<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>antique</genre><author><first-name>Carre,</first-name><middle-name>John</middle-name><last-name>le</last-name></author><book-title>Schatten von gestern (Smiley Bd 1)</book-title><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang></title-info><document-info><author><first-name>Carre,</first-name><middle-name>John</middle-name><last-name>le</last-name></author><program-used>calibre 2.23.0, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date>13.11.2015</date><id>e56fb674-4a7f-418f-9b7d-d498d8f0bb56</id><version>1.0</version></document-info><publish-info><year>2011</year></publish-info></description><body><section><p>John le Carre</p><p><emphasis>Schatten von gestern</emphasis></p><p>Deutsch von Ortwin Munch</p><p><strong>Das Curriculum Vitae von George
Smiley</strong></p><p>Als Lady
Ann Sercomb gegen Ende des Krieges George Smiley heiratete, pflegte sie ihn
ihren erstaunten Freunden aus Mayfair als einen direkt atemberaubend
gew�hnlichen Menschen zu schildern. Als sie ihn dann zwei Jahre sp�ter
zugunsten eines Autorennfahrers aus Kuba verlie�, verk�ndete sie r�tselhaft,
da� sie ihn nie h�tte verlassen k�nnen, wenn sie es nicht zu diesem Zeitpunkt
getan h�tte. Und Viscount Sawley begab sich eigens zu dem Zweck in seinen Klub,
um die Bemerkung fallen zu lassen, die Katze w�re aus dem Sack.</p><p>Dieser
Ausspruch, der eine Zeitlang als Bonmot herumging, kann nur von Leuten
verstanden werden, die Smiley kannten. Klein, dick und von ruhiger Gem�tsart,
schien er eine Menge Geld f�r wirklich miserable Anz�ge auszugeben, die auf
seinem viereckigen Gestell wie die Haut einer verschrumpelten Kr�te wirkten.
Tats�chlich sagte Sawley auch bei der Hochzeit: �Die Sercomb heiratet einen
Ochsenfrosch in �lzeug und S�dwester.� Und Smiley, der von dieser
Klassifizierung nichts wu�te, war wie in der Hoffnung auf den Ku�, der ihn in
einen Prinzen verwandeln sollte, zum Altar gewatschelt.</p><p>War er
reich oder arm, B�rger oder Bauer? Wo hatte sie ihn aufgegabelt? Die
Widersinnigkeit der Verbindung wurde durch Lady Anns nicht zu �bersehende
Sch�nheit noch hervorgehoben, und das R�tselhafte der Angelegenheit durch das
Mi�verh�ltnis zwischen dem Mann und seiner Braut unterstrichen. Aber der
Tratsch mu� sich seine Gestalten schwarz oder wei� malen und sie mit S�nden und
Motiven ausstatten, die sich leicht in den Code der Konversation verschl�sseln
lassen. Daher kam Smiley, der weder Schule, Eltern, Regiment oder Beruf noch
Reichtum oder Armut aufweisen konnte, ohne Adre�zettel in den Gep�ckwagen des
Expre�zuges der Gesellschaft und wurde bald ein verlorener Koffer, endg�ltig
verloren, als die Scheidung sich anbahnte und ausgesprochen worden war, ein
Koffer, der auf den staubigen Stellagen der Neuigkeiten von gestern herumlag
und den keiner mehr haben wollte.</p><p>Als Lady
Ann ihrem Star nach Kuba folgte, dachte sie ein wenig �ber Smiley nach. Mit
widerwilliger Bewunderung gestand sie sich ein, da� es Smiley sein w�rde, wenn
es nur einen einzigen Mann in ihrem Leben g�be, und es befriedigte sie, da� sie
diese Tatsache durch das heilige Sakrament der Ehe bewiesen hatte.</p><p>Wie Lady
Anns Abreise auf ihren ersten Gatten wirkte, machte der Gesellschaft, die ja
wenig an dem Anteil nimmt, was nach der Sensation kommt, kaum Kopfzerbrechen,
obwohl es ganz interessant gewesen w�re, zu erfahren, was Sawley und sein Kreis
von Smileys Reaktion gehalten h�tten; von Smileys fettem bebrilltem Gesicht,
das sich in energische Falten der Konzentration zog, wenn er aufmerksam die
weniger bekannten deutschen Poeten las, w�hrend er seine plumpen, feuchten
H�nde in den herunterbaumelnden �rmeln zu F�usten ballte. Aber alles, was
Sawley zu diesem Anla� von sich gab, war ein leichtes Achselzucken und die
Bemerkung: <emphasis>&gt;Partir c'est courir un peu&lt;, </emphasis>und es
schien ihm nicht klar zu sein, da�, w�hrend Lady Ann nur davonlief, ein Teil
von George Smiley gestorben war.</p><p>Der Teil,
der weiterlebte, sein Beruf als Nachrichtenoffizier, pa�te ebensowenig zu
seiner Erscheinung wie die Liebe oder seine Vorliebe f�r nicht anerkannte
Dichter. An diesem Beruf hatte er Spa�, und dieser Beruf versah ihn auch
gn�digerweise mit Kollegen, deren Charakter und Herkunft ebenso im Dunkel
lagen. Er bot ihm auch, was er fr�her einmal am meisten geliebt hatte, n�mlich
akademische Exkursionen in das Mysterium menschlichen Verhaltens, die sich aus
der praktischen Anwendung seiner eigenen Schl�sse ergaben.</p><p>Einmal in
den zwanziger Jahren, als Smiley mit seiner bescheidenen Mittelschule fertig
war und geblendet in die d�steren Arkaden seines bescheidenen College in
Oxford stolperte, hatte er von Dozenturen getr�umt und einem Leben, das den
literarischen Obskurit�ten Deutschlands im siebzehnten Jahrhundert gewidmet
sein sollte. Aber sein eigener Lehrer, der ihn besser kannte, dirigierte ihn
klugerweise aus dem Bereich der Ehren, die ihn ohne Zweifel erwartet h�tten.
An einem wundersch�nen Morgen des Monats Juli im Jahre 1928 sa� ein verwirrter
und ziemlich rot angelaufener Smiley vor der Pr�fungskommission des Komitees
f�r Akademische Forschung in �bersee, einer Organisation, von der er
sonderbarerweise noch nie etwas geh�rt hatte. Jebedee, sein Lehrer, hatte sich
merkw�rdig vage ausgedr�ckt, als er ihm die Sache erkl�rte: �Versuch es mit
diesen Leuten, vielleicht behalten sie dich; sie zahlen so schlecht, da� du
sicher in guter Gesellschaft sein wirst.� Aber Smiley war ver�rgert gewesen und
hatte das auch gesagt. Er machte sich Gedanken dar�ber, da� Jebedee, der sich
doch sonst immer so pr�zis ausdr�ckte, auswich. Ein wenig mi�mutig willigte er
aber ein, seine Entscheidung auf Allerseelen zu verschieben, bis er Jebedees
mysteri�se �Leute� gesehen h�tte.</p><p>Er wurde
den einzelnen Mitgliedern der Kommission nicht besonders vorgestellt, doch
kannte er ungef�hr die H�lfte vom Sehen. Da war einmal Fielding, der in
Cambridge �ber das franz�sische Mittelalter las, Sparke aus dem Institut f�r
orientalische Sprachen und Steed-Asprey, der an demselben Abend am
Professorentisch diniert hatte, als Smiley Jebedees Gast gewesen war. Er mu�te
zugeben, da� er beeindruckt war. Denn da� Fielding seine Wohnung, von
Cambridge gar nicht erst zu reden, verlie�, war schon an und f�r sich ein
Wunder. Sp�ter dachte Smiley an dieses Interview immer als an einen Schleiertanz,
eine genau berechnete Folge von Enth�llungen, von denen jede eine andere
Einzelheit eines geheimnisvollen Ganzen zeigte. Endlich entfernte
Steed-Asprey, der der Vorsitzende zu sein schien, den letzten Schleier, und
die Wahrheit stand in ihrer ganzen verwirrenden Nacktheit vor ihm. Man bot ihm
einen Posten in einer Organisation an, die Steed-Asprey mangels eines besseren
Namens schamhaft als Geheimdienst bezeichnete.</p><p>Smiley
hatte um Bedenkzeit gebeten. Sie gaben ihm eine Woche. Geld wurde nicht
erw�hnt.</p><p>An diesem
Abend a� er irgendwo in London in einem ziemlich guten Lokal und ging ins
Theater. Er f�hlte sich merkw�rdig wirr im Kopf, und das bedr�ckte ihn. Er war
sich v�llig dar�ber im klaren, da� er ja sagen w�rde. Das h�tte er schon gleich
bei der Unterredung tun k�nnen. Es war nur instinktive Vorsicht und vielleicht
der verzeihliche Wunsch, sich Fielding gegen�ber ein bi�chen zu zieren, der ihn
davon abhielt, sofort einzuschlagen.</p><p>Nachdem er
sich verpflichtet hatte, kam das Training: anonyme Landh�user, anonyme
Instruktoren, viele Reisen, die immer weiter wurden, und schlie�lich die
phantastische Aussicht, ganz auf sich allein gestellt zu arbeiten.</p><p>Sein
erster Posten im Einsatz war verh�ltnism��ig am�sant. Zwei Jahre als englischer
Lektor an einer kleinen deutschen Universit�t: Vorlesungen �ber Keats und
Ferien in bayrischen Jagdh�tten mit Gruppen von feierlich ernsten deutschen
Studenten der verschiedensten Herkunft. Gegen Ende der langen Ferien pflegte
er einige von ihnen nach England zu bringen, von denen er schon die
wahrscheinlich in Frage kommenden �ber geheime Verbindungen an eine Adresse in
Bonn bezeichnet hatte. W�hrend der ganzen beiden Jahre hatte er keine Ahnung,
ob seine Empfehlungen ber�cksichtigt wurden oder nicht. Er wu�te nicht einmal,
ob man an seine Kandidaten herantrat oder nicht, noch hatte er eine M�glichkeit,
festzustellen, ob seine Botschaften je ihren Bestimmungsort erreichten. Und
wenn er in England war, hatte er keinen Kontakt mit dem Department.</p><p>Seine
Gef�hle bei der Durchf�hrung seiner Arbeit waren gemischt und einander
widersprechend. Es reizte ihn, von einem Beobachtungspunkt aus das, was er als
den �potentiellen Agenten� in einem Menschen zu definieren gelernt hatte, zu
finden und auszuwerten, Miniaturtests des Charakters und des Verhaltens zu
erfinden, die ihn �ber die Qualit�ten eines Kandidaten informieren konnten.
Dieser Teil von ihm war blutlos und unmenschlich. In dieser Rolle war Smiley
der internationale gekaufte S�ldner seines Berufes, unmoralisch und ohne
anderes Motiv als das seines pers�nlichen Vorteils.</p><p>Auf der
anderen Seite betr�bte es ihn, in sich das langsame Absterben nat�rlicher
Freude zu bemerken. Immer auf der Hut, fand er, da� er vor der Versuchung der
Freundschaft und menschlichen Loyalit�t zur�ckschreckte, und er wappnete sich
�ngstlich gegen spontane Reaktionen. Durch die Kraft seines Intellekts zwang
er sich, die Regeln der Menschlichkeit mit peinlichster Objektivit�t
einzuhalten, und weil er auch nur ein Mensch und nicht unfehlbar war, ha�te und
f�rchtete er die Falschheit seines Lebens.</p><p>Aber
Smiley war ein sentimentaler Mensch, und das lange Exil vertiefte seine innige
Liebe zu England. Hungrig zehrte er von den Erinnerungen an Oxford, entsann
sich seiner Sch�nheit, der Ungezwungenheit der Gedanken und des langsamen Reifens
seiner Urteile. Er tr�umte von windigen Herbstferien in Hartland Quay, von
langen Fu�wanderungen an der Felsenk�ste Cornwalls, das hei�e Gesicht dem
Seewind zugewendet. Dies war sein zweites, geheimes Leben, und er begann die
gro�m�ulig hinterh�ltige Invasion des neuen Deutschland zu hassen, das
Stampfen und Gebr�ll der uniformierten Studenten, die arroganten Gesichter mit
den Schmissen und ihre billigen konfektionierten Antworten. Es �rgerte ihn
auch, wie die Fakult�t an seinem Fach, <emphasis>seiner </emphasis>geliebten
deutschen Literatur, herumgest�mpert hatte. Und dann war eine Nacht gekommen,
eine schreckliche Nacht im Winter 1937, da war Smiley an seinem Fenster
gestanden und hatte auf einen gro�en Scheiterhaufen im Hof der Universit�t
hinausgesehen. Rundherum standen Hunderte johlender Studenten mit exaltierten
Gesichtern, die von den tanzenden Flammen beleuchtet wurden, und warfen
Hunderte von B�chern in das g�tzendienerische Feuer. Er wu�te, wer diese B�cher
geschrieben hatte: Thomas Mann, Heine, Lessing und viele andere. Und Smiley,
der die Glut seiner Zigarette in seiner feuchten hohlen Hand verbarg, starrte
hinaus, und zugleich mit Ha� �berw�ltigte ihn der Triumph, da� er seinen
Gegner kannte.</p><p>Neununddrei�ig
war er in Schweden, und zwar als wohlakkreditierter Vertreter einer sehr
bekannten Schweizer Fabrik f�r Handfeuerwaffen. Seine Verbindung mit der Firma
war nat�rlich r�ckdatiert, wie das ja zweckdienlich ist. Ebenso
zweckdienlicherweise hatte sich seine Erscheinung betr�chtlich ge�ndert, denn
Smiley hatte in sich ein Talent f�r Tarnung entdeckt, das �ber das primitive
Wechseln der Haarfarbe und die Hinzuf�gung eines kleinen Schnurrbartes
hinausging. Vier Jahre hatte er seine Rolle gespielt und war zwischen der
Schweiz, Deutschland und Schweden hin und her gereist. Er hatte nie geahnt, da�
man es aushalten k�nne, so lange Zeit Angst zu haben. Die Folge war eine
nerv�se Irritation seines linken Augenlids, die er auch nach f�nfzehn Jahren
noch nicht losgeworden war, und die dauernde Spannung grub tiefe Falten in
seine fleischigen Wangen und seine Stirn. Er erfuhr, was es hie�, nie richtig
zu schlafen, pausenlos in Spannung zu sein und immer, sei es bei Tag oder des
Nachts, das rastlose Klopfen des eigenen Herzens zu f�hlen, die �u�ersten
Grenzen der Einsamkeit und des eigenen Jammers zu erleben, das pl�tzliche
Verlangen nach einer Frau, nach Alkohol, nach Bewegung, kurz nach irgendeinem
Narkotikum, das ihm die Spannung seines Lebens nehmen konnte.</p><p>Vor diesem
Hintergrund f�hrte er seinen offiziellen Handel und seine Arbeit als Spion
durch. Im Laufe der Zeit wurde das Netz gr��er, und andere L�nder machten ihren
Mangel an Voraussicht und Vorbereitung wett. 1943 rief man ihn zur�ck. Schon
nach sechs Wochen sehnte er sich danach, weiterzumachen, aber sie lie�en ihn
nicht mehr: �Sie sind fertig�, sagte Steed-Asprey. �Schulen Sie neue Leute ein,
machen Sie Ferien. Heiraten Sie, oder machen Sie etwas anderes. Kurz und gut,
koppeln Sie ab.�</p><p>Smiley
machte der Sekret�rin von Steed-Asprey, Lady Ann Sercomb, einen Heiratsantrag.</p><p>Der Krieg
war zu Ende. Sie zahlten ihn aus, und er nahm seine sch�ne Frau nach Oxford, wo
er sich den Obskurit�ten des siebzehnten Jahrhunderts in Deutschland widmen
wollte. Aber nach zwei Jahren war Lady Ann in Kuba, und die Enth�llungen eines
jungen russischen Geheimcodebeamten in Ottawa hatten neuen Bedarf an M�nnern
mit Smileys Erfahrung geschaffen.</p><p>Die Arbeit
war neu, das Risiko gering, und am Anfang fand er Gefallen daran. Aber j�ngere
M�nner traten ein, vielleicht mit weniger verbrauchtem Verstand. Smiley stand
nicht auf den Bef�rderungslisten, und langsam d�mmerte es ihm auf, da� er die
Mitte seines Lebens erreicht hatte, ohne jemals jung gewesen zu sein, und da�
er ganz einfach auf dem Abstellgleis war.</p><p>Die
Verh�ltnisse �nderten sich. Steed-Asprey war nicht mehr da. Er war auf der
Suche nach einer anderen Kultur aus der Neuen Welt nach Indien gefl�chtet.
Jebedee war tot. Im Jahre 1941 war er mit seinem Funker, einem jungen Belgier,
in Lille in einen Zug gestiegen, und man hatte nie mehr etwas von den beiden
geh�rt. Fielding war durch eine neue Auslegung der Gestalt Rolands g�nzlich in
Anspruch genommen - nur Maston war noch da, Maston der Karrieremacher, die
Kriegserwerbung, der Fachmann des Ministeriums in Fragen des
Nachrichtendienstes. �Der erste Mann�, so hatte Jebedee sich ausgedr�ckt, �der
in Wimbledon Machttennis spielt.� Die NATO und alle verzweifelten Ma�nahmen,
die von den Amerikanern ins Auge gefa�t wurden, �nderten g�nzlich die Art von
Smileys Dienst. Die Tage aus der Zeit von Steed-Asprey, da man seine Auftr�ge
ebensogut in dessen Wohnung in Magdalen bei einem Glas Portwein erhalten
konnte, waren f�r immer dahin. Die amateurm��ige Inspiration einer Handvoll
hochqualifizierter, schlecht bezahlter M�nner war der betriebsamen
Leistungsf�higkeit, dem B�rokratismus und den Intrigen einer gro�en
Ministerialsektion gewichen, die Maston in seinen teuren Anz�gen, seinem Adel,
seinem distinguierten grauen Haar und seinen silbergrauen Krawatten auf Gnade
und Ungnade ausgeliefert war. Maston, der sich sogar an den Geburtstag seiner
Sekret�rin erinnerte, dessen feine Manieren bei den Damen der Registratur
sprichw�rtlich waren, der, als w�re das selbstverst�ndlich, seinen
Machtbereich vergr��erte und wie mit einer z�gernden Entschuldigung zu immer
h�heren Positionen aufr�ckte, Maston, der in Henley smarte Parties in seiner
Villa gab und sich mit den Erfolgen seiner Untergebenen m�stete.</p><p>W�hrend
des Krieges hatte man ihn, den Berufsbeamten, aus irgendeinem orthodoxen
Ministerium hereingebracht, einen Mann, der mit Papier hantieren und die
Brillanz seines Stabes mit der beschwerlichen b�rokratischen Maschinerie in
Einklang bringen sollte. Es war f�r die hohen Tiere eine Beruhigung, mit
jemandem zu tun zu haben, den sie kannten, einem Mann, der jede beliebige
Farbe in Grau verwandeln konnte, der seine Herren und Meister kannte und sich
unter ihnen zu bewegen verstand. Und er verstand es nur zu gut! Ihnen gefiel
seine Bescheidenheit, wenn er sich daf�r entschuldigte, mit wem er umging, die
Heuchelei, mit der er die Schrullen seiner Untergebenen verteidigte, seine Wendigkeit
bei der Formulierung neuer Aufgaben. Er unterlie� es auch nicht, sich der
Vorteile der Methoden eines Mannes mit Radmantel und Dolch <emphasis>malgre lui
</emphasis>zu bedienen, indem er das M�ntelchen f�r seine Vorgesetzten trug, den
Dolch aber f�r seine Untergebenen reserviert hatte. Seine Stellung war
offensichtlich eine merkw�rdige. Er war nicht die offizielle Spitze des
Dienstes, aber andererseits der fachm�nnische Berater des Ministers in Fragen
des Nachrichtendienstes. Steed-Asprey hatte ihn f�r alle Zeiten als
Obereunuchen klassifiziert.</p><p>Das war
alles f�r Smiley eine ganz neue Welt. Die taghell erleuchteten Korridore, die
smarten jungen M�nner. Er kam sich hausbacken und altmodisch vor und hatte
Heimweh nach dem vernachl�ssigten alten Haus in Knightsbridge, wo alles
begonnen hatte. Seine Erscheinung schien dieses Unbehagen in einer Art
physischer R�ckbildung widerzuspiegeln, so da� er noch mehr gekr�mmt und
frosch�hnlich aussah als je. Er zwinkerte mehr als fr�her und erwarb sich den
Beinamen �Maulwurf�. Aber seine junge Sekret�rin betete ihn an und sprach von
ihm nur als �Mein lieber Teddyb�r�.</p><p>Smiley war
nun schon zu alt, um ins Ausland zu gehen, das hatte ihm Maston klargemacht:
�Auf jeden Fall, mein lieber Freund, sind Sie ziemlich fertig nach der Hetzjagd
w�hrend des Krieges. Bleiben Sie lieber zu Hause, alter Freund, und sch�ren Sie
die heimatlichen Feuer.�</p><p>Alles das
erkl�rt ein wenig, warum George Smiley am Mittwoch, dem 4. Januar, um zwei Uhr
nachts im Fond eines Londoner Taxis sa� und auf dem Wege nach Cambridge Circus
war.</p><p><strong>Keine Ruh' bei Tag und Nacht </strong></p><p><strong/></p><p>In dem
Taxi f�hlte er sich sicher. Sicher und warm. Und zwar war die W�rme
Konterbande, die er aus dem Bett mitgeschmuggelt und gegen die K�lte der nassen
Januarnacht aufgespeichert hatte. Sicher f�hlte er sich deshalb, weil die
Situation unrealistisch war. Es war sein Geist, der durch die Stra�en Londons
wanderte und von ihren ungl�cklichen Vergn�gungssuchern Notiz nahm, die unter
den Regenschirmen der T�rsteher zu ihren Taxis trippelten, und von den
galanten jungen Damen, die wie zu Geschenkzwecken in Polyvinyl verpackt waren.
Es war sein Geist, entschied er, der aus dem Brunnen des Schlafes geklettert
war und das neben dem Bett rasselnde Telefon zum Schweigen gebracht hatte . .
. Oxford Street. . . Warum war London die einzige Hauptstadt der Welt, die
nachts ihre Pers�nlichkeit verlor? W�hrend Smiley seinen Mantel enger um sich
zog, konnte er sich keines Ortes von Los Angeles bis Bern entsinnen, der so
bereitwillig den Kampf um seine Identit�t aufgab.</p><p>Das Taxi
bog in Cambridge Circus ein, und Smiley setzte sich mit einem Ruck auf. Es fiel
ihm ein, warum der Diensthabende angerufen hatte, und diese Erinnerung ri� ihn
brutal aus seinen Tr�umen. Er entsann sich des Gespr�ches Wort f�r Wort, eine
F�higkeit, die er sich vor langer Zeit erworben hatte.</p><p>�Hier ist
der diensthabende Beamte, Smiley. Ich verbinde mit dem Chef . . .�</p><p>�Smiley,
hier ist Maston. Sie haben doch am Montag Samuel Arthur Fennan einvernommen,
ist das richtig?�</p><p>�Ja ...
ja, das stimmt.�</p><p>�Um was
hat es sich gehandelt?�</p><p>�Ein
anonymer Brief, in dem er beschuldigt wurde, in Oxford bei der Partei gewesen
zu sein. Es war eine Routine-Einvernahme, die der Sicherheitsdirektor angeordnet
hatte.�</p><p>(Fennan
kann sich doch unm�glich beschwert haben, dachte Smiley. Es war doch gar
nichts Irregul�res, �berhaupt nichts.)</p><p>�Sind Sie
auf ihn losgegangen? War es feindselig, Smiley, sagen Sie mir das.�</p><p>(Gott
bewahre, das klingt ja, als ob er Angst h�tte. Fennan mu� das ganze Kabinett
auf uns gehetzt haben.)</p><p>�Nein, es
war eine besonders freundschaftliche Einvernahme. Ich glaube, da� wir einander
sympathisch waren. Aber trotzdem, ich bin in einem Punkt �ber meinen Auftrag
hinausgegangen.�</p><p>�Wie denn,
Smiley, wie?�</p><p>�Ja, ich
habe ihm mehr oder weniger gesagt, da� er sich keine Sorgen machen soll.�</p><p>�Wie
bitte?�</p><p>�Ich sagte
ihm, er solle sich keine Sorgen machen. Er war sichtlich ziemlich aufgeregt,
deshalb habe ich das gesagt.�</p><p>�Was haben
Sie ihm gesagt?�</p><p>�Ich
sagte, ich h�tte keinen Einflu� und auch der Dienst nicht. Aber ich k�nnte
keinen Grund daf�r sehen, da� wir ihn weiter bel�stigen sollten.�</p><p>�Ist das
alles?�</p><p>Smiley
schwieg einen Augenblick. So hatte er Maston noch nie kennengelernt und sich
selbst noch nie so abh�ngig gef�hlt.</p><p>�Ja, das
ist alles, absolut alles.� (Das wird er mir nie vergeben. Die ganze wohl
einstudierte Gemessenheit, die cremefarbenen Hemden und silbergrauen
Krawatten, seine smarten Dejeuners mit Ministern waren beim Teufel.)</p><p>�Er
behauptet, da� Sie seine Loyalit�t in Zweifel gezogen haben, da� seine Karriere
im Au�enamt ruiniert ist, da� er das Opfer von bezahlten Denunzianten ist.�</p><p>�Was sagt
er? Er mu� ja vollst�ndig �bergeschnappt sein. Er wei� doch ganz genau, da�
wir keinen Verdacht gegen ihn haben. Was will er denn noch?�</p><p>�Nichts.
Er ist tot. Heute abend um 10 Uhr 30 hat er sich umgebracht. Und einen Brief
f�r den Au�enminister hinterlassen. Die Polizei hat einen von den Sekret�ren
angerufen und die Erlaubnis bekommen, ihn aufzumachen. Dann haben sie uns
verst�ndigt. Es wird eine Untersuchung geben. Sie sind Ihrer Sache doch sicher,
Smiley, nicht wahr?�</p><p>�Sicher?
Warum?�</p><p>�. . .
schon gut. Kommen Sie so schnell wie m�glich her.�</p><p>Es hatte
endlos gedauert, bis er ein Taxi bekam. Bei drei Standpl�tzen hatte er
angerufen, ohne da� sich jemand meldete. Endlich reagierte der Standplatz
Sloane Square, und Smiley wartete in seinen Mantel geh�llt am Fenster seines
Schlafzimmers, bis er den Wagen vorfahren sah. Diese unwirkliche Beklemmung in
der Stille der Nacht erinnerte ihn an die Luftangriffe in Deutschland.</p><p>Bei
Cambridge Circus lie� er den Wagen hundert Meter vom Amt entfernt halten, teils
aus alter Gewohnheit, teils, um sich vor dem zu erwartenden fieberhaften
Frage-und-Antwort-Spiel mit Maston einen klaren Kopf zu schaffen.</p><p>Er wies
dem diensthabenden Polizisten seine Legitimation vor und ging langsam zum
Lift.</p><p>Als er
ausstieg, begr��te ihn der Diensthabende voll Erleichterung, und sie gingen
zusammen den hellen cremefarbenen Korridor entlang.</p><p>�Maston
ist in Scotland Yard, um mit Sparrow zu reden. Es gibt ein Tauziehen darum,
welche Abteilung der Polizei den Fall behandeln soll. Sparrow sagt, die Sonderabteilung,
Evelyn sagt C.I.D., und die Polizei von Surrey wei� nicht, wo ihr der Kopf
steht. Eine peinliche und verwickelte Angelegenheit. Kommen Sie mit und
trinken Sie eine Tasse Kaffee in der Ehrenhalle des Diensthabenden. Er ist aus
der Thermosflasche, aber ganz gut.�</p><p>Smiley war
froh, da� gerade an diesem Abend Peter Guillam Dienst hatte. Er war ein
kultivierter und zuvorkommender Mann, der sich auf Satelliten-Spionage
spezialisiert hatte, ein Mann von der Art der freundlichen Geister, die immer
ein Taschenmesser und einen Fahrplan bei der Hand haben.</p><p>�Die
Sonderabteilung hat um o Uhr 5 angerufen. Fennans Frau war ins Theater gegangen
und fand ihn erst, als sie um dreiviertel elf allein zur�ckkam. Sie hat dann
schlie�lich die Polizei angerufen.�</p><p>�Er hat
irgendwo in Surrey gewohnt?�</p><p>�Ja, in
Walliston, an der Nebenstra�e nach Kingston. Nur ein kleines St�ck au�erhalb
des eigentlichen Stadtgebietes. Als die Polizei eintraf, fand sie neben der
Leiche auf dem Boden einen Brief an den Au�enminister. Der Inspektor rief den
Polizeidirektor an, und der wieder den Diensthabenden im Innenministerium, der
sich mit dem Au�enministerium in Verbindung setzte, und schlie�lich bekam die
Polizei die Bewilligung, den Brief zu �ffnen. Und dann ist der Tanz
losgegangen.�</p><p>�Was
weiter?�</p><p>�Dann hat
uns der Personalchef angerufen. Er wollte die Privatnummer von Maston. Er hat
gesagt, das ist das letzte Mal, da� der Sicherheitsdienst an seinem Personal
herumfingert, da� Fennan ein begabter und loyaler Beamter gewesen sei, qua,
qua, qua . . .�</p><p>�Das war
er auch, ganz bestimmt!�</p><p>�Dann
sagte er noch, diese ganze Aff�re beweise schlagend, da� niemand den
Sicherheitsdienst am Z�gel habe - Gestapo-Methoden, die nicht einmal durch eine
echte Gefahr entschuldigt werden k�nnten . . . qua, qua, qua . . . Ich habe
ihm Mastons Nummer gegeben und w�hlte sie auf dem anderen Apparat, w�hrend er
weitertobte. Durch diesen Geniestreich wurde ich das Au�enministerium auf der
einen Leitung los, w�hrend ich auf der anderen Verbindung mit Maston bekam und
ihm die Neuigkeit br�hwarm durchgab. Das war um null Uhr zwanzig. Maston kam
hier um ein Uhr an, sozusagen hochschwanger - morgen fr�h wird er dem Minister
Bericht erstatten m�ssen.�</p><p>Sie
schwiegen einen Augenblick. Guillam go� Kaffee in die Tassen und gab aus einem
elektrischen Kocher hei�es Wasser dazu.</p><p>�Wie war
er denn?� fragte er.</p><p>�Wer? Ach
so, Fennan. Ja, bis gestern abend h�tte ich Ihnen das sagen k�nnen. Aber jetzt
ist er mir ein R�tsel. Dem Aussehen nach offenbar ein Jude. Aus einer
orthodoxen Familie, aber das hat er alles in Oxford �ber Bord geworfen und ist
Marxist geworden. Weitblickend, kultiviert... ein vern�nftiger Mensch. Spricht
sanft, ein guter Zuh�rer. Bei alldem gebildet. Sehr vielseitig, verstehen Sie.
Wer auch immer es war, der ihn denunziert hat, er hatte recht. Er war n�mlich
tats�chlich bei der Partei.�</p><p>�Wie alt
ist er denn?�</p><p>�Vierundvierzig.
Sieht aber �lter aus.� W�hrend seine Augen durch das Zimmer wanderten, sprach
Smiley weiter. �. . . ein sensibles Gesicht, eine M�hne von dunklem glattem
Haar, wie es die Studenten tragen, das Profil eines Zwanzigj�hrigen; feine, trockene
Haut, ziemlich bleich, auch ziemlich gefurcht, �berall Falten, die das Gesicht
in Quadrate schneiden. Sehr schlanke Finger . . . ein kompakter Bursche. Eine
abgeschlossene, verschlossene Einheit. Vergn�gte sich allein und litt auch
allein, vermute ich.�</p><p>Maston
trat ein, und sie erhoben sich.</p><p>�Aha,
Smiley. Kommen Sie rein.� Er �ffnete die T�r und streckte seinen linken Arm
aus, um Smiley zuerst eintreten zu lassen.</p><p>Mastons
Zimmer enthielt nicht ein einziges M�belst�ck, das dem Staat geh�rte. Er hatte
einmal eine Sammlung von Aquarellen aus dem neunzehnten Jahrhundert gekauft,
und von dieser hingen einige an den W�nden. Der Rest war von der Stange,
entschied Smiley. �brigens war auch Maston selbst von der Stange. Sein Anzug
war eine Spur zu grell, um noch als dezent zu gelten, und die Schnur seines
Monokels war wie ein Strich auf seinem unvermeidlichen cremefarbenen Hemd. Er
trug eine hellgraue Wollkrawatte, so da� ihn ein Deutscher sicher �flott�
genannt h�tte, dachte Smiley. Schick, das ist das rechte Wort - wie sich eine
Bardame einen echten Gentleman ertr�umt.</p><p>�Ich war
bei Sparrow. Es ist ein klarer Fall von Selbstmord. Die Leiche ist
abtransportiert worden, und au�er den normalen Formalit�ten wird der Polizeidirektor
keine weiteren Schritte einleiten. Die Leichenschaukommission wird in ein oder
zwei Tagen zusammentreten. Man ist �bereingekommen - das kann ich nicht
deutlich genug unterstreichen, Smiley -, da� �ber unser seinerzeitiges
Interesse an Fennan nicht ein Wort an die Presse kommen darf.�</p><p>�Ich verstehe.�
(Sie sind gef�hrlich, Maston. Schwach sind Sie, und Angst haben Sie obendrein.
Jeder andere Hals lieber als Ihrer . . . ich wei� schon. Wie Sie mich da
ansehen, nehmen Sie mir direkt Ma� f�r die Schlinge.)</p><p>�Glauben
Sie bitte nicht, da� ich Sie kritisieren will, Smiley. Schlie�lich, wenn der
Leiter des Sicherheitsdienstes die Einvernahme autorisiert hat, so brauchen
Sie sich �ber nichts den Kopf zu zerbrechen.�</p><p>�Au�er
�ber Fennan.�</p><p>�Ganz
richtig. Ungl�cklicherweise hat der Leiter des Sicherheitsdienstes es
unterlassen, Ihren Antrag auf eine Einvernahme zu paraphieren. Ohne Zweifel hat
er seine m�ndliche Zustimmung erteilt, nicht wahr?�</p><p>�Ja, das
wird er sicher best�tigen.�</p><p>Maston sah
Smiley wieder scharf und absch�tzend an. In Smileys Kehle steckte pl�tzlich
etwas. Er wu�te, da� er unnachgiebig war, da� Maston ihn n�her haben wollte,
da� er mitkonspirieren sollte.</p><p>�Sie
wissen ja, da� Fennans Amt mit mir in Kontakt war?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Es wird
eine Untersuchung stattfinden m�ssen. Vielleicht l��t sich nicht einmal die
Presse drau�en halten. Sicherlich mu� ich gleich morgen fr�h zum
Innenminister.� (Versuchen Sie nur, mir Angst einzujagen . . . ich mache
weiter . . . vielleicht die Pensionierung . . . auch nicht mehr zu verwenden .
. . aber ich werde an Ihrer L�ge nicht teilnehmen, Maston.) �Ich mu� alle
Tatsachen haben, Smiley. Ich mu� meine Pflicht tun. Wenn Sie das Gef�hl haben,
da� Sie mir irgend etwas �ber diese Einvernahme sagen sollten, etwas, das Sie
vielleicht nicht notiert haben, dann sagen Sie es mir jetzt und lassen Sie mich
beurteilen, ob es wichtig ist.�</p><p>�Es ist
nichts dem hinzuzuf�gen, was schon im Akt steht und was ich Ihnen heute abend
gesagt habe, wirklich. Es wird Ihnen vielleicht helfen (das &gt;Ihnen&lt; kam
vielleicht ein bi�chen zu betont heraus), wenn ich Ihnen noch sage, da� die
Einvernahme in einer v�llig formlosen Atmosph�re stattgefunden hat. Die
Vorw�rfe gegen Fennan waren ziemlich fadenscheinig: Parteimitgliedschaft an
der Universit�t in den drei�iger Jahren und vages Gerede von Sympathie auch
heute noch. Die H�lfte der Regierungsmitglieder waren in den drei�iger Jahren
bei der Partei.� Maston runzelte die Stirn. �Als ich in sein Zimmer im
Au�enamt kam, stellte sich heraus, da� dort ein recht reger Verkehr herrschte -
ununterbrochen kamen Leute herein und gingen wieder, deshalb regte ich an, da�
wir hinausgehen und einen Spaziergang im Park machen sollten.�</p><p>�Und was
war weiter?�</p><p>�Ja, das
taten wir also. Es war ein sonniger, kalter Tag, recht angenehm. Wir haben den
Enten zugesehen.� Maston machte eine ungeduldige Bewegung. �Wir waren ungef�hr
eine halbe Stunde im Park - das Reden besorgte ausschlie�lich er. Er war ein intelligenter
Mann und sprach fl�ssig und interessant, aber auch nerv�s, nat�rlich. Leute wie
er sprechen gerne �ber sich selbst, und ich glaube, er war froh, sich die Sache
vom Herzen reden zu k�nnen. Er berichtete mir die ganze Geschichte - es schien
ihm auch nichts auszumachen, Namen zu nennen -, und dann gingen wir in ein
Espresso in der N�he von Millbank, das er kannte.�</p><p>�Ein was?�</p><p>�Eine
Espresso-Bar. Sie verkaufen dort eine besondere Art von Kaffee f�r einen
Shilling die Tasse. Wir haben einen getrunken.�</p><p>�Aha. Also
unter diesen gastlichen Umst�nden haben Sie ihm dann gesagt, da� das
Department keine weiteren Schritte empfehlen w�rde.�</p><p>�Ja, das
tun wir ja oft, aber normalerweise machen wir keinen diesbez�glichen Vermerk.�
Maston nickte. So etwas versteht er, dachte Smiley. Mein Gott, er ist wirklich
ein recht ver�chtlicher Kerl. Es war direkt aufregend, festzustellen, da�
Maston wirklich so unangenehm war, wie er erwartet hatte.</p><p>�Ich darf
daher annehmen, da� sein Selbstmord und der Brief nat�rlich - Sie v�llig
�berrascht haben? Eine Erkl�rung haben Sie nicht?�</p><p>�Es w�re
merkw�rdig, wenn ich eine h�tte.�</p><p>�Haben Sie
auch keine Ahnung, wer ihn denunziert haben k�nnte?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Er war ja
verheiratet, wie Sie wissen.�</p><p>�Ja.�</p><p>�Ob nicht...
es w�re denkbar, da� seine Frau einige der L�cken schlie�en k�nnte. Ich z�gere
zwar, das anzuregen, aber vielleicht sollte sie jemand vom Department besuchen
und, soweit es die Umst�nde erlauben, �ber alles befragen.�</p><p>�Jetzt?�
Smiley sah ihn ausdruckslos an.</p><p>Maston
stand an seinem gro�en, niedrigen Schreibtisch und spielte mit dem
Schl�chterwerkzeug des Gesch�ftsmannes - Papiermesser, Zigarettendose und
Feuerzeug -, den Requisiten offizieller Gastfreundschaft. Er zeigt einen
vollen Zoll von seiner cremefarbenen Manschette, dachte Smiley und bewunderte
seine gepflegten H�nde.</p><p>Maston
blickte auf und gab seinem Gesicht einen Ausdruck von Sympathie.</p><p>�Smiley,
ich wei�, wie Ihnen zumute ist, aber trotz dieser Trag�die m�ssen Sie die Lage
verstehen. Man wird von uns im Ministerium einen v�llig ersch�pfenden Bericht
�ber diese Aff�re verlangen, und meine besondere Aufgabe ist es, ihn zu geben.
Besonders jede Art von Information �ber Fennans Gem�tszustand unmittelbar nach
der Einvernahme durch . . . durch uns. Vielleicht hat er mit seiner Frau
dar�ber gesprochen. Es mu� nicht sein, aber wir m�ssen realistisch denken.�</p><p>�W�nschen
Sie, da� ich hingehe?�</p><p>�Irgendwer
mu� es ja. Da ist noch die Frage der Leichenschau. Nat�rlich wird das das
Innenministerium entscheiden m�ssen, aber im Augenblick haben wir einfach
keine Tatsachen. Die Zeit dr�ngt, und Sie kennen den Fall, weil Sie ja die Hintergr�nde
untersucht haben. In dieser kurzen Zeit kann sich niemand in die Sache
einarbeiten. Wenn �berhaupt wer geht, dann werden Sie es sein m�ssen, Smiley.�</p><p>�Und wann
soll ich gehen?�</p><p>�Es
scheint, als w�re Mrs. Fennan eine etwas ungew�hnliche Frau. Eine Ausl�nderin,
auch J�din, die w�hrend des Krieges schrecklich gelitten hat, was die
Verwirrung nur noch gr��er macht. Sie hat einen starken Charakter und ist durch
den Tod ihres Mannes verh�ltnism��ig wenig bewegt. Das ist zweifellos nur an
der Oberfl�che so. Aber sie ist feinf�hlig und sie redet. Nach dem, was mir
Sparrow sagt, verschlie�t sie sich nicht und wird Sie wahrscheinlich
empfangen, sobald Sie hinkommen k�nnen. Die Polizei von Surrey kann ihr
mitteilen, da� Sie auf dem Wege zu ihr sind, und Sie k�nnen sie gleich in der
Fr�h besuchen. Ich werde Sie dann dort sp�ter am Tag anrufen.�</p><p>Smiley
wandte sich zum Gehen.</p><p>�Oh . . .
�brigens, Smiley . . .� Er f�hlte Mastons Hand auf seinem Arm und drehte sich
um. Maston hatte das L�cheln aufgesetzt, das er gew�hnlich f�r die �lteren
Damen des Dienstes reserviert hatte. �Smiley, Sie k�nnen nat�rlich auf mich
z�hlen, das wissen Sie ja. Sie k�nnen mit meiner Unterst�tzung rechnen.�</p><p>Mein Gott,
dachte Smiley, der arbeitet wirklich Tag und Nacht. Wie ein Kabarett, das
vierundzwanzig Stunden spielt. �Bei uns ist Tag und Nacht was los.� Er trat
auf die Stra�e hinaus.</p><p><strong>Elsa Fennari </strong></p><p><strong/></p><p>Merridale
Lane ist einer von jenen Winkeln in Surrey, wo die Einheimischen einen
pausenlosen Verteidigungskrieg gegen das Stigma der Provinz f�hren. B�ume, die
in allen Vorg�rten nach Kr�ften ged�ngt und sorgf�ltig gehegt werden, verbergen
zum Teil die langweilig sch�bigen Einheits-Wohnst�tten, die sich hinter sie
ducken. Die L�ndlichkeit der Gegend wird noch unterstrichen durch die
geschnitzten Eulen, die die Hausnamen bewachen, und Gartenzwerge, von denen
die Farbe abbl�ttert und die sich unerm�dlich �ber Goldfischteiche beugen. Die
Bewohner von Merridale Lane streichen ihre Zwerge nicht, weil sie glauben, da�
das eine provinzielle Untugend w�re, und aus demselben Grund geben sie auch
ihren Eulen keinen neuen Firnis, sondern warten geduldig darauf, da� der Zahn
der Zeit diesen Sch�tzen das verwitterte Aussehen von Antiquit�ten verleihen
werde, auf da� eines Tages sogar die Balken der Garage mit ihren K�fern und
Bohrw�rmern prahlen m�gen.</p><p>Es ist
nicht gerade eine Sackgasse, obwohl die Grundst�cksmakler das behaupten. Nach
wenigen H�usern degeneriert diese Abzweigung der Entlastungsstra�e nach
Kingston verzagt zu einem Kiesweg, der seinerseits zu einem traurigen, kotigen
Pfad durch Merries Field dahinschwindet, dieser endlich m�ndet in eine Gasse,
die von Merridale Lane nicht zu unterscheiden ist. Bis etwa 1920 hatte dieser
Weg zur Pfarrkirche gef�hrt, aber jetzt steht die Kirche auf einem Platz, der
eigentlich eine Verkehrsinsel an der Stra�e nach London ist, und der Pfad, auf
dem die Gl�ubigen einst zum Gottesdienst gingen, bildet heute eine �berfl�ssige
Verbindung zwischen den Bewohnern von Merridale Lane und Cadogan Road. Der
Streifen offenen Landes, der Merries Field hei�t, hat bereits eine Bedeutung
erlangt, die weit �ber seine Bestrebungen hinausgeht. Er hat einen tiefen Keil
in den Bezirksrat getrieben, und zwar zwischen die Fortschrittlichen, die das
Land erschlie�en, und die Konservativen, die den urspr�nglichen Zustand
erhalten wollen, und das so erfolgreich, da� gelegentlich die ganze
Maschinerie der lokalen Verwaltung in Walliston blockiert war. Jetzt hat sich
eine Art von nat�rlichem Kompromi� herauskristallisiert. Durch die drei
Stahlmaste, die in regelm��igen Abst�nden aufgestellt worden sind, wird
Merries Field weder erschlossen noch in seinem urspr�nglichen Zustand belassen.
In der Mitte befindet sich eine offene, strohgedeckte H�tte, die sogenannte
�Kriegerged�chtnis-Ruhe�, die im Jahre 1951 in dankbarer Erinnerung an die
Toten zweier Kriege und als Zufluchtsst�tte f�r die M�den und Alten errichtet
worden ist. Niemand scheint danach gefragt zu haben, was die M�den und Alten
in Merries Field verloren haben k�nnten, aber wenigstens die Spinnen haben
eine Zufluchtsst�tte unter dem Dach, und als Sitzplatz war die H�tte den
Monteuren der M�ste bei ihren Mahlzeiten au�erordentlich bequem und willkommen.</p><p>Kurz nach
acht traf Smiley dort zu Fu� ein, nachdem er seinen Wagen vor der
Polizeistation abgestellt hatte, die etwa zehn Minuten entfernt war.</p><p>Es regnete
heftig, und die Tropfen, die einem der Wind ins Gesicht blies, waren so kalt,
da� es fast schmerzte.</p><p>Die
Polizei von Surrey hatte kein weiteres Interesse an der Sache, aber trotzdem
hatte Sparrow einen Beamten der Sonderabteilung hingeschickt, der auf der
Polizeistation bleiben und n�tigenfalls als Verbindungsmann zwischen dem
Sicherheitsdienst und der Polizei fungieren sollte. �ber die Todesart Fennans
bestand kein Zweifel. Er war durch die Schl�fe aus kurzer Entfernung mit einer
kleinen franz�sischen Pistole, die in Lille im Jahre 1957 hergestellt worden
war, erschossen worden. Man hatte sie unter der Leiche gefunden. Alle Umst�nde
lie�en auf Selbstmord schlie�en.</p><p>Das Haus
Nummer f�nfzehn in der Merridale Lane war niedrig, im Tudorstil gebaut, mit den
Schlafzimmern in den Giebeln; der Oberteil der Garage war Zimmermannsarbeit. Es
sah vernachl�ssigt aus, fast verwahrlost, als h�tten irgendwelche K�nstler
drin gewohnt, dachte Smiley. Fennan schien nicht hierher zu passen. Man konnte
sich eher vorstellen, da� er in Hampstead wohnte und ausl�ndische M�dchen <emphasis>au pair </emphasis>bei ihm
arbeiteten.</p><p>Er klinkte
das Gittertor auf und ging langsam die Auffahrt zum Eingang hinauf, wobei er
vergeblich versuchte, durch die verbleiten Fensterscheiben zu sp�hen. Es war
bitterkalt. Er l�utete.</p><p>Elsa
Fennan �ffnete die T�r.</p><p>�Sie haben
angerufen und gefragt, ob es mir recht ist. Ich wu�te nicht recht, was ich
sagen sollte. Bitte, kommen Sie herein.� Ein Anflug von deutschem Akzent klang
mit.</p><p>Sie mu�te
�lter sein, als Fennan gewesen war. Eine kleine, erregte Frau in den F�nfzigern
mit kurzgeschnittenem, nikotinfarben aufgef�rbtem Haar. Obwohl sie zart war,
machte sie einen z�hen und beherzten Eindruck, und die braunen Augen, die aus
ihrem verschrobenen kleinen Gesicht leuchteten, waren von erstaunlicher
Brillanz. Es war ein verbrauchtes Gesicht, das vor langer Zeit verheert und
zerst�rt worden war, das eines Kindes, das unter Hunger und ersch�pfenden
Entbehrungen aufw�chst, das Gesicht des ewigen Fl�chtlings, das Gesicht aus den
Lagern, dachte Smiley.</p><p>Sie hielt
ihm ihre Hand hin - sie griff sich kn�chern an. Er sagte ihr seinen Namen.</p><p>�Sie sind
der Herr, der meinen Mann einvernommen hat�, sagte sie. ��ber seine
Loyalit�t.� Sie f�hrte ihn in das niedrige dunkle Wohnzimmer. Es brannte kein
Feuer. Smiley war pl�tzlich elend zumute. Loyalit�t, wem oder was gegen�ber?
Es klang nicht erbittert. Er war ein Unterdr�cker, aber sie akzeptierte
Unterdr�ckung.</p><p>�Ihr Mann
war mir sehr sympathisch. Die Sache w�re in Ordnung gewesen.�</p><p>�In
Ordnung? Was w�re in Ordnung gewesen?�</p><p>�Es lag
dem ersten Anschein nach ein Grund zu einer Untersuchung vor - ein anonymer
Brief - und man hat mir den Fall �bertragen.� Er machte eine Pause und sah sie
mit echter Teilnahme an. �Sie haben einen schrecklichen Verlust erlitten, Mrs.
Fennan ... Sie m�ssen ja vollkommen ersch�pft sein. Sicher haben Sie die ganze
Nacht nicht geschlafen . . .�</p><p>Sie
reagierte nicht auf seine Sympathie: �Danke, aber heute kann ich kaum hoffen zu
schlafen. Schlaf ist ein Luxus, dessen ich mich nicht erfreue.� Sie blickte
schr�g auf ihren eigenen kleinen K�rper hinunter. �Ich und mein K�rper m�ssen
zwanzig Stunden am Tag miteinander auskommen. Wir beide haben schon l�nger
gelebt als die meisten Menschen . . . Ein schrecklicher Verlust, ja, das glaube
ich. Aber verstehen Sie mich recht, Mr. Smiley, ich habe so lange Zeit nichts
besessen als eine Zahnb�rste, da� ich mich eigentlich nie mehr an Besitz
gew�hnt habe, auch nicht nach acht Jahren Ehe. �brigens habe ich �bung darin zu
leiden.�</p><p>Sie lud
ihn mit einem Kopfnicken ein, Platz zu nehmen, raffte mit einer merkw�rdig
altmodischen Bewegung ihr Kleid und setzte sich ihm gegen�ber. Es war sehr
kalt in diesem Zimmer. Smiley �berlegte, ob er reden sollte. Er wagte nicht,
sie anzusehen, sondern starrte nur vor sich hin und versuchte im Geiste, das
abgespannte, verbrauchte Gesicht von Elsa Fennan zu durchdringen. Es schien
endlos zu dauern, bevor sie zu sprechen begann.</p><p>�Sie
sagten, da� er Ihnen sympathisch war. Offensichtlich haben Sie Ihrerseits ihm
diesen Eindruck nicht vermittelt.�</p><p>�Ich habe
den Brief Ihres Mannes nicht gesehen, aber ich habe von seinem Inhalt geh�rt.�
Smileys ernstes, rundes Gesicht wandte sich ihr jetzt zu. �Es reimt sich
einfach nicht zusammen. Ich habe ihm direkt gesagt, da� er so gut wie . . .
da� wir empfehlen w�rden, die Angelegenheit als bereinigt zu betrachten.�</p><p>Sie
wartete bewegungslos. Was konnte er sagen? -�Tut mir leid, da� ich Ihren Mann
umgebracht habe, aber ich habe nur meine Pflicht getan.� (Pflicht wem
gegen�ber, um Himmels willen?) �Er war in der kommunistischen Partei in Oxford
vor vierundzwanzig Jahren. Seine vor kurzem erfolgte Bef�rderung gab ihm
Zutritt zu h�chst geheimen Akten. Irgendein Wichtigtuer hat einen anonymen
Brief geschrieben, und uns ist nichts anderes �briggeblieben, als der Sache
nachzugehen. Das Verh�r hat Ihren Mann in eine Art Melancholie versetzt, die
ihn zum Selbstmord getrieben hat.� - Er sagte nichts.</p><p>�Es war
ein Spiel�, sagte sie pl�tzlich. �Ein alberner Balanceakt mit Ideen. Es hat
nichts mit ihm oder irgendeiner anderen wirklichen Person zu tun gehabt. Warum
bem�hen Sie sich? Gehen Sie zur�ck nach Whitehall und sehen Sie sich in Ihren
Schreibtischladen nach anderen Spionen um.� Sie machte eine Pause, ohne ein
weiteres Zeichen der Erregung zu geben au�er dem Flackern ihrer dunklen Augen.
�Es ist eine uralte Krankheit, an der Sie leiden, Mr. Smiley�, fuhr sie fort
und nahm eine Zigarette aus der Dose. �Und ich habe schon viele Opfer dieser
Krankheit gesehen. Der Verstand l�st sich vom K�rper, er denkt ohne Realit�t,
regiert in einem K�nigreich aus Papier und erfindet ohne Gem�tsbewegung den
Untergang seiner Papieropfer. Aber manchmal hat die Trennungswand zwischen
eurer Welt und unserer L�cher. Die Akten werden zu K�pfen, Armen und Beinen,
und das ist eine schreckliche Situation, nicht wahr? Die Namen haben neben den
Dossiers auch Familien und menschliche Motive, die die traurigen kleinen
Aktennotizen und konstruierten Vergehen erkl�ren k�nnen. Wenn so was passiert,
dann tut ihr mir leid.� Sie machte eine kurze Pause und fuhr dann fort: �Es ist
wie mit dem Staat und dem Volk. Der Staat ist auch so ein Traum, ein Symbol f�r
nichts, ein Vakuum, ein Geist ohne K�rper, ein Spiel, das mit Wolken am Himmel
gespielt wird. Aber Staaten f�hren Krieg, nicht wahr, und sperren Menschen ein.
In Doktrinen zu tr�umen, wie sauber ist das doch! Mein Mann und ich sind jetzt
ges�ubert worden, hab ich nicht recht?� Sie sah ihn starr an. Jetzt war ihr
Akzent deutlicher zu h�ren als fr�her.</p><p>�Ihr nennt
euch den Staat, Mr. Smiley. Unter Menschen aus Fleisch und Blut ist f�r euch
kein Platz. Ihr habt aus heiterem Himmel eine Bombe fallen lassen. Kommt jetzt
nicht herunter und seht euch das Blut an oder h�rt euch das St�hnen an.�</p><p>Sie hatte
ihre Stimme nicht erhoben und sah �ber ihn hinweg in die Ferne.</p><p>�Ich
glaube, Sie sind schockiert. Ich sollte wahrscheinlich weinen, aber ich habe
keine Tr�nen mehr, Mr. Smiley, ich bin ausged�rrt. Die Kinder meines Schmerzes
sind tot. Ich danke Ihnen, da� Sie gekommen sind, Mr. Smiley. Sie k�nnen
wieder zur�ckgehen. Hier k�nnen Sie nichts weiter tun.�</p><p>Er sa�
vorgelehnt in seinem Stuhl und rieb auf den Knien seine dicken H�nde
aneinander. Er sah gequ�lt und scheinheilig aus wie ein Kolonialwarenh�ndler,
der das Evangelium liest. Die Haut seines Gesichtes war wei� und gl�nzte an den
Schl�fen und �ber der Oberlippe. Nur unter seinen Augen war Farbe. Hellviolette
Halbmonde, die durch die Fassung seiner Brille in zwei Teile geteilt wurden.</p><p>�H�ren
Sie, Mrs. Fennan, diese Einvernahme war fast eine Normalit�t. Ich glaube sogar,
da� sie Ihrem Mann direkt Vergn�gen machte. Ich vermute, er war sogar
gl�cklich, es �berstanden zu haben.�</p><p>�Wie
k�nnen Sie so etwas sagen, wie k�nnen Sie das, wo doch . . .�</p><p>�Aber ich
sage Ihnen doch, da� es wahr ist. Nicht einmal in einem Amt haben wir das
Palaver abgehalten. Wie ich hingekommen bin, habe ich gleich gesehen, da�
sein B�ro eine Art Durchzugstra�e zwischen zwei anderen R�umen ist, deshalb
sind wir hinaus in den Park gegangen und landeten schlie�lich in einem Caf� -
kaum eine peinliche Befragung, wie Sie sehen. Ich habe ihm auch gesagt, da� er
sich keine Sorgen machen soll - ausdr�cklich habe ich das gesagt. Ich verstehe
den Brief einfach nicht, er steht direkt in . . .�</p><p>�Ich denke
nicht an den Brief, Mr. Smiley, sondern an das, was er mir gesagt hat.�</p><p>�Wie
meinen Sie das?�</p><p>�Die
Einvernahme hat ihn f�rchterlich aufgeregt, das hat er mir gesagt. Wie er am
Montag abend nach Hause gekommen ist, war er v�llig verzweifelt, fast verwirrt.
Er brach in einem Stuhl zusammen, und ich habe ihn �berredet, zu Bett zu gehen.
Dann habe ich ihm ein Beruhigungsmittel gegeben, das die halbe Nacht gewirkt
hat. Am n�chsten Morgen hat er noch immer davon gesprochen. Das Erlebnis hat
ihn bis zu seinem Tod ununterbrochen besch�ftigt.�</p><p>Im oberen
Stockwerk l�utete das Telefon. Smiley erhob sich.</p><p>�Entschuldigen
Sie bitte, das wird mein Amt sein. Sie gestatten doch.�</p><p>�Es ist im
vorderen Schlafzimmer, gerade �ber uns.�</p><p>Smiley
ging langsam hinauf. Er befand sich in einem Zustand v�lliger Verwirrung. Was
sollte er Maston jetzt sagen?</p><p>Er hob den
H�rer ab und sah mechanisch auf die Nummer des Apparates.</p><p>�Walliston
2944.�</p><p>�Hier ist
das Fernsprechamt. Guten Morgen. Ihr Weckanruf f�r acht Uhr drei�ig.�</p><p>�Ach ja,
danke sch�n.�</p><p>Er legte
auf und war f�r die kleine Erholungsfrist dankbar. Dann warf er einen kurzen
Blick auf das Schlafzimmer. Es war das Fennans, einfach, aber bequem
eingerichtet. Zwei Lehnst�hle vor dem Gaskamin. Smiley erinnerte sich jetzt daran,
da� Elsa Fennan nach dem Krieg drei Jahre lang bettl�gerig gewesen war. Es war
wahrscheinlich ein �berbleibsel aus dieser Zeit, da� sie auch jetzt abends im
Schlafzimmer gesessen hatten. Die Nischen beiderseits des Kamins waren voll
mit B�chern, und in einer Ecke des Zimmers stand eine Schreibmaschine auf
einem Tisch. An der ganzen Anordnung war irgend etwas r�hrend Intimes, und
vielleicht zum erstenmal wurde Smiley die Trag�die von Fennans Tod unmittelbar
bewu�t. Er kehrte in das Wohnzimmer zur�ck.</p><p>�Es war
f�r Sie. Der Weckanruf f�r acht Uhr drei�ig von der Zentrale.�</p><p>Er merkte,
da� eine Pause entstand, und sah sie gleichg�ltig an. Aber sie hatte sich von
ihm weggewendet und sah zum Fenster hinaus. Ihr schlanker R�cken war
aufgerichtet und bewegungslos, w�hrend sich ihr glattes kurzes Haar dunkel
gegen das Morgenlicht abhob.</p><p>Pl�tzlich
starrte er sie mit gro�en Augen an. Es war da etwas passiert, das ihm schon
oben im Schlafzimmer h�tte auffallen sollen, etwas so Unwahrscheinliches, da�
sein Hirn im Augenblick unf�hig war, es zu erfassen. Mechanisch redete er weiter.
Er mu�te weg von hier, weg vom Telefon und Mastons hysterischer Fragerei, weg
von Elsa Fennan und ihrem dunklen, ruhelosen Haus. Nur weg, um nachzudenken.</p><p>�Ich habe
Sie schon genug bel�stigt, Mrs. Fennan, und ich will jetzt Ihren Rat annehmen
und nach Whitehall zur�ckkehren.�</p><p>Wieder die
kalte, zarte Hand, die gemurmelten Beileidsworte. Er holte sich seinen Mantel
in der Halle und trat in das fr�he Licht hinaus. Die Wintersonne war nach dem
Regen gerade einen Augenblick durch die Wolken gebrochen und lie� die B�ume und
H�user von Merridale Lane in nassen Farben erstrahlen. Der Himmel war noch
dunkelgrau, und die Welt darunter, merkw�rdig hell, gab das Sonnenlicht zur�ck,
das sie aus dem Nichts gestohlen hatte.</p><p>Langsam
ging er den Kiesweg hinunter. Er hatte Angst davor, zur�ckgerufen zu werden.</p><p>Voll der
verwirrendsten Gedanken kehrte er in die Polizeistation zur�ck. Zun�chst einmal
war es nicht Elsa Fennan, die die Zentrale gebeten hatte, sie an diesem Morgen
um acht Uhr drei�ig zu wecken . . .</p><p><strong>Kaffee im � Fountain �</strong></p><p>Der
Oberinspektor des C.I.D. in Walliston war eine gro�z�gige, heitere Seele, die
berufliches K�nnen nach Dienstjahren beurteilte und das auch f�r richtig hielt.
Sparrows Inspektor, Mendel, hingegen war ein d�rrer Mann mit einem
Wieselgesicht, der aus einem Mundwinkel heraus und sehr schnell sprach. Smiley
verglich ihn heimlich mit einem Wildh�ter - einem Mann, der sein Gebiet kannte
und Eindringlinge nicht sch�tzte.</p><p>�Ich habe
eine Botschaft von Ihrer Abteilung. Sie sollen Ihren Chef sofort anrufen.� Der
Oberinspektor deutete mit seiner riesigen Hand auf das Telefon und ging durch
die offene T�r aus seinem B�ro. Mendel blieb. Smiley betrachtete ihn einen
Augenblick sehr ernst und absch�tzend.</p><p>�Schlie�en
Sie die T�r!� Mendel ging hin und zog sie langsam zu.</p><p>�Ich
m�chte bei der Telefonzentrale in Walliston etwas erheben. Mit wem setzt man
sich da am besten in Verbindung?�</p><p>�Mit der
stellvertretenden Leiterin normalerweise. Die Leiterin hat ihren Kopf immer in
den Wolken. Die Stellvertreterin macht die Arbeit.�</p><p>�Irgendwer
aus dem Haus Merridale Lane Nummer f�nfzehn hat darum gebeten, heute um acht
Uhr drei�ig geweckt zu werden. Ich m�chte wissen, wann das geschehen ist und
wer es war. Ich m�chte auch wissen, ob vielleicht ein Dauerauftrag zum Wecken
am Morgen vorliegt, und wenn das der Fall ist, die Details.�</p><p>�Wissen
Sie die Nummer?�</p><p>�Walliston
2944. Der Teilnehmer hei�t Samuel Fennan, denke ich.�</p><p>Mendel
ging zum Telefon und w�hlte die Null. W�hrend er auf Antwort wartete, sagte er
zu Smiley: �Sie wollen sicher nicht, da� jemand davon erf�hrt, wie?�</p><p>�Nein.
Nicht einmal Sie. Wahrscheinlich nichts dahinter. Wenn wir aber &gt;Mord&lt; zu
schreien anfangen, dann werden wir . . .�</p><p>Mendel
hatte Verbindung mit der Zentrale bekommen und fragte nach der
Stellvertreterin.</p><p>�Hier
spricht das C.I.D. Walliston, das B�ro des Oberinspektors. Wir haben eine
Anfrage ... ja, nat�rlich . . . dann rufen Sie mich zur�ck . . . C.I.D.
externe Leitung, Walliston 2421.�</p><p>Er legte
den H�rer wieder auf und erwartete den R�ckruf der Zentrale. �Vern�nftiges
M�dchen�, brummte er, ohne Smiley anzusehen. Das Telefon l�utete, und er begann
sofort zu sprechen.</p><p>�Wir
untersuchen einen Einbruchdiebstahl in Merridale Lane Nummer achtzehn. Es ist
vielleicht m�glich, da� die Diebe das Haus Nummer f�nfzehn als
Beobachtungspunkt f�r das gegen�berliegende Haus benutzten. Haben Sie eine
M�glichkeit, die ankommenden und abgehenden Telefongespr�che auf der Nummer
Walliston 2944 w�hrend der letzten vierundzwanzig Stunden festzustellen?�</p><p>Es
entstand eine Pause. Mendel legte seine Hand �ber das Mundst�ck und drehte sich
mit einem leichten Grinsen zu Smiley um. Smiley begann pl�tzlich Sympathie f�r
ihn zu empfinden.</p><p>�Sie fragt
die M�dchen�, sagte Mendel. �Und sie will die Abrechnungszettel durchsehen.� Er
konzentrierte sich wieder auf das Telefon und begann Ziffern auf den Block
des Oberinspektors zu kritzeln. Pl�tzlich hielt er inne und lehnte sich nach
vorne �ber den Schreibtisch.</p><p>�Ja, ja.�
Im Gegensatz zu seiner Haltung war seine Stimme gleichg�ltig. �Wann hat sie
denn darum ersucht?� Wieder eine Pause . . . �Um neunzehn Uhr f�nfundzwanzig .
. . wie, ein Mann? Ist die Telefonistin ganz sicher, bestimmt? . . . Aha. Gut,
das geht in Ordnung. Trotzdem vielen Dank. Na ja, wenigstens wissen wir
Bescheid . . . aber nein, Sie haben uns sehr geholfen . . . nichts als eine
Annahme, sonst gar nichts . . . m�ssen die Sache eben von einer anderen Seite
her anpacken, nicht wahr. Also, nochmals vielen Dank. Sehr freundlich, ja,
behalten Sie es bei sich . . . auf Wiederh�ren.� Er legte auf, ri� das Blatt
von dem Block und steckte es in seine Tasche.</p><p>Smiley
sagte ruhig: �Da unten am Ende der Stra�e ist ein scheu�liches Caf�. Ich
brauche ein Fr�hst�ck. Kommen Sie mit und trinken Sie eine Tasse Kaffee mit
mir.� Das Telefon l�utete. Smiley konnte Maston am anderen Ende der Leitung
f�rmlich f�hlen. Mendel sah ihn einen Augenblick an und schien zu verstehen.
Sie lie�en es l�uten und gingen schnell aus der Polizeistation in Richtung High
Street.</p><p>Das Caf�
�Fountain� (Besitzerin Miss Gloria Adam) war ganz im Tudorstil gehalten, mit
viel Messing und billigem lokalem Kitsch, mehr als sonstwo. Miss Adam schenkte
den scheu�lichsten Kaffee s�dlich von Manchester aus und sprach von ihren
G�sten als: �Meine Freunde�. Miss Adam machte auch mit Freunden keine
Gesch�fte, sondern raubte sie ganz einfach aus, was die Illusion von vornehmem
Dilettantismus, auf die sie so gro�en Wert legte, noch verst�rkte. Ihre
Herkunft lag im Dunkel, aber sie sprach oft von ihrem verstorbenen Vater als
dem �Oberst�. Unter denjenigen von Miss Adams Freunden, die f�r diese
Freundschaft besonders schwer bezahlt hatten, ging das Ger�cht, da� die
besagte W�rde eines Obersten von der Heilsarmee verliehen worden war.</p><p>Mendel und
Smiley sa�en an einem Ecktisch in der N�he des Kaminfeuers und warteten auf
das, was sie bestellt hatten. Mendel sah Smiley von der Seite her an: �Das
M�dchen erinnert sich genau an den Anruf. Er kam gerade am Ende ihrer Schicht -
f�nf Minuten vor acht, gestern abend. Es war eine Bestellung f�r einen Weckruf
f�r heute morgen um acht Uhr drei�ig. Es war Fennan selbst - das beschw�rt das
M�dchen.�</p><p>�Wieso?�</p><p>�Dieser
Fennan hat offenbar am Weihnachtstag in der Zentrale angerufen, und dasselbe
M�dchen hatte Dienst. Er wollte ihnen allen &gt;Fr�hliche Weihnachten w�nschen.
Sie war ganz ger�hrt, und sie haben sehr nett miteinander geplaudert. Sie ist
ganz sicher, da� es dieselbe Stimme war. &gt;Ein sehr kultivierter Herr&lt;,
hat sie gesagt.�</p><p>�Aber es
ist unverst�ndlich. Um zehn Uhr drei�ig hat er seinen Abschiedsbrief
geschrieben. Was ist zwischen acht und dieser Zeit passiert?�</p><p>Mendel
griff nach einer alten speckigen Aktentasche. Sie hatte kein Schlo�. Mehr wie
eine Notenmappe, dachte Smiley. Dieser entnahm er eine gew�hnliche braune
Kartonmappe und gab sie Smiley. �Das Faksimile des Briefes. Der Chef hat
gesagt, da� ich Ihnen eine Kopie geben soll. Sie schicken das Original an das
Au�enamt und eine weitere Abschrift direkt an Marlene Dietrich.�</p><p>�Wer zum
Teufel ist das?�</p><p>�Tut mir
leid, mein Herr. So nennen wir Ihren Chef. Ziemlich allgemein in der Branche.
Tut mir leid, mein Herr.�</p><p>Wie
herrlich, dachte Smiley, einfach unglaublich herrlich. Er �ffnete die Mappe und
sah sich die Kopie an. Mendel redete weiter: �Der erste Abschiedsbrief in
Maschinenschrift, der mir je untergekommen ist. �brigens auch der erste mit der
Zeit drauf. Die Unterschrift sieht aber aus, als w�re sie in Ordnung. Ich habe
sie auf der Station mit einer Empfangsbest�tigung verglichen, die er einmal
f�r irgendeinen verlorenen Gegenstand unterschrieben hat. Die ist goldrichtig.
�</p><p>Der Brief
war auf der Maschine geschrieben, wahrscheinlich einer Portable. Genauso wie
die anonyme Denunziation, die stammte auch von einer Portable. Unter diesem
Brief hier stand Fennans nette, gut leserliche Unterschrift. Unter der
gedruckten Adresse am Kopf des Blattes war das Datum getippt und darunter die
Zeit: 10.30 abends.</p><p>Sehr
geehrter Sir David,</p><p>nach
einigem Z�gern habe ich beschlossen, mir das Leben zu nehmen. Ich kann die
Jahre, die mir noch verbleiben w�rden, nicht in einer Atmosph�re des Verdachtes
auf Verrat verbringen. Es ist mir klar, da� meine Karriere ruiniert ist und
da� ich das Opfer von bezahlten Denunzianten bin.</p><p>Ihr ergebener Samuel Fennan</p><p>Smiley las den Brief mehrere Male durch. Konzentriert
spitzte er die Lippen, und seine Augenbrauen hoben sich ein wenig, als w�re er
erstaunt. Mendel fragte ihn: �Wie sind Sie draufgekommen?�</p><p>�Auf was?�</p><p>�Na, die
Sache mit dem Anruf am Morgen.�</p><p>�Ach so.
Ich habe den Anruf entgegengenommen. Dachte, er w�re f�r mich. Aber das war
nicht der Fall - es war die Zentrale mit dieser Geschichte. Auch da ist der
Groschen noch nicht gefallen. Ich habe geglaubt, es w�re f�r sie, verstehen
Sie. Ich bin hinuntergegangen und habe es ihr gesagt.�</p><p>�Hinunter?�</p><p>�Ja, sie
haben das Telefon im Schlafzimmer. So an der Bettkante, ja . . . sie war doch
fr�her lange krank, verstehen Sie, und sie haben das Zimmer so gelassen, wie es
damals war, nehme ich an. Es sieht auf der einen Seite wie ein Studierzimmer
aus. B�cher, Schreibmaschine, Schreibtisch und so weiter.�</p><p>�Eine
Schreibmaschine?�</p><p>�Ja, eine
Portable. Ich vermute, da� er darauf diesen Brief geschrieben hat. Aber als
ich den Anruf entgegennahm, hatte ich vergessen, da� Mrs. Fennan ihn unm�glich
bestellt haben konnte.�</p><p>�Warum
nicht?�</p><p>�Sie
leidet an Schlaflosigkeit, hat sie mir gesagt. Sie hat eine Art Scherz damit
gemacht. Ich riet ihr, sich etwas auszuruhen, und sie sagte nur: &gt;Mein
K�rper und ich m�ssen zwanzig Stunden am Tag miteinander auskommen. Wir haben
schon l�nger gelebt als die meisten Menschen.&lt; Noch etwas hat sie gesagt.
Ja, da� sie nicht den Luxus des Schlafes genie�e. Also warum sollte sie sich um
acht Uhr drei�ig wecken lassen?�</p><p>�Warum ihr
Mann? - Warum andere Leute? Das ist ja beinahe Lunchzeit. Gott helfe dem
Staatsdienst.�</p><p>�Ganz
richtig. Dar�ber zerbreche ich mir auch den Kopf. Das Au�enamt f�ngt
zugegebenerweise sp�t an - um zehn, glaube ich. Aber auch in diesem Fall w�re
es f�r Fennan h�chste Zeit zum Anziehen, Rasieren, Fr�hst�cken und den Zug
erwischen gewesen, wenn er nicht vor acht Uhr drei�ig aufgestanden w�re.
�brigens h�tte seine Frau ihn wecken k�nnen.�</p><p>�Vielleicht
wollte sie sich nur interessant machen, als sie sagte, da� sie nicht schlafen
kann�, meinte Mendel. �Das machen Frauen gerne, mit Schlaflosigkeit, Migr�ne
und solchem Zeug. Dann glauben die Leute, sie sind sensibel und temperamentvoll.
Humbug, das meiste.�</p><p>Smiley
sch�ttelte den Kopf: �Nein, sie kann den Anruf nicht bestellt haben, bestimmt
nicht. Sie war doch vor dreiviertel elf nicht daheim. Aber auch wenn man
annimmt, da� sie sich bei der Zeitangabe f�r ihre R�ckkehr geirrt hat, konnte
sie nicht zum Telefon gehen, ohne die Leiche ihres Mannes zu finden. Und das
k�nnen Sie mir nicht einreden, da� dann ihre erste Reaktion war, hinaufzugehen
und einen Weckruf zu bestellen.�</p><p>Eine Zeitlang tranken sie
schweigend ihren Kaffee.</p><p>�Noch etwas�, sagte Mendel.</p><p>�Ja?�</p><p>�Seine Frau ist um dreiviertel elf
aus dem Theater zur�ckgekommen, nicht wahr?�</p><p>�Ja, das sagt sie.�</p><p>�War sie allein dort?�</p><p>�Keine Ahnung.�</p><p>�Wetten, nein. Ich m�chte wetten,
da� sie da die Wahrheit sagen mu�te und den Brief mit der Zeitangabe versehen
hat, um ein Alibi zu bekommen.�</p><p>Smiley
kehrte im Geiste zu Elsa Fennan zur�ck, ihrem Zorn und ihrer Ergebung. Es kam
ihm unsinnig vor, so von ihr zu reden. Nein. Elsa Fennan nicht. Nein.</p><p>�Wo ist die Leiche gefunden worden ?� fragte Smiley.
�Unten am Fu� der Stiege.�</p><p>�Am Fu� der Stiege?�</p><p>�Ja, der
L�nge nach auf dem Boden der Halle. Der Revolver lag unter ihm.�</p><p>�Und der Brief. Wo war der?�</p><p>�Neben ihm auf dem Boden.�</p><p>�Sonst noch was?�</p><p>�Ja. Eine Kanne Kakao im
Wohnzimmer.�</p><p>�Aha.
Fennan beschlie�t also, Selbstmord zu begehen. Er bittet die Zentrale, ihn um
halb neun zu wecken. Dann kocht er sich Kakao und stellt ihn in das Wohnzimmer.
Er geht hinauf und schreibt seinen letzten Brief auf der Maschine. Dann kommt
er herunter und erschie�t sich. Den Kakao trinkt er nicht mehr. Pa�t alles
gl�nzend zusammen!�</p><p>�Ja, nicht
wahr. �brigens, sollten Sie nicht endlich Ihr Amt anrufen?�</p><p>Smiley sah
Mendel unbestimmt an. �Das ist das Ende einer wunderbaren Freundschaft�, sagte
er. W�hrend er zu dem Automaten neben einer T�r, auf der �Privat� stand, ging,
h�rte er, wie Mendel sagte: �Ich m�chte wetten, da� Sie das allen unseren Jungen
sagen.� Er l�chelte sogar, als er Mastons Nummer verlangte.</p><p>Maston
wollte ihn sofort sehen.</p><p>Er ging zu
ihrem Tisch zur�ck. Mendel r�hrte in einer zweiten Tasse Kaffee herum, als ob
das seine ganze Konzentration erfordere. Er a� ein riesiges Br�tchen.</p><p>Smiley
blieb neben ihm stehen. �Ich mu� zur�ck nach London.�</p><p>�Da werden
Sie wie die Katze in den Taubenschlag kommen.� Das Wieselgesicht drehte sich
ihm abrupt zu. �Oder nicht?� Er sprach mit dem vorderen Teil seines Mundes,
w�hrend der r�ckw�rtige Teil sich noch mit dem Br�tchen besch�ftigte.</p><p>�Wenn
Fennan ermordet worden ist, dann kann keine Macht der Welt die Presse daran
hindern, sich der Sache zu bem�chtigen�, f�gte er halb zu sich hinzu. �Ich
glaube kaum, da� Maston dar�ber sehr erbaut w�re. Da w�rde er Selbstmord schon
vorziehen.�</p><p>Smiley
runzelte finster die Stirn. Er konnte schon h�ren, wie Maston seinen Verdacht
l�cherlich machen und ungeduldig verspotten w�rde. �Ich wei� nicht�, sagte er,
�ich wei� wirklich nicht.�</p><p>Zur�ck
nach London, dachte er, zur�ck zu Mastons &gt;Idealem Heim&lt;, zur�ck zu der
Rattenjagd. Und zur�ck zu der Irrealit�t, eine menschliche Trag�die in einem
drei Seiten langen Bericht unterzubringen.</p><p>Es go�
wieder in Str�men, aber jetzt war der Regen warm. Auf dem kurzen Weg zwischen
dem Caf� �Fountain� und der Polizeistation wurde er sehr na�. Er zog den Mantel
aus und warf ihn hinten in den Wagen. Es war ihm eine Erleichterung, aus
Walliston wegzukommen - obwohl es nach London ging. Als er in die Hauptstra�e
einbog, sah er aus einem Augenwinkel heraus die Gestalt Mendels, der in stoischer
Ruhe auf dem Gehsteig der Station zutrabte. Sein grauer Eden-Hut war vom Regen
ganz schwarz geworden und hatte v�llig die Form verloren. Smiley hatte nicht
daran gedacht, da� er vielleicht nach London h�tte mitfahren wollen, und kam
sich undankbar vor. Mendel, von der heiklen Situation unber�hrt, machte die T�r
auf und stieg ein.</p><p>�So ein
Gl�ck�, bemerkte er. �Z�ge hasse ich. Fahren Sie nach Cambridge Circus? Kippen
Sie mich bitte irgendwo in Westminster raus.�</p><p>Sie fuhren
los, und Mendel zog eine sch�bige gr�ne Tabaksdose aus der Tasche und rollte
sich eine Zigarette. Er bewegte sie gegen seinen Mund hin, besann sich dann
aber, bot sie Smiley an und entz�ndete sie ihm mit einem au�ergew�hnlichen
Feuerzeug, das eine f�nf Zentimeter lange blaue Flamme von sich gab. �Sie sehen
direkt krank vor Sorgen aus�, sagte Mendel.</p><p>�Bin ich
auch.�</p><p>Sie
schwiegen eine Weile. Dann sagte Mendel: �Sie sind von einem unbekannten Teufel
besessen.�</p><p>Als sie
etwa vier oder f�nf Meilen weitergefahren waren, lenkte Smiley den Wagen zum
Stra�enrand und drehte sich dann Mendel zu.</p><p>�H�tten
Sie sehr viel dagegen, wenn wir nach Walliston zur�ckfahren w�rden?�</p><p>�Gute
Idee. Zur�ckfahren und sie fragen.�</p><p>Er wendete
den Wagen und fuhr langsam zur�ck nach Walliston hinein und zur Merridale Lane.
Er lie� Mendel im Wagen und ging den vertrauten Kiesweg hinauf.</p><p>Sie
�ffnete und wies ihn ohne ein weiteres Wort ins Wohnzimmer. Sie trug noch immer
dasselbe Kleid, und Smiley dachte, was sie wohl gemacht hatte, seit er sie am
Morgen verlassen hatte.</p><p>War sie im
Haus herumgegangen oder bewegungslos im Wohnzimmer gesessen? Oder oben in dem
Schlafzimmer mit den Lederst�hlen? Wie kam sie sich vor in ihrer neuen
Witwenschaft? Hatte sie sich schon gefa�t, oder war sie noch immer in dem tief
erregten Zustand, der f�r gew�hnlich auf einen so schmerzlichen Verlust folgt?
Sah sie noch in den Spiegel, und versuchte sie, die Ver�nderung, die Spur des
Schreckens, in ihrem Gesicht zu finden, und weinte sie, wenn sie keine fand?</p><p>Sie
blieben stehen - beide vermieden instinktiv eine Wiederholung des
Zusammentreffens von heute morgen.</p><p>�Ich mu�
Sie noch eines fragen, Mrs. Fennan. Es tut mir leid, da� ich Sie ein zweites
Mal bel�stigen mu�.�</p><p>�Wegen des
Anrufes, nehme ich an. Der Weckruf von der Zentrale.�</p><p>�Ja.�</p><p>�Ich habe
mir gedacht, da� Ihnen das r�tselhaft vorkommen wird. Eine Schlaflose l��t sich
wecken!� Sie machte den Versuch, heiter zu sprechen.</p><p>�Ja, es
ist mir merkw�rdig vorgekommen. Gehen Sie oft ins Theater?�</p><p>�Ja. Alle
vierzehn Tage. Ich bin Mitglied des Repertoire-Klubs in Weybridge, verstehen
Sie. Ich bem�he mich, zu allen Vorstellungen zu gehen, die sie geben. Ich habe
am ersten Dienstag nach jeder Premiere einen Sitz reserviert. Mein Mann hat am
Dienstag immer bis sp�t gearbeitet. Er ist nie mitgegangen, er hat sich nur
klassische St�cke angesehen.�</p><p>�Aber
Brecht hat er gern gehabt, nicht wahr? Er schien von den Auff�hrungen des
Berliner Ensembles in London ganz begeistert gewesen zu sein.�</p><p>Sie sah
ihn einen Augenblick an und l�chelte dann pl�tzlich - das erstemal, seit er sie
kannte. Es war ein bezauberndes L�cheln. Ihr ganzes Gesicht erhellte sich wie
das eines Kindes.</p><p>Smiley sah
sie einen Augenblick im Geiste als Kind. Eine schlaksige, flinke, ausgelassene
Range wie George Sands �Petite Fadette� - halb Weib, halb geschw�tziges
M�dchen, das l�gen kann wie gedruckt. Er sah sie als schmeichelnden Backfisch,
wie sie sich wie eine Katze verteidigte, und er sah sie auch verhungert und
eingefallen im Konzentrationslager, hemmungslos im Kampf um ihr Leben. Es war
ersch�tternd, in diesem L�cheln das Licht ihrer einstigen Unschuld und
zugleich eine bew�hrte Waffe im Kampf um die Selbsterhaltung zu erleben.</p><p>�Ich
f�rchte, die Erkl�rung f�r diesen Anruf ist sehr einf�ltig�, sagte sie. �Ich
leide an einem schrecklich schlechten Ged�chtnis - wirklich f�rchterlich. Ich
gehe einkaufen und vergesse, was ich wollte, treffe am Telefon eine
Verabredung, und in dem Augenblick, in dem ich den H�rer auflege, kann ich mich
an nichts mehr erinnern. Ich bitte Leute zum Wochenende zu uns, und wenn sie
kommen, sind wir nicht zu Hause. Manchmal, wenn es etwas gibt, an das ich mich
unbedingt erinnern mu�, dann klingle ich die Zentrale an und bitte um einen
Anruf f�nf Minuten vor der ausgemachten Zeit. Das ist so wie ein Knoten im
Taschentuch, aber ein Knoten kann nicht f�r einen auf die Klingel dr�cken,
nicht wahr?�</p><p>Smiley sah
sie scharf an. Die Kehle war ihm ziemlich trocken, und er mu�te schlucken,
bevor er sprach.</p><p>�Und
welchem Zweck diente der Anruf diesmal, Mrs. Fennan?�</p><p>Wieder das
bezaubernde L�cheln: �Das ist es ja. Ich habe es v�llig vergessen.�</p><p><strong>Maston und Kerzenlicht </strong></p><p><strong/></p><p>W�hrend
Smiley langsam nach London zur�ckfuhr, verga� er vollkommen, da� Mendel neben
ihm sa�.</p><p>Es hatte
eine Zeit gegeben, da hatte ihm das Fahren an und f�r sich schon eine
Erleichterung bedeutet, damals hatte er in der Unwirklichkeit einer langen,
einsamen Reise ein Beruhigungsmittel f�r sein gemartertes Hirn gefunden, da
hatte es ihm die Erm�dung durch das Fahren nach einigen Stunden erlaubt, seine
d�steren Sorgen zu vergessen.</p><p>Es war
wohl eines der t�ckischen Kennzeichen seines mittleren Lebensalters, da� er
auf diese Weise seine Gedanken nicht mehr in den Hintergrund schieben konnte.
Jetzt waren dazu sch�rfere Mittel notwendig. Er versuchte sogar gelegentlich,
sich Spazierg�nge durch europ�ische St�dte auszudenken - um sich an die L�den
und Geb�ude zu erinnern, an denen er vorbeikommen w�rde, zum Beispiel in Bern
auf einem Gang vom M�nster zur Universit�t. Aber trotz dieses energischen
geistigen Exerzitiums pflegten sich ihm die Geister der Gegenwart immer wieder
aufzudr�ngen und seine Tr�ume zu vertreiben. Es war Ann, die ihn seines
Friedens beraubt hatte, Ann, die einst die Gegenwart so wichtig gemacht und ihn
ein Leben der Wirklichkeit gelehrt hatte. Und als sie ging, war nichts mehr.</p><p>Er konnte
nicht glauben, da� Elsa Fennan ihren Mann get�tet haben sollte. Ihr Instinkt
war, zu verteidigen, die Sch�tze ihres Lebens festzuhalten, um sich die
Symbole einer normalen Existenz aufzupflanzen. In ihr war keine Aggression,
nur der Wille zu bewahren.</p><p>Aber was
wu�te man schon? Wie sagt doch Hesse? �Seltsam, im Nebel zu wandern, Leben
hei�t einsam sein. Kein Baum kennt den andern, jeder ist allein.� Wir wissen
nichts voneinander, nichts, sinnierte Smiley. Wie nahe wir auch beisammen
leben, und wenn wir auch bei Tag und Nacht die tiefsten Gedanken des anderen
ergr�ndeten, wir wissen nichts. Wie kann ich ein Urteil �ber Elsa Fennan
abgeben? Ich glaube, da� ich ihr Leid und ihre furchtsamen L�gen verstehe, aber
was wei� ich von ihr? Nichts.</p><p>Mendel
deutete auf einen Wegweiser.</p><p>�. . . Da
wohne ich. Mitcham. Wirklich kein schlechter Platz. Mir sind die
Junggesellenwohnungen schon zum Hals herausgehangen. Dort unten habe ich mir
ein kleines Haus gekauft. F�r den Ruhestand . . .�</p><p>�Ruhestand?
Das hat wohl noch lange Zeit.�</p><p>�Ja, drei
Tage. Deshalb habe ich diese Arbeit bekommen. Nichts dran. Keine
Komplikationen. Geben wir es dem alten Mendel, er wird schon Mist machen.�</p><p>�Na gut,
dann werden wir also beide ab Montag arbeitslos sein.�</p><p>Er brachte
Mendel zu Scotland Yard und fuhr dann weiter zum Cambridge Circus. Beim
Eintreten in das Haus wurde ihm klar, da� alle informiert waren. Den Eindruck
machten sie. Ein kleiner Unterst schied in ihrem Blick, ihrem Benehmen. Er
ging direkt in Mastons Zimmer. Seine Sekret�rin sa� an ihrem Schreibtisch und
blickte rasch auf, als er eintrat.</p><p>�Ist der
Chef da?�</p><p>�Ja, er
erwartet Sie. Er ist allein. Klopfen Sie und gehen Sie hinein.� Aber Maston
hatte schon die T�r ge�ffnet und rief ihn. Er trug ein schwarzes Sakko und grau
gestreifte Modehosen. Das Kabarett geht weiter, dachte Smiley.</p><p>�Ich habe
versucht, mit Ihnen in Verbindung zu kommen. Hat Sie meine Nachricht nicht
erreicht?� sagte Maston.</p><p>�Das
schon, aber ich h�tte unm�glich mit Ihnen telefonieren k�nnen.�</p><p>�Ich bin
anscheinend nicht ganz im Bilde.�</p><p>�Also, ich
glaube n�mlich nicht, da� Fennan Selbstmord ver�bt hat. Das h�tte ich am
Apparat nicht sagen k�nnen.�</p><p>Maston
nahm die Brille ab und sah Smiley entgeistert an.</p><p>�Ermordet?
Warum?�</p><p>�Fennan
schrieb seinen Brief gestern abend um halb elf, wenn wir die Zeit akzeptieren,
die drauf stand.�</p><p>�Und?�</p><p>�F�nf
Minuten vor acht hat er die Zentrale angerufen und gebeten, man solle ihn am
n�chsten Morgen um halb neun wecken.�</p><p>�Woher
wissen Sie das, um Himmels willen?�</p><p>�Ich war
heute morgen dort, als der Anruf kam. Ich hatte ihn entgegengenommen, weil ich
glaubte, er k�me vom Department.�</p><p>�Aber wie,
in aller Welt, k�nnen Sie denn behaupten, da� es Fennan war, der den Anruf
bestellt hat?�</p><p>�Ich habe
Nachforschungen angestellt. Das M�dchen in der Zentrale kannte Fennans Stimme
gut. Sie ist ganz sicher, da� er es war und da� er f�nf Minuten vor acht
gestern abend angerufen hat.�</p><p>�Fennan
und das M�dchen haben einander gekannt, nicht wahr?�</p><p>�Nein,
nein, das nicht. Sie haben nur gelegentlich ein paar nette Worte gewechselt.�</p><p>�Und auf
welche Weise schlie�en Sie aus all dem, da� er ermordet worden ist?�</p><p>�Ich habe
seine Frau wegen des Anrufes befragt . . .�</p><p>�Und?�</p><p>�Sie hat
gelogen. Sie sagte, da� sie selbst den Auftrag gegeben h�tte. Sie behauptete,
gr��lich verge�lich zu sein - manchmal l��t sie sich angeblich von der
Zentrale anrufen, wie man einen Knoten ins Taschentuch macht, wenn sie eine
wichtige Verabredung hat. Und noch etwas. Kurz, bevor er sich erscho�, hat er
sich Kakao gemacht. Aber nicht getrunken. �</p><p>Maston
h�rte schweigend zu. Schlie�lich l�chelte er und stand auf.</p><p>�Wir
scheinen uns nicht ganz verstanden zu haben�, sagte er. �Ich schicke Sie
hinaus, um festzustellen, warum Fennan sich umgebracht hat, und Sie kommen
daher und sagen, da� er das nicht getan hat. Wir sind keine Polizisten,
Smiley.�</p><p>�Nein.
Manchmal m�chte ich ganz gerne wissen, was wir sind.�</p><p>�Haben Sie
irgend etwas erfahren, das unsere Position hier tangiert - oder etwas, das
seine Tat irgendwie erkl�rt? Das den Abschiedsbrief untermauert?�</p><p>Smiley
z�gerte einen Augenblick, bevor er antwortete. Er hatte es kommen sehen.</p><p>�Ja. Ich
erfuhr von Mrs. Fennan, da� er sehr aufgeregt war, nach der Einvernahme.�
Ebensogut konnte er ihm gleich die ganze Geschichte erz�hlen. �Es lie� ihn
nicht los, er konnte nicht schlafen. Sie mu�te ihm ein Beruhigungsmittel geben.
Ihr Bericht �ber Fennans Reaktion auf die Einvernahme erh�rtet den Abschiedsbrief
in jeder Weise.� Einen Augenblick schwieg er und sah ziemlich abwesend vor
sich hin. �Was ich sagen wollte, ist, da� ich ihr nicht glaube. Ich glaube
nicht, da� Fennan den Brief geschrieben hat, noch, da� er die geringste
Absicht hatte, zu sterben.� Er drehte sich Maston zu. �Wir k�nnen �ber die
Widerspr�che unm�glich hinwegkommen. Und noch etwas�, bohrte er weiter, �ich
habe zwar kein Gutachten von einem Sachverst�ndigen, aber es besteht eine
�hnlichkeit zwischen Fennans Abschiedsbrief und dem anonymen Schreiben. Es
sieht aus, als w�re es dieselbe Maschine. Es klingt l�cherlich, das wei� ich
schon, aber es ist so. Wir m�ssen die Polizei einschalten, ihr die Tatsachen
zur Verf�gung stellen.�</p><p>�Tatsachen?�
sagte Maston. �Was f�r Tatsachen? Nehmen wir an, sie hat gelogen - sie ist eine
merkw�rdige Frau, in jeder Weise. Ausl�nderin, J�din. Der Himmel mag wissen,
was sich da f�r Einfl�sse auf ihren Verstand bemerkbar machen. Man hat mir
gesagt, da� sie w�hrend des Krieges schwer gelitten hat, verfolgt und so
weiter. Sie sieht wahrscheinlich in Ihnen den Verfolger, den Inquisitor. Sie
merkt, da� Sie hinter irgend etwas her sind, ger�t in Panik und erz�hlt Ihnen
die erstbeste L�ge, die ihr in den Sinn kommt. Macht sie das zu einer
M�rderin?�</p><p>�Warum hat
Fennan also angerufen? Warum hat er sich diesen Schlaftrunk gemacht?�</p><p>�Wer kann
das wissen?� Mastons Stimme war jetzt voller, suggestiver. �Wenn Sie oder ich,
Smiley, je zu diesem f�rchterlichen Punkt gelangen w�rden, an dem man sich
entschlie�t, sich selber zu vernichten, wer k�nnte wohl sagen, was unsere
letzten Gedanken sein w�rden? Und bei Fennan ist es das gleiche. Er sieht seine
Karriere in Tr�mmern, sein Leben hat keinen Sinn mehr. Ist es nicht
verst�ndlich, da� er in einem solchen Augenblick der Schw�che oder der
Unentschlossenheit den Wunsch hatte, eine menschliche Stimme zu h�ren, noch
einmal die W�rme menschlichen Kontaktes zu f�hlen, bevor er starb? Eine
phantastische Grille vielleicht, eine Sentimentalit�t, aber nicht
unwahrscheinlich bei einem Menschen, der so fertig, so in eine fixe Idee
verrannt ist, da� er sich das Leben nimmt.�</p><p>Smiley
mu�te ihn bewundern. Es war gut vorgetragen, und er war Maston auf diesem
Gebiet nicht gewachsen. Pl�tzlich f�hlte er in sich eine wachsende Panik aufsteigen,
eine Hilflosigkeit, die nicht zu ertragen war. Und gleichzeitig eine nicht zu
z�gelnde Wut �ber diesen Theater spielenden Angeber, diesen geschniegelten
Affen mit dem graumelierten Haar und dem gescheiten L�cheln. Panik und Wut
schwollen pl�tzlich zu einer Woge an, die seine Brust �berflutete und seinen
ganzen K�rper durchdrang. Er bekam einen hei�en hochroten Kopf, seine Brillengl�ser
beschlugen sich, und als letzte Dem�tigung traten ihm Tr�nen in die Augen.</p><p>Maston,
der das, Gott sei Dank, nicht bemerkte, fuhr fort: �Sie k�nnen von mir nicht
erwarten, da� ich auf dieses Beweismaterial hin beim Innenminister andeuten
soll, die Polizei h�tte einen falschen Schlu� gezogen. Sie wissen, wie gespannt
unser Verh�ltnis zur Polizei ist. Einerseits haben wir Ihre Verdachtsmomente:
da�, kurz gesagt, Fennans Benehmen gestern abend nicht mit der Absicht zu
sterben zusammenzureimen ist. Seine Frau hat Sie offenbar angelogen. Auf der
anderen Seite haben wir die Meinung erfahrener Kriminalbeamter, die an den
Umst�nden seines Todes nichts Aufregendes gefunden haben, und wir haben Mrs.
Fennans Aussage, da� ihr Mann �ber die Einvernahme aufgeregt war. Es tut mir
leid, Smiley, aber so liegt der Fall.�</p><p>Es
herrschte v�llige Stille. Smiley kam langsam wieder zu sich. Die Entwicklung
der Dinge machte ihn bl�de und raubte ihm die Sprache. Er starrte kurzsichtig
vor sich hin, sein rundes, faltiges Gesicht war noch rot, der Mund schlaff und
stupid. Maston wartete darauf, da� er etwas sagen w�rde, aber Smiley war
ersch�pft und mit einem Mal v�llig uninteressiert. Ohne Maston noch einen
Blick zuzuwerfen, stand er auf und ging hinaus.</p><p>Er ging in
sein Zimmer und setzte sich an den Schreibtisch. Mechanisch sah er seine Arbeit
durch. In seinem Einlaufk�rbchen war nicht viel - ein paar Rundschreiben des
Amtes und ein pers�nlicher Brief an G. Smiley Esq., Verteidigungsministerium.
Die Schrift war ihm nicht bekannt. Er �ffnete den Umschlag und las:</p><p>�Lieber Smiley!</p><p>Es ist
unbedingt notwendig, da� ich morgen mit Ihnen im Restaurant Compleat Angler in
Marlow speise. Bitte, tun Sie Ihr m�glichstes, da� ich Sie dort um ein Uhr
treffen kann. Ich habe Ihnen etwas zu sagen.</p><p>Ihr Samuel
Fennan�</p><p>Der Brief
war mit der Hand geschrieben und trug das Datum des vorhergehenden Tages,
Dienstag, 3. Januar. Er war in Whitehall um sechs Uhr abends abgestempelt
worden.</p><p>Einige
Minuten starrte er den Brief an, den er steif vor sich in der Hand hielt, wobei
er den Kopf nach links neigte. Dann legte er den Brief auf den Schreibtisch,
zog eine Lade heraus und entnahm ihr ein einzelnes, unbeschriebenes Blatt
Papier. Er schrieb ein kurzes Gesuch um seine Entlassung an Maston, an das er
mit einer Klammer Fennans Einladung heftete. Dann l�utete er nach einer der
Sekret�rinnen, legte den Brief in den Korb f�r die ausgehende Post und ging zum
Lift. Wie gew�hnlich steckte der im Parterre mit dem Teewagen der Registratur
fest, und nach kurzem Warten begann Smiley, zu Fu� die Treppen hinunterzugehen.
Auf dem halben Weg erinnerte er sich daran, da� er seinen Regenmantel und ein
paar kleine pers�nliche Dinge in seinem Zimmer vergessen hatte. Ach was, dachte
er, sie werden sie mir schicken.</p><p>Auf dem
Parkplatz setzte er sich in seinen Wagen und starrte durch die nasse Windschutzscheibe.</p><p>Es war ihm
egal, verdammt egal. Erstaunt war er nat�rlich, und zwar dar�ber, da� er fast
die Beherrschung verloren hatte. Derartige Gespr�che hatten in Smileys Leben
eine gro�e Rolle gespielt, und seit langer Zeit hatte er sich gegen alle
Spielarten solcher Unterredungen f�r gewappnet gehalten, gegen schulm��ige,
disziplinarische, �rztliche und religi�se. Seine verschwiegene Natur verachtete
den Zweck aller Verh�re, ihre terroristische Vertraulichkeit und unausweichliche
Realit�t. Er erinnerte sich an ein unbeschreiblich gl�ckseliges Dinner mit Ann
bei Quaglino, bei dem er ihr die Cham�leon-G�rteltier-Taktik geschildert hatte,
mit der man so einen Ausfrager schachmatt setzen konnte.</p><p>Sie hatten
bei brennenden Kerzen diniert. Schneewei�e Haut und Perlen - sie tranken
Kognak - Anns weitoffene, gl�nzende Augen geh�rten nur ihm. Smiley war der
Verliebte, und er spielte diese Rolle wunderbar. Ann fand ihn herrlich und war
durch ihre harmonische Z�rtlichkeit erregt.</p><p>�... und
damals habe ich gelernt, mich in ein Cham�leon zu verwandeln.�</p><p>�Und dabei
hast du ger�lpst, du ungezogener Frosch?�</p><p>�Nein, auf
die Farbe kommt es an. Cham�leons wechseln die Farbe.�</p><p>�Nat�rlich
wechseln sie die Farbe. Sie sitzen auf gr�nen Bl�ttern und werden gr�n. Bist du
auch gr�n geworden, Frosch?�</p><p>Er
ber�hrte ihre Fingerspitzen leicht mit den seinen.</p><p>�Also
jetzt h�r zu, du naseweise Person, wenn ich dir die Cham�leon-G�rteltier-Taktik
gegen einen unversch�mten Ausfrager erkl�ren soll.� Ihr Gesicht war ganz nahe
an seinem, und ihre Augen hingen in leidenschaftlicher Liebe an ihm.</p><p>�Diese
Taktik basiert auf der Theorie, da� der Inquisitor, der nichts so sehr liebt
wie sich selber, von seinem eigenen Bild angezogen wird. Man mu� daher genau
dieselbe soziale, temperamentm��ige, politische und intellektuelle Farbe
annehmen, die der Inquisitor hat.�</p><p>�Du
aufgeblasener Frosch. Aber ein begabter Liebhaber bist du schon.�</p><p>�Ruhe!
Manchmal scheitert diese Taktik an der Stupidit�t oder Bosheit des Inquisitors.
Wenn das der Fall ist, dann mu� man sich in ein G�rteltier verwandeln.�</p><p>�G�rtel
tragen, Frosch?�</p><p>�Nein, man
mu� ihn in eine Position versetzen, die so haarstr�ubend ist, da� man ihm
�berlegen ist. F�r die Konfirmation bin ich von einem pensionierten Bischof
vorbereitet worden. Ich war seine ganze Sch�lerschaft und habe an einem halben
Feiertag gen�gend Unterricht genossen, um eine ganze Di�zese leiten zu k�nnen.
Aber indem ich das Gesicht des Bischofs betrachtete und mir vorstellte, da� es
sich unter meinem Blick mit einem dicken Fell �berzog, behielt ich meine
�berlegenheit. Von diesem Tag an sind meine F�higkeiten in dieser Beziehung
noch gewachsen. Ich konnte ihn in einen Affen verwandeln, ihn in das
Schiebefenster einklemmen, ihn nackt in eine Versammlung der Freimaurer
schicken, ihn dazu verdammen, wie die Schlange auf dem Bauch zu kriechen . . .�</p><p>�Du
boshafter verliebter Frosch.�</p><p>So war es
einst gewesen. Aber bei seinen letzten Gespr�chen mit Maston hatte ihn die
F�higkeit, sich von der Situation zu l�sen, verlassen. Er war jetzt zu stark
beteiligt. Als Maston die ersten Z�ge gemacht hatte, war Smiley zu abgespannt
und angeekelt gewesen, um sich zu wehren. Er nahm an, da� Elsa Fennan ihren
Mann umgebracht und dazu irgendeinen Grund gehabt hatte, aber es interessierte
ihn einfach nicht mehr. Das Problem existierte f�r ihn nicht l�nger: Verdacht,
Erfahrungen, Beobachtungen, gesunder Menschenverstand - alles das stand f�r
Maston mit den Tatsachen in keinem organischen Zusammenhang. Papier war eine
Tatsache, Minister waren Tatsachen und Innenminister harte Tatsachen. Das
Departement gab sich nicht weiter mit den vagen Eindr�cken eines einzelnen
Beamten ab, wenn sie mit der Politik in Widerstreit gerieten.</p><p>Smiley war
ersch�pft, tief und schwer. Er fuhr langsam nach Hause. Vielleicht sollte er
heute ausw�rts essen. Irgend etwas ganz Besonderes. Es war jetzt erst Mittag.
Er beschlo�, den Nachmittag damit zu verbringen, Olearius auf seiner
Hanseatenreise quer durch das russische Reich zu folgen. Und dann Dinner bei
Quaglino mit einem einsamen Toast f�r den erfolgreichen M�rder, vielleicht f�r
Elsa, in Dankbarkeit daf�r, da� er zugleich mit dem Leben Sam Fennans auch die
Karriere George Smileys beendet hatte.</p><p>Er
erinnerte sich daran, in der Sloane Street seine W�sche abzuholen, bog endlich
in die Bywater Street ein und fand, drei H�user von seinem eigenen entfernt,
einen Parkplatz. Er kletterte mit dem braunen W�schepaket in der Hand heraus,
sperrte seinen Wagen sorgf�ltig ab, ging aus alter Gewohnheit um ihn herum und versuchte
alle T�rgriffe. Es regnete noch immer ein wenig. Er �rgerte sich dar�ber, da�
schon wieder jemand vor seinem Haus geparkt hatte. Gut, da� Mrs. Chapel das
Fenster seines Schlafzimmers geschlossen hatte, sonst h�tte der Regen . . .</p><p>Pl�tzlich
war er hellwach. Im Wohnzimmer hatte sich etwas bewegt. Ein Licht, ein
Schatten, eine menschliche Gestalt? Es war irgend etwas, dessen war er sicher.
War es Wahrnehmung oder Instinkt? War es eine latente F�higkeit seines Berufes,
die ihn warnte? Irgendein feiner Sinn oder Nerv, eine verborgene
Reaktionsbereitschaft, die ihn alarmierte und der er nachgab?</p><p>Ohne auch
nur einen Augenblick zu �berlegen, lie� er die Schl�ssel wieder in den Mantel
gleiten, ging die Treppe zu seiner Haust�r hinauf und l�utete.</p><p>Es klang
schrill durch das Haus. Dann trat Stille ein, und endlich drang deutlich das
Ger�usch von Tritten, die sich der T�r n�herten, an Smileys Ohr. Sie klangen
fest und sicher. Ein Rasseln der Kette, ein Klirren des Ingersoll-Schlosses,
und die T�r wurde schnell und gewandt ge�ffnet.</p><p>Smiley
hatte ihn vorher noch nie gesehen. Gro�, blond, h�bsch, etwa f�nfunddrei�ig.
Ein hellgrauer Anzug, wei�es Hemd und graue Krawatte - <emphasis>babille en
diplomate. </emphasis>Deutscher oder Schwede. Seine linke Hand blieb nonchalant
in der Tasche seines Sakkos. Smiley sah ihn entschuldigend an.</p><p>�Ist Mr.
Smiley zu Hause, bitte?�</p><p>Die T�r
war jetzt ganz offen. Eine kleine Pause entstand.</p><p>�Ja,
wollen Sie nicht hereinkommen?�</p><p>Den
Bruchteil einer Sekunde lang z�gerte er. �Danke, nein. Wollen Sie ihm bitte das
hier geben?� Er �bergab ihm das W�schepaket und ging wieder die Stufen hinunter
und zu seinem Wagen. Er wu�te, da� er noch immer beobachtet wurde, lie� den Motor
an, wendete und fuhr zum Sloane Square, ohne sich noch einmal in der Richtung nach
seinem Haus umzudrehen. In der Sloane Street fand er einen Parkplatz und
schrieb sich schnell sieben mehrstellige Zahlen auf. Es waren die Nummern der
sieben Wagen, die in Bywater Street standen.</p><p>Was sollte
er tun? Einen Schutzmann anhalten? Wer auch immer es gewesen war,
wahrscheinlich war er schon davon. �brigens gab es auch noch andere
�berlegungen. Er schlo� den Wagen wieder ab und ging �ber die Stra�e zu einem
Telefonh�uschen. Er rief Scotland Yard an, bekam mit der Sonderabteilung
Verbindung und fragte nach Inspektor Mendel. Aber es sah so aus, als h�tte sich
der, nachdem er seinem Vorgesetzten Meldung erstattet hatte, in heimlicher
Vorwegnahme der Freuden des Pensionistenstandes nach Mitcham begeben. Smiley
bat um seine Adresse, erhielt sie nach einigem Herumflunkern, fuhr nochmals
los, drei Seiten eines Quadrats entlang und kam bei der Albert Bridge heraus.
In einem neuen Gasthaus, das den Flu� �berblickte, nahm er ein Sandwich und
einen gro�en Whisky, und eine Viertelstunde sp�ter �berquerte er die Br�cke auf
dem Wege nach Mitcham, w�hrend der Regen noch immer auf seinen unauff�lligen
kleinen Wagen herunterprasselte. Er machte sich Sorgen, wirklich ernste Sorgen.</p><p><strong>Tee und Sympathie </strong></p><p><strong/></p><p>Es regnete
noch immer, als er ankam. Mendel war in seinem Garten und hatte den
merkw�rdigsten Hut auf, den Smiley je gesehen hatte. Er hatte sein Leben als
Anzac-Hut begonnen, aber jetzt hing seine riesige Krempe �berall herunter, so
da� Mendel wie ein gro�er Pilz aussah. Er br�tete �ber einem Baumstrunk, und
eine b�sartig aussehende Axt hing gehorsam in seiner sehnigen rechten Hand.</p><p>Er sah
Smiley einen Augenblick scharf an, und dann erstrahlte sein schmales Gesicht
langsam in einem breiten Grinsen, w�hrend er ihm die Hand entgegenhielt.</p><p>�Scherereien?�
fragte Mendel.</p><p>�Scherereien.�</p><p>Smiley
folgte ihm den Weg zum Haus hinauf. Es war l�ndlich und gem�tlich.</p><p>�Es ist
kein Feuer im Wohnzimmer - ich bin gerade erst zur�ckgekommen. Wie w�re es mit
einer Tasse Tee in der K�che?�</p><p>Sie gingen
in die K�che. Smiley am�sierte sich �ber die peinliche Ordnung, die fast
feminine Nettigkeit, die �berall herrschte. Nur der Polizeikalender an der Wand
zerst�rte die Illusion. W�hrend Mendel einen Kessel aufs Feuer stellte und mit
den Tassen herumhantierte, berichtete Smiley ruhig, was in Bywater Street
passiert war. Als er fertig war, betrachtete ihn Mendel lange und schweigend.</p><p>�Aber
warum hat er Sie hineingebeten?�</p><p>Smiley
zwinkerte und wurde ein bi�chen rot. �Das habe ich auch gedacht. Das hat mich
einen Augenblick lang aus dem Gleichgewicht gebracht. Gut, da� ich das Paket
hatte.�</p><p>Er trank
einen Schluck Tee. �Obwohl ich nicht glaube, da� er auf das Paket
hereingefallen ist. Vielleicht doch, aber ich bezweifle es. Sehr sogar.�</p><p>�Nicht
hereingefallen?�</p><p>�Na, ich
w�re es nicht. Kleiner Mann in einem Ford, der W�sche austr�gt. Wer konnte ich
schon gewesen sein? �brigens habe ich nach Smiley gefragt und es dann
abgelehnt, ihn zu sehen - das mu� ihm ziemlich komisch vorgekommen sein.�</p><p>�Aber was
wollte er? Was h�tte er mit Ihnen gemacht? F�r wen hielt er Sie?�</p><p>�Das ist
genau der springende Punkt, ganz genau, sehen Sie. Ich glaube, er hat auf mich
gewartet, aber nat�rlich hat er nicht erwartet, da� ich l�uten werde. Das hat
ihn verwirrt. Ich denke, er wollte mich umbringen. Deshalb hat er mich
ersucht, einzutreten. Er erkannte mich, aber wohl nur nach einer Fotografie,
glaube ich.�</p><p>Wieder sah
ihn Mendel eine Weile schweigend an. �Herrgott!� sagte er.</p><p>�Vermute,
da� ich recht habe�, fuhr Smiley fort, �in jeder Weise. Ich vermute, da� Fennan
wirklich ermordet wurde gestern abend, und heute w�re mir fast dasselbe
passiert. Im Gegensatz zu Ihrem Beruf ereignet sich in meinem normalerweise
nicht jeden Tag ein Mord.�</p><p>�Was soll
das hei�en?�</p><p>�Wei�
nicht. Ich wei� wirklich nicht. Bevor wir weitermachen, k�nnten Sie vielleicht
die Eigent�mer dieser Nummern f�r mich feststellen lassen. Die Fahrzeuge
standen heute zu Mittag in der Bywater Street.�</p><p>�Warum tun
Sie es nicht selber?�</p><p>Smiley sah
ihn einen Augenblick verwirrt an. Dann fiel ihm ein, da� er von seinem
Entlassungsgesuch nichts erw�hnt hatte.</p><p>�Ach. Tut
mir leid, da� ich es Ihnen nicht erz�hlt habe. Also ich bin heute vormittag
gegangen. Kurz bevor ich gefeuert worden w�re. Ich bin so frei wie der Wind.
Und auch ungef�hr ebenso verwendbar.</p><p>Mendel
nahm ihm die Nummernliste ab und ging in die Halle, um zu telefonieren. Er kam
nach ein paar Minuten wieder zur�ck.</p><p>�Sie
werden in einer Stunde wieder anrufen�, sagte er. �Kommen Sie jetzt, ich will
Ihnen meinen Besitz zeigen. Verstehen Sie etwas von Bienen?�</p><p>�Na ja,
ein bi�chen, ja. Ich bin n�mlich in Oxford vom naturhistorischen K�fer gebissen
worden.� Er war im Begriff, Mendel zu erz�hlen, wie er sich mit Goethes
Metamorphosen der Pflanzen und Tiere in der Hoffnung abgegeben hatte, wie Faust
herauszufinden, �was die Welt im Innersten zusammenh�lt�. Er wollte erkl�ren,
warum es unm�glich war, das Europa des neunzehnten Jahrhunderts zu verstehen,
ohne eine ordentliche Kenntnis der Naturwissenschaften zu besitzen, er f�hlte
sich eifrig und voll von bedeutenden Gedanken und war sich heimlich klar
dar�ber, da� sich sein Kopf mit den Ereignissen des heutigen Tages abplagte,
da� er in einem Zustand nerv�ser Erregung war. Seine Handfl�chen waren feucht.</p><p>Mendel
f�hrte ihn zur Hintert�r hinaus. Dort standen drei nette Bienenst�cke an der
Mauer, die den Garten nach hinten abschlo�. Sie standen in dem feinen Regen,
und Mendel sagte: �Ich habe mir immer gew�nscht, welche zu halten,
auszuprobieren, wie das Ganze geht. Ich habe auch eine Menge gelesen, direkt Angst
habe ich bekommen, kann ich Ihnen sagen. Komische kleine Kerle sind das.� Er
nickte ein paarmal, um dieses Urteil zu unterstreichen, und wieder sah Smiley
ihn mit Interesse an. Sein Gesicht war schmal, aber muskul�s, und sein Ausdruck
v�llig verschlossen. Sein eisengraues Haar war sehr kurz geschnitten und
borstig. Er schien dem Wetter gegen�ber ebenso v�llig gleichg�ltig zu sein wie
das Wetter ihm. Smiley kannte das Leben, das hinter Mendel lag, genau. Er hatte
bei den Polizisten der ganzen Welt dieselbe lederne Haut gesehen, dieselben
Reserven von Geduld, Bitterkeit und Verdru�. Er konnte sich die langen
ergebnislosen Stunden im Dienst bei jedem Wetter vorstellen, wenn man auf einen
wartete, der vielleicht niemals kam - oder kam und zu schnell wieder
verschwand. Er wu�te auch, wie sehr Mendel und die anderen von gewissen Pers�nlichkeiten
abh�ngig waren - manche launenhaft, tyrannisch, nerv�s und wankelm�tig,
gelegentlich einige weise und warmherzig. Er wu�te, wie intelligente Menschen
durch die Stupidit�t ihrer Vorgesetzten gebrochen werden, wie Wochen
geduldiger Arbeit bei Tag und Nacht von einem solchen Menschen einfach beiseite
geschoben werden konnten.</p><p>Mendel
f�hrte ihn den schl�pfrigen, mit Bruchsteinen belegten Pfad hinauf zu den
Bienenst�cken. Er beachtete den Regen noch immer nicht, nahm einen der St�cke
auseinander, erkl�rte und zeigte ihn. Er sprach sto�weise, mit langen Pausen
zwischen den einzelnen S�tzen, und zeigte alles langsam und genau mit seinen
schlanken Fingern.</p><p>Nachdem sie
wieder ins Haus gegangen waren, f�hrte ihn Mendel durch die beiden unteren
R�ume. Der Salon war ganz gebl�mt. Blumen auf den Vorh�ngen und Teppichen und
ebenso auf den �berz�gen der M�bel. In einem kleinen Eckschrank standen einige
Deckel-Bierkr�ge neben einem Paar Pistolen und einem Pokal f�r
Scheibenschie�en.</p><p>Dann
folgte ihm Smiley hinauf. Es roch nach Petroleum vom Ofen auf dem
Treppenabsatz, und im Waschraum war aus dem Warmwasserbeh�lter tats�chlich ein
leichtes Brodeln zu h�ren.</p><p>Mendel
zeigte ihm sein Schlafzimmer.</p><p>�Das
Brautgemach. Das Bett habe ich bei einer Auktion f�r ein Pfund gekauft.
Box-Federmatratzen. Es ist erstaunlich, was man so erwischen kann. Die Teppiche
geh�rten fr�her K�nigin Elisabeth. Sie wechseln sie jedes Jahr. Die habe ich in
einem Laden in Wafford gekauft.�</p><p>Smiley
stand etwas verwirrt in der T�r. Mendel kam zur�ck und ging an ihm vorbei, um
die T�r zum zweiten Schlafzimmer zu �ffnen.</p><p>�Und das
ist Ihr Zimmer, wenn Sie es wollen.� Er drehte sich Smiley zu. �Ich w�rde an
Ihrer Stelle lieber nicht zu Hause schlafen. Man kann nie wissen, nicht wahr?
�brigens werden Sie hier besser schlafen, die Luft ist besser.�</p><p>Smiley
begann zu protestieren.</p><p>�Steht
ganz bei Ihnen. Sie tun, was Ihnen pa�t.� Mendel wurde direkt verlegen. �Ich
verstehe nicht mehr von Ihrer Arbeit als Sie von der Arbeit der Polizei, ganz
ehrlich. Sie tun ganz einfach, was Ihnen pa�t. Soweit ich gesehen habe, sind
Sie ja imstande, auf sich aufzupassen.�</p><p>Sie gingen
wieder hinunter. Mendel z�ndete im Salon den Gaskamin an.</p><p>�Also,
zumindest m�ssen Sie gestatten, da� ich Sie heute abend zum Essen einlade�,
sagte Smiley.</p><p>In der
Halle l�utete das Telefon. Es war Mendels Sekret�rin wegen der Nummern.</p><p>Mendel kam
zur�ck. Er �bergab Smiley eine Liste von sieben Namen und Adressen. Vier davon
konnten ausgeschieden werden, es waren solche aus der Bywater Street. Drei
blieben �brig: der Leihwagen einer Firma Adam Scarr und S�hne in Battersea, ein
Gesch�ftswagen, der der Severn Tile Company in Eastbourne geh�rte, und der
dritte war als das Eigentum des Botschafters von Panama bezeichnet.</p><p>�Ich habe
einen Mann, der sich gerade mit Angelegenheiten Panamas besch�ftigt. Es wird
dort nicht schwierig sein - sie haben nur drei Wagen in England.�</p><p>�Battersea
ist nicht weit weg�, fuhr er fort. �Wir k�nnten rasch einen Sprung hin�ber
machen. In Ihrem Wagen.�</p><p>Selbstverst�ndlich,
selbstverst�ndlich�, sagte Smiley schnell. �Und dann k�nnen wir in Kensington
dinieren. Ich werde einen Tisch im &gt;Entrechat&lt; bestellen.�</p><p>Es war
jetzt vier. Sie blieben noch eine Weile sitzen und plauderten in ziemlich
oberfl�chlicher Weise �ber Bienen und Haushalt. Mendel war ganz gel�st, w�hrend
Smiley noch immer unbeholfen und bedr�ckt versuchte, einen Modus zu finden, um
beim Sprechen nicht immer Weisheiten von sich zu geben. Er konnte sich
ausmalen, was Ann �ber Mendel gesagt h�tte. Sie w�re begeistert von ihm
gewesen, h�tte eine Pers�nlichkeit aus ihm gemacht, eine besondere Stimme und
ein eigenes Gesicht bereit gehabt, um ihn nachzuahmen, h�tte eine Geschichte
von ihm gemacht, bis er in ihr Leben gepa�t h�tte und kein R�tsel mehr gewesen
w�re. Darling, wer h�tte gedacht, da� er so gem�tlich sein kann! Der letzte
Mensch, von dem ich mir erwartet h�tte, da� er mir sagen k�nnte, wo ich billig
Fische kaufen kann. Und was f�r ein reizendes kleines Haus. Ihm ist es
gleichg�ltig - er mu� doch wissen, da� Deckel-Bierkr�ge Kitsch sind, aber es
k�mmert ihn nicht. Ich finde, er ist ein Schatz. Frosch, lade ihn doch zum
Dinner ein. Das mu�t du tun. Nicht, weil wir �ber ihn lachen wollen, sondern
weil wir ihn gern haben. Er h�tte ihn nat�rlich nicht eingeladen, aber Ann w�re
zufrieden gewesen - sie h�tte einen Weg gefunden, ihn gern zu haben. Und dann
h�tte sie ihn vergessen.</p><p>Das war
es, was Smiley sich w�nschte, eine M�glichkeit, Mendel gern zu haben. Er war
nicht so geschickt wie Ann, eine zu finden. Aber Ann war Ann - einmal
ermordete sie einen Neffen aus Eton fast, weil er zu Fisch Bordeaux trank, aber
wenn Mendel sich bei ihren <emphasis>crepes suzette </emphasis>die Pfeife
angez�ndet h�tte, dann w�rde sie es wahrscheinlich nicht beachtet haben.</p><p>Mendel
machte wieder Tee, und sie tranken ihn. Um etwa viertel nach f�nf brachen sie
in Smileys Wagen nach Battersea auf. Auf dem Weg kaufte Mendel eine
Abendzeitung. Er las sie unter Schwierigkeiten im Lichte der Stra�enlampen.
Nach ein paar Minuten fuhr er gereizt auf: �Krauts, verdammte Krauts. Gott,
wie ich sie hasse!�</p><p>�Krauts?�</p><p>�Ja,
Krauts. Diese Hunnen, diese Jerries, verdammte Deutsche! Nicht einmal Sixpence
w�rde ich f�r alle miteinander geben. Blutd�rstige, dreckige Hammel. Pr�geln
schon wieder auf die Juden los. Und wir waren dr�ben. Haben sie niedergehauen
und wieder auf die Beine gestellt. Vergeben und vergessen. Warum, zum Teufel,
vergessen, das m�chte ich wissen! Warum Dieberei, Raub und Mord vergessen, nur
weil sie von Millionen begangen worden sind? Herrgott, wenn irgend so eine arme
kleine Null von einem nur zehn Shilling mitgehen l��t, dann ist die ganze
Polizei der Hauptstadt hinter ihr her. Aber Krupp und das ganze Gesindel -
nein, da nicht. Verdammt noch einmal, wenn ich in Deutschland ein Jude w�re,
dann w�rde ich . . .�</p><p>Smiley war
pl�tzlich hellwach: �Was w�rden Sie dann tun? Was t�ten Sie dann, Mendel?�</p><p>�Ach,
vermutlich nichts. Politik ist heutzutage Statistik. Es ist bl�dsinnig, ihnen
H-Bomben zu geben, also ist es Politik. Und dann da dr�ben die Yanks -
Millionen von verfluchten Juden in Amerika. Und was tun sie? Zum Teufel, sie
geben den Krauts noch mehr Bomben. Alle diese Kerle zusammen - sollten sich
gegenseitig in die Luft jagen.�</p><p>Mendel
zitterte vor Wut, und Smiley schwieg eine Weile, w�hrend er an Elsa Fennan
dachte.</p><p>�Und wie
sieht die L�sung aus?� fragte er, nur um etwas zu sagen.</p><p>�Das wei�
Gott allein�, antwortete Mendel wild.</p><p>Sie bogen
in die Battersea Bridge Road ein und hielten neben einem Schutzmann, der auf
dem Gehsteig stand. Mendel zeigte ihm seine Polizeilegitimation.</p><p>�Scarrs
Garage? Na, es ist kaum eine Garage, nur ein Hof. Haupts�chlich Altmetalle und
gebrauchte Wagen. Wenn sie f�r den einen nicht mehr gut genug sind, dann sind
sie es f�r den anderen, sagt Adam. Fahren Sie die Prince of Wales Drive
hinunter, bis Sie zum Spital kommen. Dort ist es, zwischen ein paar Baracken.
Eigentlich ein Bombenareal. Der alte Adam hat den Platz mit ein bi�chen
Schlacke planiert, und bisher hat ihn noch niemand hinausgeschmissen. �</p><p>�Sie
scheinen eine Menge �ber ihn zu wissen�, sagte Mendel.</p><p>�Sollte
ich, sollte ich. Ich habe ihn schon ein paarmal eingebuchtet. Steht nicht viel
im Gesetzbuch, was Adam nicht auf dem Kerbholz hat. Er ist eines von unseren
winterharten Dauergew�chsen, das kann ich Ihnen sagen.�</p><p>�Na gut.
L�uft gerade etwas gegen ihn?�</p><p>�K�nnte
ich nicht sagen. Aber wegen illegaler Wetten kann ich ihn jederzeit hochgehen
lassen. Er f�llt eigentlich schon l�ngst unter den Akt.�</p><p>Sie fuhren
weiter zum Battersea-Spital. Der Park zu ihrer Rechten sah hinter den
Stra�enlaternen dunkel und drohend aus.</p><p>�Was soll
das hei�en, er f�llt unter den Akt?�</p><p>�Ach, er
hat nur einen Scherz gemacht. Es hei�t, da� jemandes Strafregister schon so
lang ist, da� er in Pr�ventivhaft genommen werden kann - jahrelang. Es klingt
ganz, als w�re der mein Typ�, fuhr Mendel fort. ��berlassen Sie ihn nur mir.�</p><p>Sie fanden
den Hof, wie es ihnen der Schutzmann beschrieben hatte, zwischen zwei
halbverfallenen Baracken und einer Reihe von Schuppen, die auf dem
ausgebombten Terrain errichtet worden waren. Bauschutt, Ziegel und Mist lagen
�berall herum. Tr�mmer von Asbest, Holz und Alteisen, die Mr. Scarr offenbar
f�r den Wiederverkauf oder zum Herrichten erstanden hatte, waren in der einen
Ecke aufgestapelt, tr�b beleuchtet von einem schwachen Licht, das aus der
entfernteren Baracke drang. Die beiden M�nner sahen sich eine Weile schweigend
um. Dann zuckte Mendel die Achsel, steckte zwei Finger zwischen die Lippen und
stie� einen schrillen Pfiff aus.</p><p>�Scarr!�
br�llte er. Es blieb ruhig. Das Au�enlicht an der Baracke leuchtete auf, und
drei oder vier Wagen aus der Zeit vor dem Krieg und in verschiedenen Stadien
der Aufl�sung wurden schwach sichtbar.</p><p>Die T�r
ging langsam auf, und ein M�dchen von etwa zw�lf Jahren stand auf der Schwelle.</p><p>�Ist dein
Vater zu Hause, Kleine?� fragte Mendel.</p><p>�Nee, der
ist im Prod', glaub' ich.�</p><p>�Gut,
Kleine, danke sch�n.�</p><p>Sie gingen
zur Stra�e zur�ck.</p><p>�Was in
aller Welt ist das Prod'? Oder darf man das vielleicht nicht einmal fragen?�
erkundigte sich Smiley.</p><p>�&gt;Prodigal's
Calf&lt;, ein Gasthaus um die Ecke. Wir k�nnen gehen. Es ist nur hundert Meter
weit. Den Wagen lassen wir hier.�</p><p>Das Lokal
hatte gerade aufgemacht. An der Theke war noch niemand, und w�hrend sie auf das
Erscheinen des Wirtes warteten, ging die T�r auf, und ein sehr fetter Mensch
in einem schwarzen Anzug kam herein. Er ging geradewegs zur Theke und begann,
mit einem F�nfshillingst�ck draufzuklopfen.</p><p>�Wilf�,
schrie er, �nimm die Finger raus. G�ste sind da, du Gl�ckspilz.� Er drehte sich
Smiley zu. �'n Abend, Kumpel.�</p><p>Aus dem
Hintertrakt des Wirtshauses antwortete eine Stimme: �Sag ihnen, sie sollen ihr
Geld bei der Kasse auf den Tisch legen und sp�ter kommen.�</p><p>Der Dicke
sah Mendel und Smiley einen Augenblick erstaunt an und brach pl�tzlich in
br�llendes Gel�chter aus. �Die nicht, Wilf - die sind im Dienst!� Der Witz
gefiel ihm so gut, da� er sich zum Schlu� auf die Bank setzen mu�te, die an der
Wand um den Raum lief. Er schlug sich mit den H�nden auf die Schenkel, seine
m�chtigen Schultern sch�ttelte es direkt, so lachte er, und die Tr�nen rannen
ihm �ber die Wangen. Zwischendurch, wenn er Atem holte, bevor ein neuer
Lachanfall kam, sagte er: �Ogott-ogottogott.�</p><p>Smiley sah
ihn interessiert an. Er trug einen sehr schmutzigen steifen wei�en Kragen mit
abgerundeten Ecken, eine gebl�mte rote Krawatte, die mit einer Nadel sorgf�ltig
au�en auf der schwarzen Weste befestigt war, Milit�rstiefel und einen
abgeschabten, sehr fadenscheinigen Anzug, an dessen Hose nicht einmal die Spur
einer B�gelfalte zu sehen war. Seine Manschetten waren schwarz von Schwei�,
Schmutz und Schmier�l und wurden von B�roklammern zusammengehalten.</p><p>Der Wirt
erschien und nahm ihre Bestellung entgegen. Der Dicke kaufte sich einen gro�en
Whisky mit Ingwerwein und ging damit sofort in das Gastzimmer, wo ein
Kohlenfeuer brannte. Der Wirt beobachtete ihn mi�billigend.</p><p>�Das sieht
ihm wieder �hnlich, dem gemeinen Kerl. Die Preise im Gastzimmer will er nicht
zahlen, aber das Feuer pa�t ihm.�</p><p>�Wer ist
es denn?� erkundigte sich Mendel.</p><p>�Er? Scarr
hei�t er. Adam Scarr. Der Teufel wei�, warum er Adam hei�t. Wenn man sich ihn
im Garten Eden vorstellt, das ist wohl verdammt komisch, der Teufel soll mich
holen. Hier in der Gegend sagt man, wenn Eva ihm den Apfel geben w�rde, dann
w�rde er das dreckige Kerngeh�use auch mitfressen.� Der Wirt fuhr sich mit der
Zunge �ber die Z�hne und sch�ttelte den Kopf. Dann schrie er Scarr zu: �Aber
trotzdem bist du gut f�r das Gesch�ft, nicht wahr, Adam? Die Leute kommen
verdammt weit her, um dich zu sehen, stimmt's? Du Teenage-Monstrum aus dem
Weltraum. Ja, das bist du, der Teufel soll mich holen. Kommen Sie herein und
staunen Sie. Adam Scarr: Ein Blick, und Sie unterschreiben, da� Sie nie mehr
saufen werden!�</p><p>Wieder
folgte ein schallendes Gel�chter. Mendel beugte sich zu Smiley hin�ber. �Gehen
Sie lieber und warten Sie im Wagen. - Da halten Sie sich lieber heraus. Haben
Sie einen F�nfer bei der Hand?�</p><p>Smiley gab
ihm aus seiner Brieftasche f�nf Pfund, nickte zustimmend und ging hinaus. Er
konnte sich nichts Schrecklicheres vorstellen, als es mit Scarr zu tun zu
bekommen.</p><p>�Sind Sie
Scarr?� fragte Mendel.</p><p>�Richtig,
Kumpel.�</p><p>�TRX 0891.
Ist das Ihr Wagen?�</p><p>Mr. Scarr
warf einen finsteren Blick auf seinen Whisky mit Ingwer. Die Frage schien ihn
traurig zu machen.</p><p>�Also?�
sagte Mendel.</p><p>�War es
Chef, war es.�</p><p>�Was, zum
Teufel, meinen Sie?�</p><p>Scarr hob
seine rechte Hand ein St�ck und lie� sie dann langsam wieder sinken. �Eine
dunkle Geschichte, Chef, eine tr�be Geschichte.�</p><p>�So, jetzt
h�ren Sie mir einmal zu. Ich habe gr��ere Fische zu braten, als Sie sich je
tr�umen lassen. Ich bin nicht aus Glas, verstanden? Mir imponiert das Gesch�ft,
das Sie da machen, verdammt wenig. Also, wo ist der Wagen?�</p><p>Scarr
schien �ber den Sinn dieser Rede nachzudenken. �Aha, jetzt geht mir ein Licht
auf, Kumpel. Sie wollen eine Information.�</p><p>�Nat�rlich,
zum Teufel.�</p><p>�Es sind
harte Zeiten, Chef. Die Lebenskosten, mein Lieber, gehen hoch wie eine Rakete.
Information ist eine Ware, eine verk�ufliche Ware, hab' ich nicht recht?�</p><p>�Sie sagen
mir, wer den Wagen gemietet hat, und Sie werden nicht verhungern.�</p><p>�Ich
verhungere auch jetzt nicht, Kumpel. Aber ich will besser essen.�</p><p>�Ein
F�nfer.�</p><p>Scarr
trank aus und stellte sein Glas ger�uschvoll auf den Tisch zur�ck. Mendel stand
auf und besorgte ihm ein neues.</p><p>�Er ist
geklaut worden. Ein paar Jahre habe ich ihn f�r Selbstfahrer vermietet,
verstehen Sie. Auf Depo.�</p><p>�Auf was?�</p><p>�Na, Depo,
Kaution. Irgendein Kerl will einen Wagen f�r einen Tag. Man nimmt zwanzig Pfund
Kaution in bar, ja? Wenn er zur�ckkommt, ist er Ihnen vierzig Shilling
schuldig, stimmt's? Sie geben ihm einen Scheck �ber achtunddrei�ig Pfund,
schreiben ihn als Verlust in Ihre B�cher, und die Sache ist einen Zehner wert.
Kommen Sie mit?�</p><p>Mendel
nickte.</p><p>�Na also,
vor drei Wochen ist so ein Bursche hereingekommen. Ein langer Schotte. Mit
Pinke-pinke. Einen Stock hat er getragen. Er hat das Depo bezahlt, den Wagen
mitgenommen, und weder ihn noch den Wagen habe ich wiedergesehen. Einfach
Diebstahl.�</p><p>�Warum
haben Sie es nicht bei der Polizei gemeldet?�</p><p>Scarr
antwortete nicht und trank wieder aus seinem Glas. Er sah Mendel traurig an.</p><p>�Dagegen
h�tten viele Gr�nde gesprochen, Chef.�</p><p>�Soll das
hei�en, da� Sie ihn selbst gestohlen hatten ?�</p><p>Scarr
machte ein erschrockenes Gesicht. �Ich habe inzwischen unangenehme Ger�chte
�ber die Leute, von denen ich den Wagen gekauft habe, geh�rt. Mehr will ich
nicht sagen�, f�gte er fromm hinzu.</p><p>�Wie Sie
den Wagen hergeliehen haben, hat er doch Formulare ausf�llen m�ssen,
Versicherung und so weiter, nicht wahr? Wo sind die?�</p><p>�Falsch,
alles falsch. Er hat mir eine Adresse in Ealing angegeben. Ich bin hin, aber
sie hat nicht existiert. Bestimmt war der Name auch geflunkert.�</p><p>Mendel
drehte das Geld in der Tasche zu einer Rolle und reichte es Scarr �ber den
Tisch. Scarr entfaltete die Scheine, z�hlte sie ganz bewu�t vor den Blicken
aller, die hinsehen wollten.</p><p>�Ich wei�,
wo ich Sie finde�, sagte Mendel, �und ich wei� ein paar Sachen �ber Sie. Wenn
das ein Haufen Humbug ist, was Sie mir da verh�kert haben, dann werde ich Ihnen
Ihren verdammten Hals brechen.�</p><p>Es regnete
wieder, und Smiley bedauerte, da� er keinen Hut mithatte. Er �berquerte die
Stra�e, kam in die Seitengasse, in der Scarrs Unternehmen lag, und ging auf den
Wagen zu. In der Gasse war kein Mensch zu sehen, und es war merkw�rdig ruhig.
Zweihundert Meter weiter unten in der Stra�e schickte das kleine und nette
Allgemeine Krankenhaus von Battersea durch seine vorhanglosen Fenster viele
Strahlenb�ndel in die Nacht hinaus. Der Gehsteig war sehr na�, und das Echo
seiner Schritte knirschend und laut.</p><p>Er kam vor
die erste der beiden Baracken, die an Scarrs Hof lagen. Dort war ein Wagen mit
brennenden Standlichtern abgestellt. Neugierig ging Smiley von der Gasse weg
und darauf zu. Es war eine alte MG-Limousine, wahrscheinlich gr�n oder braun,
wie es vor dem Krieg so beliebt war. Das Nummernschild war fast nicht
beleuchtet und v�llig verschmutzt. Er b�ckte sich, um es zu entziffern, wobei
er dem Zeichen mit dem Zeigefinger folgte: TRX 0891. Nat�rlich, das war eine
der Nummern, die er sich heute vormittag aufgeschrieben hatte.</p><p>Er h�rte
hinter sich Schritte, drehte sich halb um und richtete sich auf. Er hatte
gerade begonnen, seinen Arm zu heben, als der Schlag fiel.</p><p>Es war ein
f�rchterlicher Schlag - er schien seinen Sch�del in zwei Teile zu spalten. Als
er fiel, konnte er das warme Blut f�hlen, das in Str�men �ber sein linkes Ohr
rann. �O Gott, nicht noch einmal�, dachte Smiley. Aber das �brige f�hlte er
kaum - nur eine Vision seines eigenen K�rpers, ganz weit weg, der langsam wie
Gestein zerbr�ckelt wurde. Zerbr�ckelt und zu Fragmenten zertr�mmert, und dann
war nichts mehr. Nichts als die W�rme seines eigenen Blutes, das �ber sein
Gesicht in die Schlacken rann, und in weiter Ferne das Pochen des
Steinbrechers. Aber nicht hier. Weit weg.</p><p><strong>Mr. Scarrs Geschichte </strong></p><p><strong/></p><p>Mendel sah
ihn an und fragte sich, ob er tot w�re. Er leerte die Taschen seines Mantels
und legte ihn behutsam �ber Smileys Schultern. Und dann rannte er wie ein
Wahnsinniger zum Spital, st�rzte durch die Dreht�r der Ambulanz in das
hellerleuchtete Innere des Hauses, das Tag und Nacht Betrieb hatte. Ein junger
farbiger Doktor machte Dienst. Mendel zeigte ihm seine Karte, schrie ihm irgend
etwas zu, nahm ihn am Arm und versuchte ihn hinauszuf�hren. Der Doktor l�chelte
geduldig, sch�ttelte den Kopf und telefonierte um einen Ambulanzwagen.</p><p>Mendel
lief die Stra�e zur�ck und wartete. Nach einigen Minuten kam der Rettungswagen,
und geschickte M�nner hoben Smiley auf und brachten ihn weg.</p><p>�Sein
Begr�bnis�, dachte Mendel, �das werde ich dieses Schwein blutig bezahlen
lassen.�</p><p>Er blieb
einen Augenblick stehen und starrte auf den feuchten Fleck von Dreck und
Schlacken, wo Smiley gest�rzt war. Das matte rote Leuchten der Deckenlichter
des Wagens zeigte ihm nichts. Der Boden war von den Schuhen der Sanit�ter
hoffnungslos zertreten worden, auch von einigen Bewohnern der Baracken, die
wie schattenhafte Geier gekommen und gegangen waren. Sie hatten Scherereien
nicht gerne.</p><p>�Verdammtes
Schwein�, zischte Mendel und ging langsam zum Gasthaus zur�ck.</p><p>Das
Gastzimmer f�llte sich allm�hlich. Scarr bestellte gerade noch einen. Mendel
packte ihn am Arm. Scarr drehte sich um und sagte: �Hallo, Kumpel, wieder da?
Nehmen Sie auch von dem Zeug, das Tantchen umgebracht hat.�</p><p>�Halt's
Maul�, sagte Mendel. �Ich mu� noch einmal mit dir reden. Komm raus!�</p><p>Mr. Scarr
sch�ttelte den Kopf und sog mitf�hlend an seinen Z�hnen.</p><p>�Kann ich
nicht, Kumpel, kann ich nicht. Gesellschaft.� Er deutete mit dem Kopf auf eine
achtzehnj�hrige Blondine mit fast wei� angestrichenen Lippen und einem
unwahrscheinlichen Busen, die v�llig bewegungslos an einem Ecktisch sa�. Ihre
getuschten Augen hatten einen dauernd erstaunten Ausdruck.</p><p>�H�r zu�,
fl�sterte Mendel, �in genau zwei Sekunden rei� ich dir die Ohren ab, du verlogener
Schei�kerl.�</p><p>Scarr
�bergab seine Getr�nke dem Wirt zur Obhut und ging langsam und w�rdevoll
hinaus. Das M�dchen sah er nicht an.</p><p>Mendel
f�hrte ihn durch die Gasse zu den Barakken. Das Standlicht von Smileys Wagen,
der achtzig Meter weiter auf der Stra�e stand, schien ihnen entgegen.</p><p>Sie gingen
in den Hof. Der MG war noch immer da. Mendel hielt Scarr fest am Arm, bereit,
ihm, wenn n�tig, den Unterarm nach hinten und nach oben zu drehen und ihm das
Schultergelenk zu brechen oder auszukugeln.</p><p>�Na also�,
rief Scarr mit offensichtlicher Freude, �da ist er ja wieder an den Busen
seiner Ahnen zur�ckgekehrt.�</p><p>Gestohlen,
nicht wahr?� sagte Mendel. �Gestohlen von einem gro�en Schotten mit einem
Spazierstock und einer Adresse in Ealing. Nett von ihm, ihn zur�ckzubringen,
nicht wahr? Eine freundliche Geste nach so langer Zeit. Du hast deinen
verdammten Markt falsch eingesch�tzt, Scarr.� Mendel bebte vor Wut. �Und warum
brennen die Standlichter? Mach schon die T�r auf.�</p><p>Scarr
drehte sich in der Dunkelheit zu Mendel um, und seine freie Hand tappte an
seinen Taschen nach den Schl�sseln. Er zog ein Bund von drei oder vier St�ck
heraus, ging sie mit den Fingern durch und sperrte endlich die Wagent�r auf.
Mendel stieg ein, fand den Schalter f�r die Innenbeleuchtung und machte Licht.
Er begann den Wagen methodisch zu durchsuchen. Scarr stand drau�en und wartete.</p><p>Er
arbeitete schnell, aber gewissenhaft. Handschuhfach, Sitze, Boden, Platz vor
dem Hinterfenster: nichts. Er sondierte mit der Hand die Kartentasche an der
T�r des Mitfahrers und zog eine Karte und einen Briefumschlag heraus. Das
Kuvert war lang und flach, von graublauer Farbe mit einem Leinendessin.
Kontinental, dachte Mendel. Draufgeschrieben war nichts. Er ri� es auf. Es
waren zehn alte F�nfpfundnoten drin und eine gew�hnliche Postkarte ohne Marke.
Mendel hielt sie ans Licht und las die mit Kugelschreiber und in
Blockbuchstaben geschriebene Mitteilung:</p><p>�Erledigt. Verkaufen Sie ihn.�</p><p>Eine Unterschrift fand sich nicht.</p><p>Er stieg
wieder aus und packte Scarr an den Ellbogen. Scarr trat schnell zur�ck.</p><p>�Was hast
du f�r ein Problem, Kumpel?� fragte er.</p><p>Mendel
sprach sanft. �Es ist nicht mein Problem, Scarr, es ist deines. Das verdammt
gr��te Problem, das du je gehabt hast. Mitschuld an Mord, versuchtem Mord,
Vergehen gegen den Official Secrets Act. Und dazu kannst du �bertretung der
Stra�enverkehrsordnung, Steuerhinterziehung und ungef�hr f�nfzehn andere
Anklagen hinzuf�gen, die mir einfallen werden, w�hrend du �ber dein Problem
auf einer Pritsche in der Gef�ngniszelle nachdenkst.�</p><p>�Einen
Augenblick, Polyp, wir wollen nicht �ber den Mond hinausschie�en. Um was
handelt es sich eigentlich? Wer, zum Teufel, redet hier von Mord?�</p><p>�Mach
deine Ohren auf, Scarr, du bist ein kleiner Mann, der von den Gro�z�gigen
profitiert hat. Na gut, jetzt bist du der Gro�z�gige. Ich rechne, da� es dich
f�nfzehn Jahre kosten wird.�</p><p>�Jetzt
halten Sie schon endlich das Maul.�</p><p>�Nein, das
werde ich nicht, kleiner Mann. Du steckst fest zwischen zwei Gro�en und bist
der Dumme. Und was werde ich tun? Ich werde mich verdammt krank lachen,
w�hrend du im Zuchthaus verrottest und dir deinen dicken Bauch anschaust.
Siehst du das Spital dort? Da stirbt gerade ein Bursche, der von deinem gro�en
Schotten umgebracht worden ist. Vor einer halben Stunde haben sie ihn hier in
deinem Hof, blutend wie ein Schwein, gefunden. Ein anderer wurde in Surrey tot
aufgefunden und, soviel ich wei�, einer in jeder verdammten Grafschaft hier im
Land. Also es ist dein Problem, du Trottel, nicht meines. Noch etwas! Du bist
der einzige, der wei�, wer er ist, nicht wahr? Er k�nnte vielleicht auf die
Idee kommen, ein bi�chen aufzur�umen, hast du kapiert?�</p><p>Scarr ging
langsam auf die andere Seite des Wagens. �Steigen Sie ein, Polyp�, sagte er.</p><p>Mendel sa�
hinter dem Steuer und schlo� die andere T�r von innen auf. Scarr setzte sich
neben ihn. Das Licht schalteten sie nicht ein.</p><p>�Ich habe
ein nettes Gesch�ft hier�, sagte Scarr ruhig, �die Einnahmen sind zwar klein,
aber regelm��ig. Oder waren es wenigstens, bis dieser Kerl dahergekommen ist.�</p><p>�Was f�r
ein Kerl?�</p><p>�Sch�n
langsam, Polyp, dr�ngeln Sie mich nicht. - Ich habe nicht an den Weihnachtsmann
geglaubt, bis ich ihn getroffen habe. Holl�nder, sagte er, sei er, und im
Diamantengesch�ft. Ich will nicht behaupten, da� ich ihm geglaubt habe, denn
Sie sind nicht aufs Hirn gefallen, und ich auch nicht. Ich habe nie gefragt,
was er treibt, und er hat es mir auch nie gesagt, aber ich vermutete, da� es
Schmuggel war. Geld zum Brennen hat er gehabt, das ist ihm aus den Fingern
geflogen wie das Laub von den B�umen im Herbst. &gt;Scarr&lt;, sagt er zu mir,
&gt;Sie sind ein Gesch�ftsmann. Ich habe Aufsehen nicht gern, noch nie gern
gehabt, und ich h�re, da� wir zwei V�gel mit gleichen Federn sind. Ich brauch'
einen Wagen. Nicht f�r immer, nur zum Ausleihen.&lt; Er hat es nicht ganz so
gesagt, wegen des Ausl�ndischen, aber das ist so ungef�hr der Sinn. Ich sage:
&gt;Was ist Ihr Vorschlag, machen Sie mir ein Angebote &gt;Gut&lt;, sagt er,
&gt;ich bin vorsichtig. Ich will einen Wagen, da� niemand an mich 'ran kann.
Wenn ich zum Beispiel einen Unfall h�tte. Kaufen Sie f�r mich einen Wagen,
Scarr, einen netten alten Wagen, der etwas unter der Haube hat. Aber auf Ihren
eigenen Namen&lt;, sagt er, &gt;und stellen Sie ihn f�r mich aufs Eis. Hier
sind f�nfhundert Pfund f�r den Anfang und zwanzig im Monat f�r die Garage. Und
dann gibt es extra was f�r jeden Tag, wenn ich ihn benutze. Aber, wie gesagt,
ich bin scheu, und Sie kennen mich nicht. Daf�r&lt;, sagt er, &gt;zahle ich:
da� Sie mich nicht kennen.�</p><p>Den Tag
werde ich nicht vergessen. Es hat in Str�men geregnet, und ich habe gerade am
Motor von einem alten Taxi herumgebastelt, das ich von einem Kerl in Wandsworth
gekauft hatte. Einem Buchmacher war ich vierzig Pfund schuldig, und die
Polente ist zudringlich geworden wegen eines Wagens, den ich auf Abstottern
gekauft und in Clapham verkloppt hatte.�</p><p>Mr. Scarr
holte tief Atem und blies dann die Luft wieder aus, mit einem Ausdruck von
komischer Resignation.</p><p>�Auf
einmal stand er hinter mir wie mein eigenes Gewissen und lie� Pfundnoten �ber
mich herunterregnen wie alte Totoscheine.�</p><p>�Wie hat
er ausgesehen?� erkundigte sich Mendel.</p><p>�Ziemlich
jung war er. Gro�er blonder Bursche, aber eiskalt, kalt wie die N�chstenliebe.
Seit damals habe ich ihn nie mehr gesehen. Er hat mir Briefe geschickt, die in
London aufgegeben und auf gew�hnlichem Papier mit der Maschine geschrieben
waren. Einfach nur: &gt;Seien Sie Montag abend bereit� oder: �Donnerstag abend�
und so. Es war alles genau ausgemacht. Ich habe den Wagen in den Hof gestellt,
fix und fertig und voll Sprit. Wann er zur�ck sein wird, hat er nie gesagt. Hat
ihn nur reingefahren bei Feierabend, oder sp�ter, die Standbeleuchtung brennen
lassen und ihn abgesperrt. In die Kartentasche hat er immer ein paar Pfund
gelegt, f�r jeden Tag, den er weg war.�</p><p>�Was war,
wenn was schiefgegangen ist, wenn man dich f�r irgend etwas anderes beim Kragen
hatte?�</p><p>�Er hat
mir eine Telefonnummer gegeben und gesagt, ich soll anrufen und nach jemandem
fragen.�</p><p>�Wie war
der Name?�</p><p>�Er hat
mir gesagt, ich soll mir einen aussuchen. Ich habe Blondie ausgesucht. Er hat
das nicht sehr komisch gefunden, aber wir sind dabei geblieben. Die Nummer war
Primrose 0098.�</p><p>�Hast du
sie einmal gebraucht?�</p><p>�Ja, vor
ein paar Jahren. Ich wollte zur Erholung zehn Tage nach Margate. Da habe ich
mir gedacht, es ist besser, da� ich ihm das sage. Ein M�dchen war am Telefon -
nach der Stimme auch eine Holl�nderin. Sie hat gesagt, Blondie ist in Holland,
und sie wird die Botschaft �bernehmen. Aber dann sp�ter habe ich mir die M�he
nicht mehr gemacht.�</p><p>�Warum
nicht?�</p><p>�Es ist
mir aufgefallen, verstehen Sie, da� er immer alle vierzehn Tage, immer am
ersten und dritten Dienstag gekommen ist, au�er im Januar und Februar. Diesmal
ist er zum erstenmal im Januar gekommen. Er hat den Wagen meistens am
Donnerstag zur�ckgebracht. Komisch, da� er heute abend gekommen ist. Aber
jetzt ist es ja aus mit ihm, oder?� Scarr hielt die Karte, die ihm Mendel
gegeben hatte, in seiner riesigen Hand.</p><p>�Ist er
eigentlich manchmal weggeblieben? L�ngere Zeit?�</p><p>�Im Winter
war er mehr weg. Im Januar ist er nie gekommen, auch im Februar nicht. Wie ich
gesagt habe.�</p><p>Mendel
hatte die f�nfzig Pfund noch in der Hand. Er warf sie Scarr auf den Scho�.</p><p>�Bilde dir
jetzt nicht ein, da� du Schwein gehabt hast. Ich m�chte nicht in deinen Schuhen
stecken, nicht einmal f�r zehnmal soviel Geld. Ich werde wiederkommen.�</p><p>Mr. Scarr
sah beunruhigt aus.</p><p>�Ich h�tte
nicht gepfiffen�, sagte er, �aber ich will da in nichts hineinverwickelt
werden, verstehen Sie. Schon gar nicht, wenn das alte Land dabei zu Schaden
kommen w�rde, nicht wahr, Chef?�</p><p>�Ach,
jetzt halt doch schon endlich den Mund�, sagte Mendel. Er war m�de. Er nahm die
Karte wieder an sich, stieg aus und ging in der Richtung zum Spital weg.</p><p>Dort gab
es nichts Neues. Smiley war noch immer bewu�tlos. Man hatte das C.I.D.
benachrichtigt und riet Mendel, seinen Namen und seine Adresse zu hinterlassen
und nach Hause zu gehen. Das Spital w�rde anrufen, wenn es etwas Neues g�be.
Nach langem Hin- und Herreden bekam Mendel endlich den Schl�ssel zu Smileys
Wagen von der Schwester.</p><p>Da� ich in
Mitcham wohne, ist doch zu bl�d, dachte er.</p><p><strong>Erw�gungen in einem Krankenzimmer </strong></p><p><strong/></p><p>Er ha�te
das Bett wie ein Ertrinkender das Meer. Und die Bett�cher, die ihn so
festhielten, da� er weder Hand noch Fu� bewegen konnte.</p><p>Und das
Zimmer ha�te er, weil er davor Angst hatte. Bei der T�r stand ein kleiner
Rollwagen mit Instrumenten drauf, Scheren, Verbandzeug, Flaschen, unheimliche
Gegenst�nde, die den Schrecken des Unbekannten an sich hatten, das zur letzten
Kommunion in wei�es Leinen geh�llt war. Da gab es Gef��e, gro�e, die halb mit
T�chern bedeckt waren und wie wei�e Adler aussahen, die darauf warteten, seine
Eingeweide zu zerrei�en, und kleine Gl�ser, in denen Gummischl�uche wie
Schlangen zusammengerollt waren. Er ha�te das alles, und er hatte Angst. Es war
ihm hei�, und der Schwei� rann ihm herunter, er fror schwei�gebadet, und der
Schwei� lief ihm wie kaltes Blut in gro�en Tropfen �ber die Rippen. Tag und
Nacht l�sten einander ab, ohne da� es f�r Smiley einen Unterschied gemacht
h�tte. Er k�mpfte einen ununterbrochenen Kampf gegen den Schlaf, denn wenn er
die Augen schlo�, schienen sie sich nach innen dem Chaos in seinem Hirn
zuzuwenden. Und wenn ihm manchmal, einfach nur durch ihr Gewicht, die
Augenlider heruntersanken, dann nahm er alle seine Kraft zusammen, um sie
wieder in die H�he zu bringen und auf das fahle Licht zu starren, das irgendwo
�ber ihm flimmerte.</p><p>Dann kam
der gesegnete Tag, an dem irgendwer die Gardinen hochgezogen haben mu�te und
das graue Licht des Winters hereinlie�. Er h�rte den Verkehr drau�en und
wu�te, da� er leben w�rde.</p><p>So wurde
also das Problem des Sterbens wieder ein akademisches - eine Schuld, deren
Begleichung er aufschieben w�rde, bis er reich war und selber zahlen konnte.
Sein Geist war wunderbar klar und wanderte wie Prometheus durch seine ganze
Welt. Wo hatte er denn das geh�rt: �Vom K�rper trennt sich dann der Geist, und
er regiert in einem Reiche von Papier . . .?� Das Licht �ber ihm wurde ihm
langweilig, und er w�nschte, da� es mehr zu sehen g�be. Auch die Weintrauben,
der Geruch von Honig und Blumen und die Schokoladen langweilten ihn. Er
w�nschte sich B�cher und literarische Zeitschriften. Wie konnte er auf dem
laufenden bleiben, wenn sie ihm keine B�cher gaben? Diese seine spezielle
Periode wurde ohnedies wissenschaftlich so wenig erforscht, es gab so wenig
sch�pferische kritische Abhandlungen �ber das siebzehnte Jahrhundert.</p><p>Es dauerte
drei Wochen, bevor man Mendel erlaubte, ihn zu besuchen. Er kam mit einem
neuen Hut in der Hand hinein und hatte ein Buch �ber Bienen mit. Er legte den
Hut auf das Fu�ende des Bettes und das Buch auf das Nachttischchen und grinste.</p><p>�Ich habe
Ihnen ein Buch gekauft�, sagte er. ��ber Bienen. Das sind gescheite kleine
Kerle. Vielleicht interessiert es Sie.�</p><p>Er setzte
sich auf die Bettkante. �Ich habe einen neuen Hut. Total verr�ckt. Zur Feier
meiner Pensionierung.�</p><p>�Ach ja.
Das habe ich ganz vergessen. Sie sind ja auch in der Ablage.� Sie lachten beide
und schwiegen dann.</p><p>Smiley
zwinkerte mit den Augen. �Ich f�rchte, ich sehe Sie nicht recht deutlich im
Augenblick. Ich darf meine alten Gl�ser nicht mehr tragen. Sie besorgen mir
neue.� Er machte eine Pause. �Wissen Sie, wer es war? Wissen Sie das?�</p><p>�Vielleicht.
Kommt darauf an. Ich glaube, ich habe eine Spur. Aber ich wei� nicht genug, das
ist das Bl�de. �ber Ihre Arbeit, meine ich. Sagt Ihnen die Ostdeutsche
Stahl-Mission irgend etwas?�</p><p>�Ich
glaube schon, ist vor vier Jahren hergekommen. Wollte mit der Handelskammer
Verbindung aufnehmen.�</p><p>Mendel
erz�hlte von seiner Unterhaltung mit Mr. Scarr. �. . . sagte, er sei Holl�nder.
Die einzige Kontaktm�glichkeit war eine Telefonnummer: Primrose .. . Ich habe
festgestellt, wer der Teilnehmer ist. Steht als Ostdeutsche Stahl-Mission im
Telefonbuch, in Belsize Park. Ich habe jemanden hingeschickt, der ein wenig
herumschn�ffeln sollte. Sie sind weg. Nichts mehr dort, keine M�bel, �berhaupt
nichts. Nur das Telefon. Und das ist aus der Wand gerissen.�</p><p>�Wann sind
sie denn weg?�</p><p>�Am 3.
Januar, demselben Tag, an dem Fennan umgebracht worden ist.� Er sah Smiley
vielsagend an.</p><p>Smiley
dachte einen Augenblick nach und sagte dann:</p><p>�Setzen
Sie sich mit Peter Guillam im Verteidigungsministerium in Verbindung und
bringen Sie ihn morgen her. Wenn n�tig, mit Gewalt.�</p><p>Mendel
nahm seinen Hut und ging zur T�r. �Auf Wiedersehen�, sagte Smiley, �danke f�r
das Buch.�</p><p>�Also dann
morgen. Auf Wiedersehen.� Mendel ging.</p><p>Smiley
sank auf sein Bett zur�ck. Der Kopf schmerzte ihn. Zu dumm, ich habe mich nicht
f�r den Honig bedankt. Und er war sogar von Fortnum gewesen.</p><p>Was hatte
der Weckanruf zu bedeuten? Das besch�ftigte ihn mehr als alles andere. Es ist
eigentlich zu bl�d, dachte Smiley, aber von allen ungekl�rten Umst�nden
zerbrach er sich dar�ber am meisten den Kopf.</p><p>Elsa
Fennans Erkl�rung war so dumm, so auf den ersten Blick v�llig unwahrscheinlich
gewesen. Ann, ja, die h�tte es zustande gebracht, da� die ganze Telefonzentrale
k�pf stand, wenn sie dazu aufgelegt war, aber auf keinen Fall Elsa Fennan.
Nichts in ihrem wachen, intelligenten kleinen Gesicht, nichts an ihrer
vollkommenen Selbst�ndigkeit unterst�tzte ihre l�cherliche Behauptung, sie sei
zerstreut. Sie h�tte sagen sollen, da� die Zentrale sich wahrscheinlich geirrt
habe, an einem verkehrten Tag angerufen, irgend etwas anderes. Fennan ja, der
war zerstreut gewesen. Das war einer der merkw�rdigen Widerspr�che in Fennans
Charakterbild, der sich bei den Nachforschungen vor der Einvernahme
herausgestellt hatte. Er las begierig Wildwest-Romane und spielte
leidenschaftlich Schach. Er war Musiker und in seiner Freizeit ein Philosoph,
ein tiefer Denker - aber zerstreut. Einmal hatte es seinetwegen ein f�rchterliches
Theater gegeben, als er geheime Akten aus dem Au�enamt mitnahm. Es stellte sich
dann heraus, da� er sie zusammen mit der &gt;Times&lt; und der Abendzeitung in
seine Aktentasche gesteckt hatte, bevor er nach Walliston heimfuhr.</p><p>Hatte Elsa
Fennan in ihrer Panik sich in das M�ntelchen ihres Mannes geh�llt? Oder in das
Motiv ihres Mannes? Hatte Fennan den Anruf bestellt, um sich selber an etwas zu
erinnern, und hatte Elsa das Motiv geborgt? Wenn das so war, woran mu�te Fennan
sich erinnern lassen - und was wollte seine Frau so verzweifelt verbergen?</p><p>Samuel
Fennan. In ihm trafen sich die neue Welt und die alte. Der ewige Jude,
kultiviert, kosmopolitisch, selbstentschlossen, flei�ig und aufnahmef�hig. F�r
Smiley ganz au�ergew�hnlich anziehend. Ein Kind seines Jahrhunderts. Verfolgt
wie Elsa und aus seiner Wahlheimat Deutschland an die Universit�t nach England
vertrieben. Einfach nur durch seine Begabung hatte er alle Nachteile und
Vorurteile wettgemacht und war schlie�lich in das Au�enamt eingetreten. Es war
eine bemerkenswerte Leistung gewesen, die er nichts anderem verdankte als
seinen brillanten F�higkeiten. Und wenn er ein wenig eingebildet war und nicht
geneigt, die Entscheidung primitiverer Geister abzuwarten, wer konnte ihm
daraus einen Vorwurf machen? Es hatte einiges Stirnrunzeln gegeben, als er
sich f�r ein geteiltes Deutschland aussprach, aber die Aufregung hatte sich
wieder gelegt, er war in eine asiatische Abteilung versetzt worden, und die
Aff�re war vergessen. Im �brigen war er fast �bertrieben gener�s gewesen und
beliebt, in Whitehall wie in Surrey, wo er jedes Wochenende einige Stunden im
Dienste der N�chstenliebe arbeitete. Sein gr��tes Vergn�gen war das Skilaufen
gewesen. Jedes Jahr nahm er seinen ganzen Urlaub auf einmal und verbrachte
sechs Wochen in der Schweiz oder in �sterreich. Deutschland hatte er nur ein
einziges Mal besucht, erinnerte sich Smiley. Vor etwa vier Jahren, zusammen mit
seiner Frau.</p><p>Es war
ganz nat�rlich gewesen, da� Fennan sich in Oxford der Linken anschlo�. Es war
die gro�e Bl�tezeit des Kommunismus an den Universit�ten, und die Gr�nde daf�r
konnte er, bei Gott, verstehen: der Aufstieg des Faschismus in Deutschland und
Italien, der Einmarsch Japans in die Mandschurei, der Aufstand Francos in
Spanien, die Depression in Amerika und vor allem die Welle von Antisemitismus,
die �ber Europa ging. Es war unausbleiblich, da� Fennan ein Ventil f�r seinen
Zorn und eine Ablenkung suchen mu�te. �brigens war die Partei damals
respektabel. Die Mi�erfolge der Labour Party und der Koalitionsregierung
hatten viele Intellektuelle davon �berzeugt, da� allein die Kommunisten eine
effektive Alternative gegen�ber dem Kapitalismus und dem Faschismus zu bieten
h�tten. Es war die Begeisterung, die Stimmung heimlicher Verschw�rung und
Kameradschaft, die bei Fennans Charakter gez�ndet haben mu�ten und ihm Trost in
seiner Einsamkeit gegeben hatten. Es war die Rede davon gewesen, nach Spanien
zu gehen - einige waren wirklich gegangen und kehrten, wie Cornford aus
Cambridge, nie zur�ck.</p><p>Smiley
konnte sich den Samuel Fennan von damals gut vorstellen. Zerfahren und ernst,
brachte er seinen Kameraden ohne Zweifel die Erfahrung echten Leidens, war ein
Veteran unter Kadetten. Seine Eltern waren tot. Sein Vater war ein kleiner
Bankier gewesen, der in weiser Voraussicht in der Schweiz ein kleines Konto
angelegt hatte. Es war nicht viel gewesen, aber es reichte zur Not f�r das
Studium in Oxford und sch�tzte ihn vor dem kalten Wind der Armut.</p><p>Smiley
erinnerte sich ganz genau an sein Gespr�ch mit Fennan. Einer von vielen, aber
doch anders. Anders wegen der Sprache. Fennan war so pr�zis, so schnell, so
sicher. �Ihr gr��ter Tag�, hatte er erz�hlt, �war, als die Bergarbeiter kamen.
Sie kamen von Rhondda, verstehen Sie, und es kam den Genossen so vor, als w�re
der Geist der Freiheit mit ihnen von den H�geln heruntergestiegen. Es war ein
Hungermarsch. Es fiel der Gruppe gar nicht ein, da� die Marschierer vielleicht
wirklich hungrig sein k�nnten, aber ich dachte daran. Wir mieteten einen
Lastwagen, und die M�dchen machten Stew - in rauhen Mengen. Das Fleisch bekamen
wir billig von einem sympathisierenden Fleischer auf dem Markt. Dann fuhren
wir ihnen entgegen. Sie a�en das Stew und marschierten weiter. Sie haben uns eigentlich
nicht geliebt, verstehen Sie, sie trauten uns nicht recht.� Er lachte. �Sie
waren so klein - an das erinnere ich mich am meisten -, klein und schwarz wie
Kobolde. Wir hofften, da� sie singen w�rden, und das taten sie dann auch. Aber
nicht f�r uns, f�r sich selber. Das war damals das erste Mal, da� ich Waliser
gesehen habe.</p><p>Es hat
mich meine eigene Rasse besser verstehen lassen, glaube ich. Ich bin Jude,
sehen Sie.�</p><p>Smiley
hatte genickt.</p><p>�Sie
wu�ten nicht, was sie tun sollten, als die Waliser wieder fort waren. Was
macht man, wenn ein Traum wahr geworden ist? Damals verstanden sie, warum die
Partei keinen gro�en Wert auf Intellektuelle legte. Ich glaube, sie kamen sich
haupts�chlich recht nutzlos vor und waren besch�mt. Sie sch�mten sich ihrer
Betten, ihrer Zimmer, ihrer vollen B�uche und ihrer gescheiten Abhandlungen.
Auch ihrer F�higkeiten und ihrer Fr�hlichkeit. Sie redeten immer davon, wie
Keir Hardie, mit einem St�ck Kreide auf dem Kohlenfl�z schreibend, sich ganz
allein das Stenographieren beibrachte. Sie sch�mten sich, da� sie Papier und
Bleistift hatten. Aber es hat auch keinen Sinn, das Schreibzeug deshalb einfach
wegzuwerfen, nicht wahr. Das ist mir schlie�lich aufgegangen. Deshalb bin ich
wohl aus der Partei ausgetreten, glaube ich.�</p><p>Smiley
wollte ihn fragen, was er selbst gef�hlt habe, aber Fennan redete schon
weiter. Er hatte nichts mit ihnen gemein, das war ihm klar geworden. Sie waren
keine M�nner, sondern Kinder, die von Freiheitsfeuern, Zigeunermusik und einer
einheitlichen Welt von morgen tr�umten, auf wei�en Rossen �ber die Bucht von
Biskaya ritten oder mit kindischem Vergn�gen f�r hungernde Kobolde aus Wales
Bier kauften. Kinder, die nicht die Kraft hatten, der Sonne aus dem Osten
Widerstand zu leisten, und ihr gehorsam zu Tausenden ihre K�pfe zuwandten. Sie
liebten einander und glaubten, da� sie die Menschheit liebte, sie bek�mpften
einander und meinten, sie k�mpften gegen die Welt.</p><p>Bald hatte
er sie komisch und r�hrend gefunden. Ebensogut h�tten sie f�r Soldaten Socken
stricken k�nnen. Das Mi�verh�ltnis zwischen Traum und Wirklichkeit veranla�te
ihn, beide genau zu analysieren. Er konzentrierte seine ganze Energie auf
philosophische und historische Lekt�re, und zu seiner �berraschung fand er in
der geistigen Klarheit des Marxismus Trost und Frieden. Er erg�tzte sich an
seiner intellektuellen Unbarmherzigkeit, bewunderte seine Furchtlosigkeit bei
der akademischen Umkehrung traditioneller Werte. Schlie�lich war es das, und
nicht die Partei, was ihm in seiner Einsamkeit Kraft gab. Eine Philosophie, die
totale Hingabe an eine unangreifbare dogmatische Formel verlangte, die ihn
dem�tigte und inspirierte. Und als er endlich Erfolg, Wohlstand und Aufnahme
gefunden hatte, wandte er ihr traurig den R�cken wie einem Schatz, dem er
entwachsen war und mit den Tr�umen seiner Jugend in Oxford lassen mu�te.</p><p>So hatte
es Fennan geschildert, und Smiley hatte ihn verstanden. Es war kaum die
Geschichte von Zorn und Ressentiment, die Smiley erfahrungsgem�� bei solchen
Einvernahmen zu erwarten pflegten, aber (oder vielleicht eben deshalb) sie kam
ihm wirklicher vor. Und dann war da noch ein Punkt, im Zusammenhang mit der
Einvernahme, n�mlich Smileys �berzeugung, da� Fennan irgend etwas Wichtiges
unausgesprochen gelassen hatte.</p><p>Bestand
tats�chlich eine Verbindung zwischen dem Vorfall in Bywater Street und Fennans
Tod? Smiley machte sich den Vorwurf, �bers Ziel zu schie�en. Bei objektiver
Betrachtung gab es nichts au�er der zeitlichen Aufeinanderfolge der
Ereignisse, das angedeutet h�tte, da� Fennan und Smiley irgendwie zusammenhingen.</p><p>Das hei�t,
die zeitliche Aufeinanderfolge und das Gewicht von Smileys Intuition, Erfahrung
oder was sonst - dieses besonderen Sinnes, der ihn veranla�t hatte, zu
klingeln, statt seinen Schl�ssel zu gebrauchen, dieses Sinnes, der ihn
allerdings nicht gewarnt hatte, als hinter ihm in der Nacht ein M�rder mit
einem Bleirohr stand.</p><p>Die
Vernehmung war inoffiziell gewesen, das war richtig. Der Spaziergang im Park
erinnerte ihn mehr an Oxford als an Whitehall. Der Spaziergang im Park, das Caf�
in Millbank. Ja, es war auch in dem ganzen Verfahren ein Unterschied gegen
sonst, aber worauf lief das schon hinaus? Ein Beamter des Au�enamtes geht im
Park spazieren und spricht ernst mit einem kleinen unbekannten Mann . . . Au�er
nat�rlich, der kleine Mann war nicht so unbekannt.</p><p>Smiley
nahm eine Brosch�re zur Hand und begann auf dem Vorsatzblatt zu schreiben:</p><p>�Nehmen
wir an - was in keiner Weise bewiesen ist -, da� der M�rder Fennans und der
Mann, der Smiley zu ermorden versuchte, identisch sind. Welche Umst�nde
verkn�pften Smiley mit Fennan <emphasis>vor </emphasis>dessen
Tod?</p><p>1. Vor der
Vernehmung am Montag, dem 2. Januar, habe ich Fennan noch nie gesehen. Ich
habe im Department sein Dossier gelesen und gewisse Vorerhebungen gemacht.</p><p>2. Am 2.
Januar fuhr ich mit einem Taxi allein zum Au�enministerium. Das A. M. arrangierte
die Einvernahme, wu�te aber nicht, ich wiederhole, wu�te nicht im voraus, wer
sie durchf�hren w�rde. Fennan hatte deshalb vorher keine Kenntnis von meiner
Identit�t, ebenso niemand au�erhalb des Department.</p><p>3. Die
Unterredung zerfiel in zwei Teile: den ersten im A. M., bei dem Leute durch
das B�ro gingen und uns in keiner Weise beachteten, und den zweiten drau�en, wo
uns jeder beliebige beobachten konnte.�</p><p>Was war daraus zu schlie�en? Nichts, au�er . . .</p><p>Ja, das
war der einzig m�gliche Schlu�: . . . au�er, da� derjenige, der sie beisammen
sah, nicht nur Fennan, sondern auch Smiley kannte und auf ihr Zusammensein auf
das heftigste reagierte.</p><p>Warum? In
welcher Weise war Smiley gef�hrlich? Auf einmal gingen seine Augen ganz weit
auf. Nat�rlich in einer Weise, nur auf diese Weise - als Beamter des
Sicherheitsdienstes.</p><p>Er legte
seinen Bleistift hin.</p><p>Derjenige
also, der Sam Fennan get�tet hatte, war aufs �u�erste daran interessiert, da�
Fennan nicht mit einem vom Sicherheitsdienst sprechen sollte. Vielleicht jemand
im Au�enamt? Aber besonders jemand, der auch Smiley kannte. Vielleicht jemand,
der Fennan in Oxford gekannt hatte, als Kommunisten gekannt hatte. Einer, der
sich davor f�rchtete, blo�gestellt zu werden, der dachte, Fennan w�rde reden,
vielleicht schon geredet haben? Und wenn er geredet hatte, dann mu�te Smiley
nat�rlich beseitigt werden - und zwar schnell, bevor er seinen Bericht abliefern
konnte.</p><p>Das w�rde
den Mord an Fennan und den Anschlag auf Smiley erkl�ren. Das gab der Sache
einen gewissen Sinn, aber auch nicht sehr viel. Er baute sein Kartenhaus so
hoch es ging und hatte noch immer Karten in der Hand. Was war mit Elsa, ihren
L�gen, wie war sie hineinverwickelt, warum hatte sie Angst? Der Wagen, der
Anruf um halb neun? Wie war das mit dem anonymen Brief? Wenn der M�rder Angst
vor einem Kontakt zwischen Smiley und Fennan hatte, dann h�tte er doch wohl kaum
die Aufmerksamkeit auf Fennan gelenkt, indem er ihn denunzierte. Also wer?
Wer?</p><p>Er legte
sich zur�ck und schlo� die Augen. In seinem Kopf tobte es schon wieder.
Vielleicht konnte Peter Guillam helfen. Er war die einzige Hoffnung. Alles
begann sich um ihn zu drehen, und er hatte wieder f�rchterliche Schmerzen.</p><p><strong>Es wird aufger�umt </strong></p><p><strong/></p><p>Mendel f�hrte Peter Guillain in das Krankenzimmer und
grinste breit. �Hab' ihn�, sagte er.</p><p>Das
Gespr�ch war anfangs peinlich. Etwas gespannt, wenigstens f�r Guillam, mit
R�cksicht auf Smileys pl�tzlichen Austritt und die ungeh�rige Tatsache, da�
man sich in einem Krankenzimmer traf. Smiley trug eine blaue Bettjacke, sein
Haar war borstig und unordentlich, wegen des Verbandes, und er hatte noch
immer die Spur einer heftigen Quetschung an seiner linken Schl�fe.</p><p>Nach einer
ziemlich unangenehmen Pause sagte Smiley: �H�ren Sie, Peter, Mendel hat Ihnen
gesagt, was mir passiert ist. Sie sind der Fachmann - was wissen wir �ber die
Ostdeutsche Stahl-Mission?�</p><p>�Rein wie
frischgefallener Schnee, au�er da� sie so pl�tzlich verschwunden ist. Nur drei
Leute und ein Aufpasser dabei. Sie haben irgendwo in Hampstead ihre Zelte
aufgeschlagen. Niemand hat anfangs recht gewu�t, warum sie gekommen sind, aber
in den letzten vier Jahren haben sie recht anst�ndig gearbeitet.�</p><p>�Was waren
ihre Beziehungen?�</p><p>�Das wei�
Gott. Ich glaube, wie sie gekommen sind, haben sie gedacht, da� sie die
Handelskammer dazu �berreden k�nnten, etwas gegen die europ�ischen
Stahlkonzerne zu unternehmen, man hat ihnen aber die kalte Schulter gezeigt.
Dann besch�ftigten sie sich mit Konsularsachen, haupts�chlich Werkzeugmaschinen
und Fertigwaren, Austausch von industriellen und technischen Informationen und
so weiter. Das hat nichts mit dem Zweck zu tun, dessentwegen sie gekommen
sind, aber es ist weit annehmbarer, finde ich.�</p><p>�Was waren
es f�r Leute?�</p><p>�Ach, zwei
Techniker - Professor Doktor Sowieso und irgendein Doktor -, zwei M�dchen und ein
allgemeiner Aufpasser.�</p><p>�Wer war
der Wachhund?�</p><p>�Wei�
nicht. Irgendein junger Diplomat, der die Falten ausb�geln sollte. Wir haben
ihre Dossiers im Department. Ich kann Ihnen Details schicken, glaube ich.�</p><p>�Wenn es
Ihnen nichts ausmacht.�</p><p>�Das ist
doch selbstverst�ndlich.�</p><p>Wieder
entstand eine peinliche Pause. Smiley sagte: �Bilder w�ren eine wertvolle
Hilfe, Peter. Geht das?�</p><p>�Ja ja,
nat�rlich.� Guillam sah etwas verwirrt von Smiley weg. �Wir wissen eigentlich
nicht viel �ber die Ostdeutschen, verstehen Sie. Hier und dort bekommen wir
einzelne Bruchst�cke in die Hand, aber im gro�en und ganzen sind sie irgendwie
ein Mysterium. Wenn sie �berhaupt arbeiten, dann tun sie es nicht unter dem
Deckmantel von diplomatischen oder handelspolitischen Beziehungen. Deshalb ist
es merkw�rdig, wenn Sie bei diesem Burschen recht haben, da� er von der
Stahl-Mission kommt.�</p><p>�Aha�,
sagte Smiley ohne �berzeugung.</p><p>�Es ist
nat�rlich schwer, aus den wenigen verstreuten F�llen, die wir kennen,
allgemeine Schl�sse zu ziehen. Mein Eindruck ist der, da� sie ihre Agenten
direkt aus Deutschland her�berschicken und im Operationsgebiet selbst keinen
Kontakt zwischen �berwacher und Agenten haben.�</p><p>�Aber das
mu� sie doch schrecklich behindern�, rief Smiley. �Man mu� monatelang warten,
bis der Agent zu einem Treffpunkt au�erhalb des Landes, in dem er arbeitet,
reisen kann. Vielleicht hat er gar nicht den n�tigen Vorwand, um �berhaupt
fahren zu k�nnen.�</p><p>�'Sicher,
das mu� sie offensichtlich sehr behindern, aber ihre Ziele scheinen von so
geringf�giger Bedeutung zu sein. Am liebsten setzen sie Ausl�nder ein - Schweden,
Exilpolen und was wei� ich noch alles. Sie schicken sie mit kurzfristigen
Auftr�gen her�ber, wobei die Beschr�nktheit ihrer Technik nichts ausmacht. In
besonderen F�llen, in denen sie einen Agenten haben, der im Lande wohnt, haben
sie ein Kuriersystem, das dem der Sowjets entspricht.�</p><p>Jetzt
horchte Smiley auf.</p><p>�Wie
gesagt�, fuhr Guillam fort, �die Amerikaner haben vor ganz kurzer Zeit einen
Kurier abgefangen, und dabei haben wir ein bi�chen �ber die Methoden der DDR
gelernt.�</p><p>�Was, zum
Beispiel?�</p><p>�Ja, also,
sie warten nie bei einem Rendezvous, treffen sich nie zur besprochenen Zeit,
sondern zwanzig Minuten fr�her. Sie haben Erkennungszeichen - alle die
�blichen Verschw�rertricks, die das Drum und Dran zweitrangiger Spionage sind.
Auch mit Decknamen schusseln sie herum. Ein Kurier kann mit drei oder vier
Agenten Kontakt haben�� -�� ein�� Kontrollmann�� beaufsichtigt�� unter Umst�nden
bis zu f�nfzehn. Sie erfinden nie selber Decknamen f�r sich.�</p><p>�Wie
meinen Sie das? Das ist doch notwendig.�</p><p>�Sie
lassen den Agenten einen erfinden. Der Agent w�hlt einen Namen, irgendeinen
x-beliebigen Namen, der ihm pa�t, und der Kontrollmann nimmt ihn an. Auch so
ein Trick . . .� Er hielt inne und sah Mendel erstaunt an.</p><p>Mendel war
aufgesprungen.</p><p>Guillam
setzte sich wieder auf seinen Stuhl und �berlegte, ob er rauchen d�rfe.
Widerwillig kam er zu der Erkenntnis, da� das nicht gestattet w�re. Eine
einzige Zigarette h�tte ihm gen�gt.</p><p>�Also?� sagte
Smiley. Mendel hatte Guillam von seiner Unterredung mit Mr. Scarr berichtet.</p><p>�Es pa�t�,
sagte Guillam. �Das pa�t genau mit dem zusammen, was wir wissen. Aber wir
wissen nicht so viel. Wenn Blondie ein Kurier war, dann ist es au�ergew�hnlich
- wenigstens nach meiner Erfahrung -, da� er eine Handelsmission als
St�tzpunkt benutzte.�</p><p>�Sie haben
doch gesagt, da� die Mission seit vier Jahren hier war�, sagte Mendel. �Blondie
ist vor vier Jahren zum erstenmal zu Scarr gekommen.�</p><p>Einen
Augenblick sagte niemand etwas. Dann meinte Smiley ernst: �Es ist m�glich, da�
sie unter besonderen Arbeitsbedingungen ebenso einen St�tzpunkt wie Kuriere
gebraucht haben.�</p><p>�Ja
nat�rlich, wenn sie hinter einer wirklich gro�en Sache her waren, dann
vielleicht schon.�</p><p>�Das hei�t,
wenn es sich um einen Agenten in besonders hoher Stellung gehandelt h�tte?�</p><p>�Ja, so
ungef�hr.�</p><p>�Und wenn
wir annehmen, da� sie so einen Agenten hatten, einen Maclean oder Fuchs, dann
w�re es verst�ndlich, da� sie hier unter dem Deckmantel von Handelsbeziehungen
einen St�tzpunkt aufgemacht h�tten, der keine andere Funktion hatte, als dem
Agenten behilflich zu sein?�</p><p>�Ja, das
kann man sich vorstellen. Aber es ist schon etwas stark, George. Du
unterstellst, da� der Agent von au�erhalb dirigiert ist, von einem Kurier
bedient wird und der Kurier seinerseits durch die Mission, die auch
gleichzeitig der pers�nliche Schutzengel des Agenten ist. Das m��te schon ein
Agent von Format sein.�</p><p>�Das ist
zwar nicht genau das, was ich sagen will, aber ziemlich nah dran. Und ich gebe
zu, da� das System einen Agenten von gr��ter Wichtigkeit voraussetzt. Vergessen
Sie nicht, da� Blondie nur nach seiner eigenen Aussage von drau�en gekommen
ist.�</p><p>Jetzt
mischte sich Mendel ein: �Dieser Agent, h�tte der direkten Kontakt mit der
Mission?�</p><p>�Nein,
nein, um Gottes willen�, sagte Guillam. �Aber er h�tte f�r den Notfall
wahrscheinlich irgendeine M�glichkeit, sich mit ihr in Verbindung zu setzen -
einen Telefoncode oder etwas �hnliches.� '</p><p>�Wie
funktioniert so etwas?� fragte Mendel.</p><p>�Das ist
verschieden. Vielleicht der Trick mit der falschen Nummer. Man w�hlt die Nummer
in einem Automaten und verlangt, mit George Brown zu sprechen, und bekommt die
Antwort, da� es dort keinen George Brown gibt. Man entschuldigt sich und h�ngt
auf. Zeit und Treffpunkt sind vorher vereinbart. Das Notsignal ist in dem Namen
enthalten, um den man fragt. Es wird jemand dort sein.�</p><p>�Welche
anderen Aufgaben h�tte die Mission noch?� erkundigte sich Smiley.</p><p>�Schwer zu
sagen. Vielleicht die Bezahlung. Einrichtung einer Stelle, wo die Berichte
abgegeben werden k�nnen. Alle diese Arrangements w�rde nat�rlich der �berwacher
f�r den Agenten machen und ihm das Notwendige durch den Kurier mitteilen. Sie
arbeiten zum Gro�teil nach dem russischen System, wie ich schon gesagt habe.
Auch die kleinsten Details werden von der Kontrolle festgelegt. Die Leute, die
im Einsatz stehen, bekommen wenig freie Hand.�</p><p>Wieder
trat Stille ein. Smiley sah zuerst Guillam, dann Mendel an, blinzelte und sagte
schlie�lich: �Im Januar und Februar ist Blondie nicht zu Scarr gekommen, ist
das richtig?</p><p>�Ja,
diesmal war es das erste Mal�, antwortete Mendel.</p><p>�Fennan
ist im Januar und Februar immer auf Skiurlaub gefahren. Dieses Jahr ist er zum
erstenmal seit vier Jahren hier geblieben.�</p><p>�Ob ich
nicht doch Maston besuchen sollte�, meinte Smiley.</p><p>Guillam
streckte sich genie�erisch und l�chelte: �Sie k�nnen es ja immerhin versuchen.
Es wird ihm ein Erlebnis sein zu h�ren, da� Sie eins �ber den Sch�del bekommen
haben. Ich habe so eine Vorahnung, da� er glauben wird, Battersea liegt an der
K�ste, und er wird sich weiter um nichts k�mmern. Sagen Sie ihm, da� man Sie
�berfallen hat, wie Sie in irgendeinem privaten Hof herumgegangen sind - er
wird verstehen. Erz�hlen Sie ihm auch was von dem Angreifer, George. Sie haben
ihn nicht gesehen, wohlgemerkt, und Sie kennen seinen Namen nicht, aber er ist
ein Kurier des Ostdeutschen Spionagedienstes. Maston wird Sie decken, das tut
er immer. Besonders, wenn er dem Minister Bericht erstatten mu�.�</p><p>Smiley sah
Guillam an und schwieg. �Auch nach dem Hieb auf den Kopf�, f�gte Guillam hinzu,
�er wird verstehen.�</p><p>�Aber,
Peter . . .�</p><p>�Ich wei�
schon, George, ich wei� schon.�</p></section><section><p>�Also gut,
dann will ich Ihnen etwas anderes sagen. Blondie hat den Wagen immer am ersten
Dienstag in jedem Monat geholt.�</p><p>�So?�</p><p>�Das waren
die Abende, an denen Elsa Fennan nach Weybridge ins Theater gegangen ist.
Fennan hat an Dienstagen immer bis sp�t gearbeitet, hat sie gesagt. �</p><p>Guillam
stand auf. �Also, ich werde ein bi�chen herumst�bern, George. Wiedersehen,
Mendel, ich rufe Sie wahrscheinlich heute abend an. Ich wei� zwar gar nicht,
was wir im Augenblick tun k�nnten, aber es w�re fein, wenn wir es w��ten, nicht
wahr?� Er war schon bei der T�r. ��brigens, wo sind die Sachen, die Fennan bei
sich hatte, Brieftasche, Notizbuch und so weiter? Sachen, die an der Leiche
gefunden wurden?�</p><p>�Wahrscheinlich
noch auf der Polizeistation�, meinte Mendel. �Bis nach der Verhandlung.�</p><p>Guillam
stand einen Augenblick da, sah Smiley an und wu�te nicht, was er sagen sollte.</p><p>�Kann ich sonst was f�r Sie tun, George?�</p><p>�Nein, danke - ach ja, da f�llt mir was ein.�</p><p>�Ja?�</p><p>�K�nnten
Sie mir das C.I.D. vom Hals schaffen? Sie haben mich schon dreimal besucht und
sind hier nat�rlich nicht weitergekommen. K�nnten Sie veranlassen, da� diese
Angelegenheit zum gegenw�rtigen Zeitpunkt als Spionagefall behandelt wird? Tun
Sie mysteri�s und machen Sie es geschickt.�</p><p>�Ja, das glaube ich schon.�</p><p>�Ich wei�,
da� es schwer ist, Peter, weil ich doch nicht. . .�</p><p>�Ach, da
f�llt mir etwas anderes ein. Nur um Sie ein bi�chen aufzuheitern. Ich habe die
Schriften der beiden Schreiben, Fennans Abschiedsbrief und den anonymen,
vergleichen lassen. Sie sind von verschiedenen Personen auf derselben Maschine
geschrieben worden. Unterschiede im Anschlag und bei den Zwischenr�umen, aber
dieselben Typen. Also, auf Wiedersehen, alter Freund. Und lassen Sie sich die
Trauben gut schmecken.�</p><p>Guillam
schlo� die T�r hinter sich. Sie h�rten den harten Widerhall seiner Schritte auf
den Fliesen des Ganges.</p><p>Mendel rollte sich eine Zigarette.</p><p>�Um Gottes
willen�, sagte Smiley, �haben Sie denn vor nichts Angst? Haben Sie die
Schwester hier noch nicht gesehen?�</p><p>Mendel grinste und sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Man kann
nur einmal sterben�, sagte er und steckte die Zigarette zwischen seine schmalen
Lippen. Smiley sah ihm zu, wie er sie anz�ndete. Er zog sein Feuerzeug heraus,
machte es auf, setzte mit seinem gebeizten Daumen das R�dchen in Bewegung,
deckte dann schnell seine hohlen Handfl�chen dar�ber und n�herte die Flamme
seiner Zigarette. Als ob ein Orkan geherrscht h�tte.</p><p>�Also, Sie
sind der Kriminalfachmann. Wie stehen wir?� fragte Smiley.</p><p>�Alles
durcheinander und ungeordnet.�</p><p>�Wieso?�</p><p>�Lose
F�den, wo man hinschaut. Keine Polizeiarbeit. Nichts nachgepr�ft. Wie
Algebra.�</p><p>�Was hat
Algebra damit zu tun?�</p><p>�Man mu�
zuerst feststellen, was bekannt ist. Die konstanten Gr��en finden. Ist sie
wirklich ins Theater gegangen? War sie allein? Haben die Nachbarn sie heimkommen
geh�rt? Wenn, dann wann? Ist Fennan an Dienstagen wirklich erst sp�t nach Hause
gekommen? Ist seine Angetraute regelm��ig alle vierzehn Tage ins Theater
gegangen, wie sie gesagt hat?�</p><p>�Und der
Anruf um halb neun. K�nnen Sie mir den erkl�ren?�</p><p>�Der geht
Ihnen im Kopf herum, nicht wahr?�</p><p>�Ja. Von
allen losen F�den ist das der loseste. Ich br�te die ganze Zeit dar�ber nach,
sage ich Ihnen, aber er ist mir einfach unverst�ndlich. Ich habe mir den
Fahrplan da angesehen. Er war ein p�nktlicher Mensch - oft ist er als erster im
Amt gewesen und hat seinen Schreibtisch aufgesperrt. Er pflegte den Zug um 8
Uhr 54, den um 9 Uhr 8 oder im ung�nstigsten Fall den um 9 Uhr 14 zu
erreichen. Der um 8 Uhr 54 kommt um 9 Uhr 38 an. Er kam gerne um dreiviertel
zehn ins B�ro. Es konnte unm�glich seine Absicht sein, sich erst um halb neun
wecken zu lassen.�</p><p>�Vielleicht
hat er nur das Geklingel gern geh�rt�, sagte Mendel und stand auf.</p><p>�Und die
Briefe�, setzte Smiley fort. �Verschiedene Schreiber, aber dieselbe Maschine.
Au�er dem M�rder hatten noch zwei Menschen Zutritt zu dieser Maschine: Fennan
und seine Frau. Wenn wir annehmen, da� Fennan den Abschiedsbrief selber geschrieben
hat - unterschrieben hat er ihn ja ohne Zweifel -, dann m�ssen wir auch
annehmen, da� Elsa die Denunziation geschrieben hat. Warum hat sie das getan?�</p><p>Smiley war
v�llig ersch�pft und erleichtert dar�ber, da� Mendel ging.</p><p>�Ich gehe
aufr�umen. Die Konstanten finden.�</p><p>�Sie
werden Geld brauchen�, sagte Smiley und bot ihm welches aus der Brieftasche in
seinem Nachtk�stchen an. Mendel nahm es ohne weiteres Zeremoniell und ging.</p><p>Smiley
lehnte sich zur�ck. Sein Kopf war gl�hend hei�, und es h�mmerte darin wie
wahnsinnig. Er wollte zuerst die Schwester rufen, unterlie� es aber dann aus
Feigheit. Langsam h�rte das Pochen auf. Drau�en h�rte er die Sirene einer
Ambulanz, die von der Prince of Wales Drive in den Hof des Spitals einfuhr.
�Vielleicht hat er es nur gerne klingeln geh�rt�, dachte er und schlief ein.</p><p>Er wurde
durch einen Streit drau�en auf dem Gang geweckt. Er h�rte die Schwester mit
erhobener Stimme protestieren. Er h�rte Schritte und die Stimme Mendels, die
aufgeregt dagegenredete. Pl�tzlich ging die T�r auf, und jemand drehte das
Licht an. Es war dreiviertel sechs. Mendel redete auf ihn ein. Er schrie fast.
Was versuchte er ihm da zu sagen? Etwas von Battersea Bridge ... die
Flu�polizei . . . seit gestern abg�ngig. Er war hellwach. Adam Scarr war tot.</p><empty-line/><p><strong>Die Geschichte der Jungfrau </strong></p><p><strong/></p><p>Mendel
chauffierte sehr gut und mit einer schulmeisterlichen Pedanterie, die Smiley
komisch gefunden h�tte. Die Weybridge Road war, wie gew�hnlich, vollgestopft
mit Fahrzeugen. Mendel ha�te die Autofahrer. Wenn man einem Menschen einen
Wagen gibt, dann l��t er die Anst�ndigkeit und den gesunden Menschenverstand
in der Garage zur�ck. Ganz gleich, wer es war. Er hatte Bisch�fe im Purpur gesehen,
die in der Innenstadt mit hundert Sachen fuhren und die Fu�g�nger so
erschreckten, da� sie den Kopf verloren. Smileys Wagen mochte er gern. Ihm
gefiel die peinliche Gewissenhaftigkeit, mit der er gepflegt war, die
vern�nftigen, n�tzlichen Kleinigkeiten. Er war ein netter kleiner Wagen.</p><p>Er
sch�tzte Menschen, die sich um ihre Sachen k�mmerten, die das beendeten, was
sie begannen. Ihm gefielen Gr�ndlichkeit und Genauigkeit. Keine Pfuscherei. Wie
dieser M�rder. Wie hatte Scarr gesagt? �Jung, aber eiskalt. Kalt wie die
N�chstenliebe. � Er kannte diesen Blick, und Scarr hatte ihn auch erkannt. . .
den Ausdruck vollst�ndiger Verneinung in den Augen eines jungen M�rders. Es war
nicht der Blick eines wilden Tieres, nicht der verzerrte wilde Ausdruck eines
Tobs�chtigen, sondern ein Blick aufs h�chste gesteigerter, erprobter,
best�tigter Perfektion. Es war ein Zustand, der �ber das im Krieg Erlebte hinausging.
Das Erlebnis des Sterbens im Krieg bringt eine gewisse Abstumpfung mit sich,
aber dar�ber geht die anma�ende �berzeugung von der eigenen �berlegenheit im
Hirn des professionellen M�rders weit, himmelweit hinaus. Ja. Mendel hatte ihn
schon gesehen. Den, der sich abseits hielt von der Bande, mit fahlen, toten
Augen, dem die M�dchen nachgingen und von dem sie ohne ein L�cheln redeten.
Ja, er war eiskalt.</p><p>Scarrs Tod
hatte Mendel Angst eingejagt. Er lie� sich von Smiley versprechen, da� er nach
seiner Entlassung aus dem Spital nicht in die Bywater Street gehen w�rde. Wenn
sie einiges Gl�ck h�tten, dann w�rden die anderen ja sowieso denken, er w�re
tot. Scarrs Tod bewies nat�rlich eine Tatsache: Der M�rder war noch immer in
England und noch immer bem�ht, aufzur�umen. �Wenn ich wieder gesund bin�, hatte
Smiley gestern abend gesagt, �dann m�ssen wir ihn wieder aus seiner H�hle
locken. Ein paar Brocken K�se als K�der auslegen.� Mendel war es klar, wer
dieser K�se sein w�rde: Smiley selbst. Nat�rlich, wenn sie mit dem Motiv recht
hatten, dann g�be es auch noch einen anderen K�se: Fennans Frau. Es spricht
tats�chlich nicht sehr f�r sie, dachte er grimmig, da� sie noch nicht
umgebracht worden ist. Er sch�mte sich �ber sich selbst und wendete seine Gedanken
anderen Dingen zu. Wie zum Beispiel wieder Smiley.</p><p>Ein
merkw�rdiger kleiner Bursche war dieser Smiley. Er erinnerte Mendel an einen
dicken Jungen, mit dem er in der Schule Fu�ball gespielt hatte. Konnte nicht
laufen, konnte nicht schie�en, war blind wie eine neugeborene Katze, aber er
spielte wie der Teufel und war erst zufrieden, wenn er sich in St�cke zerrissen
hatte. Auch geboxt hatte er. Ging ohne Deckung mit geschwungenen Armen auf
einen los und brachte sich halb um, bis der Schiedsrichter abpfiff. War
�brigens auch ein gescheiter Bursche gewesen.</p><p>Mendel
hielt bei einem Caf� am Stra�enrand, trank eine Tasse Kaffee, a� ein Br�tchen
und fuhr dann nach Weybridge hinein. Das Repertoire-Theater lag in einer
Einbahnstra�e, die von der Hauptstra�e ausging und in der man nicht parken
konnte. Endlich stellte er den Wagen bei der Eisenbahnstation ab und ging in
die Stadt zur�ck.</p><p>Der
Haupteingang des Theaters war geschlossen. Mendel ging um das Haus herum auf
die Seite, wo die aus Backstein gemauerten Arkaden waren. Der gr�ne Fl�gel der
offenen T�r war eingeh�ngt. Innen waren Riegel angebracht, und es stand mit
Kreide �B�hneneingang� daraufgekritzelt. Eine Glocke gab es nicht. Ein
schwacher Kaffeegeruch drang aus dem dunkelgr�nen Gang hinter der T�r. Mendel
ging durch den Eingang und den Korridor entlang, an dessen Ende er eine
Steintreppe fand, die ein eisernes Gel�nder hatte und zu einer weiteren gr�nen
T�r f�hrte. Der Geruch von Kaffee war jetzt st�rker, und er h�rte Stimmen.</p><p>�Ist doch
Bl�dsinn, Darling, ganz offen gesagt. Wenn die Kulturgeier in dem wonniglichen
Surrey drei Monate hintereinander Barrie haben wollen, bitte sehr, sollen sie,
sag ich. Entweder Barrie oder &gt;Ein Kuckuck im Nest&lt;, schon das dritte
Jahr, und meiner bescheidenen Ansicht nach macht Barrie das Rennen um eine
halbe Kopfl�nge�, sagte die Stimme einer Frau in mittleren Jahren.</p><p>Eine
kl�gliche M�nnerstimme antwortete: �Also Ludo kann ja immerhin den Peter Pan
spielen, nicht wahr, Ludo?�</p><p>�Kleines
Mistvieh, kleines Mistvieh�, sagte eine dritte Stimme, auch eine m�nnliche, und
Mendel machte die T�r auf.</p><p>Er stand
neben der B�hne in der Kulisse. Neben ihm, zur linken Hand, war eine dicke
Ebonitplatte mit ungef�hr einem Dutzend Schaltern an einem Holzrahmen
befestigt, und davor stand ein absurder Rokokostuhl mit Vergoldung und
Stickereien f�r die Souffleuse und M�dchen f�r alles.</p><p>In der
Mitte der B�hne sa�en zwei M�nner und eine Frau auf F�ssern, rauchten und
tranken Kaffee. Die Szene stellte das Deck eines Schiffes dar. Ein Mast mit
Takelage und Strickleitern nahm die Mitte der Szene ein, und eine Kanone aus
Pappe wies trostlos gegen einen Prospekt von Meer und Himmel.</p><p>Die
Konversation stockte abrupt, als Mendel auf der B�hne erschien. Jemand
murmelte: �Um Gottes willen, der steinerne Gast�, und sie sahen ihm alle
entgegen und kicherten.</p><p>Die Frau
sprach zuerst: �Suchen Sie jemanden, lieber Freund?�</p><p>�Entschuldigen
Sie, da� ich so hereinplatze. Ich komme, weil ich Mitglied Ihres Theaterklubs
werden m�chte.�</p><p>�Ach ja,
nat�rlich. Wie nett�, sagte sie, stand auf und ging ihm entgegen. �Das ist
wirklich sehr nett.� Sie nahm seine linke Hand in ihre beiden, dr�ckte sie,
trat dann zur�ck und breitete ihre Arme aus. Es war ihre hausfrauliche Geste -
Lady Macbeth empf�ngt Duncan. Sie neigte den Kopf m�dchenhaft zur Seite,
ergriff wieder seine Hand und geleitete ihn �ber die B�hne in die Kulisse auf
der anderen Seite. Eine T�r f�hrte in ein kleines B�ro, in dem �berall alte
Programme und Plakate verstreut lagen, Schminkstifte, Per�cken und mit Flitter
besetzte Marineuniformen.</p><p>�Haben Sie
unsere diesj�hrige Pantomime schon gesehen? &gt;Die Schatzinsel.&lt; Wirklich
ein sehr befriedigender Erfolg. Und so viel mehr dran als an diesen vulg�ren
M�rchen, finden Sie nicht?�</p><p>Mendel
sagte: �Ja, nicht wahr.� Er hatte nicht die geringste Ahnung, wovon sie redete.
Dann fiel sein Blick auf einen Sto� Rechnungen, die ziemlich nett geordnet von
einer gro�en Klammer, die die Form des Kopfes einer Bulldogge hatte,
zusammengehalten wurden. Die oberste war eine f�r Mrs. Ludo Oriel und vier
Monate �berf�llig.</p><p>Sie sah
ihn durch ihre Brille gescheit an. Sie war klein und dunkelhaarig, mit Furchen
am Hals und viel Make-up. Die Falten unter ihren Augen waren mit Schminke
verdeckt worden, aber die Wirkung hatte nicht angehalten. Sie trug weite lange
Hosen und einen dicken Pullover, der �ber und �ber mit Temperafarben bespritzt
war. Sie rauchte unaufh�rlich. Ihr Mund war sehr breit, und in der Mitte, genau
unter der Nase, hatte sie die Zigarette stecken, wodurch ihre Lippen eine
�berm��ig konvexe Kurve bildeten, die den unteren Teil ihres Gesichtes verzerrte
und ihr einen �bellaunigen, ungeduldigen Ausdruck gab. Mendel hatte gedacht,
da� sie eventuell schwierig und gewitzt sein w�rde. Es war eine Erleichterung,
festzustellen, da� sie ihre Rechnungen nicht zahlen konnte.</p><p>�Sie
wollen also dem Klub beitreten, nicht wahr?�</p><p>�Nein.�</p><p>Sie bekam
einen Wutanfall: �Wenn Sie wieder einer von den verfluchten Lieferanten sind,
dann k�nnen Sie absegeln. Ich habe gesagt, da� ich zahlen werde, und das werde
ich auch, nur bel�stigen Sie mich nicht ununterbrochen. Wenn ihr bei den Leuten
ausstreut, da� ich pleite bin, dann werde ich es sein, und ihr werdet die
Verlierer sein, nicht ich.�</p><p>�Ich bin
kein Gl�ubiger, Mrs. Oriel. Ich bin hergekommen, um Ihnen Geld anzubieten.�</p><p>Sie
horchte auf.</p><p>�Ich
arbeite f�r einen Scheidungsanwalt. Ein reicher Klient. Ich m�chte Ihnen ein
paar Fragen stellen. Wir sind bereit, f�r Ihren Zeitverlust zu zahlen.�</p><p>�Du lieber
Himmel�, sagte sie erleichtert. �Warum haben Sie das nicht gleich gesagt?� Sie
lachten beide. Mendel bl�tterte der Reihe nach f�nf Pfundnoten auf den Sto� von
Rechnungen.</p><p>�Also�,
sagte Mendel, �wie sieht die Liste Ihrer Mitglieder aus? Welche Vorteile bietet
der Beitritt?�</p><p>�Ja also,
wir trinken jeden Vormittag genau um elf w�sserigen Kaffee auf der B�hne. Die
Mitglieder d�rfen dabei sein und sich unter das Ensemble mischen, wenn wir
von11.oo bis 11.45 zwischen den Proben eine Pause machen. Was sie konsumieren,
bezahlen sie nat�rlich, aber die Teilnahme ist ausschlie�lich auf die
Mitglieder beschr�nkt.�</p><p>�Aha.�</p><p>�Das ist
wahrscheinlich das, was Sie interessiert. Es scheinen nur warme Br�der und
mannstolle Weiber zu kommen.�</p><p>�Kann
sein. Was gibt es noch?�</p><p>�Alle
vierzehn Tage setzen wir ein neues St�ck auf den Spielplan. Die Mitglieder
k�nnen f�r irgendeinen Tag der Spieldauer Pl�tze bestellen - zum Beispiel f�r
den zweiten Mittwoch der Spieldauer und so weiter. Wir bringen immer am ersten
und dritten Montag jedes Monats ein neues St�ck heraus. Die Vorstellung beginnt
um halb acht, und wir halten die Klubbestellungen bis sieben Uhr zwanzig
reserviert. Das M�dchen an der Kasse hat den Sitzplan und streicht jeden Platz
aus, der verkauft wird. Die bestellten Sitze der Klubmitglieder sind rot
angehakt und werden erst zum Schlu� verkauft.�</p><p>�So ist
das also. Wenn also eines Ihrer Mitglieder den bestellten Sitz nicht nimmt,
dann wird das im Sitzplan angezeichnet.�</p><p>�Nur wenn
der Platz verkauft wird.�</p><p>�Nat�rlich.�</p><p>�Nach der
ersten Woche sind wir nicht oft ausverkauft. Wir w�rden gern jede Woche ein
neues St�ck spielen, aber das ist nicht leicht. . . durchf�hrbar. F�r vierzehn
Tage <emphasis>en suite </emphasis>ist wieder auch nicht das Publikum
da, eigentlich.�</p><p>�Nein,
wohl nicht ganz. Bewahren Sie alte Sitzpl�ne auf?�</p><p>�Manchmal,
wegen der Abrechnung.�</p><p>�Was ist
mit Dienstag, dem 3. Januar?�</p><p>Sie
�ffnete einen Schrank und nahm einen Stapel gedruckter Sitzpl�ne heraus. �Das
ist die dritte Woche unserer Pantomime, nat�rlich. Tradition.�</p><p>�Ja�,
sagte Mendel.</p><p>�Also, an
wem sind Sie denn so interessiert?� fragte Mrs. Oriel und nahm ein dickes Buch
vom Schreibtisch.</p><p>�Eine
kleine Blonde, ungef�hr zweiundvierzig oder dreiundvierzig. Der Name ist
Fennan, Elsa Fennan.�</p><p>Mrs. Oriel
�ffnete ihr Buch. Mendel sah ihr v�llig schamlos �ber die Schulter. In der
linken Kolonne waren die Namen der Klubmitglieder mit netter Schrift
verzeichnet. Ein roter Haken links daneben bedeutete, da� das Mitglied seinen
Beitrag bezahlt hatte. Auf der rechten Seite waren Anmerkungen �ber die f�r das
laufende Jahr st�ndig bestellten Sitze. Es gab ungef�hr achtzig Mitglieder.</p><p>�Der Name
sagt mir nichts. Wo sitzt sie denn?�</p><p>�Keine
Ahnung.�</p><p>�O ja,
hier haben wir es schon. Merridale Lane, Walliston. Also wir wollen einmal
sehen. Ein Parkettsitz hinten, ganz an der Wand. Komischer Geschmack, finden
Sie nicht auch? Sitz Nummer R 2. Aber Gott mag wissen, ob sie am 3. Januar da
war. Ich glaube nicht, da� wir den Plan noch haben, obwohl ich in meinem
ganzen Leben nichts weggeworfen habe. Die Sachen verfl�chtigen sich einfach,
nicht wahr?� Sie sah ihn von der Seite her an, offenbar in der Hoffnung, ihre
f�nf Pfund schon verdient zu haben. �Ich werde Ihnen etwas sagen, wir werden
die Jungfrau fragen.� Sie stand auf und ging zur T�r. �Fennan . . . Fennan . .
.?� sagte sie. �Einen Augenblick. Jetzt hab' ich's. Komisch, wieso? Ach ja,
verflixt. Ja nat�rlich. Die Notenmappe.� Sie machte die T�r auf. �Wo ist die
Jungfrau?� sagte sie zu jemandem auf der B�hne.</p><p>�Keine
Ahnung.�</p><p>�Nichtsnutziger
Dicksch�del�, sagte Mrs. Oriel und schlo� die T�r wieder. Sie drehte sich
Mendel zu. �Die Jungfrau ist die Bl�te unserer Hoffnung. Eine englische Rose,
die theatertolle Tochter eines Rechtsanwalts, ganz Florstr�mpfe und
Hasch-mich-wenn-du-kannst. Sie ist uns ein Greuel. Manchmal bekommt sie eine
Rolle, weil ihr Vater f�r den Schauspielunterricht zahlt. Manchmal, wenn ein
gro�er Ansturm ist, weist sie Pl�tze an, sie und Mrs. Torr, die Reinemachefrau,
die sonst die Damentoilette hat. Normalerweise macht Mrs. Torr alles allein,
und die Jungfrau treibt sich in den Kulissen herum in der Hoffnung, da� die
Hauptdarstellerin tot zusammenbrechen wird.� Sie machte eine Pause.</p><p>�Ich bin
verdammt sicher, da� ich mich an den Namen Fennan erinnere, verdammt sicher. Wo
diese Kuh nur stecken kann?� Sie verschwand einige Minuten und kam mit einem
gro�en, ziemlich h�bschen M�dchen mit blondem gekr�useltem Haar und roten
Backen zur�ck, die sicher eine ausgezeichnete Tennisspielerin und Schwimmerin
war.</p><p>�Das ist
Elizabeth Pidgeon. Darling, wir suchen eine Mrs. Fennan, ein Mitglied. Hast du
mir nicht irgend etwas von ihr erz�hlt?�</p><p>�Ja
nat�rlich, Ludo.� Sie bildete sich offenbar ein, da� ihre Stimme s�� klang. Sie
l�chelte Mendel geistlos an, legte den Kopf zur Seite und flocht ihre Finger
ineinander. Mendel wendete ihr den Kopf zu.</p><p>�Kennst du
sie?� fragte Mrs. Oriel.</p><p>�Ja
sicher, Ludo. Sie ist schrecklich musikalisch. Wenigstens glaube ich es, denn
sie bringt immer Noten mit. Sie ist schrecklich mager und komisch. Sie ist
eine Ausl�nderin, nicht wahr, Ludo?�</p><p>�Warum
komisch?�</p><p>�Ja, das
letztemal, wie sie hier war, hat sie ein gr��liches Theater gemacht wegen des
Platzes neben ihr. Er war vom Klub aus reserviert, verstehen Sie, und es war
l�ngst zwanzig nach sieben vorbei. Wir hatten gerade mit der Panto-Saison
begonnen, und drau�en standen Tausende von Leuten, die Pl�tze wollten, deshalb
habe ich ihn verkaufen lassen. Sie sagte ununterbrochen, da� diese Person
sicher kommen w�rde, weil sie immer k�me.�</p><p>�Und ist
sie dann wirklich gekommen?� fragte Mendel.</p><p>�Nein. Ich
habe den Platz verkaufen lassen. Sie mu� f�rchterlich schlecht aufgelegt gewesen
sein, denn sie ist nach dem zweiten Akt davon und hat vergessen, ihre
Notenmappe aus der Garderobe zu holen.�</p><p>�Dieser
Mensch, von dem sie so sicher war, da� er kommen w�rde, ist der mit Mrs. Fennan
befreundet?�</p><p>Ludo sah
Mendel vielsagend an. �Joh, das will ich meinen. Er ist ihr Mann, nicht wahr?�</p><p>Mendel sah
sie einen Augenblick an, l�chelte dann und sagte: �Haben wir nicht einen Stuhl
f�r Elizabeth?�</p><p>�Joh,
danke�, sagte die Jungfrau und setzte sich auf die Kante eines alten
vergoldeten Sessels wie der der Souffleuse in den Kulissen. Sie legte ihre
dicken roten H�nde auf die Knie und l�chelte ununterbrochen, voll Erregung
dar�ber, der Mittelpunkt von so viel Interesse zu sein. Mrs. Oriel sah sie
giftig an.</p><p>�Weshalb
glauben Sie, da� es ihr Mann ist, Elizabeth?� Es war eine leichte Sch�rfe in
seiner Stimme, die fr�her nicht dagewesen war.</p><p>�Ja, ich
wei�, da� sie nicht zusammen kommen, aber ich dachte, weil sie Pl�tze haben,
die nicht bei denen der anderen Klubmitglieder sind, da� sie verheiratet sein m��ten.
Und �brigens bringt ja auch er immer eine Notenmappe mit.�</p><p>�Aha.
K�nnen Sie sich noch an irgend etwas an diesem Abend erinnern, Elizabeth?�</p><p>�Oh,
nat�rlich. Eine ganze Menge. Verstehen Sie, ich habe Mitleid mit ihr gehabt,
weil sie so ver�rgert weg ist, und sp�ter am Abend hat sie dann angerufen.
Also Mrs. Fennan, meine ich. Sie sagte ihren Namen und erz�hlte, da� sie fr�her
weggegangen w�re und ihre Notenmappe vergessen h�tte. Obendrein h�tte sie noch
den Garderobenschein verloren und sei in schrecklicher Aufregung. Es klang so,
als weinte sie. Ich h�rte eine Stimme im Hintergrund, und dann sagte sie, es
w�rde jemand vorbeikommen und die Tasche abholen, wenn es ohne den Schein
ginge. Ich sagte, nat�rlich, und eine halbe Stunde sp�ter ist der Mann gekommen.
Der ist allerhand Klasse. Gro� und blond.�</p><p>�So ist
das also�, sagte Mendel. �Ich danke Ihnen sehr, Elizabeth. Sie waren mir eine
gro�e Hilfe!�</p><p>�Joh, das
ist fein.� Sie stand auf.</p><p>��brigens�,
sagte Mendel noch, �dieser Mann, der die Tasche geholt hat - war das nicht
derselbe Mann, der im Theater immer neben ihr sitzt?�</p><p>�Ja
nat�rlich, joh, tut mir leid, das h�tte ich gleich sagen sollen.�</p><p>�Haben Sie
mit ihm gesprochen?�</p><p>�Ach, nur
&gt;bitte sehr, da&lt; und so.�</p><p>�Was f�r
eine Stimme hatte er?�</p><p>�Ausl�ndisch,
wie Mrs. Fennan - sie ist doch eine Ausl�nderin, nicht wahr? Den Eindruck hatte
ich wenigstens - ihre Art und das ganze Getue - ausl�ndisches Temperament.�</p><p>Sie
l�chelte Mendel zu, wartete einen Moment und ging dann hinaus wie Alice im
Wunderland.</p><p>�Kuh�,
bemerkte Mrs. Oriel und sah auf die geschlossene T�r. Dann blickte sie Mendel
an. �Also, hoffentlich war das Ihre f�nf Pfund wert.�</p><p>�Ich
glaube schon�, meinte Mendel.</p><empty-line/><p><strong>Ein Klub dritter Klasse </strong></p><p><strong/></p><p>Als Mendel
eintrat, sa� Smiley voll angezogen in einem Armstuhl. Peter Guillam l�mmelte
genie�erisch auf dem Bett und hielt eine bla�gr�ne Mappe l�ssig in der Hand.
Der Himmel drau�en war dunkel und drohend.</p><p>�Der
dritte M�rder betritt die B�hne�, sagte Guillam, als Mendel eintrat. Mendel
setzte sich auf das Fu�ende des Bettes und nickte Smiley, der bleich und
deprimiert aussah, fr�hlich zu.</p><p>�Gratuliere.
Erfreulich, Sie wieder auf den Beinen zu sehen.�</p><p>�Danke.
Ich f�rchte nur, wenn Sie mich wirklich auf den Beinen s�hen, w�rden Sie mir
nicht gratulieren. Ich bin schwach wie eine neugeborene Katze.�</p><p>�Wann l��t man Sie denn raus?�</p><p>�Wei� nicht, wann sie mich gehen lassen.�</p><p>�Haben Sie denn nicht gefragt?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Das
sollten Sie doch lieber tun. Ich habe Neuigkeiten f�r Sie. Ich wei� nicht, was
es bedeutet, aber etwas bedeutet es.�</p><p>�Na also�,
sagte Guillam, �alle haben Neuigkeiten f�r alle. Fabelhaft. George hat sich
gerade meine Familienbilder angesehen.� Er hob die gr�ne Mappe. �Und er erkennt
alle seine alten Busenfreunde.�</p><p>Mendel kam
sich verspottet und auf die Seite geschoben vor. Smiley tr�stete ihn: �Ich
werde Ihnen morgen abend alles beim Dinner erz�hlen. Ich mu� morgen fr�h hier
raus, ganz gleich, was sie sagen. Ich glaube, wir haben den M�rder gefunden und
noch eine Menge andere Sachen so nebenbei. Also, was haben Sie zu berichten?�
In seinen Augen war kein Triumph. Nur Eifer.</p><empty-line/><p>Die
Mitgliedschaft in dem Klub, zu dem Smiley geh�rte, wurde von den Leuten, die
die Spalten von �Wer ist wer?� zieren, nicht gerade zu den erstrebenswertesten
Errungenschaften gez�hlt, eher zu den drittklassigen. Er wurde von einem jungen
Renegaten des Junior-Carlton-Klubs namens Steed-Asprey gegr�ndet, den der
Sekret�r dieses Klubs verwarnt hatte, weil er in H�rweite eines
s�dafrikanischen Bischofs gottesl�sterliche Reden f�hrte. Er �berredete seine
ehemalige Zimmerfrau aus Oxford, ihr ruhiges Heim in Hollywell zu verlassen und
am Manchester Square zwei Zimmer und einen Keller zu �bernehmen, die ihm ein
beg�terter Verwandter zur Verf�gung gestellt hatte. Seinerzeit hatte der Klub
vierzig Mitglieder gehabt, die jeder f�nfzig Pfund im Jahr zahlten. Es waren
noch einunddrei�ig am Leben. Es gab keine Damen und keine Regeln, keinen
Sekret�r und keine Bisch�fe. Man konnte Sandwiches nehmen und eine Flasche Bier
kaufen, auch Sandwiches nehmen und gar nichts dazu kaufen. Solange man einigerma�en
n�chtern war und sich nicht in die Angelegenheiten anderer mischte, k�mmerte
sich kein Mensch darum, was man anhatte, was man machte oder wen man
mitbrachte. Mrs. Sturgeon hantierte nicht mehr an der Bar oder brachte einem
das Kotelett auf den Tisch im Keller vor dem Kaminfeuer, sondern regierte in
heiterer Behaglichkeit �ber die T�tigkeit von zwei pensionierten Feldwebeln
eines kleinen Grenzregiments.</p><p>Nat�rlicherweise
hatten die meisten der Mitglieder zur gleichen Zeit wie Smiley in Oxford
studiert. Man hatte darin immer �bereingestimmt, da� der Klub nur f�r eine
Generation sein sollte, da� er zusammen mit seinen Mitgliedern alt werden und
sterben sollte. Der Krieg hatte mit Jebedee und anderen seinen Tribut
verlangt, aber nie hatte jemand angeregt, man solle neue Mitglieder aufnehmen.
Im �brigen geh�rte das Haus jetzt ihnen, f�r Mrs. Sturgeons Alter hatte man
gesorgt, und der Klub war solvent.</p><p>Es war an
einem Samstagabend, und nur ein halbes Dutzend Mitglieder waren anwesend.
Smiley hatte ihr Essen bestellt, und im Keller war f�r sie ein Tisch gedeckt.
In einem gemauerten Kamin brannte ein helles Kohlenfeuer. Sie waren allein und
hatten <emphasis>Filet de boeuf </emphasis>und Rotwein. Drau�en regnete es ununterbrochen.
Alle drei fanden die Welt an diesem Abend ruhig und ganz ertr�glich, obwohl sie
ein merkw�rdiges Gesch�ft zusammengef�hrt hatte.</p><p>�Damit
das, was ich Ihnen erz�hlen will, verst�ndlich sein soll�, begann Smiley endlich,
wobei er sich haupts�chlich an Mendel wandte, �mu� ich Ihnen zun�chst
ausf�hrlich von mir erz�hlen. Ich bin von Beruf Beamter des Geheimen
Nachrichtendienstes, wie Sie wissen, schon seit ewigen Zeiten, und bevor noch
das Tauziehen um die Macht mit Whitehall begann. Damals hatten wir zuwenig
Leute und waren schlecht bezahlt. Nach der �blichen Lehrzeit und der Bew�hrungszeit
in S�damerika und Mitteleuropa bekam ich eine Stelle als Lektor an einer
Universit�t in Deutschland und sollte begabte junge Deutsche ausfindig machen,
die als potentielle Agenten in Frage kamen.� Er hielt inne, l�chelte Mendel zu
und sagte: �Sie entschuldigen den Fachausdruck.� Mendel nickte feierlich, und
Smiley fuhr fort. Es war ihm klar, da� er etwas hochtrabend sprach, und er wu�te
nicht, wie er dem ausweichen sollte.</p><p>�Es war
kurz vor dem Zweiten Weltkrieg, damals eine schreckliche Zeit in Deutschland,
wo eine wahnsinnige Intoleranz losgebrochen war. Es w�re Irrsinn gewesen, sich
pers�nlich jemandem zu n�hern. Meine einzige Chance war, ein so unbeschriebenes
Blatt zu sein, wie ich konnte, politisch und gesellschaftlich farblos, und die
Kandidaten, die sich f�r eine Anwerbung eigneten, durch andere weiterleiten zu
lassen. Ich versuchte, einige von ihnen f�r kurze Zeit auf Studentenreisen
nach England zu bringen. Ich legte gro�en Wert darauf, �berhaupt keinen Kontakt
mit dem Departement zu haben, wenn ich nach Hause kam, denn damals hatten wir
�berhaupt keine Ahnung von der Schlagkraft der deutschen Gegenspionage. Ich
erfuhr nie, an wen man herantrat, und das war nat�rlich viel besser so. F�r den
Fall, da� ich hochging, meine ich.</p><p>Meine
Geschichte beginnt eigentlich im Jahre 1938. Ich war allein in meiner Wohnung.
Es war ein warmer und friedlicher Abend nach einem herrlichen Sommertag. Als
h�tte man vom Faschismus noch nie etwas geh�rt. Ich arbeitete in Hemds�rmeln an
meinem Schreibtisch vor dem Fenster - nicht sehr intensiv, weil es ein so
sch�ner Abend war.�</p><p>Er machte
eine Pause, aus irgendeinem Grunde aus dem Konzept geraten, und fingerte an
seinem Portweinglas herum. Ganz oben auf seinen Wangen erschienen zwei rote
Flecken. Er f�hlte sich leicht beschwipst, obwohl er sehr wenig getrunken
hatte.</p><p>�Also, um
es zu wiederholen�, sagte er und kam sich idiotisch vor. �Entschuldigen Sie,
ich dr�cke mich wohl etwas unklar aus . . . Also, auf jeden Fall, wie ich so
dasa�, klopfte es an die T�r, und ein junger Student kam herein. Er war
neunzehn, wie ich sp�ter h�rte, sah aber j�nger aus. Sein Name war Dieter Frey.
Er war einer meiner Sch�ler, ein intelligenter Junge, und er sah bemerkenswert
gut aus.� Smiley machte wieder eine Pause und starrte vor sich hin.</p><p>Vielleicht
war es seine Krankheit, seine Schw�che, da� die Erinnerung ihn so stark
�berw�ltigte.</p><p>�Dieter
war ein h�bscher Junge mit einer hohen Stirn und einem nicht zu b�ndigenden
schwarzen Haarschopf. Der untere Teil seines K�rpers war krank, ich glaube,
durch Kinderl�hmung. Er ben�tzte einen Stock und st�tzte sich schwer darauf,
wenn er ging. Naturgem�� gab er an einer so kleinen Universit�t eine
romantische Figur ab, man hielt ihn f�r eine Art Byron oder so etwas �hnliches.
Ich meinerseits konnte allerdings nie etwas Romantisches an ihm finden. Die
Deutschen haben eine Leidenschaft f�r die Entdeckung junger Genies, wissen Sie,
von Herder bis Stefan George, man hat sie praktisch von der Wiege an
abgestempelt. Aber Dieter konnte man nicht zur Hoffnung der Nation erkl�ren. In
ihm war ein wilder Unabh�ngigkeitsdrang, eine R�cksichtslosigkeit, die so
stark war, da� sie auch den �berzeugtesten F�rderer abgeschreckt h�tte. Diese
ablehnende Verteidigungsbereitschaft an Dieter kam nicht nur von seinem Leiden,
sondern auch von seiner Abstammung. Er war n�mlich Jude. Wie in aller Welt er
es fertigbrachte, sich an der Universit�t zu behaupten, habe ich nie
verstanden. M�glicherweise wu�ten sie nicht, da� er Jude war. Seine Sch�nheit
konnte vielleicht ebensogut aus dem S�den stammen, nehme ich an, aus Italien
etwa. Aber ich verstehe es eigentlich nicht ganz, denn f�r mich war er ganz
offensichtlich ein Jude.</p><p>Dieter war
ein Sozialist. Er machte kein Geheimnis aus dieser seiner Einstellung, nicht
einmal in jenen Tagen. Ich �berlegte eine Zeitlang, ob ich ihn nicht zur
Anwerbung in Betracht ziehen sollte, aber es kam mir sinnlos vor. Er zu
flatterhaft, reagierte zu rasch, war zu stark gef�rbt und zu eitel. In allen
Vereinen-Diskussionsklubs, politischen und literarischen Vereinen und so
weiter - gab er den Ton an. In allen Sportvereinen hatte er Ehrenstellungen. Er
brachte es fertig, an einer Universit�t nicht zu trinken, an der man seine
M�nnlichkeit dadurch bewies, da� man die ersten beiden Semester fast
ununterbrochen betrunken war.</p><p>Das war
also Dieter: ein gro�er, h�bscher, intelligenter Kr�ppel, das Idol seiner
Generation - ein Jude. Und das war der Mann, der mich an jenem Sommerabend
besuchte.</p><p>Ich bat
ihn, Platz zu nehmen, und bot ihm etwas zum Trinken an. Das letztere lehnte er
ab, deshalb machte ich Kaffee, auf so einem Gaskocher, glaube ich. Wir sprachen
fl�chtig �ber meine letzte Vorlesung �ber Keats. Ich hatte mich dar�ber
beklagt, da� deutsche kritische Methoden auf die englische Literatur
angewendet w�rden, und das hatte zu einer heftigen Diskussion gef�hrt - wie
�blich - �ber die Nazi-Interpretation der �entarteten Kunst�. Dieter brachte
das Ganze wieder aufs Tableau, erkl�rte immer unverbl�mter, da� er das moderne
Deutschland ablehne, und ging auch schlie�lich auf den Nazismus selbst los.
Nat�rlich war ich auf der Hut - ich glaube, damals war ich nicht so ein Narr
wie heute. Schlie�lich fragte er mich geradeheraus, was ich von den Nazis
halte. Ich erkl�rte ziemlich deutlich, da� ich nicht geneigt sei, meine
Gastgeber zu kritisieren, und da� ich �berhaupt der Ansicht sei, Politik w�re
keine besondere Freude. Seine Antwort werde ich nie vergessen. Er war au�er
sich, erhob sich m�hsam und schrie mir zu: &gt;Von Freude ist nicht die
Rede!&lt;� Smiley brach ab und sah �ber den Tisch hin�ber Guillam an: �Tut mir
leid, Peter, ich bin wohl ziemlich langatmig.�</p><p>�Aber
Unsinn, alter Junge. Du erz�hlst die Geschichte auf deine eigene Weise, und
damit basta.� Mendel brummte zustimmend. Er sa� ziemlich steif da und hatte
beide H�nde vor sich auf den Tisch gelegt. Au�er der hellen Glut des Feuers war
jetzt kein Licht im Zimmer, und die Flammen warfen riesige Schatten auf die
grob verputzte Wand hinter ihnen. Die Karaffe mit dem Portwein war zu zwei
Dritteln geleert.</p><p>Smiley
schenkte sich ein und fuhr fort: �Er ging w�tend auf mich los. Er konnte nicht
verstehen, wie ich einerseits einen unabh�ngigen Ma�stab an die Kunstkritik
legen und andererseits der Politik gegen�ber gleichg�ltig sein konnte, wie ich
�ber die Freiheit der Kunst daherreden konnte, wenn ein Drittel Europas in
Ketten lag. Bedeutete es mir nichts, da� die Kultur der Gegenwart verblutete?
Was war so geheiligt am neunzehnten Jahrhundert, da� ich das zwanzigste
wegwerfen konnte? Er sei zu mir gekommen, weil ihm mein Seminar gefalle und er
mich f�r einen aufgekl�rten Menschen gehalten habe, aber jetzt sei ihm klar
geworden, da� ich �rger sei als alle anderen.</p><p>Ich lie�
ihn sich austoben. Was sonst h�tte ich tun k�nnen? Er war ja auf jeden Fall
schon von Haus aus verd�chtig. Ein rebellischer Jude mit einem Platz an der
Universit�t und r�tselhafterweise noch immer auf freiem Fu�. Aber ich
beobachtete ihn. Das Semester war schon fast zu Ende, und die gro�en Ferien
standen vor der T�r. Bei der Semesterschlu�-Diskussion, drei Tage sp�ter, war
er f�rchterlich offenherzig. Er jagte den anderen direkt eine panische Angst
ein, so da� sie schwiegen und sich dachten, das k�nne nicht gut ausgehen. Nach
Semesterschlu� verschwand Dieter, ohne mir Lebewohl zu sagen. Ich dachte nicht,
da� ich ihn jemals wiedersehen w�rde.</p><p>Es dauerte
ungef�hr sechs Monate, bevor er mir wieder begegnete. Ich hatte Freunde
besucht, in der N�he von Dresden, wo Dieter zu Hause war, und kam eine halbe
Stunde zu fr�h auf den Bahnhof. Statt auf dem Bahnsteig herumzustehen, beschlo�
ich, einen kleinen Bogen zu schlagen. Ein paar hundert Meter vom Bahnhof
entfernt stand ein gro�es, ziemlich h��liches altes Haus. Vorne war ein kleiner
Vorhof mit hohen Eisengittern und einem schmiedeeisernen Tor. Man hatte es
offenbar als behelfsm��iges Gef�ngnis hergerichtet. Eine Gruppe von geschorenen
Gefangenen, M�nnern und Frauen, wurde in dem Hof im Kreis zu ihrem Spaziergang
herumgetrieben. In der Mitte des Kreises standen zwei W�chter mit
Maschinenpistolen. Eine bekannte Gestalt, gr��er als die anderen, die hinkte
und M�he hatte, mit ihnen mitzukommen, fiel mir ins Auge. Es war Dieter. Sie
hatten ihm den Stock weggenommen.</p><p>Als ich
sp�ter dar�ber nachdachte, wurde mir klar, da� die Gestapo den popul�rsten
Studenten der Universit�t nat�rlich nicht verhaftet hatte, solange das
Semester lief. Ich lie� meinen Zug Zug sein, ging in die Stadt zur�ck und
suchte seine Eltern im Telefonbuch. Ich wu�te, da� sein Vater Arzt war, das
war also nicht schwer. Ich suchte die Adresse auf, fand aber nur seine Mutter
vor. Sein Vater war bereits im Konzentrationslager zugrunde gegangen. Sie
lehnte es ab, �ber Dieter zu sprechen, aber es schien, als ob er nicht in ein
Gef�ngnis f�r Juden, sondern in ein gew�hnliches gekommen w�re, und offenbar
nur f�r eine gewisse &gt;Korrektionszeit&lt;. Sie glaubte, da� er in etwa drei
Monaten wiederkommen w�rde. Ich trug ihr auf, ihm zu sagen, da� ich noch ein
paar B�cher von ihm h�tte, die ich zur�ckgeben w�rde, wenn er mich besuchen
wolle.</p><p>Ich
f�rchte, da� mich die Ereignisse des Jahres 1939 sehr in Anspruch nahmen, so
da� ich nicht glaube, Dieter in diesem Jahr noch einen weiteren Gedanken
geschenkt zu haben. Bald nachdem ich von Dresden zur�ckgekommen war, beorderte
mich das Department nach England zur�ck. Ich packte und reiste innerhalb von
achtundvierzig Stunden ab. In London war die H�lle los. Man gab mir einen neuen
Auftrag, der genaue Vorbereitung, intensives Studium und Training erforderte.
Ich sollte sofort nach Europa zur�ckgehen, um fast nicht erprobte Agenten in
Deutschland zu aktivieren, die man f�r so einen Notfall angeworben hatte. Ich
begann, die vielen komischen Namen und Adressen auswendig zu lernen. Meine
Reaktion, als ich Dieter unter ihnen fand, k�nnen Sie sich wohl vorstellen.</p><p>Als ich
sein Dossier las, entdeckte ich, da� er sich mehr oder weniger selbst gestellt
hatte, indem er im Konsulat in Dresden erschien und Aufkl�rung dar�ber
verlangte, warum niemand gegen die Verfolgung der Juden in Deutschland auch
nur einen Finger r�hrte.� Smiley machte eine Pause und lachte in sich hinein.
�Dieter hatte eine gro�e Begabung daf�r, Leute in Aktion zu setzen.� Er warf
Mendel und Guillam einen Blick zu. Beide sahen ihn aufmerksam an.</p><p>�Ich
glaube, da� meine erste Reaktion �rger war. Der Junge war gerade vor meiner
Nase herumspaziert, und ich hatte ihn nicht f�r geeignet gehalten. Was f�r
einen Bl�dsinn hatte da irgend so ein Esel in Dresden gemacht? Und dann war ich
erschrocken, so einen Hitzkopf unter meinen Leuten zu haben, dessen impulsives
Temperament mein Leben und das anderer kosten konnte. Trotz der leichten
Ver�nderungen meines �u�eren und des neuen Decknamens, unter dem ich
arbeitete, w�rde ich mich Dieter gegen�ber einfach nur als George Smiley von
der Universit�t zu erkennen geben m�ssen, und er konnte mich haushoch
auffliegen lassen. Es schien mir ein ungl�cklicher Anfang zu sein, und ich war
schon halb entschlossen, mein Netz ohne Dieter aufzubauen. Ich irrte mich
aber. Er war ein gro�artiger Agent.</p><p>Er
unterdr�ckte seine Hitzk�pfigkeit nicht, sondern verwendete sie in sehr geschickter
Weise zu einem doppelten Bluff. Wegen seiner Invalidit�t kam er f�r den Dienst
mit der Waffe nicht in Betracht und fand einen B�roposten bei der Bahn. In
k�rzester Zeit hatte er sich in eine wirklich verantwortliche Stellung
hinaufgearbeitet, und die Menge von Informationen, die er lieferte, war
einfach phantastisch. Einzelheiten �ber Truppenverschiebungen und Munitionstransporte,
ihr Ziel und das Datum, wann sie durchkamen. Sp�ter berichtete er �ber den
Erfolg unserer Bombenangriffe und bezeichnete kriegswichtige Ziele. Er war ein
brillanter Organisator, und das, glaube ich, hat ihn gerettet. Er hat bei der
Eisenbahn eine erstklassige Arbeit geleistet, machte sich unentbehrlich und
schuftete Tag und Nacht. Er wurde fast unangreifbar. Sie haben ihm sogar eine
Zivilauszeichnung f�r besondere Verdienste gegeben, und ich glaube, da� die
Gestapo sein Dossier einfach absichtlich verschwinden lie�.</p><p>Dieters
Theorie st�tzte sich ganz auf Faustsche Gedanken: Denken allein ist wertlos.
Man mu� handeln, damit das Denken wirksam wird. Er sagte immer, da� der
gr��te Fehler, den der Mensch je gemacht h�tte, der sei, da� er zwischen Geist
und K�rper unterschied. Eine Ordnung, die nicht beachtet wird, existiert
nicht. Er zitierte gerne Kleist: &gt;Wenn alle Augen aus gr�nem Glas w�ren und
alles, was wei� zu sein scheint, in Wirklichkeit gr�n w�re, dann w�re man so
klug wie vorher&lt;, oder so �hnlich.</p><p>Wie
gesagt, Dieter war ein hervorragender Agent. Er brachte es sogar fertig, da�
gewisse Frachten in N�chten mit guten Flugbedingungen auf den Weg gebracht
wurden, so da� unsere Bomber ein leichtes Spiel hatten. Er hatte eine Menge
eigener Tricks - war ein Genie f�r das Drum und Dran der Spionage. Es war
absurd, anzunehmen, da� das von Dauer sein konnte, aber die Erfolge unserer
Bombardierungen waren h�ufig so gro� und weit verstreut, da� es kindisch
gewesen w�re, sie auf den Verrat einer einzigen Person zur�ckzuf�hren - ganz zu
schweigen von einer Person, die so offensichtlich im Scheinwerferlicht stand
wie Dieter.</p><p>Wo er
seine Hand im Spiel hatte, war meine Arbeit leicht. Er reiste auch eine Menge,
hatte einen besonderen Pa�, mit dem er das konnte. Die Weiterleitung der
Nachrichten war ein Kinderspiel, verglichen mit der Situation bei anderen
Agenten. Gelegentlich trafen wir uns sogar pers�nlich und redeten miteinander
in irgendeinem Cafe. Manchmal nahm er mich in einem Wagen des Ministeriums mit,
und wir fuhren hundert oder hundertf�nfzig Kilometer auf einer Autobahn, als
h�tte er mich aus Gef�lligkeit mitgenommen. Aber h�ufiger pflegte er die Reise
mit meinem Zug zu machen, mit mir auf dem Gang die Aktenmappen auszutauschen
oder mit Paketen ins Theater zu kommen und mir den Garderobenzettel zu geben.
Er gab mir selten wirkliche Berichte, sondern Durchschl�ge von
Transportauftr�gen. Eine Menge machte seine Sekret�rin. Er lie� sie eine besondere
Sammlung von Durchschl�gen anlegen, die er dann alle drei Monate auf die Weise
�vernichtete�, da� er sie in der Mittagspause in seine Aktentasche steckte.</p><p>Also, im
Jahre 1943 wurde ich dann zur�ckbeordert. Die Tarnung mit den Gesch�ftsreisen
war ziemlich fadenscheinig geworden, glaube ich, und ich hatte doch schon
einiges abbekommen.� Er machte eine Pause und nahm sich aus Guillams Etui eine
Zigarette.</p><p>�Aber wir
wollen Dieter nicht aus den Augen verlieren�, fuhr er fort. �Er war mein
bester Agent, aber nicht mein einziger. Die anderen machten mir viel
Kopfzerbrechen. Mit ihm zu arbeiten war im Vergleich dazu ein reines
Vergn�gen. Als der Krieg aus war, versuchte ich, von meinem Nachfolger zu erfahren,
was aus Dieter und den anderen geworden war. Einige waren nach Australien und
Kanada ausgewandert, andere wieder gingen zur�ck zu dem, was von ihren
Heimatst�dten �briggeblieben war. Dieter z�gerte, vermute ich. In Dresden waren
ja die Russen, und er wird wohl seine Zweifel gehabt haben. Schlie�lich fuhr
er doch hin - eigentlich mu�te er, wegen seiner Mutter. Die Amerikaner ha�te er
sowieso. Und dann war er ja Sozialist.</p><p>Sp�ter
h�rte ich, da� er dort eine Karriere gemacht hat. Die administrative
Erfahrung, die er sich w�hrend des Krieges erworben hatte, verschaffte ihm
irgendein Amt bei der Regierung der neuen Republik. Ich vermute, da� ihm sein
Ruf als Revolution�r und die Leiden seiner Familie den Weg geebnet haben. Er
mu� eine ganz sch�ne Stellung erreicht haben.�</p><p>�Wieso?�
fragte Mendel.</p><p>�Er war
bis vor einem Monat hier in England und hat die Stahl-Mission geleitet.�</p><p>�Das ist
noch nicht alles�, unterbrach ihn Guillam. �Falls Sie glauben sollten, Ihr
Kelch sei voll: Ich habe Ihnen einen zweiten Besuch in Weybridge erspart, Mendel,
und heute morgen Elizabeth Pidgeon besucht. Es war Georges Idee.� Er drehte
sich Smiley zu: �Sie ist so eine Art von Moby Dick - etwas wie ein wei�er
m�nnerfressender Wal.�</p><p>�Und was
war?� fragte Mendel.</p><p>�Ich habe
ihr ein Bild von diesem jungen Diplomaten gezeigt, Mundt hei�t er, den sie
dort im Schlepptau hatten und der die Brocken auflesen sollte. Elizabeth
erkannte ihn auf den ersten Blick als den netten jungen Mann, der die
Notenmappe geholt hatte. Ist das nicht lustig?�</p><p>�Aber . .
.�</p><p>�Ich wei�
schon, was Sie fragen wollen, Sie kluger Knabe. Sie wollen fragen, ob auch
George ihn erkannt hat. Ja, das hat er. Es ist derselbe Bursche, der neulich
versucht hat, ihn in sein eigenes Haus zu locken. Kommt offenbar ziemlich viel
herum.�</p><p>Mendel
fuhr nach Mitcham. Smiley war todm�de. Es regnete wieder und war kalt. Smiley
h�llte sich fest in seinen Wintermantel, und trotz seiner Ersch�pfung sah er mit
Vergn�gen auf das gesch�ftige Treiben des Londoner Nachtlebens hinaus. Er war
immer gerne gereist. Auch jetzt noch w�rde er, wenn er Gelegenheit h�tte,
Frankreich lieber mit dem Zug durchqueren als fliegen. Er reagierte noch immer
auf die geheimnisvollen Ger�usche einer Nachtreise durch Europa, auf die
merkw�rdige Melodie von Mi�t�nen und die franz�sisch sprechenden Stimmen, die
einen pl�tzlich aus englischen Tr�umen rissen. Ann hatte es auch gern gehabt
und war zweimal mit ihm �berland gefahren, um die zweifelhaften Freuden einer
solchen unbequemen Reise mit ihm zu teilen.</p><empty-line/><p>Als sie
nach Hause kamen, ging Smiley sofort ins Bett, w�hrend Mendel Tee machte, den
sie dann in Smileys Schlafzimmer tranken.</p><p>�Was tun
wir jetzt?� fragte Mendel.</p><p>�Ich
glaube, ich sollte morgen vielleicht nach Walliston hinaussehen.�</p><p>�Sie
sollten lieber einen Tag im Bett bleiben. Was wollen Sie denn dort?�</p><p>�Elsa
Fennan besuchen.�</p><p>�Allein
sind Sie auf keinen Fall sicher. Sie sollten mich lieber mitnehmen. Ich werde
im Wagen sitzen, w�hrend Sie mit ihr reden. Sie ist eine J�din, nicht wahr?�</p><p>Smiley
nickte.</p><p>�Mein
Daddy war auch Jude. Aber ohne so viel verdammtes Getue.�</p><empty-line/><p><strong>Ein Traum ist zu verkaufen </strong></p><p><strong/></p><p>Sie
�ffnete die T�r und sah ihn einen Augenblick schweigend an.</p><p>�Sie
h�tten mich verst�ndigen sollen, da� Sie kommen werden�, sagte sie.</p><p>�Ich habe
es f�r sicherer gehalten, das nicht zu tun.�</p><p>Wieder war
sie einen Moment still. Endlich sagte sie: �Ich wei� nicht, was Sie damit sagen
wollen.� Es schien sie eine ziemliche Anstrengung zu kosten.</p><p>�Darf ich
hineinkommen?� sagte Smiley. �Wir haben nicht viel Zeit.� Sie sah alt und m�de
aus oder vielleicht, besser gesagt, weniger elastisch. Sie f�hrte ihn in den
Salon und deutete resigniert auf einen Stuhl.</p><p>Smiley bot
ihr eine Zigarette an und nahm selber eine. Sie stand am Fenster. Als er sie
ansah und ihren schnellen Atem und die fiebrigen Augen beobachtete, wurde ihm
klar, da� sie die Kraft zur Selbstverteidigung fast verloren hatte.</p><p>Als er
sprach, war seine Stimme g�tig und unaufdringlich. Elsa Fennan mu�te sie wie
eine Stimme vorkommen, nach der sie sich gesehnt hatte. Eine unwiderstehliche
Stimme, die Kraft, Trost, Mitgef�hl und Sicherheit verhie�. Langsam bewegte sie
sich vom Fenster weg, und ihre rechte Hand, die sie zuerst auf das
Fensterbrett gest�tzt hatte, rutschte, ohne da� sie es gewahr wurde, herunter
und fiel schlie�lich wie in einer Geste der Ergebung an ihre Seite. Sie nahm
ihm gegen�ber Platz, und ihre Augen hingen in v�lliger Hingabe an ihm, wie die
Augen einer Liebenden.</p><p>�Sie
m�ssen schrecklich einsam gewesen sein�, sagte er. �Niemand kann es auf die
Dauer alleine aushalten. Mut m�ssen wir auch haben, und es ist so unendlich
schwer, allein mutig zu sein. Das verstehen die Leute nie, nicht wahr? Sie
verstehen nie, was sie einen kosten, die gemeinen l�gnerischen und betr�gerischen
Kniffe, die Isolation von anst�ndigen Menschen. Sie glauben, man kann dauernd
mit ihrem Treibstoff fahren - mit wehender Fahne und Musik. Aber wenn man
allein ist, braucht man einen anderen Treibstoff, nicht wahr? Man wird
gezwungen zu hassen, aber es braucht viel Kraft, ununterbrochen zu hassen. Und
was man lieben mu�, ist so weit weg, so verschwommen, wenn man nicht daran
teilhat.� Er machte eine Pause. Gleich, dachte er, gleich wirst du Resonanz
finden. Er betete inbr�nstig, da� sie auf ihn eingehen, seinen Trost
akzeptieren sollte. Gleich w�rde sie zusammenbrechen.</p><p>�Ich habe
gesagt, da� uns nicht viel Zeit zur Verf�gung steht. Ist Ihnen klar, was ich
meine?�</p><p>Sie hatte
die H�nde im Scho� gefaltet und sah auf sie herunter. Er sah die dunklen
Haarwurzeln ihres hellen Haares und konnte nicht verstehen, warum sie es
f�rbte. Kein Zeichen von ihr verriet, da� sie seine Frage geh�rt hatte.</p><p>�Als ich
Sie damals an dem Morgen vor einem Monat verlie�, fuhr ich nach London nach
Hause. Ein Mann versuchte, mich umzubringen. Am Abend desselben Tages gelang es
ihm um ein Haar - er hat mich drei- oder viermal auf den Kopf geschlagen. Ich
bin gerade aus dem Spital entlassen worden. Ich habe Gl�ck gehabt. Dann ist da
der Garagenbesitzer, von dem er den Wagen gemietet hatte. Vor nicht allzulanger
Zeit hat die Wasserschutzpolizei seine Leiche aus der Themse gefischt. Zeichen
von Gewalt hat man nicht gefunden, er war nur voll Whisky. Man versteht es
nicht, denn seit Jahren war er nie in die N�he des Flusses gekommen. Aber wir
haben es eben mit einem fachkundigen Mann zu tun, nicht wahr. Mit einem
erfahrenen M�rder. Es sieht so aus, als wolle er jeden beiseite schaffen, der
ihn in Verbindung mit Samuel Fennan bringen kann. Oder seiner Frau, nat�rlich.
Da ist dann weiter dieses blonde M�dchen aus dem Theater . . .�</p><p>�Was sagen
Sie da?� fl�sterte sie. �Was wollen Sie mir da einreden?�</p><p>Smiley
f�hlte pl�tzlich den Wunsch, ihr weh zu tun, um ihren letzten Willen zu
brechen, sie als Gegner v�llig auszuschalten. Denn schon allzulange hatte sie
ihn, als er hilflos im Bett lag, wie ein Gespenst verfolgt, war ein R�tsel und
eine Drohung gewesen.</p><p>�Was f�r
ein Spiel haben Sie eigentlich gespielt, Sie beide? Haben Sie gedacht, da� Sie
mit so einer Macht, wie die sie haben, flirten k�nnen, ein bi�chen, aber nicht
alles geben k�nnen? Bilden Sie sich etwa ein, da� <emphasis>Sie </emphasis>den Tanz
beenden k�nnen - oder denen vielleicht so viel Macht einr�umen, wie Ihnen
selbst pa�t? Was f�r Hirngespinsten haben Sie eigentlich nachgejagt, Mrs.
Fennan, Tr�umen, denen Hand und Fu� gefehlt haben?�</p><p>Sie
verbarg ihr Gesicht in beiden H�nden, und er sah, wie ihr die Tr�nen zwischen
den Fingern herunterliefen. Sie schluchzte sto�weise, w�hrend ihr K�rper
konvulsivisch zuckte, und ihre Worte kamen langsam und gepre�t.</p><p>�Nein,
keine Tr�ume. Ich hatte keinen Traum au�er ihm. Ja er, er hatte einen Traum .
. . einen einzigen gro�en Traum.� Sie weinte wieder hilflos, und Smiley
wartete halb triumphierend, halb besch�mt darauf, da� sie weitersprechen w�rde.
Pl�tzlich hob sie ihren Kopf und sah ihn an, w�hrend die Tr�nen ihr noch immer
�ber die Wangen liefen. �Sehen Sie mich an�, sagte sie. �Was f�r einen Traum hat
man mir gelassen? Ich habe von langem goldenem Haar getr�umt - und man hat mir
den Kopf geschoren, ich tr�umte von einem sch�nen K�rper - und man hat ihn
durch Hunger verunstaltet. Ich habe erlebt, was menschliche Wesen wirklich
sind, wie konnte ich da an eine Formel f�r menschliche Wesen glauben. Ich habe
es ihm gesagt, tausendmal habe ich ihm gesagt: &gt;Mach nur keine Gesetze,
keine ausgekl�gelten Theorien, keine Werturteile, und die Menschen werden
vielleicht lieben, aber gib ihnen eine einzige Theorie, ein einziges
Schlagwort, und das alte Spiel beginnt von neuem.&lt; Das habe ich ihm gesagt.
Wir haben oft n�chtelang miteinander geredet. Aber nein, der kleine Junge mu�te
einen Traum haben, und wenn eine neue Welt aufgebaut werden sollte, dann mu�te
es Samuel Fennan sein, der sie baute. Ich sagte zu ihm: &gt;H�r mir doch
zu&lt;, habe ich gesagt, &gt;sie haben dir alles gegeben, was du hast, ein
Haus, Geld und Vertrauen. Warum willst du ihnen das antun?&lt; Und er hat mir
gesagt: &gt;Ich tue es eben gerade <emphasis>f�r </emphasis>sie.</p><p>Ich bin
der Arzt, und eines Tages werden sie verstehen.� Er war ein Kind, Mr. Smiley,
sie haben ihn wie ein Kind gef�hrt.�</p><p>Er wagte
es nicht, zu sprechen.</p><p>�Vor f�nf
Jahren hat er diesen Dieter kennengelernt. In einer Skih�tte in der N�he von
Garmisch. Freitag sagte uns sp�ter, da� Dieter alles ganz genauso geplant
hatte - Dieter konnte ja wegen seines Beins gar nicht skilaufen. Damals schien
�berhaupt nichts wirklich zu sein. Freitag war kein wirklicher Name. Fennan hat
ihn Freitag getauft, so wie in Robinson Crusoe der befreite Gefangene Freitag
hie�. Dieter fand das so komisch, und sp�ter redeten wir nie von Dieter,
sondern immer von Robinson und Freitag.� Sie h�rte auf zu reden und sah ihn mit
einem sehr schwachen L�cheln an. �Es tut mir leid�, sagte sie, �aber ich
f�rchte, da� ich nicht sehr zusammenh�ngend erz�hle.�</p><p>�Ich
verstehe es schon�, sagte Smiley.</p><p>�Dieses
M�dchen - was haben Sie �ber dieses M�dchen gesagt?�</p><p>�Sie lebt,
machen Sie sich keine Sorgen. Erz�hlen Sie ruhig weiter.�</p><p>�Fennan
hat Sie gern gemocht, verstehen Sie. Freitag hat versucht, Sie umzubringen . .
. warum?�</p><p>�Weil ich
zur�ckgekommen bin, nehme ich an, und Sie wegen des Anrufes um halb neun
ausgefragt habe. Davon haben Sie Freitag doch erz�hlt, nicht wahr?�</p><p>�O Gott�,
sagte sie und pre�te die Finger an den Mund.</p><p>�Sie haben
ihn doch wahrscheinlich sofort, als ich weg war, angerufen.�</p><p>�Ja, ich
bekam Angst. Ich wollte ihn warnen, damit er fortgeht, ihn und Dieter, und nie
mehr zur�ckkommt, denn ich wu�te, da� Sie schlie�lich auf alles kommen w�rden.
Wenn nicht heute, dann sp�ter, aber ich war sicher, da� Sie am Ende alles
aufdecken w�rden. Warum konnten sie mich nie in Ruhe lassen? Sie haben Angst
vor mir gehabt, denn sie haben gewu�t, da� ich keine Tr�ume habe, da� ich nur
Samuel wollte, nur wollte, da� er in Sicherheit ist, da� ich nur ihn lieben
und nur f�r ihn sorgen wollte.�</p><p>In Smileys
Kopf pochte und tobte es. �Also, Sie haben ihn gleich angerufen�, sagte er. �Sie
haben zuerst die Primrose-Nummer probiert und sind nicht durchgekommen.�</p><p>�Ja�,
sagte sie leise, �aber es sind beide Primrose-Nummern.�</p><p>�Dann
haben Sie also die andere Nummer, die zweite M�glichkeit, angerufen . . .�</p><p>Pl�tzlich
ersch�pft und schwach, wankte sie zum Fenster zur�ck. Sie kam ihm jetzt weniger
ungl�cklich vor - nach dem Sturm war sie nachdenklich und irgendwie zufrieden.</p><p>�Ja,
Alternativen waren Freitags starke Seite.�</p><p>�Was war
das f�r eine Nummer, die andere?� bohrte Smiley. Er beobachtete sie gespannt,
wie sie zum Fenster in den dunklen Garten hinausstarrte.</p><p>�Wozu
wollen Sie das wissen?�</p><p>Er stand
auf, trat neben sie ans Fenster und betrachtete ihr Profil. Seine Stimme war
mit einemmal barsch und energisch.</p><p>�Ich habe
gesagt, da� dem M�del nichts passiert ist. Auch Sie und ich sind noch am Leben.
Aber bilden Sie sich nicht ein, da� es dabei bleiben wird.�</p><p>Sie drehte
sich mit Angst in den Augen zu ihm um, blickte ihn einen Moment an und nickte
dann. Smiley nahm sie am Arm und f�hrte sie zu ihrem Stuhl zur�ck. Er sollte
ihr etwas Hei�es zum Trinken machen oder irgend etwas anderes. Sie nahm mechanisch
Platz, gleichg�ltig und unbeteiligt, als w�re sie geistesgest�rt.</p><p>�Die
andere Nummer war 9747.�</p><p>�Und die
Adresse - hatten Sie eine Adresse?�</p><p>�Nein,
Adresse keine. Nur die Telefonnummer und Kniffe beim Telefonieren. Keine
Adresse�, wiederholte sie mit unnat�rlicher Betonung, so da� Smiley sie
mi�trauisch ansah. Pl�tzlich kam ihm die Erinnerung an Dieters Geschicklichkeit
bei der Schaffung von Verst�ndigungsm�glichkeiten.</p><p>�Freitag
hat Sie an dem Abend, an dem Fennan gestorben ist, nicht getroffen. Das stimmt
doch. Er ist im Theater nicht erschienen.�</p><p>�Nein.�</p><p>�Das war
das erste Mal, da� er nicht gekommen ist, nicht wahr? Sie haben eine panische
Angst bekommen und sind fr�her weg.�</p><p>�Nein ...
ja ja, ich hatte eine panische Angst.�</p><p>�Nein,
eben nicht! Sie sind fr�her weg, weil Sie mu�ten. So war es n�mlich besprochen.
Warum mu�ten Sie fr�her gehen? Aus welchem Grunde?�</p><p>Sie
verbarg ihr Gesicht in den H�nden.</p><p>�Kommen
Sie zu sich!� schrie Smiley. �Glauben Sie noch immer, die Situation im Griff zu
haben, die Sie geschaffen haben? Freitag wird Sie ermorden, das M�dchen
ermorden, morden, morden, morden. Wen wollen Sie sch�tzen, das M�dchen oder
einen M�rder?�</p><p>Sie weinte
und gab keine Antwort. Smiley neigte sich �ber sie. Er schrie noch immer.</p><p>�Ich werde
Ihnen gleich sagen, warum Sie fr�her weggegangen sind. Ich will Ihnen verraten,
was ich mir denke. Deshalb, weil Sie noch die letzte Post in Weybridge
erwischen wollten. Er war nicht gekommen, Sie hatten die Garderobenzettel
nicht austauschen k�nnen, nicht wahr, deshalb sind Sie den Instruktionen
gefolgt und haben ihm Ihren Schein mit der Post geschickt. Sie haben eben doch
eine Adresse, nicht aufgeschrieben, aber auswendig gelernt, und zwar auf ewige
Zeiten auswendig gelernt: &gt;Wenn irgend etwas schiefgeht, wenn ich nicht
komme, dann ist das die Adresse.� Hat er das nicht gesagt? Eine Adresse, von
der man nie sprechen durfte, die normalerweise nie ben�tzt werden sollte, eine
Adresse, die man vergessen sollte und doch eisern im Ged�chtnis behalten.
Stimmt das? Reden Sie!�</p><p>Sie erhob
sich, wendete ihren Blick von ihm, ging zum Schreibtisch und nahm ein St�ck
Papier und einen Bleistift. Sie weinte heftig. Qu�lend langsam schrieb sie die
Adresse. Ihre Hand stockte und hielt zwischen den einzelnen Worten fast still.</p><p>Er nahm
ihr den Zettel aus der Hand, faltete ihn in der Mitte zusammen und legte ihn in
seine Brieftasche.</p><p>Jetzt
konnte er ihr Tee machen.</p><p>Sie sah
aus wie ein Kind, das man aus der See gerettet hatte. Sie sa� auf der Kante
des Sofas, hielt die Teetasse fest zwischen ihren zarten H�nden und dr�ckte sie
gegen ihren K�rper. Ihre mageren Schultern waren nach vorne gesunken, die
Beine und Fu�kn�chel hatte sie fest zusammengepre�t. Smiley sah sie an und
verstand, da� er etwas in ihr zerbrochen hatte, das er nie h�tte ber�hren
d�rfen, weil es so zerbrechlich war. Er kam sich wie ein gemeiner, grober
Klotz vor, und da� er ihr Tee gemacht hatte, schien ihm nur ein nichtiger,
vergeblicher Versuch zu sein, seine t�ppische Roheit wiedergutzumachen.</p><p>Er wu�te
nicht, was er ihr sagen sollte. Nach einer Weile meinte sie: �Er hat Sie
gemocht. Wirklich, er konnte Sie gut leiden ... er hat gesagt, Sie sind ein
gescheiter kleiner Mann. Es war ziemlich selten, da� Samuel jemanden gescheit
nannte.� Sie sch�ttelte langsam den Kopf. Vielleicht war es die Erinnerung, da�
sie l�chelte: �Er hat immer gesagt, es gibt zweierlei Kr�fte in der Welt, die
positiven und die negativen. &gt;Was soll ich also tun&lt;, hat er mich immer
gefragt, �zusehen, wie sie ihre eigene Ernte vernichten, nur deshalb, weil sie
mir Brot geben? Produktivit�t, Fortschritt, Macht und die ganze Zukunft der
Menschheit warten an ihrer T�r. Soll ich sie nicht hereinlassen?� Und ich habe
ihm gesagt: �Aber, Samuel, vielleicht sind die Leute ganz gl�cklich ohne das
alles.� Aber, verstehen Sie, er hat nicht so gedacht �ber die Menschen.</p><p>Aber ich
konnte ihn nicht stoppen. Wissen Sie, was das Merkw�rdigste an Fennan war?
Trotz allem Nachdenken und Reden war er schon vor langer Zeit zu dem Entschlu�
gekommen, was er tun w�rde. Alles �brige war Poesie. Er war nicht eingeordnet,
das habe ich ihm immer gesagt. . .�</p><p>�. . . und
doch haben Sie ihm geholfen�, sagte Smiley.</p><p>�Ja, ich
habe ihm geholfen. Er hat Hilfe gebraucht, und ich habe ihm geholfen. Er war
mein Leben.�</p><p>�Ja.�</p><p>�Das war
ein Fehler. Er war wie ein kleiner Junge, verstehen Sie? Wie ein Kind hat er
immer alles vergessen. Und so unrealistisch. Er hatte den Entschlu� gefa�t, es
zu tun, und er hat es so schlecht getan. Er hat nicht so dar�ber gedacht wie
Sie oder ich. So hat er einfach nicht denken k�nnen. Es war seine Aufgabe, und
das war alles.</p><p>Es hat so
simpel begonnen. Eines Abends hat er den Durchschlag eines Telegramms mit nach
Hause gebracht und mir gezeigt. Er sagte: &gt;Ich glaube, das sollte man Dieter
zeigen� - das war das Ganze. Zuerst konnte ich es nicht glauben - ich meine,
da� er ein Spion war. Denn das war er doch, nicht? Langsam ging mir ein Licht
auf. Sie fingen an, bestimmte Sachen zu verlangen. Die Notenmappe, die ich von
Freitag bekam, begann Auftr�ge zu enthalten, und manchmal Geld. Ich habe zu ihm
gesagt: &gt;Schau, was sie dir da schicken - ist dir das wirklich recht?&lt;
Wir wu�ten nicht, was wir mit dem Geld machen sollten. Wir haben es dann
haupts�chlich verschenkt, ich wei� nicht, warum. Dieter war damals im Winter
sehr b�s, wie ich es ihm erz�hlt habe.�</p><p>�In
welchem Winter war das?� erkundigte sich Smiley.</p><p>�Im
zweiten Winter, den wir mit Dieter verbracht haben - 1956 in Murren. Das erste
Mal haben wir ihn 1955 im Januar getroffen. Damals hat das alles angefangen.
Und ich will Ihnen etwas sagen: Ungarn hat Samuel nichts ausgemacht, nicht das
geringste. Dieter hatte damals Angst seinetwegen, verstehen Sie, das hat mir
Freitag erz�hlt. Als Fennan mir damals im November die Sachen gab, die ich nach
Weybridge bringen sollte, bin ich w�tend geworden. Ich habe ihn angeschrien:
�Siehst du nicht, da� es dasselbe ist? Dieselben Kanonen, dieselben Kinder,
die in den Stra�en sterben? Nur der Traum ist ein anderer, das Blut hat noch
immer dieselbe Farbe. Ist es vielleicht das, was du willst?� habe ich ihn
gefragt. �Willst du das auch f�r die Deutschen? Wenn ich es bin, die auf der
Stra�e liegt, w�rdest du sie das dann auch mir antun lassen?� Aber er hat nur
gesagt: �Nein, Elsa, es ist etwas ganz anderes�, und ich habe weitergemacht mit
der Notentasche. K�nnen Sie das verstehen?�</p><p>�Ich wei�
nicht. Eigentlich nicht. Oder, ich glaube vielleicht doch.�</p><p>�Er war
alles, was ich besa�. Er war mein Leben. Zuerst habe ich wohl versucht, mich
zur Wehr zu setzen, glaube ich. Aber schlie�lich wurde ich immer mehr
hineinverwickelt, und dann war es zu sp�t, umzukehren . . . Und dann, verstehen
Sie�, sagte sie fl�sternd, �gab es Zeiten, wo ich froh war, wo die Welt dem,
was Samuel tat, Beifall zu klatschen schien. Das neue Deutschland war f�r uns
kein sch�ner Anblick. Alte Ausdr�cke tauchten wieder auf, Ausdr�cke, vor denen
wir als Kinder Angst hatten. Der schreckliche alte Stolz kam wieder, man konnte
ihn sogar auf den Bildern in den Zeitungen erkennen, sie marschierten im alten
Schritt. Fennan hat das auch gef�hlt, aber er hatte, Gott sei Dank, nicht das
erlebt, was ich erlebt hatte.</p><p>Wir waren
in einem Lager in der N�he von Dresden. Mein Vater war gel�hmt, und er
vermi�te seine Zigaretten schrecklich. Ich habe ihm immer welche aus
irgendwelchem Mist gerollt, den ich im Lager auftreiben konnte, nur als eine
barmherzige T�uschung f�r ihn. Einmal hat ihn ein W�chter rauchen gesehen und
begann zu lachen. Andere kamen dazu und lachten auch. Mein Vater hielt die
Zigarette in seiner gef�hllosen Hand und verbrannte sich die Finger. Er hat es
nicht gemerkt, verstehen Sie.</p><p>Ja, wie
sie den Deutschen wieder Waffen gegeben haben, Geld und neue Uniformen, dann
war ich manchmal - nur f�r kurze Zeit - damit zufrieden, was Samuel getan
hatte. Wir sind Juden, m�ssen Sie wissen, und deshalb . . .�</p><p>�Ja, ich
verstehe schon�, sagte Smiley. �Ich habe es auch erlebt, wenigstens ein bi�chen
davon.�</p><p>�Ja, das
hat Dieter erz�hlt.�</p><p>�Dieter
hat das erz�hlt?�</p><p>�Ja,
Freitag hat er es erz�hlt. Er hat ihm gesagt, da� Sie ein sehr gescheiter Mann
sind. Sie haben ihn einmal vor dem Krieg hinters Licht gef�hrt, und er ist erst
viel sp�ter draufgekommen, hat Freitag gesagt. Er hat gesagt, da� Sie der Beste
w�ren, den er je getroffen h�tte.�</p><p>�Wann hat
Freitag Ihnen das alles gesagt?�</p><p>Sie sah
ihn lange an. Noch nie hatte er in einem Gesicht solch einen hoffnungslosen
Jammer gesehen. Ihm fiel ein, was sie zu ihm gesagt hatte: �Die Kinder meines
Schmerzes sind tot.�</p><p>Jetzt
verstand er es und h�rte es in ihrer Stimme, als sie sprach: �Das ist doch
leicht zu erraten. In der Nacht, in der er Samuel get�tet hat. Das ist ja der
irrsinnige Witz, Mr. Smiley. Gerade in dem Augenblick, da Samuel so viel f�r
sie h�tte tun k�nnen - nicht dann und wann einmal ein St�ck, sondern die ganze
Zeit - einen ganzen Haufen von Notentaschen -, gerade in diesem Augenblick hat
sie ihre eigene Angst geschlagen, hat sie zu wilden Tieren gemacht, die den
t�teten, den sie sich selber geschaffen hatten.</p><p>Samuel hat
immer gesagt: &gt;Sie werden siegen, weil sie wissen, was sie tun, und die
anderen werden zugrunde gehen, weil sie es nicht wissen. M�nner, die f�r einen
Traum arbeiten, werden immer und ewig weitermachen.� - So hat er gesagt. Aber
ich habe ihren Traum gekannt. Ich wu�te, da� er uns vernichten w�rde. Was hat
schon keine Vernichtung gebracht. Nicht einmal der Traum Christi.�</p><p>�Also war
es Dieter, der mich mit Fennan im Park gesehen hat?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Und er
hat gemeint. . .�</p><p>�Ja, er
hat geglaubt, da� Samuel ihn betr�gt. Und hat Freitag aufgetragen, Samuel zu
t�ten.�</p><p>�Und der
anonyme Brief?�</p><p>�Ich wei�
nicht. Ich wei� nicht, wer ihn geschrieben hat. Jemand, der Samuel kannte,
nehme ich an, einer im B�ro, der ihn beobachtet hat und Bescheid wu�te. Oder
wer aus Oxford von der Partei. Ich wei� es nicht. Samuel wu�te es auch nicht.�</p><p>�Aber der
Abschiedsbrief . . .�</p><p>Sie sah
ihn an, und ihr Gesicht zuckte. Fast h�tte sie wieder zu weinen begonnen. Sie
senkte den Kopf: �Ich habe ihn geschrieben. Freitag hat das Papier mitgebracht,
und ich habe ihn geschrieben. Die Unterschrift war schon drauf. Samuels
Unterschrift.�</p><p>Smiley
ging zu ihr hin�ber, setzte sich neben sie auf das Sofa und nahm ihre Hand. Sie
drehte sich w�tend zu ihm hin und kreischte: �Nehmen Sie Ihre H�nde weg!
Glauben Sie vielleicht, da� ich jetzt Ihnen geh�re, weil ich nicht zu denen
geh�re? Gehen Sie fort! Gehen Sie, und bringen Sie Freitag und Dieter um,
halten Sie das Spiel in Gang, Mr. Smiley. Aber bilden Sie sich nicht ein, da�
ich etwa auf Ihrer Seite w�re, haben Sie das geh�rt! Denn ich bin die wandernde
J�din, das Niemandsland, das Schlachtfeld f�r Ihre Spielzeugsoldaten. Sie
k�nnen mich treten und auf mir herumtrampeln, aber r�hren Sie mich nicht an,
niemals! Und erz�hlen Sie mir nie, da� es Ihnen leid tut, h�ren Sie! Gehen Sie
jetzt! Gehen Sie morden!�</p><p>Sie sa� zitternd da, als w�re es
vor K�lte. Als er die T�r erreichte, blickte er zur�ck. In ihren Augen waren
keine Tr�nen.</p><p>Drau�en wartete Mendel im Wagen.</p><empty-line/><p><strong>Samuel Fennans Unzul�nglichkeit </strong></p><p><strong/></p><p>Sie kamen
um die Mittagszeit in Mitcham an. Peter Guillam wartete geduldig in seinem
Wagen auf sie.</p><p>�Also,
Leute, was gibt's Neues?�</p><p>Smiley
�bergab ihm das Blatt aus seiner Brieftasche. �Es hat auch eine Ausweichnummer
f�r Notf�lle gegeben - Primrose 9747. Sie sollten Erhebungen anstellen, aber
ich habe auch in diesem Fall keine besonders gro�en Hoffnungen.�</p><p>Peter
verschwand in die Halle und begann zu telefonieren. Mendel machte sich in der
K�che zu schaffen und erschien nach zehn Minuten mit Bier, Brot und K�se auf
einem Tablett. Guillam kam zur�ck und setzte sich, ohne etwas zu sagen. Er sah
besorgt aus. �Also�, fragte er schlie�lich, �was hat sie gesagt, George?�</p><empty-line/><p>Mendel
r�umte den Tisch ab, als Smiley mit dem Bericht �ber das Gespr�ch am Vormittag
zu Ende war.</p><p>�Ja�,
sagte Guillam, �das ist wirklich sehr traurig. Na gut, George, ich werde das
Ganze heute niederschreiben und sofort zu Maston gehen m�ssen. Tote Spione zu
fangen ist wirklich ein schlechtes Vergn�gen - und verursacht eine Menge
Ungl�ck.�</p><p>�Wozu
hatte er denn im Au�enamt Zutritt?� fragte Smiley.</p><p>�Seit
kurzer Zeit zu ziemlich viel. Deswegen haben sie gemeint, da� seine
Verh�ltnisse untersucht werden sollten.�</p><p>�Was war
ihm denn haupts�chlich zug�nglich?�</p><p>�Ich wei�
es noch nicht. Bis vor ein paar Monaten war er mit asiatischen Angelegenheiten
besch�ftigt, aber seine neue Arbeit war anderer Natur.�</p><p>�Amerika,
glaube ich mich zu erinnern�, sagte Smiley. ��brigens, Peter?�</p><p>�Ja?�</p><p>�Peter,
haben Sie je dar�ber nachgedacht, warum sie eigentlich so darauf aus waren,
Fennan umzubringen? Ich meine, wenn man annimmt, da� er sie wirklich verraten
h�tte, wie sie meinten, warum ihn ermorden? Sie hatten dabei doch nichts zu
gewinnen.�</p><p>�Nein,
nein, ich glaube, Sie haben recht, das bedarf eigentlich tats�chlich einer
Erkl�rung . . . oder nicht? Nehmen wir an, Fuchs oder Maclean h�tte sie
verraten, was w�re dann wohl passiert? Nehmen Sie an, sie h�tten eine
Kettenreaktion f�rchten m�ssen - nicht nur hier, sondern auch in Amerika - in der
ganzen Welt. H�tten sie nicht wahrscheinlich gemordet, um das zu verhindern?
Es gibt so vieles, das wir einfach nie wissen werden.�</p><p>�Wie zum
Beispiel den Grund des Anrufes um halb neun.�</p><p>�Also
dann, auf Wiedersehen. Machen Sie hier weiter, bis ich Sie anrufe. Maston wird
Sie ganz sicher sehen wollen. Das wird einen Auflauf geben, wenn ich ihnen die
frohe Kunde erz�hle. Ich werde dieses spezielle Grinsen aufsetzen m�ssen, das
ich f�r wirklich vernichtende Nachrichten reserviert habe.�</p><p>Mendel
f�hrte ihn hinaus und kehrte dann in das Wohnzimmer zur�ck. �Das Beste, was Sie
jetzt tun k�nnen, ist, in der Klappe zu verschwinden�, sagte er. �Sie sehen
wirklich verdammt schlecht aus.�</p><empty-line/><p>Entweder
ist Mundt noch hier oder nicht, dachte Smiley, als er mit unter dem Kopf
verschr�nkten Armen in seiner Weste auf dem Bett lag. Ist er weg, dann sind wir
fertig. Maston wird dann entscheiden m�ssen, was mit Elsa Fennan geschehen
soll, und ich vermute stark, da� er nichts tun wird.</p><p>Ist Mundt
hiergeblieben, dann aus einem der folgenden drei Gr�nde: A. Dieter hat ihm
befohlen, hierzubleiben und zu beobachten, wie sich der aufgewirbelte Staub
setzt. B. Weil er in Ungnade ist und Angst hat, nach Hause zu fahren. C. Weil
er hier noch etwas Angefangenes beenden will.</p><p>A ist
unwahrscheinlich, denn es ist nicht Dieters Art, unn�tige Risiken einzugehen.
Aber es ist trotzdem eine M�glichkeit.</p><p>B ist
unwahrscheinlich, denn wenn Mundt vielleicht vor Dieter Angst haben konnte, so
mu�te er vermutlich andererseits hier im Lande eine Anklage wegen Mordes
f�rchten. Das Gescheiteste, was er tun konnte, war, in ein anderes Land zu
gehen.</p><p>C ist
wahrscheinlicher. Wenn ich in Dieters Haut steckte, dann w�rde mir Elsa Fennan
schlaflose N�chte bereiten. Das M�dchen Elizabeth ist unwesentlich - wenn nicht
Elsa die L�cken schlie�t, dann bildet sie keine ernste Gefahr. Sie geh�rte dem
Kreis der Verschworenen nicht an, und es besteht kein Grund, anzunehmen, da�
sie sich an Elsas Freund im Theater besonders erinnern w�rde. Nein, Elsa ist
die wirkliche Gefahr.</p><p>Es gab
nat�rlich noch eine andere M�glichkeit, die Smiley aber nicht zu beurteilen
vermochte, die M�glichkeit n�mlich, da� Dieter noch andere Agenten hatte, die Mundt
beaufsichtigte. Im gro�en und ganzen war er geneigt, diese Alternative au�er
Betracht zu lassen, aber Peter war der Gedanke sicherlich durch den Kopf
gegangen.</p><p>Nein ...
es herrschte noch immer keine Ordnung, es reimte sich noch immer nicht
zusammen. Er beschlo�, nochmals anzufangen.</p><empty-line/><p>Also, was
wissen wir? Er setzte sich auf, um sich nach Papier und Bleistift umzusehen,
und sofort begann ihm der Kopf wieder zu dr�hnen. Halsstarrig stand er von
seinem Bett auf und entnahm der Tasche seines Sakkos einen Bleistift. In seiner
Aktenmappe war ein Block. Er legte sich wieder auf das Bett, ordnete die
Kissen so an, da� er bequem lag, nahm vier Aspirin aus einer Packung, die auf
dem Nachttischchen lag, lehnte sich in die Kissen zur�ck und streckte seine
kurzen Beine aus. Dann begann er zu schreiben. Zuerst sorgf�ltig die
�berschrift in einer ordentlichen Gelehrtenschrift:</p><empty-line/><p><emphasis>�Was wissen wir?�</emphasis></p><empty-line/><p>Dann
unterstrich er das Ganze und fing an, so objektiv wie er konnte, die
bisherigen Ereignisse der Reihe nach noch einmal zu berichten: �Am Montag, dem
z. Januar, sah mich Dieter Frey, wie ich im Park mit seinem Agenten redete, und
schlo� . . .� Ja, was schlo� Dieter wirklich? Da� Fennan ein Gest�ndnis
abgelegt h�tte oder es tun w�rde? Da� Fennan mein Agent war? �. . . und schlo�,
da� Fennan gef�hrlich geworden w�re, und zwar aus bisher unbekannten Gr�nden.
Am folgenden Abend, dem ersten Dienstag im Monat, brachte Elsa Fennan die
Berichte ihres Mannes in einer Notenmappe auf die abgemachte, �bliche Weise in
das Repertoire-Theater in Weybridge und hinterlie� die Tasche gegen einen Garderobeschein
in der Kleiderablage. Mundt sollte auch eine Mappe bringen und das gleiche tun.
W�hrend der Vorstellung sollten Elsa und Mundt dann gegenseitig die
Garderobezettel austauschen. Mundt kam nicht. Daher folgte sie ihren
Instruktionen f�r den Notfall und schickte den Schein mit der Post an eine
vorher besprochene Adresse, nachdem sie das Theater vorzeitig verlassen hatte,
um die letzte Post aus Weybridge noch zu erreichen. Dann fuhr sie nach Hause,
wo sie Mundt traf, der ihren Mann schon ermordet hatte, wahrscheinlich auf
Befehl Dieters. Er hatte ihn auf k�rzeste Entfernung erschossen, als er ihm in
der Halle entgegentrat. Wie ich Dieter kenne, vermute ich, da� er schon vor
langer Zeit die Sicherheitsma�nahme getroffen hatte, in London einige Bl�tter
unbeschriebenen Papiers, die mit echten oder gef�lschten Unterschriften Fennans
versehen waren, f�r den Fall bereitzuhalten, da� es sich einmal als notwendig
erweisen sollte, ihn zu erpressen oder zu kompromittieren. Wenn das also der
Fall war, dann brachte Mundt wahrscheinlich so ein Blatt mit, auf dem dann der
Abschiedsbrief mit Fennans eigener Schreibmaschine geschrieben werden sollte.
W�hrend der grausigen Szene, die sich nach Elsas R�ckkehr abgespielt haben
mu�te, wurde ihm klar, da� Dieter Fennans Zusammentreffen mit Smiley falsch
ausgelegt hatte, aber er verlie� sich darauf, da� Elsa den guten Ruf ihres
toten Mannes w�rde wahren wollen, ganz abgesehen davon, da� sie ja mitschuldig
war. Mundt f�hlte sich daher verh�ltnism��ig wenig gef�hrdet. Mundt lie� Elsa
den Brief schreiben, vielleicht, weil er sich nicht auf sein Englisch
verlassen zu k�nnen glaubte. (Anmerkung: Aber wer, zum Teufel, hat den ersten
Brief, die Denunziation, geschrieben?)</p><p>Mundt
verlangte dann wahrscheinlich die Notenmappe, die er nicht abgeholt hatte, und
Elsa sagte ihm, da� sie den Instruktionen gefolgt sei und den Schein an die
Adresse in Hampstead aufgegeben habe und da� die Mappe noch im Theater sei. Mundt
reagierte bezeichnend: Er zwang sie, das Theater anzurufen und auszumachen, da�
er die Tasche noch am selben Abend auf seinem R�ckweg nach London abholen k�me.
Deshalb kann man annehmen, da� zu diesem Zeitpunkt entweder die Adresse nicht
mehr taugte oder da� Mundt in dieser Phase vorhatte, am n�chsten Tag zeitig am
Morgen nach Hause abzureisen, so da� er keine Zeit mehr hatte, erst den Schein
und dann die Tasche zu holen.</p><p>Smiley
kommt in den fr�hen Morgenstunden am Mittwoch, dem 4. Januar, nach Walliston,
und w�hrend des ersten Verh�rs nimmt er um halb neun Uhr einen Anruf entgegen,
den - das steht au�er Zweifel - Fennan f�nf Minuten vor acht am vergangenen
Abend bestellt hatte. <emphasis>Warum?</emphasis></p><p>Etwas
sp�ter am selben Vormittag kommt S. noch einmal zu Elsa Fennan zur�ck, um sie
wegen des Anrufes um halb neun zu befragen, von dem sie, wie sie selber zugab,
wu�te, da� er mich &gt;irritieren w�rde&lt;. (Ohne Zweifel tat die
schmeichelhafte Beschreibung meiner F�higkeiten, die ihr Mundt gegeben hatte,
ihre Wirkung.) Nachdem sie S. eine ungereimte Geschichte von ihrem schlechten
Ged�chtnis erz�hlt hat, bekommt sie Angst und ruft Mundt an.</p><p>Mundt,
vermutlich von Dieter mit einem Bild von mir oder einer Beschreibung meiner
Person ausger�stet, beschlie�t, S. zu beseitigen. (Ob das wohl im Auftrag
Dieters geschehen ist?) Etwas sp�ter am Tage gelingt ihm das um ein Haar.
(Anmerkung: Mundt hat den Wagen erst am Abend des 4. Januar in Scarrs Garage
zur�ckgebracht. Also wollte er nicht unbedingt fr�her an diesem Tage
abfliegen. Wenn er urspr�nglich geplant haben sollte, am Morgen ein Flugzeug
zu nehmen, dann h�tte er ebensogut den Wagen fr�her zur�ckbringen und mit dem
Autobus auf den Flugplatz fahren k�nnen.)</p><p>Es ist
wohl ziemlich wahrscheinlich, da� Mundt nach Elsas Anruf seine Pl�ne ge�ndert
hat. Das beweist aber nicht, da� er sie aus diesem Grunde �nderte. �</p><p>Konnte
Elsa Mundt wirklich so in Schrecken versetzt haben? In einen so panischen
Schrecken, da� er blieb, da� er Adam Scarr umbrachte? �berlegte Smiley.</p><p>In der
Halle l�utete das Telefon . . .</p><p>�George!
Peter ist am Apparat. Mit der Adresse und der Telefonnummer war es leider
Essig. Kein Fisch dran.�</p><p>�Was hei�t
das?�</p><p>�Sowohl
die Nummer als auch die Adresse f�hrten zu derselben Wohnung. Ein m�bliertes
Zimmer in Highgate Village.�</p><p>�Ja?�</p><p>�Der
Mieter war ein Pilot der &gt;Lufteuropa&lt;. Er hat am 30. Januar seine zwei
Monate Miete vorausgezahlt und ist seither nicht mehr erschienen.�</p><p>�Verdammt.�</p><p>�Die
Vermieterin erinnert sich sehr gut an Mundt, den Freund des Piloten. Ein
netter, h�flicher Gentleman, wenn man bedenkt, da� er doch ein Deutscher war,
und sehr freigebig. Er hat ziemlich oft auf dem Sofa geschlafen.�</p><p>�Ach
Gott.�</p><p>�Ich bin
das Zimmer mit dem Dachshaarpinsel durchgegangen. In einer Ecke stand ein
Schreibtisch. Alle Laden waren leer mit Ausnahme von einer, in der ein
Garderobeschein lag. Wo der wohl hergekommen ist? . . . Also, wenn Sie
herzlich lachen wollen, dann kommen Sie her in den Zirkus. Der ganze Olymp
kocht vor Aktivit�t. Ach, �brigens . . .�</p><p>�Ja?�</p><p>�Ich habe
in Dieters Wohnung herumgest�bert. Wieder eine taube Nu�. Er ist am 4. Januar
weg. Dem Milchmann hat er nichts gesagt, das hei�t, kein Mensch wei�, wo er
ist.�</p><p>�Was ist
mit seiner Post?�</p><p>�Hat nie
welche bekommen, au�er Rechnungen. Auch das kleine Nest des Genossen Mundt habe
ich mir angesehen. Zwei Zimmer �ber der Stahl-Mission. Die M�bel und der ganze
Mist sind weg. Schade.�</p><p>�Na ja.�</p><p>�Aber
etwas Komisches mu� ich Ihnen erz�hlen, George. Sie erinnern sich doch, da� ich
vorhatte, mir Fennans Sachen, die er bei sich trug - Brieftasche, Notizbuch und
so weiter - kommen zu lassen. Von der Polizei.�</p><p>�Ja.�</p><p>�Also, das
habe ich getan. In seinem Notizbuch steht Dieters voller Name im
Adressenverzeichnis und die Telefonnummer der Mission daneben. Verdammte
Frechheit, was?�</p><p>�Das ist
noch viel mehr, das ist ja Irrsinn. Du lieber Himmel!�</p><p>�Und dann
steht da unter dem Datum vom 4. Januar: &gt;G. A. Smiley, Anruf halb neun.&lt;
Das wird durch eine Eintragung f�r den 3. Januar best�tigt, in der es hei�t:
&gt;Anruf bestellen f�r Mittwoch morgen&lt;.�</p><p>�Also noch
immer keine Erkl�rung.� Es entstand eine Pause.</p><p>�Ja,
�brigens, George. Ich habe Felix Taverner in das Au�enamt geschickt, damit er
ein bi�chen herumschn�ffelt. Einerseits ist es �rger, als wir bef�rchtet
haben, andererseits wieder besser.�</p><p>�Wieso?�</p><p>�Ja, also
Taverner hat sich die Registraturzettel der letzten beiden Jahre durchgesehen.
Er konnte feststellen, welche Akten in Fennans Abteilung gegangen sind. Wenn
ein Akt von einer Abteilung bestellt wird, haben sie vorgedruckte Bestellzettel
auszuf�llen.�</p><p>�Ja, ich
h�re.�</p><p>�Felix hat
herausgefunden, da� Freitag nachmittag gew�hnlich drei oder vier Akten an
Fennan ausgefolgt wurden, die dann am Montag vormittag zur�ckkamen. Man kann
annehmen, da� er sie sich �ber das Wochenende nach Hause genommen hat.�</p><p>�Du heiliger
Strohsack!�</p><p>�Aber das
Komische dabei ist, George, da� er seit sechs Monaten, also genau seit er
bef�rdert worden ist, eher die Tendenz hatte, Sachen mitzunehmen, die nicht
geheim waren und die eigentlich keinen Menschen interessieren konnten.�</p><p>�Aber
gerade w�hrend der letzten Monate hatte er doch in der Hauptsache mit
Geheimakten zu tun�, sagte Smiley. �Er h�tte nach Hause nehmen k�nnen, was ihm
pa�te.�</p><p>�Ich wei�
schon, aber er hat es nicht getan. Ich w�rde fast sagen, da� es mit Absicht
geschehen ist. Er hat ganz unwichtige Sachen mitgenommen, die nur mit seiner
routinem��igen Arbeit zu tun hatten. Seine Kollegen k�nnen es nicht verstehen,
jetzt, wenn sie dar�ber nachdenken. Er hat sogar Akten mitgenommen, die gar
nicht zu seinem Arbeitsgebiet geh�rten.�</p><p>�Auch
nicht geheim?�</p><p>�Nein -
v�llig wertlos f�r die Spionage.�</p><p>�Wie war
es denn fr�her, bevor er in die neue Stellung gekommen ist? Was hat er damals
nach Hause genommen?�</p><p>�Viel
mehr, als man glauben sollte - Akten, die er w�hrend des Tages bearbeitet
hatte, Politik und so weiter.�</p><p>�Geheim?�</p><p>�Einige
ja, einige nein. Wie sie gekommen sind.�</p><p>�Aber doch
hoffentlich nichts Unvorhergesehenes - keine besonders delikaten
Angelegenheiten, die ihn nichts angingen?�</p><p>�Nein. Gar
nichts. Er hatte massenhaft Gelegenheit, ganz offen gesagt, hat sie aber nicht
benutzt. Irrsinnig, finde ich.�</p><p>�Na ja,
das mu�te er ja sein, wenn er den Namen seines Verbindungsmannes in sein
Notizbuch geschrieben hat.�</p><p>�Und
darauf k�nnen Sie sich Ihren eigenen Reim machen: Er hatte sich den Vierten im
Au�enministerium frei genommen - das war also der Tag, der auf seinen
Sterbetag folgte. Anscheinend eine ziemliche Sensation. Sonst hat er die Arbeit
direkt gefressen, sagen die Kollegen.�</p><p>�Was
unternimmt denn Maston in dieser ganzen Sache?� fragte Smiley nach einer Pause.</p><p>�Im
Augenblick geht er die Akten durch und kommt alle zwei Minuten mit bl�den
Fragen zu mir. Ich glaube, er f�hlt sich einsam da drin in seinem Zimmer bei
all den harten Tatsachen.�</p><p>�Ach, er
wird sie schon unterdr�cken, Peter, da brauchen Sie keine Angst zu haben.�</p><p>�Ja, er
sagt jetzt schon, da� die ganze Anklage gegen Fennan auf der Zeugenaussage
einer neurotischen Frau basiert.�</p><p>�Danke,
da� Sie angerufen haben, Peter.�</p><p>�Werde Sie
bald besuchen, alter Junge. Schonen Sie Ihren Kopf.�</p><p>Smiley
legte den H�rer auf und wunderte sich, wo Mendel blieb. Auf dem Tisch in der
Halle lag eine Abendzeitung. Er warf einen fl�chtigen Blick auf die
Schlagzeile: �Antisemitische Ausschreitungen. Proteste der Juden aus aller
Welt�, und darunter der Bericht �ber Ausschreitungen gegen einen j�dischen
Gesch�ftsinhaber in D�sseldorf. Er �ffnete die T�r zum Wohnzimmer - Mendel war
nicht da. Dann erblickte er ihn durch das Fenster im Garten, wie er, seinen
Gartenhut auf dem Kopf, w�tend mit einer Axt auf einen Baumstrunk im Vorgarten
loshackte. Smiley beobachtete ihn einen Moment und ging dann in sein Zimmer
hinauf, um sich wieder hinzulegen. Gerade, als er die obersten Stufen erreicht
hatte, l�utete das Telefon wieder.</p><p>�George?
Tut mir leid, da� ich Sie wieder st�ren mu�. Es ist wegen Mundt.�</p><p>�Ja?�</p><p>�Er ist
gestern abend mit der BEA nach Berlin geflogen. Zwar unter einem anderen
Namen, aber die Stewarde� erkannte ihn ohne Schwierigkeit. Das war's also.
Pech, alter Freund.�</p><p>Smiley
dr�ckte die Gabel einen Augenblick mit der Hand nieder und w�hlte dann
Walliston 2944. Er konnte h�ren, wie es am anderen Ende der Leitung klingelte.
Pl�tzlich h�rte es auf, und er h�rte Elsa Fennans Stimme: �Hallo . . . Hallo .
. . Hallo, ja, was ist denn?�</p><p>Leise
legte er den H�rer wieder auf. Sie lebte.</p><p>Warum in
aller Welt gerade jetzt? Warum reiste Mundt ausgerechnet jetzt ab, f�nf Wochen,
nachdem er Fennan umgebracht, drei Wochen, nachdem er Scarr liquidiert hatte.
Warum hatte er die geringere Gefahr, n�mlich Scarr, eliminiert und Elsa Fennan
unbehelligt gelassen, die in ihrer neurotischen Verbitterung jeden Augenblick
bereit sein konnte, ihre eigene Sicherheit au�er acht zu lassen und die ganze
Geschichte zu erz�hlen? Welche Wirkung konnte diese schreckliche Nacht nicht
auf sie gehabt haben? Wie konnte Dieter einer Frau vertrauen, die jetzt nur so
lose an ihn gebunden war? Der gute Ruf ihres Mannes konnte nicht mehr gerettet
werden. Bestand nicht die Gefahr, da� sie, in wei� Gott was f�r einem Anfall
von Rachsucht oder Reue, mit der ganzen Wahrheit herausplatzte? Sicher,
zwischen dem Mord an Fennan und dem an seiner Frau mu�te man eine gewisse Zeit
verstreichen lassen, aber welches Ereignis oder welche Nachricht, welche
Gefahr war der Anla� zu Mundts Abreise gestern abend? Ein skrupelloser und
genau ausgearbeiteter Plan zur Bewahrung des Geheimnisses von Fennans Verrat
war jetzt offenbar verworfen und unausgef�hrt gelassen worden. Was war gestern
geschehen, wovon Mundt Kenntnis bekommen haben konnte? Oder war der Zeitpunkt
seiner Abreise einem Zufall zuzuschreiben? Smiley weigerte sich, das zu
glauben. Wenn Mundt nach den zwei Morden und dem Attentat auf Smiley in England
blieb, so war das nicht freiwillig geschehen. Er hatte auf irgendeine Gelegenheit
oder ein Ereignis gewartet, das ihm die M�glichkeit gab, zu verschwinden. Er
war sicher nicht einen Augenblick l�nger als notwendig geblieben. Aber was
hatte er seit Scarrs Tod getan? Hatte er sich in irgendeinem einsamen Zimmer
versteckt, verkrochen, ohne Licht und ohne Verbindungen? Und warum war er dann
so pl�tzlich abgeflogen?</p><p>Und Fennan
wieder - was f�r ein merkw�rdiger Spion war das, der wertlose Nichtigkeiten f�r
seine Auftraggeber aussuchte, w�hrend er die kostbarsten Juwelen in Reichweite
hatte und nur h�tte zugreifen m�ssen? Eine Gesinnungs�nderung vielleicht? Warum
hat er es dann nicht seiner Frau gesagt, f�r die sein Verbrechen ein ewiger
Alptraum war und die �ber seine Bekehrung gejubelt h�tte? Es sah so aus, als
h�tte Fennan nie vorz�gliches Geheimmaterial ausgesucht, als h�tte er einfach
das mit nach Hause genommen, an dem er gerade arbeitete. Ein Nachlassen im
Eifer w�rde die merkw�rdige Einladung zu Marlow und Dieters �berzeugung, da�
Fennan ihn betrog, erkl�ren k�nnen. Und wer hatte den anonymen Brief
geschrieben?</p><p>Nichts
pa�te zusammen, rein gar nichts. Auch Fennan selbst war voller Widerspr�che.
Ein so pr�chtiger, intelligenter und anziehender Mensch er auch war, hatte er
v�llig ungezwungen und geschickt Verrat begangen. Smiley hatte ihn wirklich gut
leiden k�nnen. Warum hatte dieser erfahrene Verr�ter den unglaublichen Fehler
begangen, Dieters Namen in sein Notizbuch zu schreiben, warum hatte er so wenig
Verstand oder Interesse bei der Auswahl des Materials gezeigt?</p><p>Smiley ging
hinauf, um die verschiedenen Kleinigkeiten, die Mendel ihm aus der Bywater
Street geholt hatte, einzupacken. Es war alles aus.</p><empty-line/><p><strong>Die Figurengruppe aus Mei�ener
Porzellan </strong></p><p><strong/></p><p>Er stand
an der T�r, stellte seinen kleinen Koffer hin und tastete nach den Schl�sseln.
Als er die T�r aufmachte, erinnerte er sich daran, wie Mundt dort gestanden
war und ihn mit seinen fahlblauen Augen fest und absch�tzend angesehen hatte.
Es war merkw�rdig, sich vorzustellen, da� Mundt Dieters Sch�ler war. Mundt war
mit der Unerbittlichkeit eines abgerichteten, gedungenen S�ldners vorgegangen
- schlagkr�ftig, zweckm��ig und stur. An seiner Technik war nichts
Originelles, in allem war er ein Schatten seines Meisters gewesen. Es kam ihm
vor, als w�ren Dieters brillante und einfallsreiche Methoden in ein Handbuch
zusammengefa�t worden, das Mundt auswendig gelernt und dem er nur das Salz
seiner eigenen Brutalit�t hinzugef�gt hatte.</p><p>Smiley
hatte absichtlich keine Adresse f�r das Nachsenden seiner Post angegeben, und
daher lagen ganze Haufen von Briefen auf der Abstreifmatte. Er legte sie auf
den Tisch im Vorzimmer und begann mit einem verlorenen L�cheln die T�ren zu
�ffnen und sich umzusehen. Das Haus war ihm fremd. Er fand es kalt und muffig.
Als er langsam durch die Zimmer schritt, d�mmerte ihm zum erstenmal auf, wie
leer sein Leben geworden war.</p><p>Er sah
sich nach Streichh�lzern um, weil er den Gaskamin anz�nden wollte, aber er fand
keine.</p><p>Er setzte
sich in einen Lehnsessel im Wohnzimmer, und seine Augen wanderten �ber die
B�cherregale und die verschiedenen Sachen, die er auf seinen Reisen gesammelt
hatte. Als Ann ihn verlie�, hatte er unbarmherzig alle ihre Spuren getilgt.
Sogar ihrer B�cher hatte er sich entledigt. Aber nach und nach waren die
wenigen symbolischen Dinge, die sein Leben mit dem ihren verkn�pft hatten,
wieder zu Ehren gekommen. Hochzeitsgeschenke von engen Freunden, die zuviel
bedeutet hatten, als da� man sie h�tte weggeben k�nnen. Da war eine Skizze von
Watteau, ein Geschenk von Peter Guillam, eine Figurengruppe aus Mei�ener
Porzellan von Steed-Asprey.</p><p>Er erhob
sich aus dem Stuhl und ging hin�ber zu dem Eckschrank, wo die Gruppe stand. Er
liebte es, die Sch�nheit dieser Figuren zu bewundern, die kleine Kurtisane im
Sch�ferkost�m, die die Arme nach einem verliebten Bewunderer ausgestreckt
hatte, w�hrend ihr kleines Gesicht einem anderen zul�chelte. Vor dieser
zerbrechlichen Vollkommenheit kam er sich so unzul�nglich vor wie einst vor
Ann, als er damals die Eroberung begann, die die Gesellschaft in Erstaunen
gesetzt hatte. Irgendwie tr�steten ihn diese kleinen Figuren. Es war ebenso
hoffnungslos, von Ann Treue zu erwarten, wie von dieser kleinen Sch�ferin
unter ihrem Glassturz. Steed-Asprey hatte die Gruppe vor dem Krieg in Dresden
gekauft, sie war das Glanzst�ck seiner Sammlung gewesen, und er hatte sie ihnen
geschenkt. Vielleicht hatte er vorausgeahnt, da� Smiley eines Tages f�r die
einfache Weisheit Bedarf haben k�nnte, die sie dem Betrachter suggerierte.</p><p>Dresden!
Das war von allen deutschen St�dten Smileys Lieblingsstadt. Er liebte ihre
Architektur, das merkw�rdige Durcheinander von mittelalterlichen und
klassischen Bauten, die manchmal an Oxford mit seinen Kuppeln, T�rmen und
Spitzen erinnerten, und seine gr�nen Kupferd�cher, die in der hei�en Sonne
flimmerten. Der Name bedeutete �Stadt der Waldbewohner�, dort hatte Wenzel von
B�hmen die fahrenden S�nger mit Geschenken und Privilegien ausgezeichnet.
Smiley erinnerte sich daran, wie er das letztemal dort gewesen war und einen
Bekannten von der Universit�t, einen Professor der Philologie, besucht hatte,
mit dem er in England zusammengekommen war. Auf dieser Reise hatte er damals
Dieter gesehen, wie er sich im Gef�ngnishof im Kreis herumschleppte. Er konnte
ihn noch immer vor sich sehen; gro� und verbissen und durch den geschorenen
Sch�del grotesk ver�ndert, schien er irgendwie zu gro� f�r das kleine
Gef�ngnis zu sein. Dresden, fiel ihm ein, war �brigens auch Elsas Geburtsort
gewesen, wie er festgestellt hatte, als er ihren Akt im Ministerium
durchgesehen hatte: Elsa, M�dchenname Freimann, geboren 1917 in Dresden,
Deutschland, Kind deutscher Eltern; in Dresden erzogen; 1938 bis 1945 im KZ.
Er versuchte, sie vor dem Hintergrund ihres Elternhauses zu sehen, sich die
j�dische Patrizierfamilie vorzustellen, die unter Drangsalen und Verfolgungen
zugrunde ging. &gt;Ich habe von langem goldenem Haar getr�umt, und sie haben
mir den Kopf geschoren.&lt; Angeekelt verstand er v�llig, warum sie sich das
Haar f�rbte. Sie h�tte sein k�nnen wie diese kleine Sch�ferin, hochbusig und
h�bsch. Aber ihren K�rper hatte Hunger zerst�rt, so da� er jetzt gebrechlich
und h��lich war wie der eines kleinen Vogels.</p><p>Er konnte
sie sich in der furchtbaren Nacht vorstellen, wie sie den M�rder ihres Mannes
neben der Leiche stehend angetroffen hatte, konnte im Geiste ihre atemlose,
schluchzende Erkl�rung h�ren, warum Fennan mit Smiley im Park gewesen war, und Mundt
vor sich sehen, der unger�hrt auf sie einredete, ihr die Gr�nde
auseinandersetzte und sie endlich dazu bewog, gegen ihren Willen noch einmal an
diesem schrecklichsten und unsinnigsten aller Verbrechen teilzuhaben. Wie er
sie zum Telefon schleppte und zwang, das Theater anzurufen, und sie schlie�lich
zermartert und ersch�pft zur�cklie�. Mit den unausweichlichen Nachforschungen
mochte sie selber fertig werden. Ja sogar den Abschiedsbrief �ber Fennans
Unterschrift hatte er sie zu schreiben gezwungen. Es war �ber alle Ma�en
unmenschlich und, dachte er weiter, f�r Mundt ein ungeheueres Risiko.</p><p>Sie hatte
sich nat�rlich andererseits in der Vergangenheit als eine �u�erst verl��liche
Komplizin erwiesen, die einen k�hlen Kopf hatte und ironischerweise in der
Technik der Spionage geschickter war als Fennan. Und ihre Leistung bei ihrem
ersten Zusammentreffen mit ihm war f�r eine Frau, die in dieser Nacht so viel
Schreckliches durchgemacht hatte, einfach ein Wunder.</p><p>Als er so
die kleine Sch�ferin betrachtete, die in unver�nderlich schwebender Pose
zwischen ihren beiden Bewunderern stand, kam ihm ganz leidenschaftslos der
Gedanke, da� es noch eine zweite, ganz andersgeartete L�sung f�r den Fall
Fennan gab. Eine L�sung, die bis ins Detail zu allen Umst�nden pa�te und die
irritierenden, scheinbaren Widerspr�che in Fennans Charakter zum Verschwinden
brachte. Es begann als rein akademische Denk�bung, die Personen nicht in
Betracht zog. Smiley schob die einzelnen Charaktere wie die Teile eines
Zusammenlegspiels hin und her und drehte sie bald in der einen, bald in der
anderen Richtung, um zu versuchen, wie sie zu dem schon fertigen St�ck der
erh�rteten Tatsachen pa�ten - und dann, ganz pl�tzlich, f�gte sich alles
zusammen, und zwar so genau, da� ihm klar wurde, da� es jetzt nicht mehr nur
ein Spiel mit Gedanken war.</p><p>Sein Herz
schlug schneller, als Smiley sich die ganze Geschichte noch einmal aufbaute,
Szenen und Ereignisse im Lichte seiner Entdeckung rekonstruierte. Jetzt wu�te
er, warum Mundt England heute verlassen hatte, warum Fennan so wenig gebracht
hatte, das f�r Dieter von Wert war, den Anruf um halb neun bestellt hatte und
warum seine Frau der systematischen, wilden Mordorgie Mundts entgangen war.
Jetzt wu�te er endlich auch, wer den anonymen Brief geschrieben hatte. Er
erkannte nun, da� er sich von seinen Gef�hlen hatte zum Narren halten lassen,
mit seinem Verstand ein falsches Spiel getrieben hatte.</p><p>Er ging
zum Telefon und w�hlte Mendels Nummer. Gleich nachdem er mit ihm gesprochen
hatte, rief er Peter Guillam an. Dann nahm er Hut und Mantel und ging um die
Ecke auf den Sloane Square. Bei einem kleinen Zeitungsstand kaufte er eine
Ansichtskarte, die die Westminster Abbey darstellte, ging zur U-Bahn und fuhr
nach dem Norden, wo er in Highgate ausstieg. Auf dem Hauptpostamt dort kaufte
er eine Marke und adressierte die Karte in steifen, unenglischen Buchstaben an
Elsa Fennan. Auf den Platz f�r den Text schrieb er in spitzen Buchstaben: �Ich
w�nschte, Du w�rest hier!� Er gab die Karte auf, notierte sich die Zeit und
fuhr zum Sloane Square zur�ck. Mehr konnte er im Augenblick nicht tun.</p><empty-line/><p>In dieser
Nacht schlief er fest, stand am folgenden Morgen zeitig auf - es war ein
Samstag -, ging um die Ecke und kaufte frische Br�tchen und Kaffee. Er machte
sich eine gro�e Portion Kaffee, setzte sich mit der &gt;Times&lt; in die K�che
und verzehrte sein Fr�hst�ck. Er f�hlte sich merkw�rdig ruhig, und als endlich
das Telefon l�utete, faltete er seine Zeitung sorgf�ltig zusammen, bevor er
hinaufging, um den H�rer abzuheben.</p><p>�George,
ich bin's, Peter.� Die Stimme klang dringlich, fast triumphierend. �George,
sie hat angebissen, da schw�re ich drauf!�</p><p>�Was ist
passiert?�</p><p>�Genau um
8 Uhr 55 war der Brieftr�ger da. Um 9 Uhr 30 ist sie eilig den Weg vom Haus
heruntergekommen, gestiefelt und gespornt. Sie ist direkt zur Bahnstation
gegangen und mit dem Zug um 9 Uhr 5 z zur Victoria-Station gefahren. Ich habe
Mendel in den Zug gesetzt und bin mit dem Wagen nachgefahren, aber ich war zu
sp�t dran, um den Zug einzuholen.�</p><p>�Wie
werden Sie sich denn mit Mendel wieder in Verbindung setzen?�</p><p>�Ich habe
ihm die Nummer von dem Hotel in Grosvenor gegeben, wo ich jetzt bin. Er wird
mich sofort anrufen, sobald er dazu Gelegenheit hat, und dann werde ich dorthin
kommen, wo er ist.�</p><p>�Peter,
Sie fassen die Sache doch vorsichtig an, nicht wahr?�</p><p>�Wie mit
Glacehandschuhen, alter Junge. Ich glaube, sie beginnt den Kopf zu verlieren.
Rennt wie ein Windhund.�</p><p>Smiley
legte den H�rer auf. Er nahm wieder seine &gt;Times&lt; und studierte das
Theaterprogramm. Er mu�te recht haben . . . unbedingt.</p><empty-line/><p>Der
Vormittag verging dann mit nervt�tender Langsamkeit. Manchmal stand er mit den
H�nden in den Hosentaschen am Fenster und sah zu, wie die schlaksigen M�dchen
aus Kensington in Begleitung wundersch�ner junger M�nner in hellblauen Pullovern
einkaufen gingen oder wie die kleine Brigade von Wagenwaschern zuerst fr�hlich
vor den H�usern drauflos arbeitete, dann eine Weile herumstand, um �ber Autos
zu tratschen, und schlie�lich zielbewu�t die Stra�e hinunter verschwand, um
sich die erste Pulle Bier an diesem Wochenende zu genehmigen.</p><p>Endlich,
nach einer Ewigkeit, wie es ihm vorkam, wurde an der Eingangst�r gel�utet, und
Mendel und Guillam kamen herein. Sie grinsten und waren hungrig wie die Raben.</p><p>�Wir
haben's geschafft�, sagte Guillam. �Aber Mendel soll erz�hlen. Er hat ja die
meiste Plage gehabt. Ich bin nur gerade noch zum Halali zurechtgekommen. �</p><p>Mendel
berichtete seine Geschichte haargenau und mit allen Details, wobei er, den Kopf
leicht zur Seite geneigt, vor sich hin sah.</p><p>�Sie ist
mit dem Zug weg, der um 9 Uhr 52 nach Victoria-Station f�hrt. Im Zug habe ich
mich unsichtbar gemacht und bin ihr nach, wie sie durch die Sperre ist. Dann
hat sie ein Taxi nach Hammersmith genommen.�</p><p>�Ein
Taxi?� unterbrach ihn Smiley. �Sie mu� ja vollst�ndig wahnsinnig sein!�</p><p>�Sie ist
ganz au�er sich. F�r eine Frau geht sie sowieso schon schnell, verstehen Sie,
aber wie sie da �ber den Bahnsteig gefegt ist, alle Achtung! Sie ist beim
Broadway ausgestiegen und zum Sheridan-Theater gegangen. Hat die T�ren zur
Kasse der Reihe nach probiert, aber sie waren zu. Einen Augenblick hat sie
gez�gert und ist dann zur�ckgegangen in ein Caf� ein paar hundert Meter weiter
die Stra�e hinunter. Hat sich Kaffee bestellt und sofort bezahlt. Etwa vierzig
Minuten sp�ter ist sie zum Theater zur�ck. Jetzt waren die Kassen offen, und
ich bin hinter ihr hineingeschl�pft und habe mich auch angestellt. Sie kaufte
zwei Sitze f�r n�chsten Donnerstag: Parkett ganz hinten, Reihe T, Platz Nummer
27 und 28. Dann ist sie wieder hinaus aus dem Theater, hat eines der Billetts in
einen Briefumschlag getan, ihn zugeklebt und in einen Briefkasten geworfen.
Die Adresse konnte ich nicht sehen, aber es war eine Sechspennymarke drauf.�</p><p>Smiley sa�
sehr still da. �Ob er wohl kommen wird?� sagte er. �Ich bin gespannt, ob er
erscheint.�</p><p>�Ich habe
Mendel beim Theater getroffen�, sagte Guillam. �Er ist ihr bis zum Caf�
nachgegangen und hat mich dann angerufen. Dann ist er auch hineingegangen.�</p><p>�Ich hatte
selber Lust auf eine Tasse Kaffee�, fuhr Mendel fort. �Mr. Guillam hat mich
dann gefunden. Als ich mich anstellen ging, lie� ich ihn im Caf�, und er ist
dann erst ein wenig sp�ter herausgekommen. Es war alles Ma�arbeit, und keine
Pannen. Sie hat den Kopf verloren, das ist sicher. Sieht sich nicht vor.�</p><p>�Was hat
sie dann gemacht?� fragte Smiley.</p><p>�Schnurgerade
zur�ck zur Victoria-Station. Dort haben wir sie dann laufen lassen.�</p><p>Eine Weile
blieben sie stumm, und dann sagte Mendel: �Also, was tun wir jetzt?�</p><p>Smiley
zwinkerte und blickte ernst in Mendels graues Gesicht.</p><p>�Theaterkarten
bestellen f�r die Donnerstagvorstellung im Sheridan.�</p><empty-line/><p>Sie
gingen, und er war wieder allein. Er hatte noch immer nicht die Berge von
Briefen durchgesehen, die sich w�hrend seiner Abwesenheit angeh�uft hatten.
Rundschreiben, Kataloge von Blackwells, Rechnungen und die �bliche Kollektion
von Reklame f�r Seifen, tiefgek�hlte Erbsen, Fu�balltotoscheinen und so weiter.
Es waren auch einige Privatbriefe dabei. Er nahm alles ins Wohnzimmer mit,
setzte sich in einen Armstuhl und begann zuerst einmal die pers�nlichen Briefe
aufzumachen. Einer war von Maston, und er las ihn fast mit Verlegenheit.</p><empty-line/><p>�Mein
lieber George,</p><p>es tat mir
leid, als ich von Guillam h�rte, da� Sie einen Unfall hatten, und ich hoffe
zuversichtlich, da� Sie sich schon wieder ganz erholt haben. Sie erinnern sich
vielleicht, da� Sie mir in der Hitze des Gefechts damals vor Ihrem Ungl�cksfall
ein R�cktrittsgesuch geschickt haben, und ich m�chte Ihnen nur mitteilen, da�
ich es nat�rlich nicht ernst nehme. Manchmal verlieren wir den Sinn f�r die
Perspektive der Dinge, wenn die Ereignisse auf uns einst�rmen. Aber alte
Kampfgenossen, George, wie wir sind, kann man nicht so leicht von der Spur
abbringen. Ich freue mich darauf, Sie wieder bei uns zu sehen, sobald Sie
gesund sind, und inzwischen betrachten wir Sie weiter als ein altes, treues
Mitglied unseres Stabes.�</p><empty-line/><p>Smiley
legte den Brief weg und wandte sich dem n�chsten zu. Im ersten Augenblick
erkannte er die Handschrift nicht und starrte einen Moment verst�ndnislos auf
die Schweizer Marke und das Briefpapier eines teuren Hotels. Pl�tzlich wurde
er ein wenig schwach, der Brief verschwamm vor seinen Augen, und er hatte kaum
die Kraft in den Fingern, den Umschlag aufzurei�en. Was wollte sie? Wenn es
Geld war, dann konnte sie alles haben, was er besa�. Sein Geld konnte er ja
ausgeben, wie es ihm pa�te. Wenn es ihm Spa� machte, es auf Ann zu verschwenden,
dann w�rde er es tun. Sonst gab es nichts, was er ihr h�tte geben k�nnen. Sie
hatte es schon vor langer Zeit selber genommen. Seinen Mut, seine Liebe, sein
Mitgef�hl, alles hatte sie munter in ihrer kleinen Juwelenkassette mitgenommen,
um damit gelegentlich einmal am Nachmittag, wenn die Sonne Kubas hei�
herunterbrannte, zu t�ndeln. Sie lie� diese Dinge vielleicht vor den Augen
ihres neuen Liebhabers in ihren Fingern baumeln und verglich sie mit �hnlichen
kleinen Schmuckst�cken, die ihr andere vorher oder sp�ter gebracht hatten.</p><empty-line/><p>�Mein
liebster George,</p><p>ich m�chte
Dir ein Angebot machen, das kein Gentleman annehmen k�nnte. Ich m�chte zu Dir
zur�ckkommen.</p><p>Ich bleibe
bis Ende dieses Monats im Baur-au-Lac in Z�rich. Schreib mir.</p><p>Ann�</p><empty-line/><p>Smiley
nahm den Umschlag und drehte ihn um: �Madame Juan Alvida.� Nein, wirklich,
diesen Vorschlag konnte kein Gentleman annehmen. Kein Traum konnte das
Tageslicht von Anns Abreise mit ihrem zuckers��en Lateinamerikaner und sein
Orangenschalengrinsen �berleben. Smiley hatte einmal im Kino in der Wochenschau
einen Bericht gesehen, wie Alvida irgendein Rennen in Monte Carlo gewonnen
hatte. Das Widerw�rtigste daran waren die Haare auf seinen Armen gewesen,
erinnerte er sich. Mit seiner Schutzbrille, dem Motor�l im Gesicht und mit
diesem l�cherlichen Lorbeerkranz hatte er genau wie ein vom Baum heruntergefallener
Orang-Utan ausgesehen. Er hatte ein wei�es Tennishemd mit kurzen �rmeln
getragen, das auf r�tselhafte Art w�hrend des Rennens rein geblieben war, und
dadurch fielen einem diese schwarzen Affenarme mit noch gr��erer
Widerw�rtigkeit in die Augen.</p><p>Ja, das
war Ann: Schreib mir! Kauf dein Leben zur�ck, sieh nach, ob es noch einmal
gelebt werden kann, und schreib mir! Ich bin meines Liebhabers m�de, mein
Liebhaber ist meiner m�de, also la� mich wieder deine Welt zertr�mmern: meine
eigene ist mir langweilig. Ich m�chte zu dir zur�ck ... ich m�chte, ich m�chte
. . .</p><p>Smiley
stand auf. Noch immer den Brief in der Hand, blieb er vor der Porzellangruppe
stehen. Einige Minuten lang betrachtete er die kleine Sch�ferin. Sie war so
entz�ckend.</p><empty-line/><p><strong>Der letzte Akt </strong></p><p><strong/></p><p>Die
Vorstellung des dreiaktigen St�ckes &gt;Edward II.&lt; fand vor ausverkauftem
Haus statt. Guillam und Mendel sa�en nebeneinander am �u�ersten Ende des
Bogens, der ein gro�es U vor der B�hne bildete. Von der linken Seite des
Kreisendes konnte man die hinteren Parkettsitze sehen, die sonst unsichtbar
waren. Ein leerer Platz trennte Guillam von einer Gruppe junger Studenten, die
voll aufgeregter Erwartung miteinander fl�sterten.</p><p>Sie
blickten aufmerksam auf das Meer von dauernd in Bewegung befindlichen K�pfen
und flatternden Programmen, durch die pl�tzlich Wellen auf und nieder gingen,
wenn sp�ter Ankommende ihre Pl�tze einnahmen. Die Szene erinnerte Guillam an
einen orientalischen Tanz, bei dem winzige Gesten von Hand und Fu� einen
bewegungslosen K�rper beseelen. Gelegentlich sah er ins hintere Parkett, aber
von Elsa Fennan und ihrem Gast war noch nichts zu sehen.</p><p>Gerade als
die von einem Band wiedergegebene Ouvert�re zu Ende ging, warf er wieder einen
kurzen Blick auf die beiden leeren Sitze in der hintersten Reihe, und sein Herz
machte einen pl�tzlichen Sprung, als er dort die schlanke Gestalt Elsas sah,
die steif und bewegungslos in das Auditorium starrte, wie ein Kind, das sich zu
benehmen lernt. Der Platz zu ihrer Rechten, neben dem Gang, war noch immer
leer.</p><p>Drau�en
auf der Stra�e fuhren die Taxis eines nach dem anderen hastig am Eingang des
Theaters vor, die Ankommenden gaben in der Eile den Chauffeuren viel zuviel
Trinkgeld und suchten dann f�nf Minuten nach ihren Karten. Smiley lie� sich von
seinem Taxichauffeur hinter dem Theater, vor dem Hotel Clarendon, absetzen
und befahl ihm dann zu warten. Er selbst ging sofort in den Speisesaal und zur
Bar.</p><p>�Ich
erwarte jeden Augenblick einen Anruf�, sagte er. �Mein Name ist Savage. Bitte
rufen Sie mich sofort, wenn er kommt.�</p><p>Der Mann
an der Bar nahm das Telefon und sprach mit der Hauszentrale.</p><p>�Und dann
einen kleinen Whisky mit Soda, bitte. Wollen Sie selbst einen haben?�</p><p>�Danke
sehr, mein Herr, ich r�hre so etwas nie an.�</p><empty-line/><p>Der
Vorhang ging vor einer schwach erleuchteten B�hne hoch, und Guillam, der
verstohlen nach hinten in den Zuschauerraum sah, versuchte zuerst ohne Erfolg,
die pl�tzliche Dunkelheit zu durchdringen. Langsam gew�hnten sich seine Augen
an das sp�rliche Licht, das die Lampen der Notbeleuchtung verbreiteten, und
endlich konnte er in dem schwachen Schimmer Elsa erkennen. Und den noch immer
leeren Platz neben ihr.</p><p>Von dem
Gang, der l�ngs der Hinterseite des Zuschauerraumes verlief, waren die
Parkettsitze nur durch eine niedrige Wand getrennt. Dort befanden sich T�ren,
die zur Bar, dem Foyer und den Garderoben f�hrten. Einen kurzen Augenblick
ging eine dieser T�ren auf, und ein schr�ger Lichtstrahl traf Elsa Fennan, als
gesch�he es mit Absicht. Er beleuchtete in einer schmalen Linie die eine Seite
ihres Gesichtes, wobei durch den Kontrast die Schatten ihrer Z�ge schwarz
erschienen. Sie beugte den Kopf ein wenig, als ob sie auf etwas horche, erhob
sich halb von ihrem Sitz, setzte sich wieder hin, als h�tte sie sich
get�uscht, und verharrte in ihrer fr�heren Stellung.</p><p>Guillam
f�hlte Mendels Hand auf seinem Arm, drehte sich zu ihm und bemerkte, da� sein
hageres Gesicht vorgeneigt war und an ihm vor�berschaute. Dem Blick Mendels
folgend, sah er auf die Treppen am Eingang hinunter, wo eine hohe Gestalt
langsam zu den Parkettsitzen ging. Der Mann bot einen eindrucksvollen Anblick.
Er war gro� und sch�n, und in der Stirn hing ihm eine schwarze Locke. Dieser
elegante Riese, der da den Gang hinaufhinkte, war es, den Mendel so fasziniert
beobachtete. Es war etwas Ungew�hnliches an ihm, etwas Fesselndes und Verwirrendes.
Guillam verfolgte durch sein Glas, wie er langsam und entschlossen weiterging,
und er bewunderte die Grazie und die Gemessenheit seines ungleichm��igen
Ganges. Es war ein besonderer Mann, einer, an den man sich erinnert, ein Mann,
der in unserem Innersten eine Saite zum Schwingen bringt, einer, der �berall
die Situation zu beherrschen wu�te. Guillam kam er wie das lebendige Ebenbild
aller unserer Tr�ume vor, er stand am Mast mit Conrad, fand mit Byron das
verlorene Griechenland, besuchte mit Goethe die Schatten der klassischen und
mittelalterlichen Unterwelten.</p><p>In der
Art, wie er sein gesundes Bein nach vorn warf, lag ein Trotz und eine
Beherrschung, die man nicht �bersehen konnte. Guillam beobachtete, wie die
Leute im Zuschauerraum nach ihm die K�pfe umdrehten und wie ihm Augen gehorsam
folgten.</p><p>Guillam
dr�ckte sich an Mendel vorbei und ging schnell durch den daneben befindlichen
Notausgang hinaus auf den Korridor, der dahinter lag. Er folgte dem Gang und
kam schlie�lich �ber einige Stufen in das Foyer. Die Kasse hatte schon zu, aber
das M�dchen br�tete noch �ber einem Blatt voll m�hselig zusammengestellter
Zahlen, von denen viele ausgebessert oder durchgestrichen waren.</p><p>�Entschuldigen
Sie bitte�, sagte Guillam, �aber ich mu� rasch Ihr Telefon benutzen. Es ist
sehr dringend. Darf ich?�</p><p>�Psch!�
Sie winkte ihm ohne aufzusehen ungeduldig mit dem Bleistift. Ihr Haar war
unansehnlich, ihre fette Haut gl�nzte als Folge der Erm�dung sp�ter Abende und
einer Di�t, die wohl aus Kartoffelchips bestand. Guillam wartete einen Moment.
Wie lange es wohl dauern w�rde, bis sie eine L�sung f�r das Durcheinander von
spinnenhaften Zahlen gefunden hatte, die zu dem Haufen von Noten und Silbergeld
in der offenen Handkasse neben ihr pa�ten.</p><p>�H�ren Sie
zu�, dr�ngte er. �Ich bin Polizeibeamter - da sind ein paar Helden oben, die
hinter Ihrer Kasse her sind. Wollen Sie mich also zum Telefon lassen?�</p><p>�O Gott�,
sagte sie mit m�der Stimme und sah ihn zum erstenmal an. Sie trug Augengl�ser
und war sehr h��lich. Sie war weder erschrocken noch beeindruckt. �Das w�re
mein gr��ter Wunsch, da� sie das Geld n�hmen. Es treibt mich schon die W�nde
hoch.� Sie schob ihren Abrechnungszettel zur Seite, �ffnete eine T�r neben der
kleinen Zelle, und Guillam dr�ckte sich hinein.</p><p>�Nicht
sehr komfortabel, nicht wahr?� sagte das M�dchen und verzog den Mund. Ihre
Stimme klang fast kultiviert - wahrscheinlich eine Londoner Studentin, die
sich ein Taschengeld verdient, dachte Guillam. Er rief das Hotel Clarendon an
und verlangte Mr. Savage. Fast unmittelbar darauf h�rte er Smileys Stimme.</p><p>�Er ist
da�, sagte Guillam. �Die ganze Zeit hier gewesen. Mu� sich noch ein zweites
Billett gekauft haben. Er ist vorne im Parkett gesessen. Mendel hat ihn
pl�tzlich bemerkt, wie er den Gang hinaufhinkte.�</p><p>� Hinkte?�</p><p>�Ja, es
ist nicht Mundt, es ist der andere, Dieter.�</p><p>Smiley
antwortete nicht, und nach einer Weile sagte Guillam: �George, sind Sie noch
da?�</p><p>�Wir
sitzen in der Patsche, f�rchte ich, Peter. Wir haben nichts gegen Frey
vorzubringen. Lassen Sie Ihre Leute nach Hause gehen. Sie werden Mundt heute
abend nicht finden. Ist der erste Akt schon vorbei?�</p><p>�Es mu�
gleich Pause sein.�</p><p>�Ich bin
in zwanzig Minuten dr�ben. Passen Sie wie der Teufel auf Elsa auf - und wenn
sie weggehen und sich trennen, dann soll Mendel sich an Dieter anh�ngen.
W�hrend des letzten Aktes stellen Sie sich im Foyer auf, f�r den Fall, da� sie
fr�her weggehen.�</p><p>Guillam
legte den H�rer in die Gabel und wandte sich dem M�dchen zu. �Danke�, sagte er
und legte vier Pennies auf ihren Tisch. Sie sammelte sie rasch zusammen und
dr�ckte sie ihm in die Hand.</p><p>�Um Gottes
willen�, sagte sie, �machen Sie mein Ungl�ck nicht noch gr��er.�</p><p>Er ging
hinaus auf die Stra�e und sprach mit einem Kriminalbeamten in Zivil, der auf
dem Gehsteig herumbummelte. Dann eilte er zur�ck ins Theater und kam zu Mendel
zur�ck, gerade als der Vorhang nach dem ersten Akt fiel.</p><empty-line/><p>Elsa und
Dieter sa�en Seite an Seite. Sie redeten ganz fr�hlich miteinander, Dieter
lachte, Elsa war animiert und gespr�chig wie eine Marionette, die ihr Meister
zum Leben erweckt hatte. Mendel beobachtete sie fasziniert. Sie lachte �ber
irgend etwas, das Dieter gesagt hatte, beugte sich vor und legte ihre Hand auf
seinen Arm. Er sah ihre d�nnen Finger auf dem �rmel seines Smokings und
bemerkte, wie Dieter den Kopf neigte und ihr etwas zufl�sterte, das sie wieder
zum Lachen brachte. W�hrend Mendel ihnen so zusah, wurde die Beleuchtung
langsam schw�cher, und das Reden des Publikums verstummte in der Erwartung des
zweiten Aktes.</p><empty-line/><p>Smiley
verlie� das Hotel Clarendon und ging langsam auf dem Gehsteig dem Theater zu.
Wenn er jetzt dar�ber nachdachte, leuchtete es ihm ein: Es war nur logisch, da�
Dieter gekommen war. Mundt zu schicken w�re ja heller Wahnsinn gewesen. Wie
lange wohl Elsa und Dieter brauchen w�rden, um daraufzukommen, da� es nicht
Dieter war, der sie gerufen hatte, nicht Dieter, der die Postkarte durch einen
vertrauten Kurier geschickt hatte. Das wird ein interessanter Moment sein. Er
w�nschte sich aus ganzer Seele die Gelegenheit zu noch einem Gespr�ch mit Elsa
Fennan.</p><p>Wenige
Minuten sp�ter lie� er sich ruhig auf dem leeren Sitz neben Guillam nieder. Es
war lange her, da� er Dieter gesehen hatte.</p><empty-line/><p>Er hatte
sich nicht ver�ndert. Er war noch immer derselbe unwahrscheinliche Romantiker
mit dem Zauber eines Scharlatans, dieselbe unverge�liche Gestalt, die in den
Ruinen Deutschlands gek�mpft hatte, unerbittlich am Ziel festhaltend, satanisch
in den Mitteln, dunkel und schnell wie die G�tter des Nordens. Smiley hatte
ihnen damals an dem Abend in seinem Klub nicht die Wahrheit gesagt. Dieter war
tats�chlich ohne Ma�. Seine Schlauheit, seine Ideen, seine St�rke und seine
Tr�ume - alles war gr��er als das Leben selbst und nicht durch den m��igenden
Einflu� der Erfahrung gemildert. Er war ein Mann, der nur in absoluten
Begriffen dachte und handelte, ein Mann ohne Geduld oder Kompromi�bereitschaft.</p><p>Wie Smiley
an diesem Abend so in dem dunklen Theater sa� und Dieter �ber die Masse der
bewegungslosen K�pfe hin beobachtete, kamen ihm Erinnerungen an fr�here
Zeiten. Erinnerungen an gemeinsam bestandene Gefahren, an gegenseitiges
Vertrauen, als damals jeder das Leben des andern in der Hand gehalten hatte . .
. Einen kurzen Augenblick lang dachte Smiley fast, Dieter h�tte ihn gesehen,
hatte er das Gef�hl, da� Dieters Augen auf ihn gerichtet w�ren und ihn im
Halbdunkel beobachteten.</p><p>Als der
zweite Akt dem Ende zuging, erhob sich Smiley, und als der Vorhang fiel, verschwand
er schnell durch den Seitenausgang und wartete, im Korridor versteckt, bis zum
letzten Akt gel�utet wurde. Mendel kam kurz vor Ende der Pause zu ihm, und
Guillam huschte vorbei, um seinen Posten im Foyer einzunehmen.</p><p>�Jetzt
gibt es Verdru߫, sagte Mendel. �Sie streiten. Sie sieht aus, als ob sie Angst
h�tte. Sie scheint immer wieder etwas zu sagen, und er sch�ttelt nur den Kopf.
Sie ist ganz aus dem H�uschen, glaube ich, und er sieht beunruhigt aus. Er hat
angefangen, im Theater herumzuschauen, als s��e er in einer Falle, als pr�fte
er M�glichkeiten und machte Pl�ne. Er hat auch dorthin gesehen, wo Sie sitzen.�</p><p>�Er wird
sie nicht allein gehen lassen�, sagte Smiley. �Er wird warten und zusammen mit
dem anderen Publikum hinausgehen. Sie werden nicht vor Schlu� verschwinden. Er
rechnet wahrscheinlich damit, da� er eingekesselt ist. Er wird sein Heil darin
suchen, uns dadurch zu verwirren, da� er sich von ihr pl�tzlich mitten im
Gedr�nge trennt - sie eben einfach verliert.�</p><p>�Was
spielen wir eigentlich f�r ein Spiel? Warum k�nnen wir nicht einfach hin und
sie festnehmen?�</p><p>�Wir
warten eben blo�. Ich wei� nicht, weshalb. �brigens haben wir keine Beweise.
Weder f�r Mord noch f�r Spionage, bis sich Maston dazu aufrafft, etwas zu tun.
Aber behalten Sie eines im Auge: Dieter wei� das nicht. Wenn Elsa nerv�s ist
und Dieter beunruhigt, dann werden sie bestimmt irgend etwas tun - das ist
sicher. Solange sie glauben, da� das Spiel aus ist, haben wir eine Chance. Sie
sollen nur davonlaufen, in Panik ausbrechen, was sie wollen. Bis sie etwas tun
. . .�</p><p>Wieder
wurde es dunkel im Theater, aber als Smiley heimlich hinsah, bemerkte er, da�
sich Dieter zu Elsa beugte und ihr etwas zufl�sterte. Seine Linke hielt ihren
Arm, und seine ganze Haltung war so, als versuche er, ihr etwas dringend
einzureden und sie zu beruhigen.</p><p>Das St�ck
ging weiter, die Rufe der Soldaten und das Gekreische des wahnsinnigen K�nigs
erf�llten das Theater bis zum f�rchterlichen H�hepunkt seines schm�hlichen
Endes, als ein Seufzer aus dem Parkett zu h�ren war. Dieter hatte jetzt seinen
Arm um Elsas Schultern gelegt, er hatte ihren Schal um ihren Hals geschlungen
und schien sie wie ein schlafendes Kind zu beschirmen. In dieser Stellung
blieben sie bis zum letzten Vorhang. Beide applaudierten nicht. Dieter sah sich
nach Elsas Handtasche um, sagte irgend etwas Aufmunterndes zu ihr und stellte
sie ihr auf den Scho�. Sie nickte ganz leicht. Ein einleitender Trommelwirbel
veranla�te das Publikum, sich zur Nationalhymne zu erheben - Smiley stand
automatisch auf und bemerkte zu seinem Erstaunen, da� Mendel verschwunden war.
Dieter stand langsam auf, und dabei wurde es Smiley klar, da� etwas passiert
war. Elsa sa� noch immer, und obwohl Dieter ihr sanft zuzureden schien, doch
aufzustehen, reagierte sie nicht. Sie sa� merkw�rdig verrenkt da, und der Kopf
war ihr nach vorn auf die Brust gesunken . . .</p><p>Man
spielte gerade die letzten Takte der Nationalhymne, als Smiley zur T�r st�rzte
und durch den Korridor und �ber die Stiegen hinunter ins Foyer rannte. Er kam
gerade einen Augenblick zu sp�t, denn der erste Schwall von eiligen
Theaterbesuchern, die auf der Suche nach Taxis auf die Stra�e dr�ngten, kam ihm
schon entgegen. Er sah sich in der Menge verzweifelt nach Dieter um, wu�te
aber, da� es hoffnungslos war. Da� Dieter das getan hatte, was er selbst getan
haben w�rde: n�mlich einen der Notausg�nge benutzt hatte, die auf die Stra�e
f�hrten, wo er in Sicherheit war. Er arbeitete sich mit seinen breiten
Schultern langsam mitten durch die Menschenmenge gegen den Eingang zum Parkett
durch. Sich zwischen den K�rpern der ihm Entgegenkommenden bald hierhin, bald
dorthin wendend und durchdr�ngend, sah er Guillam, der am Rande des
Menschenstromes stand und verzweifelt nach Dieter und Elsa Ausschau hielt. Er
rief ihn an, und Guillam drehte sich schnell um.</p><p>Smiley
schob sich weiter vor und langte schlie�lich bei der niedrigen Trennwand an, wo
er Elsa sehen konnte, die bewegungslos dasa�, w�hrend �berall die M�nner
aufstanden und die Frauen nach ihren Umh�ngen und Handtaschen griffen. Dann
h�rte er den Schrei. Er kam pl�tzlich und war kurz und erf�llt von heftigstem
Schrecken und Ekel. Ein M�dchen stand im Gang und blickte Elsa an. Sie war jung
und sehr h�bsch. Die Finger ihrer rechten Hand hatte sie an den Mund gepre�t,
und ihr Gesicht war totenbleich. Ihr Vater, ein gro�er, blasser Mann, stand
hinter ihr. Er nahm sie schnell um die Schultern und zog sie weg, nachdem ihm
die schreckliche Szene klar geworden war.</p><p>Elsas
Schal war heruntergefallen, und ihr Kopf tief auf die Brust gesunken.</p><p>Smiley
hatte recht gehabt. �Sie sollen nur davonlaufen, in Panik ausbrechen, was sie
wollen ... bis sie etwas tun . . .� Das war es also, was sie getan hatten.
Dieser zerbrochene, arme K�rper war ein Zeuge ihrer Panik.</p><p>�Es ist
wohl am besten, Sie holen die Polizei, Peter. Ich gehe nach Hause. Halten Sie
mich aus der Sache drau�en, wenn Sie k�nnen. Sie wissen ja, wo Sie mich
finden.� Er nickte, als w�re es zu sich selber. �Ich gehe nach Hause.�</p><empty-line/><p>Es war
neblig, und ein feiner Regen fiel, als Mendel bei der Verfolgung Dieters rasch
die Fulham Palace Road �berquerte. Die Scheinwerfer der Autos tauchten
pl�tzlich zwanzig Fu� vor ihm aus dem nassen Nebel auf.</p><p>Er hatte
keine andere Wahl, als immer auf ganz kurze Distanz auf Dieters Fersen zu
bleiben, nie mehr als ein Dutzend Schritte hinter ihm. Die Gasth�user und Kinos
hatten schon zu, aber die Caf�-Bars und Tanzetablissements zogen noch immer
l�rmende Gruppen von Passanten an, die die Gehsteige bev�lkerten. Wie Dieter
so vor ihm herhinkte, folgte ihm Mendel im Licht der Stra�enlaternen. Seine
Silhouette wurde jedesmal pl�tzlich deutlich, wenn er in den n�chsten
Lichtkegel kam.</p><p>Trotz
seines Hinkens ging Dieter schnell. Dadurch, da� er l�ngere Schritte machte,
wurde das Hinken auffallender, und es sah aus, als schwinge er sein linkes Bein
durch eine pl�tzliche Anstrengung seiner breiten Schultern nach vorne.</p><p>Auf
Mendels Gesicht war ein merkw�rdiger Ausdruck. Nicht von Ha� oder eiserner
Entschlossenheit, sondern von offenem Ekel. F�r ihn bedeutete das ganze
besch�nigende Drum und Dran von Dieters Beruf nicht das mindeste. Er sah an dem
Wild, das er verfolgte, nur den Schmutz des Verbrechers, die kl�gliche Feigheit
eines Mannes, der andere daf�r bezahlte, da� sie f�r ihn mordeten. Als Dieter
sich vorsichtig aus dem Zuschauerraum davongemacht hatte und zum Seitenausgang
geschlichen war, hatte Mendel darin das gesehen, was er erwartet hatte:
irgendeine Hinterlist eines gemeinen Verbrechers. Das war etwas, das er
voraussah und verstand. F�r Mendel gab es nur eine Art von Kriminellen, angefangen
vom Taschendieb und Einschleichdieb bis zum Gro�betr�ger, der das Recht zu
handeln nach seinem Belieben f�r sich zurechtbog. Sie befanden sich alle
au�erhalb des Gesetzes, und es war seine ekelhafte, aber notwendige Aufgabe,
ihnen das Handwerk zu legen und sie an einen sicheren Ort zu bringen. Dieser
Verbrecher hier war zuf�lligerweise ein Deutscher.</p><p>Der Nebel
wurde dick und gelb. Keiner von ihnen hatte einen Mantel an. Was Mrs. Fennan
wohl jetzt tun w�rde, dachte Mendel. Guillam w�rde sich schon um sie k�mmern.
Sie hatte Dieter nicht einmal angesehen, als er sich davonmachte. Das war eine
merkw�rdige Person. Ganz Haut und Knochen und gute Werke, so sah sie aus. Sie
lebte wohl von trockenem Toast und Suppenw�rfeln.</p><p>Dieter bog
pl�tzlich nach rechts in eine Seitengasse ein und dann in eine andere nach
links. Sie waren nun schon eine Stunde unterwegs, und er wurde noch immer keine
Spur langsamer. Die Stra�e schien menschenleer zu sein, wenigstens konnte
Mendel keine anderen Schritte als ihre eigenen h�ren, deren knirschendes
kurzes Echo im Nebel zerflatterte. Jetzt waren sie in einer schmalen Gasse mit
H�usern aus der Zeit der K�nigin Victoria, die nicht ganz stilreine
Regency-Fassaden, gro�e Vorbauten und Schiebefenster hatten. Mendel sch�tzte,
da� sie irgendwo in der N�he des Fulham Broadway waren, vielleicht noch weiter,
n�her bei der King's Road. Noch immer lie� Dieters Tempo nicht nach, noch immer
glitt der schr�ge Schatten vorw�rts durch den Nebel, zielbewu�t und seines
Weges sicher.</p><p>Als sie
sich einer Hauptstra�e n�herten, h�rte Mendel wieder das kl�gliche Gewinsel des
Verkehrs, der durch den Nebel fast zum Stillstand gekommen war. Dann warf von
irgendwoher aus dem Nichts ein gelbes Stra�enlicht, wie eine Aureole der
Wintersonne mit klaren Konturen, einen fahlen Schein. Dieter z�gerte einen
Augenblick am Stra�enrand, und dann, ohne R�cksicht auf den Verkehr, der sich
aus dem Nichts an ihnen vor�bertastete, �berschritt er die Stra�e und st�rzte
sich sofort in eine der unz�hligen Gassen, die, dessen war Mendel sicher, zum
Flu� f�hrten.</p><p>Mendels
Kleider waren triefend na�, und der feine Regen rann ihm �ber das Gesicht.
Jetzt mu�ten sie ganz nahe am Flu� sein, denn er konnte den Geruch von Teer und
Koks, die heimt�ckische K�lte des offenen Wassers wahrnehmen. Einen Moment
lang dachte er, Dieter w�re verschwunden. Er beschleunigte seine Schritte,
stolperte �ber einen Randstein, rannte weiter und sah das Gel�nder des
Themsekais vor sich. Stufen f�hrten zu einem eisernen Tor im Gel�nder, das halb
offenstand. Er stand an dem Durchgang und sah nach unten ins Wasser. Eine starke
Holztreppe f�hrte hinunter, und Mendel h�rte das ungleichm��ige Echo von
Dieters Schritten, der, durch den Nebel verborgen, seinen merkw�rdigen Weg
hinunter zum Wasser fortsetzte. Mendel wartete zuerst und ging dann vorsichtig
und leise die Holztreppe hinab. Sie war solide gebaut, mit einem starken
Holzgel�nder beiderseits. Sie war wohl schon ziemlich alt, dachte Mendel. Unten
war ein langer schwimmender Steg aus �ltonnen und Planken an der Treppe
befestigt. Man konnte drei verwahrloste alte Hausboote durch den Nebel
erkennen, die sanft in ihren Vert�uungen schaukelten.</p><p>Lautlos
schlich sich Mendel auf den Steg und sah sich die Hausboote der Reihe nach
genau an. Zwei lagen knapp nebeneinander und waren durch eine Planke verbunden.
Das dritte lag etwa f�nf Meter weiter vert�ut, und in der Kabine vorne brannte
ein Licht. Mendel kehrte zum Kai zur�ck und schlo� das Tor sorgf�ltig hinter
sich.</p><p>Langsam
ging er die Stra�e entlang. Er wu�te noch immer nicht genau, wo er war. Nach
ungef�hr f�nf Minuten bog der Gehsteig pl�tzlich nach links ab und begann
leicht anzusteigen. Er vermutete, da� er auf einer Br�cke war. Er entz�ndete
sein Feuerzeug, und die lange Flamme beleuchtete eine Steinmauer zu seiner
Rechten. Er bewegte das Feuerzeug hin und her und sah endlich eine nasse,
schmutzige Messingplatte, auf der �Battersea Bridge� stand. Dann ging er zum
Eisentor zur�ck, blieb einen Augenblick lang stehen und orientierte sich nach
der Erinnerung.</p><p>Irgendwo
rechts �ber ihm mu�ten die vier gro�en Schornsteine des E-Werkes von Fulham im
Nebel verborgen sein: Linker Hand war die Cheyne Walk mit der Reihe von kleinen
eleganten Booten, die bis Battersea Bridge reichte. Der Platz, an dem er stand,
markierte die Trennungslinie zwischen dem Eleganten und dem Dreckigen, dort,
wo die Cheyne Walk auf die Lots Road trifft, eine der scheu�lichsten Stra�en
in ganz London. Die S�dseite dieser Stra�e bilden Lagerh�user, Werften und
Fabriken, w�hrend die Nordseite aus einer ununterbrochenen Reihe von schwarzen
schmutzigen H�usern besteht, wie sie f�r die Seitenstra�en von Fulham typisch
sind.</p><p>Im
Schatten der vier Schornsteine, vielleicht zwanzig Meter vom Anlegeplatz an
der Cheyne Walk entfernt, hatte also Dieter einen Unterschlupf gefunden. Ja,
Mendel kannte den Platz gut. Nur ein paar hundert Meter weiter den Flu� hinauf
hatte man die irdischen �berreste von Mr. Adam Scarr aus den nassen Fluten der
Themse geborgen.</p><empty-line/><p><strong>Echo im Nebel </strong></p><p><strong/></p><p>Es war
schon lange nach Mitternacht, als Smileys Telefon l�utete. Er stand aus dem
Lehnstuhl auf, den er sich vor den Gaskamin ger�ckt hatte, und ging m�hsam die
Stiege hinauf, wobei er sich im Gehen mit der rechten Hand fest am
Treppengel�nder anhielt. Ohne Zweifel war es Peter oder die Polizei, und er
w�rde eine Aussage machen m�ssen. Vielleicht war es sogar die Presse. Der Mord
hatte zu einem Zeitpunkt stattgefunden, da� er gerade noch in die heutigen
Zeitungen kommen konnte. F�r den Abendbericht im Rundfunk war es ja, Gott sei
Dank, zu sp�t gewesen. Wie w�rden die Schlagzeilen lauten? �Wahnsinniger
mordet im Theater�? oder �Mord durch W�rgegriff - das Opfer eine angesehene
Dame� ? Er ha�te die Presse genauso, wie er die Reklame und das Fernsehen
ha�te, er ha�te diese Massenmedien, die ganzen r�cksichtslosen
Suggestionsmittel des zwanzigsten Jahrhunderts. Alles, was er liebte, war das
Produkt eines ausgepr�gten Individualismus. Deshalb ha�te er jetzt Dieter und
das, wof�r er eintrat, st�rker als jemals vorher. Es war die unertr�gliche
Anma�ung, die Masse vor das Individuum zu stellen. Wann hatten
Massenphilosophien je Segen oder Erkenntnis gebracht? Dieter k�mmerte das
menschliche Leben nicht das geringste. Er tr�umte nur von Armeen gesichtsloser
Menschen, die durch ihren kleinsten gemeinsamen Nenner zusammengehalten
wurden. Er wollte die Welt so schaffen, als w�re sie ein Baum, den er nach
Belieben zustutzen konnte, damit sie dem liniengetreuen Idealbild entspreche.
Zu diesem Zweck hatte er sich leere, entseelte Automaten, wie Mundt einer war,
geschaffen. Mundt hatte genauso kein Gesicht wie Dieters Armee, er war ein
gedrillter M�rder und entstammte der besten M�rderrasse.</p><p>Er hob das
Telefon ab und nannte seine Nummer. Es war Mendel.</p><p>�Wo sind
Sie?�</p><p>�In der
N�he vom Chelsea Embankment. In einem Gasthaus, das &gt;Der Ballon&lt; hei�t,
in der Lots Road. Der Wirt ist ein alter Freund von mir. Ich habe ihn
herausgeklopft. . . H�ren Sie zu, Elsas Freund ist in einem alten Hausboot bei
der Getreidem�hle in Chelsea in Deckung gegangen. Es ist ein wahres Wunder, wie
er sich in diesem Nebel zurechtgefunden hat. Mu� irgendwie mit dem Braillesystem
seinen Weg ausfindig gemacht haben.�</p><p>�Wer?�</p><p>�Ihr
Freund, ihre Eskorte im Theater. Wachen Sie auf, Mr. Smiley. Was ist los mit
Ihnen?�</p><p>�Sie sind
Dieter nach?�</p><p>�Nat�rlich
hab' ich das getan. Das haben Sie doch zu Mr. Guillam gesagt, nicht wahr? Er
sollte sich an die Frau halten und ich den Mann �bernehmen . . . Wie ist es
denn �brigens Mr. Guillam ergangen? Wo ist Elsa hin?�</p><p>�Sie ist
nirgends mehr hingekommen. Sie war schon tot, wie Dieter weggegangen ist.
Mendel, sind Sie noch da? H�ren Sie, wo um Gottes willen kann ich Sie finden?
Wo ist das? Wei� die Polizei davon?�</p><p>�Sie wird
es erfahren. Sagen Sie ihr, da� er in einem umgebauten Landungsboot ist, das <emphasis>Sunset Haven
</emphasis>hei�t. Es liegt auf der Ostseite der Sennen-Werft, zwischen den
Getreidem�hlen und dem Kraftwerk von Fulham. Sie wird es schon finden . . .
aber der Nebel ist dicht, denken Sie daran, der Nebel ist sehr dicht.�</p><p>�Wo kann
ich Sie denn treffen?�</p><p>�Fahren
Sie schnurgerade durch bis zum Flu�. Ich werde Sie am n�rdlichen Ufer der
Battersea Bridge erwarten.�</p><p>�Ich
komme, so schnell ich kann, sobald ich Guillam angerufen habe.�</p><p>Irgendwo
hatte er ein Schie�eisen, und einen Moment lang dachte er daran, es zu suchen.
Aber dann kam es ihm irgendwie sinnlos vor. Au�erdem, dachte er grimmig, w�rde
der Teufel los sein, wenn er es benutzte. Er rief Guillam in seiner Wohnung an
und erz�hlte ihm, was Mendel berichtet hatte: �Au�erdem, Peter, m�ssen Sie
alle H�fen und Flugpl�tze �berwachen. Verf�gen Sie, da� der Verkehr auf dem
Flu� und alle Schiffe, die auslaufen, besonders bewacht werden. Sie werden
schon wissen, wie.�</p><p>Er zog
einen alten Regenmantel und ein Paar dicke Lederhandschuhe an und ging schnell
in den Nebel hinaus.</p><p>Mendel
erwartete ihn an der Br�cke. Sie nickten einander zu, und dann f�hrte ihn
Mendel rasch das Embankment entlang, wobei er sich nahe am Flu� hielt, um den
B�umen auszuweichen, die l�ngs der Stra�e standen. Pl�tzlich blieb Mendel
stehen und ergriff warnend Smileys Arm. Sie r�hrten sich nicht und horchten.
Dann h�rte es auch Smiley. Es war das hohle Echo von Schritten auf einem
Bretterboden. Es klang unregelm��ig, wie die Schritte eines Hinkenden. Sie
h�rten das Knarren eines eisernen Tores, das Ger�usch, das beim Schlie�en
entstand, und dann wieder die Schritte, die jetzt auf dem Gehsteig fester
klangen, lauter wurden und ihnen entgegenkamen. Keiner der beiden r�hrte sich.
Immer lauter und n�her klangen sie, dann wurden sie langsamer, und es war ganz
still. Smiley hielt den Atem an und versuchte verzweifelt, einen Meter weiter
durch den Nebel zu sehen, die verharrende Gestalt wahrzunehmen, von der er
wu�te, da� sie da war.</p><p>Und dann
kam er pl�tzlich wie ein schweres wildes Tier dahergest�rmt, brach zwischen
ihnen durch, schleuderte sie wie kleine Kinder zur Seite und rannte weiter. Er
war wieder verschwunden, und der ungleichm��ige Takt seiner Schritte wurde mit
zunehmender Entfernung immer schw�cher. Sie drehten sich um und jagten ihm
nach, Mendel voran und Smiley hinterher, so gut er konnte. Das Bild, wie Dieter
mit der Pistole in der Hand aus dem n�chtlichen Nebel auf sie eingedrungen
war, stand noch immer lebhaft vor seinen Augen. Vor ihm bog der Schatten
Mendels unvermittelt nach rechts ab, und Smiley folgte blindlings. Pl�tzlich
�nderte sich der Rhythmus der Schritte zum Stampfen und Scharren eines
Handgemenges. Smiley rannte weiter, h�rte den unverkennbaren Ton, wenn eine
schwere Waffe einen menschlichen Sch�del trifft, und dann war er auf dem
Kampfplatz. Er sah Mendel am Boden, und Dieter, der sich �ber ihn beugte, holte
gerade aus, um noch einmal mit dem schweren Knauf einer automatischen Pistole
zuzuschlagen.</p><p>Smiley war
au�er Atem. Seine Lungen schmerzten ihn von dem kalten schmutzigen Nebel, sein
Mund war hei� und trocken und schmeckte nach Blut. M�hsam nach Atem ringend,
schrie er verzweifelt: �Dieter!�</p><p>Frey sah
ihn an, nickte und sagte: �Servus, George�, w�hrend er gleichzeitig Mendel
einen brutalen Schlag versetzte. Er erhob sich langsam und hielt die Pistole
mit beiden H�nden nach abw�rts, um sie zu spannen.</p><p>Smiley
st�rzte sich blindlings auf ihn. Er verga� v�llig, wie wenig geschickt er mit
seinen kurzen Armen immer im Faustkampf gewesen war, wie schlecht er es
verstand, mit der offenen Hand zuzuschlagen. Sein Kopf rammte Dieters Brust,
er stie� mit aller Kraft nach vorne und trommelte auf Dieters R�cken und Rippen
los. Er war v�llig au�er sich vor Wut, und als er merkte, da� ihm die Raserei
Riesenkr�fte gab, dr�ckte er Dieter weiter gegen das Gel�nder der Br�cke hin.
Dieter hatte das Gleichgewicht verloren und wich, durch sein schwaches Bein
behindert, zur�ck. Smiley wu�te, da� Dieter auf ihn losschlug, aber der
entscheidende Hieb kam nicht. �Schwein, du Schwein�, schrie er ihm zu, und als
Dieter noch weiter zur�ckwich, bekam Smiley die Arme frei und bearbeitete sein
Gesicht jetzt mit ungeschickten, kindlichen Schl�gen. Dieter lehnte nach
r�ckw�rts, und Smiley sah die klaren Konturen seiner Kehle und seines Kinns,
als er mit ganzer Kraft seine offene Hand nach oben stie�. Seine Finger
schlossen sich �ber Dieters Unterkiefer und Mund, und Smiley dr�ckte ihn weiter
und weiter zur�ck.</p><p>Dieters
H�nde waren an Smileys Kehle, und dann klammerten sie sich pl�tzlich an seinen
Kragen, als er einen verzweifelten Versuch machte, sich zu retten, w�hrend er
langsam nach r�ckw�rts sank. Smiley schlug wie rasend auf seine Arme los, und
dann l�sten sich die H�nde von ihm, und Dieter fiel, fiel in den brodelnden
Nebel unter der Br�cke. Es war ganz still. Kein Schrei, kein Aufklatschen im
Wasser. Er war dahin, dem Nebel Londons und dem schmutzigen schwarzen Flu�
darunter wie ein Menschenopfer dargebracht.</p><p>Smiley
lehnte sich �ber die Br�cke, in seinem Kopf tobte es wild, Blut rann ihm aus
der Nase, und die Finger der rechten Hand konnte er nicht gebrauchen. Sie waren
anscheinend gebrochen. Seine Handschuhe waren weg. Er blickte in den Nebel
hinunter, konnte aber nichts sehen.</p><p>�Dieter�,
schrie er in der Qual seines Herzens, �Dieter!�</p><p>Er rief es
noch einmal, aber die Stimme versagte ihm, und er brach in Tr�nen aus:
�Barmherziger Gott, was habe ich getan, ach, mein Jesus, Dieter, warum hast du
mich nicht zur�ckgehalten, warum hast du nicht mit der Pistole zugeschlagen,
nicht geschossen?�</p><p>Er pre�te
seine H�nde vor das Gesicht und f�hlte den Salzgeschmack des Blutes an seinen
Handfl�chen, vermischt mit dem Salz seiner Tr�nen. Er lehnte sich gegen die
Br�stung und weinte wie ein Kind. Irgendwo unter ihm k�mpfte ein Kr�ppel in dem
schmutzigen Wasser um sein Leben. Verloren und ersch�pft erlag er endlich dem
stinkenden Dunkel, das ihn festhielt und hinunterzog.</p><p>Als er
erwachte, sa� Guillam am Fu�ende seines Bettes und go� Tee ein.</p><p>�Da sind
Sie ja, George. Willkommen! Es ist zwei Uhr nachmittags.�</p><p>�Und heute
nacht. . .?�</p><p>�Heute nacht haben Sie mit Kamerad
Mendel auf der Battersea Bridge Weihnachtslieder gesungen.�</p><p>�Wie geht es ihm ... ich meine
Mendel?�</p><p>�Entsprechend besch�mt. Erholt
sich aber rasch.�</p><p>�Und Dieter . ..?�</p><p>�Tot.�</p><p>Guillam
reichte ihm eine Tasse Tee und einige Ratafia-Kuchen von Fortnums.</p><p>�Wie lange
sind Sie schon hier, Peter?�</p><p>�Ja, also
wir sind hergekommen, nachdem wir eine Reihe von taktischen Haken geschlagen
hatten. Der erste Seitensprung war in das Spital in Chelsea, wo sie Ihnen die
Wunden geleckt und ein recht anst�ndiges Schlafmittel verpa�t haben. Dann sind
wir hierher zur�ck, und ich habe Sie ins Bett gebracht. Das war scheu�lich.
Dann habe ich eine Menge telefoniert und bin sozusagen mit einer Mistgabel
herum und habe Ordnung gemacht. Gelegentlich habe ich nach Ihnen gesehen.
Cupido und Psyche k�nnte man sagen. Sie haben entweder wie ein Sattelr�cken geschnarcht
oder Webster zitiert.�</p><p>�Um Gottes
willen!�</p><p>�Ich
glaube, es war aus &gt;Die Herzogin von Malfi&lt;: &gt;Ich bat dich, als ich
ganz von Sinnen war: Geh hin und morde meinen liebsten Freund, und du hast's
getan!&lt; Das ist ein entsetzlicher Bl�dsinn, George.�</p><p>�Wie hat
uns denn die Polizei gefunden, Mendel und mich?�</p><p>�George,
Sie werden es vielleicht nicht wissen, aber Sie haben Dieter Schimpfworte
zugebr�llt, als ob . . .�</p><p>�Ja,
nat�rlich. Sie haben es geh�rt.�</p><p>�Wir haben
es geh�rt.�</p><p>�Was ist
mit Maston? Was sagt Maston zu dem Ganzen?�</p><p>�Ich
glaube, er will Sie sehen. Ich soll Ihnen ausrichten, Sie m�chten bei ihm
vorbeikommen, sobald Sie sich wieder gesund genug f�hlen. Ich wei� nicht, was
er dar�ber denkt. Gar nichts, vermute ich.�</p><p>�Wie
meinen Sie das?�</p><p>Guillain
go� frischen Tee ein.</p><p>�Strengen
Sie Ihre Hirnwindungen an, George. Alle drei Hauptpersonen in diesem kleinen
M�rchen sind jetzt von den B�ren aufgefressen worden. In den letzten sechs
Monaten sind keine geheimen Dokumente verraten worden. Glauben Sie wirklich,
da� Maston sich f�r die Details interessieren wird? Glauben Sie wirklich, da�
er keinen gr��eren Wunsch hat, als dem Au�enamt die frohe Kunde zu bringen -
und gleichzeitig zuzugeben, da� wir Spione nur fangen k�nnen, wenn wir �ber
ihre Leichen stolpern?�</p><p>Es
l�utete, und Guillam ging hinunter, um aufzumachen. Erstaunt h�rte Smiley, wie
er den Chef in die Halle f�hrte, dann ein mit leiser Stimme gef�hrtes Gespr�ch
und Schritte, die die Treppe heraufkamen. Es klopfte, und Maston kam herein. Er
hatte einen unsinnig gro�en Blumenstrau� in der Hand und sah aus, als k�me er
gerade von einer Garden-Party. Smiley erinnerte sich daran, da� Freitag war.
Ohne Zweifel ging er zum Wochenende nach Henley. Er grinste. Mu�te wohl den
ganzen Weg die Treppe herauf gegrinst haben.</p><p>�Na,
George, wieder auf dem Kriegspfad?�</p><p>�Ja,
leider. Ich hatte wieder einen Unfall.�</p><p>Er setzte
sich auf die Bettkante und lehnte sich �ber das Bett, indem er sich auf der
anderen Seite von Smileys Beinen mit einer Hand aufst�tzte.</p><p>Nach einer
Pause sagte er: �Sie haben bereits meinen Brief bekommen, George?�</p><p>�Ja.�</p><p>Wieder
eine Pause.</p><p>�Es ist
von einer neuen Abteilung im Department geredet worden, George. Wir, also das
Department, haben das Gef�hl, da� wir dem Studium der Technik gr��ere Aufmerksamkeit
zuwenden sollten, besonders mit R�cksicht auf die Satellitenspionage. Das ist
auch der Standpunkt des Innenministeriums, wie ich erfreulicherweise sagen
kann. Guillam hat sich bereit erkl�rt, bei der Ausarbeitung der Richtlinien als
Berater zur Verf�gung zu stehen. Ich �berlegte, ob Sie die Sache �bernehmen
w�rden. Mit der entsprechenden Bef�rderung nat�rlich und der eventuellen Beg�nstigung,
da� Sie nach Erreichen des vorgeschriebenen Pensionsalters noch weiterarbeiten
k�nnten. Unsere Leute von der Personalabteilung sind in dieser Sache ganz auf
meiner Seite.�</p><p>�Danke . .
. vielleicht d�rfte ich es mir durch den Kopf gehen lassen. Darf ich das?�</p><p>�Selbstverst�ndlich
. . . selbstverst�ndlich.� Maston sah ein wenig entt�uscht aus. �Wann werden
Sie es mich wissen lassen? Es wird vielleicht notwendig sein, einige neue Leute
hereinzunehmen, und da erhebt sich die Platzfrage . . . Benutzen Sie das Wochenende
zum �berlegen und verst�ndigen Sie mich am Montag. Meine Sekret�rin wird gerne
. . .�</p><p>�Ja, ich
werde mich melden. Es ist wirklich sehr freundlich von Ihnen.�</p><p>�Aber, ich
bitte Sie. �brigens, ich bin ja nur der Verbindungsmann zum Ministerium,
George. Es ist tats�chlich eine Entscheidung interner Natur. Ich bin nur der
�berbringer der guten Botschaft, George. In meiner �blichen Funktion als
Laufjunge.�</p><p>Maston sah
Smiley einen Augenblick scharf an, z�gerte dann und sagte schlie�lich: �Ich
habe den Minister informiert . . . soweit das notwendig war. Der Innenminister
war auch anwesend.�</p><p>�Wann war
das?�</p><p>�Heute
vormittag. Wir haben einen Protest an die Ostdeutschen erwogen und
Landesverweisung f�r diesen Mundt.�</p><p>�Aber wir
haben ja Ostdeutschland nicht anerkannt.�</p><p>�Sehr
richtig. Das war die Schwierigkeit. Es ist aber m�glich, den Protest �ber einen
vermittelnden Staat zu leiten.�</p><p>�Wie zum
Beispiel Ru�land?�</p><p>�Sehr
richtig. Aber es tauchten verschiedene Gegenargumente auf. Man hatte das
Gef�hl, da� jede Art von Publizit�t in dieser Sache sich letzten Endes gegen
die Interessen der Nation auswirken w�rde. Es besteht gegen die
Wiederbewaffnung Westdeutschlands sowieso schon eine gewisse feindselige
Einstellung hier im Lande. Man meinte, da� jede Nachricht von deutschen
Quertreibereien - ob sie nun von den Russen inspiriert sind oder nicht - diese
Feindseligkeit verst�rken w�rde. Es gibt ja kein positives Zeugnis daf�r, da�
Frey f�r die Russen gearbeitet hat, verstehen Sie. Es k�nnte der �ffentlichkeit
leicht so dargestellt werden, als habe er aus eigener Initiative gearbeitet
oder f�r ein geeintes Deutschland.�</p><p>�Aha.�</p><p>�Bisher
sind die Tatsachen �berhaupt nur sehr wenigen Leuten bekannt. Das ist ein
au�ergew�hnlich gl�cklicher Umstand. Was die Polizei angeht, so hat der
Innenminister sich vorl�ufig damit einverstanden erkl�rt, da� sie ihren Teil
dazu beitragen wird, um die Aff�re so weit wie m�glich zu vertuschen . . .
�brigens, dieser Mendel, was ist das f�r ein Mensch? Ist er vertrauensw�rdig?�</p><p>Smiley
h�tte ihn daf�r erw�rgen k�nnen.</p><p>�Ja�,
sagte er.</p><p>Maston
stand auf. �Gut�, meinte er, �sehr gut. Also, ich mu� sehen, da� ich
weiterkomme. H�tten Sie gerne irgendwas, oder k�nnte ich etwas f�r Sie tun?�</p><p>�Nein,
danke. Guillam sorgt wunderbar f�r mich.�</p><p>Maston
stand an der T�r. �Also, alles Gute, George. Nehmen Sie, wenn m�glich, an.� Er
sagte es schnell, mit unterdr�ckter Stimme und einem freundlichen L�cheln, als
ob es ziemlich viel bedeute.</p><p>�Sch�nen
Dank f�r die Blumen�, rief Smiley.</p><empty-line/><p>Dieter war
tot, und <emphasis>er </emphasis>hatte ihn umgebracht. Daf�r waren
die gebrochenen Finger seiner rechten Hand, sein zerschlagener, steifer K�rper,
die rasenden Kopfschmerzen 'und das qu�lende Schuldgef�hl das beste Zeugnis.
Und Dieter hatte zugelassen, da� er es tat, hatte nicht geschossen, hatte sich
ihrer Freundschaft erinnert, w�hrend Smiley sie zur Seite gesto�en hatte.</p><p>Sie hatten
in einer Wolke gek�mpft, in der steigenden Flut des Stromes, in der Lichtung
eines zeitlosen Hochwaldes. Sie hatten einander getroffen, zwei
wiedervereinigte Freunde, und wie wilde Bestien gek�mpft. Dieter hatte sich
erinnert und Smiley nicht. Sie waren aus verschiedenen Hemisph�ren der Nacht
hergekommen, aus verschiedenen Welten, in denen man verschieden dachte und
handelte. Dieter, der schnell Urteilende, der Absolute, hatte gek�mpft, um eine
neue Welt zu bauen, Smiley, der gr�ndlich �berlegende, der Bewahrer, hatte
gek�mpft, um ihn daran zu hindern. �Ach Gott�, sagte Smiley laut vor sich hin,
�welcher war nun der Gentleman . . .?�</p><p>M�hsam
stand er aus dem Bett auf und begann sich anzuziehen. Im Stehen war ihm besser.</p><empty-line/><p><strong>Lieber Mr. Maston </strong></p><p><strong/></p><p>�Lieber
Mr. Maston,</p><p>endlich
bin ich so weit, da� ich auf das Angebot der Personalabteilung, mir einen
h�heren Posten im Department anzuvertrauen, antworten kann. Es tut mir leid,
da� dies erst so sp�t geschieht, doch war ich, wie Ihnen bekannt ist, in der
letzten Zeit nicht gesund und hatte mich auch mit einer Reihe pers�nlicher
Probleme auseinanderzusetzen, die au�erhalb des Bereiches des Departments
liegen.</p><p>Da ich
noch immer unp��lich bin, habe ich mich zu der Entscheidung durchgerungen, da�
es unklug von mir w�re, das Angebot anzunehmen. Ich darf Sie bitten, das der
Personalabteilung mitzuteilen.</p><p>Ich bin
sicher, da� Sie mich verstehen werden.</p><p>Ihr George Smiley�</p><empty-line/><p>�Lieber
Peter,</p><p>ich
schlie�e einen Bericht �ber den Fall Fennan bei. Es ist das einzige Exemplar.
Wenn Sie ihn gelesen haben, dann schicken Sie ihn bitte an Maston weiter. Ich
dachte, es k�nnte von Wert sein, den Gang der Ereignisse aufzuschreiben - auch
wenn sie nicht stattgefunden haben.</p><p>Immer Ihr alter George�</p><empty-line/><p><strong>Der �Fall �Fennan </strong></p><p><strong/></p><p>Am Montag,
dem z. Januar, wurde Samuel Arthur Fennan, ein h�herer Beamter des Au�enministeriums,
von mir einvernommen, um gewisse Beschuldigungen klarzustellen, die in einem
anonymen Brief gegen ihn erhoben worden waren. Die Einvernahme wurde in der
�blichen Weise arrangiert, das hei�t, mit Wissen und Einverst�ndnis des
Au�enministeriums. �ber Fennan war uns nichts Nachteiliges bekannt, au�er da�
er in den drei�iger Jahren, w�hrend er in Oxford war, mit den Kommunisten
sympathisiert hatte, welcher Tatsache wir allerdings wenig Bedeutung beilegten.
In gewissem Sinne war daher die Einvernahme eine reine Routineangelegenheit.</p><p>Fennans
Zimmer im Au�enamt erwies sich daf�r als ungeeignet, und wir kamen �berein,
unser Gespr�ch im St.-James-Park fortzusetzen, weil so sch�nes Wetter war.</p><p>Es hat
sich sp�ter herausgestellt, da� wir dabei von einem Agenten des ostdeutschen
Spionagedienstes erkannt und beobachtet wurden, der w�hrend des Krieges mit
mir zusammengearbeitet hatte. Es steht nicht fest, ob er Fennan etwa dauernd
beobachtete oder nur zuf�llig im Park anwesend war.</p><p>In der
Nacht auf den 3. Februar berichtete die Polizei von Surrey, da� Fennan
Selbstmord begangen habe. In einem Abschiedsbrief, den Fennan unterschrieben
hatte, wurde behauptet, da� er ein Opfer der Methoden der Sicherheitsbeh�rden
geworden sei.</p><p>W�hrend
der Untersuchung stellten sich jedoch folgende Tatbest�nde heraus, die auf ein
Verbrechen zu deuten schienen:</p><p>1.��
Um 7 Uhr 55 des Abends, an dem
Fennan starb, hatte er die Telefonzentrale in Walliston gebeten, ihn um 8 Uhr
30 am n�chsten Morgen anzurufen.</p><p>2.�
Fennan hatte sich kurz vor seinem
Tod eine Tasse Kakao bereitet und nicht getrunken.</p><p>3.�
Er hatte sich vermutlich in der
Halle am Fu�e der Treppe erschossen. Der Brief lag neben der Leiche.</p><p>4.�
Es schien unlogisch, da� er seinen
letzten Brief auf der Maschine geschrieben haben sollte, und noch merkw�rdiger,
da� er die Stiege hinunter in die Halle gegangen w�re, um sich zu erschie�en.</p><p>5.�
An seinem Todestag gab er einen
Brief auf, in dem er mich dringend bat, am folgenden Tag mit ihm bei
&gt;Marlow&lt; zu lunchen.</p><p>6.
Sp�ter stellte sich auch heraus,
da� sich Fennan Mittwoch, den 4. Januar, freigenommen hatte. Das hatte er
anscheinend seiner Frau gegen�ber nicht erw�hnt.</p><p>7.�
Es wurde auch festgestellt, da�
der Abschiedsbrief auf Fennans eigener Maschine geschrieben worden war - und
da� gewisse Schriftmerkmale mit denen des anonymen Briefes identisch waren. Der
Bericht des Laboratoriums stellte jedoch fest, da� die beiden Briefe zwar auf
derselben Maschine, aber nicht von derselben Person geschrieben worden waren.</p><empty-line/><p>Mrs.
Fennan, die an dem Abend, an dem ihr Mann starb, im Theater gewesen war, wurde
ersucht, den Anruf der Telefonzentrale um 8 Uhr 30 zu erkl�ren, und behauptete
f�lschlich, da� sie ihn selbst bestellt h�tte. In der Zentrale war man ganz
sicher, da� das nicht zutraf. Mrs. Fennan behauptete, ihr Mann sei seit der Einvernahme
durch den Sicherheitsdienst nerv�s und deprimiert gewesen, was das Zeugnis
seines Abschiedsbriefes erh�rtete.</p><p>Kurz nach
Mittag am 4. Januar, nachdem ich Mrs. Fennan fr�her am Tage verlassen hatte,
kehrte ich in mein Haus in Kensington zur�ck. Da ich fl�chtig jemanden am
Fenster sah, l�utete ich an der Eingangst�r. Diese wurde von einem Mann
ge�ffnet, der sp�ter als ein Mitglied des ostdeutschen Spionagedienstes
identifiziert wurde. Er bat mich einzutreten, aber ich lehnte ab und kehrte zu
meinem Wagen zur�ck, w�hrend ich mir gleichzeitig die Nummern der in der N�he
parkenden Autos merkte.</p><p>Am selben
Abend besuchte ich eine kleine Garage in Battersea, um mich nach der Herkunft
eines dieser Wagen zu erkundigen, der unter dem Namen des Eigent�mers dieser
Garage registriert war. Ich wurde von einem unbekannten Angreifer attackiert
und bewu�tlos geschlagen. Drei Wochen sp�ter wurde der Garagenbesitzer, ein
gewisser Adam Scarr, in der N�he der Battersea Bridge tot aus der Themse gezogen.
Zum Zeitpunkt seines Ertrinkens war er alkoholisiert gewesen. Zeichen von
Gewaltanwendung wurden nicht entdeckt, und er war als schwerer Trinker bekannt
gewesen.</p><p>Es ist von
Bedeutung, da� Scarr in den letzten vier Jahren einem Ausl�nder, dessen Namen
er nicht kannte, die M�glichkeit verschafft hatte, einen Wagen zu benutzen,
und daf�r sehr reichliche Bezahlung erhalten hatte. Ihre Vereinbarung zielte
darauf ab, die Identit�t des Fahrzeugbenutzers zu verbergen, sogar vor Scarr
selbst, der von seinem Kunden nur den Decknamen &gt;Blondie&lt; kannte und ihn
nur �ber eine Telefonnummer erreichen konnte. Die Telefonnummer ist wichtig.
Es war die der Ostdeutschen Stahl-Mission.</p><p>Inzwischen
war Mrs. Fennans Alibi f�r den Abend, an dem der Mord stattgefunden hatte,
untersucht worden, und es kamen bedeutsame Tatsachen ans Licht:</p><p>1.��
Mrs. Fennan besuchte zweimal im
Monat, immer am ersten und am dritten Dienstag, das Repertoire-Theater in
Weybridge. (Notabene: Adam Scarrs Kunde hatte seinen Wagen ebenfalls am ersten
und am dritten Dienstag jeden Monats geholt.)</p><p>2.
Sie brachte immer eine Notenmappe
mit, die sie in der Garderobe deponierte.</p><p>3.�
Im Theater traf sie sich immer mit
einem Mann, dessen Personenbeschreibung mit der meines Angreifers und der von
Scarrs Kunden �bereinstimmte. Ein Mitglied des Theaters nahm sogar irrt�mlicherweise
an, da� dieser Mann Mrs. Fennans Gatte w�re. Auch er brachte eine Notenmappe
und lie� sie in der Garderobe.</p><p>4. Am
Mordabend hatte Mrs. Fennan das Theater fr�her verlassen, nachdem ihr Freund
nicht gekommen war, und vergessen, ihre Notenmappe aus der Garderobe zu holen.
Zu einem schon sehr sp�ten Zeitpunkt rief sie das Theater an und sagte, da�
sofort jemand kommen w�rde, der die Mappe holen wolle. Sie habe den
Garderobeschein verloren. Die Tasche wurde abgeholt, und zwar von Mrs. Fennans
�blichem Begleiter.</p><empty-line/><p>In diesem
Stadium wurde der Fremde als ein Angestellter der Stahl-Mission namens Mundt
identifiziert. Der Chef der Mission war Herr Dieter Frey, der w�hrend des
Krieges mit unserem Geheimdienst zusammengearbeitet hatte, ein Mann von gro�er
taktischer Erfahrung. Nach dem Kriege war er in Deutschland in der russisch
besetzten Zone in den Staatsdienst getreten. Ich m�chte noch erw�hnen, da� Frey
w�hrend des Krieges mit mir zusammen auf dem Gebiet des Feindes gearbeitet und
sich dabei als ein brillanter, jeder Situation gewachsener Agent erwiesen
hatte.</p><p>Ich
entschlo� mich nun, noch einmal mit Mrs. Fennan zu reden. Sie brach zusammen
und gestand, bei der Spionage ihres Mannes als Kurier fungiert zu haben. Ihr
Mann sei auf einem Skiurlaub vor f�nf Jahren von Frey angeworben worden. Sie
selber habe nur widerwillig mitgearbeitet, teils aus Loyalit�t zu ihrem Gatten,
teils, um Gelegenheit zu haben, ihn bei der Durchf�hrung seiner Arbeit als
Spion vor seiner Zerstreutheit zu sch�tzen. Frey habe mich im Park mit Fennan
reden gesehen. Er habe angenommen, da� ich noch immer im Dienst sei, und daraus
geschlossen, da� Fennan entweder in Verdacht geraten oder ein Doppelagent sei.
Er befahl Mundt, Fennan zu liquidieren, und seine Frau war durch ihre Mitschuld
zum Schweigen gezwungen. Sie hatte sogar auf einem Blatt, das schon Fennans
Unterschrift trug, den Abschiedsbrief geschrieben.</p><p>Das
Kommunikationsmittel, das sie bei der Weiterleitung der Ergebnisse der
Spionage ihres Gatten an Mundt verwendete, ist von erheblicher Bedeutung. Sie
legte die Mitteilungen und Abschriften von Dokumenten in eine Notenmappe, die
sie ins Theater mitnahm. Mundt brachte eine �hnliche Mappe, die Geld und
Anweisungen enthielt, und deponierte sie ebenso wie Mrs. Fennan in der
Garderobe. So brauchten sie nur die Garderobescheine zu tauschen. Als Mundt an
dem fraglichen Abend nicht erschien, folgte Mrs. Fennan den erhaltenen
Instruktionen und gab den Garderobeschein an eine Adresse in Highgate auf. Sie
verlie� das Theater, bevor die Vorstellung zu Ende war, um noch die letzte
Post aus Weybridge zu erreichen. Als dann Mundt sp�ter an diesem Abend die
Mappe von ihr verlangte, sagte sie ihm, was sie gemacht hatte. Mundt bestand
darauf, die Tasche gleich zu holen, weil er nicht noch einmal aus London nach
Weybridge fahren wollte.</p><p>Als ich an
dem Tag, der auf den Mord folgte, mit Mrs. Fennan gesprochen hatte, versetzte
eine meiner Fragen, und zwar die wegen des Anrufes um halb neun, Mrs. Fennan
derart in Schrecken, da� sie Mundt anrief. Das erkl�rt seinen Mordversuch an
mir sp�ter am gleichen Tage.</p><p>Mrs.
Fennan gab mir die Adresse und die Telefonnummer, die sie benutzte, wenn sie
sich mit Mundt in Verbindung setzen wollte, den sie �brigens unter dem Decknamen
Freitag kannte. Beide f�hrten zu dem m�blierten Zimmer eines Piloten der
�Lufteuropa�, der viel mit Mundt zusammen war und der ihm auch, wenn n�tig,
Unterkunft gew�hrte. Der Pilot (vermutlich ein Kurier des ostdeutschen Spionagedienstes)
ist seit dem 5. Januar nicht mehr nach England zur�ckgekehrt.</p><p>Das war
alles, was Mrs. Fennan verriet, und es f�hrte in gewissem Sinn zu nichts. Der
Spion war tot, die M�rder verschwunden. Was man noch tun konnte, war, den entstandenen
Schaden zu veranschlagen. Man trat offiziell an das Au�enamt heran, und Mr.
Felix Taverner wurde beauftragt, aus Aufzeichnungen dieses Amtes
festzustellen, welches Material im Verdacht stand, verraten worden zu sein.
Eine Liste wurde aufgestellt, in der alle Akten enthalten waren, zu denen
Fennan seit seiner Anwerbung durch Frey Zutritt gehabt hatte. Merkw�rdigerweise
stellte sich dabei heraus, da� er in keiner Weise systematisch Geheimakten
angefordert hatte. Fennan hatte sich aus dem Archiv keinerlei geheime Dokumente
kommen lassen, au�er solchen, die sich auf seine Arbeit bezogen. W�hrend der
letzten sechs Monate, in denen seine Vollmacht zum Zutritt zu streng vertraulichem
Material bedeutend ausgeweitet worden war, hatte er tats�chlich �berhaupt keine
Geheimakten mit nach Hause genommen. Die Unterlagen, die er mitnahm, waren alle
von geringer Wichtigkeit, und einige davon behandelten Gegenst�nde, die
eigentlich au�erhalb des Arbeitsbereiches seiner Abteilung lagen. Das pa�te
alles nicht zu Fennans Rolle als Spion. Es bestand jedoch die M�glichkeit, da�
er nicht mehr Lust hatte weiterzumachen, und da� seine Einladung an mich der
erste Schritt zu einem Gest�ndnis gewesen war.</p><p>Wenn das
der Fall war, dann kann er m�glicherweise auch den anonymen Brief geschrieben
haben, hinter dem die Absicht stecken konnte, ihn mit dem Department in Kontakt
zu bringen.</p><p>Zwei
weitere Tatsachen sollten an dieser Stelle erw�hnt werden: Erstens, am Tage
nach Mrs. Fennans Gest�ndnis verlie� Mundt auf dem Luftwege das Land unter
falschem Namen und mit einem gef�lschten Pa�. Er entging der Aufmerksamkeit
der Beh�rden auf dem Flugplatz, wurde aber sp�ter eindeutig von der Stewarde�
identifiziert. Zweitens, Fennans Notizbuch enthielt den vollen Namen und die
Adresse von Dieter Frey, was ein flagranter Versto� gegen die primitivsten
Regeln der Spionage ist.</p><p>Es war
schwer zu verstehen, warum Mundt nach dem Mord an Scarr noch drei volle Wochen
in England geblieben war, und noch weniger begreiflich war die T�tigkeit Fennans,
wie sie seine Frau dargestellt hatte, wenn man sie mit der offensichtlich
v�llig planlosen und unergiebigen Auswahl der Dokumente verglich. Eine
nochmalige Pr�fung der feststehenden Tatsachen f�hrte immer wieder zu folgendem
Schlu�: Der einzige Beweis daf�r, da� Fennan ein Spion war, stammte von seiner
Frau.</p><p>Wenn es
sich so verhielt, wie sie behauptete, weshalb hatte sie dann den Entschlu� Mundts
und Freys, alle die zu beseitigen, die wegen ihres Wissens gef�hrlich werden
konnten, �berlebt?</p><p>Aber konnte
sie andererseits nicht selbst der Spion sein?</p><p>Das w�re
eine Erkl�rung f�r das Datum der Abreise Mundts gewesen. Er fuhr heim, als ihm
Mrs. Fennan versichert hatte, da� ich ihr freim�tiges Gest�ndnis akzeptiert
h�tte. Auch die Eintragung in Fennans Notizbuch w�re dadurch verst�ndlich. Frey
war eine zuf�llige Bekanntschaft beim Skilaufen und ein gelegentlicher Besucher
in Walliston. Es w�rde die Auswahl der Dokumente erkl�ren, die Fennan getroffen
hatte - wenn Fennan absichtlich unwichtige Sachen aussuchte, als seine Arbeit
haupts�chlich mit geheimen Themen zu tun hatte, dann konnte es nur eine einzige
Erkl�rung geben: Er hatte begonnen, gegen seine Frau Verdacht zu sch�pfen.
Deshalb die Einladung zu &gt;Marlow&lt;, die ganz nat�rlich auf unser Zusammentreffen
am Vortag folgte. Fennan hatte beschlossen, mir von seinem Verdacht zu
berichten, und sich zu diesem Zweck einen Tag freigenommen, was seine Frau
offenbar nicht wu�te. Es h�tte auch erkl�rt, warum Fennan sich selbst
denunzierte. Der Grund war offenbar der, da� er w�nschte, sich mit uns in
Verbindung zu setzen, was das Vorspiel dazu sein sollte, da� er seine Frau
denunzierte.</p><p>Wenn man
diese Mutma�ungen weiterspann, dann war es auffallend, da�, was das
Handwerkliche betrifft, nur Mrs. Fennan effektiv und bewu�t arbeitete. Die
Technik, die sie und Mundt benutzten, erinnerte an die Freys w�hrend des
Krieges. Die zus�tzliche Vereinbarung, den Garderobeschein mit der Post zu
schicken, wenn das Rendezvous nicht geklappt hatte, war bezeichnend f�r die
gewissenhafte Art, mit der er seine Pl�ne ausarbeitete. Es sah so aus, als
h�tte Mrs. Fennan mit einer Pr�zision funktioniert, die kaum mit ihrer Behauptung
in Einklang gebracht werden konnte, sie habe bei dem Verrat ihres Mannes
widerwillig mitgetan.</p><p>W�hrend
nun logischerweise Mrs. Fennan in Verdacht geriet, so bestand doch
andererseits kein Grund, anzunehmen, da� das, was sie �ber die Ereignisse in
der Nacht der Ermordung ihres Mannes berichtet hatte, notwendigerweise unwahr
sei. H�tte sie von der Absicht Mundts, ihren Gatten umzubringen, gewu�t, dann
h�tte sie die Notenmappe nicht ins Theater mitgenommen und noch obendrein den
Garderobeschein mit der Post aufgegeben.</p><p>Es schien
keinen Weg zu geben, Mrs. Fennan etwas nachzuweisen, es sei denn, da� es
m�glich war, die Verbindung zwischen ihr und ihrem Auftraggeber zu
reaktivieren. W�hrend des Krieges hatte sich Frey ein sinnreiches System zur
Verst�ndigung in Notf�llen ausgedacht, das auf der Verwendung von Fotografien
und Ansichtskarten basierte. Der auf dem Foto abgebildete Gegenstand enthielt
die Botschaft. Ein religi�ses Thema, wie zum Beispiel das Gem�lde einer
Madonna oder einer Kirche, vermittelte den dringenden Wunsch nach einem
Zusammentreffen. Der Empf�nger pflegte als Antwort einen mit der eigentlichen
Sache in gar keinem Zusammenhang stehenden Brief zu schicken, den er sorgf�ltig
datierte. Das Stelldichein fand dann f�nf Tage nach dem auf dem Brief
notierten Datum statt.</p><p>Es bestand
die M�glichkeit, da� Frey, dessen Methoden sich offenbar seit dem Krieg wenig
ge�ndert hatten, noch immer dieses System benutzte, das ja auf jeden Fall nur
selten gebraucht wurde. Damit rechnend, gab ich an Elsa Fennan eine
Ansichtskarte auf, die eine Kirche zeigte, und warf sie in Highgate in den
Postkasten. Ich hatte die - allerdings ziemlich k�hne - Hoffnung, sie w�rde
annehmen, die Karte k�me �ber Freys B�ro. Aber sie reagierte sofort, indem sie
eine Karte f�r eine Vorstellung in einem Londoner Theater an eine unbekannte
Adresse abschickte, wobei zu bemerken ist, da� die Vorstellung f�nf Tage nach
dem Datum, das ich auf die Karte geschrieben hatte, stattfinden sollte. Mrs.
Fennans Mitteilung erreichte Frey, der sie f�r eine dringende Einladung zu
einem Rendezvous hielt. Da er wu�te, da� Mundt durch Mrs. Fennans �Gest�ndnis�
kompromittiert war, entschlo� er sich, selbst zu kommen.</p><p>Daher
trafen sie einander am Donnerstag, dem 15. Februar, im Sheridan-Theater in
Hammersmith.</p><p>Zuerst
nahm jeder von beiden an, der andere habe das Zusammentreffen veranla�t, aber
als Frey klar wurde, da� sie durch einen Trick zusammengebracht worden waren,
schritt er zu drastischen Ma�nahmen. Vielleicht hatte er auch den Verdacht,
Mrs. Fennan habe ihn in eine Falle gelockt, vielleicht bemerkte er, da� er
beobachtet wurde. Alles das werden wir nie erfahren. Auf jeden Fall ermordete
er sie. Die Methode, deren er sich dabei bediente, ist wohl am besten aus dem
Protokoll des Beamten zu entnehmen, der die offizielle Leichenschau vorgenommen
hat: �Auf den Kehlkopf ist ein einmaliger, heftiger Druck ausge�bt worden,
besonders auf die Schildknorpel, was fast augenblicklich den Tod herbeif�hrte.
Es scheint, als sei der M�rder Mrs. Fennans auf diesem Gebiete kein Laie
gewesen.�</p><p>Frey wurde
bis zu einem Hausboot verfolgt, das in der N�he der Cheyne Walk vert�ut lag,
und fiel in den Flu�, als er sich seiner Festnahme heftig widersetzte. Seine
Leiche ist geborgen worden.</p><empty-line/><p><strong>Zwischen zwei Welten </strong></p><p><strong/></p><p>An
Sonntagen kam normalerweise niemand in Smileys drittklassigen Klub, aber Mrs.
Sturgeon lie� die T�r offen f�r den Fall, da� einer ihrer Gentlemen dennoch den
Wunsch haben sollte, zu kommen. Sie nahm ihren Herren gegen�ber dieselbe
strenge, autoritative Haltung ein, wie sie es als Zimmervermieterin in Oxford
getan hatte, als sie von den Mietern, die sie begl�ckte, mehr Respekt verlangt
hatte als die ganze Gesellschaft von gro�en Herren und Pedellen der Universit�t
zusammengenommen. Sie verzieh einem zwar alles, aber irgendwie lie� sie
jedesmal durchblicken, da� sie nur in diesem einen und einzigen Fall Pardon
gegeben h�tte und sich das nie - nie und nimmer wiederholen w�rde. Sie hatte
einmal Steed-Asprey gezwungen, zehn Shilling in die Sammelb�chse f�r die Armen
zu legen, weil er sieben G�ste mitgebracht hatte, ohne ihr das vorher geb�hrend
mitzuteilen. Aber nachher hatte sie das grandioseste Dinner des Jahrhunderts
auf den Tisch gestellt.</p><p>Sie sa�en
wie das letztemal am Tisch. Mendel sah um eine Nuance gelber aus, eine Spur
�lter. Er sprach kaum w�hrend des Essens und f�hrte Messer und Gabel mit der
gleichen Pr�zision, die er auf alles verwandte, das er anfa�te. Guillam
bestritt den gr��ten Teil der Konversation, denn auch Smiley war weniger
gespr�chig als sonst. Sie f�hlten sich in ihrer Freundesrunde wohl, und keiner
sp�rte in sich den Drang, besonders viel zu reden.</p><p>�Warum hat
sie es getan?� fragte Mendel pl�tzlich.</p><p>Smiley
sch�ttelte langsam den Kopf: �Ich glaube, da� ich es wei�, aber ich kann auch
nur mutma�en. Ich glaube, da� sie von einer Welt ohne Konflikte getr�umt hat,
die von der neuen Weltanschauung regiert und erhalten wird. Sehen Sie, ich habe
sie einmal in Wut gebracht, und da hat sie mir zugeschrien: &gt;Ich bin die
ewige J�din, das Niemandsland und das Schlachtfeld f�r eure Spielzeugsoldaten.&lt;
Als sie zu sehen glaubte, da� das neue Deutschland nach dem Muster des alten
aufgebaut wurde, sah, wie der protzige Stolz zur�ckkehrte, wie sie sagte, da,
glaube ich, war es ihr einfach zuviel. Ich meine, sie sah die Fruchtlosigkeit
ihres Leidens und den Wohlstand ihrer Peiniger und rebellierte ganz einfach.
Vor f�nf Jahren hatten sie Dieter bei einem Skiurlaub in Deutschland getroffen.
Zu dieser Zeit bahnte sich die Wiederherstellung Deutschlands als prominente
westliche Macht bereits augenf�llig an.�</p><p>�War sie
eine Kommunistin?�</p><p>�Ich
glaube, da� sie Etiketten nicht liebte. Aber ich vermute, da� sie dabei
mithelfen wollte, eine einzige gro�e Welt aufzubauen, die ohne Konflikte leben
konnte. Friede ist zwar heute ein schmutziges Wort, nicht wahr? Aber ich bin
der Meinung, da� sie den Frieden wollte.�</p><p>�Und
Dieter?� fragte Guillam.</p><p>�Gott mag
wissen, was Dieter wollte. Ehre vermute ich, und eine sozialistische Welt.�
Smiley zuckte die Achseln. �Sie haben von Frieden und Freiheit getr�umt. Jetzt
sind sie M�rder und Spione.�</p><p>�Allm�chtiger�,
sagte Mendel.</p><p>Smiley
schwieg wieder und sah in sein Glas. Endlich fragte er: �Ich kann nicht
erwarten, da� Sie mich verstehen werden. Sie haben nur das Ende Dieters
gesehen, ich aber auch den Anfang. Er hat eine volle Kehrtwendung gemacht. Ich
glaube, er ist nie dar�ber hinweggekommen, w�hrend des Krieges ein Verr�ter
gewesen zu sein. Er war ganz einfach gezwungen, die Sache wieder in Ordnung zu
bringen. Er war einer von diesen Weltbaumeistern, die nichts anderes
auszurichten scheinen, als nur zu zerst�ren. Das ist alles.�</p><p>Guillain
lenkte das Gespr�ch elegant auf ein anderes Thema: �Und wie war das mit dem Anruf
um halb neun?�</p><p>�Das ist
wohl ziemlich klar, finde ich. Fennan wollte mich bei &gt;Marlow&lt; treffen
und hatte sich einen Tag freigenommen. Er kann Elsa davon nichts gesagt haben,
sonst h�tte sie es mir mit irgendeiner Ausrede zu erkl�ren versucht. Er hat das
mit dem Anruf in Szene gesetzt, um sich eine Ausrede daf�r zu verschaffen, da�
er zu &gt;Marlow&lt; ging. Das ist jedenfalls meine Vermutung.�</p><p>In dem
gro�en Kamin knisterte das Feuer.</p><empty-line/><p>Er
erreichte noch das Flugzeug, das um Mitternacht nach Z�rich abging. Es war eine
prachtvolle Nacht, und durch das kleine Fenster an seiner Seite konnte er den
grauen Fl�gel sehen, der sich bewegungslos gegen den sternenhellen Himmel
abhob.</p><p>Es war,
als schaue er zwischen zwei Welten einen Schimmer der Ewigkeit. Diese Vision
lie� ihn ruhig werden, bes�nftigte seine �ngste und Zweifel und vers�hnte ihn
mit der Unergr�ndlichkeit der Bestimmung des Universums. Alles schien so
unwichtig zu sein - das leidenschaftlich sehns�chtige Suchen nach Liebe oder
die R�ckkehr in die Einsamkeit.</p><p>Bald kamen
die Lichter der franz�sischen K�ste in Sicht. W�hrend er hinabblickte, ahnte er
das ruhige Alltagsleben da unten. Den kr�ftigen Duft der <emphasis>Gauloises
Bleues, </emphasis>Knoblauch und gutes Essen, die lauten Stimmen im <emphasis>bistro. </emphasis>Maston war
eine Million Meilen weit weg, eingesperrt mit seinem trockenen Papier und
seinen aalglatten Politikern. F�r seine Mitpassagiere war Smiley eine merkw�rdige
Figur - ein kleiner, fetter Mann, der ziemlich tr�bsinnig dreinsah und dann
pl�tzlich l�chelte und sich einen Drink bestellte. Der junge blonde Mann, der
neben ihm sa�, betrachtete ihn aufmerksam von der Seite. Er kannte diesen Typ:
der m�de Direktor, der sich einen vergn�gten Tag machen will. Widerlich,
dachte er.</p></section></body><binary id="cover" 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