<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>antique</genre><author><first-name>Carre,</first-name><middle-name>John</middle-name><last-name>le</last-name></author><book-title>Krieg im Spiegel (Smiley Bd 4)</book-title><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang></title-info><document-info><author><first-name>Carre,</first-name><middle-name>John</middle-name><last-name>le</last-name></author><program-used>calibre 2.23.0, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date>13.11.2015</date><id>a97e9941-e45d-4ec1-b203-0fa08c632e4d</id><version>1.0</version></document-info><publish-info><year>2011</year></publish-info></description><body><section><p>JOHN LE CARRE</p><p><emphasis>KRIEG IM SPIEGEL</emphasis></p><p><emphasis>�I </emphasis><emphasis>wouldn't
mind being a Pawn, if only I might </emphasis><emphasis>join.�</emphasis></p><p><emphasis>�Wenn ich doch auch mit von der
Partie sein k�nnte! Und wenn's als Bauer w�re, Hauptsache, ich k�nnte
dabeisein.�</emphasis></p><p>LEWIS CARROLL �ALICE HINTER DEN SPIEGELN�</p><p><emphasis/></p><p><emphasis>Vorwort</emphasis></p><p>Keine der
Personen, Klubs, Institutionen und Nachrichtenorganisationen, die ich hier
oder anderswo beschrieben habe, gibt es oder hat es meines Wissens jemals
wirklich gegeben. Das m�chte ich besonders hervorheben.</p><p>Ich
schulde der Radio Society of Great Britain und Mr. R.E. Mollland ebenso Dank
wie den Redakteuren der Zeitschrift �Aviation Week und Space Technology� oder
Mr. Ronald Coles, die mich alle mit wertvollen technischen Ratschl�gen
unterst�tzt haben. Au�erdem habe ich Miss Elizabeth Tollinton f�r die Hilfe zu
danken, die sie mir als Sekret�rin geleistet hat. Vor allem danke ich meiner
Frau f�r ihre unerm�dliche Mitarbeit.</p><p><emphasis>Agios Nikolaos, Kreta </emphasis>Mai
1964</p><p>�Durch das
Tragen einer schweren Last, wie zum Beispiel eines Koffers etc. kurz vor Beginn
der praktischen Sendet�tigkeit werden Handgelenke sowie Arm- und
Fingermuskulatur zu gef�hllos, um noch einwandfrei morsen zu k�nnen.�</p><p>Aus �Vollst�ndiger Morsekurs� von F. TAIT, Pitman.</p><p>Erster Teil</p><p><emphasis>TAYLORS EINSATZ</emphasis></p><p><emphasis/></p><p><emphasis>�Hier liegt ein Narr, der glaubte,
voll Ungeduld den Osten dr�ngen zu k�nnen.�</emphasis></p><p><strong>KIPLING</strong></p><p><strong><emphasis/></strong></p><p><strong><emphasis>1. Kapitel</emphasis></strong></p><p>Schnee
bedeckte den Flugplatz. Vom Nachtwind getrieben, war er im Nebel zusammen mit
dem Geruch der See aus dem Norden gekommen. Nun w�rde er den ganzen Winter als
eisiger, scharfer Staub auf der grauen Erde liegenbleiben, ohne zu tauen oder
zu frieren, sondern gleichbleibend sch�big, wie ein Jahr ohne Jahreszeiten. �ber
ihm, wie der Rauch des Krieges, die dahintreibenden Nebelschwaden, die einmal
einen Hangar verschlucken, dann den Radarschuppen, dann eine der Maschinen, um
sie St�ck f�r St�ck, aller Farben beraubt, wieder auszuspeien; schwarzes Aas in
einer wei�en W�ste. Es war ein Bild ohne Tiefe, ohne Perspektive und ohne
Schatten. Himmel und Erde verschwammen ineinander, und die Geb�ude schienen in
der K�lte eingeschlossen wie Leichen in einem Gletscher. Jenseits des
Rollfeldes war nichts mehr - kein Haus, kein H�gel, keine Stra�e. Nicht einmal
ein Zaun oder ein Baum. Nur der Himmel, der auf den D�nen lastete, und der
ziehende Nebel, der �ber der sumpfigen Ostseek�ste emporstieg. Irgendwo
landeinw�rts waren die Berge.</p><p>An dem
langen Aussichtsfenster dr�ngte sich eine schnatternde Schar deutscher
Schulkinder mit warmen M�tzen. Einige trugen Skikleidung. Taylor hatte die
Handschuhe nicht ausgezogen. Er hielt ein Glas in der Hand und blickte
schl�frig zu den Kindern hin�ber. Ein Junge wandte sich um, starrte ihn an und
err�tete. Dann fl�sterte er mit den anderen Kindern. Sie wurden still.</p><p>Taylor sah
auf seine Armbanduhr, wobei er mit seinem Arm einen weit ausholenden Kreis
beschrieb, teils um den �rmel seines Wettermantels zur�ckzuziehen, teils weil
das seine Art war. Er wollte, da� man ihn f�r einen Offizier hielt, f�r einen
alten Haudegen, der im Krieg viel mitgemacht hatte, einem angesehenen Regiment
und einem angesehenen Club angeh�rte.</p><p>Zehn vor
vier. Die Maschine war schon eine Stunde versp�tet. Sie w�rden den Grund daf�r
bald �ber den Lautsprecher bekanntgeben m�ssen. Er fragte sich, was sie
durchsagen w�rden: Nebel vielleicht, oder verz�gerter Start. Da� die Maschine
an die dreihundert Kilometer vom Kurs abgekommen und s�dlich von Rostock war,
wu�ten sie wom�glich gar nicht. Auf keinen Fall w�rden sie es zugeben. Er
leerte sein Glas und drehte sich zur Theke, um es abzustellen. Er mu�te
zugeben, da� manche dieser ausl�ndischen Schn�pse, wenn man sie in ihrem
eigenen Land trank, keineswegs schlecht schmeckten. Im Augenblick jedenfalls,
mit ein paar Stunden, die man sich noch um die Ohren schlagen mu�te und mit
zehn Grad unter Null auf der anderen Seite des Fensters, h�tte es auch
wesentlich Unangenehmeres geben k�nnen als Steinh�ger. Sobald er zur�ck war,
w�rde er im Alias-Club veranlassen, da� man diesen Schnaps beschaffte. Das
w�rde Aufsehen machen! Der Lautsprecher brummte, br�llte pl�tzlich los und
verstummte wieder. Dann begann er noch einmal in der richtig eingestellten
Lautst�rke. Die Kinder starrten erwartungsvoll zu ihm hinauf. Die Ank�ndigung
kam zuerst in Finnisch, dann in Schwedisch, schlie�lich auf englisch. Northern
Air Services entschuldigten sich f�r die Versp�tung ihres Charterfluges
zwo-neun-null aus D�sseldorf. Kein Hinweis auf die Dauer der Versp�tung,
nichts von einer Begr�ndung. M�glicherweise wu�ten sie es selbst nicht.</p><p>Taylor
dagegen wu�te den Grund. Er fragte sich, was wohl passieren w�rde, wenn er
jetzt zu dieser naseweisen Hoste� in ihrem Glaskasten hin�berginge und ihr
erkl�rte: Zwo-neun-null wird schon noch 'ne Weile dauern, meine Liebe, ist
n�mlich im steifen Nordwest �ber der Ostsee vom Kurs abgekommen; die Position
ist beim Teufel. Nat�rlich w�rde das M�dchen ihm nicht glauben, hielt ihn
wom�glich noch f�r einen Spinner. Sp�ter freilich w�rde sie dann eines Besseren
belehrt. Dann w�rde sie ihn f�r einen ziemlich ungew�hnlichen Mann halten, f�r
etwas Besonderes. Drau�en wurde es langsam dunkel. Die Schneefl�che wirkte
heller als der Himmel, und die ger�umten Rollbahnen zogen sich durch das Wei�
wie D�mme, deren R�nder von dem bunten Schimmer der Markierungsleuchten
ges�umt waren. Im n�chstgelegenen Hangar gossen Neonr�hren ihr fahles Licht
�ber Menschen und Maschinen. Der Platz davor wurde kurz aus der Dunkelheit
gerissen, als ein greller Scheinwerferstrahl vom Kontrollturm dar�berzuckte.
Ein Feuerwehrauto war bei den Werkstattgeb�uden auf der linken Seite
abgefahren und gesellte sich nun zu den drei Ambulanzwagen, die bereits neben
der Landebahn standen. Gleichzeitig flammte auf den Fahrzeugen das Blaulicht
auf. Sie standen in einer Reihe und blitzten geduldig ihr bl�uliches Warnsignal
hinaus. Die Kinder deuteten darauf und schwatzten aufgeregt durcheinander.</p><p>Wieder kam
aus den Lautsprechern die Stimme des M�dchens. Seit der letzten Durchsage
konnten nur ein paar Minuten vergangen sein. Wieder wurden die Kinder still,
um zuzuh�ren. Die Ankunft der Kursmaschine zwo-neun-null werde sich um
mindestens eine weitere Stunde verz�gern. N�here Informationen werde man
sogleich nach ihrem Eintreffen geben. In der Stimme des M�dchens schwang etwas
mit, das teils �berraschung, teils Sorge sein mochte und sich auf das halbe
Dutzend Menschen �bertrug, die am anderen Ende des Warteraums sa�en. Eine alte
Dame sagte etwas zu ihrem Mann, nahm ihre Handtasche und ging zu der Gruppe von
Kindern hin�ber. Einige Zeit starrte sie d�mmlich ins Zwielicht hinaus. Als sie
dabei keine Beruhigung fand, wandte sie sich an Taylor und sagte auf englisch:
�Was ist mit dem Flugzeug aus D�sseldorf passiert?� Nach dem kehligen,
ungehaltenen Unterton ihrer Stimme zu urteilen, war sie Holl�nderin. Taylor
sch�ttelte den Kopf. �Wohl der Schnee�, sagte er. Er war ein forscher Mann, das
geh�rte zu seinem milit�rischen Auftreten.</p><p>Taylor
ging durch die Schwingt�r in die Empfangshalle hinunter. Neben dem Haupteingang
entdeckte er die gelbe Flagge der Northern Air Services. Das M�dchen hinter dem
Schalter war sehr h�bsch. �Was ist denn mit der Maschine aus D�sseldorf?�
fragte er in seiner vertraulichen Art. Man sagte ihm nach, da� er es verstand,
mit kleinen M�dchen umzugehen.</p><p>Sie l�chelte und zuckte mit den
Schultern. �Ich nehme an, es ist der Schnee. Im Herbst haben wir �fters
Versp�tungen.�</p><p>�Warum fragen Sie nicht den Chef?�
schlug er mit einem Kopfnicken in Richtung des Telefons vor. �Man wird es �ber
den Lautsprecher bekanntgeben�, sagte sie. �Sobald man etwas N�heres wei�.�</p><p>�Wer ist der Skipper, Sch�tzchen?�</p><p>�Bitte?�</p><p>�Wer der Skipper ist, der Captain,
der Flugkapit�n!�</p><p>�Kapit�n Lansen.�</p><p>�Taugt er was?�</p><p>Das M�dchen war entr�stet.
�Kapit�n Lansen ist ein au�erordentlich erfahrener Pilot.� Taylor betrachtete
sie grinsend. �Zumindest ist er ein sehr gl�cklicher Pilot, mein Schatz.� Man
sagte, der alte Taylor kenne sich aus. Man sagte es im Alias-Club, an den
Freitagabenden.</p><p>Lansen. Es
war seltsam, diesen Namen so offen ausgesprochen zu h�ren. In der Gruppe wurde
so etwas einfach nicht gemacht. Dort zogen sie Umschreibungen vor, Decknamen,
irgend etwas anderes als den wirklichen Namen: Archieboy, unser fliegender
Freund, unser Freund im Norden, der Junge, der die Fotos macht. Man verwendete
sogar die geheimnisvollen Zusammenstellungen von Ziffern und Zeichen, unter
denen der Mann in den Akten gef�hrt wurde - aber unter gar keinen Umst�nden
jemals seinen Namen.</p><p>Lansen.
Leclerc hatte ihm in London ein Foto gezeigt: ein jungenhafter
F�nfunddrei�iger, blond und gut aussehend. Er h�tte wetten m�gen, da� diese
Hostessen ganz verr�ckt nach ihm waren. Sie waren ohnedies kaum etwas anderes
als Kanonenfutter f�r die Piloten. Jemand anderer kam da niemals zum Zuge.
Taylor strich schnell mit der rechten Hand �ber die Au�entasche seines
Mantels, um sich zu vergewissern, ob das Kuvert noch da war. Diese Art Geld
hatte er bisher noch nie transportiert. F�nftausend Dollar f�r einen Flug.
Zwanzigtausend Mark steuerfrei f�r ein Abweichen vom Kurs �ber die Ostsee.
Lansen machte so etwas nicht alle Tage, nat�rlich. Das war etwas Besonderes,
wie Leclerc gesagt hatte. Er fragte sich, wie die Hoste� reagieren w�rde, wenn
er sich jetzt �ber die Theke beugte und ihr erz�hlte, wer er war, und ihr das
Geld in dem Umschlag zeigte. Er hatte noch nie ein M�dchen wie sie gehabt, das
hei�t, ein wirkliches M�dchen, hochgewachsen und jung.</p><p>Er ging
wieder hinauf in die Bar. Der Barkeeper kannte ihn schon. Taylor deutete auf
die Steinh�gerflasche auf dem mittleren Bord und sagte: �Geben Sie mir noch so
einen, bitte. Ja, aus diesem Kerl direkt hinter Ihnen, euer hiesiges Gift.�</p><p>�Das ist
aus Deutschland�, sagte der Barkeeper. Taylor zog seine Brieftasche und nahm
eine Banknote heraus. Hinter Zellophan steckte das Bild eines ungef�hr
neunj�hrigen M�dchens. Es trug eine Brille und hielt eine Puppe im Arm. �Meine
Tochter�, erkl�rte er dem Barkeeper, und der Barkeeper zeigte ein w��riges
L�cheln.</p><p>Taylor
hatte die bei Vertretern oft zu findende Gabe, den Klang seiner Stimme ganz der
jeweiligen Gelegenheit anpassen zu k�nnen. Seine unaufrichtige, affektierte
Sprechweise nahm einen �berspannten Ton an, wenn er zu Leuten seiner Klasse
sprach und es ihm darauf ankam, einen Rangunterschied zu betonen, den es nicht
gab. Oder wenn er nerv�s war wie jetzt gerade.</p><p>Er mu�te
zugeben, da� er aufgeregt war. F�r einen Mann seines Alters war es eine
unheimliche Situation, statt routinem��igen Kurierdiensten die Arbeit eines
Agenten verrichten zu m�ssen. Das w�re eher ein Gesch�ft f�r diese Schweine im
Rondell gewesen. F�r Leute seiner Organisation war es jedenfalls nichts. Im
Vergleich zu seiner gewohnten T�tigkeit war das hier eine sch�ne Bescherung.
Hier drau�en im Nichts sich selbst �berlassen zu sein. Er begriff nicht, wie
man einen Flugplatz an einem solchen Fleck errichten konnte. Im allgemeinen
hatte er Auslandsreisen ja recht gern. Zum Beispiel den alten Jimmy Gorton in
Hamburg zu besuchen, oder eine Nacht lang das Pflaster von Madrid zu treten. Er
empfand es als angenehm, von Joanie wegzukommen. Ein paarmal hatte er auch
die t�rkische Route gemacht. Obwohl er wirklich nichts f�r die Balkanesen �brig
hatte, war es immer noch ein Honiglecken im Vergleich zu dieser Arbeit hier:
mit Fahrkarte erster Klasse und die Koffer auf dem Sitz neben sich, in der
Brusttasche einen Alliierten-Pa�. Ein Mann, der diese T�tigkeit aus�bte, der
war schon was, fast so wie die Jungs aus dem diplomatischen Dienst. Das hier aber
war anders, und es behagte ihm gar nicht.</p><p>Leclerc
hatte gesagt, es sei eine gro�e Angelegenheit, und Taylor glaubte ihm. Man
hatte ihm einen Pa� auf einen anderen Namen gegeben. Malherbe. Ausgesprochen
wurde es M�llabi - hatten sie jedenfalls gesagt. Wei� Gott, wer den ausgesucht
hatte. Taylor war nicht mal in der Lage, ihn zu buchstabieren. Als er heute
morgen sein Hotelzimmer nahm, gab's beim Unterschreiben des Meldezettels eine
richtige Schmiererei. Der Spesensatz war freilich enorm: Hundertf�nfzig Eier
pro Einsatztag, ohne Beleg. Im Rondell sollte es sogar hundertsiebzig geben,
hatte er geh�rt. Da w�rde ganz sch�n was �brig bleiben, er k�nnte was f�r
Joanie kaufen. Wahrscheinlich war' ihr das Bargeld sogar noch lieber.</p><p>Er hatte
ihr nat�rlich von der Reise erz�hlt. Eigentlich h�tte er das nicht tun sollen,
aber Leclerc kannte Joanie nicht. Er z�ndete sich eine Zigarette an und hielt
sie, nachdem er inhaliert hatte, in der hohlen Hand - wie ein Posten, der auf
Wache raucht. Wie, zum Teufel, konnte man von ihm erwarten, da� er sich nach
Skandinavien auf die Socken machte, ohne seiner Frau etwas davon zu sagen?</p><p>Er fragte
sich, was die Kinder dazu treiben mochte, die ganze Zeit derart am Fenster zu
kleben. Erstaunlich, wie sie mit dieser fremden Sprache zurechtkamen. Wieder
schaute er auf die Uhr, fast ohne die Zeiger zu sehen. Er ber�hrte den Umschlag
in seiner Tasche. Besser, er trank nicht mehr. Er mu�te einen klaren Kopf
behalten. Er versuchte, sich vorzustellen, was Joanie gerade jetzt tat. Wahrscheinlich
sa� sie bei einem Gin und irgendwas. Die Arme - den ganzen Tag Arbeit.</p><p>Pl�tzlich
wurde ihm bewu�t, da� alle sehr still geworden waren. Der Barkeeper stand
reglos und lauschte. Das am Tisch sitzende alte Paar lauschte auch mit
d�mmlichen Gesichtern, die sie dem Fenster zugekehrt hatten. Dann h�rte er
ganz deutlich das Ger�usch. Es war ein Flugzeug - noch weit entfernt, aber im
Anflug auf das Rollfeld. Er steuerte schnell auf das Fenster zu und war
halbwegs dort, als der Lautsprecher begann. Nach den ersten auf deutsch gesprochenen
Worten schwirrten die Kinder wie ein Schwarm Tauben in Richtung auf die
Empfangshalle davon. Die Leute am Tisch waren aufgestanden, die Frauen griffen
nach ihren Handtaschen, die M�nner nach ihren M�nteln und Aktentaschen. Endlich
kam die englische Durchsage: Lansen war im Begriff zu landen.</p><p>Taylor
starrte in die Nacht hinaus. Von der Maschine war nichts zu sehen. Er wartete,
w�hrend seine Angst wuchs. Es war wie der Weltuntergang, dachte er, da drau�en
schien die verdammte Welt unterzugehen. Angenommen, Lansen machte Bruch.
Angenommen, sie fanden die Kameras. Jetzt w�nschte er, ein anderer h�tte die
Sache �bernommen. Woodford zum Beispiel. Ja, warum hatte es nicht Woodford
selbst �bernommen? Oder wenigstens den �berschlauen Universit�tsknaben Avery
geschickt? Der Wind wehte kr�ftiger. Er h�tte schw�ren k�nnen, da� der Wind
viel st�rker geworden war. Taylor sah es an der Art, wie er den Schnee
aufwirbelte und �ber die Landebahn trieb, wie er an den Signallampen r�ttelte,
wei�e Schneefahnen in die H�he trieb und sie wie verha�te Gebilde wieder
beiseite fegte. Eine Sturmb� schlug pl�tzlich gegen das Fenster und lie� ihn
erschreckt zur�ckfahren. Eisk�rner prasselten gegen die Scheibe, und das Holz
des Fensterrahmens knarrte. Wieder sah er auf die Uhr. Diese Geste war Taylor
zur Gewohnheit geworden. Es schien ihm das Warten leichter zu machen.</p><p>Unter
diesen Umst�nden w�rde Lansen es nie schaffen, nie im Leben.</p><p>Sein Herz
stockte. Er h�rte die Sirenen, die sich von einem sanften Wimmern zu klagendem
Geheul steigerten - alle vier Wagen lie�en ihre Sirenen gemeinsam �ber das
gottverlassene Flugfeld heulen; es klang wie der Schrei verhungernder Tiere.
Feuer! Das Flugzeug mu�te in Flammen sein. Er hatte Feuer an Bord und war im
Begriff, einen Landeversuch zu unternehmen. Taylor blickte voll Entsetzen um
sich, ob es nicht jemanden gab, der ihm N�heres h�tte sagen k�nnen.</p><p>Neben ihm stand der Barkeeper und
polierte ein Glas, w�hrend er durch die Scheibe hinaussah. �Was ist los?�
schrie Taylor ihn an. �Wozu die Sirenen?�</p><p>�Bei schlechtem Wetter stellen sie
die Sirenen immer an�, sagte der Barkeeper. �Vorschrift.�</p><p>�Wieso geben sie ihm
Landeerlaubnis?� fragte Taylor.</p><p>�Sie
k�nnten ihn doch weiterschicken, nach S�den! Der Platz hier ist viel zu klein,
warum schicken sie ihn nicht zu einem gr��eren Flugplatz?� Der Barkeeper
sch�ttelte unbeteiligt den Kopf. �So schlecht ist der Platz gar nicht�, sagte
er mit einer Kopfbewegung in Richtung zum Rollfeld. �Au�erdem ist er sp�t dran.
Vielleicht hat er keinen Sprit mehr.� Dann sahen sie die Maschine. Sie kam tief
auf den Platz zu, und ihre Positionslampen leuchteten abwechselnd �ber der
Kette der Markierungsfeuer auf, w�hrend ihre Scheinwerfer grelle Lichtstreifen
auf die Rollbahn warfen. Dann war sie auf dem Boden und sicher gelandet, und
sie h�rten das Dr�hnen ihrer gedrosselten Motoren, als die Maschine �ber die
Landebahn bis zum Standplatz vor dem Geb�ude heranzurollen begann.</p><p>Die Bar
hatte sich geleert. Taylor war der einzige Gast. Er bestellte einen Drink. Er
kannte seine Rolle: einfach in der Bar sitzen bleiben, hatte Leclerc gesagt.
Lansen werde ihn an der Bar treffen. Er wird einige Zeit brauchen, mu�te ja
seinen Papierkram erledigen, die Kameras wegr�umen. Taylor h�rte, wie die
Kinder unten sangen. Eine Frauenstimme f�hrte sie. Warum, zum Teufel, mu�ten
Kinder und Weiber um ihn sein? Was er hier gerade zu tun im Begriff war, war
schlie�lich M�nnersache. Oder nicht? Mit f�nftausend Dollar und einem falschen
Pa� in der Tasche. �Jetzt gibt es keine Fl�ge mehr�, sagte der Barkeeper. �Sie
haben den Flugplatz f�r heute gesperrt.� Taylor nickte. �Ich wei�. Es ist
verdammt scheu�lich da drau�en. Scheu�lich.�</p><p>Der
Barkeeper war im Begriff, die Flaschen wegzur�umen. �Es bestand keine Gefahr�,
sagte er bes�nftigend. �Kapit�n Lansen ist ein ausgezeichneter Pilot.�</p><p>Er
z�gerte, weil er nicht wu�te, ob er auch den Steinh�ger wegr�umen sollte.</p><p>�Nat�rlich
war es ganz ungef�hrlich�, brauste Taylor auf. �Wer hat was von Gefahr gesagt?�</p><p>�Noch
einen Drink?� fragte der Barkeeper.</p><p>�Nein,
aber nehmen Sie sich einen. Nur zu, gie�en Sie sich einen ein.�</p><p>Der
Barkeeper f�llte sich widerstrebend ein Glas und sperrte die Flasche weg.</p><p>�Trotzdem,
wie machen sie das?� fragte Taylor. Er hatte einen vers�hnlichen Ton
angeschlagen, um mit dem Barkeeper wieder Frieden zu schlie�en. �Bei einem
solchen Wetter k�nnen sie doch nicht die Hand vor den Augen sehen.� Er zeigte
das L�cheln des Kenners. �Du sitzt in der F�hrerkanzel und k�nntest deine Augen
genausogut zumachen - so viel helfen sie dir. Ich hab's erlebt�, sagte Taylor,
wobei er seine H�nde locker vor sich hielt, als l�gen sie um den Steuerkn�ppel.
�Ich kenn' mich da aus. In der Kanzel ist man der erste, der's abbekommt, wenn mal
wirklich was schiefgeht.� Er sch�ttelte den Kopf. �Die Jungs sind nicht zu
beneiden�, erkl�rte er. �Ich g�nn' ihnen jeden Pfennig, den sie verdienen.
Besonders in einem derartigen Drachen: Diese Dinger sind ja mit Draht
zusammengebunden. Mit Draht.� Der Barkeeper nickte zerstreut, leerte sein Glas,
wusch es aus, trocknete es ab und stellte es in das Regal unter der Theke. Er
kn�pfte seine wei�e Jacke auf.</p><p>Taylor
r�hrte sich nicht.</p><p>�Tja�, sagte der Barkeeper mit
freudlosem L�cheln, �jetzt m�ssen wir nach Hause gehen.� Taylor ri� die Augen
auf und warf den Kopf zur�ck. �Wieso <emphasis>wir? </emphasis>Was soll
das hei�en?� Jetzt h�tte er es mit jedem aufgenommen: Lansen war gelandet. �Ich
mu� schlie�en.�</p><p>�Nach
Hause ist gut. Gie�en Sie uns noch einen ein, kommen Sie. <emphasis>Sie </emphasis>k�nnen
nach Hause, wenn Sie wollen. Aber ich lebe in London.� Seine Stimme klang
jetzt streitlustig, halb im Scherz, halb �rgerlich, mit steigender Lautst�rke.
�Und solange Ihre Gesellschaften nicht in der Lage sind, mich vor morgen fr�h
nach London oder zu irgendeinem anderen verdammten Ort zu bringen, ist Ihr
Vorschlag, dorthin zu gehen, ziemlich dumm. Oder nicht, alter Junge?� Er
l�chelte noch, aber es war das d�nne, �rgerliche L�cheln eines nerv�sen
Mannes, der im Begriff war, seine Beherrschung zu verlieren. �Und wenn Sie
sich das n�chstemal einen Drink von mir bezahlen lassen, Freundchen, werde
ich von Ihnen soviel H�flichkeit...�</p><p>Die T�r
�ffnete sich und Lansen kam herein. So war es nicht geplant gewesen. Dies war
alles andere als der Vorgang, den man ihm beschrieben hatte. Leclerc hatte ihm
gesagt: Bleibe in der Bar an einem Ecktisch sitzen, bestell einen Drink, lege
Hut und Mantel auf den anderen Stuhl, als w�rdest du auf jemanden warten.
Lansen geht immer noch auf ein Bier, wenn er Feierabend hat. Er ist gern unter
Leuten; so ist er eben. Die Bar wird sehr voll sein. Es ist zwar ein kleiner
Ort, aber auf diesen Flugpl�tzen ist immer was los. Er wird sich nach einem
Platz umsehen - ganz offen und unverhohlen -, dann wird er zu dir kommen und dich
fragen, ob der Stuhl besetzt ist. Du antwortest, da� du einen Freund
erwartest, der noch nicht erschienen sei. Lansen wird fragen, ob er Platz nehmen
darf. Er wird ein Bier bestellen und dann fragen: &gt;Freund - oder
Freundin?&lt; Du wirst darauf sagen, er sollte nicht so indiskret sein. Ihr
werdet beide lachen und ins Gespr�ch kommen. Frage ihn nach zwei Dingen: H�he
und Fluggeschwindigkeit. Die Jungs von der Auswertung m�ssen H�he und
Fluggeschwindigkeit wissen. Steck das Geld in die Au�entasche deines Mantels.
Er wird deinen Mantel aufheben, den seinen daneben legen und ganz ruhig, ohne
das geringste Aufsehen zu erregen, hineinfassen, den Umschlag herausnehmen
und den Film in deine Manteltasche gleiten lassen. Du trinkst dann aus, gibst
ihm die Hand - die Geschichte ist erledigt. Am Morgen fliegst du nach Hause. So
einfach hatte es Leclerc dargestellt.</p><p>Lansen
schlenderte quer durch den leeren Raum auf sie zu - eine hochgewachsene,
kr�ftige Gestalt in einem blauen Regenmantel und einer Kappe. Er sah Taylor
kurz an und sagte an ihm vorbei zum Barkeeper: �Jens, gib mir ein Bier.� Zu
Taylor gewandt, fragte er: �Was nehmen Sie?�</p><p>Taylor l�chelte d�nn. �Das hiesige
Ges�ff.�</p><p>�Gib ihm, was er haben will. Einen
Doppelten.�</p><p>Der Barkeeper kn�pfte seine Jacke
wieder zu, schlo� das Regal auf und go� einen doppelten Steinh�ger ein. Lansen
gab er ein Bier aus dem K�hlschrank.</p><p>�Kommen Sie von Leclerc?�
erkundigte sich Lansen kurz. Jeder h�tte es h�ren k�nnen.</p><p>�Ja.� Viel zu sp�t f�gte er matt
hinzu: �Leclerc und Company, London.�</p><p>Lansen nahm sein Bier und ging
damit zum n�chsten Tisch hin�ber. Seine Hand zitterte. Sie setzten sich. �Dann
verraten Sie mir, welcher verdammte Narr mir diese Anweisungen gab�, sagte er
w�tend. �Ich wei� nicht.� Taylor war best�rzt. �Ich wei� nicht einmal, welche
Instruktionen Sie bekommen haben. Ich kann nichts daf�r. Ich soll den Film
abholen, das ist alles. �brigens ist diese Art Auftr�ge gar nicht meine
Arbeit. Ich bin im &gt;offenen&lt; Dienst. Kurier.� Lansen beugte sich vor,
seine Hand lag auf Taylors Arm. Taylor merkte, wie sie zitterte. �Ich war auch
im &gt;offenen&lt; Dienst. Bis heute. In dieser Maschine waren Kinder.
F�nfundzwanzig deutsche Schulkinder auf Winterferien. Eine ganze Ladung Kinder.�</p><p>�Ja.� Taylor zwang sich zu einem
L�cheln. �Ja, das Empfangskomitee sa� im Warteraum.� Lansen platzte heraus:
�Was haben wir gesucht? Das ist es, was ich nicht verstehe. Was ist an Rostock
so aufregend?�</p><p>�Ich habe
Ihnen schon gesagt, da� ich nichts damit zu tun habe.� Dennoch f�gte er hinzu:
�Leclerc sagte, da� es sich nicht um Rostock drehte, sondern um das Gebiet
s�dlich davon.�</p><p>�Das
s�dlich gelegene Dreieck: Kalkstadt, Langdorn, Wolken. Sie brauchen mir nicht
zu sagen, welches Gebiet gemeint war.�</p><p>Taylor sah beunruhigt auf den
Barkeeper. �Ich glaube, wir sollten nicht so laut sprechen�, sagte er. �Der
Bursche scheint mir verd�chtig.� Er trank von seinem Steinh�ger.</p><p>Lansen
machte eine Handbewegung, als wische er etwas vor seinem Gesicht weg. �Es ist
Schlu߫, sagte er �Ich will nicht mehr. Es ist Schlu�. Es war in Ordnung,
solange wir auf dem normalen Kurs blieben und dabei fotografierten, was immer
es da gab. Aber verdammt noch mal, das ist zuviel, verstehen Sie? Das ist
verflucht zuviel, alles in allem.� Sein Akzent war schwer und klobig, als h�tte
er einen Sprachfehler. �Haben Sie Aufnahmen machen k�nnen?� fragte Taylor. Er
mu�te den Film bekommen. Dann wollte er gehen.</p><p>Lansen
zuckte mit den Schultern, griff in die Tasche seines Regenmantels und zog - zum
Entsetzen Taylors - die Zinkkapsel eines 35-mm-Filmes heraus, die er ihm �ber
den Tisch reichte.</p><p>�Wozu das
Ganze?� fragte Lansen abermals. �Worauf hatten sie es blo� in diesem Gebiet
abgesehen? Ich ging unter die Wolken, flog die ganze Gegend ab. Ich habe keine
Atombomben gesehen.�</p><p>�Irgend
etwas Wichtiges, was anderes hat man mir nicht gesagt. Irgendwas Gro�es. Es
mu�te gemacht werden, verstehen Sie das nicht? Man kann �ber ein solches Gebiet
keine illegalen Fl�ge machen.� Es waren die Worte von jemand anderem, die
Taylor einfach wiederholte. �Es mu�te eine Fluggesellschaft sein, eine
eingetragene Fluggesellschaft. Oder nichts. Es gab keine andere M�glichkeit.�</p><p>�H�ren
Sie: Ich wurde unter Bewachung genommen, sobald ich dort war - zwei MIGs.
M�chte wissen, woher die kamen. Sobald ich sie sah, ging ich in die Wolken.
Sie folgten mir. Ich ging auf Sprechfunk und fragte nach der Position. Als wir
aus den Wolken wieder herauskamen, waren sie immer noch da. Ich dachte, sie
w�rden mich zur Landung zwingen. Ich versuchte, die Kamera abzuwerfen, aber sie
klemmte. Die Kinder klebten alle an den Fenstern und winkten den MIGs. Sie
flogen eine Zeitlang neben mir her, dann drehten sie ab. Sie kamen nahe, ganz
nahe. Es war verdammt gef�hrlich f�r die Kinder.� Er hatte sein Bier nicht anger�hrt.
�Was, zum Teufel, wollten sie?� fragte er. �Warum haben sie mich nicht
runtergeholt?�</p><p>�Ich habe
Ihnen schon gesagt: ich kann nichts daf�r. F�r so was bin ich nicht zust�ndig.
Aber worauf auch immer man in London aus war: sie wissen, was sie tun.� Er
schien sich selbst �berzeugen zu wollen; er brauchte den Glauben an London.
�Dort vergeudet man seine Zeit nicht. Oder Ihre, mein Freund. Die wissen
schon, was sie wollen.� Er sah finster drein, um die St�rke seiner �berzeugung
auszudr�cken, aber Lansen hatte ihm vielleicht nicht zugeh�rt. �Man h�lt auch
nichts von unn�tigen Risiken�, sagte Taylor. �Sie haben gute Arbeit geleistet,
Lansen. Wir m�ssen alle unser Scherflein beitragen. Risiken auf uns nehmen. Wir
tun das alle. Ich habe es im Krieg getan, wissen Sie. Sie sind zu jung, um sich
an den Krieg zu erinnern. Es ist die gleiche Arbeit: Wir k�mpfen f�r dieselbe
Sache.� Pl�tzlich fielen ihm die zwei Fragen ein. �Welche H�he flogen Sie, als
Sie die Aufnahmen machten?�</p><p>�Verschieden.
�ber Kalkstadt waren wir bis auf 2000 Meter herunter.�</p><p>�Kalkstadt
interessierte sie am meisten�, sagte Taylor voll Anerkennung. �Das ist
erstklassige Arbeit, Lansen, erstklassig. Mit welcher Geschwindigkeit?�</p><p>�Dreihundert.
dreihundertsechzig. So ungef�hr. Es gab nichts zu sehen, sage ich Ihnen,
nichts.� Lansen z�ndete sich eine Zigarette an. �Jetzt ist Schlu� damit�,
wiederholte er. �Wie wichtig das Ziel auch immer sein mag.� Er stand auf.
Taylor erhob sich gleichfalls.</p><p>Er steckte
die rechte Hand in die Au�entasche seines Mantels. Pl�tzlich wurde seine Kehle
trocken: das Geld - wo war das Geld?</p><p>�Sehen Sie
in der anderen Tasche nach�, schlug Lansen vor.</p><p>Taylor
reichte ihm den Umschlag. �Wird es deswegen Schwierigkeiten geben? Wegen der
MIGs, meine ich?�</p><p>Lansen
zuckte die Schultern. �Ich bezweifle es, es ist mir noch nie passiert. Dieses
Mal werden sie mir schon glauben. Sie werden glauben, es sei das Wetter
gewesen. Ich kam ungef�hr auf halber Strecke vom Kurs ab. Es k�nnte auch die
Schuld des Bodendienstes gewesen sein. Beim �bergang von einer Leitstelle zur
anderen.�</p><p>�Was ist
mit dem Navigator? Was ist mit der �brigen Besatzung? Was denken die?�</p><p>�Das ist
meine Sache�, sagte Lansen m�rrisch. �Sie k�nnen in London bestellen, da� es
das letzte Mal war.�</p><p>Taylor sah
ihn beunruhigt an. �Sie sind nur durcheinander�, sagte er. �Nach dieser
Nervenanspannung.�</p><p>�Hol Sie
der Teufel�, sagte Lansen leise, �hol Sie der Teufel, verdammt noch mal.� Er
drehte sich um, legte eine M�nze auf die Theke und ging aus der Bar, wobei er
den langen gelben Briefumschlag mit dem Geld achtlos in die Tasche seines
Regenmantels stopfte. Taylor folgte ihm kurz darauf. Der Barkeeper sah ihm zu,
wie er durch die T�r ging und die Treppe hinunter verschwand. Ein �u�erst
widerlicher Mann, dachte er. Aber Engl�nder hatte er noch nie leiden k�nnen.
Taylor wollte zuerst kein Taxi zum Hotel nehmen. Er k�nnte den Weg in zehn
Minuten zur�cklegen und etwas vom Tagegeld sparen. Die Bodenhoste� nickte ihm
zu, als er auf seinem Weg zum Haupteingang an ihr vorbeiging. In der
Empfangshalle war alles aus Teakholz, vom Boden str�mte warme Luft herauf. Taylor
trat ins Freie. Die K�lte schnitt wie ein Schwert durch seine Kleider; und ihre
l�hmende Wirkung breitete sich wie vordringendes Gift schnell �ber sein unbedecktes
Gesicht aus, tastete sich zu seinem Nacken und zu den Schultern. Er �nderte
seinen Plan und sah sich hastig nach einem Taxi um. Er war betrunken.
Pl�tzlich kam es ihm zu Bewu�tsein: die frische Luft hatte ihn betrunken
gemacht. Der Taxistandplatz war leer. Ein alter Citroen parkte f�nfzig Meter
weiter auf der Stra�e; der Motor lief. Er hat die Heizung an, der gl�ckliche
Kerl, dachte Taylor und eilte durch die Fl�gelt�r zur�ck.</p><p>�Ich
m�chte ein Taxi�, sagte er zu dem M�dchen. �Wissen Sie, wo ich eines bekommen
kann?� Er hoffte inbr�nstig, da� er n�chtern aussah. Verr�ckt, so viel zu
trinken. Er h�tte diesen Drink von Lansen nicht annehmen sollen.</p><p>Sie
sch�ttelte den Kopf. �Sie haben die Kinder weggebracht�, sagte sie. �Sechs in
jedem Wagen. Das war heute die letzte Maschine. Im Winter haben wir hier nicht
viele Taxis.� Sie l�chelte. �Es ist ein sehr kleiner Flughafen.�</p><p>�Was ist
das dort oben auf der Stra�e, dieser alte Wagen? Kein Taxi, oder?� Seine Stimme
war undeutlich.</p><p>Sie ging zur T�r und sah hinaus.
Ihr Gang war behutsam schwingend, ungek�nstelt und herausfordernd. �Ich sehe
keinen Wagen�, sagte sie. Taylor sah an ihr vorbei. �Es stand ein alter Citroen
dort. Beleuchtet. Mu� weggefahren sein. Es w�re ja m�glich gewesen.� Mein Gott,
er war an ihm vorbeigefahren, ohne da� er es auch nur geh�rt h�tte. �Die Taxis
sind alle Volvos�, bemerkte das M�dchen. �Vielleicht wird eines zur�ckkommen,
nachdem es die Kinder abgesetzt hat. Warum gehen Sie nicht auf einen Drink?�</p><p>�Die Bar
ist zu�, antwortete Taylor bissig. �Der Barmann ist fort.�</p><p>�Wohnen
Sie im Flughafen-Hotel?�</p><p>�Im
&gt;Regina&lt;, ja. Ich bin in Eile, m�ssen Sie wissen.�</p><p>Es fiel
ihm jetzt leichter. �Ich erwarte einen Anruf aus London.�</p><p>Sie
betrachtete unschl�ssig seinen Wettermantel aus grobem Gewebe.</p><p>�Sie
k�nnten zu Fu� gehen�, schlug sie vor. �Zehn Minuten, immer die Stra�e
hinunter. Das Gep�ck kann Ihnen sp�ter nachgebracht werden.� Taylor sah mit der
gewohnten weit ausholenden Handbewegung auf seine Uhr. �Gep�ck ist schon dort.
Kam heute morgen an.� Er hatte das zerknitterte, besorgte Gesicht eines Clowns,
l�cherlich und doch unendlich traurig; ein Gesicht, in dem die Augen blasser
waren als ihre Umgebung. Von den Nasenfl�geln f�hrten tiefe Falten zum Mund
hinunter. Vielleicht hatte sich Taylor deswegen einen unansehnlichen
Schnurrbart wachsen lassen, der sein Gesicht wie die Kritzelei auf einer
Fotografie vollends verunstaltete, ohne seine Unzul�nglichkeit zu �berdecken.
Das Ergebnis war, da� Taylors Erscheinung Mi�trauen einfl��te, nicht etwa weil
er ein Halunke gewesen w�re, sondern allein deshalb, weil ihm jegliches Talent
zur Verstellung fehlte. Au�erdem hatte er sich gewisse, einem l�ngst
vergessenen Original abgeschaute Gesten zugelegt, wie zum Beispiel die
verwirrende Gewohnheit, pl�tzlich den R�cken nach Soldatenart zu straffen, als
habe er sich in einer unziemlichen Haltung �berrascht. Dazu geh�rte es auch,
wenn er durch Bewegungen der Knie und Ellbogen vage andeutete, da� er den
Umgang mit Pferden gewohnt war. Dennoch hatte sein Auftreten eine gewisse
schmerzliche W�rde, als k�mpfe sein kleiner K�rper gegen einen grausamen Sturm.</p><p>�Wenn Sie
schnell gehen�, sagte sie, �sind es nicht einmal zehn Minuten.�</p><p>Taylor
ha�te es, zu warten. Er glaubte, da� Leute, die warten, kein R�ckgrat bes��en.
Er empfand es als Schande, beim Warten gesehen zu werden. Er sch�rzte die
Lippen, sch�ttelte den Kopf, und schritt mit einem verdrie�lichen &gt;Gute
Nacht, meine Dame&lt; geradewegs in die eisige K�lte hinaus. Taylor hatte noch
nie einen Himmel wie diesen gesehen. Er w�lbte sich ohne Begrenzung zu den
schneebedeckten Feldern herunter, und seine Unerbittlichkeit wurde nur hie und
da von einzelnen Nebelschleiern unterbrochen, die einen Hof um den wei�en Mond
legten und das Licht der Sterne vereisten. Taylor empfand die gleiche Angst,
die einen Binnenl�nder beim Anblick der See bef�llt. Er beschleunigte seinen
unsicheren, schwankenden Schritt. Er war ungef�hr f�nf Minuten gegangen, als
das Auto ihn einholte. Es gab keinen Fu�weg neben der Fahrbahn. Zuerst
bemerkte er nur die Scheinwerfer, weil der Schnee das Ger�usch des Motors
verschluckte, und er begriff nur, da� die Gegend vor ihm beleuchtet war, ohne
zu wissen, woher das Licht kam. Der matte Schein wanderte gem�chlich �ber die
Schneelandschaft, und eine Zeitlang glaubte Taylor, es sei der Scheinwerfer
vom Flughafen. Dann sah er, da� sich sein eigener Schatten auf der Stra�e
verk�rzte; das Licht wurde pl�tzlich heller, und er begriff, da� es ein Auto
sein mu�te. Er ging auf der rechten Seite und schritt flink an der Kante des
vereisten Stra�enrandes aus. Er stellte fest, da� das Licht ungew�hnlich gelb
war, und vermutete, da� es franz�sische Scheinwerfer waren. Diese kleine
Schlu�folgerung erf�llte ihn mit gro�er Genugtuung: sein Verstand war trotz allem
noch ziemlich klar.</p><p>Er blickte
nicht �ber die Schulter, weil er auf seine Art sch�chtern war und nicht den
Eindruck erwecken wollte, er w�nsche mitgenommen zu werden. Aber ihm fiel ein,
vielleicht ein bi�chen sp�t, da� man auf dem Kontinent rechts fuhr und er
genaugenommen auf der falschen Stra�enseite ging, und da� er etwas dagegen tun
m��te.</p><p>Das Auto
erfa�te ihn von hinten; es brach ihm das R�ckgrat. Einen f�rchterlichen
Augenblick lang verk�rperte Taylor den klassischen Ausdruck des Schmerzes:
Kopf und Schultern gewaltsam nach hinten geworfen, die Finger gespreizt. Er
schrie nicht. Es hatte den Anschein, als konzentrierten sich K�rper und Seele
auf diese letzte Darstellung des Schmerzes, die im Tode ausdrucksvoller war
als irgendein Laut, den er im Leben je von sich gegeben hatte. Das Auto
schleifte ihn einige Meter weit mit und warf ihn dann zur Seite, tot auf die
leere Stra�e: ein steifer, zerst�rter K�rper am Rande der Ein�de. Dann erfa�te
ein pl�tzlicher Windsto� den neben ihm liegenden Hut und trug ihn �ber den
Schnee. Die Fetzen seines Wettermantels flatterten im Wind und haschten
vergeblich nach der Zinkkapsel, w�hrend sie langsam zum gefrorenen Stra�enrand
rollte, um dann m�de �ber die Kante des Abhanges zu verschwinden.</p><p>Zweiter Teil</p><p>AVERYS EINSATZ</p><p>�Es <emphasis>gibt
Dinge, die von einem wei�en Mann zu verlangen, niemand das Recht hat.�</emphasis></p><p><strong>JOHN BUCHAN, �MR. STANDFAST�</strong></p><p><strong><emphasis/></strong></p><p><strong><emphasis>2. Kapitel</emphasis></strong></p><p><strong><emphasis>VORSPIEL</emphasis></strong></p><p>Es war drei Uhr morgens.</p><p>Avery legte den H�rer auf, weckte
Sarah und sagte: �Taylor ist tot.� Er h�tte es ihr nat�rlich nicht sagen
d�rfen.</p><p>�Wer ist Taylor?�</p><p>Ein langweiliger Kerl, dachte er;
er erinnerte sich seiner nur undeutlich. Ein j�mmerlicher, langweiliger
Engl�nder.</p><p>�Ein Mann vom Kurierdienst�, sagte
er. �Er war schon im Krieg dabei. Ein ziemlich t�chtiger Mann.�</p><p>�Das sagst du bei jedem. Alle sind
sie t�chtig. Also, wie ist er gestorben? Wie kam er ums Leben?� Sie setzte sich
im Bett auf.</p><p>�Leclerc wartet noch auf n�heren
Bescheid.� Avery w�nschte, sie w�rde ihm nicht beim Anziehen zusehen.</p><p>�Und er will, da� du ihm beim
Warten hilfst?�</p><p>�Er will, da� ich ins B�ro komme.
Er m�chte mich um sich haben. Du erwartest doch nicht von mir, da� ich mich
umdrehe und weiterschlafe, oder?�</p><p>�Ich habe nur gefragt�, sagte
Sarah. �Du bist Leclerc gegen�ber immer so r�cksichtsvoll.�</p><p>�Taylor geh�rte zum alten Stab.
Leclerc ist sehr beunruhigt.� Er konnte noch immer den Triumph in Leclercs
Stimme h�ren: �Kommen Sie sofort her, nehmen Sie sich ein Taxi; wir gehen die
Akte noch mal durch.�</p><p>�Kommt das denn oft vor? Sterben
oft Leute?� Ihre Stimme klang entr�stet, als erfahre sie nie irgend etwas, als
sei sie die einzige, der Taylors Tod naheging. �Du darfst das niemandem
erz�hlen�, sagte Avery.</p><p>Damit
hielt er sie in ihren Schranken. �Du darfst nicht einmal erw�hnen, da� ich
mitten in der Nacht weg mu�te. Taylor reiste unter falschem Namen.� Er f�gte
hinzu: �Irgend jemand wird seine Frau verst�ndigen m�ssen.� Er suchte seine
Brille. Sarah stand auf und zog einen Schlafrock an. �Um Himmels willen, h�r
auf! Die Sekret�rinnen wissen davon, warum sollen es die Frauen nicht wissen
d�rfen? Oder verst�ndigt man sie nur, wenn ihre M�nner sterben?� Sie ging zur
T�r.</p><p>Sie war mittelgro� und trug ihr
Haar lang, eine Frisur, die nicht zu ihrem Gesicht pa�te. Spannung lag in ihrer
Miene, Angst, beginnende Unzufriedenheit, als werde das Morgen noch schlechter
sein als das Heute. Sie hatten einander in Oxford kennengelernt: ihr
akademischer Grad war h�her als der seine. Aber irgendwie hatte sie sich in
der Ehe wieder zur�ckentwickelt. Wie bei einem Kind war ihre Abh�ngigkeit zu
etwas Nat�rlichem geworden: als habe sie Avery etwas Unwiederbringliches
gegeben und verlange es st�ndig zur�ck. Ihr Sohn war weniger ihr Gesch�pf als
vielmehr ihre Rechtfertigung, und sie benutzte ihn als Schutzwall gegen die
Welt statt als Zugang zu ihr. �Was machst du?� fragte Avery. Manchmal tat sie
Dinge aus blo�em Trotz, wie zum Beispiel neulich, als sie eine Konzertkarte
zerri�. Sie sagte: �Wir haben ein Kind, hast du das vergessen?� Er h�rte, da� Anthony
weinte. Sie mu�ten ihn geweckt haben. �Ich rufe dich vom B�ro aus an.� Er ging
zur Eingangst�r. Als sie zum Kinderzimmer kam, drehte sie sich um, und Avery
wu�te, da� sie nun dachte, er habe ihr keinen Ku� gegeben. �Du h�ttest beim
Verlag bleiben sollen�, sagte sie. �Das hat dir genausowenig gepa�t.�</p><p>�Warum schickt man dir keinen
Wagen?� fragte sie. �Du hast gesagt, ihr habt eine Unmenge Wagen.�</p><p>�Er wartet an der Ecke.�</p><p>�Warum, um Himmels willen?�</p><p>�Es ist sicherer.�</p><p>�Sicherer wovor?�</p><p>�Hast du
Geld?� fragte er. �Ich glaube, ich bin blank.�</p><p>�Wozu?�</p><p>�Einfach
Geld, nur so! Ich kann nicht ohne einen Penny in der Tasche herumlaufen.� Sie
gab ihm zehn Shilling aus ihrer Handtasche. Er schlo� schnell die T�r hinter
sich und ging die Treppe hinunter, auf den Prince of Wales Drive hinaus. Er
ging an den Fenstern der Parterrewohnung vorbei und wu�te, ohne hinzusehen, da�
Mrs. Yates ihn hinter dem Vorhang beobachtete, wie sie, mit der Katze im Arm,
Tag und Nacht jeden beobachtete. Es war bitter kalt. Der Wind schien vom Flu�
�ber den Park her�berzuwehen. Er blickte die Stra�e hinauf und hinunter, sie
war leer. Er h�tte den Taxistandplatz in Clapham anrufen sollen, aber er hatte
es eilig gehabt, aus der Wohnung wegzukommen. Au�erdem hatte er Sarah erz�hlt,
es k�me ein Wagen. Er schritt etwa hundert Meter in Richtung des E-Werkes,
�nderte dann seine Absicht und ging wieder zur�ck. Er war m�de. Seltsamerweise
kam es ihm so vor, als h�re er sogar auf der Stra�e noch das Telefon l�uten. Am
sichersten war es noch, zur Albert Bridge zu gehen. Dort konnte man manchmal zu
den ausgefallensten Zeiten ein Taxi finden. Also ging er wieder am Eingang zu
seinem Haus vorbei, sah zum Kinderzimmer hinauf, und da stand Sarah und schaute
herunter. Sie mu�te sich gefragt haben, wo denn der Wagen blieb. Sie hielt
Anthony im Arm, und er wu�te, da� sie weinte, weil er sie nicht gek��t hatte.
Es dauerte eine halbe Stunde, ehe er ein Taxi zur Blackfriars Road fand. Avery
beobachtete die vorbeifliegenden Stra�enlampen. Er war noch recht jung und
geh�rte zu jener, erst in unserer Zeit entstandenen Gesellschaftsschicht von
Engl�ndern, die ein Bakkalaureat der Philosophischen Fakult�t erworben haben
und diese Tatsache nun mit ihrer Herkunft aus kleinen Verh�ltnissen in Einklang
bringen m�ssen. Er war gro� und wirkte mit seinen hinter einer Brille
verborgenen tr�gen Augen wie ein B�cherwurm. Dazu hatte er eine freundliche,
zur�ckhaltende Art, die ihn bei der �lteren Generation beliebt machte. Die
Bewegung des Taxis war ihm so angenehm, wie einem Kind das Schaukeln. Der
Wagen fuhr �ber den St. George's Circus und an der Augenklinik vorbei in die
Blackfriars Road. Ehe sich Avery es versah, waren sie vor dem Haus, aber er bat
den Fahrer, ihn erst an der n�chsten Ecke abzusetzen, denn Leclerc hatte ihn
ermahnt, vorsichtig zu sein.</p><p>�Hier
irgendwo�, rief er nach vorne. �Ist schon recht.� Die Organisation war in einer
verbauten, altersgrauen, d�steren Villa untergebracht. Es war eines jener H�user,
die einen Feuerl�scher auf dem Balkon haben und so aussehen, als warteten sie
schon seit einer Ewigkeit auf einen K�ufer. Avery hatte sich oft gefragt, warum
das Ministerium eine Mauer um das Grundst�ck errichtet hatte. Vielleicht
sollte es wie ein Friedhof vor den neugierigen Blicken der Leute gesch�tzt
werden - oder die Leute vor den Blicken der hier ruhenden Toten. Sicherlich
war es nicht zum Schutz des Gartens, denn in ihm gab es nichts als eine Grasfl�che,
die so r�udig war wie das Fell eines alten Stra�enk�ters. Die dunkelgr�n
gestrichene Vordert�r wurde nie ge�ffnet. Tags�ber passierten gelegentlich in
der gleichen Farbe lackierte unauff�llige Lieferwagen die Einfahrt, aber was
immer sie hier zu tun hatten, es wurde im Hinterhof erledigt. Soweit die
Nachbarn �berhaupt davon sprachen, nannten sie es das Ministerialgeb�ude, und
das war eine ungenaue Bezeichnung, denn die Organisation war eigenst�ndig und
nur dem Ministerium unterstellt. Es war unverkennbar vom langsamen Verfall
gezeichnet, wie jedes Haus auf der ganzen Welt, in dem sich eine staatliche
Dienststelle eingemietet hat. F�r die Menschen, die in diesem Haus arbeiteten,
war sein Geheimnis wie das Mysterium der Mutterschaft, und sie empfanden die
Tatsache, da� es weiter stehen blieb, wie das Mysterium Englands. Es gab ihnen
Geborgenheit und Schutz, vermittelte ihnen das Gef�hl von Sicherheit und die
s��e, aber unzeitgem��e Illusion, da� es sie erhalte. Avery w�rde sich immer
daran erinnern, wie der Nebel zufrieden um die Stuckfassade strich, oder wie
die Sonne w�hrend des Sommers f�r kurze Zeit durch die Netzvorh�nge in sein
Zimmer lugte, ohne da� sie W�rme verbreitete oder Geheimnisse enth�llte. Und er
w�rde sich immer an das Bild dieses Hauses erinnern, wie es jetzt mit
schwarzer Fassade in der D�mmerung eines Wintertages dastand, w�hrend sich die
Stra�enlampen in den Regentropfen auf den schmutzigen Scheiben brachen.</p><p>Aber an welches Bild er sich auch
erinnern w�rde - es w�re nie das Bild seines Arbeitsplatzes, sondern immer das
eines Ortes, an dem er gelebt hatte. Er folgte dem Fu�weg zur R�ckseite des
Geb�udes, wo er l�utete und darauf wartete, da� Pine ihm �ffnete. Das Fenster
in Leclercs Zimmer war erleuchtet. Er zeigte Pine seinen Ausweis.
M�glicherweise erinnerte das beide an den Krieg: f�r Avery ein nachempfundenes
Vergn�gen, w�hrend sich Pine auf eigene Erfahrungen st�tzen konnte. �Sch�ner
Mond, Sir�, sagte Pine. �Ja.� Avery trat ins Haus. Pine folgte und schlo� hinter
ihm ab.</p><p>�Fr�her
h�tten die Jungs einen solchen Mond verflucht.�</p><p>�Das stimmt�, lachte Avery.</p><p>�Haben Sie von dem Spiel in
Melbourne geh�rt? Bradley war wieder mal gro�e Klasse.�</p><p>�Du meine G�te�, sagte Avery
freundlich. Er konnte Cricket nicht ausstehen.</p><p>An der
Eingangshalle schimmerte eine blaue Lampe wie das Nachtlicht in einem
Krankenhaus. Avery stieg die Treppe hinauf. Ihm war kalt und er f�hlte sich
unbehaglich. Irgendwo l�utete eine Glocke. Merkw�rdig, da� Sarah das Telefon
nicht geh�rt hatte. Leclerc wartete schon auf ihn. Er sagte: �Wir brauchen
einen Mann.� Es klang, als stehe er unter Hypnose, wie ein Schlafwandler. Eine
Lampe warf ihr Licht auf die vor ihm liegende Akte. Er war schlank, glatt,
klein und sehr geschmeidig; eine penible Katze von Mann, gut rasiert, gepflegt.
Er trug nur steife Kragen mit runden Ecken und einfarbige Krawatten. Seine Augen
waren dunkel und flink; beim Sprechen l�chelte er, aber sein L�cheln hatte
nichts Fr�hliches. Seine Sakkos waren an den Seiten geschlitzt, und sein
Taschentuch steckte im �rmel. An Freitagen trug er Wildlederschuhe; man nahm
an, da� er �bers Wochenende aufs Land hinausfuhr. Niemand schien zu wissen, wo
er wohnte. Der Raum lag im Halbdunkel.</p><p>�Wir
k�nnen keine weitere �berfliegung mehr durchf�hren. Das war die letzte; sie
haben mich im Ministerium darauf aufmerksam gemacht. Wir werden einen Mann
hineinschicken m�ssen. Ich habe die alten Karteien durchgesehen, John.
Darunter ist ein gewisser Leiser, ein Pole. Er w�re der richtige.�</p><p>�Was ist
Taylor zugesto�en? Wer hat ihn get�tet?� Avery ging zur T�r und schaltete die
Deckenbeleuchtung ein. Sie sahen einander verlegen an. �Pardon. Ich bin noch
nicht ganz wach�, sagte Avery. Dann fanden sie den Faden wieder und kamen zum
Thema zur�ck.</p><p>Leclerc
sagte geradeheraus: �Sie haben lange gebraucht, John. Hat es zu Hause
irgendwas gegeben?� Autorit�t war ihm nicht angeboren. �Ich konnte kein Taxi
bekommen. Ich habe den Standplatz in Clapham angerufen, aber dort hat niemand
abgehoben. Auch an der Albert Bridge war nichts.� Er ha�te es, Leclerc zu
entt�uschen. �Sie k�nnen es verrechnen�, sagte Leclerc reserviert. �Auch die
Telefongespr�che. Alles in Ordnung mit Ihrer Frau?�</p><p>�Ich sagte
doch, da� niemand geantwortet hat. - Es geht ihr gut.�</p><p>�Hat sie
nichts dagegen gehabt?�</p><p>�Nat�rlich
nicht.�</p><p>Sie
sprachen nie �ber Sarah. Es war, als st�nden sie beide in der gleichen Beziehung
zu Averys Frau, wie Kinder, die sich ein Spielzeug zu teilen verm�gen, f�r das
sie nichts mehr �brig haben. �Sie hat ja Ihren Sohn, der ihr Gesellschaft
leistet�, sagte Leclerc. �Ja, sicher.�</p><p>Leclerc
war stolz darauf zu wissen, da� es ein Sohn und nicht eine Tochter war.</p><p>Er nahm
eine Zigarette aus der Silberdose auf seinem Schreibtisch. Er hatte Avery
einmal erz�hlt, da� sie ein Erinnerungsgeschenk aus dem Kriege war. Der Mann,
der sie ihm geschenkt hatte, war tot, und der Anla� f�r das Geschenk vor�ber.
Der Deckel trug keine Inschrift. Er wisse heute noch nicht genau, auf welcher
Seite der Mann eigentlich gestanden habe - eine Bemerkung, �ber die Avery
bereitwillig lachte, um ihn gl�cklich zu machen.</p><p>Leclerc nahm die Akte von seinem
Schreibtisch und hielt sie direkt unter das Licht, als g�be es etwas, das er
sehr eingehend betrachten m�sse. �John!�</p><p>Avery ging
zu ihm hin; er bem�hte sich, Leclercs Schulter nicht zu ber�hren.</p><p>�Was sagt
Ihnen ein Gesicht wie dieses?�</p><p>�Ich wei�
nicht. Auf Grund von Fotos kann man nur schwer etwas sagen.�</p><p>Es war der
runde, ausdruckslose Kopf eines blonden Jungen mit langem zur�ckgek�mmtem Haar.
�Das ist Leiser. <emphasis>Aussehen </emphasis>tut er ordentlich, nicht wahr? Das
Foto ist nat�rlich zwanzig Jahre alt�, sagte Leclerc. �Wir haben ihn sehr hoch
eingestuft.� Widerstrebend legte er es nieder, lie� sein Feuerzeug schnippen
und hielt die Flamme an seine Zigarette. �Auf jeden Fall scheinen wir da auf
etwas gesto�en zu sein�, sagte er munter. �Ich habe keine Ahnung, was Taylor
eigentlich passiert ist. Wir haben nur den Routinebericht vom Konsulat
bekommen, das ist alles. Es sieht aus wie ein Autounfall. Ein paar
Einzelheiten, die wenig besagen. Eben der Wisch, wie man ihn normalerweise den
Angeh�rigen schickt. Das Ausw�rtige Amt schickte uns das Fernschreiben so, wie
es ihnen durchgegeben wurde. Man wu�te, da� es einer unserer P�sse war.� Er
schob ein Blatt d�nnen Papiers �ber den Schreibtisch. Er liebte es sehr,
hinter dem Schreibtisch zu sitzen und darauf zu warten, da� seine
Gespr�chspartner ein Schriftst�ck zu Ende lasen, das er ihnen zugeschoben
hatte. Avery warf einen Blick darauf.</p><p>�Malherbe?
War das Taylors Deckname?�</p><p>�Ja. Ich
mu� aus dem Autopark des Ministeriums einige Wagen bekommen�, sagte Leclerc.
�Direkt l�cherlich, keine eigenen Autos zu haben. Das Rondell hat eine ganze
Flotte.� Und dann f�gte er hinzu: �Vielleicht wird mir jetzt das Ministerium
glauben. Vielleicht nehmen sie doch endlich zur Kenntnis, da� wir noch immer
eine im Einsatz stehende Organisation sind.�</p><p>�Hat
Taylor den Film an sich genommen?� fragte Avery. �Wissen wir, ob er ihn
bekommen hat?�</p><p>�Ich habe
kein Inventar seines Besitzes. Im Augenblick sind alle seine Effekten von der
finnischen Polizei beschlagnahmt. Vielleicht ist der Film darunter. Es ist ein
kleiner Ort, und ich stelle mir vor, da� sie die gesetzlichen Vorschriften
lieber genau beachten.� Und beil�ufig, so da� Avery wu�te, wie wichtig es war:
�Das Ausw�rtige Amt bef�rchtet Schwierigkeiten.�</p><p>�Ach
Gott�, sagte Avery automatisch. Es war in der Organisation �blich, derartige
Reaktionen zu zeigen; man trat altmodisch und m�glichst k�hl auf. Leclerc sah
ihn an. Jetzt zeigte er Interesse: �Vor einer halben Stunde hat der
diensttuende Beamte des Ausw�rtigen Amtes mit dem Vertreter des Ministers
gesprochen. Sie lehnen es ab, sich einzumischen. Sie sagen, wir seien ein
Geheimdienst und m��ten es auf unsere Art erledigen. Am liebsten h�tten sie es,
wenn irgend jemand von uns als n�chster Angeh�riger hinf�hre, um die Leiche
und die pers�nlichen Habseligkeiten abzuholen. Ich m�chte, da� Sie fahren.�
Pl�tzlich bemerkte Avery an den Zimmerw�nden die Bilder der Jungen, die im
Krieg gek�mpft hatten. Jeweils sechs hingen rechts und links neben dem ziemlich
staubigen Modell eines schwarzlackierten Wellington-Bombers, der keine
Kennzeichen trug. Die meisten Aufnahmen waren im Freien gemacht worden. Avery
erkannte die Hangars im Hintergrund und die von den l�chelnden jungen
Gesichtern halbverdeckten R�mpfe der abgestellten Flugzeuge. Unter jedem Foto
standen inzwischen vergilbte Unterschriften. Einige waren schwungvoll und
z�gig, w�hrend andere - wohl die der rangh�heren Offiziere - kunstvoll
verschn�rkelt wirkten, als seien die Schreiber �ber Nacht pl�tzlich ber�hmt
geworden. Es standen keine Nachnamen da, sondern Spitznamen aus Kinderzeitschriften:
Jacko, Shorty, Pip und Lucky Joe. Gemeinsam war allen nur die Schwimmweste, das
lange Haar und das sonnige, jungenhafte Grinsen. Sie schienen am
Fotografiertwerden Spa� gehabt zu haben, als sei ihr Zusammensein ein
wom�glich nie mehr wiederkehrender Anla� zum Lachen und Fr�hlichsein. Die
Personen im Vordergrund hatten sich mit der L�ssigkeit von M�nnern, die das
Kauern in Gesch�tzkanzeln gewohnt sind, niedergehockt, w�hrend die hinter ihnen
Stehenden zwanglos die Arme um die Schultern des Nebenmannes gelegt hatten -
eine spontane Geste, deren �berzeugungskraft den Krieg oder das
Fotografiertwerden anscheinend nicht �berleben kann.</p><p>Ein
Gesicht wiederholte sich auf jedem Bild. Es war stets im Hintergrund - das
Gesicht eines schlanken Mannes mit strahlenden Augen, der einen Dufflecoat und
Kordhosen trug. Er war im Gegensatz zu den anderen ohne Schwimmweste und stand
etwas abseits, als geh�re er irgendwie nicht dazu. Er war kleiner als die anderen
und �lter. Seine Gesichtsz�ge waren ausgepr�gt: sie dr�ckten eine
Entschlossenheit aus, die den anderen fehlte. Er h�tte ihr Lehrer sein k�nnen.
Avery hatte einmal seine Unterschrift gesucht, um festzustellen, ob sie sich in
den neunzehn Jahren ver�ndert habe, aber Leclerc hatte nicht unterschrieben.
Er sah seiner Fotografie noch immer �hnlich: das Kinn vielleicht eine Spur
h�rter, das Haar etwas gelichtet.</p><p>�Aber das
w�re doch ein Einsatz�, sagte Avery unsicher.</p><p>�Nat�rlich.
Wir sind ja eine im Einsatz stehende Organisation.� Ein leichtes Kopfnicken.
�Sie haben Anspruch auf Einsatzzulage. Alles, was Sie zu tun haben, ist
Taylors Zeug zu holen. Sie haben alles bis auf den Film zur�ckzubringen. Den
Film geben Sie in Helsinki bei einer bestimmten Adresse ab. Dar�ber werden
Sie getrennte Instruktionen erhalten. Dann kommen Sie zur�ck und k�nnen mir
bei Leiser helfen...�</p><p>�K�nnte
das nicht vom Rondell �bernommen werden? Ich meine, k�nnten die das nicht
einfacher erledigen?�</p><p>Dieses
L�cheln kam langsam. �Ich f�rchte, dieser Vorschlag w�re wohl nicht ganz
passend. Das ist unsere Angelegenheit, John: das ganze Unternehmen f�llt
allein in unsere Kompetenz. Es handelt sich um ein milit�risches Ziel. Wir
w�rden uns vor unserer Verantwortung dr�cken, wenn wir das dem Rondell
�berlie�en. Deren Gebiet ist die Politik. Dort erledigt man rein politische
Aufgaben.� Er strich sich mit seiner kleinen Hand in einer knappen,
selbstbewu�ten Geste �ber das Haar. �Es ist also unser Problem. In dieser
Beziehung ist das Ministerium ganz meiner Auffassung�</p><p>- eine
seiner bevorzugten Wendungen. �Ich kann jemand anderen schicken, wenn Ihnen
das lieber ist. Woodford, oder einen unserer �lteren Mitarbeiter. Ich dachte
aber, Sie w�rden es gerne machen. Es ist eine wichtige Aufgabe. Sie k�nnten
damit einmal ganz etwas Neues anpacken.�</p><p>�Ja,
sicherlich. Ich w�rde gerne fahren, wenn Sie mir soviel Vertrauen schenken.�</p><p>Leclerc
geno� diese Situation. Nun dr�ckte er Avery ein Blatt blauen Konzeptpapiers in
die Hand. Es war mit Leclercs kindlichen runden Schriftz�gen bedeckt. Auf den
Kopf des Blattes hatte er &gt;Ephemer&lt; geschrieben und das Wort
unterstrichen. Am linken Rand standen seine Initialen - alle vier - und
darunter die Bezeichnung &gt;Nicht geheim&lt;. Wieder begann Avery zu lesen.</p><p>�Beim
sorgf�ltigen Lesen werden Sie merken�, sagte Leclerc, �da� wir nicht direkt
behaupten, Sie seien wirklich einer der n�chsten Angeh�rigen. Wir zitieren nur
die Angaben aus Taylors Pa�antrag. Weiter wollen die Leute vom Ausw�rtigen Amt
nicht gehen. Sie haben sich bereit erkl�rt, dies via Helsinki ans dortige
Konsulat zu schicken.�</p><p>Avery las:
�Auf Anforderung der Konsularabteilung. Ihr Fernschreiben in Sachen Malherbe.
John Somerton Avery, Inhaber des britischen Passes No , Halbbruder des
Verstorbenen, wird in Malherbes Pa�antrag als n�chster Angeh�riger angegeben.
In Kenntnis gesetzt, schl�gt Avery heute Flugreise zur �bernahme von Leiche und
pers�nlichem Besitz vor. NAS-Flug 201 �ber Hamburg, Ankunft mit ETA um 18.20
Uhr Ortszeit. Bitte leisten Sie �bliche Unterst�tzung und Hilfe.�</p><p>Leclerc
sagte: �Ich wu�te Ihre Pa�nummer nicht. - Die Maschine geht heute nachmittag um
drei. Es ist ein sehr kleiner Ort. Ich k�nnte mir denken, da� der Konsul Sie am
Flughafen abholen wird. Aus Hamburg kommt jeden zweiten Tag eine Maschine an.
Wenn Sie nicht nach Helsinki m�ssen, k�nnten Sie mit derselben Maschine
zur�ckfliegen.�</p><p>�K�nnte
ich nicht sein Bruder sein?� fragte Avery lahm. �Halbbruder sieht ein bi�chen
faul aus.�</p><p>�Wir haben
keine Zeit, einen neuen Pa� aufzutakeln. Im A.A. sind sie mit P�ssen ungeheuer
geizig. Schon wegen Taylor gab's eine Menge Schwierigkeiten.� Er hatte sich
schon wieder seinen Akten zugewandt. �Wirklich eine Menge Schwierigkeiten. Wir
m��ten Sie ja auch Malherbe nennen, nicht wahr? Ich glaube nicht, da� man das
dort gerne sehen w�rde.� Er sprach unaufmerksam, fast automatisch. Es war sehr
kalt im Raum.</p><p>�Und was
ist mit unserem skandinavischen Freund?� fragte Avery. Leclerc sah ihn
verst�ndnislos an. �Lansen. Sollte nicht jemand Verbindung mit ihm aufnehmen?�</p><p>�Ich
k�mmere mich schon darum.� Leclerc, der Fragen ha�te, antwortete vorsichtig,
als habe er Angst, irgendwo einmal zitiert zu werden. �Und Taylors Frau?� Es
erschien ihm zu pedantisch, sie Witwe zu nennen. �K�mmern Sie sich um sie?�</p><p>�Ich hatte
vor, da� wir morgen als erstes bei ihr vorbeischauen. Sie hat kein Telefon,
und ein Telegramm w�re so geheimniskr�merisch.�</p><p>�Wir?�
fragte Avery. �M�ssen wir denn beide gehen?�</p><p>�Sie sind
mein Assistent, nicht wahr?� sagte Leclerc. Diese Stille! Avery sehnte sich
nach dem Ger�usch des Stra�enverkehrs und dem Schrillen der Telefone. Tags�ber
war man immer von Leuten umgeben, Boten kamen und gingen, und die Aktenwagen
klapperten �ber den Gang. Immer wenn er mit Leclerc allein war, hatte er das
Gef�hl, es fehle eine dritte Person. Niemand anderer brachte ihm sein eigenes
Auftreten so zum Bewu�tsein, niemand anderer strahlte eine derart l�hmende
Wirkung auf das Gespr�ch aus. Er w�nschte, Leclerc w�rde ihm noch etwas zu
lesen geben.</p><p>�Haben Sie
schon irgendwas �ber Taylors Frau geh�rt?� fragte Leclerc. �Ist sie
vertrauensw�rdig?� Als er sah, da� Avery ihn nicht verstand, fuhr er fort: �Sie
k�nnte uns die gr��ten Schwierigkeiten machen. Wenn sie wollte. Wir m�ssen sehr
vorsichtig vorgehen.�</p><p>�Was werden
Sie ihr sagen?�</p><p>�Wir
m�ssen ganz nach dem Gef�hl gehen. Wie wir es im Krieg gemacht haben. Sie wird
nichts wissen, verstehen Sie? Sie wird nicht einmal wissen, da� er im Ausland
war.�</p><p>�Er k�nnte es ihr doch erz�hlt
haben.�</p><p>�Nicht Taylor. Er ist ein alter
Hase. Er hatte seine Instruktionen und kannte die Spielregeln. Sie mu� eine
Pension bekommen. Das ist die Hauptsache. Er ist im aktiven Einsatz gefallen.�</p><p>Er machte
wieder eine knappe, abschlie�ende Handbewegung.</p><p>�Und unser
Stab? Was werden Sie hier im Hause sagen?�</p><p>�Ich werde
heute vormittag die Abteilungsleiter zu einer Besprechung zusammenrufen. Was
die anderen anbelangt: denen werden wir sagen, es sei ein Unfall gewesen.�</p><p>�Vielleicht
war's das wirklich�, gab Avery zu bedenken.</p><p>Leclerc
l�chelte wieder: ein starres, schmerzliches L�cheln. �In welchem Fall wir die
Wahrheit gesagt und bessere Chancen h�tten, den Film zur�ckzubekommen.�</p><p>Noch immer
war auf der Stra�e drau�en kein Verkehr. Avery merkte, da� er hungrig war.
Leclerc schaute auf die Uhr.</p><p>�Sie haben
sich gerade Gortons Bericht angesehen�, sagte Avery.</p><p>W�hrend
Leclerc nachdenklich einen der Ordner ber�hrte, als habe er sein
Lieblingsalbum entdeckt, sch�ttelte er den Kopf. �Es ist nichts dran. Ich hab
es wieder und wieder durchgelesen, und die Fotos zu jeder nur denkbaren Gr��e
entwickeln lassen. Haldanes Leute haben Tag und Nacht dar�ber gesessen. Wir
kommen einfach keinen Schritt weiter.� Sarah hatte recht gehabt: er war nur
hier, ihm warten zu helfen.</p><p>Dann
schien pl�tzlich der Zweck ihrer Besprechung sichtbar zu werden, als Leclerc
sagte: �Ich habe es arrangiert, da� Sie heute vormittag nach unserer Konferenz
ein kurzes Gespr�ch mit George Smiley im Rondell haben k�nnen. - Sie haben
schon von ihm geh�rt?�</p><p>�Nein�,
log Avery. Bei diesem Thema mu�te man vorsichtig sein.</p><p>�Er war
einmal einer ihrer besten Leute. Er ist in gewisser Weise typisch f�r die
bessere Sorte im Rondell. Er scheidet dort immer wieder mal aus, wissen Sie,
kommt dann aber wieder zur�ck. Er macht sich Gewissensbisse. Man kann nie
sicher sein, ob er gerade dort ist oder nicht. Er pa�t dort nicht mehr ganz
hinein. Es hei�t, er trinke ziemlich viel. Er hat dort die Abteilung f�r
Nordeuropa. Er kann Sie instruieren, wie Sie den Film weiterzugeben haben. Seit
wir unseren eigenen Kurierdienst aufgel�st haben, und da uns das AA nicht
kennen will, gibt es keine andere M�glichkeit. Nach dem Tod Taylors kann ich es
nicht zulassen, da� Sie mit diesem Dings in der Tasche herumlaufen. Wieviel
wissen Sie �ber das Rondell?� Es war, als erkundige sich ein �lterer Herr ohne
nennenswerte Erfahrung vorsichtig danach, wo er leichte M�dchen finden k�nne.</p><p>�Nicht
viel�, sagte Avery. �Nur das �bliche Geschw�tz.�</p><p>Leclerc
stand auf und ging zum Fenster hin�ber. �Es ist ein seltsamer Verein. Einige sind
gut, nat�rlich. Smiley war gut.� Pl�tzlich brach es aus ihm hervor: �Aber sie
sind Betr�ger. - Ich wei�: ein komisches Wort, f�r eine verwandte Organisation,
John. Aber das L�gen ist denen zur zweiten Natur geworden. Die meisten von
ihnen wissen nicht einmal mehr, wann sie die Wahrheit sagen.�</p><p>Er neigte
den Kopf von einer Seite auf die andere und beobachtete sorgf�ltig jede
Bewegung auf der langsam erwachenden Stra�e. �Was f�r ein scheu�liches
Wetter�, murmelte er schlie�lich. �Im Krieg waren wir ziemlich eifers�chtig
aufeinander, wissen Sie.�</p><p>�Davon
h�rte ich.�</p><p>�Das ist
jetzt vorbei. Ich beneide sie nicht um ihre Arbeit. Sie haben mehr Geld und
mehr Leute als wir. Sie arbeiten im gr��eren Stil - ob jedoch auch besser,
m�chte ich freilich bezweifeln. An unsere Auswertungsabteilung zum Beispiel
kommt nichts auch nur ann�hernd heran. Nichts.�</p><p>Pl�tzlich
hatte Avery das Gef�hl, da� ihm Leclerc ein pers�nliches Geheimnis enth�llt
hatte, etwas wie eine zerr�ttete Ehe oder eine unw�rdige Handlung, und da� er
dadurch erleichtert war. �Smiley wird Sie vielleicht nach Einzelheiten dieses
Unternehmens fragen, wenn Sie bei ihm sind. Ich m�chte, da� Sie ihm aber auch
nicht das geringste erz�hlen, au�er, da� Sie nach Finnland fahren und wom�glich
in die Situation kommen k�nnten, einen Film auf dem schnellsten Weg nach London
schicken zu m�ssen. Wenn er Sie bedr�ngt, lassen Sie durchblicken, da� es eine
�bung sei. Mehr d�rfen Sie nicht verraten. Nichts vom bisher Vorgefallenen, von
Gortons Bericht oder k�nftigen Aktionen. All das geht diese Leute nicht das
geringste an. Es ist einfach ein Schulungskurs.�</p><p>�Das ist
mir klar. Er wird doch aber von Taylor wissen - oder nicht? -, wenn das AA
informiert ist.�</p><p>��berlassen
Sie das mir. Und lassen Sie sich nicht den falschen Glauben aufschwatzen, da�
man im Rondell ein Monopol darauf habe, Agentengruppen unterhalten zu d�rfen.
Wir haben das gleiche Recht. Wir �ben es nur nicht unn�tig aus.� Er hatte in
seine Rolle zur�ckgefunden.</p><p>Avery
betrachtete Leclercs schmalen R�cken, der sich als schwarze Silhouette vor dem
heller werdenden Himmel drau�en abhob. Ein Ausgesto�ener, ein Mann ohne
Ausweis, dachte er.</p><p>�K�nnten
wir nicht das Feuer anmachen?� fragte er. Er ging auf den Gang hinaus, wo Pine
in einem Regal neben Besen und B�rsten Sp�ne und alte Zeitungen aufbewahrte. Er
kam zur�ck und kniete sich vor den Kamin, in dem er - genau wie er es bei sich
zu Hause getan h�tte - die Asche so durch den Rost scharrte, da� die gr��eren
Kohlenst�ckchen zur�ckblieben. �Ich frage mich�, sagte er, �ob es sehr schlau
gewesen ist, zuzulassen, da� die beiden sich am Flugplatz treffen.�</p><p>�Die Zeit
dr�ngte. Nach Jimmy Gortons Bericht war es sehr dringend. Das ist es immer
noch. Wir haben keinen Augenblick zu verlieren.�</p><p>Avery
hielt ein Streichholz an das Zeitungspapier und beobachtete, wie die Flamme um
sich griff. Als das Holz zu brennen begann, stieg ihm sanft der Rauch ins
Gesicht und trieb hinter der Brille Tr�nen in seine Augen. �Woher konnten sie
Lansens Bestimmungsort wissen?�</p><p>�Es war
ein normal angemeldeter Flug. Er mu�te die Route vorher von der Flugsicherung
genehmigen lassen.�</p><p>Nachdem
Avery Kohle �ber das brennende Holz geh�uft hatte, stand er auf und wusch sich
an dem Becken in der Zimmerecke die H�nde. Er trocknete sie mit seinem Taschentuch.</p><p>�Ich habe
Pine immer wieder gesagt, er solle mir ein Handtuch herh�ngen�, sagte Leclerc.
�Sie haben einfach zu wenig zu tun. Das ist die Schwierigkeit.�</p><p>�Es macht
ja nichts.� Avery steckte das nasse Taschentuch ein. Er f�hlte es k�hl an
seinem Oberschenkel. Dann f�gte er ohne Ironie hinzu: �Vielleicht werden sie
jetzt mehr zu tun bekommen.�</p><p>�Ich habe
daran gedacht, mir von Pine hier ein Bett aufstellen zu lassen. Mein B�ro als
eine Art Einsatzleitung.� Leclerc sprach vorsichtig, als ob ihm Avery seinen
Spa� verderben k�nnte. �Sie k�nnen mich dann hier anrufen, heute abend aus
Finnland. Ob Sie den Film bekommen haben. Sie brauchen nur zu sagen, das
Gesch�ft sei gelungen.�</p><p>�Und wenn nicht?�</p><p>�Dann sagen sie, nicht gelungen.�</p><p>�Das klingt aber ziemlich
�hnlich�, gab Avery zu bedenken. �Wenn die Verbindung schlecht ist, meine ich.
Gelungen und nicht gelungen.�</p><p>�Sagen Sie eben, man sei nicht
interessiert. Sagen Sie etwas Verneinendes. Sie verstehen, was ich meine.�</p><p>Avery nahm
den leeren Kohleneimer. �Ich werde ihn Pine geben.�</p><p>Als er
durch das Bereitschaftszimmer ging, sa� dort ein Luftwaffensoldat d�send vor
seinen Telefonen. Avery ging �ber die Holztreppe zur vorderen Eingangst�r.</p><p>�Der Chef m�chte Kohlen, Pine.�</p><p>Der Portier stand auf, wie immer,
wenn jemand zu ihm sprach. Er stand stramm, als befinde er sich in einem Kasernenzimmer
neben seinem Bett.</p><p>�Tut mir leid, Sir. Kann von der
T�r nicht weg.�</p><p>�In Gottes Namen, dann werde eben
ich auf die T�r aufpassen. Wir erfrieren da oben.�</p><p>Pine nahm den Eimer, kn�pfte seine
Uniform zu und verschwand im dunklen Durchgang. Heutzutage pfiff er nicht mehr.</p><p>Als Pine
zur�ckkam, fuhr Avery fort: �Au�erdem w�nscht er ein Bett in seinem Zimmer. Sie
k�nnten es dem diensthabenden Sekret�r sagen, sobald er aufwacht. O ja, und
ein Handtuch. Er braucht ein Handtuch f�r sein Waschbecken.�</p><p>�Jawohl,
Sir. Es ist fein, die alte Einheit wieder im Einsatz zu sehen.�</p><p>�K�nnen
wir hier irgendwo ein Fr�hst�ck bekommen? Gibt's in der N�he so etwas?�</p><p>�Da gibt's
das &gt;Cadena&lt;�, antwortete Pine nachdenklich. �Aber ich wei� nicht recht,
ob's f�r den Chef gut genug ist.� Ein Grinsen. �In den alten Zeiten gab's die Kantine.
W�rstchen und Kartoffelbrei.�</p><p>Es war Viertel vor sieben. �Wann
macht es auf?�</p><p>�Keine Ahnung, Sir.�</p><p>�Sagen Sie: kennen Sie eigentlich
Mr. Taylor?� Fast h�tte er &gt;kannten&lt; gesagt. �Ja sicher, Sir.�</p><p>�Haben Sie mal seine Frau gesehen?�</p><p>�Nein, Sir.�</p><p>�Wie ist
sie? Haben Sie eine Ahnung? Haben Sie irgend etwas �ber sie geh�rt?�</p><p>�Ich kann nichts dar�ber sagen, Sir.
Sicher nicht. Ziemlich traurige Angelegenheit, Sir.� Avery sah ihn erstaunt an.
Leclerc mu� es ihm gesagt haben, dachte er und ging hinauf.</p><p><strong><emphasis>3. Kapitel </emphasis></strong></p><p><emphasis/></p><p>Irgendwo
fr�hst�ckten sie. Leclerc weigerte sich, das &gt;Cadena&lt; zu betreten und sie
gingen unendlich lang, bis sie ein anderes Cafe fanden, das schlechter und
teurer als das &gt;Cadena&lt; war.</p><p>�Ich kann mich nicht an ihn
erinnern�, sagte Leclerc. �Das ist das Absurde daran. Er ist offenbar gelernter
Funker. Jedenfalls war er es damals.� Avery war der Ansicht, er spreche von
Taylor. �Wie alt war er, sagten Sie?�</p><p>�Vierzig,
etwas dar�ber. Das ist ein gutes Alter. Ein Pole aus Danzig. Man spricht dort
Deutsch, m�ssen Sie wissen. Nicht so verr�ckt wie die reinen Slawen. Nach dem
Krieg lie� er sich einige Jahre lang treiben, schwamm ein bi�chen herunter,
dann ri� er sich zusammen und kaufte eine Garage. Mu� ganz nett verdient
haben.�</p><p>�Dann glaube ich nicht, da� er...�</p><p>�Unsinn. Er wird dankbar sein,
oder sollte es wenigstens.�</p><p>Leclerc
zahlte die Rechnung und steckte sie ein. Als sie das Restaurant verlie�en,
sagte er irgend etwas von Di�ten und da� er die Rechnung der Buchhaltung gebe.
�Man kann auch den Nachtdienst verrechnen, wissen Sie. Oder Zeitausgleich
nehmen.� Sie gingen die Stra�e hinunter. �Ihr Flugticket ist gebucht. Carol hat
das von ihrer Wohnung aus erledigt. Besser, wir geben Ihnen einen
Spesenvorschu�. Sie werden die �berf�hrung der Leiche regeln m�ssen und
�hnliches. Ich habe geh�rt, da� das sehr kostspielig sein kann. Lassen Sie ihn
per Flugzeug hierher transportieren. Wir werden hier ganz im stillen eine
Obduktion durchf�hren lassen.�</p><p>�Ich habe
noch nie einen Toten gesehen�, sagte Avery.</p><p>Sie
standen an einer Stra�enecke in Kennington und hielten nach einem Taxi Ausschau.
Auf der einen Seite der Stra�e war ein Gaswerk, auf der anderen nichts: eine
Gegend, in der ein ganzer Tag vergehen konnte, bis ein Taxi kam.</p><p>�John, Sie
m�ssen �ber diese Seite der Angelegenheit absolutes Stillschweigen bewahren -
da� wir einen Mann hineinschicken. Niemand darf es wissen, nicht einmal
innerhalb der Organisation, absolut niemand. Ich glaube, wir sollten ihn
Mayfly <emphasis>[Anm: Eintagsfliege (Ephemerida)] </emphasis>nennen.
Leiser, meine ich. Ja, wir werden ihn Mayfly nennen.�</p><p>�In
Ordnung.�</p><p>�Es ist
eine sehr heikle Sache, eine Frage des Zeitplans. Ich zweifle nicht daran, da�
es Widerstand geben wird, innerhalb der Organisation genauso wie au�erhalb.�</p><p>�Was ist
mit meiner Tarnung und �hnlichem?� fragte Avery. �Ich bin nicht ganz.� Ein
freies Taxi fuhr an ihnen vorbei, ohne anzuhalten.</p><p>�Schei�kerl�,
zischte Leclerc. �Warum hat er uns nicht mitgenommen?�</p><p>�Ich nehme
an, er wohnt hier in der Gegend. Er f�hrt Richtung West End.� Dann wiederholte
er. �Was die Tarnung betrifft.�</p><p>�Sie
reisen unter Ihrem eigenen Namen. Ich sehe darin keine Schwierigkeit. Sie
k�nnen Ihre eigene Adresse verwenden. Geben Sie sich als Verleger aus.
Schlie�lich <emphasis>waren </emphasis>Sie einer. Der Konsul wird Ihnen
an die Hand gehen. Wor�ber machen Sie sich Sorgen?�</p><p>�Nun ja,
einfach �ber die Einzelheiten.� Leclerc erwachte aus seiner Tr�umerei und
l�chelte. �Ich werde Ihnen etwas �ber Tarnung erz�hlen. Den Rest werden Sie
selbst lernen. Geben Sie niemals unaufgefordert Auskunft. Die Leute <emphasis>erwarten </emphasis>gar keine
Erkl�rungen von Ihnen. Was ist da schlie�lich auch zu erkl�ren? Es ist alles
vorbereitet. Der Konsul hat unser Fernschreiben bekommen. Weisen Sie einfach
Ihren Pa� vor und im �brigen verlassen Sie sich auf ihr Fingerspitzengef�hl.�</p><p>�Ich werde es versuchen�, sagte
Avery. �Sie werden es schaffen�, versicherte Leclerc mitf�hlend. Beide
l�chelten zaghaft.</p><p>�Wie weit
ist es in die Stadt?� fragte Avery. �Vom Flughafen.�</p><p>�Ungef�hr f�nf Kilometer. Er
stellt die Verbindung zu den wichtigsten Wintersportorten her. Der Himmel wei�,
was der Konsul den ganzen Tag macht.�</p><p>�Und nach Helsinki?�</p><p>�Ich sagte
es schon: Hundertsechzig Kilometer. Vielleicht etwas mehr.�</p><p>Avery
schlug vor, mit dem Bus zu fahren, aber Leclerc wollte sich nicht ans Ende der
wartenden Schlange stellen, deshalb blieben sie an der Ecke. Er begann wieder
von Dienstwagen zu sprechen. �Es ist v�llig absurd�, sagte er. �Fr�her hatten
wir einen eigenen Fuhrpark. Jetzt haben wir nur zwei Lieferwagen, und das
Schatzamt erlaubt uns nicht, den Fahrern �berstunden zu bezahlen. Wie kann ich
unter diesen Bedingungen eine Organisation f�hren?� Schlie�lich gingen sie zu
Fu�. Leclerc wu�te die Adresse auswendig: Er hatte es sich zum Prinzip gemacht,
sich an solche Dinge zu erinnern. Es war Avery unangenehm, lange Zeit an seiner
Seite zu gehen, weil Leclerc seinen Schritt dem des gr��eren Mannes anpa�te.
Avery war bem�ht, kleine Schritte zu machen, aber manchmal verga� er es, und
dann mu�te sich Leclerc anstrengen und bei jedem Schritt fast einen kleinen
Sprung machen. Es regnete leicht und es war noch immer sehr kalt.</p><p>Es gab
Zeiten, da empfand Avery f�r Leclerc eine innige, besch�tzende Liebe. Leclerc
besa� die undefinierbare Gabe, Schuldgef�hle erwecken zu k�nnen, als ersetze
der Begleiter nur schlecht einen verstorbenen Freund. Es hatte jemanden
gegeben, und der war gegangen; vielleicht eine ganze Welt, eine Generation.
Jemand schien ihn geschaffen und dann verleugnet zu haben. Avery konnte
Leclerc wegen seiner durchsichtigen Intrigen hassen oder Widerwillen gegen
seine anma�enden und selbstgef�lligen Gesten empfinden, so wie ein Kind die
�bertriebenen Affektiertheiten von Erwachsenen verabscheut. Und im n�chsten
Augenblick konnte er das Bed�rfnis empfinden, ihn voll
Verantwortungsbewu�tsein und inniger Zuneigung zu besch�tzen. Abgesehen von all
diesen wechselnden Stimmungen war er Leclerc aber irgendwie dankbar, da� er
ihn aufgebaut hatte. All dies zusammen erzeugte zwischen ihnen jene Zuneigung,
die nur die Schwachen f�reinander empfinden k�nnen: jeder war f�r den anderen
das Publikum, f�r das die Rolle gespielt wurde.</p><p>�Es w�re
gut�, sagte Leclerc unvermittelt, �wenn Sie beim Unternehmen Mayfly mitmachen
w�rden.�</p><p>�W�rde ich
gerne tun.�</p><p>�Nach
Ihrer R�ckkehr.�</p><p>Sie harten
die Adresse auf dem Stadtplan nachgesehen: �Roxburgh Gardens 34�. Es war
jenseits der Kennington High Street. Bald wurde die Stra�e sch�biger, die
H�user standen dichter. Die Gaslaternen brannten gelb und flach wie
Papiermonde. �Im Krieg hatten wir f�r den Stab sogar ein Wohnhaus.�</p><p>�Vielleicht bekommen wir wieder
eines�, meinte Avery.</p><p>�Es ist zwanzig Jahre her, seit
ich zum letztenmal einen solchen Weg zu machen hatte.�</p><p>�Sind Sie damals allein gegangen?�
fragte Avery und w�nschte sofort, diese Frage nicht gestellt zu haben. Es war
so leicht, Leclerc zu verletzen. �Damals war es einfacher. Wir konnten sagen,
sie w�ren f�rs Vaterland gefallen. Wir mu�ten ihnen keine Einzelheiten
erz�hlen; niemand erwartete das.� Also <emphasis>war </emphasis>es
&gt;wir&lt;, dachte Avery. Ein anderer Junge, eines dieser lachenden Gesichter
an der Wand. �Jeden Tag fiel damals einer der Piloten. Wir machten Aufkl�rung,
wissen Sie, auch Sondermissionen. Manchmal sch�me ich mich: Ich kann mich nicht
einmal an ihre Namen erinnern. Einige von ihnen waren so jung.�</p><p>In Averys
Vorstellung zog eine tragische Prozession von Gesichtern vor�ber, die vom
Grauen gezeichnet waren: M�tter und V�ter, Freundinnen und Frauen; und er
versuchte, sich Leclerc vorzustellen, wie er naiv und doch selbstsicher unter
ihnen stand. Wie ein Politiker am Schauplatz einer Katastrophe. Sie waren am Ende
einer Erhebung angelangt. Eine armselige Gegend. Die Stra�e f�hrte hinunter zu
einer Reihe schmutziger, fensterloser H�user. Dar�ber erhob sich eine einzeln
stehende Mietskaserne: Roxburgh Gardens.</p><p>Die Kette
der Stra�enlaternen beleuchtete die Ziegelwand und teilte sie in regelm��ige
Zellen. Es war ein gro�es Geb�ude, auf seine Art sehr h��lich, der Beginn
einer neuen Welt, zu deren F��en der schwarze Schutt der alten lag:
zerfallende, schmierige H�user, zwischen denen sich traurige Gesichter wie Treibholz
in einem vergessenen Hafen durch den Regen bewegten. Leclercs kleine F�uste
waren geballt; er stand ganz still.</p><p>�Hier?�
sagte er. �Taylor hat hier gewohnt?�</p><p>�Warum
sollte er nicht? Hier wird anscheinend aufgebaut, Altstadtsanierung.� Dann
verstand Avery. Leclerc sch�mte sich. Taylor hatte ihn schamlos betrogen. Das
war nicht die Gesellschaft, die von ihrer Organisation besch�tzt wurde, diese
Slums rings um den Turm von Babel: daf�r war in Leclercs Ordnung der Dinge kein
Platz. Der Gedanke, da� ein Mitglied von Leclercs Stab sich tagt�glich aus dem
Geruch und Gestank einer solchen Gegend in das Heiligtum der Organisation
schleppte - hatte er kein Geld, keine Rente? Hatte er nicht ein bi�chen auf
der hohen Kante wie wir alle, nur ein- oder zweihundert, um sich aus diesem
Elend herauszukaufen?</p><p>�Es ist nicht �rger als
Blackfriars Road�, sagte Avery willk�rlich; es sollte Leclerc tr�sten. �Jeder
wei�, da� wir fr�her in der Baker Street waren�, gab Leclerc zur�ck.</p><p>Sie gingen
schnell zum Eingang der Mietskaserne, vorbei an Schaufenstern, die mit alten
Kleidern und rostigen Elektro�fen vollgestopft waren, mit all dem traurigen,
nutzlosen Kram, den nur die Armen kaufen. Es gab einen Wachszieher. Seine
Kerzen waren gelb und verstaubt wie Fragmente eines verfallenen Grabmals.</p><p>�Welche
Nummer?� fragte Leclerc. �Vierunddrei�ig, sagten Sie.�</p><p>Sie gingen
zwischen m�chtigen, mit groben Mosaiken verzierten S�ulen, wobei sie den mit
rosa Zahlen beschrifteten Hinweispfeilen aus Plastik folgten. Sie zw�ngten
sich zwischen Reihen alter Autowracks hindurch und kamen schlie�lich zu einem
Eingang, auf dessen Schwelle Milchkartons standen. Es gab keine T�r, nur eine
Treppe mit Gummibelag, die bei jedem Schritt quietschte. Es roch nach Essen und
nach dieser fl�ssigen Seife, die man in Bahnhofstoiletten findet. Auf der
breiten Gipswand forderte eine handgemalte Aufschrift, Ruhe zu halten.
Irgendwo spielte ein Radio. Sie stiegen zwei Treppen hinauf und blieben vor
einer gr�nen T�r mit Glasscheiben stehen. Darauf stand in wei�en Bakelitziffern
die Nummer 34. Leclerc nahm den Hut ab und wischte sich den Schwei� von den
Schl�fen. Es war die gleiche Geste, die er wohl vor dem Betreten einer Kirche
gemacht h�tte. Es hatte st�rker geregnet, als ihnen bewu�t geworden war. Ihre M�ntel
waren ziemlich na�. Er l�utete. Avery hatte pl�tzlich gro�e Angst. Er warf
einen Blick auf Leclerc und dachte: das ist deine Sache, du sagst es ihr. Die
Musik schien lauter geworden zu sein. Sie lauschten angestrengt auf irgendein
anderes Ger�usch, aber sie h�rten keines.</p><p>�Warum
haben Sie ihn Malherbe genannt?� fragte Avery unvermittelt.</p><p>Leclerc
l�utete noch einmal, und dann h�rten sie es beide: ein Wimmern, halb das
Schluchzen eines Kindes, halb das Jammern einer Katze. Es war ein erstickter,
metallisch klingender Seufzer. W�hrend Leclerc zur�cktrat, griff Avery nach dem
bronzenen T�rklopfer auf dem Briefkasten und bewegte ihn heftig. Als das Echo
verhallt war, h�rten sie aus der Wohnung einen leichten, z�gernden Schritt.
Ein Riegel wurde zur�ckgeschoben, ein Schnappschlo� ge�ffnet. Dann vernahmen
sie wieder, diesmal viel lauter und deutlicher, den gleichen klagenden Ton. Die
T�r �ffnete sich einen Spalt breit und Avery sah ein Kind, ein d�nnes, blasses
kleines M�dchen, das nicht �lter als zehn Jahre sein mochte. Sie trug wie
Anthony eine Stahlbrille. In den Armen hielt sie eine Puppe, deren rosa Glieder
stumpfsinnig vom K�rper abstanden und deren gemalte Augen zwischen zerzausten
Baumwollfransen hervorstarrten. Der verschmierte Puppenmund klaffte halb
offen, der Kopf hing wie gebrochen oder tot zur Seite. Man nennt so etwas
Sprechpuppe, aber kein Lebewesen wird je derartige Laute von sich geben.</p><p>�Wo ist
deine Mutter?� fragte Leclerc. Seine Stimme klang aggressiv, als f�rchte er
sich.</p><p>Das Kind
sch�ttelte den Kopf. �Ist in der Arbeit.�</p><p>�Wer pa�t
denn auf dich auf?�</p><p>Sie sprach
langsam, als denke sie an etwas anderes.</p><p>�Die Mama
kommt am Nachmittag nach Hause. Ich darf nicht aufmachen.�</p><p>�Wo ist
sie? Wohin geht sie?�</p><p>�Arbeiten.�</p><p>�Wer kocht
dir das Mittagessen?� beharrte Leclerc. �Was?�</p><p>�Wer gibt
dir zu essen?� sagte Avery schnell.</p><p>�Mrs.
Bradley. Nach der Schule.�</p><p>Dann
fragte Avery: �Wo ist dein Vater?� Das Kind l�chelte und legte einen Finger an
die Lippen.</p><p>�Er ist
mit einem Flugzeug weg�, sagte sie, �um Geld zu bekommen. Aber ich darf es
nicht sagen. Es ist ein Geheimnis.�</p><p>Keiner von ihnen sprach. �Er
bringt mir ein Geschenk mit�, f�gte sie hinzu. �Woher?� fragte Avery.</p><p>�Vom
Nordpol, aber es ist ein Geheimnis.� Ihre Hand lag noch immer auf dem T�rgriff.
�Von wo der Weihnachtsmann kommt.�</p><p>�Sag deiner Mutter, da� zwei
Herren hier waren�, sagte Avery. �Von der Firma deines Vaters. Wir kommen am
Nachmittag wieder.�</p><p>�Es ist wichtig�, sagte Leclerc.
Das M�dchen schien seine Angst zu verlieren, als es h�rte, da� die beiden
M�nner seinen Vater kannten. �Er ist mit einem Flugzeug weg�, wiederholte sie.
Avery suchte in seiner Tasche und gab ihr die 5 Shilling, die er in der Nacht
von dem Taxifahrer auf Sarahs Zehnshillingst�ck herausbekommen hatte. Sie
schlo� die T�r und lie� sie in diesem verfluchten, von tr�umerischer Radiomusik
erf�llten Stiegenhaus stehen.</p><p><strong><emphasis>4. Kapitel </emphasis></strong></p><p><emphasis/></p><p>Sie
standen auf der Stra�e und sahen einander nicht an. �Warum haben Sie diese
Frage gestellt? Die Frage nach ihrem Vater?� sagte Leclerc. Als Avery keine
Antwort gab, f�gte er zusammenhanglos hinzu: �Es handelt sich nicht darum, ob
man Leute mag.�</p><p>Leclerc
wirkte manchmal so, als ob er weder h�re noch f�hle. Dann schien er
davongetrieben zu werden, w�hrend er innerlich nach einem entschwundenen Ton
lauschte, wie ein T�nzer, nachdem die Musik zu seinen Bewegungen pl�tzlich
verstummt ist. Eine Stimmung tiefster Traurigkeit schien dann �ber ihm zu
liegen, oder die ratlose Verwirrung, die ein Betrogener empfindet.</p><p>�Ich f�rchte�, sagte Avery
mitf�hlend, �da� ich heute nachmittag nicht mit Ihnen hierher zur�ckkommen
kann. Vielleicht m�chte Woodford Sie begleiten.�</p><p>�Bruce
taugt nicht f�r so was.� Dann f�gte Leclerc hinzu: �Werden Sie um Viertel vor
elf zur Konferenz kommen?�</p><p>�M�glicherweise
werde ich schon vor dem Ende weg m�ssen. Ich mu� noch ins Rondell und gepackt
habe ich auch noch nicht. Es geht Sarah nicht besonders gut. Aber ich werde so
lange als m�glich im B�ro bleiben. Es tut mir leid, da� ich diese Frage
gestellt habe. Wirklich.�</p><p>Leclerc
sah ihn an. �Es soll niemand davon wissen. Ich mu� zuerst mit ihrer Mutter
sprechen. Vielleicht gibt es eine Erkl�rung. Taylor war ein alter Hase. Er
kannte die Spielregeln.�</p><p>�Ich werde
es nicht erw�hnen. Sie k�nnen sich darauf verlassen. Auch Mayfly nicht.�</p><p>�Ich mu�
Haldane von Mayfly unterrichten. Er wird nat�rlich widersprechen. Ja, so werden
wir sie nennen... Die ganze Operation. Wir werden sie Mayfly nennen.� Der
Gedanke tr�stete ihn. Sie beeilten sich, ins B�ro zu kommen, nicht wegen der
Arbeit, sondern weil sie auf der Flucht waren, weil sie die Anonymit�t suchten,
die ihnen auf einmal zu einem Bed�rfnis geworden war. Averys Zimmer lag neben
dem Leclercs. Auf seiner T�r stand &gt;Direktions-Assistent&lt; Diese
Bezeichnung stammte von einer Amerika-Reise, zu der Leclerc zwei Jahre zuvor
eingeladen gewesen war. Die leitenden M�nner wurden einfach mit der Funktion
bezeichnet, die sie innerhalb der Organisation erf�llten. Avery hie� deshalb
einfach &gt;Chefb�ro&lt;, und auch wenn Leclerc seinen Titel jede Woche
ge�ndert h�tte, so konnte er doch die Umgangssprache nicht �ndern. Um Viertel
vor elf kam Woodford in sein B�ro, wie Avery erwartet hatte, um ein bi�chen mit
ihm zu plaudern und ein paar Worte mit ihm �ber Dinge zu wechseln, die nicht
direkt auf der Tagesordnung standen.</p><p>�Was geht eigentlich vor, John?�
Er z�ndete seine Pfeife an, lehnte dann seinen gro�en Kopf zur�ck und l�schte
das Streichholz mit weit ausholenden, schwingenden Handbewegungen. Er war
fr�her Lehrer gewesen; ein Sportler. �Das w�rde ich <emphasis>Sie </emphasis>fragen.�</p><p>�Der arme Taylor!�</p><p>�Eben.�</p><p>�Ich will
wirklich nicht inkonsequent sein�, sagte Woodford und lie� sich auf der
Schreibtischkante nieder, w�hrend er noch immer mit seiner Pfeife besch�ftigt
war.</p><p>�Ich will
wirklich nicht inkonsequent sein, John�, wiederholte er, �aber da gibt's noch
etwas, um das wir uns trotz des tragischen Todes von Taylor k�mmern sollten.�
Er verstaute die Tabakschachtel in der Tasche seines gr�nen Anzuges und sagte:
�Das Archiv.�</p><p>�Das Archiv ist Haldanes Revier.�</p><p>�Ich hab' nichts gegen unsern
alten Adrian. Er ist ein guter Kamerad. Wir arbeiten schon seit zwanzig Jahren
zusammen.�</p><p>Und
deshalb, dachte Avery, bist also auch du ein guter Kamerad.</p><p>Woodford
hatte die Angewohnheit, beim Sprechen immer n�her zu r�cken, wobei er seine
m�chtige Schulter auf seinen Partner zu bewegte wie ein Pferd, das sich an
einem Pfosten scheuert. Er beugte sich vor und sah Avery mit einem ernsten
Blick an; ganz die Erscheinung eines einfachen, aufrechten Mannes voll tiefer
Sorge, eines anst�ndigen Menschen, der gezwungen war, sich zwischen
Freundschaft und Pflicht zu entscheiden. Sein Anzug war aus haarigem Stoff, der
zu dick war, um knittern zu k�nnen, und deshalb wie eine Bettdecke W�lste
bildete. Die Kn�pfe waren aus braunem Hirschhorn.</p><p>�Das
Archiv, John, ist vollkommen auf dem Hund. Wir beide wissen das ganz genau.
Papiere werden nicht richtig eingeordnet und Akten werden nicht zur rechten
Zeit wieder vorgelegt.� Er sch�ttelte voll Verzweiflung den Kopf. �Seit Mitte
Oktober vermissen wir jetzt schon diesen taktischen Bericht �ber den Marine-Frachtverkehr.
Er hat sich einfach in Luft aufgel�st.�</p><p>�Adrian
Haldane hat einen Suchzettel losgelassen�, sagte Avery. �Wir sind alle dran
beteiligt, nicht nur Adrian. Akten k�nnen schlie�lich mal verlorengehen. Das
ist seit April der erste, Bruce. Ich halte das nicht f�r schlecht, wenn man
bedenkt, wie viel wir arbeiten. Ich dachte, das Archiv sei unsere st�rkste
Seite. Die Akten sind in tadellosem Zustand. Soviel ich wei�, ist das
Verzeichnis unserer Aufkl�rungsobjekte einfach einmalig. Das ist alles Adrians
Verdienst, oder nicht? Aber wenn Sie sich Sorgen machen, reden Sie doch mit
Adrian selbst dar�ber.�</p><p>�Aber
nein. So wichtig ist es auch wieder nicht.� Carol brachte den Tee herein.
Woodford trank aus einer riesigen Steingut-Tasse, die sein Monogramm trug, in
gro�en, erhabenen Buchstaben, wie die Glasur auf einer Torte. W�hrend Carol
die Kanne hinstellte, sagte sie: �Wilf Taylor ist tot.�</p><p>�Ich bin
schon seit eins hier�, log Avery, �und habe mich damit befa�t. Wir haben die
ganze Nacht gearbeitet.�</p><p>�Der Direktor ist ganz au�er
Fassung�, sagte sie. �Wie war seine Frau, Carol?� Carol war ein gut angezogenes
M�dchen, vielleicht etwas gr��er als Sarah. �Niemand hat sie je zu Gesicht
bekommen.� Sie verlie� das Zimmer, wobei Woodford ihr nachsah. Er nahm die
Pfeife aus dem Mund und grinste. Avery wu�te, da� er jetzt gleich eine
Bemerkung dar�ber machen w�rde, wie es w�re, mit Carol zu schlafen, und das
ekelte ihn pl�tzlich an.</p><p>�Diese
Tasse hat wirklich Ihre Frau gemacht, Bruce?� fragte er schnell. �Sie soll im
T�pfern ganz gro� sein.�</p><p>�Die
Untertasse auch�, sagte Woodford. Er begann von den Kursen zu erz�hlen, die
seine Frau besuchte, und davon, auf welch am�sante Weise das in Wimbledon in
Mode gekommen war, und wie irrsinnig sich seine Frau daf�r begeisterte.</p><p>Fast elf
Uhr: sie konnten h�ren, wie sich die anderen auf dem Gang versammelten.</p><p>�Ich werde
jetzt wohl besser hin�berschauen�, sagte Avery, �ob er schon bereit ist. Die
letzten acht Stunden waren ziemlich schlimm f�r ihn.� Woodford nahm seine
Schale und trank einen Schluck Tee. �Wenn sich die Gelegenheit ergibt�, sagte
er, �erw�hnen Sie beim Chef bitte diese Archivgeschichte, John. Ich m�cht's
nicht gern vor all den anderen anschneiden. Adrian scheint doch ein bi�chen alt
zu werden.�</p><p>�Der Direktor hat jetzt gerade
ziemlich viel andere Sachen im Kopf, Bruce.�</p><p>�Ja, sicherlich.�</p><p>�Er kommt
Haldane nicht gerne in die Quere, wie Sie wissen.�</p><p>An der T�r
seines Zimmers wandte er sich zu Woodford um und fragte: �Erinnern Sie sich
daran, ob es mal einen Mann namens Malherbe in der Organisation gegeben hat?�</p><p>Woodford
erstarrte. �Du meine G�te, nat�rlich. Junger Kerl wie Sie, w�hrend des Krieges.
Guter Gott!� Dann sagte er sehr ernst, aber nicht in seinem �blichen Ton: �Vor
dem Chef erw�hnen Sie diesen Namen besser nicht. Die Sache mit dem jungen
Malherbe hat ihn m�chtig mitgenommen. Er war einer von den Spezialpiloten.
Wissen Sie, die beiden standen einander wirklich sehr nahe.�</p><p>Bei
Tageslicht machte Leclercs Zimmer nicht so sehr den Eindruck von Unordnung,
sondern mehr den eines Provisoriums. Man konnte glauben, es sei von seinem
Inhaber hastig requiriert worden, als er gerade unter gro�em Zeitdruck stand
und nicht wu�te, wie lange er w�rde bleiben m�ssen. �ber zwei B�cken lag eine
Tischplatte, und darauf waren nicht drei oder vier, sondern gleich Dutzende von
Landkarten verstreut - einige von ihnen in einem Ma�stab, der sogar Stra�en und
Geb�ude erkennen lie�. An einer Wandtafel hingen die Papierstreifen aus einem
Telegrafenapparat. Sie waren auf rosa B�gen geklebt und wurden von einer gro�en
Metallklemme gehalten, wie die Korrekturfahnen in einer Druckerei. In einer
Ecke war das Bett aufgestellt worden, auf dem ein �berwurf lag. Neben dem
Waschbecken hing ein frisches Handtuch. Der Schreibtisch - ein graues
Beh�rdenstahlm�bel - war neu. Die W�nde waren schmutzig. Da und dort war die
helle Farbe abgebl�ttert und darunter kam ein dunkles Gr�n zum Vorschein. Es
war ein kleiner, rechteckiger Raum mit Vorh�ngen aus den Best�nden der
staatlichen Geb�udeverwaltung. Wegen dieser Vorh�nge hatte es gr��ere
Auseinandersetzungen um die Frage gegeben, welchem Verwaltungsdienstgrad die
Stellung Leclercs entsprach. Avery konnte sich an diesen Streit als die einzige
Gelegenheit erinnern, bei der Leclerc sich etwas um die Verbesserung seines
Zimmers bem�ht hatte. Das Kaminfeuer war fast ganz heruntergebrannt. An manchen
Tagen, wenn es sehr windig war, wollte das Feuer �berhaupt nicht brennen, und
immer konnte Avery in seinem Nebenzimmer das Rieseln des Ru�es im Schornstein
h�ren. Avery sah zu, wie die anderen hereinkamen. Zuerst Woodford, dann
Sandford, Dennison und McCulloch. Sie alle wu�ten bereits, was mit Taylor
passiert war. Avery konnte sich leicht vorstellen, wie die Neuigkeit die Runde
durch die einzelnen Abteilungen gemacht hatte - keineswegs als gro�e
Schlagzeile, sondern als kleine, erfreuliche Sensation, die von Zimmer zu Zimmer
weiterwanderte und der Tagesarbeit Glanz verlieh, so wie sie diesen M�nnern
hier Glanz verliehen hatte und den gleichen vor�bergehenden Optimismus, den man
bei einer Gehaltserh�hung empfindet. Sie w�rden nun Leclerc beobachten wie
Gefangene ihren W�rter. Seine gew�hnliche Verhaltensweise war ihnen nur allzu
vertraut, aber jetzt warteten sie darauf, da� er seine Routine aufgab. In der
ganzen Organisation gab es keinen einzigen Menschen, der nicht gewu�t h�tte,
da� man Leclerc und Avery mitten in der Nacht herausgeklingelt hatte, und da�
der Chef in seinem B�ro schlafen w�rde.</p><p>Sie lie�en
sich am Tisch nieder und stellten, wie es Kinder beim Essen tun, ihre Tassen
klappernd vor sich ab. Leclerc sa� am Kopfende des Tisches, die anderen an den
L�ngsseiten. Der Stuhl am entgegengesetzten Ende blieb leer. Dann kam Haldane
herein, und kaum hatte Avery ihn erblickt, wu�te er, da� es zwischen ihm und
Leclerc einen Kampf geben w�rde. Haldane sah auf den leeren Stuhl und sagte:
�Der zugigste Platz ist f�r mich, wie ich sehe.� Avery stand auf, aber Haldane
hatte sich schon gesetzt. �Lassen Sie nur, Avery, ich bin sowieso schon
krank.� Er hustete, wie er es das ganze Jahr �ber tat. Offenbar konnte ihm
nicht einmal das Sommerwetter helfen, denn er hustete zu allen Jahreszeiten.
Die anderen f�hlten sich unbehaglich. Woodford nahm sich einen Keks. Haldane
warf einen Blick auf das Feuer. �Das ist das Beste, was die Geb�udeverwaltung
bieten kann?� fragte er.</p><p>�Es liegt
am Regen�, sagte Avery. �Der Regen vertr�gt sich nicht mit dem Feuer. Pine hat
schon irgendwas unternommen, aber das hat es nicht besser gemacht.�</p><p>�Ach.�</p><p>Haldane
war ein hagerer Mann mit langen, nerv�sen Fingern, ein in sich verschlossener
Mensch mit langsamen Gesten, beweglichen Gesichtsz�gen, sch�tterem Haar,
mager, streits�chtig und trocken. Ein Mann, der anscheinend auf alles und jeden
voller Verachtung herabsah, seine eigene Zeiteinteilung hatte und keinen
fremden Rat annahm. Ein Mann, dessen Leidenschaft dem L�sen von
Kreuzwortr�tseln und dem Sammeln von Aquarellen aus dem 19. Jahrhundert
geh�rte.</p><p>Carol
brachte einen Sto� Akten und Karten herein und legte ihn auf Leclercs
Schreibtisch, der im Gegensatz zu dem Rest des Zimmers sehr aufger�umt war. Es
gab eine Minute peinlicher Stille, bis sie wieder hinausgegangen war. Nachdem
die T�r wieder sicher geschlossen war, fuhr sich Leclerc mit der Hand vorsichtig
�ber sein schwarzes Haar, als sei es ihm irgendwie fremd.</p><p>�Taylor
ist get�tet worden. Sie haben inzwischen alle davon geh�rt. Er wurde vergangene
Nacht in Finnland get�tet, wo er unter einem falschen Namen unterwegs war.� Es
fiel Avery auf, da� er den Namen Malherbe nie erw�hnte. �Einzelheiten wissen
wir nicht. Es sieht so aus, als h�tte man ihn �berfahren. Ich habe Carol
gesagt, sie solle herumerz�hlen, da� es ein Unfall war. Ist das klar?� Sie
sagten ja, es sei v�llig klar. �Er war unterwegs, um von. von einem skandinavischen
Kontaktmann einen Film in Empfang zu nehmen. Sie wissen, wen ich meine.
Normalerweise schicken wir ja keine Kuriere in den Einsatz, aber dieser Fall
war etwas Besonderes. Wirklich ein ganz besonderer Fall. Ich glaube, da� mir
Adrian das best�tigen kann.� Mit offenen H�nden machte er eine Bewegung nach
oben, wobei sich seine Handgelenke aus den Manschetten befreiten. Er legte
Handfl�chen und Finger senkrecht aufeinander; ein Gebet um Haldanes
Unterst�tzung.</p><p>�Besonderes?�
wiederholte Haldane langsam. Die Stimme war so d�nn und scharf wie der ganze
Mann. Sie war kultiviert, aber ohne Ausdruck und ohne Gef�hl. Er war um seine
Stimme zu beneiden. �Es war anders. Ja. Nicht zuletzt deshalb, weil Taylor
starb.� Dann bemerkte er trocken: �Wir h�tten ihn niemals schicken sollen.
Niemals. Wir haben einen der wichtigsten Grunds�tze der Geheimdienstarbeit
verletzt. Wir benutzten einen Mann aus dem &gt;offenen&lt; Dienst f�r einen
geheimen Auftrag. Damit will ich nicht sagen, da� es �berhaupt noch eine
geheime Seite in unserer Organisation gibt.�</p><p>�Wollen
wir das Urteil dar�ber nicht unseren Meistern �berlassen?� schlug Leclerc
zimperlich vor. �Schlie�lich werden Sie zugeben m�ssen, da� wir t�glich vom
Ministerium gedr�ngt werden, Ergebnisse vorzulegen.� Er wandte sich erst nach
rechts, dann nach links zu den seitlich am Tisch Sitzenden, um sie wie
Aktion�re an dem Gespr�ch zu beteiligen: �Es ist an der Zeit, da� Sie die
Einzelheiten erfahren. Es handelt sich um ein Thema, das der h�chsten
Geheimhaltung unterliegt. Ich bitte Sie, das zu bedenken. Ich schlage vor, das
Wissen auf die Abteilungsleiter zu beschr�nken. Bisher war nur Adrian Haldane
und ein oder zwei Leute aus seiner Auswertungsabteilung damit befa�t. Und John
Avery als mein Assistent. Ich m�chte betonen, da� der uns verwandte Dienst
auch nicht das geringste davon wei�. Nun zu unseren eigenen Vorkehrungen. Das
Unternehmen hat den Decknamen Mayfly.� Er sprach abgehackt, mit wirkungsvoller
Stimme. �Es gibt f�r die Bearbeitung dieses Falles nur eine Akte, die jeden
Abend an mich pers�nlich zur�ckzugeben ist, oder - wenn ich nicht da bin - an
Carol. Eine Kopie ist f�r das Archiv. Wir haben dieses System w�hrend des
Krieges f�r Einsatz-Akten gehabt, und ich glaube, alle sind damit vertraut. Es
ist das System, das wir in Zukunft anwenden. Ich werde Carols Namen auf die
Liste der Berechtigten setzen.� Woodford deutete mit seiner Pfeife auf Avery
und sch�ttelte den Kopf: der junge John nicht, der war noch nicht mit dem
System vertraut. Sandford, der neben Avery sa�, erkl�rte es ihm. Die Archivakte
wurde im Verschl�sselungsraum aufbewahrt, und es war verboten, sie von dort
wegzunehmen. Alle neuen Vorg�nge waren sofort in dieser Akte abzuheften. Die
Berechtigungsliste war das Verzeichnis aller Personen, die befugt waren, darin
zu lesen. Die Verwendung von Klammern war untersagt, alle Bl�tter hatten fest
eingeheftet zu werden. Die Tischrunde blickte selbstgef�llig auf Avery.</p><p>Sandford
leitete die Verwaltung. Er war ein v�terlicher Mann mit goldgefa�ter Brille,
der auf einem Motorrad ins B�ro fuhr. Leclerc hatte ihn deswegen einmal ohne
besonderen Grund zurechtgewiesen, und er stellte es weiter unten in der Stra�e
ab, gegen�ber dem Krankenhaus.</p><p>�Nun zu
unserem Unternehmen�, sagte Leclerc. Die d�nne Linie seiner zusammengelegten
H�nde teilte sein strahlendes Gesicht. Nur Haldane sah ihn nicht an, seine
Augen waren zum Fenster gewandt. Drau�en fiel der Regen sacht gegen die
H�user, wie Fr�hlingsregen in einem dunklen Tal. Leclerc stand unvermittelt
auf und ging zu der Wandkarte von Europa hin�ber. Auf ihr waren kleine F�hnchen
eingesteckt. W�hrend er sich auf die Zehen stellte und mit ausgestrecktem Arm
die n�rdliche Hemisph�re zu erreichen versuchte, sagte Leclerc: �Wir haben
hier einen kleinen Punkt, der uns �rger mit den Deutschen macht.� Kurzes
Gel�chter. �In der Gegend s�dlich Rostocks. Es ist ein Fleck mit dem Namen
Kalkstadt, hier, sehen Sie?� Sein Finger war der Ostseek�ste
Schleswig-Holsteins gefolgt, nach Osten gefahren und hielt nun ein oder zwei
Fingerbreit neben Rostock.</p><p>�Um es mit
einem Satz zu sagen: es gibt drei Anhaltspunkte, die den Verdacht nahelegen -
ich k�nnte nicht sagen, da� sie ihn best�tigen -, da� dort in Beziehung auf
milit�rische Anlagen etwas Gro�es vor sich geht.�</p><p>Er wandte
sich um und sah seine Zuh�rer an. Er gedachte, seinen Vortrag dort neben der
Landkarte zu halten, um damit zu zeigen, da� er jede Einzelheit im Kopf hatte und
nicht auf die Papiere an seinem Platz angewiesen war.</p><p>�Der erste
Hinweis kam vor genau einem Monat, als wir den Bericht unseres Hamburger
Vertreters Jimmy Gorton erhielten.�</p><p>Woodford
grinste: gro�er Gott, der alte Jimmy war noch immer im Gesch�ft?</p><p>�In der
N�he von L�beck war ein ostdeutscher Fl�chtling her�bergekommen. Er war durch
die Trave geschwommen. Ein Eisenbahner aus Kalkstadt. Er ging zu unserem
Konsulat und wollte Informationen �ber eine Raketenbasis bei Rostock verkaufen.
Ich brauche nicht zu sagen, da� ihn das Konsulat hinauswarf. Da uns das
Ausw�rtige Amt nicht einmal die M�glichkeit gibt, seinen Kurierdienst
mitzubenutzen� - ein d�nnes L�cheln -, �kann man kaum erwarten, da� es uns
durch den Ankauf milit�rischer Nachrichten unterst�tzt.� Der Witz wurde mit
fr�hlichem Murmeln belohnt. �Wie dem auch sei. Durch einen gl�cklichen Zufall
h�rte Gorton von dem Mann und fuhr nach Flensburg, um mit ihm zu reden.� Diese
Gelegenheit konnte Woodford nicht verstreichen lassen. �Flensburg? War das nicht
der Ort, den wir 41 als deutsches U-Bootnest ausgemacht hatten?� In Flensburg
hatte es ein gro�es Spektakel gegeben.</p><p>Leclerc
nickte nachsichtig zu Woodford hin�ber, als sei auch er von dieser Erinnerung
am�siert. �Der arme Mensch war schon bei jeder alliierten Dienststelle in
Norddeutschland gewesen, ohne da� auch nur einer auf ihn h�tte h�ren wollen.
Jimmy Gorton hat mit ihm geplaudert.�</p><p>Leclercs
Art, die Dinge zu beschreiben, legte die Vermutung nahe, da� Jimmy Gorton der
einzige intelligente Mensch unter lauter Narren war. Jetzt ging Leclerc zu
seinem Schreibtisch hin�ber, nahm aus der silbernen Dose eine Zigarette,
z�ndete sie an, und griff dann nach einem Aktendeckel, auf dem ein dickes rotes
Kreuz leuchtete. Ger�uschlos legte er den Band vor sie auf den Tisch. �Das ist
Jimmys Bericht. Es ist auch f�r hohe Anspr�che eine erstklassige Arbeit.� Die
Zigarette sah zwischen seinen Fingern besonders lang aus. Ohne Zusammenhang
f�gte er hinzu: �Der Name des Verr�ters war Pritsche.�</p><p>�Verr�ter?�
warf Haldane schnell ein. �Der Mann ist ein kleiner Fl�chtling, ein
Eisenbahner. Gew�hnlich sagen wir von derartigen Leuten nicht, da� sie <emphasis>Verrat </emphasis>begehen.�</p><p>�Der Mann
ist nicht nur Eisenbahner�, sagte Leclerc rechtfertigend, �sondern versteht
auch etwas von Maschinen und Fotografie.�</p><p>McCulloch
schlug die Akte auf und begann methodisch, die einzelnen Bl�tter umzuwenden.
Sandford sah ihm durch seine goldgefa�te Brille dabei zu. �Am 1. oder 2.
September - wir wissen das nicht genau, weil sich der Mann nicht mehr daran
erinnern kann - machte er zuf�llig Doppelschicht in den Lagerschuppen von
Kalkstadt. Einer seiner Kollegen war krank. Er hatte von sechs Uhr morgens bis
zw�lf Uhr mittags zu arbeiten, und dann von vier Uhr nachmittags bis zehn Uhr
abends. Als er zur Arbeit kam, waren am Bahnhofseingang ein Dutzend Vopos. Es
gab keinen Personenverkehr. Man pr�fte seine Papiere anhand einer Liste und
befahl ihm, sich von den Lagerschuppen am �stlichen Ende des Bahnhofes fernzuhalten.�
Leclerc setzte bedachtsam hinzu: �Man sagte ihm, er riskiere - falls er den
Schuppen nahe k�me -, erschossen zu werden.� Das machte Eindruck. Woodford
sagte, so etwas sei f�r die Deutschen typisch.</p><p>�Es sind
die Russen, gegen die wir k�mpfen�, warf Haldane ein.</p><p>�Er ist
ein komischer Vogel. Anscheinend hat er mit ihnen gestritten. Er sagte ihnen,
da� er mindestens so zuverl�ssig sei wie sie selbst, ein guter Deutscher und
Parteimitglied. Er zeigte ihnen seinen Eisenbahnerausweis, Bilder von seiner
Frau und Gott wei� was noch. Es half nat�rlich nichts, weil sie ihm nur befahlen,
die Anweisungen zu befolgen und von den Schuppen wegzubleiben. Irgendwie
scheint er ihnen aber gefallen zu haben, denn als sie sich um zehn Uhr eine
Suppe machten, riefen sie ihn her�ber und boten ihm eine Tasse voll an. Bei der
Suppe fragte er sie, was eigentlich los sei. Sie waren zugekn�pft, aber er
konnte sp�ren, da� sie aufgeregt waren. Dann passierte etwas.� Leclerc fuhr
fort: �Etwas sehr Wichtiges. Einer von den J�ngeren platzte heraus, was auch
immer in dem Schuppen sei, sie k�nnten damit die Amerikaner innerhalb von
Stunden aus Westdeutschland hinausjagen. Im selben Augenblick kam ein Offizier
und schickte ihn an seine Arbeit zur�ck.� Haldane lie� ein tiefes,
hoffnungsloses Husten h�ren, das wie ein Echo in einem uralten Gew�lbe klang.
Was f�r ein Offizier, fragte jemand, deutsch oder russisch?</p><p>�Deutsch.
Das ist das Interessante daran. Russen waren �berhaupt keine dort.�</p><p>�Der
Fl�chtling hat keine gesehen�, unterbrach Haldane scharf. �Das ist alles, was wir
wissen. Wir wollen doch genau bleiben.� Wieder hustete er. Es war sehr st�rend.</p><p>�Wie du
willst. - Er ging nach Hause und a� zu Mittag. Er war ziemlich �rgerlich, da�
er in seinem eigenen Bahnhof von ein paar jungen Kerlen, die gerade Soldaten
spielten, herumkommandiert wurde. Er trank ein paar Gl�ser Schnaps und gr�belte
�ber die Lagerschuppen nach. - Adrian, falls dir dein Husten zu schaffen
macht.?� Haldane sch�ttelte den Kopf. �Dann fiel ihm ein, da� der Schuppen an
seiner Nordseite an eine alte H�tte stie� und da� in der Trennwand ein
Ventilator eingelassen war. Er bekam Lust, einmal durch diesen Ventilator in
den Schuppen zu schauen. Um sich sozusagen an den Vopos zu r�chen.�</p><p>Woodford
lachte.</p><p>�Dann
beschlo� er, noch weiter zu gehen. Er w�rde durch den Ventilator fotografieren,
was immer in dem Schuppen versteckt sein mochte.�</p><p>�Er mu�
verr�ckt gewesen sein�, bemerkte Haldane. �Ich kann das nicht verstehen.�</p><p>�Verr�ckt
oder nicht: das hatte er jedenfalls vor. Er war zornig, weil sie ihm nicht vertrauen
wollten. Er fand, da� er ein Recht darauf hatte, zu wissen, was in dem Schuppen
war. Er hatte eine Exa-Zwei, eine Spiegel-Reflex-Kamera mit einer Linse, ein
ostdeutsches Produkt. Es hat ein billiges Geh�use, kann aber mit allen
Zusatzobjektiven der Exakta verwendet werden. Nat�rlich hat es viel weniger
Belichtungszeiten als die Exakta.� Er blickte fragend zu den Technikern
Dennison und McCulloch. �Hab ich recht, meine Herren? - Sie m�ssen mich
korrigieren.� Sie grinsten d�mmlich, denn da war nichts zu korrigieren. �Er
hatte ein gutes Weitwinkelobjektiv. Die Schwierigkeit war nur das Licht. Seine
Schicht begann erst wieder um vier, wenn es schon d�mmrig werden w�rde. Dann
w�re noch weniger Licht in der Halle. Er besa� einen schnellen Agfa-Film, den er
sich f�r irgendeine besondere Gelegenheit aufgehoben hatte. Seine Empfindlichkeit
war 26 DIN. Er entschlo� sich, diesen Film zu nehmen.� Leclerc machte eine
Pause - mehr der Wirkung halber, als um Zeit f�r Fragen zu lassen. Haldane
fragte: �Warum hat er nicht bis zum n�chsten Tag gewartet?�</p><p>Aber
Leclerc �berh�rte das. �In diesem Bericht werden Sie eine umfassende
Darstellung Gortons finden, wie der Mann in die H�tte gelangte, sich auf ein
�lfa� stellte und die Bilder durch den Ventilator scho�. Ich werde das jetzt
nicht alles wiederholen. Er verwendete die weiteste Blende, n�mlich zwo-acht,
und scho� mit verschiedenen Belichtungszeiten zwischen einer F�nfundzwanzigstel
und zwo Sekunden. Ein begr��enswertes Beispiel deutscher Sorgfalt.� Niemand
lachte. �Die Belichtungszeiten waren nat�rlich gesch�tzt. Nur die letzten drei
Bilder zeigen irgend etwas. Hier sind sie.�</p><p>Leclerc
sperrte das Stahlfach seines Schreibtisches auf und nahm einen Sto� gro�er
Hochglanzfotos heraus. Dabei l�chelte er ein wenig, wie ein Mann, der sein
eigenes Spiegelbild betrachtet. Alle dr�ngten sich um ihn, au�er Haldane und
Avery, die die Bilder schon vorher gesehen hatten. Etwas war da.</p><p>Man konnte
es beim fl�chtigen Hinschauen sehen: etwas verbarg sich zwischen den
zerflie�enden Schatten. Sah man jedoch genauer hin, dann schlo� sich das
Dunkel wieder und verschluckte die schwachen Konturen. Und doch war da etwas:
die verwischten Umrisse eines Kanonenrohres, das aber spitz zuzulaufen schien
und viel zu lang f�r seine Lafette war; es war da etwas wie ein
Transportfahrzeug, ein leichter Schimmer, der von einer Rampe h�tte stammen k�nnen.</p><p>�Ohne
Zweifel w�rden sie Planen dar�bergezogen haben�, kommentiere Leclerc, w�hrend
er ihre Gesichter in der Hoffnung studierte, etwas Zuversicht darin aufkeimen
zu sehen.</p><p>Avery sah
auf seine Uhr. Es war zwanzig Minuten nach elf. �Ich werde jetzt bald gehen
m�ssen, Herr Direktor�, sagte er. Noch immer hatte er Sarah nicht angerufen.
�Ich mu� wegen meines Flugtickets noch in die Buchhaltung.�</p><p>�Nur noch
zehn Minuten�, sagte Leclerc bittend, und Haldane fragte: �Wohin f�hrt er?�</p><p>�Er mu�
sich um Taylor k�mmern. Vorher hat er noch eine Verabredung im Rondell.�</p><p>�Was
meinst du mit &gt;k�mmern&lt;? Taylor ist tot.�</p><p>Betretenes
Schweigen.</p><p>Dann
erwiderte Leclerc: �Du wei�t genau, da� Taylor unter falschem Namen unterwegs
war. Jemand mu� seine Habseligkeiten abholen, den Film aufst�bern.</p><p>Avery
f�hrt als n�chster Verwandter. Das Ministerium hat es schon genehmigt. Es war
mir nicht klar, da� ich auch deine Zustimmung brauche.�</p><p>�Um die
Leiche zu �bernehmen?�</p><p>�Den Film
zu bekommen�, zischte Leclerc.</p><p>�Das ist
eine Einsatz-Arbeit. Avery hat keine �bung.�</p><p>�Im Krieg
waren sie alle j�nger, als er ist. Er kann sehr gut auf sich selbst aufpassen.�</p><p>�Taylor
konnte es nicht. Was wird er unternehmen, sobald er den Film hat: ihn in seinem
Waschbeutel nach Hause bringen?�</p><p>�K�nnen
wir das anschlie�end besprechen?� meinte Leclerc und wandte sich wieder an die
anderen, wobei er ihnen geduldig zul�chelte, als wolle er damit sagen, da� man
eben R�cksicht auf den alten Adrian nehmen m�sse.</p><p>�Bis vor
zehn Tagen war das alles, auf das wir uns st�tzen konnten. Dann aber gab es den
zweiten Hinweis. Das Gebiet um Kalkstadt war zum Sperrgebiet erkl�rt worden.�
Aufgeregtes, sehr interessiertes Murmeln. �Im Umkreis von - soweit wir
feststellen k�nnen - drei�ig Kilometern. V�llig abgeschlossen, gesperrt f�r
jeden Verkehr. Sie zogen sogar Grenzschutzeinheiten zusammen.� Er �berflog die
Gesichter in der Runde. �Zu diesem Zeitpunkt informierte ich den Minister.
Nicht einmal Ihnen hier kann ich alle Zusammenh�nge erkl�ren. Aber lassen Sie
mich eines erw�hnen.�</p><p>Den letzten Satz hatte er schnell
hervorgesto�en, wobei er mit einer ruckartigen Bewegung die kleinen H�rner
seines graumelierten Haares, die �ber seinen Ohren wuchsen, zur�ckstrich.
Haldane war vergessen.</p><p>�Was uns
von Anfang an wunderte� - er wies mit dem Kopf auf Haldane, eine
entgegenkommende Geste im Augenblick des Sieges, die Haldane aber nicht zur
Kenntnis nahm -, �war die Abwesenheit sowjetischer Truppen. Sie haben
Einheiten in Rostock, Wismar, Schwerin.� Sein Finger wies auf die F�hnchen.
�Aber keine - und das wird von anderen Agenturen best�tigt - in der
unmittelbaren Umgebung von Kalkstadt. Wenn es dort wirklich Waffen gibt, Waffen
von hoher Zerst�rungskraft, weshalb sind dann nicht auch sowjetische Truppen
dort?� McCulloch �u�erte eine Vermutung: K�nnten nicht Techniker dort sein,
sowjetische Ingenieure in Zivil?</p><p>�Das halte
ich f�r unwahrscheinlich.� Ein zur�ckhaltendes L�cheln. �In vergleichbaren
F�llen, bei denen taktische Waffen transportiert wurden, haben wir immer
mindestens eine sowjetische Einheit identifiziert. Andererseits: vor etwa f�nf
Wochen sind tats�chlich einige russische Soldaten in Gutsweiler gesehen worden.
Das liegt etwas weiter s�dlich.� Er stand wieder an der Landkarte. �Sie blieben
f�r eine Nacht in einem Gasthaus. Ein paar hatten Artillerie-Abzeichen, manche
hatten nicht einmal Schulterst�cke. Am n�chsten Morgen zogen sie sehr fr�h ab,
Richtung S�den. Man k�nnte den Schlu� daraus ziehen, da� sie etwas gebracht
hatten, das sie bei ihrem Abmarsch dort lie�en.�</p><p>Woodford
wurde unruhig. Worauf sollte das alles hinauslaufen, wollte er wissen, was
hielt man im Ministerium davon? F�r das L�sen von R�tseln hatte er keine
Geduld.</p><p>Leclerc
schaltete auf seinen belehrenden Ton um, der keinen Widerstand duldete:
Tatsachen sind Tatsachen, und �ber Tatsachen l��t sich nicht streiten. �Die
Auswertung hat gro�artig gearbeitet. Die Gesamtl�nge der auf diesen Bildern
gezeigten Objekte - und so etwas k�nnen sie sehr genau feststellen - entspricht
den Ma�en der sowjetischen Mittelstreckenraketen. Auf Grund der vorliegenden
Informationen� - er klopfte mit den Kn�cheln leicht auf die Karte, was sie in
seitw�rts schwingende Bewegung versetzte, �h�lt es das Ministerium nicht f�r
ausgeschlossen, da� wir es mit sowjetischen Raketen zu tun haben, die Ostdeutschland
zur Verf�gung gestellt worden sind.� Schnell setzte er hinzu: �Unsere
Auswertung ist nicht bereit, so weit zu gehen. Nun, wenn sich die Ansicht des
Ministeriums durchsetzen w�rde, das hei�t, wenn sie recht h�tten, dann st�nden
wir vor einer Situation wie� - das war sein gro�er Augenblick - �in Kuba! Die
gleiche Situation wie in Kuba, nur� - er versuchte seiner Stimme einen
Entschuldigung heischenden Unterton zu geben, um es m�glichst nebens�chlich
klingen zu lassen -�noch viel gef�hrlicher.� Damit hatte er sie gefangen.</p><p>�In diesem
Stadium�, erkl�rte Leclerc, �f�hlte sich das Ministerium berechtigt, eine
�berfliegung des Gebietes zu genehmigen. Wie Sie wissen, hat sich unsere
Organisation w�hrend der letzten vier Jahre mit Luftaufnahmen begn�gen m�ssen,
die auf den offiziellen zivilen und milit�rischen Luftverkehrsstrecken gemacht
worden waren. Sogar dazu brauchten wir die Erlaubnis des Ausw�rtigen Amtes.� Er
schweifte ab: �Ja, es war wirklich zu schade.� Seine Augen schienen etwas zu
suchen, das nicht mehr innerhalb dieses Raumes lag. Die anderen beobachteten
ihn gespannt, sie warteten, da� er fortfuhr.</p><p>�Diesmal
war das Ministerium bereit, die Entscheidungsgewalt abzugeben. Und ich bin
froh, Ihnen sagen zu d�rfen, da� die Aufgabe, dieses Unternehmen
durchzuf�hren, unserer Organisation �bertragen wurde. Wir w�hlten den besten
Piloten, den es in unseren Listen gibt: Lansen.� Jemand in der Runde sah erstaunt
auf. Die Namen von Agenten wurden nie in dieser Form ausgesprochen. �Lansen
nahm es gegen Honorar auf sich, w�hrend eines Charterfluges von D�sseldorf nach
Finnland vom Kurs abzuweichen. Taylor wurde entsandt, den Film
entgegenzunehmen. Er starb auf dem Flugplatz. Ein Verkehrsunfall, wie es
scheint.�</p><p>Von
drau�en kam das Ger�usch der im Regen vorbeifahrenden Autos herein, und es
klang wie das Rascheln von im Wind bewegtem Papier. Das Feuer war erloschen.
Nur der Rauch war geblieben und hing wie eine Wolke �ber dem Tisch.</p><p>Sandford
hatte die Hand gehoben. Welche Art Rakete sollte das angeblich sein?</p><p>�Eine Sandal, mittlere Reichweite.
Die Auswertung sagte mir, sie sei �ffentlich zum erstenmal im November 1962
auf dem Roten Platz gezeigt worden. Seither hat sie eine gewisse Ber�hmtheit
erlangt. Es waren Sandal-Raketen, die von den Russen in Kuba installiert
wurden. Die Sandal ist au�erdem� - ein kurzer Blick zu Woodford -�ein direkter
Nachkomme der im Krieg von den Deutschen ben�tzten V 2.� Er holte von seinem
Schreibtisch einige andere Fotos und legte sie auf den Tisch.</p><p>�Hier ist
ein Foto der Sandal-Rakete aus unserer Auswertungsabteilung. Man sagte mir, ihr
typisches Merkmal sei das, was man als Zackeng�rtel bezeichnen k�nnte� - er
deutete auf ein Gebilde am unteren Ende des Geschosses - �und die kleinen
Flossen. Sie ist rund zw�lf Meter lang. Wenn Sie es genau betrachten, k�nnen
Sie die Rillen neben der F�hrungsleiste sehen - genau hier -, durch die der
Schutz�berzug in seiner richtigen Lage festgehalten wird. Ironischerweise
haben wir kein Foto zur Verf�gung, das die Sandal in ihrem Schutz�berzug zeigt.
Vielleicht haben die Amerikaner eines, aber ich sehe mich im augenblicklichen
Stadium nicht in der Lage, sie daraufhin anzusprechen.�</p><p>Woodford
reagierte schnell und pflichtete ihm bei: nat�rlich nicht.</p><p>�Der
Minister war besorgt, da� wir sie nicht voreilig alarmieren. Die Amerikaner
reagieren ja schon beim kleinsten Hinweis auf Raketen in der h�rtesten Weise.
Ehe wir �berhaupt wissen, wo sie sind, werden sie schon ihre U 2 �ber Rostock
fliegen lassen.� Vom Gel�chter der anderen ermutigt, fuhr Leclerc fort: �Der
Minister machte noch eine Bemerkung, die ich Ihnen nicht vorenthalten m�chte.
Das Land, das von den Raketen am meisten bedroht ist, k�nnte - da sie eine
Reichweite von zw�lfhundert Kilometern haben - sehr wohl unser eigenes sein.
Sicherlich aber ist es nicht Amerika. Politisch gesehen, w�re es jetzt ein sehr
ung�nstiger Augenblick, unsere K�pfe in den Sch�rzenzipfel Amerikas zu
verstecken. Schlie�lich haben wir - es der Minister ausdr�ckt - noch immer ein
oder zwei eigene Z�hne.�</p><p>Haldane
sagte sarkastisch: �Das ist ein k�stlicher Vergleich�, und Avery wandte sich
ihm mit dem bisher unterdr�ckten Zorn zu.</p><p>�Sie waren schon witziger�, sagte
er und f�gte beinahe hinzu: Haben Sie doch etwas Mitleid! Haldanes Blick hielt
Avery einen Augenblick gefangen, ehe er ihn freigab: dieser Versto� war ihm
nicht vergeben, nur die S�hne war auf sp�ter vertagt. Jemand fragte, was als
n�chster Schritt geplant sei, falls Avery den Film Taylors nicht finden w�rde.
Angenommen, er war einfach nicht mehr vorhanden? K�nnten sie das Gebiet noch
einmal �berfliegen lassen? �Nein�, sagte Leclerc. �Noch eine �berfliegung steht
au�erhalb jeder Debatte. Viel zu gef�hrlich. Wir werden etwas anderes
versuchen m�ssen.� Weiter schien er noch nicht gehen zu wollen, aber Haldane
fragte: �Und was zum Beispiel?�</p><p>�Wir werden wohl einen Mann
hineinschicken m�ssen. Das scheint die einzige M�glichkeit zu sein.�</p><p>�Diese Organisation hier?� fragte
Haldane voll Unglauben. �Einen Mann hineinschicken? Das Ministerium wird so
was niemals zulassen. Du meinst damit doch sicher, da� du das Rondell darum
bitten wirst?�</p><p>�Ich habe dir die Lage bereits
erkl�rt, Adrian. Du willst doch nicht etwa behaupten wollen, da� wir es nicht
machen k�nnten?� Er sah sich herausfordernd in der Tischrunde um. �Jeder von
uns hier, ausgenommen der junge Avery, ist seit zwanzig Jahren in diesem
Gesch�ft. Du pers�nlich hast schon mehr �ber Agenten vergessen, als die
meisten Leute im Rondell jemals gewu�t haben.�</p><p>�H�rt!
H�rt!� rief Woodford.</p><p>�Denk an
deine eigene Abteilung, Adrian, denk an die Auswertung: w�hrend der letzten
f�nf Jahre mu� es ein halbes Dutzend Gelegenheiten gegeben haben, bei denen das
Rondell zu dir gekommen ist, um deinen Rat einzuholen, von deinen
Einrichtungen und Erfahrungen zu profitieren. Es k�nnte der Tag kommen, da sie
sich auch auf unsere Agenten st�tzen! Das Ministerium hat uns eine �berfliegung
genehmigt. Weshalb nicht auch einen Agenten?�</p><p>�Du hast
noch einen dritten Hinweis erw�hnt. Ich habe nicht verstanden. Was war das?�</p><p>�Taylors
Tod�, sagte Leclerc.</p><p>Avery
stand auf, nickte gr��end und ging auf den Zehenspitzen zur T�r. Haldane
beobachtete ihn, w�hrend er den Raum verlie�.</p><p><strong><emphasis/></strong></p><p><strong><emphasis>5. Kapitel </emphasis></strong></p><p><emphasis/></p><p>Carol
hatte einen Zettel auf seinen Schreibtisch gelegt: �Ihre Frau hat angerufen.�
Er ging in ihr B�ro, wo sie vor ihrer Schreibmaschine sa�, ohne zu schreiben.
�Sie w�rden nicht so �ber den armen Wilf Taylor sprechen, wenn Sie ihn besser
gekannt h�tten�, sagte sie.</p><p>�Nicht
wie? Ich habe �berhaupt nicht von ihm gesprochen.�</p><p>Er
glaubte, sie tr�sten zu m�ssen. Manchmal ber�hrten sie einander, und er
glaubte, sie erwarte das jetzt. Er beugte sich vor, bis er ihre Haarspitzen auf
seiner Wange f�hlte. Als er seinen Kopf an ihre Schl�fe lehnte, sp�rte er ihre
Haut, die sich leicht �ber den flachen Sch�delknochen spannte. Einen Augenblick
verharrten sie in dieser Stellung: Carol sa� mit steifem R�cken und schaute
gerade vor sich hin. Ihre H�nde lagen zu beiden Seiten der Schreibmaschine,
w�hrend Avery sich ungeschickt vorneigte. Er dachte daran, seine Hand unter
ihren Arm zu schieben und ihre Brust zu ber�hren, aber er tat es nicht. Beide zogen
sich sanft zur�ck, trennten sich und waren wieder allein. Avery stand auf.</p><p>�Ihre Frau
hat angerufen�, sagte sie. �Ich sagte ihr, Sie seien in der Konferenz. Sie
m�chte Sie dringend sprechen.�</p><p>�Danke. Ich bin schon unterwegs.�</p><p>�John, was ist los? Was soll das
Ganze mit dem Rondell? Was hat Leclerc vor?�</p><p>�Ich
dachte, Sie w��ten es. Er sagte, er habe Sie auf die Liste gesetzt.�</p><p>�Das meine
ich nicht. Warum l�gt er Sie wieder an? Er hat ein Memorandum f�r Control
diktiert, in dem von irgendeinem Trainingsplan die Rede ist, und da� Sie ins
Ausland fahren. Pine hat es abgeliefert. Leclerc hat sich wie ein Verr�ckter
wegen der Pension von Mrs. Taylor aufgef�hrt, nach Pr�zedenzf�llen gesucht,
und der Himmel wei�, was noch alles. Sogar das Gesuch ist streng geheim. Er
baut wieder eines seiner Kartenh�user, John, ich wei� es. Wer, zum Beispiel,
ist Leiser?�</p><p>�Sie
d�rfen es nicht wissen. Er ist ein Agent, ein Pole.�</p><p>�Arbeitet
er f�rs Rondell?� Sie wechselte ihre Spur. �Also warum fahren <emphasis>Sie? </emphasis>Das ist
ein anderer Punkt, den ich nicht verstehe. Warum mu�te Taylor wegen dieser
Sache fahren? Wenn das Rondell in Finnland Kuriere hat, warum haben wir sie
nicht von allem Anfang an ben�tzen k�nnen? Warum den armen Taylor schicken?
Sogar jetzt noch k�nnte das AA die Sache bereinigen. Ich bin sicher, da� sie
das k�nnten. Er will dem Rondell einfach nicht die M�glichkeit dazu geben: Er
versteift sich darauf, <emphasis>Sie zu </emphasis>schicken.�</p><p>�Sie
verstehen das nicht�, sagte Avery kurz. �Was anderes�, fragte sie, als er sich
zum Gehen wandte. �Warum ha�t Adrian Haldane Sie so sehr?� Er besuchte die
Buchhaltung und nahm dann ein Taxi zum Rondell. Leclerc hatte gesagt, er k�nne
es verrechnen. Er war dar�ber ver�rgert, da� ihn Sarah gerade in einem
solchen Augenblick zu erreichen versuchte. Er hatte ihr verboten, ihn jemals
im B�ro anzurufen. Leclerc war der Meinung, das sei ein Sicherheitsrisiko.</p><p>�Was haben
Sie in Oxford studiert? Es war Oxford, nicht wahr?� fragte Smiley und bot ihm
eine ziemlich zerdr�ckte Zigarette aus einem Zehnerpaket an. �Sprachen.� Avery
klopfte seine Taschen nach einem Streichholz ab. �Deutsch und Italienisch.� Als
Smiley nichts sagte, f�gte er hinzu: �Deutsch im Hauptfach.� Smiley war ein
kleiner, zerstreuter Mann mit dicken Fingern. Er hatte eine d�stere,
ausweichende Art, als f�hle er sich unbehaglich. Was immer Avery erwartet hatte
- das war es nicht.</p><p>�Na ja, na ja.� Smiley nickte sich
selbst zu, ein sehr pers�nlicher Kommentar. �Ich glaube, es handelt sich um
einen Kurier in Helsinki. Sie wollen ihm einen Film �bergeben. Es ist ein
Trainingskurs.�</p><p>�Ja.�</p><p>�Das ist eine h�chst ungew�hnliche
Bitte. Sind Sie sicher... wissen Sie, wie lang der Film ist?�</p><p>�Nein.� Lange Pause.</p><p>�Sie sollten versuchen, das in
Erfahrung zu bringen�, sagte Smiley freundlich. �Ich halte es f�r m�glich, da�
der Kurier ihn verstecken m�chte, wissen Sie.�</p><p>�Tut mir leid.�</p><p>�Ach, das macht nichts.�</p><p>Das Ganze
erinnerte Avery an Sitzungen mit seinem Lehrer in Oxford, bei denen er seine
Aufs�tze vorlas.</p><p>�Vielleicht�,
sagte Smiley nachdenklich, �kann ich Ihnen das eine sagen. Ich bin �berzeugt,
da� Leclerc es schon von Control erfahren hat. Wir wollen Ihnen jede
Unterst�tzung geben, zu der wir f�hig sind - jede m�gliche Unterst�tzung.� Mit
der seltsamen Unaufrichtigkeit, die allen seinen �u�erungen anzuhaften schien,
murmelte er: �Es gab eine Zeit, in der sich unsere Organisationen Konkurrenz
gemacht haben. Ich habe das immer sehr schmerzlich empfunden. Aber ich dachte
mir, Sie k�nnten mir vielleicht ein wenig erz�hlen, nur ein klein wenig...
Control war so erpicht darauf zu helfen. Es w�re uns furchtbar unangenehm,
aus Unwissenheit etwas Falsches zu tun.�</p><p>�Es ist
eine Schulungs�bung. Mit voller Ausr�stung. Ich wei� selbst nichts Genaues
dar�ber.�</p><p>�Wir wollen
helfen�, wiederholte Smiley. �Gegen welches Land ist die Aktion gerichtet,
gegen welches angenommene Land?�</p><p>�Ich wei�
nicht. Ich spiele nur eine kleine Rolle. Es handelt sich um eine �bung.�</p><p>�Aber wenn
es sich um eine �bung handelt, warum dann soviel Heimlichkeit?�</p><p>�Nun ja -
Deutschland�, sagte Avery.</p><p>�Danke.�</p><p>Smiley
schien verlegen zu sein. Er betrachtete seine vor ihm auf dem Schreibtisch
leicht gefalteten H�nde und fragte Avery, ob es noch immer regne. Avery sagte,
ja leider.</p><p>�Es tut mir
leid, das von Taylor geh�rt zu haben�, sagte Smiley. Avery erwiderte, Taylor
sei ein guter Mann gewesen.</p><p>�Wissen
Sie, wann Sie Ihren Film haben werden? Heute abend? Morgen? Leclerc dachte wohl
eher an heute abend, nehme ich an.�</p><p>�Ich wei�
nicht. H�ngt davon ab, wie es l�uft. Ich kann es im Augenblick einfach nicht
sagen.�</p><p>�Nein.� Es
folgte eine lange, grundlose Pause. Er ist wie ein alter Mann, dachte Avery, er
vergi�t, da� er nicht allein ist. �Nein, man mu� mit so vielen Imponderabilien
rechnen. Haben Sie diese Art Arbeit schon einmal gemacht?�</p><p>�Ein- oder
zweimal.�</p><p>Wieder
sagte Smiley nichts und schien die Pause nicht zu bemerken.</p><p>�Wie geht
es denn in der Blackfriars Road? Haldane - kennen Sie den �berhaupt?� Auf eine
Antwort legte Smiley offenbar keinen Wert. �Er leitet jetzt die Auswertung.�</p><p>�Nat�rlich.
Ein guter Kopf. Ihre Auswertung genie�t einen recht guten Ruf, wissen Sie. Wir
selbst haben uns mehr als einmal an sie gewandt. Haldane und ich studierten zur
selben Zeit in Oxford. W�hrend des Krieges arbeiteten wir dann eine Zeitlang
zusammen. Er hat den B. A. mit Auszeichnung gemacht. Wir h�tten ihn nach dem
Krieg hierher holen sollen. Ich erinnere mich, da� sich die �rzte um seine
Lunge Sorgen machten.�</p><p>�Ich habe
nichts dar�ber geh�rt.�</p><p>�Dar�ber
hatten Sie nichts geh�rt?� Er zog seine Augenbrauen auf eine komische Art in
die H�he. �In Helsinki gibt es ein Hotel namens &gt;Prinz von D�nemark&lt;.
Gegen�ber dem Hauptbahnhof. Kennen Sie es zuf�llig?�</p><p>�Nein. Ich war noch nie in
Helsinki.�</p><p>�Tats�chlich nicht?� Smiley
betrachtete ihn beunruhigt. �Es ist eine sehr seltsame Geschichte. Dieser
Taylor: war er auch im Training?�</p><p>�Ich wei� nicht. Aber ich werde
das Hotel finden�, sagte Avery mit leichter Ungeduld. �Gleich hinter der
Eingangst�r werden Zeitschriften und Ansichtskarten verkauft. Es gibt nur den
einen Eingang.� Er h�tte vom Haus nebenan sprechen k�nnen. �Und Blumen. Ich
glaube, es w�re f�r Sie am besten, wenn Sie dorthin gingen, sobald Sie den Film
haben. Bitten Sie die Leute im Blumenkiosk, ein Dutzend roter Rosen an Mrs.
Avery ins Hotel Imperial nach Torquay zu schicken. Oder ein halbes Dutzend
w�rde auch gen�gen, wir wollen doch kein Geld verschwenden, nicht wahr? Blumen
sind dort oben so teuer. - Reisen Sie unter Ihrem eigenen Namen?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Hat das
einen besonderen Grund?� Dann f�gte er hastig hinzu: �Ich m�chte ja nicht
neugierig sein, aber unser Dasein ist ohnehin schon so kurz. - Ich meine, bevor
es zu Ende ist.�</p><p>�Es dauert
wohl ziemlich lang, einen falschen Pa� zu bekommen. Das Ausw�rtige Amt.� Er
h�tte nicht antworten sollen. Er h�tte ihn auffordern sollen, sich um seine
eigenen Angelegenheiten zu k�mmern. �Entschuldigen Sie�, sagte Smiley und
runzelte die Stirn, als habe er eine Taktlosigkeit begangen. �Sie k�nnen immer
zu uns kommen, wissen Sie, wegen P�ssen, meine ich.� Das war freundlich
gemeint. �Also schicken Sie die Blumen. Bevor Sie das Hotel verlassen,
vergleichen Sie Ihre Uhr mit der des Hotels. Nach einer halben Stunde kehren
Sie zum Haupteingang zur�ck. Ein Taxifahrer wird Sie erkennen und seinen
Wagenschlag �ffnen. Steigen Sie ein, fahren Sie herum, geben Sie ihm den Film.
Ach, und zahlen Sie bitte. Einfach den �blichen Fahrpreis. Die kleinen Dinge
vergi�t man so leicht. - Welche Art Schulung ist das eigentlich?�</p><p>�Was ist, wenn ich den Film nicht
bekomme?�</p><p>�In diesem Fall unternehmen Sie
nichts. Gehen Sie nicht in die N�he des Hotels. Fahren Sie gar nicht nach
Helsinki. Vergessen Sie's.� Avery wurde pl�tzlich bewu�t, da� diese Anweisungen
bemerkenswert klar waren.</p><p>�Als Sie
Deutsch studierten, haben Sie da zuf�llig das 17. Jahrhundert ber�hrt?�
erkundigte sich Smiley hoffnungsvoll, als Avery schon gehen wollte. �Gryphius,
Lohenstein und diese Leute?�</p><p>�Das war
ein Spezialfach. Leider nein.�</p><p>�Spezialfach�,
brummte Smiley. �Was f�r ein dummes Wort. Ich nehme an, man wollte damit
sagen, da� es etwas abseitig sei. Eine sehr unpassende Auffassung.�</p><p>Erst an der T�r sagte er: �Haben
Sie eine Aktentasche oder so etwas?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Wenn Sie
diesen Film haben, stecken Sie ihn in die Manteltasche. Behalten Sie die
Aktentasche in der Hand. Wenn man Ihnen folgen sollte, wird man es vor allem
auf die Aktentasche abgesehen haben. Das ist ganz nat�rlich. Wenn Sie sich der
Aktentasche einfach irgendwo entledigen, wird man vielleicht nach ihr, statt
nach Ihnen suchen. Ich halte die Finnen f�r keine sehr komplizierten Menschen.
Das ist nat�rlich nur ein Schulungshinweis. Aber ich mache mir keine Sorgen.
Ich habe immer das Gef�hl, da� es ein Fehler ist, sich auf die Technik zu
verlassen.� Er begleitete Avery an die T�r und ging dann nachdenklich den
Korridor hinunter zum Zimmer von Control. W�hrend Avery die Treppen zu seiner
Wohnung hinaufstieg, �berlegte er, wie Sarah reagieren w�rde. Jetzt tat es ihm
leid, da� er nicht doch telefoniert hatte, denn er ha�te es, sie in der K�che
zu �berraschen, w�hrend Anthonys Spielsachen �ber den Wohnzimmerteppich
verstreut waren. Es war niemals gut, ohne Anmeldung nach Hause zu kommen. Sie
schien zu erwarten, da� er etwas Schreckliches getan hatte, so sehr erschrak
sie. Er hatte nie einen Schl�ssel bei sich, denn Sarah war immer zu Hause.
Soviel er wu�te, hatte sie keine eigenen Freunde; sie ging niemals zu
Kaffeekr�nzchen oder fuhr allein zu Eink�ufen in die Stadt. Sie schien
keinerlei Talent dazu zu haben, sich selbst ein Vergn�gen zu g�nnen. Er l�utete
und h�rte, wie Anthony &gt;Mami, Mami&lt; rief, und horchte auf ihren Schritt.
Die K�che war am anderen Ende des Ganges, aber diesmal kam sie aus dem
Schlafzimmer, so leise, als sei sie barfu�. Sie �ffnete die T�r, ohne ihn
anzusehen. Sie trug ein Baumwollnachthemd und eine Strickjacke. �Du hast dir
ganz sch�n Zeit gelassen�, sagte sie, drehte sich um und ging unsicher in das
Schlafzimmer zur�ck. �Irgendwas nicht in Ordnung?� fragte sie �ber die
Schulter. �Ist noch jemand umgebracht worden?�</p><p>�Was ist
los, Sarah? F�hlst du dich nicht wohl?� Anthony tobte herum, weil sein Vater
nach Hause gekommen war. Sarah kletterte ins Bett zur�ck. �Ich habe den Arzt
angerufen. Ich wei� nicht, was es ist�, sagte sie, als sei Krankheit nicht ihr
Fach. �Hast du Fieber?�</p><p>Sie hatte
eine Sch�ssel mit kaltem Wasser und den Waschlappen aus dem Badezimmer neben
das Bett geholt. Er dr�ckte den Waschlappen aus und legte ihn auf ihre Stirn.
�Du wirst dich hier n�tzlich machen m�ssen�, sagte sie. �Ich f�rchte nur, da�
es nicht so aufregend ist wie Spionage. Willst du mich nicht fragen, was mir
fehlt?�</p><p>�Wann
kommt der Arzt?�</p><p>�Er hat
bis zw�lf Ordination. Danach wird er kommen, nehme ich an.� Er ging in die
K�che, wobei Anthony ihm folgte. Das Fr�hst�cksgeschirr stand noch auf dem
Tisch. Er rief ihre Mutter in Reigate an und bat sie, sofort herzukommen.</p><p>Kurz vor
eins kam der Arzt. Ein Fieber, sagte er, irgendein Virus.</p><p>Avery
hatte erwartet, da� sie bei der Mitteilung von seiner Reise weinen w�rde. Sie
nahm es zur Kenntnis, �berlegte eine Weile und schlug ihm dann vor, packen zu
gehen.</p><p>�Ist es wichtig?� fragte sie
pl�tzlich. �Nat�rlich. Sehr wichtig.�</p><p>�F�r wen?�</p><p>�F�r dich,
f�r mich. F�r uns alle, nehme ich an.�</p><p>�Auch f�r
Leclerc?�</p><p>�Ich habe
dir gesagt: f�r uns alle.�</p><p>Er
versprach Anthony, ihm etwas mitzubringen.</p><p>�Wohin
f�hrst du?� fragte Anthony.</p><p>�Mit dem
Flugzeug.�</p><p>�Wohin?�</p><p>Er wollte ihm gerade sagen, da�
das ein gro�es Geheimnis sei, als ihm Taylors kleine Tochter einfiel. Er k��te
Sarah, trug seinen Koffer in das Vorzimmer und stellte ihn auf den L�ufer.
Sarah zuliebe waren an der T�r zwei Schl�sser angebracht, die man gleichzeitig
aufschlie�en mu�te. Er h�rte sie sagen: �Ist es auch gef�hrlich?�</p><p>�Ich wei�
nicht. Ich wei� nur, da� es �u�erst wichtig ist.�</p><p>�Du bist
davon wirklich �berzeugt, nicht wahr?� Fast verzweifelt rief er: �Schau, wie
weit voraus soll ich denn denken? Das ist keine Frage der Politik, sondern
eine Frage der Tatsachen, verstehst du das nicht? Kannst du mir denn nicht
glauben? Kannst du mir nicht einmal im Leben sagen, da� ich etwas N�tzliches
tue?� Er ging zur�ck ins Schlafzimmer. Sarah hielt sich ein Taschenbuch vor das
Gesicht und tat so, als ob sie lese. �Du wei�t ganz genau, da� wir alle dort
unser Leben abschirmen m�ssen. Es hat doch keinen Sinn, mich dauernd zu fragen:
&gt;Bist du �berzeugt?&lt; Es ist genauso, als fragtest du mich immer wieder,
ob wir wirklich Kinder haben sollten, ob wir h�tten heiraten sollen. Das hat
einfach keinen Sinn.�</p><p>�Armer
John�, bemerkte sie, legte ihr Buch nieder und sah ihn forschend an. �Loyalit�t
ohne Glauben. Es ist sehr schwer f�r dich.� Sie sagte das v�llig leidenschaftslos,
als habe sie ein �bel in der Gesellschaftsstruktur erkannt. Ihr Ku� war wie
ein Verrat ihrer eigenen Grunds�tze.</p><p>Haldane wartete, bis der letzte
aus dem Zimmer gegangen war. Er selbst war sp�ter gekommen und er w�rde sp�ter
gehen - immer anders als die anderen. Leclerc sagte: �Warum tust du mir das
an?� Er sprach wie ein von seinem Auftritt erm�deter Schauspieler. Die Landkarten
und Fotografien lagen noch immer zwischen den leeren Tassen und Aschenbechern
verstreut auf dem Tisch. Haldane gab keine Antwort. �Was versuchst du zu
beweisen, Adrian?�</p><p>�Was hast du da von einem Mann
gesagt, den du hineinschicken willst?�</p><p>Leclerc
ging zum Waschbecken und lie� Wasser in ein Glas laufen.</p><p>�Du magst Avery nicht, nicht
wahr?� fragte er. �Er ist jung - von diesem Kult habe ich genug.�</p><p>�Ich werde heiser, wenn ich die
ganze Zeit rede�, sagte Leclerc. �Trink du auch eines. Wird deinem Husten
guttun.�</p><p>�Wie alt
ist Gorton?� Haldane nahm das Glas, trank und gab es zur�ck.</p><p>�F�nfzig.�</p><p>�Mehr. Er
ist in unserem Alter. Er war w�hrend des Krieges in unserem Alter.�</p><p>�Man
vergi�t. Ja, er mu� f�nf- oder sechsundf�nfzig Jahre sein.�</p><p>�Ein &gt;St�ndiger&lt;?� dr�ngte
Haldane. Leclerc sch�ttelte den Kopf. �Er erf�llt die Voraussetzungen nicht�,
sagte er. �Unterbrochene Dienstzeit. Nach dem Krieg ging er zur
Kontrollkommission. Als sie zusperrte, wollte er in Deutschland bleiben. Hat
eine deutsche Frau, glaube ich. Er kam zu uns, und wir gaben ihm einen Vertrag.
Wir k�nnten es uns niemals leisten, ihn dort zu behalten, wenn er ein &gt;St�ndiger&lt;
w�re.� Geziert wie ein M�dchen trank er einen Schluck Wasser. �Vor zehn Jahren
hatten wir f�nfzig Mann im Einsatz. Jetzt haben wir neun. Wir haben nicht
einmal unsere eigenen Kuriere, keine Geheimkuriere. Das haben heute morgen
schon alle gewu�t. Warum hat keiner etwas gesagt?�</p><p>�Wie oft �bermittelt er
Fl�chtlingsberichte?� Leclerc zuckte mit den Schultern. �Ich sehe nicht alles,
was er uns schickt�, sagte er. �Deine Leute m��ten es wissen. Der Markt wird
schw�cher, stell ich mir vor, seit sie in Berlin die Mauer gebaut haben.�</p><p>�Mir legen sie nur die besseren
Berichte vor. Aus Hamburg mu� das der erste gewesen sein, den ich seit einem
Jahr gesehen habe. Ich war stets der Meinung, er h�tte andere Aufgaben.�
Leclerc sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Wann wird
die Erneuerung seines Vertrages f�llig?� fragte Haldane.</p><p>�Ich wei� nicht. Ich wei� es
einfach nicht.�</p><p>�Ich nehme an, er macht sich
ziemliche Sorgen. Bekommt er eine Abfindung, wenn er ausscheidet?�</p><p>�Er hat nur einen
Drei-Jahres-Vertrag. Da gibt's keine Abfindung, keine Orden. Er hat nat�rlich
die M�glichkeit, auch nach dem sechzigsten Lebensjahr noch weiterzuarbeiten,
falls wir ihn wollen. Das ist der Vorteil, Vertragsangestellter zu sein.�</p><p>�Wann wurde sein Vertrag das
letztemal erneuert?�</p><p>�Da fragst du am besten Carol. Es
mu� zwei Jahre her sein, vielleicht l�nger.�</p><p>Wieder
sagte Haldane: �Du sprichst davon, einen Mann hineinzuschicken?�</p><p>�Ich bin heute nachmittag noch
einmal beim Minister.�</p><p>�Du hast
schon Avery geschickt. Das h�ttest du nicht machen sollen, wei�t du.�</p><p>�Irgend jemand mu�te fahren. H�tte
ich nach deiner Meinung das Rondell um jemanden bitten sollen?�</p><p>�Avery war ziemlich unversch�mt�,
bemerkte Haldane.</p><p>Der Regen flo� in die Dachrinne
und hinterlie� auf den schmutzigen Fensterscheiben graue Spuren. Leclerc schien
das Sprechen Haldane �berlassen zu wollen, aber Haldane hatte nichts zu sagen.
�Ich wei� noch nicht, was der Minister �ber Taylors Tod denkt. Er wird mich
heute nachmittag fragen, und ich werde ihm meine Ansicht darlegen. Wir tappen
nat�rlich alle im dunkeln.� Seine Stimme gewann wieder an St�rke. �Aber er
k�nnte mich vielleicht anweisen - das ist durchaus drin, Adrian -, er k�nnte
mir den Befehl geben, einen Mann hineinzuschicken.�</p><p>�Und?�</p><p>�Angenommen, ich w�rde dich
bitten, eine Einsatzabteilung aufzubauen, die Voruntersuchungen zu machen,
Papiere und Ausr�stung vorzubereiten - angenommen, ich w�rde dich bitten,
einen Agenten anzuwerben, ihn auszubilden und seinen Einsatz zu leiten -
w�rdest du es tun?�</p><p>�Ohne dem Rondell etwas zu sagen?�</p><p>�Keine Einzelheiten. Vielleicht
werden wir hin und wieder von ihren Einrichtungen Gebrauch machen m�ssen. Das
hei�t aber nicht, da� wir ihnen die ganze Geschichte erz�hlen m�ssen. Das ist
eine Frage der Sicherheit, wieviel sie wirklich wissen m�ssen.�</p><p>�Also ohne das Rondell?�</p><p>�Warum nicht?�</p><p>Haldane
sch�ttelte den Kopf. �Weil es nicht unsere Arbeit ist. Wir sind einfach nicht
daf�r eingerichtet. �berlasse die Sache dem Rondell und hilf ihnen bei dem
milit�rischen Kram. �bergib es einem alten Hasen, irgend jemandem wie Smiley
oder Leamas...�</p><p>�Leamas
ist tot.�</p><p>�Also dann
Smiley.�</p><p>�Smiley
ist als Agent erledigt.� Haldane scho� das Blut in die Wangen. �Dann Guillam
oder einem der anderen. Einem von den Profis. Sein Stall ist derzeit gro�
genug. Geh und sprich mit Control. �berla� den Fall ihm.�</p><p>�Nein�,
sagte Leclerc mit fester Stimme und stellte sein Glas auf den Tisch. �Nein,
Adrian. Du bist ebensolange wie ich in der Organisation, du kennst unsere
Vorschrift.</p><p>&gt;Es
sind alle n�tigen Schritte - so hei�t es darin -, &gt;alle m�glichen Schritte
zu unternehmen, um aus jenen Gebieten, in denen das Erforderliche nicht durch
die konventionellen milit�rischen Hilfsmittel beschafft werden kann,
milit�rische Informationen herbeizuschaffen, sie zu �berpr�fen und zu
analysieren.&lt;� Er unterstrich die Worte durch Schl�ge mit seiner kleinen
Faust. �Wie, glaubst du, habe ich die Erlaubnis zum �berfliegen bekommen?�</p><p>�In
Ordnung�, gab Haldane zu, �wir haben unsere Vorschrift. Aber die Welt hat sich
ge�ndert. Jetzt wird nach anderen Regeln gespielt. Damals waren wir die gro�en
Macher - Schlauchboote in einer mondlosen Nacht, ein gekapertes feindliches
Flugzeug, Funk und all das. Wir kennen das, du und ich. Wir haben es gemeinsam
gemacht. Aber jetzt ist alles anders. Es ist ein anderer Krieg, eine andere Art
des Kampfes. Auch im Ministerium wei� man das ganz genau.� Er f�gte hinzu: �Und
verla� dich nicht zu sehr aufs Rondell. Von diesen Leuten hast du keine
Wohltaten zu erwarten.�</p><p>Sie sahen einander erstaunt an. Es
war ein Augenblick gegenseitigen Erkennens. Leclerc sagte beinahe fl�sternd:
�Es begann mit unseren Funknetzen, nicht wahr? Erinnerst du dich, wie das
Rondell eines nach dem anderen schluckte? Das Ministerium pflegte zu sagen:
&gt;In der polnischen Abteilung droht eine Doppelgleisigkeit, Leclerc. Ich
habe mich entschlossen, da� Control sich um Polen k�mmern soll.&lt; Wann war
das? Im Juli achtundvierzig. Jahr f�r Jahr ist das so weitergegangen. Warum,
glaubst du, behandeln sie eine Auswertungsabteilung so g�nnerhaft? Sicher nicht
wegen deiner wundersch�nen Akten und Karteikarten. Sie haben uns dort, wo sie
uns haben wollen, verstehst du nicht? Satelliten. Wir machen keinen einzigen
Einsatz mehr. Das ist ihre Methode, uns einzuschl�fern. Du wei�t doch, wie man
uns heute in Whitehall nennt? Die im Ausgedinge.�</p><p>Darauf
folgte eine lange Stille.</p><p>Haldane
sagte: �Ich mache Auswertung und keine Eins�tze.�</p><p>�Fr�her
hast du aber welche gemacht, Adrian.�</p><p>�Wie wir
alle.�</p><p>�Du kennst
das Ziel. Du kennst den ganzen Hintergrund. Das kann niemand au�er dir. Nimm
dir, wen du willst - Avery, Woodford, wen immer du willst.�</p><p>�Wir sind
nicht mehr an Menschen gew�hnt. Sie einzusetzen, meine ich.� Haldane
entwickelte ungew�hnliche Sch�chternheit. �Ich mache Auswertung. Ich arbeite
mit Akten.�</p><p>�Bis jetzt
konnten wir dir nichts anderes geben. Wie lang ist es schon her? Zwanzig Jahre.�</p><p>�Wei�t du,
was ein Raketenst�tzpunkt bedeutet?� fragte Haldane. �Wei�t du, welcher Wirbel
damit verbunden ist? Sie brauchen Abschu�rampen, Abschirmanlagen,
Kabelbatterien, Kontrollbauten; sie brauchen Bunker zur Lagerung der
Sprengk�pfe, Tankwagen f�r die Treibstoffe und Oxydationsmittel. Und diese
Sachen m�ssen zuerst dort sein. Raketen kriechen nicht heimlich durch die
Nacht; sie ziehen wie ein Wanderzirkus �ber Land. Wir h�tten schon fr�her und
vor allem mehr Hinweise erhalten. Wir oder das Rondell. Was Taylors Tod
anbelangt...�</p><p>�Um
Himmels willen, Adrian, glaubst du denn, Geheimdienstarbeit h�tte mit
unumst��lichen philosophischen Wahrheiten zu tun? Mu� denn jeder Priester
beweisen, da� Christus am Weihnachtstag geboren wurde?�</p><p>Er reckte
sein kleines Gesicht nach vorne, w�hrend er etwas aus ihm herauszuziehen
versuchte, von dem er zu wissen schien, da� es irgendwo vorhanden war. �Du
kannst nicht alles berechnen, Adrian. Wir sind keine Akademiker, wir sind
Staatsbeamte. Wir m�ssen uns mit den Dingen befassen, wie sie sind. Wir m�ssen
uns mit Menschen, mit Ereignissen befassen!�</p><p>�Also gut,
mit Ereignissen: als er durch den Flu� schwamm, wie hat er da den Film
aufbewahrt? Wie hat er die Aufnahmen wirklich gemacht? Wieso ist kein einziges
Bild verwackelt? Er hatte getrunken, er balancierte auf den Zehenspitzen: die
Belichtungszeiten waren lang genug, um ein Bild zu verwackeln, nein? Sagte er
nicht, er h�tte den Verschlu� nach Gef�hl offengehalten?�</p><p>Haldane
schien sich zu f�rchten, aber nicht vor Leclerc, nicht vor dem Einsatz, sondern
vor sich selbst. �Warum hat er Gorton etwas umsonst gegeben, das er anderswo zu
verkaufen suchte? Warum hat er �berhaupt sein Leben riskiert, um diese
Aufnahmen zu machen? Ich schickte Gorton eine Liste zus�tzlicher Fragen. Er
versucht noch immer, diesen Mann zu finden, wie er sagt.�</p><p>Sein Blick
schweifte zu dem Flugzeugmodell und den Akten auf Leclercs Schreibtisch. Dann
fuhr er fort: �Du denkst an Peenem�nde, nicht wahr? Du m�chtest, da� es wie in
Peenem�nde ist.�</p><p>�Du hast
mir noch immer nicht gesagt, was du tun wirst, wenn ich diesen Befehl bekomme.�</p><p>�Den wirst
du nie bekommen. Niemals, niemals wirst du ihn bekommen.� Er sprach mit gro�er
Entschiedenheit, fast mit Triumph. �Wir werden eingeschl�fert, siehst du das
nicht ein? Du selbst hast es gesagt. Sie wollen, da� wir schlafen gehen, nicht
in den Krieg.� Er stand auf. �Deshalb ist alles ganz gleichg�ltig. Es ist
schlie�lich eine rein akademische Angelegenheit. Oder kannst du dir wirklich
vorstellen, da� uns Control unterst�tzt?�</p><p>�Sie sind
bereit, uns einen Kurier zu stellen.�</p><p>�Ja. Ich
finde das h�chst seltsam.�</p><p>Haldane
blieb an der T�r vor einer Fotografie stehen.</p><p>�Das ist
Malherbe, nicht wahr? Der Junge, der fiel.</p><p>Warum hast
du diesen Namen gew�hlt?�</p><p>�Ich wei�
nicht. Er ist mir einfach eingefallen. Das Ged�chtnis spielt einem oft komische
Streiche.�</p><p>�Du
h�ttest Avery nicht schicken sollen. Bei unserer Arbeit verwendet man nicht
einen Schreibtischmann f�r einen Auftrag wie diesen.�</p><p>�Ich habe in der letzten Nacht die
Kartei durchgesehen. Wir haben einen Mann, der dazu geeignet w�re�, sagte
Leclerc. Und dann nachdr�cklich: �Gelernter Funker, spricht Deutsch, ledig.�
Haldane erstarrte. Schlie�lich fragte er: �Wie alt?�</p><p>�Vierzig. Etwas dar�ber.�</p><p>�Er mu� damals sehr jung gewesen
sein.�</p><p>�Er hat seine Sache gut gemacht.
Sie hatten ihn in Holland geschnappt, und er ist ihnen entkommen.�</p><p>�Wie wurde er geschnappt?�</p><p>Leclerc
z�gerte eine Sekunde, ehe er antwortete:</p><p>�Das ist
nicht verzeichnet.�</p><p>�Intelligent?�</p><p>�Er scheint bef�higt zu sein.�
Wieder Stillschweigen.</p><p>�Das bin
ich auch. Warten wir ab, was Avery zur�ckbringt.�</p><p>�Warten
wir ab, was das Ministerium sagt.� Leclerc wartete, bis das letzte Ger�usch von
Haldanes Husten auf dem Gang verhallt war, ehe er seinen Mantel anzog. Er
w�rde einen Spaziergang machen, etwas frische Luft schnappen und in seinem
Klub zu Mittag essen. Das Beste, was es geben w�rde. Er fragte sich, was es
sein werde. In den letzten Jahren war es dort sehr viel schlechter geworden.
Nach dem Essen w�rde er zu Taylors Witwe gehen. Dann ins Ministerium.</p><p>W�hrend
des Mittagessens im &gt;Gorringe&lt; sagte Woodford zu seiner Frau: �Der junge
Avery macht seinen ersten Einsatz. Clarkie hat ihn geschickt. Er sollte was
draus machen.�</p><p>�Vielleicht
wird er auch umgebracht�, sagte sie geh�ssig. Sie durfte nichts trinken -
Anweisung des Arztes. �Dann k�nnt ihr ein wirkliches Fest feiern. Himmel, das
war' eine tolle Sache! Auf zum Ball in die Blackfriars Road.� Ihre Unterlippe
zitterte. �Warum sind die Jungen immer so verflucht wunderbar? Wir waren jung,
nicht wahr.? Himmel, wir sind es noch! Was stimmt nicht mit uns? Wir k�nnen
nicht darauf warten, alt zu werden, nicht wahr? Wir k�nnen nicht -�</p><p>�Ist gut,
Babs�, sagte er. Er f�rchtete, da� sie weinen k�nnte.</p></section><section><p><strong/></p><p><strong>6. </strong><strong><emphasis>Kapitel </emphasis></strong></p><p><emphasis/></p><p><strong>START</strong></p><empty-line/><p>Im
Flugzeug erinnerte sich Avery an den Tag, an dem Haldane nicht im B�ro
erschien. Es war zuf�llig der Erste eines Monats - es mu�te Juli gewesen sein-,
und Haldane kam nicht zum Dienst. Bis zu Woodfords Anruf �ber das Haustelefon
hatte Avery nichts davon gewu�t. Haldane sei wahrscheinlich krank, hatte Avery
ihm geantwortet, oder er habe irgendeine pers�nliche Sache erledigen m�ssen.
Aber Woodford war nicht zu beschwichtigen. Er sei in Leclercs Zimmer gewesen
und habe auf der Urlaubstabelle nachgesehen, sagte er. Haldanes Urlaub sei
erst f�r den August vorgemerkt.</p><p>�Rufen Sie
in seiner Wohnung an, John�, hatte ihn Woodford gedr�ngt. �Sprechen Sie mit
seiner Frau. Versuchen Sie herauszubekommen, was mit ihm los ist.�</p><p>Avery war
so erstaunt, da� ihm die Worte fehlten: die beiden arbeiteten seit zwanzig
Jahren zusammen, und sogar er wu�te, da� Haldane Junggeselle war. �Versuchen
Sie zu erfahren, wo er ist�, beharrte Woodford, �los, ich befehle Ihnen: rufen
Sie in seiner Wohnung an.�</p><p>Also rief
er an. Er h�tte Woodford sagen k�nnen, er solle es doch selbst machen, aber er
hatte sich das nicht getraut. Haldanes Schwester hob ab. Haldane liege im Bett,
sein altes Lungenleiden mache ihm wieder zu schaffen. Er habe sich geweigert,
ihr die Telefonnummer der Organisation zu geben. Als Averys Blick auf den
Kalender fiel, wurde ihm klar, warum Woodford so aufgeregt war: es war der
Beginn eines neuen Quartals. Es w�re denkbar gewesen, da� Haldane einen neuen
Posten gefunden und die Organisation verlassen hatte, ohne Woodford etwas zu
sagen. Als Haldane ein oder zwei Tage sp�ter wieder erschien, war Woodford
ungew�hnlich liebensw�rdig zu ihm und ignorierte tapfer seine sarkastischen
Bemerkungen. Er war ihm f�r seine R�ckkehr dankbar. Danach hatte Avery eine
Zeitlang Angst gehabt. Da sein Vertrauen in die Organisation ersch�ttert war,
betrachtete er sie jetzt kritischer.</p><p>Er
bemerkte, da� sie sich gegenseitig legend�re F�higkeiten zuschrieben - ein
Komplott, an dem sie alle au�er Haldane teilnahmen. Leclerc stellte Avery zum
Beispiel einem Mitglied seines Ministeriums nie ohne irgendein aufwertendes
Schlagwort vor. �Avery ist der strahlendste unserer neuen Sterne� oder - zu
�lteren M�nnern - �John ist mein Ged�chtnis. Sie m�ssen John fragen.� Aus dem
gleichen Grund vergaben sie sich gegenseitig ihre Schnitzer, denn sie wagten es
sich um ihrer selbst willen nicht einzugestehen, da� es in der Organisation
auch Platz f�r Versager gab. Avery anerkannte, da� sie ihnen Schutz vor der
Un�berschaubarkeit des modernen Lebens bot und einen Ort darstellte, wo es noch
immer klare Fronten gab. F�r ihre Mitglieder hatte die Organisation fast
religi�sen Charakter. Wie M�nche ihrem Orden, ma�en sie ihrer Vereinigung ein
mystisches Eigenleben zu, das nichts zu tun hatte mit der saumseligen, s�ndigen
Schar von M�nnern, aus der sie sich zusammensetzte. W�hrend sie durchaus
zynisch �ber die F�higkeiten ihrer Mitbr�der herziehen oder sich h�hnisch �ber
ihre eigenen K�mpfe um einen Platz in der Hierarchie lustig machen konnten,
brannte ihr Glaube an die Organisation in einer abgeschiedenen Kapelle. Sie
nannten ihn Patriotismus.</p><p>All dies
erf�llte Averys Herz mit einer hei�en Welle der Zuneigung, w�hrend er das
dunkel werdende Meer dort unten betrachtete und das kalte Licht der Sonne, das
sich in den Wellen brach. Woodford mit seiner Pfeife und seiner ungehobelten
Art wurde Teil dieser geheimen Elite, zu der jetzt auch Avery geh�rte. Haldane
- vor allem Haldane - mit seinen Kreuzwortr�tseln und seinen
Absonderlichkeiten verk�rperte den kompromi�losen, reizbaren und
zur�ckhaltenden Intellektuellen. Jetzt tat es ihm leid, da� er unh�flich zu
ihm gewesen war. Dennison und McCulloch erschienen ihm als die
un�bertrefflichen Techniker: stille M�nner, die bei Sitzungen den Mund nicht
aufmachten, aber unerm�dlich waren und letzten Endes recht behielten. Er
dankte Leclerc, dankte ihm herzlich f�r das Privileg, mit diesen M�nnern
bekannt sein zu d�rfen, und dankte ihm f�r diesen aufregenden Auftrag. Er
dankte ihm daf�r, da� er ihm die M�glichkeit gegeben hatte, aus der fr�her oft
empfundenen Unsicherheit zu Erfahrung und Reife aufzur�cken, Schulter an
Schulter mit den anderen ein im Feuer des Krieges gest�hlter Mann zu werden. Er
dankte ihm f�r die Klarheit seiner F�hrung, die Ordnung in der Anarchie seines
Herzens schuf. Er malte sich aus, wie er eines Tages auch den heranwachsenden
Anthony durch diese sch�bigen G�nge f�hren und ihn dem alten Pine vorstellen
k�nnte, der mit Tr�nen in den Augen in seiner Loge aufstehen und liebevoll die
zarte Kinderhand ergreifen w�rde.</p><p>In dieser
Szene spielte Sarah keine Rolle. Avery ber�hrte leicht eine Ecke des l�nglichen
Briefumschlages in seiner Innentasche. Er enthielt sein Geld: zweihundert
Pfund in einem blauen Beh�rdenumschlag. Er hatte geh�rt, im Krieg h�tten die
Leute solche Sachen in das Futter ihrer Kleider eingen�ht, und es w�re ihm sehr
willkommen gewesen, h�tte man das gleiche jetzt auch f�r ihn getan. Ein kindischer
Einfall, wie er wohl wu�te, ja, er l�chelte sogar dar�ber, sich solchen Tr�umen
hingegeben zu sehen.</p><p>Dann fiel
ihm der Besuch ein, den er heute morgen bei Smiley gemacht hatte. So r�ckschauend,
f�rchtete er sich ein ganz klein wenig vor Smiley. Und es fiel ihm das Kind an
der T�r ein. Ein Mann mu� sich gegen Gef�hle verh�rten.</p><p>�Ihr Mann
hat hervorragende Arbeit geleistet�, sagte Leclerc. �Ich kann Ihnen keine
Einzelheiten verraten. Ich bin �berzeugt, da� er sehr tapfer starb.� Ihr Mund
war verschmiert und h��lich. Leclerc hatte noch nie jemanden so sehr weinen
sehen; es war wie eine Wunde, die sich nicht schlie�en wollte. �Was meinen Sie
mit tapfer?� stammelte sie. �Wir sind nicht im Krieg. Damit ist Schlu�, mit all
diesem hochtrabenden Gerede. Er ist tot�, sagte sie und vergrub ihr Gesicht in
ihrem angewinkelten Arm, der wie eine vergessene Puppe auf dem E�tisch lag. Aus
einer Ecke starrte das Kind her�ber. �Ich glaube�, sagte Leclerc, �Sie sind
einverstanden, wenn ich eine Pension beantrage. Sie k�nnen das alles uns
�berlassen. Je fr�her wir uns damit befassen, desto besser.� Als w�re es die
Maxime seines Hauses, erkl�rte er: �Eine Pension vermag alles in ein anderes
Licht zu r�cken.�</p><p>Der Konsul wartete neben dem
Beamten der Pa�kontrolle. Er kam ihm ohne ein L�cheln entgegen. Er tat nur
seine Pflicht. �Sind Sie Avery?� fragte er. Avery gewann den Eindruck eines
gro�en, strengaussehenden Mannes mit ger�tetem Gesicht, der einen Filzhut und
dunklen Mantel trug. Sie gaben sich die Hand. �Sie sind er britische Konsul,
Mr. Sutherland.�</p><p>�Konsul Ihrer Majest�t,
genaugenommen�, entgegnete er etwas s�uerlich. �Da gibt's einen Unterschied,
wissen Sie.� Er sprach mit schottischem Akzent. �Wieso wu�ten Sie, wie ich
hei�e?� Sie gingen gemeinsam auf den Haupteingang zu. Es war alles sehr
einfach. Avery bemerkte ein M�dchen hinter dem Schalter, blond und sehr h�bsch.
�Es ist nett von Ihnen, da� Sie den Weg heraus gemacht haben�, sagte Avery.
�Es sind nur f�nf Kilometer von der Stadt.� Sie stiegen ins Auto.</p><p>�Er wurde weiter oben auf der
Stra�e get�tet�, sagte Sutherland. �Wollen Sie die Stelle sehen?�</p><p>�Ja, das k�nnte ich machen. Um
meiner Mutter davon zu berichten.� Er trug eine schwarze Krawatte. �Sie hei�en
wirklich Avery, nicht wahr?�</p><p>�Selbstverst�ndlich; Sie haben
meinen Pa� doch bei der Kontrolle gesehen.�</p><p>Sutherland
gefiel diese Bemerkung nicht, und Avery w�nschte, sie nicht gemacht zu haben.
Der Konsul startete den Wagen. Als sie gerade in die Mitte der Fahrbahn
hinausziehen wollten, wurden sie von einem Citroen �berholt.</p><p>�Verdammter
Idiot�, zischte Sutherland. �Die Stra�en sind wie Eis. Ich nehme an, das ist
einer von diesen Piloten. Die haben kein Gef�hl mehr f�r Geschwindigkeit.�
W�hrend das Auto vor ihnen die lange, �ber die D�nen f�hrende Stra�e
hinunterraste, wobei es hinter sich eine kleine Wolke aus Schnee aufwirbelte,
konnten sie die Umrisse einer Schirmm�tze vor dem hellen Fleck der
Windschutzscheibe sehen. �Woher kommen Sie?� fragte er. �Aus London.�</p><p>Sutherland
wies geradeaus: �Dort ist Ihr Bruder gestorben. Dort oben auf dem Abhang. Die
Polizei glaubt, da� der Fahrer sehr voll gewesen sein mu�. Hier sind sie sehr
scharf, wenn jemand im alkoholisierten Zustand f�hrt, wissen Sie.� Es klang
wie eine Warnung. Avery starrte auf das flache, schneebedeckte Land hinaus und
dachte an den Engl�nder Taylor, wie er einsam die Stra�e entlangtrottete und
seine schwachen Augen vor K�lte tr�nten.</p><p>�Nachher gehen wir zur Polizei�,
sagte Sutherland. �Man erwartet uns. Dort werden Sie alle Einzelheiten
erfahren. Haben Sie sich schon ein Zimmer hier besorgt?�</p><p>�Nein.�</p><p>Als sie die H�he des H�gels
erreichten, sagte Sutherland mit widerwilliger Ehrfurcht: �Es war hier, falls
Sie aussteigen wollen.�</p><p>�Nicht n�tig.�</p><p>Sutherland
beschleunigte etwas, als habe er es eilig, von der Stelle wegzukommen.</p><p>�Ihr Bruder war auf dem Weg zum
Hotel. Zum &gt;Regina&lt;, dort vorne. Es gab kein Taxi.� Als sie auf der anderen
Seite des H�gels hinunterfuhren, sah Avery die breite Lichterfront eines
Hotels. ��berhaupt keine Entfernung, wirklich nicht�, bemerkte Sutherland. �Er
h�tte es in f�nfzehn Minuten geschafft. Weniger. Wo wohnt Ihre Mutter?� Diese
Frage kam f�r Avery v�llig unvorbereitet. �In Woodbridge, Suffolk.� Dort fand gerade
eine Nachwahl statt. Es war die erste Stadt, die ihm einfiel, obwohl er sich
nicht f�r Politik interessierte. �Warum hat er sie nicht angegeben?�</p><p>�Bedaure, ich verstehe nicht.�</p><p>�Als n�chste Verwandte. Warum hat
Malherbe nicht seine Mutter, sondern Sie angegeben?� Vielleicht war die Frage
nicht ernst gemeint, vielleicht diente sie ihm nur dazu, Avery zum Reden zu
bringen, auf jeden Fall aber war sie l�stig. Avery war noch immer von der
Reise abgespannt und w�nschte, ohne Vorbehalte betrachtet und nicht diesem
Verh�r unterworfen zu werden. Es kam ihm auch zum Bewu�tsein, da� er sein
angebliches Verwandtschaftsverh�ltnis mit Taylor nicht gen�gend ausgearbeitet
hatte. Was hatte Leclerc in dem Fernschreiben angegeben: Halbbruder oder
Stiefbruder? Nerv�s versuchte er sich eine Folge von Familienereignissen
vorzustellen, die ihm zu einer Antwort auf Sutherlands Frage h�tten verhelfen
k�nnen - Todesf�lle, Wiederverheiratung oder zerr�ttete Ehen.</p><p>�Hier ist
das Hotel�, sagte der Konsul pl�tzlich und f�gte dann hinzu: �Das geht mich
nat�rlich nichts an. Er kann angeben, wen immer er will.� Entr�stung war bei
Sutherland zur Gewohnheit geworden, fast eine Philosophie. Er sprach immer so,
als liege jedes seiner Worte in st�ndigem Widerspruch zur allgemeinen Auffassung.</p><p>Schlie�lich
sagte Avery: �Sie ist alt. Man wollte sie vor einem Schock bewahren. Ich nehme
an, da� er daran gedacht hat, als er das Pa�formular ausf�llte. Sie war krank,
sie hat ein schwaches Herz. Sie ist operiert worden.� Es klang sehr kindisch. �Aha.�</p><p>Sie hatten
den Stadtrand erreicht. �Es mu� eine Leichenschau gemacht werden�, sagte
Sutherland. �Das ist hier Gesetz, wenn es sich um einen gewaltsamen Tod
handelt.�</p><p>Dar�ber
wird Leclerc ver�rgert sein. Sutherland fuhr fort: �Das erschwert uns die Formalit�ten.
Die Kriminalpolizei beh�lt den Toten, bis die Leichenschau beendet ist. Ich
bat sie, sich zu beeilen, aber man kann sie nicht dr�ngen.�</p><p>�Danke.
Ich habe daran gedacht, die Leiche per Flugzeug �berf�hren zu lassen.� Als sie
von der Hauptstra�e auf den Marktplatz einbogen, fragte Avery beil�ufig, als
habe er an der Antwort kein pers�nliches Interesse: �Was geschieht mit seinen
Sachen? Ich nehme sie wohl am besten an mich, nicht wahr?�</p><p>�Ich
bezweifle, da� die Polizei sie Ihnen aush�ndigen wird. Dazu mu� der
Staatsanwalt seine Erlaubnis gegeben haben. Der Bericht des Totenbeschauers
geht zuerst an ihn; er gibt dann die Leiche frei. Hat Ihr Bruder ein Testament
hinterlassen?�</p><p>�Ich habe
keine Ahnung.�</p><p>�Sie wissen nicht zuf�llig, ob Sie
als Testamentsvollstrecker bestimmt wurden?�</p><p>�Nein.�</p><p>Sutherland
lie� ein trockenes, nachsichtiges Lachen h�ren. �Ich kann mich nicht des
Eindrucks erwehren, da� Sie ein bi�chen voreilig sind. N�chster Verwandter ist
nicht ganz das gleiche wie Testamentsvollstrecker�, sagte er. �Ich f�rchte, das
gibt Ihnen keine rechtliche Handhabe, abgesehen von der Verf�gung �ber die
Leiche.� Er machte eine Pause, drehte sich um und sah �ber die Lehne seines
Sitzes durchs R�ckfenster hinaus, w�hrend er den Wagen in eine Parkl�cke
man�vrierte. �Selbst wenn die Polizei mir die pers�nlichen Effekten Ihres
Bruders aush�ndigt, bin ich nicht berechtigt, sie Ihnen zu �bergeben, ehe ich
nicht Weisung vom Ausw�rtigen Amt habe. Und dort�, setzte er schnell hinzu, da
Avery ihn unterbrechen wollte, �werden sie mir keine derartige Weisung
erteilen, ehe nicht eine beglaubigte Abschrift des Testaments oder eine
Verf�gung der Verwaltungsbeh�rde vorliegt.� Tr�stend f�gte er hinzu: �Aber ich
kann Ihnen einen Totenschein ausstellen.� Er �ffnete seine T�r. �Falls die
Versicherungsgesellschaften ihn verlangen.�</p><p>Er warf
Avery einen Blick von der Seite zu, als frage er sich, ob er �berhaupt etwas
erben w�rde. �Das kostet Sie f�nf Shilling f�r die Ausfertigung und f�nf
Shilling f�r jede beglaubigte Abschrift. - Was haben Sie gesagt?�</p><p>�Nichts.�</p><p>Sie
stiegen beide die Treppen zur Polizeidirektion hinauf.</p><p>�Wir
werden mit Inspektor Peersen zu tun haben�, erkl�rte Sutherland. �Er ist recht
nett. Sie werden bitte alles mir �berlassen.�</p><p>�Selbstverst�ndlich.�</p><p>�Er hat mich immer sehr gro�z�gig
bei den Heimf�hrungsf�llen unterst�tzt.�</p><p>�Bei den was?�</p><p>�Bei den
Heimf�hrungen von britischen Staatsb�rgern, die hier gestrandet sind. Wir
haben im Sommer einen Fall pro Tag. Sie sind eine Schande. �brigens, hat Ihr
Bruder viel getrunken? Es sind einige Hinweise daf�r vorhanden.�</p><p>�Es ist
m�glich�, sagte Avery. �Ich habe ihn in den letzten paar Jahren kaum gesehen.�
Sie betraten das Geb�ude. Leclerc stieg behutsam die breiten Treppen zum
Ministerium hinauf, das zwischen den Whitehall Gardens und dem Flu� lag. Der
wuchtige neue Eingang war von Plastiken in jenem faschistischmonumentalen
Stil umgeben, wie ihn gew�hnlich Kleinstadtbeh�rden bewundern. Das teilweise
modernisierte Geb�ude wurde von Uniformierten mit roten Sch�rpen bewacht und
verf�gte �ber zwei Rolltreppen. Die eine, die herunterkam, war voll besetzt,
denn es war halb sechs.</p><p>�Herr Unterstaatssekret�r�, begann
Leclerc sch�chtern, �ich werde den Herrn Minister um eine weitere �berfliegung
bitten m�ssen.�</p><p>�Eine
solche Bitte ist Zeitverschwendung�, antwortete der Unterstaatssekret�r mit
Genugtuung. �Er war schon wegen der letzten �u�erst beunruhigt. Er hat sich zu
einer neuen Taktik entschlossen: es wird keine mehr geben.�</p><p>�Nicht einmal in einem solchen
Fall?�</p><p>�Besonders nicht in einem solchen
Fall.� Der Unterstaatssekret�r ber�hrte leicht die Ecken seines Eingangskorbes
- die Geste eines Bankdirektors, der einen Kontenauszug vor sich hat. �Sie
werden sich etwas anderes einfallen lassen m�ssen�, sagte er. �Irgendeinen
anderen Weg. Gibt es denn keine schmerzlose Methode?�</p><p>�Keine.
Ich nehme an, wir k�nnten versuchen, eine Abwanderung aus diesem Gebiet
anzuheizen. Das ist aber eine langwierige Sache. Flugbl�tter, Propagandasendungen,
finanziellen Anreiz. Im Krieg hat sich das gut bew�hrt. Wir m��ten uns an
ziemlich viele Leute wenden.�</p><p>�Das
scheint eine h�chst undurchf�hrbare Idee zu sein.�</p><p>�Ja. Die Zeiten haben sich
ge�ndert.�</p><p>�Welche anderen M�glichkeiten gibt
es noch?� dr�ngte der Unterstaatssekret�r.</p><p>Leclerc l�chelte
wieder, als sei er gerne einem Freund behilflich, aber nicht imstande, Wunder
zu vollbringen. �Einen Agenten. Eine kurzfristige Operation. Hin und her, alles
zusammen vielleicht eine Woche.� Der Unterstaatssekret�r sagte: �Aber wer w�rde
sich f�r einen solchen Job hergeben? Heutzutage?�</p><p>�Wer
wirklich? Es w�re ein sehr k�hner Versuch.� Das Zimmer des Unterstaatssekret�rs
war gro�, aber dunkel, mit langen Reihen von Buchr�cken an den W�nden. Die
Modernisierung war bis zu seinem Vorzimmer vorgedrungen, das in
zeitgen�ssischem Stil eingerichtet war, aber dort war sie stehengeblieben. Um
sein Zimmer zu modernisieren, w�rde man sich bis zu seiner Pensionierung
gedulden m�ssen. In dem marmorverkleideten Kamin brannte ein Gasstrahler. An
der Wand hing ein �lgem�lde, das eine Seeschlacht darstellte. Der L�rm der
Flu�schiffe im Nebel drang bis zu ihnen. Es herrschte eine seltsam maritime
Stimmung.</p><p>�Kalkstadt
liegt ziemlich nahe der Grenze�, bemerkte Leclerc. �Wir m��ten keine
fahrplanm��ige Maschine ben�tzen. Wir k�nnten einen �bungsflug machen, vom Kurs
abkommen. Das ist schon �fters vorgekommen.�</p><p>�Genau.� Dann fuhr der
Unterstaatssekret�r fort: �Dieser Mann von Ihnen, der gestorben ist.�</p><p>�Taylor?�</p><p>�Namen
interessieren mich nicht. - Er wurde ermordet, nicht wahr?�</p><p>�Das ist
nicht bewiesen�, sagte Leclerc. �Aber Sie nehmen es an?�</p><p>Leclerc
l�chelte nachsichtig. �Ich glaube, wir wissen beide, Herr Unterstaatssekret�r,
da� es sehr gef�hrlich ist, Annahmen offen auszusprechen, wenn damit
politische Entscheidungen verbunden sind. Ich bitte immer noch um die
Erlaubnis, das Gebiet ein zweites Mal �berfliegen zu d�rfen.�</p><p>Dem
Unterstaatssekret�r scho� das Blut in die Wangen.</p><p>�Ich habe
Ihnen gesagt, da� es nicht in Frage kommt. Nein! Ist das jetzt klar? Wir
sprachen von Alternativen.�</p><p>�Ich glaube, es gibt eine
Alternative, die aber kaum im Rahmen meiner Organisation liegt. Es betrifft
eher Sie selbst und das Ausw�rtige Amt.�</p><p>�So?�</p><p>�Geben Sie den Londoner Zeitungen
einen Wink. Bringen Sie es in Umlauf. Ver�ffentlichen Sie die Aufnahmen.�</p><p>�Und?�</p><p>�Beobachten
Sie die Wirkung. Beobachten Sie die diplomatische T�tigkeit der DDR und
Sowjetunion, die Verkehrsbewegungen. Werfen Sie einen Stein ins Nest und warten
Sie ab, welche Folgen das hat.�</p><p>�Ich kann
Ihnen genau sagen, welche Folgen das haben w�rde. Einen Protest von den
Amerikanern, dessen Echo in den G�ngen dieses Hauses noch in zwanzig Jahren
h�rbar w�re.�</p><p>�Nat�rlich.
Das habe ich vergessen.�</p><p>�Dann sind
Sie ein gl�cklicher Mensch. Sie regten an, einen Agenten hineinzuschicken.�</p><p>�Nur
vorl�ufig. Ich w��te nicht, wen.�</p><p>�H�ren Sie
zu�, sagte der Unterstaatssekret�r mit der Endg�ltigkeit eines sehr m�den
Mannes. �Der Standpunkt des Ministers ist sehr einfach. Sie haben einen
Bericht vorgelegt. Wenn er der Wahrheit entspricht, ver�ndert er unsere gesamte
Verteidigungsstellung. Tats�chlich ver�ndert er alles. Mir ist jede Sensation
zuwider, ebenso dem Minister. Da Sie den Hasen aufgest�rt haben, ist das
mindeste, was Sie tun k�nnen, da� Sie nun auf ihn schie�en.� Leclerc sagte:
�Falls ich einen Mann f�nde, taucht das Problem der Mittel auf. Geld, Schulung,
Ausr�stung. Vielleicht zus�tzliches Personal. Verkehrsmittel. Ein �berfliegen
hingegen...�</p><p>�Warum
z�hlen Sie so viele Schwierigkeiten auf? Ich war immer der Meinung, ihr w�rt
f�r diese Dinge da.�</p><p>�Wir sind
darauf spezialisiert, Herr Unterstaatssekret�r. Aber ich habe meinen Stab
verkleinert, wissen Sie. Betr�chtlich verkleinert. Man mu� auch ehrlich
zugeben, da� uns einige unserer Funktionen entzogen worden sind. Ich habe nie
versucht, die Uhr zur�ckzudrehen. Das hier ist hingegen� - er deutete ein
L�cheln an - �eine etwas anachronistische Situation.� Der Unterstaatssekret�r
sah durch das Fenster auf die sich am Flu� hinziehende Lichterkette hinaus.
�Mir kommt es ziemlich zeitgem�� vor. Raketen und all das Zeug. Ich glaube
nicht, da� der Minister sie f�r anachronistisch h�lt.�</p><p>�Ich meine
nicht das Ziel, sondern die Angriffsmethode: den gewaltsamen Grenz�bertritt.
Das ist seit dem Krieg kaum je gemacht worden, obwohl es eine Form der geheimen
Kriegf�hrung ist, mit der meine Organisation traditionsgem�� voll vertraut
ist. Oder war.�</p><p>�Worauf
wollen Sie hinaus?�</p><p>�Ich denke
nur laut, Herr Unterstaatssekret�r. Ich frage mich, ob das Rondell f�r diese
Art Unternehmung nicht besser ausger�stet ist. Vielleicht sollten Sie sich an
Control wenden. Ich kann ihm die Unterst�tzung meiner Waffenspezialisten
versprechen.�</p><p>�Das
hei�t, Sie glauben, die Sache nicht bew�ltigen zu k�nnen?�</p><p>�Nicht mit
meiner augenblicklichen Organisation. Control kann es. Das hei�t, falls der
Minister nichts dagegen hat, eine andere Beh�rde einzuweihen. Eigentlich zwei.
Ich war mir nicht bewu�t, da� Sie sich wegen der Publizit�t solche Sorgen machen.�</p><p>�Zwei?�</p><p>�Control
wird sich verpflichtet f�hlen, das Ausw�rtige Amt zu informieren. So wie ich
Sie informiert habe. Und von diesem Augenblick an m�ssen wir uns damit
abfinden, da� man sich dort den Kopf dar�ber zerbrechen wird.�</p><p>�Wenn
diese Leute davon wissen�, sagte der Unterstaatssekret�r voll Verachtung,
�dann ist es morgen das Gespr�chsthema in jedem verdammten Klub.�</p><p>�Diese
Gefahr besteht�, gab Leclerc zu. �Vor allem aber frage ich mich, ob das Rondell
die milit�rischen Erfahrungen dazu besitzt. Ein Raketenst�tzpunkt ist eine
komplizierte Sache: Abschu�rampen, Abschirmanlagen, Kabelbatterien - alle
diese Dinge erfordern genaues Arbeiten und sorgf�ltige �berpr�fung. Control
und ich k�nnten unsere Kr�fte vereinen, denke ich...�</p><p>�Das kommt
nicht in Frage. Ihr w�rdet dabei sehr schlecht harmonieren. Selbst wenn Ihnen
eine Zusammenarbeit gel�nge, w�rde das gegen den Grundsatz versto�en, keinen
monolithischen Apparat zu errichten.�</p><p>�Ach ja,
nat�rlich.�</p><p>�Nehmen
wir also an, Sie machen es selbst, nehmen wir an, Sie finden einen Mann. Was
w�rde das erfordern?�</p><p>�Einen
zus�tzlichen Etat. Barmittel, ab sofort. Zus�tzliches Personal. Ein
Trainingslager. Direkten Schutz des Ministeriums in Form von Sonderp�ssen und
Vollmachten.� Wieder die Spitze: �Und wenigstens etwas Hilfe von Control. wir
k�nnten sie uns unter einem Vorwand verschaffen.�</p><p>Klagend
hallte der Ruf eines Nebelhorns �ber das Wasser.</p><p>�Wenn es keine andere M�glichkeit
gibt.�</p><p>�Vielleicht tragen Sie es dem
Minister vor.� Schweigen. Dann sagte Leclerc: �Praktisch gesprochen, brauchen
wir an die drei�igtausend Pfund.�</p><p>�Verrechenbar?�</p><p>�Zum Teil.
Ich dachte, Sie wollten von Einzelheiten verschont bleiben.�</p><p>�Nicht, wenn das Schatzamt
betroffen ist. Ich schlage vor, Sie machen eine Aufstellung der Kosten.�</p><p>�In Ordnung. Nur eine ungef�hre
�bersicht.� Wieder herrschte Schweigen.</p><p>�Im
Vergleich zu der Gefahr kann man das wirklich nicht als gro�e Summe
bezeichnen�, sagte der Unterstaatssekret�r, wie um sich selbst zu tr�sten. �Zu
der m�glichen Gefahr. Das soll klar sein: ich behaupte nicht, da� ich davon
�berzeugt bin. Ich habe nur den Verdacht, den schweren Verdacht.� Er konnte es
sich nicht verkneifen hinzuzuf�gen: �Das Rondell w�rde das doppelte verlangen.
Die werfen mit dem Geld herum.�</p><p>�Also drei�igtausend
Pfund und unsere amtliche Unterst�tzung?�</p><p>�Und einen
Mann. Aber den mu� ich selbst finden.� Er lachte leise.</p><p>Der
Unterstaatssekret�r sagte unvermittelt: �Der Minister wird gewisse
Einzelheiten nicht wissen wollen.</p><p>Sind Sie sich dar�ber im klaren?�</p><p>�Selbstverst�ndlich. Ich nehme an,
Sie werden den Gro�teil des Gespr�chs bestreiten.�</p><p>�Ich nehme an, das wird der
Minister tun. Es ist Ihnen gelungen, ihn ziemlich zu beunruhigen.� Jetzt lachte
Leclerc laut heraus: �Das sollten wir unserem Herrn und gemeinsamen Meister
niemals antun.� Der Unterstaatssekret�r schien nicht der Meinung zu sein, sie
h�tten einen gemeinsamen Meister. ��brigens, was Mrs. Taylors Pension
betrifft�, sagte Leclerc. �Ich mache ein Gesuch an das Schatzamt. Dort sind sie
der Meinung, der Minister sollte es unterzeichnen.�</p><p>�Ja, Herrgott, warum denn?�</p><p>�Es ist die Frage, ob er im
Einsatz get�tet wurde.� Der Unterstaatssekret�r erstarrte. �Das ist ziemlich
vermessen. Sie bitten um die Best�tigung des Ministeriums, da� Taylor ermordet
wurde.�</p><p>�Ich bitte um eine Witwenpension�,
protestierte Leclerc ernst. �Taylor war einer meiner besten Leute.�</p><p>�Nat�rlich. Das sind sie immer.�
Der Minister sah bei ihrem Eintritt nicht auf. Der Polizeiinspektor erhob sich
von seinem Stuhl: ein kleiner beleibter Mann mit ausrasiertem Nacken. Er trug
Zivilkleidung. Avery hielt ihn f�r einen Detektiv. Er sch�ttelte ihnen mit
einer berufsm��ig kummervollen Miene die H�nde, hie� sie in modernen Sesseln
mit Armlehnen aus Teakholz Platz nehmen und bot ihnen aus einer Dose Zigarren
an. Sie lehnten ab, also z�ndete er sich selbst eine an und ben�tzte sie
hinfort sowohl als Verl�ngerung seiner kurzen Finger, wenn er seinen Worten
durch Gesten Nachdruck verlieh, wie auch als Zeigestab, um in der rauchigen
Luft Gegenst�nde zu beschreiben, von denen er sprach. Er bezeugte Averys
Schmerz mehrmals seine Reverenz, indem er sein Kinn in den Kragen versenkte und
ihm aus dem Schatten seiner struppigen Augenbrauen vertrauliche Blicke des
Mitgef�hls zuwarf. Zuerst erl�uterte er den Sachverhalt des Unfalls, lobte mit
einer erm�denden Schilderung aller Details die Anstrengungen, die von der
Polizei zur Auffindung des Autos gemacht worden waren, erw�hnte mehrfach die
pers�nliche Anteilnahme des Polizeipr�sidenten sowie dessen sprichw�rtliche
Anglophilie und gab schlie�lich seiner eigenen �berzeugung Ausdruck, da� man
den Schuldigen finden und mit der vollen H�rte des finnischen Gesetzes
bestrafen werde. Er verharrte eine ganze Weile bei seiner eigenen Bewunderung
f�r die Briten, seiner Zuneigung f�r die Queen und Sir Winston Churchill sowie
den Vorteilen der finnischen Neutralit�t, um schlie�lich auf die Leiche zu
sprechen zu kommen.</p><p>Die Leichenschau, er sei stolz,
dies sagen zu d�rfen, sei beendet, und der Herr �ffentliche Ankl�ger - nach
seinen eigenen Worten - habe erkl�rt, da� die Umst�nde, unter denen Mr.
Malherbe den Tod gefunden hatte, keinen Anla� zu irgendeinem weiteren Verdacht
g�ben, abgesehen von dem Vorhandensein einer betr�chtlichen Menge Alkohols im
Blut des Toten. Der Barkeeper am Flughafen habe f�nf Gl�ser Steinh�ger gez�hlt.
Peersen wandte sich an Sutherland. �W�nscht er seinen Bruder zu sehen?�
erkundigte er sich, da er offenbar glaubte, es sei besonders feinf�hlend, wenn
er diese Frage einer dritten Person stellte. Sutherland war verlegen. �Ich mu�
das Mr. Avery �berlassen�, sagte er, als �bersteige die Frage seine
Kompetenzen. Beide M�nner blickten auf Avery. �Ich glaube nicht�, sagte Avery.
�Da gibt's nur eine Schwierigkeit�, sagte Peersen, �wegen der Identifizierung.�</p><p>�Identifizierung?�
wiederholte Avery. �Von meinem Bruder?�</p><p>�Sie haben
doch seinen Pa� gesehen�, warf Sutherland ein, �ehe Sie ihn mir
heraufgeschickt haben. Was ist die Schwierigkeit?�</p><p>Der Beamte
nickte: �Ja, ja.� Er �ffnete eine Schublade und zog eine Handvoll Briefe, eine
Brieftasche und einige Fotografien heraus.</p><p>�Er hie�
Malherbe�, sagte er. Er sprach flie�end englisch mit starkem amerikanischem
Akzent, was irgendwie gut zu seiner Zigarre pa�te. �Sein Pa� lautete
jedenfalls auf Malherbe. Es war doch ein echter Pa�, oder nicht?� Peersen sah
schnell zu Sutherland, und f�r einen Augenblick dachte Avery, er k�nnte in
Sutherlands umw�lktem Gesicht ein gewisses ehrliches Z�gern entdecken.
�Nat�rlich.�</p><p>Peersen
begann einen Brief nach dem anderen zu betrachten, wobei er einige in den vor
ihm liegenden Aktendeckel schob und andere in die Schublade zur�cklegte. Ab
und zu, w�hrend er ein Blatt auf den Sto� vor ihm legte, murmelte er: �Ah so�,
oder �Ja-ja�. Avery f�hlte, wie ihm der Schwei� �ber den K�rper rann. Seine
verkrampften H�nde waren feucht. �Und Ihr Bruder hie� Malherbe?� fragte
Peersen, als er mit dem Sortieren fertig war. Avery nickte. �Nat�rlich.�</p><p>Der
Polizeibeamte l�chelte. �Keineswegs nat�rlich�, sagte er und hob seine Zigarre,
wobei er durchaus freundlich nickte, als habe er ein neues Argument. �Alles,
was er besa�, seine Briefe, seine W�sche, der F�hrerschein, alles geh�rt Mr.
Taylor. Kennen Sie einen Taylor?�</p><p>Etwas
begann sich in Avery zu verkrampfen. Der Umschlag, was sollte er mit dem
Umschlag machen? Sollte er schnell auf die Toilette gehen und ihn vernichten,
ehe es zu sp�t war? Er bezweifelte, da� es funktionieren w�rde: der Umschlag
war aus hartem, gl�nzendem Papier. Selbst wenn er ihn zerri� - die Schnitzel
w�rden schwimmen und sich nicht hinuntersp�len lassen. Es war ihm klar, da�
Peersen und Sutherland in der Erwartung einer Antwort auf ihn blickten, aber
das einzige, worauf er seine Gedanken konzentrieren konnte, war der Umschlag,
der pl�tzlich so schwer in seiner Brusttasche steckte. Schlie�lich brachte er
heraus. �Nein, kenne ich nicht. Mein Bruder und ich.� Stiefbruder oder
Halbbruder? �... mein Bruder und ich hatten nicht viel Kontakt miteinander. Er
war �lter, wir sind eigentlich gar nicht miteinander aufgewachsen. Er arbeitete
mal hier, mal dort. Er konnte sich nie zu etwas Dauerhaftem entschlie�en.
Vielleicht war dieser Taylor ein Freund von ihm, der.� Avery zuckte mit den
Schultern und versuchte tapfer anzudeuten, da� Malherbe sogar f�r ihn eine
ziemlich geheimnisvolle Erscheinung gewesen sei.</p><p>�Wie alt sind Sie?� fragte
Peersen. Sein Respekt vor dem schmerzlichen Verlust des anderen schien im
Schwinden begriffen zu sein. �Zweiunddrei�ig.�</p><p>�Und Malherbe?� fragte er beil�ufig.
�Um wieviele Jahre war er �lter, bitte sch�n?� Sutherland und Peersen hatten
Malherbes Pa� gesehen und wu�ten sein Alter. Man erinnert sich leicht an das
Alter von Leuten, die gerade gestorben sind. Nur Avery, sein Bruder, hatte
nicht die geringste Ahnung. �Zw�lf�, sagte er auf gut Gl�ck. �Mein Bruder war
vierundvierzig.� Warum hatte er sich so festgelegt? Peersen runzelte die
Brauen. �Nur vierundvierzig? Dann stimmt der Pa� nicht.�</p><p>Peersen
wandte sich zu Sutherland, deutete mit seiner Zigarre auf die T�r am
entfernteren Ende des Raumes und sagte fr�hlich, als habe er einen alten Streit
zwischen zwei Freunden beendet: �Jetzt sehen Sie, wieso ich ein Problem mit der
Identifizierung habe.�</p><p>Sutherland sah sehr erz�rnt aus.
�Es w�re nett, wenn sich Mr. Avery die Leiche ansehen wollte�, schlug Peersen
vor, �dann k�nnten wir sicherer sein.�</p><p>Sutherland
sagte: �Inspektor Peersen. Die Identit�t des Mr. Malherbe geht aus seinem Pa�
hervor. Das Ausw�rtige Amt in London hat mit Sicherheit festgestellt, da� der
Name Mr. Averys von Mr. Malherbe als der seines n�chsten Verwandten angegeben
worden ist. Sie sagten mir, da� �ber die Umst�nde seines Todes keine Zweifel
best�nden. Es ist die �bliche Verfahrensweise, da� Sie mir nun seine
pers�nlichen Effekten zu treuen H�nden �bergeben, damit ich sie bis zum
Abschlu� der noch im Vereinigten K�nigreich durchzuf�hrenden Formalit�ten
aufbewahren kann. Es ist anzunehmen, da� sich Mr. Avery nun der Leiche seines
Bruders annehmen darf.� Peersen schien zu z�gern. Er zog die restlichen Papiere
Taylors aus dem Stahlfach seines Schreibtisches und legte sie zu den anderen
Papieren, die bereits vor ihm aufgeschichtet waren. Dann sprach er einige
finnische S�tze ins Telefon. Nach kurzer Zeit brachte ein Polizist einen alten
Lederkoffer und eine Inventarliste herein, die Sutherland unterschrieb. W�hrend
dieser Prozedur sprachen weder Avery noch Sutherland auch nur ein Wort mit dem
Inspektor. Peersen begleitete sie den ganzen Weg bis zum Haupteingang.
Sutherland bestand darauf, den Koffer und die Papiere selbst zu tragen. Sie
gingen zum Auto. Avery wartete darauf, da� Sutherland etwas sagte, aber er
schwieg. Die Fahrt dauerte ungef�hr zehn Minuten. Die Stadt war nur sp�rlich
beleuchtet. Avery bemerkte, da� auf der Stra�e in zwei Fahrspuren Chemikalien
ausgestreut waren. Die Stra�enmitte und die Rinnsteine waren mit Schnee
bedeckt. Die Stra�enlampen verbreiteten ein kr�nkliches Neonlicht, das in der
sich verdichtenden Dunkelheit zu versickern schien. Da und dort erkannte Avery
steile Schindeld�cher, das Kreischen einer Stra�enbahn oder den hohen wei�en
Helm eines Polizisten. Gelegentlich warf er einen verstohlenen Blick zur�ck
durch das Heckfenster.</p><empty-line/><p><strong>7. </strong><strong><emphasis>Kapitel </emphasis></strong></p><p><emphasis/></p><p>Woodford
stand Pfeife rauchend im Flur und grinste dem B�ropersonal zu, das gerade dabei
war, nach Hause zu gehen. Dies war f�r ihn die sch�nste Stunde des Tages. Bei
Arbeitsbeginn am Morgen war es anders, denn es war aus Tradition �blich, da�
untergeordnete Dienstgrade um halb zehn, die h�heren aber zwischen zehn und
zehn Uhr f�nfzehn in der Dienststelle erschienen. Die h�chsten Beamten der
Organisation blieben theoretisch bis sp�t in die Nacht hinein, um ihre
Arbeiten in Ruhe erledigen zu k�nnen. Leclerc pflegte zu sagen, da� ein
Gentleman niemals auf die Uhr sah. Dieser Brauch stammte noch aus dem Krieg,
als die Offiziere die fr�hen Morgenstunden damit verbrachten, von
Aufkl�rungsfl�gen zur�ckgekehrte Piloten auszufragen, oder die sp�ten
Abendstunden mit der Abfertigung eines Agenten. Damals hatten die untergeordneten
Dienstgrade in Schicht gearbeitet, w�hrend die Offiziere kamen und gingen, wie
es ihnen ihre Arbeit erlaubte. Jetzt erf�llte die Tradition einen anderen
Zweck. Denn nun gab es Tage, ja oft sogar Wochen, in denen Woodford und seine
Kollegen kaum wu�ten, wie sie ihre Zeit bis halb sechs Uhr ausf�llen sollten.
So ging es allen au�er Haldane, auf dessen gebeugten Schultern der Ruhm der
Organisation, eine hervorragende Auswertungsabteilung zu haben, lastete. Die
anderen entwickelten Pl�ne, die nie in die Tat umgesetzt wurden, stritten
freundschaftlich �ber Urlaubs- und Dienstpl�ne oder die Qualit�t ihrer B�rom�bel
und k�mmerten sich mehr als n�tig um die Sorgen der Mitglieder ihrer Abteilung.</p><p>Berry, der
Beamte aus dem Kode-Zimmer, trat in den Korridor, b�ckte sich und steckte die
Fahrradklammern an seine Hose.</p><p>�Wie geht's der Gattin, Berry?�
fragte Woodford. Ein Mann mu� den Finger am Puls des Lebens halten. �Es geht
ihr gut, danke, Sir.� Er richtete sich auf und fuhr sich mit einem Kamm durchs Haar.
�Die Sache mit Wilf Taylor - schrecklich, Sir.�</p><p>�Schrecklich, ja. Er war ein guter
Kamerad.�</p><p>�Mr. Haldane wird das Archiv
selbst zusperren, Sir. Er hat noch lange dort zu tun.�</p><p>�Hat er? -
Na ja, wir haben alle gerade sehr viel zu tun.�</p><p>Berry
senkte die Stimme. �Und der Chef schl�ft heute im B�ro, Sir. Eine ziemliche
Krise, wirklich. Er soll zum Minister gefahren sein. Man hat ihm ein Auto geschickt.�</p><p>�Gute
Nacht, Berry.�</p><p>Befriedigt dachte Woodford: Sie
h�ren einfach zu viel. Dann schlenderte er den Flur hinunter. Das Licht in
Haldanes Zimmer stammte von einer verstellbaren Leselampe. Sie warf ein
schmales Band grellen Lichtes auf die vor ihm liegenden Akte. �Immer noch an
der Arbeit?�</p><p>Haldane
schob die eine Akte in den Korb mit der Aufschrift &gt;Erledigt&lt; und nahm
eine andere zur Hand. �M�chte wissen, wie es dem jungen Avery geht. Er wird
schon weiterkommen, der Junge. Ich h�re, da� der Chef noch nicht zur�ck ist.
Mu� eine lange Sitzung sein.�</p><p>Er lie� sich in dem Ledersessel
nieder. Es war Haldanes eigener, den er aus seiner Wohnung hatte her�berbringen
lassen, um darin sitzen zu k�nnen, wenn er seine Kreuzwortr�tsel l�ste. �Woraus
schlie�en Sie das? Bei uns ist das kaum �blich�, sagte Haldane, ohne
aufzublicken. �Wie ist Clarkie mit Taylors Frau weitergekommen?� fragte
Woodford. �Wie hat sie es aufgenommen?� Haldane seufzte und legte die Akte
beiseite. �Er hat's ihr beigebracht. Mehr wei� ich auch nicht�, sagte er.</p><p>�Du wei�t
nicht, wie sie es aufgenommen hat? Hat er nichts davon erz�hlt?�</p><p>Woodford
sprach immer etwas lauter, als n�tig gewesen w�re, wie es die Art von M�nnern
ist, die sich stets gegen ihre Frau durchzusetzen versuchen m�ssen.</p><p>�Ich habe
wirklich keine Ahnung. Soviel ich wei�, war er allein bei ihr. Leclerc beh�lt
solche Sachen lieber f�r sich.�</p><p>�Ich dachte, da� er vielleicht mit
dir.� Haldane sch�ttelte den Kopf. �Nur mit Avery�, murmelte er.</p><p>�Ist eine
gro�e Sache, das, nicht wahr, Adrian - oder k�nnte es sein?�</p><p>�K�nnte
sein. Wir werden schon sehen�, sagte Haldane sanft. Er war zu Woodford nicht
immer unfreundlich.</p><p>�Gibt's
sonst was Neues an der Taylor-Front?� wollte Woodford wissen.</p><p>�Der
Luftwaffen-Attache in Helsinki hat Lansen ausfindig gemacht. Er best�tigt, da�
er Taylor den Film ausgeh�ndigt hat. Die Russen hatten ihn offenbar �ber
Kalkstadt abgefangen. Zwei MIGs. Sie haben ihn umkreist, dann aber
freigelassen.�</p><p>�Gott�,
sagte Woodford benommen, �das entscheidet die Sache.�</p><p>�Das
entscheidet gar nichts. Es entspricht dem, was wir schon wissen. Wenn sie das
Gebiet f�r gesperrt erkl�ren, weshalb sollten sie es dann nicht auch
�berwachen? Vielleicht haben sie es nur wegen eines Man�vers gesperrt, wegen
irgendwelcher Flugabwehr�bungen. Weshalb haben sie Lansen nicht zur Landung
gezwungen? Nichts von all dem berechtigt zu irgendwelchen Schlu�folgerungen.�
Leclerc stand in der T�r. Das frische Hemd hatte er f�r den Minister, den
schwarzen Schlips f�r Taylor angelegt.</p><p>�Ich bin
mit einem Wagen gekommen�, sagte er. �Man hat uns einen aus dem Wagenpark des
Ministeriums f�r unbegrenzte Zeit zur Verf�gung gestellt. Der Minister war
ziemlich erstaunt, als er h�rte, da� wir kein Fahrzeug haben. Es ist ein Humber
mit Chauffeur, wie der von Control. Man sagte mir, der Fahrer sei
vertrauensw�rdig.� Er sah Haldane an. �Ich habe mich entschlossen, eine
Sonderabteilung zu bilden, Adrian. Ich m�chte, da� du ihre Leitung �bernimmst.
Sandford soll solange deine Abteilung �bernehmen. Die Abwechslung wird ihm
guttun.� Pl�tzlich verzog sich sein Gesicht zu einem L�cheln, als k�nne er die
Befriedigung nicht l�nger unterdr�cken. Er war sehr erregt. �Wir werden einen
Mann hineinschicken. Der Minister hat die Zustimmung gegeben. Wir fangen sofort
mit der Arbeit an. Als erstes m�chte ich morgen fr�h die Abteilungsleiter
sehen. Dir, Adrian, werde ich Woodford und Avery zuteilen. Du, Bruce, setzt
dich bitte mit den Jungens von unserer alten Ausbildergruppe in Verbindung.
Das Ministerium wird f�r den vor�bergehend zu bildenden Stab DreimonatsVertr�ge
ausstellen. Nat�rlich ohne zus�tzliche Verpflichtungen zu �bernehmen. Das
Ausbildungsprogramm wie �blich: Morsen, Waffentraining, Verschl�sseln,
Beobachten, unbewaffneten Nahkampf und Tarnung. Wir werden ein Haus brauchen,
Adrian. Vielleicht kann sich Avery nach seiner R�ckkehr darum k�mmern. Ich
werde mich wegen der n�tigen Dokumente an Control wenden. Unsere F�lscher sind
ja alle zu ihm hin�bergegangen. Wir werden Karten vom genauen Grenzverlauf im
Gebiet von L�beck brauchen, Fl�chtlingsberichte, genaue Angaben �ber Minenfelder
und andere Hindernisse.� Er sah auf seine Uhr. �Wollen wir uns nicht dar�ber
unterhalten, Adrian?�</p><p>Haldane
sagte: �Eine Frage: Wieviel wei� das Rondell �ber diese Sache?�</p><p>�Das, was wir ihnen erz�hlen
wollen. Warum?�</p><p>�Man wei�, da� Taylor tot ist. Es
hat in ganz Whitehall die Runde gemacht.�</p><p>�M�glich.�</p><p>�Man wei�,
da� Avery in Finnland einen Film holen soll. Es k�nnte durchaus sein, da� ihnen
der Bericht der zentralen Flugsicherung �ber Lansens Maschine aufgefallen ist.
Sie haben dort eine besondere Art, Dinge zu bemerken.�</p><p>�Na und?�</p><p>�Also
h�ngt's nicht davon ab, wieviel wir ihnen erz�hlen wollen, oder?�</p><p>�Du wirst
zur morgigen Konferenz kommen?� fragte Leclerc etwas pathetisch.</p><p>�Ich
glaube, das Wesentliche deiner Anweisungen verstanden zu haben. Wenn du nichts
dagegen hast, w�rde ich gerne noch ein paar Erkundigungen einziehen. Noch
heute abend und vielleicht morgen vormittag.�</p><p>Etwas
verwirrt sagte Leclerc: �Gro�artig. K�nnen wir dir irgendwie helfen?�</p><p>�Vielleicht
d�rfte ich deinen Wagen f�r eine Stunde ben�tzen?�</p><p>�Selbstverst�ndlich. Ich m�chte,
da� wir ihn alle ben�tzen - zu unserem gemeinsamen Nutzen. - Und das ist f�r
dich, Adrian.� Er gab ihm eine gr�ne Karte, die in einem Zellophanumschlag
steckte. �Der Minister hat sie eigenh�ndig unterschrieben.� Er deutete damit
an, da� es in der Unterschrift eines Ministers wie beim Segen des Papstes
Unterschiede im Grad der Authentizit�t g�be. �Du wirst es also machen, Adrian?
Du �bernimmst den Job?� Haldane schien ihn nicht geh�rt zu haben. Er hatte die
Akte wieder aufgeschlagen und betrachtete neugierig das Bild eines polnischen
Jungen, der vor zwanzig Jahren gegen die Deutschen gek�mpft hatte. Es war ein
junges, entschlossenes Gesicht, ohne Humor. Sein Besitzer schien sich nicht so
sehr um das Leben, sondern mehr um das �berleben Sorgen zu machen. Leclerc rief
mit pl�tzlicher Erleichterung: �Adrian, du leistest den zweiten Schwur?�
Haldane l�chelte widerstrebend, als habe ihn die Phrase an etwas erinnert, das
er schon l�ngst vergessen hatte. �Er scheint das Talent zum �berleben zu
besitzen�, sagte er schlie�lich, indem er auf die Akte wies. �Der Mann ist
nicht so leicht umzubringen.� Sutherland begann mit den Worten: �Als n�chster
Verwandter haben Sie das Recht, Ihre W�nsche �ber das weitere Verfahren mit der
Leiche Ihre Bruders bekanntzugeben.�</p><p>�Ja.�</p><p>Das Haus
Sutherlands war klein und hatte ein breites Doppelfenster, in dem Topfpflanzen
standen. Sie waren das einzige Merkmal, das dieses Haus von seinen Vorbildern
in der Wohngegend um Aberdeen unterschied. W�hrend sie von der Gartent�r auf das
Haus zugingen, bemerkte Avery hinter dem Fenster eine Frau mittleren Alters.
Sie trug eine Sch�rze und staubte gerade irgend etwas ab.</p><p>�Mein B�ro
ist auf der R�ckseite�, sagte Sutherland, als wollte er damit festhalten, da�
nicht das ganze Haus dem reinen Luxus geweiht sei. �Ich schlage vor, da� wir
jetzt die restlichen Details besprechen. Ich m�chte Sie nicht lange aufhalten.�
Damit bedeutete er Avery, da� er keine Einladung zum Abendessen zu erwarten
h�tte. �Wie wollen Sie ihn nach England zur�ckbringen?�</p><p>Sie sa�en
einander an Sutherlands Schreibtisch gegen�ber. Hinter dem Kopf des Konsuls
hing das Aquarell einer bl�ulichvioletten H�gellandschaft, die sich in einem
schottischen See spiegelte. �Ich h�tte gern, da� er mit dem Flugzeug zur�ckgebracht
w�rde.�</p><p>�Sie wissen, da� das ein teurer
Spa� ist?�</p><p>�Ich h�tte ihn dennoch gerne mit
dem Flugzeug zur�ckgebracht.�</p><p>�F�r die Beerdigung?�</p><p>�Nat�rlich!�</p><p>�Das ist
keineswegs nat�rlich�, entgegnete Sutherland spitz. �Wenn Sie Ihren Bruder� -
er sprach diese Verwandtschaftsbezeichnung jetzt gleichsam in Anf�hrungszeichen
aus, aber er w�rde das Spiel bis zum Ende mitmachen - �ein�schern lie�en,
w�rden ganz andere Transportbestimmungen in Anwendung kommen.�</p><p>�Ich
verstehe. Verzeihung.�</p><p>�Es gibt
in der Stadt ein Beerdigungsinstitut, Barford &amp; Company. Einer der
Teilhaber ist Engl�nder, mit einer Schwedin verheiratet. Es gibt eine ziemlich
gro�e schwedische Minderheit hier. Wir tun unser Bestes zur Unterst�tzung der
britischen Kolonie. Unter den gegebenen Umst�nden w�re es wohl das beste, wenn
Sie so schnell als m�glich nach London zur�ckkehrten. Ich nehme an, da� Sie
mich bevollm�chtigen, Barford den Auftrag zu geben.�</p><p>�In
Ordnung.�</p><p>�Sobald er
den Leichnam �bernommen hat, werde ich ihm den Pa� Ihres Bruders aush�ndigen.
Er wird sich ein �rztliches Attest �ber die Todesursache beschaffen m�ssen.
Ich werde ihn mit Peersen in Verbindung bringen.�</p><p>�Ja.�</p><p>�Er wird au�erdem einen amtlichen
Totenschein des hiesigen Standesamtes ben�tigen. Es ist billiger, wenn man sich
um diese Dinge selbst k�mmert. Falls Geld bei Ihren Leuten eine Rolle spielt.�
Avery sagte nichts.</p><p>�Sobald er eine g�nstige
Flugverbindung gefunden hat, wird er sich um den Frachtbrief k�mmern. Soviel
ich wei�, wird Derartiges meist nachts transportiert. Die Fracht ist billiger
und...�</p><p>�Einverstanden.�</p><p>�Gut.
Barford wird sicherstellen, da� der Sarg luftdicht ist. Er kann aus Metall oder
Holz sein. Au�erdem wird er selbst eine Best�tigung ausstellen, da� der Sarg
nichts als die Leiche enth�lt, und da� es dieselbe Leiche ist, auf die der Pa�
und der Totenschein Bezug nehmen. Ich erw�hne dies f�r den Fall, da� Sie die
Abwicklung in London �bernehmen. Barford wird das alles sehr rasch erledigen.
Ich werde mich darum k�mmern. Er hat gute Verbindungen zu den Chartergesellschaften
hier. Je eher er -�</p><p>�Ich
verstehe.�</p><p>�Ich bin
nicht sicher, da� Sie verstehen�, sagte Sutherland und hob die Augenbrauen,
als ob Avery zudringlich w�re. �Was Peersen sagte, war sehr vern�nftig. Ich
m�chte seine Geduld nicht auf die Probe stellen. Barford wird sich mit einer
Londoner Firma in Verbindung setzen. Es ist doch London, oder nicht?�</p><p>�Ja,
London.�</p><p>�Ich
k�nnte mir vorstellen, da� er eine gewisse Anzahlung von Ihnen erwartet. Ich
schlage vor, da� Sie das Geld bei mir gegen Quittung hinterlegen. Was nun den
pers�nlichen Besitz Ihres Bruders anbelangt: ich nehme an, da�, wer immer Sie
schickte, er auch den Wunsch hatte, da� Sie diese Briefe an sich nehmen?� Er
schob sie �ber den Tisch.</p><p>Avery
murmelte: �Da war noch ein Film. Ein belichteter Film.� Die Briefe steckte er
in die Tasche. Bed�chtig zog Sutherland einen Durchschlag des Inventars
heraus, das er auf der Polizei unterschrieben hatte, breitete es vor sich aus
und lie� seinen Finger am linken Rand des Blattes herunterwandern. Er tat es
voll Argwohn, als pr�fe er die von einem anderen aufgestellte Rechnung.</p><p>�Hier ist
kein Film verzeichnet. War auch eine Kamera da?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Ah!�</p><p>Er brachte
Avery zur T�r. ��brigens sollten Sie Ihrem Auftraggeber bestellen, da�
Malherbes Pa� ung�ltig war. Das Ausw�rtige Amt hat ein Rundschreiben mit etwa
zwanzig Nummern herausgegeben. Der Pa� Ihres Bruders war darunter. Es mu� da
eine Panne passiert sein. Ich wollte es gerade nach London berichten, als das
Fernschreiben des Ausw�rtigen Amtes kam, in dem Sie bevollm�chtigt werden,
Malherbes Sachen in Empfang zu nehmen.� Er lachte kurz auf. Er war sehr
�rgerlich. �Das war Quatsch, nat�rlich. Von sich aus h�tte das Amt niemals
diese Vollmacht geschickt. Sie haben gar nicht das Recht dazu, es sei denn, Sie
h�tten einen entsprechenden Bescheid der Verwaltungsbeh�rde, und den konnten
Sie unm�glich mitten in der Nacht besorgt haben. Haben Sie schon eine
Unterkunft? Das &gt;Regina&lt; ist ganz passabel, es liegt gleich am Flughafen.
Au�erdem ist es au�erhalb der Stadt. Ich nehme an, da� Sie selbst dorthin
finden werden. Soviel ich wei�, bekommt ihr Leute gro�artige Di�ten.�</p><p>Avery
beeilte sich, das Gartentor zu erreichen, w�hrend sich seiner Erinnerung
unausl�schlich das Bild von Sutherlands magerem, bitterem Gesicht einpr�gte,
das sich �rgerlich von den schottischen H�geln abhob. Die Holzh�user an der
Stra�e schienen in der Dunkelheit fast wei�, wie um einen Operationstisch
versammelte Schatten.</p><p>Irgendwo
unweit von Charing Cross befindet sich im Souterrain eines jener zwischen
Villiers Street und der Themse liegenden erstaunlichen H�user aus dem 18.
Jahrhundert ein Club, an dessen T�r kein Name steht. Man erreicht ihn �ber eine
gewundene Steintreppe. Das Gel�nder ist mit der gleichen gr�nen Farbe wie die
T�ren in der Blackfriars Road gestrichen und m��te eigentlich durch ein neues
ersetzt werden. Die Mitglieder des Clubs sind eine seltsame Auslese. Einige
sind beim Milit�r, andere haben den Beruf eines Lehrers, wieder andere sind
B�romenschen. Manche stammen aus dem Niemandsland der Londoner Gesellschaft,
das irgendwo zwischen dem Buchmacher und dem Gentleman liegt. Den Leuten ihrer
Umgebung - und vielleicht sogar sich selbst - vermitteln sie den Eindruck eines
gedankenlosen Mutes. Ihre Unterhaltung besteht aus Abk�rzungen und S�tzen, die
sich ein Mensch mit Sprachgef�hl nur aus der Ferne anh�ren kann. Es ist ein
Treffpunkt der alten Gesichter und der jungen K�rper, der jungen Gesichter und
der alten K�rper. Hier haben sich die Spannungen des Krieges in Spannungen des
Friedens verwandelt - ein Ort, an dem man gegen die Stille die Stimmen, gegen
die Einsamkeit aber die Gl�ser erhebt. Es ist der Treffpunkt der Suchenden,
die doch hier nichts anderes finden als ihresgleichen und die Wohltat geteilten
Schmerzes. Hier haben die m�den, wachsamen Augen keinen Horizont zu beobachten.
Es ist noch immer ihr Schlachtfeld. Wenn es noch Liebe gibt, so finden sie sie
hier unter sich, scheu wie Heranwachsende, und mit dem st�ndigen Gedanken an
andere Menschen in ihrem Bewu�tsein. Es fehlt aus der Kriegszeit niemand - bis
auf die wichtigen Leute.</p><p>Es ist ein
kleines Lokal, das von einem mageren, trockenen Mann gef�hrt wird, der auf den
Namen Major Dell h�rt. Er hat einen Schnurrbart und tr�gt eine Krawatte mit
blauen Engeln auf schwarzem Grund. Nach dem ersten Schnaps auf seine Rechnung
werden ihm die anderen von seinen G�sten bezahlt. Das Lokal hei�t Alias-Club,
und Woodford war Mitglied. Der Club hat abends ge�ffnet. Die G�ste kommen gegen
sechs, sie l�sen sich aus der vorbeidr�ngenden Menge - verstohlen, aber
zielsicher, wie Besucher vom Land, die in ein anr�chiges Variete streben. Zuerst
fallen einem alle jene Dinge auf, die in diesem Club fehlen: keine Silberpokale
hinter der Bar, kein G�stebuch am Eingang und keine Mitgliedsliste, keine
Emblemes, keine Titel. An den wei�gekalkten W�nden h�ngen nur einige Fotos in
den Wechselrahmen, wie die Bilder in Leclercs B�ro. Die Gesichter darauf sind
unscharf, einige offenbar von einem Pa�bild vergr��ert, das von vorne
aufgenommen worden war, so da� der Vorschrift entsprechend beide Ohren sichtbar
blieben. Es gibt auch die Bilder von Frauen, einige von ihnen sogar attraktiv,
trotz ihrer hochsitzenden, viereckigen Schultern, die ebenso wie das lange
Haar w�hrend des Krieges Mode waren. Die M�nner tragen die verschiedensten
Uniformen. Soldaten des Freien Frankreich und der Freien polnischen Armee
zwischen ihren britischen Kameraden. Einige sind Piloten. Von den Engl�ndern
kann man noch immer viele, wenn auch alt und grau geworden, im Club an der Bar
treffen.</p><p>Als
Woodford hereinkam, drehte sich alles nach ihm um, und Major Dell bestellte
erfreut das �bliche Bier f�r ihn. Ein bl�hend aussehender Mann mittleren Alters
erz�hlte gerade von einem Absprung, den er einmal �ber Belgien gemacht hatte,
aber er schwieg, als er sp�rte, da� er die Aufmerksamkeit seines Publikums
verloren hatte.</p><p>�Hallo,
Woodie�, fragte jemand voll Verwunderung, �wie geht's Madame?�</p><p>�Geht
noch�, sagte Woodford mit jovialem L�cheln. �Geht noch.� Er trank von seinem
Bier. Jemand bot Zigaretten an.</p><p>Major Dell
sagte: �Woodie macht es ganz raffiniert heute abend.�</p><p>�Ich such'
jemanden. Aber es ist ziemlich geheim.�</p><p>�Wir
wissen, wie's ist�, sagte der bl�hend Aussehende. Woodford sah von einem der
an der Bar Stehenden zum anderen und fragte ruhig, aber mit einer Andeutung
des Geheimnisvollen in der Stimme: �Was hat der Alte beim Barras gemacht?�
Etwas verwirrtes Schweigen. Sie hatten nun schon eine Zeitlang getrunken.</p><p>�Er hielt
nat�rlich die Front.�, sagte Major Dell unsicher, und sie lachten alle.</p><p>Woodford
lachte mit ihnen. Er kostete die Atmosph�re des stillschweigenden
Einverst�ndnisses aus, durch das die halbvergessene Stimmung heimlicher Saufn�chte
in irgendwelchen englischen Offiziersmessen wieder heraufbeschworen wurde. �Und
f�r was hielt er sich?� forschte er im gleichen vertraulichen Ton.</p><p>Diesmal
riefen drei oder vier Stimmen gleichzeitig:</p><p>�F�r
schlechter als die Etappe.�</p><p>Sie waren
nun lauter und gl�cklicher.</p><p>�Da gab's
mal einen Mann namens Johnson�, fuhr Woodford schnell fort, �Jack Johnson. Ich
versuche herauszufinden, was aus ihm geworden ist. Er bildete Funker aus, war
einer der Besten. Zuerst war er bei Haldane in Bovingdon, bis sie ihn hinauf
nach Oxford versetzten.�</p><p>Voll
freudiger Erregung rief der Bl�hende: �Jack Johnson! Sie meinen den Funker?
Erst vor zwei Wochen hab' ich mir ein Autoradio bei Jack gekauft! Johnsons
Radioquelle&lt; am Clapham Broadway, das ist der Bursche. Schaut hier ab und zu
mal vorbei. Radio-Amateur, kleiner Kerl, spricht so aus dem Mundwinkel, nicht?�</p><p>�Das ist er�, sagte ein anderer,
�f�r uns von dem alten Verein l��t er zwanzig Prozent ab.�</p><p>�Mir hat er nicht�, sagte der
Bl�hende. �Das ist Jack. Er lebt in Clapham.� Nun griffen es auch die anderen
auf: das sei der Bursche und er habe dieses Gesch�ft in Clapham, ein
Radioamateur, war das schon vor dem Krieg, sogar schon als Kind. Ja, am
Broadway, sitzt dort schon jahrelang, mu� ein Verm�gen gemacht haben. Kommt
gerne um die Weihnachtszeit in den Club. Woodford bestellte mit freudig
ger�tetem Gesicht eine Runde. In dem folgenden Wirbel nahm ihn Major Dell
sachte am Arm und zog ihn ans andere Ende der Bar. �Woodie, ist das wahr mit
dem alten Wilf Taylor? Hat er wirklich ins Gras gebissen?� Woodford nickte mit
ernstem Gesicht. �Er war bei einem Einsatz. Wir meinen, da� sich jemand ihm gegen�ber
etwas hart benommen hat.� Major Dell zeigte sich sehr besorgt. �Ich hab's den
Jungs noch nicht gesagt. W�rde ihnen nur Kummer machen. Wer k�mmert sich um
seine Frau?�</p><p>�Der Chef
hat das jetzt in die Hand genommen. Sieht gut f�r sie aus.�</p><p>�Gut�, sagte Major Dell, �gut.� Er
nickte und klopfte Woodford voll Mitgef�hl auf den Arm. �Wir werden es vor den
Jungs nicht erw�hnen, ja?�</p><p>�Nat�rlich.�</p><p>�Er hat
ein- oder zweimal aufschreiben lassen. Nicht viel. Kam meist am Freitag einen
heben.� Die feine Sprechweise des Majors verrutschte manchmal etwas, wie ein
Patentschlips.</p><p>�Schick die Rechnung. Wir werden's
begleichen.�</p><p>�Da gab's ein Kind, oder? War's
nicht ein M�dchen?� Sie gingen zur Bar zur�ck. �Wie alt war sie doch?�</p><p>�Um die acht, vielleicht mehr.�</p><p>�Er sprach viel von ihr�, sagte
der Major. Jemand schrie: �Hey, Bruce, wann werdet ihr Burschen endlich mal
wieder den Jerries [Anm: Jerries: Spitzname f�r die Deutschen] auf die Finger
klopfen? Sie hocken schon wieder �berall. War mit meiner Frau diesen Sommer in
Italien - alles voll von arroganten Deutschen.�</p><p>Woodford
l�chelte. �Fr�her als du glaubst. - Jetzt wollen wir mal diesen versuchen,
h�rt zu.� Der L�rm ebbte ab. Woodford war eine Realit�t. Er machte diese
Arbeit noch immer.</p><p>�Es gab da
mal einen Spezialisten f�r unbewaffneten Nahkampf, ein Unteroffizier, Waliser.
Er war ziemlich klein.�</p><p>�Klingt nach Sandy Low�, schlug
der Bl�hende vor. �Genau, das ist Sandy!� Alle drehten sich bewundernd zu dem
Bl�henden. �Klar! Ein Waliser. Wir nannten ihn Randy Sandy.�</p><p>�Nat�rlich�,
sagte Woodford zufrieden. �Na, und ging er nicht als Boxlehrer zu irgendeinem
Internat?� Er betrachtete die anderen mit zusammengekniffenen Lidern. Er mu�te
ja viel verschweigen, das Ganze sehr vorsichtig durchspielen, weil es so streng
geheim war.</p><p>�Genau, das ist er. Das ist
Sandy!� Woodford schrieb sich den Namen auf, denn er war durch die Erfahrung
vorsichtig geworden, da� er gerne Dinge verga�, die er seinem Ged�chtnis
anvertraut hatte.</p><p>Als er
sich zum Gehen anschickte, fragte der Major: �Und was macht Clarkie?�</p><p>�Arbeitet�,
sagte Woodford. �Schuftet sich zu Tode, wie immer.�</p><p>�Die Jungs
reden viel �ber ihn, wei�t du. Warum kommt er nicht ab und zu einmal her? Sie
w�rden sich irrsinnig freuen, es w�rde ihnen Auftrieb geben.�</p><p>�Sag mal�,
sie waren schon an der T�r, �erinnerst du dich an einen Kerl namens Leiser?
Fred Leiser, ein Pole.</p><p>Er war bei unserem Haufen. War bei
dem Auftritt in Holland dabei.�</p><p>�Er lebt noch?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Tut mit
leid�, sagte der Major unbestimmt, �aber die Ausl�nder haben aufgeh�rt, zu mir
zu kommen. Wei� auch nicht, warum. Wir haben uns hier nie Gedanken dar�ber
gemacht.�</p><p>Woodford
schlo� die T�r hinter sich und trat in die Londoner Nacht hinaus. Er sah sich
verliebt um - die m�tterliche Stadt, die seiner rauhen Obsorge �berlassen war.
Er schritt langsam aus - wie ein alt gewordener Turner auf seinem alten
Sportplatz.</p><p><strong><emphasis/></strong></p><p><strong><emphasis>8. Kapitel </emphasis></strong></p><p><emphasis/></p><p>Avery, im
Gegensatz dazu, ging schnell. Er hatte Angst. Keine Frucht ist so schrecklich
und gleichzeitig so schwer zu beschreiben wie die, die einen Spion in fremdem
Land befallen kann. Der Blick eines Taxifahrers, das Gedr�nge der Menschen,
die Vielfalt der Uniformen - war das gerade ein Postbote oder war es ein
Polizist? -, die unbekannten Sitten, die fremde Sprache, die fremdartigen
Ger�usche, kurz all das, was die neue Welt ausmachte, in die Avery pl�tzlich
geraten war, erzeugte in ihm einen Zustand der fortw�hrenden Angst, die sich
wie ein Nervenschmerz jetzt, da Avery allein und m�de war, besonders b�sartig
bemerkbar machte. Innerhalb weniger Augenblicke schwankte seine Stimmung
zwischen Panik und einer kriecherischen Unterw�rfigkeit, die ihn auf unnat�rliche
Weise dankbar sein lie� f�r ein freundliches Wort oder auch nur einen
wohlwollenden Blick. Er empfand eine entw�rdigende Abh�ngigkeit von jenen, die
er gerade zu hintergehen im Begriff war. Avery w�nschte nichts sehnlicher, als
von den gleichg�ltigen Gesichtern um ihn her die Absolution eines
vertrauensvollen L�chelns zu erhalten. Es war ihm keine Hilfe, da� er sich
immer wieder sagte: du f�gst ihnen ja gar keinen Schaden zu, du bist doch ihr
Besch�tzer. Er bewegte sich zwischen ihnen wie ein Gejagter auf der Suche nach
Ruhe und Nahrung.</p><p>Er fuhr
mit dem Taxi ins Hotel und bat um ein Zimmer mit Bad. Man reichte ihm das
Meldebuch zur Unterschrift. Er hatte bereits seinen F�ller auf das Papier
gesetzt, als er, nur zehn Zeilen h�her, in m�hsamer Schrift den Namen Malherbe
verzeichnet sah. Der Namenszug war in der Mitte unterbrochen, als habe ihn sein
Schreiber nicht recht buchstabieren k�nnen.</p><p>Sein Auge
folgte der Eintragung in dieser Zeile: Adresse, London - Beruf, Major a. D.
Bestimmungsort, London. Sein letztes Vergn�gen, dachte Avery, waren also ein
falscher Beruf und ein falscher Grad gewesen, aber sie hatten dem unbedeutenden
Engl�nder Taylor noch einen Augenblick das Gef�hl des Ruhmes verschafft. Warum
nicht Oberst? Warum nicht Admiral? Warum hatte er sich nicht selbst geadelt
und eine Adresse in der Park Lane verschafft? Selbst noch im Zustand des
Tr�umens hatte Taylor seine Grenzen erkannt.</p><p>Der
Portier sagte: �Der Diener wird Ihr Gep�ck bringen.�</p><p>�Verzeihung�,
sagte Avery - eine sinnlose Bemerkung des Bedauerns - und schrieb seinen
Namen, wobei ihm der Portier eigenartig aufmerksam zusah. Er gab dem Diener
eine M�nze und hatte im selben Augenblick das Gef�hl, da� er ihm zu viel
gegeben habe. Er schlo� die T�r seines Zimmers und blieb einige Zeit auf
seinem Bett sitzen. Der Raum war durchdacht angelegt, aber er wirkte kalt und
unpers�nlich. An der T�r hing ein mehrsprachiger Hinweis, da� das Hotel f�r
Wertgegenst�nde nur haften k�nne, wenn sie beim Portier hinterlegt seien, und
neben dem Bett warnte ein zweiter Aushang vor den finanziellen Nachteilen, die
es f�r den Gast bedeuten w�rde, wenn er das Fr�hst�ck nicht im Hause einnahm.
Auf dem Schreibpult lag eine Reisezeitschrift und daneben eine schwarz
gebundene Bibel. Es gab ein ungemein sauberes und sehr kleines Badezimmer und
einen eingebauten Schrank, in dem ein Kleiderb�gel hing. Er hatte vergessen,
ein Buch mitzunehmen. Er hatte keineswegs erwartet, da� er gegen Langeweile zu
k�mpfen haben w�rde.</p><p>Ihm war
kalt und er hatte Hunger. Er wollte baden. Er drehte das Wasser auf und begann
sich auszuziehen.</p><p>Er war
schon dabei, ins Wasser zu steigen, als er sich an Taylors Briefe in seiner
Tasche erinnerte. Er zog seinen Bademantel an, setzte sich aufs Bett und begann,
sie zu lesen. Einer war von der Bank und bezog sich auf eine �berziehung des
Kontos, einer war von Taylors Mutter, einer von einem Freund - er begann
&gt;Lieber alter Wilf&lt; - und die �brigen waren von einer Frau. Diese Briefe
waren gef�hrlich. Sie stellten ein Sicherheitsrisiko dar. Derartige Briefe k�nnten
ihn leicht kompromittieren. Er entschlo� sich, sie alle zu verbrennen. Im
Zimmer gab es noch ein Waschbecken. Er legte die Briefe hinein und hielt ein
Streichholz an sie. Irgendwo hatte er gelesen, da� man das so machte. Da war
auch noch eine Mitgliedskarte des Alias-Clubs, ausgestellt auf den Namen
Taylor, und er verbrannte auch sie, zerdr�ckte dann die verkohlten Reste im
Becken und drehte das Wasser auf. Es stieg schnell. Das Becken hatte keinen
St�psel, sondern einen eingebauten Metallmechanismus, der mit einem Hebel
zwischen den H�hnen bedient wurde. In diesem Mechanismus hatte sich die nasse
Asche festgesetzt: Der Abflu� des Beckens war verstopft. Er sah sich nach einem
Gegenstand um, mit dem er unter den beweglichen Metallverschlu� in das Abflu�rohr
h�tte stochern k�nnen. Er versuchte es mit seinem F�ller, aber der war zu
dick, also holte er seine Nagelfeile. Mehrmalige Versuche brachten die Asche
schlie�lich in das Rohr. Das Wasser flo� ab und lie� einen dunkelbraunen Fleck
auf dem wei�en Boden des Porzellanbeckens sichtbar werden. Er rieb den Fleck,
zuerst mit der Hand, dann mit der Nagelb�rste, aber er wollte nicht
verschwinden. Die Glasur konnte sich nicht so verf�rben. Es mu�te irgendeine
Substanz aus dem Papier sein, vielleicht war es Teer. Er ging ins Bad und sah
sich vergebens nach einem Putzmittel um.</p><p>Als er ins
Zimmer zur�ckkam, bemerkte er, da� es mit dem Geruch verkohlten Papiers erf�llt
war. Er ging schnell zum Fenster und �ffnete es. Ein eisiger Windsto� fuhr
gegen seine nackten Beine. Er zog gerade den Bademantel fester um sich herum,
als es an der T�r klopfte. Er starrte von Furcht gel�hmt auf die T�r, h�rte es
wieder klopfen, rief schlie�lich &gt;Ja&lt; und sah, wie sich die Klinke
bewegte. Es war der Mann von der Rezeption. �Mr. Avery?�</p><p>�Ja?�</p><p>�Verzeihung.
Wir brauchen Ihren Pa�. F�r die Polizei.�</p><p>�Polizei!�</p><p>�Es ist
hier so �blich.�</p><p>Avery hatte sich vor das
Waschbecken gestellt. Die Vorh�nge flatterten wild vor dem ge�ffneten Fenster.
�Darf ich das Fenster schlie�en?� fragte der Mann. �Mir war nicht gut. Ich
wollte ein bi�chen frische Luft herein lassen.�</p><p>Er fand
seinen Pa� und gab ihn dem Mann, der - wie Avery bemerkte - auf das Waschbecken
starrte, auf den braunen Fleck und die kleinen schwarzen Flocken, die im Becken
zur�ckgeblieben waren. Sehnlicher als je zuvor w�nschte er, wieder daheim in
England zu sein.</p><p>Die Villen
l�ngs der Western Avenue wirken wie eine Reihe rosafarbener Gr�ber auf einem
grauen Feld, ein steingewordenes Bild beginnenden Alters. Einf�rmigkeit ist
die Folge widerspruchslosen Alterns, des sanften Sterbens und des erfolglosen
Lebens. Diese Villen sind H�user, denen es besser geht als ihren Bewohnern:
sie tauschen sie nach Belieben aus, ohne sich selbst zu �ndern. M�belwagen
gleiten respektvoll wie Leichenwagen zwischen ihnen hindurch, um diskret die
Toten abzuholen und die Lebenden zu liefern.</p><p>Manchmal
wird einer der Besitzer seine Hand r�hren, um einige T�pfe Farbe auf Balken und
T�ren zu verteilen oder den Garten zu versch�nern, aber seine Anstrengungen
ver�ndern das Haus nicht mehr, als ein Strau� Blumen das Krankenzimmer in einer
Klinik ver�ndert. Und das Gras wird auch in Zukunft auf seine eigene Art
wachsen, wie das Gras auf einem Grab. Haldane stieg aus und schickte den Wagen
weg, um zu Fu� in den Weg nach South Park Gardens einzubiegen, das gute f�nf
Minuten von der Avenue entfernt war: eine Schule, ein Postamt, vier L�den und
die Filiale einer Bank. Er ging gebeugt, an seiner Hand baumelte eine
Aktentasche. Er schritt gemessen �ber das Pflaster. Hinter den H�usern wurde
der Turm einer modernen Kirche sichtbar, eine Uhr schlug sieben. An der Ecke
ein Lebensmittelgesch�ft, neue Fassade, Selbstbedienung. Er schaute auf den
Namen: Smethwick. Im Laden war ein j�ngerer Mann in braunem Overall gerade
dabei, eine aus B�chsen errichtete Pyramide zu vollenden. Haldane klopfte an
die Scheibe. Der Mann sch�ttelte den Kopf und stellte eine weitere B�chse auf
den Turm. Haldane klopfte noch einmal, heftiger. Der Mann kam zur T�r. �Ich
darf Ihnen nichts mehr verkaufen�, rief er durch das Glas, �wozu also das
Geklopfe?� Dann sah er die Aktentasche und fragte: �Oder sind Sie Vertreter?�
Haldane griff in die Brusttasche und hielt etwas gegen die Scheibe - eine Karte
in einer Zellophanh�lse, die aussah wie eine Dauerkarte. Der junge Mann starrte
darauf, dann drehte er langsam den Schl�ssel. �Ich m�chte mit Ihnen privat
sprechen�, sagte Haldane und trat in den Laden.</p><p>�So ein
Ding habe ich noch nie gesehen�, bemerkte der junge Mann z�gernd. �Ich nehme
an, da� es in Ordnung ist?�</p><p>�Es ist
ganz in Ordnung. Nachforschung von Amts wegen. Jemand namens Leiser, ein Pole.
Soviel ich wei�, hat er vor ziemlich langer Zeit hier gearbeitet.�</p><p>�Da mu�
ich Vater holen�, sagte der junge Mann. �Ich war damals noch ein Kind.�</p><p>�Ich
verstehe�, sagte Haldane in einem Ton, als sei ihm Jugend zuwider.</p><p>Es war
schon fast Mitternacht, als Avery das Gespr�ch mit Leclerc bekam. Er war
sofort am Apparat. Avery konnte sich genau vorstellen, wie er aufrecht in dem
Eisenbett sa�, die Milit�rdecken stellen, wie er aufrecht in dem Eisenbett sa�,
die Milit�rdecken zur�ckgeworfen hatte und mit seinem schmalen, hellwachen
Gesicht auf die Neuigkeiten wartete. �Hier ist John�, sagte er vorsichtig.
�Jaja, ich wei� schon, wer Sie sind.� Leclerc schien �rgerlich dar�ber, da� er
seinen Namen erw�hnt hatte.</p><p>�Ich
f�rchte, das Gesch�ft ist geplatzt, sie haben kein Interesse. Negativ. Sie
sollten dem Mann, mit dem ich gesprochen habe, dem kleinen Dicken, sagen, da�
wir die Hilfe seines Freundes hier nicht brauchen werden.�</p><p>�Ich
verstehe. Macht nichts.� Er schien �berhaupt kein Interesse zu haben.</p><p>Avery
wu�te nicht, was er sagen sollte. Er hatte einfach keine Ahnung. Dabei
w�nschte er so sehr, noch l�nger mit Leclerc zu sprechen. Er h�tte so gerne berichtet,
wie ver�chtlich er von Sutherland behandelt worden, und da� der Pa� nicht in
Ordnung gewesen war. �Die Leute hier, die Leute, mit denen ich verhandle, sind
�ber das ganze Gesch�ft ziemlich beunruhigt.� Er wartete.</p><p>Er h�tte
Leclerc gerne mit seinem Namen angeredet, hatte aber f�r ihn keinen Namen. Es
war in der Organisation nicht �blich, einander mit Mister anzureden.</p><p>Die
�lteren redeten sich einfach mit ihren Familiennamen an und gebrauchten
gegen�ber den J�ngeren deren Vornamen. Es gab keine Regel daf�r, wie man seinen
Vorgesetzten anzusprechen hatte. So sagte Avery nur: �Sind Sie noch da?� Und
Leclerc antwortete �Nat�rlich. Wer ist beunruhigt? Was ist schiefgegangen?�
Avery dachte, ich h�tte ihn mit Direktor ansprechen k�nnen, aber das h�tte
wohl gegen die Sicherheitsvorschriften versto�en. �Der Vertreter hier, der
Mann, der sich um unsere Interessen k�mmert... er hat das ganze Gesch�ft
durchschaut�, sagte er. �Er hat sich's wohl zusammengereimt.�</p><p>�Sie haben betont, da� es streng
vertraulich ist?�</p><p>�Ja, nat�rlich.� Wie h�tte er nur
die Angelegenheit mit Sutherland erkl�ren k�nnen?</p><p>�Gut. Wir k�nnen gerade jetzt
keinen �rger mit dem Ausw�rtigen Amt brauchen.� Mit ver�nderter Stimme fuhr
Leclerc fort: �Hier l�uft alles ausgezeichnet, John, ausgezeichnet. Wann kommen
Sie zur�ck?�</p><p>�Ich mu� mich um die ... es ist
nicht so leicht, unseren Freund heimzubringen, wie Sie geglaubt haben. Man mu�
einen Haufen Formalit�ten erledigen.�</p><p>�Wann werden Sie fertig sein?�</p><p>�Morgen.�</p><p>�Ich werde Sie mit dem Wagen in
Heathrow abholen lassen. In den letzten Stunden hat sich hier viel ver�ndert,
viele Fortschritte. Wir brauchen Sie dringend. Und - gut gemacht, John,
wirklich gut gemacht.�</p><p>�In Ordnung.�</p><p>Er hatte
erwartet, in dieser Nacht tief zu schlafen, aber nach einer Zeitspanne, die ihm
wie eine Stunde schien, fuhr er hellwach und gespannt aus dem Schlaf. Er sah
auf seine Uhr. Es war zehn nach eins. Nachdem er aus dem Bett gestiegen war,
ging er zum Fenster und blickte auf die schneebedeckte Landschaft hinaus,
durch die sich als dunkles Band die zum Flughafen f�hrende Stra�e zog. Er
glaubte, die kleine Erhebung sehen zu k�nnen, auf der Taylor gestorben war.</p><p>Er war
verzweifelt und voll Angst. Verworrene Bilder dr�ngten sich ihm auf: Taylors
schreckliches Gesicht, das er fast h�tte betrachten m�ssen, blut�berstr�mt und
mit weit aufgerissenen Augen, als wolle er eine entscheidende Entdeckung
mitteilen, dazwischen Leclercs von leicht verletzlichem Optimismus erf�llte
Stimme, der dicke Polizist, der ihn mi�g�nstig anstarrte, als sei er ein
Gegenstand, den zu kaufen er sich nicht leisten konnte. Avery mu�te erkennen,
da� er kein Mensch war, der mit dem Alleinsein leicht fertig wurde. Es machte
ihn traurig und sentimental. Er ertappte sich dabei, da� er zum erstenmal seit
heute morgen, als er seine Wohnung verlassen hatte, an Sarah und Anthony
dachte. W�hrend er an seinen Jungen, die kleine Stahlbrille auf seiner Nase
dachte, stiegen ihm pl�tzlich Tr�nen in die Augen, und er sehnte sich danach,
seine Stimme zu h�ren, er sehnte sich nach Sarah und der vertrauten Umgebung
seiner Wohnung. Vielleicht sollte er anrufen, mit ihrer Mutter sprechen, sich
nach ihr erkundigen? Aber was, wenn sie wirklich ernsthaft krank war? Er hatte
an diesem Tag schon genug gelitten, gen�gend Energie und Erfindungskraft
aufgewendet, sich genug gef�rchtet. Er war durch einen Alptraum gegangen, und
man konnte von ihm nicht erwarten, da� er sie jetzt anrief. Er ging zur�ck in
sein Bett.</p><p>So sehr er
sich m�hte - er fand keinen Schlaf. Seine Augenlider waren hei� und schwer,
sein K�rper ersch�pft, und dennoch konnte er nicht schlafen. Drau�en kam Wind
auf und r�ttelte an den Doppelfenstern. Einmal war ihm zu hei�, dann wieder zu
kalt. Dann fiel er in eine Art Halbschlaf, nur um sofort wieder aus seiner
unangenehmen Ruhe durch ein Weinen aufgeschreckt zu werden, das aus dem
Nebenzimmer gekommen sein konnte, oder aber auch von Anthony, und ebensogut
mochte das Ger�usch, das er nicht genau geh�rt hatte und an das er sich jetzt
im wachen Zustand nur undeutlich erinnern konnte, das metallische Schluchzen
einer sprechenden Puppe gewesen sein.</p><p>Und
einmal, es war kurz vor Anbruch der D�mmerung, h�rte er vor seinem Zimmer einen
Tritt, es war nur ein einzelner Schritt, drau�en im Flur, und dieses Ger�usch war
sicher nicht eingebildet, sondern ganz wirklich, so da� er in eisigem Schrecken
dalag und darauf wartete, da� sich die Klinke an seiner T�r bewegte oder da�
die M�nner Inspektor Peersens klopften. Er lauschte angespannt und h�tte
schw�ren k�nnen, da� er ein feines Knistern wahrnehmen konnte, wie von Stoff,
dann ein unterdr�cktes Atemger�usch gleich einem winzigen Seufzer. Stille.
Obwohl er noch endlose Minuten lang lauschte, h�rte er nichts mehr.</p><p>Er knipste
das Licht an, ging zum Stuhl hin�ber, um seinen F�ller zu holen. Er fand ihn
schlie�lich beim Waschbecken. Aus der Aktentasche holte er eine lederne
Schreibmappe, die ihm Sarah geschenkt hatte. Er lie� sich an dem wackligen
Tischchen vor dem Fenster nieder und begann einen Liebesbrief zu schreiben. Er
schrieb an irgendein M�dchen. Es h�tte vielleicht Carol sein k�nnen. Als
schlie�lich der Tag anbrach, zerri� er ihn wieder in kleine Schnitzel, die er
in der Toilette hinuntersp�lte.</p><empty-line/><p>Dabei fiel
sein Blick auf etwas Wei�es, das auf dem Boden lag. Es war ein Foto von Taylors
Kind. Das M�dchen hielt eine Puppe im Arm und hatte eine Brille auf, die
gleiche Art Brillen, die auch Anthony trag. Das Bild mu�te zwischen seinen
Papieren gelegen haben. Er wollte es vernichten, aber irgendwie brachte er das
nicht �bers Herz. Er steckte es in die Tasche.</p><p><strong><emphasis/></strong></p><p><strong><emphasis>9. Kapitel </emphasis></strong></p><p><strong><emphasis/></strong></p><p><strong><emphasis/></strong><strong>HEIMKEHR</strong></p><empty-line/><p>Wie Avery
erwartet hatte, entdeckte er Leclerc in Heathrow unter den Wartenden; er stand
auf den Zehenspitzen und sp�hte unruhig nach ihm aus. Er hatte die Zollbeamten
irgendwie bestochen oder mu�te das Ministerium dazu bewogen haben, ihm eine
besondere Behandlung zu verschaffen, denn als er Avery erblickte, betrat er
die Halle und bahnte Avery selbstsicher den Weg, als sei er es gewohnt, von
Formalit�ten verschont zu bleiben. Das ist das Leben, das wir f�hren, dachte
Avery. Immer der gleiche Flughafen, nur mit jeweils anderen Namen, die gleichen
eiligen, schuldbewu�ten Zusammenk�nfte. Wir leben au�erhalb der Stadtmauern,
die Black Friars aus einem dunklen Haus in Lambeth. Er war todm�de und sehnte
sich nach Sarah. Er wollte ihr sagen, da� es ihm leid tue, wollte sich wieder
mit ihr vers�hnen, eine neue Stellung suchen, einen neuen Anlauf nehmen, �fter
mit Anthony spielen. Er sch�mte sich. �Ich will nur rasch telefonieren. Sarah
f�hlte sich bei meiner Abreise nicht recht wohl.�</p><p>�Rufen Sie
vom B�ro aus an, wenn es Ihnen nichts ausmacht�, sagte Leclerc. �Ich habe in
einer halben Stunde eine Besprechung mit Haldane.� Da Avery den Eindruck hatte,
in Leclercs Stimme schwinge ein falscher Ton mit, warf er ihm einen
mi�trauischen Blick zu, aber die Augen des anderen waren auf den schwarzen
Humber gerichtet, der auf dem reservierten Parkplatz stand. Leclerc lie� sich
den Wagenschlag vom Fahrer �ffnen, und nach einigem umst�ndlichen Hin und Her
sa� Avery schlie�lich an Leclercs linker Seite, wie es offenbar das Protokoll
verlangte. Der Fahrer schien das Warten satt zu haben. Zwischen ihm und ihnen
gab es keine Trennwand. �Das ist eine Ver�nderung�, sagte Avery und deutete auf
das Auto.</p><p>Leclerc
nickte nur, als sei die Anschaffung f�r ihn keineswegs mehr neu. �Wie steht
die Sache?� fragte er zerstreut.</p><p>�In
Ordnung. Es ist doch nichts los? Mit Sarah, meine ich.�</p><p>�Warum
sollte etwas los sein?�</p><p>�Blackfriars
Road?� fragte der Fahrer, ohne den Kopf zu wenden, wie man es von einem
Chauffeur erwarten konnte.</p><p>�Hauptquartier,
ja.�</p><p>�Das war
ein schreckliches Durcheinander in Finnland�, sagte Avery grob. �Die Papiere
unseres Freundes... Malherbe... waren nicht in Ordnung. Das Ausw�rtige Amt
hatte seinen Pa� eingezogen.�</p><p>�Malherbe?
Ach so, Sie meinen Taylor. Das wissen wir alles. Das ist jetzt schon geregelt.
Nur die �bliche Eifersucht. Control ist in der Tat ziemlich au�er sich dar�ber.
Er schickte uns seine Entschuldigung. Wir haben jetzt eine Menge Leute auf
unserer Seite. Sie k�nnen sich davon keine Vorstellung machen, John. Sie werden
uns sehr n�tzlich sein, John: Sie sind der einzige, der es an Ort und Stelle
gesehen hat.� Was gesehen? fragte sich Avery. Sie waren wieder zusammen, mit
der gleichen Intensit�t, dem gleichen k�rperlichen sp�rbaren Unbehagen, den
gleichen Augenblicken geistiger Leere. Als Leclerc sich ihm zuwandte, glaubte
Avery einen schrecklichen Augenblick lang, er werde ihm die Hand aufs Knie
legen. �Ich sehe, Sie sind m�de, John. Ich wei�, wie einem zumute ist. Macht
nichts - Sie sind wieder bei uns. H�ren Sie, ich habe eine gute Nachricht f�r
Sie. Das Ministerium hat pl�tzlich enorm angebissen. Wir sollen eine
Einsatzsondergruppe bilden, um die n�chste Phase vorzubereiten.�</p><p>�Die
n�chste Phase?�</p><p>�Sicher!
Den Mann, den ich Ihnen gegen�ber erw�hnte. Wir k�nnen die Dinge nicht so
bewenden lassen. Wir sind zum Aufkl�ren da, John, nicht nur zum Vergleichen
der Ergebnisse anderer Leute. Ich habe die Sonderabteilung wieder ins Leben gerufen.
Wissen Sie, was das ist?�</p><p>�Haldane
leitete sie w�hrend des Krieges. Schulung.�</p><p>Leclerc
unterbrach ihn eilig wegen der Anwesenheit des Fahrers:�. Schulung der
reisenden Vertreter. Und er wird sie auch jetzt wieder leiten. Ich habe beschlossen,
da� Sie mit ihm arbeiten sollen. Ihr seid meine zwei besten K�pfe.� Er sah
Avery von der Seite an.</p><p>Leclerc
hatte sich ver�ndert. In seinem Benehmen schwang eine neue Saite mit, etwas,
das mehr war als Optimismus oder Hoffnung. Als Avery ihn das letzte Mal gesehen
hatte, schien sein Leben nichts als ein Kampf gegen das Ungl�ck zu sein: jetzt
strahlte er Frische aus - ein Zielbewu�tsein, das entweder neu oder sehr alt
war. �Und Haldane hat angenommen?�</p><p>�Ich sagte
es schon.</p><p>Er
arbeitet Tag und Nacht. Sie vergessen, da� Adrian ein Profi ist. Ein echter
Routinier. Die alten Hasen sind f�r solche Jobs die besten. Mit einem oder zwei
jungen K�pfen zur Seite.�</p><p>Avery
sagte: �Ich m�chte �ber die ganze Unternehmung mit Ihnen sprechen � �ber
Finnland. Ich komme in Ihr B�ro, sobald ich Sarah angerufen habe.�</p><p>�Kommen
Sie gleich mit, dann kann ich Sie ins Bild setzen.�</p><p>�Ich rufe zuerst Sarah an.�</p><p>Wieder
hatte Avery das unbegr�ndete Gef�hl, da� Leclerc ihn von einer Verst�ndigung
mit Sarah abzuhalten versuchte. �Es geht ihr doch gut, nicht wahr?�</p><p>�Soviel
ich wei�, ja. Warum fragen Sie?� Dann setzte Leclerc liebensw�rdig fort: �Froh,
wieder zur�ck zu sein, John?�</p><p>�Ja,
nat�rlich.�</p><p>Er lie�
sich in die Polster des Wagens zur�cksinken. Da Leclerc seine Feindseligkeit
sp�rte, lie� er ihn eine Weile in Ruhe. Avery wandte seine Aufmerksamkeit der
Stra�e und den stattlich aussehenden rosa Villen zu, an denen sie im leichten
Regen vor�berfuhren. Leclerc begann wieder zu sprechen, jetzt mit seiner
amtlichen Stimme. �Ich m�chte, da� Sie gleich anfangen. Morgen, wenn es Ihnen
m�glich ist. Wir haben Ihr Zimmer hergerichtet. Es gibt eine Menge zu tun. Was
diesen Mann betrifft: Haldane hat ihn schon in der Mache. Wir werden
wahrscheinlich mehr dar�ber erfahren, sobald wir ins Amt kommen. Von jetzt an
sind Sie Adrians Gesch�pf. Ich glaube, das sagt Ihnen zu. Unsere Oberen haben
eingewilligt, Ihnen einen Sonderausweis vom Ministerium zur Verf�gung zu
stellen. Das gleiche Ding, das sie im Rondell haben.� Avery kannte Leclercs Art
zu erz�hlen: es gab Zeiten, da beschr�nkte er sich v�llig auf dunkle
Andeutungen, indem er nur Rohmaterial lieferte, das der Verbraucher und nicht
der Lieferant auswerten mu�te. �Ich m�chte mit Ihnen �ber die ganze Sache
reden. Nachdem ich Sarah angerufen habe.�</p><p>�Ist in Ordnung�,
entgegnete Leclerc freundlich, �kommen Sie und erz�hlen Sie mir davon. Warum
nicht gleich jetzt?� Er wandte Avery voll sein Gesicht zu - ein Ding ohne
Tiefe, ein einseitiger Mond. �Sie haben gute Arbeit geleistet�, sagte er
gro�herzig, �ich hoffe, Sie machen so weiter.� Sie hatten die Stadtgrenze von
London erreicht. �Wir bekommen vom Rondell etwas Hilfe�, f�gte er hinzu. �Man
scheint dort ziemlich willig zu sein. Nat�rlich sind sie nicht ganz im Bild.
Darauf hat der Minister gro�en Wert gelegt.�</p><p>Sie fuhren
die Lambeth Road hinunter, in der der Kriegsgott residiert. Am einen Ende das
Kriegsmuseum, am anderen Ende Schulen und dazwischen Krankenh�user und ein
Friedhof mit seiner an einen Tennisplatz erinnernden Umz�unung. Niemand wei�,
wer in dieser Stra�e lebt. Im Vergleich zu der Zahl der Menschen, die man
sieht, gibt es zu viele H�user, die Schulen scheinen zu gro� f�r die wenigen
Kinder. Die Spit�ler m�gen vielleicht voll besetzt sein, aber die Jalousien
sind heruntergezogen. �ber allem liegt Staub, wie der Staub des Krieges. Er
liegt auf den ausdruckslosen Fassaden, er erstickt das Gras auf den Gr�bern: er
hat die Menschen vertrieben, mit Ausnahme jener wenigen, die in dunklen Ecken
wie die Geister von Gefallenen herumlungern oder schlaflos hinter gelb
erleuchteten Fenstern warten. Es ist eine Stra�e, die den Eindruck macht, als
w�ren ihr die Menschen h�ufig entflohen. Die wenigen, die zur�ckgekehrt sind,
haben offenbar alle irgend etwas von ihren Reisen aus der lebendigen Welt
mitgebracht: einer das St�ck eines Feldes, ein anderer die zerfallende
Terrasse im Regency-Stil, einen Schuppen oder Lagerhaus. Oder eine Kneipe, die
&gt;Blumen des Waldes&lt; hei�t.</p><p>Es ist
eine Stra�e voller vertrauensw�rdiger Unternehmen. Eines steht unter der
Schirmherrschaft Unserer trostreichen Jungfrau, das andere unter der des
Erzbischofs Amigo. Was weder Krankenhaus, Schule, Kneipe oder Seminar ist,
scheint leblos unter dem allm�chtigen, alles bedeckenden Staub. Es gibt ein
Spielwarengesch�ft, vor dessen T�r ein seit langem unber�hrtes Vorh�ngschlo�
h�ngt. Avery blickte jeden Tag auf seinem Weg ins B�ro hinein: auf den Regalen
verrostete das Spielzeug. Die Fensterscheiben waren blind vom Schmutz, und ihr
unterer Rand hatte Streifen, Abdr�cke von Kinderh�nden. Es gibt auch ein
Gesch�ft, wo man auf die Reparatur seines Gebisses warten kann. Avery
betrachtete all dies durch die Scheiben des vorbeifahrenden Autos und hakte ein
Objekt nach dem anderen auf der Liste seines Ged�chtnisses ab, wobei er sich
fragte, ob er diese Parade noch einmal w�rde abnehmen k�nnen, solange er noch
Mitglied der Organisation war. Sie kamen an Lagerh�usern vorbei, �ber deren
Tore Stacheldraht gespannt war, und an Fabriken, die nichts produzierten. In
einer von ihnen l�utete gerade eine Glocke, die aber niemand h�rte. Dann kam
eine verfallene Mauer mit Plakatanschl�gen. �Heute bist du jemand in der
Armee.� Sie verlie�en den Kreisverkehr des St. George's Circus und bogen
schlie�lich in die Blackfriars Road ein.</p><p>Als sie
sich dem Haus n�herten, f�hlte Avery, da� sich etwas ver�ndert hatte. Einen
Augenblick schien es ihm, als sei das bi�chen Gras auf dem armseligen St�ck
Rasen w�hrend seiner kurzen Abwesenheit dicker und h�her geworden, als seien
die Betontreppen zum Haupteingang, denen es sogar im Hochsommer gelang, feucht
und schmutzig zu wirken, jetzt sauber und einladend. Ehe er noch das Geb�ude
selbst betreten hatte, wu�te er, da� ein neuer Geist in die Organisation
Einzug gehalten hatte. Dieser Geist hatte selbst ihre unbedeutendsten Mitglieder
erfa�t. Pine, der zweifellos von dem schwarzen Dienstwagen und dem pl�tzlichen
Kommen und Gehen gesch�ftiger Leute beeindruckt war, sah adrett und munter aus.
Ausnahmsweise machte er keine Bemerkung �ber die letzten Cricketergebnisse. Das
Treppenhaus gl�nzte von frischem Bohnerwachs. Auf dem Gang begegneten sie
Woodford. Er trug einige Akten, deren Deckel mit dem roten Vermerk &gt;Streng
geheim&lt; versehen waren, und schien in Eile. �Tag, John! Gut gelandet also?
Nette Gesellschaft gehabt?� Er schien sich wirklich �ber ihre Begegnung zu
freuen. �Ist Sarah jetzt wieder in Ordnung?�</p><p>�Er hat
sich gut gehalten�, sagte Leclerc schnell, �er hatte einen sehr schwierigen
Einsatz.�</p><p>�O ja;
armer Taylor. Wir werden Sie in der neuen Abteilung brauchen. Ihre Frau wird
Sie ein oder zwei Wochen entbehren m�ssen.�</p><p>�Was hat
er da �ber Sarah gesagt?� fragte Avery. Pl�tzlich hatte er Angst. Er eilte den
Gang hinunter. Leclerc rief ihm etwas nach, aber er k�mmerte sich nicht darum.
Er betrat sein Zimmer und blieb wie angewurzelt stehen. Auf seinem
Schreibtisch war ein zweites Telefon und an der Wand stand ein Eisenbett wie
das von Leclerc. Neben dem neuen Telefon hing ein Liste mit Telefonnummern, die
f�r den Alarmfall wichtig waren. Die nachts geltenden Nummern waren rot. An der
R�ckseite der T�r hing ein zweifarbiges Plakat mit dem Profil eines
M�nnerkopfes, �ber dessen Stirn gedruckt war: &gt;Behalte es hier!&lt; Vor
seinem Mund stand: &gt;La� es nicht heraus!&lt; Es dauerte einige Sekunden, bis
er verstand, da� dieses Plakat eine Ermahnung war, an die Sicherheit zu denken,
und nicht etwa eine makabre Anspielung auf Taylor. Er nahm den H�rer ab und
wartete. Carol kam mit einer Unterschriftsmappe herein.</p><p>�Wie ist's gegangen?� fragte sie.
�Der Chef scheint zufrieden zu sein.� Sie stand sehr dicht neben ihm.
�Gegangen? Es war kein Film da! Nicht unter den anderen Sachen. Ich trete aus,
bin dazu entschlossen. - Was, zum Teufel, ist mit dem Telefon los?�</p><p>�Wahrscheinlich wei� man nicht,
da� Sie schon zur�ck sind. Da ist ein Zettel von der Buchhaltung wegen der
R�ckverg�tung einer Taxifahrt. Sie beanstanden die Rechnung.�</p><p>�Taxifahrt?�</p><p>�Von Ihrer
Wohnung ins B�ro. In der Nacht, als Taylor starb. Es ist angeblich zuviel.�</p><p>�Bitte
machen Sie der Zentrale Beine. Die scheinen dort zu schlafen.�</p><p>Sarah hob
selbst ab.</p><p>�Gott sei
Dank, du bist es.�</p><p>Ja, sagte
Avery, er sei vor einer Stunde angekommen. �Sarah, ich hab' es satt. Ich werde
Leclerc sagen -� Aber ehe er zu Ende gesprochen hatte, platzte sie heraus:
�John, um Himmels willen, was hast du nur getan? Wir haben die Polizei hier
gehabt, Detektive. Sie wollten mit dir �ber eine Leiche sprechen, die am
Londoner Flughafen eingetroffen ist. Irgend jemand, der Malherbe hei�t. Sie
sagten, die Leiche sei mit einem falschen Pa� aus Finnland geschickt worden.�
Er schlo� die Augen. Am liebsten h�tte er aufgelegt. Aber obwohl er den H�rer
weit von sich weg hielt, h�rte er noch immer ihre Stimme �John... John!�
sagen. �Sie behaupten, er sei dein Bruder. Er ist an dich adressiert, John;
irgendein Londoner Bestattungsinstitut h�tte alles f�r dich erledigen sollen.
John, John, bist du noch da?�</p><p>�H�r zu�,
sagte er, �es ist alles in Ordnung. Ich werde mich jetzt darum k�mmern.�</p><p>�Ich habe
ihnen von Taylor erz�hlt; ich mu�te es.�</p><p>�Sarah!�</p><p>�Was h�tte
ich denn machen sollen? Sie hielten mich f�r eine Verbrecherin oder sonst was.
Sie glaubten mir nicht, John! Sie fragten, wie man dich erreichen k�nne.
Darauf mu�te ich ihnen sagen, ich w��te es nicht. Ich wu�te ja nicht einmal, in
welches Land oder mit welchem Flugzeug du geflogen bist. Ich war krank, John,
ich f�hlte mich elend, ich hatte diese verfluchte Grippe und vergessen, die
Pillen zu nehmen. Sie kamen mitten in der Nacht, zu zweit, John. Warum sind
sie in der Nacht gekommen?�</p><p>�Was hast
du ihnen gesagt? Verdammt noch mal, Sarah, was hast du ihnen noch erz�hlt?�</p><p>�Fluch
nicht! Wenn hier jemand das Recht dazu hat, dann bin ich es, und zwar auf dich
und deine widerliche Organisation. Ich sagte, du machst irgend etwas Geheimes;
du seist im Auftrag der Organisation verreist - John -, nicht einmal den Namen
der Organisation wei� ich -, da� du durch einen Anruf mitten in der Nacht
weggerufen worden seist. Ich sagte, es handelte sich um einen Kurier namens
Taylor.�</p><p>�Du bist
wahnsinnig�, schrie Avery, �du bist v�llig wahnsinnig. Ich habe dir gesagt, du
darfst niemals etwas sagen!�</p><p>�Aber
John, das waren Polizisten! Das kann doch nichts ausmachen, wenn man es ihnen
sagt!� Sie weinte, er konnte es h�ren. �John, bitte komm nach Hause. Ich habe
solche Angst. Du mu�t aus dieser Sache aussteigen, wieder in einen Verlag
gehen. Es ist mir einerlei, was du tust, aber.�</p><p>�Ich kann
nicht. Es ist furchtbar wichtig. Wichtiger, als du m�glicherweise verstehen
kannst. Es tut mir leid, Sarah, ich kann jetzt nicht vom B�ro fort.� �rgerlich,
wie er war, fiel ihm eine n�tzliche L�ge ein: �Du hast wom�glich alles
zerst�rt!� Darauf folgte eine lange Stille.</p><p>�Sarah,
ich mu� diese Geschichte kl�ren. Ich werde dich sp�ter anrufen.�</p><p>Als sie
endlich antwortete, bemerkte er in ihrer Stimme die gleiche tonlose
Resignation, mit der sie ihn seine Sachen packen geschickt hatte. �Du hast das
Scheckheft mitgenommen. Ich habe kein Geld.� Er sagte ihr, er werde es ihr
schicken. �Wir haben ein Auto�, f�gte er hinzu, �mit Chauffeur, eigens f�r diese
Sache.� Bevor er auflegte, h�rte er sie sagen: �Ich dachte, ihr habt Autos in
Mengen.� Er lief zu Leclerc hin�ber, der mit Haldane - dessen Mantel noch na�
vom Regen war - hinter seinem Schreibtisch stand. Die beiden waren �ber eine
Akte gebeugt, deren Seiten vergilbt und zerrissen waren. �Taylors Leiche!�
schrie er. �Sie ist auf dem Londoner Flughafen. Ihr habt alles
durcheinandergebracht. Sie haben sich Sarah vorgenommen. Mitten in der Nacht!�</p><p>�Warten
Sie!� Es war Haldane, der w�tend sagte: �Sie haben kein Recht, einfach hier
hereinzust�rmen. Warten Sie!� Er mochte Avery nicht. Er vertiefte sich wieder
in die Akte, ohne Avery zu beachten. �Keineswegs�, murmelte er dann. Zu
Leclerc sagte er: �Das ist schon ein gewisser Erfolg Woodfords, wie ich sehe.
Nahkampf ist in Ordnung. Er hat von einem Funker geh�rt, einem der besten. Ich
erinnere mich an ihn. Die Garage hei�t &gt;Herzk�nig&lt;, ein offenbar
gl�nzendes Unternehmen. Wir haben bei der Bank Erkundigungen eingezogen. Sie
waren dort ziemlich, wenn nicht sogar sehr hilfsbereit. Er ist ledig. Scheint
ein Weiberheld zu sein- die �bliche polnische Art eben. Keine politischen
Interessen, keine nennenswerten Hobbys, keine Schulden, keine Beschwerden.
Scheint sozusagen ein Niemand zu sein. Es hei�t, er sei ein guter Mechaniker.
Was den Charakter anbelangt.� Er zuckte mit den Schultern. �Was wei� man schon
von anderen Menschen?�</p><p>�Aber was
haben sie dir erz�hlt? Mein Gott, man kann doch nicht f�nfzehn Jahre in einer
Gegend leben, ohne irgendeinen Eindruck zu hinterlassen. Es gab da einen
Lebensmittelh�ndler, oder nicht - Smethwick? -, bei dem wohnte er nach dem
Krieg.� Haldane gestattete sich ein L�cheln. �Sie sagten, er sei ein guter
Arbeiter gewesen und sehr h�flich. Jeder sagt, er sei h�flich. Sie erinnern sich
nur an eines: da� er in ihrem Hinterhof mit Leidenschaft einen Tennisball
herumschlug.�</p><p>�Hast du
dir die Garage angesehen?�</p><p>�Gewi�
nicht. Ich bin ihr nicht in die N�he gekommen. Ich schlage vor, ihn heute abend
aufzusuchen. Ich sehe keine andere M�glichkeit. Schlie�lich steht der Mann
seit zwanzig Jahren in unserer Kartei.�</p><p>�Gibt es
nichts sonst, was du erfahren konntest?�</p><p>�Das
m��ten wir �ber das Rondell machen.�</p><p>�Dann la�
Avery die Einzelheiten herausfinden.� Leclerc schien die Anwesenheit Averys vergessen
zu haben. �Was das Rondell anbelangt - das werde ich pers�nlich erledigen.�
Sein Interesse wurde von einer neuen Landkarte an der Wand gefesselt, einem
Stadtplan von Kalkstadt, der die Kirche und den Bahnhof zeigte. Daneben hing
eine �ltere Karte von Osteuropa. Raketenbasen, deren Existenz bereits eindeutig
erwiesen war, waren hier in ein System mit der s�dlich von Rostock gelegenen
mutma�lichen Basis gebracht. Durch d�nne, zwischen Stecknadeln gespannte
Wollf�den waren Nachschubwege, Befehlsinstanzen und bewaffnete St�tzpunkte
miteinander verbunden. Einige dieser F�den f�hrten nach Kalkstadt. �Gut, nicht
wahr? Sandford hat sie gestern nacht abgesteckt�, sagte Leclerc. �Solche
Sachen macht er wirklich recht gut.�</p><p>Auf seinem
Schreibtisch lag ein wei�h�lzerner Zeigestab wie eine Riesennadel, durch die
eine rosa Schleife gezogen war. Er hatte ein neues Telefon, gr�n und schicker
als Averys, mit der Aufschrift &gt;Vorsicht! Feind h�rt mit!&lt; Haldane und
Leclerc studierten eine Weile die Karte, wobei sie manchmal in die Mappe mit
Telegrammen schauten, die Leclerc wie ein Chorknabe sein Psalmenbuch offen in
beiden H�nden hielt. Endlich wandte er sich zu Avery und sagte: �Also, was ist,
John?� Jetzt warteten sie, da� er sprach. Er f�hlte, wie sein Zorn verebbte,
obwohl er ihn gerne noch l�nger ausgekostet h�tte. Er wollte entr�stet herausschreien:
�Wie k�nnen Sie es wagen, meine Frau hineinzuziehen?� Er Wollte die
Beherrschung verlieren, aber er konnte es nicht. Sein Blick war auf die Karte
geheftet. �Also?�</p><p>�Die
Polizei war bei Sarah. Sie weckten sie mitten in der Nacht. Zwei Mann. Ihre
Mutter war bei ihr. Sie kamen wegen der Leiche auf dem Flughafen, wegen Taylors
Leiche. Sie wu�ten, da� der Pa� falsch war und glaubten, sie habe mit der Sache
zu tun.� Dann wiederholte er lahm: �Sie haben sie aufgeweckt!�</p><p>�Wir
wissen davon. Die Sache ist bereits gekl�rt. Ich wollte es Ihnen schon sagen,
aber Sie lie�en mich nicht dazu kommen. Die Leiche ist freigegeben worden.�</p><p>�Es war nicht in Ordnung, Sarah da
hineinzuziehen.� Haldane hob schnell den Kopf: �Was wollen Sie damit sagen?�</p><p>�Diese
Sache geh�rt nicht in unseren Aufgabenbereich.� Es klang sehr frech. �Wir
sollten die Finger davon lassen. Wir sollten sie dem Rondell �bergeben. Smiley
oder irgend jemand - das sind die zust�ndigen Leute, nicht wir.� Er fuhr m�hsam
fort. �Ich glaube diesem Bericht nicht. Ich glaube nicht, da� er wahr ist! Es
w�rde mich nicht wundern, wenn dieser Fl�chtling �berhaupt nicht existierte,
wenn Gorton die ganze Angelegenheit erfunden h�tte. Ich glaube nicht, da� Taylor
ermordet worden ist!�</p><p>�Ist das
alles?� fragte Haldane. Er war sehr b�se.</p><p>�Damit
m�chte ich nicht weiter zu tun haben. Mit der Operation, meine ich. Es ist
nicht in Ordnung.� Er sah auf die Karte und dann zu Haldane. Er lachte etwas
d�mmlich. �W�hrend ich die ganze Zeit einen toten Mann gejagt habe, waren Sie
hinter einem lebenden her! Das ist leicht hier, in der Traumfabrik... aber
drau�en leben Menschen, wirkliche Menschen!� Leclerc ber�hrte Haldane sanft am
Arm, als wolle er damit sagen, la�, ich werd' das schon in Ordnung bringen. Er
schien nicht beunruhigt. Er schien fast dankbar zu sein, Symptome zu erkennen,
die er schon fr�her diagnostiziert hatte. �Gehen Sie in Ihr Zimmer, John, Sie
sind �berm�det.�</p><p>�Aber was
sage ich Sarah?� Er sprach voll Verzweiflung.</p><p>�Sagen Sie
ihr, man werde sie nicht mehr bel�stigen. Sagen Sie, es habe sich um ein
Mi�verst�ndnis gehandelt - sagen Sie ihr, was Sie wollen. Essen Sie etwas
Warmes und kommen Sie in einer Stunde zur�ck. Im Flugzeug wird man ja nicht
satt. Dann werden Sie uns den Rest erz�hlen.� Leclerc l�chelte das gleiche
saubere, leere L�cheln, das er auf dem Foto inmitten der toten Flieger hatte.
Als Avery die T�r erreicht hatte, h�rte er sanft und liebevoll seinen Namen rufen.
Er blieb stehen und sah zur�ck. Leclerc hob eine Hand vom Schreibtisch, und mit
einer halbkreisf�rmigen Handbewegung wies er auf den Raum, in dem sie standen.</p><p>�Ich werde
Ihnen etwas sagen, John. W�hrend des Krieges waren wir in der Baker Street. Wir
hatten dort einen Keller, den das Ministerium f�r den Notfall als Zentrale f�r
die Einsatzleitung hergerichtet hatte. Adrian und ich haben viel Zeit dort
unten verbracht. Sehr viel Zeit.� Er warf einen Blick auf Haldane. �Erinnerst
du dich, wie die �llampe wackelte, wenn oben die Bomben fielen? Wir mu�ten mit
Situationen fertig werden, in denen wir nur ein Ger�cht geh�rt hatten, John.
Nicht mehr. Ein Hinweis mu�te uns oft gen�gen, das Risiko auf uns zu nehmen,
einen, oder wenn n�tig zwei Mann loszuschicken, von denen manchmal keiner
zur�ckkam.</p><p>Oder es
war nichts dahinter. Ger�chte, eine Vermutung, eine Spur, die man verfolgte.
Man vergi�t leicht, woraus Abwehr besteht: aus Gl�ck und Spekulation. Hier und
da ein unerwarteter Gl�cksfall, da und dort ein Fang. Manchmal stolpert man
�ber eine Sache wie diese: es kann ebensogut sehr viel dahinterstecken wie auch
einfach nichts. Der Hinweis kann von einem Bauern in Flensburg stammen,
ebensogut aber auch von einem Universit�tsprofessor. Beides aber schlie�t eine
M�glichkeit ein, die man nicht zu mi�achten wagt. Wir erhalten den Befehl,
einen Mann auszuw�hlen, ihn loszuschicken. So ist es immer gewesen. Viele
sind nicht zur�ckgekommen. Sie wurden ausgeschickt, um Zweifel zu kl�ren. Wir
mu�ten sie schicken, weil wir auf eindeutiges Wissen angewiesen sind, verstehen
Sie das nicht? - Jeder von uns hat Augenblicke wie diesen, John. Glauben Sie
nicht, da� es immer leicht ist.� Er l�chelte voller Erinnerungen. �Wir hatten
oft Skrupel - wie Sie. Wir mu�ten sie �berwinden. Wir nannten das den zweiten
Schwur.� Er lehnte sich zwanglos gegen den Schreibtisch. �Den zweiten Schwur�,
wiederholte er. �Also, John, wenn Sie warten wollen, bis die Bomben fallen,
bis die Menschen in den Stra�en sterben.� Er war pl�tzlich ernst, als enth�lle
er seinen Glauben. �Es ist viel schwerer im Frieden, ich wei�. Es erfordert
Mut. Eine ganz andere Art Mut.�</p><p>Avery
nickte. �Es tut mir leid�, sagte er. Haldane beobachtete ihn voll Abscheu.
�Der Direktor meint damit�, sagte er scharf, �da� - falls Sie in der
Organisation bleiben und die Arbeit machen wollen - Sie es tun sollen. Wenn Sie
jedoch Ihre Emotionen pflegen wollen, dann gehen Sie bitte woandershin und tun
Sie es dort in Frieden. Wir sind hier zu alt f�r Ihresgleichen.� Avery klang noch
immer Sarahs Stimme im Ohr, und er konnte die Reihen kleiner H�user im Regen
vorbeiziehen sehen. Er versuchte, sich ein Leben ohne die Organisation
vorzustellen. Er erkannte, da� es zu sp�t war, weil es schon immer zu sp�t
gewesen war, weil er um des Wenigen willen, das sie ihm geben konnten, zu
ihnen gekommen war, und sie nahmen ihm das Wenige, das er besa�. Wie ein
zweifelnder Priester hatte er das Gef�hl gehabt, da� - was auch immer sein
zaghaftes Herz bergen mochte - es sicher an seinem Zufluchtsort aufgehoben sei:
jetzt war es verschwunden. Er sah Leclerc und dann Haldane an. Sie waren seine
Kollegen. Alle drei w�rden sie, Gefangene des Schweigens, Seite an Seite
arbeiten, die harte Scholle in jeder Jahreszeit aufbrechen; sie waren einander
fremd und sie brauchten einander in einer Wildnis preisgegebenen Glaubens.
�Haben Sie geh�rt, was ich gesagt habe?� fragte Haldane.</p><p>Avery murmelte: �Wie, bitte?�</p><p>�Sie waren nicht im Krieg, John�,
sagte Leclerc freundlich. �Sie verstehen nicht, wie diese Dinge sich der
Menschen bem�chtigen. Sie wissen nicht wirklich, was Pflicht ist.�</p><p>�Ich wei߫, sagte Avery. �Es tut
mir leid. Ich m�chte mir gerne das Auto f�r eine Stunde ausborgen. Sarah etwas
schicken, wenn das geht.�</p><p>�Nat�rlich.�</p><p>Ihm fiel ein, da� er Anthonys
Geschenk vergessen hatte. �Es tut mir leid�, sagte er nochmals. ��brigens� -
Leclerc �ffnete eine Schublade des Schreibtisches und nahm einen Umschlag
heraus. Er reichte ihn Avery mit einer nachsichtigen Geb�rde.</p><p>�Das ist Ihr Ausweis, ein
Sonderausweis vom Ministerium. Damit Sie sich legitimieren k�nnen. Er lautet
auf Ihren eigenen Namen. Sie werden ihn in den n�chsten Wochen vielleicht
brauchen.�</p><p>�Danke.�</p><p>�Nehmen Sie ihn heraus.�</p><p>Es war ein
St�ck dicken, in Zellophan eingeschlagenen gr�nen Kartons, dessen Farbe
verwaschen schien und dem unteren Rand zu dunkler wurde. Sein Name war mit
einer elektrischen Schreibmaschine in Gro�buchstaben quer dar�ber geschrieben:
Mr. John Avery. Darunter stand, da� der Besitzer berechtigt sei, im Auftrag des
Ministeriums Erhebungen durchzuf�hren. Die Unterschrift war mit roter Tinte
gemacht worden.</p><p>�Danke.�</p><p>�Damit
sind Sie sicher�, sagte Leclerc. �Der Minister hat ihn unterschrieben. Mit
roter Tinte, sehen Sie. Das ist Tradition.�</p><p>Avery ging
in sein Zimmer zur�ck. Es gab Zeiten, da stand er seinem Spiegelbild wie einem
leeren Tal gegen�ber, und diese Vision trieb ihn dann vorw�rts, in Erfahrungen
hinein, wie Verzweiflung uns zum Selbstmord treiben kann. Manchmal war er wie
ein Mensch auf der Flucht, der aber gegen den Feind st�rmt in der verzweifelten
Sehnsucht danach, die Hiebe auf seinem zerfallenden K�rper zu f�hlen, da nur
sie allein ihm noch beweisen konnten, da� es ihn noch immer gab; in der
verzweifelten Sehnsucht, seiner von tr�ber Gleichf�rmigkeit gepr�gten Existenz
den Stempel eines echten Zieles aufzudr�cken, voll verzweifelter Sehnsucht
danach - wie Leclerc angedeutet hatte -, sein Gewissen zu opfern, um Gott zu
finden.</p><empty-line/><p>Dritter Teil</p><empty-line/><p>LEISERS EINSATZ</p><empty-line/><p>�Sich wie ein Schwimmer springend
in die Reinheit werfen, frohgemut fort von einer Welt, die alt und kalt und
m�de.�</p><empty-line/><p><strong>RUPERT BROOKE, �1914�</strong></p><p><strong><emphasis/></strong></p><p><strong><emphasis>10. Kapitel</emphasis></strong></p><p><strong><emphasis/></strong></p><p><strong><emphasis>VORSPIEL</emphasis></strong></p><empty-line/><p>Der Humber
setzte Haldane an der Garage ab. �Sie brauchen nicht zu warten. Sie m�ssen Mr.
Leclerc ins Ministerium bringen.� Er ging mit z�gernden Schritten �ber die
Betonfl�che, vorbei an den gelben Zapfs�ulen und den im Wind rasselnden
Reklameschildern. Es war Abend, und es w�rde wohl regnen. Die Garage war klein,
aber sehr gepflegt. Am einen Ende ein Ausstellungsraum, am anderen die Werkstatt,
dazwischen ein turmartiges Geb�ude, in dem jemand wohnte. Das Ganze war
�bersichtlich angelegt, man hatte viel schwedisches Holz verwendet. Am Turm
leuchtete ein herzf�rmiges Reklamezeichen, das fortlaufend seine Farbe wechselte.
Irgendwo wimmerte eine Metalldrehbank. Haldane betrat das B�ro. Niemand da. Es
roch nach Gummi. Er l�utete und begann gequ�lt zu husten. Wenn er hustete,
pre�te er manchmal die H�nde gegen die Brust, und sein Gesicht verriet dann
die Ergebenheit eines Mannes, der mit dem Schmerz vertraut war. Neben einem
Zettel, der wie eine private Annonce an einem Bretterzaun aussah und auf dem
mit der Hand geschrieben stand: &gt;St. Christopherus und alle deine Engel,
bitte besch�tze uns auf der Reise. F.L. &lt;, hingen Kalender mit d�rftig bekleideten
M�dchen an der Wand. Am Fenster hing ein K�fig, in dem ein aufgeregter
Wellensittich herumflatterte. Die ersten Regentropfen platschten tr�ge gegen
die Scheibe. Dann kam ein ungef�hr achtzehnj�hriger Junge mit �lverschmierten
H�nden herein. Er trug einen Overall, auf dessen Brusttasche ein rotes Herz und
dar�ber eine Krone angen�ht waren.</p><p>�Guten
Abend�, sagte Haldane. �Bitte verzeihen Sie.</p><p>Ich suche
einen alten Bekannten, einen Freund. Wir haben uns fr�her gut gekannt. Ein Mr.
Leiser. Fred Leiser. Ich wollte fragen, ob Sie eine Ahnung haben.�</p><p>�Ich hole
ihn�, sagte der Junge und verschwand. Haldane wartete geduldig, w�hrend er die
Kalender betrachtete und sich �berlegte, ob sie wohl von Leiser selbst oder von
dem Jungen dort aufgeh�ngt worden waren. Als sich die T�r wieder �ffnete, stand
Leiser vor ihm. Haldane erkannte ihn von der Fotografie her. Er hatte sich
tats�chlich kaum ver�ndert. Die zwanzig Jahre hatten sich nicht mit kr�ftigen
Linien, sondern nur an den Augen mit einem feinen Netz von F�ltchen in seinem
Gesicht eingezeichnet. Und in Spuren an den Mundwinkeln, die Selbstdisziplin
verrieten. Das indirekte Licht warf keine Schatten auf sein blasses Gesicht,
das auf den ersten Blick nichts anderes als Einsamkeit verriet.</p><p>�Was kann ich f�r Sie tun?� fragte
Leiser. Es sah beinahe so aus, als stehe er stramm. �'n Tag. Erkennen sie mich
nicht mehr?� Leiser betrachtete ihn mit dem ausdruckslosen und doch
vorsichtigen Gesicht eines Mannes, der aufgefordert worden ist, einen Preis
vorzuschlagen. �Sind Sie sicher, da� Sie mich meinen?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Mu� lange her sein�, sagte er
schlie�lich. �Es passiert nicht oft, da� ich ein Gesicht vergesse.�</p><p>�Zwanzig Jahre.� Haldane hustete
um Vergebung heischend.</p><p>�Dann
war's also im Krieg, ja?� Er war ein kleiner, sehr aufrechter Mann. �u�erlich
war er Leclerc nicht un�hnlich. Er h�tte Kellner sein k�nnen. Seine Hemd�rmel
waren einmal umgeschlagen, seine Arme dicht behaart. Er trug ein wei�es,
teures Hemd. Auf der Brusttasche war ein Monogramm. Er sah wie ein Mann aus,
der an seiner Kleidung nicht spart. Er trug einen goldenen Ring und eine Uhr
mit goldenem Armband. Offenbar legte er gro�en Wert auf ein gepflegtes
�u�eres. Haldane roch sein Rasierwasser. Er hatte dichtes braunes Haar, dessen
Ansatz in gerader Linie �ber die Stirn lief. Es war zur�ckgek�mmt und an den
Schl�fen leicht gewellt. Er trug keinen Scheitel und wirkte ausgesprochen
slawisch. Obwohl er sich sehr gerade hielt, war etwas Schwankendes an ihm, eine
gewisse Lockerheit der Schultern und H�ften, die die Vermutung nahelegte, da�
er mit der See vertraut war. Es war dieser Punkt, an dem jede �hnlichkeit mit
Leclerc abrupt aufh�rte. Abgesehen von seinem �u�eren Erscheinungsbild wirkte
er wie ein sehr geschickter Mann, der sich bei Reparaturen im eigenen Haus,
oder wenn es galt, das Auto an einem kalten Wintermorgen in Gang zu bringen,
durchaus zu helfen wu�te. Au�erdem sah er wie ein harmloser Mensch aus, wenn
auch wie einer, der viel herumgekommen war. Er trug einen Schottenschlips.</p><p>�Sie erinnern sich sicher an
mich�, bat Haldane. Leiser starrte auf die mageren Wangen mit den hektischen
roten Flecken, den schlaffen, unruhigen K�rper und die sich sanft bewegenden
H�nde - und da huschte �ber sein Gesicht der Schatten eines schmerzlichen
Erkennens, als habe er die �berreste eines Freundes zu identifizieren. �Sie
sind doch nicht etwa Captain Hawkins, oder?�</p><p>�Doch.�</p><p>�Guter Gott�, sagte Leiser, ohne
sich zu bewegen. �Ihr also habt euch nach mir erkundigt!�</p><p>�Wir suchen einen Mann mit Ihrer
Erfahrung, jemanden wie Sie.�</p><p>�Wozu
brauchen Sie ihn, Sir?�</p><p>Er hatte
noch immer keine Bewegung gemacht. Man konnte nur sehr schwer sagen, was er
dachte. Sein Blick war auf Haldane gerichtet. �Um einen Auftrag auszuf�hren.
Nur einen Auftrag.� Leiser l�chelte, als falle ihm pl�tzlich wieder alles ein.
Er wies mit einer Kopfbewegung zum Fenster. �Da dr�ben?� Er meinte irgendwo
jenseits des drau�en fallenden Regens. �Ja.�</p><p>�Wie ist es mit dem Zur�ckkommen?�</p><p>�Die normalen Vorschriften. Es ist
dem Mann im Feld �berlassen. Die Kriegsvorschriften.� Leiser kramte in seinen
Taschen und brachte Zigaretten und Streichh�lzer zum Vorschein. Der Wellensittich
sang in seinem K�fig.</p><p>�Die
Kriegsvorschriften. - Sie rauchen?� Er nahm sich eine Zigarette und z�ndete sie
an, wobei er mit seinen H�nden eine Muschel um die Flamme formte, als m�sse er
sie vor einem starken Sturm sch�tzen. Das Streichholz lie� er auf den Boden
fallen, wo es jemand anderer aufheben mochte. �Guter Gott�, wiederholte er, �zwanzig
Jahre. Damals war ich ein Kind. Ein richtiges Kind.� Haldane sagte: �Ich bin
sicher, da� Sie es nicht bereuen. Wollen wir etwas trinken gehen?� Er gab Leiser
eine Visitenkarte. Noch druckfrisch stand darauf: Captain A. Hawkins. Darunter
stand eine Telefonnummer.</p><p>Leiser las
und zuckte mit den Schultern. �Mir ist's recht�, sagte er und holte seinen
Mantel. Noch ein L�cheln, ungl�ubig diesmal, �aber Sie vergeuden Ihre Zeit mit
mir, Captain.�</p><p>�Vielleicht kennen Sie jemanden.
Noch vom Krieg her, jemanden, der es �bernehmen w�rde.�</p><p>�Ich kenne nicht viele Leute�,
sagte Leiser. Er nahm seine Jacke vom Haken und einen dunkelblauen Nylonregenmantel.
Er beeilte sich, Haldane die T�r zu �ffnen, als lege er auf gute Form Wert.
Sein Haar war wie Vogelschwingen sorgf�ltig �bereinandergelegt. Auf der
gegen�berliegenden Seite der Stra�e war eine Kneipe. Um sie zu erreichen,
mu�ten sie eine Fu�g�ngerbr�cke �berqueren. Der dichte Verkehr der abendlichen
Sto�zeit donnerte unter ihnen vorbei und die dicken, kalten Regentropfen
schienen ihn begleiten zu wollen. Die Kneipe war im Tudorstil eingerichtet,
mit neuen Pferdegeschirren an den W�nden und einer auf Hochglanz polierten
Schiffsglocke. Leiser bestellte einen White Lady. Er trinke niemals was anderes,
sagte er. �Einem Drink treu bleiben, Captain, das ist mein Rat. Dann werden Sie
keine Schwierigkeiten haben. Zum Wohl.�</p><p>�Es m��te
jemand sein, der die alten Tricks kennt�, bemerkte Haldane. Sie sa�en in der
Ecke neben dem Kaminfeuer. Sie h�tten ebensogut �ber Gesch�fte sprechen k�nnen.
�Es ist ein sehr wichtiger Job. Man zahlt viel mehr als im Krieg.� Er l�chelte
d�ster. �Man zahlt �berhaupt viel, heutzutage.�</p><p>�Na ja,
Geld ist nicht alles, oder?� Eine steife kleine Phrase, die er von den
Engl�ndern gelernt hatte. �Man hat sich an Sie erinnert, Leute, deren Namen Sie
l�ngst vergessen haben, falls Sie sie �berhaupt je kannten.� Ein nicht
�berzeugendes L�cheln der Erinnerung kr�uselte seine d�nnen Lippen: es mochte
Jahre her sein, seit er zum letztenmal gelogen hatte. �Sie haben einen
ziemlichen Eindruck hinterlassen, Fred. Es gab nicht viele, die so gut waren
wie Sie. Selbst nach zwanzig Jahren.�</p><p>�Im alten
Verein denkt man also an mich?� Er schien dankbar daf�r zu sein, aber auch
sch�chtern, als st�nde es ihm nicht zu, da� man sich seiner erinnerte. �Ich war
ja nur ein Kind, damals�, wiederholte er. �Wen gibt's denn noch, wer ist noch
dabei?� Haldane, der ihn beobachtete, antwortete: �Ich habe Sie gewarnt, Fred,
wir haben noch immer dieselben Regeln. Nur was man wirklich wissen mu� - wie damals.�
Es klang streng.</p><p>�Guter
Gott�, sagte Leiser. �Alles wie fr�her. Immer noch so gro�, der Laden?�</p><p>�Gr��er.� Haldane ging zur Bar und
holte noch einen White Lady. �K�mmern Sie sich viel um Politik?� Leiser hob
seine sauber gewaschene Hand und lie� sie wieder fallen.</p><p>�Sie
wissen, wie wir hier sind�, sagte er, �in England. Nicht wahr?� Der Ton, in dem
er dies sagte, enthielt die leicht unversch�mte Unterstellung, da� er Haldane
ebenb�rtig sei.</p><p>Haldane
unterbrach ihn schnell: �Ich meine, in einem weiten Sinn.� Er hustete trocken.
�Schlie�lich haben diese Leute ja Ihr Land kassiert, oder nicht?� Leiser sagte
nichts. �Was hielten Sie zum Beispiel von Kuba?�</p><p>Haldane
rauchte nicht, aber er hatte an der Bar eine Schachtel von Leisers Zigaretten
gekauft und ri� nun mit seinen d�nnen Altm�nnerfingern das Zellophan herunter,
um Leiser �ber den Tisch hinweg eine anzubieten. Ohne auf eine Antwort zu
warten, setzte er hinzu: �Das Entscheidende in Kuba war, m�ssen Sie wissen, da�
die Amerikaner Bescheid wu�ten. Es war eine Frage der Information. Als sie sie
hatten, konnten sie was unternehmen. Allerdings konnten sie dr�berfliegen. Das
ist nicht in jedem Fall m�glich.� Er lachte kurz. �Man fragt sich, was sie ohne
diese M�glichkeit unternommen h�tten.�</p><p>�Ja, das ist richtig.� Leiser
nickte mit dem Kopf wie eine Marionette. Haldane achtete nicht darauf.
�M�glicherweise h�tten sie nicht weitergewu�t�, meinte Haldane und schl�rfte an
seinem Whisky. ��brigens, sind Sie verheiratet?�</p><p>Leiser
grinste und hielt seine Hand flach mit abgespreiztem Daumen und kleinem Finger
wie ein Flugzeug vor sich, mit dessen Tragfl�chen er wackelte. �So - so�,
sagte er. Sein Schottenschlips war an seinem Hemd mit einer goldenen Klammer
in der Form einer Reitpeitsche vor einem Pferdekopf befestigt. Sie war sehr
geschmacklos. �Und Sie, Captain?� Haldane sch�ttelte den Kopf. �Nein�, bemerkte
Leiser gedankenvoll. �Also nicht.�</p><p>�Es gab
auch andere F�lle�, fuhr Haldane fort, �in denen schwerwiegende Fehler gemacht
wurden, weil man entweder nicht die richtigen oder nicht gen�gend Informationen
hatte. Ich meine, nicht mal wir k�nnen �berall dauernd Leute haben.�</p><p>�Nein,
bestimmt nicht�, sagte Leiser zuvorkommend. Das Lokal begann sich zu f�llen.
�Kennen Sie nicht einen anderen Platz, wo wir uns ungest�rt unterhalten
k�nnen?� erkundigte sich Haldane. �Wir k�nnen was essen, ein bi�chen �ber den
alten Verein plaudern. Oder haben Sie eine andere Verabredung?� In den unteren
Gesellschaftsschichten pflegte man ja ziemlich fr�h zu Abend zu essen. Leiser
warf einen schnellen Blick auf seine Uhr. �Bis acht ist mir alles recht. Sie
sollten was gegen Ihren Husten tun, Sir. Kann gef�hrlich werden, ein Husten wie
Ihrer.� Die Uhr war aus Gold, mit einem schwarzen Zifferblatt und einem
eigenen Zeiger f�r die Phasen des Mondes.</p><p>Der
Unterstaatssekret�r zeigte deutlich, wie l�stig es ihm war, so lange
aufgehalten zu werden. Leclerc sprach jedoch weiter: �Ich glaube, Ihnen berichtet
zu haben, da� man sich im Ausw�rtigen Amt bei der Ausstellung von P�ssen f�r
Einsatzzwecke recht stur zeigt. Man hat es sich zur Gewohnheit gemacht, in
jedem einzelnen Fall beim Rondell r�ckzufragen. Wir sind vollkommen ohne
Status, das wissen Sie, nicht? Es f�llt mir nicht leicht, mich mit diesen Dingen
unbeliebt zu machen - man hat dort einfach nicht die geringste Vorstellung
davon, wie wir arbeiten. Es w�re zu �berlegen, ob es nicht die beste L�sung
darstellte, wenn wir unsere Pa�anforderungen �ber Ihr Sekretariat laufen
lie�en. Das w�rde es �berfl�ssig machen, jedesmal zum Rondell gehen zu m�ssen.�</p><p>�Was
meinen Sie mit <emphasis>stur?�</emphasis></p><p>�Wie Sie
sich vielleicht erinnern, hatten wir den armen Taylor unter einem anderen Namen
fahren lassen. Das A. A. erkl�rte seinen Pa� bereits einige Stunden, ehe er
London �berhaupt erst verlassen hatte, schon wieder f�r ung�ltig. Ich f�rchte,
das Rondell hat da einen groben administrativen Schnitzer gemacht. Jedenfalls
wurde der Pa�, mit dem die Leiche aus Kopenhagen hier ankam, aus diesem Grund
nicht anerkannt, und wir hatten gro�e Schwierigkeiten. Ich mu�te meinen
besten Mann schicken, damit er die Sache ausb�gelt.� Eine spontane kleine L�ge.
�Ich bin sicher, da� Control ziemlich leicht von der Notwendigkeit einer
neuen Regelung �berzeugt werden k�nnte, wenn der Minister darauf best�nde.� Der
Unterstaatssekret�r deutete mit dem Bleistift auf die zu seinem Sekretariat
f�hrende T�r. �Sagen Sie das da drin. Knobeln Sie was mit ihnen aus. Das klingt
doch wirklich alles sehr dumm. Mit wem haben Sie es im Au�enamt immer zu tun?�</p><p>�De
Lisle�, sagte Leclerc befriedigt. �Er sitzt in der Abteilung f�r Allgemeines. -
Und im Rondell mit Smiley.�</p><p>Der
Unterstaatssekret�r notierte das. �Man wei� wirklich nie, mit wem man dort
reden soll. Die sind so �berorganisiert.�</p><p>�Dann noch
etwas: es k�nnte sein, da� ich das Rondell um technische Hilfe werde bitten
m�ssen. Funkger�te und dergleichen. Ich schlage vor, in diesem Fall eine
Tarngeschichte zu erz�hlen. Ich halte das f�r sicherer. Am besten w�re es, zu
sagen, da� wir ein gro�angelegtes Trainingsprogramm abwickeln wollen.�</p><p>�Tarngeschichte?
- O ja: eine L�ge. Sie erw�hnten das schon.�</p><p>�Nur eine Vorsichtsma�nahme,
nichts weiter.�</p><p>�Sie m�ssen tun, was Sie f�r n�tig
halten.�</p><p>�Ich habe mir vorgestellt, da� es
auch Ihnen lieber sei, wenn das Rondell nichts wei�. Sie haben selbst gesagt:
keinen monolithischen Apparat. Ich habe nach diesem Grundsatz gehandelt.� Der
Unterstaatssekret�r blickte wieder zur Uhr �ber der T�r. �Er war ziemlich
schlecht gelaunt: ein schwieriger Tag mit dem Jemen. Ich glaube, da� zum Teil
auch die Nachwahl in Woodbridge schuld daran ist. Er regt sich �ber diese Dinge
am Rande immer sehr auf. Wie steht �brigens Ihre Sache? Sie hat ihm viel Kopfzerbrechen
gemacht, m�ssen Sie wissen. Was darf er jetzt glauben?� Er machte eine Pause.
�Diese Deutschen jagen mir wirklich Angst ein. Sie sagten, Sie h�tten jemand
gefunden, der ausgezeichnet daf�r geeignet ist?� Sie traten auf den Korridor
hinaus. �Wir sind an ihm dran. Wir haben ihn schon in Arbeit. Heute abend
werden wir endg�ltig Bescheid wissen.� Der Unterstaatssekret�r r�mpfte kaum
sichtbar die Nase, w�hrend er seine Hand schon auf die T�rklinke des
Minister-Zimmers legte. Er war ein gl�ubiges Mitglied der Anglikanischen
Hochkirche und verabscheute alles Ungeordnete.</p><p>�Was treibt einen Menschen,
derartige Auftr�ge zu �bernehmen? - Nicht Sie, ihn meine ich.� Leclerc
sch�ttelte schweigend den Kopf, als sei er v�llig der gleichen Meinung. �Der
Himmel mag's wissen. Das ist etwas, was nicht einmal wir verstehen.�</p><p>�Was f�r ein Mensch ist er? Aus
welcher Schicht? - Nur allgemein, was Sie sch�tzen.�</p><p>�Intelligent.
Autodidakt. Polnischer Herkunft.�</p><p>�Ach so.
Ich verstehe.� Er schien erleichtert. �Wir werden es glimpflich machen, nicht
wahr? Malen Sie es nicht zu schwarz. Er verabscheut jedes Drama.</p><p>Schlie�lich
kann jeder Narr sehen, was die Gefahren sind.�</p><p>Sie gingen
hinein. Haldane und Leiser nahmen an einem Ecktisch Platz, wie zwei Verliebte
in einem Espresso. Es war eines dieser Restaurants, die leere Chiantiflaschen
f�r die Atmosph�re und nicht viel mehr f�r ihre G�ste bieten. Schon morgen oder
�bermorgen w�rde es wieder verschwunden sein, ohne da� es irgend jemandem
besonders auffiele, aber solange es da war - neu und voller Hoffnung -, war es
gar nicht so schlecht. Leiser hatte ein Steak bestellt, wahrscheinlich eine
Gewohnheit, und er sa� steif mit an den K�rper gepre�ten Armen, w�hrend er a�.
Haldane gab sich zun�chst den Anschein, als habe er den Zweck seines Besuches
vergessen. Er erz�hlte vage vom Krieg und von der Organisation, von Eins�tzen,
die er bis zu diesem Nachmittag, an dem er seine Erinnerung aus den Akten
wieder auffrischte, schon fast g�nzlich aus dem Ged�chtnis verloren hatte. Er
sprach - da dies ohne Zweifel w�nschenswert schien - haupts�chlich von jenen
M�nnern, die am Leben geblieben waren.</p><p>Er kam auf
�bungen zu sprechen, an denen Leiser teilgenommen hatte. War er �berhaupt noch
so an der Funkerei interessiert? Nun ja, eigentlich nicht. Wie stand es mit der
Selbstverteidigung, unbewaffnetem Nahkampf? Dazu hatte eigentlich die
Gelegenheit gefehlt.</p><p>�Sie haben
ja im Krieg einige ziemlich harte Augenblicke erlebt, soviel ich mich
erinnere�, sagte Haldane schnell. �Gab's da nicht in Holland Schwierigkeiten?�</p><p>Sie waren wieder bei Selbstgef�lligkeiten
und den Erinnerungen an die alten Zeiten gelandet. Ein steifes Nicken. �Ich
hatte vor�bergehend Schwierigkeiten�, gab Leiser zu. �Ich war ja auch j�nger,
damals.�</p><p>�Was ist
denn wirklich passiert?� Leiser sah Haldane an, blinzelnd, als h�tte der andere
ihn aufgeweckt, dann begann er zu sprechen. Es war eines dieser
Kriegserlebnisse, die seit Kriegsausbruch in verschiedenen Variationen immer
wieder erz�hlt worden sind, und es pa�te so wenig zu dem sauberen kleinen Lokal
wie Hunger und Armut, wobei es noch an Glaubw�rdigkeit dadurch einb��te, da� es
berichtet wurde. Leiser erz�hlte, als habe auch er die Geschichte nur geh�rt,
etwa wie einen Kampf, den er in einer Radio�bertragung miterlebt hatte. Er war
gefangengenommen worden, er war geflohen, er hatte sich sechs Tage ohne
Verpflegung durchgeschlagen, hatte get�tet, war versteckt und nach England
zur�ckgeschmuggelt worden. Er erz�hlte gut. Vielleicht war es nur seine
jetzige Vorstellung von den Kriegserlebnissen, vielleicht war es wahr. Aber
wie eine s�dl�ndische Witwe, die vom Tod ihres Mannes berichtet, hatte auch
Leiser die Leidenschaft seines Herzens verloren und klammerte sich deshalb um
so st�rker an die des Erz�hlens. Er schien nur zu reden, weil man ihn darum
gebeten hatte, wobei seine Geziertheit im Gegensatz zu der Leclercs weniger
dem Wunsche entsprang, andere zu beeindrucken, sondern mehr dem Bed�rfnis,
sich selbst zu sch�tzen. Er wirkte wie ein sehr verinnerlichter Mann, der sich
nur vorsichtig tastend ausdr�ckte, ein Mensch, der lange allein gewesen war,
ohne menschliche Beziehungen. Er schien ausgeglichen und doch nirgends
verwurzelt zu sein. Seine Aussprache war gut, aber eindeutig die eines
Ausl�nders, denn es fehlte ihm die gewisse L�ssigkeit, das Verschlucken einzelner
Silben, das selbst begabte Imitatoren niemals v�llig beherrschen. Er hatte
eine Stimme, die mit ihrer Umgebung vertraut, aber nicht in ihr zu Hause war.</p><p>Haldane
h�rte h�flich zu. Als Leiser fertig war, fragte er: �Wie ist man eigentlich das
erstemal auf Sie gekommen, wissen Sie das?� Sie waren sehr voneinander
entfernt.</p><p>�Sie haben's mir nie erz�hlt�,
sagte Leiser ausdruckslos, als sei es unpassend, nach so etwas zu fragen.
�Ohne Zweifel sind Sie der Mann, den wir brauchen�, bemerkte Haldane schlie�lich.
�Sie haben den deutschen Background, wenn Sie verstehen, was ich meine. Sie
kennen diese Leute, nicht wahr? Sie haben mit den Deutschen Erfahrung.�</p><p>�Nur aus dem Krieg�, sagte Leiser.
Dann sprachen sie �ber das Ausbildungslager. �Wie geht's diesem Dicken? George
Soundso. Kleiner, trauriger Kerl.�</p><p>�Oh - dem
geht's gut, danke.�</p><p>�Er
heiratete damals ein h�bsches M�dchen.� Leiser lachte unanst�ndig, w�hrend er
mit seinem rechten Arm das arabische Zeichen f�r sexuelle T�chtigkeit machte.
�Allm�chtiger�, sagte er, immer noch lachend, �wir kleinen Burschen! Sind doch
nicht zu schlagen.�</p><p>Es war ein
au�erordentlicher Lapsus. Haldane schien darauf gewartet zu haben. Er
betrachtete ihn lange mit eisigem Gesicht, bis das Schweigen un�berh�rbar
geworden war. Dann stand er bed�chtig auf. Er schien pl�tzlich sehr ver�rgert
zu sein, ver�rgert �ber Leisers dummes Grinsen und diesen ganzen billigen,
unn�tzen Flirt, ver�rgert �ber diese sinnlos wiederholten Blasphemien und
diese gemeine Verh�hnung eines wertvollen Menschen.</p><p>�W�rden
Sie es bitte unterlassen, so etwas zu sagen?</p><p>George
Smiley ist zuf�llig einer meiner Freunde.� Er winkte dem Ober, bezahlte und
stelzte schnell aus dem Restaurant, in dem Leiser verwirrt und allein zur�ckblieb,
mit einem White Lady elegant in der Hand und den Blick der braunen Augen
unruhig auf die T�r gerichtet, durch die Haldane so unvermittelt verschwunden
war.</p><p>Schlie�lich
ging auch er. Langsam schlenderte er �ber die Fu�g�ngerbr�cke durch die
Dunkelheit und den Regen, wobei er auf die Doppelreihe von Stra�enlampen
hinunterstarrte, zwischen denen der Verkehr dahinbrauste. Dann sah er zu seiner
Garage hin�ber, zu der Reihe erleuchteter Zapfs�ulen und zu dem Turm, dessen
Spitze von einem Herzen aus abwechselnd gr�n und rot leuchtenden 60-Watt-Birnen
gekr�nt war. Er betrat das hellerleuchtete B�ro, sagte etwas zu dem Jungen und
stieg langsam die Treppe hinauf, der pl�rrenden Musik entgegen.</p><p>Haldane
wartete, bis er au�er Sicht war, und eilte dann in das Restaurant zur�ck, um
sich ein Taxi rufen zu lassen.</p><p>Sie hatte den Plattenspieler
angestellt. Sie h�rte der Tanzmusik zu, sa� in seinem Stuhl und trank. �Gott,
kommst du sp�t�, sagte sie. �Ich bin am Verhungern.� Er k��te sie.</p><p>�Du hast
schon gegessen�, sagte sie. �Ich kann's riechen.�</p><p>�Nur 'ne Kleinigkeit, Bett. Ich
mu�te. Es war ein Mann hier, mit dem ich einen Drink nehmen mu�te.�</p><p>�L�gner.�</p><p>Er l�chelte. �La� doch, Betty. Wir
sind zum Abendessen verabredet, stimmt's?�</p><p>�Was f�r ein Mann?�</p><p>Die
Wohnung war sehr sauber. Vorh�nge und Teppiche hatten Blumenmuster, und auf
allen polierten Fl�chen lagen Schondecken aus Spitze. Alles war geschont,
Vasen, Lampen, Aschenbecher, alles sorgsam geh�tet, als erwarte sich Leiser von
der Natur nichts als nackte Vernichtung. Er hatte eine Vorliebe f�r einen
Hauch Antike, die sich im verschn�rkelten Schnitzwerk der M�bel und den
schmiedeeisernen Lampenf��en niedergeschlagen hatte. Es gab auch einen Spiegel
in goldenem Rahmen und ein aus Laubs�gearbeit und Gips angefertigtes Bild sowie
eine neue Standuhr, deren kleine Gewichte sich unter einem Glassturz hin und
her drehten. Als er das Barschr�nkchen �ffnete, begann eine Spieluhr ihre kurze
Melodie zu spielen. Er mixte sich mit gro�er Sorgfalt einen White Lady, wie ein
Mensch, der sich eine Medizin zubereitet. Sie sah ihm dabei zu und zuckte im
Takt der Musik mit ihren H�ften, wobei sie ihr Glas seitlich von sich weghielt,
als sei es die Hand ihres Partners und als sei dieser Partner nicht Leiser.
�Was f�r ein Mann?� wiederholte sie. Er stand vor dem Fenster, mit steifem
R�cken, wie ein Soldat.</p><p>Der grelle
Widerschein des flackernden Herzens auf dem Dach zuckte �ber die H�user,
erfa�te die Streben der Br�cke und spiegelte sich zitternd auf der nassen
Fahrbahn der Allee. Hinter den H�usern erhob sich die Kirche. Sie sah aus wie
ein Kino, auf das man einen spitzen Turm mit gerillten Ziegeln gesetzt hatte,
hinter dessen �ffnungen manchmal die Glocken l�uteten. Hinter der Kirche war
der Himmel. Manchmal glaubte er, die Kirche werde das einzige sein, was Bestand
haben werde. Dann erschien ihm der Himmel �ber London wie vom Widerschein einer
brennenden Stadt erhellt.</p><p>�Gott,
bist du heute abend aber fr�hlich!�</p><p>Die
Kirchenglocken wurden von einem Tonband abgespielt, in vielfacher Verst�rkung,
damit sie den L�rm des Verkehrs �bert�nen konnten. An den Sonntagen verkaufte
er sehr viel Benzin. Der Regen schlug jetzt kr�ftiger auf die Fahrbahn - er
konnte sehen, wie er die Scheinwerfer der Autos d�mpfte und gr�n und rot auf
dem Asphalt tanzte. �Komm, Fred, tanz mit mir.�</p><p>�Noch
einen Augenblick, Bett.�</p><p>�Ja
Himmel, was ist nur los mit dir? Trink was und vergi� es!�</p><p>Er konnte
h�ren, wie ihre F��e im Rhythmus der Musik �ber den Teppich schleiften und wie
die Anh�nger an ihrem Armband unerm�dlich dazu klimperten. �Himmel noch mal,
nun tanz schon.� Sie sprach undeutlich und zog die letzte Silbe jedes Satzes
nachl�ssig weit �ber ihre normale L�nge. Es war die gleiche berechnete
Desillusion, mit der sie sich selbst hinzugeben pflegte - n�mlich m�rrisch, als
gebe sie Geld, oder als geh�re das Vergn�gen nur den M�nnern, w�hrend den
Frauen nichts als Schmerz blieb.</p><p>Sie hielt mit einer
gleichg�ltig-unvorsichtigen Bewegung des Tonarmes die Platte an. Im
Lautsprecher h�rte man, wie die Nadel �ber die Rillen kratzte. �Was, zum
Teufel, ist eigentlich los?�</p><p>�Nichts. Gar nichts. Ich hab nur
einen schweren Tag gehabt, das ist alles. Dann kam dieser Mann - jemand, den
ich von fr�her kenne.�</p><p>�Ich frage dich immer noch: wer?
Es war eine Frau, was? Irgendein Flittchen.�</p><p>�Nein, Betty, es war ein Mann.�
Sie kam zu ihm ans Fenster und gab ihm gleichg�ltig einen Sto�. �Was ist denn
so verdammt gro�artig an dieser Aussicht? Nichts als ein Haufen verrotteter
kleiner H�user. Du sagst selbst immer, da� sie dich ankotzen. Na, wer war es?�</p><p>�Er ist von einer der gro�en
Gesellschaften.�</p><p>�Und sie wollen dich haben?�</p><p>�Ja... sie wollen mir ein Angebot
machen.�</p><p>�Gott, wer will schon so einen
verdammten Polen?� Er machte keine Bewegung. �Sie wollen.�</p><p>�Es war jemand in der Bank, um
sich nach dir zu erkundigen, mu�t du wissen. Sie haben alle zusammen in Mr.
Dawnays B�ro gesessen. Du bist in Schwierigkeiten, nicht wahr?�</p><p>Er nahm
ihren Mantel und half ihr mit sehr korrekt angewinkelten Ellbogen hinein.</p><p>Sie sagte: �Um Gottes willen nur
nicht wieder dieses neue Lokal mit den stinkfeinen Keimern.�</p><p>�Aber es ist doch nett dort, oder
nicht? Ich dachte, du h�ttest es gern gehabt. Man kann auch tanzen. Du magst
das doch. Wohin willst du denn gehen?�</p><p>�Mit dir? Ja Himmelherrgott
irgendwohin, wo's ein bi�chen lebendig ist, mehr nicht!�</p><p>Er starrte sie an, w�hrend er die
T�r f�r sie aufhielt.</p><p>Pl�tzlich l�chelte er.</p><p>�Okay, Bett. Wie du willst. Es ist
dein Abend. La� schon mal den Wagen an. Ich werde einen Tisch bestellen.� Er
gab ihr die Schl�ssel. �Ich kenn was, ein wirklich tolles Lokal.�</p><p>�Was, zum Teufel, hat dich
gebissen?�</p><p>�Du kannst fahren. Diese Nacht
hauen wir uns um die Ohren.� Er ging zum Telefon.</p><p>Es war
kurz vor elf, als Haldane ins B�ro zur�ckkam. Leclerc und Avery erwarteten ihn.
Carol tippte im Sekretariat.</p><p>�Ich
dachte, du w�rdest fr�her zur�ck sein�, sagte Leclerc.</p><p>�Es hat
nicht geklappt. Er sagt, da� er nicht mitspielt. Den n�chsten probierst du wohl
besser selbst aus. Ich bin dem nicht mehr gewachsen.� Es schien ihn nicht
weiter zu ber�hren. Er setzte sich. Sie starrten ihn ungl�ubig an.</p><p>�Hast du ihm Geld geboten?� fragte
Leclerc schlie�lich. �Wir k�nnen bis f�nftausend Pfund gehen.�</p><p>�Nat�rlich habe ich Geld geboten.
Er ist einfach nicht interessiert, kann ich euch verraten. Er war eine einmalig
unerfreuliche Erscheinung.�</p><p>�Tut mir leid.� Leclerc sagte
nicht, weshalb. Sie konnten das Klappern von Carols Schreibmaschine h�ren.
�Was nun?� fragte Leclerc. �Ich habe keine Ahnung.� Haldane sah unruhig auf
seine Uhr.</p><p>�Es mu�
doch noch andere geben.�</p><p>�Nicht in
unserer Kartei. Nicht mit seinen Qualifikationen. Wir haben Belgier, Schweden,
Franzosen, aber Leiser war der einzige deutsch sprechende mit technischen
Erfahrungen. Auf dem Papier jedenfalls ist er der einzige.�</p><p>�Der noch jung genug ist - meinst
du das?�</p><p>�So nehme ich an. Es mu� ein alter
Hase sein. Wir haben weder gen�gend Zeit noch M�glichkeiten, einen Neuen
auszubilden. Besser w�r's, wir fragten das Rondell. Die haben sicher jemanden.�</p><p>�Das k�nnen wir nicht machen�,
sagte Avery. �Was f�r eine Sorte Mensch war er?� beharrte Leclerc, der sich
einfach weigerte, schon alle Hoffnung aufzugeben.</p><p>�Ordin�r,
von der slawischen Sorte. Klein. Er spielt den &gt;Rittmeister&lt;. H�chst
absto�end.� Haldane suchte in seinen Taschen nach der Rechnung. �Er putzt sich
wie ein Buchmacher heraus, aber das tun sie alle, nehme ich an. Gebe ich die
Rechnung dir oder der Buchhaltung?�</p><p>�Sicherheitsrisiko?�</p><p>�W��te
nicht, weshalb.�</p><p>�Und hast
du dar�ber gesprochen, wie dringend es ist? �ber seine Loyalit�t als neuer
Staatsb�rger - und derartiges Zeug?�</p><p>�Er fand
die alte Loyalit�t reizvoller.� Haldane legte die Rechnung auf den Tisch. �Und
Politik? Manche sind besonders...�</p><p>��ber
Politik haben wir auch gesprochen. Zu der Sorte von Exilleuten geh�rt er
nicht. Er betrachtet sich als integriert, ein naturalisierter Engl�nder. Was
erwartest du von ihm? Da� er nochmals den Treueid auf das polnische K�nigshaus
ablegt?� Wieder sah er auf seine Uhr.</p><p>�Du
wolltest ihn �berhaupt nicht anwerben!� rief Leclerc, den Haldanes
Gleichg�ltigkeit pl�tzlich erboste. �Du bist ganz zufrieden, Adrian, ich kann's
dir ja vom Gesicht ablesen! - Guter Gott, was ist mit unserer Organisation,
hat das gar nichts f�r ihn bedeutet? Du glaubst ja schon selbst nicht mehr an
uns, dir ist das alles egal! Du lachst ja �ber mich!�</p><p>�Wer von
uns glaubt denn?� fragte Haldane h�hnisch. �Du selbst sagst immer: wir
erledigen unseren Job.�</p><p>�<emphasis>Ich </emphasis>glaube�,
erkl�rte Avery.</p><p>Haldane
wollte gerade etwas sagen, als das gr�ne Telefon l�utete.</p><p>�Das ist
das Ministerium�, sagte Leclerc. �Also, was sage ich ihnen?� Haldane
beobachtete ihn. Er nahm den H�rer auf, legte ihn ans Ohr und reichte ihn dann
�ber den Tisch. �Die Zentrale. Wieso um alles in der Welt sind die �ber Gr�n
gekommen? Jemand, der nach Captain Hawkins fragt. Das bist doch du, oder?�</p><p>Haldane
lauschte, sein hageres Gesicht war ausdruckslos. Schlie�lich sagte er: �Ich
denke wohl. Wir werden schon jemanden finden. Das sollte keine Schwierigkeit
machen. Morgen um elf. Seien Sie bitte p�nktlich�, und legte auf. Das Licht in
Leclercs Zimmer schien durch das Fenster zu versickern, dessen d�nner Vorhang
es nicht zur�ckhalten konnte. Drau�en regnete es unabl�ssig. �Das war Leiser.
Er will den Job �bernehmen. M�chte nur wissen, ob wir jemanden haben, der sich
um seine Garage k�mmert, solange er weg ist.� Leclerc sah ihn zutiefst
�berrascht an. Langsam breitete sich ein komischer Ausdruck der Freude auf seinem
Gesicht aus. �Du hattest es erwartet!� rief er. Er streckte seine kleine Hand
Haldane entgegen. �Entschuldige, Adrian. Ich habe dir Unrecht getan. Ich gratuliere
dir aus vollem Herzen.�</p><p>�Wieso hat
er angenommen?� fragte Avery erregt. �Was hat ihn doch noch dazu bewegen?�</p><p>�Warum tun
Agenten �berhaupt etwas? Warum irgend jemand von uns?� Haldane setzte sich
wieder. Er sah alt aus, aber auch verletzlich, wie ein Mann, dessen Freunde
bereits alle gestorben sind. �Warum willigen sie ein, warum widersetzen sie
sich, warum l�gen sie oder sagen die Wahrheit? Warum tut das irgend jemand von
uns?� Er begann wieder zu husten. �Vielleicht fehlt ihm etwas in seinem Beruf.
Vielleicht ist es wegen der Deutschen: Er ha�t sie. Das jedenfalls sagt er.
Ich nehme das nicht so ernst. Au�erdem sagte er, da� er uns nicht entt�uschen
wolle. Ich nehme an, da� er das selbst glaubt.� Zu Leclerc gewandt, f�gte er
hinzu: �Die gleichen Vorschriften wie im Krieg - das war doch richtig, oder
nicht?�</p><p>Aber
Leclerc w�hlte schon die Nummer des Ministeriums.</p><p>Avery ging ins Sekretariat
hin�ber. Carol stand auf. �Was geht hier vor?� fragte sie schnell. �Warum diese
Aufregung?�</p><p>�Es ist
wegen Leiser.� Avery schlo� hinter sich die T�r. �Er hat sich einverstanden
erkl�rt.� Er streckte ihr die Arme entgegen, um sie zu umarmen. Es w�rde das
erste Mal sein.</p><p>�Warum?�</p><p>�Ha� gegen die Deutschen, sagt er.
Ich glaube eher, da� es wegen der Bezahlung ist.�</p><p>�W�re das denn gut?�</p><p>Avery
grinste wissend. �Solange wir ihm mehr bezahlen als die anderen.�</p><p>�Sollten
Sie nicht zu Ihrer Frau fahren?� sagte sie scharf. �Ich glaube nicht, da� Sie
unbedingt hier schlafen m�ssen.�</p><p>�Wir sind
im Einsatz.� Avery ging in sein Zimmer. Carol sagte nicht gute Nacht.</p><p>Leiser
legte den Telefonh�rer auf. Es war pl�tzlich so still. Das Licht auf dem Dach
erlosch und lie� das Zimmer im Dunkeln. Leiser lief eilig die Treppe hinunter.
Er schnitt ein Gesicht, als konzentriere er alle seine Gedanken auf die
Aussicht, ein zweitesmal zu Abend zu essen.</p><empty-line/><p><strong><emphasis>11. Kapitel </emphasis></strong></p><p><emphasis/></p><p>Sie
entschieden sich f�r Oxford, wie sie es schon im Kriege getan hatten. Unter den
hier lebenden Angeh�rigen der verschiedensten Nationalit�ten und Berufe, durch
das st�ndige Kommen und Gehen der G�ste der Universit�t war es ihnen leicht,
ihre Anonymit�t zu wahren, und dies entsprach ebenso wie die N�he des offenen
Landes genau ihren Bed�rfnissen. Au�erdem war es eine Gegend, in der sie sich
auskannten. Am Morgen nach Leisers Anruf fuhr Avery los, ein Haus zu suchen. Am
darauffolgenden Tag rief er Haldane an, um ihm mitzuteilen, da� er etwas im
Norden der Stadt gefunden habe, ein gro�es viktorianisches Haus mit vier
Schlafzimmern und einem Garten, das er f�r einen Monat gemietet habe. Es war
sehr teuer. Innerhalb der Organisation wurde es Mayfly-Haus genannt und als
Betriebsunkosten abgebucht. Sobald Haldane davon erfahren hatte, verst�ndigte
er Leiser. Auf dessen Vorschlag hin kam man �berein, Leiser solle
herumerz�hlen, er fahre zu einem Kurs in die Mildlands.</p><p>�Erz�hlen
Sie keinerlei Einzelheiten�, hatte Haldane gesagt. �Lassen Sie sich die Post
nach Coventry schicken, postlagernd. Wir werden sie dort f�r Sie abholen.�
Leiser war erfreut, als er h�rte, da� es Oxford war.</p><p>Leclerc
und Woodford hatten verzweifelt nach jemandem gesucht, der w�hrend Leisers
Abwesenheit die Garage leiten k�nnte, und pl�tzlich fiel ihnen McCulloch ein.
Leiser gab ihm eine Rechtsvollmacht und verbrachte einen Vormittag damit, ihm
hastig alles zu zeigen. �Wir werden Ihnen eine Art B�rgschaft daf�r leisten�,
sagte Haldane.</p><p>�Das ist
nicht n�tig�, antwortete Leiser, und er erkl�rte ganz ernsthaft: �Ich arbeite
ja f�r englische Gentlemen.�</p><p>Freitag
abend hatte Leiser am Telefon seine Zustimmung erteilt, und bis Mittwoch waren
die Vorbereitungen so weit fortgeschritten, da� Leclerc die Sonderabteilung
zu einer Sitzung einberufen konnte, bei der er seine Pl�ne umri�. Avery und
Haldane sollten mit Leiser nach Oxford gehen. Beide sollten am n�chsten Abend
reisen, da Haldane bis dahin den Lehrplan fertig zusammengestellt haben w�rde.
Leiser w�rde etwa ein bis zwei Tage sp�ter in Oxford ankommen, sobald er eben
seine eigenen Angelegenheiten geregelt hatte. Haldane war als Leiter des
Trainings vorgesehen, Avery als sein Assistent. Woodford w�rde in London
bleiben. Zu seinen Aufgaben w�rde es auch geh�ren, mit Hilfe des Ministeriums
(und von Sandfords Auswertungsabteilung) Anschauungsmaterial �ber die �u�eren
Merkmale von Kurz- und Mittelstreckenraketen zusammenzustellen. Damit
ausger�stet, sollte er dann ebenfalls nach Oxford kommen. Leclerc war
unerm�dlich. Bald war er im Ministerium, um von den gemachten Fortschritten zu
berichten, dann im Schatzamt, um sich wegen der Pension f�r Taylors Witwe
herumzustreiten, dann wieder versuchte er mit Woodfords Hilfe ehemalige
Instruktoren f�r Funk und Morse, Fotografie und unbewaffneten Nahkampf zu
gewinnen.</p><p>Die ihm
verbleibende Zeit widmete Leclerc Mayfly-Null - dem Augenblick, an dem Leiser
nach Ostdeutschland eingeschleust werden w�rde. Zun�chst schien er keine feste
Vorstellung davon zu haben, wie das bewerkstelligt werden sollte. Er sprach in
ungenauen Wendungen von einer See-Operation von D�nemark aus, wobei ein kleines
Fischerboot eine Rolle spielen sollte und ein Gummi-Schlauchboot, das vom Radar
nicht erfa�t werden konnte. Er diskutierte mit Sandford verschiedene
M�glichkeiten des illegalen Front�bertritts und telegrafierte an Gorton die
Bitte um Auskunft �ber das Grenzgebiet im Raum von L�beck. In verh�llter Form
holte er sogar im Rondell Ratschl�ge ein. Control war bemerkenswert hilfreich.
All dies vollzog sich in der optimistischen Atmosph�re erh�hter Aktivit�t, die
Avery bei seiner R�ckkehr aus Finnland aufgefallen war. Selbst jene Personen,
die angeblich nichts von dem Unternehmen wu�ten, lie�en sich von der
Krisenstimmung anstecken. In der kleinen Stammtischrunde, die sich t�glich zum
Mittagessen an einem Ecktisch im &gt;Cadena&lt; einfand, summte es von
Ger�chten und Vermutungen. So hie� es zum Beispiel, da� ein Mann namens
&gt;Jack&lt; Johnson, der sich im Krieg als Morselehrer einen Namen gemacht
hatte, in die Reihen der Organisation aufgenommen worden sei. Von der
Buchhaltung waren ihm Spesen ausbezahlt worden und sie hatte den Auftrag
erhalten - das war das erstaunlichste daran -, einen Dreimonatsvertrag
auszustellen und vom Schatzamt best�tigen zu lassen. Wer hatte je von einem
Dreimonatsvertrag geh�rt? fragten sie sich. Johnson hatte im Krieg mit den
Fallschirmeins�tzen in Frankreich zu tun gehabt, eine Sekret�rin, die schon
lange im Amt war, erinnerte sich daran. Berry, der Verschl�sselungsmann, hatte
Mr. Woodford gefragt, f�r welchen Zweck Johnson verwendet werden wolle - Berry
war immer recht naseweis -, und Mr. Woodford hatte gegrinst und ihm gesagt, er
solle sich gef�lligst um seine eigenen Angelegenheiten k�mmern, aber - so
hatte er gesagt - er sei f�r ein Unternehmen vorgesehen, ein sehr geheimes, das
sie in Europa starten w�rden, in Nordeuropa, und vielleicht interessiere es
Berry zu erfahren, da� der arme Taylor nicht umsonst gestorben war.</p><p>Durch die
vordere Einfahrt str�mten jetzt in nicht abrei�ender Folge Wagen und
Amtsboten. Pine forderte eine Hilfskraft an, und erhielt auch von einer anderen
Beh�rde einen Untergebenen zugeteilt, den er mit �berlegener Brutalit�t
herumkommandierte. Er hatte irgendwo aufgeschnappt, da� das Unternehmen gegen
Deutschland gerichtet war, und dieses Wissen spornte seinen Eifer an.</p><p>Unter den
Gesch�ftsleuten in der Nachbarschaft ging sogar das Ger�cht um, da� das
Amtsgeb�ude verkauft werde, man nannte die Namen von privaten Interessenten
und setzte gro�e Hoffnungen darauf, sie als Kunden zu bekommen. Zu allen Tages-
und Nachtzeiten lie� man sich Imbisse in das Haus bringen, in dem die Lichter
nie mehr erloschen. Der Haupteingang, der bisher aus Sicherheitsgr�nden immer
versperrt gewesen war, war nun ge�ffnet, und in der Blackfriars Road wurde
Leclerc, mit steifem Hut und Aktentasche in seinen schwarzen Humber steigend,
ein vertrauter Anblick.</p><p>Gleich
einem Verletzten, der seine eigenen Wunden nicht sehen m�chte, �bernachtete
Avery in den vier W�nden seines kleinen B�ros, die dadurch zu den Grenzen
seines Daseins geworden waren. Einmal schickte er Carol aus, ein Geschenk f�r
Anthony zu kaufen. Sie kam mit einem Milchauto zur�ck, dessen Plastik-Kannen
man �ffnen und mit Wasser f�llen konnte. Sie probierten es am Abend aus und
schickten es dann mit dem Humber in Averys Wohnung nach Battersea.</p><p>Als alles
fertig war, reisten Haldane und Avery mit einem amtlichen Freifahrschein
erster Klasse nach Oxford. Beim Mittagessen hatten sie im Speisewagen einen
Tisch f�r sich allein. Haldane bestellte sich eine halbe Flasche Wein, die er
leerte, w�hrend er das Kreuzwortr�tsel in der <emphasis>Times </emphasis>l�ste. Sie
sprachen kein Wort miteinander - Haldane, weil er besch�ftigt war, und Avery,
weil er es nicht wagte, ihn dabei zu st�ren. Pl�tzlich bemerkte Avery Haldanes
Schulkrawatte, und noch ehe er Zeit gefunden hatte, es sich zu �berlegen,
sagte er: �Mein Gott, ich hatte ja keine Ahnung, da� Sie Cricket spielen!�</p><p>�Haben Sie erwartet, da� ich es
Ihnen sage?� fragte Haldane spitz. �Im B�ro k�nnte ich sie doch schwerlich
tragen.�</p><p>�Entschuldigung.�</p><p>Haldane
sah ihn streng an. �Sie sollten sich nicht dauernd entschuldigen�, bemerkte er.
�Sie tun das beide.� Er go� sich Kaffee ein und bestellte einen Cognac.
Kellner waren ihm gegen�ber immer sehr aufmerksam. �Beide?�</p><p>�Sie und
Leiser. Bei ihm ist es eine nat�rliche Folgerung.�</p><p>�Mit Leiser
wird es wohl anders sein, nicht?� sagte Avery schnell. �Er ist ein Profi.�</p><p>�Leiser
ist keiner von uns. T�uschen Sie sich nicht. Wir sind nur lange mit ihm in
Verbindung, das ist aber auch alles.�</p><p>�Wie ist er? Was f�r ein Mensch?�</p><p>�Er ist ein Agent. Er ist ein
Mensch, den man steuert, nicht einer, den man kennt.� Er wandte sich wieder
seinem Kreuzwortr�tsel zu. �Er mu� aber doch loyal sein�, sagte Avery, �weshalb
sonst h�tte er einwilligen sollen?�</p><p>�Sie haben geh�rt, was der
Direktor �ber die beiden Schw�re sagte. Der erste wird oft leichtfertig geleistet.�</p><p>�Und der zweite?�</p><p>�Oh, das
ist was anderes. Wenn es so weit ist, da� er ihn leisten mu�, werden wir ihm
schon behilflich sein.�</p><p>�Aber
weshalb hat er das erstemal zugestimmt?�</p><p>�Ich
mi�traue Begr�ndungen. Ich mi�traue Worten wie Loyalit�t oder Treue. Und vor
allem mi�traue ich Motiven�, erkl�rte Haldane. �Wir steuern einen Agenten,
damit ist das Rechnen erledigt. Sie haben doch Deutsch studiert, nicht wahr? <emphasis>Am Anfang
war die Tat.� </emphasis>Kurz vor ihrer Ankunft wagte Avery noch eine Frage.
�Weshalb hat man den Pa� ablaufen lassen?� Haldane hatte eine besondere Art,
den Kopf auf die Seite zu neigen, wenn er angesprochen wurde. �Das Ausw�rtige
Amt pflegte uns immer eine Reihe von Pa�-Nummern zuzuteilen, die wir f�r Eins�tze
verwenden konnten. Diese Abmachung lief jeweils ein Jahr. Vor sechs Monaten
erkl�rte das Ausw�rtige Amt pl�tzlich, sie w�rden uns ohne Empfehlung des Rondells
keine mehr zuteilen. Anscheinend hat Leclerc unsere Anspr�che nicht gen�gend
hart vertreten, so da� ihn Control aus dem Rennen dr�ngen konnte. Taylors Pa�
war einer aus der alten Serie. Man hat die ganze Serie drei Tage vor seiner
Abreise f�r ung�ltig erkl�rt. Es war keine Zeit mehr, noch irgendwas dagegen
zu unternehmen. Vielleicht w�re es ja auch niemandem aufgefallen. Im Rondell
hat man sich sehr hinterh�ltig benommen.� Eine Pause. �In der Tat kann ich
nicht ganz verstehen, was Control nun eigentlich wirklich vorhat.�</p><p>Sie nahmen
sich ein Taxi nach Nord-Oxford und stiegen an der Stra�enecke vor ihrer Villa
aus. Avery betrachtete die H�user, an denen sie in der D�mmerung auf dem Weg
zu ihrem eigenen Domizil vorbeigingen. Er ersp�hte grauhaarige Gestalten, die
sich hinter erleuchteten Fenstern bewegten, samt�berzogene Ohrensessel mit Spitzendeckchen,
chinesische Wandschirme, Notenst�nder und eine Bridgerunde, die still im
gelben Lampenlicht sa�, wie verzauberte H�flinge in einem Schlo�. Dies war eine
Welt, von deren Existenz er fr�her einmal gewu�t hatte und der er sich fast
selbst einmal angeh�rig gef�hlt hatte. Aber das war schon lange her.</p><p>Sie
verbrachten den Abend damit, das Haus herzurichten. Haldane meinte, Leiser
solle das hintere Schlafzimmer bekommen, dessen Fenster auf den Garten blickte,
w�hrend sie selbst die Zimmer zur Stra�e nehmen w�rden. Er hatte einige
wissenschaftliche B�cher, eine Schreibmaschine und etliche eindrucksvolle
Akten vorausgeschickt, die er nun auspackte und im E�zimmer auf dem Tisch
ausbreitete, damit die Haush�lterin des Besitzers, die jeden Tag zum Aufr�umen
kommen w�rde, ihre Neugier daran stillen k�nne. �Wir werden diesen Raum als
Arbeitszimmer bezeichnen�, sagte er. Im Salon stellte er das Tonbandger�t auf.</p><p>Die
mitgebrachten Tonb�nder verschlo� er in einem Wandschrank, dessen Schl�ssel er
mit peinlicher Sorgfalt an einem Schl�sselring befestigte. In der Eingangshalle
warteten noch weitere Gep�ckst�cke: ein Filmprojektor aus den Best�nden der
Luftwaffe, eine Projektionsleinwand und ein gr�ner Leinenkoffer, der fest
versperrt und mit Lederecken besetzt war. Das Haus war ger�umig und gut
erhalten. Die M�bel waren aus Mahagoni und hatten Messingbeschl�ge. Die W�nde
waren bedeckt mit den Portr�ts einer unbekannten Familie,
Sepia-Federzeichnungen, Miniaturen, vom Alter vergilbten Fotografien. Auf
einem Wandbrett stand eine Schale mit getrockneten, starkriechenden Blumen, und
am Spiegel steckte ein Palmwedel. Von der Decke hingen schwere, aber unaufdringliche
Leuchter herab, in einer Ecke stand ein Bibeltisch, in einer anderen die Statue
eines kleinen und sehr h��lichen Cupido, der sein Gesicht ins Dunkel wandte.
Das ganze Haus atmete verhalten den Duft hohen Alters, in dem wie Weihrauch
eine h�fliche, aber unnahbare Trauer mitschwang. Gegen Mitternacht waren sie
mit dem Auspacken fertig. Sie lie�en sich im Salon nieder. Die Marmorplatte
�ber dem Kamin wurde von zwei Mohren aus Ebenholz getragen, und das Licht des
Gasfeuers spielte �ber die Vergoldung der Rosengirlanden, mit denen ihre dicken
Kn�chel gefesselt waren. Der Kamin stammte aus einer Zeit - es k�nnte sowohl
das 17. wie das 19. Jahrhundert gewesen sein -, in der die Mohrenknaben eben
erst das Windspiel aus seiner Rolle als Schmucktier der Gesellschaft verdr�ngt
hatten. Sie waren nackt, wie es ein Hund gewesen w�re, und lagen an einer
Kette aus goldenen Rosen. Avery go� sich einen Whisky ein und ging dann zu
Bett, w�hrend Haldane, in seine Gedanken versunken, zur�ckblieb.</p><p>Sein
Zimmer war gro� und dunkel. �ber dem Bett hing eine Lampe mit einem Schirm aus
blauem Porzellan. Auf dem Nachttisch lagen bestickte Deckchen, und ein kleines
Emailschild flehte &gt;Gottes Segen auf dieses Haus&lt;. Neben dem Fenster hing
ein Gem�lde, auf dem ein Knabe im Gebet vor einem Bett kniete, in dem seine
Schwester sa� und fr�hst�ckte. Er lag und dachte an Leiser, und es war, als
warte er auf ein M�dchen. Aus dem Zimmer gegen�ber konnte er den fortw�hrenden
Husten Haldanes h�ren, fort und fort. Er hatte noch nicht aufgeh�rt, als er einschlief.</p><p>Leclerc
fand Smileys Club ein seltsames Lokal, keineswegs das, was er zu finden
erwartet hatte. Zwei R�ume im Souterrain und ein Dutzend Menschen, die vor
einem offenen Kaminfeuer an einzelnen Tischen sa�en und speisten. Einige kamen
ihm irgendwie bekannt vor. Er vermutete, da� sie mit dem Rondell zu tun
hatten.</p><p>�Das sieht
hier recht gut aus. Wie wird man Mitglied?�</p><p>�Oh, Sie
k�nnen's nicht werden�, sagte Smiley bedauernd, wurde rot und fuhr fort: �Ich
meine, sie nehmen keine neuen Mitglieder auf. Nur eine Generation. ein paar
sind im Krieg geblieben, sind gestorben oder ins Ausland gegangen. Was hatten
Sie auf dem Herzen, wollte ich fragen?�</p><p>�Sie waren
so freundlich, dem jungen Avery behilflich zu sein.�</p><p>�Ja. ja,
nat�rlich. Wie lief die Sache �brigens? Ich habe nichts mehr geh�rt.�</p><p>�Es war
nur ein �bungseinsatz. Es gab gar keinen Film.�</p><p>�Ach so,
Verzeihung.� Smiley sprach hastig und machte seine abschlie�ende Bemerkung wie
jemand, der einen Namen erw�hnt hatte, ohne zu wissen, da� es der eines Toten
war.</p><p>�Wir
erwarteten gar nicht ernsthaft, da� ein Film vorhanden sein w�rde. Es war nur
eine Vorsichtsma�nahme. Wieviel hat Ihnen Avery eigentlich dar�ber erz�hlt?
Wir trainieren nur ein paar unserer alten Hasen, und auch ein paar von unseren
neuen Jungs�, erkl�rte Leclerc. �Das ist so etwas, was man in der toten Saison
machen kann. Weihnachten, nicht wahr. Die Leute auf Urlaub.�</p><p>�Ich
verstehe schon.�</p><p>Leclerc
stellte fest, da� der Rotwein sehr gut war. Er w�nschte sich nun, da� er in
einen kleineren Club eingetreten w�re. Seiner hatte enorm nachgelassen. Man
hatte solche Schwierigkeiten mit dem Personal. �Sie haben vielleicht davon
geh�rt�, begann Leclerc dann f�rmlich, �da� mir Control seine volle Unterst�tzung
f�r die Durchf�hrung von Schulungsprogrammen angeboten hat.�</p><p>�Ja, ja,
nat�rlich.�</p><p>�Mein
Minister hat das angeregt. Er h�lt viel von dem Gedanken, ein Lager
ausgebildeter Agenten zu schaffen. Als der Plan zum erstenmal auftauchte, bin
ich gleich zu Control gegangen und habe selbst mit ihm dar�ber gesprochen.
Sp�ter ist dann wieder Control an mich herangetreten. Sie wu�ten das wohl
schon?�</p><p>�Ja.
Control fragte sich.�</p><p>�Er war
au�erordentlich hilfsbereit. Glauben Sie nicht, ich w��te das nicht zu
sch�tzen. Es ist Einigkeit dar�ber erzielt worden - ich glaube, ich sollte
Ihnen diese Details mitteilen, die Ihnen von Ihrem B�ro best�tigt werden k�nnen
-, da� wir m�glichst weitgehend der Wirklichkeit entsprechende Verh�ltnisse
schaffen m�ssen, wenn das Training sinnvoll sein soll. Fr�her nannten wir das
&gt;Gefechtsbedingungen&lt;.� Er l�chelte nachsichtig. �Wir haben ein Gel�nde
in Westdeutschland ausgew�hlt. Es ist eine ungem�tliche Gegend, fremd, ideal,
um Grenz�berg�nge zu �ben und derartige Sachen. Wir k�nnen die Hilfe der Armee
in Anspruch nehmen, falls wir sie brauchen.�</p><p>�Ja, in
der Tat. Eine wirklich gute Idee.�</p><p>�Aus
grunds�tzlichen Sicherheitserw�gungen sind wir alle der Meinung, da� Ihre
Dienststelle nur �ber jene Einzelheiten dieser �bung unterrichtet werden soll,
bei denen Sie so g�tig sind, mit uns zusammenzuarbeiten.�</p><p>�Control
erz�hlte mir schon davon�, sagte Smiley. �Er m�chte alles tun, was in seinen
Kr�ften steht. Er wu�te nicht, da� Sie diese Art Sachen �berhaupt noch
anfassen. Es freute ihn.�</p><p>�Gut�,
sagte Leclerc kurz. Er schob seine Ellbogen auf dem Tisch etwas nach vorne.
�Ich dachte, ich kann Sie vielleicht ein bi�chen ausn�tzen. ganz unformell,
nat�rlich, ungef�hr so, wie ihr es von Zeit zu Zeit mit Adrian Haldane getan
habt.�</p><p>�Nat�rlich.�</p><p>�Das
wichtigste sind im Augenblick falsche Papiere. Ich habe in der Kartei unsere
ehemaligen F�lscher heraussuchen lassen. Wie ich gesehen habe, sind Hyde und
Fellowby schon vor einigen Jahren zum Rondell gegangen.�</p><p>�Ja. Es
kam durch die Verlagerung des Schwerpunktes, wissen Sie.�</p><p>�Ich habe
die Personenbeschreibung eines Mannes notiert, der bei uns besch�ftigt ist.
Nehmen wir an, er hat seinen Wohnsitz in Magdeburg. Er ist einer der Leute, die
im Training stehen. Glauben Sie, da� man f�r ihn Dokumente herstellen k�nnte,
Personalausweis, Parteibuch und was noch in Frage kommt? Alles, was n�tig
ist.�</p><p>�Der Mann
wird sie unterschreiben m�ssen�, sagte Smiley. �Dann �berstempeln wir seine
Unterschrift. Wir w�rden nat�rlich auch Fotos brauchen. Au�erdem m��te er
dar�ber unterrichtet werden, was die Papiere im einzelnen bedeuten und wie sie
zu verwenden sind. Hyde k�nnte das vielleicht an Ort und Stelle mit Ihrem
Agenten erledigen?�</p><p>Ein kurzes
Z�gern. �Ohne Zweifel. Ich habe ihm einen Decknamen gegeben. Er �hnelt ziemlich
weitgehend seinem eigenen. Wir halten das f�r eine n�tzliche Verfahrensweise.�</p><p>�Da das
Ganze eine derart ausgekl�gelte �bung ist�, sagte Smiley mit komisch
gerunzelter Stirn, �m�chte ich nur der Form halber darauf hinweisen, da�
falsche Papiere von recht beschr�nktem Wert w�ren. Damit meine ich, da� ein
Telefonanruf an die Meldebeh�rde von Magdeburg ausreicht, um die beste
F�lschung wie ein Windei platzen zu lassen...�</p><p>�Ich
glaube, das wissen wir. Wir wollen ihnen beibringen, wie man sich tarnt,
Verh�re �bersteht. Sie kennen das ja.�</p><p>Smiley
nippte an seinem Ciaret. �Ich wollte nur darauf hinweisen. Man wird so leicht
von der reinen Methode hypnotisiert. Ich wollte damit nicht unterstellen. wie
geht's �brigens Haldane? Er hat in Oxford den B.A. mit Auszeichnung gemacht,
wu�ten Sie das? Wir haben zusammen studiert.�</p><p>�Adrian
geht's gut.�</p><p>�Ihr Avery
gefiel mir�, sagte Smiley freundlich. Sein dickliches kleines Gesicht zog sich
schmerzhaft zusammen. �Wissen Sie�, fragte er eindringlich, �da� sie das
Barock noch immer nicht in den deutschen Lehrplan aufgenommen haben? Sie
bezeichnen es als Spezialgebiet.�</p><p>�Ein
anderes Problem ist die Nachrichten�bermittlung durch Geheimfunk. Wir haben
seit dem Krieg nicht viel Gebrauch davon gemacht. Soviel ich wei�, ist das
alles inzwischen <emphasis>viel </emphasis>komplizierter geworden. Man
�bermittelt mit hohen Geschwindigkeiten und so. Wir m�chten da gern mit der
Entwicklung Schritt halten.�</p><p>�Ja. Ja,
ich glaube die Nachricht wird mit einem winzigen Tonbandger�t auf Band
genommen und innerhalb von Sekunden �berspielt.� Er seufzte. �Aber niemand
erz�hlt uns wirklich viel. Die Techniker lassen sich nicht in die Karten
sehen.�</p><p>�Ist das
eine Methode, die unseren Leuten mit Erfolg innerhalb, na, sagen wir einem
Monat beigebracht werden kann?�</p><p>�Um sie unter einsatzm��igen
Bedingungen anzuwenden?� fragte Smiley erstaunt. �Geradewegs nach einem Monat
Training?�</p></section><section><p>�Manche
sind technisch begabt, verstehen Sie. Leute mit Funkerfahrung.�</p><p>Smiley beobachtete Leclerc
ungl�ubig. �Erlauben Sie... wird er, werden sie in diesem Monat au�erdem auch
noch andere Dinge lernen m�ssen?� forschte er. �F�r manche ist es nur ein Auffrischungskurs.�</p><p>�Aha.�</p><p>�Was meinen Sie?�</p><p>�Nichts,
nichts�, sagte Smiley unbestimmt und setzte dann hinzu: �Ich glaube fast, da�
unsere Leute von der Technik nicht sehr von der Idee erfreut sein werden,
derartige Ger�te abzutreten. Es sei denn.�</p><p>�Es sei
denn, es w�re ihr eigenes Trainingsprogamm?�</p><p>�Ja.�
Smiley err�tete. �Ja, das wollte ich sagen. Sie sind da komisch, wissen Sie?
Eifers�chtig.� Leclerc verfiel in Schweigen, w�hrend er mit seinem Weinglas
leicht auf die polierte Tischplatte klopfte. Pl�tzlich l�chelte er, als sei es
ihm gelungen, eine Depression zu �berwinden. �Na gut. Werden wir eben nur ein
konventionelles Ger�t verwenden. Sind die Peilmethoden seit dem Krieg ebenfalls
verfeinert worden? Das Abh�ren und Ausfindigmachen von Schwarzsendern?�</p><p>�O ja. Ja,
nat�rlich!�</p><p>�Wir
werden das ber�cksichtigen m�ssen. Wie lange kann man auf der Welle bleiben,
ohne da� sie den Standort finden?�</p><p>�Zwei oder drei Minuten,
vielleicht. Das h�ngt davon ab. Oft ist es eine Frage des Gl�cks, wie schnell
sie ihn h�ren. Man kann ihn nur festnageln, solange er sendet. Es h�ngt auch
viel von der Frequenz ab. So sagt man mir jedenfalls.�</p><p>�Im
Krieg�, sagte Leclerc, sich erinnernd, �gaben wir den Agenten mehrere Kristalle
mit. Jeder schwingt in einer ganz bestimmten Frequenz. In regelm��igen
Abst�nden wechselte man den Kristall. Gew�hnlich bot diese Methode gen�gend
Sicherheit. Wir k�nnten es wieder so machen.�</p><p>�Ja. Ja,
ich kann mich daran erinnern. Es war nur immer ein Jammer mit der
Neueinstellung des Senders. Wom�glich mu�te die Spule gewechselt werden, entsprechend
dann auch die Antenne.�</p><p>�Nehmen
wir einmal an, der Mann sei mit dem konventionellen Ger�t schon vertraut. Sie
sagen, die Gefahr, abgefangen zu werden, sei jetzt gr��er als w�hrend des
Krieges? Sie sagen, zwei oder drei Minuten Sendezeit kann man riskieren?�</p><p>�Oder
weniger�, sagte Smiley, der ihn beobachtete. �Es h�ngt von so vielen Dingen ab.
Gl�ck, Empfangsbedingungen, Dichte des Funkverkehrs, Bev�lkerungsdichte.�</p><p>�Angenommen,
er wechselte jedesmal nach zweieinhalb Minuten Sendezeit die Frequenz. Das
w�rde doch sicher gen�gen?�</p><p>�Unter
Umst�nden kann das sehr lang sein.� Smileys trauriges, ungesund aussehendes
Gesicht hatte sich besorgt gerunzelt. �Sie sind ganz sicher, da� es sich <emphasis>wirklich </emphasis>nur um eine
�bung handelt?�</p><p>�Soweit
ich mich erinnere�, sagte Leclerc, beharrlich seine Gedanken ausspinnend, �sind
diese Kristalle nicht gr��er als eine kleine Streichholzschachtel. Wir k�nnten
ihnen mehrere mitgeben. Es sollen ja nur ein paar Sendungen gemacht werden,
vielleicht nur drei oder vier. W�rden Sie meinen Vorschlag f�r durchf�hrbar
halten?�</p><p>�Das ist
kaum mein Fach.�</p><p>�Was soll
ich sonst tun? Ich habe Control gefragt, und er sagte, ich solle mit Ihnen
sprechen. Er sagte, Sie w�rden mir raten, w�rden mir mit der Ausr�stung helfen.
Was kann ich denn noch tun? Darf ich mit Ihren Technikern sprechen?�</p><p>�Tut mir
leid. Control war mit der Technik ziemlich einig, da� wir jede m�gliche Hilfe
leisten, aber keinerlei neues Ger�t aufs Spiel setzen wollen. Ich meine, das
Risiko eingehen, es aufs Spiel zu setzen. Schlie�lich ist es ja nur eine
�bung. Ich glaube, er fand, wenn Sie nicht �ber ausreichendes Material
verf�gen, sollten Sie.�</p><p>�- die Verantwortung an ihn
abtreten?�</p><p>�Nein, nein�, protestierte Smiley,
aber Leclerc unterbrach ihn.</p><p>�Diese
jetzt im Training stehenden M�nner w�rden im Ernstfall gegen milit�rische Ziele
eingesetzt werden�, sagte er �rgerlich. �Rein milit�rische. Control hat das zur
Kenntnis genommen!�</p><p>�Oh,
sicher.� Smiley schien sich damit abzufinden. �Und wenn Sie ein konventionelles
Ger�t wollen, k�nnen wir ohne Zweifel eines auftreiben.� Der Kellner brachte
eine Karaffe mit Portwein. Leclerc sah Smiley dabei zu, wie er sich etwas in
sein Glas go� und die Karaffe dann vorsichtig �ber den polierten Tisch zu ihm
her�berschob.</p><p>�Er ist
recht gut, aber leider bald alle. Wenn dieser hier zu Ende ist, werden wir an
die j�ngeren gehen m�ssen. Ich spreche morgen als erstes mit Control. Ich bin
sicher, da� er nichts dagegen haben wird. Gegen die Dokumente, meine ich. Und
die Kristalle. Wir k�nnten Sie wegen der Frequenzen beraten. Bestimmt. Control
hat es eigens erw�hnt.�</p><p>�Control
war sehr zuvorkommend�, gestand Leclerc.</p><p>Er war
etwas angetrunken. �Manchmal verwirrt mich das.�</p><empty-line/><p><strong><emphasis>12. Kapitel </emphasis></strong></p><p><emphasis/></p><p>Zwei Tage
sp�ter traf Leiser in Oxford ein. Sie erwarteten ihn ungeduldig auf dem
Bahnsteig. Haldane sp�hte in die Gesichter der Vorbeihastenden. Seltsamerweise
war es Avery, der ihn zuerst entdeckte: Eine reglose Gestalt in einem
Kamelhaarmantel hinter dem Fenster eines leeren Abteils. �Ist er das?� fragte
Avery.</p><p>�Das ist
erster Klasse. Er mu� die Differenz aus der eigenen Tasche bezahlt haben.�
Haldane schien das als eine Beleidigung aufzufassen. Leiser lie� das Fenster
herunter und reichte zwei schweinslederne Autokoffer heraus, deren Farbe zu
sehr ins R�tliche spielte, um nat�rlich zu sein. Sie begr��ten sich lebhaft
und sch�ttelten sich vor aller Augen die H�nde. Avery wollte das Gep�ck zum
Taxi tragen, aber Leiser zog es vor, es selbst zu nehmen - in jeder Hand ein
St�ck, als geh�re das zu seinen Pflichten. Er ging etwas abseits von ihnen, mit
zur�ckgezogenen Schultern, und starrte auf die Vorbeieilenden. Das Gedr�nge
verwirrte ihn. Bei jedem Schritt wippte sein langes Haar.</p><p>Avery, der
ihn beobachtete, f�hlte sich pl�tzlich beunruhigt.</p><p>Er war ein
Mensch, kein Schemen. Ein Mann mit einem kr�ftigen K�rper und sinnvollen
Bewegungen. Und doch war er wie ein Roboter, den sie lenken mu�ten. Es schien
keinen Ort zu geben, zu dem er nicht marschieren w�rde. Er wirkte wie ein
einr�ckender dem er nicht marschieren w�rde. Er wirkte wie ein einr�ckender
Rekrut und hatte bereits dessen diensteifrige, frische Art angenommen. Aber
Avery mu�te sich eingestehen: keine Einzelheit dieser Unternehmung entsprach
einer milit�rischen Dienstverpflichtung Leisers. Avery hatte sich jedoch
w�hrend seiner kurzen Arbeit in der Organisation bereits mit der seltsamen
Tatsache vertraut gemacht, da� einzelne Unternehmungen, die aus unerfindlichen
Urspr�ngen entstanden, zu keinem Ergebnis f�hrten und doch Teil einer
unendlichen Kette von Bet�tigungen waren. Sie verloren schlie�lich ihre eigene
Wesenheit und h�rten auf, als Einzelunternehmen erkennbar zu sein - nicht un�hnlich
einer fortgesetzten Reihe fruchtloser Liebesantr�ge, die in ihrer Gesamtheit
als aktives Geschlechtsleben galten. W�hrend er aber nun beobachtete, wie
dieser Mann schnell und lebendig neben ihm dahinstapfte, erkannte er, da� sie
bis zu diesem Augenblick innerhalb der Organisation nur eine Art geistiger
Inzucht getrieben hatten, indem sie nichts als Ideen umwarben. Jetzt aber
hatten sie es mit einem menschlichen Wesen zu tun, und hier, neben ihm, ging
es, in Fleisch und Blut: Leiser. Sie stiegen in das Taxi, Leiser zuletzt, um
ihnen den Vorrang zu lassen. Es war sp�t am Nachmittag, der Himmel hinter den
kahlen B�umen war grau. Aus den Schornsteinen von Nord-Oxford stiegen dicke
Rauchs�ulen wie die Zeichen keuscher Opferfeuer. Die H�user zeigten eine
bescheidene Stattlichkeit, jedes von ihnen schien als romantische Behausung
einer anderen Sage herausgeputzt worden zu sein. Hier die T�rmchen von K�nig
Artus' Schlo�, dort die geschnitzten Gitter einer Pagode, dazwischen exotische
Zwergnadelgew�chse und halb sichtbare W�sche, wie Schmetterlinge in einer
falschen Jahreszeit. Die H�user standen alle ordentlich jedes in seinem
Garten, ihre Vorh�nge waren s�uberlich zugezogen, zuerst die Spitzengardinen
und dar�ber der dicke Brokat, wie Unterrock und Rock. Es sah wie ein schlechtes
Aquarell aus, auf dem die dunklen Farben zu schwer ausgefallen sind und der
Himmel grau und schmutzig in der D�mmerung, die Farben zu stark verarbeitet. An
der Stra�enecke stiegen sie aus dem Taxi. Die Luft war vom Geruch modrigen
Laubes durchzogen, und wenn es in der Nachbarschaft Kinder gab, so machten sie
keinen L�rm. Die drei M�nner gingen auf das Gartentor zu. Leiser stellte seine
Koffer ab und betrachtete das Haus. �H�bsch�, sagte er anerkennend, und zu
Avery gewandt: �Wer hat es ausgesucht?�</p><p>�Ich.�</p><p>�Sehr
sch�n.� Er klopfte Avery auf die Schulter. �Gut gemacht!� Avery l�chelte
erfreut und �ffnete das Tor. Leiser bestand darauf, erst nach den anderen
hineinzugehen. Sie brachten ihn zu seinem Zimmer hinauf. Er trug immer noch
seine Koffer selbst. �Ich werde sp�ter auspacken�, sagte er. �Ich mache das
gern ordentlich!� Er ging mit pr�fendem Blick durch das Haus und nahm einzelne
Gegenst�nde in die Hand, um sie genauer betrachten zu k�nnen, als wolle er ein
Angebot f�r das Haus machen. �Ein h�bsches Haus�, erkl�rte er schlie�lich. �Mir
gef�llt's.�</p><p>�Gut�,
sagte Haldane, als sei ihm das v�llig gleichg�ltig.</p><p>Avery ging mit Leiser zu dessen
Zimmer zur�ck, um ihm eventuell behilflich zu sein. �Wie hei�en Sie?� fragte
Leiser. Mit Avery allein f�hlte er sich wohler, war ungezwungener. �John.�</p><p>Sie sch�ttelten sich noch einmal
die Hand. �Guten Tag, also, John. Nett, Sie kennenzulernen. Wie alt sind Sie?�</p><p>�Vierunddrei�ig�, log John.</p><p>Ein Blinzeln. �Gott, ich w�re auch
gern noch mal vierunddrei�ig. Haben Sie so was schon mal gemacht?�</p><p>�Kam von meinem Einsatz vor einer
Woche zur�ck.�</p><p>�Und wie ist es gelaufen?�</p><p>�Prima.�</p><p>�Schau an. Wo ist Ihr Zimmer?�
Avery zeigte es ihm.</p><p>�Sagen Sie, wie ist das hier
eigentlich?�</p><p>�Was meinen Sie damit?�</p><p>�Wer leitet die Sache?�</p><p>�Captain Hawkins.�</p><p>�Sonst niemand?�</p><p>�Eigentlich nicht. Ich werde auch
da sein.�</p><p>�Immer?�</p><p>�Ja.�</p><p>Leiser begann auszupacken. Avery
sah ihm dabei zu. Er hatte mit Leder �berzogene B�rsten, Haarwasser, eine ganze
Batterie kleiner Flaschen mit anderen Toilettenartikeln, einen elektrischen
Rasierapparat vom neuesten Typ, sowie Woll- und Seidenkrawatten, die zu seinen
teuren Hemden pa�ten. Avery ging hinunter. Haldane hatte ihn erwartet. Er
l�chelte dem hereinkommenden Avery zu. �Na?� Avery hob in einer etwas
�bertriebenen Geste die Schultern. Er war stolz, aber gleichzeitig befangen.
�Was halten <emphasis>Sie </emphasis>von ihm?� fragte er. Haldane
antwortete trocken: �Ich kenne ihn ja kaum.� Er hatte eine besondere Art,
Gespr�che im Keim zu ersticken. �Ich m�chte, da� Sie immer mit ihm zusammen
sind. Gehen Sie mit ihm spazieren, machen Sie die Schie��bungen mit, trinken
Sie in Gottes Namen mit ihm, wenn das notwendig ist. Er darf nicht allein
sein.�</p><p>�Was ist mit seinem Urlaub
zwischendurch?�</p><p>�Das werden wir noch sehen.
Inzwischen machen Sie, was ich Ihnen sage. Sie werden feststellen, da� er gern
in Ihrer Gesellschaft sein wird. Er ist ein sehr einsamer Mensch. Und vergessen
Sie nicht: er ist Engl�nder - Engl�nder bis ins Mark. Noch etwas - das ist
�u�erst wichtig - lassen Sie ihn nicht auf den Gedanken kommen, da� wir uns
seit dem Krieg ver�ndert haben. Die Organisation ist genau das geblieben, was
sie einmal gewesen ist. Diese Illusion m�ssen Sie n�hren, obwohl Sie nat�rlich�
- er sagte es ohne zu l�cheln - �viel zu jung sind, das �berhaupt beurteilen zu
k�nnen.�</p><p>Sie
begannen am n�chsten Morgen. Nach dem Fr�hst�ck kamen sie im Salon zusammen,
und Haldane hielt eine kleine Rede.</p><p>Das
Training werde in zwei jeweils vierzehn Tage dauernde und von einer kurzen
Erholungspause unterbrochene Abschnitte zerfallen, sagte er. Im ersten
Abschnitt sollten alte Kenntnisse aufgefrischt werden. Im zweiten werde man die
neu belebten F�higkeiten mit der bevorstehenden Aufgabe in Verbindung setzen.
Erst w�hrend des zweiten Kurses w�rde Leiser seinen Decknamen, die
dazugeh�rende Lebensgeschichte und den Zweck des Unternehmens erfahren; die
Information w�rde aber nicht so weit gehen, da� man ihm das Zielgebiet oder die
Einzelheiten der geplanten Einschleusung preisgeben werde. Ebenso wie in allen
anderen �bungsf�chern werde Leisers Training auch bei der
Nachrichten�bermittlung zuerst das Grunds�tzliche behandeln und dann zu den
Einzelheiten seiner Aufgabe �bergehen. W�hrend der ersten Ausbildungsphase
werde er sich wieder mit der Technik des Chiffrierens, mit dem Morsekode und
den Wellenpl�nen vertraut machen. In der zweiten Phase werde er die meiste Zeit
mit praktischen Sende�bungen unter beinahe einsatzm��igen Bedingungen
verbringen. Der Ausbilder werde im Laufe der Woche eintreffen.</p><p>Haldane
erkl�rte all dies mit einer gewissen schulmeisterlichen Sch�rfe, w�hrend
Leiser ihm aufmerksam zuh�rte und durch ein gelegentliches Kopfnicken seine
Zustimmung zum Ausdruck brachte. Avery fand es seltsam, da� Haldane kaum
Anstrengungen machte, seinen Widerwillen zu verbergen. �In der ersten Phase
werden wir feststellen, wieviel Sie noch beherrschen. Tut mir leid, aber wir
werden Sie ziemlich in Trab halten. Wir m�chten, da� Sie der Aufgabe gewachsen
sind. Sie werden im Gebrauch von Handfeuerwaffen und unbewaffnetem Kampf unterrichtet,
wir werden Ihre Nerven trainieren und die zum Handwerk geh�renden Fertigkeiten.
An den Nachmittagen wollen wir so lange wie m�glich Fu�m�rsche mit Ihnen
machen.�</p><p>�Mit wem?
Kommt John mit?�</p><p>�Ja. John
wird Sie f�hren. Betrachten Sie ihn bitte als Ihren Berater in allen kleineren
Fragen. Ich verlasse mich darauf, da� Sie nicht z�gern, sich an einen von uns
zu wenden, wenn es irgend etwas zu besprechen gibt, irgendeine Beschwerde oder
Sorge.�</p><p>�In
Ordnung.�</p><p>�Grunds�tzlich
mu� ich Sie bitten, nicht allein auszugehen. Es w�re mir lieb, wenn John Sie
begleitet, falls Sie einmal ins Kino, etwas einkaufen oder sonst etwas
unternehmen wollen, wozu Ihnen Zeit bleibt. Ich f�rchte aber, da� Sie wenig
Gelegenheit zur Entspannung haben werden.�</p><p>�Das
erwarte ich gar nicht�, sagte Leiser, �ich brauche es auch nicht.� Es schien
so, als wollte er es gar nicht.</p><p>�Der
Funk-Ausbilder wird Ihren Namen nicht wissen. Das ist eine durchaus �bliche
Vorsichtsma�nahme. Bitte beachten Sie das. Die Putzfrau glaubt, da� wir an
einer wissenschaftlichen Tagung teilnehmen. Ich kann mir nicht vorstellen, da�
Sie in die Lage kommen, mit ihr sprechen zu m�ssen, aber wenn doch, denken Sie
bitte daran. Wenn Sie sich nach Ihrer Tankstelle erkundigen m�chten, wenden Sie
sich bitte zuerst an mich. Sie sollten ohne meine Zustimmung keine
Telefongespr�che f�hren. Wir werden auch andere Besucher haben: Fotografen,
�rzte, Techniker. Alle diese Leute sind Hilfspersonal und nicht im Bilde. Die
meisten glauben, Sie seien im Rahmen eines allgemeinen Schulungsprogrammes
hier. Bitte denken Sie daran.�</p><p>�O. K.�,
sagte Leiser. Haldane sah auf die Uhr. �Wir beginnen um zehn Uhr. Ein Auto wird
uns an der Stra�enecke abholen. Der Fahrer geh�rt nicht zu uns, also bitte
keine Unterhaltung w�hrend der Fahrt.� Dann fragte er: �Haben Sie keinen
anderen Anzug? Dieser ist nicht gerade das Passende f�r den Schie�platz.�</p><p>�Ich habe eine Sportjacke und
Flanellhosen.�</p><p>�Jedenfalls sollten Sie sich
weniger auff�llig kleiden.� W�hrend sie zum Umziehen hinaufgingen, sagte Leiser
mit schiefem L�cheln zu Avery: �Das ist ein Kerl vom alten Schlag, was?�</p><p>�Aber gut�, entgegnete Avery.
Leiser blieb auf der Treppe stehen. �Selbstverst�ndlich! - Eine Frage: War das
schon immer hier? Habt ihr das Haus schon f�r viele ben�tzt?�</p><p>�Sie sind nicht der erste�, sagte
Avery. �Na ja, ich wei� ja, da� Sie mir nicht viel erz�hlen d�rfen. Ist die Einheit
noch das, was sie war, hat sie noch �berall ihre Leute, ist es noch derselbe Laden?�</p><p>Avery z�gerte. �Ich glaube nicht,
da� Sie einen gro�en Unterschied finden werden. Ich w�rde sagen, da� wir uns
ein bi�chen vergr��ert haben.�</p><p>�Gibt's dabei noch mehr junge
Leute?�</p><p>�Tut mir leid, Fred.�</p><p>Leiser legte im Weitergehen seine
Hand auf Averys R�cken. Er ben�tzte seine H�nde �berhaupt sehr oft. �Sie sind
auch gut, John�, sagte er. �Machen Sie sich kein Kopfzerbrechen meinetwegen. Keine
Bange, nicht wahr, John?�</p><p>Sie fuhren
nach Abingdon: das Ministerium hatte entsprechende Vereinbarungen mit der dort
stationierten Luftlandeeinheit getroffen. Der Ausbilder erwartete sie schon.</p><p>�Bestimmte Pistole gew�hnt, Sir?�</p><p>�Browning drei-acht-Automatik,
bitte�, sagte Leiser wie ein Junge, der beim Lebensmittelh�ndler Gem�se verlangt.</p><p>�Die hei�t
bei uns jetzt die Neun-Millimeter. Sie werden eine vom alten Typ gehabt
haben.� Haldane hielt sich im Schie�stand abseits, w�hrend Avery half, die
mannsgro�e Zielscheibe bis zur Zehnmetermarke heranzukurbeln und Klebestreifen
�ber die alten L�cher zu heften.</p><p>�Sie
nennen mich &gt;Stab&lt;�, sagte der Ausbilder und wandte sich an Avery: �Sie
m�chten's auch versuchen, Sir?�</p><p>Ehe Avery
antworten konnte, hatte Haldane schnell gesagt: �Ja, es werden bitte beide
schie�en, &gt;Stab&lt;.� Zuerst kam Leiser. Avery stand neben Haldane, w�hrend
Leiser - der ihnen den R�cken zukehrte - mit dem Gesicht zu der Sperrholzfigur
eines deutschen Soldaten, im leeren Schie�stand wartete. Das Ziel wirkte
schwarz zwischen den grob verputzten wei�en Mauern; �ber Bauch und Oberschenkel
waren mit Kreide die rohen Umrisse eines Herzens gezeichnet, dessen innere Fl�che
mit �bereinandergeklebten Papierst�cken bedeckt war.</p><p>Sie sahen
Leiser zu, wie er nun das Gewicht der Waffe in seiner Hand pr�fte, sie schnell
in Augenh�he hob und dann wieder langsam sinken lie�, das leere Magazin an
seinen Platz stie�, es herauszog und wieder zur�ckschnappen lie�. Er warf einen
schnellen Blick �ber die Schulter zu Avery, w�hrend er sich mit der linken Hand
eine Str�hne seines braunen Haares aus der Stirn strich, weil sie ihn beim
Zielen behinderte. Avery l�chelte aufmunternd und sagte dann unterdr�ckt zu
Haldane: �Bin mir �ber ihn noch immer nicht ganz klargeworden.�</p><p>�Wieso
nicht? Er ist ein ganz gew�hnlicher Pole.�</p><p>�Woher
kommt er? Aus welcher Gegend?�</p><p>�Sie
kennen doch seine Akte: aus Danzig.�</p><p>�Nat�rlich.�</p><p>Der
Ausbilder begann: �Zuerst versuchen wir's mal mit der leeren Waffe, Sir, beide
Augen offen, Sir, sehr sch�n so, und schauen Sie geradeaus, beide F��e h�bsch
auseinander, danke, sehr sch�n so. Entspannen bitte, ganz ruhig und locker,
das ist die Stellung zum Schie�en und nicht zum Exerzieren, jawohl, Sir, das
haben wir ja schon alles ge�bt. Jetzt die Waffe hoch, Sir, in Position, aber
ohne zu zielen. Recht so?� Der Ausbilder holte Luft, �ffnete eine Holzschachtel
und entnahm ihr vier Magazine. �Eins in die Waffe, eins in die linke Hand�,
sagte er und gab die beiden anderen zu Avery hin�ber, der fasziniert verfolgte,
wie Leiser mit ge�bter Bewegung ein volles Magazin in den Kolben der Automatik
schob und seinen Daumen an den Sicherungshebel legte. �Jetzt die Waffe spannen,
Sir, halten Sie sie dabei schr�g vor sich hin. Jetzt in Schu�richtung bringen,
nicht zielen, schie�en Sie ein Magazin leer, Sir, immer zwei Sch�sse
hintereinander. Wir erinnern uns, da� wir die Automatik nicht als
wissenschaftliche Waffe betrachten, Sir, sondern mehr als eine Waffe f�r den
Einsatz im Nahkampf. Jetzt langsam, ganz langsam.�</p><p>Ehe er den
Satz beenden konnte, hallte der Schie�stand von Leisers Sch�ssen wider. Leiser
hielt sich sehr gerade und scho� schnell, das zweite Magazin vorschriftsm��ig
wie eine Handgranate in der linken Hand: ein stummer Mann, der eine M�glichkeit
gefunden hatte, seinem �rger Ausdruck zu geben. Avery konnte mit wachsender
Erregung den Zorn sp�ren, der in diesem Schie�en lag. Erst zwei und noch einmal
zwei Sch�sse, dann drei, und schlie�lich eine ganze Ladung, w�hrend sich
leichter Dunst um ihn ausbreitete und der Holzsoldat schwankte und Averys Nase
sich mit dem s��lichen Geruch verbrannten Pulvers f�llte.</p><p>�Elf von
dreizehn im Ziel�, sagte der Ausbilder. �Sehr gut, wirklich sehr gut. N�chstes
Mal bitte bei jeweils zwei Sch�ssen hintereinander zu bleiben. Und warten Sie,
bis ich den Befehl zum Feuern gebe.� Zu Avery: �M�chten Sie's nicht auch
versuchen, Sir?� Leiser war zur Scheibe gegangen und bef�hlte die
Einschu�l�cher mit seinen schlanken Fingern. Die pl�tzliche Stille war dr�ckend.
Er schien in tiefes Gr�beln versunken, w�hrend er seine H�nde �ber das
Sperrholz gleiten lie� und mit einem Finger gedankenvoll �ber den Umri� des
deutschen Helmes strich, bis der Ausbilder sagte: �Los jetzt, wir haben nicht
den ganzen Tag Zeit.�</p><p>Avery stand auf der Matte und wog
die Waffe in seiner Hand. Der Ausbilder half ihm, das Magazin einzuf�hren das
andere hielt er in der nerv�s verkrampften linken Hand. Haldane und Leiser
sahen ihm zu. Avery feuerte. Der L�rm der schweren Waffe dr�hnte dumpf in
seinen Ohren und er merkte, wie sein junges Herz sich zusammenzog, als er die
Silhouette durch seine Sch�sse in tr�ge Schwankungen versetzt sah. �Gut
gemacht, John, gut gemacht�, rief Leiser. �Sehr gut�, sagte der Ausbilder
automatisch. �Sehr gut f�rs erste Mal, Sir.� Er wandte sich an Leiser: �W�rden
Sie bitte hier nicht so herumbr�llen?� Er erkannte Ausl�nder auf den ersten
Blick. �Wieviel?� fragte Avery gierig, als er und der Unteroffizier an der
Scheibe zusammentrafen und die schw�rzlichen L�cher betasteten, die d�nn �ber
Brust und Bauch der Figur verstreut waren. �Wieviel, Stab?�</p><p>�Sie
sollten mit mir kommen, John�, fl�sterte Leiser und legte seinen Arm um Averys
Schulter. �Ich k�nnte Sie gut brauchen, da dr�ben.� Einen Augenblick zuckte
Avery zur�ck. Aber dann legte auch er lachend seinen Arm um Leiser. Er f�hlte
den warmen, rauhen Stoff der Sportjacke unter seiner Handfl�che. Der Ausbilder
f�hrte sie �ber den Exerzierplatz zu einem fensterlosen Ziegelbau, dessen
eines Ende h�her als das andere war und der an ein Theater erinnerte. Vor dem
Eingang waren zwei sich �berlappende Mauern, wie vor einem Pissoir.
�Bewegliche Ziele�, sagte Haldane, �und Schie�en bei Dunkelheit.�</p><p>Mittags
spielten sie die Tonb�nder ab. Die B�nder sollten sich wie ein Leitmotiv durch
die ersten vierzehn Tage seiner Ausbildung ziehen. Sie waren von alten
Grammophonplatten �berspielt. Eine der Platten hatte einen Sprung, der wie das
Ticken eines Metronoms immer wiederkehrte. Alle Platten geh�rten zu einem
schweren Gesellschaftsspiel, bei dem man sich Dinge merken mu�te, die von den
Sprechern nicht ausdr�cklich gesagt, sondern ganz nebenbei und manchmal nur
indirekt erw�hnt wurden, oft vor einem die Aufmerksamkeit ablenkenden Hintergrund
anderer Ger�usche, - Dinge, die jetzt in der Unterhaltung bestritten, dann
wieder korrigiert oder best�tigt wurden. Es waren drei Hauptstimmen, zwei
m�nnliche und eine weibliche. Andere unterbrachen. Es war die Frau, die ihnen
auf die Nerven ging. Sie hatte eine antiseptische Stimme, die Stewardessen
ganz von selbst anzunehmen scheinen. Auf dem ersten Bandst�ck las sie sehr
schnell Listen herunter, zuerst eine Einkaufsliste: zwei Pfund von diesem und
ein Kilo von jenem. Ohne abzusetzen, sprach sie dann pl�tzlich von farbigen
Kegeln: so und so viele gr�n, so und so viele gelb. Dann waren es pl�tzlich
Waffen: Revolver, Torpedos, Munition von diesem und jenem Kaliber. Dann eine
Fabrik: Kapazit�t, Produktion, Ausschu�, Jahresumsatz und Monatsergebnisse.
Auf dem n�chsten Band sprach sie noch immer von diesen Dingen, aber fremde
Stimmen unterbrachen sie und lenkten die Unterhaltung in unerwartete Bahnen.
Beim Einkaufen begann sie mit der Frau des Lebensmittelh�ndlers einen Streit �ber
bestimmte Waren, die ihren Anspr�chen nicht mehr gen�gten: Eier, die nicht mehr
frisch waren, oder den emp�rend hohen Preis der Butter. Als der Gesch�ftsmann
sich vermittelnd einzuschalten versuchte, beschuldigte sie ihn der Parteinahme.
Das Gespr�ch ging �ber Punkte und Lebensmittelkarten, die Sonderzuteilung von
Einmachzucker, einen Hinweis auf unbenannte Sch�tze unter der Ladentheke. Die
Stimme des H�ndlers wurde �rgerlich und laut, brach aber ab, als sich das Kind
einschaltete und von den Kegeln erz�hlte: �Mami, Mami, ich hab die drei gr�nen
umgeschmissen, und wie ich sie aufstellen wollte, sind die sieben schwarzen
umgefallen, Mami, wieso sind nur noch acht schwarze �brig?�</p><p>Die Szene
wechselte in eine Kneipe. Wieder die Stimme der Frau. Sie rezitierte aus einer
Waffenstatistik. Dann fielen andere Stimmen ein. Sie zweifelten einige der
Zahlen an, nannten neue Ziele und wiederholten alte. Die Wirkung einer
bestimmten Waffe, weder mit Namen genannt noch beschrieben, wurde zynisch in
Frage gestellt und erregt verteidigt. Alle paar Minuten br�llte eine Stimme:
�Halt!� Es wirkte wie die Stimme eines Schiedsrichters, und Haldane stoppte
das Bandger�t und verwickelte Leiser in ein Gespr�ch �ber Fu�ball oder das
Wetter, oder er las laut aus einer Zeitung vor, wobei er auf seiner Uhr
kontrollierte, da� es genau f�nf Minuten dauerte. (Die Uhr auf dem Kaminsims
war kaputt.) Dann lie� er das Band weiterlaufen, und sie h�rten eine von fern
irgendwie vertraut klingende Stimme, die etwas schleppend wie die eines
Pfarrers klang. Es war eine junge, bittende und unsichere Stimme, die der
Averys nicht un�hnlich war: �Hier sind jetzt die vier Fragen: Wenn man die
schlechten Eier abzieht, wie viele hat sie in den vergangenen drei Wochen
gekauft? Wieviele Kegel sind es insgesamt? Wie hoch war die gesamte
Jahresproduktion von gepr�ften und geeichten Gesch�tzrohren w�hrend der Jahre
1937 und 1938? Schlie�lich geben Sie im Telegrammstil jede beliebige
Information wieder, aus der die L�nge der Gesch�tzrohre ermittelt werden
k�nnte.� Leiser lief ins Arbeitszimmer hin�ber, um die Antworten
niederzuschreiben. Er schien das Spiel bereits zu kennen. Sobald er das Zimmer
verlassen hatte, sagte Avery anklagend: �Das waren Sie. Das am Ende ist Ihre
Stimme gewesen.�</p><p>�War sie
das?� fragte Haldane zur�ck. Es klang so, als habe er es gar nicht gewu�t. Es
gab auch andere Tonb�nder, und sie trugen den Geruch des Todes; das Ger�usch
von F��en, die �ber eine Holztreppe rannten, das einer zuschlagenden T�r, ein
Klicken und die Stimme eines M�dchens, die in der Art, wie man Zitronen oder
Sahne anbietet, fragte: �Das Schnappen eines T�rschlosses? Das Spannen eines
Hahnes?�</p><p>Leiser
z�gerte. �Eine T�r�, sagte er. �Es war nur die T�r.�</p><p>�Es war
eine Pistole�, erwiderte Haldane scharf. �Eine Browning
neun-Millimeter-Automatik. Das Magazin ist in die Kammer zur�ckgeschoben
worden.� Am Nachmittag machten sie ihren ersten Spaziergang, Leiser und Avery.
Sie gingen durch Port Meadow in die darunterliegende offene Landschaft hinaus.
Haldane hatte sie weggeschickt. Sie gingen schnell, wobei ihre F��e durch das
lange, harte Gras schleiften und der Wind Leisers Haar wild um seinen Kopf
flattern lie�. Es war kalt, aber es regnete nicht. Es war ein klarer,
sonnenloser Tag, und der Himmel �ber den flachen Feldern war dunkler als die
Erde. �Sie kennen sich hier aus, nicht wahr?� fragte Leiser. �Sie sind hier in
der Schule gewesen?�</p><p>�Als
Student, ja.�</p><p>�Was haben
Sie studiert?�</p><p>�Sprachen.
Vor allem Deutsch.� Sie kletterten �ber einen Zauntritt und kamen auf einen
engen Pfad zwischen zwei Hecken. �Verheiratet?� fragte Leiser. �Ja.�</p><p>�Kinder?�</p><p>�Eins.�</p><p>�Sagen sie mir eins, John: Als der
Captain meine Karte herauszog - was geschah dann?�</p><p>�Wieso? Was soll geschehen sein?�</p><p>�Wie sieht das aus - ein
Verzeichnis von so vielen Leuten. Es mu� doch riesig sein, in einer Einheit wie
dieser.�</p><p>�Es ist
alphabetisch geordnet�, sagte Avery hilflos. �Einfach Karten. Warum?�</p><p>�Er sagte,
sie h�tten sich an mich erinnert: die alten F�chse. Wer hat sich eigentlich
erinnert?�</p><p>�Alle
haben sich erinnert. Es gibt ein Sonderverzeichnis der besten Leute. Praktisch
jeder in der Organisation kennt Fred Leiser. Sogar die Neuen. Mit der Beurteilung,
die Sie haben, kann man einfach nicht vergessen werden.� Er l�chelte: �Sie
geh�ren einfach dazu, wie ein M�belst�ck, Fred.�</p><p>�Sagen Sie
mir noch was, John. Ich m�chte ja kein Quertreiber sein, verstehen Sie, aber
sagen Sie mir...</p><p>w�re ich
auch drinnen gut?�</p><p>�Drinnen?�</p><p>�Im Amt,
mit euch zusammen. Ich nehme an, man mu� dazu geboren sein, wie der Captain.�</p><p>�Ich
f�rchte, ja, Fred.�</p><p>�Was f�r
Autos ben�tzt ihr dort eigentlich?�</p><p>�Humbers.�</p><p>�Hawk oder
Snipe?�</p><p>�Hawk.�</p><p>�Nur
Vierzylinder? Der Snipe ist viel besser, m�ssen Sie wissen.�</p><p>�Ich spreche nur von normalen
Dienstfahrten, nicht von Eins�tzen�, sagte Avery. �Daf�r haben wir jede Menge
anderer Wagen.�</p><p>�Wie den Lieferwagen?�</p><p>�Genau.�</p><p>�Wie lange vorher, wie lange
dauerte Ihre Schulung? Sie haben zum Beispiel gerade einen Einsatz hinter
sich. Wann hat man Sie vorher.�</p><p>�Tut mir leid, Fred! Ich bin nicht
befugt, nicht mal Ihnen.�</p><p>�Nat�rlich,
John. Macht ja nichts.� Sie gingen an einer Kirche vor�ber, die �ber der Stra�e
auf einem H�gel lag, und kehrten am Rand eines frisch gepfl�gten Feldes entlang
zur�ck in die sie willkommen hei�ende Umarmung des Mayfly-Hauses und des �ber
die goldenen Rosenketten spielenden Gaslichtes. Sie waren m�de, aber strahlend
vergn�gt. Am Abend sahen sie Filme, um das optische Erinnerungsverm�gen zu
schulen: sie fuhren in einem Auto �ber einen Truppen�bungsplatz, in einem Zug
an einem Flugfeld vor�ber oder sie machten einen Spaziergang durch eine
Stadt, und pl�tzlich merkten sie dann, da� sie ein Fahrzeug oder ein Gesicht,
das mehrmals auftauchte, nicht wiedererkannt hatten. Manchmal wurden Bilder
zusammenhangloser Gegenst�nde in schneller Folge auf die Leinwand projiziert,
wobei sich im Hintergrund Stimmen unterhielten, die denen auf dem Tonband
glichen, aber ihr Gespr�ch bezog sich nicht auf den Film, so da� der Sch�ler
Augen und Geh�r gleichzeitig anstrengen mu�te, um das auszuw�hlen, was von
beiden wertvoll schien.</p><p>So endete
der erste Tag, der f�r alle folgenden den Rhythmus ihres Ablaufes festgelegt
hatte: f�r beide sorglose, erf�llte Tage voll Arbeit und vorsichtiger, aber
sich vertiefender Zuneigung, w�hrend sich die Fertigkeiten der Knabenzeit
erneut zu Waffen des Krieges wandelten.</p><p>F�r den
unbewaffneten Kampf hatten sie einen kleinen Turnsaal nahe Headington
gemietet, den sie im Krieg benutzt hatten. Per Bahn war ein Ausbilder gekommen.
Sie nannten ihn Sergeant. �Wird er �berhaupt ein Messer in seiner Ausr�stung
haben?� fragte er und setzte h�flich hinzu: �Ich will nicht neugierig sein.� Er
sprach mit walisischem Akzent.</p><p>Haldane
zuckte die Achseln. �Wenn er es selbst will. Wir wollen ihn nicht zu sehr
beh�ngen.�</p><p>�Ein
Messer hat viel f�r sich, Sir.� Leiser war noch im Umkleideraum. �Wenn er damit
umgehen kann. Und die Jerries haben f�r so was nichts �brig, nicht das
geringste.� In einem Handkoffer hatte er mehrere Messer mitgebracht, die er
jetzt in der Art eines Handelsreisenden, der seine Muster vorlegt, auspackte.
�Sie haben kalten Stahl niemals vertragen k�nnen�, erkl�rte er. �Der Trick ist,
da� es nicht zu lange ist, Sir. Flach, mit zwei Schneiden.� Er w�hlte eines aus
und hielt es in die H�he. �Es gibt tats�chlich kaum etwas Besseres als das.� Es
war ein breites flaches Messer wie ein Lorbeerblatt, mit unpolierter Klinge,
der Griff war geformt wie ein Stundenglas , kreuzweise schraffiert, damit er
fest in der Hand lag. Leiser kam auf sie zu, w�hrend er sich mit einem Kamm das
Haar glattstrich.</p><p>�Schon mal
mit so was gearbeitet?� Leiser betrachtete das Messer eingehend und nickte. Der
Sergeant sah ihn genau an. �Ich kenne Sie, nicht wahr? Ich bin Sandy L�we. Ein
verdammter Waliser.�</p><p>�Sie haben
mich im Krieg ausgebildet.�</p><p>�Himmelherrgott�,
sage L�we leise, �nat�rlich. Sie haben sich nicht sehr ver�ndert, oder?� Sie
grinsten sich scheu an und wu�ten nicht, ob sie sich die H�nde sch�tteln
sollten. �Also, los, wollen mal sehen, was Sie noch k�nnen.� Sie gingen zu der
Kokosmatte in der Mitte des Saales, L�we warf sein Messer Leiser vor die F��e,
der sich brummend danach b�ckte. L�we trug eine abgeschabte, sehr alte
Tweedjacke. Er trat schnell ein paar Schritte zur�ck, w�hrend er sie auszog und
sie sich mit einer einzigen Bewegung um den linken Arm wickelte, wie ein Mann,
der sich anschickt, mit einem Hund zu k�mpfen. Er bewegte sich langsam um
Leiser herum, wobei er sein eigenes Messer zog und sein Gewicht leicht von
einem Fu� auf den anderen verlegte. Er stand gebeugt, hielt den angewinkelten
Arm mit ausgestreckten Fingern und der Handfl�che nach unten locker vor seinen
Leib. So gedeckt, lie� er seine Klinge rastlos vor sich hin- und hertanzen,
w�hrend Leisers Augen auf ihn geheftet waren. Eine Zeitlang t�uschten sie
einander mit Finten und Ausweichman�vern. Einmal, als Leiser ausbrach, lie�
L�we es im Zur�ckweichen zu, da� Leisers Messer in den Stoff der um seinen Arm
gewickelten Jacke schnitt. Dann lie� sich L�we auf die Knie fallen und tat so,
als wolle er das Messer hinter Leisers Deckung hinaufsto�en, und jetzt war es
an Leiser, zur�ckzuspringen, aber er war wohl zu langsam, denn L�we sch�ttelte
den Kopf und rief �Halt!�, w�hrend er aufstand.</p><p>�Erinnern
Sie sich?� Er zeigte auf Bauch und Oberschenkel, wobei er Arme und Ellbogen
andr�ckte, als wolle er sich schmaler machen. �Halten Sie die Angriffsfl�che
klein.� Er lie� Leiser sein Messer weglegen und zeigte ihm Griffe. Er schlang
seinen linken Arm um Leisers Nacken und gab vor, ihn in die Nieren oder Magen
zu stechen. Dann bat er Avery, sich als Demonstrationsobjekt zur Verf�gung zu
stellen, und sie gingen gelockert um ihn herum, wobei L�we mit seinem Messer
auf die betreffenden K�rperteile wies und Leiser zustimmend nickte. Hie und da,
wenn ihm ein besonderer Trick wieder einfiel, l�chelte er. �Sie halten die
Klinge nicht gen�gend in Bewegung. Vergessen Sie nicht: Daumen oben, Klinge
parallel zum Boden, Unterarm steif, Gelenk locker. Der Gegner darf Sie nie
ruhig in den Blick bekommen, keinen einzigen Augenblick. Und die linke Hand zu
Ihrer eigenen Deckung, ob Sie ein Messer haben oder nicht. Seien Sie niemals
gro�z�gig mit Ihrem eigenen K�rper, das sage ich auch meiner Tochter immer.�
Alle au�er Haldane lachten pflichtschuldig. Danach kam Avery an die Reihe.
Leiser schien darauf gewartet zu haben. Er nahm seine Brille ab und hielt das
Messer so, wie L�we es ihm zeigte. Er war wachsam und zur�ckhaltend, w�hrend
Leiser breitbeinig wie eine Krabbe von einem Fu� auf den anderen trat, mal
n�her kommend, mal zur�ckweichend, wobei ihm der Schwei� �ber das Gesicht lief
und seine kleinen Augen in Konzentration zusammengekniffen waren. Die ganze
Zeit �ber sp�rte Avery, wie sich die Rillen des Messergriffes in seine
Handfl�che pre�ten, und seine Waden und Ges��muskeln begannen zu schmerzen, da
er sein ganzes Gewicht auf den Zehen hielt, und Leisers zornige Augen suchten
seinen Blick. Dann hatte sich Leisers Fu� hinter seine Ferse gehakt. W�hrend er
das Gleichgewicht verlor, f�hlte er, wie das Messer seiner Hand entwunden
wurde. Er fiel unter Leisers Gewicht nach hinten, wobei sich die Hand des
Angreifers an seinen Hemdkragen klammerte.</p><p>Auch er
lachte mit, w�hrend sie ihm auf die Beine halfen. Leiser b�rstete den Staub
von seinem Anzug. Die Messer wurden w�hrend der folgenden Turn�bungen
weggelegt. Avery machte mit.</p><p>Als sie damit zu Ende waren, sagte
L�we: �Jetzt machen wir noch einen Augenblick Selbstverteidigung, und damit
ist Schlu� f�r heute.� Haldane sah Leiser an. �War's zuviel f�r Sie?�</p><p>�Keine Spur.�</p><p>L�we nahm
Avery beim Arm und f�hrte ihn auf die Matte. Zu Leiser sagte er: �Sie setzen
sich auf die Bank, w�hrend ich Ihnen ein paar Dinge zeige.� Er legte Avery eine
Hand auf die Schulter. �Uns interessieren nur f�nf Stellen, ob wir jetzt ein
Messer haben oder nicht. Welche sind das?�</p><p>�Leisten,
Nieren, Bauch, Herz und Hals�, entgegnete Leiser m�de.</p><p>�Wie bricht man einem Mann den
Hals?�</p><p>�Gar nicht. Man zerschl�gt die
Luftr�hre.�</p><p>�Was ist mit einem Schlag in den
Nacken?�</p><p>�Nicht mit der blo�en Hand. Nicht
ohne Waffe.� Er hatte das Gesicht in die H�nde genommen. �Richtig.� L�we
bewegte seine offene Hand mit langsamer Bewegung auf Averys Hals zu. �Hand
offen, Finger ausgestreckt, verstanden?�</p><p>�Verstanden�, sagte Leiser. �Was
f�llt Ihnen noch ein?�</p><p>Pause. �Die
Tigerklaue. Angriff auf die Augen.�</p><p>�Das nie�,
antwortete der Sergeant kurz. �Nicht als Angriff. Es l��t Sie v�llig
ungesch�tzt. Jetzt zu den W�rgegriffen. Immer von hinten, ist das klar? Biegen
Sie den Kopf zur�ck, so, die Hand auf die Kehle, so, und jetzt <emphasis>zupressen.�
</emphasis>L�we sah �ber die Schulter: �Schauen Sie hierher, bitte, ich mache das
nicht zu meinem eigenen Vergn�gen... also kommen Sie her, wenn Sie schon alles
kennen, und zeigen Sie uns ein paar Griffe!�</p><p>Leiser
stand auf, umschlo� Lowes Arme, und eine Zeitlang rangen sie hin und her, wobei
jeder darauf wartete, da� der andere er�ffnete. Dann lie� L�we los, Leiser
stolperte, und ein Schlag von Lowes Hand auf seinen Hinterkopf lie� ihn
vorn�ber hart auf die Matte fallen.</p><p>�Das
kostet Sie eine Runde�, sagte L�we grinsend, aber da war Leiser schon �ber ihm,
drehte ihm den Arm brutal nach hinten und warf ihn hart zu Boden, wobei Lowes
schm�chtiger K�rper auf die Matte prallte wie ein Vogel gegen die
Windschutzscheibe eines Autos.</p><p>�Spielen
Sie fair!� keuchte Leiser. �Oder ich werde Ihnen verdammt weh tun.�</p><p>�Niemals
auf den Gegner st�tzen�, sagte L�we kurz. �Und im Turnsaal nicht die
Beherrschung verlieren.� Er rief zu Avery hin�ber: �Jetzt sind Sie dran, Sir.
Lassen Sie ihn t�chtig arbeiten.� Avery stand auf, zog seine Jacke aus und
wartete auf Leisers Angriff. Er f�hlte den starken Griff auf seinen Arm, und
beim Vergleich mit dieser ausgewachsenen Kraft wurde ihm pl�tzlich die Schw�che
seines eigenen K�rpers bewu�t. Er versuchte, die Unterarme des �lteren Mannes
zu packen, aber seine H�nde vermochten sie nicht zu umfassen. Er versuchte,
sich loszurei�en, aber Leiser hielt ihn fest. Leisers Kopf war gegen den seinen
gepre�t und der Geruch von Haar�l stieg ihm in die Nase. Er sp�rte die feuchten
Bartstoppeln und die Hitze von Leisers angespanntem K�rper. Er stemmte sich
gegen Leisers Brust und bem�hte sich verzweifelt, der erstickenden Umklammerung
dieses Mannes zu entkommen. Als er sich zur�ckstie�, trafen sich ihre Blicke
�ber der schlingernden Wiege ihrer verschlungenen Arme, als s�hen sie einander
zum erstenmal, und Leisers vor Anstrengung verzerrtes Gesicht l�ste sich in
einem L�cheln, sein Griff lockerte sich.</p><p>L�we
gesellte sich zu Haldane. �Er ist Ausl�nder, nicht wahr?�</p><p>�Pole. Wie
macht er sich?�</p><p>�In seiner besten Zeit war er
recht gut, w�rde ich sagen. Gef�hrlich, unangenehm. Guter K�rper. Ist noch
verh�ltnism��ig fit.�</p><p>�Ich verstehe.�</p><p>�Wie geht es Ihnen selbst, Sir?
Alles in Ordnung?�</p><p>�Ja, danke.�</p><p>�Das ist gut. Zwanzig Jahre.
Wirklich erstaunlich. Die Kinder sind alle schon erwachsen.�</p><p>�Tut mir leid, aber ich habe
keine.�</p><p>�Ich spreche von meinen.�</p><p>�Ach so.�</p><p>�Sehen Sie
noch irgendwen vom alten Verein, Sir? Wie geht's Mr. Smiley?�</p><p>�Ich
f�rchte, ich habe keinen Kontakt mehr. Ich bin kein geselliger Mensch. Wollen
wir abrechnen?� L�we nahm Haltung an, w�hrend Haldane sich anschickte, ihn zu
bezahlen; Reisespesen, Honorar, siebenunddrei�ig Shilling f�r das Messer und
zweiundzwanzig f�r die Scheide, die mit einer Feder versehen war, um das
Herausziehen zu erleichtern. L�we stellte ihm eine Empfangsbest�tigung aus, die
er aus Sicherheitsgr�nden mit S. L. unterschrieb. �Das Messer ist zu den
Selbstkosten�, erkl�rte er. �Wir beziehen so was durch den Sportklub.� Er
schien sehr stolz darauf zu sein.</p><p>Haldane
gab Leiser einen Trenchcoat und halbhohe Stiefel, und Avery forderte ihn zu
einem Spaziergang auf. Sie fuhren im Oberdeck des Autobusses bis Headington.</p><p>�Was war eigentlich heute morgen
los?� fragte Avery. �Ich dachte, wir w�rden nur so herumbl�deln, weiter nichts.
Dann warf er mich.�</p><p>�Er konnte sich noch an Sie
erinnern, nicht wahr?�</p><p>�Nat�rlich konnte er: warum hat er
mir dann weh getan?�</p><p>�Es war
nicht so gemeint.�</p><p>�Na gut,
lassen wir das.� Er war noch immer aufgebracht.</p><p>Sie
stiegen bei der Endstation aus und trotteten durch den Regen. Avery sagte: �Der
Grund ist, da� er keiner von uns war - deshalb mochten Sie ihn nicht.� Leiser
lachte und hakte sich bei Avery ein. Der in Schwaden langsam �ber die leere
Stra�e treibende Regen lief �ber ihre Gesichter und in die Kragen ihrer
Regenm�ntel. Avery dr�ckte seinen Arm an den Leib und hielt Leisers Hand
darunter gefangen. Sie setzten ihren Spaziergang fort, beide waren zufrieden.
Den Regen hatten sie vergessen oder nahmen ihn nicht ernst und sie scherten sich
nicht darum, da� er ihre Kleider verdarb.</p><p>�Ist der
Captain zufrieden, John?�</p><p>�Sehr. Er
sagt, alles liefe nach Wunsch. Wir fangen bald mit dem Funken an, nur die
Grundbegriffe. Jack Johnson soll morgen ankommen.�</p><p>�Es f�llt
mir alles wieder ein, John, das Schie�en und all das. Ich hab' nichts
vergessen.� Er l�chelte. �Die alte Dreiacht.�</p><p>�Die
Neun-Millimeter. Sie machen es gro�artig, Fred.</p><p>Wirklich gut. Der Captain hat's
gesagt.�</p><p>�Der Captain hat's
gesagt, John?�</p><p>�Genau das. Und er hat es nach
London berichtet. Dort ist man auch zufrieden. Wir haben nur Angst, da� Sie ein
bi�chen zu.�</p><p>�Zu was?�</p><p>�Nun - zu britisch sind.� Leiser
lachte. �Keine Bange, John.� Auf der Innenseite seines Armes, dort wo Leisers
Hand lag, f�hlte Avery eine angenehme, trockene W�rme.</p><p>Den
Vormittag verbrachten sie mit dem Verschl�sseln. Haldane unterrichtete. Er
hatte Seident�cher mitgebracht, die jeweils mit einem Kode von der Art bedruckt
waren, wie Leiser ihn verwenden w�rde. Au�erdem hatte er eine auf Karton
geklebte Tabelle zur Umwandlung von Buchstaben in Zahlen bei sich. Er klemmte
die Tabelle hinter die Marmoruhr auf dem Kaminsims und erl�uterte sie in einem
Vortrag. Seine Art war der Leclercs sehr �hnlich, aber ohne jede Geziertheit.
Avery und Leiser sa�en mit gez�cktem Bleistift am Tisch und �bertrugen nach
Haldanes Anweisungen einen Text Absatz f�r Absatz in die auf der Tabelle
angegebenen Zahlen, zogen diese von den Zahlenkolonnen auf den Seident�chern ab
und �bersetzten das Ergebnis wieder zur�ck in Buchstaben. Es war eine Arbeit,
die eher Geschicklichkeit als Konzentration erforderte, und da sich Leiser
vielleicht allzusehr bem�hte, wurde er unruhig und verwirrt. �Wir werden jetzt
einmal zwanzig Gruppen nach der Stoppuhr �bertragen�, sagte Haldane und
diktierte von einem Blatt in seiner Hand eine aus elf Worten bestehende Meldung
und die Unterschrift &gt;Mayfly&lt;. �Ab n�chster Woche werden Sie es ohne
Tabelle schaffen m�ssen. Ich stelle sie in Ihr Zimmer, und Sie m�ssen sie auswendig
lernen. Los!�</p><p>Er dr�ckte
auf die Stoppuhr und ging zum Fenster, w�hrend die beiden M�nner am Tisch
fieberhaft arbeiteten und mit beinahe einstimmigem Murmeln einfache
Additionen auf das Schmierpapier vor sich kritzelten. Avery konnte die
wachsende Zerfahrenheit in Leisers Bewegungen bemerken, die unterdr�ckten Seufzer
und Fl�che, das �rgerliche Durchstreichen. W�hrend er selbst nun absichtlich
langsamer arbeitete, sp�hte er �ber Leisers Arm, um dessen Fortschritte
festzustellen, und er sah, da� der Bleistiftstummel in Leisers Hand
schwei�verschmiert war. Ohne ein Wort zu sagen, tauschte er ruhig sein eigenes
Blatt gegen das Leisers aus. Haldane, der sich gerade umwandte, schien es nicht
bemerkt zu haben. Schon diese ersten Tage hatten gen�gt, deutlich zu machen,
da� Leiser zu Haldane aufsah wie ein Kranker zu seinem Arzt, oder wie ein
S�nder zu seinem Priester. Dieser Mann, der seine St�rke aus einem so
gebrechlichen K�rper gewann, hatte etwas Furchterregendes an sich.</p><p>Haldane
tat so, als bemerke er Leiser gar nicht. Er hielt starrk�pfig an seinen
privaten Gewohnheiten fest. So unterlie� er es nie, sein Kreuzwortr�tsel zu
l�sen, und bei den Mahlzeiten, w�hrend sie die Tonb�nder ablaufen lie�en, trank
er allein seinen Burgunder, von dem er eine Kiste halber Flaschen aus der Stadt
hatte liefern lassen. Seine Verschlossenheit war so vollkommen, da� man
tats�chlich glauben konnte, allein die N�he des Menschen widere ihn an. Und
doch zog Haldane Leiser mit immer unwiderstehlicherer Kraft an, je
ausweichender, je verschlossener er wurde. Auf Grund irgendwelcher
geheimnisvoller Ma�st�be erschien er Leiser als Musterexemplar des englischen
Gentleman, und was immer Haldane tat oder sagte, best�rkte Leiser nur in seiner
Auffassung. Haldane war eindrucksvoller geworden. In London war er ein Mann,
der langsam und pedantisch �ber die Korridore tappte, als suche er f�r seine
F��e Halt. Hinter ihm stauten sich dann immer ungeduldig B�roboten und
Sekret�rinnen, die es nicht wagten, ihn zu �berholen. Hier in Oxford dagegen
zeigte er eine Beweglichkeit, die seine Londoner Kollegen erstaunt h�tte.
Seine vertrocknete Figur war wieder zum Leben erwacht, er hielt sich aufrecht.
Selbst seine Unfreundlichkeit schien nun ein Zeichen besonderer Autorit�t. Nur
sein Husten blieb - dasselbe gequ�lte, hoffnungslose Schluchzen, das diesen
schmalen Brustkorb zu sprengen schien und in Haldanes magere Wangen rote
Flecken trieb, was Leiser mit der stummen Sorge eines Sch�lers f�r seinen
bewunderten Meister erf�llte.</p><p>�Ist der
Captain krank?� fragte er Avery einmal, w�hrend er eine alte Ausgabe von
Haldanes <emphasis>Times </emphasis>in die Hand nahm.</p><p>�Er
spricht nie dar�ber.�</p><p>�Ich nehme
an, das w�re ungezogen.� Seine Aufmerksamkeit war pl�tzlich von der Zeitung
gefesselt, die offenbar noch niemand gelesen hatte - nur das Kreuzwortr�tsel
war gel�st. Rundherum waren auf den Rand verstreut die Abwandlungen eines aus
neun Buchstaben bestehenden Anagrammes gekritzelt. Verwirrt zeigte Leiser seine
Entdeckung Avery. �Er liest sie nicht�, sagte er. �Er l�st nur das Kreuzwortr�tsel.�</p><p>Als sie an
diesem Abend zu Bett gingen, nahm Leiser verstohlen die Zeitung mit sich, als
enthielte sie irgendein Geheimnis, das man durch sorgf�ltige Pr�fung
enth�llen k�nnte.</p><p>Soweit
Avery es beurteilen konnte, war Haldane von Leisers Fortschritten befriedigt.
Im Verlauf der vielf�ltigen �bungen, zu denen Leiser jetzt angehalten wurde,
hatten sie ihn eingehender beobachten k�nnen.</p><p>Mit der
F�higkeit der Schwachen, scharf zu beobachten, sp�rten sie seine Fehler auf
und sch�tzten seine St�rke ein. Im gleichen Ma�, in dem sie sein Vertrauen
gewannen, begann er zunehmend eine entwaffnende Offenheit zu zeigen. Er liebte
vertrauliche Gespr�che. Er war ihr Gesch�pf und gab ihnen alles - und sie
bewahrten alles sorgf�ltig auf, wie es die Armen tun. Sie sahen, da� seine
�bersch�ssigen Kr�fte durch die Organisation pl�tzlich ein Ziel bekommen
hatten: Leiser hatte wie ein Mann mit ungew�hnlicher Geschlechtsgier in seiner
neuen T�tigkeit das Objekt einer Hingabe gefunden, die er durch Entwicklung besonderer
F�higkeiten zu beweisen suchte. Er schien Gefallen daran zu finden, von ihnen
Befehle zu erhalten, und er gab ihnen daf�r seine St�rke als Unterpfand f�r
seinen Gehorsam. Vielleicht war es ihnen sogar bewu�t, da� Leiser in ihnen die
Pole einer absoluten Autorit�t erblickte: der eine durch sein verbittertes
Festhalten an Ma�st�ben, denen Leiser niemals gerecht werden konnte-, der
andere durch seine jugendliche Zug�nglichkeit und den Reiz und die Verl��lichkeit
seines Wesens.</p><p>Leiser
unterhielt sich gerne mit Avery. Er sprach �ber seine Freundinnen oder den
Krieg. Er nahm an - und Avery fand das irritierend, aber weiter nichts -, da�
ein Mann Mitte Drei�ig - ob er nun verheiratet war oder nicht - nat�rlich ein
intensives und abwechslungsreiches Liebesleben hatte. Sp�ter dann, am Abend,
wenn die beiden ihre M�ntel angezogen hatten und zu der Kneipe am Ende der
Stra�e hinuntergelaufen waren, pflegte er seine Ellbogen auf den kleinen Tisch
zu st�tzen, sich vorzubeugen und von seinen Eroberungen bis in die kleinsten
Einzelheiten zu berichten. Seine Hand ruhte dabei an seinem Kinn, und die
schlanken Spitzen seiner Finger �ffneten und schlossen sich in einer unbewu�ten
Nachahmung der Bewegungen seiner Lippen. Er handelte nicht aus Eitelkeit, sondern
aus Freundschaft. Diese Vertraulichkeiten und Gest�ndnisse wahr oder erfunden
- stellten die einfache M�nze dar, mit der sie einander ihre Freundschaft
vergalten. Betty wurde dabei von Leiser niemals erw�hnt.</p><p>Allm�hlich
lernte Avery das Gesicht Leisers mit einer Genauigkeit kennen, die nicht mehr
von seinem Erinnerungsverm�gen abhing. Er bemerkte, wie sich die Z�ge Leisers
seinen Stimmungen entsprechend ver�nderten, wie sich Depression oder M�digkeit
am Ende eines langen Tages in der Spannung der Haut �ber seinen Backenknochen
ausdr�ckten, durch die Augen und Mund an ihren Winkeln aufw�rts gezogen wurden,
so da� sein Ausdruck pl�tzlich noch slawischer wurde und an Vertrautheit
verlor.</p><p>Leiser
hatte von seinen Nachbarn oder von seinen Kunden gewisse Wendungen
aufgeschnappt, die zwar v�llig sinnlos waren, aber sein fremdes Ohr doch beeindruckt
hatten. Er konnte zum Beispiel von �einem gewissen Ma� der Befriedigung�
sprechen, indem er eine unpers�nliche Wendung gebrauchte, die ihm irgendwie
w�rdiger schien. Er hatte sich auch eine Reihe von Klischees angeeignet.
Dauernd wiederholte er Ausdr�cke wie &gt;nur keine Bange&lt;, &gt;mach keinen
Wind&lt;, &gt;die Katze aus dem Sack lassen&lt;, und es schien, als bem�he er
sich damit um eine Lebensart, die er nur unvollst�ndig verstand, in die er sich
aber mit derartigen Zauberformeln hineinschwindeln wollte. Einige dieser
Ausdr�cke waren nicht mehr modern, wie Avery bemerkte.</p><p>Ein- oder
zweimal hatte Avery den Verdacht, da� Haldane sein enges Verh�ltnis zu Leiser
mi�billigte. Dann wieder schien es so, als h�tte Haldane in Avery Gef�hle
entfaltet, �ber die er selbst keine Kontrolle mehr hatte. Eines Abends, am
Anfang der zweiten Woche, w�hrend Leiser sich jener zeitraubenden K�rperpflege
widmete, die bei ihm fast jeder Feierabendbesch�ftigung vorauszugehen pflegte,
erkundigte sich Avery bei Haldane, ob er nicht auch selbst auszugehen w�nsche.</p><p>�Wohin, glauben Sie, soll ich
gehen? Auf eine Wallfahrt zum Schrein meiner Jugend?�</p><p>�Ich dachte, Sie h�tten vielleicht
Freunde hier; Leute, die Sie von fr�her kennen.�</p><p>�Wenn ich sie h�tte, w�re es
unvorsichtig, sie zu besuchen. Ich bin unter einem anderen Namen hier.�</p><p>�Verzeihen Sie. Nat�rlich.�</p><p>Dann sagte Haldane mit strengem
L�cheln: �Au�erdem schlie�t nicht jeder von uns so leicht Freundschaft.�</p><p>Aufgebracht entgegnete Avery: �Sie
haben mir selbst gesagt, ich solle immer mit ihm zusammen sein!�</p><p>�Sehr richtig, und das taten Sie
auch. Es w�re unangebracht von mir, mich zu beklagen. Sie machen es
bewunderungsw�rdig. �</p><p>�Was?�</p><p>�Befehle
befolgen.�</p><p>In diesem
Augenblick l�utete es an der Haust�r, und Avery ging hinunter, um zu �ffnen. Im
Licht der Stra�enlampe konnte er auf der Stra�e die vertrauten Umrisse eines
parkenden Lieferwagens der Organisation erkennen. Vor der T�r stand eine
kleine, unscheinbare Gestalt in braunem Anzug und Mantel. Seine braunen
Schuhspitzen gl�nzten. Es h�tte der Gasableser sein k�nnen.</p><p>�Mein Name ist Jack Johnson�,
sagte er unsicher. &gt;�Johnson's Radioquelle&lt;, das bin ich.�</p><p>�Kommen Sie herein�, sagte Avery. �Ich
bin doch hier richtig, nicht wahr? Captain Hawkins und so?�</p><p>Er trug
eine weiche Ledertasche, die er vorsichtig auf den Boden stellte, als enthielte
sie seine ganze Habe. Gekonnt sch�ttelte er den Regen aus dem halb geschlossenen
Schirm und stellte ihn dann in den St�nder unter seinem Mantel. �Ich hei�e
John.�</p><p>Johnson ergriff Averys Hand und
dr�ckte sie herzlich. �Freue mich sehr, Sie kennenzulernen. Der Chef hat sehr
viel von Ihnen erz�hlt. Also Sie sind das Wunderkind, wie ich h�re.� Sie
lachten.</p><p>Er fa�te Avery mit einer
vertraulichen Geste am Arm. �Sie verwenden Ihren eigenen Namen, nicht wahr?�</p><p>�Ja. Den Vornamen.�</p><p>�Und der Captain?�</p><p>�Hawkins.�</p><p>�Wie ist er, Mayfly, meine ich?
Wie stellt er sich an?�</p><p>�Sehr gut. Einfach sehr gut.�</p><p>�Ich h�re, er ist ein ziemlicher
Sch�rzenj�ger.� W�hrend Johnson und Haldane im Wohnzimmer miteinander
sprachen, ging Avery zu Leiser hinauf. �Wir k�nnen nicht weggehen, Fred. Jack
ist gekommen.�</p><p>�Wer ist Jack?�</p><p>�Jack Johnson, der Funker.�</p><p>�Ich
dachte, wir w�rden nicht vor n�chster Woche damit anfangen.�</p><p>�Nur die
Grundbegriffe in dieser Woche, damit Ihre Finger wieder locker werden. Kommen
Sie herunter und sagen Sie guten Tag.�</p><p>Leiser trug einen dunklen Anzug
und hielt eine Nagelfeile in der Hand. �Was ist also, gehen wir dann?�</p><p>�Ich habe Ihnen doch gesagt, Fred,
wir k�nnen heute abend nicht weg. Jack ist gekommen.� Leiser ging hinunter und
sch�ttelte Johnson ohne Formalit�t kurz die Hand, als w�ren ihm Neuank�mmlinge
zuwider. Sie unterhielten sich steif eine Viertelstunde lang, bis Leiser unter
dem Vorwand, da� er m�de sei, m�rrisch zu Bett ging. Johnson gab seinen ersten
Bericht: �Er ist langsam�, sagte er. �Er hat freilich schon sehr lange nicht
mehr gemorst. Aber ich traue mich nicht, ihn mit dem Ger�t arbeiten zu lassen,
ehe er nicht auf der Taste schneller geworden ist. Ich wei�, es ist mehr als
zwanzig Jahre her, Sir, man kann ihm keinen Vorwurf machen. Aber langsam ist
er, Sir, sehr sogar.� Er hatte die bedachtsame Sprechweise einer Kinderfrau,
als verbr�chte er viel Zeit mit Kindern. �Der Chef sagt, ich soll ihn die
ganze Zeit steuern - auch beim Einsatz. Ich h�re, wir fahren alle nach
Deutschland r�ber, Sir.�</p><p>�Ja.�</p><p>�Dann
werden wir uns kennenlernen m�ssen, Mayfly und ich. Von dem Moment an, wo ich
mit ihm auf dem Ger�t zu arbeiten beginne, sollten wir viel zusammen sein, Sir.
Das ist wie mit der Handschrift: Wir m�ssen uns beide an die Handschrift des
anderen gew�hnen. Au�erdem die Fahrpl�ne, die Zeiten, zu denen er sich melden
kann, und derartiges. Die Tabelle der Zeichen f�r seine verschiedenen
Frequenzen. Sicherheitszeichen. Das ist f�r vierzehn Tage ziemlich viel zu lernen.�</p><p>�Sicherheitszeichen?�
fragte Avery. �Absichtlich gemachte Fehler, Sir; wie zum Beispiel ein
Rechtschreibfehler in einer bestimmten Gruppe, statt eines A ein E oder so
etwas. Wenn er uns mitzuteilen w�nscht, da� man ihn geschnappt hat und er
unter Aufsicht sendet, wird er das Zeichen auslassen.� Er wandte sich zu
Haldane. �Sie kennen das ja, Captain.�</p><p>�Man hat
in London davon gesprochen, ihm auch die Schnell�bermittlung per Tonband
beizubringen. Wissen Sie, was aus dieser Idee geworden ist?�</p><p>�Der Chef
hat mir davon gesagt, Sir. Ich glaube, die Ausr�stung war nicht verf�gbar. Ich
kann auch nicht wirklich behaupten, da� ich viel davon verstehe. Seit meiner
aktiven Zeit ist viel von diesem Transistorzeug dazugekommen. Der Chef sagte,
wir sollten uns an die alten Methoden halten, aber die Frequenz alle
zweieinhalb Minuten wechseln, Sir. Die Jerries sollen enorm scharf beim Peilen
sein, heutzutage.�</p><p>�Welches
Ger�t hat man uns geschickt? Zum Herumtragen scheint es sehr schwer zu sein.�</p><p>�Es ist
eines von der Art, die Mayfly im Krieg ben�tzt hat, Sir. Das ist das Angenehme
daran. Die alte B 2 im wasserdichten Geh�use. Wenn wir wirklich nur ein paar
Wochen haben, scheint kaum Zeit zu sein, irgend etwas anderes durchzunehmen.
Nicht, da� er schon so weit w�re, damit arbeiten zu k�nnen.�</p><p>�Wieviel
wiegt es?�</p><p>�Fast
f�nfzig Pfund, Sir, alles in allem. Das normale Kofferger�t. Das Gewicht kommt
durch die Wasserabdichtung, aber er braucht sie, wenn er �ber schwieriges
Gel�nde mu�. Besonders zu dieser Jahreszeit.� Er z�gerte. �Aber beim Morsen ist
er langsam, Sir.�</p><p>�Ja.
Glauben Sie, da� Sie ihn rechtzeitig auf Touren bringen k�nnen?�</p><p>�Das kann
ich nicht sagen, Sir. Nicht, bevor wir nicht auf dem Ger�t arbeiten, da� uns
die Finger krachen. Nicht vor dem zweiten Teil, nachdem er ein bi�chen Urlaub
gehabt hat. Im Augenblick werde ich ihn nur mal mit der Taste allein arbeiten
lassen.�</p><p>�Danke�,
sagte Haldane.</p><p><strong><emphasis/></strong></p><p><strong><emphasis>13. Kapitel </emphasis></strong></p><p><emphasis/></p><p>Nach Ablauf der ersten vierzehn
Tage erhielt er achtundvierzig Stunden Urlaub. Er hatte es nicht verlangt, und
als man ihm den Vorschlag machte, wegzufahren, schien er verwirrt. Unter keinen
Umst�nden d�rfe er sich in der Umgebung seiner Garage blicken lassen. Obwohl er
schon am Freitag nach London h�tte reisen k�nnen, meinte er, er wolle lieber
erst am Samstag fahren, und obwohl man ihn nicht vor Montag fr�h zur�ckerwartete,
sagte er, er werde wom�glich schon Sonntag abend wieder da sein. Man betonte,
da� er sich von allen seinen Bekannten fernhalten m�sse. Seltsamerweise schien
ihn das zu tr�sten. Avery war beunruhigt und ging zu Haldane. �Ich glaube
nicht, da� wir ihn einfach so ins Blaue schicken sollten. Sie haben ihm gesagt,
er d�rfe weder nach South Park fahren noch seine Freunde besuchen, falls er
welche hat. Ich sehe nicht ganz klar, wohin er dann gehen kann.�</p><p>�Sie glauben, er wird sich einsam
f�hlen?� Avery err�tete. �Ich glaube, er wird sich die ganze Zeit �ber
w�nschen, zur�ckzukommen.�</p><p>�Dagegen k�nnen wir kaum etwas
einzuwenden haben.�</p><p>Sie gaben
ihm Tagegeld, alte F�nf- und Einpfundnoten. Er wollte es ablehnen, aber
Haldane dr�ngte es ihm auf, als gehe es dabei um ein Prinzip. Sie boten ihm an,
ein Hotelzimmer f�r ihn zu bestellen, aber das lehnte er ab. Haldane schien es
f�r selbstverst�ndlich zu halten, da� er nach London fuhr, also machte er sich
schlie�lich auf den Weg. Es war, als erf�lle er eine Pflicht ihnen gegen�ber.</p><p>�Er hat
bestimmt irgendwo ein Weib�, sagte Johnson befriedigt.</p><p>Leiser fuhr mit dem Mittagszug und
nahm einen schweinsledernen Koffer mit. Er trug seinen Kamelhaarmantel, der
einen leicht milit�rischen Schnitt und Lederkn�pfe hatte. Aber niemand mit
Kinderstube h�tte ihn je f�r einen englischen Offiziersmantel gehalten. Leiser
gab seinen Koffer in der Aufbewahrung am Bahnhof Paddington ab und spazierte in
die Praed Street hinaus, weil er nicht wu�te, wo er hingehen sollte. Er
schlenderte eine halbe Stunde umher, betrachtete die Schaufenster und las die in
Anschlagk�sten aufgeh�ngten Anzeigen von leichten M�dchen. Es war
Samstagnachmittag: eine Handvoll alter M�nner mit Filzh�ten und Regenm�nteln
strichen zwischen den L�den, die Pornographien feilboten, und den Zuh�ltern an
der Ecke umher. Der Verkehr war sehr gering: eine hoffnungslose
Feierabendstimmung erf�llte die Stra�e.</p><p>Im
Filmklub verlangte man ein Pfund und gab ihm eine vordatierte Mitgliedskarte -
wegen des Gesetzes. Dann hockte er zwischen schemenhaften Gestalten auf einem
K�chenstuhl. Der Film war sehr alt; es h�tte leicht sein k�nnen, da� er vor der
Nazizeit aus Wien her�bergekommen war. Zwei ganz nackte M�dchen tranken Tee. Es
war ein Stummfilm, in dem nichts weiter geschah, als da� sie hin und wieder
ihre Tassen zum Mund f�hrten und dabei ihre K�rperhaltung etwas ver�nderten.
Sie w�ren jetzt wohl sechzig, wenn sie den Krieg �berlebt hatten. Leiser stand
auf, um zu gehen. Es war schon nach halb sechs, und die Kneipen machten auf.
Als er am Kiosk neben dem Eingang vorbeikam, sagte der Manager: �Ich kenne ein
M�dchen, das sich gerne einen netten Abend macht. Sehr jung.�</p><p>�Nein,
danke.�</p><p>�Zweieinhalb
Pfund; sie hat Ausl�nder gern. Sie macht es Ihnen ausl�ndisch, wenn Sie wollen.
Franz�sisch.�</p><p>�Hauen Sie ab.�</p><p>�Sie haben's notwendig, mir das zu
sagen.�</p><p>�Hauen Sie ab.� Leiser ging noch
einmal zur�ck, und seine kleinen Augen funkelten pl�tzlich. �Wenn Sie mir das
n�chste Mal ein M�dchen anbieten, dann was Englisches, verstanden?�</p><p>Die Luft
war jetzt milder. Der Wind hatte sich gelegt und die Stra�e war leer: der
Betrieb hatte sich nach drinnen verlagert. Die Frau hinter der Bar sagte: �Kann
Ihnen jetzt nichts mixen, mein Lieber, nicht ehe der Rummel vorbei ist. Sie
sehen's ja selbst.�</p><p>�Ich
trinke aber nichts anderes.�</p><p>�Tut mir
leid, mein Lieber.�</p><p>Er
bestellte Gin und Wermuth. Das Getr�nk war lauwarm und ohne Kirsche. Das Gehen
hatte ihn erm�det. Er sa� auf der langen Polsterbank, die an der Wand
entlanglief, und sah einer Runde von vier M�nnern zu, die Wurfpfeile in das an
der Wand h�ngende Zielbrett schleuderten. Sie spielten, ohne ein Wort zu sagen,
aber mit tiefer Hingabe, als seien sie sich bewu�t, irgendeine rituelle
Handlung auszu�ben. Es war beinahe wie im Filmklub. Als einer von ihnen zu
einer Verabredung mu�te, riefen sie Leiser zu: �Machen Sie den Vierten?�</p><p>�Gerne.�
Er war froh, da� ihn jemand angesprochen hatte, und stand auf. Aber im gleichen
Augenblick kam ein Bekannter der drei herein, ein Mann namens Henry, und der
spielte an seiner Stelle. Leiser war nahe daran, einen Streit zu beginnen, aber
es schien ihm dann doch keinen Zweck zu haben. Auch Avery war allein
ausgegangen. Zu Haldane hatte er gesagt, er mache einen Spaziergang, zu
Johnson, er gehe ins Kino. Avery hatte eine Art zu l�gen, die sich Vernunftsgr�nden
entzog. Es trieb ihn einfach zu den alten, von fr�her her vertrauten Orten
zur�ck: zu seinem College, zu den Buchl�den, Kneipen und Bibliotheken. Das
Semester ging gerade zu Ende. Oxford roch irgendwie weihnachtlich und trug dem
Anla� mit zimperlicher Bosheit Rechnung, indem es seine Schaufenster mit dem
Flitter vergangener Weihnachten schm�ckte.</p><p>Er ging
die Banbury Road bis zu der Stra�e hinunter, in der er und Sarah im ersten Jahr
ihrer Ehe gewohnt hatten. Die Fenster der Wohnung waren dunkel. W�hrend er vor
dem Haus stand, versuchte er zuerst hinter den Mauern und dann in sich selbst
eine Spur von Gef�hl, Zuneigung, Liebe oder sonst etwas zu finden, das ihre
Heirat gerechtfertigt h�tte, aber er konnte nichts finden und nahm an, da� es
nie etwas Derartiges gegeben hatte. Er suchte verzweifelt, wollte verstehen,
was ihn bewegt hatte; aber er fand nichts: er starrte ein leeres Haus an. Er
eilte heim, dorthin, wo Leiser wohnte.</p><p>�Guter
Film?� fragte Johnson. �Sehr nett.�</p><p>�Ich dachte, Sie wollten Spazierengehen�,
sagte Haldane vorwurfsvoll und sah vom Kreuzwortr�tsel auf. �Ich hab' mir's
anders �berlegt.�</p><p>��brigens�, sagte Haldane, �was
Leisers Pistole betrifft: er scheint die Drei-acht besonders zu sch�tzen.�</p><p>�Ja. Jetzt wird sie
Neun-Millimeter genannt.�</p><p>�Nach seiner R�ckkehr sollte er
beginnen, sie bei sich zu tragen.</p><p>Nat�rlich
ungeladen.� Er warf einen Blick auf Johnson. �Besonders wenn er mit dem
Funkkurs beginnt. Gleich von Anfang an. Er mu� sie die ganze Zeit �ber bei sich
haben. Wir wollen ihn dazu bringen, da� er sich ohne sie verloren f�hlt. Ich
habe eine besorgen lassen. Sie werden sie in Ihrem Zimmer finden, Avery, mit
verschiedenen Halftern. Vielleicht erkl�ren Sie es ihm, bitte?�</p><p>�Wollen
Sie es ihm nicht selbst sagen?�</p><p>�Das
machen besser Sie. Sie kommen so gut mit ihm aus.�</p><p>Avery ging
hinauf, um Sarah anzurufen. Sie war zu ihrer Mutter gezogen. Es war ein sehr
steifes Gespr�ch.</p><p>Leiser
w�hlte Bettys Nummer, aber er bekam keine Antwort.</p><p>Erleichtert
ging er in einen billigen Juwelierladen neben dem Bahnhof, der auch am
Samstagnachmittag ge�ffnet war, und kaufte einen goldenen Anh�nger f�r ihr
Armband: eine Kutsche mit Pferden. Er kostete elf Pfund - genau die Summe, die
er als Tagegeld erhalten hatte. Er bat den Verk�ufer, den Anh�nger eingeschrieben
an ihre Adresse in South Park zu schicken. Er legte einen Zettel mit folgenden
Worten bei: �Bin in zwei Wochen zur�ck. Sei brav!� Nachdem er schon gedankenlos
mit �F. Leiser� unterschrieben hatte, strich er es wieder durch und ersetzte es
durch �Fred�.</p><p>Er ging
ein bi�chen spazieren, spielte mit dem Gedanken, ein M�dchen anzusprechen, und
nahm sich schlie�lich in dem Hotel neben dem Bahnhof ein Zimmer. Er schlief
wegen des l�rmenden Verkehrs sehr schlecht. Am Morgen rief er nochmals bei
Betty an, aber wieder hob niemand ab. Rasch legte er den H�rer auf die Gabel
zur�ck; eigentlich h�tte er l�nger warten m�ssen. Nach dem Fr�hst�ck ging er
die Sonntagszeitungen kaufen und las in seinem Zimmer die Fu�ballberichte, bis
es Mittag war. Nach dem Essen machte er den gewohnten Spaziergang. Er hatte
nur eine unklare Vorstellung davon, durch welche Teile Londons er lief. Er
ging den Flu� entlang bis Charing Cross und fand sich schlie�lich im
str�menden Regen in einem leeren Park. Die asphaltierten Wege waren mit gelben
Bl�ttern �bers�t. Im Musikpavillon sa� einsam ein alter Mann. Er trug einen
schwarzen Mantel und hatte einen Rucksack aus gr�nem Leinen, wie ein
Gasmaskenbeutel, bei sich. Er schlief oder lauschte unh�rbarer Musik. Leiser
wartete bis zum Abend, um Avery nicht zu entt�uschen. Dann nahm er den letzten
Zug heim nach Oxford. Avery kannte eine Kneipe hinter dem Balliol College, in
der man an Sonntagen Tischbillard spielen konnte. Johnson spielte gerne eine
Partie. Er trank Bier, Avery Whisky. Sie lachten viel; es war eine harte Woche
gewesen. Johnson gewann immer. Er spielte methodisch nur die einfachen L�cher,
mit den niedrigen Zahlen, w�hrend Avery �ber die Bande das Hunderterloch zu
erreichen versuchte.</p><p>�Ich h�tte
nichts gegen ein bi�chen Spa�, wie Fred ihn jetzt hat�, sagte Johnson kichernd.
Er zielte, stie� zu, und eine wei�e Kugel fiel pflichtbewu�t in ihr Loch.
�Diese Polen sind schrecklich br�nstig. Decken alles, diese Polen. Besonders
Fred, der ist ein richtiger Rei�er. Man kann's an seinem Gang sehen.�</p><p>�Sind Sie
auch so, Jack?�</p><p>�Wenn mir danach ist, schon! H�tte
im Augenblick nichts dagegen, wenn ich ehrlich bin.� Sie spielten noch einige
L�cher - jeder versunken in seine vom Alkohol befl�gelten erotischen
Phantasien. �Trotzdem stecke ich lieber in unserer Haut�, sagte Johnson
zufrieden. �Sie nicht?�</p><p>�Na und ob.�</p><p>�Wissen
Sie�, sagte Johnson, w�hrend er Kreide auf die Spitze seines Billardstockes
rieb, �eigentlich sollte ich mit Ihnen gar nicht so sprechen. Sie waren im College
und so. Sie geh�ren einer anderen Klasse an, John.�</p><p>Sie tranken einander zu und
dachten dabei an Leiser. �Herrgott noch mal�, sagte Avery, �wir k�mpfen doch im
selben Krieg, oder nicht?�</p><p>�Ganz richtig.�</p><p>Johnson go� sich den Rest des
Bieres ein. Er tat es sehr sorgf�ltig, aber ein wenig lief �ber und flo� auf
den Tisch.</p><p>�Auf Fred�, sagte Avery.</p><p>�Auf Fred. Hier und dort drau�en.
W�nsch ihm verdammt viel Gl�ck!�</p><p>�Viel Gl�ck, Fred!�</p><p>�Ich wei� nicht, wie er mit der B
2 fertigwerden wird�, murmelte Johnson. �Er hat noch sehr viel vor sich.�</p><p>�Auf Fred!�</p><p>�Fred. Er ist ein lieber Junge.
Sagen Sie mal, kennen Sie diesen Kerl Woodford, der mich angeheuert hat?�</p><p>�Klar. Er kommt n�chste Woche
heraus.�</p><p>�Haben Sie mal Babs kennengelernt,
seine Frau? Das war ein M�dchen, Gott, war das ein M�dchen! Ging mit jedem...
Herrgott, die d�rfte jetzt auch schon dr�ber hinaus sein, nehme ich an.
Trotzdem, sie macht's immer noch gut, was?�</p><p>�Stimmt.� Sie tranken.</p><p>�Sie ging mal mit diesem
B�rohengst Jimmy Gorton. - Was ist aus dem geworden?�</p><p>�Er ist in Hamburg. Geht ihm
ausgezeichnet.�</p><p>Sie kamen noch vor Leiser nach
Hause. Haldane war schon schlafen gegangen.</p><p>Es war
nach Mitternacht, als Leiser in der Halle seinen nassen Kamelhaarmantel auszog
und - da er ein ordentlicher Mensch war - auf einen B�gel h�ngte. Dann schlich
er auf Zehenspitzen ins Wohnzimmer und machte Licht. Sein Blick schweifte
z�rtlich �ber die schweren M�belst�cke, �ber die mit Schnitzereien und schweren
Messingbeschl�gen verzierte Kredenz, �ber den Schreibtisch und den Bibeltisch.
Liebevoll betrachtete er wieder die h�bschen Damen auf der Croquetwiese und die
h�bschen M�nner auf dem Schlachtfeld, die hochm�tigen Jungengesichter unter Strohh�ten
und die M�dchen in Cheltenham: eine lange Portr�tgalerie des Unbehagens, in
der auch der leiseste Hauch von Leidenschaft fehlte. Die auf dem Kaminaufsatz
stehende Uhr war ein kleiner Pavillon aus blauem Marmor. Die goldenen Zeiger
waren so reich verziert, so verschn�rkelt und mit Blumen �berladen, da� man
nur schwer erkennen konnte, wohin die Spitzen deuteten. Sie hatten sich seit
seiner Abreise nicht bewegt, vielleicht seit seiner Geburt nicht, und in
gewisser Weise war das f�r eine alte Uhr eine gro�e Leistung.</p><p>Leiser nahm seinen Koffer und
stieg die Treppe hinauf. Haldane hustete, aber es war dunkel in seinem Zimmer.
Leiser klopfte an Averys T�r. �Sind Sie da, John?�</p><p>Nach einem
Augenblick h�rte er, wie sich Avery im Bett aufsetzte. �War's nett, Fred?�</p><p>�Das will
ich meinen!�</p><p>�Mit den
Weibern alles klargegangen?�</p><p>�Wie gew�nscht.
Bis morgen, John.�</p><p>�Bis
morgen, Fred. Fred...�</p><p>�Ja,
John?�</p><p>�Jack und ich hatten eine
ziemliche Sitzung. Nur Sie haben dabei noch gefehlt.�</p><p>�Das ist wahr, John.�</p><p>Langsam,
zufrieden und m�de ging er den Gang entlang, trat in sein Zimmer, zog seine Jacke
aus, z�ndete eine Zigarette an und warf sich dankbar in den Lehnstuhl. Es war
ein gro�er und sehr bequemer Sessel mit Ohrenbacken. W�hrend er hineinsank,
bemerkte er etwas: eine Tabelle zur Umrechnung von Buchstaben in Zahlen hing an
der Wand und darunter, in der Mitte der Daunendecke, lag ein alter dunkelgr�ner
Leinenkoffer mit lederbezogenen Ecken. Er war aufgeklappt und darin befanden
sich zwei graue Stahlkassetten. Leiser stand auf und starrte in wortlosem
Erkennen auf sie hinunter, streckte seine Hand aus und ber�hrte sie,
vorsichtig, als k�nnten sie hei� sein. Er drehte an dem Abstimmungsknopf, hielt
inne und las die Aufschrift an den Schaltern. Es h�tte das gleiche Ger�t sein
k�nnen, das er in Holland gehabt hatte: Sender und Empf�nger in der einen
Kassette, Morsetaster und Kopfh�rer in der anderen. Die Kristalle - ein
Dutzend - waren in einem Beutel aus Fallschirmseide, der oben mit einer gr�nen
Schnur zusammengezogen war. Er probierte die Morsetaste mit dem Finger, sie
kam ihm viel kleiner vor, als er sie in Erinnerung hatte.</p><p>Er ging
wieder zum Lehnstuhl zur�ck, w�hrend sein Blick auf den Koffer geheftet blieb.
Dann sa� er steif und schlaflos im Sessel, wie ein Mann auf Totenwache.</p><p>Er kam zu sp�t zum Fr�hst�ck.
Haldane sagte: �Sie verbringen den ganzen Tag mit Johnson. Vormittag und
Nachmittag.�</p><p>�Kein Spaziergang?�</p><p>Avery war damit besch�ftigt, sein
Ei aufzuklopfen. �Vielleicht morgen. Von jetzt an sind wir im technischen
Training, Spazierg�nge stehen leider an zweiter Stelle.�</p><p>Control
verbrachte die Montagabende recht oft in London, weil er behauptete, das sei
der einzige Tag, an dem er in seinem Klub einen Stuhl bekommen k�nne. Smiley
hatte den Verdacht, da� er nur nicht bei seiner Frau bleiben wollte.</p><p>�In der Blackfriars Road sprie�en
die Blumen, wie ich h�re�, sagte er. �Leclerc soll in einem Rolls Royce durch
die Gegend fahren.�</p><p>�Es ist ein ganz gew�hnlicher
Humber�, entgegnete Smiley. �Aus dem Fuhrpark des Ministeriums.�</p><p>�Daher stammt er?� fragte Control
mit hochgezogenen Brauen. �Ist das nicht lustig? Die Black Friars fahren
nicht schlecht.�</p><p><strong><emphasis/></strong></p><p><strong><emphasis>14. Kapitel </emphasis></strong></p><p><emphasis/></p><p>�Sie
kennen also das Ger�t?� fragte Johnson. �Die B2.�</p><p>�O. K.
Offizielle Bezeichnung: Type drei, Marke zwei; wird mit Wechselstrom oder einer
6-Volt-Autobatterie betrieben, aber Sie werden den Netzanschlu� verwenden,
nicht wahr? Man hat festgestellt, da� Sie dort Wechselstrom haben werden. Ihr
Verbrauch ist 57 Watt beim Senden und 25 bei Empfang. Also, falls Sie
irgendwohin verschlagen werden, wo es nur Gleichstrom gibt, werden Sie sich
wohl eine Batterie leihen m�ssen, was?� Leiser lachte nicht.</p><p>�Ihr
Netzkabel ist mit Steckern versehen, die in alle europ�ischen Steckdosen
passen.�</p><p>�Ich
wei�.� Leiser sah Johnson zu, wie er das Ger�t einsatzbereit machte. Zuerst
verband er Sender und Empf�nger durch einen Stecker mit Transformator und
Gleichrichter, die in einem eigenen Geh�use montiert waren. Er verschraubte die
Kabelanschl�sse. Nachdem er das Ger�t ans Netz angeschlossen und eingeschaltet
hatte, st�pselte er das Kabel der winzigen Morsetaste in die Buchsen am Sender
und das der Kopfh�rer in die des Empf�ngers. �Das ist eine kleinere Taste als
die, die wir im Krieg hatten�, wandte Leiser ein. �Ich hab' sie vergangene
Nacht ausprobiert. Meine Finger rutschten dauernd ab.�</p><p>Johnson
sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Tut mir leid, Fred, es ist genau
die gleiche.� Er zwinkerte ihm zu. �Vielleicht ist Ihr Finger gewachsen.�</p><p>�Schon gut. Nur weiter.�</p><p>Johnson zog aus der Zubeh�rschachtel
eine aufgerollte Litze mit Plastikisolierung und befestigte eines ihrer Enden
am Antennenausgang. �Die meisten Ihrer Kristalle liegen im
Drei-Megahertz-Bereich, so da� Sie Ihre Spule nicht zu wechseln brauchen.
Verlegen Sie die Antenne h�bsch gespannt, Fred - und nichts mehr kann
schiefgehen. Besonders nicht bei Nacht. Jetzt auf die Abstimmung achten: Sie
haben Antenne, Erde, Taste, Kopfh�rer und Energiequellen h�bsch angeschlossen,
jetzt schauen Sie auf Ihren Sendeplan und stellen fest, auf welcher Frequenz
Sie heute sind, dann suchen Sie den entsprechenden Kristall heraus, klar?� Er
hielt eine kleine Kapsel aus schwarzem Bakelit hoch und steckte sie dann mit
den aus ihr herausragenden Drahtstiften in den passenden Sockel des Senders.
�Die m�nnlichen Teile sch�n in die Wallalas einf�hren, sehen Sie, so! Soweit
alles klar, Fred? Mache ich zu rasch f�r Sie?�</p><p>�Ich schau schon zu. Fragen Sie
nicht dauernd.�</p><p>�Jetzt die Kristall-Wahlscheibe
auf &gt;alle Kristalle&lt; drehen und den Zeiger der Wellenskala auf Ihre Frequenz
einstellen. Wenn Sie auf dreieinhalb Megahertz m�ssen, stellen Sie den
Frequenzknopf zwischen die Drei und die Vier. So, sehen Sie? Jetzt stecken Sie
die entsprechende Spule ein, wie herum ist egal, Fred, es ist genug Spielraum
da.�</p><p>Leiser
st�tzte seinen Kopf mit der Hand, w�hrend er sich verzweifelt an die
Reihenfolge der Handgriffe zu erinnern versuchte, die ihm fr�her einmal schon
so selbstverst�ndlich gewesen waren. Johnson fuhr methodisch fort: ein Mann,
dem sein Beruf eine Selbstverst�ndlichkeit ist. Die sanfte Stimme, deren
Monolog die automatischen Bewegungen seiner Hand von Schalter zu Schalter
begleitete, war angenehm und sehr geduldig.</p><p>�ASE-Knopf
auf A f�r Abstimmung. Das bringt die Anzeige von Anode und Antenne auf zehn.
Jetzt k�nnen Sie den Trafo einschalten, ja?� Er deutete auf die Me�skala: �Sie
sollten eine Anzeige von dreihundert bekommen. Es ist nahe genug dran, Fred.
Jetzt kann ich's versuchen: ich drehe den Wahlknopf des Me�instrumentes auf
drei und spiel' mit der V-Abstimmung, bis ich den gr��ten Ausschlag bekomme.
Jetzt dreh' ich weiter auf sechs.�</p><p>�Was ist
V?�</p><p>�Verst�rker,
Fred. Wu�ten Sie das nicht?�</p><p>�Weiter.�</p><p>�Ich drehe
die Anodenabstimmung bis zum kleinsten Anschlag - hier ist er! Hundert, nicht
mehr, wenn der Knopf auf zwei zeigt. Jetzt den ASE r�ber auf S - S f�r Sender,
Fred - und Sie k�nnen auch schon die Antenne trimmen. Hier - dr�cken Sie auf
die Taste. So ist's recht sehen Sie? Sie bekommen einen h�heren Ausschlag,
weil Sie zus�tzlich Energie in die Antenne schicken, ist ja klar, nicht?�
Schweigend vollzog er das kurze Ritual der Antennenabstimmung, bis die Nadel
des Me�instrumentes gehorsam ihren vorgesehenen Platz einnahm. �Schon
erledigt�, erkl�rte er triumphierend. �So, jetzt ist Fred dran. Hier, Ihre
H�nde sind ja ganz na�. Sie m�ssen aber ein Wochenende gehabt haben, mein
Lieber! Warten Sie, Fred!� Johnson ging aus dem Zimmer und kam mit einer
riesigen wei�en Pfefferm�hle zur�ck, aus der er sorgf�ltig Kreidestaub auf den
schwarzen Knopf der Morsetaste streute. Er sagte: �Wenn Sie mich fragen, Fred,
dann lassen Sie die M�dchen in Ruhe, von jetzt an!� Leiser betrachtete seine
ge�ffnete Hand. In den Falten hatten sich Schwei�perlen gesammelt. �Ich konnte
nicht schlafen.�</p><p>�Das
glaube ich Ihnen sofort.� Johnson t�tschelte liebevoll den Ger�tekoffer. �Von
jetzt an werden Sie mit ihr hier schlafen. <emphasis>Sie </emphasis>ist Mrs.
Fred, klar? Und niemand anderer!� Er baute das Ger�t wieder ab und wartete,
bis Leiser mit kindlicher Langsamkeit begann, es m�hsam erneut zusammenzusetzen
- so viele Jahre waren seit damals vergangen. Tag f�r Tag sa�en Leiser und
Johnson im Schlafzimmer an dem kleinen Tisch und klopften ihre Meldungen
herunter. Manchmal fuhr Johnson auch mit dem Lieferwagen weg und lie� Leiser
allein. Dann ging es zwischen ihnen bis zum Morgengrauen hin und her. Oder
Leiser und Avery fuhren zu einem in Fairford gemieteten Haus - Leiser wurde
nicht allein fortgelassen -, von wo sie nach ihrem Erkennungszeichen Meldungen
absetzten, die wie die Spr�che von Amateurfunkern aufgemacht waren. Leiser
hatte sich merklich ver�ndert; er war nerv�s und unsicher geworden. Er
beschwerte sich bei Haldane dar�ber, wie m�hsam es sei, immer wieder die
Frequenz wechseln zu m�ssen, wie schwer es war, jedesmal das Ger�t neu abzustimmen,
wie wenig Zeit er daf�r hatte. Johnson gegen�ber verhielt er sich stets
unsicher. Johnson war sp�ter zu ihnen gesto�en, und aus irgendeinem Grund
bestand Leiser darauf, ihn als Au�enseiter zu behandeln, dem er keine volle
Zugeh�rigkeit zu der verschworenen Gemeinschaft zubilligen wollte, von der er
sich einbildete, da� sie zwischen Avery, Haldane und ihm selbst bestehe. Eine
besonders l�cherliche Szene ereignete sich einmal beim Fr�hst�ck. Leiser hob
den Deckel eines Marmeladetopfes, betrachtete den Inhalt und fragte, indem er
sich an Avery wandte: �Ist das Bienenhonig?�</p><p>Johnson beugte sich mit dem Messer
in der einen und dem Butterbrot in der anderen Hand �ber den Tisch. �In England
sagt man das nicht, Fred. Wir nennen es einfach Honig.�</p><p>�Das meine
ich: Honig, Bienenhonig.�</p><p>�Einfach:
Honig�, wiederholte Johnson. �Engl�nder sagen einfach Honig dazu.�</p><p>Leiser
setzte den Deckel wieder sorgf�ltig auf den Topf, Er war bla� vor Zorn. �Ich
brauche keine Belehrungen von Ihnen.�</p><p>Haldane
sah von seiner Zeitung auf und sagte scharf: �Seien Sie still, Johnson.
Bienenhonig ist absolut korrekt.�</p><p>Leisers
H�flichkeit hatte etwas Unterw�rfiges, seine Streitigkeiten mit Johnson
erinnerten an den Hinterhof. Von derartigen Zusammenst��en abgesehen, entwickelten
die beiden jedoch wie alle M�nner, die t�glich an einer gemeinsamen Aufgabe
zusammenarbeiten m�ssen, eine zunehmende Abh�ngigkeit von den gleichen
Hoffnungen, Stimmungen und Depressionen. Hatte es beim Unterricht keine
Schwierigkeiten gegeben, so verlief die folgende Mahlzeit in fr�hlicher
Stimmung. Die beiden warfen sich dann nur f�r Eingeweihte verst�ndliche
Bemerkungen �ber den Zustand der Ionosph�re, das �berwechseln auf eine andere
Frequenz oder einen ungew�hnlichen Instrumentenausschlag zu, der sich w�hrend
des Abstimmens ergeben hatte. Wenn der Unterricht schlecht verlaufen war,
sprachen sie wenig oder �berhaupt nicht, und alle au�er Haldane schlangen
hastig ihr Essen hinunter, da sie nichts zu sagen hatten. Manchmal fragte
Leiser, ob er nicht einen Spaziergang mit Avery machen k�nne, aber Haldane
sch�ttelte dann den Kopf und sagte, daf�r sei keine Zeit. Avery, ein schuldbewu�ter
Liebhaber, machte keine Anstalten, ihm zu Hilfe zu kommen.</p><p>Als die
zwei Wochen ihrem Ende entgegengingen, erhielt das Mayfly-Haus den Besuch
verschiedener Spezialisten aus London. Ein gro�er Mann mit tiefliegenden Augen
unterwies Leiser im Gebrauch einer �berkleinen Miniaturkamera mit Wechseloptik,
und ein Arzt - g�tig und vollkommen uninteressiert - lauschte endlos lange auf
Leisers Herzschlag. Auf diesem Besuch hatte das Schatzamt bestanden, da es um
die Frage der Hinterbliebenenrente ging. Leiser erkl�rte zwar, keine
Angeh�rigen zu besitzen, aber um das Schatzamt zufriedenzustellen, wurde er
dennoch untersucht.</p><p>Die Pistole
�bte eine sehr beruhigende Wirkung auf Leiser aus. Avery hatte sie ihm nach der
R�ckkehr von seinem freien Wochenende gegeben. Er bevorzugte ein Achselhalfter
- der Schnitt seiner Jacke lie� die Ausbuchtung kaum erkennen -, und am Ende eines
langen Tages pflegte er die Waffe hervorzuholen und mit ihr zu spielen, indem
er durch ihren Lauf blickte, sie hob und senkte wie damals im Schie�stand. �Es
gibt keine bessere Pistole�, sagte er dann, �zumindest nicht in diesem
Kaliber. Nicht geschenkt m�chte ich eine von den Typen, die sie auf dem Festland
verwenden. Das sind Waffen f�r Weiber. Wie ihre Autos. Ich kann Ihnen
versichern, John, die Drei-Acht ist die Beste.�</p><p>�Man nennt
sie jetzt Neun-Millimeter.� Die Ablehnung, die Leiser unverhohlen gegen�ber Fremden
zeigte, erreichte ihren unerwarteten H�hepunkt, als Hyde zu Besuch kam, ein
Mann aus dem Rondell. Es war ein Vormittag, an dem alles schiefging. Leiser
hatte nach der Stoppuhr geprobt, vierzig Gruppen entschl�sselt und dann
gesendet. Eine Funkbr�cke verband sein Schlafzimmer mit dem Johnsons, �ber die
sie hinter verschlossenen T�ren Meldungen austauschten. Johnson hatte ihm eine
Reihe international �blicher Kode-Abk�rzungen beigebracht: QRJ - Ihre Zeichen
sind zu schwach, QRW - bitte schneller, QSD - Sie morsen schlecht, QSM - letzte
Meldung wiederholen, QSZ - bitte jedes Wort zweimal senden, QRU - ich habe
nichts f�r Sie. Obwohl Johnsons Bemerkungen �ber die zunehmend ungleichm��iger
werdenden Morsezeichen Leisers derart verschl�sselt waren, verwirrten sie
Leiser noch mehr, bis er schlie�lich mit einem Fluch sein Ger�t abschaltete und
zu Avery hinunterging. Johnson folgte ihm.</p><p>�Hat
keinen Sinn, aufzugeben, Fred.�</p><p>�Lassen
Sie mich in Ruhe!�</p><p>�Schauen
Sie, Fred: Sie haben es ganz verkehrt gemacht. Ich habe Ihnen doch gesagt, Sie
sollten die Anzahl der kommenden Gruppen <emphasis>vor </emphasis>jeder
Meldung senden. Sie k�nnen sich aber auch gar nichts merken!�</p><p>�Und ich
habe Ihnen gesagt, Sie sollen mich in Ruhe lassen!� Er wollte gerade noch etwas
hinzusetzen, als die T�rglocke l�utete. Es war Hyde. Mit ihm kam ein Assistent,
ein dicker Mensch, der irgendein Mittel gegen die Folgen des schlechten
Wetters lutschte. Beim Mittagessen wurden keine Tonb�nder abgespielt. Ihre
G�ste sa�en nebeneinander und kauten m�rrisch, als h�tten sie jeden Tag das
gleiche Essen, das sie nur wegen des N�hrwertes zu sich nahmen. Hyde war ein
magerer, dunkelh�utiger Mann ohne den geringsten Anflug von Humor. Er erinnerte
Avery an Sutherland. Er war gekommen, um Leiser eine neue Identit�t zu geben.
Er hatte Papiere mitgebracht, die Leiser unterschreiben mu�te Ausweise, eine
Art Lebensmittelkarten, einen F�hrerschein, einen Erlaubnisschein, der zum
Betreten des Grenzgebietes innerhalb eines gewissen Abschnittes berechtigte -,
sowie ein altes Hemd, das er aus der Aktentasche zog. Nach dem Essen breitete
er alles auf dem Tisch im Salon aus, w�hrend der Assistent seine Kamera fertig
machte.</p><p>Leiser
mu�te das Hemd anziehen, und sie fotografierten ihn von vorn, so da� seine
beiden Ohren entsprechend den ostdeutschen Vorschriften zu sehen waren. Dann
zeigten sie ihm, wie er zu unterschreiben hatte.</p><p>Er wirkte nerv�s.</p><p>�Wir werden Sie Freiser nennen�,
sagte Hyde, als sei die Angelegenheit damit erledigt. �Freiser? Das klingt ja
wie mein richtiger Name.�</p><p>�Eben. Das soll es auch. Ihre
Leute wollten es so haben. F�r die Unterschriften und so - damit's keine
Schwierigkeiten damit gibt. Besser, Sie versuchen es vorher ein paarmal, ehe
Sie unterschreiben.�</p><p>�Ich h�tte es lieber anders. Ganz
anders.�</p><p>�Wir werden bei Freiser bleiben,
glaube ich�, sagte Hyde. �So ist es auf h�herer Ebene entschieden worden.�
Hyde war ein Mann, der sich ganz auf passive Verbalformen verlie�. Eine
ungem�tliche Stille folgte. �Ich will's anders. Mir gef�llt Freiser nicht, und
ich m�chte es anders.� Auch Hyde gefiel ihm nicht, und er war drauf und dran,
das ebenfalls zu sagen. Haldane mischte sich ein. �Sie haben sich den Anweisungen
zu f�gen. Die Organisation hat die Entscheidung getroffen. Von �nderungen kann
keine Rede sein.�</p><p>Leiser war
sehr bla� geworden. �Dann kann man diese Anweisungen verdammt einfach durch
neue ersetzen. Ich will einen anderen Namen, weiter nichts. Das ist doch nicht
viel, Herrgott, oder? Ich will nicht mehr als einen anderen Namen. Einen
anst�ndigen, nicht so eine halbseidene Imitation.�</p><p>�Ich
verstehe nicht�, sagte Hyde. �Es ist doch nur f�r eine �bung, nicht?�</p><p>�Sie
brauchen gar nichts zu verstehen, Sie sollen es nur �ndern. Mehr nicht. Wer,
zum Teufel, glauben Sie eigentlich zu sein, da� Sie hier einfach reinkommen und
mich herumkommandieren? �</p><empty-line/><p>�Ich werde mit London sprechen�,
sagte Haldane und ging in sein Zimmer hinauf. W�hrend sie warteten, bis er
wieder herunterkam, herrschte peinliches Schweigen.</p><p>�Sind Sie mit &gt;Hartbeck&lt;
zufrieden?� fragte Haldane. Seine Stimme war nicht ohne Sarkasmus. Leiser
l�chelte. �Hartbeck. Das ist gut.� Er breitete seine Arme in einer
Entschuldigung heischenden Geste aus. �Hartbeck ist gut.�</p><p>Leiser
�bte die Unterschrift zehn Minuten, dann unterzeichnete er die Papiere, wobei
er jedesmal zuerst eine kleine Bewegung machte, als m�sse er Staub entfernen.</p><p>Hyde
erkl�rte ihnen die Dokumente. Er brauchte sehr lange dazu. In Ostdeutschland,
sagte er, gebe es derzeit kein richtiges Rationierungssystem, aber man lasse
sich bei bestimmten Gesch�ften einschreiben und erhalte eine Best�tigung
dar�ber. Er erkl�rte das Prinzip der Reisegenehmigungen und die Voraussetzungen,
unter denen man welche bekomme. Er sprach lange dar�ber, da� Leiser seinen
Personalausweis jedesmal ungefragt vorlegen m�sse, wenn er eine Fahrkarte
kaufen oder ein Hotelzimmer nehmen wolle. Leiser begann mit ihm zu streiten,
und Haldane versuchte, die Sitzung abzubrechen. Hyde achtete nicht auf ihn.
Erst als er fertig war, nickte er ihnen zu und ging, gemeinsam mit seinem
Fotografen, nachdem er noch das alte Hemd zusammengelegt und in seiner
Aktentasche verstaut hatte, als geh�re es zu seiner Ausr�stung.</p><p>Der
Ausbruch Leisers schien Haldane sehr zu besch�ftigen. Er rief in London an und
befahl seinem Assistenten Gladstone, in Leisers Akte nach irgendeinem Hinweis
auf den Namen Freiser zu suchen. Er lie� in allen Namenslisten nachsehen - ohne
Erfolg. Als Avery andeutete, Haldane messe dem Zwischenfall wohl zuviel
Bedeutung bei, sch�ttelte der andere den Kopf. �Wir warten auf den zweiten
Schwur�, sagte er.</p><p>Nach Hydes
Besuch erhielt Leiser nun t�glich Unterricht �ber seine neue Identit�t. Er,
Avery und Haldane entwarfen Schritt f�r Schritt eine bis ins kleinste Detail
gehende Lebensgeschichte des Mannes Hartbeck. Sie f�hrten ihn in seinen
Berufsalltag ein, in seine Vorlieben und Freizeitgewohnheiten, sein
Liebesleben und die Wahl seines Freundeskreises. Zusammen drangen sie bis in
die entlegensten Ecken des mutma�lichen Daseins dieses Mannes vor, verliehen
ihm F�higkeiten und Eigenschaften, die Leiser selbst kaum besa�.</p><p>Woodford
brachte die neuesten Nachrichten aus London.</p><p>�Der
Direktor h�lt sich gro�artig.� Die Art, in der Woodford das sagte, klang, als
ringe Leclerc mit einer schweren Krankheit. �Heute in einer Woche fahren wir
nach L�beck. Jimmy Gorton hat sich um die deutschen Grenzer gek�mmert. Er
sagt, sie seien ziemlich zuverl�ssig. Wir haben die Stelle f�r den �bergang
festgelegt, und ein Bauernhaus au�erhalb der Stadt gemietet. Er hat
ausgestreut, wir w�ren eine Gruppe von Wissenschaftlern, die Ruhe und frische
Luft haben wollen.� Woodford warf Haldane einen Blick geheimen
Einverst�ndnisses zu. �Die Organisation arbeitet gro�artig. Wie 'ne Eins. Und
welcher Geist dahintersteckt, Adrian! Jetzt fragt kein Mensch nach den
Dienststunden. Oder nach dem Rang - Dennison, Sandford. wir sind einfach ein
Team, Sie sollten mal sehen, wie sich Clarkie im Ministerium wegen der Pension
f�r die Frau des armen Taylor schl�gt.� Mit leiser Stimme setzte er hinzu: �Wie
macht sich Mayfly?�</p><p>�Ganz gut.
Er ist oben und morst.�</p><p>�Seine
Nerven? Ist er noch mal so explodiert, oder was �hnliches?�</p><p>�Nicht,
da� ich w��te�, erwiderte Haldane, als sei es ohnehin nicht zu erwarten, da� er
Bescheid wisse.</p><p>�Entwickelt
er Unternehmungslust? Manchmal wollen sie hin und wieder ein M�dchen.� Woodford
hatte Zeichnungen von sowjetischen Raketen mitgebracht. Sie waren von
Zeichnern des Ministeriums nach Fotografien aus der Auswertungsabteilung
angefertigt worden und ma�en 60 mal 90 Zentimenter. Man hatte sie s�uberlich
auf Karton aufgezogen. Einige waren als Geheimsache gestempelt. Besonders
wichtige Merkmale waren mit kleinen Pfeilen bezeichnet, und die Beschriftung
wirkte seltsam kindisch: Flosse, Spitze, Treibsatz, Ladung. Neben jeder Rakete
stand eine lustige kleine Figur, die wie ein Pinguin mit Sturzhelm aussah, und
daneben hie� es in Druckschrift: �Menschliche Durchschnittsgr��e�. Woodford
verteilte sie an den W�nden des Zimmers, als seien sie sein eigenes Werk. Avery
und Haldane sahen ihm schweigend dabei zu.</p><p>�Er kann
sie sich nach dem Essen ansehen�, sagte Haldane. �Lassen Sie sie bis dahin
zusammen.�</p><p>�Ich habe
auch einen Film mitgebracht, um ihm etwas Hintergrundinformationen zu geben:
Startvorbereitungen, wie diese Dinge transportiert werden, ein bi�chen �ber
ihre Zerst�rungskraft. Der Direktor meinte, es w�re nicht schlecht, wenn er
wei�, was man damit anrichten kann. Es k�nnte ihn anfeuern.�</p><p>�Er
braucht keine Anfeuerung�, sagte Avery. Dann fiel Woodford etwas ein. �Ach ja:
Ihr kleiner Gladstone m�chte mit Ihnen sprechen. Er sagte, es sei dringend -
wu�te nur nicht, wie er Sie erreichen kann. Ich sagte ihm, Sie w�rden anrufen,
sobald Sie Zeit haben. Offenbar haben Sie ihn gebeten, irgendwas im
Mayfly-Gebiet zu erledigen. Wegen der Industrie - oder waren es Man�ver? Er
sagte, er h�tte die Antwort jetzt vorliegen. Er geh�rt zur besten Kategorie
untergeordneter Dienstgrade, dieser Bursche.� Nach einem Blick zur Decke fragte
er: �Wann kommt Fred herunter?�</p><p>Haldane
sagte scharf: �Ich m�chte nicht, da� Sie ihn sehen, Bruce.� Es kam nicht oft
vor, da� Haldane einen Vornamen ben�tzte. �Sie werden leider in der Stadt
essen m�ssen. Verrechnen Sie es.�</p><p>�Warum
denn das, um Himmels willen?�</p><p>�Sicherheit.
Ich sehe keine Notwendigkeit, da� er mehr Leute von uns kennt, als unbedingt
erforderlich ist. Die Zeichnungen sprechen f�r sich selbst. Nehme an, der Film
nicht weniger.�</p><p>Woodford
ging, zutiefst verletzt. Jetzt wu�te Avery, da� Haldane Leisers Irrglauben
aufrechterhalten wollte, die Organisation besch�ftige keine Trottel. F�r den
letzten Tag des Kurses hatte Haldane eine ausgedehnte �bung vorgesehen, die von
zehn Uhr vormittags bis acht Uhr abends dauern sollte. Sie verband optische
Beobachtungen in der Stadt, heimliches Fotografieren und das Abh�ren von
Tonb�ndern miteinander. Die von Leiser tags�ber gesammelten Informationen
waren dann in einen Bericht zusammenzufassen, der verschl�sselt und am Abend
per Funk an Johnson durchzugeben war. Am Morgen, w�hrend der Befehlsausgabe,
herrschte Ausgelassenheit. Johnson machte eine scherzhafte Bemerkung dar�ber,
da� man nicht aus Versehen die Polizei von Oxford fotografieren solle, wor�ber
Leiser herzhaft lachte. Selbst Haldane erlaubte sich ein schiefes L�cheln. Es
war Semesterschlu�, die Jungen standen kurz vor der Heimfahrt.</p><p>Die �bung
war ein gro�er Erfolg. Johnson war zufrieden, Avery begeistert, Leiser
deutlich entz�ckt. Sie hatten zwei Sendungen gemacht, die fehlerlos ausgefallen
waren, wie Johnson berichtete. Fred sei ruhig und sicher wie ein Felsen
gewesen. Als sie um acht Uhr zum Abendessen zusammenkamen, trugen sie ihre
besten Anz�ge. Das Essen war besonders gut, und Haldane stellte den Rest seines
Burgunders zur Verf�gung, mit dem sie Trinkspr�che ausbrachten. Sie sprachen
von regelm��igen Treffen, zu denen sie in k�nftigen Jahren zusammenkommen
wollten. Leiser sah sehr schneidig aus in seinem dunkelblauen Anzug mit der
silbernen Moirekrawatte. Johnson wurde ziemlich betrunken und lie� sich nicht
davon abhalten, Leisers Funkger�t herunterzuholen, dem er dann mehrmals als
der &gt;Frau Hartbeck&lt; zuprostete. Avery und Leiser sa�en beisammen. Die
Entfremdung der letzten Woche war gewichen.</p><p>Am
n�chsten Tag, einem Samstag, kehrte Avery mit Haldane nach London zur�ck.
Leiser mu�te mit Johnson bis zur Abreise der ganzen Gruppe nach Deutschland
in Oxford zur�ckbleiben. Die Abreise sollte Montag erfolgen. Am Sonntag w�rde
ein Lieferwagen der Luftwaffe kommen und Leisers Ger�tekoffer abholen, der
unabh�ngig von ihnen zu Gorton nach Hamburg, und zusammen mit Johnsons
transportabler Funkstation zu dem Bauernhaus in der N�he von L�beck gebracht
werden sollte, von dem aus das Unternehmen Mayfly seinen Ausgang nehmen w�rde.
Ehe Avery das Haus verlie�, machte er noch einen letzten Rundgang, teils aus
Sentimentalit�t, teils aus Sorge um die Einrichtung, da er den Mietvertrag
unterschrieben hatte.</p><p>W�hrend
der Reise nach London war Haldane sehr unruhig.</p><p>Offenbar
wartete er noch immer auf irgendeine unvorhergesehene Krise Leisers.</p><p><strong><emphasis/></strong></p><p><strong><emphasis>15. Kapitel </emphasis></strong></p><empty-line/><p>Es war am selben Abend. Sarah war
schon im Bett. Ihre Mutter hatte sie nach London gebracht. �Wann immer du mich
brauchst�, sagte er, �komme ich zu dir, wo du auch bist.�</p><p>�Du meinst, wenn ich im Sterben
liege.� Analysierend f�gte sie hinzu: �Das gleiche tue ich f�r dich, John.</p><p>Darf ich meine Frage jetzt
wiederholen?�</p><p>�Montag. Es f�hrt eine Gruppe von
uns.� Wie Kinder spielten sie getrennt, jeder f�r sich.</p><p>�Ich welchen Teil Deutschlands?�</p><p>�Einfach Deutschland, Westdeutschland.
Zu einer Konferenz.�</p><p>�Noch mehr Leichen?�</p><p>�Himmelherrgott,
Sarah, glaubst du, ich will dir etwas verheimlichen?�</p><p>�Ja, John, das glaube ich�, sagte
sie einfach. �Ich glaube, dir w�rde an dem Job gar nichts mehr liegen, wenn du
mir davon erz�hlen d�rftest. Es gibt dir eine Freiheit, von der ich
ausgeschlossen bin.�</p><p>�Ich kann dir nur sagen, da� es
eine gro�e Sache ist... ein gro�e Operation. Mit Agenten. Ich habe sie geschult.�</p><p>�Wer ist
der Leiter?�</p><p>�Haldane.�</p><p>�Ist das nicht derselbe, der dir
Intimit�ten �ber seine Frau erz�hlt? Ich finde ihn einfach widerlich.�</p><p>�Nein, das ist Woodford. Haldane
ist ganz anders. Er ist seltsam. Pedantisch, zur�ckhaltend. Sehr f�hig.�</p><p>�Aber sie sind alle f�hig, nicht
wahr? Auch Woodford ist f�hig.�</p><p>Ihre Mutter brachte den Tee
herein. �Wann kannst du aufstehen?� fragte er. �Wahrscheinlich Montag. H�ngt
vom Doktor ab.�</p><p>�Sie wird Ruhe brauchen�, sagte
ihre Mutter und ging hinaus.</p><p>�Wenn du daran glaubst, tu es�,
sagte Sarah. �Aber mach nicht...� Sie brach ab und sch�ttelte den Kopf, jetzt
das kleine M�dchen.</p><p>�Du bist eifers�chtig. Du bist
eifers�chtig auf meine Arbeit und die Schweigepflicht. Du <emphasis>willst </emphasis>nicht, da�
ich an meine Arbeit glaube!�</p><p>�Mach weiter. Glaube an sie, wenn
du kannst.� Eine Zeitlang sahen sie einander nicht an. �Wenn es nicht wegen
Anthony w�re, w�rde ich dich wirklich verlassen�, sagte Sarah schlie�lich.
�Weshalb?� fragte Avery hoffnungslos. Dann bemerkte er die g�nstige
Gelegenheit: �La� dich durch Anthony nicht abhalten.�</p><p>�Du redest nie mit mir: genausowenig
wie du mit Anthony redest. Er kennt dich kaum.�</p><p>�Wor�ber kann man schon reden?�</p><p>�Ach Gott!�</p><p>�Du wei�t,
da� ich nicht �ber meine Arbeit sprechen kann. Ich erz�hle dir sowieso mehr,
als ich d�rfte: das ist der Grund, warum du immer �ber die Organisation
spottest, nicht wahr? Du kannst sie nicht verstehen und willst es auch nicht.
Es pa�t dir nicht, da� sie geheim ist, aber du verachtest mich, wenn ich gegen
diese Regel versto�e.�</p><p>�Fang
nicht wieder damit an.�</p><p>�Ich tue
es auch nicht�, sagte Avery. �Ich habe mich entschieden.�</p><p>�Aber
vergi� diesmal wenigstens das Geschenk f�r Anthony nicht.�</p><p>�Ich habe
ihm doch diesen Milchwagen gekauft.� Wieder schwiegen sie.</p><p>�Du
solltest Leclerc kennenlernen�, sagte Avery. �Ich glaube, du solltest mit ihm
sprechen. Er schl�gt es immer wieder vor. Ein Abendessen. er w�rde dich
vielleicht �berzeugen.�</p><p>�Wovon?�</p><p>Sie hatte
entdeckt, da� vom Saum ihres Bettj�ckchens ein Faden herunterhing. Seufzend
nahm sie aus der Lade des Nachttisches eine Nagelschere und schnitt ihn ab.</p><p>�Du h�ttest ihn vern�hen sollen.
So machst du nur deine Kleider kaputt�, sagte Avery. �Wie sind sie?� fragte
sie, �diese Agenten. Warum tun sie es?�</p><p>�Zum Teil
aus Loyalit�t, zum Teil f�r Geld, nehme ich an.�</p><p>�Du willst sagen, du bestichst
sie?�</p><p>�Halt den Mund!�</p><p>�Sind es Engl�nder?�</p><p>�Einer von ihnen. Stell mir keine
Fragen mehr, Sarah; ich kann es dir nicht sagen.� Sein Kopf n�herte sich dem
ihren. �Frag mich nicht, Liebes.� Er griff nach ihrer Hand. Sie zog sie nicht
zur�ck. �Und es sind alles M�nner?�</p><p>�Ja.�</p><p>Pl�tzlich
sagte sie schnell und mit v�llig ver�nderter Stimme, ohne Tr�nen zwar, aber
sehr bewegt, als sei die Zeit der Gespr�che vorbei und dies ihr Entschlu�:
�John, ich m�chte es wissen. Ich mu� es wissen, jetzt, bevor du gehst. Es ist
eine schrecklich unenglische Frage, aber seit du dort arbeitest, hast du mir
immer wieder gesagt, da� Menschen nicht z�hlten, ich nicht, Anthony nicht, und
nicht die Agenten. Du hast mir gesagt, du h�ttest eine Berufung gefunden. Was ruft
dich, das m�chte ich wissen. Was ist das f�r eine Art Berufung? Das ist die
Frage, auf die du mir nie eine Antwort gegeben hast und derentwegen du dich vor
mir versteckst. Bist du ein M�rtyrer, John? Sollte ich dich f�r deine Taten
bewundern? Bringst du Opfer?�</p><p>Avery
sagte kurz, wobei er es vermied, sie anzusehen: �Es ist nichts von alledem.
Ich mache eine Arbeit. Ich bin ein Techniker, ein R�dchen im Apparat. Du
willst mich zu dem Gest�ndnis bringen, da� ich auf zwei verschiedenen Ebenen
denke. Du willst mir den Widerspruch beweisen.�</p><p>�Nein. Du
hast schon gesagt, was ich h�ren wollte: da� ihr euer Leben abschirmen m��tet
und diese Abschirmung nicht durchbrechen d�rftet. Das ist nicht auf zwei
Ebenen gedacht, sondern �berhaupt nicht. Es ist so dem�tig gehandelt. H�ltst du
dich wirklich f�r so klein?�</p><p>�Du hast
mich klein gemacht. Verh�hne mich nicht. Jetzt machst du mich klein.�</p><p>�John, ich
schw�re dir, da� ich das nicht will. Als du gestern abend nach Hause kamst,
hast du wie frisch verliebt ausgesehen. Auf eine Art verliebt, bei der man
zufrieden und gl�cklich ist. Du wirktest befreit und gelockert. Einen
Augenblick dachte ich, du h�ttest eine Frau gefunden. Das war der Grund, warum
ich gefragt habe, ob es nur M�nner gebe. Ich dachte, du w�rest verliebt. Jetzt
sagst du mir, du seist eine Null, und scheinst auch noch stolz darauf zu sein.�
Er wartete, dann sagte er mit dem gleichen L�cheln, das er auch Leiser zu
schenken pflegte: �Du hast mir schrecklich gefehlt, Sarah. Ich bin in Oxford zu
dem Haus gegangen, dem Haus in der Chandos Road, erinnerst du dich? Es ist f�r
uns sch�n dort gewesen, nicht wahr?� Er dr�ckte ihre Hand. �Sehr sch�n. Ich
dachte daran, an unsere Heirat, an dich. Und an Anthony. Ich liebe dich,
Sarah. Ich liebe dich wirklich. F�r alles. wie du unseren Sohn erziehst.� Er
lachte leise. �Ihr seid beide so verletzbar, da� ich euch manchmal kaum
auseinanderhalten kann.� Sie antwortete nicht, also fuhr er fort: �Ich dachte,
wir k�nnten vielleicht aufs Land ziehen, ein Haus kaufen. Ich bin jetzt fest
drin: Leclerc w�rde uns sicher helfen, einen Kredit zu bekommen. Dann k�nnte Anthony
im Garten spielen. Man braucht sich nicht mit allem abzufinden. Wir k�nnten ins
Theater gehen, wie in Oxford.�</p><p>Sie sagte
abwesend: �Ja, taten wir das? Auf dem Land k�nnen wir doch nicht ins Theater
gehen, oder?�</p><p>�Die
Organisation bedeutet mir etwas, verstehst du das nicht? Es ist eine wirkliche
Position. Und wichtig, Sarah.�</p><p>Sie schob ihn sanft weg. �Meine
Mutter hat uns f�r Weihnachten nach Reigate eingeladen.�</p><p>�Wird sehr nett sein. Schau, wegen
des B�ros: Nach allem, was ich getan habe, ist man mir jetzt verpflichtet. Sie
erkennen mich als Gleichwertigen an, als Kollegen. Ich bin einer von ihnen.�</p><p>�Du tr�gst also keine
Verantwortung? Du bist nur ein Teil der Gruppe. Also brauchst du keine Opfer zu
bringen.� Sie waren so weit wie am Anfang. Avery, der das nicht begriffen
hatte, fuhr sanft fort: �Ich kann ihm doch sagen, da� du kommen wirst? Da� wir
einmal zusammen essen gehen?�</p><p>�Herrgott noch mal, John�, fuhr sie
ihn an, �h�r auf, mich wie einen deiner verdammten Agenten zu behandeln.�</p><p>Haldane
sa� inzwischen an seinem Schreibtisch und studierte Gladstones Bericht. Zweimal
hatte es in der Gegend von Kalkstadt Man�ver gegeben: 1952 und 1960. Beim
zweitenmal hatte russische Infanterie ohne Deckung aus der Luft, aber mit der
Unterst�tzung schwerer Panzer einen Angriff auf Rostock simuliert. �ber das
Man�ver im Jahre 1952 wu�te man wenig, au�er, da� ein gro�er Truppenteil die
Stadt Wolken besetzt hatte. Man nahm an, da� sie magentarote Schulterst�cke
getragen hatten. Der Bericht war nicht zuverl�ssig. Beide Male war die Gegend
zum Sperrgebiet erkl�rt gewesen, und zwar bis zur K�ste im Norden. Der Bericht
enthielt auch eine lange Aufz�hlung der wichtigsten Industrieanlagen dieser
Gegend. Es gab einige Hinweise - sie stammten vom Rondell, das sich aber
weigerte, die Quelle anzugeben -, da� auf einem Plateau �stlich von Wolken eine
neue Raffinerie errichtet w�rde, und da� die maschinelle Ausr�stung aus
Leipzig geliefert worden war. Es war zwar unwahrscheinlich, aber doch denkbar,
da� das Material auf dem Schienenweg �ber Kalkstadt bef�rdert worden war. Es
gab weder einen Hinweis auf irgendwelche Ver�nderungen der Bev�lkerung oder
der Industrie noch irgendeinen Vorfall, der auf eine vor�bergehende
Absperrung dieser Stadt h�tte schlie�en lassen k�nnen.</p><p>Unter
Haldanes Eing�ngen lag eine Notiz vom Archiv: Man habe die von ihm
angeforderten Akten herausgesucht, er k�nne sie aber nur in der Bibliothek
lesen, da einige den Geheimhaltungsvorschriften unterl�gen. Er ging hinunter,
�ffnete das Kombinationsschlo� an der Stahlt�r zum Archiv und tastete vergebens
nach dem Lichtschalter. Schlie�lich gab er es auf und tastete sich im Dunkeln
zwischen den Regalen hindurch bis zu dem kleinen fensterlosen Raum im
hintersten Teil des Geb�udes, wo die wichtigsten und strengst geheimen
Dokumente aufbewahrt wurden. Es war stockdunkel. Er ri� ein Streichholz an,
fand den Schalter und machte Licht. Auf dem Tisch lagen zwei mit rotem Band
verschn�rte Aktenb�ndel. Das eine war die Akte Mayfly, die bereits drei Ordner
f�llte und nur einem sehr beschr�nkten Personenkreis zug�nglich war. Eine Liste
der entsprechenden Namen war auf den Deckel geklebt. Das zweite B�ndel trug die
Anschrift: &gt;Betr�ger (Sowj. und Ostdeutschland), und war eine in
Kartonmappen musterhaft angelegte Sammlung von Papieren und Fotografien. Nach
einem kurzen Blick in die Akte Mayfly wandte Haldane seine Aufmerksamkeit den
Mappen zu und bl�tterte in der entmutigenden Ansammlung von Schurken,
Doppelagenten und Verr�ckten, die in jedem denkbaren Winkel der Erde unter
jedem denkbaren Vorwand - und manchmal sogar mit Erfolg - versucht hatten,
die westlichen Nachrichtendienste zu t�uschen. Ihre Arbeitsweise war von
langwieriger Gleichf�rmigkeit: ein K�rnchen Wahrheit, das aus Berichten der
Tagespresse und dem Tratsch des Wochenmarktes stammte, wurde mit eigenen
Zufallsbeobachtungen vermischt, die jegliche Sorgfalt vermissen lie�en und
dadurch die Verachtung des Betr�gers f�r den Betrogenen verrieten, um sich
schlie�lich in einem Schwall bl�hender Phantasie aufzul�sen, der mit seiner
schon beinahe k�nstlerischen Unversch�mtheit auch noch die letzte Beziehung
zur Wahrheit zerst�rte.</p><p>Einer der
Berichte war durch einen eingelegten Zettel mit Gladstones Initialen
gekennzeichnet, auf dem in behutsamer runder Handschrift vermerkt war: �K�nnte
f�r Sie interessant sein.�</p><p>Es war der
Bericht eines Fl�chtlings �ber Versuche, die angeblich mit sowjetischen Panzern
in der N�he von Gutsweiler angestellt worden waren. Er trug den Vermerk: �Nicht
verwenden. Erfindung!� Der Vermerk war mit einer ausf�hrlichen Begr�ndung
versehen, aus der hervorging, da� ganze Abs�tze wortw�rtlich von einem 1949
erschienenen sowjetischen Milit�rhandbuch abgeschrieben waren. Der Verfasser
schien einfach jede Zahlenangabe des Originals um rund ein Drittel vergr��ert
und das Ganze mit einigen eigenen Einfallen gew�rzt zu haben. Er hatte sechs
sehr verwackelte Fotos beigelegt, die den Eindruck erweckten, als seien sie
mit dem Teleobjektiv aus einem fahrenden Zug aufgenommen worden. Auf der
R�ckseite der Fotos stand in McCullochs sorgf�ltiger Schrift: �Ben�tzte
angeblich Exa Zwei-Kamera. Ostdeutsches Fabrikat, schlechtes Geh�use. Exakta
Tele-Optik. Niedere Verschlu�geschwindigkeit. Negative durch R�tteln des Zuges
sehr verwackelt. Sehr zweifelhaft.� Das alles sagte nicht viel. Die gleiche
Kameramarke, mehr nicht. Er schlo� das Archiv ab und ging nach Hause. Leclerc
hatte gesagt, es sei nicht seine Aufgabe, den Beweis zu erbringen, da�
Christus wirklich am Weihnachtstag auf die Welt gekommen sei. Noch viel
weniger, dachte Haldane, war es seine Aufgabe, den Beweis daf�r zu erbringen,
da� Taylor wirklich ermordet worden war.</p><p>Woodfords
Frau gab etwas Soda in ihren Scotch, nur einen Spritzer: mehr aus Gewohnheit,
als aus Bed�rfnis.</p><p>�Du meine G�te, im B�ro schlafen!�
sagte sie. �Bekommst du Einsatzzulage?�</p><p>�Ja, selbstverst�ndlich.�</p><p>�Also ist es keine Konferenz,
nicht wahr? Eine Konferenz ist kein Einsatz. Au�er�, f�gte sie kichernd hinzu,
�ihr habt sie im Kreml.�</p><p>�Also gut,
es ist keine Konferenz. Es ist ein Einsatz. Und deshalb die Zulage.�</p><p>Sie
betrachtete ihn durch den aufsteigenden Rauch der zwischen ihren Lippen
steckenden Zigarette mit einem erbarmungslosen Blick ihrer halb geschlossenen
Augen. Sie war eine magere, kinderlose Frau. �In Wirklichkeit ist �berhaupt
nichts los. Du hast das alles erfunden.� Sie begann zu lachen. Es klang hart
und b�se. �Du armer Dummkopf.� Wieder lachte sie. �Wie geht's dem kleinen
Clarkie? Ihr habt alle Angst vor ihm, nicht wahr? Warum sagst du nie etwas
gegen ihn? Jimmy Gorton war anders. Der hat ihn durchschaut.�</p><p>�Erz�hl mir nichts von Jimmy
Gorton.�</p><p>�Jimmy ist wunderbar!�</p><p>�Babs, ich
warne dich!�</p><p>�Der arme
Clarkie.� Sie wurde nachdenklich. �Erinnerst du dich an die Einladung zu
diesem netten kleinen Abendessen in seinem Club? Damals, als er sich pl�tzlich
erinnert hatte, da� er sich auch uns gegen�ber einmal als Wohlt�ter erweisen
m��te? Steak und Nieren und tiefgek�hlte Erbsen.� Sie nippte an ihrem Whisky.
�Und warmer Gin.� Pl�tzlich durchfuhr sie ein Gedanke. �Ich frage mich, ob er
jemals eine Frau gehabt hat�, sagte sie. �Herrgott, warum ist mir das nicht
schon eher eingefallen!� Woodford kehrte auf festeren Boden zur�ck. �Also gut,
es ist nichts los.� Er stand mit einem dummen Grinsen auf und holte sich
Streichh�lzer vom Schreibtisch.</p><p>�Hier
wirst du deine verdammte Pfeife nicht rauchen�, sagte sie automatisch.</p><p>�Also es ist nichts los�,
wiederholte er zufrieden, z�ndete seine Pfeife an und sog ger�uschvoll daran.
�Gott, ich hasse dich!�</p><p>Woodford
sch�ttelte, noch immer grinsend, den Kopf. �Mach dir nichts draus�, sagte er.
�Mach dir einfach nichts draus. Du hast es gesagt, meine Liebe, und nicht ich.
Ich schlafe nicht im B�ro. Damit ist alles in Ordnung, nicht wahr? Ich bin auch
nicht in Oxford gewesen. Ich war nicht einmal im Ministerium. Ich habe auch
kein Auto bekommen, das mich am Abend nach Hause bringt.�</p><p>Sie beugte
sich vor. Ihre Stimme klang pl�tzlich dr�ngend und gef�hrlich. �Was ist los?�
stie� sie hervor. �Ich habe ein Recht darauf, <emphasis>es </emphasis>zu
erfahren. Ich bin deine Frau, oder nicht? Diesen kleinen Huren im B�ro erz�hlt
ihr es ja auch, oder? Also rede!�</p><p>�Wir
schicken einen Mann �ber die Grenze�, sagte Woodford. Jetzt war es an ihm, zu
triumphieren. �Hier in London habe <emphasis>ich </emphasis>die Sache
in der Hand. Es ist eine Krise, vielleicht gibt's sogar einen Krieg. Es handelt
sich um eine verdammt heikle Sache.� Das Streichholz war ausgegangen, aber er
schwenkte es noch immer mit weit ausholender Armbewegung hin und her, w�hrend
er sie triumphierend ansah. �Verdammter L�gner�, sagte sie. �Das kannst du jemand
anderem erz�hlen!�</p><p>In der
Kneipe in Oxford waren fast keine Menschen. Die paar G�ste standen an der
Theke, und sie hatten die Tische f�r sich allein. Leiser nippte an einem White
Lady, w�hrend der Funker das teuerste Bier bestellt hatte. Es ging auf Rechnung
der Organisation. �Nehmen Sie's einfach mit der Ruhe, Fred�, dr�ngte er
freundschaftlich. �Mehr brauchen Sie nicht zu tun. Sie sind beim letztenmal
gro�artig gewesen. Wir werden Sie sehr gut h�ren k�nnen. Da brauchen Sie sich
keine Sorgen zu machen. Sie sind nur hundert Kilometer hinter der Grenze. Es
ist ein Kinderspiel, solange Sie sich an die Regeln erinnern. Lassen Sie sich
nur beim Abstimmen Zeit, sonst sind wir alle aufgeschmissen.�</p><p>�Werde
daran denken. Keine Bange.�</p><p>�Sie
k�nnen ganz unbesorgt sein. Die Jerries werden Sie nicht h�ren. Sie geben ja
keine Liebesbriefe durch, sondern nur eine Handvoll Zahlengruppen. Dann ein
neues Rufzeichen und eine andere Frequenz. Die werden's nie herausfinden,
nicht in der kurzen Zeit, die Sie dr�ben sind.�</p><p>�Vielleicht
k�nnen sie es doch, heutzutage�, sagte Leiser. �Wom�glich haben sie seit dem Krieg
dazugelernt.�</p><p>�Die
m�ssen sich mit allen m�glichen Arten von Funkverkehr herumschlagen. Seefahrt,
Milit�r, Luftsicherung, Gott wei� was noch. Die sind auch keine �bermenschen,
Fred. Die sind wie wir. Ein tr�ger Haufen. Keine Bange.�</p><p>�Ich habe
keine Bange. Im Krieg haben sie mich auch nicht gefa�t. Lange nicht.�</p><p>�Passen
Sie auf, Fred. Was halten Sie davon: noch einen Drink und dann schleichen wir
uns hier und machen uns eine gem�tliche Stunde mit Frau Hartbeck? Ohne Licht,
hm? Sie ist sch�chtern, hat's lieber im Dunkeln. Dann haben wir's ganz sicher,
ehe wir uns langlegen. Und morgen machen wir blau.� Dann setzte er f�rsorglich
hinzu: �Schlie�lich ist morgen Sonntag, nicht wahr?�</p><p>�Ich
m�chte schlafen. Kann ich nicht mal etwas schlafen, Jack?�</p><p>�Morgen,
Fred. Morgen k�nnen Sie sich h�bsch ausruhen.� Er dr�ckte Leisers Ellbogen.
�Jetzt sind Sie verheiratet, Fred. Da kann man nicht immer schlafen, wissen
Sie? Sie haben nun mal den Schwur geleistet. Das pflegten wir fr�her immer zu
sagen.�</p><p>�Schon recht,
nun lassen Sie das endlich, ja?� Leisers Stimme klang gereizt. �H�ren Sie blo�
damit auf.�</p><p>�Tut mir
leid, Fred.�</p><p>�Wann
fahren wir nach London?�</p><p>�Montag,
Fred.�</p><p>�Wird John
dort sein?�</p><p>�Wir
treffen ihn auf dem Flugplatz. Und den Captain. Sie wollten, da� wir noch ein
bi�chen �ben, die Routinesachen und so.�</p><p>Leiser nickte, w�hrend er mit dem
Zeige- und Mittelfinger leicht auf den Tisch klopfte, als w�rde er morsen.
�Also - weshalb erz�hlen Sie nicht ein bi�chen von den M�dchen, die Sie bei
Ihrem Urlaub in London vernascht haben?� schlug Johnson vor. Leiser sch�ttelte
den Kopf.</p><p>�Na gut,
dann schmei� ich jetzt noch 'ne Runde, und Sie laden mich auf eine Partie
Billard ein.�</p><p>Leiser
l�chelte sch�chtern. Er hatte seinen �rger vergessen. �Ich habe viel mehr Geld
als Sie, Jack. Der White Lady kostet 'ne Menge. Lassen Sie nur.� Er kreidete
seinen Billardstock und warf eine M�nze ein. �Ich spiel doppelt oder nichts
gegen Sie - f�r gestern abend.�</p><p>�Schauen
Sie, Fred�, bat Johnson ruhig, �setzen Sie nicht dauernd aufs gro�e Geld. Nicht
immer nur mit der Roten auf Hundert - bleiben Sie bei den Zwanzigern und
F�nfzigern, die leppern sich auch ganz sch�n zusammen. Damit kommen Sie heil
nach Hause.�</p><p>Pl�tzlich
war Leiser �rgerlich. Er stellte seinen Stock zur�ck in den Halter und nahm
seinen Kamelhaarmantel vom Haken.</p><p>�Was ist
denn, Fred? Was, zum Teufel, ist jetzt wieder los?�</p><p>�Lassen
Sie mich in Gottes Namen in Frieden! H�ren Sie auf, sich wie ein beschissener
Gef�ngnisw�rter aufzuspielen. Ich gehe auf einen Job, wie wir's alle im Krieg
getan haben. Ich sitze schlie�lich nicht in der Exekutionszelle.�</p><p>�Seien Sie
nicht verr�ckt�, sagte Johnson sanft, nahm ihm den Mantel ab und h�ngte ihn
wieder an den Haken zur�ck. �Au�erdem sagen wir nicht Exekution, wir sagen
Todeszelle.�</p><p>Carol
stellte den Kaffee vor Leclerc auf den Schreibtisch. Er sah l�chelnd auf und
sagte &gt;Danke&lt;, m�de, aber gut erzogen, wie ein Kind am Ende einer Geburtstagsparty.</p><p>�Adrian
Haldane ist schon heimgegangen�, bemerkte Carol. Leclerc beugte sich wieder
�ber die Landkarte.</p><p>�Ich habe
in sein B�ro geschaut. &gt;Gute Nacht&lt; h�tte er schon sagen k�nnen.�</p><p>�Das tut
er nie�, antwortete Leclerc stolz.</p><p>�Kann ich
noch irgendwas tun?�</p><p>�Ich
vergesse immer wieder, wie man Yards in Meter umrechnet.�</p><p>�Das wei� ich leider auch nicht.�</p><p>�Das Rondell sagte, dieser Graben
sei zweihundert Meter lang. Das w�ren rund zweihundertf�nfzig Yards, nicht?�</p><p>�Ich glaube; ich werde nachsehen.�
Sie ging in ihr B�ro und holte sich aus dem Regal ein Buch mit den
Umrechnungstabellen. �Ein Meter hat neununddrei�ig komma siebenunddrei�ig
Zoll�, las sie laut vor. �Hundert Meter sind hundertneun Yards und dreizehn
Zoll.� Leclerc schrieb es auf.</p><p>�Ich
glaube, wir sollten Gorton ein Telegramm mit der Best�tigung schicken, da�
alles wie vorgesehen ablaufen wird. Trinken Sie ruhig erst Ihren Kaffee. Bringen
Sie Ihren Block dann mit.�</p><p>�Ich
trinke keinen Kaffee.� Sie holte den Block. �Amtspriorit�t gen�gt. Wir wollen
den alten Jimmy nicht aus dem Bett holen.� Er strich sich mit seiner kleinen Hand
kurz �bers Haar. �Erstens: Vorausgruppe Haldane, Avery, Johnson und Mayfly
ankommen BEA-Flug soundsoviel, soundsoviel Uhr am 9. Dezember.� Er blickte
auf. �Die Einzelheiten lassen Sie sich von der Verwaltung sagen. Zweitens: Alle
reisen unter den echten Namen und fahren mit dem Zug weiter nach L�beck. Aus
Sicherheitsgr�nden werden Sie Gruppe nicht - wiederhole: nicht - am Flughafen
treffen, k�nnen jedoch mit Avery im Standquartier L�beck Telefonkontakt
herstellen.� Mit einem kurzen Lachen bemerkte er: �Dem alten Adrian kann ich
ihn schlecht auf den Hals laden. Die beiden verstehen sich �berhaupt nicht.�
Mit erhobener Stimme: �Drittens: Gruppe zwo bestehend aus Direktor ohne
Begleitung ankommt erst mit Morgenmaschine 10. Dezember. Erbitte Abholung am Flugplatz
f�r kurze Besprechung vor Weiterreise nach L�beck. Viertens: Ihre Aufgabe ist
unauff�llige Leistung von Rat und Hilfe mit dem Ziel, Unternehmen Mayfly
erfolgreich abzuschlie�en.� Sie stand auf.</p><p><emphasis>�Mu� </emphasis>John Avery
fahren? Seine arme Frau hat ihn schon seit Wochen nicht gesehen.�</p><p>�Soldatenschicksal�,
erwiderte Leclerc, ohne sie anzusehen. �Wie lange braucht ein Mann, um zweihundertzwanzig
Yards weit zu kriechen?� Er murmelte vor sich hin. �Ach, Carol - bitte
schreiben Sie noch einen Satz dazu. &gt;F�nftens: Waidmannsheil.&lt; Der alte
Jimmy sch�tzt ein bi�chen Aufmunterung, ganz allein da drau�en, wie er ist.�</p><p>Er nahm
eine Akte aus dem Eingangskorb und betrachtete kritisch ihre Aufschrift. Er
sp�rte wohl, da� Carols Augen auf ihn gerichtet waren.</p><empty-line/><p>�Aha!� Ein beherrschtes L�cheln.
�Das mu� der Bericht aus Ungarn sein. Haben Sie Arthur Fielden in Wien schon
kennengelernt?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Netter
Kerl. W�rde Ihnen gefallen. Einer unserer besten. er kennt sich aus. Bruce
sagte mir, er habe einen recht guten Bericht �ber Truppenverschiebungen in
Ungarn geliefert. Ich mu� ihn mal Adrian zeigen. Zur Zeit passiert wirklich
derart viel.� Er schlug die Akte auf und begann zu lesen. Control sagte: �Haben
Sie mit Hyde gesprochen?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Und, was
hat er gesagt? Wie sieht's dort bei denen aus?�</p><p>Smiley gab ihm einen Whisky Soda.
Sie waren in Smileys Haus in der Bywater Street. Control sa� in seinem
Lieblingsstuhl, gleich neben dem Kamin. �Er sagt, sie h�tten Lampenfieber.�</p><p>�Das soll Hyde gesagt haben? Er
hat wirklich diesen Ausdruck gebraucht? Das ist erstaunlich.�</p><p>�Sie haben
sich ein Haus in Oxford zugelegt. Es war nur dieser eine Agent da, ein Pole,
ungef�hr vierzig, und sie wollten f�r ihn Dokumente auf den Namen Freiser,
Mechaniker aus Magdeburg. Sie verlangten Reisepapiere f�r eine Fahrt nach
Rostock.�</p><p>�Wer war
noch dort?�</p><p>�Haldane
und dieser Neue, Avery. Derselbe, der wegen des finnischen Kuriers bei mir
war. Und ein Funker, Jack Johnson. Er war im Krieg bei uns. Sonst war niemand
da. Soviel �ber ihren gro�en Agentenstab.�</p><p>�Was haben
die nur vor? Und wer soll denen das ganze Geld gegeben haben, nur f�r eine
�bung? - Wir haben ihnen Ausr�stung geborgt, nicht wahr?�</p><p>�Ja, eine
B 2.�</p><p>�Was, zum
Teufel, ist denn das?�</p><p>�Ein Ger�t
aus der Kriegszeit�, erwiderte Smiley �rgerlich. �Sie selbst sagten, da� wir
ihnen nichts anderes geben d�rften. Nur dieses Ger�t und die Kristalle. Warum
haben Sie sich eigentlich auch noch um die Kristalle gek�mmert?�</p><p>�Aus Gutm�tigkeit. - Eine B2 war
das? Na gut.� Und mit deutlicher Erleichterung bemerkte er: �Damit werden Sie
aber nicht weit kommen, oder?�</p><p>�Fahren Sie heute nach Hause?�
fragte Smiley ungeduldig.</p><p>�Ich
m�chte Sie eigentlich bitten, mir hier ein Bett zu �berlassen�, schlug Control
vor. �Diese Bummelei bis nach Hause ist immer eine f�rchterliche Plackerei.
Solche Menschenmassen... es scheint von Mal zu Mal schlimmer zu werden.�</p><p>Leiser sa�
im Dunkeln vor seinem Tisch. Er hatte noch immer den Geschmack der White Ladies
auf der Zunge. Er starrte auf das Leuchtzifferblatt seiner Uhr, vor sich den
ge�ffneten Koffer. Elf Uhr achtzehn. Der Sekundenzeiger schob sich ruckartig
auf die Zw�lf. Er begann zu klopfen; JAJ, JAJ - daran k�nnen Sie sich leicht
erinnern, Fred, ich hei�e Jack Johnson, nicht wahr? Dann ging er auf Empfang,
und da kam auch schon Johnsons Antwort, sicher wie ein Fels. Lassen Sie sich
Zeit, hatte Johnson gesagt, nur nicht querfeldein. Wir h�ren Ihnen die ganze
Nacht zu, wenn's sein mu�, es gibt gen�gend Frequenzen. Im Licht einer kleinen
Taschenlampe z�hlte er die Zahlengruppen. Es waren achtunddrei�ig. Er knipste
die Lampe aus und klopfte eine Drei und eine Acht. Zahlen waren sehr einfach,
nur lang. Sein Kopf war ganz klar. Er hatte noch Johnsons h�fliche Stimme im Ohr,
die wieder und wieder gesagt hatte: Sie machen die Punkte zu kurz, Fred. Ein
Punkt ist ein Drittel von einem Strich, verstehen Sie? Das ist l�nger, als Sie
glauben. Nehmen Sie die L�cken sch�n mit: f�nfmal kurz zwischen jedem Wort,
dreimal kurz zwischen jedem Buchstaben. Unterarm in einer geraden Linie mit
dem Hebel der Taste. Ellbogen nicht an den K�rper anlegen. Es ist wie das
K�mpfen mit dem Messer, dachte er l�chelnd, und begann zu morsen. Finger
locker, Fred, entspannt, Handgelenk nicht auf dem Tisch auflegen. Er klopfte
die ersten beiden Gruppen hinaus, wobei er bei den Zwischenr�umen ein bi�chen
schluderte, aber nicht so viel wie sonst. Jetzt die dritte Gruppe: das
Sicherheitszeichen. Er morste ein S, das er wieder zur�cknahm, ehe er die n�chsten
zehn Gruppen funkte, wobei er hin und wieder auf seine Uhr schaute. Nach
zweieinhalb Minuten schaltete er ab, tastete nach der kleinen Kapsel, die den
Kristall enthielt, f�hlte mit den Fingerspitzen, wo sich die Fassung befand,
zog den alten Kristall heraus, steckte den neuen ein und ging dann Schritt f�r
Schritt die ganze Abstimmungsprozedur durch, indem er die Regelkn�pfe bediente
und mit seiner Taschenlampe auf das halbmondf�rmige Instrumentenfenster
leuchtete, hinter dem er die Nadel auf und ab zittern sah.</p><p>Dann
klopfte er sein zweites Rufzeichen hinaus, PRE, PRE, schaltete schnell auf
Empfang und wieder war da Johnsons QRK 4: Ihr Zeichen verstanden. Abermals
begann er zu senden, wobei sich seine Hand langsam, aber in regelm��igem
Rhythmus bewegte und seine Augen der Reihe sinnloser Buchstaben folgten, bis
er mit zufriedenem Kopfnicken Johnsons Antwort h�rte: Signal empfangen. QRU -
Ich habe nichts f�r Sie.</p><p>Nachdem
sie fertig waren, bestand Leiser auf einen kurzen Spaziergang. Es war bitter
kalt. Sie gingen die Walton Street bis zum Tor von Worcester und von dort durch
die Banbury Road wieder zur�ck zum b�rgerlichen Sanktuarium ihres dunklen
Hauses in Nord-Oxford.</p><p><strong><emphasis/></strong></p><p><strong><emphasis>16. Kapitel </emphasis></strong></p><p><strong><emphasis/></strong></p><p><strong><emphasis>START</emphasis></strong></p><empty-line/><p>Es war der
gleiche Wind. Der Wind, der auch schon an Taylors gefrorenem K�rper gezerrt und
den Regen gegen die ru�geschw�rzten Mauern in der Blackfriars Road geworfen
hatte. Der gleiche Wind, der schon das Gras von Port Meadow gepeitscht hatte,
r�ttelte jetzt an den Fensterl�den des Bauernhauses. Im Hause roch es nach
Katzen. Es gab keine Teppiche und die Fu�b�den waren aus Stein: nichts w�rde
sie trocknen. Sofort nach ihrer Ankunft machte Johnson im Kachelofen in der
Stube Feuer, aber die Feuchtigkeit lag noch immer auf den Fliesen und sammelte
sich in den Rillen wie eine m�de Armee. Sie sahen w�hrend ihres ganzen
Aufenthaltes keine einzige Katze, aber man roch sie �berall. Johnson legte
Corned Beef auf die T�rschwelle. In zehn Minuten war es verschwunden.</p><p>Das Haus
war ebenerdig, mit einem Speicher unter seinem hohen Ziegeldach, und es lehnte
sich unter dem weiten friesischen Himmel an ein kleines Dickicht. Ein langes,
rechtwinkeliges Geb�ude, an dessen gesch�tzter Seite die Viehst�lle waren. Es
lag vier Kilometer n�rdlich von L�beck. Leclerc hatte gesagt, da� sie die Stadt
nicht betreten d�rften. Eine Leiter f�hrte auf den Heuboden, und dort installierte
Johnson seinen Sender, wobei er die Antenne von einem Tragbalken aus durch das
Dachfenster zu einer Ulme am Stra�enrand spannte. Im Haus trug er braune
Milit�rschuhe mit Gummisohlen und einen Blazer, auf dem das Wappen einer
Schwadron aufgen�ht war. Gorton hatte von der britischen Versorgungstruppe in
Celle Lebensmittel liefern lassen, die in alten Pappkartons auf dem Boden der
K�che herumstanden. Auf der beiliegenden Rechnung stand &gt;Mr. Gortons
Gesellschaft&lt;. Zwei Flaschen Gin und drei Flaschen Whisky waren dabei. Es
gab zwei Schlafr�ume. Gorton hatte Armeebetten kommen lassen, f�r jedes Zimmer
zwei, und Leselampen mit gr�nen Schirmen. Haldane war wegen der Betten
ver�rgert. �Er mu� es jeder verdammten Abteilung in der Gegend erz�hlt haben�,
klagte er. �Billiger Whisky, Armeerationen, Feldbetten. Wahrscheinlich werden
wir auch noch h�ren, da� er das Nachbarhaus requiriert hat. Mein Gott, was f�r
eine Art, einen Einsatz vorzubereiten.�</p><p>Es war
schon sp�ter Nachmittag, als sie ankamen. Sobald Johnson sein Ger�t montiert
hatte, machte er sich in der K�che zu schaffen. Er war sehr h�uslich, kochte
und wusch das Geschirr, ohne zu murren, wobei er sich in seinen sauberen
Schuhen geschickt auf den Fliesen bewegte. Er braute aus B�chsenfleisch und
Eiern ein Haschee zusammen. Dazu gab es stark ges��ten Kakao. Sie a�en in der
Halle vor dem Kachelofen, Johnson bestritt den Gro�teil des Gespr�chs. Leiser
war sehr still und r�hrte das Essen kaum an.</p><p>�Was ist
los, Fred? Keinen Hunger?�</p><p>�Tut mir
leid, Jack.�</p><p>�Sie haben
im Flugzeug zuviel Bonbons gelutscht.� Johnson zwinkerte zu Avery hin�ber. �Ich
hab' gesehen, was Sie der Hoste� f�r Blicke zugeworfen haben. Das h�tten Sie
nicht tun sollen, Fred, wissen Sie! Sie kann dann nicht schlafen.� Er runzelte
die Stirn und sah die anderen mit gespielter Mi�billigung an. �Er hat sie mit
den Blicken ausgezogen, wi�t ihr. Von Kopf bis Fu�.�</p><p>Avery
grinste pflichtschuldig. Haldane nahm keine Notiz davon.</p><p>Leiser
machte sich wegen des Mondes Sorgen, und so gingen sie nach dem Abendessen zur
Hintert�r. Die kleine, vor K�lte zitternde Gruppe starrte zum Himmel hinauf. Es
herrschte eine seltsame Helligkeit. Die Wolken trieben wie schwarze Rauchschwaden
so tief �ber den B�umen, da� es aussah, als streiften sie an die schwankenden
�ste des Dickichts; die grauen Felder dahinter lagen im Halbdunkel. �An der
Grenze wird es nicht so hell sein, Fred�, sagte Avery. �Sie liegt h�her, das
Land ist dort h�gelig.� Haldane sagte, sie sollten fr�h zu Bett gehen. Sie
tranken noch einen Whisky, und Viertel nach zehn legten sie sich schlafen,
Johnson und Leiser in einem Raum, Avery und Haldane im anderen. Niemand traf
die Einteilung. Offenbar wu�te jeder, wohin er geh�rte.</p><p>Es war Mitternacht, als Johnson in
ihr Zimmer trat. Das Quietschen seiner Gummisohlen weckte Avery. �John, sind
Sie wach?� Haldane setzte sich auf.</p><p>�Es ist
wegen Fred. Er sitzt allein in der Halle. Ich habe ihm gesagt, er soll zu
schlafen versuchen, Sir. Hab ihm ein paar Tabletten gegeben, die auch meine Mutter
nimmt. Zuerst wollte er sich nicht einmal hinlegen, und jetzt ist er wieder
aufgestanden und in die Halle hin�ber gegangen.�</p><p>Haldane
sagte: �Lassen Sie ihn in Ruhe. Es fehlt ihm nichts. Bei diesem verdammten Wind
kann keiner von uns schlafen.�</p><p>Johnson
ging in sein Zimmer zur�ck. Eine Stunde mu�te vergangen sein, aber in der Halle
hatte sich noch immer nichts ger�hrt. Haldane sagte: �Sehen Sie lieber, was er
macht.�</p><p>Avery zog seinen Mantel an und
ging durch den Korridor, vorbei an Tapisserien mit biblischen Legenden und
einem alten Stich vom L�becker Hafen. Leiser sa� auf einem Stuhl neben dem
Kachelofen. �Hallo, Fred.� Leiser wirkte alt und m�de.</p><p>�Es ist
hier in der N�he, nicht wahr? Wo ich hingehe?� fragte er.</p><p>�Ungef�hr
f�nf Kilometer von hier. Der Direktor wird uns morgen fr�h einweisen. Man ist
der Meinung, da� es ein ziemlich leichter Einsatz ist. Er wird Ihnen alle Ihre
Papiere und so geben. Am Nachmittag werden wir Ihnen die Stelle zeigen. Man hat
in London viel daran gearbeitet.�</p><p>�In
London�, wiederholte Leiser. Dann sagte er pl�tzlich: �Ich hab' im Krieg in
Holland einen Einsatz gemacht. Die Holl�nder waren nette Leute. Wir schickten
eine Menge Agenten nach Holland. Frauen. Man hat sie alle geschnappt. - Sie
sind damals noch ein Kind gewesen, nicht?�</p><p>�Ich habe
dar�ber gelesen.�</p><p>�Die
Deutschen schnappten einen Funker. Unsere Leute wu�ten es nicht und schickten
immer weiter Agenten hinein. Man sagte, es gebe keine andere Wahl.� Er sprach
schneller. �Ich war damals noch ein Junge. Sie suchten jemanden f�r einen
schnellen Einsatz, nur hinein und wieder heraus. Sie hatten zu wenig Funker.
Man sagte mir, es mache nichts, da� ich kein Holl�ndisch spreche, denn ich
w�rde gleich bei der Landung von jemand in Empfang genommen. Ich brauche nichts
zu tun, als zu funken. Sie h�tten einen sicheren Unterschlupf f�r mich.� Er
schien abwesend. �Wir fliegen hin�ber. Nichts r�hrt sich, kein Scheinwerfer,
kein Schu�, und ich bin ganz dran. Als ich lande, sind sie da: zwei M�nner und
eine Frau. Nach dem Erkennungswort f�hren sie mich zu den Fahrr�dern. Keine
Zeit, den Fallschirm zu vergraben. Wir finden das Haus, ich bekomme zu essen.
Danach gehen wir hinauf zum Ger�t. Es gab damals keine Sendezeiten, London
war Tag und Nacht auf Empfang. Man gibt mir den Zettel mit der Meldung. Ich
gebe das Rufzeichen: &gt;TYR kommen, TYR kommen&lt; und danach die Meldung,
einundzwanzig Gruppen, zu vier Buchstaben.� Er brach ab. �Und?�</p><p>�Sie sahen
mir zu, verstehen Sie? Sie wollten nur wissen, wann das Sicherheitszeichen kam.
Es war der neunte Buchstabe. Sie warteten, bis ich fertig war, und dann waren
sie auf mir drauf, einer schlug mich - das Haus war voller M�nner.�</p><p>�Wer,
Fred? Wer waren <emphasis>sie?�</emphasis></p><p>�Das kann man nicht sagen. So
etwas wei� man nie. Ganz so einfach ist das nicht.�</p><p>�Wessen Schuld war das, um Himmels
willen? Wer hat Sie verraten, Fred?�</p><p>�Irgend jemand. Das kann man nie
sagen. Sie werden das auch noch lernen.� Er schien aufgegeben zu haben.</p><p>�Diesmal
sind Sie allein. Niemand wei� davon. Niemand erwartet Sie.�</p><p>�Ja. Das
stimmt.� Seine H�nde lagen gefaltet im Scho�. Er sa� zusammengekauert da, sein
K�rper wirkte klein und alt. �Im Krieg war es leichter, gleichg�ltig wie
schlimm es war, weil man daran glaubte, da� wir eines Tages gewinnen. Selbst
wenn man geschnappt wurde, sagte man sich: &gt;Sie werden mich rausholen, ein
paar M�nner werden abspringen, oder sie greifen an.&lt; Auch wenn man ganz
genau wu�te, da� sie das niemals tun w�rden, konnte man es sich ausmalen,
verstehen Sie? Man wollte nichts, als in Ruhe gelassen werden, damit man daran
denken konnte. Aber diesen Krieg wird niemand gewinnen, oder?�</p><p>�Man kann
es nicht vergleichen. Aber dies hier ist wichtiger.�</p><p>�Was tun
Sie, wenn man mich schnappt?�</p><p>�Wir
werden Sie herausholen. Keine Bange, was, Fred?�</p><p>�Ja, aber
wie?�</p><p>�Wir haben einen gro�en Apparat.
Es geht eine Menge vor, wovon Sie nichts wissen. Verbindungen da und dort. Sie
k�nnen nicht das ganze Bild sehen.�</p><p>�K�nnen Sie es denn?�</p><p>�Das ganze nicht, Fred. Nur der
Direktor sieht das ganze. Sogar der Captain sieht es nicht.�</p><p>�Wie ist er, der Direktor?�</p><p>�Er ist seit langem bei dieser
Arbeit. Sie werden ihn morgen kennenlernen. Ein bemerkenswerter Mann.�</p><p>�Und der Captain - mag er ihn?�</p><p>�Nat�rlich.�</p><p>�Er spricht aber nie �ber ihn�,
sagte Leiser. �Niemand von uns redet �ber ihn.�</p><p>�Ich hatte da einmal ein M�dchen.
Sie arbeitete in der Bank. Ich sagte ihr, da� ich wegginge. Wenn was schiefgehen
sollte - ich m�chte nicht, da� sie etwas erf�hrt, ja? Sie ist ja noch ein Kind.�</p><p>�Wie hie� sie?�</p><p>Ein kurzer mi�trauischer Blick.
�Ist ja egal. Aber machen Sie keinen Wirbel, wenn sie bei Ihnen auftauchen
sollte.�</p><p>�Was meinen Sie, Fred?�</p><p>�Ist ja egal.�</p><p>Danach sagte Leiser nichts mehr.
Als es d�mmerte, ging Avery in sein Zimmer zur�ck.</p><p>�Was war denn los?� fragte
Haldane.</p><p>�Er war im Krieg in einem
Schlamassel, in Holland. Er wurde verraten.�</p><p>�Aber er gibt uns eine zweite
Chance. Wie nett von ihm! Genau, was die immer gesagt haben.� Dann: �Leclerc
kommt heute fr�h an.� Das Taxi traf um elf Uhr ein. Noch ehe es ganz angehalten
hatte, war Leclerc schon ausgestiegen. Er trug einen Dufflecoat, schwere braune
Wanderschuhe und eine weiche M�tze. Er sah sehr gut aus. �Wo ist Mayfly?�</p><p>�Bei Johnson�, sagte Haldane.
�Habt ihr ein Bett f�r mich?�</p><p>�Du kannst das von Mayfly haben,
wenn er fort ist.� Um elf Uhr drei�ig gab Leclerc seine Instruktionen. F�r den
Nachmittag war eine Besichtigungsfahrt zur Grenze vorgesehen.</p><p>Die
Befehlsausgabe fand in der Halle statt. Leiser kam als letzter herein. Er stand
auf der Schwelle und sah Leclerc an, der ihm gewinnend zul�chelte, als gefalle
ihm, was er sah. Sie waren ungef�hr gleich gro�. Avery sagte: �Herr Direktor,
das ist Mayfly.� Seinen Blick noch auf Leiser geheftet, antwortete Leclerc:
�Ich glaube, ich darf ihn Fred nennen. Guten Tag.� Er trat auf ihn zu und
sch�ttelte ihm die Hand. Beide waren so steif wie zwei Figuren aus einem Wetterh�uschen.</p><p>�Guten Tag�, sagte Leiser.</p><p>�Ich hoffe, man hat Sie nicht zu
hart angefa�t?�</p><p>�Alles in Ordnung, Sir.�</p><p>�Wir sind alle sehr beeindruckt�,
sagte Leclerc. �Sie haben ausgezeichnete Arbeit geleistet.�</p><p>�Ich habe ja noch gar nicht
angefangen.�</p><p>�Ich bin der Meinung, durch eine
gute Ausbildung seien schon drei Viertel der Schlacht gewonnen. Meist du nicht
auch, Adrian?�</p><p>�Ja.�</p><p>Sie
setzten sich. Leclerc stand etwas abseits. Er hatte eine Karte an die Wand
geh�ngt. Auf unerkl�rliche Weise - vielleicht durch die Landkarten, vielleicht
durch seine knappe Ausdrucksweise oder wom�glich auch durch sein entschiedenes
Auftreten, das sowohl von dem Gedanken an die augenblickliche Zweckm��igkeit
wie von anerzogener Selbstbeherrschung diktiert war - erzeugte Leclerc die
gleiche hoffnungsfrohe und tatendurstige Atmosph�re, die bereits einen Monat
fr�her die Instruktionsstunde in der Blackfriars Road gekennzeichnet hatte. Er
hatte die Gabe eines Zauberk�nstlers, den Eindruck gr��ter Vertrautheit mit den
von ihm behandelten Gegenst�nden zu erwecken, ob er nun von Raketen oder
Funkverkehr, von Tarnung oder dem Grenzabschnitt sprach, an dem Leiser
hin�bergehen sollte.</p><p>�Ihr Ziel
ist Kalkstadt� - ein kleines Grinsen -, �das bisher nur durch seine
bemerkenswerte gotische Kirche bekannt war.� Alle, auch Leiser, lachten. Da�
Leclerc selbst �ber alte Kirchen Bescheid wu�te! Er hatte eine mit
verschiedenfarbigen Tinten gezeichnete Skizze der �bergangsstelle mitgebracht,
auf der ein roter Strich die Grenze markierte. Alles war sehr einfach. Auf der
westlichen Seite - so sagte er - sei ein niedriger, mit Ginster und Farn
bewachsener H�gel, der parallel zur Grenze verlief, bis er in einem scharfen
Winkel nach Osten bog und knapp zweihundert Meter vor ihr genau gegen�ber
einem Wachtturm abbrach. Der Turm befand sich ein gutes St�ck jenseits der
Demarkationslinie, an seinem Fu� verlief der Stacheldrahtzaun. Man habe
festgestellt, da� der Zaun an dieser Stelle nur aus einem einzelnen Draht
bestand, der zudem nur lose an seinem Pfosten befestigt war. Ostdeutsche Grenzwachen
seien dabei gesehen worden, wie sie ihn auf Patrouilleng�ngen aushakten, um
in den ungesch�tzten Gel�ndestreifen zwischen der Demarkationslinie und der
Grenzbefestigung hinauszugehen. Leclerc w�rde den betreffenden Pfosten am
Nachmittag Leiser zeigen. Mayfly - so sagte er - brauche bei dem Gedanken, so
nah am Wachtturm die Grenze zu �berschreiten, nicht erschrecken. Die Erfahrung
lehre, da� die Wachen viel mehr Aufmerksamkeit auf das entfernter liegende
Gel�nde konzentrierten. Diese Nacht sei besonders g�nstig. Der Wetterbericht
habe starken Wind angek�ndigt, der Mond werde nicht scheinen. Leclerc hatte
den Augenblick des Grenz�berganges auf 2.35 Uhr morgens angesetzt. Die Wachen
wurden um Mitternacht abgel�st, sie blieben jeweils drei Stunden. Man konnte
mit gutem Grund annehmen, da� sie nach zweieinhalb Stunden Wachdienst nicht
mehr die gleiche Aufmerksamkeit zeigen w�rden wie zu Beginn ihrer Schicht. Die
Abl�sung, die von einer weiter n�rdlich liegenden Kaserne kam, w�rde zu dieser
Zeit noch nicht auf dem Anmarsch sein. Man habe - fuhr Leclerc fort - gro�e
Sorgfalt auf die Kl�rung der Frage verwandt, ob m�glicherweise Minen verlegt
seien. Sie k�nnten hier auf der Karte sehen - sein kleiner Zeigefinger folgte
der d�nnen Linie gr�ner Punkte, die sich vom Ende des H�gels direkt �ber die
Grenze hin�berzog -, da� hier ein alter Fu�weg existiere, der tats�chlich den
gleichen Verlauf nahm wie Leisers vorgesehene Route. Die Grenzwachen hatten
diesen Fu�weg immer vermieden und waren stets etwa zehn Meter s�dlich davon
durchs Geb�sch gekommen. Die Schlu�folgerung sei, wie Leclerc erkl�rte, da� der
Weg vermint sein m�sse, w�hrend ein Streifen rechts davon f�r die Patrouillen
freigelassen worden war. Leclerc machte den Vorschlag, da� Leiser den von Grenzwachen
ausgetretenen Pfad nehmen sollte.</p><p>Leiser
sollte die rund zweihundert Meter lange Strecke vom Fu� des H�gels bis zum
Wachtturm wenn m�glich kriechend zur�cklegen und seinen Kopf dabei unterhalb
der Farnkrautspitzen halten. Das schlo� die ohnedies geringe M�glichkeit aus,
da� man ihn vom Turm aus bemerkte. Leiser w�re es sicher angenehm zu h�ren,
bemerkte Leclerc mit einem kleinen L�cheln, da� in den Nachtstunden niemand je
Patrouillen westlich des Zaunes bemerkt hatte. Die ostdeutschen Wachen
schienen zu bef�rchten, einer ihrer eigenen Leute k�nnte sich ungesehen aus dem
Staub machen.</p><p>Einmal
dr�ben, sollte sich Leiser von jedem vorgezeichneten Weg fernhalten. Das
Gel�nde sei h�gelig und zum Teil bewaldet. Das erschwere seinen Marsch, erh�he
aber auch seine Sicherheit. Er m�sse nach S�den gehen. Der Grund daf�r sei
einfach: weiter s�dlich schwinge die Grenze etwas �ber zehn Kilometer nach
Westen aus, so da� Leiser in einer halben Stunde nicht zwei, sondern f�nfzehn
Kilometer zwischen sich und die Grenze bringen k�nne und auf diese Weise
schneller aus dem Bereich der die Zug�nge zur Grenze bewachenden Streifen
entkomme. Leclerc wolle ihm deshalb den Rat geben - er zog dabei seine Hand aus
der Tasche des Dufflecoats und z�ndete sich im Bewu�tsein, da� aller Augen auf
ihn gerichtet waren, eine Zigarette an -, ungef�hr eine halbe Stunde lang nach
Osten zu gehen und sich dann direkt nach S�den zu wenden, bis er den Marienhorster
See erreiche. Am �stlichen Ende des Sees befinde sich ein unbenutztes
Bootshaus, wo er sich ein St�ndchen hinlegen und etwas essen k�nne. Er werde
inzwischen vielleicht auch schon Lust auf einen Drink bekommen haben -
erleichtertes Gel�chter - und f�r diesen Zweck werde er ein kleines Fl�schchen
Weinbrand in seinem Rucksack finden. Leclerc hatte die Angewohnheit, stramme
Haltung anzunehmen, wenn er einen Witz machte, und dabei die Fersen vom Boden
zu heben, als wolle er seinen Geist in h�here Regionen abfeuern. �Es k�nnte
wohl nichts mit Gin sein, oder?� fragte Leiser. �An sich trinke ich immer White
Lady.� Einen Augenblick lang herrschte betretenes Schweigen.</p><p>�Ausgeschlossen�,
sagte Leclerc kurz - ganz Leisers Vorgesetzter.</p><p>Nach der
Rast sollte er bis zum Dorf Marienhorst weitergehen und sich nach einer
Transportm�glichkeit Richtung Schwerin umsehen. Von da an, erg�nzte Leclerc
obenhin, sei er auf sich selbst gestellt. �Sie haben alle Papiere, die zu einer
Reise von Magdeburg nach Rostock n�tig sind. Ab Schwerin sind Sie also auf der
normalen Strecke. �ber Ihre Tarnung m�chte ich gar nicht mehr viel sagen. Das
haben Sie ja schon alles mit dem Captain durchgenommen. Ihr Name ist Fred
Hartbeck. Sie sind ein unverheirateter Mechaniker aus Magdeburg und haben ein
Arbeitsangebot f�r die volkseigene Schiffswerft in Rostock.� Leclerc l�chelte.
�Ich bin �berzeugt, da� Sie all dies bis ins kleinste Detail im Schlaf
beherrschen. Ihre Amouren, H�he des Lohnes, welche Krankheiten Sie gehabt
haben, Milit�rdienst und so weiter. Nur eine Kleinigkeit �ber die Tarnung
m�chte ich noch hinzuf�gen: dr�ngen Sie derartige Ausk�nfte niemandem
freiwillig auf. Niemand <emphasis>erwartet </emphasis>von seinem
Mitmenschen, da� er irgend etwas von sich aus erkl�rt. Wenn man Sie in die
Ecke treibt, verlassen Sie sich auf Ihr Fingerspitzengef�hl. Immer so nahe wie
m�glich an der Wahrheit bleiben.� Und mit erhobener Stimme erkl�rte Leclerc
eine seiner Lieblingsthesen: �Tarnung sollte niemals freie Erfindung, sondern
immer nur eine Verl�ngerung der Wahrheit sein.� Leiser lachte verhalten. Es
wirkte so, als w�re ihm wohler gewesen, wenn Leclerc �ber etwas mehr K�rpergr��e
verf�gt h�tte.</p><p>Johnson
kam aus der K�che und brachte Kaffee, wof�r ihm Leclerc ein munteres
&gt;Danke, Jack&lt;, zurief, als sei alles genau so, wie es zu sein hatte. Nun
wandte sich Leclerc der eigentlichen Aufgabe Leisers zu. Er schilderte
zusammenfassend die verschiedenen Hinweise, die - wie er durchblicken lie� - nur
einen Verdacht best�rkten, den er pers�nlich schon l�ngst gehegt habe. Er
schlug dabei einen Ton an, den Avery noch nie bei ihm wahrgenommen hatte: er
bem�hte sich, sowohl durch Weglassen und stillschweigende Schlu�folgerungen
wie durch direkte Hinweise auszudr�cken, da� sie alle einer ungemein erfahrenen
und bestens informierten Organisation angeh�rten, die sich nicht nur durch
ihre Geldmittel, sondern auch durch ihre Beziehungen zu anderen Dienststellen
wie durch ihre unfehlbare Urteilsf�higkeit einer derart �berirdischen und
hellseherischen Unantastbarkeit erfreute, da� sich Leiser sehr wohl h�tte
fragen k�nnen, weshalb er sein Leben �berhaupt riskieren mu�te, wenn das alles
wirklich so war. �Die Raketen befinden sich jetzt in dem bezeichneten Gebiet�,
sagte Leclerc. �Der Captain hat Ihnen bereits auseinandergesetzt, nach welchen besonderen
Merkmalen Sie Ausschau halten m�ssen. Wir m�chten wissen, wie sie aussehen, wo
sie sich genau befinden und vor allem, von welchen Einheiten sie bedient
werden.�</p></section><section><p>�Ich
wei�.�</p><p>�Sie m�ssen die �blichen Tricks
anwenden. Horchen Sie in den Kneipen herum, tun Sie so, als suchten Sie einen
alten Kriegskameraden. Sie kennen das ja. Wenn Sie Bescheid wissen, kommen Sie
zur�ck.� Leiser nickte.</p><p>�In
Kalkstadt gibt es eine Arbeiter-Herberge.� Leclerc entfaltete einen Plan der
Stadt. �Hier, gleich neben der Kirche. Steigen Sie dort ab, wenn's geht. Wom�glich
treffen Sie dort Leute, die irgendwie selbst damit zu tun gehabt haben...�</p><p>�Ich
wei߫, wiederholte Leiser. Haldane zuckte zusammen und warf ihm einen
besorgten Blick zu. �Vielleicht h�ren Sie sogar etwas �ber einen Mann, der auf
dem Bahnhof gearbeitet hat, einen gewissen Pritsche. Von ihm stammen ein paar
interessante Einzelheiten �ber die Raketen. Er ist dann wieder verschwunden.
Vielleicht h�ren Sie etwas, wenn es der Zufall will. Sie k�nnten am Bahnhof
nach ihm fragen, wenn Sie sich als alter Freund von ihm ausgeben.� Er machte
eine ganz kleine Pause. �Einfach verschwunden�, wiederholte Leclerc. Es galt
den anderen, nicht sich selbst. Seine Gedanken waren woanders. Avery
beobachtete ihn gespannt. Er wartete, da� Leclerc weitersprach. Schlie�lich
sagte er: ��ber die Frage der Nachrichten�bermittlung habe ich absichtlich
nicht gesprochen.� Sein Ton deutete an, da� er fast fertig war. �Ich nehme an,
da� Sie dieses Problem schon oft genug durchgekaut haben.�</p><p>�In der
Beziehung gibt es keinerlei Schwierigkeiten�, sagte Johnson. �Alle Sendetermine
liegen in der Nacht. Dadurch ist der Frequenzbereich eine ganz einfache
Angelegenheit. Und tags�ber hat er freie Hand, Sir. Wir haben eine ganze Reihe
h�bscher Probesendungen gemacht - nicht wahr, Fred?�</p><p>�O ja.
Sehr h�bsche.�</p><p>�Was das
Zur�ckkommen betrifft�, sagte Leclerc, �so gelten daf�r die gleichen
Vorschriften wie im Krieg. Es gibt f�r derartige Unternehmungen leider keine
U-Boote mehr, Fred. Wenn Sie zur�ckkommen, haben Sie sich sofort beim n�chsten
britischen Konsulat oder der n�chsten Botschaft zu melden. Sie nennen Ihren
richtigen Namen und bitten um Repatriierung. Geben Sie sich als britischer
Staatsb�rger in pl�tzlicher Notlage aus. Rein instinktm��ig w�rde ich sagen,
da� Sie auf dem gleichen Weg wieder zur�ckkommen sollten, auf dem Sie
hineingegangen sind. Falls Sie in Schwierigkeiten geraten, dann schlagen Sie
sich nicht unbedingt sofort nach Westen durch, sondern verkriechen Sie sich
irgendwo f�r einige Zeit. Sie werden genug Geld bei sich haben.�</p><p>Avery wu�te,
da� er diesen Vormittag nie mehr vergessen w�rde, an dem sie um den Tisch in
der Bauernstube gesessen hatten, wie Jungen in einem Zelt, und ihre gespannten
Gesichter Leclerc zugewandt gewesen waren, der in Kirchenstille die Liturgie
ihres Glaubensbekenntnisses verlesen und dabei seine schmalen Priesterh�nde
�ber der Landkarte hin und her bewegt hatte, als sei sie das Me�buch. Alle in
dem Raum Versammelten - und Avery vielleicht am besten von ihnen - kannten den
t�dlichen Widerspruch zwischen Traum und Wirklichkeit, zwischen Motiv und Tat.
Avery hatte mit Taylors Kind gesprochen, hatte seine halbfertigen L�gen vor
Peersen und dem Konsul hervorgestammelt. Er hatte das furchterregende Ger�usch
eines Schrittes vor seiner Hotelzimmert�r geh�rt und hatte nach seiner
R�ckkehr von dieser alptraumartigen Reise gesehen, wie seine eigenen
Erlebnisse in erkennbare Bilder aus Leclercs Welt verwandelt wurden. Und
dennoch lauschte Avery mit der gleichen Fr�mmigkeit eines Agnostikers, die auch
Haldane und Leiser erf�llte, auf Leclercs Stimme - wahrscheinlich in dem
Gef�hl, da� dies alles so war, wie es an einer reinen und magischen St�tte
wirklich sein sollte.</p><p>�Verzeihung�,
sagte Leiser, der den Plan von Kalkstadt studiert hatte. Er wirkte in diesem
Augenblick wie der typische kleine Mann. Es war, als ob er auf einen Defekt an
einem Motor hinwies. Bahnhof, Herberge und Kirche waren gr�n angezeichnet. In
der unteren linken Ecke des Blattes war eine Detailskizze der Eisenbahnschuppen
und Lagerhallen. Auf jeder Seite war die Himmelsrichtung notiert: Ansicht von
Westen, Ansicht von Norden.</p><p>�Was hei�t hier Ansicht, Sir?�
erkundigte sich Leiser. �Die Blickrichtung, die Ansicht.�</p><p>�Wozu ist das? Warum steht das
bitte auf der Karte?� Leclerc l�chelte. �F�r Orientierungszwecke, Fred.� Leiser
stand auf und untersuchte den Plan noch einmal genau. �Und dies hier ist die
Kirche?�</p><p>�Stimmt, Fred. Das ist die Kirche.�</p><p>�Warum sieht sie nach Norden?
Kirchen stehen doch immer in der Ost-West-Richtung. Hier ist der Eingang im
Osten eingezeichnet, wo der Altar sein m��te.� Haldane beugte sich vor; sein
rechter Zeigefinger lag �ber seinen Lippen.</p><p>�Es ist nur eine rohe Skizze�,
sagte Leclerc. Leiser lie� sich wieder auf seinem Platz nieder, sa� in
besonders strammer Haltung. �Verstehe. Verzeihung.�</p><p>Als die
Besprechung zu Ende war, nahm Leclerc Avery beiseite. �Noch etwas, Avery: er
darf die Pistole nicht mitnehmen. Das kommt gar nicht in Frage. Der Minister
war in dieser Frage v�llig unzug�nglich. Vielleicht k�nnten Sie es ihm
gegen�ber erw�hnen.�</p><p>�Keine
Pistole?�</p><p>�Ich
glaube, da� wir ihm das Messer lassen k�nnen. Es ist ein Allzweckger�t. Ich
will damit sagen, da� wir im Fall von Schwierigkeiten immer behaupten k�nnen,
da� er es nur f�r allgemeine Zwecke bei sich hatte.� Nach dem Essen besichtigten
sie die Grenze. Gorton hatte einen Wagen zur Verf�gung gestellt. Leclerc hatte
eine Handvoll Notizen mitgebracht, die er nach einem Rondell-Bericht �ber das
Grenzgebiet angefertigt hatte. Diese Zettel, zusammen mit einer gefalteten
Landkarte, lagen vor ihm auf seinem Scho�. Die zwischen den beiden H�lften
Deutschlands verlaufende Grenze ist auf weite Strecken ein Ding von
erschreckender Inkonsequenz. Wer dort nach Panzersperren oder
Befestigungsanlagen Ausschau h�lt, wird ziemlich entt�uscht sein. Sie verl�uft
durch eine sehr abwechslungsreiche Landschaft aus Gr�ben, niedrigen, mit
Farnkraut bewachsenen H�geln und kleinen Inseln ungepflegten Waldes. Oft sind
die �stlichen Sperren so weit hinter der Demarkationslinie, da� es den
Anschein hat, sie sollten vor westlichen Blicken verborgen bleiben - die
Phantasie erh�lt nur da und dort von einem einzelnen Unterstand, einem
unbenutzten Feldweg, einem leer und verlassen dastehenden Bauernhaus oder
einem der verstreut stehenden Wachtt�rme Nahrung.</p><p>Die
westliche Seite ist an mehreren Stellen mit grotesken Denkm�lern der
politischen Kraftlosigkeit herausgeputzt: aus einem brachliegenden Feld ragt
ohne erkennbaren Sinn ein Sperrholzmodell des Brandenburger Tores, das von
rostenden Schrauben zusammengehalten wird; gro�e, von Wind und Regen mitgenommene
Plakattafeln verk�nden f�nfzehn Jahre alte Schlagworte �ber ein leeres Tal
hinweg. Nur in der Nacht, wenn der Lichtkegel eines Scheinwerfers aus der
Dunkelheit bricht und als unruhiger Finger �ber die kalte Erde tastet, krampft
sich das Herz im Gedanken an den Fl�chtling zusammen, der wie ein Hase in der
Ackerfurche dahinkriecht und auf den Augenblick wartet, in dem er aus der Deckung
hervorbrechen und voller Entsetzen so lange davonst�rzen wird, bis ihn die
Kugel ereilt.</p><p>Sie fuhren
auf der Schotterstra�e, die sich am Kamm des H�gels dahinzieht. An jenen
Stellen, an denen die Stra�e der Grenze besonders nahe kommt, hielten sie an
und stiegen aus. Leiser war in einen Regenmantel geh�llt und hatte einen Hut
auf. Es war sehr kalt. Leclerc trug seinen Dufflecoat und hatte einen Jagdstock
mit, den er wei� Gott wo gefunden haben mochte. Als sie das erstemal, das
zweitemal und schlie�lich noch einmal hielten, sagte Leclerc ruhig: �Hier
nicht.� Als sie zum viertenmal wieder ins Auto kletterten, erkl�rte er: �Die
n�chste Station ist unsere.� Es war die Art Scherz, mit der man sich gerne in
der Schlacht Mut macht.</p><p>Avery
h�tte die Stelle auf Grund von Leclercs Planskizze niemals erkannt. Der H�gel
war da, das schon, auch seine Kr�mmung in Richtung zur Grenze und der steile
Abhang an seinem Ende. Aber das Gel�nde jenseits der Grenze war wieder h�gelig
und teilweise bewaldet, und sein Horizont war mit Baumwipfeln wie mit Fransen
besetzt, vor denen sie mit Hilfe ihrer Feldstecher die braunen Umrisse eines
h�lzernen Turmes erkennen konnten. �Es ist zwischen den drei Pfosten auf der
linken Seite�, sagte Leclerc. Als sie die Talsenke mit ihren Gl�sern genau
untersuchten, konnte Avery hier und da ein verwachsenes St�ck des alten Weges
sehen.</p><p>�Er ist
vermint. Der Weg ist auf der ganzen Strecke vermint. Vom Fu� des H�gels an
geh�rt das Gel�nde schon zu dr�ben.� Leclerc wandte sich zu Leiser. �Sie gehen
von hier los, und zwar�</p><p>- er
deutete mit dem Jagdstock - �bis zum Abhang vor, wo Sie bis zum genauen
Zeitpunkt des Abmarsches liegen bleiben. Wir werden Sie gen�gend lange vorher
schon herbringen, damit sich Ihre Augen an die Lichtverh�ltnisse gew�hnen
k�nnen. Ich glaube, da� wir jetzt gehen sollten. Wir d�rfen n�mlich kein Aufsehen
erregen.�</p><p>W�hrend
der Fahrt zur�ck ins Haus klatschte der Regen gegen die Windschutzscheibe und
trommelte auf das Dach des Wagens. Avery, der neben Leiser sa�, war in Gedanken
versunken. Er glaubte, ein besonders objektiver Beobachter zu sein, als er
sich nun klarmachte, da� in derselben Angelegenheit, in der Leiser die Rolle
aus einer Trag�die zu spielen hatte, er selbst eine Lustspielfigur verk�rperte.
Er verstand, da� er einem irrsinnigen Stafettenlauf zusah, bei dem jeder Teilnehmer
schneller und l�nger rannte als sein Vorl�ufer, und dessen Ziel die eigene
Vernichtung war.</p><p>��brigens�,
sagte er unvermittelt zu Leiser, �sollten Sie nicht etwas mit Ihren Haaren
machen? Ich kann mir nicht vorstellen, da� die da dr�ben an derartige Pomaden
gew�hnt sind. So was kann dann pl�tzlich gef�hrlich sein.�</p><p>�Er
braucht es nicht schneiden zu lassen�, urteilte Haldane. �Die Deutschen lieben
es, lange Haare zu haben. Sie sollten es nur waschen, Fred, mehr nicht. Nur das
�l herauswaschen. - Sehr richtig beobachtet, John, ich gratuliere.�</p><p><strong><emphasis/></strong></p><p><strong><emphasis>17. Kapitel </emphasis></strong></p><p><emphasis/></p><p>Der Regen
hatte aufgeh�rt. Langsam und sich gegen den Wind str�ubend, kam die Nacht. Sie
sa�en im Bauernhaus um den Tisch und warteten. Leiser war in seinem Zimmer.
Johnson hatte Tee gekocht und besch�ftigte sich mit seinem Ger�t. Niemand
sprach. Die Zeit der Verstellung war vor�ber. Nicht einmal Leclerc, sonst ein
Meister der leeren Phrasen, gab sich noch M�he, das Schweigen zu brechen. Es
schien ihm einfach unangenehm, da� man ihn warten lie� wie bei der versp�teten
Hochzeit eines Bekannten. Sie waren in einen Zustand tr�ger Furcht geraten, wie
die Besatzung eines Unterseebootes, �ber deren K�pfe gem�chlich eine Lampe
hin und her pendelt. Ab und zu wurde Johnson vor die T�r geschickt, um nach dem
Mond zu sehen, und jedesmal berichtete er, er sei nicht sichtbar.</p><p>�Die
Berichte der Wetterfr�sche waren ziemlich g�nstig�, meinte Leclerc und
entfernte sich in Richtung Dachboden, wo er Johnson bei der �berpr�fung seiner
Ger�te zusah.</p><p>Als Avery mit Haldane allein war,
sagte er schnell: �Er sagt, das Ministerium habe sich gegen die Pistole entschieden.
Er darf keine mitnehmen.�</p><p>�Welcher verdammte Narr hat ihm
gesagt, das Ministerium �berhaupt um Erlaubnis zu bitten?� fragte Haldane
w�tend. Dann meinte er: �Sie werden es ihm sagen m�ssen. Es h�ngt von Ihnen ab.�</p><p>�Es Leclerc zu sagen?�</p><p>�Nein, Sie Idiot. Leiser!�</p><p>Sie a�en
etwas, danach gingen Haldane und Avery mit Leiser in sein Zimmer zur�ck.</p><p>�Wir
m�ssen Sie jetzt verkleiden�, sagten sie.</p><p>Sie lie�en
ihn sich ausziehen, wobei sie ihm St�ck f�r St�ck die warme und teure Kleidung
wegnahmen:</p><p>Jacke und
Hose in aufeinander abgestimmtem Grau, cremefarbenes Seidenhemd, schwarze
kappenlose Schuhe, dunkelblaue Nylonsocken. Beim L�sen des Krawattenknotens
stie�en seine Finger auf die goldene Nadel mit dem Pferdekopf. Er zog sie
vorsichtig heraus und hielt sie Haldane hin. �Was ist damit?�</p><p>Haldane hatte f�r die
Wertgegenst�nde Umschl�ge mitgebracht. In einen davon steckte er nun die Nadel,
klebte ihn zu und warf ihn, nachdem er etwas darauf geschrieben hatte, aufs
Bett. �Ihr Haar haben Sie gewaschen?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Wir haben keine ostdeutsche Seife
auftreiben k�nnen. Tut mir leid, aber Sie werden sich dr�ben selbst welche
besorgen m�ssen. Soviel ich wei�, ist sie gerade knapp.�</p><p>�In Ordnung.�</p><p>Nackt bis
auf die Armbanduhr, sa� Leiser nun auf dem Bett, vorgebeugt, die kr�ftigen Arme
�ber den haarlosen Schenkeln gekreuzt. Die K�lte �berzog seinen wei�en K�rper
mit einer G�nsehaut. Haldane �ffnete einen Koffer und zog ein B�ndel Kleider
sowie ein halbes Dutzend Paar Schuhe heraus. W�hrend Leiser die ungewohnten
Kleidungsst�cke anzog - die weit geschnittene, an den Beinen breite und an der
H�fte zusammengezogene Hose aus billigem Baumwollstoff, die sch�bige, Falten
werfende, graue Jacke, die unnat�rlich hell gef�rbten braunen Schuhe -, schien
er vor ihren Augen zusammenzuschrumpfen und sich in irgendeinen fr�heren
Zustand zur�ckzuverwandeln, den sie nur erahnt hatten. Ohne das �l zeigte sein
braunes Haar jetzt graue Str�hnen und fiel unordentlich �ber Stirn und Ohren.
Er warf ihnen einen sch�chternen Blick zu, als habe er ein Geheimnis verraten:
ein Bauer in der Gesellschaft der Gutsherrenschaft. �Wie sehe ich aus?�</p><p>�Sehr
gut�, sagte Avery. �Sie sehen gro�artig aus, Fred.�</p><p>�Was ist mit einem Schlips?�</p><p>�Ein Schlips w�rde das Ganze
zerst�ren.� Er probierte alle Schuhe aus, wobei es ihm Schwierigkeiten machte,
sie �ber die groben Wollsocken zu ziehen.</p><p>�Es sind
polnische�, sagte Haldane und reichte ihm noch ein Paar. �Die Polen exportieren
sie nach Ostdeutschland. Nehmen Sie lieber noch ein zweites Paar mit. Man wei�
nicht, wieviel Sie zu laufen haben werden.�</p><p>Dann holte
Haldane aus seinem Zimmer eine schwere Geldkassette und schlo� sie auf. Zuerst
zog er eine Brieftasche heraus. Sie war sch�big und hatte ein Mittelfach aus
Zellophan, in dem Leisers Personalausweis steckte. Er war gestempelt und
abgegriffen. Wie in einer Falle gefangen, blickte das Pa�foto Leisers aus dem
Ausweis durch die flache Zellophanh�lle. Neben dem Ausweis gab es in der
Brieftasche noch eine Reisegenehmigung und einen Brief der Rostocker
Schiffswerft, in dem eine Stelle angeboten wurde. Haldane leerte das Seitenfach
der Brieftasche und erkl�rte den Inhalt St�ck f�r St�ck, wobei er die einzelnen
Papiere wieder an ihren alten Platz zur�cksteckte.</p><p>�Lebensmittelkarte, F�hrerschein,
Parteiausweis. Wie lange sind Sie schon in der Partei?�</p><p>�Seit neunundvierzig.�</p><p>Dann kam das Bild einer Frau und
drei oder vier schmierige Briefe, von denen zwei noch in ihren Umschl�gen
steckten.</p><p>�Liebesbriefe�,
erkl�rte Haldane kurz.</p><p>Als
n�chstes kamen ein Gewerkschaftsausweis und der Ausschnitt aus einer
Magdeburger Zeitung, in dem �ber die Produktionszahlen einer Magdeburger Fabrik
berichtet wurde, ein Foto des Brandenburger Tores, wie es vor dem Krieg
ausgesehen hatte, und das abgegriffene Zeugnis eines fr�heren Arbeitgebers.
�Das also war die Brieftasche�, sagte Haldane. �Fehlt nur noch das Geld. Alles
andere ist in Ihrem Rucksack - Proviant und derartige Sachen.� Er reichte Leiser
ein B�ndel Geldscheine aus seiner Kassette. Leiser stand in der unterw�rfigen
Haltung eines Mannes vor ihm, der einer Leibesvisitation unterzogen wird - mit
etwas vom K�rper weggehaltenen Armen und ein wenig breitbeinig. Er nahm alles
entgegen, was Haldane ihm reichte, steckte es sorgf�ltig weg und nahm wieder
die gleiche Haltung ein. Er unterschrieb eine Quittung f�r das Geld. Haldane
pr�fte kurz die Unterschrift und steckte das Papier dann in eine schwarze
Aktentasche, die er neben sich auf ein Tischchen gelegt hatte.</p><p>Dann kamen
die Kleinigkeiten, die ein Mann namens Hartbeck wahrscheinlich bei sich tragen
w�rde: ein Schl�sselbund an einer Kette, an dem auch der Kofferschl�ssel hing,
ein Kamm, ein khakifarbenes Taschentuch voller �lflecken und eine Handvoll
Ersatzkaffee in einer T�te aus Zeitungspapier, ein Schraubenzieher, ein St�ck
d�nner Draht und die frisch abgedrehten Enden einer Metallstange - der
sinnlose Kleinkram aus den Taschen eines Arbeiters. �Die Uhr werden Sie leider
nicht mitnehmen k�nnen�, sagte Haldane.</p><p>Leiser
knipste den Verschlu� des goldenen Armbandes auf und lie� die Uhr in Haldanes
ausgestreckte Hand gleiten. Daf�r bekam er eine in Ostdeutschland hergestellte
Uhr aus Stahl, die sorgf�ltig nach Averys Wecker gestellt wurde.</p><p>Schlie�lich
trat Haldane zur�ck. �So wird's gehen.</p><p>Bleiben
Sie dort stehen und kontrollieren Sie Ihre Taschen. Vergewissern Sie sich, da�
Sie alles dort haben, wo Sie es gew�hnlich tragen w�rden. Ber�hren Sie nichts
anderes in diesem Zimmer, haben Sie verstanden?�</p><p>�Ich kenne die Regeln�, sagte
Leiser, w�hrend er zu seiner goldenen Uhr auf dem Tisch hin�bersah. Er nahm das
Messer entgegen und hakte die schwarze Scheide an seinem Hosenbund fest. �Was
ist mit meiner Pistole?�</p><p>Haldane lie� den Stahlverschlu� seiner
Aktentasche zuschnappen; es klang, als fiele eine T�r ins Schlo�. �Sie nehmen
keine mit�, sagte Avery. �Keine Pistole?�</p><p>�Ist nicht vorgesehen, Fred. Man
glaubt, es sei zu gef�hrlich.�</p><p>�F�r wen?�</p><p>�Es k�nnte zu gef�hrlichen
Situationen f�hren. Politisch, meine ich. Einen bewaffneten Mann nach Ostdeutschland
hineinzuschicken. Man hat Angst vor einem Zwischenfall.�</p><p>�Angst!�</p><p>Er starrte Avery lange an, als
suche er in dem jungen, glatten Gesicht nach etwas, das nicht darin war. Er
wandte sich an Haldane. �Ist das wahr?� Haldane nickte.</p><p>Pl�tzlich
streckte Leiser seine zu einer Schale geformten H�nde vor, in einer
schrecklichen Geste der Armut. Er pre�te die Finger zusammen, als gelte es,
den letzten Wassertropfen aufzufangen. Seine Schultern zuckten unter der
�rmlichen Jacke, sein Gesicht spiegelte gleichzeitig Flehen und Furcht. �Die
Pistole, John! Ihr k�nnt einen Menschen doch nicht ohne Pistole losschicken!
La�t mir doch um Gottes willen die Pistole!�</p><p>�Tut mir
leid, Fred...�</p><p>Seine H�nde
waren noch immer ausgestreckt, als er sich nun zu Haldane wandte. �Sie wissen
gar nicht, was Sie da tun!�</p><p>Leclerc
hatte den L�rm geh�rt und stand in der T�r. Haldanes Gesicht war ausdruckslos
wie ein Fels. Leiser h�tte es mit nackten F�usten schlagen k�nnen, ohne einen
Kern von Erbarmen blo�zulegen. Seine Stimme sank zu einem Fl�stern. �Was tun
Sie? Guter Gott, was versuchen Sie da zu tun?� Pl�tzlich �ber alles im klaren,
schrie er beide an: �Ihr ha�t mich, jawohl! Was habe ich euch getan? John, was
habe ich getan? Wir waren doch Kameraden, nicht?� Als Leclerc schlie�lich
sprach, klang seine Stimme unbeteiligt und k�hl, als wolle er betonen, da� zwischen
ihnen Welten lagen. �Worum geht es hier?�</p><p>�Er macht
sich wegen der Pistole Sorgen�, erkl�rte Haldane.</p><p>�Daran k�nnen wir leider nichts
�ndern. Das liegt nicht in unseren H�nden. Sie wissen, Fred, wie uns zumute
ist. Nat�rlich wissen Sie das. Wir haben einen Befehl. Da kann man nichts
machen. Haben Sie vergessen, wie es fr�her gewesen ist?� Und steif, ein Mann
voll Pflichtbewu�tsein und Entschlossenheit, f�gte er hinzu: ��ber die mir
erteilten Befehle kann ich nicht diskutieren. Was soll ich Ihnen also sagen?�
Leiser sch�ttelte den Kopf. Seine H�nde sanken herab. Die Disziplin war von
ihm abgefallen. �Schon vorbei.� Er sah Avery an. �In gewisser Weise ist ein
Messer sogar n�tzlicher, Fred�, sagte Leclerc tr�stend. �Es macht keinen L�rm.�</p><p>�Ja.�</p><p>Haldane
sammelte Leisers �brige Kleidungsst�cke zusammen. �Ich mu� sie in den Rucksack
packen�, sagte er mit einem Seitenblick zu Avery und verlie� schnell den Raum.
Leclerc nahm er mit. Leiser und Avery sahen einander schweigend an. Avery
sch�mte sich, Leiser so h��lich zu sehen. Schlie�lich sagte Leiser: �Es gab nur
uns drei: den Captain, Sie und mich - das war fein damals.</p><p>K�mmern Sie sich nicht um die
anderen, John. Die sind ganz unwichtig.�</p><p>�Das stimmt, Fred.�</p><p>Leiser
l�chelte. �Diese Woche, John - das war prima. Komisch, nicht wahr: die ganze
Zeit laufen wir den M�dchen nach, aber wirklich z�hlen, das tun die M�nner,
nur die M�nner.�</p><p>�Sie geh�ren zu uns, Fred. Haben
immer dazugeh�rt. All die Jahre war Ihre Karte da, die ganze Zeit geh�rten Sie
zu uns. Wir vergessen das nicht.�</p><p>�Wie sieht sie aus?�</p><p>�Es sind
zwei zusammengeheftete Bl�tter, eines f�r damals, eins f�r jetzt. Sie stehen in
dem Kasten - wir nennen es &gt;Agenten im Einsatz&lt;. Ihr Name ist der erste.
Sie sind unser bester Mann.� Er konnte es sich jetzt richtiggehend vorstellen.
Diese Kartei war etwas, das sie gemeinsam geschaffen hatten, und er konnte an
sie glauben wie an die Liebe. �Sie sagten aber, es sei alphabetisch geordnet�,
sagte Leiser scharf. �Sie sagten, es gebe f�r die besten eine Spezialkartei.�</p><p>�Die Gro�en Tiere werden vorn
eingestellt.�</p><p>�Und ihr habt eure M�nner �berall
in der Welt?�</p><p>��berall!�</p><p>Leiser
runzelte nachdenklich die Stirn, als m�sse er eine nur ihn allein angehende
Frage entscheiden. Langsam lie� er seinen Blick durch das kahle Zimmer
schweifen, dann sah er auf seine groben Jacken�rmel hinunter und schlie�lich zu
Avery, auf dem er seine Augen scheinbar endlos ruhen lie�, bis er endlich sein Handgelenk
fa�te - ganz leicht nur, mehr um zu f�hlen, als um zu f�hren - und mit
angehaltenem Atem sagte: �Gib mir etwas. Gib mir was, das ich mitnehmen kann.
Etwas von dir, irgendwas.� Avery grub in seinen Taschen, aus denen er ein Taschentuch,
Kleingeld und ein St�ck zusammengefalteten d�nnen Karton hervorkramte. Er
klappte den Karton auseinander; es war das Foto von Taylors kleiner Tochter.</p><p>�Ist das
dein Kind?� Leiser blickte �ber Averys Schulter auf das kleine bebrillte
Gesicht hinunter. Seine Hand schlo� sich um die Averys. �Das m�chte ich.� Avery
nickte. Leiser steckte das Bild in seine Brieftasche. Dann nahm er seine Uhr
vom Tisch. Sie war aus Gold und hatte ein schwarzes Zifferblatt, das auch die
Mondphasen anzeigte. �Nimm du sie�, sagte er. �Behalte sie.� Dann fuhr er
fort: �Ich habe dauernd versucht, mich wieder an zu Hause zu erinnern. Wir hatten
eine Schule: mit einem riesigen Hof wie in einer Kaserne, nichts als Fenster
und Regenrinnen. Nach dem Essen haben wir dort immer Ball gespielt. - Da war
ein Tor und dahinter der Weg zur Kirche, dahinter der Flu�.� Er beschrieb die
Stadt mit seinen H�nden, als lege er Ziegelsteine aufeinander. �Sonntags
gingen wir immer hin, durch die Seitent�r, die Kinder zuletzt, wei�t du.�
Pl�tzlich l�chelte er �berlegen. �Diese Kirche blickte nach Norden�, erkl�rte
er, �und keineswegs nach Osten.� Unvermittelt fragte er dann: �Und du - wie
lange? Wie lange bist du schon dabei?�</p><p>�Bei der
Organisation?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Vier
Jahre.�</p><p>�Wie alt warst du damals?�</p><p>�Achtundzwanzig. Es ist das
Mindestalter.�</p><p>�Du hast mir doch gesagt, du w�rst
vierunddrei�ig.�</p><p>�Man wartet auf uns�, sagte Avery.
Rucksack und Koffer - aus gr�nem Leinen, mit Lederecken - standen in der Halle
bereit. Er probierte den Sitz des Rucksacks und verstellte die Riemen, bis er
ihm hoch auf dem R�cken hockte wie die Schultasche eines deutschen Jungen. Dann
nahm er den Koffer auf und wog beides. �Nicht so schlimm�, murmelte er.
�Weniger geht nicht�, sagte Leclerc. Sie fl�sterten jetzt nur noch, obwohl
niemand sie h�ren konnte. Einer nach dem anderen kletterte in das Auto. Ein
hastiger H�ndedruck und dann marschierte er los, dem H�gel entgegen. Es gab
keine gro�en Worte, nicht einmal von Leclerc. Fast schien es, als h�tten sie
sich schon vor langer Zeit von Leiser getrennt. Das letzte, was sie von ihm
sahen, war der leise auf und ab schwankende Rucksack, w�hrend er in der Dunkelheit
verschwand. Sein Gang hatte schon immer einen eigenen Rhythmus gehabt.</p><empty-line/><p><strong><emphasis>18. Kapitel </emphasis></strong></p><p><emphasis/></p><p>Leiser lag
im dichten Farnkraut am Ende des H�gels. Er starrte auf das phosphoreszierende
Zifferblatt seiner Uhr. Noch zehn Minuten. Der Schl�sselbund war ihm aus der
Tasche geglitten, und er schob ihn zur�ck. W�hrend er die Hand zur�ckzog,
f�hlte er die Glieder der Kette wie die Perlen eines Rosenkranzes durch seine
Finger gleiten. Einen Augenblick lie� er sie verweilen: in dieser Ber�hrung lag
Trost, in ihr lag etwas von seiner Kindheit: �Sankt Christophorus und alle
deine Engel, bitte besch�tze uns auf der Reise.� Vor ihm fiel das Gel�nde steil
bis zur Talsohle ab. Er hatte es gesehen, er wu�te, da� es so war. Aber w�hrend
er jetzt hinunterblickte, konnte er in der Dunkelheit nichts erkennen.
Angenommen, dort unten war Sumpf? Es hatte geregnet und das Wasser hatte sich
im Tal gesammelt. Er sah sich bis zum Bauch durch den Schlamm waten und den
Koffer auf seinem Kopf balancieren, w�hrend rings um ihn die Kugeln ins Wasser
klatschten.</p><p>Er
versuchte, jenseits des Tales den Turm zu erkennen, aber falls es ihn noch
gab, war er vom Schwarz der B�ume verschluckt.</p><p>Sieben
Minuten. Machen Sie sich wegen der Ger�usche keine Sorgen, hatten sie gesagt,
der Wind wird sie nach S�den tragen. Bei diesem Wind werden sie �berhaupt
nichts h�ren. Laufen Sie neben dem Weg, auf der s�dlichen, das hei�t also der
rechten Seite, bleiben Sie auf dem neuen, durch das Farnkraut getrampelten
Pfad. Er ist eng, aber frei. Wenn Ihnen jemand entgegenkommt, nehmen Sie das
Messer. Aber gehen Sie um Gottes willen nicht auf dem Weg. Der Rucksack war
schwer. Zu schwer. Der Koffer ebenso. Er hatte mit Jack schon dar�ber
gestritten. Er machte sich nichts aus Jack. �Wir wollten lieber ganz
sichergehen, Fred�, hatte Jack erkl�rt. �Diese kleinen Ger�te sind empfindlich
wie Jungfrauen: f�r siebzig Kilometer ganz brauchbar, aber bei achtzig schon
tot wie ein gestochenes Kalb. Es ist besser, wenn wir Spielraum haben, Fred,
dann sind wir ganz sicher. Die Leute, von denen wir dieses Ding haben, sind
Fachleute, wirkliche Experten.�</p><p>Noch eine
Minute. Sie hatten seine Uhr nach Averys Wecker gestellt.</p><p>Er hatte
Angst. Pl�tzlich konnte er seine Gedanken nicht mehr ablenken. Vielleicht war
er zu alt, zu m�de, vielleicht hatte er schon genug geleistet. Vielleicht hatte
ihn das Training ersch�pft. Er f�hlte, wie sein Herz gegen die Rippen schlug.
Sein K�rper w�rde es nicht durchhalten, er war nicht mehr stark genug. Er lag
und redete in Gedanken auf Haldane ein: Mein Gott, Captain, sehen Sie denn
nicht, da� meine Zeit vor�ber ist? Der alte Knabe schafft's nicht mehr. So
ungef�hr w�rde er es ihnen sagen. Er w�rde liegen bleiben, wenn der
Minutenzeiger auf seinen Platz r�ckte. Sein K�rper w�rde zu schwer sein, er
w�rde sich nicht bewegen k�nnen. �Es ist mein Herz�, w�rde er ihnen sagen.
�Hatte 'nen Herzanfall, Chef, hab' ich Ihnen nichts von meinem wackligen Herz
gesagt? Es streikte einfach, w�hrend ich hier im Kraut lag.� Er stand auf. Soll
der Hund den Hasen sehen. Rennen Sie den H�gel hinunter, hatten sie gesagt. Bei
diesem Wind werden sie nicht einen Ton h�ren. Rennen Sie den H�gel hinunter,
denn das ist die Stelle, an der sie Sie noch am ehesten sehen k�nnten. Am
wahrscheinlichsten ist, da� sie dort hinschauen, wo sie hoffen k�nnen, eine
Silhouette zu sehen. Laufen Sie schnell durch das Farnzeug und machen Sie sich
klein, dann kann nichts schiefgehen. Unten hinlegen und verschnaufen, dann zu
kriechen anfangen. Er rannte wie ein Verr�ckter. Er stolperte, und der Rucksack
brachte ihn zu Fall. Er sp�rte, wie das Knie gegen sein Kinn schlug, und dann
den Schmerz, als er sich in die Zunge bi�. Als er wieder hochkam, ri� ihn der
Koffer herum, er taumelte halb in den Weg hinein, und wartete auf den grellen
Blitz der explodierenden Mine. Er hastete den Abhang hinunter. Der weiche
Boden gab unter seinen Fersen nach, und der Koffer klapperte wie ein altes
Auto. Warum hatten sie ihm nicht erlaubt, die Pistole mitzunehmen? Er f�hlte,
wie seine brennende Milz wuchs, sich unter den Rippen ausbreitete und feurige
Stiche in die Lunge bohrte. Er z�hlte seine Schritte und sp�rte bei jedem
einen Schlag und das dr�ckende Gewicht von Koffer und Rucksack. Avery hatte
gelogen. Die ganze Zeit nichts als L�gen. Sie sollten sich um Ihren Husten
k�mmern, Captain, besser gingen Sie mal zu 'nem Doktor, mit diesem Stacheldraht
in Ihrem Gekr�se. Der Boden wurde flach, er fiel wieder hin und lag still,
keuchend wie ein Tier. Er f�hlte nichts als Furcht und den Schwei�, der sein
Wollhemd durchtr�nkte. Er pre�te sein Gesicht an den Boden. W�hrend er seinen
K�rper hochstemmte, glitt seine Hand unter seinen Bauch und zog den Riemen des
Rucksacks fester.</p><p>Er begann
den H�gel hinauf zukriechen, robbte mit den Ellbogen und schob den Koffer vor
sich her. Die <emphasis>ganze </emphasis>Zeit war ihm bewu�t, da� sich der
Buckel auf seinem R�cken �ber die Spitzen der Farnkr�uter hinausw�lbte.</p><p>Das Wasser
durchtr�nkte seine Kleider, er sp�rte es frei �ber Schenkel und Knie laufen.
Der Geruch von modrigem Laub f�llte seine Nase. Sein Haar blieb immer wieder
an Zweigen h�ngen. Die ganze Natur schien sich verschworen zu haben, ihn
aufzuhalten. Er starrte den Hang hinauf und entdeckte vor der schwarzen Wand
der B�ume die Silhouette des Turmes. Auf dem Turm war kein Licht. Er lag
still. Es war zu weit. Niemals w�rde er so weit kriechen k�nnen. Auf seiner Uhr
war es jetzt Viertel vor drei. Die Abl�sung w�rde von Norden kommen. Er nahm
den Rucksack ab und stand auf. Den Rucksack hielt er unter dem Arm wie ein
kleines Kind; in der anderen Hand den Koffer. So begann er vorsichtig den Hang
hinaufzugehen, wobei er sich links von dem ausgetretenen Pfad hielt und die
Silhouette des Turmes nicht aus den Augen lie�. Pl�tzlich stand er dicht
davor. Der Turm sah aus wie das Skelett eines Ungeheuers.</p><p>Der Wind
pfiff �ber den H�gelkamm. Direkt �ber sich h�rte Leiser eine locker gewordene
Latte gegen die Balken schlagen, dann das langgezogene Knarren von altem Holz.
Es war nicht ein Draht, sondern zwei. Als er daran zog, l�sten sie sich von dem
Pfosten. Er stieg dar�ber weg, befestigte sie wieder und starrte in den vor ihm
liegenden Wald. Selbst in diesem Augenblick unsagbarer Angst, da ihn der in
die Augen rinnende Schwei� fast blind machte und das Klopfen seiner Schl�fen
den Wind �bert�nte, empfand er noch eine tiefe, vertrauende Dankbarkeit
gegen�ber Avery und Haldane, als sei der Betrug, den sie an ihm begangen
hatten, zu seinem eigenen Vorteil gewesen. Dann sah er den Posten, wie die
Silhouette im Schie�stand, kaum zehn Meter vor sich. Der Mann stand mit dem
R�cken zu ihm auf dem alten Weg und hatte sein Gewehr �ber die Schulter
geh�ngt. Sein plumper K�rper schwankte langsam von einer Seite zur anderen,
w�hrend er mit den F��en stampfte, um sich warm zu halten. Leiser roch Tabak
und Kaffee, nur eine Sekunde lang, ein Geruch so warm wie eine Wolldecke. Er
stellte Rucksack und Koffer nieder und bewegte sich instinktiv auf den Schatten
zu. Es war genauso wie in der Turnhalle zu Headington. Er sp�rte hart das Heft
seines Messers in der Hand, die kreuzweise Riffelung, die das Abgleiten
verhindern sollte. Der Posten war ein ziemlich junger Bursche unter seinem
schweren Uniformmantel; Leiser war erstaunt, wie jung. Er t�tete ihn hastig,
mit einer einzigen Bewegung; wie ein Fliehender wohl in eine Menge schie�t,
kurz und nicht um zu t�ten, sondern um vorzubeugen; ungeduldig, weil er machen
mu�te, da� er weiterkam; gleichg�ltig, weil es so angelernt war. �K�nnen Sie
irgend etwas sehen?� wiederholte Haldane.</p><p>�Nein.� Avery reichte ihm den
Feldstecher. �Er ist von der Dunkelheit einfach verschluckt worden.�</p><p>�K�nnen Sie auf dem Turm ein Licht
sehen? Sie w�rden die Scheinwerfer anmachen, wenn sie etwas geh�rt h�tten.�</p><p>�Nein. Ich
habe nur nach Leiser Ausschau gehalten�, antwortete Avery.</p><p>�Sie sollten ihn Mayfly nennen�,
r�gte Leclerc hinter ihrem R�cken. �Jetzt kennt Johnson den Namen.�</p><p>�Ich werde ihn vergessen, Sir.�</p><p>�Auf jeden Fall ist er dr�ben�,
sagte Leclerc und ging zum Wagen.</p><p>Sie fuhren
schweigend zur�ck. W�hrend sie auf das Haus zugingen, sp�rte Avery einen
freundschaftlichen Klaps auf seiner Schulter und erwartete, beim Zur�ckblicken
in Johnsons Gesicht zu sehen. Statt dessen aber blickte er in das ausgezehrte
Gesicht Haldanes, das aber so ver�ndert wirkte, so merklich entspannt, da� es
die jugendliche Ruhe eines Mannes widerzuspiegeln schien, der soeben eine
lange Krankheit �berwunden hatte. Der letzte Schmerz war von ihm gewichen. �Ich
halte nicht viel von gro�en Lobreden�, sagte Haldane.</p><p>�Glauben Sie, da� er gut
hin�bergekommen ist?�</p><p>�Sie haben gut gearbeitet.�
Haldane l�chelte. �Wir h�tten etwas geh�rt, nicht wahr? Die Sch�sse. Oder wir
h�tten zumindest die Scheinwerfer gesehen.�</p><p>�Er ist
jetzt unserer F�rsorge entzogen. Gut gemacht.� Er g�hnte. �Ich schlage vor,
fr�h zu Bett zu gehen. Wir haben jetzt nichts mehr zu tun. Nur bis morgen
abend, nat�rlich.� An der T�r blieb er stehen, und ohne den Kopf zu wenden,
sagte er: �Wissen Sie, es kommt einem so unwirklich vor. Im Krieg, da war es
keine Frage. Sie gingen oder sie weigerten sich. Warum ging er, Avery? Jane
Austen sagte: Geld oder Liebe, das seien die zwei einzigen Dinge in der Welt.
Leiser ging nicht um des Geldes willen.�</p><p>�Sie
meinten, man k�nne das nie so genau wissen.</p><p>Das sagten
Sie an dem Abend, als er anrief.�</p><p>�Er
erkl�rte mir, er gehe aus Ha�. Aus Ha� gegen die Deutschen. Das habe ich ihm
nicht geglaubt.�</p><p>�So oder
so; er ist gegangen. Ich dachte, das sei das einzige, worauf es Ihnen ankommt.
Sie sagten einmal, da� Sie Motiven mi�trauen.�</p><p>�Ha� w�re
f�r ihn kein Grund, eine derartige Arbeit zu �bernehmen. Das ist uns ja wohl
klar. Was f�r ein Mensch ist er eigentlich? Wir haben ihn nicht wirklich
kennengelernt, oder? F�r ihn kann jetzt jeden Augenblick alles vorbei sein -
womit besch�ftigen sich in dieser Lage seine Gedanken? Wenn er jetzt sterben
sollte, heute nacht - woran wird er denken?�</p><p>�So etwas
sollten Sie nicht aussprechen.�</p><p>�Ach.�
Endlich wandte er sich nun doch zu Avery. Der friedliche Ausdruck war nicht von
seinem Gesicht gewichen. �Als wir das erstemal mit ihm zusammenkamen, war er
ein Mensch ohne Liebe. Wissen Sie, was Liebe ist? Ich werd's Ihnen sagen: sie
ist all das, was man noch immer verraten kann. Was uns anbelangt, so leben wir
ohne sie in unserem Beruf. Wir zwingen niemanden, f�r uns zu arbeiten. Wir
lassen die Leute nur die Liebe entdecken. Nat�rlich hat Leiser das getan, oder
nicht? Er hat uns sozusagen wegen des Geldes geheiratet und aus Liebe
verlassen. Er leistete den zweiten Schwur. Ich frage mich nur, wann das war.�</p><p>�Wie
meinen Sie das: wegen des Geldes?� sagte Avery schnell.</p><p>�Ich
meine, was immer wir ihm gegeben haben, er jedenfalls hat uns Liebe gegeben.
Ich sehe da gerade zuf�llig, da� Sie seine Uhr tragen.�</p><p>�Ich
bewahre sie nur f�r ihn auf.�</p><p>�Ach so.
Gute Nacht. Oder guten Morgen, eigentlich.�</p><p>Ein
kleines Lachen. �Wie schnell man doch jeden Sinn f�r Zeit verliert.� Dann
bemerkte er, mehr zu sich selbst: �Und das Rondell hat uns die ganze Zeit geholfen.
Sehr seltsam. Ich frage mich, warum.� Sorgf�ltig reinigte Leiser sein Messer.
Es war schmutzig und mu�te gewaschen werden. Im Bootshaus a� er seinen
Proviant und trank den Cognac aus der Flasche. �Danach�, hatte Haldane gesagt,
�m�ssen Sie sich aus dem Land versorgen. Sie k�nnen nicht mit Fleischkonserven
und franz�sischem Cognac umherlaufen.� Er �ffnete die T�r und ging hinaus, um
sich Gesicht und H�nde im See zu waschen. Die Wasserfl�che lag unbewegt in der
Dunkelheit. Ihr glatter Spiegel war wie eine makellose Haut, die schwebende
graue Nebelschleier bedeckten. Er konnte das am Ufer wachsende Schilf
erkennen, das leise von dem �ber die Wasserfl�che streichenden, vor der Morgend�mmerung
fliehenden Wind ber�hrt wurde. Jenseits des Sees hingegen hingen schattenhaft
die Umrisse einer niedrigen H�gelkette. Er f�hlte sich erholt und ruhig. Bis
ihm, wie ein Schauder, der Gedanke an den Jungen �berfiel.</p><p>Er
schleuderte die leere Fleischdose und die kleine Flasche weit in den See
hinaus, und als sie ins Wasser klatschten, erhob sich tr�ge ein Reiher aus dem
Schilf. Leiser b�ckte sich nach einem Kieselstein, den er �ber die Wasserfl�che
tanzen lie�. Er h�rte, da� er dreimal aufschlug, ehe er unterging. Er versuchte
es noch einmal, aber dreimal sprang der Stein nicht mehr. Er ging in die H�tte
zur�ck und holte den Rucksack und seinen Koffer. Sein rechter Arm schmerzte
sehr. Das mu�te vom Gewicht des Koffers sein. Irgendwoher drang das Muhen von
K�hen. Er ging auf dem Uferweg nach Osten. Er wollte so weit wie m�glich
kommen, ehe der Tag begann. Ein halbes Dutzend D�rfer mu�te er schon durchquert
haben. Jedes war ohne Leben gewesen, ruhiger als die offene Landstra�e, weil
die H�user f�r einen Augenblick den Wind abhielten. Pl�tzlich wurde ihm bewu�t,
da� er keine Wegweiser und kein einziges neues Geb�ude gesehen hatte. Das war
es, was den friedlichen Eindruck erweckte. Es war die Ruhe der fehlenden
Erneuerung- so hatte es auch schon vor f�nfzig Jahren hier ausgesehen, oder vor
hundert. Es gab keine Stra�enbeleuchtung, keine bunten Schilder an den Kneipen
und Gesch�ften. Es war die Dunkelheit der Gleichg�ltigkeit, und das beruhigte
ihn. Er lief in diesen Frieden hinein, wie ein m�der Mann in die See taucht: er
gab ihm K�hlung und belebte ihn, wie der Wind, bis er sich an den Jungen
erinnerte. Er kam an einem allein stehenden Bauernhaus vorbei. Ein langer Weg
f�hrte von der Stra�e zu dem Haus. Er blieb stehen. Auf halber H�he stand ein
Motorrad, ein alter Regenmantel lag �ber dem Sattel. Niemand war zu sehen. Der
Ofen qualmte.</p><p>�Wann war doch sein erster
Sendetermin?� fragte Avery. Er hatte schon mehrmals gefragt. �Johnson sagte, um
zweiundzwanzig Uhr zwanzig. Eine Stunde vorher werden wir anfangen, das Wellenband
abzutasten.�</p><p>�Ich dachte, er sei auf einer
bestimmten Frequenz�, murmelte Leclerc ziemlich uninteressiert. �Es k�nnte
sein, da� er mit dem falschen Kristall anf�ngt. In der Aufregung passiert das
leicht. F�r die Empfangsstation ist es am sichersten, wenn man auf alle
Frequenzen achtet, f�r die er Kristalle mit hat.�</p><p>�Er mu� jetzt schon unterwegs
sein.�</p><p>�Wo ist Haldane?�</p><p>�Er schl�ft.�</p><p>�Wie kann
jemand unter diesen Umst�nden schlafen?�</p><p>�Es wird
bald Tag.�</p><p>�K�nnen
Sie nicht irgendwas mit diesem Ofen unternehmen?� fragte Leclerc. �Es ist doch
wohl nicht notwendig, da� er so raucht.� Pl�tzlich sch�ttelte er den Kopf, als
wolle er Wassertropfen abbeuteln, und sagte: �John, es gibt einen
au�erordentlich interessanten Bericht Fieldens. �ber Truppenbewegungen in Budapest.
Wenn Sie nach London zur�cckommen, sollten Sie vielleicht...� Er verlor den
Faden und runzelte die Stirn.</p><p>�Sie
erw�hnten es schon�, sagte Avery sanft.</p><p>�Ja,
nat�rlich, jedenfalls sollten Sie mal einen Blick hineinwerfen.�</p><p>�Gerne.
Klingt sehr interessant.�</p><p>�Ja, nicht
wahr?�</p><p>�Sehr.�</p><p>�Wissen
Sie�, sagte Leclerc, anscheinend noch immer in Erinnerungen versunken, �die
wollen der ungl�cklichen Frau immer noch nicht die Pension auszahlen.�</p><p>Er hielt
sich auf dem Motorrad sehr steif und hatte die Ellbogen an den K�rper gelegt,
als sitze er bei Tisch. Die Maschine machte schrecklichen L�rm, der die
Morgend�mmerung erf�llte, �ber die gefrorenen Felder hallte und die H�hner in
ihren St�llen aus dem Schlaf schreckte. Der Mantel hatte lederne Schulterklappen.
Seine Zipfel flatterten im Wind und schlugen mit knatterndem Ger�usch gegen die
Speichen des Hinterrades, w�hrend die Maschine �ber die Schlagl�cher holperte.
Der Tag brach an. Er w�rde bald etwas essen m�ssen. Leiser verstand nicht,
wieso er so hungrig war. Vielleicht kam es von der k�rperlichen Anstrengung.
Ja, das mu�te es sein. Er w�rde essen, aber nicht in einer Stadt, und noch
nicht jetzt. Nicht in einem Cafe, in das fremde Menschen kamen. Nicht in einem
Cafe, das der Junge besucht hatte.</p><p>Er fuhr
weiter. Das Hungergef�hl peinigte ihn. Er konnte an nichts anderes denken. Er
drehte den Gashebel zur�ck und beugte seinen gierigen K�rper vor. Er wendete
in einen Feldweg und hielt. Das Haus war alt und vernachl�ssigt bis zum
Zerfall. Der Weg zum Haus war von Karrenr�dern aufgew�hlt und von Gras
�berwachsen, der Zaun morsch. Es gab terrassenf�rmig angelegte Beete, auf denen
das Unkraut wucherte, als k�nne man sie f�r keinen sinnvollen Zweck mehr
verwenden.</p><p>Das
K�chenfenster war erleuchtet. Leiser klopfte an die T�r. Seine Hand zitterte
von der Fahrt auf dem Motorrad. Niemand kam. Er klopfte noch einmal, und das
Ger�usch erschreckte ihn. Er glaubte, ein Gesicht zu sehen. Es konnte der
Schatten des Jungen sein, der gegen das Fenster sank, als er fiel, ebensogut
aber konnte es die Spiegelung eines vom Wind bewegten Astes sein.</p><p>Er ging
schnell zu dem Motorrad zur�ck. Entsetzt begriff er, da� sein Hunger gar kein
Hunger war, sondern Einsamkeit. Er mu�te sich irgendwo hinlegen und ausruhen.
Er dachte: ich hatte ganz vergessen, wie sehr einen das mitnimmt. Er fuhr
weiter, bis er in einen Wald kam. Dort legte er sich hin. Sein Gesicht pre�te
sich hei� in das Farnkraut. Es war Abend. Auf den Feldern war es noch hell.
Aber in dem Wald, in dem er lag, breitete sich rasch die D�mmerung aus, so da�
sich die roten F�hren pl�tzlich in schwarze S�ulen verwandelten. Er klaubte
sich die Bl�tter von seiner Jacke und schn�rte die Schuhe zu. Sie dr�ckten den
Rist schmerzhaft. Er hatte keine Zeit gehabt, sie einzulaufen. Er ertappte
sich bei dem Gedanken: denen kann's egal sein, und er erinnerte sich daran, da�
nichts je die Kluft �berbr�ckt, die zwischen dem Mann lag, der ging, und denen,
die zur�ckblieben, zwischen den Lebenden und den Toten.</p><p>Es
bereitete ihm M�he, die Riemen des Rucksackes �ber die Schultern zu streifen,
und dankbar f�hlte er wieder den hei�en Schmerz, als sie endlich auf ihren
alten Stellen sa�en. Nachdem er den Koffer aufgenommen hatte, ging er �ber den
Acker zur Stra�e zur�ck, wo das Motorrad stand: noch f�nf Kilometer bis
Langdorn. Er nahm an, da� es hinter dem n�chsten H�gel lag: die erste der drei
St�dte. Bald w�rde er auf die Stra�ensperre sto�en; bald w�rde er essen. Er
fuhr langsam, den Koffer auf seinen Knien, w�hrend er auf die nasse Stra�e
starrte und seine Augen anstrengte, um eine Kette roter Lichter zu sehen oder
eine Ansammlung von M�nnern und Fahrzeugen. Nach einer Kurve sah er auf der
linken Stra�enseite ein Haus mit einer Bierreklame, die in einem Fenster
aufgestellt war. Er fuhr in den Vorgarten. Das Motorenger�usch lockte einen
alten Mann vor die T�r. Leiser bockte das Rad auf.</p><p>�Ich h�tte
gerne ein Bier�, sagte er, �und Wurst. Gibt's das hier?�</p><p>Er alte
Mann lie� ihn eintreten und an einem Tisch im Gastzimmer Platz nehmen, von dem
aus Leiser das Motorrad drau�en im Auge behalten konnte. Er brachte ihm eine
Flasche Bier, einige Scheiben Wurst auf einem Teller und ein St�ck Schwarzbrot.
Er blieb neben dem Tisch stehen und sah ihm beim Essen zu. �Wohin wollen Sie?�
Sein mageres Gesicht war von Bartstoppeln bedeckt.</p><p>�Nach
Norden.� Leiser kannte dieses Spiel.</p><p>�Woher
sind Sie?�</p><p>�Wie hei�t
die n�chste Ortschaft?�</p><p>�Langdorn.�</p><p>�Weit?�</p><p>�F�nf
Kilometer.�</p><p>�Kann man
dort �bernachten?�</p><p>Der alte
Mann zuckte mit den Schultern. Die Bewegung dr�ckte weder Gleichg�ltigkeit
noch Verneinung aus, sondern einfach Ablehnung, als lehne er alles ab und werde
von allem abgelehnt. �Wie ist die Stra�e?� fragte Leiser. �Ganz gut.�</p><p>�Angeblich soll eine Umleitung
sein.�</p><p>�Keine Umleitung�, sagte der alte
Mann, als bedeute eine Umleitung Hoffnung, Trost oder Gesellschaft, irgend
etwas, das die kalte Feuchtigkeit erw�rmen oder die Ecken des Raumes h�tte
erhellen k�nnen. �Sie sind aus dem Osten�, erkl�rte der alte Mann. �Man
erkennt's an Ihrer Sprache.�</p><p>�Meine Eltern�, sagte Leiser.
�Gibt's Kaffee?� Der alte Mann brachte Kaffee, sehr schwarz und s�uerlich,
ohne Aroma.</p><p>�Sie sind aus Wilmsdorf�, sagte
der alte Mann. �Ihr Nummernschild ist aus Wilmsdorf.�</p><p>�Viele G�ste?� fragte Leiser und
sah zur T�r.</p><p>Der alte Mann sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Ist keine sehr befahrene Stra�e,
nicht?� Der alte Mann sagte immer noch nichts. �Ich hab' einen Freund in
Kalkstadt. Ist das noch weit?�</p><p>�Nicht weit. Vierzig Kilometer.
Bei Wilmsdorf ist ein Junge umgebracht worden.�</p><p>�Er f�hrt ein Lokal an der
Nordausfahrt, &gt;Dorfkrug&lt;, kennen Sie es?�</p><p>�Nein.�</p><p>Leiser senkte seine Stimme. �Es
gab �rger bei ihnen. Eine Pr�gelei, Soldaten aus der Stadt, Russen.�</p><p>�Gehen Sie weg�, sagte der alte
Mann. Er wollte zahlen, hatte aber nur einen F�nfzigmarkschein.</p><p>�Gehen Sie weg�, sagte der Alte
wieder.</p><p>Leiser nahm Rucksack und Koffer.
�Alter Narr�, sagte er b�se, �was glauben Sie, wer ich bin?�</p><p>�Sie sind entweder gut oder
schlecht - und beides ist gef�hrlich. Gehen Sie.�</p><p>Es gab
keine Stra�ensperre. Unversehens war er mitten in Langdorn. Es war schon
finster. Das einzige Licht auf der Stra�e war der schwache Schein, der sich
hinter den geschlossenen Fensterl�den hervorstahl und kaum bis aufs nasse
Pflaster fiel. Kein Verkehr auf der Stra�e. Der L�rm seines Motorrades beunruhigte
ihn, es klang wie ein Fanfarensto� �ber den Marktplatz. Leiser dachte, im Krieg
gingen sie immer fr�h zu Bett, um sich warm zu halten. Vielleicht hatte sich
das nicht ge�ndert.</p><p>Es war
Zeit, das Motorrad loszuwerden. Er fuhr durch die Stadt hindurch und fand am
anderen Ende eine unbenutzte Kirche, wo er das Rad neben der Sakristeit�r
stehenlie�. Er ging in die Stadt zur�ck, zum Bahnhof. Der Beamte war in
Uniform. �Kalkstadt. Einfach.�</p><p>Der Beamte
streckte die Hand aus. Leiser nahm einen Geldschein heraus und gab ihn ihm. Der
Beamte sch�ttelte ihn ungeduldig. Einen Augenblick starrte Leiser ratlos auf
die vor ihm herumfuchtelnde Hand und das �rgerliche, mi�trauische Gesicht
hinter dem Schalterfenster.</p><p>Pl�tzlich schnauzte der Beamte:
�Personalausweis!� Leiser l�chelte um Verzeihung bittend. �Daran habe ich gar
nicht gedacht�, sagte er und �ffnete die Brieftasche, um die Karte in ihrem
Zellophanfenster zu zeigen.</p><p>�Nehmen
Sie sie heraus�, sagte der Beamte, und Leiser sah ihm dabei zu, wie er den
Ausweis unter dem Licht seiner Schreibtischlampe pr�fend betrachtete.</p><p>�Reisegenehmigung?�</p><p>�Ja,
nat�rlich�, Leiser gab ihm das Papier.</p><p>�Warum
fahren Sie nach Kalkstadt, wenn Sie nach Rostock reisen?�</p><p>�Unser Betrieb hat Maschinen per
Bahn nach Kalkstadt geliefert. Schwere Turbinen und Werkzeugmaschinen. M�ssen
montiert werden.�</p><p>�Wie sind Sie bis hierher
gekommen?�</p><p>�Jemand hat mich mitgenommen.�</p><p>�Das Mitnehmen von Anhaltern ist
verboten.�</p><p>�In diesen Zeiten mu� man sehen,
wie man vorankommt.�</p><p>�In diesen Zeiten?�</p><p>Der Mann pre�te seine Nase gegen
die Scheibe und blickte auf Leisers H�nde hinunter. �Mit was spielen Sie da
unten herum?� fragte er grob. �Eine Kette. Meine Schl�sselkette.�</p><p>�So. Also die Maschinen m�ssen
montiert werden, wie? Und weiter?�</p><p>�Ich kann das unterwegs erledigen.
Die warten in Kalkstadt schon sechs Wochen. Der Transport hat so lange
gedauert.�</p><p>�So?�</p><p>�Wir haben nachgeforscht, bei der
Eisenbahn.�</p><p>�Und?�</p><p>�Keine Antwort.�</p><p>�Sie
m�ssen eine Stunde warten. Der Zug geht um halb sieben.� Pause. �Haben Sie's
schon geh�rt? Bei Wilmsdorf haben sie einen Jungen umgebracht�, sagte er.
�Schweine.� Er gab das Wechselgeld her�ber. Leiser wu�te nicht, was er tun
sollte. Er wagte es nicht, sein Gep�ck in die Aufbewahrung zu geben. Er konnte
nichts anderes tun, als eine halbe Stunde umherzulaufen, dann kehrte er zum
Bahnhof zur�ck. Der Zug hatte Versp�tung.</p><p>�Ihnen
beiden geb�hrt gro�e Anerkennung�, sagte Leclerc mit einem dankbaren Nicken in
Richtung von Haldane und Avery. �Auch Ihnen, Johnson. Von jetzt an gibt es
nichts, was irgendeiner von uns noch dazu beitragen k�nnte. Alles h�ngt jetzt
von Mayfly ab.�</p><p>Avery
bekam ein Extral�cheln: �Was ist mit Ihnen, John? Sie sind so still. Glauben
Sie, da� Sie wertvolle Erfahrungen haben sammeln k�nnen?� Und mit einem
Lachen, das f�r die beiden anderen bestimmt war, sagte er: �Ich hoffe wirklich,
da� wir nicht pl�tzlich eine Scheidung auf dem Gewissen haben. Wir m�ssen Sie
jetzt so schnell als m�glich zu Ihrer Frau nach Hause schicken.�</p><p>Er sa� auf
der Tischkante und hatte seine H�nde �ber dem Knie gefaltet. Als Avery nichts
sagte, erkl�rte er strahlend: �Ich habe einen Vermerk von Carol bekommen- - du
wei�t es, Adrian -, da� ich die junge Ehe zerst�re.�</p><p>Haldane
l�chelte, als sei das eine erheiternde Bemerkung. �Ich bin sicher, da� diese
Gefahr nicht besteht�, sagte er.</p><p>�Er hat ja
auch bei Smiley gro�en Eindruck gemacht: wir m�ssen aufpassen, da� sie ihn uns
nicht wegschnappen!�</p><empty-line/><p><strong><emphasis>19. Kapitel </emphasis></strong></p><empty-line/><p>Als der
Zug in Kalkstadt hielt, wartete Leiser, bis die anderen Reisenden den Bahnsteig
verlassen hatten. Ein �lterer Beamter sammelte die Fahrkarten ein. Er sah
freundlich aus.</p><p>�Ich suche
nach einem Freund�, sagte Leiser, �einen Mann namens Pritsche. Er hat hier
gearbeitet.�</p><p>Der Beamte
runzelte die Stirn.</p><p>�Pritsche?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Wie ist
sein Vorname?�</p><p>�Ich wei�
nicht.�</p><p>�Wie alt
ist er denn? Wenigstens ungef�hr?� Leiser sagte auf gut Gl�ck: �Vierzig.�</p><p>�Pritsche, hier, auf diesem
Bahnhof?�</p><p>�Ja. Er wohnte in einem kleinen
Haus unten am Flu�.</p><p>Junggeselle.�</p><p>�Allein in einem ganzen Haus? Und
soll hier gearbeitet haben?�</p><p>�Ja.�</p><p>Der Beamte sch�ttelte den Kopf.
�Nie von ihm geh�rt.� Er sah Leiser zweifelnd an. �Sind Sie sicher?� fragte
er.</p><p>�Das hat
er mir jedenfalls erz�hlt.� Pl�tzlich schien ihm etwas einzufallen. �Im
November hat er mir geschrieben... er beschwerte sich dar�ber, da� Vopos den
Bahnhof geschlossen h�tten.�</p><p>�Sie sind
ja verr�ckt�, sagte der Beamte. �Gute Nacht.�</p><p>�Gute
Nacht�, erwiderte Leiser. Die ganze Zeit, w�hrend er davonging, sp�rte er den
starren Blick des Mannes in seinem R�cken.</p><p>In der
Hauptstra�e gab es einen Gasthof. Er hie� &gt;Alte Glocke&lt;. Er wartete eine
Zeitlang an der Theke im Gastzimmer, aber niemand kam. Er �ffnete eine T�r und
stand in einem gro�en, halbdunklen Raum. An einem Tisch sa� ein M�dchen vor
einem alten Grammophon. Sie sa� zusammengesunken da, hatte den Kopf in die
Arme gelegt und lauschte der Musik. �ber ihr brannte eine einzelne Birne. Als
die Platte zu Ende war, setzte sie, ohne den Kopf zu heben, die Nadel wieder an
den Anfang.</p><p>�Ich
brauche ein Zimmer�, sagte Leiser. �Ich bin gerade aus Langdorn angekommen.�
�berall in dem Raum hingen ausgestopfte V�gel: Reiher, Fasanen und ein
Eisvogel. �Ich suche ein Zimmer�, wiederholte er. Es war Tanzmusik, eine sehr
alte Platte.</p><p>�Fragen
Sie an der Theke.�</p><p>�Es ist
niemand da.�</p><p>�Es gibt sowieso nichts. Die
d�rfen Sie hier gar nicht wohnen lassen. Neben der Kirche ist eine Herberge.
Sie m�ssen dort wohnen.�</p><p>�Wo ist die Kirche?�</p><p>Sie stellte mit einem
�bertriebenen Seufzer das Grammophon ab, und Leiser wu�te, da� sie froh war, mit
jemandem reden zu k�nnen.</p><p>�Sie ist zerbombt�, erkl�rte sie.
�Wir sprechen nur noch von ihr. Blo� der Turm steht noch.�</p><p>Schlie�lich sagte er: �Die haben
sicher ein Bett hier.</p><p>Es ist doch ein gro�es Haus.� Er
stellte den Rucksack in eine Ecke und setzte sich neben sie an den Tisch.</p><p>Mit der Hand fuhr er sich durch
das dichte, trockene Haar.</p><p>�Sie sehen ganz erledigt aus�,
sagte das M�dchen. Seine blauen Hosen waren noch vom Lehm an der Grenze
verkrustet. �War den ganzen Tag unterwegs. Das nimmt einen mit.�</p><p>Sie stand
befangen auf und ging bis ans Ende des Raumes, wo eine h�lzerne Stiege zu einem
schwachen Lichtschimmer hinauff�hrte. Sie rief, aber niemand kam.</p><p>�Steinh�ger?�
fragte sie aus der Dunkelheit. �Ja.�</p><p>Sie kam mit einer Flasche und
einem Glas zur�ck. Sie trug einen alten braunen Milit�rregenmantel mit Schulterst�cken
und eckigen Schultern. �Woher sind Sie?� fragte sie.</p><p>�Magdeburg.
Ich fahre nach Norden. Habe in Rostock eine Stelle bekommen.�</p><p>Wie oft w�rde er das noch sagen?
�In dieser Herberge - kann ich da ein Einzelzimmer haben?�</p><p>�Wenn Sie eins wollen.�</p><p>Die
Beleuchtung war so schwach, da� er sie zuerst kaum erkennen konnte. Nach und
nach nahm sie Gestalt an. Sie war ungef�hr achtzehn und grobknochig.</p><p>Ein ganz
h�bsches Gesicht, aber eine sehr unreine Haut. So alt wie der Junge an der
Grenze, ein bi�chen �lter vielleicht.</p><p>�Wer sind
Sie�, fragte er. Sie antwortete nicht. �Was machen Sie?�</p><p>Sie nahm
sein Glas, trank daraus und sah ihn altklug �ber den Rand des Glases hinweg an.
Sie schien sich f�r eine gro�e Sch�nheit zu halten. Dann stellte sie das Glas
langsam auf den Tisch zur�ck, w�hrend sie ihn weiter ansah und sich das Haar
aus dem Gesicht strich. Auch von dieser Geste schien sie viel zu halten. �Schon
lange hier?�</p><p>�Zwei
Jahre.�</p><p>�Was
machen Sie?�</p><p>�Was Sie
wollen.� Ihre Stimme war ganz ernst.</p><p>�Viel los
hier?�</p><p>�Ach -
v�llig tot. Nichts.�</p><p>�Keine
Jungs?�</p><p>�Manchmal.�</p><p>�Soldaten?�
- Eine Pause.</p><p>�Ab und
zu. Wissen Sie nicht, da� diese Frage verboten ist?�</p><p>Leiser go�
sich noch einen Steinh�ger aus der Flasche ein.</p><p>Sie nahm
sein Glas, wobei sie mit seinen Fingern spielte.</p><p>�Was ist mit dieser Stadt los?�
fragte er. �Ich habe schon vor sechs Wochen versucht, herzukommen. Man lie�
mich nicht herein. Kalkstadt, Langdorn, Wolken - alles gesperrt, sagten sie.
Was war los?� Ihre Fingerspitzen strichen �ber seine Hand. �Was ging hier vor?�
wiederholte er. �Nichts war gesperrt.�</p><p>�Mach halblang�, sagte Leiser.
�Sie wollten mich nicht mal in die N�he lassen, ich schw�r dir's. Sperren hier
und auf der Stra�e nach Wolken.� Er dachte:</p><p>schon zwanzig nach acht, nur noch
zwei Stunden bis zu meinem ersten Funkkontakt. �Nichts war gesperrt.� Pl�tzlich
setzte sie hinzu: �Du kommst also von Westen, auf der Stra�e. Nach so jemandem
suchen sie hier gerade.� Er stand auf. �Ich mu� mich nach dieser Herberge
umsehen.� Er legte Geld auf den Tisch. Das M�dchen fl�sterte: �Ich hab' mein
eigenes Zimmer. Der Neubau hinterm Friedensplatz. Es sind Arbeiterwohnungen.
Sie haben nichts dagegen, dort. Ich mach', was du willst.�</p><p>Leiser sch�ttelte den Kopf. Er
nahm sein Gep�ck und ging zur T�r. Sie sah ihn noch immer an, und er wu�te,
da� sie mi�trauisch war. �Wiedersehen�, sagte er. �Ich w�rde auch nichts sagen.
Nimm mich mit.�</p><p>�Ich trank einen Steinh�ger�,
murmelte Leiser. �Wir haben kein Wort miteinander geredet. Du hast die ganze
Zeit deine Platten gespielt.� Sie hatten beide Angst.</p><p>Das M�dchen sagte: �Ja. Die ganze
Zeit Platten.�</p><p>�Es war nie gesperrt, bist du ganz
sicher? Langdorn, Wolken, Kalkstadt, vor sechs Wochen?�</p><p>�Wozu sollte irgend jemand hier
Sperren errichten?�</p><p>�Nicht mal der Bahnhof?�</p><p>Sie sagte
schnell: �Vom Bahnhof wei� ich nichts. Im November war das Gebiet einmal f�r
drei Tage gesperrt. Niemand hat eine Ahnung, warum, 'ne russische Einheit war
da, ungef�hr f�nfzig Mann. Sie lagen hier in der Stadt. Mitte November.�</p><p>�F�nfzig?
Panzer, oder was?�</p><p>�Mit
Lastwagen. Weiter im Norden waren Man�ver. Bleib bei mir heute nacht. Bleib.
Nimm mich mit. Ich geh' �berall hin.�</p><p>�Welche
Farbe hatten die Schulterklappen?�</p><p>�Wei�
nicht.�</p><p>�Woher
kamen sie?�</p><p>�Sie waren
neu. Ein paar waren aus Leningrad, zwei Br�der.�</p><p>�Wohin
gingen sie von hier?�</p><p>�Norden. H�r zu, niemand wird
etwas davon erfahren. Ich rede nicht. Zu der Sorte geh�re ich nicht. Ich mach'
dir alles, alles, was du willst.�</p><p>�In Richtung Rostock?�</p><p>�Sie sagten, da� sie nach Rostock
gehen. Wir sollen nicht dar�ber sprechen. Die Parteileute waren deshalb in
jedem Haus.�</p><p>Leiser nickte. Er schwitzte.
�Wiedersehen�, sagte er. �Wie ist es mit morgen? Morgen abend? Ich mach', was
du willst.�</p><p>�Vielleicht.
Sag es niemandem. Verstehst du?� Sie sch�ttelte den Kopf: �Ich werd's ihnen
nicht sagen. Mir ist das doch egal. Frag nur nach dem Hochhaus hinterm
Friedensplatz. T�r neunzehn. Kannst jederzeit kommen. Ich mach selbst auf. Wenn
du zweimal l�utest, wei� ich, da� es f�r mich ist. Brauchst nichts zu
bezahlen.� Dann sagte sie: �Gib acht auf dich. �berall sind Leute. In Wilmsdorf
ist ein Junge umgebracht worden.�</p><p>Er ging
zum Marktplatz, nun wieder vorsichtig, denn er f�hlte sich von allen Seiten
bedroht, suchte den Kirchturm und die Herberge. In der Dunkelheit huschten vermummte
Gestalten an ihm vorbei. Manche trugen noch alte Uniformst�cke, Feldm�tzen oder
die langen M�ntel, die sie im Krieg gehabt hatten. Ab und zu, wenn er gerade
unter einer der matten Stra�enlaternen vorbeikam, versuchte er einen Blick in
ihre Gesichter zu werfen, und dann forschte er in diesen verschlossenen,
ausdruckslosen Mienen nach dem, was er ha�te. Er sagte sich: �Hasse diesen Kerl
- er ist alt genug.� Aber es ber�hrte ihn nicht. Sie waren nichts. In einer
anderen Stadt, an einem anderen Ort h�tte er vielleicht jemanden f�r seinen Ha�
finden k�nnen. Hier nicht. Diese Leute hier waren alt und nichts weiter. Arm
und allein wie er selbst. Der Kirchturm war schwarz und leer. Er erinnerte ihn
pl�tzlich an den Turm an der Grenze, an die Garage nach elf Uhr abends, an den
Augenblick, als er den Posten t�tete: ein Kind noch, wie er selbst es im Krieg
gewesen war, j�nger sogar noch als Avery. �Jetzt sollte er eigentlich schon
dort sein�, sagte Avery.</p><p>�Ganz
richtig, John. Er sollte wohl schon dort sein, nicht wahr? Nur noch eine
Stunde. Noch ein Flu� zu �berqueren.� Er begann zu singen, aber niemand fiel
ein.</p><p>Schweigend sa�en sie einander
gegen�ber. �Kennen Sie �brigens den Alias-Club?� fragte Johnson pl�tzlich.
�Bei der Villiers Street? Vom alten Haufen kommen ziemlich viele dort hin.
Sollten einmal am Abend mitkommen, wenn wir wieder zu Hause sind.�</p><p>�Danke�, sagte Avery. �Mach ich
gerne.�</p><p>�In der Weihnachtszeit ist es dort
sehr nett�, sagte Johnson. �Das ist die Zeit, in der ich oft dort bin. Ein netter
Verein. Ein oder zwei kommen sogar in Uniform.�</p><p>�Klingt
sehr nett.�</p><p>�Silvester
machen sie eine Party mit Damen. Sie k�nnten Ihre Frau mitbringen.�</p><p>�Prima.�</p><p>Johnson zwinkerte. �Oder Ihre
Freundin.�</p><p>�F�r mich gibt's nur Sarah�, sagte
Avery. Das Telefon l�utete. Leclerc stand auf, um abzuheben.</p><p><strong><emphasis/></strong></p><p><strong><emphasis>20. Kapitel </emphasis></strong></p><p><emphasis/></p><p><strong><emphasis>HEIMKEHR</emphasis></strong></p><empty-line/><p>Er stellte
Rucksack und Koffer ab und inspizierte das Zimmer. Neben dem Fenster war eine
elektrische Steckdose. Die T�r hatte kein Schlo�, deshalb stellte er den
Lehnstuhl davor. Er zog die Schuhe aus und legte sich aufs Bett. Er dachte an
die Finger des M�dchens, die �ber seine H�nde strichen und an das nerv�se
Zittern ihrer Lippen. Dann fiel ihm der tr�gerische Blick ein, mit dem sie ihn
aus dem Dunkel heraus beobachtet hatte, und er fragte sich, wie lange es dauern
w�rde, bis sie ihn verriet. Avery fiel ihm ein: die menschliche W�rme und
typisch englische Anst�ndigkeit am Beginn ihrer Kameradschaft. Er sah wieder
sein junges, im Regen gl�nzendes Gesicht vor sich und den scheuen, verwirrten
Ausdruck Averys, als er seine Brille abwischte, und er dachte: sicher hat er
nie etwas anderes als zweiunddrei�ig gesagt. Ich habe mich verh�rt. Er sah zur
Decke. In einer Stunde w�rde er die Antenne spannen.</p><p>Das Zimmer
war gro� und kahl, und in einer Ecke gab es ein rundes Waschbecken aus Marmor.
Unter dem Becken f�hrte ein Rohr zum Fu�boden, und er hoffte, da� es f�r die
Erdung gen�gen w�rde. Er drehte den Wasserhahn auf, und zu seiner Erleichterung
kam kaltes Wasser, denn Jack hatte gesagt, bei einer Hei�wasserleitung sei es
riskant. Er nahm sein Messer und kratzte das Rohr an einer Seite sorgf�ltig
sauber. Die Erdung war sehr wichtig - Jack hatte das gesagt. Wenn es gar
keine andere M�glichkeit gibt, hatte er gesagt, dann legen Sie das Erdkabel im
Zick-Zack unter den Teppich, und zwar in der gleichen L�nge, die die Antenne
hat. Aber es gab hier keinen Teppich.</p><p>Er mu�te
es mit dem Rohr versuchen. Kein Teppich, keine Gardinen.</p><p>An der
gegen�berliegenden Wand stand ein ausladender schwerer Kleiderschrank. Fr�her
mu�te es einmal das beste Hotel am Platz gewesen sein. Es roch nach t�rkischen
Zigaretten und Desinfektionsmitteln. Die W�nde waren grau get�ncht, und die
Feuchtigkeit hatte �ber sie dunkle Schatten verteilt, nach der gleichen
geheimnisvollen Eigengesetzlichkeit des Mauerwerks, durch die auch der trockene
Streifen entstanden war, der quer �ber die Decke lief. An manchen Stellen war
der Verputz abgebr�ckelt und hatte gezackte Inseln aus wei�em Schimmel
hinterlassen, an anderen hatte er sich zusammengezogen und die Spr�nge waren
vom Maler mit der gleichen Masse gef�llt worden, die in den Ecken des Zimmer
wei�e Flu�l�ufe zeichnete. Leiser s Blick folgte ihnen aufmerksam, w�hrend er
angestrengt auf das leiseste Ger�usch au�erhalb des Raumes achtete. An der Wand
hing ein Bild. Es zeigte Feldarbeiter und ein Pferd vor einem Pflug. Am
Horizont war ein Traktor zu sehen. Er h�rte Johnsons gutm�tige Stimme die
Anweisungen wegen der Antenne herunterleiern: �In einem geschlossenen Raum ist
es ein Jammer, und es wird in einem geschlossenen Raum sein. Also h�ren Sie
zu: im Zick-Zack durchs Zimmer, ein Viertel Ihrer Wellenl�nge und drei�ig
Zentimeter unterhalb der Decke. Zwischenr�ume m�glichst weit, Fred, und auf
keinen Fall parallel zu Eisentr�gern, elektrischen Leitungen und derartigem.
Lassen Sie sie gestreckt, biegen Sie sie nicht auf sich selbst zur�ck, sonst
gibt's eine sch�ne Schweinerei, klar?� Immer der gleiche Scherz, die Anspielung
auf den Geschlechtsakt, um das Ged�chtnis eines einfachen Mannes zu st�tzen.
Leiser dachte: Ich werde sie zum Bilderrahmen spannen und von dort hin und her
bis zur hinteren Ecke. In diesen weichen Verputz werde ich sicher einen Nagel
stecken k�nnen. Er sah sich nach einem Nagel oder etwas �hnlichem um und
entdeckte im Holz des Fensterrahmens einen alten Gardinenhaken. Er stand auf
und schraubte den Griff seines Rasierapparates auf. Man mu�te ihn dazu nach
rechts drehen, was allgemein f�r einen genialen Einfall gehalten wurde, da ein
mi�trauischer Fremder, den Griff wie �blich nach links zu drehen versuchte,
gegen das Gewinde schrauben w�rde. Aus der H�hlung zog er das zusammengefaltete
Seidentuch heraus und gl�ttete es mit seinen dicken Fingern �ber dem Knie. In der
Tasche fand er einen Bleistift. Er spitzte ihn, wobei er auf der Bettkante
sitzen blieb, damit ihm das Seidentuch nicht verrutschte. Zweimal brach ihm die
Spitze ab. Zwischen seinen F��en sammelten sich auf dem Boden die Sp�ne an.
Dann begann er in seinem Notizbuch zu schreiben. Er kritzelte mit gro�en
Buchstaben wie ein H�ftling, der an seine Frau schreibt, und um jeden Punkt zog
er einen Kreis, wie man es ihm vor langer Zeit beigebracht hatte.</p><p>Als er
seine Nachricht formuliert hatte, zog er nach jeweils zwei Buchstaben einen
senkrechten Strich und unter die so entstehenden Abteilungen schrieb er die der
Buchstabengruppe entsprechende Zahl, wie er es von der Tabelle auswendig
gelernt hatte. Manchmal mu�te er sich auf einen mnemonischen Reim st�tzen, um
sich an die Zahlenkolonnen zu erinnern. Manchmal hatte er eine falsche Zahl
geschrieben, dann mu�te er sie ausradieren und von neuem beginnen. Als er
fertig war, teilte er die Zahlenreihe in Gruppen von jeweils vier Zahlen und
zog sie von den Zahlen auf dem Seidentuch ab. Schlie�lich �bertrug er die
Zahlen wieder in Buchstaben, die er wieder in Vierergruppen aufteilte.</p><p>Wie ein
altes Leiden machte sich wieder die Furcht in seinem Leib bemerkbar. Er blickte
bei jedem eingebildeten Ger�usch scharf zur T�r hin�ber. Seine Hand stockte
dabei mitten im Schreiben. Aber er h�rte nichts, nur das Knarren im Geb�lk
eines alten Hauses, das klang wie das Ger�usch des Windes in der Takelage
eines Schiffes. Er betrachtete den fertigen Text mit dem Bewu�tsein, da� er viel
zu lang geworden war und da� er ihn k�rzen k�nnte, w�re er nur etwas besser in
dieser Art Arbeit und w�re sein Geist nur ein wenig beweglicher, aber im
Augenblick fiel ihm beim besten Willen keine L�sung ein. Au�erdem hatte er
gelernt, da� es besser war, ein Wort oder zwei zuviel zu schreiben, als da� die
Nachricht am anderen Ende mi�verstanden werden konnte. Es waren zweiundvierzig
Buchstabengruppen.</p><p>Er zog den
Tisch vom Fenster weg und hob den Koffer hinauf. Mit dem Schl�ssel von seiner
Kette sperrte er ihn auf, wobei er betete, es m�ge auf der Reise nichts
kaputtgegangen sein. Er �ffnete die Schachtel mit den Ersatzteilen und
ertastete mit zitternden Fingern den seidenen, oben mit einem gr�nen Band zusammengebundenen
Beutel, in dem die Kristalle waren. Er kn�pfte das Band auf und sch�ttelte die
Kristalle auf die rauhe Bettdecke. An jedem klebte ein kleines Etikett, auf
dem mit Johnsons Schrift die Frequenz und darunter mit einer Zahl die Stelle
vermerkt war, auf der der Kristall im Sendeplan stand. Er ordnete sie
entsprechend und legte sie in einer Reihe nebeneinander, wobei er sie auf die
Decke pre�te, damit sie nicht umherkollerten. Die Kristalle waren das einfachste.
Er versuchte, ob sich die T�r trotz des unter die Klinke geschobenen Stuhls
�ffnen lie�. Die Klinke rutschte in seiner Handfl�che, der Stuhl leistete Widerstand.
Ihm fiel ein, da� er im Krieg immer Metallkeile mitbekommen hatte. Er ging zu
dem Koffer zur�ck und schlo� Sender und Empf�nger an den Transformator an,
st�pselte die Kopfh�rer ein und l�ste die Schraube, die die Morsetaste im
Deckel der Schachtel festhielt. Dabei sah er es.</p><p>In den
Deckel des Koffers war ein St�ck Papier geklebt, auf dem ein halbes Dutzend
Buchstabengruppen und daneben die dazugeh�renden Morsezeichen vermerkt waren.
Es war der internationale Morsekode f�r die stehenden Phrasen, die er sich nie
hatte merken k�nnen.</p><p>Als er
diese mit Johnsons s�uberlicher Buchhalterschrift gemalten Buchstaben sah,
stiegen Tr�nen der Dankbarkeit in seine Augen. Das hat er mir gar nicht gesagt,
dachte er, er hat gar nicht gesagt, da� er das gemacht hat. Jack war doch ganz
in Ordnung, trotz allem. Jack, der Captain und Johnnyboy: welch ein Team, f�r
das er arbeitete. Andere Leute hatten nicht das Gl�ck, solche Burschen zu
finden, egal, wie lange sie suchten. Er versuchte ruhig zu werden und pre�te
seine H�nde fest gegen die Tischplatte. Er zitterte ein wenig, es mochte vor
K�lte sein. Sein verschwitztes Hemd klebte an seinem R�cken, aber er war
gl�cklich. Er warf einen schnellen Blick auf den Sessel vor der T�r und dachte:
Wenn ich die Kopfh�rer aufhabe, werde ich sie gar nicht kommen h�ren, so wie
mich der Junge wegen des Windes nicht geh�rt hatte. Als n�chstes steckte er
Erde und Antenne in ihre Buchsen, zog das Erdkabel bis zur Wasserleitung und
befestigte die blanken Enden mit Klebestreifen auf der abgeschabten Stelle des
Rohres. Er stieg auf das Bett und spannte die Antenne in acht Windungen dicht
unter der Decke aus, wie Johnson ihn angewiesen hatte, wobei er sie an der
Vorhangstange und mit Hilfe des Gardinenhakens an der Wand befestigte. Nachdem
das erledigt war, setzte er sich wieder vor das Ger�t und drehte den Zeiger der
Bandskala zwischen die Drei und die Vier, weil er wu�te, da� die Frequenzen
aller Kristalle im Drei-Megahertz-Bereich lagen. Er nahm den ersten der in
einer Reihe auf dem Bett liegenden Kristalle, steckte ihn an der hinteren
linken Ecke des Ger�tes in seinen Sockel und begann, den Sender abzustimmen,
wobei er jeden Handgriff vor sich hinmurmelte: Stelle Kristallknopf auf
&gt;Alle Kristalle&lt; stecke die Spule ein, Anodenabstimmung und entsprechende
Antennenkontrolle auf zehn. Er z�gerte, w�hrend er versuchte, sich an den n�chsten
Schritt zu erinnern. In seinem Kopf bildete sich ein Klumpen. �V - wissen Sie
nicht, was V bedeutet?� Er schaltete den Knopf des Me�ger�tes auf drei, um die
Netzspannung am Verst�rker abzulesen. ASE-Knopf auf A f�r Abstimmung. Jetzt kam
die Erinnerung langsam zur�ck. Me�instrument auf sechs, um die
Verst�rker-End-Spannung abzulesen. Anodenknopf bis zum geringsten Anschlag des
Zeigers drehen. Nun schaltete er den ASE-Knopf auf S f�r Senden, dr�ckte kurz
auf die Morsetaste, las dabei die Messung ab, drehte die Antennenabstimmung,
bis der Zeiger etwas h�her kletterte, und stellte hastig die Anodenabstimmung
neu ein. Dann wiederholte er die Prozedur, bis er mit unendlicher Erleichterung
vor dem wei�en Hintergrund der nierenf�rmigen Skala den Zeiger ausschlagen sah
und wu�te, da� Sender und Antenne einwandfrei abgestimmt waren, und da� er nun
mit John und Jack sprechen konnte. Er lehnte sich mit einem zufriedenen Grunzen
zur�ck und z�ndete eine Zigarette an. Er w�nschte, es w�re eine englische
gewesen, denn wenn sie jetzt hereingeplatzt k�men, spielte die Zigarettensorte
schon keine Rolle mehr. Er sah auf die Uhr und zog sie, entsetzt von der
Vorstellung, da� sie abgelaufen sein k�nnte, bis zum Anschlag auf. Sie war nach
Averys Uhr gestellt, und diese Tatsache gab ihm auf simple Art ein beruhigendes
Gef�hl. Wie zwei voneinander getrennte Liebende blickten sie zu demselben Stern
empor.</p><p>Er hatte
diesen Jungen get�tet. Noch drei Minuten bis zum festgesetzten Sendetermin. Er
hatte die Morsetaste von dem Deckel der Schachtel abgeschraubt, weil er sie
dort nicht richtig bedienen konnte. Jack hatte gesagt, das sei ganz in Ordnung,
es mache nichts aus. Leiser mu�te nun das Brettchen, auf dem die Taste
befestigt war, mit der linken Hand festhalten, damit sie nicht wegrutschte,
aber Jack sagte, jeder Funker habe nun mal seine eigenen Marotten. Leiser war
sicher, da� die Taste kleiner war als die, die man ihm im Krieg gegeben hatte.
Er war ganz sicher. Es hingen noch Spuren von Kreide an dem Arm der Taste. Er
legte seine Ellbogen an den K�rper und straffte den R�cken. Der Mittelfinger seiner
rechten Hand kr�mmte sich �ber der Taste. JAJ ist mein erstes Rufzeichen,
dachte er, Johnson ist mein Name und man nennt mich Jack, das ist wirklich
leicht zu behalten. JA, John Avery. JJ, Jack Johnson. Dann klopfte er es in den
�ther hinaus: einmal kurz und dreimal lang, kurzlang, einmal kurz und dreimal
lang. Und er dachte dabei: es ist wie in dem Haus in Holland, aber diesmal bin
ich allein. Sag's zweimal, Fred, und dann schalte ab. Er ging auf Empfang,
schob das Blatt Papier weiter in die Mitte des Tisches und merkte pl�tzlich,
da� er nichts zum Schreiben hatte, wenn Jack jetzt durchkam. Er stand auf und
sah sich suchend nach seinem Notizbuch und dem Bleistift um, wobei auf seinem
R�cken der Schwei� ausbrach. Sie waren nirgends zu sehen. Er lie� sich hastig
auf H�nde und Knie fallen und tastete in dem dicken Staub unter dem Bett herum,
bis er den Bleistift fand. Das Notizbuch suchte er vergeblich. W�hrend er
aufstand, h�rte er aus den Kopfh�rern ein knackendes Ger�usch. Er rannte zum
Tisch und pre�te einen der H�rer an sein Ohr, gleichzeitig versuchte er, das
Papier festzuhalten, um neben seine eigene Nachricht etwas an den Rand kritzeln
zu k�nnen.</p><p>�QSA3� -
wir h�ren Sie gut - mehr sagten sie nicht. �Ruhig, Junge, ruhig�, murmelte er.
Er schob sich auf den Stuhl, schaltete auf Senden, blickte auf den Zettel mit
seiner verschl�sselten Nachricht und klopfte die Zahlen vierzwei in die Tasten,
denn es waren zweiundvierzig Gruppen. Seine Hand war schwei�na� und der Staub
klebte an ihr; sein rechter Arm schmerzte, vielleicht vom Tragen des Koffers
oder vom Kampf mit dem Jungen.</p><p>Sie haben
soviel Zeit, wie Sie wollen, hatte Johnson gesagt. Wir h�ren zu, es ist ja kein
Examen. Er holte das Taschentuch heraus und wischte sich den Schmutz von den
H�nden. Er war schrecklich m�de. Die M�digkeit war wie eine k�rperliche
Verzweiflung, wie der Augenblick dr�ckenden Schuldgef�hls vor dem Liebesakt.
Gruppen von jeweils vier Buchstaben, hatte Johnson gesagt. Denken Sie einfach
an Worte, die vier Buchstaben haben, was, Fred! Sie brauchen ja nicht alles auf
einmal zu geben, machen Sie eine kleine Pause in der Mitte, wenn Sie wollen.
Zweieinhalb Minuten auf der ersten Frequenz, zweieinhalb auf der zweiten, das
ist unsere Masche, Frau Hartbeck wird Geduld haben, bestimmt. Er machte mit dem
Bleistift einen dicken Strich unter den neunten Buchstaben, denn an dieser
Stelle mu�te der absichtlich gemachte Fehler kommen, damit sie wu�ten, da� alles
in Ordnung war. Das war etwas, an das er nur fl�chtig zu denken wagte.</p><p>Er st�tzte
sein Gesicht in die Hand und sammelte das Letzte an Konzentration. Dann griff
er nach der Taste und begann zu klopfen. Die Hand locker lassen, Zeige- und
Mittelfinger auf der Taste, Daumen eingezogen. Handgelenk nicht auf der
Tischplatte auflegen, Fred, regelm��ig atmen, Fred, Sie werden merken, da� das
entspannt.</p><p>Mein Gott,
warum waren seine H�nde nur so langsam? Einmal nahm er die Finger von der
Taste und starrte kraftlos auf die Handfl�che, dann wieder strich er sich mit
der linken Hand �ber die Stirn, damit ihm der Schwei� nicht in die Augen flo�,
und er sp�rte, wie die Taste unter seinen klopfenden Fingern davonrutschte.
Sein Handgelenk war zu steif: die Hand, mit der er den Jungen get�tet hatte.
Die ganze Zeit sagte er sich die Zeichen vor: kurzkurzlang, dann ein K, das
hatte er immer leichter behalten, einfach ein Punkt zwischen zwei Strichen -
seine Lippen formten lautlos die Buchstaben, aber seine Hand folgte nicht. Es
war ein Gestammel, das immer schlimmer wurde, je l�nger er sprach - und in seinen
Gedanken immer der Junge, nichts als der Junge. Aber vielleicht war er doch
schneller, als er glaubte. Er hatte jedes Zeitgef�hl verloren. Der Schwei�
lief ihm in die Augen. Er konnte ihn nicht mehr aufhalten. Er fuhr fort, die
Punkte und Striche vor sich hin zu murmeln, und er wu�te, da� Johnson dar�ber
�rgerlich gewesen w�re, denn er h�tte �berhaupt nicht in Punkten und Strichen
denken sollen, sondern in T�nen - di dah dah di di - so wie es die Berufsfunker
tun, aber Johnson hatte nicht den Jungen umgelegt. Die Schl�ge seines Herzens
�bert�nten das schwache Klopfen der Taste, seine Hand schien immer schwerer
und schwerer zu werden, und doch fuhr er fort zu morsen, denn das war das
einzige, was ihm zu tun geblieben war, das einzige, an dem er sich festhalten
konnte, w�hrend sein K�rper aufgab. Er erwartete sie jetzt geradezu, er
w�nschte, da� sie k�men - holt mich, holt alles - er sehnte sich nach den
Schritten im Korridor. Hilf uns, John, hilf uns.</p><p>Als er
schlie�lich fertig geworden war, ging er zum Bett hin�ber. Fast gleichzeitig
bemerkte er die s�uberlich in einer Reihe auf der Decke ausgelegten unber�hrten
Kristalle, still und bereit, sch�n ausgerichtet und numeriert, wie die Leichen
get�teter Posten. Avery sah auf seine Uhr. Es war Viertel vor zehn. �In f�nf
Minuten m��te er anfangen�, sagte er. Leclerc verk�ndete unerwartet: �Gorton
hat angerufen. Er hat ein Telegramm vom Minister bekommen. Sie haben offenbar
eine Mitteilung f�r uns. Ein Kurier ist unterwegs.�</p><p>�Was
k�nnte das sein?� fragte Avery.</p><p>�Ich
denke, es wird diese ungarische Sache sein.</p><p>Fieldens
Bericht. Ich werde wom�glich nach London zur�ck m�ssen.� Ein selbstzufriedenes L�cheln.</p><p>�Aber ich
glaube, ihr Leute werdet auch ohne mich zurechtkommen.�</p><p>Johnson
hatte die Kopfh�rer �ber den Ohren und sa� vorgebeugt auf einem hochlehnigen
Holzstuhl, der aus der K�che heraufgebracht worden war. Der dunkelgr�ne
Empf�nger lie� das leise Brummen des Transformators h�ren. Die von innen
erleuchtete Me�skala glomm fahl in dem unter dem Dach herrschenden Halbdunkel.</p><p>Haldane
und Avery sa�en auf einer unbequemen Bank. Vor Johnson lagen ein Block und ein
Bleistift. Er schob den Kopfh�rer von einem Ohr weg und sagte zu Leclerc, der
neben ihm stand: �Ich werde ihn ganz routinem��ig kommen lassen, Sir. Ich werde
versuchen, Sie dabei gleich auf dem laufenden zu halten. Aber bitte bedenken
Sie, da� ich zur Sicherheit auch selbst mitschreibe.�</p><p>�Ich
verstehe.�</p><p>Sie
warteten schweigend. Pl�tzlich - f�r sie alle ein Augenblick h�chster
Verzauberung - straffte sich Johnsons K�rper, er nickte ihnen kurz zu und
schaltete das Tonbandger�t ein. Er l�chelte und legte den Schalter am Sender
um. Er klopfte auf seine Morsetaste. �Komm nur, Fred�, sagte er laut, �h�re
dich gut.�</p><p>�Er hat's
geschafft!� zischte Leclerc. �Jetzt ist er dran am Ziel.� Seine Augen
leuchteten vor Begeisterung. �H�ren Sie, John? H�ren Sie das?�</p><p>�Wollen
wir nicht still sein?� schlug Haldane vor. �Da kommt er schon�, sagte Johnson.
Seine Stimme war ruhig und beherrscht. �Zweiundvierzig Gruppen.�</p><p>�Zweiundvierzig!�
wiederholte Leclerc. Johnsons K�rper war bewegungslos. Sein Kopf war ein wenig
zur Seite geneigt, seine ganze Konzentration galt den Kopfh�rern. Sein Gesicht
war in dem bleichen Licht der Skalenbeleuchtung ohne jeden Ausdruck.</p><p>�Ich bitte um Ruhe, jetzt.�</p><p>Ungef�hr
zwei Minuten lang huschte seine geschickte Hand �ber den Block. Ab und zu
murmelte er unh�rbar, fl�sterte einen Buchstaben oder sch�ttelte den Kopf, bis
die Morsezeichen langsamer zu kommen schienen und sein Bleistift - w�hrend er
lauschend wartete - zwischen den einzelnen Zeichen stillhielt, bis er jeden
einzelnen Buchstaben mit qu�lender Sorgfalt aufs Papier malte. Er warf einen
schnellen Blick auf seine Uhr.</p><p>�Los,
Fred�, dr�ngte er, �los, geh auf die andere Frequenz. Das sind schon fast drei
Minuten.� Aber die Meldung tr�pfelte weiter, Buchstabe f�r Buchstabe, und
Johnsons einfaches Gesicht nahm einen besorgten Ausdruck an.</p><p>�Was ist
los?� fragte Leclerc. �Warum hat er die Frequenz nicht gewechselt?�</p><p>Aber
Johnson sagte nur: �Schalt ab, Fred, um Himmels willen, schalt ab!�</p><p>Leclerc
klopfte ihm ungeduldig auf den Arm. Johnson hob eine der Muscheln vom Ohr.</p><p>�Warum hat
er die Frequenz nicht gewechselt? Warum spricht er noch immer?�</p><p>�Er mu� es
vergessen haben! Im Training hat er's nie vergessen. Ich wei� ja, da� er
langsam ist, aber guter Gott!� Er schrieb noch immer automatisch mit. �F�nf
Minuten�, murmelte er. �F�nf beschissene Minuten. Tausch endlich den
beschissenen Kristall aus.�</p><p>�K�nnen
Sie es ihm nicht sagen?� rief Leclerc. �Nat�rlich kann ich nicht! Wie soll ich
das? Er kann doch nicht gleichzeitig empfangen und senden!� Sie sa�en oder
standen wie hypnotisiert herum. Johnson, der sich zu ihnen umgewandt hatte,
sagte flehentlich: �Ich hab's ihm gesagt! Ich hab's ihm nicht einmal, ich
hab's ihm Dutzende Male gesagt. Es ist der reinste Selbstmord, was er da
macht!� Er sah auf seine Uhr. �Jetzt sendet er schon fast an die sechs Minuten.
Verdammter, verdammter, <emphasis>verdammter </emphasis>Narr!�</p><p>�Was werden sie tun?� fragte
Haldane. �Wenn sie die Sendung auffangen? - Eine zweite Abh�rstation anrufen,
ihn anpeilen, der Rest ist einfachste Trigonometrie, wenn jemand so lange am
�ther bleibt.� Er schlug mit der flachen Hand hilflos auf den Tisch und zeigte auf
das Ger�t, als sei es eine Beleidigung. �Ein Kind kann das erledigen. Mit
nichts als zwei Kompassen. Gro�er Gott! Wach auf, Fred, um Gottes willen, wach
endlich auf!� Er schrieb noch eine Handvoll Buchstaben auf, und warf dann den
Bleistift hin. �Es ist sowieso auf Band�, sagte er. Leclerc wandte sich an
Haldane. �Sicher gibt's doch etwas, was wir unternehmen k�nnten�, sagte er.
�Sei still�, sagte Haldane.</p><p>Die
Meldung brach ab. Johnson klopfte die Best�tigung, schnell und ha�erf�llt. Er
spulte das Tonband zur�ck und begann die Morsezeichen zu �bertragen. Nachdem er
die Kode-Tabelle vor sich hingelegt hatte, arbeitete er rund eine Viertelstunde
ohne Unterbrechung. Gelegentlich warf er einfache Additionen auf das
Schmierblatt neben seinem Arm. Niemand sprach. Als er fertig war, stand er in
einer fast schon vergessenen Geste des Respekts vor Leclerc auf. �Meldung
lautet: Gebiet Kalkstadt Mitte November drei Tage gesperrt, als f�nfzig nicht
identifizierte Sowjetsoldaten in der Stadt waren. Ohne Spezialausr�stung.
Ger�chte von Sowjetman�vern im Norden. Einheit angeblich nach Rostock verlegt.
Pritsche in Kalkstadt Bahnhof nicht wiederhole nicht bekannt. Keine Sperren
auf Stra�e nach Kalkstadt.� Er warf das Blatt auf den Tisch. �Danach kommen
noch f�nfzehn Gruppen, die ich nicht entziffern kann. Wahrscheinlich hat er
seinen Kode durcheinandergebracht.� Der Unteroffizier der Volkspolizei in
Rostock nahm den Telefonh�rer auf. Er war ein �lterer Mann mit grau werdendem
Haar und gedankenvollem Gesicht. Er lauschte einige Zeit der aus dem H�rer
dringenden Stimme und begann dann, auf einem anderen Apparat eine Nummer zu
w�hlen. �Das mu� ein Kind sein�, sagte er, w�hrend er die W�hlscheibe drehte.
�Was f�r eine Frequenz, sagten Sie?� Er hob den zweiten H�rer an sein Ohr und
sprach schnell ein paar S�tze hinein, wobei er die Frequenz dreimal
wiederholte. Dann ging er in die angrenzende Baracke hin�ber. �Wismar wird
jeden Augenblick durchkommen�, sagte er. �Sie machen schon eine Peilung. H�ren
Sie ihn noch?� Der Feldwebel nickte. Der Unteroffizier dr�ckte einen freien
H�rer ans Ohr.</p><p>�Das kann
kein Amateur sein�, murmelte er. �Verletzt die Vorschrift. Aber was dann? Kein
Agent morst auf diese Art, wenn er seine f�nf Sinne beisammen hat. Welche
Frequenzen liegen daneben? Milit�r oder Zivil?�</p><p>�Es ist
nahe bei Milit�r. Sehr nahe.�</p><p>�Komisch�,
sagte der Unteroffizier, �das pa�t eigentlich dazu, was? Genauso haben sie's
im Krieg gemacht.�</p><p>Der
Feldwebel starrte auf das Tonbandger�t, dessen Spulen sich tr�ge um ihre Achsen
drehten. �Er sendet immer noch. Vierergruppen.�</p><p>�Vierer?�
Der Unteroffizier suchte in seiner. Erinnerung nach irgend etwas, das sich vor
langer, langer Zeit zugetragen hatte.</p><p>�Lassen
Sie mich mal h�ren. H�ren Sie doch, h�ren Sie sich diesen Narren an! Er ist so
langsam wie ein Anf�nger.�</p><p>Das
piepsende Ger�usch schlug irgendeine Seite in seinem Ged�chtnis an. Diese
verwischten Pausen, die Punkte so knapp, da� sie nicht viel mehr als Klick waren.
Er h�tte schw�ren k�nnen, da� er diese Hand kannte... aus dem Krieg, in
Norwegen... aber nicht so langsam: niemand hatte je so langsam gesendet wie
dieser da.</p><p>Nicht
Norwegen. Frankreich. Vielleicht war es nur Einbildung. Ja, sicher war es
Einbildung.</p><p>�Oder ein
alter Mann�, sagte der Feldwebel.</p><p>Das
Telefon l�utete. Der Unteroffizier lauschte einen Augenblick und rannte dann,
rannte, so schnell er konnte, durch die Baracke zum Ausgang und �ber den asphaltierten
Weg in die Offiziersmesse hin�ber.</p><p>Der
russische Hauptmann trank gerade Bier. Seine Jacke hing �ber der Lehne seines
Stuhles und er sah sehr gelangweilt aus.</p><p>�Sie
wollen etwas, Unteroffizier?� Er gab sich gerne so ange�det.</p><p>�Er ist gekommen. Der Mann, �ber
den man uns informiert hat. Der den Jungen umgelegt hat.� Der Hauptmann
stellte schnell sein Bierglas nieder. �Haben Sie ihn geh�rt?�</p><p>�Wir haben
eine Peilung. Mit Wismar. Vierergruppen. Sehr langsame Hand. Kommt aus der Kalkstadt-Gegend.
Liegt nahe bei einer unserer eigenen Frequenzen. Sommer hat die Meldung
mitgeschnitten.�</p><p>�Du lieber
Gott�, sagte der Russe ruhig. Der Unteroffizier runzelte die Stirn.</p><p>�Was sucht
er dort? Wozu sollten sie ihn dorthin geschickt haben?� fragte er.</p><p>Der
Hauptmann kn�pfte schon seine Jacke zu. �Fragen Sie in Leipzig an. Vielleicht
wissen die auch darauf eine Antwort.�</p><empty-line/><p><strong><emphasis>21. Kapitel </emphasis></strong></p><p><emphasis/></p><p>Es war
sehr sp�t.</p><p>Das Feuer im Kamin brannte recht
gut, aber Control stocherte dennoch mit weibischer Unzufriedenheit darin
herum. Er ha�te es, nachts zu arbeiten. �Man will Sie jetzt im Ministerium
sprechen�, sagte er gereizt. �Ausgerechnet jetzt, mitten in der Nacht. Es ist
wirklich zu dumm! Warum regen sich alle gerade an einem Donnerstag so auf? Das
ganze Wochenende ist sicher wieder hin.� Er legte den Sch�rhaken aus der Hand
und ging zu seinem Schreibtisch zur�ck. �Die sind dort in einer f�rchterlichen
Verfassung. Irgendein Idiot spricht von einem Stein, der Kreise zieht. Es ist
erstaunlich, wie die Nacht manche Leute ver�ndert. Wirklich, ich verabscheue
das Telefon.� Auf dem Tisch vor ihm standen etliche Apparate. Smiley bot ihm
eine Zigarette an, und er nahm sie ohne hinzusehen, als k�nne man ihn nicht
mehr f�r die Handlungen seines K�rpers verantwortlich machen. �Welches
Ministerium?� fragte Smiley. �Leclercs. Haben Sie eine Ahnung, was da los ist?�
Smiley sagte: �Ja. Sie nicht?�</p><p>�Leclerc
ist so entsetzlich gew�hnlich. Ja, ich mu� gestehen, da� ich ihn gew�hnlich
finde. Er glaubt, wir l�gen in Konkurrenz. Was, zum Teufel, sollte ich schon
mit seinem schrecklichen Volkssturmhaufen anfangen wollen? Europa nach
fahrenden W�schereien durchk�mmen? Er bildet sich ein, ich wolle ihn auffressen.�</p><p>�Wollen Sie das denn nicht? Warum
sonst haben wir diesen Pa� f�r ung�ltig erkl�rt?�</p><p>�Was f�r ein dummer gew�hnlicher
Mensch. Wie konnte Haldane nur auf so etwas reinfallen?�</p><p>�Er hat einmal ein Gewissen
gehabt. Er ist wie wir alle. Er hat gelernt, ohne eines zu leben.�</p><p>�Ach, mein Guter! Ist das ein
Seitenhieb auf mich?�</p><p>�Was will das Ministerium?� fragte
Smiley scharf. Control hielt einige Blatt Papier hoch und wedelte damit herum.
�Haben Sie das hier aus Berlin gesehen?�</p><p>�Ja. Kam vor einer Stunde herein:
Die Amerikaner haben eine Peilung. Vierergruppen, primitiver Buchstaben-Kode.
Sie sagen, es komme aus der Gegend von Kalkstadt.�</p><p>�Wo, zum Teufel, ist das wieder?�</p><p>�S�dlich von Rostock. Die Meldung
lief sechs Minuten auf derselben Frequenz. Sie sagten, es habe geklungen wie
der erste Versuch eines Amateurs. Es m�sse eines der alten Ger�te aus dem Krieg
sein. Sie wollten wissen, ob es eines von den unseren war.�</p><p>�Und Ihre Antwort?� fragte Control
schnell. �Ich sagte nein.�</p><p>�Das
m�chte ich hoffen. Guter Gott.�</p><p>�Es
scheint Ihnen nicht viel auszumachen�, sagte Smiley. Control schien sich an
etwas weit Zur�ckliegendes zu erinnern. �Ich h�re, da� Leclerc in L�beck ist.
Also, das ist wirklich ein h�bsches St�dtchen. Ich schw�rme f�r L�beck. Das
Ministerium wollte Sie sofort sprechen. Ich sagte, Sie w�rden hinkommen. Es
ist irgendeine Besprechung.� Und mit gro�em Ernst f�gte er hinzu: �Sie m�ssen,
George! Wir waren die gr��ten Dummk�pfe. In jeder ostdeutschen Zeitung steht's
schon. Sie regen sich m�chtig wegen Friedenskonferenzen und Sabotage auf.� Er
klopfte auf eines der Telefone. �Und das Ministerium ebenfalls. Gott, wie
verabscheue ich diese Beamten.� Smiley beobachtete ihn voller Skepsis. �Wir
h�tten sie ja bremsen k�nnen. Genug gewu�t haben wir.�</p><p>�Nat�rlich
h�tten wir k�nnen�, sagte Control sanft. �Wissen Sie, weshalb wir nicht haben?
Pure, idiotische christliche N�chstenliebe. Wir wollten ihnen ihr Kriegsspiel
nicht verderben. Aber jetzt gehen Sie lieber. - Und, Smiley...�</p><p>�Ja?�</p><p>�Seien Sie
liebensw�rdig.� Und mit seiner einf�ltigen Stimme setzte er hinzu: �Um L�beck
beneide ich die Leute trotz allem sehr. Gibt's da nicht dieses Restaurant -
wie hei�t es doch? Der Platz, wo Thomas Mann immer a�. Es ist so interessant!�</p><p>�Er hat
nie dort gegessen�, sagte Smiley. �Das Lokal, das Sie meinen, ist im Krieg
zerbombt worden.� Er ging noch immer nicht. �Ich frage mich�, sagte er. �Sie
werden es mir niemals verraten, nicht wahr? Ich frage mich nur.� Er sah Control
nicht an. �Mein lieber George, was ist denn jetzt �ber Sie gekommen?�</p><p>�Wir haben
diese Leute doch hineingejagt. Der Pa�, der dann eingezogen wurde. die Hilfe
unseres Kurierdienstes, die sie nie gebraucht haben. ein ausrangiertes
Funkger�t. falsche Papiere, Berichte �ber die Grenze. wer hat Berlin
aufgefordert, den Abh�rdienst auf ihn anzusetzen? Wer hat ihnen die Frequenzen
durchgesagt? Wir haben Leclerc sogar die Kristalle gegeben, oder nicht? War das
auch christliche N�chstenliebe? Pure, idiotische christliche N�chstenliebe?�</p><p>Control war schockiert.</p><p>�Was wollen Sie damit bitte
andeuten? Nein, wie abscheulich! Wer k�nnte so etwas jemals tun!� Smiley zog
seinen Mantel an.</p><p>�Gute
Nacht, George�, sagte Control. Und bitter, als sei er der Feinf�hligkeit
�berdr�ssig, setzte er hinzu: �Nun gehen Sie schon. Und behalten Sie unsere
Auseinandersetzung f�r sich. Ihr Land braucht Sie. Es ist nicht mein Fehler,
da� diese Leute so lange gebraucht haben, sich den Hals zu brechen.� Die
D�mmerung kam bereits, und Leiser hatte immer noch kein Auge zugetan. Er w�re
gerne zur Toilette gegangen, aber er wagte sich nicht auf den Korridor. Er
wagte nicht, sich zu bewegen. Wenn man schon nach ihm suchte, mu�te er ganz
normal gehen und nicht vor Anbruch des Morgens aus der Herberge st�rzen.
Niemals rennen, hatte es immer gehei�en: gehe, wie die Menge geht. Um sechs
konnte er aufbrechen: das war sp�t genug. Er rieb sich mit dem Handr�cken das
Kinn. Es war rauh und stachelig und hinterlie� Kratzer auf der braunen Haut
seiner Hand. Er war hungrig und wu�te nicht mehr, was er tun sollte, aber
davonlaufen w�rde er nicht. Er drehte sich im Bett um, zog aus dem Bund seiner
Hose das Messer und hielt es sich vor die Augen. Ein Schauer �berlief ihn. Auf
seiner Stirn f�hlte er eine unnat�rliche Fieberhitze. Er betrachtete das Messer
und dachte an die reine, freundliche Art, in der man dar�ber geredet hatte:
Daumen oben, Klinge parallel zum Boden, Unterarm steif. �Gehen Sie weg�, hatte
der alte Mann gesagt, �Sie sind entweder gut oder b�se, und beides ist
gef�hrlich.� Wie hatte er das Messer zu halten, wenn die Leute in dieser Art
mit ihm sprachen? So, wie bei dem Jungen? Dann war es sechs. Er stand auf.
Seine Beine waren schwer und steif. Seine Schultern schmerzten immer noch von
der Last des Rucksacks. Seine Kleider rochen nach Tannennadeln und moderndem
Laub, wie er merkte. Er kratzte den halb getrockneten Lehm von seiner Hose und
zog das andere Paar Schuhe an. Er ging hinunter, um jemanden zu suchen, bei dem
er bezahlen konnte, und die neuen Schuhe quietschten auf den Stufen der
Holztreppe. Er fand eine alte Frau, die eine wei�e Sch�rze trug und Linsen
auslas, w�hrend sie zu einer Katze sprach. �Was bin ich schuldig?�</p><p>�Da� Sie den Meldezettel
ausf�llen�, sagte sie s�uerlich. �Das ist das erste, was Sie schuldig sind.
Sie h�tten es schon tun sollen, als Sie ankamen.�</p><p>�Tut mir leid.�</p><p>Sie fuhr
ihn an, unterdr�ckt, da sie nicht wagte, die Stimme zu heben: �Wissen Sie
nicht, da� es verboten ist, sich in einer Stadt aufzuhalten, ohne sich bei der
Polizei zu melden?� Sie blickte auf seine neuen Schuhe hinunter. �Oder sind Sie
so reich, da� Sie glauben, das habe f�r Sie keine Geltung?�</p><p>�Tut mir
leid�, sagte Leiser noch einmal. �Geben Sie den Zettel her, und ich f�lle ihn
aus. Ich bin nicht reich.�</p><p>Die Frau wurde still, w�hrend sie
emsig weiter in den Linsen herumstocherte. �Woher kommen Sie?� fragte sie dann.
�Osten�, sagte Leiser. Er meinte S�den, von Magdeburg, oder Westen, von
Wilmsdorf. �Sie h�tten sich gestern abend anmelden m�ssen. Jetzt ist es zu
sp�t.�</p><p>�Was habe ich zu zahlen?�</p><p>�Sie k�nnen nicht zahlen�,
erwiderte die Frau. �Macht nichts. Sie haben den Zettel nicht ausgef�llt. Was
werden Sie sagen, wenn man Sie fragen sollte?�</p><p>�Da� ich bei einem M�dchen war.�</p><p>�Es schneit
drau�en�, sagte die Frau. �Geben Sie auf Ihre h�bschen Schuhe acht.�</p><p>Harte
Schneek�rnchen trieben verloren vor dem Wind her und sammelten sich in den
Fugen zwischen den schwarzen Pflastersteinen oder blieben in den Stuckverzierungen
an den Hausw�nden h�ngen. Es war ein grauer, nutzloser Schnee, der sich dort,
wo er hinfiel, bald aufl�ste.</p><p>Leiser
�berquerte den Friedensplatz und sah ein neues gelbes Geb�ude, das sich auf
einem �den Grundst�ck sechs oder sieben Stockwerke hoch erhob. Auf den
Balkonen hing W�sche, mit einer d�nnen Schicht Schnee bedeckt. Im Treppenhaus
roch es nach Essen und Heiz�l. Die Wohnung war im dritten Stock. Er konnte das
Geschrei eines Kindes und das Dudeln eines Radios h�ren. Einen Augenblick lang
�berlegte er, ob er nicht umkehren und weggehen sollte, da er eine Gefahr f�r
sie war. Er dr�ckte zweimal auf die Klingel, wie es das M�dchen ihm gesagt
hatte. Sie �ffnete schlaftrunken die T�r. �ber das baumwollene Nachthemd hatte
sie ihren Regenmantel gezogen und hielt ihn am Hals zu, um sich vor der
bei�enden K�lte zu sch�tzen. Als sie Leiser sah, z�gerte sie, als w��te sie
nicht, was sie tun sollte, als bringe er schlechte Nachrichten. Er sagte
nichts, sondern stand nur da, mit dem leise hin und her schwingenden Koffer in
der Hand. Sie machte eine einladende Bewegung mit dem Kopf, und er folgte ihr
durch den Flur zu ihrem Zimmer, wo er Koffer und Rucksack in eine Ecke abstellte.</p><p>An den
W�nden hingen Werbeplakate von Ferienzielen: Bilder von W�sten, Palmen und dem
Mond �ber der tropischen See. Sie legten sich ins Bett, und sie deckte ihn mit
ihrem schweren K�rper zu. Sie zitterte ein wenig, denn sie hatte Angst. �Ich
m�chte schlafen�, sagte er. �La� mich erst mal schlafen.�</p><p>Der
russische Hauptmann sagte: �Er hat in Wilmsdorf ein Motorrad gestohlen und am
Bahnhof nach Pritsche gefragt. Was wird er jetzt unternehmen?�</p><p>�Er wird
wieder senden. Heute abend�, antwortete der Unteroffizier, �falls er etwas hat,
was er mitteilen kann.�</p><p>�Um die
gleiche Zeit?�</p><p>�Gewi�
nicht. Auch nicht die gleiche Frequenz. Noch von der gleichen Stelle.
Vielleicht geht er nach Wismar oder Langdorn oder Wolken; wom�glich sogar nach
Rostock. Oder er bleibt in Kalkstadt, geht in ein anderes Haus. Oder er sendet
�berhaupt nicht.�</p><p>�In ein
Haus? Wer wird schon einen Spion beherbergen?�</p><p>Der
Unteroffizier zuckte mit den Schultern, als wolle er andeuten, da� er selbst
dazu f�hig w�re. Gekr�nkt fragte der Hauptmann: �Woher wissen Sie, da� er aus
einem Haus sendet? Warum nicht im Wald oder auf dem Feld? Woher wollen Sie das
so genau wissen?�</p><p>�Es ist
ein kr�ftiges Signal. Ein sehr starker Sender. Soviel Energie k�nnte er aus
einer Batterie nicht entnehmen. Nicht aus einer, die er allein mit sich herumschleppen
kann. Er ben�tzt den Netzanschlu�.�</p><p>�Riegeln
Sie die Stadt ab und durchsuchen Sie jedes Haus�, sagte der Hauptmann.</p><p>�Wir wollen ihn lebend.� Der
Unteroffizier sah auf seine H�nde hinunter. �Sie wollen ihn doch lebend.�</p><p>�Was sollen wir sonst tun?�
beharrte der Hauptmann. �K�nnen Sie mir das verraten?�</p><p>�Man mu� daf�r sorgen, da� er
sendet. Das ist das wichtigste. Und da� er in Kalkstadt bleibt.�</p><p>�Ja, und?�</p><p>�Wir m�ssen schnell sein�, meinte
der Unteroffizier. �Ja, und?�</p><p>�Sie
sollten ein paar Einheiten in die Stadt bringen.</p><p>Was Sie
gerade auftreiben k�nnen. So schnell wie m�glich. Panzer, Infanterie, ganz
gleich was. Schaffen Sie Bewegung. Machen Sie ihn aufmerksam. Aber seien Sie
schnell!�</p><p>�Ich werde
gleich gehen�, sagte Leiser. �Behalte mich nicht hier. Gib mir Kaffee, und ich
werde gehen.�</p><p>�Kaffee?�</p><p>�Ich habe Geld�, sagte Leiser, als
sei das das einzige, was er habe. �Hier.� Er kletterte aus dem Bett, holte die
Brieftasche aus seiner Jacke und zog einen Hundertmarkschein aus dem B�ndel.
�Behalte das.� Sie nahm die Brieftasche und leerte sie leise lachend auf die
Bettdecke aus. Sie hatte eine t�ppische, katzenhaft verspielte Art, die nicht
ganz normal wirkte, und den schnellen Instinkt einer Ungebildeten. Er betrachtete
sie unbeteiligt, w�hrend seine Finger �ber ihre nackte Schulter strichen. Sie
hielt das Bild einer Frau hoch, eine Blondine mit rundem Gesicht. �Wer ist das?
Wie hei�t sie?�</p><p>�Sie existiert gar nicht.�</p><p>Sie entdeckte die Briefe und las
einen davon laut vor. Bei den leidenschaftlichen Stellen lachte sie laut. �Wer
ist das?� bohrte sie weiter. �Wer ist sie?�</p><p>�Ich sage dir doch, da� es sie gar
nicht gibt.�</p><p>�Dann kann ich die Briefe
zerrei�en?� Sie hielt einen der Briefe mit beiden H�nden vor ihm hoch und tat
so, als wolle sie ihn zerrei�en, w�hrend sie auf seinen Protest wartete. Leiser
sagte nichts. Sie ri� ein St�ck ein und beobachtete ihn noch immer, dann zerri�
sie das Blatt, dann noch eines und noch eines. Sie stie� auf das Bild eines
Kindes, eines M�dchens mit Brille, vielleicht acht oder neun Jahre alt, und wieder
fragte sie: �Wer ist das? Ist das dein Kind? Gibt's <emphasis>dieses </emphasis>M�dchen?�</p><p>�Nein. Das
ist niemand. Niemandes Kind. Blo� ein Foto.� Sie zerri� auch das und verstreute
die Schnitzel mit gro�er Geb�rde �ber das Bett. Dann warf sie sich �ber ihn
und k��te ihn auf Gesicht und Hals. �Wer bist du? Wie hei�t du?� Er wollte es
ihr gerade sagen, als sie ihn zur�ckstie�. �Nein�, rief sie schnell. �Nein!�
Sie senkte die Stimme. �Ich will dich ohne irgend etwas. Ganz allein. Nur du
und ich. Wir werden unsere eigenen Namen erfinden, unsere eigenen Gesetze.
Niemand sonst, �berhaupt niemand. Kein Vater, keine Mutter. Wir drucken unsere
eigene Zeitung, unsere P�sse, unsere Marken. Wir machen uns unsere eigenen
Menschen.� Sie fl�sterte jetzt, und ihre Augen leuchteten. �Du bist ein
Spion�, sagte sie mit den Lippen an seinem Ohr. �Ein Geheimagent. Du hast eine
Pistole.�</p><p>�Ein
Messer macht weniger L�rm�, sagte er. Sie lachte sich dar�ber halbtot, bis sie
die blauen Flecken auf seinen Schultern entdeckte. Sie ber�hrte sie neugierig
und respektvoll, wie wohl ein Kind etwas Totes ber�hren w�rde.</p><p>Sie
verlie� die Wohnung mit dem Einkaufskorb in der Hand, den Regenmantel hielt sie
immer noch am Hals zusammen. Leiser zog sich an, rasierte sich - es gab nur
kaltes Wasser -, und starrte sein zerfurchtes Gesicht in dem zersprungenen
Spiegel �ber dem Becken an. Als sie zur�ckkam, war es beinahe Mittag, und sie
sah besorgt aus.</p><p>�Die Stadt
ist voll mit Soldaten. Und Milit�rlastwagen.</p><p>Was wollen
die hier?�</p><p>�Vielleicht
suchen sie nach jemandem.�</p><p>�Sie
sitzen nur herum und trinken.�</p><p>�Was sind
das f�r Soldaten?�</p><p>�Ich wei�
nicht. Russen. Woher soll ich das wissen?�</p><p>Er ging
zur T�r. �Bin in einer Stunde zur�ck.�</p><p>Sie sagte:
�Du willst nur von mir weglaufen.� Sie hielt ihn am Arm, sah zu ihm auf, im
Begriff, eine Szene zu machen.</p><p>�Ich komme zur�ck. Vielleicht erst
sp�ter. Vielleicht heute abend. Aber wenn ich komme.�</p><p>�Ja?�</p><p>�Es wird gef�hrlich sein. Dann mu�
ich, ich mu� hier etwas tun. Etwas sehr Gef�hrliches.� Sie k��te ihn. Es war
ein leichter, einf�ltiger Ku�. �Ich mag die Gefahr.�</p><p>�Vier
Stunden noch�, sagte Johnson. �Falls er noch lebt.�</p><p>�Nat�rlich
lebt er�, sagte Avery �rgerlich. �Warum reden Sie solches Zeug?� Haldane
mischte sich ein. �Seien Sie kein Esel, Avery. Es ist ein technischer Ausdruck.
Tote oder lebende Agenten. Es hat nichts mit seinem physischen Zustand zu
tun.� Leclerc trommelte mit den Fingerspitzen auf der Tischplatte. �Er ist
ganz in Ordnung�, sagte er. �Fred kann man nicht so leicht umbringen. Er ist
ein alter Hase.� Offenbar hatte ihn das Tageslicht wieder munter gemacht. Er
sah auf seine Uhr. �Was, zum Teufel, ist mit diesem Kurier passiert, frage ich
mich.�</p><p>Leiser
blinzelte zu den Soldaten hin�ber, als komme er aus einer dunklen H�hle ans
Tageslicht. Sie f�llten die Cafes, starrten in die Schaufenster, glotzten den
M�dchen nach. Auf dem Platz waren Lastwagen abgestellt. Ihre Reifen waren vom
r�tlichen Schlamm verschmiert und �ber ihren Motorhauben lag ein d�nner
�berzug aus Schnee. Er z�hlte neun Wagen. Einige hatten schwere Anh�ngerkupplungen
an ihrer R�ckfront. Andere trugen auf den zerbeulten T�ren des Fahrerhauses
Aufschriften in kyrillischen Buchstaben oder das aufgemalte Wappen irgendeiner
Einheit und eine Nummer. Er pr�gte sich die Einzelheiten der Uniformen ein,
die die Fahrer trugen, die Farbe ihrer Schulterst�cke. Es wurde ihm klar, da�
sie verschiedenen Einheiten angeh�rten. Auf dem R�ckweg zur Hauptstra�e trat
er in ein Cafe und bestellte etwas zu trinken. An einem Tisch sa� ein halbes
Dutzend mi�vergn�gter Soldaten, die sich drei Flaschen Bier teilten. Leiser
grinste zu ihnen hin�ber, es war wie die Aufforderung einer m�den Hure. Er hob
seine Faust zum sowjetischen Gru�, und sie starrten zu ihm her�ber, als sei er
verr�ckt. Er lie� sein Glas stehen und ging zum Platz zur�ck. Um die Lastwagen
hatte sich eine Gruppe von Kindern versammelt, und die Fahrer sagten ihnen
immer wieder, sie sollten verschwinden.</p><p>Er machte
eine Runde durch die Stadt und ging in ein Dutzend Cafes, aber niemand wollte
mit ihm sprechen, weil er ein Fremder war. �berall sa�en oder standen die
Soldaten in Gruppen herum, gekr�nkt und verwirrt, als habe man sie ohne Grund
hochgescheucht.</p><p>Er a�
irgendwo eine Wurst und trank einen Steinh�ger dazu, dann ging er zum Bahnhof,
um zu sehen, ob dort irgend etwas los war. Derselbe Beamte war wieder dort und
beobachtete ihn durch sein kleines Fensterchen - diesmal ohne Mi�trauen;
Leiser sp�rte, aber es war ihm gleichg�ltig, da� der Mann die Polizei
verst�ndigt hatte.</p><p>Auf dem
Weg zur�ck ins Stadtzentrum kam er an einem Kino vorbei. Ein paar M�dchen
hatten sich vor den ausgeh�ngten Bildern versammelt; er stellte sich zu ihnen
und tat, als betrachte er die Fotos. Dann h�rte er den L�rm. Es war ein
metallisches, unregelm��iges Dr�hnen, das die Luft mit dem Heulen und Rasseln
von Motoren, mit Stahl und Krieg erf�llte. Er zog sich in die Deckung des
Kinoeinganges zur�ck, sah die M�dchen sich umdrehen und die Kartenverk�uferin
in ihrem Verschlag aufstehen. Ein alter Mann bekreuzigte sich. Er hatte nur
noch ein Auge und trug den Hut schief auf dem Kopf. Die Panzer rollten durch
die Stadt; auf ihnen sa�en Soldaten mit ihren Karabinern in den H�nden. Die
Gesch�tzrohre waren zu lang und wei� von Schnee �berzuckert. Er lie� sie vorbei
und ging dann schnell �ber den Platz. Sie l�chelte, als er hereinkam. Er war
au�er Atem. �Was machen sie?� fragte das M�dchen. Dann bemerkte sie seinen
Gesichtsausdruck. �Du hast Angst�, fl�sterte sie, aber er sch�ttelte den Kopf.
�Du hast Angst�, wiederholte sie. �Ich habe den Jungen umgebracht�, sagte er.
Er ging zum Waschbecken und studierte sein Gesicht mit der gro�en Sorgfalt
eines Mannes, der verurteilt ist. Sie trat hinter ihn, legte die Arme um seinen
Brustkasten und pre�te sich gegen seinen R�cken. Er drehte sich um und griff
wild nach ihr, hielt sie ungeschickt und dr�ngte sie durch das Zimmer. Sie
wehrte sich mit der Wut eines Kindes, mit irgendeinem Namen auf den Lippen und
dem Ha� gegen irgend jemand im Herzen, sie verfluchte und nahm ihn, die Welt
brannte, und sie allein lebten. Sie weinten und lachten zusammen im Fallen,
ungeschickt in der Liebe und plump im Triumph, in dem sie nicht einander,
sondern jeder nur sich selbst erkannten, und f�r einen Augenblick die ungelebt
gebliebenen Teile ihrer Leben nachholten. In diesem Augenblick dachten sie
nicht an die gro�e, verfluchte Dunkelheit. Johnson beugte sich aus dem Fenster
und zog sanft an der Antenne, um sich zu vergewissern, ob sie noch fest war.
Dann begann er wie ein Rennfahrer vor dem Start noch einmal seine Apparaturen zu
�berpr�fen, indem er die Kabelverbindungen ber�hrte und unn�tig an den Kn�pfen
herumdrehte. Leclerc sah ihm voll Bewunderung zu.</p><p>�Johnson,
das haben Sie das letzte Mal wirklich fein gemacht. Wirklich fein. Wir schulden
Ihnen unsere dankbare Anerkennung.� Leclercs Gesicht gl�nzte, als habe er sich
gerade erst rasiert. In dem blassen Licht sah er seltsam zerbrechlich aus. �Ich
denke, ich werde mir noch eine Sendung anh�ren und dann nach London
zur�ckfahren.� Er lachte. �Wir haben einen Haufen Arbeit, wissen Sie. Es ist
nicht gerade die richtige Zeit f�r Ferien am Kontinent.� Johnson tat so, als
habe er ihn nicht geh�rt. Er hob die Hand. �Drei�ig Minuten�, sagte er. �Ich
werde Sie bald um etwas Ruhe bitten m�ssen, meine Herren.� Er benahm sich wie
ein Zauberer auf einem Kinderfest. �Fred ist immer verteufelt p�nktlich�,
bemerkte er laut.</p><p>Leclerc
wandte sich an Avery. �Sie geh�ren zu den gl�cklichen Leuten, John, die in
Friedenszeiten eine Aktion erleben konnten.� Er schien unbedingt mit jemandem
sprechen zu m�ssen. �Ja. Ich bin auch sehr dankbar.�</p><p>�Das
brauchen sie gar nicht zu sein. Sie haben hervorragende Arbeit geleistet, und
das erkennen wir auch an. Von Dankbarkeit kann keine Rede sein. Sie haben etwas
erreicht, das bei unserer T�tigkeit sehr selten ist. Ich frage mich, ob Sie
wissen, was ich damit meine?�</p><p>Avery
sagte, er wisse es nicht. �Sie haben einen Agenten dazu gebracht, da� er Sie
gern hat. Normalerweise - Adrian wird das best�tigen - wird die Beziehung
zwischen einem Agenten und seinen F�hrern von Mi�trauen beherrscht. Vor allem
hat er etwas gegen sie, weil sie die Arbeit nicht selbst verrichten. Er
verd�chtigt sie irgendwelcher Hintergedanken, h�lt sie f�r unf�hig und
verlogen. Aber wir sind nicht das Rondell, John: so etwas ist nicht unsere Art.�</p><p>Avery nickte: �Nein, ganz richtig.�</p><p>�Sie haben noch etwas geleistet -
Sie und Adrian. Es w�re mir sehr willkommen, wenn wir - im Falle einer
�hnlichen Notwendigkeit- in Zukunft die gleiche Technik anwenden k�nnten, die
gleichen M�glichkeiten, das gleiche fachm�nnische Geschick. Ich meine die
Avery-Haldane-Methode. Was ich sagen will, ist -� Leclerc hob die Hand und
strich sie mit einer ganz ungew�hnlichen Geste englischer Sch�chternheit mit
Daumen und Zeigefinger �ber den Nasenr�cken-, �da� die von Ihnen gesammelten
Erfahrungen zu unser aller Nutzen sind. Ich danke Ihnen.� Haldane ging zum
Ofen und begann seine H�nde zu w�rmen, indem er sie leicht aneinander rieb, als
wolle er K�rner aus einer �hre l�sen. �Diese ungarische Angelegenheit�, fuhr
Leclerc fort, wobei er die Stimme hob - teils aus Begeisterung, teils aber wohl
auch, um die pl�tzlich entstehende Atmosph�re der Vertraulichkeit zu zerst�ren
- �ist eine vollst�ndige Reorganisation. Nichts weniger. Sie ziehen ihre
Panzer an der Grenze zusammen, verstehen sie. Im Ministerium spricht man von
Angriffsstrategie. Man ist sehr interessiert daran.� Avery sagte: �Mehr als an
Mayfly?�</p><p>�Nein, nein�, protestierte Leclerc
leichthin. �Es geh�rt alles zum selben Komplex. Dort denkt man in sehr gro�en
Zusammenh�ngen, wissen Sie. Hier eine Bewegung, dort eine Bewegung - es mu�
alles zum Gesamtbild zusammengesetzt werden.�</p><p>�Nat�rlich�, sagte Avery
zuvorkommend. �Wir selbst k�nnen das gar nicht �berblicken, oder? Wir k�nnen
das Gesamtbild nicht erkennen.� Er versuchte, Leclerc die Situation zu
erleichtern. �Wir haben nicht den �berblick.�</p><p>�Sobald
wir nach London zur�ckkommen�, schlug Leclerc vor, �m�ssen Sie mal bei mir zu
Abend essen, John. Sie und Ihre Frau, kommen Sie doch beide. Ich wollte es
schon seit langem vorschlagen. Wir werden in meinen Club gehen. Sie servieren
im Damensalon immer ein recht anst�ndiges Essen. Es w�rde Ihrer Frau gefallen.�</p><p>�Sie
erw�hnten es schon einmal. Ich habe Sarah gefragt. Wir w�rden sehr gerne
kommen. Meine Schwiegermutter ist gerade bei uns und sie k�nnte auf das Kind
aufpassen.�</p><p>�Wie gut.
Vergessen Sie es nicht.�</p><p>�Wir
freuen uns darauf.�</p><p>�Bin ich nicht eingeladen?� fragte
Haldane kokett. �Aber selbstverst�ndlich, Adrian. Dann sind wir vier.
Ausgezeichnet.� Seine Stimme nahm einen anderen Ton an. ��brigens haben sich
die Besitzer des Hauses in Oxford beschwert. Sie behaupten, wir h�tten es in
schlechtem Zustand zur�ckgelassen.�</p><p>�Schlechtem Zustand?� echote
Haldane �rgerlich. �Angeblich haben wir die elektrischen Leitungen �berlastet.
Irgendwas scheint fast ausgebrannt zu sein. Ich sagte Woodford, er solle sich
damit befassen.�</p><p>�Wir sollten unser eigenes Haus
haben�, sagte Avery. �Dann brauchten wir uns wegen so was keine Sorgen zu
machen.�</p><p>�Ganz meiner Meinung. Ich habe
schon mit dem Minister dar�ber gesprochen. Was wir brauchen, ist ein
Ausbildungszentrum. Er war ganz begeistert. Er ist jetzt ganz scharf auf so
etwas. Sie haben dort schon eine Abk�rzung daf�r. Sie sprechen von SAEs. Strategische
Aufkl�rungs-Eins�tze. Er meint, wir sollen ein Haus suchen und es zun�chst f�r
sechs Monate mieten. Er hat vorgeschlagen, da� er wegen des Pachtvertrags mit
dem Schatzamt sprechen wird.�</p><p>�Das ist gro�artig�, sagte Avery.
�Es k�nnte sehr n�tzlich sein. Wir d�rfen auf keinen Fall das in uns gesetzte
Vertrauen entt�uschen.�</p><p>�Nat�rlich.�</p><p>Ein pl�tzlicher Luftzug und das
leise Ger�usch, wie jemand vorsichtig die Treppe heraufstieg. In der T�r zum
Dachboden erschien eine Gestalt. Sie trug einen teuren Mantel aus braunem Tweed
mit etwas zu langen �rmeln. Es war Smiley.</p><p><strong><emphasis/></strong></p><p><strong><emphasis>22. Kapitel </emphasis></strong></p><p><emphasis/></p><p>Smiley sah
sich im Raum um, betrachtete Johnson, der jetzt die Kopfh�rer �ber den Ohren
hatte und mit den Schaltern und Kn�pfen seines Ger�tes besch�ftigt war, sah
auf Avery, der �ber Haldanes Schulter hinweg auf die Funkzeichentabelle sp�hte,
auf den steif wie ein Soldat dastehenden Leclerc, der ihn, als einziger bisher,
bemerkt hatte, und dessen Gesicht - obwohl es ihm zugewandt war - keinen
Ausdruck zeigte.</p><p>�Was
wollen Sie hier?� fragte Leclerc schlie�lich.</p><p>�Was
w�nschen Sie von mir?�</p><p>�Tut mir
leid, aber man hat mich geschickt.�</p><p>�Das hat
man uns alle�, sagte Haldane, ohne sich zu bewegen.</p><p>Ein
warnender Unterton schwang in Leclercs Stimme mit, als er sagte: �Das ist meine
Operation, Smiley. Wir haben hier keinen Platz f�r Ihre Leute.� Smileys Miene
verriet nichts als Mitgef�hl, und in seiner Stimme lag nichts als die
erschreckende Sanftmut, mit der man zu Irren spricht.</p><p>�Ich bin
nicht von Control geschickt worden�, sagte er. �Es war das Ministerium. Sie
haben mich angefordert, verstehen Sie, und Control gab mich frei. Das
Ministerium stellte das Flugzeug.�</p><p>�Warum?�
erkundigte sich Haldane. Er schien fast belustigt.</p><p>Einer nach dem anderen bewegte
sich, als erwachten sie aus dem gleichen Traum. Johnson legte vorsichtig seine
Kopfh�rer auf den Tisch. �Nun?� fragte Leclerc. �Warum hat man Sie geschickt?�</p><p>�Man rief
mich in der vergangenen Nacht ins Ministerium.� Es gelang ihm anzudeuten, da�
er ebenso verwirrt war wie sie. �Ich m��te Ihre Operation wirklich bewundern -
die Art, in der Sie und Haldane die ganze Sache aus dem Nichts aufgebaut haben.
Man hat mir die Akten gezeigt. Sehr sorgf�ltig gef�hrt: das Archiv-St�ck, die
Arbeitskopie, die abgestempelten Protokolle - alles wie im Krieg. Ich
gratuliere Ihnen aufrichtig.�</p><p>�Man hat
Ihnen die Akten gezeigt? <emphasis>Unsere </emphasis>Akten?�
wiederholte Leclerc. �Das ist ein Bruch der Sicherheitsbestimmungen. Die
Vorg�nge in den einzelnen Abteilungen sind geheim. Sie haben sich eines Vergehens
schuldig gemacht, Smiley. Diese Leute m�ssen verr�ckt sein! Adrian, hast du
geh�rt, was Smiley mir mitgeteilt hat?�</p><p>Smiley
fragte: �Ist f�r heute ein Funkkontakt vorgesehen, Johnson?�</p><p>�Jawohl, Sir. Um einundzwanzig
nullnull.�</p><p>�Ich war �berrascht, Adrian, da�
Sie die Hinweise f�r �berzeugend genug hielten, um eine so gro�e Operation zu
rechtfertigen.�</p><p>�Haldane
war nicht daf�r verantwortlich�, sagte <emphasis>Leclerc </emphasis>trocken.
�Es war eine Entscheidung, die gemeinsam getroffen wurde: von uns einerseits,
vom Ministerium andererseits.� Seine Stimme wechselte ihren Klang. �Wenn die
Sendung beendet ist, werde ich von Ihnen Aufkl�rung dar�ber verlangen - und ich
habe das Recht dazu, Smiley -, wie Sie dazu gekommen sind, Einsicht in unsere
Akten zu nehmen.� Es war seine Stimme f�r Vorstandssitzungen; sie war kr�ftig
und vollt�nend, und zum erstenmal klang sie w�rdig.</p><p>Smiley
trat in die Mitte des Raumes. �Es ist etwas passiert, von dem Sie nichts wissen
k�nnen: Leiser hat an der Grenze einen Mann get�tet. Er brachte ihn w�hrend des
Grenz�bertritts mit seinem Messer um, drei Kilometer von hier entfernt, direkt
an der �bergangsstelle.�</p><p>Haldane
sagte: �Das ist Unsinn. Wieso Leiser? Genausogut kann es ein Fl�chtling
gewesen sein, der nach dem Westen wollte. Irgendwer kann es gewesen sein.�</p><p>�Sie
fanden Fu�spuren, die nach Osten f�hrten, Blutspuren in der Bootsh�tte am See.
Die Zeitungen in Ostdeutschland sind voll davon. Seit gestern mittag strahlen
sie es �ber den Rundfunk aus...� Leclerc schrie: �Ich glaube einfach nicht, da�
er es getan hat. Es ist wieder irgendein Trick von Control.�</p><p>�Nein�,
erwiderte Smiley freundlich. �Sie m�ssen es mir schon glauben. Es ist wahr.�</p><p>�Taylor
ist umgebracht worden�, sagte Leclerc. �Haben Sie das schon vergessen?�</p><p>�Nein, nat�rlich
nicht. Aber wir werden das nie genau wissen, oder? Wie er starb, meine ich. ob
er wirklich ermordet wurde.� Und hastig fuhr er fort: �Ihr Ministerium hat das
Au�enamt gestern nachmittag informiert. Die Deutschen m�ssen ihn ganz einfach
erwischen, verstehen Sie. Das m�ssen wir unterstellen. Er funkt langsam, sehr
langsam sogar. Jeder Polizist, jeder Soldat ist hinter ihm her. Sie wollen ihn
lebend. Wir k�nnen �berzeugt sein, da� sie einen gro�en Schauproze� aufziehen
werden, mit einem �ffentlichen Gest�ndnis und einer Ausstellung seiner
Ausr�stung. Das kann f�r uns sehr unangenehm werden. Man braucht kein Politiker
zu sein, um die Gef�hle eines Ministers zu verstehen. Es stellt sich also die
Frage, was wir jetzt tun sollen.�</p><p>Leclerc sagte: �Achten Sie auf die
Uhr, Johnson.� Johnson nahm die Kopfh�rer und st�lpte sie sich wieder �ber die
Ohren, aber ohne innere �berzeugung.</p><p>Offenbar
wartete Smiley darauf, da� ein anderer etwas sagen w�rde, da aber alle
schwiegen, wiederholte er schwerf�llig: �Es stellt sich also die Frage, was
wir unternehmen sollen. Wie ich schon sagte, sind wir keine Politiker, aber wir
k�nnen die Gefahren sehen, die daraus entstehen werden: in einem Bauernhaus,
drei Kilometer von der Stelle, wo die Leiche gefunden wurde, eine Gesellschaft
von Engl�ndern, die sich als Wissenschaftler ausgeben, Lebensmittel von der Armeeversorgungsstelle
und das ganze Haus voll Funkger�ten haben. Verstehen Sie, was ich meine?� Und
weiter: �Sie senden Ihre Signale auf der gleichen Frequenz wie Leiser, immer
die gleiche Frequenz - das k�nnte wirklich einen Riesenskandal geben. Man kann
sich vorstellen, da� sogar die Westdeutschen schrecklich ver�rgert w�ren.�</p><p>Als erster sprach Haldane wieder:
�Was wollen Sie damit zum Ausdruck bringen?�</p><p>�In Hamburg wartet eine
Milit�rmaschine. Sie werden in zwei Stunden abfliegen - Sie alle. Ein Lastwagen
wird die Ger�te abholen. Sie d�rfen nichts hier zur�cklassen, nicht mal eine
Nadel. Das ist mein Auftrag.� Leclerc fragte: �Und was ist mit dem Ziel? Hat
man vergessen, wozu wir hier sind? Man verlangt viel von uns, wissen Sie,
Smiley, sehr viel!�</p><p>�Ja, das Ziel�, gab Smiley zu.
�Wir werden das in London besprechen. Vielleicht k�nnten wir eine gemeinsame
Operation einleiten.�</p><p>�Es ist ein milit�risches Ziel.
Ich werde darauf bestehen, da� mein Ministerium vertreten ist. Kein monolithischer
Apparat. Das ist ein f�r alle Male festgesetzt worden, wie Sie wissen.�</p><p>�Nat�rlich. Und es wird Ihre
Angelegenheit sein.�</p><p>�Ich schlage vor, da� wir f�r das
Ergebnis gemeinsam die Verantwortung �bernehmen. Mein Ministerium k�nnte unter
diesen Umst�nden seine Selbst�ndigkeit in den Fragen der Ausf�hrung behalten.
Ich kann mir vorstellen, da� diese L�sung die Einw�nde entkr�ftet, die man
offensichtlich hat. Was ist mit Ihren Leuten?�</p><p>�Ja, ich glaube, da� Control damit
einverstanden w�re.�</p><p>Leclerc
bemerkte beil�ufig, und alle h�rten aufmerksam zu: �Und die Sendung? Wer
k�mmert sich darum? Wir haben doch einen Agenten im Einsatz.� Es schien ein
bedeutungsloser Einwand. �Er wird sich um sich selbst k�mmern m�ssen.�</p><p>�Die
Kriegsregeln�, sagte Leclerc stolz. �Wir spielen nach den Regeln des Krieges.
Er wu�te das. Seine Ausbildung war gut.� Er schien beruhigt. Das Thema war f�r
ihn erledigt.</p><p>Zum
erstenmal ergriff Avery das Wort: �Sie k�nnen ihn doch nicht allein da drau�en
sitzenlassen!� Seine Stimme war tonlos.</p><p>Leclerc mischte sich ein: �Sie
kennen Avery, meinen Assistenten?� Diesmal kam ihm niemand zu Hilfe. Smiley
achtete nicht auf ihn. Er sagte: �Der Mann wurde wahrscheinlich schon geschnappt.
Das Ganze ist nur noch eine Frage von Stunden.�</p><p>�Sie lassen ihn dort verrecken!�
Avery fa�te Mut. �Wir streiten ab, da� er zu uns geh�rt. Das ist nie sehr
h�bsch. Aber er ist schon so gut wie gefangen, sehen Sie das nicht ein?�</p><p>�Das
k�nnen Sie doch nicht tun!� rief Avery. �Sie k�nnen ihn doch nicht aus
schmutzigen diplomatischen Gr�nden einfach sitzenlassen!� Diesmal fuhr Haldane
Avery w�tend an. �Sie sind der letzte, der sich beschweren darf. Sie waren es
doch, der immer vom Glauben an unsere Arbeit sprach, oder? Sie wollten ein
elftes Gebot, das Ihrer eigenartigen Seele gen�gt!� Er deutete auf Smiley und
Leclerc. �Na bitte, hier ist es: hier ist das Gesetz, das Sie gesucht haben.
Begl�ckw�nschen Sie sich - Sie haben es gefunden. Wir schickten ihn hin�ber,
weil es notwendig war, wir lassen ihn im Stich, weil wir m�ssen. Das ist Ihre
bewunderte Disziplin!� Er wandte sich zu Smiley: �Und Sie! Sie sind gemein.
Zuerst sto�en Sie uns das Messer in den R�cken und dann beten Sie f�r die
Sterbenden. Scheren Sie sich weg! Wir sind Techniker und keine Poeten. Scheren
Sie sich weg!�</p><p>Smiley
sagte: �Ja, Sie sind ein sehr guter Techniker, Adrian. Sie f�hlen keinen
Schmerz mehr. Sie haben die Technik zu Ihrem Lebensstil gemacht. Wie eine Hure.
Technik anstelle von Liebe.� Er z�gerte. �Kleine F�hnchen... der alte Krieg
l�utet den neuen ein. All das war da, nicht wahr? Und dazu der Mann... Ihr m��t
euch berauscht haben an ihm. Beruhigen Sie sich, Adrian, Sie waren nicht auf
der H�he.� Er straffte seinen R�cken und erkl�rte: �Ein in England
naturalisierter vorbestrafter Pole flieht �ber die Grenze nach Ostdeutschland.
Einen Auslieferungsvertrag gibt es nicht. Die Deutschen werden sagen, er sei
ein Spion, und als Beweis seine Ausr�stung vorlegen. Wir werden erkl�ren, da�
man ihm die Ausr�stung untergeschoben hat, und darauf hinweisen, da� sie
f�nfundzwanzig Jahre alt ist. Ich nehme an, da� er sich eine Geschichte
zurechtgelegt hat. Er will an einem Kurs in Coventry teilgenommen haben. Das
ist leicht widerlegt: es gibt keine derartigen Kurse. Die Schlu�folgerung ist,
da� er aus England fliehen wollte. Wir werden zu verstehen geben, da� er in
Geldschwierigkeiten war. Er hielt ein junges M�dchen aus, wie Sie wissen. Sie
arbeitete in einer Bank. Das pa�t alles sehr gut zusammen. Mit dem
Vorstrafenregister, meine ich, da wir es ohnehin erst erfinden m�ssen.� Er
nickte vor sich hin. �Wie ich schon sagte, ist es kein sch�ner Vorgang. Bis
dahin werden wir alle schon wieder in London sein.�</p><p>�Und er
wird senden�, sagte Avery, �und niemand wird ihm zuh�ren!�</p><p>�Im
Gegenteil�, erwiderte Smiley bitter. �Viele werden ihm zuh�ren.�</p><p>Haldane
fragte: �Auch Control, ohne Zweifel. Habe ich nicht recht?�</p><p>�Schlu�!�
schrie Avery pl�tzlich. �H�rt um Gottes willen auf! Wenn irgend etwas wichtig,
irgend etwas ehrlich ist auf dieser Welt, dann <emphasis>m�ssen </emphasis>wir ihn
jetzt anh�ren! Und wenn es nur aus. aus.�</p><p>�Nun?�
fragte Haldane sp�ttisch. �Liebe w�re. Jawohl, Liebe. Nicht Ihre, Haldane, sondern
meine! Smiley hat recht! Sie haben mich angestiftet, es f�r Sie zu tun. Ich
sollte ihn lieben! Sie konnten so etwas schon nicht mehr! Ich habe ihn zu
Ihnen gebracht, habe ihn in Ihrem Haus festgehalten, brachte ihn dazu, da� er
zur Musik Ihres verdammten Krieges tanzte! Ich habe dazu aufgespielt, aber
jetzt habe ich keinen Atem mehr. Er ist das letzte Opfer des Rattenf�ngers,
Haldane, das allerletzte, die letzte Liebe - die Musik ist aus!�</p><p>Haldane sah
Smiley an. �Aber bringen Sie Control meine Gl�ckw�nsche�, sagte er. �Danken Sie
ihm in meinem Namen, bitte. Dank f�r die Hilfe, die <emphasis>technische
</emphasis>Hilfe, Smiley, f�r die Ermunterung, Dank f�r den Strick! Auch f�r die
freundlichen Worte, und da� er Sie als �berbringer der Blumen hergeliehen hat.
So gut gemacht, das alles!�</p><p>Aber
Leclerc schien von der �u�erlich netten Form beeindruckt. �Sei nicht so hart zu
Smiley, Adrian. Er tut nur seine Pflicht. Wir m�ssen alle nach London zur�ck.
Au�erdem ist da der Fielden-Bericht. Ich w�rde mich freuen, wenn Sie ihn sich
mal anschauen wollten, Smiley. Truppenverschiebungen in Ungarn: etwas ganz
Neues.�</p><p>�Und ich
w�rde mich freuen, ihn sehen zu d�rfen�, antwortete Smiley h�flich.</p><p>�Er hat
recht, wissen Sie, Avery�, wiederholte Leclerc. Seine Stimme war sehr
eindringlich. �Sie sind Soldat. So ist nun mal der Krieg, halten Sie sich an
die Regeln! Bei unserem Spiel gelten die Regeln des Krieges. Bei Ihnen,
Smiley, mu� ich mich wohl entschuldigen, auch bei Control, f�rchte ich. Ich
hatte geglaubt, die alte Eifersucht sei immer noch wach. Ich habe mich geirrt.�
Er senkte den Kopf. �Sie m�ssen einmal mit mir essen, in London. Mein Club ist
nicht ganz Ihr Niveau, ich wei�, aber es ist ruhig dort. Sehr gut gef�hrt.
Wirklich gut. Haldane mu� mitkommen. Adrian, ich lade dich ein!�</p><p>Avery
hatte sein Gesicht mit den H�nden bedeckt. �Dann gibt's da noch etwas, das ich
mit dir besprechen m�chte, Adrian - Sie werden nichts dagegen haben, Smiley,
Sie geh�ren ja praktisch zur Familie -, es ist das Problem des Archivs. Unser
jetziges System der Archiv-Akten ist wirklich veraltet. Bruce hat mich deshalb
schon angesprochen - gerade als ich wegfuhr. Die arme Miss Courtney kann kaum
noch zurechtkommen. Ich f�rchte, wir m�ssen in Zukunft zus�tzliche Kopien
machen. Originalblatt f�r den Sachbearbeiter, Durchschl�ge f�r die
Informationen. Es gibt jetzt eine neue Maschine f�r billige Fotokopien, das
St�ck kommt nur auf dreieinhalb Pence, scheint mir nicht teuer in diesen
Zeiten. Ich mu� mit den Leuten mal dar�ber reden. im Ministerium. die erkennen
sofort, was brauchbar ist. Vielleicht.� Er unterbrach sich. �Es w�re sch�n,
Johnson, wenn Sie weniger Krach machen w�rden. Wir sind noch immer im Einsatz,
wissen Sie.� Er sprach wie jemand, der auf sein Auftreten sehr bedacht und sehr
traditionsbewu�t ist.</p><p>Johnson
war zum Fenster gegangen. Er st�tzte sich auf das Fensterbrett, lehnte sich
weit hinaus und begann mit gewohnter Pr�zision die Antenne einzuholen. Er
hielt eine Spule in der linken Hand und drehte sie gem�chlich hin und her wie
ein spinnendes altes Weib ihre Spindel, w�hrend er den Draht einzog. Avery
schluchzte wie ein kleines Kind. Niemand beachtete ihn.</p><p><strong><emphasis/></strong></p><p><strong><emphasis>23. Kapitel </emphasis></strong></p><p><emphasis/></p><p>Der gr�ne
Lieferwagen rollte langsam die Stra�e entlang. Er �berquerte den Bahnhofsplatz
mit dem leeren Brunnen. Auf dem Dach des Wagens drehte sich die Ringantenne
hierhin und dorthin, wie eine Hand, die die Windrichtung pr�ft. Dahinter, in
engem Abstand, kamen zwei Lkw. Der Schnee blieb jetzt liegen. Sie fuhren mit
Standlicht, zwanzig Meter hintereinander, jeder in den frischen Radspuren des
vorausfahrenden Wagens.</p><p>Der Hauptmann sa� im Laderaum des
Lieferwagens. Er hatte ein Mikrofon, durch das er mit dem Fahrer sprechen
konnte, und neben ihm sa�, in seine Erinnerungen versunken, der Unteroffizier.
Der Feldwebel hockte vor dem Empf�nger, seine Hand drehte unerm�dlich an dem
Skalenknopf, w�hrend er die zitternde Linie auf dem kleinen Bildschirm
beobachtete. �Jetzt hat er aufgeh�rt�, sagte er pl�tzlich. �Wieviele Gruppen haben
Sie bis jetzt aufgenommen?� fragte der Unteroffizier. �Ein Dutzend. Zuerst
immer wieder das Rufzeichen, dann ein Teil einer Durchgabe. Ich glaube nicht,
da� er eine Antwort bekommt.�</p><p>�F�nf Buchstaben oder vier?�</p><p>�Immer noch vier.�</p><p>�Hat er das Schlu�zeichen
gesendet?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Welche Frequenz hat er ben�tzt?�</p><p>�Drei sechs f�nf null.�</p><p>�Suchen Sie im Nebenbereich
weiter. Zweihundert nach jeder Seite.�</p><p>�Da ist aber nichts.�</p><p>�Suchen
Sie!� sagte der Unteroffizier scharf. �Tasten Sie das ganze Band ab. Er hat den
Kristall gewechselt. Er wird ein paar Minuten zum Abstimmen brauchen.�</p><p>Der Funker
begann, den gro�en Skalenknopf langsam weiterzudrehen, w�hrend er das �ffnen
und Schlie�en des in der Mitte des Ger�tes sitzenden gr�nen Auges beobachtete
und einen Sender nach dem anderen abtastete. �Da ist er! Drei acht sieben
null. Ein anderes Rufzeichen, aber dieselbe Handschrift. Schneller als gestern,
besser.� Neben seinem Ellbogen drehten sich eint�nig die Spulen des Tonbandger�tes.
�Er arbeitet mit verschiedenen Kristallen�, sagte der Unteroffizier. �Wie sie
es im Krieg gemacht haben. Es ist der gleiche Trick!� Er war verwirrt: ein
�lterer Mann, der pl�tzlich seiner eigenen Vergangenheit wiederbegegnet. Der
Feldwebel hob langsam den Kopf. �Hier sind wir�, sagte er. �Null. Wir sind
genau auf ihm drauf.� Die beiden M�nner stiegen leise aus dem Wagen. �Warten
Sie hier�, sagte der Unteroffizier zu dem Feldwebel. �H�ren Sie ihm weiter zu.
Sobald er unterbricht - und wenn's nur einen Augenblick ist - dann lassen Sie
den Fahrer die Scheinwerfer ausmachen. Haben Sie verstanden?�</p><p>�Ich werde
es ihm sagen.� Der Feldwebel sah ver�ngstigt aus.</p><p>�Wenn er
ganz aufh�rt, suchen Sie ihn weiter und lassen Sie es mich wissen.�</p><p>�Passen
Sie auf�, warnte der Hauptmann, w�hrend er hinauskletterte. Der Unteroffizier
wartete schon ungeduldig. Der Hauptmann sah hinter ihm ein gro�es Geb�ude auf
einem �den Platz.</p><p>Entfernt
standen kleine H�user, halb verborgen vom fallenden Schnee, Reihe an Reihe.
Kein Laut war zu h�ren.</p><p>�Wie hei�t
das hier?� fragte der Hauptmann.</p><p>�Es ist
ein Hochhaus mit Arbeiterwohnungen. Man hat ihm noch keinen Namen gegeben.�</p><p>�Nein,
dahinter.�</p><p>�Wei�
nicht. - Kommen Sie�, sagte der Unteroffizier. Fast in jedem Fenster schimmerte
fahles Licht, sechs Stockwerke hoch. Dick mit Laub bedeckte Steinstufen f�hrten
in den Keller hinunter. Der Unteroffizier ging voran, wobei er mit seiner
Taschenlampe die sch�bige Mauer vor ihnen ableuchtete. Der Hauptmann st�rzte
beinahe. Der erste Kellerraum war gro� und stickig, mit W�nden aus rohen
Ziegeln, nur teilweise verputzt. Am anderen Ende waren zwei Stahlt�ren. Von der
Decke fiel das Licht einer Birne, die von einem Drahtk�fig gesch�tzt war. Die
Taschenlampe des Unteroffiziers brannte immer noch, er leuchtete damit sinnlos
in alle Ecken.</p><p>�Wonach suchen Sie?� fragte der
Hauptmann. Die Stahlt�ren waren abgesperrt. �Holen Sie den Hausmeister.
Schnell!� befahl der Unteroffizier.</p><p>Der
Hauptmann rannte die Treppe hinauf und kam mit einem alten unrasierten Mann
zur�ck, der leise vor sich hin brummte. Er hatte an einer Kette einen Bund
langer Schl�ssel bei sich. Einige waren rostig. �Die Sicherungen�, sagte der
Unteroffizier. �F�r die Wohnungen. Wo sind sie?�</p><p>Der alte Mann suchte an seinem
Schl�sselbund. Er steckte einen Schl�ssel in das Schlo� der Stahlt�r, aber er
pa�te nicht. Er versuchte es mit weiteren. �Schnell, Sie Idiot!� schrie der
Hauptmann.</p><p>�Bringen
Sie ihn nicht durcheinander�, sagte der Unteroffizier.</p><p>Die T�r
ging auf. Sie dr�ngten sich in den dahinter liegenden Korridor. Die Kegel ihrer
Lampen tanzten �ber den wei�en Verputz. Der Hausmeister hielt grinsend einen
Schl�ssel in die H�he. �Immer ist es der letzte�, sagte er. Der Unteroffizier
hatte gefunden, was er suchte. Hinter der T�r verborgen, hing ein Kasten mit
Glast�ren an der Wand. Der Hauptmann legte seine Hand auf den Hauptschalter und
hatte ihn schon halb heruntergezogen, als der andere ihn unsanft wegstie�.</p><p>�Nein.
Gehen Sie zur Treppe hinauf. Sagen Sie mir, wann die Scheinwerfer ausgehen.�</p><p>�Wer
befiehlt hier?� beschwerte sich der Hauptmann. �Tun Sie, was ich sage.� Er
hatte den Kasten ge�ffnet und drehte vorsichtig an der ersten Sicherung. Seine
Augen blinzelten durch die goldumrandete Brille - ein g�tiger �lterer Mann.</p><p>Mit
emsigen Chirurgenfingern schraubte der Unteroffizier die Sicherung heraus,
vorsichtig, als erwarte er einen elektrischen Schlag. Dann schraubte er sie sofort
wieder fest, wobei sich sein Blick der Gestalt am oberen Ende der Kellertreppe
zuwandte. Er schraubte an der zweiten Sicherung. Noch immer sagte der Hauptmann
nichts. Drau�en beobachteten die bewegungslosen Soldaten die Fenster des
H�userblocks, in denen Stockwerk nach Stockwerk die Lichter erloschen und
gleich wieder aufflammten. Der Unteroffizier versuchte eine dritte und vierte
Sicherung. Diesmal h�rte er einen aufgeregten Ruf von oben: �Die Scheinwerfer!
Jetzt sind sie ausgegangen!�</p><p>�Ruhig!
Gehen Sie und fragen Sie den Fahrer, in welchem Stock. Aber bitte <emphasis>leise!�</emphasis></p><p>�Bei
diesem Wind kann uns niemand h�ren�, sagte der Hauptmann gereizt. Einen
Augenblick sp�ter kam er zur�ck: �Der Fahrer sagt, im dritten. Als im dritten
das Licht ausging, h�rte auch das Funken auf. Es hat jetzt wieder angefangen.�</p><p>�Lassen
Sie das Geb�ude umstellen�, sagte der Unteroffizier. �Und nehmen Sie f�nf
Mann, die mit uns hinaufgehen. Er sitzt im dritten Stock.� Leise wie Tiere
kletterten die Vopos von den Lastwagen herunter, die Karabiner locker in den
H�nden. Sie gingen in unregelm��iger Linie gegen das Geb�ude vor. Ihre Stiefel
durchpfl�gten den d�nnen Schnee und verwandelten ihn in Nichts. Einige gingen
bis zur Hausmauer, andere blieben entfernter stehen und starrten zu den
Fenstern hinauf. Einige hatten Stahlhelme auf, und ihre eckigen Silhouetten
erinnerten an den Krieg. Von da und dort kam ein leises Klicken, als die erste
Patrone weich in den Lauf geschoben wurde. Das Ger�usch steigerte sich zu einem
schwachen Prasseln und erstarb.</p><p>Leiser hakte die Antenne aus und
spulte sie auf, schraubte die Morsetaste in den Deckel, legte die Kopfh�rer in
die Schachtel zur�ck und faltete das Seidentuch in den Griff des
Rasierapparates. �Zwanzig Jahre�, protestierte er, indem er den Rasierapparat
hochhielt. �Und noch immer haben sie keinen besseren Platz daf�r gefunden!�</p><p>�Warum machst du das?� Sie sa�
zufrieden auf dem Bett, im Nachthemd und dar�ber den Regenmantel, als f�hle sie
sich damit weniger allein. �Mit wem sprichst du da?� fragte sie noch einmal.
�Mit niemandem. Niemand hat es geh�rt.�</p><p>�Warum machst du es dann?� Er mu�te
etwas sagen, also sagte er: �F�r den Frieden.�</p><p>Er zog seine Jacke an, ging zum
Fenster und sp�hte hinaus. Auf den D�chern lag Schnee. Der Wind pfiff b�sartig
�ber sie hinweg. Er sah in den Hof hinunter, wo die Silhouetten warteten.</p><p>�Wessen Frieden?� fragte sie.</p><p>�Das Licht ging einmal aus,
w�hrend ich am Ger�t war, nicht?�</p><p>�Tats�chlich?�</p><p>�Nur ganz kurz, eine Sekunde oder
zwei, wie manchmal bei einer St�rung im Werk?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Mach's jetzt wieder aus.� Er war
sehr ruhig. �Mach das Licht aus.�</p><p>�Warum?�</p><p>�Ich schau gerne auf den Schnee
hinaus.� Sie l�schte das Licht, und er zog die verschlissenen Vorh�nge zur
Seite. Der Schnee drau�en warf einen blassen Schimmer zum Himmel zur�ck. Im
Zimmer war es fast ganz finster.</p><p>�Du hast gesagt, jetzt w�rden wir
uns lieben�, beschwerte sie sich. �Pa� auf: wie hei�t du?� Er h�rte das
Rascheln des Regenmantels. �Also wie?� Seine Stimme war rauh. �Anna.�</p><p>�H�r zu,
Anna.� Er ging zum Bett. �Ich m�chte dich heiraten�, sagte er. �Als ich dich
traf, in diesem Lokal, als ich dich dort sitzen und den Platten zuh�ren sah, da
habe ich mich in dich verliebt, verstehst du? Ich bin ein Monteur aus
Magdeburg, das habe ich dir dort gesagt. H�rst du mir zu?�</p><p>Er griff
ihre Arme und sch�ttelte sie. Seine Stimme klang dr�ngend.</p><p>�Nimm mich
von hier fort�, sagte sie. �Das ist richtig: ich habe dir dort gesagt, ich
w�rde dich lieben und dich mitnehmen, �berallhin in die L�nder, von denen du
immer getr�umt hast, verstehst du?� Er deutete auf die Plakate an den W�nden.
�Auf Inseln, in sonnige Gegenden.�</p><p>�Warum?�
fl�sterte sie.</p><p>�Ich habe
dich hierher begleitet. Du dachtest, ich k�me mit, um mit dir ins Bett zu
gehen, aber als ich hier war, zog ich mein Messer heraus und bedrohte dich. Ich
sagte, da� ich dich beim geringsten Laut umbringen w�rde, wie diesen - ich
erz�hlte dir, da� ich den Jungen umgebracht h�tte und da� ich auch dich t�ten
w�rde.�</p><p>�Warum?�</p><p>�Ich mu�te
mein Funkger�t ben�tzen. Ich brauchte einen Unterschlupf, klar? Eine
M�glichkeit, das Ger�t aufzustellen. Ich wu�te ja nicht, wohin ich gehen sollte.
Also habe ich dich aufgelesen und dich ben�tzt. H�r gut zu: wenn sie dich
fragen, dann mu�t du es genau so erz�hlen.�</p><p>Sie lachte. Sie hatte Angst. Sie
legte sich z�gernd auf ihrem Bett zur�ck, eine Aufforderung an ihn, sie zu
nehmen, als w�re es dies, was er wollte. �Wenn man dich fragt, dann erinnere
dich, was ich dir gesagt habe.�</p><p>�Mach mich gl�cklich. Ich liebe
dich.� Sie streckte ihre Arme aus und zog seinen Kopf an sich heran. Ihre
Lippen waren kalt und klamm. Sie waren zu schmal im Verh�ltnis zu ihren
kr�ftigen Z�hnen. Er wich zur�ck, aber sie hielt ihn weiter fest. Er lauschte
angespannt nach einem anderen Ger�usch als dem Heulen des Windes, aber er h�rte
nichts. �Unterhalten wir uns ein bi�chen�, sagte er. �Bist du einsam, Anna? Wen
hast du?�</p><p>�Wie meinst du das?�</p><p>�Eltern, Freunde, irgend jemand.�
Sie sch�ttelte in der Dunkelheit den Kopf. �Nur dich.�</p><p>�H�r mal, wir wollen deinen Mantel
zukn�pfen. Ich unterhalte mich gerne zuerst. Ich werde dir von London
erz�hlen. Ich wette, da� du gerne etwas von London h�rst. Einmal, als ich
spazierenging - es regnete -, da traf ich einen Mann am Flu�, der im Regen Bilder
aufs Pflaster malte. Komisch, so etwas! Im Regen mit Kreide malen, und der
Regen w�scht es gleichzeitig wieder weg.�</p><p>�Komm jetzt. Komm.�</p><p>�Wei�t du,
was er gezeichnet hat? Blo� Hunde, kleine H�user und solches Zeug. Und die
Leute - h�r dir das an, Anna - standen im Regen und schauten ihm zu.�</p><p>�Ich will
dich. Halte mich! Ich hab' Angst.�</p><p>�H�r gut
zu! Wei�t du, weshalb ich spazierenging? Man wollte von mir, da� ich mit einem
M�dchen ins Bett gehe. Man hatte mich dazu nach London geschickt, und ich ging
statt dessen im Regen spazieren.�</p><p>Er konnte
erkennen, wie sie ihn beobachtete und nach irgendeinem Instinkt beurteilte, der
ihm unverst�ndlich war.</p><p>�Bist du
auch allein?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Warum bist du gekommen?�</p><p>�Die
Engl�nder sind ein verr�cktes Volk! Dieser alte Kerl am Flu�: sie denken, die
Themse sei der gr��te Flu� der Welt, hast du das gewu�t? Dabei ist sie gar
nichts! Nur gerade so ein kleiner brauner Flu�, an manchen Stellen kann man
fast hin�berspringen!�</p><p>�Was war
das f�r ein Ger�usch?� sagte sie pl�tzlich. �Das kenne ich! Es war ein
Revolver. Das Schlo� von einem Revolver!�</p><p>Er hielt
sie fest, um ihr Zittern zu unterdr�cken. �Es war nur eine T�r�, sagte er. �Die
Klinke einer T�r. Dieses Haus ist ja aus Papier. Wie hast du �berhaupt etwas
h�ren k�nnen, bei diesem Wind?� Auf dem Korridor waren Schritte. In panischer
Angst schlug sie auf ihn ein, ihr Regenmantel schwang um ihren K�rper. Als sie
ins Zimmer traten, stand er �ber ihr, mit dem Messer an ihrer Kehle, den Daumen
oben und die Klinge parallel zum Boden. Er hielt seinen R�cken ganz steif, und
sein mageres Gesicht war ihr zugewandt, ausdruckslos und gestrafft von einer
nur ihm noch fa�baren inneren Disziplin: ein Mann, noch einmal auf sein
Auftreten bedacht und sich der Tradition bewu�t.</p><p>Das
Bauernhaus stand dunkel und leer mit blinden Fenstern unter den wehenden
Zweigen und den am Nachthimmel ziehenden Wolken. Sie hatten vergessen, einen
Fensterladen zu schlie�en, und er schlug je nach der St�rke des Sturmes
langsam und unregelm��ig auf und zu, auf und zu. Schnee wurde wie Asche
zusammengeweht und zerstreut. Sie waren gegangen und hatten nichts zur�ckgelassen
als Reifenspuren in dem gefrierenden Schlamm, ein Kn�uel Draht und das
schlaflose Klopfen des Nordwindes.</p><empty-line/><p><strong>** ENDE **</strong></p></section></body><binary id="cover" 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