnern.</p><p>Phoebe
hatte ihren Bericht beendet und kauerte nun vorgebeugt da, die Unterarme auf
den Knien, die Kn�chel der gro�en H�nde wie ein ermattetes Liebespaar lose
R�cken an R�cken liegend: Craw erhob sich feierlich, nahm Phoebes Notizen vom
Tisch und verbrannte sie auf dem Gasbrenner.</p><p>�Bravo,
meine Liebe�, sagte er ruhig. �Eine prima Woche, wenn ich so sagen darf. Sonst
noch etwas?�</p><p>Sie
sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Ich
meine, zu verbrennen�, sagte er.</p><p>Sie
sch�ttelte wieder den Kopf.</p><p>Craw
musterte sie aufmerksam. �Pheeb, mein Herz�, verk�ndete er dann, als sei er zu
einem pl�tzlichen Entschlu� gelangt. �L�pfen Sie Ihre vier Buchstaben. Zeit,
da� ich Sie zum Essen ausf�hre.� Verwirrt blickte sie zu ihm auf. Der Alkohol
war ihr rasch zu Kopf gestiegen, wie immer. �Ein freundschaftliches Dinner
unter Kollegen von der Schreiberzunft, so dann und wann, ist nicht unvereinbar
mit Ihrer Legende, wie ich zu behaupten wage. Wie w�r's damit?�</p><p>Er mu�te
sich zur Wand drehen, w�hrend sie sich sch�n machte. Fr�her hatte sie einen
Kolibri gehabt, aber er war gestorben. Craw brachte ihr einen neuen, aber der
starb auch, und so entschieden beide, die Wohnung sei schlecht f�r Kolibris und
lie�en es dabei bewenden.</p><p>�Eines
Tags nehme ich Sie zum Skifahren mit�, sagte er, als sie hinter ihnen die
Wohnungst�r abschlo�. Es war ein alter Scherz zwischen den beiden, er hatte mit
der Schneelandschaft �ber ihrem Bett zu tun.</p><p>�Nur f�r
einen Tag?� erwiderte sie. Was gleichfalls ein Scherz war und die �bliche
Replik bildete.</p><p>In jenem
Jahr des Unheils<sub>, </sub>wie Craw sagen w�rde, war es noch lohnend, auf
einem Sampan in der Causeway Bay zu essen. Die Schickeria hatte den Ort noch
nicht entdeckt, die Gerichte waren preiswert und unvergleichlich. Craw
riskierte es also, und als sie zum Meer kamen, hatte der Nebel sich gelichtet,
der Himmel war klar. Er w�hlte den Sampan, der am weitesten drau�en lag,
eingekeilt in eine Traube kleiner Dschunken. Der Koch hockte am Holzkohlen�fchen,-
und seine Frau bediente. �ber ihnen ragten drohend R�mpfe von Dschunken auf und
verwischten die Sterne vom Himmel. Auf den Booten krabbelten Kinder von einem
Deck zum andern, w�hrend ihre Eltern einen langsamen, sonderbaren
katechetischen Singsang �ber das schwarze Wasser schickten. Craw und Phoebe
kauerten auf h�lzernen Hockern unter dem gerefften Baldachin zwei Fu� �ber dem
Meeresspiegel und a�en Seebarben beim Lampenlicht. Jenseits der Wellenbrecher
glitten Schiffe wie hellerleuchtete wandelnde Geb�ude an ihnen vor�ber, und in
ihrem Kielwasser hoppelten die Dschunken. Landw�rts wimmerte, l�rmte und
pulsierte die Insel, und die riesigen Slums glitzerten wie Schmuckschatullen,
die sich der tr�gerischen Sch�nheit der Nacht ge�ffnet hatten. Hoch �ber ihnen konnten
sie sekundenlang zwischen den wippenden Fingern der Masten den' schwarzen Peak
thronen sehen, Victoria, ihr gedunsenes Gesicht, von mondlichten Str�hnen
verh�llt: die G�ttin, die Freiheit, der K�der, dem alles wilde Streben im Tal
galt. Sie sprachen �ber Kunst. Phoebe zieht ihre Kulturnummer ab, dachte Craw.
Es war sehr langweilig. Eines Tages, sagte sie schl�frig, werde sie einen Film,
vielleicht sogar zwei Filme �ber das <strong><emphasis>wahre, </emphasis></strong>das <strong><emphasis>echte </emphasis></strong>China drehen. Sie hatte unl�ngst eine historische
Schnulze von Run Run Shaw gesehen, alles �ber die Palastintrigen. Sie fand das
Ganze ausgezeichnet, wenn auch ein wenig zu - nun ja -, zu <strong><emphasis>heroisch. </emphasis></strong>Und jetzt zum Theater. Ob Craw schon die frohe
Botschaft vernommen habe, da� die &gt;Cambridge Players&lt; im Dezember vielleicht
eine neue Revue in die Kolonie bringen wollten? Zur Zeit sei es nur ein
Ger�cht, aber sie hoffte, es werde sich n�chste Woche best�tigen. �Das w�re
aber ein Spa�, Pheeb�, sagte Craw herzlich. �Es wird ganz und gar <strong><emphasis>kein </emphasis></strong>Spa߫, gab Phoebe streng zur�ck. �Die &gt;Players&lt; sind
auf bei�ende Gesellschaftssatire spezialisiert.� Craw l�chelte im Dunkeln und
go� Phoebe Bier nach. Man lernt nie aus, sagte er sich, Monsignores, man lernt
nie aus. Bis Phoebe, ohne eine Ermunterung, die ihr aufgefallen w�re, �ber ihre
chinesischen Million�re zu sprechen begann, genau das, worauf Craw den ganzen
Abend gewartet hatte. In Phoebes Welt waren die Reichen Hongkongs k�nigliche
Hoheiten. Ihre Schw�chen und Exzesse waren Allgemeingut, so wie anderswo die
Lebensgeschichten von Schauspielerinnen oder Fu�ballstars. Phoebe kannte sie
auswendig.</p><p>�Wer ist
also diesmal das Schwein der Woche, Phoebe?� fragte Craw heiter.</p><p>Phoebe war
nicht sicher. �Wen sollen wir erw�hlen?� sagte sie mit gespielter koketter
Unentschlossenheit. Da war nat�rlich das Schwein P.K., achtundsechzigster
Geburtstag am Dienstag, eine dritte Ehefrau, halb so alt wie er, und wie feiert
P.K.? Geht in der Stadt aus, mit einer zwanzigj�hrigen Nutte. Ekelhaft,
pflichtete Craw bei. �P.K.�, wiederholte er. �P.K., das war doch der mit den
T�rpfosten, wie?�</p><p>Einhunderttausend
Hongkong-Dollar, sagte Phoebe. Drachen, neun Fu� hoch, aus Glasfaser und
Plexiglas so gegossen, da� man sie von innen beleuchten konnte. Es k�me aber
auch das Schwein Y.Y. in Frage, �berlegte sie sodann sachverst�ndig. Y.Y. war
zweifellos ein Titelanw�rter. Y.Y. hatte vor genau einem Monat geheiratet,
diese reizende Tochter von J.J. Haw, Firma Haw und Chan, die Tankerk�nige,
tausend Hummer auf der Hochzeitstafel. Vorgestern abend tauchte er bei einem Empfang
mit einer brandneuen M�tresse auf, gekauft mit dem Geld seiner Frau, einer
Null, abgesehen davon, da� er sie bei Saint-Laurent eingekleidet und mit einer
vierreihigen Kette aus Mikimotot-Perlen herausgeputzt hatte, gemietet
nat�rlich, nicht geschenkt. Unwillk�rlich bebte Phoebes Stimme und wurde weich.
�Bill�, hauchte sie, �die Kleine sah einfach phantastisch aus neben dem alten
Frosch. Sie h�tten sie sehen sollen.� Oder vielleicht Harold Tan, gr�belte sie
vertr�umt. Harold war besonders garstig gewesen. Harold hatte seine Kinder f�r
das Festival aus ihren Schweizer Nobelinternaten heimgeholt, Erster-Klasse-Flug
ab Genf. Um vier Uhr morgens tummelten sie sich alle nackt um den
Swimming-pool, die Kinder und ihre Freunde, gossen Champagner ins Wasser, w�hrend
Harold versuchte, die Szene zu filmen.</p><p>Craw
wartete. In Gedanken hielt er die T�r weit f�r sie auf, aber sie zeigte noch
immer keine Neigung, hindurchzugehen, und Craw war ein viel zu alter Hase, als
da� er sie gedr�ngt h�tte. Die Chiu Chow seien die Besten, sagte er launig.
�Chiu Chow w�rden sich auf diesen ganzen Unsinn nicht einlassen. Was, Pheeb?
Haben sehr tiefe Taschen, die Chiu Chow, und sehr kurze Arme�, belehrte er sie.
�Ein Schotte m��te sich sch�men vor diesen Chiu Chow, was Pheeb?�</p><p>Phoebe
hatte keinen Sinn f�r Ironie: �Glauben Sie das nicht�, erwiderte sie ernsthaft.
�Viele Chiu Chow sind sowohl gro�z�gig wie edel.�</p><p>Er
suggerierte ihr den Mann, wie ein Zauberk�nstler jemandem eine Karte
suggeriert, aber sie schwankte noch immer, wich aus, griff nach Alternativen.
Sie erw�hnte diesen und jenen, verlor den Faden, verlangte noch mehr Bier, und
als er schon beinah aufgegeben hatte, bemerkte sie wie im Traum. �Und was Drake
Ko angeht, der ist das reinste <strong><emphasis>L�mmchen. Kein </emphasis></strong>b�ses Wort
�ber Drake Ko, wenn ich bitten darf.� Jetzt war Craw mit dem Ausweichen an der
Reihe. Was Phoebe von der Scheidung des alten Andrew Kwok halte, fragte er.
Herrje, das mu�te einen Batzen gekostet haben! Es hei�t, sie h�tte ihm schon
l�ngst den Laufpa� geben aber warten wollen, bis er einen Haufen beisammen
hatte und eine Scheidung sich wirklich lohnen w�rde. Ist da etwas Wahres dran,
Pheeb? Und so weiter, drei, f�nf Namen, ehe er sich gestattete, anzubei�en.
�Haben Sie irgendwas geh�rt, da� der gute Drake Ko sich irgendwann eine
europ�ische M�tresse hielt? Im Hong Kong Club wurde davon gesprochen, erst vor
kurzem. Blondes Gift, angeblich ein Leckerbissen.�</p><p>Phoebe
stellte sich Craw gern im Hong Kong Club vor. Es befriedigte alle ihre
kolonialen Sehns�chte. �Oh, <strong><emphasis>jeder </emphasis></strong>hat das
geh�rt�, sagte sie m�de, als w�re Craw wie �blich wieder einmal Lichtjahre
hinter der Meute zur�ck. �Es gab mal eine Zeit, als <strong><emphasis>alle </emphasis></strong>die Jungens eine hatten - wu�ten Sie das nicht? P.K. hatte
nat�rlich zwei. Harold Tan hatte eine, bis Eustace Chow sie ihm wegschnappte,
und Charlie Wu versuchte sogar, die Seine zum Dinner beim Gouverneur
mitzunehmen, aber seine <strong><emphasis>tai tai </emphasis></strong>lie� nicht
zu, da� der Chauffeur sie abholte.�</p><p>�Wo
kriegen sie diese Bienen blo� her, Herrgottnochmal?� fragte Craw lachend. �Von
Lane Crawford?�</p><p>�Von den
Fluggesellschaften, was dachten Sie?� erwiderte Phoebe schwerst mi�billigend.
�Flug-Hostessen, die bei ihren Zwischenlandungen anschaffen gehen, f�nfhundert
US pro Nacht f�r eine wei�e Hure. <strong><emphasis>Und </emphasis></strong>einschlie�lich
der englischen Linien. T�uschen Sie sich blo� nicht, die Engl�nderinnen waren
bei weitem die Schlimmsten. Dann fand Harold Tan an der Seinen so viel
Gefallen, da� er ein festes Abkommen mit ihr traf, und im Handumdrehen zogen
sie alle in Apartments und stolzierten durch die L�den wie Herzoginnen, so oft
sie f�r vier Tage nach Hongkong kamen, es war zum <strong><emphasis>Erbrechen. </emphasis></strong>Aber Liese, wohlgemerkt, ist
etwas ganz anderes. <strong><emphasis>Liese </emphasis></strong>ist
klasse. Sie ist ausgesprochen aristokratisch, ihre Eltern besitzen sagenhafte
Landsitze in S�dfrankreich und sogar eine Randinsel der Bahamas, und sie
weigert sich nur aus Gr�nden der moralischen Unabh�ngigkeit, ihren Reichtum zu
teilen. Man mu� blo� ihren Knochenbau ansehen.�</p><p>�Liese�,
wiederholte Craw. �Liese? Kraut, wie? Hab's nicht mit den Krauts. Keine
Rassenvorurteile, aber ich mach mir einfach nichts aus Krauts. Und ich frage
mich, wie kommt ein netter Chiu-Chow-Junge wie Drake Ko zu einer hassenswerten
Hunnin als Konkubine? Aber, das wissen Sie bestimmt besser, Pheeb. Sie sind die
Expertin, es ist Ihre Dom�ne, meine Liebe, wer bin ich, da� ich mir ein Urteil
erlauben d�rfte.�</p><p>Sie hatten
sich ins Heck des Sampan zur�ckgezogen und lagen nebeneinander in den Kissen.</p><p>�Machen Sie
sich doch nicht l�cherlich�, fuhr Phoebe ihn an. �Liese ist eine englische
Aristokratin.�</p><p>�Tralala�,
machte Craw und blickte eine Weile zu den Sternen auf. �Sie hat einen sehr
positiven und veredelnden Einflu� auf ihn.�</p><p>�Wer?�
sagte Craw, als h�tte er den Faden verloren. Phoebe knirschte durch die Z�hne. <strong><emphasis>�Liese </emphasis></strong>hat einen veredelnden Einflu� auf <strong><emphasis>Drake Ko. </emphasis></strong>H�ren Sie, Bill. Schlafen Sie? Bill, ich glaube,
Sie bringen mich jetzt besser nach Hause. Bringen Sie mich nach Hause, bitte.�</p><p>Craw stie�
einen langgezogenen Seufzer aus. Diese kleinen Mi�verst�ndnisse unter Liebenden
waren mindestens jedes halbe Jahr f�llig und �bten eine reinigende Wirkung auf
ihre Beziehung aus.</p><p>�Meine
Liebe. Phoebe. H�ren Sie mir mal zu, ja? Blo� einen Augenblick, bitte? Keine
junge Engl�nderin, hochgeboren, feinknochig oder mit Knubbelknien kann den
Namen Liese bekommen haben, wenn da nicht irgendwo ein Kraut dazwischen
steckt. So geht's schon mal an. Wie hei�t sie sonst noch?�</p><p>�Worth.�</p><p>�Woolworth?
Schon gut, war nur ein Witz. Schwamm dr�ber. Elizabeth, so hei�t sie n�mlich.
Abgek�rzt Lizzie. Oder Liza. Liza of Lambeth. Sie haben sich verh�rt. Das
klingt nach Familie, wenn Sie so wollen: Miss <strong><emphasis>Elizabeth Worth. </emphasis></strong>Da kann ich den Knochenbau sehen.
Aber nicht Liese, mein Herz. Lizzie.� Phoebe wurde unverbl�mt w�tend.</p><p>�Sie
brauchen mich nicht zu lehren, wie man irgend etwas ausspricht!� schleuderte
sie ihm entgegen. �Sie hei�t Liese, geschrieben L-i-e-s-e, weil ich sie gefragt
und es mir aufgeschrieben habe, und ich habe diesen Namen gedruckt - Bill.�
Ihre Stirn sank auf seine Schulter. �O Bill. Bringen Sie mich nach Hause.� Sie
fing an zu weinen. Craw zog sie eng an sich und t�tschelte sanft ihre Schulter.</p><p>�Na, na,
Kopf hoch, Liebes, es war mein Fehler, nicht der Ihre. Ich h�tte wissen m�ssen,
da� sie mit Ihnen befreundet ist. Eine Dame der Gesellschaft wie Liese, eine
sch�ne und beg�terte Frau, die in Liebesbanden zu einem der neuen Ritter
unserer Insel gefesselt liegt: wie k�nnte eine flei�ige Reporterin wie Phoebe
es da vers�umen, mit ihr Freundschaft zu schlie�en? Ich mu� blind gewesen sein.
Verzeihen Sie mir.� Er lie� eine dezente Pause eintreten. �Was ist passiert?�
fragte er nachsichtig. �Sie haben Liese interviewt, nicht wahr?�</p><p>Zum
zweitenmal in dieser Nacht trocknete Phoebe sich die Augen mit Craws
Taschentuch.</p><p>�Sie hat
mich darum gebeten. Sie ist nicht meine Freundin. Sie ist viel zu gro�artig, um
meine Freundin zu sein. Wie w�re das m�glich? Sie bat mich, ihren Namen nicht
zu schreiben. Sie ist inkognito hier. Ihr Leben h�ngt davon ab. Wenn ihre
Eltern erf�hren, da� sie hier ist, w�rden sie sie auf der Stelle holen lassen.
Sie sind sagenhaft einflu�reich. Sie haben Privatflugzeuge, alles. Sobald sie
erf�hren, da� Liese mit einem Chinesen lebt, w�rden sie die sagenhaftesten
Druckmittel anwenden, nur um sie zur�ckzuholen. &gt;Phoebe&lt;, sagte sie,
&gt;von allen Menschen in Hongkong werden Sie am besten verstehen, was es
bedeutet, unter dem Fluch der Intoleranz zu leben.&lt; Sie bat mich darum. Ich
habe es ihr versprochen.�</p><p>�Sehr
richtig�, sagte Craw unger�hrt. �Und brechen Sie Ihr Wort niemals, Pheeb. Ein
Versprechen ist heilig.� Er lie� einen bewundernden Seufzer h�ren. �Die
Seitengassen des Lebens, sage ich immer, sind uns stets fremder als des Lebens
breite Wege. Wenn man das in die Zeitung setzen w�rde, bek�me man vom
Chefredakteur zu h�ren, man h�tte nicht alle Tassen im Schrank, wetten? Und
doch stimmt es. Ein leuchtendes wundervolles Beispiel menschlicher Integrit�t
um ihrer selbst willen.� Ihre Augen waren zugefallen, und er r�ttelte sie, um
sie wachzuhalten. �Jetzt frage ich mich blo�, wie kommt eine solche Verbindung
zustande? Welcher gute Stern, welcher gl�ckliche Zufall konnte zwei so
d�rstende Seelen zueinanderf�hren? Und noch dazu in Hongkong, Herrgottnochmal.�</p><p>�Es war
Schicksal. Sie lebte nicht einmal hier. Sie hatte sich nach einer ungl�cklichen
Liebesgeschichte v�llig von der Welt zur�ckgezogen und beschlossen, den Rest
ihres Lebens mit der Anfertigung erlesenen Schmucks zu verbringen, um der Welt
in all ihren Leiden etwas Sch�nes zu schenken. Sie war nur f�r ein paar Tage
hergeflogen, um Gold einzukaufen, und rein zuf�llig begegnete ihr, bei einem
von Sally Cales sagenhaften Empf�ngen, Drake Ko, und das war's.�</p><p>�Und von
Stund an nahm die wahre Liebe ihren s��en Lauf, wie?�</p><p>�Keineswegs.
Sie begegnete ihm. Sie liebte ihn. Aber sie war entschlossen, keine Bindung
einzugehen, und kehrte nach Hause zur�ck.�</p><p>�Nach
Hause?� echote Craw bl�de. �Wo ist eine Frau von ihrer Integrit�t zu Hause?�</p><p>Phoebe
lachte. �Nicht nach S�dfrankreich, Dummer. Nach Vientiane. In eine Stadt, die
kein Mensch je aufsucht. Eine Stadt ohne Highlife, ohne eine Spur jenes Luxus,
an den sie von Kind auf gew�hnt war. Das war der Ort ihrer Wahl. Ihre Insel.
Sie hatte Freunde dort, sie interessierte sich f�r Buddhismus und Kunst und
Antiquit�ten.�</p><p>�Und wo
haust sie jetzt? Immer noch in einer schlichten Kate, ja, getreu ihrem Ideal
vom einfachen Leben? Oder hat Bruder Ko sie zu weniger frugalen Pfaden
verleitet?�</p><p>�Sparen
Sie sich Ihren Hohn. Drake hat ihr nat�rlich eine sehr sch�ne Wohnung
eingerichtet.�</p><p>Hier war
f�r Craw die Grenze: er wu�te es sofort. Er �berdeckte die Karte mit anderen,
erz�hlte ihr Geschichten aus dem alten Schanghai. Aber er versuchte mit keinem Schritt,
die entgleitende Liese Worth einzuholen, obgleich Phoebe ihm eine Menge
Laufereien h�tte ersparen k�nnen.</p><p>�Hinter
jedem Maler�, sagte er gern, �und hinter jedem Au�enagenten, Jungens, sollte
ein Kollege mit einem Holzhammer in der Hand stehen und ihm eines �ber den
Sch�del hauen, wenn er weit genug gegangen ist.�</p><p>Im Taxi zu
ihrer Wohnung war sie wieder ruhig, aber sie zitterte. Er brachte sie
ritterlich zur T�r. Er hatte ihr alles verziehen. Auf der Schwelle wollte er
sie k�ssen, aber sie schob ihn weg. �Bill. Bin ich wirklich zu etwas nutz?
Sagen Sie's mir. Wenn ich zu nichts nutz bin, m�ssen Sie mich rauswerfen, ich
verlange es. Heute abend war es nichts. Sie sind s��, Sie tun als ob. Ich
versuche ja alles. Aber es war trotzdem nichts. Wenn es andere Arbeit f�r mich
gibt, dann mach ich sie. Sonst m�ssen Sie mich absto�en. R�cksichtslos.�</p><p>�Es ist
nicht aller N�chte Abend�, beruhigte er sie, und erst dann lie� sie sich von
ihm k�ssen. �Danke, Bill�, sagte sie.</p><p>�Ja, so
war das, Ehrw�rdens�, sann Craw gl�cklich, als er mit dem Taxi zum Hilton
weiterfuhr. �Codename Susan spann und werkelte, und sie wurde mit jedem Tag ein
bi�chen weniger wert, denn jeder Agent kann immer nur so gut sein wie das Ziel,
auf das er angesetzt ist, und das ist die reine Wahrheit. Und das eine Mal, als
sie uns Gold lieferte, pures Gold, Monsignores� - im Geist hielt er wieder den
fetten Zeigefinger hoch, eine Botschaft an die ungepr�gten Jungen, die gebannt
in den vorderen Reihen sa�en -, �das <strong><emphasis>eine Mal, </emphasis></strong>da wu�te
sie nicht einmal, da� sie das getan hatte, und sie <strong><emphasis>erfuhr </emphasis></strong>es nie!�</p><p>�ber die
besten Witze in Hongkong, hatte Craw einmal geschrieben, wird selten gelacht,
weil sie viel zu ernst sind. In diesem Jahr zum Beispiel ging man in das Pub im
Tudorstil in dem unfertigen Hochhaus, wo echte, s�uerlich blickende englische
Landm�dchen im Dekollete der Zeit echtes englisches Bier, zwanzig Grad unter
der englischen Temperatur, servierten, w�hrend drau�en in der Halle schwitzende
Kulis mit gelben Helmen rund um die Uhr schufteten, um die Aufz�ge
betriebsfertig zu machen. Oder man kann in die italienische <strong><emphasis>taverna </emphasis></strong>gehen, wo eine gu�eiserne Wendeltreppe zu Julias
Balkon zu f�hren scheint und statt dessen in einem wei�en Gipsplafond endet;
oder in den schottischen Gasthof mit chinesischen Schotten im Kilt, die
gelegentlich rebellierten, wenn die Hitze zu gro� war oder die Fahrpreise auf
der Star Ferry erh�ht wurden. Craw hatte sogar einen Opiumsalon besucht, mit
Klimaanlage und einer Musikbox, die Greensleeves orgelte. Aber das
Ausgefallenste, das Widersinnigste, was f�r Craws Geld zu haben war, war diese
Dachgartenbar hoch �ber dem Hafen mit ihrer chinesischen Vier-Mann-Kapelle, die
Noel Coward spielte, und ihren glattgesichtigen chinesischen Barm�nnern mit
Frack und Per�cke, die aus dem Dunkel auftauchten und ihn in gutem
Amerikanesisch fragten, was zu trinken beliebe. �Ein Bier�, knurrte Craws Gast
und bediente sich mit einer Handvoll Salzmandeln. �Aber <strong><emphasis>kalt. </emphasis></strong>Verstanden? <strong><emphasis>Sehl </emphasis></strong><emphasis>kalt</emphasis>. Und <strong><emphasis>luck zuck.�</emphasis></strong></p><p>�L�chelt
Euer Eminenz das Leben?� erkundigte sich Craw. �H�ren Sie auf mit dem Krampf,
ja? Geht mir auf den Wecker.� Das Eisenfressergesicht des Superintendent
verf�gte nur �ber einen einzigen Ausdruck: den des bodenlosen Zynismus. Wenn
der Mensch die Wahl h�tte zwischen gut und b�se, besagte sein verbiestertes
Glotzen, w�rde er jederzeit das B�se w�hlen: und die Welt war mitten
durchgeschnitten, geteilt in solche, die das wu�ten und hinnahmen, und diese
langhaarigen Bubis in Whitehall, die an den Weihnachtsmann glaubten. �Die Akte
des M�dchens schon gefunden?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Nennt
sich Worth. Hat ein paar Silben abgelegt.�</p><p>�Ich wei�
verdammt, wie sie sich nennt. Meinetwegen kann sie sich Mata Hari nennen, mir
schei�egal. Es ist trotzdem keine Akte �ber sie da.�</p><p>�Aber es
war eine da?�</p><p>�Richtig,
Dicker, <strong><emphasis>war� </emphasis></strong>griente
der Rocker w�tend und ahmte Craws Akzent nach. � &gt;Das <strong><emphasis>war </emphasis></strong>einmal, das ist nicht mehr&lt;. Dr�cke ich mich klar genug
aus, oder soll ich es f�r Sie mit unsichtbarer Tinte einer Brieftaube auf den
Arsch malen, Sie gottverdammter Buschmann.�</p><p>Craw sa�
eine Weile nur still da und nippte m��ig, aber regelm��ig an seinem Drink.
�K�nnte Ko das getan haben?�</p><p>�Was
getan?� fragte der Rocker absichtlich begriffsstutzig. �Ihre Akte verschwinden
lassen.�</p><p>�K�nnte
er.�</p><p>�Die Aktenschwindsucht
scheint sich auszubreiten�, kommentierte Craw nach einerweiteren
Erfrischungspause. �London niest und Hongkong kriegt den Schnupfen. Mein
kollegiales Mitgef�hl, Monsignore. Mein br�derliches Beileid.� Er senkte die
Stimme zu einem tonlosen Fl�stern. �Sagt mir, Ehrw�rden: ist der Name Sally
Cale Musik f�r Eure Ohren?�</p><p>�Nie von
ihr geh�rt.�</p><p>�Was f�r
Gesch�fte betreibt sie?�</p><p>�Tineff
Antik GmbH Kaulun. Gepl�nderte Kunstsch�tze, erstklassige F�lschungen,
Abbilder von Lord Buddha.�</p><p>�Woher?�</p><p>�Das echte
Zeug kommt aus Burma, �ber Vientiane. F�lschungen sind einheimisches Produkt.
Sechzig, altes Mannweib�, f�gte er s�uerlich hinzu und nahm vorsichtig ein
weiteres Bier in Angriff.</p><p>�H�lt
deutsche Sch�ferhunde und Schimpansen. Gleich in Ihrer Stra�e.�</p><p>�Vorstrafen?�</p><p>�Sie
machen Witze.�</p><p>�Die Cale
hat das M�dchen angeblich mit Ko bekannt gemacht.�</p><p>�Na und?
Die Cale verkuppelt die Euronutten. Die Chinesen m�gen sie deshalb, und ich
auch. Hab' mal gesagt, sie soll mir eine besorgen. Sagte, sie h�tte nichts, was
klein genug w�re, die freche Sau.�</p><p>�Unsere
zarte Sch�ne war angeblich auf einen Sprung hier zum Goldkaufen. Pa�t das ins
Bild?�</p><p>Der Rocker
blickte Craw mit neuem Abscheu- an, und Craw fixierte den Rocker, und es war
ein Zusammensto� zweier unbeweglicher Objekte.</p><p>�Klar pa�t
es ins Schei�bild�, sagte der Rocker ver�chtlich. �Die Cale war Aufk�uferin von
Schmuggelgold aus Macao, oder?�</p><p>�Und wo
kommt Ko ins Spiel?�</p><p>�Ach,
schleichen Sie doch nicht um den hei�en Brei. Die Cale war der Strohmann. Das
Ganze war Kos Gesch�ft. Und sein fetter Bulldog da hat ihren Partner gemimt.�</p><p>�Tiu?�</p><p>Der Rocker
war wieder in seinen Biertran verfallen, aber Craw lie� nicht locker. Er neigte
den scheckigen Kopf ganz nah an das Blumenkohlohr des Rockers.</p><p>�Mein Onkel
George wird jede nur m�gliche Auskunft �ber besagte Cale sehr zu sch�tzen
wissen. Klar? Er wird sie reich belohnen. Er interessiert sich besonders f�r
die Cale jenes entscheidenden Augenblicks, als sie meine kleine Lady ihrem
chinesischen Besch�tzer zuf�hrte, und danach alles bis zum heutigen Tag. Namen,
Daten, Lebenslauf, was immer Sie auf Eis liegen haben. H�ren Sie?�</p><p>�Sagen Sie
Ihrem Onkel George, er wird mir f�nf verdammte Jahre im Knast von Stanley
verschaffen.�</p><p>�Wo Sie
sich in bester Gesellschaft befinden w�rden, was, Junker?� sagte Craw
anz�glich.</p><p>Es war
eine unzarte Anspielung auf j�ngste traurige Ereignisse in der Welt des
Rockers. Zwei seiner vorgesetzten Kollegen waren f�r jeweils mehrere Jahre
dorthin geschickt worden, und weitere warteten tr�bselig darauf, ihnen
nachzufolgen. �Korruption�, brummte der Rocker angeekelt. �Als n�chstes
entdecken sie noch, da� die Erde rund ist. Kotzen mich an, diese Pfadfinder.�</p><p>Craw hatte
das alles schon geh�rt, aber jetzt h�rte er es sich nochmals an, denn er hatte
die goldene Gabe des Zuh�rens, die in Sarratt weit h�her veranschlagt wird als
Mitteilsamkeit. �Drei�igtausend verdammte Europ�er und vier Millionen verdammte
Gelbe, zweierlei verdammte Moral, ein paar der bestorganisierten verdammten
Verbrechersyndikate der Welt. Was erwartet man von mir? Abstellen k�nnen wir
das Verbrechen nicht, also, wie halten wir's im Zaum? Wir kn�pfen uns die
gro�en Fische vor und schlie�en einen Handel mit ihnen, klar tun wir das: Herh�ren,
Jungens. Kein unkontrolliertes Verbrechen, keine Gebietsverletzungen, alles
sauber und dezent, meine Tochter mu� zu jeder Tages- und Nachtzeit auf der
Stra�e sicher sein. Ich m�chte haufenweise Verhaftungen, damit die Richter
zufrieden sind und ich mir meine armselige Pension verdiene, und Gott sei jedem
gn�dig, der die Regeln bricht oder die Obrigkeit mi�achtete Ja, ja, sie
schwitzen ein paar Kr�ten aus. Nennen Sie mir einen Menschen auf dieser ganzen
finsteren Insel, der nicht so oder so ein paar Kr�ten ausschwitzt. Wenn es
Leute gibt, die <strong><emphasis>zahlen, </emphasis></strong>dann gibt
es auch Leute, die <strong><emphasis>kassieren. </emphasis></strong>Klarer
Fall. Und wenn es Leute gibt, die kassieren . . . Au�erdem�, sagte der Rocker,
der pl�tzlich von seinen eigenen Reden genug hatte, �Ihr Onkel George wei� das
l�ngst.�</p><p>Craws
L�wenkopf hob sich langsam, bis sein furchtbares Auge fest auf das abgewandte
Gesicht des Rockers geheftet war.</p><p>�George
wei� <strong><emphasis>was, </emphasis></strong>wenn ich
fragen darf?�</p><p>�Diese
Sally Schei�-Cale. Wir haben sie f�r euch doch schon vor Jahren um- und -umgedreht.
Hat geplant, das verdammte Pfund Sterling zu ruinieren oder irgend sowas
Bl�des. Dumping der Goldpreise in Z�rich, hat man noch Worte. Ein Haufen alter Flickschuster,
wie �blich, wenn Sie mich fragen.�</p><p>Es verging
nochmals eine halbe Stunde, ehe sich der alte Australier m�de aufrappelte und
dem Rocker ein langes Leben und zehntausendfaches Gl�ck w�nschte.</p><p>�Und
halten Sie Ihren Arsch flei�ig gen Sonnenuntergang�, knurrte der Rocker.</p><p>Craw ging
in dieser Nacht nicht nach Hause. Er hatte Freunde, einen Anwalt aus Yale und
dessen Frau, denen eines der zweihundert alten Privath�user Hongkongs geh�rte,
ein �lteres unregelm��ig angelegtes Bauwerk am Pollock's Path hoch droben auf
dem Peak, und sie hatten ihm einen Schl�ssel gegeben. Ein Konsulatswagen stand
in der Auffahrt, aber Craws Freunde waren bekannt daf�r, da� sie sich gern in
Diplomatenkreisen bewegten. Als Craw sein Zimmer betrat, schien er keineswegs
�berrascht, dort einen h�flichen jungen Amerikaner vorzufinden, der im
Korbsessel sa� und einen dickleibigen Roman las: ein blonder adretter Junge mit
einem korrekten Anzug im Diplomatenstil. Craw begr��te ihn nicht, nahm auch
sonst keinerlei Notiz von der Anwesenheit seines Besuchers, sondern setzte sich
an den Schreibtisch mit Glasplatte und fing an, nach bester Tradition seines
p�pstlichen Mentors Smiley, eine Botschaft in Blockschrift zu verfassen, an
Seine Heiligkeit pers�nlich, Ketzer H�nde weg. Danach schrieb er auf ein
zweites Blatt den dazugeh�rigen Schl�ssel. Als er fertig war, �bergab er beides
dem Jungen, der die Bl�tter ehrf�rchtig in die Tasche steckte und rasch und
wortlos verschwand. Als er wieder allein war, wartete Craw, bis er die
Limousine wegschnurren h�rte, dann erst �ffnete und las er die Mitteilung, die
der Junge ihm hinterlassen hatte. Anschlie�end verbrannte er den Zettel und
sp�lte die Asche ins Waschbecken, ehe er sich dankbar auf dem Bett ausstreckte.
Der Tag war hart, aber ich kann sie doch noch �berraschen, dachte er. Er war
m�de. Mein Gott, war er m�de. Er sah die dicht gedr�ngten Gesichter der Sarratt-Kinder
vor sich. Aber wir kommen weiter, Ehrw�rdens. Wir kommen unaufhaltsam weiter.
Wenn auch im Blindenschritt, tapp-tapp im Dunkeln. Zeit, da� ich ein bi�chen
Opium rauche, dachte er. Zeit, da� ich ein nettes kleines M�del zum Aufheitern
h�tte. Mein Gott, war er m�de.</p><p>Smiley war
vielleicht genauso m�de, aber Craws Botschaft, die er eine Stunde sp�ter in
H�nden hielt, machte ihn bemerkenswert munter: um so mehr, als die Akte �ber
Miss Cale, Sally, letzte bekannte Adresse Hongkong, Kunstf�lscherin, Goldschieberin
und gelegentlich Heroinh�ndlerin, sich ausnahmsweise lebendig und gesund und
wohlbehalten in den Archiven des Circus fand. Nicht nur das. Der Deckname, den
Sam Collins in seiner Eigenschaft als unterirdischer Resident des Circus in
Vientiane getragen hatte, flammte ihm daraus entgegen, wie das Fanal eines lang
ersehnten Sieges.</p><p><emphasis/></p><p><emphasis>Tee und
Sympathie</emphasis></p><p><emphasis/></p><p>Seitdem
der Vorhang �ber dem Unternehmen Delphin gefallen war, hatte Smiley mehr als
einmal den Vorwurf h�ren m�ssen, dies w�re f�r George der Augenblick gewesen,
auf Sam Collins zur�ckzugreifen und ihm einen harten und direkten Schlag zu
verpassen, genau dorthin, wo es am wehesten tat. George h�tte damit das
Verfahren betr�chtlich abk�rzen k�nnen, sagen die Wissenden; er h�tte
lebenswichtige Zeit einsparen k�nnen. Sie schwatzten einfach Unsinn.</p><p>Erstens
spielte Zeit keine Rolle. Die russische Goldader und die Operation, die damit
finanziert wurde, was immer es sein mochte, waren seit Jahren im Flu� und w�ren
es vermutlich, h�tte es keine St�rung gegeben, noch lange geblieben. Die
einzigen, die nach Taten lechzten, waren die Whitehall-Barone, der Circus
selber und, indirekt, Jerry Westerby, der sich noch ein paar Wochen l�nger fast
zu Tode langweilen mu�te, w�hrend Smiley pedantisch seinen n�chsten Schachzug
vorbereitete. Zudem r�ckte Weihnachten n�her, was alle Welt ungeduldig macht.
Ko und die gro�e Sache, deren F�den er m�glicherweise in der Hand hielt,
zeigten keinerlei Anzeichen irgendeiner Entwicklung. �Ko und sein russisches
Geld standen wie ein Gebirge vor uns�, schrieb Smiley sp�ter �ber das
Unternehmen Delphin in seinem Abschlu�bericht. �Wir konnten in den Fall
hineinleuchten, wann immer wir das w�nschten, aber wir konnten ihn nicht von
der Stelle bewegen. Es ging nicht darum, da� wir selbst t�tig wurden, sondern
wie wir Ko dazu bewegen konnten, dort t�tig zu werden, wo wir an ihn
herankonnten.�</p><p>Woraus
klar hervorgeht: lang vor allen anderen, ausgenommen vielleicht Connie Sachs,
hatte Smiley das M�dchen als potentiellen Hebel und somit als die wichtigste
Einzelfigur im ganzen Ensemble erkannt - weit wichtiger zum Beispiel als Jerry
Westerby, der jederzeit zu ersetzen war. Dies war nur einer von vielen
triftigen Gr�nden, die Smiley bewogen, so nah an sie heranzukommen, wie es die
Wahrung der Sicherheit irgend zulie�.</p><p>Ein
weiterer Grund war, da� die ganze Art der Beziehung zwischen Sam Collins und
dem M�dchen noch immer im ungewissen schwebte. Es ist so einfach, sich heute
hinzustellen und zu sagen �sonnenklar�, aber damals war die Frage alles andere
als erledigt und abgetan. Die Akte Cale lieferte einen Hinweis. Smileys
intuitives Erf�hlen von Sams Schrittmuster half, ein paar L�cken auszuf�llen;
hastige R�ckpeilungen seitens der Registratur lieferten Anhaltspunkte und den
�blichen Sto� analoger F�lle; die Sammlung von Sams Einsatzberichten war
erhellend. Bleibt noch zu erw�hnen, da� Smiley, je l�nger er Sam fernhielt,
desto n�her einem objektiven Verst�ndnis der Beziehungen zwischen dem M�dchen
und Ko, zwischen dem M�dchen und Sam kam: da� er eine entsprechend st�rkere
Verhandlungsposition hatte, als er und Sam einander wieder gegen�bersa�en. Und
wer konnte wirklich wissen, wie Sam unter Druck reagiert h�tte? Die
Inquisitoren konnten viele Erfolge verbuchen, gewi�, aber auch Fehlschl�ge. Sam
war eine sehr harte Nu�. F�r Smiley z�hlte noch eine weitere �berlegung, auch
wenn er zu zur�ckhaltend ist, um sie in seinem Schreiben zu erw�hnen. In jenen
Tagen nach dem S�ndenfall gingen eine Menge Gespenster um, und eines davon war
die Angst, es k�nne irgendwo im Circus Bill Haydons erw�hlter Nachfolger
vergraben liegen: Bill h�tte ihn ausgesucht, angeworben und auf den Tag hin
getrimmt, an dem er selber, auf die eine oder andere Art, von der B�hne
abtreten w�rde. Sam war urspr�nglich einer von Haydons Kandidaten gewesen.
Seine sp�tere Preisgabe durch Haydon konnte leicht ein abgekartetes Spiel
gewesen sein. Wervermochte in dieser Periode allgemeiner Nervosit�t sicher zu
sein, da� nicht Sam Collins, der alle Hebel f�r seine Reaktivierung in Bewegung
setzte, der Kronprinz des Verr�ters Haydon war? Diese Gedanken spukten in
George Smiley herum, als er seinen Regenmantel �berzog und sich auf den Weg
machte. Nicht einmal ungern, denn im Herzen war er noch immer ein Frontk�mpfer.
Sogar seine Widersacher geben das zu.</p><p>In der
Gegend des alten Barnsbury, im Londoner Stadtteil Islington, machte der Regen
an jenem Tag, als Smiley dort endlich einen diskreten Besuch abstattete, eine
Vormittagspause. Auf den Schieferd�chern viktorianischer Cottages hockten die
triefenden Schornsteine wie durchn��te V�gel zwischen den Fernsehantennen.
Dahinter ragte, von einem Ger�st zusammengehalten, das Gerippe eines
Wohnblocks, dessen Bau wegen fehlender Mittel eingestellt wurde. �Mister-?�</p><p>�Standfast�,
erwiderte Smiley h�flich unter seinem Regenschirm hervor.</p><p>Ehrenm�nner
erkennen einander instinktiv. Mr. Peter Worthington brauchte nur seine
Wohnungst�r zu �ffnen, einen Blick auf die rundliche, regentriefende Gestalt
auf seiner Schwelle zu werfen - die schwarze Aktentasche, auf deren ausgebeultem
Deckel die Buchstaben EHR eingepr�gt waren, die sch�chterne und ein wenig
sch�bige Erscheinung -, und schon erhellte ein Ausdruck gastlichen Willkommens
sein freundliches Gesicht. �Ja, stimmt. Riesig nett, da� Sie kommen. Das
Foreign Office ist doch zur Zeit in der Downing Street, wie? Was haben Sie
gemacht? U-Bahn ab Charing Cross genommen, vermutlich. Kommen Sie rein, trinken
sie ein T��chen.� Er kam von einer Public School, unterrichtete aber jetzt an
einer staatlichen Schule, weil es mehr einbrachte. Seine Stimme war milde,
tr�stend und loyal. Sogar seine Kleidung sprach von Treue, wie Smiley
feststellte, als er ihm durch den engen Korridor folgte. Mochte Peter
Worthington auch erst vierunddrei�ig sein, der schwere Tweedanzug w�rde so
lange modern - oder unmodern - bleiben, wie sein Besitzer es f�r richtig hielt.
Es gab keinen Garten. Das nach hinten gelegene Arbeitszimmer ging direkt auf
einen betonierten Spielplatz. Ein derbes Gitter sch�tzte das Fenster, und der
Spielplatz wurde durch einen hohen Drahtzaun abgeteilt. Dahinter stand das
Schulhaus, ein verschn�rkelter edwardianischer Bau, nicht un�hnlich dem Circus,
nur da� man hineinsehen konnte. Im Erdgescho� sah Smiley Kindermalereien an den
W�nden h�ngen. Weiter oben standen Reagenzgl�ser in Gestellen. Es war
Spielstunde, und auf ihrer H�lfte des Platzes rannten M�dchen in Turnanz�gen
hinter einem Handball her. Auf der anderen Seite des Drahtzaunes dagegen
standen die Buben in schweigenden Gruppen, wie Streikposten vor einem
Fabriktor, Schwarze und Wei�e getrennt. Auf dem Boden des Arbeitszimmers lagen
Schulhefte bis in Knieh�he. Eine illustrierte �bersichtstafel �ber die
englischen K�nige und K�niginnen baumelte am Kaminvorsprung. Dunkle Wolken
hingen am Himmel und verliehen der Schule ein rostiges Aussehen. �Hoffentlich
st�rt Sie der L�rm nicht�, rief Peter Worthington aus der K�che. �Ich h�re ihn
n�mlich schon nicht mehr. Zucker?�</p><p>�Nein,
nein. Keinen Zucker, danke�, sagte Smiley mit bekennendem Grinsen. �Kalorien
sparen?�</p><p>�Na ja,
ein bi�chen, ein bi�chen.� Er spielte sich selber, aber besser als sonst, wie
sie in Sarratt sagen. Ein bi�chen hausbackener, ein bi�chen resignierter: der
brave treue Beamte, der mit vierzig seine Steigh�he erreicht hatte und seitdem
dort verharrte. �Zitrone ist auch da, wenn Sie wollen!� rief Peter Worthington
aus der K�che, wo er ungeschickt mit Tassen und Tellern herumklapperte.</p><p>�O nein,
vielen Dank. Nur Milch.�</p><p>Auf dem
abgetretenen Boden des Arbeitszimmers t�rmten sich die Indizien eines anderen,
kleineren Kindes: Baukl�tze und ein Schreibheft mit endlosen hingekrakelten As
und Ds. Von der Lampe baumelte ein Weihnachtsstern aus Pappe. An den W�nden sah
man die Heiligen Drei K�nige und Schlitten und wei�e Watte. Peter Worthington
kam mit einem Tablett herein. Er war gro� und robust, mit drahtigem, fr�h
angegrautem braunem Haar. Die Tassen waren trotz allen Herumklapperns noch
immer nicht sehr sauber.</p><p>�Gut
gemacht, da� Sie in meiner Freizeit kommen�, sagte er und wies mit dem Kopf auf
die Schulhefte. �Wenn man von Freizeit sprechen kann bei diesem Haufen
Korrekturen.�</p><p>�Ich finde
immer, Ihr Beruf wird sehr untersch�tzt�, sagte Smiley und sch�ttelte milde den
Kopf. �Ich habe selbst Freunde im Lehrfach. Sie sitzen halbe N�chte �ber den
Korrekturen, wie sie mir versichern, und ich habe keinen Grund, an ihrem Wort
zu zweifeln.�</p><p>�Dann
geh�ren sie zu den Gewissenhaften.�</p><p>�Ich darf
Sie bestimmt auch zu dieser Kategorie z�hlen.�</p><p>Peter
Worthington l�chelte, er war sehr geschmeichelt. �Leider ja. Was �berhaupt
lohnt, das lohnt auch die M�he�, sagte er und half Smiley aus dem Regenmantel.</p><p>�Offen
gestanden w�nsche ich mir h�ufig, diese Ansicht w�re ein bi�chen weiter
verbreitet.�</p><p>�An Ihnen
ist auch ein Lehrer verlorengegangen�, sagte Peter Worthington, und sie lachten
beide.</p><p>�Was
machen Sie mit Ihrem kleinen Jungen?� sagte Smiley und setzte sich.</p><p>�Ian? Oh,
der geht zu den Gro�eltern. Meinen Eltern, nicht ihren�, f�gte er hinzu,
w�hrend er Tee eingo�. Er reichte Smiley eine Tasse. �Sind Sie verheiratet?�
fragte er.</p><p>�Ja, ja,
bin ich, und sehr gl�cklich noch dazu, wenn ich das sagen darf.�</p><p>�Kinder?�</p><p>Smiley
sch�ttelte den Kopf und gestattete sich eine kleine entt�uschte Grimasse.
�Leider�, sagte er.</p><p>�Dort
tut's am wehesten�, sagte Peter Worthington sehr n�chtern.</p><p>�Das
glaube ich Ihnen. Trotzdem, wir h�tten gern gewu�t, wie's ist. In unserem Alter
empfindet man es mehr.�</p><p>�Sie
sagten am Telefon, es gebe Nachricht �ber Elizabeth�, sagte Peter Worthington.
�Ich w�re Ihnen schrecklich dankbar, wenn Sie mir's erz�hlten.�</p><p>�Es ist
aber nichts Aufregendes�, sagte Smiley vorsichtig. �Aber es macht Hoffnung.
Ohne Hoffnung geht es nicht.� Smiley b�ckte sich zu der amtlichen schwarzen
Plastikmappe und �ffnete den billigen Verschlu�.</p><p>�Zuerst
mu� ich Sie um einen Gefallen bitten�, sagte er. �Nicht da� ich nicht offen
sein wollte, aber wir gehen immer gern ganz sicher. Ich bin selber sehr
gr�ndlich, das gebe ich ohne weiteres zu. Bei Todesf�llen von Ausl�ndern machen
wir's genauso. Legen uns nie fest, ehe wir absolut sicher sind. Vornamen,
Familienname, genaue Adresse, Geburtsdatum wenn wir es feststellen k�nnen,
keine M�he ist uns zuviel. Nur um uns abzusichern. Nicht <strong><emphasis>rechtsg�ltig, </emphasis></strong>nat�rlich, wir geben keine <strong><emphasis>rechtsg�ltigen </emphasis></strong>Best�tigungen ab, das ist Sache
der zust�ndigen Beh�rden.�</p><p>�Schie�en
Sie los�, sagte Peter Worthington munter. Smiley, der die �bertreibung in
seinem Tonfall bemerkte, blickte schnell auf, aber Peter Worthingtons ehrliches
Gesicht war zur Seite gewandt, er schien einen Stapel alter Notenhalter zu
betrachten, der in der Ecke lag.</p><p>Smiley
leckte sich den Daumen, schlug umst�ndlich eine Akte auf seinen Knien auf und
bl�tterte darin. Es war die Akte des Foreign Office mit der Aufschrift
�Vermi�te Personen� und durch Lacon unter einem Vorwand von Enderby entliehen.
�W�re es zu viel verlangt, wenn ich die Einzelheiten von Anfang an mit Ihnen
durchginge? Nat�rlich nur die hervorstechenden, und nur, was Sie mir gern
sagen, das mu� ich nicht eigens betonen, wie? Der Haken f�r mich ist, m�ssen
Sie wissen, ich bin eigentlich mit dieser Arbeit normalerweise nicht befa�t.
Mein Kollege Wendover, den Sie kennen, ist krank, und - na ja, man will nicht
unbedingt immer <strong><emphasis>alles </emphasis></strong>zu Papier
bringen, nicht wahr. Er ist ein fabelhafter Bursche, aber in puncto
Berichteschreiben finde ich ihn ein bi�chen <strong><emphasis>b�ndig. </emphasis></strong>Nicht nachl�ssig, weit entfernt, aber manchmal ein
bi�chen d�rftig, was den menschlichen Aspekt angeht.�</p><p>�Ich bin
immer vollst�ndig aufrichtig. Immer�, sagte Peter Worthington ziemlich
ungeduldig zu den Notenst�ndern. �Ich glaube an Aufrichtigkeit.�</p><p>�Und was <strong><emphasis>uns </emphasis></strong>betrifft, so kann ich Ihnen versichern, wir im Foreign
Office respektieren eine vertrauliche Mitteilung.� Irgend etwas fehlte
pl�tzlich. Smiley hatte bis zu diesem Augenblick nicht gewu�t, da�
Kindergeschrei die Nerven beruhigen konnte; als es jedoch aufh�rte und der
Spielplatz sich leerte, hatte er ein Gef�hl der Verst�rtheit, und es dauerte
ein paar Sekunden, ehe er es �berwand. �Pausenschlu߫, sagte Peter Worthington
l�chelnd. �Wie bitte?�</p><p>�Pause.
Milch und Br�tchen. Wof�r Sie Ihre Steuern bezahlen.�</p><p>�Also,
erstens ist nicht davon die Rede, entsprechend der Notizen meines Kollegen
Wendover - dem ich um Gottes willen nichts am Zeug flicken m�chte -, da� Mrs.
Worthington Sie unter irgendeiner Art von Zwang verlie� . . . Moment noch.
Lassen Sie mich erst erkl�ren, was ich damit sagen will. Bitte. Sie ging
freiwillig. Sie ging allein fort. Sie wurde nicht in unzul�ssiger Weise dazu
gen�tigt, verlockt oder auf irgendeine Art Opfer einer gesetzwidrigen Pression.
Einer Pression zum Beispiel, die, sagen wir einmal, fr�her oder sp�ter
Gegenstand einer gerichtlichen Klage, angestrengt von Ihnen selbst oder von
anderen gegen eine dritte, bisher noch nicht genannte Partei sein k�nnte?�
Langatmigkeit erzeugt, wie Smiley wu�te, bei den Betroffenen einen fast unertr�glichen
Drang zum Sprechen. Wenn sie nicht direkt unterbrechen, so kontern sie
zumindest mit aufgestauter Energie: und als Schulmeister war Peter Worthington
ohnehin nicht gerade der geborene Zuh�rer.</p><p>�Sie ging
allein fort, ganz allein, und ich stehe und stand immer auf dem Standpunkt, da�
es ihr gutes Recht war. Wenn sie <strong><emphasis>nicht </emphasis></strong>allein
fortgegangen w�re, wenn noch jemand im Spiel gewesen w�re, M�nner - wir sind
wei� Gott alle nur Menschen -, so h�tte das keinen Unterschied gemacht.
Beantwortet das Ihre Frage? Kinder haben ein Recht auf beide Eltern�, schlo� er
lehrhaft. Smiley schrieb flei�ig, aber sehr langsam. Peter Worthington
trommelte mit den Fingern auf die Knie, dann lie� er sie in den Gelenken
knacken, einen nach dem anderen, eine rasche, ungeduldige Salve.</p><p>�Und in
der Zwischenzeit, Mr. Worthington, k�nnen Sie mir bitte sagen, wurde jemals
eine polizeiliche Suche beantragt in bezug auf -�</p><p>�Wir
wu�ten immer, da� sie nicht se�haft bleiben w�rde. Das war ausgemachte Sache.
Sie nannte mich &gt;Mein Anker&lt;. Entweder das oder &gt;Schulmeister&lt;.
Hatte nichts dagegen. Es war nicht b�s gemeint. Es war nur, sie konnte einfach
nicht <strong><emphasis>Peter </emphasis></strong>sagen. Sie
liebte mich als <strong><emphasis>Idee. </emphasis></strong>Nicht als
ein bestimmtes Lebewesen, einen K�rper, einen Geist, eine Pers�nlichkeit, nicht
einmal als Partner. Als Idee, als notwendige Zutat zu ihrer pers�nlichen,
menschlichen Vollst�ndigkeit. Sie hatte das Bed�rfnis, zu gefallen, ich
verstehe das, es entsprang ihrer Unsicherheit, sie sehnte sich nach
Bewunderung. Wenn sie ein Kompliment machte, dann nur, weil sie als Gegengabe
auch eines wollte.�</p><p>�Verstehe�,
sagte Smiley und schrieb wieder, als wolle er diese Ansicht buchst�blich
unterschreiben.</p><p>�Ich
meine, niemand kann ein M�dchen wie Elizabeth heiraten und erwarten, sie f�r
sich allein zu haben. Es war nicht nat�rlich. Damit habe ich mich jetzt
abgefunden. Sogar unser kleiner Ian mu�te Elizabeth zu ihr sagen. Auch das
verstehe ich. Die Ketten einer �Mammi� waren ihr zu schwer. Ein Kind, das
hinter ihr herl�uft und �Mammi� ruft. Zu viel f�r sie. Geht in Ordnung, ich
verstehe das auch. Ich kann mir vorstellen, da� es f�r Sie als kinderlosen Mann
schwer verst�ndlich ist, wie eine Frau, egal welchen Schlags, eine Mutter,
geachtet, geliebt und beh�tet, die nicht einmal Geld verdienen mu�te, ihren eigenen
Sohn buchst�blich sitzenlassen und ihm bis heute nicht einmal eine Postkarte
schreiben kann. Sie finden es vielleicht unfa�bar oder sogar abscheulich. Ich
bin da anderer Ansicht. Als es passierte, glauben Sie mir, ja, da war es
schwer.� Er blickte hinaus auf den eingez�unten Spielplatz. Er sprach ruhig,
ohne eine Spur von Selbstmitleid. Er h�tte zu einem Sch�ler sprechen k�nnen.
�Wir versuchen hier, die Menschen Freiheit zu lehren. Freiheit innerhalb
b�rgerlicher Ordnung. Sie sollen ihre Individualit�t entwickeln. Wie konnte <strong><emphasis>ich </emphasis></strong>denn <strong><emphasis>ihr </emphasis></strong>vorschreiben,
wer <strong><emphasis>sie </emphasis></strong>war? Ich
wollte nur da sein, sonst nichts. Elizabeths Freund sein. Ihr Schlu�mann. So
nannte sie mich unter anderem auch. Ihren Schlu�mann. Worauf ich hinauswill:
sie <strong><emphasis>mu�te </emphasis></strong>nicht
fortgehen. Sie h�tte auch hier tun k�nnen, was sie wollte. Bei mir. Frauen
brauchen eine St�tze, wissen Sie. Ohne einen festen Halt -�</p><p>�Und Sie
haben bis heute keine direkte Nachricht von ihr?� erkundigte sich Smiley sanft.
�Keinen Brief, nicht einmal die Postkarte an Ian, gar nichts?�</p><p>�Nicht die
Bohne.�</p><p>Smiley
schrieb. �Mr. Worthington, hat Ihre Frau Ihres Wissens jemals einen anderen
Namen benutzt?� Aus irgendeinem Grund drohte diese Frage Peter Worthingtonin
Harnisch zu bringen. Er fuhr hoch, als h�tte seine Schulklasse sich eine
Frechheit erlaubt, und seine Hand scho� vor, um Schweigen zu gebieten. Aber
Smiley redete schon weiter: �Zum Beispiel ihren M�dchennamen? Oder vielleicht
eine Abk�rzung des Ehenamens, der in einem nicht englisch sprechenden Land bei
den Einheimischen auf Schwierigkeiten sto�en k�nnte -�</p><p>�Nie. Nie,
<strong><emphasis>nie. </emphasis></strong>Man mu� etwas von den
Anfangsgr�nden der menschlichen Verhaltenspsychologie verstehen. Elizabeth war
hier ein Schulbeispiel. Sie konnte es gar nicht erwarten, ihren Vaternamen
abzulegen. Einer der sehr guten Gr�nde, warum sie mich heiratete, war der, weil
sie einen neuen Vater und einen neuen Namen wollte. Sie hat ihn bekommen, warum
sollte sie ihn wieder aufgeben? Genauso war es mit ihrem Drang zu romantisieren,
ihrem wilden, wilden Fabulieren. Sie wollte ihrer Umgebung entfliehen. Nachdem
ihr das gelungen war, nachdem sie mich gefunden hatte und die Best�ndigkeit,
die ich repr�sentiere, sehnte sie sich nat�rlich nicht mehr danach, jemand
anderer zu <strong><emphasis>sein. </emphasis></strong>Sie <strong><emphasis>war </emphasis></strong>jemand anderer. Sie hatte Erf�llung gefunden. Also <strong><emphasis>warum </emphasis></strong>ging sie fort?�</p><p>Wieder
lie� Smiley sich Zeit. Er sah Peter Worthington scheinbar unsicher an, blickte
in seine Akte, bl�tterte bis zur letzten Eintragung, r�ckte die Brille auf die
Nasenspitze und las den Eintrag, offensichtlich keineswegs zum erstenmal. �Mr.
Worthington, wenn unsere Information korrekt ist, und wir haben guten Grund,
das anzunehmen - ich w�rde sagen, vorsichtig gesch�tzt d�rfen wir zu achtzig
Prozent sicher sein -, so benutzt Ihre Frau zur Zeit den Namen <strong><emphasis>Worth. </emphasis></strong>Und sie benutzt einen Vornamen deutscher
Schreibweise, sehr seltsam, n�mlich L-i-e-s-e. Es w�rde mich interessieren, ob
Sie diese Information in irgendeiner Weise best�tigen oder entkr�ften k�nnen,
desgleichen die Information, wonach sie aktiv an einem Juwelengesch�ft im
Fernen Osten mit Verbindungen bis nach Hongkong und anderen Zentren beteiligt
ist. Sie scheint einen luxuri�sen Lebensstil und gehobenen gesellschaftlichen
Status zu genie�en, sich in ziemlich exklusiven Kreisen zu bewegen.�</p><p>Peter
Worthington begriff von alledem offenbar nur wenig. Er hatte sich auf dem Boden
niedergelassen und die Knie hochgezogen. Er lie� abermals die Fingergelenke
knacken, starrte ungehalten die Notenst�nder an, die wie Skelette in die
Zimmerecke gepfercht waren, und konnte es kaum erwarten, bis Smiley zu Ende
war.</p><p>�H�ren
Sie. Ich verlange nur eins. Da� jeder, der mit ihr in Verbindung tritt, das
kapiert. Ich will keine leidenschaftlichen Appelle, keine Appelle an das
Gewissen. Das kommt nicht in Frage. Nur eine n�chterne Erkl�rung, was geboten
wird, und da� sie willkommen ist. Sonst nichts.� Smiley fl�chtete sich wieder
in die Akte. �Nun, bevor wir zu <strong><emphasis>diesem </emphasis></strong>Punkt
kommen, k�nnten wir vielleicht doch noch die Fakten vollends durchgehen, Mr.
Worthington -�</p><p>�Es <strong><emphasis>gibt </emphasis></strong>keine Fakten�, sagte Peter Worthington, aufs neue
h�chlichst gereizt. �Es gibt nur zwei Menschen. Drei, mit Ian. In einer solchen
Sache gibt es keine Fakten. In <strong><emphasis>keiner </emphasis></strong>Ehe. Das
lehrt uns das Leben. Menschliche Beziehungen sind <strong><emphasis>v�llig </emphasis></strong>subjektiv. Ich sitze auf dem Fu�boden. <strong><emphasis>Das </emphasis></strong>ist ein Faktum. Sie schreiben. <strong><emphasis>Das </emphasis></strong>ist ein Faktum. Elizabeths Mutter steckte dahinter. <strong><emphasis>Das </emphasis></strong>ist ein Faktum. Verstehen Sie? Elizabeths Vater ist ein
gr��enwahnsinniger, krimineller Irrer. <strong><emphasis>Das </emphasis></strong>ist ein
Faktum. Lizzie ist <strong><emphasis>nicht </emphasis></strong>die
Tochter der K�nigin von Saba und <strong><emphasis>nicht </emphasis></strong>die
nat�rliche Enkelin von Lloyd George. Was immer sie auch behaupten mag. Sie hat <strong><emphasis>nicht </emphasis></strong>in Sanskrit promoviert, wie sie der Direktorin
vorzumachen beliebte, die es noch heute glaubt. &gt;Wann werden wir Ihre
reizende Orientalistengattin wiedersehen?&lt; Elizabeth versteht von Juwelen
nicht mehr als ich. <strong><emphasis>Das </emphasis></strong>ist ein
Faktum.�</p><p>�Daten und
Ortsangaben�, murmelte Smiley in die Akte. �Wenn ich das zun�chst einmal
nachpr�fen d�rfte.�</p><p>�Durchaus�,
sagte Peter Worthington gef�llig und f�llte Smileys Tasse aus der gr�nen
Blechkanne nach. Tafelkreide hatte sich an den breiten Fingerkuppen abgesetzt.
Sie war wie das Grau in seinem Haar.</p><p>�Die
Mutter war tats�chlich ihr Ungl�ck, ja�, fuhr er im gleichen v�llig sachlichen
Ton fort: �Das ganze Getue, da� sie zur B�hne sollte, dann zum Ballett, dann
ein Versuch, sie ins Fernsehen zu lancieren. Die Mutter wollte, da� Elizabeth
bewundert w�rde. Als Ersatz f�r sich selber nat�rlich. Psychologisch v�llig
klar. Lesen Sie Berne. Lesen Sie, wen Sie wollen. Das ist eben <strong><emphasis>ihre </emphasis></strong>Art, <strong><emphasis>ihr </emphasis></strong>Selbstverst�ndnis
zu definieren. Durch ihre Tochter. Man mu� hinnehmen, da� es solche Dinge gibt.
Ich verstehe das jetzt. Sie ist okay, ich bin okay, die Welt ist okay, Ian ist
okay, und dann ist sie pl�tzlich weg.�</p><p>�Wissen
Sie zuf�llig, ob sie sich gelegentlich mit ihrer Mutter in Verbindung setzt?�</p><p>Peter
Worthington sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Bestimmt
nicht. Als Elizabeth fortging, war sie mit ihrer Mutter fertig. Hatte v�llig
mit ihr gebrochen. �ber diese H�rde habe ich ihr hinweggeholfen, das darf ich
mit Sicherheit behaupten. Mein einziger Beitrag zu ihrem Gl�ck -�</p><p>�Ich
glaube nicht, da� wir die Adresse der Mutter hier haben�, sagte Smiley und
bl�tterte verbissen in der Akte. �Sie haben nicht -�</p><p>Peter
Worthington gab ihm die Adresse mit lauter Stimme im Diktiertempo zum
Mitschreiben an.</p><p>�Und jetzt
die Daten und Ortsangaben�, wiederholte Smiley. �Bitte.�</p><p>Sie hatte
ihn vor zwei Jahren verlassen. Peter Worthington gab nicht nur den Tag an, sondern
die Stunde. Es war keine Szene vorausgegangen - Peter Worthington hielt nichts
von Szenen, Elizabeth hatte zu viele mit ihrer Mutter gehabt<strong>, - </strong>sie hatten einen gl�cklichen Abend verbracht, einen <strong><emphasis>besonders </emphasis></strong>gl�cklichen sogar. Er hatte sie zur Abwechslung in
das Kebab-Restaurant gef�hrt. �Haben Sie vielleicht gesehen, als Sie herkamen?
- Hei�t das Knossos, gleich neben dem Express-Dairy.� Sie hatten Wein getrunken
und t�chtig geschmaust, und Andrew Wiltshire, der neue Englischlehrer, war als
Dritter im Bunde mitgekommen. Elizabeth hatte diesen Andrew erst vor ein paar
Wochen in die Yoga-Lehre eingef�hrt. Sie waren gemeinsam zum Unterricht ins
Sobell Centre gegangen und dicke Freunde geworden.</p><p>�Sie ist
vom Yoga <strong><emphasis>tief </emphasis></strong>durchdrungen�,
sagte er und nickte billigend mit dem graugesprenkelten Kopf. �H�tte echtes
Interesse. Andrew war genau die Sorte Mann, um sie anzuregen. Extrovertiert,
unreflektiert, k�rperbetont . . . genau das Richtige f�r sie�, sagte er
entschieden. Sie waren alle drei um zehn Uhr heimgegangen, wegen des
Babysitters, sagte er: er selber, Andrew und Elizabeth. Er hatte Kaffee
gekocht, sie h�rten Musik, und so um elf herum gab Elizabeth jedem einen Ku�
und sagte, sie wolle noch hin�bergehen und nach ihrer Mutter sehen.</p><p>�Ich
dachte, sie h�tte mit ihrer Mutter gebrochen�, wandte Smiley milde ein, aber
Peter Worthington tat, als h�rte er nicht. �Nat�rlich bedeuten <strong><emphasis>K�sse </emphasis></strong>nichts bei ihr�, erl�uterte Peter Worthington rein
informativ. �Sie k��t jeden, die Sch�ler, ihre Freundinnen - sie w�rde den
M�llmann k�ssen, irgendwen. Sie ist <strong><emphasis>sehr </emphasis></strong>spontan.
Sie kann eben keinen in Ruhe lassen. Ich meine, jede Beziehung mu� eine
Eroberung sein. Ob es ihr Kind ist oder der Kellner im Restaurant . . . und
wenn sie sie erobert hat, langweilen sie sie. Nat�rlich. Sie ging nach oben,
sah nach lan und hat sicherlich diesen Augenblick genutzt, um ihren Pa� und das
Haushaltsgeld aus dem Schlafzimmer zu holen. Sie hinterlie� einen Zettel, auf
dem &gt;Tut mir leid&lt;, draufstand, und seitdem habe ich sie nicht mehr
gesehen. Und Ian auch nicht�, sagte Peter Worthington.</p><p>��hem, hat
<strong><emphasis>Andrew </emphasis></strong>von ihr geh�rt?� erkundigte sich
Smiley und kippte wiederum seine Brille herunter. �Warum sollte er?�</p><p>�Sie
sagten, die beiden seien Freunde gewesen, Mr. Worthington. Manchmal werden
Dritte zu Mittlern bei solchen Aff�ren.� Bei dem Wort <strong><emphasis>Aff�ren </emphasis></strong>sah er auf und fand sich direkt in Peter
Worthingtons ehrliche, verzweifelte Augen blicken: und eine Sekunde lang
glitten beide Masken gleichzeitig ab. War Smiley der Beobachter? Oder wurde er
beobachtet? Vielleicht war es nur seine angeschlagene Phantasie - oder sp�rte
er in sich und in diesem schwachen Jungen, der ihm gegen�bersa�, die Regung
einer verlegenen Verwandtschaft? &gt;Es sollte einen Verein f�r betrogene
Ehem�nner geben, die sich selber bemitleiden. Ihr habt alle die gleiche,
nervt�tende, gr��liche Vergebermasche !&lt;, hatte Ann ihm einmal ins Gesicht
geschleudert. Du hast deine Elizabeth nie gekannt, dachte Smiley, w�hrend er
noch immer Peter Worthington anstarrte: und ich nicht meine Ann.</p><p>�Das ist
wirklich alles, woran ich mich erinnere�, sagte Peter Worthington. �Danach nur
noch ein blinder Fleck.�</p><p>�Ja�,
sagte Smiley. �Ja�, - und er �bernahm unwillk�rlich Worthingtons
Lieblingswendung -, �ich verstehe.�</p><p>Er stand
auf und wollte gehen. Unter der T�r stand ein kleiner Junge. Er hatte einen
ausweichenden, feindselig-starren Blick.</p><p>Eine
m�tterliche, schwere Frau stand hinter ihm und hielt seine beiden Handgelenke
�ber seinem Kopf fest, so da� er an ihr zu h�ngen schien, obwohl er auf seinen
eigenen F��en stand.</p><p>�Schau, da
ist Daddy �, sagte die Frau und blickte Worthington aus braunen,
besitzergreifenden Augen an.</p><p>�Jenny,
hei. Das ist Mr. Standfast vom Foreign Office.�</p><p>�Sehr
angenehm�, sagte Smiley h�flich, und nach ein paar Minuten unverbindlichen
Geplauders und dem Versprechen, baldm�glichst Weiteres h�ren zu lassen, falls
es noch Weiteres g�be, verabschiedete er sich.</p><p>�Oh, und
fr�hliche Weihnachten�, rief Worthington von der Treppe.</p><p>�Ach ja.
Ja, nat�rlich. W�nsche ich Ihnen auch. Ihnen allen recht fr�hliche
Weihnachten.�</p><p>In der
Rastst�tte taten sie einem gleich Zucker hinein, wenn man nicht ausdr�cklich
abwinkte, und sooft die Inderin eine Tasse zubereitete, f�llte sich die winzige
K�che mit Dampf. Zu zweien oder dreien a�en schweigende M�nner ihr Fr�hst�ck,
Abendbrot oder ihren Lunch, je nachdem, wie weit sie in ihrem jeweiligen
Tagesprogramm gekommen waren. Auch hier r�ckte Weihnachten heran. Sechs
schmierige bunte Glaskugeln baumelten stimmungsvoll �ber der Theke, daneben
ein Netzstrumpf, der um Hilfe f�r spastisch gel�hmte Kinder bat. Smiley starrte
in eine Abendzeitung, ohne sie zu lesen. In einer Ecke, keine zw�lf Fu� von ihm
entfernt, hatte der kleine Fawn die typische Position des Babysitters bezogen.
Seine dunklen Augen l�chelten freundlich die G�ste und die T�r an. Er hob die
Tasse mit der linken Hand, w�hrend die rechte sich auf Brusth�he hielt. Ob
Karla wohl so dasa�, �berlegte Smiley. Fl�chtete Karla sich zu den Arglosen?
Control hatte es getan. Control hatte sich ein komplettes zweites, drittes oder
viertes Leben in einer Zweizimmer-Etagenwohnung gleich am Westlichen Ring
eingerichtet, unter dem schlichten Namen Matthews, der nicht als Alias in den
Akten der Housekeepers erschien. Nun, �komplettes� Leben war �bertrieben. Aber
er hatte Kleidung dort gehabt und eine Frau, gleichfalls namens Matthews, sogar
eine Katze. Und jeden Donnerstag fr�hmorgens in einem Handwerkerclub
Golfunterricht genommen, w�hrend er von seinem Schreibtisch im Circus aus seine
Verachtung f�r die Gro�en Ungewaschenen, f�r Golf und f�r die Liebe kundtat,
und f�r jedes andere nichtsnutzige menschliche Streben, das ihn insgeheim
gelockt haben mochte. Er hatte sogar einen Schrebergarten gepachtet, erinnerte
sich Smiley, drunten an einem Rangiergleis. Mrs. Matthews hatte es sich nicht
nehmen lassen, Smiley in ihrem blitzenden Morris dorthinzufahren, an dem Tag,
an dem er ihr die Trauerbotschaft �berbrachte. Es war der gleiche Verhau, wie
alle anderen Schreberg�rten: Einheitsrosen, Wintergem�se, das sie nicht
verwendet hatten, ein Ger�teschuppen mit Gartenschlauch und einer Unmenge
Sament�ten. Mrs. Matthews war Witwe, f�gsam, aber t�chtig. �Ich m�chte nur eins
wissen�, hatte sie gesagt, nachdem sie die Zahl auf dem Scheck gelesen hatte.
�Ich m�chte nur eins mit Bestimmtheit wissen, Mr. Standfast: ist er <strong><emphasis>wirklich </emphasis></strong>tot oder ist er wieder zur�ck zu seiner Frau?�</p><p>�Er ist
wirklich tot�, versicherte ihr Smiley, und sie glaubte ihm dankbar. Er
unterlie� es, hinzuzuf�gen, da� Controls Frau schon vor elf Jahren von hinnen
geschieden war, in dem festen Glauben, ihr Mann sei irgend etwas bei der
Energie-Aufsichtsbeh�rde. Ob Karla in Aussch�ssen Hokuspokus machen mu�te? Sich
mit Kabalen herumschlagen, die Dummen hinters Licht f�hren, den Schlauen
schmeicheln, sich in Zerrspiegeln � la Peter Worthington erblicken, geh�rte
das alles zu seinem Job? Er blickte auf die Uhr, dann hin�ber zu Fawn. Neben
der WC-T�r war ein M�nzfernsprecher. Aber als Smiley den Wirt um Kleingeld bat,
lehnte er ab, er habe keine Zeit. �R�ck's raus, du mieser Flegel!� schrie ein
ganz in Leder gekleideter Fernfahrer. Der Wirt gehorchte schleunigst. �Gl�ck
gehabt?� fragte Guillam, der den Anruf auf dem direkten Apparat im Circus
entgegennahm.</p><p>�Nicht
schlecht f�r den Anfang�, sagte Smiley.</p><p>�Hurra�,
sagte Guillam.</p><p>Ein
weiterer Vorwurf, der sp�ter gegen Smiley erhoben wurde, lautete, er habe Zeit
f�r untergeordnete Erledigungen verschwendet, anstatt sie seinen Untergebenen
zu �bertragen.</p><p>In der
N�he des Town-and-Country-Golfplatzes am n�rdlichen Stadtrand von London gibt
es Wohnbl�cke, die den Aufbauten st�ndig im Sinken begriffener Schiffe �hneln.
Sie liegen hinter langen Rasenstreifen, wo die Bl�ten niemals so richtig
angehen, die Ehem�nner st�rzen jeden Morgen gegen halb neun in h�chster Panik
zu den Rettungsbooten, und die Frauen und Kinder halten sich den Tag hindurch
�ber Wasser, bis ihre Mannsleute wiederkommen, zu m�de, um noch irgendwohin zu
segeln. Diese H�user wurden in den drei�iger Jahren erbaut und haben seitdem
ein schmutziges Wei� beibehalten. Ihre l�nglichen stahlgerahmten Fenster
blickten auf die saftiggr�nen Wellen der Golfpl�tze hinaus, wo wochentags
Frauen mit Augenschirmen wie Schiffbr�chige umherirren. Einer der Blocks nennt
sich Arcady Mansions, und die Pellings wohnten dort in Nummer sieben, von wo
man unter einigem Halsverrenken das neunte Gr�n sehen konnte, solange die
Buchen kein Laub trugen. Als Smiley geklingelt hatte, h�rte er nach dem d�nnen
elektrischen Bimmeln nichts mehr: keine Schritte, keinen Hund, keine Musik. Die
T�r ging auf, und aus dem Dunkeln sagte eine kr�chzende M�nnerstimme �Ja?�,
aber die Stimme geh�rte einer Frau. Sie war gro� und geb�ckt. In der Hand hielt
sie eine Zigarette.</p><p>�Mein Name
ist Oares�, sagte Smiley und hielt ihr einen gro�en gr�nen Ausweis in einer
Zellophanh�lle hin. Zu einer anderen Legende geh�rt ein anderer Name.</p><p>�Oh, Sie
sind das, wie? Kommen Sie rein. Zum Essen, zur Fernsehshow. Am Telefon haben
Sie j�nger geklungen� schrie sie mit schriller Stimme, die um eine feinere
Tonart rang. �Er ist dort drinnen. H�lt Sie f�r einen Spion�, sagte sie und
blinzelte den gr�nen Ausweis an. �Aber das sind Sie nicht, oder?�</p><p>�Nein�,
sagte Smiley. �Leider nicht. Blo� ein Schn�ffler.� Die Wohnung bestand
vorwiegend aus Korridoren. Die Frau ging voraus und zog eine Ginfahne hinter
sich her. Ein Bein schleifte sie beim Gehen nach, und ihr rechter Arm war
steif. Smiley nahm an, sie m�sse einen Schlaganfall gehabt haben. Sie war
gekleidet, als h�tte nie jemand ihre Gestalt oder ihren Sex bewundert. Und als w�re
es ihr auch egal. Sie trug flache Schuhe und einen M�nnerpullover mit G�rtel,
der sie bullig machte.</p><p>�Er sagt,
er hat nie von Ihnen geh�rt. Er sagt, er hat Sie im Telefonbuch nachgeschlagen
und es gibt Sie gar nicht�, sagte Smiley.</p><p>�Wir
wahren gern die Diskretion�, sagte Smiley.</p><p>Sie stie�
eine T�r auf. �Es gibt ihn doch�, meldete sie laut, noch ehe sie das Zimmer
betrat. �Und er ist kein Spion, er ist ein Schn�ffler.�</p><p>Am anderen
Ende des Zimmers sa� ein Mann auf einem Stuhl und las den Daily <strong><emphasis>Telegraph, </emphasis></strong>den er so vors Gesicht hielt, da�
Smiley nur den kahlen Sch�del und den Schlafrock und die kurzen
�bergeschlagenen Beine, die in ledernen Hausschuhen endeten, sehen konnte, aber
irgendwie wu�te er sofort, da� Mr. Pelling zu jenen kleinen M�nnern geh�rte,
die unweigerlich gro�e Frauen heirateten. Das Zimmer enthielt alles, was er zum
alleinigen �berleben n�tig haben k�nnte. Seinen Fernsehapparat, sein Gas, einen
E�tisch und eine Staffelei zum Ausmalen vorgezeichneter Bilder. An der Wand
hing in schreienden Farben das Portr�tfoto eines sehr sch�nen M�dchens, mit
einer Widmung schr�g in eine Ecke gekritzelt, so wie Filmstars sie den
Unber�hmtheiten zukommen lassen. Smiley erkannte Elizabeth Worthington. Er
hatte schon eine Menge Fotos von ihr gesehen. �Mister Oates, das ist Nunc�,
sagte die Frau und schien nahe daran, zu knicksen.</p><p>Der <strong><emphasis>Daily Telegraph </emphasis></strong>senkte sich langsam wie eine
Garnisonsfahne und enth�llte ein aggressives, gl�nzendes kleines Gesicht mit
dichten Brauen und Managerbrille.</p><p>�Ja. Und
wer sind Sie nun wirklich?� sagte Mr. Pelling. �Sind Sie vom Secret Service
oder nicht? Keine langen Faxen, raus damit und Schwamm dr�ber. F�r Schn�ffelei
hab ich nichts �brig. Was ist das?� fragte er.</p><p>�Seine
Karte�, sagte Mrs. Pelling und hielt sie hoch. �Gr�n get�nt.�</p><p>�Oh, wir
tauschen unsere Karten, wie? Dann brauche <strong><emphasis>ich </emphasis></strong>auch eine, Cess, wie? La� doch gleich welche drucken,
meine Liebe. H�pf mal runter zu Smith, ja?�</p><p>�Trinken
Sie gern Tee?� fragte Mrs. Pelling und linste mit schr�g<strong> gehaltenem Kopf auf ihn herab.</strong></p><p><strong>�Wozu willst du ihm Tee geben?� fragte Mr. Pelling als er sah, da� sie
sich am Kocher zu schaffen machte. �Er braucht keinen Tee. Er ist kein Gast. Er
ist nicht mal vom Geheimdienst. Ich hab' ihn nicht hergebeten. Bleiben Sie die
Woche �ber�, sagte er zu Smiley. �Ziehen Sie zu uns, wenn Sie wollen. Sie
k�nnen ihr Bett haben. </strong><strong><emphasis>Bullion
Universal, Sicherheitsberatung </emphasis></strong><strong>oder was bei�t
mich.�</strong></p><p><strong>�Er m�chte �ber Lizzie sprechen, </strong><strong><emphasis>darling�, </emphasis></strong><strong>sagte Mrs. Pelling und richtete ein Tablett f�r ihren Mann her. �Jetzt
sei ausnahmsweise einmal ein Vater.�</strong></p><p><strong>�In ihrem Bett w�rden Sie jede Menge Spa� haben, glauben Sie mir�,
sagte Mr. Pelling und nahm seinen </strong><strong><emphasis>Telegraph </emphasis></strong><strong>wieder auf. �Danke f�r die Blumen�, sagte Mrs. Pelling und lachte. Das
Lachen bestand aus zwei T�nen, wie ein Vogelruf, und war nicht lustig gemeint.
Ein lastendes Schweigen folgte. Mrs. Pelling reichte Smiley eine Tasse Tee. Er
nahm sie und richtete seine Worte an die R�ckseite von Mr. Pellings Zeitung. �Sir,
Ihre Tochter Elizabeth wird f�r einen wichtigen Posten bei einer gro�en
�berseefirma in Erw�gung gezogen. Meine Organisation ist vertraulich damit
beauftragt - heutzutage eine normale, aber h�chst notwendige Formalit�t -, sich
mit Bekannten und Verwandten hierorts in Verbindung zu setzen und Leumundszeugnisse
einzuholen.�</strong></p><p><strong>�Das sind </strong><strong><emphasis>wir, </emphasis></strong><strong>Lieber�, erkl�rte Mrs. Pelling, falls ihr Mann nicht begriffen h�tte.</strong></p><p><strong>Die Zeitung senkte sich klatschend.</strong></p><p><strong>�Wollen Sie andeuten, meine Tochter sei charakterlich nicht in Ordnung?
Sitzen Sie deshalb hier und trinken meinen Tee, um solche Andeutungen zu
machen?�</strong></p><p><strong>�Nein, Sir�, sagte Smiley.</strong></p><p><strong>�Nein, Sir�, assistierte Mrs. Pelling nutzlos.</strong></p><p><strong>Ein langes Schweigen folgte, um dessen Beendigung Smiley sich nicht
besonders bem�hte.</strong></p><p><strong>�Mr. Pelling�, sagte er schlie�lich in festem und geduldigem Ton.</strong></p><p><strong>�Soviel ich wei�, waren Sie viele Jahre im Postdienst besch�ftigt und
brachten es zu einem hohen Posten.�</strong></p><p><strong>�Viele, </strong><strong><emphasis>viele </emphasis></strong><strong>Jahre�, pflichtete Mrs. Pelling bei.</strong></p><p><strong>�Ich habe gearbeitet�, sagte Mr. Pelling, jetzt wieder hinter seiner Zeitung
hervor. �Es wird viel zuviel geschwatzt auf der Welt und viel zu wenig
gearbeitet, sage ich immer.�</strong></p><p><strong>�Haben Sie in ihrer Abteilung Kriminelle eingestellt?� Die Zeitung
raschelte, dann war sie wieder still. �Oder Kommunisten?� sagte Smiley unentwegt
freundlich. �Wenn ja, dann w�ren sie verdammt schnell wieder drau�en�, sagte
Mr. Pelling, und diesmal blieb die Zeitung unten. Mrs. Pelling schnalzte mit
den Fingern. �So!� sagte sie. �Mr. Pelling�, fuhr Smiley wie ein g�tiger
Hausarzt fort, �der Posten, f�r den Ihre Tochter in Frage k�me, ist bei einer
der bedeutenden Fernost-Firmen. Sie w�rde vorwiegend mit Luftspedition zu tun
haben, und aufgrund ihrer T�tigkeit im voraus Kenntnis von erheblichen
Goldtransporten in dieses betreffende Land und zur�ck haben, sowie von
Sondersendungen per Post und diplomatischen Kurieren. Die Bezahlung ist
au�erordentlich hoch. Ich halte es nicht f�r �bertrieben - und Sie gewi� auch
nicht -, wenn Ihre Tochter den gleichen Prozeduren unterworfen wird, wie jeder
andere Kandidat f�r eine so verantwortungsvolle - und erstrebenswerte -
Stellung.�</strong></p><p><strong>�Wer hat </strong><strong><emphasis>Sie </emphasis></strong><strong>angestellt�, bellte Mr. Pelling, �das m�chte ich wissen. Wer sagt, das </strong><strong><emphasis>Sie </emphasis></strong><strong>zuverl�ssig sind?�</strong></p><p><strong>�Nunc�, flehte Mrs. Pelling. �Wer behauptet das von irgendwem?�</strong></p><p><strong>�Halt die Klappe! Gib ihm noch Tee. Du bist die Hausfrau, oder?, dann
tu deine Pflicht. H�chste Zeit, da� Lizzie belohnt wird, und ich bin sehr
ver�rgert, da� es nicht fr�her geschehen ist, wenn man bedenkt, was sie ihr schulden.�</strong></p><p><strong>Mr. Pelling nahm die Lekt�re von Smileys imponierender gr�ner Karte
wieder auf: �&gt;Agenturen in Asien, den USA und in Nahost.&lt; Knastbr�der,
w�rde ich sagen. Hauptb�ro South Molton Street. Anfragen unter Telefon
bla-bla-bla. Wen krieg ich dann an die Strippe? Ihren Spie�gesellen vermutlich.�</strong></p><p><strong>�Wenn es South Molton Street ist, </strong><strong><emphasis>mu� </emphasis></strong><strong>er in Ordnung sein�, sagte Mrs.
Pelling.</strong></p><p><strong>�Autorit�t ohne Verantwortung�, sagte Mr. Pelling und w�hlte die
Nummer. Er sprach, als hielte ihm jemand die Nase zu. �Daf�r hab' ich leider
gar nichts �brig.�</strong></p><p><strong><emphasis>�Mit </emphasis></strong><strong>Verantwortung�, verbesserte Smiley.
�Unsere Firma ist gehalten, ihre Klienten f�r jede Unredlichkeit einer von uns
empfohlenen Kraft zu entsch�digen. Wir sind entsprechend versichert.�</strong></p><p><strong>Am anderen Ende klingelte </strong><strong>es </strong><strong>f�nfmal, ehe sich die Vermittlung des Circus meldete, und Smiley hoffte
zu Gott, es m�chte klappen. �Geben Sie mir den Gesch�ftsf�hrer�, befahl Mr.
Pelling. �Mir macht's nichts aus, ob er in einer Sitzung ist! Hat er auch einen
Namen? Und der w�re? Dann sagen Sie Mr. Andrew Forbes-Lisle, da� Mr. Humphrey
Pelling ihn in einer pers�nlichen Angelegenheit zu sprechen w�nscht. Sofort.�
Lange Pause. Gut </strong><strong><emphasis>gemacht, </emphasis></strong><strong>dachte Smiley. </strong><strong><emphasis>Goldrichtig. </emphasis></strong><strong>�Hier Pelling. Bei mir in der Wohnung sitzt ein Mann, der sich Oates
nennt. Kurz, fett und �ngstlich. Was soll ich mit ihm anfangen?� Im Hintergrund
h�rte Smiley Peter Guillams vollt�nendes, milit�risch klingendes Organ, das Mr.
Pelling geradezu nahelegte, gef�lligst strammzustehen, wenn er mit Mr.
Forbes-Lisle spreche. Bes�nftigt legte Mr. Pelling den H�rer auf. �Wei� Lizzie,
das Sie mit uns </strong><strong>Sprechen?� </strong><strong>fragte er. �Sie w�rde sich krank lachen, wenn sie es w��te�, sagte
seine Frau.</strong></p><p><strong>�Sie wei� vielleicht nicht einmal, da� sie f�r den Posten in Erw�gung
gezogen ist�, sagte Smiley. �Heutzutage geht die Tendenz mehr und mehr dahin,
sich mit dem Betreffenden erst nach Feststellung der Unbedenklichkeit in
Verbindung zu setzen.�</strong></p><p><strong>�Es ist doch f�r Lizzie, Nunc�, erinnerte ihn Mrs. Pelling. �Du liebst
sie doch, auch wenn wir seit einem Jahr nichts von ihr geh�rt haben.�</strong></p><p><strong>�Korrespondieren Sie �berhaupt nicht mir ihr?� fragte Smiley
mitf�hlend.</strong></p><p><strong>�Sie w�nscht es nicht�, sagte Mrs. Pelling mit einem raschen Blick zu
ihrem Mann.</strong></p><p><strong>Ein kaum h�rbarer Grunzlaut entfloh Smileys Lippen. Es h�tte Bedauern sein
k�nnen, aber in Wirklichkeit war es Erleichterung. �Gib ihm noch Tee�, befahl
ihr Mann. �Er hat seinen Humpen schon wieder leer.�</strong></p><p><strong>Aber er glotzte Smiley aufs neue verschlagen an. �Ich bin noch immer
nicht </strong><strong><emphasis>�berzeugt, </emphasis></strong><strong>da� er kein Geheimdienstagent ist, auch jetzt noch nicht�, sagte er.
�Ist zwar scheint's keine Leuchte, aber das k�nnte Absicht sein.�</strong></p><p><strong>Smiley hatte Formulare mitgebracht. Der Drucker im Circus hatte sie am
vergangenen Abend auf br�unlichem Papier abgezogen - ein Gl�ck, denn in Mr.
Pellings Welt waren Formulare die Legitimation f�r alles, und br�unlich war die
vertrauenerweckende Farbe. Und so arbeiteten die beiden M�nner mit vereinten
Kr�ften, wie zwei Freunde, die gemeinsam ein Kreuzwortr�tsel l�sen, Smiley
hockte auf seinem Stuhl, Mr. Pelling verrichtete die Schreibarbeit, w�hrend
seine Frau rauchend dasa�, durch die grauen Netzgardinen starrte und
unaufh�rlich ihren Ehering am Finger drehte. Sie waren bei Geburtsdatum und
-ort. �Hier in unserer Stra�e, im Alexandra Nursing Home. Ist jetzt abgerissen
worden, nicht wahr, Cess? Steht jetzt einer von diesen Eiscremeblocks dort.�
Sie kamen zu Schulbildung, und Mr. Pelling �u�erte seine Meinung zu diesem
Thema.</strong></p><p><strong>�Ich hab' sie nie zu lang in ein und derselben Schule gelassen, wie, Cess?
H�lt den Geist wach. L��t keine Routine aufkommen. Eine Ver�nderung ist soviel
wie ein Urlaub, habe ich gesagt. Stimmt's Cess?�</strong></p><p><strong>�Er liest B�cher �ber Erziehung�, sagte Mrs. Pelling. �Wir haben sp�t
geheiratet�, sagte er, als wolle er ihr Vorhandensein erkl�ren.</strong></p><p><strong>�Wir wollten, da� sie zur B�hne geht�, sagte sie. �Er wollte ihren
Manager machen, unter anderem.�</strong></p><p><strong>Er machte weitere Angaben. Nannte eine Schauspielschule und einen
Sekret�rinnenkurs.</strong></p><p><strong>�Schliff�, sagte Mr. Pelling. �Lebensklugheit, nicht Fachausbildung,
das halte ich f�r das Richtige. Ihr von allem ein bi�chen zukommen lassen.
Damit sie Weltgewandtheit kriegt. Sicheres Auftreten.�</strong></p><p><strong>�Oh, das Auftreten hat sie�, stimmte Mrs. Pelling zu, schnalzte mit der
Zunge und stie� eine Wolke von Zigarettenrauch aus. </strong><strong><emphasis>�Und </emphasis></strong><strong>die Weltgewandtheit dazu.�</strong></p><p><strong>�Aber sie hat die Sekret�rinnenschule nie </strong><strong><emphasis>beendet?� </emphasis></strong><strong>fragte Smiley und wies auf das
Formblatt, �oder den Schauspielkursus?�</strong></p><p><strong>�War nicht n�tig�, sagte Mr. Pelling.</strong></p><p><strong>Sie kamen zu �fr�here Arbeitgeber�. Mr. Pelling f�hrte ein halbes Dutzend
im Einzugsgebiet von London an, jeweils im Abstand von h�chstens achtzehn
Monaten.</strong></p></section><section><p><strong>�Lauter Stumpfsinn�, sagte Mrs. Pelling vergn�gt.</strong></p><p><strong>�Sie hat sich umgesehen�, sagte ihr Mann leichthin. �Wollte den Puls
f�hlen, ehe sie sich festlegte. Hab' ich sie gelehrt, wie, Cess?</strong></p><p><strong>Alle h�tten sie gern behalten, aber ich war nicht daf�r.� Er wies mit
ausgestrecktem Arm auf sie. �Und sag' blo� nicht, es h�tte sich schlie�lich
nicht doch gelohnt!� keifte er. �Auch wenn wir nicht dar�ber sprechen d�rfen!�</strong></p><p><strong>�Das Ballett war ihr am liebsten�, sagte Mrs. Pelling. �Der Unterricht
der Kinder. Sie hat Kinder </strong><strong><emphasis>wahnsinnig </emphasis></strong><strong>gern. </strong><strong><emphasis>Wahnsinnig.�</emphasis></strong></p><p><strong>Was Mr. Pelling sehr erz�rnte. �Sie baut sich eine Karriere auf, Cess�,
schrie er und klatschte sich mit dem Formular aufs Knie. �Allm�chtiger, du
bl�de Kuh, m�chtest du vielleicht, da� sie zu ihm zur�ckgeht?�</strong></p><p><strong>�Was hat sie nun genau im Nahen Osten gemacht?� fragte Smiley.</strong></p><p><strong>�Kurse genommen. Handelsschulen. Arabisch gelernt�, sagte Mr. Pelling
und wurde pl�tzlich weitherziger in seinen Ansichten. Zu Smileys �berraschung
stand er sogar auf und wanderte herrisch gestikulierend durchs Zimmer. �Was sie
urspr�nglich dorthin trieb, war, offengesagt, eine ungl�ckliche Ehe.�</strong></p><p><strong>�Mein Gott�, sagte Mrs. Pelling.</strong></p><p><strong>Im Stehen zeigte sich seine ganze Bulligkeit und machte ihn
furchteinfl��end. �Aber wir haben sie da wieder rausgeholt. O ja. Ihr Zimmer
ist jederzeit f�r sie bereit, wenn sie heimkommen will. Neben dem meinen. Sie
kann mich jederzeit hier finden. O ja. Wir haben ihr �ber diese H�rde geholfen,
nicht wahr, Cess? Dann habe ich eines Tages zu ihr gesagt -�</strong></p><p><strong>�Sie hat einen reizenden Englischlehrer mit lockigem Haar mitgebracht�,
unterbrach ihn seine Frau. �Andrew.�</strong></p><p><strong>�Schotte�, korrigierte Mr. Pelling sie automatisch. �Andrew war ein
netter Junge, aber nicht nach Nuncs Ma�st�ben, wie, </strong><strong><emphasis>darling?�</emphasis></strong></p><p><strong>�Er war nicht gut genug f�r sie. Dieser ganze Yoga-Quatsch. Sich am
eigenen Schwanz aufh�ngen, nenn ich das. Dann sag' ich eines Tages zu ihr:
&gt;Lizzie: Araber. Dort ist deine Zukunft.&lt;� Er schnalzte mit den Fingern und
wies auf seine imagin�re Tochter: �&gt;�l. Geld. Macht. Ab mit dir. Eingepackt.
Kauf dein Billett. Los.&lt;�</strong></p><p><strong>�Ein Nachtclub hat ihr die Reise bezahlt�, sagte Mrs. Pelling. �Hat sie
auch ordentlich reingelegt.�</strong></p><p><strong>�Papperlapapp!� grollte Mr. Pelling und schob die breiten Schultern
vor, um sie anzubr�llen, aber Mrs. Pelling redete weiter, als w�re er gar nicht
vorhanden.</strong></p><p><strong>�Sie hat auf diese Annonce geantwortet, wissen Sie. Eine Frau in
Bradford, redete honigs��. Kupplerin. &gt;Hostessen gesucht, aber nicht das,
was Sie denken&lt;, hatte sie gesagt. Sie zahlten ihr den Flug, und sofort nach
der Landung in Bahrein mu�te sie einen Vertrag unterschreiben, da� ihr ganzes
Gehalt f�r ihre Wohnungsmiete einbehalten werde. Damit hatten sie sie, oder?
Sie konnte sich nirgendwohin wenden, oder? Die Botschaft konnte ihr nicht
helfen, niemand konnte ihr helfen. Sie ist sehr sch�n, m�ssen Sie wissen.�</strong></p><p><strong>�Du d�mliche alte Hexe. Wir sprechen hier �ber eine </strong><strong><emphasis>Karriere. </emphasis></strong><strong>Liebst du sie denn nicht? Deine
eigene Tochter? Du Rabenmutter! Herrgott!�</strong></p><p><strong>�Sie hatte ihre Karriere�, sagte Mrs. Pelling. �Die sch�nste auf der
Welt.�</strong></p><p><strong>Er gab es auf und wandte sich wieder Smiley zu. �Schreiben Sie
&gt;Arbeit als Empfangsdame und Erlernung der Sprache&lt; und schreiben Sie -�</strong></p><p><strong>�Vielleicht k�nnten Sie mir sagen�, warf Smiley vorsichtig dazwischen,
w�hrend er seinen Daumen ableckte und die Seite umwandte, �so kommen wir wohl
am besten weiter: hat Ihre Tochter bereits Erfahrung im Transportwesen?�</strong></p><p><strong>�Und schreiben Sie� - Mr. Pelling ballte die F�uste, starrte zuerst Smiley
an, dann seine Frau, und schien unschl�ssig, ob er weiter machen solle oder
nicht -, �schreiben Sie qualifizierte T�tigkeit f�r den britischen Secret
Service�. Unter Legende. Los, schreiben Sie's hin. So. Jetzt ist es raus.� Er
fuhr wieder zu seiner Frau herum. �Der da ist auch in einem Sicherheitsdienst,
er hat es gesagt, Er hat ein Recht darauf, es zu wissen, und sie hat ein Recht darauf,
da� man es wei�. Meine Tochter will keine </strong><strong><emphasis>unbesungene Heldin </emphasis></strong><strong>sein. </strong><strong><emphasis>Auch </emphasis></strong><strong>keine unbezahlte! Sie wird den
Georgsorden kriegen, noch eh sie abdankt, das sag ich Ihnen!�</strong></p><p><strong>�Ach Schei�e�, sagte Mrs. Pelling m�de. �Das war doch auch nur eine von
ihren Geschichten. Du wei�t es doch.�</strong></p><p><strong><emphasis>�K�nnten </emphasis></strong><strong>wir vielleicht eines nach dem
anderen durchnehmen?�</strong></p><p><strong>fragte Smiley in nachsichtigem Ton. �Wir sprachen zuletzt, glaube ich,
�ber Erfahrung im Transportwesen.�</strong></p><p><strong>Mr. Pelling legte Daumen und Zeigefinger in Denkerpose ans Kinn.</strong></p><p><strong>�Ihre erste </strong><strong><emphasis>kaufm�nnische </emphasis></strong><strong>Erfahrung�, begann er sinnend, �als sie sich v�llig auf eigene F��e
stellte, verstehen Sie - als alles zusammen und zum Klappen kam und sich
endlich bezahlt machte, abgesehen von der Geheimdienstsache, von der ich sprach
-, und sie Angestellte unter sich hatte und mit gro�en Barbetr�gen umging und
die Verantwortung aus�bte, die ihren F�higkeiten entspricht - das war in, wie
spricht man das aus?�</strong></p><p><strong>�Vi-e-n-zi-a-n e� buchstabierte seine Frau.</strong></p><p><strong>�Hauptstadt von Laos�, sagte Mr. Pelling, und es reimte sich auf Chaos.</strong></p><p><strong>�Und wie war der Name der Firma, bitte?� erkundigte sich Smiley und
hielt den Bleistift �ber der entsprechenden Spalte gez�ckt. �Eine
Gro�brennerei�, sagte Mr. Pelling hochtrabend. �Meine Tochter Elizabeth besa�
und leitete Brennereiunternehmen in diesem krieggeplagten Land.�</strong></p><p><strong>�Und der Name?�</strong></p><p><strong>�Sie verkaufte ungelagerten Whisky in F�ssern an dort stationierte
Amerikaner�, erz�hlte Mrs. Pelling dem Fenster. �Auf Provisionsbasis, zwanzig
Prozent. Sie kauften die F�sser und lie�en sie in Schottland reifen, als
Investition f�r sp�ter.�</strong></p><p><strong>�</strong><strong><emphasis>Sie, </emphasis></strong><strong>das w�ren in diesem Fall . . .?� fragte Smiley. �Dann ist ihr Liebhaber
mit dem Geld abgehauen�, sagte Mrs. Pelling. �Es war ein Schiebergesch�ft. Ein
ziemlich gutes.�</strong></p><p><strong>�Pures, haltloses Geschw�tz!� schrie Mr. Pelling. �Diese Frau wei�
nicht, was sie sagt. H�ren Sie nicht darauf.�</strong></p><p><strong>�Und wie lautete ihre damalige Adresse, bitte?� fragte Smiley.
�Schreiben Sie Generalvertretung��, sagte Mr. Pelling und sch�ttelte den Kopf,
als w�re die Sache v�llig aus dem Konzept geraten. �Generalvertretung einer
Gro�brennerei und Geheimagentin.�</strong></p><p><strong>�Sie lebte mit einem Piloten zusammen�, sagte Mrs. Pelling. �Tiny
nannte sie ihn. Ohne Tiny w�re sie verhungert. Er war fabelhaft, aber der Krieg
hat ihn v�llig aus der Bahn geworfen. . War schlie�lich nur </strong><strong><emphasis>nat�rlich! </emphasis></strong><strong>Ging </strong><strong><emphasis>unseren </emphasis></strong><strong>Jungs genauso, wie? Eins�tze
fliegen, Nacht f�r Nacht, Tag f�r Tag.� Sie legte den Kopf zur�ck und kreischte
lauthals: </strong><strong><emphasis>�Alarm!�</emphasis></strong></p><p><strong><emphasis>�</emphasis></strong><strong>Sie spinnt�, erkl�rte Mr. Pelling.</strong></p><p><strong>�Nervenb�ndel mit achtzehn, die H�lfte von ihnen. Aber sie haben's
ausgehalten. Sie liebten Churchill, wissen Sie. Sie liebten seinen Mumm.�</strong></p><p><strong>�Spinnt komplett� wiederholte Mr. Pelling. �Durchgedreht. Total
�bergeschnappt.�</strong></p><p><strong>�Tut mir leid�, sagte Smiley und schrieb emsig. �Tiny und wie noch? Der
Pilot? Wie hie� er?�</strong></p><p><strong>�Ricardo. Tiny Ricardo. Ein </strong><strong><emphasis>Opferlamm. </emphasis></strong><strong>Er starb, wie du wei�t�, sagte sie zu ihrem Mann gewandt. �Lizzie war </strong><strong><emphasis>untr�stlich, </emphasis></strong><strong>nicht wahr,
Nunc? Trotzdem, es war vielleicht besser so.�</strong></p><p><strong>�Lizzie lebte mit </strong><strong><emphasis>niemandem </emphasis></strong><strong>zusammen, du Affenweib! Es war nur ein Vorwand. Lizzie arbeitete f�r
den britischen Geheimdienst!�</strong></p><p><strong>�Mein Gott!� sagte Mrs. Pelling resigniert. �Nicht dein Gott. Mein
Mellon. Schreiben Sie das hin, Oates. Ich will sehen, da� Sie es hinschreiben. </strong><strong><emphasis>Mellon. </emphasis></strong><strong>Der Name ihres vorgesetzten
Offiziers im britischen Geheimdienst war M-e</strong><strong>-l-l</strong><strong>-o-n. Gab sich als schlichten
Handelsmann aus. Und war auch </strong><strong><emphasis>darin </emphasis></strong><strong>nicht schlecht. F�r einen intelligenten Menschen ganz nat�rlich. Aber
darunter -� Mr. Pelling hieb mit der Faust in die flache Hand, was ein
erstaunlich lautes Ger�usch verursachte -, �aber unter dem h�flichen und
liebensw�rdigen �u�eren eines britischen Gesch�ftsmanns k�mpfte dieser gleiche
Mellon einen geheimen und einsamen Krieg gegen die Feinde Ihrer Majest�t, und
meine Lizzie half ihm dabei. Drogenh�ndler, Chinesen, Homosexuelle, alle diese
fremden Elemente, die sich zusammenrotteten, um unsere Inselheimat ins
Verderben zu st�rzen - meine tapfere Tochter Lizzie und ihr Freund, Colonel
Mellon, fochten Seite an Seite, um diesen schn�den Machenschaften Einhalt zu
gebieten! Und das ist die reine Wahrheit!�</strong></p><p><strong>�Jetzt </strong><strong><emphasis>fragen </emphasis></strong><strong>Sie mich, woher sie es hat�, sagte Mrs. Pelling, lie� die T�r hinter
sich offen und schlurfte vor sich hinbrummelnd den Korridor entlang. Smiley,
der ihr nachblickte, sah, wie sie stehenblieb, den Kopf wandte und ihm aus dem
d�mmrigen Gang zuzunicken schien. Man h�rte eine weit entfernte T�r knallen.
�Es stimmt�, sagte Pelling hartn�ckig, aber ruhiger. �Ja, ja und nochmals ja.
Meine Tochter war eine h�here und gesch�tzte Kraft unseres britischen
Nachrichtendienstes.�</strong></p><p><strong>Smiley antwortete zun�chst nicht, er war viel zu sehr ins Schreiben
vertieft. Eine ganze Weile h�rte man nichts als das langsame Kratzen seiner
Feder �ber das Papier, und das Rascheln, als er die Seite umwendete.</strong></p><p><strong>(�Gut. Also, dann notiere ich diese Details auch noch, wenn Sie gestatten.
Streng vertraulich, versteht sich. Bei unserer Arbeit kommt uns allerhand
unter, das sage ich Ihnen ganz ehrlich.�</strong></p><p><strong>�Also�, sagte Mr.. Pelling, lie� sich nachdr�cklich auf einen
plastikbezogenen Hocker nieder, zog ein einzelnes Blatt Papier aus der Tasche
und dr�ckte es Smiley in die Hand. Es war ein Brief, handgeschrieben,
eineinhalb Seiten lang; die Schriftz�ge waren zugleich pomp�s und kindlich, die
Ichs f�r die erste Person Singular schwungvoll, w�hrend die �brigen Buchstaben
zur�ckhaltender wirkten. Der Brief begann mit �Mein lieber geliebter Pops� und
endete �Deine Einzige Treue Tochter Elizabeth�, und die Botschaft dazwischen,
die Smiley im wesentlichen seinem Ged�chtnis anvertraute, lautete so: �Ich bin
in Vientiane angekommen, das eine uninteressante Stadt ist, ein bi�chen franz�sisch
und wild, aber sorg Dich nicht, ich habe wichtige Nachricht f�r Dich, die ich
Dir sofort mitteilen mu�. Es ist m�glich, da� Du eine Zeitlang nichts von mir
h�rst, aber sorg Dich nicht, auch nicht, wenn Du Schlimme Dinge h�rst. Mir
gehts prima und ich bin in guten H�nden und tue es f�r eine Gute Sache, auf die
Du stolz w�rst. Gleich nach meiner Ankunft habe ich mich beim britischen
Handelsattache Mister Mackervoor, einem Engl�nder gemeldet, und er hat mich
wegen eines Postens zu Mellon geschickt. Ich darf Dir nichts sagen, Du mu�t
also Vertrauen zu mir haben, aber er hei�t Mellon und er ist ein wohlhabender
englischer Kaufmann in dieser Stadt, aber das ist nur die halbe Geschichte.
Mellon beordert mich jetzt nach Hongkong und ich&gt; soll Barrengold und Drogen
ermitteln, aber nach au�en hin etwas anderes, und er hat �berall seine Leute,
die auf mich aufpassen, und er hei�t in Wirklichkeit nicht Mellon. Mackervoor
geh�rt nur heimlich dazu. Wenn mir etwas passiert, dann war es das wert, denn
Du und ich wir wissen, da� es um das Vaterland geht und was ist ein
Menschenleben unter sovielen in Asien, wo das Leben ohnehin nichts gilt? Es ist
eine Gute Tat, Dad, etwas wovon Du und ich immer getr�umt haben und besonders
Du, wo Du im Krieg f�r Deine Familie und Deine Lieben gek�mpft hast. Bete f�r
mich und sei gut zu Mam. Ich werde Dich immer lieben, auch im Gef�ngnis.�</strong></p><p><strong>Smiley gab den Brief zur�ck. �Er ist nicht datiert�, bemerkte er
beil�ufig. �K�nnen Sie mir das Datum angeben, Mr. Pelling? Wenigstens
ann�hernd?�</strong></p><p><strong>Pelling gab es nicht ann�hernd an, sondern genau. Nicht umsonst hatte
er sein ganzes berufliches Leben bei der K�niglichen Post gearbeitet.</strong></p><p><strong>�Seitdem hat sie mir nie mehr geschrieben�, sagte Mr. Pelling stolz,
faltete den Brief wieder und steckte ihn in die Brieftasche. �Kein Wort, keinen
Pieps hab' ich seit damals bis auf den heutigen Tag von ihr geh�rt. V�llig
�berfl�ssig. Wir sind eins. Es war ausgesprochen, ich machte nie eine Bemerkung
dar�ber, sie auch nicht. Sie hat mir den Wink gegeben. Ich wu�te. Sie wu�te,
da� ich wu�te. Ein besseres Verstehen zwischen Tochter und Vater als das
unsrige gibt es nicht. Alles, was danach kam: Ricardo oder wie er hie�,
lebendig, tot, was tut's? Irgendein Chinese, mit dem sie was hat, egal.
Freunde, Freundinnen, Gesch�fte, k�mmern Sie sich um nichts, was Sie h�ren. Das
Ganze geh�rt zu ihrer Legende. Lizzie ist ihr Eigentum, sie haben sie v�llig in
der Hand. Sie arbeitet f�r Mellon, und sie liebt ihren Vater. Ende.�</strong></p><p><strong>�Sie waren sehr freundlich�, sagte Smiley und packte seine Papiere
zusammen. �Bitte bem�hen Sie sich nicht, ich finde den Weg schon.�</strong></p><p><strong>�Meinetwegen k�nnen Sie ihn auch verlieren�, sagte Mr. Pelling mit
einem Anflug seiner fr�heren Laune. Als Smiley die T�r schlo�, hatte er wieder
seinen Platz im Lehnstuhl eingenommen und suchte verbissen die Stelle im </strong><strong><emphasis>Daily Telegraph, </emphasis></strong><strong>wo er
stehengeblieben war.</strong></p><p><strong>Im dunklen Korridor war der Schnapsgeruch st�rker. Smiley hatte neun
Schritte gez�hlt, ehe die T�r zugeknallt war, also mu�te es die letzte T�r
links sein, die am weitesten von Mr. Pelling entfernte. Es h�tte die Klot�r
sein k�nnen, aber das Klo war durch ein Schild mit der Aufschrift �Buckingham
Palace, Hintereingang� bezeichnet, also klopfte er sehr leise an und h�rte sie
pl�rren �Raus da�. Er trat ein und fand sich in ihrem Schlafzimmer und Mrs.
Pelling auf dem Bett liegen, ein Glas in der Hand und einen Haufen
Ansichtspostkarten vor sich, in dem sie herumsuchte. Das ganze Zimmer war,
genau wie das ihres Mannes, f�r ein unabh�ngiges Leben eingerichtet, mit Kocher
und Waschbecken und einem Stapel schmutzigen Geschirrs. An allen W�nden hingen
Schnappsch�sse eines sehr sch�nen M�dchens, manchmal mit einem Freund, manchmal
allein, meist vor einem exotischen Hintergrund. Es roch nach Gin und Katze. �Er
l��t sie nicht in Ruh�, sagte Mrs. Pelling. �Nunc, meine ich. Hat er nie
gekonnt. Hat's versucht, aber nicht gekonnt. Sie ist sehr sch�n, wissen Sie�,
erkl�rte sie zum zweitenmal und rollte sich auf den R�cken, hielt eine
Postkarte �ber ihren Kopf und las sie. �Wird er hier hereinkommen?�</strong></p><p><strong>�Nicht f�r viel Geld, </strong><strong><emphasis>darling.�</emphasis></strong></p><p><strong>Smiley schlo� die T�r, setzte sich auf einen Stuhl und z�ckte wiederum
sein Notizbuch.</strong></p><p><strong>�Sie hat einen lieben s��en Chinesen�, sagte sie und starrte weiter auf
die verkehrt herum gehaltene Postkarte. �Sie ist zu ihm gegangen, um Ricardo zu
retten, und dann hat sie sich in ihn verliebt. Er ist ein wirklicher Vater f�r
sie, der erste, den sie hat. Alles ist am Ende doch noch gut geworden. Alle die
schlimmen Dinge. Sie sind jetzt vorbei. Er nennt sie Liese�, sagte sie. �Er
findet es h�bscher f�r sie. Wirklich komisch. Wir m�gen die Deutschen nicht.
Wir sind Patrioten. Und jetzt schanzt er ihr den prima Job zu, wie?�</strong></p><p><strong>�Soviel ich wei� nennt sie sich jetzt Worth, nicht mehr Worthington.
Wissen Sie, warum sie das tun k�nnte?�</strong></p><p><strong>�Will wohl diesem langweiligen Schulmeister den Schwanz stutzen.�</strong></p><p><strong>�Als Sie sagten, sie habe es getan, um Ricardo zu retten, meinten Sie
nat�rlich . . . �</strong></p><p><strong>Mrs. Pelling stie� einen b�hnenreifen Wehlaut aus. </strong><strong><emphasis>�Oh, </emphasis></strong><strong>ihr M�nner. Wann? Wer? Warum? Wie? Im
Geb�sch, lieber Herr. In einer Telefonzelle, lieber Herr. Sie hat Ricardos
Leben erkauft, </strong><strong><emphasis>darling, </emphasis></strong><strong>mit der einzigen W�hrung, die sie hat. Hat alles f�r ihn getan und ihn
dann verlassen. Hol's der Teufel, war ein Nichtsnutz.� Sie nahm eine andere
Postkarte zur Hand und studierte die Ansicht eines leeren Strands mit Palmen.
�Meine kleine Lizzi ist mit halb Asien hinter die Hecke gegangen, eh sie ihren
Drake fand. Aber sie fand ihn.� Als h�tte sie ein Ger�usch geh�rt, richtete sie
sich j�h auf und starrte Smiley durchdringend an, w�hrend sie ihr Haar
gl�ttete. �Ich glaube, Sie sollten jetzt gehen, mein Lieber�, sagte sie so
leise wie bisher und wandte sich zum Spiegel um. �Solange Sie da sind, krieg
ich die G�nsehaut nicht los, Ehrenwort. Mit vertrauenerweckenden Gesichtern
kann ich nichts anfangen. Tut mir leid, </strong><strong><emphasis>darling, </emphasis></strong><strong>wissen Sie, wie ich's meine?�</strong></p><p><strong>Im Circus verwendete Smiley ein paar Minuten auf die Nachpr�fung
dessen, was er bereits wu�te: n�mlich da� Mellon einer der in den Akten
eingetragenen Decknamen von Sam Collins gewesen war.</strong></p><p><emphasis/></p><p><emphasis>�Schanghai-Express
</emphasis></p><p><strong>Der Sachverhalt, wie er sich jetzt im bequemen R�ckblick darstellt,
weist zum damaligen Zeitpunkt eine tr�gerische Ballung von Ereignissen auf. F�r
Jerry kam und verging das Weihnachtsfest in einer Abfolge zielloser Saufereien
im Korrespondenten-Club und mit dem Abschicken versp�teter, unbeholfen in
Weihnachtspapier gewickelter P�ckchen an Cat, zu den unm�glichsten Nachtstunden.
Ein �berarbeiteter Suchantrag �ber Ricardo wurde den Vettern in aller Form
vorgelegt, und Smiley brachte ihn pers�nlich zum Annex, um Martello noch
weitere Erkl�rungen zu liefern. Aber der Antrag geriet mitten in den
Weihnachtsrummel - ganz zu schweigen vom unmittelbar bevorstehenden
Zusammenbruch Vietnams und Kambodschas - und schlo� seine Rundreise bei den
amerikanischen Dienststellen erst eine ganze Weile nach Neujahr ab, wie die
Daten in der Akte Delphin zeigen. Und das </strong><strong><emphasis>entscheidende </emphasis></strong><strong>Treffen mit
Martello und seinen Freunden vom Rauschgiftdezernat fand sogar erst Anfang
Februar statt. Was diese weitere Verz�gerung f�r Jerrys Nerven bedeutete, wurde
im Circus durchaus richtig eingesch�tzt, l�ste jedoch w�hrend dieser
anhaltenden Krisenstimmung weder Mitgef�hl noch irgendwelches Handeln aus. Auch
hierf�r k�nnte man Smiley tadeln, je nachdem, wo man steht, aber es ist schwer
zu sehen, was er h�tte unternehmen k�nnen, au�er vielleicht Jerry
zur�ckzubeordern: besonders da Craw sich nach wie vor enthusiastisch �ber
Jerrys Moral �u�erte. Die f�nfte Etage arbeitete rund um die Uhr, Weihnachten
wurde kaum zur Kenntnis genommen, nur da� am Mittag des f�nfundzwanzigsten eine
recht d�rftige Sherry-Party stattfand und sp�ter nochmals eine Pause eingelegt
wurde, w�hrend der Connie und die M�tter die Ansprache der Queen auf voller
Lautst�rke laufen lie�en, um Ketzer wie Guillam und Molly Meakin zu besch�men,
die das Ganze vergn�glich fanden und in den Korridoren schlechte Imitationen
der k�niglichen Festrede zum besten gaben.</strong></p><p><strong>Die offizielle Eingliederung Sam Collins' in die gelichteten Reihen des
Circus fand an einem wirklich eiskalten Januartag statt, und sie hatte eine
lustige und eine traurige Seite. Die lustige Seite war Sams Einkerkerung. Er
kam an einem Montagvormittag Punkt zehn Uhr an, nicht im Smoking, sondern in
einem flotten grauen �berzieher mit einer Rose im Knopfloch, und sah in der
K�lte wundersam jugendlich aus. Aber Smiley und Guillam waren au�er Haus, in
Klausur mit den Vettern, und weder die Portiers noch die Housekeepers hatten
irgendeine Anweisung, ihn einzulassen, also sperrten sie ihn drei Stunden lang
in ein Kellerloch, wo Sam bibberte und kochte, bis Smiley kam und die
Einstellung best�tigte. Wegen Sams B�ro gab es nochmals ein Theater. Smiley
hatte ihn auf der vierten Etage neben Connie und di Salis untergebracht, aber
Sam pa�te das nicht, er wollte in die f�nfte. Er fand das seinem Rang als
amtierendem Koordinator angemessener. Die armen Portiers wuchteten M�belst�cke
treppauf, treppab, wie Kulis.</strong></p><p><strong>Die traurige Seite war schwieriger zu beschreiben, obwohl mehrere Leute
dies versuchten. Connie sagte, Sam sei frigide, eine verwirrende Wahl des
Adjektivs. F�r Guillam war er </strong><strong><emphasis>hungrig, </emphasis></strong><strong>f�r die M�tter </strong><strong><emphasis>fragw�rdig </emphasis></strong><strong>und f�r die W�hlm�use </strong><strong><emphasis>viel </emphasis></strong><strong>zu glatt. Eigent�mlich erschien allen, die nicht �ber die Hintergr�nde
orientiert waren, seine Passivit�t: er forderte keine Akten an, er suchte nicht
um diese oder jene Genehmigung nach, er benutzte kaum das Telefon, au�er um
Rennpferde zu plazieren und zu �berwachen, was in seinem Club vorging. Aber
sein L�cheln begleitete ihn auf Schritt und Tritt. Die Tippm�dchen erkl�rten,
er schlafe darin und wasche es am Wochenende von Hand durch. Smileys Gespr�che
mit ihm fanden hinter verschlossenen T�ren statt, und die Ergebnisse wurde dem
Team nur nach und nach mitgeteilt.</strong></p><p><strong>Ja, das M�dchen war mit einigen Hippies in Vientiane gelandet, die den
Katmandu-Treck �berholt hatten. Ja, als sie von den anderen kaltgestellt wurde,
hatte sie Mackelvore gebeten, ihr einen Job zu verschaffen. Und ja, Mackelvore
hatte sie an Sam weitergereicht, weil er dachte, allein schon ihr Aussehen
mache sie brauchbar: alles, wenn man zwischen den Zeilen lesen konnte, ziemlich
genau so, wie das M�dchen es in dem Brief an den Vater beschrieben hatte. Sam
hatte ein paar m�de Drogengeschichten laufen und im �brigen herrschte, dank
Haydon, absolute Windstille, also dachte er, er k�nnte sie ja mal den Jungs
vom fliegenden Personal unterjubeln und zusehen, was dabei herausk�me. Er sagte
London nichts davon, denn London w�rgte damals alles ab. Er nahm sie einfach
auf Probe und bezahlte sie aus seiner Spesenkasse. Was dabei herauskam, war
Ricardo. Er lie� sie au�erdem eine alte Spur verfolgen, die zu den
Goldschiebern nach Hongkong f�hrte, aber das alles noch zu einer Zeit, bevor
ihm klar wurde, da� sie ein komplettes St�ck Malheur war. Er sei ausgesprochen
erleichtert gewesen, sagte Sam, als Ricardo sie ihm abgenommen und ihr einen
Job bei Indocharter verschafft habe. �Und was wei� er sonst noch?� fragte
Guillam entr�stet. �F�r diesen Spottpreis darf er die Hackordnung
durcheinanderbringen und unsere Sitzungen st�ren?�</strong></p><p><strong>�Er kennt </strong><strong><emphasis>sie�, </emphasis></strong><strong>sagte Smiley geduldig und widmete sich wieder dem Studium von Jerry
Westerbys Akte, die in letzter Zeit seine Lieblingslekt�re bildete. �Wir sind
selber dann und wann nicht �ber eine kleine Erpressung erhaben�, f�gte er mit
aufreizender Duldsamkeit hinzu, �und es ist nur recht und billig, da� wir's uns
auch einmal gefallen lassen m�ssen.� W�hrend Connie jeden durch ungewohnte
Ruppigkeit erschreckte, indem sie Pr�sident Johnsons - angeblichen - Ausspruch
�ber J. Edgar Hoover zitierte: �George ist es eben lieber, da� Sam Collins in
unserem Zelt ist und rauspinkelt, als da� er drau�en steht und reinpinkelt�,
erkl�rte sie und kicherte �ber ihre Keckheit wie ein Schulm�dchen.</strong></p><p><strong>Und vor allem dauerte es bis Mitte Januar, ehe Doc di Salis im Zuge
seiner weiteren Ausfl�ge in die Einzelheiten von Kos Background seine
phantastische Entdeckung kundtat: ein gewisser Mr. Hibbert, China-Missionar in
Diensten der Baptisten, den Ko in seinem Antrag auf Zulassung zum Jura-Studium
in London als B�rgen angegeben hatte, war noch am Leben. Alles war also viel
verzweigter, als es die heutige Erinnerung wohlweislich wahrhaben will: und der
Druck, unter dem Jerry stand, war dementsprechend st�rker.</strong></p><p><strong>�Es besteht die M�glichkeit, da� er geadelt wird�, sagte Connie Sachs.
Sie hatten es schon am Telefon gesagt. Es war eine sehr n�chterne Szene. Connie
hatte sich die Haare schneiden lassen. Sie trug einen dunkelbraunen Hut und ein
dunkelbraunes Kost�m, dazu eine dunkelbraune Handtasche, die das Mikrophon
barg. Drau�en auf dem kleinen Fahrweg tat Toby Esterhase - der ungarische
Pflasterk�nstler, der mit einer Schirmm�tze auf dem Kopf in einem blauen Taxi
sa� und Motor und Heizung laufen lie� -, als d�ste er, w�hrend er die
Unterhaltung mit Hilfe der Ger�te unter dem Sitz empfing und aufnahm. Connies
ausgefallene Erscheinung hatte sich zu steifer Korrektheit gewandelt. Sie hielt
ein Notizheft aus der K�niglichen Kanzlei bereit, einen Bleistift gleicher
Herkunft zwischen den Gichtfingern. Den absonderlichen di Salis ein wenig zu
modernisieren, hatte einiger Kunst bedurft. Unter Protest trug er eines von
Guillams gestreiften Hemden und eine dazu passende dunkle Krawatte. Das
Ergebnis war �berraschenderweise einigerma�en �berzeugend.</strong></p><p><strong>�Es ist </strong><strong><emphasis>�u�erst </emphasis></strong><strong>vertraulich�, sagte Connie zu Mr. �Hibbert mit lauter und deutlicher
Stimme. Auch das hatte sie bereits am Telefon gesagt.</strong></p><p><strong>�Enorm�, brabbelte di Salis bekr�ftigend und schwang die Arme, bis ein
Ellbogen in einer unm�glichen Stellung auf seinem knubbeligen Knie zur Ruhe
kam; eine fahrige Hand umschlo� sein Kinn und kratzte es.</strong></p><p><strong>Der Gouverneur habe einen Mann empfohlen, sagte sie, und jetzt sei es
Sache des Amts, zu entscheiden, ob die Empfehlung an den </strong><strong><emphasis>Palast </emphasis></strong><strong>weiterzuleiten sei. Und bei dem
Wort </strong><strong><emphasis>Palast </emphasis></strong><strong>warf sie einen verhaltenen Blick hin�ber zu di Salis, der strahlend,
aber bescheiden l�chelte, wie eine Ber�hmtheit bei einer Talkshow. Seine grauen
Haarstr�hnen waren mit Pomade gegl�ttet und sahen aus (so sagte Connie sp�ter),
als w�ren sie f�r den Bratofen eingefettet.</strong></p><p><strong>�Sie werden also </strong><strong><emphasis>verstehen�, </emphasis></strong><strong>sagte Connie mit der pr�zisen Aussprache einer weiblichen
Nachrichtensprecherin, �da� sehr eingehende Erkundigungen n�tig sind, um
unseren allerh�chsten Stellen </strong><strong><emphasis>Peinlichkeiten </emphasis></strong><strong>zu ersparen.�</strong></p><p><strong>�Der </strong><strong><emphasis>Palast�, </emphasis></strong><strong>echote Mr. Hibbert und blinzelte in di Salis' Richtung. �Das darf nicht
wahr sein. Der Palast, hast du das geh�rt, Doris?� Er war sehr alt. In den
Unterlagen stand einundachtzig, aber seine Z�ge hatten ein Alter erreicht, das
sie wieder gl�ttete. Er trug einen runden Ornatskragen, eine dunkle Strickweste
mit aufgen�htem Leder an den Ellbogen, und einen Schal um die Schultern. Die
graue See im Hintergrund bildete einen Hof um sein wei�es Haar. </strong><strong><emphasis>�Sir Drake </emphasis></strong><strong>Ko�, sagte er.
�Daran h�tte ich nie gedacht, nie im Leben.� Sein Nordlandakzent war so rein,
da� er, wie sein schneeiges Haar, h�tte aufgesetzt sein k�nnen. �Sir </strong><strong><emphasis>Drake�, </emphasis></strong><strong>wiederholte er. �Das darf nicht
wahr sein. Was, Doris?�</strong></p><p><strong>Eine Tochter sa� bei ihnen, blond, zwischen drei�ig und f�nfundvierzig.
Sie trug ein gelbes Kleid und hatte Puder aufgelegt, aber keinen Lippenstift.
Ihr Gesicht schien seit den M�dchentagen nichts erlebt zu haben au�er dem
steten Schwinden aller Hoffnungen. Beim Sprechen err�tete sie. Sie sprach
selten. Sie hatte Pl�tzchen gebacken und papierd�nne Sandwiches bereitet. Auf
einem Spitzendeckchen lag ein Gew�rzkuchen, und als Teesieb benutzte sie ein
Musselint�chlein, um dessen Rand zur Versteifung Perlen gen�ht waren. Von der
Decke hing ein gezackter Pergamentschirm in Form eines Sterns. An einer Wand
stand ein Klavier, auf dem Notenhalter war die Partitur von �Lead Kindly Light�
aufgeschlagen. Eine Stickerei mit Motiven aus Kiplings �If� hing �ber dem leeren
Kamin, und die Samtvorh�nge zu beiden Seiten des Fensters, das aufs Meer
hinausging, waren so schwer, da� dahinter ein unbenutztes St�ck Leben verborgen
sein konnte. Es waren keine B�cher zu sehen, auch keine Bibel. Ein sehr gro�es
Farbfernsehger�t stand da, und eine lange Girlande von Weihnachtskarten hing
quer durchs Zimmer. Sie baumelten von der Schnur wie getroffene V�gel auf
halbem Weg zum Boden. Nichts erinnerte an die chinesische K�ste, h�chstens der
Schatten der winterlichen See. Es war ein Tag ohne Wetter und ohne Wind. Im
Garten hockten Stauden und Kakteen tr�bsinnig in der K�lte herum. Spazierg�nger
hasteten �ber die Promenade. Sie w�rden sich gern ein paar Notizen machen,
sagte Connie: denn es geh�rt zur Circus-Folkore, da� neben dem Abh�ren auch
Notizen zu machen sind, f�r alle F�lle und zur Tarnung. �Ja, schreiben Sie
nur�, sagte Mr. �Hibbert aufmunternd. �Wir sind schlie�lich nicht lauter
Elefanten, wie, Doris? Doris hat n�mlich, also sie hat ein fabelhaftes
Ged�chtnis, genau wie ihre Mutter.�</strong></p><p><strong>�Also, worauf es uns zun�chst ankommt�, sagte Connie - sie achtete
sorgf�ltig darauf, sich dem Tempo des alten Mannes anzupassen -,' �wir w�rden
gern, wie wir das bei allen Leumundsbezeugern machen, wie wir sie nennen, genau
feststellen, wie' lange Sie Mr. Ko kannten und welcher Art Ihre Verbindung zu ihm
ist oder gewesen ist.�</strong></p><p><strong>Beschreiben Sie Ihren Zugang zu �Delphin�, sagte sie, nur mit anderen
Worten.</strong></p><p><strong>Wenn alte Menschen von anderen Menschen sprechen, dann reden sie �ber
sich selber und betrachten ihr eigenes Bild in unsichtbaren Spiegeln.</strong></p><p><strong>�Ich hatte die Berufung von Kindheit an�, sagte Mr. Hibbert. �Mein
Gro�vater hatte sie. Mein Vater hatte eine </strong><strong><emphasis>gro�e </emphasis></strong><strong>Pfarrei in Macclesfield. Mein
Onkel starb mit zw�lf Jahren, aber er hatte sich schon damals der Berufung
versprochen, nicht wahr, Doris? Ich kam mit zwanzig in die Vorbereitungsschule
f�r Missionare. Mit vierundzwanzig nahm ich im Auftrag der &gt;Lord's Life
Mission&lt; Kurs auf Schanghai. Die &gt;Empire Queen&lt; hat sie gehei�en. Wir
hatten mehr Kellner als Passagiere an Bord, soviel ich mich noch erinnere. Ach
ja.�</strong></p><p><strong>Er habe vorgehabt, ein paar Jahre in Schanghai zu bleiben, Unterricht
zu geben und die Sprache zu erlernen, sagte er, und dann, wenn er Gl�ck h�tte,
zur chinesischen Binnenmission zu kommen und weit ins Innere vorzusto�en. �Das
h�tte mir gefallen. Die Herausforderung h�tte mir gefallen. Ich habe die
Chinesen immer gemocht. Die &gt;Lord's Life Mission&lt; war nichts Gro�artiges,
aber sie leistete etwas. Diese r�mischen Schulen, also, die waren mehr wie die
Kl�ster und mit allem, was das so mit sich bringt�, sagte Mr. Hibbert. di
Salis, der einstige Jesuit, l�chelte d�nn. �Wir holten uns die Kinder von der
Stra�e�, fuhr Mr. Hibbert fort. �Schanghai war ein f�rchterlicher Mischmasch,
kann ich Ihnen sagen. Nichts, was es nicht gab. Banden, Korruption,
Prostitution die Menge, Politik, Geld und Gier und Elend. Alles Menschliche war
dort beisammen, was, Doris? Nein, sie kann sich nicht daran erinnern. Nach dem
Krieg fuhren wir heim, aber sie schickten uns bald wieder raus. Damals war sie
auch erst elf, wie? Es war nichts mehr von fr�her da, also, nichts mehr wie
Schanghai, und wir kamen wieder hierher zur�ck. Aber es gef�llt uns hier, nicht
wahr, Doris?� sagte Mr. Hibbert, der sehr darauf achtete, immer f�r sie beide zu
sprechen. �Die </strong><strong><emphasis>Luft </emphasis></strong><strong>gef�llt uns.�</strong></p><p><strong>�Sehr�, sagte Doris und r�usperte sich laut in ihre gro�e Faust. �Wir
behalfen uns also mit dem, was wir kriegen konnten, darauf lief's hinaus�, fuhr
er fort. �Wir hatten die alte Miss Fong. Kannst du dich an Daisy Fong erinnern,
Doris? Klar - Daisy und ihre Glocke. Nein, sie kann's nat�rlich nicht. Mein
Gott, wie die Zeit vergeht. Ein richtiger Rattenf�nger war unsere Daisy, mit
Ausnahme dieser Glocke statt einer Fl�te und da� sie eben kein Mann war, und
sie arbeitete im Dienste des Herrn, auch wenn sie sp�ter zu Fall kam. Beste
Konvertitin, die ich je hatte, bis die Japsen kamen. Sie ging durch die
Stra�en, unsere Daisy, und schwang ihre Glocke was das Zeug hielt. Manchmal
begleitete sie der alte Charlie Wan, manchmal ging ich mit ihr. Wir suchten die
Docks auf und die Vergn�gungsviertel hinter dem &gt;Bund&lt; zum Beispiel -
H�llengasse nannten wir die Stra�e, kannst du dich noch erinnern, Doris? Nein,
sie kann es nat�rlich nicht. Und die alte Daisy bimmelte ihre Glocke, kling,
kling!� Bei der Erinnerung brach er in Lachen aus: er sah sie ganz deutlich vor
sich, denn seine Hand vollzog unbewu�t die energischen Bewegungen der Glocke
nach, di Salis und Connie lachten h�flich mit, aber Doris runzelte nur die
Stirn. �Rue de Jaffe, das war die �belste Gegend. Kein Wunder, da� die H�user
der S�nde unter franz�sischer Konzession standen. Nun ja, eigentlich waren sie
�berall, in Schanghai wimmelte es nur so davon. S�ndenstadt nannten sie es. Und
sie hatten recht. Dann sammelten sich ein paar Kinder an, und Daisy fragte sie:
&gt;Hat einer von euch seine Mutter verloren?&lt; Und da kriegte man immer ein
paar. Nicht alle auf einmal, hier eins, dort eins. Einige wollten es blo�
probieren, a�en unsere Reismahlzeit und wurden dann mit einem Klaps heimgeschickt.
Aber wir fanden immer ein </strong><strong><emphasis>paar </emphasis></strong><strong>richtige, wie, Doris?, und sch�n langsam hatten wir eine Schule
beisammen, vierundvierzig waren es am Schlu�, wie? Einige wohnten bei uns,
nicht alle. Bibelunterricht, Lesen, Schreiben, Rechnen, ein bi�chen Geographie
und Geschichte. Das war wirklich alles, was wir schaffen konnten.� Der
ruhelose di Salis, der nur mit M�he seine Ungeduld bez�hmte, richtete den Blick
starr auf die graue See und lie� ihn dort ruhen. Aber Connie hatte ein eisernes
L�cheln der Bewunderung aufgesetzt, und ihre Augen wichen keine Sekunde lang
vom Gesicht des Alten.</strong></p><p><strong>�Und so fand Daisy auch die Kos�, fuhr er fort - seine Abschweifung
hatte er schon wieder vergessen. �Drunten bei den Docks, nicht wahr, Doris, wo
sie ihre Mutter suchten. Sie waren beide von Swatow heraufgekommen. Wann war
das? Ich glaube neunzehnhundertsechsunddrei�ig. Der kleine Drake war zehn oder
elf, und sein Bruder Nelson acht, beide zaund�rr; hatten seit Wochen nichts
Ordentliches im Bauch. �ber Nacht wurden sie Reis-Christen, das d�rfen Sie
glauben! Wissen Sie, sie hatten damals keine Namen, ich meine, keine
englischen. Sie stammten von den Bootsbewohnern, den Chiu Chow. �ber die Mutter
haben wir nie etwas rausgekriegt, wie, Doris? &gt;Tot von Gewehren&lt;, sagten
sie. &gt;Tot von Gewehren&lt;. Konnten japanische Gewehre gewesen sein, konnten
Kuomintang-Gewehre gewesen sein. Wir sind der Sache nie auf den Grund gekommen,
warum auch? Der Herr hatte sie zu sich genommen, Amen. Konnten die ganze
Fragerei genausogut bleiben lassen und weitermachen. Klein Nelsons Arm sah
gr��lich aus. Ganz furchtbar. Der gebrochene Knochen stak durch den �rmel,
wahrscheinlich haben das auch die Gewehre angerichtet. Drake, der hielt Nelsons
heile Hand und h�tte sie zuerst weder f�r Geld noch f�r gute Worte losgelassen,
nicht einmal, damit der Kleine essen konnte. Wir sagten immer, sie teilten sich
in die gesunde Hand, wei�t du noch, Doris? Drake sa� am Tisch und hielt ihn
fest gepackt und schaufelte Reis in den Kleinen, was hineinging. Wir haben den
Arzt kommen lassen: er konnte sie auch nicht trennen. Wir mu�ten uns damit abfinden.
&gt;Du sollst Drake hei�en&lt;, sagte ich, &gt;und du Nelson, weil ihr beide
tapfere Seeleute seid, was sagt ihr dazu?&lt; Deine Mutter war auf diese Idee
gekommen, wie, Doris? Sie h�tte immer ein paar Jungen gewollt.�</strong></p><p><strong>Doris sah ihren Vateran, wollte etwas sagen, �berlegte es sich aber
anders.</strong></p><p><strong>�Sie haben immer ihr Haar gestreichelt�, sagte der alte Mann mit leicht
erstaunter Stimme. �Das Haar deiner Mutter streicheln und Daisys Glocke
schwingen, das taten sie gern. Sie hatten noch nie blondes Haar gesehen. Heh,
Doris, wie w�r's noch mit ein bi�chen </strong><strong><emphasis>saw. </emphasis></strong><strong>Der meine ist schon ganz kalt, und der ihre bestimmt auch. </strong><strong><emphasis>Saw </emphasis></strong><strong>ist schanghainesisch und hei�t Tee�,
erkl�rte er. �In Kanton sagen sie </strong><strong><emphasis>cha. </emphasis></strong><strong>Wir haben ein paar von den alten W�rtern beibehalten, ich wei� nicht,
warum.�</strong></p><p><strong>Mit einem erbitterten Zischlaut schnellte Doris aus dem Zimmer, und
Connie ergriff die Gelegenheit zum Sprechen. �Mr. Hibbert, wir wu�ten bis jetzt
nicht, da� er einen </strong><strong><emphasis>Bruder </emphasis></strong><strong>hatte�, sagte sie in leicht vorwurfsvollem Ton. �Er war j�nger, sagten
Sie. Zwei Jahre j�nger? Drei?�</strong></p><p><strong>�Sie wu�ten nichts von Nelson?� Der Alte wunderte sich. �Und dabei
liebte er ihn doch so sehr! Nelson war Drakes ganzes Leben. Hat alles f�r ihn
getan. Wissen nichts von Nelson, Doris!� Aber Doris war in der K�che und
bereitete </strong><strong><emphasis>saw. </emphasis></strong><strong>Connie �berpr�fte ihre Notizen und l�chelte verlegen.</strong></p><p><strong>�Ich f�rchte, das ist unsere Schuld, Mr. �Hibbert. Ich sehe hier, da�
die Gouvernementskanzlei die Spalte </strong><strong><emphasis>Geschwister </emphasis></strong><strong>leer gelassen hat. Das wird in K�rze einigen Herrschaften in Hongkong
ziemlich peinlich sein, das sage ich Ihnen. Sie erinnern sich wohl nicht
zuf�llig an Nelsons Geburtsdatum? Blo� um das Verfahren abzuk�rzen?�</strong></p><p><strong>�Nein, bei Gott nicht! Daisy Fong w�rde sich nat�rlich erinnern, aber
sie ist l�ngst von hinnen geschieden. Hat jedem einen Geburtstag gegeben,
unsere Daisy, auch wenn sie ihn selbst nicht wu�ten.�</strong></p><p><strong>di Salis zerrte an seinem Ohrl�ppchen und zog seinen Kopf nach unten:
�Oder seine chinesischen Vornamen?� platzte er mit seiner hohen Stimme heraus.
�Die k�nnten von Nutzen sein, wenn man nachpr�fen will.�</strong></p><p><strong>Mr. �Hibbert sch�ttelte den Kopf. �Wissen nichts von Nelson! Du lieber
Himmel! Man kann sich Drake gar nicht vorstellen ohne den kleinen Nelson an
seiner Seite. Geh�rten zusammen wie Brot und K�se, sagten wir immer. Weil sie
Waisen waren, nat�rlich.� Von der Diele her h�rten sie ein Telefon klingeln
und, zur heimlichen Verwunderung Connies und di Salis', ein deutliches �Zum
Teufel!�, als Doris aus der K�che preschte, um abzunehmen. Sie h�rten Fetzen
�rgerlicher Reden neben dem Gezisch des Teekessels. �Und </strong><strong><emphasis>warum </emphasis></strong><strong>nicht? Wenn's die verdammten
Bremsen sind, warum sagen Sie dann, es ist die Kupplung? Nein, wir wollen kein
neues Auto. Wir wollen das </strong><strong><emphasis>alte </emphasis></strong><strong>repariert kriegen, Herrgottnochmal.� Mit einem lauten �Mist� legte sie
auf und kehrte in die K�che zu ihrem pfeifenden Teekessel zur�ck. �Nelsons
chinesische Vornamen�, erinnerte Connie sanft durch ein L�cheln hindurch, aber
der alte Mann sch�ttelte den Kopf. �Da m��ten Sie die alte Daisy fragen�, sagte
er. �Und die ist schon lang im Himmel, Friede sei mit ihr.� di Salis schien
drauf und dran, die vorgebliche Unwissenheit des Alten zu bezweifeln; aber
Connie brachte ihn mit einem Blick zum Schweigen. </strong><strong><emphasis>La� ihn weitermachen, </emphasis></strong><strong>flehte ihr
Blick, </strong><strong><emphasis>wenn Sie ihn dr�ngen, verlieren wir das
ganze Spiel.</emphasis></strong></p><p><strong>Der alte Mann sa� auf einem Drehstuhl. Unbewu�t hatte er sich 278 im
Uhrzeigersinn langsam herumgeschwenkt und redete jetzt in Richtung Meer.</strong></p><p><strong>�Sie waren unzertrennlich�, sagte Mr. Hibbert. �Ich habe nie zwei
Br�der gesehen, die so verschieden waren, und auch nie zwei, die so zueinander
hielten.�</strong></p><p><strong>�Verschieden </strong><strong><emphasis>inwiefern?� </emphasis></strong><strong>fragte Connie lockend. �Also, der kleine Nelson f�rchtete sich vor
Kakerlaken. So ging's an. Wir hatten nat�rlich nicht die modernen sanit�ren
Einrichtungen. Wir mu�ten sie rausschicken zum H�uschen, und du liebe' G�te,
um das H�uschen, da schwirrten die Kakerlaken nur so rum, wie Kugeln! Nelson
wollte nicht mal in die N�he gehen. Sein Arm heilte recht ordentlich, er a� wie
ein Scheunendrescher, aber der Junge hielt es lieber tagelang zur�ck, als da�
er in das H�uschen gegangen w�re. Deine Mutter versprach ihm sonstwas, wenn er
ginge. Daisy Fong probierte es mit dem Rohrstock, und ich sehe seine Augen noch
heute, manchmal konnte er einen ansehen und die gesunde Faust ballen, und man
dachte, er w�rde einen zu Stein verwandeln, dieser Nelson war der geborene
Rebell. Dann sahen wir eines Tages aus dem Fenster, und dort waren sie. Drake
hatte den Arm um Klein Nelsons Schulter gelegt und f�hrte ihn den Weg entlang,
um ihm Gesellschaft zu leisten, w�hrend er sein Gesch�ft verrichtete. Haben Sie
mal bemerkt, wie anders die Kinder gehen, die auf Booten leben?� fragte er
strahlend, als s�he er sie in diesem Augenblick. �Krummbeinig vor
Muskelkrampf.� Die T�r krachte auf und Doris kam mit einem Tablett und frischem
Tee herein und setzte es klappernd ab. �Mit dem Singen war's genauso�, sagte
er, verstummte wieder und blickte aufs Meer.</strong></p><p><strong><emphasis>�Hymnen </emphasis></strong><strong>singen?� soufflierte Connie
strahlend und warf einen Blick auf das polierte Klavier mit den leeren
Kerzenhaltern. �Drake, der sang drauf los, solange nur deine Mutter am Klavier
sa�. Kirchenlieder. </strong><strong><emphasis>There's a Green
Hill. </emphasis></strong><strong>H�tte sich die Kehle durchgeschnitten
f�r deine Mutter, dieser Drake. Aber der kleine Nelson, den habe ich nie eine
einzige Note singen h�ren.�</strong></p><p><strong>�Sp�ter hast du ihn zur Gen�ge geh�rt�, erinnerte Doris ihn
r�cksichtslos, aber er geruhte nicht, davon Kenntnis zu nehmen. �Man konnte ihm
den Lunch wegnehmen, sogar das Abendessen, aber sein Tischgebet sagte er
trotzdem nicht auf. Er haderte mit Gott von Anbeginn.� Mit pl�tzlicher
Munterkeit lachte der Alte auf. �Aber das sind die wirklich Gl�ubigen, sage ich
immer. Die anderen sind nur h�flich. Es gibt keine wahre Bekehrung ohne diesen
Hader.�</strong></p><p><strong>�Verdammte Werkstatt�, brummte Doris, noch immer erbittert �ber den
Telefonanruf, w�hrend sie auf den Gew�rzkuchen einhackte.</strong></p><p><strong>�H�ren Sie! Was ist mit Ihrem Fahrer?� rief Mr. Hibbert. �Soll Doris zu
ihm rausgehen? Er erfriert ja da drau�en! Hol ihn rein, los!� Doch noch ehe
einer von ihnen antworten konnte, hatte Mr. Hibbert angefangen, von seinem
Krieg zu erz�hlen. Nicht von Drakes oder Nelsons Krieg, sondern von seinem
eigenen, in losen Bruchst�cken einer bildhaften Erinnerung. �Das Komische war,
eine Menge Leute glaubten, die Japse seien genau das Richtige. W�rden diesen
frechen chinesischen Nationalisten zeigen, wo der Zimmermann das Loch gelassen
hat. Ganz zu schweigen von den Kommunisten, versteht sich. Ja, es hat eine
ganze Weile gedauert, bis ihnen die Schuppen von den Augen fielen, das kann ich
Ihnen sagen. Sogar noch, nachdem die Bombardierungen anfingen. Die europ�ischen
L�den wurden geschlossen. Die Taipans evakuierten ihre Familien, der Country
Club wurde Lazaretr. Aber immer noch konnte man h�ren &gt;keine Sorge&lt;.
Dann, eines sch�nen Tages, peng, wurden wir eingesperrt, wie, Doris? Und deine
Mutter brachten sie obendrein noch um. Hatte nicht genug Widerstandskraft,
nach ihrer Tuberkulose. Trotzdem kamen die Br�der Ko immer noch besser weg als
die meisten.�</strong></p><p><strong>�Oh. Und warum?� erkundigte Connie sich h�chlichst interessiert.</strong></p><p><strong>�Sie hatten Jesus als Trost und F�hrer, nicht wahr?�</strong></p><p><strong>�Gewi߫, sagte Connie.</strong></p><p><strong>�Nat�rlich�, pflichtete di Salis bei, flocht die Finger ineinander und
zerrte an ihnen. �In der Tat�, sagte er salbungsvoll. Die Japse, wie er sie
nannte, schlossen also die Mission, und Daisy Fong mit ihrer Handglocke
geleitete die Kinder in den Treck der Fl�chtlinge, die per Karren, Bus oder
Eisenbahn, meist jedoch per pedes unterwegs nach Schanghai waren und
schlie�lich nach Tschungking, wo Tschiangs Nationalisten ihre vorl�ufige Hauptstadt
aufgeschlagen hatten.</strong></p><p><strong>�Er darf nicht zu lang weitermachen�, fl�sterte Doris einmal Connie zu.
�Er wird plemplem.�</strong></p><p><strong>�O doch, ich darf und ich kann, mein Kind�, korrigierte Mr. Hibbert sie
mit liebevollem L�cheln. �Ich habe mein Leben hinter mich gebracht. Ich kann
tun, was ich will.�</strong></p><p><strong>Sie tranken den Tee und redeten �ber den Garten, der ihnen immer wieder
zu schaffen machte, seit sie hier lebten. �Man hat uns geraten: Nehmen Sie die
mit den silbernen Bl�ttern, die vertragen das Salz. Ich wei� nicht, wie, Doris?
Sie scheinen nicht anzuwachsen, oder?�</strong></p><p><strong>Mit dem Tod seiner Frau, so brachte Mr. Hibbert zum Ausdruck, endete
auch sein eigenes Leben: er trat nur noch auf der Stelle, bis er zu ihr k�nnte.
Eine Weile hatte er eine Anstellung in Nordengland innegehabt, danach in London
ein bi�chen Bibelarbeit geleistet.</strong></p><p><strong>�Dann sind wir nach S�den gezogen, wie, Doris? Ich wei� nicht,
weswegen.�</strong></p><p><strong>�Wegen der Luft�, sagte sie.</strong></p><p><strong>�Es wird bestimmt eine Party stattfinden, wie, im Palast?� fragte Mr.
Hibbert. �Ich k�nnte mir vorstellen, da� Drake uns sogar auf die G�steliste
setzt. Stell dir das vor, Doris. Das w�rde dir Spa� machen. Eine k�nigliche
Gartenparty. H�te.�</strong></p><p><strong>�Aber Sie sind doch wieder nach Schanghai gegangen�, erinnerte Connie
ihn beil�ufig und raschelte mit ihren Notizen, um ihn zur�ckzurufen. �Die
Japaner waren geschlagen, Schanghai war wieder offen, und schon sind Sie auch
wieder da. Ohne Ihre Frau nat�rlich, aber trotzdem, Sie sind wieder da.�</strong></p><p><strong>�O ja, wir gingen hin.�</strong></p><p><strong>�Dann sahen Sie die Kos wieder. Sie trafen sie, und ich bin sicher, da�
die sch�nste Kabbelei losging. War's nicht so, Mr. Hibbert?� Es schien schon
beinah, als h�tte er die Frage nicht mitbekommen, aber pl�tzlich fing er mit
einigem Verzug herzhaft an zu lachen: �Beim Himmel, und waren sie nicht
inzwischen richtige kleine M�nner geworden, die beiden! Pfiffige Kerle! Und
hinter den M�dchen her, mit Verlaub gesagt, Doris. Ich behaupte immer noch,
Drake h�tte dich geheiratet, wenn du ihm nur ein bi�chen Hoffnung gemacht
h�ttest.�</strong></p><p><strong>�Also </strong><strong><emphasis>bitte, </emphasis></strong><strong>Dad�, murmelte Doris und starrte finster zu Boden. �Und Nelson? Du </strong><strong><emphasis>meine </emphasis></strong><strong>G�te, ein ausgewachsener
Rebell!� Er schl�rfte den Tee vom L�ffel und so vorsichtig, als f�tterte er
einen Vogel. �Wo 's Missie?� Das wollte Drake als erstes wissen. Er hatte sein
ganzes Englisch vergessen, Nelson ebenfalls. Ich mu�te ihnen sp�ter Stunden
geben. Also sagte ich es ihm. Er hatte inzwischen einiges vom Tod gesehen, </strong><strong><emphasis>das </emphasis></strong><strong>stand fest. War nicht, als ob er es mir
nicht glaubte. &gt;Missie tot&lt;, sagte ich. Mehr gab's nicht zu sagen.
&gt;Sie ist tot, Drake, und sie ist bei Gott.&lt; Ich habe ihn weder vorher
noch sp�ter wieder jemals weinen sehen, aber damals weinte er, und ich liebte
ihn daf�r. &gt;Ich verliere zwei Mutter&lt;, sagt er zu mir. &gt;Mutter tot,
jetzt Missie tot.&lt; Wir beteten f�r sie, was kann man sonst machen? Aber
unser kleiner Nelson, der weinte nicht und betete nicht. Der nicht. Hat nie so
an ihr gehangen wie Drake. Nichts Pers�nliches. Sie war ein Feind. Wir alle
waren Feinde.�</strong></p><p><strong>�Wir, wer ist das genau gesagt, Mr. �Hibbert?� fragte di Salis
gewinnend.</strong></p><p><strong>�Europ�er, Kapitalisten, Missionare: wir Ausbeuter allesamt, die es auf
ihre Seelen abgesehen hatten oder auf ihre Arbeitskraft oder auf ihr Silber.
Wir alle�, wiederholte Mr. �Hibbert ohne die geringste Spur von nachtr�glichem
Groll. �Sah in uns allen blo� Ausbeuter. Hat schon was f�r sich.� Eine Weile
stockte das Gespr�ch, bis Connie es behutsam wieder in Gang brachte: �Na, sei's
drum, Sie er�ffneten also die Mission wieder und Sie blieben bis zum Sieg der
Kommunisten neunundvierzig, ja, und w�hrend dieser vier Jahre wenigstens
konnten Sie ein v�terliches Auge auf Drake und Nelson haben. Stimmt das so, Mr.
�Hibbert?� fragte sie mit gez�ckter Feder.</strong></p><p><strong>�Oh, wir h�ngten die Lampe wieder �ber die T�r, ja. F�nfundvierzig
frohlockten wir, wie alle Leute. Der Kampf war vorbei, die Japse waren
geschlagen, die Fl�chtlinge konnten wieder nach Hause. Umarmungen auf offener
Stra�e, das �bliche eben. Wir hatten Geld, Wiedergutmachung glaube ich, einen
Zuschu�. Daisy Fong kam zur�ck, aber nicht f�r lange. Die ersten paar Jahre
ging es nach au�en hin gut, aber auch nicht wirklich. Wir blieben, solange
Tschiang Kaischek sich an der Regierung halten konnte - na ja, darin war er nie
besonders gro� gewesen, wie? Siebenundvierzig machte sich der Kommunismus schon
�berall bemerkbar - und neunundvierzig war er endg�ltig da. Die internationale
Kolonie war nat�rlich l�ngst verschwunden, die Konzessionen auch, nicht schade
drum. Der Rest ging langsam dahin. Wie �blich gab es Leute, die nichts sehen
wollten, die sagten, das alte Schanghai werde ewig leben, genau wie sie es mit
den Japsen machten. Schanghai habe die Mandschus verdorben, sagten sie; die </strong><strong><emphasis>warlords, </emphasis></strong><strong>die Kuomintang, die Japaner, die
Briten.</strong></p><p><strong>Jetzt werde es die Kommunisten verderben. Nat�rlich hatten sie unrecht.
Doris und ich - wir glaubten nicht ans Verderben, wie, nicht als L�sung f�r die
Probleme Chinas, deine Mutter auch nicht. Also kamen wir wieder heim.�</strong></p><p><strong>�Und die Kos?� erinnerte Connie ihn, w�hrend Doris ger�uschvoll ein
Strickzeug aus einer braunen Papiert�te zog. Der alte Mann z�gerte, und diesmal
hemmte vielleicht nicht die Senilit�t den Flu� seiner Erz�hlung, sondern der
Zweifel. �Nun ja�, gab er schlie�lich nach einer verlegenen Pause zu. �Ja,
seltene Abenteuer hatten sie, diese beiden, das kann ich Ihnen sagen.�</strong></p><p><strong>�</strong><strong><emphasis>Abenteuer�, </emphasis></strong><strong>echote Doris zornig und klapperte mit den Stricknadeln. �Exzesse w�rde
ich sagen.�</strong></p><p><strong>Das letzte Tageslicht heftete sich noch ans Meer, im Zimmer jedoch
wurde es dunkel, und das Gasfeuer tuckerte wie fernes Motorenger�usch.</strong></p><p><strong>Auf der Flucht aus Schanghai wurden Drake und Nelson mehrmals getrennt,
sagte der alte Mann. Wenn sie einander nicht finden konnten, verzehrten sie
sich vor Gram, bis sie wieder beisammen waren. Nelson, der Junge, gelangte bis
nach Tschung-king, �berlebte Hunger, Ersch�pfung und h�llische Luftangriffe,
denen Tausende von Zivilisten zum Opfer fielen. Aber Drake, der �ltere, wurde
zu Tschiangs Armee eingezogen, obwohl Tschiang nichts tat als auszukneifen, in
der Hoffnung, Kommunisten und Japaner w�rden sich gegenseitig umbringen. �Ist
in der ganzen Landschaft rumgebraust, unser Drake, um die Front zu finden, und
hat sich um Nelson halb totgesorgt. Und Nelson nat�rlich, der drehte in
Tschungking die Daumen, ja, und b�ffelte in seinen ideologischen B�chern. Sie
hatten dort sogar die </strong><strong><emphasis>New China
Daily, </emphasis></strong><strong>erz�hlte er mir sp�ter, </strong><strong><emphasis>mit </emphasis></strong><strong>Tschiangs Genehmigung gedruckt!
Stellen Sie sich das vor! Es waren noch ein paar von seinen Gesinnungsgenossen
in der Gegend, und in Tschungking steckten sie die K�pfe zusammen und bauten
eine neue Welt f�r die Zeit nach Kriegsende, und eines Tages kam es denn auch,
Gott sei Dank.�</strong></p><p><strong>Neunzehnhundertf�nfundvierzig, sagte Mr. Hibbert schlicht, endete die
Trennung durch ein Wunder: �Eine M�glichkeit unter Tausenden, ach was, unter
Millionen. Die Stra�e in die Heimat wimmelte von Lastwagen, Karren, Truppen,
Gesch�tzen, alles str�mte zur K�ste, und Drake rannte die Kolonnen auf und ab
wie ein Irrer: &gt;Habt ihr meinen Bruder gesehen?&lt;�</strong></p><p><strong>Das Drama jenes Augenblicks weckte pl�tzlich den Prediger in ihm, und
seine Stimme wurde lauter.</strong></p><p><strong>�Und ein kleiner schmutziger Bursche fa�te Drakes Ellbogen. &gt;Da. Du.
Ko.&lt; Als b�te er ihn um Feuer. &gt;Dein Bruder ist hinten im �bern�chsten
Lastwagen und schwatzt ein paar Hakka-Kommunisten L�cher in die B�uche.&lt; Und
schon liegen sie sich in den Armen, und Drake l��t Nelson nicht mehr aus den
Augen, bis sie wieder in Schanghai sind, und </strong><strong><emphasis>danach </emphasis></strong><strong>auch nicht!�</strong></p><p><strong>�Und so kamen sie und machten Ihnen einen Besuch�, fiel Connie traulich
ein.</strong></p><p><strong>�Als Drake wieder da war, hatte er nur eins im Sinn, und sonst gar
nichts. Nelson sollte eine richtige Schulbildung bekommen. Nichts auf Gottes
weiter Welt interessierte Drake, nur Nelsons Ausbildung. </strong><strong><emphasis>Nichts. </emphasis></strong><strong>Nelson mu�te zur Schule gehen.�
Die Hand des alten Mannes h�mmerte auf die Sessellehne. �Wenigstens einer der
Br�der mu�te einen Abschlu� haben. Oh, Drake war eisern! </strong><strong><emphasis>Und </emphasis></strong><strong>er schaffte es�, sagte der alte Mann
schlicht. �Drake hat es geschaukelt. Das hat er. Er war ein richtiger Starrkopf
geworden. Drake war neunzehn, als er aus dem Krieg zur�ckkam. Nelson war fast
siebzehn, und er arbeitete gleichfalls Tag und Nacht - an seinen Studien
nat�rlich. So wie Drake, nur da� Drake mit seinen Muskeln arbeitete.�</strong></p><p><strong>�Er wurde kriminell�, sagte Doris leise. �Er hat sich einer Bande
angeschlossen und gestohlen. Wenn er nicht um </strong><strong><emphasis>mich </emphasis></strong><strong>herumstrich.�</strong></p><p><strong>Ob Mr. �Hibbert sie geh�rt hatte oder ob er nur einen ihrer g�ngigen
Vorw�rfe beantwortete, wurde nicht klar. �Aber Doris, du mu�t diese Triaden im
Licht der Zeit sehen�, tadelte er sie. �Schanghai war ein Stadtstaat. Es wurde
von einer Handvoll Wirtschaftskapit�nen regiert, Hy�nen und schlimmerem. Es
gab keine Gewerkschaften, weder Gesetz noch Ordnung, das Leben war wenig wert
und hart, und ich bezweifle, da� das Hongkong von heute sehr viel anders ist,
wenn man blo� ein bi�chen am Firnis kratzte. Neben einigen dieser sogenannten
englischen Gentlemen w�re dieser ber�chtigte Fabrikbesitzer von Lancashire ein
leuchtendes Beispiel christlicher N�chstenliebe geworden.� Nachdem er diesen
milden Vorwurf ge�u�ert hatte, kehrte er zu Connie und seiner Erz�hlung zur�ck.
Connie war ihm vertraut: der Archetypus der Dame auf der vordersten Kirchenbank:
wuchtig, aufmerksam, mit Hut, und sie lauschte fromm einem jeden Wort des alten
Mannes.</strong></p><p><strong>�Sie kamen immer gegen f�nf Uhr zum Tee, wissen Sie, die beiden Br�der.
Ich mu�te alles bereit haben, das Essen auf dem Tisch, Limonade hatten sie
gern, nannten sie Soda. Drake kam von den Docks, Nelson von seinen B�chern, und
sie a�en fast schweigend, und dann ging's wieder an die Arbeit, nicht wahr,
Doris? Sie hatten irgendeinen legend�ren Helden ausgegraben, den gelehrten Che
Yin. Che Yin war so arm, da� er sich selber das Lesen und Schreiben beim Licht
der Leuchtk�fer beibringen mu�te. Sie redeten gern dar�ber, wie Nelson ihm
nacheifern werde. &gt;Los, Che Yin&lt;, sagte ich immer. &gt;I� noch ein Brot,
damit du bei Kr�ften bleibst.� Dann lachten sie ein bi�chen, und schon waren
sie wieder weg. &gt;Bye-bye, Che Yin, weiter geht's.&lt; Dann und wann, wenn er
nicht gerade den Mund zu voll hatte, traktierte Nelson mich mit seiner Politik.
</strong><strong><emphasis>Meine </emphasis></strong><strong>G�te, der Junge
hatte vielleicht Ideen! Und von uns hat er sie nicht gelernt, das d�rfen Sie mir
glauben, wir wu�ten nicht genug. Geld sei die Wurzel allen �bels. Nun, das will
ich nicht bestreiten! Habe es selber jahrelang gepredigt! Br�derlichkeit,
Kameradschaft, aber: Religion ist Opium f�rs Volk, also, da kam ich nicht mehr
mit, aber Klerikalismus, Hochkirchenklimbim, Papistentum, G�tzendienst - also,
damit hatte er so unrecht nicht, so wie ich es sah. Er hatte auch harte Worte
f�r uns Briten, und wir haben sie verdient, w�rde ich sagen.�</strong></p><p><strong>�Hat ihn nicht gehindert, bei uns zu essen, wie?� bemerkte Doris
wiederum in die Kulissen. </strong><strong><emphasis>�Oder </emphasis></strong><strong>seinen alten Glauben zu verleugnen. Oder die Mission kurz und klein zu
schlagen.� Aber der alte Mann l�chelte nur geduldig. �Doris, mein Kind, ich
habe es dir schon oft gesagt und ich sage es dir nochmals: Die Wege des Herrn
sind unerforschlich. Solange gute Menschen bereit sind, hinzugehen und nach der
Wahrheit zu suchen und nach der Gerechtigkeit und Br�derlichkeit, wird er nicht
lange vor der T�re warten m�ssen.�</strong></p><p><strong>Doris senkte err�tend den Kopf �ber ihr Strickzeug. �Nat�rlich hat sie
recht. Nelson hat </strong><strong><emphasis>tats�chlich </emphasis></strong><strong>die Mission zertr�mmert. Und auch seinen Glauben verleugnet.� Eine
Wolke des Kummers hing sekundenlang �ber seinem alten Gesicht, bis das Lachen
pl�tzlich den Sieg davontrug. �Und du liebe G�te, hat Drake den Jungen ins
Gebet genommen! Hat der ihm vielleicht die Leviten gelesen! Ach Gott, ach Gott!
&gt;Politik&lt;, sagt Drake, &gt;kannst du nicht essen, nicht verkaufen und,
mit Verlaub, Doris, du kannst nicht mit ihr schlafen! Alles was du mit ihr tun
kannst, ist die Tempel kaputtschlagen und die Unschuldigen t�ten !&lt; Ich hab'
ihn noch nie so zornig gesehen. </strong><strong><emphasis>Und </emphasis></strong><strong>er hat Nelson eine Tracht Pr�gel verabreicht, jawohl! Drake hat einiges
gelernt, drunten in den Docks, das kann ich Ihnen sagen!�</strong></p><p><strong>�Und Sie m�ssen es uns sagen�, zischte di Salis wie eine Schlange ins
D�mmerlicht. �Sie m�ssen uns </strong><strong><emphasis>alles </emphasis></strong><strong>sagen. Es ist Ihre Pflicht.�</strong></p><p><strong>�Ein Studentenaufmarsch�, fuhr Mr. �Hibbert fort. �Fackelzug nach der
Sperrstunde, Gruppen von Kommunisten drau�en auf den Stra�en, wollen Krawall
machen. Anfang neunundvierzig, mu� im Fr�hling gewesen sein, die Lage fing
gerade an, brenzlig zu werden.� Im Gegensatz zu seiner fr�heren
Weitschweifigkeit war Mr. Hibberts Erz�hlstil �berraschend b�ndig geworden:
�Wir sa�en am Feuer, wie, Doris? Vierzehn war Doris damals, oder war's
f�nfzehn? Wir hatten gern ein Feuer, auch wenn's nicht n�tig war, erinnerte uns
an zu Hause, an Macclesfield. Und wir h�ren drau�en den Klamauk und das Gr�len.
Becken, Pfeifen, Gongs, Glocken, Trommeln, ein gr��licher Krach. Ich hatte
schon eine Ahnung, da� so etwas passieren k�nnte. Nelson hat mich die ganze
Zeit in der Englischstunde gewarnt: �Sie gehen heim, Mr. �Hibbert. Sie sind ein
guter Mensch�, sagte er, &gt;Sie sind ein guter Mensch, aber wenn die D�mme
brechen, ertrinken die Guten und die Schlechten in den Fluten.&lt; Er konnte
sich so h�bsch ausdr�cken, wenn er wollte, dieser Nelson. Kam von seiner
�berzeugung. Nicht erfunden, empfunden. &gt;Daisy&lt;, sagte ich, &gt;Daisy
Fong, du und Doris, ihr geht in den Hinterhof, ich glaube, wir kriegen bald
Besuch.&lt; Im n�chsten Moment, p�ng, flog ein Stein durchs Fenster. Wir h�rten
nat�rlich Stimmen, Gebr�ll, und sogar hier konnte ich unseren Nelson
herauskennen, nur an der Stimme. Er sprach nat�rlich Chiu Chow </strong><strong><emphasis>und </emphasis></strong><strong>schanghainesisch, aber bei diesem
Haufen redete er selbstverst�ndlich schanghainesisch. &gt;Tod den
Imperialistenknechten!&lt;, br�llt er! �Nieder mit den Tempelhy�nen!� Ach, die
Slogans, die sie sich ausgedacht haben! In Chinesisch klingen sie noch
einigerma�en, aber sagen Sie's auf englisch, und es ist schierer Bl�dsinn. Dann
geht die T�r auf, und sie kommen rein.�</strong></p><p><strong>�Sie haben das Kreuz zerschlagen�, sagte Doris, h�rte auf zu stricken
und starrte auf ihr Muster.</strong></p><p><strong>Diesmal erstaunte Mr. Hibbert, nicht seine Tochter, die Zuh�rer durch
handfeste Ausdr�cke.</strong></p><p><strong>�Sie haben noch verflixt mehr zerschlagen, Doris!� erwiderte Mr.
Hibbert fidel. �Sie haben den ganzen Laden kaputtgeschlagen. Kirchenb�nke, den
Altar, das Klavier, St�hle, Lampen, Gesangb�cher, Bibeln. Oh, sie haben
richtig losgelegt, das kann ich Ihnen sagen. Richtige kleine Schweine waren
das. &gt;Nur zu&lt;, sag ich. �Bedient euch. Was der Mensch geschaffen hat, ist
verg�nglich, aber das Wort Gottes werdet ihr nicht aus der Welt schaffen, und
wenn ihr sein Haus zu Kleinholz schlagt.� Nelson, der wollte mich gar nicht
ansehen, der arme Kerl. Ich h�tte f�r ihn weinen k�nnen. Wie sie fort waren,
sah ich mich um, und da stand die alte Daisy Fong unter der T�r und Doris
hinter ihr. Sie hatte sich alles angesehen, unsere Daisy. Hatte es genossen.
Ich hab es aus ihren Augen gelesen. Sie war im Herzen auch eine von denen.
Gl�cklich. &gt;Daisy&lt;, sagte ich. &gt;Raus mit dir. Pack deine Sachen und
ab. In diesem Leben kannst du mittun oder dich draushalten, ganz wie du willst.
Aber du darfst dich nicht verdingen. Sonst bist du schlimmer als ein Spion.&lt;�</strong></p><p><strong>W�hrend Connie ihn zustimmend anstrahlte, gab di Salis ein
durchdringendes emp�rtes Kr�chzen von sich, aber der alte Mann geno� seine
Erz�hlung.</strong></p><p><strong>�Also, wir beide setzten uns hin, ich und Doris, und wir weinten ein
bi�chen zusammen, das gebe ich ohne weiteres zu, wie, Doris? Ich sch�me mich
der Tr�nen nicht, hab' ich nie getan. Wir vermi�ten deine Mutter bitterlich.
Knieten nieder und beteten. Dann machten wir uns ans Aufr�umen. Wu�ten
wahrhaftig kaum, wo wir anfangen sollten. Und dann kommt Drake herein!� Er
sch�ttelte verwundert den Kopf. �&gt;Guten Abend, Mr. Hibbert&lt;, sagt er mit
seiner tiefen Stimme und einem kleinen bi�chen von meinem Nordengland-Akzent,
�ber den wir immer lachen mu�ten. Und hinter ihm steht der kleine Nelson mit
Besen und Schaufel. Er hatte noch immer den krummen Arm, hat ihn wahrscheinlich
noch, zerschossen, als er klein war, aber am Aufkehren hat er ihn nicht
gehindert, kann ich Ihnen sagen. Damals ist Drake �ber ihn hergefallen, hat
geflucht wie ein Seeb�r! Ich hab' ihn noch nie so geh�rt. Nun ja, er war ja
eine Art Seeb�r, wie?� Er l�chelte seine Tochter gelassen an. �Ein Gl�ck, da�
er Chiu Chow sprach, wie, Doris? Hab' selber nur die H�lfte davon verstanden,
nicht mal das, aber, na, ich danke! Fluchte wie ein Fuhrknecht, der Junge!�</strong></p><p><strong>Er hielt inne und schlo� kurz die Augen, im Gebet oder vor M�digkeit.</strong></p><p><strong>�Es war nat�rlich nicht Nelsons Schuld. Das wu�ten wir bereits. Er war
ein Anf�hrer. Es ging um sein Gesicht. Sie waren einfach losmarschiert, ohne besonderes
Ziel, und dann sagt einer zu ihm: &gt;Heh! Missionskind! Zeig uns, wohin du
jetzt geh�rst!&lt; Und er zeigt es ihnen. Mu� er. Hat Drake aber nicht davon
abgehalten, auf ihn einzudreschen. Sie r�umten auf, wir gingen ins Bett, und
die beiden schliefen in der Kapelle auf dem Boden, f�r den Fall, da� der Mob
zur�ckk�me. Ich komme am n�chsten Morgen runter, und da sind die Gesangb�cher
alle s�uberlich aufgestapelt, soviel wie eben noch da waren, die Bibeln
desgleichen. Sie hatten ein Kreuz aufgestellt, selber fabriziert. Sogar das
Klavier zusammengeflickt, wenn auch nicht gestimmt nat�rlich.� di Salis
schlang sich in einen neuen Knoten und stellte eine Frage. Wie Connie hatte er
ein aufgeschlagenes Notizbuch vor sich, aber noch nichts hineingeschrieben.</strong></p><p><strong>�Was war damals Nelsons </strong><strong><emphasis>Disziplin?� </emphasis></strong><strong>fragte er in seiner n�selnden unwilligen Art, und hielt den Stift
schreibbereit.</strong></p><p><strong>Mr. Hibbert runzelte ratlos die Stirn:</strong></p><p><strong>�Nun, die Kommunistische Partei, nat�rlich.�</strong></p><p><strong>Als Doris �O </strong><strong><emphasis>Daddy� </emphasis></strong><strong>in ihr Strickzeug fl�sterte, �bersetzte Connie hastig. �Was hat Nelson
studiert, Mr. Hibbert, und wo?�</strong></p><p><strong>�Ah, Disziplin. Diese Art Disziplin!� Mr. Hibbert verfiel wieder in
seinen n�chternen Stil.</strong></p><p><strong>Er kannte die Antwort genau. Wor�ber h�tten er und Nelson in ihren
Englischstunden sonst sprechen k�nnen - abgesehen vom kommunistischen
Evangelium, fragte er -, als �ber Nelsons Zukunftspl�ne? Nelsons Leidenschaft
war der Ingenieurberuf. Nelson war �berzeugt, da� die Technologie, nicht die
Bibel, China aus dem Feudalismus f�hren k�nnte.</strong></p><p><strong>�Schiffsbau, Stra�en, Eisenbahnen, Fabriken: das war Nelson. Der
Erzengel Gabriel mit Rechenschieber, wei�em Kragen und einem akademischen Grad.
Das war er, nach </strong><strong><emphasis>seiner </emphasis></strong><strong>Vorstellung.� Mr. Hibbert blieb nicht lange genug in Schanghai, um
Nelson diesen Gl�ckszustand erreichen zu sehen, sagte er, denn Nelson machte
sein Abschlu�examen erst im Jahr einundf�nfzig -. di Salis' Feder kratzte wild
�ber die Seiten des Notizbuchs.</strong></p><p><strong>� Aber Drake, der sich sechs Jahre lang f�r ihn abgerackert hatte�,
sagte Mr. �Hibbert - �ber Doris' neuerliche Bezugnahme auf die Triaden hinweg
-, �Drake hielt durch, und er sah sich belohnt, genau wie Nelson. Er sah, wie
dieses lebenswichtige St�ck Papier in Nelsons Hand gelegt wurde, und er wu�te,
da� seine Arbeit jetzt getan war und er seiner eigenen Wege gehen konnte, wie
er es immer geplant hatte.�</strong></p><p><strong>di Salis wurde vor Erregung ausgesprochen hemmungslos. In seinem
h��lichen Gesicht waren noch mehr Farbflecke aufgesprungen, und er rutschte
verzweifelt auf seinem Stuhl herum. �Und </strong><strong><emphasis>nach </emphasis></strong><strong>dem Examen - was kam </strong><strong><emphasis>dann?� </emphasis></strong><strong>dr�ngte er. �Was tat er? Was wurde aus ihm? Erz�hlen Sie bitte weiter. </strong><strong><emphasis>Bitte, </emphasis></strong><strong>erz�hlen Sie weiter.�</strong></p><p><strong>Mr. �Hibbert l�chelte am�siert �ber soviel Enthusiasmus. Also, sagte
er, laut Drake habe Nelson sich zun�chst als Zeichner in der Schiffswerft
verdingt, an Blaupausen und Baupl�nen gearbeitet und wie verr�ckt alles
gelernt, was er den russischen Technikern abgucken konnte, die seit Maos Sieg
ins Land str�mten. Dann wurde Nelson, im Jahr dreiundf�nfzig, wenn Mr. �Hibbert
sich richtig erinnerte, die Auszeichnung einer weiteren Studiengenehmigung an
der Universit�t Leningrad in Ru�land zuteil, und er blieb dort, bis, nun, auf
jeden Fall bis Ende der f�nfziger Jahre. �Oh, er war gl�cklich wie ein Hund mit
zwei Schw�nzen, unser Drake, wenn man ihn h�rte.� Mr. �Hibbert h�tte nicht
stolzer aussehen k�nnen, wenn er von seinem eigenen Sohn gesprochen h�tte.</strong></p><p><strong>di Salis beugte sich pl�tzlich vor und ging sogar so weit, trotz
Connies mahnender Blicke, mit seinem Stift auf den alten Mann zu deuten: �Und
nach Leningrad, was haben sie dann mit ihm gemacht?�</strong></p><p><strong>�Wieso? Er kam nat�rlich zur�ck nach Schanghai�, sagte Mr. �Hibbert
lachend. </strong><strong><emphasis>�Und </emphasis></strong><strong>er wurde bef�rdert, klar, nach diesem langen Studium, war jetzt ein
angesehener Mann: Schiffsbauer, Ausbildung in Ru�land, Technologe, Manager:
Ach, er war ganz begeistert von den Russen! Besonders nach Korea. Sie hatten
Maschinen, Macht, Ideen, Philosophie. Ru�land war sein Gelobtes Land. Er
blickte zu ihm auf, wie . . . � Seine Stimme und sein Eifer erstarben
gleichzeitig. �Ach ja�, murmelte er und schwieg, zum zweitenmal, seit sie ihm
zuh�rten, seiner selbst unsicher geworden. �Trotzdem, es konnte nicht ewig
dauern, wie? Ru�land bewundern: wie lange war das modern in Maos Neuem Wunderland?
Doris, Kind, hol mir einen Schal.�</strong></p><p><strong>�Du tr�gst ihn schon�, sagte Doris.</strong></p><p><strong>di Salis bohrte r�cksichtslos, mit schriller Stimme weiter. Nichts
interessierte ihn mehr, au�er den Antworten. Auch das Notizbuch nicht, das
aufgeschlagen auf seinen Knien lag: �Er kam zur�ck�, piepste er. �Sehr sch�n.
Er brachte es zu etwas. Er war in Ru�land ausgebildet, nach Ru�land hin
orientiert. Sehr sch�n. Was </strong><strong><emphasis>kommt dann?�</emphasis></strong></p><p><strong>Mr. Hibbert sah di Salis lange an. Ohne Arglist in Gesicht und Augen.
Er sah ihn an, wie ihn vielleicht ein kluges Kind angesehen h�tte, ohne
hemmende Spitzfindigkeit. Und es wurde pl�tzlich klar, da� Mr. Hibbert di Salis
nicht mehr traute, ja, da� er ihn nicht mochte.</strong></p><p><strong>�Er ist tot, junger Mann�, sagte er endlich und starrte wieder hinaus
aufs Meer. Im Zimmer war es jetzt fast dunkel, das meiste Licht kam vom
Gasfeuer. Der graue Strand war leer. Auf dem Weidenzaun thronte eine einzelne
M�we, schwarz und gro� vor den letzten Streifen des Abendhimmels. �Aber Sie
sagten, er habe noch immer diesen krummen Arm�, fuhr di Salis auf ihn los. �Sie
sagten, vermutlich habe er ihn noch immer. Und um ein Haar h�tten Sie es </strong><strong><emphasis>jetzt </emphasis></strong><strong>nochmals gesagt, ich h�rte es
Ihrer Stimme an!�</strong></p><p><strong>�Also ich finde, da� wir Mr. Hibbert lang genug bel�stigt haben�, sagte
Connie strahlend, warf di Salis einen scharfen Blick zu und b�ckte sich nach
ihrer Handtasche. Aber di Salis ging nicht darauf ein.</strong></p><p><strong>�Ich glaube ihm nicht!� rief er mit seiner schrillen Stimme. �Wie und
wann starb Nelson? Geben Sie uns genaue Daten!� Aber der alte Mann zog nur den
Schal enger um die Schultern und wandte die Augen nicht vom Meer.</strong></p><p><strong>�Wir waren in Durham�, sagte Doris und blickte noch immer auf ihre
Strickarbeit, obwohl man bei diesem Licht nicht mehr stricken konnte, �Drake
kam in seinem dicken Wagen mit Chauffeur vorgefahren und besuchte uns. Er hatte
seinen Trabanten bei sich, Tiu nennt er ihn. Sie waren in Schanghai Kumpane
gewesen. Wollte eine Schau abziehen. Brachte mir ein Platinfeuerzeug und
tausend Pfund f�r Dads Kirche und hielt uns seinen O. B. E. im Etui unter die
Nase; zog mich in eine Ecke und sagte, ich solle nach Hongkong kommen und seine
M�tresse werden, direkt vor Dads Augen. Krampf mit Sauce! Er wollte Dads
Unterschrift f�r irgend etwas. Eine B�rgschaft. Sagte, er wolle in Gray's Inn
Jura studieren. In seinem Alter, nun sagen Sie mal! Zweiundvierzig! Sp�te
Berufung! Hat es nat�rlich nie vorgehabt. War alles nur Unverfrorenheit und
Geschw�tz, wie �blich. Dad sagte zu ihm: &gt;Was macht Nelson?&lt;, und -�</strong></p><p><strong>�Moment bitte�, unterbrach di Salis wiederum h�chst unklug. �Das Datum?
</strong><strong><emphasis>Wann </emphasis></strong><strong>hat sich das
alles ereignet, bitte. Ich mu� </strong><strong><emphasis>Daten </emphasis></strong><strong>haben.�</strong></p><p><strong>�Siebenundsechzig. Dad war kurz vor der Pensionierung, nicht wahr,
Dad?�</strong></p><p><strong>Der alte Mann bewegte sich nicht.</strong></p><p><strong>�Gut, siebenundsechzig. In welchem Monat? Bitte ganz genaue Angaben!�</strong></p><p><strong>Es h�tte nur noch gefehlt, da� er �Ganz genaue Angaben, </strong><strong><emphasis>Weib�, </emphasis></strong><strong>gesagt h�tte. Er machte Connie
ernstlich besorgt. Aber als sie wiederum versuchte, ihn zur�ckzuhalten,
ignorierte er sie wie zuvor.</strong></p><p><strong>�April�, sagte Doris nach einigem Nachdenken. �Wir hatten kurz vorher
Dads Geburtstag gefeiert. Deshalb brachte er die tausend Lappen f�r die Kirche.
Er wu�te, da� Dad sie nicht f�r sich annehmen w�rde, denn Dad hatte immer
mi�billigt, auf welche Weise Drake zu seinem Geld kam.�</strong></p><p><strong>�In Ordnung. Gut. Sehr sch�n. April. Nelson starb also vor dem April
siebenundsechzig. Was hat Drake �ber die n�heren Umst�nde berichtet. Wissen
Sie das noch?�</strong></p><p><strong>�Nichts. Keine Einzelheiten. Sagte ich schon. Dad fragte, und er sagte
nur &gt;tot&lt;, als w�re Nelson ein Hund. Soviel f�r die br�derliche Liebe.
Dad wu�te gar nicht, wohin er sehen sollte. Es brach ihm fast das Herz, und
Drake stand da und tat keinen Pieps. &gt;Ich habe keinen Bruder. Nelson ist
tot.&lt; Und Dad betete noch immer f�r Nelson, das stimmt doch, Dad?� Jetzt
sprach der Alte. Mit der Dunkelheit hatte seine Stimme betr�chtlich an Kraft
gewonnen.</strong></p><p><strong>�Ich betete f�r Nelson, und ich bete noch heute f�r ihn�, sagte er
offen. �Solange er lebte, betete ich, er m�ge auf die eine oder andere Art
Gottes Werk in der Welt tun. Ich glaubte daran, da� er das Zeug f�r gro�e Dinge
hatte. Drake w�rde sich immer durchschlagen. Er ist z�h. Aber das Licht �ber
der T�r von &gt;Lord's Life Mission� h�tte nicht vergebens gebrannt, so dachte
ich immer, wenn es Nelson Ko gel�nge, in China die Grundlagen f�r eine gerechte
Gesellschaft zu schaffen. Nelson mochte es Kommunismus nennen. Konnte es
nennen, wie er wollte. Aber drei lange Jahre hindurch schenkten deine Mutter
und ich ihm unsere christliche Liebe, und ich erlaube niemandem zu sagen,
Doris, dir nicht und auch sonst niemandem, da� man das Licht der g�ttlichen
Liebe f�r immer ausl�schen kann. Sei es durch die Politik, sei es durch das
Schwert.� Er holte tief Atem. �Und jetzt ist er tot, und ich bete f�r seine
Seele, so wie ich f�r die Seele deiner Mutter bete�, sagte er, und es klang
seltsamerweise weit weniger �berzeugt. �Wenn das Papismus ist, ist es mir auch
egal.� Connie war jetzt tats�chlich aufgestanden. Sie kannte die Grenzen, sie
hatte das Auge, und sie bef�rchtete das Schlimmste von di Salis'
Unbeherrschtheit. Aber wenn di Salis Witterung aufgenommen hatte, war er nicht
mehr zu halten. �Es war also ein </strong><strong><emphasis>gewaltsamer </emphasis></strong><strong>Tod, nicht wahr? Politik und Schwert, sagten sie. </strong><strong><emphasis>Welche </emphasis></strong><strong>Politik? Hat Drake Ihnen das
gesagt! Wirkliche </strong><strong><emphasis>Morde </emphasis></strong><strong>waren relativ selten, wie Sie wissen. Ich glaube, da� Sie uns etwas
vorenthalten!�</strong></p><p><strong>di Salis hatte sich ebenfalls erhoben, stand dicht neben Mr. �Hibbert
und kl�ffte seine Fragen auf das wei�e Haupt des alten Mannes hinunter, als
w�re er bei einem Planspiel �ber Verh�rtechnik in Sarratt.</strong></p><p><strong>�Sie waren </strong><strong><emphasis>sehr </emphasis></strong><strong>freundlich�, sagte Connie �berschwenglich zu Doris. �Wir haben wirklich
alles, was wir irgend ben�tigen k�nnten, </strong><strong><emphasis>und </emphasis></strong><strong>noch mehr. Ich bin �berzeugt, mit der Adelsverleihung wird alles glatt
gehen�, sagte sie, und ihre Stimme triefte von Warnungen zur Vorsicht an di
Salis' Adresse. �Jetzt gehen wir aber, und </strong><strong><emphasis>tausend </emphasis></strong><strong>Dank Ihnen beiden.� Aber diesmal
machte der Alte selber ihr Bem�hen zunichte: �Und ein Jahr danach verlor er
auch seinen zweiten Nelson, Gott tr�ste ihn, seinen kleinen Jungen�, sagte er.
�Er wird ein einsamer Mann sein, unser Drake. Das war sein letzter Brief an
uns, wie, Doris? &gt;Beten Sie f�r meinen kleinen Nelson, Mr. �Hibbert&lt;,
schrieb er. Und das taten wir. Wollte, da� ich r�berfliege, um das Begr�bnis zu
�bernehmen. Aber ich konnte nicht, ich wei� nicht warum. Ehrlich gesagt, hab'
ich nie viel daf�r �briggehabt, da� man Geld f�r Begr�bnisse ausgibt.�</strong></p><p><strong>Hier st�rzte di Salis sich buchst�blich auf seine Beute, und dies mit
wahrhaft furchterregender Jagdlust. Er beugte sich �ber den alten Mann und war
so in Fahrt, da� er mit seiner fiebrigen kleinen Hand ein St�ck des Schals
packte:</strong></p><p><strong>�Ah! </strong><strong><emphasis>Aha! </emphasis></strong><strong>Aber hat er Sie jemals gebeten, f�r Nelson </strong><strong><emphasis>senior </emphasis></strong><strong>zu beten? Antworten Sie.�</strong></p><p><strong>�Nein�, sagte der Alte nur. �Nein, hat er nicht.�</strong></p><p><strong>�Warum nicht? Nat�rlich weil er nicht wirklich tot war! In China kann
man auf vielerlei Weise sterben, nicht wahr, und nicht jede ist unbedingt
t�dlich! </strong><strong><emphasis>In Ungnade gefallen: </emphasis></strong><strong>ist das nicht das bessere Wort?�</strong></p><p><strong>Seine Qu�klaute flogen im Zimmer herum wie h��liche b�se Geister.</strong></p><p><strong>�Doris, sie sollen gehen�, sagte der alte Mann ruhig zum Meer. �Sieh
nach dem Fahrer, ja, mein Kind? Bestimmt h�tten wir ihn reinholen sollen, aber
es macht nichts.�</strong></p><p><strong>Sie standen in der Diele, um sich zu verabschieden. Der alte Mann war
in seinem Lehnstuhl sitzengeblieben, und Doris hatte die Zimmert�r geschlossen.
Manchmal war Connies sechster Sinn erschreckend.</strong></p><p><strong>�Der Name </strong><strong><emphasis>Liese </emphasis></strong><strong>sagt Ihnen wahrscheinlich nichts, wie, Miss �Hibbert?� fragte sie,
w�hrend sie ihr Kost�m glattstrich. �In Mr. Kos Lebenslauf wird eine gewisse </strong><strong><emphasis>Liese </emphasis></strong><strong>erw�hnt.� Doris verzog �rgerlich
das ungeschminkte Gesicht. �Das ist Mutters Name�, sagte sie. �Sie war deutsch-lutherisch.
Der Schuft hat sogar ihren Namen gestohlen, wie?� Mit Toby Esterhase am Steuer
rasten Connie Sachs und Doc di Salis mit ihren erstaunlichen Neuigkeiten zur�ck
zu George. Unterwegs jedoch kabbelten sie sich zun�chst �ber di Salis' Mangel an
Zur�ckhaltung. Besonders Toby Esterhase war emp�rt, und Connie f�rchtete
ernstlich, da� der alte Mann an Ko schreiben k�nnte. Aber bald siegte das
Gewicht ihrer Entdeckung �ber alle �ngste, und sie langten triumphierend vor
den Toren ihrer geheimen Stadt an.</strong></p><p><strong>In seiner sicheren Burg feierte nun di Salis die Stunde seines Ruhms.
Wieder einmal trommelte er die bleiche Schar seiner Gelben Gefahren zusammen
und setzte sie auf eine ganze Palette von Erkundigungen an, so da� sie unter
dem einen oder anderen Vorwand ganz London heimsuchten und Cambridge dazu. Im
Herzen war di Salis ein Einsiedler. Niemand kannte ihn, au�er vielleicht
Connie, und wie Connie ihn nicht mochte, so mochte ihn auch niemand sonst. Er
war ein schlechter Gesellschafter und manchmal l�cherlich. Aber an seiner
Jagdleidenschaft hatte niemand je gezweifelt.</strong></p><p><strong>Er durchschn�ffelte alte Berichte der �Shanghai University of
Communications�, chinesisch Chiao Tung genannt, deren Studenten nach dem Krieg
von neununddrei�ig bis f�nfundvierzig als militante Kommunisten bekannt waren,
und konzentrierte sein Interesse auf das �Department of Marine Studies�, das in
seinem Lehrplan sowohl Verwaltung wie Schiffsbau hatte. Aus beiden Sparten
sortierte er Listen von f�hrenden Parteimitgliedern vor und nach neunundvierzig
heraus und schwitzte �ber den sp�rlichen Angaben zur Person jener, die mit der
Leitung gro�er Unternehmen betraut wurden, Projekten, die technologisches
Know-how erforderten: vor allem der Werft von Kiangnan, einer gro�en Sache, aus
der die Kuomintang-Anh�nger zu wiederholten Malen hatten ausgemerzt werden
m�ssen. Nachdem er Listen mit mehreren tausend Namen beisammen hatte, legte er
Akten �ber alle jene an, von denen man wu�te, da� sie ihre Ausbildung an der
Universit�t von Leningrad vervollkommnet hatten und danach in h�heren
Positionen wieder in der Werft aufgetaucht waren. Das Studium des Schiffsbaus
dauerte in Leningrad drei Jahre. Nach di Salis' Berechnungen h�tte Nelson sich
mutma�lich von dreiundf�nfzig bis sechsundf�nfzig dort aufgehalten und war
danach offiziell dem Schanghaier st�dtischen Marinebauamt zugewiesen worden,
das ihn dann an Kiangnan zur�ckgab. Ausgehend von der Annahme, da� Nelson nicht
nur chinesische Vornamen hatte, die noch immer unbekannt waren, sondern sich
h�chstwahrscheinlich obendrein noch einen neuen Familiennamen zugelegt hatte,
machte di Salis seine Gehilfen darauf aufmerksam, da� Nelsons Biographie aus
zwei Teilen bestehen mochte, jeder unter einem anderen Namen. Sie sollten auf
Abzweigungen achten. Er verschaffte sich auf Umwegen Listen von promovierten
und eingeschriebenen Studenten sowohl an der Chiao Tung wie an der Leningrader
Universit�t und brachte sie zur Deckung. Die Chinaspezialisten sind eine Rasse
f�r sich, und ihre gemeinsamen Interessen �berwinden Protokoll und nationale
Unterschiede, di Salis hatte Verbindungen nicht nur in Cambridge und zu jedem
Orient-Archiv, sondern auch nach Rom, Tokio und M�nchen. Er schrieb an sie
alle, versteckte jedoch sein Anliegen unter einer Unmenge anderer Fragen. Sogar
die Vettern hatten ihm, wie sich sp�ter herausstellte, unwissentlich ihre Akten
zug�nglich gemacht. Er stellte noch weitere und sogar noch geheimnisvollere
Erkundigungen an. Er schickte W�hlm�use zu den Baptisten, wo sie in den
Berichten �ber ehemalige Z�glinge der Missionsschulen herumgruben, auf die
geringe Chance hin, da� Nelsons chinesische Namen doch irgendwo aufgeschrieben
und abgelegt sein k�nnten. Er ging allen Berichten �ber Todesf�lle unter den
mittleren Beamten der Schanghaier Schiffsbau-Industrie nach, deren er habhaft
wurde.</strong></p><p><strong>Das war die erste Etappe seiner M�hen. Die zweite begann mit der, wie
Connie sie nannte, Gro�en Barbarischen Kulturrevolution Mitte der sechziger
Jahre und den Namen jener Beamten aus Schanghai, die aufgrund krimineller prorussischer
Neigungen entfernt wurden, gedem�tigt oder in die Schule des </strong>7. <strong>Mai geschickt, wo sie die heilsame Wirkung der Landarbeit wiedererfahren
konnten. Er konsultierte sogar die Listen der Leute, die in Umerziehungslager
gesteckt worden waren - aber ohne viel Erfolg. Er pr�fte, ob sich in den
Ansprachen an die Roten Garden irgendwelche Anspielungen auf den verderblichen
Einflu� einer baptistischen Erziehung auf diesen oder jenen in Ungnade
gefallenen Beamten f�nden, und er spielte komplizierte Spiele mit dem Namen </strong><strong><emphasis>Ko. </emphasis></strong><strong>Der Gedanke lie� ihn nicht los, da�
Nelson bei seinem Namenswechsel auf ein anderes Schriftzeichen verfallen sein
k�nnte, das den gleichen Laut- oder Bedeutungswert hatte wie das urspr�ngliche.
Aber als er Connie das erkl�ren wollte, fand er kein Geh�r.</strong></p><p><strong>Connie Sachs verfolgte eine ganz andere Linie. Sie konzentrierte ihr
Interesse auf die Aktivit�ten unbekannter, von Karla ausgebildeter
Talentsucher, die in den f�nfziger Jahren unter den ausl�ndischen Studenten der
Universit�t Leningrad zugange waren; und auf - nie bewiesene - Ger�chte, wonach
Karla als junger Komintern-Agent nach dem Krieg an den kommunistischen
Untergrund von Schanghai ausgeliehen worden sein sollte, um dort den illegalen
Apparat aufbauen zu helfen. Mitten in all das neuerliche W�hlen platzte eine
kleine Bombe aus Grosvenor Square. Mr. �Hibberts Enth�llungen waren noch
ofenfrisch, und die Rechercheure beider Familien werkten noch wie die Rasenden,
als Peter �Guillam mit einer dringenden Meldung bei Smiley aufkreuzte. Smiley
war wie immer in seine eigene Lekt�re vertieft, und als Guillam eintrat, schob
er eine Akte in die Schreibtischlade und schlo� sie.</strong></p><p><strong>�Die Vettern haben angerufen�, sagte Guillam sanft. �Wegen Bruder
Ricardo, Ihrem Lieblingspiloten. Sie m�chten Sie so bald wie m�glich im Annex
sehen. Ich soll sp�testens gestern zur�ckrufen.�</strong></p><p><strong>�Sie m�chten </strong><strong><emphasis>was�</emphasis></strong></p><p><strong><emphasis>�</emphasis></strong><strong> M�chten Sie sehen.�</strong></p><p><strong>�Ach </strong><strong><emphasis>nein? Wirklich? </emphasis></strong><strong>Du lieber Gott.� Und er tappte in sein Badezimmer, um sich zu rasieren.</strong></p><p><strong>Als Guillam in sein eigenes B�ro zur�ckkam, sah er Sam Collins im
Polstersessel sitzen, eine seiner barbarischen braunen Zigaretten rauchen und
sein waschbares L�cheln l�cheln. �Irgendwas los?� fragte Sam sehr beil�ufig.
�Scheren Sie sich raus hier�, fauchte Guillam. Sam schn�ffelte f�r Guillams
Geschmack ohnehin viel zu viel herum, aber an diesem Tag hatte er einen
konkreten Grund, ihm zu mi�trauen. Als Guillam zu Lacon ins Cabinet Office
gegangen war, um ihm die monatliche Vorschu�aufstellung des Circus zur
Begutachtung vorzulegen, hatte er zu seiner �berraschung Sam Collins aus Lacons
Privatb�ro auftauchen und l�ssig mit Lacon und Saul Enderby vom Foreign Office
sch�kern sehen.</strong></p><p><emphasis/></p><p><emphasis>�Ricardos
Auferstehung</emphasis></p><p><emphasis/></p><p><strong>Vor dem S�ndenfall hatten bem�ht informelle Besprechungen zwischen den
Geheimdienstpartnern im Rahmen der Besonderen Beziehungen allmonatlich
stattgefunden, und anschlie�end hatte man sich zu einem, wie Smileys Vorg�nger
Alleline gern sagte, �Humpen� zusammengesetzt. Wenn die Amerikaner als Gastgeber
an der Reihe waren, dann wurden Alleline und seine Kohorten, unter ihnen der
allseits beliebte Bill Haydon, in eine weitl�ufige Dachterrassenbar gelotst, im
Circus das Planetarium genannt; und mit trockenen Martinis und einer Aussicht
auf West London gelabt, die sie sich sonst nie h�tten leisten k�nnen. Waren die
Briten dran, dann wurde in der Rumpelkammer ein Tisch aufgeschlagen, mit einem
geflickten Damasttuch bedeckt und die amerikanische Abordnung durfte der
letzten Bastion der Saint-James-Spione, die �brigens auch die Wiege ihrer
eigenen Dienststelle gewesen war, ihre Aufwartung machen und dazu s�dafrikanischen
Sherry schl�rfen, den man diskret in geschliffenen Karaffen getarnt hatte mit
der Begr�ndung, sie merkten den Unterschied doch nicht. F�r die Diskussionen
gab es keine Tagesordnung, und traditionsgem�� wurden keine Notizen gemacht.
Alte Freunde hatten solche Mittel nicht n�tig, zumal die versteckten Mikrophone
n�chtern blieben und bessere Arbeit leisteten.</strong></p><p><strong>Seit dem S�ndenfall war es mit diesen kleinen Feinheiten f�r eine Weile
Schlu� gewesen. Auf Anweisung von Martellos Hauptquartier in Langley,
Virginia, wurde die �Britische Verbindung�, als die der Circus dort bekannt
war, auf die Liste derer gesetzt, die man auf Arml�nge fernhielt, also zusammen
mit Jugoslawien und dem Libanon, und eine Zeitlang benutzte man nicht einmal
mehr die gleiche Stra�enseite und hob bei einer Begegnung kaum den Blick. Die
beiden Dienste glichen einem entfremdeten Ehepaar w�hrend des anh�ngigen
Scheidungsverfahrens. Aber schlie�lich d�mmerte jener graue Wintermorgen, an
dem Smiley und �Guillam sich in gelinder Eile am Vordereingang des Legal
Advisor's Annex am Grosvenor Square einstellten, wo bereits deutliches
Tauwetter herrschte, sogar in den starren Mienen der beiden
Marineinfanteristen, die ihnen die Taschen durchsuchten. Es waren �brigens
Doppelt�ren, schwarze Gitter �ber schwarzem Eisen, und auf den Gitterst�ben
vergoldete Federn. Was allein sie gekostet hatten, h�tte den ganzen Circus
mindestens ein paar Tage lang am Leben erhalten. Drinnen �berkam sie das
Gef�hl, als w�ren sie von einem Weiler in die Hauptstadt versetzt. Maitellos
B�ro war sehr gro�. Es gab keine Fenster, und es h�tte ebensogut Mitternacht
sein k�nnen. �ber einem leeren Schreibtisch entfaltete sich, in halber L�nge
der Stirnwand, eine amerikanische Fahne, als wehte sie im Wind. In der Mitte
des Raums war, um einen Rosenholztisch, ein Kreis aus Flugzeugsesseln
arrangiert, und in einem davon sa� Martello selber, ein st�mmiger, fr�hlich
aussehender Yale-Mann im Tweedanzug, der zu keiner Jahreszeit saisongem��
wirkte. Rechts und links von ihm zwei schweigende M�nner, einer so bleich und
bieder wie der andere. �George, das ist freundlich von Ihnen�, sagte Martello
munter mit seiner dunklen, anheimelnden Stimme, w�hrend er ihnen rasch entgegenschritt.
�Das mu� ich Ihnen nicht erst sagen. Ich wei�, wie besch�ftigt Sie sind. Ich
wei�. Sol�, er wandte sich an zwei Unbekannte, die auf der anderen Seite des
B�ros sa�en, der eine ebenso jung wie Martellos schweigende M�nner, wenn auch
weniger glatt; der andere vierschr�tig und hart und sehr viel �lter, mit Narben
im Gesicht und B�rstenhaarschnitt, ehemaliger Teilnehmer irgendeines Krieges.
�Sol�, wiederholte Martello, �ich m�chte Sie mit einer der wahren Legenden
unseres Metiers bekanntmachen, Sol: Mr. George Smiley. George, das ist Sol
Eckland, ein gro�er Mann in unserem Drogenbek�mpfungsdezernat, fr�her
&gt;Bureau of Narcotics and Dangerous Drugs&lt; genannt und jetzt umgetauft,
stimmt's, Sol? Sol, und das hier ist Pete Guillam.�</strong></p><p><strong>Der �ltere der beiden M�nner streckte eine Hand aus, Smiley und Guillam
sch�ttelten sie, und sie f�hlte sich an wie trockene Baumrinde.</strong></p><p><strong>�So�, sagte Martello und sah so zufrieden drein wie ein erfolgreicher
Heiratsvermittler. �George, �h, erinnern Sie sich an Ed Ristow, ebenfalls beim
Rauschgift, George? Hat Sie vor einpaar Monaten einmal dr�ben telefonisch
begr��t? Nun, Sol ist Ristows Nachfolger. Zust�ndig f�r S�dostasten. Und Cy
hier arbeitet mit ihm.�</strong></p><p><strong>Niemand kann sich Namen so gut merken wie die Amerikaner, dachte
Guillam.</strong></p><p><strong>Cy war der j�ngere der beiden. Er hatte Koteletten und eine goldene Uhr
und sah aus wie ein Mormonen-Missionar: fromm, aber streitbar. Er l�chelte, als
h�tte er es in der Schule gelernt, und Guillam l�chelte zur�ck.</strong></p><p><strong>�Was ist mit Ristow?� fragte Smiley, als sie sich setzten. �Infarkt�,
knurrte Sol, der Veteran, mit einer Stimme, so trocken wie seine Hand. Sein
Haar war wie Stahlwolle, in schmale Streifen zerteilt. Wenn er sich am Kopf
kratzte, was er h�ufig tat, raschelte es.</strong></p><p><strong>�Das tut mir leid�, sagte Smiley.</strong></p><p><strong>�K�nnte f�r immer sein�, sagte Sol, sah Smiley dabei nicht an und zog
an seiner Zigarette.</strong></p><p><strong>Hier d�mmerte es Guillam zum erstenmal, da� irgend etwas Bedeutsames in
der Luft lag. Er entdeckte die Spur einer regelrechten Spannung zwischen den
beiden amerikanischen Lagern. Nach Guillams Kenntnis der amerikanischen Szene
wurden sang- und klanglose �mterwechsel selten durch etwas so Banales wie
Krankheit verursacht. Er ging so weit, sich zu fragen, auf welche Weise Sols Vorg�nger
seine wei�e Weste bekleckst haben mochte.</strong></p><p><strong>�Die Kollegen vom Rauschgift haben, �h, nat�rlich gewaltiges Interesse
an unserem kleinen Hasch-Spielchen, George�, sagte Martello, und dieser
verhaltene Fanfarensto� verk�ndete indirekt, da� die Jagd auf Ricardo
angeblasen war, obwohl Guillam feststellte, da� die amerikanische Seite sich
offenbar noch immer seltsam gedr�ngt f�hlte, einen anderen Grund f�r die
Zusammenkunft vorzuschieben - wie Martellos nichtssagende Er�ffnungsworte
bewiesen:</strong></p><p><strong>�George, unsere Leute in Langley arbeiten wirklich gern sehr eng mit
ihren guten Freunden vom Rauschgift zusammen�, erkl�rte er mit aller W�rme
einer diplomatischen </strong><strong><emphasis>note verbale. </emphasis></strong><strong>�Beruht auf Gegenseitigkeit�, grollte Sol, der Veteran, zustimmend und
stie� weiteren Zigarettenrauch aus, w�hrend er sich in den Haaren kratzte. Er
schien Guillam ein eher verschlossener Mann zu sein und sich hier keineswegs
behaglich zu f�hlen. Cy, sein junger Gef�hrte, war bedeutend gewandter:</strong></p><p><strong>�Frage der Parameter, Mr. Smiley, Sir. Bei einer solchen Sache kann es
vorkommen, da� die Kompetenzen sich �berschneiden.�</strong></p><p><strong>Cys Stimme war ein bi�chen zu hoch f�r seine Gr��e.</strong></p><p><strong>�Cy und Sol haben schon fr�her mit uns gejagt, George�, sagte Martello,
was als weitere Beruhigungsspritze gedacht war. �Cy und Sol geh�ren zur
Familie, daf�r garantiere ich. Langley bezieht Rauschgift ein, Rauschgift
bezieht Langley ein. So geht das.</strong></p><p><strong>Stimmt's, Sol?�</strong></p><p><strong>�Stimmt�, sagte Sol.</strong></p><p><strong>Wenn sie jetzt nicht bald miteinander ins Bett gehen, dachte Guillam,
dann </strong><strong><emphasis>k�nnten </emphasis></strong><strong>sie sich statt dessen gegenseitig die Augen auskratzen. Er warf einen
Blick zu Smiley hin�ber, der sich unsichtbar machen zu wollen schien, w�hrend
diese ganzen Erkl�rungen ihm zuliebe vonstatten gingen. �Vielleicht sollten wir
uns erst einmal �ber den neuesten Stand der Dinge informieren�, schlug Martello
nun vor, als forderte er die Anwesenden auf, sich zu waschen. Ehe wir </strong><strong><emphasis>was </emphasis></strong><strong>tun? �berlegte Guillam.</strong></p><p><strong>Einer der schweigenden M�nner h�rte auf den Arbeitsnamen Murphy. Murphy
war so hell, da� er fast ein Albino h�tte sein k�nnen. Murphy nahm eine Akte
vom Rosenholztisch und las mit gro�em Respekt in der Stimme daraus vor. Er
hielt jede Seite extra zwischen seinen sauberen Fingern.</strong></p><p><strong>�Sir, Observierter flog Montag mit &gt;Cathay Pacific Airlines&lt; nach
Bangkok, Einzelheiten des Fluges angegeben, und wurde am Flugplatz von Tan Shaw
- unser Report liegt vor - in seiner Privatlimousine abgeholt. Sie fuhren
direkt zur st�ndigen Suite von Airsea im Hotel Erawan.� Er blickte zu Sol
hin�ber. �Tan ist gesch�ftsf�hrender Direktor von &gt;Asian Rice and General&lt;,
Sir, das ist die &gt;Airsea&lt;-Tochter in Bangkok, alle Ausk�nfte liegen zu
den Akten. Sie verbrachten drei Stunden in der Hotelsuite und -�</strong></p><p><strong>��h, Murphy�, unterbrach ihn Martello. �Sir?�</strong></p><p><strong>�Das �Report liegt von und &gt;Ausk�nfte liegen zu den Akten� lassen
Sie dann aus, ja? Wir alle wissen, da� wir �ber diese Burschen Akten haben. In
Ordnung?�</strong></p><p><strong>�In Ordnung, Sir.�</strong></p><p><strong>�Ko allein?� fragte Sol.</strong></p><p><strong>�Sir, Ko hatte seinen Manager, einen gewissen Tiu bei sich. Tiu begleitet
ihn praktisch �berall hin.�</strong></p><p><strong>Als �Guillam hier wiederum riskierte, Smiley anzusehen, fing er einen
fragenden Blick Smileys an Martello auf. Guillam vermutete, da� er an das
M�dchen dachte - war sie auch dabeigewesen? -, aber Martellos mildes L�cheln
zeigte keine Regung, und nach einem Moment schien Smiley sich damit abgefunden
zu haben und nahm seine abwartende Haltung wieder ein. Sol hatte sich
inzwischen seinem Assistenten zugewandt, es kam zu einem kurzen privaten
Wortwechsel:</strong></p><p><strong>�Warum zum Teufel zapft nicht jemand diese verdammte Hotelsuite an, Cy?
Was f�rchten sie denn alle?�</strong></p><p><strong>�Wir schlugen das Bangkok bereits vor, Sol, aber sie haben
Schwierigkeiten mit den Trennw�nden, fanden keine geeigneten Vertiefungen oder
so.�</strong></p><p><strong>�Diese Clowns in Bangkok sind arschlastige Schlafm�tzen. Ist das der
gleiche Tan, den wir voriges Jahr wegen Heroin festnageln wollten?�</strong></p><p><strong>�Also das war Tan Ho, Sol. Dieser da ist Tan </strong><strong><emphasis>Lee. </emphasis></strong><strong>Es gibt unheimlich viele Tans dort
dr�ben. Tan Lee ist nur ein Strohmann. Er besorgt den Kontakt zu Fatty Hong in
Chiang Mai. Hong hinwiederum hat die Verbindungen zu den Anbauern und den
Gro�h�ndlern.�</strong></p><p><strong>�Jemand sollte hingehen und das Schwein abknallen�, sagte Sol. Welches
Schwein wurde nicht ganz klar. Martello nickte dem bleichen Murphy zu, er solle
weitermachen. �Sir, die drei M�nner fuhren dann hinunter zum Hafen - also Ko
und Tan Lee und Tiu, Sir -, und sie sahen sich zwanzig oder drei�ig kleine
K�stenfahrzeuge an, die an der Pier entlang vert�ut waren. Dann fuhren sie
zur�ck zum Flugplatz von Bangkok, und der Observierte flog nach Manila,
Philippinen, zu einer Zementkonferenz im Hotel Eden and Bali.�</strong></p><p><strong>�Tiu flog nicht nach Manila?� fragte Martello in hinhaltender Absicht.</strong></p><p><strong>�Nein, Sir. Flog nach Hause�, antwortete Murphy, und wiederum warf
Smiley einen Blick zu Martello hin�ber.</strong></p><p><strong>�Von wegen Zement�, rief Sol. �Waren das die Boote, die den Transport
hinauf nach Hongkong besorgen, Murphy?�</strong></p><p><strong>�Ja, Sir.�</strong></p><p><strong>�Wir kennen diese Boote�, erkl�rte Sol vorwurfsvoll. �Wir sind seit
Jahren hinter diesen Booten her. Stimmt's, Cy?�</strong></p><p>�Stimmt�,
best�tigte Cy prompt.</p><p>Sol war zu
Martello herumgefahren, als w�re er pers�nlich daran schuld: �Sie verlassen den
Hafen sauber. Nehmen den Stoff erst an Bord, wenn sie auf See sind. Niemand
wei�, welches Boot die Fracht bekommt, auch nicht der Kapit�n des betreffenden
Schiffes, bis die Barkasse l�ngsseits anlegt und ihnen den Stoff gibt. Sobald
sie die Gew�sser von Hongkong erreichen, werfen sie den Stoff �ber Bord, mit
Bojen dran, und die Dschunken gabeln ihn auf.� Er sprach langsam, als tue das
Sprechen ihm weh, jedes Wort qu�lte sich heiser heraus. �Wir liegen den Briten
seit Jahren in den Ohren, da� sie diese Dschunken hopsgehen lassen, aber diese
Schweine sind alle geschmiert.�</p><p>�Das ist
alles, was wir haben, Sir�, sagte Murphy und legte seinen Bericht wieder auf
den Tisch.</p><p>Wieder
flogen Engel durch den Raum. Dann verschaffte ihnen ein h�bsches M�dchen mit
einem Tablett voll Kaffee und Keksen eine kurze Gnadenfrist. Aber als das
M�dchen wieder drau�en war, wurde das Schweigen noch peinlicher.</p><p>�Warum
sagen Sie's ihm nicht einfach?� knurrte Sol endlich. �Sonst k�nnte sein, da�
ich es tue.�</p><p>Womit sie,
wie Martello gesagt haben w�rde, endlich zum Kern der Sache kamen.</p><p>Martello
gab sich von nun an zugleich ernst und vertraulich: der Familienanwalt, der den
Erben einen Letzten Willen vorliest. �George, �h, auf unsere Bitte hin hat
Rauschgift nochmals einen Blick auf den Background und die Personalakte des
vermi�ten Piloten Ricardo geworfen, und sie haben, wie wir beinah vermuteten,
eine stattliche Menge Material ausgegraben, das bis dato nicht ans Licht
gekommen war, aber h�tte kommen sollen, dies aufgrund verschiedener Faktoren.
Es f�hrt meiner Ansicht nach zu nichts, jetzt auf irgendwen mit dem Finger zu
deuten, und au�erdem ist Ed Ristow ein kranker Mann. Sagen wir also, da� die
Sache Ricardo, wie immer es auch passierte, in eine kleine L�cke zwischen
Rauschgift und uns hineinfiel. Diese L�cke wurde inzwischen geschlossen, und
wir m�chten gern Ihre Informationen richtigstellen.�</p><p>�Vielen
Dank, Marty�, sagte Smiley geduldig.</p><p>�Scheint,
da� Ricardo doch noch lebt�, erkl�rte Sol. �Scheint, wir<strong> haben da ein erstklassiges </strong><strong><emphasis>Snafu.�</emphasis></strong></p><p><strong>�Ein </strong><strong><emphasis>was?� </emphasis></strong><strong>fragte Smiley scharf, vielleicht ehe die volle Bedeutung von Sols
�u�erung eingesickert war. Martello �bersetzte flugs: �V�llige Verwirrung,
George, menschliches Versagen. Passiert jedem von uns. </strong><strong><emphasis>Snafu. </emphasis></strong><strong>Auch Ihnen, okay?�</strong></p><p><strong>Guillam betrachtete Cys Schuhe, die einen gummiartigen Glanz und dicke
W�lste hatten. Smileys Blick hatte sich zur L�ngswand gehoben, von wo Pr�sident
Nixons wohlwollende Z�ge ermutigend auf den Dreibund herniederblickten. Nixon
war vor einem guten halben Jahr zur�ckgetreten, aber Martello schien r�hrenderweise
entschlossen zu sein, ihm die Treue zu halten. Murphy und sein stummer
Begleiter sa�en still wie Konfirmanden in Gegenwart des Bischofs. Nur Sol war
in st�ndiger Bewegung, kratzte sich den krausen Skalp oder nuckelte an der
Zigarette, wie eine sportliche Ausgabe von di Salis. Er l�chelt nie, dachte
Guillam abgelenkt: er hat vergessen, wie man das macht. Martello fuhr fort:
�Ricardos Tod wird in unseren Akten formell als am oder um den
einundzwanzigsten August eingetreten verzeichnet, George. Richtig?�</strong></p><p><strong>�Richtig�, sagte Smiley.</strong></p><p><strong>Martello holte Atem und neigte den Kopf nach der anderen Seite, w�hrend
er seine Notizen verlas. �Aber, im September, �h, am zweiten - etwa vierzehn
Tage nach seinem Tod, richtig? -, scheint Ricardo, �h, pers�nlichen Kontakt mit
jemandem vom Drogendezernat im asiatischen Raum aufgenommen zu haben, damals
als BNDD bekannt, aber urspr�nglich die gleiche Firma, okay? Sol w�rde, �h,
lieber nicht erw�hnt haben, welche Stelle es genau war, und ich respektiere
das.� Die Manie mit dem </strong><strong><emphasis>�h, </emphasis></strong><strong>�berlegte Guillam, war Martellos Masche, im Sprachflu� zu bleiben,
w�hrend er nachdachte. �Ricardo bot dieser Stelle gegen Bezahlung
Informationen bez�glich eines, �h, Opiumauftrags an, den er, wie er behauptete,
erhalten habe: er sollte �ber die Grenze fliegen, nach, �h, Rotchina.�</strong></p><p><strong>Eine kalte Hand schien in diesem Augenblick nach Guillams Magen zu
greifen und dort zu bleiben. Die Enth�llung wirkte um so drastischer auf ihn,
als sie der langweiligen Einleitung aus so vielen nebens�chlichen Einzelheiten
folgte. Er sagte sp�ter zu Molly, es sei gewesen, als h�tten sich �alle F�den
des Falls pl�tzlich</strong> zu einem einzigen Strang
verflochten�. Aber das war in der R�ckschau, und er �bertrieb ein bi�chen.
Dennoch, der Schock - nach all der Geheimnistuerei und den Spekulationen und
den Schnitzeljagden -, der durch nichts abgemilderte Schock, fast k�rperlich
auf das chinesische Festland geschleudert zu werden, der war ganz bestimmt real
und bedurfte keiner �bertreibung. Martello schl�pfte wieder in die Rolle des
w�rdigen Anwalts. �George, ich mu� hier f�r Sie noch einiges vom, �h,
Familienbackground nachtragen. W�hrend der Sache in Laos verwendete unsere
Firma einige der n�rdlichen Bergst�mme f�r kriegerische Zwecke, Sie wissen das
vielleicht. Gleich droben in Burma, kennen Sie diesen Teil, die Shan-Staaten?
Freiwillige, Sie verstehen? Eine Menge dieser St�mme waren D�rfer mit
Ein-Frucht-Anbau, �h, Opiumd�rfer, und im Interesse des dort herrschenden
Krieges mu�te unsere Firma - �h, <strong><emphasis>well, </emphasis></strong>ein Auge
zudr�cken bei etwas, das wir ohnehin nicht �ndern konnten, Sie verstehen? Diese
guten Leutchen mu�ten leben, und viele kannten gar nichts anderes und sahen
auch nichts B�ses darin, als diese, �h, Frucht anzubauen. Sie verstehen?�</p><p>�Herrgott�,
sagte Sol leise. �Hast du geh�rt, Cy?�</p><p>�Hab's
geh�rt, Sol.�</p><p>Smiley
sagte, da� er verstehe.</p><p>�Dieses
Verhalten der, �h, unserer Firma verursachte eine sehr kurze, sehr
vor�bergehende Verstimmung zwischen unserer Firma einerseits und den, �h,
Rauschgiftfachleuten hier andererseits, vormals <strong><emphasis>Bureau of Narcotics </emphasis></strong>genannt. Weil, <strong><emphasis>well, </emphasis></strong>w�hrend Sols Jungens sich drau�en herumschlugen, um
den Drogenmi�brauch abzustellen, was absolut richtig ist, und um die
Transporte, �h, abzufangen, was ihr Job ist, George, und ihre Pflicht,
erforderte das Interesse unserer Firma - das hei�t, das Interesse des Krieges -
zu diesem Zeitpunkt, Sie verstehen, George, da� wir, <strong><emphasis>well, </emphasis></strong>�h, ein Auge zudr�ckten.�</p><p>�Die Firma
hat f�r die Bergst�mme den guten Onkel gespielt�, knurrte Sol. �M�nner waren
alle weg, k�mpften im Krieg, die Leute von der Firma flogen hinauf zu den
D�rfern, kassierten ihren Mohn, v�gelten ihre Weiber und flogen mit ihrem Stoff
davon.�</p><p>Martello
war nicht so leicht aus dem Sattel zu heben: <strong><emphasis>�Well, </emphasis></strong>wir meinen, das stellt die Dinge ein bi�chen zu
kra� dar, Sol, aber die, �h, Verstimmung war in der Tat da, und das ist der
Punkt, der unseren Freund George betrifft. Ricardo, der ist ein harter Brocken.
Er flog eine Menge Eins�tze f�r die Firma in Laos, und als der Krieg zu Ende
war, zahlte unsere Firma ihn aus, machte Winke-Winke und zog die Leiter hoch.
Niemand will solche Burschen auf dem Hals haben, wenn es keinen Krieg mehr f�r
sie gibt. So wurde, �h, vielleicht zu diesem Zeitpunkt aus dem, �h, Wildh�ter
Ricardo der, �h, Wilderer Ricardo, wenn Sie mich verstehen.�</p><p>�Nicht <strong><emphasis>vollst�ndig�, </emphasis></strong>gestand Smiley zahm. Sol hatte
keine derartigen Skrupel in bezug auf bittere Wahrheiten. �Solang der Krieg
dauerte, hat Ricardo die Drogenfl�ge f�r die Firma gemacht, damit oben in den
Bergd�rfern der Ofen nicht ausging. Nach dem Krieg flog er auf eigene Rechnung.
Er hatte die Verbindungen, und er wu�te, wo die Leichen im Keller lagen. Er
machte sich selbst�ndig, da? ist alles.�</p><p>�Vielen
Dank�, sagte Smiley, und Sol fing wieder an, seinen B�rstenkopf zu kratzen.</p><p>Zum
zweitenmal ging Martello zu der Geschichte von Ricardos verdrie�licher
Auferstehung �ber.</p><p>Sie m�ssen
es untereinander abgesprochen haben, dachte �Guillam. Martello f�hrt das Wort.
�Smiley ist unser Kontaktmann�, hatte Martello vermutlich gesagt. �Wir drillen
ihn nach unserer Fasson.�</p><p>Am zweiten
September dreiundsiebzig, sagte Martello, habe ein <strong><emphasis>namentlich nicht genannter Agent der Rauschgiftabteilung im
s�dostasiatischen Raum, </emphasis></strong>wie Martello den Mann beharrlich
bezeichnete, �ein junger Mensch, ganz neu in der Branche, George�, in seiner
Wohnung einen n�chtlichen Telefonanruf von einem, wie der Anrufer sich nannte,
Captain Tiny Ricardo erhalten, einem Mann, der bis dato f�r tot galt, fr�herem
Laos-S�ldner unter Captain Rocky. Ricardo bot eine ansehnliche Menge Rohopium
zum orts�blichen Ankaufspreis. Neben dem Opium jedoch hatte er hei�e
Informationen anzubieten, wof�r er einen, wie er sagte, Schleuderpreis
forderte. Im Klartext: f�nfzigtausend US-Dollar in kleinen Scheinen und einen
westdeutschen Pa� mit einmaligem Ausreisevisum, Der namentlich nicht genannte
Agent traf sich noch in der gleichen Nacht mit Ricardo auf einem Parkplatz, und
sie wurden wegen des Opiumverkaufs rasch handelseins.</p><p>�Wollen
Sie sagen, Ihr Agent hat dieses Opium <strong><emphasis>gekauft?� </emphasis></strong>fragte <strong>Smiley h�chst erstaunt.</strong></p><p><strong>�Sol sagt mir, es gebe einen, �h, festen Tarif f�r solche Gesch�fte -
stimmt's Sol? -, der allen Beteiligten bekannt ist und soundsoviel Prozent des,
�h, Schwarzmarktwerts der Ware betr�gt, stimmt's?� Sol knurrte best�tigend.
�Der, �h, namentlich nicht genannte Agent war befugt, zu diesem Tarif
einzukaufen, und er machte von der Befugnis Gebrauch. Kein Problem. Der Agent
erkl�rte sich auch, �h, einverstanden - vorbehaltlich der Genehmigung von oben
-, Ricardo Papiere mit beschr�nkter G�ltigkeitsdauer zu verschaffen, George� -
er meinte, wie sich sp�ter herausstellte, einen nur f�r wenige Tage g�ltigen
westdeutschen Reisepa� -, �wenn sich - was noch nicht feststeht, verstehen
Sie, George - Ricardos Information als entsprechend wertvoll erweisen sollte,
denn es geh�rt zur Arbeitsmethode, Informanten um jeden Preis zu ermutigen.
Aber der Agent machte Ricardo klar, da� der ganze Handel - Pa� und Bezahlung
f�r die Information - erst der Ratifizierung durch Sols Leute zu Hause im
Hauptquartier bed�rfe. Er kaufte also das Opium, aber noch nicht die
Information. Stimmt's, Sol?�</strong></p><p><strong>�Trifft's genau�, knurrte Sol.</strong></p><p><strong>�Sol, �h, vielleicht sollten Sie jetzt weitermachen�, sagte Martello.</strong></p><p><strong>Als Sol redete, hielt er ausnahmsweise v�llig still. Nur der Mund
bewegte sich.</strong></p><p><strong>�Unser Agent verlangte- von Ricardo eine Kostprobe, damit der Wert der
Information zu Hause festgestellt werden k�nnte. Ricardo erz�hlte nun unserem
Agenten, er habe Anweisung erhalten, den Stoff �ber die Grenze nach Rotchina zu
fliegen und als Bezahlung eine nicht n�her bezeichnete Fracht zur�ckzubringen.
Das hat er gesagt. Das war die Kostprobe. Er sagte, er kenne den Mann, der
hinter dem Gesch�ft stecke, er sagte, er kenne den Mister Big aller Mister
Bigs, das sagen sie alle. Er sagte, er kenne die ganze Geschichte, aber auch
das sagen sie alle. Er sagte, er habe also das Festland angeflogen und zack
wieder abgedreht, �ber Laos im Tiefflug, um unter den Radarschirmen
wegzutauchen. Mehr hat er nicht gesagt. Sagte nicht, von wo er startete. Sagte,
er stehe bei den Leuten, die ihm den Auftrag gaben, in der Schuld, und wenn sie
ihn jemals f�nden, w�rden sie ihm die Schnauze polieren. So steht es im
Protokoll, Wort f�r Wort. Die Schnauze polieren. Er habe es also eilig, daher
der Spottpreis von f�nfzig Riesen. Er sagte nicht, wer diese Leute sind, er
lieferte nicht die Spur einer Zusatz-Information, au�er dem Opium, aber er
sagte, das Flugzeug habe er noch, er habe es versteckt, eine Beechcraft, und er
bot unserem Agenten an, ihm dieses Flugzeug zu zeigen, sobald sie sich wieder
trafen. Vorausgesetzt, da� h�heren Orts ernsthaftes Interesse bestehe. Das ist
alles, was wir haben�, sagte Sol und widmete sich wieder seiner Zigarette. �Die
Opiummenge belief sich auf mehrere hundert Kilo. Gute Ware.� Martello brachte
sich geschickt wieder in Ballbesitz: �Der namentlich nicht genannte
Rauschgiftagent machte also seinen Bericht, George. Und er tat, was wir alle
getan h�tten. Er notierte die Kostprobe und schickte sie ins Hauptquartier und
sch�rfte Ricardo ein, sich ganz still zu verhalten, bis von seinen Leuten
Bescheid k�me. Wir sehen uns dann in zehn Tagen, vielleicht vierzehn. Hier ist
das Geld f�r's Opium. Mit dem Rest f�r die Information m�ssen Sie noch ein
bi�chen warten. Vorschriften. Verstehen Sie, George?�</strong></p><p><strong>Smiley nickte mitf�hlend, und Martello nickte zur�ck, w�hrend er
weitersprach.</strong></p><p><strong>�Hier also liegt der Haken. Hier haben wir das menschliche Versagen,
stimmt's? Es k�nnte noch schlimmer sein, aber nicht viel. Bei unserem Spiel
gibt es zweierlei Auffassungen: Verrat oder Versagen. Hier haben wir's mit
Versagen zu tun, gar kein Zweifel. Sols Vorg�nger Ed, zur Zeit erkrankt, pr�fte
das Material, und nach Lage der Dinge - also, Sie kennen ihn, George, Ed
Ristow, ein guter, verst�ndiger Mann -, und nach Lage der Dinge, wie sie sich
ihm darstellten, beschlo� Ed, was verst�ndlich, aber verkehrt war, nicht weiterzumachen.
Ricardo wollte f�nfzig Riesen. Nun, f�r eine gro�e Sache ist das gar nichts,
soviel ich h�re. Aber Ricardo wollte das Geld sofort auf den Tisch. Kassieren
und abhauen. Und Ed - </strong><strong><emphasis>well, </emphasis></strong><strong>Ed hatte gro�e Verantwortung zu tragen und eine Menge h�usliche
Schwierigkeiten, und Ed sah einfach keine M�glichkeit, eine solche Summe
�ffentlicher amerikanischer Gelder in eine Type wie Ricardo zu investieren,
ohne da� ein gro�er Fang garantiert war, in Ricardo, der alle Tricks kennt,
alle Schliche und sich vielleicht nur gro�tut, um Eds Au�enagenten, der ja erst
ein Anf�nger ist, aufs Kreuz zu legen. Also hat Ed die Sache abgeblasen. Keine
weitere Aktion. Ablegen und vergessen. Erledigt.�</strong></p><p><strong>Vielleicht war es wirklich ein Infarkt, �berlegte Guillam unsicher.</strong></p><p>Aber im
Innersten wu�te er genau, da� es ihm selber auch h�tte passieren k�nnen und
sogar passiert war: ein Zutr�ger will Die Gro�e Sache verh�kern, und man l��t
sie sich durch die Lappen gehen.</p><p>Ohne Zeit
mit Anschuldigungen zu verschwenden, war Smiley gelassen zu den noch
verbliebenen M�glichkeiten �bergegangen. �Wo ist Ricardo jetzt, Marty?� fragte
er. �Nicht bekannt.�</p><p>Seine
n�chste Frage lie� viel l�nger auf sich warten und war weniger eine Frage, als
vielmehr ein laut angestelltes �berlegen. �Und als Bezahlung <strong><emphasis>eine nicht n�her bezeichnete Fracht </emphasis></strong>zur�ckzubringen�,
zitierte er. �Gibt es irgendwelche Theorien dar�ber, um welche Art Fracht es
sich gehandelt haben mochte?�</p><p>�Wir
nahmen an, Gold. Wir haben auch kein zweites Gesicht, so wenig wie Sie�, sagte
Sol grob.</p><p>Hier
stellte Smiley einfach jede Teilnahme an den Vorg�ngen f�r eine Weile ein.
Seine Z�ge erstarrten, die Miene wurde �ngstlich und f�r jeden, der ihn kannte,
verschlossen, und pl�tzlich sah �Guillam sich vor die Aufgabe gestellt, das
Gespr�ch in Gang zu halten. Zu diesem Zweck wandte er sich, wie Smiley, an
Martello: �Ricardo machte keine Andeutung dar�ber, wo er seine R�ckfracht
abliefern sollte?�</p><p>�Ich hab's
Ihnen gesagt, Pete: das ist alles, was wir haben.� �Smiley hielt sich weiterhin
dem Kampf fern. Er sa� da und starrte betr�bt auf seine gefalteten H�nde.
Guillam lie� sich eine weitere Frage einfallen:</p><p>�Und auch
keine Andeutung �ber das voraussichtliche <strong><emphasis>Gewicht </emphasis></strong>der R�ckfracht?�</p><p>�Herrgott�,
sagte Sol, und da er Smileys Haltung mi�deutete, sch�ttelte er verst�ndnislos
den Kopf �ber diese Flaschen, die man ihm da als Gespr�chspartner zumutete.</p><p>�Aber Sie
sind <strong><emphasis>ganz </emphasis></strong>sicher,
da� der Mann, der an Ihren Agenten herantrat, Ricardo war?� fragte Guillam, der
sich verzweifelt �ber die Runden boxte.</p><p>�Hundertprozentig�,
sagte Sol.</p><p>�Sol�,
schlug Martello vor und beugte sich zu ihm hin�ber. �Sol, wie w�re es, wenn Sie
George einfach eine blinde Kopie des originalen Agentenberichts g�ben? Dann hat
er alles, was wir auch haben.�</p><p>Sol z�gerte,
blickte seinen Gef�hrten an, zuckte die Achseln und entnahm schlie�lich einem
neben ihm auf den Tisch liegenden Hefter ein Blatt Durchschlagpapier, von dem
er feierlich die Unterschrift abtrennte.</p><p>�Darf
nicht ins Protokoll�, knurrte er, und in diesem Moment erwachte Smiley j�h
wieder zum Leben, nahm aus Sols Hand den Bericht in Empfang und studierte eine
Weile beide Seiten schweigend.</p><p>�Und wo,
bitte, ist der namentlich nicht genannte Agent der Rauschgiftabteilung, der
dieses Dokument abfa�te?� erkundigte er sich schlie�lich, wobei er zuerst
Martello ansah, dann Sol. Sol kratzte sich den Skalp, Cy sch�ttelte
mi�billigend den Kopf, w�hrend Martellos schweigende M�nner keinerlei Neugier
bekundeten. Bleichgesicht Murphy las in seinen Notizen weiter, und sein
Kollege starrte ausdruckslos auf den Ex-Pr�sidenten. �In einer Hippie-Kommune
n�rdlich von Katmandu untergekrochen�, knurrte Sol durch einen Schwall
Zigarettenrauch. �Das Schwein ist ins andere Lager �bergewechselt.� Martellos
brillantes Schlu�wort war wundervoll nichtssagend: �Das ist also, �h, der
Grund, George, warum <strong><emphasis>unser </emphasis></strong>Computer
Ricardo als tot und begraben f�hrt, George, w�hrend der umfassende Bericht -
der bei unseren Freunden vom Rauschgift zur Wiedervorlage gelangt ist - keine
Handhabe bietet f�r eine derartige, �h, Annahme.�</p><p>Bis
hierher hatte Guillam den Eindruck gehabt, da� Martello das Heft in der Hand
hatte. Sols Jungens hatten Bl�dsinn gemacht, sagte er, aber die Vettern sind
ungemein gro�z�gig und willens, den Vers�hnungsku� zu bieten und wieder gut zu
sein. In der postkoitalen Ruhe, die auf Martellos Enth�llungen folgte, konnte
dieser irrige Eindruck sich noch eine Weile halten. �Also, �h, George, ich
w�rde sagen, da� wir in Zukunft - Sie, wir und Sol - auf uneingeschr�nkte
Zusammenarbeit aller unserer Dienststellen z�hlen d�rfen. Ich m�chte sagen, da�
die Sache eine durchaus positive Seite hatte. Stimmt's, George? Konstruktiv.�
Aber Smiley, der wiederum v�llig entr�ckt war, hob nur die Brauen und sch�rzte
die Lippen.</p><p>�Noch was
auf dem Herzen, George?� fragte Martello. �Ich sagte: haben Sie noch was auf
dem Herzen?�</p><p>�Oh,
vielen Dank. <strong><emphasis>Beechcraft�, </emphasis></strong>sagte
Smiley. �Ist das ein einmotoriges Flugzeug?�</p><p>�Ach du
gr�ne Neune�, murmelte Sol.</p><p>�Zweimotorig,
George, zweimotorig�, sagte Martello. �So eine Art Managervogel.�</p><p>�Und das
Gewicht der Opiumladung war vierhundert Kilo, besagt der Bericht.�</p><p>�Knapp
eine halbe Tonne, George�, sagte Martello g�tiger denn je. �Eine <strong><emphasis>metrische </emphasis></strong>Tonne�, f�gte er vorsichtshalber hinzu, als er
Smileys verd�sterte Z�ge sah. �Nat�rlich nicht Ihre englische Tonne, George.
Metrische Tonne.�</p><p>�Und wo
sollte es bef�rdert werden - das Opium, meine ich?�</p><p>�Kabine�,
sagte Sol. �D�rften wohl die �brigen Sessel ausgebaut haben. Beechcrafts haben
verschiedene Modelle. Wir wissen nicht, um welches es sich hier handelt, weil
wir es nie zu sehen kriegten.�</p><p>Smiley
linste wieder auf die Kopie, die er noch immer fest in seinen Patschh�nden
hielt. �Ja�, murmelte er. �Ja, ich nehme an, das haben sie gemacht.� Und er
malte mit einem goldenen Bleistift eine kleine Hieroglyphe an den Rand, ehe er
wieder in seine Tr�umerei verfiel.</p><p>�So�,
sagte Martello strahlend. �Jetzt sollten wir Arbeitsbienen vielleicht wieder
zur�ck in unsere St�cke und sehen, wohin uns das bringt, stimmt's, Pete?�</p><p>Guillam
war gerade am Aufstehen, als Sol sprach. Sol besa� die seltene und ziemlich
schreckliche Gabe nat�rlicher Grobheit. Nichts an ihm hatte sich ver�ndert. Er
war keineswegs au�er sich. Es war einfach seine Art zu sprechen, seine Art zu
arbeiten, und jede andere Art langweilte ihn ganz offenkundig: �Herrgott,
Martello, was f�r ein Affentheater geht denn hier vor? Dies ist die Gro�e
Sache, ja? Wir haben den Finger auf das vielleicht bedeutendste Einzelziel in
puncto Rauschgift im ganzen s�dostasiatischen Raum gelegt. Okay, also
Gemeinschaftsarbeit. Die Firma ist endlich mit Rauschgift ins Bett gegangen,
weil sie uns f�r die Sache mit den Bergst�mmen entsch�digen mu�. Glauben Sie
blo� nicht, da� <strong><emphasis>mich </emphasis></strong>das von
Sinnen bringt. Okay, wir haben also mit den Briten ein Stillhalteabkommen
betreffs Hongkong. Aber Thailand geh�rt uns, dito die Philippinen, dito Taiwan,
dito der ganze verdammte Sektor, dito der Krieg, und die Briten sitzen auf
ihren �rschen. Vor vier Monaten tauchten die Briten auf und machten ihr
Angebot. Gro�artig, �berlassen wir's den Briten. Und was tun sie die ganze
Zeit? Schlagen Schaum f�r<strong> ihre rosigen
Backen. Wann fangen sie endlich mit dem Rasieren an, um Gottes willen? Wir
haben Geld in dieser Sache stecken. Wir haben einen ganzen Apparat Gewehr bei
Fu� stehen, der bereit ist, Kos Verbindungen auf der ganzen Hemisph�re zu
zerschlagen. Wir suchen seit </strong><strong><emphasis>Jahren </emphasis></strong><strong>nach einem Burschen wie dem da. Und wir k�nnen ihn festnageln. Wir
haben gen�gend rechtliche Handhabe - und was haben wir f�r Handhaben! -, um ihm
zwischen zehn und drei�ig Jahren zu verschaffen und jede Menge mehr! Wir haben
ihn wegen Drogen, wir haben ihn wegen Waffen, wegen Schmuggelware, wir haben
die verdammt fetteste Fuhre an rotem Gold, die wir Moskau in unserem ganzen </strong><strong><emphasis>Leber </emphasis></strong><strong>jemals einem einzelnen Mann
haben aush�ndigen sahen, und wir haben den allerersten Beweis - wenn dieser
Ricardo eine wahre Geschichte erz�hlt - f�r ein von Moskau finanziertes
Drogen-Subversionsprogramm, das in der Lage und willens ist, den Kampf nach
Rotchina hineinzutragen in der Hoffnung, ihnen das gleiche anzutun, was sie
bereits uns antun.�</strong></p><p><strong>Der Ausbruch hatte Smiley aufgeschreckt wie eine kalte Dusche. Er
richtete sich an der Sesselkante auf, den Bericht des Rauschgift-Agenten in der
Hand zerkn�llt, und starrte entgeistert zuerst Sol an, dann Martello.</strong></p><p><strong>�Marty�, murmelte er. �O mein Gott. Nein.�</strong></p><p><strong>Guillam zeigte gr��ere Geistesgegenwart, Zumindest machte er einen
Einwand:</strong></p><p><strong>�Sie m��ten eine halbe Tonne schon schrecklich d�nn ausstreuen, wie,
Sol, wenn achthundert Millionen Chinesen davon s�chtig werden sollen?�</strong></p><p><strong>Aber Sol hatte keinen Sinn f�r Humor und auch keinen f�r Einw�nde, und
schon gar nicht, wenn sie von einem rosigen Briten kamen.</strong></p><p><strong>�Und packen wir ihn an der Gurgel?� fragte er unbeirrbar. �Einen Dreck.
Wir schleichen um den Brei. Wir halten uns abseits. �Behutsam vorgehen. Es ist
ein britisches Spiel. Ihr Territorium, ihr Mann, ihre Veranstaltung.� Wir
treten also auf der Stelle, t�nzeln rum. Wir taumeln wie die Schmetterlinge und
stechen auch so. Herrje, wenn </strong><strong><emphasis>wir </emphasis></strong><strong>diese Sache gekriegt h�tten, das Schwein w�re schon vor Monaten �ber
ein Fa� geschnallt worden.� Er hieb mit der flachen Hand auf den Tisch und
benutzte dann den rhetorischen Trick, das Gesagte mit anderen Worten zu
wiederholen. �Zum erstenmal im Leben haben wir einen hochka</strong>r�tigen
kommunistischen Sch�dling im Fadenkreuz, der mit Rauschgift schiebt und die
ganze Gegend unsicher macht und russisches Geld nimmt, und wir k�nnen es <strong><emphasis>beweisen!� </emphasis></strong>Der ganze Wortschwall war an
Martello gerichtet: Smiley und Guillam h�tten genausogut nicht anwesend sein
k�nnen. �Und bedenken Sie gef�lligst noch eins�, riet er Martello abschlie�end:
�Ein paar gro�e Leute bei uns wollen hier Ergebnisse sehen. Ungeduldige Leute.
Einflu�reiche. Leute, die sehr ungehalten sind �ber die zweifelhafte Rolle, die
Ihre Firma indirekt bei der Beschaffung von Drogen und dem Verh�kern an unsere
Jungens in Vietnam gespielt hat, was der Grund ist, da� Sie uns �berhaupt hier
mittun lassen. Sie sollten also vielleicht Ihren Luxus-Liberalen dr�ben in
Langley, Virginia, ausrichten, es ist h�chste Zeit, da� sie schei�en oder vom
Topf aufstehen.�</p><p>Smiley war
so bla� geworden, da� Guillam sich ernstlich um ihn Sorgen machte. Er
�berlegte, ob er einen Herzanfall erlitten habe oder in Ohnmacht fallen w�rde.
Von Guillam aus gesehen waren Smileys Teint und Wangen pl�tzlich die eines
alten Mannes, und in seinen Augen glomm, als auch er sich ausschlie�lich an
Martello wandte, greisenhaftes Feuer.</p><p>�Dennoch,
es besteht ein Abkommen. Und solange es gilt, verlasse ich mich darauf, da� Sie
es einhalten. Wir haben von Ihnen die uneingeschr�nkte Erkl�rung, da� Sie sich
aller Operationen im britischen Bereich enthalten, sofern nicht unsere
Genehmigung ausdr�cklich erteilt wurde. Wir haben ferner Ihre spezielle
Zusicherung, da� Sie die gesamte Entwicklung dieses Falles uns �berlassen, ohne
jede Kontrolle oder Weisung irgendwelcher Art, gleichg�ltig, <strong><emphasis>wohin diese Entwicklung f�hrt. </emphasis></strong>Das war der Vertrag. V�llig freie
Hand und als Gegenleistung v�llige Einsicht in das Ergebnis. Ich fasse das so
auf: <strong><emphasis>keinerlei </emphasis></strong>Aktion von
<strong>Seiten </strong>Langleys und <strong><emphasis>keinerlei </emphasis></strong>Aktion von <strong>Seiten </strong>irgendeiner
anderen amerikanischen Dienststelle. Ich gehe davon aus, da� dies Ihr
unverbr�chliches Wort ist. Und ich gehe davon aus, da� Ihr Wort noch immer
gilt, und ich betrachte diese �bereinkunft als unwiderruflich.�</p><p>�Sagen
Sie's ihm�, sagte Sol und marschierte hinaus, gefolgt von seinem bl��lichen
Begleit-Mormonen. An der T�r drehte ersieh um und deutete mit einem Finger auf
Smiley. �Sie fahren in <strong><emphasis>unserem </emphasis></strong>Wagen, und
wir sagen Ihnen, wann Sie aussteigen k�nnen und wann Sie an Deck bleiben�,
sagte er.</p><p><strong>Der Mormone nickte: �Klarer Fall� und l�chelte Guillam wie einladend
an. Auf ein Nicken Martellos hin verlie�en Murphy und sein stummer Genosse
hinter den beiden anderen den Raum.</strong></p><p><strong>Martello go� Drinks ein. Die W�nde seines B�ros waren auch aus
Rosenholz - imitiertem Rosenholzfurnier, wie Guillam feststellte -, und als
Martello ah einem Griff zog, legte er einen Eis-Automaten frei, der einen
st�ndigen Hagel von Kugeln in der Art von Rugby-B�llen ausspie. Er go� drei
Whiskys ein, ohne die beiden zu fragen, was sie wollten. Smiley sah v�llig
fertig aus. Die pummeligen H�nde umklammerten noch immer die Lehnen des Flugzeugsessels,
aber er sa� zur�ckgelehnt wie ein ausgepumpter Boxer zwischen den Runden und
starrte zum Plafond, der mit blinzelnden Lichtern best�ckt war. Martello
stellte die Gl�ser auf den Tisch.</strong></p><p><strong>�Vielen Dank, Sir�, sagte Guillam. Martello h�rte ein �Sir� immer gern.</strong></p><p><strong>�Aber bitte�, sagte Martello.</strong></p><p><strong>�Wem hat Ihr Hauptquartier sonst noch Mitteilung davon gemacht?� sagte
Smiley zu den Sternen. �Der Steuer? Dem Zoll? Dem B�rgermeister von Chicago?
Ihren zw�lf besten Freunden? Ist Ihnen klar, da� nicht einmal meine
Vorgesetzten von unserer Zusammenarbeit mit Ihnen wissen? Gott im Himmel!�</strong></p><p><strong>�Ach, nun kommen Sie schon, George. Wir m�ssen Politik machen, genau
wie Sie. Wir m�ssen Zusagen einhalten. Stimmen kaufen. Rauschgift lechzt nach
unserem Blut. Diese Drogengeschichte hat im Capitol eine Menge Sendezeit
gekriegt. Senatoren, die Unteraussch�sse, der ganze Quatsch. Junge kommt als
toller Fixer aus dem Krieg zur�ck. Das erste, was sein Papa tut, ist, an den
Abgeordneten schreiben. Unsere Firma rei�t sich nicht um alle diese �blen
Ger�chte. Sie' hat ihre Freunde gern auf der eigenen Seite. Das ist
Showbusiness, George.�</strong></p><p><strong>�D�rfte ich bitte nur erfahren, wie der </strong><strong><emphasis>Handel </emphasis></strong><strong>lautet?� fragte Smiley. �K�nnte
ich es wenigstens in klaren Worten erfahren?�</strong></p><p><strong>�Aber, aber, es gibt keinen </strong><strong><emphasis>Handel, </emphasis></strong><strong>George. Langley kann nicht mit etwas handeln, was es nicht besitzt, und
dies hier ist Ihr Fall, Ihr Eigentum, Ihr . . . Wir angeln nach ihm -, Sie
ebenfalls, mit einem bi�chen Nachhilfe von unserer Seite, mag sein -, wir tun
unser M�glichstes und dann, wenn wir, �h, keine Resultate aufweisen k�nnen,
nun, dann wird Rauschgift auch ein bi�chen</strong>
mitmischen und, auf sehr freundschaftliche und zur�ckhaltende Art, sein Gl�ck
versuchen.�</p><p>�Womit die
Jagd allgemein er�ffnet w�re�, sagte Smiley. �Lieber Himmel, was f�r eine
Methode, einen Fall zu verfolgen.� Im Beschwichtigen war Martello wirklich eine
Kanone: �George, <strong><emphasis>George. </emphasis></strong>Angenommen,
sie nageln Ko fest. Angenommen, sie packen ihn aus heiterem Himmel, wenn er
das n�chstemal die Kolonie verl��t. Wenn Ko dann in Sing-Sing schmachtet, mit
zehn bis drei�ig Jahren auf dem Buckel, na, dann k�nnen wir in aller Ruhe alles
aus ihm rausholen. Ist das mit einemmal so furchtbar schlimm?�</p><p>Ja, das
ist es, verdammt nochmal, dachte Guillam. Bis ihm pl�tzlich mit recht boshafter
Freude einfiel, da� Martello keine Ahnung von Bruder Nelson hatte und da�
George seine beste Karte im �rmel behielt.</p><p>Smiley sa�
noch immer vorgebeugt da. Das Eis fn seinem Whisky hatte die Au�enseite des
Glases beschlagen, und eine Zeitlang starrte er darauf und beobachtete, wie die
Tr�nen bis auf den Rosenholztisch herabrannen.</p><p>�W'<sup>e</sup>
lange haben wir also f�r unseren Alleingang Zeit?� fragte Smiley. �Wieviel
Vorgabe haben wir, ehe die Rauschgiftleute hereinplatzen?�</p><p>�Wir sind
nicht unbeweglich, George. Das auf keinen Fall. Es ist eine Frage der
Parameter, wie Cy sagte.�</p><p>�Drei
Monate?�</p><p>�Das ist
reichlich, ein bi�chen reichlich.�</p><p>�Weniger
als drei Monate?�</p><p>�Drei
Monate, innerhalb von drei Monaten, zehn bis zw�lf Wochen - so in dieser <strong><emphasis>Spanne, </emphasis></strong>George. Bleiben wir elastisch. Eine Sache unter
Freunden. Drei Monate h�chstens, w�rde ich sagen.� Smiley atmete mit einem
langen Seufzer aus. �Gestern hatten wir noch endlos viel Zeit.�</p><p>Martello
lie� den Schleier ein paar Zoll weit fallen. �Sol ist nicht so v�llig im
Verst�ndnis, George�, sagte er, diesmal im besten Circus-Jargon, ��h, Sol hat
wei�e Flecken�, sagte er, wie als halbes Zugest�ndnis. �Wir werfen ihm einfach
nicht die ganze Strecke vor, wissen Sie, was ich meine?�</p><p>Martello
schwieg eine Weile und sagte dann:</p><p>�Sol
reicht bis Stufe eins. Nicht weiter. Glauben Sie mir.�</p><p>�Und was
bedeutet Stufe eins?�</p><p>�Er wei�,
da� Ko von Moskau kassiert. Wei�, da� er Opium schiebt. Das ist alles.�</p><p>�Wei� er
von dem M�dchen?�</p><p>�Also, sie
ist ein typisches Beispiel, George. Das M�dchen. Dieses M�dchen flog mit ihm
nach Bangkok. Erinnern Sie sich, wie Murphys Bericht die Reise nach Bangkok
schilderte? Sie wohnte bei ihm in der Hotelsuite. Sie flog mit ihm weiter nach
Manila. Ich sah, wie Sie mich an dieser Stelle anblickten. Fing Ihren Blick
auf. Aber wir hatten Murphy angewiesen, diesen Teil des Berichts zu streichen.
Sols wegen.� Ganz sachte schien Smiley aufzuatmen. �Der Handel steht, George�,
versicherte Martello ihm leutselig. �Nichts hinzugef�gt, nichts abgezogen. Sie
drillen den Fisch, wir helfen Ihnen, ihn aufzuessen. Und inzwischen jede Hilfe,
einfach gr�nes Telefon abheben und ins Horn sto�en.� Er ging so weit, eine
tr�stende Hand auf Smileys Schulter zu legen, nahm sie aber schleunigst wieder
weg, da er f�hlte, da� diese Geste unwillkommen war. �Aber, falls Sie uns
jemals <strong><emphasis>doch </emphasis></strong>die Ruder
�berlassen wollten, dann w�rden wir die Abmachung ganz einfach umkehren und -�</p><p>�- uns die
Tr�mpfe aus der Hand nehmen und euch zu allem �berflu� aus der Kolonie-
rauswerfen lassen�, erg�nzte Smiley den Satz f�r ihn. �Ich m�chte noch eines
klargestellt wissen. Ich m�chte es schriftlich haben. Ich m�chte, da� es
Gegenstand einer Korrespondenz zwischen uns beiden ist.�</p><p>�Ihre
Jagdpartie, Sie suchen das Wild aus�, sagte Martello �berschwenglich.</p><p>�Meine
Dienststelle wird den Fisch drillen�, beharrte Smiley in gleichbleibend
direktem Ton. �Wir werden ihn auch an Land ziehen, wenn das der korrekte
Anglerausdruck ist. Ich bin leider kein Sportsmann.�</p><p>�An Land
ziehen, auf den Strand setzen, durchhaken, klar.� F�r Guillams argw�hnisches
Auge begann Martellos guter Wille an den Kanten leicht abzusto�en.</p><p>�Ich
bestehe darauf, da� es <strong><emphasis>unsere </emphasis></strong>Operation
ist. Unser Mann. Ich bestehe auf weiteren Rechten. Ihn festzuhalten und zu
behalten, bis uns der Zeitpunkt gekommen scheint, ihn weiterzugeben.�</p><p>�Kein
Problem, George, �berhaupt kein Problem. Sie nehmen ihn an Bord, er geh�rt
Ihnen. Sobald Sie ihn teilen wollen, rufen Sie uns an. Alles ganz einfach.�</p><p>�Ich
schicke morgen vormittag eine schriftliche Best�tigung her�ber.�</p><p>�Ach,
machen Sie sich damit keine M�he, George. Wir haben gen�gend Leute. Wir lassen
sie bei Ihnen abholen.�</p><p>�Ich
schicke sie her�ber�, sagte Smiley. Martello stand auf:</p><p>�George,
Sie haben einen guten Vertrag abgeschlossen.�</p><p>�Ich hatte
schon einen�, sagte Smiley. �Langley hat ihn gebrochen.�</p><p>Sie-
sch�ttelten einander die H�nde.</p><p>In der
Geschichte dieses Falles kommt ein solcher Augenblick kein zweitesmal vor. Er
l�uft in der Branche unter verschiedenen smarten Bezeichnungen. �Der Tag, an
dem George den Spie� umdrehte�, ist eine davon - obwohl es ihn gut eine Woche
kostete und Martellos Termin entsprechend n�herr�ckte. F�r Guillam bedeutete
der Vorgang etwas viel Imposanteres, etwas viel Sch�neres als ein rein
technisches Vertauschen der Vorzeichen. W�hrend er allm�hlich Smileys Absicht
begriff, w�hrend er fasziniert zusah, wie Smiley mit peinlichster Genauigkeit
seine Angelschn�re auslegte, diesen oder jenen Mitarbeiter zu sich rief, hier
einen Haken herausnahm, dort eine Klampe einsetzte, hatte Guillam das Gef�hl,
einem Ozeanriesen beim Wenden zuzusehen, der gelockt, gestoppt, bugsiert wird,
bis er sich hundertachzig Grad um die eigene Achse gedreht hat.</p><p>Was, wie
gesagt, zur Folge hatte, da� der ganze Fall auf den Kopf gestellt, der Spie�
umgedreht wurde.</p><p>Sie
kehrten zum Circus zur�ck, ohne ein Wort zu wechseln. Smiley stieg den letzten
Treppenabsatz so langsam hinauf, da� Guillams Sorgen um die Gesundheit seines
Chefs erneut erwachten und er bei n�chster Gelegenheit den Arzt des Circus
anrief, um ihm die Symptome zu schildern, wie er sie sah; nur um zu erfahren,
da� Smiley den Arzt vor ein paar Tagen aus anderen Gr�nden konsultiert hatte
und sich allem Anschein nach als unverw�stlich erwies. Die T�r des Thronsaals
schlo� sich, und Fawn, der Babysitter, hatte seinen geliebten Chef wieder
einmal ganz f�r sich. Smileys W�nschen, soweit sie durchsickerten, haftete ein
Ruch von Alchimie an. Beechcraft-Flugzeuge: er verlangte Pl�ne und Kataloge,
und au�erdem - vorausgesetzt, da� sie anonym zu beschaffen w�ren - alles �ber
Besitzer, K�ufe und <strong>Verk�ufe dieser
Maschinen in ganz S�dostasien. Toby Esterhase tauchte pflichtschuldigst in das
finstere Dickicht des Flugzeuggesch�fts, und bald darauf wurde Molly Meakin
von Fawn ein entmutigender Stapel alter Nummern einer Zeitschrift ausgeh�ndigt,
die sich </strong><strong><emphasis>Transport World </emphasis></strong><strong>nannte, zusammen mit handschriftlichen Anweisungen von Smiley in der
traditionell gr�nen Tinte seines B�ros, wonach sie alle Inserate von
Beechcraft-Flugzeugen heraussuchen sollte, die w�hrend der sechs Monate vor
dem geplatzten Opiumtransport des Piloten Ricardo nach Rotchina das Auge eines
potentiellen K�ufers auf sich gezogen haben mochten.</strong></p><p><strong>Ebenfalls auf Smileys schriftlichen Befehl hin suchte Guillam einige
von di Salis' W�hlm�usen auf und stellte ohne Wissen ihres temperamentvollen
Vorgesetzten fest, da� sie noch immer weit davon entfernt waren, den Finger auf
Nelson Ko zu legen. Ein �lterer Knabe ging so weit, anzudeuten, da� Drake Ko
bei seiner letzten Begegnung mit dem alten Hibbert nichts Geringeres als die
Wahrheit gesprochen habe: n�mlich, da� Bruder Nelson tats�chlich tot sei. Aber
als Guillam diese Nachricht Smiley vortrug, sch�ttelte der nur ungeduldig den
Kopf und gab ihm ein Telegramm zur Weiterleitung an Craw, worin dieser ersucht
wurde, bei seiner dortigen Polizeiquelle und wenn m�glich unter irgendeinem
Vorwand alle amtsbekannten Einzelheiten �ber Reisen von Kos Manager Tiu nach
und von Festland-China zu erfragen.</strong></p><p><strong>Craws ausf�hrliche Antwort lag achtundvierzig Stunden sp�ter auf
Smileys Schreibtisch und schien ihm einen seiner seltenen freudigen Augenblicke
zu bereiten. Er lie� den Dienstwagen vorfahren und sich nach Hampstead
kutschieren, wo er eine Stunde lang allein im sonnenhellen Frost durch die
Heide wanderte, und laut Fawn die rotbraunen Eichh�rnchen anglotzte, ehe er
wieder in den Thronsaal zur�ckkehrte. �Aber sehen Sie denn nicht?� schalt er
Guillam an diesem Abend in einer seiner ebenfalls seltenen Anwandlungen von
Erregung. �Verstehen Sie denn nicht, Peter?� Und er schob ihm Craws Angaben
unter die Nase und tippte sogar mit den Finger auf einen Eintrag: �Tiu ging
sechs Wochen vor Ricardos Auftrag nach Schanghai. Wie lang blieb er dort?
Achtundvierzig Stunden. Ach, Sie sind ein Dummkopf!�</strong></p><p><strong>�Ich bin nichts dergleichen�, protestierte Guillam. �Ich habe nur</strong> zuf�llig
keinen direkten Draht zum lieben Gott, das ist alles.� In den Kellern spielte
Smiley, in Klausur mit Millie McCraig, der Oberhorcherin, die Monologe des
alten Hibbert nochmals ab und runzelte gelegentlich - sagte Millie - �ber di
Salis' plumpes Dr�ngen die Stirn. Im �brigen las er, schlich herum und sprach
in kurzen intensiven Ausbr�chen mit Sam Collins. Diese Begegnungen kosteten
Smiley, wie Guillam bemerkte, eine Menge Kraft, und seine Anwandlungen von
Mi�mut - die wei� Gott selten genug waren f�r einen Mann mit Smileys
Belastungen - traten regelm��ig nach Sams Weggang auf. Und noch wenn sie
abgeklungen waren, sah er angespannter und einsamer denn je aus, bis er wieder
einen seiner langen n�chtlichen Spazierg�nge unternommen hatte.</p><p>Dann, etwa
am vierten Tag, der in Guillams Leben aus irgendeinem Grund ein kritischer Tag
war - wahrscheinlich wegen des Streits mit dem Schatzamt, das Craw keinen Bonus
auszahlen wollte -, gelang es Toby Esterhase, durch die Netze Fawns und
Guillams zu schl�pfen und unentdeckt in den Thronsaal zu gelangen, wo er Smiley
ein B�ndel fotokopierter Verkaufsvertr�ge �ber eine brandneue viersitzige
Beechcraft an die Firma Aerosuis &amp; Co, eingetragen in Z�rich, Einzelheiten
anbei, vorlegte. Smiley war besonders erfreut �ber die Tatsache, da� die
Maschine vier Sitze hatte. Die beiden r�ckw�rtigen waren herausnehmbar, nur die
Sitze des Piloten und Copiloten waren fest montiert. Das genaue Verkaufsdatum
des Flugzeugs war der 20. Juli gewesen: also knapp einen Monat bevor der
verr�ckte Ricardo zur Verletzung des rotchinesischen Luftraums gestartet war
und es sich dann anders �berlegt hatte. �Sogar Peter kann hier Zusammenh�nge
erkennen�, erkl�rte Smiley mit unbeholfener Neckerei. �Jetzt mal logisch,
Peter, logisch.�</p><p>�Das
Flugzeug wurde zwei Wochen nach Tius R�ckkehr aus Schanghai verkauft�,
erwiderte Guillam z�gernd.</p><p>�Und
weiter?� dr�ngte Smiley. �Und weiter? Was folgt f�r uns daraus?�</p><p>�Wir
fragen uns, wem die Firma Aerosuis geh�rt�, fauchte Guillam, der jetzt
ausgesprochen reizbar wurde. �Genau. Vielen Dank�, sagte Smiley in gespielter
Erleichterung. �Sie haben mir den Glauben an Ihre F�higkeiten wiedergegeben,
Peter. Und nun: was glauben Sie, wen wir an der Spitze von <strong>Aerosuis erblicken? Den Vertreter in Bangkok, keinen Geringeren.�</strong></p><p><strong>�Guillam linste auf die Notizen auf Smileys Schreibtisch, aber Smiley
war zu schnell f�r ihn und klappte die H�nde dar�ber. �Tiu�, sagte Guillam und
err�tete prompt. �Hurra! Ja. Tiu. Gut gemacht.�</strong></p><p><strong>Aber als Smiley an diesem Abend Sam Collins holen lie�, hatten sich die
Schatten wieder �ber seine h�ngenden Z�ge gesenkt.</strong></p><p><strong>Doch die Leinen waren ausgeworfen. Nach seinem Erfolg in der
Luftfahrtindustrie wurde Toby Esterhase auf den Spirituosenhandel angesetzt
und flog in der Maske eines Mehrwertsteuerinspektors zu den westschottischen
Inseln, wo er drei Tage mit Stichproben in den B�chern einer auf den
Terminverkauf von unabgelagerten F�ssern spezialisierten Whiskybrennerei zubrachte.
Er kehrte feixend wie ein erfolgreicher Bigamist zur�ck - um Connie zu
zitieren.</strong></p><p><strong>Der H�hepunkt, in den dies alles einm�ndete, war ein au�erordentlich langes
Telegramm an Craw im Anschlu� an eine feierliche Sitzung des
Einsatz-Direktoriums - der Golden Oldies, um wiederum Connie zu zitieren, unter
Hinzuziehung von Sam Collins. Diese Sitzung folgte einer ausgedehnten
Lagebesprechung mit den Vettern, bei der Smiley sich jeglicher Erw�hnung des
abg�ngigen Nelson Ko enthielt, daf�r jedoch gewisse weitere �berwachungs- und
Kommunikationsm�glichkeiten vor Ort anforderte. Seinen Mitarbeitern erkl�rte
Smiley seine Pl�ne folgenderma�en.</strong></p><p><strong>Bisher beschr�nkte sich die Operation auf das Sammeln von Informationen
�ber Ko und die Verzweigungen der sowjetischen Goldader. Es war alles getan
worden, um zu verhindern, da� Ko vom Interesse des Circus an seiner Person Wind
bek�me. Dann fa�te er zusammen, was sie bisher erzielt hatten: Nelson, Ricardo,
Tiu, die Beechcraft, die Daten, die Verbindungslinien, die in der Schweiz
eingetragene Luftfahrtgesellschaft - die, wie sich jetzt herausstellte, weder
Gesch�ftsr�ume noch weitere Maschinen besa�. Er w�rde lieber, sagte er, auf die
positive Identifizierung Nelsons warten, aber jede Operation sei ein
Kompromi�, und die Zeit werde, unter anderem dank den Vettern, schon recht
knapp.</strong></p><p><strong>Das M�dchen erw�hnte er mit keinem Wort, und nicht ein einziges Mal
w�hrend seiner Ausf�hrungen blickte er Sam Collins an.</strong></p><p><strong>Dann kam er zu dem, was er schlicht als die </strong><strong><emphasis>n�chste Phase </emphasis></strong><strong>bezeichnete.</strong></p><p><strong>�Unsere n�chste Aufgabe wird sein, aus dem Patt herauszukommen. Es
gibt Unternehmen, bei denen es besser ist, wenn sie </strong><strong><emphasis>nicht </emphasis></strong><strong>zur L�sung gelangen. Und es gibt
solche, die wertlos sind, ehe sie zu einer L�sung </strong><strong><emphasis>gelangen, </emphasis></strong><strong>und �Unternehmen Delphin� geh�rt
zu diesen letzteren.� Er runzelte nachdenklich die Stirn, zwinkerte, ri� dann
die Brille von der Nase und begann, zu jedermanns geheimen Entz�cken, sie
tats�chlich mit dem breiten Ende seiner Krawatte zu putzen. �Um dieses Ziel zu
erreichen, schlage ich vor, da� wir unsere Taktik radikal �ndern. Mit anderen
Worten, da� wir Ko unser Interesse an seinen Angelegenheiten kund und zu wissen
tun.�</strong></p><p><strong>Wie immer war Connie diejenige, die dem verbl�fften Schweigen ein Ende
machte. Ihr L�cheln war auch das erste - und das wissendste.</strong></p><p><strong>�Er r�uchert ihn aus�, fl�sterte sie den anderen ekstatisch zu. �Genau
wie er es mit Bill gemacht hat, dieser schlaue Jagdhund! Sie z�nden vor seiner
T�r ein Feuer an, wie, </strong><strong><emphasis>darling, </emphasis></strong><strong>und sehen zu, in welche Richtung er rennt. Oh </strong><strong><emphasis>George, </emphasis></strong><strong>Sie lieber, lieber Mann, Sie
allerbester von allen meinen Jungens, Ehrenwort!� Smileys Telegramm an Craw
beschrieb den Plan mittels einer anderen Metapher: einer, die den Au�enagenten
gel�ufig ist. Er sprach davon, man m�sse Kos </strong><strong><emphasis>B�umchen sch�tteln, </emphasis></strong><strong>und aus dem
restlichen Text ging klar hervor, da� Craw sich zu diesem Zweck, trotz der
damit verbundenen betr�chtlichen Risiken, Jerry Westerbys breiten R�ckens
bedienen sollte.</strong></p><p><strong>Hierzu noch eine Anmerkung: ein paar Tage sp�ter verschwand Sam
Collins. Jeder freute sich dar�ber. Er kam nicht mehr, und Smiley erw�hnte ihn
mit keinem Wort. In Sams B�ro fand sich, als Guillam heimlich hineinschl�pfte,
um es zu inspizieren, keinerlei pers�nliche Habe, abgesehen von ein paar
unangebrochenen P�ckchen Spielkarten und einigen piekfeinen Streichholzbriefchen,
die f�r einen Nachtclub im West End warben. Als er die Housekeepers
heraustrommelte, war man dort ausnehmend entgegenkommend. Sams Lohn, sagten
sie, sei ein Abschiedsbonus und das Versprechen, man wolle seine
Pensionsanspr�che nochmals �berpr�fen. Er habe im Grunde nicht viel zu
verkaufen gehabt. Eine Niete, sagten sie. Geh mit Gott, aber geh! Trotz allem
konnte Guillam sich eines gewissen Unbehagens in bezug auf Sam nicht erwehren,
wie er Molly Meakin im Lauf der folgenden Wochen h�ufig anvertraute. Es kam
nicht nur daher, da� er in Lacons B�ro mit ihm zusammengetroffen war. Er machte
sich Gedanken �ber die Sache mit Smileys Korrespondenz mit Martello, worin die
m�ndliche Absprache best�tigt wurde. Damit die Vettern Smileys Schreiben nicht
abholen lie�en - was das Anrauschen einer Limousine nebst Motorradeskorte am
Cambridge Circus bedeutet h�tte -, hatte Smiley Guillam angewiesen, es zum
Grosvenor Square zu bringen und Fawn, den Babysitter, . mitzunehmen. Aber
Guillam steckte bis zum Hals in Arbeit, alles kam zusammen, und Sam hatte, wie
�blich, nichts zu tun. Als daher Sam sich anbot, ihm den Auftrag abzunehmen,
lie� Guillam ihn den Brief bef�rdern und w�nschte danach zu Gott, er h�tte es
nicht getan. Er w�nscht es noch immer und von ganzem Herzen. Denn anstatt
Georges Brief Murphy oder dessen blassem Ersatzmann auszuh�ndigen, sagte Fawn,
habe Sam darauf bestanden, zu Martello pers�nlich vorgelassen zu werden. Und er
habe mehr als eine Stunde mit ihm allein in seinem B�ro verbracht.</strong></p><p><strong/></p><p><strong>Zweiter Teil </strong></p><empty-line/><p><strong>Der Baum wird gesch�ttelt</strong></p><empty-line/><p><emphasis>Liese</emphasis></p><empty-line/><p><strong>Star Heights war der neueste und m�chtigste Wohnblock in den Midlevels,
ein Rundbau, der bei Nacht wie ein riesiger erleuchteter Bleistift ins sanfte
Dunkel des Peak stach. Eine gewundene Zufahrt f�hrte dort hinauf; der Gehsteig
bestand jedoch aus einem nur sechs Zoll breiten Randstreifen zwischen der
Fahrstra�e und der Klippe; denn in Star Heights waren Fu�g�nger ge�chtet. Es
war fr�her Abend, und die gesellschaftliche </strong><strong><emphasis>rush hour </emphasis></strong><strong>n�herte sich ihrem H�hepunkt.
Als Jerry am Stra�enrand entlangbalancierte, fegten Mercedes und Rolls-Royces
in ihrer Hast, abzuliefern und einzusammeln, dicht an ihm vor�ber. Er trug
einen Orchideenstrau� in Seidenpapier geh�llt: gr��er als der Strau�, den Craw
Phoebe Wayfarer �berreicht hatte, kleiner als der, den Drake Ko dem toten
kleinen Nelson brachte. Diese Orchideen waren niemandem zugeeignet. �Wer so
gro� ist wie ich, altes Haus, der mu� f�r alles, was er tut, einen verdammt
guten Grund haben.� Er empfand Spannung, aber auch Erleichterung dar�ber, da�
das lange, lange Warten endlich vorbei war.</strong></p><p><strong><emphasis>Ganz</emphasis></strong><strong/><strong><emphasis>schlicht mit der Turins Haus fallen, Ehrw�rden, </emphasis></strong><strong>hatte Craw ihn bei der gestrigen ausgedehnten Vergatterung angewiesen. </strong><strong><emphasis>Reindr�ngen und loslegen und nicht mehr aufh�ren, bis Sie dr�ben wieder
rauskommen. </emphasis></strong><strong>Mit einem Bein, dachte Jerry.</strong></p><p><strong>Eine gestreifte Markise f�hrte zur Eingangshalle, und das Parf�m der
Frauen lag in der Luft wie ein Vorgeschmack seiner Aufgabe. Lind </strong><strong><emphasis>denken Sie daran, da� der ganze Schuppen Ko geh�rt, </emphasis></strong><strong>hatte Craw s�uerlich als Abschiedsgeschenk hinzugef�gt. Die Innendekoration
war noch nicht ganz fertig. Rings um die Briefk�sten fehlten noch
Marmorplatten. Ein gl�serner Fisch sollte Wasser in einen Terrazzo-Brunnen
speien, aber die R�hren waren noch nicht angeschlossen, und im Becken stapelten
sich Zements�cke. An einer Glaskabine stand �Empfang�, und der chinesische Portier
beobachtete ihn von drinnen. Jerry sah nur seine verschwommenen Umrisse. Er
hatte gelesen, als Jerry hereinkam, aber jetzt starrte er ihn an,
unentschlossen, ob er ihn anrufen sollte, aber halbwegs beschwichtigt durch die
Orchideen. Ein paar amerikanische Matronen in voller Kriegsbemalung kamen an
und nahmen neben ihm Aufstellung.</strong></p><p><strong>�Toller Flor�, sagten sie und stachen in das Seidenpapier. �Super, wie?
Hier, nehmen Sie. Geschenk! Los! Sch�ne Frau. Nackt ohne Blumen!�</strong></p><p><strong>Gel�chter. Diese Engl�nder sind eine Rasse f�r sich. Der Portier wandte
sich wieder seiner Lekt�re zu. Jerry war vertrauensw�rdig. Ein Lift kam. Eine
Herde Diplomaten, Gesch�ftsleute mit ihren Squaws, m�rrischen, juwelenbeladenen
Wesen, schlurften in die Halle. Jerry komplimentierte die Amerikanerinnen vor
sich her. Zigarrenrauch vermischte sich mit dem Parf�m, Konservenmusik summte
vergessene Weisen. Die Matronen dr�ckten auf den Knopf f�r die zw�lfte Etage.</strong></p><p><strong>�Wollen Sie auch zu den Hammersteins?�fragten sie und blickten immer
noch auf die Orchideen.</strong></p><p><strong>Auf der f�nfzehnten lief Jerry zur Feuertreppe. Sie stank nach Katzen
und dem Abfall aus dem M�llschlucker. Im Hinuntergehen begegnete er einer Amah
mit Windeleimer. Sie glotzte ihn finster an, bis er sie gr��te, dann lachte sie
br�llend. Er ging weiter bis zum achten Stock, wo er in die �ppigkeit des
Herrschaftstrakts zur�ckkehrte. Er stand am Ende eines Korridors. Eine kleine
Rotunde f�hrte zu zwei vergoldeten Liftt�ren. Hier lagen vier Wohnungen, jede
ein Quadrant des kreisrunden Baus und jede mit ihrem eigenen Korridor. Er
postierte sich in Korridor B, mit den Blumen als einziger Deckung. Er
beobachtete die Rotunde, seine Aufmerksamkeit galt dem mit C bezeichneten
Korridor. Das Seidenpapier um die Orchideen war feucht, wo er es zu fest
umklammert hielt.</strong></p><p><strong>�Es ist eine regelm��ige w�chentliche Verabredung�, hatte Craw ihm
versichert. �Jeden Montag, Blumenstecken im American Club. Regelm��ig wie ein
Uhrwerk. Sie trifft sich dort mit einer Freundin, Nellie Tan, die f�r Airsea
arbeitet. Sie machen ihr Ikebana und bleiben dann zum Dinner.�</strong></p><p><strong>�Und wo ist Ko inzwischen?�</strong></p><p><strong>�Bangkok. In Gesch�ften.�</strong></p><p><strong>�Dann k�nnen wir blo� verdammt hoffen, da� er dort bleibt.�</strong></p><p><strong>�Amen, Sir, Amen�, sagte Craw fromm. Unter dem Quietschen nicht ge�lter
neuer Angeln flog die T�r neben seinem Ohr auf, und ein schlanker junger
Amerikaner im Smoking trat in den Korridor, blieb wie angewurzelt stehen und
starrte Jerry und seine Orchideen an. Er hatte blaue, stetige Augen und trug
eine Aktenmappe.</strong></p><p><strong>�M�chten Sie mit diesen Dingern da zu mir?� erkundigte er sich im
Tonfall der Bostoner Society. Er sah reich und selbstsicher aus. Jerry tippte
auf diplomatischen Dienst oder gehobene Banklaufbahn.</strong></p><p><strong>�Offen gestanden, ich glaube eigentlich nicht�, bekannte Jerry und
spielte den d�mlichen Engl�nder. </strong><strong><emphasis>�Cavendish�, </emphasis></strong><strong>sagte er. �ber die Schulter des Amerikaners hinweg sah Jerry, wie die
T�r sich lautlos vor einem vollgepackten B�cherregal schlo�. �Freund hat mich
gebeten, das bei einer Miss </strong><strong><emphasis>Cavendish </emphasis></strong><strong>in </strong>9 <strong>D abzuliefern.
Walzt hin�ber nach Manila, ich stehe da mit den Orchideen, k�nnte man sagen.�</strong></p><p><strong>�Falscher Stock�, sagte der Amerikaner, w�hrend er zum Lift
schlenderte. �Sie m�ssen eins h�her. Und falscher Korridor. D ist dr�ben auf
der anderen Seite. Dort dr�ben.� Jerry stellte sich neben ihn, als wartete er
auf einen Lift nach oben. Der Abw�rts-Lift kam zuerst, der junge Amerikaner
trat elastisch hinein, und Jerry kehrte auf seinen Posten zur�ck. Die T�r C
ging auf, er sah sie herauskommen und sich umdrehen, um zweimal abzuschlie�en.
Sie hatte sich nicht eigens sch�n gemacht. Ihr Haar war aschblond und lang,
aber sie hatte es im Nacken zu einem Pferdeschwanz gebunden. Sie trug ein
schlichtes r�ckenfreies Kleid und Sandalen, und obwohl Jerry ihr Gesicht nicht
sehen konnte, wu�te er sofort, da� sie sch�n war. Sie ging zum Lift, sah ihn
noch immer nicht, und Jerry hatte den Eindruck, als sp�hte er von der Stra�e
her durchs Fenster auf sie. Es gibt Frauen, fand Jerry, die ihren K�rper
tragen, als sei er eine Zitadelle, die nur der Tapferste erst�rmen k�nne, und
Jerry hatte mehrere solcher Frauen geheiratet; oder vielleicht waren sie unter
seinem Einflu� so geworden. Es gibt Frauen, die entschlossen scheinen, sich
selber nicht zu m�gen, die Schultern hochziehen und die H�ften zur�ckschieben.
Und es gibt Frauen, die nur auf ihn zuzugehen brauchten, um ihm damit ein
Geschenk zu . machen. Das waren die seltenen, und in diesem Moment f�hrte sie
f�r Jerry die Meute an. Sie war vor den goldenen T�ren stehengeblieben und beobachtete
die aufleuchtenden Zahlen. Er war neben ihr, als der Lift ankam, und noch immer
hatte sie ihn nicht bemerkt. Der Lift war voll besetzt, wie er gehofft hatte.
Er dr�ckte sich r�cklings hinein, besorgt um seine Orchideen, entschuldigte
sich, grinste, und hielt den Strau� demonstrativ �ber den Kopf. Sie stand mit
dem R�cken zu ihm, er dicht an ihrer Schulter. Es war eine kr�ftige Schulter
und zu beiden Seiten der Tr�ger nackt, und Jerry konnte kleine Sommersprossen
sehen und einen Flaum winziger goldener H�rchen, die sich ihr R�ckgrat
entlangzogen. Ihr Gesicht war im Profil und ein St�ck unter ihm. Er linste sie
an.</strong></p><p><strong>�Lizzie?� sagte er unsicher. �Heh, </strong><strong><emphasis>Lizzie. </emphasis></strong><strong>Ich bin's Jerry.� Sie fuhr j�h
herum und starrte zu ihm auf. Er w�re gern einen Schritt zur�ckgetreten, denn
er wu�te, da� ihre erste Reaktion k�rperliche Furcht vor seiner Gr��e sein
w�rde, und das stimmte auch. Er sah diese Furcht kurz in ihren grauen Augen,
die aufflackerten, ehe sie ihn mit ihrem Starren festhielten. �Lizzie </strong><strong><emphasis>Worthington!� </emphasis></strong><strong>erkl�rte er nun
sicherer. �Was macht der Whisky, kennen Sie mich nicht mehr? Einer Ihrer
stolzen Anleger. Jerry, Kumpel von Tiny Ricardo. Ein F�nfzig-Gallonen-Fa� mit
meinem Namen auf dem Etikett. Alles bezahlt und eingelagert.�</strong></p><p><strong>Er hatte leise gesprochen, in der Annahme, er k�nne eine Vergangenheit
aufr�hren, von der sie nichts mehr wissen wollte. Er h�tte so leise gesprochen,
da� die �brigen Passagiere entweder �Raindrops keep falling on my head� aus dem
Lautsprecher h�rten oder das Murren eines �ltlichen Griechen, der behauptete,
jemand habe ihn gesto�en.</strong></p><p><strong>�Ach nat�rlich�, sagte sie und lie� ein strahlendes Stewardessenl�cheln
aufleuchten. �Jerry!� Ihre Stimme erstarb, als sie so tat, als liege der Name
ihr auf der Zunge: �Jerry - �hem -�. Sie runzelte die Stirn und blickte nach
oben wie eine Schauspielsch�lerin, die Verge�lichkeit mimt. Der Lift hielt im
sechsten Stock. �Westerby�, kam er ihr prompt zu Hilfe. �Von der Journaille.
Sie haben mich in der Constellation-Bar geangelt. Wollte ein bi�chen liebevollen
Trost, und alles, was ich kriegte, war ein Fa� Whisky.� Jemand neben ihm
lachte.</strong></p><p><strong>�Nat�rlich! Jerry, </strong><strong><emphasis>darling! </emphasis></strong><strong>Wie konnte ich nur ... Ich meine, was machen Sie in Hongkong, mein </strong><strong><emphasis>Gott!�</emphasis></strong></p><p><strong>�Das �bliche. Feuersbrunst und Pestilenz, Hungersnot. Und Sie?</strong></p><p><strong>Im Ruhestand w�rde ich sagen, bei Ihren Verkaufsmethoden. Bin nie im
Leben so gr�ndlich �bers Ohr gehauen worden.� Sie lachte entz�ckt. Die T�ren
hatten sich in der dritten Etage ge�ffnet. Eine alte Frau auf zwei St�cken
schlurfte herein. Lizzie </strong><strong><emphasis>Worthington
verkaufte alles in allem schlanke f�nfundf�nfzig F�sser von diesem
sch�ndlichen Musentrank, Ehrw�rden, </emphasis></strong><strong>hatte Craw
gesagt, Jedes </strong><strong><emphasis>einzelne an einen m�nnlichen
Kunden, und eine stattliche Anzahl, wie meine Ratgeber melden, mit voller
Bedienung obendrein. Verleiht dem Ausdruck �Dienst am Kunden� einen neuen
Aspekt, m�chte ich sagen.� </emphasis></strong><strong>Sie waren im
Erdgescho� angelangt. Sie stieg zuerst aus, und er ging neben ihr her. Durch
die Eingangst�ren sah er ihren roten Sportwagen mit zur�ckgeklapptem Verdeck
zwischen den funkelnden Limousinen in der Parkbucht warten. Sie mu�te hinuntertelefoniert
und befohlen haben, ihn vorzufahren, dachte er: wenn Ko der Eigent�mer dieses
Hauses ist, dann wird er wohl daf�r sorgen, da� sie f�rstlich behandelt wird.
Sie hielt auf. das Fenster des Portiers zu. W�hrend sie die Halle durchquerten,
plauderte sie weiter, drehte sich im Sprechen ihm zu, einen Arm weit
ausgestreckt, Handfl�che nach oben, wie ein Mannequin. Er mu�te sie gefragt
haben, wie ihr Hongkong gefalle, obwohl er sich nicht daran erinnerte:</strong></p><p><strong>�Ich finde es hinrei�end, Jerry, einfach </strong><strong><emphasis>hinrei�end. </emphasis></strong><strong>Vientiane
scheint, ach, </strong><strong><emphasis>Jahrhunderte </emphasis></strong><strong>entfernt. Wissen Sie, da� Rictot ist?� Sie warf es heldenhaft ins
Gespr�ch, als w�ren sie und der Tod einander nicht mehr fremd. �Nach Ric dachte
ich, mir w�rde es nie mehr irgendwo gefallen. Wie habe ich mich get�uscht,
Jerry! Hongkong </strong><strong><emphasis>mu� </emphasis></strong><strong>die am�santeste Stadt der Welt sein. Lawrence, </strong><strong><emphasis>darling, </emphasis></strong><strong>ich segle in meinem roten
Unterseeboot. Heute ist Hennenabend im Club.�</strong></p><p><strong>Lawrence war der Portier, und der Schl�ssel zu ihrem Wagen baumelte von
einem gro�en silbernen Hufeisen, was Jerry an die Rennen in Happy Valley
erinnerte.</strong></p><p><strong>�Vielen Dank, Lawrence�, sagte sie s�� und schenkte ihm ein L�cheln,
das ihm f�r die ganze Nacht reichen w�rde. �Die </strong><strong><emphasis>Menschen </emphasis></strong><strong>hier sind so wundervoll, Jerry�,
vertraute sie ihm im B�hnenfl�stern an, als sie sich zum Haupteingang bewegten.
�Wenn ich </strong><strong><emphasis>denke, </emphasis></strong><strong>was wir in Laos �ber die Chinesen gesagt haben! Und hier sind sie
einfach die wundervollsten und herzlichsten und originellsten Menschen, die man
sich vorstellen kann.� Sie war in einen staatenlosen ausl�ndischen Akzent
geschl�pft, stellte Jerry fest. Mu�te ihn von Ricardo angenommen und als
besonders schick beibehalten haben. �Die Leute denken immer: �Hongkong -
sagenhaft zum Einkaufen - zollfreie Kameras - Restaurants -&lt;, aber ehrlich,
Jerry, wenn man wirklich eindringt und das </strong><strong><emphasis>wahre </emphasis></strong><strong>Hongkong kennenlernt und die </strong><strong><emphasis>Menschen </emphasis></strong><strong>- es ist alles da, was man sich
im Leben irgend w�nschen kann. Finden Sie meinen neuen Wagen nicht hinrei�end?�</strong></p><p><strong>�So geben Sie also den Whiskyrebbach aus.� Er streckte die ge�ffnete
Hand hin, und sie lie� die Schl�ssel hineinfallen, damit er ihr die T�r
aufschlie�en konnte. In stummem Geb�rdenspiel gab er ihr die Orchideen zu
halten. Hinter dem schwarzen Peak glomm der noch nicht aufgegangene Vollmond
wie ein Waldbrand. Sie stieg ein, er reichte ihr die Schl�ssel, und diesmal
f�hlte er die Ber�hrung ihrer Hand und mu�te wieder an Happy Valley denken und
an Kos Ku�, als sie abfuhren.</strong></p><p><strong>�Darf ich auf dem R�cksitz mitfahren?� fragte er.</strong></p><p><strong>Sie lachte und �ffnete ihm die Beifahrert�r: �Wohin wollen Sie �berhaupt
mit diesen pr�chtigen Orchideen?�</strong></p><p><strong>Sie lie� den Motor an, aber Jerry stellte ihn sanft wieder ab, so da� sie
ihn erstaunt anstarrte.</strong></p><p><strong>�Altes Haus�, sagte er ruhig. �Ich kann nicht l�gen. Ich bin eine
Natter an Ihrem Busen, und ehe Sie mich irgendwohin fahren, sollten Sie sich
anschnallen und die leidige Wahrheit h�ren.� Er hatte den Augenblick sorgf�ltig
gew�hlt, weil er nicht wollte, da� sie sich bedroht f�hlte. Sie sa� am Steuer
ihres eigenen Wagens, unter der beleuchteten Markise ihres eigenen Wohnblocks,
nur sechzig Fu� von Lawrence, dem Portier, entfernt, und er spielte den reuigen
S�nder, damit sie sich um so sicherer f�hlen sollte.</strong></p><p><strong>�Unsere zuf�llige Begegnung war kein reiner Zufall. Das ist Punkt eins.
Punkt zwei, um es gleich ganz ehrlich zu sagen: meine Zeitung hat mich
beauftragt, Sie ausfindig zu machen und Sie mit zahlreichen neugierigen Fragen
�ber Ihren verstorbenen Kumpel Ricardo zu best�rmen.�</strong></p><p><strong>Sie beobachtete ihn noch immer, wartete noch immer. An der Kinnspitze
hatte sie zwei kleine parallellaufende Narben wie ziemlich tiefe Krallenspuren.
Er fragte sich, wer sie ihr beigebracht hatte und womit.</strong></p><p><strong>�Aber Ricardo ist tot�, sagte sie viel zu fr�h.</strong></p><p><strong>�Klar�, sagte Jerry beruhigend. �Unstreitig. Aber die Zeitung hat etwas,
was sie gern als hei�en Tip bezeichnet, da� er doch noch lebt, und es ist mein
Job, ihr den Willen zu tun.�</strong></p><p><strong>�Aber das ist vollkommen absurd!�</strong></p><p><strong>�Genau. Total. Die sind verr�ckt geworden. Der Trostpreis sind zwei
Dutzend gut durchgeknetete Orchideen und das beste Dinner in der Stadt.�</strong></p><p><strong>Sie wandte sich von ihm ab und blickte durch die Windschutzscheibe, so
da� ihr Gesicht im vollen Strahl der Lampe war, und Jerry �berlegte, wie es
sein mochte, in einem so wundersch�nen K�rper zu wohnen, ihm vierundzwanzig
Stunden am Tag Ehre zu machen. Ihre grauen Augen �ffneten sich ein wenig
weiter, und ihn �berkam die boshafte Ahnung, er solle die aufsteigenden Tr�nen
zur Kenntnis nehmen und die Art, wie ihre H�nde sich haltsuchend an das
Steuerrad klammerten. �Entschuldigen Sie�, fl�sterte sie. �Es ist nur - wenn
man einen Mann liebt - alles f�r ihn aufgibt, und er stirbt - und dann, eines
Abends, aus heiterem Himmel -�</strong></p><p><strong>�Klar�, sagte Jerry. �Tut mir leid.�</strong></p><p><strong>Sie lie� den Motor an. �Warum sollte es Ihnen leid tun? Wenn er lebt,
um so besser. Wenn er tot ist, bleibt alles, wie es ist. Es steht ein Pfund zu
gar nichts.� Sie lachte. �Ric sagte immer, er sei unverw�stlich.�</strong></p><p><strong>Es ist, als w�rde man einen blinden Bettler bestehlen, dachte er. Sie
d�rfte nicht allein herumlaufen.</strong></p><p><strong>Sie fuhr gut, aber verkrampft, und er schlo� daraus, da� sie erst vor
kurzem ihre Fahrpr�fung abgelegt hatte und da� der Wagen die Belohnung daf�r
war. Es war die ruhigste Nacht der Welt. Als sie zur Innenstadt
hinunterglitten, lag der Hafen wie ein makelloser Spiegel in der Mitte der
Schmuckschatulle. Sie sprachen �ber Lokale. Jerry schlug das Peninsula vor,
aber sie sch�ttelte den Kopf.</strong></p><p><strong>�Okay. Dann gehen wir zun�chst mal auf einen Drink�, sagte er.</strong></p><p><strong>�Los, wir wollen t�chtig auf den Z�nder hauen!�</strong></p><p><strong>Zu seiner �berraschung fa�te sie nach seiner Hand und dr�ckte sie. Dann
fiel ihm Craw ein. Das mache sie mit jedem so, hatte er gesagt.</strong></p><empty-line/><p><strong>Sie war f�r eine Nacht von der Kette: das war sein �berw�ltigender Eindruck.
Er erinnerte sich, wie er einmal seine Tochter Cat, als sie noch klein war, aus
der Schule geholt hatte und wie sie eine ganze Menge verschiedener Dinge
unternehmen mu�ten, um den Nachmittag zu dehnen. In einer dunklen Diskothek in
Kaulun tranken sie Remy Martin mit Eis und Soda. Er vermutete, es sei Kos
Lieblingsdrink, und sie hatte ihn sich angew�hnt, um Ko Gesellschaft zu
leisten. Es war noch fr�h, und im Lokal waren vielleicht ein Dutzend Leute,
mehr nicht. Die Musik war laut und sie mu�ten schreien, um sich zu
verst�ndigen, aber Lizzie erw�hnte Ricardo mit keinem Wort. Sie hielt sich an
die Musik, der sie mit zur�ckgeneigtem Kopf lauschte. Manchmal hielt sie seine
Hand, und einmal legte sie den Kopf an seine Schulter, und einmal k��te sie ihn
fl�chtig und schwebte dann zum Parkett, um einen langsamen einsamen Tanz mit
geschlossenen Augen und leisem L�cheln zu zelebrieren. Die M�nner verga�en ihre
eigenen M�dchen und zogen Lizzie mit ihren Blicken aus. Die chinesischen
Kellner brachten alle drei Minuten frische Aschenbecher, als Vorwand, um ihr in
den Ausschnitt zu linsen. Nach zwei Drinks und einer halben Stunde bekundete
sie eine Leidenschaft f�r den Duke und den Big-Band-Sound, und sie rasten
zur�ck zur Insel und zu einem Lokal, das Jerry kannte und wo eine lebende
Philippino-Kapelle recht ordentlich Ellington spielte. Cat Andersen sei das
Beste, sagte sie, was es au�er geschnittenem Brot gebe. Ob er einmal Armstrong
und Ellington zusammen geh�rt habe? Waren sie nicht einfach die Gr��ten?
Wiederum Remy Martin, w�hrend sie ihm &gt;Mood Indigo&lt; vorsang. �Hat Ricardo
getanzt?� fragte Jerry.</strong></p><p><strong>�Hat er getanzt?� sagte sie leise dagegen, w�hrend sie mit dem Fu� den
Takt schlug und dazu leicht mit den Fingern schnalzte.</strong></p><p><strong>�Dachte, Ricardo h�tte gehinkt?� warf Jerry ein.</strong></p><p><strong>�Das hat ihn nie gehindert�, sagte sie, noch immer ganz in die Musik
vertieft. �Ich werde nie zu ihm zur�ckgehen, verstehen Sie.</strong></p><p><strong>Niemals. Dieses Kapitel ist abgeschlossen. Und wie.�</strong></p><p><strong>�Wo hatte er's her?�</strong></p><p><strong>�Das Tanzen?�</strong></p><p><strong>�Das Hinken.�</strong></p><p><strong>Sie kr�mmte den Finger um einen imagin�ren Abzug und feuerte einen
Schu� in die Luft ab.</strong></p><p><strong>�Es war entweder der Krieg oder ein aufgebrachter Ehemann�, sagte sie.
Er lie� es sich wiederholen, und diesmal waren ihre Lippen dicht an seinem Ohr.</strong></p></section><section><p><strong>Sie kannte ein neues japanisches Restaurant, wo es </strong><strong><emphasis>phantastisches </emphasis></strong><strong>Kobe-Beef gab.</strong></p><p><strong>�Sagen Sie, woher haben Sie diese Narben?�, fragte er, als sie
hinfuhren. Er fa�t sich an sein eigenes Kinn. �Die linke und die rechte. Wie
ist das passiert?�</strong></p><p><strong>�Ach, bei der H�tz auf unschuldige F�chse�, sagte sie mit leisem
L�cheln. �Mein lieber Papa war ein Pferdenarr. Ich f�rchte, er ist es noch
immer.�</strong></p><p><strong>�Wo lebt er?�</strong></p><p><strong>�Daddy? Ach, das �bliche verfallene Schlo�gem�uer in Shropshire. Meilen
zu gro�, aber sie wollen nicht weg. Kein Personal, kein Geld, drei Viertel des
Jahres eiskalt. Mama kann nicht mal ein Ei kochen.�</strong></p><p><strong>Er hatte sich noch nicht wieder erholt, als ihr eine Bar einfiel, wo
man himmlische Curry-Canapes bekam, also fuhren sie herum, bis sie das Lokal
gefunden hatten, und sie k��te den Barmann. Es gab keine Musik. Er wu�te selbst
nicht, wie es zuging, da� er ihr pl�tzlich von sich und der Waise erz�hlte. Wie
es zur Trennung kam, verschwieg er aus guten Gr�nden.</strong></p><p><strong>�Ah, aber Jerry, </strong><strong><emphasis>darling�, </emphasis></strong><strong>sagte sie lehrhaft: �Mit f�nfundzwanzig Jahren Unterschied zwischen
Ihnen und ihr, was k�nnen Sie da anderes erwarten?�</strong></p><p><strong>Und mit neunzehn Jahren und einer chinesischen Ehefrau zwischen dir und
Drake Ko, was zum Teufel kannst </strong><strong><emphasis>du </emphasis></strong><strong>erwarten? dachte er beinah �rgerlich.</strong></p><p><strong>Sie gingen - nochmals K��chen f�r den Barmann -, und Jerry war weder
durch ihre Gesellschaft noch von den Cognac-Sodas so berauscht, da� ihm der
Telefonanruf entgangen w�re, den sie angeblich t�tigte, um eine Verabredung
abzusagen, noch die ungew�hnliche Dauer dieses Telefonanrufs noch ihre ziemlich
ernste Miene, als sie zur�ckkam. Als sie wieder im Wagen sa�en, erhaschte er
ihren Blick und glaubte, darin eine Spur von Mi�trauen zu lesen. �Jerry?�</strong></p><p><strong>�Ja?�</strong></p><p><strong>Sie sch�ttelte den Kopf, lachte, strich ihm mit der Hand �bers Gesicht,
dann k��te sie ihn. �Lustig�, sagte sie. Er nahm an, sie verstehe nicht recht,
wieso sie ihn vollst�ndig vergessen haben konnte, wenn sie ihm wirklich damals
dieses Fa� ungelagerten Whisky verkauft hatte. Er nahm an, sie �berlege ferner,
ob sie ihm wohl, zusammen mit dem Verkauf des Whisky, weitere Dienstleistung
hatte zukommen lassen, von der Art, auf die Craw so unverbl�mt angespielt
hatte. Aber das war ihr Problem, fand er. Von Anfang an gewesen.</strong></p><p><strong>Im japanischen Restaurant bekamen sie, dank Lizzies L�cheln und anderer
Attribute, den Ecktisch. Sie sa� so, da� sie den Raum �berblickte, und er sa�
da und blickte Lizzie an, was recht h�bsch war f�r Jerry, aber Sarratt zum
hellen Wahnsinn getrieben h�tte. Im Kerzenlicht sah er ihr Gesicht sehr
deutlich und nahm zum erstenmal bewu�t die Zeichen der Abnutzung wahr: nicht
nur die Krallenspuren an ihrem Kinn, sondern auch die Zeugnisse ihrer Reisen
und Strapazen, die f�r Jerry eine bestimmte Qualit�t besa�en, wie ehrenhafte
Narben aus all den K�mpfen gegen ihr Pech und ihren Unverstand. Sie trug ein
entz�ckendes Goldarmband, neu, und eine verbeulte Blechuhr mit einem
Walt-Disney-Zifferblatt und verkratzten behandschuhten Zeigern, die auf die
Ziffern wiesen. Ihre Anh�nglichkeit an die alte Uhr beeindruckte ihn, und er
wollte wissen, wer sie ihr geschenkt habe. �Daddy�, sagte sie zerstreut.</strong></p><p><strong>�ber ihnen, im Plafond, war ein Spiegel eingelassen, und Jerry konnte
zwischen den Skalps der Speisenden Lizzies goldenes Haar und den Ansatz ihres
Busens sehen und den Goldstaub der H�rchen in ihrem Nacken. Als er versucht
hatte, sie mit Ricardo zu �berrumpeln, war sie argw�hnisch geworden: Jerry
h�tte merken m�ssen, was er indessen nicht tat, da� ihre Haltung sich ver�ndert
hatte, seit sie diesen Telefonanruf t�tigte. �Welche Garantie habe ich, da�
mein Name nicht in Ihrem Blatt erscheint?� fragte sie. �Nur mein Versprechen.�</strong></p><p><strong>�Aber wenn Ihr Redakteur wei�, da� ich Ricardos M�dchen war, was k�nnte
ihn daran hindern, ihn hineinzusetzen?�</strong></p><p><strong>�Ricardo hatte massenhaft M�dchen. Das wissen Sie. Er hatte sie in
jeder Machart und Gr��e, nacheinander und gleichzeitig.�</strong></p><p><strong>�Aber </strong><strong><emphasis>mich </emphasis></strong><strong>gab es nur einmal�, sagte sie fest, und er sah sie zur T�r blicken.
Aber sie hatte bekannterma�en die Gewohnheit, wo immer sie auch sein mochte,
sich dauernd nach jemandem umzusehen, der nicht anwesend war. Er �berlie� ihr
weiterhin die Initiative.</strong></p><p><strong>�Sie sagten, Ihr Blatt habe einen hei�en Tip�, sagte sie. �Was ist
damit gemeint?�</strong></p><p><strong>Die Antwort hierauf hatte er mit Craw zurechtgezimmert, ja, sogar
richtiggehend einge�bt. Daher gab er sie nun energisch, wenn nicht sogar
�berzeugt von sich.</strong></p><p><strong>�Ries Absturz ereignete sich vor achtzehn Monaten in den Bergen bei
Peilin nahe der Grenze zwischen Thailand und Kambodscha. Niemand fand eine
Leiche, niemand fand Wrackteile, und es geht das Ger�cht, er habe Opium
geflogen. Die Versicherung zahlte nie die Police aus, und Indocharter reichte
nie eine Klage ein. Warum nicht? Weil Ricardo einen Exklusiwertrag hatte, f�r
sie zu fliegen. A propos, warum verklagt niemand Indocharter? Zum Beispiel Sie?
Sie waren seine Lebensgef�hrtin. Warum reichten Sie nicht Schadenersatzklage
ein?�</strong></p><p><strong>�Das ist eine sehr vulg�re Bemerkung�, sagte sie mit ihrer
Herzoginnenstimme.</strong></p><p><strong>�Au�erdem hei�t es auch, er sei unl�ngst in der einen oder anderen
Spelunke gesehen worden. Er hat sich einen Bart wachsen lassen, aber das Hinken
kann er nicht kaschieren, hei�t es, so wenig wie seine l�bliche Gepflogenheit,
pro Tag einer Flasche Whisky den Hals zu brechen oder, mit Verlaub gesagt, im
Umkreis von f�nf Meilen oder wo er gerade geht und steht hinter allem
herzulaufen, was einen Rock anhat.� Sie r�stete sich zu einer Erwiderung, aber
er wollte seinen Spruch bis zum Ende aufsagen.</strong></p><p><strong>�Der Chefportier im Hotel Rincome in Chiang Mai identifizierte ihn nach
einem Foto, trotz des Barts. Gut, wir Europ�er sehen f�r sie alle gleich aus.
Aber er war seiner Sache wirklich ziemlich sicher. Ferner, erst im vergangenen
Monat nahm ein f�nfzehn Jahre altes M�dchen in Bangkok, Einzelheiten liegen
vor, ihr B�ndelchen mit zum mexikanischen Konsulat und benannte Ricardo als den
gl�cklichen Vater. Ich pers�nlich glaube nicht an Achtzehnmonatskinder, und Sie
vermutlich auch nicht. Und sehen Sie mich nicht so an, altes Haus. War nicht
meine Idee, oder?�</strong></p><p><strong>Es war Londons Idee, h�tte er hinzuf�gen k�nnen, eine so saubere
Mischung aus Fakten und Fiktion, wie sie nur jemals zum B�umesch�tteln
verwendet wurde. Aber das M�dchen sah in Wahrheit an ihm vorbei, wieder genau
auf die T�r. �Noch etwas, wonach ich Sie fragen m�chte, ist dieser faule Zauber
mit den Whiskyf�ssern�, sagte er.</strong></p><p><strong>�Es war </strong><strong><emphasis>kein </emphasis></strong><strong>fauler Zauber, Jerry, es war ein absolut korrektes Unternehmen.�</strong></p><p><strong>�Altes Haus. </strong><strong><emphasis>Sie </emphasis></strong><strong>waren absolut in Ordnung. Keine Spur von Skandal mit Ihnen verkn�pft.
Etcetera. Aber wenn </strong><strong><emphasis>Ric </emphasis></strong><strong>ein paar faule Sachen zuviel gemacht haben sollte, so k�nnte das doch
ein Grund sein f�r das altbew�hrte Verschwindez-vous oder?�</strong></p><p><strong>�Das s�he Ric nicht �hnlich�, sagte sie nach einer Weile, und es klang
wenig �berzeugt. �Er wollte immer der stadtbekannte gro�e Mann sein.
Davonlaufen war nicht seine Art.� Es tat ihm aufrichtig leid, da� er sie so
qu�len mu�te. War genau das Gegenteil dessen, was er sich normalerweise f�r sie
gew�nscht h�tte. Er beobachtete sie und wu�te, da� sie bei jedem Wortgefecht
immer der Verlierer war; sie f�hlte sich dabei hoffnungslos unterlegen und
schickte sich in die Niederlage. �Zum Beispiel�, fuhr Jerry fort - w�hrend sie
besiegt den Kopf senkte -, �wenn bewiesen w�rde, da� Ihr Ric, wenn er </strong><strong><emphasis>seine </emphasis></strong><strong>F�sser losschlug, das Geld f�r
sich behielt und, anstatt es an die Brennerei abzuf�hren - reine Hypothese,
nicht der geringste Beweis -, dann, in diesem Fall . . . �</strong></p><p><strong>Sie unterbrach ihn: �Als unsere Partnerschaft endete, war </strong><strong><emphasis>jeder </emphasis></strong><strong>Anleger im Besitz eines beglaubigten
Vertrags mit Zinsen vom Tag des Kaufs an. Jeder Penny, den wir entnahmen, wurde
p�nktlich beglichen.�</strong></p><p><strong>Bis jetzt war alles nur Anpirschen gewesen. Nun sah er sein Ziel
auftauchen, und er hielt stracks darauf zu. �Nicht </strong><strong><emphasis>p�nktlich, </emphasis></strong><strong>altes Haus�,
berichtigte er, w�hrend sie unverwandt in den vollen Teller starrte. �Diese
Abrechnungen wurden ein halbes Jahr </strong><strong><emphasis>nach </emphasis></strong><strong>dem F�lligkeitsdatum erstellt. Unp�nktlich. Das ist meiner Ansicht nach
ein sehr aufschlu�reicher Punkt. Frage: wer hat Ric freigekauft? Soviel uns
bekannt ist, war so ziemlich alle Welt hinter ihm her. Die Brennerei, die
Gl�ubiger, das Gericht, die Gemeinde. Jeder hatte schon das Messer f�r ihn
gewetzt. Dann, eines sch�nen Tages: </strong><strong><emphasis>p�ng! </emphasis></strong><strong>Anklagen zur�ckgezogen, Schatten der Kerkerst�be weichen. Wieso? Ric
war fix und fertig. Wer ist der rettende Engel? Wer hat seine Schulden
aufgekauft?�</strong></p><p><strong>W�hrend er redete, hatte sie den Kopf gehoben, und zu seinem Erstaunen
erhellte pl�tzlich ein strahlendes L�cheln ihre Z�ge, und schon winkte sie �ber
seine Schulter hinweg jemandem zu, den er nicht sehen konnte, bis er in den
Deckenspiegel blickte und den Schimmer eines stratoblauen Anzugs sah und einen
Kopf voller gutge�lter schwarzer Haare; und zwischen beidem sa� ein plattes
rundes Chinesengesicht auf m�chtigen Schultern, und zwei verschlungene H�nde
streckten sich im Ringergru� aus, w�hrend Lizzie ihn heranfl�tete:</strong></p><p><strong>�Mr. Tiu! Was f�r ein herrlicher Zufall. Das ist Mr. Tiu. Kommen Sie
r�ber. Probieren Sie das Beef. Es ist </strong><strong><emphasis>gro�artig. </emphasis></strong><strong>Mr. Tiu, das ist Jerry von der Fleet Street. Jerry, Mr. Tiu ist ein
sehr guter Freund, der ein bi�chen hilft, auf mich aufzupassen. Er macht ein
Interview mit mir, Mr. Tiu! Mit mir! Wahnsinnig aufregend. Alles �ber Vientiane
und einen armen Flieger, dem ich vor hundert Jahren einmal helfen wollte. Jerry
wei� alles �ber mich. Er ist ein Wunder!�</strong></p><p><strong>�Wir kennen uns bereits�, sagte Jerry und grinste breit. �Klar�, sagte
Tiu genauso begeistert, und als er das sagte, roch Jerry wiederum die vertraute
Duftmischung aus Mandeln und Rosenwasser, die seine einstige Frau so sehr
geliebt hatte. �Klar�, wiederholte Tiu. �Sie sind der Pferdeschreiber, okay?�</strong></p><p><strong>�Okay�, best�tigte Jerry und strapazierte sein L�cheln fast bis zum
Rei�en.</strong></p><p><strong>Hiermit schlug nat�rlich Jerrys Weltbild mehrere Purzelb�ume, und er
hatte nun eine ganze Menge Dinge zu beachten: zum Beispiel mu�te er den
Eindruck erwecken, �ber den ausgesprochen gl�cklichen Zufall von Tius
Auftauchen ebenso entz�ckt zu sein wie alle anderen; H�ndedr�cke tauschen, die
einem gegenseitigen Versprechen k�nftigen Einvernehmens glichen; einen Stuhl
heranziehen und Drinks bestellen, Beef, E�st�bchen und alles �brige. Aber was
ihn w�hrend aller dieser Verrichtungen wirklich besch�ftigte - was in seinem
Ged�chtnis so ausdauernd haften blieb wie die sp�teren Ereignisse es irgend
erlaubten -, hatte wenig mit Tiu oder dessen eiligem Erscheinen zu tun. Es war
Lizzies Gesichtsausdruck, als sie den eintretenden Tiu erblickte, den Bruchteil
einer Sekunde, ehe das Zusammenraffen allen Muts ihr das fr�hliche L�cheln
entrang. Er erkl�rte ihm besser als irgend etwas anderes die unvereinbaren
Widerspr�che, aus denen Lizzie zusammengesetzt war: ihre Gefangenentr�ume, ihre
entliehenen Pers�nlichkeiten, die wie Verkleidungen waren, in denen sie f�r
kurze Zeit ihrem Schicksal entrinnen konnte. Nat�rlich hatte sie Tiu
herbeigerufen: sie hatte keine Wahl. Er wunderte sich, wieso weder der Circus
noch er selber das vorhergesehen hatten. Die Ricardo-Story, ob wahr oder nicht,
war viel zu hei�, als da� das M�dchen alleine damit fertig werden konnte. Aber
der Ausdruck der grauen Augen, als Tiu das Restaurant betrat, zeigte nicht
Erleichterung, sondern Resignation: �wiedereinmal waren die T�ren hinter ihr
zugefallen, war der Spa� vorbei. �Wir sind wie diese verdammten Leuchtk�fer�,
hatte die Waise ihm einmal zugefl�stert, als sie sich w�tend �ber ihre Kindheit
auslie�, �schleppen das verdammte Feuer auf dem Buckel mit.� Operativ gesehen
war Tius Erscheinen, wie Jerry sofort erkannte, ein Geschenk des Himmel. Wenn
hier Informationen an Kos Adresse gelangen sollten, so war Tiu ein unendlich
geeigneterer Kanal daf�r, als Lizzie Worthington jemals zu sein erhoffen
durfte.</strong></p><p><strong>Sie war mit Tiu-K�ssen fertig und reichte ihn an Jerry weiter. �Mr.
Tiu, Sie sind mein Zeuge�, erkl�rte sie im Verschw�rerton. �Sie m�ssen sich
jedes Wort merken, das ich sage. Jerry, machen Sie einfach weiter, ganz als
w�re er gar nicht hier. Ich meine, Mr. Tiu ist verschwiegen wie das Grab, nicht
wahr, </strong><strong><emphasis>darling�, </emphasis></strong><strong>sagte sie und k��te ihn abermals. �Es ist so aufregend�, wiederholte sie,
und dann machten sie es sich zu einem freundschaftlichen Schwatz gem�tlich.</strong></p><p><strong>�Also, worauf sind Sie aus, Mr. Wessby?� erkundigte Tiu sich vollendet
liebensw�rdig, w�hrend er in sein Rindfleisch einhieb. �Sie sind
Pferdeschreiber, warum h�bsche M�dchen nicht in Ruhe lassen, okay?�</strong></p><p><strong>�Gute Frage, altes Haus! Gute Frage. Pferde viel sicherer, okay?� Sie
lachten alle drei ausgiebig, ohne einander anzusehen. Der Kellner stellte eine
halbe Flasche Black Label vor ihm auf den Tisch. Tiu entkorkte sie und
schn�ffelte kritisch daran, ehe er eingo�.</strong></p><p><strong>�Er ist auf </strong><strong><emphasis>Ricardo </emphasis></strong><strong>aus, Mr. Tiu, verstehen Sie das? Er glaubt, Ricardo sei am </strong><strong><emphasis>Leben. </emphasis></strong><strong>Ist das nicht wundervoll? Ich
meine, ich empfinde jetzt nicht die Spur mehr f�r Ric, nat�rlich nicht, aber es
w�re doch nett, ihn wieder bei uns zu haben. Denken Sie nur an die Party, die
wir geben k�nnten!�</strong></p><p><strong>�Hat Liese Ihnen das erz�hlt?� fragte Tiu und go� sich drei Finger hoch
Whisky ein. Hat sie ihnen erz�hlt, es gibt Ricardo noch?�</strong></p><p><strong>�Wer, alter Junge, sollnmir's erz�hlt haben? Hab' den Namen nicht
mitgekriegt.�</strong></p><p><strong>Tiu deutete mit einem E�st�bchen auf Lizzie. �Hat sie Ihnen erz�hlt, er
lebt? Dieser Pilot da? Dieser Ricardo? Hat Liese das gesagt?�</strong></p><p><strong>�Ich gebe meine Quellen nie preis, Mr. Tiu�, sagte Jerry ebenso
liebensw�rdig. �Journalistentrick. So sieht's aus, als h�tte man selbst was
rausgefunden�, erkl�rte er.</strong></p><p><strong>Tiu lachte aufs neue, aber Lizzie lachte noch lauter. Wieder verlie�
sie die Besonnenheit. Vielleicht kommt es vom Alkohol, dachte Jerry, oder
vielleicht hat sie's mit st�rkerem Tobak, und der Alkohol hat die Wirkung noch
erh�ht. Und wenn er mich noch einmal Pferdeschreiber nennt, k�nnte es sein, da�
mir der Gaul durchgeht.</strong></p><p><strong>Wiederum Lizzie, Salondame in einem Gesellschaftsst�ck: �Mr. Tiu,
Ricardo war ein </strong><strong><emphasis>Gl�ckspilz. </emphasis></strong><strong>Bedenken Sie nur, was er alles hatte. Indocharter, mich, alle Welt. Ich
war da und arbeitete f�r diese kleine Fluggesellschaft - reizende Chinesen,
Bekannte von Daddy -, und Ricardo war, wie alle diese Flieger, als
Gesch�ftsmann hoffnungslos. Geriet in </strong><strong><emphasis>gr��liche </emphasis></strong><strong>Schulden� - eine Handbewegung bezog Jerry in die Szene mit ein -, �mein
Gott, er hat sogar versucht, </strong><strong><emphasis>mich </emphasis></strong><strong>in eines von seinen Projekten hineinzuziehen, k�nnen Sie sich das
vorstellen! Whisky verkaufen, also bitte. Und pl�tzlich fanden meine reizenden
n�rrischen chinesischen Freunde, da� sie noch einen Charter-Piloten brauchten.
Sie beglichen seine Schulden, setzten ihm ein Gehalt aus, gaben ihm eine alte
Kiste zu fliegen -�</strong></p><p><strong>Nun tat Jerry den ersten von mehreren nicht mehr r�ckg�ngig zu
machenden Schritten:</strong></p><p><strong>�Als Ricardo verscholl, flog er keine alte Kiste. Er flog eine
nagelneue Beechcraft�, berichtigte er sie mit voller �berlegung. �Indocharter
hatte nie eine Beechcraft im Besitz. Auch heute nicht. Mein Redakteur hat das
alles genau nachgepr�ft, fragen Sie mich nicht, wie Indocharter hat nie eine
Beechcraft gemietet, nie eine gepachtet, nie eine durch Absturz verloren.� Tiu
mu�te wieder schallend lachen.</strong></p><p><strong>Tiu </strong><strong><emphasis>ist ein eiskalter Bischof, Eminenz, </emphasis></strong><strong>hatte Craw gewarnt. </strong><strong><emphasis>Hat Monsignore
Kos Di�zese in San Francisco f�nf Jahre lang mit beispielhafter T�chtigkeit
geleitet, und das Schlimmste, was die Rauchgiftzwerge ihm anh�ngen konnten,
war, da� er an einem Feiertag seinen Rolls-Royce gewaschen hat.</emphasis></strong></p><p><strong>�Heh, Mr. Wessby, vielleicht hat Lizzie eine f�r sie geklaut!� rief Tiu
mit seinem halb amerikanischen Akzent. �Vielleicht ist sie nachts losgezogen
und hat Flugzeuge von anderen Gesellschaften geklaut.�</strong></p><p><strong>�Mr. Tiu, das ist aber sehr garstig von Ihnen!� schalt Lizzie. �Wie
gef�llt Ihnen das, Pferdeschreiber? Wie?� Die Heiterkeit an ihrem Tisch hatte
jetzt eine f�r drei Personen so ungew�hnliche Lautst�rke erreicht, da� sich
mehrere K�pfe neugierig nach ihnen umdrehten. Jerry sah sie in den Spiegeln, wo
er schon beinah erwartete, Ko h�chstpers�nlich zu erblicken, wie er mit seinem
krummbeinigen Seemannsgang durch die Bambust�r auf sie zugewatschelt kam.
Lizzie plapperte unbesonnen weiter.</strong></p><p><strong>�Oh, es war ein richtiges M�rchen! In einem Augenblick hat Ric kaum
noch genug zu essen </strong><strong><emphasis>und </emphasis></strong><strong>schuldete uns allen Geld, Charlies Ersparnisse, mein Nadelgeld von
Daddy. Ric hat uns praktisch alle an den Bettelstab gebracht. Nat�rlich geh�rte
unser Geld ganz selbstverst�ndlich auch ihm. Und dann, ehe wir's uns versahen,
hatte Ric Arbeit, war schuldenfrei, das Leben war wieder ein Fest. Alle die anderen
armen Piloten sa�en auf Grund, und Ric und Charlie flogen �berall herum, wie .
. . �</strong></p><p><strong>� . . . wie die Fliegenpilze�, schlug Jerry vor, worauf Tiu sich vor
Lachen so sehr kr�mmte, da� er sich an Jerrys Schulter klammern mu�te, um nicht
unter den Tisch zu fallen - w�hrend Jerry das unbehagliche Gef�hl hatte, als
sollte ihm f�r das Messer Ma� genommen werden.</strong></p><p><strong>�Heh, das ist aber gut! Fliegenpilze! Gef�llt mir. Lustiger Bursche
sind Sie, Pferdeschreiber!�</strong></p><p><strong>Genau an dieser Stelle und unter dem Druck von Tius fr�hlichen
Unversch�mtheiten leistete Jerry ausgezeichnete Arbeit. Die beste, sagte Craw
sp�ter. Er �berging Tiu v�llig und griff den Namert auf, den Lizzie gerade
erw�hnt hatte. �Tja, was ist �brigens aus dem guten alten Charlie geworden,
Lizzie?� fragte er, obwohl er keine Ahnung hatte, wer Charlie sein mochte. �Was
ist aus ihm geworden, nachdem Ric auf offener B�hne verschwand? Sagen Sie blo�
nicht, er ist auch mit seinem Schiff untergegangen.�</strong></p><p><strong>Wiederum entschwand sie auf einer neuen Woge der Geschw�tzigkeit, und
Tiu geno� offensichtlich alles, was er h�rte, kicherte und nickte und gluckste,
w�hrend er a�.</strong></p><p><strong>Er will den Spielstand feststellen, dachte Jerry. Dieser Gauner ist
nicht eigens hierhergekommen, um Lizzie an die Kandare zu legen. </strong><strong><emphasis>Ich </emphasis></strong><strong>mache ihm Sorgen, nicht sie.</strong></p><p><strong>�Oh, Charlie ist unverw�stlich, </strong><strong><emphasis>absolut </emphasis></strong><strong>unsterblich�, erkl�rte Lizzie, und wiederum mu�te Tiu herhalten.
�Charlie </strong><strong><emphasis>Marshall, </emphasis></strong><strong>Mr. Tiu�, kl�rte sie ihn auf. �Ach, Sie sollten ihn kennen, ein
phantastischer Halbchinese, nur Haut, Knochen und Opium und ein ausgesprochen
fabelhafter Pilot. Sein Vater ist ein alter Kuomintang, ein schrecklicher
Brigant und lebt droben in den Shan-Staaten. Seine Mutter war eine arme junge
Korsin - sie wissen, da� die Korsen </strong><strong><emphasis>scharenweise </emphasis></strong><strong>nach Indochina kamen -, aber er ist wirklich absolut einmalig. Wissen
Sie, warum er sich Marshall nennt? Sein Vater wollte ihm nicht seinen eigenen
Namen geben. Also was tut unser Charlie? Legt sich statt dessen den h�chsten Dienstrang
in der Army zu. &gt;Mein Dad ist General, aber ich bin Marschall&lt;, sagte er
immer. Ist das nicht drollig? Und </strong><strong><emphasis>weit </emphasis></strong><strong>besser als </strong><strong><emphasis>Admiral, </emphasis></strong><strong>w�rde ich meinen.�</strong></p><p><strong>�Super�, pflichtete Jerry bei. �Gro�artig. Charlie ist ein toller
Bursche.�</strong></p><p><strong>�Liese ist selber ziemlich einmalig, Mr. Wessby�, bemerkte Tiu
gro�z�gig, und Jerry lie� nicht locker, bis sie darauf tranken - auf Lieses
Einmaligkeit.</strong></p><p><strong>�Heh, was soll eigentlich immer dieses Liese?� fragte Jerry, als er
sein Glas absetzte. �Sie hei�en doch Lizzie. Wer ist diese Liese? Mr. Tiu, ich
kenne die Dame nicht. Warum weihen Sie mich nicht ein?�</strong></p><p><strong>Hier wandte Lizzie sich endg�ltig hilfesuchend an Tiu, aber Tiu hatte
sich etwas aus rohem Fisch bestellt und a� hastig und hingebungsvoll.</strong></p><p><strong>�Manche Pferdeschreiber fragen verdammt viel�, �u�erte er mampfend.</strong></p><p><strong>�Neue Stadt, neues Blatt, neuer Name�, sagte Lizzie endlich mit wenig
�berzeugendem L�cheln. �Ich wollte Abwechslung, also habe ich mir einen neuen
Namen zugelegt. Manche Frauen legen sich eine neue Frisur zu, ich lege mir
einen neuen Namen zu.�</strong></p><p><strong>�Haben Sie sich auch einen neuen Freund zugelegt?� fragte Jerry. Sie
sch�ttelte mit niedergeschlagenen Augen den Kopf, w�hrend Tiu eine Lachsalve
loslie�.</strong></p><p><strong>�Was ist los mit dieser Stadt, Mr. Tiu?� fragte Jerry und suchte
instinktiv, sie zu decken, �{find die Burschen hier alle blind geworden oder
was? Mein Gott, ich w�rde Kontinente durchqueren f�r sie, Sie etwa nicht? Egal,
wie sie sich nennt, wie?�</strong></p><p><strong>�Ich gehe von Kaulun nach Hongkong, nicht weiter!� sagte Tiu, riesig
belustigt �ber seinen eigenen Witz. �Oder ich bleibe in Kaulun und ruf sie an,
sie soll f�r eine Stunde zu mir kommen!� Worauf Lizzies Augen niedergeschlagen
blieben, und Jerry dachte, es m��te ein Hauptspa� sein, bei einer anderen
Gelegen- heit, wenn sie alle mehr Zeit h�tten, Tius fettes Genick an mehreren
Stellen zu brechen.</strong></p><p><strong>Nur leider hatte ihm Craw nicht auf die Einkaufsliste geschrieben, da�
er Tiu das Genick brechen solle.</strong></p><p><strong><emphasis>Das Geld, </emphasis></strong><strong>hatte Craw gesagt. Im </strong><strong><emphasis>richtigen Moment zapfen Sie ein Ende der Goldader an, das ist dann Ihr
gro�es Finale.</emphasis></strong></p><p><strong>Also, brachte er sie auf das Thema Indocharter. Wer waren diese Leute,
hatte sie gern f�r die Firma gearbeitet? Sie sprang so prompt darauf an, da� er
sich fragte, ob ihr am Ende dieses Leben auf des Messers Schneide mehr Spa�
gemacht habe als er sich vorstellte.</strong></p><p><strong>�Oh, es war ein phantastisches Abenteuer, Jerry! Sie k�nnen es sich
nicht im Traum vorstellen, das schw�re ich Ihnen.� Wiederum Ries
multinationaler Akzent: </strong><strong><emphasis>�Fluggesellschaft:
</emphasis></strong><strong>allein schon das Wort ist so absurd. Ich meine, Sie
d�rfen dabei nicht an ihre funkelnagelneuen Flugzeuge denken und ihre
bezaubernden Stewardessen und Champagner und Kaviar oder dergleichen, keine
Spur. Das war Arbeit. Das war Pionierarbeit, und das hat mich in allererster
Linie dazu hingezogen. Ich h�tte </strong><strong><emphasis>ohne weiteres </emphasis></strong><strong>von Daddys Geld leben k�nnen oder vom Geld meiner Tanten, ich meine,
gl�cklicherweise bin ich absolut unabh�ngig, aber wer kann der Herausforderung
widerstehen? Unser Grundstock waren ein paar schauderhafte alte DC </strong>3, <strong><emphasis>buchst�blich </emphasis></strong><strong>mit Bindfaden
und Kaugummi zusammengehalten. Wir mu�ten sogar die Zulassungsbescheinigungen </strong><strong><emphasis>kaufen. </emphasis></strong><strong>Niemand wollte sie ausstellen.
Danach flogen wir buchst�blich alles: Hondas, Gem�se, Schweine. Oh, die Jungens
hatten solche Geschichten mit diesen armen Schweinen. Sie sind ausgebrochen,
Jerry. Kamen in die Erste Klasse, sogar in die Pilotenkabine, stellen Sie sich
vor!�</strong></p><p><strong>�Wie Passagiere�, erkl�rte Tiu mit vollem Mund. �Sie fliegt
erstklassige Schweine, okay, Mr. Wessby?�</strong></p><p><strong>�Welche Routen?� fragte Jerry, nachdem sie sich von ihrem Lachen erholt
hatten.</strong></p><p><strong>�Da sehen Sie, wie er mich ausfragt, Mr. Tiu. Ich wu�te gar nicht, da�
ich so ber�hmt bin! So geheimnisvoll! Wir flogen �berall hin, Jerry. Bangkok,
manchmal Kambodscha, Battambang, Phnom Penh, Kampong Cham, wenn es offen war.
�berall hin. An gr��liche Orte.�</strong></p><p><strong>�Und wer waren Ihre Kunden? H�ndler, Pendler? Wer waren die
Stammkunden?�</strong></p><p><strong>�Einfach jeder,� den wir kriegen konnten. Jeder, der bezahlen konnte.
Am liebsten im voraus nat�rlich.�</strong></p><p><strong>Tiu legte eine kleine E�pause ein, um ein bi�chen Konversation zu machen.</strong></p><p><strong>�Ihr Vater ein gro�er Lord, okay, Mr. Wessby?�</strong></p><p><strong>�Mehr oder weniger�, sagte Jerry.</strong></p><p><strong>�Lords sind ziemlich reiche Burschen. Warum m�ssen Sie Pferdeschreiber
sein, okay?�</strong></p><p><strong>Ohne auf Tius Geschw�tz zu achten, spielte Jerry seine Trumpfkarte aus
und machte sich darauf gefa�t, da� der Deckenspiegel auf ihren Tisch
herunterkrachen w�rde.</strong></p><p><strong>�Es wird gemunkelt, Ihre Leute h�tte irgendeinen Kontakt zu der
dortigen russischen Botschaft gehabt�, sagte er leichthin und ausschlie�lich zu
Lizzie. �Ist da was Wahres dran, altes Haus? Irgendwelche Roten unterm Bett,
wenn man fragen darf?� Tiu besch�ftigte sich angelegentlich mit seinem Reis; er
hielt die Schale unters-Kinn und schaufelte ohne Unterla� ein. Aber diesmal
warf Lizzie ihm bezeichnenderweise nicht einmal einen fl�chtigen Blick zu.</strong></p><p><strong><emphasis>�Russen?� </emphasis></strong><strong>echote sie verwirrt. �Warum um
alles in der Welt sollten Russen zu </strong><strong><emphasis>uns </emphasis></strong><strong>kommen? Sie hatten ihre regelm��igen Aeroflot-Fl�ge von und nach
Vientiane einmal pro Woche.� Er h�tte geschworen, damals und sp�ter, da� sie
die Wahrheit sprach. Aber er gab sich trotzdem nicht ganz zufrieden: �Auch
keine </strong><strong><emphasis>lokalen </emphasis></strong><strong>Fl�ge?� bohrte er weiter. �Botenfl�ge, Kurierdienste oder irgend sonst
etwas?�</strong></p><p><strong>�Niemals. Wie h�tten wir das gekonnt? Au�erdem, die Chinesen </strong><strong><emphasis>hassen </emphasis></strong><strong>doch die Russen, nicht wahr, Mr.
Tiu?�</strong></p><p><strong>�Russen ziemlich schlechte Leute, Mr. Wessby�, pflichtete Tiu bei. �Sie
riechen ziemlich schlecht.�</strong></p><p><strong><emphasis>Du aucK </emphasis></strong><strong>dachte Jerry, dem aufs neue der
Mandeln- und Rosen-Duft der Ersten Gattin in die Nase stieg. Jerry lachte �ber
seine eigene Albernheit: �Ich habe Redakteure, wie andere Leute Magenweh
haben�, entschuldigte er sich. �Der meine ist </strong><strong><emphasis>�berzeugt, </emphasis></strong><strong>da� wir ein
paar Rote unterm Bett hervorholen k�nnten. �Ricardos sowjetische Zahlmeister�.
Hat Ricardo mal Zwischenlandung im Kreml gemacht?�</strong></p><p><strong>�</strong><strong><emphasis>Zahlmeister?� </emphasis></strong><strong>wiederholte Lizzie h�chlichst verbl�fft. �Ric erhielt nie auch nur
einen Penny von den Russen. Wovon reden ihre Leute eigentlich?�</strong></p><p><strong>Wiederum Jerry: �Indocharter aber schon, nicht wahr? - Es sei denn,
meine Herren und Meister w�ren einer Ente aufgesessen, so wird's sein, wie
�blich. Indocharter habe Geld von der dortigen Botschaft erhalten und es in
Form von US-Dollar hinunter nach Hongkong gepumpt: das behaupten sie in Loidoi
, und davon wollen sie nicht abgehen.�</strong></p><p><strong>�Die sind verr�ckt�, sagte das M�dchen �berzeugt. �Ich habe nie solchen
Unsinn geh�rt.�</strong></p><p><strong>Jerry erschien sie sogar erleichtert dar�ber, da� die Unterhaltung eine
so unwahrscheinliche Wendung genommen hatte. Ricardo noch am Leben - da bewegte
sie sich auf einem Minenfeld. Ko ihr Liebhaber - es lag bei Ko oder bei Tiu, ob
er dieses Geheimnis preisgeben wollte, nicht bei ihr. Aber russisches Geld?
Jerry war so �berzeugt, wie er es irgend sein konnte, da� sie nichts davon
wu�te und nichts davon bef�rchtete.</strong></p><p><strong>Er schlug vor, mit ihr nach Star Heights zur�ckzufahren. Aber sie sagte,
Tiu m�sse sowieso in diese Richtung.</strong></p><p><strong>�Auf recht baldiges Wiedersehen, Mr. Wessby�, versprach Tiu.</strong></p><p><strong>�Freu mich schon, altes Haus�, sagte Jerry.</strong></p><p><strong>�Sie wollen Pferdeschreiber bleiben, ja? Ich meine, so verdienen Sie
mehr Geld, Mr. Wessby, okay?� In seiner Stimme lag keine Drohung, auch nicht in
der freundschaftlichen Art, in derer Jerry einen Klaps auf den Oberarm
versetzte. Tiu sprach nicht einmal so, als erwarte er, da� sein Wort hier mehr
Gewicht haben w�rde als ein Wort unter Freunden.</strong></p><p><strong>Pl�tzlich war es vorbei. Sie k��te den Oberkellner, aber nicht Jerry.
Sie schickte Jerry, nicht Tiu nach ihrem Mantel, so da� sie nicht mit ihm
allein war. Sie sah ihn kaum an, als sie sich verabschiedeten.</strong></p><p><strong><emphasis>Gesch�fte mit sch�nen Frauen, Ehrw�rden, </emphasis></strong><strong>hatte Craw gewarnt, </strong><strong><emphasis>sind �hnlich
wie Gesch�fte mit bekannten Kriminellen, und die Dame, an die Sie sich jetzt
heranmachen werden, f�llt zweifellos in diese Kategorie. </emphasis></strong><strong>Als Jerry durch die mondhellen Stra�en nach Hause wanderte - trotz des
langen Wegs, der Bettler, der Augen in den T�rnischen -, nahm er Craws
Ausspruch genauer unter die Lupe. �ber </strong><strong><emphasis>kriminell </emphasis></strong><strong>konnte er sich beim besten Willen nicht entscheiden; </strong><strong><emphasis>kriminell </emphasis></strong><strong>schien eine ziemlich variable
Gr��e zu sein, selbst in den besten Zeiten, und weder der Circus noch seine
Agenten waren berufen, ein Kirchspielkonzept von Gesetz und Ordnung zu pflegen.
Craw hatte ihm erz�hlt, da� Ricardo sie in flauen Zeiten mit kleinen P�ckchen �ber
die Grenze geschickt habe. Gro�e Sache. �berla� sie den Eulen. </strong><strong><emphasis>Bekannte </emphasis></strong><strong>Kriminelle jedoch war etwas ganz
anderes. Mit </strong><strong><emphasis>bekannt </emphasis></strong><strong>w�rde er unbedingt einverstanden sein. Als er an den gejagten Blick
dachte, mit dem Elizabeth Worthington Tiu angestarrt hatte, kam er zu dem
Schlu�, er m�sse dieses Gesicht, diesen Blick und diese Hilflosigkeit in der
einen oder anderen Verkleidung schon die meiste Zeit seines bewu�ten Lebens
gekannt haben.</strong></p><p><strong>Gewisse unbedeutende Kritiker George Smileys raunen gelegentlich, er h�tte
an diesem Wendepunkt irgendwie sehen m�ssen, woher bei Jerry der Wind blies und
ihn unverz�glich zur�ckbeordern. Schlie�lich war Smiley im Endeffekt Jerrys
Einsatzleiter. Er allein f�hrte Jerrys Akte, betreute und instruierte ihn. W�re
er damals noch in Hochform gewesen, sagen sie, und nicht schon auf dem
absteigenden Ast, so h�tte er die Warnsignale zwischen den Zeilen von Craws
Berichten lesen k�nnen und Jerry beizeiten abgezogen. Genausogut h�tten sie
beanstanden k�nnen, er sei blo� ein zweitklassiger Wahrsager. Die Fakten, so
wie sie an Smiley gelangten, waren folgende:</strong></p><p><strong>Am Morgen nach Jerrys </strong><strong><emphasis>Nummer </emphasis></strong><strong>mit Lizzie Worthington - der Ausdruck hat keinen sexuellen Nebensinn -
lie� Craw sich von Jerry �ber drei Stunden lang bei einem Autotreff berichten,
und Craws Meldung beschreibt Jerrys Verfassung als, wie durchaus verst�ndlich,
�antiklimaktischen Katzenjammer�. Er f�rchte anscheinend, sagte Craw, da� Tiu
oder sogar Ko dem M�dchen die Schuld an ihrer �Mitwisserschaft� geben und sogar
Hand an sie legen k�nnten. Jerry habe mehr als einmal Tius offenkundige
Verachtung f�r das M�dchen - und f�r ihn selber und vermutlich f�r alle
Europ�er - erw�hnt und Tius Bemerkung wiederholt, wonach er ihretwegen von
Kaulun nach Hongkong reisen w�rde, aber nicht weiter. Craw habe Jerry
entgegengehalten, da� Tiu sie jederzeit h�tte zum Schweigen bringen k�nnen und
da� ihr Wissen sich, laut Jerrys eigener Aussage, nicht einmal bis zu der
russischen Goldader erstrecke, ganz zu schweigen von Bruder Nelson.</strong></p><p><strong>Kurzum, Jerry zeigte die klassischen post-operativen Symptome eines
Au�enagenten. Eine Art Schuldgef�hl, gepaart mit b�sen Ahnungen, eine
unwillk�rliche Hinwendung zur Zielperson: alles so vorhersehbar wie der
Tr�nenausbruch eines Sportlers nach dem gro�en Rennen.</strong></p><p><strong>Bei ihrer n�chsten F�hlungnahme - einem ausgedehnten Kassiberverkehr
per Telefon an Tag zwei, in dessen Verlauf Craw, um Jerry aufzumuntern, ihm
Smileys w�rmste pers�nliche Gl�ckw�nsche �bermittelte, obwohl sie damals vom
Circus noch nicht eingegangen waren - h�rte Jerry sich insgesamt besser an,
machte sich allerdings Sorgen um seine Tochter Cat. Er habe ihren Geburtstag
verpa�t - der morgen sei, sagte er - und bitte darum, da� der Circus ihr sofort
einen japanischen Kassettenrecorder schicke, dazu einen Schwung Kassetten, als
Grundstock f�r eine Sammlung. Craws Telegramm an Smiley benennt die Kassetten
und ersucht um augenblickliche Erledigung durch die Housekeepers, und bittet
ferner darum, da� die Schusterwerkstatt - mit anderen Worten die F�lscher des
Circus - eine Begleitkarte in Jerrys Handschrift fabrizieren m�ge, Text anbei:
�Liebste Cat. Bat einen Freund, dieses P�ckchen in London aufzugeben. Pa� gut
auf Dich auf, mein Liebstes, und sei herzlich gegr��t, jetzt und immer, Pa.�
Smiley genehmigte den Kauf, instruierte die Housekeepers, die Kosten direkt von
Jerrys Sal�r abzuziehen. Er pr�fte das Paket pers�nlich, ehe es abging, und
billigte die gef�lschte Karte. Er stellte ferner fest, was er und Craw bereits
geargw�hnt hatten, da� Cats Geburtstag weder jetzt noch in naher Zukunft war.
Jerry hatte einfach das Bed�rfnis gehabt, jemandem etwas Liebes zu tun: auch
dies ein normales Symptom zeitweiliger Dienstm�digkeit. Smiley kabelte an Craw,
er solle Jerry nicht aus den Augen lassen, aber die Initiative lag bei Jerry,
und Jerry meldete sich erst wieder am Abend von Tag f�nf, als er einen
Blitztreff innerhalb der n�chsten Stunde forderte und bekam. Dieser Treff fand,
wie immer nach Einbruch der Dunkelheit, in einer Rastst�tte in den New
Territories statt, die Tag und Nacht ge�ffnet war. Zuf�llige Begegnung zweier
alter Kollegen. Craws Brief mit dem Vermerk �Pers�nlich nur an Smiley� war die
Erg�nzung zu seinem Telegramm. Er gelangte durch den Kurier der Vettern zwei
Tage nach der darin beschriebenen Episode in den Circus, also am Tag sieben.
Craw hatte ihn, in der Annahme, da� die Vettern alles tun w�rden um den Text
trotz Siegel und anderer Vorrichtungen zu lesen, mit Umschreibungen, Arbeitsnamen
und Deckw�rtern gespickt, die hier im Klartext wiedergegeben sind:</strong></p><p><strong><emphasis>Westerby war sehr �rgerlich. Er wollte zum Teufel wissen, was Sam
Collins in Hongkong zu suchen habe und inwiefern Collins in den Fall Ko
verwickelt sei. Ich habe ihn noch nie so aufgebracht gesehen. Ich fragte ihn,
wie er darauf komme, da� Collins in der Gegend sei. Er antwortete, er habe ihn
an diesem Abend gesehen - genau um elf Uhr f�nfzehn -, wie er in einem
geparkten Auto in den Midlevels gesessen habe, auf einer ansteigenden Stra�e
direkt unterhalb von Star Heights, unter einer Stra�enlaterne, und eine Zeitung
las. Von dem Standplatz, den Collins gew�hlt habe, sagte Westerby, habe er
Lizzie Worthingtons Fenster im achten Stock direkt �bersehen k�nnen, und
Westerby sei der Meinung, Sam betreibe irgendeine Art von Beschattung.
Westerby, der damals zu Fu� unterwegs war, versichert, er w�re �verdammt um ein
Haar zu Sam hingegangen, um ihn geradeheraus zu fragen�. Aber die
Sarratt-Disziplin hatte gehalten, und er marschierte weiter h�gelab und blieb
auf seiner Stra�enseite. Aber er behauptet steif und fest, Collins habe, sobald
er ihn sah, den Motor gestartet und sei bergauf davongebraust. Westerby hat die
Zulassungsnummer, und sie stimmt nat�rlich. Das �brige best�tigt Collins.</emphasis></strong></p><p><strong><emphasis>Gem�� unserer diesbez�glichen Absprache (Ihr Telegramm vom </emphasis></strong>15. <strong><emphasis>Febr.) gab ich Westerby folgende Antworten:</emphasis></strong></p><p><strong><emphasis>1) Selbst wenn es Collins gewesen sein sollte, so habe der Circus
nichts damit zu tun. Collins habe den Circus vor dem S�ndenfall unter nicht
n�her bekannten Umst�nden verlassen, er sei als Spieler, Vagant, Traffikant
etc. bekannt, und der Ferne Osten sei schon immer sein Bet�tigungsfeld gewesen.
Ich sagte zu Westerby, er sei ein Vollidiot, wenn er glaube, da� Collins noch
immer auf der Gehaltsliste stehe oder sogar irgendwie am Fall Ko beteiligt sei.</emphasis></strong></p><p><strong><emphasis>2) Collins ist von der Physiognomie her ein </emphasis></strong><strong>Typus, </strong><strong><emphasis>sagte ich: regelm��ige Z�ge,
Schnurrb�rtchen, etc., sehe aus wie f�nfzig Prozent aller Zuh�lter in London.
Ich bezweifele, ob Westerby ihn �ber die Fahrbahn hinweg um ein Viertel nach
elf Uhr nachts wirklich mit Sicherheit habe identifizieren k�nnen. Worauf
Westerby erwiderte, sein Sehverm�gen sei 1A, und Sam habe die Zeitung auf der
Rennseite aufgeschlagen gehabt. </emphasis></strong>3 <strong>J </strong><strong><emphasis>Und �berhaupt, so fragte ich, was habe
Westerby selber um ein Viertel nach elf Uhr nachts in der Gegend von Star
Heights herumzubummeln gehabt. Antwort: er sei von einem Gl�schen mit der
UPI-Bande gekommen und habe gehofft, ein Taxi zu erwischen. Hierauf tat ich
emp�rt und sagte, niemand, der bei einer UPI-Sauferei gewesen sei, k�nne auf
f�nf Schritt einen Elefanten ausmachen und schon gar nicht Sam Collins auf
f�nfundzwanzig, in einem Auto, in stockfinsterer Nacht. Damit w�re es
ausgestanden - hoffentlich.�</emphasis></strong></p><p><strong>Da� Smiley �ber diesen Zwischenfall ernstlich beunruhigt war, versteht
sich von selbst. Nur vier Leute wu�ten von der Collins-Sache: Smiley, Connie
Sachs, Craw und Sam selber. Da� Jerry ihn zuf�llig entdeckt haben konnte,
lieferte zus�tzlichen Grund zur Besorgnis bei einer Operation, die ohnehin
schon voller Unw�gbarkeiten steckte. Aber Craw war geschickt, und Craw glaubte,
Jerry die Grillen ausgeredet zu haben, und Craw war der Mann vor Ort. H�chstens
h�tte es noch die M�glichkeit gegeben, aber nur in einer absolut perfekten
Welt, da� Craw es sich h�tte angelegen sein lassen, nachzupr�fen, ob in jener
Nacht wirklich in den Midlevels eine UPI-Party stattgefunen habe - und dann
erfahren h�tte, da� dies nicht der Fall war und sich daraufhin Jerry nochmals
vorgenommen und ihn seine Anwesenheit in der Gegend von Star Heights h�tte
erkl�ren lassen, und in diesem Fall h�tte Jerry vermutlich einen Wutanfall
gekriegt und irgendeine neue Geschichte aufgetischt, die nicht nachpr�fbar
gewesen w�re: da� er zum Beispiel mit einer Frau zusammengewesen sei und da�
Craw sich um seinen eigenen Dreck k�mmern solle. Woraus nichts weiter
resultiert h�tte als unn�tig b�ses Blut und im �brigen die gleiche
Entweder-oder-Situation wie zuvor. Es ist gleichfalls verlockend, aber
unvern�nftig, von Smiley, auf dem schon so viele Probleme lasteten - die
fortgesetzte und nicht endenwollende Suche nach Nelson, t�gliche Sitzungen mit
den Vettern, Nachhutgefechte in den Whitehall-Korridoren -, zu erwarten, da� er
die Parallele zu seiner eigenen Erfahrung der Einsamkeit hergestellt h�tte:
n�mlich da� Jerry, dem an jenem Abend weder nach Schlaf noch nach Geselligkeit
zumute war, durch die n�chtlichen Stra�en wanderte, bis er sich vor dem
Wohnblock fand, in dem Lizzie lebte, und dort herumstrich, genau wie Smiley es
bei seinen eigenen Nachtwanderungen tat, ohne genau zu wissen, was er wollte,
au�er der minimalen Chance, einen Blick auf sie zu erhaschen.</strong></p><p><strong>Der Strom der Ereignisse, auf dem Smiley dahingetrieben wurde, war viel
zu m�chtig, um dergleichen ausgefallene Abstraktionen zuzulassen. Nicht nur
versetzte der achte Tag, als er herangekommen war, den Circus tats�chlich in
den Kriegszustand: es ist auch die verzeihliche Eitelkeit der Einsamen in aller
Welt, zu glauben, sie h�tten keine Leidensgenossen.</strong></p><empty-line/><p><emphasis>Der achte
Tag </emphasis></p><empty-line/><p><strong>Die heitere Stimmung auf der f�nften Etage war eine gro�e Erleichterung
nach der Niedergeschlagenheit des letzten Meetings. Honigmond der W�hlm�use,
nannte es Guillam, und heute abend war der H�hepunkt, ein kleinerer
Sternenschauer der Erf�llung, und er erfolgte, nach der Chronologie, die den
Dingen sp�ter von den Historikern angekleistert wurde, genau acht Tage nachdem
Jerry und Lizzie und Tiu ihren umfassenden und offenen Meinungsaustausch �ber
die Themen Tiny Ricardo und russische Goldader gehabt hatten - zum gro�en
Entz�cken der Planer im Circus. Guillam hatte Molly listig eingeschleust. Sie
hatten in allen Richtungen gegraben, diese schattenhaften Nachtgesch�pfe, waren
alten und neuen Wegen und l�ngst �berwachsenen Pfaden gefolgt, die es neu zu
entdecken galt; und jetzt dr�ngten sie sich alle zw�lf endlich, hinter ihren
beiden Anf�hrern Connie Sachs alias M�tterchen Ru�land und dem unergr�ndlichen
di Salis, alias Doc, im Thronsaal zusammen, unter Karlas Portr�t, wo sie einen
untert�nigen Halbkreis um ihren Chef bildeten, </strong><strong><emphasis>Bolschis </emphasis></strong><strong>und </strong><strong><emphasis>Gelbe Gefahren </emphasis></strong><strong>br�derlich
vereint. Also eine Plenarsitzung; und f�r jeden, dem ein solches dramatisches
Ereignis neu war, wirklich ein Markstein der Geschichte. Und Molly sa� gesittet
an Guillams Seite, das Haar lang herabh�ngend, um die Bi�male an ihrem Hals zu
verbergen.</strong></p><p><strong>di Salis redet am meisten. Die anderen R�nge finden das in Ordnung.
Schlie�lich ist Nelson Ko ausschlie�lich die Dom�ne des Doc: Chinesisch bis zu
den �rmelb�ndchen seines Gewands. Der Doc beherrscht sich �bermenschlich -
Ellbogen, Knie, F��e, fuchtelnde Finger, alles h�lt ausnahmsweise beinahe
still, und er bringt seine Sache so unterk�hlt und beinahe mi�billigend vor,
da� die unerbittliche Klimax entsprechend aufregender ist. Und diese Klimax hat
sogar einen Namen. Er lautet Schenghsiu alias Ko, Nelson, sp�ter auch bekannt
als Yao Kaischeng, unter welchem Namen er dann w�hrend der Kulturrevolution in
Ungnade fiel.</strong></p><p><strong>�Aber innerhalb dieser Mauern, Gentlemen�, piepst der Doc, f�r den das
weibliche Geschlecht inexistent ist, �werden wir ihn weiterhin Nelson nennen.�</strong></p><p><strong>Geboren </strong>1928 <strong>in Swatow in
�rmlichen proletarischen Verh�ltnissen - um die offiziellen Quellen zu
zitieren, sagt der Doc - und bald darauf nach Schanghai �bersiedelt. Keine
Erw�hnung, weder in offiziellen noch in inoffiziellen Verlautbarungen, von Mr.
Hibberts Missionsschule &gt;Lord's Life&lt;, nur ein betr�bter Hinweis auf
�Ausbeutung durch westliche Imperialisten in der Kindheit�, die ihn mit
Religion vergifteten. Als die Japaner nach Schanghai kamen, schlo� Nelson sich
dem Fl�chtlingstreck nach Tschung-king an, genau wie Mr. Hibbert berichtet
hatte. Von Jugend an widmete Nelson sich, dies wiederum laut offizieller
Unterlagen, f�hrt der Doc fort, insgeheim fruchtbaren revolution�ren Studien
und beteiligte sich an verbotenen kommunistischen Gruppen, ungeachtet der
Unterdr�ckung durch den hassenswerten Tschiang-Kaischeck-P�bel. Auf der Flucht
versuchte er auch �bei mehreren Gelegenheiten, sich zu Mao abzusetzen, aber es
mi�lang wegen seiner gro�en Jugend. Nach seiner R�ckkehr nach Schanghai wurde
er bereits als Student ein f�hrendes Mitglied der illegalen kommunistischen
Bewegung und �bernahm Sondereins�tze in den Werften von Kiangnan und Umgebung,
um den verderblichen Einflu� von faschistischen Kuomintang-Elementen zu
unterh�hlen. An der University of Communications erlie� er einen �ffentlichen
Aufruf zur Schaffung einer gemeinsamen Front von Studenten und Bauern.
Abschlu�examen mit Auszeichnung im Jahr </strong>1951 . . . �</p><p><strong>Hier unterbricht sich di Salis, wirft in j�hem Nachlassen der Spannung
einen Arm hoch und packt den Haarschopf in seinem Nacken.</strong></p><p><strong>�Das �bliche schw�lstige Portr�t des erleuchteten Studentenhelden,
Chef, der seiner Zeit voraus ist�, singt er. �Was ist mit Leningrad?� fragt
Smiley, der am Schreibtisch sitzt und sich Notizen macht.</strong></p><p><strong>�Neunzehnhundertdreiundf�nfzig bis sechsundf�nfzig.�</strong></p><p><strong>�Ja, Connie?�</strong></p><p><strong>Connie sitzt wieder in ihrem Rollstuhl. Die Schuld daran gibt sie dem
Eismonat und dieser Kr�te Karla.</strong></p><p><strong>�Wir haben einen Bruder Bretlew, </strong><strong><emphasis>darling. </emphasis></strong><strong>Bretlew, Iwan Iwanowitsch, Professor, Leningrad, Fakult�t Schiffsbau,
alter China-Mann, leistete in Schanghai Handlangerdienste f�r die Chinaagenten
der Zentrale. Revolutions-Haudegen, in j�ngerer Zeit als Talentsucher aus
Karlas Schule t�tig, fischt unter den �bersee-Studenten nach brauchbaren
Burschen und M�dels.� F�r die W�hlm�use auf der chinesischen Seite - die Gelben
Gefahren - ist diese Information neu und aufregend und bewirkt heftiges
St�hleknarzen und Papiergeraschel, bis di Salis auf Smileys Nicken hin seinen
Kopf losl��t und seinen Bericht wieder aufnimmt.</strong></p><p><strong>�Kehrte siebenundf�nfzig nach Schanghai zur�ck und w�rde mit der
Leitung einer Eisenbahn-Reparaturwerkst�tte betraut -.� Wiederum Smiley: �Aber
in Leningrad war er von dreiundf�nfzig bis sechsundf�nfzig?�</strong></p><p><strong>�Richtig�, sagt di Salis. �Dann scheint ein Jahr zu fehlen.� Jetzt
raschelten keine Papiere und kein Stuhl knarrte. �Die offizielle Erkl�rung
lautet Rundreise zu sowjetischen Werften�, sagt di Salis, feixt Connie an und
verdreht geheimnisvoll und wissend den Hals.</strong></p><p><strong>�Vielen Dank�, sagt Smiley und macht sich wieder eine Notiz.
�Siebenundf�nfzig�, wiederholt er. �War das vor dem chinesischsowjetischen
Zerw�rfnis oder danach, Doc?�</strong></p><p><strong>�Vor. Das Zerw�rfnis nahm neunundf�nfzig ernsthafte Formen an.�</strong></p><p><strong>Hier fragt Smiley, ob Nelsons Bruder irgendwo erw�hnt werde: oder sei
Drake in Nelsons China genauso in Ungnade wie Nelson in Drakes China?</strong></p><p><strong>�In einer der fr�hesten Biographien wird Drake erw�hnt, allerdings
nicht namentlich. In den sp�teren hei�t es, ein Bruder sei w�hrend der
kommunistischen Machtergreifung im Jahr neunundvierzig gestorben.�</strong></p><p><strong>Smiley macht einen seiner seltenen Witze, der mit gedankenlosem
erleichtertem Gel�chter quittiert wird: �In diesem Fall wimmelt es von Leuten,
die behaupten, tot zu sein�, klagt er. �Ich werde geradezu aufatmen, wenn ich
irgendwo eine echte Leiche finde.� Nur wenige Stunden sp�ter entsann man sich
dieses </strong><strong><emphasis>bort mot </emphasis></strong><strong>mit Schaudern.</strong></p><p><strong>�Wir haben ferner einen Vermerk, wonach Nelson in Leningrad ein
Musterstudent war�, f�hrt di Salis fort. �Zumindest in russischen Augen. Sie
schickten ihn mit h�chsten Empfehlungen nach Hause.�</strong></p><p><strong>Connie erlaubt sich aus ihrem Stahlsessel heraus einen weiteren
Einwurf. Sie hat Trot, ihren r�udigen braunen Bastardk�ter, mitgebracht. Er
liegt verdreht auf ihrem ger�umigen Scho�, stinkt und l��t dann und wann einen
Seufzer fahren, aber nicht einmal Guillam, der Hunde ha�t, hat den Nerv, ihn
hinauszuwerfen. �Oh, nat�rlich haben sie das getan, wie?� ruft sie. �Die Russen
haben Nelsons Talente in den Himmel gelobt, versteht sich, besonders wenn
Bruder Bretlew Iwan Iwanowitsch ihn an der Universit�t geschnappt und Karlas
Herzenskinder ihn ins Trainingslager und so weiter gezaubert haben! Begabter
kleiner Maulwurf wie Nelson, geben ihm einen anst�ndigen Start im Leben, f�r seine
R�ckkehr nach China! Ist ihm sp�ter nicht besonders gut bekommen, wie, Doc?
Nicht, als die Gro�e Barbarische Kulturrevolution ihn am Kragen erwischt hat!
Die ma�lose Bewunderung der feigen sowjetisch-imperialistischen Hunde trug man </strong><strong><emphasis>damals </emphasis></strong><strong>besser nicht stolz zur Schau,
wie?� �ber Nelsons Sturz sind nur wenige Einzelheiten zur Hand, verk�ndet der
Doc, der nun auf Connies Ausbruch hin lauter spricht. �Es mu� angenommen
werden, da� es sich um einen heftigen Sturz handelte, und wie Connie bereits
bemerkte: wer am h�chsten in der Gunst der Russen stand, tat den schmerzlichsten
Fall.� Er blickt auf das Blatt Papier, das er schief vor das fleckige Gesicht
h�lt. �Ich lese Ihnen nicht seine s�mtlichen Posten zur Zeit seines Sturzes
vor, Chef, weil er sie ohnehin verlor. Aber es besteht kein Zweifel, da� er
tats�chlich die technische Leitung des gr��ten Teils der Schiffsbau-Werften in
Kiangnan hatte, also ma�geblich f�r Chinas Flottenpotential verantwortlich war.�</strong></p><p><strong>�Verstehe�, sagt Smiley ruhig. Kritzelnd sch�rzt er die Lippen, wie
tadelnd, w�hrend die Brauen sehr weit nach oben wandern. �Sein Posten in
Kiangnan verschaffte ihm auch eine Reihe von Sitzen in den Planungsaussch�ssen
f�r Marineangelegenheiten und auf dem Gebiet des Nachrichtenwesens und der
Langzeit-Strategie. Ab neunzehnhundertdreiundsechzig kann man seinen Namen
regelm��ig in den Peking-Reports der Vettern lesen.�</strong></p><p><strong>�Gut gemacht, Karla�, sagt Guillam, der neben Smiley sitzt, ruhig, und
Smiley, der noch immer schreibt, schlie�t sich dieser Meinung tats�chlich an,
indem er �ja� sagt.</strong></p><p><strong>�Der einzige, Peter, Lieber!� kr�ht Connie, die pl�tzlich nicht mehr
l�nger an sich halten kann. �Der einzige von allen diesen Kr�ten, der es kommen
sah! Eine Stimme in der Wildnis war er, was, Trot? &gt;Gebt acht auf die gelbe Gefahr&lt;,
hat er sie gewarnt. &gt;Eines Tages machen sie kehrt und bei�en die Hand, die
sie f�ttert, so sicher wie irgend etwas. Und wenn es soweit ist, dann habt ihr
achthundert Millionen neue Feinde, die an eure Hintert�r dreschen. Und eure
Kanonen zeigen alle in die falsche Richtung. La�t es euch gesagt sein.&lt; Hat
sie gewarnt�, wiederholte sie und zog in ihrer Erregung den Bastardhund heftig
am Ohr. �Hat alles in einer Schrift niedergelegt, �Aufstrebender
sozialistischer Partner zeigt abweichlerische Tendenzen�. Rannte zu jedem
kleinen L�mmel im Kollegium der Moskauer Zentrale damit. Entwarf es Wort f�r
Wort in seinem schlauen kleinen Kopf, w�hrend er seine Zeit in Sibirien f�r
Onkelchen Joe Stalin absa�. �Spioniere heute schon bei deinen Freunden, sie werden
morgen bestimmt deine Feinde sein�, hat er sie gewarnt. �ltester Spruch in der
Branche, Karlas Lieblingsspruch. Als sie ihm seinen Job zur�ckgaben, hat er ihn
praktisch auf dem Dschertschiniskij-Platz ans Schwarze Brett genagelt. Kein
Mensch hat sich auch nur einen Deut darum geschert. Nicht die Bohne. Fiel auf
unfruchtbaren Boden, mein Lieber. F�nf Jahre sp�ter erwies sich, da� er recht
gehabt hatte, und das Kollegium dankte ihm auch daf�r nicht, das kann ich Ihnen
sagen! Er hat nach ihrem Geschmack eine Spur zu oft recht gehabt, diese Gimpel,
wie, Trot! Du wei�t es, </strong><strong><emphasis>darling, du </emphasis></strong><strong>wei�t, worauf die alte N�rrin hinauswill!� Worauf sie den Hund an den
Vorderpfoten ein paar Zoll hochhebt und ihn wieder auf ihren Scho� plumpsen
l��t.</strong></p><p><strong>Connie kann es nicht ertragen, da� der alte Doc das Rampenlicht f�r
sich allein hat, finden sie in stillschweigender �bereinstimmung. Sie sieht
die Logik ein, aber die Frau in ihr kann sich nicht mit der Realit�t abfinden.</strong></p><p><strong>�Sehr sch�n, er wurde reingewaschen, Doc� sagt Smiley gelassen und
stellt damit die Ruhe wieder her. �Gehen wir nochmals zur�ck zum Jahr
siebenundsechzig, ja?� Und er st�tzt wiederum das Kinn in die Hand.</strong></p><p><strong>Im Halbdunkel linst Karlas Portr�t ausdruckslos auf die Versammlung
herab, w�hrend di Salis weiterspricht. �Nun ja, die �bliche unerfreuliche
Geschichte, darf man annehmen, Chef�, leiert er. �Kriegte wohl die Eselsm�tze
auf. Auf der Stra�e angespuckt. Frau und Kinder herumgesto�en und verpr�gelt.
Umerziehungshaft, Arbeitslager &gt;dem Ausma� seines Verbrechens angepa�t&lt;.
Zwangsweise Wiederentdeckung der b�uerlichen Tugenden. Einer der Berichte
vermeldet, er sei in eine l�ndliche Gemeinde geschickt worden, um sein Gewissen
zu pr�fen. Und als er wieder nach Schanghai zur�ckgekrochen kam, lie�en sie ihn
nochmals ganz von unten anfangen, Bolzen in Eisenbahnschienen treiben oder was
auch immer. Was die Russen anging - wenn sie unser Thema sind� - spricht er
hastig weiter, ehe Connie ihn wieder unterbrechen kann -, �so war er eine
Entt�uschung. Kein Zugriff, keinen Einflu�, keine Freunde.�</strong></p><p><strong>�Wie lang hat er gebraucht, um wieder nach oben zu klettern?� fragt
Smiley mit einem charakteristischen Senken der Lieder. �Vor ungef�hr drei
Jahren bekam er zum erstenmal wieder eine gehobene Funktion. Auf lange Sicht
hat er das, was ihnen am meisten fehlt: Verstand, technisches Know-how,
Erfahrung. Aber seine </strong><strong><emphasis>formelle </emphasis></strong><strong>Rehabilitierung fand erst Anfang dreiundsiebzig, statt.�</strong></p><p><strong>W�hrend di Salis mit der Beschreibung der verschiedenen Stadien von
Nelsons ritueller Wiedereinsetzung in �mter und W�rden fortf�hrt, zieht Smiley
ruhig eine Akte heran und schl�gt andere Daten nach, die f�r ihn aus bisher
noch ungekl�rten Gr�nden pl�tzlich von brennender Relevanz sind.</strong></p><p><strong>�Die Zahlungen an Drake setzen Mitte zweiundsiebzig ein�, murmelt er.
�Sie steigen Mitte drei�ndsiebzig steil an.�</strong></p><p><strong>�Zugleich mit Nelsons neuerlichem </strong><strong><emphasis>Zugriff, darling�, </emphasis></strong><strong>raunt Connie
ihm zu wie eine Souffleuse. �Je mehr er wei�, desto mehr sagt er, und je mehr
er sagt, desto mehr kriegt er. Karla zahlt nur f�r Bonbons, und auch dann noch tut
es ihm h�llisch weh.� Dreiundsiebzig - sagt di Salis - sei Nelson, nachdem er
s�mtliche einschl�gigen Gest�ndnisse ablegte, in das Revolutionskomittee der
Stadtverwaltung von Schanghai aufgenommen und zum Verantwortlichen f�r eine
Marineeinheit der Volksarmee ernannt worden. Sechs Monate sp�ter -�Datum?�
unterbricht Smiley. �Juli dreiundsiebzig.�</strong></p><p><strong>�Und wann wurde Nelson formell rehabilitiert?�</strong></p><p><strong>�Der Rehabilitierungsproze� begann im Januar dreiundsiebzig.�</strong></p><p><strong>�Vielen Dank.�</strong></p><p><strong>Sechs Monate sp�ter, so berichtet di Salis weiter, sitzt Nelson in
nicht bekanntet Funktion im Zentralkomitee der Chinesischen Kommunistischen
Partei.�</strong></p><p><strong><emphasis>�Heiliger </emphasis></strong><strong>Strohsack�, sagt Guillam leise,
und Molly dr�ckt verstohlen seine Hand.</strong></p><p><strong>�Und ein Bericht der Vettern�, sagt di Salis, �undatiert, wie �blich,
aber gut belegt, bezeichnet Nelson als inoffiziellen Berater am R�stungs- und
Beschaffungsausschu� des Verteidigungsministeriums.�</strong></p><p><strong>Anstatt diese Enth�llung mit seiner gewohnten Kollektion von Ticks zu
garnieren, h�lt di Salis wiederum eisern still, was die Wirkung erh�ht.</strong></p><p><strong>�Was </strong><strong><emphasis>Qualifikation </emphasis></strong><strong>betrifft, Chef�, f�hrt er ruhig fort, �vom operativen Standpunkt aus
gesehen w�rden wir von der China-Abteilung Ihres Hauses dies als eine der Schl�sselpositionen
in der gesamten chinesischen Administration betrachten. Wenn es uns freist�nde,
ein Pl�tzchen f�r einen Agenten innerhalb des Festlands auszusuchen, so k�nnte
unsere Wahl durchaus auf Nelsons Posten fallen.�</strong></p><p><strong>�Gr�nde?� will Smiley wissen, dessen Aufmerksamkeit noch immer
abwechselnd seiner Niederschrift und dem ge�ffnet vor ihm liegenden Aktenband
gilt.</strong></p><p><strong>�Die chinesische Marine ist noch immer in der Steinzeit. Nat�rlich
haben wir formal Interesse am technologischen Wissen der Chinesen, aber unsere
wahren Priorit�ten liegen, wie wohl auch die Moskaus, auf strategischem und
politischem Gebiet. Dar�ber hinaus k�nnte Nelson uns die Gesamtkapazit�t s�mtlicher
chinesischer Werften liefern. Und nochmals dar�ber hinaus k�nnte er uns das
Potential der chinesischen U-Boot-Flotte angeben, die f�r die Vettern schon
seit Jahren ein Schreckgespenst ist. Und f�r uns desgleichen, wenigstens
zeitweise, wie ich vielleicht hinzuf�gen darf.�</strong></p><p><strong>�Danach kann man sich vorstellen, was sie f�r Moskau ist�, murmelt eine
alte W�hlmaus ungefragt. �Die Chinesen entwickeln zur Zeit vermutlich ihre
eigene Ausf�hrung des russischen U-Boots der G</strong><strong>-2</strong><strong>-Klasse�, erkl�rt di Salis. �Niemand
wei� besonders viel dar�ber. Haben sie ihr eigenes Modell? Mit zwei oder vier
Abschu�rohren? Sind sie mit See-Luft- oder mit See-See-Raketen best�ckt?
Welcher Etat ist f�r sie angesetzt? Es gibt Ger�chte �ber eine Han-Klasse. Wir
erfuhren, da� sie einundsiebzig ein solches Modell auf Stapel legten.
Best�tigung erhielten wir nie. Vierundsechzig bauten sie angeblich in Dairen
ein Boot der G-Klasse, mit ballistischen Raketen ausgestattet, aber offiziell
hat es noch niemand best�tigt. Und so weiter und so fort�, sagt di Salis
mi�billigend, denn wie die meisten Circusleute hegt er eine tief verwurzelte
Abneigung gegen milit�rische Angelegenheiten und w�rde die mehr k�nstlerischen
Ziele vorziehen. �F�r harte und rasche, detaillierte Informationen �ber diese
Gegenst�nde w�rden die Vettern ein Verm�gen zahlen. Langley k�nnte �ber Jahre
hinweg Hunderte von Millionen f�r Nachforschung, �berfl�ge, Satelliten, Abhorchvorrichtungen
und Gott wei� was noch ausgeben - und dennoch kein halb so gutes Resultat
erzielen wie ein einziges Foto. Wenn also Nelson - � Er l��t den Satz in der
Luft h�ngen, was weit wirkungsvoller ist, als wenn er ihn beendet h�tte. Connie
fl�stert �Gut gemacht, Doc�, aber noch eine ganze Weile spricht sonst niemand;
sie sind alle gebannt durch Smileys Kritzeln und sein fortgesetztes Studium der
Akte.</strong></p><p><strong>�So gut wie Haydon�, murmelt Guillam. �Besser. China ist die letzte
Grenze. H�rteste Nu� in der Branche.�</strong></p><p><strong>Smiley lehnt sich zur�ck, offenbar hat er seine Berechnungen abgeschlossen.</strong></p><p><strong>�Ricardo flog ein paar Monate nach Nelsons formeller Rehabilitierung
hin�ber�, sagt er.</strong></p><p><strong>Niemand sieht sich veranla�t, dies zu bezweifeln.</strong></p><p><strong>�Tiu reist nach Schanghai, und sechs Wochen sp�ter wird Ricardo - �</strong></p><p><strong>Weit im Hintergrund h�rt Guillam das Telefon der Vettern schnarren, das
in sein B�ro durchgestellt wurde, und er behauptet sp�ter hartn�ckig, in diesem
Augenblick sei Sam Collins' mi�f�lliges Bild aus seinem Unterbewu�tsein
aufgestiegen wie ein Geist aus der Flasche, und wieder einmal habe er sich
gefragt, wie er jemals so unbedacht habe sein k�nnen, Sam Collins diesen
eminent wichtigen Brief an Martello abliefern zu lassen. �Nelson hat noch ein
weiteres Eisen im Feuer, Chef�, f�hrt di Salis genau in dem Moment fort, als
alle glauben, er sei am Ende: �Ich z�gere, es als bare M�nze weiterzugeben,
aber andererseits wage ich unter den gegebenen Umst�nden auch nicht, es v�llig
auszulassen. Ein eingetauschter Bericht von den Westdeutschen, datiert vor ein
paar Wochen. Nach </strong><strong><emphasis>ihren </emphasis></strong><strong>Quellen ist Nelson seit j�ngster Zeit Mitglied einer Gruppe, die wir
mangels Information als The Peking Tea Club bezeichnen, eine Keimzelle, die nach
unserer Meinung zur Koordination der chinesischen Geheimdienstambitionen
geschaffen wurde. Nelson wurde zun�chst als Berater in Fragen elektronischer
�berwachung zugezogen und dann als Vollmitglied gew�hlt. Das Ganze
funktioniert, soviel wir ergr�nden k�nnen, etwa so wie unser Lenkungsausschu�.
Aber ich mu� betonen, da� es sich hier um einen Schu� ins dunkle handelt. Wir
wissen nicht das Geringste �ber die chinesischen Geheimdienste, und die Vettern
auch nicht.� Smiley ist ausnahmsweise um Worte verlegen, er starrt di Salis an,
macht den Mund auf und wieder zu, dann nimmt er die Brille ab und putzt sie.</strong></p><p><strong>�Und Nelsons Motiv?� fragt er und nimmt noch immer nicht Kenntnis vom
unabl�ssigen Schnarren des Vetterntelefons. �Nur ein Schu� ins dunkle, Doc. Wie
w�rden Sie das sehen?� di Salis zuckt so heftig die Achseln, da� seine fettige
M�hne wie ein Bohnermop fliegt. �Ach, die Mutma�ung, die jeder anstellen
w�rde�, sagt er gereizt. �Wer glaubt heutzutage noch an <emphasis>M</emphasis></strong><strong><emphasis>otive? </emphasis></strong><strong>Es w�re v�llig nat�rlich
gewesen, wenn er auf die Anwerbungsversuche in Leningrad angesprochen h�tte,
selbstverst�ndlich nur, wenn sie in der richtigen Weise erfolgten. Nichts, was
er als Verrat empfinden m��te. Und nichts Doktrin�res. Ru�land war Chinas
gro�er �lterer Bruder. Sie brauchten Nelson nur zu sagen, er sei als einer der
W�chter �ber die wahren Werte ausersehen. Das betrachte ich nicht als
besonderes Kunstst�ck.� Drau�en bimmelte das gr�ne Telefon immer weiter.
Bemerkenswert, Martello ist sonst nicht so ausdauernd. Nur Guillam und Smiley
d�rfen das Gespr�ch annehmen. Aber Smiley hat nichts geh�rt, und Guillam will
verdammt sein, wenn er sich vom Fleck r�hrt, w�hrend di Salis �ber die Gr�nde
extemporiert, die Nelson bewogen haben k�nnten, Karlas Maulwurf zu werden. �Als
die Kulturrevolution ausbrach, glaubten viele Leute in Nelsons Rang, Mao sei
verr�ckt geworden�, erl�utert di Salis, noch immer nur z�gernd Theorien von
sich gebend. �Sogar ein paar seiner eigenen Generale dachten so. Die
Dem�tigungen, die Nelson erlitten hatte, machten ihn nach au�en hin konform,
aber innerlich blieb vielleicht Bitterkeit zur�ck - wer wei� -, vielleicht
sogar Rachegel�st.�</strong></p><p><strong>�Die Alimentenzahlungen an Drake begannen zu einer Zeit, als Nelsons
Rehabilitierung kaum beendet war�, wirft Smiley milde ein. �Wie lauten hier�ber
die Vermutungen, Doc?�</strong></p><p><strong>Dies alles ist einfach zu viel f�r Connie, und wiederum flie�t sie �ber.</strong></p><p><strong>�O George, wie k�nnen Sie so naiv sein. </strong><strong><emphasis>Sie </emphasis></strong><strong>k�nnen sich das doch denken, Lieber, </strong><strong><emphasis>nat�rlich </emphasis></strong><strong>k�nnen Sie's! Diese armen
Chinesen k�nnen es sich nicht leisten, einen Spitzentechnologen sein halbes
Leben lang auf Eis zu legen und ihn nicht zu nutzen! Karla sah, wohin die
Entwicklung ging, wie, Doc? Er sah, wohin der Wind sich drehte und ging mit. Er
hielt seinen armen kleinen Nelson an der Strippe, und sobald er aus der Wildnis
zur�ckkam, schickte er ihm seine Boten: &gt;Wir sind's, wei�t du noch? Deine
Freunde! </strong><strong><emphasis>Wir </emphasis></strong><strong>lassen dich nicht fallen! Wir spucken dich nicht auf der Stra�e an! Und
jetzt wieder an unsere Arbeit !&lt; Das w�rden Sie ganz genau so anstellen, und
Sie wissen es!�</strong></p><p><strong>�Und das Geld?� fragt Smiley. �Die halbe Million?�</strong></p><p><strong>�Zuckerbrot und Peitsche! Drohende Erpressung oder enorme Belohnungen.
Nelson ist von beiden Seiten festgenagelt.� Aber trotz Connies Ausbruch hat di
Salis das letzte Wort: �Er ist Chinese. Er ist Pragmatiker. Er ist Drakes
Bruder. Er kann aus China nicht heraus - �</strong></p><p><strong>�Noch nicht�, sagt Smiley mit sanfter Stimme und blickt wieder in die
Akte.</strong></p><p><strong>� - und er kennt seinen Marktwert f�r den russischen Geheimdienst sehr
genau. �Du kannst Politik nicht essen, du kannst nicht mit ihr ins Bett
gehen&lt; wie Drake immer sagte, also kannst du wenigstens Geld mit ihr
verdienen - �</strong></p><p><strong>�F�r den Tag, an dem du China verlassen und es ausgeben kannst�,
erg�nzt Smiley, schlie�t - als Guillam auf Zehenspitzen aus dem B�ro geht -,
die Akten, und nimmt sein Notizpapier wieder vor. �Drake versuchte schon
einmal, ihn herauszuholen, es mi�lang, also nahm Nelson das russische Geld an,
bis . . . bis? Vielleicht bis Drake einmal mehr Gl�ck hat.� Das beharrliche
Rasseln des Telefons im Hintergrund hat endlich aufgeh�rt.</strong></p><p><strong>�Nelson ist Karlas Maulwurf�, bemerkt Smiley schlie�lich, wiederum mehr
zu sich selber. �Er sitzt auf einem unbezahlbaren Topf voll chinesischen
Geheimmaterials. Das allein w�rde uns schon reichen. Er handelt auf Karlas
Befehle. Die Befehle selbst sind f�r uns von unsch�tzbarem Wert. Sie w�rden uns
genau zeigen, wieviel die Russen �ber ihren chinesischen Feind wissen und
sogar, was sie gegen ihn planen. Wir k�nnten nach Herzenslust r�ckpeilen. Ja,
Peter?�</strong></p><p><strong>Eine tragische Meldung schl�gt immer wie ein Blitz aus heiterem Himmel
ein. Eben noch stand ein Ideengeb�ude; im n�chsten Moment ist es eingest�rzt,
und f�r die Betroffenen hat die Welt sich unwiderruflich ver�ndert. Guillam
hatte dennoch, als Polster sozusagen, ein Amtsformular des Circus und das
geschriebene Wort verwendet. Er hatte seine Botschaft f�r Smiley auf ein
Telegrammformular geschrieben in der Hoffnung, dessen Anblick werde ihn
schonend vorbereiten. Er ging ruhig zum Schreibtisch, das Formular in der Hand,
legte es auf die Glasplatte und wartete. ��brigens, </strong><strong><emphasis>Charlie Marshall, </emphasis></strong><strong>der andere
Pilot�, wendete sich Smiley, der Unterbrechung nicht achtend, an die
Versammlung. �Haben die Vettern ihn schon aufgest�bert, Molly?�</strong></p><p><strong>�Seine Geschichte ist �hnlich der Ricardos�, erwiderte Molly Meakin und
blickte Guillam fragend an. Er stand noch immer neben Smiley und sah pl�tzlich
grau und �ltlich und krank aus. �Wie Ricardo flog auch er im Laos-Krieg f�r die
Vettern, Mr. Smiley. Die beiden waren Kursgenossen an Langleys geheimer
Fliegerschule in Oklahoma. Als Laos vorbei war, lie�en sie ihn fallen und
wissen seither nichts mehr von ihm. Bei Rauschgift hei�t es, er habe Opium
transportiert, aber das hei�t es von allen Piloten der Vettern.�</strong></p><p><strong>�Ich glaube, Sie sollten das lesen�, sagte Guillam und wies
entschlossen auf die Meldung.</strong></p><p><strong>�Marshall mu� Westerbys n�chster Schritt sein. Wir m�ssen den Druck
aufrechterhalten�, sagte Smiley.</strong></p><p><strong>Endlich nahm Smiley das Telegrammformular zur Hand und hielt es pr�fend
nach links, wo das Licht am hellsten' war. Er las mit hochgezogenen Brauen und
gesenkten Lidern. Wie immer las er zweimal. Sein Ausdruck ver�nderte sich
nicht, aber die N�chstsitzenden sagten, aus seinem Gesicht sei alle Bewegung
gewichen.</strong></p><p><strong>�Vielen Dank, Peter�, sagte er ruhig und legte das Blatt nieder. �Und
vielen Dank Ihnen allen. Connie und Doc, w�rden Sie vielleicht noch
hierbleiben? Allen �brigen w�nsche ich eine lange und gute Nacht.�</strong></p><p><strong>Das junge Volk quittierte diesen frommen Wunsch mit fr�hlichem Gel�chter,
denn es war bereits weit �ber Mitternacht.</strong></p><p><strong>Das M�dchen von droben schlief wie eine nette braune Puppe an eines von
Jerrys langen Beinen geschmiegt, drall und tadellos im orangefarbenen
Nachtlicht des regentriefenden Hongkong-Himmels. Sie schnarchte wie ein
S�gewerk, und Jerry starrte durchs Fenster und dachte an Lizzie Worthington. Er
dachte an die beiden Krallenspuren an ihrem Kinn und fragte sich aufs neue, wer
sie ihr beigebracht haben mochte. Er dachte an Tiu, den er sich als ihren
Kerkermeister vorstellte, und er sagte das Wort �Pferdeschreiber� vor sich hin,
bis es ihn richtig w�tend machte. Er fragte sich, wieviel Warten ihm noch
bevorstehe und ob er danach bei ihr eine Chance habe, was alles war, was er
verlangte: eine Chance. Das M�dchen bewegte sich, aber nur, um sich zu kratzen.
Von nebenan h�rte Jerry ein rituelles Klicken, als die �bliche Mahjong-Runde
die Steine wusch, ehe sie verteilt wurden. Das M�dchen war zun�chst nicht
�berm��ig begeistert auf Jerrys Ann�herungsversuche eingegangen - ein Schwall
leidenschaftlicher Billetts, die zu allen Stunden der vorhergegangenen Tage in
ihren Briefkasten fielen -, aber sie mu�te unbedingt ihre Gasrechnung bezahlen.
Offiziell war sie Eigentum eines Gesch�ftsmannes, aber in letzter Zeit waren
seine Besuche seltener geworden und in allerletzter hatten sie v�llig
aufgeh�rt, mit dem Ergebnis, da� sie sich weder die Wahrsagerin leisten konnte
noch Mahjong, noch die eleganten Kleider, f�r die sie sich entschieden hatte,
sobald ihr der Durchbruch in die Kung-Fu-Filme gelingen w�rde. Also erh�rte sie
ihn, aber auf streng finanzieller Basis. Sie f�rchtete vor allem, ihr Verkehr
mit dem h��lichen </strong><strong><emphasis>kweilo </emphasis></strong><strong>k�nne bekanntwerden, und deshalb hatte sie ihre komplette Ausgehuniform
angelegt, ehe sie das eine Stockwerk herunterkam; einen braunen Regenmantel mit
amerikanischen Messingspangen an den Schulterst�cken, gelbe Plastikstiefel und
einen Plastikschirm mit roten Rosen. Jetzt lag diese ganze Ausr�stung auf dem
Parkettboden herum wie Kriegsger�t nach einer Schlacht und sie schlief auch in
der gleichen heldischen Ersch�pfung, so da� ihre einzige Reaktion auf das
Klingeln des Telefons in einem schl�frigen kantonesischen Fluch bestand.</strong></p><p><strong>Als Jerry den H�rer abnahm, tat er es in der idiotischen Hoffnung, es
k�nne Lizzie sein, aber es war nicht Lizzie. �Bewegen Sie Ihren Hintern
schleunigst hierher, und Stubbsi wird Sie lieben�, versprach Luke. �Beeilung.
Ich tue Ihnen den gr��ten Gefallen unserer Karriere.�</strong></p><p><strong>�Wo ist hierher, wenn ich fragen darf?� fragte Jerry. �Vor Ihrem Haus,
Sie Affe.�</strong></p><p><strong>Er rollte das M�dchen von sich weg, aber sie wachte noch immer nicht
auf.</strong></p><p><strong>Die Stra�en gl�nzten vom unerwarteten Regen, und der Mond hatte einen
dicken Hof. Luke fuhr, als s��en sie in einem Jeep, im h�chsten Gang. An den
Stra�enecken dr�hnte die Kupplung wie Hammerschl�ge. Whiskyd�nste f�llten den
Wagen. �Was haben Sie denn, um Himmels willen?� fragte Jerry. �Was ist los?�</strong></p><p><strong>�Gro�artiges St�ck Fleisch. Schnauze.�</strong></p><p><strong>�Ich will kein Fleisch. Ich bin bedient.�</strong></p><p><strong>�Das werden Sie schon m�gen, </strong><strong><emphasis>Mann, </emphasis></strong><strong>und ob Sie das m�gen werden.�</strong></p><p><strong>Sie hielten auf den Hafentunnel zu. Ein Schwarm Radfahrer ohne Licht
kurvte aus einer Querstra�e heran, und Luke mu�te auf den Mittelstreifen, um
ihnen auszuweichen. �Halten Sie Ausschau nach einem verdammt gro�en Bau�, sagte
Luke. Ein Streifenwagen mit blinkenden Lichtern �berholte sie. Luke, der
glaubte, da� er angehalten werden sollte, kurbelte sein Fenster herunter. �Wir
sind </strong><strong><emphasis>Presse, </emphasis></strong><strong>ihr Idioten�, br�llte er. �Wir sind </strong><strong><emphasis>Stars, </emphasis></strong><strong>h�rt ihr?�</strong></p><p><strong>Im Inneren des vorbeirasenden Streifenwagens konnten sie einen
chinesischen Sergeanten und dessen Fahrer ausmachen, im Fond thronte ein w�rdig
aussehender Europ�er, vielleicht ein Richter. Vor ihnen, rechter Hand vom
Fahrdamm, kam der angek�ndigte Bau in Sicht; ein K�fig aus gelben Tragbalken
und Bambusger�sten, wimmelnd von schwitzenden Kulis. Kr�ne, die im Regen
funkelten, hingen wie Peitschen �ber ihnen. Das Flutlicht kam vom Boden und
wurde hoffnungslos vom Nebel verschluckt. �Halten Sie nach einem niedrigen
Geb�ude Ausschau, mu� ganz nah sein�, befahl Luke und verlangsamte auf sechzig.
�Wei�. Schauen Sie nach einem wei�en Geb�ude aus.� Jerry wies darauf hin, ein
zweist�ckiger Komplex aus feuchtem Stuck, weder neu noch alt, neben dem Eingang
ein zwanzig Fu� hohes Bambusgestell und ein Krankenwagen. Der Krankenwagen
stand offen, und die drei Fahrer lungerten rauchend darin und beobachteten die
Polizisten, die im Vorhof herumschw�rmten, als g�lte es, einen Aufstand unter
Kontrolle zu bringen.</strong></p><p><strong>�Er gibt uns eine Stunde Vorsprung vor dem Feld.�</strong></p><p><strong>�Wer?�</strong></p><p><strong>�Rocker. Der Rocker gibt ihn uns. Wer dachten Sie?�</strong></p><p><strong>�Warum?�</strong></p><p><strong>�Wahrscheinlich, weil er mich verpr�gelt hat. Er liebt mich. Er liebt
Sie auch. Er hat eigens gesagt, ich soll Sie mitbringen.�</strong></p><p><strong>�Warum?�</strong></p><p><strong>Der Regen fiel unaufh�rlich.</strong></p><p><strong><emphasis>�Warum? Warum? Warum?� </emphasis></strong><strong>echote Luke
w�tend. �Los jetzt, schnell!�</strong></p><p><strong>Die Bambusst�be waren �berdimensional, h�her als die Mauer. Ein paar
orangerot gekleidete Priester suchten unter ihnen Schutz; sie schlugen auf
Zimbeln. Ein dritter hielt einen Regenschirm. Ein paar Blumenst�nde waren da,
viele Ringelblumen, und Leichenwagen, und von irgendwoher au�er Sichtweite
h�rte man m��igen Singsang. Die Eingangshalle glich einem Dschungelsumpf und
stank nach Formaldehyd. �Big Moos Sonderkurier�, sagte Luke. �Presse�, sagte
Jerry.</strong></p><p><strong>Die Polizei lie� sie mit einem Kopfnicken durch, niemand wollte ihre
Ausweise sehen.</strong></p><p><strong>�Wo ist der Superintendent?� fragte Luke. Der Formaldehyd-Gestank war
gr��lich. Ein junger Sergeant f�hrte sie. Durch eine gl�serne Schwingt�r kamen
sie in einen Raum, wo an die drei�ig alte M�nner und Frauen, die meisten in
Pyjama-Anz�gen, phlegmatisch warteten, wie auf einen versp�teten Zug, �ber
sich die schattenlosen Neonleuchten und einen elektrischen Ventilator. Einer
der alten M�nner r�usperte sich und spuckte auf den gr�n gefliesten Boden. Beim
Anblick der riesigen </strong><strong><emphasis>kweilos </emphasis></strong><strong>erstarrten sie in h�flichem Staunen. Das B�ro des Pathologen war gelb.
Gelbe W�nde, gelbe Jalousien, geschlossen; eine nicht funktionierende
Klimaanlage. Der gleiche gr�ne Fliesenboden, leicht aufzuwaschen. </strong><strong><emphasis>�Toller </emphasis></strong><strong>Geruch�, sagte Luke.
�Anheimelnd�, pflichtete Jerry bei.</strong></p><p><strong>Jerry w�nschte sich aufs Schlachtfeld. Auf dem Schlachtfeld war es
leichter. Der Sergeant wies sie an, zu warten und ging weiter voraus. Sie
h�rten Bahren quietschen, leise Stimmen, das Zuschlagen einer Gefrierfach-T�r,
das Zischeln von Gummisohlen. Ein Band von �Grey's Anatomy� lag neben dem
Telefon.</strong></p><p><strong>Jerry bl�tterte darin und starrte die Bilder an. Luke hockte auf einem
Stuhl. Ein Assistent mit kurzen Gummistiefeln und einem Overall brachte Tee.
Wei�e Tasse, gr�ne R�nder, und das Wappen von Hongkong nebst einer Krone.</strong></p><p><strong>�K�nnten Sie dem Sergeant bitte sagen, er m�chte sich beeilen?� sagte
Luke. �Im Handumdrehen wird die ganze verdammte Stadt hier sein.�</strong></p><p><strong>�Warum wir?� sagte Jerry wieder.</strong></p><p><strong>Luke go� einen Schwall Tee auf den Fliesenboden, und w�hrend der Tee in
den Gully rann, schraubte er den Verschlu� seiner Whiskyflasche auf. Der
Sergeant kam zur�ck und winkte ihnen wortlos mit seiner schlanken Hand. Sie
folgten ihm wieder zur�ck durch den Wartesaal. Dann kam keine T�r mehr, nur ein
Korridor und eine Barriere wie in einer �ffentlichen Bed�rfnisanstalt, und dann
waren sie da. Als erstes sah Jerry die ramponierte Bahre. Nichts kann so alt
und trostlos aussehen, dachte er, wie ausgediente Krankenhauseinrichtung. Die
W�nde waren mit gr�nem Schimmel �berzogen, vom Plafond hingen gr�ne Stalagtiten,
ein verbeulter Spucknapf war mit gebrauchtem Verbandzeug gef�llt. Sie putzen
ihnen die Nasen aus, erinnerte er sich, ehe sie das Laken herunterziehen und
sie einem zeigen. Eine H�flichkeit, damit man nicht so geschockt ist. Die
Formaldehydschwaden trieben ihm die Tr�nen in die Augen. Ein chinesischer
Pathologe sa� am Fenster und notierte etwas auf einen Block. Ein paar W�rter
standen herum, und noch mehr Polizisten. Etwas um Entschuldigung Bittendes
schien in der Luft zu liegen. Jerry konnte es nicht definieren. Der Rocker
ignorierte sie. Er stand in einer Ecke und fl�sterte auf den w�rdig aussehenden
Herrn vom R�cksitz des Streifenwagens ein, aber die Ecke war nicht weit
entfernt, und Jerry h�rte zweimal den Ausspruch �Makel auf unserem guten Ruf�
in emp�rtem, nerv�sem Ton vorgebracht. �ber die Leiche war ein wei�es Tuch
gebreitet, darauf ein blaues Kreuz aus zwei gleichlangen Balken. Damit sie es so
und andersherum benutzen k�nnen, dachte Jerry. Es war die einzige Bahre im
Raum. Das einzige Laken. Der Rest der Ausstellung befand sich im Inneren der
beiden gro�en K�hlf�cher mit den Holzt�ren, begehbar, so gro� wie ein
Fleischerladen. Luke geriet vor Ungeduld allm�hlich au�er sich.</strong></p><p><strong>�Herrjeh, Rocker!� rief er durch den Raum. �Wie lang wollen Sie denn
den Deckel noch hier draufhalten? Wir haben zu tun.�</strong></p><p><strong>Niemand k�mmerte sich um ihn. Luke, der genug vom Warten hatte, schlug
das Laken zur�ck. Jerry sah hin und sah wieder weg. Der Sezierraum war nebenan,
und er konnte das Ger�usch der S�ge h�ren, wie das Knurren eines Hundes. </strong><strong><emphasis>Kein Wunder, da� alle glauben, sie m��ten sich entschuldigen, dachte Jerry
bl�de. Eine Euro-Leiche hierherbringen<sup>1</sup>. </emphasis></strong><strong>�Herrgottnochmal�, sagte Luke. �Herrgott. Wer hat das mit ihm
angestellt? Wie </strong><strong><emphasis>macht </emphasis></strong><strong>man solche Male? Das sieht nach Triade aus. </strong><strong><emphasis>Herrjeh.�</emphasis></strong></p><p><strong>Das beschlagene Fenster ging auf den Hof. Jerry konnte den Bambus im
Regen schwanken sehen und die fl�ssigen Schatten einer weiteren Ambulanz, die
einen weiteren Kunden ablieferte, aber keiner durfte wohl jemals so ausgesehen
haben wie dieser hier, dachte er. Ein Polizeifotograf war erschienen,
Blitzlichter flammten auf. An der Wand hing ein Telefon. Der Rocker redete
hinein. Er hatte Luke noch immer nicht angesehen und Jerry auch nicht.</strong></p><p><strong>�Ich m�chte, da� er von hier wegkommt�, sagte der w�rdige Herr.
�Jederzeit�, sagte der Rocker. Er ging wieder ans Telefon. �In der Ummauerten
Stadt, Sir . . . Ja, Sir . . . In einer Hintergasse, Sir. Nackt. Menge Alkohol
. . . Der Gerichtspathologe identifizierte ihn sofort, Sir. Ja, Sir, die Bank
ist bereits hier, Sir.� Er legte auf. �Ja, Sir, Nein, Sir, jede Menge, Sir�,
knurrte er. Er w�hlte eine Nummer.</strong></p><p><strong>Luke machte sich Notizen. �Herrjeh�, sagte er immer wieder schaudernd.
�Herrjeh. Mu� Wochen gedauert haben, bis er hin�ber war. Monate.�</strong></p><p><strong>Sie haben ihn zweimal get�tet, dachte Jerry. Einmal, damit er redete,
und einmal, um ihn zum Schweigen zu bringen. Was sie ihm beim erstenmal angetan
hatten, war an seinem ganzen K�rper zu sehen, gro�e und kleine Stellen, wie
Flammen einen Teppich erfassen, L�cher hineinfressen und dann pl�tzlich von ihm
ablassen. Und dann das Ding rings um seinen Hals, ein v�llig anderer, rascherer
Tod. Das hatten sie als Letztes gemacht, als sie ihn nicht mehr brauchten.</strong></p><p><strong>Luke rief dem Pathologen zu: �Drehen Sie ihn doch mal um, ja?</strong></p><p><strong>W�rden Sie die G�te haben, ihn umzudrehen, Sir?�</strong></p><p><strong>Der Superintendent hatte den H�rer aufgelegt.</strong></p><p><strong>�Wie lautet die Story?� fragte Jerry ihn. �Wer ist er?�</strong></p><p><strong>�Hei�t Frost�, sagte der Rocker und starrte Jerry mit seinen hangenden
Augen an. �H�herer Beamter der South Asian and China. Treuhand-Abteilung.�</strong></p><p><strong>�Wer hat ihn get�tet?� fragte Jerry.</strong></p><p><strong>�Tja, wer hat's getan? Das ist die Frage�, sagte Luke und schrieb
eifrig.</strong></p><p><strong>�Die M�use�, sagte der Rocker.</strong></p><p><strong>�In Hongkong gibt es keine Triaden, keine Kommunisten und keine
Kuomintang. Stimmt's Rocker?�</strong></p><p><strong>�Und keine Huren�, knurrte der Rocker.</strong></p><p><strong>Der w�rdige Herr ersparte dem Rocker weitere Antworten:</strong></p><p><strong>�Ein ganz abscheulicher Fall von Raubmord�, erkl�rte er �ber die Schulter
des Polizisten hinweg. �Gemeiner, perverser Raubmord, Beweis, wie wichtig es
ist, da� die Sicherheitskr�fte jederzeit auf ihrem Posten sind. Er war ein
treuer Diener unserer Bank.�</strong></p><p><strong>�Das war kein Raubmord�, sagte Luke mit einem neuerlichen Blick auf
Frost. �Das war ein Kommando.�</strong></p><p><strong>�Er hat wei� Gott ein paar verdammt komische Freunde gehabt�, sagte der
Rocker und starrte Jerry unverwandt an.</strong></p><p><strong>�Was soll das hei�en?� sagte Jerry.</strong></p><p><strong>�Was wei� man bis jetzt?� sagte Luke.</strong></p><p><strong>�Er war bis Mitternacht in der Stadt. Feierte in Gesellschaft einiger
chinesischer Herren. Ein Puff nach dem anderen. Dann verliert sich seine Spur.
Bis heute nacht.�</strong></p><p><strong>�Die Bank setzt eine Belohnung von f�nfzigtausend Dollar aus�, sagte
der W�rdige.</strong></p><p><strong>�Hongkong oder US?� sagte Luke, w�hrend er weiterschrieb.</strong></p><p><strong>Der W�rdige sagte �Hongkong� - sehr scharf.</strong></p><p><strong>�Macht mal halblang, ihr Jungens�, warnte der Rocker. �Er hat eine
kranke Frau im Stanley Hospital, und er hat Kinder - �</strong></p><p><strong>�Und die Bank hat einen Ruf zu verlieren�, sagte der W�rdige.</strong></p><p><strong>�Das soll unsere vornehmste Sorge sein�, sagte Luke.</strong></p><p><strong>Eine halbe Stunde danach gingen sie, vom Feld war noch immer nichts zu
sehen.</strong></p><p><strong>�Danke�, sagte Luke zum Superintendent.</strong></p><p><strong>�Keine Ursache�, sagte der Rocker. Sein h�ngendes Augenlid tr�nte, wie
Jerry feststellte, sobald er m�de war.</strong></p><p><strong>Wir haben den Baum gesch�ttelt, dachte Jerry, als sie wegfuhren.</strong></p><p><strong>Junge, Junge, und wie wir ihn gesch�ttelt haben!</strong></p><p><strong>Sie sa�en wieder in der gleichen Haltung da, Smiley an seinem Schreibtisch,
Connie im Rollstuhl, di Salis in die Betrachtung der tr�gen Rauchkringel aus
seiner Pfeife vertieft. Guillam stand neben Smiley; das Kr�chzen von Martellos
Stimme klang ihm noch in den Ohren. Smiley allerdings polierte jetzt mit leicht
kreisenden Daumenbewegungen seine Brille am Krawattenzipfel, di Salis, der
Jesuit, sprach als erster. Vielleicht hatte er am meisten zu verdr�ngen. �Es
f�hrt keinerlei logische Verbindung von diesem Unfall zu uns. Frost war ein
Libertin. Er hielt sich chinesische Frauen. Er war eindeutig korrupt. Er nahm
unser Bestechungsgeld ohne weiteres an. Wei� der Himmel, was er bereits fr�her
an Bestechungsgeldern kassierte. Mir kann man nichts vorwerfen.�</strong></p><p><strong>�Ach </strong><strong><emphasis>Quatsch�, </emphasis></strong><strong>brummte Connie. Sie sa� ausdruckslos da, und der Hund lag schlafend auf
ihrem Scho�. Sie w�rmte sich die verkr�ppelten H�nde an seinem braunen R�cken.
Im Hintergrund go� der dunkle Fawn Tee ein.</strong></p><p><strong>Smiley sprach zu dem Telegrammformular. Niemand hatte sein Gesicht
gesehen, seit er sich zum erstenmal vorgebeugt hatte, um die Meldung zu lesen.</strong></p><p><strong>�Connie, wir m�ssen rechnen�, sagte er.</strong></p><p><strong>�Ja, Lieber.�</strong></p><p><strong>�Wer wei� au�erhalb dieser vier W�nde, da� wir Frost einschalteten?�</strong></p><p><strong>�Craw, Westerby, Craws Polizist. Und wenn sie ein bi�chen Gr�tze im
Kopf haben, m��ten die Vettern es erraten haben.�</strong></p><p><strong>�Nicht Lacon, nicht Whitehall.�</strong></p><p><strong>�Und </strong><strong><emphasis>nicht </emphasis></strong><strong>Karla, Lieber�, erkl�rte'Connie mit einem scharfen Blick hin�ber zu dem
tr�ben Portr�t.</strong></p><p><strong>�Nein. Karla nicht. Das glaube ich.� An seiner Stimme konnten sie
sp�ren, wie m�hsam der Verstand den Gef�hlen seinen Willen aufzwang. �F�r Karla
w�rde es eine weit �bertriebene Reaktion sein. Wenn ein Bankkonto auffliegt, so
braucht er nur irgendwo anders ein neues zu er�ffnen. Er hat so </strong><strong><emphasis>etwas </emphasis></strong><strong>nicht n�tig.� Mit den
Fingerspitzen schob er das Telegrammformular genau einen Zoll weit auf der
Glasplatte nach oben. �Die Aktion gelang, wie sie geplant war. Die Reaktion war
einfach -.� Er begann von neuem. �Die Reaktion war mehr, als wir erwarteten.
Operativ gesehen ist nichts schiefgelaufen. Operativ haben wir den Fall
gef�rdert.�</strong></p><p><strong>�Wir haben sie </strong><strong><emphasis>rausgelockt, </emphasis></strong><strong>Lieber�, sagte Connie entschieden, di Salis ging nun vollends in die
Luft. �Ich verbitte mir, da� hier gesprochen wird, als w�ren wir alle
Komplizen. Es besteht keine nachgewiesene Verbindung, und ich betrachte Ihre
Unterstellung einer Verbindung als b�swillig.� Smileys Erwiderung blieb
neutral.</strong></p><p><strong>�Ich w�rde es als Unterstellung betrachten, wenn ich etwas anderes
vorbr�chte. Ich habe diese Initiative angeordnet. Ich verschlie�e die Augen
nicht vor den Folgen, nur weil sie unerfreulich sind. Schreiben Sie's auf meine
Rechnung. Aber wir wollen uns nicht selber betr�gen.�</strong></p><p><strong>�Der arme Teufel wu�te nicht genug, wie?� �berlegte Connie anscheinend
im Selbstgespr�ch. Zuerst griff niemand den Gedanken auf, dann wollte Guillam
wissen, was sie damit sagen wolle. �Frost hatte nichts zu verraten, </strong><strong><emphasis>darling�, </emphasis></strong><strong>erkl�rte sie. �Das ist das
Schlimmste, was einem passieren kann. Was konnte er ihnen geben? Einen
�bereifrigen Journalisten namens Westerby. Das hatten sie bereits, die armen
Lieben. Also machten sie nat�rlich weiter. Und immer weiter.� Sie wandte sich
Smiley zu. Er warder einzige, der soviel Historie mit ihr geteilt hatte. �Wir
hatten es uns zur </strong><strong><emphasis>Regel </emphasis></strong><strong>gemacht, erinnern Sie sich, George, wenn die Jungens und M�dels
rausgingen. Wir gaben ihnen immer etwas mit, das sie gestehen konnten, die
Armen.� Mit liebevoller Behutsamkeit setzte Fawn einen Pappbecher voll Tee, mit
einer Zitronenscheibe darin, auf Smileys Schreibtisch ab. Sein
Totensch�delgrinsen l�ste Guillams unterdr�ckte Wut aus: �Wenn Sie mit
Austeilen fertig sind, dann raus!� zischte er Fawn ins Ohr. Immer noch feixend
ging Fawn hinaus. �Was mag jetzt in Ko vorgehen?� fragte Smiley, immer noch an
das Telegrammformular gerichtet. Er hatte die Finger unterm Kinn verschr�nkt
wie ein Betender.</strong></p><p><strong>�Geht der Arsch mit Grundeis�, erkl�rte Connie zuversichtlich. �Fleet
Street auf dem Kriegspfad, Frost tot, und er selber keinen Schritt weiter.�</strong></p><p><strong>�Ja. Ja, er d�rfte unsicher sein. &gt;Kann er den Damm halten? Kann er
die undichten Stellen verstopfen? Wo </strong><strong><emphasis>sind </emphasis></strong><strong>�berhaupt die undichten Stellen?&lt; . . . Genau das wollten wir. Wir
haben es bekommen.� Er machte eine winzige Bewegung mit dem gesenkten Kopf in
Richtung auf Guillam. �Peter, w�rden Sie die Vettern bitten, sie m�chten Tius �berwachung
verst�rken. Aber nur statische Observierung, bitte sagen Sie ihnen das. Keine
Beschattung auf der Stra�e, nichts von dergleichen Unfug, das Wild darf nicht
verschreckt werden. Telefon, Post, nur diese einfachen Sachen. Doc, wann reiste
Tiu zum letztenmal aufs Festland?� Mi�mutig nannte di Salis ein Datum.</strong></p><p><strong>�Stellen Sie fest, welche Route er nahm und wo er sein Billett gekauft
hat. F�r den Fall, da� er es wieder macht.�</strong></p><p><strong>�Steht bereits in den Akten�, gab di Salis finster zur�ck, setzte ein
h�chst unsch�nes Hohnl�cheln auf, blickte gen Himmel und verzog Lippen und
Schultern.</strong></p><p><strong>�Dann seien Sie doch so freundlich, es f�r mich noch eigens
herauszuschreiben�, erwiderte Smiley mit unersch�tterlicher Langmut.
�Westerby�, fuhr er mit der gleichen tonlosen Stimme fort, und Guillam hatte
einen Moment lang das schwindelerregende Gef�hl, Smiley leide an einer Art
Halluzination und glaube Jerry hier im B�ro, damit er wie alle anderen seine
Befehle entgegennehme, �ziehe ich ab - das kann ich. Seine Zeitung ruft ihn
zur�ck, was spricht dagegen? Was dann? Ko wartet. Er lauscht. Er h�rt nichts.
Und er atmet auf.�</strong></p><p><strong>�Und auftreten unsere Rauschgifthelden�, sagte Guillam mit einem Blick
auf den Kalender. �Sol Ecklands gro�er Tag.�</strong></p><p><strong>�Oder ich ziehe ihn ab und ersetze ihn, und ein anderer Au�enmann
�bernimmt die Spur. W�re er weniger gef�hrdet, als Westerby es jetzt ist?�</strong></p><p><strong>�Klappt nie�, murmelte Connie. �Die Pferde wechseln. Niemals. Und Sie
wissen es. Instruktion, Training, andere Gangart, andere Verbindungen.
Niemals.�</strong></p><p><strong>�Ich sehe gar nicht ein, wieso er gef�hrdet ist!� rief di Salis
schrill. Guillam fuhr zornig herum und machte Miene, ihm eine zu verpassen,
aber Smileys n�chste Frage kam ihm zuvor. �Warum nicht, Doc?�</strong></p><p><strong>�Wenn wir Ihre Hypothese �bernehmen wollen - was ich nicht tue -, so
ist Ko kein Mann der Gewalt. Er ist ein erfolgreicher Gesch�ftsmann, und seine
Maximen lauten Ansehen, T�chtigkeit, Verdienstlichkeit und harte Arbeit. Ich
dulde nicht, da� man von ihm spricht, als w�re er eine Art Raubm�rder.
Zugegeben, er hat seine Leute, und seine Leute sind vielleicht weniger nett als
er, wenn es zum Treffen kommt. So wie wir Whitehalls Leute sind. Das macht aus
Whitehall keine Schufte, m�chte ich behaupten.� </strong><strong><emphasis>Um Gottes willen, Schlu� damit, </emphasis></strong><strong>dachte Guillam.
�Westerby ist nicht Frost�, fuhr di Salis mit dem gleichen lehrhaften N�seln
fort. �Westerby ist kein ungetreuer Knecht.</strong></p><p><strong>Westerby hat Kos Vertrauen nicht mi�braucht, auch nicht sein Geld, er
hat Kos Bruder nicht verraten. In Kos Augen repr�sentiert Westerby eine gro�e
Zeitung. Und Westerby lie� durchblicken - sowohl Frost wie Tiu gegen�ber,
soviel ich wei� -, da� seine Zeitung �ber die betreffende Sache weit mehr wisse
als er selber. Ko kennt die Welt. Wenn er einen Journalisten beseitigt, ist
damit die Gefahr nicht gebannt. Im Gegenteil, er zieht sich die ganze Meute auf
den Hals.�</strong></p><p><strong>�Was also bewegt ihn zur Zeit?�</strong></p><p><strong>�Ungewi�heit. Wie Connie richtig sagte. Er kann die Gefahr nicht
ermessen. Die Chinesen haben wenig Zugang zu Abstraktem und noch weniger zu
abstrakten Situationen. Er w�re froh, wenn die Gefahr vor�berginge, und wenn
sich nichts Konkretes ereignet, wird er annehmen, sie sei vor�ber. Diese
Angewohnheit ist nicht auf das Abendland beschr�nkt. Ich habe nur Ihre
Hypothese ausgebaut.� Er stand auf. �Ich pflichte ihr nicht bei. Unter keinen
Umst�nden. Ich distanziere mich ausdr�cklich von ihr.� Er stelzte hinaus. Auf Smileys
Nicken hin folgte ihm Guillam. Nur Connie blieb.</strong></p><p><strong>Smiley hielt die Augen geschlossen, die Stirn hatte sich �ber der
Nasenwurzel zusammengezogen. Lange Zeit sagte Connie kein Wort. Trot lag wie
tot auf ihrem Scho�, und sie blickte auf ihn herab und kraulte ihm den Bauch.</strong></p><p><strong>�Karla w�rde sich keinen Pfifferling drum scheren, wie, Liebes?�
murmelte sie. �Nicht um einen toten Frost und nicht um zehn. Ja, das ist der
Unterschied. Wir k�nnen nicht gut noch deutlicher werden, wie, heutzutage
nicht? Wer hat doch gleich immer gesagt &gt;Wir k�mpfen um das �berleben des
vern�nftigen Menschen?&lt; Steed-Asprey? Oder war es Control? Hat mir gefallen.
War alles dran. Hitler. Die Neue Sache. Das ist es, was wir sind: vern�nftig.
Nicht wahr, Trot? Wir sind nicht blo� Engl�nder. Wir sind vern�nftig.� Ihre
Stimme wurde ein wenig leiser. </strong><strong><emphasis>�Darling, </emphasis></strong><strong>was ist mit Sam? Haben Sie dar�ber nachgedacht?� Es dauerte eine ganze
Weile, ehe Smiley sprach, und dann war seine Stimme barsch, eine Stimme, die
Connie auf Armesl�nge fernhielt.</strong></p><p><strong>�Er soll in den Kulissen bleiben. Nichts tun, bis er gr�nes Licht
bekommt. Er wei� das. Er mu� auf das gr�ne Licht warten.� Er atmete tief ein
und wieder aus. �Kann sein, da� er �berhaupt nicht gebraucht wird. Kann
durchaus sein, da� wir ohne ihn auskommen. Alles h�ngt davon ab, wie Ko
springt.�</strong></p><p><strong>�George </strong><strong><emphasis>darling, </emphasis></strong><strong>lieber George.�</strong></p><p><strong>Nach stillschweigendem Ritual rollte sie sich zum Kamin, nahm den
Sch�rhaken und begann unter gro�en M�hen, in den Kohlen zu stochern, w�hrend
sie mit der anderen Hand den Hund festhielt.</strong></p><p><strong>Jerry stand am K�chenfenster und sah zu, wie die gelbe D�mmerung den
Nebel des Hafens durchschnitt. Gestern abend war Sturm gewesen, erinnerte er
sich. Mu�te eine Stunde vor Lukes Anruf ausgebrochen sein. Er hatte auf seiner
Matratze gewacht, w�hrend das M�dchen an seinem Bein schnarchte. Zuerst der
Geruch nach Vegetation, dann der Wind, der verstohlen in den Palmen raschelte,
als rieben sich trockene H�nde aneinander. Dann das Zischen des Regens, als
w�rden Tonnen geschmolzener Bleikugeln ins Meer gesch�ttet. Schlie�lich die
Fl�chenblitze, die den Hafen in langen, langsamen Atemz�gen ersch�tterten,
w�hrend Donnersalven �ber den tanzenden Hausd�chern krachten. Ich habe ihn
get�tet, dachte er. Wie man's auch dreht und wendet, ich habe ihm den
entscheidenden Sto� versetzt. &gt;Es sind nicht nur die Generale, es ist jeder
Mann, der ein Gewehr tr�gt.&lt; Quelle und Kontext zitieren.</strong></p><p><strong>Das Telefon klingelte. Soll es klingeln, dachte er. Wahrscheinlich Craw,
der sich in die Hosen macht. Er nahm den H�rer ab. Luke, der sich
amerikanischer denn je anh�rte.</strong></p><p><strong>�Hey, Mann! Gro�es Drama! Stubbsi kam soeben �ber den Draht. Pers�nlich
f�r Westerby. Vor dem Lesen essen. Wollen Sie's h�ren?�</strong></p><p><strong>�Nein.�</strong></p><p><strong>�Rundreise durch die Kriegszonen. Die kambodschanischen
Fluggesellschaften und die Wirtschaft im Belagerungszustand. Unser Mann vor Ort
mitten im Gescho�hagel! Sie haben Gl�ck, Kamerad! Das Bl�ttchen m�chte, da� Sie
sich eins auf den Pelz brennen lassen!�</strong></p><p><strong>Und da� ich Lizzie diesem Tiu �berlasse, dachte er und legte auf. Und
nach allem, was ich wei�, auch diesem Schwein Collins, der hinter ihr
herschleicht wie ein M�dchenh�ndler. Jerry hatte ein paarmal mit Sam
zusammengearbeitet, als dieser noch schlicht Mister Mellon in Vientiane war,
ein unheimlich erfolgreicher H�ndler an der Spitze der dortigen europ�ischen
Gangster. Jerry hielt ihn f�r eine der unappetitlichsten Gestalten, die er
kannte. Er kehrte zu seinem Platz am Fenster zur�ck und dachte wieder an Lizzie
dort droben auf ihrem schwindelnden Hausdach. Dachte an den kleinen Frost und wie
gern er gelebt hatte. Dachte an den Geruch, der ihn bei der R�ckkehr in die
Wohnung begr��t hatte. Der Geruch war �berall. Er �berlagerte den Geruch des
Deodorants, das das M�dchen benutzte, den abgestandenen Zigarettenrauch und
den Geruch nach Gas und Koch�l von den Mahjong-Spielern nebenan. Jerry hatte
nach diesem Geruch den Weg verfolgen k�nnen, den Tiu bei seiner Suchaktion
genommen hatte, wo er sich l�nger aufgehalten, wo er nur fl�chtig verweilte auf
seinem Streifzug durch Jerrys Kleidungsst�cke, Jerrys Vorratskammer und Jerrys
wenige Habseligkeiten. Dem Geruch einer Mischung aus Rosenwasser und Mandeln,
Lieblingsduft einer fr�heren Ehefrau.</strong></p><empty-line/><p><emphasis>Die
belagerte Stadt </emphasis></p><empty-line/><p><strong>Sobald man Hongkong verla�t, h�rt es auf zu existieren. Wenn man den
letzten chinesischen Polizisten in britischen Kommi�stiefeln und
Wickelgamaschen passiert hat und den Atem anh�lt, w�hrend die Maschine in
sechzig Fu� H�he �ber die grauen D�cher der Slums hinwegbraust, wenn die umliegenden
Inseln im blauen Dunst verschwunden sind, dann wei� man, da� der Vorhang
gefallen ist, die Requisiten wegger�umt sind und da� alles dort Erlebte
Illusion war. Diesmal jedoch konnte Jerry sich nicht zu diesem Gef�hl
aufschwingen. Er trug die Erinnerung an den toten Frost und an das lebende
M�dchen mit sich, und sie war auch noch bei ihm, als er Bangkok erreicht hatte.
Wie immer brauchte er den ganzen Tag, bis er fand, was er suchte; wie immer war
er nahe daran, aufzugeben. Nach Jerrys Ansicht ging das in Bangkok allen Leuten
so: ob ein Tourist nach einem </strong><strong><emphasis>wat </emphasis></strong><strong>Ausschau h�lt, ein Journalist nach einer Story - oder Jerry nach
Ricardos Freund und Partner Charlie Marshall - immer befindet sich das Ziel
aller W�nsche am anderen Ende irgendeiner verdammten Gasse, eingeklemmt
zwischen einem verstopften </strong><strong><emphasis>klongund </emphasis></strong><strong>einem Haufen Betonschutt, und es kostet einen immer f�nf US-Dollar
mehr, als man erwartete. Jetzt war in Bangkok zwar theoretisch Trockenzeit,
aber Jerry kannte die Stadt nicht anders als im Regen, der unvermittelt in
Wolkenbr�chen aus der Schmutzglocke des Himmels scho�. Sp�ter sagten die Leute
immer, er habe den einzigen Regentag erwischt.</strong></p><p><strong>Er begann seine Suche am Flugplatz, weil er ohnehin schon hier war und
von der �berlegung ausging, da� im S�dosten niemand lange fliegen k�nne, ohne
Bangkok anzusteuern. Charlie sei nicht mehr in der Gegend, hie� es. Jemand
versicherte ihm, Charlie habe nach Ries Tod die Fliegerei �berhaupt aufgegeben.
Wieder jemand sagte, er sei im Gef�ngnis. Und noch jemand meinte, er sei
h�chstwahrscheinlich �in einer der H�hlen�. Eine hinrei�ende Hostesse von Air
Vietnam sagte kichernd, er mache Frachtfl�ge nach Saigon; sie habe ihn immer
nur in Saigon gesehen. �Von woher?� fragte Jerry.</strong></p><p><strong>�Vielleicht Phnom Penh, vielleicht Vientiane�, sagte sie - aber
Charlies Ziel, dessen war sie sicher, sei immer nur Saigon, und er komme nie
nach Bangkok. Jerry bl�tterte im Telefonbuch, Indocharter war nicht aufgef�hrt.
Wider alle Hoffnung suchte er auch den Namen Marshall, fand einen - sogar einen
Marshall, C. - und rief ihn an, bekam jedoch nicht den Sohn eines
Kuomintang-Kriegsherrn, der sich einen hohen milit�rischen Rang zugelegt hatte,
an den Apparat, sondern einen verwirrten schottischen Gesch�ftsmann, der immer
wieder sagte: �H�ren Sie, Sie m�ssen mal vorbeikommen.� Er ging zum Gef�ngnis,
wo die </strong><strong><emphasis>farangs </emphasis></strong><strong>eingesperrt werden, wenn sie nicht zahlen k�nnen oder gegen einen
General unh�flich waren, und sah die Liste der Insassen durch. Er marschierte
die Galerien entlang und linste durch K�figt�ren und sprach mit einigen
�bergeschnappten Hippies. Sie wu�ten zwar eine Menge �ber ihre Inhaftierung zu
sagen, aber Charlie Marshall hatten sie nicht gesehen, sie hatten nie von ihm
geh�rt und sie scherten sich auch, um es fein auszudr�cken, einen feuchten Staub
um ihn. In d�sterer Stimmung fuhr er zu dem sogenannten Sanatorium, wo
Drogenabh�ngige ihre Entziehungskur machten, und dort herrschte gro�e
Aufregung, weil es einem Mann trotz der Zwangsjacke gelungen war, sich mit den
Fingern die Augen auszustechen, aber es war nicht Charlie Marshall, und, nein,
sie hatten keine Piloten hier, auch keine Korsen oder korsischen Chinesen und </strong><strong><emphasis>bestimmt </emphasis></strong><strong>keinen Sohn eines
Kuomintang-Generals.</strong></p><p><strong>Also machte Jerry sich an die Hotels, in denen Piloten bei
Zwischenlandungen herumlungern mochten. Er tat es nicht gern, denn es war eine
stumpfsinnige Arbeit und �berdies wu�te er, da� Ko hier eine gro�e
Interessenvertretung unterhielt. Er zweifelte nicht ernsthaft daran, da� Frost
ihn verraten hatte; er wu�te, da� die meisten reichen �berseechinesen
legitimerweise mehrere P�sse benutzen, und die Swatonesen mehr als mehrere; er
wu�te, da� Ko einen thail�ndischen Pa� in der Tasche hatte und wahrscheinlich
auch ein paar thail�ndische Generale. Und er wu�te, da� die Thais, wenn sie
erz�rnt waren, bedeutend rascher und gr�ndlicher t�teten als andere Leute, auch
wenn sie bei einer Exekution durch ein Erschie�ungskommando den Delinquenten
durch ein ausgespanntes Laken hindurch erschossen, um die Gebote Buddhas nicht
zu verletzen. Aus diesen und noch ein paar weiteren Gr�nden f�hlte Jerry sich
nicht ausgesprochen behaglich, als er Charlie Marshalls Namen in s�mtlichen
gro�en Hotels heraustrompetete.</strong></p><p><strong>Er probierte es mit dem Erawan, dem Hyatt, dem Miramar und dem Oriental
und ungef�hr drei�ig weiteren, und im Erawan trat er besonders behutsam auf,
weil er sich erinnerte, da� China Airsea hier eine Suite hatte und Craw gesagt
hatte, Ko benutze sie h�ufig. Er stellte sich vor, wie die blondhaarige Lizzie
f�r ihn Hostesse spielte oder ihre langen Glieder drau�en am Swimmingpool
sonnte, w�hrend die Bosse Whisky schl�rften und �berlegten, wieviel man f�r
eine Stunde von Lizzies Zeit wohl anlegen m�sse. W�hrend er herumfuhr,
prasselte ein </strong><strong>j�her </strong><strong>Regenschauer in dicken Tropfen herab, die so verschmutzt waren, da� sie
das Gold der Stra�entempel schw�rzten. Der Taxifahrer geriet auf den
�berschwemmten Stra�en ins Schleudern, so da� er die Wasserb�ffel um
Zentimeter verfehlte, die grellfarbenen Autobusse klingelten schrill und fuhren
auf sie los, bluttriefende Kung-Fu-Plakate schrien auf sie ein, aber der Name
Marshall - Charlie Marshall - </strong><strong><emphasis>Captain </emphasis></strong><strong>Marshall, sagte niemandem etwas, obwohl Jerry freigebig Trinkgelder
verteilte. Er hat ein M�dchen, dachte Jerry. Er hat ein M�dchen und ist bei ihr
untergekrochen, genau wie ich es auch machen w�rde. Im Oriental bestach er den
Portier, da� er f�r ihn Nachrichten entgegennehme, au�erdem durfte er das
Telefon benutzen und erhielt, was das Beste von allem war, eine Quittung f�r
zwei �bernachtungen, ein Schlag f�r Stubbs. Aber das Abklappern der Hotels
hatte an seinen Nerven gezerrt, er f�hlte sich ausgesetzt und gef�hrdet, also
schlief er, f�r einen Dollar pro Nacht und im voraus zu bezahlen, in einem
obskuren Logierhaus gleich um die Ecke, wo man auf Anmeldeformalit�ten
verzichtete: es bestand aus einer Reihe von Strandh�tten, bei denen alle T�ren
sich direkt zur Stra�e �ffneten, Marke sturmfrei, vor den offenen Garagen
hingen nur Plastikvorh�nge, die die Nummernschilder der Autos verh�llten. Am
Abend blieben ihm nur noch die Luftfrachtspeditionen abzuklappern, und ohne
gro�e Begeisterung fragte er �berall nach einer Firma namens Indocharter, und
�berlegte bereits ernstlich, ob er nicht doch der Hostesse von Air Vietnam
Glauben schenken und die F�hrte in Saigon aufnehmen solle, als ein chinesisches
M�dchen in einem der B�ros sagte: �Indocharter? Das ist Captain Marshalls
Gesellschaft.� Sie verwies ihn an eine Buchhandlung, wo Charlie Marshall sich
mit Lekt�re versorgte und seine Post abholte, wenn er in der Stadt war. Auch
die Buchhandlung geh�rte einem Chinesen, und als Jerry den Namen Marshall
erw�hnte, lachte der alte Besitzer laut auf und sagte, Charlie sei seit Monaten
nicht mehr hiergewesen. Der Alte war sehr klein und feixte �ber seine
s�mtlichen falschen Z�hne.</strong></p><p><strong>�Er Ihnen Geld schulden? Charlie Marshall Ihnen Geld schulden, Ihr
Flugzeug in Bl�che gefahlen?� Wieder br�llte er vor Lachen, und Jerry stimmte
mit ein:</strong></p><p><strong>�Super. Gro�artig. H�ren Sie, was machen Sie mit seiner ganzen Post,
wenn er nicht herkommt? Schicken Sie sie ihm nach?� Charlie Marshall, er bekam
keine Post nicht, sagte der Alte. �Ah, aber, altes Haus, wenn morgen ein Brief
kommt, wohin schicken Sie ihn dann?�</strong></p><p><strong>Nach Phnom Penh, sagte der Alte, steckte seine f�nf Dollar ein und
fischte einen Zettel aus seinem Schreibtisch, damit Jerry die Adresse
abschreiben konnte.</strong></p><p><strong>�Vielleicht sollte ich ihm ein Buch kaufen�, sagte Jerry und sah sich
um. �Was liest er gern?�</strong></p><p><strong>�Flanz�sisch�, sagte der Alte automatisch, f�hrte Jerry nach oben und
zeigte ihm sein Allerheiligstes f�r Euro-Kultur. F�r die Engl�nder
Pornographie, in Br�ssel gedruckt. F�r die Franzosen reihenweise zerfledderte
Klassiker: Voltaire, Montesquieu, Hugo. Jerry kaufte ein Exemplar von </strong><strong><emphasis>Candide </emphasis></strong><strong>und steckte es in die Tasche.
Wer diesen Raum besuchte war offenbar </strong><strong><emphasis>ex officio </emphasis></strong><strong>eine Ber�hmtheit, denn der Alte brachte ein G�stebuch zum Vorschein,
und Jerry trug sich ein: / </strong><strong><emphasis>Westerby,
Presse. </emphasis></strong><strong>In der Spalte f�r Anmerkungen standen
zumeist Witze, also schrieb er �Ein erlesenes Etablissement�. Dann bl�tterte er
zur�ck und fragte: �Hat sich Charlie Marshall auch hier eingetragen, altes
Haus?� Der Alte zeigte ihm Charlie Marshalls Unterschrift mehrere Male -
�Adresse: hier�, hatte er geschrieben. �Und was macht sein Freund?�</strong></p><p><strong>�Fleund?�</strong></p><p><strong>�Captain Ricardo.�</strong></p><p><strong>Daraufhin wurde der Alte sehr ernst und nahm ihm sanft das Buch aus der
Hand.</strong></p><p><strong>Jerry ging hin�ber zum Auslandskorrespondenten-Club im Oriental und
fand ihn leer bis auf eine Schar Japaner, die soeben aus Kambodscha
zur�ckgekommen waren. Sie teilten ihm den gestrigen Spielstand mit, und er
betrank sich ein bi�chen. Und als er gerade weggehen wollte, tauchte zu seinem
j�hen Entsetzen der Zwerg auf, der zwecks Besprechungen mit dem �rtlichen B�ro
in der Stadt war. Er hatte einen Thai-Jungen im Schlepptau und war daher
besonders impertinent: �Sieh mal an, </strong><strong><emphasis>Westerby! </emphasis></strong><strong>Na, </strong><strong><emphasis>wie </emphasis></strong><strong>geht's dem Geheimdienst heute?� Diesen Witz machte er faat bei jedem,
aber Jerrys Seelenfriede wurde dadurch nicht gef�rdert. In der Absteige trank
er wiederum eine Menge Whisky, doch die R�hrigkeit seiner Mitbewohner hielt ihn
wach. Schlie�lich ging er, in Notwehr, hinaus und suchte sich ein M�dchen, ein
sanftes kleines Gesch�pf aus einer Bar an der Stra�e, aber als er wieder allein
war, kehrten seine Gedanken zu Lizzie zur�ck. Es half alles nichts, sie war
seine Bettgef�hrtin. Wie weit mochte sie bewu�t in die Sache verwickelt sein?
Wu�te sie, womit sie spielte, als sie Tiu auf Jerry ansetzte? Wu�te sie, was
Drakes Jungens mit Frost angestellt hatten? Wu�te sie, da� Jerry das gleiche
passieren konnte? Es ging ihm sogar durch den Sinn, da� sie dabeigewesen sein
k�nnte, als Frost in Behandlung war, und dieser Gedanke entsetzte ihn. Kein
Zweifel: Frosts Leiche war in seiner Erinnerung noch sehr frisch. Eine seiner
schlimmsten Erinnerungen. Um zwei Uhr morgens kam er zu dem Schlu�, da� er
Fieber haben m�sse, er schwitzte und w�lzte sich dauernd herum. Einmal h�rte er
das Ger�usch leiser Schritte im Zimmer, warf sich in eine Ecke und hielt eine
Tischlampe aus Teakholz, die er aus dem. Sockel gerissen hatte, schlagbereit in
der Hand. Um vier Uhr weckte ihn die erstaunliche Ger�uschkulisse Asiens: eine
Art heiseres Schweinequieken, Glocken, Schreie alter Menschen in </strong><strong><emphasis>extremis, </emphasis></strong><strong>das Kr�hen von tausend H�hnen
hallte in den Korridoren aus Beton und Kacheln. Er k�mpfte mit der schadhaften
Installation und machte sich an das m�hsame Gesch�ft der Reinigung mit d�nn
tr�pfelndem kaltem Wasser. Um f�nf Uhr wurde das Radio zum Wecken auf volle
Lautst�rke gedreht, und wimmernde asiatische Musik verk�ndete, da� der Tag
ernsthaft begonnen habe. Inzwischen hatte er sich rasiert, als w�re es sein
Hochzeitstag, und um acht kabelte er seine Pl�ne, damit der Circus sie abfangen
k�nne. Um elf bestieg er die Maschine nach Phnom Penh. Als er an Bord der Air
Cambodge Caravelle kletterte, wandte ihm die Bodenstewardesse ihr liebliches
Gesichtchen zu und w�nschte ihm mit melodischem Singsang sehr korrekt einen
�guten Frag�. �Danke. Ja. Super�, sagte er und w�hlte den Platz �ber der
Tragfl�che, wo man die meisten Chancen hat. Als sie abhoben, sah er eine Gruppe
fetter Tha's auf erstklassigem Rasen direkt neben der Rollbahn lausiges Golf
spielen.</strong></p><p><strong>Auf der Flugliste, die Jerry an der Anmeldung verkehrtherum gelesen
hatte, standen acht Namen, aber au�er ihm bestieg nur. noch ein Passagier das
Flugzeug, ein schwarzgekleideter junger Amerikaner mit einer Aktenmappe. Alles
�brige war Fracht, achtern in braunen Rupfens�cken und Binsenk�rben gestapelt.
Eine Luftbr�cke, dachte Jerry automatisch. Man fliegt die Waren ein, man fliegt
die Gl�cklichen aus. Die Stewarde� �berreichte ihm eine alte Nummer von </strong><strong><emphasis>Jours de Trance </emphasis></strong><strong>und ein
Malzbonbon. Er las </strong><strong><emphasis>Jours de
France, </emphasis></strong><strong>um ein bi�chen franz�sisch zu �ben,
dann fiel ihm </strong><strong><emphasis>Candide </emphasis></strong><strong>ein, und er nahm sich das Buch vor. Er hatte Conrad mitgenommen, weil
er in Phnom Penh immer Conrad las, und es reizte ihn, sich deutlich zu machen,
das er jetzt im letzten der Conradschen Flu�h�fen sa�.</strong></p><p><strong>Sie setzten hoch zum Landeanflug an und sackten dann in einer engen,
unangenehmen Spirale durch die Wolken, um ziellosem Beschu� aus dem Dschungel
zu entgehen. Bodenkontrolle gab es nicht, aber das hatte Jerry auch nicht
erwartet. Die Stewarde� wu�te nicht, wie weit die Roten Khmer sich der Stadt
bereits gen�hert h�tten, aber die Japaner hatten gesagt auf f�nfzehn Kilometer
an allen Fronten, wo es keine Stra�en gebe, weniger. Die Japaner hatten gesagt,
der Flugplatz sei unter Feuer, aber nur Raketenbeschu� und nur sporadisch. Noch
keine </strong>105er <strong>- noch nicht,
aber alles hat einmal seinen Anfang, dachte Jerry. Die Wolkenschicht war noch
immer da, und Jerry hoffte zu Gott, der H�henmesser m�ge in Ordnung sein. Dann
sprang olivenfarbener Boden auf sie zu und Jerry sah Bombenkrater wie
Eispritzer ringsum, und die gelben Furchen der Lastwagenreifen der Konvois. Als
sie federleicht auf der narbigen Rollbahn aufsetzten, planschten die
unvermeidlichen nackten braunen Kinder vergn�gt in einem schlammgef�llten
Krater herum. Die Sonne war durch die Wolken gebrochen, und Jerry hatte trotz
des Gebr�lls der Motoren die Illusion, in einen stillen Sommertag
hinauszutreten. In Phnom Penh fand der Krieg, anders als an irgendeinem Ort,
den Jerry kannte, in einer Atmosph�re des Friedens statt. Er erinnerte sich an
seinen letzten Aufenthalt hier, ehe die Bombardierungen eingestellt worden
waren. Eine Gruppe von Air-France-Passagieren auf dem Flug nach Tokio war
neugierig auf einer Piste herumgeschlendert, ohne die geringste Ahnung, da� sie
mitten in einer Schlacht gelandet waren. Niemand sagte ihnen, da� sie Deckung
nehmen sollten, niemand begleitete sie. F</strong>-4- <strong>und </strong>111<strong>-Maschinen
pfiffen �ber den Platz, im nahen Umkreis wurde geschossen, Hubschrauber von Air
America luden die Toten in Netzen ab, wie gr��liche F�nge aus einem roten
Meer, und um starten zu k�nnen, mu�te die Boeing </strong>707 <strong>im Schneckentempo �ber das ganze Flugfeld Spie�ruten laufen. Fasziniert
beobachtete Jerry, wie sie aus der Feuerlinie watschelte, und die ganze Zeit
�ber wartete er auf den Plumps, der ihm sagen w�rde, da� sie in den Schwanz
getroffen sei. Aber sie machte weiter, als seien die Unschuldigen kugelfest,
und entschwand grazi�s in friedliche H�hen.</strong></p><p><strong>Ironischerweise stellte er nun, da das Ende so nah war, fest, da� die
Fracht vorwiegend dem �berleben diente. Am anderen Ende des Flugplatzes
landeten und starteten riesige silberne amerikanische Charterfrachtflugzeuge, </strong>707 <strong>und gro�e viermotorige Turboprop C</strong>130 <strong>mit der Aufschrift </strong><strong><emphasis>Transworld Bird
Airways </emphasis></strong><strong>oder auch ohne jede Aufschrift, in
unbeholfenem, gef�hrlichem Hinundher, brachten den Reis aus Thailand und Saigon
und das �l und die Munition aus Thailand. W�hrend er zum Flughafengeb�ude
hastete, sah Jerry zwei Landungen, und jedesmal hielt er den Atem an und
wartete auf das letzte Aufbr�llen der Jets, wenn sie nach langem Man�vrieren
innerhalb der Verschalung aus erdegef�llten Munitionskisten am weichen Ende
der Landebahn zitternd zum Stehen kamen. Noch ehe sie stillstanden, waren
bereits Lasttr�ger in Tarnjacken und Helmen wie unbewaffnete Truppen aufgetaucht,
um die kostbaren S�cke aus den Lader�umen zu zerren.</strong></p><p><strong>Doch nicht einmal diese b�sen Omina konnten seine Freude, wieder
hierzusein, tr�ben.</strong></p><p><strong><emphasis>�Vous resiez combien de temps, monsieur?� </emphasis></strong><strong>fragte ihn der Einwanderungsbeamte.</strong></p><p><strong><emphasis>� Toujours, </emphasis></strong><strong>altes Haus�,
sagte Jerry. �So lange Sie mich behalten wollen. L�nger.� Er dachte daran, sich
gleich hier nach Charlie Marshall zu erkundigen, aber der Flugplatz wimmelte
von Polizisten und Spitzeln jeder Art, und solange er nicht wu�te, womit er es
eigentlich zu tun hatte, hielt er es f�r kl�ger, sein Interesse nicht
kundzutun. Er sah ein buntes Aufgebot alter Maschinen mit neuen Abzeichen, aber
keine, die Indocharter geh�rte, deren eingetragene Kennzeichen, wie Craw ihm
bei der letzten Instruktion, kurz ehe er Hongkong verlie�, gesagt hatte, Kos
Rennfarben sein sollten: Grau und Bla�blau. Er nahm ein Taxi und setzte sich
neben den Fahrer, dessen h�fliche Angebote von M�dchen, Shows, Clubs und
Jungens er freundlich dankend ablehnte. Die Leuchtspurgeschosse zogen
orangefarbene Lichtbogen �ber den schief ergrauen Morgenhimmel. Er trat in ein
Kurzwarenl�dchen, um </strong><strong><emphasis>au cours
flexible </emphasis></strong><strong>Geld einzutauschen. Er liebte diesen
Ausdruck. Die Geldwechsler waren meist Chinesen, erinnerte er sich. Dieser war
Inder. Die Chinesen r�cken beizeiten ab, aber die Inder bleiben, um das Gerippe
vollends abzunagen. Rechts und links der Stra�e lag das Elendsviertel.
Fl�chtlinge kauerten �berall, kochten, d�sten in schweigenden Gruppen. Ein
Kreis kleiner Kinder lie� eine Zigarette von Mund zu Mund gehen.</strong></p><p><strong>�Noms </strong><strong><emphasis>sommes un village aVec une population des millions�, </emphasis></strong><strong>sagte der Fahrer in seinem Schulfranz�sisch. Ein Milit�rkonvoi kam
ihnen entgegen, hielt sich mit aufgeblendeten Scheinwerfern in der Mitte der
Stra�e. Der Taxichauffeur fuhr gehorsam in den Dreck. Das Schlu�licht bildete
ein Krankenwagen, dessen beide T�ren offenstanden. Die Leiber waren mit den
F��en nach drau�en gestapelt, die Beine glichen Schweinspfoten, voll Striemen
und Quetschungen. Ob tot oder lebendig war ziemlich egal. Sie kamen an einem
von Raketen zerst�rten Haufen Pfahlh�user vor�ber und fuhren auf einer Platz,
der aussah wie in einer franz�sischen Provinz: ein Restaurant, eine Epicerie,
ein Charcutier, Werbeplakate f�r Byrrh und Coca-Cola. Auf dem Bordstein hockten
Kinder und h�teten Weinflaschen voll gestohlenen Benzins. Auch hieran erinnerte
Jerry sich: es war w�hrend der Bombardierungen gewesen. Die Granaten trafen das
Benzin, und das Resultat war ein Blutbad gewesen. Es w�rde auch jetzt wieder
passieren. Niemand lernte je etwas dazu, nichts �nderte sich, am n�chsten
Morgen waren die Abf�lle weggefegt.</strong></p><p><strong>�Stopp!� sagte Jerry und �bergab dem Fahrer in einem momentanen Impuls
den Zettel, auf dem er in der Buchhandlung in Bangkok Charlie Marshalls Adresse
notiert hatte. Er hatte sich vorgestellt, da� er sich in tiefer Nacht dort
anschleichen sollte, aber im hellen Sonnenlicht schien das jeden Sinn verloren
zu haben.</strong></p><p><strong>�Y </strong><strong><emphasis>aller?� </emphasis></strong><strong>fragte der Fahrer und sah ihn erstaunt an. �Genau, altes Haus.�</strong></p><p><strong>�</strong><strong>Voms </strong><strong><emphasis>connaissez
cette maison?�</emphasis></strong></p><p><strong><emphasis>�</emphasis></strong><strong>Alter Kumpel.�</strong></p><p><strong>�</strong><strong><emphasis>A vous? Un ami � vous?�</emphasis></strong></p><p><strong><emphasis/></strong><strong>�Presse�, sagte Jerry, was jeden
Irrsinn erkl�rt. Der Fahrer zuckte die Achseln und lenkte den Wagen in einen
langen Boulevard, an der franz�sischen Kathedrale vorbei und auf eine
ungepflasterte Stra�e zwischen zur�ckliegenden Villen, die rasch sch�biger
wurden, als sie sich dem Stadtrand n�herten. Jerry fragte den Fahrer zweimal,
was an der Adresse so Besonderes sei, aber der Fahrer hatte seinen Charme
verloren und wies die Fragen achselzuckend von sich. Als sie hielten, forderte
er unverz�glich den Fahrpreis, dann raste er unter ruppigem G�ngeschalten
davon. Es war eine Villa wie alle anderen, von einer Mauer umzogen, die den
unteren Teil des Hauses halb verbarg und durch ein schmiedeeisernes Tor
unterbrochen wurde. Jerry dr�ckte auf die Klingel und h�rte nichts. Als er
versuchte, das Tor aufzudr�cken, r�hrte es sich nicht. Er h�rte ein Fenster
zuknallen und glaubte, als er rasch aufblickte, ein braunes Gesicht hinter dem
Moskitodraht verschwinden zu sehen. Dann surrte das Tor und lie� sich �ffnen,
und er. stieg ein paar Stufen zu einer gefliesten Veranda und einer weiteren
T�r hinauf, die aus massivem Teakholz bestand und ein winziges eingelassenes
Gitter hatte, durch das man hinaus-, aber nicht hereinschauen konnte. Er
wartete, dann bet�tigte er energisch den T�rklopfer und h�rte das Echo durchs
ganze Haus h�pfen. Es war eine Fl�gelt�r mit einer Fuge in der Mitte. Er pre�te
das Gesicht arj den Spalt und konnte einen Streifen Fliesenboden und zwei
Stufen sehen, vermutlich die beiden untersten Stufen einer Treppe. Auf der
letzten standen zwei glatte braune F��e, nackt, und zwei nackte Schienbeine,
aber er konnte nur bis zu den Knien sehen.</strong></p><p><strong>�Hallo!� rief er durch den T�rspalt. </strong><strong><emphasis>�Bonjour! </emphasis></strong><strong>Hallo!� Und als die Beine sich
noch immer nicht bewegten: �Je suis </strong><strong><emphasis>un ami de
Charlie Marshall! Madame, Monsieur, je suis un ami anglais de Charlie Marshall!
Capitaine Marshall! Je veux lui parier.� </emphasis></strong><strong>Er nahm eine
F�nfdollarnote und schob sie durch den Spalt, aber nichts bi� an, also zog er
sie wieder zur�ck und ri� statt dessen ein St�ck Papier aus seinem Notizbuch.
Er richtete die Botschaft an �Captain C. Marshall� und stellte sich namentlich
als �britischen Journalisten mit einem Angebot im beiderseitigen Interesse�
vor, ferner gab er die Adresse seines Hotels an. Auch dieses Papier f�delte er
durch den Spalt, hielt wiederum nach den braunen Beinen Ausschau, aber sie
waren verschwunden, und so ging er, bis er ein </strong><strong><emphasis>cyclo </emphasis></strong><strong>fand, und fuhr damit, bis er ein
Taxi erwischte: und, nein, vielen Dank, nein, vielen Dank, er wollte kein
M�dchen - nur da� er, wie �blich, schon eines wollte. Das Hotel hie� fr�her </strong><strong><emphasis>Royal. </emphasis></strong><strong>Jetzt hie� es </strong><strong><emphasis>Phnom. </emphasis></strong><strong>Eine Fahne flatterte von der
Mastspitze, aber mit der Gro�artigkeit war es nicht mehr weit her. Er trug sich
ein, sah im Hof rings um den Swimmingpool eine Menge Fleisch in der Sonne
schmoren und dachte wiederum an Lizzie. F�r die M�dchen war dies die harte
Schule, und wenn sie f�r Ricardo kleine P�ckchen bef�rdert hatte, dann war sie
zehn zu eins durch diese Schule gegangen. Die h�bschesten geh�rten den
Reichsten, und die Reichsten waren die kriminelle Elite von Phnom Penh: die
Gold- und Gummischmuggler, die Polizeichefs, die korsischen Killertypen, die
mit den Roten Khmer inmitten der K�mpfe s�uberliche Schiebergesch�fte machten.
Ein Brief war f�r ihn gekommen, unverschlossen. Der Empfangschef, der ihn
bereits gelesen hatte, sah Jerry h�flich zu, als er desgleichen tat. Eine
goldger�nderte Einladungskarte mit einem Botschaftswappen lud ihn zum Dinner.
Sein Gastgeber war jemand, von dem er noch nie etwas geh�rt hatte. Ratlos
wendete er die Karte um. Auf der R�ckseite war gekritzelt: �Kannte Ihren Freund
George vom </strong><strong><emphasis>Guardian�, </emphasis></strong><strong>und </strong><strong><emphasis>Guardian </emphasis></strong><strong>war das Schl�sselwort. Dinner und tote Briefk�sten, dachte er: was
Sarratt vernichtend als die gro�e Foreign-Office-Entbindung bezeichnete.</strong></p><p><strong><emphasis>�Telephone?� </emphasis></strong><strong>erkundigte sich
Jerry. �C'</strong><strong><emphasis>est foutu, monsieur.�</emphasis></strong></p><p><strong><emphasis>�Electricite?�</emphasis></strong></p><p><strong><emphasis>�Aussi foutue, monsieur, mais nous avons beaucoup de l'eau.�</emphasis></strong></p><p><strong><emphasis>�Monsieur </emphasis></strong><strong>Keller?� sagte Jerry und
grinste. </strong><strong><emphasis>�Dans la cour, monsieur.�</emphasis></strong></p><p><strong>Er ging in den Garten. Zwischen all dem Fleisch sa� eine Gruppe 382
altgedienter Fleet-Street-Haudegen bei Whisky und harten Geschichten. Sie
sahen aus wie junge Piloten in der Schlacht um England, die einen geborgten
Krieg f�hrten. Und sie beobachteten ihn mit kollektiver Verachtung ob seiner
adligen Abkunft. Einer trug ein wei�es Halstuch und das glatte Haar verwegen
aus der Stirn geworfen.</strong></p><p><strong>�Herrje, ist das nicht der Herzog?� sagte er. �Wie sind Sie
hierhergekommen? Auf dem Mekong gewandelt?� Aber Jerry war nicht an ihnen
interessiert. Er war an Keller interessiert. Keller war ein St�ndiger. Er war
Presseagent, und er war Amerikaner, und Jerry kannte ihn aus anderen Kriegen.
Kein ausl�ndischer Reporter kam in die Stadt, ohne Keller seine Sache
vorzutragen, und wenn Jerry sich Glaubw�rdigkeit verschaffen wollte, so w�rde
Kellers Siegel sie ihm sichern, und er legte immer mehr Wert auf
Glaubw�rdigkeit. Er fand Keller auf dem Parkplatz. Breite Schultern, grauer
Kopf, ein �rmel hinuntergerollt, Arm und �rmel in die Tasche gestopft. So
stand er da und sah zu, wie ein Fahrer das Innere eines Mercedes mit dem
Schlauch ausspritzte. �Max. Super.�</strong></p><p><strong>�Famos�, sagte Keller nach einem Blick auf ihn, dann wandte er sich
wieder dem Wagen zu. Neben ihm standen ein paar schlanke Khmerjungens, die mit
ihren hochhackigen Stiefeln, Trompetenhosen und den Kameras �ber den
gl�nzenden offenen Hemden wie Modefotografen aussahen. Nacrreiner Weile h�rte
der Fahrer mit dem Spritzen auf und begann, die Polster mit einem Packen
Scharpie zu schrubben, der braun wurde, je mehr er rieb. Ein zweiter Amerikaner
gesellte sich zu ihnen, und Jerry vermutete in ihm Kellers neuesten Gehilfen.
Keller verschli� seine Gehilfen ziemlich schnell.</strong></p><p><strong>�Was ist passiert?� sagte Jerry, als der Fahrer wieder mit Spritzen
anfing.</strong></p><p><strong>�Kleiner Held hat gro�e Kugel abgekriegt�, sagte der Gehilfe. �Das ist
passiert.� Er war ein blasser S�dstaatler und sah belustigt aus, und Jerry
konnte ihn auf den ersten Blick nicht leiden. �Stimmt das, Keller?� fragte
Jerry. �Fotograf�, sagte Keller.</strong></p><p><strong>Kellers Telegrafenagentur hatte einen ganzen Stall voll. Wie alle
gro�en Pressedienste: kambodschanische Jungens, wie die beiden hier. Sie
bekamen zwei US-Dollar, wenn sie an die Front gingen, und zwanzig f�r jedes
abgedruckte Foto. Jerry hatte geh�rt, da� Keller im Durchschnitt einen pro
Woche verlor.</strong></p><p><strong>�Hat die Schulter durchschlagen, als er geb�ckt dahinrannte�, sagte der
Gehilfe. �Kam durch den verl�ngerten R�cken wieder raus. Glatt durchgerutscht
wie Gras durch eine Gans.� Er schien beeindruckt.</strong></p><p><strong>�Wo ist er?� sagte Jerry, nur um irgend etwas zu sagen, w�hrend der
Fahrer immer noch wischte und spritzte und schrubbte. �Stirbt ein St�ck weiter
drau�en an der Stra�e. Wissen Sie, das war so, vor ein paar Wochen haben diese
Schweine im New Yorker B�ro die �rztliche Versorgung umorganisiert. Fr�her
haben wir die Verwundeten nach Bangkok transportiert. Jetzt nicht mehr. Mann,
jetzt nicht mehr. Wissen Sie, wie's jetzt geht? Jetzt liegen sie droben an der
Stra�e auf dem blanken Boden und m�ssen die Pflegerinnen bestechen, damit sie
Wasser kriegen. Stimmt's, Jungens?�</strong></p><p><strong>Die beiden Kambodschaner l�chelten h�flich. �Wollen Sie was, Westerby?�</strong></p><p><strong>Kellers Gesicht war grau und zernarbt. Jerry hatte ihn in den sechziger
Jahren im Kongo n�her kennengelernt, wo Keller sich die Hand verbrannte, als er
ein Kind aus einem Lastwagen zog. Jetzt waren die Finger zusammengeschwei�t wie
Schwimmflossen, aber sonst hatte er sich nicht ver�ndert. Jerry konnte sich so
genau an diesen Vorfall erinnern, weil er das andere Ende des Kindes gehalten
hatte.</strong></p><p><strong>�Das Comic m�chte, da� ich mich hier umsehe�, sagte Jerry. �K�nnen Sie
das denn noch?�</strong></p><p><strong>Jerry lachte, und Keller lachte, und sie tranken Whisky in der Bar, bis
der Wagen fertig war, und plauderten �ber alte Zeiten. Am Haupteingang lasen
sie ein M�dchen auf, das den ganzen Tag lang auf Keller gewartet hatte, eine
hochgewachsene Kalifornierin mit zuviel Fotoausr�stung und langen unruhigen
Beinen. Da die Telefone nicht funktionierten, wollte Jerry unbedingt an der
britischen Botschaft aussteigen und die Einladung beantworten. Keller war nicht
sehr h�flich.</strong></p><p><strong>�Sind Sie eine Art Spion oder so geworden, Westerby, da� Sie Ihre
Storys abstimmen und den Bonzen in den Hintern kriechen, damit Sie den rechten
Background kriegen und eine Pension nebenbei oder was?� Es gab Leute, die
sagten, genau dies sei Kellers Fall, aber es gibt immer Leute.</strong></p><p><strong>��Klar�, sagte Jerry. �Schon seit Jahren.� Die Sands�cke am Eingang
waren neu, und neue Granatabfanggitter glitzerten in der prallen Sonne. In der
Halle empfahl ein gro�es mehrteiliges Plakat mit jener grenzenlosen
Sachfremdheit, wie sie ausschlie�lich Diplomaten zustande bringen, �Britische
Hochleistungswagen�, in einer Stadt ohne einen Tropfen Treibstoff, und zeigte
fr�hliche Fotos verschiedener unerreichbarer Modelle. �Ich will dem Herrn
Botschaftsrat bestellen, da� Sie die Einladung angenommen haben�, sagte der
Herr am Empfang feierlich. Der Mercedes roch noch immer ein bi�chen warm vom
Blut, aber der Chauffeur hatte die Klimaanlage eingeschaltet. �Was tun die denn
da drinnen, Westerby?� fragte Keller. �Stricken oder was?�</strong></p><p><strong>�Oder was�, sagte Jerry, und sein L�cheln galt der Kalifornierin. Jerry
sa� vorn, Keller und das M�dchen hinten. �Okay. Also h�ren Sie zu�, sagte
Keller. �Klar�, sagte Jerry.</strong></p><p><strong>Jerry hatte sein Notizbuch aufgeschlagen und kritzelte, w�hrend Keller
sprach. Das M�dchen trug einen kurzen Rock, und Jerry und der Fahrer konnten
ihre Schenkel im Spiegel sehen. Keller hatte die gute Hand auf ihrem Knie. Sie
hie� ausgerechnet Lorraine und unternahm, genau wie Jerry, angeblich eine Tour
durch die Kriegsgebiete im Auftrag ihres Mittelwest-Zeitungskartells. Bald
waren sie das einzige Auto. Dann h�rten auch die Rikschas auf, und sie sahen
nur noch Bauern und Fahrr�der und B�ffel und die bl�henden B�sche des nahenden
Landes: �Schwere K�mpfe auf allen Hauptverbindungsstra�en�, leierte Keller etwa
in Diktiertempo. �Raketenangriffe bei Nacht, Plastikbomben tags�ber, Lon Nol
h�lt sich noch immer f�r einen Gott, und die US-Botschaft unterst�tzt ihn
anfallsweise und versucht dann, ihn rauszuwerfen.� Er gab statistische Zahlen
�ber R�stungsst�rke, Verluste, H�he der US-Hilfe. Er nannte Generale, von
denen man wu�te, da� sie amerikanische Waffen an die Roten Khmer verkauften,
und Generale, die Gespensterarmeen befehligten, um den Sold der Truppen
einzusacken, und Generale, die beides taten. �Alles in bester Unordnung. B�se
Buben sind zu schwach, um die St�dte einzunehmen, brave Buben sind schon zu
sehr auf dem Hund, um das flache Land einzunehmen, und niemand hat Lust zum
K�mpfen au�er den Korns. Die Studenten wollen die ganze Stadt anz�nden, wenn
sie nicht mehr vom Kriegsdienst befreit werden, Hungeraufst�nde gibt's jetzt
t�glich, Korruption, als g�be es kein Morgen, niemand kann von seinem Gehalt
leben, Verm�gen werden gemacht, und das Land verblutet. Der Palast lebt nicht
in der Wirklichkeit, und die Botschaft ist ein Irrenhaus, mehr Spione als
anst�ndige Kerle, und jeder behauptet, ein Geheimnis zu h�ten. M�chten Sie noch
mehr?�</strong></p><p><strong>�Wie lange geben Sie dem Krieg noch?�</strong></p><p><strong>�Eine Woche. Zehn Jahre.�</strong></p><p><strong>�Wie steht's mit den Fluglinien?�</strong></p><p><strong>�Die Fluglinien sind alles, was wir noch haben. Der Mekong ist
praktisch tot, die Stra�en dito. Die Fluglinien haben das ganze Feld f�r sich.
Wir haben eine Story dar�ber gemacht. Haben Sie sie gesehen? Wurde total
verrissen. Herrje�, sagte er zu dem M�dchen. �Warum mu� ich das Ganze f�r die
Insulaner nochmals durchpauken?�</strong></p><p><strong>�Weiter�, sagte Jerry und schrieb.</strong></p><p><strong>�Vor sechs Monaten hatte diese Stadt f�nf eingetragene Luftfahrtgesellschaften.
In den letzten drei Monaten wurden vierunddrei�ig neue Lizenzen ausgestellt,
und noch ein weiteres Dutzend steckt in der R�hre. �bliche Taxe drei Millionen
Riels an den Minister pers�nlich und zwei Millionen an seine Umgebung verteilt.
Weniger, wenn man in Gold bezahlt, noch weniger in fremder W�hrung. Wir machen
jetzt Route Nummer dreizehn�, sagte er zu dem M�dchen. �Vielleicht wollen Sie
sich mal umsehen.�</strong></p><p><strong>�Gro�artig�, sagte das M�dchen und pre�te die Knie zusammen, so da�
Kellers gute Hand eingezwickt war.</strong></p><p><strong>Sie fuhren an einer Statue mit abgeschossenen Armen vorbei, und danach
folgte die Stra�e den Windungen des Flusses.</strong></p><p><strong>�Das hei�t, wenn's unser Westerby noch schafft�, f�gte Kellerais Nachtrag
hinzu.</strong></p><p><strong>�Ach, ich glaube, ich bin soweit in Form�, sagte Jerry, und das M�dchen
lachte und schlug sich f�r den Moment auf seine Seite. �Die Roten Khmer haben
drau�en am anderen Ufer neue Stellungen bezogen, </strong><strong><emphasis>honey�, </emphasis></strong><strong>erkl�rte Keller, vorwiegend an
das M�dchen gewandt. Jenseits des braunen, schnellen Wassers sah Jerry ein paar
T </strong>28 <strong>herumstochern,
als suchten sie nach etwas zum Beschie�en. Ein Feuer brannte, ein ziemlich
gro�es, und die Rauchs�ule stieg kerzengerade in den Himmel wie ein gottgef�lliges
Opfer.</strong></p><p><strong>�Welche Rolle spielen die �berseechinesen?� fragte Jerry. �In Hongkong
hat kein Mensch von dieser Gegend geh�rt.�</strong></p><p><strong>�Die Chinesen kontrollieren achtzig Prozent unseres Handels, wozu auch
die Fluggesellschaften geh�ren. Die alten oder neuen. Der Kambodschaner ist
faul, wissen Sie, hon? Der Kambodschaner begn�gt sich mit seinem Profit aus der
amerikanischen Unterst�tzung. Der Chinese ist anders. Und wie, Sire. Chinese
arbeitet gern, Chinese l��t sein Geld gern rollen. Sie bestimmen unseren
Geldmarkt, unser Transportmonopol, unsere Inflationsrate, unsere
Belagerungswirtschaft. Der Krieg ist allm�hlich hundertprozentig von Hongkong
abh�ngig. He, Westerby, haben Sie noch die Frau, von der Sie mir erz�hlten, die
Niedliche mit den Augen?�</strong></p><p><strong>�Ausger�ckt�, sagte Jerry.</strong></p><p><strong>�Schade, hat sich gro�artig angeh�rt. Er hat eine gro�artige Frau
gehabt�, sagte Keller. �Und Sie?� fragte Jerry.</strong></p><p><strong>Keller sch�ttelte den Kopf und l�chelte das M�dchen an. �Was dagegen,
wenn ich rauche, hon?� fragte er munter. In Kellers zusammengeschwei�ter Pfote
war ein Loch, das aussah wie eigens gebohrt, damit man eine Zigarette
hineinstecken konnte, und der Rand war braun von Nikotin. Keller legte die gute
Hand wieder auf ihren Schenkel. Die Stra�e wurde zur Wagenspur und wies tiefe
Furchen auf, wo die Konvois dar�bergefahren waren. Sie kamen in einen kurzen
Baumtunnel, und in diesem Moment brach zu ihrer Rechten Granatfeuer aus wie ein
Gewitter, und die B�ume bogen sich wie B�ume in einem Taifun. �Toll�, schrie
das M�dchen. �K�nnen wir ein bi�chen langsamer fahren?� Und schon zerrte sie an
den Riemen ihrer Kamera. �Bedienen Sie sich. Mittelschwere Artillerie�, sagte
Keller. �Unsere�, f�gteer als Scherz hinzu. Das M�dchen lie� das Fenster
herunter und scho� ihren Film ab. Das Sperrfeuer ging weiter, die B�ume
tanzten, aber die Bauern im Reisfeld hoben nicht einmal die K�pfe. Als die
Kanonade aufh�rte, bimmelten die Glocken der Wasserb�ffel wie ein Echo weiter.
Sie setzten ihre Fahrt fort. Am diesseitigen Flu�ufer hatten zwei Kinder ein
altes Rad, auf dem sie abwechselnd fuhren. Im Wasser tauchte ein Schwarm von
Knirpsen in eine Kanalisationsr�hre und wieder heraus, ihre braunen K�rper
gl�nzten. Das M�dchen fotografierte auch sie. �Sprechen Sie noch franz�sisch,
Westerby? Ich und Westerby haben fr�her mal einiges zusammen im Kongo erlebt,
wissen Sie,</strong><strong><emphasis> honey�, </emphasis></strong><strong>erkl�rte er dem M�dchen. �Hab</strong><strong>'6 </strong><strong>geh�rt�, sagte sie bewandert.</strong></p><p><strong>�Die-Insulaner werden gebildet.� Jerry hatte ihn nicht so gespr�chig in
Erinnerung. �Sie werden kultiviert. Stimmt's, Westerby? Besonders die Lords,
stimmt's? Westerby ist so eine Art Lord.�</strong></p><p><strong>�So sind wir, altes Haus, Gelehrte bis zum letzten Mann. Nicht wie ihr
Hinterw�ldler.�</strong></p><p><strong>�Dann sprechen Sie mit dem Fahrer, ja? Wir haben Anweisungen f�r ihn,
Sie besorgen das Sprechen. Er hat noch keine Zeit gehabt, englisch zu lernen.
Jetzt links.�</strong></p><p><strong>�</strong><strong><emphasis>A gauche�, </emphasis></strong><strong>sagte Jerry.</strong></p><p><strong>Der Fahrer war ein Junge, aber bereits so blasiert wie ein alter
Fremdenf�hrer.</strong></p><p><strong>Jerry sah im Spiegel, da� Kellers verbrannte Hand zitterte, wenn er an
der Zigarette zog. Er fragte sich, ob das immer so war. Sie kamen durch einige
D�rfer. Es war sehr still. Er dachte an Lizzie und die Krallenspuren an ihrem
Kinn. Er sehnte sich danach, etwas Einfaches mit ihr zu unternehmen, wie einen
Spaziergang durch englische Felder. Craw sagte, sie sei eine Vorstadtpflanze.
Es r�hrte ihn, da� sie von Pferden tr�umte. �Westerby?�</strong></p><p><strong>�Ja, altes Haus?�</strong></p><p><strong>�Diese Sache da mit Ihren Fingern. Da� Sie dauernd trommeln. K�nnten
Sie's vielleicht lassen? Macht mich verr�ckt. Irgendwie bedr�ckend. Seit Jahren
ballern sie auf diese Gegend ein, hon�, sagte Keller mitteilsam. �Seit Jahren.�
Er stie� einen Schwall Zigarettenrauch aus.</strong></p><p><strong>�Was diese Fluglinien betrifft�, warf Jerry ein und hatte wieder den
Stift gez�ckt. �Wie geht das rechnerisch auf?�</strong></p><p><strong>�Die meisten Gesellschaften �bernehmen Charterfl�ge aus Vientiane.
Wartung, Piloten, Wertminderung, alles inbegriffen, au�er Treibstoff.
Vielleicht wu�ten Sie das. Am besten ist es, wenn man sein eigenes Flugzeug
hat. Dann hat man beides. Man holt das Letzte aus dem Belagerungsgebiet heraus
und kann abhauen, wenn das Ende kommt. Halten Sie nach den Kindern Ausschau,
hon�, belehrte er das M�dchen und zog wieder an seiner Zigarette. �Solange die
Kinder um den Weg sind, ist alles in Ordnung. Wenn die Kinder verschwinden,
wird's mulmig. Bedeutet, da� sie sie versteckt haben. Immer nach den Kindern
Ausschau halten.�</strong></p><p><strong>Das M�dchen Lorraine fummelte wieder an der Kamera herum.</strong></p><p><strong>Sie waren zu einem rudiment�ren Checkpoint gekommen. Ein paar Posten
linsten in den Wagen, als sie durchfuhren, aber der Chauffeur verlangsamte
nicht einmal das Tempo. Dann kamen sie zu einer Gabelung, und der Fahrer hielt
an.</strong></p><p><strong>�Den Flu߫, befahl Keller. �Sagen Sie ihm, er soll sich am Ufer halten.�</strong></p><p><strong>Jerry sagte es ihm. Der Junge schien erstaunt: schien sogar drauf und
dran, einen Einwand zu machen, �berlegte es sich aber anders. �Kinder in den
D�rfern�, sagte Keller, �Kinder an der Front. Kein Unterschied. Kinder sind
�berall Wetterfahnen. Die Khmer-Soldaten nehmen ganz selbstverst�ndlich ihre
Familien mit in den Krieg. Wenn der Vater stirbt, hat die Familie ohnehin
nichts mehr, also k�nnen sie ebensogut mit den Soldaten ziehen, wo es zu essen
gibt. Und noch was, </strong><strong><emphasis>hon, </emphasis></strong><strong>noch was: die Witwen m�ssen an Ort und Stelle sein, damit sie den Tod
des Ern�hrers bezeugen k�nnen. Das ist doch eine Sache von menschlichem
Interesse f�r Sie, nicht wahr, Westerby? Wenn sie es nicht bezeugen k�nnen,
wird der kommandierende Offizier es leugnen und sich den Sold des Mannes unter
den Nagel rei�en. Bedienen Sie sich�, sagte er, als sie schrieb. �Aber glauben
Sie nicht, da� irgendwer es drucken wird. Dieser Krieg ist vorbei. Stimmt's,
Westerby?�</strong></p><p><strong>�</strong><strong><emphasis>Finito�, </emphasis></strong><strong>best�tigte Jerry.</strong></p><p><strong>Sie w�rde Spa� haben, dachte er. Wenn Lizzie hier w�re, w�rde sie
bestimmt etwas Lustiges sehen und dar�ber lachen. Irgendwo unter allen ihren
F�lschungen, vermutete er, mu�te ein Original versteckt sein, und es war seine
feste Absicht, es aufzufinden. Der Fahrer hielt neben einer alten Frau an und
fragte sie etwas in Khmer, aber sie barg das Gesicht in den H�nden und wandte
den Kopf ab.</strong></p><p><strong>�Warum hat sie </strong><strong><emphasis>das </emphasis></strong><strong>getan, um Gottes willen?� rief das M�dchen �rgerlich. �Wir wollten ihr
nichts B�ses. Herrje!�</strong></p><p><strong>�Scheu�, sagte Keller mit tonloser Stimme. Hinter ihnen feuerte die
Artilleriesperre eine weitere Salve ab, und es war, als schl�ge eine T�r zu und
versperrte ihnen den R�ckweg. Sie kamen an einem </strong><strong><emphasis>wat </emphasis></strong><strong>vor�ber und auf einen von Holzh�usern
umstandenen Marktplatz. Safrangelb gekleidete M�nche starrten sie an, aber die
M�dchen an den Marktst�nden nahmen keine Notiz von ihnen, und die kleinen
Kinder </strong><strong>Spieker </strong><strong>weiter mit den Zwergh�hnern.</strong></p><p><strong>�Wozu war vorhin der Checkpoint?� fragte das M�dchen, w�hrend sie
fotografierte. �Sind wir jetzt in einer Gefahrenzone?�</strong></p><p><strong>�Kommt bald, </strong><strong><emphasis>hon, </emphasis></strong><strong>kommt bald. Jetzt halt die Klappe.� Vor ihnen konnte Jerry den Klang
automatischer Feuerwaffen h�ren, M</strong>16 <strong>und AK </strong>47 <strong>gemischt. Aus
den B�umen raste ein Jeep auf sie zu und schwenkte in der letzten Sekunde so
j�h ab, da� er �ber die Wegfurchen rumpelte und stolperte. Im gleichen
Augenblick erlosch das Sonnenlicht. Bis jetzt hatten sie es als ihr gutes Recht
angesehen, ein fl�ssiges lebhaftes Licht, das die Regenschauer reingewaschen
hatten. Es war M�rz, die Trockenzeit; und sie waren in Kambodscha, wo der
Krieg, wie ein Kricketmatch, nur bei ordentlichem Wetter stattfand. Aber jetzt
ballten sich schwarze Wolken, die B�ume schlossen sich ringsum wie im Winter,
und die Holzh�tten wichen ins Dunkel. �Wie kleiden sich die Roten Khmer?�
fragte das M�dchen mit ruhigerer Stimme. �Haben sie </strong><strong><emphasis>Uniformen!�</emphasis></strong></p><p><strong><emphasis>�</emphasis></strong><strong>Federn und Lendenschurz�, br�llte
Keller. �Manche sogar ohne Hinterteil.� Als er lachte, h�rte Jerry, wie straff
gespannt seine Stimme war, und er sah die Hand zittern, als Keller an der
Zigarette zog. �Teufel, </strong><strong><emphasis>hon, </emphasis></strong><strong>sie sind angezogen wie Bauern, Herrgottnochmal. Sie haben einfach diese
schwarzen Pyjamas an.�</strong></p><p><strong>.�Ist es immer so leer?�</strong></p><p><strong>�Wechselt�, sagte Keller.</strong></p><p><strong>�Und Ho-tschi-min-Sandalen�, warf Jerry zerstreut ein.</strong></p><p><strong>Ein Paar gr�ner Wasserv�gel flog �ber dem Fahrweg auf. Das Schie�en
wurde nicht lauter.</strong></p><p><strong>�Hatten Sie nicht eine Tochter oder so? Was ist damit los?� sagte
Keller.</strong></p><p><strong>�Ist in Ordnung. Gro�artig�, sagte Jerry.</strong></p><p><strong>�Hie� wie?�</strong></p><p><strong>�Catherine.�</strong></p><p><strong>�Klingt, als w�rden wir uns davon entfernen�, sagte Lorraine
entt�uscht. Sie kamen an einer alten Leiche ohne Arme vorbei. In den
Gesichtswunden hatten sich die Fliegen wie schwarze Lava eingenistet.</strong></p><p><strong>�Tun sie das immer?� fragte das M�dchen neugierig. �Was tun sie, hon?�</strong></p><p><strong>�Die Stiefel ausziehen.�</strong></p><p><strong>�Manchmal ziehen sie ihnen die Stiefel aus, manchmal pa�t die Gr��e
nicht�, sagte Keller wiederum seltsam zornig. �Manche K�he haben H�rner, manche
K�he haben keine, und manche K�he sind Pferde. Jetzt reicht's, ja? Woher sind
Sie?�</strong></p><p><strong>�Santa Barbara�, sagte das M�dchen. Pl�tzlich endeten die B�ume. Sie
fuhren um eine Kurve und waren wieder auf dem flachen Land, der braune Flu� war
direkt neben ihnen. Der Fahrer hielt ohne Aufforderung an und fuhr dann
behutsam r�ckw�rts unter die B�ume.</strong></p><p><strong>�Wo will er hin?� fragte das M�dchen. �Wer hat ihm das befohlen?�</strong></p><p><strong>�Ich glaube, er hat Angst um seine Reifen, altes Haus�, scherzte Jerry.</strong></p><p><strong>�Bei drei�ig Dollar pro Tag?� sagte Keller, ebenfalls scherzend. Sie
hatten endlich eine kleine Kampfhandlung gefunden. Vor ihnen, �ber der
Flu�biegung, ruhte ein zerst�rtes Dorf auf einer �den Anh�he, ohne einen
lebenden Baum im Umkreis. Die Ruinen waren wei�, die Bruchkanten der Mauern
gelb. Durch das fast v�llige Fehlen jeder Vegetation wirkte das Dorf wie ein
verfallenes Fort der Fremdenlegion, und vielleicht war es das sogar. Innerhalb
der Mauern dr�ngten sich braune Lastwagen wie auf einem Bauplatz. Sie h�rten
ein paar Sch�sse, ein leichtes Rattern. Es h�tten J�ger sein k�nnen, die auf
den Abendflug schie�en. Leuchtspuren flammten auf, ein Trio von M�rsergeschossen
schlug ein, der Boden bebte, der Wagen vibrierte, und der Fahrer kurbelte
gelassen sein Fenster herunter, w�hrend Jerry es ihm nachtat. Aber das M�dchen
hatte die T�r ge�ffnet und stieg aus, ein Klasse-Bein nach dem anderen. Sie
w�hlte eine Weile in einer schwarzen Flugtasche, brachte eine Telefoto-Linse
zum Vorschein, schraubte sie an ihre Kamera und studierte das vergr��erte Bild.</strong></p><p><strong>�Ist das alles, was es zu sehen gibt?� fragte sie zweifelnd. �Sollten
wir nicht auch den Feind sehen? Ich sehe nichts als unsere Jungens und eine
Menge schmutzigen Rauch.�</strong></p><p><strong>�Ach, sie sind dr�ben auf der anderen Seite, hon�, begann Keller. �K�nnen
wir sie nicht sehen?� Kurze Zeit war es still; w�hrend die beiden M�nner
wortlos berieten.</strong></p><p><strong>�H�ren Sie�, sagte Keller. �Das hier war nur eine Rundfahrt, okay, hon?
Die Einzelheiten dieser Sache da k�nnen sehr verschieden sein. Okay?�</strong></p><p><strong>�Ich meine nur, es w�re gro�artig, den Feind zu sehen. Ich suche die
Konfrontation, Max. Wirklich. Ich mag das.�</strong></p><p><strong>Sie machten sich auf den Weg.</strong></p><p><strong>Manchmal tut man es, um das Gesicht zu wahren, dachte Jerry, und
manchmal einfach deshalb, weil man seine Arbeit nicht gemacht hat, wenn man
nicht halbtot war vor Angst. Und gelegentlich geht man auch in, um sich ins
Ged�chtnis zu rufen, da� das �berleben reiner Zufall ist. Aber meistens geht
man, weil die arideren gehen: M�nnlichkeitswahn und weil man mittun mu�, wenn
man dazugeh�ren will. In fr�heren Zeiten war Jerry vielleicht aus erhabeneren
Gr�nden gegangen. Um sich selber kennenzulernen: die Hemingway-Masche. Um seine
Angstschwelle anzuheben. Denn im Kampf wie in der Liebe eskaliert der
Geschmack. Wer einmal im MG-Feuer stand, dem erscheinen Einzelsch�sse trivial.
Wer einmal von Granaten aufs Korn genommen wurde, dem ist MG-Beschu� ein
Kinderspiel, und w�re es nur, weil der Einschlag einer simplen Kugel das Hirn
in seinem Kasten l��t, w�hrend die Granate es einem durch die Ohren herausbl�st.
Und es gibt auch einen Frieden: auch daran erinnerte er sich. In den schlimmen
Zeiten seines Lebens - Geld, Kinder, Frauen, alles dahin - hatte er eine Art
Frieden gekannt, weil ihm klar wurde, da� er nichts weiter zu tun hatte als am
Leben zu bleiben. Aber diesmal - dachte er -, diesmal ist es der bl�dsinnigste
Grund von allen, n�mlich weil ich einen ausgeflippten Piloten suche, der einen
Mann kennt, der Lizzie Worthington zur Geliebten hatte. Sie gingen langsam,
weil das M�dchen des kurzen Rocks wegen M�he hatte, �ber die glitschigen
Radfurchen zu balancieren.</strong></p><p><strong>�Tolle Biene�, murmelte Keller.</strong></p><p><strong>�Daf�r geschaffen�, best�tigte Jerry pflichtschuldigst.</strong></p><p><strong>Unbehaglich erinnerte Jerry sich, da� sie damals im Kongo Kameraden
gewesen waren, einander ihre Lieben und Schw�chen anvertraut hatten. Um sich
auf dem durchfurchten Boden halten zu k�nnen, balancierte das M�dchen mit den
Armen.</strong></p><p><strong><emphasis>Nicht die Kamera in Anschlag bringen, </emphasis></strong><strong>dachte Jerry, </strong><strong><emphasis>um Gottes
willen nicht. Auf diese Weise erwischt es die Fotografen immer.</emphasis></strong></p><p><strong>�Immer weitergehen, hon�, sagte Keller scharf. �An gar nichts denken.
Gehen. M�chten Sie zur�ck, Westerby?�</strong></p><p><strong>Sie wichen einem kleinen Jungen aus, der im Staub still vor sich hin
mit Steinen spielte. Jerry �berlegte, ob der Kleine schon gesch�tztaub sei. Er sah
sich um. Der Mercedes stand noch unter den B�umen. Vor ihnen konnte er im
Geb�sch M�nner in liegender Feuerposition ausmachen, mehr M�nner, als er
erwartet hatte. Pl�tzlich wuchs der L�rm. Am jenseitigen Ufer explodierten
einige Bomben mitten im Feuer: die T </strong>28 <strong>versuchten, die Flammen auszubreiten. Ein Querschl�ger klatschte in die
Uferb�schung unter ihnen und schleuderte Schlamm und Staub hoch. Ein Bauer
radelte in heiterer Gelassenheit auf dem Fahrrad an ihnen vorbei ins Dorf,
durchquerte es und fuhr wieder hinaus, langsam vorbei an den Ruinen und
verschwand hinter den B�umen auf der anderen Seite. Niemand scho� auf ihn,
niemand rief ihn an. Er kann einer von ihnen oder einer von uns sein, dachte
Jerry. Er ist gestern abend in die Stadt gefahren, hat eine Plastikbombe in ein
Kino geworfen, und jetzt kehrt er zu den Seinen zur�ck, �Herrje�, rief das
M�dchen lachend, �warum haben </strong><strong><emphasis>wir </emphasis></strong><strong>nicht an Fahrr�der gedacht?�</strong></p><p><strong>Mit einem Krachen wie von herabfallenden Ziegeln klatschte eine
Maschinengewehrsalve rings um sie ein. Unter ihnen, in der Flu�b�schung,
verlief gottlob eine Reihe leerer Sch�tzenl�cher, die in den Schlamm gegraben
waren. Jerry hatte sie bereits gesehen. Er packte das M�dchen und zog es
hinunter. Keller hatte sich schon hingeworfen. Als Jerry neben dem M�dchen lag,
empfand er einen tiefen Mangel an Interesse. Besser hier ein paar Kugeln, als
das, was Frosti abbekommen hatte. Die Geschosse warfen Dreckw�nde hoch und
pfiffen �ber die Stra�e. Sie blieben liegen und warteten, da� der Beschu�
aufh�re. Das M�dchen blickte erregt �ber den Flu� und l�chelte. Sie war
blau�ugig, flachshaarig und nordisch. Eine Granate landete hinter ihnen in der
B�schung, und zum zweitenmal zog Jerry das M�dchen zu Boden. Die Druckwelle
fegte �ber sie hin, und als sie vor�ber war, schwebten Erdfedern herab wie von
einem S�hneopfer. Das M�dchen stand l�chelnd auf. Wenn das Pentagon an
Zivilisation denkt, dachte Jerry, denkt es an dich. Im Fort hatte der Kampf
sich pl�tzlich verdichtet. Die Lastwagen waren verschwunden, eine dichte Wolke
hatte sich zusammengezogen, ohne Pause blitzten und krachten Granatwerfer,
leichtes Maschinengewehrfeuer forderte heraus und antwortete sich selber durch
forcierte Geschwindigkeit. Kellers narbiges Gesicht erschien bleich wie der
Tod �ber dem Rand seines Sch�tzenlochs.</strong></p><p><strong>�Die Roten Khmer heizen ihnen ein�, schrie er. ��ber dem Flu�, vorne,
und jetzt von der anderen Flanke. Wir h�tten die andere Stra�e nehmen sollen!�</strong></p><p><strong>Herrje, dachte Jerry, als ihm die �brigen Erinnerungen zur�ckkamen, Keller
und ich haben auch einmal um ein M�dchen gek�mpft. Er versuchte sich zu
erinnern, wer sie gewesen war und wer gewonnen hatte.</strong></p><p><strong>Sie warteten. Das Feuer erstarb. Sie gingen zur�ck zum Wagen und kamen
rechtzeitig zur Gabelung, um den abziehenden Konvoi zu treffen. Tote und
Verwundete lagen am Stra�enrand, zwischen ihnen kauerten Frauen und f�chelten
die betroffenen Gesichter mit Palmwedeln. Wieder stiegen sie aus. Fl�chtlinge
zerrten B�ffel und Karren und einander die Stra�e entlang und schrien die Schweine
und die Kinder an. Eine alte Frau kreischte beim Anblick der Kamera auf, weil
sie das Objektiv f�r einen Gewehrlauf hielt. Ger�usche schwirrten durch die
Luft, die Jerry nicht lokalisieren konnte, �hnlich dem Klingeln von
Fahrradglocken und einem Wimmern; und Ger�usche, die er identifizieren konnte,
so das trockene Schluchzen der Sterbenden und das Dr�hnen n�her kommenden
Granatfeuers. Keller lief neben einem Lastwagen her und versuchte einen
englischsprechenden Offizier zu finden; Jerry hastete neben Keller her und
br�llte die gleichen Fragen auf franz�sisch.</strong></p><p><strong>�Ach hol's der Teufel�, sagte Keller pl�tzlich gelangweilt. �Fahren wir
heim.� Mit englischer Herrchenstimme n�selte er �dieses </strong><strong><emphasis>Volk </emphasis></strong><strong>und dieser entsetzliche </strong><strong><emphasis>L�rm.� </emphasis></strong><strong>Sie kehrten zu ihrem Mercedes
zur�ck.</strong></p><p><strong>Eine Weile steckten sie mitten in der Kolonne. Die Lastwagen dr�ngten
sie an den Wegrand, und Fl�chtlinge klopften h�flich ans Fenster und fragten,
ob sie mitfahren d�rften. Einmal glaubte Jerry, Deathwish den Hunnen auf dem
Sozius eines Krads zu sehen. An der n�chsten Gabelung befahl Keller dem
Chauffeur, links abzubiegen.</strong></p><p><strong>�Ist privater�, sagte er und legte die gute Hand wieder auf das Knie des
M�dchens. Aber Jerry dachte an Frost im Leichenschauhaus und an das Wei� seines
schreienden Kiefers.</strong></p><p><strong>�Mein altes M�tterchen hat's mir </strong><strong><emphasis>immer </emphasis></strong><strong>gesagt�, erkl�rte Keller in volkst�melndem Knautschton: &gt;Mein Sohn,
geh im Dschungel nie den gleichen Weg zur�ck, den du gekommen bist.&lt; Hon?�</strong></p><p><strong>�Ja?�</strong></p><p><strong>�Hon, jetzt ist Ihre Unschuld fl�ten. Entbiete meinen untert�nigsten
Gl�ckwunsch.� Seine Hand rutschte noch ein bi�chen h�her. Nun st�rzte
Wasserrauschen �ber sie herein wie aus einer Unzahl geborstener Rohre, als ein
Wolkenbruch niederging. Sie kamen durch eine Ansiedlung voller H�hner, die wild
auseinanderstoben. Ein Barbiersessel stand leer im Regen. Jerry wandte sich zu
Keller um.</strong></p><p><strong>�Diese Sache �ber die Wirtschaft im belagerten Land�, begann er von
neuem, als sie ihr Interesse wieder einander widmeten. �Marktbeherrschende
Kr�fte und so weiter. Glauben Sie, diese Story k�nnte gehen?�</strong></p><p><strong>�K�nnte schon�, sagte Keller leichthin. �Ist schon ein paarmal gegangen.
Aber es gibt immer Varianten.�</strong></p><p><strong>�Wer sind die Hauptmacher?�</strong></p><p><strong>Keller nannte einige.</strong></p><p><strong>�Indocharter?�</strong></p><p><strong>�Indocharter geh�rt auch dazu�, sagte Keller. Jerry machte einen k�hnen
Vorsto�:</strong></p><p><strong>�Ein Clown namens Charlie Marshall fliegt f�r sie, Halbchinese.</strong></p><p><strong>Jemand hat gesagt, er w�rde reden. Kennen Sie ihn?�</strong></p><p><strong>�N�.�</strong></p><p><strong>Er fand, da� er weit genug gegangen war. �Welche Maschinen verwenden
sie vorwiegend?�</strong></p><p><strong>�Was sie kriegen k�nnen. DC </strong>4 <strong>zum Beispiel. Eine gen�gt nicht. Man mu� mindestens zwei haben, eine
zum Fliegen, die andere zum Ausschlachten f�r Ersatzteile. Billiger, eine
Maschine am Platz zu halten und auszuschlachten als den Zoll zu bestechen,
damit man die Ersatzteile ausl�sen kann.�</strong></p><p><strong>�Wie hoch ist der Profit.�</strong></p><p><strong>�Nicht druckbar.�</strong></p><p><strong>�Viel Opium dabei?�</strong></p><p><strong>�Drau�en am Bassac ist eine ganze verdammte Raffinerie. Sieht aus wie
zu Zeiten der Prohibition. Ich kann eine Besichtigung arrangieren, wenn's das
ist, was Sie interessiert.� Das M�dchen Lorraine hatte sich dem Fenster
zugewandt und starrte in den Regen hinaus.</strong></p><p><strong>�Ich sehe keine Kinder, Max�, verk�ndete sie. �Sie sagten, ich soll
Ausschau halten, ob Kinder da sind oder nicht. Ich habe also Ausschau gehalten,
und sie sind verschwunden.� Der Fahrer hielt den Wagen an. �Es regnet, und ich
habe mal gelesen, wenn es regnet, kommen die Kinder in Asien aus den H�tten zum
Spielen. Also, wo sind die Kinder?� sagte sie. Aber Jerry interessierte sich
nicht daf�r, was sie mal gelesen hatte. Er duckte sich und lugte durch die
Windschutzscheibe, alles zur gleichen Zeit, als er sah, was der Fahrer gesehen
hatte, und seine Kehle wurde trocken. �Sie sind der Bo�, altes Haus�, sagte er
ruhig zu Keller. �Ihr Wagen, Ihr Krieg und Ihr M�dchen.�</strong></p><p><strong>Zu seinem Schmerz sah Jerry im Spiegel, wie sich in Kellers Bimssteingesicht
Erfahrung und Unverm�gen mischten.</strong></p><p><strong>�F�hren Sie langsam auf sie zu�, sagte Jerry, als er nicht l�nger warten
konnte. </strong><strong><emphasis>�Lentement.�</emphasis></strong></p><p><strong>�Ja, gut so�, sagte Keller. �Tun Sie das.�</strong></p><p><strong>F�nfzig Yards vor ihnen, in str�menden Regen geh�llt, hatte sich ein
grauer Lastwagen quer �ber den Weg gestellt und ihn blockiert. Im Spiegel war
ein zweiter Lastwagen hinter ihnen auszumachen, der den R�ckweg versperrte.</strong></p><p><strong>�Besser, wir zeigen unsere H�nde�, stie� Keller heiser hervor. Mit der
guten Hand kurbelte er sein Fenster herunter. Das M�dchen und Jerry taten es
ihm nach. Jerry wischte den Beschlag von der Windschutzscheibe und legte beide
H�nde auf das Ablagebrett.</strong></p></section><section><p><strong>Der Fahrer hielt das Steuer ganz oben.</strong></p><p><strong>�Sie d�rfen sie nicht anl�cheln, Sie d�rfen sie nicht ansprechen�,
befahl Jerry.</strong></p><p><strong>�Herrje�, sagte Keller. �Heiliger Gott.�</strong></p><p><strong>In ganz Asien, dachte Jerry, schrieben die Reporter ihre Lieblingsgeschichten
�ber das, was die Roten Khmer einem antaten, und die meisten waren wahr. In
diesem Fall w�re sogar Frost f�r sein vergleichsweise friedliches Ende dankbar
gewesen. Jerry kannte Reporter, die immer Gift bei sich hatten, sogar eine
versteckte Pistole, um sich eben diesen Fall zu ersparen. Wenn man gefangen
wird, so ist die erste Nacht die einzige zum Fliehen, erinnerte er sich: ehe
sie einem die Schuhe weggenommen haben, die Gesundheit und Gott wei� was noch
alles. Die erste Nacht ist die einzige Chance, sagt der Volksmund. Er
�berlegte, ob er es dem M�dchen erz�hlen sollte, aber er wollte Keller nicht zu
nahetreten. Sie pfl�gten sich im ersten Gang mit wimmerndem Motor voran. Der
Regen flog �ber den Wagen hin, donnerte aufs Dach, klatschte auf die K�hlerhaube
und peitschte durch die offenen Fenster. Wenn' wir steckenbleiben, sind wir
erledigt, dachte er. Der Lastwagen vor ihnen hatte sich noch immer nicht
bewegt, und er war jetzt nicht mehr als f�nfzehn Yards entfernt, ein gl�nzendes
Ungeheuer in der Sintflut. Im dunklen F�hrerstand des Lastwagens sahen sie
magere Gesichter ihr Herannahen beobachten. In letzter Sekunde stie� der Laster
ins Geb�sch zur�ck und machte gerade so viel Platz, da� sie durchkonnten. Der
Mercedes schlingerte. Jerry mu�te sich am T�rholm festhalten, um nicht auf den
Fahrer zu fallen. Die beiden Au�enr�der glitschten und winselten, die
K�hlerhaube schaukelte und w�re um ein Haar mit der Sto�stange des Lastwagens
zusammengesto�en. �Keine Nummernschilder�, fl�sterte Keller. �Herrje.�</strong></p><p><strong>�Langsam�, warnte Jerry den Fahrer. �Toujours </strong><strong><emphasis>lentement. </emphasis></strong><strong>Keine
Scheinwerfer.� Er lie� die Augen nicht vom R�ckspiegel. �Und das waren die
schwarzen Pyjamas?� sagte das M�dchen aufgeregt. �Und Sie haben mich nicht
einmal ein Bild schie�en lassen?�</strong></p><p><strong>Niemand sprach.</strong></p><p><strong>�Was wollen sie? Auf wen lauern sie?� wollte das M�dchen wissen.</strong></p><p><strong>�Auf jemand anderen�, sagte Jerry. �Nicht auf uns.�</strong></p><p><strong>�Irgend ein paar Strolche hinter uns� �sagte Keller. �Wen interessiert's?�</strong></p><p><strong>�Sollten wir nicht jemanden warnen?�</strong></p><p><strong>�Haben nicht die Vorrichtung dazu�, sagte Keller.</strong></p><p><strong>Hinter sich h�rten sie Sch�sse, aber sie fuhren weiter.</strong></p><p><strong>�Schei�regen�, fl�sterte Keller, mehr zu sich selber. �Warum zum Teufel
mu� es pl�tzlich regnen?�</strong></p><p><strong>Dabei hatte es fast aufgeh�rt zu regnen.</strong></p><p><strong>�Aber Herrje, Max�, protestierte das M�dchen, �wenn sie uns schon so
sch�n in der Zange haben, warum erledigen sie uns dann nicht?�</strong></p><p><strong>Ehe Keller antworten konnte, tat es der Fahrer, auf Franz�sisch, sanft
und h�flich, - und nur Jerry verstand es. �Wenn sie kommen wollen, dann kommen
sie�, sagte er und l�chelte sie im Spiegel an. �Bei schlechtem Wetter. W�hrend
die Amerikaner nochmals f�nf Meter Beton aufs Dach ihrer Botschaft pflanzen,
und die Soldaten in Regenumh�ngen unter ihren B�umen kauern, und die
Journalisten Whisky trinken, und die Generale in der </strong><strong><emphasis>fumerie </emphasis></strong><strong>sind, werden die Roten Khmer aus
dem Dschungel kommen und uns die Kehlen durchschneiden.�</strong></p><p><strong>�Was hat er gesagt?� fragte Keller. </strong>��bersetzen
<strong>Sie </strong>das, <strong>Westerby.�</strong></p><p><strong>�ja, was </strong><strong><emphasis>war </emphasis></strong><strong>das alles?� sagte das M�dchen. �Es hat sich ganz gro�artig angeh�rt.
Wie eine ganz tolle Idee oder sowas.�</strong></p><p><strong>�Hab's ehrlich gesagt nicht recht mitgekriegt, altes Haus. War ein
bi�chen zu schnell f�r mich.�</strong></p><p><strong>Alle brachen in Lachen aus, in viel zu lautes Lachen, auch der Fahrer.</strong></p><p><strong>Und w�hrend der ganzen Zeit, stellte Jerry fest, hatte er an nichts und
an niemanden gedacht, au�er an Lizzie. Nicht unter Ausschlu� der Gefahr - ganz
im Gegenteil. Wie der strahlende Sonnenschein, der jetzt alles �berflutete, war
sie sein Siegespreis.</strong></p><p><strong>Im Phnom verglommen auf der Pool-Seite die letzten Strahlen der Sonne.
In der Stadt hatte es nicht geregnet. Eine feindliche Rakete, die nahe der
M�dchenschule einschlug, hatte acht oder neun Kinder get�tet. Der Gehilfe aus
den S�dstaaten war gerade zur�ckgekommen und hatte die Opfer gez�hlt.</strong></p><p><strong>�Wie hat sich Maxie beim p�ng-p�ng gehalten?� fragte er Jerry, als sie
sich in der Halle begegneten. �Scheint mir, da� seine Nerven in letzter Zeit
ein bi�chen ausfransen.�</strong></p><p><strong>�Geh mir mit deiner feixenden Visage aus den Augen�, riet Jerry ihm,
�sonst schlag ich sie dir ein.� Immer noch feixend entfernte sich der
S�dstaatler.</strong></p><p><strong>�Wir k�nnen uns morgen treffen�, sagte das M�dchen </strong><strong>ZU </strong><strong>Jerry.</strong></p><p><strong>�Morgen ist mein ganzer Tag frei. Vielleicht k�nnen wir uns ein paar
Opiumh�hlen ansehen oder dergleichen?�</strong></p><p><strong>Hinter ihr stapfte Keller langsam die Treppen hoch, eine gebeugte Gestalt
in ein�rmeligem Hemd, die sich am Gel�nder in die H�he zog.</strong></p><p><strong>�Wir k�nnen uns sogar heute Abend treffen, wenn Sie m�gen�, sagte
Lorraine.</strong></p><p><strong>Eine Weile sa� Jerry allein in seinem Zimmer und schrieb Postkarten an
Cat. Dann machte er sich auf den Weg zu Max' B�ro. Er hatte noch ein paar
Fragen �ber Charlie Marshall. Au�erdem konnte er sich vorstellen, da� Max seine
Gesellschaft recht w�re. Nach getaner Pflicht nahm er eine Rikscha und fuhr
nochmals hinaus zu Charlie Marshalls Haus, aber so viel er auch an die T�r
bullerte und rief, er bekam wiederum nur die gleichen nackten braunen Beine zu
sehen, die regungslos am Fu� der Treppe standen, diesmal bei Kerzenlicht. Aber
die Seite, die er aus seinem Notizbuch gerissen und hinterlegt hatte, war
verschwunden. Er kehrte in die Stadt zur�ck und lie� sich, da er noch immer
eine Stunde totzuschlagen hatte, auf einem von etwa hundert leeren St�hlen
eines Stra�encafes nieder, trank einen langen Pernod und dachte daran, wie
einst die M�dchen der Stadt auf ihren kleinen geflochtenen W�gelchen an ihm
vorbeidefiliert waren und in franz�sischem Singsang Klischees von Liebe
gefl�stert hatten. Heute Nacht erbebte die Luft von nichts Liebevollerem als
dem dumpfen Dr�hnen des gelegentlichen Gesch�tzfeuers, w�hrend die Stadt sich
duckte und auf den Einschlag wartete.</strong></p><p><strong>Und doch ging die gr��te Furcht nicht von den Sch�ssen aus, sondern von
der Stille. Denn, wie der Dschungel selber, war diese Stille, nicht der Beschu�
das nat�rliche Element des herannahenden Feindes.</strong></p><p><strong>Wenn ein Diplomat jemanden sprechen will, dann denkt er als erstes an
eine Mahlzeit, und in diplomatischen Kreisen wurde wegen der n�chtlichen
Ausgangssperre fr�h gespeist. Nicht da� Diplomaten solchen H�rten unterworfen
gewesen w�ren, aber es geh�rt zu der reizenden Arroganz der Diplomaten in der
ganzen Welt, da� sie mit gutem Beispiel voranzugehen glauben - wem oder was,
das wei� der Teufel. Das Haus des Botschaftsrats lag in einer flachen, gr�nen
Enklave, die an Lon Nols Palast grenzte. Als Jerry ankam entlie� gerade eine
offizielle Limousine ihre Insassen in die Auffahrt, bewacht von einem Jeep
voller Milizsoldaten. Entweder gekr�nte H�upter oder Kirchenf�rsten, dachte Jerry,
als er ausstieg; aber es waren nur ein amerikanischer Diplomat und seine Frau,
die zum Essen kamen.</strong></p><p><strong>�Ah, Sie m�ssen Mr. Westerby sein�, sagte seine Gastgeberin. Sie war
hochgewachsen, elegant und am�sierte sich dar�ber, da� jemand </strong><strong><emphasis>Journalist </emphasis></strong><strong>sein konnte,
wie sie sich �ber jeden am�sierte, der nicht Diplomat war, und zwar im Rang
eines Botschaftsrats. �John </strong><strong><emphasis>brennt </emphasis></strong><strong>darauf, Sie kennenzulernen�, erkl�rte sie strahlend, und Jerry nahm an,
sie wolle ihm die Befangenheit nehmen. Er folgte dem Zug die Treppe hinauf.
Sein Gastgeber stand oben, ein drahtiger gebeugter Mann mit Schnurrb�rtchen und
einer Jungenhaftigkeit, die Jerry �blicherweise eher bei der Geistlichkeit
gesucht h�tte.</strong></p><p><strong>�Ausgezeichnet! Fabelhaft. Sie sind das Krickett-As. Ausgezeichnet.
Gemeinsame Freunde, stimmt's? Ich glaube, wir benutzen heute abend den Balkon
besser nicht�, sagte er mit einem scheelen Blick zur amerikanischen Ecke. �Gute
M�nner sind zu rar, wie mir scheint. Sollten in Sicherheit bleiben. Ihren Platz
gefunden?� Er stach mit befehlendem Finger nach einer ledergerahmten Tischordnung,
auf der die Pl�tze eingetragen waren. �Lassen Sie sich mit ein paar Leuten
bekannt machen. Moment.� Er zog ihn ein wenig abseits, aber nur ein wenig. �Es
geht alles �ber mich, ja? Ich habe das eindeutig klargemacht. Lassen Sie sich
nicht in eine Ecke dr�ngen, ja? Kleine </strong><strong><emphasis>Balgerei </emphasis></strong><strong>im Gang, wenn Sie mich verstehen. Rein lokal. Nicht Ihr Problem.�</strong></p><p><strong>Der amerikanische Diplomat wirkte auf den ersten Blick klein, er war so
dunkel und adrett, aber als er aufstand und Jerry die Hand sch�ttelte, waren
beide fast gleich gro�. Er trug ein kariertes rohseidenes Jackett und in der
anderen Hand ein Walkie-Talkie in einem schwarzen Plastiketui. Die braunen
Augen waren intelligent, aber �bertrieben respektvoll, und w�hrend sie
einander die H�nde sch�ttelten, sagte eine Stimme in Jerry: �Vetter�. �Freut
mich, Sie kennenzulernen, Mr. Westerby. Habe geh�rt, Sie kommen aus Hongkong.
Ihr Gouverneur dort ist ein sehr guter Freund von mir. Beckie, das ist Mr.
Westerby, ein Freund des Gouverneurs von Hongkong, und ein guter Bekannter von
John, unserem Gastgeber.�</strong></p><p><strong>Dies zu einer f�lligen Frau, die mit plumpen handgeh�mmertem
Silberschmuck vom Markt beh�ngt war. Ihre farbenfroh� Gew�nder flossen in
asiatischem Durcheinander an ihr herab. �Oh, Mr. </strong><strong><emphasis>Westerby�, </emphasis></strong><strong>sagte sie. �Aus
Hongkong. Hallo.� Die �brigen G�ste waren eine gemischte Gesellschaft aus Gesch�ftsleuten
der Stadt. Ihre Frauen waren Eurasierinnen, Franz�sinnen und Korsinnen. Ein
Hausboy schlug auf einen silbernen Gong. Der Plafond des E�zimmers war aus
Zement, aber als sie Einzug hielten, sah Jerry, wie mehrere Augen
emporblickten, um sich zu vergewissern. Ein silberner Kartenhalter belehrte
ihn, da� er der �Honourable G. Westerby� sei, ein silberner Speisenkartenhalter
versprach ihm </strong><strong><emphasis>le roast beef � l'anglaise, </emphasis></strong><strong>in silbernen Leuchtern steckten lange Kerzen, die ein bi�chen geweiht
wirkten; kambodschanische Boys flitzten halb geb�ckt mit Tabletts voller
Speisen herein und hinaus, Speisen, die schon am Vormittag gekocht worden
waren, solange es Strom gab. Eine viel gereiste franz�sische Sch�ne mit einem
Spitzentaschentuch im Ausschnitt sa� Jerry zur Rechten. Ein zweites T�chlein
hielt sie in der Hand, und sooft sie etwas gegessen oder getrunken hatte,
tupfte sie sich das M�ndchen. Die Tischkarte benannte sie als Gr�fin Sylvia.</strong></p><p><strong><emphasis>�Je suis </emphasis></strong><strong><emphasis>tres, </emphasis></strong><strong><emphasis>tres diplomee�, </emphasis></strong><strong>fl�sterte sie
Jerry zu, w�hrend sie pickte und tupfte. </strong><strong><emphasis>�J'ai fait la
science politique, mecanique et l'electricite generale. </emphasis></strong><strong>Im Januar habe ich ein schlechtes Herz. Jetzt bin ich besser.�</strong></p><p><strong>�Ah, </strong><strong><emphasis>well, </emphasis></strong><strong>also ich, ich kann </strong><strong><emphasis>�berhaupt </emphasis></strong><strong>nichts richtig�, behauptete Jerry, und es klang �bertrieben witzig.
�Hansdampf in allen Gassen, aber nirgends zu Hause.� Es dauerte eine ganze
Weile, bis er das ins Franz�sische �bersetzt hatte, und er m�hte sich noch
immer damit ab, als pl�tzlich irgendwo ganz in der N�he eine
Maschinengewehrsalve abgefeuert wurde, viel zu lang, um dem Gewehr gutzutun. Es
kamen keine Antwortsch�sse. Die Unterhaltung erlahmte.</strong></p><p><strong>�Irgend so ein Bl�dmann schie�t auf Gekkos, scheint mir�, sagte der
Botschaftsrat, und seine Frau lachte ihn liebevoll �ber den Tisch hinweg an,
als w�re der Krieg eine kleine Einlage, die sie sich zur Zerstreuung ihrer
G�ste ausgedacht hatten. Das Schweigen kehrte zur�ck, tiefer und gefahrentr�chtiger
als zuvor. Die kleine Gr�fin legte die Gabel auf den Teller, und es bimmelte
wie eine Tramklingel in der Nacht. �Die��, sagte sie.</strong></p><p><strong>Sofort fingen alle wieder zu sprechen an. Die amerikanische Ehefrau
fragte Jerry, wo er </strong><strong><emphasis>aufgezogen </emphasis></strong><strong>worden sei, und als sie damit durch waren, fragte sie ihn, wo sein Heim
sei, und Jerry sagte Thurloe Square, Old Pet's Wohnung, weil ihm nicht danach
war, �ber die Toskana zu sprechen.</strong></p><p><strong>�Wir besitzen Land in Vermont�, sagte sie energisch. �Aber wir haben
noch nicht gebaut.�</strong></p><p><strong>Zwei Raketen schlugen gleichzeitig ein. Nach Jerrys Berechnung etwa
eine halbe Meile weiter �stlich. Als er ringsum blickte, ob die Fenster
geschlossen seien, fing er die braunen Augen des amerikanischen Ehemanns ab,
die mit r�tselhafter Eindringlichkeit auf ihn geheftet waren.</strong></p><p><strong>�Haben Sie f�r morgen schon etwas vor, Mr. Westerby?�</strong></p><p><strong>�Nichts Besonderes.�</strong></p><p><strong>�Wenn wir irgend etwas f�r Sie tun k�nnen, lassen Sie es mich wissen.
Wir sind immer f�r Sie da.�</strong></p><p><strong>�Vielen Dank�, sagte Jerry, aber er hatte das Gef�hl, da� die Frage
anders gemeint war.</strong></p><p><strong>Ein Schweizer Gesch�ftsmann mit klugem Gesicht wu�te eine lustige
Geschichte, und er nutzte Jerrys Anwesenheit, um sie zu wiederholen.</strong></p><p><strong>�Vor nicht langer Zeit war eines nachts die ganze Stadt hell vom
Gesch�tzfeuer, Mr. Westerby�, sagte er. �Wir werden alle sterben. Oh, </strong><strong><emphasis>zweifellos, </emphasis></strong><strong>in dieser Nacht
m�ssen wir sterben! Alles m�gliche: Granaten, Leuchtspurgeschosse �berstr�mten
den Himmel, f�r eine Million Dollar Munition, wie wir sp�ter erfuhren. Stunde
um Stunde. Ein paar meiner Freunde gingen von T�r zu T�r und verabschiedeten
sich voneinander.� Eine Armee von Ameisen kam unter dem Tisch hervor und begann
in einer Heers�ule �ber das bl�tenwei�e Damasttischtuch zu marschieren, wobei
sie die Kerzenleuchter und die von Hibiskusbl�ten �berquellende Blumenschale
sorgf�ltig umging. �Die Amerikaner funkten herum, wetzten hin und her, und
jeder von uns bedachte sehr genau seinen Platz auf der Evakuierungsliste, aber
eins war komisch, wissen Sie: die Telefone funktionierten und wir hatten sogar
Strom. Und was war das Ziel des Beschusses gewesen, wie sich sp�ter
herausstellte?� - Die Tischrunde lachte bereits hysterisch. - �Fr�sche! Ein
paar sehr gefr��ige </strong><strong><emphasis>Fr�sche!�</emphasis></strong></p><p><strong><emphasis>�</emphasis></strong><strong>Kr�ten�, berichtigte ihn jemand, aber
das tat dem Gel�chter keinen Abbruch.</strong></p><p><strong>Der amerikanische Diplomat, ein Muster h�flicher Selbstkritik, lieferte
den am�santen Epilog.</strong></p><p><strong>�Die Kambodschaner haben einen alten Aberglauben, Mr. Westerby. Bei
einer Mondfinsternis mu� man viel L�rm machen. Man mu� Feuerwerksk�rper
abbrennen, man mu� auf Blechdosen schlagen, oder noch besser Munition f�r eine
Million Dollar in die Luft jagen. Denn wenn man das nicht tut, dann werden die
Fr�sche den Mond verschlingen. Wir h�tten es wissen </strong><strong><emphasis>solle-, </emphasis></strong><strong>aber wir </strong><strong><emphasis>wu�ten </emphasis></strong><strong>es nicht, und folglich standen
wir ausgesprochen albern da�, sagte er stolz.</strong></p><p><strong>�Ja, ich f�rchte, da haben Sie sich ins Bockshorn jagen lassen, alter
Freund�, sagte der Botschaftsrat selbstgef�llig. Aber obgleich das L�cheln des
Amerikaners offen und unvoreingenommen blieb, dr�ckten die braunen Augen etwas
weit Dringenderes aus - etwas wie eine Botschaft unter Fachleuten.</strong></p><p><strong>Jemand sprach �ber Dienstboten und deren erstaunlichen Fatalismus.
Eine einzelne Detonation, laut und anscheinend sehr nahe, beendete die
Vorstellung. Als Gr�fin Sylvia nach Jerrys Hand griff, l�chelte die Gastgeberin
ihrem Mann fragend �ber den Tisch hinweg zu.</strong></p><p><strong>�John, </strong><strong><emphasis>darling�, </emphasis></strong><strong>fragte sie mit ihrer gastlichsten Stimme, �ging das herein oder
hinaus?�</strong></p><p><strong>�Hinaus�, erwiderte er lachend. �Oh, entschieden hinaus. Frag unseren
Freund, den Journalisten, wenn du mir nicht glaubst. Er hat schon einige Kriege
hinter sich, nicht wahr, Westerby?� Worauf das Schweigen sie wiederum vereinte
wie ein verbotenes Thema. Die amerikanische Dame klammerte sich an den Grundbesitz
in Vermont: vielleicht sollten sie schlie�lich </strong><strong><emphasis>doch </emphasis></strong><strong>dort bauen. Vielleicht war es jetzt
Zeit:</strong></p><p><strong>�Vielleicht sollten wir </strong><strong><emphasis>doch </emphasis></strong><strong>dem Architekten schreiben�, sagte sie. �Vielleicht sollten wir das�,
pflichtete ihr Mann bei - und in diesem Augenblick gerieten sie in eine
regelrechte Schlacht. Aus n�chster N�he erleuchtete eine langgezogene Flaksalve
die W�sche im Hof, und eine Gruppe MGs, mindestens zwanzig, knatterten
anhaltend und verzweifelt. Im Aufblitzen der Sch�sse sahen sie die Dienerschaft
ins Haus eilen, und durch das Feuern h�rten sie, wie Befehle gegeben und
beantwortet wurden, beides schreiend, und das irre Bimmeln von Handgongs. Im
Speisezimmer bewegte sich niemand, nur der amerikanische Diplomat hob das
Walkie-Talkie an die Lippen, zog die Antenne aus und fl�sterte etwas, ehe er
das Ger�t ans Ohr hielt. Jerry blickte auf seine Knie und sah die Hand der
Gr�fin sich vertrauensvoll um die seine schmiegen. Ihre Wange streifte seine
Schulter. Der Gesch�tzl�rm lie� nach. Er h�rte ganz in der N�he eine kleine
Bombe fallen. Keine Ersch�tterung, nur die Kerzenflammen neigten sich gr��end,
und auf dem Kaminsims fielen ein paar schwere Einladungskarten klatschend um
und blieben liegen, die einzigen sichtbaren Gefallenen. Dann h�rten sie als
letztes und einzelnes Ger�usch das Heulen einer abfliegenden einmotorigen
Maschine wie fernes Kinderweinen. Es wurde vom fr�hlichen Gel�chter des
Botschaftsrats �bert�nt, der zu seiner Frau sagte: �Also, das war </strong><strong><emphasis>nicht </emphasis></strong><strong>die Mondfinsternis, f�rchte ich,
wie, Hills? Das war die Ehre und das Vergn�gen, Lon Nol als Nachbarn zu haben.
Einer von seinen Piloten wird dann und wann ungeduldig, weil er keinen Sold
bekommt, und dann steigt er auf und bombardiert auf gut Gl�ck den Palast. </strong><strong><emphasis>Darling, </emphasis></strong><strong>wie w�r's, wenn du die M�dels
mitn�hmst, damit sie sich die Nase pudern k�nnen oder was immer ihr so macht?�</strong></p><p><strong>Es ist Zorn, dachte Jerry, als er wiederum den Blick des Amerikaners
auffing. Er sieht aus wie ein Mann, der den Armen das Heil bringen m�chte, und
statt dessen seine Zeit mit den Reichen verplempern mu�.</strong></p><p><strong>Drunten standen Jerry, der Botschaftsrat und der Amerikaner schweigend
im Arbeitszimmer im Erdgescho�. Der Botschaftsrat war jetzt von w�lfischem
Argwohn.</strong></p><p><strong>�Ja, </strong><strong><emphasis>weih, </emphasis></strong><strong>sagte er. �Ich habe Sie jetzt miteinander bekannt gemacht und la� Sie
vielleicht am besten allein. Whisky ist in der Karaffe, recht so, Westerby?�</strong></p><p><strong>�Recht so, John�, sagte der Amerikaner, aber der Botschaftsrat schien
nicht geh�rt zu haben.</strong></p><p><strong>�Und vergessen Sie nicht, Westerby: die Vollmacht liegt bei </strong><strong><emphasis>uns, </emphasis></strong><strong>ja? Wir halten das Bett warm. Ja?� Er
wackelte warnend mit dem Finger und verschwand.</strong></p><p><strong>Das Arbeitszimmer war mit Kerzen erleuchtet, ein kleiner, m�nnlich
wirkender Raum ohne Spiegel oder Bilder, nur eine geriefte Teakholzdecke und
ein gr�ner Metallschreibtisch, und der Eindruck, drau�en in der Dunkelheit
herrsche nun wieder t�dliche Stille, obwohl die Gekkos und die Ochsenfr�sche
das raffinierteste Mikrophon au�er Gefecht gesetzt h�tten. �Heh, �berlassen Sie
das mir�, sagte der Amerikaner, als Jerry zur Anrichte gehen wollte, und machte
eine Show daraus, die richtige Mischung f�r ihn herzustellen: �Wasser oder
Soda, Vorsicht, da� ich ihn nicht ers�ufe.�</strong></p><p><strong>�Scheint ein bi�chen umst�ndlich, auf diese Weise zwei Freunde
zusammenzubringen�, sagte der Amerikaner in krampfhaftem Plauderton von der
Anrichte her, w�hrend er die Drinks eingo�. �K�nnte man sagen.�</strong></p><p><strong>�John ist ein feiner Kerl, aber er hat's mit dem Protokoll. Ihre Leute
haben zur Zeit hier keine St�tze, aber sie haben gewisse Rechte, und John
m�chte alles tun, um zu verhindern, da� sieden Ball endg�ltig verlieren. Ich
kann seinen Standpunkt verstehen. Ich respektiere ihn. Nur erfordern diese
Dinge eben manchmal ein bi�chen mehr Zeit.�</strong></p><p><strong>Er reichte Jerry einen l�nglichen braunen Umschlag, den er aus der
Brusttasche des karierten Jacketts gezogen hatte, und sah mit der gleichen
gewichtigen Intensit�t zu, wie Jerry das Siegel erbrach. Das Papier f�hlte sich
schmierig an, wie eine Fotokopie. Irgendwo greinte ein Kind und wurde
beschwichtigt. Die Garage, dachte er: die Dienstboten haben Fl�chtlinge in der
Garage untergebracht, und der Botschaftsrat darf es nicht wissen. </strong><strong><emphasis>DROGENFAHNDUNG SAIGON meldet Charlie MARSHALL, wdh. MARSHALL planm��ig
nach Battambang ETA 1930 morgen via Peilin . . . umgebaute DC 4 Carvair,
Abzeichen Indocharter Frachtbrief gibt an gemischte Ladung . . . planm��ig
Weiterflug Phnom Penh.</emphasis></strong></p><p><strong>Dann las er Uhrzeit und Datum der �bermittlung, und Zorn fiel ihn an
wie eine Sturmb�. Er erinnerte sich an sein gestriges Herumrennen in Bangkok
und an die heutige hirnrissige Taxifahrt mit Keller und dem M�dchen, und er
schleuderte die Mitteilung mit einem �Herrgott!� zwischen ihnen auf den Tisch.
�Wie lange haben Sie schon darauf gesessen? Das ist nicht morgen, das ist </strong><strong><emphasis>heute </emphasis></strong><strong>abend!�</strong></p><p><strong>�Leider konnte unser Gastgeber die Hochzeit nicht fr�her arrangieren.
Sein Einladungsprogramm ist au�erordentlich gedr�ngt. Viel Gl�ck.�</strong></p><p><strong>Er war genauso zornig wie Jerry, nahm wortlos das Fernschreiben wieder
an sich, steckte </strong><strong><emphasis>es </emphasis></strong><strong>in die Tasche seines karierten Jacketts und verschwand nach oben zu
seiner Gattin, die damit besch�ftigt war, die mittelm��ige Sammlung geklauter
Buddhas ihrer Gastgeberin zu bewundern.</strong></p><p><strong>Jerry blieb allein zur�ck. Eine Rakete fiel, und seine Zeit war
bemessen. Die Kerzen erloschen, und am Nachthimmel schien endlich die ganze
Spannung dieses illusorischen und grotesken Krieges zu platzen. Blindlings
fielen die Maschinengewehre in den allgemeinen Krach ein. Der kleine kahle Raum
mit seinem Fliesenfu�boden ratterte und summte wie ein Tongenerator. Nur um
ebenso unvermittelt wieder aufzuh�ren und die Stadt dem Schweigen zu
�berlassen.</strong></p><p><strong>�Stimmt was nicht, alter Junge?� erkundigte sich der Botschaftsrat
herzlich von der T�r her. �Der Yankee hat Sie gegen den Strich geb�rstet, was?
Sieht aus, als wollten sie jetzt die ganze Welt allein regieren.�</strong></p><p><strong>�Ich mu� eine Option f�r sechs Stunden haben�, sagte Jerry. Der
Botschaftsrat begriff nicht ganz, was er meinte. Nachdem Jerry es ihm erkl�rt
hatte, trat er rasch in die Nacht hinaus.</strong></p><p><strong>�Sie haben ein Gef�hrt, ja, alter Junge? Sehr gut. Andernfalls erschie�en
sie Sie. Passen Sie auf sich auf.�</strong></p><p><strong>Er schritt kr�ftig aus, Zorn und Abscheu befl�gelten ihn. Der
Zapfenstreich war l�ngst vorbei. Er sah keine Stra�enlampen, keine Sterne. Der
Mond war verschwunden, und das Quietschen seiner Kreppsohlen begleitete ihn wie
ein unerw�nschter, unsichtbarer Weggenosse. Das einzige Licht kam aus dem
Umkreis des Palasts auf der anderen Stra�enseite, aber es reichte nicht bis zu
ihm. Hohe Mauern schotteten den Innenbau ab, hohe Stacheldrahtz�une kr�nten die
Mauern, die Rohre der Flugabwehrgesch�tze schimmerten bronzen vor dem
schwarzen und lautlosen Himmel. Junge Soldaten d�sten in Gruppen, und als Jerry
an ihnen vorr�bertrabte, erscholl eine neue Runde von Gongschl�gen: der
Wachtmeister hielt die Posten wach. Es herrschte kein Verkehr, aber zwischen
den einzelnen Wachtposten hatten die Fl�chtlinge das ganze Pflaster entlang
ihre n�chtlichen D�rfer errichtet. Einige hatten sich mit Streifen brauner Zeltbahn
umwickelt, einige hatten Bretterliegen und einige kochten auf winzigen Flammen,
obwohl Gott allein wu�te, was sie E�bares gefunden hatten. Einige sa�en in
s�uberlich getrennten Standesgruppen und blickten nur einander an. Auf einem
Ochsenkarren lag ein M�dchen mit einem Jungen, Kinder, so alt wie Cat gewesen
war, als er sie zum letztenmal in Fleisch und Blut gesehen hatte. Aber von
diesen Hunderten von Menschen kam kein Laut, und nachdem er eine Strecke weit
gegangen war, drehte er sich um und sah nach ihnen, ob sie wirklich dort waren.
Wenn ja, dann verbarg sie das Dunkel und die Stille. Er dachte an die
Dinnerparty. Sie hatte in einem anderen Land stattgefunden, in einer anderen
Welt. Jerry war hier v�llig unbedeutend, und doch hatte auch er zu diesem
Debakel beigetragen, �lind </strong><strong><emphasis>vergessen Sie
nicht, wir haben die Vollmacht, ja? Wir halten das Bett warm.�</emphasis></strong></p><p><strong>Der Schwei� war. ihm ausgebrochen. Die Nachtluft hatte keine k�hlende
Wirkung. Das Dunkel war genauso hei� wie der Tag. Vor ihm in der Stadt schlug
ziellos eine verirrte Rakete ein, dann folgten zwei. Sie kriechen �ber die
Reisfelder, bis sie auf Schu�weite heran sind, dachte er. Sie liegen in ihrem
Versteck, ihr St�ckchen Rohr und ihr B�mbchen fest an sich gepre�t, dann werfen
sie und rasen wie irre in den Dschungel. Der Palast lag nun hinter ihm. Eine
Batterie feuerte eine Salve ab, und ein paar Sekunden lang konnte er im
Aufblitzen seinen Weg erkennen. Die Stra�e war breit, ein Boulevard, und er
hielt sich m�glichst in der Mitte der Fahrbahn. In regelm��igen Abst�nden sah
er die �ffnung der einm�ndenden Stra�en. Wenn er sich b�ckte, konnte er sogar
die Baumwipfel in den blassen Himmel entweichen sehen. Einmal kam eine Rikscha
nerv�s aus der Kurve geschwankt, stie� an den Bordstein, fing sich wieder und
klapperte vor�ber. Er dachte schon daran, sie anzurufen, marschierte aber doch
lieber zu Fu� weiter. Eine m�nnliche Stimme gr��te ihn unschl�ssig aus dem
Dunkeln - ein Fl�stern, nichts Aufdringliches: �Bon </strong><strong><emphasis>soir! Monsieur? Bon soir?�</emphasis></strong></p><p><strong>Die Posten standen alle hundert Meter allein oder zu zweien und hielten
ihre Karabiner in beiden H�nden. Ihr Gemurmel erreichte ihn wie Aufforderungen,
aber Jerry achtete stets darauf, die H�nde weit weg von den Taschen zu halten,
so da� die Posten sie sehen konnten. Manche lachten beim Anblick des riesigen
schwitzenden Rundauges und winkten ihn weiter. Andere hielten ihn mit
vorgehaltener Pistole an und blickten beim Schein von Fahrradlampen ernst zu
ihm auf, w�hrend sie ihm Fragen stellten, um sich im Franz�sischen zu �ben. Einige
forderten Zigaretten, und er gab sie ihnen. Er zerrte das durchweichte Jackett
herunter und ri� das Hemd bis zur Taille auf, aber noch immer wollte die Luft
ihn nicht abk�hlen und wieder dachte er, ob er vielleicht Fieber habe und ob
er, wie letzte Nacht in Bangkok, in seinem Schlafzimmer erwachen und im Dunkeln
kauernd darauf warten w�rde, jemandem mit einer Tischlampe den Sch�del einzuschlagen.</strong></p><p><strong>Der Mond schien, vom Schaum der Regenwolken angeleckt. In seinem Licht
glich das Hotel einer verrammelten Festung. Er kam zur Gartenmauer und folgte
ihr nach links den B�umen entlang, bis sie wiederum eine Biegung machte. Er
warf sein Jackett �ber die Mauer und kletterte m�hsam hinterher. Er �berquerte
den Rasen bis zur Treppe, dr�ckte die T�r zur Halle auf und fuhr mit einem
erstickten Ausruf des Ekels zur�ck. Die Halle war pechschwarz, nur ein
einzelner Mondstrahl richtete sich wie ein Punktstrahler auf eine riesige helle
Insektenpuppe, die sich um die nackte braune Larve eines menschlichen K�rpers
spann. </strong><strong><emphasis>� Vous desirez, monsieur?� </emphasis></strong><strong>fragte eine Stimme leise.</strong></p><p><strong>Es war der Nachtw�chter, der in seiner H�ngematte unter einem
Moskitonetz schlief.</strong></p><p><strong>Der Junge �bergab ihm einen Schl�ssel und einen Zettel und nahm
schweigend sein Trinkgeld entgegen. Jerry lie� sein Feuerzeug aufleuchten und
las den Zettel: </strong><strong><emphasis>�Darling, ich bin in Zimmer
achtundzwanzig und sehr einsam. Erwarte Sie. </emphasis></strong><strong>L.� Warum zum Teufel eigentlich nicht? dachte er: Vielleicht kommt
dadurch alles wieder ins Lot. Er stieg die Treppe zum zweiten Stock hinauf,
verga� die furchtbare Banalit�t des M�dchens, dachte nur an ihre langen Beine
und der schlanken K�rper, als sie �ber die Wagenfurchen das Flu�ufer entlangbalanciert
war; an ihre kornblumenblauen Augen und die typisch amerikanische Gelassenheit,
als sie in dem Sch�tzenloch gelegen hatte; dachte nur an sein Sehnen nach einer
menschlichen Ber�hrung. Wer schert sich einen Deut um Keller? dachte er. Einen
anderen K�rper an sich pressen, hei�t, am Leben sein. Vielleicht hatte sie auch
Angst? Er klopfte an die T�r, wartete, �ffnete sie behutsam. �Lorraine? Ich
bin's. Westerby.�</strong></p><p><strong>Nichts tat sich. Er tappte zum Bett, bemerkte das Fehlen eines jeden
weiblichen Geruchs, sogar von Gesichtspuder und Deodorant. Auf halbem Weg
zeigte ihm das gleiche Mondlicht den erschreckend vertrauten Anblick von Jeans,
einem Paar schwerer Kommi�stiefel und einer ramponierten
Olivetti-Reiseschreibmaschine, nicht un�hnlich seiner eigenen.</strong></p><p><strong>�Noch einen Schritt n�her, und es ist versuchte Notzucht�, sagte Luke
und entkorkte die Flasche auf seinem Nachttisch.</strong></p><p><emphasis/></p><p><emphasis>Charlie
Marshalls Freunde </emphasis></p><empty-line/><p><strong>Jerry hatte die Nacht auf Lukes Fu�boden verbracht und machte sich vor
Tagesanbruch davon. Er nahm seine Schreibmaschine und die Schultertasche mit,
obgleich er �berzeugt war, keines von beidem zu ben�tigen. Er lie� einen Zettel
zur�ck, auf dem er Keller bat, an Stubbs zu drahten, da� er die Story �ber den
Belagerungszustand drau�en in der Provinz weiter verfolge. Sein R�cken
schmerzte vom Fu�boden, und sein Kopf von der Flasche. Luke war wegen der
P�ng-P�ngs, wie er sagte, gekommen, nachdem sein B�ro ihm eine Pause von Big
Moo einger�umt hatte. Au�erdem hatte Jake Chiu, sein erboster Hauswirt, ihn
endg�ltig aus der Wohnung geworfen.</strong></p><p><strong>�Ich bin obdachlos, Westerby!� hatte er gerufen und angefangen, laut zu
jammern: </strong><strong><emphasis>�Obdachlos!�, </emphasis></strong><strong>bis Jerry, um sich ein bi�chen Schlaf zu erkaufen, und das Klopfen der
Nachbarn zum Schweigen zu bringen, seinen zweiten Wohnungsschl�ssel vom Ring
nestelte und ihn Luke zuwarf.</strong></p><p><strong>�Bis ich wieder da bin�, warnte er. �Dann raus. Verstanden?� Jerry
fragte nach dem Fall Frost. Luke hatte alles vergessen und mu�te erst erinnert
werden. Ach </strong><strong><emphasis>der, </emphasis></strong><strong>sagte er. </strong><strong><emphasis>Der. </emphasis></strong><strong>Tja, also, es gingen Ger�chte um, Frost habe sich mit den Triaden
angelegt, und vielleicht stelle sich in hundert Jahren heraus, da� dem wirklich
so war, aber wen k�mmere das heute? Aber nicht einmal dann konnte er so ohne
weiteres schlafen. Sie hatten die Pl�ne f�r den. heutigen Tag besprochen. Luke
wollte alles tun, was Jerry tat. Allein sterben sei langweilig, behauptete er.
Am besten w�rden sie sich betrinken und sich ein paar Huren suchen. Jerry hatte
erwidert, Luke werde noch eine Weile warten m�ssen, ehe sie beide gemeinsam in
ihr letztes Abendrot marschierten, denn er wolle den Tag �ber Fischen gehen,
und zwar allein.</strong></p><p><strong>�Wonach fischen, zum Teufel? Wenn's eine Story ist, dann teilen Sie.
Wer hat Ihnen Frost gegeben, gratis und franko? Wohin k�nnen Sie gehen, wo's
nicht unendlich sch�ner w�re., wenn Bruder Luke dabei ist?�</strong></p><p><strong>So ziemlich �berall hin, hatte Jerry unfreundlich erwidert, und war
jetzt aus dem Zimmer geschlichen, ohne ihn aufzuwecken. Als erstes begab er
sich zum Markt; schl�rfte eine </strong><strong><emphasis>soupe chinoise </emphasis></strong><strong>und musterte eingehend die Verkaufsst�nde und Ladenfronten. Er
entschlo� sich f�r einen jungen Inder, der ausschlie�lich Plastikeimer,
Wasserflaschen und Besen zu verkaufen hatte und dennoch dabei gute Gesch�fte zu
machen schien, nach seinem Aussehen zu schlie�en.</strong></p><p><strong>�Was verkaufen Sie sonst noch, altes Haus?�</strong></p><p><strong>�Sir, ich verkaufe alles, an alle Gentlemen.� Sie klopften beide eine
Weile auf den Busch. Nein, sagte Jerry, er wolle nichts zu rauchen und nichts
zu schlucken, nichts zu schn�ffeln und auch nichts f�r die Handgelenke. Und
nein, vielen Dank, bei allem Respekt vor den zahlreichen sch�nen Schwestern,
Cousinen und jungen M�nnern seiner Kreise, auch f�r Jerrys sonstige Bed�rfnisse
sei gesorgt.</strong></p><p><strong>�Dann, Freude meines Herzens, Sir, sind Sie ein sehr gl�cklicher Mann.�</strong></p><p><strong>�Ich habe </strong><strong><emphasis>wirklich </emphasis></strong><strong>etwas gesucht, f�r einen Freund�, sagte Jerry. Der junge Inder blickte
scharf die Stra�e auf und nieder und jetzt klopfte er nicht mehr auf den Busch.
�Einen </strong><strong><emphasis>freundlichen </emphasis></strong><strong>Freund, Sir?�</strong></p><p><strong>�Nicht sehr.�</strong></p><p><strong>Sie nahmen gemeinsam eine Rikscha. Der Inder hatte einen Onkel, der auf
dem Silbermarkt Buddhas verkaufte, und der Onkel hatte ein Hinterzimmer mit
Schl�ssern und Riegel an der T�r. F�r drei�ig amerikanische Dollar kaufte Jerry
eine niedliche braune Walther Automatic mit zwanzig Runden Munition. Die
B�rentreiber in Sarratt, dachte er, als er wieder in die Rikscha kletterte,
w�ren glatt in Ohnmacht gefallen. Erstens wegen der, wie sie es nannten,
unpassenden Zutat, und zweitens weil sie den z�hlebigen Unsinn predigten,
kleine Kanonen br�chten mehr Verdru� als Nutzen. Aber wenn er seine Webley aus
Hongkong durch den Zoll nach Bangkok und von dort aus nach Phnom Penh
mitgenommen h�tte, w�ren sie vermutlich �berhaupt nicht mehr aus ihrer Ohnmacht
erwacht, also konnten sie sich nach Jerrys Meinung noch gl�cklich sch�tzen, da�
er nicht nackt und blo� in dieses Abenteuer zog, welche Parole auch immer sie
in dieser Woche auf ihre Fahnen geschrieben hatten. Am Flugplatz war keine
Maschine nach Battambang zu finden, aber dort war nie eine Maschine zu finden,
egal wohin. Die silbernen Reis-Jets landeten und starteten heulend auf dem
Rollfeld, und nachdem in der Nacht wiederum Raketen gefallen waren, wurden
jetzt neue Futtermauern errichtet. Jerry sah zu, wie die Erde in Lastwagen
ankam und die Kulis sie in rasender Eile in Munitionskisten f�llten. Wenn ich
wieder auf die Welt komme, beschlo� er, handle ich mit Sand und karre ihn in
belagerte St�dte.</strong></p><p><strong>Im Wartesaal fand Jerry eine Gruppe Stewardessen, die Kaffee tranken
und lachten, und er gesellte sich in seiner flotten Art zu ihnen. Ein gro�es
M�dchen, das englisch sprach, zog eine zweifelnde Miene und verschwand mit
seinem Pa� und f�nf Dollar.</strong></p><p><strong>�C</strong><strong>'est </strong><strong><emphasis>impossible�, </emphasis></strong><strong>versicherten
sie ihm alle, w�hrend sie auf die R�ckkehr des M�dchens warteten. </strong><strong>�C</strong><strong>'est </strong><strong><emphasis>tout occupe.� </emphasis></strong><strong>Das M�dchen
kehrte l�chelnd zur�ck. �Der Pilot ist sehr schwierig�, sagte sie. �Wenn Sie
ihm nicht gefallen, nimmt er Sie nicht mit. Aber ich zeige ihm Ihr Foto, und er
will ausnahmsweise </strong><strong><emphasis>surcharger. </emphasis></strong><strong>Er darf nur einunddrei�ig </strong><strong><emphasis>personnes </emphasis></strong><strong>mitnehmen, aber er nimmt Sie mit, es ist ihm egal, er tut es aus
Freundschaft, wenn Sie ihm tausendf�nfhundert Riels geben.� Die Maschine war zu
zwei Dritteln leer, und die Gescho�einschl�ge in den Tragfl�chen tr�pfelten
wie blutende Wunden.</strong></p><p><strong>Zu diesem Zeitpunkt war Battambang noch die sicherste Stadt in Lon Nols
dahinschwindendem Archipel, und Phnom Penhs letzte Farm. Eine Stunde lang
tr�delten sie �ber einem mutma�lich von Roten Khmer �berschwemmtem Gebiet, ohne
da� eine Menschenseele sich zeigte. W�hrend sie kreisten, scho� jemand m��ig
aus den Reisfeldern, und der Pilot beschrieb auf gut Gl�ck ein paar Kurven, um
den Sch�ssen auszuweichen, aber Jerry richtete seine ganze Aufmerksamkeit
darauf, sich die Bodenanlagen einzupr�gen, ehe sie aufsetzten: die
Abstellpl�tze; welche Rollbahnen der Zivilluftfahrt und welche den
Milit�rmaschinen vorbehalten waren; die drahtumz�unte Enklave, in der die
Frachtschuppen standen. Sie landeten in einer l�ndlichen Idylle. Blumen wuchsen
rings um die Gesch�tzstellungen, fette braune H�hner scharrten in den
Granattrichtern, Wasser und Strom gab es im �berflu�, und dennoch dauerte ein
Telegramm nach Phnom Penh damals bereits eine Woche.</strong></p><p><strong>Jerry ging jetzt sehr behutsam vor. Instinktiv hielt er sich strikter
an seine Legende als je zuvor. </strong><strong><emphasis>Der Honourable Gerald
Westerby, unser ausgezeichneter Lohnschreiber, berichtet �ber die wirtschaftlichen
Auswirkungen des Belagerungszustands. </emphasis></strong><strong>Wer so gro� ist
wie ich, der mu� einen verdammt guten Grund haben f�r alles, was er tut. Also
nebelte er sich ein, wie es in der Branche hei�t. Am Informationsschalter, wo
mehrere stille M�nner ihn beobachteten, fragte er nach den Namen der besten
Hotels in der Stadt und schrieb sich einige davon auf, w�hrend er nebenbei die
Gruppierungen der Maschinen und der Geb�ude studierte. Er unternahm eine
Wanderung von B�ro zu B�ro und fragte, wie man am besten einen Zeitungsbericht
per Luftfracht nach Phnom Penh schicken k�nne, und niemand hatte die geringste
Ahnung. Er setzte seine diskrete Rekognoszierung fort, schwenkte �berall seine Telegrammkarte
und erkundigte sich, wie man zum Gouverneurspalast komme, um den Eindruck zu
erwecken, er habe mit dem gro�en Mann pers�nlich etwas zu besprechen. Binnen
kurzem war er der ber�hmteste Reporter, der jemals nach Battambang gekommen
war. Inzwischen merkte er sich die T�ren mit der Aufschrift �Besatzung� und die
T�ren mit der Aufschrift �Privat� und wo �Herren� war, damit er sp�ter, wenn er
unverd�chtig sein w�rde, eine Skizze der gesamten Anlage zeichnen k�nnte, mit
besonderer Ber�cksichtigung der Ausg�nge nach dem abgez�unten Teil des
Flugfelds. Schlie�lich fragte er, wer von den Piloten zur Zeit in der Stadt
sei. Er sei mit einigen von ihnen befreundet, sagte er, also sei es wohl das
Einfachste - falls es n�tig sein sollte -, einen von ihnen zu bitten, seine
Reportage in seinem Fluggep�ck mitzunehmen. Eine Stewarde� las ihm Namen von
einer Liste vor, und w�hrend sie das tat, drehte Jerry die Liste sanft um und
las den Rest selber herunter. Der Indocharter-Flug war aufgef�hrt, aber ohne
den Namen des Piloten. �Fliegt Captain Andreas noch f�r Indocharter?�
erkundigte er sich.</strong></p><p><strong>�Captain </strong><strong><emphasis>qui, </emphasis></strong><strong>Monsieur?�</strong></p><p><strong>�Andreas. Wir nannten ihn nur Andre. Kleiner Bursche, trug immer eine
dunkle Brille. Flog die Strecke Kampong Cham.� Sie sch�ttelte den Kopf. Nur
Captain Marshall und Captain Ricardo, sagte sie, flogen f�r Indocharter, aber
Captain Ric sei einem Absturz zum Opfer gefallen. Jerry zeigte, weiter kein
Interesse, stellte aber doch ganz nebenbei fest, da� Captain Marshalls Carvair
am Nachmittag starten w�rde, wie gestern nacht gemeldet. Es werde aber keine
Fracht mehr mitgenommen, alles sei ausgebucht, Indocharter sei immer voll
ausgelastet. �Wissen Sie, wo ich ihn erreichen kann?�</strong></p><p><strong>�Captain Marshall fliegt nie am Vormittag, Monsieur.� Er fuhr mit einem
Taxi in die Stadt. Das beste Hotel war eine Wanzenbude in der Hauptstra�e. Die
Stra�e war eng, stinkig und mit ohrenbet�ubendem L�rm erf�llt, eine asiatische
Konjunkturstadt im Entstehen, donnernd vom L�rm der Hondas und verstopft von den
frustrierten Mercedes der �ber Nacht Reichgewordenen. Um seine Legende
aufrechtzuerhalten nahm er ein Zimmer und bezahlte im voraus, nahm auch den </strong><strong><emphasis>special Service, </emphasis></strong><strong>was nichts
Exotischeres bedeutete als frische Laken zum Unterschied von denen, die noch die
Spuren fr�herer Schl�fer trugen. Er wies den Fahrer an, in einer Stunde
wiederzukommen. Aus alter Gewohnheit verschaffte er sich eine �berh�hte
Rechnung. Er duschte, zog sich um und h�rte h�flich zu, w�hrend der Hausboy ihm
erkl�rte, wie man nach der Sperrstunde ins Haus gelangen k�nne, dann ging er
aus und suchte sich ein Fr�hst�ck, denn es war noch immer erst neun Uhr
morgens.</strong></p><p><strong>Er trug Schreibmaschine und Schultertasche mit sich. Er sah keine
anderen Rundaugen. Er sah Korbflechter, H�ute- und Obsth�ndler, und wieder
einmal lagen die unvermeidlichen Flaschen mit dem gestohlenen Benzin am
Gehsteig aufgereiht und warteten auf einen Angriff, der sie in die Luft jagen
w�rde. In einem Spiegel, der in einem Baum hing, sah er zu, wie ein Zahnarzt
einem in einen hohen Stuhl geschnallten Patienten Z�hne zog und wie der Zahn
mit der roten Wurzel zu den anderen feierlich an die Schnur geh�ngt wurde, an
der das Tagessoll aufgef�delt war. Das alles hielt Jerry demonstrativ in seinem
Notizbuch fest, wie es einem gewissenhaften Berichterstatter des Alltagslebens
anstand. Und von einem Stra�encafe aus, wo er kaltes Bier und frischen Fisch zu
sich nahm, beobachtete er die schmutzigen, halbverglasten R�ume mit der
Aufschrift �Indocharter� jenseits der Stra�e und wartete, da� jemand kommen und
die T�r aufschlie�en w�rde. Niemand kam. </strong><strong><emphasis>Captain Marshall
fliegt nie am Vormittag, Monsieur. </emphasis></strong><strong>In einer
Drogerie, die vor allem Kinderfahrr�der feilbot, erstand er eine Rolle
Heftpflaster, und als er wieder in seinem Hotelzimmer war, klebte er sich die
Walther an die Rippen, damit sie nicht in seinem Hosenbund herumrutschte. Also
ausger�stet machte sich der furchtlose Journalist auf, um ein weiteres St�ck
seiner Legende zu leben - was zuweilen, in der Psychologie eines Au�enagenten,
nichts weiter ist als ein </strong><strong><emphasis>acte gratuit </emphasis></strong><strong>der Selbstbest�tigung, wenn es anf�ngt, brenzlig zu werden. Der
Wohnsitz des Gouverneurs lag am Stadtrand, hinter einer Veranda und einem
Portal im franz�sischen Kolonialstil. Ihm unterstand ein siebzigk�pfiges
Sekretariat. Die weite Zementhalle f�hrte in einen nicht zu Ende gebauten
Warteraum und dahinter zu bedeutend kleineren B�ros. In eines davon wurde Jerry
nach f�nfzig Minuten Wartezeit eingelassen und sah sich einem, winzigen, sehr
vorgesetzt wirkenden Kambodschaner im schwarzen Anzug gegen�ber, der von Phnom
Penh hierhergeschickt worden war, um l�stige Korrespondenten abzufertigen. Es
hie�, er sei der Sohn eines Generals und manage den Battambang-Abschnitt des
Opiumhandels seiner Familie. Der Schreibtisch war viel zu gro� f�r ihn. Mehrere
Hofchargen lungerten herum und sahen s�mtlich sehr ernst aus. Einer trug
Uniform und eine Menge Ordensb�nder. Jerry fragte nach eingehenden
Hintergrundinformationen und stellte eine Liste mehrerer reizender Tr�ume auf:
da� der kommunistische Feind so gut wie geschlagen sei; da� die Wiederer�ffnung
des gesamten nationalen Verkehrsnetzes ernsthaft diskutiert werde; da� der
Tourismus die Wachstumsindustrie der Provinz sei. Der Sohn des Generals sprach
ein langsames, wundersch�nes Franz�sisch und h�rte sich offensichtlich mit
gr��tem Genu� reden, denn beim Sprechen hielt er die Augen geschlossen und
l�chelte, als lausche er seiner Lieblingsmelodie. �Ich darf zum Abschlu�,
Monsieur, ein warnendes Wort anf�gen, das Ihrem Land gilt. Sind Sie Amerikaner?�</strong></p><p><strong>�Engl�nder.�</strong></p><p><strong>�Das kommt aufs gleiche hinaus. Sagen Sie Ihrer Regierung, Sir:</strong></p><p><strong>wenn Sie uns nicht helfen, den Kampf gegen die Kommunisten fortzuf�hren,
dann gehen wir zu den Russen und bitten sie, Ihre Stelle in unserem Ringen
einzunehmen.�</strong></p><p><strong>O Mutter, dachte Jerry. O Junge. O Gott.</strong></p><p><strong>�Ich werde Ihre Botschaft weitergeben�, versprach er und schickte sich
an, zu gehen.</strong></p><p><strong><emphasis>�Un instant, Monsieur�, </emphasis></strong><strong>sagte der
h�here Beamte scharf, und seine d�senden Hofschranzen regten sich. Er zog eine
Schublade auf und brachte einen imposanten Hefter zum Vorschein. Frosts
Testament, dachte Jerry. Mein Todesurteil. Briefmarken f�r Cat. �Sie sind
Schriftsteller?�</strong></p><p><strong>�Ja.�</strong></p><p><strong>Ko greift nach mir. Heute nacht Knast, und morgen wache ich mit
durchgeschnittener Kehle auf.</strong></p><p><strong>�Waren Sie an der Sorbonne, Monsieur?� erkundigte sich der Beamte.</strong></p><p><strong>�Oxford.�</strong></p><p><strong>�Oxford in London?�</strong></p><p><strong>�Ja.�</strong></p><p><strong>�Dann haben Sie die gro�en franz�sischen Dichter gelesen, Monsieur?�</strong></p><p><strong>�Mit allergr��tem Genu߫, erwiderte Jerry begeistert. Die Schranzen
blickten strenger denn je.</strong></p><p><strong>�Dann werden Monsieur mich vielleicht mit seiner Meinung �ber die
folgenden Verse beehren.� Mit seinem langsamen w�rdevollen Franz�sisch begann
der kleine Beamte laut zu lesen und skandierte die Verse mit der Hand. </strong><strong><emphasis>�Deux amants assis sur la terre Regardaient la mer�, </emphasis></strong><strong>begann er, und fuhr ungef�hr zwanzig schwei�treibende Zeilen lang fort,
w�hrend Jerry ratlos lauschte.</strong></p><p><strong>�Voil�, sagte der Beamte schlie�lich und legte den Hefter beiseite. � </strong><strong>Vous </strong><strong><emphasis>l'aimez?� </emphasis></strong><strong>wollte er wissen und richtete
dabei den Blick auf eine neutrale Stelle im Raum.</strong></p><p><strong><emphasis>�Superbe�, </emphasis></strong><strong>sagte Jerry
enthusiastisch. </strong><strong><emphasis>�Merveilleux. </emphasis></strong><strong>Welche Sensibilit�t.�</strong></p><p><strong>�Von wem sind sie, Ihrer Meinung nach?�</strong></p><p><strong>Jerry nannte den n�chstbesten Namen, der ihm einfiel: �Von Lamartine?�</strong></p><p><strong>Der h�here Beamte sch�ttelte den Kopf. Die Schranzen belauerten Jerry
wom�glich noch aufmerksamer. �Victor Hugo?� riet Jerry.</strong></p><p><strong>�Sie sind von mir�, sagte der Beamte und legte mit einem Seufzer sein
Werk wieder in die Schublade. Die Schranzen entspannten sich. �Sorgen Sie
daf�r, da� dieser literarische Herr jede Hilfe erh�lt�, befahl er.</strong></p><p><strong>Jerry kehrte zum Flugplatz zur�ck und fand ein wirbelndes gef�hrliches
Chaos. Mercedes schwirrten die Zufahrt auf und ab, als h�tte jemand ihr Nest
�berfallen, der Vorplatz war ein Hexenkessel aus Warnlichtern, Motorr�dern und
Sirenen, und die Halle, wo er sich durch die Absperrung palaverte, war
vollgestopft mit ver�ngstigten Menschen, die sich dr�ngten, um die Anschl�ge
lesen, einander zubr�llen und die pl�rrenden Lautsprecher h�ren zu k�nnen, und
das alles zur gleichen Zeit. Als Jerry sich gewaltsam einen Weg zum
Informationsschalter gebahnt hatte, fand er ihn geschlossen. Er sprang auf den
Tresen und konnte durch ein Loch in der Splitterschutzwand auf das Flugfeld
sehen. Ein Zug bewaffneter Soldaten lief im Trab �ber die leere Rollbahn auf
eine Gruppe wei�er Masten zu, an denen schlaff die Nationalflaggen in der
windstillen Luft hingen. Sie holten zwei der Flaggen auf halbmast nieder, und
in der Halle unterbrachen die Lautsprecher ihre Durchsagen und pl�rrten ein
paar Takte der Nationalhymne. Jerry suchte �ber die brodelnden K�pfe hinweg
nach jemandem, mit dem er sprechen k�nnte. Er w�hlte einen schlanken Missionar
mit kurzgeschorenem gelbem Haar, Brille und einem sechs Zoll gro�en silbernen
Kreuz, das an die Tasche seines braunen Hemds geheftet war. Neben ihm standen
kl�glich zwei Kambodschaner mit gest�rkten Priesterkragen. � Vous </strong><strong><emphasis>parlez francais?�</emphasis></strong></p><p><strong><emphasis>�</emphasis></strong><strong>Ja, aber ich spreche auch englisch!�
Ein singender weicher Tonfall. Jerry tippte auf einen D�nen. �Presse. Was ist
denn hier los?� Er br�llte, so laut er konnte. �Phnom Penh ist geschlossen�,
schrie der Missionar zur�ck. �Keine Maschine darf starten oder landen.�</strong></p><p><strong>�Warum?�</strong></p><p><strong>�Die Roten Khmer haben das Munitionsdepot auf dem Flugplatz getroffen.
Die Stadt ist mindestens bis morgen geschlossen.� Wieder begann der
Lautsprecher zu schnattern. Die beiden Priester lauschten. Der Missionar beugte
sich fast bis zum Boden, um die undeutliche �bersetzung zu verstehen. �Kann
sein, da� sie gro�en Schaden angerichtet und bereits ein halbes Dutzend
Flugzeuge zerst�rt haben. O ja! Der ganze Betrieb stockt. Die Beh�rden vermuten
auch Sabotage. Vielleicht nehmen sie auch einige Gefangene. H�ren Sie, warum
wird �berhaupt in einem Flughafen Munition gelagert? Das war h�chst gef�hrlich.
Was ist hierf�r ein Grund?�</strong></p><p><strong>�Ausgezeichnete Frage�, pflichtete Jerry bei. Er bahnte sich einen Weg
durch die Halle. Sein Plan Nummer eins war bereits gestorben, was seinen Pl�nen
Nummer eins meist passierte. Vor der T�r �Nur f�r Besatzung� standen zwei
furchterregende Gestalten Posten, und in dieser Atmosph�re sah Jerry keine
Chance, sich mit einem Trick durchzumogeln. Die Menge schob in Richtung
Fluggastausgang, wo das abgek�mpfte Bodenpersonal sich weigerte, die
Bord-Tickets anzuerkennen und abgek�mpften Polizisten Passierscheine
vorgewiesen wurden, die dem prominenten Inhaber den Kontakt mit der Polizei
h�tte ersparen sollen.</strong></p><p><strong>An den R�ndern zeterte ein Team franz�sischer Gesch�ftsleute nach
R�ckerstattung des Flugpreises, und die �lteren richteten sich bereits auf eine
�bernachtung ein. Der Hauptstrom schob und sp�hte und tauschte immer neue
Ger�chte aus, und in seinem Sog wurde Jerry stetig nach vorn getragen. Als er
an der improvisierten Barriere angelangt war, z�ckte er seine Telegrammkarte und
kletterte hin�ber. Der schmucke Polizeioffizier wahrte Abstand und beobachtete
Jerry geringsch�tzig, w�hrend seine Untergebenen sich abm�hten. Jerry, der den
Riemen der Schultertasche ums Handgelenk geschlungen hatte, schritt geradewegs
auf ihn zu und hielt ihm die Telegrammkarte unter die Nase.</strong></p><p><strong><emphasis>�Securite americaine�, </emphasis></strong><strong>donnerte er in
grauenhaftem Franz�sisch, kl�ffte den beiden M�nnern an den Schwingt�ren irgend
etwas zu, und schon war er drau�en auf dem Flugfeld und marschierte unverwandt
weiter, obwohl es in seinem R�cken prickelte und er die ganze Zeit �ber einen
Anruf oder einen Warnschu� erwartete oder - in dieser scharfgeladenen
Atmosph�re - einen Schu�, der keine Warnung mehr war. Er stapfte zornig, mit
derber Bestimmtheit dahin und schwang, nach bester Sarratt-Manier, die
Schultertasche zwecks Ablenkung. Vor ihm - sechzig Yards, bald f�nfzig - stand
eine Reihe einmotoriger Milit�r-�bungsmaschinen ohne Abzeichen. Dahinter
befanden sich auf dem eingez�unten Platz die Lagerschuppen, numeriert von neun
bis achtzehn, und hinter den Lagerschuppen sah Jerry Hangars, Abstellpl�tze und
Verbotstafeln in praktisch jeder Sprache au�er der chinesischen. Als Jerry bei
den �bungsmaschinen angelangt war, schritt er die Front wie bei einer Parade
ab. Sie waren mit Drahtseilen und Ziegelsteinen verankert. Er verhielt den
Schritt, ohne jedoch stehenzubleiben, trat mit dem Wildlederstiefel unwillig
gegen einen Ziegelstein, ruckte an einer Tragfl�che und sch�ttelte den Kopf.
Die Bedienung eines Flakgesch�tzes sah ihm von ihrer mit Sands�cken umhegten
Stellung aus gleichm�tig zu. </strong><strong><emphasis>�Qu'est-ce que
vous faites?�</emphasis></strong></p><p><strong>Jerry wandte den Kopf und legte die H�nde trichterf�rmig vor den Mund.
�Dorf solltet ihr raufglotzen, verdammt nochmal!� schrie er zur�ck, wies
erz�rnt zum Himmel und ging weiter, bis er vor der hohen Umz�unung anlangte.
Das Tor war offen, und die Schuppen lagen vor ihm. Sobald er an ihnen vorbei
sein w�rde, k�nnte man ihn weder vom Flughafengeb�ude noch vom Kontrollturm
aus mehr sehen. Er marschierte �ber geborstenen Beton, in dessen Spr�ngen
Queckengras wuchs. Kein Mensch weit und breit. Die Schuppen waren aus
Teerpappe, drei�ig Fu� lang, zehn hoch, mit Palmd�chern. Er kam beim ersten an.
Auf der Fensterverschalung stand: �Splitterbomben, ohne Z�nder�. Ein Trampelpfad
f�hrte hin�ber zu den Hangars. Durch den Zwischenraum erhaschte Jerry einen
Blick auf die papageienbunten Transportmaschinen.</strong></p><p><strong>�Hab ich dich!� sagte Jerry laut vor sich hin, als er die sichere Seite
der Schuppen erreicht hatte, und er kam sich vor, als h�tte er nach
monatelangem einsamen Marsch zum erstenmal den Feind erblickt: dort, genau vor
ihm, kauerte fett wie eine Kr�te eine verlotterte blau-graue DC </strong>4 <strong>Carvair mit ge�ffnetem Einstieg auf der br�ckeligen Piste. Diesel�l
tr�pfelte wie schwarzer Regen aus beiden Steuerbordmotoren, und ein
spindeld�rrer Chinese, auf dem Kopf eine Schifferm�tze voll milit�rischer
Abzeichen, stand rauchend unter der Ladeluke und kontrollierte die Ware anhand
einer Liste. Zwei Kulis schleppten S�cke herbei und ein dritter bediente den
altert�mlichen Ladeaufzug. Zu seinen F��en scharrten muntere H�hner. Und �ber
den Rumpf liefen in flammendem Scharlach auf Drake Kos verblichenen Rennfarben
die Buchstaben OCH ART- Der Rest war bei irgendeiner Reparatur verlorengegangen.</strong></p><p><strong><emphasis>Oh, Charlie ist unverw�stlich, absolut unsterblich! Charlie Marshall,
Mr. Tiu, ein phantastischer Halbchinese, nur Haut und Knochen, und ein
ausgesprochen fabelhafter Pilot . . . </emphasis></strong><strong>Was er auch
bitter n�tig haben wird, dachte Jerry schaudernd, als die Kulis Sack um Sack
durch die ge�ffnete Luke in den verbeulten Bauch des Flugzeugs luden.</strong></p><p><strong><emphasis>Der getreue Sancho Pansa des edlen Don Ricardo, Ehrw�rden, </emphasis></strong><strong>hatte Craw Lizzies Schilderung erg�nzt.</strong></p><p><strong>Jerry machte keinen Versuch, sich zu verstecken, er blieb aufrecht
stehen, lie� die Tasche vom Handgelenk baumeln und trug das reuige Grinsen
eines Engl�nders auf Abwegen zur Schau. Nun schienen Kulis, eine ganze Menge,
aus verschiedenen Richtungen gleichzeitig auf das Flugzeug zuzustreben. Jerry
wandte ihnen den R�cken und wiederholte seinen alten Trick: er schlenderte an
der Front der Lagerschuppen entlang, wie er die Front der �bungsmaschinen
abgeschritten hatte oder durch den Korridor zu Frosts B�ro marschiert war,
linste durch Spalten in der Teerpappe und sah weiter nichts als dann und wann
eine zerbrochene Versandkiste. </strong><strong><emphasis>Die Konzession,
Battambang als Operationsbasis zu benutzen, kostet eine halbe Million
US-Dollar und mu� immer wieder erneuert werden, </emphasis></strong><strong>hatte Keller gesagt. Wer gibt bei solchen Preisen noch Geld f�rs
Neulackieren aus? Die Zeile der Lagerschuppen endete, und er kam zu vier
Armeelastwagen, die mit Obst, Gem�se und unbeschrifteten Rupfens�cken
hochbeladen waren. Die Laster standen mit der hinteren Ladeklappe zum Flugzeug
und trugen Artillerie-Embleme. Auf jedem Lastwagen standen zwei Soldaten und
reichten die Rupfens�cke den unten stehenden Kulis. Vern�nftigerweise h�tte man
die Lastwagen direkt auf die Startpiste fahren m�ssen, aber hier ging es
offenbar in erster Linie um Diskretion. </strong><strong><emphasis>Die Army mischt
immer gern mit, </emphasis></strong><strong>hatte Keller gesagt. </strong><strong><emphasis>Die Navy kann aus einem einzigen Konvoi, der den Mekong hinabf�hrt,
Millionen herausholen, die Air Force kommt auch nicht schlecht weg: Die Bomber
fliegen Obst, und die Hubschrauber holen anstatt der Verwundeten die reichen
Chinesen aus den belagerten St�dten heraus, die Kampfflieger gehen ziemlich
leer aus, weil sie wieder dort landen m�ssen, von wo aus sie aufgestiegen sind.
Aber die Army mu� wirklich alles zusammenkratzen, um sich durchzubringen. </emphasis></strong><strong>Jerry war jetzt n�her an die Maschine herangekommen und h�rte die
qu�kenden Laute, wenn Charlie Marshall den Kulis Befehle erteilte.</strong></p><p><strong>Dann kamen wieder Lagerschuppen. Nummer achtzehn hatte Doppelt�ren, und
der Name </strong><strong><emphasis>Indocharter </emphasis></strong><strong>war mit gr�ner Farbe senkrecht auf eine Holzstrebe gekleckst, so da�
die Lettern aus einiger Entfernung wie chinesische Schriftzeichen aussahen.
Drinnen, im Halbdunkel, kauerte ein chinesisches Bauernpaar auf der Erde. Ein
Schwein, an einem Strick festgebunden, hatte den Kopf auf die Pantoffeln des
Alten gelegt. An weiteren Besitzt�mern hatten sie nur ein l�ngliches B�ndel
Binsen, das sorgf�ltig umwickelt war. Das B�ndel h�tte eine Leiche sein k�nnen.
In einer Ecke stand ein Wasserkrug, daneben zwei Reisschalen. Sonst war die
H�tte leer. �Willkommen im Indocharter-Wartesalon�, dachte Jerry. W�hrend ihm
der Schwei� �ber die Rippen rann, reihte er sich in den Zug der Kulis ein, bis
er vor Charlie Marshall stand, der immer noch lauthals in der Khmer-Sprache
qu�kte, w�hrend er mit zitternder Hand jede Ladung auf seiner Liste abhakte.</strong></p><p><strong>Er trug ein �lverschmiertes, wei�es kurz�rmeliges Hemd und so viel
goldene Streifen auf den Achselst�cken, da� es in jeder Luftwaffe f�r einen
Viersterne-General gereicht h�tte. Zwei amerikanische Kampfabzeichen waren an
die Hemdbrust geheftet, inmitten einer erstaunlichen Kollektion von
Ordensb�ndern und kommunistischen roten Sternen. Auf einem der Abzeichen stand
�T�te einen Kommi f�r Christus�, und auf dem anderen �Christus war im Herzen
Kapitalist�. Er hielt den Kopf gebeugt und sein Gesicht wurde von seiner
riesigen Schifferm�tze beschattet, die �ber seinen Ohren hin und herschwappte.
Jerry wartete, bis er aufblickte. Die Kulis schrien Jerry bereits zu, er solle
abhauen, nur Charlie Marshall hielt den Kopf hartn�ckig gesenkt, w�hrend er
sein Verzeichnis erg�nzte, abhakte und w�tend zur�ckqu�kte.</strong></p><p><strong>�Captain Marshall, ich schreibe eine Story �ber Ricardo f�r eine
Londoner Zeitung�, sagte Jerry ruhig. �Ich m�chte mit Ihnen bis Phnom Penh
fliegen und Ihnen ein paar Fragen stellen.� W�hrend er das sagte, legte er
behutsam den Cai </strong><strong><emphasis>dide </emphasis></strong><strong>auf das Warenverzeichnis, und aus dem Buch lugten, diskret aufgef�chert,
drei Einhundertdollar-Banknoten hervor. Wenn man will, da� jemand in eine
bestimmte Richtung schaut, sagt die Zauberlehrlingsschule in Sarratt, mu� man
ihn immer in die andere weisen.</strong></p><p><strong>�Ich habe geh�rt, Sie m�gen Voltaire�, sagte er.</strong></p><p><strong>�Ich mag �berhaupt niemand�, erwiderte Charlie Marshall in heiserem
Falsett und beugte sich noch tiefer �ber sein Verzeichnis, so da� ihm die M�tze
noch weiter ins Gesicht rutschte. �Ich hasse die ganze menschliche Rasse, h�ren
Sie?� Trotz des chinesischen Tonfalls war seine Schm�hrede eindeutig
frankoamerikanisch. �Herrgott, ich hasse die Menschheit so verdammt gr�ndlich,
da� sie sich endlich selber in die Luft sprengen mu�, wenn ich mir nicht aus
eigener Tasche ein paar Bomben anschaffe und es pers�nlich erledige!�</strong></p><p><strong>Er hatte sein Publikum verloren. Jerry war schon halbwegs die
Eisenleiter hinauf, ehe Charlie Marshall seine Absichtserkl�rung beendet hatte.</strong></p><p><strong>�Voltaire hat keinen blauen Dunst begriffen!� pl�rrte er den n�chsten
Kuli an. �Er hat den ganz falschen Krieg ausgefochten, h�rst du? Leg's dort
dr�ben hin, du faules Stinktier und hol dir das n�chste! </strong><strong><emphasis>Depeche-toi, cretin, </emphasis></strong><strong>oui?�</strong></p><p><strong>Aber er stopfte den Voltaire dennoch in die hintere Tasche seiner
ausgebeulten Hose.</strong></p><p><strong>Im Inneren des Flugzeugs war es dunkel, ger�umig und k�hl wie in einer
Kathedrale. Die Sitze waren ausgebaut worden. An den W�nden waren gr�ne Regale
auf durchl�cherten L�ngsstangen wie aus einem Stabilbaukasten montiert. Von der
Decke baumelten Schweinekadaver und tote Perlh�hner. Die �brige Ladung war die
Gangway entlang gestaut, angefangen vom Schwanzende - was Jerry ein mulmiges
Gef�hl bereitete, wenn er an den Start dachte -, und bestand aus Obst, Gem�se
und jenen Rupfens�cken, die Jerry in den Armeelastwagen bereits gesehen hatte.
Jetzt waren sie s�uberlich mit �Getreide�, �Reis�, �Mehl� in so gro�en
Buchstaben beschriftet, da� sie sogar der kurzsichtigste Drogenfahnder lesen
konnte. Aber der s��liche Geruch nach Hefe und Sirup, der sich bereits im
Laderaum ausgebreitet hatte, bedurfte keiner Etikettierung. Ein paar S�cke
dienten als Sitze f�r Jerrys Mitreisende. Da waren vor allem zwei ernste
Chinesen, sehr �rmlich in Grau gekleidet, aus deren Uniformit�t und strenger
�berlegenheit Jerry sofort auf Fachleute irgendwelcher Art schlo�. Er erinnerte
sich an Sprengmeister und Entsch�rfervirtuosen, die er gelegentlich ins
Kampfgebiet oder heraus bef�rdert hatte, ohne ihren Dank zu ernten. Dann, in
respektvollem Abstand, vier bis an die Z�hne bewaffnete Bergbewohner, die
rauchten und aus ihren Reisschalen spachtelten. Jerry tippte auf Miaos oder
Leute aus den Shan-Staaten an der Nordgrenze, wo Charlie Marshalls Vater seine
Armee hatte. Aus ihrer ungezwungenen Haltung schlo� er, da� sie zur st�ndigen
Mannschaft geh�rten. Die VIPs sa�en getrennt von den gew�hnlichen Passagieren:
der Artillerieoberst h�chstselbst, der so zuvorkommend Transport und Eskorte
gestellt hatte, und sein Kompagnon, ein h�herer Zollbeamter, ohne den das Ganze
nicht geklappt h�tte. Sie thronten auf eigens aufgestellten Sesseln k�niglich
in der Gangway, sahen voll Stolz beim Beladen zu, das noch immer nicht beendet
war, und trugen, wie es die festliche Gelegenheit erheischte, ihre beste Uniformen.</strong></p><p><strong>Und noch ein Mann war mit von der Partie. Er hockte allein im Heck hoch
droben auf den Kisten, so da� sein Klbpf fast an die Decke stie�. Es war unm�glich,
ihn im einzelnen auszumachen. Er trug eine Fidel-Castro-Kappe und einen
Vollbart. An den dunklen Armen funkelten goldene Kettenglieder, damals bei
jedermann (au�er bei denen, die sie trugen) als CIA-Armb�nder bekannt, da man
optimistischerweise annahm, ein Mann, der in Feindesland in der Patsche sa�,
k�nne sich den Weg in die Sicherheit dadurch erkaufen, da� er jeweils ein
Kettenglied herausr�ckte. Aber die Augen des Mannes, die Jerry �ber den
wohlge�lten Lauf einer automatischen AK </strong>47 <strong>hinweg fixierten, blickten starr und klar. �Er hat durch den Einstieg
auf mich gezielt�, dachte Jerry. �Er hat mich schon aufs Korn genommen, als ich
den Lagerschuppen verlie�.�</strong></p><p><strong>Die beiden Chinesen waren K�che, befand er in einer pl�tzlichen
Eingebung: </strong><strong><emphasis>K�che, </emphasis></strong><strong>wie man in der Unterwelt die Chemiker nennt. ; Keller hatte gesagt, die
Air-Opium-Gesellschaften seien dazu��bergegangen, die Rohsubstanz
einzufliegen und in Phnom Penh aufbereiten zu lassen, aber sie m��ten Himmel
und H�lle in Bewegung setzen, damit die K�che sich bereit f�nden, herzukommen
und unter Belagerungsbedingungen zu arbeiten. �He, Sie, Voltaire!�</strong></p><p><strong>Jerry lief an die Ladeluke. Als er hinunterschaute, sah er die alten
Bauersleute am Fu� der Leiter stehen, w�hrend Charlie Marshall versuchte, des
Schweins habhaft zu werden und die alte Frau die eiserne Leiter
hinaufzuschieben.</strong></p><p><strong>�Wenn sie raufkommt, dann langen Sie raus und packen sie, verstanden?�
rief er und hielt das Schwein umarmt. �Sie f�llt runter, bricht sich den Arsch,
und wir haben noch mehr Scherereien mit diesen Niggern. Sind Sie vielleicht
auch so ein verdammter Rauschgiftzwerg, Voltaire?�</strong></p><p><strong>�Nein.�</strong></p><p><strong>�Gut, also Sie packen die Alte richtig fest, verstanden?� Die alte Frau
machte sich an den Aufstieg. Nach ein paar Sprossen fing sie an zu lamentieren,
und Charlie Marshall klemmte sich das Schwein unter den Arm, versetzte ihr eins
auf den Hintern und schrie sie auf chinesisch an. Ihr Mann kletterte hinter ihr
her, und Jerry hievte beide sicher an Bord. Schlie�lich tauchte Charlie
Marshalls Clownskopf im Einstieg auf, und obwohl die M�tze das Gesicht fast
verdeckte, konnte Jerry doch einen ersten Blick darauf erhaschen: ausgemergelt
und braun, mit schl�frigen chinesischen Augen und einem gro�en franz�sischen
Mund, der sich nach allen Seiten verzog, wenn er quakte. Charlie schob das
Schwein durch die Luke, Jerry packte es und schleppte das quiekende und
strampelnde Tier zu den alten Bauersleuten. Dana zog sich Charlies fleischloses
Gestell an Bord wie eine Spinne, die aus einem Abflu� klettert. Sofort erhoben
sich der Zollbeamte und der Artillerieoberst, staubten die Hosenb�den ihrer
Uniformen ab und begaben sich eiligen Schritts die Gangway entlang zu dem Mann
mit der Castro-Kappe, der im Halbdunkel auf den Versandkisten hockte. Als sie
bei ihm angelangt waren, warteten sie respektvoll, wie Kirchendiener, die den
Klingelbeutel zum Altar zur�cktragen.</strong></p><p><strong>Die Armbandkette blitzte auf, ein Arm griff nach Unten, einmal,
zweimal, und frommes Schweigen senkte sich �ber die Gemeinde, w�hrend die
beiden M�nner sorgf�ltig eine gro�e Menge Banknoten z�hlten und alle ihnen
zusahen. Im Gleichschritt marschierten sie zur Leiter zur�ck, wo Charlie
Marshall mit dem Frachtverzeichnis wartete. Der Zollbeamte unterschrieb es,
der Artillerieoberst warf einen billigenden Blick darauf, dann salutierten
beide und verschwanden die Leiter hinunter. Die Lukenklappe senkte sich, schlo�
nicht ganz, so da� Charlie Marshall ihr einen Tritt versetzte, eine Matte �ber
den Spalt warf und behende �ber die Versandkisten hinweg zu einer Innentreppe
kletterte, die zur Pilotenkanzel f�hrte. Jerry kletterte hinterher, machte es
sich auf dem Sitz des Copiloten bequem und rechnete sich insgeheim seine
�berlebenschancen aus:</strong></p><p><strong>�Wir haben </strong><strong><emphasis>jede Menge
�bergewicht. </emphasis></strong><strong>Wir verlieren �l. Wir haben eine
bewaffnete Leibgarde an Bord. Wir haben keine Landeerlaubnis, und auf dem
Flugfeld von Phnom Penh d�rfte ein Loch von der Gr��e ganz Buckinghamshires
sein. Zwischen uns und dem rettenden Hafen liegen eineinhalb Stunden Rote Khmer,
und wenn am anderen Ende jemand unsere Nase nicht gef�llt, dann sitzt Staragent
Westerby mit heruntergelassenen Hosen und ungef�hr zweihundert Rupfens�cken
voll Rohopium auf dem Buckel da.�</strong></p><p><strong>�Wissen Sie, wie man so eine M�hle fliegt?� schrie Charlie Marshall und
ri� an einer Reihe vergammelter Hebel. �Sind Sie vielleicht irgend gro�es
fliegendes As, Voltaire?�</strong></p><p><strong>�Ich kann's nicht ausstehn.�</strong></p><p><strong>�Ich auch nicht.�</strong></p><p><strong>Charlie Marshall ergriff eine Patsche und st�rzte sich damit auf einen
riesigen Brummer, der um die Windschutzscheibe kurvte, dann startete er
nacheinander die Motoren, bis der ganze gr��liche Vogel schlingerte und
ratterte wie ein Londoner Bus auf seiner letzten Fahrt hinauf nach Clapham
Hill. Das Funkger�t begann zu knacken, und Charlie Marshall nahm sich Zeit,
eine obsz�ne Anweisung an den Kontrollturm durchzugeben, zuerst in Khmer und
anschlie�end, nach bester Fliegertradition, in Englisch. Als sie auf das Ende
der Startpiste zuhielten, rumpelten sie an einigen Gesch�tzstellungen vor�ber,
und Jerry war sekundenlang darauf gefa�t, da� eine �bereifrige Mannschaft den
Flugzeugrumpf aufs Korn nehmen k�nnte, bis ihm voll Dankbarkeit der Oberst mit
seinen Lastwagen und seinem Schmiergeld einfiel. Ein zweiter Brummer tauchte
auf, und diesmal ergriff Jerry die Fliegenpatsche. Die Maschine schien
�berhaupt nicht Tempo zu gewinnen, aber die H�lfte der Instrumente war au�er
Betrieb, so da� es sich nicht genau feststellen lie�. Das R�derrollen auf der
Piste �bert�nte die Motoren. Jerry mu�te daran denken, wie Old Sambos Chauffeur
ihn ins Internat zur�ckgefahren hatte: das langsame, unerbittliche Dahingleiten
auf der West-Autobahn in Richtung Slough und schlie�lich nach Eton. Einige
Bergbewohner waren nach vorn geeilt, um sich den Spa� anzusehen und lachten
sich halbtot. Eine Palmengruppe hopste ihnen entgegen, aber immer noch behielt
die Maschine die F��e fest auf dem Boden. Charlie Marshall ri� zerstreut den
Steuerkn�ppel zur�ck und zog das Fahrwerk ein. Jerry war keineswegs �berzeugt,
da� sich die Nase wirklich schon gehoben hatte, und wieder dachte er an die
Schule und an die Wettk�mpfe im Weitsprung und entsann sich des gleichen
Gef�hls, nicht ganz zu fliegen, dennoch nicht mehr auf dem Boden zu sein. Er
f�hlte den Ruck und h�rte das Bl�tterrauschen, als der Bauch des Flugzeugs die
Wipfel rasierte. Charlie Marshall br�llte der Maschine zu, sie solle sich
gef�lligst in die verdammte Luft raufschwingen, aber ungef�hr ein Jahrhundert
lang gewannen sie �berhaupt nicht an H�he, sondern hingen und schnauften wenige
Fu� �ber einer kurvenreichen Stra�e, die unerbittlich auf eine H�gelkette
zuhielt. Charlie Marshall z�ndete sich eine Zigarette an, w�hrend Jerry den
Steuerkn�ppel umklammerte und ein energisches Rucken des Seitenruders
versp�rte. Charlie Marshall �bernahm wieder das Steuer, lie� die Maschine
langsam auf den niedrigsten Punkt der H�gelkette zu abkippen. Er kurvte weiter,
�berflog die H�gelkette und beschrieb einen kompletten Kreis. Als sie unter
sich die braunen D�cher, den Flu� und den Flugplatz sahen, sch�tzte Jerry, da�
sie eine H�he von tausend Fu� haben m��ten. F�r Charlie Marshall war dies eine
durchaus annehmbare Flugh�he, denn jetzt nahm er endlich die M�tze ab und
genehmigte sich mit der Miene eines Mannes, der seine Sache gut gemacht hatte,
ein gro�es Glas Whisky aus der Flasche zu seinen F��en. Unter ihnen begann es
zu dunkeln, und die braune Erde verf�rbte sich sacht ins Violette.</strong></p><p><strong>�Danke�, sagte Jerry und nahm die Flasche entgegen. �Ja, k�nnte nicht
schaden.�</strong></p><p><strong>Jerry leitete die Unterhaltung mit ein bi�chen Geplauder ein - sofern
man von Geplauder sprechen kann, wenn jemand aus vollem Hals br�llen mu�.</strong></p><p><strong>�Die Roten Khmer haben das Munitionsdepot auf dem Flugplatz in die Luft
gejagt!� schrie er. �Ist f�r alle Starts und Landungen geschlossen!�</strong></p><p><strong>�So?� Jerry sah Charlie Marshall zum erstenmal erfreut und beeindruckt.</strong></p><p><strong>�Es hei�t, Sie und Ricardo waren dicke Freunde.�</strong></p><p><strong>�Wir bombardieren alles. Haben schon die halbe menschliche Rasse
umgelegt. Wir sehen mehr Tote als Lebendige. Hochebene der Tonkr�ge, DaNang,
wir sind so gro�e verdammte Helden, wenn wir sterben, kommt Jesus Christus
pers�nlich im Hubschrauber und fischt uns aus dem Dschungel.�</strong></p><p><strong>�Ich hab' geh�rt, Ricardo war auch als Gesch�ftsmann ganz gro�.�</strong></p><p><strong>�Klar! Der Gr��te! Wissen Sie, wieviel Firmen wir im Ausland haben, ich
und Ricardo? Sechs. Unternehmen in Liechtenstein, Gesellschaften in Genf, einen
Bankdirektor auf den Niederl�ndischen Antillen, Rechtsanw�lte, Herrje. Wissen
Sie, wieviel Geld ich habe?� Er schlug auf die Ges��tasche. �Dreihundert US
ganz genau. Charlie Marshall und Ricardo haben mitsammen die halbe verdammte
Menschheit umgelegt. Keiner gibt uns kein Geld nicht. Mein Vater hat die andere
H�lfte umgelegt, und er hat </strong><strong><emphasis>jede </emphasis></strong><strong>Menge Geld. Ricardo hat diese bl�dsinnigen Einf�lle immer gehabt.
Patronenh�lsen. Herrje. Wir zahlen die Eingeborenen, damit sie alle
Patronenh�lsen in Asien aufsammeln, dann verkaufen wir sie f�r den n�chsten
Krieg!� Die Nase der Maschine senkte sich, und er zog sie mit einem gemeinen
franz�sischen Fluch wieder hoch. �Latex! Wir wollen alles Latex von Kampong
Cham stehlen! Wir fliegen nach Kampong Cham, wir haben gro�e Hubschrauber, Rote
Kreuze. Und was tun wir? Wir bringen die verdammten Verwundeten zur�ck. Halt
doch still, du dummes Schwein, h�rst du?� Er sprach wieder mit seinem Flugzeug.
In der Kanzel sah Jerry eine lange Reihe von Einschlagl�chern, die recht
unzul�nglich repariert waren. </strong><strong><emphasis>Hier abtrennen,
</emphasis></strong><strong>dachte er idiotisch. �Menschenhaar. Wir werden
Million�re mit Menschenhaar. Die ganzen Chinesenm�del in den D�rfern haben
lange Haare. Wir schneiden sie ab und fliegen sie nach Bangkok f�r Per�cken.�</strong></p><p><strong>�Wer hat Ricardos Schulden bezahlt, damit er f�r Indocharter fliegen
konnte?�</strong></p><p><strong>�Niemand!�</strong></p><p><strong>�Jemand hat mir erz�hlt, es sei Drake Ko gewesen.�</strong></p><p><strong>�Nie von Drake Ko geh�rt. Auf dem Totenbett sage ich meiner Mutter,
meinem Vater: Bastard Charlie, der Sohn des Generals, er hat nie in seinem
Leben von Drake Ko geh�rt.�</strong></p><p><strong>�Was hat Ricardo so Besonderes f�r Ko getan, da� Ko alle seine Schulden
bezahlt hat?�</strong></p><p><strong>Charlie Marshall nahm einen Schluck Whisky aus der Flasche, dann gab er
sie Jerry. Seine fleischlosen H�nde zitterten heftig, sobald er sie vom
Steuerkn�ppel nahm, und seine Nase lief st�ndig. Jerry fragte sich, bei wie
vielen Pfeifen pro Tag er wohl angelangt sein mochte. Er hatte einmal einen
korsischen Hotelier in Luang Prabang gekannt, einen </strong><strong><emphasis>pied-noir, </emphasis></strong><strong>der sechzig
n�tig hatte, um sein Tagewerk ordentlich hinter sich zu bringen. </strong><strong><emphasis>Captain Marshall fliegt nie am Vormittag, </emphasis></strong><strong>dachte er.</strong></p><p><strong>�Die Amerikaner haben's immer eilig�, klagte Charlie Marshall
kopfsch�ttelnd. �Wissen Sie, warum wir das Zeug da jetzt nach Phnom Penh
bringen m�ssen? Jeder ungeduldig. Jeder will heutzutage Schnellschu�. Niemand hat
Zeit zum Rauchen. Jeder will schnell ant�rnen. Wenn man die menschliche Rasse
umlegen will, mu� man sich Zeit lassen, h�ren Sie?� Jerry nahm einen neuen
Anlauf. Einer der vier Motoren hatte den Geist aufgegeben. Ein zweiter hatte zu
heulen angefangen, als w�re ein Auspuff kaputtgegangen, so da� man noch lauter
br�llen mu�te als vorher.</strong></p><p><strong>�Was hat Ricardo f�r soviel Geld getan?� wiederholte er. �H�ren Sie zu,
Voltaire, okay? Ich mag keine Politik, ich bin blo� ein einfacher
Opiumschmuggler, okay? Sie m�gen Politik, dann gehn Sie wieder runter und reden
mit den verr�ckten Shans. �Politik kann man nicht essen. Politik kann man nicht
v�geln. Politik kann man nicht rauchen.� Das sagt er zu meinem Vater.�</strong></p><p><strong>�Wer sagt das?�</strong></p><p><strong>�Drake Ko sagt meinem Vater, mein Vater sagt mir, und ich, ich sage der
ganzen verdammten Menschheit! Drake Ko gro�er Philosoph, ja?�</strong></p><p><strong>Aus unerfindlichen Gr�nden verlor die Maschine stetig an H�he, bis sie
nur noch ein paar hundert Fu� �ber den Reisfeldern schwebte. Sie sahen ein
Dorf, brennende Kochstellen und Gestalten, die wild auf die B�ume zurannten,
und Jerry fragte sich ernstlich, ob Charlie Marshall etwas aufgefallen sei.
Aber in letzter Sekunde l�pfte er den Hintern und beugte sich weit vor, wie ein
geduldiger Jockey, und kriegte schlie�lich die Nase des alten Gauls wieder
hoch, und dann genehmigten sie sich beide noch einen Whisky. �Kennen Sie ihn
gut?�</strong></p><p><strong>�Wen?�</strong></p><p><strong>�Ko.�</strong></p><p><strong>�Hab' ihn nie im Leben gesehen, Voltaire. Sie wollen �ber Drake Ko
sprechen, Sie fragen meinen Vater. Er schneidet Ihnen die Gurgel durch.�</strong></p><p><strong>�Und was ist mit Tiu? - Sagen Sie, wer sind die beiden mit dem
Schwein?� schrie Jerry, um die Unterhaltung in Gang zu halten, w�hrend Charlie
die Flasche wieder an sich nahm und einen weiteren Zug daraus tat.</strong></p><p><strong>�Haw-Leute, drunten aus Chiang Mai. Sorgen sich um ihren lausigen Sohn
in Phnom Penh. Glauben, er ist am Verhungern, deshalb bringen sie ihm Schwein.�</strong></p><p><strong>�Also was ist mit Tiu?�</strong></p><p><strong>�Nie von Mr. Tiu geh�rt, verstanden?�</strong></p><p><strong>�Ricardo wurde vor drei Monaten droben in Chiang Mai gesehen�, br�llte
Jerry.</strong></p><p><strong>�Ja, </strong><strong><emphasis>well, </emphasis></strong><strong>Ric ist komplett verr�ckt�, sagte Charlie Marshall inbr�nstig. �Ric
soll seinen Hintern aus Chiang Mai drau�enhalten oder einer geht her und
schie�t ihn ihm glatt weg. Wenn sich einer tot stellen mu�, soll er seine
verdammte Klappe halten, ja? </strong></p><p><strong>Ich sage zu ihm: &gt;Ric, du bist mein Partner. Halt deine verdammte Klappe
und zieh die R�be ein oder gewisse Leute k�nnten pers�nlich werden.&lt;�</strong></p><p><strong>Die Maschine geriet in eine Regenwolke und verlor sofort rapide an H�he.
Regen rauschte �ber auf das blecherne Verdeck und drang durch die Fenster ein.
Charlie Marshall ri� ein paar Hebel nach oben und unten, man h�rte einen
Signalton, und am Instrumentenbrett leuchteten ein paar L�mpchen auf, die
selbst durch noch so vieles Fluchen nicht zum Erl�schen gebracht werden
konnten. Zu Jerrys Verwunderung begannen sie wieder zu steigen, wenngleich er
inmitten der dahinrasenden Wolken den Steigungswinkel nur schwer sch�tzen
konnte. Als er sich pr�fend umblickte, sah er gerade noch, wie die b�rtige
dunkelh�utige Gestalt des Zahlmeisters mit der Fidel-Castro-Kappe die
Kabinenleiter hinunterklomm und dabei die AK </strong>47 <strong>am Lauf hielt. Sie stiegen immer h�her, der Regen h�rte auf, und die
Nacht umgab sie wie eine Landschaft. Pl�tzlich brachen �ber ihnen die Sterne durch,
dann etzten sie �ber die mondhellen Gletscherspalten der Wolkengipfel, stiegen
abermals, die Wolken verschwanden endg�ltig, und Charlie Marshall setzte die
M�tze wieder auf und verk�ndete, da� nunmehr beide Steuerbordmotoren jede Beteiligung
an der festlichen Veranstaltung eingestellt h�tten. In diesem Augenblick
zwischen Himmel und Erde stellte Jerry seine k�hnste Frage. </strong></p><p><strong>�Und wo ist Ricardo jetzt, altes Haus? Mu� ihn finden, ja? Hab meiner
Zeitung versprochen, da� ich mit ihm rede. K�nnen sie doch nicht sitzenlassen,
oder?�</strong></p><p><strong>Charlie Marshalls schl�frige Augen hatten sich fast v�llig geschlossen.
Er sa� da wie in Trance, den Kopf zur�ckgelehnt; der M�tzenrand bedeckte seine
Nase. </strong></p><p><strong>�Was ist, Voltaire. Haben Sie was gesagt?�</strong></p><p><strong>�Wo ist Ricardo jetzt?�</strong></p><p><strong>�Ric?� wiederholte Charlie Marshall und sah Jerry wie verwundert an.
�Wo Ricardo ist, Voltaire?�</strong></p><p><strong>�Genau, altes Haus. Wo ist er? Ich m�chte mich mit ihm unterhalten.
Daf�r waren die dreihundert Piepen. Es gibt nochmals f�nfhundert, wenn Sie Zeit
finden k�nnten, uns beide zusammenzubringen.�</strong></p><p><strong>In j�hem Erwachen fischte Charlie Marshall den </strong><strong><emphasis>Cadide </emphasis></strong><strong>heraus und schleuderte ihn Jerry
in den Scho�, w�hrend er sich einem Zornausbruch �berlie�.</strong></p><p><strong>�Ich wei� �berhaupt nie, wo Ricardo ist, verstanden? Ich will nie
keinen Freund in meinem Leben. Wenn ich diesen bl�dsinnigen Ricardo sehe,
schie� ich ihm auf offener Stra�e die Eier weg, verstanden? Er ist tot. Und er
kann tot bleiben, bis er stirbt. Er sagt jedem, er ist ums Leben gekommen. Und
vielleicht glaub ich diesem bl�den Hund ausnahmsweise einmal!� Er steuerte die
Maschine w�tend in die Wolken und hielt dann im Sinkflug auf die langsamen
Blitze der Artilleriestellungen vor Phnom Penh zu, um in der, wie es Jerry
schien, stockfinsteren Nacht eine vollendete Dreipunktlandung zu machen. Jerry
wartete auf den MG-Beschu� durch die Bodenabwehr, er wartete auf den gr��lichen
Plumps, wenn sie kopf�ber in einen Mammutkrater tauchen w�rden, aber er sah
nur, und zwar ganz pl�tzlich, eine neuerrichtete Futtermauer aus den
wohlbekannten erdgef�llten Munitionskisten, die mit offenen Armen und schwach
erleuchtet darauf wartete, sie in Empfang zu nehmen. Als sie darauf zurollten,
erschien vor ihnen ein brauner Jeep, an dessen Heck ein gr�nes Licht blinkte,
als w�rde eine Signallampe von Hand an- und ausgeknipst. Das Flugzeug rumpelte
�ber den Grasboden. Dicht neben der Futtermauer konnte Jerry ein paar gr�ne
Lastwagen und ein dichtes Kn�uel wartender Gestalten ausmachen, die ihnen
gespannt entgegenblickten, und dahinter den dunklen Schatten einer
zweimotorigen Sportmaschine. Sie kamen zum Stehen, und sogleich h�rte Jerry,
wie sich unterhalb ihrer Kabine die Laderaumluke kreischend �ffnete, Schritte
auf der Eisenleiter klapperten und Stimmen rasch Fragen und Antworten
tauschten. Der Abmarsch ging so schnell vor sich, da� Jerry v�llig �berrumpelt
war. Aber er h�rte noch etwas anderes, er h�rte etwas so Packendes, da� er in
gro�en Spr�ngen die Stufen in den Bauch der Maschine hinunterraste. �Ricardo!�
schrie er. �Halt! Ricardo!�</strong></p><p><strong>Doch die einzigen verbliebenen Passagiere waren die beiden Alten, die
Schwein und Paket fest umklammert hielten. Jerry packte die Eisenleiter und
lie� sich im freien Fall hinunter, so da� er sich das R�ckgrat prellte, als er
auf die Piste schlug. Der Jeep mit den chinesischen K�chen und deren Leibgarde
aus den Shans war bereits abgefahren. Im Dahinrennen sah Jerry, da� der Jeep
auf ein offenes Tor am Rand des Flugfelds zuraste. Dann war er durch. Zwei
Posten warfen das Tor zu und bezogen wieder davor Aufstellung. Hinter Jerry
schw�rmten bereits die behelmten Lasttr�ger auf die Carvair zu. Mehrere
Mannschaftswagen voller Polizisten sahen zu, und einen Augenblick lang war der
t�richte Europ�er in Jerry versucht, anzunehmen, sie k�nnten den Fortgang der
Handlung verz�gern, bis ihm klar wurde, da� sie Phnom Penhs Empfangskommitee
f�r eine Drei-Tonnen-Ladung Opium repr�sentierten. Aber sein Hauptaugenmerk
galt einem einzelnen, n�mlich dem gro�en b�rtigen Mann mit der Fidel-Castro-Kappe
und der AK </strong>47, <strong>dessen schweres
Hinken wie synkopiertes Trommeln klang, als er in seinen Fliegerstiefeln die
Eisenleiter hinuntergehumpelt war. Jerry sah ihn nur kurz. Die T�r der kleinen
Beechcraft war schon f�r ihn ge�ffnet worden, und zwei Leute vom Bodenpersonal
warteten, um ihm hineinzuhelfen. Sie streckten die H�nde nach dem Gewehr aus,
aber Ricardo wehrte ab. Er drehte sich um und hielt nach Jerry Ausschau. Eine
Sekunde lang sahen sie einander. Jerry warf sich bereits zu Boden, Ricardo hob
das Gewehr, und zwanzig Sekunden lang sah Jerry wieder sein ganzes Leben vor
sich, von der Geburt bis zu diesem Augenblick, w�hrend ein paar weitere Kugeln
�ber den kampfzerpfl�gten Flugplatz pfiffen. Als Jerry wieder aufblickte,
hatte Ricardo das Feuer eingestellt und war bereits im Flugzeug verschwunden.
Die Gehilfen zogen die Bremskl�tze weg. Als die kleine Maschine sich ins
Scheinwerferlicht schwang, rannte Jerry wie der Teufel auf die dunkelste Stelle
des Feldes zu, ehe noch jemand zu der Ansicht gelangen k�nnte, seine Anwesenheit
k�nne schlecht f�r's Gesch�ft sein.</strong></p><p><strong><emphasis>War nur Theaterdonner, </emphasis></strong><strong>sagte er sich,
als er im Taxi sa�, die H�nde �ber den Kopf hielt und versuchte, das wilde </strong>Poltern <strong>in seiner Brust zu beruhigen. Das kommt davon, schalt er sich, wenn man
unbedingt mit einer alten Flamme von Lizzie Worthington R�uber und Gendarm
spielen will.</strong></p><p><strong>Irgendwo schlug eine Rakete ein, aber er scherte sich den Teufel drum.</strong></p><p><strong>Er gab Charlie Marshall zwei Stunden, obwohl er schon eine einzige f�r
reichlich hielt. Es war bereits Ausgangssperre, aber die Krisis des Tages war
nicht mit Eintritt der Dunkelheit beendet, auf dem ganzen Weg zum Phnom waren
Stra�ensperren errichtet und die Posten hielten ihre Maschinenpistolen im
Anschlag. Auf dem Platz schrien zwei M�nner beim Licht von Taschenlampen vor
einer sich ansammelnden Menge aufeinander ein. Ein St�ck weiter auf dem
Boulevard hatten Soldaten ein angestrahltes Haus umzingelt, sie lehnten an der
Mauer und fingerten an den Gewehren. Der Fahrer sagte, die Geheimpolizei habe
hier jemanden festgenommen. Ein Oberst und seine Leute seien mit einem
mutma�lichen Agitator noch drinnen. Im Vorhof des Hotels standen Panzer, und in
seinem Schlafzimmer fand Jerry Luke auf dem Bett liegend und stillvergn�gt
s�ffeln. �L�uft das Wasser?�</strong></p><p><strong>�Mhm.�</strong></p><p><strong>Er drehte den Hahn auf und fing an, sich auszuziehen. Dann fiel ihm die
Walther ein.</strong></p><p><strong>�Etwas geschrieben?� fragte er.</strong></p><p><strong>�Mhm�, sagte Luke wieder. �Und Sie auch.�</strong></p><p><strong>�Ha Ha.�</strong></p><p><strong>�Ich lie� Keller in Ihrem Namen an Stubbsi kabeln.�</strong></p><p><strong>�Die Flugplatz-Story?�</strong></p><p><strong>Luke �berreichte ihm den Belegbogen. �Hab' ein paar original
Westerbyfarben zwischengemischt. Wie auf den Friedh�fen die Knospen sprie�en.
Stubbsi liebt Sie.�</strong></p><p><strong>�Vielen Dank.�</strong></p><p><strong>Im Badezimmer l�ste Jerry die Walther vom Heftpflaster und steckte sie
in die Jackentasche, wo er sie leicht erreichen k�nnte. �Wo gehen wir heute
abend hin?� rief Luke durch die geschlossene T�r. �Nirgends.�</strong></p><p><strong>�Soll 'n das hei�en?�</strong></p><p><strong>�Ich hab' schon eine Verabredung.�</strong></p><p><strong>�'neFrau?�</strong></p><p><strong>�Ja.�</strong></p><p><strong>�Nehmen Sie Lukie mit. Drei in einem Bett.�</strong></p><p><strong>Jerry sank dankbar in das lauwarme Wasser. �Nein.�</strong></p><p><strong>�Rufen Sie sie an. Sie soll noch eine Hure f�r Lukie auftreiben.&lt; H�ren
Sie, da ist dieser tolle Feger aus Santa Barbara hier im Hotel. Ich bin nicht
stolz. Ich hol' sie.�</strong></p><p><strong>�Nein.�</strong></p><p><strong>�Herrgottnochmal�, schrie Luke jetzt ernstlich b�se. �Warum �zum Teufel
denn nicht?� Er war nah an die verriegelte T�r gekommen, um seinen Protest
vorzubringen.</strong></p><p><strong>�Altes Haus, rutschen Sie mir den Buckel runter�, riet ihm Jerry. �Ich
mag Sie, aber Sie bedeuten mir nicht alles, ja? Also lassen Sie mich in Ruhe.�</strong></p><p><strong>�Wenn's dem Esel zu wohl ist . . . wie?� Langes Schweigen. �Na �ja,
aber lassen Sie sich blo� nicht die R�be wegputzen, ist eine �st�rmische Nacht
da drau�en, Partner.� </strong></p><p><strong>Als Jerry ins Schlafzimmer zur�ckkam, lag Luke zusammengerollt auf dem
Bett, starrte die Wand an und betrank sich mit �System. </strong></p><p><strong>�Wissen Sie was, Sie sind schlimmer als so ein verdammtes �Weibsbild�,
sagte Jerry und hielt an der T�r inne, um sich �nochmals nach ihm umzusehen. </strong></p><p><strong>Die ganze kindische Szene w�re ihm nie wieder eingefallen, wenn �die
Dinge sich sp�ter anders entwickelt h�tten. </strong></p><p><strong>Diesmal hielt Jerry sich nicht mit der Glocke am Tor auf, sondern �kletterte
�ber die Mauer und zerschnitt sich die H�nde an den �Glasscherben, mit denen
die Mauerkrone best�ckt war. Er begab �sich auch nicht zum Vordereingang, noch
sp�hte er wie bisher �nach den braunen Beinen, die auf der untersten Stufe
warteten, �Statt dessen blieb er im Garten stehen, bis die Folgen seiner harten
�Landung abgeklungen waren und seine Augen und Ohren ein �Lebenszeichen aus der
gro�en Villa auffangen w�rden, die vor �dem hellen Mond dunkel vor ihm
aufragte. </strong></p><p><strong>Ein unbeleuchteter Wagen fuhr vor, und zwei Gestalten stiegen aus,
Kambodschaner, nach ihrer Gr��e und Lautlosigkeit zu ; schlie�en. Sie
klingelten am Tor, an der Vordert�r fl�sterten sie ! das magische Losungswort
durch den Spalt und wurden unverz�glich, wortlos eingelassen. Jerry versuchte
sich die Anlage des Hauses vorzustellen. Es wunderte ihn, da� kein
verr�terischer � Duft zu bemerken war, weder von der Vorderseite her noch im
Garten, wo er stand. Es war windstill. Er wu�te, da� f�r einen gro�en </strong><strong><emphasis>Divar </emphasis></strong><strong>Geheimhaltung lebenswichtig war,
nicht wegen der hohen Geldstrafen, sondern wegen der horrenden Bestechungssummen.
Die Villa hatte einen Schornstein und einen Innenhof und zwei Stockwerke: ein
Anwesen, in dem es sich als franz�sischer </strong><strong><emphasis>colon </emphasis></strong><strong>mit einer kleinen Familie von
Konkubinen und Mischlingskindern bequem leben lie�. Die K�che d�rfte vermutlich
dem Pr�parieren dienen. Der sicherste Ort zum Rauchen war zweifellos im
Oberstock, in den Zimmern, die nach dem Innenhof zeigten. Und da aus der Vordert�r
kein Geruch drang, schlo� Jerry, da� weder Seitenfl�gel noch Fronttrakt benutzt
wurden, sondern die R�ckseite des Hofes.</strong></p><p><strong>Er pirschte sich lautlos weiter, bis er zu dem Lattenzaun kam, der die
r�ckw�rtige Begrenzung des Grundst�cks bildete. Ein vergittertes Fenster
lieferte seinem Wildlederstiefel den ersten Halt, ein �berlaufrohr den zweiten,
ein Entl�ftungskasten den dritten, und als er von dort aus zum oberen Balkon
weiterkletterte, stieg ihm der Geruch in die Nase, den er erwartet hatte: warm und
s�� und lockend. Auch auf dem Balkon war kein Licht, aber im Mondschein waren
die beiden kambodschanischen M�dchen, die dort kauerten, deutlich zu sehen, und
er sah auch die erschreckten Blicke, die sie auf ihn richteten, als er wie vom
Himmel gefallen dort auftauchte. Er befahl ihnen aufzustehen, und trieb sie vor
sich her, dem Geruch entgegen. Der Granatenbeschu� hatte aufgeh�rt, die Nacht
geh�rte den Gekkos. Jerry erinnerte sich, da� den Kambodschanern die Zahl ihrer
zirpenden Laute als Orakel diente: morgen ist ein guter Tag, es ist keiner;
morgen werde ich eine Braut nehmen; nein, erst �bermorgen. Die M�dchen waren
sehr jung und mu�ten darauf gewartet haben, da� die Kunden sie holen lie�en. An
der Binsent�r z�gerten sie und drehten sich mit ungl�cklichen Mienen nach ihm
um. Jerry machte ihnen ein Zeichen, und sie begannen, mehrere Schichten von
Matten beiseitezuschieben, bis ein blasser Lichtschein auf den Balkon fiel,
nicht st�rker als das Licht einer Kerze. Er schob die M�dchen vor sich her und
trat ein.</strong></p><p><strong>Der Raum mu�te fr�her das Hauptschlafzimmer gewesen sein und f�hrte in
ein zweites, kleineres Gemach. Jerrys Hand lag auf der Schulter des einen
M�dchens. Das andere folgte widerstandslos. Im ersten Zimmer lagen zw�lf
Kunden, lauter M�nner. Zwischen ihnen lagen ein paar M�dchen und fl�sterten
leise.</strong></p><p><strong>Barf��ige Kulis bewegten sich behutsam zwischen den Ruhenden und
bedienten sie, steckten ein K�gelchen auf die Nadel, z�ndeten es an und hielten
es �ber den Pfeifenkopf, w�hrend der Kunde einen langen und stetigen Zug tat
und das K�gelchen verbrannte. Die Gespr�che waren tr�ge, leise und intim, von
sanften kleinen Wellen dankbaren Gel�chters unterbrochen. Jerry erkannte den
weisen Schweizer von der Dinner-Party des Botschaftsrats. Er plauderte mit einem
fetten Kambodschaner. Niemand interessierte sich f�r Jerry. Die M�dchen wiesen
ihn aus, so wie damals die Orchideen in Lizzie Worthingtons Apartmenthaus.
�Charlie Marshall�, sagte Jerry ruhig. Ein Kuli wies ihn in den Nebenraum.
Jerry entlie� die beiden M�dchen, und sie schl�pften weg. Das zweite Zimmer war
kleiner. Marshall lag in einer Ecke, ein Chinesenm�dchen in einem kunstvoll
gearbeiteten Cheongsam kauerte �ber ihm und bereitete ihm die Pfeife. Jerry
nahm an, sie sei die Tochter des Hauses und Charlie Marshall genie�e bevorzugte
Behandlung, weil er sowohl Habitue wie Stofflieferant war. Er kniete an
Marshalls anderer Seite nieder. Ein alter Mann sah von der T�r her zu. Auch das
M�dchen sah zu, die Pfeife noch immer in der Hand.</strong></p><p><strong>�Was wollen Sie, Voltaire? Warum lassen Sie mich nicht in Ruhe?�</strong></p><p><strong>�Blo� ein kleiner Bummel, altes Haus. Dann k�nnen Sie wieder hierher
zur�ck.�</strong></p><p><strong>Jerry fa�te ihn am Arm und zog ihn vorsichtig in die H�he, das M�dchen
half.</strong></p><p><strong>�Wie viele hat er schon gehabt?� fragte er das M�dchen. Sie hielt drei
Finger hoch.</strong></p><p><strong>�Und wie viele raucht er gew�hnlich?� fragte er. Sie senkte l�chelnd
den Kopf. Eine ganze Menge mehr, hie� das. Charlie Marshall ging zuerst
schwankend, aber als sie am Balkon angelangt waren, konnte er sich schon
wehren, und Jerry hob ihn hoch und trug ihn �ber der Schulter, wie aus einem
brennenden Haus, die Holztreppe hinunter und �ber den Hof. Der alte Mann
dienerte sie unterw�rfig durch die Vordert�r, ein grinsender Kuli hielt das Tor
zur Stra�e auf, und beide waren Jerry deutlich dankbar daf�r, da� er soviel
Takt bewies. Nach etwa f�nfzig Yards kamen ein paar Chinesenjungen auf dem Weg
dahergerannt, sie br�llten und schwangen St�cke wie kleine Paddel. Jerry setzte
Charlie Marshall aufrecht an den Wegrand, hielt ihn aber mit der linken Hand
fest, lie� den ersten Jungen zum Schlag ausholen, unterlief das Paddel und
versetzte dem Jungen einen sehr harten Zwei-Kn�chel-Schlag direkt unters Auge.
Der Junge rannte davon, sein Freund hinterher. Jerry zog Charlie Marshall
wieder hoch und marschierte mit ihm, bis sie den Flu� und eine pechdunkle
Stelle erreichten, dann setzte er ihn wie eine Marionette auf das trockene Gras
der B�schung. �Woll'n Sie mir jetzt das Hirn aus dem Kopf blasen, Voltaire?�</strong></p><p><strong>�Das werden wir wohl dem Opium �berlassen m�ssen, altes Haus�, sagte
Jerry.</strong></p><p><strong>Jerry mochte Charlie Marshall, und in einer heilen Welt h�tte er mit
Freuden einen Abend mit ihm in der </strong><strong><emphasis>fumerie </emphasis></strong><strong>verbracht und sich die Geschichte seines unseligen, aber
au�ergew�hnlichen Lebens angeh�rt. Jetzt aber hielt seine Faust Charlie
Marshalls mageren Arm unbarmherzig umklammert, f�r den Fall, da� er ixt seinem
hohlen Kopf Fluchtpl�ne hegte; denn es sah so aus, als k�nne Charlie unheimlich
schnell rennen, wenn ihn die Verzweiflung packte. Also lag Jerry, �hnlich wie
damals neben dem Zauberberg aus alten Sch�tzen in Old Pets Wohnung, auf der
linken H�fte und dem linken Ellbogen und hielt Charlie Marshalls Handgelenk im
Schlamm fest, w�hrend Charlie Marshall flach auf dem R�cken lag. Vom Flu�,
drei�ig Fu� unter ihnen, kam das leise Singen der Sampans herauf, die wie lange
Bl�tter auf dem goldenen Mondpfad dahinglitten. Vom Himmel her kamen - bald
vor, bald hinter ihnen - die unregelm��igen, gezackten Blitze des
M�ndungsfeuers der stadtausw�rts gerichteten Gesch�tze, die sinnlos in den
Dschungel ballerten, weil irgendein gelangweilter Gesch�tzf�hrer beschlossen
hatte, seine Daseinsberechtigung zu beweisen. Dann und wann kam, aus weit
geringerer Entfernung, das leichtere, sch�rfere Bellen, wenn die Roten Khmer
das Feuer erwiderten, aber auch dies waren nur geringf�gige Zwischenspiele
inmitten des L�rmens der Gekkos vor der gr��eren Stille dahinter. Im Mondlicht
sah Jerry auf seine Uhr und dann auf das irre Gesicht und versuchte, den
Heftigkeitsgrad von Charlie Marshalls Gier zu berechnen. Wie wenn man ein Baby
f�ttert, dachte er. Wenn Charlie ein Nachtraucher war und am Vormittag schlief,
dann w�rde bald etwas f�llig. Schon war sein Gesicht von N�sse bedeckt. Sie
str�mte aus den groben Poren, aus den langgezogenen Augen, aus der
schn�ffelnden Triefnase. Sie richtete ihren Verlauf gewissenhaft nach den
tiefen Furchen und bildete in den H�hlungen kleine Stauseen.</strong></p><p><strong>�Herrje, Voltaire. Ricardo ist mein Freund. Hat eine Menge Philosophie,
der Junge. Den sollten Sie reden h�ren, Voltaire. Dem seine Ideen sollten Sie
h�ren.�</strong></p><p><strong>�Ja�, stimmte Jerry zu. �Das sollte ich.� Charlie Marshall fa�te Jerrys
Hand.</strong></p><p><strong>�Voltaire, das sind ordentliche Jungens, verstanden? Mr. Tiu . . .
Drake Ko. Die wollen keinem nicht wehtun. Die wollen Gesch�fte machen. Sie
haben was zu verkaufen, sie haben Leute, die es kaufen! Ist ein Service! Keinem
wird seine Reisschale zerbrochen. Warum wollen Sie das kaputtmachen? Sie sind
doch selber auch ein netter Kerl. Hab' ich gesehen. Sie haben dem Alten sein
Schwein getragen, okay? Wer hat schon mal gesehen, da� ein Rundauge dem
Schlitzauge sein Schwein tr�gt? Aber, herrje, Voltaire, wenn Sie's aus mir
rauspressen, dann bringen sie Sie ganz und gar um, weil dieser Mr. Tiu, der ist
ein gesch�ftlicher und sehr philosophischer Gentleman, verstanden? Und sie
bringen </strong><strong><emphasis>mich </emphasis></strong><strong>um und sie bringen </strong><strong><emphasis>Ricardo </emphasis></strong><strong>um und sie bringen </strong><strong><emphasis>Sie </emphasis></strong><strong>um, sie bringen die ganze verdammte Menschheit um!� Die Artillerie lie�
eine Salve los, und diesmal antwortete der Dschungel mit einer kleinen Sendung
Raketen, vielleicht sechs, die wie katapultierte Felsbrocken �ber ihre K�pfe
wegpfiffen. Sekunden sp�ter h�rten sie die Einschl�ge irgendwo in der
Innenstadt. Danach nichts mehr. Nicht das Heulen der Feuerwehr, nicht die
Sirene einer Ambulanz. �Warum sollten sie </strong><strong><emphasis>Ricardo </emphasis></strong><strong>umbringen?� fragte Jerry.
�Voltaire! Ricardo ist mein Freund! Drake Ko ist der Freund meines Vaters!
Diese zwei Alten sind </strong><strong><emphasis>big brothers, </emphasis></strong><strong>k�mpfen gemeinsam in irgendeinem- lausigen Krieg in Schanghai vor
ungef�hr zweihundertf�nfzig Jahren, okay? Ich gehe zu meinem Vater. Ich sag' zu
ihm: &gt;Vater, jetzt mu�t du mich einmal lieben. Du mu�t aufh�ren, mich deinen
Spinnenbastard zu nennen und du mu�t deinem guten Freund Drake Ko sagen, er
soll Ricardo aus seinem Malheur helfen. Du mu�t sagen: &gt;Drake Ko, dieser
Ricardo und mein Charlie, die sind wie Sie und ich, Mr. Ko. Sind Br�der, so wie
wir. Lernen gemeinsam fliegen in Oklahoma, legen gemeinsam die menschliche
Rasse um. Und sie sind sehr gute Freunde. Ja, so ist das.&lt; Mein Vater ha�t
mich sehr, okay?�</strong></p><p><strong>�Okay.�</strong></p><p><strong>�Aber er schickt trotzdem einen verdammt langen pers�nlichen Brief an
Drake Ko.�</strong></p><p><strong>Charlie Marshall holte so tief und so lang Atem, als k�nnte seine
schmale Brust nicht genug Luft f�r ihn kriegen. �Diese Lizzie. Tolle Frau,
Lizzie, sie geht selber pers�nlich zu Drake Ko. Auch auf sehr privater Basis.
Und sie sagt zu ihm: &gt;Mr. Ko, Sie m�ssen Ric aus seinem Malheur helfen.&lt;
Das hier ist eine sehr kitzlige Situation, Voltaire. Wir alle m�ssen fest
zusammenhalten, oder wir fallen runter von dem bl�den Berg, verstanden?
Voltaire, lassen Sie mich los. Ich bitt' Sie! Ich fleh' Sie direkt an um Gottes
willen, </strong><strong><emphasis>je m'abime, </emphasis></strong><strong>h�ren Sie? Das ist alles, was ich wei�!� W�hrend Jerry ihn beobachtete,
seinen gequ�lten Ausbr�chen lauschte, sah, wie er zusammenklappte, einen Anlauf
nahm, wieder schlappmachte und der n�chste Anlauf m��iger ausfiel, hatte er das
Gef�hl, Zeuge der letzten Zuckungen eines gemarterten Freundes zu sein. Seine
instinktive Regung war, Charlie langsam weiterzulotsen und ihn abschweifen zu
lassen soviel er wollte. Sein Dilemma war, da� er nicht wu�te, wieviel Zeit
noch blieb, bis passierte, was immer mit einem S�chtigen passieren mochte. Er
stellte Fragen, aber meist schien Charlie sie gar nicht zu h�ren. Dann wieder
beantwortete er offenbar Fragen, die Jerry �berhaupt nicht gestellt hatte. Und
manchmal warf ein mit Verz�gerung arbeitender Mechanismus die Antwort auf eine
Frage aus, die Jerry l�ngst abgeschrieben hatte. In Sarratt sagten sie, ein
gebrochener Mann sei gef�hrlich, denn er zahle dir Geld, das er nicht habe, nur
um deine Liebe zu erkaufen. Aber ganze kostbare Minuten hindurch konnte Charlie
�berhaupt nichts zahlen.</strong></p><p><strong>�Drake Ko war nie in seinem Leben in Vientiane!� schrie Charlie
pl�tzlich. �Sie verr�ckter Voltaire! Ein gro�er Mann wie Ko und macht sich in
einem asiatischen Drecknest zu schaffen? Drake Ko ist ein Philosoph, Voltaire!
Den Jungen sollten Sie sich genau ansehn!� Wie es schien, war jeder ein
Philosoph - oder jeder, au�er Charlie Marshall. �In Vientiane hat niemand auch
nur den Namen Ko geh�rt! Verstanden, Voltaire?� Dann weinte Charlie Marshall
und ergriff Jerrys H�nde und fragte unter Schluchzen, ob Jerry auch einen Vater
gehabt habe. �Ja, altes Haus, hab' ich gehabt�, sagte Jerry geduldig. �Und er
war auf seine Art auch ein General.�</strong></p><p><strong>Zwei wei�e Leuchtkugeln ergossen j�hes Tageslicht �ber den Flu� und
l�sten in Charlie Marshall die Erinnerung an die M�hsal ihrer gemeinsamen
Anf�nge in Vientiane aus. Er setzte sich kerzengerade aufrecht und zeichnete
den Aufri� eines Hauses in den Dreck, Hier haben Lizzie und Ric und Charlie
Marshall gewohnt, sagte er stolz: in einer stinkenden Flohh�tte am Stadtrand,
einer so lausigen Bude, da� sogar die Gekkos krank wurden. Ric und Lizzi hatten
die F�rstensuite, will hei�en, das einzige Zimmer, das die Flohh�tte enthielt,
und Charlies Aufgabe bestand darin, ihnen nicht in die Quere zu kommen und die
Miete zu zahlen und den Schnaps zu besorgen. Aber die R�ckschau auf ihre
schrecklich wirtschaftliche Lage bewegte Charlie pl�tzlich zu einem erneuten Tr�nenausbruch.
</strong></p><p><strong>�Und wovon habt ihr dann gelebt, altes Haus?� fragte Jerry, ohne sich
von der Frage etwas zu erhofften. �Na los. Jetzt ist's vorbei. Wovon habt ihr
gelebt?� </strong></p><p><strong>Noch mehr Tr�nen, w�hrend Charlie eine monatliche Zuwendung von seinem
geliebten und verehrten Vater eingestand. </strong></p><p><strong>�Diese verr�ckte Lizzie�, sagte Charlie tief bek�mmert, �diese verr�ckte
Lizzie, die macht Trips nach Hongkong f�r Mellon.� Mit M�he unterdr�ckte Jerry
seine Erregung, um Charlie nicht aus dem Tritt zu bringen.</strong></p><p><strong><emphasis>�Mellon. </emphasis></strong><strong>Wer ist dieser Mellon?� fragte
er. Aber der sanfte Tonfall machte Charlie schl�frig und er fing an, mit dem
Haus im Dreck zu spielen, zeichnete einen Kamin und Rauch hinzu. </strong></p><p><strong>�Los, verdammt nochmal! </strong><strong><emphasis>Mellon.
Mellon!� </emphasis></strong><strong>schrie Jerry ihm </strong><strong>1 </strong><strong>direkt ins Gesicht und versuchte, ihm
durch den Schock die Antwort zu entringen. </strong><strong><emphasis>�Mellon, </emphasis></strong><strong>du ausgeflipptes Wrack! Trips�
nach Hongkong!� Er zog Charlie auf die F��e und sch�ttelte ihn wie eine
Lumpenpuppe, aber er mu�te sehr lang sch�tteln, bis die Antwort herauskam, und
inzwischen beschwor Charlie Marshall ihn, doch zu begreifen, wie es sei, wenn
man liebe, wirklich liebe, eine verr�ckte rund�ugige Nummer, und dabei wisse,
da� man sie nie kriegen w�rde, nicht mal f�r eine Nacht. Mellon sei ein
schmieriger englischer Kaufmann gewesen, niemand habe gewu�t, was er eigentlich
tat. Ein bi�chen dies, ein </strong><strong>1 </strong><strong>bi�chen das, sagte Charlie. Die Leute hatten Angst vor ihm. Mellon
sagte, er k�nne Lizzie ins gro�e Heroingesch�ft bringen. �Mit Ihrem Pa� und
Ihrer Figur�, hatte Mellon offenbar zu ihr gesagt, �k�nnen Sie in Hongkong ein-
und ausgehen wie eine Prinzessin.�</strong></p><p><strong>Ersch�pft sank Charlie zu Boden und kauerte sich vor seinem Haus
nieder. Jerry hockte sich neben ihn und packte Charlies Kragen, vorsichtig, um
ihm nicht wehzutun.</strong></p><p><strong>�Das hat sie also f�r ihn getan, wie, Charlie? Lizzie hat f�r Mellon Stoff
transportiert.� Mit der Handfl�che drehte er behutsam Charlies Kopf herum, bis
die blicklosen Augen direkt in die seinen starrten.</strong></p><p><strong>�Lizzie tut's nicht f�r </strong><strong><emphasis>Mellon, </emphasis></strong><strong>Voltaire�, verbesserte Charlie ihn. �Lizzie tut's f�r </strong><strong><emphasis>Ricardo. </emphasis></strong><strong>Lizzie liebt nicht Mellon. Sie
liebt Ric und mich.�</strong></p><p><strong>Charlie starrte d�ster auf das Haus hinunter und brach unvermittelt in
heiseres schmutziges Lachen aus, das er nach einiger Zeit kommentarlos wieder einstellte.</strong></p><p><strong>�Du hast es vermurkst, Lizzie!� rief Charlie tadelnd und stach mit dem
Finger in die Haust�r. �Du hast es vermurkst, wie �blich, Herzchen! Du redest
zu viel. Warum sagst du allen, du bist die K�nigin von England? Warum sagst du
jedem, du bist gro�e Spionierdame? Mellon wird sehr sehr b�se auf dich, Lizzie.
Mellon wirft dich raus, glatt raus auf deinen Hintern. Ric wird auch ganz sch�n
b�se, wei�t du noch? Ric verdrischt dich, und Charlie mu� dich mitten in der
verdammten Nacht zum Doktor bringen, wei�t du noch? Du hast eine verteufelt
gro�e Klappe, Lizzie, h�rst du? Du bist meine Schwester, aber du hast die
verdammt gr��te Klappe von der Welt!� Bis Ricardo sie ihr geschlossen hat,
dachte Jerry und sah die tiefen Narben an ihrem Kinn vor sich. Weil sie das
Gesch�ft mit Mellon verpatzt hatte.</strong></p><p><strong>W�hrend er noch immer neben Charlie hockte und ihn am Genick gepackt
hielt, beobachtete Jerry, wie die Welt um ihn versank und an ihrer Stelle sah
er Sam Collins unterhalb von Star Heights im Auto sitzen, mit freiem Ausblick
auf die achte Etage, w�hrend er um elf Uhr nachts die Rennseite der Zeitung
studierte. Nicht einmal das Aufplumpsen einer Rakete, die ziemlich nah niederging,
konnte diese gespenstische Vision verscheuchen. Auch h�rte er �ber das Donnern
der M�rser hinweg Craws Stimme, die sich �ber das Thema von Lizzies
Kriminalit�t auslie�. Wenn Ebbe in der Kasse war, hatte Craw gesagt, schickte
Ricardo sie mit kleinen P�ckchen �ber die Grenzen.</strong></p><p><strong>Und wie hat </strong><strong><emphasis>das </emphasis></strong><strong>die Stadt London erfahren, Ehrw�rden - h�tte er Old Craw gern gefragt
-, wenn nicht von Sam ColJins, alias Mellon pers�nlich?</strong></p><p><strong>Ein drei�ig Sekunden dauernder Wolkenbruch hatte Charlies in den
Schmutz gekratztes Haus weggewaschen, und er war w�tend dar�ber. Er patschte
auf allen vieren herum und suchte es, schluchzte und fluchte wie ein
Besessener. Der Anfall ging vor�ber, und er fing wieder an, von seinem Vater zu
sprechen und wie der alte Mann seinem unehelichen Sohn eine Anstellung bei
einer angesehenen Luftfahrtgesellschaft in Vientiane verschafft hatte - obwohl
Charlie damals die Fliegerei �berhaupt hatte aufstecken wollen, weil seine
Nerven nicht mehr mitmachten. Eines Tages hatte der General offenbar die Geduld
mit seinem Charlie verloren. Er. trommelte seine Leibgarde zusammen und </strong><strong>j </strong><strong>stieg von seinem Horst in den
Shangebirgen in eine kleine Opiumstadt namens Fang herab, unweit der Grenze
innerhalb von Thailand. Dort blies der General Charlie den Marsch wegen seines verschwenderischen
Wandels, wie es die Patriarchen auf der ganzen Welt tun.</strong></p><p><strong>Charlie bediente sich eines ganz speziellen Qu�kens, wenn er den Vater
sprechen lie�, und dazu blies er in milit�rischer Entr�stung die abgezehrten
Backen auf:</strong></p><p><strong>�&gt;Jetzt wirst du ausnahmsweise mal anst�ndige Arbeit tun, verstanden
du kweilo-Bastard! Jetzt ist Schlu� mit den Pferdewetten und dem Suff und dem
Opium, verstanden! Und nimm gef�lligst diese Bolschewikensterne vom Kittel und
schick deinen sauberen Freund Ricardo zum Teufel. Und sein Weibsbild wirst du
ihm auch nicht mehr bezahlen, verstanden? Weil ich dich n�mlich nicht einen Tag
l�nger auf dem Hals haben will, nicht eine </strong><strong><emphasis>Stunde, </emphasis></strong><strong>du Spinnenbastard, und ich hasse
dich so, da� ich dich eines Tags noch umbringe, weil du mich an diese korsische
Hure, deine Mutter, erinnerst !&lt;�</strong></p><p><strong>Dann beschrieb er seinen Job, und wiederum hatte Charlies Vater, der
General, das Wort:</strong></p><p><strong>��Gewisse sehr feine Chiu-Chow-Gentlemen, sehr gute Freunde von sehr
guten Freunden von mir, haben zuf�llig an einer gewissen Fluggesellschaft eine
Mehrheitsbeteiligung. Auch habe ich gewisse Aktien dieser Gesellschaft. Und
diese Gesellschaft tr�gt zuf�llig den angesehenen Namen Indocharter Aviation.
Was, du lachst, du </strong><strong><emphasis>kweilo-Aiie</emphasis></strong><strong>! Das soll dir bald vergehen! Diese guten Freunde also tun mir einen
Gefallen und helfen mir mit meinem sch�ndlichen dreibeinigen
Spinnenbastardsohn, und ich bete aufrichtig, da� du vom Himmel runterf�llst und
dir dein Genick brichst.��</strong></p><p><strong>Also flog Charlie f�r Indocharter das v�terliche Opium: anfangs ein,
zwei Fl�ge pro Woche, aber regelm��ige, ehrliche Arbeit, und er tat sie gern.
Sein Mumm kehrte zur�ck, seine Nerven beruhigten sich, und er empfand echte
Dankbarkeit f�r seinen alten Herrn. Er versuchte nat�rlich, die
Chiu-Chow-Jungens zu �berreden, da� sie auch Ricardo n�hmen, aber sie wollten
nicht. Nach ein paar Monaten lie�en sie sich herbei, Lizzie zwanzig Dollar pro
Woche daf�r zu zahlen, da� sie im Empfangsb�ro sa� und den Kunden sch�ne Augen
machte. Das seien die goldenen Tage gewesen, lie� Charlie durchblicken. Charlie
und Lizzie verdienten das Geld, Ricardo steckte es in immer bl�dsinnigere
Projekte, alle waren gl�cklich, alle waren besch�ftigt. Bis eines Abends Tiu
erschien, gleich einer Nemesis, und ihnen den ganzen Spa� verdarb. Er kam
herein, als sie gerade B�roschlu� machten, einfach so von der Stra�e herein,
ohne vorherige Anmeldung, fragte nach Charlie Marshall und bezeichnete sich
selber als Angeh�rigen der Firmenleitung in Bangkok. Die Chiu-Chow-Boys kamen
aus dem r�ckw�rtigen B�ro, warfen einen einzigen Blick auf Tiu, erkl�rten ihn
f�r glaubw�rdig und verkr�melten sich schleunigst.</strong></p><p><strong>Charlie unterbrach sich, um an Jerrys Schulter zu schluchzen. �Jetzt
h�ren Sie mir mal gut zu, altes Haus�, beschwor Jerry ihn. �H�ren Sie. Jetzt
kommt das, was ich h�ren m�chte. Sie erz�hlen es mir ganz genau, und dann
bring' ich Sie nach Hause. Ehrenwort. Bitte.�</strong></p><p><strong>Aber Jerry sch�tzte die Lage falsch ein. Es ging nicht mehr darum,
Charlie zum Sprechen zu bringen. Jerry war jetzt die Droge, von der Charlie
Marshall abhing. Es ging auch nicht mehr darum, ihn festzuhalten. Charlie
Marshall klammerte sich an Jerrys Brust, als w�re sie das letzte Rettungsflo�
auf seinem einsamen Meer, und ihre Unterhaltung war zu einem verzweifelten
Monolog geworden, aus dem Jerry sich seine Fakten herausfischte, w�hrend
Charlie Marshall um die Aufmerksamkeit seines Peinigers bettelte und
schmeichelte und heulte, Witze ri� und unter Tr�nen �ber sie lachte. Flu�ab
feuerte eines von Lon Nols Maschinengewehren, das noch nicht an die Roten
Khmer verkauft war, beim Schein einer weiteren Leuchtkugel Leuchtspurmunition
in </strong><strong>den </strong><strong>Dschungel. Lange goldene Pfeile flogen geb�ndelt �ber und unter dem
Wasser dahin und brannten eine kleine H�hlung aus, wo sie in den B�umen
verschwanden.</strong></p><p><strong>Charlies schwei�nasses Haar kitzelte Jerry am Kinn, und Charlie
schnatterte und sabberte zugleich.</strong></p><p><strong>�Mr. Tiu will in keinem B�ro nicht sprechen, Voltaire. O nein! Mr. Tiu
ist auch nicht sehr gut angezogen. Mr. Tiu ganz und gar Chiu-Chow, er benutzt
Thai-Pa� wie Drake Ko, er benutztverr�ckten Namen und macht ganz ganz kleinen
Mann, wenn er nach Vientiane kommt. &gt;Captain Marshalh, sagt er zu mir,
&gt;wie gern m�chten Sie eine Menge Extrageld verdienen mit eine interessanten
und abwechslungsreichen Arbeit au�erhalb Ihrer T�tigkeit bei der Firma? M�chten
Sie f�r mich einmal au�er der Reihe fliegen? Wie ich h�re, sind Sie jetzt
wieder ein ganz gro�artiger Pilot, sehr gute Nerven. Vielleicht m�chten Sie
sich �sagen wir, vier- bis f�nftausend Dollar an einem einzigen Tag verdienen,
nicht einmal einem ganzen Tag? Wie w�rde Ihnen da pers�nlich zusagen, Captain
Marshall?&lt; &gt;Mr. Tiu&lt;, sage ich zu ihm� - Charlie schreit jetzt
hysterisch -, �&gt;mal ganz unverbindlich, Mr. Tiu, f�r f�nftausend Dollar US
w�rd ich, so wie ich mich zur Zeit in Form f�hle, f�r Sie in die H�lle fliegen
und Ihnen der Teufel seine Eier holen.&lt; Tiu sagt, eines Tages kommt er
wieder, und ich soll gef�lligst meine verdammte Klappe halten.�</strong></p><p><strong>Pl�tzlich hatte Charlie wieder zur Stimme seines Vaters �bergewechselt,
und er nannte sich einen Spinnenbastard und den Sohn einer korsischen Hure: bis
es Jerry allm�hlich d�mmerte, da� er bereits die n�chste Episode der Geschichte
schilderte. �berraschenderweise hatte Charlie das Geheimnis von Tius ~ Angebot
tats�chlich f�r sich behalten, bis er seinen Vater wiedersah, diesmal in Chiang
Mai zur Feier des chinesischen Neujahrs. Er hatte Ric nichts erz�hlt, und er
hatte es nicht einmal &lt; Lizzie erz�hlt, vielleicht weil sie damals schon
nicht mehr allzu gut miteinander auskamen und Ric eine Menge Frauen nebenbei ,
hatte.</strong></p><p><strong>Der Rat des Generals war nicht ermutigend: <sup>1</sup></strong></p><p><strong>�&gt;Lass' du mir die Pfoten von diesem Pferd! Dieser Tiu, der hat ein
paar dicke Verbindungen ganz hoch oben, und die sind nichts f�r </strong><strong>1 </strong><strong>einen bl�den
kleinen Spinnenbastard wie dich, verstanden! </strong><strong>I </strong><strong>Herrgott, wer
hat schon jemals geh�rt, da� ein Swatonese f�nftausend Dollar zahlt, blo� f�r
eine Bildungsreise!��</strong></p><p><strong>�Also haben Sie das Gesch�ft an Ric abgetreten, stimmt's?� sagte Jerry
schnell. �Stimmt's, Charlie? Sie haben zu Tiu gesagt &gt;Tut mir leid, aber
probieren Sie's mit Ricardo.� War es so?� Aber Charlie Marshall war vermi�t,
wahrscheinlich gefallen. Er war von Jerrys Brust herabgeglitten und lag flach
im Dreck, mit geschlossenen Augen und schnappte nur dann und wann nach Luft
unter gierigen rasselnden Atemz�gen, und als Jerry sein Handgelenk bef�hlte,
gab der wie rasend h�mmernde Puls Zeugnis vom Leben in diesem Gestell.</strong></p><p><strong>�Voltaire�, fl�sterte Charlie. �Bei der Bibel, Voltaire. Sie sind ein
guter Mensch. Bringen Sie mich heim. Herrje, bringen Sie mich heim, Voltaire.�</strong></p><p><strong>Betroffen starrte Jerry auf die hingestreckte und zerbrochene Gestalt,
und er wu�te, da� er noch eine bestimmte Frage stellen mu�te, und w�re es die
letzte in ihrer beider Leben. Jerry griff nach Charlie und zerrte ihn zum
letztenmal auf die F��e. Und hier auf der dunklen Stra�e, w�hrend zielloses
Sperrfeuer durch die Finsternis stach, zappelte und schrie Charlie Marshall
eine volle Stunde lang unter Jerrys Griff, bettelte und schwor, er werde Jerry
ewig lieben, wenn er es ihm nur erlasse, die Abkommen zu verraten, die sein
Freund Ricardo um seines �berlebens im Verborgenen willen getroffen hatte. Aber
Jerry erkl�rte, ohne diese Enth�llung w�re das R�tsel nicht einmal zur H�lfte
gel�st. Und es mag sein, da� Charlie Marshall in seiner Verlorenheit und Verzweiflung,
w�hrend er die verbotenen Geheimnisse hervorschluchzte, Jerrys Argument sogar
begriff: da� es n�mlich in einer Stadt, die dem Dschungel wiedergegeben werden
sollte, keine Zerst�rung gebe au�er einer vollst�ndigen Zerst�rung.</strong></p><p><strong>So behutsam wie m�glich trug Jerry Charlie Marshall den Weg zur�ck in
die Villa und die Treppe hinauf, wo ihn die gleichen schweigenden Gesichter
dankbar begr��ten. Ich h�tte mehr herausholen m�ssen, dachte er. Ich h�tte ihm
auch mehr sagen m�ssen: ich habe das Gesch�ft auf Gegenseitigkeit nicht so
abgewickelt, wie sie es befohlen haben. Ich habe mich zu lange bei der Sache
mit Lizzie und Sam Collins aufgehalten. Ich hab' das Pferd am Schwanz
aufgez�umt, die Tour vermasselt, ich hab' alles vermurkst, genau wie Lizzie. Er
versuchte, Reue dar�ber zu empfinden, aber es gelang ihm nicht, und am
deutlichsten erinnerte er sich an Dinge, die �berhaupt nicht auf der Liste
gestanden hatten, und eben diese Dinge ragten in seinem Denken auf wie
Monumente, w�hrend er seine Botschaft an den lieben alten George tippte.</strong></p><p><strong>Er tippte hinter versperrter T�r und hatte die Pistole im G�rtel
stecken. Von Luke war weit und breit nichts zu sehen, daher nahm Jerry an, er
sei in seinem Dauersuff in ein Bordell gegangen. Er schrieb ein langes
Telegramm, das l�ngste seiner Laufbahn: �Das alles sollten Sie erfahren, falls
Sie nie mehr von mir h�ren.� Er berichtete �ber seinen Kontakt mit dem
Botschaftsrat, er gab seine n�chste Telefonadresse an, er schrieb Ricardos
Adresse und entwarf ein Portr�t Charlie Marshalls und des Dreieckshaushalts in
der Flohh�tte, aber immer in sehr f�rmlichen Wendungen, und er erw�hnte kein
Wort �ber seine j�ngsten Kenntnisse der Rolle, die der unerfreuliche Sam
Collins spielte. Schlie�lich: wenn sie es bereits wu�ten, wozu es ihnen dann
nochmals sagen? Er lie� die Ortsnamen und die Eigennamen weg und fertigte von
ihnen einen besonderen Schl�ssel an, dann verwendete er eine weitere Stunde
darauf, beide Botschaften so primitiv zu codieren, da� ein Decodierer keine f�nf
Minuten ben�tigt h�tte, um sie zu entschl�sseln, aber ein gew�hnlicher
Sterblicher, auch ein Sterblicher wie sein Gastgeber, der britische
Botschaftsrat, sie nicht h�tten lesen k�nnen. Und er f�gte eine Mahnung an die
Housekeepers hinzu, man m�ge bitte nachpr�fen, ob Blatt and Rodney die letzte
Geldsendung an Cat �berwiesen h�tten. Er verbrannte die Klartexte, wickelte die
codierten Versionen in eine Zeitung, dann legte er sich auf die Zeitung und
d�ste, wobei die Pistole ihn in die Rippen dr�ckte. Um sechs rasierte er sich,
packte seine Telegramme in die Paperback-Ausgabe eines Romans um, von dem er
glaubte, sich trennen zu k�nnen, und machte sich zu einem Spaziergang in der
Morgenstille auf. Auf dem Platz parkte deutlich sichtbar der Wagen des Botschaftsrat.
Der Botschaftsrat selbst parkte ebenso deutlich sichtbar auf der Terrasse eines
h�bschen </strong><strong><emphasis>bistro, </emphasis></strong><strong>er trug einen Strohhut im Riviera-Stil, der an Craw erinnerte, und
labte sich an hei�en </strong><strong><emphasis>croissants </emphasis></strong><strong>und </strong><strong><emphasis>cafe au lait. </emphasis></strong><strong>Als er Jerrys ansichtig wurde, winkte er elegant. Jerry schlenderte zu
ihm hin�ber: �Guten Morgen�, sagte Jerry.</strong></p><p><strong>�Ah, Sie haben's! Guter Mann!� rief der Botschaftsrat und sprang auf.
�Kann's schon gar nicht mehr erwarten, es zu lesen, seit es erschienen ist!�</strong></p><p><strong>Als er sich von dem Telegramm trennte, dachte Jerry nur an all das, was
nicht darin stand und hatte das gleiche Gef�hl wie am Ende eines
Schulsemesters. Vielleicht kam er wieder, vielleicht auch nicht, aber in jedem
Fall w�rden die Dinge nie wieder ganz so s- in wie vorher.</strong></p><p><strong>Die genauen Umst�nde von Jerrys Abreise aus Phnom Penh sollten sich
sp�ter als wichtig erweisen, Lukes wegen. Im ersten Teil des noch verbleibenden
Vormittags setzte Jerry seine fanatische Suche nach Stories fort, vielleicht
als nat�rliches Gegengift zu seinem wachsenden Gef�hl des Nacktseins. Emsig
machte er sich auf die Suche nach Geschichten von Fl�chtlingen und
Waisenkindern und expedierte sie um Mittag �ber Keller, zusammen mit einer
recht ordentlichen und anschaulichen Schilderung seines Besuchs in Battambang,
die zwar nie im Druck, daf�r aber doch in seiner Personalakte erschien. Es gab
damals zwei Fl�chtlingslager, beide in vollem Schwang, das eine in einem
riesigen Hotel am Bassac, Sihanuks privater und unvollendeter Traum vom Paradies;
das andere auf einem Rangierbahnhof beim Flugplatz, wo jeweils zwei bis drei
Familien in einem Waggon zusammengepfercht waren. Er besuchte beide Lager, und
es war in beiden das gleiche: junge australische Helden, die sich mit dem
Unm�glichen herumschlugen, das vorhandene Wasser stank, zweimal pro Woche
Reisverteilung, und die Kinder zwitscherten �Hei� und �Bye-bye� hinter ihm her,
w�hrend er seinen kambodschanischen Dolmetscher �berall herumschleppte und
jedermann mit Fragen bel�stigte, sich aufspielte und nach jenem besonderen
Etwas Ausschau hielt, das Stubbsis Herz r�hren w�rde.</strong></p><p><strong>In einem Reiseb�ro buchte er unter gro�em Get�se einen Flug nach
Bangkok, ein schwacher Versuch, seine Spuren zu verwischen. Auf dem Weg zum
Flugplatz �berfiel ihn ein Gef�hl des </strong><strong><emphasis>dej� vu. </emphasis></strong><strong>Als ich letztesmal hier war, gingen wir Wasserskifahren, dachte er. Die
europ�ischen Gesch�ftsleute halten sich Hausboote, die am Mekong ankern. Und
sekundenlang sah er sich - und die Stadt - in jenen Tagen, als dem
kambodschanischen Krieg noch eine gewisse grausige Unschuld anhaftete:
Staragent Westerby riskiert zum erstenmal Mono-Ski, h�pft wie ein ausgelassener
Junge �ber die braunen Wasser des Mekong, gezogen von einem lustigen Holl�nder
in einem Rennboot, das soviel Sprit verbrauchte, da� man davon eine ganze
Familie eine Woche lang h�tte ern�hren k�nnen. Das Gef�hrlichste war die zwei
Fu� hohe Flutwelle, so erinnerte er sich, die den Flu� hinabrollte, sooft die
Wachen auf der Br�cke eine Tiefenladung loslie�en, damit Taucher der Roten Khmer
sie nicht sprengen k�nnten. Aber jetzt geh�rte ihnen der Flu� und der Dschungel
dazu. Und morgen oder �bermorgen w�rde ihnen auch die Stadt geh�ren. Auf dem
Flugplatz versenkte er die Walther in einem Abfallkorb und erschmierte sich in
letzter Minute den Zugang zu einem Flugzeug nach Saigon, wohin er wirklich
wollte. Beim Start fragte er sich, wer wohl die l�ngere Lebenserwartung habe:
er oder die Stadt.</strong></p><p><strong>Luke hingegen, in dessen Tasche vermutlich noch der Schl�ssel zu Jerrys
Wohnung in Hongkong nistete - oder genauer zur Wohnung Deathwishs des Hunnen -,
flog nach Bangkok, und wie das Leben so spielt, flog er, ohne es zu wissen,
unter Jerrys Namen, denn Jerry stand auf der Passagierliste und Luke nicht, und
es war sonst kein Platz mehr frei. In Bangkok wohnte er einer hastigen
Redaktionskonferenz bei, die den Zweck hatte, die Mitarbeiter der Zeitschrift
zwischen den verschiedenen Abschnitten der zusammenbrechenden vietnamesischen
Front aufzuteilen. Luke kriegte Hue und DaNang und flog daher anderntags nach
Saigon und von dort mit der Anschlu�maschine am Mittag weiter nach Norden.</strong></p><p><strong>Entgegen sp�teren Ger�chten begegneten die beiden M�nner einander in
Saigon nicht.</strong></p><p><strong>Sie begegneten einander auch nicht im Verlauf des R�ckzugs der
Nordfront.</strong></p><p><strong>Sie hatten einander - im strengen Sinn </strong>des <strong>Wortes - zum letztenmal an ihrem letzten Abend in Phnom Penh gesehen,
als Jerry mit Luke Krach gemacht und Luke geschmollt hatte, und das ist eine
feststehende Tatsache - ein Artikel, der sp�ter erwiesenerma�en nur schwer
erh�ltlich war.</strong></p><empty-line/><p><emphasis>Ricardo </emphasis></p><empty-line/><p><strong>Zu keinem anderen Zeitpunkt w�hrend dieses ganzen Falls hatte George
Smiley sich so systematisch aus dem Spiel gehalten. Die Nerven der Circusleute
waren bis zum Zerrei�en gespannt. Die verdammte Warterei und der irre Rummel,
vor denen Sarratt seit eh und je warnte, waren nicht mehr voneinander zu
unterscheiden. Jeder Tag, der keine entscheidende Nachricht aus Hongkong
brachte, war ein weiterer Ungl�ckstag. Jerrys langes Telegramm wurde sorgf�ltig
analysiert und zuerst als konfus, dann als neurotisch beurteilt. Warum hatte er
Marshall nicht energischer in die Zange genommen? Warum hatte er das russische
Phantom nicht wieder beschworen? Er h�tte Charlie �ber die Goldader
ausquetschen sollen, er h�tte bei Tiu weitermachen m�ssen, wo er aufh�rte.
Hatte er vergessen, da� seine Aufgabe in erster Linie darin bestand, den Gegner
in Unruhe zu versetzen, und erst in zweiter Linie im Sammeln von Informationen?
Und was seine fixe Idee mit dieser unseligen Tochter betraf - Allm�chtiger!,
wu�te der Mann nicht, was Telegramme kosten? (Der Circus schien vergessen zu
haben, da� die Vettern f�r die Kosten aufkamen.) Und was sollte das hei�en: er
habe keinen Kontakt mehr zu den britischen Botschaftsangeh�rigen, die anstelle
des abwesenden Circus-Residenten agierten? Sicher, es hatte einige Zeit
gedauert, bis das Telegramm den Weg vom Vetternfl�gel bis hierher geschafft
hatte. Und Jerry hatte Charlie Marshall doch wirklich aufgest�bert, wie? Es war
schlie�lich nicht Sache eines Au�enagenten, London zu sagen, was es zu tun und
zu lassen habe. Nach Ansicht der Housekeepers, die den Kontakt arrangiert
hatten, sollte ihm postwendend eine Zigarre verpa�t werden. Der Druck, der von
au�en her auf den Circus ausge�bt wurde, war sogar noch st�rker. Wilbrahams Mannen
aus dem Kolonialamt waren nicht m��ig geblieben, und der Lenkungsausschu� beschlo�
in einer best�rzenden Hundertachtzig-Grad-Wendung, da� der Gouverneur nun doch
eingeweiht werden solle, und zwar bald. Es wurde davon gesprochen, ihn unter
einem Vorwand nach London zur�ckzubeordern. Die Panik war ausgebrochen, weil Ko
erneut im Gouverneurspalast empfangen worden war, diesmal bei einem der
Talk-in-Soupers, zu denen einflu�reiche Chinesen geladen wurden, damit sie
zwanglos ihre Meinung �u�ern k�nnten.</strong></p><p><strong>Saul Enderby und sein harter Kern hingegen zogen in die
entgegengesetzte Richtung: �Zum Teufel mit dem Gouverneur. Was wir fordern, ist
unverz�gliche und volle Partnerschaft mit den Vettern!� George solle noch </strong><strong><emphasis>heute </emphasis></strong><strong>zu Martello gehen, sagte
Enderby, alle seine Karten offen auf den Tisch legen und die Vettern
auffordern, das letzte Entwicklungsstadium dieses Falles selbst zu �bernehmen.
Er solle seine aussichtslose Jagd nach Nelson aufstecken, er solle zugeben, da�
er nichts Konkretes in H�nden habe, er solle es ihnen �berlassen, sich den
nachrichtendienstlichen Erkenntnisgewinn selber auszurechnen, und wenn sie
Gl�ck haben w�rden, um so besser: sollten sie doch Lorbeeren vom Capitol
einheimsen, sehr zum Unbehagen ihrer Feinde. Das Ergebnis, so argumentierte Enderby,
dieser ebenso gro�z�gigen wie zeitlich zupa� kommenden Geste - gerade jetzt,
inmitten des Vietnam-Fiaskos - w�rde eine tragf�hige nachrichtendienstliche
Partnerschaft auf Jahre hinaus sein, eine Ansicht, die Lacon auf seine nebulose
Art zu unterst�tzen schien. Im Kreuzfeuer dieser beiden Lager holte Smiley sich
unversehends einen zweifach �blen Ruf. Der Wilbraham-Clan brandmarkte ihn als
antikolonial und pro-amerikanisch, w�hrend Enderbys Mannschaft ihn des
Ultra-Konservatismus bei der Handhabung der Besonderen Beziehung bezichtigte.
Weitaus peinlicher indes war Smileys eigener Eindruck, wonach Martello auf
irgendwelchen Wegen von der Auseinandersetzung Wind bekommen hatte und durchaus
f�hig sein w�rde, sie auszunutzen. So sprachen zum Beispiel Molly Meakins
Quellen von einer knospenden Beziehung zwischen Enderby und Martello auf
privater Ebene, und nicht nur, weil beider Kinder die gleiche Schule in South
Kensington besuchten. Offenbar unternahmen die Herren seit einiger Zeit an den
Wochenenden regelm��ige Angelausfl�ge nach Schottland, wo Enderby ein
Fischwasser besa�. Wie sp�ter das Scherzwort sagte: Martello stellte das
Flugzeug und Enderby die Fische. Etwa um die gleiche Zeit erfuhr Smiley ferner,
was alle anderen von Anfang an gewu�t und ihm nicht erz�hlt hatten, weil sie
annahmen, es sei ihm ebenfalls bekannt. Enderbys dritte und derzeitige Ehefrau
war Amerikanerin und obendrein reich. Vor ihrer jetzigen Ehe geh�rte sie zu den
namhaften Gastgeberinnen des Washingtoner Establishment, eine Rolle, die sie
nun mit einigem Erfolg in London wiederholte.</strong></p><p><strong>Aber der tiefere Grund f�r die allgemeine Erregung war letztlich der
gleiche. An der Ko-Front tat sich nichts. Schlimmer noch, es herrschte
qu�lender Mangel an operativen Erkenntnissen. Jeden Tag punkt zehn Uhr stellten
Smiley und Guillam sich jetzt im Annex ein, und jeden Tag verlie�en sie ihn mit
l�ngeren Gesichtern. Tius Privattelefon war angezapft, desgleichen Lizzie
Worthingtons Anschlu�. Die Tonb�nder wurden am Ort abgeh�rt und dann zwecks
detaillierter Auswertung nach London geflogen. Jerry hatte Charlie Marshall an
einem Mittwoch in der Zange gehabt. Am Freitag hatte Charlie sich so weit
erholt, da� er Tiu aus Bangkok anrufen und ihm sein Herz aussch�tten konnte.
Doch Tiu hatte kaum drei�ig Sekunden lang zugeh�rt und ihn dann mit
der�Anweisung unterbrochen, er solle �sich sofort mit Harry in Verbindung
setzen�, womit niemand etwas anzufangen wu�te: keiner hatte irgendwo einen
Harry. Am Samstag wurde es dramatisch, weil der Lauscher an Kos Privatanschlu�
meldete, Ko habe seine regelm��ige Sonntagmorgen-Golfrunde mit Mr. Arpego
abgesagt. Ko sch�tzte eine dringende gesch�ftliche Verabredung vor. Das war's!
Das war der Durchbruch! Am n�chsten Tag setzten die Vettern in Hongkong mit
Smileys Einverst�ndnis einen Lieferwagen, zwei Autos und eine Honda auf Kos
Rolls-Royce an, sobald er in die Stadt einfuhr. Welche geheimnisvolle Besorgung
mochte f�r Ko so wichtig sein, da� er an einem Sonntagmorgen um halb sechs
losfuhr und seine w�chentliche Golfpartie abblies? Antwort: ein Besuch bei
seinem Wahrsager, einem verehrungsw�rdigen alten Swatonesen, der in einem
verwahrlosten Tempel in einer Seitenstra�e der Hollywood Road praktizierte. Ko
verbrachte dort �ber eine Stunde, ehe er wieder heimfuhr, und obwohl ein
strebsamer Knabe im Lieferwagen der Vettern w�hrend der ganzen Dauer der
Sitzung ein verstecktes Richtmikrophon auf das Fenster des Tempels einstellte,
konnte er, abgesehen vom Verkehrsl�rm, nur das Gegacker aus dem H�hnerstall des
Alten auffangen. Zu Hause im Circus wurde di Salis konsultiert. Wozu in aller
Welt ging jemand um sechs Uhr fr�h zum Wahrsager, und noch dazu ein Million�r?
di Salis am�sierte sich so k�niglich �ber die allgemeine Ratlosigkeit, da� er
entz�ckt an seinem Haarschopf ri�. Ein Mann vom Range Kos w�rde darauf
bestehen, bei seinem Wahrsager der erste Kunde des Tages zu sein, sagte er,
solange der gro�e Mann noch frischen Sinnes die Verk�ndigungen der Geister
aufnehmen k�nnte.</strong></p><p><strong>Dann geschah zwei Wochen lang nichts. Gar nichts. Die Post- und
Telefon�berwachung spuckte St��e unverdaubaren Rohmaterials aus, das auch nach
der Aufbereitung keinen einzigen Hinweis lieferte.</strong></p><p><strong>Inzwischen r�ckte der Ablauf der von der Rauschgiftfahndung gesetzten
Frist unaufhaltsam n�her und damit der Tag, an dem Ko Freiwild werden sollte
f�r jeden, der ihm als Erster etwas anh�ngen k�nnte.</strong></p><p><strong>Aber Smiley behielt die Nerven. Er wies alle Anschuldigungen zur�ck,
die gegen sein eigenes und gegen Jerrys Verhalten vorgebracht wurden. Der Baum
sei gesch�ttelt, erkl�rte er immer wieder, Ko sei aufgescheucht worden, und die
Zeit wende erweisen, da� man richtig gehandelt habe. Er wollte sich um keinen
Preis zu einem Fu�fall vor Martello dr�ngen lassen und hielt sich entschlossen
an die Bedingungen der Absprache, die er in seinem Brief, dessen Kopie jetzt
bei Lacon lagerte, umrissen hatte. Auch lie� er sich, was ihm vertraglich
zustand, weder von Gott noch von der Kraft der Logik oder von Kos m�glichen
Reaktionen dazu zwingen, irgendwelche operativen Details zu diskutieren, sofern
nicht Protokollfragen oder koloniale Belange davon ber�hrt wurden. Er wu�te
genau, da� hier die geringste Nachgiebigkeit nur den Zweiflern neue Munition
f�r seinen Abschu� geliefert h�tte.</strong></p><p><strong>F�nf Wochen lang hielt er das durch, und am sechsunddrei�igsten Tag
spielten Gott oder die Kraft der Logik oder Kos menschliche Reaktion George
Smiley einen wertvollen, wenn auch geheimnisvollen Trost zu. Drake Ko ging
unter die Seefahrer. Begleitet von Tiu und einem unbekannten Chinesen, der
sp�ter als Erster Kapit�n von Kos Dschunkenflotte identifiziert wurde,
verbrachte er den gr��ten Teil dreier Tage mit Rundreisen zu den Inseln vor
Hongkong, von denen er allabendlich bei Einbruch der Dunkelheit zur�ckkehrte.
Wohin sie genau gingen, war noch nicht festzustellen. Martello schlug eine
Reihe von Hubschrauber-�berfl�gen vor, um ihre Spur zu verfolgen, aber Smiley
lehnte den Vorschlag rundweg ab. Die statische Observierung vom Kai aus
best�tigte, da� die Reisegesellschaft offenbar t�glich auf einer anderen Route
ausfuhr und wieder heimkehrte, das war auch alles. Und am letzten Tag, dem
vierten, kam das Schiff �berhaupt nicht zur�ck. Panik. Wo war es abgeblieben?
Martellos Herren und Meister in Langley, Virginia, gerieten vollends aus dem
H�uschen und folgerten, da� Ko und die �Admiral Nelson� mit voller Absicht in
chinesische Hoheitsgew�sser geraten seien. Oder sogar, da� man sie entf�hrt
habe. Ko w�rde nie mehr gesehen werden, und Enderby, der seine eigenen Schiffe
davonschwimmen sah, rief pers�nlich bei Smiley an und s�gte, es sei �verdammt
nochmal Ihre Schuld, wenn Ko in Peking auftaucht und ein gro�es Geschrei von
wegen Bel�stigung durch den Geheimdienst erhebt�. Einen qualvollen Tag hindurch
�berlegte sogar Smiley selber insgeheim, ob Ko nicht wider alle Vernunft tats�chlich
zu seinem Bruder gereist sei.</strong></p><p><strong>Dann, am n�chsten Morgen, lief die Yacht ruhig im Haupthafen ein, als
kehre sie gerade von einer Regatta zur�ck, und ein vergn�gter Ko ging hinter
seiner sch�nen Liese mit dem langen, sonnenfunkelnden Goldhaar - das reinste
Werbeplakat - �ber die Laufplanke an Land.</strong></p><p><strong>Diese Nachricht gab den Ansto�, da� Smiley nach sehr langem Nachdenken
und neuerlichem eingehendem Studium von Kos Akte - ganz zu schweigen von
spannungsreichen Besprechungen mit Connie und di Salis - zwei Entscheidungen
gleichzeitig traf oder, wie die Gl�cksspieler sagen - seine letzten beiden
Karten auszuspielen beschlo�.</strong></p><p><strong>Erstens: Jerry sollte die �letzte Stufe� in Angriff nehmen, womit er
Smiley Ricardo meinte. Dieser Schritt w�rde, so hoffte er, den Druck auf Ko
verst�rken und Ko n�tigenfalls den letzten Beweis daf�r liefern, da� er jetzt
handeln m�sse. Zweitens: Sam Collins sollte �aktiv werden�. Die zweite
Entscheidung wurde in einer Beratung mit Connie Sachs allein gef�llt. Sie
findet keine Erw�hnung in Jerrys Personalakte, nur in einem geheimen Anhang,
der sp�ter mit gewissen Streichungen zu weiterer Pr�fung freigegeben wurde. Die
verheerende Wirkung, die alle diese Aufsch�be und Verz�gerungen auf Jerry
aus�bten, h�tte auch der gr��te Geheimdienstchef der Welt nicht in seine
Berechnungen einbeziehen k�nnen.</strong></p><p><strong>Diese Wirkung zu kennen, war eine Sache - und Smiley kannte sie
zweifellos und unternahm sogar einiges, um ihr vorzubeugen. Sich von dieser
Wirkung bestimmen zu lassen, ihr den gleichen Stellenwert einzur�umen wie den
hochpolitischen Faktoren, mit denen er t�glich bombardiert wurde, w�re eine
ganz andere und v�llig unverantwortlich gewesen. Ein General mu� einfach
Priorit�ten setzen.</strong></p><p><strong>Saigon war entschieden der letzte Ort, an dem Jerry seinen Wartestand
h�tte verbringen d�rfen. Als die Verz�gerungen sich h�uften, sprach man im
Circus wiederholt davon, ihn in eine bek�mmlichere Stadt zu schicken, zum
Beispiel nach Singapur oder Kuala Lumpur, aber Gr�nde der Zweckdienlichkeit und
der Tarnung gaben stets den Ausschlag daf�r, da� er bleiben mu�te, wo er war:
und au�erdem, schon morgen konnte sich alles �ndern. Hinzu kam das Problem
seiner pers�nlichen Sicherheit. Hongkong kam nicht in Betracht, und sowohl in
Singapur wie in Bangkok hatte Ko sicherlich betr�chtlichen Einflu�. Und nochmals
die Tarnung: was war nat�rlicher, als da� ein Journalist sich in Saigon
aufhielt, nun, da der Zusammenbruch unmittelbar bevorstand? Trotz allem lebte
Jerry nur ein halbes Leben, und er lebte in einer halben Stadt. Rund vierzig
Jahre lang war der Krieg Saigons Schl�sselindustrie gewesen, doch der
amerikanische R�ckzug von dreiundsiebzig hatte einen Konjunktureinbruch
ausgel�st, von dem die Stadt sich bis zuletzt nie richtig erholte, so, da�
sogar dieser lang erwartete Schlu�akt mit seinem Millionenaufgebot von
Darstellern vor fast leerem Haus spielte. Sogar wenn Jerry seine
obligatorischen Fahrten in die unmittelbare Kampfzone unternahm, hatte er das
Gef�hl, einem verregneten Kricketmatch beizuwohnen, bei dem beide Parteien nur
den Wunsch hatten, m�glichst bald in die Umkleidekabinen zur�ckzukehren. Der
Circus verbot ihm, Saigon zu verlassen, mit der Begr�ndung, er k�nne jeden
Augenblick irgendwo anders ben�tigt werden, aber die w�rtliche Durchf�hrung
dieses Befehls h�tte ihn l�cherlich gemacht, also ignorierte er ihn. Xuan Loc
war eine langweilige franz�sische Kautschukstadt, f�nfzig Meilen entfernt, an
der derzeitigen Verteidigungslinie der Stadt. Denn dieser Krieg unterschied
sich dramatisch vom Krieg in Phnom Penh, er war technischer und trug ein
europ�isches Gepr�ge. W�hrend die Roten Khmer keine Panzerwaffe besa�en, hatten
die Nordvietnamesen russische Tanks und </strong>130er <strong>Artilleriegesch�tze, die sie nach klassischem russischem Muster dicht
an dicht auffahren lie�en, als setzten sie unter Marschall Schukow zum Sturm
auf Berlin an, und nichts r�hrte sich, ehe nicht die letzte Kanone geladen und
aufs Ziel gerichtet war. Er fand die Stadt halb verlassen vor, die katholische
Kirche war leer bis auf einen franz�sischen Geistlichen.</strong></p><p><strong>�C'est </strong><strong><emphasis>termine�, </emphasis></strong><strong>erkl�rte der Priester ihm schlicht. Die S�dvietnamesen w�rden tun, was
sie immer taten, sagte er. Sie w�rden den Vormarsch stoppen, dann kehrt machen
und davonlaufen. Sie tranken zusammen Wein und starrten auf den leeren Platz
hinaus.</strong></p><p><strong>Jerry reichte seine Reportage ein, die besagte, da� dieses Fiasko das
letzte sei, und Stubbsi lehnte sie prompt ab mit dem lakonischen Kommentar:
�Portr�ts, nicht Prophezeiungen. Stubbs.�</strong></p><p><strong>Auf den Stufen des Hotels Caravelle in Saigon boten ihm bettelnde
Kinder unn�tze Blumengebinde zum Kauf an. Jerry gab ihnen Geld und nahm die
Blumen, um ihr Gesicht zu wahren, dann warf er sie in seinem Zimmer in den
Papierkorb. Als er unten in der Halle sa�, klopften sie ans Fenster, an dem der
Regen herabstr�mte, und verkauften ihm </strong><strong><emphasis>Stars and
Stripes. </emphasis></strong><strong>In den leeren Lokalen, in denen er
trank, scharten sich die M�dchen verzweifelt um ihn, als w�re er ihre letzte
Chance vor dem Ende. Nur die Polizisten waren in ihrem Element. Sie standen mit
wei�en Helmen und frischgewaschenen wei�en Handschuhen an jeder Ecke, als
warteten sie bereits darauf, den anrollenden Fahrzeugstrom der Sieger zu
dirigieren. In wei�en Jeeps fuhren sie wie regierende F�rsten an den Fl�chtlingen
vorbei, die in ihren Vogelbauern auf dem Gehsteig hockten. Er kehrte in sein
Hotelzimmer zur�ck, und bald darauf rief Hercule an, Jerrys
Lieblings-Vietnamese, dem er aus Leibeskr�ften aus dem Weg gegangen war.
Hercule, wie er selber sich nannte, war gegen das Establishment und gegen Thieu
und verdiente nicht schlecht damit, da� er britische Journalisten mit
Informationen �ber den Vietkong versorgte, mit der fragw�rdigen Begr�ndung, da�
die Briten nicht in den Krieg verwickelt seien. �Die Briten sind meine
Freunde!� flehte er ins Telefon. �Bringen Sie mich raus! Ich brauche Papiere,
ich brauche Geld!� Jerry sagte: �Probieren Sie's bei den Amis�, und legte auf.</strong></p><p><strong>Das B�ro der Agentur Reuter, wo Jerry seine totgeborene Reportage
ablieferte, war ein Monument f�r vergessene Helden und die Romantik des
Scheiterns. Unter den Glasplatten der Schreibtische lagen die fotografierten
K�pfe zerzauster junger M�nner, an den W�nden sah man ber�hmt gewordene
Ablehnungen und Beispiele f�r das W�ten der Redakteure; die Luft war erf�llt
vom Gestank alter Druckerschw�rze und vom Hauch des Heimwehs nach
Irgendwo-in-England, das jeder Korrespondent im Exil im Herzen tr�gt. Gleich um
die Ecke war ein Reiseb�ro, und sp�ter stellte sich heraus, da� Jerry w�hrend
jener Zeit zweimal Fl�ge nach Hongkong gebucht hatte und dann nicht am
Flugplatz erschienen war. Er wurde von einem ernsten jungen Vettern namens Pike
betreut, der offiziell an der Pressestelle arbeitete und ihm gelegentlich
Telegramme in gelben Kuverts mit der Aufschrift EILIGE PRESSEINFORMATION ins
Hotel brachte, damit alles authentisch wirken sollte. Aber die Botschaft, die
darin stand, war immer die gleiche: keine Entscheidung, stillhalten, keine
Entscheidung. Er las Ford Maddox Ford und einen wahrhaft gr��lichen Roman �ber
das alte Hongkong. Er las Greene und Conrad und T. E. Lawrence, und noch immer
kam nichts. Die Bombardierungen klangen bei Nacht am schlimmsten, und die Panik
war �berall wie eine um sich greifende Seuche. Auf der Suche nach Stubbsis
Portr�ts, nicht Prophezeiungen, ging er hin�ber zur Amerikanischen Botschaft,
wo an die zehntausend Vietnamesen sich an den T�ren dr�ngten, um ihre
amerikanische Staatsangeh�rigkeit nachweisen zu k�nnen. Er sah, wie ein
s�dvietnamesischer Offizier in einem Jeep ankam, aus dem Wagen sprang und auf
die Frauen einzubr�llen begann, sie Huren und Verr�terinnen nannte - offenbar
lie� er seine Wut an einer Gruppe amerikanischer Ehefrauen zur linken Hand aus.
Wiederum lieferte Jerry einen Artikel, und wiederum verwarf Stubbs ihn, was
Jerrys Depression zweifellos noch steigerte. Ein paar Tage sp�ter verloren die
Planer im Circus die Nerven. Da die volle Aufl�sung anhielt und sich noch
beschleunigte, wiesen sie Jerry an, sofort nach Vientiane zu fliegen und dort
unterzutauchen, bis ein Postbote der Vettern ihm anderslautende Orders bringen
w�rde. Also flog er hin und nahm ein Zimmer im Constellation, wo Lizzie sich so
gern hatte bewundern lassen, und er trank an der Bar, wo Lizzie getrunken
hatte, und gelegentlich plauderte er mit Maurice, dem Besitzer, und im �brigen
wartete er. Die Bar war aus Beton und zwei Fu� unter Stra�enniveau, so da� sie
notfalls als Luftschutzkeller oder Gesch�tzstellung dienen konnte. Nebenan, im
tr�bseligen Speisesaal, sa� Abend f�r Abend ein alter </strong><strong><emphasis>colon </emphasis></strong><strong>allein an einem Tisch, hatte die
Serviette in den Kragen gestopft und tafelte ausgiebig. Jerry sa� lesend an
einem anderen Tisch. Sie waren und blieben die einzigen G�ste, und sie
wechselten nie ein Wort. Auf den Stra�en patrouillierten die Pathet Lao - die
noch nicht lang von ihren Bergen herabgestiegen waren - in Siegerhaltung immer
zwei und zwei, sie trugen Mao-M�tzen und Mao-R�cke und mieden die Blicke der
M�dchen. Sie hatten die Villen an den Stra�enecken und die Villen entlang zum
Flugplatz requiriert. Sie kampierten in tadellosen Zelten, deren Spitzen �ber
die Mauern wuchernder G�rten lugten. �Wird die Koalition halten?� fragte Jerry
einmal Maurice. Maurice war kein politischer Mensch.</strong></p><p><strong>�Wir m�ssen's nehmen, wie's kommt�, antwortete er in seinem B�hnenfranz�sisch
und schenkte Jerry zum Trost einen Kugel; </strong>Schreiber <strong>mit der Aufschrift �L�wenbr�u�. Maurice hatte die Konzession f�r ganz
Laos, er verkaufte dem Vernehmen nach allj�hrlich mehrere Flaschen. Jerry mied
gewissenhaft die Stra�e, in der das B�ro von Indocharter lag, und ebenso verbot
er sich, aus reiner Neugier einen Blick auf die Flohh�tte am Stadtrand zu
werfen, die, nach Charlie Marshalls Aussage, die </strong><strong><emphasis>menage � trois </emphasis></strong><strong>beherbergt
hatte. Auf Jerrys Frage erwiderte Maurice, es seien zur Zeit nur noch sehr
wenige Chinesen in der Stadt. �Chinesen m�gen sie nicht�, sagte er l�chelnd und
wies mit dem Kopf auf die Pathet Lao drau�en auf dem Gehsteig.</strong></p><p><strong>Bleibt noch das Geheimnis der Aufzeichnungen der Telefongespr�che.
Rief Jerry Lizzie vom Constellation aus an oder rief er sie nicht an? Und wenn
er sie anrief, wollte er dann mit ihr sprechen oder nur ihre Stimme h�ren? Und
wenn er beabsichtigte, mit ihr zu sprechen, was hatte er sich vorgenommen, ihr
zu sagen? Oder gen�gte schon das blo�e T�tigen eines Anrufs - �hnlich dem
blo�en Buchen seiner Hongkong-Fl�ge - als Katharsis, die ihn von der
Wirklichkeit erl�ste?</strong></p><p><strong>Fest steht auf jeden Fall, da� man weder Smiley noch Connie oder sonst
jemandem, der die fraglichen Aufzeichnungen las, Pflichtvers�umnis vorwerfen
kann, denn der Text war bestenfalls als zweideutig zu bezeichnen:</strong></p><p><strong><emphasis>�Eingehender �berseeruf, mit Voranmeldung f�r Teilnehmer. Vermittlung
am Apparat. Teilnehmer nimmt den Anruf entgegen, sagt mehrmals </emphasis></strong><strong>&gt;hallo&lt;. Vermittlung: Anrufer, bitte sprechen! Teilnehmer: Hallo?
Hallo?</strong></p><p><strong>Vermittlung: K�nnen Sie mich h�ren, Anrufer? Bitte sprechen Sie!</strong></p><p><strong>Teilnehmer: Hallo? Hier Liese Worth. Wer ist dort, bitte? </strong><strong><emphasis>Gespr�ch wird durch Anrufer beendet.�</emphasis></strong></p><p><strong>Die Aufzeichnung erw�hnt an keiner Stelle Vientiane als Herkunftsort
des Anrufs, und es ist sogar ungewi�, ob Smiley sie �berhaupt zu sehen bekam,
denn sein Zeichen erscheint nicht bei den Unterschriften.</strong></p><p><strong>Indes, ob nun Jerry der Anrufer gewesen war oder jemand anderer, am
n�chsten Tag brachten ihm zwei Vettern, nicht einer, einen Marschbefehl und
endlich den willkommenen befreienden Einsatz. Die verdammte, endlose
wochenlange Warterei war vor�ber - und zwar f�r immer.</strong></p><p><strong>Er verbrachte den Nachmittag damit, sich Visa zu beschaffen und seine
Reise zu buchen und am n�chsten Morgen, bei Tagesanbruch, �berquerte er mit
Umh�ngetasche und Reiseschreibmaschine den Mekong nach Nordost-Thailand. Auf
dem langen h�lzernen F�hrboot dr�ngten sich Bauern und quiekende Schweine. In
der Kontrollbaracke am Grenz�bergang gab er an, da� er auf dem gleichen Weg
wieder nach Laos zur�ckwolle. Andernfalls h�tte man ihm die Einreise verweigern
m�ssen, wie die Beamten streng erkl�rten. Vorausgesetzt, da� ich �berhaupt
zur�ckkomme, dachte er. Als er zur entschwindenden K�ste von Laos
zur�ckblickte, sah er auf dem Treidelpfad einen amerikanischen Wagen stehen
und daneben zwei schlanke regungslose Gestalten, die Ausschau hielten. Die
Vettern sind allezeit bei uns. Auf dem Thai-Ufer war sofort alles unm�glich:
Jerrys Visum war ungen�gend, sein Foto sah ihm nicht �hnlich, das ganze Gebiet
war f�r </strong><strong><emphasis>farangs </emphasis></strong><strong>gesperrt. Zehn Dollar bewirkten einen Meinungswandel. Nach dem Visum
kam der Wagen. Jerry hatte auf einem englischsprechenden Fahrer bestanden, der
Preis war entsprechend festgesetzt worden, aber der alte Mann, der auf ihn
wartete, sprach nur Thai und auch dies nur mangelhaft. Jerry bellte so lange
englische S�tze in den Reisladen nebenan, bis er einen fetten tr�gen Jungen
herauslockte, der �ber einige Englischkenntnisse verf�gte und behauptete,
chauffieren zu k�nnen. Umst�ndlich wurde ein Vertrag aufgesetzt. Die
Versicherung des alten Mannes deckte keinen anderen Fahrer und war ohnehin
abgelaufen. Ein ersch�pfter Commis stellte eine neue Police aus, w�hrend der
Junge nach Hauseging, um sich reisefertig zu machen. Der Wagen war ein
klapperiger roter Ford mit abgefahrenen Reifen. Von allen Todesarten, die Jerry
in den n�chsten paar Tagen nicht zu sterben gedachte, war dies die allerletzte.
Sie feilschten, und Jerry r�ckte weitere zwanzig Dollar heraus. In einer Werkstatt
voller H�hner lie� er kein Auge von den Mechanikern, bis die neuen Reifen
aufmontiert waren.</strong></p><p><strong>Nachdem so eine Stunde vertan war, brausten sie mit halsbrecherischer
Geschwindigkeit in s�d�stlicher Richtung �ber ebenes Ackerland. Der Junge lie�
f�nfmal �The lights are always out in Massachussetts� spielen, ehe Jerry ihn
bat, aufzuh�ren.</strong></p><p><strong>Die Stra�e war geteert, aber unbefahren. Nur dann und wann kroch ein
gelber Bus mit Schlagseite bergab auf sie zu, und sofort gab der Fahrer Gas und
blieb auf der Mitte der Stra�e, bis der Bus um einen Fu�breit nachgegeben hatte
und vorbeigedonnert war. Einmal nickte Jerry ein und schrak j�h durch das
Krachen eines Bambuszauns auf, gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie eine
Font�ne von Splittern genau vor ihnen ins Sonnenlicht hochscho� und ein
Lastwagen langsam in den Stra�engraben rollte. Er sah, wie die T�r hochflog wie
ein Laubblatt, der Fahrer hinterher und durch den Zaun und in das hohe Gras.
Der Junge hatte nicht einmal das Gas weggenommen, obwohl er so lachen mu�te, da�
sie im Zickzack �ber die Stra�e schlingerten. Jerry schrie �Stopp!�, aber der
Junge wollte davon nichts wissen. �Wollen Sie Blut auf den Anzug kriegen?
Lassen Sie das den Doktors�, verwies er ihn streng. �Ich k�mmere mich um Sie,
okay? Dies hier sehr schlimmes Land. Menge Kommis.�</strong></p><p><strong>�Wie hei�en Sie?� sagte Jerry resigniert. Der Name war unaussprechlich,
also einigten sie sich auf Mickey. Zwei weitere Stunden vergingen, bis sie an
die erste Absperrung kamen. Jerry d�ste wieder vor sich hin und probte seinen
Part. Immer kommt nochmals eine T�r, in die man den Fu� stellen mu�, dachte er.
Er fragte sich, ob der Tag kommen w�rde - f�r der Circus, f�r das Comic -, an
dem der alte Alleinunterhalter mit seinen Spa�en auf der Strecke bleiben w�rde:
an dem der blo�e Kraftaufwand, sich �ber die Schwelle zu mogeln, ihn fertig
machen und er mit schlotternden Knien dastehen w�rde, sein freundliches
Vertreterl�cheln zur Schau tragen, w�hrend ihm die Worte in der Kehle stecken
blieben. Lieber Gott, nicht diesmal, bitte.</strong></p><p><strong>Sie hielten, und ein junger M�nch kam unter den B�umen hervorgeschusselt
und hielt eine Schale hin, und Jerry lie� einige </strong><strong><emphasis>baht </emphasis></strong><strong>hineinfallen. Mickey �ffnete den
Kofferraum. Ein Polizeiposten linste hinein, befahl Jerry sodann, auszusteigen,
und f�hrte ihn zu einem Captain, der allein in einer schattigen H�tte sa�. Der
Captain lie� sich lange Zeit, ehe er Jerry �berhaupt zur Kenntnis nahm.</strong></p><p><strong>�Er fragt, Sie Amerikaner?� sagte Mickey. Jerry zeigte seine Papiere
vor.</strong></p><p><strong>Jenseits der Schranke lief die tadellose Teerstra�e schnurgerade �ber
das flache Buschland.</strong></p><p><strong>�Er sagt, was Sie hier wollen?� sagte Mickey.</strong></p><p><strong>�Gesch�fte mit dem Colonel.�</strong></p><p><strong>Auf der Weiterfahrt kamen sie an einem Dorf und einem Kino vorbei.
Sogar die neuesten Streifen hier sind noch Stummfilme, erinnerte sich Jerry. Er
hatte einmal dar�ber geschrieben. Einheimische Schauspieler lieferten die
Stimme und erfanden irgendeinen Text, der ihnen gerade einfiel. Er erinnerte
sich an John Wayne mit qu�kender Thai-Stimme, das Publikum raste, und der
Dolmetscher erl�uterte ihm, es handle sich um eine Imitation des
B�rgermeisters, der eine stadtbekannte Tunte sei. Sie durchfuhren W�lder, aber
zu beiden Seiten der Stra�e waren Streifen von f�nfzig Yards Breite gerodet
worden, um die Gefahr eines Hinterhalts zu verringern. Manchmal fuhren sie an
scharf gezogenen wei�en Linien entlang, die nichts mit dem Stra�enverkehr zu
tun hatten. Die Stra�e war von den Amerikanern im Hinblick auf eventuelle
Landem�glichkeiten angelegt worden. �Kennen Sie diesen Colonel?� fragte Mickey.
�Nein�, sagte Jerry.</strong></p><p><strong>Mickey lachte entz�ckt. �Warum wollen Sie ihn?� Jerry gab keine
Antwort.</strong></p><p><strong>Die zweite Stra�ensperre kam nach zwanzig Meilen, inmitten eines
kleinen Dorfs, das f�r die Polizei ger�umt worden war. Eine Gruppe grauer
Lastwagen stand im Hof des </strong><strong><emphasis>wat, </emphasis></strong><strong>vier Jeeps waren neben der Schranke geparkt. Das Dorf lag an einer
Kreuzung. Im rechten Winkel zu ihrer Stra�e lief ein Feldweg quer �ber die
Ebene und wand sich zu beiden Seiten bergan. Diesmal ergriff Jerry die
Initiative. Er sprang sofort aus dem Wagen und rief forsch: �Bringen Sie mich
zu Ihrem Chef!� Als ihr Chef erwies sich ein nerv�ser junger Captain mit dem
finsteren Gesichtsausdruck eines Mannes, der sich alles vom Hals halten m�chte,
was �ber seine Erfahrung hinausgeht. Er sa� im Wachlokal und hatte die Pistole
vor sich auf dem Schreibtisch liegen. Das Wachlokal war nur behelfsm��ig, wie
Jerry feststellte. Durchs Fenster sah er die zerbombte Ruine, die vermutlich
das fr�here gewesen war. �Mein Colonel ist ein sehr besch�ftigter Mann�,
erkl�rte der Captain �ber Mickey, den Fahrer. �Er ist auch ein sehr tapferer
Mann�, sagte Jerry. Es folgte eine l�ngere Pantomime, bis sie das Wort �tapfer�
ausgedeutet hatten.</strong></p><p><strong>�Er hat viele Kommunisten erschossen�, sagte Jerry. �Meine Zeitung
m�chte �ber diesen tapferen Thai-Colonel berichten.� Der Captain redete l�ngere
Zeit, und pl�tzlich begann Mickey, vor Lachen zu br�llen.</strong></p><p><strong>�Der Captain sagen, wir haben keine Kommis nicht. Wir haben blo�
Bangkok. Arme Leute hier herum, wissen nichts, weil Bangkok keine Schulen, also
kommen die Kommis bei Nacht zu ihnen, rechen mit ihnen, sagen, alle ihre S�hne
gehen alle nach Moskau und lernen gro�e Doktors, und so haben sie
Polizeistation in die Luft gesprengt.�</strong></p><p><strong>�Wo kann ich den Colonel finden?�</strong></p><p><strong>�Captain sagen, wir bleiben hier.�</strong></p><p><strong>�Wird er den Colonel bitten, zu uns zu kommen?�</strong></p><p><strong>�Colonel sehr besch�ftigter Mann.�</strong></p><p><strong>�Wo ist der Colonel?�</strong></p><p><strong>�Er n�chstes Dorf.�</strong></p><p><strong>�Wie hei�t das n�chste Dorf?�</strong></p><p><strong>Wiederum brach der Fahrer vor Lachen fast zusammen.</strong></p><p><strong>�Es hei�t gar nicht. Ganzes Dorf ganz tot.�</strong></p><p><strong>�Wie hat das Dorf gehei�en, als es noch nicht tot war?�</strong></p><p><strong>Mickey nannte den Namen.</strong></p><p><strong>�Ist die Stra�e bis zu diesem toten Dorf frei?�</strong></p><p><strong>�Captain sagen, milit�risches Geheimnis. Das hei�t, er wei� es nicht.�</strong></p><p><strong>�Wird der Captain uns hinfahren lassen?� fragte Jerry. Ein langes
Palaver folgte.</strong></p><p><strong>�Klar�, sagte Mickey endlich. �Er sagen, wir gehen.�</strong></p><p><strong>�Wird der Captain an den Colonel funken und ihm sagen, da� wir kommen?�</strong></p><p><strong>�Colonel sehr besch�ftigter Mann.�</strong></p><p><strong>�Wird er ihm funken?�</strong></p><p><strong>�Klar�, sagte der Fahrer, als k�nne nur ein widerlicher </strong><strong><emphasis>farang </emphasis></strong><strong>von einer solchen
selbstverst�ndlichen Kleinigkeit soviel Wesens machen.</strong></p><p><strong>'Sie stiegen wieder ein. Der Schlagbaum ging hoch, und sie fuhren
weiter auf der tadellosen Teerstra�e mit den gerodeten Seitend�mmen und den
aufgemalten Landestreifen. Zwanzig Minuten lang fuhren sie, ohne auf irgend
etwas Lebendiges zu sto�en, aber Jerry war die Leere nicht geheuer. Er hatte
geh�rt, auf jeden bewaffneten kommunistischen Guerilla in den Bergen k�men f�nf
in den Ebenen, die den Reis und die Munition beschafften und den Nachschub
sicherten, und dies hier war die Ebene. Sie kamen zur Einm�ndung einer
Landstra�e zu ihrer Rechten, und das Erdreich war �ber den Teer verstreut, also
war die Landstra�e erst k�rzlich befahren worden. Mickey bog in den Weg ein,
folgte den tiefen Reifenspuren und lie� trotz Jerrys Einspruch �The lights are
always out in Massachussetts� in voller Lautst�rke spielen. �Dann glauben die
Kommis, wir viele Leute�, erkl�rte er unter lautem Lachen. Zu Jerrys
�berraschung brachte er aus der Tasche unter seinem Sitz eine riesige
langl�ufige </strong>0.45er <strong>Pistole zum
Vorschein. Jerry befahl ihm barsch, die Waffe wieder verschwinden zu lassen.
Bald darauf kam der Brandgeruch, dann fuhren sie durch Holzrauch, dann
erreichten sie, was von dem Dorf noch �briggeblieben war: Gr�ppchen
ver�ngstigter Menschen, ein paar� Morgen verbrannter Teakb�ume, die wie ein
versteinerter Wald aussahen, drei Jeeps, einige zwanzig Polizisten und in ihrer
Mitte einen untersetzten Lieutenant-Colonel. D�rfler wie Polizisten starrten
auf einen sechzig Yards entfernten, schwelenden Aschenhaufen, aus dem einige
verkohlte Balken die Umrisse der abgebrannten H�user andeuteten. Der Colonel
beobachtete, wie Jerry und der Fahrer ausstiegen und her�berkamen. Er war ein
K�mpfer. Jerry sah das sofort. Er war vierschr�tig und kr�ftig und blickte
ihnen weder l�chelnd noch drohend entgegen. Seine Gesichtshaut war dunkel, das
Haar ergrauend, und wenn sein K�rper weniger dick gewesen w�re, h�tte er Malaye
sein k�nnen. Er trug Fallschirmspringerabzeichen und Fliegerabzeichen und
mehrere Reihen Ordensb�nder, einen Kampfanzug und eine Automatic im
Lederhalfter am rechten Schenkel. Die Verschlu�lasche hing offen.</strong></p><p><strong>�Der Zeitungsmann?� fragte er Jerry in monotonem milit�rischem
Amerikanisch. �Bin ich.�</strong></p><p><strong>Die Augen des Colonel richteten sich auf den Fahrer. Er sagte etwas,
und Mickey ging schleunigst zum Wagen zur�ck, stieg ein und blieb drinnen. �Was
wollen Sie?�</strong></p><p><strong>�Hier jemand gestorben?�</strong></p><p><strong>�Drei Leute. Habe sie gerade erschossen. Wir haben achtunddrei�ig
Millionen.� Sein amtliches, nahezu perfektes amerikanisches Englisch war eine
�berraschung. �Warum haben Sie die Leute erschossen?�</strong></p><p><strong>�In der Nacht hielten die KTs hier Schulung ab. Die Leute kamen aus der
ganzen Umgebung, um den KTs zuzuh�ren.� </strong><strong><emphasis>Kommunistische
Terroristen, </emphasis></strong><strong>dachte Jerry. Er glaubte sich zu
erinnern, da� es urspr�nglich eine britische Wendung sei. Eine Reihe Lastwagen
kam langsam auf der Landstra�e daher. Bei ihrem Anblick begannen die D�rfler,
Bettzeug und Kinder zusammenzuraffen. Der Colonel bellte einen Befehl, und
seine M�nner stellten die Leute in einer Schlange auf, w�hrend die Lastwagen
wendeten.</strong></p><p><strong>�Wir bringen sie an einen besseren Ort�, sagte der Colonel. �Sie fangen
neu an.�</strong></p><p><strong>�Wen haben Sie erschossen?�</strong></p><p><strong>�Letzte Woche wurden zwei meiner M�nner durch Bomben get�tet. Die KTs
operierten von diesem Dorf aus.� Er suchte eine m�rrische Frau aus, die gerade
auf den Lastwagen klettern wollte und rief sie zur�ck, damit Jerry sie ansehen
konnte. Sie stand mit gesenktem Kopf da.</strong></p><p><strong>�In ihrem Haus hielten sie sich auf�, sagte er. �Diesmal habe ich ihren
Mann erschossen. N�chstesmal erschie�e ich sie.�</strong></p><p><strong>�Und die beiden anderen?� fragte Jerry.</strong></p><p><strong>Er fragte, weil fragen am Ball bleiben bedeutet, aber der Befragte war
Jerry, nicht der Colonel. Die braunen Augen des Offiziers waren hart und
absch�tzend und hielten eine ganze Menge zur�ck. Sie blickten Jerry forschend,
aber ohne Besorgnis an. �Einer der KTs schlief mit einem M�dchen hier�, sagte
er einfach. �Wir sind nicht nur die Polizei. Wir sind auch Richter und
Gerichtshof. Es gibt sonst niemanden. Bangkok liegt nichts an einer Menge
Prozesse hier drau�en. �Die D�rfler waren jetzt auf den Lastwagen. Sie fuhren
weg, ohne zur�ckzublicken. Nur die Kinder winkten �ber die R�ckplanke. Die
Jeeps folgten den Lastwagen, zur�ck blieben die drei M�nner und die beiden
Autos und ein Junge von vielleicht f�nfzehn Jahren. �Wer ist er?� sagte Jerry.</strong></p><p><strong>�Er kommt mit uns. N�chstes Jahr, vielleicht �bern�chstes, erschie�e
ich ihn auch.�</strong></p><p><strong>Jerry fuhr neben dem Colonel im Jeep, der Colonel chauffierte� Der
Junge sa� teilnahmslos hinter ihnen und murmelte nur ja und nein, w�hrend der
Colonel ihm in festem, mechanischem Tonfall eine Ansprache hielt. Mickey folgte
mit dem Taxi. Auf dem Boden des Jeeps, zwischen Sitz und Pedalen, hatte der
Colonel vier Granaten in einer Pappschachtel liegen. Ein kleines Maschinengewehr
lag quer �ber dem R�cksitz, und der Colonel geruhte nicht, es wegen des Jungen
dort wegzunehmen. �ber dem R�ckspiegel hing neben den Heiligenbildern ein
Postkartenfoto von John Kennedy mit dem Text �Frage nicht, was dein Land f�r
dich tun kann, Frage lieber, was du f�r dein Land tun kannst.� Jerry hatte sein
Notizbuch gez�ckt. Der Colonel redete noch immer auf den Jungen ein.</strong></p><p><strong>�Was sagen Sie zu ihm?�</strong></p><p><strong>�Ich erkl�re ihm das Wesen der Demokratie.�</strong></p><p><strong>�Und das w�re?�</strong></p><p><strong>�Kein Kommunismus und keine Generale�, erwiderte er und lachte.</strong></p><p><strong>An der Hauptstra�e bogen sie rechts ein, weiter ins Landesinnere, und
Mickey folgte in seinem roten Ford. �Mit Bangkok verhandeln ist genauso, wie
wenn man auf den hohen Baum da klettert�, sagte der Colonel zu Jerry und wies
zum Wald hin�ber. �Man klettert auf einen Ast, steigt weiter, auf den n�chsten,
der Ast bricht ab, man steigt wieder hinauf. Vielleicht kommt man eines Tages
bis zum obersten General. Vielleicht auch nie.�</strong></p><p><strong>Zwei kleine Kinder winkten vom Stra�enrand, und der Colonel hielt an,
damit sie sich neben den Jungen quetschen konnten. �Ich tue das nicht sehr
oft�, sagte er und l�chelte wieder unvermittelt. �Ich tue das, damit Sie sehen,
ich bin ein netter Mensch. Wenn die KTs spitzkriegen, da� man wegen der Kinder
anh�lt, dann richten sie die Kinder dazu ab. Man mu� st�ndig wechseln. Nur dann
bleibt man am Leben.� Er war wieder in den Wald eingeschwenkt. Sie fuhren ein
paar Meilen und lie�en die kleinen Kinder aussteigen, nicht aber den m�rrischen
Jungen. Die B�ume wichen trostlosem Buschland. Der Himmel wurde wei�, nur die
Umrisse der Berge ragten aus dem Nebel.</strong></p><p><strong>�Was hat er getan?� fragte Jerry.</strong></p><p><strong>�Der? Er ist ein KT�, sagte der Colonel. �Wir fangen ihn.� Im Wald sah
Jerry etwas golden blitzen, aber es war nur ein </strong><strong><emphasis>wat. </emphasis></strong><strong>�Letzte Woche macht einer meiner
Polizisten Spitzel f�r KT. Ich schicke ihn auf Patrouille, erschie�e ihn, mache
gro�en Helden aus ihm. Ich verschaffe der Frau eine Rente, ich kaufe gro�e
Fahne f�r den Sarg, mache gro�es Begr�bnis, und das Dorf wird ein bi�chen
reicher. Der Bursche ist kein Spitzel mehr. Er ist ein Volksheld. Man mu� die
Bev�lkerung f�r sich gewinnen.�</strong></p><p><strong>�Ganz recht�, best�tigte Jerry.</strong></p><p><strong>Sie kamen zu einem weiten trockenen Reisfeld, in dessen Mitte zwei
Frauen den Boden bearbeiteten, sonst war nichts zu sehen au�er einer entfernten
Hecke und felsigem D�nenland, das sich in den wei�en Himmel verlief. Mickey
mu�te im Ford sitzenbleiben, Jerry und der Colonel wanderten �ber das Feld, der
m�rrische Junge schlurfte hinterdrein. �Sie sind Brite?�</strong></p><p><strong>�Ja.�</strong></p><p><strong>�Ich war auf der Internationalen Polizeiakademie in Washington�, sagte
der Colonel. �Sehr h�bsch dort. Ich habe an der Michigan State Law Enforcement
studiert. Ging uns nicht schlecht dort. W�rden Sie bitte ein bi�chen Abstand
von mir halten?� fragte er h�flich, als sie bed�chtig �ber einen Sturzacker
stapften. �Ich werde erschossen, nicht Sie. Wenn sie einen </strong><strong><emphasis>farang </emphasis></strong><strong>erschie�en, kriegen sie hier zu
viel Scherereien. Das wollen sie nicht. Niemand erschie�t einen </strong><strong><emphasis>farang in </emphasis></strong><strong>meinem Bezirk.� Sie waren bei
den Frauen angekommen. Der Colonel sagte etwas zu ihnen, ging ein St�ck weiter,
blieb stehen, schaute sich zu dem m�rrischen Jungen um, kehrte zu den Frauen
zur�ck und sagte nochmals etwas zu ihnen. �Worum geht's?� sagte Jerry.</strong></p><p><strong>�Ich frage sie, ob's in der Gegend KTs gibt. Sie sagen nein. Dann denke
ich: vielleicht wollen die KTs den Jungen da wiederhaben. Also geh ich zur�ck
und sage zu ihnen: &gt;Wenn irgendwas passiert, erschie�en wir euch Weiber
zuerst&lt;.� Jetzt waren sie an der Hecke. Vor ihnen lagen die D�nen,
�berwachsen von hohen B�schen und Palmen wie Schwertklingen. Der Colonel hielt
die H�nde trichterf�rmig vor den Mund und br�llte etwas, bis ein Antwortruf
kam.</strong></p><p><strong>�Ich lernte das im Dschungel�, erkl�rte er und l�chelte wieder. �Wenn
man im Dschungel ist, immer zuerst rufen.�</strong></p><p><strong>�Was f�r ein Dschungel war das?� fragte Jerry. �Bleiben Sie jetzt bitte
dicht bei mir. L�cheln Sie, wenn Sie mit mir sprechen. Man mu� Sie sehr
deutlich sehen k�nnen.� Sie hatten einen kleinen Flu� erreicht. Am Ufer hackten
hundert oder mehr M�nner, einige sogar noch j�nger als der Junge, stumpfsinnig,
mit Piken und Spaten auf die Felsen ein oder wuchteten Zements�cke von einem
hohen Haufen auf einen anderen, wobei eine Handvoll bewaffneter Polizisten
l�ssig zusah. Der Colonel rief den Jungen herbei und sagte etwas zu ihm, und
der Junge senkte den Kopf, und der Colonel versetzte ihm eine schallende
Ohrfeige. Der Junge murmelte etwas, und der Colonel schlug nochmals zu, dann
klopfte er ihm auf die Schulter, worauf der Junge wie ein freigelassener, aber
verkr�ppelter Vogel davonschusselte, um sich der Arbeitskolonne anzuschlie�en.
�Wenn Sie �ber KTs schreiben, schreiben Sie auch �ber meinen Damm hier�, befahl
der Colonel, w�hrend sie sich auf der R�ckweg machten. �Wir machen hier sch�nes
Weideland. Es wird nach mir benannt.�</strong></p><p><strong>�In welchem Dschungel haben Sie gek�mpft?� wiederholte Jerry, als sie
zur�ckgingen.</strong></p><p><strong>�Laos. Sehr schwere K�mpfe.�</strong></p><p><strong>�Als Freiwilliger?�</strong></p><p><strong>�Klar. Ich habe Kinder, brauche das Geld. Gehe zu PARU! Schon von PARU
geh�rt? Haben die Amerikaner aufgezogen und befehligt. Ich schreibe einen
Brief, da� ich aus der Thai-Polizei austrete. Liegt in einer Schublade bei
ihnen. Wenn ich umkomme, holen sie den Brief heraus als Beweis, da� ich
ausgetreten bin, bevor ich zu PARU ging.�</strong></p><p><strong>�Haben Sie dort auch Ricardo kennengelernt?�</strong></p><p><strong>�Klar. Ricardo mein Freund. Haben zusammen gek�mpft, eine Menge Feinde
erschossen.�</strong></p><p><strong>�Ich m�chte ihn besuchen�, sagte Jerry. �Ich habe in Saigon eines
seiner M�dchen getroffen. Sie sagte mir, er hat hier in der Gegend ein Haus.
Ich m�chte ihm ein Gesch�ft vorschlagen.� Sie kamen wieder an den Frauen
vor�ber. Der Colonel winkte ihnen zu, aber sie reagierten nicht. Jerry
beobachtete seine Miene, aber er h�tte ebensogut einen Felsblock hinten auf den
D�nen beobachten k�nnen. Der Colonel stieg in den Jeep. Jerry sprang nach ihm
hinein.</strong></p><p><strong>�Ich dachte, vielleicht k�nnten Sie mich zu ihm bringen. Ich k�nnte ihn
sogar f�r ein paar Tage reich machen.�</strong></p><p><strong>�Ist es f�r Ihre Zeitung?�</strong></p><p><strong>�Es ist privat.�</strong></p><p><strong>�Sie wollen ihm ein privates Gesch�ft vorschlagen?� fragte der Colonel.</strong></p><p><strong>�Stimmt.�</strong></p><p><strong>Als sie zur Hauptstra�e zur�ckfuhren, kamen ihnen zwei gelbe
Zementmixerwagen entgegen, und der Colonel mu�te zur�cksetzen, um sie
vorbeizulassen. Jerry las automatisch den Namen, der an die gelben Seitenw�nde
aufgemalt war. Dabei bemerkte er, da� der Colonel ihn aus den Augenwinkeln
beobachtete. Sie fuhren weiter ins Landesinnere, so schnell, wie der Jeep es
schaffte, um allen �blen Absichten, die unterwegs auf sie lauern mochten,
zuvorzukommen. Mickey folgte getreulich. �Ricardo ist mein Freund, und das hier
ist mein Bezirk�, wiederholte der Colonel in tadellosem Amerikanisch. Die
Feststellung war, obgleich bereits-bekannt, diesmal eine ausdr�ckliche
Warnung. �Er lebt hier unter meinem Schutz, das haben wir vereinbart. Jeder
hier wei� es. Die D�rfler wissen es, die KTs wissen es. Niemand tut Ricardo
etwas, oder ich erschie�e jeden KT auf dem Damm.�</strong></p><p><strong>Als sie von der Hauptstra�e wieder auf den Feldweg einbogen, sah Jerry
die leichten Rutschspuren eines kleines Flugzeugs auf dem Teer eingepr�gt.
�Landet er hier?�</strong></p><p><strong>�Nur in der Regenzeit�, fuhr der Colonel fort und blieb bei der
Erl�uterung seiner ethischen Position in dieser Angelegenheit. �Wenn Ricardo
Sie t�tet, ist das seine Sache. Ein </strong><strong><emphasis>farang </emphasis></strong><strong>erschie�t einen anderen </strong><strong><emphasis>farang </emphasis></strong><strong>in meinem Bezirk, das ist nat�rlich.� Er sagte es, als erkl�rte er
einem Kind das kleine Einmaleins. �Ricardo ist mein Freund�, wiederholte er
ohne Verlegenheit. �Mein Kamerad.�</strong></p><p><strong>�Erwartet er mich?�</strong></p><p><strong>�Bitte seien Sie r�cksichtsvoll. Captain Ricardo ist zeitweise ein
kranker Mann.�</strong></p><p><strong><emphasis>Tiu bringt ihn unter, </emphasis></strong><strong>hatte Charlie
Marshall gesagt, an </strong><strong><emphasis>einem Ort, wo
nur Verr�ckte hingehen. Tiu sagt zu ihm �Sie bleiben am Leben, Sie behalten das
Flugzeug, Sie schmuggeln Waffen f�r Charlie Marshall, jederzeit, bef�rdern Geld
f�r ihn, sorgen daf�r, da� ihm nichts passiert, wenn Charlie es so haben will.
Das ist das Abkommen, und Drake Ko hat noch nie ein Abkommen gebrochen�, </emphasis></strong><strong>sagt er. </strong><strong><emphasis>Aber wenn Ric Geschichten macht
oder wenn Ric pfuscht oder wenn Ric �ber gewisse Dinge seine gro�e Klappe nicht
halten kann, dann machen Tiu und seine Leute diesen bl�den Kerl gr�ndlich
fertig, da� er nicht mehr wei�, wer er ist. </emphasis></strong><strong>�Warum setzt Ric sich nicht einfach ins Flugzeug und haut ab?� hatte
Jerry gefragt.</strong></p><p><strong><emphasis>� Tiu hat Ries Pass, Voltaire. Tiu zahlt Ries Schulden und seine
gesch�ftlichen Unternehmungen und kauft seine Polizeiakte. Tiu h�ngt ihm
ungef�hr f�nfzig Tonnen Opium an, und Tiu hat f�r die Rauschgifthelden alle
Beweise parat, falls er sie mal brauchen kann. Ric kann ohne weiteres und
jederzeit hin, wo er will. �berall auf der ganzen verdammten Welt wartet schon
ein Gef�ngnis auf ihn.</emphasis></strong></p><p><strong>Das Haus mit dem ringsum laufenden Balkon war auf Pf�hlen erbaut, ein
Bach flo� neben dem Haus und darunter hielten sich zwei Thai-M�dchen auf, von
denen die eine ihr Baby stillte, w�hrend die andere in einem Kochtopf r�hrte.
Dahinter erstreckte sich ein flaches braunes Feld, an dessen Ende man einen
Schuppen sah, gro� genug f�r ein kleines Flugzeug - zum Beispiel eine
Beechcraft -, und eine silbrige Spur aus zerdr�cktem Gras f�hrte �ber das Feld,
wo k�rzlich jemand gelandet sein mochte. Das Haus stand in der Mitte eines
breiten Feldwegs auf einer kleinen Erhebung, und in der N�he gab es keine
B�ume. Man hatte freien Ausblick nach allen Richtungen, und die breiten, aber
nicht sehr hohen Fenster schienen Jerry eigens umgebaut worden zu sein, damit
man von drinnen einen m�glichst weiten Schu�winkel h�tte. Kurz vor dem Haus
lie� der Colonel Jerry aussteigen und ging mit ihm nach hinten zu Mickeys
Wagen. Er sagte etwas zu Mickey, und Mickey sprang heraus und �ffnete den
Kofferraum. Der Colonel griff unter den Fahrersitz, zog die langl�ufige Pistole
heraus und warf sie ver�chtlich in den Jeep. Er filzte Jerry, dann filzte er
Mickey, dann durchsuchte er pers�nlich den Wagen, dann gebot er ihnen beiden,
zu warten, und stieg die Treppe zum ersten Stock hinauf. Die M�dchen beachteten
ihn nicht. �Er feiner Colonel�, sagte Mickey. Sie warteten.</strong></p><p><strong>�England reiches Land�, sagte Mickey.</strong></p><p><strong>�England ein sehr armes Land�, gab Jerry zur�ck, w�hrend sie zum Haus
hin�bersahen.</strong></p><p><strong>�Armes Land, reiche Leute�, sagte Mickey. Er sch�ttelte sich noch immer
vor Lachen �ber seinen eigenen Witz, als der Colonel aus dem Haus kam, in den
Jeep stieg und wegfuhr.</strong></p><p><strong>�Warte hier�, sagte Jerry. Er ging langsam bis zum Fu� der Treppe, dann
hielt er die H�nde vor den Mund und rief hinauf.</strong></p><p><strong>�Ich hei�e Westerby. Vielleicht erinnern Sie sich, da� Sie vor ein paar
Wochen in Phnom Penh auf mich geschossen haben. Ich bin ein armer Journalist
mit teuren Einf�llen.�</strong></p><p><strong>�Was wollen Sie, Voltaire? Jemand hat mir erz�hlt, Sie seien bereits
tot.�</strong></p><p><strong>Eine s�damerikanische Stimme, tief und samtig aus dem Dunkel �ber ihm.</strong></p><p><strong>�Ich m�chte Drake Ko erpressen. Sch�tze, wir zwei beide k�nnten ihn um
ein paar Millionen Dollar erleichtern, und Sie k�nnten sich Ihre Freiheit
erkaufen.�</strong></p><p><strong>In der schwarzen �ffnung der Fallt�r sah Jerry einen Gewehrlauf, gleich
einem Zyklopenauge, das ein paarmal blinzelte und dann den Blick wieder fest
auf ihn richtete.</strong></p><p><strong>�Jeder�, rief Jerry. �Zwei f�r Sie, zwei f�r mich. Ich hab' den Plan
fix und fertig. Mit meinem Verstand und Ihrem Wissen und Lizzies Worthingtons
Figur kann gar nichts schiefgehen.� Er begann, langsam die Stufen
hinaufzusteigen. </strong><strong><emphasis>Voltaire, </emphasis></strong><strong>dachte er: wenn es darum ging, Nachrichten zu verbreiten, fackelte
Charlie Marshall nicht lange. Und was das andere anging, n�mlich da� er bereits
tot sei, das war nur eine Frage der Zeit, dachte er.</strong></p><empty-line/><p><strong>Als Jerry durch die Fallt�r kletterte, kam er vom Dunkeln ins Helle,
und die s�damerikanische Stimme sagte: �Bleiben Sie dort.� Jerry tat, wie ihm
gehei�en. Von seinem Standort aus konnte er den Raum �berblicken, der eine
Mischung aus einem kleinen Waffenmuseum und einem amerikanischen PX darstellte.
Auf dem Mitteltisch stand auf einem Dreifu� eine AK </strong>47, <strong>�hnlich der, aus der Ricardo ihn schon einmal beschossen hatte, und wie
Jerry vermutet hatte, gaben die vier Fenster das Feuer nach allen Richtungen
frei. Trotzdem waren f�r alle F�lle ein paar Reservewaffen bereit, und neben
jeder lag ein h�bscher Haufen Munition. Granaten lagen herum wie Obst, in
B�ndeln zu drei oder vier St�ck, und auf der scheu�lichen Walnu�-Hausbar unter
einer Madonnenstatue aus Plastik lag ein Sortiment von Pistolen und
Maschinenpistolen f�r jede Gelegenheit. Es war nur ein einziger Raum, aber er
war gro� und enthielt ein niedriges Bett in einem Rahmen mit japanischer
Lackmalerei, und Jerry �berlegte einen albernen Augenblick lang, wie zum Teufel
Ricardo das Ding jemals in seine Beechcraft gebracht hatte. Er sah zwei
K�hlschr�nke und eine Eismaschine, und er sah m�hsam gepinselte �lgem�lde
nackter Thai-M�dchen, gemalt mit jener Ungenauigkeit im erotischen Detail, die
im allgemeinen eine mangelnde Vertrautheit mit dem Sujet verr�t. Er sah einen
Aktenschrank mit einer Luger obendrauf, und ein Regal mit B�chern �ber Gesellschaftsrecht,
Internationales Steuerrecht und Sexualtechniken. An den W�nden hingen mehrere
Heiligenfiguren aus einheimischer Schnitzarbeit, die Jungfrau Maria und das
Jesuskind. Auf dem Fu�boden stand ein Ruderapparat mit Gleitsitz zum
Fitness-Training.</strong></p><p><strong>Inmitten all dieser Requisiten sa�, in fast der gleichen Haltung wie
damals, als Jerry ihn zum erstenmal gesehen hatte, Ricardo auf einem
Direktorendrehsessel. Er trug seine CIA-Armb�nder, einen Sarong und ein
goldenes Kreuz auf der sch�nen blo�en Brust. Sein Bart war weit weniger �ppig
als beim letztenmal, und Jerry vermutete, da� die M�dchen ihn gestutzt hatten.
Er trug keine Kopfbedeckung, und das krause schwarze Haar war im Nacken mit
einem kleinen goldenen Ring zusammengefa�t. Er war breitschultrig und muskul�s,
und seine Haut war gebr�unt und �lig, die Brust dicht behaart.</strong></p><p><strong>Neben seinem Ellbogen standen eine Flasche Whisky und ein Krug mit
Wasser, aber kein Eis, denn es gab keinen Strom f�r die K�hlschr�nke.</strong></p><p><strong>�Bitte nehmen Sie das Jackett ab, Voltaire�, befahl Ricardo. Jerry
gehorchte, und mit einem Seufzer stand Ricardo auf, nahm eine Automatic vom
Tisch und umkreiste Jerry langsam, begutachtete seinen K�rperbau genau, w�hrend
er ihn sanft nach Waffen abtastete.</strong></p><p><strong>�Spielen Sie Tennis?� fragte er, w�hrend er hinter Jerry stand und ihm
mit einer Hand sehr leicht den R�cken entlangfuhr. �Charlie sagt, Sie haben
Muskeln wie ein Gorilla.� Aber Ricardo stellte Fragen eigentlich immer nur an
sich selber. �Ich spiele sehr gern Tennis. Ich bin ein �u�erst guter Spieler.
Ich gewinne immer. Hier habe ich leider wenig Gelegenheit.� Er setzte sich
wieder. �Manchmal mu� man sich bei den Feinden verstecken, um vor den Freunden
sicher zu sein. Ich reite, boxe, schie�e, ich habe Preise gewonnen, ich fliege
eine Maschine, ich wei� eine Menge vom Leben, ich bin hochintelligent, aber
aufgrund unvorhergesehener Umst�nde lebe ich im Dschungel wie ein Affe.� Die
Automatic lag l�ssig in seiner Linken. �Ist das, was Sie einen Paranoiker
nennen w�rden, Voltaire? Jemand, der jeden f�r seinen Feind h�lt?�</strong></p><p><strong>�Das d�rfte es wohl sein.�</strong></p><p><strong>Um den altbekannten Satz zu sprechen, legte Ricardo einen Finger auf
die bronzebraune �lgl�nzende Brust: �Nun, dieser Paranoiker hier hat wirklich
Feinde�, sagte er. �Mit zwei Millionen Dollar�, sagte Jerry, der noch immer
dort stand, wo Ricardo ihn hatte stehenlassen, �k�nnte man vermutlich die
meisten ausschalten.�</strong></p><p><strong>�Voltaire, ich mu� Ihnen ehrlich sagen, ich betrachte Ihren
gesch�ftlichen Vorschlag als Schei�.�</strong></p><p><strong>Ricardo lachte. Das hie�, er stellte die pr�chtigen wei�en Z�hne hinter
dem frischgestutzten Bart zur Schau, lie� die Bauchmuskeln ein bi�chen spielen
und hielt den Blick starr auf Jerrys Gesicht gerichtet, w�hrend er seinen
Whisky trank. Er hat seine Instruktionen, dachte Jerry, genau wie ich. </strong><strong><emphasis>Wenn er auftaucht, dann horchst du ihn aus, </emphasis></strong><strong>hatte Tiu zweifellos gesagt. Und wenn Ricardo ihn ausgehorcht hatte -
was dann? �Ich habe wirklich geglaubt, Sie h�tten einen Unfall gehabt,
Voltaire�, sagte Ricardo traurig und sch�ttelte den Kopf, als beklagte er die
Unzuverl�ssigkeit seiner Information. �M�chten Sie was trinken?�</strong></p><p><strong>�Danke, ich bediene mich�, sagte Jerry. Die Gl�ser waren in einem
Schr�nkchen, lauter verschiedene Farben und Formate. Jerry ging gemessenen
Schritts hin�ber und nahm sich einen hohen rosa Becher mit einem bekleideten
M�dchen au�en drauf und einem nackten M�dchen innen drin. Er go� ein paar
Fingerbreit Whisky hinein, ein bi�chen Wasser dazu und setzte sich Ricardo
gegen�ber an den Tisch, w�hrend Ricardo ihn interessiert beobachtete.</strong></p><p><strong>�Trainieren Sie, Gewichtheben oder sonstwas?� erkundigte er sich
liebensw�rdig.</strong></p><p><strong>�Nur Flaschenstemmen�, sagte Jerry.</strong></p></section><section><p><strong>Ricardo lachte unb�ndig und musterte Jerry dabei unentwegt sehr genau
mit seinen flackernden Schlafzimmeraugen. �Das war wirklich sehr h��lich, was
Sie mit dem kleinen Charlie gemacht haben, wissen Sie das? Es gef�llt mir
nicht, da� Sie meinen Freund im Dunkeln festhalten, wenn er seinen Stoff
braucht. Charlie wird lang brauchen, bis er sich davon wieder erholt hat. So
freundet man sich nicht mit Charlies Freunden an, Voltaire. Es hei�t, Sie haben
sich sogar gegen Mr. Ko schlecht benommen. Meine kleine Lizzie zum Dinner
ausgef�hrt. Stimmt das?�</strong></p><p><strong>�Ich hab' sie zum Dinner ausgef�hrt.�</strong></p><p><strong>�Und sie gefickt?�</strong></p><p><strong>Jerry gab keine Antwort. Ricardo brach wiederum in Lachen aus, das so
j�h aufh�rte, wie es begonnen hatte. Er trank einen langen Schluck Whisky und
seufzte.</strong></p><p><strong><emphasis>� Well, </emphasis></strong><strong>ich hoffe nur, sie ist dankbar,
sonst nichts.� Pl�tzlich war er der ach so mi�verstandene Mann. �Ich verzeihe
ihr. Okay? Wenn Sie Lizzie wiedersehen: sagen Sie ihr, ich, Ricardo, verzeihe
ihr. Ich bilde sie aus. Ich bringe sie auf den rechten Weg. Ich bringe ihr eine
Menge bei, Kunst, Kultur, Politik, Gesch�ft, Religion, ich bringe ihr bei, was
sie im Bett kann, und ich schicke sie in die Welt'. Wo w�rde sie sein, ohne
meine Verbindungen? Sie w�rde mit Ricardo im Dschungel leben, wie ein Affe. Sie
verdankt mir alles. </strong><strong><emphasis>Pygmalion: </emphasis></strong><strong>kennen Sie den Film? </strong><strong><emphasis>Well, </emphasis></strong><strong>ich bin der Professor. Ich lehre sie ein paar Dinge - verstehen Sie, was
ich meine? -, ich lehre sie, was nur Ricardo sie lehren kann. Sieben Jahre in
Vietnam. Zwei Jahre in Laos. Viertausend Dollar im Monat von der CIA, und ich
bin Katholik. Glauben Sie, ich kann sie nicht ein paar Dinge lehren? Dieses
M�dchen von nirgendwo her, diese englische Schneegans? Sie hat einen Jungen,
wissen Sie das? Einen kleinen Jungen in London. Hat ihn einfach sitzenlassen,
stellen Sie sich das vor. Sowas will eine Mutter sein! Schlimmer als eine
Hure.�</strong></p><p><strong>Jerry fiel nichts dazu ein. Er blickte auf die beiden gro�en Ringe, die
Seite an Seite an den mittleren Fingern von Ricardos schwerer rechter Hand
steckten, und verglich sie im Geist mit den Zwillingsnarben an Lizzies Kinn. Es
war ein Schlag von oben nach unten, dachte er, ein regelrechter Abw�rtshaken,
w�hrend sie vor ihm stand. Ein Wunder, da� er ihr nicht den Kiefer gebrochen
hatte. Vielleicht hatte er ihn ihr auch wirklich gebrochen, und die Reparatur
war besonders gegl�ckt.</strong></p><p><strong>�Sind Sie auf einmal taub, Voltaire? Ich hab' gesagt, ich m�chte mir Ihren
gesch�ftlichen Vortrag anh�ren. Ganz unvoreingenommen, ja? Nur da� ich kein
Wort davon glaube.� Jerry go� sich noch einen Whisky ein: �Ich dachte, wenn Sie
mir vielleicht erz�hlen w�rden, was Drake Ko damals wollte, als Sie f�r ihn
flogen, und wenn Lizzie mich mit Ko zusammenbringen k�nnte, und wenn wir nicht
versuchen, einander �bers Ohr zu hauen, dann h�tten wir gute Aussichten, ihn
kr�ftig zu rupfen.� Als er es laut sagte, klang es sogar noch lahmer als bei
seinen Rollenproben, aber es war ihm ziemlich egal. �Sie sind verr�ckt,
Voltaire. Verr�ckt. Sie phantasieren sich was zusammen.�</strong></p><p><strong>�Nicht, wenn Ko Sie wirklich, in seinem Auftrag zum chinesischen
Festland fliegen lie�, dann nicht. Ko kann meinetwegen ganz Hongkong besitzen,
aber falls der Gouverneur jemals von diesem kleinen Ausflug erfahren sollte,
dann d�rfte es zwischen ihm und Ko �ber Nacht aus sein mit der Freundschaft.
Das w�re das eine. Es gibt noch mehr.�</strong></p><p><strong>�Was reden Sie da, Voltaire? China-? Was soll dieser Unsinn? Das
chinesische Festland?� Er zuckte die schimmernden Schultern, trank und feixte
dabei in sein Glas. �Ich wei� nicht, was Sie meinen, Voltaire. Sie reden wie
ein Mann ohne Kopf. Wie kommen Sie darauf, da� ich f�r Ko nach China geflogen
bin? Grotesk. L�cherlich.�</strong></p><p><strong>Als L�gner, fand Jerry, war Ricardo noch ungef�hr drei Pl�tze auf der
Landesligaliste unter Lizzie, und das wollte etwas hei�en. �Mein Verleger ist
darauf gekommen, altes Haus. Mein Verleger ist ein alter Fuchs. Eine Menge
einflu�reiche Freunde, alles Leute, die sich auskennen. Sie sagen ihm so
allerlei. Jetzt zum Beispiel hat mein Verleger ganz entschieden das Gef�hl, da�
Sie nicht lang nach Ihrem so tragischen Tod bei diesem Flugzeugabsturz eine
verdammt gro�e Ladung Rohopium an einen befreundeten amerikanischen Kunden verkauft
haben, der an der Bek�mpfung gef�hrlicher Drogen beteiligt ist. Und dem
Verleger sagt sein Gef�hl des weiteren, da� dieses Opium, das Sie verkauft
haben, keineswegs Ihnen geh�rte, sondern Ko, und da�. es f�r das chinesische
Festland bestimmt war. Nur da� Sie es vorzogen, sich zu verkr�meln.� Er fuhr
unbeirrt fort, w�hrend Ricardos Augen ihn �ber das Whiskyglas hinweg
beobachteten. �Nun, wenn dem so w�re, und wenn Ko den Ehrgeiz h�tte, sagen wir,
das Opiumrauchen in China wiedereinzuf�hren - langsam, aber stetig neue M�rkte
zu schaffen, Sie verstehen -, </strong><strong><emphasis>well, </emphasis></strong><strong>dann d�rfte er es sich sch�tzungsweise einiges kosten lassen, da� diese
Meldung nicht auf den Titelseiten der Weltpresse erscheint. Aber auch das ist
noch nicht alles. Es bleibt noch ein weiterer, sogar noch eintr�glicherer
Aspekt.�</strong></p><p><strong>�Welcher denn, Voltaire?� fragte Ricardo und starrte ihn an, als h�tte
er ihn im Visier seines Gewehres. �Von welchem anderen Aspekt sprechen Sie?
W�rden Sie es mir bitte sagen.�</strong></p><p><strong>�Ich glaube, den behalte ich zun�chst noch f�r mich�, sagte Jerry mit
offenem L�cheln. �Ich glaube, ich halte ihn warm, bis Sie mir eine kleine
Gegenleistung zukommen lassen.� Ein M�dchen kam lautlos mit Sch�sseln voll Reis
und Zitronenbartgras und H�hnerfleisch. Sie war adrett und vollendet sch�n.
Man h�rte Stimmen von unterhalb des Hauses, darunter auch Mickeys Stimme und
das Lachen des Babys. �Wer hat Sie hierher gebracht, Voltaire?� fragte Ricardo
zerstreut, nur halb aus seinem Nachsinnen erwacht. �Haben Sie einen verdammten
Leibw�chter oder so?�</strong></p><p><strong>�Nur den Chauffeur.�</strong></p><p><strong>�Hat er Waffen?�</strong></p><p><strong>Als er keine Antwort erhielt, sch�ttelte Ricardo verwundert den Kopf.
�Sie sind mir ein verr�ckter Bursche�, bemerkte er und schickte das M�dchen mit
einer Handbewegung weg. �Sie sind wirklich ein verr�ckter Bursche.� Er reichte
Jerry eine Sch�ssel und E�st�bchen. �Heilige Maria. Dieser Tiu ist ein ziemlich
harter Mann. Ich bin selber auch ein ziemlich harter Mann. Aber diese Chinesen
k�nnen sehr unangenehm werden, Voltaire. Wenn Sie sich mit einem Mann wie Tiu anlegen,
kommen Sie in Teufels K�che.�</strong></p><p><strong>�Wir kriegen sie schon klein�, sagte Jerry. �Wir nehmen englische
Anw�lte. Wir ziehen die Sache so auf, da� nicht einmal ein Bischofskollegium
uns an den Karren fahren kann. Wir sammeln Zeugen. Charlie Marshall, Sie, jeden,
der etwas wei�. Geben f�r alles, was er gesagt und getan hat, Daten und Zeit
an. Wir zeigen ihm eine Kopie, und die anderen deponieren wir auf der Bahk, und
wir setzen eine Vertrag mit ihm auf. Unterschrieben, gesiegelt und
ausgefertigt. Alles h�llisch legal. So hat er's gern. Ko ist versessen auf
Legalit�t. Ich habe Einblick in seine Gesch�fte. Ich habe seine Bankausz�ge
gesehen, ich kenne sein Kapitalverm�gen. Die Geschichte ist schon jetzt recht
gut fundiert. Aber mit den anderen Aspekten, die ich erw�hnte, d�rfte sie mit
f�nf Millionen nicht zu hoch bezahlt sein. Zwei f�r Sie. Zwei f�r mich. Eine
f�r Lizzie.�</strong></p><p><strong>�F�r die? Gar nichts.�</strong></p><p><strong>Ricardo hatte sich �ber den Aktenschrank gebeugt. Er zog eine Schublade
auf und fing an, in ihrem Inhalt herumzust�bern, Schriftst�cke und Briefe zu
studieren. �Waren Sie schon mal auf Bali, Voltaire?� Er setzte feierlich eine
Lesebrille auf, nahm wieder am Tisch Platz und begann das Studium der
Unterlagen. �Ich habe vor ein paar Jahren dort Grund gekauft. Ein Gesch�ft abgeschlossen.
Ich schlie�e viele Gesch�fte ab. Ich gehe, reite, ich habe eine Honda dort, ein
M�dchen. In Laos bringen wir alle um, in Vietnam machen wir verbrannte Erde,
also kaufe ich dieses Land auf Bali, ein St�ck Land, das wir ausnahmsweise
nicht verbrennen, und ein M�dchen, das wir nicht umbringen, verstehen Sie, was
ich meine? F�nfzig Morgen Gestr�pp. Hier, kommen Sie hierher.� Jerry lugte �ber
seine Schulter und sah die Vervielf�ltigung eines Lageplans, eine Landenge, in
viele numerierte Bauparzellen aufgeteilt, und in der linken unteren Ecke die
Worte �Ricardo &amp; Worthington GmbH, Niederl�ndische Antillen.�</strong></p><p><strong>�Werden Sie mein Gesch�ftspartner, Voltaire. Wir betreiben diese Sache
da gemeinsam, okay? Bauen f�nfzig H�user, behalten jeder eines f�r sich, nette
Leute, setzen Charlie Marshall als Manager hin, holen uns ein paar M�dchen
zusammen, machen vielleicht eine Kolonie, K�nstler, manchmal Konzerte: M�gen
Sie Musik, Voltaire?�</strong></p><p><strong>�Ich brauche harte Fakten�, sagte Jerry energisch. �Daten, Zeitangaben,
Ortsangaben, Zeugenaussagen. Wenn Sie es mir erz�hlt haben, will ich mit Ihnen
verhandeln. Ich werde Ihnen diese anderen Aspekte erkl�ren - die eintr�glichen.
Ich erkl�re Ihnen das ganze Gesch�ft.�</strong></p><p><strong>�Klar�, sagte Ricardo abwesend und beugte sich weiter �ber die Karte.
�Wir legen ihn rein. Klar tun wir das.� So also haben die beiden zusammen
gelebt, dachte Jerry: mit einem Fu� im M�rchenland und mit dem anderen im
Knast, so haben sie sich gegenseitig in ihre Phantastereien hineingesteigert,
eine Dreigroschenoper mit drei Darstellern. Danach gab Ricardo sich liebevoll
seinen S�nden hin, und Jerry hatte keine M�glichkeit, ihn zum Schweigen zu
bringen. In Ricardos schlichter Welt mu�te man �ber sich selber sprechen, wenn
man den anderen besser kennenlernen wollte. Also sprach er von seiner gro�en
Seele, seiner gro�en sexuellen Potenz und seiner Besorgnis um deren Erhaltung,
aber am meisten sprach er von den Greueln des Krieges, ein Thema, das er kannte
wie niemand sonst: �In Vietnam verliebe ich mich in ein M�dchen, Voltaire. Ich,
Ricardo, ich verliebe mich. Das ist f�r mich sehr selten und sehr heilig.
Schwarzes Haar, gerader R�cken, Gesicht wie eine Madonna, kleine Br�ste. Jeden
Morgen halte ich den Jeep an, wenn sie zur Schule geht, jeden Morgen sagt sie
&gt;nein&lt;. &gt;H�r zu&lt;, sage ich zu ihr. �Ricardo ist kein Amerikaner. Er
ist Mexikaner.� Sie hat von Mexiko noch nicht mal geh�rt. Ich werde verr�ckt,
Voltaire. Wochenlang lebe ich, Ricardo, wie ein M�nch. Die anderen M�dchen fa�
ich nicht mehr an. Jeden Morgen, dann, eines Tages, hab' ich schon den ersten
Gang drinnen, da wirft sie den Arm hoch - stopp! Sie steigt zu mir ein. Sie
verl��t die Schule, zieht in ein </strong><strong><emphasis>kampong, </emphasis></strong><strong>sp�ter einmal sag ich Ihnen den Namen. Die B </strong>52er <strong>kommen und machen das Dorf dem Erdboden gleich. Irgendein Held kann
nicht gut Landkarten lesen. Die kleinen D�rfer sind wie Steine am Strand, eines
wie das andere. Ich bin im Hubschrauber dahinter. Nichts kann mich aufhalten.
Charlie Marshall sitzt neben mir und br�llt mich an, da� ich verr�ckt bin. Ich
h�r nicht auf ihn. Ich gehe runter, lande, ich finde sie. Das ganze Dorf tot.
Ich finde sie. Sie ist auch tot, aber ich finde sie. Ich fliege zur Basis
zur�ck, die Milit�rpolizei schl�gt mich zusammen, ich kriege sieben Wochen
Dicken, werde degradiert. Ich, Ricardo.�</strong></p><p><strong>�Sie �rmster�, sagte Jerry, der diese Spielchen schon �fter gespielt
hatte und sie ha�te: Er glaubte ihnen oder glaubte ihnen nicht, aber er ha�te
sie immer.</strong></p><p><strong>�Sie haben recht�, sagte Ricardo und quittierte Jerrys W�rdigung mit
einer Verbeugung. �Arm ist das richtige Wort. Wir werden wie Bauern behandelt.
Ich und Charlie, wir fliegen alles. Wir sind nie ordentlich entlohnt worden.
Verwundete, Tote, Zerst�ckelte, Stoff. Gratis. Herrje, in diesem Krieg wurde
was geschossen! Zweimal fliege ich in die Provinz Y�nnan. Ich bin furchtlos.
V�llig. Obwohl ich so gut aussehe, habe ich keine Angst um mich.�</strong></p><p><strong>�Wenn man den Flug f�r Drake mitz�hlt�, erinnerte Jerry ihn, �dann
w�ren Sie dreimal dr�ben gewesen, stimmt's?�</strong></p><p><strong>�Ich bilde Piloten aus f�r die kambodschanische Luftwaffe. Gratis. Die
kambodschanische Luftwaffe, Voltaire! Achtzehn Generale, vierundf�nfzig
Maschinen - und Ricardo. Am Ende der Dienstzeit kriegt man die
Lebensversicherung, damit hat sich's. Hunderttausend US. Nur man selber. Wenn
Ricardo stirbt, kriegen seine n�chsten Angeh�rigen nichts, so ist das. Wenn
Ricardo es schafft, kriegt er das Ganze. Ich spreche einmal mit Freunden von
der franz�sischen Fremdenlegion, sie kennen den Schwindel, sie warnen mich.
&gt;Gib acht, Ricardo. Bald schicken sie dich wohin, wo's so hei� hergeht, da�
du nicht mehr rauskommst. Dann m�ssen sie dir nichts zahlen.� Die Kambodschaner
verlangen von mir, da� ich mit der H�lfte Sprit fliege. Ich habe
Tragfl�chentanks und sage nein. Ein anderes Mal blockieren sie mir die
Hydraulik. Ich warte meine Maschine selber. Auf diese Art bringen sie mich
nicht um. H�ren Sie, ich schnalze mit den Fingern und Lizzie kommt zu mir
zur�ck. Okay?� Der Lunch war beendet.</strong></p><p><strong>�Wie war das also mit Tiu und Drake?� sagte Jerry. Beim Beichteh�ren,
sagen sie in Sarratt, hat man weiter nichts zu tun, als ein bi�chen den Strom
zu lenken.</strong></p><p><strong>Zum erstenmal, so schien es Jerry, starrte Ricardo ihn mit der ganzen
Intensit�t seiner tierischen Dumpfheit an. �Sie bringen mich durcheinander,
Voltaire. Wenn ich Ihnen zu viel erz�hle, mu� ich Sie erschie�en. Ich bin ein
sehr mitteilsamer Mensch, verstehen Sie? Ich bin einsam hier drau�en, es liegt
in meiner Art, da� ich immer einsam bin. Ich mag einen Burschen, ich sage ihm
eine Menge, dann tut's mir leid. Meine gesch�ftlichen Verpflichtungen fallen
mir wieder ein, verstehen Sie?�</strong></p><empty-line/><p><strong>Jetzt �berkam Jerry gro�e innere Ruhe - aus dem Sarratt-Mann wurde der
Engel, den Sarratt ausgeschickt hatte, nicht damit er etwas tue, sondern damit
er sich umh�re und Bericht erstatte. Er wu�te, da� er, operativ gesehen, dem
Ende der Reise nahe War: auch wenn man die R�ckreise bestenfalls als nicht
gesichert bezeichnen konnte. Operativ gesehen h�tten nach aller Erfahrung jetzt
Siegesglocken in seinem and�chtig lauschenden Ohr ert�nen m�ssen. Aber die
Glocken schwiegen. Und ihr Schweigen war bereits eine erste Warnung, da� sein
Trachten nicht mehr in allen St�cken mit dem der B�rentreiber von Sarratt
�bereinstimmte. Zuerst ging es - mit einigen Zugest�ndnissen an Ricardos
hochfliegendes Ego - ziemlich genau so vor sich, wie Charlie Marshall gesagt
hatte, da� es vor sich gehen w�rde. Tiu kam nach Vientiane, in Kulikleidung und
nach Katzen stinkend, und fragte �berall nach dem besten Piloten in der Stadt,
und nat�rlich wurde er sogleich zu Ricardo verwiesen, der zuf�llig eine Pause
zwischen zwei gesch�ftlichen Verpflichtungen eingelegt hatte und f�r gewisse
hochspezialisierte und hochbezahlte Arbeit in der Flugbranche frei war.</strong></p><p><strong>Im Gegensatz zu Charlie Marshall erz�hlte Ricardo seine Geschichte mit
beflissener Sinnf�lligkeit, als h�tte er einen geistig Minderbemittelten vor
sich. Tiu stellte sich als Mann mit weitreichenden Verbindungen in der
Luftfahrtindustrie vor, erw�hnte seinen nicht n�her definierten Kontakt zu
Indocharter und kam dann auf die Dinge zu sprechen, die er bereits mit Charlie
Marshall er�rtert hatte. Schlie�lich kam er zu dem gegenw�rtigen Projekt - was
hie�, da� er, um es im Sarratt-Stil auszudr�cken, Ricardo die Legende verpa�te.
Eine gewisse bedeutende Handelsfirma in Bangkok, mit der Tiu die Ehre hatte,
in Gesch�ftsbeziehung zu stehen, so sagte er, stand kurz vor dem Abschlu�
eines gewinnbringenden und durchaus legalen Handels mit gewissen Beh�rden in
einem benachbarten und befreundeten Land. �Ich frage ihn, Voltaire, sehr ernst.
&gt;Mr. Tiu, vielleicht haben Sie den Mond entdeckt. Ich hab' noch nie von
einem asiatischen Land mit einem befreundeten Nachbarn geh�rt.� Tiu lachte �ber
meinen Witz. Er betrachtete es nat�rlich als witzigen Ausspruch�, sagte Ricardo
sehr ernsthaft.</strong></p><p><strong>Ehe indes dieser gewinnbringende und legitime Handel zum Abschlu�
kommen k�nne - habe Tiu nach Ricardos Worten erkl�rt -, standen seine
Gesch�ftspartner vor dem Problem, wie man sich gewissen Beh�rden und anderen
Stellen innerhalb dieses befreundeten benachbarten Landes, die erm�dende
b�rokratische Hindernisse aus dem Weg ger�umt h�tten, erkenntlich zeigen k�nne.</strong></p><p><strong>�Warum ist das ein Problem?� hatte Ricardo gefragt, was ganz nat�rlich
war.</strong></p><p><strong>Angenommen, sagte Tiu, das Land w�re Burma. Nur angenommen. Im
modernen Burma war es den Beamten nicht erlaubt, sich zu bereichern, auch war
es f�r sie nicht einfach, Geld anzulegen. In einem solchen Fall m��ten andere
M�glichkeiten der Entlohnung gefunden werden.</strong></p><p><strong>Ricardo schlug Gold vor. Leider, sagte Tiu, sei in dem Land, um das es
sich handle, sogar Gold schwer zu ver�u�ern. Daher komme in diesem Fall nur
eine einzige W�hrung in Frage, sagte er, n�mlich Opium: vierhundert Kilo. Die
Entfernung sei nicht gro�, innerhalb eines Tages k�nne Ricardo dr�ben und
wieder zur�ck sein, die Verg�tung betrage f�nftausend US-Dollar, und die restlichen
Details w�rden ihm kurz vor dem Abflug zugehen, um eine unn�tige Belastung
seine Ged�chtnisses zu vermeiden, wie Ricardo sich blumenreich ausdr�ckte: eine
Sprache, die vermutlich zu Lizzies Lehrplan geh�rt hatte. Bei der R�ckkehr von
diesem nach Tius Ansicht zweifellos unproblematischen und lehrreichen Flug
w�rde Ricardo unverz�glich in den Besitz von f�nftausend Dollar in handlichen
Noten gelangen - vorausgesetzt nat�rlich, da� Ricardo in irgendeiner
beweiskr�ftigen Form die Best�tigung mitbringen w�rde, da� die Fracht ihren
Bestimmungsort erreicht hatte. Zum Beispiel eine Quittung.</strong></p><p><strong>Ricardo erwies sich nun nach seiner eigenen Schilderung in seinen
Verhandlungen mit Tiu als ein primitiver Schlaukopf. Er sagte, er wolle �ber
das Angebot nachdenken. Er sprach von anderen dringenden Verpflichtungen und
von seinem Ehrgeiz, eine eigene Fluggesellschaft zu gr�nden. Dann machte er sich
daran, herauszubekommen, wer dieser Tiu eigentlich sei. Er entdeckte sofort,
da� Tiu nach ihrem Gespr�ch nicht nach Bangkok, sondern nonstop nach Hongkong
zur�ckgekehrt war. Er lie� durch Lizzie die Chiu-Chow-Jungens bei Indocharter
ausfragen, und einer von ihnen plauderte aus, Tiu sei ein gro�es Tier bei China
Airsea, denn als er in Bangkok war, habe er in der Suite von Airsea im Hotel
Erawan gewohnt. Als Tiu wieder nach Vientiane kam, um sich Ricardos Antwort zu
holen, wu�te Ricardo daher eine ganze Menge mehr �ber ihn - sogar, obwohl er
nicht viel davon hermachte, da� Tiu die rechte Hand Drake Kos war. F�nftausend
US-Dollar f�r einen eint�gigen Flug, sagte er nunmehr zu Tiu bei ihrem zweiten
Gespr�ch, sei entweder zu wenig oder zu viel. Wenn der Job so einfach sei, wie
Tiu behaupte, dann sei es zu viel. War er so riskant, wie Ricardo argw�hnte,
dann sei es zu wenig. Ricardo schlug ein anderes Arrangement vor: ein
�Kompromi�-Gesch�ft�, sagte er. Er habe damals, so erkl�rte er mit einer
zweifellos h�ufig gebrauchten Wendung, an einem �vor�bergehenden
Liquidit�tsproblem� gelitten. Mit anderen Worten (Jerrys Interpretation), er
war wieder einmal pleite, und die Gl�ubiger hatten ihn am Kragen. Er brauchte
unbedingt sofort ein regelm��iges Einkommen, und das w�re ihm sicher, wenn Tiu
daf�r sorgte, da� er f�r ein Jahr bei Indocharter als Pilot und Flugberater
angestellt w�rde, mit einem vertraglich vereinbarten Gehalt von
f�nfundzwanzigtausend US-Dollar. Tiu schien �ber diese Idee nicht weiter
schockiert, sagte Ricardo. Im Zimmer �ber den Pf�hlen wurde es sehr still.</strong></p><p><strong>Zweitens wollte Ricardo anstelle der f�nftausend Dollar bei Ablieferung
der Fracht einen sofortigen Vorschu� von zwanzigtausend US-Dollar, um damit
seine Verbindlichkeiten zu decken. Zehntausend sollten abgegolten sein, sobald
er das Opium abgeliefert h�tte, die anderen zehntausend sollten direkt von
seinem Gehalt bei Indocharter abgezogen werden, im Lauf der Monate seiner
Anstellung. Wenn Tiu und seine Gesch�ftspartner darauf nicht eingehen k�nnten,
erkl�rte Ricardo, so m�sse er zu seinem gro�en Bedauern die Stadt verlassen,
ehe er die Opiumlieferung t�tigen k�nne.</strong></p><p><strong>Am folgenden Tag erkl�rte Tiu sich - mit Variationen - mit den
Bedingungen einverstanden. Nur anstatt der zwanzigtausend Dollar Vorschu�
schlugen Tiu und seine Gesch�ftspartner vor, Ricardos Schulden direkt von
seinen Gl�ubigern zu kaufen. Dabei, so erkl�rte er, w�rden sie sich wohler
f�hlen. Noch am gleichen Tag wurde die Absprache durch einen gro�artigen
Vertrag �abgesegnet� - Ricardos Religiosit�t schlug auf Schritt und Tritt durch
-, der in englischer Sprache verfa�t und von beiden Parteien unterzeichnet
wurde. Ricardo - so stellte Jerry im stillen festhatte seine Seele verkauft.</strong></p><p><strong>�Was hielt Lizzie von diesem Handel?� fragte Jerry. Ricardo zuckte die
gl�nzenden Schultern. �Weiber�, sagte er. �Klar�, sagte Jerry, und setzte
wieder sein wissendes L�cheln auf.</strong></p><p><strong>Nachdem Ricardos Zukunft gesichert war, legte er sich wieder einen
�angemessenen professionellen Lebensstil� zu. Der Plan, einen Gesamtasiatischen
Fu�ballfond zu gr�nden, fesselte seine Aufmerksamkeit, desgleichen ein
vierzehnj�hriges M�dchen in Bangkok namens Rosie, das er mittels seines
Indocharter-Gehalts regelm��ig aufsuchte, um es f�r des Lebens gro�e B�hne zu
schulen. Dann und wann, aber nicht oft, machte er einen kleinen Flug f�r
Indocharter, nichts weiter Schwieriges: �Ein paarmal Chiang Mai, Saigon. Ein
paarmal in die Shan-Staaten zu Charlie Marshalls altem Herrn, vielleicht ein
bi�chen Schlamm mitnehmen, ihm ein paar Waffen bringen, Reis, Gold. Battambang
vielleicht.�</strong></p><p><strong>�Wo h�lt Lizzie sich inzwischen auf?� fragte Jerry, von Mann zu Mann,
wie vorhin.</strong></p><p><strong>Das gleiche ver�chtliche Achselzucken: �Sitzt in Vientiane. Mit ihrem
Strickzeug. Bet�tigt sich ein bi�chen im Constellation. Sie ist jetzt schon
eine alte Frau, Voltaire. Ich brauche Jugend, Optimismus, Energie, Leute, die
Respekt vor mir haben. Es liegt in meiner Natur, da� ich gebe. Wie kann ich
einer alten Frau etwas geben?�</strong></p><p><strong>�Bis wann?� fragte Jerry. �Was?�</strong></p><p><strong>�Wann war's vorbei mit dem herzlichen Einvernehmen?� Ricardo hatte den
Satz mi�verstanden und blickte pl�tzlich sehr gef�hrlich, und seine Stimme
w�rde zur leisen Drohung. �Was zum Teufel meinen Sie?�</strong></p><p><strong>Jerry bes�nftigte ihn mit seinem sonnigsten L�cheln.</strong></p><p><strong>�Wie lang bezogen Sie Ihr Gehalt und trieben sich herum, ehe Tiu mit
dem Vertrag ernst machte?�</strong></p><p><strong>Sechs Wochen, sagte Ricardo und fa�te sich wieder. Vielleicht acht.
Zweimal war der Flug bereits angesetzt und wieder abgeblasen. Einmal war er
offenbar nach Chiang Mai beordert worden und hatte dort ein paar Tage gewartet,
bis Tiu anrief und sagte, die Leute am anderen Ende seien noch nicht soweit.
Ricardo hatte immer mehr das Gef�hl, in eine undurchsichtige Sache verwickelt
zu sein, sagte er, aber die Geschichte, so lie� er durchblicken, habe ihn von
jeher f�r die gro�en Rollen des Lebens ausersehen, und wenigstens hatte er die
Gl�ubiger vom Hals. Ricardo schwieg und fixierte Jerry wiederum sehr genau,
kratzte sich sinnend den Bart. Endlich seufzte er, go� f�r beide Whisky ein und
schob ein Glas �ber den Tisch. Unter ihnen bereitete sich der vollendet sch�ne
Tag auf sein langsames Sterben vor. Die gr�nen B�ume wurden schwer. Der
Holzrauch von der Feuerstelle der M�dchen roch feucht.</strong></p><p><strong>�Wo gehen Sie von hier aus hin, Voltaire?�</strong></p><p><strong>�Heim�, sagte Jerry.</strong></p><p><strong>Ricardo lachte wiederum schallend.</strong></p><p><strong>�Bleiben Sie �ber Nacht, ich schicke Ihnen eins von meinen M�dchen.�</strong></p><p><strong>�Ich tue genau, was mir pa�t, ja, altes Haus�, sagte Jerry. Die beiden
M�nner belauerten einander wie k�mpfende Tiere, und eine Weile stand es
tats�chlich Spitz auf Knopf.</strong></p><p><strong>�Sie sind ein verr�ckter Kerl, Voltaire�, murmelte Ricardo.</strong></p><p><strong>Aber der Sarratt-Mann obsiegte. �Aber eines Tages fand der Flug doch
statt, ja?� sagte Jerry. �Er wurde nicht abgeblasen. Und dann? Los, altes Haus,
erz�hlen Sie, wie's war.�</strong></p><p><strong>�Klar�, sagte Ricardo. �Klar, Voltaire�, trank einen Schluck und beobachtete
ihn. �Wie's war�, sagte er. �H�ren Sie zu, ich erz�hle Ihnen, wie's war,
Voltaire.�</strong></p><p><strong>Und dann bringe ich dich um, sagten seine Augen.</strong></p><p><strong>Ricardo war in Bangkok, Rosie forderte ihn heftig. Tiu bestand darauf,
da� Ricardo jederzeit erreichbar sein m�sse, und eines fr�hen Morgens, etwa um
f�nf, traf ein Bote in ihrem Liebesnest ein und beorderte Ricardo per sofort
ins Erawan. Ricardo war von der Hotelsuite sehr beeindruckt. So etwas h�tte er
auch gern gehabt.</strong></p><p><strong>�Jemals Versailles gesehen, Voltaire? Ein Schreibtisch, so gro� wie
eine B </strong>52. <strong>Dieser Tiu ist
eine ganz andere Pers�nlichkeit als der Kuli mit der Katzenstinke, der nach
Vientiane gekommen ist, okay? Er ist ein sehr einflu�reicher Mann.
&gt;Ricardo&lt;, sagt er zu mir. �Diesmal ist es sicher. Diesmal liefern wir
ab.�&lt; Seine Anweisungen waren einfach. In ein paar Stunden ging eine
regul�re Maschine nach Chiang Mai. Ricardo sollte sie nehmen. Im Hotel Rincome
waren bereits Zimmer f�r ihn bestellt. Dort sollte er �ber Nacht bleiben.
Allein. Kein Alkohol, keine Frauen, keine Gesellschaft.</strong></p><p><strong>�&gt;Sie sollten sich eine Menge zu lesen mitnehmen, Mr. Ricardo�,
sagte er zu mir. &gt;Mr. Tiu�, sage ich zu ihm. &gt;Sie sagen mir, wo ich
hinfliegen soll. Sie sagen mir nicht, wo ich lesen soll. Okay?� Der Kerl ist
sehr arrogant hinter seinem gro�m�chtigen Schreibtisch, verstehen Sie,
Voltaire? Ich seh mich gezwungen, ihm Manieren beizubringen.�</strong></p><p><strong>Am n�chsten Morgen um sechs Uhr w�rde Ricardo im Hotel den Besuch eines
Mannes erhalten, der sich als Freund von Mr. Johnny melden w�rde. Ricardo
sollte mit ihm gehen. Alles lief ab, wie geplant. Ricardo flog nach Chiang Mai,
verbrachte eine enthaltsame Nacht im Rincome, und um sechs Uhr stellten sich
zwei Chinesen, nicht einer, bei ihm ein und fuhren mit ihm ein paar Stunden
lang nach Norden, bis sie zu einem Hakka-Dorf kamen. Sie stiegen aus,
marschierten eine halbe Stunde bis zu einem leeren Feld, an dessen Ende ein
Schuppen stand. Im Schuppen war eine �flotte kleine Beechcraft� abgestellt,
nagelneu, und in der Beechcraft sa� Tiu auf dem Sitz des Copiloten und hatte
eine Menge Landkarten und Papiere auf dem Scho�. Die r�ckw�rtigen Sitze waren
ausgebaut worden, um f�r die Rupfens�cke Platz zu schaffen. Ein paar
chinesische Bullen standen abseits und sahen zu, und die ganze Stimmung war,
wie Ricardo durchblicken lie�, nicht unbedingt nach seinem Geschmack.</strong></p><p><strong>�Zuerst mu�te ich meine Taschen leeren. Meine Taschen sind f�r mich
etwas sehr Pers�nliches, Voltaire. Wie die Handtasche f�r eine Dame. Andenken,
Briefe, Fotos, meine Madonna. Sie behalten alles. Meinen Pa�, meine Fluglizenz,
mein Geld . . . sogar meine Armb�nder�, sagte er und hob die braunen Arme, so
da� sie klimperten.</strong></p><p><strong>Danach, sagte er mi�billigend, hatte er weitere Dokumente zu
unterschreiben. Zum Beispiel eine Proze�vollmacht, mit der er die geringen
Reste abtrat, die von seinem Leben nach dem Indocharter-Vertrag noch �brig
waren. Zum Beispiel mehrere Gest�ndnisse fr�herer �technisch illegaler
Unternehmungen�, die - sagte Ricardo mit betr�chtlicher Emp�rung - h�ufig auf
das Konto von Indocharter gegangen seien. Einer der chinesischen Bullen
entpuppte sich sogar als Jurist. Ricardo betrachtete das als besonders
unsportlich.</strong></p><p><strong>Erst dann r�ckte Tiu mit den Landkarten und den Instruktionen heraus,
die Ricardo in einer Mischung aus seiner eigenen und Tius Redeweise wiedergab.
�&gt;Sie nehmen Kurs nach Norden, Mister Ricardo, und Sie behalten diesen Kurs
bei. Ob Sie nun den Abschneider �ber Laos nehmen oder �ber den Shans bleiben
ist mir egal. Das Fliegen ist Ihre Sache, nicht die meine. F�nfzig Meilen
hinter der chinesischen Grenze sto�en Sie auf den Mekong und folgen ihm. Dann
fliegen Sie weiter nach Norden, bis sie eine kleine Gebirgsstadt namens
Tien-pao sehen, die an einem Zuflu� dieses ber�hmten Stroms steht. Von dort
zwanzig Meilen nach Osten finden Sie eine Landebahn, ein gr�nes Leuchtfeuer,
ein wei�es. Sie tun mir den Gefallen, dort zu landen. Ein Mann wird Sie
erwarten. Er spricht Englisch nur mangelhaft, aber er spricht es. Hier ist eine
halbierte Dollarnote. Der Mann hat die andere H�lfte. Laden Sie das Opium aus.
Der Mann wird Ihnen ein Paket und gewisse spezielle Instruktionen �bergeben.
Dieses Paket ist Ihre Quittung. Bringen Sie es mit, wenn Sie zur�ckkommen, und
befolgen Sie s�mtliche Instruktionen ganz genau, besonders was den Ort Ihrer
Landung betrifft. Haben Sie mich komplett verstanden, Mr. Ricardo?&lt;�</strong></p><p><strong>�Was f�r eine Art Paket?� fragte Jerry.</strong></p><p><strong>�Er sagt es nicht, und mir ist es egal. &gt;Sie tun das�, sagt er,
&gt;und halten Ihre gro�e Klappe, Mr. Ricardo, und meine Gesch�ftspartner
werden sich ihr ganzes Leben lang um Sie k�mmern wie um einen eigenen Sohn. Um
Ihre Kinder werden sie sich k�mmern, um Ihre M�dchen. Um Ihr M�dchen in Bali.
Solange Sie leben, werden sie sich dankbar zeigen. Aber wenn Sie sie betr�gen
oder etwas in der Stadt austrompeten, dann bringen sie Sie todsicher um, Mr.
Ricardo, glauben Sie mir. Vielleicht nicht morgen und auch nicht �bermorgen,
aber sie bringen Sie todsicher um. Wir haben einen Vertrag, Mr. Ricardo. Meine
Gesch�ftspartner brechen niemals einen Vertrag. Sie sind sehr rechtsbewu�te
M�nner.� Mir ist der Schwei� ausgebrochen, Voltaire. Ich bin in bester
Kondition, erstklassiger Sportsmann, aber der Schwei� bricht mir aus. &gt;Keine
Sorge, Mr. Tiu�, sage ich zu ihm. &gt;Mr. Tiu, Sir, wann immer Sie Opium nach
Rotchina fliegen wollen, ist Ricardo Ihr Mann.� Voltaire, glauben Sie mir, mir
war gar nicht wohl bei der Sache.�</strong></p><p><strong>Ricardo kniff sich in die Nase, als wollte er Meerwasser herausdr�cken.</strong></p><p><strong>�H�ren Sie zu, Voltaire. H�ren Sie sehr aufmerksam zu. Als ich jung und
dumm war, flog ich zweimal f�r die Amerikaner in die Provinz Y�nnan. Um ein
Held zu sein, mu� man gewisse bl�dsinnige Dinge tun, und wenn man abst�rzt,
holen sie einen vielleicht eines Tages heraus. Aber bei jedem Flug schaue ich
hinunter auf die lausige braune Erde und sehe Ricardo in einem Holzk�fig. Keine
Weiber, einen lausigen Fra�, kein Platz zum Stehen, kein Platz zum Sitzen oder
Schlafen, Ketten an den Armen, keinerlei Status oder Zugeh�rigkeit. &gt;Hier
ist ein Imperialistenspion und Schmuggler zu sehen !&lt; Voltaire, diese
Vorstellung gef�llt mir nicht. Mein ganzes Leben lang in China eingesperrt zu
sein, weil ich Opium geschmuggelt habe? Ich bin nicht begeistert. &gt;Klar, Mr.
Tiu! Bye-bye! Bis heute nachmittag!� Ich mu� ernsthaft nachdenken.�</strong></p><p><strong>Der braune Dunst des Sonnenuntergangs erf�llte pl�tzlich den Raum. Auf
Ricardos gebr�unter Brust hatte sich trotz seiner tadellosen Kondition wiederum
Schwei� gebildet. Er lag in Tropfen auf dem schwarzen Haar und den ge�lten
Schultern.</strong></p><p><strong>�Wo war Lizzie w�hrend der ganzen Zeit?�fragte Jerry abermals.</strong></p><p><strong>Ricardos Antwort kam nerv�s, ja �rgerlich.</strong></p><p><strong>�In Vientiane. Auf dem Mond. Im Bett mit Charlie. Was zum Teufel geht
das mich an?�</strong></p><p><strong>�Wu�te sie von dem Handel mit Tiu?�</strong></p><p><strong>Ricardo schnitt nur eine ver�chtliche Grimasse.</strong></p><p><strong>Zeit, da� ich gehe, dachte Jerry. Zeit, da� ich die letzte Ladung z�nde
und davonrenne. Drunten zog Mickey vor Ricardos Frauen eine gro�e Schau ab.
Jerry konnte sein singendes Geplapper h�ren, unterbrochen von ihrem hellen
Lachen, das sich anh�rte wie das Lachen einer ganzen M�dchenklasse.</strong></p><p><strong>�Also sind Sie geflogen�, sagte er. Er wartete, aber Ricardo blieb tief
in seinen Gedanken versunken.</strong></p><p><strong>�Sie sind gestartet und nahmen Kurs nach Norden�, sagte Jerry. Ricardo
hob ein wenig die Lider und heftete einen drohenden, w�tenden Blick auf Jerry,
bis er schlie�lich der Aufforderung, von seiner Heldentat zu berichten, doch
nicht l�nger widerstehen konnte.</strong></p><p><strong>�Ich bin nie im Leben so gut geflogen. Diese kleine schwarze
Beechcraft. Hundert Meilen nach Norden, weil ich keinem traue. Vielleicht haben
diese Clowns mich irgendwo auf einem Radarschirm eingefangen? Ich gehe kein
Risiko ein. Dann nach Osten, aber sehr langsam, so nah �ber den Bergen, da� ich
den K�hen zwischen den Beinen durchfliege, okay? Im Krieg haben wir dort droben
kleine Landebahnen, verr�ckte Vorposten mitten im feindlichen Land. Ich habe
solche Pl�tze schon angeflogen, Voltaire. Ich kenne sie. Ich finde einen,
direkt auf einem Berggipfel, ist nur aus der Luft erreichbar. Ich schaue
hinunter, sehe die Tanks�ule, ich lande, ich tanke die Maschine auf, ich
schlafe ein bi�chen, verr�ckte Sache. Aber Herrgott, Voltaire, es ist nicht die
Provinz Y�nnan, okay? Es ist nicht China, und Ricardo, der amerikanische
Kriegsverbrecher und Opiumschmuggler, wird den Rest seines Lebens nicht in
Peking an einem Fleischerhaken h�ngen, okay? H�ren Sie, ich bringe diese
Maschine wieder zur�ck nach S�den, ich kenne Orte, ich kenne Orte, an denen ich
eine komplette Luftwaffe verlieren k�nnte, glauben Sie mir.�</strong></p><p><strong>Was die kommenden Monate seines Lebens anging, wurde Ricardo pl�tzlich
sehr unpr�zis. Er hatte einmal vom Fliegenden Holl�nder geh�rt und sagte, genau
das sei aus ihm geworden. Er flog, versteckte sich wieder, flog, spritzte die
Beechcraft neu, verkaufte das Opium in kleinen Portionen, um nicht aufzufallen,
ein Kilo hier, f�nfzig dort, wechselte einmal im Monat die Zulassung, kaufte
bei einem Inder einen spanischen Pa�, traute ihm aber nicht und hielt sich von
allen seinen Bekannten fern, auch von Rosie in Bangkok und sogar von Charlie
Marshall. Das war damals, so erinnerte Jerry sich an Old Craws Information, als
Ricardo den Leuten vom Rauschgiftdezernat Opium verkaufte, aber mit seiner
Geschichte abblitzte. Auf Tius Anweisung hatten die Jungens bei Indocharter
Ricardo unverz�glich auf die Verlustliste gesetzt und seine Flugroute nach
S�den verlegt, um die Aufmerksamkeit abzulenken. Ricardo hatte es erfahren und
nichts dagegen gehabt, tot zu sein.</strong></p><p><strong>�Was haben Sie mit Lizzie angefangen?� fragte Jerry. Wiederum war
Ricardo ziemlich aufgebracht: </strong><strong><emphasis>�Lizzie,
Lizzie, </emphasis></strong><strong>haben Sie einen Komplex, was diese
Schneegans betrifft, Voltaire, da� Sie mir dauernd Lizzie ins Gesicht
schleudern? Ich habe nie eine so unbedeutende Person gekannt. H�ren Sie, ich
hab' sie an Ko abgetreten, okay? Ich mache ihr Gl�ck.� Verdrie�lich griff er
zum Glas und trank einen Schluck Whisky. Sie vertrat seine Interessen, dachte
Jerry. Sie und Charlie Marshall. Die beiden liefen sich die Hacken ab, um
Ricardo zu sch�tzen.</strong></p><p><strong>�Sie haben mit weiteren eintr�glichen Aspekten des Falls geprahlt�,
sagte Ricardo. �Bitte sagen Sie mir, welche das sind.� Der Sarratt-Mann hatte
seine Antwort parat: �Punkt eins: Ko erhielt gro�e Summen von der russischen Botschaft
in Vientiane. Das Geld wurde �ber Indocharter geschleust und landete auf einem
Schwindelkonto in Hongkong. Wir haben die Beweise. Wir haben Aufnahmen der
Bankausz�ge.�</strong></p><p><strong>Ricardo schnitt ein Gesicht, als schmeckte ihm der Whisky pl�tzlich
nicht mehr, dann trank er weiter. Jerry fuhr fort: �Ob das Geld f�r die
Wiedereinf�hrung des Opiumlasters in Rotchina war oder f�r irgendeine andere
Dienstleistung, das wissen wir nicht�, sagte Jerry. �Aber wir werden es
herausbringen. Punkt zwei. Wollen Sie ihn h�ren oder halte ich Sie auf?�
Ricardo hatte geg�hnt.</strong></p><p><strong>�Punkt zwei�, sprach Jerry weiter. �Kohat einen j�ngerer Bruder in Rotchina.
Hie� fr�her Nelson. Ko behauptet, er sei tot, aber in Wirklichkeit ist er jetzt
ein hohes Tier bei der Regierung in Peking. Ko versucht seit Jahren, ihn aus
China herauszubringen. Ihr Auftrag lautete, Opium einzufliegen und ein Paket
herauszubringen. Dieses Paket war Bruder Nelson. Deshalb wollte Ko Sie lieben
wie seinen eigenen Sohn, wenn Sie es schaffen w�rden. Und deshalb wollte er Sie
t�ten, wenn Sie es nicht zur�ckbr�chten. Wenn das keine f�nf Millionen Dollar
wert ist, was dann?� W�hrend Jerry ihn im schwindenden Licht beobachtete,
geschah nichts Besonderes, au�er da� das schlummernde Tier in Ricardo sichtlich
erwachte. Er beugte sich ganz langsam vor, um sein Glas abzusetzen, aber das
Straffen seiner Schultern und das Zusammenziehen seiner Bauchmuskeln konnte er
nicht verbergen. Er wandte' sich betont tr�ge zu Jerry, um ihm ein h�chst
freundschaftliches L�cheln zu schenken, aber in seinen Augen war ein Schimmer,
der einem Angriffsignal glich; so da� Jerry, als Ricardo die Hand ausstreckte und
ihm mit der Rechten einen liebevollen Klaps auf die Wange gab, auf dem Sprung
war, sich nach hinten zu werfen, die Hand zu packen und Ricardo wenn m�glich
quer durchs Zimmer zu schleudern.</strong></p><p><strong>�F�nf Millionen Taler, Voltaire!� rief Ricardo in flammender Erregung,
�f�nf Millionen! H�ren Sie, wir m�ssen was f�r den armen Charlie Marshall tun,
okay? Aus Liebe. Charlie ist immer pleite. Vielleicht k�nnten wir ihn einmal
den Fu�ballfond verwalten lassen. Moment. Ich hole uns noch eine Flasche
Whisky, wir feiern.� Er stand auf, neigte den Kopf zur Seite und streckte die
nackten Arme aus. �Voltaire�, sagte er sanft. </strong><strong><emphasis>� Voltaire</emphasis></strong><strong>!� Liebevoll kniff er Jerry in
beide Backen und k��te ihn.</strong></p><p><strong>�H�ren Sie, Ihr Jungens habt da allerhand ausgegraben! Der Verleger,
f�r den Sie arbeiten, ist ein cleverer Bursche. Sie sollen mein
Gesch�ftspartner sein. Sie haben das Sagen. Okay? Ich brauche einen Engl�nder
in meinem Leben. Ich mu� noch wie Lizzie werden, einen Schulmeister heiraten.
Tun Sie das f�r Ricardo, Voltaire? Halten Sie mich ein bi�chen im Zaum?�</strong></p><p><strong>�Kein Problem�, sagte Jerry und erwiderte das L�cheln. �Spielen Sie
einen Moment mit den Ballerm�nnern, okay?�</strong></p><p><strong>�Klar.�</strong></p><p><strong>�Mu� den M�dchen eine Kleinigkeit sagen.�</strong></p><p><strong>�Klar.�</strong></p><p><strong>�Familienangelegenheit.�</strong></p><p><strong>�Ich bleibe hier.�</strong></p><p><strong>Jerry sah ihm durch die Fallt�r gespannt nach. Mickey, der Chauffeur,
wiegte das Baby auf den Armen und kitzelte es hinterm Ohr. In einer irren Welt
mu� man die Fiktion aufrechterhalten, dachte er. Bis zum bitteren Ende dabei
bleiben, und ihm den ersten Bi� �berlassen. Jerry ging zum Schreibtisch zur�ck,
nahm Ricardos Stift, seinen Schreibblock und schrieb eine nichtexistente
Adresse in Hongkong darauf, wo er jederzeit erreichbar w�re. Ricardo war noch
immer nicht zur�ck, aber als Jerry aufstand, konnte er ihn aus den B�umen
hinter dem Wagen hervorkommen sehen. Er hat eine Schw�che f�r Vertr�ge, dachte
er. Geben wir ihm was zu unterschreiben. Er nahm ein neues Blatt Papier: </strong><strong><emphasis>Ich, Jerry Westerby, versichere hiermit an Eides statt, da� ich mit
meinem Freund Captain Tiny Ricardo den gesamten Ertrag aus unserer gemeinsamen
Auswertung seiner Lebensgeschichte teilen werde, </emphasis></strong><strong>schrieb er, und setzte seinen Namen darunter. Ricardo kam jetzt die
Treppe herauf. Jerry war versucht, sich aus dem privaten Armeemuseum zu bedienen,
aber er mutma�te, da� Ricardo genau das von ihm erwartete. W�hrend Ricardo
nochmals die Gl�ser vollgo�, �berreichte Jerry ihm die beiden Papiere.</strong></p><p><strong>�Ich werde einen amtlich beglaubigten Vertrag aufsetzen�, sagte er und
blickte Ricardo direkt in die Augen. �Ich kenne einen englischen Anwalt in
Bangkok, dem ich absolut vertraue. Er soll den Vertrag pr�fen und Ihnen zur
Unterschrift bringen. Danach wollen wir die Marschroute festlegen, und ich
werde mit Lizzie sprechen. Okay?�</strong></p><p><strong>�Klar. H�ren Sie, drau�en ist es schon dunkel. In den W�ldern stecken
eine Menge Banditen. Bleiben Sie �ber Nacht. Ich spreche mit den M�dchen. Die
m�gen Sie. Sagen, Sie sind ein sehr starker Mann. Nicht so stark wie ich, aber
stark.� Jerry sagte etwas, da� er keine Zeit verlieren d�rfe. Er wolle morgen
in Bangkok sein, sagte er. F�r seine eigenen Ohren klang es so lahm wie ein
dreibeiniges Muli, vielleicht gut genug, um irgendwo reinzukommen, aber nie
wieder raus. Aber Ricardo schien zufrieden, ja erfreut. Vielleicht ein
Hinterhalt, dachte Jerry, irgendwas, das der Colonel arrangiert. �Gott
befohlen, Pferdeschreiber. Gott befohlen, mein Freund.� Ricardo legte beide
H�nde um Jerrys Nacken und lie� die Daumenspitzen auf Jerrys Kiefer ruhen, dann
zog er Jerrys Kopf nach vorn und zu sich heran und k��te ihn. Jerry lie� es zu.
Obwohl sein Herz h�mmerte und sein nasses R�ckgrat bei der Ber�hrung mit dem
Hemd wie eine Wunde schmerzte, lie� Jerry es zu. Drau�en war es fast dunkel.
Ricardo begleitete sie nicht zum Wagen, sondern sah ihnen milde von dem Platz
unter den Pf�hlen aus nach, und die M�dchen sa�en zu seinen F��en, w�hrend er
mit beiden nackten Armen winkte. Vor dem Wagen blieb Jerry stehen, drehte sich
um und winkte zur�ck. Die letzten Sonnenstrahlen lagen sterbend in den
Teakb�umen. Mein allerletzter Sonnenuntergang, dachte er.</strong></p><p><strong>�Nicht starten�, sagte er ruhig zu Mickey. �Ich m�chte den �lstand
pr�fen.�</strong></p><p><strong>Vielleicht bin blo� ich hier der Verr�ckte. Vielleicht habe ich
wirklich einen guten Handel abgeschlossen, dachte er. Mickey, der auf dem
Fahrersitz sa�, �ffnete die Halterung, und Jerry hob die K�hlerhaube, aber da
war kein kleiner Sprengsatz, kein Abschiedsgeschenk von seinem neuen Freund und
Partner. Er zog den �lstab heraus und tat, als pr�fte er ihn. �Brauchen Sie �l,
Pferdeschreiber?� schrie Ricardo den Weg entlang.</strong></p><p><strong>�Nein, alles in Ordnung. Wiedersehen!�</strong></p><p><strong>�Wiedersehen.�</strong></p><p><strong>Er hatte keine Taschenlampe, aber als er sich b�ckte und im Zwielicht
unter dem Chassis herumtastete, fand er wiederum nichts.</strong></p><p><strong>�Haben Sie was verloren, Pferdeschreiber?� rief Ricardo wieder, wobei
er die H�nde vor den Mund hielt. �Anlassen�, sagte Jerry und stieg ein.</strong></p><p><strong>�Lichter an, Mister?� fragte Mickey. �Ja, Mickey. Lichter an.�</strong></p><p><strong>�Warum nennt er Sie Pferdeschreiber?�</strong></p><p><strong>�Gemeinsame Bekannte.�</strong></p><p><strong>Wenn Ricardo die KTs bestochen hat, dachte Jerry, dann ist es so und so
egal. Mickey schaltete die Scheinwerfer an, und im Wagen leuchtete das
amerikanische Armaturenbrett auf wie eine kleine Stadt.</strong></p><p><strong>�Los�, sagte Jerry. �Tempo-Tempo?�</strong></p><p><strong>�Ja, Tempo-Tempo!�</strong></p><p><strong>Sie fuhren f�nf Meilen, sieben, neun. Jerry behielt den Zeiger im Auge.
Er rechnete zwanzig bis zur ersten Kontrollstelle und f�nfundvierzig bis zur
zweiten. Mickey fuhr jetzt siebzig, und Jerry war nicht in Stimmung, um zu
protestieren. Sie fuhren in der Stra�enmitte, die Stra�e verlief gerade, und
jenseits der gerodeten Streifen glitten die hohen Teakb�ume vor�ber wie
orangefarbene Gespenster.</strong></p><p><strong>�Feiner Mann�, sagte Mickey. �Viel feiner Liebhaber. Die M�dchen sagen,
er ein feiner Liebhaber.�</strong></p><p><strong>�Halt nach Dr�hten Ausschau�, sagte Jerry.</strong></p><p><strong>Auf der rechten Seite erschien eine L�cke zwischen den B�umen, und ein
roter Feldweg verschwand darin.</strong></p><p><strong>�Er hat sch�nes Leben da drinnen�, sagte Mickey. �M�dchen, Babies, er
hat Whisky, PX. Er hat wirklich sch�nes Leben.�</strong></p><p><strong>�Gas weg, Mickey. Anhalten. Hier in der Mitte der Stra�e, wo es eben
ist. Tu, was ich sage, Mickey.�</strong></p><p><strong>Mickey fing an zu lachen.</strong></p><p><strong>�M�dchen haben auch sch�nes Leben�, sagte er. �M�dchen kriegen
S��igkeiten, kleines Baby kriegt S��igkeiten, alle kriegen S��igkeiten!�</strong></p><p><strong>�Halt den verdammten Wagen an!�</strong></p><p><strong>Mickey lie� sich Zeit, bis er den Wagen zum Stehen brachte, er kicherte
noch immer �ber die M�dchen.</strong></p><p><strong>�Ist das Ding da zuverl�ssig?� fragte Jerry und wies auf die Benzinuhr.</strong></p><p><strong>�Zuverl�ssig?� echote Mickey, der mit dem englischen Wort nichts
anfangen konnte.</strong></p><p><strong>�Benzin. Sprit. Voll. Oder halb voll? Oder drei Viertel? Hat es auf der
Hinfahrt richtig angezeigt?�</strong></p><p><strong>�Klar. Ist richtig�, versicherte Mickey ohne Z�gern.</strong></p><p><strong>�Als wir zu dem verbrannten Dorf kamen, Mickey, stand es auf halbvoll.
Es steht noch immer auf halbvoll.�</strong></p><p><strong>�Klar.�</strong></p><p><strong>�Hast du nachgef�llt? Aus einem Kanister? Hast du Benzin nachgef�llt?�</strong></p><p><strong>�Nein.�</strong></p><p><strong>�Steig aus.�</strong></p><p><strong>Mickey begann zu widersprechen, aber Jerry beugte sich �ber ihn,
�ffnete die T�r auf seiner Seite, stie� Mickey kurzerhand hinaus auf die Stra�e
und folgte ihm. Er packte Mickeys Arm, drehte ihn auf den R�cken und schob den
Jungen im Galopp vor sich her, �ber die Stra�e und zum Seitenstreifen und
zwanzig Yards �ber die breite, weiche Fl�che, dann warf er ihn ins Geb�sch und
st�rzte halb neben ihn, halb auf ihn, so da� der Atem aus Mickeys Brust in
einem �berraschten Japsen herausgepre�t wurde und er eine geschlagene halbe
Minute brauchte, ehe er ein entr�stetes �Wozu� hervorbringen konnte. Aber Jerry
hatte inzwischen bereits das Gesicht des Jungen wieder auf die Erde gepre�t,
damit die Explosion dar�ber hinweggehen sollte. Der alte Ford schien zuerst zu
brennen und nachher zu explodieren, schlie�lich b�umte er sich in einer letzten
Lebensregung auf in die Luft, ehe er tot und lodernd auf die Seite fiel.
W�hrend Mickey bewundernd nach Luft rang, blickte Jerry auf die Uhr. Achtzehn
Minuten, seit sie den Pfahlbau verlassen hatten. Vielleicht zwanzig. H�tte
eigentlich fr�her passieren sollen, dachte er. Kein Wunder, da� Ricardo uns so
schnell drau�en haben wollte: in Sarratt w�ren sie nicht darauf gefa�t gewesen:
das hier war fern�stliche Machart, und Sarratt geh�rte mit Leib und Seele nach
Europa und in die guten alten Tage des Kalten Krieges: Tschechei, Berlin und
die alten Fronten. Jerry �berlegte, welche Art Granate wohl verwendet wurde.
Die Vietkong bevorzugten amerikanische Modelle: wegen der Doppelwirkung. Man
braucht weiter nichts, sagten sie, als einen breiten Stutzen zum Benzintank.
Man entfernt den Schwimmer, klebt ein Gummiband �ber die Feder, steckt die
Granate in den Benzintank und wartet geduldig, bis sich das Benzin durch den
Gummi gefressen hatte. Das Ergebnis geh�rte zu jenen westlichen
Errungenschaften, die erst durch die Vietkong entdeckt wurden. Ricardo mu�te
dicke Gummistreifen benutzt haben, dachte er.</strong></p><p><strong>Zum ersten Kontrollpunkt kamen sie nach vierst�ndigem Marsch auf der
Stra�e. Mickey war �bergl�cklich wegen der Versicherung, denn er nahm an, da
Jerry die Pr�mie bezahlt hatte, w�rden sie automatisch das Geld kassieren und
verprassen k�nnen. Jerry konnte ihn nicht von dieser Annahme abbringen. Aber
Mickey hatte auch Angst: zuerst vor den KTs, dann vor Gespenstern, dann vor dem
Colonel. Also erkl�rte Jerry ihm, da� sich nach diesem kleinen Zwischenfall
weder ein Gespenst noch ein KT in die N�he der Stra�e wagen w�rde. Was den
Colonel anging - aber das sagte Jerry nicht zu Mickey -: der war Vater und
Soldat und hatte einen Damm zu bauen: nicht umsonst baute er ihn mit Kos Zement
und mit Transportmitteln von China Airsea.</strong></p><p><strong>Am Kontrollpunkt fand sich ein Lastwagen, der Mickey nach Hause
brachte. Jerry fuhr ein St�ck weit mit und sicherte ihm die Unterst�tzung
seiner Zeitung bei irgendwelchen Schwierigkeiten mit der Versicherung zu, aber
Mickey wollte in seiner Euphorie kein Wort von Schwierigkeiten h�ren. Unter
anhaltendem Lachen tauschten sie ihre Adressen und zahlreiche herzliche H�ndedr�cke
aus, dann lie� Jerry sich an einer Rastst�tte absetzen und wartete einen halben
Tag auf den Bus, der ihn nach Osten, auf einen neuen Kriegsschauplatz bef�rdern
sollte.</strong></p><p><strong>Erstens: Mu�te Jerry unbedingt Ricardo aufsuchen? W�re der Ausgang, f�r
ihn pers�nlich, ein anderer gewesen, wenn er es nicht getan h�tte? Oder
lieferte Jerry, wie Smileys Verteidiger bis auf den heutigen Tag behaupten,
durch seine Stippvisite bei Ricardo den letzten und entscheidenden Ansto�, der
den Baum sch�ttelte und die reife Frucht zu Fall brachte? F�r den Club der
Smiley-Anh�nger besteht kein Zweifel: der Besuch bei Ricardo war der letzte
Tropfen, und Ko ertrank darin. Ohne ihn h�tte er wom�glich noch so lange
gez�gert, bis die Schonzeit abgelaufen und Ko, und der Geheimdienst mit ihm,
Freiwild f�r jedermann gewesen w�ren. Basta. Und auf den ersten Blick bewiesen
die Fakten eine wunderbare Kausalit�t.</strong></p><p><strong>Denn folgendes passierte. Nur sechs Stunden nachdem Jerry und sein
Fahrer Mickey sich aus dem Staub dieses Randstreifens in Nordost-Thailand
aufgerappelt hatten, explodierte das ganze f�nfte Stockwerk des Circus in einem
Feuerbrand ekstatischen Jubels, der den Scheiterhaufen von Mickeys brennendem
Leihwagen jederzeit in den Schatten gestellt h�tte. In der Rumpelkammer, wo
Smiley die Nachricht kundtat, tanzte Doc di Salis tats�chlich einen
steifbeinigen kleinen Gigue, und Connie h�tte unzweifelhaft mitgetanzt, wenn
die Arthritis sie nicht an den elenden Rollstuhl gefesselt h�tte. Trot heulte,
Guillam und Molly fielen sich in die Arme, und nur Smiley bewahrte inmitten all
dieses �berschwangs seine gewohnte leicht erschrockene Miene, obgleich Molly
schwor, sie habe ihn err�ten sehen, als er in die Runde blinzelte.</strong></p><p><strong>Er habe soeben eine Meldung bekommen, sagte er. Ein Blitzgespr�ch von
den Vettern. Um sieben heute morgen, Hongkong-Zeit, habe Tiu bei Ko in Star
Heights angerufen, wo Ko die Nacht bei Lizzie Worth zugebracht habe. Zuerst
nahm Lizzie den Anruf entgegen, aber Ko schaltete sich am Nebenapparat ein und
befahl ihr schroff, aufzulegen, was sie auch tat. Tiu schlug ein sofortiges
gemeinsames Fr�hst�ck in der Stadt vor, bei George, sagte Tiu, zur gro�en
Belustigung der Aufzeichner.</strong></p><p><strong>Drei Stunden sp�ter machte Tiu bei einem Telefongespr�ch mit seinem
Reiseb�ro eilige. Pl�ne f�r eine Gesch�ftsreise nach dem chinesischen Festland.
Seine erste Station w�rde Kanton sein, wo China Airsea eine Vertretung hatte,
aber sein Ziel war Schanghai. Wie aber hatte Ricardo Tiu so schnell erreicht,
ohne das Telefon zu benutzen? Die wahrscheinlichste Theorie lautete: durch die
Verbindung des Polizei-Obersten mit Bangkok. Und von Bangkok aus? Das wu�te der
Himmel. Handels-Telex, das Wechselkurs�bertragungsnetz, alles ist m�glich. Die
Chinesen haben bei solchen Unternehmungen ihre eigenen Kan�le. Andererseits war
es auch denkbar, da� einfach Kos Geduldsfaden gerade in diesem Augenblick von
selbst gerissen war und da� es bei dem Fr�hst�ck �Bei George� um etwas v�llig
anderes ging. So oder so, es war der Durchbruch, von dem sie alle getr�umt
hatten, die triumphale Rechtfertigung f�r Smileys M�hen. Um die Lunchzeit hatte
Lacon pers�nlich vorgesprochen, um seine Gl�ckw�nsche zu entbieten, und am
fr�hen Abend hatte sich Saul Enderby zu einer Geste aufgeschwungen, die niemand
von der falschen Seite des Trafalgar Square jemals gemacht hatte. Er hatte von
Berry Brothers and Rudd eine Kiste Champagner schicken lassen, Krug Auslese,
eine wahre Pracht. Dabei lag ein Briefchen an George mit den Worten: �Auf den
ersten Sommertag�. Und genau das schien es zu sein, auch wenn man erst Ende
April schrieb. Durch die dicken Netzgardinen der unteren Stockwerke konnte man
das volle Laub der Platanen sehen. Weiter oben waren die Hyazinthen in Connies
Fensterkasten erbl�ht. �Rot�, sagte sie, als sie auf Saul Enderbys Wohl trank.
�Karlas Lieblingsfarbe, hol ihn der Teufel.�</strong></p><p><emphasis/></p><p><emphasis>�Die Flu�biegung
</emphasis></p><empty-line/><p><strong>Der Luftst�tzpunkt war weder gro�artig noch ber�hmt. Technisch gesehen
unterstand er den Thais, in der Praxis durften die Thais lediglich den M�ll
einsammeln und die Einz�unung des Platzes bewachen. Der Kontrollpunkt war eine
Stadt f�r sich. �berall roch es nach Holzkohle, Urin, P�kelfisch und Propangas,
und eine Reihe bauf�lliger Wellblechschuppen beherbergte die uralten Gewerbe
des milit�rischen Besatzungszustands. Die Bordelle waren mit Ausschu�ware
bev�lkert, die Schneiderl�den boten Hochzeitsfr�cke feil, die Buchhandlungen
boten Pornographie und Reisen an, die Bars hie�en Sunset Strip, Hawaii und
Lucky Time. In der M.P.-Baracke fragte Jerry nach Captain Urquhart von Public
Relations, und der schwarze Sergeant machte Miene, ihn rauszuwerfen, als er
sagte, er sei Journalist. Am Diensttelefon h�rte Jerry lange Zeit nur Klicken
und Knattern, bis eine langsame S�dstaatenstimme sagte: �Urquhart ist im Moment
nicht da. Mein Name ist Masters. Wer spricht?�</strong></p><p><strong>�Urquhart und ich trafen uns letzten Sommer beim Lagebericht von
General Crosse�, sagte Jerry, �Na, dann trafen wir zwei uns auch�, sagte die
erstaunlich langsame Stimme, die ihn an Deathwish erinnerte. �Zahlen Sie Ihr
Taxi. Komme gleich. Blauer Jeep. Warten Sie, bis Sie das Wei�e in seinen Augen
sehen.�</strong></p><p><strong>Langes Schweigen folgte, vermutlich w�hrend die Codew�rter Urquhart und
Crosse auf der Liste nachgesehen wurden. Auf dem Gel�nde herrschte ein
st�ndiges Hin und Her von Flugpersonal, Schwarzen und Wei�en in getrennten,
finster blickenden Gruppen. Ein wei�er Offizier kam vorbei. Die Schwarzen
entboten ihm den Gru� von Black Power. Der Offizier erwiderte ihn z�gernd. Die
Mannschaften trugen, �hnlich wie Charlie Marshall, aufgen�hte Abzeichen an den
Uniformen, meist mit Werbespr�chen f�r Drogen. Die Stimmung war m�rrisch,
niedergeschlagen, latent gewaltt�tig. Die Thai-Soldaten gr��ten niemanden.
Niemand gr��te die Thais. Ein blauer Jeep kam mit Blinklicht und heulender
Sirene am Schlagbaum angeschlittert. Der Sergeant lie� Jerry passieren. Eine
Sekunde sp�ter rasten sie in halsbrecherischem Tempo �ber die Rollbahn auf eine
lange Reihe niedriger wei�er Baracken in der Mitte des Flugplatzes zu. Der
Fahrer war ein schlaksiger Junge, ganz offensichtlich ein Neuling. �Sind Sie
Masters?� fragte Jerry;</strong></p><p><strong>�Nein, Sir. Ich trage nur das Gep�ck des Majors, Sir�, sagte er. Immer
noch mit Blinklicht und st�ndig heulender Sirene fuhren sie an einem
drittklassigen Baseballspiel vor�ber. �Gro�artige Legende�, sagte Jerry.</strong></p><p><strong>�Was meinen Sie, Sir?� schrie der Junge �ber den L�rm hinweg. �Ach,
nichts.�</strong></p><p><strong>Es war nicht gerade die gr��te Luftbasis. Jerry hatte gr��ere gesehen.
Sie kamen an Reihen von Phantomj�gern und Hubschraubern vorbei, und als sie
sich den wei�en Baracken n�herten, erkannte Jerry unter ihnen einen separaten
Spukhaus-Komplex, mit eigenen Geb�uden und Funkantennen und einer eigenen
kleinen Luftflotte aus schwarzbemalten Kleinflugzeugen, die vor dem Abzug Gott
wei� wen Gott wei� wo abgesetzt und aufgefischt hatte.</strong></p><p><strong>Sie traten durch eine Seitent�r ein, die der Junge aufschlo�. Der kurze
Korridor war leer und still. An seinem Ende eine offene T�r aus der
traditionellen Rosenholz-Imitation. Masters trug eine kurz�rmelige
Luftwaffenuniform mit wenigen Abzeichen. Er hatte Orden und den Rang eines
Majors, und Jerry tippte auf einen paramilit�rischen Vetter, vielleicht nicht
einmal Berufsoffizier. Er war fahl und drahtig, hatte einen bitteren,
verkniffenen Mund und hohle Wangen. Er stand vor einer Kaminattrappe unter der
Reproduktion eines Bildes von Andrew Wyeth und wirkte seltsam still und
isoliert. Man hatte den Eindruck, er gebe sich absichtlich langsam, weil
ringsum alles in Eile war. Der Junge besorgte die Vorstellung und z�gerte dann.
Masters glotzte ihn an, bis er hinausging, dann wandte er die farblosen Augen
zu dem Rosenholztisch, auf dem Kaffee bereitstand. �Sehen aus, als k�nnten Sie
ein Fr�hst�ck gebrauchen�, sagte Masters.</strong></p><p><strong>Er go� Kaffee ein und bot Doughnuts an, alles im Zeitlupentempo.</strong></p><p><strong>�Dann redet sich's leichter�, sagte er, �Stimmt�, pflichtete Jerry bei.</strong></p><p><strong>Auf dem Schreibtisch stand eine elektrische Schreibmaschine, daneben
lag einfaches Papier. Masters marschierte steifbeinig zu seinem Stuhl und
hockte sich auf die Lehne. Er nahm ein Exemplar von </strong><strong><emphasis>Stars and Stripes </emphasis></strong><strong>zur Hand und
las demonstrativ, w�hrend Jerry sich am Schreibtisch niederlie�.</strong></p><p><strong>�H�re, Sie erobern das Ganze f�r uns mit der linken Hand wieder
zur�ck�, sagte Masters in Richtung Sfars </strong><strong><emphasis>and Stripes. </emphasis></strong><strong>�Sehr sch�n.�</strong></p><p><strong>Anstatt die elektrische Schreibmaschine zu benutzen, stellte Jerry
seine Reisemaschine auf den Tisch und hackte seinen Bericht in raschen Salven
herunter, die ihm immer lauter vorkamen, je weiter sein Werk vorr�ckte.
Vielleicht kam es auch Masters so vor, denn er blickte h�ufig auf, wenn auch
nur bis in H�he von Jerrys H�nden und der Spielzeugschreibmaschine. Jerry gab
ihm das Blatt.</strong></p><p><strong>�Ihre Anweisung lautet, da� Sie hierbleiben�, sagte Masters, wobei er
jedes Wort bed�chtig artikulierte. �Ihre Anweisung lautet, da� Sie hierbleiben,
w�hrend wir Ihr </strong><strong><emphasis>Funktelegramm </emphasis></strong><strong>weitergeben. Mann, und wie wir dieses Telegramm weitergeben! Ihre
Anweisung lautet, hierzubleiben zwecks Best�tigung und Entgegennahme weiterer
Instruktionen. Klar? Ist das klar, Sir?�</strong></p><p><strong>�Klar�, sagte Jerry.</strong></p><p><strong>�Zuf�llig schon die gute Nachricht geh�rt?� erkundigte sich Masters.
Sie standen einander gegen�ber, keinen Meter von einander entfernt. Masters
starrte auf Jerrys Telegramm, aber seine Augen schienen nicht den Zeilen zu
folgen. �Was denn f�r eine Nachricht, altes Haus?�</strong></p><p><strong>�Wir haben soeben den Krieg verloren, Mr. Westerby. Yes, Sir. Die
Letzten der Tapferen haben sich gerade von einem Heli vom Dach der Botschaft in
Saigon runterkratzen lassen, wie eine Bande Bl�dm�nner, die mit
runtergelassenen Hosen in einem Puff geschnappt werden. Vielleicht interessiert
es Sie gar nicht. Hund des Botschafters ist gerettet, wird Sie freuen zu h�ren.
Journalist lie� ihn auf seinem Scho� mitfliegen. Vielleicht interessiert Sie
das auch nicht. Vielleicht sind Sie kein Hundefreund. Vielleicht m�gen Sie
Hunde ungef�hr so gern, wie ich pers�nlich Journalisten mag, Mr. Westerby,
Sir.�</strong></p><p><strong>Jerry hatte inzwischen Masters' Brandyfahne gerochen, die keine noch so
gro�e Menge Kaffee �berdecken konnte, und er vermutete, da� Masters schon sehr
lange getrunken hatte, ohne da� es ihm gelang, betrunken zu werden. �Mr.
Westerby, Sir?�</strong></p><p><strong>�Ja, alter Junge.� Masters streckte die Hand aus.</strong></p><p><strong><emphasis>�Alter Junge, </emphasis></strong><strong>ich m�chte, da�
Sie mir die Hand sch�tteln.� Die Hand schwebte mit hochgerecktem Daumen
zwischen ihnen. �Wozu?� sagte Jerry.</strong></p><p><strong>�Ich m�chte, da� Sie die Willkommenshand ergreifen, Sir. Die
Vereinigten Staaten von Amerika haben sich soeben um Aufnahme in den Club
zweitklassiger Machte beworben, wo, soviel ich h�re, Ihre eigene ruhmreiche
Nation Chairman, Pr�sident und �ltestes Mitglied ist. </strong><strong><emphasis>Sch�tteln!�</emphasis></strong></p><p><strong>�Begr��e Sie an Bord�, sagte Jerry und sch�ttelte dem Major
zuvorkommend die Hand.</strong></p><p><strong>Sofort wurde ihm daf�r ein strahlendes L�cheln falscher Dankbarkeit
zuteil.</strong></p><p><strong>�Also das nenn ich </strong><strong><emphasis>wirklich </emphasis></strong><strong>h�bsch von Ihnen, Mr. Westerby, Sir. Wenn wir irgend etwas tun k�nnen,
um Ihren Aufenthalt bei uns angenehmer zu machen, bitte lassen Sie es mich
wissen. Wenn Sie das Anwesen mieten m�chten: jedes einigerma�en vern�nftige
Angebot wird akzeptiert.�</strong></p><p><strong>�Sie k�nnten ein Fl�schchen Whisky durch die Gitterst�be schieben�,
sagte Jerry und grinste.</strong></p><p><strong>�Aber mit Vergn�gen�, sagte Masters und zog die Worte so in die L�nge,
da� sie wie ein langsamer Boxhieb wirkten. �Mann nach meinem Herzen. Yes, Sir.�</strong></p><p><strong>Masters lie� ihm eine halbe Flasche J &amp; B, die er aus dem Schrank
genommen hatte, und ein paar alte Nummern von </strong><strong><emphasis>Playboy </emphasis></strong><strong>zur�ck.</strong></p><p><strong>�Halten wir uns eigens f�r englische Gentlemen, die keinen Finger
ger�hrt haben, uns zu helfen�, erkl�rte er herzlich. �Sehr aufmerksam von
Ihnen�, sagte Jerry. �Jetzt geh ich und schicke Ihren Brief heim zur Mammi.
�brigens, wie geht's der Queen?�</strong></p><p><strong>Masters schlo� nicht ab, aber als Jerry die T�r probierte, war sie
nicht zu �ffnen. Die Fenster, die auf den Flugplatz hinausgingen, hatten
undurchsichtige Doppelscheiben. Auf der Rollbahn landeten und starteten
Flugzeuge, ohne da� man einen Laut h�rte. So versuchten sie, den Krieg zu
gewinnen, dachte Jerry: aus schalldichten R�umen heraus, hinter
undurchsichtigem Glas, mit allen Maschinen in Reichweite. So haben sie ihn
verloren. Er trank, er empfand nichts. Es ist also vorbei, dachte er, das war
alles. Was w�rde seine n�chste Station sein? Charlie Marshalls alter Herr?
Kleine Spritztour durch die Shan-Staaten, Plauderst�ndchen mit den
Leibw�chtern des Generals? Er wartete, seine Gedanken dr�ngten sich formlos. Er
setzte sich, dann legte er sich aufs Sofa und schlief eine Weile, wie lange,
wu�te er nicht. Er erwachte j�h, als die Tonbandmusik einsetzte, die
gelegentlich von Wald-und-Wiesendurchsagen unterbrochen wurde. W�rde Captain
Soundso dies oder jenes tun? Einmal wies der Sprecher auf die M�glichkeit zur
Weiterbildung hin. Dann auf preisg�nstige Waschmaschinen. Einmal kam ein Gebet.
Die Krematoriumsstille und die Musik machten Jerry so nerv�s, da� er im Zimmer
auf und ab lief.</strong></p><p><strong>Er ging hin�ber zum anderen Fenster, und im Geist sah er Lizzies
Gesicht neben seiner Schulter, wie damals das Gesicht der Waise. Er trank noch
einen Schluck Whisky. Ich h�tte im Lastwagen schlafen sollen, dachte er. Ich
h�tte �berhaupt mehr schlafen sollen. Also haben sie den Krieg schlie�lich doch
verloren. Der Schlaf hatte ihm nicht gut getan. Es schien lange her zu sein,
da� er nicht mehr so geschlafen hatte wie fr�her. Seit Old Frosti war es aus
damit. Seine Hand zitterte: Herrje, sieh dir das an. Er dachte an Luke. Zeit,
da� wir wieder mal zusammen auf den Schwoof gehen. Er mu� jetzt wieder zur�ck
sein, wenn es ihn nicht erwischt hat. Mu� mein Hirn ein bi�chen zur Ruhe
bringen, dachte er. Aber das Hirn machte sich in letzter Zeit gern selbst�ndig.
Ein bi�chen zu oft, genau gesagt. Mu� es an die Kandarre nehmen, sagte er sich
streng. Mann. Er dachte an Ricardos Granaten. Beeil dich, dachte er. Los, wir
m�ssen uns entscheiden. </strong><strong><emphasis>Wohin </emphasis></strong><strong>jetzt? Wer kommt als n�chster dran? Sein Gesicht war trocken und hei�,
und seine H�nde waren feucht. Sein Kopf schmerzte �ber den Augen. Verdammte
Musik, dachte er. Gottverdammte Weltuntergangsmusik. Er suchte fieberhaft
herum, ob man sie nicht irgendwo abstellen konnte, als er Masters unter der T�r
stehen sah, einen Umschlag in der Hand und Leere im Blick. Jerry las das
Telegramm. Masters lie� sich wieder auf die Sessellehne nieder.</strong></p><p><strong>�&gt;Junge, komm bald </strong>Wieden�, <strong>sang Masters und �ffte seinen eigenen S�dstaatenakzent nach. �&gt;Komm
direkt nach Haus. Nicht erst noch zweihundert Dollar kassieren.� Die Vettern
werden Sie nach Bangkok fliegen. Von Bangkok fliegen Sie unverz�glich weiter
nach London in England, </strong><strong><emphasis>nicht, </emphasis></strong><strong>wiederhole, nicht London in Ontario, mit einer Maschine Ihrer Wahl.
Unter keinen Umst�nden kehren Sie nach Hongkong zur�ck. Ausgeschlossen! Nein,
Sir! Mission beendet, </strong><strong><emphasis>Junge. </emphasis></strong><strong>Danke, gut gemacht. Ihre Majest�t ist entz�ckt. Also flugs heim zum
Abendbrot, es gibt Maisgr�tze und Truthahn und Blaubeerkuchen. H�rt sich an wie
eine Bande Tanten, f�r die Sie da arbeiten, </strong><strong><emphasis>Mann.� </emphasis></strong><strong>Jerry las das Telegramm ein
zweites Mal. �Maschine nach Bangkok startet eins, eins, null, null�, sagte
Masters. Er trug seine Armbanduhr mit dem Zifferblatt nach innen, so da� sie
die Zeit nur f�r ihn anzeigte. �H�ren Sie?� Jerry grinste: �Entschuldigung,
altes Haus. Langsamer Leser. Vielen Dank. Zu viele gro�e Worte. Mu� das alte
Hirn ganz sch�n arbeiten. H�ren Sie, ich hab meine Sachen im Hotel gelassen.�</strong></p><p><strong>�Meine Hausboys stehen Eurer K�niglichen Hoheit zur Verf�gung.�</strong></p><p><strong>�Danke, aber wenn's Ihnen nichts ausmacht, m�chte ich lieber den offiziellen
Kanal vermeiden.�</strong></p><p><strong>�Wie Sie w�nschen, Sir, ganz wie Sie w�nschen.�</strong></p><p><strong>Am Tor stehen Taxis. Hin und zur�ck in einer Stunde. �Danke�, wiederholte
er.</strong></p><p><strong>�Wir haben </strong><strong><emphasis>Ihnen </emphasis></strong><strong>zu danken.�</strong></p><p><strong>Zum Abschied lieferte der Sarratt-Mann ein smartes Beispiel von
Verfahrenstechnik. �Darf ich das solang hierlassen?�fragte er und wies auf
seine sch�bige Schreibmaschine neben Masters' IBM-Kugelkopfmodell.</strong></p><p><strong>�Sir, wir werden sie h�ten wie unseren Augapfel.� H�tte Masters sich
die M�he gemacht, in diesem Augenblick zu ihm hinzusehen, so w�re er vielleicht
angesichts von Jerrys ungew�hnlich leuchtendem Blick stutzig geworden.
Vielleicht w�re er, wenn er Jerrys Stimme besser gekannt oder auf ihre so
besonders liebensw�rdige Rauheit geachtet h�tte, gleichfalls stutzig geworden.
H�tte er gesehen, wie Jerry sich in seine Haartolle einkrallte, den Unterarm
vor die Brust hielt in dem instinktiven Wunsch, sich zu verstecken, oder h�tte
er auf Jerrys albernes Dankesgrinsen geachtet, als der Junge wiederkam, um ihn
in dem blauen Jeep zum Tor zu fahren: dann w�ren ihm vielleicht Zweifel
gekommen. Aber Major Masters war nicht nur ein verbitterter Fachmann, der eine
Menge Entt�uschungen erlebt hatte. Er war ein Gentleman aus dem S�den, der den
Dolchsto� der Niederlage von den H�nden unergr�ndlicher Wilder empfing; und er
hatte gerade damals nicht viel Zeit �brig f�r die Verdrehtheiten eines
ausgedienten, �berf�lligen Briten, der sein in den letzten Z�gen liegendes
Spukhaus als Postamt benutzte.</strong></p><p><strong>Vor dem Aufbruch der Hongkong-Reisenden aus dem Circus herrschte
festliche Stimmung, die durch die geheimnisvollen Vorbereitungen noch
gesteigert wurde. Die Nachricht von Jerrys Wiederauftauchen hatte sie
ausgel�st. Der Inhalt seines Fernschreibens intensivierte sie noch und fiel
mit einer Meldung der Vettern zusammen, wonach Drake Ko seine s�mtlichen gesellschaftlichen
und gesch�ftlichen Verabredungen abgesagt und sich in die Abgeschiedenheit
seines Hauses Seven Gates an der Headland Road zur�ckgezogen habe. Ein Foto von
Ko, per Teleobjektiv aus dem Observierungswagen der Vettern aufgenommen,
zeigte ihn im Viertelprofil, wie er in seinem gro�en Garten am Ende einer
Rosenpflanzung stand und aufs Meer hinausblickte. Die Betondschunke sah man
nicht, aber Ko trug seine viel zu gro�e Baskenm�tze.</strong></p><p><strong>�Wie ein moderner Gatsby, mein Lieber!� rief Connie Sachs entz�ckt, als
sie sich alle �ber das Foto beugten. �Schmachtet hin�ber zu dem bl�den Licht an
der Pier, oder was der arme Tropf sonst getan hat!�</strong></p><p><strong>Als der Observierungswagen zwei Stunden sp�ter wieder des Wegs kam,
stand Ko noch immer in der gleichen Haltung da, also machten sie kein zweites
Foto mehr. Viel bedeutsamer war die Tatsache, da� Ko das Telefon �berhaupt
nicht mehr benutzte - jedenfalls nicht die Apparate, die die Vettern angezapft
hatten. Auch Sam Collins schickte einen Bericht, den dritten kurz nacheinander,
aber den bisher bei weitem l�ngsten. Wie �blich kam er in einem
Spezialumschlag, der an Smiley pers�nlich adressiert war, und wie �blich
besprach Smiley den Inhalt nur mit Connie Sachs. Und genau in dem Augenblick,
als die Reisenden zum Flugplatz von London aufbrechen wollten, traf noch eine
Botschaft von Martello ein, des Inhalts, da� Tiu aus China zur�ckgekehrt und
zur Zeit mit Ko in der Headland Road in Klausur sei.</strong></p><p><strong>Aber die wichtigste Zeremonie, soweit �Guillam sich damals und sp�ter
erinnern konnte, und die verwirrendste, war ein kleiner Kriegsrat in Martellos
R�umen im Annex, zu dem sich ausnahmsweise nicht nur das gewohnte Quintett
Martello, seine beiden schweigsamen M�nner sowie Smiley und Guillam einfanden,
sondern auch Lacon und Enderby, die bezeichnenderweise mit dem gleichen
Dienstwagen ankamen. Zweck dieser - von Smiley berufenen - Versammlung war die
formelle Schl�ssel�bergabe. Martello sollte jetzt ein vollst�ndiges Bild vom
�Unternehmen Delphin� bekommen, einschlie�lich der hochwichtigen Verbindungen
zu Nelson. Er sollte als vollg�ltiger Partner eingewiesen werden - abgesehen
von einigen kleineren Auslassungen, die erst sp�ter bekannt wurden. Wie Lacon
und Enderby sich hatten eindr�ngen k�nnen, erfuhr Guillam nie genau, und Smiley
war sp�ter in diesem Punkt verst�ndlicherweise zur�ckhaltend. Enderby erkl�rte
rundweg, er sei �im Interesse der Ordnung und der milit�rischen Disziplin�
mitgekommen. Lacon wirkte farbloser und herablassender denn je. Guillam hatte
den deutlichen Eindruck, da� sie etwas im Schilde f�hrten, und dieser Eindruck
wurde noch verst�rkt durch die Vorstellung, die Enderby und Martello gaben: die
frischgebackenen Busenfreunde ignorierten einander so v�llig, da� sie Guillam
an ein heimliches Liebespaar erinnerten, das am gemeinsamen Fr�hst�ck in einem
Landhaus teilnimmt, eine Situation, in der er selber sich schon h�ufig befunden
hatte.</strong></p><p><strong>Es sei der </strong><strong><emphasis>Ma�stab </emphasis></strong><strong>der Sache, erkl�rte Enderby einmal. Sie habe solche Ausma�e angenommen,
da� er wirklich meine, ein paar gro�e Tiere sollten mitmischen. Dann wieder
erkl�rte er, es sei die Kolonial-Lobby. Wilbraham mache Stunk beim Schatzamt.
�So, jetzt haben wir also den ganzen Plunder geh�rt�, sagte Enderby, als Smiley
seinen ausf�hrlichen �berblick beendet hatte und Martellos Lobspr�che fast das
Dach zum Einst�rzen gebracht h�tten. �Wer hat jetzt den Finger am Abzug,
George, Punkt eins?� wollte er wissen, und daraufhin wurde die Besprechung
vorwiegend Enderbys gro�e Show, was Besprechungen mit Enderby gew�hnlich
wurden. �Wer gibt den Feuerbefehl, wenn es zum Treffen kommt? Sie, George?
Immer noch? Ich meine, Sie haben gute Planungsarbeit geleistet, zugegeben, aber
unser alter Marty hier liefert schlie�lich die Artillerie, nicht wahr?� Worauf
Martello sich taub stellte, ein strahlendes L�cheln ausgo� �ber all die
gro�artigen und reizenden Briten, mit denen verb�ndet zu sein er die Ehre
hatte, und Enderby weiterhin die grobe Arbeit tun lie�.</strong></p><p><strong>�Marty, wie sehen Sie diesen Punkt?� dr�ngte Enderby, als h�tte er
selber keine Ahnung; als ginge er nie mit Martello angeln oder g�be �ppige
Diners f�r ihn oder diskutierte mit ihm privat streng geheime Angelegenheiten.</strong></p><p><strong>In diesem Augenblick kam Guillam eine seltsame Erkenntnis, und sp�ter
machte er sich Vorw�rfe, da� er sie so wenig genutzt hatte. Martello </strong><strong><emphasis>wu�te </emphasis></strong><strong>es. Die Enth�llungen �ber
Nelson, �ber die Martello sich so v�llig perplex gab, waren �berhaupt keine
Enth�llungen, sondern nur die Best�tigung von Informationen, die er und seine
schweigsamen M�nner l�ngst besa�en. Guillam las es in ihren blassen h�lzernen
Gesichtern und den aufmerksamen Augen. Er las es aus Martellos �berschwang.
Martello wu�te </strong><strong><emphasis>alles.</emphasis></strong></p><p><strong>��h, technisch ist es Georges Show, Saul�, erinnerte Martello
loyalerweise Enderby in Beantwortung seiner Frage, aber mit gerade genug
Nachdruck auf dem Wort </strong><strong><emphasis>technisch, </emphasis></strong><strong>um das �brige in Frage zu stellen. �George steht auf der Br�cke, Saul.
Wir heizen nur die Kessel.�</strong></p><p><strong>Enderby setzte ein ungl�ckliches Stirnrunzeln auf und steckte ein
Streichholz zwischen die Z�hne.</strong></p><p><strong>�George, wie pa�t </strong><strong><emphasis>Ihnen </emphasis></strong><strong>das? Pa�t es Ihnen, so wie es ist? Da� Marty den Feuerschutz liefert,
vor Ort alles bereith�lt, Kommunikationsmittel, die ganze Verschw�rungsarbeit,
Observierung, das Gel�nde in Hongkong sondieren und was wei� ich noch alles?
Und Sie geben den Feuerbefehl? Mu� schon sagen! K�me mir vor wie im fremden
Frack rumzustolzieren.�</strong></p><p><strong>Smiley hielt sich gut, aber nach Guillams Meinung nahm er die Frage
viel zu ernst und die kaum verh�llte Durchstecherei l�ngst nicht ernst genug.</strong></p><p><strong>�Ganz und gar nicht�, sagte Smiley. �Martello und ich haben ein klares
Abkommen getroffen. Die Speerspitze der Operation wird von uns dirigiert. Falls
Unterst�tzung erforderlich ist, springt Martello ein. Das Produkt wird geteilt.
Was den Gewinnanteil f�r die amerikanische Investition angeht, so wird er nach
Erhalt des Produktes ausgesch�ttet. Die Verantwortung daf�r, da� ein solches
Produkt anf�llt, liegt nach wie vor bei uns.� Er schlo� energisch: �Das
Schreiben, worin das alles genau ausgef�hrt ist, liegt nat�rlich schon l�ngst
bei den Akten.�</strong></p><p><strong>Enderby sah Lacon an. �Oliver, Sie sagten, Sie w�rden es mir schicken.
Wo ist es geblieben?�</strong></p><p><strong>Lacon legte den l�nglichen Kopf zur Seite und l�chelte tr�bselig ins
Leere. �Treibt sich irgendwo in Ihren hinteren R�umen herum, nehme ich an,
Saul.�</strong></p><p><strong>Enderby versuchte es mit einer anderen Taktik. �Und ihr beiden da k�nnt
euch vorstellen, da� der Handel unter allen Umst�nden g�ltig bleibt, ja? Ich
meine, wer sorgt f�r die sicheren H�user und so weiter? Begr�bt die Toten, all
das?�</strong></p><p><strong>Wiederum Smiley. �Housekeeping Section hat bereits ein Haus auf dem
Land gemietet und bereitet alles f�r k�nftige Bewohner vor�, sagte er
unger�hrt.</strong></p><p><strong>Enderby nahm das besabberte Streichholz aus dem Mund und zerbrach es
�ber dem Aschenbecher. �H�tten meines haben k�nnen, wenn Sie was gesagt
h�tten�, murmelte er zerstreut. �Mengen von Zimmern. Kein Mensch je dort.
Personal. Alles.� Aber seine Sorge galt dem anderen Thema. �H�ren Sie. Beantworten
Sie mir diese Frage. Ihr Mann dreht durch. Er t�rmt und rennt durch die Gassen
von Hongkong. Wer spielt R�uber und Gendarm, um ihn wieder einzufangen?� </strong><strong><emphasis>Nicht </emphasis></strong><strong>antworten! betete Guillam. Er
hat �berhaupt kein Recht, so um sich zu dreschen! Sag ihm, er soll sich zum
Teufel scheren! Smileys Antwort war zwar entschieden, ermangelte indes der
Hitzigkeit, die Guillam sich gew�nscht h�tte. �Ach, ich glaube, </strong><strong><emphasis>Hypothesen </emphasis></strong><strong>kann man immer
aufstellen�, konterte er milde. �Ich glaube, hier kann man lediglich sagen, da�
Martello und ich in einem solchen Fall gemeinsam �berlegen und nach bestem
Ermessen handeln w�rden.�</strong></p><p><strong>�George und ich arbeiten gro�artig zusammen, Saul�, erkl�rte Martello
gro�m�tig. �Ganz gro�artig.�</strong></p><p><strong>�W�re viel </strong><strong><emphasis>sauberer, </emphasis></strong><strong>verstehen Sie, George�, fuhr Enderby mit einem frischen Streichholz im
Mund fort. �Viel </strong><strong><emphasis>sicherer, </emphasis></strong><strong>wenn es ganz in Yankee-H�nden w�re. Wenn Martys Leute einen Bock
schie�en, brauchen Sie sich blo� beim Gouverneur zu entschuldigen, ein paar
Kamele in die W�ste schicken und versprechen, da� Sie's nie wieder tun. Das
w�r's. Mehr erwartet ohnehin niemand von ihnen. Sind die Vorteile eines
schlechten Rufs, wie, Marty? Keiner wundert sich, wenn Sie das Zimmerm�dchen
v�geln.�</strong></p><p><strong>�Aber </strong><strong><emphasis>SauU, </emphasis></strong><strong>sagte Martello und lachte ausgiebig �ber den</strong>
k�stlichen britischen Sinn f�r Humor.</p><p>�Viel
komplizierter, wenn <strong><emphasis>wir </emphasis></strong>die
B�sewichter sind�, fuhr Enderby fort. �Oder besser gesagt, <strong><emphasis>Sie, </emphasis></strong>George. Der Gouverneur k�nnte Sie mit einem Puster vom
Tisch fegen, so wie die Dinge im Moment stehen. Wilbraham weint schon seinen
ganzen Schreibtisch na�.�</p><p>Gegen
Smileys heillose Verstocktheit war indessen nichts auszurichten, also trat
Enderby f�r eine Weile von der B�hne ab, und sie nahmen ihre Diskussion der
Modalit�ten wieder auf. Aber ehe sie fertig waren, machte Enderby noch einen
letzten Vorsto�, um Smiley aus dem Sattel zu heben. Er w�hlte dazu wiederum die
Frage nach der sachdienlichsten Behandlung und Nachbehandlung des Falls.</p><p>�George,
wer wird denn die Verh�re und so weiter besorgen? Setzen Sie Ihren komischen
kleinen Jesuiten an, den mit dem possierlichen Namen?�</p><p>�di Salis
wird f�r die chinesischen Aspekte der Einvernahme zust�ndig sein, und unsere
Soviet Research Section f�r die russische Seite.�</p><p>�Ist das
die invalide Akademikerin, George, die der verdammte Bill Haydon wegen
Trunksucht gefeuert hat?�</p><p>�Diese
beiden haben das Unternehmen bis zu seinem augenblicklichen Stand gef�rdert�,
sagte Smiley. Wie immer sprang Martello in die Bresche. �Also George, das lasse
ich nicht zu! Sir, das nicht! Saul, Oliver, nehmen Sie zur Kenntnis, da� ich
das Unternehmen Delphin - in allen seinen Aspekten, Saul - als pers�nlichen
Triumph f�r unseren George betrachte, und f�r George <strong><emphasis>allein!� </emphasis></strong>Nach reichlichem Applaus f�r den lieben alten
George fuhren sie zur�ck zum Cambridge Circus.</p><p>�Himmelarschundzwirn!�
platzte Guillam los. �Warum will dieser Enderby Sie abschie�en? Was soll dieser
ganze Quatsch von wegen:_das Schreiben verloren?�</p><p>�Ja�,
sagte Smiley nach einer langen Pause von weit her. �Ja, das ist sehr nachl�ssig
von ihnen. Ich glaube, ich schicke ihnen eine Abschrift. Unsigniert, von Hand,
nur zur Information. Enderby wirkte so <strong><emphasis>wollig, </emphasis></strong>wie?
W�rden Sie das �bernehmen, Peter, die M�tter bitten?�</p><p>Die
Erw�hnung des Schreibens - <strong><emphasis>Hauptpunkt </emphasis></strong>des
Abkommens, wie Lacon es nannte - weckte Guillams schlimmste Bef�rchtun<strong>gen von neuem. Er erinnerte sich, wie er es t�richterweise durch Sam
Collins hatte �berbringen lassen und wie Sam, laut Fawn, unter dem Vorwand der
Ablieferung mehr als eine Stunde zusammen mit Martello in dessen B�ro
verschwunden war. Er erinnerte sich auch daran, wie er Sam Collins in Lacons
Vorzimmer gesehen hatte, den geheimnisvollen Vertrauten Lacons und Enderbys,
der in Whitehall herumlungerte wie die verflixte Edamer Katze aus �Alice im
Wunderland�. Er erinnerte sich an Enderbys Vorliebe f�r Backgammon, wobei er um
sehr hohe Eins�tze spielte, und w�hrend er versuchte, der Verschw�rung auf den
Grund zu kommen, dachte er sogar daran, da� Enderby Stammkunde in Sam Collins'
Club sein mochte. Er wies diesen Gedanken als geradezu absurd sofort wieder von
sich. Ironischerweise stellte er sich sp�ter als zutreffend heraus. Und er
erinnerte sich an seine aufblitzende �berzeugung - die sich lediglich auf den
Gesichtsausdruck der drei Amerikaner st�tzen konnte und daher gleichfalls
wieder verworfen wurde -, da� sie bereits w��ten, was Smiley ihnen bei der
Besprechung mitzuteilen hatte.</strong></p><p><strong>Aber die Idee, da� Sam Collins bei diesem Festmahl die Rolle des
Steinernen Gasts spielte, gab Guillam nicht auf, und als er auf dem Londoner
Flugplatz die Maschine bestieg, ersch�pft von seinem langen und gr�ndlichen
Abschied von Molly, grinste ihn das Gespenst durch den Rauch von Sams
teuflischer brauner Zigarette an.</strong></p><p><strong>Der Flug verlief ereignislos, mit einer Ausnahme. Sie waren zu dritt,
und in Sachen Sitzordnung hatte Guillam in seinem Dauerkrieg mit Fawn eine
kleine Schlacht gewonnen. �ber die Leichen der Housekeepers hinweg flogen
Smiley und Guillam in der Ersten Klasse, w�hrend Fawn, der Babysitter, einen
vorderen Eckplatz am Mittelgang der Touristenklasse bekam, Wange an Wange mit
der Wachmannschaft der Fluglinie, die fast w�hrend der ganzen Reise schlief,
w�hrend Fawn schmollte. Gl�cklicherweise war nie der Vorschlag aufgetaucht,
da� Martello und seine schweigsamen M�nner mit ihnen fliegen k�nnten, denn
Smiley war entschlossen, da� dies auf gar keinen Fall passieren d�rfe. Und so
flog Martello gen Westen, machte in Langley Station, um sich Instruktionen zu
holen, und setzte seine Reise �ber Honolulu und Tokio fort, um bei ihrer
Ankunft in Hongkong zur Stelle zu sein. Als unbewu�t ironische Fu�note zu ihrer
Abreise hinterlie� Smiley einen langen, handgeschriebenen Brief an Jerry, der
diesem bei seiner Ankunft im Circus ausgeh�ndigt werden sollte und worin er ihm
zu seiner erstklassigen Leistung gratulierte. Der Durchschlag liegt noch immer
in Jerrys Akte. Niemand kam auf den Gedanken, ihn zu entfernen. Smiley spricht
von Jerrys �unbeirrbarer Loyalit�t� und davon, da� er �einer mehr als
drei�igj�hrigen Dienstzeit die Krone aufgesetzt� habe. Er schlie�t einen nicht
unbedingt authentischen Gru� von Ann ein, �die Ihnen, ebenso wie ich, eine
gleicherweise ruhmreiche Karriere als Romancier w�nscht�. Und er endet ziemlich
ungeschickt mit dem Ausdruck seiner �berzeugung, wonach �eines der Privilegien
unserer Arbeit darin besteht, da� sie uns mit so wundervollen Kollegen
zusammenbringt. Ich darf Sie versichern, da� wir alle in diesem Sinn an Sie
denken�-.</strong></p><p><strong>Manche Leute fragen sich noch immer, warum den Circus vor dem Aufbruch
kein Wort der Besorgnis �ber Jerrys Verbleib erreichte. Schlie�lich war er seit
mehreren Tagen �berf�llig. Auch hier will man Smiley die Schuld in die Schuhe
schieben, aber es gibt keinen Beweis daf�r, da� der Circus sich einen Lapsus
geleistet h�tte. F�r die Weitergabe von Jerrys Bericht aus dem Luftst�tzpunkt
in Nordost-Thailand - seinem letzten - hatten die Vettern einen direkten Kanal
�ber Bangkok nach London und in den Annex freigemacht. Aber das Arrangement
galt nur f�r ein einziges Funktelegramm und eine einzige R�ckantwort, ein
Nachfa�-Telegramm war nicht vorgesehen. Entsprechend wurde Major Masters'
Meldung, als sie erstattet wurde, zuerst �ber das milit�rische Nachrichtennetz
nach Bangkok geleitet, von dort nach Hongkong �ber deren Nachrichtennetz an die
Vettern - da man der Ansicht war, Hongkong habe totales Zur�ckhalterecht auf
alles Material im Zusammenhang mit dem �Unternehmen Delphin� - und erst danach,
mit dem Vermerk �Routine� versehen, von Hongkong an London, wo sie in mehreren
rosenholzfurnierten Einlaufk�sten zu liegen kam, ehe irgend jemand ihre
Bedeutung erkannte. �brigens hatte bereits der langsame Major Masters dem
Nicht-Auftritt, wie er sich sp�ter ausdr�ckte, einer x-beliebigen englischen
Reisetante sehr wenig Bedeutung zugemessen. �ERKL�RUNG VERMUTLICH BEI IHNEN�,
lautet der Schlu� seiner Meldung. Major Masters lebt jetzt in Norman, Oklahoma,
wo er eine kleine Autoreparaturw</strong>erkstatt betreibt.</p><p>Auch die
Housekeepers hatten keinen Grund zur Panik - jedenfalls behaupten sie das noch
heute. Jerrys Instruktionen lauteten, er solle sich, sobald er in Bangkok
eintreffe, ein Flugzeug suchen, irgendeins, seine Flugnetzkarte vorzeigen und
nach London kommen. Es wurde kein Datum genannt, auch keine Fluglinie. Zweck
des Ganzen war lediglich, die Sache in Bewegung zu halten. H�chstwahrscheinlich
hatte er irgendwo eine Erholungspause eingelegt. Das taten die meisten
heimreisenden Au�enagenten, und Jerry war als gro�er Sexkonsument
aktennotorisch. Also hielten sie wie �blich ein Auge auf die Fluglisten und
meldeten ihn provisorisch in Sarratt zur zweiw�chentlichen Desinstruktions- und
Wiedereinschleusungszeremonie an, woraufhin sie sich wieder der weitaus
dringenderen Aufgabe widmeten, das sichere Haus f�r �Delphin� vorzubereiten. Es
war eine reizende alte M�hle, sehr abgelegen, aber in der N�he der Pendlerstadt
Maresfield in Sussex, und beinah immer fanden sie einen Vorwand, hinzufahren.
Au�er di Salis und einem betr�chtlichen Teil seines China-Archivs mu�te eine
kleine Armee von �bersetzern und Transskriptions-Spezialisten untergebracht
werden, ganz zu schweigen von den Technikern, Babysittern und einem
chinesischsprechenden Arzt. Es dauerte nicht l�ng, bis die B�rger des Orts sich
bei der Polizei lautstark �ber den Zustrom von Japanern beklagten. Die
Regionalzeitung schrieb, es handle sich um eine Tanztruppe auf Tournee. Der Tip
stammte von den Housekeepers.</p><p>Jerry
hatte nichts im Hotel abzuholen, und zudem hatte er �berhaupt kein Hotel, aber
er sch�tzte, da� er eine Stunde Zeit haben w�rde, um sich aus dem Staub zu
machen. Er zweifelte nicht daran, da� die Amerikaner die ganze Stadt
abgeriegelt hatten, und er wu�te, nichts w�rde - falls London es verlangen
sollte - f�r Major Masters einfacher sein, als Jerrys Namen und
Personenbeschreibung als die eines amerikanischen Deserteurs, der mit falschem
Pa� reiste, �ber den Rundfunk durchzugeben. Daher lie� er das Taxi, sobald es
weit genug vom Tor entfernt war, zum s�dlichen Stadtrand fahren, dann wartete
er eine Weile, nahm ein zweites Taxi und dirigierte es nach Norden. Feuchter
Nebel hing �ber den Reisfeldern, und die schnurgerade Stra�e lief endlos in
diesen Nebel hinein. Aus dem Radio leierten die Stimmen von Thaifrauen, es
klang wie ein langgezogener, nicht endender Kinderreim. Sie fuhren an einer
elektronischen �berwachungsanlage der Amerikaner vorbei, einem kreisf�rmigen
Drahtzaun von einer Viertelmeile Durchmesser, der im Nebel schwamm und bei den
Einheimischen der Elefantenk�fig hie�. Der Umkreis war mit riesigen Pf�hlen
abgesteckt, und in der Mitte brannte, umgeben von Spinnennetzen aus gespanntem
Draht, ein einzelnes h�llisches Licht wie die Verhei�ung eines k�nftigen
Krieges. Er hatte geh�rt, hier hausten zw�lfhundert Sprachenstudenten, aber
keine Menschenseele war zu sehen. Er brauchte Zeit, und es gelang ihm sogar,
sich mehr als eine Woche zu verschaffen. Sogar jetzt brauchte er so viel Zeit,
um zu sich selbst zu kommen; denn im Herzen war Jerry Soldat und dachte mit den
F��en. <strong><emphasis>Im Anfang war die Tat, </emphasis></strong>pflegte
Smiley, wenn er in seiner Predigerstimmung war, aus einem seiner deutschen
Dichter zu zitieren. F�r Jerry war diese schlichte Maxime zur S�ule seiner
unkomplizierten Philosophie geworden. Was man denkt, ist jedermanns
Privatsache. Wichtig ist, was man tut.</p><p>Als er am
fr�hen Abend den Mekong erreichte, suchte er sich ein Dorf und streunte ein
paar Tage lang m��ig am Flu�ufer entlang, schleppte seine Umh�ngetasche und
kickte mit den Zehen seines Wildlederstiefels leere Coca-Cola-Dosen vor sich
her. Jenseits des Flusses, hinter den braunen Bergen, die wie Ameisenh�gel
aussahen, lag der Ho-Chi-Minh-Pfad. Er hatte einmal von genau dieser Stelle aus
beobachtet, wie eine B 52 drei Meilen entfernt in Zentral-Laos angriff. Er
erinnerte sich, wie der Boden unter seinen F��en geschwankt, der Himmel sich
geleert und gebrannt hatte, und ihm wurde bewu�t, einen Augenblick lang klar
bewu�t, was es bedeutete, mittendrin zu sein.</p><p>Noch in
der gleichen Nacht hieb Jerry Westerby, um seine eigene Redewendung zu
gebrauchen, t�chtig auf die Pauke, ziemlich genau so, wie die Housekeepers es
von ihm erwarteten, wenn auch unter etwas anderen Umst�nden. In einer Bar am
Flu�, wo eine Musikbox alte Weisen pl�rrte, trank er Schwarzmarktwhisky aus dem
PX, Nacht f�r Nacht, bis das Vergessen sich einstellte, f�hrte eines der
lachenden M�dchen nach dem anderen die unbeleuchtete Treppe in ein sch�biges
Schlafzimmer hinauf, bis er schlie�lich dort wirklich einschlief und nicht mehr
herunterkam. Erwachte er dann ruckartig und mit relativ klarem Kopf in der
Morgend�mmerung am Kr�hen der H�hne und dem L�rm auf dem Flu�, so zwang er
sich, lang und liebevoll an seinen Kumpel und Mentor George Smiley zu denken.
Es war ein reiner Willensakt, beinah ein Akt des Gehorsams. Er wollte ganz
einfach die Glaubensartikel seines Credos hersagen, und sein Credo war bisher
der gute alte George gewesen. Die Leute in Sarratt haben viel Verst�ndnis f�r
die Motive eines Au�enagenten, und gar nichts �brig f�r den augenrollenden
Fanatiker, der mit den Z�hnen knirscht und �Ich hasse den Kommunismus� bl�kt.
Wenn er ihn so sehr ha�t, argumentieren sie, dann d�rfte er bereits in ihn
verliebt sein. Was sie wirklich gern hatten - und Jerry entsprach dieser
Vorstellung -, war ein Mann, der nicht lang faselte, der seine Arbeit liebte
und wu�te - obwohl er um Himmels willen kein gro�es Trara darum machen sollte
-, da� <strong><emphasis>wir </emphasis></strong>recht
haben. Wobei <strong><emphasis>wir </emphasis></strong>ein
notwendigerweise dehnbarer Begriff ist, aber f�r Jerry bedeutete er George und
damit basta.</p><p>Alter
George. Super. Guten Morgen.</p><p>Er sah ihn
vor sich, so, wie er sich am liebsten an ihn erinnerte: bei ihrer ersten
Begegnung in Sarratt kurz nach dem Krieg. Jerry war noch ein untergeordneter
Dienstgrad bei der Army, - seine Dienstzeit war fast abgelaufen, Oxford drohte,
und er langweilte sich t�dlich. Es war ein Kursus f�r Gelegentliche: f�r Leute,
die schon kleine Proben ihrer Geschicklichkeit geliefert hatten, ohne formell
auf die Gehaltsliste des Circus zu kommen und als Reservetruppe geschliffen
wurden. Jerry hatte sich bereits um eine regul�re Anstellung beworben, aber die
Personalabteilung des Circus hatte ihn abgelehnt, was seine Stimmung auch nicht
gerade hob. Als daher Smiley mit Wintermantel und Brille in die �lbeheizte
Unterrichtsbaracke gewatschelt kam, hatte Jerry innerlich einen Seufzer
ausgesto�en und sich auf weitere f�nfzig Minuten g�hnender Langeweile gefa�t
gemacht - auf geeignete Pl�tze f�r tote Briefk�sten vermutlich - anschlie�end
einen geheimen Streifzug durch die Umgebung von Rickmannsworth, bei dem es
galt, hohle Baumst�mme auf Friedh�fen auszumachen. Es gab gro�e Heiterkeit, als
die Hausverwaltung sich abm�hte, das Lesepult niedriger zu schrauben, damit
George dar�ber wegsehen k�nne. Schlie�lich stellte er sich ein bi�chen nerv�s
daneben und erkl�rte, sein Thema heute nachmittag laute: �Probleme der F�hrung
von Kurierverbindungen innerhalb feindlichen Territoriums�. Langsam d�mmerte
es Jerry, da� Smiley nicht aus B�chern lehrte, sondern aus Erfahrung: da�
dieser eulenhafte kleine Pedant mit der sch�chternen Stimme und der
zwinkernden, wie um Entschuldigung bittenden Erscheinung drei Jahre in einer
deutschen Provinzstadt durchgehalten hatte, die F�den eines sehr bedeutenden Netzes
in der Hand, w�hrend er st�ndig darauf wartete, da� ein Stiefel durch die
T�rf�llung fahren oder ein Pistolenknauf auf sein Gesicht niedersausen w�rde
und er die Freuden eines Verh�rs genie�en d�rfte. Als der Vortrag vorbei war,
wollte Smiley ihn sprechen. Sie trafe sich in der Ecke eines leeren Lokals,
unter den Hirschgeweihen, wo die Scheiben f�r das Pfeilwerfen hingen.</p><p>��Es tut
mir so leid, da� wir Sie nicht nehmen konnten�, sagte Smiley. �Ich glaube, wir
waren der Ansicht, Sie h�tten zuerst noch ein bi�chen mehr Zeit <strong><emphasis>drau�en </emphasis></strong>n�tig.� Was hei�en sollte, da� er unreif sei. Zu
sp�t erinnerte Jerry sich, da� Smiley zu den wortlosen Mitgliedern des
Pr�fungsausschusses geh�rt hatte, von dem er abgelehnt worden war. �Vielleicht,
wenn Sie Ihr Studium abschlie�en und es auf einem anderen Gebiet zu einigem
Erfolg bringen k�nnten, w�rde man es sich anders �berlegen. Bleiben Sie in
Verbindung, ja?� �</p><p>Und
seitdem war der alte George auf die eine oder andere Art eigentlich immer
dagewesen. Nie �berrascht, nie ungeduldig hatte der alte George Jerrys Leben
gelenkt, bis es dem Circus geh�rte. Das v�terliche Imperium brach zusammen:
George wartete mit ausgestreckten H�nden, um ihn aufzufangen. Seine Ehen scheiterten:
George sa� n�chtelang bei ihm und hielt ihm den Kopf. �Ich war diesem Amt immer
dankbar, da� es mir Gelegenheit gibt, abzuzahlen�, hatte Smiley gesagt. �Ich
bin �berzeugt, da� wir so empfinden sollten. Ich glaube nicht, da� wir uns
davor f�rchten sollten, uns . . . aufzuopfern. Ist das altmodisch von mir?�</p><p>�Sie
deuten in die Richtung, und ich zieh los�, hatte Jerry erwidert. �Sie geben mir
die Schl�ge an, ich f�hre sie aus.� Noch war es Zeit. Er wu�te es. Zug nach
Bangkok, hopp rein in ein Flugzeug und heimfliegen, und das Schlimmste, was ihm
passieren konnte, war, da� sie ihm t�chtig den Kopf waschen w�rden, weil er f�r
ein paar Tage ohne Erlaubnis von Bord gegangen war. <strong><emphasis>Heim, </emphasis></strong>dachte er. Bi�chen schwierig. Heim in die Toskana
und in die g�hnende Leere auf dem H�gel, ohne die Waise? Heim zur alten Pet,
sich wegen der kaputten Tasse entschuldigen? Heim zum lieben alten Stubbsi,
Desk-Jockey spielen mit Zust�ndigkeit f�r abgelehnte Manuskripte? Oder heim in
den Circus: �Wir nehmen an, in der Bankabteilung f�hlen Sie sich am wohlsten.�
Oder sogar - gro�artiger Gedanke - heim nach Sarratt, als Ausbilder, Herzen und
Seelen der Neuen erobern, und verbotene Abstecher in eine Maisonettewohnung in
Watford unternehmen.</p><p>Am dritten
oder vierten Morgen wachte er sehr fr�h auf. �ber dem Flu� erschien das erste
Tageslicht, f�rbte ihn zuerst rot, dann orange, dann braun. Eine Familie von
Wasserb�ffeln watete im Schlamm, ihre Glocken bimmelten. In der Mitte der
Str�mung waren drei Sampans durch ein langes und kompliziertes Schleppnetz
verbunden. Er h�rte ein Zischen und sah ein Netz sich verkn�ueln, dann wie
Hagel auf das Wasser klatschen. Ich bin nicht hier, weil mir eine Zukunft
fehlt, dachte er. Ich bin hier, weil ich keine Gegenwart habe.</p><p><strong><emphasis>Heim </emphasis></strong>ist das, wo du hingehst, wenn du kein Heim mehr hast,
dachte er. Womit ich bei Lizzie w�re. Verzwickte Sache. Verschieben wir's auf
sp�ter. Erst mal fr�hst�cken. Als er auf dem Teakholzbalkon sa� und Eier und
Reis mampfte, erinnerte er sich, wie George ihm die Nachricht �ber Haydon
beigebracht hatte. El Vino's Bar, Fleet Street, regnerischer Mittag. Jerry war
nie f�hig gewesen, jemand lange Zeit zu hassen, und nachdem der erste Schock
vorbei war, gab es kaum noch etwas zu sagen.</p><p><strong><emphasis>�Well, </emphasis></strong>hat keinen Sinn, in den Schnaps zu flennen, wie,
altes Haus? K�nnen das Schiff nicht den Ratten �berlassen. Weiterk�mpfen ist
das einzige.�</p><p>Smiley
stimmte zu: ja, das war das einzige, weiterk�mpfen, dankbar f�r die
Gelegenheit, abzuzahlen. Jerry hatte sogar einen seltsamen Trost in der
Tatsache gefunden, da� Bill zum Clan geh�rte. Er hatte, auf seine unartikulierte
Weise, nie ernstlich daran gezweifelt, da� sein Land sich im Zustand
unwiderruflichen Niedergangs befinde und da� seine eigene Klasse die Schuld an
der Katastrophe trug.</p><p>�Wir haben
Bill <strong><emphasis>gemacht�, </emphasis></strong>lautete
sein Argument, �also ist es nur recht, da� wir seinen Verrat ausbadei m�ssen.�
Bezahlen hie� das. Bezahlen. Was der alte George schon die ganze Zeit tat.</p><p>Wieder
bummelte Jerry den Flu� entlang, atmete die freie warme Luft und lie� flache
Steine �ber das Wasser flitzen.</p><p>Lizzie, dachte
er. Lizzie Worthington, Ausrei�erin aus der Vorstadt, Ricardos Sch�lerin und
Spielball. Charlie Marshalls gro�e Schwester und gro�e Mutter und unerreichbare
Hure. Drake Kos gefangener Vogel. Meine Tischgef�hrtin vier ganze Stunden lang.
Und f�r - Sam Collins - um nochmals auf diese Frage zur�ckzukommen - was war
sie f�r ihn gewesen? F�r Mr. Mellon, Charlies �schmierigen englischen Kaufmann�
von vor eineinhalb Jahren, war sie der Kurier gewesen, der Heroin nach Hongkong
schaffte. Aber sie war mehr als das gewesen. Irgendwann hatte Sam den Vorhang
ein St�ckchen gel�ftet und ihr gesagt, er arbeite f�r K�nigin und Vaterland.
Eine frohe Botschaft, die Lizzie umgehend ihrem bewundernden Freundeskreis
mitteilte. Was Sam erz�rnte, so da� er sie fallenlie� wie eine hei�e Kartoffel
und sie schlie�lich als eine Art Lockziege verwendete. Als K�der auf Bew�hrung.
In einer Hinsicht am�sierte dieser Gedanke Jerry sehr, denn Sam geno� den Ruf
eines Staragenten, w�hrend Lizzie Worthington den Star einer Demonstration in
Sarratt h�tte abgeben k�nnen, Titel: �Urtyp der Frau, die man niemals anwerben
darf, solange sie noch sprechen oder atmen kann.� Weniger am�sant war die
Frage, was sie <strong><emphasis>jetzt </emphasis></strong>f�r Sam
bedeutete. Warum lauerte er in ihrem Schatten wie ein geduldiger M�rder und
l�chelte sein gu�eisernes L�cheln? Diese Frage machte Jerry arg zu schaffen.
Kurzum, er war von ihr besessen. Er wollte einfach nicht, da� Lizzie noch einen
weiteren Reinfall erlebte. Wenn sie von Kos Bett irgendwo anders hinginge, dann
sollte es Jerrys Bett sein. Immer wieder einmal - seit er sie zum erstenmal
gesehen hatte - hatte er sich ausgemalt, wie gut Lizzie die kr�ftige Luft der
Toskana bekommen w�rde. Es war ihm zwar nicht klar, was es mit Sams Anwesenheit
in Hongkong auf sich hatte und was der Circus auf l�ngere Sicht mit Drake Ko
plante, aber eins - und dies war der Angelpunkt der ganze Sache - wu�te er
genau: da� er, wenn er in diesem Moment nach London abzischen w�rde, anstatt
Lizzie auf seinem wei�en Renner zu entf�hren, er sie auf einer sehr gro�en
Bombe sitzend zur�cklie�. Was f�r ihn nicht in Frage kam. Zu anderen Zeiten
h�tte er vielleicht die L�sung dieses Problems den Eulen �berlassen, wie so
manches andere in seinem fr�heren Leben. Aber jetzt waren nicht andere Zeiten.
Diesmal zahlten die Vettern die Zeche, wie er wu�te, und wenn Jerry auch weiter
nichts gegen die Vettern hatte, so machte ihre Anwesenheit das Spiel doch
bedeutend rauher. Und deshalb spielten seine vagen Vorstellungen von Georges
Menschlichkeit in diesem Fall keine Rolle.</p><p>Au�erdem
hing er an Lizzie. �ber die Ma�en. Hier waren seine Gef�hle klar und eindeutig.
Er sehnte sich nach ihr mit allen Fasern. Sie war ein Verlierer, wie fr, und
erliebte sie. Er hatte �ber alles nachgedacht und den Schlu�strich gezogen, und
war, nach tagelangem Hinundher�berlegen zu diesem genauen, unab�nderlichen
Resultat gelangt. Es erschreckte ihn ein wenig, aber es gefiel ihm ungemein.</p><p>Gerald
Westerby, ermahnte er sich. Du warst bei deiner Geburt anwesend. Du warst bei
deinen verschiedenen Eheschlie�ungen anwesend und bei einigen deiner
Scheidungen, und mit Sicherheit wirst du bei deiner Beerdigung anwesend sein.
H�chste Zeit, unserer wohlerwogenen Meinung nach, da� du auch einmal an
gewissen anderen entscheidenden Wendepunkten deiner Lebensgeschichte anwesend
bist.</p><p>Er fuhr
mit einem Bus ein paar Meilen flu�aufw�rts, ging dann ein St�ck zu Fu�, fuhr in
Rikschas, sa� in Kneipen, ging mit den M�dchen ins Bett und dachte nur an
Lizzie. Der Gasthof, in dem er logierte, war voller Kinder, und als er eines
Morgens erwachte, sa�en zwei von ihnen auf seinem Bett, staunten �ber die
gewaltig langen Beine des <strong><emphasis>farang </emphasis></strong>und
kicherten dar�ber, wie seine nackten F��e unten hervorguckten. Vielleicht
bleibe ich einfach hier, dachte er. Aber das meinte er nicht ernst, denn er
wu�te, da� er zur�ck mu�te und sie fragen: auch wenn die Antwort nur blauer
Dunst sein w�rde. Er lie� f�r die Kinder Papierflugzeuge vom Balkon segeln, und
sie klatschten in die H�nde und tanzten und sahen zu, wie die papierenen V�gel
davonschwebten.</p><p>Er fand
einen Schiffer, und als es Abend wurde, lie� er sich nach Vientiane �bersetzen
und vermied so die Einreiseformalit�ten. Am n�chsten Morgen schummelte er sich,
ebenfalls ohne Formalit�ten, an Bord einer au�erplanm��igen Royal Air LaoDC <strong>8, </strong>und am Nachmittag war er auf dem Flug, einen k�stlichen
warmen Whisky in der Hand, und plauderte fr�hlich mit ein paar freundlichen
Opiumschmugglern. Als sie landeten, fiel schwarzer Regen, und die Fenster des
Flughafenbusses waren dreckverschmiert. Jerry war das egal. Zum erstenmal in
seinem Leben war die R�ckkehr nach Hongkong f�r ihn, als k�me er endlich doch
noch nach Hause.</p><p>Trotzdem
verhielt sich Jerry in der Ankunftshalle �u�erst vorsichtig. Nur nicht auffallen,
sagte er sich, nie mehr auffallen. Die wenigen Ruhetage hatten f�r seine
Geistesgegenwart Wunder getan. Nachdem er sich gr�ndlich umgesehen hatte, begab
er sich in �Herren� anstatt zum Einreiseschalter und blieb dort, bis ein gro�er
Trupp japanischer Touristen eintraf, dann rannte er zu ihnen hin und fragte, ob
jemand von ihnen Englisch spreche. Er suchte sich vier Leute aus, denen er
seinen Presseausweis aus Hongkong unter die Nase hielt, und w�hrend sie
Schlange standen und auf die Pa�kontrolle warteten, best�rmte er sie mit Fragen
�ber den Grund ihres Hierseins und �ber ihre Pl�ne, was sie unternehmen wollten
und mit wem, und schrieb wie rasend auf seinen Notizblock, dann wandte er sich
an die n�chsten vier und wiederholte das Ganze. Inzwischen wartete er ab, bis
die diensthabenden Polizisten abgel�st wurden. Um vier Uhr war es soweit, und
sofort st�rzte er zu einer T�r mit der Aufschrift �Kein Zutritt�, die er
bereits fr�her ausgemacht hatte. Er ballerte an die F�llung, bis ihm ge�ffnet
wurde, und machte Miene, hindurchzugehen.</p><p>�Wo zum
Teufel wollen Sie hin?�fragte ein emp�rter schottischer Polizeiinspektor.</p><p>�Heim zum
K�sebl�ttchen, altes Haus. Mu� den Quark �ber unsere reizenden japanischen
Besucher abliefern.� Er zeigte seinen Presseausweis vor.</p><p>�Gehn Sie
gef�lligst durch die verdammte Sperre, wie alle anderen.�</p><p>�Seien Sie
doch nicht stur. Ich hab' meinen Pa� nicht bei mir. Deshalb hat mich Ihr
vortrefflicher Kollege vorhin hier durchgelassen.�</p><p>Seine
Gr��e, sein sicherer Ton, seine eindeutig britische Erscheinung, sein
gewinnendes L�cheln verschafften ihm f�nf Minuten sp�ter einen Platz im Bus zur
Stadt. Vor seinem H�userblock tr�delte er eine Weile herum, sah jedoch keine
verd�chtige Gestalt, aber hier war China, und wer konnte da wissen? Der Lift
leerte sich wie �blich f�r ihn. Im Hinauffahren summte er Deathwishs einzige
Platte, in der Vorfreude auf ein hei�es Bad und frische Kleider. An der
Wohnungst�r erlebte er einen gelinden Schrecken, als er die kleinen
Holzst�ckchen, die er eingeklemmt hatte, auf dem Boden liegen sah, aber dann
fiel ihm Luke ein, und er l�chelte bei dem Gedanken, ihn wiederzusehen. Er
schlo� die T�r auf und h�rte in diesem Moment drinnen ein Summen, ein monotones
Dr�hnen, das von einer Klimaanlage h�tte stammen k�nnen, aber nicht von der in
Deathwishs Wohnung, da sie zu schwach und unzul�nglich war. Dieser Idiot von
Luke hat den Plattenspieler nicht abgestellt, dachte er, und jetzt ist er am
Durchbrennen. Dann dachte er: ich tue Luke unrecht, es ist dieser K�hlschrank.
Dann �ffnete er die T�r und sah Lukes Leiche auf dem Fu�boden liegen. Der Kopf
war zur H�lfte in St�cke geschossen, und f�nfzig Prozent aller Fliegen
Hongkongs umschw�rmten ihn. Jerry fiel nichts Besseres ein - nachdem er schnell
die T�r hinter sich geschlossen und das Taschentuch vor den Mund gepre�t hatte
- als in die K�che zu rennen, f�r den Fall, da� dort noch jemand w�re. Dann
kehrte er in den Wohnraum zur�ck, schob Lukes F��e beiseite, stemmte das
Bodenbrett hoch, unter dem er seine verbotene Waffe und seinen Fluchtbeutel
versteckt hatte, und stopfte alles in seine Taschen, ehe er sich erbrach.</p><p>Nat�rlich,
dachte er. Deshalb war Ricardo so felsenfest �berzeugt, da� der Pferdeschreiber
tot sei.</p><p>Wir sind
schon ein ganzer Club, dachte er, als er wieder drau�en auf der Stra�e stand
und Wut und Schmerz ihm in Ohren und Augen h�mmerte. Nelson Ko ist tot, aber er
regiert China. Ricardo ist tot, aber Drake Ko sagt, er k�nne am Leben bleiben,
solange er sich auf der Schattenseite der Stra�e halte. Jerry Westerby, der
Pferdeschreiber, ist auch mausetot, nur da� Kos bl�der, verdammter, dreckiger
Schweinehund von Leibw�chter, Mr. Schei�-Tiu, so d�mlich gewesen war, das
falsche Rundauge abzuknallen.</p><p><strong/></p><p><emphasis>Die
Goldmakrele </emphasis></p><empty-line/><p>Das Innere
des amerikanischen Konsulats in Hongkong h�tte bis hin zum allgegenw�rtigen
falschen Rosenholz, der falschen Liebensw�rdigkeit, den Flughallensesseln und
dem herzerquickenden Portr�t des Pr�sidenten, auch wenn es diesmal Ford war,
das Innere des Annex' sein k�nnen. Willkommen im Spukhaus, dachte Giullam. Die Abteilung,
in der sie arbeiteten, hie� Die Isolierstation und hatte einen eigenen Ausgang
zur Stra�e, den zwei Marineinfanteristen bewachten. Die Circusleute hatten
P�sse auf falsche Namen - Guillam hie� Gordon -, und w�hrend der Dauer ihres
Aufenthalts sprachen sie, au�er am Telefon, mit keinem anderen Menschen
innerhalb des Geb�udes. �Wir sind nicht nur offiziell inexistent, Gentlemen�,
hatte Martello w�hrend der Lagebesprechung stolz erkl�rt, �wir sind auch
unsichtbar.� So sei es gedacht, sagte er. Der amerikanische Generalkonsul
w�rde dem Gouverneur mit der Hand auf der Bibel schw�ren k�nnen, da� sie nicht
hier seien und sein eigenes Personal von der ganzen Sache nichts wisse, sagte
Martello. �Keiner hat was gesehen oder geh�rt.� Danach hatte er George Platz
gemacht, denn: �George, das hier ist Ihre Show, von der Suppe bis zum
Nachtisch.�</p><p>Bergab
waren sie in f�nf Minuten im Hilton, wo Martello sie eingemietet hatte. Bergauf
h�tten sie zu Fu�, was ziemlich m�hsam gewesen w�re, zehn Minuten bis zu Lizzie
Worths Wohnblock gebraucht. Sie waren seit nunmehr f�nf Tagen hier, und jetzt
war es Abend, aber das war innen nicht festzustellen, denn ihre Arbeitsr�ume
hatten keine Fenster. Sie verf�gten �ber Landkarten, Seekarten und mehrere
Telefone, die von Martellos schweigsamen M�nnern, Murphy und seinem Kameraden,
bedient wurden. Martello und Smiley hatten je einen gro�en Schreibtisch.
Guillam, Murphy und sein Kollege teilten sich den Tisch mit den Telefonen, Fawn
hockte d�ster, wie ein gelangweilter Kritiker in der Pressevorf�hrung, in der
Mitte einer leeren Reihe von Kinost�hlen an der r�ckw�rtigen Wand, stocherte in
den Z�hnen, g�hnte, aber er scherte sich nicht raus, wie Guillam ihm wiederholt
nahelegte. An Craw war der Befehl ergangen, er solle sich v�llig fernhalten:
auf Tauchstation gehen. Smiley war seit Frosts Tod besorgt um ihn und h�tte ihn
lieber au�er Landes gebracht, aber der alte Knabe wollte nicht weg. Nun schlug
endlich auch den schweigsamen M�nnern die gro�e Stunde: �Unsere letzte
detaillierte Lagebesprechung�, hatte Martello es genannt. ��h, wenn es <strong><emphasis>Ihnen </emphasis></strong>recht ist, George.� Der blasse Murphy stand in
wei�em Hemd und blauer Hose auf dem Podium vor einer Wandkarte und las monoton
aus einem B�ndel Notizen. Die �brigen, einschlie�lich Smiley und Martello,
sa�en zu seinen F��en und lauschten zumeist wortlos. Murphy h�tte einen
Staubsauger beschreiben k�nnen, und gerade deshalb fand Guillam seine
Ausf�hrungen so hypnotisierend. Auf der Karte war haupts�chlich das Meer zu
sehen, nur oben und links hing der Spitzensaum der s�dchinesischen K�ste.
Hinter Hongkong sah man unter der Leiste, mit der die Karte befestigt war,
gerade noch die versprenkelten Au�enbezirke von Kanton, und in s�dlicher
Richtung von Hongkong, genau in der Mitte der Karte, eine gr�n umzogene Fl�che,
wie eine Wolke, die in vier Sektoren A, B, C und D aufgeteilt war. Dies, sagte
Murphy ehrfurchtsvoll, seien die Fischgr�nde, und das Kreuz in der Mitte sei
der Zentralpunkt, Sir. Murphy sprach ausschlie�lich zu Martello, ob es nun
Georges Show von der Suppe bis zum Nachtisch war oder nicht. �Sir, ausgehend
von Drakes letzter Ausreise aus China, Sir, haben wir, zusammen mit Navy Int.,
Sir -�</p><p>�Murphy,
Murphy�, unterbrach Martello ihn freundlich, �machen Sie's nicht so feierlich,
ja, mein Lieber? Wir sind hier nicht im Ausbildungslager, okay? G�rtel lockern,
ja, mein Sohn?�</p><p>�Sir,
erstens: das Wetter�, sagte Murphy, v�llig taub gegen Martellos Vorschlag.
�April und Mai sind die �bergangsmonate, Sir, zwischen den Nordost-Monsunen und
dem Einsetzen der S�dwest-Monsune. Die Wetterverh�ltnisse von einem Tag zum
anderen sind nicht vorherzusagen, aber es werden f�r die Fahrt keine extremen
Bedingungen erwartet.� Er benutzte den Zeigestock, um eine Linie von Swatow s�dw�rts
zu den Fischgr�nden zu ziehen, dann von den Fischgr�nden nordwestlich �ber
Hongkong und den Perlflu� aufw�rts nach Kanton.</p><p>�Nebel zu
erwarten?� fragte Martello.</p><p>�Nebel,
herrscht um diese Jahreszeit �blicherweise, und die voraussichtliche Bew�lkung
ist sechs bis sieben Oktas, Sir.�</p><p>�Was zum
Kuckuck ist ein Okta, Murphy?�</p><p>�Ein Okta
ist ein Achtel der bedeckten Himmelsfl�che, Sir. Die Oktas ersetzen die
fr�heren Zehntel. Taifune im April wurden seit �ber f�nfzig Jahren nicht
registriert, und Navy Int. h�lt Taifune f�r unwahrscheinlich. Wind aus
�stlicher Richtung, neun bis zehn Knoten, aber eine Flotte, die unter Wind
geht, mu� sowohl mit Flauten wie mit Gegenwinden rechnen, Sir. Luftfeuchtigkeit
um achtzig Prozent, Temperaturen von f�nfzehn bis vierundzwanzig Grad Celsius.
Meer ruhig mit geringer D�nung. Str�mungen in der Gegend von Swatow zumeist
nord�stlich durch die Formosa-Stra�e mit etwa drei Seemeilen pro Tag. Aber
weiter westlich - auf <strong><emphasis>dieser </emphasis></strong>Seite, Sir
- �.</p><p>�Also <strong><emphasis>das </emphasis></strong>wei� ich selber, Murphy�, warf Martello barsch ein. �Ich
wei�, wo Westen ist, verdammt nochmal.� Dann grinste er zu Smiley hin�ber, als
wollte erjagen: �Diese neunmalklugen Gr�nschn�bel.�</p><p>Murphy war
nicht zu ersch�ttern. �Wir haben dabei den Geschwindigkeitsfaktor sowie die
Flottenbewegung an jedem Punkt ihrer Fahrt zu ber�cksichtigen, Sir.�</p><p>�Klar,
klar.�</p><p>�Der Mond,
Sir�, fuhr Murphy fort. �Angenommen, die Flotte hat Swatow in der Nacht vom
Freitag, dem 25. April, verlassen, so w�rde das drei Tage vor Vollmond sein -�</p><p>�Warum
wird das angenommen, Murphy?�</p><p>�Weil die
Flotte zu dieser Zeit in Swatow auslief, Sir. Wir bekamen vor einer Stunde die
Best�tigung von Navy Int., Sir. Dschunken-Kolonne gesichtet an �stlichem Rand
von Fischgrund C, bewegt sich langsam im Wind Richtung Westen, Sir. Eindeutige
Identifizierung der F�hrungsdschunke best�tigt.� Knisternde Stille. Martello
lief rot an.</p><p>�Sie sind
ein cleverer Junge, Murphy�, sagte Martello in warnendem Ton. �Aber Sie h�tten
mir das ein wenig fr�her mitteilen sollen.�</p><p>�Ja, Sir.
Ferner angenommen, da� die Dschunke mit Nelson Ko an Bord in der Nacht des 4.
Mai in den Gew�ssern von Hongkong eintreffen soll, so wird der Mond im letzten
Viertel stehen, Sir. Wenn wir auch hier von unserem Pr�zedenzfall ausgehen . .
. �</p><p>�Das tun
wir�, sagte Smiley fest. �Die Flucht wird die genaue Wiederholung von Drakes
Reise im Jahr einundf�nfzig sein.� Wiederum zog niemand seine Worte in Zweifel,
wie Guillam feststellte. Warum nicht? Es war h�chst verwirrend. � . . . dann
erreicht unsere Dschunke die s�dlichste Au�eninsel Po Toi morgen um zwanzig Uhr
und trifft mit der Flotte droben am Perlflu� rechtzeitig zusammen, um am
folgenden Tag zwischen zehn Uhr drei�ig und zw�lf Uhr im Hafen von Kanton
einzulaufen, am 5. Mai, Sir.</p><p>W�hrend
Murphy weiterleierte, linste Guillam verstohlen zu Smiley hin�ber und dachte,
wie schon so oft, da� er ihn bis zum heutigen Tag nicht besser kenne als zur
Zeit ihrer ersten Begegnung, damals in den dunklen Tagen des Kalten Kriegs in
Europa. Wohin verschwand er zu den unm�glichsten Tageszeiten? Wollte er in
Ruhe von Ann tr�umen? Von Karla? In welcher Gesellschaft hatte er sich bewegt,
wenn er um vier Uhr morgens ins Hotel zur�ckkehrte? George wird doch nicht
einen zweiten Fr�hling durchmachen, dachte er. Gestern Nacht um elf war ein
Aufschrei aus London eingetroffen, und Guillam war hier heraufgetrabt, um ihn
in Empfang zu nehmen. Westerby abg�ngig, hie� es. London f�rchtete, Ko habe ihn
ermordet oder, noch schlimmer, entf�hrt und gefoltert, und somit w�rde das
Unternehmen platzen. Guillam hielt es f�r wahrscheinlicher, da� Jerry sich auf
dem Weg nach London mit ein paar Flughostessen irgendwo ein Nest gebaut hatte,
aber der Dringlichkeitsvermerk lie� ihm keine Wahl, er mu�te Smiley wecken und
ihm Mitteilung machen. Er rief in Smileys Hotelzimmer an und erhielt keine
Antwort, also machte er sich auf und h�mmerte an Smileys T�r, und schlie�lich
blieb ihm nichts anderes �brig, als das Schlo� zu knacken, denn jetzt hatte die
Panik von Guillam Besitz ergriffen: er glaubte, Smiley sei krank geworden. Aber
Smileys Zimmer war leer, das Bett unber�hrt, und als Guillam ein bi�chen
herumst�berte, entdeckte er fasziniert, da� der alte Au�enmann sich die M�he
gemacht hatte, falsche Monogramme in seine Hemden zu n�hen. Das war aber auch'
alles, was er entdeckte. Er setzte sich also in Smileys Sessel, d�ste ein und
erwachte erst um vier Uhr durch ein winziges Ger�usch. Er schlug die Augen auf
und sah Smiley, der sich �ber ihn beugte und ihn aus zwanzig Zentimeter
Entfernung anlinste. Wie er so lautlos ins Zimmer gelangt war, wu�te Gott
allein. �Gordon?� fragte Smiley leise. �Was kann ich f�r Sie tun?�, denn sie
kannten sich nat�rlich rein beruflich und mu�ten annehmen, da� die Zimmer mit
Wanzen versehen waren. Deshalb sagte Guillam auch nichts, sondern �berreichte
Smiley nur den Umschlag mit Connies Botschaft, die er las, nochmals las und
dann verbrannte. Guillam war beeindruckt, wie ernst er die Meldung nahm.
Ungeachtet der fr�hen Morgenstunde bestand er darauf, sofort zum Konsulat zu
gehen und alles N�tige zu veranlassen, also ging Guillam mit ihm und trug sein
Gep�ck. �Lehrreicher Abend?� fragte Guillam leichthin, als sie die kurze
Strecke h�gelan marschierten.</p><p>�Oh, in
etwa, vielen Dank, in etwa�, erwiderte Smiley, ehe er wieder einmal verschwand,
und das war alles, was Guillam oder irgend jemand sonst �ber seine n�chtlichen
oder sonstigen Wanderungen aus ihm herausbringen konnte. W�hrend Guillam �ber
all das nachdachte, hatte Smiley mit harten Daten zum anh�ngigen Unternehmen
aufgewartet, und zwar auf eine Weise, die keinerlei R�ckfragen duldete.</p><p>��h,
George, wir k�nnen uns darauf verlassen, wie?� hatte Martello bei Smileys
ersten Angaben gefragt. �Wie? Ja, ja, das k�nnen Sie.�</p><p>�Gro�artig.
Gro�artige Leistung, George. Ich bewundere Sie�, sagte Martello herzlich nach
einer weiteren ratlosen Pause, und danach nahmen sie es, wie es kam, sie hatten
keine andere Wahl. Denn niemand, nicht einmal Martello, wagte Smileys Autorit�t
anzuzweifeln.</p><p>�Das macht
wie viele Fischtage, Murphy?� fragte Martello jetzt. �Die Flotte wird sieben
Tage lang gefischt haben und hoffnungsfroh mit vollen Beh�ltern nach Kanton
kommen, Sir.�</p><p>�Pa�t das,
George?�</p><p>�Ja, o ja,
nichts hinzuzuf�gen, vielen Dank.� Martello fragte, um welche Zeit die Flotte
die Fischgr�nde verlassen m��te, damit Nelsons Dschunke morgen abend rechtzeitig
zum Rendezvous k�me.</p><p>�Ich habe
elf Uhr morgen vormittag angesetzt�, sagte Smiley, ohne von seinen Notizen
aufzublicken, �Ich auch�, sagte Murphy.</p><p>�Diese
Ausrei�erdschunke, Murphy�, sagte Martello mit einem weiteren ehrfurchtsvollen
Blick auf Smiley. �Ja, Sir�, sagte Murphy.</p><p>�Kann sie
sich so ohne weiteres von der Meute l�sen? Unter welcher Legende w�rde sie in
die Gew�sser von Hongkong einlaufen?�</p><p>�Passiert
st�ndig, Sir. Rotchinesische Dschunkenflotten arbeiten nach einem kollektiven
Fangsystem ohne R�cksicht auf die Einzelergebnisse, Sir. Folge ist, da� immer
wieder einzelne Dschunken bei Nacht ausbrechen, unbeleuchtet einlaufen und ihre
Fische an die Leute auf den Au�eninseln f�r gutes Geld verkaufen.�</p><p>Smiley
hatte sich zur Karte der Insel Po Toi an der anderen Wand umgewandt und hielt
den Kopf schr�g, um die vergr��ernde Wirkung seiner Brillengl�ser zu erh�hen.</p><p>�Mit
welchem Dschunkentyp haben wir's zu tun?� fragte Martello.</p><p>�Achtundzwanzig-Mann-Langleiner,
Sir, bek�dert f�r Haie, Goldmakrelen und Meeraale.�</p><p>�Hat Drake
auch diesen Typ benutzt?� fragte Martello.</p><p>�Ja�,
sagte Smiley, der noch immer auf die Karte blickte. �Ja, das hat er.�</p><p>�Und sie
kann so weit hereinkommen, wie? Vorausgesetzt, das Wetter tut mit?�</p><p>Wiederum
gab Smiley die Antwort. Bis auf den heutigen Tag hatte Guillam ihn im ganzen
Leben noch nicht einmal das Wort Boot aussprechen h�ren.</p><p>�Der
Tiefgang eines Langleiners betr�gt weniger als f�nf Faden�, erkl�rte er. �Die
Dschunke kann so nah herankommen, wie sie will, immer vorausgesetzt, da� die
See nicht zu rauh ist.� Fawn auf seiner Hinterbank lie� ein unb�ndiges Lachen
los. Guillam fuhr in seinem Sessel herum und schleuderte ihm einen m�rderischen
Blick zu. Fawn feixte und sch�ttelte den Kopf, er vermochte sich vor Freude
�ber die Allwissenheit seines Herrn und Meisters gar nicht zu fassen..</p><p>�Aus wie
vielen Dschunken besteht eine Flotte?� fragte Martello. �Zwanzig bis drei�ig�,
sagte Smiley. �Schach�, sagte Murphy schwach.</p><p>�Was wird
also unser Nelson machen, George? Sich an den Rand der Meute schieben, ein
bi�chen rumzockeln?�</p><p>�Er wird
zur�ckbleiben�, sagte Smiley. �Die Flotten formieren sich in Kiellinie. Nelson
wird seinen Skipper anweisen, die Nachhut zu bilden.�</p><p>�Gott
geb's�, murmelte Martello vor sich hin. �Murphy, welches sind die
traditionellen Erkennungszeichen?�</p><p>�Sehr
wenig bekannt in dieser Gegend, Sir. Die Bootsleute sind notorisch schwer zu
fassen. Haben keinen Respekt vor dem Seerecht. Drau�en auf dem Meer setzen die
Boote �berhaupt keine Lichter, schon aus Furcht vor den Piraten.�</p><p>Smiley war
wieder f�r die Welt gestorben. Er war in h�lzerne Starre versunken, und obwohl
seine Augen unverwandt auf die gro�e Seekarte blickten, war er im Geist, wie
Guillam wu�te, �berall, nur nicht bei Murphys �den, statistischen Aufz�hlungen.</p><p>Nicht so
Martello.</p><p>�Wie
umfangreich ist der gesamte K�stenhandel, Murphy?</p><p>��Sir, es
gibt keine Kontrollen und keine Angaben.</p><p>��Bestehen
Quarant�nekontrollen, wenn die Dschunken in die Gew�sser von Hongkong
einfahren, Murphy?� fragte Martello.</p><p>��Theoretisch
sollte jedes Fahrzeug anhalten und sich kontrollieren lassen, Sir.�</p><p>�Und in
der Praxis, Murphy?�</p><p>�Dschunken
haben ihre eigenen Gesetze, Sir. Technisch gesehen ist es den Dschunken
verboten, zwischen Victoria Island und Kowloon Point zu verkehren, Sir, aber
das letzte, was die Briten sich w�nschen, ist ein GekabbeL mit Festlandchina
wegen der Wegerechte. Verzeihung, Sir.�</p><p>�Keine Ursache�,
sagte Smiley h�flich und wandte den Blick nicht von der Karte. �Briten sind
wir, und Briten werden wir bleiben.� Es ist sein Karla-Gesicht. Das gleiche,
das er immer hat, wenn er das Foto ansieht. Sein Blick f�llt darauf, er ist
erstaunt und scheint es eine Weile zu studieren, die Konturen, die
verschwommenen, blicklosen Augen. Dann erlischt in seinen eigenen Augen langsam
das Licht und irgendwie auch die Hoffnung, und man sp�rt, da� er sich in
�u�erster Erregung in sich selber zur�ckzieht. �Murphy, sprachen Sie nicht
soeben von Positionslichtern?� fragte Smiley, wobei er den Kopf ein wenig
drehte, die Karte jedoch nicht aus den Augen lie�. �Ja, Sir.�</p><p>�Ich
erwarte, da� Nelsons Dschunke drei Lichter setzt�, sagte Smiley. �Zwei gr�ne
untereinander am Heckmast, und ein rotes Licht steuerbords.�</p><p>�Ja, Sir�,
sagte Murphy wieder.</p><p>Martello
versuchte, Guillams Blick zu erhaschen, aber Guillam spielte nicht mit.</p><p>�Vielleicht
aber auch nicht�, warnte Smiley nach einigem �berlegen. �Vielleicht setzt sie
�berhaupt keine Lichter und signalisiert erst, wenn sie ganz nah ist.�</p><p>Murphy
nahm seinen Vortrag wieder auf. Ein neues Kapitel: Nachrichtenverbindungen.</p><p>�Sir, zu
den Nachrichtenverbindungen ist zu sagen, da� nur wenige Dschunken ein eigenes
Funkger�t haben, aber fast alle haben einen Empf�nger. Gelegentlich kauft ein
Skipper ein Walkie-Talkie mit etwa einer Meile Reichweite, um das Trawlen zu
erleichtern, aber sie machen es schon so lange, da� sie einander kaum etwas
mitzuteilen haben d�rften. Ferner, wie sie ihren Weg finden, also dazu sagt
Navy Int., es grenze an ein Wunder. Wir haben zuverl�ssige Informationen,
wonach manche Langleiner mit Hilfe eines primitiven Kompasses navigieren oder
sogar nur mittels einer rostigen Alarmglocke ihren Kurs halten.�</p><p>�Murphy,
wie zum Teufel stellen sie <strong><emphasis>das </emphasis></strong>an?� rief
Martello. �Leine mit einem Bleilot und Wachs daran, Sir. Sie loten den Grund
aus, und an dem, was an dem Wachs h�ngen bleibt, erkennen sie, wo sie sind.�</p><p>�Na,
umst�ndlicher geht's wohl nicht mehr�, erkl�rte Martello. Ein Telefon
klingelte. Martellos zweiter Gehilfe nahm den H�rer ab, lauschte, dann legte er
die Hand �ber die Sprechmuschel. �Quarry Worth kommt gerade zur�ck, Sir�, sagte
er zu Smiley. �Observierte fuhr eine Stunde lang herum, jetzt hat sie den Wagen
hinter dem H�userblock abgestellt. Mac sagt, es h�rt sich an, als w�rde sie
Badewasser einlaufen lassen, also will sie vielleicht sp�ter noch ausgehen.�</p><p>�Und sie
ist allein�, sagte Smiley unbewegt. Es war eine Frage. �Ist sie allein in der
Wohnung, Mac?� Er lachte bellend auf. �W�rde dir so passen, du Halunke. Ja, <strong><emphasis>Sir, </emphasis></strong>die Dame ist ganz allein im Bad, und Mac sagt, wann
kriegen wir endlich Video. <strong><emphasis>Singt </emphasis></strong>die Dame
in der Badewanne, Mac?� Er legte auf. �Sie singt nicht.�</p><p>�Murphy,
weiter im Text�, fauchte Martello. Smiley sagte, er m�chte die Pl�ne f�r das
Eingreifen nochmals durchgehen.</p><p>�Klar
George! Bitte! Es ist doch Ihre Show!�</p><p>�Vielleicht
k�nnten wir uns nochmals der gro�en Karte der Insel Po Toi zuwenden, ja? Und
dann k�nnte Murphy es noch einmal Zug um Zug erkl�ren, wenn's recht ist.�</p><p>�Recht,
George, <strong><emphasis>recht!� </emphasis></strong>rief
Martello, und Murphy begann von neuem, jetzt wieder mit dem Zeigestock in der
Hand. �Die Posten von Navy Int. sind hier, Sir. In st�ndiger Wechselverbindung
mit der Basis, Sir. Keinerlei Posten innerhalb von zwei Seemeilen rings um die
Landezone. Navy Int. benachrichtigt die Basis, sobald Kos Jacht wieder Kurs auf
Hongkong nimmt, Sir. Eingreifen geschieht durch regul�res britisches
Polizeiboot, wenn Kos Jacht in den Hafen einl�uft. US liefert lediglich
operative Hilfestellung und h�lt sich bereit, falls unvorhergesehene Situation
eintreten sollte.�</p><p>Smiley
bekr�ftigte jedes Detail mit einem pedantischen Kopfnicken.</p><p>�So wie
die Dinge stehen, Marty�, warf er an einer Stelle ein, <strong><emphasis>�kann </emphasis></strong>Ko doch, wenn er Nelson einmal ah Bord hat,
nirgendwo anders hinfahren, wie? Po Toi liegt direkt an der Grenze der
chinesischen Hoheitsgew�sser. Also hei�t es f�r ihn: wir oder gar nichts.�</p><p>Eines
sch�nen Tages, dachte Guillam, w�hrend er zuh�rte, wird George eines von zwei
Dingen passieren. Entweder er h�rt auf, sich um alles Gedanken zu machen, oder
er geht an der Widerspr�chlichkeit des Ganzen zugrunde. Wenn er aufh�rt, sich
um alles Gedanken zu machen, ist er nur noch halb soviel wert. Wenn nicht, dann
w�rde ihm das Herz vor Anstrengung brechen, die Erkl�rung f�r unser Tun zu
finden. Smiley selber hatte einmal, in einem unseligen inoffiziellen Gespr�ch
mit seinem Stab, das Dilemma in Worte gefa�t, und Guillam bewahrte die
peinliche Erinnerung bis auf den heutigen Tag. Mit <strong><emphasis>unmenschlichen </emphasis></strong>Mitteln <strong><emphasis>unsere Menschlichkeit verteidigen, H�rte zeigen im Kampf um das
Mitgef�hl, Intoleranz im Kampf um unsere Meinungsvielfalt, </emphasis></strong>hatte er
gesagt. In einem regelrechten Protestmarsch hatten sie Mann f�r Mann den Raum
verlassen. Warum konnte George nicht einfach seine Arbeit tun und die Klappe
halten, anstatt sein Credo an die gro�e Glocke zu h�ngen und daran
herumzurubbeln, bis die schwachen Stellen zum Vorschein kamen? Connie hatte
Guillam sogar einen russischen Aphorismus ins Ohr gefl�stert, von dem sie
behauptete, er stamme von Karla. �Es wird keinen Krieg geben, nicht wahr,
Peter, <strong><emphasis>darling�, </emphasis></strong>hatte sie
tr�stend gesagt und seine Hand gedr�ckt, als er sie durch den Korridor st�tzte.
�Aber im Kampf um den Frieden wird kein Stein auf dem anderen bleiben. Recht
hat er gehabt, der alte Fuchs, aber wetten, da� das Collegium ihm auch hierf�r
keinen Dank wu�te.�</p><p>Ein Plumps
lie� Guillam herumfahren. Fawn hatte wieder einmal seinen Kinositz gewechselt.
Als Guillam ihn ansah, bl�hte Fawn die N�stern zu einer unversch�mten Grimasse.
�Er ist �bergeschnappt�, dachte Guillam schaudernd. Auch um Fawn sorgte Guillam
sich jetzt ernstlich, wenn auch aus anderen Gr�nden. Vor zwei Tagen hatte Fawn
in Guillams Anwesenheit einen widerlichen Zwischenfall verursacht. Smiley war
wie �blich allein ausgegangen. Um die Zeit totzuschlagen, hatte Guillam einen
Wagen gemietet und war mit Fawn zur chinesischen Grenze gefahren, wo Fawn �ber
die geheimnisvollen Berge gekichert und geprustet hatte. Auf der R�ckfahrt
mu�ten sie an einer Verkehrsampel irgendwo auf dem Land stoppen, als ein junger
Chinese auf einer Honda sich neben ihren. Wagen schob. Guillam sa� am Steuer,
Fawn neben ihm. Das Fenster auf Fawns Seite war heruntergedreht, er hatte die
Jacke ausgezogen und den linken Arm auf den Rahmen gest�tzt, so da� er die neue
goldene Armbanduhr bewundern konnte, die er sich in der Ladengalerie des Hilton
gekauft hatte. Als sie anfuhren, lie� es sich der Chinesenjunge zu seinem
Ungl�ck einfallen, nach der Uhr zu grabschen, aber Fawn war viel zu schnell f�r
ihn. Er packte seinerseits das Handgelenk des Jungen, hielt es fest und zog
ihn, der sich vergebens loszurei�en suchte, samt Honda neben dem Wagen her.
Guillam war etwa f�nfzig Yards gefahren, ehe er merkte, was vorging, dann hielt
er sofort an, worauf Fawn nur gewartet hatte. Fawn sprang heraus, ehe Guillam
ihn festhalten konnte, hob den Jungen aus dem Sattel der Honda, zerrte ihn an
den Stra�enrand und brach ihm beide Arme; dann kehrte er l�chelnd zum Wagen
zur�ck. Da Guillam Heidenangst vor einem Skandal hatte, fuhr er schleunigst
weg, w�hrend der Junge schreiend zur�ckblieb und seine herabbaumelnden Arme anstarrte.
Als sie in Hongkong ankamen, war Guillam fest entschlossen, Fawn unverz�glich
bei George zu verklagen, aber zu Fawns Gl�ck wurde es acht Uhr, ehe Smiley
auftauchte, und Guillam vermutete, da� George inzwischen f�r den Moment genug
habe. Wieder klingelte ein Telefon, diesmal das rote. Martello nahm den Anruf
pers�nlich entgegen. Er lauschte eine Weile und brach dann in lautes Lachen
aus.</p><p>�Sie haben
ihn gefunden�, sagte er zu Smiley und hielt ihm den H�rer hin.</p><p>�Wen?�</p><p>Der H�rer
schwebte zwischen ihnen.</p><p>�Ihren <strong><emphasis>Mann, </emphasis></strong>George. Ihren Weatherby.�</p><p>�Westerby�
berichtigte Murphy, und Martello schleuderte ihm einen giftigen Blick zu.</p><p>�Sie haben
ihn� sagte Martello.</p><p>�Wo ist
er?�</p><p>�Wo <strong><emphasis>war </emphasis></strong>er, wollen Sie sagen! George, er hat sich in zwei Puffs
droben am Mekong gr�ndlich ausgetobt. Wenn unsere Leute nicht �bertreiben, dann
ist er die hei�este Nummer, seit Barnums Elefantenbaby anno 49 die Stadt
verlie�!�</p><p>�Und wo
ist er jetzt, bitte?�</p><p>Martello
dr�ckte ihm den H�rer in die Hand. �Am besten lassen Sie sich die Meldung
selber vorlesen, okay? Er soll den Flu� �berquert haben oder so.� Er wandte
sich zu Guillam um und zwinkerte. �In Vientiane soll's auch ein paar Pl�tzchen
geben, wo er sich bet�tigen k�nnte�, sagte er und lachte lang und herzhaft,
w�hrend Smiley geduldig dasa�, den Telefonh�rer am Ohr.</p><p>Jerry
suchte sich ein Taxi mit zwei Seitenspiegeln und setzte sich neben den Fahrer.
In Kaulun mietete er bei der gr��ten Firma, die er finden konnte, einen Wagen.
Er zeigte den Fluchtpa� und den dazugeh�rigen F�hrerschein vor, weil er
blitzschnell �berlegt hatte, da� der falsche Name sicherer sein k�nnte, wenn
auch nur f�r eine Stunde. Als er die Midlevels hinauffuhr war es d�mmrig, es
regnete noch immer, und um die Neonlampen, die den Abhang beleuchteten,
schwebten riesige Monde. Er fuhr am amerikanischen Konsulat vorbei und zweimal
an Star Heights, in der vagen Erwartung, Sam Collins zu sehen, und beim
zweitenmal glaubte er mit Sicherheit, ihre Wohnung ausfindig gemacht zu haben.
Das Licht brannte: ein eleganter italienischer Kunstleuchter, soviel man sah,
hing hinter dem Panoramafenster, dreihundert Dollar Angabe. Auch das
Mattglasfenster des Badezimmers war erleuchtet. Als er zum drittenmal
vorbeikam, sah er sie, wie sie einen Umhang um die Schultern schlug, und sein
Instinkt oder etwas an der F�rmlichkeit ihrer Bewegung sagte ihm, da� sie sich
auch heute f�r einen abendlichen Ausgang r�stete, aber diesmal war sie in
gro�er Aufmachung.</p><p>Sooft er
sich den Gedanken an Luke erlaubte, legte sich ein schwarzer Schleier �ber
seine Augen, und er stellte sich vor, da� er etwas Edles, Sinnloses tun werde,
zum Beispiel Lukes Angeh�rige in Kalifornien anrufen oder den Zwerg im B�ro
oder sogar, zu welchem Zweck auch immer, den Rocker. Sp�ter, dachte er. Sp�ter,
so gelobte er sich, w�rde er Luke geb�hrend betrauern. Er glitt langsam die
Auffahrt des Hauses hinauf bis zum Fahrstreifen vor dem Parkplatz. Der
Parkplatz war dreireihig angelegt, und Jerry kurvte herum, bis er den roten
Jaguar entdeckte. Er stand in einer sicheren Ecke, die durch eine Kette
abgetrennt war, damit kein unvorsichtiger Nachbar dem funkelnden Lack zu nahe
kommen k�nnte. Das Steuerrad war mit imitiertem Leopardenfell bezogen. Sie kann
f�r den verdammten Wagen nicht genug tun. Sollte ein Kind kriegen, dachte er
w�tend, sich einen Hund kaufen oder M�use z�chten. Um ein Haar h�tte er die
K�hlerhaube eingedr�ckt, aber eben nur um jenes bewu�te Haar, das ihn �fter
zur�ckgehalten hatte, als er wahrhaben wollte. Wenn sie den Jaguar nicht
benutzt, dann schickt er ihr die Limousine, dachte er. Vielleicht sogar mit Tiu
als Bordsch�tzen. Oder er kommt pers�nlich. Oder sie putzt sich nur f�rs
abendliche Opferfest raus und geht �berhaupt nicht weg. Er w�nschte, es w�re
Sonntag. Craw hatte ihm einmal gesagt, da� Drake Ko die Sonntage im
Familienkreise verbringe und da� Lizzie sich den Tag allein vertreiben m�sse.
Aber es war nicht Sonntag, und er hatte auch nicht den guten alten Craw an
seiner Seite, der ihm h�tte sagen k�nnen, da� Ko gesch�ftlich verreist war, in
Bangkok oder in Timbuktu.</p><p>Dankbar,
da� der Regen sich in Nebel verwandelte, fuhr Jerry zur�ck zur Auffahrt und
fand an der Einm�ndung einen schmalen Randstreifen, wo er den Wagen so dicht an
der Barriere abstellte, da� die �brigen Verkehrsteilnehmer sich eben noch
vorbeidr�cken konnten, wenn auch schimpfend. Er schrammte die Barriere, aber
das war ihm egal. Von seinem Platz aus konnte er beobachten, wie die Leute den
H�userblock unter der gestreiften Markise betraten und verlie�en, die Autos von
der Hauptstra�e ab- oder in sie einbogen. Er empfand nicht das Bed�rfnis, sich
in acht zu nehmen. Er z�ndete sich eine Zigarette an. Die Limousinen rauschten
in beiden Richtungen an ihm vorbei, aber Kos Wagen war nicht darunter.
Manchmal, wenn ein Wagen sich an ihm vorbeizw�ngte, verlangsamte der Fahrer und
hupte oder fluchte, aber Jerry nahm keine Notiz davon. Alle paar Sekunden warf
er einen Blick in die Spiegel, und einmal, als eine plumpe Gestalt, die Tiu
h�tte sein k�nnen, verstohlen hinter ihm herangewatschelt kam, entsicherte er
sogar die Pistole in der Jackentasche, ehe er erkannte, da� der Mann weit
weniger muskul�s war als Tiu. Treibt vermutlich Spielschulden bei den pac-pai-Chauf
teuren ein, dachte er, als die Gestalt an ihm vorbeiging. Er dachte daran, wie
er mit Luke zusammen im Happy Valley war. Er dachte �berhaupt daran, wie er mit
Luke zusammen war. Er blickte noch immer in den Spiegel, als der rote Jaguar
hinter ihm aus der Parkplatzausfahrt auftauchte. Die Fahrerin war allein, das
Verdeck hochgeschlagen. Die eine M�glichkeit, an die er nicht gedacht hatte:
da� sie mit dem Lift direkt zum Parkplatz fahren und dort einsteigen k�nnte,
anstatt sich, wie damals, den Wagen vom Portier vor die T�r stellen zu lassen.
Als er hinter ihr herfuhr, warf er einen Blick nach oben und sah, da� das Licht
hinter ihren Fenstern noch immer brannte. War jemand in der Wohnung
zur�ckgeblieben? Oder wollte sie gleich wieder heimkommen? Dann dachte er, sei
blo� nicht �berschlau, sie verschwendet einfach Strom.</p><p>Als ich
zum letztenmal mit Luke sprach, sagte ich, er solle mir den Buckel
runterrutschen, dachte er, und als er zum letztenmal mit mir sprach, sagte er,
da� er mich Stubbsi gegen�ber gedeckt habe. Sie fuhr jetzt bergab in Richtung
Stadt. Er hielt sich hinter ihr, und eine ganze Weile folgte ihm kein anderes
Fahrzeug, was ungew�hnlich war, aber diese Stunden waren �berhaupt ungew�hnlich,
und der Sarratt-Mann in ihm starb schneller, als er folgen konnte. Sie peilte
den hellsten Teil der Stadt an. Er vermutete, da� er sie noch immer liebte,
wenngleich er gerade jetzt in der Stimmung war, jedem Menschen alles
Erdenkliche zuzutrauen. Er hielt sich dicht hinter ihr, denn er erinnerte sich
daran, da� sie selten in den R�ckspiegel schaute. Und auch dann h�tte sie in
der nebligen D�mmerung nur seine Scheinwerfer sehen <strong>kennen. </strong>Der Nebel hing in einzelnen Schwaden, und der Hafen
sah aus, als st�nde er in Flammen, gegen deren ziehenden Rauch sich die
Strahlenfinger der Kranlichter wie Wasserschl�uche richteten. In der Central
Street tauchte sie in eine Tiefgarage, er fuhr straks hinter ihr her und parkte
sechs Pl�tze entfernt, trotzdem sah sie ihn nicht. Sie blieb noch eine Weile im
Wagen sitzen, um ihr Make-up aufzufrischen, und er konnte sogar feststellen,
da� sie die Narben am Kinn �berpuderte. Dann stieg sie aus und schlo� den Wagen
umst�ndlich ab, obwohl jedes Kind im Handumdrehen das Verdeck mit einer
Rasierklinge h�tte aufschlitzen k�nnen. Sie trug etwas wie ein Seidencape und
ein langes Seidenkleid, und als sie auf die steinerne Wendeltreppe zuschritt,
hob sie beide H�nde und legte ihr Haar, das im Nacken zu einem Pferdeschwanz
gerafft war, sorgf�ltig �ber den Kragen des Capes. Jerry stieg ebenfalls aus
und folgte ihr bis in die Hotelhalle, wo er gerade noch rechtzeitig zur Seite
treten konnte, um aus dem Schu�feld einer schnatternden Meute von Modefotografen
und Journalisten beiderlei Geschlechts in Abendgarderobe zu gelangen.</p><p>Jerry
verzog sich in die relative Sicherheit des Korridors und setzte sich die einzelnen
Teile der Szene zusammen. Es war eine gro�e Privatparty, die Lizzie hier durch
die Hintert�r betreten hatte. Die �brigen G�ste kamen durch den Haupteingang;
wo die Rolls-Royces so dicht ges�t waren, da� keiner mehr besonders auffiel.
Eine Frau mit blaugrauem Haar f�hrte die Aufsicht, sie flatterte herum und
redete in gingetr�nktem Franz�sisch. Das Public-Relations-M�dchen, eine adrette
Chinesin, bildete zusammen mit einigen Assistentinnen das Empfangsspalier. Eine
ganze Riege r�ckte mit erschreckender Liebensw�rdigkeit an und fragte nach den
Namen, und manchmal lie�en sie sich auch die Einladungskarten zeigen, ehe sie
in einer Liste nachsahen und �Oh, ja, <strong><emphasis>nat�rlich� </emphasis></strong>fl�teten.
Die blaugraue Dame l�chelte und knurrte abwechselnd. Die Riege verteilte Anstecknadeln
an die Herren und Orchideen an die Damen, dann st�rzte sie sich auf die
n�chsten Ank�mmlinge. Lizzie Worthington durchlief mit stoischer Ruhe die
Pr�fung. Jerry lie� ihr eine Minute Vorsprung, sah ihr nach, wie sie durch die
Fl�gelt�r schritt, an der ein Schild mit der Aufschrift �Soiree� und einem
Pfeil hing, dann reihte er sich in die Schlange der Wartenden. Seine
Wildlederstiefel machten der Public-Relations-Dame schwer zu schaffen. Sein
Anzug war schon fragw�rdig genug, aber was ihr wirklich zu schaffen machte,
waren die Stiefel. W�hrend sie hinunterstarrte, dachte er, in ihrem Ausbildungskursus
hatte sie gelernt, gr��ten Wert auf Schuhwerk zu legen. Million�re k�nnen vom
Kopf bis zu den Socken wie Tramps aussehen, aber ein Paar Zweihundert-Dollar-Schuhe
von Gucci sind eine Legitimation. Stirnrunzelnd studierte sie seinen Presseausweis,
dann ihre G�steliste, dann nochmals den Presseausweis und wiederum die Stiefel,
warf danach einen langen Blick hin�ber zu der blaugrauen Schnapsdrossel, die
immer noch l�chelte und knurrte. Schlie�lich setzte das. M�dchen in eigener
Regie ihr Speziall�cheln f�r ausgefallene Kunden auf und �berreichte ihm eine
untertassengro�e Scheibe in rosa Leuchtfarbe mit der drei Zentimeter hohen
wei�en Aufschrift PRESSE. �Heute machen wir <strong><emphasis>alle </emphasis></strong>unsere G�ste besonders sch�n, Mr. Westerby�, sagte sie.</p><p>�Hartes
St�ck Arbeit bei mir, junge Frau.�</p><p>�Gef�llt
Ihnen mein <strong><emphasis>Parf�m, </emphasis></strong>Mr.
Westerby?�</p><p>�Umwerfend�,
sagte Jerry.</p><p>�Es hei�t <strong><emphasis>Juice of the Vine, </emphasis></strong>Mr. Westerby, hundert
Hongkong-Dollar die kleine Flasche, aber heute abend verteilt Maison Flaubert
Gratismuster an alle unsere G�ste. Madame Montifiori . . . ja, ja nat�rlich,
Maison Flaubert hei�t Sie willkommen. Gef�llt Ihnen mein <strong><emphasis>Parf�m, </emphasis></strong>Madame Montifiori?�</p><p>Eine junge
Eurasierin im <strong><emphasis>Cheongsam </emphasis></strong>trat mit
einem Tablett auf ihn zu und fl�sterte: �Flaubert w�nscht Ihnen eine exotische
Nacht.�</p><p>�Um
Himmels willen�, sagte Jerry.</p><p>Innerhalb
der Fl�gelt�r wartete ein zweites Empfangsspalier, gebildet aus drei h�bschen
Knaben, die man ihrer Reize wegen aus Paris eingeflogen hatte, sowie einem
Aufgebot Gorillas, das einem Pr�sidenten Ehre gemacht h�tte. Sekundenlang
f�rchtete er, sie k�nnten ihn durchsuchen, und er wu�te, da� er in diesem Fall
den ganzen Tempel in seinen Untergang mitgerissen h�tte. Sie be�ugten Jerry
ohne Freundlichkeit, hielten ihn f�r ein Mitglied des Aushilfspersonals, aber
immerhin war er hellhaarig, und sie lie�en ihn passieren.</p><p>�Presse
dritte Reihe hinter dem Laufsteg�, n�selte ein blonder Hermaphrodit im ledernen
Cowboyanzug und �berreichte ihm die Presseinformation. �Haben Sie keine Kamera,
Monsieur?�</p><p>�Ich mach
nur die Texte�, sagte Jerry und wies mit dem Daumen �ber die Schulter. �Spike
dort hinten macht die Bilder�, und er marschierte in den Empfangssaal, sah sich
unbefangen um, grinste �bertrieben und winkte jedem zu, der in sein Blickfeld
geriet. Die Pyramide aus Champagnergl�sern war sechs Fu� hoch und stand auf
einem Sockel aus schwarzen, seidenbezogenen Stufen, damit die Kellner
hinaufreichen konnten. In tiefen Eiss�rgen ruhten Magnumflaschen und warteten
auf das Begr�bnis. Eine Schubkarre war mit gekochten Langusten gef�llt, und ein
Hochzeitskuchen aus <strong><emphasis>p�te de foie
gras </emphasis></strong>trug in Aspik die Aufschrift: �Maison Flaubert�. Vom
Plafond str�mte Musik herab, darunter wurde sogar Konversation gemacht, wenn
auch nur das langweilige Bla-bla-bla der Superreichen. Der Laufsteg f�hrte von
der Mitte des Raums bis zu einem bodentiefen Fenster, das den Blick zum Hafen
frei gab, aber der Nebel teilte die Aussicht in unregelm��ige Flecke auf. Die Klimaanlage
lief auf Hochtouren, so da� die Damen ohne zu ersticken ihre Nerze tragen
konnten. Die meisten M�nner waren im Smoking, nur die jungen chinesischen
Playboys traten in Slacks auf, wie sie in New York gerade Mode waren, schwarzen
Hemden und Goldkettchen. Die britischen Taipans standen mit ihren Frauen in
einem Kreis und s�ffelten wie gelangweilte Offiziere bei einem Garnisonsfest.
Jerry sp�rte eine Hand auf seiner Schulter und fuhr herum, aber vor ihm stand
nur ein kleiner schwuler Chinese namens Graham, der f�r eines der lokalen
Klatschbl�ttchen arbeitete. Jerry hatte ihm einmal mit einer Story ausgeholfen,
die er beim Comic nicht loswurde. Dem Laufsteg gegen�ber waren Sesselreihen
hufeisenf�rmig aufgestellt. Lizzie sa� in der ersten Reihe zwischen Mr. Arpego
und dessen Frau oder M�tresse. Jerry kannte sie aus Happy Valley. Sie sahen
aus, als h�tten sie Lizzie f�r den Abend unter ihre Fittiche genommen. Die
Arpegos redeten mit ihr, aber sie schien kaum zuzuh�ren. Sie sa� kerzengerade
da und sah wundersch�n aus und hatte das Cape abgelegt, und von Jerrys Platz
aus gesehen h�tte sie bis auf das Perlenkollier und die Perlohrringe
splitternackt sein k�nnen. Wenigstens ist sie noch ganz, dachte er. Nichts
kaputt, keine Cholera und keine Kugel im Kopf. Er entsann sich des goldenen
Flaums, den er ihren R�cker entlang hatte schimmern sehen, als er an jenem
ersten Abend neben ihr im Lift stand. Der schwule Graham sa� neben Jerry, zwei
Pl�tze weiter hockte Phoebe Wayfarer. Jerry kannte sie nur fl�chtig, winkte ihr
aber ausgiebig zu.</p><p>�Super,
Pheeb, toll sehen Sie aus. Sollten da droben auf dem Laufsteg sein, altes Haus,
ein St�ckchen Bein zeigen.� Er nahm an, sie sei ein bi�chen blau, und
vielleicht nahm sie das auch von ihm an, obwohl er seit dem Flug nichts
getrunken hatte. Er nahm einen Block zur Hand und schrieb etwas darauf, es
w�rde ihn beruhigen, wenn er sich professionell g�be. Immer mit der Ruhe. Nicht
das Wild erschrecken. Als er las, was er geschrieben hatte, sah er nur �Lizzie
Worthington�, sonst nichts. Auch Graham, der Chinese, las es und lachte.</p><p>�Mein
neues Pseudonym�, sagte Jerry, und jetzt lachten sie beide so laut, da� die
Leute in der vordersten Reihe sich umdrehten, w�hrend die Lichter sich
verdunkelten. Aber Lizzie drehte sich nicht um, obwohl Jerry dachte, sie k�nnte
seine Stimme erkannt haben.</p><p>Hinter
ihnen wurden die T�ren geschlossen, und als es dunkel war, w�re Jerry am
liebsten in seinem weichen freundlichen Sessel eingeschlummert. Die
Sph�renmusik wich einem Dschungel-Beat, mit Jazzbesen und Becken, bis nur noch
ein einziger Leuchter �ber dem schwarzen Laufsteg flimmerte, als Gegenst�ck zu
den flackernden Lichtflecken, die vom Hafen durch das r�ckw�rtige Fenster
hereinleuchteten. Verst�rker in allen Winkeln lie�en den Drumbeat in einem
langsamen Crescendo anschwellen. Es ging lange Zeit so weiter, nur Trommeln,
sehr gut gespielt, sehr eindringlich, bis nach und nach groteske menschliche
Schatten vor dem Hafenfenster sichtbar wurden. Die Trommeln schwiegen. Im
gespannten Schweigen wiegten sich zwei schwarze M�dchen H�fte an H�fte den
Laufsteg entlang, nur mit Juwelen bekleidet. Ihre K�pfe waren geschoren, und
sie trugen runde Elfenbeinohrringe und Brillantcolliers, wie die Eisenringe bei
Sklavinnen. Sie waren gro�, sch�n und geschmeidig, und kamen v�llig unerwartet.
Sekundenlang hielten sie die Zuschauer in einem unentrinnbaren erotischen Bann.
Die Trommeln erwachten wieder und steigerten sich, Scheinwerfer flitzten �ber
die Juwelen und die Glieder der M�dchen. Sie entwanden sich dem Dunstkreis des
Hafens und schritten mit dem Zorn versklavter Sinnlichkeit auf die Zuschauer
zu. Sie machten kehrt und gingen langsam zur�ck, ihre H�ften lockten und
versagten sich zugleich. Die Lichter flammten wieder auf, und nach einem
Ausbruch nerv�sen Beifalls folgten Lachen und Drinks. Alle redeten jetzt
zugleich, Jerry am lautesten: er sprach zu Miss Lizzie Worthington, der
bekannten blaubl�tigen Partysch�nheit, deren Mutter nicht einmal ein Ei kochen
konnte, und zu den Arpegos, denen Manila geh�rte und ein paar der umliegenden
Inseln, wie Captain Grant vom Jockey-Club ihm dereinst versichert hatte. Jerry
z�ckte seinen Notizbjock wie ein Oberkellner. �Lizzie Worthington, super, ganz
Hongkong zu Ihren F��en, Madam, wenn ich so sagen darf. Meine Zeitung bringt
einen Exklusivartikel �ber diese Veranstaltung, Miss Worth oder Worthington,
und wir hoffen, auch �ber Sie schreiben zu d�rfen, ihre Kleider, ihren
faszinierenden Lebensstil und ihre noch faszinierenderen Freunde. Meine
Fotografen folgen mir auf dem Fu�.� Er verbeugte sich vor den Arpegos. �Guten
Abend, Madame, Sir. Eine Ehre, Sie hier zu sehen. Ist dies Ihr erster Besuch in
Hongkong?�</p><p>Er spielte
den tapsigen jungen Riesenhund, die jungenhafte Seele des Abends. Ein Kellner
brachte Champagner, und Jerry lie� es sich nicht nehmen, selber die Gl�ser
herumzureichen. Den Arpegos machte seine Nummer Spa�. Craw hatte gesagt, sie
seien falsche Fuffziger. Lizzie starte ihn an, es lag etwas in ihrem Blick, was
er nicht definieren konnte, etwas Reales und Entsetztes, als h�tte sie, nicht
Jerry, k�rzlich die T�r ge�ffnet und Luke gefunden.</p><p>�Mr.
Westerby hat bereits einen Artikel �ber mich geschrieben, soviel ich wei߫,
sagte sie. �Er ist wahrscheinlich nie erschienen, wie, Mr. Westerby?�</p><p>�F�r wen
schreiben Sie?� fragte Mr. Arpego pl�tzlich. Er lachte nicht mehr. Er sah
gef�hrlich und h��lich aus, eindeutig hatte Lizzie ihn an etwas erinnert, was
er geh�rt und gar nicht gemocht hatte. Etwas, wovor Tiu ihn gewarnt hatte, zum
Beispiel. Jerry sagte es ihm.</p><p>�Dann
schreiben Sie nur. Lassen Sie diese Dame in Ruhe. Sie gibt keine Interviews.
Wenn Sie hier zu tun haben, dann tun Sie es woanders. Sie sind nicht zu Ihrem
Vergn�gen hier. Verdienen Sie sich Ihr Geld.�</p><p>�Dann also
ein paar Fragen an Sie, Mr. Arpego. Ehe ich weggehe. Wie darf ich Sie
beschreiben, Sir? Als einen ungehobelten Philipino-Million�r? Oder nur
Halb-Million�r?�</p><p>�Um Gottes
willen�, hauchte Lizzie, und gn�digerweise gingen die Lichter wieder aus, das
Trommeln setzte ein, jeder begab sich zur�ck auf seinen Platz, und die Stimme
einer Frau mit franz�sischem Akzent gab einen leisen Kommentar �ber den
Lautsprecher. Am hinteren Ende des Laufstegs vollf�hrten die beiden schwarzen
M�dchen einen langen lasziven Schattentanz. Als das erste Mannequin erschien,
sah Jerry, wie Lizzie vor ihm im Dunkeln aufstand, das Cape �ber die Schulter
zog und an ihm vorbei schnell und leise den Gang entlang mit gesenktem Kopf auf
die T�ren zuschritt. Jerry folgte ihr. In der Halle drehte sie sich halb um,
als wollte sie nach ihm sehen, und er dachte, sie m�sse ihn erwarten. Ihr
Gesichtsausdruck war noch der gleiche und spiegelte seine eigene Stimmung. Sie
wirkte gejagt, m�de und aufs �u�erste verwirrt.</p><p>�Lizzie!�
rief er, als w�re er soeben einer alten Freundin wiederbegegnet, und lief
schnell zu ihr hin, ehe sie die Damengarderobe erreichen konnte. �Lizzie! Mein
Gott! Es mu� Jahre her sein! Eine Ewigkeit! Super!�</p><p>Ein paar
Wachm�nner blickten l�ssig auf, als er die Arme zum Ku� langer Freundschaft um
sie schlang. Seine linke Hand war unter ihr Cape geschl�pft, und als er das
lachende Gesicht zu dem ihren niederbeugte, hielt er den kleinen Revolver an
ihren nackten R�cken, den Lauf direkt unter ihren Nacken, und so, von den
Banden alter Zuneigung an sie gefesselt, f�hrte er sie stracks hinaus auf die
Stra�e, unter pausenlosem fr�hlichem Geplauder, und schob sie in ein Taxi. Er
hatte die Pistole nicht zu Hilfe nehmen wollen, aber er konnte es nicht
riskieren, sie im Polizeigriff abf�hren zu m�ssen. Ja, so geht's, dachte er. Da
kommt man zur�ck, um ihr zu sagen, da� man sie liebt, und dann f�hrt man sie
mit vorgehaltener Pistole ab. Sie zitterte und war w�tend, aber er glaubte
nicht, da� sie Angst hatte, er glaubte nicht einmal, da� sie diese gr��liche
Veranstaltung besonders ungern verlie�.</p><p>�Das hat
mir noch gefehlt�, sagte sie, als sie sich wieder durch den Nebel bergan
schl�ngelten. �Gut gemacht. Verdammt gut gemacht.�</p><p>Sie trug
einen Duft, der ihm fremd war, aber er fand ihn unvergleichlich angenehmer als <strong><emphasis>Juice of the Vine.</emphasis></strong></p><p>Nicht da�
Guillam sich direkt langweilte, aber seine Konzentrationsf�higkeit war auch
nicht grenzenlos, wie es bei George der Fall zu sein schien. Wenn er nicht
gerade dar�ber nachdachte, was zum Teufel Jerry Westerby vorhaben mochte, dann
sonnte er sich beim Gedanken an die erotischen Entbehrungen, unter denen Molly
Meakin jetzt zu leiden hatte, oder er dachte an den Chinesenjungen mit den
verdrehten Armen, der wie ein angeschossener Hase hinter dem entschwindenden
Wagen hergeheult hatte. Murphy dozierte jetzt �ber die Insel Po Toi, und er
verbreitete sich erbarmungslos �ber dieses Thema. Vulkanisch, Sir, sagte er.</p><p>H�rteste
Felsen Substanz der ganzen Hongkong-Gruppe, Sir,
sagte er.</p><p>Und die s�dlichste
der Inseln, sagte er, und direkt dort, am Rande der chinesischen
Hoheitsgew�sser.</p><p>Siebenhundertneunzig
Fu� hoch, Sir, die Fischer benutzen sie als Landmarke vom Meer her, <strong><emphasis>Sir, </emphasis></strong>sagte er. Technisch gesehen keine einzelne Insel, sondern
eine Gruppe von sechs Inseln, davon f�nf v�llig unfruchtbar, baumlos und
unbewohnt. <sup>1</sup></p><p>Sch�ner
Tempel, Sir. Echte Antiquit�t. Sch�ne Holzschnitzereien, aber kaum nat�rliche
Bew�sserung.</p><p>�Herrgott,
Murphy, wir wollen die verdammte Insel doch nicht <strong><emphasis>kaufen</emphasis></strong>!� rief Martello. Nun, da der Einsatz nahe und
London weit weg war, hatte Martello, wie Guillam feststellte, viel von seinem
Firnis und jeden englischen Anstrich verloren. Seine Tropenanz�ge waren
reinste amerikanische Kreationen, urtd er empfand das Bed�rfnis, sich mit Menschen
zu unterhalten, vorzugsweise mit seinen eigenen Leuten.
Guillam argw�hnte, da� sogar London f�r ihn ein Abenteuer bedeutete, und
Hongkong war bereits Feindesland. Smiley hingegen reagierte auf Stre� genau
umgekehrt: er wurde verschlossen und von eisiger H�flichkeit. Po Toi selber hat
eine im Abnehmen begriffene Einwohnerzahl von einhundertachtzig Bauern und
Fischern, zumeist Kommunisten, drei bewohnte D�rfer und drei verlassene, Sir,
sagte Murphy. Er leierte weiter. Smiley h�rte nach wie vor aufmerksam zu, Martello
hingegen zeichnete M�nnchen auf seinen Notizblock.</p><p>�Und <strong><emphasis>morgen, </emphasis></strong>Sir�, sagte Murphy, �morgen nacht h�lt Po Toi das allj�hrliche
Fest zu Ehren von Tin Hau ab, der
Meeresg�ttin, Sir.�</p><p>Martello
h�rte mit seinem Gekritzel auf. �Glauben die Leute wirklich an diesen Schei�?�</p><p>�Jeder hat
ein Recht auf seinen Glauben, Sir.�</p><p>�Lernt man
das auch in Ihrem Ausbildungscollege, Murphy?�</p><p>Martello
widmete sich wieder seinen Zeichnungen.</p><p>Betretenes
Schweigen herrschte, bis Murphy tapfer wieder zum Zeigestock griff und mit der
Spitze auf eine Stelle an der S�dk�ste der Insel wies.</p><p>�Das
Tin-Hau-Fest, Sir, konzentriert sich auf den einzigen gr��eren Hafen, Sir,
direkt hier an der S�dwestspitze, wo der alte Tempel steht. Nach Mr. Smileys
wohlbegr�ndeter Prognose, Sir, w�rde Kos Landeuntemehmen <strong><emphasis>hier </emphasis></strong>stattfinden, abseits der Hauptbucht, in einer kleinen Bai
an der Ostseite der Insel. Eine Landung auf dieser Seite der Insel, die <strong><emphasis>nicht </emphasis></strong>bewohnt ist, <strong><emphasis>keinen </emphasis></strong>nat�rlichen
Zugang zum Meer bietet, zu einem Zeitpunkt, da die Festlichkeiten in der Haworbucht
eine Ablenkung . . . � �Guillam hatte das Klingeln nicht geh�rt. Erst die
Stimme von Martellos zweitem Gehilfen, der den Anruf beantwortete: �Ja, <strong><emphasis>Mac�, </emphasis></strong>dann das Quietschen seines Sessels, als er sich
bolzengerade aufrichtete und Smiley anstarrte. �Gut, <strong><emphasis>Mac. </emphasis></strong>Klar, Mac. Sofort. Ja. Sekunde. Direkt neben mir. Bleib
dran.� Smiley stand bereits neben ihm und hatte die Hand' nach dem H�rer
ausgestreckt. Martello beobachtete Smiley. Murphy auf dem Podium wandte ihnen
den R�cken, w�hrend er weitere fesselnde Besonderheiten der Insel Po Toi
aufzeigte und die Unterbrechung gar nicht richtig zur Kenntnis nahm. �Die Insel
ist den Seeleuten auch als Geisterfelsen bekannt, Sir�, erkl�rte er mit der
gleichen langweiligen Stimme. �Aber niemand scheint zu wissen, warum.� Smiley
lauschte kurze Zeit, dann legte er auf. �Vielen Dank, Murphy�, sagte er
h�flich. �Es war sehr interessant.�</p><p>Eine Weile
stand er wie versteinert da und hatte die Finger wie der selige Mr. Pickwick
nachdenklich an die Oberlippe gelegt. �Ja�, wiederholte er. �Ja, sehr
interessant.� Er ging bis zur T�r, dann blieb er wieder stehen.
�Entschuldigung, Marty, ich mu� Sie f�r eine Weile verlassen. Nicht mehr als
ein, zwei Stunden, nehme ich an. Auf jeden Fall rufe ich Sie an.�</p><p>Er
streckte die Hand nach dem T�rgriff aus, dann wandte er sich zu Guillam um.</p><p>�Peter, es
w�re mir lieb, wenn Sie mitk�men. Es k�nnte sein, da� wir einen Wagen brauchen,
und Sie scheinen mit dem Verkehr in Hongkong fabelhaft zurechtzukommen. Habe
ich Fawn nicht irgendwo gesehen? Ah, da sind Sie ja.�</p><p>Die Blumen
an der Headland Road gl�nzten flaumig, wie Farne, die f�r Weihnachten mit
Lackspray versch�nert wurden. Der Gehsteig war schmal und wenig benutzt, au�er
von den Amahs, die den Kindern Bewegung verschafften, was sie taten, ohne mit
den Kleinen zu sprechen, als f�hrten sie Hunde spazieren. Der Observierangswagen
der Vettern war ein absichtlich unauff�lliger brauner Mercedeslaster, ziemlich
mitgenommen, mit Tonstaub an den Kotfl�geln und den an einer Seitenwand
aufgemalten Buchstaben H.K.DEVp. und BLDg.SURVEY Ltd. Eine alte Antenne mit
chinesischen Wimpeln daran war �ber die Kabine geneigt, und als der Lastwagen
sich - zum zweiten, oder war es zum viertenmal an diesem Vormittag -, an Kos
Wohnsitz vor�berschob, achtete niemand auf ihn. Irgend jemand baut immer in
Headland Road, wie �berall in Hongkong. In seinem Inneren kauerten in eigens
f�r diesen Zweck installierten kunststoffbezogenen Kojen zwei M�nner in einem
Wald von Ferngl�sern, Kameras und Funktelefoneinrichtungen und beobachteten
intensiv. Auch f�r sie war die Fahrt an Seven Gates vorbei langsam zur Routine
geworden. �Keine Ver�nderung?� sagte der erste. �Keine Ver�nderung�, best�tigte
der zweite. �Keine Ver�nderung�, wiederholte der erste in das Funksprechger�t,
und h�rte am anderen Ende Murphys vertrauenerweckende Stimme die Nachricht
best�tigen.</p><p>�Vielleicht
sind sie blo� Wachsfiguren�, sagte der erste, ohne sich ablenken zu lassen.
�Vielleicht sollten wir mal mit der Nadel reinstechen, ob sie dann schreien.�</p><p>�Sollten
wir vielleicht wirklich�, sagte der zweite. W�hrend der ganzen beruflichen
Laufbahn, dar�ber waren sie sich einig, hatten sie niemals irgend etwas
beobachtet, das sich so still verhalten hatte. Ko stand, wo er immer zu stehen
pflegte, am Ende des Rosenbeets, den R�cken ihnen zugewandt, und starrte aufs
Meer hinaus. Seine winzige Ehefrau sa� ein St�ck von ihm entfernt allein auf
einem wei�en Gartenstuhl, wie immer schwarz gekleidet, und schien auf ihren
Mann zu starren. Nur an Tiu bewegte sich etwas. Auch er sa� auf einem Stuhl,
aber neben Ko, und er mampfte irgend etwas, das wie ein Schmalzkringel aussah.
Als der Lastwagen die Hauptstra�e erreicht hatte, rumpelte er in Richtung
Stanley weiter und setzte aus Gr�nden der Tarnung seine angebliche
Inspektionsfahrt durch die Gegend fort.</p><p><strong><emphasis/></strong></p><p><strong><emphasis/></strong><emphasis>Lieses Lover </emphasis></p><empty-line/><p>Ihre
Wohnung war gro� und ohne einheitliche Note: eine Mischung aus Wartesaal,
Direktionssuite und Bordellsalon. Die Decke des Wohnraums fiel nach einer Seite
schr�g ab wie das Schiff einer Kirche, deren Grundmauern sich gesenkt haben.
Das Niveau des Fu�bodens wechselte st�ndig, der Teppich war dicht wie ein
Rasen, und beider Schritte lie�en gl�nzende Fu�abdr�cke zur�ck. Die riesigen
Fenster gaben den Blick auf grenzenlose Einsamkeiten frei, und als Lizzie die
Jalousien heruntergelassen und die Vorh�nge zugezogen hatte, waren sie und
Jerry pl�tzlich in einem Vorstadtbungalow ohne Garten. Die Amah hatte sich in
ihr Zimmer hinter der K�che zur�ckgezogen, und als sie von dort auftauchte,
schickte Lizzie sie wieder weg. Sie schlurfte zischend und stirnrunzelnd
hinaus. Warte nur, bis ich's dem Herrn stecke, hie� das.</p><p>Jerry
legte die Ketten an der Wohnungst�r vor, und danach ging er mit ihr durch alle
R�ume, lie� sie zu seiner Linken einen Schritt vorangehen und die T�ren �ffnen,
sogar die Schr�nke. Das Schlafzimmer glich dem B�hnenaufbau f�r einen
Fernsehfilm �ber eine <strong><emphasis>femme fatale, </emphasis></strong>mit seinem
runden abgesteppten Bett und der eingelassenen Badewanne hinter Wandschirmen.
Er durchsuchte die Nachtschr�nkchen nach einer Waffe. Man ist zwar in Hongkong
nicht besonders schie�w�tig, aber wer einmal in Indochina gelebt hat, bei dem
war im allgemeinen irgend etwas im Haus. Ihr Ankleidezimmer sah aus, als h�tte
sie einen der smarten skandinavischen Einrichtungsl�den per Telefon ausgekauft.
Das E�zimmer bestand aus Rauchglas, blitzendem Chrom und Leder. Falsche
Gainsborough-Ahnen starrten verdrossen auf die leeren St�hle - alle die Mamas,
die keine Eier kochen konnten, dachte er. Mit schwarzem Tigerfell bezogene
Stufen f�hrten zu Kos Gemach, und hier blieb Jerry staunend stehen. Er war
wider Willen fasziniert, sah in jeder Einzelheit den Mann und seine Verwandtschaft
mit Old Sambo. Der �berdimensionale Schreibtisch mit den geschweiften Beinen
und den Klauenf��en, die Pr�sidentengarnitur. Die Tintenf�sser, Brief�ffner und
Scheren im Futteral, die unber�hrten Gesetzesb�cher, genau die gleichen, die
auch Old Sambo �berall mitgeschleift hatte: Simon �ber Steuerrecht,
Charlesworthy �ber Gesellschaftsrecht. Die gerahmten Zertifikate an der Wand.
Die Verleihungsurkunde zu seinem O. B. E., die mit den Worten begann:
�Elizabeth die Zweite von Gottes Gnaden . . . � Der Orden selbst, auf Seide
gebettet wie die Waffen eines toten Ritters. Gruppenfotos chinesischer Angeh�riger
auf den Stufen eines Tempels. Siegreiche Rennpferde. Lizzie, wie sie ihn
anlachte. Lizzie im Badeanzug, ein atemraubender Anblick. Lizzie in Paris.
Behutsam zog er die Schreibtischl�den auf und entdeckte gepr�gte Gesch�ftsbogen
von einem Dutzend verschiedener Firmen. In den Schr�nken leere Aktenordner,
eine elektrische IBM-Schreibmaschine ohne Kabel, ein Adressenbuch ohne Adressen
darin. Lizzie mit nacktem Oberk�rper, wie sie �ber den langen R�cken hinweg zu
ihm hinsah. Lizzie, Gott sei ihr gn�dig, im Hochzeitskleid, einen
Gardenienstrau� in der Hand. Ko mu�te sie zum Fotografieren zu einem
Brautausstatter geschickt haben.</p><p>Nirgends
ein Foto von Rupfens�cken voller Opium. Die Freistatt des Chefs, dachte Jerry.
Old Sambo hatte deren mehrere gehabt: M�dchen, denen er Wohnungen hielt, einer
sogar ein Haus, und die ihn doch nur ein paarmal im Jahr zu sehen kriegten.
Aber immer dieser ganz besondere Raum mit dem Schreibtisch und den unbenutzten
Telefonen und den Erinnerungsfotos, eine Ecke, die er buchst�blich aus dem
Leben eines anderen Menschen herausgeschnitten hatte, ein Versteck vor seinen
anderen Verstecken.</p><p>�Wo ist
er?� fragte Jerry und mu�te wieder an Luke denken.</p><p>�Drake?�</p><p>�Nein, der
Weihnachtsmann.�</p><p>�Das
m�chte ich von Ihnen wissen.�</p><p>Er folgte
ihr ins Schlafzimmer.</p><p>�Wissen
Sie oft nicht, wo er ist?� fragte er.</p><p>Sie zog
die Ohrringe ab und warf sie in eine Schmuckschatulle.</p><p>Dann die
Brosche, die Halskette und die Armb�nder.</p><p>�Er ruft
mich von �berall her an, bei Tag oder Nacht, ganz egal.</p><p>Dies ist
das erste Mal, da� er nichts von sich h�ren l��t.�</p><p>�K�nnen
Sie ihn zu Hause anrufen?� fragte Jerry.</p><p>�Aber <strong><emphasis>jederzeit�, </emphasis></strong>erwiderte sie mit wildem Hohn.
�Klar kann ich das. Erste Gattin und ich kommen <strong><emphasis>blendend </emphasis></strong>miteinander aus.</p><p>Wu�ten Sie
das nicht?�</p><p>�Und im
B�ro?�</p><p>�Er geht
nicht ins B�ro.�</p><p>�Wie
steht's mit Tiu?�</p><p>�Dieser
Schuft von Tiu!�</p><p>�Warum?�</p><p>�Weil er
ein Schwein ist�, fauchte sie und ri� eine Schrankt�r auf. �Er k�nnte eine
Botschaft von Ihnen �bermitteln.�</p><p>�Wenn er
Lust dazu h�tte, was er nicht hat.�</p><p>�Warum
nicht?�</p><p>�Woher zum
Teufel soll ich das wissen?� Sie zerrte einen Pullover und Jeans heraus und
schleuderte sie aufs Bett. �Weil er mich nicht mag. Weil er mir nicht traut.
Weil er nicht zul��t, da� ein Rundauge seinen Hohen Herrn bel�stigt. Gehen Sie
jetzt raus, solange ich mich umziehe.�</p><p>Er
schlenderte also wieder in den Wohnraum, wo er mit dem R�cken zur T�r
stehenblieb und das Rascheln von Seide auf Haut h�rte.</p><p>�Ich war
bei Ricardo�, sagte er. �Wir hatten einen umfassenden und sehr offenen
Meinungsaustausch.�</p><p>Er mu�te
unbedingt wissen, ob sie davon erfahren hatte. Er mu�te sie von Lukes Tod
freisprechen k�nnen. Er wartete eine Weile, dann fuhr er fort:</p><p>�Charlie
Marshall gab mir die Adresse, also bin ich bei ihm aufgetaucht, und wir haben
ein bi�chen geplaudert.�</p><p>�Gro�artig�,
sagte sie. �Demnach geh�ren Sie jetzt zur Familie.�</p><p>�Von
Mellon war auch die Rede. Angeblich haben Sie f�r ihn Rauschgift geschmuggelt.�</p><p>Sie
schwieg. Als er sich zu ihr umdrehte, sa� sie auf dem Bett und hielt den Kopf
in den H�nden. In Jeans und Pullover sah sie aus wie f�nfzehn und wirkte um
eine Handbreit kleiner als sonst. �Was wollen Sie denn eigentlich?� fl�sterte
sie endlich, so leise, als h�tte sie sich selber die Frage gestellt. �Sie�,
sagte er. �F�r immer.�</p><p>Er wu�te
nicht, ob sie es geh�rt hatte, denn ihre Antwort bestand nur in einem langen
Ausatmen und einem gefl�sterten �Mein Gott�.</p><p>�Sind Sie
mit Mellon befreundet?� fragte sie schlie�lich. �Nein.�</p><p>�Schade.
Er braucht einen Freund wie Sie.�</p><p>�Wei�
Arpego, wo Ko ist?�</p><p>Sie zuckte
die Achseln.</p><p>�Wann
haben Sie zuletzt von ihm geh�rt?�</p><p>�Vor einer
Woche.�</p><p>�Was hat
er gesagt?�</p><p>�Er hat
verschiedene Erledigungen.�</p><p>�Welche
Erledigungen?�</p><p>�H�ren Sie
um Himmels willen mit der Fragerei auf! Die ganze verdammte Welt stellt Fragen,
also m�ssen Sie sich unbedingt anschlie�en, wie?�</p><p>Er starrte
sie an, und ihre Augen loderten vor Zorn und Verzweiflung. Er �ffnete die T�r
zur Terrasse und trat hinaus. Ich brauche Instruktionen, dachte er erbittert.
B�rentreiber von Sarratt, wo seid ihr, jetzt, da ich euch brauche? Bisher war
ihm nicht aufgegangen, da� er auch den Lotsen verlor, als er das Seil
durchschnitt.</p><p>Die
Terrasse umlief die Wohnung auf drei Seiten. Der Nebel hatte sich vor�bergehend
verzogen. Dahinter lag der Peak, die Vorspr�nge waren von goldenen Lichtern
bekr�nzt. Ziehende Wolkenb�nke bildeten rings um den Mond wechselnde
H�hlungen. Der Hafen hatte seinen ganzen Staat angelegt, in der Mitte r�kelte
sich ein angestrahlter, aufgeputzter amerikanischer Flugzeugtr�ger wie eine
verw�hnte Dame inmitten einer Traube dienernder Jachten. Die auf dem Deck
abgestellten Hubschrauber und kleinen Kampfflugzeuge erinnerten ihn an die
Luftbasis in Thailand. Eine Formation hochseet�chtiger Dschunken zog in
Richtung Kanton langsam vor�ber. �Jerry?�</p><p>Sie stand
unter der T�r und beobachtete ihn hinter einer Reihe von B�umen, die in K�beln
gepflanzt waren. �Kommen Sie rein. Ich bin hungrig�, sagte sie. Es war eine
K�che, in der niemand kochte oder a�, aber sie hatte eine bayrische Ecke mit
Holzb�nken, Berglandschaften und Aschenbechern mit der Aufschrift <strong><emphasis>Carlsberg. </emphasis></strong>Lizzie go� Kaffee aus der Maschine
ein. Er stellte fest, da� sie, wenn sie vor etwas auf der Hut war, die
Schultern vorschob und die Unterarme vor der Brust gekreuzt hielt, wie es auch
die Waise immer getan hatte.</p><p>Sie
zitterte. Sie mu� schon die ganze Zeit gezittert haben, dachte er, seit er ihr die
Pistole in den R�cken gedr�ckt hatte, und er w�nschte, er h�tte es nicht getan,
denn langsam d�mmerte ihm, da� ihr genauso schlimm zumute war wie ihm,
vielleicht sogar erheblich schlimmer, und da� sie wirkten wie zwei Menschen
nach einer Katastrophe, ein jeder lebte seine eigene H�lle: Er bereitete ihr
einen Brandy mit Soda, f�r sich selber auch einen, und setzte sich ins
Wohnzimmer, wo es w�rmer war, und sah zu, wie sie dort kauerte und den Brandy
trank und auf den Teppich starrte.</p><p>�Musik?�
fragte er. Sie sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Ich bin
auf eigene Rechnung hier�, sagte er. �Keinerlei Verbindung mit einer anderen
Firma.� Sie reagierte nicht.</p><p>�Ich bin
aus freien St�cken und ohne b�se Absicht hier�, sagte er. �Nur, ein Freund von
mir ist vor kprzen gestorben.� Er sah, da� sie nickte, aber nur aus Mitgef�hl.
Er war �berzeugt, da� die Mitteilung ihr nichts sagte.</p><p>�Die Sache
mit Ko nimmt �ble Formen an�, sagte er. �Sie wird kein gutes Ende nehmen. Rauhe
Burschen, mit denen Sie sich da eingelassen haben. Ko eingeschlossen. Objektiv
gesehen ist er der Staatsfeind Nummer eins. Ich dachte mir, vielleicht m�chten
Sie aussteigen. Deshalb bin ich zur�ckgekommen. Sir Galahad pers�nlich. Weil
ich einfach nicht dahinterkomme, was sich um Sie zusammenbraut. Mellon und so weiter.
Vielleicht sollten wir's zusammen ausknobeln und sehen, worum's geht.� An
dieser Stelle seiner nicht besonders lichtvollen Ausf�hrungen klingelte das
Telefon. Das hei�t, es gab jenes ged�mpfte Schnarren von sich, das angeblich
die Nerven schont.</p><p>Das Telefon
stand auf der anderen Seite des Zimmers auf einem vergoldeten Teewagen. Bei
jedem Ton flammte ein L�mpchen auf, und die gerippten Glasregale warfen den
Schein zur�ck. Lizzie blickte auf den Apparat, dann auf Jerry, und ihr Gesicht
war pl�tzlich lebhaft und voll Hoffnung. Jerry sprang auf und schob den Wagen,
dessen R�der im Flor des Teppichs nur m�hsam rollten, zur ihr hin�ber. Hinter
ihm ringelte sich die Schnur, bis sie die Form einer Kinderkritzelei angenommen
hatte. Sie hob rasch den H�rer ab und sagte �Worth�, in dem ein wenig barschen Tonfall,
den Frauen annehmen, wenn sie allein leben. Er �berlegte, ob er ihr sagen
sollte, da� die Leitung angezapft war, aber er wu�te nicht, wovor er sie warnen
sollte: er geh�rte nirgends mehr hin, weder auf die eine noch auf die andere
Seite. Er wu�te nicht, welches die Seiten waren, aber pl�tzlich war sein ganzes
Denken wieder von Luke erf�llt, und der J�ger in ihm war hellwach.</p><p>Sie hielt
den H�rer ans Ohr, aber sie hatte nichts mehr gesagt. Nur einmal ein �Ja�, als
best�tige sie einen Befehl, und einmal sehr entschieden �nein�. Ihre Miene war
ausdruckslos geworden, ihre Stimme verriet ihm nichts. Aber er sp�rte ihren
Gehorsam und er sp�rte die Heimlichkeit, und Zorn flammte in ihm auf und
�berlagerte alles andere.</p></section><section><p>�Nein�,
sagte sie ins Telefon. �Ich bin fr�her weggegangen.� Er kniete neben ihr und
versuchte mitzuh�ren, aber sie pre�te den H�rer fest an ihr Ohr.</p><p>Warum
fragte sie ihn nicht, wo er sei? Warum fragte sie nicht, wann sie ihn
wiedersehen w�rde? Ob es ihm gut gehe? Warum er nicht angerufen habe? Warum sah
sie Jerry so an, ohne ein Anzeichen von Erleichterung?</p><p>Er legte
die Hand auf ihre Wange, drehte ihr den Kopf herum und fl�sterte ihr ins andere
Ohr.</p><p>�Sagen
Sie, da� sie ihn <strong><emphasis>unbedingt </emphasis></strong>sehen
m�ssen. Da� Sie zu ihm kommen. <strong><emphasis>Egal wohin.�</emphasis></strong></p><p>�Ja�,
sagte sie wieder ins Telefon. <strong><emphasis>�All right. </emphasis></strong>Ja.�</p><p>�Sagen
Sie's ihm! Sagen Sie, da� Sie ihn sehen m�ssen!�</p><p>�Ich mu�
dich sehen�, sagte sie schlie�lich. �Ich komme zu dir, egal wo du bist.�</p><p>Sie hielt
noch immer den H�rer in der Hand. Sie zuckte die Achseln, eine fragende
Bewegung, und ihre Augen waren noch immer auf Jerry gerichtet - nicht auf ihren
Sir Galahad, sondern auf einen Teil jener feindlichen Welt, die sie von allen
Seiten bedr�ngte.</p><p>�Ich liebe
dich!� fl�sterte er. �Sprechen Sie mir nach!�</p><p>�Ich liebe
dich�, sagte sie kurz mit geschlossenen Augen, und legte auf, ehe er sie daran
hindern konnte.</p><p>�Er kommt
hierher�, sagte sie. �Der Teufel soll Sie holen.�</p><p>Jerry
kniete noch immer neben ihr. Sie stand auf und entfernte sich von ihm.</p><p>�Wei� er
es?� fragte Jerry.</p><p>�Ob er <strong><emphasis>was </emphasis></strong>wei�?�</p><p>�Da� ich
hier bin?�</p><p>�Vielleicht.�
Sie z�ndete sich eine Zigarette an.</p><p>�Wo ist er
jetzt?�</p><p>�Ich wei�
nicht.�</p><p>�Wann
kommt er?�</p><p>�Er sagt bald.�</p><p>�Ist er
allein.�</p><p>�Das hat
er nicht gesagt.�</p><p>�Ist er
bewaffnet?�</p><p>Sie stand
auf der anderen Seite des Zimmers. Die gespannten grauen Augen hielten ihn noch
immer in ihrem zornig-�ngstlichen Blick fest. Aber Jerry k�mmerte sich nicht
um ihre Stimmung. Ein fieberhafter Tatendrang hatte alle anderen Gef�hle
hinweggefegt.</p><p>�Drake Ko.
Der liebenswerte Mann, der Sie hier einlogiert hat. Ist er bewaffnet. Wird er
mich abknallen? Hat er Tiu bei sich? Ich frage nur.�</p><p>�Im Bett
ist er unbewaffnet, wenn es das ist, was Sie wissen wollen.�</p><p>�Wo gehen
Sie hin?�</p><p>�Ich
dachte, die Herren wollen vielleicht unter sich sein.� Er f�hrte sie zur�ck zum
Sofa und setzte sie so hin, da� sie auf die Fl�gelt�r am Ende des Zimmers
blickte. Die T�rf�llungen bestanden aus undurchsichtigem Glas, dahinter lagen
die Diele und die Wohnungst�r. Er �ffnete beide Fl�gel, so da� sie freien Blick
auf jeden Ank�mmling hatte.</p><p>�Haben Sie
bestimmte Regeln f�r das Aufmachen?� Sie begriff seine Frage nicht. �In der T�r
ist ein Guckloch. Will er, da� Sie immer erst nachsehen, ehe Sie jemand
einlassen?�</p><p>�Er ruft
von unten �ber das Haustelefon an. Dann sperrt er mit seinem eigenen Schl�ssel
auf.�</p><p>Die
Wohnungst�r bestand aus furnierter Hartfaser, nicht sehr solide, aber solide
gen�g. In Sarratt sagten sie, wenn man einen einzelnen ahnungslosen
Eindringling abpa�t, blo� nicht hinter die T�r stellen, sonst kommt man nie
wieder raus. Jerry fand ausnahmsweise, da� sie recht, h�tten. Nur, wenn er sich
auf der offenen Seite hielte, so w�rde er eine ideale Zielscheibe f�r
aggressive Charaktere bilden, und Jerry war keineswegs �berzeugt, da� Ko
ahnungslos oder allein sein w�rde. Er k�nnte vielleicht hinter dem Sofa warten,
aber wenn es zu einer Schie�erei k�me, geriete das M�dchen wom�glich in die
Feuerlinie, und das wollte er auf keinen Fall. Ihre wiedergewonnene Passivit�t
und ihr lethargisches Starren trugen nicht zu seiner Beruhigung bei. Sein
Brandyglas stand neben dem ihren auf dem Tisch. Er stellte es ruhig hinter eine
Vase mit k�nstlichen Orchideen, leerte den Aschenbecher und legte eine
aufgeschlagene Nummer von Vogue vor ihr auf den Tisch. �Spielen Sie Platten,
wenn Sie allein sind?�</p><p>�Manchmal.�
Er w�hlte Ellington.. �Zu laut?�</p><p>�Lauter�,
sagte sie. Argw�hnisch stellte er den Ton leiser und beobachtete sie. Da
fl�tete das Haustelefon zweimal in der Diele. �Vorsicht�, warnte er sie und
ging mit der Pistole in der Hand zur offenen Seite der Wohnungst�r, in
Zielscheiben-Position, einen Meter von der T�r entfernt, nah genug, um
vorzuspringen, weit genug, um schie�en und sich zu Boden werfen zu k�nnen, was
er vorhatte, als er halb in die Hocke ging. Er hielt die Waffe in der linken
Hand und nichts in der rechten, denn auf diese Entfernung w�rde er beidh�ndig
treffen, doch falls er zuschlagen m��te, brauchte er die freie Rechte. Er
erinnerte sich, wie Tiu die Finger gekr�mmt hielt und ermahnte sich, nicht zu
nahe heranzugehen. Alles, was er tun w�rde, aus gemessener Entfernung zu tun.
Einen Tritt in die Leiste, aber sich danach nicht auf ihn werfen. Aus der
Reichweite dieser H�nde bleiben. �Sagen Sie &gt;Komm rauf&lt;�, befahl er.</p><p>�Komm
rauf�, wiederholte Lizzie ins Telefon. Sie legte auf und hakte die Kette aus.</p><p>�Wenn er
hereinkommt, l�cheln sie in die Kamera. Nicht schreien.�</p><p>�Scheren
Sie sich zum Teufel.�</p><p>Sein
gesch�rftes Ohr h�rte den Ruck, mit dem der Lift hielt und das klimpernde
�Ping� der Glocke. Er h�rte Schritte sich der T�r n�hern, ein einziges Paar F��e,
stetige Schritte, und er dachte an Drake Kos komische, leicht affenartige
Gangart in Happy Valley, wie die Knie sich durch die graue Flanellhose
abzeichneten. Ein Schl�ssel glitt ins Schlo�, eine Hand griff um die T�rkante,
der Rest folgte offenbar ohne b�se Ahnung. Inzwischen hatte Jerry bereits sein
ganzes Gewicht in den Sprung gelegt und den K�rper, der keinen Widerstand
leistete, gegen die Wand gedr�ckt. Eine Ansicht von Venedig fiel zu Boden, das
Glas splitterte, er warf die T�r zu, alles auf einmal, er fand eine Kehle und
pre�te den Pistolenlauf direkt in das weiche Fleisch. Dann wurde die T�r ein
zweitesmal von au�en aufgesperrt, sehr schnell, alle Luft wich aus seinem
K�rper, seine F��e flogen nach oben, eine Welle wahnsinnigen Schmerzes brach aus
seinen Nieren und schleuderte ihn auf den dicken Teppich, ein zweiter Schlag
traf ihn in die Leisten, so da� er mit einem keuchenden Laut die Knie zum Kinn
hochri�. Durch die str�menden Tr�nen sah er die kleine w�tende Gestalt Fawns,
des Babysitters, der �ber ihm stand und zu einem dritten Schlag ausholte, und
das starre Grinsen Sam Collins', der gelassen �ber Fawns Schulter blickte, um
festzustellen, wie gro� der Schaden sei. Und unter der T�r stand noch immer,
mit der Miene ernster Bef�rchtung, w�hrend er den Mantelkragen nach Jerrys
grundlosem Angriff auf seine Person wieder in Ordnung brachte, die verdutzte
Gestalt seines einstigen F�hrers und Mentors, Mr. George Smiley, der atemlos
seine Bluthunde zur�ckpfiff.</p><p>Jerry
konnte sitzen, aber nur, wenn er sich vorbeugte. Er hielt beide H�nde vor sich
hin und die Ellbogen in die Leisten gepre�t. Der Schmerz flutete durch seinen
ganzen K�rper wie ein Gift, das sich von einem zentralen Punkt ausbreitet.
Lizzie beobachtete ihn von der T�r her. Fawn lauerte auf einen weiteren Anla�,
ihn zu schlagen. Sam Collins sa� auf der anderen Seite des Zimmers in einem
Lehnstuhl und hatte die Beine �bergeschlagen. Smiley hatte Jerry einen strammen
Brandy eingegossen, beugte sich �ber ihn und dr�ckte ihm das Glas in die Hand.
�Was tun Sie hier, Jerry?� sagte Smiley. �Ich verstehe das nicht.�</p><p>�Flirten�,
sagte Jerry und schlo� die Augen, als eine neue Woge des Schmerzes �ber ihm
zusammenschlug. �Habe eine unprogrammgem��e Zuneigung zu unserer Gastgeberin
gefa�t. Tut mir leid.�</p><p>�Sie haben
da etwas Gef�hrliches getan, Jerry�, tadelte Smiley. �Sie h�tten das ganze
Unternehmen vereiteln k�nnen. Wenn es nun Ko gewesen w�re! Die Folgen w�ren
nicht auszudenken.�</p><p>�Das
glaube ich Ihnen gern.� Er trank einen Schluck Brandy. �Luke ist tot. Liegt in
meiner Wohnung mit zerschossenem Sch�del.�</p><p>�Wer ist
Luke?� fragte Smiley, der vergessen hatte, da� er ihm einmal bei Craw begegnet
war.</p><p>�Niemand.
Nur ein Freund.� Er trank nochmals. �Amerikanischer Journalist: S�ufer. Kein
Verlust f�r die Menschheit.� Smiley warf einen Blick zu Sam Collins hin�ber,
aber Sam zuckte die Achseln.</p><p>�Niemand,
den <emphasis>wir </emphasis>kennen�, sagte er.</p><p>�L�uten
Sie trotzdem an�, sagte Smiley.</p><p>Sam nahm
das tragbare Telefon und ging damit aus dem Zimmer.</p><p>Er kannte
sich in der Wohnung aus.</p><p>�Ihr habt
sie wohl erpre�t, wie?� sagte Jerry und wies mit dem Kopf auf Lizzie. �Ungef�hr
das einzige auf der Welt, was ihr bisher noch nicht angetan wurde, soviel ich
wei�.� Er rief zu ihr hin�ber: �Wie geht's immer, altes Haus? Bitte um
Verzeihung wegen der Balgerei. Wir haben doch nichts kaputtgemacht, wie?�</p><p>�Nein�,
sagte sie.</p><p>�Haben
Ihnen die Daumenschrauben angesetzt wegen Ihrer gottlosen Vergangenheit, wie?
Zuckerbrot und Peitsche? Haben versprochen, da� alles vergeben und vergessen
ist? Dummes M�del, Lizzie. In diesem Spiel darf man keine Vergangenheit haben.
Und auch keine Zukunft. Verboten!� Er wandte sich wieder Smiley zu:</p><p>�Mehr war
nicht dran, George. Keine Philosophie im Spiel. Lizzie hat mir's einfach
angetan.�</p><p>Er kippte
den Kopf zur�ck und studierte Smileys Gesicht durch die halbgeschlossenen
Lider. Und mit der Klarsichtigkeit, die der Schmerz zuweilen bewirkt, begriff
er, da� er durch sein Tun auch Smileys Existenz in Gefahr gebracht hatte.</p><p>�Keine
Angst�, sagte er freundlich. �Wird <strong><emphasis>Ihnen </emphasis></strong>nicht
passieren, soviel steht fest.�</p><p>�Jerry�
sagte Smiley.</p><p><strong><emphasis>� Yessir�, </emphasis></strong>sagte Jerry und tat, als wolle er
im Sitzen strammstehen. �Jerry, Sie verstehen nicht, was vorgeht. Wie sehr Sie
alles durcheinanderbringen k�nnen. Milliarden Dollar und Tausende von Menschen
k�nnten nicht einen Bruchteil dessen erobern, was wir bei diesem einzigen
Unternehmen zu gewinnen haben. Ein Heerf�hrer w�rde sich schief lachen bei dem
Gedanken an ein so winziges Opfer f�r sein so enormes Resultat.�</p><p>�Verlangen
Sie blo� nicht von <strong><emphasis>mir, </emphasis></strong>da� ich
Ihnen aus der Klemme helfe, alter Junge�, sagte Jerry und blickte wieder zu
Smileys Gesicht auf. �Sie sind die Eule, erinnern Sie sich? Nicht ich.�</p><p>Sam
Collins kam zur�ck. Smiley blickte ihn fragend an.</p><p>�Zu den
anderen geh�rt er auch nicht�, sagte Sam.</p><p>�Sie
hatten es auf mich abgesehen�, sagte Jerry. �Statt dessen haben sie Luke
erwischt. Er ist ein Riesenkamel. Oder war es vielmehr.�</p><p>�Und er
ist in Ihrer Wohnung?� fragte Smiley. �Tot. Erschossen. Und in Ihrer Wohnung?�</p><p>�Schon
eine ganze Weile.�</p><p>Smiley zu
Collins: �Wir werden die Spuren verwischen m�ssen, Sam. Wir k�nnen uns keinen
Skandal leisten.�</p><p>�Dann geh
ich jetzt wieder zu ihnen zur�ck�, sagte Collins.</p><p>�Und
erkundigen Sie sich nach den Fl�gen�, rief Smiley ihm nach.</p><p>�Zwei
Pl�tze, Erster Klasse.�</p><p>Collins
nickte.</p><p>�Kann den
Burschen um die Welt nicht leiden�, gestand Jerry. �Noch nie gekonnt. Mu� das
Schnurrb�rtchen sein.� Er deutete mit dem Daumen auf Lizzie. �Was wei� sie
denn, worauf Sie gar so scharf sind, George? Ko fl�stert ihr nicht seine
teuersten Geheimnisse ins Ohr. Sie ist ein Rundauge.� Er wandte sich zu Lizzie
um. �Oder?� Sie sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Und wenn,
dann k�nnte sie sich's nicht merken�, fuhr er fort. �In diesem Punkt ist sie
unheimlich bl�d. Wahrscheinlich hat sie �berhaupt nie von Nelson geh�rt.�
Wieder wandte er sich an sie. �Heh. Wer ist Nelson. Los, wer ist er? Kos toter
kleiner Sohn, wie? Stimmt. Hat sein Schiff nach ihm getauft, ja? Und sein
Hoppepferdchen.� Er drehte sich wieder zu Smiley um. �Haben Sie's jetzt
gesehen? Bl�d. Lassen Sie Lizzie aus dem Spiel, wenn ich Ihnen einen Rat geben
darf.�</p><p>Collins
war mit einem Zettel zur�ckgekehrt, auf dem die Abflugzeiten standen. Smiley
las stirnrunzelnd. �Wir m�ssen Sie sofort nach Hause schicken, Jerry�, sagte
er. �Guillam wartet unten mit einem Wagen. Fawn kommt auch mit.�</p><p>�Ich
m�chte nur schnell mal kotzen, wenn's m�glich w�re.� Jerry griff nach Smileys
Arm, um sich an ihm aufzurichten, und Fawn sprang sofort vorw�rts, aber Smiley
beorderte ihn zur�ck. �Abstand halten, widerlicher Gnom�, knurrte Jerry und
streckte warnend einen Finger aus. �Ein Streich gen�gt. Der n�chste wird nicht
so einfach sein.�</p><p>Er
schleppte sich geb�ckt dahin, die H�nde in die Leisten gepre�t. Vor dem M�dchen
blieb er stehen.</p><p>�Haben sie
hier oben Palaver abgehalten, Ko und seine reizenden Knaben, altes Haus? Hat Ko
seine Freunde auf ein Plauderst�ndchen hier heraufgebracht?�</p><p>�Manchmal.�</p><p>�Und Sie
sorgten f�r gen�gend Mikrophone, wie eine brave kleine Hausfrau? Haben die
Guten hereingelassen, die Lampe gehalten? Klar haben Sie das.� Sie nickte.</p><p>�Gen�gt
immer noch nicht�, n�rgelte er, w�hrend er zum Badezimmer humpelte.
�Beantwortet immer noch nicht meine Frage. Mu� noch mehr dahinterstecken. <strong><emphasis>Viel </emphasis></strong>mehr.� Im Badezimmer hielt er das Gesicht unters kalte
Wasser, trank einen Schluck und �bergab sich prompt. Auf dem R�ckweg hielt er
wieder nach Lizzie Ausschau. Sie war im Wohnzimmer, und so, wie man sich
manchmal bei gro�er Nervenanspannung irgendeine banale Besch�ftigung sucht,
sortierte sie die Schallplatten und steckte jede in die dazugeh�rige
Plattentasche. In einer entfernten Ecke hielten Smiley und Collins leise
Kriegsrat. In n�chster N�he wartete Fawn an der T�r.</p><p><strong><emphasis>�Bye, </emphasis></strong>altes Haus�, sagte er zu ihr. Er legte ihr die Hand
auf die Schulter und drehte sie herum, bis die grauen Augen direkt in die
seinen blickten.</p><p><strong><emphasis>�Goodbye�, </emphasis></strong>sagte sie und k��te ihn, nicht
ausgesprochen leidenschaftlich, aber immerhin intensiver, als sie die Kellner
k��te.</p><p>�Ich war
eine Art Requisit zur Tatvorbereitung�, erkl�rte er ihr. �Tut mir leid. Sonst
tut mir nichts leid. Und passen Sie auch auf diesen Schuft Ko auf. Denn wenn's
die dort nicht fertigbringen, ihn umzulegen, dann tu's vielleicht ich.� Er
ber�hrte die Spuren an ihrem Kinn, dann schlurfte er zur T�r, wo Fawn stand,
und drehte sich nochmals um, um sich von Smiley zu verabschieden, der wieder
allein war. Collins war zum Telefonieren weggeschickt worden. Smiley stand in
einer Haltung da, die Jerry so vertraut an ihm war, die kurzen Arme leicht
angehoben, den Kopf ein bi�chen zur�ckgebeugt und im Gesicht einen halb
schuldbewu�ten, halb fragenden Ausdruck, als h�tte er gerade seinen Regenschirm
in der U-Bahn vergessen. Lizzie hatte sich von den beiden M�nnern abgewandt und
sortierte immer noch automatisch ihre Schallplatten. �Also, Gr��e an Ann�,
sagte Jerry. �Danke.�</p><p>�Sie haben
unrecht, altes Haus. Wei� nicht wie, wei� nicht warum, aber Sie haben unrecht.
Na ja, vermutlich ist es jetzt schon zu sp�t.� Wieder wurde ihm �bel und sein
Sch�del dr�hnte von den Schmerzen in seinem K�rper. �Blo� einen Fu�breit
n�her�, sagte er zu Fawn, �und ich brech dir endg�ltig dein verdammtes Genick,
verstanden?� Er wandte sich wieder an Smiley, der noch in genau der gleichen
Haltung dastand und durch nichts erkennen lie�, ob er etwas geh�rt hatte. �Also
dann, alles Gute�, sagte Jerry.</p><p>Mit einem
letzten Nicken, das jedoch nicht dem M�dchen galt, hinkte Jerry hinaus in den
Korridor, Fawn hinterher. Als sie auf den Lift warteten, sah er den eleganten
Amerikaner unter seiner offenen Wohnungst�r stehen und seinen Abtransport beobachten.</p><p>�Ach ja,
Sie h�tte ich fast vergessen�, rief Jerry sehr laut. �Sie sorgen f�r die Wanzen
in ihrer Wohnung, wie? Die Briten erpressen sie, und die Yankees belauschen
sie, das Gl�ckskind kriegt's von allen Seiten.�</p><p>Der
Amerikaner verschwand und schlo� rasch die T�r hinter sich. Der Lift kam und
Fawn stie� ihn hinein.</p><p>�H�nde
weg�, warnte ihn Jerry. �Der Name dieses Herrn hier ist Fawn�, teilte er den
�brigen Liftbenutzern in lauter Stimme mit. Die meisten trugen Smoking und
Pailettenkleider. �Er arbeitet beim britischen Geheimdienst und hat mir gerade
vorhin die Eier poliert. Die Russen kommen�, schrie er in die teigigen
gleichg�ltigen Gesichter. �Sie werden euch euer ganzes verdammtes Geld
wegnehmen.�</p><p>�Besoffen�,
sagte Fawn angewidert.</p><p>In der
Halle be�ugte ihn Lawrence, der Portier, mit deutlichem Interesse. Vor der T�r
wartete eine blaue Peugeot-Limousine. Peter Guillam sa� am Steuer. �Einsteigen�,
herrschte er Jerry an.</p><p>Die T�r
zum Beifahrersitz war abgeschlossen. Jerry kletterte in den Fond, Fawn folgte.</p><p>�Was zum
Teufel f�llt Ihnen denn eigentlich ein?� fragte Guillam durch die
zusammengebissenen Z�hne. �Seit wann rei�en lausige Tagel�hner mitten in der
Operation das Steuer herum?�</p><p>�Vorsicht�,
warnte Jerry Fawn. �Blo� ein falscher Blick, und es kracht. Mein voller Ernst.
Ich warne Sie. Offiziell.� Der Bodennebel war wieder eingefallen und wallte
�ber den K�hler. Die vor�berhuschende Stadt pr�sentierte sich wie Bildausschnitte
aus einem Tr�delmarkt: ein gemaltes Bild, ein Schaufenster, Kabelstr�nge, die
von einer Neonlampe hingen, ein B�schel erstickten Laubwerks; die
unvermeidliche Baustelle unter Flutlicht. Im Spiegel sah Jerry einen schwarzen
Mercedes nachfolgen, m�nnlicher Fahrgast, m�nnlicher Fahrer. �Die Vettern
bilden das dicke Ende�, verk�ndete er. Ein Schmerzanfall im Unterleib lie� ihn
fast ohnm�chtig werden, und einen Moment lang glaubte er tats�chlich, Fawn habe
ihn wieder geschlagen, doch es war noch die Nachwirkung vom erstenmal. In der
Central Street bat er Guillam, anzuhalten, und kotzte vor den Augen der
Passanten in den Rinnstein. W�hrend er den Kopf durchs Fenster streckte,
kauerte Fawn �ber ihm. Der Mercedes hinter ihnen hielt ebenfalls.</p><p>�Geht
nichts �ber ein bi�chen Schmerz�, rief er und setzte sich wieder hin, �damit
das alte Hirn ab und zu wieder in Schwung kommt. Was, Peter?�</p><p>Guillam,
der vor Zorn kochte, gab eine obsz�ne Antwort. <strong><emphasis>�Sie verstehen nicht, was vorgeht, </emphasis></strong>hatte
Smiley gesagt. <strong><emphasis>Wie sehr Sie alles
durcheinanderbringen k�nnen. Milliarden Dollar und Tausende von Menschen
k�nnten nicht einen Bruchteil dessen erobern, was wir zu gewinnen haben . . . �
Wie? </emphasis></strong>fragte er sich immer wieder. <strong><emphasis>Was </emphasis></strong>zu gewinnen? Nelsons Stellung in China war ihm nur
andeutungsweise bekannt. Craw hatte ihm nur gesagt, was er unbedingt wissen
mu�te: <strong><emphasis>Nelson hat Zugang zu den Kronjuwelen
von Peking, Ehrw�rden. Wer Nelson zu fassen kriegt, hat sich selber und seinem
edlen Geschlecht unsterbliches Verdienst erworben.</emphasis></strong></p><p>Sie
umrundeten den Hafen und hielten auf den Tunnel zu. Von Seeh�he aus wirkte der
amerikanische Flugzeugtr�ger seltsam klein vor der fr�hlichen Kulisse von
Kaulun. �Wie wird Ko ihn �brigens rausholen?� fragte er Guillam beil�ufig. �Mit
dem Flugzeug wird er's nicht noch einmal versuchen, <strong><emphasis>soviel </emphasis></strong>steht fest. Daf�r hat Ricardo gesorgt, wie?�</p><p>�Rauskitzeln�,
fauchte Guillam. Das war dumm von ihm, dachte Jerry triumphierend, er h�tte
nichts sagen d�rfen, h�tte die Klappe halten m�ssen.</p><p>�Soll er
vielleicht schwimmen?� fragte Jerry. �Nelson durchquert Miss Bay. Dos ist doch
nicht Drakes Stil, wie? Und �berhaupt ist Nelson zu alt daf�r. W�rde erfrieren,
sogar wenn die Haifische das Beste an ihm dranlie�en. Wie w�r's mit dem
Schweinetreck; wie w�r's, wenn er mit den Grunzern rausk�me? Tut mir leid, da�
Sie den gro�en Augenblick verpassen m�ssen, altes Haus, alles meine Schuld.�</p><p>�Mir tut's
auch leid, wenn Sie's genau wissen wollen. Am liebsten w�rde ich Ihnen die
Z�hne einschlagen.�</p><p>In Jerrys
Hirn ert�nte ein Triumphmarsch. Es <strong><emphasis>stimmt! </emphasis></strong>dachte er.
<strong><emphasis>Darum geht es! Drake holt Nelson raus, und die
ganze Bande steht schon Schlange f�r's Finish!</emphasis></strong></p><p>Hinter
Guillams Lapsus - nur ein <strong><emphasis>ei ziges </emphasis></strong>Wort, aber
nach den Ma�st�ben von Sarratt ganz unverzeihlich, absolut regelwidrig - kam
eine Enth�llung zum Vorschein, so verwirrend wie alles, was Jerry zur Zeit
erlebte, und in mancher Hinsicht noch weit bitterer. Wenn es f�r das Verbrechen
der Indiskretion �berhaupt einen mildernden Umstand gab - nach den Ma�st�ben von
Sarratt gab es keinen -, dann lieferten ihn Guillams Erlebnisse w�hrend der
letzten Stunde, die er teils damit verbracht hatte, Smiley im H�llentempo durch
den Verkehr der <strong><emphasis>rush hour </emphasis></strong>zu
kutschieren, teils im Wagen vor dem Eingang von Star Heights, in verzweifeltem
ungewissem Warten. Alles, was er in London bef�rchtet hatte, seine schaurigsten
Ahnungen in bezug auf die Enderby-Martello-Verbindung und die Rollen, die Lacon
und Collins dabei spielten, hatten sich in diesen sechzig Minuten als
zweifelsfrei richtig, wahr und berechtigt erwiesen, allenfalls als leicht
untertrieben.</p><p>Zuerst
waren sie zur Bowen Road in den Midlevels gefahren, zu einem so anonymen und
nichtssagenden, riesigen H�userblock, da� sogar die Bewohner die Hausnummern
zweimal ansehen mu�ten, um sich nicht in ihrer eigenen T�r zu irren. Smiley
dr�ckte auf eine Klingel neben dem Namensschild <strong><emphasis>Mellon, </emphasis></strong>und Guillam fragte idiotischerweise: �Wer ist
Mellon?�, im gleichen Augenblick, als ihm einfiel, da� es Sam Collins'
Arbeitsname war. Aber welcher Wahnsinnige - so fragte er sich, nicht Smiley,
mit dem er inzwischen den Lift betreten hatte - konnte auf die Idee verfallen,
nach allen Verw�stungen, die Haydon angerichtet hatte, wieder den gleichen
Arbeitsnamen zu benutzen, den dieser vor dem S�ndenfall gehabt hatte? Dann
�ffnete Collins ihnen die T�r: er trug einen Morgenrock aus Thai-Seide, hatte
eine braune Zigarette in der Spitze stecken und sein waschbares, b�gelfreies
L�cheln aufgesetzt. Schon hatten sie in einem Wohnzimmer mit Bambussesseln Platz
genommen und Sam hatte zwei Transistor-Radios auf verschiedene Programme
eingestellt, eine Wortsendung und ein Konzert, um w�hrend ihrer Unterhaltung
wenigstens eine primitive Lauschabwehr zu sichern. Sam h�rte zu - von Guillam
nahm er keinerlei Notiz -, dann rief er unverz�glich Martello auf der direkten
Leitung an - Sam hatte einen <strong><emphasis>direkter Draht </emphasis></strong>zu
Martello, bitte zu beachten, kein W�hlen, nichts, blo� den H�rer abheben - und
fragte in verschl�sselten Wendungen, �wie es mit Chummy stehe�. Chummy, so erfuhr
Guillam sp�ter, war unter Zockern ein Slangwort f�r Gimpel. Martello erwiderte,
der Observierungswagen habe sich soeben zur�ckgemeldet. Chummy und Tiu s��en
zur Zeit in Causeway Bay an Bord der <strong><emphasis>Admiral Nelson,
</emphasis></strong>sagten die Observanten, und die Richtmikrophone n�hmen (wie �blich)
soviel Wasserklatschen auf, da� die Techniker Tage, wenn nicht Wochen brauchen
w�rden, um die Nebenger�usche herauszufiltern und festzustellen, ob die beiden
M�nner �berhaupt irgend etwas Interessantes gesagt hatten. Inzwischen sei ein
Mann am Kai als statischer Observierungsposten mit dem Befehl zur�ckgelassen
worden, Martello unverz�glich zu benachrichtigen, falls das Schiff die Anker
lichten oder einer der beiden Obengenannten an Land gehen sollte. �Dann m�ssen
wir sofort hin�, sagte Smiley. Also dr�ngten sie sich wieder in den Wagen, und
w�hrend Guillam dickurze Strecke nach Star Heights fuhr, vor sich hinkochte und
hilflos der knappen Unterhaltung zu folgen versuchte, festigte sich mit jeder
Sekunde seine �berzeugung, da� er ein Spinnennetz vor sich habe und da� nur
George Smiley, besessen von der Verhei�ung des Unternehmens und von Karlas
Bild, so kurzsichtig und vertrauensselig, und, auf seine besondere bizarre Art,
auch so unschuldsvoll sein konnte, geradewegs mittenhinein zu stolpern. Georges
Alter, dachte Guillam. �Enderbys politischer Ehrgeiz, seine Vorliebe f�r den
pro-amerikanische Falken-Stil - ganz zu schweigen von der Kiste Champagner und
seiner �bertriebenen Beweihr�ucherung der hinten Etage. Lacons halbherzige Unterst�tzung
Smileys, w�hrend er insgeheim das Auge schweifen lie� und einen Nachfolger
suchte. Martellos Zwischenlandung in Langley. Enderbys Versuch, erst <strong><emphasis>vor ein paar Tagen, </emphasis></strong>Smiley aus dem Unternehmen
auszubooten und es Martello auf dem Pr�sentierteller zu servieren. Und jetzt,
und das war das Beredtste und Bezeichnendste von allem, das Wiederauftauchen
von Sam Collins als Joker im Spiel, mit einem direkten Draht zu Martello! Und
Martello, der Himmel sei uns gn�dig!, stellte sich an, als w��te er nicht, woher
George seine Informationen bezog - als g�be es keinen direkten Draht.</p><p>F�r
Guillam liefen alle diese F�den in einem einzigen Punkt zusammen, und er konnte
es kaum erwarten, bis er Smiley beiseite nehmen und ihn mit allen zur Verf�gung
stehenden Mitteln gen�gend weit und wenigstens f�r einen Augenblick vor seinem
Vorhaben abbringen k�nnte, nur damit er wissen w�rde, worauf er sich einlie�.
Bis er ihm die Sache mit dem Brief erz�hlen k�nnte. Von Sams Besuch bei Lacon
und Enderby in Whitehall. Aber nein! Er sollte statt dessen zur�ck nach
England! Und warum sollte er zur�ck nach England? Weil ein reizender,
dickk�pfiger Lohnschreiber namens Westerby die Dreistigkeit besessen hatte,
sich von der Leine loszurei�en.</p><p>Auch wenn
Guillam die Katastrophe nicht so unerbittlich h�tte nahen sehen, w�re allein
die Entt�uschung f�r ihn fast unertr�glich gewesen. Er hatte um dieses
Augenblicks willen viel erduldet. Ungnade und Exil in Brighton unter Haydon,
den Laufburschen spielen f�r Old George, anstatt wieder als Au�enagent zu
arbeiten, sich mit Georges krankhafter Heimlichtuerei abfinden, die Guillam bei
sich dem�tigend und selbstzerst�rerisch nannte - aber wenigstens diese Reise
hatte ein Ziel gehabt, bis ausgerechnet der verdammte Westerby ihm sogar das
gestohlen hatte. Aber da� er nun nach London zur�ckkehren sollte und Smiley und
den Circus, zumindest f�r die n�chsten zweiundzwanzig Stunden, einem Rudel
W�lfen �berlassen, ohne auch nur die M�glichkeit, ihn zu warnen - das war f�r
Guillam die grausame Kr�nung eines verfehlten Lebens. Und sollte es ihm helfen,
wenn er Jerry daf�r verfluchte, dann w�rde er ihn verfluchen, Jerry oder irgend
jemand sonst. �Schicken Sie Fawn!�</p><p>�Fawn ist
kein Gentleman�, w�rde Smiley erwidert haben oder etwas anderes gleichen Sinns.</p><p>Auch <strong><emphasis>das </emphasis></strong>kann man wohl behaupten, dachte Guillam und erinnerte sich
an die gebrochenen Arme.</p><p>Auch Jerry
war �berzeugt, irgendwen den W�lfen vorzuwerfen; in diesem Fall allerdings eher
Lizzie Worthington als George Smiley. Als er durch das R�ckfenster des Wagens
blickte, schien es ihm, als sei auch diese ganze Welt, durch die er fuhr, dem
Untergang geweiht. Die Stra�enm�rkte waren menschenleer, die Gehsteige, sogar
die T�rnischen. �ber ihnen ragte wie sprungbereit der Peak, den
Krokodilsr�cken vom zerzausten Mondlicht gesprenkelt. Es ist der J�ngste Tag
der Kolonie, dachte er. Peking hat den sprichw�rtlichen Telefonanruf get�tigt.
�Raus jetzt, aus der Traum.� Das letzte Hotel schlo� seine Pforten, er sah die
leeren Rolls-Royces wie Schrott rings um den Hafen liegen und die letzte
europ�ische Matrone mit blaugesp�ltem Haar, schwankend unter der Last ihrer
zollfreien Pelze und Juwelen die Laufplanken des letzten Linienschiffes
passieren, den letzten China-Experten in rasender Hast seine letzten
Fehlkalkulationen dem Rei�wolf einf�ttern, sah die gepl�nderten L�den, die
leere Stadt, die wie ein Leichnam auf die fleddernden Horden wartete. Einen
Augenblick lang war alles f�r ihn eine einzige versinkende Welt - dies hier,
Phnom Penh, Saigon, London; eine geborgte <strong>i </strong>Welt, und jetzt klopften die Gl�ubiger an die T�r, und
Jerry selber bildete aus unerkl�rlichen Gr�nden einen Teil der Schuld, die
eingefordert wurde.</p><p><strong><emphasis>Ich war diesem Amt immer dankbar daf�r, da� es mir Gelegenheit gab,
abzuzahlen. F�hlst du dich auch so? jetzt? Als �berlebender, sozusagen?</emphasis></strong></p><p>Ja,
George, dachte er. Leg mir die Worte in den Mund, alter Junge. Genauso f�hle
ich mich. Aber vielleicht nicht ganz in dem Sinn, wie <strong><emphasis>du </emphasis></strong>es gemeint hast, altes Haus. Er sah Frosts lustiges,
lebensfrohes kleines Gesicht, als sie tranken und feierten. Er sah es ein
zweitesmal, in diesem grauenvollen Schrei erstarrt. Er sp�rte Lukes
Freundeshand auf seiner Schulter und sah die gleiche Hand auf dem Fu�boden
liegen, �ber den Kopf zur�ckgestreckt, wie um einen Ball zu fangen, der nie
kommen w�rde, und er dachte: der Haken ist der, altes Haus, da� in Wirklichkeit
die anderen armen Teufel zur Kasse gebeten werden. Wie zum Beispiel Lizzie.</p><p>Er w�rde
das eines Tages George gegen�ber zur Sprache bringen, falls sie jemals, bei
einem Gl�schen, auf die Gretchenfrage zur�ckkommen sollten, warum wir
eigentlich den Berg erklimmen. Er w�rde dann - nicht aggressiv, nicht da� ich
Ihnen zu nahe treten m�chte, altes Haus - darauf hinweisen, wie selbstlos und
bereitwillig wir andere Menschen opfern, wie zum Beispiel Luke und Frost und
Lizzie. George w�rde nat�rlich eine gute Antwort parat haben, vern�nftig,
wohlerwogen, rechtfertigend. George sah das gro�e Ganze. Begriff das Gebot der
Stunde. War ganz nat�rlich. Er war eine Eule.</p><p>Der
Hafentunnel kam n�her, und er dachte an ihren bebenden letzten Ku� und
erinnerte sich gleichzeitig an die Fahrt zum Leichenschauhaus, denn vor ihnen
stieg das Ger�st eines Neubaus aus dem Nebel, und es war hell erleuchtet wie
das Ger�st auf der Fahrt zum Leichenschauhaus, und schwei�gl�nzende Kulis mit
gelben Helmen krabbelten darauf herum. Tiu kann sie auch nicht leiden, dachte
er. Kann keine Rundaugen leiden, die �ber die Geheimnisse des Gro�en Herren
plaudern. Er zwang seine Gedanken in eine andere Richtung und versuchte, sich
vorzustellen, was sie mit Nelson machen w�rden: staatenlos, heimatlos, ein
Fisch, den man fressen oder wieder ins Meer zur�ckwerfen konnte, ganz wie's
beliebte. Jerry hatte schon einige solcher Fische gesehen: er war dabeigewesen,
als man sie fing; als sie einem Blitzverh�r unterzogen wurden; er hatte schon
mehr als einen wieder �ber die Grenze abgeschoben, die sie erst vor so kurzer
Zeit �berschritten hatten, damit sie schleunigst wieder <strong><emphasis>in Umlauf </emphasis></strong>gesetzt w�rden, wie der Sarratt-Jargon es so
reizend ausdr�ckte - �schnell, bevor sie �berhaupt merken, da� er weg gewesen
war�. Und wenn sie ihn nicht zur�ckschickten? Wenn sie ihn behielten, diesen
stolzen Siegespreis, nach dem sie alle gierten? Dann w�rde Nelson, nach den Jahren
des Ausquetschens, nach zwei oder drei Jahren - er hatte geh�rt, manchmal
dauerte es sogar f�nf -, sich zur Schar der Ewigen Juden des Spionagegewerbes
gesellen, versteckt werden und wieder in Bewegung gesetzt, aufs neue versteckt,
und von keinem geliebt, nicht einmal von denen, an die er seinen Glauben
verriet.</p><p><strong><emphasis>Und was wird Drake mit Lizzie anstellen, </emphasis></strong>fragte er
sich, <strong><emphasis>w�hrend dieses kleine Drama seinen Lauf
nimmt? Welchem Schlamassel geht sie diesmal entgegen?�</emphasis></strong></p><p>Sie hatten
den Zugang zum Tunnel erreicht und waren fast zum Stehen gekommen. Der Mercedes
war direkt hinter ihnen. Jerry lie� den Kopf nach vorne fallen. Er legte beide
H�nde an die Leisten, schwankte vor und zur�ck und keuchte vor Schmerz. Aus
einem improvisierten Polizeiposten, der einem Schilderh�uschen glich, lugte ein
chinesischer Schutzmann neugierig her�ber. �Wenn er zu uns herkommt, sagen Sie,
wir haben einen Betrunkenen im Wagen. Zeigen Sie ihm das Erbrochene auf dem
Boden�, fauchte Guillam.</p><p>Sie
krochen in den Tunnel. Wegen des schlechten Wetters waren die Wagen auf zwei
Fahrspuren in n�rdlicher Richtung Nase an Heck aufgereiht. Guillam hatte die
rechte Spur gew�hlt, der Mercedes hielt in gleicher H�he auf der linken. Im
Spiegel sah Jerry durch die halbgeschlossenen Lider einen braunen Lastwagen,
der hinter ihnen langsam bergab zuckelte. �Geben Sie mir Kleingeld�, sagte
Guillam �Ich brauche Kleingeld, wenn ich rausfahre.�</p><p>Fawn grub
in seinen Taschen, wobei er nur eine Hand benutzte. Der Tunnel r�ttelte vom
Dr�hnen der Motoren. Ein Hupkonzert setzte ein. Zum alles durchdringenden Nebel
kam nun noch der Gestank der Auspuffgase. Fawn schlo� sein Fenster. Der L�rm
schwoll an und wurde von den W�nden zur�ckgeworfen, bis der Wagen im Takt
bebte. Jerry hielt sich die Ohren zu. �Tut mir leid, altes Haus. Glaube, mir
wird wieder schlecht.� Aber diesmal beugte er sich nach Fawns Seite, der mit
einem unterdr�ckten �Dreckschwein� hastig sein Fenster wieder herunterkurbeln
wollte, als Jerrys Kopf in seinen Kiefer krachte und Jerrys Ellbogen ihm in die
Leisten fuhr. F�r Guillam, der zugleich steuern und sich h�tte wehren m�ssen,
hatte Jerry einen Handkantenschlag auf die Stelle zwischen Schultergelenk und
Schl�sselbein vorgesehen. Er fing mit v�llig entspanntem Arm an und legte erst
im allerletzten Moment seine ganze Kraft in den Hieb. Der Aufschlag hob Guillam
vom Sitz, er schrie auf, und der Wagen schwang nach rechts. Fawn hatte einen
Arm um Jerrys Hals geschlungen und versuchte mit der anderen Hand, Jerrys Kopf
dar�berzubiegen, womit er ihn zweifellos get�tet h�tte. Aber in Sarratt wird
ein Spezialschlag auf engstem Raum gelehrt, die sogenannte Tigerpranke, wobei
man den Handballen von unten nach oben gegen die Luftr�hre des Gegners sausen
l��t, den Arm angewinkelt und die Finger straff nach hinten gereckt. Diesen
Schlag f�hrte Jerry jetzt, und Fawns Kopf fuhr mit solchem Schwung ins
R�ckfenster, da� die Sicherheitsscheibe sternf�rmig barst. Die beiden
Amerikaner im Mercedes hielten die Blicke starr nach vorn gerichtet, als f�hren
sie zu einem Staatsbegr�bnis. Jerry �berlegte, ob er Fawns Luftr�hre mit Finger
und Daumen abpressen sollte, aber es schien nicht n�tig zu sein. Er schnappte
sich seine Waffe aus Fawns Hosenbund und �ffnete die rechte T�r. Guillam warf
sich verzweifelt auf ihn und ri� den �rmel seines getreuen, aber sehr alten
blauen Anzugs bis zum Ellbogen auf. Jerry hieb ihn mit der Pistole auf den Arm
und sah, wie sich sein Gesicht vor Schmerz verzerrte. Fawn kriegte ein Bein
durch die T�r, aber Jerry schmetterte sie mit aller Kraft zu und h�rte ihn
nochmals �Dreckschwein�! schreien, und danach rannte er einfach zur�ck in
Richtung Stadt, gegen den Strom der Fahrzeuge. Er sprang und schl�ngelte sich
zwischen den eingepferchten Wagen hindurch, scho� aus dem Tunnel und den H�gel
hinauf, bis er zu dem kleinen Schilderh�uschen kam. Er glaubte, Guillam
schreien zu h�ren. Er glaubte, einen Schu� zu h�ren, aber es konnte auch eine
Fehlz�ndung gewesen sein. Seine Leiste schmerzte unwahrscheinlich, aber es war,
als beschleunigte der Schmerz sein Tempo. Ein Polizist schrie vom Stra�enrand
her�ber, ein anderer breitete die Arme aus, aber Jerry fegte ihn beiseite, und
sie gew�hrten ihm die Narrenfreiheit des Rundauges. Er rannte, bis er ein Taxi
fand. Der Fahrer konnte nicht Englisch, und er mu�te ihm den Weg weisen:
�Genau, altes Haus. Dort rauf. Links, du verdammter Idiot. Genau . . .� Bis sie
bei ihrem H�userblock ankamen.</p><p>Er wu�te
nicht, ob Smiley und Collins noch in der Wohnung waren oder ob Ko inzwischen
aufgekreuzt war, wom�glich mit Tiu, aber zu R�tselspielen war sehr wenig Zeit.
Er klingelte nicht an der T�r, denn er wu�te, da� die Mikrophone das Klingeln
aufnehmen w�rden. Statt dessen fischte er eine Karte aus der Brieftasche,
kritzelte etwas darauf, schob sie durch den Briefschlitz und wartete kauernd,
zitternd und schwitzend wie ein Karrengaul, w�hrend er auf ihre Schritte
lauschte und die H�nde auf die Leisten pre�te. Er wartete eine Ewigkeit, dann
�ffnete sich endlich die T�r, und sie stand vor ihm und starrte ihn an, w�hrend
er versuchte, sich aufzurichten.</p><p>�Mein
Gott, Sir Galahad�, fl�sterte sie. Sie trug kein Make-up, und Ricardos
Krallenspuren waren tief und rot. Sie weinte nicht; er glaubte nicht, da� sie
je weinte, aber ihr Gesicht wirkte �lter als alles �brige an ihr. Ehe er etwas
sagte, schob er sie in den Korridor, und sie leistete keinen Widerstand. Er
wies zur T�r, die auf die Feuertreppe f�hrte.</p><p>�Wir
treffen uns drau�en in genau f�nf Sekunden, verstanden?</p><p><strong><emphasis>Keine </emphasis></strong>Telefonanrufe, <strong><emphasis>keinen </emphasis></strong>Krach beim Weggehen, und <strong><emphasis>keine </emphasis></strong>bl�den Fragen. Warm anziehen. Los jetzt, altes
Haus. Nicht gefackelt. <strong><emphasis>Bitte.�</emphasis></strong></p><p>Sie
blickte ihn an, seinen zerfetzten �rmel, das schwei�nasse Jackett, die
Haarstr�hne, die ihm �bers Auge hing. �Die Wahl hei�t: mich oder gar nichts�,
sagte er. �Und glaub mir, es ist ein riesengro�es Garnichts.�</p><p>Sie
tastete allein in die Wohnung zur�ck und lie� die T�r offen, kam blitzschnell
wieder und verschlo� zur Sicherheit nicht einmal die T�r. Auf der Feuerleiter
kletterte er voran. Sie hatte eine Schultertasche umgeh�ngt und trug einen
Ledermantel. Sie hatte ihm eine Strickweste mitgebracht, vermutlich Drakes
Weste, denn sie war ihm viel zu klein, aber er zw�ngte sich trotzdem hinein. Er
leerte den Inhalt seiner Jackentaschen in ihre Handtasche und stopfte die
Jacke in den M�llschlucker. Sie folgte ihm so lautlos, da� er sich zweimal
umsah, ob sie �berhaupt noch da war. Als sie im Erdgescho� angelangt waren,
lugte er durch das Drahtglasfenster und zog seinen Kopf gerade noch rechtzeitig
zur�ck, als er den Rocker h�chstpers�nlich, begleitet von einem bleichen
Untergebenen, auf die Portiersloge zumarschieren und seinen Polizeiausweis
vorzeigen sah. Jerry und das M�dchen stiegen weiter abw�rts bis zur Tiefgarage,
und Lizzie sagte: �Nehmen wir das rote Kanu.�</p><p>�Rede doch
keinen Bl�dsinn, wir haben es in der Stadt stehenlassen.�</p><p>K�pf
sch�ttelnd f�hrte er sie an den Wagen vorbei in ein schmutziges, nicht
�berdachtes Gel�nde voller Abfall und Bauschutt, das dem Hinterhof des Circus
glich. Von dort f�hrte zwischen triefnassen Betonw�nden eine steile Treppe
hinab zur Stadt, von schwarzen �sten �berhangen und von der gewundenen
Fahrstra�e immer wieder unterbrochen. Die Ersch�tterung des Treppablaufens
verursachte heftigen Schmerz in seinen Leisten. Als sie das erstemal an die
Fahrstra�e kamen, f�hrte Jerry das M�dchen stracks hin�ber. Beim zweitenmal
sahen sie in der Ferne das blutrote Blitzen eines Warnlichts, und er zog sie
unter die B�ume, aus dem Scheinwerferkegel eines Polizeiwagens, der mit
H�chstgeschwindigkeit bergab heulte. An der Unterf�hrung fanden sie einen <strong><emphasis>pak-pai, </emphasis></strong>und Jerry gab ihm die Adresse an. �Wo zum Teufel
ist das?� fragte Lizzie.</p><p>�Irgendwo,
wo man sich nicht eintragen mu߫, sagte Jerry. �Halt den Mund und la� mich den
Pascha spielen, ja? Wieviel Geld hast du dabei?�</p><p>Sie
�ffnete die Tasche und z�hlte den Inhalt einer dicken Geldb�rse nach.</p><p>�Das habe
ich Tiu beim Mah jong abgewonnen�, sagte sie, und aus irgendeinem Grund wu�te
er, da� sie wieder einmal schwindelte. Der Fahrer setzte sie am Ende der Gasse
ab, und sie gingen den kurzen Weg bis zu dem niedrigen Gitter zu Fu�. Im Haus
brannten keine Lichter. Als sie zur T�r kamen, flog sie auf und ein P�rchen
flitzte an ihnen vorbei und verschwand im Dunkeln. Sie traten ein, die T�r
schlo� sich hinter ihnen, sie folgten einem L�mpchen, das vor ihnen hergetragen
wurde, bis zu einer eleganten Halle, in der Fl�tenmusik ert�nte. Auf dem
geschwungenen Sofa in der Mitte thronte eine adrette chinesische Dame, einen
Stift in der Hand und ein Notizbuch auf dem Scho�, f�r alle Welt das Muster
einer Chatelaine. Sie sah Jerry und l�chelte, sie sah Lizzie, und ihr L�cheln
wurde breiter. �F�r die ganze Nacht�, sagte Jerry. �Selbstverst�ndlich�
erwiderte sie.</p><p>Sie
folgten ihr die Treppe hinauf zu einem schmalen Korridor. Durch die offenen
T�ren sah man seidene Bettdecken, ged�mpftes Licht und Spiegel. Jerry w�hlte
das am wenigsten woll�stige Zimmer, lehnte das Angebot eines zweiten M�dchens -
aller guten Dinge seien drei - ab, gab der Frau Geld und bestellte eine Flasche
Remy Martin. Lizzie trat hinter ihm ein, warf die Umh�ngetasche auf das Bett
und brach, noch w�hrend die T�r offen war, in ein nerv�ses Lachen der
Erleichterung aus.</p><p>�Lizzie
Worthington�, verk�ndete sie, �genau hier, sagten sie, w�rdest du einmal enden,
du schamloses Weibsst�ck, und ich will verdammt sein, wenn sie nicht recht
hatten!� Das Zimmer enthielt eine Chaiselongue, und Jerry legte sich darauf,
kreuzte die Beine, hielt das Brandyglas in der Hand und starrte an die Decke.
Lizzie legte sich ins Bett, und eine Weile sprach keiner von ihnen. Das Haus
war sehr still. Dann und wann h�rten sie aus dem oberen Stockwerk einen
Lustschrei oder unterdr�cktes Lachen, einmal eine Klage. Lizzie ging zum
Fenster und sah hinaus.</p><p>�Was ist
da drau�en?� fragte er.</p><p>�Eine
Ziegelmauer, ungef�hr drei Dutzend Katzen, und mehrere Stapel von leeren
Kisten.�</p><p>�Neblig?�</p><p>�Gr��lich.�</p><p>Sie
schlenderte ins Badezimmer, kramte herum und kam wieder herein.</p><p>�Altes
Haus�, sagte Jerry ruhig.</p><p>Sie war
sofort auf der Hut.</p><p>�Bist du
n�chtern und zurechnungsf�hig?�</p><p>�Warum?�</p><p>�Ich
m�chte, da� du mir alles erz�hlst, was du ihnen erz�hlt hast. Und danach m�chte
ich, da� du mir alles sagst, was sie dich gefragt haben, ob du es beantworten
konntest oder nicht. Und wenn du damit fertig bist, dann wollen wir's mit einem
kleinen Spielchen versuchen, das sich R�ckpeilung nennt, und gemeinsam herausfinden,
wo diese ganze Schweinebande ihre Pl�tze im Weltenplan hat.�</p><p>�Es ist
die Wiederauff�hrung eines alten St�cks�, sagte sie schlie�lich. _ �Welches
St�ck?�</p><p>�Das wei�
ich nicht. Es soll alles genauso ablaufen, wie es schon einmal war.�</p><p>�Und was
war schon einmal?�</p><p>�Was immer
es war�, sagte sie m�de, �es wird sich genauso noch einmal abspielen.�</p><p><strong><emphasis/></strong></p><p><emphasis>Nelson </emphasis></p><empty-line/><p>Es war ein
Uhr morgens. Sie hatte ein Bad genommen. Sie kam aus dem Badezimmer, in ein
wei�es Laken geh�llt, ein Handtuch ums Haar geschlungen und war barfu�, so da�
ihre Proportionen pl�tzlich ganz anders wirkten.</p><p>�Sogar
Papierbanderolen sind �ber dem Klodeckel�, sagte sie. �Und die Zahnputzbecher
in Cellophan verpackt.� Sie d�ste auf dem Bett, er auf dem Sofa. Einmal sagte
sie: �Ich m�chte schon, aber es ist nichts zu machen�, und er antwortete, nach
Fawns gezieltem Fu�tritt sei auch seine eigene Libido ein wenig angeschlagen.
Sie erz�hlte ihm von ihrem Schulmeister - Mr. Bloody Worthington, nannte sie
ihn - und ihrem �einzigen Versuch, auf dem Pfad der Tugend zu wandeln�, und von
dem Kind, das sie ihm aus H�flichkeit geboren habe. Sie sprach von ihren
schrecklichen Eltern und von Ricardo und was f�r ein Schwein er gewesen sei und
wie sie ihn geliebt habe und wie ein M�dchen in der Constellation Bar ihr
geraten habe, ihn mit Cytisin zu vergiften und da� sie ihm eines Tages, nachdem
er sie halbtot gepr�gelt hatte, eine �verdammt gro�e Dosis in seinen Kaffee
getan� habe. Aber vielleicht hatte sie nicht das richtige Mittel erwischt,
sagte sie, denn es sei weiter nichts passiert, als da� er tagelang krank
gewesen sei, und �wenn es etwas Schlimmeres gibt als den gesunden Ricardo, dann
ist es ein Ricardo an der Schwelle des Todes�. Wie sie ihm ein anderesmal
tats�chlich einen Messerstich beigebracht habe, als er in der Badewanne sa�,
aber er habe einfach ein St�ck Heftpflaster dr�bergeklebt und sie aufs neue
verdroschen.</p><p>Wie sie
und Charlie Marshall nach Ricardos offiziellem Verschwinden nicht an seinen
Tod hatten glauben wollen und eine, wie sie es nannten, �Ricardo-lebt-Campagne�
gestartet hatten, und wie Charlie sich hinter seinen alten Herrn geklemmt habe,
alles genau, wie er es Jerry geschildert hatte. Wie Lizzie ihren Rucksack
gepackt und nach Bangkok gegangen sei, geradewegs in die Suite von China Airsea
im Erawan, in der Absicht, sich Tiu vorzukn�pfen, und statt dessen an Ko
geriet, den sie erst einmal und nur sehr kurz gesehen hatte: bei einer
Teegesellschaft in Hongkong, die eine gewisse Sally Cale gegeben hatte, ein
Mannweib mit blauget�ntem Haar, im Antiquit�tenhandel und nebenbei im
Heroingesch�ft t�tig. Und wie sie im Erawan ein richtiges Boulevardst�ck gespielt
habe, das mit Kos barschem Befehl, sie solle sich rausscheren, anfing, und
damit endete, da�, wie Lizzie fr�hlich sagte, �die Natur ihren Lauf nahm�:
�Wieder ein Schritt auf Lizzie Worthingtons unbeirrbarem Marsch ins Verderben.�
Und wie sie langsam und umst�ndlich, w�hrend �Charlie Marshalls alter Herr zog
und Lizzie Worthington schob�, wie man sagen k�nnte, einen sehr chinesischen
Vertrag zustande brachten, mit Ko und Charlies altem Herrn als Signatarm�chten
und als Gegenstand der Transaktion erstens Ricardo und zweitens dessen
Lebensgef�hrtin a. D., Lizzie. Jerry erfuhr ohne gro�e �berraschung, da� sowohl
sie wie Ricardo dankbar in das Abkommen einwilligten. �Du h�ttest ihn
verschimmeln lassen sollen�, sagte Jerry und dachte an die Zwillingsringe an Ricardos
rechter Hand und an den in die Luft gesprengten Ford.</p><p>Aber
Lizzie hatte die Sache ganz anders und gar nicht so gesehen und tat es auch
heute noch nicht.</p><p>�Er
geh�rte zu uns�, sagte sie. �Auch wenn er ein Schwein war.� Aber nachdem sie
ihm sein Leben erkauft hatte, f�hlte sie sich nicht mehr an ihn gebunden.</p><p>�Die
Chinesen arrangieren alle Tage Hochzeiten. Warum also nicht Drake und Liese?�</p><p>Was es mit
diesem <strong><emphasis>Liese </emphasis></strong>auf sich
habe? wollte Jerry wissen. Warum <strong><emphasis>Liese </emphasis></strong>anstatt <strong><emphasis>Lizzie?</emphasis></strong></p><p>Sie wu�te
es nicht. Das sei etwas, wor�ber Drake nicht spreche, sagte sie. Er habe ihr
nur erz�hlt, da� es einmal eine Liese in seinem Leben gegeben habe und da� sein
Wahrsager ihm versprach, eines Tages werde er eine zweite finden, und er war
der Meinung, Lizzie komme der Sache nahe genug, also halfen sie ein bi�chen
nach und nannten sie Liese, und weil sie schon einmal dabei war, stutzte sie
ihren Familiennamen zu einem schlichten Worth.</p><p>�Blonde
Biene�, sagte sie zerstreut.</p><p><strong/></p><p>Der
Namenswechsel habe auch einen praktischen Zweck gehabt, sagte sie. Nachdem Ko
ihr einen neuen Namen gegeben hatte, habe er daf�r gesorgt, da� ihre auf den
alten Namen lautende Polizeiakte vernichtet wurde.</p><p>�Bis
dieses Schwein Mellon auftaucht und sagt, er l��t eine neue erstellen, und
darin werde dann auch stehen, da� ich sein verdammtes Heroin bef�rdert habe�,
sagte sie. Was sie wieder darauf brachte, wo sie jetzt waren. Und warum. Sie
redeten gel�st dahin, als ruhten sie von der Liebe aus. Jerry lag auf dem
Diwan, er war hellwach, Lizzie hingegen schlief im Sprechen immer wieder ein
und nahm danach ihre Erz�hlung dort wieder auf, wo sie eingeschlummert war, und
er wu�te, da� sie ihm die Wahrheit sagte, denn es kam nichts darin vor, was er
nicht schon von ihr wu�te und verstand. Er begriff auch, da� Ko f�r sie zum
Lebensanker geworden war. Er wachte �ber ihrer Odyssee, �hnlich wie es der
Schulmeister getan hatte. �Drake hat nie im Leben ein Versprechen gebrochen�,
sagte sie einmal, drehte sich um und fiel wieder in unruhigen Schlummer. Jerry
dachte an die Waise: l�g mich blo� nie an. Stunden, Ewigkeiten sp�ter erwachte
sie durch einen ekstatischen Schrei aus dem Zimmer nebenan.</p><p>�Herrje�,
erkl�rte sie anerkennend. �Die ist wirklich im siebenten Himmel!� Der Schrei
wiederholte sich. �Ach! War nur Mache!� Stille.</p><p>�Bist du
wach?� fragte sie.</p><p>�Ja.�</p><p>�Was
willst du jetzt machen?</p><p>��Morgen?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Ich wei�
nicht�, sagte er.</p><p>�Herzlich
willkommen im Club�, sagte sie.</p><p>Ich mu�
neue Instruktionen von Sarratt kriegen. Unbedingt, dachte er. Einen
Kassiberanruf bei Old Craw, dachte er. Den lieben alten George um einen seiner
philosophischen Winke bitten, die er in letzter Zeit so gern spendiert. Er mu�
in der N�he sein.</p><p>Irgendwo.</p><p>Smiley war
in der N�he, aber zu diesem Zeitpunkt h�tte er Jerry �berhaupt keine Hilfe
zuteil werden lassen k�nnen. Er w�rde sein ganzes Wissen f�r ein bi�chen
Verst�ndnis eingetauscht haben.</p><p>Die
Isolierstation kannte keine Nacht, sie lagen oder lungerten unter dem
Tageslicht des durchbrochenen Plafonds, die drei Vettern und Sam auf der einen
Seite des Raums, Smiley und Guillam auf der anderen, und Fawn schritt
unerm�dlich die Reihe der Kinositze ab, ein Gefangener, der vor Wut beinah
platzte, und pre�te in jeder der winzigen F�uste etwas, das wie ein Tennisball
aussah. Seine Lippen waren schwarz und verschwollen, ein Auge war geschlossen.
Unter seiner Nase hielt sich hartn�ckig ein Blutgerinsel. Guillam trug den
rechten Arm bis zur Schulter bandagiert und lie� kein Auge von Smiley. Auch die
Blicke aller anderen waren auf Smiley gerichtet, aller, au�er Fawn. Ein Telefon
klingelte, aber es war der Nachrichtenraum im Oberstock, der meldete, da�
Jerrys Spur mit Sicherheit bis Vientiane verfolgt werden konnte.</p><p>�Sagen Sie
ihnen, die F�hrte ist kalt, Murphy�, befahl Martello und hielt dabei den Blick
auf Smiley gerichtet. �Sagen Sie ihnen irgendwas. Aber schaffen Sie uns die
Bande vom Hals. Recht so, George?� Smiley nickte.</p><p>�Recht
so�, sagte Guillam energisch an seiner Stelle. �Die F�hrte ist kalt, <strong><emphasis>honey�, </emphasis></strong>echote Murphy ins Telefon. Das <strong><emphasis>honey </emphasis></strong>war eine �berraschung. Murphy hatte bislang
keinerlei Symptome menschlicher W�rme gezeigt. �Wollen Sie zur�ckdrahten, oder
mu� ich es erledigen? Wir sind nicht interessiert, ja? Abblasen.� Er legte auf.</p><p>�Rockhurst
hat ihren Wagen gefunden�, sagte Guillam zum zweitenmal, w�hrend Smiley
unentwegt vor sich hinstarrte. �In einer Tiefgarage in Central. Ein Mietwagen
steht auch drunten. Westerby hat ihn gemietet. Heute. Auf seinen Arbeitsnamen.
George?�</p><p>Smiley
nickte so schwach, als h�tte er nur einen Anfall von Schl�frigkeit verscheuchen
wollen.</p><p>�Wenigstens
unternimmt er etwas, George�, sagte Martello anz�glich aus seiner Ecke, die er
mit Collins und den schweigsamen M�nnern teilte. �Es hei�t, wenn ein Elefant
ausbricht, dann gibt's nur eins: hingehen und ihn erschie�en.�</p><p>�Zuerst
mu� man ihn finden�, schnauzte Guillam, dessen Nerven am Zerrei�en waren.</p><p>�Ich bin
nicht einmal ganz sicher, ob George das m�chte, Peter�, Martello war wieder in
seinen onkelhaften Ton verfallen, �ich glaube, George sollte sich doch
entschlie�en, der ernsten Gef�hrdung unseres gemeinsamen Unternehmens einige
Aufmerksamkeit zu schenken.�</p><p>�Was
sollte George denn tun, Ihrer Meinung nach?� konterte Guillam schroff. �Durch
die Stra�en laufen, bis er ihn zu fassen hat? Rockhurst veranlassen, Namen und
Personenbeschreibung in Umlauf zu setzen, damit jeder Journalist in der ganzen
Stadt erf�hrt, da� nach ihm gefahndet wird?�</p><p>Neben
Guillam hockte Smiley geb�ckt und kraftlos wie ein alter Mann.</p><p>�Westerby
ist ein Profi�, fuhr Guillam fort. �Er ist kein geborener Au�enmann, aber er
ist gut. Er kann sich in einer Stadt wie dieser monatelang versteckt halten,
ohne da� Rockhurst davon Wind bekommt.�</p><p>�Auch mit
dem M�dchen im Schlepptau?� sagte Murphy. Trotz des bandagierten Arms beugte
Guillam sich zu Smiley hin�ber.</p><p>�Es ist
Ihre Operation�, dr�ngte er fl�sternd. �Wenn Sie sagen, wir m�ssen warten, dann
warten wir. Aber geben Sie den Befehl.</p><p>Diese
Burschen da lauern doch nur auf einen Vorwand, das Steuer zu �bernehmen. Alles,
nur kein Vakuum. Alles.�</p><p>Fawn, der
vor den Kinositzen auf und ab wanderte, lie� ein sarkastisches Murmeln h�ren.</p><p>�Reden,
reden, reden. Mehr ist nicht drin.�</p><p>Martello
probierte es nochmals.</p><p>�George.
Ist diese Insel nun britisch oder nicht? Ihr k�nnt doch diese Stadt jederzeit
um- und -umkehren.� Er wies auf eine fensterlose Wand. �Da drau�en ist ein Mann
- Ihr Mann -, der offenbar entschlossen ist, Amok zu laufen. Nelson Ko ist der
gr��te Fisch, den Sie oder ich jemals an Land ziehen k�nnen. Der gr��te in
meiner ganzen Laufbahn, und, da wette ich um meine Frau, meine Gro�mutter und
meine Plantage, sogar auch in der Ihrigen.�</p><p>�Keine Gegenwetten�,
sagte Sam Collins, der Spieler, und grinste. Martello lie� nicht locker.</p><p>�Sollen
wir uns von ihm die Beute abjagen lassen, George, w�hrend wir hier herumsitzen
und dar�ber br�ten, wieso Christus an Weihnachten zur Welt kam und nicht am
sechsundzwanzigsten oder siebenundzwanzigsten Dezember?�</p><p>Endlich
linste Smiley hin�ber zu Martello, dann zu Guillam hinauf, der stocksteif neben
ihm stand und die Schultern zur�cknahm, um die Armschlinge zu straffen, und
schlie�lich blickte er hinab auf seine ineinander verkrampften H�nde, und
w�hrend einer Zeitspanne, die nicht me�bar war, pr�fte er sich im Geist und
�berdachte seine Suche nach Karla, den Ann <strong><emphasis>seinen schwarzen Gral </emphasis></strong>nannte. Er dachte an Ann und wie
sie ihn wiederholt betrogen hatte auf der Suche nach ihrem eigenen Gral, den
sie Liebe nannte. Er entsann sich, wie er, wider besseres Wissen versucht
hatte, ihren Glauben zu teilen, ihn wie ein wahrer Gl�ubiger' mit jedem Tag zu
erneuern, trotz ihrer anarchischen Auslegung seiner Bedeutung. Er dachte an
Haydon, den Karla auf Ann angesetzt hatte. Er dachte an Jerry und das M�dchen,
und er dachte an Peter Worthington, den Ehemann, und an den Hundeblick der
Zusammengeh�rigkeit, den Worthington auf ihn gerichtet hatte, als er ihn in
seinem Reihenhaus in Islington aufsuchte: �Du und ich, wir geh�ren zu denen,
die man zur�ckl��t�, lautete die Botschaft.</p><p>Er dachte
an Jerrys andere Liebesversuche auf seinen ungeraden Pfaden, an die
halbbezahlten Rechnungen, die der Circus f�r ihn beglichen hatte, und es w�re
naheliegend gewesen, Lizzie als eine von vielen abzutun, aber das konnte er
nicht. Er war nicht Sam Collins, und er zweifelte keine Sekunde daran, da� in
diesem Augenblick Jerrys Gef�hle f�r das M�dchen eine Sache seien, f�r die Ann
w�rmstens eingetreten w�re. Aber er war auch nicht Ann. Dennoch fragte er sich
einen schmerzhaften Moment lang, w�hrend er noch immer dasa�, von
Unentschlossenheit gel�hmt, ob Ann nicht recht habe damit, da� sein eigenes
Streben nichts anderes mehr sei als ein privates Abenteuer inmitten der
Chim�ren und Schreckgestalten seiner eigenen Unzul�nglichkeit, in das er
schlichte Gem�ter wie Jerry bedenkenlos hineinzog. <strong><emphasis>Sie haben unrecht, altes Haus. Wei� nicht wie, wei� nicht warum, aber
Sie haben unrecht.</emphasis></strong></p><p><strong><emphasis>Allein deshalb, weil ich unrecht habe, </emphasis></strong>hatte er
einmal im Verlauf eines ihrer endlosen Streitgespr�che zu Ann gesagt, <strong><emphasis>hast du noch lange nicht recht.</emphasis></strong></p><p>Wieder
h�rte er Martello sprechen, diesmal in der Gegenwartsform.</p><p>�George,
einige Leute warten mit <strong><emphasis>offenen Armen </emphasis></strong>auf das,
was wir ihnen geben k�nnen. Was Nelson ihnen geben kann.�</p><p>Ein
Telefon klingelte. Murphy nahm den Anruf entgegen und gab die Botschaft an den
schweigenden Raum weiter: �Funktelefon vom Flugzeugtr�ger, Sir. Navy Int.
meldet die Dschunken genau nach Zeitplan, Sir. S�dwind g�nstig und auf der
ganzen Strecke gute F�nge. Sir, ich glaube, Nelson f�hrt gar nicht mit ihnen.
Ich sehe auch nicht ein, warum er das tun sollte.�</p><p>Die
allgemeine Aufmerksamkeit wandte sich j�h Murphy zu, den man noch nie eine
eigene Meinung hatte �u�ern h�ren.</p><p>�Was zum
Teufel soll denn <strong><emphasis>das </emphasis></strong>hei�en,
Murphy?� fragte Martello ba� erstaunt. �Waren Sie vielleicht auch beim
Wahrsager, mein Junge?�</p><p>�Sir, ich
war heute morgen drunten auf dem Schiff, und die Leute dort haben eine Menge
Unterlagen. Sie k�nnen sich nicht vorstellen, warum jemand, der in Schanghai
lebt, jemals von Swatow aus starten sollte. Sie w�rden es ganz anders machen,
Sir. Zuerst per Flugzeug oder Bahn nach Kanton und von dort mit dem Bus zum
Beispiel nach Waichow. Sie sagen, das sei bedeutend sicherer, Sir.�</p><p>. �Die
Dschunkenfischer sind Nelsons Leute�, sagte Smiley, als die K�pfe wieder zu ihm
herumschwangen. �Sie sind sein Clan. Er macht lieber mit ihnen die Seereise,
auch wenn es ein Risiko ist. Er vertraut ihnen.� Er wandte sich an Guillam.
�Wir machen folgendes�, sagte er. �Sagen Sie Rockhurst, er soll eine Beschreibung
von Westerby und dem M�dchen zusammen in Umlauf setzen. Er hat den Wagen unter
seinem Arbeitsnamen gemietet, sagen Sie? Hat seine Fluchtpapiere benutzt?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Worrell?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Die
Polizei sucht demnach Mr. und Mrs. Worrell, britische Staatsangeh�rige. Keine
Fotos, und sorgen Sie daf�r, da� die Beschreibungen vage genug sind, um keinen
Verdacht zu erregen. Marty.�</p><p>Martello
war ganz Aufmerksamkeit.</p><p>�Ist Ko
noch immer auf seiner Jacht?� fragte Smiley.</p><p>�Sitzt
seelenruhig drinnen, zusammen mit Tiu, George.�</p><p>�Es w�re
m�glich, da� Westerby versucht, mit ihm Kontakt aufzunehmen. Sie haben einen
statischen Observierungsposten am Kai. Schicken Sie noch mehr M�nner hin. Sagen
Sie ihnen, sie m�ssen auch im Hinterkopf Augen haben.�</p><p>�Wonach
sollen sie Ausschau halten?�</p><p>�Anzeichen
von Unruhe. Das gleiche gilt f�r die Observierung seines Hauses. Sagen Sie -�
er versank einen Augenblick in Gedanken, aber Guillams Besorgnis war
unbegr�ndet, �- sagen Sie - k�nnen Sie eine technische St�rung von Kos
Privattelefon simulieren?�</p><p>Martello
blickte Murphy an.</p><p>�Sir, wir
verf�gen nicht �ber die n�tigen Vorrichtungen�, sagte Murphy, �aber ich nehme
an, wir k�nnten . . . �</p><p>�Dann
kappen Sie's�, sagte Smiley einfach. �Schneiden Sie das ganze Kabel durch, wenn
n�tig. M�glichst in der N�he einer Stra�enbaustelle.�</p><p>Martello
erteilte seine Anweisungen, schritt dann leise durch den Raum und lie� sich an
Smileys Seite nieder. ��h, George, jetzt wegen morgen. Glauben Sie, wir
sollten, �h, auch einiges an <strong><emphasis>Hardware </emphasis></strong>bereithalten?�
Vom Schreibtisch aus, wo er mit Rockhurst telefonierte, verfolgte Guillam den
Dialog mit gespannter Aufmerksamkeit. Desgleichen Sam Collins aus seiner Ecke.
�Schlie�lich kann man nicht wissen, was Ihrem Westerby einf�llt, George. Wir
m�ssen f�r alle Eventualit�ten ger�stet sein, nicht wahr?�</p><p>�Halten
Sie auf jeden Fall alles bereit. Inzwischen wollen wir, wenn Sie nichts dagegen
haben, unsere Einsatzpl�ne so belassen, wie sie sind. Und die Zust�ndigkeit
bleibt bei mir.�</p><p>�Klar,
George. Klar�, sagte Martello �bertrieben eifrig und begab sich, wiederum auf
Zehenspitzen, als w�re er in der Kirche, in sein eigenes Lager zur�ck.</p><p>�Was hat
er gewollt?� fragte Collins fl�sternd und kauerte sich neben Smiley nieder. �Zu
welchem Zugest�ndnis will er Sie beschwatzen?�</p><p>�Lassen
Sie das, Peter�, r�gte Smiley, ebenfalls leise. Er war pl�tzlich sehr
�rgerlich. �Ich will das nie wieder h�ren. Ich kann Ihre byzantinischen Ideen
von einer Palastverschw�rung nicht dulden. Diese Leute sind unsere Gastgeber
und Verb�ndeten. Wir haben mit ihnen ein schriftliches Abkommen. Wir haben auch
ohne solche Phantastereien schon gen�gend Sorgen und k�nnen auf, wenn ich
ehrlich sein soll, paranoide Wahngespinste verzichten. Also bitte -�</p><p>�Ich mu�
Ihnen etwas sagen . . . � begann Guillam, aber Smiley lie� ihn nicht zu Wort
kommen.</p><p>�Sehen Sie
zu, da� Sie Craw erwischen. Suchen Sie ihn notfalls pers�nlich auf. Die Fahrt
w�rde Ihnen vielleicht gut tun. Sagen Sie ihm, Westerby ist los. Er soll uns
sofort Mitteilung machen, wenn er etwas von ihm h�rt. Er wird wissen, was zu
tun ist.� Fawn, der noch immer die Sesselfront abschritt, sah dem abziehenden
Guillam nach, und seine F�uste kneteten ruhelos, was immer in ihnen verborgen
sein mochte.</p><p>Auch bei
Jerry war es jetzt drei Uhr fr�h, und die Madame hatte ihm einen Rasierapparat
gebracht, aber kein frisches Hemd. Er hatte sich rasiert und ges�ubert, so gut
es ging, aber sein K�rper schmerzte noch immer von Kopf bis zu den Zehen. Er
trat an das Bett, auf dem Lizzie lag. Er versprach ihr, in ein paar Stunden
wieder da zu sein, bezweifelte jedoch, ob sie ihn �berhaupt geh�rt hatte. <strong><emphasis>Mehr Zeitungen drucken h�bsche M�dchen anstatt Politik, </emphasis></strong>erinnerte
er sich, <strong><emphasis>und die Welt wird verdammt besser
dransein, Mr. Westerby.</emphasis></strong></p><p>Er nahm <strong><emphasis>pak-pais, </emphasis></strong>da er wu�te, da� auf sie die Polizei ein weniger
scharfes Auge hatte. Zwischendurch ging er zu Fu�. Das Marschieren tat ihm gut
und brachte auch den im Geiste durchgespielten Proze� seiner
Entscheidungsfindung wieder in Gang, der auf dem Diwan des Hotelzimmers
pl�tzlich ins Stocken geraten war. Er brauchte Bewegung, um die Richtung zu
finden. Er hielt auf die Deep Water Bay zu und wu�te, da� er hei�en Boden
betreten w�rde. Seit seiner Fahnenflucht w�rden sie sich an diese Jacht heften
wie die Blutegel. Er �berlegte, wen sie angesetzt, was sie eingesetzt haben
mochten. Wenn es die Vettern waren, so mu�te er nach einem �beraufgebot an <strong><emphasis>hardware </emphasis></strong>und an Leuten Ausschau halten. Es fing an zu
regnen, und er f�rchtete, da� der Nebel sich langsam lichten w�rde. W�hrend er
lautlos bergab trabte, war der Mond bereits teilweise sichtbar geworden, und
Jerry erkannte in seinem bleichen Licht die Maklerdschunken, die jetzt �chzend
an ihrer Vert�uung zerrten. S�dostwind, stellte er fest, auffrischend. F�r
einen statischen Beobachtungsposten w�rden sie eine hochgelegene Stelle w�hlen,
dachte er, und auf dem Felsvorsprung zu seiner Rechten sah er tats�chlich,
unter B�umen halb versteckt, einen ramponierten Mercedes-Laster mit Antenne und
chinesischen Wimpeln. Er wartete und blickte in den rollenden Nebel, bis ein Wagen
mit voll aufgeblendeten Scheinwerfern bergab daherkam und vor�berfuhr, und in
der n�chsten Sekunde raste er �ber die Stra�e, denn er wu�te, da� sie ihn
hinter den grellen Scheinwerfern, die direkt auf sie zuhielten, auch mit Hilfe
s�mtlicher <strong><emphasis>Hardware </emphasis></strong>der Welt
nicht sehen konnten. Auf Seeh�he war die Sicht nahe Null, und er mu�te sich zu
dem wackeligen h�lzernen Steg vorantasten, an den er sich von seiner fr�heren
Erkundungstour erinnerte. Dann hatte er gefunden, was er suchte. Die gleiche
zahnlose Alte sa� in ihrem Sampan und grinste durch den Nebel zu ihm herauf.</p><p>�Ko�,
fl�sterte er. <strong><emphasis>�Admiral Nelson. Ko�</emphasis></strong></p><p>Das Echo
ihres Gegackers sprang �ber das Wasser.</p><p>�Po Toi!�
kreischte sie. �Tin Hau! Po Toi!�</p><p>�Heute?�</p><p>�Heute.�</p><p>�Morgen?�</p><p>�Morgen!�</p><p>Er warf
ihr ein paar Dollar zu, und ihr Lachen folgte ihm, als er davonschlich.</p><p>Ich habe
recht, Lizzie hat recht, <strong><emphasis>wir </emphasis></strong>haben
recht, dachte er. Ko besucht das Fest. Jerry hoffte zu Gott, Lizzie habe sich
nicht vom Fleck ger�hrt. Sollte sie aufgewacht sein, dann w�re es ihr zuzutrauen,
da� sie sich auf die Socken gemacht hat. Durch kr�ftiges Aufstampfen versuchte
er, den Schmerz in Leisten und R�cken zu vertreiben. Mach es Zug um Zug, dachte
er. Nichts Gro�es. Einfach so, wie's kommt. Der Nebel war wie ein Korridor, der
in verschiedene Zimmer f�hrt. Einmal begegnete er einem altersschwachen Wagen,
der hart am Gehsteig entlangkroch, w�hrend der Fahrer seinem Sch�ferhund einen
Auslauf verschaffte. Einmal zwei alten M�nnern in Unterhemden, die ihr
Morgentraining absolvierten. In einem �ffentlichen Park starrten ihn kleine
Kinder aus einem Rhododendronbusch an, in dem sie zu wohnen schienen, denn sie
hatten ihre Kleider �ber die Zweige drapiert und waren nackt wie die
Fl�chtlingskinder in Phnom Penh.</p><p>Lizzie sa�
auf dem Bett und wartete auf ihn, als er zur�ckkam, und sie sah schrecklich
aus.</p><p>�Tu das
nicht nochmal�, warnte sie und h�ngte sich bei ihm ein, als sie sich auf den
Weg machten, um ein Boot und ein Fr�hst�ck zu suchen. �Verschwinde blo� nicht
nochmal, ohne mir ein Wort zu sagen.�</p><p>In
Hongkong gab es zun�chst an diesem Tag �berhaupt keine Boote. Die gro�en
F�hrschiffe, die den Ausflugsverkehr zu den Inseln besorgten, konnte Jerry
nicht in Betracht ziehen. Er wu�te, da� der Rocker sie dort dingfest machen
lie�e. Er wollte auch nicht hinunter zu den Buchten und Erkundigungen
einziehen. Es war zu verd�chtig. Er rief bei den im Telefonbuch aufgef�hrten
Wassertaxis an, aber was dort vorhanden war, war entweder bereits weg oder zu
klein f�r die Fahrt. Dann fiel ihm Luigi Tan ein, der Makler f�r alles, der im
Auslandskorrespondenten-Club einen sagenhaften Ruf geno�: Luigi konnte alles
beschaffen, von einer koreanischen Tanzgruppe bis zum verbilligten Flugbillett,
und das schneller als irgendein anderer Makler in der Stadt. Sie fuhren mit einem
Taxi zur anderen Seite von Wanchai, wo Luigi hauste, dann gingen sie zu Fu�. Es
war acht Uhr morgens, aber der hei�e Nebel hatte sich nicht verzogen. Die
unbeleuchteten Transparente hingen schlaff wie ermattete Liebespaare �ber den
schmalen Gassen: Happy Boy, Lucky Place, Americana. Der Duft aus �bervollen
Lebensmittell�den mischte sich mit dem Gestank von Benzin und Ru�. Durch
schmale Mauerl�cken erblickten sie manchmal einen Kanal. �Jeder kann Ihnen
sagen, wo ich zu finden bin�, r�hmte sich Luigi Tan immer. �Fragen Sie nur nach
dem Gro�en mit dem einen Bein.�</p><p>Sie fanden
ihn hinter seinem Ladentisch. Luigi war gerade gro� genug, um dr�berwegzusehen,
ein winziger wendiger Halb-Portugiese, der sich fr�her seinen Lebensunterhalt
als Boxer in den schmuddeligen Jahrmarktbuden von Macao verdient hatte. Die
Ladenfront war sechs Fu� breit. Das Warenangebot reichte von neuen Motorr�dern
zu Relikten aus der Kolonialzeit, die er als Antiquit�ten bezeichnete:
vergilbte Lichtbilder von beh�teten Damen in Schildpattrahmen, eine ramponierte
Schiffskiste, das Logbuch eines Opiumclippers. Luigi kannte Jerry bereits, aber
Lizzie gefiel ihm bedeutend besser, und er bestand darauf, da� sie voranging,
so da� er ihr Hinterteil bewundern konnte, als er seine G�ste unter einer W�scheleine
hindurch zu einer H�tte im Hof f�hrte. An der T�r klebte ein Schild mit der
Aufschrift �Privat�. Das Innere wies drei St�hle und ein Telefon auf dem
Fu�boden auf. Luigi kauerte sich nieder, bis er wie eine Kugel aufgerollt war,
und sprach chinesisch ins Telefon und englisch Richtung Lizzie. Er sei
Gro�vater, sagte er, aber sehr viril, und habe vier S�hne, alle wohlgeraten.
Sogar der Sohn Nummer vier sei schon selbst�ndig.</p><p>Alle gute
Fahrer, gute Arbeiter und gute Ehem�nner. Au�erdem, sagte er zu Lizzie, habe er
einen Mercedes, komplett mit Stereo. �Vielleicht nehme ich Sie einmal auf eine
Fahrt mit�, sagte er. Jerry �berlegte, ob sie begriffen habe, da� er ihr die
Ehe anbot oder doch etwas kaum Geringeres. Und, ja, Luigi glaubte, er habe auch
ein Boot. Nach zwei Telefonanrufen wu�te er, da� er ein Boot hatte, das er nur
an seine besten Freunde auslieh, zu einem rein symbolischen Preis. Er gab
Lizzie sein T�schchen mit Kreditkarten, damit sie nachz�hle, wie viele Karten
darin seien, dann seine Brieftasche, damit sie die Familienfotos bewundern
konnte. Eines zeigte einen Hummer, den der Sohn Nummer vier k�rzlich an seinem
Hochzeitstag gefangen hatte - der Sohn war allerdings nicht zu sehen.</p><p>�Po Toi
ganz schlecht�, sagte Luigi Tan, der noch immer am Telefon hing, zu Lizzie.
�Sehr schmutzig. Rauhe See, lausiges Fest, schlechtes Essen. Warum wollen Sie
dorthin?�</p><p>Wegen Tin
Hau nat�rlich, sagte Jerry geduldig an ihrer Stelle.</p><p>Wegen des
ber�hmten Tempels und wegen des Fests.</p><p>Luigi Tan
wandte sich auch weiterhin ausschlie�lich an Lizzie.</p><p>�Gehen Sie
nach Lantau�, riet er. �Lantau gute Insel. Nettes Essen, guten Fisch, nette
Leute. Ich sage Ihnen, Sie gehen nach Lantau, essen bei Charlie, Charlie mein
Freund.�</p><p>�Po Toi�,
sagte Jerry energisch.</p><p>�Po Toi
riesige Menge Geld.�</p><p>�Wir haben
eine riesige Menge Geld�, sagte Lizzie mit reizendem L�cheln, und Luigi Tan
blickte sie wiederum lange sinnend an und musterte sie von Kopf bis Fu�.</p><p>�Vielleicht
fahre ich mit Ihnen�, sagte er zu ihr.</p><p>�Nein�,
sagte Jerry.</p><p>Luigi fuhr
die beiden nach Causeway Bay und begleitete sie auf dem Sampan. Das Boot war
vierzehn Fu� lang, ein Motorboot, nichts Besonderes, aber Jerry hielt es f�r
t�chtig, und Luigi sagte, es habe einen tiefen Kiel. Ein Junge lungerte im Heck
und lie� einen Fu� ins Wasser baumeln.</p><p>�Mein
Neffe�, sagte Luigi stolz und zauste den Haarschopf des Jungen. �Er Mutter in
Lantau. Er bringt Sie nach Lantau, essen bei Charlie, machen sch�nen Tag. Sie
bezahlen sp�ter.�</p><p>�Alter
Junge�, sagte Jerry geduldig. �Altes Haus. Wir wollen nicht nach Lantau. Wir
wollen nach Po Toi-. Nur nach Po Toi. Po Toi oder gar nichts. Setzen Sie uns
dort ab, und fahren Sie zur�ck.�</p><p>�Po Toi
schlechtes Wetter, schlechtes Fest, schlechte Insel. Zu nah am Chinameer. Menge
Kommis.�</p><p>�Po Toi
oder gar nichts�, sagte Jerry.</p><p>�Boot zu
klein�, sagte Luigi, wodurch er das Gesicht verloren hatte, und es bedurfte
Lizzies ganzen Charmes, damit er es wiederfand.</p><p>Es dauerte
eine weitere Stunde, bis die Jungens das Boot startbereit hatten, und
inzwischen blieb Jerry und Lizzie nichts anderes �brig, als im Schutz der
�berdachung einer offenen Kabine zu sitzen und in gemessenen Schl�ckchen Remy
Martin zu trinken. Immer wieder versank der eine oder andere von ihnen in
tr�umerisches Nachdenken. Lizzie schlug dabei die Arme eng um sich und wiegte
langsam den Oberk�rper. Jerry hingegen zerrte an der Haarstr�hne, die ihm in
die Stirn fiel, und einmal ri� er so heftig daran, da� Lizzie seinen Arm
festhielt, und er lachte. Beinah l�ssig legte das Boot vom Hafen ab. �Bleib im
Schatten�, befahl Jerry und legte zur Sicherheit den Arm um sie, um sie im
d�rftigen Schutz der offenen Kabine festzuhalten.</p><p>Der
amerikanische Flugzeugtr�ger hatte seine Gala abgestreift und lag grau und drohend,
wie ein gezogenes Messer auf dem Wasser. Zuerst herrschte weiterhin stickige
Windstille. An der K�ste dr�ngten Nebelschwaden gegen die grauen Hochh�user,
und braune Rauchs�ulen zogen in einen wei�en, ausdruckslosen Himmel. Auf dem
flachen Wasser schwebte das Boot wie ein Ballon. Aber als sie die Wellenbrecher
passiert hatten und Kurs nach Osten nahmen, schlugen die Wellen so heftig an
die Bordwand, da� das ganze Boot kr�ngte und krachte und sie sich einstemmen
mu�ten, um nicht zu fallen. Der kleine Bug b�umte sich und ruckte wie ein
schlechtes Pferd. Sie torkelten an Kr�nen und Lagerh�usern und Fabriken und den
Tr�mmerfeldern zerw�hlter H�nge vor�ber. Sie liefen direkt vor den Wind, und
Gischt spr�hte von allen Seiten. Der Ruderg�nger lachte und kr�hte seinem
Gehilfen etwas zu, und Jerry vermutete, da� sie �ber die verr�ckten Rundaugen
Witze rissen, die sich einen stampfenden Bottich als Liebesnest ausgesucht
hatten. Ein riesiger Tanker glitt an ihnen vor�ber. Er schien stillzustehen.
Braune Dschunken tanzten in seinem Kielwasser. Von den Werften her, wo ein
Frachter eingedockt lag, blinkten ihnen die wei�en Blitze der Schwei�brenner �ber
das Wasser hinweg zu. Das Gel�chter der Jungen beruhigte sich, und sie redeten
jetzt vern�nftig, denn nun waren sie auf offener See. Jerry blickte zur�ck und
sah zwischen den schaukelnden Bordw�nden von Transportschiffen die Insel
langsam entschwinden, von der Wolkenbank waagerecht abgeschnitten wie ein
Tafelberg. Wieder einmal h�rte Hongkong auf zu existieren.</p><p>Sie
passierten ein weiteres Vorgebirge. Als der Seegang kr�ftiger wurde, h�rte das
Boot zu stampfen auf, die Wolke �ber ihnen sank herab, bis ihr Bauch fast den
Mast ber�hrte, und eine Weile verblieben sie in dieser unterirdischen,
unwirklichen Welt, glitten unter der sch�tzenden Decke dahin. Pl�tzlich
lichtete sich der Nebel, und sie gerieten in tanzendes Sonnenlicht. Von den
�ppigen H�geln im S�den schickte ein orangefarbenes Positionsfeuer seine
Signale durch die klare Luft. �Was tun wir jetzt?�fragte Lizzie leise und sp�hte
durch die Luke. �L�cheln und beten�, sagte Jerry. �Ich l�chle, du betest�,
sagte sie.</p><p>Ein
Lotsenboot zog l�ngsseits vor�ber, und Jerry war darauf gefa�t, die h��liche
Visage des Rockers auf sie herunterglotzen zu sehen, aber die Mannschaft nahm
keinerlei Notiz von ihnen. �Wer sind sie?� fl�sterte Lizzie. �Was haben die
vor?�</p><p>�Reine
Routine�, sagte Jerry. �Hat nichts zu bedeuten.� Das Lotsenboot drehte ab. Es
ist soweit, dachte Jerry ohne besondere Erregung, sie haben uns ausgemacht.
�Bist du sicher, da� es nur Routine war?� fragte sie. �Hunderte von Booten
fahren heute zum Fest�, sagte er. Ihr Boot hatte jetzt angefangen, heftig zu
bocken. Fabelhaft seet�chtig, dachte er und hielt Lizzie eisern fest.
Gro�artiger Kiel. Wenn das so weitergeht, bleibt uns die Entscheidung erspart.
Das Meer nimmt sie uns ab. Es war eine jener Fahrten, von denen niemand Notiz
nimmt, wenn man sie �berlebt, schafft man es aber nicht, dann hei�t es, man
habe sein Leben leichtfertig weggeworfen. Der Ostwind konnte jederzeit in j�hen
Wirbeln auffrischen, dachte er. In der Zeit zwischen den Westmonsunen mu�te man
mit allem rechnen. Er lauschte besorgt auf den sprunghaften Galopp des Motors.
Wenn er stirbt, enden wir auf den Felsen, dachte Jerry.</p><p>Pl�tzlich
steigerten sich seine Alptr�ume ins Ungemessene. Das <strong><emphasis>Butan, </emphasis></strong>dachte er. <strong><emphasis>Herrgott, das
Butanl </emphasis></strong>Als die Jungen das Boot herrichteten, hatte er gesehen,
wie sie zwei Gasflaschen im Bugraum neben den Wassertanks verstauten,
wahrscheinlich, um Luigis Hummer zu kochen. Wahnsinn, da� ihm das nicht sofort
aufgefallen war. Er �berlegte. Butan ist schwerer als Luft. Alle Flaschen
lecken. Fragt sich nur, wie stark. Wenn die Wellen so hart gegen den Bug
donnern wie jetzt, dann lecken sie schneller, und das entwichene Gas d�rfte
sich nun in der Bilge ausbreiten ungef�hr zwei Fu� vom Z�ndfunken des Motors
entfernt, und die Oxygenbeimischung erh�ht die Entz�ndbarkeit. Lizzie war aus
seinem Arm geschl�pft und stand im Heck. Das Meer wimmelte pl�tzlich von
Booten. Aus dem Nichts hatte sich eine Flotte von Fischerdschunken formiert,
und Lizzie beobachtete sie aufmerksam. Jerry packte sie am Arm und zog sie
wieder unter das sch�tzende Kabinendeck.</p><p>�Was
glaubst du, wo du bist?� schrie er. �Bei der Regatta in Cowes, wie?�</p><p>Eine Weile
musterte sie ihn schweigend, dann k��te sie ihn sanft, k��te ihn ein
zweitesmal.</p><p>�Ruhig�,
sagte sie, �nur ruhig.� Sie k��te ihn ein drittesmal, murmelte: �Ja�, als sei
die erwartete Wirkung eingetreten, dann sa� sie eine Zeitlang still da und
blickte aufs Deck, hielt aber seine Hand fest.</p><p>Jerry
sch�tzte, da� sie f�nf Knoten vor dem Wind machten. �ber ihnen surrte ein
kleines Flugzeug. Er schob Lizzie hinter sich und blickte hastig zum Himmel,
aber es war schon zu sp�t, er konnte die Beschriftung nicht mehr lesen. �Zuviel
der Ehre�, dachte er.</p><p>Sie
umrundeten die letzte Landspitze, das Boot schleuderte und �chzte im
Gischtregen. Einmal hob sich die Schraube aufbr�llend aus dem Wasser. Als sie
wieder aufprallten, stockte der Motor, w�rgte, entschlo� sich aber dann doch,
am Leben zu bleiben. Jerry ber�hrte Lizzies Schulter und wies nach vorn, wo die
kahle steile Insel Po Toi sich wie ein Scherenschnitt vor dem wolkengepeitschten
Himmel abhob: zwei Gipfel, senkrecht aus dem Meer aufragend, der gr��ere im
S�den, und dazwischen ein Sattel. Die See war jetzt stahlblau, der Wind raste
dar�ber hin, ri� ihnen den Atem vom Mund und schleuderte ihnen Gischt wie Hagel
ins Gesicht. Backbord lag Beaufort Island: ein Leuchtturm, eine Mole, keine
Bewohner. Der Wind legte sich so j�h, als h�tte es ihn nie gegeben. Nicht eine
Brise gr��te sie, als sie in das spiegelglatte Wasser an der Leeseite der Insel
gelangten. Die Sonne knallte unerbittlich herab.</p><p>Etwa eine
Meile vor ihnen lag die Einfahrt zur Hauptbucht von Po Toi, und dahinter
lagerten die flachen braunen Schemen der chinesischen Inseln. Bald konnten sie
eine ganze, bunt zusammengew�rfelte Flotte von Dschunken und Vergn�gungsbooten
erkennen, mit denen die Bucht vollgestopft war, und zugleich wehten die ersten
Kl�nge von Trommeln und Zimbeln und wirrem Gesang �ber das Wasser zu ihnen. Auf
dem H�gel hinter der Bucht lag das elende Dorf mit seinen flimmernden Blechd�chern,
und auf einem gesonderten kleinen Felsvorsprung thronte ein einzelnes massives
Bauwerk, der Tin-Hau-Tempel. Ringsum ein Bambusger�st, das als improvisierte
Trib�ne diente, eine gewaltige Menschenmenge, �ber der eine Rauchwolke hing,
dazwischen sah man goldenes Funkeln. �Auf welcher Seite war es?� fragte er sie.
�Ich wei� nicht. Wir sind zu einem Haus hinaufgeklettert und von dort aus
weitergegangen.�</p><p>Sooft er
mit ihr sprach, sah er sie an, aber jetzt wich sie seinem Blick aus. Er tippte
dem Ruderg�nger auf die Schulter und wies in die Richtung, die er einschlagen
sollte. Der Junge begann sofort zu protestieren. Jerry balancierte breitbeinig
zu ihm hin und zeigte ihm ein B�ndel Geldscheine, so ziemlich alles, was er
hatte. Unwirsch ri� der Junge das Steuer herum und man�vrierte das Boot
zwischen den �brigen Fahrzeugen hindurch an der Hafeneinfahrt vorbei zu einem
kleinen Granitvorsprung, wo ein halbverfallener Anlegesteg zum Risiko einer
Landung einlud. Hier war der. Festl�rm viel lauter. Es roch nach Holzkohle und
Spanferkel, und sie h�rten gewaltige Lachsalven, aber im Augenblick sahen sie
weder die Menge, noch konnte die Menge sie sehen. �Hier!� schrie Jerry. �Hier
anlegen. Jetzt! Jetzt!� Der Anlegesteg kippte wie betrunken zur Seite, als
Jerry und Lizzie ihn betraten. Sie waren noch nicht an Land, als das Boot auch
schon gewendet und Kurs auf seinen Heimathafen genommen hatte. Niemand gr��te
zum Abschied. Hand in +land kletterten sie den Felsen hinauf und gerieten
direkt in eine M�nzenjagd, die von einer gro�en und lachenden Menge verfolgt
wurde. In der Mitte stand ein alter Mann mit einem Beutel voller Geldst�cke,
die er einzeln den Felsen hinunterwarf, w�hrend barf��ige Buben hinterherjagten
und einander im Eifer des Gefechts beinah �ber den Rand der Klippen stie�en.</p><p>�Sie haben
ein Boot genommen�, sagte Guillam. �Rockhurst hat sich bei dem Besitzer erkundigt.
Der Besitzer ist ein Freund Westerbys, und, ja, es waren Westerby und ein
sch�nes M�dchen und sie wollten zum Tin-Hau-Fest nach Po Toi.�</p><p>�Und wie
hat Rockkurst sich verhalten?� fragte Smiley. �Sagte, das sei dann wohl doch
nicht das Paar gewesen, nach dem er suche. Hat sich dankend empfohlen.
Entt�uscht. Auch die Hafenpolizei hat, allerdings versp�tet, gemeldet, da� sie
das Boot mit Kurs zum Festplatz gesichtet habe.�</p><p>�Sollen
wir ein Beobachtungsflugzeug raufschicken, George?� fragte Martello nerv�s.
�Navy Int. hat jeden Typ auf Lager.�</p><p>Murphy
machte einen genialen Vorschlag: �Gehen wir doch einfach mit Hubschraubern los
und fischen uns Nelson aus dieser letzten Dschunke!� meinte er.</p><p>�Murphy,
halten Sie den Mund�, sagte Martello.</p><p>�Sie
fahren zur Insel�, sagte Smiley unbeirrbar. �Das wissen wir.</p><p>Ich glaube
nicht, da� wir Luftbeobachtung n�tig haben, um es zu beweisen.�</p><p>Martello
gab sich nicht zufrieden. �Dann sollten wir vielleicht ein paar Leute zu dieser
Insel rausschicken, George. Vielleicht sollten wir doch endlich ein bi�chen
eingreifen.� Fawn erstarrte zur Salzs�ule. Sogar seine F�uste hatten aufgeh�rt
zu kneten.</p><p>�Nein�,
sagte Smiley.</p><p>Auf
Martellos Seite wurde Sam Collins' Grinsen ein bi�chen d�nner. �Gr�nde?� fragte
Martello.</p><p>�Ko hat
bis zum allerletzten Moment <strong><emphasis>eine </emphasis></strong>M�glichkeit.
Er kann seinem Bruder signalisieren, da� er nicht landen solle�, sagte Smiley.
�Schon die geringf�gigste ungew�hnliche Bewegung auf der Insel k�nnte ihn dazu
veranlassen.�</p><p>Martello
stie� einen nerv�sen, �rgerlichen Seufzer aus. Er hatte die Pfeife
beiseitegelegt und bediente sich kr�ftig aus Sams Vorrat an braunen Zigaretten,
der unersch�pflich zu sein schien. �George, was <strong><emphasis>will </emphasis></strong>dieser Mann eigentlich?� fragte er gereizt. �Handelt es
sich um eine Erpressungsgeschichte? Einen Bruch? Ich sehe nicht, wie ich es
einordnen soll.� Ein gr��licher Gedanke durchzuckte ihn. Seine Stimme sank zu
einem Fl�stern, und er wies mit ausgestrecktem Arm quer durch den Raum. �Sagen
Sie mir jetzt um Gottes willen nicht, da� er zu diesen �. <strong><emphasis>euen </emphasis></strong>geh�rt, die uns zur Zeit zu schaffen machen! Sagen Sie mir
nicht, da� er zu dieser Spezies von Sp�tz�ndern geh�rt, die der Kalte Krieg
bekehrt hat und da� er jetzt �ffentlich Reue und Leid erwecken will. Denn wenn
dem so ist, und wenn wir dann in der n�chsten Woche die ungeschminkte
Lebensgeschichte dieses Burschen in der <strong><emphasis>Washington Post
</emphasis></strong>lesen, George, dann jage ich pers�nlich die gesamte f�nfte Flotte zu
dieser Insel, wenn das die einzige M�glichkeit sein sollte, ihn mundtot zu
machen.� Er wandte sich an Murphy. �Ich habe doch die n�tigen Befugnisse, ja?�</p><p>�Ja.�</p><p>�George,
ich m�chte eine Landeabteilung hinschicken. Ihr k�nnt mitkommen oder zu Hause bleiben.
Ganz wie's beliebt.� Smiley starrte Martello an, dann Guillam mit seinem
bandagierten und unbrauchbaren Arm, dann Fawn, der dastand wie ein
Turmspringer an der Kante des Sprungbretts, die Augen halb geschlossen, Fersen
zusammengenommen, und langsam auf den Zehenspitzen wippte.</p><p>�Fawn und
Collins�, sagte Smiley schlie�lich.</p><p>�Ihr
beiden Jungens bringt sie runter zum Flugzeugtr�ger und �bergebt sie den Leuten
dort. Murphy kommt zur�ck.�</p><p>Eine
Rauchwolke bezeichnete die Stelle, an der Collins gesessen hatte. Wo Fawn
stand, rollten langsam zwei Tennisb�lle ein St�ck �ber den Fu�boden, bis sie
liegenblieben.</p><p>�Gott sei
uns allen gn�dig�, murmelte jemand inbr�nstig. Es war Guillam, aber Smiley
achtete nicht auf ihn.</p><p>Im L�wen
steckten drei M�nner, und die Menge lachte, weil er nach den Zuschauern
schnappte und weil ein paar selbsternannte <strong><emphasis>picadores </emphasis></strong>mit St�cken nach ihm stachen, w�hrend er zum Get�se
von Trommeln und Zimbeln den schmalen Pfad bergab t�nzelte. Als der Zug das Kap
erreicht hatte, machte er langsam kehrt, um den gleichen Weg wieder
zur�ckzugehen, und in diesem Moment zog Jerry Lizzie schnell in die Mitte des Menschenstroms.
Er hielt sich geb�ckt, damit seine Gr��e nicht auffiel. Der Steig war schlammig
und voller Pf�tzen. Alsbald f�hrte der Tanz sie am Tempel vor�ber, dann �ber
Betonstufen zum Sandstrand hinab, wo die Spanferkel gebraten wurden. �Wohin
jetzt?� fragte er sie.</p><p>Sie f�hrte
ihn rasch nach links, weg von den Tanzenden, hinter einem elenden Dorf vorbei
und �ber eine Holzbr�cke, die eine kleine Meerzunge �berspannte. Unter Lizzies
F�hrung kletterten sie am Saum eines Zypressenw�ldchens entlang, bis sie wieder
allein waren. Sie standen nun hoch �ber der hufeisenf�rmigen Bucht und blickten
hinab auf Kos �Admiral Nelson�, die genau in der Mitte thronte wie eine gro�e
Dame, umgeben von Hunderten von Vergn�gungsbooten und Dschunken. An Deck war
niemand zu sehen, auch kein Mitglied der Besatzung. Ein Rudel grauer
Polizeiboote, f�nf oder sechs, ankerte weiter drau�en auf dem Meer.</p><p>Warum auch
nicht, dachte Jerry, schlie�lich findet hier ein Volksfest statt.</p><p>Sie hatte
seine Hand losgelassen, und als er sich zu ihr umwandte, starrte sie noch immer
hinunter auf Kos Jacht, und er sah den Schatten der Ratlosigkeit auf ihrem
Gesicht. �Ist das wirklich der Weg, �ber den er dich hinaufgef�hrt hat?� fragte
er.</p><p>Es sei der
gleiche Weg, sagte sie, wandte sich wieder ihm zu, sah ihn an, besiegelte oder
w�gte irgend etwas in ihren Gedanken. Dann zeichnete sie mit dem Zeigefinger
ernst seine Lippen nach, in der Mitte, wo sie ihn gek��t hatte. �Mein-Gott�,
sagte sie und sch�ttelte mit dem gleichen Ernst den Kopf. Sie setzten ihren
Aufstieg fort. Jerry blickte hoch und sah den braunen Gipfel der Insel
t�uschend nah und an den H�ngen terrassenf�rmig angelegte, verkommene
Reisfelder. Sie erreichten ein kleines Dorf, das nur noch von mi�trauischen
Hunden bewohnt wurde, dann geriet die Bucht au�er Sicht. Das Schulhaus war
offen und leer. Durch die T�r sahen sie Wandbilder von k�mpfenden
Jagdflugzeugen. Auf der Schwelle standen Waschkr�ge. Lizzie sch�pfte mit den
hohlen H�nden und wusch sich das Gesicht. Die H�tten waren mit Draht und
Ziegelsteinen gegen die Taifune verankert. Der Pfad wurde sandig, das Gehen
m�hsamer. �Immer noch richtig?� fragte er.</p><p>�Einfach
rauf�, sagte sie, als sei sie es leid, immer wieder das gleiche zu sagen.
�Einfach <strong><emphasis>rauf, </emphasis></strong>und dann
kommt das <strong><emphasis>Haus </emphasis></strong>und basta.
Herrgott, wof�r h�ltst du mich denn? F�r einen kompletten Idioten?�</p><p>�Ich habe
kein Wort gesagt�, sagte Jerry. Er legte den Arm um sie, und sie schmiegte sich
hinein, hingegeben, wie damals in der Tanzbar in Hongkong.</p><p>Drunten
beim Tempel br�llte die Musik auf, als jemand die Lautsprecher ausprobierte,
danach kam das Wimmern einer langsamen Melodie. Die Bucht war wieder in Sicht.
Am Ufer hatte sich eine Menschenmenge angesammelt. Jerry sah noch mehr
Rauchschwaden aufsteigen, und in der windstillen Hitze auf dieser Seite der
Insel erhaschte er den Duft von R�ucherwerk. Das Wasser war blau und klar und
ruhig. Ringsum brannten an Pf�hlen wei�e Lichter. Kos Jacht hatte sich nicht
von der Stelle ger�hrt, die Polizeiboote auch nicht. �Siehst du ihn?� fragte
er.</p><p>Sie
blickte angestrengt in die Menge. Sie sch�ttelte den Kopf. �Macht wahrscheinlich
ein Mittagsschl�fchen�, sagte sie leichthin.</p><p>Die
Sonnenglut war h�llisch. Als sie in die Schattenzone kamen, war es, als sei
pl�tzlich die D�mmerung eingefallen, und als sie wieder ins Sonnenlicht traten,
schlug es ihnen wie Flammenhitze ins Gesicht. Die Luft war erf�llt von
Libellen. Der Abhang war mit gro�en Felsbrocken bestreut, aber dort, wo B�sche
wuchsen, rankten und wucherten sie �berall und trieben �ppige Bl�tentrichter,
rote und wei�e und gelbe. Leere Konservendosen von Picknicks lagen in Mengen
herum. �Und das ist das Haus, von dem du gesprochen hast?�</p><p>�Hab' ich
dir doch gesagt�, sagte sie.</p><p>Es war
eine Ruine: eine verfallene, braune Stuckvilla mit klaffenden Mauern, aber
einer hinrei�enden Aussicht. Sie stand stolz �ber einem ausgetrockneten
Flu�bett und wurde durch einen Betonsteg mit dem Weg verbunden. Der Schlamm
stank und summte von Insekten. Zwischen Palmen und Farnkraut boten die
�berreste einer Veranda einen weiten Blick �ber das Meer und die Bucht. Als sie
�ber den Steg schritten, nahm er ihren Arm. �Also, dann wollen wir mal�, sagte
er. �Kein Verh�r. Du erz�hlst einfach.�</p><p>�Wir
gingen hier herauf, wie ich schon gesagt habe. Ich, Drake und der verdammte
Tiu. Die Boys trugen einen Korb und die Getr�nke. Ich sagte: &gt;Wohin gehen
wir?&lt;, und er sagte &gt;Picknick&lt;. Tiu wollte mich nicht dabeihaben, aber
Drake sagte, ich k�nne mitkommen. &gt;Du <strong><emphasis>ha�t </emphasis></strong>doch das
Zufu�gehen&lt;, sagte ich. &gt;Ich habe noch nie gesehen, da� du auch nur die
Stra�e �berquert h�ttest !&lt; &gt;Heute gehen wir zu Fu�&lt;, sagte er und
macht wieder einmal auf Industriekapit�n. Also trotte ich mit und halte den
Mund.� Eine dicke Wolke verdunkelte bereits den Gipfel �ber ihnen und rollte
langsam bergab. Die Sonne war verschwunden. Im Handumdrehen hatte die Wolke
sie erreicht, und sie waren allein am Ende der Welt und sahen nicht einmal bis
zu ihren eigenen F��en. Sie tasteten sich ins Haus. Lizzie setzte sich ein
St�ck von ihm entfernt auf einen herabgefallenen Dachbalken. Chinesische
Sprichw�rter waren mit roter Farbe an den T�rpfosten aufgemalt. Auf dem
Fu�boden lagen �berall Picknickabf�lle und l�ngliche Kn�uel Verpackungspapier
herum.</p><p>�Er sagt
zu den Boys, sie sollen abschwirren, also schwirren sie ab. Er und Tiu f�hren
ein langes ernstes Gespr�ch �ber das Thema der Woche, und mitten im Lunch f�ngt
er an, englisch zu sprechen und sagt zu mir, Po Toi sei seine Insel. Hier sei
er zum erstenmal gelandet, nachdem er China verlassen hatte. Die Bootsleute
setzten ihn hier ab. &gt;Meine Leute&lt;, nennt er sie. Deshalb kommt er jedes
Jahr zum Volksfest her und stiftet Geld f�r den Tempel, und deshalb mu�ten wir
uns den verdammten Berg raufschinden zum Picknick. Dann sprechen sie wieder
chinesisch, und ich habe der Eindruck, Tiu macht ihm Vorw�rfe, weil er zu viel
redet, aber Drake ist ganz aus dem H�uschen, aufgeregt wie ein kleiner Junge
und will nicht h�ren. Dann steigen sie weiter hinauf.�</p><p>�<strong><emphasis>Hinauf?�</emphasis></strong></p><p>�Hinauf
zum Gipfel. &gt;Die alten Wege sind die besten&lt;, sagt er zu mir. &gt;Wir
sollten uns an das Bew�hrte halten&lt;. Dann sein Baptistenmasche: &gt;Halte am
Guten fest, Liese. Das ist Gott gef�llig.�</p><p>Jerry
blickte hinauf in die Nebelbank �ber ihnen, und er h�tte schw�ren k�nnen, das
Knattern eines kleinen Flugzeugs zu h�ren, aber in diesem Augenblick war es ihm
ziemlich egal, ob es so war oder nicht, denn er hatte die beiden Dinge, die ihm
am N�tigsten waren. Er hatte das M�dchen bei sich, und er hatte die Information:
Denn jetzt verstand er endlich genau, was das M�dchen Smiley und Sam Collins
wert gewesen war und da� sie ihnen unwissentlich den Schl�ssel zu Kos Absichten
verraten hatte.</p><p>�Sie
gingen also weiter zum Gipfel. Bist du mit ihnen gegangen?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Hast du
gesehen, wohin sie gingen?�</p><p>�Zum
Gipfel. Sagte ich schon.�</p><p>�Und was
taten die beiden auf dem Gipfel?�</p><p>�Dann
schauten sie auf der anderen Seite hinunter. Redeten.</p><p>Deuteten.
Redeten und deuteten wieder, und dann kommen sie wieder runter, und Drake ist
noch viel aufgeregter, so, wie wenn er einen gro�en Coup gelandet hat und Erste
Gattin ist nicht da, um ihm die Freude zu vermasseln. Tiu schaut finster drein,
wie immer, wenn Drake zeigt, da� er mich gern mag. Drake will, da� wir noch
bleiben und ein paar Cognacs trinken, also kehrt Tiu �rgerlich, nach Hongkong
zur�ck. Drake wird z�rtlich und beschlie�t, da� wir auf dem Schiff �bernachten
und am anderen Morgen zur�ckfahren, und das tun wir auch.� <sup>v </sup>�Wo hat
das Boot geankert? Hier? In der Bucht?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Wo?�</p><p>�Vor
Lantau.�</p><p>�Ihr seid
auf dem k�rzesten Weg dorthin, wie?� Sie sch�ttelte den Kopf. �Wir machten die
Runde um die Insel.�</p><p>�Diese
Insel?�</p><p>�Es gab da
eine Stelle, die er sich im Dunkeln ansehen wollte. Einen K�stenstreifen auf
der anderen Seite. Die'Boys mu�te ihn mit Laternen ableuchten. &gt;Dort landete
ich im Jahr einundf�nfzig&lt;, sagte er. &gt;Die Bootsleute f�rchteten sich, in
den Haupthafen einzulaufen. Sie f�rchteten sich vor der Polizei und vor den
Geistern und den Piraten und den Z�llnern. Sie sagen, die Inselbewohner w�rden
ihnen die H�lse abschneiden.&lt;�</p><p>�Und in
der Nacht?� sagte Jerry leise. �Als ihr vor Lantau geankert habt?�</p><p>�Da
erz�hlte er mir, er habe einen Bruder, den er sehr liebe.�</p><p>�Hat er
dir das zum erstenmal erz�hlt?� Sie nickte.</p><p>�Und hat
er auch gesagt, wo dieser Bruder jetzt ist?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Aber du
hast es gewu�t?� Diesmal nickte sie nicht einmal.</p><p>Von
drunten drang der Festl�rm in Fetzen durch die Wolke herauf. Jerry zog Lizzie
behutsam auf die F��e. �Verdammte Fragerei�, murmelte sie.</p><p>�Es ist
fast vor�ber�, versprach er. Er k��te sie, und sie lie� es zu, reagierte aber
nicht.</p><p>�Wir
wollen raufgehen und uns umsehen�, sagte er. Nach zehn Minuten schien die Sonne
wieder, und �ber ihnen tat sich der blaue Himmel auf. Unter Lizzies F�hrung kletterten
sie eilig �ber mehrere Vorgipfel hinweg bis zum Sattel. Die Ger�usche aus der
Bucht waren verstummt, nur kreisende M�wen erf�llten die k�lter gewordene Luft
mit ihrem Geschrei. Sie hatten den Kamm erreicht, der Weg wurde breiter, sie
gingen nebeneinander. Noch ein paar Schritte, und der Wind st�rzte sich mit
einer Macht auf sie, da� sie atemlos zur�cktaumelten. Sie standen an der
Felsenkante und blickten hinunter in einen Abgrund. Direkt zu ihren F��en fiel
die Klippe senkrecht in die See ab, das Kap verschwand unter der sch�umenden
Brandung. Wolkenkissen zogen von Osten heran, und hinter ihnen war der Himmel
schwarz. Etwa zweihundert Meter weiter unten lag eine kleine Bucht, die von den
Brechern nicht �bersp�lt wurde. F�nfzig Yards davon entfernt brach ein Gewirr
brauner, von wei�en Schaumringen umzogener Felsen den Anprall der Wogen. �Ist
es dort?� schrie er durch den Wind. �Ist er dort gelandet? An diesem
K�stenst�ck?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Und das
hat er abgeleuchtet?�</p><p>�Ja.�</p><p>Er lie�
sie stehen, wo sie stand, und kroch langsam, fast bis zum Boden geb�ckt die
Felskante entlang, w�hrend der Wind ihm um die Ohren pfiff und sein Gesicht mit
klebrigem Salzbeschlag �berzog, und sein Magen schmerzte wie wahnsinnig, er
vermutete einen Darmri� oder eine innere Blutung oder beides. An der
eingezogensten Stelle, ehe die Klippe sich wieder scharf meerw�rts wandte,
blickte er nochmals hinunter, und jetzt glaubte er, einen schmalen Pfad
ausmachen zu k�nnen, der stellenweise nur ein Felseneinschnitt war oder eine
Grasfurche, und sich m�hsam bis zur Bucht hinunterschl�ngelte. In der Bucht lag
kein Sand, aber einige der Felsen sahen trocken aus. Jerry kehrte zu Lizzie
zur�ck und f�hrte sie von der Felskante weg. Der Wind legte sich. Sie h�rten
den Festl�rm jetzt wieder viel lauter als vorher. Das Krachen von
Feuerwerksk�rpern veranstaltete einen Spielzeugkrieg.</p><p>�Es ist
sein Bruder Nelson�, erkl�rte er. �F�r den Fall, da� du es noch nicht erraten
hast: Ko holt ihn aus China heraus. Heute ist die entscheidende Nacht.
Schwierig, denn er ist eine sehr gesuchte Pers�nlichkeit. Eine Menge Leute
w�rden gern ein Schw�tzchen mit ihm halten. Hier kam Mellon ins Spiel.� Er
holte tief Atem. �Meiner Meinung nach solltest du zusehen, da� du hier
schleunigst wegkommst. Was meinst du dazu? Drake m�chte dich jedenfalls nicht
in der N�he haben, soviel steht fest.�</p><p>�M�chte er
dich in der N�he haben?� fragte sie. �Ich glaube, das beste f�r dich w�re, wenn
du schleunigst zur�ck zum Hafen gingest�, sagte er. �H�rst du mir zu?�</p><p>�Nat�rlich�,
brachte sie hervor.</p><p>�Du suchst
dir eine nette, freundlich wirkende europ�ische Familie. Wirf dein Auge
ausnahmsweise nicht auf den Pappi, sondern auf die Frau. Sag ihr, du h�ttest
dich mit deinem Freund verkracht, und ob sie dich in ihrem Boot mit
zur�cknehmen k�nnten. Wenn sie einverstanden sind, dann �bernachte bei ihnen,
andernfalls gehst du in ein Hotel. Tische ihnen eine von deinen Geschichten
auf. Herrgott, <strong><emphasis>das </emphasis></strong>ist doch
keine Kunst, oder?�</p><p>Ein
Polizeihubschrauber knatterte in einer langen Kurve �ber sie hinweg,
vermutlich, um das Fest zu beobachten. Instinktiv fa�te Jerry nach Lizzies
Schulter und zog sie unter die Felsen. �Erinnerst du dich noch an das zweite
Lokal, in das wir damals gingen, das mit der Big Band? Die Bar?� Er hielt sie
noch immer fest.</p><p>Sie sagte:
�Ja.�</p><p>�Ich hole
dich morgen abend dort ab.�</p><p>�Ich wei�
nicht�, fl�sterte sie.</p><p>�Sei auf
jeden Fall um sieben dort. Um sieben, verstanden?� Sie schob ihn sanft von sich
weg, als wollte sie unbedingt allein sein.</p><p>�Sag ihm,
ich habe mein Wort gehalten�, sagte sie. �Das ist ihm das Wichtigste. Ich habe
den Vertrag erf�llt. Wenn du ihn siehst, dann sag ihm, &gt;Liese hat ihr Wort
gehalten.��</p><p>�Klar.�</p><p>�Nicht <strong><emphasis>klar, ja. </emphasis></strong>Sag es ihm. Er hat alles getan, was er versprochen
hat. Er hat gesagt, er sorgt f�r mich. Und das hat er getan. Er hat gesagt, er
l��t Ric laufen. Auch das hat er getan. Er hat immer sein Wort gehalten.�</p><p>Er hob
ihren Kopf, fa�te ihn mit beiden H�nden, aber sie lie� sich nicht beirren.</p><p>�Und sag
ihm, und sag ihm - sag ihm, sie lie�en mir keine Wahl.</p><p>Sie haben
mich in die Enge getrieben.�</p><p>�Sei um
sieben Uhr dort�, sagte er. �Und warte, auch wenn ich mich ein bi�chen
versp�ten sollte. Also, los jetzt, so schwierig ist es doch gar nicht, wie? Man
mu� nicht studiert haben, damit man das hinkriegt.� Er redete ihr gut zu,
k�mpfte um ein L�cheln, sehnte sich nach einem letzten Zeichen des
Zusammengeh�rens, ehe sie sich trennten. Sie nickte.</p><p>Sie wollte
etwas sagen, aber es ging nicht. Sie machte ein paar Schritte, drehte sich um
und blickte zu ihm zur�ck, und er winkte - ein ausholendes Armschwenken. Sie
tat nochmals ein paar Schritte und ging dann weiter, bis sie unter dem
H�gelrand verschwunden war, aber er h�rte sie rufen: �Also, um sieben�, oder
glaubte wenigstens, sie zu h�ren. Nachdem sie au�er Sicht war, kehrte Jerry zur
Felskante zur�ck, wo er sich hinsetzte, um vor seiner Tarzannummer ein bi�chen
zu verschnaufen. Ein paar Zeilen von John Donne fielen ihm ein, sie geh�rten zu
dem Wenigen, was von der Schule an ihm haften geblieben war, obwohl er Zitate
nie so ganz wortgetreu wiedergeben konnte oder jedenfalls glaubte, er k�nne es
nicht: <strong><emphasis>Auf einem hohen Berg, zerkl�ftet und
steil, steht die Wahrheit, und wer Zu ihr will, mu� dort hinauf, der mu� dort
hinauf. </emphasis></strong>Oder so �hnlich. Eine Stunde, zwei Stunden lang lag er in
tiefem Nachdenken im Windschatten des Felsens und sah zu, wie der Tag drau�en
�ber den chinesischen Inseln verd�mmerte. Dann zog er seine Wildlederstiefel
aus und f�delte die Schn�rsenkel zu einem Fischgr�tmuster, wie er es bei seinen
Krickettstiefeln gemacht hatte. Dann zog er sie wieder an und schn�rte sie so
fest es ging. Es k�nnte wieder die Toskana sein, dachte er, mit den f�nf
H�geln, auf die er vom Hornissenfeld aus gestarrt hatte. Nur da� er diesmal
nicht vorhatte, irgend jemanden im Stich zu lassen. Nicht das M�dchen. Nicht
Luke. Nicht einmal sich selber. Auch wenn es eine Menge Anstrengung kosten
w�rde.</p><p>�Navy Int.
meldet, Dschunkenflotte macht ungef�hr sechs Knoten und h�lt den Kurs�,
verk�ndete Murphy. �Verlie� die Fischgr�nde punkt elf Uhr, als hielte sie sich
genau an unseren Plan.�</p><p>Er hatte
irgendwo eine Handvoll Spielzeugboote aus Bakelit aufgetrieben, die er auf der
Wandkarte befestigen konnte. Er stand davor und wies stolz auf die S�ule, die
der Insel Po Toi zustrebte, Murphy war zur�ckgekommen, sein Kollege war bei Sam
Collin und Fawn geblieben, also waren sie vier.</p><p>�Und
Rockhurst hat das M�dchen gefunden�, sagte Guillam ruhig und legte den H�rer
des anderen Telefons auf. Seine Schulter schmerzte jetzt heftig, und er war
sehr bla�. �Wo?� fragte Smiley.</p><p>Murphy,
der noch immer vor der Karte stand, drehte sich um. Martello, der am
Schreibtisch sa� und ein Logbuch �ber die Ereignisse f�hrte, legte die Feder
weg.</p><p>�Hat sie
im Hafen von Aberdeen geschnappt, als sie an Land ging�, fuhr Guillam fort.
�Sie hatte sich von Po Toi von einem Angestellten der Hong Kong and Shanghai
Bank und dessen Frau mitnehmen lassen.�</p><p>�Also was
geht vor?� fragte Martello, ehe Smiley sprechen konnte. �Wo ist Westerby?�</p><p>�Sie wei�
es nicht�, sagte Guillam. �Na, aber!� protestierte Martello.</p><p>�Sie sagt,
sie hatten Krach und fuhren in verschiedenen Booten zur�ck. Rockhurst sagt, man
soll sie ihm einfach noch eine Stunde lang �berlassen.�</p><p>Smiley
sprach. �Und Ko?� fragte er. �Wo ist er?�</p><p>�Seine Jacht
liegt nach wie vor im Hafen von Po Toi�, erwiderte Guillam. �Die meisten
anderen Boote sind bereits abgefahren. Aber Kos Schiff liegt noch an der
gleichen Stelle wie heute vormittag. R�hrt sich nicht vom Fleck, sagte
Rockhurst, und alle Mann unter Deck.�</p><p>Smiley
linste hin�ber zur Seekarte, dann zu Guillam, dann auf die Karte von Po Toi.</p><p>�Wenn sie
Westerby erz�hlt hat, was sie Collins erz�hlte�, sagte er, �dann ist er auf der
Insel geblieben.�</p><p>�Und mit
welcher Absicht?� fragte Martello sehr laut. �George, zu welchem Zweck bleibt <strong><emphasis>dieser </emphasis></strong>Mann auf <strong><emphasis>dieser </emphasis></strong>Insel?�</p><p>Alle
hatten den Eindruck, als verginge ein Jahrhundert.</p><p>�Er
wartet�, sagte Smiley.</p><p>�Und <strong><emphasis>worauf, </emphasis></strong>wenn ich fragen darf?� bohrte Martello im gleichen
hartn�ckigen Ton weiter.</p><p>Niemand
sah Smileys Gesicht. Es lag im Schatten. Sie sahen seine Schultern einsinken,
sie sahen seine Hand zur Brille tasten, als wolle er sie abnehmen, sahen sie
leer, wie besiegt, wieder auf den Rosenholztisch fallen.</p><p>�Was immer
wir tun, wir m�ssen Nelson landen lassen�, sagte er. �Und was immer <strong><emphasis>tun </emphasis></strong>wir?� fragte Martello, stand auf und kam um den Tisch
herum. �Westerby ist nicht <strong><emphasis>hier, </emphasis></strong>George. Er
hat die Kolonie nie betreten. Er kann sie auf dem gleichen verdammten Weg
verlassen!�</p><p>�Bitte,
schreien Sie mich nicht an�, sagte Smiley. Martello scherte sich nicht darum.
�Welches von beiden wird es sein, nur das ist die Frage: Verrat oder Versagen?�
Guillam stellte sich ihm in voller Gr��e in den Weg, und einen spannenden
Augenblick lang schien es m�glich, da� er, gebrochene Schulter hin oder her,
Martello physisch daran hindern wollte, auch nur einen Schritt n�her an Smileys
Platz heranzukommen. �Peter�, sagte Smiley ruhig. �Wie ich sehe, steht hinter
Ihnen ein Telefon. W�rden Sie so freundlich sein, es mir her�berzureichen?�</p><p>Mit dem
Vollmond hatte der Wind sich gelegt, und die See war ruhig geworden. Jerry war
nicht ganz bis zur kleinen Bucht hinuntergestiegen, sondern hatte im Schutz
eines Geb�schs, etwa drei�ig Fu� oberhalb, ein letztes Lager aufgeschlagen.
Seine H�nde und Knie waren aufgerissen, ein Ast hatte ihm die Wange zerkratzt,
aber er f�hlte sich in Ordnung: hungrig und hellwach. In den M�hen und Gefahren
des Abstiegs hatte er die Schmerzen vergessen. Die Bucht war gr��er, als er sie
sich vom Gipfelpunkt vorgestellt hatte, und in den Granitklippen waren auf
Meeresh�he zahlreiche H�hlen. Er versuchte, Drakes Plan zu erraten - wie Lizzie
nannte er ihn nun in Gedanken Drake -, er hatte den ganzen Tag verschiedene
M�glichkeiten durchgespielt. Was immer Drake tun mu�te, es w�rde vom Meer aus
geschehen, denn dem alptraumhaften Abstieg �ber die Klippe war er nicht
gewachsen. Jerry hatte zuerst �berlegt, ob Drake versuchen k�nne, Nelson vor
der Landung abzufangen, aber er sah keine sichere M�glichkeit, wie Nelson sich
heimlich von der Flotte entfernen und einen See-Treff mit seinem Bruder
bewerkstelligen k�nnte. Der Himmel wurde dunkel, die Sterne erschienen, und der
Mondstreif wurde heller. Und Westerby, dachte er: was tut <strong><emphasis>A </emphasis></strong>jetzt? <strong><emphasis>A </emphasis></strong>war eine
Ewigkeit entfernt von den gemeinschaftlich erarbeiteten L�sungen Sarratts, <strong><emphasis>das </emphasis></strong>stand fest.</p><p>Drake
mu�te au�erdem wahnsinnig sein, wenn er versuchen sollte, seine Jacht auf diese
Seite der Insel zu bringen, fand er. Sie war schwer man�vrierbar und hatte
zuviel Tiefgang, um eine windseitige K�ste anzulaufen. Ein kleines Boot w�re
besser, am besten ein Sampan oder ein Schlauchboot. Jerry kletterte die Klippe
noch weiter hinunter, bis seine Stiefel auf Kiesel stie�en, dann dr�ckte er
sich eng an den Felsen und sah zu, wie die Brecher herandonnerten und Phosphorfunken
in der Gischt ritten. �Jetzt mu� sie zur�ck sein�, dachte er. Mit ein bi�chen
Gl�ck hat sie jemanden �berreden k�nnen, sie ins Haus aufzunehmen, sie scherzt
mit den Kleinen und w�rmt sich bei einer Tasse Bouillon auf. <strong><emphasis>Sag ihm, ich habe mein Wort gehalten, </emphasis></strong>hatte sie
gesagt. Der Mond stieg h�her, und Jerry wartete immer noch, heftete die Augen
angestrengt auf die dunkelsten Stellen, um sein Sehverm�gen zu sch�rfen. Dann
glaubte er mit Sicherheit, durch das Brausen der See das plumpe Klatschen von Wasser
gegen einen h�lzernen Schiffsleib und das kurze Aufknurren eines an- und
abgestellten Motors zu h�ren. Er sah kein Licht. Er kroch den im Schatten
liegenden Felsen entlang so nah an den Rand des Wassers heran, wie er irgend
wagte, und kauerte sich dann wieder wartend nieder. Als die Brandungswelle ihn
bis zu den Schenkeln durchn��te, sah er, worauf er gewartet hatte: Im
Gegenlicht des Mondes, keine zwanzig Yards von ihm entfernt, schaukelten die
bogenf�rmige Kabine und der geschweifte Bug eines Sampan vor Anker. Er h�rte
ein Platschen und einen undeutlichen Befehl, und als er sich so weit duckte,
wie die Bodenschr�gung es zulie�, erblickte er vor dem sternen�bers�ten Himmel
die unverwechselbare Gestalt Drake Kos in der anglo-franz�sischen Baskenm�tze,
die vorsichtig an Land watete, dahinter Tiu, der ein M-16-Maschinengewehr auf
beiden Armen trug. Na, da w�ren wir also, dachte Jerry, und meinte damit mehr
sich selber als Drake Ko. Ende der langen Verfolgungsjagd. Lukes M�rder,
Frostis M�rder - ob� durch fremde oder eigene Hand, spielte keine Rolle -,
Lizzies Liebhaber, Nelsons Vater, Nelsons Bruder. Wir begr��en den Mann, der
nie in seinem Leben ein Versprechen gebrochen hat. Auch Drake trug etwas, aber
es war weniger bedrohlich, und Jerry wu�te bereits, ehe er es sehen konnte, da�
es eine Lampe und eine� Batterie waren, ziemlich die gleiche Sorte, die er
selber bei den Wasserspielen des Circus im Helford Estuary benutzt hatte, nur da�
der Circus ultraviolett und billige Brillen mit Drahtgestell bevorzugte, die
bei Regen oder in der Gischt nutzlos waren. Auf dem Strand tappten die beiden
M�nner murrend �ber die groben Steine, bis sie den h�chsten Punkt erreicht
hatten, dann verschwanden sie, wie Jerry selber, im Schatten des schwarzen
Felsens. Er sch�tzte, da� sie sechzig Fu� von ihm entfernt waren. Er h�rte ein
Brummen und sah die Flamme eines Feuerzeugs, dann die rote Glut von zwei
Zigaretten, und daraufhin h�rte er das Murmeln chinesischer Stimmen. K�nnte
auch eine vertragen, dachte Jerry. Er b�ckte sich, streckte eine gro�e Hand
aus, grabschte Steine zusammen, bis sie voll war, und pirschte sich dann so
ger�uschlos wie m�glich am Fu� des Felsens entlang auf die beiden roten
P�nktchen zu. Nach seiner Berechnung war er acht Schritte von ihnen entfernt.
Er hatte die Pistole in der linken, die Kiesel in der rechten Hand und lauschte
auf das dumpfe Ger�usch der Wellen, wie sie sich sammelten, �berschlugen und
zusammenst�rzten, und er �berlegte, da� es sich mit Drake bedeutend leichter
plaudern lie�e, wenn Tiu aus dem Weg sein w�rde.</p><p>Sehr
langsam lehnte er sich in der klassischen Position des Au�enfeldspielers nach
hinten, hob den linken Ellbogen nach vorn, kr�mmte den rechten Arm nach hinten
und holte zum Wurf aus. Eine Brandungswelle �berschlug sich, er h�rte das
Scharren der Gegenstr�mung, das Grollen, als sich die zweite Welle sammelte.
Immer noch wartete er, den rechten Arm zur�ckgezogen, die Kiesel fest in der
schwitzenden Hand. Dann, als die Welle ihren H�hepunkt erreichte, schleuderte
er die Steine mit aller Kraft hoch die Klippe hinauf, ehe er sich tief
zusammenkauerte und den Blick starr auf die beiden Zigaretten gerichtet hielt.
Er wartete, h�rte die Kiesel gegen den Felsen prasseln und dann wie einen
Hagelschauer niederst�rzen. Im n�chsten Moment vernahm er Tius kurzen Fluch
und sah eines der roten P�nktchen in die Luft fliegen, als Tiu aufsprang, das
Maschinengewehr in den H�nden, den Lauf zur Klippe gerichtet, den R�cken Jerry
zugewandt. Drake kroch in Deckung.</p><p>Zuerst
schlug Jerry Tiu die Pistole auf den Kopf, wobei er darauf achtete, die Finger
am Abzug zu behalten, bann verpa�te er ihm mit aller Kraft der geballten
Rechten einen Zwei-Kn�chel-Schlag - Faust nach abw�rts und dann drehen, wie sie
in Sarratt sagten - und als Finale einen Schwinger. Als Tiu zu Boden ging, traf
Jerry seinen Backenknochen mit dem vollen Schwung des nach vorn schie�enden
rechten Stiefels und h�rte das Schnappen des Kiefers. Und als er sich b�ckte,
um die M16 an sich zu rei�en, hieb er den Kolben in Tius Nieren und dachte
dabei zornerf�llt an Luke und an Frost, aber auch an Tius billigen Witz �ber
Lizzie, da� sie nicht mehr wert sei als die Fahrt von Kaulun nach Hongkong.
Herzliche Gr��e vom Pferdeschreiber, dachte er.</p><p>Dann
blickte er zu Drake hin�ber, der ein paar Schritte n�hergekommen war, aber noch
immer nur einen schwarzen Schatten vor der See bildete: eine gebeugte
Silhouette mit abstehenden Ohren, die unter dem Rand seiner komischen
Baskenm�tze hervorragten. Erneut war eine kr�ftige Brise aufgekommen, oder
Jerry bemerkte sie erst jetzt. Sie rumorte in den Felsen hinter ihnen und lie�
Drakes weite Hosen flattern. �Ist das Mr. Westerby, der englische Zeitungsmann?�fragte
Ko in genau dem tiefen, barschen Tonfall wie in Happy Valley. �Eben dieser�,
sagte Jerry.</p><p>�Sie sind
ein sehr politischer Mann, Mr. Westerby. Was zum Teufel wollen Sie hier?�</p><p>Jerry
mu�te erst wieder zu Atem kommen und f�hlte sich im Moment nicht sprechbereit.</p><p>�Mr.
Ricardo erz�hlt meinen Leuten, Sie beabsichtigen, mich zu erpressen. Geht es
Ihnen um Geld, Mr. Westerby?�</p><p>�Botschaft
von Ihrem M�dchen�, sagte Jerry, weil er das Gef�hl hatte, sich zuerst dieses
Versprechen entledigen zu m�ssen. �Sie sagt, sie habe ihr Wort gehalten. Sie
ist auf Ihrer Seite.�</p><p>�Ich habe
keine Seite, Mr. Westerby. Ich bin eine Ein-Mann-Armee. Was wollen Sie? Mr.
Marshall sagt meinen Leuten, Sie sind eine Art Held. Helden sind sehr
politische Pers�nlichkeiten, Mr. Westerby. Ich habe nichts �brig f�r Helden.�</p><p>�Ich bin
gekommen, um Sie zu warnen. Man hat es auf Nelson abgesehen. Sie d�rfen ihn
nicht nach Hongkong zur�ckbringen. Er ist von allen Seiten eingekreist. Die
Pl�ne, die man mit ihm hat, werden ihm f�r den Rest seines Lebens reichen. Und
Ihnen auch. Die Falle ist f�r Sie beide aufgestellt.�</p><p>�Was <strong><emphasis>wollen </emphasis></strong>Sie, Mr. Westerby?�</p><p>�Ein
Abkommen.�</p><p>�Niemand
will ein Abkommen. Jeder will nur eine Ware. Durch das Abkommen wollen sie die
Ware kriegen. Was wollen Sie?� wiederholte Drake und hob befehlend die Stimme.
�Bitte sagen Sie es mir.�</p><p>�Sie, Mr.
Ko, haben sich f�r Ricardos Leben das M�dchen gekauft�, sagte Jerry. �Ich
dachte, vielleicht k�nnte ich sie um den Preis von Nelsons Leben zur�ckkaufen.
Ich werde an Ihrer Stelle mit den betreffenden Leuten sprechen. Ich wei�, was
sie wollen. Es wird sich arrangieren lassen.�</p><p>Das ist
der letzte Fu�, den ich in der letzten T�r habe, dachte er. �Ein <strong><emphasis>politisches </emphasis></strong>Arrangement, Mr. Westerby? Mit <strong><emphasis>Ihren </emphasis></strong>Leuten? Ich habe eine Menge politische Arrangements
mit ihnen getroffen. Sie haben mir gesagt, Gott liebe die Kinder. Haben Sie
schon einmal gesehen, da� Gott ein asiatisches Kind geliebt h�tte, Mr.
Westerby? Sie haben mir gesagt, Gott ist ein <strong><emphasis>kweilo </emphasis></strong>und seine Mutter hat gelbes Haar. Sie haben mir
gesagt, Gott sei ein Mann des Friedens, aber ich habe einmal gelesen, da� es
nirgends so viele B�rgerkriege gegeben hat wie im Reich Christi. Sie haben mir
gesagt . . . �</p><p>�Ihr
Bruder steht direkt hinter Ihnen, Mr. Ko.� Drake fuhr herum. Zu ihrer Linken,
von Osten her, zuckelten ein Dutzend oder mehr Dschunken in ungeordneter
Formation und unter vollen Segeln s�dw�rts quer durch den Mondstreif. Ihre
Lichter perlten im Wasser. Drake fiel auf die Knie und begann fieberhaft nach
der Laterne zu tasten. Jerry fand den Dreifu� und klappte ihn auf. Drake
stellte die Laterne darauf, aber seine H�nde zitterten so heftig, da� Jerry ihm
helfen mu�te. Jerry ergriff die Kontaktschn�re, ri� ein Streichholz an und
befestigte die Kabel an den Batteriepolen. Sie standen nebeneinander und
starrten beide hinaus aufs Meer. Drake lie� die Lampe einmal aufleuchten, dann
nochmals, zuerst rot, dann gr�n.</p><p>�Warten
Sie�, sagte Jerry leise. �Es ist noch zu fr�h. Ganz ruhig, oder Sie verpatzen
alles.�</p><p>Er schob
Ko sanft beiseite, b�ckte sich, um durch das Okular zu blicken und machte die
eilige Reihe der Boote aus. �Welches?� fragte Jerry. �Das letzte�, sagte Ko.</p><p>Jerry
behielt die letzte Dschunke im Blickfeld, obwohl sie noch immer nur ein
Schatten war, und signalisierte aufs neue, einmal rot, einmal gr�n, und
Sekunden sp�ter h�rte er Drake einen Freudenruf aussto�en, als ein
Antwortzeichen �ber das Wasser her�berflammte.</p><p>�Kann er
sich danach orientieren?� sagte Jerry.</p><p>�Klar�,
sagte Ko und lie� den Blick nicht von der See. �Klar. Er wird sich danach
orientieren.�</p><p>�Dann lassen
wir's jetzt. Nicht mehr blinken.�</p><p>Ko drehte
sich zu ihm um, und Jerry sah die Erregung in seinen Z�gen und f�hlte sein
Vertrauen.</p><p>�Mr.
Westerby. Ich gebe Ihnen einen aufrichtigen Rat. Wenn Sie mich und meinen
Bruder Nelson hereinlegen, dann ist Ihre Christenh�lle ein sehr angenehmer
Aufenthaltsort verglichen mit der, die meine Leute Ihnen bereiten w�rden. Aber
wenn Sie mir helfen, gebe ich Ihnen alles. Das ist mein Vertrag, und ich habe
nie im Leben einen Vertrag gebrochen. Auch mein Bruder hat gewisse Vertr�ge
geschlossen.� Er blickte aufs Meer hinaus. Die vorderen Dschunken waren au�er
Sicht. Nur die letzten sah man noch. Von weither glaubte Jerry das
unregelm��ige Poltern eines Motors zu h�ren, aber er wu�te, da� sein Denken
gestreut war und es ebensogut das Donnern der Wogen sein konnte. Der Mond glitt
hinter die Felsspitze, und der Schatten des Berges fiel wie eine schwarze
Messerspitze auf das Meer, nur in der Ferne blieb noch ein silbriges Leuchten.
Drake hatte sich zur Lampe niedergebeugt und stie� einen zweiten Jubelruf aus.
�Hier! Hier! Sehen Sie, Mr. Westerby!� Durch das Okular konnte Jerry eine
einzelne Geisterdschunke ausmachen, die, unbeleuchtet bis auf drei schwache
Lampen, zwei gr�ne am Mast, eine rote steuerbords, auf sie zuhielt. Sie glitt
aus dem Silber in die Schw�rze, und er verlor sie aus den Augen. Hinter sich
h�rte er einen Schmerzenslaut von Tiu. Drake achtete nicht darauf, er pre�te
das Auge ans Okular und hielt einen Arm ausgestreckt wie ein Fotograf aus
viktorianischer Zeit, w�hrend er leise Worte in chinesischer Sprache rief.
Jerry rannte �ber den steinigen Strand, zog die Pistole aus Tius G�rtel, packte
sich die M 16 auf, trug beides bis ans Wasser und schleuderte die Waffen
hinein. Drake versuchte, das Lichtsignal zu wiederholen, konnte jedoch
gl�cklicherweise den Knopf nicht finden, und Jerry kam gerade noch recht, um
ihn zur�ckzuhalten. Wieder glaubte Jerry, ein Poltern zu h�ren, aber nicht von
einem Motor, sondern von zweien. Er rannte hinaus bis zum Kap, blickte nach
Norden und S�den auf der Suche nach einem Patrouillenboot, sah aber auch
diesmal nichts, und wiederum gab er der Brandung und seiner �berreizten
Phantasie die Schuld. Die Dschunke war n�her gekommen, lavierte auf die Insel
zu, ihr braunes Segel, wie Fledermausfl�gel ausgebreitet, ragte pl�tzlich gro�
und schrecklich auff�llig vor dem Himmel auf. Drake war ans Wasser gerannt und
winkte und schrie �bers Meer. �Nicht so laut!� zischte Jerry neben ihm. Aber
Jerry war f�r Drake nicht mehr vorhanden. Drakes ganzes Leben geh�rte Nelson.
Aus dem Schutz des nahen Kaps taumelte Drakes Sampan hin�ber zur schaukelnden
Dschunke. Der Mond kam aus seinem Versteck, und einen Augenblick lang verga�
Jerry alle �ngste, als eine kleine graugekleidete Gestalt, kurz und st�mmig,
der Statur nach Drakes genaues Gegenteil, mit Kapokmantel und proletarischer
Ballonm�tze, sich �ber die Bordwand hinunterlie� und in die wartenden Arme der
Sampan-Besatzung sprang. Drake schrie wieder auf, die Dschunke bl�hte die Segel
und glitt hinter das Kap, bis �ber den Felsen nur noch die gr�nen Lichter an
den Toppen zu sehen waren, und dann verschwanden. Der Sampan steuerte auf die
Bucht zu, und Jerry erkannte Nelsons gedrungene Erscheinung, als er im Bug
stand und mit beiden H�nden winkte, und Drake Ko, der mit seiner Baskenm�tze
wie ein Irrer am Ufer herumtanzte, winkte zur�ck. Das Motorenger�usch wurde
st�ndig lauter, aber noch immer konnte Jerry seinen Ursprung nicht ausmachen.
Das Meer war leer, und als er nach oben blickte, sah er nur die Hammerkopfklippe
und ihren Gipfel schwarz vor den Sternen. Die Br�der hatten sich gefunden, sie
st�rzten einander in die Arme und verharrten engumschlungen, ohne sich zu
bewegen. Jerry packte beide, versetzte jedem einen Sto� und schrie aus
Leibeskr�ften: �Zur�ck ins Boot. Schnell!�</p><p>Aber sie
sahen nur einander. Jerry rannte zum Wasser, zog den Bug des Sampan heran und
hielt ihn fest. Er rief noch nach der beiden, als er den Himmel hinter dem
Gipfel schon gelb und dann rasch immer heller werden sah, w�hrend das Motorenger�usch
zu einem Br�llen anschwoll und drei glei�ende Scheinwerfer aus schwarzbemalten
Hubschraubern auf den Strand zielten. Die Felsen tanzten im Wirbel der
Landescheinwerfer, das Meer furchte sich, Kiesel spritzten und flogen wie ein
Schauer herum. Den Bruchteil einer Sekunde lang sah Jerry Drakes Gesicht sich
hilfeflehend ihm zuwenden, als h�tte er, viel zu sp�t, erkannt, wo die Hilfe
lag. Er sagte etwas, aber der L�rm verschluckte seine Worte. Jerry st�rzte vor.
Nicht um Nelsons und noch weniger um Kos willen; sondern um dessentwillen, was
die beiden miteinander verband und was ihn mit Lizzie verband. Aber lang ehe
er sie erreichte, hatte sich ein dunkler Schwarm um die beiden M�nner
geschlossen, ri� sie auseinander und schob Nelsons formlose Gestalt blitzschnell
in den Frachtraum des Hubschraubers. W�hrend des �berfalls hatte Jerry seine
Waffe gezogen und hielt sie in der Hand. Er br�llte, konnte jedoch in den
Hurrikanen des Kampfes nicht einmal seine eigene Stimme h�ren. Der Hubschrauber
hob ab. Eine einzelne Gestalt blieb in der offenen Luke stehen und blickte
hinunter, und vielleicht war es Fawn, denn er sah dunkel und irre aus. Dann
fuhr ein orangefarbener Blitz aus der Luken�ffnung, dann ein zweiter und ein
dritter, und danach h�rte Jerry auf, mitzuz�hlen. In flammendem Zorn warf er
die H�nde in die Luft, sein offener Mund schrie noch immer, noch immer flehte
schweigend sein Gesicht. Dann st�rzte er und blieb liegen, bis kein Laut mehr
zu h�ren war au�er der Brandung, die an den Strand schlug, und Drake Kos
hoffnungsloser, erstickter Klage gegen die siegreichen Armadas des Westens, die
ihm seinen Bruder gestohlen haften und ihren hartbedr�ngten Krieger tot zu
seinen F��en liegen lie�en.</p><p><emphasis/></p><p><emphasis>Die
Wiedergeburt </emphasis></p><empty-line/><p>Der Circus
geriet in einen wahren Siegestaumel, als von den Vettern die frohe Botschaft
durchgegeben wurde. Nelson an Land gezogen, Nelson geschnappt, ohne da� ihm ein
Haar gekr�mmt wurde! Zwei Tage lang gingen wilde Spekulationen �ber Orden,
Adelstitel und Bef�rderungen um. Jetzt m��ten sie endlich <strong><emphasis>irgendetwas </emphasis></strong>f�r George tun, sie <strong><emphasis>m��ten </emphasis></strong>einfach! Weit gefehlt, sagte Connie �tzend aus dem
Abseits. Sie w�rden es George nie verzeihen, da� er die Scharte Bill Haydon
ausgewetzt hatte. Auf die Euphorie folgte eine Zeit verwirrender Ger�chte.
Connie und Doc di Salis zum Beispiel, die im �sicheren Haus� von Maresfield,
jetzt mit dem Spitznamen �Delphinarium� belegt, wie auf gl�henden Kohlen sa�en,
warteten eine volle Woche auf das Eintreffen ihres Opfers, und warteten
vergebens. Vergebens warteten auch die Dolmetscher, Aufzeichner, Inquisitoren,
Babysitter und Angeh�rigen zugeordneter Berufe, aus denen das Empfangs- und
Befragungskomitee bestand. Das Treffen sei ins Wasser gefallen, sagten die
Housekeepers. Es werde ein neues Datum festgesetzt. Nur Geduld, sagten sie.
Aber bald darauf meldete eine Quelle bei der Immobilienfirma in der
benachbarten Stadt Uckfield, da� die Housekeepers versuchten, aus dem
Pachtvertrag auszusteigen. Und tats�chlich wurde das Team eine Woche sp�ter
�bis auf weiteres� aufgel�st. Es trat nie wieder zusammen.</p><p>Als
n�chstes sickerte durch, da� Enderby und Martello gemeinsam - allein schon die
Kombination schien befremdlich - einem anglo-amerikanischen Arbeitsausschu�
vorstehen sollten. Der Ausschu� w�rde abwechselnd in Washington und London
tagen und f�r die parit�tische Verteilung des Delphin-Produktes, Codename CA VI
AR, auf beide Seiten des Atlantik sorgen. Rein zuf�llig kam heraus, da� Nelson
in die Vereinigten Staaten verbracht worden sei, in einen befestigten Bau in
Philadelphia, den man schon vor einiger Zeit f�r ihn vorbereitet habe. Die
Erkl�rung hierf�r lie� sogar noch l�nger auf sich warten. Man habe das Gef�hl -
<strong><emphasis>man </emphasis></strong>war vermutlich eine bestimmte
Person, aber Gef�hle sind durch so viele Korridore schwer zu verfolgen -,
Nelson werde dort sicherer aufgehoben sein. K�rperlich sicherer. Denkt nur an
die Russen. Denkt an die Chinesen. Au�erdem, betonten die Housekeepers, h�tten
die Verarbeitungs- und Auswertungsstellen der Vettern weit g�nstigere
Voraussetzungen, um den erwarteten, noch nie dagewesenen Materialanfall zu
bew�ltigen. Au�erdem, sagten sie, k�nnten sich die Vettern die horrenden
Ausgaben leisten. <strong><emphasis>Au�erdem -</emphasis></strong></p><p>�Alles
kalter Kaffee,� wetterte Connie, als sie davon erfuhr. Sie und di Salis
warteten bedr�ckt auf die Einladung zur Mitarbeit im Team der Vettern. Connie
lie� sich sogar Injektionen verabreichen, um in Form zu sein, aber die
Einladung erging nicht. Weitere Erkl�rungen. Die Vettern h�tten einen neuen
Mann in Harvard, sagten die Housekeepers, als Connie im Rollstuhl bei ihnen
anrauschte. �Wer?� fragte sie zornig.</p><p>Ein
Professor Soundso, jung, Moskau-Spezialist. Er habe sich die Beobachtung der
dunklen Seite der Moskauer Zentrale zur <strong><emphasis>Lebensaufgabe </emphasis></strong>gemacht,
sagten sie und erst unl�ngst eine Arbeit fertiggestellt - nur zur Verbreitung
im Dienstbereich -, basierend auf geheimdienstlichen Archivstudien, worin er
auf das <strong><emphasis>Maulwurfprinzip </emphasis></strong>und sogar,
in verschleierten Wendungen, auf Karlas Privatarmee zu sprechen gekommen sei.
�Klar ist er das, dieser elende Wurm!� entfuhr es Connie unter bitteren Tr�nen
der Entt�uschung. �Und er hat es alles aus Connies verdammten Berichten
zusammengeklaut, oder? Und der Kerl hei�t Culpepper, und er wei� �ber Karla
genausoviel wie mein gro�er Zeh!�</p><p>Die
Housekeepers vermochte indes nicht einmal der Gedanke an Connies gro�en Zeh aus
dem Tritt zu bringen. Der neue Ausschu� hatte sich f�r Culpepper entschieden,
nicht f�r Sachs. �Wartet nur, bis George zur�ckkommt!� drohte Connie ihnen mit
Donnerstimme. Die Drohung machte erstaunlich wenig Eindruck.</p><p>di Salis
kam nicht besser weg. China-Spezialisten gingen in Langley zw�lfe auf ein Dutzend,
wurde ihm erkl�rt. Eine wahre Schwemme, alter Junge. Tut uns leid, aber es ist
ein Befehl von Enderby, sagten die Housekeepers. �Von <strong><emphasis>Enderby?� </emphasis></strong>echote di Salis.</p><p>Vom
Ausschu�, sagten sie vage. Ein Mehrheitsbeschlu�. Also wandte sich di Salis an
Lacon, der in solchen F�llen gern als Ombudsman der kleinen Leute auftrat, und
Lacon ging mit di Salis zum Lunch, und danach teilten sie sich die Rechnung,
denn Lacon war nicht daf�r, da� Staatsdiener sich gegenseitig auf Kosten der
Steuerzahler zum Essen einluden.</p><p>��brigens,
was haben Sie alle f�r ein <strong><emphasis>Gef�hl </emphasis></strong>in bezug
auf Enderby�, fragte er einmal w�hrend der Mahlzeit, und unterbrach damit di
Salis' Jereminade �ber seine Vertrautheit mit den Chiu-Chow- und
Hakka-Dialekten. <strong><emphasis>Gef�hl </emphasis></strong>spielte im
Moment eine gro�e Rolle. �Macht er sich gut dort dr�ben? Ich h�tte gedacht, die
Art, wie er die Dinge sieht, sage Ihnen zu. Ist er nicht ziemlich realistisch?
Was w�rden Sie sagen?� Realistisch bedeutete in Whitehall in jenen Tagen: auf
der Seite der Falken.</p><p>di Salis
eilte zum Circus zur�ck und berichtete Connie Sachs getreulich von dieser
erstaunlichen Frage - was Lacon nat�rlich beabsichtigt hatte -, und danach
wurde Connie nur noch selten gesehen. Sie verbrachte die Zeit damit, still �ihr
B�ndel zu schn�ren�, wie sie es nannte: will hei�en, ihr Archiv �ber die
Moskauer Zentrale f�r die Nachwelt zu ordnen. Es gab im Haus einen jungen W�hlm�userich,
der sich ihrer Gunst erfreute, einen linkischen, aber liebensw�rdigen jungen
Mann namens Doolittle. Dieser Doolittle durfte zu ihren F��en sitzen, w�hrend
sie ihm weise Lehren zuteil werden lie�.</p><p>�Die alte
Ordnung wird aus dem Haus gejagt�, prophezeite sie jedem, der es h�ren wollte.
�Dieser Arschkriecher Enderby schl�ngelt sich durch die Hintert�r rein. Ein
Pogrom.� Zun�chst begegnete man ihr mit dem gleichen Spott, dem Noah <strong>sich </strong>ausgesetzt sah, als er anfing, seine Arche zu bauen.
Inzwischen nahm Connie, die auch die neue Lage richtig beurteilte, Molly Meakin
beiseite und �berredete sie, um ihre Entlassung einzugeben. �Sagen Sie den
Housekeepers, Sie wollten <strong>sich </strong>um etwas
Befriedigenderes umsehen, meine Liebe�, riet sie unter vielem Zwinkern und
Zwicken. �Zumindest werden Sie eine Gehaltserh�hung herausholen.�</p><p>Molly
bef�rchtete, beim Wort genommen zu werden, aber Connie kannte das Spiel zu gut.
Also schrieb Molly ihr Entlassungsgesuch und erhielt sofort Anweisung, nach
Dienstschlu� vorzusprechen. Gewisse Ver�nderungen l�gen in der Luft, vertrauten
ihr die Housekeepers unter dem Siegel der Verschwiegenheit an. Man
beabsichtige, eine j�ngere und energischere Dienststelle aufzubauen und sie
enger an Whitehall zu binden. Molly versprach feierlich, ihre Entscheidung
nochmals zu �berdenken, und Connie Sachs machte sich mit noch gr��erer Entschlossenheit
ans Packen. Und wo war George Smiley nun w�hrend dieser ganzen Zeit? Im Fernen
Osten? Nein. In Washington? Unsinn! Er war wieder in der Heimat und dr�ckte
sich irgendwo auf dem Land herum - Cornwall gefiel ihm besonders -, wo er der
wohlverdienten Ruhe pflegte und seine Vers�hnung mit Ann betrieb! Dann
entschl�pfte einem der Housekeeper die �u�erung, George k�nnte <strong><emphasis>an einer kleinen �beranstrengung leiden, </emphasis></strong>und dieses
Wort jagte allen einen Schauder �ber den R�cken, denn sogar das kleinste
W�rstchen in der Bankabteilung wei�, da� �beranstrengung, genau wie Altsein,
eine Krankheit ist, f�r die es nur eine Therapie gibt, und Heilung ist von ihr
schwerlich zu erwarten. Guillam kam eines Tages zur�ck, aber nur, um Molly in
einen Urlaub zu entf�hren. Er weigerte sich, �berhaupt etwas zu sagen. Wer ihn
bei seinem Blitzbesuch in der f�nften Etage gesehen hatte, sagte, er wirkt
angeschlagen und habe offensichtlich eine kleine Pause n�tig. Au�erdem schien
er sich das Schl�sselbein gebrochen zu haben: seine rechte Schulter war schwer
bandagiert. �ber die Housekeepers wurde bekannt, da� er ein paar Tage in der
Privatklinik des Circusarztes am Manchester Square verbracht hatte. Aber noch
immer war kein Smiley zu sehen, und die Housekeepers zeigten lediglich
stahlharte Liebensw�rdigkeit, wenn sie gefragt wurden, wann er zur�ckkommen
werde. Die Housekeepers wurden in diesen Wochen zu einer Art Sternkammer,
gef�rchtet, aber unentbehrlich. Eines sch�nen Tages war auch Karlas Portr�t
verschwunden; es sei in der Reinigung, sagten die Spa�v�gel.</p><p>Es war
seltsam und einigerma�en erschreckend, da� niemand auf die Idee kam, das kleine
Haus an der Bywater Street aufzusuchen und einfach auf die T�rklingel zu
dr�cken. Wer das getan h�tte, der h�tte Smiley dort angetroffen,
h�chstwahrscheinlich im Morgenrock, entweder beim Abwaschen oder mit der
Zubereitung von Speisen besch�ftigt, die er dann doch nicht a�. Manchmal,
gew�hnlich in der Abendd�mmerung, unternahm er einen einsamen Spaziergang im
Park und starrte Leute an, als erkenne er sie halb und halb, so da� diese Leute
ihn ebenfalls anstarrten und dann den Blick senkten. Oder er setzte sich in
eines der billigeren Cafes an der King's Road, mit einem Buch zum Zeitvertreib
und gezuckertem Tee zur Labung, denn er hatte seine guten Vors�tze aufgegeben,
der schlanken Linie zuliebe nur noch S��stoff zu nehmen. Ein Beobachter h�tte
feststellen k�nnen, da� er viel Zeit damit zubrachte, auf seine H�nde zu
blicken und die Brille am Krawattenende zu putzen, oder zum soundsovielten Mal
den Brief zu lesen, den Ann ihm hinterlassen hatte, und der sehr lang war, aber
nur wegen der vielen Wiederholungen. Lacon machte ihm einen Besuch, desgleichen
Enderby, und einmal kam Martello, der jetzt wieder als Londoner auftrat,
gemeinsam mit den beiden. Denn man war einhellig der Meinung, die niemand
aufrichtiger teilte als Smiley selber, da� die �bergabe im dienstlichen
Interesse so kurz und schmerzlos wie m�glich vor sich gehen sollte. Smiley
�u�erte gewisse W�nsche bez�glich der Mitarbeiter, und sie wurden von Lacon
gewissenhaft notiert. Zudem lie� Lacon durchblicken, da� das Schatzamt,
allerdings nur, was den Circus betreffe, zur Zeit in Geberlaune sei. Zumindest
in der Geheimwelt war der Sterlingkurs im Steigen. Diesen Sinneswandel habe
nicht nur der Erfolg von �Unternehmen Delphin� herbeigef�hrt, sagte Lacon. Die
Begeisterung der Amerikaner �ber Enderbys Ernennung sei �berw�ltigend. Man habe
sie sogar auf h�chster diplomatischer Ebene <strong><emphasis>gef�hlt. Spontaner Beifall, </emphasis></strong>so dr�ckte Lacon sich aus. �Saul
wei� wirklich, wie man mit ihnen reden mu߫, sagte er, �Ja? Ah, gut. <strong><emphasis>Well, </emphasis></strong>gut�, sagte Smiley und nickte heftig Zustimmung,
wie es Schwerh�rige tun.</p><p>Auch als
Enderby Smiley anvertraute, da� er Sam Collins als Leiter von London Station
vorschlagen wolle, zeigte Smiley ausschlie�lich h�fliches Interesse. Sam sei
ungemein <strong><emphasis>r�hrig, </emphasis></strong>erkl�rte
Enderby, und <strong><emphasis>R�hrigkeit </emphasis></strong>sei im
Moment in Langley hoch im Kurs. Mit vornehmer Zur�ckhaltung sei kein Blumentopf
mehr zu gewinnen. �Bestimmt nicht�, sagte Smiley.</p><p><strong>Bade </strong>M�nner stimmten darin �berein, da�
Roddy Martindale trotz seines enormen Unterhaltungswerts <strong><emphasis>nicht </emphasis></strong>f�r diesen Posten geeignet sei. Der alte Roddy sei
einfach <strong><emphasis>zu </emphasis></strong>schwul,
sagte Enderby, und der Minister habe einen wahren Horror vor ihm. Auch kam er
nicht gerade gl�nzend bei den Amerikanern an, nicht einmal bei denen, die
zuf�llig seine Neigungen teilten. �berdies hegte Enderby leise Bedenken, noch
mehr ehemalige Eton-Sch�ler zu berufen. K�nnte einen falschen Eindruck machen.
Eine Woche sp�ter schlossen die Housekeepers Sams altes B�ro in der f�nften
Etage wieder auf und entfernten das Mobiliar. Collins' Geist habe endlich seine
R�he gefunden, sagten gewisse vorlaute Stimmen gen��lich. Am Montag indes
trafen ein imposanter Schreibtisch mit rotem Lederbezug sowie mehrere
Imitationen von Jagdstichen ein, die einst die W�nde von Sams Club geziert
hatten. Was den Club selbst betraf, so war bereits seine �bernahme durch eines
der gr��eren Gl�cksspielsyndikate in die Wege geleitet, zur Zufriedenheit
s�mtlicher Parteien. Der kleine Fawn wurde nie wieder gesehen. Auch dann nicht,
als mehrere der mehr muskelbetonten Londoner Au�enstellen wieder zum Leben
erweckt wurden, einschlie�lich der Skalpj�ger in Brixton, denen Fawn dereinst
angeh�rt hatte, und der Pfadfinder in Acton unter Toby Esterhase. Aber niemand
vermi�te ihn. �hnlich wie Sam Collins war er �ber die B�hne gegeistert, ohne
eigentlich eine Rolle im Spiel zu haben. Aber zum Unterschied von Sam
verschwand er in den Kulissen, um nie mehr aufzutauchen.</p><p>So fiel
Sam Collins also an seinem ersten Tag im neuen Amt die Aufgabe zu, die traurige
Nachricht von Jerrys Tod bekanntzugeben. Er tat es in der Rumpelkammer, in
Form einer kurzen unsentimentalen Rede, und alle fanden, er habe es gut
gemacht. Sie h�tten es ihm gar nicht zugetraut.</p><p>�Nur f�r
die Ohren der f�nften Etage�, hatte er gesagt. Seine Zuh�rer waren tief
betroffen, dann stolz. Connie weinte und versuchte, Jerry als eines von Karlas
zahlreichen Opfern hinzustellen, was jedoch schwerhielt, denn es war nicht zu
erfahren, wer oder was ihn get�tet hatte. Es sei im Zuge des Einsatzes gewesen,
hie� es, und ehrenvoll.</p><p>Dr�ben in Hongkong
zeigte der �Auslandskorrespondenten-Club� sich zun�chst sehr besorgt um die
Geschicke seiner vermi�ten Kinder Luke und Westerby. Dank unerm�dlicher
Vorsprachen seiner Mitglieder wurde eine regelrechte geheime Sonderkommission
unter Vorsitz des umsichtigen Superintendent Rockhurst eingesetzt, die das
Doppelr�tsel ihres Verschwindens kl�ren sollte. Die Beh�rden sagten
vollst�ndige Ver�ffentlichung aller Resultate zu, und der Generalkonsul der
Vereinigten Staaten von Amerika setzte eine Belohnung von f�nftausend Dollar
aus seiner eigenen Schatulle f�r jeden aus, der brauchbare Informationen
liefern w�rde. Als ritterliche Geste gegen�ber der Kolonie schlo� er Jerry
Westerbys Namen in dieses Anerbieten ein. Die beiden M�nner wurden als Die
Vermi�ten Reporter bekannt, und alsbald verbreiteten sich Andeutungen einer
schimpflichen Verbindung zwischen ihnen. Lukes B�ro legte nochmals f�nftausend
Dollar zu, und der Zwerg, obzwar untr�stlich, bewarb sich allen Ernstes um die
Gesamtsumme. Schlie�lich hatte er, dank unerm�dlicher Zweifronten-Arbeit, von
Deathwish erfahren, da� die Wohnung an der Cloudview Road, die Luke zuletzt
benutzt hatte, vom Fu�boden bis zur Decke renoviert wurde, ehe die
scharf�ugigen Fahnder des Rocker dazu kamen, sie zu durchsuchen. Wer hatte das
angeordnet? Wer hatte das bezahlt? Niemand wu�te es. Der Zwerg hatte auch aus
erster Hand Berichte gesammelt, wonach Jerry am Flugplatz von Kai Tak einen
japanischen Touristenschwarm interviewt hatte. Aber die Sonderkommission des
Superintendent sah sich gezwungen, diese Informationen zur�ckzuweisen. Die
besagten Japaner seien <strong><emphasis>willige, aber
unzuverl�ssige Zeugen </emphasis></strong>gewesen, als es darauf ankam,
einen Europ�er zu identifizieren, der nach einer langen Reise so einfach �ber
sie hergefallen sei. Und was Luke anging: nun ja, so wie er es getrieben habe,
hie� es, habe es mit ihm auf jeden Fall ein �bles Ende nehmen m�ssen. Die
Wissenden sprachen von Ged�chtnisverlust, verursacht vom Alkohol und
Ausschweifung. Nach einer Weile wurden auch die besten Storys kalt. Ger�chte
gingen um, die beiden M�nner seien w�hrend des Falls von Hue - oder war es Da
Nang? - in Saigon gesehen worden, wo sie gemeinsam gejagt und getrunken h�tten.
Dann wieder h�tten sie angeblich Seite an Seite am Strand von Manila gesessen. �Und
H�ndchen gehalten?� fragte der Zwerg. �Schlimmeres�, lautete die Antwort.</p><p><strong>Der </strong>Name des Rocker war au�erdem in aller Munde, dank seines
Erfolges bei einem spektakul�ren Rauschgiftproze�, der mit Hilfe <strong>des </strong>amerikanischen Drogenbek�mpfung unl�ngst �ber die B�hne <strong>gegangen </strong>war. Mehrere Chinesen und eine bet�rend sch�ne
englische Abenteurerin, Heroinschmugglerin, waren die Hauptangeklagten. Der
gro�e Bo� konnte zwar, wie �blich, nicht vor Gericht gestellt werden, jedoch
w�re es dem Rocker, wie es hie�, um Haaresbreite gelungen, ihn festzunageln.
�Unser rauher, aber redlicher Retter in der Not�, schrieb die <emphasis>South China
Morning Post </emphasis>in einem Leitartikel zum Lobe seiner T�chtigkeit. �Hongkong
k�nnte mehr M�nner seines Schlages gebrauchen.� Weitere Zerstreuungen konnte
der Club aus der dramatischen Wiederer�ffnung von High Haven beziehen. Das Haus
wurde jetzt von einem zwanzig Fu� hohen Drahtzaun umzogen, mit Flutlicht
angestrahlt und durch Wachhunde gesichert. Aber es gab keine Einladungen zum
Lunch mehr, und so hatte die Sache bald ihren Reiz verl�ren.</p><p>Was Old
Craw anging, so wurde er monatelang nicht gesehen, und niemand sprach von ihm,
bis er eines Abends wieder erschien, sehr gealtert und n�chtern gekleidet, sich
in seine angestammte Ecke setzte und ins Leere starrte. Ein paar Leute waren
noch da, die ihn kannten. Der kanadische Cowboy schlug eine Runde �Shanghai
Bowling� vor, aber Craw lehnte ab. Darin geschah etwas Seltsames. Es kam zum
Streit �ber einen albernen Punkt der Clubsatzung. Durchaus nichts Ernstes: nur
ob man im Interesse des Clubs unbedingt die traditionelle Form der Bons f�r
Speisen und Getr�nke beibehalten m�sse. Eine Kleinigkeit. Aber aus irgendeinem
Grund brachte sie den alten Knaben v�llig aus dem H�uschen. Er stand auf,
stapfte zu den Lifts, und die Tr�nen liefe i ihm �bers Gesicht, w�hrend er die
Clubmitglieder mit Beleidigungen �berh�ufte.</p><p>�Da� ihr
mir nichts �ndert!� drohte er und sch�ttelte w�tend seinen Stock. �Du sollst
nichts �ndern an der alten Ordnung, la�t alles weiterlaufen, wie es ist. Ihr
werdet das Rad nicht anhalten, nicht gemeinsam und nicht einzeln, ihr
rotzn�sigen, verschissenen Gr�nschn�bel! Sonst s�gt ihr den Ast ab, auf dem ihr
mit euern fetten �rschen sitzt!�</p><p>Durchgedreht,
entschieden sie, als die T�ren sich hinter ihm geschlossen hatten. Armer Kerl.
Peinlich.</p><p>War
wirklich eine Verschw�rung gegen Smiley von der Gr��enordnung im Gang, wie �Guillam
vermutete? Und wenn ja, wie wirkte sich Westerbys Alleingang darauf aus? Es ist
keine einschl�gige Information verf�gbar, und sogar Leute, die einander
durchaus vertrauen, sind nicht geneigt, die Frage zu diskutieren.</p><p>Ganz
sicher bestand eine geheime Absprache zwischen Enderby und Martello, wonach die
Vettern den ersten Happen von Nelson kriegen und sich in den Ruhm teilen sollten,
ihn herbeigeschafft zu haben - als Gegenleistung f�r ihr Votum zugunsten
Enderbys. Ganz sicher waren Lacon und Collins, in ihren weit auseinanderliegenden
Bereichen, daran beteiligt. Aber wann genau sie den Plan fa�ten, sich Nelson
selber unter den Nagel zu rei�en und mit welchen Mitteln - zum Beispiel �ber
das bew�hrte Verfahren einer konzertierten <emphasis>demarche </emphasis>auf
ministerieller Ebene in London -, wird man vermutlich nie erfahren. Es kann
indes, wie sich ja herausstellt, kein Zweifel dar�ber bestehen, da� Westerby
sich f�r sie als Gl�ck im Ungl�ck erwies: er lieferte ihnen den Vorwand, nach
dem sie gesucht hatten.</p><p>Und hatte
Smiley nun, tief im Innern, von der Verschw�rung <emphasis>gewu�t! </emphasis>War er
sich klar dar�ber, und hatte er diese L�sung insgeheim sogar begr��t? Peter
Guillam, der inzwischen bereits gut drei Jahre in seinem Exil in Brixton Zeit
gehabt hat, sich seine Meinung zu bilden, behauptet, die Antwort auf beide
Fragen sei ein entschiedenes <emphasis>Ja. </emphasis>Es gibt
einen Brief, den George auf dem H�hepunkt der Krisis an Ann Smiley schrieb,
sagt Guillam, vermutlich w�hrend einer der langen Warteperioden in der
Isolierstation. Guillam st�tzte seine Theorie haupts�chlich auf diesen Brief.
Ann hat ihn ihm gezeigt, als er sie in Wiltshire aufsuchte, in der Hoffnung,
eine Vers�hnung herbeif�hren zu k�nnen, und im Lauf des Gespr�chs, dem
allerdings kein Erfolg beschieden war, f�rderte Ann ihn aus ihrer Handtasche
zutage. Guillam behauptet, er habe einen Teil davon im Ged�chtnis behalten und
sofort aufgeschrieben, als er wieder im Wagen sa�. Und es steht fest, da� der
Stil des Schreibens bedeutend anspruchsvoller ist als alles, was Guillam je
h�tte verfassen k�nnen.</p><p><strong><emphasis>Ich </emphasis></strong><emphasis>frage mich allen Ernstes und hoffentlich ohne jedes
Selbstmit</emphasis><strong><emphasis>leid, </emphasis></strong><emphasis>wie ich in
diesen gegenw�rtigen Engpa� geraten konnte. </emphasis><strong><emphasis>Soweit </emphasis></strong><emphasis>ich mich zur�ckerinnere, w�hlte ich die geheime
Stra�e, </emphasis><strong><emphasis>denn </emphasis></strong><emphasis>sie schien
sich mir am direktesten und am weitesten dem Ziel </emphasis><strong><emphasis>meines </emphasis></strong><emphasis>Landes zu n�hern. In jenen Tagen war der Feind
jemand, </emphasis><strong><emphasis>auf den </emphasis></strong><emphasis>man
hinzeigen, �ber den man in den Zeitungen lesen </emphasis><strong><emphasis>konnte. </emphasis></strong><emphasis>Heute wei� ich nur noch, da� ich gelernt habe, das
ganze </emphasis><strong><emphasis>Leben </emphasis></strong><emphasis>als eine
Verschw�rung zu verstehen. Dies ist das Schwert, durch das ich gelebt habe, und
nun, da ich Umschau halte, sehe ich, da� ich auch durch dieses Schwert umkommen
werde. </emphasis>Wenn <emphasis>ich den Todessto� empfangen soll,
so falle ich doch wenigstens von den H�nden meiner Peers.</emphasis></p><p>Wie
Guillam erl�utert, ist dieser Brief typisch f�r Smileys Blaue Periode.</p><p>Heute, sagt
er, ist George fast wieder der alte. Dann und wann treffen er und Ann sich zum
Lunch, und Guillam pers�nlich ist �berzeugt, da� sie eines Tages einfach wieder
zusammenkommen und beisammen bleiben. George spricht nie von Westerby. Und
Guillam tut es auch nicht, George zuliebe.</p></section></body><binary id="cover" 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