<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>sf_fantasy</genre><author><first-name>Patricia</first-name><middle-name>A.</middle-name><last-name>McKillip</last-name></author><book-title>Harfner im Wind</book-title><annotation><p>Die letzte und endg�ltige Auseinandersetzung stand bevor. Im Reich des Erhabenen war die Zeit des Friedens zu Ende�� durch Morgons Kampf mit dem teuflischen Zauberer Ohm, durch die Machenschaften der r�tselhaften Gestaltwandler.</p><p>Morgon wu�te, da� es Verbindungslinien zwischen all diesen einzelene Vorf�llen geben mu�te�� nur konnte er die Linien nicht ziehen. Wer wer Ohm? Welche Rolle spielte Thod, jener geheimnissvolle Harfner, der ihn einst an Ohm verraten hatte?</p><p>Und was wollten die Gestaltwandler aus dem Meer?</p><p>Als F�rst von Hed war Morgon ein friedliebender Mensch. Aber f�r ihn wie f�r das Reich des Erhabenen gab es nirgendwo mehr Frieden�� und erst der letzte verzweifelte Augeblick der Kampfes brachte Kunde vom anbreichen des neuen Zeitalters.</p></annotation><date value="1981-10-01">1981</date><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang><src-lang>en</src-lang><translator><first-name>Mechtild</first-name><last-name>Sandberg</last-name></translator><sequence name="Erdzauber" number="3"/></title-info><src-title-info><genre>sf</genre><author><first-name>Patricia</first-name><middle-name>A.</middle-name><last-name>McKillip</last-name></author><book-title>Harpist in the Wind</book-title><date value="1979-04-01">1979</date><lang>en</lang></src-title-info><document-info><author><nickname>Cosmopilit</nickname></author><program-used>calibre 2.45.0, FictionBook Editor Release 2.6.6, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date value="2015-12-24">24.12.2015</date><id>85bd4f5d-b0c5-4bac-a7fa-f14edb68314d</id><version>1.0</version></document-info><publish-info><book-name>Patricia A. McKillip. Harfner im Wind</book-name><publisher>Wilhem Goldmann</publisher><city>M�nchen</city><year>1981</year><isbn>3-442-23807-2</isbn></publish-info></description><body><title><p>Patricia A. McKillip</p><p>Harfner im Wind</p><p><emphasis>(Erdzauber 3)</emphasis></p></title><section><image l:href="#1"/><empty-line/></section><section><title><p><emphasis>Kap. 1</emphasis></p></title><p>Der Sternentr�ger und Rendel von An sa�en auf den Zinnen des h�chsten der sieben T�rme von Anuin. Endlos, wie es schien, ergo� sich der wei�e Stein abw�rts, hinunter zu dem sommergr�nen H�gel, auf dem das gewaltige Hauptgeb�ude stand. Die Stadt, die am Fu� des H�gels ausgebreitet lag, reichte bis zum Meer. Klar und blau dehnte sich �ber ihnen der Himmel, dessen Stille nur gele-gentlich vom kreisenden Flug eines Habichts gest�rt wurde. Zwei Stunden sa� Morgon ohne jede Bewegung dort. Die Sonne, die am Morgen sein Profil gestreichelt hatte, war weitergewandert, ohne da� er es merkte, und hatte seinen Schat-ten mitgenommen. Er war sich Rendels N�he bewu�t, doch er empfand sie wie das weite Land rundum, wie den leichten Wind und wie die Kr�hen, die schimmernde schwarze Linien durch die gr�nen Obstpflanzungen zogen�� als etwas Fried-volles und Fernes, dessen Sch�nheit hin und wieder in seinen Gedanken aufblitzte.</p><p>Sein Geist spann endlose F�den der Mutma�ung und �berlegung, die sich immer wieder in seiner Unwissenheit verfingen. Sterne, Kinder mit steinernen Gesichtern, die feurigen Scherben einer Schale, die er in Astrins H�tte zerschmettert hatte, untergegangene St�dte, ein dunkelhaariger Gestaltwandler, ein Harfner, all diese Erinnerungen verwirrten sich unter seiner forschenden Betrachtung zu R�tseln, f�r die er keine L�sung finden konnte. Er blickte auf sein eigenes Leben zur�ck, auf die Geschichte des Reiches und stocherte in den Tatsachen herum wie in einem Haufen Scherben, in dem Bem�hen, sie zusammenzusetzen. Nichts pa�te; nichts hielt; st�ndig wurde er aus seinen Erinnerungen in die milde Sommerluft hinausgeschleudert.</p><p>Steif wie ein Stein bewegte er sich schlie�lich und strich sich mit der Hand �ber die Augen. Unstet flackernde Gestalten wie uralte Gesch�pfe ohne Namen huschten hinter seinen Augenlidern ins Licht. Wieder entleerte er seinen Geist, lie� Bilder in sein Bewu�tsein emporsteigen, bis sie wiederum an den Klippen des Undenkbaren zerschellten.</p><p>Der weite blaue Himmel dr�ngte sich in sein Blickfeld und das Gewirr der Stra�en und H�user tief unter ihm. Er konnte nicht mehr denken; er lehnte sich an seinen Schatten. Die Stille, die in dem uralten Steinquader eingeschlossen lag, durchflutete ihn; seine Gedanken, bis zur Sinnlosigkeit strapaziert, wurden wieder ruhig.</p><p>Er bemerkte einen weichen Lederschuh und den Schimmer eines bla�gr�nen Gewandes. Er drehte den Kopf und sah, da� Rendel mit gekreuzten Beinen auf dem Sims neben ihm sa�.</p><p>Er neigte sich zu ihr hin�ber und zog sie an sich. Er dr�ckte sein Gesicht in ihr langes Haar, in dem der Wind spielte, und sah hinter seinen geschlossenen Lidern die flammenden Str�hnen. Eine Zeitlang schwieg er still und hielt sie ganz fest, als sp�rte er das Herannahen eines Windes, der sie von ihrem hohen, gef�hrlichen Ruheplatz herabfegen k�nnte.</p><p>Sie hob das Gesicht, um ihn zu k�ssen, und widerstrebend lie�en seine Arme sie los.</p><p>�Mir war gar nicht bewu�t, da� du hier bist�, sagte er, als sie ihn sprechen lie�.</p><p>�Das habe ich gemerkt, nach der ersten Stunde ungef�hr. Wor�ber hast du nachgedacht?�</p><p>��ber alles.� Er kratzte ein St�ck M�rtel aus einem Ri� in der Mauer und schnippte es in die B�ume hinunter. Eine Schar Kr�hen flatterte schimpfend in die H�he. �Ich zermartere mir das Gehirn �ber meine Vergangenheit und komme immer wieder zu der gleichen Schlu�folgerung. Ich wei� nicht, was, in Hels Namen, ich eigentlich tue.�</p><p>Sie zog ihre Knie hoch und lehnte sich nach r�ckw�rts an den Stein, um ihm ins Gesicht sehen zu k�nnen. Ihre Augen f�llten sich mit Licht und schimmerten wie von Wasser geschliffener Bernstein. Seine Kehle zog sich pl�tzlich zusammen, �bervoll von Worten.</p><p>�Du l�st R�tsel�, erwiderte sie. �Du hast mir gesagt, da� das das einzige ist, was du tun kannst, blind und taub und stumm, wie du bist, nicht wissend, wohin dein Weg dich f�hrt.�</p><p>�Ich wei�.� Er kratzte wieder M�rtel aus dem Mauerri� und schleuderte ihn mit solcher Gewalt von sich, da� er beinahe das Gleichgewicht verloren h�tte. �Ich wei�. Aber seit sieben Tagen bin ich nun hier bei dir in Anuin und kann nicht einen Grund oder ein R�tsel finden, das mich aus diesem Haus hinaustreibt. Ich wei� nur, wenn wir noch viel l�nger hierbleiben, werden wir beide sterben.�</p><p>�Das ist schon mal ein Grund�, versetzte sie ernst.</p><p>�Ich wei� nicht, warum meinem Leben von den drei Sternen in meinem Gesicht Gefahr droht. Ich wei� nicht, wo der Erhabene ist. Ich wei� nicht, was die Gestaltwandler sind, ich wei� nicht, wie ich einem Grab voller Kinder helfen soll, die auf dem Grund eines Berges zu Stein geworden sind. Ich wei� nur einen Ort, wo ich versuchen kann, Antwort auf diese Fragen zu finden. Und die Aussicht ist nicht verlockend.�</p><p>�Wo?�</p><p>�In Ghisteslohms Geist.�</p><p>Sie sah ihn an, schluckte einmal und senkte dann stirnrunzelnd den Blick zum sonnenwarmen Stein hinunter.</p><p>�Nun...� Ihre Stimme zitterte beinahe unmerklich. �Ich habe nicht geglaubt, da� wir ewig hierbleiben k�nnen. Aber, Morgon���</p><p>�Du k�nntest hierbleiben.�</p><p>Sie hob den Kopf. Das Licht der Sonne fing sich wieder in ihren Augen, und er konnte den Ausdruck in ihnen nicht lesen. Doch ihre Stimme verriet hartn�ckige Entschlossenheit. �Ich werde dich nicht allein lassen. Ich habe selbst den Reichtum von Hel samt all seinen Schweinen um deinetwillen ausgeschlagen. Du mu�t lernen, mit mir zu leben.�</p><p>�Es ist schwierig genug, �berhaupt zu leben�, murmelte er, ohne zu �berlegen, und err�tete dann. Doch ihr Mund zuckte. Er neigte sich zu ihr und nahm ihre Hand. �F�r ein einziges silbernes Schweinehaar w�rde ich dich mit mir nach Hed nehmen und den Rest meines Lebens damit zubringen, in Ost-Hed Ackerg�ule zu z�chten.�</p><p>�Das Schweinehaar kann ich dir bringen.�</p><p>�Ich will dich heiraten, Rendel. Wie stelle ich das in diesem Land an?�</p><p>�Du kannst mich nicht heiraten�, erwiderte sie ruhig, und seine Hand wurde schlaff.</p><p>�Was?�</p><p>�Nur der K�nig kann seine Erben verheiraten. Und mein Vater ist nicht hier. Wir m�ssen das also aufschieben, bis er die Zeit findet, nach Haus zur�ckzukehren.�</p><p>�Aber, Rendel���</p><p>Sie schleuderte einen Kr�mel M�rtel �ber die Schwanzfedern einer vor�berfliegenden Kr�he hinweg, so da� diese mit einem lauten Kr�chzen abschwenkte. �Aber, was?� fragte sie d�ster.</p><p>�Ich kann doch nicht�� erst dringe ich in das Land deines Vaters ein und st�re die Toten auf, begehe in seinem Sitzungssaal beinahe einen Mord, und dann soll ich auch noch dich mit mir fortnehmen und mit dir durch das Reich ziehen, ohne dich zu heiraten! Das geht doch nicht! Was, in Hels Namen, soll dein Vater von mir denken?�</p><p>�Das wird er dich schon wissen lassen, wenn er endlich mit dir zusammentrifft. Ich jedenfalls, und das ist hier von gr��erem Belang, bin der Meinung, da� mein Vater sich lange genug in mein Leben eingemischt hat. Kann sein, da� er unsere Begegnung vorausgesehen hat, vielleicht sogar unsere Liebe zueinander, aber ich finde, er soll nicht in allem seinen Willen haben. Ich werde dich nicht heiraten, nur weil er das auch irgendeinem Traum vorhergesehen hat.�</p><p>�Glaubst du, da� dies der Grund f�r sein befremdliches Gel�bnis hinsichtlich Pevens Turm war?� fragte er neugierig. �Vorherwissen?�</p><p>�Du wechselst das Thema.�</p><p>Er sah sie einen Moment lang stumm an, w�hrend er sich das, was sie er�rtert hatten, durch den Kopf gehen lie�.</p><p>�Nun�, sagte er dann leise, und ihm war dabei, als �berlie�e er ihre gemeinsame Zukunft dem Spiel der Winde, die in schwindelnder H�he �ber den Turm hinstrichen, �wenn du dich weigerst, mich zu heiraten, dann kann ich wohl nichts daran �ndern. Und wenn du dich entschieden hast, mit mir zu kommen�� wenn du das wirklich willst��, dann werde ich dich nicht daran hindern. So gro� ist mein Verlangen nach dir. Aber ich habe trotzdem entsetzliche Angst. Ich glaube, wir h�tten mehr Hoffnung auf �berleben, wenn wir kopf�ber von diesem Turm st�rzten. Und wenigstens w��ten wir dann, wie der Weg aussieht, der vor uns liegt.�</p><p>Ihre Hand lag auf den Steinen zwischen ihnen. Sie hob sie und ber�hrte sein Gesicht.</p><p>�Du hast einen Namen und eine Bestimmung. Ich kann nur daran glauben, da� du fr�her oder sp�ter auf einen Funken Hoffnung sto�en wirst.�</p><p>�Bisher habe ich keinen gesehen. Nur dich. Wirst du mich in Hed heiraten?�</p><p>�Nein.�</p><p>Wieder schwieg er, w�hrend seine Augen die ihren festhielten.</p><p>�Warum nicht?�</p><p>Rasch wandte sie sich von ihm ab; er sp�rte einen pl�tzlichen, unverst�ndlichen Aufruhr in ihr.</p><p>�Aus vielen Gr�nden.�</p><p>�Rendel���</p><p>�Nein. Und frage mich nicht noch einmal. Und sieh mich nicht so an.�</p><p>�Also gut�, meinte er schlie�lich. �Ich hatte ganz vergessen�, f�gte er hinzu, �da� du so eigensinnig bist.�</p><p>�Starrk�pfig.�</p><p>�Starrk�pfig.�</p><p>Sie sah ihn wieder an. Ihr Mund verzog sich zu einem widerstrebenden L�cheln. Sie r�ckte nahe an ihn heran, legte ihren Arm um seine Schultern und schwang ihre F��e �ber das Sims ins Nichts hinunter.</p><p>�Ich liebe dich, Morgon von Hed. Wohin reisen wir zuerst, wenn wir endlich dieses Haus verlassen? Nach Hed?�</p><p>�Ja. Nach Hed...� Der Name ber�hrte pl�tzlich sein Herz, wie ein Zauberwort. �Ich habe zu Hause nichts verloren. Ich m�chte einfach hirf. F�r ein paar Stunden, nachts. Da wird vielleicht nichts zu f�rchten sein.� Das Meer fiel ihm ein, das sie von seiner Heimat trennte, und K�lte umkrallte sein Herz. �Ich kann dich nicht �ber das Meer mit mir nehmen.�</p><p>�Warum nicht?� fragte sie.</p><p>�Es ist viel zu gef�hrlich.�</p><p>�Das ist doch unsinnig. Lungold ist auch gef�hrlich, und dorthin werde ich mit dir ziehen.�</p><p>�Das ist etwas anderes. Zum einen ist nie ein Mensch, den ich geliebt habe, je in Lungold zu Tode gekommen. Noch nicht jedenfalls. Zum zweiten���</p><p>�Morgon, ich werde nicht im Meer sterben. Ich kann das Wasser wahrscheinlich so gut beherrschen wie das Feuer.�</p><p>�Das wei�t du gar nicht mit Sicherheit. Oder?� Er sah sie im Wasser gefangen, dessen Wogen sich in meerbleiche Gesichter und na�gl�nzende Leiber verwandelten, und seine Stimme bebte vor Angst. �Dir bliebe nicht einmal Zeit, es zu lernen.�</p><p>�Morgon���</p><p>�Rendel, ich war auf einem Schiff, das mitten auf dem Meer geborsten ist. Ich will dein Leben nicht auf diese Weise aufs Spiel setzen.�</p><p>�Es ist nicht dein Risiko. Es ist meines. Au�erdem bin ich von Caithnard bis Kyrth und wieder zur�ck auf Schiffen gefahren, w�hrend ich nach dir suchte, und mir ist nichts zugesto�en.�</p><p>�Du k�nntest in Caithnard bleiben. Nur f�r ein paar���</p><p>�Ich werde nicht in Caithnard bleiben�, fiel sie ihm heftig ins Wort. �Ich reise mit dir nach Hed. Ich m�chte das Land sehen, das du liebst. Wenn es nach dir ginge, w�rde ich in einem kleinen Bauernhaus in Hed sitzen und Bohnen entschoten und brav auf dich warten, so wie ich beinahe zwei Jahre lang gewartet habe.� �Du entschotest aber keine Bohnen.�</p><p>�Nein. H�chstens, wenn du neben mir sitzt und mir hilfst.�</p><p>Er hatte ein Bild von sich selbst, wie er, ein magerer, sehniger, zottelhaariger Mann mit einem ausgemergelten, asketischen Gesicht, ein gewaltiges Schwert an seiner Seite und eine gestirnte Harfe �ber der Schulter, auf der Veranda von Akren sa�, auf den Knien eine Schale mit Bohnen. Er lachte pl�tzlich. Sie l�chelte ebenfalls wieder, w�hrend sie ihn ansah, und aller Streit war vergessen.</p><p>�Das ist das erste Mal seit sieben Tagen.�</p><p>�Ja.� Er sa� ganz still, seinen Arm um sie, und das L�cheln in seinen Augen erlosch langsam. Er dachte an Hed, unbewehrt und angreifbar inmitten des Meeres, ohne den Schutz auch nur eines Trugbildes des Erhabenen. Er fl�sterte: �Ich w�nschte, ich k�nnte Hed mit einem Zauberwall umgeben, so da� nichts von dem Aufruhr des Festlandes es ber�hren k�nnte und es die Furcht niemals kennenzulernen brauchte.�</p><p>�Sprich mit Duac. Er wird dir ein Heer geben.�</p><p>�Ich wage es nicht, ein Heer nach Hed zu bringen. Das w�rde die Katastrophe herausfordern.�</p><p>�Nimm ein paar Geister mit�, schlug sie vor. �Duac w�re froh, sie los zu sein.�</p><p>�Geister.� Er hob die Augen von den fernen W�ldern, um sie anzusehen. �In Hed.�</p><p>�Sie sind unsichtbar. Keiner w�rde sie sehen und angreifen k�nnen.� Dann sch�ttelte sie den Kopf �ber ihre eigenen Worte. �Was rede ich da? Sie w�rden s�mtliche Bauern in Hed in Beunruhigung st�rzen.�</p><p>�Aber nicht, wenn die Bauern von ihrer Anwesenheit nichts w��ten.� Seine H�nde, die die ihren umschlossen, waren pl�tzlich eiskalt. �Was geht mir da durch den Kopf?� hauchte er.</p><p>Sie r�ckte ein wenig von ihm ab und blickte ihm forschend in die Augen.</p><p>�Nimmst du das, was ich gesagt habe, denn ernst?�</p><p>�Ich glaube�� ich glaube, ja.� Er sah nicht ihr Gesicht, sondern die Gesichter der Toten, voll von ungestilltem Machthunger. �Ich k�nnte sie bannen. Ich verstehe sie... Ihren Zorn, ihr Verlangen nach Rache, ihre Landliebe. Diese Liebe und all ihre Gier nach Krieg k�nnten sie nach Hed mitnehmen. Aber dein Vater�� wie kann ich etwas einfach aus der Geschichte von An herausrei�en und nach Hed f�hren, wo die Gefahr wartet? Ich kann nicht so willk�rlich in das Landrecht von An eingreifen.�</p><p>�Duac hat die Erlaubnis gegeben. Und nach dem Interesse zu urteilen, das mein Vater f�r das Landrecht von An an den Tag legt, k�nnte er ebensogut selbst ein Geist sein. Aber was ist mit Eliard, Morgon?�</p><p>�Eliard?�</p><p>�Ich kenne ihn nicht, aber w�re er nicht�� w�rde es ihn nicht vielleicht ein wenig beunruhigen, wenn du ein ganzes Heer von Toten nach Hed br�chtest?�</p><p>Er dachte an den Landherrscher von Hed, seinen Bruder, an dessen Gesicht er sich kaum noch erinnern konnte.</p><p>�Ein wenig�, meinte er leise. �Er mu� es inzwischen gew�hnt sein, von mir beunruhigt zu werden, selbst im Schlaf. Ich w�rde mein Herz unter seinen F��en begraben, wenn das seine und Heds Sicherheit gew�hrleisten w�rde. Ich w�rde selbst einen Streit mit ihm dar�ber in Kauf nehmen���</p><p>�Was wird er sagen?�</p><p>�Ich wei� es nicht. Ich kenne ihn ja nicht einmal mehr.� Der Gedanke schmerzte ihn, brachte Wunden zum Bluten, die noch nicht verheilt waren. Aber das lie� er sie nicht sehen; widerstrebend glitt er vom Fenstersims. �Komm mit. Ich m�chte mit Duac sprechen.�</p><p>�Nehmt sie�, sagte Duac. �Nehmt sie alle.�</p><p>Sie hatten ihn im gro�en Saal vorgefunden, wo er sich die Beschwerden der Bauern und der Boten der Edlen von An anh�rte, deren Leben und Besitz die Unrast und die Z�nkereien der Toten in Aufruhr gebracht hatten. Als der Saal sich schlie�lich leerte und Morgon mit ihm sprechen konnte, lauschte er ungl�ubig.</p><p>�Ihr wollt sie tats�chlich haben? Aber Morgon, sie werden den Frieden von Hed zerst�ren.�</p><p>�Nein, das werden sie nicht tun. Ich werde ihnen erkl�ren, weshalb sie da sind���</p><p>�Aber wie? Wie wollt Ihr Euch einer Horde von Toten verst�ndlich machen, die auf Kuhweiden und Dorfangern einen jahrhundertealten Krieg ausfechten?�</p><p>�Ich werde ihnen ganz einfach das anbieten, was sie haben wollen. Einen Gegner, den sie bekriegen k�nnen. Aber, Duac, wie soll ich das Eurem Vater erkl�ren?�</p><p>�Meinem Vater?� Duac lie� den Blick durch den Saal schweifen, dann hinauf zu den Dachbalken und schlie�lich hin�ber in alle vier Ecken. �Ich kann ihn nirgends sehen. Und wenn ich ihn sehe, dann wird er so viel damit zu tun haben, den Lebenden Erkl�rungen abzugeben, da� keine Zeit bleiben wird, die K�pfe der Toten zu z�hlen. Wie viele wollt Ihr haben?�</p><p>�So viele, wie ich von jenen K�nigen und Kriegern, die einst Mitgef�hl und Erbarmen kannten, unter meinen Bann stellen kann. Sie werden Mitgef�hl und Erbarmen brauchen, um Hed zu verstehen. Rood k�nnte mir helfen��� Er brach unvermittelt ab, und R�te stieg Duac ins Gesicht. �Wo ist Rood? Ich habe ihn seit Tagen nicht gesehen.�</p><p>�Er ist seit Tagen nicht mehr hier gewesen.� Duac r�usperte sich. �Es fiel Euch nicht auf. Deshalb beschlo� ich zu warten, bis Ihr fragtet. Ich habe ihn ausgesandt, Thod zu finden.�</p><p>Morgon schwieg. Der Name warf ihn sieben Tage zur�ck, als st�nde er jetzt wie damals in einem Strahl von Sonnenlicht, w�hrend sein Schatten vor ihm auf dem gesprungenen Steinboden lag. �Thod�, fl�sterte er, und die Zweideutigkeit des Namens wollte ihn nicht mehr loslassen.</p><p>�Ich habe ihm Anweisung gegeben, den Harfner hierher zur�ckzubringen. Ich habe ihm vierzehn Bewaffnete mitgegeben. Ihr habt ihn gehen lassen, doch das entbindet ihn nicht seiner Verpflichtung, den Landherrschern des Reiches Rede und Antwort zu stehen. Ich hatte vor, ihn hier gefangenzulegen, bis die Meister in Caithnard ihn befragen k�nnten. Ich selbst n�mlich will das gar nicht erst versuchen.� Mit z�gernder Hand ber�hrte er Morgon. �Ihr h�ttet nie erfahren, da� er hier ist. Ich bin nur verwundert, da� Rood noch nicht zur�ckgekehrt ist.�</p><p>Farbe kam langsam wieder in Morgons Gesicht.</p><p>�Mich wundert das nicht�, entgegnete er. �Ich m�chte nicht in Roods Stiefeln stecken. Thod l��t sich von keinem befehlen.�</p><p>�Vielleicht.�</p><p>�Niemals wird Rood ihn hierher zur�ckbringen. Ihr habt ihn umsonst in das Chaos der Drei Teile hinausgeschickt.�</p><p>�Nun�, meinte Duac resigniert, �Ihr kennt den Harfner besser als ich. Und Rood h�tte ihm so und so nachgestellt, ob ich ihn nun darum gebeten h�tte oder nicht. Auch er hatte Fragen an den Harfner.�</p><p>�Diesem R�tselmeister stellt man die Fragen nicht mit einem Schwert. Das h�tte Rood wissen m�ssen.�</p><p>Er h�rte den harten Unterton, der sich in seine Stimme geschlichen hatte. Ein wenig heftig drehte er sich um, trat aus dem Licht und setzte sich an einem der Tische nieder.</p><p>Duac sagte hilflos: �Verzeiht mir. Es war etwas, was Ihr nicht h�ttet zu wissen brauchen.�</p><p>�Doch, ich mu� es wissen. Ich wollte nur nicht denken. Noch nicht.� Er breitete seine H�nde auf der satten, goldenen Maserung des Eichentisches aus und dachte wieder an Akren mit seinen sonnenbeschienenen W�nden aus Eichenholz. �Ich reise nach Hause.� Die Worte �ffneten ihm das Herz, erf�llten es mit einem stechenden, s��en Verlangen. �Nach Hause. Duac, ich brauche Schiffe. Handelsschiffe.�</p><p>�Du willst die Toten �ber das Wasser f�hren?� fragte Rendel erstaunt. �Werden sie sich darauf einlassen?�</p><p>�Wie sonst sollen sie nach Hed kommen?� gab er zur�ck. W�hrend er sein Spiegelbild betrachtete, das ihm aus dem gl�nzenden Holz verschwommen entgegenblickte, �berlegte er. �Ich wage es nicht, dich auf einem Schiff mit ihnen reisen zu lassen. Deshalb�� deshalb werden wir zusammen nach Caithnard reisen und sie dort erwarten. Gut?�</p><p>�Du willst durch Hel zur�ckreisen?�</p><p>�Wir k�nnten auch fliegen�, meinte er, doch sie sch�ttelte hastig den Kopf.</p><p>�Nein. Ich reite.�</p><p>Er musterte sie, aufmerksam geworden durch einen seltsamen Unterton in ihrer Stimme.</p><p>�Es w�re doch einfach f�r dich, die Gestalt einer Kr�he anzunehmen.�</p><p>�Eine Kr�he in der Familie ist genug�, entgegnete sie finster. �Morgon, Bri Corvett k�nnte dir Schiffe besorgen. Und Leute, die bereit sind, sie zu segeln.�</p><p>�Es wird ein kleines Verm�gen kosten, sie dazu zu bewegen�, bemerkte Morgon, doch Duac zuckte nur die Achseln.</p><p>�Die Toten haben uns bereits ein gro�es Verm�gen gekostet. Sie haben unsere Ernte zerst�rt und zahllose Tiere get�tet. Morgon, wie, in Hels Namen, wollt Ihr sie in Hed beherrschen?�</p><p>�Sie werden kein Verlangen haben, mich zu bek�mpfen�, gab er schlicht zur�ck, und Duac schwieg, w�hrend er ihn aus klaren, meerfarbenen Augen nachdenklich betrachtete.</p><p>�Ich m�chte wirklich gern wissen�, sagte er langsam, �was Ihr seid. Ein Mensch aus Hed, der die Toten von An beherrschen kann... Der Sternentr�ger.�</p><p>Morgon sah ihn mit Dankbarkeit an. �W�rt Ihr nicht gewesen, so h�tte ich in diesem Saal vielleicht meinen eigenen Namen hassen gelernt.� Er stand auf, in Gedanken bei dem Problem, das es jetzt zu bew�ltigen galt. �Duac, ich mu� die Namen wissen. Ich k�nnte Tage damit zubringen, die Gr�ber mit meinem Geist zu durchforschen, aber ich wei� nicht, wen ich dann erwecke. Ich wei� viele der K�nigsnamen aus den Drei Teilen, aber die Geringeren unter den Toten sind mir unbekannt.�</p><p>�Auch mir�, erwiderte Duac.</p><p>�Ich wei�, wo wir ihre Namen finden k�nnen�, erkl�rte Rendel seufzend. �Dort, wo ich die meiste Zeit verbrachte, als ich ein Kind war. In der Bibliothek unseres Vaters.�</p><p>Sie und Morgon brachten den Rest des Tages und den ganzen Abend dort zu, vergraben zwischen alten B�chern und verstaubten Pergamentrollen, w�hrend Duac zum Hafen hinuntersandte und Bri Corvett holen lie�. Als es Mitternacht wurde, hatte Morgon in den Tiefen seines Geistes zahllose Namen von Kriegsherren, ihren S�hnen und weitverzweigten Familien verankert, hatte sich die Legenden von Liebe, Blut und Krieg zueigen gemacht, die die ganze Geschichte von An durchwirkten. Danach verlie� er das Haus, schritt allein durch die stille Sommernacht in die Felder hinter dem Haus des K�-nigs, wo die Gebeine der vielen ruhten, die in den Schlachten um Anuin umgekommen waren. Und dort rief er sie.</p><p>Mit seiner Stimme und mit seinem Geist sprach er Namen um Namen, w�hrend er jene Fragmente von Wahrheit oder Dichtung wieder auferstehen lie�, derer er sich erinnern konnte. Die Toten erhoben sich beim Klang ihrer Namen, traten aus den Obstpflanzungen und aus den W�ldern, tauchten aus der Erde selbst empor. Manche ritten ihm mit wilden, gespenstischen Schreien entgegen, w�hrend ihre R�stung �ber den bleichen Gebeinen im Mondlicht wie Feuer blitzte. Andere kamen schweigend; finstere, grimmige Gestalten, die ihre schrecklichen Todeswunden zeigten. Sie wollten ihn �ngstigen, doch er blickte ihnen aus Augen entgegen, die bereits alles gesehen hatten, was er f�rchten mu�te. Sie wollten ihn bekriegen, doch er �ffnete ihnen seinen Geist und lie� sie eine Ahnung seiner Kraft und seiner Macht sp�ren. Er hielt sie in Schach, w�hrend sie ihn immer wieder herausforderten, bis sie in langer Reihe, die von einem Ende des Feldes zum anderen reichte, vor ihm standen und ehrf�rchtige Scheu und Neugier sie aus ihren Erinnerungen rissen, so da� sie etwas von der Welt sehen konnten, in die sie freigesetzt worden waren.</p><p>Dann erkl�rte er, was er wollte. Er erwartete nicht, da� sie Hed verstehen w�rden, doch sie verstanden ihn, seinen Zorn, seine Verzweiflung und seine Liebe zum Land. In einem Ritual, das so alt war wie An, schworen sie ihm den Treueeid, und ihre modrigen Schwertklingen blitzten grau im Mondlicht. Dann verschmolzen sie langsam wieder mit der Nacht, mit der Erde, um zu warten, bis er sie erneut rief.</p><p>Wieder stand er allein auf einem stillen Feld, den Blick auf eine reglose, dunkle Gestalt gerichtet, die sich nicht entfernte. Er beobachtete sie neugierig; als sie sich noch immer nicht r�hrte, ber�hrte er vorsichtig ihren Geist. Augenblicklich war sein eigener Geist erf�llt vom lebenden Landrecht von An.</p><p>Hart schlug ihm sein Herz gegen die Rippen. Der K�nig von An ging langsam auf ihn zu, ein hochgewachsener Mann in Kutte und Kapuze wie ein R�tselmeister oder ein Geist. Als er n�her kam, konnte Morgon seine Z�ge im Mondlicht erkennen. Die dunklen Brauen in dem m�den, bitteren Gesicht sa�en �ber einem Paar Augen, die ihn an Rood erinnerten. Dicht vor ihm blieb der K�nig stehen und musterte ihn schweigend.</p><p>Ganz unerwartet l�chelte er, und die Bitterkeit in seinen Augen wich staunender Verwunderung.</p><p>�Ich habe Euch in meinen Tr�umen gesehen�, sagte er. �Sternentr�ger.�</p><p>�Mathom.� Seine Kehle war trocken. Er neigte den Kopf vor dem K�nig, den er aus der Nacht von An hervorgerufen hatte. �Ihr m��t�� Ihr wundert Euch gewi�, was ich tue.�</p><p>�Nein. Ihr habt es ja deutlich kundgetan, als Ihr es dem Heer, das Ihr zusammengerufen habt, erkl�rtet. Ihr vollbringt erstaunliche Dinge in meinem Land.�</p><p>�Ich habe mir Duacs Erlaubnis geholt.�</p><p>�Ich bin �berzeugt, Duac war dankbar �ber Euren Vorschlag. Ihr wollt sie zu Schiff nach Hed bringen? Habe ich da richtig geh�rt?�</p><p>�Ich�� ich hatte vor, mit Rendel nach Caithnard zu reiten und dort auf die Schiffe zu warten, jetzt aber glaube ich, da� es vielleicht besser ist, wenn ich mit den Toten segle. Es w�rde den Lebenden ihre Aufgabe erleichtern, wenn ich an ihrer Seite bin.�</p><p>�Ihr nehmt Rendel mit Euch nach Hed?�</p><p>�Sie�� sie l��t nicht mit sich reden.�</p><p>Der K�nig brummte. �Eine seltsame Frau.� Seine Augen waren so scharf und neugierig wie die eines Vogels, w�hrend sie sich m�hten, hinter Morgons Worte zu blicken.</p><p>Morgon fragte ihn unvermittelt: �Was von mir habt Ihr in Euren Tr�umen gesehen?�</p><p>�Bruchst�cke. Fetzen. Wenig, was Euch helfen wird, und weit mehr, als f�r mich gut ist. Vor langer Zeit tr�umte mir, Ihr k�mt mit einer Krone in Euren H�nden und drei Sternen auf Eurem Gesicht aus einem Turm. Aber der Name tr�umte mir nicht. Ich sah Euch mit einer sch�nen jungen Frau, von der ich wu�te, da� sie meine Tochter war, aber noch immer blieb mir verborgen, wer Ihr wart. Ich sah.� Er sch�ttelte den Kopf und wandte den Blick von irgendeinem verwirrenden, gef�hrlichen Bild.</p><p>�Was?�</p><p>�Ich bin mir nicht sicher.�</p><p>�Mathom.� Ihm war pl�tzlich kalt in der warmen Sommernacht. �Seid vorsichtig. Es sind Dinge in Eurem Geist, die Euch das Leben kosten k�nnten.�</p><p>�Oder mein Landrecht?� Seine magere Hand umschlo� Morgons Schulter. �Vielleicht. Das ist der Grund, weshalb ich selten meine Gedanken erkl�re. Kommt mit ins Haus. Es wird ein Donnerwetter geben, wenn ich zur�ckkehre, doch wenn Ihr das geduldig ertragen k�nnt, dann haben wir sp�ter Zeit, miteinander zu reden.� Er setzte sich in Bewegung, doch Morgon folgte ihm nicht. �Was ist?�</p><p>Morgon schluckte. �Ich mu� Euch etwas sagen. Bevor ich mit Euch in Euren gro�en Saal gehe. Vor sieben Tagen st�rzte ich dort hinein, um einen Harfner zu t�ten.�</p><p>Er h�rte, wie der K�nig scharf Atem holte.</p><p>�Thod kam hierher.�</p><p>�Ich habe ihn nicht get�tet.�</p><p>�Aus irgendeinem Grund �berrascht mich das nicht.� Seine Stimme klang hohl, als k�me sie aus der Tiefe einer Gruft. Er zog Morgon mit sich zu dem m�chtigen Haus, das wei� im Mondlicht stand. �Berichtet mir.�</p><p>Morgon berichtete ihm noch viel mehr, ehe sie den Saal erreichten. Er sprach sogar ein wenig von den vergangenen sieben Tagen, die ihm so kostbar waren, da� er sich manchmal fragte, ob es sie wirklich gegeben hatte. Mathom sagte wenig, lie� nur hin und wieder einen undeutlichen, kehligen Laut h�ren, der wie das Murmeln einer Amsel klang. Als sie in den Innenhof gelangten, sahen sie schnaubende, schwitzende Pferde, die zu den Stallungen gef�hrt wurden. Ihre Statteldecken, purpurn und blau, trugen die Farben der k�niglichen Wache. Mathom fluchte leise.</p><p>�Rood scheint zur�ck zu sein. Mit leeren H�nden, w�tend und ungewaschen, von Geistern gejagt.�</p><p>Sie betraten den Saal, der im strahlenden Licht unz�hliger Fackeln lag, und Rood, der zusammengesunken �ber einem Becher Wein sa�, starrte seinen Vater fassungslos an. Duac und Rendel waren an seiner Seite. Sie drehten die K�pfe, doch er war als erster auf den F��en, und seine Stimme �bert�nte die ihren.</p><p>�Wo, in Hels Namen, bist du gewesen?�</p><p>�Schrei mich nicht an�, gab der K�nig gereizt zur�ck. �Wenn du nicht mehr Verstand hast, als in diesem Chaos auf der Jagd nach diesem Harfner herumzuirren, dann bekommst du von mir kein Mitleid.�</p><p>Er wandte seinen Blick zu Duac, w�hrend Rood, noch immer offenen Mundes, sich wieder in seinen Sessel fallen lie�. Duac blickte den K�nig mit K�lte an, doch seine Stimme war beherrscht.</p><p>�So, so. Was hat dich nach Hause zur�ckgef�hrt? F�llst da pl�tzlich aus dem Himmel nieder wie ein b�ser Zauber! Doch nicht etwa die Bek�mmerung �ber das Unheil, das du durch deine Abwesenheit hier angerichtet hast!�</p><p>�Nein�, antwortete Mathom unersch�ttert, w�hrend er sich Wein eingo�. �Du und Rood habt eure Sache ohne mich sehr gut gemacht.�</p><p>�Was haben wir ohne dich sehr gut gemacht?� stie� Rood zwischen zusammengebissenen Z�hnen hervor. �Ist dir klar, da� wir am Rande eines Krieges stehen?�</p><p>�Ja. Und An hat sich in bemerkenswert kurzer Zeit daf�r ger�stet. Selbst du hast dich in weniger als drei Monaten vom Gelehrten zum Krieger gewandelt.�</p><p>Rood holte tief Luft, um eine heftige Erwiderung zu geben. Duacs Hand schlug pl�tzlich hart auf seinen Arm und brachte ihn zum Schweigen.</p><p>�Krieg?� Duacs Gesicht hatte alle Farbe verloren. �Mit wem?�</p><p>�Wer steht noch unter Waffen?�</p><p>�Ymris?� Er wiederholte es ungl�ubig. �Ymris?�</p><p>Mathom trank von seinem Wein. Sein Gesicht sah �lter aus als zuvor im Schein des Mondlichts, hager und von M�digkeit gezeichnet. Er setzte sich neben Rendel nieder.</p><p>�Ich habe den Krieg in Ymris gesehen�, sagte er leise. �Die H�lfte der K�stengebiete ist in der Hand der Rebellen. Es ist ein geheimnisvoller, blutiger, erbarmungsloser Krieg, und er wird die Kr�fte von Heureu Ymris ersch�pfen. Er hat keine Hoffnung, ihn auf sein eigenes Land zu beschr�nken, wenn jene, gegen die er k�mpft, beschlie�en, den Krieg �ber die Grenzen von Ymris hinauszutragen. Diesen Verdacht hatte ich schon fr�her, doch selbst ich konnte von den Drei Teilen nicht verlangen, sich zu bewaffnen, ohne einen Grund anzugeben. Und h�tte ich einen Grund angegeben, so h�tte das vielleicht einen Angriff noch heraufbeschworen.�</p><p>�Du bist absichtlich verschwunden?� fl�sterte Duac. �Du hast uns im Stich gelassen, damit wir uns bewaffnen w�rden?�</p><p>�Es war eine extreme Ma�nahme�, bekannte Mathom, �aber sie hat gewirkt.�</p><p>Er warf wieder einen Blick auf Rood, als dieser den Mund �ffnete und mit gesenkter Stimme sprach.</p><p>�Wo warst du? Und hast du jetzt vor, eine Weile zu Hause zu bleiben?�</p><p>�Ich war hier und dort, bin den Neigungen meiner Neugier gefolgt. Und ja, ich denke, ich werde jetzt hier bleiben. Wenn du es dir verkneifen kannst, mich anzuschreien.�</p><p>�Wenn du nicht so starrk�pfig w�rst, w�rde ich nicht schreien.�</p><p>Mathom machte ein skeptisches Gesicht.</p><p>�Du hast sogar den Dicksch�del eines Kriegers. Was wolltest du eigentlich mit Thod anfangen, wenn du seiner habhaft geworden w�rst?�</p><p>Ein kurzes Schweigen trat ein.</p><p>�Ich h�tte ihn fr�her oder sp�ter zu Schiff nach Caithnard gesandt�, erkl�rte Duac, �und es den R�tselmeistern �berlassen, ihn zu befragen.�</p><p>�Die Schule in Caithnard ist kein Gerichtshof.�</p><p>Duac sah ihn an, und in seinen Augen blitzte Zorn.</p><p>�Dann sag du mir, was du getan h�ttest? Wenn du statt meiner hier gewesen w�rst und erlebt h�ttest, wie Morgon�� wie Morgon allein auf sich gestellt um Gerechtigkeit k�mpfen mu�te gegen einen Mann, der an kein Gesetz des Reiches gebunden ist, der jeden im Reich verraten hat�� was h�ttest du dann getan?�</p><p>�Gerechtigkeit�, wiederholte Mathom leise. Morgon blickte ihn an, w�hrend er auf seine Antwort wartete. Er sah den fernen Widerschein von Schmerz in den dunklen, m�den Augen. �Er ist der Harfner des Erhabenen. Ich w�rde es dem Erhabenen �berlassen, ihn zu richten.�</p><p>�Mathom?� sagte Morgon, den die Frage bedr�ngte, was der K�nig in seinem Geiste sah.</p><p>Doch Mathom antwortete ihm nicht. Auch Rendel sah ihn wartend an. Der K�nig strich ihr leicht �ber das Haar, doch keiner von beiden sprach.</p><p>�Der Erhabene!� sagte Rood. Nichts von der H�rte des Kriegers lag mehr in seiner Stimme. Die Worte waren ein R�tsel voller Bitterkeit und Verzweiflung, ein Flehen um eine Antwort. Seine Augen trafen die von Morgon, mit einem vertrauten Aufblitzen von Selbstironie. �Du hast meinen Vater geh�rt. Ich bin kein R�tselmeister mehr. Dieses R�tsel wirst du beantworten m�ssen, R�tselmeister.�</p><p>�Ja, ich werde es beantworten�, erwiderte er m�de. �Es scheint, da� ich keine Wahl habe.�</p><p>�Ihr seid viel zu lange hiergeblieben�, bemerkte Mathom.</p><p>�Ich wei�. Ich konnte nicht fort. Jetzt werde ich gehen...�: Er warf einen Blick auf Duac. �Morgen? Sind die Schiffe bis morgen bereit?�</p><p>Duac nickte. �Bri Corvett sagte mir, da� sie mit der Ebbe um Mitternacht auslaufen werden. Er hat noch eine Menge mehr zu mir gesagt, als ich ihm erkl�rte, was Ihr wollt. Aber er kennt M�nner, die gegen Gold bereit sind, selbst eine Ladung von Toten zu bef�rdern.�</p><p>�Morgen�, murmelte Mathom.</p><p>Er blickte zuerst auf Morgon und dann auf Rendel, die schweigend in das Licht einer tropfenden Kerze starrte. Ihr Gesicht war trotzig, als bereitete sie sich auf eine Auseinandersetzung vor. Mathom schien hinter seinen schwarzen, unergr�ndlichen Augen seine eigenen Vermutungen anzustellen. Sie hob langsam den Blick, als sp�rte sie seine Gedanken.</p><p>�Ich reise mit Morgon, und ich bitte dich nicht, uns zu verheiraten. Willst du nicht einmal Widerspruch erheben?�</p><p>Er sch�ttelte seufzend den Kopf.</p><p>�Ich bin zu alt und zu m�de, um zu streiten, und das einzige, was ich f�r euch beide w�nsche, ist, da� ihr irgendwo in diesem von Unrast gesch�ttelten Reich euren Frieden findet.�</p><p>Sie starrte ihn an. Ihr Gesicht begann pl�tzlich zu beben, und sie streckte die Arme nach ihm aus, w�hrend Tr�nen ihr �ber die Wangen liefen.</p><p>�Oh, warum warst du nur so lange fort?� fl�sterte sie, als er sie fest an sich dr�ckte. �Ich brauchte dich.�</p><p>Er sprach mit ihr und mit Morgon, bis die Kerzen in ihren Haltern heruntergebrannt waren und die Fenster bleich wurden vom grauen Licht der Morgend�mmerung. Sie schliefen fast den ganzen folgenden Tag, und sp�t am Abend, als die Welt wieder still war, f�hrte Morgon sein Heer von Toten zum Hafen von Anuin.</p><p>Sieben Handelsschiffe lagen im Mondlicht vert�ut, beladen mit feinen Tuchen und Gew�rzen. Morgon, in dessen Geist eine wirre Masse von Namen, Gesichtern und Erinnerungen aus den Gehirnen der Toten brodelte, sah zu, wie die Krieger langsam im dunklen Hafen schattenhaft Gestalt annahmen. Bewaffnet und gepanzert warteten sie schweigend auf ihren Pferden. Die Stadt hinter ihnen lag im Dunklen; die schwarzen Finger der Masten im Hafen hoben sich mit der D�nung, um die Sterne zu ber�hren, und sanken wieder nieder. In traumhafter Stille hatten sich die Toten unter den Augen Duacs und Bri Corvetts und der schaudernden Seeleute auf den Schiffen versammelt. Gerade wollten sie an Bord gehen, als ein Pferd das Dock heruntergaloppierte und Morgon aus seiner Konzentration ri�. Wie benommen starrte er auf Rendel, als diese vom Pferd sprang, konnte nicht verstehen, wieso sie nicht noch schlafend auf ihrem Lager lag. W�hrend sein Geist sich mit ihrer unerwarteten Anwesenheit herumschlug, wurde er langsam wieder in die Nacht der Lebenden zur�ckgezogen. Nicht weit von ihnen brannte eine einsame Fackel; ihr Licht �bergo� Rendels Haar, das sich aus den mit Edelsteinen besetzten Nadeln l�ste, mit einem feurigen Glanz. Ihr Gesicht konnte er nicht gut sehen.</p><p>�Ich komme mit dir nach Hed�, sagte sie.</p><p>Er hob die Hand, um ihr Gesicht dem Licht zuzuwenden. Die Ver�rgerung darin holte ihn in die Gegenwart zur�ck.</p><p>�Wir haben das doch besprochen�, versetzte er. �Nicht auf diesen Schiffen, die voll sind von den Geistern der Toten.�</p><p>�Du hast es mit meinem Vater besprochen. Du hast vergessen, mit mir dar�ber zu sprechen.�</p><p>Er fuhr sich mit der Hand �ber die Stirn, merkte, da� er schwitzte. Bri Corvett stand nicht weit von ihnen �ber die Reling gelehnt, sein Ohr auf ihre Stimmen gerichtet, sein Auge aufs Wasser.</p><p>�Herr�, rief er leise, �wenn wir nicht bald auslaufen, sitzen hier sieben Schiffe voller Toter bis zum Morgen fest.�</p><p>�Gut.� Er reckte sich, um die stechenden Knoten der Anspannung in seinem R�cken zu lockern. Rendel verschr�nkte die Arme. Er fing eine Nadel auf, die ihr aus dem Haar fiel. �Es w�re das beste, wenn du durch Hel nach Caithnard hinaufreitest und dort auf mich wartest.�</p><p>�Du wolltest mit mir reiten. Nicht mir einer Ladung von Geistern nach Hed segeln.�</p><p>�Ich kann nicht ein Heer von Toten �ber Land nach Caithnard f�hren und sie dort aufs Schiff bringen, wo s�mtliche H�ndler��</p><p>�</p><p>�Darum geht es nicht. Der springende Punkt ist: Ganz gleich, auf welchem Weg du nach Hed reist, ich komme mit dir. Der springende Punkt ist: Du wolltest direkt nach Hed segeln und mich in Caithnard auf dich warten lassen.�</p><p>Zornig blickte er sie an. �Das ist nicht wahr�, erwiderte er emp�rt.</p><p>�Aber es w�re dir schon noch eingefallen�, gab sie kurz zur�ck. �Unterwegs w�re es dir bestimmt eingefallen, mich sicher und wohlbehalten wie ein braves Br�utchen in Caithnard warten zu lassen. Ich habe ein B�ndel auf meinem Pferd. Ich kann jederzeit abreisen.�</p><p>�Nein. Vier Tage lang mit mir und den Toten von An auf hoher See, das kommt nicht in Frage.�</p><p>�Doch.�</p><p>�Nein.�</p><p>�Doch.�</p><p>�Nein!�</p><p>Seine H�nde waren zu F�usten geballt. Schatten verdunkelten sein hageres Gesicht, w�hrend er sie betrachtete. Das Fackellicht streichelte ihr Gesicht, so wie er es in den vergangenen Tagen gestreichelt hatte. Licht sammelte sich in ihren Augen, und ihm fiel ein, da� sie in die Augen eines Totensch�dels geblickt und toten K�nigen Trotz geboten hatte.</p><p>�Nein�, sagte er nochmals mit H�rte. �Ich wei� nicht, was f�r Spuren die Toten auf dem Wasser zur�cklassen werden. Ich wei� nicht���</p><p>�Du wei�t nicht, was du tust. Du wei�t nicht, ob dir irgendwo Sicherheit beschieden ist, ob dir nicht auch in Hed Gefahr droht.�</p><p>�Und genau das ist der Grund, weshalb ich dich nicht auf diese Schiffe lassen werde.�</p><p>�Und genau das ist der Grund, weshalb ich an deiner Seite sein werde. Mir wenigstens wurde bei der Geburt ein Wissen um das Meer mitgegeben.�</p><p>�Und wenn es das Holz unter deinen F��en zertr�mmert und Planken und Gew�rze und die Toten in die Wellen schleudert, was willst du dann tun? Du wirst ertrinken, weil ich dich nicht werde retten k�nnen, ganz gleich, welche Gestalt ich annehme, und was werde ich dann tun?�</p><p>Sie schwieg. Die Toten, die hinter ihr aufgereiht standen, schienen ihn mit dem gleichen unzug�nglichen, unvers�hnlichen Ausdruck anzusehen. Langsam wandte er sich um. Seine H�nde �ffneten sich und schl�ssen sich wieder. Er fing den sp�ttischen Blick eines der K�nige auf und lie� seinen Geist still werden. Ein Name r�hrte Schatten der Erinnerung hinter den toten Augen auf. Gleich darauf regte sich der Geist des Toten, verschwamm mit der Luft und der Dunkelheit und ging aufs Schiff.</p><p>Wieder verlor er alles Zeitgef�hl, w�hrend die sieben Handelsschiffe sich langsam f�llten. Die Stimmen von Jahrhunderten murmelten in ihm und vermischten sich mit dem Pl�tschern des Wassers und dem Klang der Stimmen von Duac und Rendel, die in irgendeinem fernen Land miteinander sprachen. Endlich gelangte er zum letzten Namen und begann zu sehen.</p><p>Die dunklen, stillen Schiffe schaukelten unruhig auf dem Wasser. Kapit�ne gaben mit ged�mpften Stimmen ihre Befehle, als f�rchteten sie, sie k�nnten die Toten wecken, wenn sie zu laut spr�chen. Auf leisen Sohlen huschten Seeleute �ber die Decks. Rendel und Duac standen allein und schweigend auf dem Pier und lie�en Morgon nicht aus den Augen. Er ging zu ihnen. Ein salziger Wind, der vorher nicht geblasen hatte, trocknete den Schwei� auf seinem Gesicht.</p><p>�Ich danke Euch�, sagte er zu Duac. �Ich wei� nicht, wie dankbar Eliard sein wird, aber es ist der beste Schutz, den ich mir f�r Hed denken kann, und das ist mir eine Beruhigung. Sagt Mathom. Sagt ihm��� Er brach ab und suchte nach den rechten Worten.</p><p>Duac legte eine Hand auf seine Schulter.</p><p>�Er wei� es schon. Seid vorsichtig.�</p><p>�Nat�rlich.� Er drehte den Kopf und traf Rendels Blick. Sie r�hrte sich nicht, und sie sagte kein Wort, machte ihn so ebenfalls sprachlos, und er verlor sich erneut in Erinnerungen. Schlie�lich brach er ihr Schweigen, als br�che er einen Bann.</p><p>�Wir sehen uns in Caithnard.�</p><p>Er k��te sie und wandte sich rasch ab. Mit gro�en Schritten eilte er auf das F�hrungsschiff. Die Rampe wurde hinter ihm hochgezogen. Bri Corvett stand an einer offenen Luke.</p><p>Als Morgon die Leiter in den lichtlosen Laderaum hinunterstieg, fragte er besorgt: �Wollt Ihr wirklich da unten bei den Toten bleiben?�</p><p>Morgon nickte wortlos. Bri schlo� die Luke hinter ihm. Er stolperte �ber Tuchballen und fand schlie�lich einen Stapel von Gew�rzs�cken, auf dem er sich niederlie�. Er sp�rte, wie das Schiff langsam aus dem Hafen glitt, fort von Anuin, dem offenen Meer entgegen. Er sa� gegen die Planken des Laderaums gelehnt, h�rte das Klatschen des Wassers, das von au�en ans Holz schlug. Stumm und unsichtbar umgaben ihn die Toten, und ihre Seelen wurden still, als sie ihrer Vergangenheit davonsegelten. Morgon ertappte sich dabei, wie er versuchte, ihre Gesichter aus dem schwarzen Dunkel herauszuheben. Er zog die Knie hoch, dr�ckte sein Gesicht gegen, die Arme und lauschte dem Wasser. Wenig sp�ter h�rte er, wie die Luke ge�ffnet wurde.</p><p>Lautlos holte er Atem und blies die Luft wieder aus. Licht flackerte vor seinen geschlossenen Lidern. Jemand stieg die Leiter herab, bahnte sich einen Weg zwischen S�cken und Tuchballen hindurch, setzte sich neben ihm nieder. W�rziger Duft von Pfeffer und Ingwer wehte auf. Die Luke wurde wieder geschlossen.</p><p>Er hob den Kopf und sagte zu Rendel, die nur ein Schemen war, das er atmete, die nur einen feinen Hauch frischer Meeresluft verstr�mte: �Willst du denn dein Leben lang mit mir streiten?�</p><p>�Ja�, antwortete sie trotzig.</p><p>Er lie� den Kopf wieder auf die Knie sinken. Nach einer Weile hob er einen Arm, fand in der Dunkelheit ihr Handgelenk und dann ihre Finger. Er starrte in die Nacht, w�hrend er ihre von Narben gezeichnete linke Hand in seinen beiden hielt und an sein Herz dr�ckte.</p></section><section><title><p><emphasis>Kap. 2</emphasis></p></title><p>Vier N�chte sp�ter trafen sie in Hed ein. Sechs der Handelsschiffe waren nach Westen in den Kanal abgeschwenkt, um in Caithnard zu warten; Bri segelte sein Schiff nach Tol. Morgon, der ersch�pft war vom stetigen Horchen auf Unheil und Verh�ngnis, wurde aus einem leichten D�mmerschlaf gerissen, als der Rumpf des Schiffes leicht gegen das Dock prallte. Schreckhaft fuhr er hoch und h�rte, wie Bri mit irgend jemandem schimpfte. Die Luke �ffnete sich; Licht blendete ihn. Er roch Erde.</p><p>Sein Herz begann pl�tzlich heftig zu h�mmern. Rendel, die in Pelze eingeh�llt neben ihm lag, hob schl�frig den Kopf.</p><p>�Ihr seid zu Hause�, verk�ndete Bri, der l�chelnd hinter dem Licht stand.</p><p>Morgon stand auf und kletterte zum Deck hinauf. Tol war eine Handvoll von H�usern, die verstreut im Schatten der dunklen K�stenfelsen lagen. Die warme, stille Luft roch vertraut nach K�hen und Getreide.</p><p>Er wurde sich erst bewu�t, da� er gesprochen hatte, als Bri das Licht l�schte und ihm antwortete.</p><p>�Noch vor Mitternacht. Wir haben es schneller geschafft, als ich dachte.�</p><p>Eine Woge rollte tr�ge den Strand hinauf, zerflo� in einem Gespinst silbern schimmernden Schaums, als sie sich brach. Knochenbleich wand sich die K�stenstra�e vom Hafen weg, um im Schatten der Felsen zu verschwinden. Morgon blickte zur H�he der Felsen hinauf, um jene Stelle zu suchen, wo ihr helles Band wieder auftauchte, um Weiden und Felder zu teilen, bis es schlie�lich an der Schwelle von Akren abri�. Seine H�nde an der Reling verkrampften sich; aus blinden Augen blickte er zur�ck auf die lange, gewundene Stra�e, die ihn auf einem Schiff voll von Toten nach Hed gef�hrt hatte, und die K�stenstra�e nach Akren schien ihm pl�tzlich nicht viel mehr als ein weiteres kurzes St�ck Wegs, das in die Finsternis f�hrte.</p><p>Rendel sprach seinen Namen, und seine H�nde lockerten sich.</p><p>Er h�rte das Aufschlagen der Rampe auf dem Dock.</p><p>�Ich bin vor Morgengrauen zur�ck�, sagte er zu Bri. Mit einer raschen Bewegung ber�hrte er die Schulter des Kapit�ns. �Danke Euch.�</p><p>Er f�hrte Rendel vom Hafen fort, vorbei an den tr�umenden Fischerh�usern und den morschen, alten Booten, auf denen die M�wen schliefen. Den Weg, der durch die Schatten zum Felsplateau hinauff�hrte, hatte er noch im Kopf. Sanft gekr�uselt lagen die Felder im Mondlicht, umwogten H�gel und Gr�ben, um sich aus allen Richtungen um Akren zu schlie�en. Die Nacht war still; als er lauschte, h�rte er die tr�gen, friedlichen Atemz�ge der K�he und das sachte Wimmern eines Hundes, der tr�umte. Auf Akren brannte ein Licht, �ber der Veranda, meinte Morgon, doch als sie n�her kamen, sah er, da� der Lichtschein aus dem Inneren des Hauses drang. Rendel, die schweigend an seiner Seite ging, lie� ihren Blick �ber niedrige Mauern schweifen, die die Felder abgrenzten, �ber Reihen von Bohnenstangen, �ber halbreifen Weizen. Sie brach ihr Schweigen erst, als sie so nahe an Akren herangekommen waren, da� man die Linien des Daches sehen konnte, die sich schr�g vor dem Sternenhimmel abhoben.</p><p>�So ein kleines Haus�, sagte sie �berrascht.</p><p>Er nickte. �Kleiner, als ich es in Erinnerung habe.�</p><p>Seine Kehle war wie zugeschn�rt. In einem Stubenfenster sah er Bewegung im tr�ben Kerzenlicht, und er fragte sich, wer so sp�t in der Nacht im Haus noch aufsa�. Dann traf ihn unerwartet der Geruch nach feuchter Erde und rankendem Wurzelwerk; Erinnerung auf Erinnerung durchdrang ihn mit Trieben und Wurzeln von Landrecht, bis er den Bruchteil einer Sekunde lang seinen K�rper gar nicht mehr sp�rte und sein Geist sich im endlosen Wurzelwerk Heds ver�stelte.</p><p>Er mu�te stehenbleiben, weil ihm der Atem stockte. Die Gestalt am Fenster bewegte sich. Das Licht verdunkelnd, starrte sie in die Nacht hinaus: gro�, breitschultrig, gesichtslos. Abrupt drehte sie sich um, eilte an den Fenstern der Stube vorbei. Die T�ren von Akren flogen krachend auf; ein Hund bellte einmal.</p><p>Morgon h�rte Schritte. Sie durchquerten den Hof und blieben vor dem schr�gen Schatten des Daches stehen.</p><p>�Morgon?� Fragend hing der Name in der stillen Luft. Dann wurde aus der Frage ein Ruf, der s�mtliche Hunde weckte, als sein Echo �ber die Felder flog. �Morgon!�</p><p>Eliard war bei ihm, noch ehe er eine Bewegung machen konnte. Er hatte nur einen fl�chtigen Eindruck von buttergelbem Haar, muskelbepackten Schultern und einem Gesicht, das im Mondlicht eine frappante �hnlichkeit mit dem ihres Vaters hatte. Dann umschlang Eliard ihn mit beiden Armen und dr�ckte ihm die Luft ab, w�hrend er mit den F�usten hart auf Morgons Schultern schlug.</p><p>�Du hast dir Zeit gelassen�, sagte er.</p><p>Er weinte. Morgon wollte sprechen, doch seine Kehle war zu trocken; er senkte seine brennenden Augen an Eliards massige Schulter.</p><p>�Du B�r�, fl�sterte er. �Willst du dich wohl beruhigen?�</p><p>Eliard schob ihn von sich weg, begann, ihn zu sch�tteln.</p><p>�Ich hab� deinen Geist in mir gesp�rt, so wie ich ihn in meinen Tr�umen sp�rte, als du in jenem Berg gefangen warst.� Tr�nen rannen ihm �ber das Gesicht. �Morgon, verzeih mir, verzeih mir���</p><p>�Eliard.�</p><p>�Ich wu�te, da� du in N�ten warst, aber ich habe nichts getan�� ich wu�te nicht, was ich tun sollte��, und dann bist du gestorben, und die Landherrschaft ging an mich �ber. Und jetzt bist du wieder da, und ich habe alles, was dir geh�rt. Morgon, ich schw�re es, wenn es einen Weg g�be, w�rde ich mir die Landherrschaft aus der Seele rei�en und sie dir zur�ckgeben.�</p><p>Morgons H�nde schl�ssen sich in pl�tzlicher, grimmiger Umklammerung um seine Arme, und er brach ab.</p><p>�Sag das nie wieder zu mir. Nie wieder.�</p><p>Eliard starrte ihn wortlos an, und Morgon sp�rte, w�hrend er ihn so hielt, da� er in sich die ganze Kraft und Unschuld von Hed barg.</p><p>�Du geh�rst hierher�, sagte er ruhiger. �Und mehr als sonstwo brauche ich dich hier in Hed, das Land zu h�ten und zu bewahren.�</p><p>�Aber Morgon�� du geh�rst doch hierher. Dies ist deine Heimat, du bist nach Hause gekommen���</p><p>�Ja. Bis zum Morgengrauen.�</p><p>�Nein!� Wieder bohrten sich seine Finger in Morgons Schultern. �Ich wei� nicht, wovor du auf der Flucht bist, aber ich werde nicht zulassen, da� du wieder fortgehst. Du bleibst hier; wir k�nnen f�r dich k�mpfen, mit Heugabeln und Eggen, wenn es sein mu�. Ich leihe mir irgendwo ein Heer aus���</p><p>�Eliard���</p><p>�Sei still! Du magst zupacken k�nnen wie ein Schraubstock, aber du kannst mich nicht mehr in Tristans Rosenb�sche werfen. Du bleibst hier, wo du hingeh�rst.�</p><p>�Eliard, willst du wohl aufh�ren zu br�llen!�</p><p>Er sch�ttelte Eliard ein wenig, und er war so erstaunt �ber die pl�tzliche Heftigkeit, da� er schwieg.</p><p>Da st�rzte wie ein kleiner Wirbelwind Tristan aus dem Haus, umringt von den bellenden, springenden Hunden. Sie sprang an Morgon hoch, ihre Arme umklammerten seinen Hals, und sie vergrub ihr Gesicht an seiner Schulter. Er k��te ihr Haar und ihre Wangen, schob sie dann von sich weg, hob ihr Gesicht mit seinen H�nden. Er erkannte es kaum wieder. Es begann zu zucken, als sie ihm in die Augen blickte, und wieder warf sie die Arme um seinen Hals. Dann entdeckte sie Rendel und streckte die Arme nach ihr aus, und die Hunde tobten kl�ffend um Morgon herum.</p><p>In den Fenstern ferner Bauernh�user flammten ein paar Lichter auf. Einen Moment lang f�hlte sich Morgon von Panik gepackt. Dann wurde er einfach still, so still wie das reglose Band der Stra�e unter seinen F��en, wie die vom Mondlicht durchflutete Luft. Die Hunde lie�en von ihm ab; Tristan und Rendel h�rten auf zu sprechen, um ihn anzusehen. Eliard stand ganz ruhig da, unbewu�t in Morgons Stille gefangen.</p><p>�Was ist?� fragte er voll Unbehagen.</p><p>Morgon wartete nur einen Moment, dann trat er zu ihm und legte ihm m�de einen Arm um die Schultern.</p><p>�Eliard�, sagte er, �allein durch meine Anwesenheit hier bringe ich euch in Gefahr. Gehen wir wenigstens ins Haus.�</p><p>�Gut.�</p><p>Doch er r�hrte sich nicht. Sein Gesicht wandte sich von Morgon ab, und sein Blick schweifte zu Rendel, deren Gesicht ein helles, von dunklen Linien und Flecken beschattetes Oval war. Hier und dort blitzten Edelsteine im zerzausten Haar, sprenkelten es mit Feuer. Sie l�chelte, und Morgon h�rte, wie Eliard schluckte.</p><p>�Rendel von An?� fragte er zaghaft, und sie nickte.</p><p>�Ja.� Sie streckte ihm die Hand hin, und Eliard nahm sie, als w�re sie aus Spreu und k�nnte jederzeit vom Wind fortgeblasen werden. Er schien die Sprache verloren zu haben.</p><p>Tristan sagte stolz: �Wir sind bis nach Isig und wieder zur�ck gesegelt, um Morgon zu suchen. Wo warst du? Wo hast du��?� Sie geriet pl�tzlich ins Stocken. �Woher kommst du jetzt?�</p><p>�Aus Anuin�, antwortete Morgon. Er sah die Unsicherheit in ihren dunklen Augen und las ihre Gedanken. �Gehen wir ins Haus�, sagte er nochmals m�de. �Dort k�nnt ihr mich fragen.�</p><p>Sie schob ihre Hand in die seine und ging mit ihm ins Haus hinein. Sie ging in die K�che hinunter, um etwas zu essen zu holen, w�hrend Eliard Fackeln entz�ndete und ein Durcheinander von Pferdegeschirren von den B�nken fegte, damit sie sich setzen konnten. Er selbst blieb stehen und blickte auf Morgon hinunter, w�hrend er mit dem Fu� verdrie�lich gegen die Bank trat.</p><p>�Sag mir, warum du nicht bleiben kannst�, bat er dann unvermittelt. �Sag es mir, damit ich es verstehen kann. Wohin mu�t du jetzt so dringend?�</p><p>�Ich wei� es nicht. Nirgendwohin. �berallhin. Zu verharren ist der Tod.�</p><p>Eliard hieb mit seinen Stiefeln Kerben in die Bank.</p><p>�Warum?� fragte er heftig, und Morgon legte seine H�nde vor sein Gesicht.</p><p>�Ich bem�he mich, das herauszufinden�, murmelte er. �Ich bem�he mich, die L�sung des Ungel�sten��� Er brach ab, als er den Ausdruck auf Eliards Gesicht sah. �Ich wei�. Wenn ich daheimgeblieben w�re, anstatt nach Caithnard zu gehen, dann s��e ich jetzt nicht mitten in der Nacht hier und w�nschte, ich k�nnte die Morgend�mmerung mit meinen H�nden zur�ckhalten, und h�tte Angst, dir zu sagen, was f�r Fracht ich mit mir nach Hed gebracht habe.�</p><p>Eliard setzte sich langsam und zwinkerte verst�ndnislos.</p><p>�Was?�</p><p>Tristan kam mit einem riesigen Tablett mit Bier, Milch, frischem Brot und Obst, den kalten Resten einer gebratenen Gans, Butter und K�se die Treppe herauf. Sie stellte es auf einem Hocker ab. Morgon r�ckte ein St�ck, und sie setzte sich neben ihn und schenkte Bier ein. Einen Becher reichte sie Rendel, die etwas zaghaft kostete. Morgon betrachtete sie, w�hrend sie einschenkte; ihr Gesicht war schmaler geworden, seine Konturen ausgepr�gter.</p><p>Stirnrunzelnd blickte sie auf den Schaum auf dem Bier, w�hrend sie darauf wartete, da� er zusammensank, damit sie weiter eingie�en konnte. Ihr Blick huschte zu ihm, dann senkte sie die Lider, und er sagte leise: �Ich habe Thod in Anuin gefunden. Ich habe ihn nicht get�tet.�</p><p>Sie st�tzte den Bierkrug auf das eine Knie, den Becher auf das andere und sah Morgon endlich doch an.</p><p>�Ich wollte dich nicht danach fragen.�</p><p>Er hob die Hand und strich ihr �ber die Wange. Er sah, wie ihr Blick die wei�en Vesta-Narben auf seiner Handfl�che einfing, als er den Arm wieder senkte.</p><p>�Es geht mich ja nichts an�, bemerkte Eliard, �aber du hast ihn doch durch das ganze Reich verfolgt.� Ein Schimmer von Hoffnung glomm in seinen Augen. �War er�� hat er erkl�rt��?�</p><p>�Er hat nichts erkl�rt.� Er nahm Tristan den Becher mit dem Bier aus der Hand und trank. Er sp�rte, wie das Blut wieder in sein Gesicht stieg. Ruhiger f�gte er hinzu: �Ich habe Thod durch ganz An verfolgt und ihn schlie�lich vor zw�lf Tagen in Anuin eingeholt. Im K�nigssaal stand ich vor ihm und sagte ihm, da� ich ihn t�ten w�rde. Dann hob ich mein Schwert mit beiden H�nden, um eben das zu tun, w�hrend er v�llig reglos dastand und wartete.�</p><p>Er verstummte. Eliards Gesicht war wie erstarrt.</p><p>�Und dann?�</p><p>�Dann...� Er suchte nach Worten, zog sich in seine Erinnerung zur�ck. �Ich habe ihn nicht get�tet. Es gibt ein altes R�tsel aus Ymris: Wer waren Belu und Bilo, und wodurch waren sie aneinander gebunden? Zwei F�rsten aus Ymris, die im selben Moment geboren waren, und deren Tod der Weissagung zufolge im selben Moment eintreten w�rde. Sie ha�ten einander, doch der Bann, der sie fesselte, war solcher Art, da� der eine den anderen nicht t�ten konnte, ohne sich selbst zu vernichten.�</p><p>Eliard betrachtete ihn mit seltsamem Blick.</p><p>�Ein R�tsel hat das bewirkt? Ein R�tsel hielt dich davon ab, ihn zu t�ten?�</p><p>Morgon lehnte sich zur�ck. Einen Moment lang trank er von seinem Bier und sprach nichts. Er fragte sich, ob irgend et-was, das er in seinem Leben getan hatte, Eliard je verst�ndlich gewesen war. Dann beugte sich Eliard vor und umfa�te sachte sein Handgelenk.</p><p>�Du hast mir einmal gesagt, ich h�tte ein Hirn aus Eichenholz. Vielleicht stimmt das. Aber ich bin froh, da� du ihn nicht get�tet hast. Ich h�tte es verstanden, wenn du es getan h�ttest. Doch nie wieder h�tte ich sicher sein k�nnen, was zu tun du imstande bist und was nicht.� Er lie� Morgon los und reichte ihm eine G�nsekeule. �I�.�</p><p>Morgon sah ihn an und sagte leise: �Du hast das Zeug zu einem R�tselmeister.�</p><p>Eliard prustete ver�chtlich, w�hrend sein Gesicht rot anlief. �Keine zehn Pferde w�rden mich nach Caithnard bringen. I�!�</p><p>Er schnitt Brot und Fleisch und K�se in d�nne Scheiben und reichte sie Rendel. Zum erstenmal sah er ihr in die Augen, und sie l�chelte. Da wagte er es, zu sprechen.</p><p>�Seid Ihr�� seid Ihr verheiratet?�</p><p>Sie sch�ttelte den Kopf, w�hrend sie kaute. �Nein.�</p><p>�Warum seid Ihr dann�� seid Ihr hierhergekommen, um zu warten?� Ungl�ubigkeit lag auf seinem Gesicht, doch seine Stimme war warm. �Ihr w�rt uns hochwillkommen.�</p><p>�Nein.� Sie sprach mit Eliard, doch Morgon schien es, als g�be sie ihm Antwort auf seine eigenen Hoffnungen. �Ich habe genug gewartet.�</p><p>�Was wollt Ihr dann tun?� fragte Eliard verwirrt. �Wo wollt Ihr leben?� Sein Blick wanderte zu Morgon. �Was hast du vor? Ich meine, wenn du beim Morgengrauen von hier fortgehst? Hast du schon eine Ahnung?�</p><p>Morgon nickte. �Eine verschwommene Ahnung, ja. Ich brauche Hilfe. Und ich brauche Antworten. Es wird gemunkelt, da� die letzten der Zauberer sich in Lungold versammeln, um Ghisteslohm zum Kampf zu fordern. Von den Zauberern kann ich Hilfe bekommen. Vom Gr�nder kann ich einige Antworten bekommen.�</p><p>Fassungslos starrte Eliard ihn an. Mit einer pl�tzlichen Bewegung sprang er auf.</p><p>�Warum hast du ihm deine Fragen nicht gestellt, als du im Erlenstern-Berg warst? Damit h�ttest du dir die M�he erspart, nach Lungold ziehen zu m�ssen. Du willst ihm Fragen stellen. Morgon, ich schw�re, ein Korken in einem Bierfa� hat mehr Verstand als du. Was glaubst du wohl, was er tun wird? Meinst du vielleicht, er stellt sich ganz h�flich vor dich hin und beantwortet dir deine Fragen?�</p><p>�Was soll ich denn tun?�</p><p>Jetzt war auch Morgon aufgesprungen. In seiner Stimme mischten sich Zorn und Bek�mmerung. Er stellte sich die Frage, ob er hier nur mit Eliard stritt oder mit der unerbittlichen Verbohrtheit der Insel, auf der es pl�tzlich keinen Platz mehr f�r ihn gab.</p><p>�Soll ich hier sitzen bleiben und warten, bis er an deine T�r klopft, um mich zu holen? Willst du wohl endlich deine Augen aufmachen und mich so sehen, wie ich jetzt bin, statt so, wie du mich in Erinnerung hast? Ich bin gebrandmarkt; ich trage Sterne auf meinem Gesicht und Vesta-Narben auf meinen H�nden. Ich kann beinahe jede Gestalt annehmen, f�r die es einen Namen gibt. Ich habe gek�mpft, ich habe get�tet, ich beabsichtige, wieder zu t�ten. Ich trage einen Namen, der �lter ist als dieses Reich, und ich habe keine Heimat au�er in der Erinnerung. Vor zwei Jahren habe ich eine R�tselfrage gestellt, und jetzt bin ich in einem Irrgarten von R�tseln gefangen, aus dem ich kaum mehr herausfinde. Im Herzen dieses Irrgartens liegt der Krieg. Blick doch einmal in deinem Leben �ber Hed hinaus. Versuch, mit diesem Bier etwas Furcht zu trinken. Dieses Reich steht am Rande des Krieges. Es gibt keinen Schutz f�r Hed.�</p><p>�Krieg! Was redest du da? Gewi�, in Ymris wird gek�mpft, aber Ymris liegt immer im Krieg.�</p><p>�Hast du eine Ahnung davon, gegen wen Heureu Ymris k�mpft?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Und er selbst auch nicht. Eliard, ich habe das Heer der Rebellen gesehen, als ich� durch Ymris kam. M�nner sind in diesem Heer, die l�ngst gestorben sind und dennoch weiter k�mpfen. Nichts Menschliches wohnt in ihren K�rpern. Wenn sie es sich einfallen lassen, Hed anzugreifen, welchen Schutz habt ihr dann gegen sie?�</p><p>Eliard stie� einen unartikulierten Laut aus. �Den Erhabenen�, erwiderte er dann. Doch pl�tzlich wich ihm alles Blut aus dem Gesicht. �Morgon�, fl�sterte er, und Morgon krampfte die H�nde zusammen.</p><p>�Ja. Tote Kinder haben mich einen Mann des Friedens genannt, aber ich glaube, ich habe nichts als Chaos gebracht. Eliard, in Anuin habe ich mit Duac dar�ber beraten, wie Hed zu sch�tzen ist. Er erbot sich, Krieger und einige Schiffe zu entsenden.�</p><p>�Und die hast du mitgebracht?�</p><p>Er sagte mit ruhiger, fester Stimme: �Das Handelsschiff, das uns nach Tol gebracht hat, f�hrt neben seiner regul�ren Fracht bewaffnete K�nige und Edle, gro�e Krieger der Drei Teile���</p><p>Eliards Finger schl�ssen sich um seinen Arm.</p><p>�K�nige?�</p><p>�Sie wissen um die Liebe zum Land, und sie wissen um den Krieg. Das Wissen um Hed fehlt ihnen, aber sie werden f�r es k�mpfen. Sie sind���</p><p>�Du hast die Toten von An nach Hed gebracht?� fl�sterte Eliard. �Sie sind in Tol?�</p><p>�Sechs Schiffe liegen noch in Caithnard und warten��� �Morgon von Hed, hast du v�llig den Verstand verloren!� Seine Finger gruben sich bis auf den Knochen in Morgons Arm, und Morgons ganzer K�rper spannte sich. Doch mit einer abrupten Bewegung wandte sich Eliard pl�tzlich von ihm ab. Wie ein schwerer Hammer sauste seine Faust auf das Tablett, so da� Speisen und Geschirr durcheinanderflogen, nur der Milchkrug nicht, den Tristan gerade aufgenommen hatte. Mit bleichem Gesicht sa� sie da, den Krug an sich gepre�t, w�hrend Eliard br�llend seinem Zorn Luft machte.</p><p>�Morgon, ich habe Berichte �ber das Chaos in An geh�rt! Wie des Nachts die Tiere zu Tode gehetzt werden und die Ernte auf den Feldern verdirbt, weil keiner wagt, sie einzuholen. Und du verlangst von mir, da� ich das in mein Land lasse! Wie kannst du mich darum auch nur bitten?�</p><p>�Eliard, ich brauche nicht zu bitten!� Ihre Blicke verklammerten sich ineinander. Und w�hrend Morgon zusah, wie sein Abbild sich in Eliards Augen wandelte, w�hrend er sp�rte, wie etwas Kostbares, nicht Fa�bares weiter und weiter von ihm fortglitt, fuhr er erbarmungslos fort: �Wenn ich die Landherrschaft von Hed f�r mich wollte, k�nnte ich sie mir wieder nehmen. Als Ghisteslohm sie mir St�ck um St�ck entri�, erkannte ich, da� die Macht des Landrechts Form und Gestalt hat, und ich kenne die Form des Landrechts von Hed bis zur feinsten Haarwurzel einer Hopfenranke. Wenn ich dir dies aufzwingen wollte, dann k�nnte ich es, genau wie ich lernte, die alten Toten der Drei Teile zu zwingen, hierher zu kommen���</p><p>Eliard, der keuchend durch den offenen Mund atmete, an die Steine der Feuerstelle gelehnt, schauderte pl�tzlich.</p><p>�Was bist du eigentlich?�</p><p>�Ich wei� es nicht.� Morgons Stimme zitterte unkontrolliert. �Es ist Zeit, da� du danach fragst.�</p><p>Einen Moment war Stille: die friedliche, ungebrochene Stille der Nacht von Hed. Dann stemmte sich Eliard mit einem Achselzucken von der Herdstelle ab, lief an Morgon vorbei, w�hrend er mit den F��en Scherben aus seinem Weg schleuderte. Er beugte sich zu einem Tisch, die H�nde flach auf die Platte gelegt, den Kopf gesenkt. Seine Stimme klang erstickt, als er sprach.</p><p>�Morgon, sie sind doch tot.�</p><p>Morgon lie� seinen Arm auf den Kaminsims sinken und legte sein Gesicht darauf.</p><p>�Dann sind sie den Lebenden in einer Schlacht wenigstens in diesem Punkt voraus.�</p><p>�H�ttest du nicht einfach mit einem Heer von Lebenden kommen k�nnen? Das w�re einfacher gewesen.�</p><p>�Wenn du ein Heer von Bewaffneten auf diese Insel f�hrst, dann forderst du einen Angriff heraus und wirst ihn auch bekommen.�</p><p>�Bist du da so sicher? Bist du so sicher, da� sie es wagen werden, Hed anzugreifen? Es k�nnte doch sein, da� du Gespenster siehst.�</p><p>�Ja, das k�nnte sein.� Seine Worte schienen sich in den abgeschliffenen, alten Steinen zu verlieren. �Sicher bin ich mir �ber gar nichts mehr. Nur Angst habe ich um alles, was ich liebe. Soll ich dir sagen, was ich in all der Zeit, die ich im Erlenstern-Berg gefangen war, nicht von Ghisteslohm lernen konnte? Es ist eine einfache, aber lebenswichtige Kunst. Ich konnte nicht lernen, im Dunklen zu sehen.�</p><p>Eliard drehte sich um. Er weinte wieder, als er Morgon vom Herd wegzog.</p><p>�Verzeih mir. Morgon, ich mag dich anschreien, aber wenn du mir die Landherrschaft bei den Wurzeln entrissest, w�rde ich dir dennoch blind vertrauen. Willst du nicht hier bleiben? Bitte, willst du nicht bleiben? Sollen die Zauberer zu dir kommen. Soll Ghistlohm kommen. Wenn du Hed wieder verl��t, wirst du get�tet werden.�</p><p>�Nein. Ich werde nicht sterben.� Er winkelte einen Arm um Eliards Hals und dr�ckte ihn fest an sich. �Ich bin zu neugierig. Die Toten werden deine Bauern nicht bel�stigen. Das schw�re ich. Du wirst sie kaum bemerken. Sie sind an mich gebunden. Ich habe ihnen die Geschichte und den Frieden von Hed vor Augen gef�hrt, und sie haben einen Eid geleistet, diesen Frieden zu verteidigen.�</p><p>�Du hast sie an dich gebunden?�</p><p>�Mathom entlie� sie aus seinem Bann, sonst h�tte ich es niemals in Betracht gezogen.�</p><p>�Wie kannst du die toten K�nige von An unter deinen Bann bringen?�</p><p>�Ich sehe durch ihre Augen. Ich verstehe sie. Vielleicht allzugut.�</p><p>Eliard betrachtete ihn. �Du bist ein Zauberer�, sagte er, doch Morgon sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Kein Zauberer au�er Ghisteslohm hat je an das Landrecht ger�hrt. Ich bin ganz einfach m�chtig und so verzweifelt, da� ich vor nichts mehr zur�ckschrecke.�</p><p>Er blickte auf Rendel hinunter. Wenn sie auch gegen die gelegentlichen wilden Ausbr�che im Hause ihres Vaters abgeh�rtet war, so lag in ihren Augen jetzt doch ein Ausdruck qualvoller Spannung. Tristan starrte stumm in den Milchkrug. Morgon strich ihr �ber das dunkle Haar. Sie hob das Gesicht, das bleich war und wie gefroren.</p><p>�Verzeih mir�, fl�sterte er. �Es tut mir leid. Ich wollte nicht nach Hause kommen und einen Streit vom Zaun brechen.�</p><p>�Es macht nichts�, erwiderte sie. �Das wenigstens ist etwas, was an dir noch vertraut ist.� Sie stellte den Milchkrug nieder und stand auf. �Ich hole einen Besen.�</p><p>�Nein, ich hole ihn.�</p><p>Darauf blitzte ein L�cheln in ihren Augen auf. �Gut, du kannst kehren. Ich hole frisches Essen.� Zaghaft ber�hrte sie seine vernarbte Hand. �Und dann erz�hlst du mir, wie du die Gestalt wechselst.�</p><p>Er erz�hlte es ihnen, nachdem er die Scherben und die verstreuten Speisen aufgekehrt hatte, und sah, wie Eliards Gesicht sich mit ungl�ubigem Staunen f�llte, w�hrend er erkl�rte, was f�r ein Gef�hl es war, langsam zu einem Baum zu werden. Er zerbrach sich den Kopf nach anderen Dingen, die er ihnen erz�hlen konnte, um sie wenigstens eine Zeitlang die schreckliche Seite seiner langen Wanderung vergessen zu machen. Er schilderte ihnen, wie er in Gestalt einer Vesta die Regionen im Norden durchstreift hatte, wo die Welt nur aus Wind und Schnee und Sternen zu bestehen schien. Er beschrieb ihnen die �berw�ltigende Sch�nheit des Isig-Passes und berichtete vom Hof des Wolfsk�nigs, wo die wilden Tiere ein und aus gingen. Er erz�hlte ihnen von den Nebeln und den tr�gerischen S�mpfen von Herun. Und w�hrend er sprach, entdeckte er in seinem Inneren eine unvermutete Liebe zu den wilden, rauhen und sch�nen Gegenden des Reiches, so da� er f�r eine kleine Weile den Schmerz verga�, der ihn qu�lte. Und er verga� auch die Zeit, bis er sah, da� der Mond, der pl�tzlich durch eines der Fenster hereinschien, unterzugehen begann. Unvermittelt brach er ab und sah, wie Beklommenheit das L�cheln in Eliards Augen verdr�ngte.</p><p>�Ich habe die Toten �ganz vergessen.�</p><p>Es war offensichtlich, da� Eliard eine heftige Erwiderung hinunterschluckte.</p><p>�Es ist noch nicht Morgengrauen�, sagte er. �Der Mond ist noch nicht einmal untergegangen.�</p><p>�Ich wei�. Aber die Schiffe werden eines nach dem anderen aus Caithnard nach Tol kommen, sobald ich das Signal gebe. Ich m�chte, da� sie Hed schon wieder weit hinter sich gelassen haben, ehe ich fortgehe. Sorge dich nicht. Du wirst die Toten nicht sehen, aber du solltest zur Stelle sein, wenn sie Hed betreten.�</p><p>Widerstrebend stand Eliard auf. Sein Gesicht war kreidebleich unter der Sonnenbr�une.</p><p>�Aber du bleibst an meiner Seite?� �Ja.�</p><p>Gemeinsam schritten sie alle die Stra�e hinunter nach Tol, die blank wie eine Schwertklinge zwischen den dunklen Kornfeldern lag. Morgon, der Hand in Hand mit Rendel ging, sp�rte die Spannung, die noch immer in ihr war, und die Mattigkeit nach der langen, gef�hrlichen Seereise. Sie erriet seine Gedanken und l�chelte ihm zu, als sie sich Tol n�herten.</p><p>�Ich habe eine starrk�pfige Familie gegen die andere eingetauscht...�</p><p>Der Mond, zu drei Vierteln voll, schien schr�g am Himmel zu h�ngen, als sp�hte er auf Tol hinunter. Jenseits des schwarzen Kanals glitzerten zwei flammende Augen: die Leuchtfeuer, die die Hafenbucht von Caithnard flankierten. Silbriggl�nzend lagen die Fischernetze im Sand; Wasser leckte an den kleinen vert�uten Booten, an denen sie auf dem Weg zum Dock vor�berschritten.</p><p>Bri Corvett beugte sich weit �ber die Reling, als sie kamen, und rief leise: �Jetzt?�</p><p>�Jetzt�, best�tigte Morgon, und Eliard stie� zwischen zusammengebissenen Z�hnen hervor: �Wenn du nur w��test, was du tust!�</p><p>Dann glitt die Rampe herunter, und er trat zur�ck, so nahe an den Rand des Piers, da� er beinahe hinuntergest�rzt w�re.</p><p>Morgon sp�rte wieder seinen Geist. Die Starrsinnigkeit, die geistige Unbeweglichkeit, die zum Lebensblut von Hed geh�rte, schienen wie eine Barriere am Ende der Rampe herunterzufallen. Sie legten sich fesselnd um Morgons Geist; er durchbrach sie und f�llte Eliards Geist mit satten, leuchtenden, st�ndig wechselnden Bildern aus der Geschichte der Drei Teile, die er dem Ged�chtnis der Toten entrissen hatte. Und w�hrend sich Eliards Geist langsam �ffnete, entstr�mte etwas dem Schiff und ging in Hed auf.</p><p>Eliard fr�stelte pl�tzlich.</p><p>�Sie sind ganz still�, murmelte er �berrascht.</p><p>Morgons Hand schlo� sich um seinen Ellbogen.</p><p>�Bri segelt jetzt nach Caithnard hin�ber und schickt das n�chste Schiff. Es kommen noch sechs. Das letzte bringt Bri selbst, und auf ihm werden Rendel und ich wieder abreisen.�</p><p>�Nein���</p><p>�Ich komme zur�ck.�</p><p>Eliard schwieg. Vom Schiff her kamen das �chzen von Tauen und Planken und Bri Corvetts leise, scharfe Befehle. Das Schiff stie� vom Dock ab, die dunklen Segel voll gehi�t, um den flauen Wind einzufangen. Riesig und schwarz schob es sich lautlos durch das mondglitzernde Wasser in die Nacht hinein, hinterlie� eine schimmernde Spur, die immer weiter auseinanderlief und langsam verschwand.</p><p>�Niemals�, sagte Eliard, w�hrend er aufs Wasser hinausblickte, �wirst du hierher zur�ckkommen, um zu bleiben.�</p><p>Noch sechs Schiffe glitten ebenso langsam, ebenso still durch die Nacht. Einmal, kurz bevor der Mond unterging, sah Morgon auf dem Wasser die Schatten von waffenbeh�ngten, gekr�nten Gestalten. Bleich und m�de versank der Mond am Sternenhimmel; das letzte Schiff legte an. Tristan stand an Morgon gelehnt und trat von einem Fu� auf den anderen; er dr�ckte sie an sich, um ihr warm zu machen. Wie ein verwischter Schatten hob sich Rendel vor dem sternenschimmernden Wasser ab; ihr Gesicht war eine dunkle Silhouette zwischen den Leuchtfeuern. Morgons Augen wanderten zum Schiff. Die Toten gingen von Bord; der dunkle Schlund des Laderaums w�rde ge�ffnet bleiben, �um ihn von Hed fortzubringen. Tausend Dinge, die er Eliard sagen wollte, sch�ssen ihm pl�tzlich durch den Kopf, doch nichts davon besa� die Macht, das Schiff auszul�schen. Und dann standen sie wieder allein am Pier; die Toten hatten sich �ber Hed verstreut, und Morgon blieb nichts mehr zu tun. Er mu�te aufbrechen.</p><p>Er drehte sich nach Eliard um. In dieser letzten, endlosen Stunde vor dem Morgengrauen war der Himmel sehr finster geworden. Ein leichter Wind strich seufzend �ber die Wellen. Er konnte Eliards Gesicht nicht sehen, sp�rte nur seine N�he und die N�he des Landes, das hinter ihm lag. Leise, mit wehem Herzen, vor Augen ein Bild des Landes, wie es golden in der Sommersonne lag, sagte er: �Ich werde nach Hed zur�ckfinden. Irgendwie. Irgendwann.�</p><p>Eliard ber�hrte sein Gesicht mit einer sanften Z�rtlichkeit, die ihn an ihren Vater erinnerte. Tristan hing noch immer an ihm; Morgon dr�ckte sie an sich, k��te sie auf das dunkle Haar. Dann trat er zur�ck, stand pl�tzlich allein in der Nacht und sp�rte, wie das Holz unter seinen F��en beim Anprall des Wassers erzitterte.</p><p>Er drehte sich um und schritt blind die Rampe hinauf, um wieder hinunterzusteigen in den schwarzen Rumpf des Schiffes.</p></section><section><title><p><emphasis>Kap. 3</emphasis></p></title><p>Gegen Morgen fand das Schiff einen ruhigen Anlegeplatz im Hafen von Caithnard. Morgon h�rte, wie der Anker klatschend ins stille Wasser stie�, und sah durch das Gitterwerk der Lukendecke Quadrate perlgrauen Himmels. Rendel schlief. Einen Moment lang betrachtete er sie, ersch�pft und doch erf�llt von einem inneren Frieden, als h�tte er einen kostbaren Schatz sicher und wohlbehalten au�er Gefahr gebracht. Dann warf er sich auf den Gew�rzs�cken nieder und schlief ein. Das morgendliche L�rmen und Rumoren an den Docks, die erstickende Mittagshitze, die sich im Laderaum staute, st�rten kaum seine Tr�ume. Am sp�ten Nachmittag schlie�lich erwachte er und sah Rendel, �berg�ssen von einem stetig flie�enden Schleier von Lichtkringeln, die neben ihm sa� und ihn betrachtete.</p><p>Langsam setzte er sich auf, w�hrend er versuchte, sich zu erinnern, wo er war.</p><p>�Caithnard�, sagte sie.</p><p>Sie hatte die Arme um ihre Knie geschlungen; auf ihrer Wange war ein Abdruck des Gewebes der Sackleinwand. In ihren Augen lag ein merkw�rdiger Ausdruck, den zu deuten ihm Schwierigkeiten machte, bis ihm klarwurde, da� es ganz einfach Angst war.</p><p>�Und jetzt?� fragte sie leise.</p><p>Er lehnte sich nach r�ckw�rts gegen die Planken, umfa�te fl�chtig mit leichter Hand ihren Arm und rieb sich dann die Augen.</p><p>�Bri Corvett sagte, er w�rde uns Pferde besorgen. Du mu�t aber diex Nadeln aus deinem Haar nehmen.�</p><p>�Was? Morgon, schl�fst du noch?�</p><p>�Nein.� Sein Blick fiel auf ihre F��e. �Und sieh dir deine Schuhe an.�</p><p>Sie sah hinunter. �Was ist denn mit ihnen?�</p><p>�Sie sind sehr sch�n. Wie du. Kannst du dich verwandeln?�</p><p>�In was?� fragte sie verwirrt. �Eine scheu�liche alte Hexe?�</p><p>�Nein. In deinen Adern flie�t das Blut von Gestaltwandlern; du m��test eigentlich���</p><p>Er hielt inne, als er den Ausdruck in ihren Augen sah, eine Mischung aus Angst, Schmerz und Ekel.</p><p>�Nein�, sagte sie klar und deutlich.</p><p>Er verw�nschte sich im stillen. Der Gedanke an den langen Weg quer durch das Reich, in gerader Linie der untergehenden Sonne entgegen, l�ste in diesem Augenblick auch in ihm einen Anflug von Panik aus. Er schwieg still, versuchte zu denken, doch die abgestandene Luft im Laderaum schien sein Hirn mit Stroh zu f�llen.</p><p>�Wir werden lange auf der Stra�e nach Lungold wandern�, sagte er, �wenn wir reiten. Ich hatte die Absicht, die Pferde nur so lange zu behalten, bis ich dich lehren k�nnte, die eine oder andere fremde Gestalt anzunehmen.�</p><p>�Nimm du fremde Gestalten an. Ich reite.�</p><p>�Rendel, sieh dich doch an�, entgegnete er hilflos. �Auf dieser Stra�e ziehen H�ndler aus allen Teilen des Reiches. Mich haben sie l�nger als ein Jahr nicht mehr zu Gesicht bekommen, aber dich werden sie erkennen, und dann brauchen sie nicht zu fragen, wer der Mann an deiner Seite ist.�</p><p>�Na sch�n.� Sie schleuderte die Schuhe von den F��en, zog sich die Nadeln aus dem Haar. �Dann besorg mir ein anderes Paar Schuhe.�</p><p>Wortlos blickte er sie an, wie sie da in einer Wolke zerknitterter, reichbestickter Gew�nder vor ihm sa�. Die �ppigen Wellen ihres feinen Haares umrahmten eine schmales, nobel geschnittenes Gesicht, das, selbst m�de und bleich, wie ein Antlitz aus einer alten Ballade schien. Seufzend stand er auf.</p><p>�Also gut. Warte auf mich.�</p><p>Ihre Stimme lie� ihn kurz innehalten, als er schon die Leiter hinaufkletterte.</p><p>�Aber nur diesmal.�</p><p>Er sprach mit Bri Corvett, der den ganzen Tag lang geduldig darauf gewartet hatte, da� sie erwachen w�rden. Die Pferde, die er ihnen besorgt hatte, standen am Dock bereit, schon mit Proviant bepackt. Es waren friedliche, schwerf�llige Arbeitspferde, die allm�hlich unruhig zu werden begannen, weil sie so lange angepflockt waren. Bri, dem erst jetzt die ganze Tragweite und Gef�hrlichkeit der langen Wanderung aufging, versuchte Morgon mit allen m�glichen, hitzig vorgetragenen Argumenten zur�ckzuhalten, die Morgon geduldig widerlegte. Am Ende erbot sich Bri, sie zu begleiten.</p><p>�Nur, wenn ihr die Gestalt wechseln k�nnt�, entgegnete Morgon m�de.</p><p>Da gab Bri auf. Er ging von Bord, kehrte eine Stunde sp�ter mit einem B�ndel Kleider zur�ck, das er durch die Luke zu Morgon hinunterwarf. Rendel besah sich die Sachen mit einem ausdruckslosen Gesicht und zog sie dann an. Ein dunkler Rock, ein leinenes Hemd und ein formloser Kittel dar�ber, der ihr bis zu den Knien ging. Die Stiefel waren aus weichem Leder, gut, aber einfach. Ihr Haar schob sie unter einen breitkrempigen Strohhut. Dann stellte sie sich resigniert vor Morgon hin, um sich von ihm begutachten zu lassen.</p><p>�Zieh die Hutkrempe tiefer�, sagte er.</p><p>Sie ri� daran. �H�r auf, mich auszulachen.�</p><p>�Ich lache dich nicht aus�, entgegnete er ernst. �Warte, bis du siehst, worauf du reiten mu�t.�</p><p>�Unscheinbar bist du auch nicht gerade. Du magst ja gekleidet sein wie ein armer Bauer, aber du hast einen Gang wie ein Landherrscher, und deine Augen k�nnten Steine sprengen.�</p><p>�Pa� auf�, sagte er. Er lie� es still werden in seinem Inneren, lie� seine Gedanken mit seiner Umgebung verschmelzen: mit Holz und Pech, mit dem unbestimmten Murmeln des Wassers und dem fernen, ged�mpften L�rmen des Hafens. Sein Name schien von ihm fortzugleiten und sich in der Hitze aufzul�sen.</p><p>Sein Gesicht trug keinen bestimmbaren Ausdruck; einen Moment langwaren seine Augen klar und leer wie der Sommerhimmel.</p><p>�Wenn du dir deiner selbst nicht bewu�t bist, werden nur wenige Menschen dich gewahren. Dies war auf meiner Wanderung durch das Reich eines von hundert Mitteln, mich am Leben zu erhalten.�</p><p>Ihr Gesicht zeigte Best�rzung.</p><p>�Beinahe h�tte ich dich nicht erkannt. Ist es T�uschung?�</p><p>�Nur zu einem geringen Teil. Es ist �berleben.�</p><p>Sie schwieg. Er las den Widerstreit ihrer Gef�hle von ihrem Gesicht ab. Ohne ein Wort zu sagen, wandte sie sich ab und kletterte die Leiter hinauf an Deck.</p><p>Gl�hend neigte sich die Sonne an den fernen Grenzen des Reiches zur Nacht, als sie Bri Lebewohl sagten und sich auf ihre Pferde schwangen. Die langen Schatten der Schiffsmasten und Warenstapel verdunkelten ihren Weg durch den Hafen. Die Stadt, �ber der ein Dunstschleier rotgoldenen Lichts abendlicher Schatten hing, schien Morgon pl�tzlich fremd, als w�re er selbst sich ein Fremder geworden, nun, da er am Anfang einer fremden Stra�e stand. Er f�hrte Rendel durch das Gewirr von Gassen und Stra�en, vorbei an L�den und Gasth�usern, die ihm einmal vertraut gewesen waren, hinaus zum westlichen Stadtrand, eine mit Kopfsteinen gepflasterte Stra�e hinunter, die breiter wurde, als sie die Stadt hinter sich lie�en, sich allm�hlich ihrer Kopfsteine entledigte, wieder breiter wurde, tiefe Furchen zeigte, im Lauf von Jahrhunderten von zahllosen Wagenr�dern in sie eingegraben, wieder breiter wurde und ihnen durch Hunderte von Meilen von Niemandsland vorauseilte, bis sie sich schlie�lich am Rand des erforschten Reiches nordw�rts wandte, Lungold zu.</p><p>Sie hielten ihre Pferde an, um wortlos die endlose Stra�e hinunterzublicken. Die spielenden Schatten der Eichen verbla�ten, als die Sonne langsam unterging; m�de und grau dehnte sich die Stra�e vor ihnen in der Abendd�mmerung. Das Laub der Eichen, deren �ste die Stra�e �berdachten, raschelte �ber ihren K�pfen. Matt und kraftlos sahen die alten B�ume aus, deren Bl�tter unter dem von Wagen und Pferden aufgewirbelten Staub ihren Glanz verloren hatten. Der Abend war sehr still; die letzten H�ndler und Wanderer hatten schon ihren Weg in die Stadt gefunden. Grau verschwammen die W�lder in der Ferne und wurden zusehends dunkler. Und im Grau erwachte eine Eule und sang ein R�tsel.</p><p>Sie ritten weiter. Der Himmel wurde schwarz, und der Mond ging auf, �bersp�lte den Wald mit einem milchigen Licht. Stetig ritten sie weiter, dem h�hersteigenden Mond folgend, bis sich ihre Schatten schlie�lich unter den B�uchen ihrer Pferde verkrochen. Da merkte Morgon, da� das Laub zu ihren F��en unter seinen Augen zu einer einzigen weiten Finsternis verschwamm. Er z�gelte sein Pferd; Rendel hielt neben ihm an.</p><p>Nicht weit entfernt war das sachte Rauschen von Wasser zu h�ren. Morgon, dessen Gesicht mit einer Maske aus Staub �berdeckt war, sagte m�de: �Ich erinnere mich. Ich durchquerte einen Flu�, als ich von der Ebene der Winde s�dw�rts ritt. Ich vermute, die Stra�e folgt seinem Lauf.� Er lenkte sein Pferd von der Stra�e weg. �Dort k�nnen wir unser Lager aufschlagen.�</p><p>Sie fanden den Flu� nicht weit von der Stra�e entfernt, ein silbernes Band im Mondlicht. Rendel sank am Fu� eines Baumes zusammen, w�hrend Morgon die Pferde absattelte und sie trinken lie�. Er trug ihr B�ndel und die Decken zu einer kleinen Lichtung im Farn. Dann setzte er sich neben Rendel nieder und lie� seinen Kopf auf die verschr�nkten Arme sinken.</p><p>�Ich bin das Reiten auch nicht gew�hnt�, murmelte er.</p><p>Sie nahm ihren Hut ab und lehnte ihren Kopf an seine Schulter.</p><p>�Ein Ackergaul�, murmelte sie.</p><p>Sie schlief ein, wo sie sa�. Morgon legte seinen Arm um sie. Eine Zeitlang blieb er wach und lauschte in die Dunkelheit. Doch er h�rte nur die verstohlenen Ger�usche jagender Nachttiere, den sanften Fl�gelschlag einer Eule, und als der Mond langsam unterging, fielen ihm die Augen zu.</p><p>Die leuchtenden Strahlen der sommerlichen Sonne blendeten sie, als sie erwachten, und von der Stra�e her drang das �chzen und St�hnen von Wagenr�dern zu ihnen. Sie a�en und wuschen sich, und als sie schlie�lich wieder auf die Stra�e hinausritten, wimmelte es dort von Wagen und Karren, von berittenen H�ndlern, von Bauern, die Obst und Gem�se oder Tiere von abgelegenen H�fen nach Caithnard brachten, von M�nnern und Frauen mit Bediensteten und schwerbeladenen Saumpferden, die aus unerfindlichen Gr�nden die lange Reise quer durch das Reich nach Lungold machten. Morgon und Rendel pa�ten den Schritt ihrer Pferde der langsamen, gleichm��igen Gangart an, die die monotone sechsw�chige Reise bis zu ihrem Ende bestimmen w�rde. Auf der belebten Stra�e, zwischen Schweinetreibern und reichen Edelleuten, fielen sie nicht auf. H�ndler, die ein m��iges Gespr�ch ankn�pfen wollten, schreckte Morgon ab, indem er m�rrisch und verdrie�lich auf ihre Ann�herungsversuche reagierte. Einmal erschreckte er Rendel dadurch, da� er einen reichen Kaufmann beschimpfte, der eine Bemerkung �ber ihr Gesicht gemacht hatte. Einen Moment lang schien der Mann zornig, und die Hand, die die Reitgerte hielt, ballte sich zusammen; dann aber warf er einen Blick auf Morgons geflickte Stiefel und das staubige, von Schwei�rinnsalen durchzogene Gesicht, und er lachte, nickte Rendel zu und galoppierte davon.</p><p>Rendel ritt schweigend, den Kopf gesenkt, die Z�gel in einer Faust zusammengedr�ckt. Morgon, der gern gewu�t h�tte, was ihr durch den Kopf ging, streckte den Arm zu ihr hin�ber und ber�hrte sie leicht. Sie sah ihn an, das Gesicht schwei�na� und m�de.</p><p>Er sagte leise: �Du hast es so gewollt.�</p><p>Sie begegnete seinem Blick, ohne etwas zu erwidern. Schlie�lich seufzte sie, und die Hand an den Z�geln lockerte sich.</p><p>�Kennst du die neunundneunzig Verw�nschungen, die die Hexe Madir �ber einen Mann verh�ngte, der eines ihrer Schweine stahl?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Ich werde sie dir beibringen. Es k�nnte ja sein, da� dir im Lauf von sechs Wochen die Fl�che und Verw�nschungen ausgehen.�</p><p>�Rendel���</p><p>�H�r auf, mich zu ermahnen, vern�nftig zu sein.�</p><p>�Ich habe dich nicht ermahnt!�</p><p>�Du hast mich mit deinem Blick ermahnt.�</p><p>Er fuhr sich mit der Hand durch das Haar.</p><p>�Du bist manchmal aller Vernunft so unzug�nglich, da� du mich an mich selbst erinnerst. Ja, lehre mich die neunundneunzig Verw�nschungen. Dann habe ich etwas, wor�ber ich nachdenken kann, w�hrend ich Stra�enstaub schlucke.�</p><p>Sie war wieder still. Ihr Gesicht war im Schatten ihrer Hutkrempe verborgen.</p><p>�Verzeih mir�, sagte sie. �Dieser Kaufmann hat mich erschreckt. Er h�tte dir etwas antun k�nnen. Ich wei�, da� ich f�r dich eine Gefahr bin, aber das war mir vorher nicht klar. Aber, Morgon, ich kann doch nicht�� ich kann nicht���</p><p>�Ja, fliehe vor deinem Schatten. Vielleicht wird es dir besser gelingen als mir.�</p><p>Sie wandte ihr Gesicht von ihm ab. Ohne etwas zu sagen, ritt er weiter. Vor ihm brach sich funkelnd das Sonnenlicht in den Metallb�ndern einer Ladung Weinf�sser. Er legte schlie�lich eine Hand �ber seine Augen, um sie gegen das blendende Licht zu sch�tzen:</p><p>�Rendel�, sagte er, �es belastet mich nicht. Jedenfalls nicht um meinetwegen. Wenn es einen Weg gibt, dich sicher bei mir zu behalten, dann werde ich ihn finden. Du bist Wirklichkeit, wie du neben mir bist. Ich kann dich ber�hren. Ich kann dich lieben. Ein ganzes Jahr lang, w�hrend ich dort in dem Berg war, habe ich nicht einen Menschen ber�hrt. Ich sehe nichts vor mir, was ich lieben k�nnte. Selbst die Kinder, die mir meinen Namen gegeben haben, sind tot. Wenn du dich entschieden h�ttest, in Anuin auf mich zu warten, w�rde ich mich jetzt fragen, welchen Wert die Wartezeit f�r uns beide h�tte. Aber du bist bei mir, und du entrei�t meine Gedanken einer hoffnungslosen Zukunft, bringst sie immer wieder zur�ck in diesen Moment, zur�ck zu dir�� so, da� ich sogar zufrieden bin, Stra�enstaub zu schlucken.� Er nahm die Hand von den Augen und sah sie an. �Lehre mich die neunundneunzig Fl�che.�</p><p>�Ich kann nicht.� Er konnte ihre Stimme kaum h�ren. �Du hast mich vergessen gemacht, wie man flucht.�</p><p>Doch er entlockte sie ihr sp�ter, um den langen Nachmittag zu verk�rzen. Ehe das abendliche Zwielicht d�mmerte, hatte sie ihn vierundsechzig Fl�che gelehrt, eine abwechslungsreiche, detaillierte Litanei, die sich mit s�mtlichen K�rperteilen des Schweinediebs von Kopf bis Fu� befa�te und letzten Endes einen Eber aus ihm machte. Danach schwenkten sie von der Stra�e ab, fanden den Flu� nur f�nfzig Meter entfernt. Es gab keine Gasth�user oder D�rfer in der Gegend, und so schlugen die anderen Reisenden, die wie sie der langen Stra�e folgten, rund um sie herum ihre Lager auf. Der Abend hallte wider von Gel�chter und Musik, in die Luft woben sich D�fte brennenden Holzes und bratenden Fleisches. Morgon wanderte ein St�ck flu�aufw�rts und fing mit den H�nden ein paar Fische. Er nahm sie aus, f�llte sie mit wilder Zwiebel und trug sie zu ihrem Lager zur�ck.</p><p>Rendel hatte gebadet und ein Feuer angefacht; sie sa� daneben und k�mmte sich das nasse Haar. Als er sie so im Schein ihres Feuers sitzen sah, als er selbst in den Lichtkreis trat und sah, wie sie den Kamm senkte und zu ihm aufblinzelte, stiegen neunundneunzig Fl�che �ber seine eigene Grobheit in seiner Kehle auf. Sie sah es in seinen Z�gen, und ihr Gesicht ver�nderte sich, als er neben ihr niederkniete. Er legte ihr die in Bl�tter eingeh�llten Fische zu F��en wie ein Geschenk. Ihre Finger streichelten seine Wangen und zeichneten seinen Mund nach.</p><p>�Verzeih mir�, fl�sterte er.</p><p>�Was? Da� du recht hast? Was hast du mir mitgebracht?� Neugierig sch�lte sie ein Blatt weg. �Fisch.�</p><p>Wieder verfluchte er sich im stillen. Sie umfa�te sein Gesicht mit ihren H�nden und k��te ihn wieder und wieder, bis der Staub und die Ersch�pfung des Tages verflogen und die lange Stra�e wie ein Lichtstrahl im Gewirr seiner Erinnerungen funkelte.</p><p>Sp�ter, nachdem sie gegessen hatten, lagen sie am Feuer, und sie lehrte ihn die restlichen Fl�che. Sie hatten den imagin�ren Dieb bis auf die Ohren, Eckz�hne und Fu�kn�chel in einen Eber verwandelt, als die stockenden, zaghaften Kl�nge einer Harfe die Nachtluft kr�uselten und sich mit dem Murmeln des Flusses mischten. Morgon, der ihnen lauschte, merkte erst, da� Rendel mit ihm sprach, als sie ihm die Hand auf die Schulter legte. Er fuhr zusammen.</p><p>�Morgon.�</p><p>Abrupt stand er auf, trat an den Rand des Lichtkreises, den das Feuer warf, und sp�hte angestrengt in die Nacht. Seine Augen gew�hnten sich an das Mondlicht; er sah verstreut flackernde Feuer, die die m�chtigen, vernarbten St�mme der Eichen erleuchteten. Die Luft war still, d�nn drangen Stimmen und Musik aus der Ferne durch das Schweigen. Er erstickte einen pl�tzlichen dr�ngenden Impuls, die Saiten der Harfe mit einem Gedanken zu zerrei�en, und lie� wieder Frieden in die Nacht einkehren.</p><p>Rendel sagte hinter ihm: �Du spielst nie auf deiner Harfe.�</p><p>Er erwiderte nichts. Die Kl�nge der Harfe verstummten nach einer Weile; langsam holte er Atem und r�hrte sich wieder. Er drehte sich um und sah Rendel, die am Feuer sa� und ihn beobachtete. Sie wartete, bis er neben ihr sa�, ehe sie sprach. Da sagte sie wieder: �Du spielst nie auf deiner Harfe.�</p><p>�Ich kann hier nicht spielen. Nicht auf dieser Stra�e.�</p><p>�Nicht auf der Stra�e, nicht auf dem Schiff, als du vier Tage lang nichts tatest���</p><p>�Jemand h�tte es h�ren k�nnen.�</p><p>�Nicht in Hed, nicht in Anuin, wo du sicher warst���</p><p>�Ich bin niemals sicher.�</p><p>�Morgon�, hauchte sie ungl�ubig. �Wann willst du lernen, auf dieser Harfe zu spielen? Sie birgt deinen Namen, vielleicht dein Geschick. Es ist die sch�nste Harfe im Reich, und du hast sie mir noch nicht einmal gezeigt.�</p><p>Endlich sah er sie an.</p><p>�Ich werde lernen, wieder auf ihr zu spielen, wenn du lernst, dich zu verwandeln.�</p><p>Er legte sich auf den R�cken. Er sah nicht, was sie mit dem Feuer tat, doch es erlosch pl�tzlich, als w�re die Nacht wie ein Stein auf es niedergefallen.</p><p>Er schlief unruhig, in st�ndigem Bewu�tsein ihrer N�he, und einmal wachte er auf, h�tte sie am liebsten wachger�ttelt, um mit ihr zu sprechen, sich ihr zu erkl�ren, doch der Anblick ihres Gesichts, das im Mondlicht fern und verschlossen wirkte, hielt ihn davon ab. Er drehte sich um, schob einen Arm vor die Augen und schlief wieder ein. Und wieder erwachte er, ohne jeden Grund, wie es schien; doch irgend etwas, das er geh�rt oder gewittert hatte, der Fetzen eines Traums, den er unmittelbar vor dem Erwachen gehabt hatte, sagte ihm, da� es einen Grund gab. Er sah den Mond tiefer in die Nacht hineingleiten. Dann stand etwas vor ihm auf und verdunkelte den Mond.</p><p>Er schrie. Eine Hand dr�ckte sich auf seinen Mund. Er stie� mit den F��en zu und h�rte ein St�hnen. Er w�lzte sich herum und sprang auf die Beine. Irgend etwas traf klatschend sein Gesicht, so da� er torkelnd gegen einen Baumstamm st�rzte. Er h�rte Rendel schreien, voll Schmerz und voll Angst, und warf einen Flammenstrahl in die gl�hende Asche ihres Feuers.</p><p>Das Licht erhellte flackernd ein halbes Dutzend bulliger Gestalten, die wie H�ndler gekleidet waren. Einer der M�nner hielt Rendel an den Handgelenken fest; verschreckt und verwirrt starrte sie in die pl�tzliche Helligkeit. Die Pferde stampften und schnaubten, w�hrend schattenhafte Gestalten zwischen ihnen hin und her huschten und die Stricke l�sten, mit denen sie angebunden waren. Eilig wollte Morgon hinlaufen. Ein Ellbogen traf ihn schmerzhaft in die Rippen; er kr�mmte sich, stie� mit dem letzten bi�chen Luft, das seinen Lungen entwich, den neunundf�nfzigsten Fluch aus. Der Dieb, der ihn gepackt hielt und wieder hochrei�en wollte, lie� einen heiseren Schreckensschrei h�ren und rannte davon, verschwand in den B�umen. Der Mann hinter Rendel lie� ihre Handgelenke mit einem pl�tzlichen unterdr�ckten Schrei los. Sie wirbelte herum, ber�hrte ihn, und sein Bart ging in Flammen auf. Morgon erhaschte einen fl�chtigen Blick auf sein Gesicht, ehe er zum Flu� hetzte. Die Pferde drohten in Panik zu geraten. Er bem�chtigte sich ihres Geistes und warf einen Bann mondheller Stille �ber sie, bis sie reglos dastanden, wie aus Fels gemei�elt, ohne der M�nner zu achten, die an ihnen zogen und zerrten. Die M�nner fluchten und schimpften, doch es half nichts. Einer von ihnen sprang auf, trat dem Pferd w�tend die Fersen in den Bauch, doch es bebte nicht einmal. Morgon sandte einen stummen Schrei zu ihm, und der Mann fiel r�ckw�rts vom Pferd. Die anderen stoben auseinander, st�rzten sich erneut auf ihn, voller Wut und voller Unbehagen. Er leerte seinen Geist, um einen neuen Schrei loszulassen, haschte nach den F�den ihrer Gedanken. Doch da kam irgend etwas von hinten auf ihn zu, der Mann aus dem Flu�, prallte gegen seinen R�cken und warf ihn zu Boden. Er w�lzte sich herum, als er auf der Erde aufschlug, und dann erstarrte er.</p><p>Das Gesicht war dasselbe und doch nicht dasselbe. Die Augen kannte er, doch von einem anderen Ort, einem anderen Kampf her. Erinnerung k�mpfte gegen Sehen. Das Gesicht war voll, na�, der Bart angesengt, doch die Augen waren zu still, zu berechnend. Ein Stiefel traf von hinten Morgons Schulter. Versp�tet rollte er weg. Brennend fuhr etwas �ber seinen Hinterkopf oder durch seinen Geist, er wu�te es selbst nicht. Dann brach ein Gro�er Schrei wie Donnerkrachen �ber sie alle herein. Er dr�ckte sein Gesicht ins Farnkraut und krallte die H�nde in eine schwankende Erde, w�hrend er an seinem Bann �ber die Pferde festhielt, als w�re dies der einzige feste Punkt in der Welt.</p><p>Langsam verklang das Echo des Schreis. Er hob den Kopf. Sie waren wieder allein; die Pferde standen ruhig da, unber�hrt vom Gewirr der Stimmen und dem Schreien und Wimmern der Tiere rundum in der Finsternis. Rendel lie� sich neben ihm niederfallen, die Brauen zusammengezogen vor Schmerz.</p><p>�Haben sie dir etwas angetan?� fragte er.</p><p>�Nein.� Sie ber�hrte seine Wange, und er zuckte zusammen. �Aber der Schrei hat mir weh getan. F�r einen Mann aus Hed war das ein fantastischer Schrei.�</p><p>Er starrte sie an, pl�tzlich wieder wie erstarrt. �Du hast doch geschrien.�</p><p>�Ich habe nicht geschrien�, fl�sterte sie. �Du warst es.� �Nein, ich war es nicht.� Er setzte sich auf und hielt sich den Kopf. �Wer, in Hels Namen, hat geschrien?�</p><p>Sie schauderte pl�tzlich, w�hrend ihre Augen durch die Nacht schweiften.</p><p>�Jemand, der uns beobachtet hat, der uns vielleicht immer noch beobachtet. Seltsam. Morgon, waren das wirklich nur M�nner, die unsere Pferde stehlen wollten?�</p><p>�Ich wei� es nicht.� Er betastete seinen Hinterkopf mit den Fingern. �Ich wei� es nicht. Sicher waren es M�nner, die unsere Pferde stehlen wollten, und deshalb war es so schwer f�r mich, gegen sie anzugehen. F�r einen Kampf waren es zu viele, aber um sie zu t�ten, waren sie zu harmlos. Und ich wollte nicht allzuviel geistige Kraft gebrauchen, weil ich keine Aufmerksamkeit erregen m�chte.�</p><p>�Einem hast du den ganzen K�rper mit Schweineborsten �berzogen.�</p><p>Morgon fuhr sich mit der Hand �ber seine Rippen. �Er hat es verdient�, versetzte er s�uerlich. �Aber dieser letzte Mann, der aus dem Wasser kam���</p><p>�Der, dem ich den Bart in Brand setzte?�</p><p>�Ich wei� nicht.� Er schob seine H�nde �ber seine Augen, w�hrend er versuchte, sich zu erinnern. �Das eben ist es, was ich nicht wei�. Ob der Mann, der aus dem Flu� kam, derselbe war, der hineinlief.�</p><p>�Morgon�, fl�sterte sie.</p><p>�Es kann sein, da� er geistige Kraft gebrauchte; ich bin nicht sicher. Ich wei� es nicht. Vielleicht sah ich nur, was ich zu sehen erwartete.�</p><p>�Wenn er ein Gestaltwandler war, warum hat er dann nicht versucht, dich zu t�ten?�</p><p>�Vielleicht war er nicht sicher, da� ich es wirklich bin. Sie haben mich nicht mehr gesehen, seit ich im Erlenstern-Berg verschwand. Ich war vorsichtig, als ich das Reich durchquerte. Sie w�rden kaum erwarten, da� ich am hellichten Tag auf einem Ackergaul die Handelsstra�e hinunterreite.�</p><p>�Aber wenn er argw�hnte�� Morgon, du hast die Pferde mit geistigem Bann zur Ruhe gebracht.�</p><p>�Es war ein einfacher Ruf der Stille und des Friedens; das h�tte seinen Verdacht nicht erregt.�</p><p>�Und er w�re auch nicht vor dem Gro�en Schrei geflohen. Oder? Es sei denn, er lief fort, um Hilfe zu holen. Morgon��� Sie versuchte pl�tzlich, ihn auf die F��e zu ziehen. �Wollen wir unt�tig hier herumsitzen? Wollen wir auf den n�chsten Angriff warten, diesmal vielleicht von Gestaltwandlern?�</p><p>Er entzog ihr seinen Arm.</p><p>�Nicht! Das tut mir weh.�</p><p>�W�rst du lieber tot?�</p><p>�Nein.� Einen Moment lang sa� er gr�belnd da, den Blick auf dem rasch dahinflie�enden, seichten Wasser des Flusses. Ein Gedanke ging ihm durch den Kopf und machte ihn fr�steln. �Die Ebene der Winde. Sie liegt direkt n�rdlich von uns. Dort, wo Heureu Ymris seinen Krieg gegen Menschen und Halbmenschen f�hrt. Dort dr�ben �ber dem Flu� k�nnte ein ganzes Heer von Gestaltwandlern sein.�</p><p>�La� uns aufbrechen. Jetzt gleich.�</p><p>�Wir w�rden nur Aufmerksamkeit auf uns ziehen, wenn wir mitten in der Nacht losreiten. Wir k�nnen unser Lager verlegen. Dann will ich den suchen, der geschrien hat.�</p><p>So leise wie m�glich brachten sie ihre Pferde und ihre Sachen an einen anderen Ort, der weiter entfernt war vom Flu� und n�her einer Gruppe von Wagen. Danach verlie� Morgon Rendel, um im Dunkel der Nacht einen Fremden zu suchen.</p><p>Rendel wollte ihn nicht allein gehen lassen und protestierte.</p><p>Er sagte geduldig: �Kannst du so sachte �ber welkes Laub gehen, da� es nicht raschelt? Kannst du so still stehen, da� die Tiere an dir vor�berziehen, ohne dich zu bemerken? Au�erdem mu� ja einer die Pferde bewachen.�</p><p>�Und was ist, wenn diese M�nner wiederkommen?�</p><p>�Ja, was ist dann? Ich habe selbst gesehen, wie du mit dem Geist eines Toten umspringen kannst.�</p><p>Sie hockte sich unter einen Baum und murmelte etwas vor sich hin. Er z�gerte; sie sah so wehrlos und verwundbar aus.</p><p>Er holte sein Schwert aus der Luft, hielt die Sterne unter seiner Hand versteckt und legte es vor sie hin. Es verschwand wieder; leise sagte er zu ihr: �Es ist da, falls du es brauchen solltest, unsichtbar durch Blendung. Wenn du es nehmen mu�t, werde ich es wissen.�</p><p>Er ging davon und glitt lautlos in das Schweigen unter den B�umen.</p><p>Ruhe war wieder eingekehrt nach dem Gro�en Schrei. Unbemerkt wanderte er von Lager zu Lager, suchte einen, der noch wach war. Doch die Reisenden schliefen friedlich in Wagen oder Zelten oder zusammengerollt unter Decken neben ihren Feuerpl�tzen. Der Mond warf einen grauschwarzen Schleier �ber die Welt; B�ume und Farnkraut wirkten wie durchbrochen im Spiel der Schatten. Kein L�ftchen regte sich. Vereinzelte Bl�tterh�nde, ein verschlungener Dornenbusch, der sich schwarzumrissen aus dem Licht hob, schienen wie aus Stille gemei�elt. Auch die Eichen standen starr und schweigend. Er legte seine Hand auf eine von ihnen, lie� seinen Geist unter ihre Rinde schl�pfen und sp�rte den ruhigen Pulsschlag ihrer uralten Tr�ume. Er ging weiter zum Flu� hinunter, schlug einen Bogen um ihr altes Lager. Nichts regte sich. Er horchte durch die Stimme des Flusses hindurch, nahm in seinem Geist die Vielfalt ihrer T�ne auf, bestimmte sie einen nach dem anderen und h�rte keine menschlichen Stimmen. Er wanderte weiter flu�abw�rts, still und ger�uschlos, begleitet nur von den beherrschten Z�gen seines Atems. Er lie� sich in die Oberfl�che hineinsinken, auf der er ging, pa�te sich dem federleichten Gewicht der Bl�tter an, der Spannung in einem d�rren Zweig. Langsam verdunkelte sich der Himmel, bis er kaum noch sehen konnte, und er wu�te, da� er h�tte umkehren m�ssen. Doch er verharrte am Rand des Flusses, das Gesicht der Ebene der Winde zugewandt, und lauschte, als k�nnte er das Klirren des Schlachtget�mmels in den unruhigen Tr�umen von Heureus Heer vernehmen.</p><p>Schlie�lich jedoch machte er kehrt und wanderte wieder flu�aufw�rts. Drei ger�uschlose Schritte machte er, dann hielt er an, wechselte anmutig wie ein Tier von Bewegung in Starr-heit. Dort unter den B�umen stand jemand; ein Schatten ohne Gesicht und ohne Farbe, halbverschmolzen, wie Morgon, mit der Nacht. Morgon wartete, doch der Schatten bewegte sich nicht. Und schlie�lich, w�hrend er noch unschl�ssig am Flu�-ufer stand, verschmolz der Schatten einfach mit der Dunkel-heit. Morgons Mund war ausgetrocknet, und das Blut h�m-merte hohlt�nend in seinem Sch�del. Er schmiegte sich in eine Schwingung von Luft und flog lautlos wie eine Eule, scharf�ugig wie ein n�chtlicher J�ger durch die B�ume zur�ck zum Lager. Er erschreckte Rendel, als er vor ihren Augen seine nat�rliche Gestalt annahm. Sie griff nach dem Schwert; er beruhigte sie, indem er vor ihr niederkauerte und ihre Hand nahm.</p><p>�Rendel�, fl�sterte er.</p><p>�Du hast Angst�, hauchte sie.</p><p>�Ich wei� es nicht. Ich wei� es noch immer nicht. Wir m�ssen sehr vorsichtig sein.� Er lie� sich neben ihr nieder, holte das Schwert aus der Luft und hielt es lose in der Hand. Den anderen Arm legte er um ihre Schulter. �Schlaf du. Ich werde aufpassen.�</p><p>�Worauf?�</p><p>�Das wei� ich nicht. Ich wecke dich vor Sonnenaufgang. Wir m�ssen vorsichtig sein.�</p><p>�Wie sollen wir vorsichtig sein�, fragte sie ratlos, �wenn sie wissen, wo sie dich finden k�nnen? Irgendwo auf der Handelsstra�e, auf dem Weg nach Lungold.�</p><p>Er antwortete ihr nicht. Er zog sie nur n�her an sich, und sie lehnte ihren Kopf an seine Schulter. Er lauschte ihren Atemz�gen und glaubte, sie w�re eingeschlafen. Doch nach einem langen Schweigen sprach sie wieder, und da wu�te er, da� auch sie suchend in die Nacht geblickt hatte.</p><p>�Also gut�, sagte sie gepre�t. �Lehre mich die Gestalt wechseln.�</p></section><section><title><p><emphasis>Kap. 4</emphasis></p></title><p>Er versuchte es, als sie bei Morgend�mmerung erwachte. Die Sonne war noch nicht aufgegangen; k�hl und schweigend standen die B�ume um sie herum. Ruhig h�rte sie ihm zu, w�hrend er ihr den Vorgang in seiner grundlegenden Einfachheit erkl�rte, w�hrend er einen Falken weckte, der hoch in den B�umen sa�, und ihn herunterholte. Der Falke schimpfte mit schriller Stimme, w�hrend er auf seinem Handgelenk sa�; er war hungrig und wollte auf Jagd gehen. Geduldig beruhigte er ihn mit seiner geistigen Kraft. Dann sah er den d�steren, gequ�lten Ausdruck, der sich in Rendels Augen geschlichen hatte, und er warf den Falken hoch in die Luft, um ihn freizulassen.</p><p>�Du kannst dich nur verwandeln, wenn du wirklich willst.�</p><p>�Ich will ja�, beteuerte sie.</p><p>�Nein, du willst nicht.�</p><p>�Morgon���</p><p>Er wandte sich ab, hob einen Sattel auf und schleuderte ihn auf den R�cken eines der Pferde. �Es ist ja gut�, sagte er, w�hrend er den Gurt festzog.</p><p>�Nein, es ist nicht gut�, entgegnete sie zornig. �Du hast es nicht einmal versucht. Ich hab� dich gebeten, es mich zu lehren, und du hast gesagt, du w�rdest es tun. Ich m�chte doch, da� wir uns sicher f�hlen k�nnen.� Sie trat vor ihn hin, als er den anderen Sattel aufhob. �Morgon!�</p><p>�Es ist ja gut�, sagte er nochmals beschwichtigend und bem�hte sich, es zu glauben. �Mir wird schon etwas einfallen.�</p><p>Stundenlang sprach sie kein Wort mit ihm. Schnellen Schritts trabten sie durch den fr�hen Morgen, bis sie inmitten des sich langsamer voranw�lzenden Stroms auffielen. �berall waren Tiere�� Schafe, Schweine, junge wei�e Stiere, die von abgelegenen Bauernh�fen nach Caithnard getrieben wurden. Sie behinderten den Verkehr und machten die Pferde reizbar und �bellaunig. Die Wagen der H�ndler rollten mit einer aufreizenden Tr�gheit dahin; die Fuhrwerke der Bauern, mit R�ben und Kohl beladen, schwankten langsam, wie betrunken vor ihnen her. Die Mittagshitze brannte das letzte bi�chen Feuchtigkeit aus der Erde und verwandelte sie in trockenen Staub, den sie atmeten und schluckten. Nirgends konnte man dem Geruch und dem Gebr�ll der Tiere entkommen. Rendels Haar, str�hnig von Staub und Schwei�, huschte immer wieder unter dem Hut hervor und flatterte ihr in die Augen. Einmal hielt sie ihr Pferd an, klemmte den Hut zwischen die Z�hne, drehte ihr Haar vor den Augen einer alten Frau, die ein Schwein zum Markt trieb, in einen Knoten und dr�ckte sich den Hut mit Gewalt wieder auf den Kopf. Morgon, der ihr zusah, unterdr�ckte eine Bemerkung. Ihr beharrliches Schweigen begann, ihn langsam m�rbe zu machen, wie die Hitze und die st�ndig auftauchenden Hindernisse, die sie immer wieder zwangen, ihre Pferde zu z�geln. Forschend blickte er zur�ck, fragte sich, ob er es falsch gemacht hatte, fragte sich, ob sie sein Gespr�ch oder sein Schweigen w�nschte, fragte sich, ob sie es bedauerte, Anuin verlassen zu haben. Er stellte sich die Reise ohne sie vor; halb Ymris h�tte er schon hinter sich, wenn er den Weg der Kr�he nach Lungold genommen h�tte; sein fester Fl�gelschlag in stiller Nacht h�tte ihn �ber das Hinterland in eine fremde Stadt getragen, wo er Ghisteslohm erneut gegen�bertreten wollte. Ihr Schweigen baute sich Stein um Stein um seine Erinnerungen auf, lie� eine finstere Nacht erstehen, in der es nach Kalkstein roch, w�hrend irgendwo aus der Ferne das schwache Pl�tschern von Wasser zu h�ren war, das von ihm fortflo�.</p><p>Er zwinkerte die Finsternis weg, sah wieder die Welt, den Staub und das schmutzige Gr�n der B�ume, das Licht der Sonne, das in den Messingkesseln auf dem Wagen eines Tr�dlers rhythmisch auf und nieder tanzte. Er wischte sich den Schwei� vom Gesicht. Und endlicL schlug Rendel selbst eine Kerbe in die Mauer ihres Schweigens.</p><p>�Was habe ich falsch gemacht? Ich habe dir doch genau zugeh�rt.�</p><p>Er antwortete m�de: �Mit deiner Stimme hast du �ja� gesagt, und �nein� mit deinem Geist. Aber es ist der Geist, der die Arbeit tut.�</p><p>Sie schwieg wieder, w�hrend sie ihn stirnrunzelnd anblickte.</p><p>�Was ist mit dir?�</p><p>�Nichts.�</p><p>�Es tut dir leid, da� ich mit dir gekommen bin.�</p><p>Er ri� an seinen Z�geln. �H�r auf! Du dr�ckst mir das Herz ab. Du bist doch diejenige, der es leid tut.�</p><p>Jetzt hielt auch sie ihr Pferd an; er sah die pl�tzliche schmerzliche Verzweiflung in ihrem Gesicht. Best�rzt und hilflos sahen sie einander an. Ein Maultier wieherte hinter ihnen, und sie ritten wieder, eingeschlossen in das vertraute, dr�ckende Schweigen, aus dem es, wie es schien, keinen Ausweg gab, so wenig wie aus einem Turm ohne T�r.</p><p>Nach einer Weile hielt Morgon ihre beiden Pferde pl�tzlich an und f�hrte sie von der Stra�e weg, um sie trinken zu lassen. Das Get�se von der Stra�e verhallte; die Luft war klar und rein, von Vogelgesang erf�llt. Am Flu�ufer kniete er nieder und trank von dem kalten, flinken Wasser, benetzte sein Haar und Gesicht. Rendel stand neben ihm, und das Spiegelbild ihrer Gestalt wirkte selbst im bewegten Wasser steif und starr. Er lie� sich auf die Fersen zur�ckfallen und betrachtete die verschwommenen Linien und Farben. Langsam drehte er den Kopf und blickte zu ihrem Gesicht hinauf.</p><p>Er wu�te nicht, wie lange er sie so ansah. Pl�tzlich jedoch begann ihr Gesicht zu zucken, und sie kniete neben ihm nieder und umklammerte ihn.</p><p>�Wie kannst du mich so ansehen!�</p><p>�Es waren nur Erinnerungen�, sagte er. Ihr Hut fiel herunter; er streichelte ihr Haar. �Ich hab� in den letzten zwei Jahren so h�ufig an dich gedacht. Jetzt brauch� ich nur den Kopf zu drehen, um dich neben mir zu sehen. Es erstaunt mich manchmal immer noch, wie ein St�ck Zauberei, von dem ich nicht wu�te, da� ich es vollbringen kann.�</p><p>�Morgon, was wollen wir nur tun? Ich habe Angst�� ich habe solche Angst vor dieser Kraft, die ich besitze.�</p><p>�Vertrau dir selbst.�</p><p>�Das kann ich nicht. Du hast gesehen, was ich mit dieser Kraft in Anuin angestellt habe. Ich war ja kaum noch ich selbst; ich war der Schatten eines anderen Erbes�� eines Erbes, das dich zerst�ren will.�</p><p>Er dr�ckte sie fest an sich.</p><p>�Du hast mir Gestalt gegeben�, fl�sterte er. Lange hielt er sie schweigend in den Armen. Dann sagte er ein wenig zaghaft: �Kannst du es aushaken, wenn ich dir eine R�tselgeschichte erz�hle?�</p><p>Sie r�ckte ein wenig von ihm ab, um ihn anzusehen, und l�chelte leicht. �Vielleicht.�</p><p>�In Herun war mal eine Frau, eine Frau, die in den Bergen lebte. Sie hie� Arya und sammelte Tiere. Eines Tages fand sie ein winziges schwarzes Tier, dem sie keinen Namen geben konnte. Sie nahm es in ihr Haus, f�tterte es, hegte und pflegte es. Und es wuchs. Und es wuchs. Es wurde so gro�, bis all ihre anderen Tiere aus dem Haus flohen, und dann lebte es allein mit ihr, schwarz, von ungeheurer Gr��e, namenlos. Von Zimmer zu Zimmer wanderte es mit ihr, w�hrend sie in st�ndiger Angst lebte, unfrei, nicht wu�te, was sie mit diesem Tier tun sollte, nicht wagte, es herauszufordern���</p><p>Sie hob die Hand und pre�te sie auf seinen Mund. Dann senkte sie wieder ihren Kopf an seine Schulter. Er sp�rte ihren Herzschlag.</p><p>�Und�, fl�sterte sie schlie�lich. �Was hat die Frau getan?�</p><p>�Was wirst du tun?�</p><p>Er wartete auf ihre Antwort, doch wenn sie ihm eine gab, so trug der Flu� sie fort, ehe er sie h�rte.</p><p>Es war ruhiger auf der Stra�e, als sie wieder hinausritten. Abendliche Schatten lagen wie dunkle Streifen auf ihrem staubwei�en Band. Die Sonne hing blitzend zwischen Eichen�sten. Der Staub hatte sich gelegt; die meisten Wagen waren weit vor ihnen. Morgon versp�rte einen Anflug von Unbehagen angesichts ihres Alleinseins. Er sagte nichts zu Rendel, doch er war erleichtert, als sie eine Stunde sp�ter den gr��eren Teil der H�ndler einholten. Ihre Wagen und Pferde standen drau�en vor einem Gasthaus, einem windschiefen Bau, gro� wie eine Scheune, mit Stallungen und einer Schmiede dabei. Nach dem Gel�chter zu urteilen, das aus seinem Inneren kam, gab es dort gut zu essen und zu trinken, und das Gesch�ft florierte. Morgon f�hrte die Pferde zu der Tr�nke vor dem Stall. Er lechzte nach einem Bier, doch er schreckte davor zur�ck, sich in der Gaststube zu zeigen. Die Schatten auf der Stra�e verblichen, als sie weiterritten; das Grau des Abends stand wie ein Geist vor ihnen.</p><p>Die V�gel wurden still; das Hufgetrappel ihrer Pferde war das einzige Ger�usch auf der ver�deten Stra�e. Zweimal ritten sie an einer Gruppe von Pferdeh�ndlern vor�ber, die um ein gro�es Feuer lagerten, w�hrend ihre Tiere angebunden und bewacht ruhig im Schatten der B�ume standen. In ihrer N�he w�ren sie vielleicht sicher gewesen, doch Morgon versp�rte einen pl�tzlichen Widerwillen anzuhalten. Die Stimmen verklangen hinter ihnen; sie ritten tiefer hinein in das Grau des Abends. Rendel war es nicht geheuer, das sp�rte er, doch er konnte nicht anhalten. Schlie�lich neigte sie sich zu ihm hin�ber und ber�hrte ihn, und er sah sie an. Ihr Gesicht war nach r�ckw�rts gewandt, dem St�ck Stra�e zu, das hinter ihnen lag, und er z�gelte heftig sein Pferd.</p><p>Eine Gruppe von Reitern, die sich etwa eine Meile hinter ihnen befanden, verschwand in einer Mulde der Stra�e. Das Zwielicht verwischte ihre Gestalten, als sie auftauchten. Sie ritten schneller, als der sp�ten Stunde angemessen war. Morgon beobachtete sie einen Augenblick lang. Wortlos sch�ttelte er den Kopf in Antwort auf Rendels stumme Frage.</p><p>�Ich wei� es nicht.�</p><p>Unvermittelt lenkte er sein Pferd von der Stra�e weg in die B�ume hinein. Sie folgten dem Flu�, bis es beinahe zu dunkel war, um noch etwas zu sehen. Erst da machten sie halt, entz�ndeten aber kein Feuer, begn�gten sich zum Abendessen mit Brot und Trockenfleisch. Dort, wo sie ihr Lager aufgeschlagen hatten, war der Flu� tief und str�mte tr�ge, beinahe lautlos dahin. Deutlich konnte Morgon die Ger�usche der Nacht h�ren; die Reiter �berholten sie nicht. Seine Gedanken glitten zur�ck zu der schattenhaften, schweigenden Gestalt, die er in den B�umen gesehen hatte, zu dem geheimnisvollen Schrei, der zu so gelegener Zeit aus dem Nichts gekommen war. Lautlos zog er sein Schwert.</p><p>�Morgon�, sagte Rendel, �du warst fast die ganze letzte Nacht auf. Heute halte ich Wache.�</p><p>�Ich bin das gew�hnt�, erwiderte er.</p><p>Doch er gab ihr sein Schwert und streckte sich auf einer Decke aus. Er schlief nicht; er lag lauschend in der Dunkelheit, blickte zu den Sternen auf, deren Konstellationen sich im Laufe der Nacht langsam verschoben. Wieder h�rte er die schwachen, stockenden Kl�nge der Harfe, die aus der Finsternis kamen wie eine Verh�hnung seiner Erinnerungen.</p><p>Ungl�ubig setzte er sich auf. Er konnte keine Lagerfeuer zwischen den B�umen sehen; er h�rte keine Stimmen, nur das ungeschickte Harfenspiel. Die Saiten waren fein gestimmt; die Harfe hatte einen sanften, weichen Ton, doch der Harfner stolperte immer wieder �ber seine Noten. Morgon verschr�nkte seine Finger vor seinen Augen.</p><p>�Wer, in Hels Namen...?� Abrupt sprang er auf.</p><p>�Morgon�, sagte Rendel leise, �es gibt auch, noch andere Harfner auf der Welt.�</p><p>�Er spielt im Dunklen.�</p><p>�Woher wei�t du, da� es ein Mann ist? Vielleicht ist es eine Frau oder ein Junge mit seiner ersten Harfe, der allein nach Lungold reist. Wenn du alle Harfen auf der Welt zerst�ren willst, dann f�ngst du am besten mit der an, die du auf dem R�cken tr�gst, weil das die einzige ist, die dir niemals Frieden lassen wird.�</p><p>Er erwiderte nichts.</p><p>�Kannst du es aushaken�, f�gte sie hinzu, als w�re sie ein Echo von ihm, �wenn ich dir eine R�tselgeschichte erz�hle?�</p><p>Er drehte sich um, sah die von Mondlicht umflossenen Konturen ihres K�rpers, die Klinge, die sanftglitzernd in ihren H�nden lag.</p><p>�Nein�, antwortete er.</p><p>Nach einer Weile setzte er sich neben ihr nieder, ausgelaugt von der Anstrengung, die T�ne einer vertrauten Ballade aus Ymris aufzufangen, die der Harfner immer wieder verfehlte.</p><p>�Wenn ich schon von einem Harfner verfolgt werden mu߫, brummte er grimmig, �dann w�nschte ich, es w�re ein besserer.� Er nahm ihr das Schwert ab. �Ich wache.�</p><p>�La� mich nicht allein�, flehte sie, seine Gedanken lesend.</p><p>Er seufzte. �Gut.� Er legte das Schwert quer �ber seine Knie und blickte auf es nieder, w�hrend der Mond es zu kaltem Feuer schmiedete, bis endlich die Harfenkl�nge verstummten und er wieder denken konnte.</p><p>Auch in der n�chsten Nacht und in der �bern�chsten und der �ber�bern�chsten h�rte Morgon das Harfenspiel. Es erklang zu seltsamen Stunden der Nacht, gew�hnlich wenn er aufsa� und lauschte. Er h�rte es an den �u�ersten R�ndern seines Bewu�tseins. Rendel schlief ungest�rt von seinen Kl�ngen. Und manchmal h�rte er es in seinen Tr�umen, und es weckte ihn, so da� er wie bet�ubt und schwitzend aus einem Traum von Dunkelheit in Dunkelheit emporfuhr, hier wie dort von denselben, unentrinnbaren Kl�ngen der Harfe verfolgt. Eines Nachts machte er sich auf die Suche nach dem Harfner, doch er verlief sich nur in den B�umen. Und als er kurz vor Morgengrauen todm�de in der Gestalt eines Wolfes zur�ckkehrte, erschreckte er die Pferde, und Rendel warf einen Feuerkreis um die Tiere und um sich selbst, an dem er sich beinahe das Fell versengt h�tte. W�tend redeten sie aufeinander ein, bis der Anblick ihrer hochroten, verschmutzten Gesichter sie beide in Gel�chter ausbrechen lie�.</p><p>Je l�nger sie ritten, desto l�nger schien die Stra�e sich hinzuziehen, Meile um Meile durch endlose W�lder, die immer gleich blieben. Unaufh�rlich irrte Morgons Geist suchend durch Fetzen von Gespr�chen, hinter Gesichter, an denen sie vor�berkamen, zu Ger�uschen, die vor ihnen und hinter ihnen lagen, �ber die stummen Bilder hinter den Augen eines Vogels, der �ber ihnen flog. Er verlor sich in seinem Bem�hen, gleichzeitig vorw�rts und r�ckw�rts zu schauen, nach Harfnern Ausschau zu halten, nach Pferdedieben, nach Gestaltwandlern. Er h�rte Rendel kaum, wenn sie sprach. Als sie einmal ganz aufh�rte, mit ihm zu reden, merkte er es erst Stunden sp�ter. Je weiter sie sich von Caithnard entfernten, desto sp�rlicher wurde das Treiben auf der Handelsstra�e; hin und wieder kam es jetzt vor, da� sie Meile um Meile ritten, ohne einem Menschen zu begegnen. Nur die Hitze war unver�ndert, jeder Fremde, der nach einem einsamen St�ck Wegs hinter ihnen auftauchte, war ihnen verd�chtig. Abgesehen von dem alln�chtlichen Harfenspiel jedoch waren ihre N�chte ruhig und friedlich. An dem Tag, an dem Morgon sich zum erstenmal sicher f�hlte, verloren sie ihre Pferde.</p><p>Sie machten fr�h halt an diesem Tag. Sie waren beide ersch�pft. Morgon ging davon, w�hrend sich Rendel im Flu� das Haar wusch. Zu Fu� marschierte er eine halbe Meile zur�ck zu einem Gasthaus, an dem sie vor�bergekommen waren, um Proviant einzukaufen und vielleicht ein paar Neuigkeiten aufzuschnappen. Die Gaststube war zum Brechen voll mit Reisenden; H�ndlern, die den letzten Klatsch austauschten; fahrenden Musikanten, die um den Preis einer Mahlzeit jedes Instrument au�er einer Harfe spielten; Kaufleuten; Bauern, Familien, die auf der Flucht zu sein schienen, ihr ganzes Hab und Gut in B�ndeln bei sich.</p><p>Es summte von Ger�chten in der von Wein und Bier angeheizten Atmosph�re. Morgon w�hlte ganz willk�rlich eine satte, vollt�nende Stimme an einem entfernt stehenden Tisch, folgte ihr, als folgte er dem Klang eines Instruments.</p><p>�Zwanzig Jahre�, sagte der Mann. �Zwanzig Jahre habe ich direkt gegen�ber gewohnt. Ich verkaufte Tuch und Pelze aus allen Teilen des Reiches in meinem Laden, und nie hat sich dr�ben in den Ruinen der alten Schule auch nur ein M�uschen gemuckst. Aber eines Abends dann, ziemlich sp�t, als ich meine B�cher durchging, sah ich hier und dort in den zerbrochenen Fenstern Licht. Kein Mensch hat sich da je hin�bergewagt, trotz all der Pracht und �ppigkeit; der ganze alte Bau ist verzaubert. Es riecht dort f�rmlich nach Ungl�ck. Ich die Lichter sehen und nichts wie weg. Jeden Ballen Stoff hab� ich aus dem Laden mitgenommen, und meinen Lieferanten hab� ich Nachricht hinterlassen, mir alles, was sie f�r mich eingekauft haben, direkt nach Caithnard zu bringen. Dann hab� ich mich davongemacht. Wenn es in der Stadt noch einmal zu einem Krieg der Zauberer kommt, dann ohne mich. Ich werde sicher und wohlbehalten auf der anderen Seite des Reiches sitzen.�</p><p>�In Caithnard?� fragte ein anderer Kaufmann ungl�ubig. �Wo gleich n�rdlich davon in den K�stengebieten von Ymris der Krieg tobt? In Lungold gibt es wenigstens Zauberer. Caithnard hat nur Fischweiber und Gelehrte zu bieten. Ein toter Fisch ist als Waffe ebenso untauglich wie ein Buch. Ich bin aus Caithnard weggegangen. Ich bin auf dem Weg ins Hinterland; in f�nfzig Jahren komm� ich da vielleicht wieder raus.�</p><p>Morgon lie� die Stimmen wieder mit dem allgemeinen L�rmen verschmelzen. Er merkte, da� der Wirt neben ihm stand.</p><p>�Herr?� fragte der Wirt kurz, und Morgon bestellte Bier. Es kam aus Hed, und es sp�lte den Stra�enstaub von hundert Meilen seine Kehle hinunter. Sporadisch tauchte er in andere Gespr�che ein. Eine Bemerkung von einem H�ndler mit s�uerlichem Gesicht fesselte seine Aufmerksamkeit.</p><p>�Es ist dieser verw�nschte Krieg in Ymris. Den Bauern in Ruhn sind fast s�mtliche Pferde beschlagnahmt worden�� die Nachkommen der Schlachtr�sser von Ruhn, die jetzt zum Pfl�gen gezogen werden. Der K�nig behauptet sich noch immer auf der Ebene der Winde, aber er zahlt einen blutigen Preis f�r das Patt. Seine Krieger kaufen alle Pferde, die ihnen angeboten werden�� und die Bauern genauso. Keiner fragt mehr, woher die Pferde kommen. Ich la� mein Gespann jede Nacht von zwei bewaffneten Leuten bewachen, seit ich aus Caithnard fortgezogen bin.�</p><p>Morgon stellte sein leeres Glas hin. Pl�tzliche Unruhe packte ihn. Rendel war mit den Pferden allein. Ein H�ndler neben ihm stellte ihm eine freundliche Frage; er knurrte eine m�rrische Antwort. Er wollte eben gehen, als sein eigener Name ihm ans Ohr drang.</p><p>�Morgon von Hed? Ich hab� geh�rt, er w�re in Caithnard gewesen, als R�tselsch�ler verkleidet. Er verschwand wieder, noch ehe die Meister ihn erkannt hatten.�</p><p>Morgon blickte sich um. Eine Gruppe von Spielleuten scharrte sich um einen Krug Wein, den sie miteinander teilten.</p><p>�Er war in Anuin�, bemerkte ein Fl�tenspieler, w�hrend er Speichel aus seinem Instrument wischte. Er blickte auf die stummen Gesichter rundum. �Ihr habt die Geschichte nicht geh�rt? Er holte den Harfner des Erhabenen schlie�lich in Anuin ein, im gro�en K�nigssaal���</p><p>�Den Harfner des Erhabenen!� sagte ein hochaufgeschossener J�ngling, der mit mehreren kleinen Trommeln behangen war, bitter. �Und was hat der Erhabene in dieser ganzen Zeit getan? Ein Mann verliert seine Landherrschaft, wird im Namen des Erhabenen von einem Harfner verraten, der jeden K�nig im Reich belogen hat, und der Erhabene r�hrt keinen Finger�� wenn er �berhaupt einen hat��, um ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.�</p><p>�Wenn ihr mich fragt�, mischte sich ein S�nger ein, �dann ist der Erhabene nichts weiter als ein M�rchen. Erfunden vom Gr�nder von Lungold.�</p><p>Darauf trat ein kurzes Schweigen ein. Der S�nger zwinkerte ein wenig nerv�s, als h�tte er Angst, der Erhabene k�nnte neben ihm stehen und zuh�ren, w�hrend er ein Bier trank.</p><p>�Keiner hat dich um deine Meinung gefragt�, knurrte ein anderer S�nger. �Haltet jetzt endlich den Mund alle miteinander. Ich m�chte h�ren, was in Anuin passiert ist.�</p><p>Abrupt wandte Morgon sich ab. Eine Hand hielt ihn fest. Der H�ndler, der ihn zuvor angesprochen hatte, sagte langsam und verwirrt: �Ich kenne Euch. Euer Name liegt mir auf der Zunge, ich wei� ihn... Es hat irgend etwas mit Regen zu tun...�</p><p>Morgon erkannte ihn; es war der H�ndler, mit dem er vor langer Zeit an einem regnerischen Herbsttag in Hlurle gesproeben hatte, nachdem er das H�gelland von Herun hinter sich gelassen hatte.</p><p>Er sagte br�sk: �Ich wei� nicht, was, in Hels Namen, Ihr da redet. Es hat seit Wochen nicht mehr geregnet. Wollt Ihr Eure Hand behalten, oder soll ich sie mit mir nehmen?�</p><p>�Meine Herren, meine Herren�, murmelte der Wirt. �Keine Ausf�lligkeiten in meinem Gasthaus.�</p><p>Der H�ndler nahm zwei Bier von seinem Tablett und stellte eines vor Morgon hin.</p><p>�Nichts f�r ungut.� Noch immer neugierig und verwirrt, blickte er forschend in Morgons Gesicht. �Sprecht ein wenig mit mir. Ich war seit Monaten nicht mehr zu Hause in Kraal und hab� dringend ein bi�chen Geschw�tz���</p><p>Morgon entzog sich mit einem Ruck seiner Hand. Sein Ellbogen stie� gegen den Krug, so da� das Bier �ber den Tisch flo� und einem Pferdeh�ndler auf die Knie sickerte. Der Mann sprang fluchend auf. Etwas, das sich in Morgons Gesicht regte, ein Aufblitzen von bezwingender Macht vielleicht oder von Verzweiflung, erstickte seinen ersten Impuls.</p><p>�So geht man mit gutem Bier wirklich nicht um�, bemerkte er finster. �Und auf so r�de Weise schl�gt man ein so freundliches Angebot nicht aus. Es wundert mich, da� Ihr noch am Leben seid, wenn Ihr des �fteren auf solche Weise H�ndel sucht.�</p><p>�Ich k�mmere mich um meine eigenen Gesch�fte�, gab Morgon kurz zur�ck.</p><p>Er warf eine M�nze auf den Tisch und ging wieder hinaus in die Abendd�mmerung. Seine eigene Grobheit lag ihm wie ein schlechter Geschmack im Mund. Erinnerungen, die die Spielleute in ihm aufgew�hlt hatten, geisterten durch seinen Kopf: das Licht, wie es sich in der Klinge seines Schwertes fing, das Gesicht des Harfners, als dieser den Kopf hob, dem Schwertschlag zu empfangen. Schnellen Schrittes eilte er durch die B�ume, verw�nschte die endlose L�nge der Stra�e, den Staub, der sie bedeckte, die Sterne auf seinem Gesicht und all die Schatten der Erinnerung, vor denen er nicht fliehen konnte.</p><p>Beinahe w�re er an ihrem Lagerplatz vorbeigelaufen, ohne ihn zu erkennen. Dann aber blieb er stehen und sah sich verwundert um. Rendel und beide Pferde waren verschwunden. Fl�chtig scho� ihm die Frage durch den Kopf, ob er sie mit irgend etwas, was er getan hatte, so schwer gekr�nkt hatte, da� sie beschlossen hatte, mit beiden Pferden nach Anuin zur�ckzureiten. Die B�ndel und die S�ttel lagen dort, wo er sie niedergelegt hatte; es gab keine Spuren eines Kampfes, keine aufgewirbelten Bl�tter, keine abgebrochenen �ste. Dann h�rte er sie rufen und sah sie, wie sie an einer seichten Stelle stolpernd durch den Flu� watete.</p><p>Ihr Gesicht war na� von Tr�nen.</p><p>�Morgon, ich war am Flu� und wollte Wasser holen, als zwei M�nner an mir vorbeiritten. Sie h�tten mich beinah niedergetrampelt. Ich war so w�tend, da� ich gar nicht merkte, da� sie unsere Pferde ritten. Erst als sie dr�ben am anderen Ufer waren, sah ich es. Da bin ich���</p><p>�Du bist ihnen nachgelaufen?� fragte er ungl�ubig.</p><p>�Ich dachte, sie w�rden durch den Wald vielleicht langsamer reiten. Aber sie fingen an zu galoppieren. Es tut mir so leid.�</p><p>�Sie werden in Ymris einen guten Preis f�r die Pferde bekommen�, stellte Morgon grimmig fest.</p><p>�Morgon, sie sind bestimmt noch keine Meile weg. Du k�nntest sie leicht zur�ckholen.�</p><p>Er z�gerte, blickte in ihr zorniges, m�des Gesicht. Dann wandte er sich von ihr ab, hob das B�ndel auf, in dem ihr Proviant verstaut war.</p><p>�Heureus Heer braucht die Pferde dringender als wir.�</p><p>Er sp�rte ihr pl�tzliches Schweigen in seinem R�cken wie etwas Greifbares. Er schlug das B�ndel auf und verfluchte sich selbst, als ihm aufging, da� er vergessen hatte, neuen Proviant zu kaufen.</p><p>Sie sagte leise: �Hei�t das, da� wir bis nach Lungold zu Fu� gehen m�ssen?�</p><p>�Wenn du willst.� Seine Finger an den Schn�ren des B�ndels zitterten leicht.</p><p>Endlich h�rte er Bewegung von ihr. Sie ging wieder zum Flu� hinunter, um ihren Wasserschlauch zu holen. Als sie zur�ckkam, fragte sie mit ruhiger Stimme: �Hast du Wein mitgebracht?�</p><p>�Den hab� ich vergessen. Ich hab� alles vergessen.� Er fuhr herum, griff sie an, noch ehe sie �berhaupt etwas sagen konnte. �Und ich kann nicht noch mal hingehen. Da gerate ich h�chstens in eine Pr�gelei.�</p><p>�Hab� ich das denn von dir verlangt? Ich wollt� es nicht einmal verlangen.� Sie lie� sich am Feuer nieder und warf einen Zweig in die Flammen. �Ich hab� die Pferde verloren, du hast das Essen vergessen. Du hast mir auch keinen Vorwurf gemacht.� Sie dr�ckte ihr Gesicht pl�tzlich gegen ihre Knie. �Morgon�, fl�sterte sie, �verzeih mir. Lieber will ich auf allen vieren nach Lungold kriechen als meine Gestalt wechseln.�</p><p>Er stand stumm da und blickte auf sie hinunter. Nach einer Weile wandte er sich ab, marschierte im Halbkreis um das Feuer und starrt in das knorrige, alte Auge eines Baumstamms. Er dr�ckte sein Gesicht dagegen, sp�rte, wie es in ihn hineinblickte, auf all die verschlungenen Wurzeln seiner eigenen Kraft. Einen Moment lang nagte Zweifel an ihm, und er hielt sich vor, da� es Unrecht war von ihm, etwas Derartiges von ihr zu verlangen, da� selbst seine eigene Kraft, die unter so finsteren Umst�nden und mit solcher Gewalt freigesetzt worden war, verd�chtig war. Die Unsicherheit verebbte langsam, und es blieb, wie immer, das einzige, was er mit einiger Sicherheit erfassen konnte, die fragile, zwingende Struktur der R�tselkunst.</p><p>�Man kann nicht vor sich selbst fliehen.�</p><p>�Du fliehst doch auch. Vielleicht nicht vor dir selbst, aber vor dem R�tsel in deinem R�cken, dem du niemals ins Gesicht siehst.�</p><p>M�de hob er den Kopf und sah sie an. Er trat zum Feuer und sch�rte die sterbenden Flammen neu an.</p><p>�Ich fang� uns ein paar Fische. Morgen fr�h geh� ich noch einmal ins Gasthaus und hole alles, was wir brauchen. Vielleicht kann ich dort die S�ttel verkaufen. Wir k�nnten das Geld gebrauchen. Es ist ein langer Weg bis Lungold.�</p><p>Am folgenden Tag sprachen sie kaum miteinander. Gl�hend stach die Sommerhitze auf sie hinunter, selbst wenn sie im Schatten der B�ume neben der Stra�e wanderten. Morgon trug beide B�ndel. Bis zu diesem Moment war ihm gar nicht bewu�t geworden, wie schwer sie waren. Die Riemen schnitten in seine Schultern ein und rieben seine Haut auf, so wie der Hader, den sie miteinander hatten, seine Seele aufrieb. Rendel erbot sich, eines zu tragen, doch er lehnte zornig ab, und sie wiederholte ihr Angebot nicht.</p><p>Am Mittag setzten sie sich an den Flu� und lie�en die F��e ins Wasser h�ngen, w�hrend sie a�en. Das kalte Wasser tat ihnen beiden wohl, und sie sprachen ein wenig miteinander. Am Nachmittag war die Stra�e ziemlich ruhig; lange ehe ein Wagen auftauchte, konnten sie das Knarren seiner R�der h�ren. Doch die Hitze war sengend, beinahe unertr�glich. Schlie�lich schwenkten sie von der Stra�e ab und trotteten bis zum Einbruch der Abendd�mmerung am Flu�ufer entlang.</p><p>Als sie einen Lagerplatz gefunden hatten, lie� Morgon Rendel allein. Sie setzte sich ans Ufer und lie� die Beine ins Wasser baumeln, w�hrend er in Falkengestalt auf Jagd ging. Er schlug einen Hasen, der in den letzten Strahlen der Sonne auf einer Wiese tr�umte. Bei seiner R�ckkehr fand er Rendel dort vor, wo er sie zur�ckgelassen hatte. Er h�utete den Hasen und nahm ihn aus, h�ngte ihn dann an einem Spie� aus gr�nem Holz �ber das Feuer. Schweigend betrachtete er Rendel, die noch immer reglos am Ufer sa� und ins Wasser starrte. Schlie�lich sprach er ihren Namen.</p><p>Sie stand langsam auf, kletterte stolpernd die B�schung herauf. Dicht vor dem Feuer lie� sie sich nieder und zog ihren feuchten Rock fest unter ihren F��en zusammen. Im Flammenschein sah er sie lange an und verga�, den Spie� zu drehen. Ihr Gesicht war sehr still; unter ihren Augen sah er winzige Linien des Schmerzes. Er holte pl�tzlich Atem; ihre Augen trafen die seinen, und eine klare, eindeutige Warnung stand in ihnen. Doch seine Sorge um sie mu�te sich trotz ihrer Warnung Luft machen.</p><p>�Warum hast du mir nicht gesagt, da� du solche Schmerzen hast? La� mich deine F��e sehen.� �La� mich in Ruhe!� Die Heftigkeit ihrer Stimme erschreckte ihn. Sie hockte zusammengekr�mmt da. �Ich hab� dir gesagt, da� ich zu Fu� nach Lungold wandern werde, und das werde ich auch tun.�</p><p>�Wie denn?� Er sprang auf, und Zorn gegen sich selbst h�mmerte in seinem Hals. �Ich besorge dir ein Pferd.�</p><p>�Womit denn? Wir konnten ja nicht einmal die S�ttel verkaufen.�</p><p>�Ich verwandle mich in eines. Du kannst auf mir reiten.�</p><p>�Nein.� Ihre Stimme zitterte mit dem gleichen, seltsamen Zorn. �Das wirst du nicht tun. Ich werde nicht auf deinem R�cken bis nach Lungold reiten. Ich habe gesagt, da� ich zu Fu� gehe.�</p><p>�Du kannst ja kaum noch zehn Schritt gehen!�</p><p>�Ich tu� es trotzdem. Wenn du den Spie� nicht umdrehst, brennt unser Abendessen an.�</p><p>Er r�hrte sich nicht; sie beugte sich vor und drehte den Spie� selbst. Ihre Hand zitterte. W�hrend Licht und Schatten �ber sie hinspielten, fragte er sich pl�tzlich, ob er sie �berhaupt kannte.</p><p>�Rendel�, sagte er flehend, �was, in Hels Namen, willst du denn tun? Du kannst doch so nicht laufen. Du willst nicht reiten. Du willst dich nicht verwandeln. Willst du nach Anuin zur�ckkehren?�</p><p>�Nein.� Schmerz lag in ihrer Stimme, als h�tte er sie mit seiner Frage verletzt. �Ich kann vielleicht mit R�tseln nicht viel anfangen, aber Gel�bnisse, die ich einmal gemacht habe, breche ich nicht.�</p><p>�Wie kannst du Ylons Namen Ehre zuteil werden lassen, wenn du f�r ihn und sein Erbe nichts �brig hast als Ha�?�</p><p>Sie beugte sich wieder vor, um den Spie� zu drehen, glaubte er, doch statt dessen nahm sie eine Handvoll Feuer. �Er war einmal K�nig von An. Das gibt ihm eine gewisse Ehre.� Ihre Stimme zitterte stark. Sie formte einen Keil aus Feuer, wob mit den Fingern fadend�nne Saiten. �Ich hab� in seinem Namen geschworen, da� ich niemals zulassen werde, da� du mich verl��t.�</p><p>Er sah pl�tzlich, was sie aus dem Feuer formte. Sie hatte es fertig und hielt es ihm hin: eine Harfe aus Feuer, die die Dunkelheit rund um ihre Hand verzehrte.</p><p>�Du bist der R�tselmeister. Wenn du solchen Glauben an R�tsel hast, dann beweise es mir. Du kannst ja nicht einmal deinem eigenen Ha� ins Auge blicken, und du willst mir R�tsel aufgeben. F�r einen Menschen wie dich gibt es einen Namen.�</p><p>�Na�, sagte er, ohne die Harfe zu ber�hren. Sein Blick folgte dem Licht, das ger�uschlos �ber die Saiten sprang. �Wenigstens wei� ich meinen Namen.�</p><p>�Du bist der Sternentr�ger. Warum kannst du mich nicht in Ruhe lassen? Warum kannst du mich nicht meine eigenen Entscheidungen treffen lassen? Was ich bin, spielt keine Rolle.�</p><p>�ber die flammende Harfe hinweg blickte er sie an. Etwas, das er sagte oder dachte, ohne sich dessen bewu�t zu sein, zerri� die Harfe in ihrer Hand. Er griff �ber das Feuer hinweg, umfa�te ihre Schultern und zog sie auf die F��e. �Wie kannst du das zu mir sagen? Wovor, in Hels Namen, hast du Angst?�</p><p>�Morgon���</p><p>�Du wirst dich nicht in etwas verwandeln, das keiner von uns beiden mehr wiedererkennen w�rde!�</p><p>�Morgon!� Sie sch�ttelte ihn pl�tzlich, in dem Bem�hen, ihn sehend zu machen. �Mu� ich es denn aussprechen? Ich fliehe nicht vor etwas, das ich hasse, sondern vor etwas, nach dem mich verlangt. Ich fliehe vor der Macht dieses belasteten Erbes. Ich begehre sie. Jene Macht, die Ymris verschlingt, die das Reich und dich vernichten will�� nach ihr verlangt mich. Ich bin unl�sbar an sie gefesselt. Und ich liebe dich. Den R�tselmeister, den Mann, der alles, was zu diesem Erbe geh�rt, bek�mpfen mu�. Du verlangst Dinge von mir, die du nur hassen wirst.�</p><p>�Nein�, fl�sterte er.</p><p>�Wie kann ich den Landherrschern, den Zauberern von Lungold gegen�bertreten? Wie kann ich ihnen sagen, da� ich eine Verwandte deiner Feinde bin? Wie sollen sie mir je vertrauen? Wie kann ich mir selbst vertrauen, da ich nach so schrecklicher Macht verlange���</p><p>�Rendel!�</p><p>Mit steifer Bewegung hob er eine Hand, streichelte ihr Gesicht, wischte das Feuer und die Tr�nen fort, in dem Bem�hen, es klar zu sehen. Doch unruhige Schatten lagen flackernd auf ihm, so da� es wie aus Feuer und Finsternis geformt schien, das Gesicht einer Frau, das er zuvor nie recht gesehen hatte und das er auch jetzt nicht recht sehen konnte. Irgend etwas wich vor ihm zur�ck, l�ste sich unter seinen H�nden auf, als er es ber�hrte.</p><p>�Ich habe nie etwas anderes von dir verlangt als die Wahrheit.�</p><p>�Du wu�test nie, was du verlangtest���</p><p>�So ist es immer. Ich wei� es nicht, ich frage einfach.�</p><p>Das Feuer zwischen ihnen formte sich zu der L�sung des R�tsels, nach der sein Geist haschte. Er sah sie pl�tzlich, und zur gleichen Zeit sah er wieder Rendel, die Frau, f�r die so viele M�nner in Pevens Turm gestorben waren, die Erbin des Feuers, die ihn liebte und mit ihm stritt und die nach einer Macht verlangte, die ihn vielleicht vernichten w�rde. Einen Moment lang k�mpften Fragmente des R�tsels in seinem Geist gegeneinander. Dann glitten sie ineinander, und er sah die Gesichter von Gestaltwandlern, die er kannte; er sah Eriel, den Harfner Corrig, den er get�tet hatte, die Gestaltwandler, die er in Isig get�tet hatte. Ein kalter Schauder der Furcht und des Staunens durchrann ihn.</p><p>�Wenn du�� wenn du etwas von Wert in ihnen siehst�, fl�sterte er, �was, ins Hels Namen, sind sie dann?�</p><p>Sie hielt ihn ganz fest. Ihr Gesicht war reglos, feurig von Tr�nen.</p><p>�Das habe ich nicht gesagt.�</p><p>�Doch, das hast du gesagt.�</p><p>�Nein. Ihre Macht hat nichts von Wert.�</p><p>�Doch. Du sp�rst es in dir selbst. Und danach verlangt dich.�</p><p>�Morgon���</p><p>�Entweder verwandelst du dich in meinem Geist, oder sie verwandeln sich. Dich kenne ich.�</p><p>Langsam lie� sie ihn los. Sie war unsicher. Er hielt sie noch immer fest, w�hrend er sich den Kopf zerbrach, was f�r Worte er ihr sagen mu�te, damit sie ihm vertrauen konnte. Ganz allm�hlich wurde ihm klar, auf welche Argumente sie h�ren w�rde.</p><p>Er lie� sie los und gab der Harfe Gestalt, die er auf seinem R�cken trug. Sie lag in seinen H�nden wie eine Erinnerung. Er setzte sich nieder, w�hrend sie reglos, wortlos am Rand des Feuers stand und ihn beobachtete. Die Sterne auf der Stirnseite der Harfe, r�tselhaft und voller Geheimnisse, auf die es keine Antwort gab, trafen blitzend seinen Blick. Dann drehte er sie herum und begann zu spielen. Eine ganze Weile trug er nur Rendel in seinen Gedanken, eine schattenhafte Gestalt am Rande des Lichts, die sein Harfenspiel in Bann zog. Seine Finger erinnerten sich an Rhythmen und Formen, zupften z�gernd Fragmente alter Weisen aus einem Jahr des Schweigens. Die uralte, makellos sch�ne Stimme der Harfe, die seine Hand zum Klingen brachte, weckte wiederum ein ungeahntes Staunen der Verzauberung in ihm. Rendel kam n�her zu ihm, w�hrend er spielte, n�herte sich Schritt um Schritt, bis sie an seiner Seite war. Dann blieb sie wieder stillstehen. Das Feuer loderte hinter ihr, und er konnte ihr Gesicht nicht erkennen.</p><p>Ein Harfner spielte in den Schatten seiner Erinnerung ein Echo. Je mehr er spielte, um die Erinnerung zu l�schen, desto heftiger brannte sie: fernes, kunstfertiges, bestrickendes Harfenspiel, das von jenseits der Schw�rze kam, von jenseits des Wassers, das nirgendwo hinflo� und seit Jahrtausenden nirgendwo hingeflossen war. Das Feuer hinter Rendel schrumpfte zu einem Lichtpunkt, der sich weiter und weiter von ihm entfernte, bis die Schw�rze sich wie eine Hand �ber seine Augen senkte. Eine Stimme erschreckte ihn, brach sich dr�hnend in der steinernen Kammer, verlor sich in immer d�nner werdendem Nachhall. Immer kam die Stimme unerwartet, ganz gleich, wie angespannt er auf einen Schritt lauschte. Es wurde so, da� er st�ndig horchte, w�hrend er auf kaltem Stein lag, die Muskeln verkrampft vom Warten. Und mit der Stimme kamen die suchenden Finger, die seinen Geist durchforschten und gegen die er sich nicht wehren konnte; kam der Schmerz, wenn er sich mit seinen F�usten zur Wehr setzte; kamen endlose Fragen, die er aus Wut und Verzweiflung nicht beantwortete, bis pl�tzlich seine Wut in Entsetzen umschlug, als er sp�rte, wie die zarten, komplexen Instinkte f�r das Landrecht in ihm zu sterben begannen. Er h�rte seine eigene Stimme antworten, h�rte sie ein wenig lauter werden, h�rte sie antworten, h�rte sie wieder lauter werden, war pl�tzlich nicht mehr f�hig zu antworten. Er h�rte das Harfenspiel.</p><p>Seine H�nde hielten inne. Sein Gesicht, das gegen das Holz der Harfe gedr�ckt war, schmerzte. Rendel sa� ganz nahe bei ihm, den Arm um seine Schultern. Noch immer woben die Kl�nge der Harfe abgerissen durch seinen Geist. Er wollte weg von ihnen, doch sie verstummten nicht. Rendel drehte den Kopf; in einem Schwall scho� das Blut durch seinen K�rper, als ihm klarwurde, da� auch sie die Kl�nge h�rte.</p><p>Dann erkannte er das vertraute, zaghaft stockende Spiel. Er stand auf. Sein Gesicht war wei� und starr. Er griff sich eine Fackel aus dem Feuer. Rendel sprach seinen Namen; er konnte ihr nicht antworten. Sie wollte ihm folgen, hinkte auf blo�en F��en durch das Farnkraut, doch er wartete nicht auf sie. Er jagte den Kl�ngen der Harfe nach, hetzte durch die B�ume, �ber die Stra�e zur anderen Seite hin�ber, wo er einen H�ndler erschreckte, der unter seinem Karren schlief; er stolperte durch dorniges Geb�sch und Unterholz, w�hrend das Harfenspiel lauter wurde und ihn zu umkreisen schien. Schlie�lich traf das Licht der Fackel, das �ber welkes Laub dahinglitt, eine Gestalt, die, �ber eine Harfe gebeugt, unter einem Baum sa�. Morgon hielt an. Sein Atem kam in St��en. Worte, Fragen, Fl�che stauten sich in seiner Kehle. Langsam hob der Harfner das Gesicht zum Licht.</p><p>Morgon stockte der Atem. In der schwarzen Nacht jenseits des Fackelscheins war kein Ger�usch zu h�ren. Der Harfner, den Blick auf Morgon gerichtet, spielte noch immer leise und ungelenk mit H�nden, die knorrig waren wie Eichenwurzeln, verkr�ppelt bis zur Unbrauchbarkeit.</p></section><section><title><p><emphasis>Kap. 5</emphasis></p></title><p>Morgon fl�sterte: �Thod!�</p><p>Die H�nde des Harfners wurden still. Sein Gesicht war so abgezehrt und verfallen, da� kaum noch etwas Vertrautes in ihm war. Nur der edle Schnitt der Z�ge und der Ausdruck in den Augen waren geblieben. Er hatte kein Pferd und kein B�ndel, keinerlei Habe, soweit Morgon sehen konnte, au�er einer dunklen Harfe, deren einziger Schmuck ihre schlanken, feinen Linien waren. Die zerst�rten H�nde ruhten einen Moment lang auf den Saiten, dann glitten sie abw�rts, um die Harfe zu Boden zu stellen.</p><p>�Morgon.� Seine Stimme war rauh vor M�digkeit und Verwunderung. Mit einer Sanftheit, die Morgon zum sprachlosen Gefangenen seines eigenen inneren Aufruhrs machte, f�gte er hinzu: �Ich wollte Euch nicht st�ren.�</p><p>Morgon stand reglos. Selbst die Flamme in seiner Hand stach still in die windlose Nacht. Das t�dliche, makellose Spiel der Harfe, das immer irgendwo im Dunklen hinter seinen Gedanken perlte, verwirrte sich pl�tzlich mit den m�hsamen, stockenden Kl�ngen, die er in den vergangenen N�chten geh�rt hatte. Er stand am Rande des Lichtscheins seiner eigenen Fackel und wollte schreien vor Wut, wollte kehrtmachen und gehen, ohne ein Wort zu sagen, und f�hlte sich dennoch viel st�rker getrieben, noch einen Schritt vorw�rts zu gehen und eine Frage zu stellen. Und schlie�lich ging er diesen Schritt, so lautlos, da� er sich selbst kaum bewu�t war, wie er sich bewegte.</p><p>�Was ist Euch geschehen?�</p><p>Seine eigene Stimme klang ihm fremd in den Ohren, als zuckte sie ein wenig zur�ck vor ihrer eigenen Ruhe.</p><p>Der Harfner blickte auf seine H�nde hinunter, die wie Gewichte zu beiden Seiten seines K�rpers lagen.</p><p>�Ich hatte einen Streit�, sagte er, �mit Ghisteslohm.�</p><p>�Ihr verliert nie einen Streit.�</p><p>Er war noch einen Schritt vorw�rts gegangen, noch immer so angespannt und lautlos wie ein Tier.</p><p>�Ich habe auch diesen nicht verloren. H�tte ich ihn verloren, so g�be es im Reich einen Harfner weniger.�</p><p>�Ihr sterbt nicht leicht.�</p><p>�Nein.�</p><p>Er beobachtete Morgon, der noch einen Schritt machte, und Morgon, der es merkte, erstarrte. Klaren Blicks sah ihm der Harfner in die Augen, bekannte alles, fragte nichts. Morgon schob die Fackel in seiner Hand h�her. Sie brannte dicht �ber seiner Haut; er lie� sie fallen und entfachte im toten Laub ein kleines Feuer. In der ver�nderten Beleuchtung lag Thods Gesicht im Schatten; Morgon sah es so, wie er es in fr�heren Tagen hinter anderen Feuern gesehen hatte. Er schwieg still, eingeschlossen wieder in das Schweigen des Harfners. Und dieses Schweigen zog ihn vorw�rts, wie �ber eine Br�cke, die schmal war wie eine Schwertklinge und die Schlucht seines Zorns und seiner Verwirrung �berspannte. Er kauerte schlie�lich neben dem Feuer nieder, zog einen Kreis darum und hielt es klein mit seinem Geist.</p><p>Nach einer Weile fragte er: �Wohin wollt Ihr?�</p><p>�Dorthin zur�ck, wo ich geboren wurde. Nach Lungold. Es gibt sonst keinen Ort, wohin ich mich wenden k�nnte.�</p><p>�Ihr wandert zu Fu� nach Lungold?�</p><p>Der Harfner zuckte leicht die Achseln. �Ich kann nicht reiten.�</p><p>�Was wollt Ihr in Lungold tun? Ihr k�nnt nicht auf der Harfe spielen.�</p><p>�Ich wei� es nicht. Betteln.�</p><p>Morgon schwieg wieder, w�hrend er ihn ansah. Seine Finger, die im welken Laub gruben, fanden eine Eichel und schnippten sie ins Feuer.</p><p>�Ihr habt Ghisteslohm sechshundert Jahre lang gedient. Ihr habt mich ihm ausgeliefert. Ist er so undankbar?�</p><p>�Nein�, antwortete Thod ohne alle Leidenschaft. �Er war argw�hnisch. Ihr lie�t mich lebendigen Leibs aus Anuin fortgehen.�</p><p>Morgons Hand erstarrte unter den d�rren Bl�ttern. Irgend etwas durchrann ihn in diesem Moment, wie ein schwacher, wilder Hauch eines Windes, der �ber die n�rdlichen Ein�den und �ber das ganze Reich hinweggefegt war, um dieser stillen Sommernacht eine Ahnung seines Wesens mitzuteilen. Nach einer Weile regte er seine Hand wieder; ein Zweig knickte zwischen seinen Fingern. Er warf die zerbrochenen Teile ins Feuer und tastete sich seinen Weg zu seinen Fragen, als beg�nne er einen R�tselkampf mit einem, �ber dessen F�higkeiten er nichts wu�te.</p><p>�Ghisteslohm war in An?�</p><p>�Er war im Hinterland gewesen, um seine Kr�fte aufzubauen, nachdem Ihr Euch von ihm befreit hattet. Er wu�te nicht, wo Ihr wart, doch da mein Geist ihm immer offen ist, war es ihm ein leichtes, mich in Hel zu finden.�</p><p>Morgon hob den Bjick. �Euer Geist ist noch immer mit dem seinen verbunden?�</p><p>�Ich vermute es. Mich braucht er jetzt nicht mehr, aber es kann sein, da� Ihr in Gefahr seid.�</p><p>�Er kam aber nicht nach Anuin, um mich dort zu suchen.�</p><p>�Er begegnete mir sieben Tage nachdem ich Anuin verlassen hatte. Es schien unwahrscheinlich, da� Ihr noch dort sein w�rdet.�</p><p>�Ich war dort.� Er legte eine Handvoll �ste ins Feuer, sah zu, wie sie aufloderten, sich dann in der Hitze verbogen und kr�mmten. Seine Augen glitten pl�tzlich zu den verkr�ppelten Fingern des Harfners. �Was, in Hels Namen, hat er Euch angetan?�</p><p>�Er machte mir eine Harfe, da Ihr die meine zerst�rt hattet und ich keine hatte.� Ein Licht flackerte in den Augen des Harfners, wie eine Erinnerung an Schmerz oder wie distanzierte, kalte Erheiterung. Das Licht tr�bte sich, und er neigte leicht den Kopf, so da� sein Gesicht im Schatten war. Gelassen fuhr er fort: �Die Harfe war aus schwarzem Feuer. Auf ihrer Front waren drei brennende, wei�gl�hende Sterne.�</p><p>Morgons Kehle zog sich zusammen. �Ihr habt darauf gespielt�, fl�sterte er.</p><p>�Er befahl es mir. Solange ich noch bei Bewu�tsein war, sp�rte ich, wie sein Geist aus dem meinen die Erinnerungen an die Ereignisse in Anuin heraussog, Erinnerungen an die Monate meiner Wanderschaft mit Euch, an die Jahre und Jahrhunderte meines Dienstes f�r ihn, und an die Zeit davor. Die Harfe hatte eine befremdende, gequ�lte Stimme wie die Stimmen, die ich des Nachts h�rte, als ich durch Hel ritt.�</p><p>�Er lie� Euch das Leben.�</p><p>Der Harfner lehnte seinen Kopf an den Baumstamm und erwiderte Morgons Blick.</p><p>�Er fand keinen Grund, es mir nicht zu lassen.�</p><p>Morgon schwieg. Die Flammen des Feuers vor ihm brachen knisternd d�rres Holz wie kleine Knochen. Ihm war pl�tzlich kalt, selbst in der warmen Sommernacht, und er r�ckte n�her ans Feuer. Ein Tier, vom Licht aus den B�umen gelockt, richtete gl�hende Augen auf ihn, zwinkerte und verschwand wieder. Das Schweigen um ihn herum war beladen mit tausend R�tselfragen, die er h�tte stellen sollen, und er wu�te, da� der Harfner sie nur mit neuen R�tselfragen beantworten w�rde. Einen Moment lang rastete er in der Schwerelosigkeit der Stille.</p><p>�Ein trauriger Lohn f�r sechs Jahrhunderte�, sagte er schlie�lich. �Was habt Ihr eigentlich von ihm erwartet, als Ihr in seinen Dienst tratet?�</p><p>�Ich sagte ihm, da� ich einen Herrn brauchte, und da� kein K�nig, der sich durch seine L�gen t�uschen lie�, mir gen�gen k�nne. Wir entsprachen einander. Er schuf eine T�uschung; ich erhielt sie aufrecht.�</p><p>�Das war eine gef�hrliche T�uschung. Hat er nie den Erhabenen gef�rchtet?�</p><p>�Hat ihm der Erhabene denn Anla� gegeben, ihnAzu f�rchten?�</p><p>Morgon schob ein Blatt ins Feuer.</p><p>�Nein.�</p><p>Er lie� seine Hand flach im Feuer liegen, lie� sie im Herzen der Flammen brennen, w�hrend Erinnerungen auf ihn einst�rmten. �Nein�, fl�sterte er wieder. Das Feuer loderte pl�tzlich unter seiner Hand auf, als er es einen Moment lang aus seiner Bewu�theit entlie�. Er fuhr zur�ck, und Tr�nen sprangen ihm in die Augen. Wie durch einen Schleier sah er die knorrigen, flammenlodernden H�nde des Harfners, der selbst in h�chster Qual an seinem Schweigen festhielt. Er kr�mmte sich �ber seine eigene Hand und schluckte die Fl�che hinunter.</p><p>�Das war unvorsichtig.�</p><p>�Morgon, ich habe kein Wasser���</p><p>�Das ist mir schon aufgefallen.� Seine Stimme war hart vor Schmerz. �Ihr habt nichts zu essen, und Ihr habt nichts zu trinken, Ihr habt keine Gesetzesgewalt und keinen Reichtum, Ihr seid nicht einmal Zauberer genug, Euch selbst vor dem Verbranntwerden zu sch�tzen. Ihr k�nnt kaum noch das eine, das Ihr besitzt, gebrauchen. F�r einen Mann, der innerhalb von sieben Tagen zweimal dem Tod entronnen ist, erzeugt Ihr eine gro�artige T�uschung von Machtlosigkeit.�</p><p>Er zog seine Knie hoch und lie� seinen Kopf auf sie niedersinken. Eine Zeitlang war er still, er wartete nicht, da� der Harfner sprechen w�rde. Es k�mmerte ihn nicht mehr. Das Feuer sprach zwischen ihnen in einer uralten Sprache, die keine R�tsel brauchte. Er dachte an Rendel und wu�te, da� er h�tte gehen sollen, doch er r�hrte sich nicht. Der Harfner sa� in gelassener Ruhe, so still wie uralte Wurzeln oder verwitterter Stein. Das Feuer, das Morgon aus seiner Gewalt entlassen hatte, erstarb. Durch die B�gen seiner Arme hindurch sah er zu, wie das Licht immer schw�cher wurde. Schlie�lich hob er den Kopf. Die Flamme lag zuckend in ihrer Asche; das Gesicht des Harfners war dunkel.</p><p>Er stand auf, die verbrannte Hand mit der anderen umschl�ssen. Er h�rte das schwache Rascheln, als der Harfner sich bewegte, und wu�te, da� der Harfner, schweigend und schlaflos, auch bei Morgengrauen noch dagewesen w�re, wenn er die ganze Nacht an diesem Feuer geblieben w�re. Er sch�ttelte den Kopf, sprachlos �ber die Verwirrung seiner eigenen Impulse.</p><p>�Ihr rei�t mich mit Eurem Harfenspiel aus meinen Tr�umen, und ich komme und kauere wie ein Hund in Eurer Stille. Ich w�nschte, ich w��te, ob ich Euch trauen soll oder ob ich Euch t�ten soll, oder ob ich vor Euch fliehen soll, weil Ihr ein Spiel treibt, das t�dlich ist. Braucht Ihr Nahrung? Wir k�nnen etwas von unserem Proviant entbehren.�</p><p>Es dauerte lange, ehe Thod ihm antwortete; die Antwort selbst war beinahe unh�rbar.</p><p>�Nein.�</p><p>�Gut.� Immer noch verharrte er, beide H�nde zu F�usten geballt, immer noch hoffte er auf ein einziges markloses Kn�chelchen der Wahrheit. Schlie�lich jedoch drehte er sich mit einer heftigen Bewegung um. Der Rauch, der vom verkohlten Holz aufstieg, brannte ihm in den Augen. Er ging drei Schritt in die Dunkelheit hinein, und beim vierten trat er in blauen Feuerschein, der aus dem Nichts hervorsprang und heller und heller wurde, ihn einh�llte und durchdrang, bis er aufschrie und st�rzte.</p><p>Beim Morgengrauen erwachte er, an jener Stelle auf dem Boden liegend, wo er gest�rzt war. Sein Gesicht war verklebt von Schmutz und zerfetzten d�rren Bl�ttern. Jemand schob ihm einen Fu� unter die Schulter und w�lzte ihn auf den R�cken. Er sah wieder den Harfner, der noch immer unter dem Baum sa�, vor sich einen Kreis von Asche. Und dann sah er, wer sich da �ber ihn beugte, um ihn beim Kragen seines Kittels zu packen und emporzurei�en.</p><p>Er sog Luft ein, um aufzuschreien in Qual und Wut; Ghisteslohms Hand schlug ihm scharf auf den Mund und brachte ihn zum Schweigen. Im selben Augenblick sah er die Augen des Harfners, nachtfinster, still wie das schwarze, unbewegte Wasser auf dem Grund des Erlenstern-Bergs, und irgend etwas in ihnen war ihm eine Herausforderung, die Bitterkeit, die in ihm aufstieg, hinunterzuschlucken. Mit steifen, ungelenken Bewegungen, die Morgon verrieten, da� er die ganze Nacht dort gesessen hatte, stand der Harfner auf. Mit einer merkw�rdigen Bedachtsamkeit legte er seine Harfe �ber die Asche ihres Feuers. Dann wandte er den Kopf, und Morgon folgte seinem Blick und sah Rendel, die wei� und stumm im Auge der aufgehenden Sonne stand.</p><p>Ein lautloser, verzweifelter Schrei schwoll in Morgons Brust an und zerschellte. Sie h�rte ihn; sie erwiderte seinen Blick mit der gleichen Verzweiflung. Ihr Haar war zerzaust, und sie sah sehr m�de aus, doch es schien ihr nichts geschehen zu sein.</p><p>Ghisteslohm sagte br�sk: �Wenn Ihr meinen Geist ber�hrt, werde ich sie t�ten. Versteht Ihr mich?� Er sch�ttelte Morgon grob, um seinen Blick von Rendel zu l�sen. �Habt Ihr verstanden?�</p><p>�Ja�, antwortete Morgon.</p><p>Und sogleich griff er den Gr�nder mit den F�usten an. Ein wei�es Feuer schlug ihm entgegen, fra� sich sengend durch seine Knochen, und er rutschte �ber den Boden, w�hrend er den Schwei� der Anstrengung aus seinen Augen zwinkerte, sich an Steinen und �sten festklammerte, um nur ja keinen Laut aus seinem Inneren herauszulassen, Rendel war zu ihm gelaufen; er sp�rte ihren Arm um seinen K�rper. Sie half ihm auf die F��e.</p><p>Er sch�ttelte den Kopf, versuchte, sie aus dem Feuerstrahl des Zauberers hinauszusto�en, doch sie hielt ihn nur noch fester und sagte: �H�r auf.�</p><p>�Ein vern�nftiger Rat�, bemerkte der Gr�nder. �Nehmt ihn Euch zu Herzen.�</p><p>Er sah matt und abgek�mpft aus im pl�tzlichen hei�en Licht. Morgon sah dunkle Schatten und scharfe Kanten in der Maske heiterer Gelassenheit, die er jahrhundertelang getragen hatte. Er war �rmlich gekleidet in eine grobes, formloses Gewand, das ihn tr�gerisch gebrechlich erscheinen lie�. Das Gewand war sehr staubig, als w�re auch er zu Fu� die Handelsstra�e hinuntergewandert.</p><p>Morgon, der sich abm�hte, an der Wut und dem Schmerz, die in ihm tobten, Worte vorbeizuzw�ngen, sagte: �Konntet Ihr das SpielEures Harfners nicht h�ren, da� Ihr raten mu�tet, wo Ihr mich an dieser Stra�e finden w�rdet?�</p><p>�Ein Blinder h�tte der Spur folgen k�nnen, die Ihr quer durch das Reich gezogen habt. Ich ahnte, da� Ihr nach Hed reisen w�rdet, und ich verfolgte Euch sogar dorthin, aber���</p><p>Seine erhobene Hand gebot Morgons pl�tzlicher Bewegung Einhalt. �Ihr wart dort gewesen und schon wieder fort. Ich habe keinen Krieg mit Bauern und K�hen; ich habe dort alles so gelassen, wie es war.� Schweigend betrachtete er Morgon einen Moment lang. �Ihr habt die Geister der Toten von An nach Hed gebracht. Wie?�</p><p>�Wie, glaubt Ihr wohl? Ihr habt mich die Macht des Landrechts gelehrt.�</p><p>�Aber nicht in diesem Ausma�.�</p><p>Morgon sp�rte pl�tzlich, wie sein Geist durchforscht wurde. Die Ber�hrung blendete ihn, lie� Erinnerungen an Entsetzen und Hilflosigkeit wach werden. Wieder war er hilflos mit Rendel an seiner Seite, und Tr�nen der Verzweiflung und der Wut verschlossen ihm die Kehle. Der Zauberer, der das geistige Band abtastete, das Morgon in Anuin zu den Toten hergestellt hatte, brummte leise vor sich hin und lie� ihn wieder frei. Das Licht der Morgensonne �berflutete wieder den Boden; er sah den Schatten des Harfners, der �ber den verkohlten Bl�ttern lag. Er starrte auf ihn hinunter; seine Reglosigkeit nagte an ihm, und seine Best�rzung wandelte sich in Erstarrung. Dann fielen ihm Ghisteslohms Worte wieder ein, und er hob den Blick.</p><p>�Was meint Ihr damit? Alles, was ich wei�, habe ich von Euch gelernt.�</p><p>Der Zauberer blickte ihn zweifelnd an, als w�re er ein R�tsel auf einer staubigen Rolle Pergament. Er antwortete nicht; statt dessen sagte er abrupt zu Rendel: �K�nnt Ihr die Gestalt wechseln?�</p><p>Sie trat einen Schritt n�her an Morgon heran und sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Nein.�</p><p>�Fast s�mtliche K�nige in der Geschichte von An haben zu irgendeiner Zeit einmal die Gestalt der Kr�he angenommen, und ich habe von Thod geh�rt, da� Ihr die geistigen Kr�fte eines Gestaltwandlers geerbt habt. Ihr werdet schnell lernen.�</p><p>Blut scho� ihr in das bleiche Gesicht, doch sie sah den Harfner nicht an.</p><p>�Ich weigere mich, die Gestalt zu wechseln�, sagte sie leise und f�gte in so wenig ver�ndertem Ton hinzu, da� sowohl Morgon als auch der Zauberer �berrascht waren: �Ich verfluche Euch in meinem Namen und in Madirs Namen. Augen sollt Ihr haben klein und feurig, die nicht h�her sehen als bis zum Knie eines Menschen und nicht tiefer als bis zum Schlamm unter���</p><p>Der Zauberer dr�ckte ihr seine Hand auf den Mund, und sie brach ab. Er zwinkerte, als h�tte er einen Moment lang einen Schleier vor den Augen gehabt. Seine Hand glitt zu ihrem Hals hinunter, und in Morgon spannte sich etwas bis zum gef�hrlichen �u�ersten, wie die Saite einer Harfe, die gleich rei�t.</p><p>Doch der Zauberer sagte nur trocken: �Erspart mir die n�chsten achtundneunzig Fl�che.�</p><p>Er hob die Hand, und sie r�usperte sich. Morgon sp�rte, da� sie zitterte.</p><p>Sie sagte nochmals: �Ich werde nicht meine Gestalt wechseln. Eher will ich sterben. Das schw�re ich bei meinem���</p><p>Wieder verschlo� der Zauberer ihr den Mund. Er betrachtete sie mit mildem Interesse, sagte dann �ber seine Schulter hinweg zu Thod: �Nimm sie durch das Hinterland mit dir zum Erlenstern-Berg. Ich habe f�r derlei keine Zeit. Ich werde ihren Geist bannen; sie wird nicht versuchen zu fliehen. Der Sternentr�ger wird mir nach Lungold folgen und dann zum Erlenstern-Berg.� Er schien etwas zu wittern, das von dem starren, schwarzen Schatten ausging, der auf dem Farnkraut lag; er drehte den Kopf. �Ich werde M�nner besorgen, die f�r Euch jagen und die sie bewachen.�</p><p>�Nein!�</p><p>Der Zauberer trat mit einer raschen, flie�enden Bewegung neben Morgon, so da� dieser nichts tun konnte, ohne da� Ghisteslohm es gewahrte. Seine Brauen waren zusammengezogen; er hielt die Augen des Harfners fest, bis Thod wieder zu sprechen anfing.</p><p>�Ich stehe in ihrer Schuld. In Anuin h�tte sie mich frei davongehen lassen, noch ehe Morgon je kam. Sie sch�tzte mich unwissentlich vor ihm, indem sie mich mit einem kleinen Heer von Geistern umgab. Ich stehe nicht mehr in Euren Diensten, und Ihr schuldet mir den Dienst von sechshundert Jahren. La�t sie ziehen.�</p><p>�Ich brauche sie.�</p><p>�Ihr k�nntet jeden der Zauberer von Lungold nehmen und Morgon auf diese Weise entmachten.�</p><p>�Die Zauberer von Lungold sind unberechenbar und allzu m�chtig. Weiterhin haben sie eine Neigung dazu, wegen sehr merkw�rdiger Anwandlungen zu sterben. Das hat Suth bewiesen. Gewi�, du hast recht, ich stehe in deiner Schuld, wenn f�r nichts anderes, so doch zumindest f�r dein verkr�ppeltes Harfenspiel, das den Sternentr�ger lockte, sich dir zu F��en zu knien. Aber verlange etwas anderes von mir.�</p><p>�Ich will nichts anderes. H�chstens vielleicht eine Harfe, die mit Wind besaitet ist, f�r einen, der keine H�nde hat, zu spielen.�</p><p>Ghisteslohm schwieg. Morgon, in dessen Erinnerung sich das schwache Echo irgendeines R�tsels r�hrte, hob langsam den Kopf und sah den Harfner an. Seine Stimme klang n�chtern und leidenschaftslos wie immer, doch in seinen Augen lag eine H�rte, die Morgon nie zuvor gesehen hatte. Ghisteslohm schien einen Augenblick lang auf einen Unterton zu lauschen: auf eine Stimme, die er durch das Rauschen des Morgenwindes hindurch nicht recht auffangen konnte.</p><p>Er sagte schlie�lich beinahe interessiert: �So. Selbst deine Geduld hat ihre Grenzen. Ich kann deine H�nde heilen.�</p><p>�Nein.�</p><p>�Thod, du bist starrk�pfig. Du wei�t so gut wie ich, um welchen Preis es in diesem Spiel geht, Morgon stolpert wie ein Blinder in seine Macht hinein. Ich will ihn im Erlenstern-Berg haben, und ich will nicht mit ihm k�mpfen m�ssen, um ihn dort hinzubringen.�</p><p>�Ich gehe nie wieder zum Erlenstern-Berg zur�ck�, sagte Morgon unwillk�rlich.</p><p>Der Zauberer ignorierte ihn; seine Augen ruhten gespannt, ein klein wenig zusammengezogen auf Thods Gesicht.</p><p>Thod sagte leise: �Ich bin alt und verkr�ppelt und sehr m�de. Ihr habt mir in Hel wenig mehr gelassen als mein Leben. Wi�t Ihr, was ich danach getan habe? Ich habe mein Pferd nach Caithnard gef�hrt und einen H�ndler gefunden, der mir nicht ins Gesicht spie, als ich ihn ansprach. Bei ihm tauschte ich mein Pferd gegen die letzte Harfe, die ich je besitzen werde. Und ich versuchte, auf ihr zu spielen.�</p><p>�Ich habe gesagt, da� ich���</p><p>�In diesem ganzen Reich steht mir nicht ein Hof offen, an dem ich spielen k�nnte, selbst wenn Ihr meine H�nde heiltet.�</p><p>�Dieses Risiko hast du vor sechs Jahrhunderten angenommen�, entgegnete Ghisteslohm. Seine Stimme war d�nn geworden. �Du h�ttest einen geringeren Hof als den meinen w�hlen k�nnen, um dort auf deiner Harfe zu spielen, irgendeinen unschuldigen, machtlosen Hof, dessen Unschuld diesen letzten Kampf nicht �berleben wird. Du wei�t das. Du bist zu weise, um zu Vorw�rfen zu greifen, und du mu�test niemals verlorener Unschuld nachtrauern. Du kannst hierbleiben und verhungern oder Rendel von An zum Erlenstern-Berg bringen und mir helfen, diesen Kampf zu beenden. Dann kannst du dir jede Belohnung nehmen, die du f�r deine Dienste haben willst.� Er machte eine Pause, dann f�gte er unwirsch hinzu: �Oder bist du mit einem geheimen, verborgenen Teil deines Wesens, den ich nicht erreichen kann, an den Sternentr�ger gebunden?�</p><p>�Ich schulde dem Sternentr�ger nichts.�</p><p>�Das war nicht meine Frage.�</p><p>�Ihr habt mir diese Frage schon einmal gestellt. In Hel. Wollt Ihr noch einmal eine Antwort?� Er hielt inne, als w�re ihm der pl�tzliche Zorn in seiner Stimme selbst unvertraut, und ruhiger fuhr er dann fort: �Der Sternentr�ger ist der Dreh- und Angelpunkt eines Spiels. Ich wu�te so wenig wie Ihr, da� er in Gestalt eines jungen F�rsten von Hed erscheinen w�rde, der in mir eine Zuneigung erwecken sollte, die der Liebe gef�hrlich nahe kam. Eine andere Bindung besteht nicht, und dies ist kaum von Bedeutung. Ich habe ihn Euch zweimal verraten. Aber Ihr m��t Euch einen anderen suchen, Rendel von An zu verraten. Ich stehe in ihrer Schuld. Auch dies ist eine Sache von geringer Bedeutung. Sie ist keine Bedrohung f�r Euch, und jeder Landherrscher im Reich kann an ihrer Stelle���</p><p>�Die Morgol?�</p><p>Thod war ganz still, atmete nicht, zuckte mit keinem Muskel. Er stand wie von Wind und Wetter aus Stein gemei�elt. Morgon wischte sich mit dem Handr�cken etwas aus dem Gesicht; erstaunt sah er, da� er weinte.</p><p>Schlie�lich sagte Thod sehr leise: �Nein.�</p><p>�So.� Der Zauberer betrachtete ihn, und um seine Mundwinkel bildeten sich haarfeine Linien der Ungeduld und der Gewalt. �Hier haben wir also etwas, das keine so bedeutungslose Angelegenheit ist. Ich habe mich schon gewundert. Wenn ich dich nicht wieder in meine Dienste aufnehmen kann, dann kann ich dich vielleicht �berreden. Die Morgol von Herun hat mit zweihundert ihrer Wachen vor Lungold ihr Lager aufgeschlagen. Die Wachen sind da, vermute ich, um die Stadt zu sch�tzen; die Morgol wartet, einem Gef�hl folgend, das mir unverst�ndlich ist, auf dich. Ich gebe dir die Wahl. Wenn du dich daf�r entscheidest, Rendel hier zur�ckzulassen, werde ich die Morgol mit mir zum Erlenstern-Berg nehmen, sobald ich mit Morgons Hilfe die letzten der Zauberer von Lungold bezwungen habe. W�hle!�</p><p>Er wartete. Der Harfner stand wieder reglos; selbst die verkr�ppelten Knochen seiner H�nde schienen spr�de. Die Stimme des Zauberers peitschte ihm ins Gesicht, und er zuckte zusammen. �W�hle!�</p><p>Rendel dr�ckte beide H�nde auf ihren Mund.</p><p>�Thod, ich gehe mit�, fl�sterte sie. �Ich werde Morgon sowieso folgen. Ich werde nicht eidbr�chig werden.�</p><p>Der Harfner sprach nicht. Sehr langsam schlie�lich ging er auf sie zu, die Augen auf Ghisteslohms Gesicht geheftet. Einen Schritt vor ihr blieb er stehen und holte Atem, um zu sprechen.</p><p>Mit einer blitzartigen Bewegung dann schlug er dem Gr�nder mit dem R�cken seiner verkr�ppelten Hand ins Gesicht.</p><p>Ghisteslohm wich zur�ck. Seine Finger bohrten sich bis auf den Knochen in Morgons Arm, aber der h�tte sowieso keinen Schritt tun k�nnen. Der Harfner fiel auf die Knie, �ber den frisch gebrochenen Knochen seiner Hand zusammengekr�mmt. Er hob das Gesicht, das wei� war, verzerrt von Schmerz und Qual, und das um nichts bat.</p><p>Einen Moment lang blickte Ghisteslohm stumm auf ihn hinunter, und Morgon sah in seinen Augen ein Flimmern, das der Widerschein zusammengebrochener Erinnerungen vieler Jahrhunderte h�tte sein k�nnen. Dann hob der Zauberer selbst die Hand. Eine Feuergarbe traf den Harfner �ber den Augen, schleuderte ihn nach r�ckw�rts ins Farnkraut, wo er reglos liegenblieb, blind zur Sonne emporstarrend.</p><p>Der Zauberer hielt Morgon mit seiner Hand und mit seinen Augen fest, bis dieser langsam merkte, da� er von einem trockenen, tr�nenlosen Schluchzen gesch�ttelt wurde, da� seine Muskeln zum Angriff gespannt waren. Der Zauberer ber�hrte fl�chtig seine Augen, als h�tte der Feuerstrahl, den sein Geist entz�ndet und abgeschleudert hatte, ihm Kopfschmerzen verursacht.</p><p>�Warum, in Hels Namen�, fragte er, �vergeudet Ihr Euren Gram an ihm? Seht mich an. Seht mich an!�</p><p>�Ich wei� es nicht!� schrie Morgon ihn an.</p><p>Er sah neue Feuerzungen durch die Luft schie�en und �ber den K�rper des Harfners lecken. Sie ber�hrten die dunkle Harfe, und das Instrument ging in Flammen auf. Die Luft war erf�llt vom Wimmern zerrei�ender Saiten. Rendel schimmerte pl�tzlich in reinem Feuer; der Zauberer ri� sie erbarmungslos mit seinem Geist in ihre nat�rliche Gestalt zur�ck. Sie war noch immer halb Feuer, und Morgon k�mpfte gegen eine pl�tzliche Aufwallung unb�ndiger Kraft, die ihr zum Verh�ngnis geworden w�re, als etwas in ihm gefror. Er wirbelte herum.</p><p>Ein Dutzend Reiter standen unter den B�umen und blickten neugierig her�ber. Ihre Pferde hatten die Farbe der Nacht, ihre Gew�nder die feuchtgl�nzenden, schillernden Farben des Meeres.</p><p>�Die Welt�, sagte einer der M�nner in die pl�tzliche Stille hinein, �ist f�r Harfner kein sicherer Ort.� Er neigte seinen Kopf in Richtung zu Morgon. �Sternentr�ger.� Sein bleiches, ausdrucksloses Gesicht schien im leichten Wind ein wenig zu wabern. Ein Geruch nach Salzwasser str�mte von ihm aus. �Ylons Tochter.� Der Blick seiner schimmernden Augen wanderte zu Ghisteslohm. �Erhabener.�</p><p>Fassungslos starrte Morgon die Reiter an. Sein Geist, der in rasender Geschwindigkeit M�glichkeiten des Handelns abspulte, wurde pl�tzlich leer. Sie hatten keine Waffen; ihre schwarzen Rosse standen unbewegt wie Stein, doch jeder Hauch einer Bewegung, sp�rte er, ein Wechsel im Licht, ein Vogelruf im falschen Ton, konnte einen erbarmungslosen Angriff ausl�sen. Sie schienen von absoluter Reglosigkeit befangen, wie gebannt in jenem Moment, bevor die Woge, nachdem sie ihren h�chsten Stand erreicht hat, sich bricht; ob aus Neugier oder einfach aus Unsicherheit, das wu�te er nicht. Er sp�rte, wie Ghisteslohms Hand seine Schulter umklammerte, und seltsamerweise war es ihm eine Beruhigung zu wissen, da� der Zauberer ihn lebend sehen wollte.</p><p>Der Gestaltwandler, der gesprochen hatte, beantwortete seine Frage mit feinem, zweideutigem Spott.</p><p>�Seid Jahrtausenden warten wir darauf, dem Erhabenen zu begegnen.�</p><p>Morgon h�rte, wie der Zauberer Luft holte.</p><p>�So. Ihr seid also die Brut der Meere von Ymris und An���</p><p>�Nein. Wir sind nicht des Meeres. Wir haben unsere Gestalt nach seinem Gesang geformt, der wie Harfenspiel ist. Ihr geht achtlos um mit Eurem Harfner.�</p><p>�Der Harfner ist meine Sache.�</p><p>�Er hat Euch treu gedient. Wir haben ihn �ber die Jahrhunderte beobachtet, wie er Eure Befehle ausf�hrte, Eure Maske trug, wartete. So, wie wir warteten, lange schon, ehe Ihr den Fu� auf diese Erde des Erhabenen setztet, Ghisteslohm. Wo ist der Erhabene?�</p><p>Lautlos und flie�end wie ein Schatten ging sein Pferd vorw�rts, blieb drei Schritte vor Morgon stehen. Er widerstand einem Impuls, zur�ckzuweichen. Die Stimme des Gr�nders, die verdrossen und ungeduldig klang, verwunderte ihn.</p><p>�Ich habe kein Interesse an R�tselspielen. Auch nicht an einem Kampf. Ihr nehmt Eure Gestalt von Toten und von Tang; Ihr atmet, Ihr spielt auf Euren Harfen und Ihr sterbt�� das ist alles, was ich wei�, das ist alles, was mich interessiert. Zur�ck mit Eurem Pferd, sonst reitet Ihr auf einem Haufen Seetangasche.�</p><p>Der Gestaltwandler zog sein Pferd einen Schritt zur�ck, ohne eine Miene zu verziehen. In seinen Augen fing sich das Licht wie in Wasser; einen Moment lang war es, als l�chelten sie.</p><p>�Meister Ohm�, sagte er, �kennt Ihr das R�tsel von dem Mann, der um Mitternacht die T�r seines Hauses �ffnete und vor sich nicht den schwarzen Himmel erblickte, sondern das pechschwarze Auge irgendeines unbekannten Gesch�pfes, das sich weit �ber sein Blickfeld hinaus bis in unme�bare Dimensionen erstreckte? Schaut uns noch einmal an. Und dann geht, ruhig und friedlich, und la�t den Sternentr�ger und unsere Verwandte zur�ck.�</p><p>�Schaut doch Ihr!� entgegnete der Gr�nder br�sk.</p><p>Morgon, der noch immer unter seinem Bann stand, wurde unter der Kraft, die aus ihm herausflo�, nach r�ckw�rts geschleudert; eine �berw�ltigende Kraft, die den Gestaltwandlern entgegenbrandete, eine Eiche f�llte und ver�ngstigte V�gel kreischend in die L�fte trieb. Das lautlose Donnern des Feuers rollte ihnen mit rasender Geschwindigkeit entgegen; Morgon f�hlte es, doch wie aus weiter Ferne, da der Zauberer seinen Geist dagegen abgeschirmt hatte. Als die geborstenen B�ume ruhig lagen, tauchten die Gestaltwandler langsam wieder aus der Schar der V�gel auf, die erschreckt in die Luft geflattert waren. Ihre Anzahl hatte sich verdoppelt; auch die reglosen Pferde waren Gestaltwandler gewesen. Ganz allm�hlich nahmen sie wieder ihre fr�heren Gestalten an, w�hrend Ghisteslohm, das sp�rte Morgon, dar�ber r�tselte, wie weit ihre Macht und ihre Kraft reichten. Seine Hand, die immer noch Morgons Schulter umfa�t hielt, war schlaff geworden. Ein Zweig in einem Busch knackte leise, und da griffen die Gestaltwandler an.</p><p>Eine Woge schimmernder Schw�rze, von lautlosen, muschelschwarzen Hufen getragen, w�lzte sich ihnen so schnell entgegen, da� Morgon kaum Zeit hatte zu reagieren. Er warf ein Trugbild von Nichts �ber sich selbst, das, so vermutete er, nur Rendel bemerkte; sie stie� einen unterdr�ckten Schrei aus, als er sie am Handgelenk packte. Etwas traf ihn�� ein Pferde-huf oder das Heft eines Schwertes, und er sp�rte, wie seine Muskeln sich spannten, den Todessto� zu empfangen. Doch nichts ber�hrte ihn, nur ein fl�chtiger Wind streifte �ber ihn hin. Er schickte seinen Geist voraus, meilenweit die Stra�e hin-unter, wo ein H�ndler auf dem Kutschbock eines Wagens, der mit Tuchballen beladen war, sich seine Langeweile mit Pfeifen vertrieb. Er f�llte Rendels Geist mit demselben lebendigen Bild, packte sie fest und zog sie mit sich in diese andere Wirklichkeit hinein.</p><p>Einen Augenblick sp�ter lag er neben ihr auf dem Boden des gro�en, �berdachten Wagens, und sein Blut flo� auf einen Ballen bestickten Leinens.</p></section><section><title><p><emphasis>Kap. 6</emphasis></p></title><p>Rendel schluchzte. Er versuchte, sie zu beruhigen, dr�ckte sie an sich, w�hrend er lauschte, doch sie konnte nicht aufh�ren. Durch ihr Weinen hindurch h�rte er das Knirschen der R�der im Staub und das Pfeifen des Fahrers, das durch die Tuchballen, die hinter ihm aufgestapelt waren, und durch die Plane, die den Wagen �berspannte, nur ged�mpft zu vernehmen war. Auf der Stra�e war es still; er h�rte keine Ger�usche, keinen Tumult hinter ihnen. Sein Kopf schmerzte; er lehnte sich gegen das Leinen. Seine Augen schl�ssen sich. Wieder donnerte Finsternis ger�uschlos auf ihn zu. Ein Wagenrad rumpelte polternd durch ein Schlagloch, und er fuhr hoch. Rendel entwand sich seinen Armen und setzte sich auf. Sie schob sich das Haar aus den Augen. �Morgon, er kam in der Nacht und holte mich, und ich war barfuߠ� ich konnte nicht einmal rennen. Ich dachte, du w�rst es. Ich habe nicht einmal Schuhe an. Was, in Hels Namen, wollte dieser Harfner nur? Ich verstehe ihn nicht. Ich��� Sie brach pl�tzlich ab und starrte ihn an, als w�re er ein Gestaltwandler, den sie unversehens neben sich gefunden hatte. Sie dr�ckte eine Hand auf ihren Mund und ber�hrte mit der anderen sein Gesicht. �Morgon...�</p><p>Er legte seine Hand auf ihre Stirn, blickte auf das Blut an seinen Fingern und stie� einen Laut der �berraschung aus. Eine H�lfte seines Gesichts brannte von der Schl�fe bis zum Unterkiefer hinunter wie Feuer. Seine Schulter schmerzte; sein Kittel fiel auseinander, als er ihn ber�hrte. Ein blutender, breiter Ri�, wie von einem scharfen Pferdehuf geschlagen, pflanzte sich von seinem Gesicht �ber seine Schulter bis zur Mitte seiner Brust fort.</p><p>Langsam richtete er sich auf und starrte auf die Blutflecken, die er auf dem Boden des Wagens, auf dem feinen Tuch des H�ndlers zur�ckgelassen hatte. Ein heftiges Zittern �berkam ihn pl�tzlich und dr�ckte sein Gesicht gegen seine Knie.</p><p>�Ich bin mit offenen Augen in diese Falle hineingelaufen.� Er fing an, sich selbst nach allen Regeln der Kunst zu verw�nschen, bis er sie aufstehen h�rte. Er packte sie am Handgelenk und zog sie wieder herunter. �Nein!�</p><p>�Willst du mich wohl loslassen! Ich werde dem H�ndler sagen, da� er anhalten soll. Wenn du mich nicht sofort losl��t, schreie ich.�</p><p>�Nein. Rendel, h�r mir zu. Willst du wohl zuh�ren! Wir befinden uns nur ein paar Meilen westlich von der Stelle, wo wir gefangen wurden. Die Gestaltwandler werden uns suchen. Und Ghisteslohm auch, wenn er nicht tot ist. Wir m�ssen ihnen entkommen.�</p><p>�Ich habe nicht einmal Schuhe an den F��en! Und wenn du mir jetzt sagst, da� ich mich verwandeln soll, dann verfluche ich dich.� Dann streichelte sie wieder seine Wange und schluckte. �Morgon, kannst du nicht aufh�ren zu weinen?�</p><p>�Hab5 ich noch nicht aufgeh�rt?�</p><p>�Nein.� Ihre eigenen Augen f�llten sich wieder mit Tr�nen. �Du siehst aus wie ein Gespenst aus Hel. Bitte la� dir von dem H�ndler helfen.�</p><p>�Nein!�</p><p>Der Wagen kam pl�tzlich mit einem Ruck zum Stehen. Morgon st�hnte. Unsicher stand er auf und zog sie hoch. Das verdutzte Gesicht des H�ndlers blickte durch einen Spalt in der Plane nach r�ckw�rts zu ihnen.</p><p>�Bei den Augen des Wolfsk�nigs, was macht Ihr dort hinten?� Er zog die Plane weiter auseinander, so da� das Licht auf sie fiel. �Schaut doch, was Ihr da mit dem bestickten Stoff angestellt habt! Ist Euch eigentlich klar, wieviel das kostet? Und der wei�e Samt dort.�</p><p>Morgon h�rte, wie Rendel Atem holte, um etwas zu erwidern. Er umfa�te ihre Hand und schickte seinen Geist vorw�rts wie einen Anker, der an seiner Kette �ber das Wasser geworfen wird und versinkt, um in den Wellen einen Ruheplatz zu finden. Er fand ein stilles, sonnenbeschienenes St�ck Stra�e, wo nur ein einsamer Musikant auf dem R�cken seines Pferdes vor sich hin tr�llerte, w�hrend er gen Lungold ritt. Morgon bannte Rendels Geist, so da� sie mitten im Satz innehielt, und trat mitten hinein in den Gesang.</p><p>Nur kurz standen sie auf der Stra�e, w�hrend der S�nger sich von ihnen entfernte, ohne sie zu bemerken. Das pl�tzliche Licht drehte sich in wirbelnden Kreisen um Morgon. Rendel lehnte sich mit einer �berraschenden Kraft gegen die Umklammerung durch seinen Geist auf. Sie war zornig, das sp�rte er, und darunter voller Angst. Sie h�tte seinen Bann brechen k�nnen, das wu�te er pl�tzlich, als er den unersch�pflichen Kraftquell in ihr witterte, doch sie war zu ver�ngstigt, um ihre Gedanken und ihre Energien zu b�ndeln. Formlos, weit ge�ffnet flog sein Geist wieder �ber die Stra�e dahin, ber�hrte das Wesen von Pferden, eines Falken, von Kr�hen, die pickend um ein erloschenes Lagerfeuer hockten. Ein Bauernbursche, der sein Erbe hinter sich lie� und auf einem alten Ackergaul die Stra�e hinunterritt, um in Lungold sein Gl�ck zu machen, war neuer Ankerplatz f�r Morgons Geist. Wieder ging Morgon vorw�rts. W�hrend sie in der Staubwolke standen, die der Ackergaul aufgewirbelt hatte, h�rte Morgon sein eigenes keuchendes, ersch�pftes Atmen. Irgend etwas traf mit schmerzhaften Schl�gen seinen Geist, und beinahe h�tte er sich gewehrt; dann aber merkte er, da� es Rendels geistiger Schrei war. Er brachte ihren Geist und den seinen zur Ruhe und blickte weit voraus, die Stra�e hinunter.</p><p>Ein Schmied, der von Dorf zu Dorf wanderte, Pferde beschlug und Kessel flickte, sa� d�send in seinem Wagen und tr�umte von k�hlem Bier. Morgon tr�umte seinen Traum mit ihm und folgte ihm durch den hei�en Morgen. Rendel war seltsam still. Ein heftiges Verlangen, mit ihr zu sprechen, �berkam ihn, doch er wagte nicht, seine Konzentration zu brechen.</p><p>Wieder �ffnete er seinen Geist und warf ihn aus und h�rte schlie�lich das Gel�chter einer Gruppe von H�ndlern. Er sog es in sich ein, bis es unmittelbar neben ihm unter den B�umen war. Und da entglitt ihm pl�tzlich Rendels Geist. Best�rzt suchte er nach ihm, ber�hrte aber nur die unbestimmten Gedanken von B�umen oder Tieren. Er konnte sie mit seinem Geist nicht finden. Als seine Konzentration zerbrach, sah er sie vor sich stehen.</p><p>Sie atmete hastig, w�hrend sie ihn anstarrte. Ihr K�rper war gespannt, als wollte sie schreien oder zuschlagen.</p><p>�Noch einmal�, sagte er. �Bitte. Zum Schlu�.�</p><p>Sie z�gerte einen Moment, dann nickte sie. Er ber�hrte ihre Hand und ihren Geist. Er tastete im Sonnenlicht nach k�hlen Wesen: Fischen, Wasserv�geln, Flu�bewohnern. Der Flu� tauchte vor ihnen auf; sie standen an seinem Ufer auf einer weichen, grasbewachsenen Lichtung, von hohem Farnkraut umgeben.</p><p>Er gab Rendel frei, fiel auf H�nde und Knie und trank. Die Stimme des Wassers k�hlte das Brennen der Sonne, deren sengende Strahlen seinen Geist blendeten. Er blickte zu Rendel auf und wollte sprechen. Er konnte sie nicht sehen. Da streckte er sich wieder aus, das Gesicht nahe am Wasser, und schlief ein.</p><p>Mitten in der Nacht erwachte er und sah Rendel neben sich sitzen. Im sanften Schein ihres Feuers wachte sie �ber ihn. Lange sahen sie einander an, ohne zu sprechen, wie in Erinnerungen versunken. Dann ber�hrte Rendel sein Gesicht. Ihre Z�ge waren gespannt; in ihren Augen stand ein Ausdruck, den er nie zuvor gesehen hatte.</p><p>Ein merkw�rdiger Schmerz lag ihm beengend in der Kehle.</p><p>�Verzeih mir�, fl�sterte er. �Es war der letzte Ausweg.�</p><p>�Es ist ja gut.� Sie pr�fte den Verband auf seiner Brust; er sah, da� er aus Streifen ihres Hemdes war. �Ich habe dir Kr�uter aufgelegt, wie die Schweinehirtin�� ich meine Nun�� sie verletzten Schweinen aufzulegen pflegte. Ich hoffe, sie tun auch bei dir ihre Wirkung.�</p><p>Er nahm ihre H�nde in die seinen und hielt sie fest.</p><p>�Bitte. Sag es.�</p><p>�Ich wei� nicht, was ich sagen soll. Niemand hat je zuvor meinen Geist beherrscht. Ich war so w�tend auf dich, da� ich mich nur noch von dir befreien und nach Anuin zur�ckkehren wollte. Und dann�� es gelang mir, mich zu befreien. Und ich bin bei dir geblieben, weil du�� weil du um das Wesen der Macht wei�t. Die Gestaltwandler, die mich ihre Verwandte nannten, besitzen dieses Wissen auch, aber dir vertraue ich.�</p><p>Sie schwieg; er wartete. Er sah sie seltsam verwandelt im Feuerschein. Die wirre Masse ihres Haares war wie frischer Seetang, ihre Haut glatt schimmernd wie Perlmutt, der Ausdruck auf ihrem Gesicht st�ndig wechselnd wie das Spiel des Lichts auf dem Meer.</p><p>Ganz pl�tzlich wandte sie ihr Gesicht von ihm ab.</p><p>�Ich will nicht, da� du mich so ansiehst!�</p><p>�Verzeih mir�, sagte er wieder. �Du hast so sch�n ausgesehen. Wei�t du, was f�r eine Macht man besitzen mu�, um die Fesseln eines Banns zu zerrei�en, den ich gelegt habe?�</p><p>�Ja. Die Macht eines Gestaltwandlers. Und die besitze ich.�</p><p>Stumm sah er sie an. Ein feiner Schauder von K�lte durchrann ihn.</p><p>�Und diese Macht haben sie.� Abrupt setzte er sich auf, bemerkte kaum das schmerzhafte Ziehen von seiner Schulter abw�rts. �Warum wenden sie sie nicht an? Sie wenden sie niemals an. Sie h�tten mich l�ngst t�ten sollen. In Herun h�tte der Gestaltwandler Corrig mich t�ten k�nnen, w�hrend ich schlief; statt dessen spielte er nur auf seiner Harfe. Er forderte mich heraus, ihn zu t�ten. In Isig�� drei Gestaltwandler brachten es nicht fertig, einen Bauernf�rsten aus Hed zu t�ten, der in seinem Leben nie ein Schwert in der Hand gehabt hatte! Was, in Hels Namen, sind sie? Was wollen sie von mir? Was will Ghisteslohm?�</p><p>�Glaubst du, sie haben ihn get�tet?�</p><p>�Ich wei� es nicht. Er war wahrscheinlich gescheit genug zu fliehen. Es wundert mich, da� wir ihn nicht neben uns im Wagen fanden.�</p><p>�Sie werden dich in Lungold suchen.�</p><p>�Ich wei�.� Er strich sich mit der Hand �ber das Gesicht. �Ich wei�. Vielleicht gelingt es mir mit der Hilfe der Zauberer, sie von der Stadt fortzuschicken. Ich mu� schnell hin. Ich muߠ��</p><p>�Ich wei�.� Sie holte einmal tief Atem und stie� m�de die Luft wieder aus. �Morgon, lehre mich die Kr�hengestalt. Das ist wenigstens eine Maske der K�nige von An. Und fliegen ist schneller als barfu� marschieren.�</p><p>Er hob den Kopf. Dann streckte er sich aus und zog sie zu sich herunter, w�hrend er versuchte, all die Gedanken in Worte zu fassen, die sich in seinem Kopf dr�ngten.</p><p>�Ich werde lernen, auf der Harfe zu spielen�, sagte er schlie�lich und sp�rte ihr L�cheln an seiner Brust.</p><p>Seine Gedanken verdichteten sich pl�tzlich zu einer einzigen Erinnerung an die stockenden Kl�nge einer Harfe in der Finsternis. Erst als er die Hand hob, um seine Augen zu ber�hren, merkte er, da� er wieder weinte. Rendel war still, hielt ihn nur z�rtlich umfangen.</p><p>Nach langer Zeit, als das Feuer weit heruntergebrannt war, sagte er: �Ich habe in dieser letzten Nacht nicht bei Thod gesessen, weil ich hoffte, ihn zu verstehen, sondern weil er mich dort hinzog, weil er mich dort haben wollte. Und er hielt mich nicht mit seinem Harfenspiel oder mit seinen Worten, sondern mit einer Kraft, die so m�chtig war, da� sie mich �ber all meinen Zorn hinweg an ihn band. Ich kam, weil er es wollte. Er wollte es, deshalb kam ich. Verstehst du das?�</p><p>�Morgon, du hast ihn geliebt�, fl�sterte sie. �Das war die Bindung.�</p><p>Er schwieg wieder, w�hrend er vor sich das stille, beschat-tete Gesicht jenseits der Flammen sah und dem Schweigen des Harfners lauschte, bis er den d�nnen Gesang von R�tseln zu h�ren glaubte, die wie Spinnweben in der Dunkelheit zu einem weitverzweigten, geheimen Spiel gesponnen wurden, das seinen Tod selbst zum R�tsel machte. Schlie�lich benebelte eines der Kr�uter, die Rendel auf seine Brust und seine Wange gelegt hatte, seinen Geist, und er schlief wieder.</p><p>Am folgenden Morgen, als sie zur Zeit der D�mmerung erwachten, lehne er sie die Kr�hengestalt. Er trat in ihren Geist ein, fand tief in seinem Inneren Bilder von Kr�hen, Geschichten von ihnen, Erinnerungen, von denen sie kaum wu�te, da� sie vorhanden waren; die unergr�ndlichen, kr�henschwarzen Augen ihres Vaters, Kr�hen unter Eichen, die Raiths Schweineherden umringten, Kr�hen, die durch die Geschichte von An flogen, Totenv�gel, Botenv�gel, Grabw�chter, und ihre Stimmen waren voll von Spott, voll grimmiger Warnung und voll Poesie.</p><p>�Woher sind die alle gekommen?� murmelte sie erstaunt.</p><p>�Sie geh�ren zum Landrecht von An. Sie sind ein Teil der Kraft und des Herzens von An. Nicht mehr.�</p><p>Eine schl�frige Kr�he rief nach ihr von einem der B�ume herunter, die um sie herum standen; sie landete auf seinem Arm.</p><p>�Kannst du in meinen Geist eintreten? Hinter meine Augen in meine Gedanken sehen?�</p><p>�Ich wei� nicht.�</p><p>�Versuch es. Es wird dir nicht schwerfallen.�</p><p>Er �ffnete seinen Geist dem der Kr�he, sog ihn in sich hinein, bis er sein eigenes verwischtes, namenloses Gesicht aus ihren Augen sah. Unter welkem Laub, unter Eichenwurzeln h�rte er das Rascheln und Knistern von Bewegung, so klar und pr�zise wie die T�ne einer Fl�te. Er fing an, die Sprache der Kr�he zu verstehen. Sie kr�chzte einmal kurz, mehr neugierig als ungeduldig. Dann f�llte sich sein Geist mit einer Bewu�theit von Rendel, so als w�re sie in ihm, ber�hrte ihn sanft, durchflutete ihn wie Licht. Einen Moment lang n�hrten sich die drei Wesen furchtlos, suchend voneinander. Dann schrie die Kr�he auf; ihre Schwingen rauschten schwarz an Morgons Augen vor�ber. Er war allein in seinem Geist, suchte tastend nach etwas, das aus ihm entwichen war. Eine Kr�he flatterte auf und landete auf seiner Schulter. Er sah ihr in die Augen.</p><p>Er l�chelte langsam. Mit ungeschickt flatternden Schwingen schwang sich die Kr�he zu einem hohen Ast hinauf. Sie verfehlte ihn, als sie landen wollte. Dann fing sie sich, und die feine Ausgewogenheit von Instinkt und Verstand in ihr geriet ins Schwanken. Aus der Kr�he wurde Rendel.</p><p>Atemlos und verdutzt blickte sie auf Morgon hinunter.</p><p>�H�r auf zu lachen. Morgon, ich bin geflogen. Und wie, in Hels Namen, komm ich da jetzt wieder hinunter?�</p><p>�Flieg.�</p><p>�Ich wei� nicht mehr, wie das geht.�</p><p>Er flog zu ihr hinauf. Die Schwinge �ber der nur halb verheilten Wunde war steif. Er verwandelte sich wieder in seine nat�rliche Gestalt. Warnend �chzte der Ast unter seinem Gewicht.</p><p>�Gleich fallen wir in den Flu�!� schrie sie auf. �Morgon, der Ast bricht���</p><p>Mit einem Kr�chzen flatterte sie wieder auf. Morgon folgte ihr. Sie zogen schwarze Linien durch das Licht des Sonnenaufgangs, erhoben sich hoch �ber die W�lder, unter sich endloses dunkles Gr�n und das helle Band der Stra�e, die es auf ihrem Weg quer durch das ganze Reich durchschnitt. Sie stiegen so weit in die L�fte, da� die Wagen der H�ndler nur noch winzige, m�hsam dahinkriechende Insekten waren. Sie lie�en sich langsam abw�rts fallen, kreisten miteinander, w�hrend ihre Fl�gel im gleichen gem�chlichen Rhythmus schlugen und sie immer kleiner werdende Ringe in das Sonnenlicht schnitten, bis sie schlie�lich dicht �ber dem Flu� einen letzten schwarzen Kreis zogen. Sie landeten im Farnkraut am Ufer und wechselten die Gestalt. Wortlos blickten sie einander an.</p><p>�Deine Augen sind voll des Flugs�, fl�sterte Rendel.</p><p>�Deine Augen sind voll der Sonne.�</p><p>Zwei Wochen lang flogen sie in Kr�hengestalt. Die stillen, goldenen Eichenw�lder wichen am Rand des Hinterlands unter ihnen zur�ck. Die Stra�e machte einen Knick, wandte sich nordw�rts durch �ppige, dunkle Fichtenw�lder, deren Schweigen unber�hrt schien vom Lauf der Jahrhunderte. Sie wand sich kahle, steinige H�gel hinauf, die in der Mittagssonne wie hei�es Messing schimmerten, �berspannte Schluchten, auf deren Grund silbernes Wasser aus den Lungoldseen blitzte und sch�umend gegen steile Felsw�nde schlug. Die B�ume verschmolzen unter den Augen der Kr�hen zu einem dunkelgr�nen Schleier, der sanft wogend dem schwachen blauen Dunst der Berge entgegenwehte, die die fernen westlichen R�nder des Hinterlandes begrenzten. Bei Tag erhitzte die Sonne den Himmel zu einem harten, metallischen Blau. Die Nacht bestreute ihn von einem Horizont zum anderen, bis hinunter zum Rand der Welt mit glitzernden Sternen. Die Stimmen des Hinterlands, die Stimmen von Erde und Stein und uralten, ungez�hmten Winden waren wie die Ewigkeit. Unter ihnen lag eine Stille, die so unerbittlich war wie Granit. Morgon f�hlte sie, w�hrend er flog; er sog sie mit seinem Atem in seine Knochen ein, sp�rte ihre fremde, kalte Ber�hrung an seinem Herzen. Zu Beginn versuchte er, ihr zu entrinnen, versuchte, Rendels Geist zu erreichen, um die unbestimmte, unartikulierte Sprache teilen zu k�nnen. Dann aber verwob sich die Stille langsam mit dem Rhythmus seines Flugs und wurde ihm schlie�lich zum Gesang. Endlich, als er sich kaum noch seiner eigenen Sprache erinnerte und Rendel nur noch als einen dunklen, vom Wind gemei�elten Schatten kannte, sah er, da� sich die B�ume vor ihnen teilten. In der Ferne leuchtete an den Gestaden des ersten der Lungoldseen die wunderbare Stadt, die Ghisteslohm gegr�ndet hatte. Kupfer und Bronze und Gold ergl�nzten in den letzten Strahlen der Sonne.</p><p>Mit m�dem Fl�gelschlag n�herten sich die Kr�hen ihrem Ziel. Rund um die Stadt waren die W�lder meilenweit zur�ckgedr�ngt, um Feldern, Weiden und Obstpflanzungen Raum zu geben. Der k�hle Duft der Fichten wich dem Geruch frisch gepfl�gter Erde und reifenden Getreides. Von Schatten gefleckt war das letzte St�ck zerfurchter Stra�e, das in die Stadt hineinf�hrte. Das Stadttor war ein anmutiger, sich hoch emporw�lbender Bogen aus gl�nzendem, dunklem Holz und wei�em Stein. Die Stadtmauern waren gewaltig und von ungeheurer Dicke, von Strebepfeilern aus Holz und Stein getragen, die sich hoch �ber die Geb�ude jenseits der alten Grenzen der Stadt emporschwangen. Neuere Stra�en hatten Breschen in die alten Mauern geschlagen; kleinere Tore waren in sie eingelassen; H�user und L�den waren an den Mauern gewachsen und sogar auf ihnen, als h�tten ihre Erbauer die Angst und das Entsetzen l�ngst vergessen, das sieben Jahrhunderte zuvor die Mauern errichtet hatte.</p><p>Die Kr�hen erreichten das Haupttor, rasteten unter den B�gen. Die Torfl�gel sahen aus, als w�ren sie seit Jahrhunderten nicht mehr geschlossen worden. Sie waren aus massiver Eiche, mit Bronze beschlagen, in bronzenen Angeln aufgeh�ngt. V�gel nisteten auf den Angeln. Innerhalb der Mauern verzweigte sich ein Gewirr kopfsteingepflasterter Stra�en in alle Richtungen; leuchtend bemalte Gasth�user wechselten ab mit Zunfth�usern, Kaufl�den und Werkst�tten von Handwerkern, Wohnh�usern, deren Fenster mit Blumen geschm�ckt waren. Morgon schwang seinen Blick �ber seine Kr�henaugen hinaus und sp�hte �ber D�cher und Kamine hinweg zum Nordrand der Stadt. Die untergehende Sonne lag leuchtend auf dem Weg, entz�ndete ihn in rotgoldenem Feuer, bis die Fischerboote, die an den Docks vert�ut lagen, auf dem Wasser zu brennen schienen.</p><p>In der Nische zwischen dem offenen Torfl�gel und der Stadtmauer flatterte er zu Boden und wechselte die Gestalt. Rendel folgte ihm. Sie standen da und sahen einander an. Ihre Gesichter waren schmal und mager, gepr�gt von der Wildnis und der Stille des Hinterlandes. Ihre eigenen K�rper waren ihnen selbst halb fremd. Dann fiel Morgon ein, da� er einen Arm hatte, und er legte ihn um Rendels Schultern und k��te sie beinahe zaghaft. Langsam kam wieder Ausdruck in ihre Z�ge.</p><p>�Was, in Hels Namen, haben wir getan?� fl�sterte sie. �Morgon, mir ist, als h�tte ich hundert Jahre lang getr�umt.�</p><p>�Nur zwei Wochen. Wir sind in Lungold.�</p><p>�La� uns nach Hause zur�ckkehren.� Dann trat ein seltsamer Ausdruck in ihre Augen. �Was haben wir gegessen?�</p><p>�Denk nicht daran.�</p><p>Er lauschte. Durch das offene Tor kamen kaum noch Wagen; er h�rte nur einen gem�chlich trottenden Reiter, der wie eine Vorhut des Zwielichts in die Stadt kam. Morgon nahm Rendels Hand.</p><p>�Komm, gehen wir.�</p><p>�Wohin?�</p><p>�Riechst du es nicht? Es ist da, an den R�ndern meiner Wahrnehmung. Ein Gestank nach Macht.�</p><p>Er zog ihn durch die gewundenen Stra�en. Die Stadt war ruhig, die Menschen sa�en beim Essen; die verlockenden D�fte, die aus den Gasth�usern drangen, machten ihnen den Mund w��rig. Aber sie hatten kein Geld, sahen beinahe aus wie Bettler in ihren abgerissenen Kleidern. Der giftige Hauch verfallener, mi�brauchter Macht zog Morgon zum Herzen der Stadt, durch breite Stra�en, die von eleganten L�den und den H�usern wohlhabender H�ndler ges�umt waren. In der Mitte der Stadt stiegen die Stra�en an. Auf dem Gipfelpunkt der Anh�he verloren sich die pr�chtigen H�user. Die Stra�en endeten abrupt. Auf einer weiten, verw�steten Fl�che Landes erhob sich die steinerne H�lle der uralten Schule, einstmals aus der Macht und der Kunst der Zauberer erschaffen. Ihre verfallenen, leeren Mauern leuchteten im letzten Licht.</p><p>Morgon blieb stehen. Eine seltsame Sehnsucht regte sich schmerzhaft in ihm, als h�tte er einen Blick auf etwas getan, das er niemals besitzen konnte und von dem er nie zuvor gewu�t hatte, da� er es w�rde besitzen wollen. Ungl�ubig sagte er: �Kein Wunder, da� sie kamen. Er hat ihr eine solche Sch�nheit gegeben.�</p><p>In riesigen, halbzerst�rten S�len enth�llte sich ihnen der Reichtum des Reiches. Geborstene Fenster mit zackig gebrochenen Scheiben, die in den Farben von Edelsteinen leuchteten, waren in Gold gerahmt. An den inneren W�nden, die von Feuer geschw�rzt* waren, erinnerten halbverkohlte Balken aus heller Esche und Ebenholz, aus Eiche und Zeder noch an kostbare T�felungen. Hier und dort blitzten an einem vom Feuer angefressenen, umgest�rzten Pfeiler noch Beschl�ge aus Kupfer und Bronze. Hohe Bogenfenster, durch die die Regenbogenstrahlen gebrochenen Lichts fielen, lie�en die Illusion von Frieden und Beschaulichkeit ahnen, die die rastlosen, getriebenen Geister, die in der Schule Zuflucht gesucht hatten, eingelullt hatte. �ber sieben Jahrhunderte hinweg sp�rte Morgon ihren Trug und ihre Verhei�ung�� hier hatten sich die begabtesten und m�chtigsten M�nner und Frauen des Reiches eingefunden, um ihr Wissen miteinander zu teilen, um ihre geistigen Kr�fte zu erforschen und beherrschen zu lernen. Wieder bedr�ngte jene unbestimmte Sehnsucht sein Herz; er konnte ihr keinen Namen geben. Schweigend stand er da und blickte auf die tote Schule, bis Rendel ihn ber�hrte.</p><p>�Was ist?�</p><p>�Ich wei� nicht. Ich w�nschte�� ich w�nschte, ich h�tte hier studieren k�nnen. Die einzige Kraft, die ich je kennengelernt habe, ist die Ghisteslohms.�</p><p>�Die Zauberer werden dir helfen�, sagte sie, aber darin fand er keinen Trost.</p><p>Er sah sie an.</p><p>�W�rdest du mir einen Gefallen tun? Nimm wieder Kr�hengestalt an. Ich trage dich auf meiner Schulter, w�hrend ich sie suche. Ich wei� nicht, was f�r Fallen oder Bannspr�che hier noch verwurzelt sind.�</p><p>Sie nickte m�de, ohne etwas zu sagen, und verwandelte sich. Sie hockte sich auf seine Schulter, dicht an sein Ohr, und er trat auf das Gel�nde der Schule. Nirgends wuchsen B�ume; Gras wucherte nur stellenweise in den wei�en Furchen versengter Erde. Zertr�mmerte Steine lagen noch dort, wo sie niedergefallen waren, bargen tief in ihrem Inneren noch immer eine brennende Erinnerung der Macht. Seit Jahrhunderten war hier nichts ber�hrt worden. Morgon f�hlte es, als er sich dem Schulgeb�ude selbst n�herte. Der schreckliche Hauch der Zerst�rung hing wie eine Warnung �ber all der Pracht. Er schritt leise vorw�rts, �ffnete seinen Geist, um ihn in die stillen Hallen vorauseilen zu lassen.</p><p>Zimmer und S�le stanken nach einem vertrauten Namen. In vielen fand er Skelette, die unter den Tr�mmern eingest�rzter W�nde begraben waren. Erinnerungen an Hoffnung und Kraft und Verzweiflung sammelten sich um ihn wie Gespenster. Er begann leicht zu schwitzen, w�hrend Schatten einer alles verheerenden, hoffnungslosen Schlacht sich fein und leicht wie Staub �ber ihn senkten. Als er den gro�en, runden Saal im Herzen des Geb�udes betrat, sp�rte er im Inneren seiner Mauern noch immer den donnernden Widerhall einer entsetzlichen Explosion von Ha� und Verzweiflung. Er h�rte, wie die Kr�he auf seiner Schulter einen rauhen, kehligen Laut ausstie�; ihre Krallen bissen in seine Schulter. Er stieg �ber die Zimmerdecke hinweg, die in unz�hlige Teile zerschmettert auf dem Boden lag, und gelangte zu einer T�r im Hintergrund des Saales. Die T�r, die nur noch in Splittern in ihren Angeln hing, f�hrte in eine weitr�umige Bibliothek. Ein unerme�licher Schatz an B�chern lag zerfetzt und verkohlt auf dem Boden. Unerbittlich hatte das Feuer in den Regalen gew�tet und wenig mehr zur�ckgelassen als die R�cken und Skelette der Zauberb�cher, die so alt waren wie das Reich oder �lter. Der Geruch von verbranntem Leder hing noch immer im Raum, als h�tte in sieben Jahrhunderten nichts die Luft bewegt.</p><p>Er wanderte von Gemach zu Gemach. In einem fand er geschmolzene Pf�tzen von Gold und Silber, wertvolle Metalle und geborstene Edelsteine, mit denen die Sch�ler gearbeitet hatten; in einem anderen die Gebeine kleiner Tiere. In einem dritten fand er Betten. Das Skelett eines Kindes lag zusammengekr�mmt unter den Decken eines dieser Betten. Da drehte er um und suchte sich seinen Weg durch die geborstene Mauer zur�ck in den Abend. Doch die Luft war erf�llt von stummen Schreien, und die Erde unter seinen F��en war tot.</p><p>Er hockte sich auf einem Haufen Steine nieder, die aus einer Ecke des Geb�udes herausgerissen waren. Von der kahlen H�he des H�gels abw�rts dehnte sich das Gewirr von D�chern zu den verfallenden Mauern hin. Sie waren alle aus Holz. Lebhaft sah er vor sich ein Meer von Feuer, das sich �ber die ganze Stadt ausbreitete, Felder und Obstpflanzungen niederbrannte, am Seeufer entlang in die W�lder hineinwogte, �ber denen sich ein hei�er Sommerhimmel spannte, ohne Hoffnung auf Regen, der das Feuer h�tte ersticken k�nnen. Er lie� sein Gesicht in die H�nde sinken und fl�sterte: �Was, in Hels Namen, tue ich hier? Er hat Lungold einmal zerst�rt; und jetzt werden er und ich es wieder zerst�ren. Die Zauberer sind nicht hierher zur�ckgekehrt, um ihm den Kampf anzusagen; sie sind hierher zur�ckgekehrt, um zu sterben.�</p><p>Die Kr�he murmelte etwas. Er stand wieder auf, blickte auf die massige Ruine des Hauses, die sich dunkel vor dem leuchtenden Abglanz der untergehenden Sonne abhob. Er warf seinen Geist aus und ber�hrte nur Erinnerungen. Er lauschte und h�rte nur das Echo eines Namens, der seit Jahrhunderten verflucht wurde. Entmutigt lie� er die Schultern sinken.</p><p>�Wenn sie hier sind, dann h�ten sie sich wohl... Ich wei� nicht, wie ich sie suchen soll.�</p><p>Rendels Stimme brach mit einer kurzen, nur im Geist gesprochenen Bemerkung durch das Wesen der Kr�he. Er drehte den Kopf und blickte in die schwarzen, forschenden Augen.</p><p>�Ja, gut. Ich wei�, da� ich sie finden kann. Ich kann ihre Trugbilder durchschauen und ihre geistigen Fesseln durchbrechen. Aber, Rendel�� sie sind gro�e Zauberer. Sie gelangten durch Neugier, Disziplin, Integrit�t�� vielleicht sogar Freude an ihre Macht. Sie eroberten sie sich nicht, indem sie schreiend auf dem Grund des Erlenstern-Bergs lagen. Niemals haben sie in das Landrecht eingegriffen oder einen Harfner von einem Ende des Reichs zum anderen gehetzt, um ihn zu t�ten. Mag sein, da� sie mich hier brauchen, um mit ihnen zu k�mpfen, aber ich frage mich, ob sie mir vertrauen werden.� Die Kr�he schwieg; er streichelte mit einem Finger ihre Brust. �Ich wei�. Es gibt nur einen Weg, das herauszufinden.�</p><p>Er wanderte wieder zur�ck in die Ruine. Diesmal �ffnete er sich ganz und gar all der Qual der Zerst�rung und den noch umherirrenden Erinnerungen an einen vergessenen Frieden. Wie ein facettenreicher Edelstein reflektierte sein Geist alle Farben und T�nungen verbliebener geistiger Macht, wie sie aus geborstenen Steinen, aus der unber�hrten Seite eines Zauberbuchs, aus vielen uralten Ger�ten aufstieg, die er bei den Toten fand�� aus Ringen, seltsam geschnitzten St�ben, Kristallen, in denen erstarrtes Licht eingeschlossen war, Skelette gefl�gelter Tiere, denen er keinen Namen geben konnte. Er tastete all die verschiedenen Nuancen der Macht ab, fand all ihre Quellen. Einmal, als er ein schwelendes Feuer zu seinem Ursprung tief in einem T�mpel geschmolzenen Eisens verfolgte, sprengte er das Becken versehentlich und erkannte, da� das Eisen selbst ein Schmelztiegel des Wissens gewesen war. Die Druckwelle warf die Kr�he hoch in die Luft und ri� Steine aus der Decke. Er selbst war wie in einem Reflex mit dem Kraftsto� verschmolzen, hatte sich nicht gegen ihn aufgelehnt; die Kr�he, die �ngstlich kr�chzend umherflatterte, sah, wie er aus starrem Stein wieder zum Menschen wurde. Er hielt sie in seinen H�nden, um sie zu beruhigen, w�hrend er voll Verwunderung und Staunen �ber die Geheimnisse der alten Zauberkunst nachdachte. Alles, was sein Geist ber�hrte�� Holz, Glas, Gold, Pergament, Knochen��, barg in sich ein Aschest�ubchen von geistiger Kraft. Er forschte geduldig, nichts auslassend, entz�ndete einen Holzspan, den er von einem Dachbalken abri�, als es so dunkel wurde, da� er nichts mehr sehen konnte. Gegen Mitternacht schlie�lich, als die Kr�he auf seiner Schulter schlummerte, wanderte sein Geist durch eine T�r, die es nicht gab.</p><p>Es war ein machtvoller Trug; er hatte zuvor schon auf die T�r geblickt und nicht durch sie hindurchgesehen, keinen Drang versp�rt, sie zu �ffnen. Sie war aus Eichenholz und aus Eisen, vergittert und verriegelt. Er mu�te �ber einen Haufen zertr�mmerter Steine und verkohlten Holzes hinwegsteigen, wenn er sie �ffnen wollte. Rund um die T�r herum waren die Mauern fast bis zum Boden abgebr�ckelt; nichts schien hinter ihr zu liegen als die von der Schlacht verw�stete Erde zwischen zwei verfallenen Geb�uden. Doch sie war zu einem ganz bestimmten Zweck von einer lebenden Kraft geschaffen worden. Er kletterte �ber die Tr�mmer, um zu ihr zu gelangen, und legte seine Hand flach gegen sie. Ein fremder Geist versperrte ihm den Zutritt, lie� ihn Holzmaserung unter seinen Fingern f�hlen. Er hielt inne, ehe er sie durchbrach, verwirrt, wie schon fr�her, durch das Ungewisse Ausma� seiner eigenen Kr�fte. Dann schritt er vorw�rts, wurde einen Herzschlag lang zu wurmstichiger Eiche und verrosteten Schl�ssern, fa�te in sich die Kraft, die all dies dort festhielt.</p><p>Abrupt ging es abw�rts in schwarze Finsternis. Stufen, die unter einem Trugbild versengter Erde verborgen waren, f�hrten in die Tiefe. Seine Flamme flackerte, wurde kleiner und kleiner, bis er gewahr wurde, was das f�r eine Kraft war, die gegen das Feuer k�mpfte. Er speiste die Flamme mit einem Feuer, das tief im Verborgenen seines Geistes loderte, und sie brannte ruhig und klar.</p><p>Die ausgetretenen Stufen f�hrten steil abw�rts durch einen schmalen Gang. Allm�hlich wurden sie flacher, und schlie�lich hatte Morgon ebenen Boden unter den F��en. Ein schwarzes, undurchdringliches Gesicht von Dunkelheit blickte ihm entgegen. Es roch nach verfaulendem Holz und feuchtem Stein. Er lie� seine Fackel heller brennen; mit zaghaften Fingern erforschte die Flamme die Finsternis. Eisige K�lte, wie hoch oben auf einem Berggipfel, machte ihn fr�steln. Die Kr�he stie� wieder ein heiseres Kr�chzen aus. Er sp�rte, da� sie die Gestalt wechseln wollte, und hastig sch�ttelte er den Kopf. Sie kroch wieder unter sein Haar. W�hrend er sein Feuer heller und heller aufflammen lie� und nach einer Grenze der Dunkelheit suchte, kroch langsam etwas in seine Gedanken. Er sp�rte sehr nahe eine Kraft, die mit einem unendlich weiten, unterirdischen Gew�lbe nichts zu tun hatte. Verwundert fragte er sich, ob der Schacht selbst Blendwerk war.</p><p>Lautlos holte er Atem und hielt die Luft an. Nur eine M�glichkeit der Erkl�rung bot sich ihm dar: ein Paradox der Zauberei. Er hatte keine andere Wahl, als kehrtzumachen und zu gehen. Er lie� seine Fackel zu Boden fallen und sah zu, wie sie in Schw�rze erlosch. Wie lange er so stand und mit der Dunkelheit rang, wu�te er nicht. Je mehr er sich anstrengte zu sehen, desto mehr wurde er sich seiner Blindheit bewu�t. Schlie�lich hob er die H�nde und dr�ckte sie �ber seine Augen. Er fr�stelte wieder; die Finsternis schien �ber ihm zu kauern wie ein unerme�lich gro�es, erdr�ckendes Gesch�pf. Doch er konnte nicht gehen; stumm, starrsinnig stand er da und hoffte auf Hilfe.</p><p>Eine Stimme beinahe direkt neben ihm sagte: �Die Nacht ist nicht etwas, das man bis Tagesanbruch ertr�gt. Sie ist ein Element wie der Wind oder das Feuer. Die Finsternis ist ihr eigenes K�nigreich; sie richtet sich nach ihren eigenen Gesetzen, und viele lebende Dinge wohnen in ihr. Ihr versucht, Euren Geist von ihr zu trennen. Das ist fruchtlos. Nehmt die Gesetze der Finsternis an.�</p><p>�Das kann ich nicht.�</p><p>Er lie� die H�nde sinken und ballte sie zu F�usten. Reglos wartete er.</p><p>�Versucht es.�</p><p>Seine H�nde verkrampften sich; Schwei� brannte in seinen Augen.</p><p>�Ich kann gegen den Gr�nder k�mpfen, aber ich habe nie von ihm gelernt, wie ich gegen das hier k�mpfen soll.�</p><p>�Ihr habt den Zauber meiner T�uschung durchbrochen, als existierte er kaum.� Die Stimme war ruhig, und doch klirrte sie wie Stahl. �Ich habe ihn mit all der Kraft, die ich noch besitze, aufrechtzuerhalten versucht. Es gibt nur zwei andere, die ihn h�tten durchbrechen k�nnen. Und Ihr seid machtvoller als jeder dieser beiden. Sternentr�ger, ich bin Iff.� Darauf sprach er seinen ganzen Namen, eine Reihe klirrender Silben, die dennoch einen flie�enden, melodischen Klang hatten. �Ihr habt mich aus der Macht des Gr�nders befreit, und ich stelle mich in Eure Dienste bis an mein Lebensende. K�nnt Ihr mich sehen?�</p><p>�Nein�, fl�sterte Morgon. �Aber ich m�chte gern.�</p><p>Sterne aus Fackellicht ergossen sich in einem Lichtbogen �ber ihn. Das Gef�hl unendlicher Weite schmolz dahin. Die sachte, stumme Erkenntnis von etwas, das nicht wirklich war, das wie eine Erinnerung war, die an den R�ndern seines Bewu�tseins zupfte, war sehr intensiv. Dann sah er einen Totenkopf, der ihn mit r�tselhaftem Blick ansah, und dann noch einen, mitten in einem Haufen von Gebeinen. Die unterirdische Kammer, in der er sich befand, war kreisrund; die feuchten W�nde aus lebendiger Erde waren gespickt mit tiefen Spalten. Das Haar in seinem Nacken stellte sich auf. Er befand sich in einer Gruft, die unter der gro�en, alten Schule verborgen war, und er hatte die letzten lebenden Zauberer von Lungold beim Begr�bnis ihrer Toten gest�rt.</p></section><section><title><p><emphasis>Kap. 7</emphasis></p></title><p>Er erkannte Nun sofort; eine gro�e, d�rre Frau mit langem, grauem Haar und einem klugen, kantigen Gesicht. Sie rauchte eine kleine edelsteinblitzende Pfeife; ihre Augen, die ihn mit einer seltsamen Mischung aus Staunen und Beunruhigung betrachteten, waren eine Schattierung dunkler als der Rauch. Hinter ihr im Fackellicht stand ein hochgewachsener, hagerer Zauberer, dessen breites, edel geschnittenes Gesicht von Schlachten gezeichnet war wie das eines K�nigs. Sein wei�es Haar war mit silbernen und goldenen Lichtern gesprenkelt; in den lebhaften Augen schwelten blaue Flammen. Er blickte Morgon aus den Tiefen der Vergangenheit an, als h�tten drei Sterne in der Dunkelheit einen fl�chtigen Moment lang vergessene Jahrhunderte vor seinen Augen aufblitzen lassen.</p><p>Vor einer der Spalten in der Mauer kniete ein dunkel�ugiger Zauberer mit einem spitzen Gesicht, das an einen Raubvogel erinnerte. Er schien grimmig und humorlos, bis Morgon seinem Blick begegnete und ein feines L�cheln, wie �ber irgendeine Ungereimtheit, sah. Morgon wandte sich dem hochgewachsenen, hageren Zauberer an seiner Seite zu, der die Stimme eines Meisters von Caithnard hatte. Sein Gesicht war abgezehrt wie das eines Asketen, doch Morgon, der ihn aufmerksam betrachtete, als er n�hertrat, sp�rte die unerwartete Kraft und die St�rke in seinem mageren K�rper. Fragend sagte er: �Iff?�</p><p>�Ja.�</p><p>Seine Hand glitt sehr behutsam zu Morgons Schulter hinauf und nahm die Kr�he. Morgon mu�te pl�tzlich an die B�cher denken, die die Morgol von Herun nach Caithnard gebracht hatte. Zeichnungen wilder Blumen hatten die R�nder der Seiten geschm�ckt.</p><p>�Ihr seid der Gelehrte, der die wilden Gesch�pfe liebt.�</p><p>Der Zauberer blickte von der Kr�he auf; sein Gesicht zeigte �berraschung, wirkte pl�tzlich sehr weich. Die Kr�he starrte ihn aus dunklen Augen an, und keine Feder ihres Kleides regte sich. Der Zauberer mit dem Habichtsgesicht schob den Totensch�del, den er in H�nden hielt, in eine Spalte und kam durch die Kammer.</p><p>�Vor nicht allzu langer Zeit sandten wir eine Kr�he, die dieser sehr �hnlich war, nach Anuin zur�ck.�</p><p>Seine Stimme war wie seine Augen, scharf und geduldig zugleich.</p><p>�Rendel!� rief Nun. �Was, in Hels Namen, tust du hier?�</p><p>Iff machte ein verdutztes Gesicht. Er setzte die Kr�he wieder auf Morgons Schulter und sagte zu ihr: �Verzeiht mir.� Zu Morgon gewandt f�gte er hinzu: �Eure Gemahlin?�</p><p>�Nein. Sie weigert sich, mich zu heiraten. Und sie weigert sich auch, nach Hause zur�ckzukehren. Aber sie ist imstande, auf sich selbst aufzupassen.�</p><p>�Gegen Ghisteslohm?�</p><p>Ein Falkenauge traf einen Moment lang die Augen der Kr�he, die nerv�s wieder unter Morgons Haar schl�pfte.</p><p>Er versp�rte pl�tzlich ein Verlangen, den Vogel zu nehmen und ihn unter seinem Kittel, an seinem Herzen zu verbergen. Die d�nnen Brauen des Zauberers waren hochgezogen.</p><p>�Jahrhundertelang habe ich den K�nigen von An und Aura gedient. Nach der Zerst�rung von Lungold wurde ich ein Falke, der immer wieder gefangen wurde und in der Gefangenschaft alterte und entwischte, um sich wieder zu verj�ngen. Jahrhundertelang trug ich Fessel und Haube und reiste auf den Winden, um immer wieder in die H�nde der K�nige von Anuin zur�ckzukehren. Nicht einer von ihnen, nicht einmal Mathom von An, besa� die Gabe, hinter meine Augen zu sehen. In ihr wohnt eine gro�artige, rastlose Kraft. Sie erinnert mich an jemanden, die Erinnerung eines Falken ist es.�</p><p>Morgon streichelte die Kr�he sachte, unsicher ob des Schweigens.</p><p>�Sie wird es Euch sagen�, erkl�rte er schlie�lich, und der Ausdruck auf dem alten, stolzen Gesicht ver�nderte sich.</p><p>�Hat sie Angst vor uns? Aus welchem denkbaren Grund? In Falkengestalt nahm ich Fleisch aus ihres Vaters nackter Hand.�</p><p>�Ihr seid Talies�, sagte Morgon pl�tzlich, und der Zauberer nickte. �Der Geschichtskundige. In Caithnard habe ich gelesen, was Ihr �ber Hed geschrieben habt.�</p><p>�Nun�, die scharfen Augen l�chelten beinahe wieder, �ich habe das vor vielen Jahrhunderten geschrieben. Zweifellos hat Hed sich seitdem ver�ndert, wenn es neben Ackerg�ulen und Bier den Sternentr�ger hervorbringen kann.�</p><p>�Nein. Wenn Ihr zur�ckkehrtet, w�rdet Ihr es wiedererkennen.� Die Toten von An fielen ihm ein, und seine Stimme gehorchte ihm nicht mehr ganz. Er wandte sich dem Zauberer zu, der wie ein Krieger aus Ymris gebaut war. �Und Ihr seid Aloil. Der Poet. Ihr habt Liebeslieder f�r��� Wieder versagte ihm die Stimme, diesmal vor Verlegenheit.</p><p>Doch Nun l�chelte. �Man stelle sich vor, da� jemand sich dessen nach tausend Jahren und mehr noch erinnert. Ihr wurdet gut gebildet in dieser Schule.�</p><p>�Die Schriften der Zauberer von Lungold�� jene, die nicht hier zerst�rt wurden�� bildeten die Grundlage der R�tselkunst.� Er versp�rte eine pl�tzliche Frage in Aloils Geist und f�gte hinzu: �Ein Teil Eures Werks ist in Caithnard, der Rest in der Bibliothek des K�nigs in Caerweddin. Astrin Ymris besa� den gr��ten Teil Eurer Lieder und Gedichte.�</p><p>�Lieder und Gedichte.� Der Zauberer fuhr sich mit knorriger Hand durch das Haar. �Sie h�tten hier zerst�rt werden sollen. Mehr waren sie kaum wert. Ihr kommt hierher und bringt uns Erinnerungen aus einem Reich, das wir als Lebendige nie wiedersehen werden. Wir sind hierhergekommen, um Ghisteslohm zu t�ten oder zu sterben.�</p><p>�Ich nicht�, entgegnete Morgon leise. �Ich bin hergekommen, um dem Gr�nder Fragen zu stellen.�</p><p>Der nach innen gewandte Blick des Zauberers schien sich loszurei�en von den Bildern der Erinnerung und wandte sich ihm zu.</p><p>�Fragen!�</p><p>�Das ist doch angemessen�, sagte Nun beschwichtigend. �Er ist ein R�tselmeister.�</p><p>�Was hat die R�tselkunst mit alledem zu tun?�</p><p>�Nun.�</p><p>Ihre Z�hne bissen wieder auf die Pfeife, und sie paffte einen Strom kleiner, hastig emporschie�ender W�lkchen in die Luft, ohne zu antworten.</p><p>�Besitzt Ihr die Kraft?� fragte Iff, den Sinn auf das Praktische gerichtet.</p><p>�Ihn zu t�ten? Ja. Um seinen Geist in Besitz zu nehmen und ihm all das Wissen zu entrei�en, das ich brauche�� ich wei� es nicht. Ich werde die Kraft finden. Tot hilft er mir nichts. Aber ich kann nicht gleichzeitig gegen die Gestaltwandler k�mpfen. Und ich bin mir nicht sicher, wieviel Macht sie besitzen.�</p><p>�Ich mu� sagen, Ihr kompliziert die Dinge�, murmelte Nun. �Wir sind in so simpler Absicht hierhergekommen.�</p><p>�Ich brauche Euch lebendig.�</p><p>�Nun, es ist angenehm, gebraucht zu werden. Seht Euch um.� Das Licht des Feuers schien ihrer Hand zu folgen, als sie eine ausholende Bewegung machte. �Vor sieben Jahrhunderten haben hier neunundzwanzig Zauberer und �ber zweihundert M�nner und Frauen mit gro�er Begabung studiert. Und von diesen begraben wir jetzt zweihundertvierundzwanzig. Zweihundertdreiundzwanzig, wenn wir Suth nicht z�hlen. Und Ihr wi�t ja, wie er gestorben ist. Ihr seid durch dieses Haus gewandert. Es ist eine einzige gro�e Totengruft der Zauberkunst. Noch immer wohnt Kraft in den ausgebleichten Gebeinen; das ist der Grund, weshalb wir sie begraben. In den kommenden Jahrhunderten sollen nicht kleine Hexen und Hexer des Reiches hier zusammenstr�men, um nach Knochen und Kn�chelchen zu suchen, die ihren Zauberspr�chen bindende Kraft geben. Die Toten von Lungold verdienen Frieden. Ich wei�, da� Ihr GhisteslohmA Macht gebrochen habt, um uns zu befreien. Doch als Ihr an seiner Statt diesen Harfner verfolgtet, gabt Ihr ihm Zeit, seine Macht zu erneuern. Seid Ihr jetzt so sicher, da� Ihr eine zweite Zerst�rung verhindern k�nnt?�</p><p>�Nein. Ich wei� nichts mit Sicherheit. Nicht einmal meinen eigenen Namen, deshalb wandere ich von R�tsel zu R�tsel. Ghisteslohm erbaute und zerst�rte Lungold wegen dieser Sterne.� Er strich sein Haar zur�ck. �Sie trieben mich aus Hed fort und in seine H�nde. W�ren sie nicht gewesen, so w�re ich f�r immer in Hed geblieben, w�re es zufrieden gewesen, Bier zu brauen und Ackerg�ule zu z�chten, h�tte nie erfahren, da� Ihr am Leben seid oder da� der Erhabene im Erlenstern-Berg eine L�ge war. Ich mu� wissen, was diese Sterne bedeuten und was sie sind. Ich mu� wissen, warum Ghisteslohm den Erhabe-nen nicht f�rchtete. Warum er mich lebend m�chte, machtvoll, doch gefangen. Ich m�chte wissen, was das f�r eine Macht ist, in die er mich, wie er sagte, blind hineinstolpern sieht. Wenn ich ihn t�te, dann wird das Reich ihn los sein, doch ich werde weiterhin vor Fragen stehen, die keiner je beantworten wird�� wie ein Verhungerter, der Goldgruben besitzt in einem Land, wo Gold nichts gilt. Begreift Ihr das?� fragte er Aloil pl�tzlich und sah in den st�mmigen Schultern, dem harten, wettergegerbten Gesicht den m�chtigen, knorrigen Baum, in dessen Gestalt der Zauberer sieben Jahrhunderte lang auf der Ebene von K�nigsmund gestanden hatte.</p><p>�Ich begreife�, sagte der Zauberer leise, �wo ich siebenhundert Jahre lang gewesen bin. Stellt ihm Eure Fragen. Und wenn Ihr dann sterbt oder wenn Ihr ihn entkommen la�t, werde ich ihn t�ten oder selbst sterben. Ihr wi�t um die Rache. Was die Sterne auf Eurem Gesicht angeht. Ich wei� nicht einmal, wie ich es anfangen soll, Hoffnung in sie zu setzen. Ich begreife nicht alle Eure Handlungen. Wenn wir lebendigen Leibes aus Lungold hinausgehen, werde ich die Notwendigkeit sehen, sie zu begreifen: insbesondere die geistige Gabe und den Anla�, die Euch trieben, in das Landrecht von An einzugreifen. Jetzt jedoch. Ihr habt uns befreit, Ihr habt unsere Namen aus den Tiefen der Erinnerung emporgezogen, Ihr habt Euren Weg hier herunter gefunden, um mit uns unter unseren Toten zu stehen. Ihr seid ein junger, m�der F�rst von Hed mit einem blutbefleckten Kittel und einer Kr�he auf Eurer Schulter und einer Kraft hinter Euren Augen, die direkt aus dem Herzen Ghisteslohms kommt. Mu�te ich Euretwegen sieben Jahrhunderte in Gestalt einer Eiche zubringen und in den Meereswind starren?</p><p>Was ist das f�r eine Freiheit oder f�r ein Verh�ngnis, in das Ihr uns zur�ckgeholt habt?�</p><p>�Ich wei� es nicht.� Sein Hals schmerzte. �Ich werde Euch eine Antwort finden.�</p><p>�Das werdet Ihr.� Der Tonfall der Stimme ver�nderte sich pl�tzlich, wurde nachdenklich und verwundert. �Das werdet Ihr, R�tselmeister. Ihr versprecht uns nicht Hoffnung.�</p><p>�Nein. Die Wahrheit. Wenn ich sie finden kann.�</p><p>Es wurde still. Nuns Pfeife war ausgegangen. Ihre Lippen waren ein wenig ge�ffnet, als s�he sie zu, wie ein verwischter, undeutlicher Schatten vor ihr langsam Gestalt annahm.</p><p>�Beinahe�, fl�sterte sie, �macht Ihr mich hoffen. Aber in Hels Namen, worauf?�</p><p>Dann ri� sie sich aus ihren Gedanken und legte ihren Finger auf Morgons Kittel, teilte ihn dort auseinander, wo er zerrissen war, um die Narbe darunter zu betrachten.</p><p>�Ihr hattet Schwierigkeiten unterwegs. Das habt Ihr Euch nicht in Kr�hengestalt geholt.�</p><p>�Nein.� Er verstummte, wollte nicht fortfahren, doch sie warteten auf eine Antwort. Leise, voller Bitterkeit, das Gesicht zu Boden gerichtet, sagte er: �Ich folgte eines Nachts Thods Harfenspiel und wanderte geraden Wegs in ein neues Netz von Verrat.� Nicht ein Laut war in der Kammer zu h�ren. �Ghisteslohm suchte mich auf der Handelsstra�e. Und er fand mich. Er nahm Rendel gefangen, so da� ich mich nicht gegen ihn zur Wehr setzen konnte. Er wollte mich in den Erlenstern-Berg zur�ckbringen. Doch fanden uns die Gestaltwandler. Ich entkam ihnen��� er ber�hrte die Narbe in seinem Gesicht �� um Haaresbreite. Ich verbarg mich hinter Trug und Tauschung und entrann. Seit wir fliegen, habe ich keinen von ihnen mehr gesehen. Vielleicht haben sie sich alle gegenseitig get�tet. Doch ich bezweifle es��� Er empfand ihr Schweigen wie einen Bann, der ihn bedr�ngte, der ihm die Worte aus der Seele zog, und f�gte hinzu: �Der Erhabene t�tete seinen Harfner.�</p><p>Er sch�ttelte ein wenig den Kopf, w�hrend er sich aus ihrem Schweigen zur�ckzog. Er war nicht f�hig, ihnen mehr zu geben. Er h�rte, wie Iff Atem holte, sp�rte die kundige, beruhigende Ber�hrung des Zauberers.</p><p>Talies sagte abrupt: �Wo war Yrth, w�hrend dies alles geschah?�</p><p>Morgons Augen hoben sich von einem Knochensplitter auf dem Boden. �Yrth?�</p><p>�Er war mit Euch auf der Handelsstra�e.�</p><p>�Niemand war��� Er hielt inne. Ein Hauch von Nachtluft wehte k�hl durch die Kammer; das Licht flackerte. �Niemand war bei uns.� Dann fiel ihm der Gro�e Schrei ein, der aus dem Nichts gekommen war, und die geheimnisvolle, reglose Gestalt, die ihn in der Nacht angesehen hatte. Ungl�ubig fl�sterte er: �Yrth?�</p><p>Die Zauberer sahen einander an.</p><p>�Er ging aus Lungold fort�, erkl�rte Nun, �um Euch zu finden, um Euch Hilfe zu geben, soweit es in seiner Macht stand. Und Ihr habt ihn nie gesehen?�</p><p>�Doch, einmal�� mag sein, da� ich ihn einmal gesehen habe, als ich Hilfe brauchte. Es mu� Yrth gewesen sein. Er hat sich mir nie zu erkennen gegeben. Es ist m�glich, da� er mich verloren hat, als wir zu fliegen begannen.� Er schwieg, w�hrend er zur�ckdachte. �Es gab einen Augenblick, nachdem das Pferd mich getreten hatte, als ich das Gespinst der T�uschung, mit dem ich mich umgeben hatte, kaum noch festhalten konnte. In diesem Augenblick h�tten die Gestaltwandler mich t�ten k�nnen. Sie h�tten mich t�ten m�ssen. Ich erwartete es. Doch nichts r�hrte mich an. Es kann sein, da� er da war, um mein Leben zu retten. Doch wenn er dort geblieben ist, nachdem ich geflohen war���</p><p>�Zweifellos h�tte er es uns wissen lassen�, meinte Nun, �wenn er Hilfe gebraucht h�tte.� Sie strich sich mit schwieliger Hand sorgenvoll �ber die Stirn. �Aber wo mag er wohl sein? Ein alter Mann, der die Handelsstra�e auf und ab wandelt und Euch sucht, genau wie der Gr�nder und die Gestaltwandler.�</p><p>�Er h�tte sich mir zeigen sollen. Wenn er Hilfe gebraucht h�tte, h�tte ich f�r ihn k�mpfen k�nnen; das ist der Grund, weshalb ich gekommen bin.�</p><p>�Ihr h�ttet auch um seinetwillen Euer Leben verlieren k�nnen. Nein.� Sie schien ihre eigenen zweifelnden Fragen zu beantworten. �Er wird kommen, wann es ihm pa�t. Vielleicht ist er geblieben, um den Harfner zu begraben. Yrth hat ihn einst Lieder auf der Harfe gelehrt, hier in dieser Schule.�</p><p>Sie schwieg wieder, w�hrend Morgon zusah, wie zwei verst�mmelte Totengesichter an der fernen Wand n�her und n�her zusammenr�ckten. Er schlo� die Augen, bevor sie miteinander verschmolzen. Aus der Ferne h�rte er die Kr�he schreien; eine Hand, die schmerzhaft seine Schulter packte, verhinderte, da� er st�rzte. Als er die Augen �ffnete, tauchte sein Blick in die funkelnden Falkenaugen, und er sp�rte den kalten Schwei�, der pl�tzlich auf seinem Gesicht lag.</p><p>�Ich bin m�de�, sagte er.</p><p>�Mit Grund.� Iff lie� ihn los. Sein Gesicht war durchzogen von einem Netzwerk haarfeiner Linien. �In der K�che gibt es Wild am Spieߠ� das ist der einzige Raum, der noch vier W�nde und ein Dach hat. Wir haben hier unten geschlafen, aber neben dem Herd sind Matratzen. Vor der T�r steht eine Wache.�</p><p>�Eine Wache?�</p><p>�Eine der Wachen der Morgol. Die Morgol hat sie uns zur Verf�gung gestellt.�</p><p>�Ist die Morgol noch hier?�</p><p>�Nein. Sie widersetzte sich hartn�ckig allen Argumenten, die wir vorbrachten, um sie zur Heimkehr zu bewegen, bis sie pl�tzlich vor etwa zwei Wochen ohne jede Erkl�rung nach Herun zur�ckkehrte.� Er hob seine Hand und holte eine Fackel aus Luft und Dunkelheit. �Kommt. Ich zeige Euch den Weg.�</p><p>Morgon folgte ihm schweigend durch zerst�rte R�ume eine gewundene Steintreppe hinunter zur K�che. Der Duft des Fleisches, das �ber dem zu Asche heruntergebrannten Feuer langsam abk�hlte, gab ihm das Gef�hl, als w�ren selbst seine Knochen hohl. Er setzte sich an dem langen, halbverkohlten Tisch nieder, w�hrend Iff ein Messer suchte und zwei angeschlagene Becher hinstellte.</p><p>�Wir haben Wein, Brot, K�se, Fr�chte�� die Wachen sorgen gut f�r uns.� Er sprach nicht gleich weiter, sondern gl�ttete eine Feder an der Schwinge der Kr�he. �Morgon�, sagte er dann leise, �ich habe keine Ahnung, was der neue Tag bringen wird. Aber wenn Ihr Euch nicht entschlossen h�ttet, hierherzukommen, s�hen wir jetzt dem sicheren Tod ins Auge. Jener Funke blinder Hoffnung, der uns �ber sieben Jahrhunderte am Leben hielt, mu� von Euch gen�hrt worden sein. Ihr m�gt Angst haben zu hoffen, ich nicht.� Seine Hand ber�hrte fl�chtig Morgons vernarbte Wange. �Dank Euch, da� Ihr gekommen seid.� Er richtete sich auf. �Ich lasse Euch jetzt hier allein; wir arbeiten die N�chte durch und schlafen selten. Wenn Ihr uns braucht, dann ruft.�</p><p>Er warf seine Fackel in die Feuerstelle und ging. Morgon starrte auf die Tischplatte hinunter, auf den reglosen Schatten der Kr�he, der auf dem Holz lag. Schlie�lich hob er den Kopf und sagte ihren Namen. Wieder schien sie die Gestalt wechseln zu wollen; ihre Schwingen hoben sich, und sie flog von seiner Schulter. Doch da �ffnete sich abrupt die Au�ent�r zur K�che. Die Wache trat ein�� eine junge, dunkelhaarige Frau, die so vertraut und doch so unvertraut war, da� Morgon sie nur offenen Mundes anstarren konnte. Wie angewurzelt blieb sie stehen, als sie den Raum schon halb durchquert hatte, und sah ihn aus gro�en, aufgerissenen Augen an. Er sah, wie sie schluckte.</p><p>�Morgon?�</p><p>Er stand auf. �Lyra!�</p><p>Sie war gewachsen; ihr K�rper wirkte lang und biegsam in dem kurzen, dunklen Kittel. Das im Schatten dunkle Gesicht war halb das des Kindes, an das er sich erinnerte, und halb das der Morgol. Es war, als k�nnte sie sich nicht bewegen. Deshalb ging er zu ihr. Als er sich n�herte, sah er, wie ihre Hand am Speer sich regte. Mitten im Schritt blieb er stehen.</p><p>�Ich bin es�, sagte er.</p><p>�Ich wei�.� Sie schluckte wieder. Ihre Augen waren noch immer ungl�ubig und sehr dunkel. �Wie�� wie seid Ihr in die Stadt gekommen? Keiner hat Euch gesehen.�</p><p>�Habt Ihr denn eine Wache auf den Mauern?�</p><p>Sie nickte. �Eine andere Verteidigung hat die Stadt nicht. Die Morgol hat uns holen lassen.�</p><p>�Dich! Ihre Landerbin.�</p><p>Ihr Kinn hob sich in einer Bewegung, an die er sich erinnerte.</p><p>�Ich bin aus einem bestimmten Grund hiergeblieben. Ich habe hier etwas zu tun.�</p><p>Erst da ging sie langsam auf ihn zu, und ihr starres Gesicht wurde lebendig im warmen Schein des Feuers. Sie legte ihre Arme um ihn und dr�ckte ihr Gesicht fest an seine Schulter. Er h�rte, wie ihr Speer klirrend hinter ihm zu Boden fiel. Er hielt sie fest an sich gedr�ckt; ein Hauch ihres klaren, stolzen Geistes wehte wie ein guter Wind durch seinen Geist. Schlie�lich lie� sie ihn los und trat zur�ck, um ihn wiederum anzusehen. Ihre dunklen Brauen zpgen sich zusammen, als sie seiner Narben gewahr wurde.</p><p>�Ihr h�ttet W�chter haben sollen auf der Handelsstra�e. Ich habe im letzten Fr�hjahr mit Rendel �berall nach Euch gesucht, aber Ihr wart uns immer einen Schritt voraus.�</p><p>�Ich wei�.�</p><p>�Kein Wunder, da� die Wachen Euch nicht erkannten. Ihr seht�� Ihr seht aus wie��� Zum erstenmal schien sie die Kr�he zu bemerken, die reglos unter seinem Haar sa�. �Das ist�� Ist das Mathom?�</p><p>�Ist er hier?�</p><p>�Er war hier, jedenfalls eine Zeitlang. Auch Har war hier, aber die Zauberer haben sie beide nach Hause geschickt.�</p><p>Seine H�nde, die auf ihren Schultern lagen, verkrampften sich.</p><p>�Har?� wiederholte er ungl�ubig. �Warum, in Hels Namen, kam er hierher?�</p><p>�Um Euch zu helfen. Er hielt sich im Lager der Morgol vor Lungold auf, bis die Zauberer ihn �berredeten, wieder fortzugehen.�</p><p>�Und sind sie so gewi�, da� er wirklich fortgegangen ist?</p><p>Haben sie den Geist jedes blau�ugigen Wolfes rund um Lungold erforscht?�</p><p>�Das wei� ich nicht.�</p><p>�Lyra, Gestaltwandler sind auf dem Weg hierher. Sie wissen, da� sie mich hier finden werden.�</p><p>Sie schwieg; er sah, wie sie rechnete.</p><p>�Die Morgol wies uns an, ein Arsenal von Waffen f�r die H�ndler mitzubringen. Es gab kaum Waffen in der Stadt. Aber die H�ndler�� Morgon, das sind keine K�mpfer. Die Mauern werden unter einem Angriff abbr�ckeln wie altes Brot. Wir haben zweihundert Wachen.� Wieder zogen sich ihre Brauen zusammen, und sie sah pl�tzlich jung aus. �Wi�t Ihr, was sie sind? Die Gestaltwandler?�</p><p>�Nein.�</p><p>Etwas Fremdes schimmerte in ihren Augen; der erste Anflug von Angst, den er je an ihr gesehen hatte. Barscher, als er beabsichtigt hatte, sagte er: �Warum?�</p><p>�Habt Ihr die Nachricht aus Ymris geh�rt?�</p><p>�Nein.�</p><p>Sie holte Atem. �Heureu Ymris hat die Ebene der Winde verloren. An einem einzigen Nachmittag. Monatelang hielt er das Heer der Rebellen am Rande der Ebene zur�ck. Die Ritter von Umber und Marcher hatten ein Heer aufgebracht, um die Rebellen ins Meer zur�ckzuwerfen. Innerhalb von zwei Tagen h�tte es die Ebene der Winde erreicht. Doch pl�tzlich str�mte ein riesiges Heer, von dessen Existenz niemand eine Ahnung gehabt hatte, aus Meremont und Tor �ber die Ebene der Winde. Krieger, die �berlebt haben, schw�ren, sie h�tten sie pl�tzlich mit M�nnern im Kampf gesehen�� mit M�nnern im Kampf gesehen, die sie schon get�tet hatten. Das Heer des K�nigs wurde vernichtend geschlagen. Ein H�ndler, der Pferde verkaufen wollte, geriet unversehens in die Schlacht. Er floh mit den �berlebenden nach Ruhn und dann weiter nach Lungold. Er sagte�� er sagte, die Ebene w�re nur noch ein w�stes Feld von unbegrabenen Toten gewesen. Und Heureu Ymris ist seit diesem Tag nirgendwo in Ymris mehr gesehen worden.�</p><p>Morgons Lippen bewegten sich tonlos. �Ist er tot?�</p><p>�Astrin Ymris sagt nein. Doch selbst er kann den K�nig nicht finden. Morgon, wenn ich mit zweihundert Wachen gegen die Gestaltwandler k�mpfen mu�, dann werde ich das tun. Aber wenn Ihr mir doch nur sagen k�nntet, wof�r wir k�mpfen.�</p><p>�Ich wei� es nicht.� Er f�hlte, wie sich die Klauen der Kr�he durch seinen Kittel bohrten. �Wir tragen diese Schlacht aus der Stadt hinaus. Ich bin nicht hergekommen, um Lungold ein zweitesmal zu zerst�ren. Ich werde den Gestaltwandlern keinen Anla� geben, hier zu k�mpfen.�</p><p>�Wohin wollt Ihr gehen?�</p><p>�In die W�lder, auf einen Berg�� irgendwohin. Nur hier werde ich nicht bleiben.�</p><p>�Ich komme mit�, sagte sie.</p><p>�Nein. Absolut���</p><p>�Die Wache kann hier in der Stadt bleiben, f�r den Fall, da� sie gebraucht wird. Aber ich komme mit Euch. Das ist f�r mich eine Sache der Ehre.�</p><p>Stumm sah er sie aus zusammengezogenen Augen an. Sie begegnete ruhig seinem Blick.</p><p>�Was hast du getan?� fragte er. �Hast du ein Gel�bnis abgelegt?�</p><p>�Nein. Ich tue keine Gel�bnisse. Ich treffe Entscheidungen. Und diese habe ich in Caerweddin getroffen, als ich h�rte, da� Ihr die Landherrschaft von Hed verloren hattet und noch am Leben wart. Ich erinnerte mich an einen Tag in Herun, als Ihr von Hed erz�hltet, und ich wu�te, wieviel Euch die Landherrschaft bedeutete. Diesmal werdet Ihr eine Wache haben.�</p><p>�Lyra! Ich habe eine Wache. F�nf Zauberer.�</p><p>�Und mich.�</p><p>�Nein. Du bist die Landerbin von Herun. Ich will nicht deinen toten K�rper nach Kronstadt zur�cktragen m�ssen, um ihn der Morgol zu �bergeben.�</p><p>Mit einer flinken, geschmeidigen Bewegung entschl�pfte sie seinen H�nden. Sie hob den Speer vom Boden auf, hielt ihn aufrecht neben sich, w�hrend sie sich vor ihn hinstellte.</p><p>�Morgon�, sagte sie ruhig, �ich habe meine Entscheidung getroffen. Ihr k�mpft mit Zauberei; ich k�mpfe mit dem Speer. Das ist die einzige Art zu k�mpfen, die ich kenne. Entweder k�mpfe ich hier, oder ich werde eines Tages gezwungen sein, in Herun selbst zu k�mpfen. Wenn Ihr wieder mit Ghisteslohm zusammentrefft, werde ich zur Stelle sein.� Sie machte kehrt, erinnerte sich dann, weshalb sie urspr�nglich in die K�che gekommen war. Sie nahm eine alte Fackel und tauchte sie ins Feuer. �Ich mache jetzt einen Rundgang. Danach komme ich zur�ck und bewache Euch bis zum Morgengrauen.�</p><p>�Lyra�, sagte er m�de, �bitte, kehr nach Hause zur�ck.�</p><p>�Nein. Ich tue ganz einfach das, wof�r ich ausgebildet wurde. Genau�, f�gte sie ohne den geringsten Hauch von Ironie hinzu, �wie Ihr.� Dann wanderten ihre Augen wieder zu der Kr�he. �Sollte ich den Vogel kennen, um auch ihn bewachen zu k�nnen?�</p><p>Er z�gerte. Die Kr�he hockte wie ein schwarzer Gedanke auf seiner Schulter und r�hrte sich nicht.</p><p>�Nein�, antwortete er schlie�lich. �Ihr wird nichts geschehen, ich schw�re es bei meinem Leben.�</p><p>Ihre dunklen Augen weiteten sich pl�tzlich, kehrten nochmals zu der Kr�he zur�ck. Leise, verwundert sagte sie dann: �Wir waren einmal Freunde.�</p><p>Danach ging sie. Er trat zum Feuer, doch sein Magen und seine Kehle waren wie zugeschn�rt von qu�lenden Gedanken, und er konnte nicht essen. Er lie� das Feuer in Asche zur�cksinken. Dann legte er sich auf eine der Matratzen nieder, das Gesicht auf dem Arm, und wandte den Kopf, die Kr�he anzusehen. Sie kauerte neben ihm auf den Steinen. Mit der freien Hand strich er ihr wieder und wieder �ber das Gefieder.</p><p>�Nie werde ich dich eine andere Gestalt lehren�, fl�sterte er.</p><p>�Rendel, was auf der Ebene der Winde geschah, hat mit dir nichts zu tun. Nichts.�</p><p>Er streichelte sie, sprach mit ihr, bat und flehte, ohne eine Antwort zu bekommen, bis seine Augen sich schlie�lich schl�ssen und er in Dunkelheit versank.</p><p>Das Morgengrauen brach in seine Tr�ume ein, als krachend die T�r aufflog und wieder zuschlug. Mit h�mmerndem Herzen fuhr er hoch und sah das junge, erstaunte Gesicht einer fremden W�chterin. Sie neigte h�flich den Kopf.</p><p>�Verzeiht, Herr.� Sie hob einen Eimer mit Wasser und einen irdenen Krug mit frischer Milch auf den Tisch. �Ich wu�te nicht, da� Ihr hier schlaft.�</p><p>�Wo ist Lyra?�</p><p>�Auf der Nordmauer, oberhalb vom See. Ein kleines Heer n�hert sich �ber das Hinterland. Goh ist schon fortgeritten, um zu pr�fen, was das f�r Krieger sind.� Brummend stand er auf.</p><p>�Lyra trug mir auf, Euch zu fragen, ob Ihr kommen k�nntet�, f�gte sie hinzu. �Ja, ich komme.�</p><p>Nun, in eine Wolke von Tabaksqualm eingeh�llt, tauchte pl�tzlich auf, und er fuhr wieder zusammen. Sie legte beruhigend die Hand auf seine Schulter. �Wohin wollt Ihr?�.</p><p>��ber das Hinterland n�hert sich ein Heer; vielleicht sind es Hilfstruppen, vielleicht aber auch nicht.� Er sch�pfte Wasser aus dem Eimer und wusch sich das Gesicht. Dann go� er Milch in einen der angeschlagenen Becher und trank. Unvermittelt fuhr er herum und sah auf die Matratze, auf der er geschlafen hatte. �Wo��?� Er trat einen Schritt n�her, w�hrend sein Blick verzweifelt �ber die T�pfe aus Eisen und Messing glitt, die an der Wand hingen, und dann hinauf zu den ru�dunklen Dachbalken. �Wo, in Hels Namen.?� Er lie� sich auf die Knie fallen, suchte unter dem Tisch, dann in der Holzkiste, suchte selbst in der Asche der Feuerstelle. Am Ende richtete er sich auf, kreidebleich im Gesicht, und blickte Nun an. �Sie hat mich verlassen.�</p><p>�Rendel?�</p><p>�Sie ist fort. Sie wollte nicht einmal mit mir sprechen. Sie ist einfach fortgeflogen und hat mich allein gelassen.� Er stand auf und lehnte sich m�de und niederschlagen an die Steine des Kamins. �Es war die Nachricht aus Ymris. Von den Gestaltwandlern.�</p><p>�Gestaltwandler.� Ihre Stimme klang tonlos. �Das also bedr�ckt sie. Die Gabe, die sie mitbekommen hat?�</p><p>Er nickte. �Sie hat Angst.� Er schlug mit der Hand gegen die Steine. �Ich mu� sie finden. Sie ist wortbr�chig geworden�� und der Geist Ylons sitzt ihr schon im Nacken.�</p><p>Nun verfluchte den toten K�nig mit Inbrunst. Dann dr�ckte sie die Finger auf ihre Augen.</p><p>�Nein�, sagte sie. �Ich werde sie finden. Vielleicht wird sie mit mir sprechen. Sie hat es fr�her immer getan. Ihr seht nach, was das f�r ein Heer ist. Ich w�nschte, Yrth w�rde kommen; er macht mir Sorgen. Aber ich wage es nicht, ihn oder Rendel zu rufen; mein Ruf k�nnte seinen Weg schnurstracks in den Geist des Gr�nders finden. Jetzt la�t mich nachdenken. Wenn ich eine Prinzessin von An w�re, die Gaben eines Gestaltwandlers bes��e, in Gestalt einer Kr�he herumfl�ge, wohin w�rde ich mich dann wenden.?�</p><p>�Ich wei�, wohin ich mich wenden w�rde�, murmelte Morgon. �Aber sie mag kein Bier.�</p><p>Zu Fu� wanderte er durch die Stadt zum Fischerhafen am See, hielt unaufh�rlich nach einer Kr�he Ausschau, w�hrend er einen Fu� vor den anderen setzte. Die Fischkutter waren alle drau�en auf dem weiten See, doch andere kleine Boote schoben sich aus dem Hafen, Frachtk�hne und Handelsschiffe, beladen mit Waren, die an die Fallensteller und Viehtreiber, die in H�tten rund um den See lebten, verh�kert werden sollten. Auf keinem der Masten entdeckte er eine Kr�he.</p><p>Nach einer Weile fand er Lyra, die vor einer halbverfallenen Br�stung neben einem Tor stand. Ein gro�er Teil der Nordmauer schien sich unter Wasser zu befinden, die Docks zu tragen; der Rest war kaum mehr als eine Reihe breiter Torbogen. In den Mauernischen zwischen ihnen hatten Fischh�ndler ihre St�nde aufgeschlagen. Morgon ignorierte den glasstarren Blick eines Fischweibes, l�ste sich vor ihr in Luft auf und tauchte an Lyras Seite wieder auf. Sie zwinkerte nur ein wenig, als sie ihn sah, so als w�re sie an die unberechenbaren Handlungen von Zauberern gew�hnt. Sie streckte den Arm aus und deutete in eine Richtung �stlich vom See, und er sah im fernen Wald winzige Lichtreflexe aufblitzen.</p><p>�K�nnt Ihr erkennen, was es ist?� fragte sie.</p><p>�Ich will es versuchen.�</p><p>Er fing den Geist eines Habichts ein, der au�erhalb der Stadt �ber den B�umen kreiste. Das L�rmen der Stadt verklang, und er h�rte nur noch den tr�gen Morgenwind und den schrillen Schrei eines anderen Raubvogels, der seine Beute verfehlt hatte. Die Kreise des Habichts wurden unter seinem Dr�ngen gr��er; in langsam kreisendem Flug glitt sein Blick �ber Fichtenw�lder, die im hei�en Sonnenlicht standen, durch schattiges Unterholz, dann wieder hinaus ans Licht, �ber hei�en, kahlen Fels, wo Eidechsen im Schatten des Habichts erschrocken in Spalten schl�pften. Das Habichtshirn registrierte jedes Ger�usch, jeden huschenden Schatten im Farn. Er dr�ngte den Vogel weiter nach Osten, so da� aus seinen Kreisen eine weitgezogene Spirale wurde. Schlie�lich �berflog er einen Zug von Kriegern, die m�de unter den B�umen dahinwanderten. Wieder und wieder trieb er den Habicht zu der Schar von M�nnern, bis schlie�lich eine Bewegung im hellen Licht unten die Aufmerksamkeit des Vogels erregte, und w�hrend er sich erdw�rts schwang, l�ste sich Morgon aus seinem Geist.</p><p>Er lie� sich an der Br�stung zu Boden gleiten. Die Sonne traf ihn aus einem merkw�rdigen Winkel, sie stand viel h�her, als er erwartet hatte.</p><p>�Es scheinen Krieger aus Ymris zu sein�, sagte er m�de, �die seit Tagen durch das Hinterland wandern. Sie waren b�rtig, und ihre Pferde waren st�rrisch. Sie rochen nicht nach dem Meer. Sie rochen nach Schwei�.�</p><p>Lyra betrachtete ihn, die H�nde in die H�ften gest�tzt.</p><p>�Soll ich ihnen trauen?�</p><p>�Ich wei� es nicht.�</p><p>�Vielleicht kann Goh es mir sagen. Ich habe ihr Anweisung gegeben, sie zu beobachten und sie zu belauschen und dann auch mit ihnen zu sprechen, wenn sie es f�r klug h�lt. Sie hat einen gesunden Menschenverstand.�</p><p>�Es tut mir leid.� Er stand wieder auf. �Ich glaube, da� sie Menschen sind, aber ich bin nicht in Stimmung, irgend jemandem zu trauen.�</p><p>�Werdet Ihr die Stadt verlassen?�</p><p>�Ich wei� es nicht. Yrth ist noch immer verschwunden, und jetzt ist auch Rendel fort. Wenn ich gehe, dann wird sie nicht wissen, wo ich bin. Wenn du nichts Gef�hrlicheres ausmachst, k�nnen wir noch ein Weilchen warten. Wenn es sich wirklich um Krieger aus Ymris handelt, dann k�nnen die M�nner sich hier um diese �berbleibsel einer Schutzmauer verteilen, und alle werden sich gleich viel sicherer f�hlen.�</p><p>Sie schwieg einen Moment, w�hrend sie in den Wind hineinblickte, als suchte sie nach dem Schatten dunkler Schwingen.</p><p>�Sie wird zur�ckkommen�, sagte sie leise. �Sie hat gro�en Mut.�</p><p>Er legte seine Arme um ihre Schulter und dr�ckte sie kurz an sich.</p><p>�Und du auch. Ich w�nschte, du w�rdest nach Hause zur�ckkehren.�</p><p>�Die Morgol hat ihre Wache in den Dienst der Kaufleute von Lungold gestellt. Sie soll die Stadt h�ten und besch�tzen.�</p><p>�Aber sie hat doch nicht ihre Landerbin in den Dienst der Kaufleute gestellt?�</p><p>�Ach, Morgon, h�rt auf, mit mir zu streiten, k�nnt Ihr denn nicht was zur Kr�ftigung dieser Mauer tun? Sie ist v�llig nutzlos und gef�hrlich und f�llt praktisch unter meinen F��en zusammen.�</p><p>�Gut. Ich habe jetzt eine Weile nichts Besseres zu tun.�</p><p>Sie drehte den Kopf und k��te ihn auf die Wange.</p><p>�Rendel hat sich wahrscheinlich irgendwohin zur�ckgezogen, um nachzudenken. Sie wird zu Euch zur�ckkommen.� Er �ffnete den Mund; sie befreite sich aus seinen Armen, wandte pl�tzlich das Gesicht van ihm ab. �Geht, macht die Mauer.� Er brachte Stunden damit zu, die Mauer zu reparieren, w�h-rend er versuchte, nicht zu denken. Ohne auf das Get�mmel rundum zu achten�� die Bauern und Kaufleute, die ihn voller Unbehagen be�ugten, die H�ndler, die ihn erkannten��, stand er da, die H�nde und das Gesicht gegen die alten Steine gedr�ckt. Sein Geist senkte sich in ihr wuchtiges Schweigen, bis er ihr Absinken, ihren unsicheren Halt an den Strebepfeilern in sich sp�rte. Er baute Trugbilder von Stein in die Torb�gen hinein und st�tzte sie mit Strebepfeilern seines Geistes. Die pl�tzlich blockierten Tore brachten Wagen und Pferde zum Stehen, l�sten w�tendes Gez�nk aus, trieben schimpfende Menschenmassen ins Rathaus. Der Verkehrsstrom, der sich durch das Haupttor w�lzte, schwoll ungeheuer an. Stra�enjungen sammelten sich um ihn, w�hrend er dem Rund der Stadtmauer folgte. Sie sahen ihm bei der Arbeit zu, blieben ihm dicht auf den Fersen, sahen entz�ckt und verwundert, wie Steine unter seinen H�nden erwuchsen, die vorher nicht dagewesen waren. Am sp�ten Nachmittag, als er sein schwei�nasses Gesicht gegen die Steine eines Torbogens dr�ckte, sp�rte er die Ber�hrung einer fremden Kraft. Er schlo� die Augen und durchwanderte eine Stille, die ihm wohlvertraut geworden war. Lange Zeit, w�hrend sein Geist sich tief im Inneren der Steine bewegte, h�rte er nichts als ihren Atem. Als er schlie�lich an die sonnenwarme Oberfl�che der Au�enmauer emporkroch, f�hlte er den harten Druck eines Rammbocks von unb�ndiger Kraft, der sich gegen die Steine stemmte. Vorsichtig betastete er mit seinem Geist diese fremde, gewaltige Kraft. Es war eine Kraft, die der Erde selbst entrissen war und gegen die schw�chste Stelle im Stein anbrandete. Langsam, erschreckt zog er sich zur�ck.</p><p>Jemand stand hinter ihm und rief immer wieder seinen Namen. Fragend drehte er sich um: eine der Wachen der Morgol in Begleitung eines rothaarigen Mannes in Leder und Kettenhemd. Das breite, sonnengebr�unte Gesicht der jungen Frau war schwei�na�. Sie sah so ersch�pft aus, wie Morgon sich f�hlte. Ihre rauhe Stimme war ruhig und geduldig, sehr angenehm.</p><p>�Herr, mein Name ist Goh. Dies hier ist Teril Umber, der Sohn des Herrn Rork Umber von Ymris. Ich habe es auf mich genommen, ihn und seine Krieger in die Stadt zu f�hren.�</p><p>Ein schwacher Hauch von Spannung lag in ihrer Stimme und in den ruhigen Augen. Schweigend sah Morgon den Mann an. Er war jung, durch Schlachten gest�hlt, und er wirkte v�llig ausgepumpt. H�flich neigte er den Kopf vor Morgon; er ahnte nichts von dessen Argwohn.</p><p>�Herr, Heureu Ymris entsandte uns einen Tag vor�� an dem Tag bevor wir, wie es scheint, die Ebene der �Winde verloren. Wir haben eben die Nachricht von der Landerbin der Morgol geh�rt.�</p><p>�War Euer Vater auf der Ebene der Winde?� fragte Morgon. �Ich erinnere mich an ihn.�</p><p>Teril Umber nickte bedr�ckt.</p><p>�Ja. Ich habe keine Ahnung, ob er �berlebt hat.� Dann strafften sich seine Schultern unter der Last des staubigen Kettenhemdes. �Der K�nig war besorgt um die H�ndler hier, die ohne Verteidigung sind; er ist selbst einmal auf Handelsschiffen gesegelt. Und er wollte Euch nat�rlich so viele M�nner zur Verf�gung stellen, wie er entbehren konnte. Ich habe hundertf�nfzig Krieger mitgebracht, den Wachen der Morgol bei der Verteidigung der Stadt Unterst�tzung zu leisten, wenn es notwendig werden sollte.�</p><p>Morgon nickte. Das magere, schwei�gl�nzende Gesicht mit dem roten Bart schien �ber jeden Verdacht erhaben.</p><p>�Ich hoffe�, gab er zur�ck, �es wird nicht notwendig werden. Es war hochherzig vom K�nig, Euch zu schicken.�</p><p>Teril Umber neigte nur stumm den Kopf.</p><p>�Es tut mir leid�, fuhr Morgon fort, �zu h�ren, da� auch Euer Vater unter denen war, die auf der Ebene der Winde k�mpften. Er ist mir mit gro�er G�te begegnet.�</p><p>�Er hat von Euch gesprochen.� Der junge Mann sch�ttelte den Kopf und fuhr sich mit den Fingern durch das flammend rote Haar. �Aber er hat schon Schlimmeres �berstanden�, f�gte er ohne Hoffnung hinzu. �Ja, ich glaube, ich spreche jetzt am besten mit Lyra, damit ich meine Leute noch vor Einbruch der Nacht verteilen kann.�</p><p>Morgon warf einen Blick auf Goh. Die Erleichterung, die er auf ihrem Gesicht sah, sagte ihm, wie beunruhigt sie gewesen war.</p><p>�Bitte, sagt Lyra�, bemerkte er mit gesenkter Stimme, �da� ich mit der Mauer fast fertig bin.�</p><p>�Ja, Herr.�</p><p>�Danke Euch.�</p><p>Sie l�chelte und ging mit einem kurzen Nicken davon.</p><p>W�hrend seine Arbeit an der Mauer ihren Fortgang nahm und der Tag sich einem sonnendurchgl�hten Ende zuneigte, bekam er in zunehmendem Ma�e das Gef�hl, von einem Festungsring aus reiner Kraft umschlossen zu sein. Der Zauberer, der still und schweigend auf der anderen Seite der Mauer mit ihm arbeitete, kr�ftigte die Steine, indem er sie ber�hrte, verschlo� L�cken und Risse mit grauem, k�rnigem Blendwerk, st�tzte geborstene Mauern mit Pfeilern seiner Kraft. Die Mauern, die vorher br�chig und schief gewesen waren, halb zerst�rt von den Einfl�ssen sommerlicher Hitze und winterlicher Schneef�lle, standen wieder fest und sicher, spannten sich in weitem, ununterbrochenem Rund trutzig um die Stadt.</p><p>Morgon wob ein Kraftgespinst von Stein zu Stein, um auch die letzten Spr�nge im alten M�rtel zu schlie�en, und lehnte sich dann todm�de gegen die Mauer, die Arme vor dem Gesicht. Er konnte das Zwielicht riechen, das �ber die Felder schwebte. Die Stille der letzten Minuten vor Sonnenuntergang, das friedliche, schon schl�frige Zwitschern der V�gel lie� ihn fl�chtig an Hed denken. Das ferne Kr�chzen einer Kr�he ri� ihn aus seiner Tr�umerei. Er stemmte sich von der Mauer ab und wanderte zu einem der beiden Tore hin�ber, die er offengelassen hatte. Ein Mann mit einer Kr�he auf seiner Schulter stand am anderen Ende des Torbogens.</p><p>Es war ein hochgewachsener alter Mann, mit kurzem, grauem Haar und schroffen Gesichtsz�gen. Er sprach in der Sprache der Kr�he mit dem Vogel; einiges davon verstand Morgon. Als die Kr�he antwortete, l�ste sich ein eiserner Ring der Angst, der bis dahin Morgons Herz zusammengepre�t hatte, und ihm war, als h�tte sein Herz einen warmen Ruheplatz gefunden, auf der Hand des alten Zauberers vielleicht, die mit dem Mal der Vesta-H�rner gezeichnet war. Er ging auf die beiden zu, beruhigt durch die Ausstrahlung starker Kraft, die von dem Zauberer ausging, und durch seine G�te Rendel gegen�ber.</p><p>Doch noch ehe er sie erreichte, sah er, wie der Zauberer mitten im Satz abbrach und die Kr�he hoch in die L�fte schleuderte. Er rief ihr etwas nach, das Morgon nicht verstand. Dann zerschmolz er. Morgon, der heftig atmend dastand wie gefroren, sah das Zwielicht, das lautlos die Handelsstra�e herunterwehte; eine Woge von Reitern in den Farben des Abendhimmels. Noch ehe er eine Bewegung machen konnte, erhellte ein Licht, das wie geschmolzenes Gold gl�nzte, den Torbogen rund um ihn herum. Die Mauer schwankte; knirschend, torkelnd sch�ttelten sich die Steine und schleuderten einen so gewaltigen Kraftsto� in die Stra�e, da� die Kopfsteine barsten und Morgon in die Knie gedr�ckt wurde. Er rappelte sich wie-der hoch und drehte sich um.</p><p>Das Herz der Stadt stand in Flammen.</p></section><section><title><p><emphasis>Kap. 8</emphasis></p></title><p>Zwei der Ymris-Krieger m�hten sich bereits, das Haupttor zu schlie�en, als er ins Innere der Stadt hineinhuschte. Die Angeln knirschten und kreischten, Rost rieselte, als die schweren Eichenplatten sich r�ttelnd aus den Furchen hoben, in denen sie seit Jahrhunderten geruht hatten. Morgon schlug die beiden Fl�gel mit einem Gedanken zu, der ihm beinahe das Leben gekostet h�tte. Ein nur allzu vertrauter, todbringender Geist ertastete die Quelle des Kraftsto�es und bem�chtigte sich Morgons �ber die Entfernung hinweg. Die Dunkelheit vor ihm wurde von einem blauwei�en Blitz zerrissen, der von so seltsamer Sch�nheit war, da� er nur dastehen und ihn anstarren konnte. Dann schienen seine Knochen in alle Richtungen auseinanderzufliegen, w�h-rend sein Gehirn wie ein Stern brannte. Verschwommen f�hlte er Stein hinter sich und lie� seinen Geist in ihn hineinflie�en, leer werden, reglos. Die fremde Kraft entfernte sich. Er sammelte seine Knochen aus der Nacht und gewahrte undeutlich, da� er noch lebte. Einer der Krieger zog ihn vom Boden hoch. Sein Gesicht blutete. Der andere Mann war tot. �Herr���</p><p>�Mir ist nichts geschehen.�</p><p>Er schleuderte seine Gedanken aus der Zeitzelle hinaus, in der er stand. Als der n�chste Schwall von Energie durch die Nacht tobte, trat er einfach von ihm weg in eine andere Zelle nahe der brennenden Schule. Menschen rannten durch die Stra�en den Haupttoren zu: Wachen, bewaffnete Ymris-Krieger, H�ndler, Kauf leute und Fischer, die ihre Schwerter mit einer grimmigen, ungelenken Entschlossenheit trugen. Kinder standen am Rande des Schulgel�ndes, gebannt vom Spiel des Lichts, w�hrend ihre Gesichter bald rot, bald golden, bald violett aufleuchteten. Dann barst die Mauer eines Hauses hinter ihnen, es regnete gl�hende Steine, und schreiend stoben sie auseinander.</p><p>Morgon zog aus seinen Gedanken eine Erinnerung an den Stoff, aus dem diese fremde Energie gewoben war, und speiste sie mit Kraft aus einer Quelle, die er nie zuvor angezapft hatte.</p><p>Er lie� sie durch sich hindurchstr�men, lie� sie sich aufbauen, sich von seinen Gedanken und inneren Regungen n�hren, bis sie gleich einem Blitzstrahl aus ihm herausscho�, der mit einem hohen, d�nnen Summen die Luft durchschnitt. Feurig knisternd zuckte er der Kraftquelle innerhalb der Mauern entgegen, verschwand hinter ihnen, doch explodierte nicht. Der Strahl tauchte wieder auf, ehe er sein Ziel getroffen hatte, scho� mit der gleichen t�dlichen Ladung auf Morgon zur�ck. Den Bruchteil einer Sekunde lang starrte er ungl�ubig, dann �ffnete er sich, um den Kraftstrom wieder in sich aufzunehmen. Er implodierte in seinem Inneren in Finsternis. Ihm folgte nicht einmal einen Herzschlag sp�ter ein gewaltiger Schwall von Licht und Feuer, der bis in die untersten Tiefen seines wehrlosen Geistes drang. Er schleuderte ihn flach auf das Kopfsteinpflaster, und w�hrend er geblendet nach Luft schnappend dalag, brandete eine neuerliche Woge von Energie in ihn hinein. Er lie� sein Bewu�tsein davontreiben, hinunter in die Ritzen zwischen den Steinen, in die dunkle, schweigende Erde unter ihnen. Der Splitter eines Steines, der neben ihm in St�cke barst, ri� ihm die Wange auf, doch er f�hlte es nicht. W�hrend sein K�rper wie festgenagelt auf der Oberfl�che der Erde lag, begann er, aus den stummen, gesichtslosen, lebenden Gesch�pfen, die in ihr wohnten, eine Stille zu sch�pfen, die ihn sch�tzen w�rde. Er wob die Stille von Maulw�rfen und Regenw�rmern, von winzigen Schlangen und den bleichen Wurzeln des Grases in seinen Geist. Als er schlie�lich aufstand, schien die Welt um ihn dunkel, gesprenkelt von kleinen, lautlosen Lichtblitzen. Mit dem blinden Instinkt des Regenwurms wanderte er in die Dunkelheit.</p><p>Unter dieser geistigen Maske gelangte er sicher �ber das freie Gel�nde in das Geb�ude der Schule. Feuer hatte die uralten Kr�fte, die noch in den Steinen eingeschlossen waren, entz�ndet. Kaltglitzernde Flammen huschten �ber geborstene W�nde, speisten sich von der Energie in ihren Herzen. Morgon, dessen Geist noch immer von der Stille der sprachlosen Welt unter seinen F��en trank, f�hlte nichts vom gef�hrlichen Wellenschlag des Feuers rund um ihn herum. Eine Mauer brach zusammen, als er an ihr vor�berkam; die Steine rollten wie Kohle �ber seinen Schatten. Er empfand nur eine ferne Unruhe in der Erde, als h�tte sich etwas in ihren Tiefen ein wenig verschoben.</p><p>Eine zarte Ber�hrung seines Geistes zog unversehens seine Gedanken aus dem Inneren der Erde empor, lockte ihn, ihr zu folgen. Er brach den Bann, den er selbst �ber sich geworfen hatte, und stand zwinkernd im donnernden, feuerspeienden Tumult. Die unerwartete Ber�hrung wurde gebieterisch und zwingend, und er erkannte, da� der Raum, durch den er schritt, in sich selbst zusammenfiel. Ihm blieb keine Zeit zu fliehen; er �berlie� seinen Geist den feurigen Steinen, die dr�hnend herabst�rzten, wurde ein Teil ihres schwerf�llig taumelnden Stroms, zersprang mit ihnen und versank mit ihnen in einer starren, staubumh�llten Stille. Und in der Stille w�hlte er seinen K�rper aus ihnen heraus, sammelte wieder seine Gedanken. In diesem Augenblick sah er Nun, die ihn, nicht greifbar in der flimmernden Luft, beobachtete. Sie sagte nichts, zerschmolz fast im selben Moment, als er sie erblickte, w�hrend der gl�hende Kopf ihrer Pfeife einen Herzschlag lang allein in der Luft hing.</p><p>Die Schlacht, die im Herzen der Schule w�tete, ersch�tterte die Erde. Vorsichtig suchte er sich einen Weg dorthin. Am grellen Lichtschein, der durch die sch�nen, zertr�mmerten Fenster fiel, wu�te er, da� sie sich dort konzentrierte, wo sie angefangen hatte�� in der gro�en Rotunde, an deren W�nden sich noch immer das Echo des Namens des Gr�nders brach.</p><p>Sein Gesp�r sagte ihm, da� die Schlacht bisher nur einseitig geschlagen wurde; da� der Gr�nder mit den Zauberern spielte, da� ihr Leben ihm als K�der diente, Morgon anzulocken. Schon im n�chsten Moment bekam Morgon den Beweis daf�r, da� seine Annahme richtig gewesen war. Er f�hlte, wie der Geist des Gr�nders �ber die Flammen strich wie ein schwarzes Suchfeuer. Fl�chtig ber�hrte er Morgons Geist; vor ihm g�hnte ein vertrauter Abgrund ungeheurer, bedrohlicher Macht. Doch der Gr�nder versuchte gar nicht, Morgon festzuhalten. Sein Geist zog sich zur�ck, und Morgon h�rte einen Schrei, der ihm das Blut in den Adern gerinnen lie�.</p><p>Aloil wurde nicht weit von ihm mit Gewalt aus der Luft gerissen und in seine eigene Gestalt gezwungen. So verzweifelt und w�tend er gegen die dunkle Macht, die seinen Geist gefangenhielt, ank�mpfte, er konnte sich nicht befreien. Und wieder ver�nderte sich langsam seine Gestalt. M�chtige, von Wind und Wetter gemei�elte �ste sprangen aus seinen Schultern heraus; sein verzweifeltes Gesicht verschwamm hinter Eichenrinde, und ein dunkler Schlitz klaffte an jener Stelle im Stamm, wo sein Mund gewesen war. Wurzeln gruben sich in die tote Erde; sein Haar verwirrte sich zu blattlosen �stchen. Eine lebende Eiche stand dort, wo seit sieben Jahrhunderten nichts mehr gewachsen war. Ein Blitzstrahl sauste zuckend auf sie zu, sie bis zu den Wurzeln zu spalten.</p><p>Morgon �ffnete weit seinen Geist, fing den Blitzstrahl auf, ehe er den Baum treffen konnte. Er schleuderte ihn zur�ck auf Ghisteslohm und h�rte, wie eine der Mauern krachend zerbarst. Dann drang er erbarmungslos in die Festung des Gr�nders ein und schwei�te Ghisteslohms Geist mit dem seinen zusammen, so wie sie beide zuvor in der Schw�rze des Erlenstern-Bergs zusammengeschwei�t gewesen waren.</p><p>Er sog die Kraft in sich hinein, die w�tend zuckend seine Gedanken zu zerschmettern suchte, und lie� sie auf dem Grund seines Geistes ausbrennen. Langsam gewann er an Boden,, bis schlie�lich der Geist des Gr�nders wieder so vertraut war, als bef�nde er sich hinter seinen eigenen Augen. Er schenkte Erfahrungen, Impulsen und der langen, geheimnisvollen Lebensgeschichte des Gr�nders keine Beachtung, sondern konzentrierte sich allein auf die Quelle seiner Kraft, um sie bis zur Ersch�pfung zu leeren. Er sp�rte es, als Ghisteslohm gewahrte, was er tat; er sp�rte es an den gewaltigen, verzweifelten Energiest��en, die ihn beinahe wieder und wieder wegrissen, bis er verga�, da� noch anderes sein Wesen ausmachte, als ein Wille und ein Geist. Der Machtkampf endete schlie�lich. Er drang tiefer ein, st�berte Kraft und Energie auf und trank sie in sich hinein, bis der Gr�nder ihm etwas Unerwartetes �berlie�: Er gewahrte, da� er das Wissen um das Landrecht von Hed von neuem in sich aufsog.</p><p>Seine Umklammerung lockerte sich, zerbrach in einer Woge von Wut und Emp�rung �ber die Ironie. Ein chaotisches Gewitter der Raserei schleuderte ihn �ber den Boden. Benommen versuchte er, sich zu sch�tzen, doch sein Geist konnte nichts als Feuer formen. Wieder scho� die Energie durch ihn hindurch, so da� er gegen brennend hei�en Stein geworfen wurde. Jemand zog ihn weg; die Zauberer, die ihn umgaben, lenkten Ghisteslohms Aufmerksamkeit mit einem w�tenden �berraschungsangriff von ihm ab, der die inneren Geb�ude erzittern lie�.</p><p>Talies schlug die Flammen aus, die an seinem Kittel z�ngelten, und sagte kurz: �T�tet ihn doch einfach.�</p><p>�Nein.�</p><p>�Ihr starrk�pfiger Bauer von Hed, wenn ich diese Schlacht �berlebe, dann werde ich die R�tselkunst studieren.� Er drehte pl�tzlich den Kopf. �In der Stadt wird gek�mpft. Ich h�re Todesschreie.�</p><p>�Dort unten ist ein Heer von Gestaltwandlern. Sie kamen durch das vordere Tor, w�hrend wir das hintere bewachten. Ich habe�� ich glaube, ich habe Yrth gesehen. Kann er mit Kr�hen sprechen?�</p><p>Der Zauberer nickte. �Gut. Dann wird er wohl an der Seite der H�ndler k�mpfen.�</p><p>Er half Morgon auf die Beine. Die Erde schwankte unter ihnen, so da� sie beide �bereinanderst�rzten. Talies stand zuerst auf, dann rappelte sich Morgon hoch und blieb stehen, den Blick auf die Mauern der Rotunde gerichtet.</p><p>�Er wird schw�cher dort drinnen.�</p><p>�Ja?�</p><p>�Ich gehe jetzt hinein.�</p><p>�Wie?�</p><p>�Ich gehe einfach hinein. Aber ich mu� seine Aufmerksamkeit ablenken.�</p><p>Er �berlegte einen Moment, w�hrend er eine Brandwunde an seinem Handgelenk betastete. Sein Geist, der aufmerksam das ganze Gel�nde der Schule absuchte, verharrte in der alten, zerst�rten Bibliothek, in deren Regalen Hunderte von Zauberb�chern gestanden hatten. Die halbverkohlten Seiten waren noch immer mit Kraft geladen; mit Bannformeln, die in ihre Schl�sser eingewoben waren, mit unausgesprochenen Namen, mit der Energie jener, die all ihre Erfahrungen mit der Kraft des Geistes auf den Seiten niedergeschrieben hatten. Er erweckte diese schlafenden Kr�fte, sammelte ihre F�den in seinem Geist. Einen Moment lang h�tte das Chaos ihn beinahe �berw�ltigt. Laut sprechend spann er ein geisterhaftes Gewebe aus Namen, W�rtern, S�tzen grotesker Bannspr�che, die Sch�ler gelegt hatten, aus einem Gewirr von Wissen und geistiger Kraft, das sich im Schein der grell flackernden Lichter in seltsame Gestalten formte. Schatten, Steine, die sich bewegten und sprachen, gesichtslose V�gel mit Schwingen von der Farbe des Feuers der Zauberer, kriechende und watschelnde Gesch�pfe, die sich aus der verbrannten Erde emporstie�en, sandte er in gro�em Aufmarsch gegen Ghisteslohm. Er weckte die toten Geister der Tiere, die w�hrend der Zerst�rung get�tet worden waren: Flederm�use, Kr�hen, Wiesel, Frettchen, F�chse, wei�e W�lfe; sie schw�rmten durch die Nacht um ihn herum, suchten von ihm ihr Leben zu erhalten, bis er sie der Kraftquelle entgegenschickte. Er hatte gerade begonnen, die Wurzeln toter B�ume aus der Erde zu ziehen, als die vorderste Reihe seines Heeres in die Festung des Gr�nders eindrang. Der Ansturm dieser vielf�ltigen Splitter von Kraft und Energie, schwerf�llig, beinahe harmlos, dennoch zu komplex, um einfach ignoriert zu werden, zog die Aufmerksamkeit des Gr�nders auf sich. Eine Stille trat ein, in der der Geist eines Wolfes eine gespenstische Totenklage wimmerte. Lautlos rannte Morgon zum gro�en runden Saal. Er war beinahe dort, als sein Heer fluchtartig den R�ckzug antrat, um ihn herum und �ber ihn hinweg st�rzte, in die Nacht hinausstob, der Stadt entgegen.</p><p>Morgon schickte ihnen seinen Geist nach, trieb die seltsamen, mi�gestalteten Wesen, die er gemacht hatte, ins Reich der Vergessenheit zur�ck, ehe sie Lungold in Angst und Schrecken versetzen konnten. Die Anstrengung, die Geister von Flederm�usen und anderen Gesch�pfen zu finden, die aus Erdklumpen geschaffen waren, beanspruchte seine ganze Aufmerksamkeit. Als er endlich fertig war, wirbelte sein Geist wieder von Namen und W�rtern, die er wieder in sich selbst hatte aufnehmen m�ssen. Er f�llte seinen Geist mit Feuer und zerschmolz die Reste von Kraft darin, w�hrend er selbst von seiner Kraft und Klarheit trank. Und da gewahrte er, da� er in nahezu v�lliger Finsternis stand.</p><p>Eine unheimliche Stille lag �ber der Erde. Haufen zertr�mmerten Mauerwerks gl�hten noch rot, doch die Nacht �ber der Schule war klar und unber�hrt, und er konnte Sterne sehen. Er stand da und lauschte, doch das einzige Schlachtget�mmel, das er h�rte, kam aus den Stra�en. Lautlos setzte er sich wieder in Bewegung und betrat den Saal.</p><p>Er war so schwarz und still wie die H�hlen des Erlenstern-Bergs. Er machte nur einen fruchtlosen Versuch, gegen die Finsternis anzuk�mpfen, und gab auf. Einem Impuls folgend holte er das Schwert an seiner Seite aus der Luft und zog es aus der Scheide. Er nahm es bei der Klinge und hielt es hoch, richtete die Augen der Sterne in die Dunkelheit. Er zog Feuer aus der Nacht hinter ihm, fachte es in den Sternen an. Ein rotes Licht brach durch die Finsternis, zeigte ihm Ghisteslohm.</p><p>Schweigend sahen sie einander an. Der Gr�nder wirkte hager und eingefallen im seltsamen Licht. Scharf traten die Knochen unter seiner Haut hervor. Seine Stimme schien matt, weder drohend noch geschlagen.</p><p>�Ihr k�nnt noch immer nicht im Dunklen sehen�, bemerkte er verwundert.</p><p>�Ich werde es lernen.�</p><p>�Ihr m��t die Dunkelheit trinken. Ihr seid ein R�tsel, Morgon. Ihr verfolgt einen Harfner durch das ganze Reich, um ihn zu t�ten, weil Ihr sein Spiel ha�tet, doch mich t�tet Ihr nicht. Ihr h�ttet mich t�ten k�nnen, solange Ihr meinen Geist in Eurer Gewalt hattet, aber Ihr habt es nicht getan. Ihr solltet es jetzt versuchen. Aber Ihr werdet es nicht tun. �Warum nicht?�</p><p>�Ihr wollt mich nicht tot. Warum?�</p><p>Der Zauberer brummte. �Ein R�tselkampf. Ich h�tte es mir denken k�nnen. Wie habt Ihr an jenem Tag auf der Handelsstra�e �berlebt, da� Ihr fliehen konntet? Ich selbst konnte nur mit knapper Not entkommen.�</p><p>Morgon schwieg. Er senkte das Schwert und lie� seine Spitze auf dem Boden ruhen.</p><p>�Was sind sie? Die Gestaltwandler? Ihr seid der Erhabene. Ihr m��tet es wissen.�</p><p>�Sie waren eine Legende, die man sich hier und dort erz�hlte, ein St�ck Poesie, ein H�ufchen nasser Seetang und zerbrochene Muschelschalen. Eine befremdliche Behauptung von einem F�rsten von Ymris, bis Ihr Euer Land verlie�t, um mich zu finden. Jetzt�� jetzt werden sie zum Alptraum. Was wi�t Ihr �ber sie?�</p><p>�Sie sind steinalt. Sie k�nnen get�tet werden. Sie haben ungeheure Kraft, aber sie gebrauchen sie selten. Sie t�ten H�ndler und Krieger in den Stra�en von Lungold. Ich wei� nicht, was, in Hels Namen, sie sind.�</p><p>�Was sehen sie in Euch?�</p><p>�Das gleiche, was Ihr in mir seht, vermute ich. Diese Frage werdet Ihr mir beantworten.�</p><p>�Zweifellos. Der Weise kennt seinen eigenen Namen.�</p><p>�Reizt mich nicht.� Das Licht bebte ein wenig zwischen seinen H�nden. �Ihr habt Lungold zerst�rt, um mir meinen Namen zu verheimlichen. Ihr habt alles Wissen darum verborgen, Ihr bewachtet die Schule in Caithnard���</p><p>�Erspart mir die Geschichte meines Lebens.�</p><p>�Das ist es, was ich von Euch will. Meister Ohm. Erhabener. Woher nahmt Ihr den Mut, den Namen des Erhabenen anzunehmen?�</p><p>�Kein anderer nahm ihn f�r sich in Anspruch.�</p><p>�Warum?�</p><p>Der Zauberer blieb einen Moment lang stumm.</p><p>�Ihr k�nntet Antworten von mir erzwingen�, sagte er schlie�lich. �Ich k�nnte meinen Geist auswerfen und die Zauberer von Lungold wieder bannen, so da� Ihr mir nichts anhaben k�nntet. Ich k�nnte fliehen; Ihr k�nntet mich verfolgen. Ihr k�nntet fliehen; ich k�nnte Euch verfolgen. Ihr k�nntet mich t�ten, was anstrengende Arbeit w�re, und Ihr w�rdet Euren m�chtigsten Besch�tzer verlieren.�</p><p>�Besch�tzer.� Er lie� die Silben fallen wie drei abgenagte Knochen.</p><p>�Ich m�chte Euch lebend, ja. Und die Gestaltwandler? H�rt auf mich���</p><p>�Ihr braucht es gar nicht erst zu versuchen�, fiel ihm Morgon m�de ins Wort. �Ich werde Eure Macht ein f�r allemal brechen. Es mag seltsam klingen, aber es k�mmert mich nicht, ob Ihr lebt oder sterbt. Ihr wenigstens seid mir begreiflich, und das ist mehr, als ich von den Gestaltwandlern oder���</p><p>Er brach ab. Der Zauberer trat einen Schritt zu ihm hin.</p><p>�Morgon, Ihr habt die Welt durch meine Augen gesehen, und Ihr besitzt meine Kr�fte. Je mehr Ihr in das Landrecht eingreift, desto mehr Menschen werden sich dessen erinnern.�</p><p>�Ich habe nicht die geringste Absicht, in das Landrecht einzugreifen! Wof�r haltet Ihr mich?�</p><p>�Ihr habt schon angefangen.�</p><p>Morgon starrte ihn wortlos an.</p><p>�Ihr t�uscht Euch�, entgegnete er dann leise. �Nichts und nie habe ich durch Eure Augen gesehen. Was, in Hels Namen, seht Ihr, wenn Ihr mich anblickt?�</p><p>�Morgon, ich bin der m�chtigste Zauberer in diesem Reich. Ich k�nnte f�r Euch k�mpfen.�</p><p>�Irgend etwas hat Euch an jenem Tag auf der Handelsstra�e in Angst versetzt. Ihr braucht mich, damit ich f�r Euch k�mpfe. Was ist geschehen? Habt Ihr die Grenzen Eurer Macht im Spiegel eines meergr�nen Auges erblickt? Sie wollen mich haben, und Ihr wollt mich ihnen nicht preisgeben. Aber Ihr seid jetzt nicht mehr so sicher, da� Ihr es mit einem Heer von Seetang aufnehmen k�nnt.�</p><p>Ghisteslohm h�llte sich in Schweigen. Sein eingefallenes Gesicht schimmerte im Spiel blutroter Schatten.</p><p>�K�nnt Ihr es denn?� fragte er. �Wer wird Euch helfen? Der Erhabene?�</p><p>In diesem Augenblick sp�rte Morgon die pl�tzliche Bewegung seines Geistes, sp�rte eine Welle von Kraft, die den Saal und das Gel�nde umschlo�, die die Zauberer suchte, sich ihres Geistes zu bem�chtigen, sie wiederum zu bannen. Morgon hob das Schwert; die Sterne entz�ndeten scharfe Lichtstrahlen, die in Ghisteslohms Augen stachen. Er schreckte vor ihnen zur�ck, und seine Konzentration zerbrach. Dann hob er die H�nde, verschlungene Lichtf�den zwischen den Fingern. Das Licht glitt zur�ck in die Sterne, als h�tten sie es aufgesogen. Finsternis kauerte wie ein lebendes Gesch�pf im Saal und verdunkelte selbst das Mondlicht. Das Schwert wurde kalt in Morgons Hand. Die K�lte stieg in seine Arme hinauf, in seine Knochen, hinter seine Augen: ein Bann, der seine Bewegung und seine Gedanken lahmte. Seine eigene Erkenntnis dieses Banns verst�rkte ihn nur; und als er sich abm�hte, eine Bewegung zu machen, wurde er nur fester in Stille gefesselt. Darum gab er sich der L�hmung hin, stand reglos in der Nacht, wohl wissend, da� sie Trug war und da� nur die Bereitschaft, sie anzunehmen, genau wie die Bereitschaft, das Undenkbare anzunehmen, aus ihr herausf�hren konnte. Er wurde die Stille und die K�lte, die damit einhergingen, und als der Ansturm unerme�licher Kraft, der sich in irgendeiner d�steren Welt sammelte, ihn endlich traf, hielt sein gel�hmter, in Finsternis erstarrter Geist ihn auf wie eine eiserne Wand.</p><p>Er h�rte Ghisteslohms w�tenden, ungl�ubigen Fluch und sch�ttelte den Bann ab. Einen Wimpernschlag bevor der Geist des Zauberers verschwinden konnte, bekam er ihn zu fassen. Ein letzter Kraftsto�, der durch seinen Geist fegte, lockerte seinen Zugriff ein wenig, und er gewahrte, da� er selbst nahe am Rande seiner Kr�fte war. Doch der Zauberer war ersch�pft; selbst sein Trug von Finsternis war zerrissen. Licht funkelte wieder aus den Sternen; die geborstenen W�nde rundum leuchteten von geheimer Kraft. Ghisteslohm hob eine Hand, als wollte er aus den brennenden Steinen etwas herausholen, dann lie� er sie schlaff fallen. Morgon nahm seinen Geist in Besitz und sprach seinen Namen.</p><p>Der Name schlug Wurzeln in seinem Herzen und in seinen Gedanken. Nicht Kraft sog er jetzt auf, sondern Erinnerungen. F�r kurze Zeit blickte er aus Ghisteslohms Geist auf die Welt.</p><p>Er erblickte den gro�en runden Saal, in dem sie standen, in all seiner urspr�nglichen Sch�nheit. Die Fenster leuchteten mit den Feuern der Zauberkunst, die get�felten W�nde rochen nach Zedernholz. Hundert Gesichter blickten ihn an jenem Tag tausend Jahre zuvor an, als er die neuen Lehrs�tze der Zauberkunst formulierte. W�hrend er sprach, stahl er im geheimen, selbst aus dem Geist des machtvollsten unter ihnen, alles Wissen um die drei Sterne und alle Erinnerung an sie.</p><p>Im Besitz ungeheurer Macht, die ihm nicht Rast noch Ruhe lie�, sa� er im Erlenstern-Berg. Er hatte den Geist jedes einzelnen Landherrschers in seiner Gewalt, nicht um seine Handlungen zu bestimmen, sondern um ihn zu erforschen, um die Landinstinkte zu studieren, die er niemals ganz erfassen konnte. Er sah, wie ein Landherrscher aus Herun allein durch den Isig-Pa� ritt, wie er n�her und n�her kam, um eine R�tselfrage von drei Sternen zu stellen. Er verwirrte den Geist des Pferdes, das der Morgol ritt, es b�umte sich schreiend auf, und der Morgol Dhairrhuwyth st�rzte einen Felshang hinunter, versuchte verzweifelt, sich an Felsbrocken festzuklammern, die eine schreckliche Warnung ausstie�en, w�hrend sie ihm donnernd folgten.</p><p>Lange vor diesem Tag stand er in ehrf�rchtigem Staunen im weiten Thronsaal im Erlenstern-Berg, wo die Legende, die so alt war, da� sie keinen Ursprung hatte, sagte, da� der Erhabene seinen Sitz gefunden h�tte. Der Saal war leer. Die ungeschliffenen Edelsteine in den Felsmauern waren tr�be und matt. Generationen von Flederm�usen hingen von der Decke. Spinnen hatten Netze so zart und zerbrechlich wie Trugbilder um den Thron gewoben. Er war gekommen, um eine Frage �ber einen Tr�umer zu stellen, der tief im Berg Isig schlief. Doch es war niemand da, den er fragen konnte. Er fegte Spinnweben vom Thron und setzte sich, um �ber diese r�tselhafte Leere nachzudenken. Und w�hrend das graue Licht zwischen den langsam verrottenden T�ren verblich, begann er, Fantasiegespinste zu weben.</p><p>Er stand in einem anderen stillen, sch�nen Raum in einem anderen Berg, und sein Geist nahm die Gestalt eines seltsamen wei�en Steins an. Er tr�umte einen Kindertraum, und er konnte kaum atmen, w�hrend er die zarten Bilder betrachtete, die durch ihn hindurchstr�mten. Eine gro�e Stadt stand auf einer von Winden umwogten Ebene, eine Stadt, die in der Erinnerung des Kindes mit den Winden sang. Das Kind sah sie aus der Ferne. Sein Geist ber�hrte Bl�tter, Lichtflecken auf Baumrinde, Grashalme; es blickte aus dem schwerf�lligen Geist einer Kr�te auf sich selbst zur�ck; sein verwischtes Gesicht spiegelte sich im Auge eines Fisches; sein windzerzaustes Haar neckte einen Vogel, der ein Nest baute. Eine Frage pulste unabl�ssig unter den Tr�umen, brannte wie Feuer in seinem Herzen, als das Kind seinen Geist auswarf, das Wesen eines einzigen Blattes in sich aufzunehmen. Er stellte die Frage schlie�lich; das Kind schien sich beim Klang seiner Stimme umzudrehen. Seine Augen waren dunkel und rein und offen wie das Auge eines Falken.</p><p>�Was hat euch zerst�rt?�</p><p>Der Himmel �ber der Ebene wurde grau wie Stein; das Licht auf dem Gesicht des Kindes erlosch. Das Kind stand starr und gespannt, w�hrend es lauschte. Die Winde fuhren fauchend �ber die Ebene und dr�ckten das hohe Gras nieder. Ein Ton baute sich auf, zu m�chtig, um geh�rt zu werden, unertr�glich. Ein Stein l�ste sich aus einer der schimmernden Mauern in der Stadt, sank tief in die Erde. Ein zweiter schlug auf eine Stra�e. Und in diesem Moment befreite sich der Ton, ein tiefes, vibrierendes, donnerndes Tosen, in dessen Herzen etwas geborgen war, das er erkannte, obwohl er nicht mehr sehen noch h�ren konnte und der Fisch wie eine wei�e Narbe auf dem Wasser trieb und der Vogel aus dem Baum gefegt worden war.</p><p>�Was ist es?� fl�sterte er und wollte durch Ghisteslohms Geist hindurch, durch den Geist des Kindes hindurch das Ende des Traums ergreifen. Doch als er ihn schon hatte, zerflo� er in wildes Wasser und in finsteren Wind, und das Auge des Kindes wurde wei� wie Stein. Sein Gesicht wurde das Ghisteslohms, dessen Augen tief eingesunken waren vor Ersch�pfung, �bersp�lt wurden von einem Licht, das bleich war wie Schaum.</p><p>Morgon, der sich in tiefer Verwirrung und Best�rzung abm�hte, den Faden wiederaufzunehmen, sah aus dem Augenwinkel etwas aufblitzen. Er ri� den Kopf herum. Sterne schlugen ihm ins Gesicht; taumelnd verlor er einen Moment lang das Bewu�tsein. Er k�mpfte sich wieder empor in schimmerndes Licht und fand sich auf dem Boden wieder, Blut im Mund von einer Wunde in seiner Lippe. Er hob den Kopf. Die Spitze seines eigenen Schwerts ber�hrte sein Herz.</p><p>Der Gestaltwandler, der vor ihm stand, hatte Augen, die so wei� waren wie die des Kindes. Er l�chelte eine Begr��ung, und ein scharfer Anflug von Furcht kr�uselte die Oberfl�che von Morgons Geist. Ghisteslohms Blick war auf etwas hinter ihm gerichtet. Er drehte den Kopf und sah eine Frau, die zwischen den steinernen Tr�mmern stand. Ihr stilles, sch�nes Gesicht wurde fl�chtig von einem rotgoldenen Himmel erleuchtet. Morgon h�rte das Get�se der Schlacht, die hinter ihr tobte; einer Schlacht, die mit Schwertern und Speeren ausgetragen wurde, mit Zauberei und Waffen aus Menschenknochen, die das Wasser in den Tiefen des Meeres gereinigt und geschliffen hatte.</p><p>Die Frau neigte den Kopf.</p><p>�Sternentr�ger.� Kein Spott lag in ihrer Stimme. �Eure Erkenntnis wird allm�hlich zu weitreichend.�</p><p>�Ich bin noch immer unwissend.� Er schluckte. �Was wollt Ihr von mir? Noch immer mu� ich diese Frage stellen. Mein Leben oder meinen Tod?�</p><p>�Beides. Keines von beiden.� Ihr Blick schweifte durch den Saal zu Ghisteslohm. �Meister Ohm. Was sollen wir mit Euch anfangen? Ihr erwecktet den Sternentr�ger zum Bewu�tsein seiner Macht. Der Weise h�tet sich, die Klinge zu schmieden, die ihn t�ten wird.�</p><p>�Wer seid Ihr?� fl�sterte der Gr�nder. �Ich habe die Glut eines Traumes von drei Sternen vor tausend Jahren erstickt. Wo wart Ihr damals?�</p><p>�Wir haben gewartet.�</p><p>�Was seid Ihr? Ihr habt keine echte Gestalt, Ihr habt keinen Namen���</p><p>�Wir haben einen Namen.�</p><p>Die Stimme war noch immer klar und ruhig, doch Morgon h�rte einen Ton in ihr, der nicht menschlich war. Es klang, als h�tte Stein oder Feuer mit leiser, vern�nftiger, zeitloser Stimme gesprochen. Wieder regte sich die Angst in ihm, ein klirrender Winterwind, aus Seide und Eis gesponnen. Er formte seine Angst in ein R�tsel, und seine eigene Stimme klang ihm tonlos in den Ohren.</p><p>�Als�� als der Erhabene vom Erlenstern-Berg floh, vor wem floh er da?�</p><p>Ein Feuerschein von Kraft �bergo� die H�lfte ihres Gesichts mit fl�ssigem Gold. Sie antwortete ihm nicht. Ghisteslohms Lippen �ffneten sich; sein tiefer Atemzug klang klar und deutlich durch den Tumult wie das Seufzen der zur�ckweichenden Brandung.</p><p>�Nein!� Er trat einen Schritt zur�ck. �Nein.�</p><p>Morgon gewahrte erst, da� er sich bewegt hatte, als er den pl�tzlichen Schmerz �ber seinem Herzen sp�rte. Seine Hand streckte sich nach dem Zauberer aus.</p><p>�Was ist es?� fragte er flehentlich. �Ich kann nichts erkennen!�</p><p>Das kalte Metall zwang ihn nach r�ckw�rts. Sein zwingendes Verlangen scho� in einem Feuerstrahl aus den Sternen im Heft des Schwerts, so da� es dem Gestaltwandler aus der Hand sprang. Klirrend schlug es auf dem Boden auf, wo es gl�hend liegenblieb. Er wollte aufstehen. Der Gestaltwandler packte ihn am Kragen seines Kittels und hob die verbrannte Hand zum Schlag. Morgon starrte in die ausdruckslosen Augen und schickte einen Kraftsto� wie einen Schrei in den Geist des Zauberers. Der Schrei ging in einer kalten, st�rmischen See unter. Der Gestaltwandler lie� die Hand sinken. Er zog Morgon auf die F��e und lie� ihn stehen, frei und ungehindert. Verwirrt von dem Ausma� an Macht und von dem Ausma� an Zur�ckhaltung, streckte Morgon einen letzten verzweifelten F�hler in den Geist des Zauberers und h�rte nur das Branden des Meeres.</p><p>Das Schlachtget�mmel brach durch die verfaulten Mauern. Gestaltwandler dr�ngten H�ndler, ersch�pfte Krieger, die Wachen der Morgol in den Saal. Ihre Klingen aus Knochengebein und Eisen, untergegangenen Schiffen entrissen, droschen erbarmungslos durch das Chaos. Morgon sah, wie zwei der Wachen fielen, noch ehe er �berhaupt eine Bewegung machen konnte. Er wollte nach seinem Schwert greifen. Das Knie des Gestaltwandlers traf seine Brust, als er sich niederbeugte. Er sank auf H�nde und Knie nieder und wimmerte um einen Atemzug Luft. Der Saal um ihn herum wurde sehr still; er sah nur den Staub und den Schutt unter seinen Fingern. Kreiselnd drehte sich die Stille um ihn, zog ihn wie eine Spirale in ihre Mitte. Wie in einem Traum h�rte er in ihrem Mittelpunkt den klaren, tropfenden Klang eines einzigen Harfentons.</p><p>Das L�rmen der Schlacht rollte wieder �ber ihn hinweg. Er hob den Kopf, suchte das Schwert und sah Lyra, die sich zwischen zwei H�ndlern unter der T�r hindurchdr�ngte. Ein stechender Schmerz sa� in seiner Kehle. Er wollte rufen, schreien, die Schlacht unterbrechen, bis sie wieder fort war, doch er hatte keine Kraft. Sie arbeitete sich n�her zu ihm hin. Ihr Gesicht war bleich und ersch�pft; dunkle Halbmonde lagen unter ihren Augen. Getrocknetes Blut klebte an ihrem Kittel, in ihrem Haar. Ihre Augen suchten das Schlachtfeld ab, entdeckten ihn pl�tzlich. Der Speer in ihrer Hand blitzte auf; sie schleuderte ihn ihm entgegen. Er sah ihn kommen, ohne sich zu r�hren, ohne zu atmen. Pfeifend zischte er an ihm vorbei, traf den Gestaltwandler und ri� ihn von Morgons Seite weg. Er packte sein Schwert und sprang schwankend auf die Beine. Lyra b�ckte sich, hob den Speer unter einer der gefallenen Wachen auf. Sie wog ihn in ihrer Hand, drehte sich in einer einzigen behenden, pr�zisen Bewegung und warf.</p><p>Der Speer stieg hoch, sauste �ber die K�mpfenden hinweg, zerri� die Luft in einem Silberstreif auf dem Weg zum Herzen des Gr�nders. Seine Augen, die die Farbe des Nebels �ber dem Meer hatten, waren nicht einmal f�hig zu zwinkern, w�hrend sie dem n�her kommenden Speer entgegenblickten. Morgons Gedanken flogen rascher als der Schatten des Speeres. Er sah, wie Lyras Gesicht zu einer Maske hilflosen Entsetzens erstarrte, als sie gewahr wurde, da� der Zauberer gebannt war, wehrlos gegen sie; ihrem todbringenden Wurf haftete keine Ehre an, er verlangte kein Geschick, lie� keine M�glichkeiten offen. Morgon wollte schreien, den Speer mit seiner Stimme knicken, um einen Traum von Wahrheit zu retten, der hinter den Augen eines Kindes, hinter den Augen eines Zauberers verborgen war. Statt dessen flog seine Hand hoch, zog die Harfe auf seinem R�cken aus der Luft. Er spielte sie, noch w�hrend er sie formte: die letzte tiefe Saite, deren Schwingungen selbst ein eisernes Schwert unter Klirren erzittern lie�en und jede andere Waffe drau�en und drinnen im Saal zerschmetterten.</p><p>Stille senkte sich wie alter Staub �ber den Saal. Die Krieger aus Ymris starrten ungl�ubig auf das zerbrochene Metall in ihren H�nden. Lyra blickte noch immer zu jener Stelle in der Luft, wo der Speer, keine zwei Schritte von Ghisteslohm entfernt, zersplittert war. Langsam drehte sie sich um. Es war die einzige Bewegung im Saal. Ihr Blick traf den Morgons; sie schien pl�tzlich so ermattet, da� sie kaum noch stehen konnte. Die Wachen, die noch am Leben waren, starrten Morgon an. Ihre Gesichter waren geisterhaft bleich. Die Gestaltwandler r�hrten sich nicht. Ihre K�rper schienen pl�tzlich zu flie�en, so als wollten sie im n�chsten Moment mit dem Nichts verschmelzen. Selbst die Frau, die er als Eriel kannte, stand reglos, w�hrend sie ihn beobachtete und wartete.</p><p>In diesem Augenblick wurde ihm nur einen Herzschlag lang offenbar, welche furchtbare, bedrohliche Kraft sie in ihm sahen, die irgendwo in dunstverhangenen Regionen jenseits seiner Erkenntnis lag. Die Tiefe seiner eigenen Unwissenheit entsetzte ihn. Hilflos drehte er die Harfe in den H�nden, w�hrend er die Gestaltwandler gefangenhielt und noch keine Ahnung hatte, was er mit ihnen tun sollte. Bei dieser Bewegung der Unsicherheit wandelte sich der Ausdruck in Eriels Augen in schlichtes Staunen.</p><p>Rasch eilte sie vorw�rts, um ihm die Harfe abzunehmen, um ihn mit seinem eigenen Schwert zu t�ten, um seinen Geist zu verdunkeln und mit dem ewigen Rauschen des Meeres zu f�llen wie den Geist Ghisteslohms�� er wu�te es nicht. Er packte das Schwert und wich zur�ck. Eine Hand ber�hrte seine Schulter, hielt ihn auf.</p><p>Rendel stand neben ihm. Ihr Gesicht war rein und wei� inmitten der Wolke ihres feurigen Haares, als w�re es wie die Gesichter der Erdherren aus Stein gemei�elt. Sie hielt ihn mit leichter Hand, doch sie sah ihn nicht.</p><p>�Ihr werdet ihn nicht anr�hren�, sagte sie leise zu Eriel.</p><p>Die dunklen Augen blickten neugierig in ihr Gesicht.</p><p>�Ylons Tochter. Habt Ihr Eure Wahl getroffen?�</p><p>Eriel setzte sich wieder in Bewegung, und Morgon sp�rte, wie die ungeheure, gefesselte Kraft in Rendels Geist sich aus ihren Banden befreite. Er sah, wie die Gestalt, die Eriel angenommen hatte, von ihr abzufallen begann und etwas unglaublich Altes, Wildes enth�llte wie das dunkle Herz der Erde oder des Feuers. Mit aschfahlem Gesicht stand er da, im l�hmenden Bann tiefen Staunens, und wu�te, da� er unf�hig war, sich zu r�hren, selbst wenn das, was Rendel in ihre Gestalt zwang, sein eigener Tod war.</p><p>Dann donnerte ein Schrei durch seinen Geist, ri� ihn aus seiner Faszination. Benommen starrte er hin�ber zur anderen Seite der Rotunde. Der alte Zauberer, den er am Stadttor gesehen hatte, fing seinen Blick auf und hielt ihn mit seinen eigenen seltsamen, lichtlodernden Augen fest.</p><p>Wieder durchdrang ihn der stumme Schrei: �Flieh!� Er r�hrte sich nicht. Er w�rde Rendel nicht verlassen, aber er konnte ihr nicht helfen; er f�hlte sich unf�hig, auch nur zu denken. Dann bem�chtigte sich eine fremde Kraft seines ersch�pften Geistes und entri� ihm seine eigene Gestalt. Er schrie, und es war das w�tende, schrille Protestgeschrei eines Habichts. Die fremde Kraft hielt ihn, schleuderte ihn wie einen finsteren, ungeb�ndigten Wind aus der brennenden Schule der Zauberer hinaus, hinaus aus dem Festungsring der Stadt in die weite, reglose Ein�de der Nacht.</p></section><section><title><p><emphasis>Kap. 9</emphasis></p></title><p>Die Gestaltwandler verfolgten ihn durch das Hinterland. In der ersten Nacht scho� er in Habichtsgestalt �ber den Himmel, w�hrend die lodernde Stadt hinter ihm in der Dunkelheit kleiner und kleiner wurde. Instinktiv flog er nordw�rts, fort von den K�nigreichen, richtete seinen Kurs nach dem Geruch von Wasser unter ihm. Als der Morgen graute, f�hlte er sich sicher. Er glitt abw�rts, dem Seeufer entgegen. V�gel, die in der sanften Morgenbrise auf dem Wasser dahintrieben, flatterten auf, als er herabscho�. Er f�hlte, wie die Federn ihres Geistes sich wie Netzwerk um ihn legten. Er brach durch das Netz hindurch und stieg wieder in die L�fte hinauf. Sie hetzten ihn �ber den See in die W�lder, wo er unversehens wieder in die Tiefe tauchte, wie ein dunkler Stein durch Luft und Licht brach, bis er die Erde ber�hrte und verschwand. Meilen entfernt im Norden tauchte er wieder auf, kniete am Wasserlauf zwischen zwei Seen, kraftlos vor Ersch�pfung. Am Ufer neben dem Wasser sank er zusammen. Nach einer Weile regte er sich wieder, senkte sein Gesicht in den Strom und trank.</p><p>Als der Abend hereinbrach, sp�rten sie ihn wieder auf. Er hatte Fische gefangen und zum erstenmal seit zwei Tagen etwas gegessen. Das stille Licht des Nachmittags, die monotone Stimme des Flusses hatten ihn in Schlaf gewiegt. Er fuhr mit einem Ruck aus dem Schlaf hoch, als ein Eichh�rnchen laut zu zetern begann, und sah hoch oben am blaugrauen Himmel eine gro�e Schar kreisender V�gel. Augenblicklich lie� er sich ins Wasser fallen und wandelte die Gestalt. Die Str�mung schleuderte ihn erbarmungslos von einem Strudel in den anderen, ri� ihn flu�abw�rts in stille T�mpel, wo hungrige Wasserv�gel sich auf ihn st�rzen wollten. Er k�mpfte sich wieder flu�aufw�rts, sah nichts als sich langsam verdunkelnde Wassermassen, die ihn von einer Seite auf die andere warfen und jedesmal, wenn er auftauchte, sein Hirn mit ihrem Tosen erf�llten. Schlie�lich glitt er in stilleres Wasser. Es wurde tiefer, w�hrend er schwamm. Er tauchte zum Grund hinunter, um zu rasten, doch das Wasser wurde finster und still, so tief, da� er emporsteigen mu�te, um Luft zu holen, ehe er den Grund �berhaupt gefunden hatte. Er schwamm langsam unter der Oberfl�che dahin, beobachtete die Nachtfalter, die im Mondlicht umherschwirrten. Er lie� sich treiben, bis der Grund des Sees langsam anstieg und er nahe beim Ufer Schlingpflanzen fand, in denen er sich versteckte. Bis zum Morgen r�hrte er sich nicht mehr.</p><p>Ein winziger Fisch sprang neben ihm ins Sonnenlicht hinauf und schnappte nach einem Insekt. Wasserringe breiteten sich �ber ihm aus. Er stieg aus den Schlingpflanzen. Das Wasser um ihn herum funkelte im Glanz der Morgensonne, als er sich verwandelte. Er watete aus dem Wasser und blieb stehen, in die Stille hineinzulauschen.</p><p>Sie schien lautlos aus Regionen jenseits der bekannten Welt hereinzustr�men. Der sanfte Morgenwind schien fremd, sprach eine Sprache, die er nie gelernt hatte. Er erinnerte sich der wilden Stimmen von der Ebene der Winde, die mit tausend Namen und Erinnerungen �ber Ymris geklungen hatten. Doch die Stimmen des Hinterlands schienen noch �lter zu sein, die Stimmen eines uralten Geschlechts von Winden, die ihm nichts mitteilten au�er ihrer Namenlosigkeit. Lange stand er da und atmete ihre Einsamkeit, bis er sp�rte, da� sie ihn zu etwas zu formen begannen, das so namenlos war wie sie selbst.</p><p>Er fl�sterte Rendels Namen. Blinden Auges wandte er sich um, w�hrend sich seine Gedanken zu einem harten Knoten der Angst zusammenballten. Er fragte sich, ob sie noch lebte, ob �berhaupt noch jemand in Lungold am Leben war. Er �berlegte, ob er in die Stadt zur�ckkehren sollte. In wilder Ohnmacht schlug er mit den F�usten gegen einen Baumstamm, w�hrend er an sie dachte. Der Baum erzitterte unter seiner qu�lenden Ungewi�heit; eine Kr�he flatterte kr�chzend aus seinen �sten auf. Er hob den Kopf, stand reglos wie ein witterndes Tier. Die beschaulich l�chelnden Wasser des Sees begannen zu sieden und zu brodeln, hievten Gestalten aus ihren Tiefen. Fragend pulste das Blut durch seine Adern. Er �ffnete seinen Geist dem Geist des Hinterlandes. Mehrere Meilen entfernt gesellte er sich zu einer gro�en Herde von Elchen, die langsam in n�rdlicher Richtung zum Thul hinzogen.</p><p>Er blieb bei ihnen. Er beschlo�, sie am Thul zu verlassen und dem Flu� in �stlicher Richtung zu folgen, bis er die Gestaltwandler abgesch�ttelt hatte, dann nach Lungold zur�ckzukehren. Zwei Tage sp�ter, als die langsam dahinziehende Herde sich dem Flu� n�herte, trennte er sich von ihr, wanderte ostw�rts am Flu�ufer entlang. Doch ein Teil der Herde folgte ihm. Wieder wechselte er die Gestalt und flog durch die Nacht in s�dlicher Richtung davon. Doch Schatten brachen aus der Finsternis, umkreisten ihn und dr�ngten ihn nach Norden ab, �ber den Thul hinweg, weiter nach Norden zum Wei�en See, noch weiter nach Norden, zum Erlenstern-Berg.</p><p>Die Erkenntnis erf�llte ihn mit Wut und Entsetzen. An den Ufern des Wei�en Sees stellte er sich zum Kampf. In seiner wahren Gestalt erwartete er sie, und die Sterne auf seinem Schwertheft sandten ihnen �ber das Hinterland hinweg blutrote Lichtsignale entgegen. Doch seine Herausforderung wurde nicht angenommen. Der hei�e Nachmittag war still; das Wasser des riesigen Sees lag glatt und schimmernd wie getriebenes Silber. Er suchte und konnte nicht einmal ihren Geist finden. Als schlie�lich die sich neigende Sonne lange Schatten �ber den See zog, begann er, ein Gef�hl von Freiheit zu atmen. Er steckte sein Schwert in die Scheide und kroch in die Gestalt eines Wolfes. Und da sah er sie. Still wie die Luft rundum standen sie vor ihm, aus den Schleiern von Licht und Dunkelheit gewoben.</p><p>Er entz�ndete eine Flamme der ersterbenden Sonne in seinem Schwertheft und lie� sie die Klinge hinunterbrennen. Dann l�ste er sich selbst in Schatten auf, f�llte seinen Geist mit Finsternis. Er griff an, um zu t�ten, und doch wu�te er, ersch�pft und hoffnungslos, wie er war, da� er sie halb herausforderte, ihn zu t�ten. Er erschlug zwei Gestaltwandler, ehe er erkannte, da� sie es ihm in grausamem Hohn erlaubt hatten. Sie weigerten sich, zu k�mpfen; sie weigerten sich, ihn nach S�den ziehen zu lassen.</p><p>Wieder nahm er die Gestalt des Wolfes an, trabte am See entlang nach Norden in die W�lder. Eine riesige Herde von W�lfen zog sich hinter ihm zusammen. Und wieder fuhr er herum und st�rzte sich auf sie. Knurrend, fauchend, schnappend k�mpften sie mit ihm, bis er, w�hrend er sich mit einem m�chtigen Wolf, dessen Z�hne sich in seinem Arm verbissen hatten, im Farnkraut w�lzte, wu�te, da� die Tiere echt waren. Mit einem Blitzstrahl von Energie schleuderte er den Wolf von sich fort und umgab sich mit einem flammenden Lichtkreis. Rastlos umdr�ngten sie ihn in der Abendd�mmerung, nicht gewi�, was er war, in den Nasen den Geruch des Blutes von seiner verletzten Schulter. Und w�hrend er sie anstarrte, �berkam ihn pl�tzlich das Verlangen, �ber seinen Irrtum zu lachen. Doch etwas, das weit bitterer war als Gel�chter, stieg in seiner Kehle auf. Eine Zeitlang konnte er nicht denken. Er konnte nur in die sternlose Nacht hineinblicken, die sich �ber das �dland senkte, und die scharfe Ausd�nstung von hundert W�lfen riechen, die ihn umkreisten. Mit einer unbestimmten Vorstellung von einem Angriff auf die Gestaltwandler hockte er sich schlie�lich nieder, hielt die Augen der W�lfe fest, zog ihren Geist in seine Gewalt. Doch etwas zerschnitt das Band. Die W�lfe verloren sich in der Nacht und lie�en ihn allein zur�ck.</p><p>Er konnte nicht fliegen; sein Arm brannte und wurde langsam steif. Der Hauch von Einsamkeit, der vom kalten, sich verfinsternden Wasser aufstieg, �berw�ltigte ihn. Er lie� das Feuer, das ihn umgab, ausgehen. Gefangen zwischen den Gestaltwandlern und dem schwarzen Entsetzen des Erlenstern-Bergs, konnte er sich nicht regen. Fr�stelnd stand er im dunklen Wind, w�hrend die Nacht sich aus Steinen der Erinnerung um ihn herum aufbaute.</p><p>Der leichte Fl�gelschlag eines fremden Geistes ber�hrte seinen Geist und sein Herz. Er merkte, da� er sich wieder bewegen konnte, als w�re ein Bann gebrochen worden. Die Stimme des Windes ver�nderte sich; sie erf�llte die schwarze Nacht mit einem Fl�stern, das ihm aus allen Richtungen Rendels Namen zuwehte.</p><p>Einen Moment lang hielt seine Erkenntnis ihrer N�he an. Doch er sp�rte, w�hrend er sich niederbeugte, um im Farnkraut ein Feuer zu entz�nden, da� sie �berall um ihn herum sein konnte, in den m�chtigen B�umen, die neben ihm zum Himmel aufragten, in den Flammen, die aus den welken Bl�ttern emporz�ngelten, um sein Gesicht zu w�rmen. Er ri� die �rmel seines Kittels ab, wusch die Wunde an seinem Arm und verband sie. Dann legte er sich neben dem Feuer nieder, starrte in die Flammen und versuchte, die Gestaltwandler und ihre Absichten zu begreifen. Er merkte pl�tzlich, da� brennende Tr�nen �ber sein Gesicht liefen, weil Rendel am Leben war, weil sie bei ihm war. Er hob den Arm und erstickte das Feuer unter einer Handvoll Erde. Er verbarg sich unter einem tr�gerischen Schleier von Dunkelheit und brach wieder auf, wanderte wieder nordw�rts, dem endlosen Ufer des Wei�en Sees folgend.</p><p>Die Gestaltwandler lie�en sich nicht wieder sehen, und er erreichte schlie�lich die brodelnden wei�en Wasser des Flusses Cwill, dort, wo er sch�umend aus der n�rdlichsten Spitze des Sees hervorbrach. Von hier aus konnte er den R�cken des Isig-Passes sehen, das ferne, gewellte Vorgebirge, die kahlen Gipfel des Berges Isig und des Erlenstern-Bergs. Und hier machte er noch einmal einen verzweifelten Versuch, sich die Freiheit zu erringen. Er lie� sich in die unb�ndige Str�mung des Cwill fallen, lie� sich von ihr herumwirbeln, bald als Fisch, bald als d�rrer Ast eines Baumes, lie� sich durch tiefe, strudelnde Wasser gleiten, Stromschnellen und donnernde Wasserf�lle hinunter, bis er alles Zeitgef�hl und alle Orientierung verlor. Die Str�mung jagte ihn durch endlose Strudel und Stromschnellen, bis sie ihn schlie�lich in ein sanftes, gr�nes Becken hineinspie. Er kreiselte noch eine Weile, ein St�ck wasserdurchtr�nkten Holzes, und dann zog ihn die sanfte Str�mung zum Ufer hin, in ein wirres Geflecht welker Bl�tter und d�rrer �ste. Er zog sich schlie�lich hoch, eine nasse, glitschige Bisamratte, und suchte sich seinen Weg �ber das Gitterwerk von �sten zum Ufer.</p><p>Drau�en in den Schatten wechselte er wieder die Gestalt. Er war nicht so weit �stlich gekommen, wie er geglaubt hatte. In abendliche Schatten getaucht, stand der Erlenstern-Berg massig und starr in der Ferne. Doch er war jetzt n�her an Isig, das wu�te er; wenn er es sicher erreichen konnte, dann konnte er sich auf endlose Zeit im Gewirr der unterirdischen G�nge auf dem Grund des Berges verborgen halten. Er wartete, bis die Nacht hereinbrach, ehe er wieder aufbrach. In der Gestalt eines B�ren dann trottete er in die Dunkelheit hinein, den Sternen entgegen, die �ber dem Berg Isig funkelten.</p><p>Er folgte ihnen, bis sie beim Morgengrauen verblichen. Dann kam er, ohne es zu merken, von seinem Weg ab. Die B�ume r�ckten n�her zusammen um ihn herum und verwehrten ihm den Blick auf den Berg; undurchdringliches Unterholz und Dornengeb�sch zwangen ihn, immer wieder abzuschwenken. J�h senkte sich das Land abw�rts; er folgte einem ausgetrockneten Flu�bett durch eine Schlucht und glaubte, er wanderte nordw�rts. Doch als der Graben wieder in ebenem Gel�nde m�ndete, sah er vor sich den Erlenstern-Berg. Wieder nahm er Kurs nach Osten. Mit dem Wind fl�sternd, umdr�ngten ihn die B�ume; Dickicht und Unterholz versperrten ihm den Weg, zwangen ihn, die Richtung zu �ndern, bis er, als er durch einen seichten Flu� watete, durch eine L�cke in den B�umen vor ihm wieder den Erlenstern-Berg sah.</p><p>In der Mitte des Flusses blieb er stehen. Die Sonne hing tief im Westen, flackerte wie eine hei�e Fackel am Himmel. Ihm war hei� unter dem zottigen B�renfell, und er war hungrig. Er h�rte das Summen von Bienen und schnupperte in die Luft, in der Hoffnung, Honig zu riechen. Ein Fisch glitt im seichten Wasser wie ein Pfeil an ihm vor�ber; er schlug nach ihm und fehlte. Ein undeutliches leises Grollen in den Tiefen des B�rengehirns sch�rfte sich zu Sprache. Im Wasser fuhr er zur�ck, w�hrend sein Kopf von einer Seite auf die andere schwankte, und krauste die Schnauze, als k�nnte er die Gestalten riechen, die sich um ihn herum geformt hatten und ihn von Isig wegdr�ngen wollten.</p><p>Er sp�rte, wie sich in ihm etwas aufstaute, und blies es frei: ein tiefes, brennendes Br�llen, das die Stille zerri� und von den H�geln und Felskaminen zu ihm zur�ckprallte. In Habichtgestalt dann brannte er einen goldenen Pfad hoch in den Himmel hinein, bis das Hinterland sich endlos unter ihm dehnte, scho� auf den Berg Isig zu.</p><p>Die Gestaltwandler l�sten sich aus den B�umen und flogen ihm nach. Eine Zeitlang jagte er ihnen in einem bet�ubenden Tosen von Geschwindigkeit voraus, dem fernen gr�nen Berg zu. Doch als die Sonne unterging, kamen sie ihm n�her. Sie waren von namenloser Gestalt. Ihre Schwingen waren aus dem Rot und dem Gold der untergehenden Sonne; ihre Augen und Klauen waren aus Feuer. Ihre scharfen Schn�bel waren knochenwei�. Sie holten ihn ein und umringten ihn, st�rzten sich hackend und pickend auf ihn, bis seine Fl�gel zerfleddert waren und seine Brust mit Blut befleckt. Er schwankte in der Luft; sie st�rzten sich auf ihn, nahmen ihm mit ihren Schwingen die Sicht, bis er einen einzigen durchdringenden, verzweifelten Schrei ausstie� und sich vom Berg Isig abwandte.</p><p>Die ganze Nacht flog er unter ihren brennenden Augen. Beim Morgengrauen sah er vor sich die steilen Felsw�nde des Erlenstern-Berges. Da nahm er mitten in der Luft seine eigene Gestalt an und lie� sich einfach abst�rzen. Die Luft schlug ihn mit harten F�usten, die W�lder kamen ihm wirbelnd entgegen. Ehe er den Boden erreichte, scho� es wie ein Blitzschlag durch seinen Geist, dann st�rzte er kreiselnd in die Finsternis.</p><p>Als er erwachte, umgab ihn undurchdringliche Dunkelheit. Es roch nach feuchtem Stein. In weiter Ferne konnte er schwach das ewige Rieseln von Wasser h�ren. Er erkannte es pl�tzlich, und seine H�nde verkrampften sich. Er lag mit dem R�cken auf kaltem, nacktem Stein. Jeder Knochen und jeder Muskel in seinem K�rper schmerzten, und seine Haut war aufgerissen und zerschrammt von scharfen Krallen. Die Stille des Berges hockte wie ein Nachtmahr auf seiner Brust. Seine Muskeln spannten sich; er lauschte fiebrig, blind, wartete auf eine Stimme, die nicht kam, w�hrend Erinnerungen wie riesige, unf�rmige Tiere �ber ihm auf und ab wanderten. Er begann, die Finsternis mit seinem Geist zu trinken; sein K�rper schien mit ihr zu verschmelzen. Von Panik gepackt setzte er sich auf, die Augen weit aufgerissen, und sp�hte angestrengt ins Nichts. Irgendwo in der sternenlosen Nacht seines Geistes fand er eine Erinnerung an Licht und Feuer. Er entz�ndete sie in seiner Handfl�che, speiste die Flamme, bis er die riesige, �de Kammer aus kahlem Stein sehen konnte, die ihn umgab; das Gef�ngnis, wo er das schrecklichste Jahr seines Lebens verbracht hatte.</p><p>Seine Lippen �ffneten sich. Ein Wort steckte wie ein Edelstein in seiner Kehle. In endloser Vielfalt glitzerte die Flamme ihn an, von Mauern aus Eis und Feuer, aus Gold, aus Himmelsblau, das von windzerfetzten Silberstreifen durchzogen war wie die Nacht �ber dem Hinterland. Das Innere des Berges war aus dem Gestein, aus dem die St�dte der Erdherren erbaut waren, und er konnte die erstarrten Spalten sehen, wo Steinquader herausgehauen worden waren.</p><p>Langsam stand er auf. Aus tausend Facetten, die in den Farben von Edelsteinen blitzten, starrte ihm sein eigenes Gesicht entgegen. Die Kammer war von einer ungeheuren Gr��e; er speiste die Flamme mit dem Feuer ihrer Spiegelbilder, bis sie h�her stand als sein Kopf, doch noch immer konnte er nicht mehr sehen als ein Gew�lbe aus Dunkelheit, in dem unbestimmt ein Netzwerk reinen Goldes schimmerte.</p><p>Das Wasser, dessen ewige, immer gleiche Stimme er geh�rt hatte, hatte auf seinem Weg in unergr�ndliche Tiefen eine diamantwei�e Rinne in eine Steinmauer hineingeweint. Er schwenkte die Flamme; ihr Licht ergo� sich �ber einen See, der so still war, da� er aus Dunkelheit gemei�elt schien. Die Gestade des unendlich weiten Sees waren aus massivem Stein; die Mauer, die ihn auf einer Seite umschlo�, glitzerte wie reiner Rauhreif.</p><p>Er kniete nieder und ber�hrte das Wasser. Ringe verschmolzen auf seiner dunklen Fl�che langsam mit Ringen. Die Spiralkreise des Turmes der Winde fielen ihm pl�tzlich ein. Seine Kehle zog sich zusammen, brannte vor Durst, und er beugte sich zum See hinunter, um mit der freien Hand Wasser zu sch�pfen. Er sp�lte einen Schluck hinunter und hustete krampfhaft. Es schmeckte bitter und �tzend nach Mineralien.</p><p>�Morgon!�</p><p>Jeder Muskel in seinem K�rper spannte sich. In der Hocke schwang er herum und begegnete Ghisteslohms Blick.</p><p>In seinen Augen flackerte rastlos eine Kraft, die nicht seine eigene war. Soviel sah Morgon, ehe die Finsternis die Flamme in seiner Hand verschluckte und ihn wieder blind machte.</p><p>�Der Gr�nder selber�, fl�sterte er, �ist also auch besessen.�</p><p>Lautlos stand er auf und versuchte, ohne in der Bewegung innezuhalten, durch den schimmernden Spalt von Morgenr�te jenseits der gesplitterten T�ren in den Thronsaal des Erhabenen zu treten. Statt dessen trat er �ber den Rand eines Abgrunds. Er verlor das Gleichgewicht und st�rzte schreiend ins Nichts. Er schlug am Ufer des Sees auf, klammerte sich an den Steinen zu Ghisteslohms F��en fest.</p><p>Er lie� seinen Kopf auf den Unterarm sinken, w�hrend er zu denken versuchte. Er haschte nach dem Geist einer Fledermaus, die in einem geheimen Eckchen schlief, doch der Zauberer packte ihn, ehe e,r die Gestalt wechseln konnte.</p><p>�Es gibt kein Entkommen.� Die Stimme hatte sich ver�ndert; sie war langsam, leise, als lauschte der Gr�nder einer anderen Stimme nach, die unter ihr mitschwang, oder einem fernen, unruhigen Atem von Gezeiten. �Sternentr�ger, Ihr werdet nichts tun. Ihr werdet nichts tun als warten.�</p><p>�Warten�, fl�sterte er. �Worauf? Auf den Tod?� Er brach ab, als das Wort unstet zwischen den beiden Bedeutungen hinund herscho�, die es in seinem Geist hatte. �Diesmal gibt es kein Harfenspiel, um mich am Leben zu erhalten.� Er hob den Kopf, und wieder sp�hten seine Augen angestrengt in die Dunkelheit. �Oder erwartet Ihr den Erhabenen? Da k�nnt Ihr warten, bis ich hier zu Stein werde wie die Kinder der Erdherren, denn der Erhabene hat kein Interesse an mir.�</p><p>�Das bezweifle ich.�</p><p>�Ihr! Ihr existiert ja kaum noch. Ihr besitzt nicht mehr die F�higkeit zu zweifeln. Selbst die Geister der Toten von An haben mehr Willenskraft als Ihr. Ich kann nicht einmal sagen, ob Ihr schon tot seid oder vielleicht tief in Eurem Inneren noch lebendig, so wie die Zauberer sich irgendwie unter der Gewalt Eurer Macht am Leben hielten.� Seine Stimme wurde ein wenig leiser. �Ich k�nnte f�r Euch k�mpfen. Selbst das w�rde ich f�r die Freiheit tun.�</p><p>Die Hand lie� seinen Arm los. Er drang in den fremden, vom Rauschen des Meeres erf�llten Geist ein, den Namen zu finden, den er in sich barg. Der Name entzog sich ihm. Er k�mpfte sich durch Brandung und wogende Fluten, bis der Geist des Zauberers ihn an die Gestade seines eigenen Bewu�tseins zur�ckwarf. Er schnappte nach Luft, als h�tte er vergessen zu atmen. Schlie�lich h�rte er die Stimme des Zauberers, die sich ins Dunkle zur�ckzog.</p><p>�F�r Euch hat die Freiheit keinen Namen.�</p><p>Danach schlief er ein Weilchen, in dem Bem�hen, an Kraft zu gewinnen. Er tr�umte von Wasser. Sein w�tender Durst weckte ihn; er tastete nach dem Wasser, versuchte nochmals, es zu trinken. Er spie es aus, ehe er es hinunterschluckte, blieb von Husten gesch�ttelt knien. Er glitt wiederum in fiebrigen Schlaf und tr�umte nochmals von Wasser. Er sp�rte, wie er in das Wasser hineinfiel, k�hle Dunkelheit um sich zog, tiefer und tiefer in die Stille des Wassers eindrang. Er atmete im Wasser und wachte auf, von Panik gepackt, dem Ertrinken nahe. H�nde zogen ihn aus dem See, lie�en ihn w�rgend am Ufer zur�ck.</p><p>Das Wasser machte ihn ein wenig klarer. Er lag ruhig da und starrte in die Dunkelheit, w�hrend er �berlegte, ob sie, wenn er seinen Geist �ffnete, ihn ertr�nken w�rde wie Wasser. Langsam lie� er sie in seine Gedanken hineinsickern, bis die Erinnerungen an eine einzige Nacht, die ein langes Jahr gedauert hatte, ihn �berw�ltigten und er, wieder kopflos vor Angst, die Luft mit Feuer entz�ndete. Fl�chtig sah er Ghisteslohms Gesicht; dann schlug die Hand des Zauberers nach seiner Flamme, und sie zerbrach in tausend St�cke wie Glas.</p><p>Er fl�sterte: �F�r jeden t�renlosen Turm gibt es ein R�tsel, das die T�r �ffnet. Das habt Ihr mich gelehrt.�</p><p>�Hier gibt es eine T�r und ein R�tsel.�</p><p>�Den Tod. Das glaubt Ihr doch selbst nicht. Sonst h�ttet Ihr mich ertrinken lassen. Wenn es dem Erhabenen gleichg�ltig ist, ob ich lebe oder sterbe, was wollt ihr dann tun?�</p><p>�Warten.�</p><p>�Warten.� Rastlos flackerte sein Geist, suchte fieberhaft nach irgendeiner Antwort. �Die Gestaltwandler warten seit Jahrtausenden. Ihr habt ihnen in jenem Augenblick, bevor sie Euch bannten, einen Namen gegeben. Was habt Ihr gesehen? Welche Kraft war stark genug, die Erdherren zu �berwinden? Menschen, die die Kraft und das Gesetz ihres Daseins aus jedem lebenden Ding ziehen, aus der Erde, aus dem Feuer, dem Wasser und dem Wind. Der Erhabene wurde von den Gestaltwandlern aus dem Erlenstern-Berg vertrieben. Und dann kamt Ihr und fandet einen leeren Thron, dort, wo die Legende den Erhabenen wissen wollte. Da wurdet Ihr der Erhabene, nahmt die Macht in Eure H�nde, w�hrend Ihr auf den wartetet, den die steinernen Kinder nur als den Sternentr�ger kannten. Ihr bewachtet die Orte des Wissens und der Macht, indem Ihr die Zauberer in Lungold versammeltet und in Caithnard lehrtet. Und eines Tages erschien der Sohn eines F�rsten von Hed in Caithnard, den Gestank von Kuhmist an den Stiefeln und eine Frage in den Augen. Aber das war nicht genug. Ihr wartet immer noch. Die Gestaltwandler warten immer noch. Auf den Erhabenen. Ihr gebraucht mich als K�der, aber er h�tte mich lange zuvor hier finden k�nnen, wenn ihm etwas daran gelegen h�tte.�</p><p>�Er wird kommen.�</p><p>�Das bezweifle ich. Er erlaubte Euch, das Reich jahrhundertelang zu t�uschen. Ihm lag nichts am Wohl von Menschen oder Zauberern im Reich. Er lie� es zu, da� Ihr mir das Landrecht raubtet, wof�r ich Euch h�tte t�ten sollen. Ihm liegt nichts an mir.�</p><p>Wieder schwieg er, w�hrend sich seine Augen in das ausdruckslose Gesicht der Finsternis bohrten. Stumm lauschte er dem Schweigen, das sich in jedem Tropfen fl�ssigen Gesteins sammelte und erstarrte.</p><p>�Was�, sagte er in das Schweigen hinein, �kann solche Macht besitzen, da� es die St�dte der Erdherren zerst�rte? Da� es den Erhabenen selbst zwang, sich in die Verborgenheit zur�ckzuziehen? Was ist so m�chtig wie ein Erdherr?�</p><p>Er schwieg wieder. Dann regte sich, wie ein Feuerfunke, der sich selbst zu Asche verzehrt, eine Antwort in den Tiefen seines Geistes.</p><p>Er setzte sich auf. Die Luft schien ihm pl�tzlich d�nn, von Feuer durchwirkt; es fiel ihm schwer zu atmen.</p><p>�Die Gestaltwandler.�</p><p>Schmerzende Trockenheit lag wieder in seiner Kehle. Er hob die H�nde zu den Augen und sammelte Dunkelheit, um in sie hineinzublicken. Stimmen drangen fl�sternd aus seiner Erinnerung, aus den Steinen, die ihn umgaben. �Der Krieg ist nicht beendet, nur zur erneuten Sammlung der Kr�fte unterbrochen. Jene aus dem Meer. Edolen. See. Sie vernichteten uns, so da� wir nicht l�nger auf der Erde leben konnten. Wir konnten sie nicht beherrschen.� Die Stimme der Kinder, der Toten der Erdherren. Schwer sanken seine H�nde auf den Steinboden, noch immer dr�ngte die Dunkelheit gegen seine Augen. Er sah, wie das Kind sich von dem Blatt abwandte, das es in seinem Traum ber�hrt hatte, wie es angespannt, wartend �ber eine Ebene hinwegblickte.</p><p>�Sie konnten ein Blatt, einen Berg, ein Samenkorn ber�hren und es erkennen, eins mit ihm werden. Das ist es, was Rendel gesehen hat, das ist die Kraft in ihnen, die sie liebt. Und doch haben sie einander get�tet, haben ihre Kinder auf dem Grunde eines Berges begraben, wo sie sterben mu�ten. Sie sprachen alle Sprachen der Erde, kannten alle Gesetze, die ihr Wesen und Bewegungen bestimmte. Was geschah ihnen? Gerieten sie blindlings in ein Wesen hinein, das kein anderes Gesetz kannte als das der Macht?� Seine Stimme entfernte sich fl�sternd von ihm, wie in einem Traum. �Was war das f�r ein Wesen?�</p><p>Er war wieder still. Ihn fr�stelte vor K�lte, und doch schwitzte er. Der Geruch des Wassers zerrte erbarmungslos an ihm. Wieder streckte er die H�nde danach aus, von Durst gequ�lt. Doch seine H�nde hielten inne, ehe sie den Spiegel des Sees ber�hrten. Rendels Gesicht, traumhaft in seiner Sch�nheit, sah ihn aus dem stillen Wasser zwischen seinen H�nden an. Ihr langes Haar umgab ihr Gesicht wie Feuer strahlen. Er verga� seinen Durst. Lang kniete er reglos da und blickte in das Gesicht hinunter, nicht wissend, ob es echt war oder ob er es aus Sehnsucht geformt hatte. Dann schlug eine Hand in das Antlitz hinein, zertr�mmerte das Bildnis, und schwankende Kreise kr�uselten den Wasserspiegel bis hinaus zum Rande des Sees.</p><p>Eine m�rderische, unkontrollierbare Wut ri� Morgon auf die Beine. Er wollte Ghisteslohm mit blo�en H�nden umbringen, doch er konnte den Zauberer nicht einmal sehen. Kraftst��e schleuderten ihn wieder und wieder zur�ck. Schmerz f�hlte er kaum; Gestalten drehten sich schneller als Worte in seinem Geist. Er verwarf sie, w�hrend er nach dem einen Wesen suchte, das machtvoll genug war, seine Wut in sich aufzunehmen. Er sp�rte, wie sein K�rper in Gestaltlosigkeit zerfiel; ein Klang erf�llte seinen Geist, ein tiefer, harter, wilder Klang, die Stimmen aus den fernsten Bereichen des Hinterlands. Doch sie waren nicht mehr leer und namenlos. Etwas zuckte durch ihn hindurch, schleuderte einen Lichtstrahl, der knisternd durch die Luft fuhr. Er sp�rte die F�lle eines fremden Geistes in dem seinen, doch seine Gedanken hatten keine Sprache, summten nur in einem Ton wie von einer vibrierenden, ungestimmten Harfensaite. Er sp�rte, wie sich die Wut in ihm ausdehnte, die riesige Steinkammer erf�llte. Er schleuderte den Zauberer durch die H�hle, dr�ckte ihn wie ein vom Wind getriebenes Blatt gegen die Steine.</p><p>Dann erkannte er, welche Gestalt er angenommen hatte.</p><p>Ruckartig kehrte er in seine eigene Gestalt zur�ck, und die ungeb�ndigte Energie in ihm war pl�tzlich erloschen. Zitternd, halb schluchzend vor Furcht und Staunen kniete er auf den Steinen. Er h�rte, wie der Zauberer stolpernd von der Wand wegtorkelte. Er atmete stockend, so als w�ren seine Rippen gebrochen. Als Morgon durch die riesige H�hle eilte, h�rte er rundherum Stimmen, die all die verschiedenen, geheimnisvollen Sprachen der Erde sprachen.</p><p>Er h�rte das Prasseln des Feuers, das Rascheln von Bl�ttern, das Heulen eines Wolfes im einsamen, mondbeschienenen Hinterland, das trockene Knistern von Maisbl�ttern. Aus weiter Ferne dann h�rte er ein Ger�usch, als h�tte der Berg selbst geseufzt. Er sp�rte, wie die Steine unter ihm leise schwankten. Ein Seevogel kreischte schrill. Jemand mit einer Hand aus Baumrinde und Licht schleuderte Morgon auf den R�cken.</p><p>Voller Bitterkeit fl�sterte er, als er f�hlte, wie das gestirnte Schwert ihm von der Seite gerissen wurde: �Ein R�tsel und eine T�r�.</p><p>Er wartete im Auge der Finsternis auf den Hieb des Schwertes, doch nichts ber�hrte ihn. Er war pl�tzlich atemlos in ihrer Spannung des Wartens gefangen. Da ri� ihn Rendels Stimme, zu einem Gro�en Schrei anschwellend, der die Steine in der Decke sprengte, aus seiner atemlosen Spannung.</p><p>�Morgon!�</p><p>Das Schwert sang wild im Nachhall des Schreies. Morgon h�rte, wie es gegen die Steine schlug. Unwillk�rlich, voller Entsetzen schrie er Rendels Namen, und wieder schwankte der Boden unter ihm, trieb ihn zum See hin. Das Schwert rutschte hinter ihm her �ber die Steine. Es sang noch immer, in einem seltsam hohen Ton, der verklang, als Morgon es packte und in die Scheide steckte. Ein Ger�usch lag zitternd in der Luft, als w�re ein Kristall in einer der Mauern geborsten. Der Kristall summte, w�hrend er brach, summte einen tiefen, fein gestimmten Ton, der sein eigenes Herz sprengte. Andere Kristalle begannen zu summen; der Boden des Berges grollte. Die riesigen Quader des Deckengew�lbes schoben sich knirschend zusammen. Staub und Ger�ll st�rzten zischend abw�rts; Kristalle zersprangen klirrend auf dem Boden. Die Stimmen von Flederm�usen, Delphinen, Bienen t�nten durch die Felskammer. Spannungskr�fte fuhren zuckend durch die Luft, Morgon h�rte Rendel schreien. Mit einem schluchzend hervorgesto�enen Fluch sprang er auf. Der Boden unter seinen F��en dr�hnte und begann krachend zu donnern. Die eine Seite hob sich und st�rzte schwergewichtig auf die andere herab. Er wurde in den See geschleudert. Der ganze See, ein riesiges, rundes Becken, aus massivem Stein gehauen, begann sich zu neigen.</p><p>Sekundenlang war er unter einer Flutwelle schwarzen Wassers begraben. Als er wieder auftauchte, h�rte er ein Ger�usch, als h�tte der Berg selbst, an seinen Wurzeln gespalten, schmerzlich aufgest�hnt.</p><p>Ein Windsto� fuhr in die Felskammer hinein. Er dr�ckte Morgon die Augen zu und fegte seinen eigenen Schrei zur�ck in seine Kehle. Er w�hlte den See zu einer schwarz wirbelnden Spirale auf, die Morgon in sich einsog. Ehe das Wasser �ber ihm zusammenschlug, h�rte er etwas, das entweder das Singen seines Blutes in seinen eigenen Ohren war oder ein Ton im Herzen der wilden Stimme des Windes.</p><p>Der See spie ihn wieder aus. Das Becken hatte sich noch weiter zur Seite geneigt, go� ihn mit dem Wasser aus, das der Felswand auf der anderen Seite zustr�mte. Er holte tief Atem, tauchte unter, versuchte gegen die Flutwelle anzuschwimmen. Doch die Wogen rissen ihn zur�ck, schleuderten ihn dem Stein entgegen. Als er die unerbittliche Mauer vor sich auftauchen sah, spaltete sie sich pl�tzlich. Das Wasser dr�ngte wirbelnd durch den Ri� und zog ihn mit sich. Durch das Tosen hindurch h�rte er die letzten donnernden Zuckungen des Berges, der sein eigenes Herz begrub.</p><p>Das Seewasser trieb ihn durch den zackigen Spalt, go� ihn �ber eine Felslippe in einen brodelnden Strom. Er versuchte, sich herauszuziehen, haschte nach vorspringenden Felsnasen, wollte sich an edelsteinblitzende W�nde klammern, doch der Wind war noch immer an seiner Seite, stie� ihn ins Wasser zur�ck, trieb das Wasser vor sich her. Der Strom flutete in einen anderen; ein Strudel ri� ihn unter einen Felsvorsprung hindurch in einen anderen Flu�. Der Flu� trug ihn schlie�lich aus dem Berg heraus, jagte ihn sch�umende Wasserf�lle hinunter und warf ihn schlie�lich, die Lungen voll bitteren Wassers, in die �se.</p><p>Da erst gelang es ihm, sich ans Ufer zu ziehen. Ermattet blieb er auf dem sonnenwarmen Boden liegen. Die wilden Winde peitschten noch immer �ber ihn hinweg; die m�chtigen Fichten neigten sich �chzend unter ihrem Druck. Prustend spie er das bittere Wasser aus, das er geschluckt hatte. Als er nach einer Weile n�her an den Flu� kroch, um das s��e Wasser der �se zu trinken, h�tte der Wind ihn beinahe wieder hineingeschleudert. Er hob den Kopf und blickte auf den Berg. Eine seiner Flanken war v�llig eingefallen; B�ume waren entwur-zelt, im gewaltsamen Aufb�umen von Stein und Erde zersplit-tert worden. Den ganzen Pa� hinunter, so weit sein Auge reichte, w�tete der Wind, dr�ckte die B�ume wie Grashalme nieder.</p><p>Er versuchte aufzustehen, aber er hatte keine Kraft mehr. Der Wind schien ihn aus seiner eigenen Gestalt rei�en zu wollen. Er streckte den Arm aus; seine Hand schlo� sich um riesige Wurzeln. W�hrend der Baum unter seiner Hand erzitterte, sp�rte er den Quell seiner unersch�tterlichen Kraft.</p><p>Er hielt sich an ihm fest, w�hrend er sich m�hsam an ihm hochzog. Dann trat er von ihm weg und hob die Arme, als wollte er den Wind umschlingen.</p><p>�ste wuchsen aus seinen H�nden und aus seinem Haar. Seine Gedanken verwirrten sich wie Wurzeln in der Erde. Er reckte sich aufw�rts. Harztropfen rannen wie Tr�nen seine Rinde hinunter. Sein Name bildete sein Herz; Ring um Ring baute sich Stille um ihn auf. Sein Gesicht stieg hoch �ber die W�lder; in der Erde verwurzelt, dem Toben des Windes hinge-geben, verschwand er in sich selbst, hinter dem harten, windgeh�mmerten Schild seiner Erfahrungen.</p></section><section><title><p><emphasis>Kap. 10</emphasis></p></title><p>An einem regnerischen, windigen Herbsttag schrumpfte er wieder in seine eigene Gestalt zur�ck. Er stand im kalten Wind und zwinkerte sich die Regentropfen aus den Augen, w�hrend er sich einer langen, sprachlosen Zeitspanne zu erinnern versuchte. Die �se, grau wie eine Messerklinge, rann kalt an ihm vor�ber; die Felsnadeln des Passes waren halb verborgen unter schweren Wolken. Die B�ume um ihn herum ruhten tief in der Erde, in ihr eigenes Wesen versunken. Sie zogen an ihm. Sein Geist glitt durch ihre z�he, feuchte Rinde, zur�ck in einen beschaulichen Frieden, der von Baumringen eingeschlossen war. Doch ein Wind wehte zitternd durch seine Erinnerungen, ersch�tterte einen Berg, schleuderte ihn ins Wasser zur�ck, zur�ck in den Regen. Nur widerwillig l�ste er die Bindung mit der Erde und wandte sich zum Erlenstern-Berg, Er sah die riesige Narbe in seiner Flanke unter einem Dunstschleier. Das dunkle Wasser ergo� sich noch immer aus ihr, um sich mit der �se zu vereinigen.</p><p>Lange blickte er auf den Berg, w�hrend er die Fetzen eines finsteren, be�ngstigenden Traumes zusammensetzte. Seine Bedeutung weckte ihn vollends; er begann im peitschenden Regen zu fr�steln. Mit seinem Geist witterte er in den Nachmittag hinein. Er fand niemanden�� weder Fallensteller noch Zauberer, noch Gestaltwandler�� auf dem Pa�. Eine vom Wind gesch�ttelte Kr�he segelte an ihm vor�ber; begierig haschte er nach ihrem Geist. Doch sie kannte seine Sprache nicht. Er gab sie wieder frei. Die wilden Winde tosten hohlt�nend durch die Wipfel; die B�ume um ihn herum �chzten. Sie rochen nach Winter. Nach einer langen Zeit wandte er sich ab und schickte sich an, den Kopf gegen den Wind zwischen die Schultern gezogen, dem Lauf der �se zur�ck in die Welt zu folgen.</p><p>Doch schon nach ein paar Schritten stand er still und starrte sinnend ins Wasser, das sich sch�umend nach Isig und Osterland und zu den n�rdlichen Handelsh�fen des Reiches w�lzte. Seine eigenen m�chtigen Kr�fte fesselten ihn. Nirgendwo im Reich gab es einen Platz f�r einen Menschen, der die Gesetze des Landrechts l�ste und die Gestalt des Windes annahm. Aus dem Flu� kam das Echo der Stimmen, die er geh�rt hatte, die in Zungen sprachen, die nicht einmal die Zauberer verstehen konnten. Er dachte an das dunkle, leere Gesicht des Windes, das der Erhabene war, der sich weigerte, ihm mehr zu geben als gerade sein Leben.</p><p>�Und wozu das?� fl�sterte er.</p><p>Er wollte die Worte pl�tzlich schreiend gegen das ausdruckslose Gesicht des Erlenstern-Berges schleudern. Der Wind w�rde seinen Schrei einfach verschlucken. Er ging noch einen Schritt am Flu� hinunter gen Harte, wo er bei Danan Isig Zuflucht und W�rme finden w�rde. Doch der K�nig konnte ihm keine Antworten geben. Die Vergangenheit hielt ihn gefangen; er war ein Spielball fremder M�chte, die einen uralten Krieg ausfochten, der nie geendet hatte. Und langsam begann er diesen Krieg zu begreifen. Das unbestimmte Verlangen, das sich in ihm r�hrte, seine eigenen befremdlichen, unberechenbaren Kr�fte zu erproben, machten ihm Angst. Lange stand er am Ufer des Flusses, bis die Nebel �ber den Berggipfeln sich verdunkelten und Schatten die Felsh�nge des Erlenstern-Bergs �berzogen.</p><p>Da erst wandte er sich ab, wanderte durch den Regen und eisige Nebelschwaden den Bergen zu, die die n�rdliche Ein�de begrenzten.</p><p>Er behielt seine eigene Gestalt bei, als er sie �berquerte, obwohl der Regen auf den hohen Gipfeln manchmal zu Schnee wurde und die Felsen unter seinen H�nden wie Eis waren. In jenen ersten Tagen hing sein Leben an einem F�dchen, obwohl er sich dessen kaum bewu�t war. Er a�, ohne sich zu erinnern, wie er get�tet hatte; er wachte des Morgens in einer trockenen H�hle auf, ohne sich zu erinnern, wie er sie gefunden hatte. Doch als er sich allm�hlich seiner Weigerung bewu�t wurde, aus den Kraftquellen zu sch�pfen, die in seinem Inneren wohnten, begann er an sein �berleben zu denken. Er erlegte einige wilde Bergschafe, schleppte sie in eine H�hle und h�utete sie. W�hrend die Felle trockneten, lebte er von ihrem Fleisch. Er spitzte eine Rippe zu, stach L�cher in die Felle und zog Stoffstreifen, die er von seinem Kittel abgerissen hatte, durch sie hindurch. Er machte sich einen weiten, zottigen Umhang mit einer Kapuze und f�tterte seine Stiefel mit Pelz. Dann brach er wieder auf, wanderte die Nordwand des Passes hinunter in die Ein�den.</p><p>Es regnete kaum, nur die peitschenden, bei�enden Winde begleiteten ihn. Nachts gab es Frost, der das flache, eint�nige Land bei Sonnenaufgang in wei�gl�hendes Feuer verwandelte. Wie der Geist eines Toten strich er durch das Land, t�tete, wenn er hungrig war, schlief im Freien, denn er sp�rte nur selten die K�lte, so als verschmelze sein K�rper ohne sein Wissen mit den Winden. Eines Tages gewahrte er, da� er nicht mehr unter dem Bogen der Sonne hindurchwanderte; er hatte sich nordw�rts gewandt, zog gegen Morgen. In der Ferne konnte er eine H�gelkette erkennen, aus deren Mitte schroff, stahlblau der Grimberg emporragte. Doch er war so fern, da� er ihm fremd blieb.</p><p>Er wanderte in den Sp�therbst hinein und h�rte nichts als das Singen der Winde. Eines Abends, als er an seinem Feuer sa� und verschwommen wahrnahm, wie die Winde an seiner Gestalt rissen, blickte er nieder und sah die gestirnte Harfe in seinen H�nden.</p><p>Er konnte sich nicht erinnern, nach ihr gegriffen zu haben. Er betrachtete sie, lie� seinen Blick dem lautlosen Flackern des Feuers folgen, das an ihren Saiten hinunterhuschte. Erst nach einer langen Weile regte er sich und nahm das Instrument auf seine Knie. Seine Finger strichen ziellos, beinahe unh�rbar �ber die Saiten, folgten dem rauhen, wilden Gesang der Winde.</p><p>Er versp�rte keinen Drang mehr weiterzuziehen. Er blieb an diesem einsamen, abgelegenen Ort in der Ein�de, wo es nur ein paar Steine gab, einen vom Wind gebeugten Busch, einen Spalt in der harten Erde, wo ein sickernder Bach emportauchte, nur um wenige Schritte weiter wieder unter der Erde zu verschwinden. Er verlie� diesen Platz nur, um zu jagen; und immer fand er seinen Weg zur�ck zu ihm, als w�re er das Echo seines eigenen Harfenspiels. Er entlockte seiner Harfe die Kl�nge des Windes, die vom Morgen bis zur Nacht bliesen, manchmal, wenn er den schlanken, wimmernden Ostwind h�rte, spielte er nur auf einer einzigen hohen Saite; manchmal spielte er auf allen, w�hrend der tiefe Ton grollend das Tosen des Nordwinds wiedergab. Wenn er aufblickte, kam es vor, da� er einen Schneehasen sitzen sah, der ihm lauschte, oder den verwunderten Blick eines wei�en Falken auffing. Doch als es tiefer und tiefer in den Herbst hineinging, kamen kaum noch Tiere. Sie zogen sich in die Berge zur�ck, um dort Nahrung und Zuflucht zu finden. Und so sa� er allein und spielte auf seiner Harfe, ein seltsames, pelzbehangenes, namenloses Gesch�pf, das keine andere Stimme hatte als die der Harfe zwischen seinen H�nden. Sein K�rper wurde von den rauhen Winden geschliffen; sein Geist schlief wie die Ein�de. Wie lange er dort geblieben w�re, sollte er nie erfahren, eines Abends n�mlich, als ein Umspringen des Windes �ber seinem Feuer ihn aufblicken lie�, sah er Rendel.</p><p>Sie war in kostbares, silbernschimmerndes Pelzwerk ge-h�llt; ihr Haar, das der Wind aus der Kapuze gezupft hatte, flatterte wie Feuer in der Dunkelheit. Er sa� ganz still. Seine H�nde, die auf den Saiten der Harfe lagen, hielten inne. Sie kniete an seinem Feuer nieder, und er sah ihr Gesicht klarer, ein m�des, winterbleiches Gesicht, zu zeitloser Sch�nheit ge-mei�elt. Er f�rchtete, sie w�re ein Traum wie das Gesicht, das er im schwarzen Seewasser zwischen seinen H�nden gesehen hatte. Dann aber gewahrte er, da� sie heftig zitterte. Sie streifte ihre Handschuhe ab und spann sein im Wind flackern-des Feuer mit ihren H�nden zu stillen, hellen Flammen. Schlagartig wurde ihm bewu�t, wie lange es her war, seit sie miteinander gesprochen hatten.</p><p>�Lungold�, fl�sterte er.</p><p>Das Wort schien ohne Sinn in der Stille der Ein�de. Doch sie hatte die belebte Welt verlassen und sich aufgemacht, ihn hier drau�en zu suchen. Er streckte seinen Arm durch das Feuer hindurch und legte seine Hand auf ihre Wange. Stumm sah sie ihn an, als er sich wieder zur�cklehnte. Sie zog die Knie an und kuschelte sich zum Schutz gegen den Wind in ihren Pelz.</p><p>�Ich habe dein Harfenspiel geh�rt�, sagte sie.</p><p>Lautlos ber�hrten seine Finger die Saiten.</p><p>�Ich habe dir versprochen, da� ich es lernen w�rde.� Seine Stimme war rauh und rostig. �Wo warst du?� f�gte er neugierig hinzu. �Du bist mir durch das Hinterland gefolgt; du warst im Erlenstern-Berg bei mir. Dann bist du verschwunden.�</p><p>Sie hob wieder den Blick zu ihm auf.</p><p>�Ich bin nicht verschwunden. Du bist verschwunden.� Ihre Stimme zitterte pl�tzlich. �Vom Gesicht des Reiches verschwunden. Die Zauberer haben dich �berall gesucht. Und auch die Gestalt��, die Gestaltwandler. Und ich auch. Ich glaubte schon, du w�rst tot. Aber hier bist du, allein mit deiner Harfe in diesem Wind, der t�ten kann, und dir ist nicht einmal kalt.�</p><p>Er schwieg. Die Harfe, die mit den Winden gesungen hatte, f�hlte sich pl�tzlich kalt an unter seinen H�nden. Er stellte sie neben sich auf den Boden.</p><p>�Wie hast du mich gefunden?�</p><p>�Ich habe gesucht. In jeder Gestalt, die ich mir denken konnte. Ich dachte, du w�rst vielleicht bei den Vestas. Deshalb reiste ich zu Har und bat ihn, mich die Vesta-Gestalt zu lehren. Er fing auch an, aber als er meinen Geist ber�hrte, hielt er inne und sagte mir, er glaubte nicht, da� er mich das lehren m��te. Da mu�te ich ihm das nat�rlich erkl�ren. Und dann mu�te ich ihm alles erz�hlen, was im Erlenstern-Berg geschehen war. Er sagte nichts, nur da� du gefunden werden mu�t. Schlie�lich f�hrte er mich �ber den Grimberg zu den Vesta-Herden. Und w�hrend ich mit ihnen zog, h�rte ich von weit her, von fernen Winden getragen dein Harfenspiel. Morgon, wenn ich dich finden kann, dann k�nnen es auch andere. Bist du hier herausgezogen, um das Harfenspiel zu erlernen? Oder bist du einfach geflohen?�</p><p>�Ich bin einfach geflohen.�</p><p>�Und�� hast du�� hast du vor, zur�ckzukehren?�</p><p>�Wozu?�</p><p>Sie blieb stumm. Das Feuer vor ihr flackerte unstet, verwob sich mit dem Wind. Sie machte es wieder still, w�hrend ihre Augen unverwandt auf sein Gesicht gerichtet waren. Mit einer heftigen Bewegung sprang sie auf und ging zu ihm und umschlang ihn mit beiden Armen, ihr Gesicht an den zottigen Pelz an seiner Schulter gedr�ckt.</p><p>�Ich k�nnte mich wohl daran gew�hnen, in der Ein�de zu leben�, fl�sterte sie. �Es ist so kalt hier, und nichts w�chst hier�� aber die Winde und dein Harfenspiel sind wunderbar.�</p><p>Er senkte den Kopf. Er legte seine Arme um sie und zog ihre Kapuze ein St�ck nach hinten, so da� er ihre Wange an der seinen f�hlen konnte. Etwas ber�hrte sein Herz, schmerzhafte K�lte, die er erst jetzt endlich sp�rte, oder vielleicht ein schmerzhaftes Erwachen von W�rme.</p><p>�Du h�rtest die Stimmen der Gestaltwandler im Erlenstern-Berg�, sagte er stockend. �Du wei�t, was sie sind. Sie kennen alle Sprachen. Sie sind Erdherren, die nach Jahrtausenden noch immer mit dem Erhabenen im Krieg liegen. Und ich bin der K�der f�r ihre Fallen. Das ist der Grund, weshalb sie mich niemals t�ten. Sie wollen ihn haben. Wenn sie ihn zerst�ren, dann werden sie das Reich zerst�ren. Wenn sie mich nicht finden, dann werden sie vielleicht auch ihn nicht finden.�</p><p>Sie wollte etwas sagen, doch er lie� sie nicht zu Wort kommen. Seine Stimme, die langsam wieder in Gang kam, klang jetzt h�rter.</p><p>�Du wei�t, was ich in dem Berg getan habe. Ich war so erf�llt von Zorn, da� ich h�tte morden k�nnen, und ich verwandelte mich in Wind, um es zu tun. Einer, der solche Kr�fte besitzt, hat nirgends im Reich einen Platz. Was soll ich mit diesen Kr�ften anfangen? Ich bin der Sternentr�ger. Ich bin das Versprechen, das von den Toten gegeben wurde, einen Krieg zu f�hren, der �lter ist als die Namen der K�nigreiche. Mir wurden bei meiner Geburt Kr�fte mitgegeben, die mich in meiner eigenen Welt namenlos machen. Und mir wurde auch das ganze schreckliche Verlangen mitgegeben, diese Kr�fte zu gebrauchen.�</p><p>�Und deshalb kamst du hierher in die Ein�de, wo du keinen Grund hattest, sie zu gebrauchen.�</p><p>�Ja.�</p><p>Sie schob eine Hand unter seine Kapuze, und ihre Finger streichelten seine Stirn und seine vernarbte Wange.</p><p>�Morgon�, sagte sie leise, �ich glaube, wenn du sie anwenden wolltest, w�rdest du es tun. Wenn ich dir einen Grund daf�r f�nde. Du hast mir Grund gegeben, in Lungold und in den Weiten des Hinterlands meine eigenen Kr�fte zu gebrauchen. Ich liebe dich, und ich werde f�r dich k�mpfen. Oder mit dir hier in der Ein�de sitzen, bis du zu Schnee wirst. Wenn der Ruf der Landherrscher, all jener, die dich lieben, dich nicht dazu bewegen kann, diesen Ort zu verlassen, was dann? Was hat dich in der Dunkelheit des Erlenstern-Bergs verletzt?�</p><p>Er schwieg. Die Winde st�rzten tosend aus der Nacht und stie�en auf das Feuer herab. Sie hatten keine Gesichter, keine Sprache, die er verstehen konnte.</p><p>�Der Erhabene kann meinen Namen so wenig sprechen�, fl�sterte er, die Augen in die Winde gerichtet, �wie ein Brocken Granit. Wir sind in irgendeiner Weise aneinander gebunden, das wei� ich. Mein Leben ist ihm wert, aber er wei� nicht einmal, was es ist. Ich bin der Sternentr�ger. Ich will ihm mein Leben geben. Aber nichts sonst. Keine Hoffnung, keine Gerechtigkeit, keine Teilnahme. Diese Worte sind die Worte von Menschen. Hier in der Ein�de bin ich f�r niemanden eine Bedrohung. So bin ich sicher, und so ist der Erhabene sicher, und so bleibt das Reich unersch�ttert von Kr�ften, die zu gebrauchen zu gef�hrlich ist.�</p><p>�Das Reich ist schon ersch�ttert. Die Landherrscher setzen mehr Hoffnung in dich als in den Erhabenen. Mit dir k�nnen sie sprechen.�</p><p>�Wenn ich mich in eine Waffe verwandelte, die f�r die Erdherren k�mpft, w�rdest nicht einmal du mich wiedererkennen.�</p><p>�Vielleicht. Du hast mir einmal eine R�tselgeschichte erz�hlt, als ich vor meinen eigenen Kr�ften Angst hattql. �ber die Frau aus Herun, die ein dunkles, erschreckendes Tip r, dem sie keinen Namen geben konnte, in ihr Haus brachte. Du hast mir nie gesagt, wie die Geschichte endet.�</p><p>Er blickte auf. �Sie ist vor Angst gestorben.�</p><p>�Und das Tier? Was war es?�</p><p>�Das wei� niemand. Es klagte sieben Tage und sieben N�chte lang an ihrem Grab. Seine Stimme war so voll von Liebe und Schmerz, da� keiner, der sie h�rte, schlafen oder essen konnte. Und dann starb es auch.�</p><p>Sie hob den Kopf. Ihre Lippen waren leicht ge�ffnet. Ihm fiel pl�tzlich ein Augenblick aus einer toten Vergangenheit ein: Er sa� in einer kleinen steinernen Kammer in Caithnard und studierte R�tselgeschichten und sp�rte, wie sein Herz bei den unerwarteten Wendungen, die sie nahmen, vor Freude sprang oder vor Entsetzen oder Schmerz kalt wurde.</p><p>�Diese Geschichte hat mit mir nichts zu tun�, f�gte er hinzu.</p><p>�Nein, wahrscheinlich nicht. Du mu�t es wissen.�</p><p>Er h�llte sich wieder in Schweigen. Sie dr�ckte ihren Kopf in die H�hle seiner Schulter, und sein Arm umschlang sie. Er legte seine Wange auf ihr Haar.</p><p>�Ich bin m�de�, sagte er einfach. �Ich habe zu viele R�tsel gel�st. Die Erdherren begannen vor den Urspr�ngen unserer Geschichte einen Krieg, einen Krieg, der ihre eigenen Kinder t�tete. Wenn ich gegen sie k�mpfen und siegen k�nnte, dann w�rde ich das tun, um des Reiches willen; aber ich glaube, ich w�rde nur mich selbst und den Erhabenen t�ten. Und deshalb tue ich das einzige, was mir vern�nftig erscheint. Nichts.�</p><p>Lange antwortete sie ihm nicht. Er hielt sie ruhig im Arm, w�hrend das Feuer ihren Umhang mit silbernem Schimmer �bersp�lte.</p><p>�Morgon�, sagte sie schlie�lich leise, �ein R�tsel gibt es noch, das du vielleicht l�sen solltest. Du hast allen Trug von Ghisteslohm abgestreift; du hast den Gestaltwandlern ihren Namen gegeben; du hast den Erhabenen aus seinem Schweigen erweckt. Aber eines gibt es, dem du noch keinen Namen gegeben hast, und es will nicht sterben.�</p><p>Ihre Stimme zitterte. Er sp�rte pl�tzlich durch den dicken Pelz hindurch den Schlag ihres Herzens.</p><p>�Was?� Das Wort war ein Fl�stern, das sie nicht geh�rt haben konnte, aber sie antwortete ihm.</p><p>�In Lungold, als ich die Gestalt einer Kr�he angenommen hatte, sprach ich mit Yrth. Ich wu�te damals noch nicht, da� er blind ist. Auf meiner Suche nach dir war ich in Isig, und dort fand ich ihn wieder. Seine Augen haben die Farbe von lichtgetr�nktem Wasser. Er sagte mir, da� Ghisteslohm ihn w�hrend der Zerst�rung von Lungold blendete. Und ich stellte das nicht in Frage. Er ist ein gro�er, sanfter, steinalter Mann, und Danans Enkelkinder folgten ihm durch den ganzen Berg, w�h-rend er unter den Steinen und zwischen den B�umen nach dir suchte. Eines Abends brachte Bere eine Harfe, die er selbst ge-macht hatte, in den Saal und bat Yrth, auf ihr zu spielen. Er lachte ein wenig und sagte, wenn er auch einst als der Harfner von Lungold bekannt gewesen w�re, so h�tte er doch seit sie-ben Jahrhunderten keine Harfe mehr anger�hrt. Doch er spielte ein wenig. Und, Morgon, ich kannte dieses Harfen-spiel. Es war das gleiche stockende, zaghafte Zupfen, das dich verfolgte, als wir auf der Handelsstra�e reisten, und das dich in Ghisteslohms Gewalt lockte.�</p><p>Er hob ihr Gesicht zwischen seinen H�nden. Jetzt auf einmal sp�rte er den Wind, der eisige K�lte in all seine Knochen fegte.</p><p>�Was sagst du mir da?�</p><p>�Ich wei� es nicht. Aber wie viele blinde Harfner, die nicht auf einer Harfe spielen k�nnen, kann es auf der Welt geben?�</p><p>Er sog einen Hauch Windes ein; wie eisiges Feuer rann er durch ihn hindurch.</p><p>�Er ist tot.�</p><p>�Dann ruft er dich aus seinem Grab zum Kampf. Yrth hat an jenem Abend auf der Harfe gespielt, damit ich das R�tsel seines Harfenspiels zu dir bringen w�rde, ganz gleich, wo im Reich du dich aufhieltest.�</p><p>�Wei�t du das mit Sicherheit?�</p><p>�Nein. Aber ich wei�, da� er dich finden m�chte. Und noch etwas wei� ich: Wenn es ein Harfner namens Thod war, der mit dir, wie Yrth es tat, auf der Handelsstra�e reiste, dann waren seine R�tsel so fein gesponnen, da� sie selbst Ghisteslohm blendeten. Und selbst dich�� den R�tselmeister von Hed. Ich denke, du solltest ihm einen Namen geben. Denn er spielt sein eigenes, geheimes, t�dliches Spiel, und es mag sein, da� er der einzige in diesem Reich ist, der wirklich wei�, was er tut.�</p><p>�Wer, in Hels Namen, ist er?� Er fr�stelte pl�tzlich unkontrollierbar. �Thod erwarb sich in Caithnard das schwarze Gewand der Meisterschaft. Er war ein R�tselmeister. Er kannte meinen Namen, noch ehe ich ihn kannte. Ich hatte einmal den Verdacht, er k�nnte ein Zauberer von Lungold sein. Ich fragte ihn danach.�</p><p>�Was sagte er?�</p><p>�Er sagte, er w�re der Harfner des Erhabenen. Darauf fragte ich ihn, was er in Isig getan h�tte, als Yrth meine Harfe machte, hundert Jahre vor seiner Geburt. Und er antwortete, ich sollte ihm vertrauen. Blind vertrauen, tiefer als alle Logik, alle Vernunft und alle Hoffnung. Und dann verriet er mich.� Er zog sie an sich, doch der Wind zw�ngte sich zwischen sie wie eine Messerklinge. �Es ist kalt. Nie zuvor war es so kalt.�</p><p>�Was willst du tun?�</p><p>�Was will er? Ist er ein Erdherr, der sein eigenes geheimes Spiel um die Macht treibt? Will er mich lebend oder tot? Will er den Erhabenen lebend oder tot?�</p><p>�Ich wei� es nicht. Du bist der R�tsell�ser. Er hat dich herausgefordert. Frage ihn.�</p><p>Er blieb stumm, w�hrend seine Gedanken zu dem Harfner auf der Handelsstra�e zur�ckwanderten, der ihn ohne ein Wort, nur mit den stockenden, verkr�ppelten Kl�ngen seiner Harfe aus dem Dunkel der Nacht in Ghisteslohms H�nde gelockt hatte.</p><p>�Er kennt mich zu genau�, fl�sterte er. �Ganz gleich, was er haben will, er wird es bekommen, glaube ich.�</p><p>Ein Windsto� fegte �ber sie hinweg, der nach Schnee roch. Mit eisigen Z�hnen nagte er an seinem Gesicht und an seinen H�nden, er nahm ihm den Atem, blendete ihn. Er sprang auf, und eine heftige Sehnsucht nach Hoffnung erf�llte ihn pl�tzlich. Als er wieder sehen konnte, gewahrte er, da� Rendel schon die Gestalt gewechselt hatte. Eine Vesta mit goldenen Hufen und goldenen H�rnern blickte ihn aus tief violetten Augen an. Er streichelte sie; ihr warmer Atem strich �ber seine H�nde. Er dr�ckte seine Stirn gegen den Knochen zwischen ihren Augen.</p><p>�Gut�, sagte er mit einem sehr winzigen Funken von Ironie, �ich werde mit Thod einen R�tselkampf austragen. In welcher Richtung liegt Isig?�</p><p>Sie f�hrte ihn mit Hilfe der Sonne und der Sterne, zuerst s�dlich durch die Ein�de, dann in �stlicher Richtung, die Bergh�nge des Passes hinunter, bis sie am zweiten Morgen das gr�ne Antlitz des Berges Isig sahen, das sie jenseits der �se erwartete. Bei Abendd�mmerung an einem grauen, wilden Herbsttag erreichten sie das Haus des K�nigs. Auf den hohen Gipfeln gl�nzte schpn Schnee; die m�chtigen Fichten rund um Harte sangen im Nordwind. In Kyrth nahmen die Wanderer wieder ihre eigene Gestalt an und stiegen die gewundene Bergstra�e hinauf nach Harte. Die Tore waren verriegelt und bewacht, doch die Bergleute, mit breiten Schwertern bewaffnet, die in Danans �fen geschmiedet waren, erkannten sie und lie�en sie ein.</p><p>Danan und Veit und ein halbes Dutzend Kinder lie�en ihr Nachtmahl stehen, um ihnen entgegenzugehen, als sie das Haus betraten. Danan, in wallendem Pelz, hie� sie beide mit einer b�renhaften Umarmung willkommen und trieb Kinder wie Bedienstete an, f�r ihr Wohl zu sorgen. Doch da er ihre Ersch�pfung sah, stellte er nur eine einzige Frage.</p><p>�Ich war in der Ein�de�, antwortete Morgon. �Ich habe auf meiner Harfe gespielt. Rendel fand mich.� Ihm fiel nicht auf, wie seltsam diese Antwort war. Sich erinnernd f�gte er hinzu: �Davor war ich ein Baum an der �se.�</p><p>Er sah, wie ein L�cheln in den Augen des K�nigs aufleuchtete.</p><p>�Was hab ich Euch gesagt?� murmelte Danan. �Ich habe Euch gesagt, da� Euch in dieser Gestalt keiner finden w�rde.� Er zog sie zur Treppe, die in den Ostturm hinauff�hrte. �Ich habe tausend Fragen, aber ich bin ein geduldiger alter Baum, sie k�nnen bis morgen warten. Yrth wohnt hier in diesem Turm; bei ihm werdet ihr sicher sein.�</p><p>Eine Frage nagte an Morgon, als sie die gewundene Treppe hinaufstiegen, doch es dauerte einen Moment, ehe ihm klarwurde, was ihn bewegte.</p><p>�Danan, ich habe Euer Haus nie bewacht erlebt. Waren die Gestaltwandler hier, um mich zu suchen?�</p><p>�Ja, sie waren hier�, antwortete der K�nig grimmig. �Ich habe mehrere meiner Bergleute verloren. Ich h�tte noch mehr verloren, wenn Yrth nicht hier gewesen w�re, um mit uns zu k�mpfen.�</p><p>Morgon war stehengeblieben. Der K�nig nahm ihn beim Arm und zog ihn vorw�rts.</p><p>�Wir haben genug um sie getrauert. Wenn wir nur w��ten, was die Gestaltwandler sind, was sie wollen.� Er witterte etwas in Morgon. Seine gr�blerischen Augen zupften erbarmungslos an der Wahrheit. �Ihr wi�t es.�</p><p>Morgon antwortete nicht. Danan dr�ngte ihn nicht, doch die Furchen in seinem Gesicht vertieften sich.</p><p>Er lie� sie in einem Turmzimmer zur�ck, dessen W�nde und Boden und M�belst�cke mit Pelz behangen waren. Die Luft war k�hl, Rendel entz�ndete ein Feuer, und bald danach kamen die Bediensteten mit Speisen und Wein und kostbaren warmen Kleidern. Bere folgte mit einem Kessel dampfenden Wassers. Als er ihn an einem Haken �ber dem Feuer aufh�ngte, l�chelte er Morgon an, die Augen voller Fragen. Doch er schluckte sie alle mit heldenhafter Anstrengung hinunter. Morgon schl�pfte aus dem verfilzten Schafspelz und aus dem abgetragenen Kittel, um sich den Schmutz vom K�rper zu waschen. Als er dann sauber, satt und in Samt und weichen Pelz gekleidet am Feuer sa�, dachte er mit ungl�ubigem Staunen daran zur�ck, was er getan hatte.</p><p>�Ich habe dich verlassen�, sagte er zu Rendel. �Ich kann beinahe alles verstehen, aber das nicht. Ich bin einfach aus der Welt fortgegangen und lie� dich zur�ck.�</p><p>�Du warst m�de�, meinte sie schl�frig. �Du hast es selbst gesagt. Vielleicht mu�test du einfach allein sein, um nachzudenken.�</p><p>Sie lag ausgestreckt neben ihm in kn�cheltiefen Fellen; in ihrer Stimme lag die W�rme von Feuer und Wein, und sie war nahe daran, einzuschlafen.</p><p>�Oder vielleicht brauchtest du einfach einen Ort, um anzufangen, auf deiner Harfe zu spielen.�</p><p>Ihre Stimme verklang in einem Traum; sie lie� ihn zur�ck. Er zog Decken �ber sie, sa� eine Weile da, ohne sich zu bewe-gen, w�hrend er zusah, wie Licht und Schatten einander auf ih-rem entspannten Gesicht jagten. Die Winde tosten wie Meereswellen um den Turm. In ihnen schwang das Echo eines Tons, der st�ndig durch seine Erinnerungen geisterte. Automatisch griff er zu seiner Harfe. Dann fiel ihm ein, da� er die-sen Ton in des K�nigs Haus nicht spielen konnte, ohne seinen Frieden zu st�ren.</p><p>Er spielte andere T�ne, Balladen, die in den Gesang des Windes �bergingen, der weder Form noch Muster hatte. Nach einer Weile wurden seine Finger still. Immer wieder zupfte er lautlos ein und dieselbe Saite, w�hrend sich in den Flammen immer von neuem ein Gesicht bildete und wieder zerfiel. Schlie�lich stand er auf und lauschte. Das Haus schien still, nur hier und dort war ein fernes Murmeln im Inneren seiner Mauern zu h�ren. Leise schlich er an Rendel vorbei, an den Wachen vor der T�r, deren Geist er blendete, so da� sie ihn nicht bemerkten. Er stieg die Treppe hinauf zu einer T�r, vor der wei�e Felle hingen. Ein d�nner Lichtstreifen fiel unter den Beh�ngen nach drau�en. Er teilte den Vorhang mit sachter Hand, trat ins Halbdunkel und blieb stehen.</p><p>Der Zauberer schlummerte, ein alter Mann, der in einem Sessel am Feuer eingenickt war. Seine von Narben gezeichneten H�nde lagen offen auf seinen Knien. Er sah gr��er aus, als Morgon ihn in Erinnerung hatte, mit breiten Schultern und doch mager und sehnig unter dem langen dunklen Gewand, das er anhatte. Noch w�hrend Morgon ihn betrachtete, erwachte er, schlug helle Augen auf, in denen keine �berraschung stand. Seufzend beugte er sich zum Boden nieder, tastete nach Holz und schob es sorgsam in den Kamin, w�hrend seine Finger durch die m�den Flammen strichen. Das Feuer loderte auf, erhellte ein Gesicht wie aus Granit, so verwittert wie ein Baumstumpf, der undenkliche Zeiten in Sonne, Wind und Regen gestanden hatte. Der Zauberer schien pl�tzlich zu merken, da� er nicht allein war; einen Herzschlag lang war sein K�rper reglos wie Stein. Morgon sp�rte eine beinahe unmerkliche Ber�hrung in seinem Geist. Der Zauberer regte sich wieder, zwinkerte mit den hellen Augen.</p><p>�Morgon?� Seine Stimme war tief und vollt�nend, gleichzeitig rauh, voll von Geheimnissen wie die Stimme eines tiefen Brunnens. �Tretet ein. Oder seid Ihr schon drinnen?�</p><p>Morgon trat n�her. �Ich wollte Euch nicht st�ren�, sagte er leise.</p><p>Yrth sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Ich h�rte vorhin Euer Harfenspiel. Aber ich dachte, ich w�rde erst morgen mit Euch sprechen k�nnen. Danan sagte mir, da� Rendel Euch in der n�rdlichen Ein�de gefunden hat. Wurdet Ihr verfolgt? War das der Grund, weshalb Ihr Euch dort verborgen hieltet?�</p><p>�Nein. Ich wanderte ganz einfach dorthin und blieb, weil mir kein Grund einfiel, in die Welt zur�ckzukehren. Aber dann kam Rendel und gab mir einen Grund.�</p><p>Der Zauberer blickte schweigend in die Richtung, aus der seine Stimme kam.</p><p>�Ihr seid ein erstaunlicher Mann�, bemerkte er. �Wollt Ihr Euch nicht setzen?�</p><p>�Woher wi�t Ihr, da� ich nicht sitze?� fragte Morgon neugierig.</p><p>�Ich kann den Sessel vor Euch sehen. Sp�rt Ihr die geistige Verbindung? Ich sehe durch Eure Augen.�</p><p>�Ich sp�re sie kaum.�</p><p>�Das kommt daher, da� ich nicht Eurem Denken und F�hlen verbunden bin, sondern nur Eurem Gesichtssinn. Ich sah die Handelsstra�e auf meiner Wanderung durch die Augen fremder Menschen. In der Nacht, als Ihr von Pferdedieben �berfallen wurdet, erkannte ich, da� einer von ihnen ein Gestaltwandler war, weil ich durch seine Augen die Sterne sah, die Ihr vor den Menschen verborgen haltet. Ich suchte ihn, um ihn zu t�ten, doch er entzog sich mir.�</p><p>�Und in der Nacht, als ich Thods Harfenspiel folgte? Habt Ihr auch da hinter das Trugbild gesehen?�</p><p>Der Zauberer schwieg wieder. Er senkte den Kopf, wandte ihn von Morgon ab; die harten Linien seines Gesichts verzogen sich mit solcher Scham und Bitterkeit, da� Morgon hastig auf ihn zutrat, entsetzt �ber seine eigene Frage.</p><p>�Morgon, verzeiht mir. Mit Ghisteslohm kann ich es nicht aufnehmen.�</p><p>�Ihr h�ttet nichts tun k�nnen, um mir zu helfen.� Seine H�nde umklammerten den R�cken des Sessels. �Nicht, ohne Rendel in Gefahr zu bringen.�</p><p>�Ich tat das wenige, was ich tun konnte. Ich verdichtete die Schleier Eures Trugbildes, als Ihr verschwandet, aber�� das war herzlich wenig.�</p><p>�Ihr habt uns das Leben gerettet.�</p><p>Eine pl�tzliche, schmerzhafte Erinnerung an das Gesicht des Harfners stieg vor ihm auf, an die Augen, die bleich und ausgebrannt waren vom Feuer und ins Leere starrten. Seine H�nde lie�en den R�cken des Sessels los und hoben sich �ber seine Augen. Er h�rte, wie Yrth sich bewegte.</p><p>�Ich kann nicht sehen.�</p><p>Er senkte die H�nde. Todm�de lie� er sich in den Sessel fallen. In einem Gewirr von Stimmen strichen die Winde klagend um den Turm. Yrth war still und lauschte seinem Schweigen.</p><p>Als Morgon es nicht brach, sagte er sachte: �Rendel hat mir alles, was sie wu�te, von den Ereignissen im Erlenstern-Berg erz�hlt. Ich bin nicht in ihren Geist eingedrungen. Wollt Ihr mich in Eure Erinnerungen blicken lassen? Oder ist es Euch lieber, mir zu berichten? Wie dem auch sei, ich mu� es wissen.�</p><p>�Nehmt es aus meinem Geist.�</p><p>�Seid Ihr jetzt zu m�de?�</p><p>Er sch�ttelte ein wenig den Kopf.</p><p>�Es spielt keine Rolle. Nehmt Euch, was Ihr wollt.�</p><p>Das Feuer schrumpfte vor ihm, zersprang in leuchtende, Fragmente der Erinnerung. Noch einmal machte er seine wilde, einsame Flucht durch das Hinterland durch, st�rzte aus dem Himmel in die Tiefen des Erlenstern-Bergs. Der Turm umh�llte sich mit schwarzer Nacht; er schluckte Bitterkeit wie Seewasser. Das Feuer jenseits seiner Augen fl�sterte und wisperte in Sprachen, die er nicht verstand. Ein Wind fegte durch die Stimmen und wirbelte sie aus seinem Geist hinaus. Die Steinquader des Turmes erzitterten, vom tiefen Singen eines Windes ersch�ttert. Dann folgte eine lange Stille, in der er vor sich hind�mmerte, erw�rmt von sommerlichem Licht. Danach erwachte er wieder, eine seltsame, wilde Gestalt in einem Schafspelz, der dem Wind ge�ffnet war. Tiefer und tiefer glitt er in die reinen, t�dlichen Stimmen des Winters.</p><p>Er sa� an einem Feuer und lauschte den Winden. Doch sie waren jenseits eines Kreises aus Steinen; sie ber�hrten weder ihn noch das Feuer. Er regte sich, zwinkerte mit den Augen, r�ckte Nacht und Feuer und das Gesicht des Zauberers wieder ins Licht der Gegenwart. Seine Gedanken sammelten sich wieder im Turm. Er sank vorn�ber, so m�de, da� er am liebsten mit dem verl�schenden Feuer verloschen w�re. Der Zauberer stand auf, ging ein Weilchen lautlos durch das Gemach, bis eine Kommode ihn aufhielt.</p><p>�Was habt Ihr in der Ein�de getan?�</p><p>�Ich habe auf meiner Harfe gespielt. Dort konnte ich jenen tiefen Ton anschlagen, den, der Stein zertr�mmert.�</p><p>Er h�rte seine eigene Stimme wie aus weiter Ferne und war erstaunt, da� er vern�nftig sprechen konnte.</p><p>�Wie habt Ihr Euch am Leben erhalten?�</p><p>�Ich wei� es nicht. Vielleicht war ich eine Zeitlang halb Wind. Ich hatte Angst zur�ckzukommen. Was soll ich mit solchen Kr�ften anfangen?�</p><p>�Sie gebrauchen.�</p><p>�Das wage ich nicht. Ich habe Macht �ber das Landrecht. Ich begehre diese Macht. Ich m�chte sie gebrauchen. Aber ich habe kein Recht dazu. Das Landrecht ist das Erbe der K�nige, das vom Erhabenen mit ihnen verbunden worden ist. Ich w�rde alles Recht und Gesetz zerst�ren.�</p><p>�Vielleicht. Aber das Landrecht ist auch die reichste Quelle von Kraft im Reich. Wer anders als Ihr kann dem Erhabenen helfen?�</p><p>�Er hat nicht um Hilfe gebeten. Bittet ein Berg um Hilfe? Oder ein Flu�? Sie existieren einfach. Wenn ich seine Macht anr�hre, wird er mir vielleicht genug Aufmerksamkeit schenken, mich zu vernichten, oder aber���</p><p>�Morgon, setzt Ihr denn gar keine Hoffnung in die Sterne, die ich f�r Euch gemacht habe?�</p><p>�Nein.� Seine Augen schl�ssen sich; gewaltsam ri� er sie wieder auf, h�tte weinen m�gen vor Anstrengung. �Ich spreche nicht die Sprache des Steins�, fl�sterte er. �F�r ihn bin ich einfach irgendein lebendes Wesen. Er sieht nichts als drei Sterne, die emporsteigen aus zahllosen Jahrhunderten der Finsternis, in denen macht- und kraftlose Wesen, die Menschen genannt werden, der Ehre ihren Stempel aufzudr�cken suchten, so oberfl�chlich, da� es ihn in seiner Ruhe kaum ersch�ttern konnte.�</p><p>�Er gab Euch das Landrecht.�</p><p>�Ich war ein Wesen, dem das Landrecht gegeben war. Jetzt bin ich ganz einfach ein Wesen, das nur noch in der Vergangenheit ein Schicksal hat. Nie wieder werde ich die Macht eines anderen Landherrschers anr�hren.�</p><p>Der Zauberer schwieg, die Augen ins Feuer gerichtet, das immer wieder vor Morgons Blicken verschwamm.</p><p>�Seid Ihr so zornig mit dem Erhabenen?�</p><p>�Wie kann ich mit einem Stein zornig sein?�</p><p>�Die Erdherren haben alle Gestalten angenommen. Was macht Euch so sicher, da� der Erhabene die Gestalt aller Dinge angenommen hat, au�er der der Menschen?�</p><p>�Warum��� Er brach ab und starrte in die Flammen, bis sie die Schatten des Schlafes aus seinem Geist brannten und er wieder denken konnte. �Ihr wollt, da� ich meine eigenen Kr�fte freisetze und auf das Reich loslasse.�</p><p>Yrth antwortete nicht. Morgon blickte zu ihm auf und gab ihm das Bild seines eigenen schroffen, uralten, m�chtigen Gesichts zur�ck. Wieder sp�lte das Feuer �ber seine Gedanken. Zum erstenmal sah er pl�tzlich nicht das finstere Gesicht des Windes, der die Sprache der Steine sprach und den er f�r den Erhabenen gehalten hatte, sondern etwas Verfolgtes, Angreifbares, Gef�hrdetes, dessen Schweigen die einzige Waffe war, die es besa�. Der Gedanke bannte ihn in staunende Verwunderung. Langsam wurde er der Stille gewahr, die sich zwischen seiner Frage und der Antwort auf sie aufbaute.</p><p>Er hielt den Atem an und lauschte der Stille, die ihn auf seltsame Art bedr�ngte wie eine Erinnerung an etwas, das ihm einmal lieb und teuer gewesen war. Die H�nde des Zauberers wandten sich ein wenig zum Licht und schl�ssen sich dann, ihre Narben verbergend.</p><p>��ber dem ganzen Reich�, sagte der Alte, �sind Kr�fte entfesselt, den Erhabenen zu finden. Die Euren werden nicht die schlechtesten sein. Seltsame Bande fesseln Euch. Das beste und das am wenigsten Verst�ndliche von ihnen scheint die Liebe zu sein. Ihr k�nntet die Landherrscher um ihre Erlaubnis bitten. Sie vertrauen Euch. Und sie waren in tiefer Verzweiflung, als weder Ihr noch der Erhabene irgendwo auf dem Antlitz des Reiches zu finden wart.�</p><p>Morgon senkte den Kopf. �An sie habe ich nicht gedacht.�</p><p>Er h�rte Yrth nicht, merkte erst, da� der Zauberer aufgestanden war, als sein dunkles Gewand das Holz seines Sessels streifte. Die Hand des Zauberers ber�hrte sehr behutsam seine Schulter, so als streichelte er ein wildes, ungez�hmtes Wesen, das sich furchtsam und zaghaft in seine Stille hineingewagt hatte.</p><p>Bei der Ber�hrung wichen Verwirrung, Zorn und Widerspruch aus Morgon, ja selbst die Kraft und der Wille, gegen die ganze Geistessch�rfe des Zauberers zu k�mpfen. Nur die Stille blieb und ein hilfloses, unbegreifliches Verlangen.</p><p>�Ich werde den Erhabenen finden�, sagte er. Und warnend oder verhei�end f�gte er hinzu: �Nichts wird ihn zerst�ren. Ich schw�re es. Nichts.�</p></section><section><title><p><emphasis>Kap. 11</emphasis></p></title><p>Zwei Tage schlief er im Hause des K�nigs, erwachte nur einmal, um zu essen, und ein zweitesmal, um Rendel zu sehen, die an seiner Seite sa� und geduldig darauf wartete, da� er erwachen m�ge. Er schob seine Hand in die ihre, l�chelte ein wenig, w�lzte sich dann auf die andere Seite und fiel wieder in Schlaf. Am Abend schlie�lich erwachte er mit klarem Kopf. Er war allein. Das ged�mpfte Gewirr von Stimmen und das Klirren von Geschirr, das an sein Ohr drang, verrieten ihm, da� die Menschen im Haus beim Nachtmahl sa�en. Rendel war wahrscheinlich bei Danan. Er wusch sich und trank etwas Wein, noch immer lauschend. Unter den Ger�uschen des Hauses h�rte er das unendliche, dunkle, zeitlose Schweigen, das die H�hlen und G�nge im Inneren des Berges Isig formte.</p><p>Er blieb mit dem Schweigen verbunden, bis es in seinem Geist Adern bildete. Da stieg er aus dem Turm hinunter, eilte heimlich zum Saal, wo nur Rendel und Bere ihn bemerkten, die mitten im Gespr�ch abbrachen, um ihm nachzublicken. Er folgte dem Pfad eines Traums, durch die leeren oberen Sch�chte. Von der Mauer an der M�ndung eines finsteren Tunnels nahm er eine Fackel; als er in den Tunnel eintrat, flammten die Mauern um ihn herum mit feurigen, ungeschlif-fenen Edelsteinen auf. Ohne Z�gern folgte er dem Faden sei-ner Erinnerung durch ein Gewirr von G�ngen, an seichten B�chen und tiefen Spalten entlang, durch unber�hrte H�hlen, die von Gold schimmerten. Tiefer und tiefer wanderte er in die Unendlichkeit von Finsternis und Stein hinein, bis er die Stille und die Zeitlosigkeit in seine Knochen einzusaugen schien. Schlie�lich witterte er etwas, das noch �lter war als der m�ch-tige Berg. Der Pfad, den er entlangschritt, verlor sich in verfal-lenem Stein. Der Schein der Fackel schwamm �ber die tiefgr�ne Steinplatte einer T�r, die sich einmal dem Klang seines Namens ge�ffnet hatte. Und da blieb er ungl�ubig stehen.</p><p>Der Boden war �bers�t von Felssplittern. Die T�r, die in die Kammern der Toten der Erdherren hineinf�hrte, war zersprungen; eine H�lfte war in die H�hle hineingest�rzt. In der Gruft selbst t�rmten sich riesige Brocken edelsteinfunkelnder Steine, die aus der gew�lbten Decke herabgest�rzt waren; die W�nde hatten sich zusammengeschoben, um zu verbergen, was noch von den seltsamen bleichen Steinen im Inneren der Kammer geblieben war.</p><p>Er bahnte sich einen Weg zur T�r, doch er konnte nicht eintreten. Abgewinkelt dr�ckte er einen Arm gegen die T�r und lehnte sein Gesicht daran. Er lie� seinen Geist in den Stein hineinflie�en, durch Marmor, Amethyst und Gold sickern, bis er die Bruchst�cke einesAhalb vergessenen Traums ber�hrte. Er forschte tiefer; er fand keinen Namen, witterte nur einen Hauch von Wesen, die einmal lebendig gewesen waren.</p><p>Lange Zeit stand er so, an die T�r gelehnt, ohne sich zu r�hren. Nach einer Weile erkannte er, weshalb er in die Tiefe des Berges hinuntergestiegen war, und er sp�rte, wie das Blut ihm rasch und kalt durch die Adern flo� wie beim erstenmal, als er diese Schwelle seiner Bestimmung betreten hatte. Er gewann eine Bewu�theit, so klar wie nie zuvor, von dem Berg, der sich �ber seinem Kopf erhob, und von dem K�nig, der in ihm wohnte, dessen uralter Geist in sich das Gewirr seiner G�nge und Tunnel barg, all seinen Frieden und all seine Macht. Noch einmal glitten seine Gedanken langsam durch die T�r, bis er das Herz des Steines ber�hrte, Danans Geist fand, der in dieses winzige Bruchst�ck des Berges eingebunden war. Er lie� sein Gehirn Stein werden, uralt und schwer von Erz und Edelsteinen. Er trank alles Wissen, das der Stein barg, in sich hinein, das Wissen um seine gro�e Kraft, seine geheimsten Farben, seine verwundbarste Stelle, wo er ihn mit einem Gedanken h�tte zertr�mmern k�nnen. Das Wissen wurde eine Bindung, ein Teil seiner selbst, der tief in seinem eigenen Geist verankert war. Als er dann im Inneren des Steines Aforschte, fand er wieder das wortlose Wissen, das Gesetz, das K�nig an Stein band, den Landherrscher an den winzigsten Teil seines K�nigreichs. Er umschlang dieses Wissen, brach es, und der Stein barg keinen anderen Namen als seinen eigenen.</p><p>Er lie� sein Wissen um die Bindung in eine finstere H�hle tief in seinem Geist versinken. Langsam richtete er sich auf, schwitzend in der k�hlen Luft. Seine Fackel war ausgegangen; er ber�hrte sie, entz�ndete sie von neuem. Als er sich umdrehte, sah er Danan vor sich, so massig und still wie der Berg, die Z�ge ausdruckslos wie Felsgestein.</p><p>Unwillk�rlich spannten sich Morgons Muskeln. Die Frage durchzuckte ihn, ob es eine Sprache gab, das zu erkl�ren, was er getan hatte, ehe die schwerf�llige Urkraft von Danans Zorn Steine aus ihrem Schlaf erweckte, ihn neben der Gruft der toten Kinder zu begraben. Dann sah er, wie die schwere Faust des K�nigs sich l�ste.</p><p>�Morgon.� Seine Stimme war voller Erstaunen. �Ihr wart es also, der mich hier heruntergezogen hat. Was tut Ihr?�</p><p>Als Morgon ihm nicht antworten konnte, legte er ihm sanft die Hand auf den Arm.</p><p>�Ihr habt Angst. Was tut Ihr, da� Ihr mich f�rchten m��t?�</p><p>Morgon f�hlte sich so leer und schwer wie ein Stein.</p><p>�Ich lerne Euer Landrecht.� Er lehnte sich an die feuchte Wand und hob Danan sein Gesicht entgegen, offen und ungesch�tzt.</p><p>�Woher habt Ihr solche Macht? Von Ghisteslohm?�</p><p>�Nein.� Er wiederholte das Wort leidenschaftlich. �Nein. Eher w�rde ich sterben, als Euch das anzutun. Nie wieder werde ich in Euren Geist eindringen���</p><p>�Ihr seid in ihm. Isig ist mein Herz���</p><p>�Ich werde Eure Bindungen nicht wieder zerrei�en. Ich schw�re es. Ich werde ganz einfach meine eigenen bilden.�</p><p>�Aber warum? Was wollt Ihr mit solchem Wissen um B�ume und Steine?�</p><p>�Macht. Danan, die Gestaltwandler sind Erdherren. Ich kann nicht hoffen, gegen sie zu siegen, wenn ich nicht���</p><p>Die Finger des K�nigs klammerten sich wie die Wurzeln eines Baumes um sein Handgelenk.</p><p>�Nein�, sagte er, wie Ghisteslohm gesagt hatte, als er sich der gleichen Erkenntnis gegen�bergesehen hatte. �Morgon, das ist nicht m�glich.�</p><p>�Danan�, fl�sterte er, �ich habe ihre Stimmen geh�rt. Die Sprachen, die sie sprachen. Ich habe die Kr�fte gesehen, die hinter ihren Augen eingesperrt liegen. Es ist m�glich.�</p><p>Danans Hand glitt von seinem Arm. Langsam, schwerf�llig lie� sich der K�nig auf einen Haufen gesplitterter Felsbrocken sinken. Morgon, der auf ihn hinunterblickte, fragte sich pl�tzlich, wie alt er war. Seine H�nde, die schwielig waren von Jahrhunderten harter Arbeit in den Steinen, machten eine ratlose Bewegung.</p><p>�Was wollen sie?�</p><p>�Den Erhabenen.�</p><p>Danan starrte ihn an.</p><p>�Sie werden uns vernichten.� Wieder griff seine Hand nach Morgon. �Und Euch. Was wollen sie von Euch?�</p><p>�Ich bin ihr Bindeglied zum Erhabenen. Ich wei� nicht, wie ich an ihn gebunden bin oder warum�� ich wei� nur, da� ich seinetwegen aus meinem eigenen Land vertrieben wurde, da� ich seinetwegen mit Gewalt und unter Qualen in die Macht hineingetrieben wurde, bis ich jetzt selbst die Macht an mich rei�e. Die Kr�fte der Erdherren scheinen durch irgend etwas gefesselt zu sein. Vielleicht hat der Erhabene ihnen diese Fesseln angelegt, vielleicht ist das der Grund, weshalb sie ihn so verzweifelt suchen. Wenn es ihnen gelingt, ihn zu finden, dann werden die Kr�fte, die sie gegen ihn freisetzen, uns vielleicht alle vernichten. Mag sein, da� er auf ewig in seinem Schweigen erstarrt bleibt; es f�llt mir schwer, mein Leben und Euer aller Vertrauen f�r jemanden aufs Spiel zu setzen, der niemals spricht. Doch wenigstens werde ich, wenn ich f�r ihn k�mpfe, auch f�r Euch k�mpfen.� Er machte eine Pause, den Blick auf die Lichtflecken gerichtet, die das Feuer auf die rauhen, weichen W�nde rundum warf. �Ich kann von Euch nicht verlangen, mir zu vertrauen�, sagte er leise. �Wo ich mir nicht einmal selbst traue. Ich wei� nur, da� der Weg, den ich gehen mu�, mir von der Logik und vom Hunger vorgegeben ist.�</p><p>Er h�rte das m�de Seufzen des K�nigs, das aus den Schatten kam.</p><p>�Das Ende eines Zeitalters. Das sagtet Ihr mir, als Ihr das letztemal hier wart. Ymris ist nahezu dem Erdboden gleichgemacht. Es scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein, ehe der Krieg sich nach An und nach Herun ausbreitet und dann nach Norden �ber das ganze Reich. Ich habe ein Heer von Bergleuten, die Morgol hat ihre Wache, der Wolfsk�nig�� hat seine W�lfe. Aber was ist das gegen ein Heer von Erdherren, die entschlossen sind, sich ihre Macht wieder zur�ckzuerobern? Und wie k�nnt Ihr�� ein einzelner�� selbst mit dem Ausma� an Wissen um das Landrecht, das Ihr die Kraft habt, Euch anzueignen, dagegen etwas ausrichten?�</p><p>�Ich werde einen Weg finden.�</p><p>�Wie?�</p><p>�Danan, ich werde einen Weg finden. Sonst m�ssen wir alle sterben, und ich bin zu st�rrisch, um zu sterben.� Er setzte sich neben dem K�nig nieder und lie� seinen Blick �ber den Schutt und das Ger�ll rundum schweifen. �Was ist hier geschehen? Ich wollte in den Geist der toten Kinder eintreten, um ihre Erinnerungen zu sehen, aber es ist nichts von ihnen �brig.�</p><p>Danan sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Ich f�hlte es gegen Ende des Sommers; eine Unruhe irgendwo im Mittelpunkt meiner Welt. Es geschah kurz bevor die Gestalt��, die Erdherren hierher kamen, um Euch zu suchen. Ich wei� nicht, wie oder von wem dieser Ort zerst�rt wurde.�</p><p>�Ich wei� es�, gab er fl�sternd zur�ck. �Vom Wind. Von dem tief singenden Wind, der Gestein zertr�mmert. Der Erhabene hat diesen Ort zerst�rt.�</p><p>�Aber warum? Er war ihr letzter Ruheplatz, der einzige Ort, wo sie Frieden hatten.�</p><p>�Ich wei� es nicht. Es sei denn�� es sei denn, er fand eine andere Ruhest�tte f�r sie, weil er selbst hier um ihren Frieden f�rchtete. Ich wei� es nicht. Vielleicht wird es mir irgendwie gelingen, ihn zu finden, ihn in einer Gestalt festzuhalten, die ich begreifen kann, und ihn zu fragen, warum.�</p><p>�Wenn Ihr auch nur das fertigbringt�� nur das��, dann ist das den Landherren Bezahlung genug f�r die Kraft, die Ihr dem Reich entzieht. Wenigstens werden wir dann wissen, warum wir sterben.� Er hievte sich hoch und legte seine Hand auf Morgons Schulter. �Ich begreife, was Ihr tut. Ihr braucht die Kr�fte eines Erdherren, um die Erdherren zu bek�mpfen. Wenn Ihr einen Berg auf Eure Schultern nehmen wollt, so gebe ich Euch Isig. Der Erhabene gibt uns Schweigen; Ihr gebt uns Hoffnung.�</p><p>Der K�nig lie� ihn allein. Morgon lie� die Fackel auf den Boden fallen und sah zu, wie sie in der Dunkelheit verlosch. Er stand auf, ohne gegen seine Blindheit anzuk�mpfen; er sog vielmehr die Bergesschw�rze in sich hinein, bis sie seinen Geist und seine Knochen auszuf�llen schien. Seine Gedanken tasteten sich suchend in das Gestein rundum, glitten durch steinerne Tunnel, durch Luftsch�chte, durch B�che und Rinnsale langsam flie�enden, schwarzen Wassers. Er mei�elte den Berg aus der Finsternis seiner ewigen Nacht heraus und nahm ihn in seinen Geist auf. Sein Geist stie� in harten Fels vor, dehnte sich nach au�en durch Stein, durch Spalten der Stille und tiefe Seen, bis er auf Erdreich stie�. Da sp�rte Morgon die geduldige, immer weiter in die Tiefe gehende Bewegung von Baumwurzeln. Sein Bewu�tsein erf�llte den Grund des Berges und stieg langsam und unerbittlich aufw�rts. Er ber�hrte den Geist blinder Fische, fremder Insekten, die in einer immer gleichbleibenden Welt lebten. Er wurde zum Topas, der in Stein eingeschlossen war; er hing mit dem Kopf nach unten blicklos im Gehirn der Fledermaus. Seine eigene Gestalt hatte sich aufgel�st; sein Fleisch verschmolz mit einer uralten Stille, stieg unaufh�rlich aufw�rts, schwer von Erz und Edelsteinen. Er konnte sein Herz nicht finden. Als er es in den Steinmassen suchte, erf�hlte er den Namen eines anderen, das Herz eines anderen.</p><p>Er st�rte diesen Namen nicht, der in jeden Splitter des Berges eingebunden war. W�hrend Stunden vergingen, die er nicht z�hlte, durcheilte sein Geist den ganzen Berg, tastete sich stetig durch Sch�chte, durch Granitgestein, durch H�hlen aufw�rts, die in ihrer eigenen Sch�nheit leuchteten wie Danans geheime Gedanken. Die Stunden wurden zu Tagen, die er nicht z�hlte. Sein Geist, der auf dem Grund des Berges Isig verwurzelt war, erforschte alle Spalten und Risse im Berg, brach schlie�lich zum Gipfel durch, der schon mit dem ersten winterlichen Schnee bedeckt war.</p><p>Er f�hlte die schwere Last des Berges. Sein Bewu�tsein umspannte ihn in seiner ganzen H�he und Masse. In einem winzigen Winkel der Dunkelheit weit unter ihm lag sein K�rper wie ein Felssplitter auf dem Grund des Berges. Ihm war, als blickte er auf ihn herunter, nicht wissend, wie er die ungeheuren Massen seines gebl�hten Geistes wieder in ihn hineinzw�ngen sollte. M�de schlie�lich schlo� sich ganz einfach eine Art inneres Auge in ihm, und sein Geist schmolz in die Dunkelheit.</p><p>Er erwachte unter der Ber�hrung von H�nden, die aus der Finsternis kamen, um ihn umzudrehen. Noch ehe er die Augen aufschlug, sagte er: �Ja, ja. Ich habe das Landrecht von Isig gelernt. Es braucht nur einen Gedankensprung, und ich k�nnte die Landherrschaft an mich rei�en. Ist es das, was Ihr als n�chstes von mir verlangen werdet?�</p><p>�Morgon!�</p><p>Er �ffnete die Augen. Im ersten Moment glaubte er, die Morgend�mmerung w�re in den Berg eingedrungen; die Mauern um ihn herum und Yrths verbrauchtes Gesicht mit den blinden Augen hoben sich schwachleuchtend aus dem Dunkel.</p><p>Dann fl�sterte er: �Ich kann sehen.�</p><p>�Ihr habt einen Berg verschlungen. K�nnt Ihr stehen?� Die gro�en, kr�ftigen H�nde zogen ihn auf die Beine, noch ehe er antworten konnte. �Vielleicht k�nnt Ihr versuchen, mir ein wenig zu trauen. Ihr habt ja sonst alles versucht. Macht einen Schritt.�</p><p>Er wollte sprechen, doch der Geist des Zauberers erf�llte den seinen mit Bildern von einer kleinen Turmkammer, in der ein warmes Feuer loderte. Er trat in das Bild hinein und sah Rendel aufstehen, von Feuer umflossen, als sie auf ihn zukam. Er streckte die Arme nach ihr aus; ihr Weg zu ihm schien endlos, und als er sie endlich ber�hrte, l�ste sie sich in Feuer auf.</p><p>Er erwachte und h�rte sie zart auf einer Fl�te spielen, die einer der Handwerker ihr geschenkt hatte. Sie brach ab und l�chelte, als er sie ansah; doch sie sah matt und bla� aus. Er setzte sich auf und k��te sie.</p><p>�Du mu�t m�de sein, st�ndig darauf warten zu m�ssen, da� ich aufwache.�</p><p>�Es w�re sch�n, mit dir zu reden�, gab sie sehns�chtig zur�ck. �Entweder schl�fst du oder du verschwindest. Yrth war fast den ganzen Tag hier. Ich habe ihm aus alten Zauberb�chern vorgelesen.�</p><p>�Das war gut von dir.�</p><p>�Morgon, er bat mich darum. Ich hatte so viele Fragen an ihn, aber ich konnte sie ihm nicht stellen. Pl�tzlich waren sie wie weggeblasen�� bis er ging. Ich glaube, ich studiere die Zauberkunst. Die Zauberer wissen mehr kleine Verw�nschungen und Bannspr�che als selbst die Hexen. Bist du dir eigentlich dar�ber im klaren, was du tust? Abgesehen davon, da� du dich halb umbringst?�</p><p>�Ich tue das, was du mir geraten hast. Ich trage einen R�tselkampf aus.�</p><p>Er stand auf, ganz pl�tzlich von einem �berw�ltigenden Hungergef�hl gepackt. Doch er fand nur Wein. Er sp�lte einen Becher voll hinunter, w�hrend Rendel zur T�r ging, mit einem der Bergleute sprach, die dort Wache standen.</p><p>Er go� sich noch einen Becher Wein ein und sagte, als sie zur�ckkehrte: �Ich habe dir ja gesagt, da� ich alles tun w�rde, was er von mir verlangt. Das war immer so.� Schweigend blickte er sie an und f�gte dann hinzu: �Ich wei� nicht, vielleicht habe ich schon verloren. Ich werde nach Osterland reisen und Har um das gleiche bitten. Das Wissen um sein Landrecht. Und dann nach Herun, wenn ich noch am Leben bin. Und dann nach Ymris.�</p><p>�In ganz Ymris wimmelt es von Erdherren.�</p><p>�Bis dahin werde ich auch denken wie ein Erdherr. Und bis dahin wird vielleicht der Erhabene endlich sein Schweigen brechen und mich entweder daf�r verdammen, da� ich nach seiner Macht gegriffen habe, oder mir erkl�ren, was, in Hels Namen, ich eigentlich tue.� Er leerte den zweiten Becher Wein und sagte dann heftig zu ihr: �Ich kann allein auf die Lehrs�tze der R�tselkunst vertrauen. Der Weise kennt seinen eigenen Namen. Mein Name ist der Name der Macht. Und so suche ich, ihn zu erlangen. Erscheint dir das falsch? Es macht mir Angst. Aber dennoch strecke ich die Arme aus.�</p><p>Sie schien so unsicher, wie er sich f�hlte, doch sie erwiderte nur ruhig: �Wenn es jemals falsch erscheint, dann bin ich da, es dir zu sagen.�</p><p>Sp�t am Abend sa� er mit Yrth und Danan allein im Saal des K�nigs. Alle anderen Mitglieder des Haushalts waren zu Bett gegangen. Sie sa�en nah dem Feuer; Morgon, der die alten, verwitterten Gesichter des K�nigs und des Zauberers betrachtete, sp�rte die Liebe beider zu dem m�chtigen Berg. Auf Yrths Bitte hatte er seine Harfe aus der Luft genommen. Die H�nde des Zauberers glitten von Saite zu Saite und lauschten jedem einzelnen Ton nach. Doch er spielte nicht auf dem Instrument.</p><p>�Ich mu� bald nach Osterland aufbrechen�, bemerkte Morgon zu Danan, �um von Har zu erbitten, was ich von Euch erbat.�</p><p>Danan sah Yrth an. �Werdet Ihr ihn begleiten?�</p><p>Der Zauberer nickte. Seine hellen Augen trafen die von Morgon wie durch Zufall.</p><p>�Wie wollt Ihr dorthin reisen?� fragte er.</p><p>�Wir werden wahrscheinlich fliegen. Ihr versteht die Kr�hengestalt.�</p><p>�Drei Kr�hen �ber den toten Feldern von Osterland.� Er zupfte sachte eine Saite. �Nun ist in Yrye beim Wolfsk�nig. Sie war hier, w�hrend Ihr schlieft, um uns Nachricht zu bringen. Sie war in den Drei Teilen gewesen, um Talies bei der Suche nach Euch zu helfen. Mathom von An versammelt ein gewaltiges Heer von Lebendigen und Toten, um den Streitkr�ften von Ymris zu Hilfe zu eilen. Er sagt, er h�tte keine Lust, zu Hause zu sitzen und auf das Unvermeidliche zu warten.�</p><p>Danan richtete sich auf.</p><p>�Sagt er das?� Er lehnte sich vor, die b�renstarken H�nde verschr�nkt. �Ich habe vor, meine Bergleute mit Schwertern, �xten und Pickeln zu r�sten�� mit allen Waffen, die wir haben�� und sie nach S�den zu f�hren. In Kyrth und Kraal liegen Schiffe von mir, die Waffen und R�stungen nach Ymris bringen sollen. Ich k�nnte auch ein Heer auf ihnen bef�rdern.�</p><p>�Ihr��� begann Morgon, und die Stimme versagte ihm. �Ihr k�nnt Isig nicht verlassen.�</p><p>�Ich habe es noch nie getan�, bekannte der K�nig, �aber ich werde Euch nicht allein k�mpfen lassen. Und wenn Ymris f�llt, so wird auch Isig fr�her oder sp�ter fallen. Ymris ist das Bollwerk des Reiches.�</p><p>�Aber, Danan, Ihr seid kein Krieger.�</p><p>�Ihr auch nicht�, entgegnete Danan unwiderlegbar.</p><p>�Wie wollt Ihr mit Pickeln gegen die Erdherren antreten?�</p><p>�Wir haben es hier auch getan. Und wir werden es in Ymris tun. Ihr habt nur eine Aufgabe, so scheint es. Den Erhabenen zu finden, ehe es ihnen gelingt.�</p><p>�Ich versuche es mit allen Kr�ften. Ich habe jede Bindung des Landrechts in Isig erforscht, und es schien ihn �berhaupt nicht zu k�mmern. Es ist beinahe so, als t�te ich genau das, was er will.�</p><p>Seine Worte vibrierten auf eine seltsame Art und Weise durch seinen Geist. Doch Yrth ri� ihn aus seinen Gedanken, indem er ein wenig unsicher nach seinem Weinbecher griff. Morgon reichte ihn ihm, ehe er ihn umsto�en konnte.</p><p>�Ihr gebraucht gar nicht unsere Augen.�</p><p>�Nein. Manchmal sehe ich im Dunkeln klarer. Mein Geist greift aus, der Welt um mich herum Gestalt zu geben, aber geringe Entfernungen zu sch�tzen, ist nicht so einfach.� Er reichte Morgon die gestirnte Harfe zur�ck. �Selbst nach all den Jahren wei� ich noch genau, welchen Gebirgsbach, welches Wispern von Feuer, welchen Vogelruf ich in jede Saite band.�</p><p>�Ich w�rde Euch gern auf ihr spielen h�ren�, sagte Morgon.</p><p>Der Zauberer sch�ttelte ruhig den Kopf.</p><p>�Nein, Ihr w�rdet das gewi� nicht gern h�ren. Ich spiele dieser Tage sehr schlecht, wie Danan Euch sagen k�nnte.� Er wandte sich Danan Isig zu. �Wenn Ihr wirklich nach Ymris wollt, dann solltet Ihr bald aufbrechen. Wir befinden uns an der Schwelle des Winters, und gerade zu einer solchen Zeit wird man Euch vielleicht dringend brauchen. Die Krieger von Ymris m�gen den Schnee nicht, doch den Erdherren w�rde er �berhaupt nichts ausmachen. Sie und das Wetter werden erbarmungslose Gegner sein.�</p><p>�Nun�, meinte Danan nach kurzem Schweigen, �entweder bek�mpfe ich sie im Winter von Ymris, oder ich bek�mpfe sie in meinem eigenen Haus. Ich werde gleich morgen anfangen, Leute und Schiffe zusammenzuholen. Ash lasse ich hier. Das wird ihm nicht passen, aber er ist mein Landerbe, und es w�re unsinnig, unserer beider Leben in Ymris aufs Spiel zu setzen.�</p><p>�Er wird an Eurer Stelle gehen wollen�, bemerkte Yrth.</p><p>�Ja, ich wei�.� Seine Stimme war ruhig, doch Morgon sp�rte die Kraft, die sich in ihr ausdr�ckte, die unbeugsame Kraft von Stein, der vielleicht ein einziges Mal w�hrend seines Daseins donnernd in Bewegung geraten w�rde. �Er wird bleiben. Ich bin alt, und wenn ich sterbe. Die m�chtigen, verwitterten, alten B�ume richten den schwersten Schaden an, wenn sie fallen.�</p><p>Morgons H�nde schl�ssen sich fest um die Armlehnen seines Sessels.</p><p>�Danan�, bat er, �geht nicht. Es ist nicht notwendig, da� Ihr Euer Leben aufs Spiel setzt. In unserem Geist seid Ihr mit den ersten Jahren des Reiches verbunden. Wenn Ihr umkommt, wird in uns allen ein St�ckchen Hoffnung sterben.�</p><p>�Doch, es ist notwendig, da� ich an diesem Kampf teilnehme. Ich k�mpfe f�r all jene Dinge, die mir kostbar sind. Isig. Die Menschen, die in ihm wohnen und an das Leben dieses Berges gebunden sind. Und ich k�mpfe auch f�r Euch.�</p><p>�Gut�, erwiderte er leise. �Gut. Ich werde den Erhabenen finden, und wenn ich so lange mit aller Gewalt an seiner Macht r�tteln mu�, bis er sich aus seinem Versteck hervorwagt, um mir Einhalt zu gebieten.�</p><p>Als er wieder in die Turmstube hinaufkam, sprach er noch lange mit Rendel. Er lag neben ihr auf den weichen Fellen am Feuer. Sie h�rte ihm schweigend zu, w�hrend er ihr von seinen Absichten und Danans Kriegspl�nen erz�hlte und ihr die Neuigkeiten mitteilte, die Nun �ber Rendels Vater nach Isig gebracht hatte.</p><p>�Es w�rde mich interessieren�, sagte sie, w�hrend ihre Finger die Haare des Schaffells zwirbelten, �ob in Anuin das Dach eingest�rzt ist von dem Gebr�ll, das es bei dieser Entscheidung gegeben hat.�</p><p>�Er h�tte die Entscheidung nicht getroffen, wenn er den Krieg nicht f�r unvermeidbar hielte.�</p><p>�Na ja. Er hat den Krieg schon vor langer Zeit kommen sehen mit seinen Kr�henaugen.� Sie seufzte. �Da reiten sie nun nach Ymris, Rood auf der einen Seite, Duac auf der anderen, und den ganzen Weg werden sie sich unentwegt in den Haaren liegen.�</p><p>Sie brach ab, ihre Augen ins Feuer gerichtet, und er sah die Sehnsucht in ihrem Gesicht. Er streichelte ihre Wange.</p><p>�Rendel, willst du f�r eine Weile nach Hause zur�ckkehren, und sie zu sehen? Du k�nntest in ein paar Tagen dort sein, wenn du fliegst, und mich dann irgendwo treffen�� in Herun vielleicht.�</p><p>�Nein.�</p><p>�Ich hab� dich in Staub und Hitze die Handelsstra�e hinuntergeschleppt; ich hab� dir zugesetzt, bis du endlich bereit warst, die Gestalt zu wandeln; ich habe dich Ghisteslohm in die H�nde geliefert; und dann lie� ich dich allein zur�ck, den Erdherren preisgegeben, w�hrend ich floh���</p><p>�Morgon.�</p><p>�Und danach, nachdem du dich deiner eigenen Kr�fte bem�chtigt hattest und mir durch das ganze Hinterland bis zum Erlenstern-Berg gefolgt warst, floh ich wiederum und verkroch mich in der Ein�de, ohne dir auch nur ein Wort zu sagen, so da� du den ganzen Norden nach mir absuchen mu�test. Dann bringst du mich zur�ck, und ich rede kaum ein Wort mit dir. Wie, in Hels Namen, kannst du mich �berhaupt noch ertragen?�</p><p>Sie l�chelte. �Ich wei� nicht. Manchmal frage ich mich das auch. Dann streichelst du mein Gesicht und liest meine Gedanken. Deine Augen kennen mich. Das ist der Grund, weshalb ich dir �ber das ganze Reich folge, barfu� oder halb erfroren, bald die Sonne verfluchend oder den Wind, oder auch mich selbst, weil ich so t�richt bin, einen Mann zu lieben, der nicht einmal ein Bett besitzt, in das ich mich des Nachts verkriechen kann. Und manchmal verfluche ich auch dich, weil du meinen Namen auf eine Weise ausgesprochen hast, wie nie ein anderer Mann im Reich ihn aussprechen wird, und immer werde ich ihn so h�ren wollen bis zum Tag, an dem ich sterbe. Wie�, f�gte sie hinzu, w�hrend er sie stumm anblickte, �kann ich dich also verlassen?�</p><p>Er legte sein Gesicht an das ihre, so da� ihre Stirnen und Wangenknochen einander ber�hrten, und blickte ihr tief in die goldenen Bernsteinaugen. Er sah das L�cheln, das sich in ihnen spiegelte. Sie legte ihre Arme um ihn, k��te das Gr�bchen an seinem Halsansatz, dann sein Herz. Danach schob sie ihre Hand zwischen ihre M�nder. Er murmelte einen Protest gegen ihre Handfl�che.</p><p>�Ich m�chte reden�, sagte sie.</p><p>Mit einem tiefen Atemzug setzte er sich auf und warf noch ein Holzscheit ins Feuer.</p><p>�Gut.�</p><p>�Morgon, was willst du tun, wenn dieser Zauberer mit seinen Harfenh�nden dich wieder verr�t? Wenn du ihm den Erhabenen findest und dann zu sp�t erkennst, da� er einen Geist hat, der noch geheimnisvollere Wege geht als der Ghisteslohms?�</p><p>�Ich wei� bereits, da� das so ist.� Gr�blerisch starrte er vor sich hin, die Arme um seine angezogenen Knie gelegt. �Genau �ber diese Frage habe ich unaufh�rlich nachgedacht. Hast du in Lungold gesehen, ob er geistige Kr�fte einsetzte?�</p><p>�Ja. Er sch�tzte die H�ndler, w�hrend sie k�mpften.�</p><p>�Dann ist er kein Erdherr; ihre Kr�fte sind gefesselt.�</p><p>�Er ist ein Zauberer.�</p><p>�Oder etwas anderes, wof�r wir keinen Namen haben�� das ist es, was ich f�rchte.� Er hob den Kopf. �Er hat nicht einmal versucht, Danan davon abzubringen, seine Bergleute nach Ymris zu f�hren. Sie sind keine Krieger; sie werden niedergemetzelt werden. Und Danan verdient es nicht, auf einem Schlachtfeld zu sterben. Er sagte mir einmal, wenn es f�r ihn Zeit w�re, die Welt zu verlassen, dann wollte er ein Baum werden, im Angesicht der Sonne und der Sterne. Aber er und Yrth kennen einander seit Jahrhunderten. Vielleicht wu�te Yrth, da� es sinnlos gewesen w�re, mit einem Stein zu streiten.�</p><p>�Wenn es Yrth ist. K�nnen wir uns denn selbst dessen sicher sein?�</p><p>�Ja. Er trug Sorge, es mich wissen zu lassen. Er spielte meine Harfe.�</p><p>Still lie� sie ihre Finger seinen R�cken hinauf- und hinuntergleiten.</p><p>�Nun�, meinte sie leise, �dann k�nnen wir ihm vielleicht trauen.�</p><p>�Ich habe es versucht�, fl�sterte er. Ihre Hand wurde ruhig. Sie streckte sich wieder neben ihm aus und lauschte dem Knistern des brennenden Fichtenholzes. Er legte einen Arm �ber seine Augen. �Ich werde scheitern. Ich konnte nie einen Streit mit ihm gewinnen. Ich konnte ihn nicht einmal t�ten. Alles, was ich tun kann, ist warten, bis er sich zu erkennen gibt, und da ist es dann vielleicht schon zu sp�t.�</p><p>Sie erwiderte etwas darauf. Doch er h�rte nicht, was es war, denn im Dunkel seines Geistes regte sich etwas, das er noch nicht bestimmen konnte. Zun�chst f�hlte es sich an wie eine geistige Ber�hrung, der er keinen Einhalt gebieten konnte. Da lie� er sie zu und suchte sie zu erforschen, und es wurde ein verschwommenes Ger�usch daraus. Seine Lippen �ffneten sich; die Luft kam hastig aus seinen Lungen. Das verschwommene Ger�usch schwoll zu einem Heulen an wie das Heulen des Meeres, das Piers und Boote und Fischerh�user zertr�mmert, sich dann zu einer riesigen Flutwelle auft�rmt, die �ber Felsen hinwegsp�lt, um das Getreide auf den Feldern auszurei�en, B�ume umzust�rzen, w�hrend es tosend durch die Nacht tobt und die Schreie von Menschen und Tieren ertr�nkt. Ohne sich dessen bewu�t zu sein, sprang er auf und gab den Schrei zur�ck, den er im Geist des Landherrschers von Hed h�rte.</p><p>�Nein!�</p><p>Er h�rte Stimmengewirr. Er konnte nichts sehen in der wirbelnden schwarzen Flut. Sein K�rper schien von den Adern des Landrechts durchpulst. Er sp�rte, wie die grausame Flutwelle zur�ckwich, aufgeplatzte Getreides�cke, Schafe und Schweine, Bierf�sser, die zerschmetterten Mauern von Scheunen und H�usern, Zaunpfosten, Suppent�pfe, Eggen und schreiende Kinder mit sich ri�. Jemand packte ihn und rief wieder und wieder seinen Namen. Entsetzen, Verzweiflung, hilfloser Zorn sch�ttelten ihn. Ein Geist suchte den seinen zu fassen, doch er war in Hed, tausend Meilen entfernt. Dann schlug ihm eine Hand schmerzhaft ins Gesicht, so da� er nach r�ckw�rts taumelte, heraus aus den grauenvollen Bildern.</p><p>Yrths blinde Augen blickten ihn an. Eine gl�hende Welle der Wut auf die unverst�ndliche Ungerechtigkeit des Zauberers scho� mit solcher Heftigkeit in ihm auf, da� er nicht einmal sprechen konnte. Er ballte die Faust und holte aus. Yrth war weit kr�ftiger, als er erwartet hatte; der Schlag ri� ihm selbst fast den Arm aus der Schulter und lie� die Haut �ber seinen Kn�cheln aufplatzen. Es war, als h�tte er gegen Stein oder gegen Holz geschlagen. Yrth machte ein leicht erstauntes Gesicht, waberte in der Luft, ehe er vielleicht gest�rzt w�re, und l�ste sich auf. Einen Augenblick sp�ter erschien er wieder und hockte sich am Feuer nieder, die Hand auf eine blutende Wange gedr�ckt.</p><p>Zwei W�chter an der T�r und Rendel hatten denselben Ausdruck auf ihren Gesichtern. Und sie schienen wie in Eis erstarrt.</p><p>Morgon schnappte nach Luft. Die pl�tzliche Wut war verraucht.</p><p>�Sie greifen Hed an. Ich mu� hin�, sagte er.</p><p>�Nein.�</p><p>�Das Meer stieg bis �ber die Felsen. Ich h�rte�� ich h�rte ihre Stimmen, Eliards Stimme. Wenn er tot ist�� ich schw�re es, wenn er tot ist��, wenn Ihr mich nicht geschlagen h�ttet, dann w��te ich es jetzt! Ich war in seinem Geist. Tol�� Tol ist zerst�rt worden. Alles. Alle.� Er sah Rendel an. �Ich bin zur�ck, sobald ich kann.�</p><p>�Ich komme mit�, fl�sterte sie.</p><p>�Nein.�</p><p>�Doch.�</p><p>�Morgon�, mischte sich Yrth ein. �Sie werden Euch t�ten.�</p><p>�Tristan!� Seine H�nde verkrampften sich. Er schluckte einen Klo� hinunter, der ihm die Kehle zuschn�rte. �Ich wei� nicht, ob sie lebt!�</p><p>Er schlo� die Augen und lie� seinen Geist durch die dunkle, regennasse Nacht fliegen, �ber die weiten W�lder, so weit die Kraft seines Geistes reichte. Doch ein Bild formte sich in seinem Geist, zog ihn zur�ck, und Morgon �ffnete die Augen und starrte auf die feurig schimmernden W�nde des Turms.</p><p>�Es ist eine Falle�, sagte Yrth.</p><p>Seine Stimme klang dumpf von Schmerz, aber sie war voller Geduld. Morgon antwortete nicht. Er zeichnete mit seinem Geist das Bild eines Falken, doch noch ehe er auch nur angefangen hatte, seine Gestalt zu wandeln, versank das Bild in einem Paar heller, ausgebrannter Augen, die in seinen Geist blickten. Sie holten ihn zu sich selbst zur�ck.</p><p>�Morgon, ich gehe nach Hed. Euch erwarten sie; mich kennen sie kaum. Ich kann schnell reisen; ich werde sehr bald zur�ck sein.�</p><p>Mit einer ruckartigen Bewegung stand er auf, als Morgon seinen Geist mit Trugbildern von Feuern und Schatten f�llte und sich in ihnen aufl�ste. Er hatte schon fast die T�r des Gemachs erreicht, als die Augen des Zauberers stechend seine Gedanken durchdrangen und seine Konzentration zerrissen.</p><p>Der Zorn flammte wieder in ihm auf. Er ging weiter, und das Trugbild massiven Steines in der T�r�ffnung versperrte ihm den Weg.</p><p>�Morgon�, sagte der Zauberer, und Morgon wirbelte herum. Er schleuderte einen Schrei in Yrths Geist, der die Aufmerksamkeit des Zauberers von dem Trugbild, das er geschah fen hatte, h�tte abdr�ngen m�ssen. Doch der Schrei verklang mit �dem Echo in seinem Geist, der ein bodenloser Abgrund von Dunkelheit zu sein schien.</p><p>Morgon stand still, die H�nde gegen den Stein gedr�ckt, der gar kein Stein war, einen d�nnen Schwei�film von Furcht und Ersch�pfung auf seinem Gesicht. Die Dunkelheit war wie eine Warnung. Doch wieder schickte er seinen Geist in sie hinein, sie zu erforschen, den Trug zu durchdringen, um den wahren Geist des Zauberers zu entdecken. Er stolperte nur immer tiefer in Finsternis, w�hrend er gleichzeitig das Gef�hl hatte, da� ungeheure Kr�fte vor seinem Tasten st�ndig zur�ckwichen. Er folgte ihnen, bis er den R�ckweg nicht mehr fand.</p><p>Langsam tauchte er aus der Dunkelheit auf. Er sah, da� er reglos am Feuer sa�. Rendel war neben ihm, ihre Finger um seine schlaffe Hand geschlossen. Yrth stand vor ihnen. Sein Gesicht war grau vor Ermattung; seine Augen waren blutunterlaufen. Seine Stiefel und der Saum seines langen Gewandes waren von verkrustetem Schmutz und eingetrocknetem Salz gefleckt. Die Wunde auf seiner Wange hatte sich geschlossen.</p><p>Morgon fuhr hoch. Danan, der auf seiner anderen Seite war, beugte sich zu ihm nieder und legte ihm die Hand auf die Schulter.</p><p>�Morgon�, sagte er leise und behutsam, �Yrth ist eben aus Hed zur�ckgekommen. Es ist sp�ter Vormittag. Er war zwei N�chte und einen Tag weg.�</p><p>�Was habt Ihr��?� Allzu heftig sprang er in die H�he. Danan hielt ihn, st�tzte ihn, w�hrend der Blutschwall hinter seinen Augen langsam zur�ckwich. �Wie habt Ihr mir das angetan?� fl�sterte er.</p><p>�Morgon, verzeiht mir.� In der m�den, gespannten Stimme schienen Untert�ne einer anderen Stimme zu geistern. �Die Erdherren erwarteten Euch in Hed. W�rt Ihr dort hingegangen, so w�rt Ihr dort gestorben, und noch mehr Menschen w�ren im Kampf f�r Euch gefallen. Sie konnten Euch nirgendwo finden; sie wollten Euch aus Eurem Versteck locken.�</p><p>�Eliard���</p><p>�Er ist in Sicherheit und gesund. Als ich kam, stand er inmitten der Tr�mmer von Akren. Die Flut zerst�rte Tol, Akren und die meisten H�fe an der Westk�ste. Ich habe mit den Bauern gesprochen; sie erz�hlten mir, sie h�tten bewaffnete Fremde gesehen, sonderbare Gestalten, die nicht in Hed zu Hause w�ren. Ich fragte einen der Toten; er erkl�rte mir, gegen die Gestalt des Wassers w�re wenig auszurichten. Ich habe mich Eliard zu erkennen gegeben und sagte ihm, wo Ihr seid. Er war wie vor den Kopf geschlagen. Er sagte, er w��te, da� Ihr die Zerst�rung gef�hlt h�ttet, aber er w�re froh, da� Ihr vern�nftig gewesen w�rt, nicht zu kommen.�</p><p>Morgon holte tief Atem.</p><p>�Und Tristan?�</p><p>�Soweit Eliard unterrichtet ist, ist ihr nichts geschehen. Irgendein schwachsinniger H�ndler erz�hlte ihr, da� Ihr verschwunden w�rt. Daraufhin machte sie sich auf, Euch zu suchen, doch ein Seemann erkannte sie in Caithnard und hielt sie fest. Sie ist jetzt auf der Fahrt nach Hause.�</p><p>Morgon legte seine Hand �ber die Augen. Der Zauberer hob die Hand, um ihn zu ber�hren, doch er wich zur�ck.</p><p>�Morgon.� Die Worte schienen aus der Tiefe der Ersch�pfung des Zauberers zu kommen. �Es war kein komplizierter Bann. Ihr konntet nur nicht klar genug denken, ihn zu brechen.�</p><p>Er hielt inne, als er merkte, wie verwirrt Danan war, der ihnen doch beiden traute. Das dunkle R�tsel von den Kr�ften des Zauberers beschattete wieder seine Gedanken und das ganze Reich von Isig und Hed. Ein Entkommen schien es nicht zu geben. Hoffnungslos begann er zu schluchzen, da er keine andere L�sung wu�te. Der Zauberer sa� zusammengesunken da, als tr�ge er die Last des ganzen Reiches auf seinen Schultern, und gab ihm nichts als Schweigen.</p></section><section><title><p><emphasis>Kap. 12</emphasis></p></title><p>Sie verlie�en Isig am folgenden Tag�� drei Kr�hen, die aus den Rauchwolken �ber Danans Schmelz�fen aufstiegen. Sie �berflogen die �se, kreisten einmal �ber den Docks von Kyrth; jedes Schiff, das dort vor Anker lag, wurde f�r eine lange Reise den Flu� hinunter zum st�rmischen Herbstmeer �berholt. �ber den W�ldern von Osterland trommelte der graue Regen erbarmungslos auf sie nieder; die alten Fichten standen zusammengekauert und m�de. In der Ferne erhob sich der Grimberg aus einem Nebelschleier. Die Winde des Ostens und des Nordens umschw�rmten sie; die Kr�hen tauchten von Str�mung zu Str�mung, w�hrend die unberechenbaren Winde ihr Gefieder bald gl�tteten, bald bl�hten. H�ufig machten sie Rast. Bei Einbruch der Nacht hatten sie kaum die H�lfte des Wegs nach Yrye zur�ckgelegt.</p><p>Sie suchten sich einen Schlafplatz im ausladenden Ge�st eines alten Baumes, der sich seufzend unter Regen und Wind wiegte. Sie fanden L�cher und Nischen in seinen dicken �sten, wo sie vor dem Wetter gesch�tzt waren. Zwei Kr�hen hockten nahe zusammengedr�ngt auf dem einen Ast; die dritte unter ihnen ein gro�er, dunkler, vom Wind zerzauster Vogel, der seit dem Abflug von Isig keinen Laut von sich gegeben hatte. Vom Gewirr der �ste gesch�tzt und in den Schlaf gesungen vom Wind, schlummerten sie.</p><p>Gegen Mitternacht legten sich die Winde. Das Trommeln des Regens verklang zu einem d�nnen Wispern und verstummte schlie�lich ganz. Die Wolken zerrissen, entlie�en funkelnde Sterne in die dunkle Nacht hinaus. Die pl�tzliche Stille fand ihren Weg in Morgons Kr�hentr�ume. Er �ffnete die Augen.</p><p>Rendel, eine kleine Wolke weichen schwarzen Gefieders, tr�umte reglos neben ihm. Die Kr�he unter ihm r�hrte sich nicht. Seine eigene Gestalt regte sich in ihm, dr�ngte nach au�en, wollte die w�rzigen D�fte der Nacht atmen, das Mondlicht �ber sich hinflie�en lassen. Er breitete seine Fl�gel aus und schwebte ger�uschlos zum Boden hinunter. Dort wechselte er die Gestalt.</p><p>Eingeh�llt von der Nacht �ber Osterland stand er da. Sein Geist �ffnete sich all ihren Ger�uschen und Ger�chen und Wesen. Er legte seine Hand auf die rauhe, nasse Borke des Baumes und sp�rte seinen Schlummer. Er h�rte den verstohlenen Schritt eines n�chtlichen J�gers auf der weichen, feuchten Erde. Er roch die �ppigen, sich miteinander vermischenden D�fte nasser Fichten, d�rrer Baumrinde und feuchten Lehms, der an seinen F��en klebte. Sein Geist sehnte sich danach, unter der leichten, silbrigen Ber�hrung des Mondes ein Teil dieses Landes zu werden. Und schlie�lich lie� er ihn in die unendliche Nacht hinausfliegen.</p><p>Sein Geist erkundete die Wurzeln der B�ume, die Steine, die tief in der Erde vergraben lagen, die Gehirne von Tieren, die den Pfad seines geistigen Suchens kreuzten. Und in allen Dingen sp�rte er das uralte, schlafende Feuer hinter seinen Augen. Er ber�hrte die Gebeine von Toten unter der Erde, die Erinnerungen l�ngst verstorbener Menschen und Tiere. Anders als die Geister von An schliefen sie ruhig, hatten im Herzen des wilden Landes Ruhe gefunden. Unf�hig, seinem eigenen Verlangen zu widerstehen, begann er seine eigenen Bindungen des Erkennens und des Wissens in die Gesetze von Osterland einzuweben.</p><p>Und langsam begann er die Urspr�nge des Landrechts zu verstehen. Alles Leben war eingebunden in die Gesetze von Schnee und Sonne. Die wilden Winde bestimmten den rasch dahinfliegenden Lauf der Vesta; das grimmige Ungest�m der Jahreszeiten formte das Hirn des Wolfes; die Winternacht sickerte in das Auge des Raben. Je mehr er begriff, desto tiefer begab er sich hinein; er sah den Mond durch die Augen einer Waldohreule, schlich mit einer Wildkatze durch den Farn, wob seine Gedanken in die zartesten F�den eines Spinnennetzes und in die endlosen, gewundenen Ranken von Efeu, die einen Baumstamm umschlangen. So versunken war er, da� er den Geist einer Vesta ber�hrte, ohne sich dar�ber zu wundern. Ein wenig sp�ter ber�hrte er einen zweiten. Und dann pl�tzlich traf sein Geist �berall auf Vesta, als h�tten sie sich aus dem Glanz des Mondlichts geformt, der �berall war. Sie flogen �ber Felder und Wiesen, ein lautloser wei�er Sturm, der von allen Seiten kam. Neugierig erforschte er ihre Impulse. Irgend-eine Gefahr, sp�rte er, hatte sie in die Nacht hinausgetrieben, und er fragte sich, wer oder was es wagen w�rde, die Vesta in Hars Reich aufzuschrecken. Er drang tiefer ein. Dann sch�t-telte er sich von ihnen frei; der Hauch eisiger Luft, den er mit einem raschen, erschrockenen Atemzug einsog, machte seinen Kopf klar.</p><p>Es war beinahe Morgen. Was er eben noch f�r Mondlicht gehalten hatte, war der erste silbergraue Dunst des neuen Tages. Die Vesta waren sehr nahe, eine riesige Herde, die von Har gerufen worden war. Ihr feiner Instinkt zog sie unbeirrbar zu dem Unruhequell, der den K�nig aus dem Schlaf gerissen und die Ruhe seines Geistes gest�rt hatte.</p><p>Morgon stand ganz still, w�hrend er verschiedenes �berlegte. Er konnte wieder die Kr�hengestalt annehmen und auf einen Baum fl�chten; er konnte die Gestalt der Vesta annehmen; er konnte versuchen, Hars Geist zu erreichen, und hoffen, da� der K�nig nicht zu zornig war, ihn anzuh�ren. Doch noch ehe er etwas tun konnte, sah er Yrth neben sich stehen.</p><p>�Haltet Euch still�, sagte der Zauberer, und Morgon, zornig �ber seine eigene widerspruchslose Zustimmung, hielt sich an diesen wenig aussichtsreichen Rat.</p><p>Schon sah er �berall im Dunkel der B�ume das Wei� der Vesta aufblitzen. Sie n�herten sich mit unglaublicher Geschwin} digkeit; es war gespenstisch, wie sie alle gemeinsam unbeirrt einem einzigen Punkt im Wald zustrebten. Innerhalb von Sekunden hatten sie sich um ihn gesammelt, ein riesiges wei�es Heer. Sie bedrohten ihn nicht; sie standen einfach in einem engen, reglosen Kreis da und blickten ihn aus ihren fremdartigen violetten Augen an. Ihre H�rner bildeten goldene Kreise vor dem Schwarz der B�ume und dem bleichen Grau des Morgenhimmels, so weit sein Auge reichte.</p><p>Rendel erwachte. Sie stie� ein schwaches, �berraschtes Kr�chzen aus. Ihr Geist ber�hrte den Morgons; sagte seinen Namen in fragendem Ton. Er wagte es nicht, ihr zu antworten, und danach schwieg sie. Die Sonne lie� eine Wolkenwand im Osten wei� aufleuchten und verschwand. Es begann wieder zu regnen, in schweren Tropfen, die schnurgerade aus einem windstillen Himmel herabfielen.</p><p>Eine Stunde sp�ter kr�uselte Bewegung das schneewei�e Meer von Tieren rundum. Morgon, der bis auf die Haut durchn��t war und im stillen Yrth und seinen Rat verfluchte, sah es mit Erleichterung. Ein goldenes Geweih schob sich durch die Herde; er sah, wie das Gedr�nge sich vor ihm �ffnete und sich hinter ihm wieder schlo�. Er wu�te, da� das Har sein mu�te. Erwischte sich den Regen mit einem klatschnassen �rmel aus den Augen und nieste pl�tzlich. Augenblicklich r�hrte die Vesta, die ihm am n�chsten stand, wie ein Hirsch und b�umte sich auf. Ein goldener Huf zerfetzte kaum eine Fu�spanne von Morgons Gesicht entfernt die Luft. Seine Muskeln erstarrten zu Stein. Die Vesta beruhigte sich, wich zur�ck, um ihn wiederum aus friedlichen Augen anzublicken.</p><p>Morgon erwiderte den Blick mit Unbehagen, w�hrend sein Herz immer lauter h�mmerte. Der vorderste Kreis �ffnete sich wieder, teilte sich, die gro�e Vesta durchzulassen. Sie verwandelte sich. Der Wolfsk�nig stand vor Morgon. Das L�cheln in seinen Augen verhie� dem, der seinen Schlaf gest�rt hatte, nichts Gutes.</p><p>Das L�cheln erstarb, als Har Morgon erkannte. Er drehte den Kopf und stie� mit scharfer Stimme ein einziges Wort hervor; die Vesta zerschmolzen wie ein Traum. Morgon wartete schweigend und gespannt auf den Richterspruch. Er kam nicht. Der K�nig streckte die Hand aus, schob das feuchte Haar von den Sternen auf Morgons Gesicht weg, als wollte er einen Zweifel beruhigen. DannAsah er Yrth an.</p><p>�Ihr h�ttet ihn warnen sollen.�</p><p>�Ich habe geschlafen�, versetzte Yrth.</p><p>Har knurrte. �Ich dachte, Ihr schlaft nie.�</p><p>Sein Blick wanderte zum Baum hinauf, und seine Z�ge wurden weich. Er hielt seine Hand hoch. Die Kr�he flatterte auf seine Finger nieder, und er setzte sie auf seine Schulter. Erst da r�hrte sich Morgon. Har sah ihn an, und seine Augen waren von einem blitzenden Eisblau wie die Winde, die �ber der Ein�de durch die Luft fegten.</p><p>�Ihr!� sagte er. �Heimlich in meinen Geist einzudringen. H�ttet Ihr nicht bis zum Morgen damit warten k�nnen?�</p><p>�Har.� fl�sterte Morgon. Er sch�ttelte den Kopf, wu�te nicht, wo er anfangen sollte. Dann trat er vor, mit gesenktem Kopf in die ausgebreiteten Arme des Wolfsk�nigs. �Wie k�nnt Ihr mir so blind vertrauen?� fragte er.</p><p>�Gelegentlich kommt es vor�, bekannte Har, �da� ich nicht vern�nftig bin.� Er lie� Morgon frei und hielt ihn ein St�ck von sich ab, um ihn zu mustern. �Wo hat Rendel Euch gefunden?�</p><p>�In der Ein�de.�</p><p>�Ja, Ihr seht aus wie ein Mann, der diesen t�dlichen Winden gelauscht hat. Kommt mit nach Yrye. Eine Vesta kommt schneller vorw�rts als eine Kr�he, und hier, so tief im Herzen von Osterland, werden ein paar Vesta, die miteinander laufen, nicht auffallen.� Er legte seine Hand leicht auf die Schulter des Zauberers. �Reitet auf meinem R�cken. Oder auf Morgons.�</p><p>�Nein�, sagte Morgon heftig, ohne zu �berlegen.</p><p>Hars Augen wanderten wieder zu ihm hin.</p><p>Ehe der K�nig sprechen konnte, erkl�rte Yrth: �Ich werde in Kr�hengestalt reiten.� Sein Stimme war m�de. �Es hat eine Zeit gegeben, da h�tte ich es aus reiner Liebe zur Geschwindigkeit gewagt, blind zu laufen, aber das ist vorbei. Ich werde wohl alt!�</p><p>Er wandelte seine Gestalt und flatterte vom Boden zu Hars anderer Schulter hinauf.</p><p>Der Wolfsk�nig stand sinnend da, die Stirn ein wenig gerunzelt, so als lauschte er auf etwas hinter Morgons Schweigen. Doch er sagte nur: �Kommt, machen wir, da� wir aus dem Regen herauskommen.�</p><p>Sie liefen den ganzen Tag hindurch bis zum Einbruch der D�mmerung; drei Vesta, die nordw�rts flogen, dem Winter entgegen, die eine mit einer Kr�he im Ring ihrer H�rner. Bei Einbruch der Nacht erreichten sie Yrye. Als sie keuchend im Hof zum Stehen kamen, �ffneten sich die schweren, goldbeschlagenen Eichent�ren. Aia erschien, begleitet von W�lfen. Hinter ihr tauchte Nun auf und l�chelte ihnen durch eine Rauchwolke entgegen.</p><p>Nun umarmte Rendel erst in Vesta-Gestalt und dann noch mal in der eigenen. Aia, der das glatte, elfenbeinwei�e Haar offen den R�cken herabhing, musterte Morgon ein wenig entgeistert, dann k��te sie sehr sanft seine Wange. Sie t�tschelte Har und Yrth die Schulter und sagte mit ihrer ruhigen, klaren Stimme: �Ich habe alle forgeschickt. Nun sagte mir, wer kommt.�</p><p>�Ich hab� es ihr mitgeteilt�, bemerkte Yrth, noch ehe Har zu fragen brauchte.</p><p>Der K�nig l�chelte. Sie traten in den leeren Saal. Das Feuer knisterte und prasselte im langen Kamin. Platten mit dampfenden Speisen, hei�em Brot, Messingkr�ge mit w�rzigem Wein standen auf einer Tafel vor der Feuerstelle bereit. Sie a�en hastig, mit gro�em Appetit, kaum da� sie sich gesetzt hatten. Als dann der erste Hunger gestillt war, lie�en sie sich mit ihren Weinbechern am Feuer nieder und begannen zu sprechen.</p><p>Morgon hockte schl�frig auf einer Bank, den Arm um Rendels Schulter.</p><p>�So�, sagte Har zu ihm, �Ihr seid also nach Osterland gekommen, mein Landrecht zu erlernen. Ich will einen Handel mit Euch machen.�</p><p>Das weckte ihn. Einen Moment lang betrachtete er den K�nig, dann sagte er schlicht: �Nein. Ihr k�nnt verlangen, was Ihr wollt, ich werde es Euch geben.�</p><p>�Das�, meinte Har freundlich, �scheint mir eine gerechte Gegenleistung f�r das Landrecht. Ich will Euch gestatten, frei und ungebunden durch meinen Geist zu wandern, wenn ich frei und ungebunden durch den Euren wandern darf.� Eine leichte Kopfbewegung Yrths machte ihn aufmerksam. �Ihr habt Einwendungen?�</p><p>�Nur, da� wir sehr wenig Zeit haben�, erwiderte Yrth.</p><p>Morgon sah ihn an.</p><p>�Ratet Ihr mir, das Wissen aus der Erde selbst zu ziehen? Das w�rde Wochen dauern.�</p><p>�Nein.�</p><p>�Dann also ratet Ihr mir, es mir gar nicht zu nehmen?�</p><p>Der Zauberer seufzte. �Nein.�</p><p>�Ja, aber was ratet Ihr mir denn dann?�</p><p>Rendel blickte auf bei dem leicht gereizten Unterton in seiner Stimme. Har sa� noch immer in seinem m�chtigen, geschnitzten Stuhl; der Wolf zu seinen Knien �ffnete pl�tzlich die Augen, um Morgon anzufunkeln.</p><p>�Wollt Ihr etwa in meinem Saal einen Streit mit Yrth vom Zaun brechen?� fragte Har verbl�fft.</p><p>Der Zauberer sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Es ist mein Fehler�, erkl�rte er. �Ich halte Morgon in einem geistigen Bann, dessen er nicht gewahr ist. Ich gebrauchte ihn, um Morgon vor ein paar Tagen, als Hed angegriffen wurde, in Isig zur�ckzuhalten. Es schien mir besser, als ihn in eine Falle tappen zu lassen.�</p><p>Morgon unterdr�ckte mit M�he eine zornige Entgegnung.</p><p>�Was ist das f�r ein Bann?� fragte Nun verwirrt.</p><p>Yrth sah sie schweigend an. Ihr Geist wurde einen Moment lang ganz still, verschlossen, als tr�umte sie. Yrth gab sie frei, und sie zog ungl�ubig die Brauen hoch.</p><p>�Wo, in Hels Namen, habt Ihr das gelernt?�</p><p>�Ich habe die M�glichkeiten daf�r schon vor langer Zeit gesehen und habe mich so lange mit ihnen befa�t, bis ich sie umsetzen konnte.� Seine Stimme bat um Entschuldigung. �Ich hatte diese Kr�fte immer nur unter extremen Umst�nden eingesetzt.�</p><p>�Nun, mir w�rde das auch nicht passen. Aber ich kann selbstverst�ndlich verstehen, warum Ihr es getan habt. Wenn die Erdherren am anderen Ende des Reiches nach Morgon suchen, dann gibt es keinen Grund, ihnen auch noch das zu geben, was sie wollen.�</p><p>Morgon senkte den Kopf. Er empfand Hars Blick wie eine k�rperliche Ber�hrung, die ihn zwang, den Kopf zu heben.</p><p>Hilflos blickte er in die neugierigen, unsanften Augen. Abrupt gab der K�nig ihn frei.</p><p>�Ihr braucht Schlaf.�</p><p>Morgon starrte in seinen Wein.</p><p>�Ich wei�.�</p><p>Rendel hob die Hand und streichelte seine Wange, und die Last der Verzweiflung, die ihn niederdr�ckte, wurde ein wenig leichter. Stockend sagte er: �Aber zuerst sagt mir, wie die Vesta auf diese Weise in die Verteidigung des Landrechts eingebunden sind. Als ich eine Vesta war, wurde ich dessen nie gewahr.�</p><p>�Ich war mir dessen selbst kaum bewu�t�, bekannte der K�nig. �Es ist eine sehr alte Bindung, glaube ich; die Vesta besitzen gro�e Kr�fte, und ich glaube, sie w�rden nicht nur das Landrecht verteidigen, sondern auch das Land selbst. Doch sie haben jahrhundertelang nur gegen W�lfe gek�mpft, und das Bewu�tsein dieser Bindung schlief auf dem Grunde meines Geistes. Euch werde ich sie selbstverst�ndlich zeigen, Morgon.� Er blickte �ber das Feuer hinweg auf den Zauberer, der langsam seinen Becher mit Wein auff�llte. �Yrth, wart Ihr in Hed?�</p><p>�Ja.� Der Wein rann mit vollerem Ton in den Becher, als dieser sich f�llte, und Yrth setzte den Krug ab.</p><p>�Wie habt Ihr Ymris �berquert?�</p><p>�Sehr vorsichtig. Ich beeilte mich, auf dem k�rzesten Weg nach Hed zu kommen, doch auf der R�ckreise unterbrach ich einige Augenblicke, um mit Aloil zu sprechen. Sein Geist ist mit dem meinen verbunden; ich konnte ihn finden, ohne meine Kr�fte gebrauchen zu m�ssen. Er war bei Astrin Ymris und den �berresten der Streitkr�fte des K�nigs in der N�he von Caerweddin.�</p><p>Ein kurzes Schweigen trat fein. Im Feuer knackte ein Zweig, und ein Funkenregen stieg zum Rauchabzug im Dach auf.</p><p>�Was ist von den Streitkr�ften des K�nigs noch �brig?� fragte Har.</p><p>�Das konnte Astrin selbst nicht mit Sicherheit sagen. Die H�lfte der Leute wurde nach Ruhn hineingetrieben, als die Ebene der Winde verlorenging; die �brigen flohen nach Norden. Die Rebellen�� ganz gleich, was sie sind, Lebendige, Tote oder Erdherren�� haben weder Caerweddin noch sonst eine der gr��eren St�dte in Ymris angegriffen.� Gedankenvoll blickte er durch die Augen eines anderen ins Feuer. �Sie nehmen nur die alten, verfallenen Ruinenst�dte. Viele von ihnen liegen in Ruhn, eine oder zwei im Osten Umbers und auf der Ebene von K�nigsmund in der N�he von Caerweddin. Astrin und seine Gener�le k�nnen sich nicht einigen, was sie tun sollen. Die Kriegsherren sind der Meinung, da� die Rebellen die Ebene von K�nigsmund nicht nehmen werden, ohne Caerweddin anzugreifen. Astrin m�chte nicht im Kampf um eine tote Stadt weitere Menschenleben opfern. In seinen Augen f�hren die Streitkr�fte des K�nigs und das Heer der Rebellen nicht denselben Krieg.�</p><p>Er stand auf, und der Kopf des Wolfes glitt von seinem Knie.</p><p>�Ein Ein�ugiger, der sehen kann. Sieht er ein Ende des Krieges?�</p><p>�Nein. Aber er berichtete mir, da� er st�ndig durch Tr�ume von der Ebene der Winde geplagt wird, so als l�ge dort irgendeine L�sung. Der Turm auf der Ebene liegt noch immer durch eine lebendige Kraft der T�uschung in einem Bann.�</p><p>�Der Turm der Winde.� Unwillk�rlich sprangen Morgon die Worte �ber die Lippen, Fragmente eines R�tsels, die der Zauberer mit seiner Bemerkung ausgegraben hatte. �Ich hatte ihn ganz vergessen.�</p><p>�Ich habe einmal versucht, ihn zu erklimmen�, murmelte Nun, in eine Erinnerung versunken.</p><p>Har trug seinen Becher zum Tisch, um sich mehr Wein einzuschenken.</p><p>�Ich auch.� Als Morgon ihn ansah, fragte er: �Und Ihr?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Warum nicht? Er ist ein R�tsel. Und Ihr seid ein R�tselmeister.�</p><p>Morgon dachte zur�ck.</p><p>�Als ich das erstemal mit Astrin auf der Ebene der Winde war, hatte ich mein Ged�chtnis verloren. F�r mich gab es damals nur ein R�tsel, das ich l�sen wollte. Und das zweitemal.� Er seufzte ein wenig. �Ich �berquerte die Ebene damals sehr eilig bei Nacht. Ich verfolgte einen Harfner. Nichts h�tte mich aufhalten k�nnen.�</p><p>�Dann�, meinte Har leise, �solltet Ihr es vielleicht einmal versuchen.�</p><p>�Wo habt Ihr Euren Verstand!� protestierte Nun. �Auf der Ebene mu� es doch wimmeln von Erdherren.�</p><p>�Ich habe meinen Verstand immer beisammen�, entgegnete Har.</p><p>Ein Gedanke durchzuckte Morgon; er seufzte wieder, ohne sich dessen bewu�t zu sein, und Rendel hob den Kopf und rieb sich die Augen.</p><p>�Er steht unter einem Bann der T�uschung. Kein Mensch kann seine Spitze erreichen. Einen Bann der T�uschung legt man nur, wenn man etwas verbergen will, was unsichtbar bleiben soll. Was aber kann sich seit so langer Zeit dort oben auf der Spitze des Turms verbergen?�</p><p>�Der Erhabene�, meinte Rendel schl�frig. Sie starrten sie an. Nun mit der qualmenden Pfeife in der Hand; Har den Weinbecher auf dem Weg zum Mund. �Nun ja�, f�gte sie hinzu, �das ist es doch, wonach alle suchen. Und das ist vielleicht der einzige Ort, wo noch niemand gesucht hat.�</p><p>Hars Blick wanderte zu Morgon, und Morgon fuhr sich mit den Fingern durch das Haar, w�hrend sich sein Gesicht in einem Ausdruck staunender Verwunderung aufhellte.</p><p>�Vielleicht. Har, Ihr wi�t, da� ich es versuchen werde. Aber ich dachte immer, dieser Bann der T�uschung w�re ein vergessenes Werk der toten Erdherren, nicht�� nicht das Werk eines lebenden Erdherren. Wartet.� Er setzte sich kerzengerade auf und starrte vor sich hin. �Turm der Winde. Der Name allein�� der Name�� Wind.� Sie erhoben sich pl�tzlich in seiner Erinnerung, der dr�hnende Wind vom Erlenstern-Berg, die wilden Winde der Ein�den, die zu den T�nen seiner Harfe sangen.</p><p>�Turm der Winde.�</p><p>�Was seht Ihr?�</p><p>�Ich wei� es nicht. Eine Harfe, die mit Saiten aus Wind bespannt ist.� Als die Worte in der Stille erstarben, wurde ihm bewu�t, da� er nicht wu�te, wer die Frage gestellt hatte. Die Vision erlosch, und ihm blieben nur Worte und die Gewi�heit, da� sie irgendwie zusammengeh�rten. �Der Turm. Die gestirnte Harfe. Der Wind.�</p><p>Er fegte einen Hermelin von seinem Stuhl und setzte sich langsam nieder.</p><p>�K�nnt Ihr das Wesen der Winde lernen wie das Landrecht?� fragte er ungl�ubig.</p><p>�Ich wei� es nicht.�</p><p>�Ich verstehe. Ihr habt es noch nicht versucht.�</p><p>�Ich w��te nicht, wie ich es anstellen sollte.� Er f�gte hinzu: �Einmal verwandelte ich mich in Wind. Um zu t�ten. Das ist das einzige, von dem ich wei�, das ich es tun kann.�</p><p>�Wann��?� Har unterbrach sich und sch�ttelte den Kopf.</p><p>Es war sehr still im gro�en Saal; Tieraugen funkelten im Halbdunkel. Yrth wollte seinen Becher niederstellen und traf klirrend den Rand des Tabletts. Nun f�hrte ihm die Hand.</p><p>�Eine geringe Entfernung�, murmelte er zerknirscht.</p><p>�Ich glaube�, meinte der Wolfsk�nig, �wenn ich anfange, Euch zu befragen, wird das das l�ngste R�tsel werden, das ich je zu l�sen versuchte.�</p><p>�Ihr habt mir schon das l�ngste aller R�tsel gestellt�, versetzte Morgon. �Vor zwei Jahren, als Ihr mir im Schneesturm das Leben gerettet habt und mich in Eurem Haus aufnahmt. Ich versuche noch immer, es f�r Euch zu l�sen.�</p><p>�Vor zwei Jahren lehrte ich Euch die Gestalt der Vesta. Jetzt seid Ihr zur�ckgekommen, mein Landrecht zu lernen. Was werdet Ihr als n�chstes von mir verlangen?�</p><p>�Ich wei� es nicht.� Er leerte seinen Becher und setzte ihn nieder. �Vertrauen vielleicht.� Geistesabwesend zeichnete er den Rand des Bechers mit seinen Fingerspitzen nach. Er war pl�tzlich ersch�pft; am liebsten h�tte er seinen Kopf zwischen die Teller auf den Tisch gelegt und w�re eingeschlafen. Er h�rte, wie der Wolfsk�nig aufstand. �Fragt mich morgen.�</p><p>Har ber�hrte seine Schulter. Als er m�hsam seine Augen �ffnete und aufstand, dem K�nig aus dem Saal zu folgen, fand er nichts Seltsames an der Antwort.</p><p>Er schlief traumlos bis zum Morgengrauen an Rendels Seite in der warmen, reichausgestatteten Kammer, die Aia ihnen bereitet hatte. Doch als der Himmel langsam heller wurde, dr�ngten sich Vesta in seinen Geist, bildeten einen enggeschlossenen Kreis um ihn, so da� er sich nicht r�hren konnte, und ihre Augen waren blind, brannten in einem hellen, geheimnisvollen Licht. Mit einem Ruck fuhr er aus dem Schlaf. Rendel tastete nach ihm und murmelte etwas Unverst�ndliches. Er wartete, bis sie wieder ruhig war. Dann stand er lautlos auf und kleidete sich an. Er roch den s��en Duft des letzten Fichtenscheits, das im stillen Saal zu Asche verbrannte, und wu�te instinktiv, da� Har noch immer dort sa�.</p><p>Der K�nig blickte ihm entgegen, als er in den Saal trat. Leise schritt er an kleinen Tieren vor�ber, die schlafend am Feuer zusammengerollt waren, und setzte sich neben Har nieder. Der K�nig legte eine Hand auf seine Schulter und zog ihn f�r kurze Zeit in ein freundliches, behagliches Schweigen hinein.</p><p>Dann sagte er: �Wir m�ssen daf�r sorgen, da� wir ungest�rt bleiben, sonst verstreuen die H�ndler Ger�chte von hier bis Anuin. In den letzten Tagen scharen sie sich auf der Schwelle meines Hauses, stellen mir Fragen, belagern Nun.�</p><p>�Wir k�nnten in die H�tte gehen�, schlug Morgon vor, �wo Ihr mich die Gestalt der Vesta lehrtet.�</p><p>�Ja, das scheint mir das richtige.�� Ich werde Hugin wecken; er kann f�r Eure Bed�rfnisse sorgen.� Er l�chelte schwach. �Eine Zeitlang glaubte ich, Hugin w�rde zu den Vesta zur�ckkehren; er wurde den Menschen gegen�ber so scheu. Aber seit Nun herkam und ihm alles erz�hlte, was sie von Suth wei�, glaube ich, da� vielleicht ein Zauberer aus ihm werden wird.�</p><p>Er schwieg, schickte wohl einen Gedanken, wie Morgon vermutete, durch das stille Haus. Wenig sp�ter wanderte Hugin in den Saal. Schl�frig rieb er sich die Augen und fuhr sich dann mit den Fingern durch sein wei�es Haar, um es zu ordnen. Wie gebannt blieb er stehen, als er Morgon sah. Er war kr�ftig gebaut und anmutig wie die Vesta, und die tiefen Augen blickten noch immer ein wenig scheu.</p><p>�Wir brauchen deine Hilfe�, sagte Har.</p><p>Hugin neigte zustimmend den Kopf. Dann richtete sich sein Blick wieder auf Morgon, und pl�tzlich sprudelten ihm die Worte �ber die Lippen.</p><p>�Nun hat mir erz�hlt, da� Ihr mit dem Zauberer gek�mpft habt, der Suth t�tete. Da� Ihr den Zauberern von Lungold das Leben gerettet habt. Habt Ihr den Gr�nder get�tet?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Warum nicht?�</p><p>�Hugin�, murmelte Har mahnend. Dann sah er Morgon selbst neugierig an. �Ja, warum nicht? Habt Ihr Eure ganze Rachsucht an diesem Harfner ersch�pft?�</p><p>�Har.� Morgons Muskeln unter Hars Hand hatten sich gespannt. Der K�nig runzelte pl�tzlich die Stirn.</p><p>�Was ist? Seid Ihr von einem Geist besessen? Yrth erz�hlte mir gestern abend, wie der Harfner gestorben ist.�</p><p>Morgon sch�ttelte wortlos den Kopf.</p><p>�Ihr seid ein R�tsell�ser�, gab er abrupt zur�ck. �Sagt Ihr es mir. Ich brauche Hilfe.�</p><p>Hars Mund wurde schmal.</p><p>�Bring Speisen und Wein und Feuerholz in die H�tte�, befahl er Hugin im Aufstehen. �Und Matratzen. Wenn Rendel von An erwacht, dann la� sie wissen, wo wir sind. Bring sie zu uns.� Als der Junge scharlachrot anlief, f�gte er ein wenig ungeduldig hinzu: �Du hast schon fr�her mit ihr gesprochen.�</p><p>�Ich wei�.� Er l�chelte pl�tzlich. Unter Hars forschendem Blick wurde er schnell wieder ernst und flitzte davon. �Ich bringe sie�, rief er. �Und alles andere auch.�</p><p>Diesen Tag und die folgenden N�chte verbrachten sie zusammen in der verqualmten, kreisrunden H�tte hinter dem Haus des K�nigs. Morgon schlief bei Tag. Har, der allem Anschein nach nicht zu erm�den war, hielt bei Tag hof. Wenn Morgon sich beim Morgengrauen aus Hars Geist zur�ckzog, fand er stets Rendel und Hugin an seiner Seite und manchmal auch Nun, die schweigend ihre Pfeife schmauchte. Nur selten sprach er mit ihnen; ob er nun wachte oder schlief, sein Geist schien immer dem Hars verbunden, der ihm B�ume zeigte und Raben und schneebedeckte Gipfel, all die Wesen und Gestalten tief im Geist des Wolfsk�nigs, die seinem Erkennen offen waren. In jenen Tagen gab Har ihm alles und verlangte nichts. Durch ihn erforschte Morgon Osterland, kn�pfte seine eigenen Bande der Erkenntnis mit jeder Wurzel, jedem Stein, Wolfsjungen, wei�en Falken und jeder Vesta im Land. Har war der seltsamsten K�nste m�chtig, wie Morgon entdeckte. Er konnte mit den Eulen und W�lfen sprechen, er konnte mit einem eisernen Messer oder einer Pfeilspitze sprechen und befehlen, wo sie treffen sollten. Die Menschen und die Tiere seines Landes waren ihm so vertraut wie seine Familie. Sein Landrecht reichte hinein bis in die Ein�den des Nordens, wo er mit den Vesta meilenweit durch die Schneew�sten zu laufen pflegte. Er war von seinem eigenen Gesetz geformt; die Kr�fte, die in ihm wohnten, schmiedeten Morgons Herz mit Eis und dann mit Feuer, bis ihm schien, als w�re auch er nur ein Wesen aus Hars Gehirn, oder Har ein Echo seiner eigenen geistigen Kr�fte.</p><p>Wenn er schlief, tr�umte er wie ein Landerbe die Erinnerungen Hars. In rastlosen, unglaublich lebendigen Tr�umen durchlebte er Jahrhunderte, focht Schlachten aus und sa� bei R�tsel spielen, die Tage und Jahre dauerten. Er erbaute Yrye, h�rte die Stimme des Zauberers Suth, der ihm f�nf seltsame R�tsel aufgab, lebte bei den W�lfen, bei den Vesta, zeugte Erben, sa� zu Gericht und wurde so alt, da� seine Lebensjahre nicht mehr zu z�hlen waren. Schlie�lich verloren sich die bunten, fiebrigen Tr�ume; Morgon versank tief in sich selbst, in eine traumlose Nacht. Er schlief tief und reglos, bis ein Name in seinen Geist wehte. An ihm hielt er sich fest und zog sich wieder in die Welt hinauf. Zwinkernd erwachte er und sah, da� Rendel neben ihm kniete.</p><p>Sie l�chelte ihn an. �Ich wollte sehen, ob du lebendig oder tot bist.� Sie nahm seine Hand; seine Finger schl�ssen sich um die ihren. �Du kannst dich bewegen.�</p><p>Langsam setzte er sich auf. Die H�tte war leer; drau�en konnte er das Toben der Winde h�ren, die am Dach zerrten. Er wollte sprechen, doch seine Stimme weigerte sich zun�chst.</p><p>�Wie�� wie lange habe ich geschlafen?�</p><p>��ber zweitausend Jahre, sagte Har.�</p><p>�So alt ist er?� Er starrte ein Weilchen ins Leere, dann beugte er sich zu ihr und k��te sie. �Ist es Tag oder Nacht?�</p><p>�Es ist Mittag. Du hast beinahe zwei Tage geschlafen. Du hast mir gefehlt. Meine einzige Gesellschaft war Hugin, mit dem ich ab und zu ein bi�chen sprechen konnte.�</p><p>�Wer?�</p><p>Ihr L�cheln vertiefte sich. �Erinnerst du dich an meinen Namen?�</p><p>Er nickte. �Du bist eine zweitausend Jahre alte Frau namens Rendel.�</p><p>Still sa� er da und hielt ihre Hand, w�hrend er die Welt um sich herum wieder Gestalt annehmen lie�. Der Wind ri� ihm die T�r aus der Hand, als er sie �ffnete. Die ersten Schneeflocken wirbelten durch die Luft und l�sten sich auf. Der eisige Sturm zertr�mmerte die Stille in seinem Geist, fegte eisig und erbarmungslos �ber ihn hin und holte ihn aus seinen Tr�umen zur�ck. Hand in Hand mit Rendel rannte er �ber den Hof, hinein in die W�rme im Hause des K�nigs.</p><p>Am Abend, als er in seiner Kammer am Feuer lag, kam Har zu ihm. Rendel hatte ihn allein gelassen, und er hatte sich tief in seine Gedanken vergraben, um langsam das Wissen in sich aufzusaugen, das er sich geholt hatte. Als Har eintrat, mu�te er sich wieder nach au�en kehren. Ihre Blicke trafen sich �ber dem Feuer in friedvollem, wortlosem Einverst�ndnis. Dann setzte sich Har, und Morgon richtete sich auf, legte ein paar Scheite ins Feuer, so da� die schl�frigen Flammen wieder erwachten.</p><p>�Ich bin gekommen�, sagte Har leise, �mir zu holen, was Ihr mir schuldet.�</p><p>�Ich schulde Euch alles.� Er wartete.</p><p>Das Feuer verwischte sich langsam vor seinen Augen; er war wieder tief in sich selbst, diesmal in seinen eigenen Erinnerungen.</p><p>Der K�nig durchschritt diese ein wenig ziellos, nicht sicher, was er finden w�rde. Sehr fr�h w�hrend seiner Erkundungen gab er Morgon in h�chster Verbl�ffung frei.</p><p>�Ihr habt einen alten, blinden Zauberer geschlagen?�</p><p>�Ja. Ich konnte ihn nicht t�ten.�</p><p>Ein eisiges Licht glomm in den Augen des K�nigs. Es war, als wollte er sprechen; statt dessen wanderte er wieder in Morgons Erinnerungen hinein. Sie f�hrten ihn kreuz und quer von der Handelsstra�e nach Lungold und zum Erlenstern-Berg und schlie�lich in die Ein�de, wo Morgon in wochenlanger Einsamkeit die Ges�nge der Winde auf seiner Harfe gespielt hatte. Er sah zu, wie der Harfner starb; er h�rte Yrth in Isig mit Morgon und Danan sprechen; er vernahm Rendels Stimme, als diese Morgon ein R�tsel aufgab, das ihn aus den Ein�den zur�ckf�hrte ins Land der Lebenden. Dann lie� er Morgon abrupt frei und wanderte rastlos wie ein Wolf durch die Kammer.</p><p>�Thod.�</p><p>Der Name machte Morgon kalt; es war, als h�tte Har mit einem Wort das Undenkbare in Wahrheit verwandelt. Der K�nig wanderte zu ihm hin und blieb schlie�lich neben ihm stehen. Stumm starrte er in die Flammen. Morgon senkte m�de seinen Kopf auf die Arme.</p><p>�Ich wei� nicht, was ich tun soll. Er besitzt gr��ere Kr�fte als jeder andere in diesem Reich. Ihr habt das geistige Band gesp�rt, das mich fesselt���</p><p>�Er hat Euren Geist immer in seiner Gewalt gehabt.�</p><p>�Ich wei�. Und ich kann mich nicht gegen ihn wehren. Ich kann einfach nicht. Ihr habt gesehen, wie er mich auf der Handelsstra�e zu sich zog. Mit nichts. Mit einer Harfe, auf der er kaum spielen konnte. Und ich ging zu ihm. In Anuin brachte ich es nicht �ber mich, ihn zu t�ten. Ich wollte es nicht einmal.</p><p>Mehr als alles andere verlangte mich nach einem Grund, ihn nicht t�ten zu m�ssen. Und er gab mir einen. Ich glaubte, er w�re auf ewig aus meinem Leben verschwunden, da ich ihm im ganzen Reich keinen Ort gelassen hatte, wo er seine Harfe spielen konnte. Aber ich hatte ihm doch einen Ort gelassen. Er spielte f�r mich. Er verriet mich aufs neue, und ich sah ihn sterben. Aber er starb nicht. Er ersetzte nur eine Maske durch eine andere. Er machte das Schwert, mit dem ich ihn beinahe get�tet h�tte. Er lieferte mich Ghisteslohm aus und rettete mich am selben Tag vor den Erdherren. Ich verstehe ihn nicht. Ich kann ihn nicht herausfordern. Ich habe keinen Beweis, und er w�rde sich aus jeder Beschuldigung oder Anklage herauswinden. Die Macht, die er besitzt, macht mir angst. Ich wei� nicht, was er ist. Er gibt mir Schweigen, das wie das Schweigen der B�ume ist.�</p><p>Seine Stimme verklang. Er merkte, da� er auf Hars Schweigen lauschte.</p><p>Er hob den Kopf. Der K�nig starrte noch immer ins Feuer, doch es schien Morgon, da� er es aus tiefer Vergangenheit heraus betrachtete. Er war sehr still; er schien kaum zu atmen. Sein Gesicht wirkte h�rter, als Morgon es je gesehen hatte, als w�ren seine Z�ge von den eisigen, erbarmungslosen Winden gemei�elt, die seinem Land das Gesicht gaben.</p><p>�Morgon�, fl�sterte er. �Seid vorsichtig.�</p><p>Er war keine Warnung, sondern eine flehentliche Bitte.</p><p>Der K�nig ging in die Hocke, umfa�te sehr behutsam Morgons Schultern, so als legte er seine H�nde auf etwas, das bisher nicht greifbar gewesen war und sich ihm entzogen hatte, jetzt aber unter seinen H�nden Gestalt anzunehmen begann.</p><p>�Har?�</p><p>Der K�nig nahm seine Frage nicht an. Durchdringend sah er Morgon an, blickte durch ihn hindurch in das Herz seiner Verwirrung.</p><p>�La�t den Harfner sich selbst zu erkennen geben.�</p></section><section><title><p><emphasis>Kap. 13</emphasis></p></title><p>Das war das einzige, was der Wolfsk�nig ihm sagte. Doch etwas anderes verbarg sich hinter seinen Augen, wovon er nicht sprach. Morgon sp�rte es, und auch Yrth, der an dem Abend, ehe sie Yrye verlie�en, fragte: �Har, was denkt Ihr? Ich h�re etwas unter all Euren Worten.�</p><p>Sie sa�en am Feuer. Die Winde heulten pfeifend �ber das Dach, rissen Rauchfetzen durch den Abzug. Durch flackernde Flammen blickte Har den Zauberer an. Sein Gesicht trug noch immer einen harten Abglanz dessen, was er gesehen hatte. Doch seine Stimme hatte den vertrauten Klang rauher Zuneigung, als er mit dem Zauberer sprach.</p><p>�Es ist nichts, was Euch k�mmern m��te.�</p><p>�Wie kommt es, da� ich das nicht glauben kann?� murmelte Yrth. �Hier in diesem Saal, wo Ihr Euch jahrhundertelang mit R�tseln Euren Weg zur Wahrheit gebahnt habt?�</p><p>�Vertraut mir�, gab Har zur�ck.</p><p>Die Augen des Zauberers, blind und geheimnisvoll, wandten sich ihm zu.</p><p>�Ihr reist nach Ymris.�</p><p>�Nein!� rief Morgon scharf.</p><p>Er hatte es aufgegeben, sich gegen Yrth aufzulehnen; er verhielt sich vorsichtig in der Gegenwart des Zauberers, als h�tte er es mit einem m�chtigen, unberechenbaren Tier zu tun. Doch die Worte des Zauberers, die dem Tonfall nach halb eine Feststellung einer Tatsache, halb ein Befehl zu sein schienen, trieben ihn zum Protest.</p><p>�Har, was k�nnt Ihr denn in Ymris ausrichten? Ihr werdet h�chstens get�tet werden!�</p><p>�Ich habe nicht die geringste Absicht�, entgegnete Har, �in Ymris zu sterben.�</p><p>Er hielt eine Hand ge�ffnet ans Feuer, so da� die halb verblichenen Male seiner Macht und seiner geistigen Kraft zu sehen waren; die wortlose Geste traf Morgon tief.</p><p>�Was habt Ihr dann f�r Absichten?�</p><p>�Ich gebe Antwort f�r Antwort.�</p><p>�Har, dies ist kein Spiel!�</p><p>�Nein? Was befindet sich auf der Spitze des Turmes der Winde?�</p><p>�Ich wei� es nicht. Wenn ich es wei�, dann komme ich hierher zur�ck und sage es Euch. Wenn Ihr geduldig sein wollt.�</p><p>�Ich bin mit meiner Geduld am Ende�, erwiderte Har. Er stand auf und wanderte rastlos auf und nieder; seine Schritte f�hrten ihn zum Stuhl des Zauberers. Er hob zwei kleine Scheite Holz auf und kniete nieder, sie ins Feuer zu legen. �Wenn Ihr sterbt�, sagte er, �dann wird es wohl kaum von Wichtigkeit sein, wo ich bin. Richtig?�</p><p>Morgon schwieg. Yrth beugte sich vor, st�tzte eine Hand auf Hars Schulter, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren, und fing einen gl�henden Span ein, der ihnen �ber den Boden entgegenrollte. Er warf ihn wieder ins Feuer.</p><p>�Es wird schwierig werden, zum Turm der Winde vorzusto�en. Aber ich glaube, Astrins Heer wird es uns erm�glichen.�</p><p>Er lie� Har los und wischte sich Asche von den H�nden. Der K�nig stand auf. Morgon, der sein grimmiges Gesicht betrachtete, schluckte alle Widerreden hinunter, bis nichts mehr in seinem Geist war als eine grimmige, geheime Entschlossenheit.</p><p>Beim Morgengrauen am folgenden Tag bot er Har Lebewohl; und die drei Kr�hen brachen zu der langen Reise nach S�den auf, die sie nach Herun, ins Reich der Morgol, f�hren sollte. Die Luft war grau und schwer von Regen. Der Zauberer f�hrte sie mit erstaunlicher Kundigkeit �ber das eint�nige, flache Weideland von Osterland und die W�lder an den Ufern der �se. Erst nachdem sie den Winter �berquert hatten und das weite Niemandsland zwischen Osterland und Ymris sich vor ihnen dehnte, wechselten sie wieder die Gestalt.</p><p>Am Abend des dritten Tages ihrer Reise versiegte der Regen endlich, und in nahezu stummem Einverst�ndnis lie�en sie sich zur Erde herabfallen, um in ihrer nat�rlichen Gestalt Rast zu machen.</p><p>�Wie�, fragte Morgon Yrth, noch ehe der Zauberer einen Haufen regennassen Holzes zu Feuer angefacht hatte, �in Hels Namen, k�nnt Ihr uns auf diese Weise f�hren? Ihr habt uns in gerader Linie zum Winter gelotst. Und wie seid Ihr innerhalb von zwei Tagen von Isig nach Hed und wieder zur�ck gekommen?�</p><p>Yrth wandte seine Augen Morgons Stimme zu. Als die Flammen am Holz emporz�ngelten, leckten sie an seinen H�nden, und er wich zur�ck.</p><p>�Instinkt�, erwiderte er. �Ihr denkt zuviel beim Fliegen.�</p><p>�Vielleicht.�</p><p>Er lie� sich am Feuer niedersinken. Rendel sog tief die feuchte, nach Fichten duftende Luft ein und blickte sehns�chtig zum Flu�.</p><p>�Morgon, kannst du nicht einen Fisch fangen? Ich bin so hungrig, und ich will mich nicht erst wieder in eine Kr�he verwandeln, um zu essen�� ich wei� nicht einmal genau, was Kr�hen eigentlich fressen. Wenn du uns einen Fisch f�ngst, dann suche ich ein paar Pilze.�</p><p>�Ich rieche �pfel�, verk�ndete Yrth und stand auf, dem Geruch nachzugehen. Morgon blickte ihm mit leichter Ungl�ubigkeit nach.</p><p>�Ich rieche keine �pfel�, murmelte er. �Und ich denke kaum, wenn ich fliege.� Auch er stand auf, beugte sich nieder, um Rendel zu k�ssen. �Riechst du �pfel?�</p><p>�Ich rieche Fisch. Und Reh. Morgon.� Sie dr�ckte pl�tzlich ihren Arm auf seine Schulter, so da� er sich nicht aufrichten konnte. Er sah, da� sie nach Worten suchte.</p><p>�Was ist?�</p><p>�Ach, ich wei� auch nicht.� Sie strich sich mit der freien Hand �ber das Haar. In ihren Augen lag eine tiefe Verwirrung. �Er bewegt sich �ber die Erde wie ein Herr.�</p><p>�Ich wei�.�</p><p>�Ich m�chte ihm so gern�� ich m�chte ihm so gern vertrauen. Bis mir einf�llt, wie weh er dir getan hat. Dann bekomme ich Angst vor ihm und vor dem Weg, den er uns f�hrt, und vor seiner Geschicklichkeit. Aber ich vergesse meine Angst zu leicht.� Ihre Finger zupften zerstreut in seinem feuchten Haar. �Morgon.�</p><p>�Was?�</p><p>�Ich wei� nicht.� Mit einer heftigen Bewegung sprang sie auf, ungeduldig mit sich selbst. �Ich wei� �berhaupt nicht, was ich denke.�</p><p>Sie lief �ber die Lichtung zu einem Stand bleicher Pilze, w�hrend Morgon zum breiten Flu� hinunterschritt. Er watete in das seichte Wasser und stand so still wie ein alter Baumstumpf, w�hrend er nach Fischen Ausschau hielt und sich bem�hte, nicht zu denken. Zweimal bespritzte er sich �ber und �ber mit Wasser, w�hrend die Forellen, die er fangen wollte, ihm zwischen den Fingern hindurchschl�pften. Schlie�lich machte er seinen Geist zu einem Schleier aus Grau, der das Wasser und den Himmel spiegelte, und begann zu denken wie ein Fisch.</p><p>Er fing drei Forellen und nahm sie, da er kein anderes Ger�t hatte, ungeschickt mit seinem Schwert aus. Als er sie zum Feuer zur�cktrug, hatten sich auch Yrth und Rendel wieder eingefunden und blickten ihm entgegen. Rendel l�chelte. Der Gesichtsausdruck des Zauberers war unergr�ndlich. Morgon gesellte sich zu ihnen. Er legte die Fische auf einen flachen Stein und s�uberte die Klinge seines Schwertes im Gras. Nachdem er es wieder in einer Scheide, die es gar nicht gab, hatte verschwinden lassen, hockte er sich am Feuer nieder.</p><p>�Also gut�, sagte er. �Instinkt.� Er nahm Rendels Pilze und machte sich daran, den Fisch zu f�llen. �Aber das erkl�rt nicht Eure Reise nach Hed.�</p><p>�Wie weit k�nnt Ihr an einem Tag reisen?�</p><p>�Vielleicht quer durch Ymris. Ich wei� es nicht. Ich bewege mich nicht gern von einem Moment zum anderen �ber lange Entfernungen. Das macht m�de, und man wei� nie, wessen Geist man versehentlich ber�hrt.�</p><p>�Nun�, meinte der Zauberer ruhig, �ich hatte keine Wahl. Ich wollte vermeiden, da� Ihr Euch aus dem geistigen Bann herausk�mpft, ehe ich zur�ckkehrte.�</p><p>�Das h�tte ich gar nicht gekonnt��� �Doch, Ihr besitzt die Kr�fte dazu. Ihr k�nnt im Dunkeln sehen.�</p><p>Morgon starrte ihn wortlos an. Ein Schauder kroch �ber seine Haut.</p><p>�Das war es also?� fl�sterte er. �Eine Erinnerung?�</p><p>�Die Finsternis von Isig.�</p><p>�Oder vom Erlenstern-Berg.�</p><p>�Ja. So einfach war es.�</p><p>�Einfach.� Hars Bitte fiel ihm ein, und er atmete lautlos, bis der Schmerz und der wirre Knoten von Worten in seiner Brust sich l�sten. Er wickelte den Fisch in feuchte Bl�tter, schob den Stein ins Feuer. �Nichts ist einfach.�</p><p>Die Finger des Zauberers zeichneten die gebogenen Linien eines Grashalms bis zu seiner Spitze nach.</p><p>�Doch, manche Dinge sind es. Die Nacht. Das Feuer. Ein Grashalm. Wenn man seine Hand in eine Flamme h�lt und an den Schmerz denkt, dann verbrennt man sich. Wenn man aber nur an die Flamme denkt oder an die Nacht, sie annimmt, ohne sich zu erinnern. Dann wird es sehr einfach.�</p><p>�Ich kann nicht vergessen.�</p><p>Der Zauberer schwieg.</p><p>Als der Fisch langsam zu brutzeln begann, setzte der Regen wieder ein. Sie a�en hastig und verwandelten sich wieder, flogen durch den str�menden Regen, um� in den B�umen Schutz zu suchen.</p><p>Zwei Tage sp�ter �berquerten sie die �se und nahmen am Ufer des unb�ndigen Flusses wieder ihre nat�rliche Gestalt an. Es war sp�ter Nachmittag. Licht und Schatten jagten sich unter dem regennassen, hellen Himmel auf ihren Gesichtern. Ein wenig verwundert blickten sie einander an, als w�ren sie �berrascht, sich in Menschengestalt zu sehen.</p><p>Rendel lie� sich mit einem Seufzer auf einen umgest�rzten Baumstamm fallen.</p><p>�Ich kann mich �berhaupt riicht mehr bewegen�, st�hnte sie. �Ich bin es so m�de, eine Kr�he zu sein. Bald werde ich auch noch das Reden vergessen.� �Ich gehe auf Jagd�, sagte Morgon, doch auch er machte keine Bewegung. M�digkeit �berschwemmte ihn wie Wasser.</p><p>�Ich gehe auf Jagd�, erkl�rte Yrth, und ehe einer von ihnen etwas darauf erwidern konnte, hatte er sich wieder verwandelt.</p><p>Ein Falke stieg in die Luft hinauf, h�her und h�her, durch den Regen der tr�ben Sonne entgegen. Weit, weit �ber ihnen richtete er seinen Flug endlich in die Horizontale aus und begann zu kreisen.</p><p>�Wie macht er das?� fl�sterte Morgon. �Wie kann erjagen, wenn er blind ist?�</p><p>Er unterdr�ckte einen pl�tzlichen Impuls, an die Seite des Falken emporzuschie�en. Noch w�hrend er zusah, stie� der Falke in raschem, t�dlichem Flug in die Schatten hinunter.</p><p>�Er ist wie ein Erdherr�, sagte Rendel, und ein merkw�rdiger Schauder durchzuckte Morgon. Ihre Stimme klang so, als schmerzten sie die Worte, die sie ausgesprochen hatte. �Sie besitzen alle diese schreckliche Sch�nheit.�</p><p>Sie beobachtete den Vogel, wie er sich vom Boden emporschwang, schwarz und d�ster im pl�tzlich sich verdunkelnden Licht. Er hielt etwas in seinen Klauen. Schwerf�llig stand sie auf und machte sich daran, Holz zu sammeln.</p><p>�Er braucht sicher einen Spie�.�</p><p>Morgon sch�lte die Rinde von einem jungen, d�nnen Ast, w�hrend der Vogel zu ihnen zur�ckgeflogen kam. Er legte einen toten Hasen an Rendels Feuer ab.</p><p>Dann stand Yrth wieder vor ihnen. Einen Moment lang schienen seine Augen fremd, voller Klarheit und Wildheit des Raubvogels. Dann aber wurden sie wieder vertraut.</p><p>Morgon stellte seine Fragen tonlos, ged�mpft.</p><p>�Ich witterte seine Furcht�, erkl�rte der Zauberer. Er zog ein Messer aus seinem Stiefel, ehe er sich setzte. �Wollt Ihr ihn h�uten? Das w�rde mir Schwierigkeiten bereiten.�</p><p>Wortlos machte sich Morgon an die Arbeit. Rendel nahm den Spie�, um den Rest der Rinde abzusch�len.</p><p>�K�nnt Ihr die Sprache der Falken sprechen?� fragte sie unvermittelt, beinahe scheu.</p><p>Das blinde Gesicht wandte sich ihr zu. Die pl�tzliche Weichheit seiner Z�ge beim Klang ihrer Stimme lie� Morgon beim H�uten innehalten.</p><p>�Ein wenig.�</p><p>�K�nnt Ihr es mich lehren? M�ssen wir denn den ganzen Weg nach Herun als Kr�hen fliegen?�</p><p>�Wenn Ihr es wollt. Ich glaubte, da Ihr aus An stammt, w�rdet Ihr Euch als Kr�he am wohlsten f�hlen.�</p><p>�Nein�, widersprach sie. �Ich bin jetzt in vielen Gestalten zu Hause. Aber es war gut von Euch, daran zu denken.�</p><p>�Was f�r Gestalten sind Euch vertraut?�</p><p>�Oh�� V�gel, ein Baum, ein Lachs, ein Dachs, ein Reh, eine Fledermaus, eine Vesta�� ich habe �ber meiner Suche nach Morgon l�ngst aufgeh�rt zu z�hlen.�</p><p>�Ihr habt ihn stets gefunden.�</p><p>�Ihr auch.�</p><p>Zerstreut suchte Yrth auf der Erde um sich herum nach Astgabeln, die den Spie� halten sollten.</p><p>�Ja.�</p><p>�Ich habe mich auch schon in einen Hasen verwandelt.�</p><p>�Der Hase ist ein Beutetier des Falken und des Habichts. F�r den, der die Gestalt wandelt, gelten die Gesetze der Erde.�</p><p>Morgon warf Haut und Abf�lle ins Farnkraut und griff nach dem Spie�.</p><p>�Und die Gesetze des Reiches?� fragte er unvermittelt. �Sind sie einem Erdherrn ohne Bedeutung?�</p><p>Der Zauberer sa� ganz still. Etwas von der erbarmungslosen Kraft des Falken schien sich hinter seinen Augen zu r�hren, und Morgon wurde sich der Leichtfertigkeit seiner Herausforderung bewu�t. Er wandte sich ab.</p><p>�Nicht allen�, antwortete Yrth r�tselhaft.</p><p>Morgon h�ngte den Spie� �ber das Feuer und drehte probeweise den Hasen. Dann ging ihm pl�tzlich die Zweideutigkeit der Worte des Zauberers auf. Er hockte sich auf seine Fersen und starrte Yrth an. Doch Rendel sprach jetzt mit ihm, und der Ton des Schmerzes, der in ihrer Stimme lag, lie� ihn schweigen.</p><p>�Warum denn, glaubt Ihr, k�mpfen meine Verwandten auf der Ebene der Winde gegen den Erhabenen? Ich meine, wenn Macht eine einfache Angelegenheit des Wissens um Regen und Feuer ist, und wenn die Gesetze, denen sie verbunden sind, die Gesetze der Erde sind?�</p><p>Yrth schwieg wieder. Die Sonne war jetzt endg�ltig hinter dicken Wolken im Westen verschwunden. Ein Schleier aus Abend und Dunst sank langsam auf sie herab. Yrth streckte den Arm aus, tastete nach dem Spie� und drehte ihn langsam.</p><p>�Ich w�rde annehmen�, meinte er, �da� Morgon recht hat, wenn er vermutet, da� der Erhabene die Kr�fte der Erdherren gefesselt hat. Das allein ist Grund genug f�r sie, gegen ihn zu k�mpfen. Doch viele andere R�tsel scheinen mir unter diesem einen R�tsel zu liegen. Vor Jahrhunderten zogen mich die steinernen Kinder in Isig durch die Ausstrahlung ihres Schmerzes, den ich sp�rte, in ihre Gruft hinunter. Man hatte ihnen ihre Macht genommen. Kinder sind Erben der Macht; vielleicht ist das der Grund, weshalb sie zerst�rt wurden.�</p><p>�Wartet!� Morgons Stimme zitterte. �Wollt Ihr sagen�� wollt Ihr sagen, da� der Erbe des Erhabenen in jener Gruft begraben wurde?�</p><p>�Es scheint m�glich, findet Ihr nicht?� Fett spritzte knisternd im Feuer, und er drehte den Spie� wieder. �Vielleicht war es der Knabe, der mir von den Sternen sprach, die ich auf eine Harfe setzen sollte, und von einem Schwert f�r einen, der irgendwann in ferner Zukunft kommen w�rde, es f�r sich zu beanspruchen.�</p><p>�Aber warum?� fl�sterte Rendel, noch immer in ihrer Frage gefangen. �Warum?�</p><p>�Ihr habt den Flug des Falken gesehen�� seine Sch�nheit und seine todbringende Erbarmungslosigkeit. Wenn solche Macht an kein Gesetz gebunden w�re, dann w�rden diese Macht und das Gel�st danach so schrecklich werden���</p><p>�Ich verlange nach ihr. Nach dieser Macht.�</p><p>Das harte, alte Gesicht schmolz wieder zu �berraschender Weichheit. Yrth ber�hrte sie so, wie er den Grashalm ber�hrt hatte.</p><p>�Dann nehmt sie Euch.�</p><p>Er lie� seine Hand fallen. Rendel senkte den Kopf. Morgon konnte ihre Z�ge nicht sehen. Er hob den Arm, um ihr das Haar aus dem Gesicht zu streichen. Mit einer heftigen Bewegung stand sie auf und wandte sich von ihm ab. Er blickte ihr nach, als sie durch die B�ume lief, die Arme �ber ihrer Brust gekreuzt, als w�re ihr kalt. Ein tiefer Schmerz brannte pl�tzlich in ihm, weil der Zauberer sie ber�hrt hatte und sie ihn verlassen hatte.</p><p>�Ihr habt mir nichts gelassen.� fl�sterte er.</p><p>�Morgon���</p><p>Er stand auf und folgte Rendel in das dichter werdende Wogen des abendlichen Nebels, lie� den Falken mit seiner Beute allein.</p><p>In den folgenden Tagen flogen sie manchmal als Kr�hen, manchmal, wenn der Himmel aufklarte, als Falken. Zwei der Falken sprachen miteinander in schrillen Stimmen; der dritte, der sie h�rte, blieb stumm. In Falkengestalt machten sie Jagd; schliefen und erwachten und blickten mit klaren, wilden Augen zur Sonne auf. Wenn es regnete, flogen sie als Kr�hen, k�mpften sich mit stetigem Fl�gelschlag durch den str�menden Regen. Endlos trieben die B�ume unter ihnen dahin; es war, als fl�gen sie wieder und wieder �ber dasselbe Gel�nde. Doch w�hrend Regen auf sie hinunterprasselte und wieder versiegte, w�hrend die Sonne geisterhaft bleich durch die Wolken sp�hte, verdichtete sich ein bl�ulicher Schleier vor ihnen am Horizont langsam zu einer fernen Kette von H�geln. F�r ein paar Augenblicke kam unversehens die Sonne hervor, ehe sie in Nacht versank. Lichtstrahlen fielen �ber das weite Land, spiegelten sich in den silbernen B�ndern von Fl�ssen und funkelten auf Seen, die wie kleine M�nzen auf der gr�nen Erde lagen. Die Falken flogen m�de, in einer gestaffelten Linie, die sich �ber eine halbe Meile erstreckte. Der zweite, verzaubert, wie es schien, vom Licht, scho� pl�tzlich aufw�rts, mitten in die Sonne hinein und jagte dann in geradem, �berschwenglichem Flug durch Licht und Schatten ihrem Ziel zu. Sein �berschwang ri� Morgon aus seinem eint�nigen Rhythmus. Er flog schneller, scho� vorbei an dem f�hrenden Falken, um den dunklen Blitz einzuholen, der durch die Himmel raste. Er hatte nicht gewu�t, da� Rendel so schnell fliegen konnte. Auf den Str�mungen des Nordwindes jagte er dahin, doch noch immer hielt der Falke seinen Abstand. Mit aller Kraft setzte er ihm nach, bis er das Gef�hl hatte, seine Gestalt hinter sich gelassen zu haben und nur noch Geschwindigkeit zu sein, die auf einer Welle von Licht durch die Luft getragen wurde. Langsam n�herte er sich dem Falken und sah die Spannweite seiner Schwingen und erkannte, da� es Yrth war.</p><p>Er behielt seine Geschwindigkeit bei, getrieben von dem Verlangen, den Falken in der ganzen stolzen Herrlichkeit seiner Macht und seiner Kraft einzuholen und zu �bertrumpfen. Er warf alle seine Energien in seinen pfeilschnellen Flug, und ihm war, als pfeife der Wind durch ihn hindurch. Die W�lder wogten wie ein Meer unter ihm. Schnabell�nge um Schnabell�nge schlo� er zu dem anderen Falken auf, bis er wie sein Schatten im goldenen Licht hinter ihm herflog. Und dann war er neben ihm, hielt seine Geschwindigkeit, w�hrend seine Schwingen seinem Rhythmus folgten. Er konnte ihn nicht �berholen. Er raste durch Luft und Licht, bis er selbst sein w�tendes Verlangen abwerfen mu�te wie Ballast, um seine Geschwindigkeit zu halten. Der Falke lie� ihn nicht vorbei, doch er trieb ihn zu immer schnellerem Flug an, bis all seine Gedanken und ein Schatten �ber seinem Herzen von ihm abgestreift wurden und er das Gef�hl hatte, da� er im Wind verbrennen m��te, wenn er noch einen Herzschlag schneller flog.</p><p>Er stie� einen Schrei aus, als er von der Seite des Falken wich und abw�rts glitt, den sanften H�gelketten unter sich entgegen. Er konnte kaum noch seine Schwingen bewegen; er lie� sich von den Luftstr�mungen abw�rts tragen, bis er die Erde ber�hrte. Dort wechselte er die Gestalt. Das hohe Gras fing ihn auf. Mit ausgestreckten Armen blieb er liegen, die H�nde in die Erde gekrallt, bis das schreckliche Dr�hnen seines Herzens nachlie� und er wieder Luft statt Feuer zu atmen begann. Langsam rollte er sich auf den R�cken und stand auf. Der Falke schwebte �ber ihm. Reglos betrachtete er ihn, bis das wilde Gef�hl seiner eigenen Kraft wieder �ber ihn hereinbrach. Sehns�chtig hob sich seine Hand dem Falken entgegen. Wie ein Stein fiel der Vogel zu ihm hinunter. Er lie� ihn kommen. Er landete auf seiner Schulter, blieb dort sitzen, die blinden Augen verh�llt. Er war noch immer in seiner grimmigen Umklammerung, in seiner Macht und in seinem Stolz gefangen.</p><p>Drei Falken schliefen in dieser Nacht in den H�geln von Herun. Drei Kr�hen flogen beim Morgengrauen nach Westen, �ber D�rfer und steiniges Weideland, wo wirbelnde Winde hier und dort einen knorrigen Baum oder eine einsame Felsspitze enth�llten. Die Dunstschleier verschmolzen zu sanftem Regen, der sie bis nach Kronstadt begleitete.</p><p>Die Morgol, deren Augen sonst alles sahen, hatte sie nicht kommen sehen. Doch der Zauberer Iff stand in geduldiger Erwartung im Hof, und die Morgol gesellte sich dort zu ihm. Neugierig blickte sie auf die drei schwarzen, regennassen V�gel, die vor ihrem Haus landeten. Und die Neugier wandelte sich in ungl�ubiges Staunen, nachdem die drei ihre nat�rliche Gestalt angenommen hatten.</p><p>�Morgon!� Als sie sein schmales Gesicht sanft mit ihren H�nden umschlo�, erkannte er, wer jener war, den er mit in ihr Haus gebracht hatte.</p><p>Yrth stand ruhig und schweigend da. Er schien in seine eigenen Gedanken vertieft, als s�he er durch ihrer aller Augen und m��te das Gewirr von Bildern ordnen.</p><p>Die Morgol strich Rendel das nasse Haar aus dem Gesicht.</p><p>�Ihr seid das gro�e R�tsel von An geworden�, sagte sie, und Rendel wandte rasch den Blick von ihr ab, senkte die Augen zu Boden. Doch die Morgol hob ihren Kopf und k��te sie l�chelnd. Dann wandte sie sich den Zauberern zu.</p><p>Iff legte seine Hand auf Yrths Schulter und sagte mit ruhiger Stimme: �El, das ist Yrth; ich glaube, Ihr kennt Euch noch nicht.�</p><p>�Nein.� Sie neigte den Kopf. �Euer Besuch ist meinem Haus eine Ehre, Sternenbildner. Tretet ein, drinnen ist es trocken und warm. Im allgemeinen kann ich sehen, wer meine H�gel �berquert, und kann mich auf den Empfang meiner G�ste vorbereiten; aber drei m�den Kr�hen schenkte ich keine Beachtung.� Sie legte ihre Hand leicht auf Yrths Arm, um ihn zu f�hren. �Woher kommt Ihr?�</p><p>�Aus Isig und Osterland�, antwortete der Zauberer. Seine Stimme klang rauher als sonst. Die Wachen im Gewirr der G�nge blickten auf die Besucher, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken, doch in ihren Augen spiegelten sich Verwunderung und Nachdenklichkeit.</p><p>Morgon, der Yrth beobachtete, wie er neben der Morgol herging, den Kopf leicht ihrer Stimme zugeneigt, merkte erst nach einiger Zeit, da� Iff zur�ckgeblieben war und mit ihm sprach.</p><p>�Die Nachricht von dem Angriff auf Hed erreichte uns wenige Tage, nachdem er sich zugetragen hatte�� so schnell verbreitete sich der Vorfall im Reich. Er l�ste Angst und gro�en Schrecken aus. Die meisten Menschen sind aus Caithnard geflohen, aber wohin k�nnen sie sich wenden? Nach Ymris? Nach An, das Mathom beinahe ohne Verteidigung zur�ckl��t, wenn er sein Heer nach Norden f�hrt? Nach Lungold? Diese Stadt mu� sich selbst erst noch von den entsetzlichen K�mpfen erholen. Nirgends mehr im Reich k�nnen die Menschen Zuflucht finden.�</p><p>�Haben die R�tselmeister Caithnard verlassen?� fragte Rendel.</p><p>Der Zauberer sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Nein. Sie weigern sich fortzugehen.� Seine Stimme klang leicht gereizt. �Die Morgol bat mich, zu ihnen zu reisen und zu fragen, ob sie Hilfe, Schiffe f�r sich selbst und ihre B�cher brauchen. Sie sagten, die Lehrs�tze der Zauberei enthielten vielleicht das Geheimnis, dem Tod auszuweichen. Die Lehrs�tze der R�tselkunst jedoch besagen, da� es vergeblich ist, dem Tod den R�cken zu kehren, da man ihn, sobald man sich umdreht, nur wieder vor Augen haben wird. Ich flehte sie an, ausnahmsweise einmal praktisch zu denken. Sie meinten, L�sungen auf unbeantwortete Fragen w�ren ihnen jetzt eine gr��ere Hilfe als Schiffe. Ich hielt ihnen vor, da� sie vielleicht in ihrer Schule umkommen w�rden. Darauf fragten sie mich, ob der Tod denn das Schrecklichste sei. Und da begann ich, die R�tselkunst ein klein wenig zu verstehen. Aber mir fehlte die Fertigkeit, mit ihnen zu r�tseln.�</p><p>�Der Weise�, meinte Morgon, �geht einem R�tsel so hartn�ckig nach wie ein Geizkragen einer M�nze, die einem Spalt in den Dielenbrettern zurollt.�</p><p>�Offenbar. H�tte ich etwas tun k�nnen? Sie scheinen mir sehr verwundbar zu sein und sehr kostbar f�r das Reich.�</p><p>Das schwache L�cheln in Morgons Augen erlosch.</p><p>�Es gibt nur ein Mittel, ihnen zu helfen: Wir m�ssen ihnen das geben, was sie w�nschen.�</p><p>Die Morgol blieb vor einem gro�en, hellen Raum stehen. Auf dem Boden lagen dicke, braune Teppiche, die W�nde waren mit kostbaren, golddurchwirkten Stoffen bespannt.</p><p>�Meine Bediensteten werden Euch alles bringen, was Ihr braucht�, sagte sie zu Morgon und Rendel. �Im ganzen Haus stehen Wachen. Wir erwarten Euch in Iffs Studierzimmer. Dort k�nnen wir miteinander sprechen.�</p><p>�El�, erwiderte Morgon leise. �Ich kann nicht bleiben. Ich bin nicht gekommen, um mit Euch zu sprechen.�</p><p>Sie schwieg still, dachte wohl �ber seine Worte nach, wenn auch ihr Gesicht kaum eine Regung zeigte. Sie legte ihre Hand auf seinen Arm.</p><p>�Ich habe alle Wachen aus den St�dten und an den Grenzen abgezogen. Goh bildet sie hier aus, damit sie nach S�den abreisen k�nnen, falls es das ist, was Ihr braucht.�</p><p>�Nein�, entgegnete er leidenschaftlich. �Ich habe in Lungold schon zu viele von Euren Wachen sterben sehen.�</p><p>�Morgon, wir m�ssen alle unsere Kr�fte einsetzen.�</p><p>�Herun birgt weit gr��ere Kr�fte als ein Heer von Wachen.�</p><p>Da erst sah er eine Ver�nderung in ihrem Gesicht. Still wie ein Schatten stand der Zauberer hinter ihr, und Morgon fragte sich, ohne Hoffnung auf eine Antwort, ob er die Kr�fte aus eigenem Antrieb sammelte oder auf Gehei� des Falken.</p><p>�Die zu holen bin ich gekommen. Ich brauche sie.�</p><p>Ihre Finger schl�ssen sich sehr fest um seinen Arm.</p><p>�Die Kr�fte des Landrechts?� fl�sterte sie ungl�ubig. Er nickte stumm, wohl wissend, da� das erste Anzeichen von Mi�trauen in ihr in seinem Herzen eine ewige Wunde zur�cklassen w�rde. ��ber solche Kr�fte verf�gt Ihr? Euch das Landrecht anzueignen?�</p><p>�Ja. Ich brauche das Wissen um das Landrecht. Ich werde Euren Geist nicht ber�hren. Ich schw�re es. Ich bin mit Hars Erlaubnis in seinen Geist eingetreten, aber Ihr�� in Eurem Geist gibt es Orte, wo ich nicht hingeh�re.�</p><p>Ein Gedanke wuchs hinter ihren Augen. Sie stand ganz still, noch immer seinen Arm umfassend, und konnte nicht sprechen. Er hatte das Gef�hl, als wandelte er vor ihren Augen seine Gestalt in etwas, das so alt war wie die Welt, um das sich R�tsel und Legenden und die Farben der Nacht und der Morgenr�te woben wie kostbare, vergessene Sch�tze. Er versp�rte das Verlangen, in ihren Geist einzudringen, um jenem Teil seiner wirren Vergangenheit nachzusp�ren, der sie ihn in diesem Licht sehen lie�.</p><p>Doch sie gab ihn frei und sagte: �Nehmt von meinem Land und von mir, was Ihr braucht.�</p><p>Er blieb stehen, w�hrend sie durch den Gang schritt, ihre Hand unter dem Ellenbogen Yrths. Bedienstete kamen, rissen ihn aus seinen Gedanken. W�hrend sie Feuer machten und Wasser erhitzten, unterhielt er sich mit gesenkter Stimme mit Rendel.</p><p>�Ich werde mich jetzt von dir trennen. Ich wei� nicht, wie lange ich fortbleiben werde. Keiner von uns kann sich in Sicherheit wiegen, doch wenigstens sind Yrth und Iff hier; und Yrth�� er will mich lebend. Das wenigstens wei� ich.�</p><p>Ihre Hand glitt auf seine Schulter, und sie sah in voller Unruhe und Sorge an.</p><p>�Morgon, du hast dich an ihn gebunden, als ihr flogt. Ich sp�re es.�</p><p>�Ich wei�.� Er hob ihre Hand hoch und dr�ckte sie gegen seine Brust. �Ich wei߫, wiederholte er. Er konnte ihr nicht in die Augen sehen. �Er lockt mich mit meinen eigenen Kr�ften. Ich habe dir ja gesagt, wenn ich mit ihm spielte, w�rde ich verlieren.�</p><p>�Vielleicht.�</p><p>�Wache �ber die Morgol. Ich wei� nicht, was ich ihr ins Haus gebracht habe.�</p><p>�Er w�rde ihr niemals weh tun.�</p><p>�Er hat sie belegen, und er hat sie schon einmal verraten. Einmal ist genug. Wenn du mich brauchst, dann frag die Morgol, wo ich bin. Sie wird es wissen.�</p><p>�Gut. Morgon���</p><p>�Was?�</p><p>�Ich wei� nicht�, antwortete sie wie schon h�ufig in den letzten Tagen. �Nur, wei�t du, manchmal f�llt mir ein, was Yrth dar�ber sagte, da� das Feuer und die Nacht so einfache Dinge sind, wenn man sie nur klar sieht. Ich mu� dauernd denken, da� du nur deshalb nicht wei�t, was Yrth ist, weil du ihn niemals siehst. Du siehst nur die dunklen Erinnerungen.�</p><p>�Was, in Hels Namen, erwartest du denn, da� ich sehe? Er ist mehr als ein Harfner, mehr als ein Zauberer. Rendel, ich versuche ja zu sehen. Ich���</p><p>Sie legte ihm eine Hand auf den Mund, als die Bediensteten neugierige Blicke auf sie warfen.</p><p>�Ich wei�.� Sie dr�ckte ihn pl�tzlich sehr fest an sich, und er sp�rte, da� er zitterte. �Ich wollte dich nicht beunruhigen. Aber�� sei still und h�r zu. Ich versuche nachzudenken. Man versteht das Feuer erst dann, wenn man sich selbst vergi�t und zu Feuer wird. Du hast gelernt, im Dunkeln zu sehen, als du zu einem m�chtigen Berg wurdest, dessen Herz aus Dunkelheit bestand. Du bekamst dein Wissen um Ghisteslohm, indem du seine Macht und seine Kr�fte in dich aufnahmst. Deshalb wirst du den Harfner vielleicht nur dann verstehen, wenn du ihm erlaubst, dich so weit in den Bannkreis seiner Macht zu ziehen, bis du ein Teil seines Herzens bist und anf�ngst, die Welt aus seinen Augen zu sehen.�</p><p>�Es kann sein, da� ich auf diese Weise das Reich zerst�re.�</p><p>�Vielleicht. Aber wenn er gef�hrlich ist, wie kannst du dann gegen ihn k�mpfen, ohne ihn zu Aerstehen? Und wenn er nicht gef�hrlich ist?�</p><p>�Wenn er nicht��� Er brach ab. Es war, als ver�nderte sich die Welt um ihn herum, als r�ckten ganz Herun, die K�nigreiche in den Bergen, die s�dlichen Regionen, das gesamte Reich unter dem Blick von Falkenaugen an den ihnen geb�hrenden Platz. Er sah den Schatten des Falken in kraftvollem, lautlosem Flug das Reich �berspannen und sp�rte, wie dieser Schatten �ber seinen R�cken glitt. Die Vision erlosch. Der Schatten wurde zu einer Erinnerung an die Nacht, und seine H�nde verkrampften sich. �Er ist gef�hrlich�, fl�sterte er. �Er war es immer. Warum bin ich so unentrinnbar an ihn gebunden?�</p><p>Am selben Abend verlie� er die Stadt der Kreise und hielt sich Tage und N�chte, die er nicht z�hlte, von der Welt und beinah vor sich selbst verborgen, versunken in die Gesetze des Landrechts von Herun. Gestaltlos glitt er in die Nebelschwaden hinein, versank in den stillen, gef�hrlichen S�mpfen und sp�rte, wie der Morgenfrost sein Gesicht versilberte, als er �ber Schlamm und Binsen und z�hem Sumpfgras erh�rtete. Er schrie den schrillen, einsamen Schrei der Sumpfv�gel und blickte aus starrem Stein zum Himmel und den Sternen auf. Er schweifte durch das flache H�gelland und senkte seinen Geist in Felsen, B�ume, B�che, erkundete die von Eisen und Kupfer und ungeschliffenen Edelsteinen schweren Berge. Er spann ein riesiges Netz �ber die schlafenden Felder und die �ppigen Weiden, von denen Nebelschleier aufstiegen, kroch in die Stoppeln des toten Wurzelwerks, in frosterstarrte Ackerfurchen und in die Halme des Grases ein, das die Schafe n�hrte. Die sanfte Anmut des Landes erinnerte ihn an Hed, doch in seinem Inneren wohnte eine dunkle, rastlose Gestalt, die hier und dort in Gestalt von einsam stehenden Felsnadeln hervorgebrochen war. Er flog dem Geist der Morgol sehr nahe, w�h-rend er dieses Land erkundete; er sp�rte, da� ihre Wachsamkeit und ihre Intelligenz aus Notwendigkeit geboren waren, da� das Erbe eines Landes, dessen S�mpfe und pl�tzlich einfallende Nebel jenen, die es besiedelt hatten, immer gef�hrlich werden konnten. Sein seltsames Gestein barg Geheimnisse, seine H�gel bargen Reichtum; auch diese Dinge waren im Geist der Morgol verankert. W�hrend Morgon sich tief in die Gesetze des Landes versenkte, f�hlte er, wie sein eigener Geist beinahe Frieden fand, von der Notwendigkeit zu klarem Sehen und Erkennen gezwungen. Als er schlie�lich soweit war, da� er wie die Morgol in die Dinge hinein- und durch sie hindurchsehen konnte, kehrte er in die Stadt der Kreise zur�ck.</p><p>Er kam so, wie er gegangen war�� eine Nebelschwade, die aus der stillen, kalten Nacht von Herun hereinwehte. Nachdem er wieder seine nat�rliche Gestalt angenommen hatte, folgte er dem Klang der Stimme der Morgol, und schlie�lich stand er im feurigen Spiel von Licht und Schatten in ihrem kleinen, kostbaren Herrschersaal.</p><p>Die Morgol sprach mit Yrth, als er auftauchte; er f�hlte sich der ruhigen Gelassenheit ihres Geistes noch immer verbunden. Er bem�hte sich nicht, die Verbundenheit zu brechen. Er f�hlte sich geborgen und ruhig in diesem Frieden. Lyra sa� neben ihr; Rendel hatte sich n�her ans Feuer gesetzt. Sie hatten zu Abend gegessen. Nur ihre Weinbecher und die Karaffen standen noch auf der Tafel.</p><p>Rendel drehte den Kopf und sah Morgon; sie l�chelte �ber einen Ausdruck in seinen Augen und lie� ihn ungest�rt. Dann zog Lyra seine Aufmerksamkeit auf sich. Sie trug ein leichtes, flie�endes, feuerfarbenes Gewand; ihr Haar war geflochten und unter einem Netz aus Goldf�den zu einem kunstvollen Knoten gedreht. Nichts mehr von der vertrauten stolzen Selbstsicherheit war in ihrem Gesicht; ihre Augen wirkten �lter, so als w�re sie verletzlicher geworden, als wollten die Erinnerungen an die schrecklichen Tage in Lungold, als sie hatte zusehen m�ssen, wie die Wachen unter ihrem Befehl gefallen waren, sie nie wieder loslassen. Sie sagte etwas zu Morgol, das Morgon nicht h�rte.</p><p>�Nein�, antwortete ihr die Morgol kurz und einfach.</p><p>�Ich reise nach Ymris.� Eigensinnig starrten ihre dunklen Augen die Morgol an, doch ihre Stimme war ruhig. �Wenn nicht mit den Wachen, dann an deiner Seite.�</p><p>�Nein.�</p><p>�Mutter, ich geh�re nicht mehr deiner Wache an. Ich schied aus, als ich aus Lungold heimkehrte, du kannst also von mir nicht erwarten, da� ich dir ohne �berlegung gehorche. Ymris ist ein schreckliches Schlachtfeld�� schrecklicher noch als Lungold. Ich gehe hin���</p><p>�Du bist meine Landerbin�, fiel ihr die Morgol ins Wort. Ihr Gesicht war noch immer ruhig, doch Morgon sp�rte die Furcht, die erbarmungslos und kalt wie die Nebel von Herun tief in ihrem Geist wirbelte. �Ich f�hre die gesamte Wache aus Herun heraus und zur Ebene der Winde. Goh wird sie befehligen. Du hast selbst gesagt, du wolltest nie wieder einen Speer in die Hand nehmen, und ich war froh, da� du diese Entscheidung getroffen hattest. Es besteht keine Notwendigkeit f�r dich, in Ymris zu k�mpfen; es besteht hingegen jede Notwendigkeit f�r dich, hierzubleiben.�</p><p>�F�r den Fall, da� du get�tet werden solltest�, sagte Lyra scharf. �Ich verstehe nicht, weshalb du �berhaupt dorthin willst, aber ich werde an deiner Seite reiten���</p><p>�Lyra���</p><p>�Mutter, das ist meine Entscheidung. Dir zu gehorchen, ist f�r mich nicht mehr Ehrensache. Ich werde tun, was ich beliebe, und es beliebt mir, mit dir zu reiten.�</p><p>Die Finger der Morgol verkrampften sich um ihren Weinbecher. Sie schien selbst �berrascht davon.</p><p>�Nun�, entgegnete sie ruhig, �wenn du glaubst, in dieser Angelegenheit nach eigenem Belieben handeln zu k�nnen, so kann auch ich das tun. Du bleibst hier. So oder so.�</p><p>Lyras Augen flackerten ein wenig.</p><p>�Mutter�, protestierte sie unsicher.</p><p>�Ja�, gab die Morgol zur�ck. �Und ich bin au�erdem die Morgol. Herun schwebt in gro�er Gefahr. Wenn Ymris f�llt, dann m�chte ich, da� du hier bist, um das Land zu besch�tzen, soweit es in deiner Macht steht. Wenn wir beide in Ymris fielen, w�re das f�r Herun eine Katastrophe.�</p><p>�Aber warum wollt Ihr �berhaupt reisen?�</p><p>�Weil Har sich nach Ymris begibt�, antwortete die Morgol ruhig, �und ebenso Danan und Mathom�� die Landherrscher des Reiches, sie alle f�hlen sich getrieben, in Ymris f�r das �berleben des Reiches zu k�mpfen��, vielleicht treibt sie auch ein anderer, noch zwingenderer Grund. Im Herzen des Reiches liegt ein Gewirr von R�tseln verborgen; ich m�chte es entwirrt sehen. Selbst unter Gefahr f�r mein Leben. Ich will endlich L�sungen.�</p><p>Lyra schwieg. Die Gesichter von Mutter und Tochter waren im wei�en Schein des Feuers beinahe nicht voneinander zu unterscheiden in ihrer feinen, ebenm��igen Sch�nheit. Doch die goldenen Augen der Morgol verbargen ihre Gedanken, w�hrend Lyras Augen jedem Flackern von Feuer und Schmerz weit offen waren.</p><p>�Der Harfner ist tot�, fl�sterte sie. �Wenn das das R�tsel sein sollte, das du gel�st sehen m�chtest.�</p><p>Die Morgol senkte die Lider. Doch dann hob sie die Hand und ber�hrte mit einer fl�chtigen Bewegung Lyras Wange.</p><p>�Es gibt noch andere ungel�ste Fragen im Reich�, bemerkte sie, �und fast alle sind, glaube ich, wichtiger.� Doch ihre Brauen waren zusammengezogen wie von einem pl�tzlichen, unerkl�rlichen Schmerz. �R�tsel ohne L�sungen k�nnen schrecklich sein�, f�gte sie nach einem Moment des Schweigens hinzu. �Aber es gibt einige, mit denen man leben kann. Andere. Yrth meint, da� das, was der Sternentr�ger auf der Ebene der Winde tun wird, f�r uns alle von lebenswichtiger Bedeutung sein wird.�</p><p>�Und ist er der Meinung, da� auch du dort sein mu�t? Wenn die Ebene der Winde von so entscheidender Bedeutung ist, wo ist dann der Erhabene? Warum ignoriert er den Sternentr�ger und das ganze Reich?�</p><p>�Ich wei� es nicht. Vielleicht kann Morgon���</p><p>Abrupt hob sie den Kopf und sah ihn ruhig im Schatten stehen, wo langsam seine eigenen Gedanken wieder in seinem Geist erwachten.</p><p>Sie l�chelte und streckte ihm willkommenhei�end die Hand entgegen. Yrth drehte sich ein wenig und blickte, vielleicht durch ihre Augen, Morgon entgegen, als dieser sich langsamen Schrittes der Tafel n�herte. Morgon sah ihn einen Moment lang auf seltsame �Weise, wie etwas, das den Nebeln und den Felsnadeln von Herun verwandt war, die sein Geist erkunden und verstehen konnte. Als er sich setzte, schien es, als wende der Zauberer sein Gesicht von ihm ab. Wortlos neigte Morgon den Kopf vor der Morgol.</p><p>�Habt Ihr gefunden, was Ihr hier suchtet?� fragte sie.</p><p>�Ja. Alles, was ich in mich aufnehmen konnte. Wie lange war ich fort?�</p><p>�Beinahe zwei Wochen.�</p><p>�Zwei.� Er formte das Wort lautlos. �So lange? Gibt es Neues?�</p><p>�Sehr wenig. Es waren H�ndler aus Hlurle da, um alle Waffen, die wir entbehren k�nnen, nach Caerweddin zu bringen. Seit Tagen beobachte ich eine Nebelwolke, die sich von Osterland s�dw�rts w�lzt, und heute wei� ich endlich, was es ist.�</p><p>�Eine Nebelwolke?� Er erinnerte sich, wie Har vor dem rotflackernden Licht des Feuers seine gezeichnete Hand ge�ffnet hatte. �Vesta? Bringt Har die Vesta nach Ymris?�</p><p>�Hunderte. Sie ziehen im Schatten der W�lder nach S�den.�</p><p>�Die Vesta sind gro�artige K�mpfer�, bemerkte Yrth. Er wirkte m�de, nicht geneigt, sich auf eine Auseinandersetzung einzulassen, doch seine Stimme war voll von Langmut und Geduld. �Und sie werden den Winter in Ymris nicht f�rchten.�</p><p>�Ihr habt es gewu�t!� Mit einem Ruck wurden seine Gedanken aus ihrer Ruhe gerissen. �Ihr h�ttet ihn hindern k�nnen. Die Bergleute, die Vesta, die Wachen der Morgol�� warum zieht Ihr sein solches Heer kriegsunkundiger und praktisch wehrloser K�mpfer zusammen? Ihr m�gt blind sein, aber wir anderen werden zusehen m�ssen, wie diese Tiere und Menschen auf dem Schlachtfeld niedergemetzelt werden���</p><p>�Morgon�, unterbrach die Morgol sanft, �Yrth trifft nicht meine Entscheidungen f�r mich.�</p><p>�Yrth��� Er brach ab und senkte den Kopf in die H�nde, nicht willens, die sinnlose Auseinandersetzung fortzuf�hren.</p><p>Yrth stand auf und zog wieder Morgons Augenmerk auf sich. Ein wenig ungeschickt ging der Zauberer zwischen den Sitzkissen hindurch zum Feuer. Vor den Flammen blieb er mit gesenktem Kopf stehen. Morgon sah, wie seine zerschundenen H�nde sich pl�tzlich zusammenkrampften unter Worten, die er nicht aussprechen konnte, und er dachte an Thods H�nde, wie er sie damals gesehen hatte, gekr�mmt vor Schmerz im Feuerschein. Und aus der Stille der Nacht von Herun kam ihm ein Echo des seltsamen, fl�chtigen Friedens, den er, eingeh�llt in das Schweigen des Harfners, an seinem Feuer gefunden hatte. Alle jene Empfindungen, die ihn an den Harfner banden und an den Falken, seine Sehnsucht und seine unbegreifliche Liebe, �berw�ltigten ihn pl�tzlich. W�hrend er zusah, wie Licht und Schatten dem harten, blinden Gesicht immer wieder neuen Ausdruck gaben, wurde ihm klar, da� er alles preisge-ben w�rde: die Vesta, die Wache der Morgol, die Landherr-scher, das ganze Reich. All dies war er bereit, f�r einen Platz im Schatten des Falken in die zerschundenen, schmerzgequ�lten H�nde zu legen.</p><p>Diese Erkenntnis senkte eine merkw�rdige, unbehagliche Ruhe in ihn. Er neigte den Kopf und starrte auf sein eigenes dunkles Spiegelbild im gl�nzenden Stein, bis Lyra, deren Blick auf ihn gerichtet war, pl�tzlich sagte: �Ihr m��t hungrig sein.� Sie schenkte ihm Wein ein. �Ich bringe Euch etwas Warmes zu essen.�</p><p>Mit geschmeidigem, anmutigem Schritt eilte sie aus dem Saal, und die Morgol blickte ihr nach. Sie sah m�de aus, m�der, als Morgon sie je gesehen hatte.</p><p>�Bergleute und Vesta und meine Wache�, sagte sie zu Morgon, �m�gen in Ymris nutzlos erscheinen, aber, Morgon, die Landherrscher geben alle Kraft, die sie besitzen. Anderes k�nnen wir nicht tun.�</p><p>�Ich wei�.� Sein Blick wanderte zu ihr. Er wu�te um ihre eigene Liebe zu einer alten Erinnerung. Und weil er ihr, f�r alles was sie ihm gegeben hatte, ein wenig Frieden zur�ckgeben wollte, sagte er unvermittelt: �Ghisteslohm berichtete mir, da� Ihr bei Lungold auf Thod gewartet habt. Ist das wahr?�</p><p>Sie schien ein wenig best�rzt �ber seine br�ske Art, doch sie nickte.</p><p>�Ich dachte, er w�rde vielleicht nach Lungold kommen. Es war der einzige Ort, wohin er sich noch wenden konnte, und ich h�tte ihn fragen k�nnen. Morgon, wir sind beide m�de, Ihr und ich, und der Harfner ist tot. Vielleicht sollten wir���</p><p>�Er starb�� er starb f�r Euch.�</p><p>�ber den Tisch hinweg starrte sie ihn an. �Morgon�, fl�sterte sie warnend, doch er sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Es ist wahr. Rendel h�tte es Euch sagen k�nnen. Oder Yrth�� er war dabei.�</p><p>Der Zauberer richtete helle, ausgebrannte Augen auf ihn, und Morgons Stimme begann zu zittern. Doch er fuhr fort zu sprechen, gab dem Harfner das R�tsel seines Lebens ungel�st zur�ck.</p><p>�Ghisteslohm lie� Thod w�hlen. Er sollte entweder Rendel oder Euch als Geisel festhalten, um Ghisteslohm die M�glichkeit zu geben, mich gewaltsam in den Erlenstern-Berg zur�ckzubringen. Doch Thod w�hlte statt dessen den Tod. Er zwang Ghisteslohm, ihn zu t�ten. Er hatte kein Mitleid mit mir. Vielleicht weil ich es auch ohne aushaken konnte. Doch Euch und Rendel hat er geliebt.� Er hielt inne und erschrak ein wenig, als sie die H�nde vor ihr Gesicht schlug. �Habe ich Euch weh getan? Das wollte ich nicht���</p><p>�Nein.�</p><p>Doch sie weinte, er sah es, und er verfluchte sich selbst. Yrth blickte ihn noch immer an; er fragte sich, wie der Zauberer jetzt sehen konnte, da Rendels Gesicht hinter ihrem Haar verborgen war. Der Zauberer machte eine seltsame Bewegung. Er hob eine weitge�ffnete Hand zum Licht, als lieferte er Morgon etwas aus. Er streckte den Arm aus, ber�hrte die Luft hinter Morgon, und die gestirnte Harfe sprang aus dem Nichts in seine H�nde.</p><p>Die Augen der Morgol schweiften zu Morgon, als die ersten s��en T�ne erklangen, doch seine H�nde waren leer. Er starrte auf Yrth, und alle Worte, die er h�tte sprechen wollen, erstarrten in seiner Kehle zu Eis. Die kr�ftigen H�nde des Zauberers glitten mit makelloser Exaktheit �ber die Saiten, die er gestimmt hatte; die Ges�nge der Winde und des Wassers antworteten ihm. Es war das Harfenspiel jener endlosen, schwarzen Nacht im Erlenstern-Berg, mit all seiner t�dlichen Sch�nheit; das Harfenspiel, das die K�nige im ganzen Reich jahrhundertelang geh�rt hatten. Es war das Harfenspiel eines gro�en Zauberers, den man fr�her einmal den Harfner von Lungold genannt hatte, und die Morgol lauschte versunken, ergriffen und ein wenig �berrascht. Dann wechselte der Harfner zu einer anderen Weise, und alles Blut wich aus den Wangen.</p><p>Es war ein tieft�nendes, inniges Lied ohne Worte, das in Morgon Erinnerungen an einen dunklen, nebelgrauen Abend �ber den S�mpfen von Herun weckte, an ein Feuer, das auf den Gesichtern der Wachen der Morgol flackerte, an Lyra, die ger�uschlos aus der Nacht trat und etwas sagte. Er lauschte angespannt, um ihre Worte zu h�ren. Als er dann auf das wei�e, stille Gesicht der Morgol blickte, die Yrth unverwandt anstarrte, fiel ihm ein, da� dies das Lied war, das Thod allein f�r sie komponiert hatte.</p><p>Ein Schauder durchrann Morgon. W�hrend die weichen Kl�nge durch die Stille tropften, fragte er sich, wie der Harfner sich ihr gegen�ber jemals w�rde rechtfertigen k�nnen. Yrths H�nde entlockten der Harfe einen letzten, sanften Akkord, dann legten die Finger sich flach auf die Saiten, um sie zum Verstummen zu bringen. Den Kopf leicht �ber die Harfe geneigt, sa� er da, die H�nde auf den Sternen. Feuerschein sp�lte zuckend �ber ihn hin, wob Muster aus Licht und Schatten in die Luft. Morgon wartete darauf, da� er sprechen w�rde. Er sagte nichts; er regte sich nicht. Augenblicke verstrichen; immer noch sa� er in tiefer Stille, und Morgon, der ihr lauschte, erkannte, da� diese Stille nicht eine Ausflucht war, sondern die eigentliche Antwort.</p><p>Er schlo� die Augen. Sein Herz schlug pl�tzlich schmerzhaft bis zum Hals hinauf. Er wollte sprechen, aber er konnte nicht. Das Schweigen des Harfners umh�llte ihn mit dem Frieden, den er tief in allem Lebendigen �berall im Reich gefunden hatte. Der Friede durchdrang seine Gedanken, sein Herz und seinen Geist, so da� er nicht einmal denken konnte. Er wu�te nur, da� etwas, nach dem er so lange und so hoffnungslos gesucht hatte, niemals, selbst in seinen verzweifeltsten Augenblicken nicht, weit von ihm entfernt gewesen war.</p><p>Der Harfner stand auf, sein m�des, uraltes Gesicht war das verwitterte Gesicht eines Berges, das zerschundene Gesicht des Reiches. Lange hielten seine Augen die der Morgol fest, bis ihr Gesicht, das von einer durchscheinenden Bl�sse war, zu zucken begann und sie mit tr�nenblinden Augen zu Boden starrte. Dann trat er zu Morgon und streifte ihm die Harfe wieder �ber die Schulter. Wie in einem Traum sp�rte Morgon die leichten, raschen Bewegungen. Er schien einen Moment lang zu verharren; seine Hand ber�hrte sehr sanft Morgons Gesicht. Dann trat er zum Feuer und verschmolz im Spiel seiner Flammen.</p></section><section><title><p><emphasis>Kap. 14</emphasis></p></title><p>Erst da bewegte sich Morgon, aus der Stille entlassen. Er sandte seinen Geist in die Dunkelheit hinaus, doch wo er auch suchte, er fand nur die Stille und das Schweigen der Nacht. Er stand auf. Worte schienen in seiner Brust und in seinen geballten H�nden eingeschlossen, als wagte er nicht, sie freizulassen. Die Morgol schien zum Sprechen ebenso unf�hig. Sie machte eine kleine, steife Bewegung, dann wurde sie wieder still, den Blick auf einen tanzenden Lichtreflex auf dem gl�nzenden Holz des Tisches gerichtet. Langsam gewann ihr Gesicht wieder Farbe. Und als Morgon sah, wie ihr Antlitz sich ver�nderte, l�ste sich endlich seine Zunge.</p><p>�Wohin ist er gegangen?� fl�sterte er. �Er hat mit Euch gesprochen.�</p><p>�Er sagte�� er sagte, er h�tte gerade die einzige Torheit in seinem sehr langen Leben begangen.� Ihr H�nde krampften sich ineinander; stirnrunzelnd blickte er auf sie nieder, w�hrend sie sich bem�hte, sich zu konzentrieren. �Er sagte, er h�tte nicht die Absicht gehabt, sich Euch zu erkennen zu geben, bis Ihr genug der Kr�fte gesammelt h�ttet, f�r Euch selbst zu k�mpfen. Er ging, weil er jetzt eine Gefahr f�r Euch ist. Er sagte�� noch anderes.� Sie sch�ttelte leicht den Kopf, dann sprach sie weiter. �Er sagte, er w�re sich nicht bewu�t gewesen, da� seine eigene F�higkeit, zu leiden, Grenzen h�tte.�</p><p>�Die Ebene der Winde! Er mu� in Ymris sein.�</p><p>Da hob sie den Blick, aber sie widersprach nicht.</p><p>�Sucht ihn, Morgon. Ganz gleich, wie gef�hrlich das f�r Euch beide ist. Er war lange genug allein.�</p><p>�Ja, ich werde ihn suchen.� Er drehte sich um und kniete neben Rendel nieder. Sie starrte ins Feuer; erst als er sie ber�hrte, sah sie ihn an. Etwas Wildes, nur halb Menschliches spiegelte sich in ihren Augen, so als h�tte sie in die Erinnerungen des Erhabenen hineingeblickt. Er nahm ihre Hand.</p><p>�Komm mit mir.�</p><p>Sie stand auf. Er verband seinen Geist mit dem ihren und lie� ihn weit in die Nacht hinausfliegen, bis er einen Stein ber�hrte, der, wie er sich erinnerte, jenseits der S�mpfe lag. Als Lyra den Saal betrat, um ihm sein Nachtmahl zu bringen, trat er einen Schritt auf sie zu und verschwand.</p><p>Sie standen zusammen im Nebel und sahen nichts als schattenhafte Wei�e, die sie umgab wie eine Schar von Geistern. Morgon schickte wieder seinen Geist aus, hinaus aus den Nebelschwaden, �ber die H�gelketten hinweg, lie� ihn weiter fliegen als je zuvor. Er verankerte sich im knorrigen Herzen einer Fichte. Morgon folgte mit seinem K�rper.</p><p>Als er in den von Winden gepeitschten W�ldern zwischen Herun und Ymris neben dem alten Baum stand, sp�rte er pl�tzlich, wie seine �beranstrengten Kr�fte nachlie�en. Er konnte sich kaum noch konzentrieren; seine Gedanken schienen vom Wind zerfetzt. Sein K�rper, auf den er in letzter Zeit nur gelegentlich geachtet hatte, meldete seine Bed�rfnisse an. Er fr�stelte vor K�lte; die Erinnerung an den w�rzigen Duft hei�en Fleisches, das Lyra in den Saal gebracht hatte, wollte ihn nicht loslassen. Episoden aus dem Leben des Harfners sch�ssen ihm in raschen Bildern durch den Kopf. Er h�rte die wohlklingende, gelassene Stimme, die mit K�nigen, mit H�ndlern und mit Ghisteslohm sprach, und er sah das Antlitz des Harfners vor sich, der immer R�tsel aufgegeben hatte, nicht mit seinen Worten, sondern mit alldem, was er nicht aussprach. Dann scho� eine Erinnerung wie sengendes Feuer durch Morgons Gedanken, und ein Laut des Entsetzens kam ihm �ber die Lippen. Er sp�rte, wie der Nordwind an ihm r�ttelte.</p><p>�Ich h�tte ihn beinahe get�tet.� Er war au�er sich �ber seine Blindheit. �Ich habe den Erhabenen durch das ganze Reich gehetzt, um ihn zu t�ten.� Dann aber bohrte sich ein scharfer, vertrauter Schmerz in sein Herz. �Er lieferte mich Ghisteslohm aus. Und dabei h�tte er den Gr�nder mit einem Wort t�ten k�nnen. Statt dessen spielte er auf seiner Harfe. Kein Wunder, da� ich ihn niemals erkannte.�</p><p>�Morgon, es ist kalt.� Rendel legte einen Arm um ihn; selbst ihr Haar f�hlte sich an seinem Gesicht kalt an.</p><p>Er versuchte, seinen Geist zu leeren, doch die Winde erf�llten ihn mit ihren Klagen, und er sah wieder das Gesicht des Harfners, wie es blind zum Himmel emporstarrte.</p><p>�Er war ein Herr.�</p><p>�Morgon.�</p><p>Er sp�rte, wie ihr Geist forschend in den seinen eindrang. �berrascht lie� er es geschehen. Sie zu sp�ren, beruhigte ihn; ihre eigenen Gedanken waren sehr klar. Er l�ste sich von ihr, blickte durch die Dunkelheit in ihr Gesicht.</p><p>�Um meinetwillen warst du nie so zornig.�</p><p>�Oh, Morgon!� Sie hielt ihn wieder umschlungen. �Du hast es selbst gesagt�� du kannst aushaken. Und so braucht er dich, deshalb �berlie� er dich Ghisteslohm. Ich dr�cke das schlecht aus.� sagte sie �rgerlich, als seine Muskeln sich spannten. �Du hast gelernt zu �berleben. Glaubst du, f�r ihn war es leicht? Jahrhundertelang in Ghisteslohms Diensten auf der Harfe zu klimpern und auf den Sternentr�ger zu warten?�</p><p>�Nein�, erwiderte er nach einem kurzen Schweigen und dachte an die zertr�mmerten H�nde des Harfners. �Er sprang mit sich selbst so erbarmungslos um wie mit mir. Aber wozu?�</p><p>�Suche ihn. Frage ihn.�</p><p>�Ich kann mich nicht einmal bewegen�, fl�sterte er.</p><p>Wieder ber�hrte ihr Geist den seinen; und da lie� er endlich seine Gedanken in ihrer Ann�herung zur Ruhe kommen. Er wartete geduldig, w�hrend sie die Nacht erkundete. Schlie�lich ber�hrte sie ihn. Er ging mit ihr, ohne zu wissen, wohin er ging, und da begann er zu begreifen, wieviel Geduld und Vertrauen er von ihr verlangt hatte. Sie gingen nicht sehr weit, das sp�rte er, doch er wartete m�de und dankbar, w�hrend sie Schritt um Schritt ihren gemeinsamen Weg durch die W�lder ertastete. Bei Morgend�mmerung hatten sie die n�rdliche Grenze von Ymris erreicht. Und dort, als die rote Sonne aufstieg, die St�rme und widrige Winde k�ndete, machten sie Rast.</p><p>In der Gestalt von Rabenkr�hen flogen sie �ber Marcher hinweg. Das rauhe, wellige Grenzland schien ruhig; doch am sp�ten Nachmittag sichteten die Kr�hen eine Schar bewaffneter M�nner. Sie bewachten einen Zug von Handelswagen, der sich schwerf�llig nach Caerweddin hin bewegte. Morgon stie� abw�rts. Er fing den Geist eines der Krieger ein, als er auf der Stra�e landete, um nicht angegriffen zu werden, wenn er die Gestalt wechselte. Er zog sein Schwert aus der Luft, hielt die Sterne hoch, als der Mann ihn anstarrte. Unruhig flammten sie im grauen Licht auf.</p><p>�Morgon von Hed�, hauchte der Krieger.</p><p>Es war ein grauhaariger, altgedienter Krieger, mit einem von Narben durchzogenen Gesicht; seine umschatteten Augen hatten durch die Morgend�mmerung und das t�dliche Zwielicht vieler Felder geblickt. Er hielt den Wagenzug an, der ihm folgte, und sprang von seinem Pferd. Die M�nner hinter ihm schwiegen.</p><p>�Ich mu� Yrth finden�, sagte Morgon. �Oder Aloil. Oder Astrin Ymris.�</p><p>Der Mann ber�hrte die Sterne auf seinem erhobenen Schwert mit einer ehrf�rchtigen Geste, die beinahe wie ein Treueschwur wirkte. Dann ri� er die Augen auf, als eine Rabenkr�he auf Morgons Schulter landete.</p><p>�Ich bin Lein Marcher, der Vetter des Herrn von Marcher�, sagte er. �Ich kenne Yrth nicht. Astrin Ymris ist in Caerweddin; er k�nnte Euch sagen, wo Aloil zu finden ist. Ich bringe Waffen und Proviant nach Caerweddin, wenn ich auch bezweifle, da� das noch etwas helfen wird. Ich an Eurer Stelle, Sternenherr, w�rde mich in diesem Land, das dem Untergang geweiht ist, nicht zeigen. Und schon gar nicht w�rde ich die drei Sterne zeigen.�</p><p>�Ich bin gekommen, um zu k�mpfen�, erwiderte Morgon.</p><p>Fl�sternd begann das Land ihm von seinen Gesetzen zu sprechen, von Legenden, von den alten Toten, die unter seinen F��en begraben waren. Sein eigener K�rper schien danach zu verlangen, sich im Wesen dieses Landes zu verlieren.</p><p>Die Augen des Kriegers wanderten �ber das schmale Gesicht, den kostbaren, abgetragenen Kittel, der in diesen gef�hrlichen, winterkalten H�geln ein wenig absurd wirkte.</p><p>�Hed�, sagte er. Ein verwundertes L�cheln brach pl�tzlich durch die Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit in seinen Augen. �Warum nicht! Wir haben alles andere versucht. Ich w�rde Euch mitnehmen, Herr, aber ich glaube, allein seid Ihr sicherer. Es gibt nur einen im Reich, den zu sehen Astrin mehr verlangt als Euch, aber nicht einmal darauf m�chte ich wetten.�</p><p>�Heureu. Er ist immer noch verschwunden?�</p><p>Der Mann nickte m�de.</p><p>�Irgendwo im Reich zwischen den Toten und Lebendigen. Nicht einmal der Zauberer kann ihn finden. Ich glaube���</p><p>�Ich kann ihn finden�, fiel Morgon ihm ins Wort.</p><p>Der Mann schwieg, und das L�cheln in seinen Augen wich nackter, unertr�glicher Hoffnung.</p><p>�Wirklich? Nicht einmal Astrin kann das, und seine Tr�ume sind voll von Heureus Gedanken. Herr, was�� was seid Ihr, da� Ihr hier fr�stelnd in der K�lte stehen und mich bewegen k�nnt, an Eure Macht zu glauben? Ich habe das Gemetzel auf der Ebene der Winde �berlebt. Manchmal, wenn ich nachts von meinen eigenen Tr�umen aus dem Schlaf gerissen werde, w�nsche ich, ich w�re dort gefallen.� Er sch�ttelte den Kopf. Seine Hand streckte sich wieder nach Morgon aus, sank dann herab, ohne ihn zu ber�hren. �Geht jetzt. La� Eure Sterne niemanden sehen. M�ge Euer Weg Euch wohlbehalten nach Caerweddin f�hren. Eilt, Herr!�</p><p>Die Kr�hen flogen ostw�rts. Immer wieder sichteten sie lange Z�ge von Nachschubwagen und Pferden. Sie rasteten unter den Giebeln gro�er H�user, deren H�fe angef�llt waren vom Qualm und vom Dr�hnen der Schmiedeherde. Die leuchtenden Farben von-Kriegsuniformen und die dunklen, sch�tzenden Flanken von Ackerg�ulen schimmerten durch den Qualm, und allenthalben sammelten sich M�nner, nach Caerweddin zu marschieren. Knaben waren unter ihnen und Schafhirten, Bauern, Schmiede mit Gesichtern, die von Wind und Wetter gegerbt waren; selbst H�ndler reihten sich in die Schar ein. Alle wurden sie unter Waffen gestellt. Diese Beobachtungen trieben die Kr�hen vorw�rts. Sie folgten dem Thul auf seinem Lauf zum Meer, schnitten einen dunklen Pfad durch die sterbenden Felder.</p><p>Bei Sonnenuntergang erreichten sie Caerweddin; der von windzerfetzten Wolkenstreifen durchzogene Abendhimmel leuchtete wie ein farbenpr�chtiges Banner. Tausend Feuer umringten die Stadt, als w�re sie unter Belagerung ihrer eigenen Streitkr�fte. Doch der Hafen war frei; Handelsschiffe aus Isig und Anuin glitten ihm auf der abendlichen Flut entgegen. Das pr�chtige Haus der K�nige von Ymris, das aus Tr�mmern der St�dte der Erdherren errichtet war, funkelte wie ein Edelstein im letzten Licht. In den Schatten vor seinen geschlossenen Toren gingen die Kr�hen zur Erde nieder. Dort, auf der leergefegten Stra�e, wechselten sie die Gestalt.</p><p>Sie sprachen nichts, als sie einander ansahen. Morgon zog Rendel an sich, w�hrend er sich fragte, ob seine eigenen Augen auch so bet�ubt waren vor M�digkeit. Er ber�hrte ihren Geist; und als er dann in das Haus des K�nigs eindrang, fand er den Geist Astrins.</p><p>Der Landerbe von Ymris sa� allein in einem kleinen Gemach, als Morgon vor ihm auftauchte. Er hatte gearbeitet; Landkarten, Dokumente, Nachschublisten und alle m�glichen anderen Papiere lagen auf seinem ganzen Schreibpult zerstreut. Doch die Kammer lag beinahe in Dunkelheit, und er hatte keine Kerzen angez�ndet. Sein von Sorgen durchfurchtes, bleiches Gesicht starrte ins Feuer. Morgon und Rendel, die von der Stra�e in die verschwommenen Schleier von Licht und Schatten traten, erschreckten ihn nicht einmal. Er starrte sie einen Moment lang an, als bes��en sie nicht mehr Substanz als seine Hoffnung. Dann aber wandelte sich sein Gesicht; er sprang auf, so da� sein Stuhl hinter ihm krachend umkippte.</p><p>�Wo seid Ihr gewesen?�</p><p>Erleichterung, Anteilnahme und gereizte Ungeduld mischten sich in seiner Frage.</p><p>Morgon antwortete schlicht: �Ich habe R�tsel gel�st.�</p><p>Astrin kam um sein Schreibpult herum und dr�ckte Rendel in einen Sessel. Er gab ihr Wein zu trinken, und die Starrheit in ihrem Gesicht l�ste sich langsam. Astrin, der halb kniend neben ihr hockte, blickte ungl�ubig zu Morgon auf.</p><p>�Wo seid Ihr hergekommen? Ich habe unentwegt an Euch und Heureu gedacht�� nur an Euch und Heureu. Ihr seid d�nn wie ein Dolch, aber wohlbehalten. Ihr seht aus�� wenn ich je einen Menschen gesehen habe, der wie eine Waffe aussieht, dann seid Ihr es. Ich sp�re das stumme Grollen ungeheurer Kr�fte in diesem Zimmer. Woher habt Ihr sie?�</p><p>�Von �berall aus dem Reich.�</p><p>Er schenkte sich Wein ein und setzte sich.</p><p>�K�nnt Ihr Ymris retten?�</p><p>�Ich wei� es nicht. Vielleicht. Ich wei� es wirklich nicht. Ich mu� Yrth finden.�</p><p>�Yrth! Ich dachte, der w�re bei Euch.�</p><p>Morgon sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Er ist davongegangen. Ich mu� ihn finden. Ich brauche ihn.�</p><p>Seine Stimme war zu einem Fl�stern herab gesunken. Er starrte ins Feuer, der Becher in seiner Hand ergl�hte golden. Astrins Stimme traf ihn wie ein Schlag, und er merkte, da� er beinahe eingeschlafen war.</p><p>�Ich habe ihn nicht gesehen, Morgon.�</p><p>�Ist Aloil hier? Sein Geist ist mit dem Yrths verbunden.�</p><p>�Nein, er ist bei Mathoms Heer. Es steht in den W�ldern an der Handelsstra�e. Morgon!�</p><p>Er beugte sich vor, um Morgons Schultern zu fassen und ihn aus seiner pl�tzlichen, �berw�ltigenden Verzweiflung herauszur�tteln.</p><p>�Die ganze Zeit war er an meiner Seite, wenn ich nur Gesp�r genug gehabt h�tte, mich umzudrehen und ihm ins Gesicht zu sehen, anstatt seinen Schatten �ber das ganze Reich zu verfolgen. Ich habe mit ihm auf der Harfe gespielt, ich habe an seiner Seite gek�mpft, ich versuchte, ihn zu t�ten, und ich habe ihn geliebt, und in dem Augenblick, als ich ihn erkenne, verschwindet er und l��t mich zur�ck, so da� mir nichts anderes �brigbleibt, als ihn von neuem zu verfolgen.�</p><p>Die Umklammerung von Astrins H�nden wurde pl�tzlich schmerzhaft.</p><p>�Was sagt Ihr da?�</p><p>Morgon, der sich erst jetzt bewu�t wurde, was er gesagt hatte, starrte ihn nur stumm an. Wieder sah er das seltsame, farblose Gesicht, das sich �ber ihn geneigt hatte, als er sprachlos und namenlos in einem fremden Land erwacht war. Der Krieger vor ihm mit dem dunklen, knappsitzenden Kittel und dem Kettenhemd darunter, wurde wieder der Halbzauberer, der in einer H�tte am Meer wohnte und �ber den Tr�mmern der Stadt auf der Ebene der Winde R�tseln nachsp�rte.</p><p>�Die Ebene der Winde.� fl�sterte er. �Nein. Er kann nicht ohne mich dorthin gegangen sein. Und ich bin noch nicht bereit.�</p><p>Astrins Hand wurde schlaff. Sein Gesicht war ausdruckslos, sch�delbleich.</p><p>�Wen sucht Ihr eigentlich?�</p><p>Er sprach sehr vorsichtig, reihte die W�rter aneinander wie Scherben eines kostbaren Gef��es. In diesem Moment durchzuckte Morgon der Name des Harfners; das erste dunkle R�tsel, das der Harfner ihm vor langer Zeit an einem strahlenden Herbsttag im Hafen von Thul aufgegeben hatte. Er schluckte trocken und fragte sich pl�tzlich, was er eigentlich verfolgte.</p><p>Rendel drehte sich in ihrem Sessel und dr�ckte ihr Gesicht in einen Pelzumhang, der �ber seine Lehne hing. Ihre Augen waren geschlossen.</p><p>�Du hast so viele R�tsel gel�st�, murmelte sie. �Wo sonst als auf der Ebene der Winde gibt es ein letztes ungel�stes R�tsel?�</p><p>Sie grub sich tiefer in den Pelz, als Morgon sie zweifelnd betrachtete. Sie regte sich nicht wieder. Astrin nahm ihren Becher, ehe er ihr aus der Hand fallen konnte.</p><p>Unvermittelt stand Morgon auf und durchquerte den kleinen Raum. Er beugte sich �ber Astrins Schreibpult; die Karte von Ymris lag in seinen H�nden.</p><p>�Die Ebene der Winde.� Die schraffierten Gebiete auf der Karte wurden scharf unter seinem Blick. Er ber�hrte eine Insel der Finsternis in Westruhn. �Was ist das?�</p><p>Astrin, der noch immer zusammengekauert am Feuer hockte, stand auf.</p><p>�Eine alte Stadt�, antwortete er. �Sie haben fast alle St�dte der Erdherren in Meremont und Tor genommen und auch in Teilen von Ruhn.�</p><p>�Ist es m�glich, zur Ebene der Winde durchzukommen?�</p><p>�Morgon, ich w�rde allein dorthin marschieren, wenn Ihr es wollt. Aber k�nnt Ihr mir einen Grund nennen, den ich meinen Kriegsherren angeben kann, wenn ich das ganze Heer von Caerweddin abziehe und die Stadt unbewacht lasse, nur um f�r einen Haufen verfallener Ruinen in den Kampf zu ziehen?�</p><p>Morgon sah ihn an. �Kann man durchkommen?�</p><p>�Hier.� Er zog eine Linie, die von Caerweddin abw�rts f�hrte, zwischen Tor und dem dunklen Gebiet im Osten Umbers hindurch. �Allerdings nicht ganz ohne Gefahr.� Er zog die s�dliche Grenze von Meremont nach. �Mathoms Heer steht hier. Wenn wir nur gegen Menschen k�mpften, w�rde ich sagen, da� sie, zwischen zwei riesigen Heeren eingeschlossen, der sicheren Niederlage entgegensehen. Aber ich kann ihre St�rke nicht berechnen, Morgon. Keiner von uns kann das. Sie erobern alles, worauf sie es abgesehen haben, gerade wie es ihnen pa�t. Sie geben nicht einmal mehr vor, mit uns zu k�mpfen; sie �berrennen uns einfach, sobald wir ihnen in den Weg kommen. Das Reich ist ihr Schachbrett, und wir sind die Figuren, mit denen sie spielen�� und die Partie, die sie spielen, scheint unbegreiflich. Gebt mir nur einen Grund, weshalb ich meine Leute nach S�den schicken soll, um bei bitterer K�lte um ein Gebiet zu k�mpfen, in dem seit Jahrhunderten kein Mensch mehr gelebt hat.�</p><p>Morgon ber�hrte einen Punkt auf der Ebene der Winde, wo vielleicht ein einsamer Turm emporragte.</p><p>�Danan zieht mit seinen Bergleuten nach S�den. Und Har mit den Vesta. Und die Morgol mit ihren Wachen. Yrth wollte sie auf der Ebene der Winde haben. Astrin, ist das gut genug? Die Landherrscher des Reiches zu sch�tzen?� �Warum?� Seine Faust fiel krachend auf die Karte, doch Rendel r�hrte sich nicht einmal. �Warum?�</p><p>�Ich wei� es nicht.�</p><p>�Ich werde sie in Marcher aufhalten.�</p><p>�Ihr werdet sie nicht aufhalten. Es zieht sie unwiderstehlich zur Ebene der Winde, genau wie mich, und wenn Ihr auch nur einen von uns im n�chsten Fr�hjahr lebend sehen wollt, dann marschiert mit Eurem Heer nach S�den. Ich habe die Jahreszeit nicht gew�hlt und auch nicht das Heer, das mir quer durch das Reich folgt. Und auch nicht den Krieg. Ich bin��� Er brach ab, als Astrins H�nde sich wiederum um seine Schultern schl�ssen. �Astrin, ich habe keine Zeit mehr. Ich habe zuviel gesehen. Meine M�glichkeiten sind ersch�pft.�</p><p>Das eine gesunde Auge h�tte seinen Geist erkundet, wenn er es ihm gestattet h�tte.</p><p>�Wer trifft dann Eure Entscheidungen?�</p><p>�Kommt auf die Ebene der Winde.�</p><p>Der Prinz lie� ihn los. �Ich werde kommen�, versprach er fl�sternd.</p><p>Morgon wandte sich von ihm ab und setzte sich wieder.</p><p>�Ich mu� fort�, sagte er m�de.</p><p>�Heute nacht noch?�</p><p>�Ja. Ich will ein wenig schlafen und dann aufbrechen. Ich brauche Antworten auf viele Fragen.�</p><p>Er warf einen Blick auf Rendels Gesicht, das halb verborgen war im Pelz; nur die Konturen ihrer Wange und ihres Kinns, �ber das Licht hinspielte, waren unter ihrem Haar zu sehen.</p><p>�Ich werde sie schlafen lassen�, sagte er sehr leise. �Es kann sein, da� sie mir folgt, wenn sie erwacht; sagt ihr, da� sie vorsichtig sein soll, wenn sie �ber die Ebene der Winde fliegt.�</p><p>�Wohin geht Ihr?�</p><p>Rendels Haar verschmolz zu Feuer; seine Augen fielen ihm zu.</p><p>�Aloil suchen. einen Wind suchen.�</p><p>Er schlief traumlos und erwachte einige Stunden sp�ter. Astrin hatte Rendel zugedeckt; sie war kaum noch zu sehen unter den pelzgef�tterten Decken. Astrin, der auf Fellen zwischen ihnen lag, bewachte sie. Er hatte sein Schwert gezogen, und eine Hand ruhte auf der nackten Klinge. Morgon glaubte, er w�re eingeschlafen, doch das frostige Auge �ffnete sich, als Morgon aufstand. Sein Mund blieb stumm. Morgon beugte sich in wortlosem Lebewohl zu ihm hinunter. Dann flog er hinaus in die Nacht.</p><p>Die Nachtwinde umtobten ihn mit w�tendem Fauchen, w�hrend er flog. Auf der Strecke zwischen Caerweddin und der Ebene der Winde wagte er nicht, seinen Geist auszusenden. Der Morgen brachte kalten, grauen Regen �ber B�ume und leblose Felder. Er flog den ganzen Tag, in stetigem Kampf mit den Winden. Im Zwielicht erreichte er die Ebene der Winde.</p><p>In tiefem Flug kreiste er �ber sie hinweg, eine m�chtige Rabenkr�he, die mit bitterem Auge auf die unbeerdigten gefallenen Krieger aus Heureus Heer blickte. Nichts regte sich auf der Ebene. Nicht einmal V�gel oder kleine Aasfresser hatten sich im grimmig kalten Regen eingefunden. �berall auf der Ebene blitzten und glitzerten Waffen in der D�mmerung. Der Regen prasselte auf edelsteinbesetzte Schwerthefte nieder, auf Brustpanzer und Kettenhemden, auf Pferdesch�del und die Skelette von Menschen. Nichts sonst ersp�hte das Auge der Kr�he, w�hrend sie langsam der verfallenen Stadt zustrebte; doch durch die einfachen Instinkte der Kr�he hindurch sp�rte Morgon die schweigende, t�dliche Warnung, die �ber der ganzen Ebene hing.</p><p>Langsam flog er an dem m�chtigen Turm vor�ber, der sich in schwindelnder H�he in die Schw�rze der Nacht hineinschraubte. Er entleerte seinen Geist von allen Gedanken, nahm nur den Duft der feuchten Erde wahr und den m�hsamen, matten Rhythmus seines Fl�gelschlages. Er machte erst Rast, als er die Ebene und die S�dgrenze von Ymris �berflogen hatte und endlich die mittern�chtlichen Feuer von Mathoms Heer sah, das am Flu� unweit der Handelsstra�e lag. Dort ging er zur Erde nieder und suchte Zuflucht unter den m�chtigen, kahlen Eichen, um bis zum Morgen zu rasten.</p><p>Der fr�he Morgen �berzog die Erde mit klirrender K�lte. Er f�hlte es, als er die Gestalt wechselte; sein Atem gefror vor ihm zu einem kleinen, erschreckten W�lkchen. Fr�stelnd folgte er dem Geruch von Holzrauch und hei�em Wein zu den Feuern am Flu�. Tote Krieger von An standen Wache. Sie schienen etwas von An in ihm zu erkennen. Sie musterten ihn mit einem wei�en, augenlosen Grinsen und lie�en ihn ungehindert passieren.</p><p>Er fand Aloil am Feuer vor dem Zelt des K�nigs, wo er sich mit Talies unterhielt. Lautlos gesellte er sich zu den Zauberern und blieb an ihrer Seite stehen, sich am Feuer zu w�rmen. Durch das kahle Ge�st der B�ume hindurch sah er andere Feuer, sah M�nner, die aus den Zelten kamen und stampfend das Blut in ihren Adern in Bewegung brachten. Pferde schnaubten die K�lte aus ihren Lungen, w�hrend sie rastlos an den Seilen zerrten, die sie hielten. Die Zelte, das Zaumzeug der Pferde, die Waffen und die R�cke der M�nner zeigten alle die Kriegsfarben von Anuin: Blau und Violett, mit dem Schwarz des Schmerzes ges�umt. Die Geister der Toten trugen ihre eigenen alten Farben, wenn sie sich �berhaupt die M�he machten, sich mit der Erinnerung ihrer K�rper zu bekleiden. Wie es ihnen beliebte, bewegten sie sich unter den Lebenden, doch die Lebenden, die sich inzwischen an vieles gew�hnt hatten, interessierten sich mehr f�r ihr Fr�hst�ck als f�r die Geister der Toten.</p><p>Morgon, dem endlich wieder warm geworden war, zog Aloils Aufmerksamkeit auf sich, als er begann, dem Gespr�ch der beiden Zauberer zu lauschen. Mitten im Satz brach Aloil ab und richtete seine blauen, brennenden Augen �ber das Feuer hinweg. Die gr�blerische Nachdenklichkeit in seinen Augen verwandelte sich in Erstaunen.</p><p>�Morgon!�</p><p>�Ich suche Yrth�, sagte Morgon. �Astrin hat mir gesagt, da� er bei Euch ist.�</p><p>Talies, dessen schmale Augenbrauen hochgezogen waren, wollte etwas sagen. Dann aber trat er zum Zelt des K�nigs und �ffnete die Klappe. Er rief etwas; Mathom kam auf seinen Ruf ins Freie.</p><p>�Er war eben noch hier�, erkl�rte Talies, und Morgon seufzte. �Er kann nicht weit sein. Wie, in Hels Namen, habt Ihr die Ebene der Winde �berquert?�</p><p>�Bei Nacht. Ich war eine Rabenkr�he.� Seine Augen brachen den schwarzen, forschenden Blick des K�nigs von An.</p><p>Mathom ri� sich seinen Umhang herunter und sagte verdrie�lich: �Bei dieser K�lte gefrieren selbst die nackten Gebeine der Toten.� Er warf Morgon den Umhang um die Schultern. �Wo habt Ihr meine Tochter gelassen?�</p><p>�In Caerweddin. Sie schlief, als ich aufbrach. Sie wird mir folgen, wenn sie erwacht.�</p><p>��ber die Ebene der Winde? Allein? Ihr macht es einander nicht leicht.�</p><p>Er stocherte im Feuer herum, bis die Flammen nach den tiefh�ngenden Zweigen der Eiche z�ngelten.</p><p>Morgon zog den Umhang fester um sich und fragte: �War Yrth bei Euch? Wo ist er hin?�</p><p>�Ich wei� es nicht, ich dachte, er w�re hinausgegangen, um sich einen Becher hei�en Weins zu holen. Dies ist nicht die rechte Jahreszeit f�r alte M�nner. Warum? Ihr seht hier zwei gro�e Zauberer vor Euch, die stehen Euch beide zu Diensten.� Er wartete nicht auf eine Antwort, sondern warf einen fragenden Blick auf Aloil. �Ihr seid doch mit ihm verbunden. Wo ist er?�</p><p>Aloil starrte auf die brennenden Eichenscheite und sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Vielleicht macht er ein Schl�fchen. Sein Geist schweigt. Er ist schnell gereist.�</p><p>�Morgon, wie es scheint, auch�, warf Talies ein. �Warum ist Yrth nicht mit Euch gereist?�</p><p>Morgon, der darauf keine Antwort geben konnte, strich sich nur mit einer unbestimmten Bewegung durch das Haar. Er sah ein pl�tzliches Aufblitzen in den Kr�henaugen.</p><p>�Zweifellos�, bemerkte Mathom, �hatte Yrth seine Gr�nde.</p><p>Ein Mann ohne Augen sieht wunderbare Dinge. Ihr habt in Caerweddin haltgemacht. Sind Astrin und seine Kriegsherren noch immer zerstritten?�</p><p>�Es ist m�glich. Aber Astrin f�hrt das gesamte Heer auf die Ebene der Winde.�</p><p>�Wann?� fragte Aloil. �Mir hat er davon nichts gesagt, und ich war noch vor drei N�chten mit ihm zusammen.�</p><p>�Jetzt.� Und er f�gte hinzu: �Ich habe ihn darum gebeten.�</p><p>Darauf folgte ein Schweigen. Eine der Wachen, eine goldene R�stung �ber den nackten Gebeinen, ritt lautlos am Feuer vorbei. Mathoms Augen folgten dem Geist.</p><p>�Also. Was sieht ein Mann mit einem Auge?� Er beantwortete die Frage selbst, und in seiner Stimme schwang der Schock pl�tzlicher Erkenntnis. �Den Tod.�</p><p>�Dies ist kaum die rechte Zeit f�r R�tsel�, stellte Aloil ungeduldig fest. �Wenn das Gebiet zwischen Umber und Tor frei ist, wird er vier Tage brauchen, um die Ebene zu erreichen. Wenn nicht�� Ihr solltet Euch besser darauf vorbereiten, nach Norden zu marschieren, um ihm notfalls zu Hilfe zu kommen. Er k�nnte das gesamte Heer verlieren, wenn er in eine Falle ger�t, ehe er die Ebene erreicht. Er k�nnte Ymris verlieren. Wi�t Ihr auch, was Ihr tut?� fragte er Morgon. �Ihr habt beeindruckende Kr�fte gewonnen. Aber seid Ihr soweit, da� Ihr sie nach eigenem Ermessen gebrauchen k�nnt?�</p><p>Talies legte ihm eine Hand auf die Schulter.</p><p>�Ihr habt das Hirn eines Ymriskriegers�, stellte er fest, �voll von Muskelkraft und Poesie. Ich bin auch kein R�tselmeister, aber jahrhundertelanges Leben in den Drei Teilen hat mich ein wenig Geistessch�rfe gelehrt. Wollt Ihr endlich h�ren, was der Sternentr�ger sagt? Er zieht die Streitkr�fte des Reiches auf der Ebene der Winde zusammen, und er hat nicht die Absicht, die Schlacht allein zu schlagen. Auf der Ebene der Winde! Astrin hat es gesehen. Yrth hat es gesehen. Das letzte Schlachtfeld.� Schweigend starrte Aloil ihn an. Ein Schimmer schwacher Hoffnung breitete sich widerstrebend auf seinem Gesicht aus.</p><p>�Der Erhabene!� Er richtete seinen Blick wieder auf Morgon.</p><p>�Ihr glaubt, da� er auf der Ebene der Winde ist?�</p><p>�Ich glaube�, entgegnete Morgon leise, �da� wir, wenn wir ihn nicht bald finden, ganz gleich, wo er ist, alle des Todes sein werden. Ich habe ein R�tsel zuviel gel�st.� Er sch�ttelte den Kopf, als beide Zauberer zugleich zu sprechen anfingen. �Kommt auf die Ebene der Winde. Dort will ich Euch alle Antworten geben, die ich wei�. Dorthin h�tte ich gleich gehen sollen, aber ich dachte, ich k�nnte vielleicht��� Er brach ab.</p><p>Mathom vollendete den Satz f�r ihn.</p><p>�Ihr dachtet, Yrth w�re hier. Der Harfner von Lungold.�</p><p>Ein rauher, trockener Laut, wie das Lachen einer Kr�he, kam �ber seine Lippen. Doch er starrte ins Feuer, als s�he er zu, wie die Flammen einen Traum zu Ende woben. Mit einer heftigen Bewegung wandte er sich dann ab, doch Morgon sah seine Augen. Sie waren schwarz und ausdruckslos wie die Augen seiner Toten, die von der Wahrheit bis auf die Knochen ausgeh�hlt waren.</p><p>Im Zwielicht stand Morgon am Rande der Ebene der Winde unter den B�umen und, wartete, w�hrend die Nacht langsam die ver�dete Stadt und das hohe, wispernde Gras in sich aufsog. Seit Stunden schon stand er hier, unbewegt, als h�tte er Wurzeln geschlagen und w�re, ohne es selbst zu merken, zu einer kahlen, windgebeugten Eiche geworden. Der Himmel go� sternenloses Schwarz �ber der Welt aus, bis selbst f�r ihn, der im Dunkeln sehen konnte, die Edelsteinfarben des Turms von Finsternis durchdrungen zu sein schienen. Erst da r�hrte er sich, wurde sich wieder seines K�rpers bewu�t. Als er einen letzten Schritt auf den Turm zuging, teilten sich unerwartet die Wolken. Ein einziger Stern trieb durch die unergr�ndliche Schw�rze hinter ihnen.</p><p>Er stand am Fu� der Treppe und blickte aufw�rts wie damals, als er an einem regnerischen Herbstnachmittag zwei Jahre zuvor den Turm das erste Mal erblickt hatte. Damals, fiel ihm jetzt ein, hatte er sich abgewandt, ohne Neugier zu sp�ren, ohne einen Drang, die endlosen Stufen hinaufzusteigen. Die Treppe war aus Gold, und die Legende sagte, da� sie sich vom Boden der Erde bis in alle Ewigkeit aufw�rts wand.</p><p>Er senkte den Kopf, als k�mpfte er gegen einen scharfen Wind an, und begann den Anstieg. Die W�nde um ihn herum leuchteten in dem samtenen Schwarz, das zwischen den Sternen hing. Die goldenen Stufen wanden sich, in sanfter Steigung aufw�rts f�hrend, um das Herz des Turmes. Als er die Runde das erste Mal beendet hatte und die zweite begann, wich das Schwarz einem satten Rot. Die Winde, gewahrte er, sangen nicht mehr mit den d�nnen, zornigen Stimmen des Tages; ihre Stimmen waren kraftvoll, sehnig. Die Stufen unter seinen F��en schienen aus Elfenbein gehauen.</p><p>Er gewahrte, da� sich die Stimmen der Winde wiederum wandelten, als er die dritte Rundung erreichte. T�ne schwangen in ihnen, zu denen er in der n�rdlichen Ein�de auf seiner Harfe gespielt hatte, und seine H�nde verlangten danach, ihren Gesang zu begleiten. Doch die Kl�nge der Harfe w�rden den Tod bringen, deshalb hielt er seine H�nde still. Im vierten Ring schienen die Mauern aus massivem Gold und die Stufen aus Sternenfeuer gemei�elt. Endlos wanden sie sich aufw�rts; die Ebene, die zerst�rte Stadt entfernten sich weiter und weiter von ihm. Die Winde wurden k�lter, w�hrend er stieg. Als er den neunten Ring erreichte, fragte er sich, ob er einen Berg erklomm. Der Gesang der Winde, die Stufen, die W�nde um ihn herum waren klar wie, geschmolzener Schnee. Die Spiralen wurden enger und enger, und er glaubte, er m��te sich in der N�he der Spitze befinden. Doch als er die n�chste Windung erreichte, wurde er in gespenstische Finsternis gest�rzt, als w�ren die Stufen aus Nachtwind geformt. Die Finsternis schien endlos, doch als er sie endlich hinter sich lie�, stand der Mond genau an der gleichen Stelle, wo er ihn zuletzt gesehen hatte. Weiter stieg er aufw�rts. Die W�nde schimmerten in einem wundersch�nen Morgengrau; die Stufen gl�nzten zartrosa. Die Winde waren schneidend, erbarmungslos und t�dlich. Sie rissen an ihm, bis seine eigene Gestalt zu zerfallen begann. Er stieg weiter, halb Mensch, halb Wind, und die Farben um ihn herum wandelten sich wieder und wieder, bis ihm klarwurde, wie anderen vor ihm klargeworden war, da� er bis in alle Ewigkeit durch ihr wechselndes Spiel wandern konnte.</p><p>Er blieb stehen. Die Stadt lag jetzt so tief unten, da� er sie in der Dunkelheit nicht mehr sehen konnte. Als er aufblickte, war ihm die Spitze des Turmes sehr nahe. Doch so nahe war sie, so schien es ihm, schon seit Stunden. Er fragte sich, ob er durch einen Traum wanderte, der seit Tausenden von Jahren inmitten dieser ver�deten Mauern gestanden hatte. Dann erkannte er, da� es kein Traum war, sondern ein Trugbild, ein uraltes R�tsel, das an den Geist eines lebendigen Wesens gekn�pft war, und da� er die L�sung dieses R�tsels st�ndig bei sich getragen hatte.</p><p>Leise sagte er: �Der Tod.�</p></section><section><title><p><emphasis>Kap. 15</emphasis></p></title><p>Hoch standen die Mauern um ihn, umschlossen ihn. Zw�lf Fenster �ffneten sich in mitternachtsblauem Stein den rastlosen, ewig klagenden Winden. Er f�hlte eine Ber�hrung und fuhr herum, vom Schrecken in seine nat�rliche Gestalt zur�ckgeworfen.</p><p>Der Erhabene stand vor ihm. Er hatte die zerschundenen H�nde des Zauberers und das edle, von Alter und Weisheit geschliffene Gesicht des Harfners. Doch seine Augen waren weder die des Harfners noch die des Zauberers. Es waren die Augen des Falken, wild, offen, von be�ngstigender Kraft. Sie bannten Morgon zur Reglosigkeit. Zum erstenmal in seinem Leben hatte er keinen Mut f�r Fragen; sein Mund war so trocken, da� er nicht sprechen konnte.</p><p>�Ich mu�te Euch finden�, fl�sterte er heiser in das unersch�pfliche Schweigen des Erhabenen hinein. �Ich mu� begreifen.�</p><p>�Du begreifst noch immer nicht.�</p><p>Die Stimme klang von Winden umtost. Dann aber verschlo� der Erhabene seine ehrfurchtgebietende Macht in seinem Inneren und wurde zum ruhigen, gelassenen Harfner, der Morgon vertraut war und dem er Fragen stellen konnte. Der Augenblick der Verwandlung lahmte von neuem Morgons Zunge; er l�ste ein Chaos widerstreitender Empfindungen aus. Morgon bem�hte sich, sie in seine Gewalt zu bekommen. Doch als der Erhabene die Sterne an seiner Seite und in seinem R�cken unwiderruflich zum Leben erweckte, hob er die H�nde und hielt die Arme des Harfners fest.</p><p>�Warum?�</p><p>Wieder legten ihn die Augen des Falken in Bann; er konnte den Blick nicht von ihm wenden. Als l�se er die Erinnerungen in der Tiefe der dunklen Augen, sah er den Ablauf des geheimen, sich �ber Jahrtausende erstreckenden Kampfes, den der Erhabene bald mit den Erdherren, bald mit Ghisteslohm, bald mit ihm, Morgon selbst, ausgefochten hatte. Ein endloses Gespinst war er, aus R�tseln gewirkt. Manche F�den waren so alt wie die Zeit, andere waren mit einem Schritt in die stille Kammer des Zauberers, mit dem Flug eines Schattens �ber das Antlitz des Sternentr�gers gesponnen. Morgons Finger gruben sich tiefer, f�hlten Knochen.</p><p>Ein Erdherr trat allein aus den Schatten eines grausamen, unbeendigten Krieges�� hielt sich Tausende von Jahren verborgen, bald ein Blatt auf sattem, modrigem Waldboden, bald ein Lichtstrahl auf der Rinde einer Fichte. Tausend Jahre lang nahm er dann das Gesicht eines Zauberers an und wiederum tausend Jahre das stille, verschlossene Gesicht eines Harfners, der aus unergr�ndlichen Augen auf die Mi�gestalt der Macht blickte.</p><p>�Warum?� fl�sterte Morgon wieder und sah sich selbst, wie er in Hed auf dem Pier sa� und die Saiten einer Harfe zupfte, die er nicht spielen konnte. Und da fiel pl�tzlich der Schatten des Erhabenen �ber ihn. Der Meereswind oder die Hand des Erhabenen entbl��ten die Sterne an seinem Haaransatz. Der Harfner sah sie, eine Verhei�ung aus einer Vergangenheit, die so alt war, da� sie seinen Namen versch�ttet hatte. Er konnte nicht sprechen; er wob sein Schweigen in R�tsel.</p><p>�Aber warum?� Tr�nen oder Schwei� brannten in seinen Augen. Er wischte die N�sse fort. Und wieder klammerten sich seine H�nde um den Arm des Erhabenen, als wollte er ihn in dieser seiner Gestalt festhalten. �Ihr h�ttet Ghisteslohm mit einem Gedanken t�ten k�nnen. Statt dessen habt Ihr ihm gedient. Ihr! Ihr habt mich ihm ausgeliefert. Wart Ihr so lange sein Harfner, da� Ihr Euren eigenen Namen vergessen hattet?�</p><p>Der Erhabene bewegte sich endlich. Jetzt f�hlte Morgon seine eigenen Arme in unerbittlicher Umklammerung gehalten.</p><p>�Denk nach! Du bist der R�tselmeister.�</p><p>�Ich habe nur den Kampf ausgetragen, zu dem Ihr mich herausgefordert habt. Aber ich wu�te nicht, warum.�</p><p>�Denk nach! Ich fand dich in Hed, unschuldig, unwissend, deiner eigenen Bestimmung nicht gewahr. Du konntest nicht einmal Harfe spielen. Wen gab es in diesem Reich, der deine Augen der Macht h�tte �ffnen k�nnen?�</p><p>�Die Zauberer�, stie� er zwischen zusammengebissenen Z�hnen hervor. �Ihr h�ttet die Zerst�rung von Lungold verhindern k�nnen. Ihr wart dort. Die Zauberer h�tten in Freiheit �berleben und mich auf meine Aufgabe, welcher Art auch immer sie sein mag, vorbereiten k�nnen.�</p><p>�Nein! H�tte ich damals meine Macht eingesetzt, diesen Kampf zu verhindern, so h�tte ich viel zu fr�h den Kampf mit den Erdherren aufnehmen m�ssen. Ich w�re nicht bereit gewesen, und sie h�tten mich vernichtet. Denk an ihre Gesichter! F�hr sie dir vor Augen. Die Gesichter von Erdherren, die du im Erlenstern-Berg gesehen hast. Ich bin einer von ihnen. Die Kinder, die sie einst liebten, wurden unter dem Berg Isig eingemauert. Wie h�ttest du, in all deiner Unschuld und Arglosigkeit, sie verstehen k�nnen? Wie h�ttest du ihre Gier und ihre Gesetzlosigkeit begreifen k�nnen? Wen gab es im Reich, der dich dieses Verstehen h�tte lehren k�nnen? Du wolltest die M�glichkeit der Wahl. Ich gab sie dir. Du h�ttest dir jene Gestalt der Macht zu eigen machen k�nnen, die du von Ghisteslohm lerntest�� eine Macht ohne z�gelnde Gesetze und ohne Liebe. Eine Macht der Zerst�rung. Oder du h�ttest Finsternis in dich hineintrinken k�nnen, bis du ihr Wesen erkannt h�ttest und selbst zu Finsternis geworden w�rst und dennoch mehr verlangt h�ttest. Als du dich aus Ghisteslohms Gewalt befreitest, warum jagtest du da mich und nicht ihn? Er nahm dir die Macht des Landrechts. Ich nahm dir dein Vertrauen und trat deine Liebe mit F��en. Du verfolgtest den, der dir genommen hatte, was dir am teuersten war.�</p><p>Morgons H�nde �ffneten sich und ballten sich wieder zusammen. Sein Atem ging in keuchenden St��en. Er hielt ihn an, lie� ihn sich soweit beruhigen, da� er eine letzte Frage stellen konnte.</p><p>�Was wollt Ihr von mir?�</p><p>�Morgon, denk nach!� Die gleichm��ige, vertraute Stimme war sehr sanft, beinahe unh�rbar. �Du kannst das wilde Herz von Osterland werden, und du kannst Wind werden. Du hast meinen Sohn gesehen, tot und eingemauert im Berg Isig. Du nahmst aus seiner Hand die Sterne deiner eigenen Bestimmung entgegen. Und in all deiner Macht und deinem Zorn fandest du deinen Weg hierher, um mir meinen Namen zu geben. Du bist mein Landerbe.�</p><p>Morgon war wie vom Donner ger�hrt. Er umklammerte den Erhabenen, als w�re der Boden des Turms unter ihm pl�tzlich eingebrochen. Wie aus weiter Ferne h�rte er seine eigene Stimme, die d�nn und tonlos klang.</p><p>�Euer Erbe.�</p><p>�Du bist der Sternentr�ger, der Erbe, dessen Kommen die Toten von Isig voraussahen, auf den ich Jahrhunderte wider alle Hoffnung gewartet habe. Wo, glaubst du, hatte die Macht, die du �ber das Landrecht besitzt, ihren Ursprung?�</p><p>�Ich habe nicht�� ich habe nicht nachgedacht.� Seine Stimme hatte sich zu einem Fl�stern gesenkt. Pl�tzlich mu�te er an Hed denken. �Ihr gebt mir�� Ihr gebt mir Hed zur�ck.�</p><p>�Ich gebe dir das ganze Reich an dem Tag, an dem ich sterbe. Mir scheint, du liebst es, selbst die Geister seiner Toten und die dicksch�dligen Bauern und eisigen Winde���</p><p>Er brach ab, als Morgon aufschluchzte. Tr�nen str�mten Morgon aus den Augen, w�hrend R�tsel sich Faden um schimmernden Faden entwirrten. Die Umklammerung seiner H�nde lockerte sich. Er sank dem Erhabenen zu F��en und kauerte dort, den Kopf gesenkt, die von Narben gezeichneten H�nde auf die Brust gedr�ckt. Er konnte nicht sprechen; er wu�te nicht, welche Sprache von Licht und Dunkel der Falke, der sein Leben so erbarmungslos gestaltet hatte, h�ren w�rde. Wieder dachte er an Hed; es schien dort zu sein, wo sein Herz war�� direkt unter seinen H�nden.</p><p>Dann kniete der Erhabene vor ihm nieder und umschlo� sein Gesicht mit beiden H�nden. Die Augen waren die des Harfners, nachtdunkel, aber nicht mehr still und verschlossen, sondern voller Schmerz.</p><p>�Morgon�, fl�sterte er. �Ich w�nschte, du w�rst nicht einer gewesen, den ich so innig liebte.�</p><p>Er legte seine Arme um Morgon und hielt ihn so fest, wie der Falke ihn gehalten hatte. Er umgab Morgon mit seiner Stille, bis Morgon das Gef�hl hatte, da� der Turm und der gestirnte Himmel nicht aus Blut und Stein und Luft geschaffen waren, sondern aus der Stille und dem Schweigen des Harfners. Er weinte noch immer lautlos, wagte nicht, den Harfner anzur�hren, aus Angst, er k�nnte wiederum die Gestalt wechseln. Etwas Schweres, Dr�ckendes wie tiefer Kummer stieg in seiner Brust auf und quoll in seine Kehle, aber es war nicht Kummer.</p><p>�Was geschah mit Eurem Sohn?� fragte er den Erhabenen in dem Bewu�tsein, seinen Schmerz wenigstens verstehen zu k�nnen.</p><p>�Er wurde im Krieg vernichtet. Die Macht wurde ihm entrissen. Er konnte nicht mehr leben. Er gab dir das gestirnte Schwert.�</p><p>�Und Ihr�� Ihr wart seitdem allein. Ohne Erben. Besa�t nichts als eine Verhei�ung.�</p><p>�Ja. Ich habe Jahrtausende im verborgenen gelebt und hatte keine andere Hoffnung als eine Verhei�ung. Den Traum eines toten Kindes. Und dann kamst du. Morgon, ich habe alles getan, was ich tun mu�te, um dich am Leben zu erhalten. Alles! Du warst meine einzige Hoffnung.�</p><p>�Ihr gabt mir selbst die Ein�den. Ich liebte sie. Und die Nebel von Heran, die Vesta, das Hinterland. Ich bekam Angst, als mir bewu�t wurde, wie sehr ich das alles liebe. Zu jedem Ding und jedem Wesen f�hlte ich mich hingezogen, und ich kam nicht an gegen mein Verlangen��� Der Schmerz durchbohrte seine Brust wie eine Klinge. Er holte keuchend Atem. �Alles, was ich von Euch wollte, war die Wahrheit. Ich wu�te nicht�� ich wu�te nicht, da� Ihr mir alles geben w�rdet, was ich je geliebt habe.�</p><p>Er konnte nicht mehr sprechen. Schluchzen sch�ttelte ihn, bis er nicht mehr wu�te, ob er seine eigene Gestalt aushaken konnte. Doch der Erhabene hielt ihn in ihr fest, beschwichtigte ihn mit seinen H�nden und mit seiner Stimme, bis Morgon ruhig wurde. Er konnte noch immer nicht sprechen; er lauschte den Winden, die wispernd um den Turm tanzten, dem gelegentlichen Klatschen von Regen und Steinen. Sein Gesicht lag an der Schulter des Erhabenen. Er war ruhig, rastete in der Stille des Erhabenen.</p><p>Als er sp�ter wieder sprach, war seine Stimme heiser und m�de, aber auch ruhiger.</p><p>�Ich habe es nie geahnt. Ihr habt mich nie so weit �ber meinen Zorn hinausblicken lassen.�</p><p>�Ich wagte es nicht, dich zuviel sehen zu lassen. Dein Leben war in so gro�er Gefahr, und du warst mir so kostbar. Ich hielt dich mit allen Mitteln, die mir zur Verf�gung standen, am Leben, bediente mich dazu meiner selbst, deines Unwissens, selbst deines Hasses. Ich wu�te nicht, ob du mir je w�rdest vergeben k�nnen, doch alle Hoffnungen des Reiches ruhten in dir, und ich brauchte dich m�chtig, verwirrt, immer auf der Suche nach mir.�</p><p>�Ich�� ich sagte zu Rendel, wenn ich aus der Ein�de k�me, um mit Euch einen R�tselkampf auszutragen, dann w�rde ich verlieren.�</p><p>�Nein. In Herun hast du die Wahrheit aus mir herausgelockt. Da verlor ich gegen dich. Ich konnte alles von dir ertragen, nur nicht dein Zartgef�hl.� Seine Hand strich �ber Morgons Haar und senkte sich, ihn wieder festzuhalten. �Du und die Morgol, ihr habt verhindert, da� mein Herz sich in Stein verwandelte. Ich war gezwungen, alles, was ich ihr je gesagt hatte, zur L�ge werden zu lassen. Und du hast es in Wahrheit zur�ckverwandelt. So hochherzig warst du einem gegen�ber, den du ha�test.�</p><p>�Alles, was ich begehrte, selbst wenn ich Euch am tiefsten ha�te, war irgendeine armselige, kahle, ausged�rrte Entschuldigung, Euch lieben zu k�nnen. Aber Ihr habt mir nur R�tsel gegeben... Als ich glaubte, Ghisteslohm h�tte Euch get�tet, trauerte ich, ohne zu wissen, warum. Als ich in den n�rdlichen Ein�den war und zum Gesang der Winde auf meiner Harfe spielte, zu m�de selbst, um zu denken, da habt Ihr mich durch Eure Anziehungskraft wieder zur�ckgeholt. Ihr gabt mir einen Grund zu leben.�</p><p>Seine H�nde hatten sich langsam ge�ffnet. Er hob die eine beinahe zaghaft zur Schulter des Erhabenen und neigte sich ein wenig r�ckw�rts. Etwas von seiner eigenen tiefen Ermattung zeigte sich in den Augen des Erhabenen und auch die unersch�pfliche, schreckliche Geduld, die ihn so lange allein und unerkannt am Leben erhalten hatte, w�hrend er in der Welt der Menschen von jenen seiner eigenen Art unerbittlich gejagt worden war.</p><p>Morgon senkte wieder den Kopf.</p><p>�Ich wollte Euch sogar t�ten.�</p><p>Die Finger des Harfners ber�hrten seine Wange, strichen ihm das Haar aus den Augen.</p><p>�Du h�ttest nicht auf wirksamere Art verhindern k�nnen, da� meine Feinde mir auf die Spur kamen. Aber wenn du an jenem Tag in Anuin nicht innegehalten h�ttest, dann wei� ich nicht, was ich getan h�tte. H�tte ich meine Geisteskr�fte eingesetzt, dich daran zu hindern, so h�tte danach keiner von uns beiden mehr lange gelebt. H�tte ich aus der Verzweiflung heraus, da� wir uns beide in eine so ausweglose Lage hineinman�vriert hatten, zugelassen, da� du mich t�test, so h�tte die Macht, die in dich �bergegangen w�re, dich vernichtet. Deshalb gab ich dir ein R�tsel, in der Hoffnung, da� es dich zum Nachdenken veranlassen w�rde.�</p><p>�So gut kanntet Ihr mich�, fl�sterte Morgon.</p><p>�Nein. Du hast mich immer von neuem �berrascht�� von Anfang an. Ich bin so alt wie die Steine dieser Ebene. Die pr�chtigen St�dte, die die Erdherren erbauten, wurden von einem Krieg zerst�rt, den kein Mensch h�tte �berleben k�nnen. Dieser Krieg wurde aus einer Art Unschuld geboren. Wir besa�en unerme�liche Macht, und doch verstanden wir nicht das Wesen und die Bedeutung der Macht. Das war der Grund, weshalb mir soviel daran lag, da� du Ghisteslohm verstandest, selbst wenn du mich daf�r ha�test. Du solltest erkennen, weshalb er sich selbst zerst�ren mu�te.</p><p>Wir f�hrten einst ein so friedvolles Leben in diesen wunderbaren St�dten. Sie waren jedem Wechsel des Windes offen.</p><p>Unsere Gesichter wandelten sich mit jeder Jahreszeit. Wir zogen Wissen aus allen Dingen: aus der Stille und Einsamkeit des Hinterlandes ebenso wie aus den tosenden Schneest�rmen, die �ber die n�rdlichen Ein�den hinwegfegten. Erst als es zu sp�t war, erkannten wir, da� die Kr�fte, die in jedem Stein, in jedem Wassertropfen wohnen, sowohl Leben bringen k�nnen als auch Zerst�rung.�</p><p>Er schwieg einen Moment lang, sah Morgon nicht, w�hrend er von einer alten Bitterkeit kostete.</p><p>�Die Frau, die du als Eriel kennst, war die erste, die anfing, Macht zu horten. Und ich war der erste, der das Gesicht der Macht erkannte. Deshalb traf ich eine Entscheidung. Ich fing an, alle Wesen und Dinge der Erde durch ihre eigenen Gesetze an mich zu binden, und gestattete nichts und niemandem, diese Ordnung zu st�ren. Doch ich mu�te k�mpfen, um das Landrecht behalten zu k�nnen, und da lernten wir, was Krieg ist. Das Reich, so, wie du es kennst, h�tte der Gewalt jener Schlachten keine zwei Tage standgehalten. Wir machten unsere eigenen St�dte dem Erdboden gleich. Wir vernichteten einander. Wir vernichteten unsere Kinder, entrissen selbst ihnen die Macht. Ich hatte bereits gelernt, die Winde zu beherrschen, und das war das einzige, was mich rettete. Es gelang mir, die Kr�fte der letzten Erdherren zu fesseln, so da� sie kaum andere Kr�fte gebrauchen konnten als jene, die ihnen von Geburt an mitgegeben waren. Ich trieb sie ins Meer, w�hrend die Erde langsam wieder gesundete. Dann begrub ich unsere Kinder. Die Erdherren stiegen schlie�lich wieder aus dem Meer empor, doch sie konnten sich nicht aus meinem Bann befreien. Und sie konnten mich nicht finden, weil die Winde mich verbargen, immer.</p><p>Aber ich bin sehr alt. Viel l�nger kann ich sie nicht mehr gefesselt halten. Das wissen sie. Ich war schon alt, als ich ein Zauberer namens Yrth wurde, um die Harfe und das Schwert fertigen zu k�nnen, die mein Erbe einmal brauchen w�rde. Ghisteslohm holte sich sein Wissen vom Sternentr�ger bei den Toten von Isig, und er wurde zu einem weiteren Feind, den die Verhei�ung ungeheurer Macht lockte. Er glaubte, wenn er den Sternentr�ger unter seine Gewalt bekommen k�nnte, dann k�nnte er die Macht, die der Sternentr�ger erben sollte, in sich aufnehmen und nicht nur dem Namen nach zum Erhabenen werden. Er w�re daran zugrunde gegangen, aber ich machte mir nicht die M�he, ihm das zu erkl�ren. Als ich erkannte, da� er auf dich wartete, hielt ich ihn unter st�ndiger Beobachtung�� in Lungold zuerst und sp�ter im Erlenstern-Berg. Ich nahm die Gestalt eines Harfners an, der bei der Zerst�rung umgekommen war, und trat in seinen Dienst. Er sollte dir nichts anhaben k�nnen. Als ich dich endlich fand, dort auf dem Pier in Tol, ohne eine Ahnung deiner Bestimmung, zufrieden damit, �ber Hed zu herrschen, eine Harfe in den H�nden, auf der du kaum spielen konntest, und unter deinem Bett die Krone der K�nige von Aum, erkannte ich, da� das letzte, was ich nach diesen endlosen Jahrhunderten der Einsamkeit erwartete, ein Mensch war, der Liebe in mir wecken w�rde.� Wieder schwieg er. Durch den Schleier seiner Tr�nen hindurch sah Morgon sein Gesicht nur als ein bleiches, silbern schimmerndes Oval. �Hed�, sagte er dann. �Kein Wunder, da� dieses Land den Sternentr�ger hervorbrachte, einen F�rsten von Hed mit liebendem Herzen, Herrscher �ber unwissende, starrk�pfige Bauern, die an nichts glaubten als an den Erhabenen.�</p><p>�Ich bin auch jetzt nicht viel mehr als ein unwissender, starrk�pfiger Bauer. Habe ich uns beide vernichtet, indem ich hierher kam, Euch zu finden?�</p><p>�Nein. Dies ist der einzige Ort, wo keiner uns sucht. Aber uns bleibt wenig Zeit. Du hast Ymris �berquert, ohne an sein Landrecht zu r�hren.�</p><p>Morgon senkte die H�nde.</p><p>�Ich wagte es nicht�, antwortete er. �Und das einzige, woran ich denken konnte, wart Ihr. Ich mu�te Euch finden, ehe die Erdherren mich fanden.�</p><p>�Ich wei�. Ich lie� dich in gef�hrlicher Situation zur�ck. Aber du hast mich gefunden, und in mir ist das Landrecht von Ymris geborgen. Du wirst das Wissen und seine Gesetze brauchen. Ymris ist ein Sitz gro�er Macht. Nimm das Wissen aus meinem Geist. Hab keine Angst�, f�gte er hinzu, als er Morgons Gesicht sah. �Ich werde dir nur dieses Wissen geben; nichts, was du noch nicht ertragen kannst. Setz dich.�</p><p>Langsam lie� sich Morgon auf den Steinboden gleiten. Es hatte wieder zu regnen begonnen. Der Wind blies die N�sse durch die �ffnungen in der Turmkammer, doch Morgon war nicht kalt.</p><p>Das Gesicht des Harfners wandelte sich; der Ausdruck gr�blerischer Unruhe wich einem zeitlosen Frieden, w�hrend er sein Reich betrachtete. Morgon sah ihn an und trank gierig von diesem Frieden, bis er eingeh�llt war in seine Stille und der Geist des Erhabenen sein Herz zu ber�hren schien. Er h�rte wieder die tiefe, nachtdunkle Stimme, die Stimme des Falken.</p><p>�Ymris. Hier, auf der Ebene der Winde, wurde ich geboren. Horch auf seine Kr�fte, die sich unter dem Rauschen des Regens, unter den Schreien der Toten regen. Es ist wie du, wild und voller Liebe. Sei still und h�r dem Land zu.�</p><p>Er wurde so still, da� er h�rte, wie sich das Gras unter der Last des Regens bog, da� er die vergangenen Namen aus fr�hen Jahrhunderten h�rte, die hier gesprochen worden waren. Und dann wurde er zu dem Gras.</p><p>Langsam stieg er aus Ymris empor. Dr�hnend h�mmerte sein Herz unter dem Eindruck seiner langen und blutigen Geschichte, und sein K�rper kannte seine gr�nen Felder, wilden Felsk�sten, geheimnisvollen W�lder. Er f�hlte sich so alt wie der erste Stein, der aus dem Erlenstern-Berg herausgehauen worden war, um auf dieser Erde zu liegen, und er wu�te weit mehr, als er je hatte wissen wollen, von den schrecklichen Verheerungen, die der k�rzliche Krieg in Ruhn angerichtet hatte. Er sp�rte eine gro�e, brachliegende Macht in Ymris, vor der er zur�ckgeschreckt war wie vor einem weiten Meer oder m�chtigen Berg, die sein Geist nicht aufnehmen konnte. Doch es barg auch friedliche Ruhe in sich, dieses Land�� einen stillen, geheimnisvollen See, in dem sich vieles spiegelte; W�lder, in denen v�llig schwarze Tiere lebten, die so scheu waren, da� sie starben, wenn das Auge eines Menschen auf sie fiel; seltsame Steine, die einst gesprochen hatten; weite Eichenw�lder an den westlichen Grenzen, deren B�ume sich der ersten Menschen erinnerten, die nach Ymris gekommen waren. Und diese Bilder waren ihm teuer.</p><p>Der Erhabene hatte ihm aus seinem Geist nicht mehr gegeben als die Erkenntnis des Landes Ymris; die gewaltigen Kr�fte, die er in den Augen des Falken erblickt und gef�rchtet hatte, waren noch immer gefesselt.</p><p>Es war der Morgen irgendeines Tages, und Rendel war an seiner Seite. Er war �berrascht.</p><p>�Wie bist du hier heraufgekommen?�</p><p>�Ich bin geflogen.�</p><p>Die Antwort war so einfach, da� sie ihm einen Moment lang nichts sagte.</p><p>�Ich auch.�</p><p>�Du bist die Stufen hinaufgestiegen. Ich bin auf die Spitze geflogen.�</p><p>Sein Gesicht zeigte solche Entgeisterung, da� sie l�chelte.</p><p>�Morgon, der Erhabene gestattete mir, hereinzukommen. Sonst w�re ich die ganze Nacht kr�chzend um den Turm herumgeflattert.�</p><p>Er nickte nur und nahm ihre Hand in die seine. Er sp�rte, da� sie sehr m�de war, und ihr L�cheln erlosch rasch. Etwas Beunruhigendes blieb in ihren Augen zur�ck.</p><p>Der Erhabene stand an einem der Fenster. Im blauschwarzen Stein schimmerte der Widerschein des ersten Lichts. Vor dem grauen Himmel wirkte das Gesicht des Harfners abgespannt. Die Haut spannte sich straff und farblos �ber seine Knochen. Doch die Augen waren die Yrths, lichterf�llt, voller Geheimnis. Lange betrachtete Morgon ihn, ohne sich zu regen, noch immer eingeh�llt in seinen Frieden, bis das vertraute Gesicht mit dem schwachen Silberlicht des Morgens zu verschmelzen schien.</p><p>Der Erhabene drehte sich schlie�lich um und sah ihn an. Ohne ein Wort oder eine Bewegung holte er Morgon einfach mit seinem stummen Wunsch zu sich. Morgon lie� Rendels Hand los und stand steifgliedrig auf. Er durchquerte das Gemach. Der Erhabene legte eine Hand auf seine Schulter.</p><p>�Ich konnte nicht alles aufnehmen�, sagte Morgon.</p><p>�Morgon, die brachliegenden Kr�fte, die du gesp�rt hast, stecken in den Toten der Erdherren; in jenen, die, an meiner Seite k�mpfend, auf der Ebene fielen. Diese Kr�fte werden da sein, wenn du sie brauchst.�</p><p>Tief unter der H�lle des Friedens erhob sich etwas in Morgon bei den Worten des Erhabenen und nahm Witterung auf wie ein blinder Jagdhund.</p><p>�Und die Harfe und das Schwert?� Er sprach ruhig. �Ich verstehe kaum die Kraft, die in ihnen steckt.�</p><p>�Sie wird sich dir von selbst entdecken. Schau!�</p><p>Unter tiefh�ngenden, schweren Wolken zog sich ein wei�er Nebel von Vesta �ber die Ebene. Ungl�ubig starrte Morgon hinunter, lehnte dann sein Gesicht an den k�hlen Stein.</p><p>�Wann sind sie eingetroffen?�</p><p>�Gestern abend.�</p><p>�Wo ist Astrins Heer?�</p><p>�Ein Teil davon wurde zwischen Tor und Umber eingeschlossen, aber die Vorhut kam durch und machte den Weg frei f�r die Vesta und die Wache der Morgol und die Bergleute Danans. Sie kommen hinter den Vesta.� Er las Morgons Gedanken, und seine Hand verkrampfte sich ein wenig. �Ich habe sie nicht herkommen lassen, damit sie k�mpfen.�</p><p>�Warum dann?� fl�sterte Morgon.</p><p>�Du wirst sie brauchen. Du und ich, wir m�ssen diesem Krieg ein schnelles Ende bereiten. Dazu wurdest du geboren.�</p><p>�Wie?�</p><p>Der Erhabene schwieg. Hinter seinem stillen, nach innen gekehrten Blick witterte Morgon eine tiefe M�digkeit und eine unersch�pfliche Langmut, die ihm vertrauter war; die Langmut des Harfners, der wartete, bis Morgon verstand.</p><p>Schlie�lich sagte der Erhabene sehr behutsam: �Der F�rst von Hed und seine Bauern haben sich an der S�dgrenze mit Mathoms Heer vereinigt. Wenn du sie am Leben erhalten willst, dann wirst du einen Weg finden.�</p><p>Morgon wirbelte herum, rannte durch die Kammer, lehnte sich zu einem S�dfenster hinaus, als k�nnte er durch das �stegewirr kahler Eichen hindurch eine wild entschlossene Truppe von Bauern mit Rechen, Hacken und Sensen sehen. Ein Schmerz wallte in seinem Herzen auf, der ihm Tr�nen in die Augen trieb.</p><p>�Er hat Hed verlassen. Eliard hat seine Bauern zu Kriegern gemacht und hat Hed verlassen. Was ist das? Das Ende der Welt?�</p><p>�Er kam, um f�r dich zu k�mpfen. Und f�r sein Land.�</p><p>�Nein.� Er drehte sich um, die H�nde geballt, aber nicht in Zorn. �Er kam, weil Ihr es wolltet. Deshalb ist die Morgol gekommen, deshalb ist Har gekommen. Ihr habt sie hierher gezogen, so wie Ihr mich immer wieder an Euch zieht mit einem Geheimnis, das Euch umgibt wie ein Windhauch. Was ist es? Was verschweigt Ihr mir?�</p><p>�Ich habe dir meinen Namen gegeben.�</p><p>Morgon schwieg. Es begann sachte zu schneien, in schweren, vom Wind getriebenen Flocken. Sie setzten sich auf seine H�nde, brannten, ehe sie sich aufl�sten. Er schauderte pl�tzlich und merkte, da� nichts mehr in ihm danach verlangte, Fragen zu stellen.</p><p>Rendel hatte sich von ihnen beiden abgewandt. Sie wirkte seltsam isoliert in der Mitte des kleinen Raums. Morgon ging zu ihr. Sie hob den Kopf, als er kam, doch ihr Gesicht wandte sich von ihm ab dem Erhabenen zu.</p><p>Er kam zu ihr, als h�tte sie ihn auf die gleiche Art angezogen, wie er Morgon anzog. Er strich ihr eine vom Wind zerzauste Haarstr�hne aus dem Gesicht.</p><p>�Rendel, es ist Zeit, da� Ihr fortgeht.�</p><p>Sie sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Nein.� Ihre Stimme war sehr ruhig. �Ich bin zur H�lfte eine Tochter der Erdherren. Ihr sollt wenigstens eine Eurer Art im Kampf an der Seite haben. Ich werde Euch und Morgon nicht verlassen.�</p><p>�Ihr steht im Auge der Gefahr.�</p><p>�Es war meine eigene Entscheidung, hierher zu kommen. Um bei denen zu sein, die ich liebe.�</p><p>Er war stumm. Einen Moment lang war er nur der Harfner, ein in sich gekehrter, einsamer Mann.</p><p>�Euch�, sagte er leise, �habe ich nie erwartet. So m�chtig, so sch�n, so voller Liebe. Ihr seid wie eines unserer Kinder, die vor unserem Krieg in die Macht hineinwuchsen.� Er hob ihre Hand und k��te sie, �ffnete sie dann, um die kleine Narbe in ihrer Handfl�che zu enth�llen. �Es gibt zw�lf Winde�, sagte er zu Morgon. �Gefesselt, gelenkt sind sie genauere und schrecklichere Waffen als jede andere im ganzen Reich. Ungefesselt k�nnten sie das Reich zerst�ren. Sie sind au�erdem meine Augen und Ohren, denn sie kennen alle Dinge, h�ren alle Worte und Bewegungen, und sie sind �berall. Dieser blitzende Stein, den Rendel in ihrer Hand hielt, war von den Winden geschliffen. Ich tat das eines Tages, als ich mit ihnen spielte, lange ehe ich sie in unserem Krieg einsetzte. Die Erinnerung daran spiegelte sich in dem Stein.�</p><p>�Warum sagt ihr mir das?� Seine Stimme schwankte ein wenig. �Ich kann die Winde nicht beherrschen.�</p><p>�Nein. Noch nicht. Es soll dich nicht k�mmern.� Er legte seinen Arm um Morgons Schultern und zog ihn in seine Stille hinein. �Horch! In dieser Kammer kannst du die Stimmen aller Winde des Reiches h�ren. Lausche meinem Geist.�</p><p>Morgon �ffnete seinen Geist der Stille des Erhabenen. Das unbestimmte, abgerissene Murmeln au�erhalb der Mauern wurde durch den Geist des Erhabenen gefiltert, in all die reinen, sch�nen T�ne seiner gestirnten Harfe gebrochen. Die Kl�nge erf�llten Morgons Herz mit sanften, milden Sommerwinden und mit den brausenden, wilden Winden, die er liebte. Der volle, satte Rhythmus war im Einklang mit dem Pulsen seines Bluts. Erw�nschte, er k�nnte die Harfenkl�nge und den Harfper f�r immer in diesem Augenblick festhalten.</p><p>Die Harfenkl�nge verstummten. Er konnte nicht sprechen. Er w�nschte, der Erhabene w�rde sich nicht r�hren. Doch der Arm auf seiner Schulter hob sich. Der Erhabene sah ihn an.</p><p>�Jetzt�, sagte er, �m�ssen wir uns zur Schlacht r�sten. Ich m�chte, da� du Heureu Ymris findest. Diesmal warne ich dich: Wenn du seinen Geist anr�hrst, schnappt eine Falle zu, die dir gestellt wurde. Die Erdherren werden dann wissen, wo du bist und da� der Erhabene bei dir ist. Du wirst wieder Krieg auf der Ebene der Winde entfachen. Sie besitzen kaum eigene geistige Kr�fte�� die halte ich gefesselt; aber sie beherrschen Ghisteslohms Geist, und es kann sein, da� sie sich seiner Zauberkr�fte bedienen, um dir etwas anzutun. Ich werde jeden Bann, den er legt, brechen.�</p><p>Morgon drehte den Kopf und sah Rendel an; ihre Augen sagten ihm, was er schon wu�te�� da� nichts, was er sagen oder tun w�rde, sie veranlassen konnte, ihn und den Erhabenen zu verlassen. In stummem Einverst�ndnis, das ihr und dem Erhabenen galt, neigte er den Kopf. Dann lie� er seinen Geist aus der Stille hinausfliegen und hinuntersteigen in die feuchte Erde auf der Ebene. Er ber�hrte einen Grashalm und nahm ihn von den feinen Haarwurzeln bis zu seiner Spitze in sich auf. Und da er, ein winziger Bestandteil des Landrechts von Ymris, auch in Heureus Geist verwurzelt war, wurde er Morgons Verbindung mit dem K�nig von Ymris.</p><p>Er sp�rte einen unaufh�rlich nagenden Schmerz, einen Aufruhr ohnm�chtigen Zorns und w�tender Verzweiflung. Er h�rte das ferne, hohlt�nende Branden des Meeres. Er hatte jeden Fels und Stein entlang der ganzen K�ste gelernt, und er erkannte die Stelle an der K�ste von Meremont. Er roch feuchtes Holz und nasse Asche. Der K�nig lag in einer halb abgebrannten Fischerh�tte am Strand, nicht mehr als ein oder zwei Meilen von der Ebene der Winde entfernt.</p><p>Morgon wollte aufblicken und sprechen. Da flutete die See �ber ihn hinweg und �berschwemmte alle seine Gedanken. Durch einen langen, finsteren Gang schien er direkt in Ghisteslohms fremdartige, goldgesprenkelte Augen zu blicken.</p><p>Er sp�rte den Blitz verwunderten Erkennens, der in dem gefesselten Geist emporzuckte. Dann packte ihn ein fremder Geist, und die Augen des Zauberers stachen brennend in ihn hinein, um ihn auszuleuchten. Die Fesseln, die sich um seinen Geist gelegt hatten, wurden zerrissen. Morgon taumelte. Der Erhabene umfa�te seine Schulter und hielt ihn fest. Er wollte etwas sagen, doch die Falkenaugen lie�en ihn nicht.</p><p>Er wartete, w�hrend sein Herz wie rasend klopfte. Rendel, wartend wie er selbst, schien wieder fern und unzug�nglich, als geh�rte sie einem anderen Teil der Welt an. Ihn verlangte verzweifelt danach, zu sprechen, das Schweigen zu brechen, das sie alle in Reglosigkeit gefangenhielt, als w�ren sie aus Stein. Doch er schien gebannt, ohnm�chtig, dem Willen des Erhabenen ausgeliefert.</p><p>Bewegung lie� die Luft erzittern; dann noch eine Bewegung. Die dunkle Frau von exquisiter Sch�nheit, die Morgon als Eriel kannte, die Tochter der Erdherren, stand vor ihnen. Und neben ihr stand Ghisteslohm.</p><p>Staunen und Ehrfurcht spiegelten sich in den Augen der Frau, als sie den Harfner erkannte. Der Zauberer, der dem Erhabenen, den er so lange gesucht hatte, endlich von Angesicht zu Angesicht gegen�berstand, h�tte beinahe den Bann zerbrochen, der seinen Geist gefangenhielt. Ein feines L�cheln blitzte in den Falkenaugen auf, eisig wie das Herz der n�rdlichen Ein�den.</p><p>�Selbst der Tod, Meister Ohm, ist ein R�tsel�, sagte er.</p><p>Schwarze Wut verfinsterte Ghisteslohms Augen. Eine gewaltige Kraft schleuderte Morgon quer durch die Turmkammer. Er schlug gegen die dunkle Wand; sie gab unter dem Aufprall seines K�rpers nach, und er st�rzte in einen phosphoreszierenden, schwarzblauen Nebel des Trugs. Er h�rte Rendel schreien, und dann sah er eine Kr�he auffliegen. Er versuchte, sie zu fassen zu bekommen, doch sie flatterte ihm aus den H�nden. Ein fremder Geist umklammerte den seinen. Augenblicklich wurden die Fesseln zerrissen. Ein Kraftsto�, den er nicht sp�rte, scho� blitzend auf ihn zu und wurde aufgesogen. Er sah wieder Ghisteslohms Gesicht, verschwommen im gespenstischen Licht. Er sp�rte eine grobe Hand an seiner Seite und schrie auf, obwohl er nicht wu�te, was ihm entrissen worden war. Dann w�lzte er sich auf den R�cken und erblickte das gestirnte Schwert in Ghisteslohms H�nden. Endlos schwang es aufw�rts, sammelte Licht und Schatten in sich, bis die Sterne hoch �ber Morgon Feuer und Finsternis spr�hten. Er konnte sich nicht bewegen; die Sterne hielten seine Augen fest und seine Gedanken. Er sah, wie sie den h�chsten Punkt ihres Bogenlaufs erreichten und stillstanden, ehe sie sich im rasenden Abw�rtsschwung verwischten. Und da sah er pl�tzlich wieder den Harfner, der so ruhig wie damals im K�nigssaal von Anuin unter den fallenden Sternen stand.</p><p>Ein Schrei brach aus Morgon heraus. Mit entsetzlicher Geschwindigkeit sauste das Schwert herunter und traf den Erhabenen. Es durchbohrte sein Herz und zersprang dann in Ghisteslohms H�nden.</p><p>Morgon, der endlich frei war und sich wieder bewegen konnte, fing den Erhabenen auf, als er st�rzte. Er konnte nicht atmen. Schmerz bohrte sich wie eine Schwertklinge in sein eigenes Herz. Der Erhabene umklammerte seine Arme. Seine H�nde waren die verkr�ppelten H�nde des Harfners und die zerschundenen H�nde des Zauberers. Er m�hte sich ab, trotz der Anstrengung zu sprechen. Sein Gesicht wechselte unter Morgons Tr�nen immer wieder die Z�ge. Morgon zog ihn n�her an sich heran. Er sp�rte, wie sich etwas in ihm aufstaute, das wie ein Wahnsinnsschrei von Schmerz und Wut war. Doch der Erhabene begann schon, sich aufzul�sen. Mit einer Hand, die aus rotem Stein oder Feuer geformt zu sein schien, ber�hrte er die Sterne auf Morgons Gesicht.</p><p>Er fl�sterte Morgons Namen. Seine Hand glitt hinunter zu Morgons Herz.</p><p>�Befreie die Winde.�</p></section><section><title><p><emphasis>Kap. 16</emphasis></p></title><p>Ein Schrei, der kein Schrei war, sondern eine Windesstimme, l�ste sich aus Morgon. Der Erhabene wandelte sich unter seinen H�nden zu Feuer und dann zu einer Erinnerung. Das Br�llen, das aus ihm hervorge-brochen war, raste in donnerndem Widerhall durch den Turm�� ein gewaltiger, tiefer Ton, der unentwegt anschwoll, bis die Steine rundum zu beben begannen. Winde r�ttelten am Turm. Im Chaos der wilden, wunderbaren Stimmen, die ihn umtob-ten, konnte Morgon seine eigene Stimme nicht ausmachen. Er griff nach seiner Harfe. Die Sterne auf ihr waren nacht-schwarz geworden. Er lie� seine Hand oder den messerschar-fen Hauch eines Windes �ber die Saiten gleiten, und sie zerris-sen. Als die tiefe Saite mit einem klagenden Ton ri�, barsten Stein und Trugbild von Stein, die ihn umgaben, und st�rzten zur Erde nieder.</p><p>Winde, die die Farben von Stein, Feuer, Gold und Nacht hatten, drehten sich kreiselnd um ihn und jagten davon. Der Turm brach mit donnerndem Br�llen zu einer riesigen steinernen Gruft zusammen. Morgon wurde ins hohe Gras geschleudert, wo er auf H�nden und Knien liegenblieb. Weder die Kr�fte Ghisteslohms noch die Eriels konnte er irgendwo ausmachen. Es war, als h�tte der Erhabene sie in jenem letzten Augenblick f�r immer an seinen Tod gebunden. Schneeflocken wirbelten um ihn, schmolzen, sobald sie die Erde ber�hrten. Der Himmel war totenbleich.</p><p>Das,Wissen um das Land, das er in sich trug, spaltete sich in seinem Geist in ein Gest�ber von Fragmenten. Er h�rte die Stille der Graswurzeln unter seinen H�nden; aus den starren Augen eines Toten von An, der am Rande der Ebene stand, blickte er auf die Tr�mmer des Turms der Winde. Ein m�chtiger Baum sank im Regen aus einem nassen Berghang im Hinterland langsam zur Seite; er sp�rte, wie seine Wurzeln sich st�hnend aus der Erde l�sten, als er st�rzte. Ein Trompeter in Astrins Heer hob sein goldblitzendes Instrument an den Mund. Die Empfindungen und Gedanken der Landherrscher verflochten sich in Morgons Geist, waren voller Schmerz und Angst, wenn auch die Landherrscher selbst nicht wu�ten, warum. Das ganze Reich schien sich dort im Gras unter seinen H�nden zu formen, schien an ihm zu ziehen, bis sein Geist sich von den kalten, einsamen Ein�den bis zum reichgeschm�ckten Hof von Anuin spannte. Er war Stein und Wasser, ein sterbendes Feld, ein Vogel, der gegen den Wind k�mpfte, ein K�nig, der verwundet und verzweifelt am Strand unterhalb der Ebene der Winde lag; er war in den Vesta, in den Geistern der Toten und tausend zart gesponnenen Geheimnissen, in scheuen Hexen und sprechenden Schweinen, in einsam emporragenden T�rmen, f�r die er in seinem Geist Raum schaffen mu�te.</p><p>Der Trompeter setzte sein H�rn an die Lippen und blies. Im selben Moment donnerte ein Gro�er Schrei aus den M�ndern der Krieger von An �ber die Ebene. Die Ger�usche, der Ansturm von Wissen und Erkenntnis, der tiefe Schmerz �ber den Verlust, den das Reich erlitten hatte, �berw�ltigten Morgon pl�tzlich. Wieder schrie er auf, w�hrend er sich auf die Erde niederfallen lie� und das Gesicht im nassen Gras vergrub.</p><p>Kraftst��e fuhren durch ihn hindurch und ersch�tterten die Bindungen, die er mit der Erde gekn�pft hatte. Er erkannte, da� der Tod des Erhabenen alle Kr�fte der Erdherren freigesetzt hatte. Er sp�rte ihren Geist, der so alt und so wild war wie Feuer und Meer, sch�n und todbringend, darauf gerichtet, ihn zu vernichten. Er wu�te nicht, wie er sie bek�mpfen sollte. Ohne sich zu bewegen, sah er sie mit dem Auge seines Geistes, wie sie aus dem Meer emporstiegen und �ber die Ebene der Winde schw�rmten, wogend wie eine Flutwelle in den Gestalten von Menschen und Tieren. Und ihr Geist eilte ihnen witternd voraus. Immer wieder drangen sie in ihn ein, entwurzelten Wissen in seinem Geist, zerrissen Bindungen, die zu seinem Erbe geh�rten. Sein Wissen um B�ume in den Eichenw�ldern, um Vesta, um Ackerg�ule in Hed, um die Bauern in Ruhn begann Funken um Funken zu verl�schen.</p><p>Er empfand es als eine andere Art von Verlust, schrecklich und best�rzend. Er versuchte, dagegen anzugehen, w�hrend er zusah, wie die Woge sich n�her w�lzte, doch es war nicht anders, als wollte er die Flut daran hindern, ihm Sandk�rnchen aus den H�nden zu sp�len.</p><p>Astrins und Mathoms Heere st�rmten von Norden nach S�den �ber die Ebene. Leuchtend wie sterbende Herbstbl�tter hoben sich ihre Kriegsfarben vom bleichen Winterhimmel ab. Sie w�rden alle vernichtet werden, selbst die Toten. Morgon wu�te es. Kein lebendes Bewu�tsein, keine Erinnerung von Toten konnte unter dem Ansturm der Macht �berleben, die sich auch von seinen Kr�ften speiste. Mathom ritt an der Spitze seiner Krieger; in den B�umen schickte sich Har an, die Vesta auf die Ebene hinauszuschicken. Danans Bergleute, flankiert von den Wachen der Morgol, setzten sich in Bewegung, um Astrins Heer zu folgen. Er wu�te nicht, wie er ihnen helfen sollte. Dann sah er, da� im S�dosten, am Rand der Ebene, Eliard und die Bauern von Hed, nur mit H�mmern und �xten und grimmiger Entschlossenheit bewaffnet, auf die Ebene hinausmarschierten, um ihn zu retten.</p><p>Er hob den Kopf. Ein fremder Geist senkte sich �ber den seinen, und die Bilder, die er wahrgenommen hatte, verschwammen. Das ganze Reich schien sich zu verfinstern; Teile seines Lebens entglitten ihm. Er versuchte, sie festzuhalten, die H�nde ins Gras gekrallt, w�hrend das schreckliche Gef�hl ihn �berkam, da� alle Hoffnung, die der Erhabene in ihn gesetzt hatte, umsonst gewesen war. Da �ffnete sich in einem geheimen Winkel seines Geistes eine T�r. Er sah Tristan auf die Veranda von Akren hinaustreten. Sie fr�stelte ein wenig im kalten Wind, und die Augen, die zum Festland blickten, waren dunkel und voller Furcht.</p><p>Mit der ganzen unersch�tterlichen Hartn�ckigkeit, die die kleine Insel ihm mitgeben konnte, schob er sich hoch, zuerst auf die Knie, dann auf die F��e. Ein Windsto� schlug ihm fauchend ins Gesicht; er konnte kaum das Gleichgewicht halten unter seinem w�tenden Ansturm. Er stand mitten im Herzen des Chaos. Rund um ihn herum st�rmten Lebendige und Tote auf der einen Seite, Erdherren auf der anderen, dem t�dlichen Zusammensto� entgegen; das Wissen um das Landrecht des Reiches wurde ihm St�ck um St�ck entrissen; er hatte die Winde befreit. Sie tobten br�llend �ber das Reich, sprachen von W�ldern, deren B�ume unter ihrer Gewalt zu knicken drohten, von zertr�mmerten D�rfern und abgedeckten D�chern. Das Meer stieg, es w�rde Heureu t�ten, wenn er�� Morgon�� nicht handelte. Eliard w�rde sterben, wenn er ihn nicht zur�ckhalten konnte. Er versuchte, Eliards Geist zu erreichen, doch w�hrend er suchend �ber die Ebene schweifte, verfing er sich nur in einem Netz anderer Gedanken.</p><p>Wie eine Flutwelle, die Gras und B�sche entwurzelt, entrissen sie ihm Wissen und Macht. Es schien kein Entrinnen vor ihnen zu geben; kein Bild des Friedens wollte sich in seinem Geist formen, sie abzuwehren. Dann sah er vor sich etwas glitzern. Es war seine zerbrochene Harfe, die im Gras lag. Ihre Saiten, von den Winden gespielt, blitzten stumm.</p><p>Ein m�chtiger, unverf�lschter Zorn, der nicht sein eigener war, durchloderte ihn pl�tzlich und verbrannte alle Fesseln, die seinen Geist gefangenhielten, zu nichts. Danach war sein Geist so klar wie der Glanz der Sonne. Er fand Rendel neben sich, die ihn einen fl�chtigen Moment lang mit ihrem Zorn befreit hatte, und er h�tte vor ihr auf die Knie fallen m�gen daf�r, da� sie noch lebte, daf�r, da� sie an seiner Seite war. In jenem Augenblick, den sie ihm geschenkt hatte, erkannte er, was er tun mu�te.</p><p>Dann prallten die Kr�fte des Reiches vor ihm aufeinander. Skelette von Toten, schimmernde Kettenhemden und blitzende Schilde von Lebenden, Vesta, so wei� wie der Schnee, der vom Himmel herabfiel, die Wachen der Morgol mit ihren schlanken Speeren aus Silber und Eschenholz trafen auf die Erdherren, die voll erbarmungsloser, unmenschlicher Macht waren.</p><p>Zum erstenmal h�rte er den jammervollen Schrei einer Vesta im Tode, ein klagender Ruf nach ihren Gef�hrten. Er sp�rte, wie die Namen der Toten aus seinem Geist gel�scht wurden wie Kerzen vom Wind. M�nner und Frauen k�mpften mit Speeren und Schwertern, mit Pickeln und �xten gegen einen Feind, der keinen Augenblick ein und dieselbe Gestalt beibehielt, sondern mit st�ndiger flie�ender Wandlung seiner �u�eren Erscheinung den Gegner in Verzweiflung und Tod st�rzte. Morgon f�hlte, wie sie starben, Teile seiner selbst. Danans Bergleute brachen zusammen wie m�chtige B�ume. Die Bauern von Hed, die sich einem Feind gegen�bersahen, der alle ihre Vorstellungen sprengte, da nichts in der friedlichen Geschichte ihrer Insel sie je hatte ahnen lassen, da� es solche Wesen gab, schienen zu verwirrt, um sich auch nur zu verteidigen. Ihre Leben wurden Morgon wie in ihm verwurzelte Pflanzen entrissen. Die ganze Ebene schien wie ein br�llendes, sich aufb�umendes Tier, und ein Teil seiner selbst k�mpfte ohne Hoffnung auf �berleben gegen den finsteren, hinterh�ltigen Feind, den man nicht fassen konnte und der den Tod des Reiches beschlossen hatte. In den kurzen Augenblicken der Schlacht sp�rte er den ersten der Landherrscher sterben.</p><p>Er f�hlte den Kampf in Heureus Geist, als dieser, verwundet und hilflos, versuchte, den w�tenden Aufruhr in seinem Land zu begreifen. Sein K�rper war nicht kr�ftig genug f�r solche Qual. Er starb allein, in den Ohren das Tosen der Brandung und die Schreie der Sterbenden auf der Ebene der Winde. Morgon sp�rte, wie die Lebenskraft aus dem K�nig in die Erde von Ymris zur�ckstr�mte. Und auf dem Schlachtfeld wurde Astrin, der um sein Leben k�mpfte, pl�tzlich von einem �berw�ltigenden Schmerz heimgesucht, und alle Landinstinkte erwachten in ihm.</p><p>Sein Schmerz lie� den von Morgon um den Erhabenen, um Heureu, um das Reich wieder aufleben, das seiner Hege anvertraut war und in ihm starb. Sein Geist �ffnete sich mit einem klagenden Harfenton, der auch ein Ruf war�� ein Ruf an einen S�dwind, der heulend �ber das Hinterland fegte. Ton um Ton rief er die entfesselten Winde zur Ebene der Winde zur�ck.</p><p>Klirrend vor K�lte kamen sie aus den n�rdlichen Ein�den zu ihm; regenschwer aus dem Hinterland; von Salz- und Schneeduft geschw�ngert vorn Meer; nach feuchter Erde riechend aus Hed. Sie rasten. Sie dr�ckten das Gras von einem Ende der Ebene zum anderen zur Erde nieder. Sie schleuderten seinen K�rper in die Luft und entwurzelten Eichen am Rande der Ebene. Sie beweinten die Finsternis seines Schmerzes, zerrissen die Luft mit ihrem schrillen, wimmernden Klagen. Sie stoben die Heere vor sich auseinander wie Spreu. Reiterlose Pferde jagten vor ihnen her. Tote zerschmolzen in Erinnerung; Schilde wirbelten wie Bl�tter durch die Luft; M�nner und Frauen lagen auf der Erde und versuchten kriechend, den Winden zu entkommen. Selbst die Erdherren wurden in ihrem Ansturm aufgehalten; gleich, welche Gestalt sie annahmen, gegen die Winde konnten sie nichts ausrichten.</p><p>Morgons Geist war in Harfent�ne gebrochen. Verbissen k�mpfte er darum, sie in eine Ordnung zu zwingen. Der dr�hnende Nordwind sandte seinen tiefen Ton durch ihn hindurch, und Morgon lie� ihn in seinem Geist anschwellen, bis dieser wie eine Harfensaite vibrierte. Da gab der Wind ihn schlie�lich frei. Er zog eine andere Stimme in sich hinein, die d�nne, feurige Stimme eines Windes aus dem fernsten Hinterland. Mit einem s��en, schrecklichen Ton durchgl�hte sie seinen Geist. Er gl�hte mit ihr und nahm sie in sich auf. Ein dritter Wind, der �ber das Meer tobte, jagte ein wildes Lied durch ihn hindurch. Er sang mit ihm, wandelte die Stimme in ihm, in den Winden, in Sanftheit. Die st�rmischen Wogen, die gegen die K�sten von Hed brandeten, legten sich langsam. Ein anderer Wind wob sein Lied durch seinen Geist. Er war aus der Winterstille des Isig-Passes gesponnen und den Harfenkl�ngen, die noch immer in der Finsternis des Erlenstern-Bergs widerklangen. Er flocht die Stille und die Finsternis in sein eigenes Lied.</p><p>Der geistigen Kr�fte der Erdherren war er kaum gewahr, w�hrend er um die Herrschaft der Winde rang. Die Macht der Winde erf�llte ihn, k�mpfte mit ihm und sch�tzte ihn doch auch. Kein Geist auf der Ebene h�tte ihn anr�hren k�nnen, durchdrungen wie er war von den St�rmen und Winden. Ein fernes Auge in seinem Geist war auf das Reich gerichtet, dem er verbunden war. Krieger flohen in die Grenzw�lder. Sie mu�ten ihre Waffen zur�cklassen. Nicht einmal die Verwundeten konnten sie mitnehmen. Bis nach Caithnard, Caerweddin und Hed war das Fauchen und Br�llen und Wimmern seines Kampfes mit den Winden zu h�ren. Die Zauberer hatten die Ebene verlassen; er sp�rte das Vergehen ihrer Kr�fte, als sie Verwirrung und Angst in sich hineinlie�en. Das graue Licht der Abendd�mmerung wob Schleier �ber die Ebene, und dann kam die Nacht, und er rang mit den kalten, z�hen Winden der Dunkelheit, die mit Wolfsstimmen heulten.</p><p>Er legte die Winde in Fesseln und zwang ihnen seine Macht auf. Er h�tte einen Ostwind auf den innersten Punkt der Steingruft neben sich loslassen k�nnen, um die Tr�mmer �ber die ganze Ebene zu verstreuen. Er h�tte eine Schneeflocke von der Erde aufheben oder eine der gefallenen Wachen, die unter einer d�nnen Schneedecke lagen, umdrehen k�nnen, um ihr Gesicht zu sehen.</p><p>Rund um die Ebene brannten die ganze Nacht Hunderte von Feuern; M�nner und Frauen des Reiches warteten schlaflos im Schein der Flammen, w�hrend er mit den verrinnenden Stunden um die Entscheidung �ber ihr Schicksal rang. Sie versorgten ihre Verwundeten und fragten sich, ob sie den �bergang der Macht vom Erhabenen auf seinen Erben �berleben w�rden.</p><p>Endlich kam der Morgen.</p><p>Wie ein einsames Auge starrte er durch wei�en Nebel auf ihn herab. Er zog sich in sich selbst zur�ck, in den H�nden die gefesselten Winde. Er war allein auf einer stillen Ebene. Die Erdherren hatten ihr Schlachtfeld ostw�rts verlegt, zogen jetzt durch Ruhn. Einen Moment lang stand er reglos da und fragte sich, ob er eine einzige Nacht oder ein Jahrhundert von N�chten durchlebt hatte. Dann zog er seinen Geist von der Nacht ab und sandte ihn aus, den Weg der Erdherren zu erkunden.</p><p>Sie waren quer durch Ruhn geflohen. St�dte und Bauernh�fe, D�rfer und H�user von Edelleuten lagen in Tr�mmern; Felder, W�lder und Obstpflanzungen waren vernichtet. Menschen und Tiere, die in den Sog ihrer geistigen Kr�fte gerieten, waren get�tet worden. W�hrend sein Geist �ber das verw�stete Land schweifte, r�hrte sich in ihm eine Harfenweise. Die Winde in seiner Hand erwachten bei den Kl�ngen, erhoben sich in gef�hrlichem Zorn, rissen ihn aus seinem K�rper, bis er halb Mensch, halb Wind war, ein Harfner, der auf einer Harfe ohne Saiten ein Todeslied spielte.</p><p>Da lie� er all die Kr�fte aufstehen, die unter den herrlichen alten St�dten �berall in Ymris begraben lagen. Er hatte sie im Geist des Erhabenen gesp�rt, und jetzt wu�te er endlich, warum die Erdherren um den Besitz ihrer alten St�dte gek�mpft hatten. Sie waren alle Gr�ber, zertr�mmerte Denkm�ler ihrer Toten. Jahrtausende hatten die Kr�fte unter der Erde geschlafen. Doch wie die Geister der Toten von An konnten auch die Geister der toten Erdherren durch Erinnerung geweckt werden, und Morgon, dessen Geist tief unter die Steine drang, ri� sie mit seinem Schmerz gewaltsam aus ihrem Schlaf. Er sah sie nicht. Doch auf der Ebene der Winde und auf der Ebene von K�nigsmund, in den Ruinenst�dten von Ruhn und Ost-Umber schwoll eine Kraft, die �ber den steinernen Tr�mmern hing wie die unheimliche, bedrohlich knisternde Spannung vor dem ersten krachenden Donner eines Gewitters. �berall in Ymris war diese Spannung zu sp�ren. Keiner sprach; alle warteten.</p><p>Morgon wehte �ber die Ebene der Winde. Ein Heer von toten Erdherren folgte ihm, schwebte �ber Ymris hinweg, auf der Suche nach den lebenden Erdherren, um einen Krieg zu beenden. Winde st�berten die Erdherren aus Stein und Blatt auf, in deren Gestalten sie Zuflucht gesucht hatten; die Toten trieben sie stumm und erbarmungslos aus dem Land, das sie einst geliebt hatten. Sie jagten durch das Hinterland, durch regennasse, dunkle W�lder, �ber kahle H�gel, �ber die eisstarren Seen von Lungold. Von den Winden gef�hrt und von den Toten gefolgt, blieb Morgon ihnen unerbittlich auf den Fersen und hetzte sie �ber die Schwelle des Winters. So erbarmungslos, wie einst sie ihn gejagt hatten, trieb er sie jetzt dem Erlenstern-Berg zu.</p><p>Noch ein letztes Mal versuchten sie, ihn niederzuk�mpfen, als er sie ins Innere des Berges zwang. Doch die Toten erhoben sich um ihn wie Stein, und die Winde fielen sie w�tend an. Er h�tte sie vernichten, ihnen alle Macht entrei�en k�nnen, so wie sie das bei ihm versucht hatten. Doch etwas von ihrer Sch�nheit hatte sich in Rendel bewahrt. Es lie� ihn ahnen, was sie h�tten sein k�nnen, und er brachte es nicht �ber sich, sie zu t�ten. Er r�hrte nicht einmal ihre geistigen Kr�fte an. Er trieb sie in den Erlenstern-Berg, wo sie sich vor ihm in die Gestalt von Wasser und Edelstein fl�chteten. Er verschlo� den ganzen Berg�� alle Sch�chte und verborgenen Quellen, die Oberfl�che der Erde und den Grund aus Fels und Stein�� mit seinem Namen. Und die Toten band er in B�ume und Stein, Licht und Wind rund um den Berg, ihn zu bewachen. Dann lie� er die Winde spielen, und sie �berzogen von Norden her das ganze Reich mit Winter.</p><p>Danach kehrte er von Erinnerungen getrieben auf die Ebene der Winde zur�ck. Sie war vollkommen mit Schnee bedeckt. Unter den B�umen rundherum stiegen zahllose Rauchfahnen in die Luft. Niemand hatte die Ebene verlassen. M�nner, Frauen und Tiere waren geblieben, seine R�ckkehr zu erwarten. Sie hatten ihre Toten begraben und Nachschub kommen lassen; sie waren ger�stet, den Winter hier auf dieser Ebene zu verbringen, die sie gefesselt hielt.</p><p>Neben der Ruine des Turms trat Morgon in seiner nat�rlichen Gestalt aus den Winden. Er h�rte die Stimme der Morgol, die mit Goh sprach. Er sah Har, der den Knochen am gebrochenen Lauf einer Vesta pr�fte. Er wu�te nicht, ob Eliard noch am Leben war. Langsam hob er den Kopf und blickte auf das riesige steinerne Grab und trat in seinen Schmerz hinein. Er dr�ckte sein Gesicht an einen der kalten, sch�nen Steine und umspannte ihn mit den Armen, w�hrend ihn danach verlangte, die ganze Gruft zu umschlie�en, in sein Herz aufzunehmen. Er f�hlte sich pl�tzlich gefesselt, als w�re er der Geist eines Toten, und als w�re seine ganze Vergangenheit unter diesen Steinen begraben.</p><p>W�hrend er dort in seiner Trauer stand, kamen langsam die ersten Menschen �ber die Ebene geschritten. Er sah sie, ohne zu denken, mit dem Auge seines Geistes: winzige Gestalten, die �ber die leere, schneebedeckte Ebene schw�rmten. Als er sich schlie�lich umdrehte, sah er, da� sie ihn in einem Kreis tiefen Schweigens umgaben.</p><p>Sie waren, da� sp�rte er, so zu ihm hingezogen worden, wie er immer zu Thod hingezogen worden war: ohne Grund, ohne Frage, einfach aus Instinkt. Die Landherrscher des Reiches und die vier Zauberer standen ruhig an seiner Seite. Sie wu�ten nicht, was sie sagen sollten, w�hrend er dort in all seiner Macht und all seinem Schmerz vor ihnen stand. Sie wu�ten nur, da� er diesem uralten Land endlich Frieden gebracht hatte.</p><p>Er blickte auf all die Gesichter, die ihm so vertraut waren. Sie waren gezeichnet von der Trauer um den Erhabenen und die Gefallenen. Als er Eliard unter ihnen entdeckte, sp�rte er, wie sich in seinem Herzen etwas schmerzhaft zusammenzog. Nie zuvor hatte er Eliards Z�ge so gesehen�� farblos und starr wie die winterliche Erde. Viele seiner Bauern waren gefallen und nach Hed zur�ckgebracht worden, um dort im froststarren Land begraben zu werden. Der Winter w�rde hart werden f�r die Lebenden, und Morgon wu�te nicht, wie er seinen Bruder tr�sten sollte. Doch noch w�hrend Eliard Morgon stumm ansah, leuchtete in seinen Augen etwas auf, das nie ein Teil des stets gleichbleibenden Erbes der F�rsten von Hed gewesen war�� ein Funken von Wissen um das Geheimnisvolle.</p><p>Morgons Blick wanderte zu Astrin. Er schien noch immer wie bet�ubt von Heureus Tod und dem Bewu�tsein der weitreichenden Macht, die auf ihn �bergegangen war.</p><p>�Es tut mir leid�, sagte Morgon. Die Worte klangen so d�nn und nichtssagend, wie der Schnee es war, der die massigen Steine hinter ihm �berzog. �Ich sp�rte seinen Tod. Aber ich konnte�� ich konnte ihm nicht helfen. Ich sp�rte so viel Tod.�</p><p>Das eine wei�e Auge schien bei dem Wort tief in ihn hineinzublicken.</p><p>�Ihr lebt�, fl�sterte Astrin, �Erhabener. Ihr habt �berlebt, um Euch endlich selbst Euren Namen zu geben, und Ihr habt diesem Morgen Frieden gebracht.�</p><p>�Frieden.� Er f�hlte die eisige K�lte der Steine hinter sich.</p><p>�Morgon�, sagte Danan leise, �als wir den Turm einst�rzen sahen, glaubte keiner von uns, da� er den n�chsten Tag noch sehen w�rde.�</p><p>�Und so viele haben ihn nicht mehr gesehen. So viele von Euren Bergleuten sind gefallen.�</p><p>�So viele sind nicht gefallen. Ich habe einen m�chtigen Berg voller B�ume. Ihr habt ihn uns zur�ckgegeben. Ihr habt uns eine Heimat geschenkt, in die wir zur�ckkehren k�nnen.�</p><p>�Wir haben den �bergang der Macht vom Erhabenen auf seinen Erben erlebt�, bemerkte Har. �Wir haben einen Preis daf�r bezahlt, das miterleben zu d�rfen, aber�� wir haben �berlebt.� Seine Augen leuchteten milde im reinen, kalten Licht. Er zog seinen Umhang fester um seine Schultern�� ein knorriger, alter K�nig, in dessen Herz die fr�hesten Erinnerungen an das Reich wohnten. �Ihr habt einen gro�en Kampf gef�hrt, und Ihr habt gesiegt. Gr�mt Euch nicht um den Erhabenen. Er war alt, dem Ende seiner Macht nahe. Er hinterlie� Euch ein vom Krieg zerrissenes Reich, ein schreckliches Erbe, und seine ganze Hoffnung. Ihr habt ihn nicht entt�uscht. Jetzt k�nnen wir alle in Frieden heimw�rts ziehen und brauchen den Fremden an unserer T�rschwelle nicht mehr zu f�rchten. Wenn die T�r sich unerwartet den Winterst�rmen �ffnet und wir vom warmen Feuer aufblicken, um den Erhabenen in unserem Haus zu finden, dann werdet Ihr es sein. Dieses Geschenk hat er uns hinterlassen.�</p><p>Morgon schwieg. Wieder nagte der Schmerz an ihm wie eine z�ngelnde Flamme trotz all ihrer Worte. Da sp�rte er in einem von ihnen einen gleichartigen Schmerz, den keine Worte stillen konnten. Er suchte ihn und fand ihn in Mathom, der m�de dastand, wie beschattet vom Tod.</p><p>Morgon trat einen Schritt auf ihn zu.</p><p>�Wer?�</p><p>�Duac�, antwortete der K�nig. Er holte tief Atem, w�hrend er dunkel wie der Geist eines Toten im wei�en Schnee stand. �Er weigerte sich, in An zu bleiben�� die einzige Auseinandersetzung, bei der ich je verloren habe. Mein Landerbe mit den Augen des Meeres.�</p><p>Morgon blieb stumm, w�hrend er sich fragte, wie viele seiner Bindungen zerrissen worden waren, wie viele Tode er nicht gesp�rt hatte. Aus einer Erinnerung heraus sagte er unvermittelt: �Ihr wu�tet, da� der Erhabene hier sterben w�rde.�</p><p>�Er gab sich zu erkennen�, erwiderte Mathom. �Ich brauchte das nicht zu tr�umen. Begrabt ihn hier, wo er seinen Tod suchte. La�t ihn ruhen.�</p><p>�Ich kann nicht�, fl�sterte Morgon. �Ich war sein Tod. Er wu�te es. Die ganze Zeit wu�te er es. Ich war sein Schicksal, so wie er das meine war. Unsere Leben waren in einem einzigen, best�ndigen R�tselkampf verkn�pft. Er schmiedete das Schwert, das ihn t�tete, und ich habe es ihm hierher gebracht. Wenn ich gedacht h�tte�� wenn ich gewu�t h�tte.�</p><p>�Was h�ttet Ihr getan? Er besa� nicht die Kraft, diesen Krieg zu gewinnen. Er wu�te, da� Ihr ihn gewinnen w�rdet, wenn er Euch seine Macht �bertrug. Diesen Kampf zumindest hat er gewonnen. Nehmt es an.�</p><p>�Ich kann nicht�� noch nicht.� Er legte eine Hand auf die Steine. Dann hob er den Kopf und suchte am Himmel etwas, das er in seinem Geist nicht finden konnte. Doch das Antlitz des Himmels war bleich und starr.</p><p>�Wo ist Rendel?�</p><p>�Eine Zeitlang war sie bei mir�, antwortete die Morgol. Ihr Gesicht war so still wie der Wintermorgen. �Dann verschwand sie. Um Euch zu suchen, glaubte ich. Aber vielleicht braucht auch sie Zeit f�r ihren Schmerz.� Sie l�chelte ihn an und ber�hrte sein Herz. �Morgon, er ist tot. Aber f�r kurze Zeit habt Ihr ihm etwas gegeben, das er lieben konnte.�</p><p>�Und Ihr auch�, fl�sterte er.</p><p>Danach wandte er sich ab, um irgendwo im Inneren seines Reiches seinen eigenen Trost zu finden. Er wurde zu Luft oder Schnee, manchmal blieb er auch er selbst. Er wu�te es nicht. Er wu�te nur, da� er keine Fu�stapfen im Schnee hinterlie�, denen einer h�tte folgen k�nnen.</p><p>In vielen Gestalten streifte er durch das Land und kn�pfte die zerrissenen Bindungen neu, bis es keinen Baum, kein Insekt, keinen Menschen im ganzen Reich gab, den er nicht kannte. Nur eine Frau gewahrte sein Geist nie. Die Winde, die in ihrer grenzenlosen Neugier alles erforschten, berichteten ihm von Edelleuten und Kriegern, die, heimatlos geworden, an Astrins Hof Zuflucht suchten, von H�ndlern, die mit den st�rmischen Meeren k�mpften, um Getreide von An und Herun und Bier aus Hed in das vom Krieg verheerte Land zu bringen. Sie lie�en es ihn wissen, als die Vesta nach Osterland heimkehrten, und sie erz�hlten ihm, da� der K�nig von An seine Toten wieder in die Erde der Drei Teile eingebunden hatte. Sie lauschten den Zauberern, die in Caithnard den Wiederaufbau der gro�en Schule in Lungold berieten, w�hrend die R�tselmeister das letzte der ungel�sten R�tsel auf ihren Listen l�sten. Er sp�rte, da� Har an seiner Feuerstelle mit den W�lfen zu seinen F��en auf ihn wartete. Er f�hlte den Blick der Morgol, die dann und wann �ber die Mauern ihres Hauses und die H�gelketten ihres Landes hinweg nach ihm und Rendel Ausschau hielt.</p><p>Er versuchte, seinen Schmerz zu stillen, indem er endlose Tage lang in der Ein�de sa� wie ein verwittertes Geflecht alter Wurzeln und Schritt um Schritt die Spiele zusammensetzte, die der Harfner gespielt hatte, und er verstand sie. Doch das Verstehen tr�stete ihn nicht. Er versuchte, auf einer Harfe zu spielen, die so unerme�lich war wie der Nachthimmel und von Sternen �bers�t, doch auch das brachte ihm keinen Frieden. Rastlosigkeit trieb ihn von kalten, kahlen Gipfeln hinunter in stille W�lder und selbst an die Feuer von Gasth�usern und Bauernh�usern, wo er mit Freundlichkeit als ein Fremder aufgenommen wurde, der Schutz vor der K�lte suchte. Er wu�te nicht, wonach sein Herz verlangte; warum der Geist des Harfners keine Ruhe fand.</p><p>Eines Tages grub er sich aus einer Schneewehe in der n�rdlichen Ein�de, f�hlte sich nach S�den getrieben, ohne zu wissen, warum. Er wandelte sich auf seinem Weg quer durch das Reich unz�hlige Male in immer andere Gestalten, doch in keiner fand er Frieden. Er begegnete dem Fr�hling auf seinem Weg nach Norden, und die Unrast in ihm wurde noch dr�ngender. Die Winde, die aus Westen und S�den wehten, rochen nach frisch gepfl�gter Erde und Sonnenschein. Sie schlugen sanftere T�ne auf seiner Windharfe an. Doch in ihm waren keine sanften Gef�hle. In B�rengestalt trottete er durch W�lder, schwang sich in Falkengestalt zum Mittagshimmel hinauf. Drei Tage lang hockte er auf dem Bug eines Handelsschiffes, das schwankend auf den Wellen des Meeres ritt, bis die Seeleute, denen seine starren Seevogelaugen unheimlich wurden, ihn fortscheuchten. Fliegend, kriechend, mit einer Horde von Wildpferden galoppierend, folgte er der K�ste von Ymris, bis er Meremont erreichte. Dort trieben seine Erinnerungen ihn zur Ebene der Winde.</p><p>Auf der Ebene fand er die Gestalt eines F�rsten von Hed mit H�nden, die von Narben gezeichnet waren, und drei Sternen im Gesicht. Um ihn heru,m hallte das Get�mmel einer Schlacht wider; Steine st�rzten ein und l�sten sich auf. Das Gras vibrierte wie die zerrissenen Saiten einer Harfe. Ein Lichtstrahl der untergehenden Sonne brannte in seinen Augen. Er wandte sich von ihm ab und sah Rendel.</p><p>Sie war in Hed, am Strand oberhalb von Tol. Sie hockte auf einem Felsen und schleuderte zersprungene Muschelschalen ins Meer, vom Gischt der Brandung umspr�ht. Ihr Antlitz schien ein Spiegel der Gef�hle, die in seinem Herzen waren, eine Mischung aus Ratlosigkeit und Traurigkeit. Es zog an ihm wie eine Hand. Er flog �ber das Wasser und nahm vor ihr seine nat�rliche Gestalt an.</p><p>Sprachlos, eine Muschel in der Hand, blickte sie zu ihm auf. Auch er fand keine Worte. Er fragte sich, ob er in den n�rdlichen Ein�den alle Sprache vergessen hatte. Stumm setzte er sich neben sie, von dem Verlangen getrieben, in ihrer N�he zu sein. Er nahm die Muschel aus ihrer Hand und warf sie in die Wellen.</p><p>�Du hast mich aus den Tiefen der n�rdlichen Ein�den hierhergezogen�, sagte er. �Ich war�� ich wei� nicht, was ich war. Etwas Eiskaltes.�</p><p>Sie strich ihm eine Str�hne zottigen Haars aus den Augen.</p><p>�Ich war neugierig, ob du hierherkommen w�rdest. Ich dachte mir, du w�rdest schon kommen, wenn du soweit w�rst.�</p><p>In ihrer Stimme lag eine Resignation, die er nicht verstand.</p><p>�Wie h�tte ich kommen k�nnen? Ich wu�te ja nicht, wo du warst. Du bist von der Ebene der Winde einfach verschwunden.�</p><p>Einen Moment lang starrte sie ihn verwundert an.</p><p>�Ich dachte, du w��test alles. Du bist der Erhabene. Du wei�t sogar schon, was ich als n�chstes sagen werde.�</p><p>�Nein, das wei� ich nicht�, widersprach er. Er bohrte ein St�ck gesprungene Muschelschale aus einem Spalt und schleuderte es ins Wasser. �Du bist nicht in meinen Geist gebunden. Ich w�re l�ngst zu dir gekommen, wenn ich nur gewu�t h�tte, wo, in Hels Namen, ich dich suchen soll.�</p><p>Sie schwieg, w�hrend sie ihn forschend ansah. Er erwiderte schlie�lich ihren Blick, seufzte leicht und legte seinen Arm um ihre Schultern. Ihr Haar roch nach Salz; ihr Gesicht begann, sich unter der Sonne zu br�unen.</p><p>�Ich bin von einem Geist besessen�, sagte er. �Ich glaube, mein Herz wurde in diesem steinernen Grab versch�ttet.�</p><p>�Ich wei�.�</p><p>Sie k��te ihn und legte ihren Kopf an seine Schulter. Eine Woge w�lzte sich zu ihren F��en hinauf und glitt wieder zur�ck. Der Hafen von Tol wurde wieder aufgebaut; m�chtige Fichtenst�mme aus den n�rdlichen Gebieten lagen am Strand. Sie blickte �ber das Meer hinweg nach Caithnard, �ber das sich schon die abendlichen Schatten senkten.</p><p>�Die Schule der R�tselmeister ist wieder offen�, sagte sie.</p><p>�Ich wei�.�</p><p>�Wenn du alles wei�t, wor�ber sollen wir dann in Zukunft sprechen?�</p><p>�Ich wei� nicht. �ber nichts wohl.�</p><p>Er sah ein Schiff, das von Tol aus �bers Meer fuhr. Es trug einen F�rsten von Hed und einen Harfner. Das Schiff legte in Caithnard an. Beide, der F�rst von Hed und der Harfner, gingen von Bord, um eine lange Reise anzutreten. Wann sie wohl enden w�rde, fragte er sich.</p><p>Er zog Rendel n�her an sich, seine Wange an ihrem Haar. Er hatte es geliebt, in diesem Widerschein des letzten Lichts auf seiner Harfe zu spielen, doch die gestirnte Harfe war zerbrochen, ihre Saiten vom Schmerz zerrissen. Er ber�hrte eine Muschel, die am Fels klebte, und ihm fiel ein, da� er ihre Gestalt niemals angenommen hatte. Tr�ge pl�tschernd schlug das Meer gegen die Felsen. Und in diesem Augenblick war er nahe daran, die letzten Kl�nge eines Liedes zu h�ren, das er einst geliebt hatte.</p><p>�Was hast du mit den Erdherren getan?�</p><p>�Ich habe sie nicht get�tet�, antwortete er leise. �Ich habe ihnen nicht einmal ihre Kr�fte genommen. Ich habe sie im Erlenstern-Berg eingeschlossen.�</p><p>Er sp�rte, wie sie einen lautlosen Seufzer ausstie�.</p><p>�Ich hatte Angst zu fragen�, fl�sterte sie�.</p><p>�Ich konnte sie nicht vernichten. Wie h�tte ich das tun k�nnen? Sie waren ein Teil von dir�� und von Thod. Sie sind gebannt, bis sie sterben oder bis ich sterbe�� je nachdem, was zuerst eintritt.� Mit m�dem Blick sah er auf die n�chsten Jahrtausende. �R�tsel. War dies wirklich das letzte? Enden alle R�tsel in einem Turm ohne T�r? Mir ist, als h�tte ich diesen Turm Stein um Stein, R�tsel um R�tsel aufgebaut, und als ich den letzten Stein einf�gte, da zerst�rte ich ihn.�</p><p>�Ich wei� es nicht. Als Duac fiel, war ich so tieftraurig. Mir war, als h�tte man mir etwas aus dem Herzen gerissen. Es schien mir so ungerecht, da� er in diesem Krieg fallen mu�te, da er doch der vern�nftigste und geduldigste von uns war. Diese Wunde ist verheilt. Aber der Harfner. Ich ertappe mich dabei, da� ich erwarte, durch das Rauschen des Wassers, durch das Blitzen des Lichts sein Spiel zu h�ren. Ich wei� nicht, warum wir ihn nicht ruhen lassen k�nnen.�</p><p>Morgon zog ihr Haar aus den Fingern des Windes und gl�ttete es. Er tauchte irgendwo in den st�ndigen Strom seiner Gedanken ein, der unmittelbar unter der Oberfl�che seines Bewu�tseins flo�. Er h�rte Tristan mit Eliard sprechen, w�hrend sie in Akren den Tisch deckte. In Hel sahen Nun und Raith von Hel bei der Geburt eines Schweins zu. In Lungold barg Iff B�cher aus der abgebrannten Bibliothek der Zauberer. In Kronstadt sprach Lyra mit einem jungen Edlen aus Herun und vertraute ihm Dinge �ber die Schlacht in Lungold an, die sie keinem �ndern gesagt hatte. Auf der Ebene der Winde wurden die zersprungenen Teile eines Schwerts langsam vom Gras �berwuchert.</p><p>Er roch, wie das Zwielicht des Abends Hed einh�llte, das junge Gras, die umgepfl�gte Erde, die sonnenwarmen Bl�tter der B�ume. Wieder zog die Erinnerung an ein Lied, das kein Lied war, an seinen Gedanken, und beinahe w�re es ihm gelungen, seine Melodie zu vernehmen. Rendel schien es zu h�ren. Sie lehnte sich an ihn, und ihr Gesicht wurde friedlich im letzten warmen Licht.</p><p>Er sagte: �In Hel kommt gerade ein sprechendes Schwein zur Welt. Nun und der Herr von Hel sind dabei.�</p><p>Sie l�chelte pl�tzlich. �Das erste seit drei Jahrtausenden.�� Morgon, w�hrend ich auf dich wartete, mu�te ich etwas tun, deshalb erforschte ich das Meer. Und da habe ich etwas gefunden, das dir geh�rt. Es ist jetzt in Akren.�</p><p>�Was?�</p><p>�Wei�t du es nicht?�</p><p>�Nein. Soll ich deine Gedanken lesen?�</p><p>�Nein. Niemals. Wie k�nnte ich dann mit dir streiten?�</p><p>Sein Gesichtsausdruck �nderte sich pl�tzlich, und ihr L�cheln vertiefte sich.</p><p>�Pevens Krone?�</p><p>�Eliard sagt, sie w�re es. Ich habe sie ja nie zuvor gesehen. Sie war ganz von Seetang �berwachsen. Nur der eine gro�e Stein war klar wie ein Auge. Das Meer ist wundersch�n. Vielleicht werde ich in ihm leben.�</p><p>�Und ich lebe in der Ein�de�, meinte er. �Einmal alle hundert Jahre tauchst du aus dem Meer empor, und ich komme zu dir oder ich ziehe dich mit meinem Harfenspiel in die Winde hinein.�</p><p>Da endlich h�rte er es�� im Seufzen der Wellen, in dem Fels, auf dem sie sa�en, uralt und voller W�rme. Zaghaft �ffnete sich sein Herz diesem Gef�hl, das er seit Jahren nicht mehr gekannt hatte.</p><p>�Was ist?�</p><p>Sie l�chelte noch immer. In ihren Augen, die ihn ansahen, spiegelte sich der Glanz der versinkenden Sonne. Lange Zeit lauschte er still. Er nahm ihre Hand und stand auf. An seiner Seite schritt sie zur K�stenstra�e �ber den Felsen. Die letzten Sonnenstrahlen ergossen sich �ber die gr�nen Felder. Die Stra�e vor ihnen schien schnurgerade ins Licht zu f�hren. Er blieb stehen, und w�hrend sein Herz aufging wie ein Samenkorn, h�rte er in ganz Hed, im ganzen Reich eine vertraute Stille, die aus dem Herzen aller Dinge kam.</p><p>Die Stimme verwob sich tief in Morgons Geist und fand dort einen Ruheplatz. Ob es eine Erinnerung war oder ein Teil seines Erbes oder ein R�tsel, das keine L�sung hatte, wu�te er nicht. Er zog Rendel nah an sich, ausnahmsweise mit der Unwissenheit zufrieden.</p><p>Sie schritten die Stra�e entlang nach Akren. Rendel begann, ihm mit heiterer, ruhiger Stimme von Perlen und leuchtenden Fischen und vom Gesang des Wassers in der Tiefe des Meeres zu erz�hlen. Langsam ging die Sonne unter; der Abend schritt durch das Reich, begleitete Morgon und Rendel, ein Fremder mit silbernem Haar, die Nacht im R�cken, das Gesicht stets dem Morgen zugewandt.</p><p>Und ein zitternder, unerwarteter Friede senkte seine Wurzeln in Morgons Herz.</p></section><section><title><p><emphasis>L�nder und Leute</emphasis></p></title><p><emphasis>Acor von Hel dritter K�nig von Hel</emphasis></p><p><emphasis>Aia Frau von Har aus Osterland</emphasis></p><p><emphasis>Aker, Jarl toter H�ndler aus Osterland</emphasis></p><p><emphasis>Akren Sitz der Landherrscher von Hed</emphasis></p><p><emphasis>Aloil Zauberer, der in den Diensten der K�nige von Ymris</emphasis></p><p><emphasis>stand und lebte, noch bevor die Schule der Zauberer in Lungold gegr�ndet war</emphasis></p><p><emphasis>Amory, Wyndon Bauer aus Hed; seine Tochter ist Arin</emphasis></p><p><emphasis>An gro�es K�nigreich mit der Hauptstadt Anuin und dem Herrscher Mathom</emphasis></p><p><emphasis>Anoth �rztin am Hofe Heureus von Ymris</emphasis></p><p><emphasis>Anuin Hauptstadt von An; Sitz von Mathom</emphasis></p><p><emphasis>Arya. eine Frau aus Herun</emphasis></p><p><emphasis>Ash Sohn und Landerbe von Danan Isig</emphasis></p><p><emphasis>Astrin Landerbe von Ymris; Bruder Heureus</emphasis></p><p><emphasis>Athol toter Vater von Morgon, Eliard und Tristan; ein F�rst von Hed</emphasis></p><p><emphasis>Auber von Aum Nachkomme von Peven von Aum</emphasis></p><p><emphasis>Aum einstiges K�nigreich, nun einer der drei Teile von An Bere Enkel von Danan Isig, Sohn von Vert</emphasis></p><p><emphasis>Borst von An einstiger Landherrscher von An; kam um, weil er absichtlich einen Teil von An zerst�rte, um es dem Zugriff der Feinde zu entziehen</emphasis></p><p><emphasis>Caerweddin Hauptstadt von Ymris; Sitz von Heureu; eine Hafenstadt an der M�ndung des Flu�es Thul</emphasis></p><p><emphasis>Caithnard eine freie Hafenstadt zwischen Ymris und An; Sitz der Schule der R�tselmeister</emphasis></p><p><emphasis>Col einstiger Herr von Hel</emphasis></p><p><emphasis>Corrig Gestaltwandler; Ylons Vater, Vorfahre von Rendel</emphasis></p><p><emphasis>Corvett, Bri Kapit�n von Mathom von An</emphasis></p><p><emphasis>Croeg, Cyn Ritter von An, mit L�ndereien in Ost-Aum; ein Abk�mmling der K�nige von Aum</emphasis></p><p><emphasis>Croeg, Mara Cyn Croegs Frau; die Blume von An</emphasis></p><p><emphasis>Cron einstiger Morgol (Landherrscher) von Herun; voller Name Ylcorcron; sein Harfner war Tirunethod</emphasis></p><p><emphasis>Cyone Frau von Mathom von An; Mutter von Rendel und Rood</emphasis></p><p><emphasis>Danan Isig Landherrscher und K�nig von Isig</emphasis></p><p><emphasis>Dhairrhuwyth ein einstiger Morgol von Herun</emphasis></p><p><emphasis>Duac Sohn von Mathom und Landerbe von An</emphasis></p><p><emphasis>Ebene der Winde Flachland in Ymris, wo der Turm der Winde steht und sich eine der zerst�rten St�dte der Erdherren befindet</emphasis></p><p><emphasis>Ebene von K�nigsmund ein anderes Flachland, wo ebenfalls die Ruinen einer Stadt der Erdherren verstreut liegen; der Name ist neueren Datums</emphasis></p><p><emphasis>Edolen ein Erdherr</emphasis></p><p><emphasis>Eichenland, Grim Verwalter im Dienste von Morgon von Hed Eichenland, Spring tote Mutter von Morgon von Hed; Frau von Athol</emphasis></p><p><emphasis>El Morgol (Landherrscher) von Herun; voller Name Elrhiarhodan</emphasis></p><p><emphasis>Eliard Bruder von Morgon und Landerbe von Hed</emphasis></p><p><emphasis>Elieu von Hel j�ngerer Bruder von Raith von Hel</emphasis></p><p><emphasis>Erdherren einstige Bewohner des Landes; Erbauer der beiden untergegangenen St�dte von Ymris, eine in der Ebene der Winde, eine in der Ebene von K�nigsmund</emphasis></p><p><emphasis>Erhabene, der Gesetzgeber und Lebensspender seit dem Untergang der Erdherren</emphasis></p><p><emphasis>Eriel ein Gestaltwandler; verwandt mit Corrig und Rendel</emphasis></p><p><emphasis>Eriel Meremont Frau von Heureu, dem Landherrscher von Ymris</emphasis></p><p><emphasis>Erlenstern-Berg Sitz des Erhabenen</emphasis></p><p><emphasis>Evern �der Falkner�; ein toter K�nig von Hel</emphasis></p><p><emphasis>Farr der letzte K�nig von Hel</emphasis></p><p><emphasis>Galil einstiger K�nig von Ymris; Zeitgenosse von Aloil</emphasis></p><p><emphasis>Ghisteslohm Begr�nder der Schule der Zauberer in Lungold</emphasis></p><p><emphasis>Goh eine der Wachen der Morgol von Herun</emphasis></p><p><emphasis>Grania tote Frau von Danan Isig, Mutter von Sol</emphasis></p><p><emphasis>Grimberg dort liegt Yrye, das Heim von Har von Osterland</emphasis></p><p><emphasis>Hagis toter K�nig von An, Gro�vater von Mathom</emphasis></p><p><emphasis>Har Landherrscher und K�nig von Osterland; manchmal auch Wolfsk�nig genannt</emphasis></p><p><emphasis>Harte Sitz von Danan Isig auf dem Berg Isig</emphasis></p><p><emphasis>Hed kleines Inself�rstentum, von Bauern bev�lkert</emphasis></p><p><emphasis>Hel einstiges K�nigreich, nun Teil von An</emphasis></p><p><emphasis>Herun K�nigreich mit der Hauptstadt Kronstadt; unter der Herrschaft der Morgol El</emphasis></p><p><emphasis>Heureu K�nig und Landherrscher von Ymris</emphasis></p><p><emphasis>Hlurle Handelshafen in der N�he von Herun</emphasis></p><p><emphasis>Hugin Sohn des Zauberers Suth</emphasis></p><p><emphasis>Hwillion, Map ein junger Ritter mit Besitz im S�den von An Iffmit dem unaussprechlichen Namen Zauberer im Dienste von Herun zur Zeit des Morgol Rhu Hon einstiger Harfner von Har von Osterland</emphasis></p><p><emphasis>Imer eine Wache im Dienste der Morgol</emphasis></p><p><emphasis>Ingris von Osterland weigerte sich, den in anderer Gestalt auftretenden Har von Osterland aufzunehmen, und mu�te daf�r sterben</emphasis></p><p><emphasis>Isig K�nigreich unter Danans Herrschaft; ber�hmt f�r seine kunstvollen Metallarbeiten und Edelsteinschleifereien</emphasis></p><p><emphasis>Isig-Pa� der Weg von Harte zum Erlenstern-Berg</emphasis></p><p><emphasis>Kaie erster K�nig von An, der eine verzweifelte Schlacht mit dem �Gro�en Schrei� gewann</emphasis></p><p><emphasis>Kern von Hed einstiger F�rst von Hed; um ihn dreht sich das einzige R�tsel, das je in Hed seinen Ursprung hatte</emphasis></p><p><emphasis>Kia eine Wache im Dienste der Morgol Kor, Rustin H�ndler</emphasis></p><p><emphasis>Kraal Handelsstadt im hohen Norden am Meer gelegen</emphasis></p><p><emphasis>Kronstadt Hauptstadt von Herun; umgeben von sieben Rundmauern; Sitz der Morgol El von Herun Kyrth Handelsstadt in der N�he von Harte, dem Sitz von Danan Isig; an der �se gelegen</emphasis></p><p><emphasis>Laem R�tselmeister in Caithnard; verlor sein Leben bei einem R�tselkampf mit Peven von Aum Lein Verwandter des Herrn von Marcher Loor Fischerdorf in Ymris</emphasis></p><p><emphasis>Lungold alte Stadt, von Ghisteslohm gegr�ndet; Sitz der Schule der Zauberer</emphasis></p><p><emphasis>Lyra Tochter der Morgol El von Herun; Landerbin von Herun; voller Name Lyraluthuin Madir alte Zauberin von An</emphasis></p><p><emphasis>Marcher Gebiet im Norden von Ymris; vom Ritter von Marcher im Namen des K�nigs regiert</emphasis></p><p><emphasis>Mathom Landherrscher und K�nig von An; Vater von Rendel, Rood und Duac</emphasis></p><p><emphasis>Meister Cannon Bauer aus Hed</emphasis></p><p><emphasis>Meremont K�stengebiet von Ymris unter der Herrschaft des Ritters Meremont</emphasis></p><p><emphasis>Meroc Tor Ritter und Herrscher von Tor; Untertan Heureus von Ymris</emphasis></p><p><emphasis>Morgon Landherrscher und F�rst von Hed; der Sternentr�ger</emphasis></p><p><emphasis>Nemir von den Schweinen ein toter K�nig von Hel</emphasis></p><p><emphasis>Nun alte Zauberin von Lungold, im Dienste der Herren von Hel</emphasis></p><p><emphasis>Nutt Snog Schweinehirt in Hed</emphasis></p><p><emphasis>Oen von An Eroberer von Aum; K�nig von An; errichtete einen Turm, um die Zauberin Madir gefangenzusetzen</emphasis></p><p><emphasis>Ohm ein R�tselmeister von Caithnard</emphasis></p><p><emphasis>Ohro von Hel ein toter K�nig von Hel; �der Verfluchte� genannt</emphasis></p><p><emphasis>Osterland K�nigreich unter der Herrschaft von Har mit der Hauptstadt Yrye</emphasis></p><p><emphasis>Peven von Aum einstiger Herr von Aum; von den Herrschern von An seit f�nfhundert Jahren in einem Turm gefangen; er bewacht die alte Krone von Aum</emphasis></p><p><emphasis>Raith Herr von Hel, aber Mathom, dem Herrscher von An, unterstellt; Abk�mmling der alten K�nige von Hel Re von Aum beleidigte einst den Herrn von Hel und lie� sich aus lauter Angst um die eigene Sicherheit vom Herrn von Hel auf seinem eigenen Herrensitz einkerkern</emphasis></p><p><emphasis>Rendel Tochter von Cyone und Mathom von An, dem Eroberer der Krone von Aum versprochen</emphasis></p><p><emphasis>Rhu vierter Morgol von Herun; baute sieben Mauern um Kronstadt; starb auf der Suche nach der L�sung eines R�tsels; voller Name Dhairrhuwyth</emphasis></p><p><emphasis>Rogge, Tobak H�ndler</emphasis></p><p><emphasis>Rood Landerbe von An; Sohn von Mathom; Duacs und Rendels Bruder; Freund von Morgon</emphasis></p><p><emphasis>Rork Ritter von Umber, aber Heureu unterstellt</emphasis></p><p><emphasis>Schwarze, Hallard ein Ritter von An mit Besitz in Ost-Hel</emphasis></p><p><emphasis>See ein Erdherr</emphasis></p><p><emphasis>Serie W�chter des Erhabenen; geschult bei den Zauberern von Lungold</emphasis></p><p><emphasis>Sol von Isig toter Sohn von Danan Isig; starb vor der T�r zur H�hle der Verlorenen auf dem Grund des Berges Isig; schliff die Steine f�r die Sterne auf der Harfe, die Yrth baute</emphasis></p><p><emphasis>Stein, Huri Bauer in Hed</emphasis></p><p><emphasis>Streifer, Ash H�ndler aus Kraal</emphasis></p><p><emphasis>Suth alter Zauberer, Freund von Har von Osterland</emphasis></p><p><emphasis>Talies alter Zauberer</emphasis></p><p><emphasis>Tel einer der R�tselmeister an der Schule von Caithnard Teril Sohn von Rork Umber</emphasis></p><p><emphasis>Thistin von Aum Herr von Aum, aber Mathom unterstellt Thod Harfner des Erhabenen Tir Erdherr; Herr der Erde und des Windes Tirunethod Harfner des Morgol Cron, des einstigen Herrschers von Heran Tol kleiner Fischerhafen in Hed Tor ein Gebiet in Ymris Trika eine Wache im Dienste der Morgol Tristan Schwester von Morgon von Hed Turm der Winde einziges intaktes Bauwerk der Ruinenstadt in der Ebene der Winde; die Spitze des Turmes ist unerreichbar</emphasis></p><p><emphasis>Umber Gebiet von Ymris, das von Rork regiert wird, der Heureu unterstellt ist</emphasis></p><p><emphasis>Uon vor drei Jahrhunderten Harfenbauer in Hel Ustin von Aum einstiger K�nig von Aum; starb vor Verzweiflung �ber die Eroberung von Aum durch An Vert Tochter von Danan Isig Walt, Lathe Urgro�mutter von Morgon von Hed Walt, SU Bauer in Hed</emphasis></p><p><emphasis>Xel wilde Katze von Astrin Ymris; ein Geschenk von Danan Isig Ylon einstiger Gestaltwandler; fr�her K�nig von An; Sohn von Oen von An Und dem Gestaltwandler Corrig Ymris K�nigreich unter der Herrschaft Heureus; Hauptstadt Caerweddin</emphasis></p><p><emphasis>Yrth m�chtigster Zauberer von Lungold nach dem Gr�nder selbst; manchmal als Harfner von Lungold bekannt; er ist blind</emphasis></p><p><emphasis>Yrye Heim von Har von Osterland</emphasis></p><p><emphasis>Zec von Hicon Handwerker, der die Einlegearbeiten auf der Harfe mit den drei Sternen machte</emphasis></p></section></body><binary id="cover" 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