<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>det_history</genre><author><first-name>Michael</first-name><last-name>Siefener</last-name></author><book-title>Tod im Weinkontor. Ein Hansekrimi.</book-title><annotation><p>K�ln im Jahre 1474: Der Geistliche Andreas Bergheim kehrt nach l�ngerem Rom-Aufenthalt in seine Heimatstadt K�ln zur�ck. Dort erwartet ihn eine traurige Nachricht. Sein bester Freund, der Ratsherr und Weinh�ndler Ludwig Leyendecker, hat sich das Leben genommen. Er soll mit dem Teufel im Bunde gewesen sein, tuschelt man hinter vorgehaltener Hand.</p><p>Elisabeth Bonenberg zweifelt am Selbstmord ihres Bruders und bittet Bergheim um Hilfe; er soll sich heimlich Einblick in die Unterlagen der erzbisch�flichen Inquisition verschaffen. Die Ermittlungen des jungen Geistlichen f�hren ihn schlie�lich zum Auss�tzigenheim Melaten vor den Toren K�lns, in dem Ulrich Heynrici, ein ehemaliger Ratsherr, den K�sterdienst versieht. Dort erf�hrt Bergheim von den zwielichtigen Gesch�ften der Witwe Barbara Leyendecker, die, gemeinsam mit einigen K�lner Kaufleuten, in ein wahnsinniges Komplott verwickelt zu sein scheint.</p><p>Kann Andreas Bergheim den r�tselhaften Tod seines Freundes aufkl�ren? Und welches Geheimnis umgibt Elisabeth, deren sch�nes Antlitz den Kaplan auch im Traum nicht mehr losl�sst...</p><empty-line/><p>Michael Siefener arbeitet seit 1992 als Schriftsteller und �bersetzer. Er ist bekannt f�r seine fantastischen Romane und Erz�hlungen. In der Reihe der Hansekrimis ver�ffentlichte er 2002 den Titel �Die S�hne Satans�.</p><empty-line/><p>Umschlaggestaltung: Susanne Reizlein, Hamburg.�</p><p>Motiv: Detail aus Albrecht D�rer, �Bildnis einer Frau F�rleger mit geflochtenem Haar�.</p></annotation><date/><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang></title-info><document-info><author><first-name/><last-name/></author><program-used>FictionBook Editor Release 2.6.6, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date value="2013-05-15">15.5.2013</date><id>5B841AC0-035B-4A7F-8787-3A041AF5C101</id><version>1.0</version></document-info><publish-info><year>2004</year></publish-info></description><body><section><empty-line/><p><emphasis>Zur Erinnerung an Andrea</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>(1960-2002)</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>in omne tempus</emphasis></p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><emphasis>und f�r Silke</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>rosa nova vitae meae</emphasis></p><empty-line/></section><section><empty-line/><subtitle><strong>PERSONENVERZEICHNIS</strong></subtitle><empty-line/><p><strong><emphasis>Andreas Bergheim,</emphasis></strong></p><p>Kaplan an der K�lner Pfarrkirche Sankt Kolumba. Vor kurzem aus Italien von einem Studienaufenthalt zur�ckgekehrt. Jung, voller Forscherdrang, aufgeschlossen f�r alles Neue. Muss bei seiner R�ckkehr eine schreckliche Entdeckung machen.</p><p><strong><emphasis>Grete,</emphasis></strong> die alte Magd im Pfarrhaus von Sankt Kolumba.</p><p><strong><emphasis>Johannes H�lshout,</emphasis></strong> Pfarrer von Sankt Kolumba, gleichzeitig Professor an der Universit�t zu K�ln. Abgekl�rt, kunstsinnig und nicht ganz uneitel.</p><p><strong><emphasis>Ludwig Leyendecker,</emphasis></strong> Weinh�ndler, Ratsherr, war angeblich mit dem Teufel im Bunde und hat sich das Leben genommen. Der beste Freund von Andreas Bergheim.</p><p><strong><emphasis>Elisabeth Bonenberg,</emphasis></strong> Schwester von Ludwig Leyendecker und gute Bekannte von Andreas Bergheim. Jung, sanft und nachdenklich zugleich. Sie umgibt ein dunkles Geheimnis.</p><p><strong><emphasis>Barbara Leyendecker,</emphasis></strong> Witwe von Ludwig Leyendecker. Eine forsche Frau, die das Weinhaus ihres verstorbenen Gemahls allein weiterf�hren will.</p><p><strong><emphasis>Johannes Dulcken,</emphasis></strong> Kr�mer, fliegender H�ndler. Ein fr�herer Weinh�ndler, der durch den Ausschluss K�lns aus der Hanse bankrott gegangen ist.</p><p><strong><emphasis>Heinrich Bonenberg,</emphasis></strong> Elisabeths Gemahl, ein in Ma�en erfolgreicher Kaufmann, der nach der Verhansung K�lns im Weinhandel mit England sein Gl�ck sieht. Seine k�rperlichen und geistigen Vorz�ge sind gering.</p><p><strong><emphasis>Trineken,</emphasis></strong> die Magd der Familie Bonenberg.</p><p><strong><emphasis>Peter Krantz,</emphasis></strong> Ratsherr, war mit Ludwig Leyendecker bekannt und ist nicht gut auf Geistliche zu sprechen.</p><p><strong><emphasis>Ulrich Heynrici,</emphasis></strong> ehemaliger Kaufmann und Ratsherr, der sich ganz dem mildt�tigen Leben verschrieben hat, im K�lner Leprosenhaus Melaten K�sterdienste versieht und sich um die Siechen k�mmert.</p><p><strong><emphasis>Edwyn Palmer,</emphasis></strong> Londoner Kaufmann, der mit Tuchen und Wein handelt. Handelspartner von Ludwig Leyendecker. Ein grober und ungehobelter Mann.</p><p><strong><emphasis>Anne Palmer,</emphasis></strong> seine junge Frau, eine geb�rtige Aachenerin, deren Verh�ltnis zu ihrem Mann zwischen Liebe und Abscheu schwankt.</p><p><strong><emphasis>Anton Lautensack,</emphasis></strong> ein junger Kaufmann aus dem Londoner Stalhof, der sich erbietet, Elisabeth Bonenberg und Anne Palmer sicher von England nach K�ln zu bringen.</p><p><strong><emphasis>Ulrich Zell,</emphasis></strong> einer der ersten Buchdrucker in K�ln, bisweilen auch im Handel mit Handschriften t�tig.</p><p><strong><emphasis>Dillon Foyles,</emphasis></strong> Wirt in London, betreibt eine der besseren Herbergen.</p><p><strong><emphasis>Felix Streuvels,</emphasis></strong> Wirt in Dordrecht, betreibt eine Herberge der zwielichtigen Art.</p><p><strong><emphasis>Hans Gartzem,</emphasis></strong> Kaufmann aus K�ln, auf der R�ckreise von Dordrecht.</p><p><strong><emphasis>Odilo,</emphasis></strong> Familiaris im Pfarrhaus von Sankt Kolumba, wird von Andreas Bergheim in Latein und Theologie unterrichtet.</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>EINS</strong></p></title><p>Ruhe und Freude waren nur von kurzer Dauer. Andreas Bergheim seufzte, als Grete, die Magd, ihm Besuch ank�ndigte. Er lehnte sich auf seinem Stuhl zur�ck, bis dieser unwillig knarrte, und schaute durch das kleine Fenster seiner Schlafstube. Hinter den runden Butzenglasscheiben sah er hinaus auf den nur undeutlich zu erkennenden Friedhof und die m�chtige Silhouette von Sankt Kolumba, die durch Bauger�ste und einen Kran verunstaltet wurde. Aus der Ferne wirkte die Kirche auf Andreas wie ein verwachsener, am Boden liegender Riese.</p><p>Er hatte sich auf ein paar Stunden des Friedens gefreut. Einen Tag fr�her als geplant war er aus Bologna zur�ckgekehrt, wo er theologische Studien betrieben hatte. Der italienische Himmel war so viel blauer, heller, von Licht und Freude durchwehter gewesen als der k�lnische. Und doch war Andreas Bergheim froh, wieder zu Hause zu sein. Er liebte seine Stelle als Kaplan an Sankt Kolumba, und er liebte K�ln � trotz des schlechten Wetters, der engen Gassen und des manchmal recht starken Geruchs in ihnen. Und er liebte seine Pfarrkinder, die bisweilen etwas Italienisches an sich hatten, etwas L�rmendes, Heiteres, das ihm in anderen deutschen St�dten nur selten begegnet war. Nein, er war zufrieden, und er hoffte, irgendwann einmal selbst Pastor zu werden. Johannes H�lshout, Rector ecclesiae von Sankt Kolumba, war schon alt, Gott bewahre ihm seine R�stigkeit, aber vielleicht w�rde Andreas einmal sein Nachfolger sein. Das theologische R�stzeug hatte er w�hrend seines zweij�hrigen Studiums in Bologna erworben, glaubte er.</p><p>Er mochte Johannes H�lshout, den die Gl�ubigen sehr verehrten und der, wie viele Pastoren von Sankt Kolumba vor ihm, auch Professor an der K�lner Universit�t war. Gegen Mittag noch hatte Andreas ihn in dessen Studierstube kurz begr��t, bevor er rasch zu einer Fakult�tssitzung aufbrechen musste. Seitdem hatte sich Andreas darauf gefreut, im j�ngst erschienenen �Fortalitium fidei� des Alphonsus de Spina zu lesen, das H�lshout aus eigenen Mitteln w�hrend Andreas� Abwesenheit angeschafft hatte, wie der Pastor ihm kurz nach der Begr��ung stolz mitgeteilt hatte. Gern h�tte sich Andreas noch heute mit den Kapiteln �ber die Umtriebe des Teufels besch�ftigt, �ber die er in Bologna so viel geh�rt hatte und denen er so wenig Glauben zu schenken vermochte. Doch das musste warten.</p><p>Der Besucher wartete im Wohnraum des ersten Stockes auf ihn.</p><p>Nachdem sich Andreas Bergheim gereckt und gestreckt und einen weiteren kleinen Seufzer ausgesto�en hatte, stand er auf, verlie� seine Schlafstube und ging �ber die knarrenden Holzdielen nach nebenan.</p><p>Als er die T�r zum Wohnraum �ffnete, stutzte er. Er hatte eines seiner Pfarrkinder erwartet, nicht aber diese Frau, die auf einem Dreifu� neben dem Fenster sa�, das nach hinten hinauswies.</p><p>�Was verschafft mir die Ehre Eures Besuches, Elisabeth Bonenberg?�, fragte Andreas.</p><p>Die Bonenbergerin erhob sich. �ber ihr zartes, junges Gesicht flog ein L�cheln. Die gr�nen Augen glitzerten im Licht der schr�g durch die Butzenscheiben einfallenden Sonnenstrahlen. Das sanfte Gesicht mit dem kleinen, aber vollen Mund dr�ckte zugleich Freude und Wehmut aus. Es war, als l�chele das Gespenst eines lieben Freundes.</p><p>Andreas f�hlte sich in Elisabeths Gegenwart stets ein wenig unwohl. Mit vorsichtigen Schritten ging er auf sie zu und streckte ihr die Hand entgegen. Elisabeth ergriff sie, dr�ckte sie fest, hielt aber geb�hrenden Abstand zu dem Geistlichen. Dann lie� sie die Hand wieder los, strich mit einer mechanischen Bewegung �ber die perlenbestickte Haube und wich einen Schritt zur�ck. Wie immer trug sie ein hochgeschlossenes Kleid, doch ihrer Z�chtigkeit haftete gleichzeitig etwas Z�gelloses an, wie Andreas fand.</p><p>Elisabeth betrachtete ihn eine Weile. Ihr Blick war tief, r�tselhaft, verschleiert. �Ich habe Euch etwas Schreckliches mitzuteilen�, sagte sie schlie�lich mit ihrer leisen, so sanften Stimme, bei der Andreas immer an die spielerische Ber�hrung kostbarer Seide denken musste.</p><p>�Ludwig Leyendecker ist tot.�</p><p>Andreas f�hlte sich, als habe ihn der Schlag getroffen. Die Beine drohten nachzugeben; er machte ein paar Schritte zur Kastentruhe, in der H�lshout und er die Tischw�sche aufbewahrten, und lie� sich schwer darauf nieder.</p><p>�Ludwig?� Er sch�ttelte den Kopf. �Das kann nicht sein.�</p><p>Elisabeth Bonenberg setzte sich wieder auf den Dreifu� und hielt die langen, d�nnen H�nde vor das Gesicht. �Es ist wahr�, sagte sie gepresst. �Man sagt, er habe sich das Leben genommen.�</p><p>�Nein. Das ist unm�glich. Nicht Ludwig.�</p><p>Elisabeths Bruder Ludwig war ein fr�hlicher, herzensguter Mann, der nie an b�ser Galle gelitten hatte. Andreas kannte ihn aus seiner Zeit im K�lner Priesterseminar, wo Ludwig und er so manchen Scholastiker studiert und viele Humpen Bier und Wein geleert hatten. Ludwig hatte nur wenig Freude an der Theologie gehabt, doch Hans Leyendecker, sein einflussreicher Vater, hatte Ludwigs �lteren Bruder Georg zur Fortf�hrung des Weinhandelshauses bestimmt, mit dem die Familie Leyendecker viele Generationen hindurch ihr gro�es Verm�gen gemacht hatte. F�r Ludwig war wegen eines Gel�bnisses seiner fr�h verstorbenen Mutter, einen ihrer S�hne Gott zu weihen, nur das Priesteramt geblieben � das Pfaffentum, wie er es immer genannt hatte. Wein, Bier, gelegentlich eine Dirne, aber vor allem die Freundschaft zu Andreas hatten ihm das Studium ertr�glich gemacht. Andreas hatte zwar Leib und Seele seinem �ber alles verehrten Gott verschrieben, dar�ber aber die Gen�sse dieser Welt nicht vergessen. Ludwig war ein guter Theologe und Disputierer gewesen, ja, er w�re sogar beinahe zum Doktor promoviert worden. Aber Gott in Gestalt des unabwendbaren Schicksals hatte anderes f�r ihn geplant.</p><p>Elisabeth schluchzte und nahm die H�nde vom Gesicht. Ihre Augen waren verweint. Gr�ne Teiche, in die der Regen fiel. Sie tat Andreas Leid, und zu seinem eigenen Erstaunen versp�rte er den Drang, sie in die Arme zu schlie�en und ihr sanft �ber das seidige, blonde Haar zu streichen. �Man hat ihn erh�ngt auf dem Dachspeicher gefunden. Und er hat einen eigenh�ndigen Abschiedsbrief hinterlassen.�</p><p>Erh�ngt! Was f�r ein schmachvoller Tod! Andreas lehnte sich auf der Truhe zur�ck, bis er die Wand im R�cken sp�rte. Er schaute an Elisabeth Bonenberg vorbei aus dem Fenster. Nun war der Schatten von Sankt Kolumba mit seinen m�chtigen Schiffen, den entstellenden Ger�sten und dem Kran kein schlafender Riese mehr, sondern ein sprungbereites Tier aus einer Welt, die unendlich gottesfern war. Aus der Unterwelt. Und vor ihr ragten die alten Grabkreuze aus dem Boden des Kirchhofes. �Wann ist es geschehen?�</p><p>�Erst vor knapp zwei Wochen.� Elisabeth senkte den Blick auf ihre breiten Ochsenmaulschuhe. �Dort, auf Eurem Kirchhof, liegt er begraben. In der Selbstm�rderecke, in ungeweihter Erde. Er ist verscharrt worden wie ein Hund.� Sie hob den Kopf und deutete in Richtung des Fensters.</p><p>Ludwig war erst durch einen schlimmen Ungl�cksfall von seinem Theologiestudium entbunden worden. Sein Bruder Georg war von einem m�chtigen Weinfass �berrollt worden, dessen Verladung er beaufsichtigt hatte. Ein Seil war gerissen. �Das Leben h�ngt immer nur an einem einzigen Faden�, hatte Ludwig damals gesagt und nicht gewusst, ob er sich in all seiner Trauer um den geliebten Bruder freuen durfte, dass nach dem Tod des Vaters nun er das Haupt der Familie war und den Kaufmannsberuf ergreifen konnte, der ihn schon so lange begeistert hatte. Er konnte Frankenwein von Moselwein, Veltliner von Muskateller und Malvasier unterscheiden. Auch wusste er genau um die Qualit�ten von W�rz- und Feuerweinen, die immer beliebter wurden. Er kannte die Mischungsverh�ltnisse besser als sein Bruder und hatte eine gl�ckliche Hand bei der Zugabe von Honig, Wacholder, Flieder, Eibisch und anderen Zutaten, mit denen man dem Wein den Geschmack verleihen konnte, den die Kunden so sch�tzten, auch wenn es manchmal wider das Gesetz war. Ludwig wusste, wo es die besten Lagen an Mosel, Rhein und Ruwer gab und welche Weing�rten im K�lner Stadtgebiet zur Herstellung von Branntwein taugten. Er hatte viele von den Winzern gesehen, wenn sie in das stattliche Giebelhaus in der Rheingasse kamen, und hatte schon als Kind zwischen den gewaltigen F�ssern im Lagerhaus und Keller des Leyendecker�schen Anwesens gespielt. Seine Familie war seit langer Zeit im Weinhandel t�tig; sie hatte seit �ber hundert Jahren einen sehr guten Ruf und machte gl�nzende Gesch�fte. Welch ein Unterschied zu Ludwigs Vorfahren aus ferner Zeit, die lediglich mit einem F�sschen Wein durch die Lande gezogen waren.</p><p>Als Ludwig Leyendecker die Leitung des Handelshauses �bernommen hatte, war ihm gewesen, als sei er ins Paradies einger�ckt. Das war f�r ihn besser als staubige Folianten. Er st�rkte vor allem den Handel mit England und fuhr Gewinne ein, die alles �bertrafen, was sein Bruder je erreicht hatte. Als er im Jahre des Herrn 1470, also vor knapp drei Jahren, in den Rat der Stadt K�ln gew�hlt wurde, war er auf dem H�hepunkt seiner Macht.</p><p>Und nun war er tot.</p><p>Gestorben durch eigene Hand.</p><p>Angeblich.</p><p>�Ich m�chte sein Grab sehen�, sagte Andreas und stand auf. Seine Beine trugen ihn wieder; das erste Entsetzen war �berwunden.</p><p>Auch Elisabeth erhob sich, und gemeinsam gingen sie nach drau�en auf den Kirchhof, zu dem es vom Pfarrhaus einen Zugang gab. Bald standen sie unmittelbar an der Friedhofsmauer vor dem kleinen Grabh�gel, den kein Kreuz und keine Platte schm�ckte. Eigentlich hatte die Familie Leyendecker ein Erbbegr�bnis in Sankt Kolumba, unweit des Hochaltars, in dem auch Ludwigs Vater, seine Mutter und sein Bruder schliefen, doch f�r einen Selbstm�rder war dort kein Platz.</p><p>Die Erde wirkte noch aufgew�hlt, beinahe, als habe der Tote versucht, aus seinem dunklen Gef�ngnis zu entkommen. Andreas betete ein Vaterunser und ein Ave Maria f�r seinen Freund und musste die Tr�nen zur�ckhalten. Gestern noch hatte er sich auf der anstrengenden Heimreise befunden, hatte den schrecklichen Wagen ertragen, war bei jedem Schlagloch durcheinander gewirbelt worden und hatte sich doch so auf die Heimatstadt und den Freund gefreut. Und jetzt stand er an seinem Grab.</p><p>�Warum?�, murmelte er. �Warum nur?�</p><p>Elisabeth beugte sich zu ihm her�ber und fl�sterte ihm ins Ohr: �F�r mich war es kein Selbstmord.�</p><p>Andreas zuckte zusammen, ob wegen Elisabeths verwirrender Worte oder ihrer k�rperlichen N�he, wusste er nicht zu sagen.</p><p>�Ich verstehe das nicht�, gab er zur�ck und sah sie an. Ihre Augen befanden sich nur eine Handspanne von seinen entfernt. Die Sonne senkte sich hinter dem Turm von Sankt Kolumba, der einen langen Schatten warf. Ein Rabe flog aus einem der alten Apfelb�ume auf, die hinter der Mauer des Kirchhofs standen, und kr�chzte seinen Abendgru� �ber die Stadt.</p><p>�Ich auch nicht. Deshalb bin ich zu Euch gekommen. Ich wei�, wie gute Freunde Ihr und Ludwig wart. Und ich wei�, dass Ihr alles tun werdet, um herauszufinden, was diese Trag�die verursacht hat.�</p><p>Andreas schlang die Arme um sein schwarzes Priestergewand. Ihn fr�stelte. Der Turm von Sankt Kolumba, schwarz vor der untergehenden Sonne, erschien ihm wie ein Finger, der geradewegs in den Himmel wies.</p><p>Oder vor der H�lle warnte.</p><p>�Wie geht es seiner Frau?�, fragte Andreas nach einer Weile, w�hrend der beide schweigend vor dem Grab gestanden hatten.</p><p>Elisabeth warf den Kopf in den Nacken. �Barbara? Was erwartet Ihr? Eine trauernde Witwe? Sie ist f�r mich der einzige Grund, aus dem mein Bruder h�tte Selbstmord begehen k�nnen.�</p><p>Andreas nickte gedankenverloren. Er teilte Elisabeths heftige Abneigung gegen ihre Schw�gerin nicht, doch auch er hatte sich immer gefragt, was Ludwig an dieser Frau fand. Sie war sehr lebenslustig, aber auf eine andere Art als ihr Gatte. Auf eine dunklere, wildere, gierigere Art. Vier Jahre waren sie verheiratet gewesen, aber ihre Verbindung war nicht mit einem Kind gesegnet worden. Barbara Leyendecker hatte das viele Geld genossen, das ihr Gemahl erwirtschaftete. Und manchmal hatte sich Andreas gefragt, ob es stimmte, dass sie neben den materiellen Freuden auch andere, k�rperliche, verbotene genossen hatte, die sie sich fern von ihrem Mann verschaffte.</p><p>�Sie hat es nicht verdient, dass Ihr so �ber sie redet�, entgegnete er Elisabeth.</p><p>Deren gr�ne Augen blitzten ihn an. Sie zog ihr hochgeschlossenes Kleid am Kragen noch etwas enger und zischte: �Diese Hure hat meinen Bruder auf dem Gewissen � auf die eine oder andere Art.�</p><p>�Wie meint Ihr das?� Andreas wandte den Blick von der Frau neben ihm ab. Sie war ihm mit ihrer tiefen Empfindungsf�higkeit, ihrer verwirrenden Sch�nheit und ihrer harten Entschlossenheit so unheimlich wie keine andere Frau, der er je begegnet war.</p><p>�Ich kann es mir nur so erkl�ren, dass sie die Finger im Spiel hatte. Wie ich Euch schon sagte, hat Ludwig einen Abschiedsbrief hinterlassen. Ihr werdet nie darauf kommen, welchen Grund er f�r seinen Freitod angibt.�</p><p>Andreas sah Elisabeth fragend von der Seite an. Sie war beinahe so gro� wie er und stellte sich noch aufrechter hin und holte seufzend Luft, als m�sse sie sich sammeln. Dann sagte sie:</p><p>�Er schrieb, er habe sich umgebracht, weil er mit dem Teufel im Bunde stehe.�</p><p>Der Rabe kehrte in den Apfelbaum zur�ck. Sein Kr�chzen hallte von den alten, aufgebrochenen Kirchenmauern wider.</p></section><section><title><p><strong>ZWEI</strong></p></title><p>Andreas traute seinen Ohren nicht. �Ein Pakt mit dem Teufel? Ludwig?�</p><p>�In seinem Abschiedsbrief hat er davon berichtet. Zumindest hat das seine Frau gesagt.�</p><p>Andreas wandte sich vom Grab ab und warf einen Blick auf das Pfarrhaus, dessen Fenster wie leere Augenh�hlen auf die beiden einsamen Menschen im Kirchhof starrten. �Warum hat er dann �berhaupt ein Begr�bnis erhalten?�, fragte er verwundert. �Warum wurde er nicht auf den Scheiterhaufen geworfen und seine Asche in alle Winde verstreut, wie es bei Teufelsanh�ngern �blich ist?�</p><p>�Nun, er war Ratsmitglied, und seine Frau hat alles getan, damit er bestattet wird � um der Ehre der Familie willen.�</p><p>�Gibt es eine Untersuchung dieses Falles?�</p><p>Elisabeth drehte dem Grab nun ebenfalls den R�cken zu und zuckte die Schultern. �Ich wei� es nicht.�</p><p>�Wo befindet sich der Abschiedsbrief?�, wollte Andreas wissen.</p><p>�Ich habe keine Ahnung. Ludwigs Frau hat mir nur gesagt, dass ein Geistlicher ihn an sich genommen hat.�</p><p>Oben, im ersten Stock des Pfarrhauses, sah Andreas pl�tzlich einen Schemen hinter dem Fenster des Wohnraumes stehen. Pfarrer H�lshout musste aus der Universit�t zur�ckgekehrt sein. Vielleicht wusste er mehr als Elisabeth.</p><p>�Werdet Ihr mir helfen?�, fragte sie und sah ihn an. In der heraufziehenden D�mmerung leuchteten ihre gr�nen Augen wie zwei Kerzen, w�hrend ihr schmales, sch�nes Gesicht allm�hlich von den Schatten verzehrt wurde.</p><p>�Wie sollte ich Euch helfen k�nnen?�, fragte Andreas zur�ck, doch in seinen Gedanken schmiedete er bereits Pl�ne, wie er an den Abschiedsbrief seines Freundes heranzukommen vermochte.</p><p>�Ludwigs Tod war nie und nimmer ein Selbstmord�, sagte Elisabeth mit einer st�hlernen Kraft in der Stimme, die Andreas durch Mark und Bein fuhr. �Es ist Eure Pflicht als sein bester Freund, die Umst�nde dieses Todes zu kl�ren. Ihr habt die besten M�glichkeiten dazu.�</p><p>Er ergriff ihren Arm und zog sie sanft auf den Hauseingang zu. Der Kirchhof war nach Einbruch der D�mmerung kein guter Ort. Andreas geleitete seine Besucherin durch die schattenverhangene Diele zur Vordert�r und verabschiedete sie. Dann stieg er nach oben.</p><p>Pastor H�lshout war nicht mehr im Wohnzimmer; hier war alles dunkel. Vorsichtig klopfte Andreas an der T�r zur Studierstube des Geistlichen. Als er von drinnen ein gebrummtes �Herein� h�rte, dr�ckte er die T�r langsam auf.</p><p>H�lshout sa� an einem langen Eichentisch, auf dem einige Pergamente und zwei B�cher lagen. Er schaute auf, erhob sich und ging langsam auf den jungen Kaplan zu. Sein sonst so melancholisches, ein wenig strenges Gesicht hellte sich bei jedem Schritt auf. Dann aber runzelte er die Stirn. �Ich habe dich vorhin drau�en auf dem Kirchhof gesehen�, sagte er. �Mit dieser Frau.�</p><p>�Ludwigs Schwester hat mir berichtet, was geschehen ist�, sagte Andreas langsam. Er konnte den �lteren Geistlichen kaum mehr erkennen; das Zwielicht des Abends breitete sich im Zimmer aus. H�lshout ging zur�ck zu seinem Tisch, auf dem eine kostbare Wachskerze stand, und z�ndete sie an. Das warme Licht lie� die Schatten tanzen. Der Pastor wies Andreas einen Stuhl neben dem Fenster an und setzte sich selbst wieder an den Tisch. �Ja, das ist eine furchtbare Geschichte�, sagte H�lshout leise. �Ich h�tte nie vermutet, dass Ludwig Leyendecker ein Teufelsb�ndner sein k�nnte. Aber nun ist es bewiesen.�</p><p>�Gleichwohl hat er auf Eurem Kirchhof ein Begr�bnis erhalten�, meinte Andreas und sah interessiert die beiden B�cher an, die auf dem blank gescheuerten Tisch lagen.</p><p>�Seine Frau glaubt zwar ebenfalls an Leyendeckers Pakt mit dem Erzfeind, aber wegen seiner Stellung im Rat hat sie erreicht, dass er wenigstens wie ein gew�hnlicher Selbstm�rder bestattet wurde. Der K�ster hat ihn unter die Erde gebracht; nur Ludwigs Frau und seine Schwester waren dabei. Vom Rat hat sich niemand gezeigt. Sie hatten wohl Angst, ihrem Ruf zu schaden.�</p><p>Andreas warf einen Blick durch das Fenster auf die dunkle Bursgasse. �Hat es eine Untersuchung wegen der angeblichen Teufelsb�ndnerschaft gegeben?�, fragte er.</p><p>Der Pastor st�tzte das Kinn in beide H�nde und sah Andreas mit sorgenvoller Miene an. �Ja. Ludwig Leyendecker wurde exkommuniziert, aber seine Witwe hat es erreicht, dass sein Verm�gen nicht eingezogen worden ist.�</p><p>�Ach?� Andreas richtete sich auf seinem Stuhl auf. �Wem geh�rt denn jetzt das Leyendecker�sche Weinhandelskontor?�</p><p>�Seiner Frau, soweit ich wei�. In K�ln ist es Frauen erlaubt, Handel zu treiben und ein Kontor zu leiten. Sie hat mir gesagt, dass sie das Lebenswerk ihres Mannes weiterf�hren will.�</p><p>�Was haltet Ihr von diesem Teufelspakt?�, fragte Andreas unvermittelt.</p><p>H�lshout runzelte die Stirn. �Nun, ich habe keine Einzelheiten �ber ihn geh�rt, aber es ist bekannt, dass es so etwas gibt.� Er schlug mit der flachen Hand auf einen der beiden Folianten vor sich. �Im Fortalitium Fidei dieses getauften Juden, im f�nften Buch �ber den Krieg der D�monen gegen die Feste des Glaubens, werden solche Dinge eingehend beschrieben. Ich glaube, es war gut, dass du mich �berredet hast, dieses Buch zu erwerben.� Er hielt inne und bedachte den Band mit einem Blick, in dem ein Qu�ntchen Abscheu lag. �Auch wenn ich gestehen muss, dass ich diese moderne Druckerkunst nicht sch�tze. Der Text sieht aus, als w�re er von Hand geschrieben, doch dabei hat ihn eine seelenlose Vorrichtung hervorgebracht.</p><p>Das jagt mir manchmal einen Schauer �ber den R�cken. Vielleicht ist diese neue Kunst, die man auch die schwarze nennt, ebenfalls Teufelswerk.�</p><p>�Diese schwarze Kunst, wie Ihr sie nennt, wird einmal dazu beitragen, das Wissen erschwinglicher zu machen�, gab Andreas zu bedenken.</p><p>�Wozu?�, hielt H�lshout entgegen. �Es wird immer nur wenige geben, die Wissen sch�tzen und nutzen. Da reicht es, ein Buch abzuschreiben und es so mit Leben zu f�llen. Au�erdem sind die Handschriften auch nicht viel teurer. Allerdings muss ich gestehen, dass mir bislang keine Handschrift dieses Werkes begegnet ist.� Er r�usperte sich. �Was uns fehlt, ist ein umfassendes Kompendium der teuflischen K�nste, damit man sofort die Spreu vom Weizen trennen kann.�</p><p>�Mir erscheinen die teuflischen K�nste durchweg als sehr menschlich. Auch wenn die Doctores und Professores etwas anderes behaupten, ist mir noch kein Beweis des D�monischen in der Welt untergekommen�, sagte Andreas und setzte sich aufrecht auf den unbequemen Stuhl.</p><p>�Vielleicht gibt es im Fall deines Freundes einen solchen Beweis�, erwiderte H�lshout und schlug das schwere Buch auf. �Ich habe von einem schriftlichen Teufelspakt geh�rt, den Ludwig Leyendecker eingegangen sein soll.�</p><p>Andreas hob erstaunt die Brauen. Ein schriftlicher Pakt? Also das gro�e Ger�cht, das sich noch nie best�tigt hatte? Ungeheuerlich! Dieses Schriftst�ck musste er sehen. Unbedingt! Aber wie sollte er an es herankommen? �Existiert dieser Pakt noch?�, fragte er und bem�hte sich, seine Stimme nicht allzu aufgeregt klingen zu lassen.</p><p>�Ich wei� es nicht�, gab H�lshout mit einem Schulterzucken zur�ck.</p><p>�Wo k�nnte er sich befinden?�</p><p>�Warum interessiert dich das?�</p><p>�Ludwig war mein bester Freund.�</p><p>�Und Elisabeth ist deine beste Freundin?�</p><p>�Das ist eine unzutreffende Unterstellung!�, wehrte sich Andreas und sprang vom Stuhl auf. Das h�pfende Licht der Kerze warf tiefe Schatten auf das Gesicht des alten Pastors. Manchmal wirkte er wie ein sanfter, aus unendlicher Ferne herbeigewehter Engel, ein anderes Mal wie ein Teufel aus der Unterwelt. Andreas stellte sich vor H�lshout, st�tzte sich mit den H�nden auf der Tischplatte ab und wollte seinen Worten gerade noch etwas hinzuf�gen.</p><p>�M��ige dich, mein Sohn�, unterbrach ihn der alte Geistliche. �Dein Wohl liegt mir am Herzen. Du bist f�r mich wie ein Sohn, und ich sehe dich nicht gern in der N�he dieser Weibsperson.�</p><p>�Warum nicht? Sie ist die Schwester meines besten Freundes.�</p><p>�Es ist etwas an ihr, das mir nicht gef�llt. Vielleicht gibt es Dinge, die du nicht wei�t.�</p><p>�K�nntet Ihr Euch etwas deutlicher ausdr�cken?�</p><p>�Es gibt Personen, deren Umgang sich f�r M�nner unseres Standes nicht geziemt�, gab H�lshout so bed�chtig zur�ck, als pr�fe er zuerst jedes Wort auf der Zunge, bevor er es aussprach.</p><p>�Wollt Ihr damit andeuten, dass Elisabeth eine liederliche Person ist? Sie ist verheiratet und eine ehrbare Frau!� Andreas stellte sich aufrecht und ballte die H�nde zu F�usten. Diese Beleidigung traf ihn tiefer, als er erwartet h�tte.</p><p>H�lshout hob den Kopf und l�chelte matt. �Es ist sch�n, dass du sie so heftig verteidigst. Aber du solltest keine voreiligen Schl�sse ziehen. Gott verbirgt uns in seiner gro�en Weisheit vieles, was uns nur verwirren w�rde, wenn wir es w�ssten.�</p><p>�Wer hat die Untersuchung �ber Ludwigs angebliche Teufelsb�ndnerschaft gef�hrt?�, beharrte Andreas und ging zum Fenster. Drau�en war es bereits stockfinster geworden. Man h�tte glauben k�nnen, die Welt hinter den d�nnen Glasscheiben sei verschwunden. Die Stadt sorgte nicht f�r die Beleuchtung der Stra�en, denn sie wollte die gottgewollte Ordnung von Licht und Dunkelheit nicht durchbrechen. Nur dr�ben, am Geburhaus, stand in einer Nische eine Madonna, vor der eine windgesch�tzte Kerze brannte � ein winziger Fleck, der die Dunkelheit eher verst�rkte als durchbrach.</p><p>Es dauerte eine Weile, bis H�lshout auf Andreas� Frage antwortete. Er schien sich in tiefen Gedanken verloren zu haben. �Die Untersuchung? Der Erzbischof nat�rlich, wie immer in F�llen von Ketzerei, Hexerei und Teufelsb�ndnerei.�</p><p>�Wenn Ludwig exkommuniziert wurde, hat der Erzbischof also den Tatbestand des Paktes mit dem Teufel bejaht. Das bedeutet, dass das Schriftst�ck, mit dem sich Ludwig dem B�sen verschrieben hat, als Beweismittel gedient hat. Man wird es daher aufbewahrt und archiviert haben. Ich muss es sehen. Und auch den Abschiedsbrief.� Andreas ging in der Studierstube auf und ab. Er warf einen Blick auf das kleine B�cherregal an der Wand und das eichene Kreuz dar�ber. Es war, als bewache Christus das armselige Wissen unter ihm.</p><p>�Das wird nicht leicht sein�, meinte H�lshout und drehte sich nach seinem unruhigen Kaplan um. �Was erwartest du von einer Untersuchung dieser Schriftst�cke? Glaubst du nicht, dass die gelehrten Doctores des Erzbischofs ihre ganze Weisheit darauf angewandt haben? Was willst du herausfinden, das sie nicht schon herausgefunden haben?�</p><p>�Sie haben nach Beweisen f�r Ludwigs Schuld gesucht. Ich hingegen suche nach Beweisen f�r seine Unschuld. Fakten muss man deuten; das habt Ihr mir schon so oft gesagt. Und manchmal kann man sie auf ganz verschiedene Weise deuten. Ihr seid doch Professor an der Universit�t. K�nnt Ihr mir kein Schreiben ausstellen, das mich berechtigt, Forschungen �ber Teufelspakte in den Archiven des K�lner Erzbischofs zu betreiben?�</p><p>H�lshout l�chelte zuerst schwach, dann immer breiter. �Du bist ein z�her Kerl, Andreas. Wenn du dich einmal verbissen hast, gibst du deine Beute nicht mehr frei.� Er drehte sich um, zog ein leeres Pergamentblatt aus einem Stapel auf dem Tisch, tauchte den langen G�nsefederkiel in das kleine F�sschen vor sich und begann zu schreiben. Andreas h�rte mit Vergn�gen, wie der Kiel �ber das Pergament kratzte.</p><p>Nachdem H�lshout das Geschriebene gel�scht hatte, faltete er den Bogen, versah ihn mit seinem Siegel und �bergab ihn Andreas. �Das m�sste dir einige T�ren �ffnen�, murmelte er. �Und nun lass mich allein. Ich habe noch zu arbeiten.�</p><p>Andreas verlie� die Studierstube des Geistlichen. Wie anders hatte er sich seine Heimkehr vorgestellt. Er betrat sein Schlafzimmer, tastete in der Dunkelheit nach dem �llicht auf dem kleinen Tisch, z�ndete es an und setzte sich auf das hohe Bett mit der harten Strohmatratze. Drau�en war Sankt Kolumba nicht mehr vom schwarzen Himmel zu unterscheiden. Er drehte den versiegelten Brief in der Hand. Gleich morgen w�rde er den Palast des Erzbischofs aufsuchen, in dem sich auch die Archive befanden.</p><empty-line/><p>Schon fr�h am n�chsten Morgen machte sich Andreas mit seinem Empfehlungsschreiben auf den Weg. Er ging die Minoritenstra�e hinunter, vorbei an der langen Klostermauer der Minderbr�der, dann weiter durch die Gro�e Budengasse, die ihren Namen von dem in dieser Stra�e liegenden Brauhaus hatte. Der malzige Geruch hing schwer in der Luft. Andreas bog links in die Stra�e �Unter Goldschmied� ab und warf fl�chtige Blicke auf die L�den und Werkst�tten der Goldschmiede, aus denen leises Geh�mmer und Geklingele drang. Frauen in edlen Kleidern und mit perlenbestickten Hauben standen auf ihren h�lzernen Trippen vor den Buden und begutachteten in der Sonne blinkenden Schmuck.</p><p>Bald stand Andreas im Domhof. Der gewaltige Umriss des Domes war wie ein steinerner Traum von Schwere, die zum Himmel strebt, doch es war ein nicht ausgetr�umter Traum. Schon lange war eines der Wahrzeichen K�lns der gro�e Baukran auf der unvollendeten Kathedrale. An der S�dseite des Domhofs, hinter den Buden, St�nden und B�nken, wo Messer, Handschuhe, T�pferwaren und Devotionalien feilgeboten wurden, erhob sich der erzbisch�fliche Palast, dem man noch die Brandkatastrophe ansah, auch wenn sie schon beinahe siebzig Jahre zur�cklag. Notd�rftig waren die Spuren �bert�ncht und ausgebessert worden, doch �ber dem Geb�ude schwebte ein Hauch von Verfall. Ruprecht von der Pfalz, der seit 1463 K�lner Erzbischof war, hatte im vergangenen Jahr Neuss unter seine Herrschaft zu bringen versucht, weswegen die St�nde erst vor kurzem den Dechanten von Sankt Gereon, den Landgrafen Hermann von Hessen, zum Stiftsverweser eingesetzt hatten. Bei dieser Unruhe war nat�rlich an die Erneuerung des Palastes nicht zu denken.</p><p>Andreas trat vor die Wachen am Eingang des Palastes und zeigte das Siegel auf dem Pergament vor. Tats�chlich wurde er ohne weitere Nachfragen durchgelassen. Im k�hlen Innern des weitl�ufigen Bauwerks erkundigte er sich bei einem Schreiber nach dem Verwalter der Archive und wurde in den Keller geschickt. Nach einigem Suchen fand er schlie�lich in einem breiten, �berw�lbten Gang einen kleinen Tisch mit einem �u�erst d�rren, gro�en Mann dahinter. Dieser sah ihn mit stechenden Augen an. Andreas hielt ihm das Pergament unter die spitze Nase. Mit schrecklich umst�ndlichen Bewegungen kramte der D�rre eine Brille unter seinem langen, verstaubten Wams hervor und setzte sie sich auf die Nase. Mit einer Hand hielt er die Gl�ser fest, mit der anderen erbrach er geschickt das Siegel und las den Text. Nachdem er die Worte so lange studiert hatte, dass Andreas schon bef�rchtete, er k�nne gar nicht lesen, schaute er endlich auf und sagte mit d�nner Stimme: �Ihr wollt die Teufelspakte sehen? Unm�glich.�</p><p>�Warum?�, fragte Andreas entmutigt. �Ich bin im Auftrag der hohen und ehrw�rdigen Universit�t hier. Meine Forschungen sind �u�erst wichtig.�</p><p>�Das glaube ich Euch gern, aber ich sagte schon, dass es nicht geht.� Der D�rre reichte ihm das Sendschreiben zur�ck. �Ihr habt mir noch keinen Grund daf�r genannt�, beharrte Andreas. �Ben�tigt Ihr etwa ein Schreiben des Kanzlers pers�nlich?�</p><p>�Darum geht es nicht. Es ist einfach nicht m�glich, weil wir in unseren Akten zwar einige Teufelspakte haben, es dar�ber aber kein Verzeichnis gibt. Ihr w�rdet Jahre brauchen, um sie zu finden.� Seine hohe Stimme hallte in dem alten Gew�lbe schrill wider. Auf Andreas wirkte er wie eine Spinne, die in ihrem Netz sa� und jeden aussaugte, der ihr zu nahe kam.</p><p>�Ich werde schon etwas finden; verlasst Euch darauf. Ich habe geh�rt, dass erst vor wenigen Wochen ein solcher Fall zur Verhandlung vor den erzbisch�flichen Stuhl gekommen ist. Mit diesem m�chte ich gern beginnen.�</p><p>�Was nutzt Euch ein einziger Fall, wenn Ihr vergleichende Forschungen anstellen wollt?�, fragte der D�rre mit einem schmierigen L�cheln. Er rieb sich die H�nde; Staub schien von ihnen aufzusteigen.</p><p>�Wer nirgendwo beginnt, wird nie ans Ende kommen�, versetzte ihm Andreas. �K�nntet Ihr mir diese Akte heraussuchen, wenn ich Euch den Namen des Delinquenten sage?�</p><p>�M�glicherweise.� Der D�rre wandte den Blick von Andreas ab und bl�tterte in einigen Akten vor sich, die genauso staubig wie er selbst waren.</p><p>�H�ttet Ihr die G�te, mir die Akte des Ludwig Leyendecker herauszusuchen?�</p><p>�Ah ja, daran erinnere ich mich. Ein eindeutiger Fall, daher konnte sofort ein Urteil gef�llt werden. Ganz hinten rechts.� Der D�rre deutete auf die T�r ihm gegen�ber und versank wieder in seinen Akten.</p><p>Andreas querte den Flur und �ffnete die T�r, die ihm angewiesen worden war. Dunkelheit hockte dahinter. �Habt Ihr ein Licht f�r mich?�, fragte er in die Finsternis hinein. Etwas hinter ihm zischte. Er drehte sich rasch um.</p><p>Der D�rre hatte ihm einen Kienspan angez�ndet und streckte ihn nun so weit wie m�glich von sich ab. Der Geruch der Leuchtquelle war unangenehm. Andreas ergriff den Span, hielt ihn ebenfalls weit von sich und betrat die Gruft der moderigen Schriftst�cke.</p><p>Die Akten sch�lten sich aus der Dunkelheit, wenn er mit dem Licht an ihnen vorbeiging. Manche waren so dick, dass sie mit Lederb�ndern zusammengehalten werden mussten; andere waren d�nn, hohlbr�stig. Hinter jeder steckte ein Mensch. Ein Schicksal, meist mit ungutem Ausgang. Hier unten, in diesem fensterlosen Gew�lbe, lagen die Hoffnungen, Tr�ume und Untaten so vieler Menschen begraben.</p><p>Und eines dieser pergamentenen Grabmonumente geh�rte seinem Freund Ludwig Leyendecker, der bei Andreas� Abreise nach Bologna noch so vergn�gt und fr�hlich gewesen war, als k�nne ihn niemals ein Ungl�ck treffen.</p><p>Ganz hinten rechts, hatte der Archivar gesagt. Tats�chlich fand Andreas die Akte recht schnell. Sie war d�nn. Ludwig schien nur ein unwesentlicher Fall gewesen zu sein. Die Ledermappe enthielt einen kurzen Bericht �ber die Umst�nde, unter denen Ludwig Leyendecker aufgefunden worden war, sowie das Urteil der Exkommunikation.</p><p>Und dann fielen Andreas im zuckenden Licht des schwelenden Kienspans die beiden Schriftst�cke in die Hand, die er so verzweifelt gesucht hatte.</p><p>Der Abschiedsbrief und der Teufelspakt.</p><p>Das angebliche B�ndnis mit den M�chten der H�lle war in holperigem Latein abgefasst. Der F�rst der Finsternis verf�gte offenbar nur �ber �u�erst mangelhafte Lateinkenntnisse. Ludwigs Unterschrift jedoch � rot wie Blut � schien echt zu sein. Er kannte die Signatur seines Freundes, und eine G�nsehaut kroch ihm �ber den R�cken, als er las, wie Ludwig angeblich seine Seele dem Teufel im Gegenzug f�r weltliche Macht und Reichtum verkauft hatte. Bei diesem Vertrag konnte es sich nur um eine F�lschung handeln. Das d�monische Latein quoll �ber vor Fehlern, die Luzifer wohl nie gemacht h�tte. So lautete die �berschrift in Gro�buchstaben: �Pactus cum diabboli�; korrekt h�tte es hei�en m�ssen: �Pactum cum diabolo�. In dieser Art ging es weiter. Andreas hatte nie an einen Teufelspakt geglaubt, und er war froh, seine Vermutung best�tigt zu sehen.</p><p>Sehr froh.</p><p>Dann nahm er sich den Abschiedsbrief vor. Er las ihn immer wieder. Ludwig legte darin dar, dass er das Wissen um den mit dem F�rsten der H�lle eingegangenen Pakt nicht mehr ertragen k�nne und daher freiwillig aus dem Leben scheide. Wenn aber der Pakt eine F�lschung war, warum dann dieser Abschiedsbrief, der eindeutig von Ludwig selbst geschrieben war? Etwas stimmte mit dem Schreiben nicht. Andreas sah von dem Text auf und versuchte, die gew�lbte Decke zu erkennen. Das Licht des Kienspans reichte nicht bis hinauf, sodass er von k�rperloser Schw�rze umgeben war; nur der Boden wirkte fest. Doch als er den Brief erneut las, wankte auch der Boden unter ihm. Er f�hlte sich, als st�rze er ins Nichts.</p><p>Er hatte es gefunden.</p></section><section><title><p><strong>DREI</strong></p></title><p>Aufgeregt stand Andreas vor dem gro�en Giebelhaus in der Rheingasse, nicht weit vom Heumarkt entfernt. Einige H�user weiter rechts erhob sich das pr�chtige Overstolzenhaus, das gro�e, aber nicht erreichte Vorbild des Bonenberg�schen Anwesens. Elisabeth Leyendecker war von ihrem j�ngeren Bruder vor mehr als einem Jahr an Heinrich Bonenberg verheiratet worden. Bonenberg handelte haupts�chlich mit Tuchen und Eisenwaren, hatte sich im letzten Jahr aber auch verst�rkt mit dem Weinhandel befasst. F�r Ludwig Leyendecker war die Hochzeit eine gute M�glichkeit gewesen, seinen Einfluss in der Stadt auszubauen und einen weiteren Verb�ndeten im Rat zu haben. Auch half man sich manchmal gegenseitig mit Transportgef�hrten und Eskorten aus. Das Leyendecker�sche Kontor setzte seinen Wein, der �berwiegend von der Mosel und aus der Pfalz stammte, zum gr��ten Teil in England ab, w�hrend Bonenberg mit seinen Waren den norddeutschen Raum belieferte, inzwischen aber auch versuchte, Wein von Rhein und Mosel in England zu verkaufen. Neben all diesen Interessen z�hlte nat�rlich eine so seltsame Regung wie Liebe nicht.</p><p>Andreas wusste, dass Elisabeth ihrem Gatten gegen�ber eine gewisse Achtung und Dankbarkeit aufbrachte, die der junge Kaplan nie verstanden hatte, denn Heinrich Bonenberg war ein aufbrausender, j�hzorniger und gewaltbereiter Mann. Doch wer verstand schon die Frauen? Er sch�ttelte den Kopf und bet�tigte den schweren Klopfer.</p><p>Elisabeth empfing ihn in der Wohnstube im Erdgeschoss. Alles hier atmete Reichtum: die Brokatkissen auf den Scherenst�hlen, die Wandbeh�nge aus Flandern, von denen einige sogar als Bodenbelag dienten, die reich geschnitzten Eichentruhen und �berdies ein gewaltiger Stollenschrank, wie ihn sonst nur die Adligen ihr Eigen nannten. Elisabeth sa� auf einem der bequem ausgepolsterten St�hle. Sie trug wieder ein z�chtig hochgeschlossenes Kleid und begr��te Andreas, der von einer der M�gde hereingef�hrt worden war, mit einem Kopfnicken. Sobald die Magd jedoch das Zimmer verlassen hatte, sprang sie auf und lief auf Andreas zu. Er hatte schon bef�rchtet, sie w�rde ihm in die Arme fallen, doch kurz vor ihm blieb sie stehen, offenbar selbst �ber ihren Gef�hlsausbruch verwirrt. Wie zur Warnung schlugen aus der Ferne die Glocken von Sankt Maria im Kapitol die dritte Stunde.</p><p>�Ich freue mich �ber Euren Besuch�, sagte Elisabeth atemlos. �Bringt Ihr Neuigkeiten?�</p><p>�Allerdings.� Andreas griff unter seinen schwarzen Priesterrock und zog ein zusammengefaltetes Pergamentblatt hervor. Er ging zu dem kleinen Tisch unter dem Fenster und breitete das Pergament darauf aus. �Das ist der Abschiedsbrief Eures Bruders.�</p><p>�Woher habt Ihr ihn?�, fragte Elisabeth erschrocken.</p><p>�Ich habe ihn aus dem erzbisch�flichen Archiv� entliehen. Es gab keine andere M�glichkeit. Da die Akte geschlossen ist, wird niemand je den Verlust dieses Briefes bemerken. Ich bin in ihm auf etwas gesto�en, das ich Euch unbedingt zeigen wollte.� Er strich den Bogen mit der breiten, ausladenden Handschrift glatt. �Es ist seine Handschrift, nicht wahr?�</p><p>Elisabeth stellte sich dicht neben ihn und beugte sich �ber den Brief. Beinahe h�tte sie Andreas ber�hrt. �Ja�, fl�sterte sie. Sie schien mit den Tr�nen zu k�mpfen.</p><p>Andreas las vor: �Hiermit best�tige ich, Ludwig Leyendecker, in vollem Besitz meiner geistigen und k�rperlichen Kr�fte, dass ich aus dem Leben scheiden werde. Seit ich mit dem Satan ein Verb�ndnis aufgerichtet habe, bin ich meines Lebens nicht mehr froh geworden. Zwar hat er mir, wie er versprochen hat, weltliche G�ter im �berfluss geschenkt, doch jeden Tag sp�re ich den Verlust meiner Seele st�rker. Sic transit gloria mentis.</p><p>Der einzige Ausweg, den ich sehe, ist der des Freitodes. Ich bin verloren. Betet f�r mich.�</p><p>Andreas schaute Elisabeth von der Seite an. Sie starrte noch immer auf das Blatt, als k�nne sie erst jetzt, da sie diesen Brief mit eigenen Augen sah, begreifen, dass ihr Bruder tot war.</p><p>�F�llt Euch an diesem Brief etwas auf?�, fragte er sie leise.</p><p>�Nein�, antwortete sie. �Ich kann ihn lesen; ich habe mir das Lesen selbst beigebracht, aber den lateinischen Satz verstehe ich nicht.�</p><p>�Ohne es zu wissen, habt Ihr das Wesentliche in diesen Zeilen angesprochen�, meinte Andreas und kratzte sich am glatt rasierten Kinn. �Wie Euch bekannt ist, haben Euer Bruder und ich eine Weile gemeinsam die Lehren der heiligen Mutter Kirche studiert. Dabei haben wir vieles Wichtige und Wertvolle geh�rt, aber auch viel Unsinn. Immer, wenn es einer unserer Professores gar zu arg trieb und sich in seinen eigenen Argumentationen verhedderte, schrieben wir auf unser Wachst�felchen ebendiesen lateinischen Spruch, der so viel bedeutet wie: So geht der Glanz des Verstandes dahin. Diese Worte standen bei uns f�r etwas Unsinniges, Unverst�ndliches, Falsches. Das wusste niemand au�er uns; es war unser geheimes Zeichen, mit dem wir uns �ber die Esel im Talar lustig gemacht haben. Dass dieser Satz jetzt in Ludwigs Abschiedsbrief steht, kann kein Zufall sein, es sei denn, er wollte sich �ber sich selbst lustig machen � ein letzter Scherz auf seine Kosten.�</p><p>�Das war nicht seine Art�, entgegnete Elisabeth. Sie ging zum Stuhl zur�ck, setzte sich und strich eine blonde Haarstr�hne unter die Haube.</p><p>�Ihr habt Recht, aber warum sollte er in diesem Brief eine Botschaft ausgerechnet an mich versteckt haben? Er wusste doch, dass ich in Bologna war.�</p><p>�Aber er wusste genauso, dass Ihr bald zur�ckkehren solltet � und dass Ihr nicht ruhen w�rdet, bis Ihr die Umst�nde seines Todes aufgekl�rt h�ttet.� Elisabeth sah ihn mit ihren gr�nen Augen flehend an.</p><p>Andreas faltete das Pergament wieder zusammen und steckte es weg. Dann setzte er sich Elisabeth gegen�ber auf einen Dreifu�. �Ihr wisst, was es bedeutet, wenn wir Recht haben?�, fragte er vorsichtig und beugte sich ein wenig vor.</p><p>Elisabeth nickte bed�chtig. �Falls der lateinische Satz tats�chlich ein Hinweis auf etwas Falsches ist, dann hei�t das, dass mein Bruder ermordet wurde.�</p><p>Andreas senkte den Blick. Der Teppich unter seinen F��en zeigte ein Muster aus Rehen, die von Hunden gejagt wurden. Weiter hinten, dort, wo Elisabeth sa�, drehten sich einige der Rehe um und bissen ihrerseits die Hunde; die Rollen waren pl�tzlich vertauscht. Die J�ger im Hintergrund schienen teilnahmslos dabeizustehen.</p><p>Ohne den Blick von diesem erstarrten Schauspiel zu heben, sagte Andreas: �Das ist richtig. Und es bedeutet, dass ihn jemand gezwungen hat, den Abschiedsbrief aufzusetzen.�</p><p>�Derselbe, der auch den Pakt formuliert und Ludwig zur Unterschrift gen�tigt hat!�, rief Elisabeth hasserf�llt. Andreas sah auf. Die Schwester seines Freundes wirkte pl�tzlich wie eines der bei�enden Rehe. Mochte Gott dem Hund gnaden, den sie erwischte.</p><p>�Das w�re m�glich�, meinte Andreas vorsichtig. �Doch warum hat sich jemand solche M�he gemacht, es wie einen Selbstmord aussehen zu lassen? W�re es nicht leichter gewesen, einen Unfall herbeizuf�hren? Und vor allem: Warum sollte jemand Ludwig ermorden wollen? Und wer?�</p><p>�Seine Frau nat�rlich!�, giftete Elisabeth. �Sie war doch immer nur hinter unserem Geld her. Und �ber ihren Lebenswandel wollen wir lieber erst gar nicht reden! Jetzt ist sie frei. Wir werden bestimmt bald sehen, was sie mit ihrer Freiheit anf�ngt. Sie ist die Person, die wir suchen, Andreas Bergheim. Ihr m�sst sie Euch vornehmen. Sie ist in diese Sache verwickelt. Das rieche ich!�</p><p>�Wie wollt Ihr das riechen? Ihr seid doch wohl keine Hexe?�, lachte Andreas, dem dieser Ausdruck recht grotesk vorkam.</p><p>Elisabeth verstummte und wurde rot. Sie legte die H�nde in den Scho� und wandte den Blick ab. �Ich bin keine Hexe�, sagte sie mit fester Stimme, w�hrend die R�te wieder aus ihrem Gesicht wich. �Anstatt haltlose, aber gef�hrliche Verd�chtigungen auszusprechen, solltet Ihr Euch lieber um Barbara Leyendecker k�mmern. Geht jetzt. Gleich wird mein Gemahl zur�ckkommen. Ich will nicht, dass er mich mit einem Pfaffen sieht.�</p><p>Wie ein geschlagener Hund verlie� Andreas das Bonenberg-Haus, ging quer �ber den Heumarkt mit seinem quirligen Treiben, den Fleischst�nden, dem Getreidemarkt, lief an der erzbisch�flichen M�nze in der Mitte des Platzes und den sie umstehenden Altr�schst�nden vorbei und hielt auf das Rathaus zu. Der f�nfgeschossige Turm mit der hohen Kure, in der die Ratsglocke Sankt Michael hing, war beinahe pr�chtiger als die Kircht�rme in seiner Umgebung und daher vielen Geistlichen ein Dorn im Auge. Als Andreas den Turm passiert hatte und sich im Gewirr der Gassen des alten Judenviertels verlor, w�nschte er, er k�nne sich auch in Ort und Zeit, ja in sich selbst verlieren und so dem R�tsel, das ihn immer enger umschlang und bedr�ckte, entkommen.</p><p>Ein unsinniger Wunsch.</p></section><section><title><p><strong>VIER</strong></p></title><p>Das Haus in der Glockengasse brummte und summte vor Gesch�ftigkeit. Weinf�sser wurden von einem gro�en Pritschenwagen, vor den zwei ersch�pfte Kaltbl�ter gespannt waren, abgeladen und durch den Hofeingang gerollt, wobei die Knechte mit lauten Rufen ihre Kommandos gaben. Barbara Leyendecker stand in der Hofeinfahrt und �berwachte das Ausladen. Andreas ging zu der Frau seines verstorbenen Freundes hin�ber und begr��te sie h�flich.</p><p>Sie sah ihn kaum an; der Wein schien ihr wichtiger zu sein. Die F�sser wurden in das Lagergeb�ude mit den riesigen Gew�lben gerollt, von wo aus sie sp�ter auf die Reise nach England gehen w�rden.</p><p>�Wie ich sehe, k�mmert Ihr Euch beachtenswert um das Gesch�ft�, meinte Andreas vorsichtig.</p><p>Barbara funkelte ihn mit ihren dunkelbraunen Augen feindselig an. �Irgendjemand muss sich ja k�mmern, wenn hier nicht alles vor die Hunde gehen soll�, bemerkte sie schnippisch. Sie und Andreas hatten sich noch nie gemocht. Das schwarze Kleid machte Barbaras blasse Z�ge hart und ein wenig grausam; die sch�ne Frau, die sie einmal gewesen war, schien nun wie unter einem leichten Schleier der Trauer verborgen.</p><p>�Wo kommt dieser Wein her?�, fragte Andreas, der einfach nicht wusste, was er sagen sollte. Er hatte so viele Fragen an die Witwe, doch keine wollte ihm �ber die Lippen kommen.</p><p>�Von der Mosel.�</p><p>�Um diese Jahreszeit?� Andreas kannte sich mit dem Weinanbau nicht aus, doch immerhin wusste er, dass die Lese erst im Herbst stattfand.</p><p>�Wir haben die letzten Reste aus den Kellern der Winzer aufgekauft�, erkl�rte Barbara, ohne den Blick von den rollenden F�ssern abzuwenden, die eines nach dem anderen im Schlund des Lagerhauses verschwanden.</p><p>�Gute Gesch�fte?�, fragte Andreas.</p><p>�Seit der Verhansung K�lns geh�ren wir zu den wenigen, die den Londoner Stalhof mit deutschem Wein beliefern. Man rei�t ihn uns aus den H�nden. Da m�ssen alle Reserven aufgeboten werden. Im letzten Jahr haben wir �ber 700 Fuder Wein ausgef�hrt. Ein paar Kunden sind allerdings abgesprungen. Sie haben von dem Zaubereiverdacht geh�rt. Ich hoffe, uns gehen nicht noch weitere Abnehmer verloren. Ich habe n�mlich die gesamten Ertr�ge von Bernkastel und Karden an der Mosel auf zehn Jahre gekauft.�</p><p>Andreas verstand nichts von der gro�en Politik, doch ihm war bekannt, dass vor vier Jahren die K�lner aus dem Bund der Hanse ausgeschlossen worden waren, weil sie sich geweigert hatten, ihren Englandhandel einzustellen, nachdem alle anderen Mitglieder der Hanse wegen des Kaperkrieges gegen die Insel keine Gesch�fte mehr im Londoner Stalhof und den anderen H�fen machten.</p><p>�F�r Euch ist diese Situation offenbar gar nicht so schlecht�, meinte Andreas und schaute Barbara Leyendecker zu, wie sie auf ihrem Wachst�felchen wieder einen Strich machte.</p><p>Die Leyendeckerin lachte kurz und schrill auf. �Nat�rlich! Meine Situation ist ausgezeichnet. Mein Gatte hat Selbstmord ver�bt, ich stehe als Witwe mit dem Gesch�ft ohne Hilfe da und habe keine Ahnung, ob Ludwigs Pakt mit dem Teufel mir bald den ganzen Handel verdirbt. Mit meinem Schmerz muss ich allein fertig werden, aber ansonsten geht es mir ganz gro�artig.�</p><p>Andreas sp�rte, dass er rot wurde, und rieb sich linkisch �ber das Kinn. �Verzeiht bitte, Leyendeckerin. Ich bin eigentlich hier, um Euch mein aufrichtiges Beileid auszusprechen. Ich bin erst vor kurzem von meinem Aufenthalt in Bologna zur�ckgekehrt und war ersch�ttert, als ich die schreckliche Nachricht vom Tode Eures Gemahls erfuhr.�</p><p>Einer der Knechte rief Barbara zu, das letzte Fass sei nun im Gew�lbe verstaut. Sie entlie� die Arbeiter mit einem knappen Kopfnicken, z�hlte die Striche nach und l�chelte.</p><p>�Ich danke Euch f�r Euer Mitgef�hl�, sagte die Witwe. In ihrem schlichten schwarzen Kleid und ohne den geringsten Schmuck sah sie sehr beeindruckend aus, wie Andreas fand. Ihr schwarzes Haar wurde von der ebenfalls schwarzen Haube kaum geb�ndigt. Sie schaute hoch in den wolkenverhangenen Himmel, aus dem es zu regnen drohte. Ihr wei�er Hals war wie der eines Schwans. Andreas musste zugeben, dass sie noch immer eine sehr sch�ne Frau war, auch wenn die Ereignisse der letzten Zeit sie nicht unber�hrt gelassen hatten.</p><p>�Was f�r eine furchtbare Tat�, meinte Andreas, der das Gespr�ch unbedingt wieder auf Ludwigs Tod lenken wollte, denn deshalb war er schlie�lich hier.</p><p>Barbara sah ihn an. Tr�nen glitzerten in ihren dunklen Augen. Sie schluckte und sagte dann: �Sie war angemessen.�</p><p>Ihre Worte wirkten auf Andreas wie ein Schlag mit einem nassen Leinentuch. �Angemessen?�, fragte er verbl�fft.</p><p>Barbara schaute sich kurz um. �Hier sind zu viele Leute. Kommt mit ins Haus.� Sie trat auf die Glockengasse, nahm das Hauptportal des Leyendecker-Hauses, gab in der Diele einem Diener das Wachst�felchen und den Griffel und geleitete ihren Gast in das elegante Wohnzimmer im Erdgeschoss.</p><p>Hier lagen keine Gewebe auf dem Boden, der noch nicht ausgekehrt worden war; feiner, hellgelber Sand bedeckte in einer d�nnen Schicht die Dielen. Doch ansonsten glich diese gute Stube der im Bonenberger Haus beinahe wie ein Ei dem anderen. St�hle, ein Stollenschrank, Truhen. Zeichen des Reichtums und der Macht.</p><p>Barbara Leyendecker setzte sich in geziemender Entfernung von Andreas auf einen der mit Kissen gepolsterten Dreif��e und legte die H�nde in den Scho�. Von Sankt Kolumba dr�hnte die vierte Stunde her�ber und erinnerte Andreas an die Seelenmesse, die er noch zu lesen hatte, sowie an den Unterricht, den er dem Familiaris erteilen musste, der mit im Pastorat wohnte und auf die Universit�t vorbereitet wurde. Er war hin und her gerissen zwischen dem Wunsch, endlich mehr �ber den Tod seines Freundes zu erfahren, und dem, zu seinen wichtigeren Verpflichtungen Gott gegen�ber zur�ckkehren zu k�nnen.</p><p>�Ich begreife es nicht�, sagte Andreas in dem Versuch, das Gespr�ch rasch auf den Punkt zu bringen. �Warum hat sich Ludwig umgebracht?� Er wagte noch nicht, Barbara von seinen Schlussfolgerungen zu berichten; erst wollte er h�ren, was sie zu sagen hatte.</p><p>�Weil er im Bund mit dem Teufel stand�, antwortete Barbara mit einem Tonfall, der von gro�em Ekel zeugte. �Bestimmt habt Ihr schon davon geh�rt.�</p><p>�In der Tat�, gab Andreas zu. �Glaubt Ihr daran?�</p><p>�Woran? An den Teufel? Jeder gute Christenmensch muss an ihn glauben�, meinte Barbara und schenkte ihm einen gl�henden Blick. �Ich glaube, dass Ludwig mit dem B�sen im Bunde war. Ich habe es schon immer geahnt.�</p><p>�Warum?�, wollte Andreas wissen und zog erstaunt eine Augenbraue hoch.</p><p>�Er war so seltsam geworden. Und sein Erfolg war geradezu ungeheuerlich.�</p><p>�K�nnte daran nicht auch die Verhansung K�lns schuld gewesen sein?�, gab Andreas zu bedenken. �Was dem einen das Gesch�ft zerst�rt, ist manchmal der Segen des anderen.�</p><p>�Dessen bedarf man nicht, wenn man einen Pakt mit dem Verf�hrer der Menschheit eingegangen ist�, erwiderte Barbara und sah Andreas herausfordernd an.</p><p>�Habt Ihr diesen Pakt mit eigenen Augen gesehen?�, fragte der junge Kaplan.</p><p>�Ja.�</p><p>�Ist Euch nichts daran aufgefallen?�</p><p>�Was sollte mir daran aufgefallen sein? Ich empfand gro�en Abscheu vor ihm, denn schlie�lich kommt er aus der H�lle.�</p><p>�Seid Ihr des Lateinischen m�chtig?� Andreas beugte sich erwartungsvoll vor, w�hrend er auf die Antwort wartete.</p><p>�Ein wenig, denn ich bin im Beginenkonvent �Zum Holl�nder� in der R�mergasse erzogen worden. Schwester Mildredis hat mir nicht nur N�hen und Sticken beigebracht.� Barbara warf den Kopf in den Nacken. �Ich bin ihr unendlich dankbar, denn was sollte ich ohne ihre Ausbildung nun tun?�</p><p>Andreas machte sich eine geistige Notiz: Barbara Leyendecker kann ein wenig Latein � vielleicht ausreichend, um einfache Texte zu lesen, aber bestimmt nicht genug, um sie selbst fehlerfrei zu verfassen. Zumindest schienen ihr die vielen Fehler in dem angeblichen Teufelspakt nicht aufgefallen zu sein. �Habt Ihr den ganzen Text des Paktes gelesen?�, fragte er und bem�hte sich, recht beil�ufig zu klingen.</p><p>�Ja, und ich habe durchaus verstanden, was ich gelesen habe�, gab sie mit einer gewissen Sch�rfe in der Stimme zur�ck. �Ich habe genug begriffen, um mich innerlich endg�ltig von meinem Gemahl zu l�sen. Er hat es verdient, in der H�lle zu schmoren.� Als sie Andreas� gequ�lten Blick sah, stand sie auf. �Ich wei�, dass Ihr gro�e St�cke auf Ludwig gehalten habt, aber vielleicht wird Euch das, was ich Euch gleich zeigen werde, die Augen �ffnen.� Sie verlie� die Stube.</p><p>Andreas hoffte, dass sie bald zur�ckkehrte. Er wollte Gott nicht warten lassen. Schon schlug Sankt Kolumba von fern die halbe Stunde.</p><p>Die T�r flog knarrend auf, Barbara Leyendecker kam mit schnellem Schritt herein, eine S�ule aus schwarzer Starre und Entschlossenheit, und hielt Andreas ein kleines, �bel riechendes Buch unter die Nase. Andreas nahm es in die Hand und schlug die Titelseite auf.</p><p>�De Potestate super spiritibus malignis� stand da in handgeschriebenen Lettern; die Angabe des Autors und des Jahres, in dem das Oktavb�ndchen geschrieben worden war, fehlten. �Die Macht �ber die b�sen Geister�, murmelte Andreas. �Was f�r ein bezeichnender Titel. Wo habt Ihr es gefunden?�</p><p>�In Ludwigs Truhe, ganz unten, zwischen der Leibw�sche.�</p><p>Andreas bl�tterte das Buch kurz durch. Es enthielt Beschw�rungen, Zauberdiagramme und Anleitungen f�r schreckliche, blasphemische Rituale. Angewidert warf er das Buch von sich. Es fiel vor Barbaras F��en auf den Boden und schien ganz kurz �ber der d�nnen Sandschicht zu schweben, als wolle es die Ber�hrung mit den reinen K�rnern vermeiden. Dann landete es auf dem Boden, und eine kleine Staubwolke stieg auf.</p><p>�Ist Euch das Beweis genug?�, fragte Barbara mit einem triumphierenden L�cheln. �Es tut mir Leid, das Bild zerst�ren zu m�ssen, das Ihr von Ludwig hattet. Auch mich hat er get�uscht. Unter seiner freundlichen Oberfl�che gl�hte ein b�ser Geist.�</p><p>Andreas sch�ttelte den Kopf. Nein, das konnte er einfach nicht glauben. Er hatte Ludwig so gut gekannt � den lebenslustigen, fr�hlichen, hilfsbereiten, verl�sslichen Ludwig. Konnte ein Mensch wirklich zwei einander v�llig entgegengesetzte Seiten haben und sie �berdies vor seinen Mitmenschen so erfolgreich verbergen? Andreas starrte auf das auf dem Boden liegende Buch, als k�nne es ihn jederzeit anspringen. Es war in der Tat unumst��liche Wirklichkeit. Was hatte Ludwig darin gesucht?</p><p>Die Messe rief ihn, doch er wollte noch einen letzten Versuch machen. �K�nntet Ihr mir den Ort seines Selbstmordes zeigen?�, fragte er die Witwe Leyendecker.</p><p>Sie l�chelte ihn an, wirkte nun ganz sanft und stand auf. �Wenn Ihr es w�nscht��</p><empty-line/><p>Oben unter dem Dach, durch dessen Ziegelritzen der Wind pfiff, zeigte sie Andreas den Balken, an dem sich Ludwig erh�ngt hatte. �Ich habe hier nichts ver�ndert; ich bin seitdem nicht mehr in diesem Raum gewesen�, sagte sie und deutete auf das abgeschnittene Seil und den Hocker, der darunter lag. Er war offenbar umgefallen, als Ludwig in der Schlinge gezappelt hatte.</p><p>Andreas betrachtete nachdenklich das im Luftzug baumelnde Seil, die am Boden liegende Schlinge und den kurzbeinigen Hocker. Dann schaute er hoch zum Dachbalken, um den das Seil geschlungen war.</p><p>Irgendetwas stimmte hier nicht.</p><p>Regen setzte ein und prasselte auf das Schieferdach; es war ein trommelndes, forderndes Ger�usch.</p><p>Noch fordernder waren die Glockenschl�ge von Sankt Kolumba. Er kam zu sp�t zur Messe.</p><p>Beim f�nften und letzten Schlag wusste er, was ihm das Gef�hl gro�en Unbehagens verursachte.</p><p>Ludwig war klein gewesen; er hatte immer M�he gehabt, bei den aufeinander gestapelten F�ssern an das dritte zu reichen, doch der Abstand zwischen dem stehenden Hocker und der Schlinge des Seils musste sogar mehr als drei F�sser betragen haben.</p><p>Ludwig h�tte, wenn er auf dem Hocker stand, gar nicht an die Schlinge herangereicht.</p><p>Also konnte sich Ludwig keinesfalls selbst umgebracht haben.</p></section><section><title><p><strong>F�NF</strong></p></title><p>Gott hatte ihm in Gestalt des Pastors H�lshout eine Strafpredigt gehalten, als er zu sp�t zur Feier der Seelenmesse am Marienaltar kam, die eine ewige Stiftung der Witwe Hennecke war. Andreas war nicht bei der Sache gewesen, auch nicht, als er die Wandlung vollzog und Gott sich in Gestalt von Brot und Wein in seiner unmittelbaren N�he befand. Er schaute hoch zu der neuen Empore und den beiden schon eingew�lbten �stlichen Jochen, dann warf er einen kurzen Blick hinter sich auf die Ger�ste im D�mmerlicht einiger Kerzen und wurde sich angesichts dieser gewaltigen Baustelle seiner eigenen Unzul�nglichkeit nur allzu deutlich bewusst. Die Kirche und er hatten so vieles gemeinsam: Beide waren sie im Werden begriffen, beide standen sie fest auf Gott gegr�ndet, waren aber wesentlicher W�nde und sichernder Begrenzungen beraubt und warteten mit banger Zuversicht auf eine bessere Zukunft.</p><p>Nach der Messe, zu der nur drei alte M�tterlein seines Sprengels gekommen waren, versuchte er eine Stunde lang vergeblich, dem Familiaris im Pfarrhaus die Anfangsgr�nde des Lateinischen beizubringen. Dann schlich er hinaus auf den Kirchhof und stand lange vor Ludwigs namenlosem Grab. Der Regen hatte sich verzogen, die Wolkendecke war aufgerissen und enth�llte den abnehmenden Mond, dessen blasser Glanz durch den fr�hen Abend schwebte. Die Apsis der Kirche ragte auf wie eine Drohung.</p><p>Da legte sich pl�tzlich eine Hand auf seinen Arm.</p><p>Andreas wirbelte herum und sah in die gr�nen, tiefen Augen Elisabeths.</p><p>�Grete hat mir den Weg zu Euch gewiesen�, sagte sie leise und schaute den traurigen Erdh�gel an. �Wart Ihr bei seiner Witwe?�</p><p>Andreas nickte und berichtete ihr zun�chst nur von dem Zauberbuch. Sie sch�ttelte den Kopf und sagte: �Nat�rlich hat diese verfluchte Frau es ihm untergeschoben, oder habt Ihr Anmerkungen von Ludwigs Hand darin bemerkt?�</p><p>Andreas schaute sie verbl�fft an. An das N�chstliegende hatte er nicht gedacht. Seine Abscheu vor dem B�chlein war so gro� gewesen, dass er es nicht eingehender untersucht hatte. �Vielleicht habt Ihr Recht. Es w�rde zu einer anderen Beobachtung passen, die ich unter dem Dach des Leyendecker-Hauses gemacht habe.� Nun berichtete er ihr auch von dem zu niedrigen Hocker.</p><p>Elisabeth nahm die Hand von seinem Arm und stie� einen Laut aus, in dem tiefe Verzweiflung und ma�lose Wut mitschwangen. Andreas zuckte zusammen und r�ckte von ihr ab. In ihrem Gesicht flackerte eine Wildheit, die ihn entsetzte.</p><p>Gleichzeitig h�tte er sie am liebsten in den Arm genommen.</p><p>�Er ist ermordet worden. Ich habe es gewusst! Und Barbara hat ihn auf dem Gewissen!� Sie sank vor dem Grab ihres Bruders nieder und grub die Finger in den vom Regen aufgeweichten Boden. Ihr K�rper wurde von Schluchzern gesch�ttelt.</p><p>Andreas rang verzweifelt die H�nde. Er kniete sich neben sie und wagte es.</p><p>Er nahm sie in den Arm.</p><p>Trotz ihrer Gr��e war sie so zart. Er umgriff sie m�helos. Als sie den Druck seiner Finger unter ihrem Busen sp�rte, rollte sie sich zur Seite und blieb einige Ellen von Andreas entfernt auf dem Bauch liegen. Rasch stand er wieder auf. Er war so verdutzt, dass er ihr nicht einmal die Hand bot, um ihr beim Aufstehen zu helfen.</p><p>M�helos kam sie auf die Knie und drehte ihm den Kopf zu. In ihrem Blick lag nur noch Angst. Dann richtete sie sich auf. �Wir m�ssen diese Frau dem Richter �bergeben�, sagte sie hastig und gepresst.</p><p>Der Abend stahl sich zwischen den Mauern des Friedhofs und der Kirche heran. Die Farben verblassten zu einem d�steren Grau, �ber dem hier und da T�cher aus fahlem Mondlicht lagen, die auch das Gras zu wei�em Bildwerk machten.</p><p>Andreas versuchte, wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Er hatte eine Frau ber�hrt. Seine Absichten waren rein und lauter gewesen. Doch was er da gesp�rt hatte� Er begriff nichts. �Barbara Leyendecker��, stotterte er, �� kann� hat�, es ist nichts bewiesen. Es gibt da auch noch eine andere M�glichkeit.�</p><p>Elisabeth sah ihn fragend an. Ihr Kleid war mit Erde beschmiert, und die Haube sa� ihr schief auf dem Kopf. Sie schaute an Andreas vorbei, nach oben, und erstarrte. �Wir werden beobachtet�, fl�sterte sie.</p><p>Andreas drehte sich um. Eine Gestalt verschwand hinter dem erleuchteten Fenster der Wohnstube im Erdgeschoss. Vielleicht war es der erfolglose Sch�ler, vielleicht auch Grete, die Hausmagd. �Kommt. Ich bringe Euch nach Hause. Es schickt sich nicht f�r eine junge Frau, allein durch die abendliche Stadt zu gehen.� Er bot ihr den Arm.</p><p>Sie scherte sich nicht darum, dass sie seinen Priesterrock mit Lehm beschmierte, und l�chelte ihn zaghaft an. Er f�hrte sie durch die Diele nach drau�en. Niemand begegnete ihnen, doch Elisabeth achtete peinlich genau darauf, dass sie ihm nicht zu nahe kam.</p><p>Sie mussten sich beeilen. Die Nacht �bergoss die Stadt rasch mit ihrer Schw�rze, welche die schmale Mondsichel nur mit schwachen wei�en Strichen zu durchbrechen vermochte, und die wenigen Kerzen vor den Heiligenbildern an den H�usern waren kaum mehr als blinde Spiegel der Finsternis. Andreas f�hrte Elisabeth durch die Br�ckenstra�e, die Obenmarspforten entlang, an der d�steren kleinen Michaelskapelle vorbei, die fr�her die Kapelle des K�lner Rates gewesen war und seit dem Neubau des Rathauses nicht mehr benutzt wurde. Schlie�lich kamen sie zum Alten Markt, der tags�ber vor St�nden mit Gem�se, Obst, Gew�rzen, Drugwaren, Lederwaren, Geschirr und Kurzwaren �berquoll, doch nun verlassen und still dalag.</p><p>Alle Kaufleute hatten noch vor der letzten Messe ihre St�nde abgebaut, waren in die Kirchen gestr�mt und hatten sich danach auf den Heimweg begeben. Ein offensichtlich sehr reicher Kaufmann im kostbaren Wams und mit edlen Lederschuhen kam hinter einem Lichttr�ger �ber den Markt, obwohl es noch gar nicht so dunkel war, dass man unbedingt eine Laterne ben�tigt h�tte.</p><p>Andreas sah den beiden nach, wie sie in Richtung Rathaus verschwanden, und meinte dann zu Elisabeth: �Wir sollten uns nicht zu sicher sein, dass die Witwe Eures Bruders etwas mit seinem Tod zu tun hat. Beim Gespr�ch mit ihr ist mir noch eine andere Idee gekommen.�</p><p>Elisabeth blieb stehen. Sie hielt sich so weit von ihm entfernt wie m�glich, ohne ihn loslassen zu m�ssen, und sah ihn fragend an.</p><p>Er betrachtete sie kurz. Der getrocknete Lehm hatte ihrem sch�nen gr�nen Kleid h�ssliche Schlieren aufgedr�ckt. Nun war sie ein Kind der Erde und des Himmels zugleich. Andreas wunderte sich �ber seine seltsamen Gedanken. Rasch sagte er: �Es w�re doch m�glich, dass der Mord an Ludwig gesch�ftliche Hintergr�nde hat.�</p><p>�Warum?�, wollte Elisabeth wissen, der sein inniger Blick wohl nicht entgangen war, denn sie machte sich von ihm los.</p><p>�Hatte Ludwig Feinde? Gab es Leute, die ihm sein kaufm�nnisches Geschick neideten? Vielleicht wisst Ihr, dass K�ln im Augenblick unter der Verhansung, also dem Ausschluss aus dem Bund der Hanse, leidet � mit Ausnahme jener Kaufleute, die gute Gesch�fte mit England machen. Als Weinh�ndler war Ludwig einer der Gewinner; Barbara Leyendecker hat von �berall her die letzten Weinreserven aufgekauft, um sie in England zu vergolden. Vielleicht gibt es in dieser Richtung ein Motiv?�</p><p>Elisabeth �ffnete den Mund; es hatte den Anschein, als wolle sie Andreas vehement widersprechen. Doch sie sagte nichts, sondern setzte den Weg fort. Schweigend gingen sie �ber den Heumarkt, kamen an der verwaisten erzbisch�flichen M�nze vorbei und n�herten sich dem Rhein. Als sie in die Rheingasse einbogen, brach Elisabeth endlich das Schweigen.</p><p>�Ja, da gibt es eine Sache, die Ihr vielleicht wissen solltet�, sagte sie z�gerlich. �Es f�llt mir nicht leicht, dar�ber zu sprechen, denn ich will das Andenken meines Bruders nicht in den Schmutz ziehen.�</p><p>Nun war es an Andreas, ihr einen fragenden Blick zuzuwerfen.</p><p>Sie fuhr fort: �Es gibt einen Weinh�ndler namens Johannes Dulcken, den Ludwig aus dem Englandhandel gedr�ngt und der ihm deshalb ewige Feindschaft geschworen hat.�</p><p>�Und das sagt Ihr mir erst jetzt?�, rief Andreas barscher, als er gewollt hatte. �Ihr habt mich m�glicherweise auf eine falsche F�hrte angesetzt.�</p><p>�Bitte regt Euch nicht auf. Ich bin immer noch der Meinung, dass Ludwigs Frau schuld an seinem Tod ist: Dieser Dulcken hatte schlechten Wein verkauft, und das zu �berh�hten Preisen. Also hat er sich sein Elend selbst zugef�gt. Ludwig erz�hlte mir einmal, dass Dulcken, der sein �rgster Konkurrent war, zu gierig geworden sei und gepanschten Wein angeboten habe, um seinen Gewinn zu vergr��ern. Er hatte guten mit schlechtem Wein versetzt, Alaunsteine in die F�sser geh�ngt, Blut oder Eiwei� hinzugef�gt, wenn die Farbe nicht nach seinem Willen war, und manchmal Zucker oder Rosinen beigegeben.�</p><p>�Es ist doch �blich, den Wein zu w�rzen�, meinte Andreas.</p><p>�Nicht, wenn man ihn verkauft. Nach dem eigenen Geschmack bereitet ihn erst der Kunde in seiner eigenen K�che zu. Bei der Lieferung aber muss er rein und vollkommen sein. Dulcken hat sich daran nicht gehalten und ist Opfer seiner Habgier geworden.�</p><p>�Wo finde ich diesen Dulcken?�, fragte Andreas, als sie bereits vor dem Bonenberger Haus mit seinen gro�en Blendarkaden und dem hohen Backsteingiebel standen.</p><p>�In der Vorh�lle�, fl�sterte Elisabeth, bevor sie die Stufen hinaufschritt.</p></section><section><title><p><strong>SECHS</strong></p></title><p>In der Nacht hatte Andreas schlecht geschlafen. Er war in die H�lle hinabgestiegen und hatte dort Johannes Dulcken getroffen. Dieser sa� blutend auf einem langen S�gemesser und wollte keinen Ton sagen. Da kam ihm Barbara Leyendecker entgegen, l�chelte ihn an, und aus ihrem Mund kroch eine Schlange. Elisabeth stand neben ihrem Bruder. Beide hatten am ganzen K�rper Augen � Augen, die ausnahmslos schreckgeweitet waren. Andreas erwachte mit einem Schrei.</p><p>Die Glocken schlugen die f�nfte Stunde. Rasch zog er sich an und huschte mit einer Laterne in der Hand hin�ber in die dunkle Kirche, um die Fr�hmesse zu zelebrieren. Deutlicher denn je wurde ihm an diesem Morgen bewusst, dass das Gotteshaus eine riesige Baustelle war. �berall befanden sich Ger�ste und Abdeckungen, doch schon seit Wochen arbeitete niemand mehr hier. Es gab Schwierigkeiten mit den Materialien, mit den Knechten und Meistern. Pastor H�lshout hatte neue Meister eingestellt, die aber zun�chst die Bauzeichnungen studieren mussten. Vielleicht w�rde es ja niemals weitergehen. Vielleicht steckten sie alle in ihrem kleinen Leben fest, das auch eine Baustelle war, an der oft niemand zu arbeiten schien � nicht einmal Gott, von dem Andreas manchmal bef�rchtete, er interessiere sich nicht sehr f�r die kleinen Belange seiner Kinder.</p><p>Nach der gut besuchten Fr�hmesse machte sich Andreas Bergheim auf den Weg in die Vorh�lle.</p><p>Elisabeth hatte ihm auf seine Nachfrage hin erkl�rt, Johannes Dulcken habe sein Handelshaus und damit auch seine Wohnstatt verloren und friste sein Dasein nun als fliegender Kr�mer am Neumarkt. Sie hatte ihn Andreas kurz beschrieben � klein, sehr dick, wulstige Lippen, das rechte Bein nachziehend.</p><p>Andreas nahm den Weg durch die Herzogstra�e zur Schildergasse und folgte ihr, bis er auf den Neumarkt stie�. Die gro�en Linden warfen gr�ne Schatten auf das Vieh, das heute hier zum Verkauf angeboten wurde. Er ging am Rande des Platzes vorbei. Ihm reichte schon das Bl�ken, Meckern, Gackern, Wiehern und Schnauben. Mit den Urhebern dieser Laute wollte er keinesfalls n�here Bekanntschaft machen; au�erdem war der Platz an Markttagen nicht unbedingt ein Ort angenehmer Ger�che. Es widerte Andreas an, die vielen Schweine sich in den Gassen und auf den Stra�en suhlen zu sehen. Zwar war es verboten, dieses Vieh durch die Stra�en zu treiben, doch kaum jemand hielt sich daran. So kam ihm auf der H�he der Fleischmengergasse, in der sich Kleinh�ndler mit geringwertigen Fleischwaren angesiedelt hatten, eine wild gewordene, wie der Teufel quiekende Sau entgegen, der er nur durch einen beherzten Sprung in den Kot auf der Stra�e ausweichen konnte. Dem armen, ver�ngstigten Tier setzte eine groteske Gestalt nach. Zuerst glaubte Andreas, es sei eine laufende Vogelscheuche, doch es schien tats�chlich ein Mensch zu sein. Er trug Fetzen am ganzen K�rper, und auch seine Kopfbedeckung bestand aus nichts als Stoffresten, die von einer einheitlich braunen Lehmschicht �berzogen waren. Der kleine Mann zog das rechte Bein nach, sodass er an den Gottseibeiuns erinnerte. Doch trotz seiner Behinderung war er unglaublich schnell. Er warf sich von einer Seite auf die andere; sein Lauf erinnerte an ein schlingerndes Schiff. Aus dem schiefen Mund mit den aufgequollenen Lippen troff Speichel. Vor dem Bauch baumelte ein K�stchen, das von einem Lederriemen um den Hals gehalten wurde. Unz�hlige Amulette baumelten von seiner fadenscheinigen Kleidung; sie klingelten wie ein Wald kleiner Glocken. Andreas trat beiseite, um dem seltsamen Genossen aus dem Weg zu gehen. Der Mann beachtete ihn nicht, sondern rannte mit seltsam grunzenden Lauten hinter der Sau her.</p><p>Als Andreas den beiden nachsah, kam ihm pl�tzlich ein Gedanke. Er zog die Stiefel aus dem Schlamm, raffte seinen Priesterrock und eilte dem Mann nach.</p><p>Er entsprach Elisabeths Beschreibung von Johannes Dulcken. Der Schlamm spritzte unter Andreas� Schuhen hoch, w�hrend er quer �ber den Neumarkt hastete. Einige Viehh�ndler sahen ihn verst�ndnislos an; er benahm sich nicht gerade wie ein Stellvertreter Gottes auf Erden. Der Verfolgte humpelte zwischen K�hen und Pferden hindurch, die scheuten und sich wiehernd aufb�umten; die Entfernung zu seiner Beute wurde indes immer gr��er. Als er schon beinahe an der alten Mauer war, rief Andreas ihm nach: �Johannes Dulcken! Bleibt stehen! Ich muss mit Euch reden!�</p><p>Die Gestalt drehte sich im Laufen um, rutschte auf einem Kothaufen aus, ruderte mit den Armen, verlor das Gleichgewicht und st�rzte fluchend. Das K�stchen sprang auf, und Gew�rze, Steine und Kr�uter verteilten sich �ber das schmutzige Pflaster. Rasch raffte der Mann seine Habseligkeiten zusammen. Das Schwein entkam indes quiekend hinter einen Pferch und war nicht mehr zu sehen. Nach ein paar Schritten war Andreas bei dem Gest�rzten und reichte ihm die Hand.</p><p>Die Vogelscheuche ergriff sie � und riss den Priester zu sich hinab in den Schlamm. �Du verdammter Pfaffe!�, keifte sie. �Du hast mich um meine Sau gebracht.� Sie versetzte dem Geistlichen harte Kn�ffe und P�ffe. Die Amulette an seinem K�rper vollf�hrten einen irrsinnigen Tanz.</p><p>Andreas versuchte, sich zu wehren und sich dem Griff der Vogelscheuche zu entwinden, was ihm nur mit gr��ter M�he gelang. �Verzeiht bitte�, stammelte er. �War das Euer Tier?�</p><p>�Es h�tte mir geh�rt, wenn du nicht dazwischengekommen w�rest�, zischte der am Boden Liegende.</p><p>Andreas rappelte sich auf. Sein Priesterrock war �ber und �ber mit Kot beschmiert, und er stank erb�rmlich. Angewidert schaute er zuerst an sich herab und dann auf den zerlumpten Mann. �Ihr seid Johannes Dulcken?�</p><p>�Warum willst du das wissen, Pfaffe?�</p><p>�Kennt Ihr Ludwig Leyendecker?� In den Augen des Gest�rzten funkelte es b�se. �Lass ihn in Unfrieden ruhen!�</p><p>�Ihr wisst, dass er tot ist?�</p><p>�Hab es mit Freuden vernommen�, brummte Dulcken, stand auf und r�ckte sein h�lzernes K�stchen vor dem Bauch zurecht. �Was willst du von mir?�</p><p>Andreas wich einen Schritt zur�ck, weil er bef�rchtete, Dulcken k�nne sich auf ihn st�rzen. Der Blick des Mannes war irr vor Hass. �Nur einige Ausk�nfte�, beeilte sich Andreas zu sagen, griff an den G�rtel unter seinem Rock und zog einen kleinen Geldbeutel hervor. Er nahm einen Schilling heraus und zeigte ihn Dulcken. Eigentlich durfte sich Andreas ein solch wertvolles Geschenk gar nicht leisten, denn daf�r h�tte er einen ganzen Mantel kaufen k�nnen. Doch einerseits tat ihm die Gestalt vor ihm Leid, andererseits f�hlte er sich daf�r verantwortlich, dass Dulcken die Sau entwischt war, auch wenn es sich bei dem Tier wohl um Diebesgut gehandelt hatte. So wie Dulcken aussah, h�tte er sie allerdings nicht um den Gewinn, sondern zum schieren �berleben gebraucht.</p><p>Dulcken sah das Geldst�ck gierig an. �Was sollen das f�r Ausk�nfte sein? Soll ich dir f�r so viel Geld verraten, wo Gott wohnt?� Er grinste und entbl��te dabei wunderbar wei�e, ebenm��ige Z�hne.</p><p>Andreas gab ihm den Schilling und band seinen schlecht gef�llten Geldsack wieder an den G�rtel.</p><p>Dulcken betrachtete die M�nze; es wirkte, als wolle er sie einstecken und verschwinden. Doch er blieb stehen. Mit zusammengekniffenen Augen sah er den Geistlichen an. �Nun?� Die frischen gr�nen Bl�tter der Linden warfen seltsame Schatten auf die zerlumpte Gestalt. Sie schien im Licht des Fr�hlings zu schwimmen.</p><p>�Ihr wart Weinh�ndler?�</p><p>Dulcken steckte die M�nze schnell wie ein Taschenspieler weg und l�chelte wehm�tig. Er wurde freundlicher. �Ich danke Euch vielmals. Ja, ich war Weinh�ndler. Einer der bedeutendsten sogar. Meine Weine waren im ganzen Norden ber�hmt, und ich habe halb England beliefert.� Er richtete sich auf und wischte sich mit dem Handr�cken �ber den Mund. In seine Augen kam ein Funkeln, das von vergangener Gr��e zeugte. �Man wusste, dass man Qualit�t kaufte, wenn man mich als Lieferanten hatte.� Seine Stimme ging beinahe im Bl�ken einer Schafherde unter, die soeben an ihnen vorbeigetrieben wurde.</p><p>�Kommt�, meinte Andreas. �Wir gehen zur alten Mauer. Dort ist es ruhiger.�</p><p>Sie schlenderten nebeneinanderher: der Geistliche und der Bettler, beide bespritzt mit Schlamm und Kot. Die Gassenjungen und Treiber riefen hinter ihnen her, und einer warf sogar eine verfaulte R�be nach ihnen. Sie fiel neben den beiden auf das Pflaster und zerplatzte mit einem dumpfen, h�sslichen Ger�usch.</p><p>Wie ein Symbol f�r etwas, das auf mich zufliegt und mir gar nicht gefallen wird, dachte Andreas pl�tzlich. Er zog Dulcken in die kleine Gasse; L�rm und Aufruhr des Viehmarktes blieben hinter ihnen zur�ck.</p><p>�Was wisst Ihr �ber Ludwig Leyendeckers Tod?�, fragte Andreas ohne Umschweife.</p><p>�Er hat sich umgebracht, weil er die Qualen des Teufelspaktes nicht mehr ertragen konnte�, antwortete Dulcken sofort und setzte einen Ausdruck des Ekels auf.</p><p>�Glaubt Ihr an diesen Pakt mit dem B�sen?�</p><p>�Ihr etwa nicht? Ihr Pfaffen seid es doch, die uns andauernd mit der H�lle drohen, sobald uns etwas auf Erden Spa� machen k�nnte�, h�hnte Dulcken und grinste Andreas frech an.</p><p>�Lenkt nicht ab�, sagte der Kaplan, dem dieses Gespr�ch zunehmend unangenehm wurde. Der Kot auf seinem Rock sandte ihm fette, bei�ende D�fte in die Nase. �Ich will nur wissen, ob Ihr der Meinung seid, dass Leyendecker sich umgebracht hat.�</p><p>�Ihr seid sehr neugierig�, versetzte ihm Dulcken. �Solltet Ihr Euch nicht besser um Eure lebenden Sch�fchen k�mmern? Betet um Leyendeckers Seele, das ist das Einzige, was Euch ansteht. Obwohl ich bezweifle, dass Gebete bei ihm noch etwas ausrichten k�nnen.�</p><p>�Es ist nie umsonst, f�r jemanden zu beten, damit seine Seele schneller aus dem Fegefeuer erl�st wird�, sagte Andreas in einem belehrenden Ton, den er sonst nur seinem Sch�ler gegen�ber anschlug.</p><p>�Es ist umsonst, denn Leyendecker schmort in der H�lle � nicht nur wegen des Paktes. Er war ein durch und durch b�ser Mensch�, brummte Dulcken und umfasste sein Gew�rzk�stchen, als sei es ein S�ugling.</p><p>Andreas sp�rte, wie ihm der Schwei� auf die Stirn trat. �Ihr beleidigt das Andenken meines Freundes!�, brauste er auf. �Bedenkt, was Ihr sagt!�</p><p>�Ich sage nur die Wahrheit.�</p><p>�Welche Wahrheit?�</p><p>�Wollt Ihr mit mir disputieren? Geht daf�r besser an die Universit�t.�</p><p>Andreas f�hlte sich elend. Er hatte viel Geld verloren, stank, und nun musste er sich auch noch Beleidigungen �ber seinen toten Freund anh�ren. Es reichte ihm. �Ich habe geh�rt, dass Ihr Euren Untergang selbst verschuldet habt�, sagte er entschlossen und lehnte sich gegen die Backsteinmauer, die die Gasse im Westen begrenzte. �Ihr habt Euren Wein gepanscht, um mehr Gewinn zu machen, doch Eure Gier hat sich gegen Euch gewendet.�</p><p>Dulckens Augen verengten sich zu Schlitzen. �Ja, das sagt man�, erwiderte er mit einer Stimme, die so kalt war, dass sich Andreas� Nackenhaare aufstellten. �Was man aber unterschl�gt, ist die Tatsache, dass Leyendecker entweder selbst oder durch seine Handlanger meine F�sser gepanscht hat. Im Londoner Stalhof hat man Bl�ten und Rosinen in meinem besten Moselwein gefunden. Ich wei�, dass dies ein Mittel ist, um den Wein gehaltvoller zu machen, aber warum sollte ich den wunderbarsten Wein, den ich habe, panschen, wenn ich auch ohne solche Mittel H�chstpreise daf�r erzielt habe?�</p><p>Andreas wusste darauf nichts zu sagen. Die Glocken von Sankt Aposteln sagten ihm, dass er sich zur Mittagsmesse auf den Weg machen musste, wenn er nicht mit einer ernsten Strafe rechnen wollte.</p><p>Dulcken fuhr fort: �Mein Haus war Leyendecker schon immer ein Dorn im Auge. Als er merkte, dass er mich mit den �blichen kaufm�nnischen Mitteln nicht aus dem Feld schlagen konnte, hat er es eben anders versucht. Und der Bastard hat Erfolg gehabt! In London konnte ich meinen Wein nicht mehr anbieten, und wegen der Verhansung sind Waren k�lnischer Kaufleute im Norddeutschen nicht gut angesehen. Es war mir nicht m�glich, meine Kredite zur�ckzuzahlen, und meine gro�en Weinbest�nde bin ich ebenfalls nicht losgeworden. Mit einem Panscher macht man keine Gesch�fte. Ich konnte nicht beweisen, dass nicht ich, sondern Leyendecker den Wein versetzt hatte. Also war alles f�r mich vorbei. Ich habe mein Lager und mein Haus verloren. Und jetzt bin ich gezwungen, allerlei Dinge zu verkaufen, mit denen man den Wein verbessern kann, und es ern�hrt mich kaum. Ist das nicht seltsam? Ich, der ich immer nur auf allerbeste Ware geachtet habe, muss nun Ingredienzien verkaufen, mit denen man auch den sauersten Wein ein wenig schmackhafter machen kann. Leyendecker hat mich erst zu dem gemacht, was er mir vorgeworfen hat. Wisst Ihr �brigens, wer meinen Wein billig aufgekauft und im Stalhof zu H�chstpreisen umgesetzt hat?�</p><p>�Leyendecker?�</p><p>Dulcken nickte. �Es war f�r ihn mehr als lohnend. Er hat einen Konkurrenten beseitigt und gleichzeitig mit dessen Hinterlassenschaft ein gro�es Gesch�ft gemacht. Und da soll ich nicht glauben, dass dieser Hundesohn mit dem Teufel im Bunde war? Soll er doch in der H�lle schmoren! Dort geh�rt er hin.� Dulcken wandte sich ab und humpelte in Richtung Sankt Aposteln los. Seine Amulette blinkten und blitzten.</p><p>Andreas sah ihm nach, bis Dulcken den engen Durchgang zur gro�en Kirche passiert hatte und verschwunden war. Er f�hlte sich, als sei ihm der Boden unter den F��en fortgezogen worden.</p><p>Wusste er wirklich so wenig �ber seinen toten Freund? Was konnte er glauben? Wer sprach die Wahrheit? Zutiefst verwirrt eilte er durch die quirligen, lauten Stra�en zur�ck in die Sicherheit von Sankt Kolumba.</p></section><section><title><p><strong>SIEBEN</strong></p></title><p>�Ich muss ein ernstes W�rtchen mit dir reden!�</p><p>Pastor H�lshout sa� vor dem Tisch in seiner Studierstube und sah Andreas mit strengem Blick an. �Du vernachl�ssigst das Wichtigste, das es in deinem Leben gibt: den Dienst an Gott.�</p><p>Andreas sah zu Boden. Er musste sich eingestehen, dass H�lshout Recht hatte. Am Mittag war er wieder zu sp�t zur Messe erschienen. Die Gl�ubigen hatten gemurrt; und er hatte das Gezischel im R�cken gesp�rt, als er am Hochaltar zelebrierte. Er schluckte, doch dann versuchte er sich zu verteidigen: �Ist der Dienst an den Menschen nicht genauso wichtig?� Er wagte nicht aufzusehen.</p><p>Zuerst kam keine Erwiderung. Nach einer Weile sagte H�lshout leise: �Der Dienst an den lebenden Menschen ist es sicherlich. Aber mir scheint, dass du im Augenblick eher an den Toten interessiert bist. Was deinem Freund Leyendecker widerfahren ist, ist schlimm, aber er hat es sich selbst zuzuschreiben. Du hast mir �brigens noch nicht gesagt, was du im erzbisch�flichen Archiv herausgefunden hast.�</p><p>Nun traute sich der junge Kaplan doch wieder aufzuschauen. Der Pastor sah ihn neugierig an, alle Wut war aus seinem Gesicht verschwunden. Andreas war erstaunt �ber das Interesse des �lteren Geistlichen und berichtete bereitwillig vom Teufelspakt, dem seltsamen Abschiedsbrief, dem zu kurzen Seil, dem Zauberbuch und dem bankrotten Weinh�ndler. H�lshout h�rte schweigend zu, und als Andreas geendet hatte, st�tzte er die Ellbogen auf dem Tisch ab und legte die Finger zu einem Dach zusammen.</p><p>�Sehr bemerkenswert, das Ganze�, sagte er. �Ich gebe zu, dass es da ein paar Ungereimtheiten gibt. Aber ich warne dich. Glaube nicht, dass die heilige Mutter Kirche bei der Exkommunikation Ludwig Leyendeckers einen Fehler gemacht hat. Du hast nichts als Mutma�ungen und das Wort seiner Schwester.� Er bedachte Andreas mit einem durchdringenden Blick. �Und auf deren Wort w�rde ich an deiner Stelle nicht allzu viel geben.�</p><p>�Warum nicht?�, fragte Andreas heftiger, als ihm lieb war.</p><p>Der alte Geistliche antwortete nicht, sondern wechselte das Thema. Er sprach �ber die Bauarbeiten an der Kirche, die bald wieder aufgenommen werden sollten, und �ber die Pl�ne, das alte Pastoratsgeb�ude, in dem sie noch wohnten, abzurei�en und in die Br�ckenstra�e s�dlich der Kirche zu ziehen. Andreas versuchte, den Worten H�lshouts zu folgen, doch es gelang ihm kaum. Warum sollte er Elisabeth nicht glauben? Warum sollte er seinen Gef�hlen f�r den toten Ludwig nicht vertrauen?</p><p>Als H�lshout zu Ende gesprochen hatte, entlie� er Andreas mit den Worten: �Lass die Toten ruhen. Und zerre die Teufel nicht aus der H�lle.�</p><empty-line/><p>Die Abendmesse war zugleich Trauermesse f�r eine alte Witwe aus der Pfarrei. Danach holten Andreas, dem die Aufgabe der Beerdigung zugefallen war, und die wenigen Verwandten und Freunde der Frau diese aus der Drususgasse, wo sie in einem der dreizehn schmalen, armseligen H�uschen wie in einer Honigwabe aufgebahrt lag. Der Zug setzte sich in Richtung Minoritenstra�e in Bewegung. Andreas las laut aus den Psalmen, doch in Gedanken war er woanders. Der K�ster ging vor ihm her und schwenkte das Weihrauchfass. Er bog in die Bursgasse ein; der Weg war nur kurz. Die Tote wurde auf dem kleinen Friedhof gegen�ber dem Stallgeb�ude des Pastorats beigesetzt. Der K�ster �ffnete mit einem gro�en Schl�ssel das schmiedeeiserne Gitter und f�hrte die Trauergemeinde an das bereits ausgehobene Grab. Gemeinsam mit den vier Sargtr�gern � allesamt �ltere M�nner, die sich trotz des kurzen Weges schrecklich angestrengt hatten � lie� er die Kiste an Seilen hinab in die Erde. Andreas segnete das Grab und sprach die �blichen Gebete ohne gro�e Anteilnahme. Hier war ein alter Mensch nach einem vollendeten Leben in die Ewigkeit heimgegangen, doch dort dr�ben, hinter ihm, im Schatten der Kirche, lag jemand, dessen namenloses Grab nach Aufkl�rung und Vergeltung schrie. Er drehte sich um.</p><p>Und stutzte.</p><p>In der letzten Reihe der Trauernden stand Elisabeth.</p><p>Unwillk�rlich legte er mehr Betonung in seine Worte und sah immer wieder hin�ber zur Schwester seines Freundes. Sie schaute ihn nicht an.</p><p>Als das Grab zugeschaufelt wurde, lud der Bruder der Toten den jungen Kaplan zum Leichenschmaus in das Trauerhaus ein. Andreas warf einen fragenden Blick hin�ber zu Elisabeth, die ihn nun endlich anblickte und kurz nickte. Dankbar nahm er die Einladung an. Sofort wurde er von einigen alten Frauen umringt, die ihn in die Drususgasse geleiteten, wo im Erdgeschoss des winzigen Hauses die gute Stube ausger�umt und f�r den Schmaus vorbereitet war. Andreas erhielt den Ehrenplatz am Kopfende der langen Tafel; Elisabeth sa� weit von ihm entfernt am anderen Ende. Es gab Erbsensuppe mit Honig, Heringe mit Senf und Roggenbrot, dazu wurde Bier gereicht. Andreas wurde von den rechts und links neben ihm sitzenden M�nnern nach dem Fortgang der Bauarbeiten in Sankt Kolumba befragt, danach wollten sie Genaueres �ber das neue Bild des Hochaltars erfahren, auf dem Pastor H�lshout als Stifter und Auftraggeber zu sehen sein w�rde. Andreas konnte ihnen nur sagen, dass das Bildwerk in Arbeit sei und vermutlich noch in diesem Jahr aufgestellt w�rde. Es fiel ihm schwer, die Unterhaltung weiterzuf�hren. Immer �fter sp�rte er Elisabeths Blicke auf ihm ruhen. Er verlor den Faden, wurde nerv�s und entschuldigte sich schlie�lich, er m�sse noch eine Predigt vorbereiten und daher eilends ins Pfarrhaus zur�ckkehren. Zusammen mit ihm brachen zwei Frauen aus der Trauergemeinde sowie Elisabeth auf. Sie wartete vor dem Haus auf ihn, der Bruder der Toten hatte ihn noch in ein kurzes Gespr�ch �ber den neuen Stiftsverweser verwickelt. Als Andreas endlich aus dem Haus trat, wurde es bereits dunkel in der engen Gasse.</p><p>�Habt Ihr Johannes Dulcken aufgesucht?�, fragte Elisabeth ohne Umschweife.</p><p>Er berichtete ihr von dem seltsamen Zusammentreffen und von Dulckens Behauptung, er sei von Ludwig hintergangen worden. Elisabeth lief puterrot an und kniff die Augen zusammen. �Dieser Hund!�, rief sie. �Dieser Bastard! Wie kann er so etwas behaupten! Ludwig hat mir oft von Dulckens unlauteren Praktiken erz�hlt und gesagt, es sei nur eine Frage der Zeit, wann er endlich auffliege.�</p><p>�Seid Ihr sicher, dass Euer Bruder dabei nicht nachgeholfen hat?�, fragte Andreas vorsichtig, w�hrend er neben Elisabeth herging.</p><p>�Was wollt Ihr damit sagen?� Sie blieb stehen. Ihre Blicke waren wie Pfeile. Pl�tzlich war sie Andreas unheimlich.</p><p>�Ich wei� gar nichts mehr�, gestand Andreas.</p><p>Elisabeth machte einen Schritt auf ihn zu. Unwillk�rlich wich er zur�ck. Der Schatten eines L�chelns huschte �ber ihr Gesicht. �Wenn Dulcken behauptet, mein Bruder habe ihn hereingelegt, steckt er unter einer Decke mit den anderen. Die Sache zieht gr��ere Kreise, als ich vermutet habe.�</p><p>�Wovon redet Ihr?�, wunderte sich Andreas und ging weiter. Elisabeth folgte ihm mit raschen Schritten, die von den hohen Hausw�nden widerhallten.</p><p>�Vielleicht hatte ich Unrecht. Aber was ist, wenn dieser Dulcken und Barbara gemeinsame Sachen machen? Wenn tats�chlich der Grund f�r seinen Tod in den Gesch�ften zu suchen ist?�</p><p>�Es besteht immer noch die M�glichkeit, dass ich mich mit meinen Schlussfolgerungen geirrt habe und er sich tats�chlich umgebracht hat, weil er die Seelenqualen wegen des Teufelspaktes nicht mehr ertragen konnte�, entgegnete Andreas.</p><p>Elisabeth stellte sich vor ihn. In der Gasse hatte sich die Dunkelheit schon so sehr verdichtet, dass er nur noch die Umrisse der jungen Frau wahrnehmen konnte. Einzig ihre gr�nen Augen fingen von irgendwoher die letzten Lichtstrahlen ein und b�ndelten sie zu einem unirdischen Blitzen. �Redet nicht so h�ufig �ber den Teufel. Er k�nnte Euch schon n�her sein, als Ihr ahnt.�</p><p>Hinter Andreas ert�nte pl�tzlich lautes Rufen und Singen. Er schaute sich um. Zwei Zecher kamen des Weges, bogen aber in die Breite Stra�e ab. Der Gesang verhallte zwischen den H�usern.</p><p>Als Andreas sich umdrehte, war Elisabeth verschwunden.</p></section><section><title><p><strong>ACHT</strong></p></title><p>Es war, wie so oft, ein einsames Abendessen. Heinrich und Elisabeth Bonenberg sa�en einander gegen�ber an dem alten Eichentisch mit dem wei�en Leinentuch. Es gab dreifarbigen Hecht, feines Brot und dazu Els�sser aus den eigenen Best�nden. Seit Heinrich Bonenberg auch in den Weinhandel eingestiegen war, gab es bei Tisch wenigstens Wein, wenn auch nie vom besten, sodass er meistens mit Honig ges��t werden musste. Doch das war Elisabeth lieber als das bittere Bier. Sie k�mmerte sich kaum um die Gesch�fte ihres Mannes, doch sie wusste, dass ihn vor ihrer Hochzeit ein herber Schlag getroffen hatte. Wegen der Verhansung K�lns konnte er seine Tuche in den anderen Hansest�dten nicht mehr absetzen. So war er auf den Einfall gekommen, seinem Schwager Konkurrenz zu machen und selbst Weine in den Londoner Stalhof zu liefern. Doch Ludwig Leyendecker hatte die besseren Verbindungen und verstand �berdies mehr vom Wein, aber er hatte seinen Schwager nicht ruiniert wie Johannes Dulcken, sondern Heinrich sogar in bescheidenem Umfang geholfen. Der Anschein des Reichtums im Bonenberger Haus konnte allerdings nur noch mit M�he aufrechterhalten werden.</p><p>Das Essen wurde schweigend eingenommen. Elisabeth entgingen die bohrenden Blicke ihres Gatten nicht, auch wenn sie ihn kaum ansah. Manchmal tat er ihr Leid. Doch sie wusste genau, dass es dazu keinen Anlass gab. Bei der Hochzeit war alles in einem Vertrag festgelegt worden. Elisabeth hatte als Mitgift eine ungeheuer gro�e Summe Geldes mitgebracht, das Heinrich aber nur dann f�r sein Handelshaus nutzen durfte, wenn er die merkw�rdige Vereinbarung einhielt, die ihm Elisabeths �lterer Bruder aufgezwungen hatte: Es durfte keine leiblichen Erben geben.</p><p>Das war f�r Heinrich Bonenberg eine kaum annehmbare Bedingung gewesen. Doch zuvor hatte er zum Erhalt seines Kontors erhebliche Kredite aufnehmen m�ssen und war in Zahlungsschwierigkeiten geraten. Die Heirat mit Elisabeth Leyendecker war ihm da gerade recht gekommen. Er hatte gewusst, dass sie einen etwas merkw�rdigen Ruf hatte, aber sie war eine �u�erst sch�ne und ehrsam wirkende junge Frau. Und dazu unermesslich reich. In seiner Dienerschaft hatte man dunkle Dinge angedeutet und gemunkelt, sie stehe mit dem B�sen in Verbindung, doch nie hatte es die geringste Best�tigung f�r diese Ger�chte gegeben.</p><p>Elisabeth trank ihren Pokal leer und sah ihren Mann an. In seinen Augen hockte die Gier.</p><p>Die Gier nach ihr.</p><p>Sie wusste, dass er andere Frauen hatte, und es war ihr gleichg�ltig. In der Ehevereinbarung war zus�tzlich festgelegt worden, dass er sie nicht besitzen durfte. Sie war froh �ber diese Klausel, denn Heinrichs Lust war ihr zuwider. Doch heute konnte sie diese vielleicht f�r sich nutzen, wenn sie vorsichtig war.</p><p>�Ich frage mich, ob mein Bruder viele Feinde gehabt hat�, meinte sie und spielte mit ihren schlanken Fingern um den Rand des Pokals. Sie hatte mit ihrem Mann noch nie eingehend �ber Ludwig gesprochen. Immer, wenn sie es versucht hatte, war es Heinrich gelungen, die Unterhaltung abzubrechen oder in andere Bahnen zu lenken. Ihre Gespr�che beschr�nkten sich daher auf die allernotwendigsten Haushaltsbelange.</p><p>�Wen interessiert das jetzt noch?�, gab Heinrich zur�ck und st�tzte den Kopf in die H�nde, ohne den Blick von ihr abzuwenden.</p><p>�Wie war er als Kaufmann und als Politiker?�, setzte sie nach.</p><p>Trineken, die alte Magd, kam herein und r�umte das Geschirr ab. Die Herrschaft wusch sich die H�nde und trocknete sie an Trinekens Leinentuch. Steif blieben sie sich gegen�ber sitzen.</p><p>�Du hast mir noch nie solche Fragen gestellt�, meinte Heinrich.</p><p>�Die Welt des Handels hat mich nicht interessiert�, gab Elisabeth zur�ck. �Die Welten der Kunst und Musik liegen mir n�her, doch dir sind sie anscheinend f�r ewig verborgen.� Sie l�chelte ihn herausfordernd an.</p><p>�Warum stellst du mir dann ausgerechnet jetzt solche Fragen?�, wollte Heinrich wissen und goss sich noch einen Pokal des sauren, leicht mit Honig ges��ten Els�ssers ein.</p><p>�W�re es dir gleichg�ltig, wenn einer deiner Br�der Selbstmord begangen h�tte?�</p><p>�Das w�re nicht meine Angelegenheit. Solange sich so etwas nicht auf das Gesch�ft auswirkt, ist es belanglos.� Heinrich nahm einen Schluck Wein und schnalzte gen�sslich mit der Zunge. Er verstand nicht viel von diesem edlen Saft.</p><p>Elisabeth ekelte sich vor Heinrich. Wenn es damals nicht f�r alle der beste Weg gewesen w�re, h�tte sie sich ihrem Bruder so lange widersetzt, bis er ihr einen anderen Gatten ausgew�hlt h�tte.</p><p>Heinrich leckte sich mit der Zunge �ber die Lippen und sah dabei seine Frau an. �Wenn du unbedingt wissen willst, wie dein lieber Bruder wirklich war, k�nnte ich dir einen kleinen Handel vorschlagen.�</p><p>�Einen Handel?� Elisabeth tat so, als wisse sie nicht, was er damit meinte.</p><p>Er seufzte. �Drei Jahre sind wir nun schon verheiratet, und nicht ein einziges Mal hast du erlaubt, diese irrsinnige Klausel in unserem Vertrag zu brechen.�</p><p>�Welche Klausel meinst du?� Langsam machte ihr dieses Spiel Spa�.</p><p>Er schlug mit der Faust auf den Tisch. Die Pokale erzitterten. Der dumpfe Klang erinnerte Elisabeth an den Schlag, mit dem ein Rind get�tet wurde. �Die Klausel des Beilagers.�</p><p>Sie versuchte zu err�ten, es gelang ihr ein wenig. �Diese Klausel hat nach wie vor Geltung. Du wei�t, was geschieht, wenn du sie brichst oder nur versuchst, mir Gewalt anzutun. Dann ist dein sch�nes Handelshaus innerhalb weniger Tage bankrott.�</p><p>Heinrich lehnte sich auf seinem Stuhl zur�ck, bis dieser bedenklich knarrte. Der reiche Tuchh�ndler hatte sich in der letzten Zeit einen rechten Wanst angefressen, fand Elisabeth. Das Wams spannte �ber dem Bauch, und die Wangen waren rosig und aufgeplustert wie bei einem schlachtreifen Schwein. �Du wei�t, dass ich nie an Gewalt denke�, meinte er mit einem Grinsen. �Ich bin ein friedliebender Mensch. Ich nehme nur, was man mir freiwillig gibt.�</p><p>�Ist zurzeit niemand da, der dir das freiwillig gibt, wonach es dich gel�stet?�, erwiderte Elisabeth, die sich sofort still f�r ihre spitze Zunge schalt. Schlie�lich wollte sie ihren Gemahl nicht ver�rgern, sondern etwas von ihm erfahren.</p><p>Heinrich schaute verbl�fft drein. Es war ihm deutlich anzusehen, dass er nicht wusste, ob er lachen oder aufbrausen sollte. Da er zu keiner Entscheidung kam, sah er sie lediglich mit gro�en Augen an.</p><p>Elisabeth erwiderte seinen Blick. �Wenn du es freiwillig bekommst, erz�hlst du mir dann alles, was du �ber meinen Bruder wei�t?�</p><p>Nun lachte er wie ein Kind, dem zu Dreik�nig die leckersten S��igkeiten versprochen werden. �Komm mit in meine Kammer, bevor du es dir anders �berlegst.� Er stand auf und rieb sich die H�nde. �Endlich werden wir unsere Ehe vollziehen. Dann sind wir auch vor Gott verheiratet.�</p><p>�Seit wann interessiert dich Gott?�</p><p>�Immer dann, wenn er in meine Pl�ne passt.� Er streckte ihr die Hand entgegen. Sie blieb sitzen und l�chelte ihn an.</p><p>�Hier unten ist es viel gem�tlicher zum Reden. Danach begleite ich dich in dein Bett.�</p><p>Er runzelte die Stirn. Die buschigen schwarzen Brauen stie�en beinahe �ber der Nasenwurzel zusammen. �Ich kenne dich. Du willst mich �bert�lpeln�, knurrte er.</p><p>�Erz�hl mir von Ludwigs Ratst�tigkeit. Sicherlich wei�t du etwas. Schlie�lich sitzt dein Bruder Matthias f�r die Gaffel der Brauer im Rat. Da wird er doch so einiges wissen, oder?�</p><p>�Nat�rlich wei� er vieles. Das sage ich dir nachher. Ich muss doch erst die Ware pr�fen�, h�hnte er.</p><p>Am liebsten h�tte sie ihn angespuckt. �Die Ware steht nicht zur Pr�fung bereit. Vergiss es einfach. Ich will nichts mehr wissen.� Der Preis war zu hoch.</p><p>Heinrich setzte sich schnaufend und streckte die Beine unter den Tisch. Elisabeth h�rte, wie er mit den modischen Ochsenmaulschuhen gegen die Verstrebungen des breiten Tisches stie�. �Du wei�t gar nicht, um was du mich bittest�, sagte er ver�chtlich. �Was verstehen Frauen schon von der hohen Politik. Ihr k�mmert euch um den Haushalt, das ist eure Welt.�</p><p>�Ist dir entgangen, lieber Gatte, dass es hier in K�ln Frauen gibt, die in Handel und Gewerbe t�tig sind?�, gab Elisabeth schnippisch zur�ck, w�hrend sie m�hsam versuchte, ihre Ver�rgerung zu unterdr�cken.</p><p>�Das wei� ich�, sagte Heinrich und r�lpste. Er griff den Krug mit dem Els�sser und kippte mit einer linkischen Bewegung die letzten Tropfen in seinen Pokal. �Die Leyendeckerin f�hrt zum Beispiel das Gesch�ft deines Bruders weiter, und in unserer Stadt darf sie das sogar ohne Vormund.� Er spuckte auf den Boden. �Wenn ich zu sagen h�tte, w�rde so etwas sofort verboten. Weibsgesindel geh�rt ins Haus oder in die Kirche � oder ins Kindbett.� Er faltete die H�nde �ber dem Bauch. Sein Blick war unertr�glich.</p><p>Elisabeth versuchte das Gespr�ch wieder auf ihren Bruder zu bringen. �K�nnte die hohe Politik etwas mit Ludwigs Tod zu tun haben?�</p><p>�Ich war der Meinung, er habe Selbstmord ver�bt, weil er es nicht mehr ertragen konnte, dass er seine Seele dem Teufel verschrieben hat. Das passt zu ihm. Er war kein guter Mensch, auch wenn du ihn immer f�r einen Heiligen gehalten hast. Matthias hat mir getreulich berichtet, wie Ludwig im Rat die harte Haltung K�lns gegen den Rest der Hanse vorangetrieben hat. Er hat eine Fraktion um sich geschart, um den Hinauswurf aus dem hansischen B�ndnis geradezu zu erzwingen. Dabei hat er mit Bestechung und Erpressung gearbeitet. Kein Mittel war ihm zu schade.�</p><p>�Das glaube ich nicht�, sagte Elisabeth ersch�ttert.</p><p>�Es ist aber wahr. Es ging ihm nur um sein Gesch�ft mit den Engl�ndern. Die Verhansung K�lns bedeutet gleichzeitig, dass K�ln weiterhin Gesch�fte im Stalhof machen kann und die hansische Konkurrenz nicht mehr zu f�rchten braucht. Aber wir, die vor allem mit dem norddeutschen Raum Handel treiben, sind durch diese Entscheidung des Rates bitter getroffen worden.� Heinrich sprang pl�tzlich auf, schneller, als Elisabeth es bei seiner Leibesf�lle f�r m�glich gehalten h�tte. Er st�tzte sich mit beiden H�nden auf der Tischplatte ab und beugte den massigen Oberk�rper weit vor, sodass sein Weinatem Elisabeth in Schw�llen traf. �Was glaubst du, warum ich dich geheiratet habe? Weil mir deine gr�nen Augen so gut gefallen?�, polterte er. �Nein, weil dein Bruder wohl Gewissensbisse bekommen und dich mir wie saures Bier angeboten hat. Deine Mitgift habe ich gebraucht, um mein Handelshaus vor dem Ruin zu bewahren, den ich ihm zu verdanken gehabt h�tte!�</p><p>�Wer war im Rat noch gegen ihn? Wen hat er erpresst?�, wollte Elisabeth wissen. Sie hatte Angst vor der Antwort. Pl�tzlich war Barbara Leyendecker nicht mehr die Hauptverd�chtige. Welche Abgr�nde mochten sich noch auftun?</p><p>�Komm jetzt. Den Rest erz�hle ich dir in meiner Schlafkammer.� Heinrich streckte die Hand �ber den Tisch aus. Elisabeth ergriff sie. Sie wusste, dass ihr jetzt nichts anderes �brig blieb, als ihm nach oben zu folgen. Sie ging um den Tisch herum, wobei er sie nicht loslie�, und trat hinter ihm in die ger�umige Diele. �ber die gro�e Treppe gelangten sie in den ersten Stock, in dem ihrer beider Schlafkammern Wand an Wand lagen. Heinrich zerrte Elisabeth in sein Zimmer, das von einem ausladenden, bis unter die Decke reichenden Himmelbett aus beinahe schwarzem Eichenholz beherrscht wurde. Er legte ihr den Arm um die H�fte und zog sie auf die weiche Matratze. Mit seinen wulstigen Lippen k�sste er sie und drang sogleich mit der Zunge in ihren Mund ein. Elisabeth bekam keine Luft mehr. Seine biegsame, erstaunlich schlanke Zunge war wie eine Schlange. Es gelang ihr, ihn von sich zu dr�cken. Rasch schnappte sie nach Luft und rollte sich zur Seite, sodass er ins Leere griff, als er sich wieder auf sie st�rzen wollte.</p><p>�Erst musst du mir weiter berichten�, keuchte sie. �Dann bin ich dein.�</p><p>Er drehte sich auf den Bauch und sah sie von unten herauf an wie ein H�ndchen. Elisabeth hockte sprungbereit auf der Bettkante.</p><p>�Was gibt es da noch zu berichten?�, st�hnte er. �Dein Bruder war ein Schwein. Godebert Palms Frau zum Beispiel hat er einmal nachts mit Kr�utern und einer schwarzen Katze erwischt und Palm damit gedroht, er werde sie vor dem erzbisch�flichen Inquisitionsgericht als Hexe anzeigen, wenn Palm nicht f�r die Verhansung stimme. Und Siegfried Ulreportzens Weinkontor hat er �bernommen, denn Ulreportzen hatte haupts�chlich mit den L�bschen Handel getrieben und sich geweigert, mit den Engl�ndern Gesch�fte zu machen. Mich wundert, dass er es mir erlaubt hat, ihm ein wenig Konkurrenz zu machen. Aber er hat es wohl nicht gewagt, dem Mann seiner Schwester und damit auch ihr selbst das Leben zu zerst�ren. Was er mit Dulcken gemacht hat, ist ja stadtbekannt.�</p><p>�Sa� Dulcken ebenfalls im Rat?�, fragte Elisabeth, w�hrend sie fieberhaft �berlegte, wie sie aus diesem Zimmer entkommen konnte, bevor Heinrich seinen Teil des Handels einforderte.</p><p>�Nein, ihn hat er einfach als Konkurrenten ausgeschaltet. Was Leyendecker in die Hand nahm, verwandelte sich in Gold. Auch wenn an diesem Gold viel Leid klebte. Wie soll man da nicht glauben, dass er mit dem Erzfeind im Bunde stand? Und wenn ich nicht glauben soll, dass das bei dir auch der Fall ist, kommst du jetzt sofort in meine Arme.�</p><p>Elisabeth sp�rte, wie ihr der Schwei� auf die Stirn trat. Sie war n�her an der T�r als Heinrich. Aber auch wenn sie floh, w�rde er sie rasch einholen. Sie hatte mit zu hohem Einsatz gespielt.</p><p>Er robbte �ber die Matratze auf sie zu. Es sah entsetzlich l�cherlich aus. Einer seiner Ochsenmaulschuhe war heruntergefallen, ein Knopf riss von dem Wams ab, das sich nun langsam �ber dem gef�ltelten Hemd hochschob wie ein H�cker. Auch die gebauschte Hose rutschte allm�hlich herunter und entbl��te den rosigen, prallen Hintern ihres ungeliebten Gemahls.</p><p>Da kam ihr eine Idee. Sie stellte ein Bein auf das Bett und hielt ihm den perlenbestickten gr�nen Lederschuh vor die Nase. Er leckte mit der Zunge dar�ber. Und bemerkte dabei nicht, dass sie hastig nach dem Schl�sselbund an ihrem G�rtel griff. Entschlossen packte sie das kleine Messer daran und schnitt sich in die Hand. W�hrend Heinrich verz�ckt ihren Schuh abk�sste, fuhr sie sich mit der Hand unter die R�cke. Machte ein erschrockenes Gesicht. Zog die Hand wieder hervor.</p><p>Sie war blutig.</p><p>�Mein Mond hat gerade eingesetzt.� Sie hielt ihm die rotfeuchte Hand entgegen.</p><p>Heinrich erstarrte mitten in der kriechenden, schl�ngelnden Bewegung. �ber sein breites Gesicht legte sich ein Schatten des Abscheus. �Du Hexe! Du wirst deinen Teil der Abmachung noch einhalten�, brummte er mit einer d�steren Drohung in der Stimme.</p><p>�Nat�rlich. Wenn es wieder ehrsam ist�, fl�sterte sie mit einem Ausdruck tiefsten Bedauerns und schlug die Augen nieder. Dann ging sie langsam r�ckw�rts aus dem Zimmer.</p><p>Als sie die T�r hinter sich geschlossen hatte und auf dem Korridor stand, atmete sie auf. Sie wollte sich nicht vorstellen, was geschehen w�re, wenn sie diesen Einfall nicht gehabt h�tte.</p><p>Wenn sie sich ihm nicht rechtzeitig h�tte entziehen k�nnen.</p><p>Wenn er es <emphasis>bemerkt</emphasis> h�tte.</p></section><section><title><p><strong>NEUN</strong></p></title><p>Sie hatten Gl�ck. Die Ratssitzung war gerade vor�ber, und die Herren kamen in ihren schwarzen, bis zu den Knien reichenden Tabbarden und den steifen, ebenfalls schwarzen H�ten nach spanischer Mode aus der dem Rathaus vorgebauten Laube. Majest�tisch schritten sie an den mit sagenhaften L�wenk�mpfen geschm�ckten dicken Steinpfeilern vorbei und blinzelten in die Sonne. Einer von ihnen, ein hagerer, gro�er Mann, den die schwarze Kleidung beinahe zu einem Gespenst machte, lief auf Elisabeth zu, als er ihrer gewahr wurde � das hei�t, er lief so schnell, wie es seine spitzen Lederschuhe zulie�en. Er nahm ihre Hand und dr�ckte sie kurz, dann sah er sie traurig an.</p><p>�Es tut mir so Leid, dass ich nicht zur Beerdigung Eures Bruders kommen konnte, aber der Rat hatte entschieden, dass wir dem Selbstm�rder nicht die letzte Ehre geben d�rfen, vor allem deshalb nicht, weil er mit dem Teufel im Bunde stand.�</p><p>Elisabeth entzog ihre Hand dem Mann mit dem traurigen Blick. �Er war kein Vasall des B�sen, Peter Krantz�, zischte sie. �Ihr wisst es doch besser. Ihr kanntet meinen Bruder.�</p><p>Krantz sah von ihr zu dem Geistlichen, der neben ihr stand. Ablehnung schlich sich in seinen Blick. �Ich kannte ihn, wie sich Ratsm�nner untereinander eben kennen�, sagte er und f�gte leise hinzu: �Und er war ein guter Kerl. Ich begreife nicht, was da geschehen ist.�</p><p>�Wer k�nnte es denn begreifen?�, mischte sich Andreas Bergheim ein. Elisabeth hatte ihm alles berichtet, was ihr Mann ihr gesagt hatte, ohne indes ihre List zu erw�hnen.</p><p>�Was will dieser Pfaffe?�, fragte Krantz Elisabeth absch�tzig, w�hrend ihn einige der Ratsherren verabschiedeten, indem sie ihn kurz umarmten.</p><p>�Andreas Bergheim ist ein guter Freund von mir und hilft mir, Licht in das Dunkel von Ludwigs Tod zu bringen�, erwiderte Elisabeth kalt.</p><p>�Verzeiht, Bonenbergerin. Vielleicht habt Ihr Recht. Doch ich muss fort, die Gesch�fte rufen.� Krantz versuchte, sich davonzumachen.</p><p>�Nicht so schnell, Krantz�, sagte Elisabeth hastig und zupfte ihn am �rmel seiner Amtsrobe. �Was wisst Ihr �ber die Feinde meines Bruders im Rat?�</p><p>Er vermied es, sie anzusehen. �Er hatte keine Feinde.�</p><p>�Wirklich nicht?�, warf Andreas ein. �Wir haben da etwas anderes geh�rt.� Inzwischen hatte sich die Laube geleert, nur noch Krantz, Elisabeth und Andreas standen in der offenen, zugigen Eingangshalle, �ber der sich ein h�lzernes Obergeschoss befand. Die Sonne warf Balken aus Licht auf den gepflasterten Boden. Den Ratsherrn lie� sie im Dunkel; er schien wie zwischen zwei Lichtgittern gefangen.</p><p>�Ihr fragt den Falschen. Au�erdem ist der Inquisitionsprozess abgeschlossen. Warum k�mmert Euch die Sache noch?�</p><p>�Habt Ihr schon einmal einen Bruder oder eine Schwester durch ein Verbrechen verloren?�, gab Andreas zur�ck.</p><p>�War es denn ein Verbrechen? Sind in diesem Falle nicht Verbrecher und Opfer dieselbe Person?�, entgegnete Krantz, schaute den Kaplan herausfordernd an und machte einen Schritt auf ihn zu. Elisabeth stellte sich rasch zwischen die beiden.</p><p>�Begreift Ihr denn nicht das Leid einer Schwester?�, sagte sie zu Krantz und schenkte ihm einen schmerzerf�llten Blick. �Wir wollen doch nur etwas �ber Ludwigs Stellung im Rat und seine Beziehungen zu den anderen Ratsherren erfahren.�</p><p>�Vielleicht h�ttet Ihr Euch fr�her daf�r interessieren sollen�, meinte Krantz. �Ich erinnere mich nicht, dass Ihr je f�r Euren Bruder so viel Aufmerksamkeit �brig hattet wie nach seinem Tode.� Elisabeth traten Tr�nen in die Augen. Sie schluckte.</p><p>Mit zwei Schritten umrundete Andreas Elisabeth und versetzte Krantz eine Maulschelle. Es klatschte wie ein Peitschenhieb.</p><p>Als er die schmerzende Hand zur�ckzog, blieb ihm das Herz vor Schrecken �ber seine Tat fast stehen. Er kannte sich selbst kaum noch.</p><p>Einen Augenblick lang standen alle drei wie versteinert da. Auf Krantz� Gesicht wechselten sich Zorn, Verwunderung und Scham ab. Die Luft knisterte. Die Ger�usche der Stadt, das Wagenklappern, Hufgetrappel, Rufen, H�mmern, waren wie durch ein dickes Tuch erstickt.</p><p>Krantz war der Erste, der die Worte wieder fand. �Ich entschuldige mich f�r meine �u�erung�, sagte er leise. �Aber ich kann Euch nicht viel �ber das sagen, was Ihr wissen wollt.�</p><p>�Gibt es denn jemanden, den wir fragen k�nnen?�, wollte Elisabeth wissen. Sie entspannte sich und trat neben Andreas, der sich nun die immer noch schmerzende Hand rieb.</p><p>Krantz konnte sich ein L�cheln nicht verkneifen, als er Andreas ansah. Dieser sp�rte, wie wieder der Zorn in ihm hochstieg, doch er riss sich zusammen.</p><p>�Wenn Ihr es wagt, k�nnt Ihr Ulrich Heynrici aufsuchen. Er hat damals die Position der Stadt K�ln vor dem Hansetag vertreten und dabei eng mit Ludwig Leyendecker zusammengearbeitet. Wenn jemand etwas �ber Euren Bruder wei�, so ist er es.�</p><p>�Wo k�nnen wir ihn finden?�, fragte Andreas.</p><p>�Bei den Toten und den Sterbenden.�</p><empty-line/><p>Aus dem Stall des Pastorats hatte Andreas zwei Apfelschimmel ausgeborgt. Pastor H�lshout war zwar zuerst nicht einverstanden gewesen, aber als Andreas ihm erkl�rt hatte, wen sie besuchen wollten, hatte sich H�lshouts Miene aufgehellt.</p><p>�Ulrich Heynrici, den Heiligen?�, hatte er erfreut gesagt, w�hrend er sich in der Sakristei das Messgewand �berzog. �Das ist nat�rlich etwas anderes. �berbringe ihm meine besten W�nsche. Und nimm die Pferde, mein Junge. Rede mit diesem heiligsamen Mann, und versuche, dir an ihm ein Vorbild zu nehmen.� H�lshout entband ihn sogar von der Messverpflichtung f�r diesen Tag, falls Andreas es auf dem R�ckweg nicht mehr schaffte, die Stadttore vor dem Schlie�en zu erreichen.</p><p>Elisabeth hatte unbedingt mitkommen wollen. �Es ist gut, wenn ich eine Weile aus dem Haus bin�, hatte sie gesagt. �Je l�nger die Reise dauert, desto besser. Und in Begleitung eines Geistlichen darf ich wohl fort.�</p><p>Nun n�herten sie sich zu Pferd der Ehrenpforte. Es war ein kalter Fr�hlingstag. Der Wind hatte auf Ost gedreht und trieb wei�e Sch�fchenwolken �ber den stahlblauen Himmel. Am Tor wollten sie absteigen, doch die Torw�chter winkten sie durch. Ein geistliches Gewand bewirkte so manches.</p><p>Unmittelbar hinter dem Tor begannen die Felder und Wiesen. Die Weite der �cker, der fernen Waldst�cke, des endlosen Himmels be�ngstigte Andreas. Auf Reisen �ber Land, unter dem freien Himmel, schien es kaum mehr Begrenzungen zu geben. In der Stadt wusste man, wohin man sich zu wenden hatte; man kannte die Wege, die Gefahren und die Annehmlichkeiten. Doch hier drau�en lag eine andere Welt.</p><p>In der Ferne sah er eine aufgeregte Schafherde und einen gro�en schwarzen Hund, der die Tiere zusammentrieb.</p><p>Er schaute hin�ber zu Elisabeth, die schweigend neben ihm ritt und tief in Gedanken versunken schien. Sie hatte die d�nnen Lippen zusammengekniffen, sodass sie nur mehr einen Strich bildeten. Andreas kannte Elisabeth seit Jahren, doch nie war er so h�ufig und nah mit ihr zusammen gewesen wie in den letzten Tagen. Etwas Seltsames umwebte sie. H�lshouts dunkle Andeutungen gingen ihm nicht aus dem Kopf. Sie war eine mutige und entschlossene Frau, doch kannte er sie wirklich?</p><p>Andreas fragte sich, was sie am Ende ihrer Reise erwarten w�rde. Sie waren auf dem Weg nach Melaten, dem Leprosenhaus vor den Toren der Stadt. Ratsherr Krantz hatte ihnen gesagt, Ulrich Heynrici habe sich nach seinem R�ckzug aus der Politik und dem Kaufmannsdasein im Spital von Melaten eingekauft, um den Kranken zu helfen und den K�sterdienst in der dortigen Kapelle zu versehen. Er habe der Welt den R�cken gekehrt und im stetigen Blick auf Gott ein neues Leben begonnen.</p><p>Was mochte einen reichen Patrizier dazu bringen, t�glich sein Leben im Kampf gegen die Krankheit aufs Spiel zu setzen und allem Wohlstand zu entsagen?</p><p>Nach einer Stunde stummen Reitens hatten sie die hohe Bruchsteinmauer erreicht, die das Leprosenhaus, die Nebengeb�ude, die Kirche und die G�rten von der Stra�e und der Welt abschirmte. Am Tor sa�en sie ab. Wehm�tig schaute Andreas dem weiteren Verlauf der Stra�e nach. Irgendwo dort hinten, in weiter Ferne, musste die alte Kaiserstadt Aachen liegen und dahinter Paris, Poitiers, Santiago de Compostela. Viel lieber w�re er bis ans Ende der Welt geritten, als diesen Ort des Schreckens und des Todes zu betreten. Er sah Elisabeth an, die ihm aufmunternd zul�chelte.</p><p>Am Tor meldeten sie sich und fragten nach Ulrich Heynrici. Es wurde ihnen sofort aufgeschlossen. Im Innenhof durften sie ihre Reittiere anbinden; dann ging der Pf�rtner mit ihnen an der Kirche und dem Wirtshaus vorbei, dessen Eingang an der Stra�e nach Aachen lag und das den Reisenden vorbehalten war. Die Siechen durften es bei der Androhung des Verlustes ihrer Pfr�nde nicht betreten. Eine dieser armen Kreaturen kam trotzdem �ber den Hof gehumpelt, hielt das, was einmal ihre H�nde gewesen waren, vor und bettelte um Geld. Der Pf�rtner scheuchte die zerlumpte Gestalt fort und bekreuzigte sich. Der Auss�tzige taumelte zur�ck zu den kleinen Unterk�nften, die im rechten Winkel zur Kirche standen. Andreas sch�ttelte sich, doch Elisabeth hatte Bedauern in den Augen. Der Pf�rtner sah es, zuckte die Schultern und sagte: �Niemand kann diesen armen Gesch�pfen helfen; es gibt kein Heilmittel gegen den Aussatz. Man kann sie nur von den Gesunden absondern. Sie d�rfen nichts ber�hren, was auch Gesunde ber�hren k�nnten. Wenn sie ein Gel�nder anfassen, m�ssen sie Handschuhe tragen. Wenn sie mit einem Gesunden sprechen, m�ssen sie aus dem Wind gehen, weil man nicht wei�, ob der Wind m�glicherweise die Krankheit �bertr�gt. Und nat�rlich d�rfen sie nicht in flie�endem Wasser baden oder sich waschen. Dennoch werden ihrer immer mehr. Keiner wagt sich nahe an sie heran, auch der Arzt nicht. Ich geb zu, auch ich hab Angst vor ihnen. Hab schlie�lich Frau und Kinder. Nur einer hilft ihnen, unser K�ster.�</p><p>Er klopfte an die T�r des kleinen H�uschens hinter der Kirche, das wie das Wirtshaus an die Mauer gebaut war. �Unser frommer Herr Ulrich bekommt viel Besuch aus der Stadt�, sagte der Pf�rtner und zwinkerte stolz. �Er ist wirklich ein Heiliger. Hat man so etwas schon einmal gesehen? Vermacht sein ganzes Geld dem Siechenhaus und legt selbst noch Hand an. Er ist besser als all die gelehrten Pfaffen zusammen.� Er warf Andreas einen scheelen Blick zu, drehte sich um und ging.</p><p>Die T�r wurde ge�ffnet, und im Rahmen stand eine Gestalt, bei deren Anblick Andreas nur die Bezeichnung �alttestamentarisch� einfiel. Der Mann war etwa siebzig Jahre alt, sehr gro�, st�mmig, ohne dick zu sein, und hatte einen schlohwei�en Haarkranz, der sein kahles Haupt wie ein Heiligenschein umgab, sowie einen langen, ebenso wei�en Bart. Seine Augen waren sehr dunkel, entweder braun oder schwarz. Er sah die junge Frau und den Geistlichen fragend an und l�chelte warmherzig.</p><p>Es war Elisabeth, die den Grund ihres Besuches erkl�rte. Nun wurde auch der Blick des beeindruckenden Mannes heller. �Ich habe von dieser schrecklichen Sache geh�rt�, sagte er mit einer vollt�nenden Bassstimme. �Kommt doch bitte herein. Entschuldigt, dass es nicht sehr herrschaftlich ist, doch wie Ihr bestimmt schon erfahren habt, h�nge ich nicht mehr an weltlichen G�tern.� Er geleitete die beiden in eine enge Stube, die mit B�chern gef�llt war. Andreas glaubte sich in die Universit�t versetzt. Noch nie hatte er so viele B�cher in einem privaten Haushalt gesehen. Heynrici musste seinen erstaunten Blick bemerkt haben und erkl�rte: �Ein wenig von meinen Sch�tzen habe ich mitgebracht. Aber es sind geistige G�ter.</p><p>Ich ziehe meinen Frieden und mein Heil aus ihnen � und aus Gott.� Er bot Elisabeth einen bequemen Stuhl mit zwei dicken Polsterkissen an und r�ckte Andreas einen Dreifu� zurecht. Er selbst setzte sich im Schneidersitz auf den blank gescheuerten Holzfu�boden.</p><p>Die Kammer war nicht gro�. Schatten klebten �berall. Das einzige Fenster steckte neben der T�r und ma� kaum eine Elle im Quadrat. Eine Stiege im hinteren Teil f�hrte in den ersten Stock, wahrscheinlich zum Schlafraum des seltsamen K�sters.</p><p>Heynrici sagte: �Verzeiht, dass ich Euch weder Wein noch Bier anbieten kann. Ich trinke keinen Alkohol und habe daher auch keinen im Hause. Wollt Ihr einen Becher Wasser haben?�</p><p>Andreas und Elisabeth lehnten ab. Sie sahen sich erstaunt um und w�hnten sich in einer anderen Welt. Der Kaplan sagte schlie�lich: �Ihr habt den Ruf eines Heiligen, Heynrici. Darf ich fragen, wieso Ihr Euch hierher zur�ckgezogen habt?�</p><p>�Seid Ihr hergekommen, um mich das zu fragen?�, meinte er. Seine dunklen Augen glitzerten belustigt. �Ich will Euch aber gern antworten. Nachdem ich meinen Sitz im Rat der Stadt aufgegeben hatte, starb meine liebe Frau, und ich hatte keine Freude mehr am Leben. Ich wollte etwas tun, das den �rmsten der Armen zugute kommt. Daher habe ich all mein Geld Melaten vermacht und bin hergezogen, um mich um die Auss�tzigen zu k�mmern, vor denen jedermann eine so gro�e Furcht hat. Ich versehe K�sterdienste, mache Besorgungen f�r die Kranken und helfe bei der Lepraschau, wenn sich die �rzte nicht bereit erkl�ren, die Auss�tzigen anzufassen.�</p><p>�Ihr setzt dabei Euer Leben aufs Spiel�, bemerkte Elisabeth beeindruckt. Andreas sah, wie sie an den Lippen des alten Mannes hing. Nichts anderes schien f�r sie mehr zu existieren. Er hatte sie ganz in seinen Bann gezogen.</p><p>�Ja, aber ich bin schon alt und habe mein Leben gelebt. Was soll mir denn noch passieren?�, sagte Heynrici langsam. �Endlich kann ich einmal etwas tun, was den Menschen unmittelbar zugute kommt.�</p><p>Andreas gefiel nicht, wie Elisabeth den alten Mann ansah. Er r�usperte sich und fragte: �Was habt Ihr �ber den Tod Ludwig Leyendeckers geh�rt?�</p><p>Heynrici richtete den Blick auf ihn. Er zog die wei�en, buschigen Brauen zusammen. �Eine furchtbare Sache. Stimmt es, dass er einen Pakt mit dem Teufel geschlossen haben soll?�</p><p>�Es geht das Ger�cht um, aber wir glauben es nicht�, sagte Andreas und st�tzte die H�nde auf die Knie.</p><p>�Es ist gut, dass Ihr es nicht glaubt�, pflichtete Heynrici ihm bei. �Dass Ludwig Leyendecker ein B�ndnis mit dem Widersacher Christi eingegangen sein soll, ist l�cherlich. Das hatte er gar nicht n�tig. Er war ein gewitzter Kaufmann. Immer, wenn es g�nstige Ernten an Mosel, Rhein oder Nahe gab, war er zur Stelle. Er kannte den Wein besser als jeder andere. Manchmal glaube ich, er brauchte nur die F�sser anzuschauen, um zu wissen, wie viel Fruchtzucker der Wein hat und von welchen Lagen er kam. Warum sollte so jemand, der �berdies noch ausgezeichnete Kontakte vor allem nach London hatte, den Teufel zu Hilfe rufen?�</p><p>�Ganz meine Meinung�, stimmte Elisabeth eifrig zu. �Es muss um etwas v�llig anderes gegangen sein.� Sie berichtete ihm alles, was Andreas und sie bisher herausgefunden hatten. Heynrici h�rte schweigend zu, nickte manchmal, sagte aber nichts. Schlie�lich sagte Elisabeth: �Aus diesen Gr�nden glauben wir an einen Mord. K�nnte er etwas mit der Verhansung K�lns zu tun haben?�</p><p>�Mit dem Hinauswurf K�lns aus dem hansischen Bund?� Heynrici fuhr sich mit der langgliedrigen Hand durch den Bart. �Schwer zu sagen.�</p><p>�Wir haben geh�rt, dass er Feinde im Rat hatte�, warf Andreas ein.</p><p>Heynrici erhob sich so m�helos aus dem Schneidersitz, als w�rde er von einem hohen Stuhl aufstehen, und ging in dem kleinen Zimmer auf und ab. �Jedermann im Rat hat Feinde, das ist ganz nat�rlich. Es stimmt, dass Leyendecker damals entschlossen f�r den Englandhandel gestimmt hat � genau wie ich �brigens. Wir waren der Meinung, dass wir diese alte Tradition nicht der Hanse opfern d�rfen. Nat�rlich gab es auch Gegenstimmen. Sie kamen vor allem von jenen Kaufleuten, denen die Verhansung schwere Sch�den zugef�gt h�tte, was dann ja auch geschehen ist.�</p><p>�K�nnte einer der Verlierer meinen Bruder umgebracht haben?�, fragte Elisabeth, die jeder Bewegung Heynricis mit den Augen folgte.</p><p>Der alte Mann blieb stehen und sah sie nachdenklich an. �Ja, das w�re m�glich. Aber warum hat dieser Mord dann erst vier Jahre nach der Verhansung stattgefunden?�</p><p>Andreas nickte. Das war ein gutes Argument, das ihm noch nicht eingefallen war. �Das w�rde bedeuten, dass wir auf dem Holzweg sind�, brummte er und kratzte sich am Kinn.</p><p>Heynrici sch�ttelte den Kopf. �Nicht unbedingt. Ich glaube jedoch nicht, dass der Mord � wenn es denn wirklich einer war � etwas mit Ludwigs Rolle bei der starren Haltung des K�lner Rates im Englandstreit zu tun hat. Es gibt da noch eine andere M�glichkeit.� Er verstummte und schien in sich hineinzuh�ren. Dann umspielte ein feines L�cheln seine Lippen. Inzwischen wurde es drau�en bereits dunkel; die Schatten in dem kleinen, b�chervollen Zimmer verdichteten sich. Andreas und Elisabeth schauten ihn erwartungsvoll an und r�hrten sich nicht.</p><p>Der alte Mann fuhr fort: �Es ist noch nicht lange her, da war Ludwig hier bei mir. Er begleitete seinen Kutscher, der ein Fass Moselwein als Spende nach Melaten brachte. Ludwig hat nie viel Aufhebens von seinen vielf�ltigen Spenden gemacht, doch er hat geholfen, wo er konnte. Sonst war er immer fr�hlich, aber an jenem Tag wirkte er betr�bt. Ich fragte ihn, warum er so schweigsam sei, doch er wollte mir den Grund daf�r nicht nennen. Er war kurz vorher wohlbehalten von einer recht gef�hrlichen Englandreise zur�ckgekehrt und hatte wieder einmal gute Gesch�fte gemacht, wie er mir sagte, aber Freude dar�ber wollte bei ihm nicht aufkommen. Er deutete lediglich an, dass er in London Dinge erfahren habe, die ihn entsetzten. M�glicherweise im Stalhof, der dortigen Vertretung der hansischen Kaufleute.�</p><p>�Habt Ihr eine Ahnung, worum es sich dabei handeln k�nnte?�, fragte Elisabeth.</p><p>�Nein, er wollte mich nicht ins Vertrauen ziehen. Es muss etwas Schreckliches gewesen sein, denn so hatte ich ihn noch nie gesehen. Vielleicht hatte er sich vorgenommen, mit mir dar�ber zu sprechen, es dann aber doch nicht getan. Ihr seid doch seine Schwester, Elisabeth Bonenbergerin. Ist Euch nichts an ihm aufgefallen?�</p><p>Elisabeth wurde rot. �Ich hatte ihn seit seiner Englandfahrt nicht mehr gesehen. Er und mein Gemahl standen nicht auf gutem Fu� miteinander, sodass unsere Besuche leider nur selten waren. Ich konnte blo� einmal nach der Messe in Sankt Kolumba mit ihm reden, und da machte er auf mich einen gehetzten Eindruck. Wenige Tage sp�ter war er tot.� Sie barg den Kopf in den H�nden.</p><p>�Ich wei� nicht, was ihm in England widerfahren ist, aber vielleicht hat es etwas mit seinem Tod zu tun�, sagte Heynrici nachdenklich. �Ich hatte ihn zum Reden n�tigen wollen. Leider ist es mir nicht gelungen. Das werde ich mir nie verzeihen. Vielleicht h�tte ich ihn retten k�nnen. Manchmal verfolgt mich sein ver�ngstigter Blick bis in den Schlaf.�</p><empty-line/><p>Andreas schaute aus dem Fenster der Herberge von Melaten. Es war zu sp�t f�r die R�ckreise nach K�ln geworden. Er und Elisabeth hatten zwei kleine Zimmer erhalten, denn das Gasthaus war v�llig leer. Sonst wurden die Kammern mit mehreren G�sten belegt. Ein wenig hatte Andreas gehofft, das w�re auch an diesem Tag so gewesen. Andreas h�tte gern ein Gemach mit Elisabeth geteilt, wie er sich selbst eingestehen musste. Er sp�rte, dass sein Gesicht rot wurde. Seine H�nde zitterten. Als Geistlicher durfte er keine fleischlichen Regungen haben; er hatte seinen reinen K�rper Gott geweiht. Aber warum hatte Gott dem Menschen den Geschlechtstrieb mitgegeben, wenn er etwas so Schlechtes war, wie es die Gelehrten zu beweisen suchten?</p><p>Andreas� s�ndige Gedanken wurden abgelenkt, als er pl�tzlich einen Schatten neben der Kirche in Richtung der Siechenh�user huschen sah. Ganz kurz nur beschien der Mond die n�chtliche Gestalt. Ein wei�er Bart blitzte auf.</p><p>Was machte Heynrici so sp�t noch dort drau�en?</p><p>Wenige Augenblicke sp�ter h�rte Andreas einen schrecklichen Schrei, der in ein gr�ssliches Gurgeln �berging. Es h�rte sich an, als werde einem der armen Siechen eines seiner verfaulenden Glieder bei lebendigem Leibe herausgerissen. Andreas schlug das Herz bis zum Halse. Er lauschte angestrengt, aber nun war wieder alles still. Totenstill.</p></section><section><title><p><strong>ZEHN</strong></p></title><p>Heinrich Bonenberg warf ihr von der Seite her merkw�rdige Blicke zu, doch er n�herte sich ihr nicht. Elisabeth hatte ihm gesagt, sie sei immer noch unrein. Sie hatte keine Ahnung, welche Ausrede sie in einer Woche benutzen sollte, vor allem, weil sie ihrem Gatten dann kaum mehr aus dem Weg gehen konnte.</p><p>Sie w�rde enger denn je an ihn gekettet sein, denn sie wollte mit ihm nach London reisen.</p><p>Heinrich musste etliche F�sser Wein nach England bringen und von dort Tuche holen, die er mit hohen Gewinnen in K�ln zu ver�u�ern hoffte. Er hatte sich einen Platz auf dem Schiff des K�lner Handelsherrn Hermann Rinck erkauft, das in zwei Wochen von Antwerpen aus nach London in See stechen w�rde. Also war Eile angebracht.</p><p>Heinrich stand im Hof des Bonenberg-Hauses und �berpr�fte die Anzahl der F�sser auf den Wagen, die erst kurz zuvor vom Rheinhafen ausgeladen worden waren. Er nahm haupts�chlich Rheinwein mit, den er vor kurzem noch von einem Winzer geliefert bekommen hatte, der die F�sser eigentlich f�r den eigenen Gebrauch hatte lagern wollen, doch Bonenberg hatte ihm einen so guten Preis gemacht, dass der Mann nicht hatte ablehnen k�nnen. Es war ein gro�es Risiko f�r Heinrich, denn wenn er im Stalhof auf seinen F�ssern sitzen blieb, war er ruiniert.</p><p>Gleichzeitig hatte Bonenberg dem Winzer schon die n�chste Ernte vollst�ndig abgekauft und auch daf�r eine gro�e Summe Geldes bezahlt. Kein Wunder, dass er nun nerv�s war und das Verladen der F�sser pers�nlich beaufsichtigte. Wenn auch nur eines zerschellte oder auslief, konnte das seinen Untergang bedeuten.</p><p>Er lief wie ein tollw�tiger Hund zwischen Wagen umher, pr�fte nochmals die F�sser und z�hlte sie immer wieder durch.</p><p>Elisabeth schaute ihm zu und versuchte sich ein L�cheln zu verkneifen.</p><p>�F�nf F�sser fehlen!�, schrie er pl�tzlich und rannte noch einmal los, um die Anzahl zu �berpr�fen.</p><p>Es blieb dabei.</p><p>�Frantzens Georg ist mit seinem Fuhrwerk an der Salzpforte aufgehalten worden. Der Weinakzisemeister wollte den Wein probieren und danach die Steuer festsetzen, w�hrend er uns andere durchgelassen hat�, rief einer der Kutscher vom Bock aus.</p><p>�Was f�llt diesem Verr�ckten ein!�, erboste sich Heinrich. �Wir m�ssen aufbrechen, wenn wir das Schiff in Antwerpen erreichen wollen.�</p><p>Da ert�nte Hufgetrappel von der Rheingasse her, und endlich bog auch der letzte Wagen durch die gro�e Einfahrt in den Hof ein. Rasch �berpr�fte Heinrich die Ladung und war endlich zufrieden. Sie sa�en auf. Elisabeth winkte kurz ihren M�gden zu, die sich im Hof versammelt hatten, und verlie� das Bonenberg�sche Anwesen zum ersten Mal seit ihrer Eheschlie�ung f�r eine wirklich lange Zeit. Sie sehnte sich nach dem Neuen � und nach der Wahrheit �ber den Tod ihres Bruders.</p><p>Laut rumpelten die Fuhrwerke durch die Rheingasse, vorbei an Sankt Martin mit seinen m�chtigen T�rmen und der gewaltigen Apsis, durch kleine Stra�en voller Menschen und Karren, durch stille Gassen, in denen nur Hunde und G�nse vor den niedrigen Fachwerkh�usern umherstreiften, bis die Karawane die Minoritenstra�e erreicht hatte. Elisabeth sah den Turm und den Kran von Sankt Kolumba und dachte an Andreas.</p><p>Auf der Breiten Stra�e kamen sie schneller voran, alle machten dem Kaufmannszug Platz. Elisabeth lie� die Blicke schweifen. �berall stachen die Kircht�rme in den Himmel, als wollten sie ihn durchl�chern. Vereinzelte Rauchfahnen stiegen aus hohen Kaminen auf und wirkten wie gespenstische wei�e Schatten der Glockent�rme. In der Ferne wurde die gro�e Ehrenpforte, das westliche Stadttor, sichtbar. Schnell hatten sie es erreicht. Die Torw�chter kannten Heinrich Bonenberg gut und lie�en ihn rasch durch.</p><p>Als Elisabeth die freien Felder und Wiesen sah, erinnerte sie sich an den Ausflug nach Melaten. Als sie am Morgen nach Hause zur�ckgekommen war, hatte ihr Mann sie zwar streng angeschaut, aber nichts �ber ihre n�chtliche Abwesenheit gesagt. Er hatte ihr einfach mitgeteilt, dass er noch heute nach London aufbrechen werde, da gestern Abend sein j�ngst eingekaufter Wein im Hafen eingetroffen sei. Elisabeth hatte sofort gefragt, ob sie mitkommen d�rfe, und Heinrich war sehr erstaunt �ber ihre Bitte gewesen, denn sie hatte ihn noch nie auf einer Reise begleitet, aber schlie�lich hatte er zugestimmt. Sie war voller Zuversicht. In London musste sie etwas erfahren. Der alte Heynrici hatte gesagt, Ludwig habe dort Schreckliches geh�rt. Elisabeth wollte jede Gelegenheit wahrnehmen. Sie hatte zwar keine Zeit mehr gehabt, Andreas von ihrer Abreise in Kenntnis zu setzen, aber die M�gde und Diener w�rden ihm schon von ihrer Englandfahrt erz�hlen.</p><p>Hoffentlich hatte sie richtig gehandelt. Nun war sie auf ihren Gatten angewiesen. Sie war ihm ausgeliefert. Und das f�r die ungewisse Aussicht auf einige Informationen in einem fremden Land, unter fremden Menschen.</p><p>Als sie an Melaten vorbeifuhren, durchlief Elisabeth ein Schauer. Sie erinnerte sich gern an den alten, heiligen Mann, aber der Schrei in der Nacht, der sie geweckt hatte, war schrecklich gewesen.</p><p>Und am anderen Morgen hatte sie geh�rt, dass einer der Siechen in der Nacht gestorben war.</p><empty-line/><p>Andreas kehrte aufgeregt nach Sankt Kolumba zur�ck. Er eilte in das Pfarrhaus, hastete die Treppe so schnell hinauf, dass die alte Grete nur den Kopf sch�ttelte, und polterte in Johannes H�lshouts Studierstube, ohne anzuklopfen. �Ich muss sofort�� Er verstummte.</p><p>Der Pastor sa� an seinem Tisch; vor ihm stand ein Mann mit wallenden Haaren und spitzer Nase und redete mit hoher Stimme auf den Geistlichen ein. Als dieser den Eindringling bemerkte, gebot er dem Mann mit einer barschen Handbewegung zu schweigen und fuhr Andreas an: �Siehst du nicht, dass ich mitten in einem wichtigen Gespr�ch bin? Warte bitte drau�en.�</p><p>�Aber� aber ich muss sofort abreisen.�</p><p>H�lshout zog die Augenbrauen zusammen. �Abreisen? Wohin?�</p><p>�Nach London.�</p><p>�Warum?�</p><p>�Weil� weil Elisabeth� die Bonenbergerin mit ihrem Mann dorthin��, stammelte Andreas.</p><p>�Es st�nde dir gut an, wenn du dich weniger um Weiberr�cke und Tote und daf�r mehr um unsere Pfarrkinder k�mmern w�rdest�, gab H�lshout kalt zur�ck.</p><p>�Aber� aber ich muss sie doch begleiten.�</p><p>�Ach ja? Glaubst du, sie kann nicht auf sich selbst aufpassen? Ich kenne die Bonenbergerin mindestens so gut wie du, mein Sohn. Sie braucht keinen Wachhund. Ist sie immer noch hinter dem angeblichen M�rder ihres Bruders her?�</p><p>Andreas nickte.</p><p>�Dann lass sie in Ruhe. Du wirst hier gebraucht, denn ich muss mit dem ehrw�rdigen Meister des Maleramtes in seine Werkstatt gehen. Unser Hochaltar ist beinahe fertig. Der Meister will noch letzte Pinselstriche an meinem Bildnis ausf�hren, das er darauf verewigen will.� Er stand auf und l�chelte dem Mann mit der spitzen Nase dankbar zu. �Wei�t du, ich werde beim Tempelgang Mariens vor den Stufen knien. Und der Evangelist Johannes wird den Rock eines Universit�tslehrers tragen, genau wie ich. Und er wird vor seinen Sch�lern sitzen, wie ich es tue. Unser Meister ist wirklich ein Genie.�</p><p>Der Gelobte verneigte sich leicht, und die geckenhafte Feder an seinem Hut tanzte dabei hektisch auf und nieder.</p><p>�Ich werde vor morgen fr�h nicht zur�ck sein. Du musst also alle Messen lesen. Vikar Peters von Sankt Laurentius wird dich ausnahmsweise unterst�tzen, doch auf deine Anwesenheit kann Sankt Kolumba nicht verzichten. Gef�hrde nicht dein Seelenheil und das deiner Anbefohlenen.� Mit diesen Worten verlie� H�lshout mit dem Meister das Zimmer und lie� Andreas allein zur�ck.</p><empty-line/><p>Entt�uscht ging Andreas in die Kirche und betete vor dem Marienaltar. Warum hatte Elisabeth ihm nichts von ihrer Abreise gesagt? Vertraute sie ihm nicht? Warum hatte er es durch die Magd erfahren m�ssen? Er f�hlte sich verletzt. Doch noch mehr verwirrte ihn die Existenz dieses Gef�hls. Er gestand sich ein, dass er sich in Elisabeths Gegenwart sehr wohl f�hlte.</p><p>Zu wohl f�r einen Geistlichen.</p><p>Und nun bangte er um sie. Die Reise nach London war nicht ungef�hrlich. Er betete ein Ave Maria f�r sie.</p></section><section><title><p><strong>ELF</strong></p></title><p>Die vier schwer mit Weinf�ssern beladenen Wagen kamen auf den holperigen Stra�en langsamer voran, als Heinrich Bonenberg geplant hatte. Immer wieder trieb er seine Kutscher zur Eile an, denn wenn er das Rinck�sche Schiff in Antwerpen verpasste, k�me das einer Katastrophe gleich. Er hatte den Stauraum bereits bezahlt und wusste nicht, wann sich die n�chste M�glichkeit f�r eine �berfahrt bieten w�rde. K�lnische Kaufleute waren in den gro�en Kontorst�dten wie Br�gge und Antwerpen nicht mehr gern gesehen, seit K�ln wegen seines Englandhandels vor vier Jahren aus der Hanse ausgeschlossen worden war. Nur der m�chtige K�lner Kaufmann und Ratsherr Rinck war durch seine hervorragenden Kontakte noch in der Lage, von Antwerpen aus London anzusteuern.</p><p>Elisabeth sa� auf dem Wagen, der hinter jenem ihres Gemahls fuhr. Sie sah, wie Heinrich sich immer wieder umdrehte, ungeduldige Gesten machte und bisweilen selbst die Peitsche schwang. Sie hoffte genau wie er, dass die Kolonne das Schiff noch rechtzeitig erreichte, doch sie hatte andere Gr�nde. Ihr war nur wichtig, nach London zu kommen und dort Licht in das Dunkel um den Tod ihres Bruders zu bringen.</p><p>Die Kolonne fuhr noch, als die Dunkelheit sich schon �ber das weite Land zwischen K�ln und Aachen gelegt hatte. Fackeln steckten in seitlichen Halterungen an den Wagen, doch die zuckenden Flammenzungen vermochten die Finsternis kaum zu durchdringen. Das mahlende Rumpeln der R�der, das gleichm��ige Hufgetrappel und das gelegentliche Schnauben der ersch�pften Pferde wirkten einschl�fernd auf Elisabeth. Immer wieder sank ihr der Kopf auf die Brust. Sie hoffte, dass sie bald zu einer Herberge k�men, wo die ersch�pften Menschen und Tiere wenigstens eine kurze Ruhepause einlegen konnten. Doch Heinrich war wie besessen. Elisabeth sah, wie sein dunkler Umriss auf dem vorderen Wagen unruhig hin und her schwankte. Immer wieder knallte dort vorn die Peitsche.</p><p>Etwa auf halber Strecke zwischen Aachen und K�ln erbarmte sich Heinrich schlie�lich und lie� die Kolonne bei einem kleinen, windschiefen Gasthaus an der zerfurchten Stra�e anhalten. Nur Elisabeth und einem der Kutscher wurde erlaubt, das Innere zu betreten und sich dort auf der harten Ofenbank ein Lager f�r die Nacht zu suchen. Heinrich selbst und die anderen Kutscher und Knechte mussten bei der wertvollen Wagenladung bleiben. Ihnen wurde ein wenig Suppe und Bier hinausgereicht, und es wurden Wachen eingeteilt, damit sich niemand an dem Wein zu schaffen machen konnte.</p><p>Elisabeth war es recht so. Wenigstens brauchte sie nun nicht die Gegenwart ihres Gemahls zu ertragen. Sie nahm sich eine der harten Decken, die ihnen der m�rrische Wirt gereicht hatte, und wickelte sich darin ein. So vieles ging ihr durch den Kopf, dass sie trotz ihrer M�digkeit nicht einschlafen konnte. Sie lauschte den gleichm��igen Atemz�gen der wenigen Reisenden, die so weit wie m�glich voneinander entfernt in der Schankstube lagen, und �berlegte, wie sie nach ihrer Ankunft in London vorgehen sollte. Heynrici hatte gesagt, ihr Bruder habe vermutlich im Stalhof etwas Schlimmes entdeckt. Also lag es nahe, dort mit den Nachforschungen zu beginnen.</p><p>Unruhig w�lzte sie sich auf der harten Holzbank hin und her. Was war, wenn sie in ein Wespennest stach? Wenn sie sich zuf�llig an jene M�nner wandte, die Ludwigs Feinde gewesen waren? Wenn sie seinen M�rdern gegen�berstand, ohne es zu wissen? Nein, der Stalhof war f�r sie zu gef�hrlich. Zun�chst durfte dort niemand den wahren Grund ihrer Anwesenheit erfahren. Sie brauchte unbedingt einen Vertrauten. Aber sie kannte niemanden in London. Sie sprach nicht einmal Englisch. War diese ganze Reise blo� eine un�berlegte Narretei? Doch ihr blieb nichts anderes �brig. Sie hatte ihren Bruder so sehr geliebt, dass sie alles tun w�rde, um seinen M�rder zu finden.</p><empty-line/><p>Am Morgen erwachte sie erst, als Albert, der Kutscher, sie bei der Schulter packte. Sie riss die Augen auf und blickte in das b�rtige Gesicht des alten Mannes, der offenbar eine bessere Nacht hinter sich hatte als sie selbst. �Kommt, Bonenbergerin, Euer Gemahl wartet schon auf Euch. Er ist sehr unleidlich.�</p><p>Elisabeth stand auf und rieb sich die steif gewordenen Glieder. Noch ein wenig benommen setzte sie sich auf den Wagen. Sofort rollte die Kolonne los. Heinrich hatte seiner Frau nur einen b�sen Blick zugeworfen und sie keines Wortes gew�rdigt. Wahrscheinlich w�rde er mich liebend gern zur�ckschicken, dachte sie. Oder mich wilden Tieren zum Fra� vorwerfen. Sie kicherte leise.</p><p>W�hrend der ereignislosen Fahrt kehrten ihre Gedanken zu der Frage zur�ck, wie sie in London vorgehen sollte. Sie brauchte wirklich unbedingt einen Verb�ndeten. Lange steckten ihre Gedanken in einer Sackgasse. Sie dachte daran, was Ludwig ihr von der gro�en Stadt an der Themse erz�hlt hatte.</p><p>Eine Erinnerung durchfuhr sie. Es war ein Name, den Ludwig ihr einige Male genannt hatte. Der Name eines englischen Tuche- und Weinh�ndlers, mit dem er viele Gesch�fte get�tigt hatte: Edwyn Palmer.</p><p>Elisabeth erinnerte sich daran, dass Ludwig und Palmer nicht in einem sehr engen, freundschaftlichen Verh�ltnis zueinander gestanden hatten, aber Ludwig hatte von seinem Gesch�ftspartner stets als Ehrenmann gesprochen. Elisabeth nahm sich vor, sich auf die Suche nach ihm zu machen. Nachdem sie diesen Entschluss gefasst hatte, ging es ihr besser.</p><empty-line/><p>In allen sieben N�chten der erm�denden, anstrengenden Reise schlief Heinrich Bonenberg bei seiner kostbaren Fracht. Elisabeth empfand diese Vorsichtsma�nahme als sehr angenehm, denn auf diese Weise blieb sie in den N�chten von ihrem Mann unbehelligt.</p><p>Die Reise verlief ohne Zwischenf�lle, sodass sie Antwerpen rechtzeitig erreichten. Zuerst wollten die W�chter am Tor die Kolonne aus dem verhansten K�ln nicht in die Stadt lassen, doch der Name Rinck, auf dessen Schiff sich Heinrich Bonenberg die Passage gekauft hatte, verschaffte ihnen schlie�lich Einlass. Sie fuhren auf geradem Wege zum Hafen an der Scheide. Mit gro�er Neugier betrachtete Elisabeth die H�user aus Backstein, die wuchtigen Kirchen und die gro�en Pl�tze. Sie w�re gern ein wenig durch die Gassen und �ber die M�rkte geschlendert, doch Heinrich gestattete keinen Aufschub.</p><p>Es war schwere Arbeit, die F�sser auf den Kraweel zu verladen, der unter dem Namen �K�lner Freiheit� segelte. Als sich der Wein wohlbehalten an Bord befand, schickte Bonenberg die Wagen zur�ck nach K�ln; nur er und seine Frau begaben sich auf den Segler. Sie teilten sich eine Kaj�te.</p><p>Kurz nachdem der Kraweel abgelegt hatte, kletterte Heinrich in den Laderaum und sah nach den F�ssern. Hoffentlich bleibt er die ganze Zeit �ber dort, dachte Elisabeth. Der Gedanke, mit ihrem Mann allein in dieser Kaj�te zu sein, gefiel ihr nicht. Inzwischen konnte sie nicht mehr behaupten, noch unrein zu sein, denn schlie�lich waren seit seinem Versuch, ihr beizuwohnen, bereits fast zwei Wochen vergangen. Mit bangem Herzen setzte sie sich auf ihr Bett und horchte.</p><p>Das Schiff �chzte und knarrte, schaukelte und schlingerte. Die Kaj�te hatte kein Fenster, nirgendwo gab es einen festen Punkt, an den sich das Auge halten konnte. Elisabeth sp�rte, wie ihr die �belkeit in die Kehle kroch.</p><p>Die Kaj�tent�r wurde aufgerissen, und Heinrich trat ein. Er rieb sich die H�nde. Das Schaukeln des Schiffes schien ihm nicht das Geringste auszumachen. �Alles gut verstaut, keine Gefahr, dass auch nur eines der F�sser leck schl�gt, selbst wenn wir in einen Orkan geraten sollten.� Er setzte sich auf das Bett gegen�ber von Elisabeth und sah sie an. �Warum?�</p><p>�Warum? Warum was?�</p><p>�Warum begleitest du mich auf dieser Reise?�</p><p>Sie legte die H�nde in den Scho� und wich seinem Blick aus. �Weil ich etwas von der Welt sehen m�chte.�</p><p>�Du wirst nichts von der Welt sehen au�er der Kaj�te, der Stra�e und dem Stalhof.�</p><p>Nun sah sie ihn an. In ihren gr�nen Augen loderten kleine Feuer. �Willst du mir etwa verbieten, mich in London umzusehen?�, fragte sie scharf.</p><p>Er l�chelte. �Hast du erwartet, dass ich dir die Erlaubnis gebe, allein durch diese gef�hrliche, fremde Stadt zu ziehen?�, fragte er zur�ck. �Das schickt sich nicht f�r eine ehrbare Frau. Du legst doch sonst so viel Wert auf deine Ehre�, f�gte er hinzu. �Auch wenn es dir die Ehre inzwischen nicht mehr verbieten d�rfte, mir zu Willen zu sein.� Er faltete die H�nde vor seinem enormen Bauch.</p><p>�Die Ehre vielleicht nicht, soweit es meinen Mond angeht�, erwiderte Elisabeth mit heiserer Stimme, �aber unser Ehevertrag verbietet es weiterhin.�</p><p>Heinrich sprang auf und runzelte die Stirn, sodass die dichten, dunklen Brauen zusammenstie�en. �Du bist eine falsche Schlange!�, brauste er auf. �Erinnere dich, dass du mir erlaubt hast, meine Lust an dir zu stillen, nachdem ich dir alles �ber deinen Bruder gesagt habe, was du wissen wolltest. Nennst du es etwa Ehrsamkeit, wenn du unsere Abmachung brichst?�</p><p>�Ich werde die Abmachung nicht brechen�, beeilte sich Elisabeth zu sagen und dachte fieberhaft nach, wie sie ihn sich weiterhin vom Leibe halten konnte. �Mir� mir ist so �bel.�</p><p>�Mir nicht�, entgegnete Heinrich, stand auf und kn�pfte sich das Wams auf. �Mir ist nur hei�.� Er grinste sie an.</p><p>Das Schiff schaukelte immer heftiger. Drau�en schien ein Sturm zu toben. Mit schlingerndem Gang kam Heinrich auf sie zu.</p><p>Da geschah es.</p><p>Aus dem Bauch des Kraweels ert�nte ein schreckliches Knarren wie von berstenden Planken. Heinrich erstarrte. Im n�chsten Augenblick war er bereits mit flatterndem, offenem Wams aus der Kaj�te gest�rmt.</p><p>Elisabeth atmete auf. Sie hatte einen Aufschub erhalten.</p><empty-line/><p>Die �berfahrt war schrecklich. Es tobte ein furchtbarer Sturm, der das Schiff auf den Wellenk�mmen hin und her warf. Mehr als einmal bestand die Gefahr, dass der Kraweel kenterte oder einen Mast verlor. Heinrich verbrachte die ganze Zeit im Lagerraum bei seinen F�ssern, von denen er mehrfach beinahe erschlagen worden w�re.</p><p>Nur Elisabeth war f�r diesen Sturm dankbar, auch wenn ihr entsetzlich �bel war. F�nf Tage sp�ter, knapp hinter der Themsem�ndung, geriet das Schiff in ruhiges Gew�sser. Es war schon Abend, als die �K�lnische Freiheit� bei dem gro�en Kran am Ende der Windgoose Lane festmachte. Doch die Ladung konnte erst am n�chsten Morgen gel�scht werden, denn die Tore des Stalhofes waren bereits verschlossen. Heinrich vertraute niemandem und verbrachte auch diese Nacht bei seinem Wein, sodass Elisabeth endlich wieder einmal ein ruhiger Schlaf verg�nnt war.</p><p>Bereits im Morgengrauen wurde der Kraweel entladen. Elisabeth kroch aus ihrer Koje, als sie das Rumpeln und ged�mpfte Rufen h�rte, und taumelte �ber die schwankende Plankenbr�cke von Bord. Heinrich stand am Kai und �berwachte das Ausladen seiner geliebten F�sser. Immer wieder ballte er die H�nde zu F�usten, wenn sich ein Fass an den Seilen �ber die Reling hob und der Kran es durch die Luft in Richtung des Kais schwenkte.</p><p>Zun�chst mussten sie zum k�niglichen K�mmerer neben der Guildhall verbracht werden, der ihren Inhalt �berpr�fte, bevor sie eingelagert werden konnten. Da dies einige Zeit beanspruchen w�rde, befahl Heinrich einem deutschen Mitarbeiter des Stalhofes, er solle Elisabeth ihr Quartier zuweisen. Heinrich wollte sich nach der Pr�fung des Weins sofort um den Verkauf k�mmern und brummte Elisabeth zu, er wisse nicht, wann er zur�ck sein werde.</p><p>Nat�rlich hatten sie ein gemeinsames Zimmer, wie Elisabeth mit sinkendem Mut feststellen musste, als der junge, etwas linkische Mann in dem viel zu engen, viel zu kurzen Wams ihr die kleine Kammer unter dem Dach der Guildhall aufschloss. Nachdem er ihr Gep�ck und das ihres Mannes gebracht hatte, verneigte er sich tief vor Elisabeth und lie� sie allein.</p><p>Die Gelegenheit war einfach zu g�nstig. Elisabeth r�ckte ihre Haube zurecht und nahm ihren Mantel, denn in London war es trotz der fortgeschrittenen Jahreszeit noch empfindlich k�hl, und verlie� das Zimmer. Sie eilte mit leisen Schritten durch die Korridore des gro�en Geb�udes, begegnete vielen Kaufleuten, h�rte haupts�chlich die rheinische Mundart und hoffte, von niemandem aufgehalten zu werden, der sie m�glicherweise kannte. Die meisten M�nner waren freundlich zu ihr. Einige zogen das Barett und nickten ihr h�flich zu, doch niemand stellte sich ihr in den Weg.</p><p>Sie war froh, als sie endlich die holzget�felten G�nge und Zimmer hinter sich gelassen hatte und auf der Stra�e stand. Sie blickte nach rechts, nach links, wieder nach rechts. Die Thames Street, in der sie sich nun befand, war sehr breit und von Fuhrwerken aller Art verstopft. Ochsengef�hrte, Wagen mit edlen Pferden davor und sogar Hundekarren k�mpften um jede Hand breit Platz. Kutscher riefen ver�rgert Worte, die Elisabeth nicht verstand, Fu�g�nger dr�ngten sich �berall dazwischen, wurden angebr�llt und br�llten zur�ck. Pferde schnaubten, Hunde kl�fften, Schweine grunzten und quiekten auf, wenn sie getreten wurden. Die H�user wirkten einfacher als in K�ln. Sie hatten keine Giebel, sondern sahen wie abgeschnitten aus. Doch ihre Fenster waren gro�, und viele trugen vornehme Verglasungen.</p><p>Wie sollte Elisabeth hier Edwyn Palmer finden? Ludwig hatte einmal gesagt, Palmers Haus l�ge unweit der Guildhall im Schatten von All Hallows, der Kirche des Bezirks. Rechts von ihr sah sie in einiger Entfernung einen Kirchturm �ber die H�user ragen, den keine Spitze zierte � anders, als sie es von den alten spitzbedachten Kirchen in ihrer Heimatstadt gewohnt war, wenn man vom stummelig-unfertigen Dom absah. Sie schritt auf die Kirche zu. Ihre Tracht erregte Aufmerksamkeit. Feindselige Blicke trafen sie, manche waren sogar l�stern. Pl�tzlich f�hlte sie sich sehr verloren und einsam. Sie kannte niemanden hier, niemand w�rde ihr zu Hilfe kommen, wenn sie �berfallen werden sollte. Sie konnte sich nicht einmal verst�ndlich machen. W�rde dieser Palmer sie �berhaupt verstehen? Ihr Bruder hatte flie�end Englisch gesprochen, aber sie hatte keine Ahnung, ob Palmer des Deutschen m�chtig war.</p><p>War es nicht eine gewaltige Dummheit von ihr gewesen, hierher zu kommen? Was erwartete sie von dieser Reise? Mit gesenktem Kopf ging sie voran. Irgendwo hier, entweder im Stalhof oder in dessen Umgebung, hatte Ludwig etwas Schreckliches erfahren. Lag darin �berhaupt der Grund f�r seinen Tod? Als sie wieder aufschaute, sah sie knapp vor sich ein gro�es Weinfass an der Fassade eines heruntergekommenen Geb�udes h�ngen. Kein Schild verriet, wer der Besitzer dieses Hauses war. Die Fenster hatten keine Verglasung, sondern in den oberen Stockwerken nur d�nne Lederh�ute, die vor die Rahmen genagelt waren. Unrat klebte an den Mauern und lag vor der weit offen stehenden T�r. Von drinnen schallte lautes Gr�len und Lachen heraus.</p><p>Es musste sich um ein Wirtshaus handeln. Ludwig hatte nichts von einem solchen �ffentlichen Haus gesagt. Es konnte nicht das Palmer-Haus sein, aber vielleicht erfuhr sie ja drinnen etwas, denn bestimmt kannte der Wirt jeden Weinh�ndler in der Gegend. Elisabeth fasste sich ein Herz und stieg die wenigen, mit Stroh �bers�ten Stufen hinab zum Eingang der Schankstube.</p><p>Als sie den dunklen, stinkenden Raum betrat, wurde es leise. Jemand pfiff durch die Z�hne, als sie mit z�gernden Schritten auf den Wirt zuging, der hinter einem gro�en Weinfass hockte, auf dem etliche zerbeulte Zinnkannen standen. �Edwyn Palmer?�, fragte sie. �Wo kann ich Edwyn Palmer finden?�</p><p>Der Wirt erhob sich langsam. Seine lederne Sch�rze wies etliche dunkelrote Flecken auf. Er wirkte eher wie ein Fleischer.</p><p>Er brabbelte etwas, das Elisabeth nicht verstand, es schien kaum eine menschliche Sprache zu sein. Kurz darauf setzte schallendes Gel�chter ein.</p><p>�Edwyn Palmer?�, fragte Elisabeth noch einmal. Sie kam sich unsagbar l�cherlich vor.</p><p>Der Wirt grinste sie an, wie ein K�ufer �ber eine besonders sch�ne und billige Ware grinst. Er nahm einen der Kr�ge auf, die offenbar gef�llt waren, und streckte ihn ihr entgegen.</p><p>Als sie noch �berlegte, wie sie sich verhalten sollte, griff jemand von hinten um ihre H�fte. Sie zuckte zusammen. Der Griff wurde fester. Das Lachen lauter. Sie versuchte sich zu befreien. Sie konnte ihren Angreifer nicht sehen, er stand unmittelbar hinter ihr. Seine H�nde wanderten h�her. Stahlen sich unter ihren Mantel. Fuhren grob an ihrem ganzen K�rper entlang. Elisabeth war starr vor Entsetzen und Erniedrigung. Sie wollte um Hilfe schreien, doch nur ein Kr�chzen kam ihr �ber die Lippen. �She wants it!�, schrie jemand. �She�ll get it!� Sie verstand die Bedeutung der Worte nicht.</p><p>Pl�tzlich hielten die H�nde inne. Versteiften sich. Er hatte <emphasis>es</emphasis> bemerkt. Und begriff.</p><p>�O Lord!�, ert�nte es dicht hinter ihrem Ohr. Sie wurde weggesto�en. Das Gel�chter verstummte. Sie drehte sich um. Sah ihren Angreifer an. Es war ein gro�er, st�mmiger Mann mit einem zerrissenen Wams, einer gro�en Nase und wundersch�nen blauen Augen, die vor schrecklicher Angst geweitet waren. Er hob abwehrend die H�nde. �Witch!�, rief er. �Wicked Witch!� Alle Bewegungen in dem dunklen Schankraum erstarben. Entsetzt rannte Elisabeth auf die T�r zu. Niemand hielt sie auf. Sie hastete die Stufen zur Thames Street hoch und lief in Richtung der Guildhall, in die sie sich retten wollte. Mehrfach sah sie sich um, aber niemand folgte ihr. Die Leute auf der Stra�e warfen ihr verst�ndnislose Blicke zu. Sie zwang sich, etwas langsamer zu gehen, und f�hlte sich erst sicher, als sie an dem gro�en Portal der Guildhall klopfte und ihr der junge, linkische Mann mit dem zu kleinen Wams freundlich �ffnete. Sofort suchte sie ihr Zimmer auf und verriegelte die T�r von innen. Sie warf sich auf das weiche Bett und weinte.</p><p>Das Wort, das der W�stling ihr entgegengeschleudert hatte, war ihr ebenfalls unbekannt, doch es gab f�r sie keinen Zweifel, was es bedeutete.</p><p>Hexe.</p></section><section><title><p><strong>ZW�LF</strong></p></title><p>Sie traute sich den ganzen Tag nicht, ihr Zimmer zu verlassen. Nur zum Abendessen ging sie hinunter in den gro�en Speisesaal und war erstaunt �ber den Prunk, der hier entfaltet wurde. An den holzget�felten W�nden hingen �lgem�lde und Teppiche mit allegorischen Darstellungen, und das Geschirr auf den Tischen war aus Gold und Silber. Ein �lterer, kleiner Mann wies ihr einen Platz an einem der langen Tische an, und sie speiste in Gesellschaft von zwei Kaufleuten aus K�ln, die im Eisenhandel t�tig waren. Mit ihnen tauschte sie viele Geschichten aus ihrer Heimatstadt aus, w�hrend sie von den Schafsw�rsten mit Rosinen, dem H�hnerbraten mit goldrotem Eier�berzug und dem Entenbraten in saurer Rotweinsauce kostete und dazu einen vorz�glichen Hippocras trank. Ihr Gemahl war nirgendwo zu sehen. Vermutlich befand er sich auf der Jagd nach einem K�ufer f�r seinen Wein.</p><p>Elisabeth vermied es sorgf�ltig, den wahren Grund ihres Aufenthaltes zu enth�llen, denn selbst diese beiden freundlichen Herren mit ihren guten Manieren und ihrem angenehmen �u�eren konnten am Tod ihres Bruders beteiligt gewesen sein. Sie durfte niemandem trauen. Wie sehr w�nschte sie sich, dass Andreas Bergheim hier w�re. Sie k�nnte mit ihm das weitere Vorgehen planen, sie k�nnte sich mit ihm bereden, er k�nnte sie tr�sten und das schreckliche Erlebnis in dem Wirtshaus vergessen machen. L�nger, als ihr lieb war, verweilten ihre Gedanken bei ihm. Bei seiner angenehmen Stimme, seiner Zur�ckhaltung, seiner Freundlichkeit, dem zart geschnittenen Gesicht mit den lieben Augen, der m�nnlichen Gestalt� Sie zwang sich dazu, ihren Tischgenossen die gebotene Aufmerksamkeit zu schenken.</p><p>Nach dem vorz�glichen Essen begab sie sich wieder in ihre Kammer und wartete. Sie traute sich noch nicht, einen neuen Versuch zur Auffindung Edwyn Palmers zu unternehmen. M�de setzte sie sich auf ihr Bett, dann legte sie sich hin, und schlie�lich war sie eingeschlafen.</p><p>Als sie erwachte, war es drau�en bereits dunkel. Das Zimmer lag in tiefer Finsternis, in der kaum die Truhe und die Betten zu erkennen waren. Doch der Schatten, der sich vor ihr erhob, war trotzdem deutlich zu sehen.</p><p>Es stank nach Wein. Wie in einem Weinkeller oder einer schlecht gel�fteten Schankstube, dachte Elisabeth. Der Schatten stie� einen dumpfen R�lpser aus.</p><p>�Elisabeth, mein Eheweib, mir ist nach Feiern zumut!�, grunzte der Schatten. Sie h�rte, wie er sich auszog. Stoff riss. �Verdammt! Wo ist eine Kerze, Weib?�</p><p>Elisabeth gab keine Antwort. Sie zitterte. Nun war es unausweichlich. Sie war ihm ausgeliefert. Fern der Heimat. Auf Hilfe konnte sie nicht rechnen. Wenn doch Andreas hier w�re!</p><p>Heinrich schwankte hin�ber zu ihrem Bett und r�ttelte sie durch. �Schl�fst du schon, Weib? Dann wach auf. Gleich wirst du die Engel singen h�ren.�</p><p>Sie tat so, als sei sie schlaftrunken. �Lass mich in Ruhe�, st�hnte sie m�de und w�lzte sich auf die Seite, der Wand zu.</p><p>Mit einem Sprung war er bei ihr im Bett. Fast h�tte sie vor Schreck laut aufgeschrien. Er dr�ngte sich an sie; sie sp�rte seinen dicken Bauch im R�cken und etwas tiefer. Mit seinen breiten, groben H�nden hob er ihr den Rock und griff ihr zwischen die Schenkel. Ihre Gedanken rasten. Sollte sie sich wehren? Sollte sie mit der Aufhebung des Ehevertrages drohen? Heinrich war keinen Vernunftgr�nden mehr zug�nglich. Er tobte und grunzte hinter ihr wie ein br�nstiges Tier. Nun konnte sie nur noch beten.</p><p>Mit einem einzigen Sto� zerriss er ihre Jungfernschaft. Schmerzpfeile durchrasten sie. Sterne tanzten ihr vor den Augen, und zwischen den Schenkeln schien sie nur noch eine einzige klaffende Wunde zu sein. Sie schrie auf, doch das hielt Heinrich nicht von seiner Raserei ab. Hoffentlich war er schnell fertig. Sie hatte von Frauen geh�rt, denen das eheliche Beisammensein Vergn�gen machte. Wie konnte das nur sein? Vor Pein blieb ihr der Atem weg. Sie konnte nur noch kr�chzen. Heinrich schien ihre Laute zu missdeuten und lallte: �Macht� macht dir doch Spa�, nicht wahr?� Etwas Hei�es ergoss sich in sie. Seine Bewegungen h�rten auf, seine schlaff gewordene Rute rutschte aus ihr heraus, er fiel �ber die Bettkante und plumpste schwer zu Boden. Dort blieb er liegen und begann laut zu schnarchen.</p><p>Elisabeth kr�mmte sich zusammen und wimmerte. Die Schmerzen wollten nicht aufh�ren. Nur ein einziger Gedanke gab ihr ein wenig Kraft. Als sie daran dachte, atmete sie wieder gleichm��iger. Nun hatte Heinrich den Ehekontrakt verletzt, und sie konnte es mit ihrer verlorenen Jungfernschaft beweisen. Er war in ihrer Hand.</p><p>Und er hatte sie nicht ausgezogen. Es war nicht zum Schlimmsten gekommen. Sie wollte nicht daran denken, was m�glicherweise geschehen w�re, wenn er ihre nackte Haut ber�hrt h�tte. �berall�</p><p>Aber es machte die Vergewaltigung nicht ungeschehen. Sie schluchzte und weinte.</p><empty-line/><p>Noch vor Sonnenaufgang schlich sich Elisabeth aus dem Zimmer. Sie war �ber ihren schwer atmenden, in tiefem Schlaf befangenen Gatten hinweggestiegen, hatte benommen im Dunkeln nach ihrem Mantel getastet, sogar ihre Haube gefunden und sich notd�rftig angekleidet. Sie wollte nicht l�nger mit diesem Scheusal von Mann zusammen in einem Zimmer sein; sie wollte sein Erwachen nicht erleben. Bei jedem Schritt loderte zwischen ihren Beinen der Schmerz auf. Sie ertastete mit der Hand verklebtes Blut. Sie ekelte sich vor Heinrich � und vor sich selbst. Wieder dachte sie an Andreas. Irgendetwas in ihr sagte, dass sie bei ihm alles loswerden, ihm alles erz�hlen konnte. Was w�rde er sagen, wenn er von dieser Untat erfuhr? Ihr kam ein bitterer Gedanke. War es �berhaupt eine Untat? Hatte Heinrich nicht als ihr Gatte das von Gott selbst gew�hrte Recht auf den ehelichen Beischlaf? War nicht sie selbst im Unrecht, weil sie im Verbund mit ihrem Bruder diesen gotteswidrigen Ehekontrakt aufgesetzt hatte? Doch ihr Gef�hl sagte etwas anderes: Wenn das, was ihr widerfahren war, Recht war, dann gab es kein wahres Recht und keine Gerechtigkeit mehr.</p><p>Sie eilte ziellos durch die Guildhall, deren schweres Portal jedoch noch verschlossen war. Sie f�hlte sich eingesperrt. In den Tiefen dieses Geb�udes lauerte ihr Mann und vielleicht der oder die M�rder ihres Bruders, und die Stadt drau�en erschien ihr wie ein sprungbereites Tier. Sie bereute, dass sie hergekommen war. Es war so sinnlos. Was w�re, wenn sie den M�rder tats�chlich hier fand? Wie sollte sie ihn zur Verantwortung ziehen? Sie seufzte und zupfte an ihrer Haube, von der sie den Eindruck hatte, dass sie zerknittert war.</p><p>Allm�hlich lie�en die Schmerzen nach. Elisabeth atmete tief durch. Was waren das f�r Gedanken? Wo war ihre Entschlossenheit? Sie war ihrem toten Bruder jede Anstrengung schuldig, um seinen M�rder ausfindig zu machen. Wieder sehnte sie sich nach Andreas.</p><p>Eine verschlafene Wache r�ckte an und sperrte das gro�e Portal mit einem gewaltigen eisernen Schl�ssel auf. Erst als der Mann g�hnend das Tor aufzog und ein wenig Morgenlicht hereinfiel, bemerkte er die stille Frau im Schatten. Beinahe w�re ihm vor Schreck der Schl�sselbund aus der Hand gefallen. �Was macht Ihr hier? Wer seid Ihr?�</p><p>Sie nannte ihm nur ihren Namen und war schon an ihm vor�bergegangen, als er zu einer weiteren Frage ansetzen wollte.</p><p>Auf der Thames Street war es ruhig. Kaum jemand war in dieser fr�hen, leicht nebligen Morgenstunde zu sehen. Elisabeth eilte wieder auf die Kirche All Hallows zu, in deren Schatten sich das Kontor von Edwyn Palmer befinden sollte. Sie kam an der Taverne vorbei, in welcher sie gestern nach ihm gefragt hatte. T�r und Fenster waren mit Holzl�den verh�ngt.</p><p>Rasch lief sie weiter und sch�ttelte sich. Sie bog in die Stra�e vor der Kirche ein und lief sie entlang. Nirgendwo gab es an einem Haus das Schild eines Tuch- oder Weinh�ndlers. Immer wieder warf sie einen Blick auf das gedrungene Gotteshaus inmitten des alten Friedhofes, der ihr wie ein schreckliches Omen erschien.</p><p>Allm�hlich belebten sich die Stra�en, Fuhrwerke ratterten herbei, M�nner mit Handkarren liefen umher, schwenkten Handglocken und riefen allerlei Unverst�ndliches. Alte Frauen mit gro�en S�cken �ber der Schulter schlurften an den dunklen, massigen H�usern entlang. Rauch trieb durch die Stra�en, und Nebelfetzen l�sten sich unter der kr�ftiger werdenden Sonne auf. Das Leben kehrte in die Stadt zur�ck.</p><p>Elisabeth hatte die Kirche auf den an sie grenzenden Stra�en schon beinahe umrundet. Vor sich sah sie wieder die Thames Street. Gerade als sie durch einen Toreingang blickte, h�rte sie aus dessen Tiefe ein schrilles, quietschendes Ger�usch. Sie zuckte zusammen und verkrampfte sich. Was verbarg sich dort in der Finsternis? Elisabeth blieb stehen und lauschte. Dann entspannte sie sich wieder und musste �ber ihre Schreckhaftigkeit l�cheln. Es konnte nur ein Kontorschild sein, das im aufkommenden Wind schwankte. Sie sp�hte in den Tordurchgang.</p><p>Ein gro�es, d�steres Haus begrenzte den Hof nach hinten. Hing nicht �ber seiner T�r das knarrende Schild? Ein kurzer Blick konnte nicht schaden.</p><p>Elisabeth raffte ihren Rock und schritt auf Zehenspitzen �ber dicken, ausgefegten Mist hinweg. Ihre Schritte klapperten unheimlich in dem tiefen Durchgang. Sie war froh, als sie in dem Innenhof stand.</p><p>Das Schild nahm sofort ihren Blick gefangen. Es war ein flaches Schild ein wenig rechts von ihr, auf dem ein Tuchballen und ein Weinfass abgebildet waren. Darunter stand: �Edwyn Palmer. Trader in Best Wines &amp; Wooles�. Sie war am Ziel.</p><p>Die Schmerzen zwischen den Beinen setzten wieder ein, und die Erinnerung an den vergangenen Abend �berw�ltigte sie.</p><p>Gleich einem Tier war Heinrich �ber sie hergefallen und hatte sie wie ein lebloses St�ck Fleisch missbraucht. Die Wucht der Empfindungen zwang sie in die Knie. Sie lehnte sich gegen eine schmutzige Backsteinmauer, vergrub das Gesicht in den H�nden und weinte. Da wurde pl�tzlich das Portal des Kontorhauses aufgerissen.</p></section><section><title><p><strong>DREIZEHN</strong></p></title><p>Durch einen Tr�nenschleier sah Elisabeth, wie eine junge, blonde Frau ohne Kopfbedeckung die wenigen Stufen in den Hof hinunterschritt. Dann h�rte sie ein rumpelndes Ger�usch von der Stra�e her. Kurze Zeit sp�ter bog ein Fuhrwerk in die Toreinfahrt und blieb im Hof stehen. Es versperrte Elisabeth die Sicht. Worte wurden zwischen der blonden Frau und dem Kutscher gewechselt. Sie h�rte weitere Stimmen und viele Schritte, und k�rperlos scheinende H�nde entluden den Wagen von der anderen Seite. Er hatte gro�e Stoffballen geladen, Brokate, Leinen, Damast und Samte. Die Arbeit ging schnell und ohne viel Aufhebens vor sich, und bald hatte der Wagen den Hof wieder verlassen. Nur noch die blonde Frau stand dort und sah dem Fuhrwerk nach. Str�hnen ihres Haares hatten sich aus dem Knoten am Hinterkopf gel�st und hingen ihr beinahe bis zum Kinn. Sie atmete schwer, sie schien mit angepackt zu haben. Elisabeth hatte nicht die Kraft, aufzustehen oder auch nur aufrecht zu sitzen. Angesichts der Normalit�t in diesem Kontorhaus erschien ihr die eigene Vergewaltigung in der vergangenen Nacht umso schrecklicher. Sie presste die Beine zusammen und schaute die junge Frau von unten herauf an.</p><p>Sie hatte Elisabeth endlich bemerkt und kam herbeigelaufen. Die rasche Ann�herung machte Elisabeth Angst. Unwillk�rlich streckte sie die H�nde in einer abwehrenden Geste aus. Sie kam sich so schwach vor, so erniedrigt, sie konnte unm�glich mit Edwyn Palmer sprechen. Was hatte sie sich blo� eingebildet? Aber sie war hier und musste das Beste aus dieser Lage machen.</p><p>Die junge Frau sagte etwas zu ihr, das sie nicht verstand, und beugte sich zu ihr hinunter, ohne ihr aber zu nahe zu kommen. �Hilfe�, murmelte Elisabeth nur, als sie in die blauen, so sanften Augen der blonden Frau schaute.</p><p>�Ihr seid eine Deutsche?�, antwortete die Frau in Elisabeths eigener Sprache. In ihren Worten schwang der melodische Tonfall des Rheinischen mit. Elisabeth sah sie erstaunt an.</p><p>Elisabeth nannte ihren Namen und murmelte: �Palmer. Ich suche Edwyn Palmer.� Die Pflicht gegen�ber ihrem toten Bruder war doch st�rker als ihr eigenes Leid.</p><p>�Er ist mein Gemahl�, erwiderte die junge Frau. �Ich bin Anne Palmer.�</p><p>�Ihr seid keine Engl�nderin.�</p><p>�Nein, ich stamme aus Aachen. Darf ich Euch aufhelfen und ins Haus begleiten?� Sie streckte Elisabeth die Hand entgegen, die sie nun dankbar ergriff.</p><empty-line/><p>Anne Palmer f�hrte sie in die Wohnstube, die weitaus �rmlicher war, als Elisabeth es in einem Handelshaus erwartet hatte. Es gab nur ein paar alte, wackelige St�hle und eine Truhe aus gerissenem Holz. Nichts au�er einem Kreuz hing an den wei� gekalkten W�nden, und der Boden war nicht sauber ausgefegt.</p><p>Anne Palmer bot Elisabeth einen der St�hle an und sagte: �Ich hole Euch einen guten Rheinwein. Wartet einen Augenblick.� Schon war sie aus dem Zimmer geeilt.</p><p>Elisabeth versuchte sich zu beruhigen. Immerhin hatte sie Palmer gefunden. Vielleicht konnte er ihr bei der Suche nach Ludwigs M�rdern weiterhelfen und sich heimlich im Stalhof umh�ren. Elisabeths Gedanken kreisten unabl�ssig um ihren toten Bruder; es war eine gute Ablenkung.</p><p>Anne Palmer kam zur�ck und trug auf einem Tablett einen Krug und zwei irdene Becher. Einen davon dr�ckte sie Elisabeth in die Hand und f�llte ihn mit tr�bem Wein. Vorsichtig nippte Elisabeth daran. Der Wein war nur mit Honig vermischt, doch er wirkte belebend.</p><p>�Darf ich Euch fragen, was Ihr von meinem Mann w�nscht?�, wollte Anne Palmer wissen und blickte Elisabeth neugierig, aber offenherzig an.</p><p>�Es geht um meinen Bruder�, begann Elisabeth, nachdem sie noch einen Schluck von dem ges��ten Wein genommen hatte, der ihr sehr gut tat. �Er hat Gesch�fte mit Eurem Gemahl get�tigt und war noch vor einigen Monaten hier. Er ist k�rzlich verstorben. Verzeiht, wenn ich offen zu Euch bin, aber das w�rde ich lieber mit Eurem Gatten besprechen.�</p><p>Anne Palmer sah ihren Gast zweifelnd an. �Es tut mir Leid, aber Edwyn ist vor ein paar Wochen zu einer Reise aufgebrochen. Er wollte in Antwerpen Tuche kaufen. Offenbar ist er erfolgreich gewesen, denn die Lieferung vorhin stammt aus diesen Gesch�ften. Und danach wollte er nach K�ln Weiterreisen und dort einige Zeit bleiben � wohl irgendwelcher anderer Gesch�fte wegen.�</p><p>�Nach K�ln?�, fragte Elisabeth ungl�ubig. War das reiner Zufall? Sie rutschte auf dem unbequemen, knarrenden Stuhl hin und her. Sollte sie dieser Frau vertrauen? �Wann kommt er zur�ck?�</p><p>Anne Palmer zuckte die Schultern und nahm dann einen tiefen Schluck aus ihrem Becher. �Ich wei� es nicht. Wir f�hren unser kleines Handelshaus zwar grunds�tzlich gemeinsam, doch er sagt mir nie, wie lange er wegbleibt. Ich erwarte ihn aber kaum vor dem �bern�chsten Monat zur�ck.� Sie schaute Elisabeth, die wieder zu zittern begonnen hatte, mitf�hlend an. �Hat Euch der Tod Eures Bruders so ersch�ttert?�, fragte sie mit milder Stimme.</p><p>�Ja, aber das� das ist es nicht allein�, murmelte Elisabeth und trank ihren Becher leer. Bevor sie bemerkte, was sie tat, erz�hlte sie dieser fremden Frau die leidvolle Geschichte der letzten Nacht. Als sie damit fertig war, f�hlte sie sich etwas besser. Es tat so gut, mit einer Frau dar�ber sprechen zu k�nnen. Welch ein Gl�ck, dass sie diese Landsm�nnin gefunden hatte. Ob Gott sie ihr geschickt hatte? Oder Andreas? Auch der Gedanke an ihren br�derlichen Freund tat ihr gut.</p><p>Anne Palmer hatte schweigend zugeh�rt. Ihr Blick k�ndete von gro�em Entsetzen. Und von Verstehen.</p><p>�Euch ist Schreckliches widerfahren�, sagte sie schlie�lich mit belegter Stimme. �Ich kenne das nur allzu gut.�</p><p>Elisabeth sah sie dankbar an. Hier schien sie eine Freundin im Leid gefunden zu haben � hier in der Fremde, wo sie es niemals vermutet h�tte. Und nun berichtete Anne Palmer ihre eigene Geschichte.</p><p>Sie stammte aus einem alten, aber verarmten Aachener Tuchhandelshaus und war vor f�nf Jahren, als sie gerade f�nfzehn geworden war, von ihrem Vater mit Edwyn Palmer, einem damals noch wichtigen Handelspartner, verheiratet worden. Das erste Jahr der Ehe war noch ertr�glich gewesen, doch dann hatte Palmer, der schon immer zu Zornesausbr�chen geneigt hatte, zu trinken und zu spielen begonnen, und sein Gesch�ft hatte stark darunter gelitten. Seinen Unmut lie� er immer �fter an seiner jungen, sch�nen Frau aus, und auch sie kannte inzwischen die Schrecken des Ehelagers nur allzu gut. �Ich bin froh, dass er weg ist, und wenn es nach mir ginge, brauchte er erst gar nicht wiederzukommen�, sagte sie und brach nun auch in Schluchzen aus. Elisabeth stellte ihren Krug auf dem unsauberen Boden ab, stand auf und nahm Anne in den Arm. Diese sp�rte, dass geteiltes Leid nur halb so schwer wiegt. Anne Palmer richtete ihren tr�nenverschleierten Blick auf Elisabeth und sagte: �Es tut mir Leid, dass ich Euch mit meiner Geschichte behellige. Aber es tat gut, mir diese schlimmen Dinge einmal von der Seele zu reden. Dabei ist Edwyn ein so sch�ner und pr�chtiger Geselle! Aber gleichzeitig ist er ein Teufel!�</p><p>Elisabeth nickte und strich mit der Hand sanft �ber die blonden Haare und die Wangen der jungen Frau.</p><p>�Darf ich nun doch erfahren, was Ihr mit meinem Gatten bereden wolltet?�, fragte Anne Palmer.</p><p>�Nachdem ich Eure Geschichte angeh�rt habe, wei� ich nicht, ob ich �berhaupt noch etwas mit ihm bereden m�chte�, meinte Elisabeth und setzte sich wieder auf ihren Stuhl. Sie �berlegte, ob sie auch die Geschichte von Ludwigs Tod dieser armen, ungl�cklichen Frau anvertrauen sollte. Wenn sie es nicht tat, war sie umsonst hergekommen, denn auf Palmer konnte sie nicht warten. Schlie�lich wusste niemand, wann er zur�ckkehren w�rde. Au�erdem hatte sie keine Lust mehr, ihm gegen�berzutreten, wo er scheinbar ein solch schrecklicher Mensch war. �Angeblich hat mein Bruder Selbstmord begangen. Ich habe aber den begr�ndeten Verdacht, dass er ermordet wurde. Ich will die Schmach von ihm und meiner Familie nehmen und ihn r�chen. Der wahre M�rder soll seiner gerechten Strafe zugef�hrt werden.�</p><p>Anne Palmer schien ihre eigenen Schmerzen wieder vergessen zu haben. Die Tr�nen waren getrocknet, und neugierig sah sie Elisabeth an. Die berichtete, dass ihr Bruder sich angeblich erh�ngt hatte, und lie� auch das seltsame Zauberbuch nicht unerw�hnt. Sie legte ihre Zweifel und die Ergebnisse der gemeinsamen Nachforschungen mit Andreas dar. Anne Palmer h�rte aufmerksam zu, sch�ttelte manchmal den Kopf und meinte schlie�lich: �Eine unglaubliche Geschichte. Bestimmt habt Ihr Recht. Das klingt nicht nach Selbstmord. Ihr tut gut daran, den M�rder zu jagen. Der Hund soll in der H�lle schmoren.�</p><p>�Jawohl�, bekr�ftigte Elisabeth. �Und jeder Makel soll von dem Namen Leyendecker abgewaschen werden.�</p><p>Anne Palmer riss die Augen auf. �Leyendecker!�, rief sie. �Wie hei�t Euer Bruder?�</p><p>�Ludwig Leyendecker.� Elisabeth sah die blonde Frau verwundert an.</p><p>Anne Palmer schnappte nach Luft. Dann brach sie wieder in Tr�nen aus; Schluchzer sch�ttelten ihren zarten K�rper.</p><p>�Ihr kanntet meinen Bruder?�, fragte Elisabeth ungl�ubig.</p><p>Anne Palmer nickte. �Ludwig war mein Liebster�, weinte sie.</p></section><section><title><p><strong>VIERZEHN</strong></p></title><p>Das Buch schien in seiner Hand zu brennen. Andreas Bergheim war soeben bei Barbara Leyendecker gewesen und hatte sie �berredet, ihm das Zauberbuch auszuh�ndigen, mit dessen Hilfe Ludwig angeblich den Teufel beschworen hatte. Er wollte sich den schrecklichen Band noch einmal genau ansehen und vor allem herauszufinden versuchen, ob etwas in dem Grimoire wirklich auf die Eigent�merschaft Ludwigs schlie�en lie�. Etwas anderes blieb ihm w�hrend Elisabeths Abwesenheit nicht zu tun. Nun war sie schon acht Tage fort, und Andreas stellte fest, dass er sie vermisste. Er dachte oft an sie und hoffte, dass ihre Reise ohne Zwischenfall blieb.</p><p>Vor sich sah er den Turm von Sankt Kolumba, dahinter, auf dem Dach, den Kran, wie ein Buckel. Ein Kr�mer ging mit seinem Bauchladen an dem jungen Priester vorbei und nuschelte unverst�ndliche Worte. Bei seinem Anblick musste Andreas an den Weinw�rzh�ndler Dulcken denken, den er auf dem Neumarkt getroffen hatte. War Ludwig tats�chlich ein so kalter Gesch�ftsmann gewesen? Hatte er tats�chlich mit dem Teufel im Bund gestanden? Andreas hielt das kleine, in knitteriges Leder gebundene Buch hoch. Es war ihm unheimlich. Sollte er tats�chlich darin lesen? Bestand dann nicht die Gefahr, dass er unbeabsichtigt mit der D�monenwelt in Kontakt trat? Aber gab es diese Welt �berhaupt? Pfarrer H�lshout war von ihrer Existenz �berzeugt, und das �Fortalitium Fidei� bekr�ftigte diese Meinung. Aber�</p><p>Andreas hatte den Angreifer nicht kommen sehen; dieser hatte sich von hinten angeschlichen. Pl�tzlich schlang sich ein Arm um ihn, ihm wurde das Buch aus der Hand gerissen, und schon war der Dieb auf der Flucht.</p><p>Andreas war so �berrascht, dass er zun�chst reglos auf der Stra�e stehen blieb. Der Dieb warf seinen Bauchladen fort und hastete die Glockengasse in n�rdlicher Richtung hinunter. Andreas war so benommen, dass er eine Weile brauchte, um ihm nachzusetzen. Mit wehendem Priesterrock rannte er hinter dem Verbrecher her. Die spitzen Giebel der stattlichen H�user schienen sich zu ihm hinunterzubeugen und ihn still zu beobachten. �Halt!�, rief er. Doch der Dieb scherte sich nat�rlich nicht um den Befehl. Er rannte bis zum Ende der Glockengasse, bog rechts in die enge H�mergasse ein und war aus Andreas� Blickfeld verschwunden.</p><p>Der junge Geistliche hastete an einem klappernden Fuhrwerk vorbei, das pl�tzlich aus einer Toreinfahrt herausgerumpelt kam. Der Kutscher schrie ihn an und fluchte, die Pferde scheuten wiehernd, das Stampfen ihrer Hufe hallte von den H�userw�nden wider. Eine Kiste rutschte von der Ladefl�che und polterte auf die Stra�e. Andreas nahm all seine Kraft zusammen und lief noch schneller, um dem Zorn des Kutschers zu entkommen.</p><p>Schmerzpfeile durchbohrten seine Seite. Er war solche Anstrengungen nicht gew�hnt. Als er die H�mergasse endlich erreicht hatte, musste er kurz stehen bleiben. Die kleinen Fachwerkh�user mit den lederbespannten Fenstern und den tiefen Handwerkerbuden der Sattler im Erdgeschoss wirkten wie aufgerissene M�nder, die sich vor Lachen verkrampft hatten. Andreas atmete schnell. Der Dieb w�rde nun schon �ber alle Berge sein. Dennoch lief er die H�mergasse in �stlicher Richtung entlang, bis er auf die Breite Stra�e stie�. Zwischen den hohen Steinh�usern der reicheren B�rger, die sich mit kleineren Fachwerkh�uschen abwechselten, tummelten sich H�ndler, Schweine, G�nse, Pferdefuhrwerke, herrschaftliche Wagen und Handwerker, die vor ihren offenen L�den arbeiteten. In diesem Gewimmel war der Dieb nirgendwo mehr zu sehen. Ersch�pft blieb Andreas stehen. Die Sonne spiegelte sich in den Fensterscheiben der wohlhabenderen Anwesen, in den Ger�tschaften und Schildern der Handwerker und in den wenigen verbliebenen Pf�tzen sowie in der Gosse, in der eine seltsame, nicht gerade wohlriechende Mischung von Fl�ssigkeiten schwamm. Einige der Passanten neigten den Kopf vor Andreas und murmelten �Gelobt sei Jesus Christus�, andere schauten ihn mit unverhohlener Neugier an. Er musste ein seltsames Bild abgeben: v�llig ersch�pft, mit inzwischen schief sitzendem Priesterrock, hochrotem Kopf und schrecklich au�er Atem.</p><p>Und das Buch war fort. Andreas sah die Breite Stra�e hinauf und hinab und ging schlie�lich in Richtung Ehrenstra�e und Ehrenpforte. Offenbar hatte das Buch in Ludwigs Fall doch eine Bedeutung. Oder hatte der Kr�mer es ihm nur gestohlen, weil er glaubte, es zu gutem Geld machen zu k�nnen?</p><p>Je weiter er kam, desto kleiner wurden die H�user, desto einfacher wurde das Fachwerk, desto schlechter waren die W�nde verputzt. Hier l�sten gegerbte H�ute das Glas in den Fenstern ab, sodass die Stra�e dunkler wirkte.</p><p>Irgendwo vor ihm gab es einen Aufruhr. G�nse gackerten, laute Stimmen plapperten aufgeregt durcheinander, sodass man kein Wort verstehen konnte, und eine Hellebarde blitzte im Sonnenschein auf. Neugierig n�herte sich Andreas dem Auflauf.</p><p>In der Mitte stand eine abgerissene Gestalt, der man die H�nde auf den R�cken gedreht hatte. Andreas erkannte sie sofort wieder. Es war der Kr�mer, der ihm das Buch gestohlen hatte. Mit neuer Hoffnung hastete er auf die Gruppe zu. Zwei B�ttel, einer davon mit Hellebarde, hatten ihn zwischen sich genommen und untersuchten einen glei�enden Handspiegel mit reicher Vergoldung sowie das kleine Buch. Andreas dr�ngte sich an den Neugierigen vorbei, die lauthals forderten, der Dieb solle in den Turm gebracht werden, und stellte sich vor die B�ttel.</p><p>�Das Buch geh�rt mir�, sagte er hastig. �Dieser Mann hat es mir vorhin gestohlen.�</p><p>Der B�ttel mit der Hellebarde, ein vierschr�tiger Kerl mit einem riesigen Bart, meinte: �Verdammter Kerl, haben ihn gerade erwischt, wie er diesen Spiegel auf dem Weg hat mitgehen lassen. Das Buch geh�rt Euch?�</p><p>�Nein, es geh�rt ihm nicht�, sagte der Dieb schnell und grinste Andreas an. �Es geh�rt niemandem. Es sucht sich seinen Herrn selbst. Und dieser Priester will doch wohl nicht behaupten, dass ihm ein so gottesl�sterliches Werk geh�rt.�</p><p>Der B�ttel, der den Dieb mit der einen Hand im Griff hielt, hob mit der anderen das Buch vor seine Nase. Andreas dachte fieberhaft nach. Es stimmte, der Inhalt des Bandes war im h�chsten Ma�e gottesl�sterlich. W�rde er sich der Gefahr aussetzen, vor das Inquisitionsgericht geladen zu werden, wenn er sich als Eigent�mer des B�chleins ausgab?</p><p>�Ein gottesl�sterliches Werk?�, fragte der B�ttel mit der Hellebarde und legte die Stirn in Falten. Er nahm seinem Freund das Buch ab und bl�tterte es unbeholfen mit einer Hand durch. Es war deutlich zu erkennen, dass er nicht lesen konnte. Innerlich atmete Andreas auf.</p><p>�Bei diesem Buch handelt es sich um eine Sammlung frommer Gebete in gutem Latein, aufgeschrieben nur zu dem Zweck, uns Priester und gebildete Laien zu erbauen�, sagte er rasch und streckte die Hand danach aus. �Dieser Schuft hat es mir entrissen, als ich soeben Zwiesprache mit Gott hielt.�</p><p>�Er l�gt!�, rief der Dieb und versuchte sich aus dem Griff des B�ttels zu befreien. �Dieser angebliche Priester ist ein Teufelsb�ndner!�</p><p>�Lest doch selbst�, meinte Andreas zu den B�tteln. �Dann werdet Ihr sehen, dass es nichts als Gebete sind.�</p><p>�Wir k�nnen nicht lesen�, gaben sie gleichzeitig zu.</p><p>�Dann will ich euch daraus vorlesen�, erbot sich Andreas.</p><p>�Gebt ihm das Buch nicht!�, warnte der Dieb. �Er will euch verhexen.�</p><p>Die versammelte Menge raunte und wich vor den vier M�nnern zur�ck.</p><p>�Glaubt ihr einem dahergelaufenen Dieb etwa mehr als einem Mann Gottes?�, fragte Andreas und versuchte, die ganze Autorit�t seines Amtes hervorzukehren. Der B�ttel, der das Buch in der Hand hielt, sah zweifelnd von dem Dieb zu Andreas und wieder zur�ck. Schlie�lich h�ndigte er dem Priester widerstrebend das Buch aus. �Es muss zu meinem Meister zur�ckkehren. Ihr macht einen schrecklichen Fehler!�, schrie der Dieb.</p><p>Andreas nahm das Buch mit zitternden Fingern an sich. Kurz traf sich sein Blick mit dem des Diebes. Er sah Hass und Angst. Todesangst.</p><p>Andreas schlug das Buch auf und tat so, als lese er das Paternoster. Die B�ttel grinsten, sie erkannten den Text. �Und du wolltest uns weismachen, dass das ein Teufelsbuch sei�, schnauzte der mit der Hellebarde den Dieb an. �Jetzt komm mit. Du hast ein neues Zuhause. Es wird dir im Turm pr�chtig gefallen, denn da hast du viele Freunde.� Die Menge zerstreute sich, und der Dieb wurde abgef�hrt. Er rief hinter Andreas her: �Jetzt bist du verdammt, Pfaffe! Denk an meine Worte!�</p><empty-line/><p>Andreas hatte das Buch in seinem Bett verborgen und war dann zur Messe geeilt. Er kam nur wenige Minuten zu sp�t, zog aber die strengen und missbilligenden Blicke Pfarrer H�lshouts auf sich. Nach der Messe musste er sich eine Standpauke anh�ren und versicherte H�lshout, er werde nie wieder zu sp�t kommen. Der alte Priester schien ihm nicht recht glauben zu wollen, entlie� ihn aber dann bis zur Abendmesse. Sofort eilte Andreas aus der Sakristei durch das einger�stete Kirchenschiff, den Seiteneingang hinaus auf den Kirchhof und zur Hintert�r des Pastorates. Er warf einen raschen Blick in die Richtung, in der Ludwig Leyendeckers Grab lag, und verschwand dann im Haus.</p><p>Wie mochte es Elisabeth auf ihrer Reise ergehen? Der Gedanke an sie gab Andreas neuen Mut. Er eilte an der K�che vorbei, aus der soeben Grete trat und ihn freundlich gr��te, lief die knarrende Holztreppe hoch und verbarg sich in seiner Kammer. Er holte das Buch unter der Daunendecke hervor und begann zu lesen.</p><p>Es war schrecklich. In langen lateinischen Gebeten wurde hier der Teufel angerufen und eine genaue Anweisung zum Herstellen des magischen Kreises sowie des Zauberstabes gegeben. Andreas hatte von solchen B�chern w�hrend seiner Studien in Bologna geh�rt, aber ihm war noch nie eines zu Gesicht gekommen. Mit zitternden Fingern bl�tterte er das kleine, blasphemische Buch durch. Sollte Ludwig es tats�chlich benutzt haben? Das konnte er sich einfach nicht vorstellen. Sein Freund hatte nie etwas mit der Welt des Erzfeindes zu schaffen gehabt.</p><p>Was f�r schreckliche Worte: � Iam tibi impero et praecipio, maligne spiritus, ut confestim hinc a me et summa illa pecuniarum allata et circulo discedas, absque omni strepitu, terrore, clamore et foetore, atque sine omni damno mei tarn animae quam corporis� Andreas konnte nicht begreifen, dass es Menschen gab, die sich mit solch abscheulichen Dingen besch�ftigten. Er schlug das Buch zu und schaute aus dem Fenster. Sankt Kolumba hockte im Vorabendlicht, verunstaltet durch den Kran und die Ger�ste � wie ein Hohn auf ein ehrw�rdiges Gotteshaus. Die Sonne hatte sich am Turm aufgespie�t; es wirkte, als blute sie. Blutrot � wie der Wein bei der Wandlung vorhin. Wein� Andreas sch�ttelte den Kopf. Wie hing das alles zusammen � der Wein, Ludwigs Tod, seine Witwe, die kaum trauerte, seine Konkurrenten, dieses gr�ssliche Buch, die angeblichen Untaten seines engsten Freundes, m�gliche Intrigen in der Kaufmannschaft oder auch im Rat der Stadt� Alles war so verwirrend. Andreas sah nur lose Enden. Nichts f�gte sich zusammen.</p><p>Er �ffnete das Buch und betrachtete den vorderen Innenspiegel, wo man �blicherweise die Besitzvermerke eintrug. Nat�rlich stand Ludwigs Name nicht darin, wie er schon beim ersten Durchbl�ttern bemerkt hatte. Der Innenspiegel war wei� und unscheinbar. Oder war da ein Name getilgt worden? Andreas hielt das Buch dicht unter seine Nase. Da waren Unebenheiten im Papier. Und noch ein kleiner Tintenfleck, den er vorhin f�r Fliegendreck gehalten hatte. Doch der Name war unm�glich zu entziffern.</p><p>Es konnte nicht Ludwigs Name gewesen sein, denn warum h�tte jemand sich die M�he machen sollen, ihn zu tilgen, vor allem, da seine Witwe doch von der Teufelsb�ndnerschaft ihres Mannes �berzeugt war? Ob sich irgendwo in dem Buch ein Hinweis auf den fr�heren Besitzer fand? Andreas bl�tterte den Band noch einmal aufmerksam durch. Lange fand er nichts. Doch die letzten drei Seiten schienen von anderer Hand geschrieben zu sein, was ihm vorhin, bei oberfl�chlicherer Begutachtung, nicht aufgefallen war. Diese Seiten enthielten Anmerkungen zu den Teufelsbeschw�rungen, und der letzte Satz lautete: Ut feci in campo leprosorum vulgo Melaten.</p><p>Andreas murmelte ersch�ttert die �bersetzung: �Wie ich es im Leprosenhof getan habe, der im Volksmund Melaten genannt wird.�</p><p>Er w�rde dem heiligm��igen Ulrich Heynrici noch einmal einen Besuch abstatten m�ssen.</p></section><section><title><p><strong>F�NFZEHN</strong></p></title><p>�Er hat es getan�, schluchzte Anne Palmer. �Es kann nur er gewesen sein.�</p><p>Elisabeth sah die junge blonde Frau erstaunt an. �Wollt Ihr damit sagen, dass Euer Mann meinen Bruder umgebracht hat? Wusste er denn von Eurem Verh�ltnis?�</p><p>Anne nickte. �Ich glaube, er hat es von jemandem erfahren, der uns beide zusammen in der Herberge gesehen hat, in der wir uns immer getroffen haben. Als er nach K�ln abgereist ist, war er entsetzlich w�tend.�</p><p>Elisabeth rieb sich das Kinn. Ludwig hatte ein Verh�ltnis gehabt und war seiner Frau untreu gewesen. Das h�tte sie nie von ihm vermutet. Ihr Bild von ihm geriet immer st�rker ins Wanken. Sie r�usperte sich und fragte Anne, wie es zu dieser Liebschaft gekommen war.</p><p>Anne erhob sich und ging im Zimmer auf und ab. Dann lief sie hinaus, ohne ein weiteres Wort zu sagen. Elisabeth blieb verdutzt auf ihrem Stuhl sitzen und wusste nicht, wie sie sich verhalten sollte. Noch bevor sie zu einem Ergebnis gekommen war, betrat Anne wieder das Zimmer. Sie hielt erneut ein Tablett mit einem Krug und zwei Bechern in den H�nden. �Ich glaube, den brauchen wir jetzt�, erkl�rte sie, stellte den Krug auf der kleinen Truhe ab, die an der wei� gekalkten Wand stand, und goss goldenen Wein in die Becher. Den einen reichte sie Elisabeth. �Der Beste, aus Bacharach, eine milde, sp�te Lese, nachdem der Frost schon in die Beeren gefahren war. Er stammt von Eurem Bruder � das beste Fass, das wir noch im Keller haben.� Sie prostete Elisabeth mit einem traurigen Blick zu.</p><p>Elisabeth nahm einen Schluck. Die schwere, reiche Fl�ssigkeit rann ihr wohltuend die Kehle hinunter und schenkte ihr ein warmes Gef�hl im Magen. Der samtene, s��e Wein, der nicht einmal mit Honig vermischt werden musste, machte sie wohlig benommen; er war so viel besser als die sauren Tropfen, die Heinrich zu Hause auftischen lie� und die regelm��ig mit Honig, Wacholder und anderen Zutaten versehen wurden. Das starke Getr�nk l�ste ihr die Zunge. �Anne Palmer, wir sind Schwestern im Leide. So sollten wir uns auch wie Schwestern verhalten.�</p><p>Anne setzte ihren Becher ab, kam zu Elisabeth her�ber und umarmte sie. Tr�nen tropften ihr auf den Hals. �Ich habe nie eine Schwester gehabt�, schluchzte Anne, �und die richtige Liebe habe ich erst durch Ludwig kennen gelernt.� Sie trat einen Schritt von Elisabeth zur�ck, die ihren Weinbecher vorsichtig am ausgestreckten Arm von sich fern hielt, und sagte mit tr�nenerstickter Stimme: �Er war ein so wunderbarer, sanfter Mann.�</p><p>Elisabeth nickte. Nun �berw�ltigte auch sie wieder die Trauer. Ja, Ludwig war ein ganz besonderer Mensch gewesen. Ihr Blick wurde feucht.</p><p>�Das war er�, sagte sie mit schwerer Stimme. �Das war er. Und wir werden seinen M�rder zur Strecke bringen.�</p><p>Anne fiel ihr erneut um den Hals. �Schwester, wie ich mich darauf freue�, gluckste sie. �Edwyn wird seine gerechte Strafe bekommen. Er wird der Gesch�fte wegen noch lange in K�ln bleiben, bevor er sich auf die R�ckreise macht. Wir werden ihn dort aufsp�ren.�</p><p>Die beiden Frauen genehmigten sich eine weitere Kanne besten Bacharachers.</p><empty-line/><p>Der Weg zur�ck zum Stalhof war nicht ganz leicht. Die ganze Welt schien zu schwingen. Pl�tzlich waren die Blicke der Passanten nicht mehr feindlich, sondern belustigt. Elisabeth f�hlte sich so wohl. Nun wusste sie, wer ihren Bruder get�tet hatte. Alle anderen Hypothesen hatten sich als unrichtig erwiesen. Nur kurz erinnerte sie sich daran, dass Ulrich Heynrici gesagt hatte, Ludwig sei in London einer schlimmen Sache auf die Spur gekommen. Bestimmt stand das auch in Zusammenhang mit Edwyn Palmer. Nun musste sie nur noch nach K�ln zur�ckkehren und hoffen, dass Palmer sich noch dort aufhielt.</p><p>Die H�user aus Stein, die die Thames Street flankierten, schienen zu tanzen. Alles Dunkle, Unerkl�rliche war weit fort. Sie freute sich darauf, es ihrem Mann zu sagen.</p><p>Ihrem Mann�</p><p>Sie dachte an die vergangene Nacht zur�ck, und ihre weingeschw�ngerte Hochstimmung schwand. Doch der schwere Rheinwein sorgte immer noch daf�r, dass ihre �ngste nicht zu stark wurden. Sollte er ihr doch drohen. Dann w�rde sie es ihm heimzahlen. Er hatte sie entjungfert und damit den Ehekontrakt gebrochen. Sie hatte ihn in der Hand, denn die Tatsache ihrer Entehrung war ohne weiteres nachweisbar. Jede Hebamme konnte das.</p><p>Sie klopfte an das Portal des Stalhofes und wurde sofort eingelassen. Der junge, linkische Mann mit dem zu kurzen Wams beugte sich ihr vertraulich entgegen und fl�sterte: �Euer Mann sucht Euch schon den ganzen Tag. Er ist in einer schrecklichen Laune. Seht Euch vor. Ruft nach mir, wenn Ihr Hilfe braucht.�</p><p>Elisabeth kicherte und kam sich dabei sehr unfraulich vor. Sie schlenderte ohne Eile durch die G�nge, Hallen und Korridore, bis sie vor der T�r zum gemeinsamen Gemach stand. Sie dr�ckte die Klinke hinunter und betrat die Unterwelt.</p><empty-line/><p>�Du Hure, du s�ufst bei Tage und treibst dich herum! Ich schlage dich tot!�, schrie Heinrich und holte zum Schlag aus. Elisabeth glaubte nicht, dass er seine Drohung wahr machen w�rde.</p><p>Der erste Schlag traf sie an der Wange, der zweite am Kinn. Sie taumelte zur�ck, konnte einfach nicht glauben, was sie erlebte. Der k�rperliche Schmerz war viel geringer als der seelische. Sie weinte. Die Welt verschwamm vor ihren Augen.</p><p>�Du entkommst mir nicht. Du bist immer schon ein schreckliches Weib gewesen und hast mir meine Rechte verweigert, aber jetzt ist Schluss!� Er packte sie mit beiden H�nden an den Schultern und sch�ttelte sie durch.</p><p>�Und du hast den Ehevertrag gebrochen. Wenn wir wieder zu Hause sind, werde ich dich um Hab und Gut bringen!�, schrie Elisabeth.</p><p>�Und wie willst du das anstellen?�, h�hnte Heinrich. Seine feisten, blassen Wangen zitterten. �Bei wem willst du deine Rechte geltend machen? Dein Bruder ist tot, und seine Witwe hat mir nichts zu befehlen.� Er lachte b�se.</p><p>�Ich werde mich an die Obrigkeit wenden. Oder ich suche mir einen neuen Vormund. Unser Vertrag ist schriftlich aufgesetzt und hat Rechtsg�ltigkeit.�</p><p>�Du willst mir etwas von Rechtsg�ltigkeit erz�hlen! Nein, wie gelehrt ist doch meine Frau.� Er versetzte ihr eine schallende Ohrfeige. �Ich brauche dein sch�biges Geld nicht mehr. Mit den guten Gesch�ften, die ich hier in London gemacht habe, bin ich endlich unabh�ngig. Du bist mir nur noch ein Klotz am Bein. Ich habe meinen guten Wein zum Vierfachen des �blichen Preises verkauft. Ich mach jetzt meine Gesch�fte allein. Ich hab den Londonern die n�chste Ernte schon aufgeschwatzt. Mein Wein ist der Beste und S��este. Sogar ohne die Honigwaben. Die hab ich nach der Probe aus den F�ssern genommen. Das reicht denen hier schon. Mir kann niemand das Wasser reichen � du schon gar nicht!� Eine weitere Ohrfeige traf Elisabeth.</p><p>Sie sah in sein zornverzerrtes Gesicht und wusste pl�tzlich, dass er bis zum �u�ersten gehen w�rde. Der Hass in seinen Augen hatte kaum mehr etwas Menschliches. Und da kam ihr ein schrecklicher Gedanke.</p><p>Was war, wenn Anne Unrecht hatte? Wenn ihr Mann nicht Ludwigs M�rder war? Wenn Heinrich ihn get�tet hatte, um den Ehekontrakt gefahrlos brechen zu k�nnen? Aber warum hatte er sie dann nicht schon sofort nach Ludwigs Tod vergewaltigt? Warum hatte er sich so lange hinhalten lassen?</p><p>All diese Gedanken schossen ihr zwischen zwei Schl�gen durch den Kopf. Sie sp�rte Blut auf der Lippe. Blut an der Nase. Blut tropfte auf ihr hochgeschlossenes Kleid und das Brusttuch. Heinrich legte die H�nde um ihren Hals und dr�ckte zu. Er war von Sinnen, als ob ein b�ser Geist in ihm steckte. �Wo bist du den ganzen Tag gewesen? Hast bei anderen M�nnern gesteckt! Du Hure! Ich bringe dich um! Du Hexe!�</p><p>Elisabeth versuchte, seine H�nde wegzudr�cken, doch es gelang ihr nicht. Rote Nebel tanzten vor ihren Augen.</p><p>�Ich habe es satt, dich jeden Tag sehen zu m�ssen!�, spie er aus. �Du hast dich immer f�r etwas Besseres gehalten. Ich h�tte dich niemals genommen, wenn ich nicht dein Geld gebraucht h�tte! Aber jetzt ist Schluss!�</p><p>Wie viel Hass musste sich im Laufe der Zeit in ihm angestaut haben! Und dieser Hass machte ihn ungeheuer stark.</p><p>Elisabeth konnte nicht einmal mehr r�cheln. Ihr Blickfeld verengte sich. Schw�rze kroch von den R�ndern nach innen. Etwas knackte und krachte. In ihren Ohren rauschte es.</p><p>Etwas durchdrang die dichter werdende Finsternis. Heftige Bewegungen. Der Druck um ihren Hals verringerte sich.</p><p>�Was willst du, du nichtsw�rdiger Zwerg!�, br�llte Heinrich. �Du hast hier nichts verloren!�</p><p>Elisabeth hustete und hielt sich an der Wand fest. Im Zimmer stand der linkische junge Mann, mit hochrotem Kopf, und schrie: �Lasst Eure Frau los, Bonenberg!�</p><p>�Und was ist, wenn ich es nicht tue?�, h�hnte Heinrich, trat aber einen Schritt von Elisabeth zur�ck.</p><p>�Dann werdet Ihr bereuen, je Hand an sie gelegt zu haben!�, gab der junge Mann zur�ck.</p><p>�Du bist also ihr Besch�ler? Hat sie sich bei dir betrunken? Hast du dir bei ihr geholt, was sie mir immer verweigert hat?� Er ging auf den jungen Mann los.</p><p>Elisabeth rieb sich den Hals. Das Schlucken schmerzte h�llisch. Sie sah, wie Heinrich mit erhobenen F�usten auf seinen Widersacher losging. �Heinrich, nicht! Er hat nichts Unrechtes getan!�, kr�chzte sie.</p><p>Heinrich sah sie kurz an. Der junge Mann nutzte diese Gelegenheit und versetzte Heinrich einen Schlag gegen die Schl�fe. Wie eine gef�llte Eiche ging er zu Boden. Der junge Mann war mit zwei Schritten bei Elisabeth und nahm sie in den Arm. Sie lie� es kurz geschehen, doch dann wurde ihr die N�he zu viel. Sie dr�ckte sich von ihm ab. �Ich danke Euch, Herr��</p><p>�Anton hei�e ich. Anton Lautensack. Es ist mir eine Ehre, Euch helfen zu d�rfen. Was kann ich f�r Euch tun?�</p><p>�Bringt mich fort von hier.�</p><p>Anton geleitete sie aus dem Zimmer. Sie st�tzte sich auf ihn. Er reichte Elisabeth ein linnenes Taschentuch, mit dem sie sich das Blut von Nase und Kinn tupfte. �Welch ein rohes Untier�, ereiferte sich Anton. �Ich habe ihn noch nie gemocht. Es ist mir ein R�tsel, wie er an eine so wundervolle Frau wie Euch gekommen ist.� Er l�chelte sie unbeholfen an und war so rot wie eine Burgundertraube nach dem letzten Sonnentag im Herbst.</p><p>Elisabeth l�chelte. Er war so ritterlich. Und er war ihr Retter. Sie verneigte sich im Gehen leicht vor ihm. �Ich danke Euch f�r Eure freundlichen Worte. Doch nun sollten wir auf dem schnellsten Weg von hier verschwinden. Ihr werdet Euch mit Eurer heldenhaften Tat sicherlich keine Freunde in diesem Haus gemacht haben.�</p><p>�Wohin darf ich Euch f�hren?�, fragte Anton mit aufrichtiger Sorge in der Stimme. �Ich habe hier im Stalhof ein kleines Zimmer, aber es w�re nicht schicklich��</p><p>�Bringt mich zu Anne Palmer. Ich zeige Euch den Weg dorthin.�</p><p>�Ich begleite Euch �berall hin, wenn Ihr wollt.�</p><p>Als sie auf der Stra�e standen, sah Elisabeth ihren Retter von der Seite an. Ein pl�tzlicher Schatten legte sich �ber die H�user, die Sonne war hinter einer Wolke verschwunden.</p><p>�Meint Ihr das ernst?�, fragte sie. �Es k�nnte eine weite, gef�hrliche Reise werden.�</p></section><section><title><p><strong>SECHZEHN</strong></p></title><p>Es dauerte eine ganze Woche, bis Andreas sich erneut auf den Weg nach Melaten machen konnte. Denn Pfarrer H�lshout be�ugte ihn argw�hnisch und achtete genau darauf, dass er alle Messen p�nktlich las sowie seinen geistlichen Kindern die Beichte abnahm. Er musste alle Trauungen und Beerdigungen vornehmen und H�lshout, der wieder einmal wegen des neuen Altarbildes unterwegs war, beim Domkapitel vertreten. Au�erdem zog ein zweiter Familiaris in das Pfarrhaus ein, der noch weniger von Latein und Theologie verstand als der erste. Jedes Mal, wenn sich Andreas aus dem Haus zu stehlen versuchte, kam etwas dazwischen. Es war wie verhext.</p><empty-line/><p>Immer wieder bl�tterte er nach Einbruch der Dunkelheit in dem Zauberbuch, immer wieder las er die Zeilen, die sich auf Melaten bezogen. Ob Heynrici sie geschrieben hatte? Es gab auf Melaten noch andere M�nner, die in Frage kamen � der dortige Geistliche, weltliche Helfer, vielleicht sogar ein durchreisender Arzt, der an diesem Ort seine unheiligen Versuche angestellt haben mochte.</p><p>Eines Abends, beim Schein einer Kerze, hatte sich Andreas das Buch wieder vorgenommen. Er glaubte weniger denn je, dass Ludwig es besessen hatte. Bestimmt war es ihm untergeschoben worden � von seiner Frau. Wer sonst h�tte die Gelegenheit dazu gehabt? Warum also sollte er noch einmal nach Melaten hinausreiten? Es w�re besser, wenn er sofort zu Barbara Leyendecker ging. Andreas legte das Buch aufs Bett, erhob sich und ging in der kleinen Kammer auf und ab. Drau�en war von der Welt nichts mehr zu sehen; nur Teile seines Zimmers spiegelten sich in den Butzen des Fensters. Er sah sich, wie er ruhelos umherlief � ein bleicher Schatten seiner selbst. �berall sonst Dunkelheit, wie ein Gef�ngnis. Das Dunkle. Der dunkle Feind. Er warf einen Blick auf das �De Potestate�. Kurz �berlegte er, ob er mit Pfarrer H�lshout �ber dieses Buch sprechen sollte, doch dann verwarf er den Gedanken wieder. H�lshout hatte gro�e Angst vor dem Reich des B�sen und w�rde ein solches Buch unter seinem Dach nicht dulden. Andreas empfand ebenfalls Abscheu davor, doch vielleicht konnte es ihm den Weg zu Ludwigs M�rder ebnen. �Heiligt der Zweck die Mittel?�, dachte er. Durfte er sich des B�sen bedienen, um zum Guten zu gelangen? Das Buch zog ihn magisch an.</p><p>Drei Tage sp�ter ergab sich endlich die Gelegenheit, die Pfarrei zu verlassen. H�lshout musste eine Reise nach Bonn antreten, und es gelang Andreas, einen der M�nche aus dem Kreuzbr�derkloster zur Messvertretung zu �berreden. Schon fr�h am Morgen brach er auf; er hatte sich einen der Apfelschimmel aus dem Pfarrstall ausgeliehen, um m�glichst schnell zu sein.</p><p>Er ritt durch dieselben Stra�en, in denen er den Dieb verfolgt hatte, und dachte �ber dieses seltsame Erlebnis nach. Er glaubte nicht, dass der Dieb es zuf�llig auf sein Buch abgesehen hatte, auch wenn der Diebstahl des Spiegels eher auf das Gegenteil schlie�en lie�. Langsam ritt Andreas durch die �berf�llten Stra�en, vorbei an herrschaftlichen H�usern mit Zinnen und Erkern in der Breiten Stra�e, dann durch die engere Ehrenstra�e mit ihren kleinen, windschiefen Fachwerkbauten, von denen einige schon so alt waren, dass sich ihre Balken bedenklich bogen, bis er in der Ferne die beiden massigen, aus grobem Stein gemauerten Rundt�rme der Ehrenpforte aufragen sah. Immer wieder fasste er sich an den G�rtel, an den er das kleine, in einem Beutel steckende Zauberbuch geh�ngt hatte. Es war ihm schwer wie Blei.</p><p>Er ritt auf das gro�e Wagentor in der Mitte zu und wurde nicht angehalten. Sein Priesterrock war wie ein Passierschein, zumindest, wenn es zur Stadt hinausging. Nun war er schon zum zweiten Mal seit kurzer Zeit auf dem Weg nach Westen. Er dachte daran, wie er zusammen mit Elisabeth nach Melaten geritten war. Wo mochte sie gerade sein? Ob sie in London etwas herausgefunden hatte? Vielleicht hatte sie in Erfahrung bringen k�nnen, was Ludwig dort bemerkt und erlebt hatte, und vielleicht stand dieses Zauberbuch gar nicht in Zusammenhang mit seinem Tod. Doch Andreas war es lieber, diese vage Spur zu verfolgen, als unt�tig zu bleiben. Er hatte sich entschlossen, mit Heynrici �ber das Buch zu sprechen.</p><p>Und �ber den Teufel.</p><empty-line/><p>Am Tor an der Stra�e nach Aachen z�gelte er sein Pferd, sa� ab und klopfte. Wehm�tig schaute er nach Westen. Dort hinten, irgendwo, war Elisabeth. Er sehnte sich nach ihr � mehr, als f�r ihn gut war, wie er feststellte. Doch sofort schob er diesen Gedanken beiseite.</p><p>Derselbe Pf�rtner �ffnete ihm; er erkannte Andreas sogar. �Wieder zu Herrn Ulrich, unserem heiligm��igen K�ster?�, fragte er. Andreas nickte. Der Pf�rtner f�hrte ihn abermals zu dem kleinen H�uschen hinter der Kirche. Der Geistliche sah sich verstohlen um. Diesmal lie� sich kein Auss�tziger blicken. Er erinnerte sich an den schrecklichen Schrei, den er und Elisabeth in jener Nacht geh�rt hatten, die sie hier hatten verbringen m�ssen. Und er erinnerte sich daran, dass er kurz zuvor Heynrici im Innenhof hatte umherschleichen sehen.</p><p>Beim letzten Mal war Andreas so aufgeregt gewesen, dass er der riesigen alten Linde rechts neben dem K�sterhaus keine Aufmerksamkeit geschenkt hatte, doch jetzt drang das dunkle Rauschen des gro�artigen Baumes deutlich und beruhigend in sein Bewusstsein. Im leichten Wind knarrten die �ste. Der Pf�rtner klopfte f�r Andreas, und bald wurde die T�r langsam aufgezogen. Das Erste, was Andreas sah, war das schlohwei�e Haar: der Kranz um den Kopf und der wellige, weiche, wie aus sich selbst heraus leuchtende Bart. Der Pf�rtner ging.</p><p>�Ich freue mich, dass Ihr mich wieder besuchen kommt. Wo habt Ihr denn Eure zauberhafte Begleiterin gelassen? Bringt Ihr mir Neuigkeiten �ber die Todesumst�nde von Ludwig Leyendecker?�, fragte Heynrici mit seiner sanften, melodischen Stimme. Andreas war froh, hergekommen zu sein. Hier war er richtig. Hier wurde er verstanden.</p><p>Heynrici bot ihm einen Stuhl an und setzte sich ihm gegen�ber. Andreas sah auf die beeindruckende Anzahl von B�chern und kam sofort zur Sache. Er holte das Buch an seinem G�rtel hervor, band es los und reichte es Heynrici. Dieser schlug es auf, l�chelte weise und klappte es sofort wieder zu. �Warum zeigt Ihr mir das?�, fragte er.</p><p>�Es hat angeblich Ludwig Leyendecker geh�rt�, erkl�rte Andreas.</p><p>�Das wundert mich sehr�, bekannte Heynrici und legte die H�nde zu einem Dach zusammen. �Ich habe Euch schon bei Eurem letzten Besuch gesagt, dass ich mir Euren Freund nicht als Zaubermeister vorstellen kann. Habt Ihr �brigens herausgefunden, was Ludwig bei seinem Aufenthalt in London erfahren hat? Das scheint mir sehr viel wichtiger zu sein.�</p><p>�Seine Schwester ist nach London gefahren, um genau das herauszufinden�, meinte Andreas und sah den alten Mann neugierig an. �Um was k�nnte es sich dabei handeln?�</p><p>�Er scheint etwas belauscht zu haben�, sagte Heynrici. �Aber das habe ich Euch ja schon damals gesagt. Und es war sicherlich keine Zusammenkunft von Teufelsb�ndlern.�</p><p>Andreas dachte daran, dass Elisabeth nun mitten in der H�hle des L�wen war. Wenn es stimmte, was Heynrici mutma�te, befand sie sich m�glicherweise in Gefahr. Ihm wurde ganz anders zumute. Aber vielleicht hatte Heynrici Unrecht. Man musste jeder Spur nachgehen. Andreas lenkte das Gespr�ch wieder auf die magische Handschrift. �Ich finde dieses Buch bemerkenswert�, sagte er und deutete auf die kleine Handschrift in Heynricis H�nden.</p><p>�Das ist es auch�, meinte der alte Mann. �Es handelt sich um eines der l�cherlichsten und d�mmsten Werke, das je �ber den Verkehr mit der Unterwelt geschrieben wurde.�</p><p>�Ihr kennt es?�, fragte Andreas und bem�hte sich, neugierig zu klingen.</p><p>�Ich kenne viele dieser Pamphlete�, antwortete Heynrici ausweichend und sah herunter auf den kleinen Band in seinem Scho�. Andreas schaute auf die vielen B�cher in dem kleinen Raum, der ihm pl�tzlich sehr eng und stickig vorkam. Der weise Mann bemerkte den Blick des Geistlichen und sagte l�chelnd: �Nein, hier stehen nur gottesf�rchtige Werke. Ich gebe zu, dass ich einmal tiefe Studien auf allen Gebieten des Wissens getrieben habe. Aber alles, was ich fand, waren leere Worte. Nur Jesus hat Worte des ewigen Lebens.� Er faltete die H�nde und schaute zur Decke. In diesem Moment sah er aus wie einer der Heiligen auf den vielen wunderbaren Bildern, die Andreas in Bologna und bei seiner kleinen Reise von dort aus nach Florenz gesehen hatte. Trotzdem gefielen ihm die Worte des alten Mannes nicht.</p><p>�Sicherlich habt Ihr Recht, aber ist es nicht gottesl�sterlich, sich mit dem Teufel abzugeben, auch wenn man ihn schlie�lich verwirft?�</p><p>�Ja, das ist es�, sagte der alte Mann langsam und nachdenklich. �Das ist einer der Gr�nde, warum ich hier bin. Hier kann ich b��en f�r meinen eitlen Wissensdurst. Doch nicht nur die Niederungen der H�lle haben mich hergef�hrt, sondern auch die Niederungen der Politik. Glaubt mir, es gibt nichts Schlimmeres als diese Schlangengruben, die man Rat nennt. Ich habe lange genug im K�lner Rat gesessen, um zu wissen, was ich sage. Und ich habe dort viel Schuld auf mich geladen.�</p><p>�Wie Ludwig?�, fragte Andreas nach.</p><p>�Wie Ludwig. Niemand, der sich mit der Regierungskunst abgibt, bleibt ohne Schuld.�</p><p>�Wollt Ihr damit auf Ludwigs Rolle bei der Verhansung K�lns anspielen?�, fragte Andreas.</p><p>�Wie ich Euch damals schon sagte, glaube ich nicht, dass dies eine Rolle bei dem unseligen Ableben Eures Freundes gespielt hat, aber je l�nger ich dar�ber nachdenke, desto unsicherer werde ich. Ludwig Leyendecker hat all jene Kaufleute gegen sich aufgebracht, die sich der Hanse beugen wollten, und er hat unsere Fraktion mit Bestechungen und anderen fragw�rdigen Mitteln zusammengeschmiedet. Ich frage mich, ob er in London nicht zuf�llig Zeuge einer Verschw�rung gegen ihn geworden ist. In der Sache hatte Ludwig jedoch Recht. K�ln mit seinen alten Handelsbeziehungen zu England hatte nur die M�glichkeit, f�r den Fortbestand der Gesch�fte mit der Insel zu stimmen. Ansonsten h�tten wir uns zu sehr von den wetterwendischen L�bschen und ihren Spie�gesellen abh�ngig gemacht. Ich f�rchte, mit unserer harten Haltung haben wir einigen Kaufleuten das Leben sehr schwer gemacht. Ich selbst leide unter der Verantwortung, die ich mir damit aufgeb�rdet habe. Vielleicht ist es Ludwig auch zu viel geworden. Vielleicht hat er tats�chlich Selbstmord begangen, auch wenn ich es mir eigentlich nicht vorstellen kann, denn wie Ihr wisst, war er ein gottesf�rchtiger Mann.�</p><p>Andreas schwirrte der Kopf. Er hatte gehofft, hier bei Heynrici ein wenig Klarheit in seine eigenen Gedanken zu bringen, doch stattdessen wurde er immer verwirrter. Die Verhansung, die Konkurrenten Ludwigs, von denen er zum Beispiel Dulcken in den Ruin getrieben hatte, eine m�gliche Verschw�rung seiner Gegner oder vielleicht doch Selbstmord, weil er die Schuld nicht mehr ertragen konnte. Schuld? Politik? W�re er doch nicht hergekommen! Andreas bereute seine Reise. Beinahe h�tte er deren unmittelbaren Grund vergessen.</p><p>�In diesem schrecklichen Zauberbuch gibt es eine seltsame Nachbemerkung, die auf Melaten hindeutet�, sagte er.</p><p>Heynrici kniff die Augen zusammen und drehte das Buch in den H�nden. Dann schlug er es hinten auf und las die letzten S�tze. Ein wehm�tiges L�cheln verzerrte seine rosig durch den wei�en Bart schimmernden Lippen. �Wisst Ihr, ich habe so viele derartige B�cher gesehen�, sagte er. �Dieses hier geh�rte tats�chlich einmal mir, aber ich habe es bei Ulrich Zell gegen das �De Officiis� von Cicero getauscht. Soll ich es Euch einmal zeigen?�</p><p>�Das Buch hat Euch geh�rt? Habt Ihr es hier auf Melaten gehabt? Die Anmerkung ist von Euch? Aber da steht doch��</p><p>�Nichts steht da!�, brauste Heynrici auf. �Ich habe mich �ber dieses Buch ge�rgert.�</p><p>�Dort steht, dass Ihr auf Melaten die Beschw�rungen ausgef�hrt habt, und es ist sicherlich Euer Besitzvermerk, der auf dem Innenspiegel getilgt wurde.� Andreas hatte den Eindruck, als schwimme der Boden unter ihm.</p><p>�Das ist nicht richtig. Ich habe nichts ausgef�hrt�, meinte der alte Mann, der nun wieder ruhiger geworden war. �Ich gebe zu, dass ich auf meiner Suche nach Erkenntnis bisweilen seltsame Wege beschritten habe. Wenn Ihr mich jetzt der Inquisition �bergeben wollt, habe ich es wahrscheinlich verdient. Ich gebe auch zu, dass ich Angst vor der Inquisition habe. Ich habe Angst vor Schmerzen. Aus diesem Grund habe ich sehr gez�gert, Euch gegen�ber meine Versuche zuzugeben. Aber ich hoffe, Ihr werdet mich nicht verraten.� Er warf das Buch angewidert zu Boden, stand erstaunlich rasch auf, trat vor Andreas und ergriff seine Hand. Seine Stimme klang �ngstlich. �Ich will ehrlich zu Euch sein, denn Ihr habt es verdient. Ich habe mich hierher zur�ckgezogen, um meine S�nden zu b��en. Jeden Tag setze ich mich der Gefahr des Todes aus, nur um den armen Siechen zu helfen. Ich will b��en, Gott wieder nahe kommen, aber ich will nicht in die H�nde der Inquisition fallen.� Er kniete vor Andreas nieder. �Habt Mitleid mit einem verirrten Schaf, das zu seinem Vater zur�ckgefunden hat.� Tr�nen traten in seine Augen. Er zitterte am ganzen K�rper.</p><p>Andreas zog seine Hand zur�ck, der alte Mann lie� sie los. Der Geistliche stand auf und gebot Heynrici, sich zu erheben.</p><p>�Seht Euch hier um�, sagte er eifrig. �Ihr werdet kein Buch finden, das der heiligen Mutter Kirche ungef�llig ist. Alles Schlimme, Falsche, Kranke habe ich ausgemerzt. Ich wei�, wie mein Ruf in der Welt ist, aber ich habe ihn nicht verdient.</p><p>Eigentlich muss der Tod mein Lohn sein, damit Gott mich richten kann. Aber ich habe so gro�e Angst vor den Schmerzen, die mir die Inquisition bereiten wird.� Sein Blick war der eines geschlagenen Hundes.</p><p>Andreas wusste nicht, wie er sich verhalten sollte. Da stand er einem Mann gegen�ber, den nicht nur er f�r heilig hielt, und dieser Mann hatte ihm soeben indirekt gestanden, gottesl�sterliche Teufelsbeschw�rungen durchgef�hrt zu haben. Auf was konnte man sich in dieser Welt noch verlassen? Sprach der Herr nicht durch solche gottergebenen Menschen wie Ulrich Heynrici? Aber wenn dem so war, wie konnte Gott es dann zulassen, dass sich gerade die Gesch�pfe, die ihm in Demut ergeben waren, der H�lle verschrieben? Hie� es nicht, dass man f�r alle Zeiten verdammt sei, wenn man ein B�ndnis mit dem Teufel errichtet hatte? Und jede Beschw�rung des Erzfeindes war als Teufelsb�ndnis zu werten. Das hatte Andreas in Bologna in einer Strafrechtsvorlesung geh�rt. Wenn das stimmte, dann war Heynrici verdammt. Und Andreas war verpflichtet, ihn der heiligen Inquisition anzuzeigen. Konnte er das wirklich verantworten? Denn jetzt, auf Melaten, tat er Wunderbares, �bermenschlich Gutes.</p><p>Er sah Heynrici an. Zweifel zernagten ihn. Sein Gewissen sagte ihm, dass Heynrici schon genug b��te und an diesem Ort wertvoller f�r die Christenheit war als in den Kerkern der Inquisition, aber die heilige Mutter Kirche war da anderer Meinung, und als Priester war Andreas an seine Oberen und ihre Lehren gebunden.</p><p>Heynrici sah den Zwiespalt in Andreas� Blick. �Ich habe mich in Eure Macht begeben. Geht behutsam mit ihr um.�</p><p>�Helft Ihr mir?�</p><p>�Wie immer Ihr wollt.�</p><p>�An wen habt Ihr das Buch gegeben?�</p><p>�An Ulrich Zell.�</p><p>�Wann?�</p><p>�Vor etwas weniger als einem Monat.�</p><p>�Vor einem Monat erst? Das� das war kurz vor Ludwigs Tod.�</p><p>�Es scheint so�, fl�sterte Heynrici schuldbewusst.</p><p>�Dann ist es also noch nicht so lange her, seit Ihr Euch von der schwarzen Kunst losgesagt habt?�</p><p>�Doch, doch�, beeilte sich der alte Mann zu sagen. �Dieses B�chlein hatte ich v�llig �bersehen; es war hinter die �Summa Theologica� des heiligen Thomas von Aquin gerutscht. Als ich es wieder fand, weil ich die Meinung des Aquinaten zur Natur der Engel erforschen wollte, habe ich es sofort ausgesondert und bei der ersten Gelegenheit an den Drucker gegeben, weil er schon seit einiger Zeit das �De Officiis� hatte, das ich mir aber als armer K�ster nicht mehr leisten konnte. Da ich wei�, dass schwarzmagische B�cher immer gern gekauft werden und hohe Preise erzielen, habe ich mir erlaubt, dieses b�se Werk sozusagen durch Tausch zu einem guten zu machen.�</p><p>�Damit habt Ihr die Schatten in der Welt weiter verbreitet.� Als wolle die Natur Andreas Recht geben, verd�sterte sich pl�tzlich die Sonne, und ein starker Wind setzte ein und heulte um das H�uschen. �Ihr habt Gutes mit B�sem erkauft.�</p><p>�Tut das nicht jeder? Das habe ich damals als Ratsherr auch getan � wie alle meine Freunde, Ludwig eingeschlossen.� Er schlug sich gegen die Brust. �Mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa.�</p><p>�Wisst Ihr noch etwas, das Ihr mir bisher verschwiegen habt?�, fragte Andreas.</p><p>Heynrici l�chelte den jungen Geistlichen milde an. �Ich f�rchte, ich wei� vieles, was Ihr nicht wisst � und was Ihr nicht wissen wollt. Aber �ber den Tod Eures Freundes habe ich Euch alles gesagt. Ich bin schon in Eurer Hand. Warum sollte ich Euch etwas vorenthalten?�</p><p>Andreas nickte und trat langsam einen Schritt zur�ck. �Ich wei� nicht mehr, was ich glauben soll, aber Euch glaube ich. Ihr habt schon genug unter Eurem Wunsch nach Erkenntnis gelitten und seid in der Folge zu einem wahren Vorbild der Christenheit geworden. Ich halte mich an Christi Wort: Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet. Wer bin ich s�ndiger Mensch, der �ber Euch zu Gericht sitzen sollte? Gebt mir das Buch zur�ck. Ich werde es vernichten, und niemand wird mehr auf den Gedanken kommen, Euch der Teufelsb�ndnerschaft zu verd�chtigen.�</p><p>Ulrich Heynrici fiel vor Andreas auf die Knie und k�sste ihm die Hand, wie es ein Priester bei einem Kardinal tut. Als er zu dem jungen Mann aufschaute, waren seine Augen wieder tr�nennass. �Ich stehe ewig in Eurer Schuld�, schluchzte er. �Ihr habt mit einem alten S�nder Erbarmen gehabt. Gott wird es Euch vergelten. Und in mir habt Ihr einen treuen Freund gefunden.�</p><p>�Steht auf, weiser Mann�, sagte Andreas mit leiser Stimme. Der alte Mann erhob sich und dr�ckte dem Geistlichen beide H�nde mit erstaunlicher Kraft.</p><p>�Kommt zu mir und sagt mir, was Ihr herausgefunden habt�, meinte Heynrici. �Oder besucht mich einfach nur, wenn Ihr mit jemandem reden wollt.�</p><p>Andreas l�chelte. �Das werde ich tun, ehrw�rdiger Vater.�</p><p>�Dieser Anrede bin ich nicht w�rdig.� Er k�sste Andreas auf die Wange. Der junge Geistliche nahm das Buch wieder an sich und verlie� das K�sterh�uschen.</p><p>Der Himmel hatte sich verfinstert. Die Sonne war hinter dicken Wolken verschwunden. Sturmb�en fuhren �ber Melaten hinweg. Der Apfelschimmel, der neben der Kirche angebunden war, wieherte aufgeregt. In der Linde rauschte, knarrte und knarzte es m�chtig. Andreas schaute hoch in das Blattwerk des alten Baumes.</p><p>Dort schwankte ein Schatten. Ein abgebrochener Ast, der nur noch an einem Rindenstreifen hing? Andreas kniff die Augen zusammen. Der Ast hatte Arme und Beine.</p><p>Angefaulte Arme und Beine, St�mpfe.</p><p>Und sein Kopf hing in einer Schlinge, knapp oberhalb der niedrigsten Zweige.</p></section><section><title><p><strong>SIEBZEHN</strong></p></title><p>Das Bild des Toten verfolgte Andreas bis in den Schlaf. Er war rechtzeitig vor dem Schlie�en der Tore wieder in K�ln angekommen und wusste kaum mehr, wie er den Weg von Melaten hinter sich gebracht hatte. Nat�rlich hatte er als Priester schon viele Sterbende und Tote gesehen, doch der Anblick des erh�ngten Leprosen hatte ihn �ber alle Ma�en entsetzt. Auf sein Rufen war sofort Ulrich Heynrici in der T�r erschienen und hatte den Toten nicht minder erschrocken betrachtet. Er war auf die Knie gefallen und hatte ein Gebet f�r den armen Verschiedenen gesprochen. Danach hatte er allein den Leichnam abgenommen, nachdem ihm der Pf�rtner eine Leiter gebracht hatte, und ihn in die Totenkammer getragen. Andreas bewunderte den Mut Heynricis, denn jede Ber�hrung mit einem Leprakranken konnte den Tod bedeuten. Er verstand nicht, warum der heiligm��ige Mann so gro�e Angst vor der Inquisition hatte, wo er hier doch t�glich sein Leben aufs Spiel setzte.</p><p>Auch im Traum nahm Heynrici den Toten ab, doch dann stand der Leprose pl�tzlich auf eigenen Beinen und grinste Andreas an. Heynrici und der Pf�rtner waren verschwunden; alles au�er dem Kranken war in Nebel und Dunkelheit versunken. Der Sieche hatte keine Zunge mehr. Als er den Mund weit aufsperrte, g�hnte in seinem Schlund nur ein tiefes Loch. Trotzdem konnte er sprechen. �Suche den Toten bei den Lebenden�, sagte er. �Der Wein ist das Leben.� Er grinste. �Was soll das hei�en?�, fragte Andreas im Traum. �Nichts ist so, wie es scheint. Gut und B�se sind keine voneinander geschiedenen Elemente, sie haben sich seit Anbeginn der Zeit vermischt. Wie Wein und Wasser. Wein ist Wasser, und Wein ist Blut. Suche im Wasser, und suche im Blut. Glaube nie an das, was du siehst. Was du nicht sehen kannst, was verborgen ist, was sich verschworen hat, das hat Macht und ist gef�hrlich. Glaube nicht, dass es vor�ber ist. Es hat noch nicht einmal begonnen.�</p><p>�Wovon redest du?�, fragte Andreas und wischte sich den Schwei� von der Stirn.</p><p>�Du siehst nur die Oberfl�che, doch darunter brodelt es. Hast du noch nicht bemerkt, dass sich seltsame Dinge ereignen?�</p><p>Andreas nickte.</p><p>Da zerplatzte das Traumbild des Leprosen, und Andreas erwachte schwei�gebadet.</p><empty-line/><p>Der Drucker Ulrich Zell wohnte erst seit einem Monat im Haus Lyskirchen am Filzengraben. Er war der Erste gewesen, der die Kunst des Drucks mit beweglichen Lettern nach K�ln gebracht hatte, und war beim gro�en Meister Johannes Gensfleisch, genannt Gutenberg, zu Mainz in die Lehre gegangen. Nun f�hrte er in K�ln schon seit sieben Jahren sein Gewerbe aus, das von vielen Gelehrten als sehr bedenklich angesehen und nahezu als Zauberei betrachtet wurde. Noch nie war es m�glich gewesen, B�cher so schnell zu vervielf�ltigen und dadurch Wissen zu verbreiten. Der Siegeszug des gedruckten Buches schien unaufhaltsam zu sein.</p><p>Andreas hatte noch nie eine Druckerwerkstatt von innen gesehen und war sehr gespannt. Ihn freute es, dass sich das Wissen um die Allmacht Gottes nun noch schneller verbreiten konnte. Er stand vor dem spitzgiebeligen Steinhaus unweit des Rheins und schaute an der Sandsteinfassade hoch. Alle Fenster waren verglast, ein kleiner Erker schob sich neugierig wie eine schn�ffelnde Nase aus der Mauer hervor. Hinter dem gro�en Portal ert�nten aus dem Erdgeschoss hin und wieder polternde und knirschende Ger�usche. Hier lag wohl die Werkstatt; die Wohnr�ume waren vermutlich �ber die kleine T�r rechts neben dem Portal zu erreichen. Andreas klopfte mit der Faust gegen das Portal.</p><p>Er musste noch einmal klopfen, bis endlich jemand kam und die T�r �ffnete. Es war ein Junge von kaum zehn Jahren, der Andreas mit hellen, neugierigen Augen ansah. �Was w�nscht Ihr?�</p><p>Durch den T�rspalt hindurch konnte Andreas eine der ber�hmten Druckerpressen sehen. Es war ein wahres Monstrum. Zwei Gesellen waren mit seltsamen Hebeln und Gegenst�nden besch�ftigt, und soeben fuhr eine Platte hinunter und schien etwas zu zerquetschen.</p><p>�Ich will Meister Ulrich Zell sprechen.�</p><p>�Der Meister ist sehr besch�ftigt. Er setzt gerade die Lettern f�r den neuen �Liber de singularitate clericorum� des heiligen Augustinus. Kann ich ihm etwas ausrichten?�</p><p>�Nein, ich muss ihn selbst sprechen.�</p><p>�K�nnt Ihr in ein paar Tagen wieder kommen? Der Meister hat mir aufgetragen, niemanden zu ihm vorzulassen�, sagte der Junge mit hoher, aber fester Stimme, in der nicht eine Spur von Ehrfurcht vor dem Priesterrock lag.</p><p>Die Zeiten �ndern sich, dachte Andreas. Noch vor wenigen Jahren w�re ein derart freches Verhalten unm�glich gewesen. Vor wenigen Jahren hatte es auch noch keine gedruckten B�cher gegeben. Die Zeichen f�r den Anbruch einer neuen Zeit waren f�r die Aufmerksamen �berall zu sehen. Oder war es der Anbruch der Apokalypse?</p><p>�Ich f�rchte, ich muss deinen Herrn pers�nlich sprechen. Es ist sehr wichtig; es geht um weitaus mehr als nur um B�cher.�</p><p>�Nur? Wie k�nnt Ihr dieses Wort im Zusammenhang mit einem gedruckten Buch gebrauchen?�, versetzte ihm der Knabe. Andreas wusste nicht, ob er �ber ihn lachen oder ihm z�rnen sollte.</p><p>�Nun, es geht um ein Buch, eine Handschrift. Ab mit dir, f�hr mich zu deinem Herrn�, sagte er schlie�lich recht munter und l�chelte den Jungen an. �Es sei denn, du willst dein Seelenheil aufs Spiel setzen.�</p><p>Der Junge l�chelte zur�ck; er schien Andreas� Drohung nicht ernst zu nehmen. Aber er �ffnete das Portal und lie� den Geistlichen herein. Der Junge f�hrte ihn an der gro�en Presse vorbei, aus dem soeben ein frisch bedruckter Bogen gel�st und auf einen Stapel gelegt wurde. Andreas f�hlte sich wie ein Zuschauer bei der Erschaffung einer neuen Welt. Noch vor wenigen Jahren w�re es undenkbar gewesen, ein Buch so schnell zu vervielf�ltigen.</p><p>Der junge Geselle f�hrte ihn an der Maschine vorbei zu einer Ecke des Raumes, in der ein hoch aufgeschossener Mann in einem schwarzfleckigen, zerschlissenen Wams und einer Hose, die in keinem besseren Zustand war, an einem gro�en Brett stand und Lettern aus einem Setzkasten vor ihm aneinander legte. Er drehte sich um; sein Blick war feurig und zornig. �Habe ich dir nicht gesagt, dass ich nicht gest�rt werden will � von niemandem?�, brauste er auf. Er hatte einen dichten Bart, Lachf�ltchen um die Augen, die von einem w�sserigen Blau waren, und eine sehr ausladende, spitze Nase. Beinahe ein Spiegelbild seines Hauses, dachte Andreas belustigt. Er stellte sich dem Drucker kurz vor und bat ihn, irgendwo ungest�rt mit ihm zu reden.</p><p>Zell wischte sich die H�nde an einem vor Schmutz und Druckerschw�rze starrenden Lappen ab und bedeutete seinem ungeladenen Gast mit einer knappen Handbewegung, ihm zu folgen. Durch eine kleine T�r f�hrte er ihn zu einem Treppenhaus und hinauf in die gute Stube des Hauses, in dem es aussah, als sei hier jahrelang weder aufger�umt noch ausgefegt worden. Dabei wusste Andreas genau, dass Zell erst k�rzlich hier eingezogen war. Zell scheuchte eine Katze von einem der abgeschabten Scherenst�hle und bedeutete Andreas, sich zu setzen. Dieser tat es widerwillig, nachdem er zuvor mit der Hand den gr�bsten Unrat fortgewischt hatte. Zell blieb vor ihm stehen.</p><p>�Was verschafft mir die Ehre Eures Besuchs?�</p><p>�Ich bewundere die neue Kunst�, meinte Andreas ausweichend.</p><p>�Da seid Ihr leider einer der wenigen aus Eurer Zunft�, erwiderte Zell. �Darf ich Euch etwas zu trinken anbieten?�</p><p>Andreas nickte, und Zell verlie� kurz das Zimmer. Der junge Geistliche sah sich rasch um. Schmucklos und unordentlich war es hier � und �rmlich. Das Haus musste sehr teuer gewesen sein, doch auf seine Einrichtung schien Zell keinen Wert zu legen. Daf�r aber lagen B�cher herum � in losen B�gen und gebunden. Kostbarkeiten.</p><p>Zell kam mit einer dickbauchigen Hansekanne zur�ck, in der roter Wein wie Blut schwappte. Andreas f�hlte sich an seinen Traum erinnert. Zell goss ihm einen Pokal ein, und Andreas hielt die reiche Fl�ssigkeit gegen das Licht. Wie Blut.</p><p>�Ein ausgezeichneter Burgunder mit einer Prise Zimt, ein wenig Wacholder und Honig. Kostet nur, er wird Euch munden.�</p><p>Andreas nahm einen Schluck. In der Tat, ein herrlicher Geschmack. W�rzig, aromatisch, s�� und belebend.</p><p>�Sonst habe ich f�r Leute wie Euch eher den sooren Hunck aus dem Weinberg meines Freundes Petrus, neben Sankt Gereon. Ein L�ffel Honig auf einen Schluck von diesem Wein, und schon kann man ihn trinken, wie ich immer sage. Aber ich glaube, ein B�cherliebhaber hat auch beim Wein einen ganz besonderen Geschmack und ein Anrecht auf das Beste. Aus welcher Pfarrei kommt Ihr?�</p><p>�Sankt Kolumba, ich bin dort Kaplan.�</p><p>�Unter Pfarrer H�lshout, nicht wahr? Ich habe geh�rt, dass er sich vor kurzem auch ein Buch gekauft hat � bei meinem gesch�tzten Freund K�lhoff. Vielleicht besteht ja doch noch Hoffnung auf die Verbreitung des Wissens.�</p><p>�Was mich angeht, so bin ich schon seit langem ein Anh�nger der neuen Kunst�, beeilte sich Andreas zu sagen und nahm noch einen Schluck.</p><p>�Das freut mich zu h�ren�, meinte Zell k�hl und sah Andreas von oben herab neugierig an. �Was f�hrt Euch zu mir? Die Liebe zu den B�chern?�</p><p>�Ja � in gewisser Weise.� Andreas st�rzte den Wein hinunter und hielt Zell den Pokal entgegen. �Ein ausgezeichneter Tropfen�, sagte er, durch den Roten mutiger geworden. �Woher habt Ihr ihn bezogen?�</p><p>Zell hob die Brauen und goss nach. �Vom Leyendecker�schen Kontor. Dort erh�lt man die besten Weine der Stadt. Den gr��ten Umsatz macht das Haus Leyendecker wohl mit den lieblichen Weinen von Rhein und Mosel, doch man hat dort auch ausgezeichnete Franzosen im Angebot.�</p><p>�Habt Ihr geh�rt, was Ludwig Leyendecker zugesto�en ist?�, fragte Andreas.</p><p>�Zugesto�en ist wohl das falsche Wort�, meinte Zell und trank ebenfalls seinen Pokal leer, f�llte sich aber nicht nach. �Es ist schrecklich. Ich habe Leyendecker nur wenige Male gesehen, doch mir schien er ein ruhiger, freundlicher und besonnener Mann zu sein. Nun, man kann sich t�uschen, und manchmal brodelt etwas unter der Oberfl�che, das niemand sieht oder bemerkt.�</p><p>�Wie meint Ihr das?�</p><p>�Ganz allgemein.� Zell sah Andreas scharf an. �Darf ich jetzt den Grund Eures Besuches erfahren?�</p><p>Andreas zog das kleine Zauberbuch hervor und hielt es Zell entgegen. Der Drucker wurde blass. Offenbar hatte er den Band sofort erkannt. �Was soll ich mit diesem Buch anfangen?�, fragte er unwirsch.</p><p>�Ich glaube, es hat Euch einmal geh�rt�, meinte Andreas.</p><p>�Ich handle nur mit gedruckten B�chern.�</p><p>�Ich habe anderes geh�rt.�</p><p>�Und wenn schon. Ich erinnere mich nicht an dieses Buch.�</p><p>�Schlagt es auf und lest ein wenig darin�, meinte Andreas und st�tzte die H�nde auf den Oberschenkeln ab. Neugierig sah er Zell an.</p><p>Dieser nahm das Buch mit spitzen Fingern entgegen und bl�tterte darin herum. Er r�usperte sich.</p><p>�Erinnert Ihr Euch daran?�</p><p>�Ich habe es nie gelesen.�</p><p>�Das glaube ich Euch sogar, aber Ihr habt es von Ulrich Heynrici, dessen Ruf sicherlich auch zu Euch gedrungen ist, im Tausch gegen ein Exemplar des �De Officiis� genommen und dann weiterverkauft.�</p><p>Es war Zell deutlich anzusehen, was er gerade dachte: Soll ich es zugeben und die Gefahr eingehen, vor das bisch�fliche Inquisitionsgericht geladen zu werden? Oder soll ich es abstreiten? Andreas seufzte. Wie oft mochte die Angst vor der Inquisition die Wahrheit bereits behindert haben? Konnte man mit Drohungen �berhaupt zum Recht kommen? Andreas entschied sich, wie bei Heynrici zu verfahren. Da er sich schon einmal �ber seine Pflicht dem Bischof gegen�ber hinweggesetzt hatte, fiel es ihm nicht mehr so schwer. �Ihr braucht keine Angst zu haben. Niemand wird je erfahren, dass Ihr dieses Buch verkauft habt.�</p><p>Zell sah ihn misstrauisch an und klappte das Buch wieder zu. Er stand wie angewurzelt da; sein Gesicht war eine einzige Frage.</p><p>Andreas fuhr fort: �Ich werde Euch nicht anzeigen. Ich bin kein Hexenschn�ffler und kein Handlanger der Inquisition. Mir geht es nur darum, Licht in das Dunkel um den Tod von Ludwig Leyendecker zu bringen.�</p><p>�Steht sein Tod in Zusammenhang mit diesem Buch?�, fragte Zell argw�hnisch und warf einen zweifelnden Blick auf den kleinen Band in seiner Hand.</p><p>�Es w�re m�glich. Angeblich hat er die schwerste S�nde begangen, die ein Mensch begehen kann.�</p><p>�Selbstmord?�, fragte Zell und schaute aus dem Fenster. Er klang ersch�ttert. �Das� das wusste ich nicht.�</p><p>�Er hat einen Abschiedsbrief hinterlassen, in dem er als Grund f�r seinen Selbstmord angegeben hat, er habe den Teufel beschworen und dar�ber tiefste Reue empfunden.�</p><p>�Hatte er Erfolg?�, fragte Zell rasch.</p><p>�Mit der Beschw�rung? Ich wei� es nicht. Um ehrlich zu sein, wei� ich gar nichts mehr. Aber ich bezweifle, dass dies der Grund f�r seine schreckliche Tat war � wenn es �berhaupt seine eigene Tat war.�</p><p>�Wollt Ihr damit etwa andeuten, dass er � ermordet wurde?�</p><p>�Ich k�nnte mir vorstellen, dass ich der Wahrheit einen Schritt n�her komme, wenn ich wei�, wer ihm dieses Buch untergeschoben hat, denn er selbst wird es wohl kaum bei Euch gekauft haben.� Er sah Zell auffordernd an. Dieser drehte sich vom Fenster weg und schaute an dem Geistlichen vorbei in eine imagin�re Ferne.</p><p>Zell holte tief Luft, als wolle er etwas sagen. Er �ffnete den Mund, schloss ihn wieder. Dann endlich schaute er dem Geistlichen in die Augen. �Ich muss Euch entt�uschen. Dieses Buch hat Ludwig Leyendecker vor mehr als einem Monat bei mir gekauft.�</p></section><section><title><p><strong>ACHTZEHN</strong></p></title><p>Anton Lautensack begleitete Elisabeth auf dem Weg zu ihrer neuen Freundin und Schwester im Geiste, Anne Palmer. Nun erntete sie auf der Stra�e keine b�sen oder absch�tzigen Blicke mehr. Elisabeth musste sich ein L�cheln verkneifen. Sobald ein Milchgesicht von einem m�nnlichen Wesen neben einer Frau herlief, galt sie als ehrbar, aber wehe, wenn sie allein unterwegs war. Waren Frauen denn keine Menschen? Manche Theologen erdreisteten sich sogar, die Frage zu stellen, ob denn Frauen eine Seele haben. Vermutlich versuchten sie, dem von ihnen verabscheuten Geschlecht das abzusprechen, was ihnen selbst bereits vor langer Zeit abhanden gekommen war.</p><p>Sogar der L�rm in der Thames Street schien heute ged�mpfter zu sein. Elisabeth warf verstohlene Seitenblicke auf ihren jugendlichen Retter. Ihm wuchs noch kein Bart, und er wirkte seltsam fremd in dem gef�ltelten, zu kurzen Wams und mit dem schmucken Barett auf dem langhaarigen, leicht eif�rmigen Kopf. Sein Gang war genauso linkisch wie seine Haltung, und doch wurde er als Mann akzeptiert. Manche der kleinen Stra�enh�ndler gr��ten ihn sogar unterw�rfig. Er nickte h�chstens einmal kurz � nicht aus Herablassung, sondern weil es ihm offenbar peinlich war, f�r etwas Besseres gehalten zu werden. Elisabeth war sehr erstaunt dar�ber, dass dieser Junge ihren Mann niedergestreckt hatte. Anscheinend hatte er sich in sie verliebt.</p><p>�Arbeitet Ihr auch im Weinhandel?�, fragte sie ihn, w�hrend sie am Kirchhof von All Hallows vorbeigingen.</p><p>Anton r�usperte sich und sagte nur: �Ja.�</p><p>�In welchem Kontor seid Ihr besch�ftigt?�</p><p>�In dem von� von Hermann Langenhag.�</p><p>�Habt Ihr meinen Bruder gekannt?�</p><p>Anton Lautensack sah Elisabeth innig an. �Ludwig Leyendecker, nicht wahr?� Anton blieb mitten auf der Stra�e stehen. Eine Taube erhob sich mit lautem Fl�gelschlag aus einem der Kirchhofb�ume und flatterte dicht �ber ihren K�pfen davon. �Ich habe davon geh�rt. Wir alle haben davon geh�rt. Es ist schrecklich�, fl�sterte er. �Hat er wirklich mit dem Teufel�?�</p><p>Elisabeth warf ihm einen vernichtenden Blick zu, unter dem der arme Anton zusammenzuschrumpfen schien. �Ich bin hier, um das Gegenteil zu beweisen, und es scheint mir gelungen zu sein, auch wenn die Aufl�sung anders war, als ich erwartet hatte.�</p><p>Anton schaute sie mit gro�en Augen an. �Ihr jagt einem M�rder nach?�</p><p>Elisabeth l�chelte angesichts seines Erstaunens. �So kann man es nennen.�</p><p>�Darf ich Euch dabei helfen?�</p><p>�Versprecht Euch nicht zu viel.�</p><p>�Was sollte ich mir denn versprechen?� Anton wurde rot wie die Sonne am Abend.</p><p>Elisabeth ging mit schnellen Schritten weiter. Anton bem�hte sich, nachzukommen. �Es ist nur so�, nur, dass��, stammelte er.</p><p>Inzwischen hatte Elisabeth die Tordurchfahrt zu Palmers Kontor und Wohnhaus erreicht, trat in das Dunkel und auf den Hof und lief die wenigen Stufen zum Portal hoch. �Ich danke Euch, dass Ihr mich hergebracht habt�, sagte sie zu Anton Lautensack, der am Fu� der Treppe stehen geblieben war. �Ihr k�nnt jetzt zur�ckgehen.�</p><p>�Nein, das kann ich nicht.�</p><p>Elisabeth sah ihn fragend an. �Warum nicht?�</p><p>�Ich habe Euch angeschwindelt. Ich arbeite f�r Euren Gemahl, und ich glaube nicht, dass es klug von mir w�re, in den Stalhof zur�ckzukehren.� Er richtete den Blick auf den Boden. �Ich habe mir wohl jede Aussicht genommen, einmal ein erfolgreicher Kaufmann zu werden. Aber das wollte ich auch nie. Ich wollte gerne Stadtmusikus werden.�</p><p>Elisabeth l�chelte ihn an. �Dann kommt mit hinein.�</p><p>Eine Magd mit Buckel f�hrte die beiden zu Anne Palmer in die Schreibstube des Kontors. Die junge Frau sa� �ber dicken Stapeln von Papieren und schrieb eifrig mit einem langen G�nsekiel, den sie immer wieder in das kleine Tintenfass vor ihr eintauchte. Als sie die beiden Besucher bemerkte, sprang sie auf und kam ihnen entgegen. Elisabeth und Anne umarmten sich herzlich, dann sah Anne ihren Begleiter und bedachte ihn mit einem fragenden Blick. Elisabeth erz�hlte von dem zweiten schrecklichen Erlebnis mit Heinrich und lobte ihren jugendlichen Retter. Anton wurde wieder einmal rot und verneigte sich vor Anne.</p><p>�Was wollt Ihr jetzt tun?�, fragte der junge Kaufmann wider Willen die Frauen, nachdem sie sich auf die beiden einzigen St�hle im Raum gesetzt hatten und er stehen bleiben musste. Anne berichtete ihm von ihrer �berzeugung, dass ihr Gatte Ludwig aus Eifersucht ermordet habe, und von ihrer beider Wunsch, nach K�ln zu reisen, da Edwyn Palmer dort gesch�ftlich l�ngere Zeit bleiben wolle.</p><p>�Ihr wollt allein nach K�ln reisen?�, wunderte sich Anton Lautensack.</p><p>�Warum nicht?�, hielt ihm Anne entgegen und l�chelte ihn an. Elisabeth bemerkte, dass ihre Freundin diesen kaum den Kinderjahren entwachsenen Knaben anziehend fand. Anton jedoch hatte nur Augen f�r Elisabeth.</p><p>�K�nnte es Schwierigkeiten geben?�, fragte Elisabeth den jungen Mann.</p><p>�Jeder Kapit�n wird Euch fragen, woher Ihr kommt. Allein reisende Damen haben einen, �h, zweifelhaften Ruf. Au�erdem w�ret Ihr den Nachstellungen der Matrosen hilflos ausgeliefert. Und wie wollt Ihr �berhaupt an ein Schiff kommen? Im Stalhof k�nnt Ihr nicht an Bord gehen, denn Heinrich wird Euch suchen lassen. Und ich habe keine Ahnung, welches Schiff von wo an der Themse in Richtung Kontinent ablegt. Wie Ihr vielleicht wisst, gibt es gro�e Differenzen zwischen der Insel und der Hanse. Es sind schwierige Zeiten.�</p><p>Elisabeth und Anne sahen sich an. �Sollen wir warten, bis dein Mann zur�ckkommt?�, fragte Elisabeth.</p><p>�Das kann noch Monate dauern�, gab Anne zur�ck.</p><p>Monate! Elisabeth stellte fest, dass sie bereits jetzt Heimweh nach K�ln hatte, auch wenn das Leben dort f�r sie nicht gerade einfach sein w�rde, denn von nun an musste sie Heinrich aus dem Weg gehen und auf eine M�glichkeit sinnen, wie sie ihren Lebensunterhalt erwirtschaften konnte, falls es ihr nicht gelingen sollte, die Mitgift von ihrem Gatten zur�ckzufordern. Erst jetzt begriff sie, dass heute ihr ganzes Leben zusammengebrochen war. Einzig der Gedanke daran, Ludwigs M�rder zu fassen, gab ihr Hoffnung.</p><p>Und da war noch Andreas�</p><p>�Ich will nicht warten, bis Edwyn nach London zur�ckkommt�, sagte Anne. �Ich will von hier verschwunden sein, bevor er mir das Leben in dieser schrecklichen Stadt wieder zur H�lle macht.�</p><p>Anton sah sie mitf�hlend an. �Ihr m�sst ein schlimmes Leben gef�hrt haben�, sagte er zu ihr, w�hrend er in dem kleinen Kontorzimmer auf und ab ging.</p><p>�Manchmal war es sehr aufregend, aber meistens war es schrecklich�, pflichtete Anne ihm bei. �Erst Ludwig Leyendecker hat mir wieder Freude am Leben gebracht. Er sagte, dass auch er eine ungl�ckliche Ehe f�hre, obwohl er nat�rlich unter keinerlei Gewaltt�tigkeiten zu leiden hatte. Aber er suchte Z�rtlichkeit, und die bekam er bei seiner Frau nicht.�</p><p>�Wo habt ihr euch eigentlich getroffen?�, fragte Elisabeth. �Es gibt in Dowgate eine Herberge der besseren Art, dessen Besitzer Ludwig gut kannte. Immer, wenn er nach London kam, sind wir ins Waterstone Inn gegangen. Master Dillon Foyles hat uns ein verschwiegenes Zimmer unter dem Dach gegeben. Es waren Stunden des Himmels.� Anne l�chelte versonnen und wehm�tig, die Anwesenheit Antons hatte sie vollkommen vergessen. �Ludwig war so z�rtlich. Und so verst�ndnisvoll. Wir waren immer so gl�cklich nach unseren Liebesstunden und haben uns schon auf die n�chsten gefreut. Nur beim letzten Mal war es seltsam. Es tut mir Leid, dass wir so auseinander gegangen sind.�</p><p>Elisabeth lehnte sich auf ihrem Stuhl vor. �Wie meinst du das?�</p><p>�Bei unserem letzten Gespr�ch hatte ich nicht mehr daran gedacht, aber es ist auch nicht wichtig. Es ist nur traurig, dass wir in Missstimmung voneinander geschieden sind. Wir konnten ja nicht wissen, dass es f�r immer war.� Ihr Blick wurde tr�nenfeucht.</p><p>�Habt Ihr Euch gestritten?�, wollte Anton wissen, der sehr neugierig zugeh�rt hatte.</p><p>�Ludwig hat die Herberge fluchtartig verlassen, ohne mich auch nur in die N�he meines Hauses zu begleiten. Er hatte mir gesagt, dass er etwas Schreckliches erfahren habe, als er zum Abort im Hof ging und an einem offen stehenden Fenster vorbeikam. Er war so verwirrt, dass er sofort nach K�ln aufbrechen wollte. Wahrscheinlich war es etwas Gesch�ftliches.�</p><p>Elisabeth f�hlte sich, als w�rde ihr der Boden unter den F��en fortgezogen. Sie erinnerte sich an das Gespr�ch mit dem ehrw�rdigen Ulrich Heynrici, dem Ludwig mitgeteilt hatte, dass er in London Schlimmes vernommen hatte. Lag hier der wahre Grund f�r den Tod ihres Bruders? �Was war das, was er mit angeh�rt hat?�, fragte sie Anne.</p><p>Ihre Freundin sah sie verst�ndnislos an. �Ich wei� es nicht, aber es ist wohl kaum wichtig. Als ich mich kurze Zeit vorher ebenfalls erleichtern musste, bin ich auch an diesem Fenster vorbeigekommen und habe die M�nner gesehen, die dort in dem Zimmer sa�en und beim Wein die K�pfe zusammensteckten.�</p><p>�Hast du h�ren k�nnen, wor�ber sie gesprochen haben?�, wollte Elisabeth wissen.</p><p>Anne kratzte sich am Kinn. �Es hat mich nicht interessiert.</p><p>Ich habe nicht zugeh�rt. Ich wei� nur, dass ich auf diese M�nner b�se war, weil sie mir meinen Ludwig abspenstig gemacht hatten.�</p><p>�Hast du sie sehen k�nnen?�, fragte Elisabeth atemlos.</p><p>�Ja. Glaubst du, das ist wichtig?�</p><p>�Wenn du sie deutlich sehen konntest, war das auch Ludwig m�glich�, dachte Elisabeth laut nach. �Er hat m�glicherweise einige der M�nner gekannt und geh�rt, wor�ber sie sprachen. Wenn es ihn derart entsetzt hat, dass er London fluchtartig verlassen hat, ohne sich von seiner Liebsten geb�hrend zu verabschieden, muss es sehr, sehr wichtig gewesen sein.�</p><p>�Ihr wollt damit sagen, dass dieses belauschte Treffen im Zusammenhang mit dem Tod Eures Bruders steht?�, meinte Anton, dem deutlich anzusehen war, dass er sich an seiner eigenen Denkleistung erfreute.</p><p>Anne sah ihn zweiflerisch an. �Das glaube ich kaum. Wer sonst als mein �ber alles geliebter Gemahl sollte Ludwig umgebracht haben?�</p><p>�Haben die M�nner bemerkt, dass Ludwig sie belauscht hat?�, warf Elisabeth ein.</p><p>�Ich wei� es nicht, aber wozu soll das wichtig sein?�</p><p>Sie mussten unbedingt nach K�ln zur�ck, und zwar so schnell wie m�glich. Doch vorher wollte Elisabeth diesem Master Foyles und seiner Herberge einen kleinen Besuch abstatten.</p><empty-line/><p>Anton Lautensack begleitete sie, denn es stellte sich heraus, dass er das Waterstone Inn kannte. Es lag nicht weit entfernt in der Bush Lane, einer nach Norden abzweigenden Seitenstra�e der Thames Street. Die Herberge war ein altes Fachwerkhaus mit einem windschiefen Giebel, aber es machte einen recht gepflegten Eindruck, und der Unrat vor seiner T�r war kaum gr��er als vor der T�r eines beliebigen Wohnhauses. Anton Lautensack f�hrte die beiden Frauen in das Innere des Wirtshauses, in dem bereits eifrig gezecht wurde, denn es war inzwischen recht sp�t geworden. Einige der G�ste schauten die beiden Damen zwar scheel und begehrlich an, doch niemand wagte eine b�se Bemerkung zu machen. Die Gegenwart Anton Lautensacks wirkte Wunder.</p><p>Der junge Kaufmann redete auf Englisch mit dem Wirt. Dieser schaute die beiden Frauen neugierig an, stellte den Humpen fort, den er soeben f�llen wollte, und sagte etwas, das Elisabeth nicht verstand. Anton kaufte seinen Begleiterinnen je einen Becher Wei�wein � �vom Rhein, gekauft vom Bonenberg�schen Handelshaus�, wie er stolz sagte �, und die drei setzten sich an das Ende eines der langen Tische.</p><p>�Was hat er gesagt?�, wollte Elisabeth wissen. Sie r�hrte den Wein nicht an. Anne dagegen nahm einen Schluck und verzog das Gesicht. Er schien ziemlich sauer zu sein.</p><p>�Es waren K�lner Kaufleute, die am fraglichen Abend das Gemach an der R�ckseite des Hauses f�r sich beansprucht hatten�, erkl�rte Anton. �Der Wirt wei� nicht, worum es bei dieser Zusammenkunft ging, aber er war sicher, dass die Handelsherren, f�nf oder sechs an der Zahl, verschiedenen Gewerben angeh�rten. Es waren wohl auch ein oder zwei Weinh�ndler darunter. Angeblich sind sie so �berst�rzt aufgebrochen, dass sie zu zahlen vergessen haben, weswegen Mr. Foyles sehr verstimmt �ber sie ist. Er hat versucht, sie im Stalhof aufzutreiben, doch dort musste er erfahren, dass sie alle nach K�ln abgereist waren. Sie haben sich seitdem nicht mehr hier blicken lassen.�</p><p>�Wir m�ssen so schnell wie m�glich nach K�ln zur�ck�, sagte Elisabeth entschlossen. �Dort laufen alle F�den zusammen.� Sie setzte den Becher an die Lippen und st�rzte den Wein in einem Zug herunter. Er war wirklich entsetzlich sauer.</p><empty-line/><p>Es war Anton, der an diesem Abend auf die passende Idee kam. Als der L�rm in der Herberge immer st�rker zunahm und sich die drei nur noch br�llend unterhalten konnten, schlug der junge Mann, der inzwischen Anne genauso eindringlich anstarrte wie Elisabeth, den beiden vor, sich als Pilgerinnen zu verkleiden. In diesem Aufzug w�rden sie an Bord eines jeden Schiffes gehen k�nnen und keinerlei Aufsehen erregen. Anne und Elisabeth hatten dem sauren, unvermischten Wein heftig zugesprochen und stimmten dem Plan begeistert zu. Der Alkohol hatte die dunklen Wolken, die ihre Gem�ter verfinstert hatten, fortgeblasen. Inzwischen erschien ihnen ihre Suche wie ein gro�es Abenteuer, in dem es nur Gefahren gab, die man meistern konnte. Fr�hlich schlugen sie die Becher gegeneinander. Doch in jedem Kelch ist die Neige bitter.</p></section><section><title><p><strong>NEUNZEHN</strong></p></title><p>Die Stadt glitt an ihnen vorbei. Elisabeth stand an der Reling der Kogge �Saint Bernard of Quaritch� und betrachtete die vorbeiziehenden H�user. Sie zog sich die ungewohnte, ausladende Pilgerhaube enger um den schmerzenden Kopf. Anton stand zwischen ihr und Anne und schaute der vor�berziehenden Stadt erleichtert nach. Ihm schien der billige Wein nichts ausgemacht zu haben. Elisabeth aber f�hlte sich, als donnere eine Kuhherde �ber ihren Kopf hinweg. Au�erdem kratzte der grobe Stoff der Haube.</p><p>Auch der lange, graue Glockenmantel war ihr unangenehm, aber er war die beste Verkleidung f�r die beiden Frauen und w�rde sie �berdies von allen Wegez�llen befreien. Sorgen machte ihr der Umstand, dass sie lediglich eine �berfahrt nach Dordrecht gefunden hatten; das Schiff fuhr nicht den Rhein hinunter. In Dordrecht w�rden sie sich um eine weitere Reisem�glichkeit k�mmern m�ssen. Jeder erzwungene Aufenthalt war ung�nstig, denn Elisabeth bef�rchtete nach dem, was sie im Waterstone Inn geh�rt hatte, dass eine gro�e Sache im Gange war, die weit �ber ein Eifersuchtsdrama hinausging, auch wenn Anne noch immer glaubte, ihr Mann habe Ludwig ermordet.</p><empty-line/><p>Der Wind hatte aufgefrischt und blies von Westen. Mit hoher Geschwindigkeit segelte die �Saint Bernard of Quaritch� die Themse hinunter, hatte bald London hinter sich gelassen und glitt nun an dunkelgr�nen Wiesen und kleinen D�rfern vorbei. Elisabeth schaute sich immer wieder an Deck um, doch au�er ihr, Anne und Anton waren keine weiteren Reisenden an Bord. Die Matrosen schielten zwar manchmal scheel her�ber, schienen aber ungef�hrlich zu sein. Der Kapit�n hatte die seltsame Reisegruppe gern an Bord genommen, nachdem Anne aus der Kasse ihres Kontors eine stattliche Summe f�r die �berfahrt nach Dordrecht geboten hatte.</p><p>�Wann werden wir in K�ln sein?�, fragte Elisabeth Anton Lautensack, dem die Freude �ber diese Reise deutlich anzusehen war.</p><p>�Das h�ngt davon ab, wann wir in Dordrecht ein Schiff nach K�ln erwischen, oder ob wir den Landweg nehmen m�ssen. Im letzten Fall wird die Reise etliche Wochen dauern.�</p><p>�Wochen?� Elisabeth war entsetzt. �So viel Zeit haben wir nicht.� Sie hatten Anton inzwischen in alle Einzelheiten des seltsamen Falles eingeweiht.</p><p>�Glaubst du wirklich, dass es nicht mein Mann war, der Ludwig umgebracht hat?�, fragte Anne und zupfte an der Jakobsmuschel, die sie sich an ihren schweren grauen Umhang gen�ht hatte. Sie hatten sich als Pilgerinnen ausgegeben, die den Schrein der Heiligen Drei K�nige zu K�ln besuchen wollten und den Jakobsweg bereits hinter sich hatten. Anton hatte die passende Kleidung sowie die beiden Muscheln und Pilgerst�be bei einem H�ndler in der Barren Lane mitten in Dowgate aufgetrieben, wof�r ihm die Frauen sehr dankbar waren. Auf seine sch�chterne, linkische Art genoss er diese Dankbarkeit sehr. Er hob das runde Kinn und straffte den R�cken, wann immer er sich an die Frauen wandte. Und er schien endlich bemerkt zu haben, dass all seine W�mser viel zu knapp waren, denn jetzt zupfte er andauernd an den �rmeln.</p><p>�Ich wei� gar nichts mehr, aber die seltsamen Kaufleute scheinen mir doch sehr verd�chtig zu sein�, meinte Elisabeth. �Ich hoffe, dass wir K�ln schnell erreichen.� Sie hatte Angst, sie k�nnten zu sp�t kommen. Zu sp�t � wozu?</p><empty-line/><p>Ein g�nstiger Wind f�hrte dazu, dass die Pilgerinnen und ihr Begleiter schon am Abend des vierten Tages Dordrecht erreichten. Sie gingen von Bord und suchten sich in einem der besseren Viertel der Stadt ein Quartier f�r die Nacht. Die beiden Frauen mieteten ein gemeinsames Gemach; Anton musste in der Schankstube schlafen.</p><p>Elisabeth zog sich nicht aus, w�hrend Anne aus ihrem Leinensack ein Nachthemd kramte und rasch hineinschl�pfte. Trotzdem sah Elisabeth die Striemen und Narben auf ihrer zarten Haut. Sie versp�rte einen unb�ndigen Hass auf Edwyn Palmer und w�nschte sich pl�tzlich, er habe ihren Bruder ermordet, damit er dem Henker �bergeben werden konnte � f�r diese und f�r alle anderen Missetaten, die er in seinem sch�ndlichen Leben begangen hatte.</p><p>Am anderen Morgen begaben sich die drei zum Hafen und suchten nach einem Schiff, das den Rhein hinauf nach K�ln fuhr. Sie fanden keines. Sie liefen am Kai auf und ab, befragten Matrosen und Kapit�ne, warteten auf einlaufende Schiffe, sahen zu, wie die Waren mit gro�en Kr�nen entladen wurden, und verzweifelten allm�hlich. Stunden sp�ter standen alle drei an der Hafenmauer beisammen und beobachteten, wie ein Holk aus England einlief. Er hatte Wollballen und Erze geladen. Wie Ameisen liefen die Schauerleute auf das Schiff zu, vert�uten es und schw�rmten aus, um die Ladung zu l�schen. Der Kapit�n verlie� mit langen, majest�tischen Schritten sein Schiff und unterhielt sich unter gro�en Gesten mit dem Maat. Anton zwinkerte seinen beiden Pilgerinnen zu und ging auf den Schiffsf�hrer zu. Er sprach ihn an, und die beiden Frauen sahen, wie sich eine lange Verhandlung anzubahnen schien. Doch dann kehrte Anton niedergeschlagen zur�ck. �Wieder nichts�, sagte er. �Dieser Holk f�hrt zwar rheinaufw�rts, aber nur bis Nijmwegen. Das bringt uns gar nichts.� W�hrend er sich mit Elisabeth und Anne unterhielt, lief eine Gruppe Seeleute des englischen Schiffes an ihnen vorbei und st�rzte sich in das Gewirr der engen Gassen von Dordrecht. Anton sah ihnen kurz nach � und verstummte.</p><p>�Was ist los?�, fragte Elisabeth.</p><p>Anton rieb sich die Augen, schaute vor und zur�ck und sch�ttelte den Kopf. �Ach, nichts, ich hatte geglaubt, ein bekanntes Gesicht gesehen zu haben.�</p><p>�Einen Freund?�, fragte Anne neugierig und schenkte Anton ein zartes L�cheln.</p><p>�Nein, nein�� Anton zauderte. �Ach, ich habe wohl einen falschen Blick getan.�</p><p>�Was machen wir nun?�, fragte Elisabeth und st�tzte sich auf ihren Pilgerstab. �Ich habe ein ungutes Gef�hl � das Gef�hl, zu sp�t zu kommen.�</p><p>�Wir k�nnten uns zu Fu� auf den Weg machen � den Rhein entlang�, schlug Anton vor.</p><p>�Du hast selbst gesagt, dass wir in diesem Fall ein paar Wochen unterwegs sein werden.�</p><p>�Nicht, wenn wir uns einem Handelszug anschlie�en�, gab Anton zu bedenken. �Diese Z�ge sind mit Pferden und Wagen unterwegs, und au�erdem sind sie gut bewacht, sodass es eine sichere Reise w�re. Dann sind wir eine oder h�chstens zwei Wochen unterwegs.�</p><p>�Wie kommen wir an einen solchen Zug?�, fragte Anne.</p><p>�Ich habe da eine Idee��, murmelte Anton.</p><empty-line/><p>Sie schlugen ihr Quartier in einer anderen Herberge auf. Anton entschuldigte sich bei den Damen, dass das Haus keinen sonderlich guten Ruf hatte, doch der Wirt kannte einfach jeden Kaufmann in der Stadt und wusste immer, wer gerade zu einer Handelsreise aufbrach und wer zur�ckerwartet wurde.</p><p>Leider geh�rte sein Haus zu jenen, die man �ffentlich nennen konnte. Als die beiden angeblichen Pilgerinnen den dunklen, l�rmigen und stinkenden Schankraum des steinernen Giebelhauses betraten, setzte Gejohle und Gepfeife ein, das sie beinahe taub machte. Auch Anton konnte nichts dagegen tun. An langen Tischen sa�en zechende und dobbelnde Seeleute, viele hatten Weibsbilder auf dem Scho�, die den beiden Damen recht liederlich vorkamen. Der Wirt lief auf die Gruppe zu und erkannte Anton sofort. Er grinste Elisabeth und Anne an und meinte: �Habt Ihr Euch wirklich den rechten Ort f�r diese frommen Frauen ausgesucht, Meister Lautensack?�</p><p>�Manchmal muss man Dinge in Kauf nehmen, wenn man daf�r andere Dinge bekommt, auf die man gro�en Wert legt�, antwortete Anton recht weltm�nnisch. Elisabeth musste grinsen. Anton hatte einen Seitenblick auf Anne geworfen, die ihn ebenfalls am�siert, doch zugleich warmherzig ansah. Anton fuhr fort: �Diese beiden Pilgerinnen in meiner Obhut sind auf dem Weg nach K�ln. Wisst Ihr, wann der n�chste Kaufmannszug dorthin aufbricht?�</p><p>�Nach K�ln? Na, heute zumindest nicht mehr.� Der Wirt lachte so schallend, dass sein gewaltiger Bauch erzitterte und pl�tzlich ein Eigenleben zu f�hren schien. �Ich kann Euch gern Quartiere geben � zum Vorzugspreis, da Ihr einer meiner besten Kunden seid.�</p><p>Elisabeth horchte auf. Anton war so gut in diesem Haus bekannt? Das h�tte sie nie erwartet. Er wirkte so jung und unerfahren. Vielleicht hatte sie sich in ihm get�uscht. Gewaltig get�uscht.</p><p>�Ihr wisst doch bestimmt, wer sich bald auf die Reise nach K�ln macht�, beharrte Anton. Inzwischen musste er br�llen, denn in dem L�rm der Schankstube h�tte ihn der Wirt sonst nicht mehr verstanden. M�gde liefen mit irdenen Kr�gen umher, gossen �berall Wein und Bier nach und boten andere Dienste an. An einem der Tische in der dunkelsten Ecke keuchte pl�tzlich einer der M�nner laut und lustvoll auf, und die anderen lachten ohrenbet�ubend laut und donnerten ihre Humpen auf die Holzplatte. Elisabeth sch�ttelte sich, und auch Anne verzog das Gesicht in Abscheu.</p><p>�Ich wei� es nicht, aber morgen kann ich es in Erfahrung bringen. Wenn Ihr so lange hier bleiben wollt��</p><p>�Wir k�nnen ja morgen wieder kommen�, schlug Elisabeth schnell vor.</p><p>�Vielleicht habt Ihr dann die Gelegenheit bereits verpasst�, lachte der Wirt und hielt sich den Bauch. �Wenn Ihr von Felix Streuvels etwas erfahren wollt, m�sst Ihr ihm auch etwas geben. Zum Beispiel die ehrende Anwesenheit zweier wundersch�ner, junger Pilgerinnen. Ich mache Euch einen Sonderpreis, und Ihr beiden bekommt eine Kammer ganz f�r euch allein. Einverstanden?�</p><p>Was blieb den Frauen anderes �brig? Sie nickten und packten ihre Pilgerst�be so fest, als w�ren es Schwerter. Anton nickte ihnen aufmunternd zu. �Ich bleibe hier unten. Macht Euch keine Sorgen um mich. Ich komme schon zurecht.� Er grinste.</p><p>Der Wirt f�hrte die beiden Frauen unter das Dach und wies ihnen eine enge, fensterlose Kammer zu. Licht fiel nur durch die Spalten zwischen den Dachziegeln. Talglichter oder gar eine Kerze gab es nicht. �Gute Ruh�, sagte der Wirt und ging.</p><p>Das Tageslicht, das durch die Ritzen fiel, reichte gerade noch aus, um das breite, abgeschabte Bett und die offenbar mit Stroh gef�llte Matratze erkennen zu k�nnen. Das Laken aus grobem Leinen war nicht sonderlich sauber.</p><p>Als die beiden Frauen z�chtig nebeneinander lagen und das Licht des Tages endg�ltig der Dunkelheit gewichen war, h�rten sie von nebenan eindeutige Ger�usche. Ein Bett knarrte, Keuchen und St�hnen einer Frau mischte sich mit dem Grunzen eines Mannes.</p><p>�Ob das Anton ist?�, fl�sterte Anne mit tiefer Abscheu in der Stimme. �H�ttest du gedacht, dass er �fter hier verkehrt? Ich hatte ein ganz anderes Bild von ihm.�</p><p>�Ich auch�, gab Elisabeth zu. �Es macht mir immer Angst, wenn ich mich in einem Menschen so t�usche. Er wirkte so lieb und unreif. So unschuldig und nett.�</p><p>�Was f�r ein Jammer�, fl�sterte Anne.</p><p>Elisabeth hatte es schon seit einiger Zeit vermutet. Ihre Freundin schien ein Auge auf den sch�chternen J�ngling geworfen zu haben, doch heute Abend hatte sie eine bittere Entt�uschung erlebt. Elisabeth verstand die M�nner nicht. Sobald sich ihnen ein Weiberrock n�herte, verloren sie den Verstand, oder besser: Sie dachten dann nur noch mit dem K�rperteil, der den Frauen fehlte.</p><p>Nebenan war man zum quiekenden und kreischenden H�hepunkt gekommen, nun war Ruhe eingekehrt. Elisabeth drehte sich so weit wie m�glich von Anne weg, die wieder ihr Nachtgewand �bergestreift hatte. Ein saurer Geruch stieg Elisabeth in die Nase. Es war ihr eigener. Allm�hlich wurde es Zeit, dass sie sich wusch. Aber wo sollte sie das unbeobachtet in einem solchen Haus tun? Sie hatte das Gef�hl, dass sich eine Schlinge immer enger um ihren Hals zog. Als sie an Anton dachte, beschlich sie ein merkw�rdiges Gef�hl. Er war nicht ganz der Mann, f�r den sie ihn gehalten hatte. Was war, wenn sie sich v�llig in ihm get�uscht hatten? Wer war er in Wirklichkeit?</p></section><section><title><p><strong>ZWANZIG</strong></p></title><p>Der Weg zum Tod fiel Andreas immer noch schwer. Sp�t am Abend, er war schon zu Bett gegangen, hatte Grete, die alte Magd, ihn geweckt und ihm mitgeteilt, dass eines seiner Pfarrkinder, eine Witwe von beinahe achtzig Jahren, im Sterben lag und nach der letzten �lung verlangte. Andreas hatte sich rasch angezogen, den neuen Familiaris geweckt und war mit ihm in das n�chtliche K�ln eingetaucht. Das Haus der Witwe befand sich in der Breiten Stra�e, doch diese war nach Einbruch der Dunkelheit mit einer Kette abgesperrt, sodass Andreas einen Umweg �ber die Glockengasse machen musste. Odilo, der Familiaris, leuchtete ihm mit der Laterne und f�hrte ihn durch die stillen, finsteren Stra�en. Nur ganz vereinzelt sah man hinter Fenstern und H�uten den flackernden Schein von Kerzen oder Talglichtern. Die Umrisse der hohen Steingeb�ude erinnerten an angefeilte Z�hne, w�hrend die kleineren Fachwerkbauten, deren Fassaden in der Finsternis zu einer einf�rmigen Masse geworden waren, wie Zahnl�cken in einem fauligen Gebiss waren.</p><p>Weit vorn tanzte ein Licht zwischen den Mauern der Glockengasse. Es kam n�her. Andreas verlangsamte seinen Schritt. Der Familiaris bemerkte es und wartete auf den jungen Geistlichen. Andreas blieb neben ihm stehen. Es war sehr still in dieser Nacht, nicht einmal der L�rm des Wirtshauses an der Herzogstra�e war zu h�ren. Es war, als sei diese Nacht aus Raum und Zeit gefallen. Nur das Licht da vorn tanzte �ber dem unebenen Pflaster und spiegelte sich in der Gosse. Es kam n�her.</p><p>Langsam sch�lten sich drei Umrisse aus dem tintenschwarzen Dunkel, aber sie wurden dadurch nicht greifbarer. Irgendetwas an ihnen be�ngstigte Andreas. Er zischte Odilo zu, er solle das Licht l�schen. Der Familiaris blies die Kerze in der kleinen Laterne aus, und gemeinsam dr�ckten sie sich in einen Hauseingang und warteten darauf, dass die Schatten vor�bergingen.</p><p>�Was soll das?�, fl�sterte der Familiaris Andreas ins Ohr. �Warum gehen wir nicht einfach an ihnen vorbei?�</p><p>Andreas wusste es selbst nicht. Er gab keine Antwort.</p><p>Die drei wurden zu Menschen. Zu erkennbaren Menschen. Der mit der Laterne war einer der Leuchtm�nner, die man sich mieten konnte, wenn man nachts eine Besorgung in der Stadt zu machen hatte. Den zweiten Mann kannte er. Es war Johannes Dulcken, der bankrotte Weinh�ndler. Seine �ber das ganze Wams verteilte Amulettsammlung glitzerte im Kerzenschein. Durch Dulckens humpelnden Gang klirrten die magischen Symbole bei jedem Schritt. Der dritte Mann war ein grobschl�chtiger Baum von einem Kerl mit feuerrotem Haar und Armen wie Baumst�mmen. Sie blieben stehen und klopften verstohlen an eine T�r. Rasch wurde ihnen ge�ffnet, und sie verschwanden im Innern des unbeleuchteten Hauses. Andreas atmete auf und wagte es, aus dem Hauseingang hervorzukommen. Nun erst sah er, welches Haus die drei betreten hatten.</p><p>Es war das pr�chtige Giebelhaus der Witwe Leyendecker.</p><empty-line/><p>Die alte Wittib st�hnte und jammerte schrecklich, als Andreas ihr, unterst�tzt von dem entsetzten Familiaris, die letzte �lung spendete und die Beichte abnahm. Die Alte war noch bei klarem Verstand, und die Liste ihrer Missetaten war lang: Sie hatte �ber ihre Freundinnen gel�stert, Marktfrauen �bers Ohr gehauen, beim Spinnen Flachs unter die Wolle gemischt und viele �hnlich schwere Verbrechen begangen. Andreas h�rte kaum zu. In Gedanken war er bei seinem Erlebnis in der Glockengasse. Was machte ein zum billigen Kr�mer verkommener Weinh�ndler des Nachts bei einer j�ngst zur Witwe gewordenen Kauffrau? Man k�nnte sich so seinen Teil denken, doch wer war der vierschr�tige Kerl? Was wurde im Leyendecker�schen Haus mitten in der Nacht verabredet? Welche dunklen Machenschaften waren da im Gange? Hatte es etwas mit Ludwigs Tod zu tun? Anstatt endlich klarer zu werden, wurde die Angelegenheit immer undurchsichtiger.</p><p>Er beeilte sich zu gehen, denn es war nicht seine Aufgabe, den Tod der Wittib abzuwarten. Daf�r waren die wenigen alten Freundinnen zust�ndig, die bereits nebenan s��en Brei a�en und schw�tzten. Auch der Familiaris war offenbar froh, dem Haus des Todes entrinnen zu k�nnen. Es schien seine erste Erfahrung mit dem wichtigsten Abschnitt des menschlichen Lebens zu sein. Auf dem R�ckweg zu Sankt Kolumba kamen sie wieder am Leyendecker-Haus vorbei. Im ersten Stock brannte das ruhige Licht einiger guter Wachskerzen. Was mochte dort Geheimnisvolles zur Sprache kommen? Andreas schaute angestrengt nach oben, sah aber niemanden. Nat�rlich konnte er nicht einfach an das Portal klopfen und um Einlass bitten; er hatte keinen Grund f�r einen Besuch, erst recht nicht zu so sp�ter Stunde. Schweren Herzens ging er an dem Anwesen vorbei und dachte an Elisabeth. Er vermisste sie so. Sicherlich h�tte sie gewusst, was nun zu tun war. Als Andreas wieder vor dem Pastorat stand, kam er sich wie ein Versager vor. Vielleicht hatte die L�sung des schrecklichen R�tsels ganz nahe vor ihm gelegen. Er nahm sich vor, bei n�chster Gelegenheit Barbara Leyendecker aufzusuchen und sie nach diesem n�chtlichen Besuch zu fragen.</p><empty-line/><p>Diese Gelegenheit lie� auf sich warten. Die Beerdigung der Wittib, die noch in derselben Nacht gestorben war, war eine traurige Pflicht der n�chsten Tage. Hinzu kamen zwei weitere Beerdigungen auf dem kleinen Kirchhof von Sankt Kolumba sowie eine Trauung, Predigtvorbereitungen, die t�glichen Messen und sogar eine Vorlesungsvertretung f�r Pfarrer H�lshout an der Universit�t, wovor Andreas gro�e Angst hatte, denn er hatte noch nie vor so vielen Menschen theologische Diskurse gef�hrt. Die Vorlesung fand in der Aula theologica im Kapitelhaus hinter dem Dom statt, und Andreas brachte sie mit viel Stottern mehr schlecht als recht hinter sich. So kam er erst sechs Tage sp�ter dazu, Barbara Leyendecker einen Besuch abzustatten.</p><p>Er traf sie im Lagerraum f�r die Weinf�sser an. Sie machte sich nicht die M�he, ihn ins Haus zu bitten, sondern stellte sich breitbeinig vor ihn, stemmte die H�nde in die H�ften und fragte: �Was verschafft mir die Ehre Eures Besuches?�</p><p>�Ich m�chte mit Euch �ber einen gemeinsamen Bekannten von uns reden.�</p><p>Sie hob die Augenbrauen, sagte aber nichts. Die Kerzen an den W�nden des Weinkellers warfen zuckende Schatten auf ihr Gesicht. Tief hinten, in den Schatten, lagerten die F�sser, die �ber Wohlstand oder Untergang entscheiden konnten. Edle Weine vom Rhein, der Mosel, aus dem Badischen, aber auch aus Frankreich hatten den Ruhm und Reichtum des Leyendecker�schen Hauses begr�ndet. Es hatte den Anschein, als wolle sie allein das Gesch�ft weiterf�hren.</p><p>�Ich habe in der letzten Zeit oft an Johannes Dulcken denken m�ssen�, begann Andreas und hielt inne. Noch immer schwieg sie. Kein Muskel zuckte in ihrem Gesicht; nichts gab ihre Gedanken preis.</p><p>�War er zuf�llig vor kurzem bei Euch?�</p><p>�Warum fragt Ihr das? Sucht Ihr immer noch den angeblichen M�rder meines Gatten?�</p><p>�Ihr habt meine Frage nicht beantwortet.�</p><p>�Muss ich das?�</p><p>�Ihr habt keine Verpflichtung, mir Rede und Antwort zu stehen. Aber vielleicht seid Ihr bereit, mit dem besten Freund Eures verstorbenen Mannes zu reden.�</p><p>Barbara Leyendeckers dunkelbraune Augen spr�hten Feuer. �Darf ich nicht mehr selbst entscheiden, mit wem ich reden will?�</p><p>Andreas wand sich vor Unbehagen. �Nat�rlich d�rft Ihr das. Ich habe mich blo� gewundert, was ein so armer Schlucker wie Dulcken bei einer so m�chtigen und reichen Frau wie Euch zu suchen hat. Wie ich h�rte, hat Euer Mann ihn ruiniert. Werdet Ihr ihm helfen?�</p><p>Barbara l�chelte. �So kann man es ausdr�cken.�</p><p>�Und wer war der Mann, der bei ihm war?�</p><p>�Bei ihm?� Eine bei�ende K�lte war in Barbara Leyendeckers Stimme gekrochen. �Habt Ihr mir nachgeschn�ffelt?�</p><p>�Also gebt Ihr zu, dass Dulcken nicht allein bei Euch war. Ja, ich habe gesehen, wie er zusammen mit einem st�mmigen Mann des Nachts in Euer Haus gegangen ist. Ich war zuf�llig in der N�he.�</p><p>�Nat�rlich! Ganz zuf�llig! Was ist mit dir los, Pf�fflein? Du hast mir noch nie behagt. Ich war immer gegen Ludwigs Freundschaft mit dir. Vielleicht hast du ihn ja selbst auf dem Gewissen mit deinen moralischen Reden. Vielleicht willst du nur von eigenen S�nden ablenken, indem du dort Missetaten siehst, wo keine sind, und unschuldige Menschen in Verruf bringst!� Jedes Wort war wie ein Peitschenschlag f�r Andreas. Barbara war laut geworden; das Echo des Weinkellers warf ihre Beschuldigungen vielfach zur�ck. Die F�sser waren auf einmal wie schlafende, sich im Traum regende Riesen, die jederzeit erwachen und ihn �berrollen konnten. Er sah die Sch�pfkellen, die wie kleine Arme auf den F�ssern lagen oder eher aus ihnen herauszuragen schienen; er sah die Kr�ge � gleich Warzen oder Geschw�ren. Der Wein in den F�ssern war zur Essenz b�ser Tr�ume geworden. Andreas wurde immer kleiner. Er wandte sich zum Gehen und hatte Barbara Leyendecker schon den R�cken zugekehrt, als sie pl�tzlich sagte: �Du hast Recht, Dulcken war bei mir.�</p><p>Andreas drehte sich verbl�fft um. Die Leyendeckerin grinste ihn an. �Was willst du nun damit anfangen, Pf�fflein?�, h�hnte sie.</p><p>�Nichts, weil ich den Grund f�r diesen Besuch noch nicht kenne.�</p><p>Das Grinsen der Leyendeckerin wurde noch breiter. �Hast du wirklich geglaubt, dieser Besuch h�tte etwas mit Ludwigs Tod zu tun?�</p><p>Andreas druckste herum. �Ja, also� nein� das hei�t��</p><p>�Du hast Recht. Es hatte etwas mit Ludwigs Tod zu tun. Sein Ableben war n�mlich der Grund f�r diesen Besuch.�</p><p>Nun war es an Andreas, ein fragendes Gesicht zu machen.</p><p>Barbara Leyendecker fuhr fort: �Johannes Dulcken will mein Handelshaus �bernehmen. Zwar bin ich nach den Gesetzen unserer Stadt dazu berechtigt, mein Haus allein zu f�hren, aber du hast keine Ahnung, wie schwer es f�r eine allein stehende Frau ist, sich im Gesch�ftsleben zu behaupten. Die Verhandlungen mit den Winzern, die Transporte, der Verkauf der F�sser, die �berwachung der Handelsgehilfen, die Kontore in London und Br�gge � all das wird mir zu viel. Kurz: Ich will verkaufen.�</p><p>�An Dulcken?�, wunderte sich Andreas.</p><p>�Warum nicht? Er hat gro�e Ahnung vom Weinhandel und allem, was damit zusammenh�ngt.�</p><p>Andreas erinnerte sich an die Kniffe und Schliche, die Dulcken ihm gegen�ber erw�hnt hatte, um den Wein besser und damit wertvoller zu machen. �Das glaube ich gern. Aber er hat kein Geld. Womit will er zahlen? Euer Haus ist sicherlich eine sch�ne Summe wert.�</p><p>�Das will ich meinen!� Barbara Leyendecker stellte sich vor das liegende Fass rechts neben ihr, �ffnete den kleinen Deckel und sch�pfte mit der Kelle ein wenig von der kostbaren Fl�ssigkeit in den bereitstehenden Krug. Daraus goss sie sich und Andreas je einen Becher ein. Sie hielt den Becher mit beiden H�nden, nickte langsam, schien die Temperatur des kostbaren Saftes als richtig anzusehen. Dann hob sie den Becher an die Nase und schwenkte ihn ein wenig, damit die feinen D�fte aufstiegen. Schlie�lich kostete sie vorsichtig und l�chelte. �Versucht ihn. Dann werdet Ihr den Himmel offen sehen.�</p><p>�Ich muss doch sehr bitten�, sagte Andreas, als er den Becher entgegennahm und davon probierte. Es war ein wunderbarer Wei�wein, der nie eine Honigwabe oder einen anderen Zusatz sehen musste, um ins Paradies zu f�hren. Welche Harmonie, welche Zartheit und Fruchtigkeit! Er l�chelte und hatte Barbara ihre lose Rede bereits verziehen.</p><p>�Von dieser Qualit�t habe ich einiges hier lagern. Es mag sein, dass Menschen daf�r morden w�rden. Nat�rlich haben wir auch den einfachen Wein, aber die Eisweine sind es, in denen ich die Zukunft unserer Zunft sehe. Schon jetzt schl�gt man sich um meine besten Tropfen. Daher erwarte ich einen guten Preis f�r mein Handelshaus.�</p><p>�Und den will Dulcken zahlen?�, fragte Andreas ungl�ubig und nahm noch einen Schluck. Der s��e, fruchtige Wein k�sste seine Zunge und schmeichelte sich die Kehle hinab.</p><p>�Ja.�</p><p>�Wie?�</p><p>�Der Mann, der bei ihm war, will ihm einen Kredit geben. Er wird sein wichtigster Handelspartner in England sein. Edwyn Palmer ist sein Name.�</p></section><section><title><p><strong>EINUNDZWANZIG</strong></p></title><p>Elisabeth und Anne hatten in jener Nacht kaum Schlaf gefunden. Noch etliche Paare vergn�gten sich nebenan, sodass Elisabeth andauernd an ihr erstes geschlechtliches Erlebnis mit ihrem Gemahl denken musste. Bei Anne schien es etwas anders zu sein, wie man aus ihren Seufzern schlie�en konnte.</p><p>Am Morgen waren sie beide so ersch�pft, als seien sie es gewesen, die in der Nacht im Nachbarzimmer Dienst getan hatten. Mit dunkel umr�nderten Augen kamen sie in die Schankstube, in der Anton und drei weitere M�nner noch schliefen. Beim Eintreten der Frauen regten sie sich und schlugen die Augen auf. Die drei anderen drehten sich sofort wieder um, nur Anton sprang erfreut von der Holzbank hoch und warf das graue Wolllaken weit von sich.</p><p>�Ich habe Neuigkeiten�, fl�sterte er, um die anderen nicht noch mehr zu st�ren. �Agnes hat dem Wirt gesagt, dass schon �bermorgen ein Zug von K�lner Kaufleuten von hier abgeht. Wir k�nnten um eine Passage bitten. Vermutlich m�ssen wir aber etwas bezahlen��</p><p>Anne nickte. Sie sah Anton pr�fend an. Elisabeth wusste genau, dass sie im Augenblick viel mehr an der Frage interessiert war, wie und wo Anton die letzte Nacht verbracht hatte. Allein die Tatsache, dass er sehr ausgeruht wirkte, sprach gegen s�ndig verbrachte Stunden. Anne schien das genauso zu sehen und wirkte sehr erleichtert. Elisabeth verkniff sich ein L�cheln.</p><p>Sie verlie�en die Herberge und machten sich auf den Weg in die Deventer Straat, wo das Kontor eines der Handelsherren lag, die den Zug nach K�ln organisierten. Elisabeth schaute sich neugierig um, als sie durch die engen Stra�en gingen. Hier war alles so anders als in K�ln oder gar London. Die H�user waren viel schmaler und sehr hoch, und die Giebel waren treppenf�rmig, wie man es in K�ln nur selten sah. �berhaupt erstaunte sie die F�lle an Steinh�usern. Diese Stadt war zwar klein, aber offenbar nicht arm. Auch die Leute waren gut gekleidet; man sah viele Brokat- und Damaststoffe, und die Hauben der Damen waren reich mit Perlen und Spitze verziert. Das Haus des Kaufmanns war ebenfalls prachtvoll und stand Elisabeths Elternhaus in nichts au�er der Breite nach.</p><p>Der Handel war schnell abgeschlossen. Der Kaufmann reiste mit Stoffen nach K�ln und hatte einige K�lner Handelsleute um sich geschart, die ihre Waren � vor allem Wein und Metallwaren � in den niederl�ndischen Provinzen abgesetzt hatten und von dort Seide und Barchent mitbrachten. Als das Wort Wein fiel, horchte Elisabeth auf. �berall witterte sie inzwischen eine Verbindung zum schrecklichen Schicksal ihres Bruders. W�hrend sich Anton und Jakob van Damme, der Kaufmann, einig wurden, dachte sie an die seltsame Zusammenkunft im Waterstone Inn, von der Anne berichtet hatte. Lag dort der Schl�ssel zur L�sung des R�tsels? Oder hatte Edwyn Palmer ihren Bruder auf dem Gewissen? Oder gab es eine ganz andere Erkl�rung f�r seinen Tod? Elisabeth kam sich wie in einem Labyrinth gefangen vor. Und irgendwo in der Mitte lauerte das Unheil.</p><empty-line/><p>Noch zwei sehr laute N�chte verbrachten sie in der verrufenen Herberge, ohne dass ihnen jedoch ein Leid geschehen w�re. In der letzten Nacht wachte Elisabeth einmal aus ihrem unruhigen, traumschweren Schlummer auf und bemerkte, dass Anne nicht mehr neben ihr lag. Sie tastete in der dunklen, vom Mondschein schwach erhellten Kammer umher und stellte fest, dass das Bett dort, wo Anne geschlafen hatte, noch warm war. Aber Elisabeth war so m�de, dass sie gleich wieder einschlief.</p><p>Am Morgen war Anne wieder da. Als sie aufstand und sich umkleidete, tat sie das mit flie�enden, tr�gen und zufriedenen Bewegungen. Sie summte sogar ein Lied.</p><p>Man traf sich vor den Toren der Stadt auf einer kleinen Wiese. Anton und die beiden Pilgerinnen waren unter den Ersten, die eintrafen. Wagen, schwer beladen mit Kisten und Ballen, rumpelten heran, Pferde schnaubten, Kriegsknechte mit Lanzen, Schwertern und gl�nzenden Brustpanzern stellten sich auf; ihre Reittiere t�nzelten nerv�s. Kaufherren mit wertvollen M�nteln und kostbaren Kappen liefen zwischen den Wagen umher, pr�ften noch einmal die Ladung und ihre Befestigungen, und schlie�lich ging es los.</p><p>Elisabeth und Anne fuhren in einem geschlossenen Wagen mit einem Weinh�ndler aus K�ln, der seine Ware gut verkauft hatte und nichts mit in seine Heimatstadt zur�ckbrachte. Anton fuhr auf dem Bock mit, denn das Wetter war wunderbar; es ging ein laues Fr�hlingsl�ftchen, die Schwalben schwirrten bereits um die Stadtmauern, und Bussarde und Amseln schossen �ber die Felder und Weiden, auf denen K�he und Schafe tr�ge ihr unverst�ndliches Leben lebten.</p><p>Elisabeth betrachtete den Weinh�ndler eine Weile, bevor sie etwas sagte. Er war ihr unbekannt, aber schlie�lich kannte sie sich in diesem Gesch�ft kaum aus. Ob er Ludwig gekannt hatte? Sicherlich waren sie sich bei den Zusammenk�nften der Gaffel Himmelreich schon begegnet. Schlie�lich sprach sie ihn an. �Waren die Gesch�fte gut, mein Herr?�</p><p>Der Kaufmann blinzelte ihr freundlich zu und zog die Kappe vor ihr. �Hans Gartzem, meine ehrenwerte Dame�, stellte er sich vor. �Ja, ich kann nicht klagen. Seit der Verhansung K�lns ist alles sehr schwierig geworden, und man muss sich neue Absatzm�rkte schaffen. Fr�her habe ich den gr��ten Teil des Weines nach Norden exportiert, aber damit ist jetzt Schluss. Man l�sst uns K�lnische nicht einmal mehr in die St�dte der Hanse, geschweige denn l�sst man uns dort Handel treiben.�</p><p>�Es muss f�r viele von Euch sehr schwer sein, noch den Unterhalt zum Leben zu verdienen�, meinte Elisabeth vorsichtig. Der Wagen rumpelte so stark �ber eine Unebenheit, dass die Insassen durcheinander gewirbelt wurden. Elisabeth fiel dem Kaufmann auf den Scho�, was diesem sichtliches Behagen bereitete, aber er nutzte die Lage nicht aus. Sofort sprang Elisabeth mit hochrotem Kopf von ihm fort und setzte sich wieder auf die Bank ihm gegen�ber.</p><p>Jakob Gartzem r�ckte sich die verschobene Kappe zurecht, strich genie�erisch an der langen, schillernden Pfauenfeder entlang und sagte: �Ja, manchen hat es im wahrsten Sinne das Genick gebrochen. Es kommt halt darauf an, ob man wendig genug ist, um sich auf die neue Lage einzustellen. Ich zum Beispiel habe meine alten Kontakte wieder aufgefrischt und kann meinen Wein und meine Stoffe nun in den Niederlanden bis hinunter nach Herzogenbosch absetzen. Aber anfangs war ich auch nicht begeistert von der neuen Lage. Wenn ich Mitglied des Rates gewesen w�re, h�tte ich gegen die offene Konfrontation mit der Hanse gestimmt. Ich finde es heute noch erstaunlich, dass der Rat es gewagt hat, sich gegen die Fischk�pfe zu stellen. Zuerst sah es so aus, als w�rden die Ratsherren klein beigeben.�</p><p>Elisabeth hob die Brauen. Sie erinnerte sich an das, was Heynrici gesagt hatte. Ludwig war eines der Ratsmitglieder gewesen, die die Verhansung vorangetrieben hatten.</p><p>�Aber das ist f�r Euch als Dame bestimmt sehr langweilig�, fuhr Gartzem fort.</p><p>�Ganz und gar nicht�, beeilte sich Elisabeth zu versichern. �Wisst Ihr, welche Rolle Ludwig Leyendecker bei dieser Sache gespielt hat?�</p><p>Der Kaufmann runzelte die Stirn. �Leyendecker? Warum fragt Ihr nach ihm?�</p><p>Elisabeth r�usperte sich. �Ich hatte seinen Namen einmal in diesem Zusammenhang geh�rt. Ansonsten wei� ich �ber solche Dinge nichts.�</p><p>�Das ist auch gut so. Ich sage Euch, die Regierungsgesch�fte sind wie eine Schlangengrube. Ich bin froh, dass ich nicht im Rat sitze.� Er wischte sich �ber die Stirn. �Was Leyendecker angeht, so war er der f�hrende Kopf bei der Bef�rwortung des Englandhandels, und er war in der Wahl der Mittel zur Durchsetzung seiner Ziele nicht gerade zimperlich. Doch �ber Tote soll man nicht schlecht sprechen. Ihr wisst vielleicht, dass er sich mit dem Teufel verb�ndet hat und ihm der Erzfeind den Hals gebrochen hat.� Der Kaufmann bekreuzigte sich rasch.</p><p>Aha, das redet man also, dachte Elisabeth. Es drehte ihr beinahe den Magen um. Es war so wichtig, den M�rder Ludwigs zur Rechenschaft zu ziehen, um diese Ger�chte aus der Welt zu schaffen. Der Kaufmann schwieg; er schien alles gesagt zu haben, was er wusste. Nun grinste er Anne ein wenig anz�glich an. Elisabeth versank in ihren Gedanken. Wenn sie nur schon in K�ln w�re und sich mit Andreas bereden k�nnte!</p><p>Doch die Reise w�rde noch eine Weile dauern.</p><empty-line/><p>W�hrend der langen Fahrt, die zumeist in der N�he des Rheins verlief und nur durch die Zollstationen und den Einbruch der Dunkelheit unterbrochen wurde, schienen sich Anton und Anne immer enger anzufreunden. Einmal erwischte Elisabeth die beiden, wie sie hinter einem Wagen an der Grenze des Herzogtums Brabant eng umschlungen standen und sich k�ssten. Elisabeth freute sich �ber die beiden, aber sie wunderte sich, dass Anne nach den schlimmen Erfahrungen mit ihrem Mann und trotz ihres Verdachtes, dass Anton mit �ffentlichen Frauen umging, eine Beziehung zu ihm einzugehen wagte. Sie schien regelrecht aufzubl�hen, und als Elisabeth sie sp�ter, hinter der Grenze, nach Anton fragte, wurde sie rot und antwortete nur einsilbig. Anton hingegen wurde immer redseliger und schw�rmte in Elisabeths Gegenwart von Anne wie von einer Heiligen.</p><p>Als sie in Kleve anhielten, wo die �brigen Kaufleute gute Gesch�fte zu machen hofften, kam Anton eines Abends in das kleine und bescheidene Quartier unweit des Tores. Er wirkte beunruhigt und setzte sich neben Elisabeth, die am Tisch der Schankstube sa�. Anne war bereits in die Kammer gegangen und schlief; die Reise ersch�pfte sie offenbar sehr.</p><p>�Ich habe vorhin den Mann gesehen, der mir schon in Dordrecht aufgefallen ist�, fl�sterte Anton, der sich immer wieder umsah und in Richtung der niedrigen T�r blickte.</p><p>�Glaubst du, wir werden verfolgt?�, fragte Elisabeth.</p><p>�Ich kenne diesen Mann�, sagte Anton. �Er ist mir einmal ein guter Freund gewesen, aber das ist lange her. Und er arbeitet f�r Euren Gemahl.�</p><p>Es war, als habe Elisabeth einen Schlag erhalten. �Er l�sst uns verfolgen?�</p><p>�Es hat den Anschein. Seht Euch vor. Ich f�rchte, Euer Mann ist sehr nachtragend.�</p><p>An diesem Abend ging Elisabeth mit unguten Gef�hlen zu Bett.</p><empty-line/><p>Es geschah hinter Closterkamp. Ein Trupp schwer bewaffneter Reiter griff den Kaufmannszug an. Sie schwangen ihre Schwerter und tauchten sie in Blut. Die Pferde stampften und gingen durch, ein Wagen kippte um, die Soldaten hatten ihre liebe M�he, der R�uber Herr zu werden. Anton k�mpfte wie ein Riese. Dann wurde der Wagen angegriffen, in dem Elisabeth, Anne und Jakob Gartzem sa�en. Sie fielen durcheinander und versuchten hinauszukriechen. Gartzem war der Erste. Ein Schwerthieb trennte ihm den Kopf vom Rumpf. Anne schrie auf. Elisabeth schloss die Augen. Anton warf sich vor sie, als das Schwert des gesichtslosen K�mpfers wieder niedersauste. Er hatte sich die Waffe eines toten Soldaten genommen. Damit stach der Junge erbarmungslos zu. Blut quoll aus dem Bauch des Angreifers, der furchtbar br�llte. Der Helm flog ihm vom Kopf. �Hinnerk!�, schrie Anton.</p><p>�Du Narr!�, kr�chzte der Getroffene. �Nicht auf dich habe ich es abgesehen.� Er kippte hint�ber und r�chelte, dann lag er still.</p><p>�Das wollte ich nicht�, keuchte Anton. Er sah die Axt nicht kommen. Sie spaltete ihm den Sch�del.</p><p>Anne hatte es mit angesehen. Sie kreischte, tobte, schrie. Die Axt hob sich wieder. �ber Anne. Eiskalt dr�ckte Elisabeth sie aus dem Weg und trat dem Angreifer ins Gem�cht. Er gab ein pfeifendes Ger�usch von sich und sank in die Knie.</p><p>Anne lag wie gel�hmt am Boden. Die verbliebenen R�uber lie�en von ihrer Beute ab, die sich als zu m�chtig f�r sie erwiesen hatte, und flohen. Die Soldaten gingen die Reihen ab. Drei ihrer Genossen waren im Kampf gestorben, des Weiteren zwei Kutscher und zwei Kaufleute � und Anton.</p><p>Elisabeths Feind war aus seiner Deckung hervorgekommen.</p><empty-line/><p>Nachdem die Toten ein christliches Begr�bnis erhalten hatten, was zwei Tage in Anspruch nahm, setzte sich der Zug wieder in Bewegung. Elisabeth und Anne hatten Angst vor der Abgeschlossenheit des Wagens und reisten auf dem Kutschbock. Immer wieder warfen sie �ngstliche Blicke zur�ck. Anne sagte nichts mehr; das Entsetzen und der Verlust der aufkeimenden Liebe hatten sie �berw�ltigt. Trauer und Grauen machten den ganzen Zug stumm. Und Elisabeth hatte Angst vor dem dunklen Ziel ihrer Reise.</p></section><section><title><p><strong>ZWEIUNDZWANZIG</strong></p></title><p>War Dulcken, den Andreas seit dem Zusammentreffen auf dem Neumarkt nicht mehr in seine �berlegungen einbezogen hatte, eine Schl�sselgestalt in diesem vertrackten Mysterium? Andreas wollte unbedingt noch einmal mit ihm reden, doch wo sollte er ihn finden? Hatte er �berhaupt noch ein Dach �ber dem Kopf? Die Vorstellung, diese Jammergestalt k�nnte das Leyendecker�sche Handelshaus leiten, erschien Andreas immer absurder. In jeder freien Stunde ging er zum Neumarkt, qu�lte sich an den vielen Pferchen mit bl�kendem, quiekendem und br�llendem Vieh vorbei und hielt nach Dulcken Ausschau. Doch der hinkende Kr�mer lie� sich nirgendwo blicken. Andreas streunte durch die angrenzenden Gassen und Stra�en, ging zu Sankt Aposteln, trat in den Schatten der drei Rotunden mit den Rundb�gen, die so viel zarter waren als die massige Architektur von Sankt Kolumba, ging an den kleinen Fachwerkh�usern entlang, die sich an die Kirche schmiegten, lauschte dem L�rm der Handwerker, dem Schnattern der G�nse und dem Rufen der m�chtigen Glocken und h�tte beinahe den Grund f�r seinen Spaziergang vergessen. Er stellte wieder einmal fest, wie sehr er diese Stadt doch liebte � ihre Lebhaftigkeit, ihre ansehnlichen H�user, die vielen Kirchen, wegen denen man die Stadt auch das Heilige K�ln oder das Rom des Nordens nannte, und die Menschen, die wie das Salz in der Suppe waren. Auch wenn es da einige gab, die diese Suppe zu versalzen drohten.</p><p>Johannes Dulcken zum Beispiel.</p><p>Der Kr�mer blieb unauffindbar.</p><empty-line/><p>Es dauerte eine Woche, bis Andreas geradezu �ber ihn stolperte. Er war zur theologischen Fakult�t im Kapitelhaus hinter dem Dom unterwegs, wo er noch einmal Pfarrer H�lshout vertreten und eine Vorlesung �ber das kanonische Recht halten sollte, als ihm Dulcken in Begleitung des vierschr�tigen Kerls, mit dem zusammen er die Witwe Leyendecker besucht hatte, entgegenkam. Andreas war schon sp�t dran und musste sich sputen, wenn er rechtzeitig zu seiner Vorlesung kommen sollte. Doch die Entscheidung war sofort gef�llt. Er sprach Dulcken offen an. Der abgerissene Mann, der seinen Bauchladen nicht mehr dabeihatte, daf�r aber immer noch �ber und �ber mit Amuletten beh�ngt war, blieb verdutzt stehen und erkannte Andreas offenbar nicht. Der gro�e, rothaarige Mann neben ihm nahm sofort eine Angriffsstellung ein.</p><p>�Wisst Ihr nicht mehr, wer ich bin?�, fragte Andreas frei heraus. �Ihr habt mir interessante Dinge �ber Ludwig Leyendecker erz�hlt.� Es war nicht zu �bersehen, dass Dulcken sich nun erinnerte.</p><p>�Und?�</p><p>�Ich w�rde mich gern noch einmal mit Euch unterhalten.�</p><p>�Wir haben nicht Zeit�, brummte der Rothaarige in schlechtem Deutsch.</p><p>�Es dauert nicht lange�, versuchte Andreas ihn zu beschwichtigen. Er schaute hoch zu einer Madonnenfigur, die in der Nische eines gro�en Steinhauses unmittelbar vor ihm stand. �Heilige Maria, vergib mir meine S�umigkeit den Studenten gegen�ber�, betete er stumm und wandte sich dann wieder an Dulcken. �Ihr wollt den Weinhandel Ludwig Leyendeckers �bernehmen?�</p><p>Dulcken kniff die Augen zusammen. �Wer sagt das?�</p><p>�Ludwigs Witwe.�</p><p>Dulcken hinkte einen Schritt zur�ck. �Ist es verboten, Handel zu treiben?�</p><p>�Nat�rlich nicht�, wehrte Andreas ab. Er bemerkte, wie der Fremde die Muskeln anspannte. �Ich wundere mich nur, woher Ihr das Geld nehmt.�</p><p>�Ist meins�, sagte der Fremde mit hartem Akzent. �Ich gebe, und John schuldet mir.�</p><p>�Eine g�nstige Gelegenheit, nicht wahr?�, meinte Andreas.</p><p>�Allerdings. Das Unternehmen ist nicht mehr viel wert�, meinte Dulcken leichthin und richtete sich zu seiner vollen, nicht sonderlich beeindruckenden Gr��e auf. �Zauberei ist halt gesch�ftssch�digend. Es ist doch nicht meine Schuld, dass sich Leyendecker mit dem Teufel eingelassen hat. Es wird ein hartes St�ck Arbeit sein, den guten Ruf des Hauses wieder aufzubauen, aber mit Hilfe meines englischen Freundes werde ich es schaffen, nicht wahr, Edwyn?�</p><p>Der Fremde nickte und lie� Andreas nicht aus den Augen.</p><p>�Bemerkenswert�, sagte Andreas und rieb sich das Kinn. �Das w�re ein gutes Motiv f�r einen Mord. Man bringt den Toten in Verruf und erwirbt sein Gut zu einem Spottpreis.� Er hatte schneller gesprochen als gedacht. Andreas hatte den Mund noch nicht geschlossen, als er schon bemerkte, dass er einen schwerwiegenden Fehler begangen hatte. Der Rothaarige sprang auf ihn zu.</p><p>Andreas taumelte zur�ck. Zu sp�t. Der Engl�nder hatte ihn am Gewand gepackt. Dulcken stand reglos dabei und giftete: �Mach ihn fertig, den ekelhaften Pfaffen!�</p><p>�Hilfe!�, schrie Andreas. Doch niemand half ihm. Kr�ftig aussehende M�nner gingen vorbei oder machten einen gro�en Bogen um die beiden Streith�hne, doch sie kamen nicht auf den Gedanken, dem Geistlichen beizustehen. Einer zischte sogar: �M�ge Gott dir helfen!� Im gleichen Augenblick ert�nte ein schrecklicher Donner aus dem Himmel. Der Engl�nder fuhr zusammen, und Andreas gelang es, sich aus seinem Griff zu winden. Sofort lief er los. Er achtete nicht auf die Richtung, rempelte M�nner und Frauen, Handwerker und Adlige an, verschloss die Ohren vor ihren Fl�chen, st�rzte von Stra�e zu Gasse, sah sich bisweilen um, erkannte seine Verfolger, bemerkte, wie sie aufholten. Regen setzte ein, Platzregen lief ihm durch die Haare und in die Augen, tr�bte den Blick, die H�user vor ihm schwankten, die spitzen D�cher und hohen Kamine tanzten einen H�llentanz, die unz�hligen Heiligenfiguren wanden sich und gl�nzten nass, die Gosse lief �ber. Andreas patschte durch die Pf�tzen, sp�rte kaum, dass er nasse F��e bekam. Stiche trieben sich in seine Seite, das Atmen schmerzte. Er keuchte, ihm ging die Luft aus. In einer kleinen Gasse blieb er stehen.</p><p>Niemand. Er war allein. Kein Mensch, kein Tier war auf der Stra�e zu sehen. Er sah sich um. Wo war er? Er konnte sich nicht erinnern, diese Gasse je betreten zu haben. Die H�user waren �rmlich, bestanden ausnahmslos aus Fachwerk, der Boden war schlammig, ungepflastert und voller Pf�tzen, in denen Unrat und seltsam schillernde Fl�ssigkeiten schwammen. Nirgendwo war ein Glasfenster zu sehen; die W�nde waren mit grobem Lehm ausgeschmiert, die Balken vermodert und die T�ren wie zahnlose M�nder, die in jenseitiges Dunkel f�hrten. Der Regen schien jede Farbe ausgewaschen zu haben und legte ein graues Tuch �ber alle Geb�ude. Kein Kirchturm, kein Patrizierhaus, kein Brunnen, kein steinerner Heiliger war weit und breit zu sehen. Und diese Stille!</p><p>Nachdem Andreas ein wenig Luft geschnappt hatte, ging er vorsichtig einige Schritte weiter. Das Platschen seiner F��e durch die Pf�tzen war das einzige Ger�usch. Allm�hlich lie�en die Seitenstiche nach, und er bekam wieder Luft. Da h�rte er hinter sich aufgeregtes, unregelm��iges Trappeln. Er drehte sich um.</p><p>Dulcken und der Engl�nder!</p><p>Andreas lief los. Und musste feststellen, dass er sich in einer Sackgasse befand. Sie wurde von einem offensichtlich unbewohnten, verwahrlosten Haus versperrt, dessen T�r ungeheuer massiv war. Andreas zerrte daran, aber sie gab nicht nach. Er wirbelte herum.</p><p>Sie waren nur noch wenige Schritte von ihm entfernt.</p><p>�Unser Pf�fflein kann schnell rennen�, h�hnte Dulcken. �Gott scheint ihm Fl�gel verliehen zu haben. Edwyn, ich glaube, es ist der rechte Ort und Zeitpunkt, um unseren Naseweis zu seinem Herrn zu schicken. Er sollte unsere Pl�ne nicht durchkreuzen. Pech f�r ihn, dass er seine Nase in alles hineinstecken muss.�</p><p>Mit zwei Schritten war der Engl�nder bei Andreas. Der junge Geistliche wollte seine Haut so teuer wie m�glich verkaufen, aber gegen den m�chtigen Rotschopf hatte er das Nachsehen. Seine Welt versank in Schmerzen. Sterne explodierten vor seinen Augen, Blitze durchzuckten K�rper, Arme und Beine. Seine Schreie wurden von Blut erstickt.</p><p>Das Letzte, was er h�rte, war das laute Rufen eines Mannes. Dann wurde alles in seiner Umgebung schwarz. Die Welt hatte sich aufgel�st.</p></section><section><title><p><strong>DREIUNDZWANZIG</strong></p></title><p>Es war eine traurige und stille Reise f�r den Kaufmannszug. Elisabeth versuchte immer wieder herauszufinden, ob sie noch verfolgt wurden, aber sie bemerkte nichts. Anne hockte ihr gegen�ber in dem Wagen, in dem sie gemeinsam mit dem Kaufmann Jakob Gartzem gesessen hatten. Die Kutscher hatten das Gef�hrt wieder auf die R�der gestellt und notd�rftig hergerichtet. Immer, wenn Elisabeth das Wort an ihre neue Freundin richtete, wandte diese den Kopf ab und starrte die Holzbohlen der Wagenwand an. Irgendwann gab Elisabeth auf und h�llte sich ebenfalls in Schweigen. Sie dachte �ber ihre Reise nach. Was hatte sie gebracht? Einen Hinweis auf Annes Mann als m�glichen M�rder Ludwigs und einen Hinweis auf eine seltsame Verschw�rung, �ber deren Ziel und Zweck nichts in Erfahrung zu bringen war. Und eine Vergewaltigung sowie die Flucht vor ihrem Mann, der offenbar so erz�rnt dar�ber war, dass er gedungene M�rder hinter ihr hergeschickt hatte. Ferner f�r Anne eine kurze neue Liebe und deren j�hes Ende. Beinahe sehnte sie sich nach ihrem ruhigen, wenn auch unbefriedigenden Leben zur�ck, das sie nun unwiderruflich verloren hatte. Der Tod ihres Bruders war auch f�r sie zum Verh�ngnis geworden.</p><p>Sie hatte ein schlechtes Gewissen. Wie sollte sie Andreas Bergheim unter die Augen treten? Sie hatte sich vor ihrer Abreise nicht einmal von ihm verabschiedet, und sie brachte aus London nichts als wilde Mutma�ungen mit.</p><p>Endlich sahen sie in der Ferne die T�rme der Stadt, die wie ein feines Spitzengewebe vom blauen Himmel herabzuh�ngen schienen.</p><p>Mit gemischten Gef�hlen hielten sie beim Eigelsteintor. Die Stadtwachen durchsuchten die Wagen und �berpr�ften die Waren. Die beiden Pilgerinnen lie�en sie unbehelligt. Dann rollten die Gef�hrte durch die Torburg. Elisabeth konnte Annes Schweigen nicht mehr ertragen und hatte sich mit auf den Kutschbock gesetzt. Nun fuhren sie den Eigelstein entlang. Auf der rechten Seite lagen G�rten und kleine Weizenfelder; Geh�fte grenzten unmittelbar an die Stra�e, und kurz vor der Abzweigung der Weidengasse lag ein kleiner Weingarten, dessen Ernte eine recht gute Grundlage f�r W�rzweine war oder zu Aqua Sabaudia, dem im Volksmund so genannten Schabau, gebrannt wurde. Der Anblick der Reben mit den winzigen Trauben, die aus der Ferne wie kleine Tintenflecken aussahen, erinnerte Elisabeth daran, wie ihr Bruder immer sp�ttisch auf diesen �sooren hungk� herabgeschaut hatte, der auch in anderen Gegenden des Stadtgebietes angebaut wurde, zum Beispiel auf dem Gereonsdriesch, im Schatten der m�chtigen Kirche Sankt Gereon nahe der nordwestlichen Stadtmauer. Wie stolz war er immer auf seine besten Lagen des Weins von Rhein, Mosel und aus der Pfalz gewesen. Trotzdem hatte auch Ludwig bei Sankt Severin einen dieser Weing�rten besessen, dessen Trauben haupts�chlich zur Herstellung von Branntwein dienten � ein kleiner, aber angenehmer Nebenverdienst, wie er immer l�chelnd gesagt hatte, wenn er wieder einmal gen�sslich einen kleinen Becher mit Branntwein in der Hand gehalten hatte.</p><p>Bald kamen das Langschiff und der Kran des Domes in Sicht. Elisabeth sank das Herz. Wie sollte ihr weiteres Leben aussehen? Zu ihrem Mann konnte sie nicht zur�ck. War er vielleicht schon wieder in K�ln? Wenn er ein Schiff vom Stalhof nach Antwerpen und dort ein schnelles Pferd genommen hatte, konnte er bereits zur�ckgekehrt sein. Auf keinen Fall wollte Elisabeth es wagen, in die Rheingasse zu gehen.</p><p>Je n�her sie dem Dom kamen, desto herrschaftlicher wurden die H�user. Hier gab es keine b�uerlichen Anwesen mehr, und auch die Fachwerkbauten waren nicht l�nger in der �berzahl. Stattliche Steinh�user mit Rundb�gen und Glas in den Fenstern beherrschten das Stra�enbild. W�hrend drau�en auf dem Eigelstein noch ein paar neugierige Kinder hinter dem Kaufmannszug hergelaufen waren, wurde er hier zwischen den gro�en Geb�uden und im Gew�hl des Verkehrs nicht mehr beachtet. Elisabeth bat den Kutscher, kurz anzuhalten. Sie sprang vom Bock, ergriff ihren Pilgerstab und ihr B�ndel und riss die Wagent�r auf. �Wir sind da, Schwester Anne�, sagte sie. Anne stieg mit abwesendem Blick aus und st�tzte sich schwer auf ihren Stock, w�hrend sie zusahen, wie sich der Zug wieder in Bewegung setzte. Niemand entbot ihnen einen Abschiedsgru�.</p><p>�Ich wei�, wohin wir jetzt gehen�, meinte Elisabeth. �Ich habe einen guten Freund, der ganz in der N�he wohnt. Und ich glaube, unser Aufzug ist gut dazu geeignet, ihm einen Besuch abzustatten.�</p><p>Sie f�hrte ihre Freundin, die noch v�llig neben sich selbst zu stehen schien, durch die l�rmenden Stra�en K�lns, bis sie hinter Sankt Kolumba standen. Elisabeth klopfte an die T�r des Pastorats. Grete, die alte Magd, �ffnete.</p><p>Sie erkannte Elisabeth zun�chst nicht, sondern war sichtlich erstaunt, zwei etwas verstaubt wirkende Pilgerinnen vor ihrer T�r zu sehen. �Geliebte Schwestern in Christo�, sagte sie mit ihrer alten, hohen und salbungsvollen Stimme, �hier seid Ihr falsch. Bittet im Klarissenkloster hinter dem Kornhaus um Aufnahme.� Sie wollte die T�r bereits wieder schlie�en, als Elisabeth rasch einen Fu� zwischen sie und den Rahmen stellte und sagte: �Erkennt Ihr mich denn nicht? Ich bin Elisabeth Leyendecker. Ich muss sofort Andreas Bergheim sprechen. Es ist wichtig.�</p><p>�Das ist unm�glich.� Tr�nen traten in die Augen der alten Magd. �Bitte geht. Ihr habt meinem guten Herrn nichts als Scherereien gebracht.� Sie dr�ckte sich mit ihrem ganzen Gewicht gegen die T�r, doch Elisabeth wich nicht zur�ck.</p><p>�Was ist geschehen?�, fragte sie. �Wir sind zwei gottesf�rchtige Frauen. Warum wollt Ihr uns nicht zu ihm lassen?�</p><p>�Weil es nicht geht.�</p><p>�Warum nicht?�</p><p>�Weil� weil�� Ihr versagte die Stimme.</p><p>Eine Welle der Angst ergriff Elisabeth. Was war mit Andreas w�hrend ihrer Abwesenheit passiert? War ihm etwas zugesto�en? �Warum nicht?�, wiederholte sie mit einer gewissen Sch�rfe in der Stimme, die sogar Anne nicht entging.</p><p>Unter Schluchzen brachte Grete hervor: �Der geistliche Herr ist auf grausame Weise �berfallen worden.�</p><p>�Ist er verletzt?�, fragte Elisabeth hastig. Sie machte sich schreckliche Vorw�rfe, Andreas in die ganze Sache hineingezogen zu haben.</p><p>�Schlimmer!�, jammerte Grete und wischte sich die Tr�nen aus den Augen.</p><p>Elisabeth sp�rte, wie ihr Hitze in den Kopf schoss. �Rede endlich!�, herrschte sie die alte Magd an.</p><p>Diese �ffnete endlich die T�r und sagte leise. �Kommt und seht selbst.� Sie f�hrte die beiden Frauen in den ersten Stock. Elisabeth schlug das Herz bis zum Hals. Sie warf einen raschen Blick auf die verschlossene T�r zum Wohnraum, in dem sie Andreas die Nachricht von Ludwigs Tod mitgeteilt hatte. Ihr zweiter Weg in das Innere dieses Hauses f�hrte sie offenbar nicht in die Stube, sondern in das Schlafzimmer des jungen Geistlichen. Das verhie� nichts Gutes. Ihr Mund wurde trocken, und Schwei�perlen traten ihr auf die Stirn. Sie wischte sie sich unter der ausladenden Pilgerhaube ab und schlug dabei mit dem Stock versehentlich gegen die Holzt�felung des Flurs.</p><p>�Wollt Ihr wohl Acht geben!�, zischte Grete. Elisabeth fuhr zusammen.</p><p>Die alte Magd �ffnete tats�chlich die T�r zu Andreas� Schlafkammer. Elisabeth war entsetzt, als sie ihn ausgestreckt auf dem Bett liegen sah. Und erleichtert.</p><p>Er lebte. Noch. Mit zwei Schritten war sie bei ihm und kniete sich neben ihn. Sein Kopf war gr�n und blau, das rechte Auge zugeschwollen, die Lippe aufgeplatzt, und an der Schl�fe klaffte eine Wunde, die sich zum Teil wieder geschlossen hatte. Er st�hnte. Richtete das unverletzte Auge auf Elisabeth. Ein seltsamer Glanz trat hinein. Bildete sie sich das nur ein, oder freute er sich, sie zu sehen?</p><p>��rmster, was ist geschehen?�, fl�sterte sie ihm ins Ohr.</p><p>Das Sprechen fiel ihm schwer, aber langsam und stockend berichtete er von seinen eigenen Nachforschungen bis hin zu der Begegnung mit Dulcken und dem Engl�nder. Als Elisabeth h�rte, dass ein Engl�nder ihn zusammengeschlagen hatte, fragte sie ihn, ob er den Namen des Schurken wisse.</p><p>�Edwyn�, kr�chzte Andreas.</p><p>Anne st�hnte. �Ich habe es gewusst�, sagte sie mit einer Stimme voller Hass. Erst jetzt schien Andreas die zweite Frau zu bemerken. Er sah Elisabeth fragend an. Mit knappen Worten gab sie ihren Bericht von der Abreise nach London bis zu der traurigen und gefahrvollen R�ckfahrt. Als sie geendet hatte, meinte die Magd: �Nun ist es genug. Seht Ihr nicht, wie der junge Herr leidet? Bitte geht jetzt. Ich habe Euch gesagt, wo Ihr eine Unterkunft finden werdet. Kommt morgen wieder, wenn Ihr Euch nach dem Befinden des ehrw�rdigen Herrn erkundigen wollt.�</p><p>�Auf keinen Fall�, beharrte Elisabeth. �Bringt uns hier unter.�</p><p>Hinter ihr donnerte eine Stimme: �Nein!� Elisabeth drehte sich um � und stand Pfarrer H�lshout gegen�ber. Der alte Priester war rot vor Wut und ballte die Faust. �Hier ist keine Herberge f�r Weibsvolk. Geht zu Euresgleichen, wie Grete es Euch anempfohlen hat.�</p><p>�Wisst Ihr nicht, wer ich bin?�</p><p>�Ihr seid Elisabeth Bonenberg, geborene Leyendecker, die Schwester eines Teufelsb�ndners. Und wer die junge Frau in Eurer Gesellschaft ist, will ich gar nicht erst wissen. Ihr habt dem armen Andreas schon genug Flausen in den Kopf gesetzt, und nun ist er gar in arge Not geraten. Er wird es �berstehen, aber tagelang hat er zwischen Leben und Tod geschwebt. Und das alles nur wegen Euch. F�r Euch ist hier kein Platz.�</p><p>�Komm, Anne, wir gehen�, sagte Elisabeth verbittert. �Ich habe mich sehr get�uscht, was die Gastfreundschaft dieses Hauses angeht.� Grete f�hrte die beiden hinaus. Die T�r hinter ihnen schloss sich mit einem endg�ltigen Schlag.</p><empty-line/><p>Das Kloster der Klarissen lag zwischen dem Berlich und der alten R�mermauer hinter ausladenden Ulmen und war von kleinen Feldern umgeben. Der Ort strahlte Ruhe aus. Elisabeth und Anne klopften an der Klosterpforte, und rasch wurde eine kleine Klappe zur�ckgeschoben, und zwei himmelblaue, neugierige Augen erschienen in der �ffnung. Als die Pf�rtnerin sah, dass zwei Pilgerinnen vor ihr standen, entriegelte sie sofort das Tor. Elisabeth kam sich wie eine Hochstaplerin vor. Die Pf�rtnerin, eine junge Nonne, f�hrte die beiden an der einschiffigen Kirche mit hohen, hellen Fenstern vorbei in das Innere des Klosters, wo sie zu der Nonne gebracht wurden, die f�r die Unterbringung der G�ste zust�ndig war. Sie stellte sich als Mutter Adelgundis vor und wies den beiden Frauen je eine winzige Kammer gegen�ber der Kirche an. Mit leiser Stimme stellte sie klar, dass das Reden innerhalb des Klosters nicht gern gesehen wurde. Anne spendete aus ihrem S�ckel f�r die Unterbringung und Speisung einen f�rstlichen Betrag, der die Nonne etwas freundlicher stimmte. Dann begaben sie sich auf ihre Kammern, denn es war schon sp�t; die Vesper und das Abendessen waren bereits vorbei, und an der Komplet wollten die beiden jungen Frauen nicht mehr teilnehmen.</p><p>Zum ersten Mal seit vielen Wochen schlief Elisabeth gut, doch als sie am Morgen ausgeruht aufwachte, hatte sie ein schlechtes Gewissen. Sie dachte an den armen Andreas und fragte sich, wie lange es dauern w�rde, bis er so weit genesen war, dass man die Nachforschungen gemeinsam weiter betreiben konnte.</p><p>Einmal am Tag ging sie hinaus und begab sich in das Pastorat von Sankt Kolumba, doch immer wieder musste sie erfahren, dass Andreas noch v�lliger Ruhe bedurfte.</p><p>Nach einer Woche reichte es Elisabeth. Je l�nger sie unt�tig hier herumsa�, desto unwahrscheinlicher wurde es, dass sie noch Licht in das Dunkel um den Tod ihres Bruders bringen konnte. Sie verlie� ihre Kammer und klopfte leise an Annes T�r. Die junge Frau �ffnete. Ihr schien die letzte Woche der Ruhe und des Friedens in diesem Kloster gut getan zu haben. Sie war jeden Tag zur Messe gegangen, hatte die meisten Horen mitgebetet und schien allm�hlich wieder in Einklang mit sich selbst zu kommen.</p><p>�Wir m�ssen etwas unternehmen�, fl�sterte Elisabeth, als Anne vorsichtig die T�r geschlossen hatte.</p><p>�Ja, aber was k�nnen wir denn schon tun?�, fragte die blonde Frau leise zur�ck.</p><p>�Ich wei� zwar immer noch nicht, was es mit dieser geheimen Versammlung im Waterstone Inn auf sich hatte, aber eines wei� ich: Dein Gatte ist gemeingef�hrlich. Wir sollten ihn uns vornehmen.�</p><p>Anne sah Elisabeth ungl�ubig und �ngstlich an. �Er ist st�rker als wir, und wir wissen nicht, wo er sich aufh�lt.�</p><p>�Ich hatte gehofft, dass wir das mit Andreas� Hilfe herausbekommen. Aber da er immer noch nicht in der Lage ist, das Haus zu verlassen � oder seine Magd mir das wenigstens jeden Tag weismacht �, m�ssen wir die Sache selbst in die Hand nehmen. Wir haben noch ein paar Stunden bis Sonnenuntergang. Komm, wir ziehen durch die Herbergen.�</p><p>Anne sah Elisabeth entsetzt an. �Allein? Wir? Das geht nicht!�</p><p>�Warum nicht? Haben wir nicht einen Mund, mit dem wir Fragen stellen k�nnen? Haben wir nicht einen Kopf, mit dem wir die Antworten �berdenken k�nnen? Haben wir nicht F��e, die uns �berallhin tragen, wohin wir es w�nschen?�</p><p>�Man wird uns nichts sagen��</p><p>�Lass das mal meine Sorge sein. Komm.� Sie zerrte an Annes �rmel. Die blonde Frau stand widerwillig auf.</p><p>Als sie an der Pforte angekommen waren, sah die Pf�rtnerin sie zweifelnd an. �Ihr wollt jetzt noch hinaus in die Stadt?�, fragte sie. �Das ziemt sich f�r Pilgerinnen nicht. Wie lange wollt ihr eigentlich hier bleiben?�</p><p>�Nicht mehr lange. Bald haben wir unser Gel�bde eingel�st und alle Kirchen Eurer herrlichen Stadt besichtigt.�</p><p>�Alle? Dazu w�rdet ihr ein ganzes Jahr brauchen, denn unser heiliges K�ln hat so viele Kirchen, wie das Jahr Tage hat.� Die Pf�rtnerin spielte an ihrem gro�en Schl�ssel herum, als �berlege sie, ob sie das Tor noch einmal aufschlie�en solle.</p><p>�Nat�rlich besuchen wir nur die Hauptkirchen�, sagte Elisabeth rasch.</p><p>�Und welche soll es heute Abend sein?�</p><p>�Sankt� Sankt Gereon.�</p><p>�Da m�sst ihr euch aber beeilen, wenn ihr rechtzeitig zur�ck sein wollt�, warnte die Pf�rtnerin. Sie seufzte und steckte den Schl�ssel in das Schloss.</p><empty-line/><p>Sie begannen in einer Herberge hinter Sankt Klaren. Das niedrige Fachwerkhaus mit den gekreuzten Balken wirkte dunkel und feucht. Die beiden angeblichen Pilgerinnen packten ihre St�be fester, als sie durch die T�r schritten. Wie sich diese H�user doch gleichen, dachte Elisabeth. Was finden M�nner blo� daran, hierher zu gehen? Hier gab es billigen Wein, gemischt oder gebrannt, und Bier, schlechtes Essen und billige Frauen. Wahrscheinlich waren die m�nnlichen Bed�rfnisse doch eher einfacher Natur. Sie traten auf die Schankmagd zu, die soeben von einem der G�ste auf den Scho� gezogen wurde. Sie quiekte auf und schien Gefallen an diesem Spiel zu haben.</p><p>�Wohnt bei euch ein Engl�nder?�, wollte Elisabeth wissen.</p><p>�Ein Engl�nder?�, lachte die Magd. �Hier wohnen nur richtige M�nner.� Die Kerle lachten schallend, und derjenige, auf dessen Scho� sie sa�, griff ihr an die gro�en Br�ste. �Vielleicht habt Ihr in einem Kloster mehr Gl�ck, so wie Ihr ausseht.� Rasch verlie�en die beiden Pilgerinnen dieses Haus.</p><p>Auch im n�chsten und �bern�chsten mussten sie grobes Gel�chter und Schm�hungen �ber sich ergehen lassen.</p><p>Doch in einer kleinen Schankstube unweit des Augustinerklosters in der Kreuzgasse hatten sie Gl�ck. Hier war es stiller, und der Wirt, der allein in der Stube war und seine wenigen, ruhigen G�ste bediente, erinnerte sich daran, dass sich ein Engl�nder mit einem wahren Feuerschopf und ein Deutscher, angeblich sogar ein K�lner, im Haus Sch�nefrau auf dem Berlich einquartiert h�tten. Der Wirt lachte: �Dort sitzen sie jetzt angeblich schon einige Zeit. Wird ein nettes S�mmchen Geld kosten, denn die sch�nen Frauen sind im Preis inbegriffen.�</p><p>Als Elisabeth und Anne wieder auf der Stra�e standen, mussten sie sich sputen, ins Kloster zur�ckzukommen. Auf dem Weg dorthin erkl�rte Elisabeth ihrer Freundin, dass das Haus Sch�nefrau ein stadtbekanntes Bordell war, in dem sie � zumal in ihrer Verkleidung � keinen Einlass erhalten w�rden.</p><p>�Was sollen wir jetzt tun?�, fragte Anne, w�hrend sie neben Elisabeth her hastete.</p><p>�Wir brauchen Unterst�tzung�, antwortete diese.</p></section><section><title><p><strong>VIERUNDZWANZIG</strong></p></title><p>Fr�h am n�chsten Morgen klopfte es an Elisabeths Zellent�r. Es war die Nonne, die ihnen die Zimmer zugewiesen hatte. �Ihr habt Besuch. Holt Eure Schwester in Christo, nehmt all Eure Habseligkeiten mit und folgt mir ins Parlatorium.�</p><p>Elisabeth packte verwundert ihr B�ndel, setzte die Pilgerhaube auf und ergriff ihren Stab. Sie nahm Anne mit, und zu dritt machten sie sich auf den Weg durch die kalten, feuchten Klosterg�nge, bis sie im Sprech- und Besuchsraum des Konvents, dem Parlatorium, standen. Elisabeth wollte ihren Augen kaum trauen.</p><p>Vor ihnen stand Andreas Bergheim, noch in sichtlich schlechter Verfassung, aber immerhin aufrecht und durchaus munter. Er ging mit raschen Schritten auf Elisabeth zu und umarmte sie kurz und keusch. Dann wiederholte er diese Begr��ung auch bei Anne. Die Nonnen schauten ihm mit ger�mpfter Nase zu. Andreas trat wieder einen Schritt zur�ck und sah die beiden Frauen an. Das rechte Auge war immer noch geschwollen, aber er konnte wieder mit ihm sehen, und die Wunde an der Schl�fe war verschorft. Er atmete noch etwas schwer. �Ich habe der Oberin bereits erkl�rt, dass ihr G�ste in meinem Haus sein werdet.�</p><p>�Aber� Pfarrer H�lshout��, stammelte Elisabeth.</p><p>�Er ist einverstanden, dass ihr beiden ein leeres Zimmer unter dem Dach erhaltet. Ich nehme an, Ihr wollt nicht zu Eurem Mann zur�ckkehren, Elisabeth.�</p><p>Sie nickte. �Wir haben etwas erfahren�, sagte sie vorsichtig und schielte hin�ber zu der Nonne, die ganz Ohr zu sein schien.</p><p>�Gehen wir�, sagte Andreas und bedankte sich bei der Nonne f�r ihre Freundlichkeit. Elisabeth war froh, als sie die Klostermauern hinter sich gelassen hatte.</p><p>Auf dem Weg nach Sankt Kolumba berichtete Elisabeth, dass sie Annes Ehemann gefunden hatten, wenn man dem Wirt, den sie gefragt hatten, glauben konnte. �Es w�re aber wohl nicht gut, wenn wir allein versuchen w�rden, seiner habhaft zu werden.�</p><p>�Also werden wir uns an die B�ttel wenden�, sagte Andreas, w�hrend Grete ihnen widerwillig die T�r �ffnete. �Gleich morgen.�</p><empty-line/><p>Wieder eine Kammer, wieder ein fremdes Bett, wieder unter dem Dach. Elisabeth kam sich vor, als laufe ihr Leben in der letzten Zeit nach einem unerbittlichen Muster ab. Nachts, nebeneinander im Bett, fragte Elisabeth leise, ob Anne Angst vor der Begegnung mit ihrem Mann habe.</p><p>�Ja�, hauchte sie.</p><p>�Aber wir werden nicht allein sein�, versuchte Elisabeth sie zu beruhigen.</p><p>�Was wird mit ihm geschehen, wenn die B�ttel ihn mitnehmen?�</p><p>�Er wird ins Gef�ngnis geworfen.� Sie h�rte Annes leises Schluchzen. �Trauerst du etwa um diesen Mann?�, fragte Elisabeth verst�ndnislos.</p><p>�Es sind die Erinnerungen an die besseren Zeiten�, sagte Anne. �Es stimmt, dass ich mit dieser Heirat nicht einverstanden war und Edwyn oft das Schlimmste gew�nscht habe, aber jetzt, wo es ihm bevorsteht, tut er mir Leid.�</p><p>Elisabeth begriff gar nichts mehr. Sie drehte sich auf die andere Seite und versuchte zu schlafen.</p><empty-line/><p>Am n�chsten Morgen machten sich die drei auf zum Rathaus hinter dem Alten Markt. Andreas hatte f�r die beiden Frauen gew�hnliche Kleidung besorgt: Hauben, Ober- und Unterkleider, Sch�rzen, W�mser und Schuhe, die zwar nicht der letzten Mode entsprachen, aber durchaus bequem waren. Elisabeth f�hlte sich wieder sicherer. Doch immer wieder schaute sie sich um, ob sie irgendwo ihren Mann oder einen seiner Handlanger entdeckte. Sie erkannte niemanden.</p><p>Als sie auf dem Rathausplatz standen, warfen sie einen raschen Blick auf den neuen, kaum sechzig Jahre alten Turm. Stolz und majest�tisch reckte er sich in den wolkenverhangenen Himmel und k�ndete vom Stolz dieser Stadt und seiner Regenten. Wie der Dom, so war auch dieser Turm im neuen, luftigen Stil gehalten, der die S�ulen und Pfeiler wie himmelw�rts strebende Melodien wirken lie�. Andreas senkte als Erster wieder den Blick und schaute die beiden Frauen an. Anne erschien ihm als eine durchschnittliche, blasse Person, der er auf der Stra�e keinerlei Beachtung geschenkt h�tte, doch Elisabeth begeisterte ihn. W�hrend ihrer Abwesenheit hatte sie sich ver�ndert. Sie war sicherer und mutiger, fester im Auftreten und best�ndiger geworden. Als sie bemerkte, dass er sie anschaute, schenkte sie ihm einen kurzen, freundlichen Blick und sah dann weg.</p><p>Der Eingang zum Rathausturm wirkte wie ein Kirchenportal. Der Erretter der Menschheit, Jesus Christus, wurde im steilen Bogenfeld von den Aposteln Petrus und Paulus flankiert, und daneben tummelten sich unz�hlige weitere Heiligenfiguren auf Bildkonsolen, so weit und hoch das Auge blickte. Ganz oben, unter der Turmuhr, bewegte sich pl�tzlich etwas, das Andreas aus den Augenwinkeln sehen konnte. Er schaute hinauf und musste l�cheln. Gerade schlug die Uhr die zehnte Morgenstunde, und der Platzjabbeck, der riesige, groteske Kopf aus Eichenholz, streckte bei jedem Stundenschlag die Zunge heraus. Wie wunderbar war diese Stadt, die auch an den erhabensten Geb�uden noch ihren milden Spott auslie�!</p><p>Im ersten Stock des Rathausturmes befand sich ein Durchgang zu einem Zwischentrakt, der als Prophetenkammer bekannt war. Darin f�hrte eine Wendeltreppe hinunter zur Wachstube mit dem Offizierszimmer. Andreas f�hrte die beiden Damen dorthin und wurde beim Stadtb�ttel vorstellig. Der B�ttel, ein stattlicher Mann mit einem schwarz schillernden Wams und einem ausladenden Bart, h�rte die Beschuldigungen der Frauen schweigend an und holte dann zwei Untergebene, denen er befahl, die Frauen und den Geistlichen zu begleiten und den Engl�nder wegen t�tlichen Angriffs auf die Geistlichkeit zu arrestieren. Die beiden M�nner waren jung und wirkten mit ihren Brustpanzern und den gro�en Hellebarden recht draufg�ngerisch. Sie begleiteten die kleine Gruppe zum Haus Sch�nefrau auf dem Berlich.</p><p>Sie hatten Gl�ck. Gerade als sie die Schankstube betraten, wollte der Engl�nder gemeinsam mit Dulcken den Raum verlassen. Die beiden zuckten zusammen, als sie die Wachm�nner und deren Waffen sahen. Und dann bemerkte Palmer seine Frau.</p><p>Er erstarrte. Zog die Brauen zusammen. Seine Augen spr�hten Feuer. Er verga� die B�ttel und st�rzte sich auf Anne. �You dirty bitch!�, schrie er. �I�ll kill you!� Doch dazu kam er nicht. Die B�ttel packten und �berw�ltigten ihn. Sie banden ihn mit einem Seil und gaben ihm zus�tzlich noch einen Schlag mit der Hellebarde gegen den Kopf, sodass er sich benommen abf�hren lassen musste.</p><p>�Das d�rft Ihr nicht!�, rief Dulcken und humpelte auf die B�ttel zu. �Er ist mein Gast.�</p><p>�Wer seid Ihr?�, fragte einer der Wachm�nner. Andreas �berlegte, ob er angeben sollte, dass Dulcken an dem �berfall auf ihn beteiligt gewesen war. Es w�re gut, wenn auch Dulcken festgesetzt wurde, denn Andreas war sich �ber seine Rolle bei Ludwigs Tod nicht im Klaren. Gerade als er den B�tteln dies sagen wollte, schoss Dulcken erstaunlich beh�nde an ihnen vorbei und war bereits aus der Schankstube geflohen, als die Wachm�nner sich noch nach ihm umdrehten. Sie sahen einander ratlos an. Der Engl�nder versuchte, die Lage f�r sich zu nutzen, und k�mpfte mit aller Kraft gegen seine Gegner. Diese hatten ihre liebe Not mit ihm; an eine Verfolgung Dulckens war nicht zu denken. Edwyn Palmer blitzte seine Frau an und bespuckte sie. Ihr standen die Tr�nen in den Augen, als sie sich den Speichel aus dem Gesicht wischte. Elisabeth nahm sie in den Arm. Andreas stand verloren daneben und wusste nicht, wie er sich verhalten sollte. Als Palmer an Anne vorbei abgef�hrt wurde, raunte er ihr nochmals zu: �I�ll kill you.�</p><empty-line/><p>Edwyn Palmer wurde zun�chst in die Arrestzelle des Rathauses gebracht. Dort legte man ihn in Ketten. Der Wachhauptmann erkl�rte Andreas, dass man den Engl�nder morgen verh�ren werde, und es sei wichtig, dass er, Elisabeth und Anne als Kl�ger zugegen seien. Dann k�nnten ihre Aussagen zu Protokoll genommen werden. Andreas bedankte sich f�r die schnelle Hilfe, und gemeinsam mit den beiden Frauen verlie� er das Rathaus.</p><p>Am n�chsten Morgen fanden sie sich erneut dort ein. Sie wurden in ein kleines Zimmer unter dem Paradiessaal gebracht, wo bereits ein Schreiber und der Richter auf sie warteten. Kurz darauf wurde Edwyn Palmer hereingef�hrt und roh auf einen Stuhl vor dem Richter gesetzt. Dieser begann sofort: �Angeklagter, Ihr werdet des Angriffs auf einen Geistlichen sowie des Mordes an einem K�lner Kaufmann beschuldigt. Seid Ihr unserer Sprache m�chtig?�</p><p>Palmer nickte und warf einen raschen Seitenblick auf seine Frau, die rechts von ihm auf einer Bank an der Wand sa�. Sie wich seinem Blick aus und schaute aus dem Fenster.</p><p>�Gut. Schreiber, nehmt das zu den Akten. Was, Angeklagter, habt Ihr zu diesen Vorw�rfen zu sagen?�</p><p>�Gelogen alles. Ich bin ein Untertan des englischen K�nigs. Ihr d�rft nicht richten mich.�</p><p>Den letzten Einwurf �berh�rte der Richter. �Ehrw�rden, bitte legt Eure Sicht der Dinge dar�, bat er und schaute den jungen Geistlichen von unten herauf an. Andreas bemerkte, dass der schwarze Talar des Juristen recht fleckig war und sein Barett etliche Mottenl�cher aufwies. Das drahtige, graue Haar lugte widerspenstig darunter hervor und fiel ihm bis auf die Schultern. Andreas schilderte den �berfall auf ihn in allen Einzelheiten. Danach schaute der Richter den Engl�nder fragend an.</p><p>�Falsch�, antwortete dieser zornig. �Ich habe diesen Mann Rechnung gegeben f�r Neugier.�</p><p>�Rechnung?� Der Schreiber kicherte.</p><p>�Also gebt Ihr zu, Andreas Bergheim gepr�gelt zu haben. Der arme Mann w�re beinahe daran gestorben.� Der Richter schaute wieder zu Andreas hin�ber, der zwischen Anne und Elisabeth sa�. Er schien nicht allzu viel Mitleid mit der Geistlichkeit zu haben.</p><p>�Er ist eine Schwachling. Meine Schuld ist es nicht, wenn er w�re daran gestorben. Nur habe ich ihn ein wenig geschlagen�, versuchte sich Palmer zu entschuldigen. Nun war er ganz ruhig. �Ich bin Engl�nder.� Er schien zu glauben, dass ihn dieser Umstand vor einer Strafe sch�tzen w�rde.</p><p>Elisabeth reichte es. Sie sprang auf und rief: �Es ist ja wichtig und richtig, dass das hohe und ehrenwerte Gericht den �berfall auf den armen Andreas Bergheim verhandelt, doch dieser Mann ist der mutma�liche M�rder meines Bruders! Das sollte als Erstes verhandelt werden.� Sie setzte sich wieder.</p><p>�Wollt Ihr mir vorschreiben, wie ich meine Verhandlung zu f�hren habe?�, fragte der Richter in v�terlichem Tonfall, dem seine blitzenden, grauen Augen Hohn sprachen. An den Angeklagten gewandt meinte er: �Kommen wir zur�ck zum �berfall auf Andreas Bergheim. Habt Ihr allein gehandelt, oder hattet Ihr einen Mitt�ter?�</p><p>Elisabeth w�re vor Wut beinahe wieder aufgesprungen. Sie sp�rte pl�tzlich Andreas� Hand an ihrem Arm und drehte ihm den Kopf zu. Er l�chelte beschwichtigend. Die Uhr im Rathausturm schlug gerade die zehnte Stunde. Elisabeth dachte daran, wie bei jedem Schlag der Platzjabbeck dort oben die Zunge herausstreckte, und stellte sich vor, der Richter stehe vor der Spottgestalt. Ihr �rger wich, und sie erwiderte das L�cheln des Priesters.</p><p>Als die Uhr Mittag schlug, schien sich der Richter sein Bild von dem �berfall auf Andreas gemacht zu haben. Er ordnete an, dass auch Johannes Dulcken gefangen genommen werden m�sse, und fragte dann endlich Elisabeth: �Was wolltet Ihr mit Eurem Einwurf vorhin sagen? Wen soll dieser Engl�nder umgebracht haben?�</p><p>�Meinen Bruder!� Elisabeth war erneut aufgesprungen. �Er hatte herausgefunden, dass dieser ein Verh�ltnis mit seiner Frau hatte, und von der J�hzornigkeit und Unberechenbarkeit dieses Mannes konntet Ihr Euch ja soeben ein Bild machen.�</p><p>�So, konnte ich das?�, meinte der Richter und verlangte vom Schreiber die Akten. Er las sie langsam, wobei sich seine Lippen bewegten, �ber die aber kein Laut drang. �Ich habe ein anderes Bild von diesem Angeklagten. War er zur Zeit der Tat �berhaupt in K�ln?�</p><p>�Der Wirt des Hauses Sch�nefrau sagte, Edwyn Palmer habe sich zwei Tage vor dem Tod Ludwig Leyendeckers bei ihm einquartiert�, mischte sich Andreas ein.</p><p>�Sehr gut, nun �bernimmt die Geistlichkeit schon die Aufgaben des Gerichts�, sagte der Richter und warf Andreas einen kalten Blick zu. �Wollt Ihr nicht der Einfachheit halber auch gleich das Urteil sprechen? Ewige Verdammnis und zuvor eine sch�ne kleine Hinrichtung auf dem Scheiterhaufen? Damit hat Euresgleichen doch Erfahrung!�</p><p>Andreas schluckte. �Es liegt mir fern, die W�rde des Gerichts in Zweifel zu ziehen, doch es w�re m�glich, dass dieser englische Kaufmann des Mordes an einem ehrbaren K�lner B�rger schuldig ist.�</p><p>�Habt Ihr diesen� diesen�, ich habe seinen Namen schon wieder vergessen. Habt Ihr ihn umgebracht?�, wollte der Richter von Palmer wissen.</p><p>Der Angeklagte senkte den Kopf und sagte laut: �Nein.�</p><p>�Na also. Damit w�re das erledigt.�</p><p>�Das nennt Ihr Recht sprechen?�, erboste sich Elisabeth. �Ihr habt ihn ja nicht einmal richtig befragt!�</p><p>�Richtig befragt?� Der Richter erhob sich langsam und wandte sich ihr zu. �Ihr wollt, dass ich ihn richtig befrage? Das kann ich tun. Ich kann ihn foltern lassen, bis die Sonne durch ihn scheint, wenn Euch das Genuss bereiten sollte. Wie w�re es, wenn Ihr seine Schreie h�rt und wisst, dass Ihr daf�r verantwortlich seid? Nun gut, es geschehe. Das peinliche Verh�r wird morgen Abend unter dem Turm beginnen. Die Sitzung ist beendet.�</p><p>Edwyn Palmer hob den Kopf und schaute seine Frau an. Seine Augen waren schreckgeweitet. �Das d�rft Ihr nicht!�, schrie er. �Ich nicht stehe unter Eurem Gesetz!�</p><empty-line/><p>Der Richter k�mmerte sich nicht um Palmers Rechtsauffassung und setzte den genauen Zeitpunkt f�r die Folter fest.</p><p>In einem Gespr�ch mit dem Richter kurz vor dem peinlichen Verh�r hatte Andreas erreicht, dass er bei der Folter Edwyn Palmers zugegen sein durfte, denn er kannte schlie�lich die Einzelheiten im Fall Ludwig Leyendecker. Auch Elisabeth hatte dabei sein wollen, aber der Richter hatte es ihr verwehrt.</p><p>Palmer war an einen Stuhl gefesselt, und der Nachrichter erkl�rte ihm gerade die Wirkungsweise der Beinschrauben, die ihm langsam die Waden zerquetschen w�rden, und der Daumenschrauben, die ein Gleiches mit seinen H�nden machen w�rden.</p><p>�Leugnet Ihr, Ludwig Leyendecker get�tet zu haben?�, fragte der Richter mit seiner falschen, v�terlichen Stimme.</p><p>�Jawohl�, antwortete Palmer fest. Schwei� stand auf seiner Stirn. �Ihr d�rft mich nicht foltern.�</p><p>�Wenn es um Mord geht, darf ich alles. Ich bin jetzt f�r dich der liebe Gott, mein Sohn. Gleich wirst du reden. Nachrichter, ein paar Umdrehungen d�rften in diesem Fall reichen�, meinte der Richter zu seinem Untergebenen. Dieser zog die kleinen Schrauben der Handfessel an, die innen mit spitzen N�geln versehen war. Palmer schrie auf wie ein geschundener Hund. Blut quoll zwischen dem Metall hervor. Andreas wandte den Blick ab.</p><p>�Bleibst du bei deiner Aussage?�, fragte der Richter g�tig und liebevoll.</p><p>�Ja!�</p><p>Weitere Umdrehungen entlockten dem Engl�nder Schreie, die Andreas nie f�r m�glich gehalten hatte.</p><p>�Und jetzt?�, s�uselte der Richter und rieb sich die fetten H�nde.</p><p>�Ja! Nein! Ich� ich��</p><p>�Was wolltest du sagen? Ich bin ganz Ohr.� Mit freundlicher Miene beugte sich der Richter dem englischen Kaufmann entgegen.</p><p>�Er war� schon tot.�</p><p>Andreas schoss herum. Sah Palmer an. Begriff nicht. �Schon tot?�, fragte er heiser. �Ihr wart bei Leyendecker?�</p><p>�Ja�, keuchte Palmer.</p><p>�Wie schade�, meinte der Richter. �Ihr Engl�nder seid einfach verweichlicht. Wir haben doch gerade erst angefangen. Ich h�tte deiner Freundin, die heute nicht hier sein kann, gern berichtet, dass du dich in unaussprechlichen Qualen gewunden hast. Wie ihr das wohl gefallen h�tte?�</p><p>Andreas w�re diesem Richter am liebsten an die Gurgel gesprungen. Wie gern h�tte er ihn an der Stelle des Engl�nders gesehen � und wie gern h�tte er selbst die Schrauben angezogen! �Was habt Ihr mit Leyendecker gemacht?�, fragte Andreas, um sich von seinen s�ndigen Gedanken abzulenken.</p><p>�Nichts�, keuchte Palmer und schaute entsetzt auf das Blut, das von seinen Fingern herabtropfte. �Ich wussten, dass er hat besprungen meine Anne. Ich wollte den Mann t�ten, ich gebe zu. Ich musste reisen nach K�ln, war gute Gelegenheit. Bin nachts eingedrungen in das Haus, weil schwierig ist, an den Mann allein heranzukommen.� Er verstummte und schien wegen des Blutverlustes ohnm�chtig zu werden. Sofort war der Nachrichter bei ihm und schlug ihm heftig ins Gesicht. Palmer kam wieder zu sich.</p><p>�Was ist geschehen, nachdem Ihr das Haus betreten hattet?�, fragte Andreas hastig.</p><p>�Ich habe mich verborgen in dem Keller, aber kam jemand, und war kein guter Ort dort. Ich hatte keinen Plan, nur immer den Mann gesehen, der mit mir so viele gute Gesch�fte gemacht, wie er liegt auf meiner Anne. Ja, ich wollte ihn umbringen. Aber nicht wusste, wie. Bin geschlichen durch die Haus, und dann habe geh�rt seltsame Ger�usche von weit, weit oben. Laute Stimme, Poltern. Licht, wie von eine Kerze. Kam jemand herab die Treppe. Habe mich versteckt, als er gegangen ist an mir vorbei.�</p><p>�Wer?�, unterbrach ihn Andreas.</p><p>�Nicht habe gesehen. Vielleicht eine Mann, aber bin mir nicht sicher. Wollte schon ihn anfallen, weil ich geglaubt, es ist Ludwig. War seine Stimme, die laute, die ich geh�rt. Aber etwas an die Mann, die herunterging, war unheimlich. War so leise, wie wenn er schwebt. Nicht ganz auf der Erde ist. Wie eine Geist.� Palmer zitterte. Der Richter schaute ihn neugierig an; das L�cheln schien auf seinem Gesicht festgefroren zu sein.</p><p>�Und dann?�, wollte Andreas wissen. Er sp�rte, wie seine Handfl�chen vor Aufregung feucht wurden.</p><p>�Dann bin ich gegangen nach oben�, fuhr Palmer fort. �Ganz nach oben. Bis unter die Dach. Da habe ich ihn gesehen. Ludwig hatte sich erh�ngt an die Dachbalken.�</p><p>Andreas hatte den Atem angehalten. Er wischte sich die schwei�nassen H�nde am Gewand ab. Sagte der Engl�nder die Wahrheit? Wenn seine Aussage richtig war, wer war dann der geheimnisvolle Schatten auf der Treppe gewesen?</p></section><section><title><p><strong>F�NFUNDZWANZIG</strong></p></title><p>Andreas hatte erreicht, dass der Engl�nder nach seiner Aussage nicht mehr gefoltert wurde. Doch der Richter wollte ihn wegen seines �berfalls auf den jungen Geistlichen weiterhin in Haft behalten. Edwyn Palmer schien von Johannes Dulcken, den er von fr�heren Gesch�ften her kannte, zur B�rgschaft f�r die �bernahme des Leyendecker�schen Handelshauses gebeten worden zu sein, hatte aber keine Ahnung, ob Dulcken m�glicherweise etwas mit dem Mord an Ludwig zu tun hatte oder gar der Schatten war, den er die Treppe hatte herunterkommen sehen. Somit hatte sich Palmer als falsche Spur erwiesen, denn Andreas hielt seine Aussage f�r wahr. Er teilte sie den beiden Frauen mit, die bereits neugierig und �ngstlich im Pastorat auf ihn gewartet hatten. Zuerst bezweifelte Anne die Worte ihres Mannes, doch es gab keinen Grund, ihnen zu misstrauen.</p><p>�Dann sind wir jetzt so klug wie zuvor�, meinte Elisabeth, w�hrend sie in der Wohnstube im ersten Stock sa�en. Pfarrer H�lshout kam herein, blieb in der ge�ffneten T�r stehen und sagte scharf: �Andreas, es ist Zeit f�r die Vesper. Ich bitte dich, Gott nicht zu vernachl�ssigen.� Mit einem Blick auf die beiden Frauen f�gte er hinzu: �Und es t�te jeder christlichen Seele gut, zur heiligen Kommunion zu gehen.� Er sah Elisabeth eingehend an. In seinem Blick lagen Abscheu und Angst. Dann verlie� er das Zimmer wieder.</p><p>Andreas seufzte, erhob sich und sagte: �Er hat Recht. Und es w�re gut, wenn ihr beide mitkommt und unserem Herrn die Ehre erweist, damit Pfarrer H�lshout euch weiterhin unter seinem Dach duldet.� Die beiden Frauen sahen sich an und nickten.</p><empty-line/><p>Andreas Bergheim zelebrierte die Messe in der Marienkapelle, die w�hrend der Umbauarbeiten notd�rftig von der Baustelle abgetrennt war. Der m�chtige Handelsherr Johann Rinck hatte den Bau dieser Kapelle aus eigener Tasche bezahlt und gemeinsam mit der Kaufmannsfamilie Dass eine Messstiftung eingerichtet. So gedachte Andreas auch in dieser Messe der Stifter und betete f�r ihr Seelenheil. Doch er war nicht ganz bei der Sache. Er leierte die lateinischen Gebete herunter, die in dem hohen Gew�lbe einen hohlen Hall erzeugten, und dachte dabei �ber den Tod seines Freundes nach. Hinter seinem R�cken h�rte er, wie sich die Gemeinde regte. Bei der kurzen Predigt, die er unvorbereitet halten musste, da er keine Zeit zu ihrer Ausarbeitung gehabt hatte, beschr�nkte er sich auf die kurze Darstellung einiger H�llenstrafen f�r die verschiedenen S�nden, die den Menschen so lieb waren. Aber anstatt diese Strafen in den gl�hendsten Farben auszumalen, f�hrte er sie auf, als seien sie nichts anderes als Posten in einer kaufm�nnischen Rechnung. Als er zum Selbstmord kam, stockte ihm die Stimme. Falls Ludwig tats�chlich Hand an sich gelegt hatte, war er verdammt; daran f�hrte kein Weg vorbei. Es war kein guter Stoff f�r eine Predigt, doch das Evangelium nach Matth�us vom Endgericht gebot dieses Thema: �Weichet von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das dem Teufel bereitet ist und seinen Engeln.� Andreas sah, wie Elisabeth betreten zu Boden schaute und Anne ihr schwesterlich den Arm um die Schulter legte. Elisabeth r�ckte ein wenig von ihr ab, als f�rchte sie die k�rperliche Ber�hrung. Schon oft hatte Andreas diese Verhaltensweise bei ihr bemerkt. Er verhaspelte sich in der Aufz�hlung der H�llenstrafen, setzte erneut an, versprach sich abermals und beendete die Predigt unvermittelt. Dann trat er vor den Altar, hob die H�nde und sprach die einleitenden Worte des Hochgebetes. Dabei war ihm, als beobachte ihn jemand.</p><p>Jemand, der sich nicht unter den Gemeindemitgliedern befand.</p><p>Langsam drehte er sich um. Gemurmel setzte ein. Er blickte in die erstaunten Gesichter seiner Pfarrkinder, die es nicht gewohnt waren, dass sich der Priester w�hrend der Wandlung zu ihnen umdrehte. Er war zu langsam gewesen. Er sah nur noch einen Schatten.</p><p>Einen Schatten�</p><p>Der Umriss erinnerte ihn an Johannes Dulcken, doch im ungewissen Licht der Marienkapelle war die Gestalt nicht deutlich auszumachen. Sie verschwand nach drau�en. Andreas w�re ihr am liebsten nachgegangen, doch er traute sich nicht, die Messe einfach zu unterbrechen. Pfarrer H�lshouts Geduld mit ihm w�re dann bestimmt am Ende. Er versuchte, Elisabeth und Anne durch Nicken ein Zeichen zu geben. Dann drehte er sich wieder um. Er h�rte, wie sich hinter ihm jemand bewegte, und widerstand dem Drang, sich noch einmal umzuschauen.</p><p>Als er nach der Messe durch die Kapelle hin�ber in die im Bau befindliche Kirche und die Sakristei ging, konnte er Elisabeth und Anne nirgendwo sehen. Offenbar hatten die beiden Frauen seinen Wink verstanden. Rasch zog er sich um, streifte den schwarzen Talar �ber und hastete in das Pastoratsgeb�ude.</p><p>�Sind sie schon zur�ck?�, fragte er Grete, die ihm �ffnete. Sie sch�ttelte den Kopf und sah ihn missmutig, ja beinahe feindselig an. Er trat von der T�r zur�ck und warf einen Blick nach rechts und links die Bursgasse hinunter. Allm�hlich sammelten sich Schatten zwischen den Giebelh�usern; das Licht vor der Madonna am Geburhaus wurde st�rker, als wolle es die nahende Nacht ganz allein bek�mpfen. Wo waren die beiden Frauen? War es wirklich Dulcken, den er in der Kirche gesehen hatte? Waren sie ihm gefolgt? Wohin? Hatten sie ihn erreicht? Schwebten sie vielleicht gar in Gefahr? Andreas lief die Bursgasse bis zur Minoritenstra�e hinunter und folgte dieser einige Schritte in Richtung Rhein. Er hatte keine Ahnung, was er nun tun sollte. Er blieb stehen und biss sich vor Sorgen auf die Fingerkn�chel. Es waren nicht mehr viele Leute auf der Stra�e; ein abgerissener Junge trieb eine kleine Herde magerer Schweine die Minoritenstra�e hoch, einige M�gde huschten auf hohen h�lzernen Trippen umher, weil sie sich die kostbaren Schuhe nicht durch den Schmutz der Stra�e ruinieren wollten. Sie trugen gro�e Eimer und waren sicherlich auf dem Weg zu den Brunnen der Stadt. Alles wirkte so normal, doch irgendwo im Labyrinth der Stra�en und Gassen ging etwas vor sich. Irgendwo befanden sich Elisabeth und Anne auf der Suche nach dem schattenhaften M�rder.</p><p>Was war, wenn der M�rder wirklich nur ein Schatten war? Ein Schatten aus der Unterwelt? Wenn es stimmte, dass Ludwig Verkehr mit den b�sen Geistern gepflegt hatte?</p><p>Andreas blieb stehen. Die schwarzen, lichtlosen H�user schwiegen ihn an. Finsternis schwebte auf leisen Fl�geln herbei, nistete zwischen Kaminen, Giebeln, Hausw�nden, der Abendstern gl�hte �ber der Kirche der Franziskaner auf. Manchmal stellte sich Andreas vor, die Sterne seien die Augen Gottes oder die Fenster zum Himmelreich. Er schaute nach oben. Immer mehr Lichtpunkte erschienen. Und hier unten wurde es immer d�sterer.</p><p>�Andreas!�</p><p>Er drehte sich um. Und atmete auf. Es waren Elisabeth und Anne, die mit flatternden R�cken auf ihn zuliefen. Ihre hellen Kleider waren wie Sterne in der Nacht der Stadt. Au�er Atem stellte sich Elisabeth vor ihn. Ihre Wangen waren ger�tet, ihre gr�nen Augen weit, mit gro�en Pupillen, die schwarz wie der Himmel waren.</p><p>�Es war Dulcken�, sagte sie. �Er hat mich erkannt und ist uns entwischt. Es tut mir so Leid.� Sie sah schuldbewusst drein.</p><p>�In welche Richtung ist er gelaufen?�, fragte Andreas. Ihm war wieder so leicht ums Herz. Elisabeth war nichts geschehen, Gott sei Dank! Am liebsten h�tte er sie umarmt.</p><p>�In Richtung Norden, die Breite Stra�e hinunter, und dann war er pl�tzlich verschwunden, nachdem er bemerkt hatte, dass wir ihn verfolgen�, sagte Elisabeth. Anne nickte und f�gte hinzu: �Es war, als habe er sich in Luft aufgel�st.�</p><p>Andreas ging mit den beiden Frauen durch die zunehmende Dunkelheit zur�ck in die Bursgasse. An der T�r des Pastorats verabschiedete er sich von ihnen. �Ich habe noch etwas zu erledigen�, sagte er und sah Elisabeth und Anne nach, wie sie hinter Grete im Innern des dunklen Hauses verschwanden.</p><p>Noch war die Breite Stra�e nicht mit der Kette versperrt. Andreas hastete �ber die vielen Pf�tzen, in denen sich der Mond spiegelte, der nun wie ein W�chter der n�chtlichen Geheimnisse �ber den D�chern stand.</p><p>Die erste Stra�e links, die erste rechts: die Glockengasse. Vielleicht hatte er Gl�ck. Es war eine von vielen M�glichkeiten, wohin Dulcken gefl�chtet sein konnte.</p><p>Das pr�chtige Giebelhaus der Leyendecker�schen Familie fing in seinen Glasfenstern die Sterne ein, zeigte aber dem Mond den R�cken. Wie wei�e Augen schauten die Himmelslichter aus den Fenstern. Hinter einem von ihnen, im ersten Stock, brannte ein Licht; ansonsten war alles still in diesem hohen Steinhaus mit seinen Rundb�gen, Blends�ulen und Giebeln.</p><p>Das Tor zum Hof war noch nicht geschlossen. Andreas schl�pfte in die Schatten der Durchfahrt. Vor ihm erhob sich das Lagerhaus. Der schlichte, aber ausladende Backsteinbau war wie ein schwarzer Tierk�rper. Das Geb�ude wirkte auf Andreas wie etwas Totes. Die vielen Weinf�sser darin waren eine fl�ssige Erinnerung an den Herbst des vergangenen Jahres, das Blut der verflossenen Tage.</p><p>Er machte einige Schritte in den Hof. Ein matter Schimmer drang von der Stra�e her, Schritte hallten an den Hausw�nden entlang. Ein Schatten folgte einem Leuchtmann, ein gr��erer Schatten glitt hinter den beiden an den H�usern entlang, als wache er �ber die kleinen, zerbrechlichen Menschlein. Sie gingen am Durchgang vor�ber; die Nacht floss hinter ihnen her. Bald waren auch ihre Schritte verhallt.</p><p>Andreas zog den Kragen des Priesterrocks enger um den Hals. Es war kalt geworden in dieser Fr�hlingsnacht. Er sah sich um. Was wollte er hier �berhaupt? Hatte er wirklich erwartet, Dulcken auf diesem Grund und Boden zu finden? Andreas wollte bereits wieder gehen, als etwas Glei�endes seine Aufmerksamkeit gefangen nahm.</p><p>Es lag vor dem Tor des Lagerhauses. Er ging darauf zu, b�ckte sich und hob es auf. Es war ein in Silber gefasstes Amulett, das eine Hand darstellte. Der Daumen steckte zwischen Zeigefinger und Mittelfinger. Ein Amulett gegen den b�sen Blick.</p><p>Ein Amulett, wie Dulcken derer viele an seiner Kleidung trug.</p></section><section><title><p><strong>SECHSUNDZWANZIG</strong></p></title><p>�Das bedeutet nichts Gutes�, sagte Elisabeth leise, nachdem sie Andreas� Geschichte geh�rt hatte. Sie unterhielten sich ged�mpft in der Sakristei von Sankt Kolumba, denn sie wollten Pfarrer H�lshout aus dem Weg gehen. Der alte Priester hatte die beiden Frauen empfangen, als Grete sie gerade nach oben f�hren wollte, und ihnen nahe gelegt, endlich das Pastorat zu verlassen. Ihre Anwesenheit sei unziemlich und lenke Andreas Bergheim von seinen Pflichten ab. Elisabeth und Anne hatten daraufhin vor der T�r auf Andreas gewartet. Zur Besprechung des weiteren Vorgehens hatten sie sich in die Sakristei zur�ckgezogen.</p><p>Der beinahe quadratische Raum wurde von einem Kreuzrippengew�lbe getragen, das auf einer einzigen st�mmigen S�ule ruhte. Er war in Dunkelheit getaucht; nur eine Kerze auf dem Tisch, auf dem einige der Paramente ausgelegt waren, spendete etwas Licht. Golden gl�nzten Kelche und Ziborien, Beschl�ge von Messb�chern und die Stickereien der Gew�nder. Der Kerzenschein flackerte �ber ein kleines Altarbild auf dem Tisch, das vor einem ruhigen Goldgrund die zart gemalte Begegnung von Maria und Elisabeth darstellte.</p><p>Elisabeth warf einen Blick auf das Bild, das von unirdischem Glanz erhellt schien, und dachte daran, wie das Kind im Leib der alten Frau geh�pft war, als es die N�he des Erl�sers sp�rte. Sie schluckte. Nie w�rde sie ein solches Gef�hl erfahren. Andreas� Worte rissen sie aus ihren Gedanken.</p><p>�Es war bestimmt eines von Dulckens Amuletten. Ich glaube mich an es zu erinnern. Ich fand es obsz�n�, sagte der junge Geistliche. �Es ist schlimm, dass dieses Zauberwerk immer noch so sehr unter den Leuten verbreitet ist.�</p><p>�Alle Spuren scheinen im Leyendecker�schen Haus zusammenzulaufen�, sagte Anne.</p><p>�Ja�, pflichtete Elisabeth ihr bei. �Wir m�ssen��</p><p>�Gar nichts musst du!�, donnerte eine Stimme hinter ihr. Niemand hatte den Eindringling kommen sehen. Alle drei drehten sich gleichzeitig um.</p><p>In der ge�ffneten T�r stand, rund und gro�, eine Gestalt, die eine Laterne in der Hand hielt. Deren Licht machte die Person zu einem ungeschlachten Schatten. Doch Elisabeth musste sie nicht erkennen, um zu wissen, wer sie war.</p><p>�Heinrich!�, entfuhr es ihr.</p><p>�Ja, ich bin es, dein Gemahl, du untreue Hure!� Er machte einen schnellen Schritt auf Elisabeth zu, doch Andreas stellte sich ihm sofort in den Weg.</p><p>�Was willst du, Pfaffe? Geh fort, du hast hier nichts zu suchen�, polterte Heinrich Bonenberg. Nun stand Andreas so nahe vor ihm, dass er das Wams deutlich sehen konnte, das sich �ber den enormen Bauch spannte, und das Antlitz, das zu einer Maske des Hasses geworden war. Das Licht aus der Laterne warf Schatten auf sein breites Gesicht.</p><p>�Im Gegenteil�, erwiderte Andreas ruhig. �Ihr seid es, der hier nichts zu suchen hat. Das hier ist das Haus Gottes.�</p><p>�Es ist das Haus des Teufels, denn es beherbergt einen Teufel � oder besser gesagt, eine Teufelin!�, schrie Bonenberg und versuchte, Andreas beiseite zu schieben. Dieser wehrte sich und streckte abwehrend die Arme aus.</p><p>�Beherrscht Euch!�, sagte er mit kalter, schneidender Stimme. Tats�chlich blieb Heinrich Bonenberg stehen und schaute den jungen Geistlichen an, als sei dieser ein seltenes, m�glicherweise gef�hrliches Tier. Andreas fuhr fort: �Ich habe geh�rt, was Ihr Elisabeth angetan habt. Wenn Ihr nicht wollt, dass Ihr in arge Schwierigkeiten kommt, solltet Ihr diesen geweihten Boden jetzt verlassen.�</p><p>Bonenberg trat einen Schritt zur�ck, und die Schatten umschlossen ihn wieder. �Ich gehe nicht ohne meine Frau.�</p><p>�Dann wirst du wohl f�r ewig hier bleiben m�ssen�, meinte Elisabeth unger�hrt und stemmte die H�nde in die H�ften. Sie war stolz auf das mutige Verhalten des Priesters. Sie hatte sich nicht in ihm get�uscht.</p><p>Bonenberg lachte auf, aber es klang gepresst. �Ich werde dich bis zu meinem Haus pr�geln, wenn es sein muss. Ich werde dir jeden Knochen im Leib einzeln brechen, wenn es sein muss. Ich werde dich an den Haaren durch die Gosse ziehen, wenn es sein muss.� Er r�hrte sich jedoch nicht. �Du bist immer noch meine Frau. Du geh�rst mir.�</p><p>�Sie geh�rt niemandem au�er Gott und sich selbst�, warf Andreas k�hl ein. �Geht jetzt. Eure Frau wird zu gegebener Zeit zu Euch zur�ckkehren, doch jetzt haben wir Wichtigeres zu tun.�</p><p>�Wichtigeres?�, polterte Heinrich Bonenberg. �Worum geht es hier �berhaupt? Wer ist diese andere Frau?� Er zeigte auf Anne. �Und was soll die ganze Heimlichtuerei?�</p><p>�Ich glaube, es ist an der Zeit, dass Ihr eingeweiht werdet�, �berlegte Andreas laut. Als Heinrich darauf nichts antwortete, warf der Priester einen raschen Blick auf Elisabeth. Sie nickte ihm zu. Er berichtete ihrem Mann von den gemeinsamen Nachforschungen und schloss mit dem Verdacht, Dulcken sei der Schl�ssel zu der ganzen Angelegenheit.</p><p>�Dulcken? Johannes Dulcken?�, fragte Heinrich verbl�fft. Er hatte die ganze Zeit schweigend zugeh�rt und die Stirn in Falten gelegt. Es war deutlich zu sehen, wie er nachdachte. Alle Wut schien ihn f�r den Augenblick verlassen zu haben. �Dulcken habe ich heute noch gesehen.�</p><p>�Im Leyendecker�schen Haus?�, platzte Elisabeth heraus.</p><p>Ihr Mann sah sie scharf an und zog die Brauen zusammen. Es schien, als habe er eine b�se Bemerkung auf der Zunge, doch er sagte nur: �Nein, weit drau�en im Westen, in der Gegend von Sankt Severin.�</p><p>�Wann war das?�, wollte Andreas wissen.</p><p>�Oh, vor vielleicht einer Stunde. Es war ganz seltsam.�</p><p>Nun sahen ihn drei Augenpaare in gespannter Erwartung an. Heinrich holte tief Luft und strich sich �ber den gro�en Bauch.</p><p>Er machte noch einen Schritt in die Sakristei hinein, stellte seine Laterne auf dem Boden ab und hielt sich an der S�ule fest, als m�sse er zuerst seinen K�rper st�tzen, um dadurch seine Gedanken zu festigen. Er fuhr sich mit der Hand �ber die Augen. �Ich kam aus Richtung Bonn durch das Severinstor und ritt die Severinstra�e entlang. Am Wirtshaus bei der Eiche habe ich mir einen Schoppen Bier genehmigt. Da kam Dulcken mit seinem Bauchladen herein. Die Amulette klirrten an seinem K�rper wie ein kleines Glockenspiel. Er wirkte irgendwie verzweifelt und versuchte, dem Wirt Nesselkraut und Wacholderholz zu verkaufen, damit ihm der bereits angestochene Wein nicht umgehe. Der Wirt wollte davon aber nichts wissen und hat Dulcken hinausgeworfen. Da ich kurz danach aufgebrochen bin, konnte ich noch sehen, wie er in Richtung der Weing�rten hinter Sankt Severin humpelte. Er ruderte mit den Armen wie ein Schwachsinniger und verschwand zwischen den Hecken.�</p><p>�Und das war erst vor einer Stunde?�, fragte Andreas. Heinrich nickte.</p><p>Elisabeth sah ihren Gatten misstrauisch an. �Seit wann bist du wieder in K�ln?�, fragte sie.</p><p>Er bedachte sie mit einem absch�tzigen Blick. �Ich bin von London geradewegs nach Bonn gereist und habe die Stadt erst heute wieder betreten. Ich war noch nicht einmal in der Rheingasse.�</p><p>�Woher hast du gewusst, dass ich hier bin?�, fragte Elisabeth und kniff die Augen zusammen.</p><p>Heinrich r�usperte sich. �Im Wirtshaus bei der Eiche habe ich Ansgar Dorst getroffen.�</p><p>�Deinen Schreiber?�, wunderte sich Elisabeth. �Was hat der denn so weit drau�en gemacht?�</p><p>�Ganz recht, meinen Schreiber. Ich freue mich, dass du dich noch an ihn und an unser gemeinsames Zuhause erinnerst�, brummte Heinrich. �Er hat mir verraten, dass du und deine Freundin bei diesem Pfaffen Unterschlupf gefunden habt. Er scheint es von der Magd deines geistlichen Freundes zu wissen, die mit Lise, unserer Hauptmagd, verwandt ist. Du siehst, auch K�ln ist nur ein Dorf. Hast du wirklich geglaubt, du k�nntest mir entkommen?� Er l�chelte Elisabeth kalt an und sah von ihr zu Anne. Elisabeth bemerkte, wie ihre Freundin erblasste.</p><p>�Was ist mit Dulcken?�, fragte Andreas und n�herte sich Heinrich langsam.</p><p>�Vielleicht hat er sich irgendwo zwischen den Reben einen Schlafplatz gesucht. Es scheint ihm ja nicht sehr gut zu gehen, was seine Verm�gensverh�ltnisse betrifft�, meinte Bonenberg. �Glaubt Ihr wirklich, er hat mit dem Tod Ludwig Leyendeckers etwas zu tun? Dann sollten wir ihn einfach aufsuchen und fragen. Ich bin sicher, dass er sich in diesem Weingarten ein Nachtlager bereitet hat.� Er zwinkerte Andreas zu. Dieser war sofort einverstanden mit dem Vorschlag. Er l�schte die Kerze. Bonenberg nahm seine Laterne auf und verlie� mit Andreas und den beiden Frauen Sakristei und Kirche.</p><p>Elisabeth gefiel der Vorschlag ihres Mannes nicht. Er schien kein Interesse mehr an ihr und ihrer Bestrafung zu haben, sondern all seine Gedanken auf die Ergreifung Dulckens zu richten. Warum hatte er pl�tzlich seine Pl�ne ge�ndert? Als sie in der nachtschwarzen Gasse standen, warf sie Andreas einen warnenden Blick zu, doch der junge Priester schien ihn nicht einmal zu bemerken. Er verabschiedete sich von den beiden Frauen und verschwand mit dem dicken Kaufmann in der Dunkelheit der Gasse. Nur noch das Licht aus Heinrichs Laterne zuckte eine kurze Weile �ber die Balken und vorkragenden Stockwerke der Fachwerkh�user. Elisabeth seufzte und sah Anne an. Dabei bemerkte sie, dass ihre Freundin noch immer v�llig ver�ngstigt zu sein schien. Sie hakten sich unter und schritten gemeinsam vorsichtig zum Pastorat zur�ck. Einmal trat Elisabeth in eine Pf�tze und stie� einen b�sen Fluch aus. Anne hingegen sagte nichts. Als sie endlich wieder in Andreas� Zimmer im Pastoratsgeb�ude sa�en und durch die Butzenscheiben gedankenverloren hinaus in die Nacht blickten, fl�sterte Anne: �Ich kenne ihn.�</p><p>�Wen kennst du?�, fragte Elisabeth verwirrt.</p><p>�Diesen Mann. Deinen Gemahl.�</p><p>�Woher?�</p><p>�Aus London. Er war unter den M�nnern im Waterstone Inn.�</p><p>Elisabeth f�hlte sich, als fasse ihr jemand in die Brust und dr�cke ihr Herz zusammen.</p></section><section><title><p><strong>SIEBENUNDZWANZIG</strong></p></title><p>Andreas ging lange Zeit schweigend neben Heinrich Bonenberg her. Der Kaufmann sah ihn bisweilen von der Seite an, und es wirkte, als wolle er etwas Wichtiges sagen, doch er blieb stumm. Das Licht seiner Laterne warf flie�ende Scharten auf die Mauern der H�user und G�rten. Die Giebel schienen sich vorzubeugen und die kleinen Menschen unter sich argw�hnisch zu be�ugen. Sterne glommen hoch droben zwischen Wolkenfetzen, die wie schwarze L�cher in das All gebrannt zu sein schienen. Es war in dieser Nacht empfindlich kalt, fand Andreas und wickelte sich enger in sein Priestergewand.</p><p>Die Severinstra�e war durch eine Kette versperrt. Also mussten sie auf Umwegen zur Severinskirche durchdringen. Andreas kannte die kleinen Gassen kaum, durch die sie schritten und die manchmal so schmal waren, dass man die Arme nicht seitw�rts ausstrecken konnte, ohne an W�nde zu sto�en. Die H�user hier waren meist nur einst�ckig, gedrungen und aus Holz und Lehm. Hier und da versperrte ein Misthaufen beinahe den Weg. Immer h�ufiger waren Felder zwischen den Geb�uden zu sehen, manchmal auch Wiesen, auf denen dunkle Schemen wie schl�frige Nachtmahre auf und ab krochen: K�he, Schafe, Pferde. Ein Dorf in der Stadt, dachte Andreas, der diese Gegend kaum kannte. Da war er �ber die Alpen gereist und kannte Bologna, doch seine Heimatstadt war ihm an vielen Stellen fremd.</p><p>Endlich erhob sich der hohe, spitze Turm von Sankt Severin vor ihnen in den Nachthimmel. In der N�he der Kirche befanden sich etliche gr��ere, stattlichere H�user, sodass man wieder den Eindruck hatte, in einer Stadt zu sein. Doch nicht dorthin f�hrte Heinrich Bonenberg seinen Begleiter, sondern zu einer mannshohen Hecke, die aus der Entfernung wie eine Wand aussah. Dahinter war nichts zu erkennen.</p><p>�Das ist der Weingarten von Ludwig Leyendecker�, fl�sterte Bonenberg. �Dahinten, bei dem Wegkreuz, hat sich Dulcken einfach in die Hecken geschlagen.�</p><p>Rasch hatten sie das alte Wegkreuz erreicht, in dessen Basalt eine Kreuzigungsszene gemei�elt war. Inzwischen war der Mond hinter einer fetten Wolke hervorgekrochen und behauchte das Kreuz mit krankwei�em Licht. Der Schein der Laterne fiel dar�ber und tauchte den Stein in Gelb. Dahinter stand in einiger Entfernung ein Handkarren, der schon bessere Tage gesehen hatte. Ob er Dulcken geh�rte? Andreas warf einen Blick auf Heinrich Bonenberg. Dessen Gesicht war durch die Schattenspiele zu einer Fratze verzerrt. Der junge Geistliche erschrak; Bonenberg wirkte nun so wie die alten Skulpturen am Portal des unfertigen Doms, das vor Teufeln und D�monen strotzte. Bonenberg verzog das Gesicht noch mehr. �Hier ist es. Nun solltet Ihr beten.� Er grinste.</p><p>�Warum?�, fragte Andreas mit belegter Stimme.</p><p>�Damit wir ihn finden und er Euch bei Eurer seltsamen Suche helfen kann�, gab Bonenberg zur�ck und dr�ckte die Zweige beiseite. Im Licht der Laterne war deutlich zu sehen, dass sich an dieser Stelle vor kurzer Zeit jemand einen Weg gebrochen hatte; das Gezweig war frisch geknickt.</p><p>Der Kaufmann drehte sich nach Andreas um, winkte ihm zu und verschwand in der Hecke. Andreas schaute kurz hinter sich. Weit und breit war niemand zu sehen. Von fern h�rte er das Gebell eines Hundes; ansonsten war alles still. Totenstill. Pl�tzlich hatte er das Gef�hl, nicht vor einem Weingarten, sondern vor einem Leichenacker zu stehen. Befand sich Johannes Dulcken wirklich irgendwo dort vor ihm? Oder hatte Bonenberg ihn blo� hergelockt? Aber warum? Nein, er war einfach zu argw�hnisch. Die Ereignisse der letzten Zeit hatten ihn �berempfindlich gemacht. Er trat einen Schritt auf die Hecke zu und schob mit den H�nden die d�nnen �ste auseinander.</p><p>Was war, wenn Bonenberg und Dulcken unter einer Decke steckten? Wenn sie beide hinter der Hecke auf ihn warteten?</p><p>Andreas hielt mitten in der Bewegung inne. Sollte er nicht besser von hier verschwinden? Aber m�glicherweise war er der L�sung des unheimlichen und schrecklichen R�tsels so nahe wie nie zuvor. Beherzt dr�ckte er sich durch die Hecke.</p><p>Niemand �berfiel ihn auf der anderen Seite. �Wo bleibt Ihr denn so lange?�, zischte Bonenberg ihn an. �Ihr macht einen L�rm wie eine ganze Eselherde. Seid leiser, damit Ihr Dulcken nicht in die Flucht schlagt.�</p><p>Warum macht Ihr das?, wollte Andreas fragen. Warum helft Ihr mir? Doch er schwieg und schlich hinter Bonenberg her, der pl�tzlich das Licht in der Laterne l�schte. Der Kaufmann schlich geb�ckt zwischen den Reben hindurch. Er wirkte wie ein Gespenst ohne Kopf. Fahles Mondlicht legte sich auf die knorrigen, grotesk gekr�mmten St�mme der Reben, und die winzigen, dunklen Beeren waren kaum mehr als Knospen. Pl�tzlich erstarrte Bonenberg. Andreas gefror in seinen Bewegungen. Er hatte es deutlich geh�rt.</p><p>In geringer Entfernung vor ihnen hatte etwas geraschelt. Es hatte nicht wie die Bewegungen eines umherhastenden Menschen geklungen; es waren feste, dumpfe Laute gewesen, die Andreas nicht einordnen konnte. Kaum hatten er und der Kaufmann alle Bewegungen eingestellt, brachen auch die Ger�usche ab. Bonenberg drehte sich langsam nach Andreas um und legte einen Finger auf die Lippen. Dann schien sich in der Tat jemand vor ihnen fortzustehlen. Bonenberg lief los. Andreas folgte ihm. Etwas packte pl�tzlich seinen rechten Kn�chel. Er verlor das Gleichgewicht. Schlug hart zu Boden. Schmerzen durchzuckten ihn. Er rang nach Luft. Versuchte, den Kopf hochzuhalten. Sah Bonenbergs ungeschlachte Gestalt, schwarz im heller werdenden Mondlicht. Schaute nach unten. Er war mit dem Fu� in eine Ranke geraten.</p><p>Erleichtert m�hte er sich wieder auf und holte Bonenberg ein. Der Kaufmann stand gekr�mmt vor etwas Unf�rmigem, das am Boden lag. Mit fahrigen Fingern entz�ndete er seine Laterne und b�ckte sich. Andreas schaute ihm �ber die Schulter.</p><p>Die Feder am Barett des Kaufmanns nahm ihm zuerst die Sicht, doch dann erkannte er ein Bein. Und ein zweites. Sie schienen geradewegs in der Erde zu verschwinden. Andreas dr�ckte Bonenberg beiseite und begann, das lockere Erdreich auszuheben. Der mit Amuletten �bers�te Oberk�rper kam zuerst zum Vorschein, dann der Kopf.</p><p>Es war Johannes Dulcken. Er hatte eine tiefe, noch immer blutfeuchte Wunde an der Stirn, als habe er einen schweren Schlag mit einem stumpfen Gegenstand erhalten. Er konnte noch nicht lange tot sein. Sein Gesicht war eine einzige entsetzte Frage; er schien nicht gewusst zu haben, warum er sterben musste. �Der M�rder muss noch in der N�he sein!�, fl�sterte Andreas aufgeregt. Bonenberg nickte und erhob sich. Andreas sprang auf, riss dem verdutzten Bonenberg die Laterne aus der Hand und rannte los. Er glaubte, von rechts etwas geh�rt zu haben. Ja, da waren verhaltene Schritte. Andreas kannte keine Angst mehr. Den schrecklichen Morden musste Einhalt geboten werden, und schlie�lich war er nicht allein. Er h�rte, wie Bonenberg schnaufend hinter ihm herlief.</p><p>Eine schwarze Gestalt huschte an den Reben entlang. Sie verschwand hinter einer mannshohen Hecke, die diesen Weingarten vom n�chsten trennte. Andreas lief der Gestalt nach, die etwas Hohes, Spitzes in der Hand trug. Der Abstand zu ihr wurde immer kleiner. Schon erkannte Andreas Einzelheiten. Zum Beispiel die Haube.</p><p>Es war eine Frau.</p><p>�Halt!�, rief er, doch die Gestalt blieb nicht stehen. Bonenberg brach hinter ihm durch die Hecke und hatte beinahe zu ihm aufgeschlossen. Andreas lief noch schneller. Er streckte die Arme aus. Bekam den Zipfel eines Rockes zu fassen. Zerrte daran. Die Frau taumelte und st�rzte. Der Spaten, den sie �ber der Schulter getragen hatte, rutschte ihr aus der Hand und fiel zu Boden. Die Frau lag nun auf dem Bauch. Andreas setzte sich schwer auf ihren R�cken und warf einen Blick nach hinten. Bonenberg war nur noch wenige Meter von ihr entfernt. Er keuchte und schnaufte. Dann stand er neben Andreas und hielt die Lampe niedriger. Andreas erhob sich kurz und drehte die Frau, die sich kaum wehrte, um. Er blickte ihr ins Gesicht. Sie grinste ihn an. Es war Barbara Leyendecker.</p><p>�Ihr� Ihr��, stammelte Andreas. Sie schien gar keine Angst vor ihm zu haben. Ihr Grinsen war wie festgefroren. Bonenberg stellte seine Laterne au�er Reichweite neben Barbara auf dem Boden ab. Die Kerze darin flackerte und machte die Reben und die verdrehten St�mme abwechselnd riesig und winzig. Alles schien sich in Aufl�sung zu befinden. Andreas hockte auf der Leyendeckerin, die ganz still dalag.</p><p>�Habt Ihr den armen Dulcken gefunden?�, fragte sie und sah ihn mit ihren kalten, dunkelbraunen Augen sp�ttisch an.</p><p>�Ihr habt ihn umgebracht!�, keuchte Andreas. �Habt Ihr auch Euren Mann auf dem Gewissen?�</p><p>�Nein�, h�rte er hinter sich die Stimme Heinrich Bonenbergs. Im selben Augenblick wurden ihm die H�nde nach hinten gerissen und festgebunden. Er war so verdutzt, dass er sich nicht einmal wehrte. Dann zerrte Bonenberg ihn von Barbara herunter und setzte ihn unsanft in das Gras neben der Laterne. Die Leyendeckerin erhob sich, klopfte Staub und Lehm vom Kleid und stellte sich an Heinrichs Seite. Andreas sah die beiden ungl�ubig an.</p><p>�Ich glaube, es ist Zeit f�r ein paar Erkl�rungen�, meinte Barbara und legte den Arm um Heinrichs Schulter. Der Kaufmann genoss diese Geste sichtlich. �Heinrich und ich sind schon seit einiger Zeit ein Liebespaar. Ludwig war uns im Weg, also musste er weg.� In ihrem Blick lag eine unb�ndige Freude. Das Licht der Laterne und des Mondes zauberte Schatten auf ihr blasses Gesicht, das fr�her einmal so sch�n gewesen war. Jetzt schienen D�monen auf ihm zu tanzen. Sie redete weiter: �Wir haben Ludwig gezwungen, diesen Abschiedsbrief zu schreiben und auch den Teufelspakt zu unterzeichnen, den ich mit meinem Klosterlatein aufgesetzt habe. Es stimmt, dass wir ein wenig Gewalt anwenden mussten. Wir haben dem armen und dummen Ludwig gesagt, wir wollten blo� ein Druckmittel gegen ihn in der Hand haben, falls er nicht den Weg f�r Heinrich frei machen und mir sein Handelshaus �berschreiben wolle. Mit dem Messer an der Kehle hat er uns gehorcht.� Sie lachte auf; die D�monen sanken tief in sie ein und durchtr�nkten ihr Innerstes. �Aber Heinrich wollte sp�ter doch ganz sicher sein, dass Ludwig uns keinen Strich durch die Rechnung macht. Und da musste Ludwig eben sterben. Alle Spuren f�r den Selbstmord waren ja bereits gelegt.�</p><p>�Ihr habt die Rechnung ohne mich gemacht�, stie� Andreas zwischen den Z�hnen hervor und k�mpfte gegen seine Fesseln an, doch sie waren zu fest. �Ich habe die verr�terische Formulierung in Ludwigs Abschiedsbrief entdeckt und euer ganzes Komplott aufgedeckt!�</p><p>�Das ist leider richtig, aber es n�tzt dir nichts mehr, kleiner Pfaffe�, meinte Bonenberg. �Du wirst diesen Weingarten nicht mehr lebend verlassen. Du wirst neben Dulcken D�nger f�r den Wein des Herbstes werden. Dein rotes Blut wird zum roten Saft, den dein Herr Jesus Christus beim letzten Abendmahl genossen hat. Gibt es einen sch�neren Tod f�r dich?� Er streichelte Barbaras Brust.</p><p>�Woher kam das Zauberbuch?�, fragte Andreas. Er kam sich l�cherlich vor, dass er diese Frage stellte, doch nun, da anscheinend sein letztes St�ndlein geschlagen hatte, wollte er alles erfahren, was mit dieser schrecklichen Tat zusammenhing.</p><p>�Ach ja, das Zauberbuch�, sagte Barbara und dr�ckte Heinrichs Hand weg. �Mein Geliebter war der Meinung, man solle den Teufelspakt dadurch glaubhafter machen, indem man Ludwigs Nachlass ein magisches Werk unterschiebt. Ich selbst habe es bei dem Drucker Ulrich Zell erstanden. Nat�rlich habe ich dort nur als angebliche Botin meines geliebten Gemahls gehandelt. Zell glaubte, Ludwig wolle dieses Buch unbedingt haben � und er war der Ansicht, dass ich es nicht einmal lesen k�nne. Er hat mich kaum als eigenst�ndigen Menschen angesehen. Ich muss gestehen, dass es mir in diesem Fall ganz recht war.�</p><p>�Was hatte Dulcken mit dieser ganzen Angelegenheit zu tun?�, keuchte Andreas. Inzwischen hatte er es aufgegeben, gegen seine Fesseln anzuk�mpfen. Aber sein Leben w�rde er teuer verkaufen. Innerlich spannte er sich an.</p><p>�Dulcken hat versucht, mich zu erpressen, nachdem sein Vorhaben, mein Handelshaus zu �bernehmen, wegen der Verhaftung des Engl�nders gescheitert war�, erkl�rte Barbara gesch�ftsm��ig und mit einer erschreckenden Gleichg�ltigkeit in der Stimme. �Irgendwie hatte er wohl von der ganzen Sache erfahren. Heinrich war so freundlich, ihn bereits gestern Abend im Keller meines Hauses zu seinem Gott zu schicken. Ich habe ihn mit einem Handkarren heimlich hergebracht und vorhin hier zu verscharren versucht, aber leider habt ihr mich dabei gest�rt. Heinrich, du warst ein wenig zu fr�h�, beschwerte sich Barbara.</p><p>Diese Teufel!, brauste es in Andreas. Wenn er die beiden ansah, glaubte er, einen Blick in die H�lle zu tun.</p><p>Heinrich hauchte Barbara einen Kuss auf die Wange, schenkte ihr einen seltsamen Blick und sagte: �Nein, meine Liebste, es war genau die richtige Zeit. Ich wollte, dass Andreas vor seinem Tod all das erf�hrt und dich dabei in deiner ganzen Sch�nheit sieht. Mach dir keine Sorgen, ich werde dein angefangenes Werk zu Ende f�hren. Au�erdem irrst du dich. Ich habe zwar Dulcken get�tet, aber nicht deinen Mann. Ich wollte nie einen Mord begehen, deshalb hat jemand anderes Ludwig f�r mich umgebracht. Doch bei Dulcken konnte ich mir keine Skrupel mehr leisten; es musste schnell gehen. Ich muss gestehen, dass ich ein wenig auf den Geschmack gekommen bin.� Er leckte sich die Lippen und grinste. �Glaubst du wirklich, Ludwig und Dulcken h�tten sterben m�ssen, weil sie uns im Weg standen? Das ist kein Weib der Welt wert.�</p><p>Barbara sah ihn verst�ndnislos an. �Was willst du damit sagen?� Sie versteifte sich und r�ckte ein wenig von Bonenberg ab. Andreas sp�rte die Spannung, die pl�tzlich zwischen den beiden lag.</p><p>Der Kaufmann fuhr fort: �Dulcken und Ludwig mussten aus einem ganz anderen Grund sterben � aus einem Grund, den du nicht erraten wirst. Du hast mir auf wunderbare Weise geholfen, Ludwigs Tod als Selbstmord darzustellen. Das ist der Leim, der uns zusammenklebt � nur das. Deine Liebe war das Werkzeug zum Erreichen meines Zieles. Nur f�r dieses Ziel musste Ludwig sterben. Jetzt, da es in greifbare N�he ger�ckt ist, brauche ich dich nicht mehr. Morgen wird endlich alles so sein, wie es sein soll. Und ich glaube, jetzt ist ein guter Zeitpunkt, um mich euer beider zu entledigen.� Er sprang die v�llig verdutzte Barbara Leyendecker an und warf sie zu Boden.</p></section><section><title><p><strong>ACHTUNDZWANZIG</strong></p></title><p>Elisabeth wollte gerade aus dem Haus eilen und hinter Andreas herlaufen, um ihn vor Heinrich zu warnen, als im Pastorat pl�tzlich ein Tumult entstand. Elisabeth und Anne h�rten, wie unten eine T�r geschlagen wurde und sich laute Stimmen erhoben. Schwere Stiefel polterten die Treppe herauf, gefolgt von leiseren Tritten. Laute Verw�nschungen gellten durch das Haus. Die T�r zum Zimmer der beiden Frauen wurde aufgerissen. Im Rahmen stand die massige Gestalt Edwyn Palmers, dicht hinter ihm befand sich Pfarrer H�lshout. Sein Kopf war hochrot angelaufen.</p><p>�Verlasst mein Haus! Alle miteinander!�, rief er, aber niemand h�rte auf ihn.</p><p>�Du verdammte Hure!�, br�llte Palmer und war mit zwei Schritten bei seiner Frau. Elisabeth versuchte, sich ihm in den Weg zu stellen, doch es gelang ihr nicht. Palmer holte zum Schlag aus. Mit einem Sprung war H�lshout bei ihm und fiel ihm in den Arm. Der Engl�nder grunzte vor Wut und Erstaunen auf und drehte sich um. Kurz sah es so aus, als wolle er sich auf den Priester st�rzen, doch dann dr�ckte er sich von ihm weg, atmete tief durch und blitzte seine junge Frau an. �Du kommst mit mir�, zischte er.</p><p>�Hinaus!�, rief H�lshout mit grotesk hoher Stimme. �Es reicht mir! Ihr alle habt mein sch�nes Haus entweiht. Lasst euch hier nie wieder blicken! Und sagt Andreas, dass er ebenfalls nicht wiederzukommen braucht.� An der Schl�fe des alten Pfarrers pulsierte eine Ader vor Aufregung.</p><p>�Andreas wird nicht wiederkommen. Er wird nirgendwo mehr hingehen, wenn wir ihm nicht zu Hilfe eilen�, sagte Elisabeth verzweifelt.</p><p>Die beiden M�nner erstarrten.</p><p>Elisabeth berichtete ihnen mit knappen Worten, dass Heinrich Bonenberg m�glicherweise in eine r�tselhafte Verschw�rung verstrickt war, deren Zeuge Ludwig Leyendecker in London geworden war. Und nun hatte sich Andreas unwissend in seine Gewalt begeben.</p><p>�Das geht mich nichts an�, brummte Palmer, der offenbar unsicher geworden war und nicht mehr wusste, was er tun sollte.</p><p>�Wohin sind sie gegangen?�, fragte H�lshout mit deutlichem Zweifel in der Stimme.</p><p>�In den Leyendecker�schen Weingarten bei Sankt Severin�, antwortete Elisabeth und sah den Geistlichen scharf an. �Wir m�ssen sofort etwas unternehmen.�</p><p>�Anne, komm!�, herrschte Palmer seine Frau an.</p><p>�Nur, wenn du uns hilfst�, entgegnete seine Frau und stemmte mutig die F�uste in die H�ften. �Wie bist du �berhaupt aus dem Kerker herausgekommen?�</p><p>�Ich bin Engl�nder. Der Richter hat bekommen Angst, denn man hat ihm gesagt, er darf mich nicht verurteilen. Er hat es endlich verstanden wohl. Ich bin frei.�</p><p>Anne ging auf ihn zu und schlang ihm die Arme um den Hals. Elisabeth traute ihren Augen nicht. Dann k�sste sie ihren Mann. Er entspannte sich. Nun erlaubte sich Elisabeth ein leises L�cheln. Die Waffen einer Frau waren immer noch die wirksamsten. Anne fl�tete: �Ich gehe mit dir, wohin du willst, wenn du uns jetzt hilfst.�</p><p>Edwyn sah sie an; sein Mund verzog sich zu einem L�cheln. Er packte sie und dr�ckte sie grob an sich. �Mein M�dchen! Was soll ich tun?�</p><p>Ob sie wirklich bei ihm bleiben wird?, dachte Elisabeth. Sie w�rde darauf keine Wette eingehen. �Kommt mit uns in den Weingarten. Sofort!�, befahl sie.</p><empty-line/><p>H�lshout entschuldigte sich mit seinem Alter und seinem angeblich schlechten Gesundheitszustand; die �brigen drei machten sich auf den Weg. Anne hatte sich bei Palmer eingeh�ngt und k�sste ihn immer wieder. Ihr Mann gab die Gunstbezeugungen gern zur�ck. Es wirkt so echt, dachte Elisabeth. Hatte Edwyns N�he etwa tats�chlich ausgereicht, um Anne umzustimmen? Wenn dem so war, dann verstand Elisabeth ihre Geschlechtsgenossinnen wirklich nicht mehr. Die Hauptsache aber war, dass sie zu Andreas unterwegs waren. Ihn w�rde man sicherlich nicht so leicht hinters Licht f�hren k�nnen. Er war so geradlinig und freundlich, so zuvorkommend und lieb. Elisabeth machte sich schreckliche Sorgen um ihn. In Gedanken sah sie ihn schon enthauptet, erstochen oder erw�rgt zwischen den Rebst�cken liegen. Das Herz schlug ihr bei jedem Schritt bis zum Hals.</p><p>Sie hatten keine Laterne dabei, doch inzwischen schien der Mond immer h�ufiger zwischen den Wolken hindurch. Elisabeth kannte den Weg und f�hrte die beiden anderen an. Hinter sich h�rte sie immer wieder das Schmatzen von K�ssen.</p><p>Sie kannte die Schleichwege, auf denen man die in der Nacht gesperrte Severinstra�e umgehen konnte. Die Nacht war unheimlich still. Alles schien Schweigen und Weltenferne auszuatmen: die kleinen, schiefen H�user, der Lehm in den Gassen, die B�ume, durch deren Laub nicht der geringste Luftzug fuhr, ja sogar die fernen Sterne, die wie die Augen unz�hliger Engel oder D�monen auf die Erde hinabblickten.</p><p>Bald hatten sie die Weing�rten erreicht. Elisabeth fiel der Handkarren in der N�he des alten Bildstocks auf, nicht weit davon war scheinbar jemand durch die Hecke gebrochen. Sie blieb vor dem Durchgang stehen und drehte sich nach ihren Gef�hrten um. Annes Kleid war ein wenig verrutscht, und ihre Wangen waren im kalten Mondlicht rot wie �pfel im Sp�therbst. Palmer sah gl�cklich und kraftstrotzend aus. Elisabeth sch�ttelte verst�ndnislos den Kopf. Wieso machten sich M�nner so leicht zum Narren?</p><p>Ist es bei Frauen anders?, dachte sie, als sie Anne ansah. Sie wurde das Gef�hl nicht los, dass Anne nicht nur aus Berechnung gehandelt hatte.</p><p>Elisabeth legte den Finger auf die Lippen und schl�pfte durch das Loch in der Hecke. Die beiden folgten ihr. Der Mond verschwand hinter einer dicken Wolke, und Schw�rze legte sich �ber den n�chtlichen Weingarten. Da sah Elisabeth das Licht. Es d�mmerte durch die Reben und schien irgendwo rechts vor ihr seinen Ursprung zu haben. Sie erstarrte und lauschte. Waren das nicht menschliche Stimmen? Sie warf Anne und Edwyn einen fragenden Blick zu. Der Engl�nder nickte und krempelte sich die �rmel hoch. Leise und behutsam schlichen sie sich an die Stimmen heran. Bald erkannte Elisabeth die hohe Stimme Barbara Leyendeckers und die dumpfe von Heinrich Bonenberg. Ihr blieb beinahe das Herz stehen, als sie daneben auch Andreas� leise Worte h�rte. Er lebte! Doch dann schien ein Kampf einzusetzen. Elisabeth lief geduckt an den Reben vorbei, Edwyn und Anne folgten ihr. Von hinten schlichen sie sich an die Gruppe an, die viel zu sehr mit sich selbst besch�ftigt war, um die Neuank�mmlinge zu bemerken. Verdutzt sah Elisabeth, wie Bonenberg �ber Barbara herfiel und sie w�rgte. Palmer schoss an ihr vorbei und umfasste den �berraschten Kaufmann von hinten. Er riss ihm die Arme zur Seite, und Elisabeth st�rzte auf den am Boden hockenden, gefesselten jungen Geistlichen zu. In seinen Augen strahlte die Freude, als er sah, wer da zu seiner Rettung gekommen war. Mit dem kleinen Messer an ihrem G�rtel schnitt Elisabeth rasch Andreas� Fesseln durch. Anne hingegen lief hinter der fliehenden Leyendeckerin her. �Haltet sie auf!�, rief Andreas. �Sie geh�rt zu der Verschw�rung!�</p><p>Elisabeth wollte sich um ihn k�mmern, doch er stie� sie von sich und sagte schnell: �Verfolgt sie. Sie darf uns nicht entwischen.�</p><p>Palmer k�mpfte mit Heinrich Bonenberg. Dem st�mmigen Engl�nder fiel es nicht schwer, den massigen, unbeweglichen Kaufmann zu �berw�ltigen. Mit den Seilst�cken, die Andreas gebunden hatten, fesselte er nun seinen Widersacher und zwang ihn auf die Knie. Das Licht aus der Laterne, die noch immer auf dem Boden unweit des Kampfplatzes zwischen den Reben stand, malte tiefe Schatten auf die hohnverzerrte Fratze des Kaufmanns. Andreas wollte einfach nicht glauben, was er da sah. Dieser rothaarige, grobe Mann hatte ihn zusammen mit Dulcken �berfallen; er war der Folter unterworfen worden, hatte sich offensichtlich aus dem Gef�ngnis befreien k�nnen und stand nun ihm sowie Elisabeth zur Seite. Au�erdem schien sich seine Frau mit ihm vers�hnt zu haben. Er verstand die Welt nicht mehr. Was war richtig, was falsch? Wer stand auf wessen Seite? Gab es noch ein Gut und ein Schlecht? Zumindest schien Palmer ihm nichts mehr antun zu wollen. Andreas rappelte sich auf und stellte sich vor Bonenberg. Die Beine zitterten ihm geh�rig, und er atmete schwer. �Welche teuflischen Pl�ne habt Ihr verfolgt?�, fragte er keuchend.</p><p>Bonenberg grinste ihn nur an. Er sagte nichts. Der Engl�nder versetzte ihm einen harten Schlag gegen das rechte Auge. Bonenberg fiel nach hinten. Palmer zerrte ihn an den Fesseln wieder auf die Knie und knurrte: �Rede!�</p><p>Das rechte Auge des Kaufmanns schwoll an; er konnte es kaum mehr �ffnen. Aus einer Platzwunde floss Blut an der Wange herunter bis zum Mund. Er streckte die Zunge heraus und kostete von seinem eigenen Lebenssaft. Er grinste. Andreas erschauerte. Das war der Teufel selbst. Niemals h�tte er hinter Heinrich Bonenberg ein so entsetzliches Wesen vermutet. Die Schmerzen schienen ihm gar nichts zu bedeuten.</p><p>Palmer war ein ungeduldiger Mensch. Als der Kaufmann auf seinen Befehl nicht reagierte, versetzte er ihm einen weiteren Schlag, diesmal in die Magengrube. Bonenberg stie� pfeifend die Luft aus und kr�mmte sich. Palmer riss ihm den Kopf an den Haaren hoch. �Rede!� Gerade als er erneut ausholen wollte, kamen Elisabeth und Anne mit Barbara Leyendecker zur�ck, die sie eng zwischen sich genommen hatten. Die Witwe wand sich wie eine Schlange. Als sie vor Andreas stand, spuckte sie ihm ins Gesicht. �Euer feiner Freund, mein Mann, war ein gemeines Scheusal!�, kreischte sie. �Er kannte nichts anderes als seinen eigenen Gewinn und hat mich damit in die Arme eines anderen getrieben.�</p><p>Andreas wischte die Spucke weg und trat zur�ck. Die beiden Frauen f�hrten Barbara zu dem Engl�nder; sie konnten ihre Gefangene kaum mehr b�ndigen. Palmer versetzte ihr eine kr�ftige Ohrfeige, dann riss er ihr ein langes St�ck Stoff aus dem Mantel. Damit band er ihre H�nde hinter dem R�cken zusammen. Er hatte nicht bemerkt, wie nahe sie dabei vor dem knienden Bonenberg stand. Die Leyendeckerin holte mit dem Fu� weit aus und trat dem Kaufmann mit ihrem spitzen Schuh in den Schritt. Bonenberg jaulte auf. Als sie erneut zutreten wollte, wurde sie von Andreas gehindert. �Dieses Schwein!�, schrie sie. �Auch er hat mich missbraucht! Er hat nichts anderes als Ludwig verdient!�</p><p>�Es ist nicht an Euch, ihn zu richten�, wies Andreas sie zurecht. Anne und Elisabeth setzten sie ziemlich unsanft in einiger Entfernung ihres ehemaligen Geliebten auf den Boden und lehnten sie gegen einen besonders dicken, knorrigen Rebenstamm.</p><p>Bonenberg war stumm zusammengesackt. Palmer riss ihn wieder hoch. �Rede endlich!� Er hob die Faust.</p><p>Andreas ber�hrte ihn sanft am Arm und sch�ttelte den Kopf. Dann kniete er sich vor Bonenberg. �Ihr habt gesagt, dass Ludwig und Dulcken aus einem Grund sterben mussten, den wir nie erraten w�rden. Euch bleibt nun keine Wahl mehr. Ihr seid am Ende Eures Weges angelangt. Also k�nnt Ihr es uns endlich sagen. Ihr d�rft sogar beichten. Ich werde das, was Ihr mir in der Beichte anvertraut, niemandem erz�hlen.�</p><p>Bonenberg sah Andreas mit seinem einen Auge b�se an; das andere war inzwischen zugeschwollen. �Nichts werde ich dir sagen. Gar nichts.�</p><p>Andreas zuckte die Achseln und stand auf. Seine Geduld war am Ende. Dieses Scheusal hatte es nicht besser verdient. Er nickte dem Engl�nder zu. Seine Faust traf das gesunde Auge. Er schlug immer wieder zu, bis Bonenbergs Gesicht eine Masse aus Blut und geschwollenem Fleisch war. Andreas bemerkte entsetzt, dass er diesem schrecklichen Schauspiel mit einigem Behagen zusah. Doch der Kaufmann grinste immer noch und sagte kein Wort. Das Licht in der Laterne verlosch, die Kerze war ausgebrannt, und der Mond hatte sich inzwischen hinter Sankt Severin versteckt. Die Kirche lauerte wie ein riesiges, sprungbereites Tier jenseits der Weing�rten. Man sah kaum mehr etwas und h�rte nur das r�chelnde, schwere Atmen des geschundenen Kaufmanns. Die Zeit schien stillzustehen. Andreas wusste nicht mehr, was man noch tun konnte. Auch Elisabeth schien ratlos zu sein. Es war, als habe sich ein Tuch aus Blei �ber die sechs Personen gelegt. Niemand r�hrte sich. Dann schlug die Glocke von Sankt Severin.</p><p>Die klaren T�ne perlten durch die Luft und schienen den Himmel weit im Osten in ein zartes Rosa zu tauchen. Immer deutlicher d�mmerte nun der Morgen herauf. V�gel sangen und begr��ten das neue Licht. Andreas setzte sich in das taufeuchte Gras zwischen die Reben und st�tzte den Kopf in die H�nde. Palmer stand reglos da und schaute nach Osten. Barbara schluchzte leise; Elisabeth und Anne sa�en neben ihr. Es war nicht mehr zu erkennen, ob sie die Witwe bewachten oder ihr Trost spendeten. Dann sch�lten sich die unz�hligen Giebel und Kircht�rme der Stadt aus der Dunkelheit; schwarz standen sie vor dem roten Morgen. Ferne Glocken begr��ten den neuen Tag. Heinrich Bonenberg begann zu lachen.</p><p>�Warum lacht Ihr?�, fragte Andreas m�de.</p><p>�Ihr wollt erfahren, warum Euer bester Freund sterben musste?�, erwiderte Bonenberg. Das Sprechen schien ihm schwer zu fallen.</p><p>Andreas bewegte sich nicht. �Ja�, sagte er nur leise und matt.</p><p>�Jetzt kann ich es Euch sagen. Bald wird eine schreckliche Explosion diese sch�ne Stadt ersch�ttern. Es wird viele Tote geben, und Ihr k�nnt nichts mehr dagegen tun. Der Klang des Todes wird Musik in den Ohren all jener sein, die so heldenhaft gegen die Verhansung K�lns gek�mpft haben.�</p><p>Andreas begriff nicht, was er da h�rte. �Was hat die Verhansung mit alldem zu tun?�, fragte er und schaute in die Ferne hinter der neuen Sonne und der wiedergeborenen Stadt.</p><p>�Wir haben es vor allem dem Einfluss von Ludwig Leyendecker zu verdanken, dass sich die Bef�rworter des Englandhandels im Rat der Stadt durchgesetzt haben. Es war allen Beteiligten klar, dass damit die Entfernung aus dem Bund der Hanse eine beschlossene Sache war�, erkl�rte Bonenberg langsam und m�hselig. �Und f�r alle, die f�r ihren Handel auf die Hanse angewiesen waren, bedeutete das den Ruin � zum Beispiel f�r mich. Und auch f�r Johannes Dulcken. Ludwig hingegen hatte traditionsgem�� immer das gr��te Gesch�ft mit dem Stalhof gemacht und versprach sich durch den Hinauswurf der Stadt aus dem Hansebund noch bessere Gesch�fte. Vielleicht h�tte er sogar �berlebt, wenn er nicht zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen w�re.�</p><p>�Was willst du damit sagen?�, schaltete sich Elisabeth in das Gespr�ch ein. �Spielst du auf diese r�tselhafte Zusammenkunft im Waterstone Inn in London an, an der du teilgenommen hast?�</p><p>�In der Tat�, meinte Bonenberg langsam. �Er hat uns durch Zufall belauscht und dabei erfahren, dass wir planen, das Rathaus der Stadt zu sprengen. Er hat aber nicht bemerkt, dass er uns aufgefallen war. Sofort nach seiner � und meiner � R�ckkehr nach K�ln haben wir ihm die Schlinge um den Hals gelegt � im �bertragenen und im w�rtlichen Sinne.� Er kicherte. �Das Rathaus wird in dem Augenblick in die Luft fliegen, in dem der Rat zusammentritt. Wir haben uns den heutigen Tag ausgesucht, denn heute findet eine wichtige Sitzung statt, bei der alle Ratsherren anwesend sein werden � au�er den Verschw�rern nat�rlich. Selbst wenn ihr sofort zum Alten Markt und zum Rathaus eilen w�rdet, k�met ihr zu sp�t.� Er lachte noch einmal glucksend. �Dann werden wir einen neuen Rat einsetzen, der den Englandhandel sofort einstellt und damit erreicht, dass die Verhansung r�ckg�ngig gemacht wird.�</p><p>�Aber warum musste Dulcken sterben?�, fragte Andreas. Er hatte das Gef�hl, als sei er gel�hmt. Ein solches Ma� an D�monie h�tte er niemandem zugetraut. Er strich sich mit dem Finger �ber die Unterlippe. Nicht einmal die Ber�hrung vertrieb das Gef�hl der Unwirklichkeit.</p><p>�Dulcken war einer der Verschw�rer. Als sein Gesch�ft mit der Leyendeckerin wegen der Verhaftung seines B�rgen geplatzt war, wollte er mich erpressen und drohte, den Plan aufzudecken, wenn ich ihm nicht eine gewaltige Summe Geldes g�be. Barbara hatte ich gesagt, er sei uns beiden auf die Schliche gekommen. Und dieses dumme M�dchen hat es geglaubt � wie alles, was ich ihr gesagt habe.� Bonenberg spuckte aus. �Ich habe sie nie geliebt. Sie war willig und ein gutes Werkzeug zur Durchf�hrung meiner Pl�ne.� Andreas h�rte lautes Schluchzen aus Richtung der drei Frauen. Beinahe tat ihm Barbara Leyendecker Leid.</p><p>�Hast du mich auf meiner R�ckreise von London verfolgen und �berfallen lassen? Haben wir auch diese Teufelei dir zu verdanken?�, fragte Elisabeth mit leiser, aber stahlharter Stimme.</p><p>Bonenbergs verw�stetes Gesicht verzog sich wieder zu einem Grinsen. �Hast du etwa geglaubt, ich w�rde dir dein Verhalten einfach so durchgehen lassen? Du bist wie ein M�hlstein an meinem Hals. Ich wollte dich tot sehen. Leider ist mir das nicht gelungen. Ich wollte dich hier in K�ln totschlagen, als ich h�rte, dass du den Angriff �berlebt hast, aber es war wichtiger, zuerst diesen Pfaffen zum Schweigen zu bringen und erst dann an dir Rache zu nehmen. Er ahnte zu viel. Das war wohl eine falsche Entscheidung.�</p><p>Bonenberg setzte hinzu: �Dennoch ist mein Plan aufgegangen. Der gro�e Plan ist wichtiger als meine eigene Rache. H�rt! Bald wird sich der Gesang der V�gel in die Todesschreie der Verdammten verwandeln. Und ihr k�nnt nichts mehr dagegen unternehmen.� Er lachte. Unz�hlige D�monen lachten aus ihm.</p></section><section><title><p><strong>NEUNUNDZWANZIG</strong></p></title><p>Andreas und Elisabeth rannten durch die erwachende Stadt. Die Ketten wurden gerade wieder in ihre kleinen H�uschen gelegt, die Stra�en waren frei, erste Schweineherden wurden umhergetrieben, K�he auf ihre Weiden innerhalb der Stadtmauern gebracht, Karren standen im Weg, Kaufleute und Edelm�nner ritten auf teuren Rossen, und allesamt behinderten sie den Weg der beiden. Fragende und missbilligende Blicke trafen sie �berall; man war es nicht gewohnt, einen Priester und eine vornehme Frau in irrer Hast durch die Pf�tzen und �ber das holperige Pflaster eilen zu sehen.</p><p>Palmer und seine Frau waren im Weingarten zur�ckgeblieben und hatten versprochen, sich um Bonenberg und die Witwe Leyendecker zu k�mmern. Andreas h�rte die Glocken von Sankt Severin, Sankt Katharina, Sankt Johannes und des Karmeliterklosters und erwartete jeden Augenblick, die gewaltige Detonation zu h�ren. Bestimmt kamen sie zu sp�t. So viele Menschenleben w�rden vernichtet werden, und das alles nur wegen Gewinnstreben und Machtgier.</p><p>Als das Seitenstechen zu stark wurde, musste Andreas stehen bleiben. Elisabeth hielt neben ihm an; sie schien ausdauernder zu sein als er. �Wir m�ssen� weiter�, keuchte er und kr�mmte sich.</p><p>�Ihr schafft es�, munterte Elisabeth ihn auf, die selbst schon ein wenig atemlos war. �Wir schaffen es.� Sie gingen weiter, so schnell sie konnten, �berquerten den Waidmarkt, auf dem die H�ndler ihre F�rberpflanzen auslegten und schon die ersten Kunden aus den umliegenden F�rbereien die Waren begutachteten, eilten die Hohe Pforte entlang, wo fr�her das R�mertor gestanden hatte, bogen vor dem Augustinerkloster, dessen Glocken inzwischen schwiegen, nach rechts ab und tauchten in das Gewirr der Gassen ein, die das Rathaus mit seinem weithin sichtbaren Turm umgaben. Andreas hatte sich verkrampft, weil er auf die Explosion wartete. Doch sie kam nicht.</p><p>Als sie den Alten Markt mit seinem gro�en Brunnen erreicht hatten, an dem sich die M�gde bereits zum morgendlichen Schwatz eingefunden hatten, sagte Andreas: �Wir sollten uns im Rathaus trennen. Wenn die Explosion ihre volle Sprengkraft entfalten soll, wird das Schwarzpulver wahrscheinlich in den Kellergew�lben versteckt sein. Bestimmt ist der Rat schon zusammengekommen. Ihr m�sst die Versammlung warnen.� Elisabeth nickte.</p><p>Als sie den Platz vor dem Rathaus erreicht hatten, sahen sie den Ratsherrn Krantz in seinem schwarzen Tabbard und dem hohen spanischen Hut in einiger Entfernung vom Portal auf und ab gehen. Hoffnung durchstr�mte Andreas. �Vielleicht tagen sie gar nicht�, rief er Elisabeth zu, w�hrend er auf Krantz zulief. �Krantz!�, rief er. �Krantz, ist der Rat zusammengetreten?�</p><p>Der junge Ratsherr sah die beiden Gestalten, die da auf ihn zuliefen, mit gro�em Erstaunen an. Es hatte den Anschein, als wolle er fortgehen und sie nicht weiter beachten, doch dann �berlegte er es sich wohl anders. Er kam auf Andreas und Elisabeth zu. �Was ist denn mit Euch los?�</p><p>�Ist der Rat zusammengetreten?�, fragte Andreas noch einmal, als er vor dem jungen Mann stand und wild nach Luft rang.</p><p>�Vor einer halben Stunde. Ist das f�r Euch wichtig?�</p><p>�Alle m�ssen das Rathaus sofort verlassen�, sagte Elisabeth. �Es kann jeden Moment in die Luft fliegen.�</p><p>Krantz schenkte ihr einen Blick, der zwischen Belustigung und Unverst�ndnis hin und her schwankte. Elisabeth zerrte ihn am �rmel seines Tabbards. �Kommt mit. Helft mir! Mir werden die Ratsherren nicht zuh�ren. Schnell!� Sie zog den widerstrebenden Krantz in Richtung des Eingangs.</p><p>Andreas huschte durch die T�r des Turmes und suchte nach dem B�ttel. Er fand ihn unter der Philosophenkammer in seiner Wachstube. Als Andreas ihm von dem geplanten Anschlag auf die Ratsversammlung berichtete, fuhr er sich mit der gro�en Hand durch den ausladenden Bart. �Hmm�, meinte er. �Das kann ich einfach nicht glauben.�</p><p>�Wo k�nnte man ein Fass Schwarzpulver anbringen, wenn man den Ratssaal treffen will?�, fragte Andreas verzweifelt. �Wenn Ihr mir nicht glaubt, sehe ich halt selber nach. Wir d�rfen keine Zeit mehr verlieren. Wahrscheinlich hockt der T�ter bereits irgendwo dort unten. Vielleicht legt er gerade in diesem Augenblick Feuer an die Lunte!�</p><p>Der B�ttel dachte nach. Lange. Sehr lange. Andreas rang die H�nde. �Was ist denn verloren, wenn wir nachsehen?�, sagte er verzweifelnd. �Auch Euer eigenes Leben ist in Gefahr. Ist Euch das etwa gleichg�ltig?�</p><p>Der B�ttel sah ihn an, als sei ihm dieser Gedanke noch gar nicht gekommen. Schlie�lich erhob er sich von seinem Stuhl, auf dem er die ganze Zeit �ber gesessen hatte, nahm einen Bund mit gro�en Schl�sseln vom Haken neben der T�r und verlie� seine Wachstube. Andreas atmete auf und folgte ihm. Der B�ttel f�hrte ihn schweigend eine Wendeltreppe hinunter in die Katakomben des Rathauses. Am Fu� der Treppe nahm er eine Laterne von der Wand, entz�ndete sie und eilte wie ein Schatten durch die gew�lbten G�nge tief in den Eingeweiden der Erde. Andreas f�hlte sich, als tr�ume er. Immer noch erwartete er jeden Moment die gro�e Detonation. Ganz fern kam ihm der Gedanke, dass er die Explosion nicht �berleben werde, doch es war ihm gleichg�ltig. Es war ihm, als befinde er sich au�erhalb seiner selbst. Die Schwelle zum Tod war f�r ihn wie ein Spiegel, vor dem er stand und in dem er nur einen Fremden sah.</p><empty-line/><p>Als Elisabeth den gro�en Ratssaal betrat, f�hlte sie sich schwach und winzig. Der gewaltige Saal war ungeheuer lang und breit und besa� ein Spitzbogengew�lbe aus Holz. Die W�nde waren mit steinernem Ma�werk verziert, und das Licht fiel durch zweibahnige, gro�e Fenster in den Langseiten. Die Ratsherren in ihren schwarzen, strengen Habiten sa�en auf Gest�hlen entlang der W�nde; einige spielten mit ihren braunen Amtsst�ben, andere lauschten aufmerksam dem B�rgermeister, der von der s�dlichen Stirnwand aus eine Rede hielt. Als Elisabeth mit Krantz eintrat, dessen �rmel sie noch immer fest gepackt hielt, richteten sich die Blicke aller Ratsherren auf sie. Der B�rgermeister wandte sich hinter seinem gro�en Tisch an Elisabeth. Das hereinfallende Sonnenlicht zauberte blendende Reflexe auf seine schwere Amtskette. Er fragte mit donnernder Stimme: �Was soll diese St�rung?�</p><p>Elisabeth r�usperte sich und sagte: �Verzeiht mein Eindringen, doch Ihr schwebt in gr��ter Gefahr! Alle sollten sofort den Saal verlassen.�</p><p>Allgemeines Gel�chter brach aus, durch das der B�rgermeister sprach: �Krantz, was ist das f�r ein Auftritt? Ihr seid ja immer f�r Scherze gut, aber diesen hier verstehen wir nicht.�</p><p>Das Gel�chter erstarb, als Krantz sagte: �Ich auch nicht. H�rt Euch an, was diese Frau zu sagen hat, und trefft dann eine Entscheidung.�</p><p>Stille setzte ein. Totenstille. Nicht einmal das Rascheln eines Kleidungsst�cks war mehr zu h�ren. Schnell berichtete Elisabeth von Heinrich Bonenbergs Aussage. Dann setzte ein Tumult ein. Manche wollten ihren Worten keinen Glauben schenken, andere sprangen von ihren Sitzen auf und sahen sie verst�rt an. �Eine Verschw�rung� eine Verschw�rung��, tuschelte und wisperte es durch den ganzen Saal.</p><p>�Sind alle Ratsherren anwesend?�, fragte Elisabeth. �All jene, die heute fehlen, sind zusammen mit einigen Kaufleuten an dieser Verschw�rung beteiligt.� Blicke flogen durch den Raum. Entsetzen spielte sich auf einigen Gesichtern. Entsetzen und Erkenntnis. Elisabeth sah hin�ber zu Krantz. Auch er hatte urspr�nglich nicht an der Ratssitzung teilgenommen. Er war ihr �u�erst widerstrebend in das Rathaus gefolgt. Das konnte nur eines bedeuten. Sie begriff, dass sie sich in die Gesellschaft einer Schlange begeben hatte.</p><empty-line/><p>Andreas wunderte sich, dass er keine Angst versp�rte. Er eilte hinter dem B�ttel durch endlose unterirdische Korridore und Hallen, bis er den Eindruck hatte, er k�nne sich keinesfalls mehr unter dem Rathaus befinden, sondern m�sse schon weit in den Bauch der Stadt eingedrungen sein. Er wurde immer m�der. Weiter und weiter blieb er hinter dem B�ttel zur�ck, dessen Licht vor ihm wie ein Gl�hw�rmchen durch die Finsternis tanzte. Seine Schritte hallten von den feucht gl�nzenden W�nden wider; es h�rte sich an, als seien nicht nur sie beide, sondern eine ganze Armee hier unten. Ersch�pft blieb er stehen.</p><p>Das Licht vor ihm wurde verdunkelt. Es waren tats�chlich weitere Schritte gewesen, die er geh�rt hatte. Ein dumpfer Schlag, und der B�ttel ging zu Boden. Ein schwarzer Umriss st�lpte sich �ber die Laterne, dann wurde sie wieder aufgehoben. Sie bewegte sich auf Andreas zu. Und der Schatten wurde zu einem Menschen. Als der junge Geistliche erkannte, wer da auf ihn zukam, entfuhr ihm ein ungl�ubiges: �Was? Ihr?� Dann hatte ihn die Gestalt erreicht.</p><empty-line/><p>Es war zu sp�t. Au�erdem war Krantz der Einzige, vor dem sie sich in Acht nehmen musste; alle anderen waren m�gliche Opfer. Und sie schienen es endlich zu begreifen, nachdem Elisabeth wieder und wieder die wesentlichen Einzelheiten ihrer Geschichte erz�hlt hatte. Ein regelrechter Aufruhr setzte ein. Einige Ratsmitglieder best�rmten den B�rgermeister, andere fl�chteten sofort aus dem Saal. Krantz hingegen blieb. Als ob er ebenfalls erkannt h�tte, dass er sich verd�chtig gemacht hatte, rief er in den Tumult hinein: �Wir sollten sofort nach dem Schwarzpulver suchen! Schnell!�</p><p>Einige der Ratsherren durchsuchten daraufhin den Saal, doch nat�rlich fanden sie nichts. Unter der F�hrung des B�rgermeisters machte sich schlie�lich eine Gruppe von f�nf M�nnern auf den Weg durch das Geb�ude. Rasch kam man auf den Gedanken, dass die gr��te Sprengkraft erzielt w�rde, wenn man die Ladung im Kellergew�lbe unter dem Ratssaal anbrachte, denn dann w�rde vermutlich das gesamte Rathaus einst�rzen. Au�erdem konnte man dort unten am einfachsten ein so gro�es Fass verstecken und z�nden. Also st�rmten die M�nner und Elisabeth nach unten. Sie achtete darauf, sich m�glichst fern von Krantz zu halten. Sein trauriger, sanfter Blick hatte sie immer geblendet.</p><p>Mit Fackeln, die sie rasch aus den Halterungen an der Wand genommen und angesteckt hatten, liefen sie durch die Unterwelt des Rathauses. Es dauerte nicht lange, bis sie hinter der Biegung eines Ganges auf zwei Personen trafen, die sich gegen�berstanden. Reglos. Eine davon war Andreas. Was war mit ihm geschehen? Warum lief er nicht fort? Da st�rzte sich der andere auf ihn. Mit einem Aufschrei eilte ihm Elisabeth zu Hilfe und fiel dem Angreifer in den R�cken. Der wirbelte herum und lie� die Laterne fallen, die er in der Linken gehalten hatte. Sie polterte zu Boden, erlosch aber nicht.</p><p>�Ihr?�, keuchte Elisabeth und hielt mitten in der Bewegung inne.</p><p>�Ja, ich�, fl�sterte Ulrich Heynrici und packte Elisabeths Kleid, weil er sie absch�tteln wollte. Da war pl�tzlich Krantz neben ihr und stie� Heynrici ein langes Messer in die Seite. Mit einem seltsamen, pfeifenden Ger�usch ging der alte Mann zu Boden, hielt sich aber noch an Elisabeths Kleid fest. Es riss an den B�ndern, mit dem es vor der Brust geschn�rt war, der L�nge nach auf. Elisabeth stie� einen spitzen Schrei aus. Die anderen Ratsmitglieder hatten aufgeschlossen. Andreas schien aus seiner Benommenheit erwacht zu sein. Er sah Elisabeth im Schein der Fackeln an. Sah ihre entbl��te Brust. Sah <emphasis>es.</emphasis></p><empty-line/><p>Andreas rieb sich die Augen. Nun wusste er, warum Elisabeth sich seiner N�he immer entzogen hatte. Nun wusste er, warum Ludwig sie an Bonenberg verheiratet hatte. Nun wusste er, warum sie bei ihm geblieben war. Er wusste es in dem Moment, als er unter ihren sch�nen kleinen Br�sten die zwei weiteren Warzen und die winzigen H�gel sah. Er bemerkte, wie Heynrici ebenfalls auf Elisabeths entbl��ten Oberk�rper starrte. �Hexe!�, r�chelte er. �Hexe!�</p><p>Andreas musste schnell handeln. Er warf sich vor Elisabeth und versuchte linkisch, ihr Kleid �ber der Brust zusammenzuziehen. Niemand sonst hatte es bisher gesehen. Niemand durfte es je sehen, denn sonst w�re es um Elisabeth geschehen. Die beiden �berz�hligen kleinen Br�ste und Warzen w�rden von jedermann als Hexenzeichen gedeutet werden.</p><p>Und wenn sie wirklich eine Hexe war?, schoss es Andreas durch den Kopf. Er stand ganz nah vor ihr, ber�hrte mit den H�nden ihre Br�ste, die oberen, die unteren. Tausend heftige Empfindungen durchstr�mten ihn. Er zerrte ihr das Kleid �ber die Bl��e. Sofort nestelte sie an den B�ndern, doch sie waren zerrissen. Andreas zog den Priesterrock aus und legte ihn der jungen, vor Angst zitternden Frau um. Die Zeit schien gefroren zu sein. Niemand sonst bewegte sich. Wie durch Watte vernahm Andreas das Keuchen des am Boden liegenden Heynrici; ansonsten war es so still, dass er das Blut in seinen Ohren rauschen h�rte. Als Elisabeth in das schwarze Gewand eingewickelt war, schenkte sie Andreas ein zaghaftes L�cheln. Als er es erwiderte, wurde ihr L�cheln strahlender. Und sogar ein wenig schelmisch. Andreas stand in Hemd und Lendentuch vor ihr. Er bemerkte es kaum. Krantz war immer noch hinter ihnen, das blutige Messer in der Hand. Andreas schaute hinunter zu Heynrici. �Warum?�, fragte er leise. �Warum?�</p><p>Der alte, f�r so fromm gehaltene Mann fl�sterte: �Will beichten��</p><p>�Bitte lasst uns allein�, sagte Andreas zu den Ratsherren. �Das hier ist nur noch eine Sache zwischen diesem Mann, Gott und mir. Und nehmt euren B�ttel mit. Er ist nur ohnm�chtig.�</p><p>Krantz ergriff die Gelegenheit als Erster. Er wischte das Messer an seinem Hemd ab, steckte es in den G�rtel und ging. Die anderen folgten ihm mit ihren Fackeln. Elisabeth sah dem hageren Ratsherrn mit dem vertr�umten Blick w�tend und hilflos nach. �Dieser Schuft�, sagte sie.</p><p>Andreas wusste nicht, was sie meinte. Anderes war nun wichtiger. Er kniete sich neben Heynrici und brachte sein Ohr nahe an den Mund des Sterbenden. �Beichte, und deine S�nden werden dir vergeben�, sagte er mit leiernder Stimme. Und setzte hinzu: �Warum?�</p><p>�Ich� ich�� Heynrici b�umte sich auf und lie� sich mit einem �chzen wieder zur�ckfallen. Unter seinem K�rper breitete sich eine Blutlache aus. �Ich wollte das Rathaus und alle darin in die Luft sprengen.�</p><p>�Warum?�, fragte Andreas erneut.</p><p>�Sie haben mich darum gebeten.�</p><p>�Wer?�</p><p>�Die Verschw�rer. Sie wollten die Verhansung aufheben.�</p><p>�War das auch Euer Ziel?�</p><p>�Nein��</p><p>�Warum also?� Andreas begriff diesen Mann immer weniger.</p><p>�Die Toten��</p><p>�Welche Toten?�</p><p>�Es w�ren so viele gewesen. Ich wollte ihnen nahe sein. Ich wollte ihre letzten Worte h�ren. Vater, ich habe so viel ges�ndigt.�</p><p>�Sprich weiter�, sagte Andreas angeekelt. Nun erst sp�rte er, wie die kalte Luft des Kellergew�lbes ihm um die nackten Beine fuhr. Das Licht aus der umgest�rzten Laterne riss L�cher in die Schatten und die Dunkelheit.</p><p>�Ich� ich habe den Herrn versuchen wollen�, sagte Heynrici schwer. �Ich habe ungeheuer Gutes getan und dagegen das vollkommen B�se gesetzt. Ich habe den Kranken geholfen und viele von ihnen eigenh�ndig get�tet.�</p><p>�Warum?� Andreas war zu keinen tiefer gehenden Fragen mehr in der Lage. Heynricis Beichte wurde immer ungeheuerlicher.</p><p>�Ich wollte aus den letzten Worten der Sterbenden meinen Zauber formen, nachdem die B�cher nichts hergegeben hatten.</p><p>Ich wollte Gott so sehr erz�rnen, dass er zu mir kommt. Deshalb habe ich jede Gelegenheit zum Morden wahrgenommen. Ich hatte keine Angst vor der Lepra, denn der Teufel war mit mir und hat mich besch�tzt.� Er hustete; ein leichter Blutfaden quoll aus seinem Mund. �Ich habe auch Ludwig Leyendecker get�tet.�</p><p>Andreas schaute zu Elisabeth auf, die sich eng in sein Priestergewand gewickelt hatte. Er sah, dass sie jedes Wort mitbekommen hatte. Sie r�hrte sich nicht.</p><p>Heynrici sprach weiter: �Der Plan der Verschw�rer war mir v�llig gleichg�ltig. Ludwig Leyendecker musste sterben, weil er zur falschen Zeit am falschen Ort war. Heinrich Bonenberg war zu feige, ihn eigenh�ndig aufzukn�pfen, und hat mir diese Arbeit �berlassen. Es waren wertvolle Worte, die der Sterbende mir mitgeteilt hat. Worte, die zu Gott und zum Satan f�hren. Aber meine Arbeit ist nicht vollendet.�</p><p>Welcher D�mon sprach da aus ihm? Er hatte nur gemordet um des Mordens willen? Nur um der letzten Worte der Sterbenden willen?</p><p>Heynrici fuhr fort: �Heute bin ich zu sp�t gekommen; eine Wache an der Ehrenpforte hat mich aufgehalten. Ansonsten w�re das Rathaus schon in die Luft geflogen, und ihr h�ttet mich als rettenden Engel mitten zwischen den Sterbenden gesehen. Oh, wie ich ihre Worte getrunken h�tte! An der Schwelle des Todes sehen die Menschen die jenseitige Welt. Und sie erkennen deren Geheimnisse. Geheimnisse, die ich ihnen entrei�en wollte. Geheimnisse, die mich auf meinen eigenen Weg zu Gott gebracht haben. Als meine Frau starb, habe ich zum ersten Mal versucht, Kontakt mit der jenseitigen Welt aufzunehmen.� Er l�chelte schwach. �Ich bin immer weiter auf diesem Weg gegangen. Ich wollte Gott zu mir herabzwingen, auf geraden und auf krummen Wegen.�</p><p>�Wie k�nnt Ihr Gott noch im Munde f�hren!�, erboste sich Andreas und verga� beinahe seine Pflichten als Beichtvater.</p><p>Heynrici schnappte nach Luft; ein kleiner Blutstrom floss ihm aus dem Mundwinkel. �Ich wollte doch nur mit Gott reden! Warum hat er sich mir nicht gezeigt? Ich wollte ihn reizen und ihm seine Geheimnisse entrei�en� Nichts, was in den Zauberb�chern steht, ist wahr. Darum habe ich sie verkauft. Als Bonenberg wissen wollte, wo man ein Zauberbuch herbekommt, konnte ich ihm den Hinweis auf den Drucker Ulrich Zell geben. Es war alles sehr gut eingef�delt. Ein vollkommener Mord, dessen Ausf�hrung mir unendliche Freude verschafft hat. Leider ist es mir nicht gelungen, Euch das Buch wieder zu entwenden, damit Ihr nicht auf meine Anmerkungen sto�t. Der Dieb, den ich gedungen hatte, hat kl�glich versagt. Er hat daf�r b��en m�ssen.� Heynrici lachte sanft.</p><p>�Wer sind die anderen Verschw�rer?�, wollte Elisabeth wissen. Sie war aschfahl und konnte sich nur mit M�he beherrschen.</p><p>Heynrici schaute zu ihr auf. Seine Augen weiteten sich noch einmal vor Abscheu und Entsetzen. �Du bist des Teufels, nicht ich�, fl�sterte er. Dann sackte sein Kopf zur Seite. Er war tot. Andreas stand zitternd auf.</p><p>Elisabeth unterdr�ckte einen Fluch. �Wir m�ssen das Pulverfass finden�, sagte sie. Andreas nickte und nahm die Laterne auf.</p><p>Gemeinsam durchsuchten sie schweigend die angrenzenden Kellergew�lbe. Keiner der Ratsherren lie� sich mehr blicken. Schlie�lich fanden sie ganz in der N�he der Trag�die ein einzelnes verd�chtiges Weinfass und �ffneten es. Es war bis zum Rand mit Schwarzpulver gef�llt. Die Lunte lag daneben; offenbar war Heynrici bei seinen Vorbereitungen durch Andreas und den B�ttel gest�rt worden. Elisabeth schaute den jungen, vor K�lte zitternden Geistlichen an. Er sah die Frage in ihren Augen.</p><p>�Nein�, fl�sterte er. �Ich werde es niemandem sagen. Ihr sollt frei weiterleben k�nnen.�</p><p>Sie machte einen Schritt auf ihn zu und k�sste ihn.</p></section><section><title><p><strong>EPILOG</strong></p></title><p>Am Tag nach der Hinrichtung kamen sie wieder zusammen. Andreas sa� nach der Fr�hmesse in der Wohnstube Elisabeth Bonenbergs. Das m�chtige Giebelhaus in der Rheingasse war still geworden. Andreas betrachtete versonnen das sch�ne Gesicht der jungen Frau, deren schwarzes hochgeschlossenes Kleid mit dem ebenfalls schwarzen, spitzenbesetzten Brusttuch einen harten Kontrast zu dem unter der Haube hervorlugenden blonden Haar bildete. Er schmeckte noch immer den Kuss, den Elisabeth ihm in den Gew�lben unter dem Rathaus geschenkt hatte. Doch eine Wiederholung dieses Erlebnisses, das Andreas zu den sch�nsten seines Lebens z�hlte, durfte es nicht geben.</p><p>�Ich h�rte, das neue Altarbild ist fertig?�, fragte Elisabeth.</p><p>Andreas nickte. �H�lshout feiert jetzt die Messe noch lieber, da er sich bei der Wandlung selbst ansehen kann�, gab er ein wenig sp�ttisch zur�ck. �Wenigstens f�r ihn ist nach all den schlimmen Ereignissen das Gl�ck gekommen. Was man f�r Barbara Leyendecker nicht behaupten kann.�</p><p>�Zum Schluss hatte ich doch ein wenig Mitleid mit ihr�, sagte Elisabeth und schaute hinunter auf die Jagdszene des flandrischen Teppichs. Das Reh hat seine J�ger totgebissen, dachte Andreas mit gemischten Gef�hlen, als er ihren Blicken folgte.</p><p>�Das ehrt Euch�, antwortete er. �Aber Ihr habt richtig gehandelt. Barbara Leyendecker hatte zum Mord an Eurem Bruder angestiftet, und daf�r hat sie nach dem weltlichen Recht den Tod verdient.� Sie war nicht das einzige Opfer der Gerechtigkeit geblieben. Auch Elisabeths Gemahl hatte der Tod ereilt. Kurz nachdem er in den Kerker geworfen worden war, und bevor er eine Aussage machen konnte, fand ihn der Kerkerw�chter eines Morgens tot im schmutzigen Stroh liegen. Keiner der �brigen Gefangenen wollte angeben, wie Heinrich Bonenberg zu Tode gekommen war, doch alle schienen gro�e Angst zu haben. Auf diese Weise war der letzte Zeuge der gro�en k�lnischen Verschw�rung beseitigt worden. Gegen andere Ratsmitglieder und Kaufleute, die an ihr beteiligt waren, gab es keinerlei Beweise mehr. Nur Andreas und Elisabeth wussten, dass Peter Krantz einer von ihnen gewesen war, doch da keine weiteren Anzeigen gegen ihn vorlagen, wurde er nicht zur Rechenschaft gezogen. Elisabeth �rgerte dies ma�los. Sie waren ohnm�chtig gegen ihn, und noch am Tag vor Barbara Leyendeckers Hinrichtung hatte er Andreas zuf�llig auf der Breiten Stra�e getroffen und ihn im Bewusstsein seiner Unangreifbarkeit kalt freundlich gegr��t.</p><p>�Manche Schurken erhalten ihre Strafe, andere nicht�, sagte Elisabeth und stand von ihrem Scherenstuhl auf. �Ist das Gerechtigkeit?�</p><p>�Die menschliche Gerechtigkeit ist unvollkommen�, erwiderte Andreas und st�tzte den Kopf in die H�nde. �Doch vor Gott wird kein Unrecht Bestand haben.�</p><p>�Wenigstens Anne geht es jetzt besser�, meinte Elisabeth und schaute aus dem Fenster auf die Gasse hinaus, durch die ein kleiner Junge eine G�nseschar trieb.</p><p>�Habt Ihr Nachricht von ihr?�, fragte Andreas und liebkoste Elisabeths R�cken mit seinen Blicken.</p><p>�Einer meiner Boten hat mir heute Morgen einen Brief aus Aachen gebracht. Ich hatte ja bef�rchtet, dieser Edwyn habe sie wieder um den Finger gewickelt, aber in Wirklichkeit war es andersherum. Sie hat ihn nur benutzt, um Euch zu retten. Sie ist wieder bei ihren Eltern, und es geht ihr gut.� Elisabeth drehte sich um und l�chelte Andreas an. �Werdet Ihr mir die Absolution erteilen, wenn ich zu Euch in den Beichtstuhl komme?�</p><p>�F�r alles.�</p><p>�Auch daf�r, dass mir jetzt durch Erbfolge gleich zwei Handelsh�user in den Scho� gefallen sind und ich gedenke, beide weiterzuf�hren? Ich habe vor, mit weiteren G�tern zu handeln, vor allem mit flandrischem Tuch und englischer Wolle, aber auch mit Erzen und Steingutwaren. Es ist wichtig, neue Handelsbeziehungen zu kn�pfen, damit meine H�user nie wieder von politischen Entscheidungen in ihrer Existenz bedroht werden k�nnen.�</p><p>Andreas hob die Brauen. Diese Frau hatte eine ungeheure Kraft. Das k�lnische Recht erlaubte ihr, als Kauffrau t�tig zu sein, aber die F�hrung gleich zweier H�user war einfach unerh�rt. Und offenbar wollte sie etliche Neuerungen einf�hren. Sie hatte beachtlichen Unternehmergeist. �Ich bewundere Euch�, sagte er aufrichtig.</p><p>Sie wurde rot. Es stand ihr so gut. �Ich Euch auch�, fl�sterte sie.</p><p>�Ich w�nsche Euch Gottes Segensf�lle�, meinte er. �Es m�ge nie der Schatten eines �bels auf Euch fallen.�</p><p>�Mit Eurer Hilfe werde ich alle Schatten zerstreuen�, sagte sie. Unschl�ssig stand sie am Fenster. Sie wirkte, als wolle sie auf ihn zust�rzen und ihm in die Arme fallen. Wie gern h�tte er das erlebt. Seufzend stand er auf, verneigte sich leicht vor ihr und sagte: �Ich werde Euch helfen und sch�tzen, wo und wann immer es n�tig ist.� Mit diesen Worten verlie� er sie.</p><empty-line/><p>Kaum ein halbes Jahr sp�ter wurde die Verhansung K�lns durch den Frieden von Utrecht aufgehoben. Andreas Bergheim erfuhr diese Neuigkeit durch Johannes H�lshout nach der Vesper in der Sakristei.</p><p>Als H�lshout wieder gegangen war, zog Andreas wie ein Schlafwandler sein Messgewand aus und ging in den Kirchhof. Vor Ludwigs Grab, das sich nun in geweihter Erde befand, kniete er nieder und barg das Gesicht in den H�nden. Von drau�en h�rte er johlende und singende Menschen. Man feierte das Ende der Verhansung. Doch Andreas war nicht nach Feiern zumute.</p><p>�Warum musstest du sterben, Ludwig?�, stie� er hinter den H�nden hervor. �Weil der Lauf des Schicksals ge�ndert werden sollte. Welch ein Wahn! Nun ist das von selbst eingetreten, was die Verschw�rer erreichen wollten und nicht erreicht haben. Immer ist es der Wahn, der die meisten Opfer fordert.�</p><p>Er schaute hoch. In einem der Apfelb�ume bei der Kirchhofmauer hockte ein Rabe und kr�chzte den Abend herbei. Andreas schaute ihn nachdenklich an, dann stand er auf, ging zur�ck in seine kleine Kammer und lie� die Welt allein.</p></section><section><title><p><strong>DANK</strong></p></title><p>Zu gro�em Dank bin ich Frau Dr. Silke Urbanski, Universit�t Hamburg, f�r die vielen Anregungen und historischen Detailinformationen verpflichtet, ohne die dieses Buch viel �rmer gewesen w�re.</p><p>Auch m�chte ich an dieser Stelle herzlich Herrn Markus Rosenberg, K�ln, f�r die �berlassung seiner Archivmaterialien danken.</p></section></body><binary id="cover" content-type="image/jpeg">/9j/2wBDAAUDBAQEAwUEBAQFBQUGBwwIBwcHBw8LCwkMEQ8SEhEPERETFhwXExQaFRERGCEYGh0dHx8fExciJCIeJBweHx7/2wBDAQUFBQcGBw4ICA4eFBEUHh4eHh4eHh4eHh4eHh4eHh4eHh4eHh4eHh4eHh4eHh4eHh4eHh4eHh4eHh4eHh4eHh7/wAARCAH0AT0DASIAAhEBAxEB/8QAHQAAAAcBAQEAAAAAAAAAAAAAAAECAwQFBgcICf/EAFYQAAEDAwIEAwMHBgYPBwQDAAEAAgMEBRESIQYTMUEHIlEyYXEUFSNCgZHRFjNSkqGxCBdDU3LhJCU0RFRVVmJjc4KUssHwJic2N3STokVlwvF1g7P/xAAbAQABBQEBAAAAAAAAAAAAAAABAAIDBAUGB//EADYRAAICAQMDAgMGBQQDAQAAAAABAgMRBBIhBTFBE1EiYXEGFDJCgZEVUqHB8COx0eEkNGJy/9oADAMBAAIRAxEAPwA7HwPDFh0jFsKCy0tLGA1u6soGEDdSWs2yuN1GtnPsz0CFSjghtp2sGGtRcsA7qdyyRum5KcOGMqspOXck7FdNVU9O0ue4DCoLnxIATHSROe73BaKeyxTHMji/3JUNlo4h5Ymg/BSQ9LvLnAHL+UxUfz7cX+YcthWosVokiaDIeY5XENPDHtpU2BrR02Ur1EWsJYyRvPkTT0Skik22aVMgc0fVTj5DjytRjJNEEpvJVTQub2woU8R7lWNUZXOUVzSR5lDN8ksG8EFzMIBmMFSHs2RNblQJYJc8CCOicagWbpwRoY5FngQG7pZb5U4G4QcEk0LuRXN3SSE+4BNOTuBEd+QMY7onjAyrWk0fNtU1vt5bjp0wo1Ho0VLXgZ5e2fXIScci3d/l/wBFecgEAJtwwSSrm08kc+OXB16cH03UK5Bgr5+XjRrOMdEvTe1SHRn8TRCOnKJwaQp9r0CujdLjlg+ZLuvJzTcn+ZGrOM5yeuE2MN0cic8SSKnl4HxQxgfBXdbHTfN0cccodLFgkhuDkpVn+SOpmx1WgP5hdqd2wpo1fFtz4I3d8ijDdknQc9FY2hwZXatGoA93Afv7pcbWMvAaSHRiYb+5RuJLvKp8epJbFpKt7tj5e/GMe7H/ACUm+8jXH8n5ejBzjrq75QksZ+Q1Ty0vczzotiU05mFqGml+YOXtzd/TPtKtDI20NQCBrJbp/blGS7BjPdko5W5Kalbj7Vq7VHQvtssdToDjIHDPuVdeRC+6vki06SQdvgpXDCyBWZk44KB0aSzUFZ3RrHV8+jGnWdOPTKhPjI6KJPasexJnKEtle07gFORct4JcACmNJycghHHHkd1PVZOJDZA2sMYcE8xuBhHCMDCXoOVA0vAE3wBrc9Qic0DsngzI6oFm2cox47hyMFo7BI0+5SC3CTn3IIQyGjKejHuRYJ7Jxu3ZCKwwN5JMLsdk8ZNlDD3BDWT1UqeCFxbFTnPcKHKE5LjPVNOJ7JjkSRTG3BE0JZKJmEB3gA6JyJIHVKYdkhZ4FpL0WrKDhsgkgZGnJtyW47ptydwOyIOcdEgjI6pw+ijyVNKx+l1QwO9NSGzLDuwLDCOyS9pKU1wIyDlp6EIyQOhRccC3DcYLU4BndH0CNu42UeNoWxtw6pvRun8bpJbko5DuGmRpRYnGtwlacpq5DkZ0oiE+4YCbO6bJiXI21qBalsCNwRyLOGRpG7KO9mSpcgTJCkT4E3yRHRtKSWBSixIczboggZIUrBjommxNU17duibDE9PIGbKP2QltaTlKgZ5d04Btsn7SJMRjYIY2S9OyLsm4FkQRsEjHVP6dkkBDaLcNsalacZSw1GB6o4GtjZBQwfROhuUC1FIG5jDo89U0YwPVST1SXNyjhC3Milowkhhyn3M3Q0bJbQ7xnSgnCFR8UcS2nhylE9ynDS72Im7vf8B+KUK3N4Q2ViisyLhM1VRFTxmSaRjGd3OdgLlNb410EZxFZZz/AE5QP3ZXOuOONLhxNWcyqkMVGw5igYcBvx9Vfq6bZJ/FwZ1vVK4/g5O8X3i+wWe3mtqa+N7Ts1sTg9zj6DBXOuKPGMuonw2WgMcjthNKd2+/H9a5TFVxyy4lOY1Bmq2cwtPs9lo09LpX4lkzb+rXT4WEvkbCfxG4zfC5pu7y1w+qxoP34WTlq62pmdNLPK6R5y5xeST9qYFW3QWnr2TtFLFJV8v9P2VoQqjDsjOldO1pSeS8s/GXFNppjT0t4n5Q9lr8O0/DKfk464okAd89VbT/AJsioXFhOv3KA54O/vRVMJeAvUWw7SZ0fh7xb4gtsgFc9txj7iRuHfeFuqLxp4enjHyqjraR/fy6m/ePwXBGPZo87d03NINPXZVbOn02eMFirqeor85PUlj8QOFrzK2CjuTBO7pHL5CfhnqtLuRkdF4s5jmuy1xBHddV4H8ZK6125lvvVI+4NjGGTB4D8eh9Vn6jpO3mp/oaWk60pPbasfM9ARpw9FzC1+NPC9RJorIaujH6Tmah+zdb+y3y03ql+UWuvgq4z3jdkj3EdQVk3aayr8S4NirV02vEJZZNcdkQ6JZHlSQ3ZV2iwpCdKSWJ7GEklDHuOyhh7cJshSHj3ppwCdj3EMloCbkOE65NSY9UMt9gsjvwU0Qnnj3pohL6BZtozlqWxKiZ5SltYrmCpkTjZJxsnwBhDRsmNB3DQBwhp2UhrNkDHshgY5EdoStKXgDKQSk1kWQFuElwHcoOkHcpiWeMd07aJJjuGpJwozqqMKLLXhp2cnbcDlCTLHZVl+vFDZLbLcbhM2KniGXE9SfQepVdduI6K2Uj6urnDImDckrgfidx3VcVTx0sUfye3wP1MZ9Z3vd2+HorOn00rZfIp6y+Onhz3L3jLxkvNQ4tslPHb6fo17m6pD7/AEH7Vze6XWvr5DWV9bPVTu6vkdn7h2Uara0N1BVkj3yHSNlvVUV1r4Fg5nUaic3mTyLlqXySDDdkl75H+XJA9FIip3mLpulzQ8uNupu57qfOCso5IXLcMYTUgIdglS5mFkerX9iiyOBAJT1yBjDj5kTXPY4PaeiBHUoiThOwM58D3yqTGE9FFLKwOA6HZQN98q1pqwNga0DoEHx2H1tP8QxNzG5D24QZG50XROTkzuyFNpIQ2H6Tr2Tc4HKOWVL48HB2RQ+Z+AdlMrGAlxUWkjOXOxsnJ5Q1rDCl/crHhS/3Xh+5sr7XO6N7SNTc+V49CFAldhmG9E2GgMy3qk0pLDEpOLUo9z2DwdxBFxBw/TXWEBomb5mZzpcOoV1E4brif8Hy7Y4frKAn8xLr+8f1LqsVfsFxuqp9KxxO70U3dRGfnyXga1yIwjqCqqOuOeqkMrTjqocpdyy4NEiVmO6jPCN9Rq7pvOUx89wpYEuB9EzIPen03IEz6BRGfkd00Tunnpktye6fFLwJs6FCwkZTmjfZKgwGboOkDQSrOxd0ZykxPTqEDI0Dsos1UwZ8yrKi4s16Q/CfGG7uSqEnyXRnaPRNSVjQOwwqaWtDIi8vVDVXpheWh/7U5xjEmr0zmzUT3FgJ8yr6m7MbtqWTqrvgka1TVV3c55w7CjeV2L9eizwzaz3dgHtKvqLy0fWWLmurv0lCmuh/SQjFyLa0KRspr5v18qgy3z6Tr5VkjcP1VVXq+iCkLYz9O72W/wDP4BSwplN7UxXQq09bss4S/wA/crfEy9z1t5+Rc0mnp/qervVY/n6KjUp9LHz6qeoqH63n96bhovldYC/aFnt+/wBy6GmCrgo+Ueb6u13XOx+f6LwQxFJUVOf5JLHySlqPUJdwl/vWk/Ns+uolFS55kh30KddijJNPjuShVBx1MhaR2cmKgyjJc85PTG6sYWxcvQwZ92Eh9PJIThunHQFMUmmTemnHuUEgl1HLifio5yx2XYIVzVUU5P0ceCEyLNPKM80A9cKZTx3K7qk1wyrEm5AGxQeGlo3U+W0Pj/lAoM8JidguynJp9iNxku4gjG+dkoOwdjgJIdnqMpQAc8YGAU5jWs9ifbnB0hycgBWUbMRNdjJJVJAXwk6cDPVTYq2TlaB8AVFNFiqeFgTW7h+kb5UNsj426WnOeoVhHC4tJkPncm5KZjXamgn1KdFpAnF5yQGjU8lwSAMSEtClvY1ud1EacvLQdk5PJE1guuHL7ceHq1tXQSjf22no4ehXXuDvEG33uRtLUONJWHpG4+V3wK4lHgM3CbGtknMYcEdCqmo00b+/DNPQdTu0bwnmPlHqRtVt1T8dT6Fcw8NeKn3Sl+QXE/2XFsx2fzjfVbiOb9ErnrtNKEtsj0LSOrV0q6rlMv4qzB3KnQVbCNysxHMfVOCqLe6hcMDp6V+DUidmnqEzJUNx7QWfFY5reuUukqhLJpPVD088FeVDisl1qyMhAdEy06Wj0StY7qVaOOCpORuJaxscecqrrLsxrSNW6zFffy1hBcstcr7I5xLXJm9dkT6fRN9zXXG+Fgdh6zNXfZGyl4es9VXdzgdRJyqmpuGrIUsKJvk0Y6dQWGaW48Wzcsx6sqrgu0shLnPws7JVxl2XBNyVW30anWmz3DBRreWX1TdXB5OSoU1ycTsSVVc448zkjnAnIOE9aZoklq4eCe6teT1KQ6Zzu6gmYZR/KBhTKhIherZO5hdGs9WycyrleDg50q0dUaI8rNTc2WZ8hOkF2pWqK8PJzfXtZvrjD55x9BYdpmMTZACdsqwrQ6mtbaOnaJJX7vLQqyNjX1DOucrSUTHfKGCmjdNPJ5Q0DoprJbVk5auO94ZW09qaaVr3Tt0Dd0ZCdNPAwgUeXGTbltaup8LeGs9U1k16c4Mfvy2DddJs/A1hoGNEdvBczoS3dZlnUYweEa1XS5yWZYPObbHcZHjkUM57Z0qe/hC8yMBNO5h9TsvTMdkpANoA33YUatssT2nEQGPeqU+qXeEXa+l0Lhs8y1fCl2ibnlB+nruszdKO40shL6cRgd8r0fxJbRE0hjAD3XO+JLU50RJYMd8hS6bqlkpYkh2p6PWoZgzjs76hwOCcqunEucyHJW1rbEX65YDgN7LKXCJzJC12xC6Cm2M+xzGp086/xFfktGcKQ57XRNLBhwTJDt9kqJ2OysMo/QUHj6x3Uij80oONh2URzSFJoctcT6IPsGLwy4YcxOeR5ugCamZJyiQQG9whTyktJxkKPVVOc4zgqGKeS3KSwQ58hp9FHh7kjZOSPL2kA7JDBpjw4+VWMYKknkmMd5EiZ+qPQfijY8aEckeqi5w669KZ2HOXBO4Mq303ElG//SBv37LtkFUD3XDOF4Hy36jA7SB33brrbJC3oVl9Qr3TWDv/ALHWf+NNS9+P2NCyo96cbKD1KoWVDh1KfjqvUrO2e52OyEuxdh2QmmTGGoDidsqLFVtIwCn8xytweqZJcZILdPui0i+fd4hTjSAThRm3Iv36Kvhpmke1sp0VGzQjHdgzLNEYmtvJDCC8ZwqaqumojzFZ+qukQY7fbCgOvERLQDhacNFgq2dVpguGaZ9Y925dsmDUuJPRUbLqxoJByo/zuNR0DupVp2jNs61Xk0L6hoO5wUk1DdJ7rPfOBkIUmOVxbseqf6JV/ijm+C0E2M4OUTZt/cocDtyE6wjtuhswSx1LkuSQHAHdGXY6dFGJy7J6J1pzGcItYHq19vAoOy4Rk7KJc9TXZaB5UmZ7xOQCcBoTWiSUYJJJKWMYZg6yxztkkgWxjHTCRzu2R8V3nwj4dihp2V00WqSUg5K4bTQNhnjaDkZGV6q4IhjbY6VrNm6G7/Ysrq9zjFJFvo1K5lJGioqYxSDy+RWzIc4LW7KPSnzNychWcWBlwOyy64rsats2N8kt2LVFrmDQQArJzstKrayUNyFHd8KI6W5SMfxBTc1rtuiwPFFO9luf6Lp9xfCA7W4BYni19HJb3sbIMqrVPEjaim4nLLewRzO1PyDthZXjm1BtRz2AebfZaCSdtNctBf5QdwUq9tjq4Cxo3I6rpKZyrsTXZmFqqYXVOL7o5ZNTua0nbHuUbfOCFe19DPBM6INLmk9lXVMD29WHIW7GSfJyNtUoPGCNnbZLhcc7IqYAu0YyjcDHJjsnEHYfifI3yM7rT8IcG13Ek1VEyeGF1PSSVR5mRlrBkgKosEbH1Wt/1V1bwTcx1+vGntZKv/gUMpc4LcK/g3HGKqDll2AokgBYAOq0FziHKJA7qhmOCQFLXLcQXQ2DTHaeqca4lu/RM7khLcXNOE5orpmh4DaHX1sh+o0lb+Oobj9i5xwXOYb2xp+u0hblpxj4qlqI5nydt9n7vT02F78lmycZ3Tgmz0VQZHBycE5G4VZ1nQx1j7lvHOR0UiOsc0dVRMq/VA17WnqmPT5LEepqKwzTRXVzW4Ksae6AxjJWGdcWnoQnobgNHtqJ6Vjn1WvByyvmaWu5ecKsa48weZPvcQT5TlRw4OlGQF0eDy2dkn5Jsbzp6pLTnoUQf5QMDHuTkbRoJIUbIO5IpmkvB6BW1MRoVRA7SQVPhma0bqNl/TTUSyjIA69UbZNJwFCFSx+WjZGJHNGTuonE0Y6hYJzXDunGyYG3RV8ch1ZPROxydh0SxgmjqE+B2bOQR1cEqnncxmjSCc9U3UECPPr0UmniYIyT1IUczP1Cxa2mRq2R0ZbIOh3z8F6g8MKptTwrRSNdkOjb+5eWq2QhzoHDIbsF3/wLuJl4Pia/+SJaPsKyOsQzUpF3o1mbZVtnY4JQxgIYpUM+Wku2WYF2pg4B9QNu2VY0lbDK36J+vKw424WDcnQ2XTqhrWZJWe4gucVJC+RzgwDce9O3KrEURLtsLmvEV2ZW3ZlOZC6Jp8wTLbd/BY0ml/MXOfnL+zax/Lj+oxVV/fboocc4KdWOlFucYIXSytYX6AcDSB1JXFLjdL5f7tKynoDE+Mu+v7WFHpdNZfmSeEu7LWo1FVGIvlvssGqqrBT3GZz2loOctICTc7EaejD2t1ADC0PBFpuFRQRuqy1ufa9QtLxFbo6e2GMMHTqrq1coWbM5wQSpjKO7GGzz/daSSGZr2t3z5s+ii1dDDI10obp+K1PEtMGl2gE4OxWdkjfNTluTq7hdFVbmKZz99CUnlEjhizULLix8vLk5gcq61cB3u/X6poqCECCnOZqmTyxQt9XOWt8L7I/iO5QW+PyuHnfL/NsHtH9ymeNvEwkp/wAmuGcwWimGKgjrUP8A0nKaiTTeWZ2srhKtKMexVtl8MOD/AKFkdVxfc+jpBJyqRmPTG7uvUei3nhNx3Dcbpcaak4WsdDHDaqibMcGXP0tzpce4K82xnQdJ+xdP8ApT+Ul4H/2Or/4FdlEx4zJFX4gcK1zDR37gS3vhed5rfIYJB8OygVvANl4ppjW+HN1lrJ2e1aapmioHuaej1zWWQmR3xKcttwrLZXR1tBUy09RE4OjkjcWuafiE6McDJzyMVME9NUyU9TC+KaNxa9jxgtI6ghJcuuXJtN4qcH1V7p4GxcX2qPmV8cY/u6D+c/pjuuQvyDjHROyRPgm2JzmXinP+dhdBY/IzlYThuISXNrz9QalrmThu2VXvW6R0vRW66pN+5OL8uyUvI6BRGTDVkp0ShQ4NyNifAuRoxsq+vJDDjqp2vbqoVZuMqRMiv+JcGdq7hNC7Tkoo7tKG9Siu8LdWtVjc9gpoxTXY5TU3WwnjcVz9XMLWuztum4z9L0z71KqMCRxAAOOiiN/ObFW+5XkWEDGvLS8YGOqUX4OkJuJzCAA45xuh9fooWR9h0EHunS4FmGuTOkg7hG1p1dU3AlLDJFOdLhk5VxCxhjDic5VLA3fdWkT9LAE2SyXtLLCHpowx+NilxgMYMjoo7n6nEjdGJs4GFHgvRnGMskmQghoI7qa6VrWHUPZCrJJA6IYG4KffIJYwW9cYKY45Ib5LOURZSJJtRXS/CmeSWzPooJNLmyeYZ7LmMcZkn0BaDgy4vtd6YQ8tZIdDwq2tqdleEP6ZcqtQpS+h2tlDTsd9NMU5QVDqGsxb67Mn82Sodkiku0FXGZzABHljseYu7AHssFw3wxfYeMObXzS45nt8zzf9eq5KOlVqcnLDR3L1EoSjCMMp8HbLjc3T2pkz/bd7QWFFC+su7Js4iY7U4d1rrlltpflm4fsqi0vbqEmnBzjdVo2bFlsuwqWMJGmtdrl+TzTUkjpOc3GPQeiiUXBYNSXzU7Ymudl2nv8AFaDh4yCEOa7SHdgr5rtTdQHXZSVz3Io3zlCbSK632+Gig0NaFRcTtboOGrS1BwSFnLw3WHbEqHO18Aq+LLZyniSnBkcAxm6y0VMWPcwsbuunGyw3KplE11o7cGYwaj63wTEvBdDn/wAW2X9c/gukol8Jl6iUFPDK3hfPCfh1V3SLArL1VGjg90LPbWFvVulNrmdj2/Nldn4z4Xop+F+HKU8TWinip45SyR8mBJl2+Pu/aqiq4fsslj+SScZWSMgeZ3NzhXMtYaMuLg1JS92eaIqGScySE6GMXRPAAN/Ki8Bu/wDaOr/4QnZ/Dq26pMeJPCeHn+fd+C2Hg1wJQ2riG4VEfGvD1dzLVUw6IJ8uGpuNWPQLXycw0l2ODSuY2N2n1KgHquoO8Mrbl3/eLwp1/wAJd+CbZ4WW6R23iLwr/vJ/BO3DHyZfw04in4W4yoLxDu2OQNmb+nGdnN+0KZ4tcOx2DxEuVtoR/Yr3iel/1cnmatND4R0ecu8QuGG46fTu/BdK8SuBqCv/ACfqaji2xwVDLPBC980mnm6c4cPXqo5WJdiarTSn+LKOE2+nZRwaAPOfaKka10B3h3bQCfy+4aO386fwWAq4mw1EkLZWzaHFutvR3vHuTFz3NyDUY7YhNndGn4qgO8yrZy4OwEbZCxmE7A6N8olu2YZ6hMVcrWjcjCq6mo5ZJGVXT1xe07lJQyNt12CbXvjlaRlVrGt3w4pv5SScJbXn0CmisGJfb6kskGaIanOwcKIGESnA27K8ukDWSuYx/wBqrhG3JGd+ysMU1gFM0atwOiW4kOOyNrNJ6ow3DslRMhDaSQNXVLDCHg52TQyTlORuOrKYJctEsNAYEsS6cBG5zHQZxumMgjJCCLr+Efa/BJylB4wmhjG6MEE5TcD08DwecZ9U4A5pDmuwmgRkegSycnrshgTkn3HqSbQ9wdscJDJHczJO+rKS7ce9NPJa8ZQaTIZbo/Q9LcO08clngmhdh0sYI0q9sNmaanmS+b+kudeDl5fWWBtMDiSkdo39F1y2kuptbjk+5cZqafTng77Tal2UqaINypjLQSvIOOZ5MeipDAYS0AZx29VsKCSnFkdz3AvJPwC5/cOJaWjuDy7Dwx2lo7krL1EdzUUaulteG2v1N5wpUMdFoIw9o6H0WmJaGAAAZXJ7dfJjeoZY4nM1Y1N9F0qnqRNE15OFLF7IpFHW0vfvCrCxudyqGtDS1xJV7Vlrhk4VNXAO2GFC3yPp7JMw96g1kuHUdFm7jHoAyM+q2l4ha1jnehWVuDHOkfpGQRstWizI26ss+IYPnLwxtFXEMm31ElPJ7g45C5RfqYn5xDRhzGhzcdtt117gOqgzU2W45NDcmcp3+jf9VyxXEljns15r6CuYQQ7AJ+s0jAK2KrPJg314W35nDnOIOwC6Z/B6/wDFl0//AISr/wD81i3W2BrzkE7+q6T4C0sMfFVb9H1tFX/wLec0zlXo5pZeDj4ikkl0MaSSSr+0UbIYvOcyH9idhihhJbG0dSjZlpODsg5bkXtLpY0y3PlkylpJamrhpoWl8krwxrR3JOFs/HiVkfFdHaIpNbbTboKJ/wDTa3zfvUrwuoYbNTTceXmLFFQA/I2O2+UVH1QPh1WDu9ZPc7jU3CqeXz1ErpHuPck5USfOSeS3PBAD3NOEp0hxkhIeMHqgMuGAnpgzJAkcNAJTNQ8jBCKpy1oCZ1nAyilkhnPAiqfmM5cqx5223VjUyNe0+VV78AYUkeDOvluYloOeifjbtucJtm5T409wn9yt5BWyB0hHqoLyBICOqerHtAce6iaxqHrhSYLUp5JEY1E5KDy4u0plr3A7J7BO/dRNEOQ25xhSII2n2nJjS4YCcaCOya0h0O+cDriAMImyDOnspFJRPqRhnVSRZaouDWxklLBcVFuM44ZA1k+UNSsnG6u2cP3BrNRgOPgnafh+Z43jOUI8vgkWmtfOCiid5uikkjoAtDScI1c58sRVpJwTVxU/MkiIx3Sxhck0NDbLnBidydig8Z3PZTa+hNPK4Aqu14yEx/IglGUG00aXw8vpsXEMU0n9zzfRyD0z0P2L0jY7g2aAAHY9PhheS+ZkLrHhLxdr5dnq3fSM/MvJ9oen2LG6lo5WYnBfU2OlaxRl6Un37fU7nTWRteHfJarlgDzNcNlk73wPPFPzDO1rSd9PXC0NtuLDEAZA0fvUbijiimoqQ0zXCWV4wAN8Ln9qS+E6imdznt758EGxWemt9PzGt1sB9pxWgorgzOgEaB19VzqovlVW6aeFsjWs+rjAyhT0twnnjDp3YJ3LXdFnzkovL8ms9G5r42dOfXRSNLY3B3wTBaHxlxHwCj2+nigp2Nb1A3J7p+okLGjcYKDljgobFF4RT3ljRESRkrHVcTJ5TnUC7bK0fEVwwwtwR2GFTW+CaoOXNIbnIKt0x2rcxTWeBuOkbRWuSd3UN2RW/iG13elZZeLAMt2pLh9aI/ov9Wqff3OjoxAe6wV4pNL84Wl06WMmX1CvKXH6lTxV4ccRW2Z1VR0outtecxVlEeYxw946j7lZeB8UrOLK0PjfH/airG4x/JrNM4lv1muDp7Tcqm3vds4QuwPu6Lpvg54h8TXjiOrprjU09Tpts8ge+nYXamNyDnHuXUwe6KkclatrcTkFutNxuFUYaKiqKiVxOGxxkkrcW3gih4dg+dPECtFvjG8dthOupm+I+qFU3fxU42qg6Jt0bSsyRilhbF/whY+qqZ6qR8tTNJLI85LnuySn4DJt9ng0/HfF9TxPUQxNhZQ2ylbopKKI+SJv/M+9ZnmbJhvRG3qhgcpbUkLj3KWMMTDnEEkIi5xGSnYE5BVRDjj0UaZxDU84gpmUg9E5FazkhSkjYHKYfnuVJkx2UZ43JwU9FCxBxDcbp8n3qM0kYTzNxuESIi1hG57hQ2kukAUyraOY5nqmWRfSADqpWPlyKAOrZPta/IRMicPipMEEkjsDqVHIjQlrcFSoYtYW/wDD3wuu3Fc4DRy410Co/g6X6GnfLTPyQMqOx7Vktwjt/EcUoHug8i6HwBX22CtZ84gFvvVBxRwdfOFapgudJJGH+y4jZVklTHBGNR3UMZ5jwdDobq4wy3wdv8T7zwdR8N8m2TQSV8jg5rY3Z0e8rNeF/wA3XWqZFWELkklcH6t8pmC7VlK7NNM+P+iUoqSbb8jXr6oNnpu/Hh/haopdbhNzTktbuWD3qv8AE7jnhSThd9DaZRLWTDBc0bNXBY7/ADy7zOJ+JSJ7hFOmOMm+UWJa2n04tPlCql5eS55zlV8tPnJajqKtoGyQysDo8KSKaMmd1c202MyN0nCVSTyU00csLi2SNwc1w7Y6Jp6NqekVs+x23gDjiG6QMpq54jq27EnYOWnbbqaWqmmmaZNQy12fZXm+CZ8MjZY3uZI05BB6Lo/B/iQ6nDaW9RulYNhM3qPiuf6h0x43U/sdN0zq+Htt4a8nTaagcX4pxzc7fBaC12KoIBkbyiN8hTODaq3VlubVUj43sfuMAZV+KmLU7GkAD1XOSjjiS7G9PWzl2fcrHROhjwcbd1n7vcmse7zDV0ACsOJ73BTxFjXAuIw1qzNupNUnymq85echvomRgnyyWtPuxMdDUVs3NmLgwbhXEDG07BHoPRLdVRhoYMAHoB2TIlfK/ABKe23wPlhcjFVE2oAj7gqlu9tDYZTjfC00dM5oJPtZTN2p9dM5n1iFLVd6ZWshuOB8QW4/Oc0TtsuytF4QQwWPiyprKqujZTG11TNUhwQ4xnCd4po/7e6gOrcovmSolg+iGvmLpo6rajmbNDukzmQmZI57s48xS/cl3S1y0PE09BzOvmwjljfE8RyN0uZ1C1oyyZKym1JcpiWBE92lqIauqcdpDQD3RfA7v8hLCC73JNQfKQEM74GyDgQM9UmwMYIwExM7zYT0zsKPID1TkV5jUgGcZUZ7sEjKkOYc5UWQ+Y5UiKlvAGnPRPx9NymGD0CkRNJaiQZGquLckYSIWDV9ifqR53DOyapyBJgHOyc2yWSWckiNhc8Bu5XQPDDh35zr43PaNj0WDo3aKgPHRdq8DZoG1TTKQC491WuntRPo4brOT0X4X2entBZiNrAR1C6c0tc0FpyFgrc9opWmMjHYq0pLrUQgM2c0eqqK73LeoodjyOeIXCFr4t4flt1bENTh9G/u0rxJ4mcC3Hhy4yQyRPewHYgL3TFeaeT2joWd4vtHDt3gkkrI2Pf6kJNx3bosZS5JenJcP/c+e/KkY7DgQlOYBjAOV1/xb4Jt1trHTW3Lm+i5FUhzJi0gghWK7VYuBtumlS8y7CHHschIczzeRxQeSfilMBG6l7FZpS4YQaSDnsnG4Y3buiacgoyRge5BofCOBIaSCfRKB3CLcEj1RtHlyeyJInkMHdBzkstxj4K84N4RuvFFx5FvhdoB+klI8jPimSmocyJIQlP4YjvB3FN8sT+VbZXyMd/IkFw+wLrPhrfr9xHxHV2uvYaF8MQe/USXb9sLXeH3h1YuGGiblirrsfnZB0+A7Kg8Lpo6njPjK4YGo14Y0+4ZH/Jc7rL674zcI9sc/qdDo430zhCcuHnj9DXT8IwOfzp6h0sgOyBtUURyQQey07HmZo2DThMTtBBa8ArBnDK4N+uyS7medQxtzlo37p+mpWM6HdSpmNDd+qbAIILcKNqe3BNuTDNP9igV0Tg0gblXGr6Pfqq6rlbq09CmQF3OeXmlebu9z2eVzfKrS3UZMETQNsKfcaJk87ZN/KNgpVujLWtaBvnZaL1OVggVKTy/JyDjC283xeo4ANzG3/hKk8ScPuew4pz5fd7SuZ4flnj/AIxtT0v/AOH9a6FW21skZ2B1e7or1+rdWz6GRp9NG71c/wAzPNdXbKmnkeHNIYoUpGzT1XaOJOHGPZIQ39i5xeLBURP1tYcBa2m6hG2JmanQTp7GZkBYcjzIed49rClVVNJSkCYaVFl2PlGVpxe4zZJr/gakBzvumXglOOccZTUkmOoTkiKWBL2kDIOVCe3JJU3WNJyo0hBzhORWsQ1Gd1Kj2aozN346KY2I6faTivtTEzwkyODWORQUcoka4tO66y3gpzyA6LScdcKRBwQ9hGGB2PcopXo0lo2zmNHRSE4LDj4La8ISSUU8ZGWgHstEzhN7DgsA+xG/hushbqgZqwoJz3FinT7Hk6nw3xhXU9EOZTiphHdp3WqpOLLbVRh3N5Tj1Y49Fwq3VNdStIdzIcdQOiqL/cKmKZ00Vd5j9UFU3BvhGmowayeiaviShYDipZ96yl+44tsDHNNS0n4rzvW8T3E5b8od96ztXcKqoe4yzvP2ow0jZXnqaqu2To/HHGtPW6mQvLiVzKrndNMX5xlR2vDtyTlG4B42Jwr1VKrRmanVyu4fYU7fGUrfCa2GAScJYeB3JUvYqJvuw8aUkHJRl2Qgxu6C4HxYYznboljHbqi0LV+HPCk3FN0EUYLKZm80vZvu+KZZYoQcn4J64Octse5J8OOBbhxTXCUtMVvYcvlP1vcF6U4ctNBZLa2ioIWwsHXA6pFloqO0W+KgooGxQRtADQp5kj5fl6rl9XrJXPjsdZotDDTx5XIK+rFJQzT9TFGXfcMrkfgCddtvFYTk1FaXf9feulcQv1WGux1+TSfuK5x4Aw8vhHWDvJVPH7goocaef1Q+f/t1/RnUIKrygPkwU8+pYSG6ifeq6oiIO5GxTAkeXEB2wWdGEork1G0yzfpcfaymn+U+gUZkpA090qdwc0AndPlGTiBSQ/LUAREdFUumDp/UIVk+AWg7KBBIS4g7BRQrH7iyJbs44QzoqAW+mUzHksGQq3jC4ts/DVdcDs5keGfFKFMrHhe4226NS3S8Izfh5/bTxO4hug9mHEIPrg4/5Lqxg1M2XOfA61vt1kbNN+drDzn/AGrp+QG4atG+tTnheEl+xnaTMK8vzz+5nrjSN8zXNyFiuIaHGSGAtXTqqDUzcLO3Wga9rtshRw/0ZYRNL4u5xS82qKWnIcOg8rysNVNlo5OVUDLc7PC7ZerW0s0tHT1XO+KLY0U87MZPYhdBoNV4Zz3UNNj4o8f3+pk3aCNlEn6nCuKSy1M/DIulKdQZI6ORmN9sHP7VVHl8vfrsteLMSb3IZcdsFMOOT6J8sDsnOCmSMEk9E9EM2JZjVhSWEY9pR2jfKkRBpbnqjkrrg9qU1jbp3anDZWgez+xa6Cnbp6JbqZuOiyZHSRmYaezMxnSq+qoRE0gNW/npQR0VVcKNmN2pkmSwlg5JxBSSFpK5txBA8F2V3m9W1j2uw1cx4rtJy8BifU8E0o7uDkVbGQSq1+crQ36kfA9wIVBIC3crQhLKMPUwcZYYTWO6JADmvweiUHkDPdAkuGSnlXgLThKxhAewjDfLlBg7iuqHQ4RBa7gW00slxir7o3NLEdXxUdlirWWT0UTultiisouHa2oqqGkLS2ornfQxY82j9I+g9F6U4PsNFwzY4aGmaAGjL3Y3e7uSue+E1P8APfFFz4sqh9E08mkH6Df/ANLqVVJzPJGsLqVznivwdF0jTKMXa1y+EKqKpwJIcEmmle/LiSogZl24U6nGluwWRGGTbc8Ih8UF8XD1xfq3+Syf8JWS8DYuXwLRO+tJUSO/atfxMzncPXEd/k0g/wDiVl/BLS7gW2+bdk0gP6yuRhjTv6oo7s6uP/5ZvKoENO26rtJEw6fBTqx+pxGTgdFCjY59RqJ3HRV9he3oebGOpykysw0uCkNYMZ7pmZpILA7qmuIVLJRVrnPIDWIo4pQAdKsmUzQ/d2VPhgBZ7OUIwC54IcMTtAcQsL4yyPkprTZGf39VDV8G9f3rp4jaGacLkvGU3zl41WS2gbUbNX/5/grmjq22bvbkz9dbmrb78fudCsMLYfomDDYwAFo4sYB65VZbabTESRu45KsGENwPRVYxwy45cD78OaR9ig1NK1zSApRfnBTcx2JByixmTI3qhadRwuc8cUvKoaiUMAYxhXW7qWGB5I3XGvGC4spbM+kz56lwaPh3VrRRbsUV5KmtkoVOT8DPhBBz+B7pzRsarb7lzziqg+Q3Q8rpldUt9TT8KeHtvoc8qaaPnyf7S5XfK/5VPIY/13+1/V8F0VcszbRzFlbVMUytadbTozlMkDQQeqOMSBxLcgIn5Ocq2ik8sQxuW7ZUqnwGYyohz8E7GAW+0QjkgaR9FKb2cpwqol4X4lt2JeH7vHWwHrT1e36p7f8A6VVW8Uz2Y6eI7JXUH+kjZzY/1gs22twWWbkJxl2NQ9gUKoi9yj2m/Wi7M12+5Us49BJ5vuU2TdQYJ1Iz9fSjB8qxXENsa/U4tC6PWtDgVmrrAC12yD4eCzU/JwTjO1xYedG65pcoQx5GMLvXF9DlryGhcg4kpA2V3lwrdUsEGto3x3IyrcA7oz19yJ7cPwUCOyt4MHgGd8J+GEyEAAnKbhyHAtO/Zbrgyz8sfLKhvnPs+5Q33KqG5l3QaOertVcRFj4cjpaOSsrRmQs8rP0Vc3an5dgkgjH97bfvVpU6OU5n1QjeGmkY7qMYXPPUTnPc/c7yrptVNTrh5Xf6mw8K7cLdwVQw/WkbzX/F2/8AV9i14pi9mpoVHwC4SWSBv6Pl+5bOKMBmloVez/UluKVcHTBVvwVsdK3R0IKkRxBrcagFKZA/PspckJa4HAUihgDnllTc4dVuqY8+3E5v3grB+BmfyREeMiOrlaupvgD2kHuFhvDC3/Nc1/s/1aa5Pez4PAcP3qZc1tfQrSeLov6o1JbtksSmQN1ZaOvuUvlEjfGEcYIOnfp6KBRJ3IhcohxJ6JBjGouwrLl6mb4TQjYQSSg4jlMgOhbqyGp6Npa3AT7ogR5XIxTyAjCSiFzwIaB3K5LwrELn40XetP8AezXNYf8A4/iutyRlrT5ey554RUJFz4huUm/Nr3tb9hP4qzWtsJMp3/HZBHRoI8NLQE6YQ5oKKnyRsNwn2jqMquo5LUntIksekj0TD3Bud9ipdS8MGSM5VNXzBjHknGN/go5LAU8ldxHVRx08jWkF2F584nLr7xUaiUFlPTODW9+YR6Lp3GF2e6Z9NSuy/uVi4qTlHpmbP1f+ui0dLJVc+SrqdNO9JeEU18dPUyaqxxe8jDIx9VVTbFM4GWV2oH6q3tPaQXCeRut56kqS6iiac6E9dQUeESvors+KX6L/AJ/zBzqW16d3DAVVcKQRZOQuhXS3vILjjPosheKRzdW+Ve0+o3mRr9B6KMyQRuSnmBpaMonNLXYO4Syx+BoAIWimc5ZDDPQI418RuE6jkzzV0Q94z+9a2xeOlRUj5PeqWjqP9aOV+LF6GNtttwpOXV0cFQz/AD2ArnvH/gpw/f6bVaoYrdU/5gw1ysq6FjxJ7UW/Wi+ZLkwk1f4W8QSc2toLhYqw/wAvA/y/rM2/YpMNivTD/wBhvEaC4w/4LVFsh+/qub8W+DPHnC1VzqKKeuo/Wldv93X9iyE4v1JFLHIW6gca9JE0fxKznV8ai33LkEpJuPg7LcuL+POHD/2k4UNRD/O0W6h03izwlcHujqZ5qGUfVnjI/aFSXKC/8OcEUN7oOP5ZqiYZNGXc37COy5vcON7vceay72u0Vrh7RliDH/ZjChnQt7j7EjtlWk2dXut2s10iL6O4U0rT3DwP3rlvGFOCZCCPiFi7vVUE7mvoKSahf9YCQlv2ZUE1tWW6TUSn/aT40YI59S424F1DGslIBSBjsmcyPJcSlxuDRurCykZkpqUvkXXCtC6suDQR9Gw6iV0yNoZEAOgGFmOAqZrLa6Yt80p2PuWlccbdguf6hqN9u09B6Boo06ZTfdjhaBG7J9oYR0TcQBoO52SHYdoae26dpCGmVvcbtVCUsZN6EVui/qjXeG9Q4VEtHIeo1sHv7rokRczquK0lzktFxhrmezAdb/e3v+xdXsN1ob3QMrKCpjmjd+i7OD6FPjxBMw9XHZc4l5HKDsDgdE+wNd08x6KFC1xl0hueylilc12Q/T2Uqyyi3ELbfX5VjKKrij8Trtb48Zlo4J8+uMhbQxnuuQ8WTus/jRZ6w/m6mHkn78fgpYQzlfIr3T24l8zrDHFoADUp+cgkg/BNNdqbvsjc5jSA17Se6rvgsJixoc7bKU5pIw1ox70xrJdsU+DluEcBbEMDcYyGhHywTgPBCADuvlIS2RknVqa0JJBbyV18qorZaaqtld5YonO/YqXwzpRT8H0bnD6ScOmf8Xku/wCapvHy4/IOFYqNr9L6yYN+LRuVsOHIORYqGIfVp2D9gU+MVp+5VU/9XHt/csGkAFJDiGndCQEBRpJA2M7qrJ7S33E1MrQ0lx2XPeMeJmlxoaUuJzjUP3JXHPE76cut1FIHyO2Jb293wWRoontzJUPL5Xdfd7kkWaKHN5I9QOSx0xO53S7PC4ySVLhu9qjXN5lqoqRvUvyfgruENZEGtHuCdbxHHuaWjqVljl4Q6wDZE9mcoNyCEvrlVnLBtKCIdVAHNIB2WN4gpAHODui3bwCMALNcQQZY8EK5orPjwYPWNMvTyczr4tMpDemUuCM6ApN1aMkdMFIjY0xtw5dJF/CeeWQSmz6LQOMgeaWbRIPuSLPxRSzRyR1buVPE8skj/RIWeoZ9PdIu9qor9TT/AC+PALNOuE8t33hR+tkf93a7l1xlM6utEktnnFRIwfmozl33Ly5xDxPxJT3Ot59RzYqftUQtdn6vQ7/crLj25UXAV+o4eGbzWz3WE66jmS5Z/RLV1q2WKl8TuFaO+ulFFWkYO2pp/SQhp24u1v6lquUKVtk8I86R8aUzIXRXbh2PX1ElM8xu+45H7FQ3qp4dv9YJTU1dueG4w+ASN+0tx+5ei7x/B/bVU8rY7q3mO+tyuqxd0/g332KQuoq6me3T9Y43Usq6487htlrs+DOUcVdwo+fegvFrqh+jzuW77n4UGs4Q4kpQZZLPVGEfyjGam/eNl0biPwV41tMXN+RGdg7xqhtPGPGPBUMtnZqpoz7cNRAD+9FTfgqy0sfzJoydupqiIPa9ohkcQGtnh2Pxz0UDSw1Ay0blbK78cXa6vbDVwUk5cP5sBUlZWwTsjp3UVNDKx3XQmbn7AlVX/N/Q23DUbYbdFHjYNVjOWtjLj6qHaQBRwHP1U5c8tp3tB+C5qcXO49JpiqtMvkiRERrGUtx5VTG7tnDlHo3Zha5x32S55GvbJHnzE5CicW5lmM1tXvx+5LqI2TNId0HsrnktwvPCXEchtVZNTR51MGfK4fBdFgcyUbfW9lZfja0mrj1xj6WL63u7q7oZqE3GXZmN17SSvoVtX4lyXnD3jrcaV4ju1qZUtzvJC/QfuOVurb44cJ1bQyodVUbu5kjyPvC8+XDhe+UI1T0Ehjdux7Blp+1U5Ej5dDjp+xa33WuRxMeoXx85PXNF4mcFVP8A9fpf9t2n9653463mw3WiobhabvRzVVFLn6OTzYJXDZomjVoj2ykTmMB2lm+EIaOMHlMVnUZzjtlFHrWzcbcOVlkpap97oonyQhxjfMA4HHTGUpnFfD43+d6H/wB9v4ryGNPLSwW8rqVFLpyl+Ymj1dx/J/U9jQcR2SX2brQ7jH90N/FWcN5tmPo7lSyf/wBjdS8Rxl7mOIc7ynHVOxukY44kfsPVL+Hf/Qf4v/8AH9T3DDV0jxhk8Ls9uYPxUomExjQ5p27OXiKC7VkMIkZUzh2dP5xysae+3RsHM+cqxu+Npnfim/w7Hkmj1VPvHB2L+EFUtmvnDlvyCHT56+rgF1aOqpoYmgysYGtHVy8bXavq66dk1RV1ErmDyPe8khNOrq8giSpmfnu6QlTS0e6KWexWj1FQslLHc9c3Li7h+ka4zXala4dWh2SsTefEKlr6eSCzueQ04L8aQ73BcOsNrqrjMJZmvFPndxO7vcF0S10UcMTQWNYGjDG+izdVTXTxnLN/pvrar4tuF4zz/iHoG65vlE7gZT3KXLIGnISpcYxgKNUEtiLgMkKlDlm/JKtYRV2iX5TxRM87iNuB8VpYgeePQbrH8Fycy81Up6Fy2dMMzPyptZxLHsh3SJ5pUv5mOPOCEpp2KTU7OGEWrDSqGMG1uyJe4g4yqDiNx5TgDvhXchGrJWe4hG5IOyt6P8ZldVb9Iw90aQ05G+VB1loAaMq0uhaWlpO5VVGC0EErp6uYnmuqWLD3LTSkBVfFlFeK63P+ZbvJQVIY4ADpJnsfT4rC8C+KlruvLobriirT9b+Td+C6JBMHDU1wI9QVnyyu5fi1LszyheKG5UHEUkXEgqIalzsyyTZLne8Huu98JeInCPC/CdLDDf2Exx5MY9rV8Fc8Y8HWLi0xG6NkbNG0tjlY7BblZ+DwM4VPWurpP1Vc+85r25wMScH2yN0PjTxnfZ5hw5YpaqGLzHz+bSmz45cTNpTzeHKtkx9l+fKT9y6Zwtw1Y+GrSygoqJ0ZBJdM52Xu+OykVtHHys6WaP0cJl0oKWIdhQzI5ZU+KviNQ0vy66cLVHyTqXY7KDV8e8B8Y0Rkv1BTskHtCUbgrotZBr5sMjSYJGFpIOOq5BwDZ+DaPxWmsd4p45bZNHy81H1JUtNX69jhnGFkksk6o5xn/Pkcy4soLJHWyT2Go5tKfZ9ypaajnqIRohGWH2guleNvBdr4bv8ANRWwl0H5ymLT7TT+9YKyx1ENw+Tyh8Wr6rk5TxFsi9NTnGL8m4t8fLgZGewSXzF7jC8fBBjnhocD0CRVAzMa6M4kC5+L+I7ybarWO/8AuKgnaaYs0+ZvVROb/b/3GHUiE5ZUB2BpHtpm7n5NNBN/J+yp64YbXuU7bfgUvEcN/wCfQurRPGIw3G7HFql1jBJGCG9v3rI2mrLp2tD/AG6nH/xWsY1xjHmUV8Nki1ob/vFf9C44TuMToW26qDHFuREXbqzuHC9nrYgJrdTuycEhnqsiYXCRjo3aXh2c+i19ivTstp53xhxG5JUyuTXws57XaNU2tYWCol8OuH3l2qjDAT9UkKJJ4Z8OtGfk8u/TEi3TqiJ4y2VpaOuEuGWnc322k+h7IvUWxXcprTVS/KjnE3hpYcgZqB8HqPUeF9nLA1k1U3/aXUJzA9m+jI9yifQtB5kjM9t0Fq7V5DLRUv8AKcvl8MLe0ForqiNvqcFRXeF9I4lsV4eCfVi6bWvp3RgCVhOf0lGnlpXSjlyRgNG+CpVrLV5IZaCl/lOau8Lq+JpDLpA5uc+ZhQ/i6unK5Xy6kI6910aWqgiZgSPJPY5VfWVxhi16jnsAnPWWeQV9Nql2OeyeHVzgDnPq6bSehJKftvBzKeQPq5mTkH2Wg4WxD5KjeU6fcluaxoxjChs6jJ/Cje0v2frhic1l/wBCDSUkMTWnsOikZaGu32PRB+Gjboo75AGl3ZUnJzZtKMaU8B1EgAyD0CrpanUCCceqTW1TA1wVZJUMMeCcE9VaqqMrU6hN8CeBd7xWNA9k4atkDIJZW9PJ5T71g+D6jkcVzQNcNEzDg+9aOhuxjuUlBWkiQHyOPdP1cG7Mol6RdGOlUJPnL5+f/ZKtNe6Zs0MntM3U+CbUN+hVHRkMvlTGB7UeVOpp2tt73u+oq11PsaGkv/n+ab+hKq6iGOQNc4auio7/ACtByOgCKhaa+v5sjiGN3CgcSTg1Ba09NlZ01SUtpm9Q1cp1OXh8IzVQ0yzSHPTdVzyzPXfurSVmmmfJnBPVURb5jg7ZW3Ws9jh9YkmlLyTaqXEjiCQVq+CvFC+8NPbA6X5dSd4pj+4rC1ch5jlGkd9IFO601yU43Si8xPVvCHitw5fWNikl+QVZ6xzHb7Ct3T3AOHNhmB+BXhpryH5BIK01g42v9o2pq6QsH1XnKp26XymX6Ne28TX6nsuO8OwBI7UPVOMusDw9kvTGy86WLxemeXtr4gGhucrQ0HiTaav2XkOxnGVX2zimmjRg6rPws6nWVURBe1+MDGFguKnUBa9zg0yO7n/mqip4yikEhbMA0DI3WQv3ETKl4Gs5Iz1/emxjOLTyWGoRXLCrL8aK5/OpPPYH7U8u8X+x6fYqSS/13FXEzrncRCJ2sDSY2BoIGw2CpLhcedBLFycj9P6zPgrHgqBha9/cqfUPZVKRBo362phFe5qIXhobq6JmoDonieMkt9FL0DRpxuoVe98DWZHlKw01J8HYWpwXPbwN1cDKuPnwOEc+N2nuqmSrBp3UNfG6HV7Dj2KVVOiIdNBUHnN3A96aN0dUQiG5Uoe49SB0CvVQa8GNffCX5sPtnHD+XuNcMQSsvJpnkExu19dluoicBYOy1FPSXzTS6tMjcfSHdbeCYYaodcm5Iu9ClGNTXHdjj5HMaS0ZKifK5RUx4je3zjUcdlMlaTH3yo1RG5rWk9CCqmns24Ra1+jhanJvlG1pzGA3RI8jGeqdhcOY7LiQTucrOWF8s1DF9K4Ozp6jspr21cb26ZHaHP2OepVuzPc5lLD2mjbHCGbueQT3ekPpqQt1Oa4n+kqmkqJ5HYcQcKXUTzsJbt5QDgKu5NEuwdFLSGIubE0loOcjKiyU9M10TmxRjUN8tSp6qRoY1sft7dVHqZXxsPNiyGnHtFOhJsa4EC/uEUIaMDvsqeWGR4HMUq5T/KJS0bYOd0UXQJltri2kb3T9HCUU5ocj+KN/xRNHuRPPuVNdzdcdsRiZxAJVdXT6Yjp7qXUuAa7J6LPXmr040nyq9pq3NmLr74wiQq+rLGYPXuVXz1Lvk5d6qNcKrmsIZ2O6hPqDyuXnqtqFOEcfdqm5MdpbgKa8U1WwFug7+9SrrxGaqtDnxaJGP8rh3CoJJcRmNw3adihWaJI46prsuHleFYdMW8soR1tqg4xfGTqVseH8RSPBGHUowmK2YTTmkid9GH/TFUnDdfmmqa5zyHtpgxvxVjYoTLpjkPme4OlPuWTOrZLL8HW1aj1q0ofmLinEcNA6o9kHosxK19ZUv3ySdirm/wBTmIUsOwGxUSghEFI6V3UBKiOz433YNZ8bVa7RKC/OEUPKaMbbqhZnSr2+Fzhhw3zlUTyc7LYo7ZRyHUuZ4YxURgPcXP6hMAfSYG+ylVrRrOR2UEHEoxlW2Z0hxwy74JxjRjJKZOclOMJ04UbQEO6m9PVORuc32XYTMp3bgYQaSCm4HqT8Eo1M4GBI770fOmcN3uKbyMdUnVgbFNwiaMn5JEM0oifC1wDH+0Fu+D6bk2pvYv3XPIAXTNYMkucF1K1wmOliZ0w0LL6pbsgl7s6b7NU773P2X9yyjZhijVkWtmFJjfvpKRKNTsLCreJHcWxzDJkb1RvD3PgGlwVNFcCQYqkZI2W1rYdRcB17krEcQU7IpjpHxIW5pLFPhnFdTolT/qV+fHgfyx51sILozlvxWtslwZPSjJAfjDh71z2nMgOWOO6ubfM+3GKaY+WQ9Pepr6VKOCv0/WuqzPjz7HQ2lzxgHZLmi5kWk+yFAtlfBPHqafKrDm6ht07LAnBwZ29c42R+WAWWpbTzugk2a4eX4rQSzB8NJIT/AC4z7gsjWFoeHdBgh3u9CjpbxI6Nscp88bgT7x2KuR+OJzWtp9G3/O7/AOTX0MjWPf08kpbhWcwhaySQuaHGRmGhY4VpBeQc/TNefflWNTcXtgLhpy6cHB7AKGUMldWYL6ufA+4sbH7A7eipr7XRM5sbDk9/equtvYHMlB0kDcqsoak18gqHAiMHy57p0a9q5LOmj600kS6c5BLurk8wkuIylN046BIL2jJyqknlnU1RjCPA5r0DOUwZjndJdJlVt1rxTR5GMhS1Qc3hEeo1Ea45kwrtWcmNzXYCxtfXGQua122UdzuElSSXEn4KpcXOPlb3W3pdMq0cV1HXO58BPe4ktz9yE3La3BIzhNTMka7ygpEkE8jtoSdu6vJGJJtEepZqZqGNkxA9xk0tP2KSaKfB0gNH9JNw0/Jl1umYwqTKZV2yxlcF1YKnFFPTtPtbgei3NpjNPaGdppNyVzezaIq1jI3ajI4avgupUMZkjErvZwNAWZ1BLz2Oq6C3NNruuP0yQxSmabzDOELsRHG2NuwHorumpmhmvG6rbzHqwBjZUYW7pYNq3TqFLfkytwp8wudnOfVZyWLS8jC2dZD/AGM7KydSRznZC2dNNNHF9UqccFbUOcHEEZUeRp5/YDSpdSAZctPZRJsGTfrhX2ZLQTdXdPMw7CYja4O23ClyRiOZrc9QomxKIl+wKSCchOANc7SD1Rvgc1uzgUGwJNdhAON0tuMZTRDm7FGwu6ZCDHQk/JbcM0xqLvE0Ny1vnP2LpUZIHTAWV4FoXsidVvG7tm/BazSQC7OR6Lnup2ZnhfT9T0f7N6T0tPvl+b/EOxkE5RynG4TULSThLd10lZ8fc6Cb4wRazAYS70WG4he3WWj1WxvMmmIgHCw9ax1TUkDduVsaCGOTj+tWNx2LyKsVDz5NbzhvZI4oqmOq46aE5ZF1+Ku42stlnfKerRgfFYuVzpJHPcd3HJV+lepJy9jB1mNPRGtd3yy/tlTU0jWaXODHLQwcTCNgZKw4HQqDa4IquwU7h7UTtLsDqjqbTrzpx07qvYq5vEu5p6f16YKVbzF9ibPxJSSNIcSMjCrvnimZK0F+I85aR2VXPbpmvJEfkB7pgxTxB7XUgIi9o+4p8KK4fhK1+u1E2lYjdW64BzjFO5oe4hzHDuAp9xrI20zSH+bdxJ9FkbRVOMMfOha11M4Zz3aU/wAUXBjqTRBjzSBu3oq8aORStx+wqOtkuU+N20wO/vWmoZGxxgBoDANwsrww0iMlwGB0ariSch+G9FFqYbpYRsdNn6dKl5LrnBpBzsmH1MYc7LlR1FZMWYa5Vs1VUHUNRUVeiT5LVvVHBYSL2tvMcRw0LN3G4md7uuCo8hleQ156pLKZzm/ArQpohWYep1l1/DIutoGSS1N852/LYXbqw+QuzhuCPeiNPKGljGhu6sqSKEqrF35K6SaqALtDWj3qJPUzOkP05zjoFcS0Er2HmElQp46SlJ5jhnCepIr2VzXyKgve7VpDwPimZGOBBJJypVRUc1zuXGGD3J+00Zq6yNhJAUze1ZZRUHZLbF5LPhW3ZlimmBa5zsMBXUaZh+ThhGC0ZWBpKgScVQ0zBhkHlI966LAd2+hCweozbw35O8+z9MVFxj48+4qIgNwVCkZrefcVNLeySImhhPdUKp7VydBq6lPsUl0hZyiCOvosJdImtq3aNguh3CPMTtlhbnCTVv7LZ0MsdzjOtU5aaM9UseHE+ijybODu6n1o9sqCB9I3PRbGTlNuA2DbPdOjIyMdUgAknHZPMDjvhMYsBBgG6ByE82M8vKTtjCGRu0YcCpFppHVlcyEA4J3SXBavgOha6R9SR16KC+1Vwci907SvUaiNaNPbIRSQtia3YKVnJJSgzsjLNPl9Vyjbbyz1eEVBKKWAQjtlB5DWuwksa7JyolwnbDGfMn1w3PBHdaoJtlLf6zA0lVdmpjNNpHTOyF3caqbDSprJWWy1mqd1xgfFbMVsjtXdnHymrLnZPiMVllVxnVtdUMoWHLYhvj1WdS5pHzSvmkOXOOSiWnXDZHBymqveotc3+n0NPwHWtimfRTPAjlHlz6rZGlZkaRqHXK5naGk1sYYdydvcuk2iq1BsM5+kYOvqFj9QrlGe6J1nQL42U+lPx2I1ZTNbKGEajKC3Hoq4Q8xxic3Q2oaWOJ/SC0lawPgy3BcDq267KqlYDqlBJaxwmb7h3UNNktvJoaqiCnws+SuFM9tSx31TC5jviFDoYGSiF7h7Eckh+IV/WsEctSG9C4OH+0q+ga0WyYgeZjHMP2uViNjccmfZp1vUPr/YVabczTQxOyCWySye7I2T9PBIw0oP8oHl3w7KfpLKmtdjHKZHE33ZCkMg1VcmekTRGPtCru97maFelioLH+c/9FdLTMxjGyZ+Rxu2Ct5qdxOgI4qMgdN0ldgMtNufYpvmiJ7tR6hSo6GNgxhWsVOR1CWYAwa3DZMepbJI6KMe6KV9GGt9kZUSoijhbqdhpCuZpAWuGg7d1nbpzX6hgkKehuZU1SjWuOWUF3uE7nOjg2Geqoql2ZNT3Fz1bVkWH+Z2n3KC2ldPnJDW56rXrwkclqc2T9/7EaGB8rhoGc9FpaKnhtVlkuEpzMRhh9Codvp2vkjgpOzvpHeia4orxUVDaODaCDYgfWchNux7fBJUoaev1vzeAuE5XPv7JT1cd12GmB0td7lxfht5ivMJxsSuz28l0DT/AJqy+rxzg6T7JzzGX1/4H8ddkYZ5DlGAfVKweWcrIR2suUVdyaOScbrEXFp+UHyreVoaYTlYm6sPyk4dha2hmcf1yH+5eTeCviFINrBJp/1jfxUf+JDxIB24ek0/6xv4r3HSt2Tpburf3x+xx/oxPC/8SfiQ3b8mZ/8A3Gfih/Et4kM3/Jqf/wBxn4r3NPIyCJ0sh0saMuOOgUW2XCiudOai31UdTFqLdTDkZCa9Y/YPoo8TfxNeI2P/AA3U/rN/FJPg14i/5NVP6zfxXtgXSgdcjbW1UZq2t1OizuAhS10FTW1VLEJNdM4NeXMIG4yMHuh98k/AvQR4m/iZ8Rf8mar72/itzYPCnjCjooojaZGPA3BeF6syqmC+U0vEMtk5FQypji52XMw1zc4yCq2ps9eO19i/oNQ9FZ6kFl4wefB4b8Y/4ml/Wb+Kal8OOMf8TS/rN/FenfKj8qqx01aNh/aLUvwjyvL4fcbNiOiwVB/2m/iqav8ADrxBe06eGqkj+k38V6/VZxFeKex0BraqOd8QOCY2Zx8fRWK64QfCKN/V9TcsNo8hR+FXHzZQ48NVmrqPZ/FRL34X+I1bKGDhms0s6bN6/evbDHCVjXjoRkJiuuFHRFgqZmxl+dOe+FYjdh5wZ9ls5wcM9zw1/E/4i/5L1n7PxR/xP+Iv+S9b+z8V7ifcqJtqdcxLzadrS7VENew+ClU8jZ4WSszpe0ObkY2PRS/fZexSemXueHbX4UcfUtbHIeFK5+Dvt/Wt6fDPiiWKKYWaojk+xeqeyqReqaWrZT08FTUB0vKMsceY2n3uVe+31sZNDR3S0udqzk82x+HvGbMxSWGfc+3t+KQfDPi3DovmOq5Z1M7L1XpR4UGxLsXP4rbjDR5Mf4a8ZGj1izVIeIdOnH1s9FFo/C/jXk1B/J+q31+nuK9fYRgbJ0WkNl1Gx+Dyj/F9xkydxNiqd5Y89PT4qdbfD7i1vM1WOp8zye34r0/pSg1MlVFk8Os3QaaSPNw8P+JMb2mo/YmvyC4oa7Is9R+xel8A9UMAKL7vHHcm/j92cqKPNcnA3FIGBZqj9iiScCcWPzmy1H7F6dx70MZ7p8aI9iOfXLpPLijy3P4e8UuiLfmKrz/171TVvhtxq4FkVjrP+vtXr4hFpUlcVAhu6nZb+VI8SVnhfxlTk54XuE8nbyf1qth8KvEGqqDzuF7hDH/q/wCte7HNRtCtLUNeDMnJz+SPD1T4ccd09LyaThW4j38pUA8J/EAEkcKXPJ6/RL39gow1PjqnHsiK6Hqvl8Hgm2+FfiBBWxvPCtxAB6mPour2rgfitlJG2Wx1YdjoWr09pQwoNTP7xjPBf6brJ9PztWcnm0cEcUf4nqf1Ul/BHFH+J6r9Vek0CqX3aKNlfaS/+VHmOq4F4nc06bFV9P0f61k7n4e8YGpOnh2scPXT/WvYrgmnN3U9UFX2M7V9Vs1GMxSJFL7LU8OqapfYanQN07BliZhmF+2fKVzHg+oi4XrX08xIpLjTmqhP+lHttXTaqOWSnfHDLynuGA7TnCzh4Pp6ihttNcaj5UbfNzYnaNOfcd90xjii4Hgni42u7qr8/NTRTPPoXalb8OV1YK/iJlwqxNHQvby8MDfLo1KZTcO1MHE1Xehcc/KWNY6Hl+XS3oOqK0cOz0Vdcp57h8pjuDsyRmIDTgYwDn0SwLJCsLrterZR3b5zMLXyc0wCFpbo/Rz1+3Ki3OKSbxLYIqqSmd80HL2dfzitLJw9W2hjKWmvEjqBkmpsL4gXAfo6vRKNkmPFPzz8v/kORyOT9XVn2kmEi8HV9XUfOtLWT851DVGJkzhgubjOT8FXwXaop7rZoBeBcPlcrmTlrMM9kkaVZ2zhiSm+d21Ffz47nqLm8vTy3EYyN1Di4PrGU9qh+fJD81yZpzyW7NxjCSQci7hd6ya+1VsomVTGUjGOc+BjXOe52TjzdABhQr/Nc5/DGt+eIeXVcs6/fh2xV1XcPSuvnzxb680k74uVM0s1tkA6HGRuPVKv1jq7rYHWt9yDDIfpZOVnUPQDOyKAy1of7hg/1bf3BZniWK526+x3+gpnV0Lacw1FM0+cNzq1N9fgtNb4paajjgmlErmNxqDcZ+xQaq31xr5qqjuAhErA1zHxawMZ3G/vTksjSmud2H5C1V14cm5ADHTEGPo7PmH3qRd75NR0NniiH9lXFzGczGrHlyThOVHDBdwpNYKas5LJyeZLy8k5dk99kqt4aNXbqCF9a5lVQEOgqGNxhw7kd0BwLHUXyavrqOsa+OlDWup6p8QBJxuNKz/CFXUWjgq4XOWofLyppdLWxtAyHLZU1Jc2QTtqLjHPK9oaxxjwGn1wqq18LPg4fq7PV17ZKSpc5xLY8OBKDQUM0Fffn3C3yMjkqaWoGajVEGtjaRkEHuhS1N3quLbpbXXF0cMUDJItMTcxl371ZWW1XagbFDLeo56eJga1vJ0uIHTJSKSyVdNxJWXh1cx/ylgjMYjxgDpuiuRuCvs/ENTHwpcbjX4nmoJ5o3Fo06wzofcjo7jfpKq2ObTyzQz/AN0kx6WsB+sFJtHCwpbVc7dWVfyqGve97ho0luvr3OU/ZbVdLfDDTPvBqaeJulofCNZHbLspuAla6qv0/GNbaYLo2KFtM2aLMIdoySMdfctZSslZTxtnkEkgaA9wGNR7nCo6ay1kPFE97NfG7mxNh5XJ6NHvz1V+iJsUggiKI0JKCSlBOQAiUQKGnCMJBB1QCGEYSAEN0SUkpCCKJGUEhCURKNA9EhCT0TZTh6Jtx3SESKX2Gp4dU1Tew1OA7oMQtJclFEUGFCSkhGgUAhKpul3NDJMPkNRMyGLmySMwGgb7ZJ67dFbKs4kx8wXDP+Dv/cmMchq23r5ZJCPkM8Mc8XNjkfgtI+wnf3KzDmno4feslXTTQeHdM+meWOMMbSR2BO6d4hjioILbPbQWTvqI2Owc8xpG6jU8IkcM/wBTR1Re2B5j0cwDLQ44CgcMXCS62llZMxkcjnOaWsJxsSO/wVXanfONxu8lW7mOjlMTI5N2tbjPRP8AAAYzhxjOzZpAP1inqT3cDZR+EuLg+eCn5lPBz3agNOsN2z1yU9qAAyQFQcetb80QuJIc2ojxv/nBN8VxxfLbGdXWq0Hf6uko+pjIFHODSBzf0h96WCCMgghZOKjp28XVVGQTTvpGy8vPlDgcdFM4I+jjuVM1zuVDWvbG0nOAl6mRbMExt5BvnzSaWQS6deskacevqpMNwppblPbmPBngY17wPQ9FTcYh1FUUF6YN6eTRPj+bcqyqDrVVUd+kz9NqjqP9rdv4ISntk4+w9R3JM1VvuLaupqYhA+MU79DnOI3KnFw0kgg7eqyVSZqestlrGwq+bJKX9XSfoqdR2yekirxUziSGduWMH8n8EozyNlEuaKSSalbLPEIZD7TNWrH2p7U0nGofesnCTL4bHzHIpnPzlNXCKKktlkrIiY6kzwZeD7bXe1lBW/IXpl5dLjNS3SgpWxMdHUy6C7VuNsq3BadgQftWW4zdJHW2l1NHzJWTP0s/S8hUSlqIYeGay6URPyzOJRnzxuSc9snEdtykzaam5xkZ+KLUPUfesnfYG0dhp66jJNQwxnUTkvyRkFO18UR4yowSfpaOTmR5+CPqDfTNMCCMggpumqoajXyntdocWuwehCoOHmmC73eiYSIIXM5bP0ct3UfheJlLZq6qhgPNZNNj70d4NhrA5vQkZ+KAIzuQsdHEZeDjc5Xl1byudzvravT4e5LuJMzeHpZjNFLLO3mfSf5qXq/ILqx5NdkHoco8KLbqCCgjeyAyaXuLsOcTgn0ypalRCwJKMIkRAKJGcYRFIQXdEdkfdEUhCXbhNuG6cd0TZO6QiTTfmgnR1TVN+aCdHVBsQpJcj9ERTWFBDoi7o+yJAISj19FT11OYKpnMid7TckA/HCkIilgKIdLbaGmojRw04EBGDGSS37MpFNaqKCRsjYdTmfm9bi7l/wBHPRWCCaHOMldU2qgnqjUup2iQgAuaS0nHrjql2620VujdHRU7YWuOSB3KmIJ6WOQZIVyttFc2NZXQ81jDkNLiAmprPQVHJ+Uwczk/m/MRp9/xViOqMIbV4FnBAZabe2u+W8k8/pr1np6fBKt1soreZjSRcrmnL8OJ1H1OVNRI7cC3DdTTw1MDoKiNskbsZaehwiqKeKdjY5GNcwEEAjbIOR+5PBKSxgCZEr7dR18Qjq4RIGnLT0LT6g9kXzXRimdThhDJBgjWd/2qWEsJYyLc12K35loBbzbhGRTd2az+KRNY7fNTw08kbzFDjlt5h2x0VogmqtB3Mrqmz0FTPDNNG9z4fzfnO3v+KUy0W+OplqWU+JJW4kOdnfEdFPQTmhZK6C0UEJiLITiH820uOlvwCElro5LgyufETUM2a/Udh6fBWAQSSQMkCmtVHT1ktXEx7Zpvzh1nzemUdJa6KmqHyRMILyS4azoJ9dOcKaUSKikLc32K82a3nWzlkROfrdHrOgn105wl3C1UVdJDJURue6H82Q8tx9ynoJbUHcxMbNI0pQ2OEHHuh70WMAi7IDqgiIIjZEUZKIpBC7oijKSUhCXdE07qnT0TbuqQiTTfmwnh1TNL+aCfHVNAD0RFGURQYUEESMdESQ4IoIIICC7oHojRHokhBIh1RpOd05IDFIBDsiCIgBAdUbUO6TABKRFGgwgHVGUkdUopIQEEEERAyhsiQQBkCCCCKEwiiSkWEQA7IBAdEAkIARogjSEEEEaJIIR6IkZRIiEnqklKKIoCEu6Jpx3Th6Jtw3RQiVS7RNT/AKpik3ianicZTAB9kWNkY3CInCQUEESUOiSgOAUSMoY2SEEgggkDIlyTjdLKJEQAgggiICMoBDKQA0EERKWBBoIgjQwIBRjoiQSQQEoApLigCnJjRSCTlBIQaAQ9EaIgeiCCASEBHlEggIIIY3QCGUghORIyiREJREI0CkxMQ5NkJxybygAk0m0TU8d8pmmP0TU7lNEKGwRFAHIRDogEA6Is7o8pPdIcGgSiKIlIQaCSgkIPKJAlEiANBFlEUkIUhlJyiyiAVqRalHq6umo6WSqq5o4IIxqfI92GtHvKp/yx4V/yhtv+8N/FETeDQAoZ36rPDjHhb/KG2f70z8Uf5YcL/wCUNs/3pn4o7WDK9zQZHqUAfeVQflfwwel/tf8AvTPxRji7hr/H1r/3pn4obWhZXuXupDUotFWU9bTtqaWeKeF3svjeHNP2hSEgjmUMpKGUgIXlAHqkA9EoJBFZ6IZScowURBowkox3SADGyJAFAlAKCKLGyBKGdkRBIijQKAhJ6JsjdLcdk2SkAdpzsE7nqolM/ICeDuqGAofDuiIu6pkFFq3KGBZHg5DWEyXbJGspYDkkF26IuCYL0RelgWR4ORlyY1ocxLAsj2pDUmNaGtHAB0OR6kwHoy9HAsj2pEXJoPRF6WBGM8dj/wB1d/x/ghXimxWGu4guL6GimYJWxl4D3Y1Y7Be0/HU/91V//wDSFeWfCOrhpZa3VLFDK6ZmHvexvl3y3zSM67dM/YtDS+SpqH2Kam4AvM89oijqID85yTRxHUduUcOWdNnuxYyVlFWPikeY45GxuLXu9Gnudui7fFdL7wuyygQvitlJUVUlT/ZUUjXsldqb5tSobX4k8OW+y2ynZTXDnwVNPLOMZH0UjnEtdnvnYYCuFPJzE2W+NqTTOtteJhHzSwxOzo/S+CRLQ3CnpmVNTTVUMMn5uR8bg1/wK6dReJduqJIX3X5fKwUs0M7NGTLqkc5nmyNOAeu/wKpeOuM4+IrHRUtNNPA2KKFj6N8LNIMbNOoSDc564wmsKPTf8Ggk+D1oJPeTr/TK6M2rpnFumphOokNw8eYjrj1wua/wawXeDdqb3PMH/wAynbHwRdaGTh1088B+a6urnkDXE6hLr0gfDUsyxZZowfwI6MytpX8vRURO5hIjw8eYjrj1xhBtbTOLRz4jryG4eDqx1x6rnVj4FutD+TXMnpz821dXNPv9WXXpx+tuhY+BrrQjhoyVFOfm2tq5p9+0uvTj790zZ8x246KyrpnaA2eMl5IYA4ebHVPRTxytLo3Me0HGWuBGfiFzOycF3ag/JrmT05+ba6rmn36tl16cfrbrUeHNlqbBwy231kkb5RUTSEs6YfI5w/YQlJbQ7smoDkNSbBR5TRw5lG0pvUjDkGAWCiKQHIi7dIQsoh1SS5ECkIUhlJyiylgQbk2TulEpCAsECnkcI27qXFI8tdkoIIMCHmnyogd0EEQhFAd0EEhIQSiJQQSEECjBQQRQQspOUEEkIGUYJQQREGiQQSQ32MX43/8AlVxD/wCkd/yXhaTPM6oILQ0nZlTUd0IGrVgveR6FycbsUEFbZUYCeqU36qCCDEe1P4NX/lDavjJ/xldLjQQWVb+NmlV+BBokEFCiRgQQQSQhQSgggkhwMoZQQRQAgjQQREJHVKQQQEwh1QQQQExLt0QQQRCf/9k=</binary>
</FictionBook>