<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>prose_contemporary</genre><author><first-name>Thomas</first-name><last-name>Melle</last-name></author><book-title>Sickster</book-title><annotation><p>Zwei junge M�nner stehen an vorderster Front einer �berhitzten Konsum- und Leistungswelt � und halten stand, bis die Beschleunigung ihr Leben erfasst, �berwuchert: Der idealistische Magnus Taue schreibt f�r das Kundenblatt eines �lkonzerns, f�hlt sich als Loser und hasst seine Arbeit mit der Wut eines Schl�fers. Thorsten K�hnemund, Manager und Macho, leidet insgeheim am erfolgreichen Hochglanzleben voller Druck und Alphatierneurosen, er bet�ubt sich mit Alkohol, schnellem Sex und Abst�rzen im molochartigen Clubbing der Stadt. Aus Schulzeiten bekannt, freunden die beiden sich z�gerlich an. Doch dann brechen die Fassaden ein. Magnus f�hlt sich zu Thorstens Freundin Laura hingezogen, und alle drei strudeln ins Haltlose. So beginnt eine Suche nach irgendeiner Wahrheit des Empfindens, Denkens und Tuns � eine Suche im Rausch, Schmerz und Wahn, und in der eigenen Seele �</p><p>Einf�hlsam und radikal erforscht Thomas Melle ein sich immer schneller um ein leeres Zentrum drehendes Leben � bis an die Grenzen des Ichs und dar�ber hinaus. �Sickster� ist ein gro�es diagnostisches Zeitbild � und das Romandeb�t eines Autors, dessen Sprache, so Iris Radisch, �bis ins letzte Komma aufgeladen� ist.</p></annotation><date/><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang></title-info><document-info><author><first-name>Melle,</first-name><last-name>Thomas</last-name></author><program-used>calibre 0.9.28, FictionBook Editor Release 2.6, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date value="2016-04-29">29.4.2016</date><id>34a164c3-8aea-4452-b6eb-89a91b97ca2c</id><version>1.0</version><history><p>1.0 � &#x441;&#x43E;&#x437;&#x434;&#x430;&#x43D;&#x438;&#x435; &#x444;&#x430;&#x439;&#x43B;&#x430; &#x438; &#x432;&#x451;&#x440;&#x441;&#x442;&#x43A;&#x430; (sibkron)</p></history></document-info><publish-info><book-name>Sickster</book-name><publisher>Rowohlt</publisher><year>2011</year></publish-info></description><body><title><p>Thomas Melle</p><empty-line/><p>Sickster</p></title><epigraph><p>No, no, no, no</p><p>I didn�t think so</p><text-author>Nine Inch Nails</text-author></epigraph><section><title><p><strong>PROLOG IM DUNKELN</strong></p></title><p><emphasis>Einer lacht immer zu fr�h, etwa bei koreanischen Filmen, obwohl er gar kein Koreanisch versteht. (Ich sage</emphasis> er<emphasis>, denn das sind wirklich</emphasis> Ers <emphasis>und meist nicht</emphasis> Sies<emphasis>; die</emphasis> Sies <emphasis>lachen woanders.) Es gibt also immer einen, der loslacht, obwohl es gar keine Pointe gibt. Etwa im Dunkelschwarzen, im Kino: Leute, die vorgeben, alles zu verstehen, und dabei eben nie etwas verstanden haben.</emphasis></p><p><emphasis>Sie sitzen im Kino. Um Sie herum eine Dunkelheit, die flie�t und gleitet. Gleich geht der Film los. Gleich gibt es ein Spektakel. Sie freuen sich. Sie halten das Ticket in der Hand. Popcorngeruch. Weiche, tiefe Sitze. Neben Ihnen Leute. Werbung.</emphasis></p><p><emphasis>Und los.</emphasis></p></section><section><title><p><strong>ERSTER TEIL ABITUR</strong></p></title><epigraph><p>stay in school</p><p>cuz it�s the best</p><text-author>Peaches</text-author></epigraph><p>Der Startschuss ist w�rtlich zu nehmen: ein ohrenbet�ubender Knall. Ihm folgt, feiner als haarfein, ein Riss.</p><p>Es war der Sommer 1994, und der Abikorso der Canisius-Schule zog durch die stille, der Bedeutungslosigkeit entgegend�mmernde Stadt Bonn. Aufgekratzt und zugleich etwas dumpf vom Feiern, das sich �ber Tage hingezogen hatte, dumpf auch von der langen Pr�fungsphase und der pl�tzlichen Erleichterung, der kein rechter Sinn zugeordnet werden konnte, wollten die Abiturienten nur noch jubeln. Sie schwenkten die Bierflaschen, kr�chzten Triumphschreie in den Fahrtwind, hielten ihre Gesichter in die Sonne und holten aus den fingerbemalten Wagen so viel L�rm heraus, wie nur m�glich war, durch Motorjaulen, Reifenquietschen, Dauerhupen: eine Schneise des L�rms, die sich gleich hinter ihnen wieder schloss.</p><p>Der Jubel der Abiturienten hatte dabei etwas Ausgestelltes, Gespieltes. Er war mehr Wollen als Jubeln. Diesen Tag hatten sie sich schon so oft vorgestellt und herbeigesehnt, dass er das Versprechen, das von ihm ausgegangen war, kaum einl�sen konnte. Mit unbeholfenen, groben Gesten und vollmundigen Rufen versuchten die Abg�nger, sich als die K�nige des Tages zu f�hlen, und fielen dabei seltsamerweise in Stereotype ihrer jetzt begrabenen Achtziger-Jahre-Kindheit zur�ck. Lara imitierte ohne Grund den ostfriesischen Komiker Otto Waalkes und presste immer wieder ein tiefes �Jaa! Jaaa!� aus ihren Stimmb�ndern hervor. Eva warf mit ihren Korkenzieherlocken um sich und genoss den Wind, ganz so, als sei sie in einem Werbeclip f�r Haarspray gelandet. Jakob trug Basecap und Sonnenbrille und schrie unverst�ndliche Parolen durch eine Fl�stert�te, welche noch aus Golfkriegszeiten stammte. Achim und Anja tanzten eine seltsame Mischung aus Lambada und Breakdance und spitzten ihre Lippen immer wieder zu Kussm�ndern, wenn sie sich in die Augen blickten. Alle johlten, klatschten, stampften.</p><p>Doch die Nachtr�glichkeit ihrer Bem�hungen war nicht zu �bersehen. Die Feier stand in Konkurrenz zu der aufgestauten Vorfreude, die sie selbst verursacht hatte. Dies war ihr Tag, aber es war ein Tag wie eine vergangene Erinnerung an eine Zukunft, die sich jetzt in ihrer ganzen banalen Sensationslosigkeit zeigte. Es schien, als w�ren die scheidenden Sch�ler das letzte Mal zum Diktat gerufen worden, zum Diktat des Spa�es. Und sie gehorchten. Das echolose Schweigen der Stadt passte gut dazu.</p><p>Ein Knall, au�en, und innen sofort ein Riss. Hendrik hatte fr�her Amseln und Spatzen im Garten seiner Eltern abgeschossen, mit einer Gaspistole, die er w�hrend der Internatszeit in seinem obersten Schrankfach versteckt hatte, aus Angst vor Razzien. Jetzt, beim Korso, sollte sie endlich wieder zum Einsatz kommen. Aber die Pistole hatte Ladehemmung. Nerv�s fuchtelte Hendrik an ihr herum, zeigte sie ungeduldig den teilnahmslosen Passanten, reckte sie in die H�he, zielte auf die Sonne, dr�ckte und zerrte am Abzug � nichts tat sich. Er fluchte. Magnus sa� neben ihm, im Cabrio von Lutz, und war schon scharf betrunken vom Sekt. Er beobachtete, wie die R�te in Hendriks Gesicht mit jedem misslungenen Versuch eine Nuance dunkler wurde, w�hrend der Schwei�film dar�ber immer heller gl�nzte. Hendrik fluchte und fingerte an der Waffe herum. Er wollte unbedingt derjenige sein, welcher diesen Startschuss ins Erwachsenenleben abgeben w�rde, stellvertretend f�r den ganzen Jahrgang. Die H�userreihen zogen an ihnen vorbei, das Schwimmbad, die Rigal�sche Wiese, die Redoute, der Kurpark: altbekannte Pl�tze der Kindheit, jetzt entzaubert und profan. Alles dies wird bald verlassen sein, dachte Magnus und nahm einen weiteren Schluck vom abgestandenen Sekt.</p><p>Pl�tzlich schnitt ein Schmerz durch sein Ohr, riss in einen Ort hinein, den er nie zuvor gesp�rt hatte. Er schreckte zusammen und jaulte auf. Der Schmerz war grell, nein, scharf und schnell. Ein Pfeifen setzte ein, laut, aufdringlich. Hendrik war auch erschrocken, feuerte aber sofort eine ganze Salve in die Luft, um das Missgeschick zu vertuschen, um den Fehlschuss wieder seinem Willen unterzuordnen, in die Reihe des Vorhergesehenen. Er fragte schnell, ob alles in Ordnung sei, und Magnus nickte, die Hand aufs Ohr gepresst. �Ist gleich wieder vorbei�, sagte er, �pass aber auf, verdammt, das war zu nah.�</p><p>Namhafte und bestimmt amerikanische Wissenschaftler haben sich �ber die Hirnh�lften Gedanken gemacht. Die linke Hirnh�lfte gilt ihnen, �berspitzt gesagt, als naive Buchhalterin; die rechte als fiebrige Verschw�rungstheoretikerin. Links: werden einfache Regeln und Strukturen prozessiert, Unregelm��igkeiten als Zufall verbucht. Rechts: leckt die Zwillingsschwester Blut. Geht ab in Assoziationen und Tr�umen, arbeitet sprunghaft, sp�rt Pfade auf, die nicht offen zutage treten, findet Zusammenh�nge von Einzeldingen, die beliebig nebeneinander liegen. Koinzidenz? Schicksal! Anders gesagt: W�hrend das Ursache-Wirkung-Schema in der linken Buchhaltung des Hirnes heimisch ist und dort daf�r Sorge tr�gt, die Welt aufs Anschaulichste zu simplifizieren, entspringen genialischere Theorien wie etwa das dritte Gesetz der Thermodynamik, der Da-Vinci-Code oder die Chaostheorie der tendenziell paranoiden rechten Hirnh�lfte.</p><p>Nun sind die beiden Hirnh�lften � seltsames Spiegelspiel des Lebens � bekanntlich f�r die jeweils entgegengesetzte K�rperseite zust�ndig. Verschw�rungstheoretiker drehen sich deshalb vorzugsweise um die linke Schulter, wenn sie von hinten angesprochen werden. Was nun aber, wenn ein hartn�ckiger Tinnitus im linken Ohr die rechte, assoziationss�chtige Hirnh�lfte jahrelang unter einen subliminalen Strom setzte? W�rden namhafte und amerikanische Wissenschaftler in so einem Fall auftretende psychopathologische St�rungen urs�chlich auf diesen psychosomatischen Druck zur�ckf�hren? W�re das der stete Tropfen, der den Verstand aush�hlt? K�me dann der eine zu laute Bass in jener verrauschten Clubnacht, poetisch gesprochen, einem pathologischen Urknall gleich? Als Sch�pfungsmythos der zentrifugalen Psychose, die, als innere Strahlung schon Jahre unterwegs, irgendwann die �u�eren R�nder des Nervensystems erreichte?</p><p>Mit der Folge: gravitative Instabilit�t, Kollaps der Materie, ergo des Bewusstseins. Nennen wir es Neuralgie.</p><p>Sp�ter am Tag wachte Magnus auf. Er lag im Gras. Er wusste nicht, wie sp�t es war, ob er wirklich geschlafen hatte, wo er �berhaupt war. Dann d�mmerte es ihm: die Party, seine Freundin! Die Party war heute Abend in Godesberg, in einer Proletendisco namens <emphasis>Waveline</emphasis>, und alle w�rden hingehen. Aber seine Freundin und er waren nach Bad Breisig gefahren. Nur warum? Und wo war sie jetzt? Wieso lag er allein am Rande eines Radwegs auf einer Wiese, in Sinzig anscheinend, wenn seine Freundin doch in Bad Breisig wohnte? Und doch war da irgendwo ein Sinn. Es hatte eine Verabredung gegeben. Er konnte sich momentan nur nicht erinnern. Er blickte umher. Fertigh�user standen in der prallen Sonne und strahlten radioaktiv. Alle G�rten und H�user waren genau abgezirkelt und sauber und sahen aus wie zum schnellen Abriss bereit. Kein Vogel am Himmel. Kein Mensch in der N�he, nur Fl�chen und Quadrate. Das Brummen im Kopf war vom Pfeifen im Ohr kaum zu unterscheiden. Wird schon wieder verfliegen, das Pfeifen, dachte er, wie nach den Clubbesuchen, wie nach Rockkonzerten, wie das Brummen auch, wie jeder Kater bisher. Er stand auf, strich sich die Grashalme von der Kleidung, suchte einen Kiosk, um Bier und Wasser zu kaufen.</p><p>Ein Knall, ein Riss, ein Riss mit Folgen wom�glich, wenn man die Fakten und Theoreme auf bestimmte Weise �bereinander schiebt. Tats�chlich hat Magnus den Tinnitus bis heute. Auf Stehpartys nannte er ihn oft <emphasis>meine private Sph�renmusik</emphasis>, �wie bei den Griechen�, f�gte er als Erkl�rung hinzu, �die alten Griechen dachten n�mlich, die Sonne w�rde wunderbare Musik produzieren, und wir h�ren sie seit der Geburt, sind uns ihrer aber nicht bewusst, weil wir die Stille nicht kennen, weil die Musik schon immer da war�. M�dchen mit �Caipis� genannten Caipirinha-Drinks schauten ihn dann gro��ugig an und fragten: �Und jetzt piept es auch? Und jetzt, und jetzt?� �Ja�, sagte Magnus dann, �jetzt piept, fiept und pfeift es auch, und jetzt, und jetzt, und immer.�</p><p>Ende der Neunziger, kurz vor dem Ausbruch der sogenannten Schizophrenie, war Magnus dann einmal zum Hals-Nasen-Ohren-Arzt gegangen. Der hatte ihm gesagt, nein, das h�tte sofort nach dem Vorfall behandelt werden m�ssen, auf die Schnelle sei das nicht mehr reparabel. Jetzt h�lfen nur Langzeittherapien, die aber selten von der Krankenkasse bezahlt w�rden. Da war Magnus ohnm�chtig geworden, aber nicht wegen der Nachricht, die ihn kalt lie�, sondern wegen des glei�enden wei�en Lichts �berall in der Praxis, das jede Ecke fand.</p><p>Die Jesuitenschule, von der Magnus nun Abschied nahm, brachte allj�hrlich eine neue Generation von Gesellschaftsklonen hervor: arrogante, zumeist neureiche oder altadlige Schn�sel, die die winzige Innenstadt Bad Godesbergs im immerselben Look der Button-up-Blauhemden, Levi�s-Jeans und Barbourjacken (in den Neunzigern waren die Basecaps dazugekommen) gegen eine wachsende Horde von zumeist ausl�ndischen Proleten verteidigten, durch Pr�senz und Parf�m und durch <emphasis>Perspektiven</emphasis>. Es war ein Markieren, ein erstes Ringen um symbolische Felder der M�nnlichkeit und Macht � um sich nach dem Abitur �ber die gesamte Welt zu verteilen, die internationalen Universit�ten und Konzerne aufzusuchen, Karriere zu machen: Schlussendlich w�rden sie den Kapitalismus der Eltern und die Schl�ue der Jesuiten in ideologischer Eintracht m�glichst gewinnbringend in die Welt tragen, welche dann gemolken werden k�nnte nach Belieben und zum Vorteil aller Beteiligten. Die Z�glinge des Internats durchliefen w�hrend ihrer neun Schuljahre eine geistige Karriere, die schon weit vor dem Abitur in Zynismus und Saturiertheit endete: <emphasis>been there, done that</emphasis>, G�hnen in St.�Moritz, Kotzen in Florida, mehr nicht. Kein W�nschen, kein Sehnen, nur instantanes Ausf�llen funktionaler Stellen, welche schon seit der Geburt f�r sie vorgesehen und frei gehalten wurden. <emphasis>Ich war schon so oft in New York, ich war schon so oft auf Hawaii,</emphasis> schallte es voller �berdruss zum Karneval �ber die Flure und durch die Kneipen. Die Patres, weltoffen und angeblich papsttreu, konnten sich noch so sehr um ein ethisches Grundger�st bem�hen, es half nichts. Alle moralischen Fragen wurden als theoretische Logeleien im Religionsunterricht lediglich wahr-, doch selten ernstgenommen. Dieser entleerte Geisteszustand (man mag ihn Ennui, Hedonismus oder <emphasis>horror vacui</emphasis> nennen: Zust�nde, die selbst meist wenig von sich wissen) musste st�ndig mit manisch wiederholten <emphasis>running gags</emphasis> und saloppen Sprecharten ausgef�llt werden. Diese Sprache spielte h�chst unromantisch mit sich selbst und kannte keine Dringlichkeit au�erhalb der von ihr hergestellten und behaupteten Gemeinschaft. Eine Grimasse in der Krypta morgens und dann ein Bier zu viel in der abendlichen Bar, das war das h�chste der Gef�hle. Ansonsten entlud sich alle Kreativit�t und Intelligenz, die dort auch vorhanden gewesen sein mochte, in einem selbstreferentiellen System, das jede Neuheit in Zynismus und Zukunftsgewissheit aufl�ste und sich so von allen anderen damals kursierenden Jugendentw�rfen erfolgreich abgrenzte.</p><p>Magnus Taue stand als der nerv�se Supertasker, der er war, entschieden au�en vor. Zerbrechlich von Statur, feingliedrig und �bersensibel, war er schon vor der Pubert�t eine Art Wissender, halb Autist und halb Tourette, und zwar mit voller Absicht. Was blieb ihm auch �brig? Arrogant ging er durch die Stadt. Die Stadt war Bonn. Genauer: Godesberg.</p><p>Godesberg war zu dieser Zeit eher ein verschlafenes Dorf. Die Godesburg, ein abgebrochener Zahn auf einem kleinen H�gel, stand da und faulte. Dagegen der Patresturm: eine Art in den Himmel gest�lpter Schacht, phallisch hochgereckt und hochkant abgebunkert nach au�en, grellwei� in der Sonne und mit schwarzen Fenstern wie Schie�scharten ausgestattet. Er stand unverr�ckbar auf dem sogenannten �Heiligen H�gel� und stand und stand. Darin wohnten die Patres und die Geheimnisse. Dort bunkerte Magnus sich nicht ein. Er hegte Skepsis gegen diesen Turm. �berhaupt kann man sagen, dass Magnus Taue einer war, den eine gro�e Skepsis beseelte. Anfangs liebte er seine Lehrer, aber schnell schon, in der siebten Klasse etwa, keimten erste renitente Tendenzen in ihm auf.</p><p>Doch er liebte die alten Sprachen. Herr von Trivaux, ein schwunglippiger Santiago-Wallfahrer von �ber sechzig Jahren, war sein erster Lateinlehrer. Dann kam Herr Frack, eine Art Franzose, der sich unheimlich aufregen konnte, im Sprachlabor, wenn er, sp�ter in Franz�sisch, sich dazuschaltete, aber pl�tzlich mit sehr sanfter Stimme sprach. Schlie�lich der Kriegsveteran Dohr, ein Junggeselle aus Plittersdorf. Sie alle wussten Magnussens Leidenschaft f�rs Lateinische aufrecht zu erhalten, bis zum Abitur. In der Neunten gab Dohr Magnus und einem mausz�hnigen Kameraden noch freie Nachmittagsstunden in Altgriechisch. Spucke und Vokabeln flogen da im Sonnenlicht. Bald aber wurde solcherlei lieber abgebrochen f�r Bier, Weib und Berentzen.</p><p>Man machte Klassenreisen, Skifreizeiten, das �bliche Programm mit Saufen, Hochbetten und Gulasch, das nach Hund roch. Magnussens durchgedrehte Achtundsechziger-Eltern waren immer vorne dabei: Lily Taue, rote Haare, aus Graz stammend, durchdringende, stechend blaue Augen, immer rauchend wie ein Dixportr�t. Im Gegensatz dazu Anwalt Jochen Taue, schmaler, fast eingefallener Mund, pflichtbewusst, fr�herer Kiffer und Revolution�r; geschieden waren sie seit 1979. <emphasis>Scheidungskinder</emphasis>, dachte Magnus, <emphasis>haben sicherlich einen ganz besonderen Schaden.</emphasis></p><p>Und nat�rlich, dann ab der achten, neunten Klasse: die Liebe, die Liebe und die Karnevalspartys. F�r eine dieser Partys in der Turnhalle hatte Magnus einen Piraten gemalt. Keiner wollte sich diesem Bild so richtig n�hern, es war ein wildes, buntes, von Farbe fingerdickes Schlachtengem�lde, das ein Gesicht zeigte. Nur eine stellte sich auff�llig interessiert davor und sah es sich an. Als Magnus dazukam, sah sie ihm kurz in die Augen und ging dann weg. Diese Frau sollte Magnus erst sp�ter, Jahre sp�ter, kennenlernen. Aber wir wollen nicht vorgreifen.</p><p>Als das Abitur n�her r�ckte, hatte Magnus genug von seiner alleinstehenden Mutter, die er �Lily� nennen sollte. Es kam zu folgendem Wortwechsel:</p><p>�Ich kann und will das hier nicht mehr.�</p><p>�Was soll das denn hei�en, Magnus?�</p><p>�Eure Sachen hier. Eure alten Hippiesachen. Und deine Hysterie. Ich gehe aufs Internat.�</p><p>�Wie, aufs Internat? Wie meinst du das?� (Leiser:) �Wir haben kein Geld.�</p><p>�Ich habe mit Regler geredet. Er verschafft mir ein Stipendium.�</p><p>�Aber Magnus���</p><p>�Ich find�s eh schei�e, dass du die so ausnutzt und mich da fast umsonst essen l�sst. Ich find�s schei�e. Dabei kriegst du doch Geld. Ich bin eh immer dort. Wegen des Theaters auch.�</p><p>Pause.</p><p>�Okay. Okay, Magnus. Okay, okay.�</p><p>Ein Lehrer sprach, es war etwa in der Neunten, folgende Worte:</p><p>�Sophokles, der unter den klassischen Tragikern der Erste war, n�mlich der Vortrefflichkeit und Vollendung nach, f�llt mit seinem Geburtsjahre zwischen dem des Aischylos und dem des Euripides ungef�hr in die Mitte, sodass er etwa ein halbes Menschenalter von jedem absteht; die Angaben stimmen nicht ganz �berein. Den gr��ten Teil seines Lebens hindurch war er ihrer beider Zeitgenosse. Mit Aischylos hat er h�ufig um den tragischen Efeukranz gerungen und den Euripides, der doch gleichfalls ein hohes Alter erreichte, noch �berlebt.� Die jungen T�rken der Stadt stellte sich Magnus dabei so vor: <emphasis>Watt? H�?</emphasis></p><p><emphasis>�</emphasis>Man k�nnte den Aischylos einen tragischen Phidias nennen, der zur Erreichung der von ihm gew�nschten Eindr�cke nicht der riesenhaften Gr��e, der Pracht, des Goldes und des Elfenbeins entbehren konnte; wohingegen Sophokles, wie Polykletus, aus schmuckloserem Erz goss, aber mithin Bildungen schuf, welche durch die Vollkommenheiten ihrer Proportionen in den ewigen Kanon eingingen. Sehr bedeutend ist auch der Ausspruch des Philosophen Polemon, welcher den Sophokles einen tragischen Homer nannte, w�hrend wir den Homer einen epischen Sophokles nennen, �h, k�nnen.�</p><p>Als einmal die T�rken eine der stadtbekannten Karnevalspartys st�rmen wollten, stand Regler als l�cherlicher Piratenzwerg vor dem Tor der Schule, einen Baseballschl�ger in der Hand. Magnus sah sich das an und <emphasis>hatte die Faxen dicke</emphasis> und stellte sich vor Regler und sah sich dann demonstrativ um. Oder auch: sah sich das Ganze an. Da trollten die T�rken sich aber, den Berg wieder hinunter. <emphasis>Ersch�tterer �: Anemone, die Erde ist kalt, ist nichts, da murmelt deine Krone ein Wort des Glaubens, des Lichts.</emphasis></p><p>Gottfried Benn. Benn und Latein. <emphasis>Velle, malle, nolle</emphasis>: wollen, lieber wollen, nicht wollen. Ja, was denn nun? Gar nicht wollen? Magnus war verwirrt. Das Wort <emphasis>Ersch�tterer</emphasis> auch. Magnus dachte: Anemone? Ersch�tterer? Ist das eine Aufforderung? Was soll das sein? Er �berlegte. Nur noch enge Engel lecken, dachte er. Keine Anemonensohle weit und breit!</p><p>Aber solche Sprachspielereien halfen ihm auch nicht weiter in seiner gef�hlten Einsamkeit. Die Eltern sa�en manchmal vor der T�r der Sozialwohnung seiner Mutter und rauchten eine. Herr und Frau Taue ergingen sich dann in Erinnerungen an fr�her. Der R�hl, die Meinhof, Schwabing, der Rainer, der Werner. Magnus ging dann wieder los, in die Stadt, was trinken, eine rauchen, alleine sein. Weg von alldem, weit weg.</p></section><section><title><p><strong>ZWEITER TEIL PLANOGRAMME</strong></p></title><epigraph><p>�cause we are living in a material world</p><p>And I am a material girl</p><text-author>Madonna</text-author></epigraph><section><title><p>I.�WARUM SICH DIE H�NDE NICHT SCHMUTZIG MACHEN</p></title><p>Vor der Deutschlandzentrale eines internationalen Mineral�lkonzerns standen zwei Menschen in Anz�gen und betrachteten die hochaufschie�ende Glasfassade des Geb�udes. Es �hnelte in seiner kantigen Fremdheit einem Raumschiff, neongrell und stahlwei� strahlend, j�ngst gelandet wohl und nahtlos eingepasst in das Dreieck zwischen Bauzaun, Parkplatz und Plattenbau.</p><p>�Imposant�, sagte der Mann und fletschte, geblendet vom Sonnenlicht, die Z�hne. �Dieses Geb�ude erinnert mich an ein Geb�ude in Budapest�, sagte die Frau und wischte mit den Fingern in der Luft herum, um seinen Blick auf eine Reihe funkelnder Quergiebel zu lenken, �da.� Der Mann verstand aber nicht, was die Frau sagte; das Rauschen des Verkehrs schluckte ihre d�nnen Worte sofort.</p><p>Statt ihrer Geste zu folgen, betrachtete der Mann heimlich die Silhouette, die ihr K�rper von der Seite darbot: ein wohlgeformtes S, von Brust und Po ausladend beschrieben, weich und rund, in M�dchenhandschrift. Er l�chelte; er kannte das. Sie war wohl eine von denen, wo alles ein wenig zu viel war und ins Plumpe, Matronenhafte lappte. Ihre Beine waren dick und erdverbunden, ihre Korkenzieherlocken ergossen sich als m�chtige M�hne �ber den starken R�cken, die Wangen, rosige, nerv�s durchblutete Backen, strahlten die Erregung einer Nachhilfesch�lerin aus. Altersreife und Teenagerplumpheit verschr�nkten sich in ihren Formen, Sexyness paarte sich mit Schwerkraft, mit Tr�gheit. Vor kurzem noch, es war keine sechs Monate her, hatte es eindeutige Spannungen gegeben zwischen ihnen:</p><empty-line/><p><emphasis>Liebe in Gesch�ftszeiten der B�rohengste.</emphasis></p><p>�Herr K�ppersbusch, k�nnten Sie mir die letzten Nielsen-Daten zum Pizzen-Verkauf im Bistro gleich einmal r�berschicken?�</p><p>�Aber sicher, Frau Kn�ppelprecht, sicher. Ich glaube, die Pizza Salami ist besonders gut gegangen im Fr�hsommer.�</p><p>�Die Pizza Salami.�</p><p>�Ja, die Pizza Salami. Mit Pfefferschote.�</p><p>�Aha, na ja, Salami <emphasis>schmeckt</emphasis> ja auch gut. Mir auch.�</p><p>�Und mir auch. Vor allem mit � Pfefferschote.�</p><p>Pause. Dann Kollision:</p><p>Sie: �Welche Sorte ist denn Ihre���</p><p>Er: �Die Farbe Ihres Stabilos passt hervorragend zu Ihrer���</p><p>Sie: �Bluse! Danke, Herr K�ppersbusch. Ihnen w�rde <emphasis>(Achtung, Teaser)</emphasis> was Blaues hin und wieder auch stehen.�</p><p>Er: �Was Sie nicht sagen, Frau Kn�ppelprecht. Ich habe mir gerade gestern ein blaues Jackett zugelegt.�</p><p>Sie: �Na, also.�</p><p>Er: �Na, bitte. Da erg�nzen wir uns ja. Bis sp�ter, Frau Kr�ppelsrecht.�</p><p>Sie: �Das tun wir. Bis sp�ter, Herr Knoppersmusch.�</p><empty-line/><p>Das B�ro war aufgeheizt gewesen vom Lustsurren der Ventilatoren. Die Blicke hatten gegl�ht, in verstohlener Erwartung, zwischen Zahlenkolonnen, Zettelrauschen und Schnellgetippse, im Funkenflug der B�roklammern, und nichts h�tte der Mann lieber gewollt, als dieser Dame Bl��e in einem g�nstigen Augenblick ganz unkollegial zu entdecken, sagen wir: sie schnell mal auf dem Kopierer zu nehmen, o ja. Diese Spannung hatte sich aber nie entladen d�rfen oder k�nnen; schade, eigentlich. Und so war sie nur weniger geworden mit der Zeit, hatte sich bald wieder verloren im Alltag, im Berufsleben, im st�ndlichen Klein-Klein der Tabellenanalysen.</p><p>Nur in der Expressivit�t mancher seiner Gesten schien die alte Leidenschaft, die schon verfaulte Lust, bisweilen noch auf: Wie manieriert er ihr in den Mantel half, sie so dezent wie bestimmt am Ellenbogen fasste, durchdringend ansah, eine ironische und zugleich bitterernste Verbeugung andeutete oder ihr auf besondere Weise sein Ohr lieh; und auch auf ihrer Seite gab es solche Echos, etwa in der gespielten Zweideutigkeit ihres L�chelns, das alles und zugleich nichts bedeuten wollte, oder in dem pl�tzlichen Funkeln ihrer haselnussfarbenen Augen unter den gehobenen Brauen, das eine leere Gemeinschaft widerspiegelte, ein Vakuum der Vertrautheit.</p><p>So auch jetzt. Sie schwieg und l�chelte ihn an. Und wartete auf seinen Einsatz. Prompt begann er, �ber einen ber�hmten Architekten zu reden, dessen Namen ihm jedoch partout nicht einfallen wollte, er palaverte �ber den Potsdamer Platz, der nur einige Autominuten entfernt lag, streifte dabei das Wort �Postmoderne�, welches durch einen s�uerlichen Gesichtsausdruck sogleich negativ markiert wurde � als etwas Abgehobenes, Praxisfernes, als etwas <emphasis>Sogenanntes</emphasis>. Beide waren sich v�llig bewusst dar�ber, dass sie nur redeten, um Zeit herauszuschinden. Sie waren einen Tick zu fr�h hier und mussten noch ein, zwei Minuten �berbr�cken. Wer zu fr�h kommt, wirkt bed�rftig. W�hrend seine Finger ein imagin�res Fenster andeuteten, fast z�rtlich, fast wehm�tig, und seine Worte keinen rechten Sinn ergaben, l�chelte sie und z�hlte die Sekunden mit. Noch vierzig. Noch drei�ig. Noch zehn. <emphasis>Jetzt</emphasis>.</p><empty-line/><p>Erst eine Dose Red Bull, dann einen Tunnel Drink, dann ein Flying Horse. Er trank einen Guaran�, einen XTC und einen Virgin Energy. Es stie� ihm s��-s�uerlich auf. Die Dosen waren alle schlank und elegant. Sie schepperten nicht so laut wie Coladosen, wenn man sie fallen lie�. Sie lagen weich und griffig in der Hand. Thorsten K�hnemund mochte Energy Drinks, ihren Geschmack nach Gummib�rchen, ihre Gaumenmilde, ihren Ersatznahrungscharakter, das Taurin. Er sp�rte sein Herz h�pfen, w�hrend er den neuen Logoentwurf studierte.</p><p>Das Logo war von einer Agentur in Mailand dynamisiert und polydimensioniert worden � es konnte jetzt mehrfach verstanden werden. Die Farben der fusionierten Firmen waren ber�cksichtigt und mit eingearbeitet worden: f�nf ineinanderfahrende Streifen, die einen Kegel formten. Der Kegel stand f�r Kraft, Energie, Monopol. Und er �hnelte entfernt einem �lturm. Thorsten fand, dass das zu einem Mineral�lkonzern passte. Er zurrte den Krawattenknoten zurecht und ging zum Aufzug. Auf dem Weg dahin fummelte er sich eine Zigarette an. Vor dem Fahrstuhl warteten bereits die beiden Praktikantinnen aus der Unternehmenskommunikation, M�dchen in grauen Anz�gen. Er gr��te sachlich und l�chelte charmant. Sie l�chelten zur�ck, und er konnte nicht anders, als sich ihre gertenschlanken K�rper f�r einen kurzen Moment in obsz�ner Verknotung vorzustellen, nackt und hitzig, im Schwei�bad, ihre M�nder gierig offen in Erwartung.</p><empty-line/><p>Unten wurde jetzt der verglaste Aufzug bewundert, die transparente Flaschenzug-Konstruktion mit den freischwebenden Gewichten. Die G�ste sa�en im Atrium, in Ledersitzen, die Beine �bereinander geschlagen. Der Mann lie� ein paar physikalische Begriffe fallen und skizzierte Funktionsweise und Geschichte (�die �gypter, die Pyramiden!�) des Flaschenzugs. Die Frau blickte ihn an, hob kokett eine Augenbraue. Eine Korkenzieherlocke, die ihr frech �ber die Stirn gefallen war, wurde nicht zur�ckgesteckt. Sie betrachtete seinen Lippenschwung, der sich im Reden st�ndig verschob. Er hatte Comiclippen mit einem Bartschatten darum, als h�tte ein Zeichner sich soeben entschlossen, diesem Kerl etwas Verwegenes, Raubeiniges zu verleihen, indem er ihm Wangen, Kinn und Oberlippe fein schraffierte. Sie wusste, dass sie ihn halb schmachtend, halb sachlich anblickte, und sie wusste, dass er es wusste. Die sexuelle Spannung von einst diente ihnen inzwischen als einheitsstiftendes Tool, als jederzeit einsetzbares und vertrautes Instrument, das sie spielen, dessen Klang sie modulieren konnten, wie es ihnen passte. Es konnte beliebig herbeizitiert und k�nstlich reanimiert werden, um tempor�ren Teamgeist zu schaffen, um aus zwei Monaden eine Diode zu zaubern, elektrisch aufgeladen und abgesichert gegen die b�se Konkurrenz.</p><p>Lautlos glitt einer der beiden Aufz�ge herab. Heraus trat ein Mann, oder eher: ein Bild von einem Mann, mit blondem, leicht gelocktem, schwer gelgeh�rtetem Seitenscheitel und stattlichem Kreuz, insgesamt eher von mittlerer, fast kleiner Statur, aber mit einem Blick begabt, der einen � und erst <emphasis>eine</emphasis> � sp�ttisch durchdrang, sekundiert von einem wissenden L�cheln, Wangengr�bchen, Brad-Pitt-Augen, Prinz-Eisenherz-Kinn. Ein Macher, ein Tunichtgut, ein Duellant.</p><p>Die Frau verga� sich kurz, verga� Auftrag und Teamgeist. Er kam auf sie zu, fixierte sie, dann ihn, dann wieder sie. Sie sch�ttelten einander die H�nde, offiziell, steifnackig wie Kommunalpolitiker, auch wenn ihre Blicke seltsam flackerten.</p><empty-line/><p>�K�hnemund�, sagte das Bild von einem Mann, mit seinem Mund, dem geschwungenen, �Thorsten K�hnemund, guten Tag, ich freue mich.�</p><p>Jaja, dachte die Frau und starrte auf sein gespaltenes Kinn, mit mir nicht, du Arsch, mit mir nicht.</p></section><section><title><p>II. ALS SPACEMEN SICH DEN RAUM ERTROTZTEN</p></title><p>Ein Unternehmen, das wie ein Raumschiff strahlt, ist auch ein uraltes Insekt. Sein Panzer ist fest und trotzig, sein Blut kein Blut, sondern �l: �l aus den Adern der Erde, Quallenblut, Steinsaft, Fett der Saurier, menschenfern. Ein gepanzertes Tier hat teil am gro�en Puls der Welt, der durch die Pipelines str�mt, in den Kabeln sirrt, �ber die Tabellen wabert, aus den Medien tickert � so wie alle ticken und weben und spannen und leben.</p><p>Das Tier sendet, frisst, empf�ngt, scheidet aus, ein Insekt aus lauter kleinen Insekten, ein Ameisenstaat, der tagaus, tagein seinen Hort bef�llt, emsig nagt und rechnet, die optimalen Strategien generiert f�r Schmierstoffverkauf, Shopumbau, Imagewertsteigerung, Kundenbindungsplan.</p><p>Ein Unternehmen, das ein Insekt ist, ist auch eine Staatsqualle: Bilanzen summen in den Geh�rg�ngen ehrgeiziger Manager, geben den Takt auf den Fluren vor, das Schritttempo der Beine in Nadelstreifen (so leichtf��ig, der Teppich d�mpft alles), ein Ticker in jedem Kopf.</p><empty-line/><p>Wenn man sich einem solchen Geb�ude von au�en n�hert, suggeriert es Transparenz. Viel Glas und Licht l�dt den Blick in die Tiefe ein. Ohne opak zu sein, bleibt das Geb�ude aber dennoch undurchsichtig. Es versperrt die Sicht nicht, es zerstreut sie, und zwar mit Methode. Lichtreflexe auf Lichtreflexen ziehen den Blick in eine schwindelnde Tiefe, die gar nicht da, sondern Illusion ist, der Blick zersprengt sich an der Oberfl�che, ohne es zu merken, und bevor das invertierte Bild, das auf die Retina trifft, vom Hirn �berhaupt umgerechnet werden k�nnte, hat es sich tausendfach verfl�chtigt in gefrorene Quecksilbersprengsel, umgemorpht zu Glitzereffekten, transzendiert in reine Oberfl�che, an der alles und jeder abgleitet. Dahinter summt ein weggespiegelter Abgrund.</p><empty-line/><p>So wie die Welt der Wirtschaft die Idee von Vergangenheit leugnet, indem sie sie in Ergebnisse und Erfahrungswerte aufl�st, Ged�chtnis nur als Notat auf Monitoren und Papieren kennt und Erinnerungsreste in Zukunftskonzepte umm�nzt, so lebte Thorsten K�hnemund im Hier und Jetzt, im Modus eines st�ndig sich erneuernden Pr�sens, das die Zukunft nur als Fluchtpunkt kannte. Diese Illusionslosigkeit, die der wahren Existenz des Menschen n�her kommt, als diesem gemeinhin lieb ist, erfuhr er als zynisches Gl�ck, als immerwei�en Blankoscheck und Freischein, tun und machen und lassen zu k�nnen, was er wollte. Selbst dass die Zukunft im Unternehmen eine gro�e, wenn nicht die gr��te Rolle spielte (denn alles Profitdenken richtet sich naturgem�� auf die Zukunft) � selbst diese doch seine Lebenswelt bestimmende, zutiefst kapitalistische Protension beeinflusste sein Denken nur sozusagen professionell. Im B�ro wertete er Marktstatistiken, Verbraucheranalysen und AC-Nielsen-Daten aus, um neuen, kommenden Verkaufskonzepten den bestm�glichen Unterbau zu verschaffen, auf dass die Zukunft margentr�chtig gedeihe. Im Privaten dagegen hangelte er sich von Augenblick zu Augenblick, wucherte im Jetzt, zwar liiert, zwar in einer typisch westberlinerischen Altbauwohnung voller Design und Raumgef�hl angekommen und mit den n�tigen Sicherheiten und Luxusg�tern ausgestattet, aber dennoch immer auf dem Sprung, <emphasis>on the run</emphasis>, zutiefst unzuverl�ssig, ohne dass dies sich bisher je manifestiert h�tte, innerlich unstet, unter der verk�hlten Fassade hei�nerv�s und grunds�tzlich imstande, sein ganzes Leben von einem Moment auf den anderen zu verlassen, ein neues anzufangen oder gar alles, alle ihm m�glichen Leben mit einem Strich zu beenden, einfach so, im Feuer. Insofern war er ein negativer M�glichkeitsmensch. Jedenfalls war dies sein Eindruck von sich selbst. Er hielt sich f�r einen Hedonisten, einen Augenblicksjongleur unter der Maske des erfolgreichen, verantwortlichen Managers, der nur angesichts der jederzeit m�glichen Katastrophe so weiterleben konnte, wie er lebte.</p><empty-line/><p>Er trank einen Red Bull, spielte mit seinem Schl�sselanh�nger und lauschte den Er�rterungen der beiden Gro�handelsvertreter. Es ging um neue m�gliche Erweiterungen des Tiefk�hlsortiments in den Shops, die Erf�llung sehr spezieller Kundenw�nsche betreffend, gerade am Wochenende oder feiertags, tiefgefrorene Preiselbeeren etwa und handgesalzene Lachse. Thorsten fand sowohl die Sortimentserweiterungen als auch die Dame, die diese k�hl und sachlich anpries, h�chst interessant. Unten im Atrium hatte er sofort ein Zucken wahrgenommen, das seltsam unlokalisierbar geblieben war. Es war nicht recht in ihrem Gesicht gewesen, aber auch nicht in seinem: Es war eher zwischen ihnen gewesen, ein kurzer Energieschub, ein Lichtwechsel, wie wenn Wolken die Sonne umschatten und die Szene willk�rlich abdimmen, und er hatte gesehen, dass auch sie es wahrnahm, er sah es an der Art, wie sie sich gespielt geschmeidig aus der schwarzen Ledercouch schraubte und in katzenhafter G�nze pr�sentierte. Und wieder, wie immer, hatte er nicht anders gekonnt, als diese Frau halbnackt und willig zu sehen; es war ein innerer Reflex, mit dem er leben musste, ein zwanghaftes Bild, das in Variationen angesichts jeder attraktiven Frau in ihm aufblitzte, ein Hurenbild mit aufgekn�pfter Bluse und hervorwippenden, wei�en Br�sten, die ihm entgegenwuchsen, und mehreren lasziven M�ndern, aus denen schnelle Zungen schossen, die volle Lippen leckten.</p><p>Denn Thorsten war im Laufe seines nun schon siebenunddrei�igj�hrigen Lebens zu einer Art <emphasis>Sexmaniac</emphasis> geworden � manisch in der Tat und noch mehr im Geiste. Gemeinhin wird unserer Medienwelt nachgesagt, einer allumfassenden und tiefgehenden Sexualisierung anheimgefallen zu sein und diese zu progagieren: kein Werbebild, das nicht den perfekten K�rper und seine allgegenw�rtige Verf�gbarkeit feierte; kein Slogan, der sich nicht einer obsz�nen Zweideutigkeit verdankte; keine Show, die nicht irgendwelche Geilheiten bediente, um die omnipotente Quote zu befriedigen. Entfesselter Sexus auf allen Kan�len, vielfach kodiert, aber immer offensichtlich. �hnliches war Thorstens Bewusstsein passiert: Es war durchsexualisiert worden, und zwar komplett.</p><p>Mit der wachsenden Erfahrung korrespondierte eine verk�mmernde Phantasie. Fr�her war ihm �das Reich der Sinne� ein barockes, grelles M�rchenreich gewesen, bewohnt von Engeln, Pfauen und ein paar blendend wei�en D�monen, ein Vielstromland voller Geheimnisse und sinnlicher Utopien. Inzwischen war jedes Geheimnis mit dem Schwei�e der zig Geschlechtsakte verdunstet und abgewaschen. Alles lag offen und banal vor ihm, Fleisch auf Fleisch, Biologie, Trieb, Reiz und Reaktion. Das R�tsel Weib war ihm zum Porno-Filmstill verkommen. Ob er von der gescholtenen Medienwelt derart versaut worden war oder ob er die Konditionierung selbst verschuldet hatte, blieb gleichg�ltig. Er wusste nicht, wie normal oder gut oder schlecht es war, es war einfach. Er sah eine Frau, sie wurde zum mentalen Pin-up, und weiter ging das Leben.</p><empty-line/><p>Diese Frau aber sprang auf sein Gehabe an. Das merkte er. Ungeduldig rieb sie ihren Scho� am Sitzpolster. Aber ein Meeting ist ein Meeting, und auf Meetings sind Interessen durchzusetzen. �ber die franz�sische Nonchalance, in deren Namen den Gesch�ftspartnerinnen s��liche Komplimente gemacht werden k�nnen (er hatte w�hrend des Studiums als Praktikant bei einem gro�en Kosmetikunternehmen in Paris gearbeitet und dort die kunstvolle Leichtigkeit des gesch�ftlichen Umgangs erlernt), durfte dieser Flirt nicht hinausgehen. Er zerdr�ckte die Red-Bull-Dose, pfiff durch die Z�hne, setzte ein unbedarftes Gesicht auf und sagte zu dem Mann:</p><p>�Das sind tats�chlich interessante Perspektiven. Ich werde das mit meiner Abteilung besprechen und Ihnen innerhalb der n�chsten Woche Nachricht zukommen lassen.�</p><p>Alles entspannte sich. Eine Einigung zeichnete sich ab. Eine Einigung ist immer ein Genuss. Er begleitete die beiden zum Aufzug, verabschiedete den Mann mit einem kr�ftigen H�ndedruck, die Frau �berdies mit der Bemerkung, dass ihre Brosche hervorragend zu ihrem Rock passe. Das war gegen die Norm. Mit solcherart Komplimenten konnten Kontakte w�nschenswerterweise er�ffnet, aber keinesfalls verabschiedet werden. Sie dankte es ihm mit einem besonders festen H�ndedruck und hob kokett eine Augenbraue. Dann schloss sich die Fahrstuhlt�r, und er sah die beiden durch das Glas hinabfahren. Er z�ndete sich eine Zigarette an.</p><p>Und ob, du Schlampe. Und ob.</p><empty-line/><p>Nach dem Mittagessen war ein Briefing f�r die neue �Welcome�-Ausgabe angesetzt. �Welcome�, so hie� das unternehmensinterne Partnermagazin. Es erschien alle zwei Monate und wurde an die Tankstellenp�chter zu Instruktionszwecken und wegen der Trendberichte, an die Industriekooperatoren aus Gr�nden der Imagepflege versandt. Ein neuer journalistischer Mitarbeiter war angek�ndigt. Der bisherige Redaktionsstab von �Welcome� bestand aus drei desillusionierten Schreibern um die vierzig, die irgendwann ihr Stadtmagazin- oder Filmkritikerdasein an den Nagel geh�ngt hatten und sich nun wegen des doppelt so hohen Zeilengeldes als Industriejournalisten verdingten. Der Neue sei anders, j�nger, unverbrauchter, hatte die Chefredakteurin auf dem Flur gesagt. Ein Artikel �ber die neuen Space-Management-Konzepte war vorzubereiten.</p><p>�Space Management�, dozierte Thorsten eine halbe Stunde sp�ter, �ist die umsatzsteigernde Neustrukturierung und Optimierung von Shopbereichen.� Er blickte in ein seltsam verwaschenes Gesicht. Der neue Journalist, Magnus Taue beim Namen, sa� ihm ausdruckslos, wom�glich feindselig gegen�ber und hielt sich an seiner abgenutzten Plattentasche fest. Er war tats�chlich j�nger als die anderen, hatte aber einen altklugen Zug um die verkniffenen Lippen, war leicht aufgedunsen und sehr bleich. Seine Augen blickten stechend, bohrten sich in Thorstens Gesicht fest, schienen jedoch leicht zu tr�nen. Die Gesichtsz�ge, eigentlich die eines Charakterkopfes, wirkten verschwommen, teigig.</p><p>�Wollen Sie nicht mitschreiben?�, fragte Fran�oise Starck, die Chefredakteurin von �Welcome�.</p><p>�Doch, nat�rlich�, antwortete Taue, kramte in seiner Plattentasche und l�chelte still in sich hinein. Er war Thorsten unsympathisch.</p><empty-line/><p>Auf die Wand war das Spaceman-Planogramm projiziert. Ein idealtypisches K�hlregal, in das alle relevanten Warengruppen in Form von feinen, �bersichtlichen Bl�cken einsortiert waren: Energy Drinks, Sportgetr�nke, S�fte regional, S�fte national, Wasser, Premixe, Softdrinks, Sekt. Thorsten liebte diese effiziente, saubere �sthetik des Kapitalismus. Alles lag offen, die Fehler konnten begriffen, die Sch�nheit gesteigert werden. Nichts war ihm angenehmer als eine Reihe Logos oder eine Serie gleichf�rmiger, werkfrischer K�hlprodukte. Diese hier waren von der Agentur digital gezeichnet und per Copy &amp; Paste einheitlich und makellos nebeneinander gestellt worden. Das verst�rkte den Effekt der Gleichf�rmigkeit, der perfekt polierten, umsatzsteigernden Oberfl�che. Multifacing sorgt f�r Warendruck, Masse verkauft Masse.</p><p>Thorsten dozierte weiter. �Welche Daten flie�en also ein bei der Erstellung eines Planogramms? Zun�chst werden die Warengruppen analysiert und strukturiert. Eine Warengruppenstruktur wird definiert und nach den Ums�tzen bewertet. Wie gro� ist beispielsweise der Umsatzanteil von Wasser ohne Kohlenstoffdioxid am gesamten Wassersegment? Wie gro� an dem der alkoholfreien Getr�nke? Danach werden Warengruppen-Taktiken festgelegt. Trends, Regionalit�tsfaktoren und netzinterne Besonderheiten der jeweiligen Gruppen werden im sogenannten Warengruppenbarometer zusammengefasst.</p><empty-line/><p>Nehmen wir die Warengruppe Wein als Beispiel: Wie Sie sehen, w�chst hier der Trend, wir haben eine gro�e Sortimentsbreite und � tiefe, Regionalit�t spielt eine Rolle, der Fl�chenanteil ist mittelwertig, und der Schwerpunkt liegt nicht beim Impuls-, sondern beim Zielkauf. Das ergibt spezifische Platzierungs- und Optimierungsalternativen. Nach Eruierung dieser Faktoren werden die Ma�e der Shopm�bel und der Produkte bei den Herstellern eingeholt oder, wenn n�tig, eigenh�ndig ausgemessen, um die Regalierungstypen zu definieren und die sinnvollsten unter ihnen zu bestimmen. Die Artikel werden vor Ort an der Station genau vermessen und dann gem�� ihrer Ums�tze ausgew�hlt, um schlie�lich im Planogramm platziert zu werden. Es flie�en also Regaldaten, Artikelma�e, markt- und netzinterne Daten in ein Planogramm ein, um die optimale Gestaltung des Shops zu gew�hrleisten.�</p><p>W�hrend er dem metallenen Klang seiner eigenen Stimme lauschte und genoss, wie der steril ausgeleuchtete Raum sich mit seinen Worten f�llte, sp�rte Thorsten doch eine st�ndige Irritation, die sich in sein Diktat mischte und so an seiner Autorit�t kratzte. Wie eine Fliege, die nicht verscheucht werden kann und sich einen Dreck schert, wessen Ohr sie da nervt, hing ein Ger�usch in der Luft, ein Knistern oder Rascheln, das ihn anging, das sich unter sein Reden legte und seine rhetorischen Kreise st�rte. Wie immer bei einer gef�hlten St�rung, deren Herkunft noch nicht klar war, juckte es in Thorstens Nase. Gereizt verzog er die Miene, rieb sich die Nasenfl�gel, massierte den Nasensteg. Er ging zum Fenster und schn�uzte sich dort, <emphasis>Steuerung der Einzelsegmente, h�chstm�gliche Margen,</emphasis> starrte auf die Baukr�ne, die wie gro�e, futuristische Heuschrecken aussahen. Was war das blo� f�r ein Ger�usch? <emphasis>TOP-Produkte, Kingsize-L�sung,</emphasis> h�rte er sich reden, kaum mehr bei der Sache, seine Stimme schepperte, <emphasis>Roll-out, Zoning, Kaufanreiz, Convenience</emphasis>, etwas schabte in Thorstens Hals, ein totes Insekt klebte zwischen seinen Stimmb�ndern, ein staubiger Nachtfalter; er lie� eine Flying-Horse-Dose aufknacken und st�rzte sie, <emphasis>Entschuldigung,</emphasis> in kleinen Schl�cken hinunter. Unten standen die Bauarbeiter und bewegten sich nicht, behelmt und starr wie Playmobilfiguren im Sandkastensand.</p><p>Er hatte den Faden verloren.</p><p>Schweigen breitete sich aus.</p><p>Die Kr�ne sagten nichts.</p><empty-line/><p>Aber das St�rger�usch war noch da, in seinem R�cken, ein Rascheln oder Kratzen, das nicht aufh�ren wollte. Er drehte sich um, v�llig entgeistert, suchte. Sein Blick schweifte �ber Monitor, Tischkalender, Schokoproben, an der Wand entlang, den Warholprint streifend, �ber Alkopops-K�sten und Logoplakate hinweg. Dann entdeckte er endlich die Quelle, es war ein kleines Objekt, das sich bewegte, mit der Hartn�ckigkeit eines Seismographen. <emphasis>Doktor Mabuse</emphasis>, schoss es Thorsten durch den Kopf.</p><p>Denn der Journalist, von dem das Ger�usch zweifellos ausging, sa� derart verwachsen und zusammengekr�mmt �ber seinem Notizblock, dass ihm hinten eine Art zweih�ckriger Buckel hervortrat, den das hellblaue Oberhemd nur unzureichend verbergen konnte. Seine Haare schienen zerzauster als zuvor, wilde Filzflammen, die ihm �ber die Ohren wuchsen, und er schrieb mit, aber wie, wie schrieb der mit, mit einer Intensit�t, die allein beim Zusehen wehtat, seine Finger umklammerten den Stabilo-Stift so verkrampft, dass die Kn�chel wei� hervortraten, feingliedrig und nikotingelb, sie zitterten, und mit ihnen die Schrift, unleserliche Zeichen oder Zeichnungen, die in das Papier gesenkt, ge�tzt wurden, wie Privatsteno in eine Lithographieplatte geritzt, und die Stiftspitze kratzte nicht auf dem, sondern wirklich <emphasis>in</emphasis> das Papier, eine rastlose, kaum sichtbare Bewegung sonderte pausenlos dieses perfide Ger�usch ab, das Thorsten kalte Wellen den R�cken hinunter schickte, wie das Knirschen der Kreide auf der Tafel, wie das Streifen des Fingernagels �ber Schiefer, ein Knistern, Knacken, das zu den Filzflammen auf dem Kopf des selbstvergessenen Schreibers passte.</p><p><emphasis>Wie ein Irrer</emphasis>, dachte Thorsten und hatte dabei doch schon l�ngst sich selbst vergessen, denn jetzt fiel ihm auf, dass seine beiden Zuh�rer ihn anblickten, in Erwartung weiterer Details, und dass nicht Mabuse, sondern er es war, der den Betrieb aufhielt.</p><empty-line/><p>Das Ger�usch aber setzte sich fort.</p><p>Der Journalist schrieb weiter, w�hrend er Thorsten anstierte, mit diesen nassen Augen, diesem hei�en Blick darin, und unten bewegte der Stift sich wie von selbst.</p><p>Dieser Mensch war Thorsten unsympathisch, aber auf die l�stige, zu nahe Art und Weise, wie Verwandte einem unsympathisch sind, Verwandte, die man nicht loswird au�er durch den Tod. Thorsten musste pl�tzlich niesen, er drehte sich zum Fenster, hob die Hand, und es preschte los, das Niesen durchfuhr seinen K�rper mit einer Gewalt, die ihn fast umwarf. Die Kr�ne nickten. Er sch�ttelte sich wohlig. Niesen hat denselben Effekt auf den K�rper wie ein halber Orgasmus, hatte er in irgendeiner M�nnerzeitschrift gelesen. Jetzt konnte er sich wieder fangen. Zufrieden drehte er sich um. Das Ger�usch hatte aufgeh�rt.</p><p>�Gesundheit�, sagte Taue, der Journalist, und l�chelte verschlagen.</p><p>�Danke�, sagte Thorsten und stand wie angewurzelt, denn so verdeckte er das kleine Malheur, das er auf der Fensterscheibe hinterlassen hatte.</p><p>�Wo war ich stehen geblieben?�</p><p>�Tiefk�hlkost�, sagte Taue. Es klang wie aus dem Telefonh�rer.</p><p>�Richtig�, sagte Thorsten, schn�uzte sich und dachte: <emphasis>Den kenne ich doch.</emphasis></p><empty-line/><p>�Richtig�, sagte er nochmals. �Das Beispiel Tiefk�hlkost. In diesem Bereich ist die Pizza mit neunundsiebzig Prozent Umsatzanteil absoluter Spitzenreiter, gefolgt von Baguettes und Ciabattas mit zusammen elf Prozent. Danach folgt das Sonstige: Pommes frites, Fisch, S��es, Gr�nes. In der Tiefk�hlkost-Herstellersparte f�hrt Wagner knapp vor Dr.�Oetker, gefolgt von Langnese Iglu, danach Freiberger und andere. Was sagt uns das? Das neue Catman-Spaceman-Konzept gibt sofort Antwort: Um das Sortiment zu optimieren, m�ssen wir das Angebot erstens in den Warengruppen auf Pizzen und Baguettes und zweitens bei den Herstellern auf die Top-Marken Wagner, Dr.�Oetker und Iglu reduzieren. Nur die Spitzenreiter d�rfen bleiben. Das bringt Struktur ins K�hlregal und erh�ht den Ertrag. Gefrorene Heidelbeeren f�r Gro�mutters Sonntagstorte oder Rotkohl f�r die Weihnachtsgans haben in der K�hlung nichts verloren: Sie nehmen nur Platz weg, st�ren die �bersichtlichkeit und bringen absurd wenig Umsatz! Haben Sie das?�</p><p>Ritz-ritz-ritz ging der Stift �ber das Papier. Taue nickte und schob sein gelbes Teigkinn vor. Der Tr�nenfilm auf seinen Augen wurde dichter. Oder war es nun Thorstens Blick, der langsam verschwamm? Ihm d�mmerte: Irgendwoher kannte er dieses Gesicht. Von fr�her, aus Bonn wom�glich, oder aus Amerika? Nur war das Gesicht damals deutlicher es selbst gewesen, mit richtigen Konturen, fast schon karikaturhaft stark. Dies hier war nur ein verblichener Rest, eine Reminiszenz, ein Durchschimmern, ein Abdruck wie auf einem hellen T-Shirt, das versehentlich mit den Jeans in die Waschmaschine geraten ist: der Abschein einer Erinnerung.</p><empty-line/><p>Thorsten wurde langsam aggressiv. Was suchte dieser Typ hier? Woher kam der, und warum besch�ftigte sich irgendeine Dunkelkammer in Thorstens Hirn mit ihm? Was wurde dort entwickelt? Seine Nase begann wieder zu jucken. Nur ein Negativ, schoss es ihm durch den Kopf, nur ein Negativ. Dann noch einige Details, einige Anweisungen zum Aufbau des Artikels: �kleinteilige Splitterung in K�sten�, <emphasis>Focus-</emphasis>Style, h�ppchenweise pr�sentiert. Taue h�rte sich das alles an, l�chelte (sp�ttisch? sp�ttisch!) und verabschiedete sich schlie�lich, verstellten Ganges, mit Knien, die nicht durchgedr�ckt wurden, mit federnden, schleichenden Schritten. Auch das kam Thorsten bekannt vor. Dieser Mensch war nicht nur unsympathisch, er war ihm in seiner Verschlagenheit geradezu unheimlich. Er �berlegte. Ja, irgendwoher kannte er dieses Gesicht, diese Art: dieses Unfertige, Gehemmte, Vorwurfsvolle. Diese Unterschichten�berheblichkeit, den Stolz der h�ngenden Schultern. Nur woher?</p></section><section><title><p>III. MEHLIGE KEHLEN</p></title><p>Ich brauche andere Reize, dachte Thorsten sp�ter, als die Nacht den Tag gn�dig abgel�st hatte und die tanzenden K�rper vor ihm herumwirbelten. Andere Reize, Frischstoff f�r die Augen, Effekttrigger im Hypothalamus, dachte er, alles M�gliche, um die Synapsen neu zu tunen. Das hier hatte er schon zu oft gesehen und in sich aufgesogen: die Nachtgesichter der Frauen und M�nner, die Verhakungen auf der Tanzfl�che, die vieldeutigen Gesten und Blicke.</p><p>Z-f�rmig zuckten die Lichter und stapelten sich �bereinander; ein Gesicht schien auf, das er von woanders her kannte, mit zusammengewachsenen Augenbrauen wie ein stilisiertes, breites Vogel-V und hervorw�lbenden Lippen; ein Lichtpilz schwirrte dar�ber hinweg und zerplatzte �ber der Tanzfl�che.</p><p><emphasis>Kennen die, die ich vom Sehen kenne, mich auch vom Sehen?</emphasis>, fragte er sich, w�hrend er sich durch die Menge schaufelte, um zur Bar zu gelangen. Er dachte dabei an den verschlagenen Journalisten vom Nachmittag. Ein weiteres bekanntes Gesicht tauchte auf aus der Dunkelheit, glei�te hoch, driftete seitw�rts aus seinem Blickfeld und vergl�hte. <emphasis>Wie viele kennen mich, die ich nicht kenne? Wie gro� ist die Schnittmenge</emphasis>? Fragen, die, kaum gestellt, sofort wieder erloschen.</p><p>Er kippte den Bourbon hinunter und bestellte einen weiteren. Der erste Bourbon schmeckte immer wie eine scharfe, magens�ubernde Medizin, die seine Speiser�hre bei jedem Schluck ansengte, der zweite schmeckte wie linderndes �l, das den Brand wieder schloss. Er nahm ein Bier, um nachzusp�len. Edwin sa� neben ihm und wischte sich den Mund mit seiner Krawatte ab.</p><empty-line/><p>Edwin sagte: �Jedenfalls ist die eine solche Glam-Zicke.�</p><p>Thorsten nickte, ohne zu wissen, von welcher Frau Edwin sprach.</p><p>�Es gibt diese Frauen�, sagte Edwin, �die klackern extralaut mit ihren Klackerst�ckeln, die wuchten ihre Abs�tze so hart in den Asphalt, dass es den ganzen Ku�damm runterhallt, und die L�wenm�hne und das Gucci-T�schchen wackeln im Takt der Schritte, auf eine Art, dass einem das kalte Kotzen kommt. Und das soll dann Selbstbewusstsein bedeuten. Proll-Glam-Zicke! Und das mir!�</p><p>Thorsten stellte sich noch einen Grasovka und ein Bier in den Magen. Er gab der Bedienung ein Zeichen. Sie kam und beugte sich vorn�ber, um seine Bestellung entgegenzunehmen. Er sah ihr in den Ausschnitt und wusste, dass sie es sah. Er l�chelte; sie verzog keine Miene. Sie hatte einmal in einer Popband gespielt, hie� es, die einst Vorband einer anderen, weitaus ber�hmteren Band gewesen war. Thorsten kannte sich da nicht aus.</p><p>�Und ihr�, sagte er, als die Bedienung wieder weg war, �ihr wart nur im Bett? Fuck Buddys? Oder was?� Er musste ein G�hnen unterdr�cken. Der Wodka-Bull schmeckte s�uerlich.</p><p>�Experimentaltheater�, sagte Edwin. �Ins Experimentaltheater bin ich gegangen, drei-, viermal. Die studiert ja Theaterwissenschaften.�</p><p>�Ouh�, hauchte Thorsten ironisch, steckte sich eine Zigarette an und zog gierig an ihr.</p><p>�Ja. Daf�r gab�s dann aber auch Experimentaltheater im Bett�, grunzte Edwin, �aber hallo! Akrobatik!�, schrie er und wischte sich mit dem �rmel �ber die gl�nzende Stirn.</p><p>�Ouh�, sagte Thorsten wieder, �h�rt sich nicht gut an, h�rt sich gar nicht gut an.�</p><empty-line/><p>�Doch, war aber gut, war aber sehr gut�, sagte Edwin, �das ist es ja, das ist ja das Problem. Sie ist ein weiblicher Fakir, eine Schlangenfrau, ein Wunderwerk der Elastik!�</p><p>�Ich verstehe�, zwinkerte Thorsten d�mmlich und winkte die Bedienung erneut herbei, um Edwin davon abzuhalten, weiter ins Detail zu gehen. Er konnte seinen Saufkumpan gerade schlecht ertragen, er konnte sich nicht ertragen.</p><p>Die Bedienung schlurfte heran, misstrauisch.</p><p>Thorsten sagte: �Mein Kollege hier und ich, wir m�chten heute ans Limit gehen, werte Dame. Haben Sie eine Empfehlung? Einen Drink wom�glich, der uns ausknockt mit der Geraden? Den Muhammad Ali unter den Drinks, sozusagen? Wir sp�ren n�mlich nichts mehr, werte Dame�, sagte er. �Wir sind stumpf. Wir brauchen�s mit dem Vorschlaghammer. Sonst sind wir tot.�</p><p>�Spinner�, sagte die Bedienung und schmunzelte; in ihren Augen funkelte eine Discokugel.</p><p>Thorsten sagte: �Ich kann erkennen, dass diese Augen auch schon bessere Zeiten gesehen haben. Das Feuer in ihnen, wie lang ist es erloschen? Komm n�her, Hase. Gl�ht da noch was? Ich sehe nur Asche. Willst du dich nicht mit uns feuern, feiern, Ferien nehmen von dir selbst? Nein? Wie hei�t du, Hase? Willst du auch was trinken? Du bist eingeladen. Heute wird attackiert. Bis ans Limit gehen wir heute. Wir fahren am Anschlag, roter Bereich. Was geht noch heute Abend? Geht heute Abend noch was? Ich zahle!�</p><p>�Zwei Sexkiller also�, sagte die Bedienung m�de und drehte sich wieder um.</p><p>�Sexkiller? Sind damit jetzt wir gemeint, oder sind das die Drinks?� prustete Edwin.</p><empty-line/><p>�Beides wahrscheinlich�, sagte Thorsten, �wahrscheinlich beides.� Er schaute sich um. Die Leute standen an der Bar wie von einem Bildhauer verworfene Skulpturen und hatten seltsame Frisuren, denen man nicht ansehen konnte, ob das Verschnittene daran gewollt war oder nicht. Thorsten jedenfalls konnte es nicht, oder konnte es nicht glauben, dass diese Haare Ergebnisse eines absichtsvollen Willens darstellen sollten. Er selbst hatte einen konservativen Scheitel, der f�nzig Euro kostete, beim Lehrling eines Prominentenfriseurs. Die Bedienung kam zur�ck mit den Drinks, er nippte daran: ultramarin und bitter.</p><p>�Das ist ja Schlumpfblut!�, lachte er. D�nner Nebel wallte neben ihm auf. Er reichte der Bedienung einen F�nfziger.</p><p>�Ich tauche mal unter�, er stupste Edwin an, der inzwischen mit einer leicht verfetteten Natursch�nheit redete. Eine Vocoderstimme sang eine alte Weise, ein verlorenes Spotlight huschte �ber eine Gruppe von Herumstehenden. Er kam neben einem Liebespaar (sie Camouflage, er versteckt hinter einer dieser Pornobrillen, wie sie damals gerade wieder aus der Mode kamen) zum Stehen. Sie diskutierten das Gef�hl, das man beim K�ssen gepiercter Zungen hat.</p><p>�Wie eine fleischige Pepsidose vielleicht?�, schlug das M�dchen vor.</p><p>Die Pornobrille lachte und warf als Zeichen des Am�sements den Oberk�rper nach vorne; unter dem engen T-Shirt trat die Wirbels�ule hervor wie der Kamm einer Echse.</p><empty-line/><p>Thorsten tauchte wieder zur�ck, von der einen Masse in die andere, vorbei an einer DJane mit Nasenring und porzellanenem Gesicht, die zu ihrem punktgenauen House seltsame, unlesbare Fingerzeichen in den Raum schickte. Er schwappte weiter an den Rand der Tanzmenge und rammte dabei aus Versehen einem h�bschen M�dchen mit Cosma-Shiva-Lippen den Ellbogen in die Seite. Es funkelte ihn leicht w�tend an. Bald schon war der in den Beinmuskeln hochruckende Mitwipprhythmus so stark und zwanghaft, dass Thorsten nur noch tanzen wollte. Er trat wie absichtslos auf die Tanzfl�che, um sich die Starre aus dem Leib zu sch�tteln, den Lichtpunkten der Discokugel hinterher.</p><empty-line/><p>Eine fahrl�ssige Ber�hrung an der falschen Stelle oder zur falschen Zeit kann einen Menschen ruinieren. Sie kann seinen K�rper, der vielleicht �u�erlich unversehrt bleibt, innerlich verkr�ppeln. Nicht selten ist auch der umgekehrte Fall, dass ein K�rper innerlich intakt bleibt, aber von au�en, von der Stelle her, wo ich ihn f�lschlicherweise ber�hrt habe mit meinen dummen, feuchten Fingern, langsam und fast unbemerkt aufgefressen wird, und nur ein leises Zischen ist zu h�ren in der N�he des Brandherds, und es wird als Einziges von diesem K�rper bleiben. W�rter k�nnen Krebsgeschw�re ins Hirn setzen, die schon nach Sekunden m�chtige Metastasen in alle Glieder pumpen. Zumeist ist es noch komplizierter, denn Psyche und Physis weben viel �rger und komplexer ineinander, als unsere geistigen Kapazit�ten es jemals ausrechnen oder aushalten k�nnten. Niemals k�nnen die Ursachen einer Krankheit klar und distinkt aus dem K�rper oder aus dem Geist geschnitten und wie sichergestellte Geschw�re ins Licht gehalten werden, auch wenn man nach g�ngiger Praxis genauso verf�hrt. Wir haben, auf unserer ewigen Jagd nach Gr�nden, keinen wirklichen Zugang zu uns, und das Licht, unter dem wir stehen, hei�t D�mmerung. Die konsequente Frage w�re: T�te ich Leben oder erhalte ich es? Und diese Frage m�sste noch die geringsten meiner Handlungen begleiten. Aber sie ist vielleicht nicht beantwortbar, denn wenn ich meine Geliebte umarme, ist meine Hand wom�glich das Messer, das an ihrer Haut entlangsch�rft � und es k�nnte sein, dass meine Zunge beim Kuss in ihren Hals schnellt, ihr den Kehlkopf eindr�ckt, die Luftr�hre verstopft, und ich w�sste nicht einmal, dass meine Geliebte gerade anf�ngt zu sterben, vor meinen Augen oder in meinen Armen, und niemals k�me ich oder irgendjemand auf die Idee, dass ich gerade durch meine Umarmung zum M�rder oder W�rgeengel geworden w�re.</p><empty-line/><p>Thorsten kam sich immer so vor, als w�rde er als jemand anderes tanzen, nicht als ein bestimmter anderer Mensch, sondern als liquides Patchwork tausend abgehackter und zersprengter K�rperreste aus all den Videoclips, die er in seinem Leben gesehen hatte. Teils bewusst, teils unbewusst imitierte er Gesten, Schritte und Spr�nge aus den vorgefertigten Starschnittchoreographien. Bierdunst stand in der Luft, oder stank sein befleckter �rmel? Er sprang hoch. Das Aroma eingewachsten Holzes mischte sich hinzu, von Schichten s��lichen Parf�ms und herben Rasierwassers durchwirkt, seine Nase war sensibel wie nie, trotz aller Betrunkenheit. Er fand sich umfangen von einer Glocke industrieller Ausd�nstungen und k�nstlicher Lockstoffe, in der s�uerliche Inseln frischen Menstruationsgeruchs schwammen.</p><empty-line/><p>Ihm kam alles sehr biologisch vor pl�tzlich. Er sah aufschmatzende Zellw�nde, chemisch wabernde Prozesse, glucksende Osmosen und hatte die fixe Idee, den Scho� einer neben ihm tanzenden Br�netten wittern zu k�nnen; der Geruch ihrer feuchten Pflaume stieg ihm in die Nase, und noch die zaghafteste ihrer Bewegungen knirschte in seinen Ohren. Er sah M�nnchen und Weibchen �berall, ihr analysierbares Verhalten, Ursache und Wirkung, Puppe und Schmetterling, den Tanz der Hormone � und sich selbst mittendrin, allen Attacken ausgesetzt und selber ein Bewohner dieses Zoos. Selber geil und gehemmt, auf der Suche nach Fortpflanzung und Verfeinerung, gezeugt von Natur, gezeichnet von Kultur, in diesem Kreislauf kurzgeschlossen: Selbstportr�t der Autopoiesis.</p><p>Er sah sich weiter um, scheinbar im Rhythmus versunken. Auf der Tanzfl�che wurde gesch�ttelt, was da war: F�uste, Beine, Br�ste, Hirne, Hintern, Flaschen. Ein Typ machte genau vor einer Box Headbanging. Ein Rucksackm�dchen h�pfte nerv�s auf der Stelle und wischte sich unaufh�rlich eine Str�hne aus der Stirn. Es war �berf�llt in diesem Raum, das Licht abgedunkelt, ein einzelner Deckenstrahler lie� in der Mitte eine schmale, grelle Lichts�ule aus dem Boden wachsen. Im Hintergrund huschte eine Figur vorbei, Thorsten meinte, Taue in ihr zu erkennen. Er wunderte sich.</p><p>Eine Gruppe von Leuten, die sich um die Lichts�ule versammelt hatte, verharrte in einer bestimmten Positur, zwei, drei Sekunden lang, fiel dann in eine andere K�rperhaltung, versteinerte wieder, l�ste nach Augenblicken die L�hmung wieder auf. Breakdance auf Valium? Eine �bung f�r Schauspielsch�ler? Thorsten wunderte sich.</p><p>Weibchenschemata waberten kaum unterscheidbar an ihm vorbei. Vielfach durchstochene Ohren, dezent farbumschattete Augen, zum Schmollen aufgeschminkte Lippen.</p><p>Ein Mund darunter stach pl�tzlich hervor. Er geh�rte einer kleinen, gutaussehenden Frau, die sich wie zuf�llig vor Thorsten positioniert hatte und nun zu den schnalzenden Beats einen paradoxen Tanz auff�hrte, der autistisch und extrovertiert zugleich war, mit ausgreifenden Discogesten, geschlossenen Augen. Ihr Gesicht beschrieb ein kleines Unendlichkeitszeichen im Loop; der unglaubliche Mund darin, schmallippig, aber nicht auf die verkniffene Art, l�chelte still und siegessicher.</p><empty-line/><p>Thorsten begann, besonders geziert und gef�hlvoll zu tanzen, sich zu umarmen, als br�uchte er Geborgenheit. Dann sprengte er diese Selbstliebkosungen mit einer pl�tzlichen Bewegungseruption, die F��e hagelten auf den Boden, die F�uste boxten lichtschnell durch die Luft. Er starrte auf ihren Mund. Er konnte nicht aufh�ren zu starren. <emphasis>Monchichilippen</emphasis>, dachte er und sp�rte einen leichten Schwindel im Kopf. Sie bemerkte ihn und l�chelte. Er l�chelte zur�ck, gockelte st�rker. Sie kam n�her. Ihr Mund kreiste vor seinem Gesicht, sagte etwas, vielleicht. Er warf die H�nde in die H�he, schob das Becken nach vorne, lie� den Kopf dramatisch kreisen. Sie kam noch n�her, spielte das Spielerotisch-Spiel: blickte ihm tief in die Augen, verstellt und doch echt, mit dieser Ironie, die jederzeit als Ernsthaftigkeit gedeutet werden kann, und w�hrend ihre K�rper sich einander n�herten, schon leicht ber�hrten und im Einklang zuckten, wurde Thorsten �berm�tig, griff ihr an den d�nnen Hintern, zog sie an sich, scheinbar am Ziel.</p><p>Ihr Gesicht leuchtete kurz auf, freundlich, �therisch, und verschwand dann so pl�tzlich, wie es erschienen war. Sie wurde einfach von der Masse weggeschluckt, seine Hand war leer, und die L�cke, die ihr K�rper hinterlassen hatte, schloss sich sofort.</p><p>Leicht verwirrt hielt Thorsten inne, versuchte sich zu orientieren, driftete in die Mitte des Raumes, um sie unauff�llig zu suchen. Edwin kam dazu und dr�ckte ihm einen Wodka-Bull in die Hand.</p><p>�Wer war denn die?�</p><p>Thorsten winkte ab, exte den Bull, driftete weiter und kam, zusehends wirrer und betrunkener, genau unter dem Lichtstrahl zu stehen. Sein Seitenscheitel erstrahlte wie auf einer Showb�hne � Licht aus, Spot an.</p><empty-line/><p>Was war jetzt? Die Leute starrten ihn an, Hip-Hop-Beats polterten aus allen Boxen, die B�sse gingen tief in den Bauch und w�hlten in den Eingeweiden. Thorsten kam sich im Spotlight ein wenig zu exponiert vor, wollte aber auch keinen R�ckzug machen � warf also die Beine vom K�rper, tanzte, so wild er konnte, f�r ein, zwei Minuten, derbe Rappergesten imitierend. Der Lichtstrahl von oben brannte hei�. Er schien eine skurrile Figur f�r die anderen zu sein, ein B�rohengst, der den Hiphopper mimte; mehr und mehr und mehr Leute starrten ihn an. Es war klar: Er musste die Situation �berdrehen, um unbesch�digt herauszukommen. Also drehte er die Arme nach au�en, die Augen himmelw�rts, und beugte sich zur�ck, um den hei�en Lichtstrahl von der Decke genau in seinen Mund str�men zu lassen.</p><p>Die Einlage zeitigte die gew�nschte Wirkung. Die Leute zeigten auf ihn und lachten. �Schaut her, das ist der Erleuchtete!�, rief einer, und alle applaudierten. Thorsten, derart angefeuert, ballte die H�nde zu F�usten und zitterte, als w�rde Gottes Stimme in Form von hei�em, starkem Licht durch seinen K�rper flie�en, als n�hrte ihn Lichtblut vom Himmel, das Gold des Grals. Dann br�llte er auf, sprang leichtf��ig wie ein Boxer aus dem Licht und sch�ttelte theatralisch die letzten Spasmen ab. Die Leute applaudierten. Er warf die H�nde in die Luft und jubelte und tanzte, und die Leute jubelten und tanzten auch und sch�ttelten die Glieder und hingen sich unter den Strahl und schluckten und schluckten das Licht.</p><empty-line/><p>Die Gro�stadtlichter rauschten in wirren Knoten vorbei, wie im �Chungking Express�, totale MTV-�sthetik drau�en, alles so verwischt, dachte Thorsten mit dem Beck�s in der Hand, alles so sch�n bunt hier.</p><empty-line/><p>Irgendwo im Westen wurden Raketen abgefeuert. Weshalb? Sinnlos bespr�hten sie den bleichen Himmel. Thorsten k�mpfte mit einem Schluckauf und gegen den Schlaf, versuchte den Blick scharf zu stellen, die Gedanken zu ordnen. Der Taxifahrer zerkn�llte, die Augen an der Windschutzscheibe, eine leere Zigarettenschachtel mit solch unbewusstem Ingrimm, dass seine Fingerkn�chel unter der rissigen Haut kantig und bleich hervortraten. Thorsten beobachtete es aus den Augenwinkeln. Es kam ihm bekannt vor. Die H�nde des seltsamen Journalisten hatten �hnlich ausgesehen. Der Fahrer war im selben Alter wie Thorsten; seine Gesichtsz�ge verh�rteten sich periodisch, die Kiefernknochen traten kantig hervor. Er w�rgte die Packung regelrecht tot. Thorsten nahm einen gro�en Schluck Bier, obwohl es ihn anekelte.</p><p>Die Frau mit dem unglaublichen Mund hatte ihn vor dem Klo abgefangen. Sie sprach anders, als ihr Mund vermuten lie�, schneller, atemloser, mit einem hellen Stimmchen, ohne Punkt und Komma. <emphasis>Du bist ein Spa�vogel was.</emphasis> Ihre hektische Stimme hallte jetzt, im Taxi, noch nach, mit dem Bass unterlegt, der wie ein galoppierender, allem unterlegter Herzschlag durch Nerven und R�ume gefahren war. <emphasis>Kennen wir uns ich glaube ich kenne dich.</emphasis> Thorsten hatte nur gewinnend und falsch gel�chelt: Ein weiterer Beweis, dass Herumgockeln sich lohnte, stand ins Haus. Nach einigem Small Talk hatte sie, Ella hie� sie, pl�tzlich ein kleines D�schen aus ihrer Gucci-Handtasche geholt, zwei wei�e Tabletten herausgenommen und geschluckt. <emphasis>Keine Sorge die sind nicht schlimm alles rein pflanzliche Basis die haben halt so Placebo-Wirkung.</emphasis> Eine Stimme wie im Zeichentrick, hell, aber auch leicht reibeisern.</p><p>�Aber ein Placebo ist doch nur dann ein Placebo, wenn du nicht wei�t, dass es ein Placebo ist�, hatte Thorsten erwidert.</p><empty-line/><p><emphasis>Stimmt dann sind aber viele Sachen Placebos,</emphasis> hatte sie gel�chelt. Das hatte Thorsten nicht verstanden und dennoch genickt und brav zur�ckgel�chelt.</p><p><emphasis>David Bowie hat auch eine Single mit Placebo aufgenommen der Band jetzt Placebo kennst du doch?</emphasis> Sie war vorher auf einem geheimen David-Bowie-Gig gewesen, hatte sie erkl�rt, ein kleines <emphasis>Prelistening</emphasis> zu <emphasis>Promozwecken</emphasis>, f�r Popjournalisten. Sie sei n�mlich Popjournalistin. <emphasis>Sogar die alten Hits hat er gespielt!</emphasis> Sie m�sse morgen fr�h zu einem anderen Pressetermin und deshalb los jetzt, hatte sie gesagt, aber vielleicht k�nne man einmal bei Gelegenheit �?</p><p>Thorsten trank den schalen Bierrest, es sch�ttelte ihn. Der Taxifahrer sagte kein Wort. Drau�en zog das erste Grau am Horizont auf. Er betrachtete die hingekritzelte Telefonnummer auf der zerkn�llten Memo-Notiz, keine gew�hnliche Handschrift, eine Mischung aus Schreib- und Druckschrift, eher kompliziert.</p><p>�F�nfundzwanzig Euro achtzig�, sagte der Taxifahrer, nachdem er ruckhaft angehalten hatte, und w�rdigte seinen Fahrgast auch zum Abschied keines Blickes.</p><p>Oben an der schweren Holzt�r hing Thorsten an der Klinke wie ein Surfer in Seenot, w�hrend er in Spasmen versuchte, den Schl�ssel ins Schloss zu versenken. Als es gelang, fiel er mit der T�r in die Wohnung, st�rzte fast auf den Araberteppich, konnte sich gerade noch fangen. Er ging den langen Flur hinunter und kam sich mit jedem laut hallenden Schritt n�chterner und n�chterner vor. Vollst�ndig angezogen legte er sich aufs Bett.</p><empty-line/><p>Laura regte sich unter der Decke, seufzte leise, kratzte sich in der Armbeuge. Er setzte sich auf, beugte sich �ber sie, sein Gesicht �ber ihrem Gesicht, ihr Atem roch nach Schlaf und Nikotin. Ihre Aug�pfel bewegten sich unter den Lidern, erst sehr langsam, hin und her, dann etwas schneller. Ob sie tr�umte? Wenn er sie jetzt umarmen w�rde oder ihre Wange streichelte, w�rde sie halb aufwachen und seine Z�rtlichkeit erwidern, irgendwie. Ein Schwindel im Kopf. Ihm wurde �bel. Er lie� den Kopf zur�ck ins Kissen sinken.</p><empty-line/><p>Die Sp�lung st�rzte los, glasklare Strudel, die den blassen Urin hinabzogen. Auf dem Schaum tanzte die Zigarettenkippe wie eine Boje, k�mpfte gegen Sog und Seegang, blieb �ber Wasser, l�ste sich zusehends auf. Der Filter quoll schon aus der gelben H�lse. Thorsten spuckte gleichg�ltig in das Get�se, zog nochmals ab, taperte zum Waschbecken. Dort benetzte er sich das Gesicht mit Wasser. Vergoldete Armaturen blinkten ihm entgegen wie die Ausw�chse eines geheimen Schaltplans von unsch�tzbarem Wert. Er warf einen Blick in den Spiegel. Der schien nicht richtig eingestellt, alles darin pulsierte unscharf. Thorsten justierte seinen Blick nach, schielte probeweise, bewegte den Kopf vor und zur�ck wie auf einer Schiene. Schlie�lich gelang es ihm kurz, Spiegel und Blick aufeinander abzustimmen, und er strich den Seitenscheitel glatt. Dann sp�lte er den Mund mit Odol aus, es brannte f�rchterlich, und warf ein Fisherman�s Friend hinterher. Er kontrollierte seine Zunge, zerfetzter Pelz, sp�rbar in Flammen, und gab sich eine Ohrfeige, um endlich wach zu werden.</p><p>Zur�ck im B�ro sp�rte Thorsten Seegang in den Beinen; der Warhol schien verschobener als sonst, die grellen Farbfl�chen oszillierten, waberten �bereinander. Er lie� sich in den Schreibtischsessel fallen, der erschrocken aufquietschte, und starrte die Kr�ne drau�en an. Er trank einen Red Bull; dann einen Guaran�.</p><empty-line/><p>Fran�oise Starck, die Chefredakteurin (moosgr�nes Kost�m, Muschel-Ohrclips), steckte den Kopf zur T�r herein: �Haben Sie einen Augenblick Zeit, Herr K�hnemund?�</p><empty-line/><p>�Ja, was ist denn�, knurrte Thorsten m�glichst freundlich. Im Hintergrund schwebten die beiden skandinavischen Grazien aus dem Vertrieb vorbei; in seiner Vorstellung sah er sie nackt und samenbespritzt.</p><p>�Das Briefing mit Herrn B�denbender und Herrn Mode kann jetzt sofort stattfinden, haben Sie Zeit? Die Herren haben sich bequemt���</p><p>�Aber nat�rlich�, sagte Thorsten, �gerne, ich bin gerade frei.�</p><p>�Hier habe ich noch den Prospekt �ber die historischen Nutzfahrzeuge�, sagte Fran�oise und legte ihn auf den Tisch. �Wegen der Tour der alten Trucks. Promotion-Aktion von Schmierstoffen und Tankkarten. Sie waren doch der Truckliebhaber?�</p><p>�Ja�, sagte Thorsten, den Mund voller Spucke. Er wusste nicht, wovon sie redete. Seine Zunge f�hlte sich an, als sei sie ein Schneckenmutant aus Gummib�rchenfleisch.</p><p>�L�uft�s gut ansonsten? Morgen m�ssen wir die neuen Richtlinien f�r die Category-Management-Pr�sentation bei Engel besprechen, mit Schneider und Riaz.�</p><p>�Ja, k�nnen wir machen�, sagte Thorsten. �K�nnen wir alles machen. In B�denbenders B�ro, gleich? Ich komme in zehn Minuten, muss hier nur kurz���</p><p>�Bis gleich�, unterbrach sie ihn.</p><empty-line/><p>B�denbender war ein talent- und biographiefreier Empork�mmling, eine Null im Armani-Anzug und mit Richard-Clayderman-Frisur, der aus irgendeinem Grund immer erschrak, wenn er Thorsten sah. So auch jetzt: Er wurde leicht bleich und grauh�utig um die Nase, als er von seinem Computer aufblickte. Das Leder seines Sessels quietschte mitleidig. B�denbender hatte keinerlei Interessen. W�hrend die Chefredakteurin gespalten war von der Kluft zwischen Wirtschaft und Kultur und immer wieder durchklingen lie�, dass sie alle Truffautfilme gesehen habe und sich f�r die <emphasis>Gothic Novel</emphasis> des neunzehnten Jahrhunderts interessiere, stand B�denbender nur sprachlos da und fuhr sich nachdenklich durchs halblange Haar. Seine Welt bestand aus Tiefk�hlpizzen und Powerriegeln und wahrscheinlich auch aus spr�den Berlin-Mitte-Blondinen, mehr nicht. <emphasis>Und woraus besteht die meine?</emphasis>, ging es Thorsten unscharf durch den Kopf.</p><p>Nach zwei Minuten kam Mode dazu, ein gro�er, dicklicher Junge, der im Supermarkt der Eltern aufgewachsen und nach dem BWL-Studium sofort als Shopberater im Verkauf Ost 5 eingestiegen war.</p><p>Gerade Tankstellen seien ein wichtiger, wenn nicht der wichtigste Vertriebskanal f�r Energy Drinks und isotonische Sportgetr�nke. Dass Tankstellen und Energy Drinks auf so extreme Weise voneinander profitieren, l�ge an mehreren Faktoren, erkl�rte Thorsten:</p><p>Erstens seien Tankstellenkunden generell experimentierfreudiger und eher bereit, etwas Neues, ihnen Unbekanntes auszuprobieren.</p><p>Zweitens dominierten Tankstellen das Nachtgesch�ft, jugendliche Nachtschw�rmer und gestresste Arbeitstiere griffen gerne einmal, um wach zu bleiben, zu den schlanken Charakterdosen. Was</p><p>drittens auch Fahrradfahrer oder Sportler t�ten, die an einer Tankstelle rasteten und K�rperenergie auftanken wollen. Die Chefredakteurin ging kurz hinaus, um etwas zu kopieren; der dicke Herr Mode schloss sich ihr an.</p><p>Viertens w�rden Energy Drinks meist eher spontan als auf Vorrat gekauft, was mit dem</p><empty-line/><p>f�nften Punkt zusammenhinge, den man nicht untersch�tzen d�rfe: In guten Tankstellen seien die Muntermacher immer gek�hlt vorr�tig. Die ausreichende K�hlung der Ware sei substanziell, denn warme Energy Drinks w�rden in etwa so viel Freude und Sinn machen wie lauwarmer Kaffee. Die meisten Superm�rkte h�tten dies noch nicht begriffen, weshalb Red Bull und Konsorten sich dort auch weniger schnell im Regal drehten. Die Chefredakteurin kehrte mit einem Stapel Papier zur�ck. Mode stand hinter ihr.</p><p>�Entschuldigen Sie, Herr B�denbender�, sagte sie trocken, �aber wissen Sie eigentlich, dass es in Ihrem Zimmer unheimlich nach Alkohol riecht?�</p><p>B�denbenders Nase wurde noch grauer; sie war aus feuchtem Gips.</p><p>�Ach?�, sagte er. �Das ist aber seltsam.�</p><p>Eisiges Schweigen.</p><p>Von einer Sekunde auf die andere gl�hte Thorstens Nacken in tausend Rott�nen. Was tun? Sch�be von hei�em Blut rauschten durch seine Ohren und unter der Stirn durch, zur�ck in den stichelnden Nacken. Mode sagte nichts, hatte nur eine leere, falsche Maske �ber sein Pausbackengesicht gezogen, in unschuldiger Erwartung des Kommenden. Die Chefredakteurin kostete das Schweigen aus. Beide blickten sie auf B�denbender, aber es war klar, dass sie eigentlich Thorsten ansahen: �ber Bande.</p><p>�Aber <emphasis>richtig</emphasis> stark�, sagte die Chefredakteurin. �Es riecht richtig stark nach Alkohol.�</p><p>�Komisch�, sagte B�denbender suchend und emp�rt, �ich habe noch nicht mal ein Mon Ch�ri gegessen.�</p><p><emphasis>So ein Idiot</emphasis>, dachte Thorsten.</p><p>�Na dann�, sagte die Chefredakteurin.</p><p>Pause.</p><p>Ihr schauspielernder Blick, der noch immer an B�denbender hing, f�llte sich mit Ungeduld. Es war Zeit f�r Thorstens Einsatz.</p><empty-line/><p>�Damit kein falscher Verdacht auf Herrn B�denbender f�llt�, sagte er m�glichst gefasst, �der, der hier ein wenig nach Alkohol riecht, das bin wahrscheinlich ich. Ich war gestern auf einem David-Bowie-, �h, Dings,�� Gig, also Konzert, und hatte dort drei Whiskey Cola. Und der Bartender mochte mich wohl, wie man immer noch riecht���</p><p>�David Bowie?� Alle entspannten sich. �Wie war er denn?�</p><p>�Gro�artig�, versicherte Thorsten, selber erleichtert, �gro�artig. Er hat sogar die alten Hits gespielt. Mit Placebos.�</p><p>�Auch den einen, den er f�r den Transvestiten geschrieben hat?�</p><p>�Welchen Transvestiten?�</p><p>�Mit dem er in Berlin gelebt hat.�</p><p>�Nein�, schaltete sich B�denbender eifrig ein, �er hat mit Brian Eno und Iggy Pop zusammengewohnt. Oder meinen Sie Iggy Pop? Ist Iggy Pop ein Transvestit?�</p><p>�Harald?�, br�llte Fran�oise unvermittelt in ihr pl�tzlich hochgerissenes Telefon. �Harald, ich wei�, dass du das wei�t. Wie hie� der Transvestit, mit dem David Bowie in Berlin zusammen war? Jaa! Ich wusste, dass du das wei�t!� Sie legte auf. �Romy Haag�, strahlte sie.</p><p>�Das ist halt nicht unsere Generation�, sagte Thorsten scherzhaft zu B�denbender, der sehr erschrocken aussah.</p><p>�Das ist auch nicht <emphasis>meine</emphasis> Generation�, sagte die Chefredakteurin bissig, warf Thorsten einen giftigen Blick zu und st�ckelte ab. Er grinste in sich hinein.</p><p>�Hier�, sagte Mode, zwinkerte wie ein m�der Boxerhund und dr�ckte ihm eine Red-Bull-Dose in die Hand. �M�gen Sie doch, oder? Das Taurin wirkt auch als Anti-Kater-Mittel.�</p><p>�Ja�, sagte Thorsten, �ich wei�. Das Taurin stimuliert Stoffwechsel und Kreislauf und f�rdert den Abbau von sch�dlichen Substanzen.�</p><empty-line/><p>�Und von Giften�, sagte Mode.</p><p>�Und von Giften�, sagte Thorsten.</p><p>�Und Alkohol ist ein Gift�, sagte Mode.</p><p>�Medizinisch betrachtet�, sagte Thorsten.</p><p>�Medizinisch betrachtet�, sagte Mode, �ja.�</p><p>�Danke�, sagte Thorsten.</p><p>�Gerne�, sagte Mode.</p><empty-line/><p>Planogramm, Planogramm, Planogramm. Thorsten sa� im B�ro und musste endlich arbeiten. Er war auf der Flucht vor der betrieblichen Alkoholpolizei und stand vor dem Gesetz der Effektivit�t. Er hatte den Drang, etwas zu leisten, den skeptischen Blicken Gegenbeweise zu liefern, Erfolgsmeldungen zu generieren, revolution�re Konzepte, und zwar sofort.</p><p>Er starrte auf den Monitor.</p><p>Ein Planogramm f�r den Bereich 34, �Mitteldeutschland� hie� das, Th�ringen, regionale Relevanz, das Unternehmen war mit sechzehn Stationen dort vertreten, dazu dreimal wei�e Farbe (das sind unternehmenseigene, jedoch markenlose, �anonyme� Tankstellen).</p><empty-line/><p>Er nahm die AC-Nielsen-Daten hinzu, die Kassenergebnisse der vier Teststationen in Berlin, Leipzig, Rostock und Dresden, verglich und rechnete und rechnete und sch�tzte ab. Er studierte die neuesten Trendbarometer der Marktforschungsinstitute und kam zu dem Schluss, dass die Apfelschorle auf dem Kamm der wachsenden Wellness-Welle im n�chsten Sommer ganz oben mitschwimmen w�rde. Zur�ck zur Natur! Zum Wohle des K�rpers. Einweg- und PET-Gebinde waren nat�rlich an prominenter Stelle und dreifach zu platzieren, die Margen sind gr��er, und Mehrweg ist Sache des Getr�nkehandels und nicht Sache der auf Spontankonsum abzielenden Convenience-Stores. Was war mit den Bittergetr�nken? Haben eine sehr spezialisierte, kleine Zielgruppe, aber Genie�er, fast esoterisch, doch nicht zu verachten, nicht zu vernachl�ssigen, eine Position Bittergetr�nke sollte auch in kleinformatigen K�hlregalen vorhanden sein, denn Spezialisten neigen zum B�ndelkauf und nehmen wom�glich noch zwei Schachteln Zigarillos mit (neuer Presenter gleich im Kassenbereich!), oder vielleicht eine Tomaten-Mozzarella-Ciabatta im Backshop, oder gar eine Flasche Rioja gef�llig? Die Klassiker Fanta, Coca-Cola, Sprite in allen Gr��en und Gebinden mittig. Wasser! ein ganz besonderer Saft, das wahre Ding, immer mehr im Kommen, siehe Wellness, siehe Studenten und urbanes Gesundheitsbewusstsein, die Zahlen sprechen f�r sich, und auch der Wasserverschnitt Bonaqua, sogenanntes Tafelwasser, l�uft inzwischen gut. En vogue: stille Wasser, Volvic, Vittel, dazu die milden Wasser, die stummen Quellen.</p><p>Seine Stirn gl�hte. Der Warhol tanzte. Er rechnete weiter.</p><p>Im Power Point setzten sich die ersten pr�sentablen Ergebnisse zusammen. Thorsten geriet ins Schw�rmen und trank noch einen Nescaf� Quick.</p><empty-line/><p>Vielleicht einen Schuss J�germeister hinein? In Gedanken haute er sich auf die Finger, seine realen Finger aber zitterten merklich. Das Denken wollte abschweifen, das Telefon klingelte, er hob nicht ab. Er starrte auf die Flaschenikonen, die er liebte. Er wusste, dass das Design der klassischen Colaflasche aus den drei�iger Jahren den K�rperformen einer Frau nachempfunden worden war. Er starrte auf die Flaschenformen, stellte sich das Frauenbild in den K�pfen der damaligen Designer vor und wurde seltsam geil, auf eine aseptische, industrielle Weise, wie er sie schon kannte, wie sie ihn oft beim Shoppen in sterilen, amerikanisch hellen Superm�rkten �berkam, oder beim Anblick schweren, blitzblanken Industriegestells, oder beim Eintauchen in einen lagunenblauen, jungfr�ulichglatten Swimmingpool.</p><p>Thorsten driftete ab, er sah jetzt in allen Flaschen weibliche Silhouetten und fragte sich: Wie w�re es denn eigentlich mit einem Planogramm der Frauen? Gro�e Gebinde, kleine Gebinde? Schlanke Dose, bauchige Flasche, Tetrapak? Premixed oder Flavoured? Einweg oder Mehrweg?</p><p>Er prustete los, so lustig fand er sich und diesen Einfall, sah schon Frauen aller Gr��en und Hautfarben sch�n kategorial aufgereiht in frischhaltenden K�hlregalen, Hand in Hand, luftdicht verpackt und regungslos, dann schluckte er seinen Lachanfall gewaltsam herunter und vergewisserte sich, dass niemand au�er ihm im Zimmer war.</p><p>Ihm fiel ein, dass ein Schulkamerad einmal folgenden Witz gemacht hatte: �Wenn man mal Thorstens Kopf auffr�st, ist da kein Hirn drin, sondern eine gigantische Eichel.�</p><p>Eine E-Mail flatterte in die Inbox, begleitet von einem hellen Ambient Sound.</p><p><emphasis>lieber herr k�hnemund/anbei der text zur abstimmung/ich hoffe, sie sind zufrieden?/korrekturen und verbesserungen bitte m�glichst bald,/da redaktionsschluss schon in vier tagen./vielen dank!/best/taue/ps.: ich br�uchte noch die cd mit den auswertungen der teststationen, umsatzsteigerung seit optimierung, etc. pp.�� k�nnten sie die mir freundlicherweise zukommen lassen? mit den vorher-nachher-fotos? danke!/pps.: sch�ne gr��e von meiner tante!</emphasis></p><empty-line/><p>Thorstens Laune fiel auf einen Tiefpunkt. Welche Tante bitte? Was sollte das? Dieser Taue ging ihm auf die Nerven. Thorstens Nase begann sofort wieder zu jucken. Auch der lockerflockige Ton, mit dem der Typ ihn quasi auf Augenh�he, in Kleinschrift anredete, schmeckte ihm nicht, �<emphasis>best</emphasis>�! Es passte so �berhaupt nicht zu dem verklemmten, arroganten Menschen, der ihn bis aufs Blut gereizt hatte, durch Sitzen, Schreiben, Surren, Nichtstun, durch die Art und Weise, <emphasis>wie</emphasis> er gesessen, geschrieben, gesurrt, nichts getan hatte: als sch�chterner Feind, als verschreckter Rebell, im Ironiepanzer. Das war alles nicht miteinander in Einklang zu bringen. Allein die Tatsache, dass seine Gedanken sich genervt mit diesem Au�enseiter befassten, lie� ihn noch einmal niesen. Er schn�uzte sich, sammelte schnell (<emphasis>welche Tante?</emphasis>) seine Notizen zum Kaffeekonzept-Meeting zusammen, spr�hte die Mundh�hle mit Odol aus und machte sich zum Mittagessen mit den Shop-Beratern auf.</p></section></section><section><title><p><strong>DRITTER TEIL JOHN CASSAVETES</strong></p></title><epigraph><p>It takes hold of my tongue</p><p>In situations like these</p><text-author>Depeche Mode</text-author></epigraph><p><emphasis>Komm jetzt, Schlaf. Nimm mich mit, ich bin unendlich m�de. Erkl�r mir, was fehlt, wickle mich in dein Schwarzes.</emphasis> Sie hatte geh�rt, wie Thorsten in die Wohnung gepoltert und durch den Flur getrampelt war. Sie hatte es nicht h�ren wollen. Jetzt f�hlte sie den Luftzug seines Atems, roch das Vergorene darin. Sie musste zweimal unwillk�rlich schniefen, lie� aber dann bewusst einen Seufzer schlafenden Wohlbefindens h�ren, damit er nicht etwa dachte, sie w�rde wach sein, gar weinen.</p><p>Sein Atem strich �ber ihr Gesicht. Wenn sie ihn jetzt zu sich herunterziehen und umarmen w�rde, ganz nah, dachte sie, er seine Hand vielleicht auf ihre Brust legte, dann w�rde es sein wie immer. Er w�rde zu etwas sehr Kleinem, Altem, das sie sorgsam in ihren Armen hielte, und sie w�rden ihren Atem aufeinander abstimmen k�nnen.</p><p>Aber sie wollte nicht, und er wollte es nicht, und sie wollte ihm auch keine Szene machen, <emphasis>wo warst du so lange, wieso trinkst du so viel</emphasis>, sie wollte nicht wissen, mit welchen anderen Frauen er zu tun gehabt, in welchen Clubs er sich wie peinlich aufgef�hrt hatte, sie kannte das alles. Sie wollte schlafen, einen langen, tiefen, samtenen Schlaf, nicht tr�umen, blo� nicht tr�umen, einfach liegen und schlafen und weg sein, jetzt, wo er da war.</p><p>Am n�chsten Tag sa� Laura im Morgenmantel vor ihrem Laptop, seit Stunden schon. Sie tippte und l�schte das Getippte und las dann das gestern Getippte und l�schte es wieder. Thorsten war schon l�ngst im B�ro, gedopt mit Aspirin und Red Bull und Kaffee, er hatte vielleicht drei Stunden geschlafen und war aufgeschreckt, bevor der Wecker ging. Sie hatte es mitbekommen. Ihr Schlaf war d�nn.</p><p>�Entfremdung�, dachte sie. Das gibt es doch gar nicht. Das darf es doch nicht geben, so ein Wort. Eine marxistische Erfindung ist das, ein hegelianisches Konstrukt, semantischer M�ll der Fr�hmoderne, seit Generationen weitergereicht. Sie starrte in den graublauen Schein. Das ganze Zimmer war in dieses seichte Laptoplicht getaucht.</p><p>Ein Licht wie von den Heiligenscheinen alter polnischer Ikonen, dachte Laura, oder wie in den herb-romantischen Horizonten Caspar David Friedrichs. Sie starrte auf die S�tze, die in ihrem l�gnerischen Times-New-Roman-Font aussahen wie bereits gedruckt, wie l�ngst ver�ffentlicht. S�tze, die sie wohl selbst geschrieben hatte, lange her, S�tze einer Seminararbeit mit dem Titel �Rechtswirkungen von Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts�. Siebzehn Punkte hatte sie daf�r bekommen, vor einem Jahr; bei Juristen sind solche Noten eine Sensation. Ihr Professor, ein �therischer, wei�haariger Dandy, der es, obwohl homosexuell, mochte, sich mit h�bschen Assistentinnen zu umgeben, hatte vor zwei Wochen gefordert (und er hatte dabei einen Apfel am Revers geputzt, mit seinen langen, feingliedrigen Fingern, die sich um die gl�nzende Frucht schlossen), sie solle die alte Seminararbeit noch einmal geringf�gig �berarbeiten, um das neue, solcherma�en zum m�ndlichen Vortrag aufbereitete Paper bei der kommenden Freiburger Juristentagung �Wirkungen von Recht� vorzustellen. Sie solle die S�tze straffen, die Argumente sch�rfer konturieren, die Transparenz der Methodik offenlegen. Sie wisse ja, wie das gehe, er mache sich da keine Sorgen, er kenne doch seine Laura, die zuk�nftige Assistentin.</p><p>Der Morgenmantel lastete auf ihren Schultern, warm und flauschig, schwer und feucht wie ein soeben erlegtes Tier. Sie starrte auf die S�tze, messerscharfe Formulierungen, die sich zu wasserdichten Ableitungen verhakten. Das war alles sehr logisch und stringent. Aber sie verstand es nicht mehr. Begriffe (Evaluation, Wertewirkung, Sanktionserwartung, Zielkonformit�t) oder Argumentationsschritte (Pr�misse, Subsumtion, Deduktion, Konklusion) waren ihr nicht mehr zug�nglich. Nur die Oberfl�che, die lexikalische Bedeutung der Worte war f�r sie erreichbar, ihre �bersetzung in Funktionen, ihr wirklicher Gebrauch und Nutzen <emphasis>in actu communicationis</emphasis> dagegen waren versch�tt gegangen. Sie konnte keinen klaren Gedanken fassen, au�er dem einen, furchtbaren, der st�ndig wiederkehrte: dem Gedanken an drohende Nachfragen aus dem kritischen Auditorium, <emphasis>wenn sie nochmals �h erl�utern k�nnten also mich w�rde in diesem Kontext noch interessieren ob und �h warum in welcher Form worin und wer</emphasis>, und ihr wurde schwindlig und hei� zugleich.</p><p>Sie schloss die Augen und h�rte ihren Atem. H�rte ihn lauter als mit offenen Augen. Ein und aus ging die Luft, ein, und aus, durch ihre Lungen. Sie �ffnete die Augen, und schloss sie wieder, und �ffnete sie wieder, im Takt des Cursors, der sie blinkend verh�hnte.</p><p>Eine neue Krankheit k�ndigt sich an. Woher, warum, das wei� man nicht, man ist sich selbst nach wie vor die Fremdeste, nichts hilft. Die Erinnerung an den ersten Augenblick der Panik ist so schwierig. Laura versuchte sich zu konzentrieren, sich zu fassen, ihre Kr�fte zu b�ndeln. Es gelang nicht, aus Angst, aus Angst vor der Wiederholung dieses Augenblicks. Die Wiederholung w�rde ihr endg�ltige Gewissheit �ber den bisher nur als Bef�rchtung zugelassenen Gedanken geben, dass sie krank war, verheerend krank. Die Wahrscheinlichkeit, die bisher nur angedachte M�glichkeit war, w�rde sich sofort zur Gewissheit verfestigen, dachte sie, den Blick festgezurrt am Monitor.</p><p>Wobei Wahrscheinlichkeit ein zu schwaches Wort war: Der Verdacht hatte sich innerhalb der letzten Tage derart verh�rtet, dass Laura die Krankheit bereits als Faktum angenommen hatte � jedoch nicht als Krankheit. Es gab Symptome, die Klischees waren, die Klischees gewesen und jetzt Symptome waren, und es gab Gedanken, die unentwegt in Richtung Krankheit dachten.</p><p>Sie hielt ihren Atem an und horchte in die Stille. Sp�rte den Druck, das Gewicht der Luft in ihren Lungen. H�rte, als Erinnerung, Kontrast und ebenfalls Hohn, Thorstens Atem. Wie anders er atmete, nachts, betrunken. Nicht so flach und rastlos, so oberfl�chlich wie sie, sondern regelm��ig ein und aus, schwer, aber unbewusst, zugedr�hnt, aber frei. Wie war das, Frauen atmen mehr mit der Brust, M�nner mit dem Zwerchfell? <emphasis>Alles in der Vogue Gelesene bisher Quatsch</emphasis>, dachte Laura, stand auf und ging in Richtung Toilette.</p><p>Ich atme und denke, dass ich atme, ich versuche mich nicht auf meinen Atem zu konzentrieren, ihn nicht zu bemerken, nicht an ihn zu denken, was nat�rlich das genaue Gegenteil bewirkt, totale Gefangennahme im Atem. Denke ich, ich darf nicht an meinen Atem denken, denke ich sofort nur noch an meinen Atem, ausschlie�lich, unausweichlich. Das Gehirn hat seine Eigendynamik, es st�rzt von alleine los, bevor ich irgendwo Halt finden k�nnte. Sofort bin ich mir meiner selbst als Organismus bewusst. Damit f�ngt es doch an: mit diesem Bewusstsein meiner selbst als fragiler Organismus, innerlich aufgew�hlt, zutiefst sterblich, umspannt nur von sehr d�nner Haut, nein, es war kein Bewusstsein, eher nerv�se Evidenz, nein, K�rperperzept, nein, nicht.</p><p>Lauras Herz raste. Sie war auf dem Weg zur Toilette stehen geblieben, lehnte an der Wand, neben einem fr�hen Martin Eder.</p><p>�Jetzt bewusst langsam atmen�, sagte sie laut, �nicht zulassen, dass es passiert. Es gibt kein Problem, ich bin allein, hier ist kein Zwang, nur atmen muss ich, ein-atmen, aus-atmen, ein und aus, im Rhythmus, langsam, die Atemfunktion stabil halten, bitte. Der Atem funktioniert, ich kann mich auf ihn verlassen. Er hat eine Funktion, die er erf�llt, eine Aufgabe, der er Zug um Zug verl�sslich nachkommt. Es atmet von selbst. Es atmet in mir. Von selbst.�</p><p>Sie sah hinaus auf die Stra�e. �ber einem Dachgiebel d�mmerte das letzte Licht weg. Kaputte Aura, dachte sie. Oder � Aureole? Georg-Trakl-D�mmerung. Eine Streife fuhr langsam vorbei. Es hatte Blitzeis gegeben. K�ltegebeugt trippelten die Passanten vor�ber, gingen wie durch vermintes Gel�nde, um nicht zu fallen. Laura nickte. Ein stummer Schmerz glitt durch sie hindurch und weg. Sie sch�ttelte den Kopf und sagte leise zu sich: �Das gibt es nicht. Das darf es nicht geben.� Sie setzte sich wieder an den Computer. Der Cursor hie� sie zwinkernd willkommen.</p><p>Daneben strahlten die S�tze fein aufgereiht und s�uberlich ihre Letterngestochenheit aus, hieb- und stichfest, im LCD mit Aktivmatrix, entspiegelt und augenschonend � aber Laura f�hlte, dass es sie auseinanderrei�en wollte, dass sie die S�tze selbst auseinanderrei�en, zerfetzen, entkernen m�sste, wenn sie nur den Mut h�tte. Die S�tze standen da wie Stangen, wie Gitter ineinander verflochten, brillant vernetzt, solide verstrebt, die Fugen dicht. Ein sch�nes Argument. Ein makelloses Gef�ngnis.</p><p>Sie legte den Finger wieder auf den Cursor und dr�ckte noch fester, noch entschiedener zu. Ihre Z�hne knirschten. Die Fl�ssigkeit im Monitor schlug bunte flache Wellen wie ein stiller Alarm.</p><p>Der Japanischkurs in Bochum war die gr��te Niederlage in den letzten, an Niederlagen nicht eben armen Monaten gewesen. Japanisch hatte sie kaum, nur die Menschen um sie herum hassen gelernt: vorwitzige, selbstverliebte B�rgerskinder, die nichts konnten, als mit Scherzen wie mit Hochzeitsreis um sich zu werfen, behandschuht, spitzfingrig, prahlerisch. W�hrend dieser Zeit hatten sich die neuen, unbekannten Anf�lle vermehrt und verschlimmert. Sie wusste noch nicht, was sie davon halten, wie sie das nennen sollte, Klaustrophobie? Atempanik? Oder einfach � Angst?</p><p>In dem kleinen Herbergszimmer, das sie sich mit einer durchgeknallten Geschichtsstudentin geteilt hatte, war ihr das Mobiliar �ber allem Zeichenmemorieren und MTV-Flimmern mehr und mehr zu einer kalten, feindlichen Mondlandschaft geworden. Um irgendetwas Pers�nliches, Besitzergreifendes zu tun, hatte sie ihre Monatsblutung nicht aufgefangen und so, in einer betrunkenen Nacht, Laken und Matratze gro�fl�chig markiert. Das Personal hatte diskret dar�ber hinweggesehen und das Bettzeug hurtig gewechselt, als sei nichts geschehen. Laura hatte dann in der n�chsten Nacht erneut geblutet, <emphasis>wider den bl�tenwei�en Mief</emphasis>, wie sie dachte.</p><p>Auch darauf aber folgte keine Reaktion.</p><p>Selbst die Geschichtsstudentin schien nichts bemerkt zu haben. Schlie�lich hatte Laura wieder MTV geschaut, und Nachmittagstalk dazu, sehr viel lauter als vorher, mit mehr Farbkontrast. Die Sehnsucht nach Thorsten hatte gebrannt in ihr. Gleichzeitig wuchsen die Zweifel.</p><p>Bei ihrer R�ckkehr, am Hauptbahnhof, zwischen Treppen und Glas, war ihr etwas aufgefallen an Thorsten. Er hatte, wenn auch nur um Nuancen, anders gesprochen und sich anders bewegt als vor ihrer Abwesenheit. Ausgesehen hatte er wie immer: ein Hirsch, mit blondem, d�nngescheiteltem, spike-gegeltem Geweih, ein Platzhirsch im dunklen Anzug, dessen stolzer Gang den Schwerpunkt seines K�rpers in den Scho� verlegte, phallisch-lokomotorisch warf er die Beine nach vorne, dazu wie immer das Samtl�cheln, tiefe Gr�bchen und �u�erst vorteilhafte Kinnspalte.</p><p>Aber da war eine ganz neue H�rte in seinem Reden gewesen, eine versch�rfte Bestimmtheit in seinem Gang, eine Routine im Abhandeln kleiner Sachen, die ihr nicht angenehm war. Die Geschichten, die er erz�hlte, hatten etwas unertr�glich Anekdotisches und Pointensicheres. Er hatte kokett �ber Leute geplaudert, die sie nicht kannte, ihr immer offensiv und charmant ins Gesicht geblickt, aus seinen engen, blauen Augenschlitzen. Der scheppernde Business-Jargon, der sich in einem begeisterten Redeschwall Bahn brach, war ihr sofort auf die Nerven gegangen. Er war berauscht gewesen, berauscht vom Jargon, berauscht von seinen Ideen und den Ideen der ihr fremden Menschen, einfach enthusiastisch.</p><p>Dieser Enthusiasmus n�hrte ihre Skepsis, er habe vielleicht etwas zu verbergen. Und als er sie gefragt hatte, wie denn ihr Kurs zum Ende hin gewesen sei, noch immer so schlimm?�� war ihr diese Frage vorgekommen wie eine Pflichterf�llung.</p><p>Und dann hatte er sie tr�stend gestreichelt, aber seine Hand klebte wie ein kantiger Fremdk�rper auf ihrem R�cken. Sie hatte jedoch mitgespielt. Sie hatte mitgespielt und nun selbst mit lockeren Scherzen wie mit Hochzeitsreis um sich geworfen, nur um nicht nichts zu sagen und ihre Ratlosigkeit nicht zu offenbaren. Auf der Rolltreppe hatte der Reis unter ihren Schuhen geknirscht, und unten in der U-Bahn war sie sich vorgekommen wie ein noch nicht entwickeltes Negativ unter lauter grellen Fotos.</p><p>Zu Hause hatten sie dann einen Willkommenssekt getrunken und ausgiebig miteinander geschlafen.</p><p>Laura lie� sich ein Bad ein, telefonierte in den Schaumbergen, im Wohnzimmer lief gut sichtbar der Fernseher: Oliver Gei�en, B�rbel Sch�fer, Arabella Kiesbauer, Penisl�ngen, Vaterschaftstests, der Nutzen des Urins. Stimmen an ihrem Ohr, Stimmen im Raum, alles wie Schaum, der zerknistert, alles wird sofort gel�scht, erlischt von selbst. Laura lie� sich tiefer ins Wasser sinken, zappte, rauchte.</p><p>In zwei Stunden w�re Thorsten wieder zu Hause, und nichts h�tte sich ver�ndert. Er w�rde kochen, sp�ter g�be es diesen Ball, zu dem sie eingeladen waren, Adelsgesellschaft, Jet-Set, alles Medieninstallationen, dachte Laura, ohne Hintergrund, Gesichter, nur Gesichter, Image ist alles. Da glitzern die Z�hne, redet das Geld. Sie selbst w�re eine Medieninstallation, ein Nadel�hr, durch das Information floss ohne Folgen.</p><p>Und vielleicht w�rden sie vorher Sex haben, wie sonst, wenn die Worte versagten, nein, nicht versagten, einfach erstarrten, wenn die K�rper zum Wortersatz wurden, wenn Laura wieder ihren K�rper anbieten w�rde zur Schlichtung, sich ihm hinwerfen w�rde, sich wegwerfen, einen Teil von sich abspalten, outsourcen und hinhalten, um N�he zu simulieren. Wenn ein Teil von ihr den Sex genie�en w�rde, wenn sie seine kleinen, harten Pobacken kr�ftiger heranziehen und gegen sich wuchten w�rde, w�hrend ein anderer Teil von ihr teilnahmslos dal�ge, sich �ber die Zusammensetzung des Bundesrates Gedanken machte oder die chemische Formel von Milchs�ure memorierte. Wenn das Dr�hnen lauter und lauter w�rde, sie sich in die verzerrten Gesichter blicken w�rden, die M�nder offen und voller nackter Rufe, wenn sie die Stellung wechselten, um sich anders zu f�hlen, wenn er k�me in einem Spasmus, was sie nicht in sich, sondern nur an ihm sp�ren w�rde. Wenn in ihr dennoch keine Gedankenleere heraufz�ge, sondern nur noch mehr Gedanken, ein Leerlauf von Gedanken, Abweisungen und Verstellungen. Wenn kein Triebstau sich l�sen w�rde, nur eine bizarre Trance einsetzte und die zitternden Muskeln schlie�lich in flachen Wellen erschlafften, sie sich gegenseitig den Schwei� wegk�ssen w�rden, den Schwei� und die Kr�mpfe, wenn erste Worte wieder aufk�men.</p><p>Sie legte sich ins Bett und genoss die Leichtigkeit des Plumeaus. Vom Badeschaum in die Federn, Paralleluniversen aus Pl�sch und Light, in Eierschale und Kobaltblau. Sie versuchte, sich zu dezentrieren, nicht an ihren Atem zu denken, sich zu zerstreuen, schaltete die Musik ein, bl�tterte in Zeitschriften, lie� VIVA im Hintergrund laufen, stumm und bunt. Es gelang, der Kopf wurde � nicht frei, aber dumpf, unter einem kleinen Summen.</p><p>Bald d�mmerte es, und die Stimmen vom Anrufbeantworter vermischten sich mit dem tr�pfelnden Easy Listening aus der Stereoanlage, alles war abgefedert, wattiert, nichts mehr sp�rbar, endlich, Schlaf, komm, Schlaf, alles zu bedecken mit deinem dichten, falschen Schwarz.</p><p>Hier ist der Druck, die Konkurrenz, sp�rbar an der Schlagader, wie es pulsiert, und wie es wummert in den Schl�fen. Ein Gespinst von Kollegenparanoia umspannt das Hirn wie ein Einkaufsnetz die Supermarktware, aber da ist zu viel Ware drin, die Maschen knirschen, wollen rei�en, schneiden ins innere Fleisch. Blicke stechen im Nacken, der Herzschlag beschleunigt.</p><p>Einer sei geschasst worden, hie� es, schon wieder sei einer weg vom Fenster.</p><p>Was? Wer?</p><p>Herrn Michaelis vom Tabak habe es getroffen, aber nichts war offiziell.</p><p>Michaelis?</p><p>Ja, bei Tisch hatte man es kurz angedeutet, verhuscht, Nachfragen wurden mit einem Achselzucken quittiert.</p><p>Wieso gerade Michaelis?</p><p>Keine Ahnung.</p><p>Wieso jetzt?</p><p>Wer wei�.</p><p>Auf dem Flur schnappte Thorsten Gespr�chsfetzen von Frau Parapluie auf:</p><p>�Das m�ssen Sie nat�rlich jetzt nicht best�tigen, aber wer ist denn dann mein Ansprechpartner?�</p><p>Thorsten blieb kurz stehen, gab vor, sein Handy zu inspizieren, sch�ttelte es, dr�ckte Tasten.</p><p>�Sie wollen, dass wir nichts erfahren, und deshalb erfahren wir es nat�rlich noch viel schneller, genau.�</p><p>Das Telefon blinkte und funkelte und beepte dann unvermittelt, Thorsten erschrak.</p><p>�Es bleibt spannend, Herr Stowasser, danke, ich frage Frau Kante, danke.�</p><p>Benommen ging er weiter in sein Zimmer. Der Warhol tanzte in schrillen Farben. Michaelis war sein Verb�ndeter gewesen. Einmal waren sie miteinander ausgegangen, ins halbseidene Nachtleben, hatten Zigarren geraucht, waren auf Tische gestiegen, hatten die h�bschesten Frauen � wie Michaelis es nat�rlich nannte � �angebaggert�. Seitdem standen sie sich alliiert im Nichtangriffspakt gegen�ber, im Witz salutierend. Ein Scherz, ein Einverst�ndnis. Jetzt war er weg. Es konnte jeden treffen.</p><p>Es hatte sich vieles ge�ndert in den letzten Jahren. 1998�lag der �lpreis bei zehn Dollar das Barrel. Dann kam Rot-Gr�n, schlie�lich platzte die New-Economy-Blase. 2002 der Paybackkrieg: Kaufe und sammle, noch das piefigste Mittelstandsunternehmen entwickelte ein Kundenbindungsprogramm, und RADIKAL zog mit und wollte an vorderster Front dabei sein, wie es hie�. Jetzt entlie� die Londoner Zentrale zwanzig Prozent der Mitarbeiter in der deutschen Dependance in Berlin, einfach so. Es wurde h�rter. Alles auf stramm, hie� es, alles auf die Eins.</p><p>Aufzug hinab, die Organe im Leib rucken kurz hoch, leichter Schwindel im Kopf. Noch durch die Schleuse, die Checkkarte �ber den Sensor gezogen, das Drehkreuz entriegelt, <emphasis>wrumpf</emphasis>, zehn Schritte an den Empfangsdamen vorbei, nicken, l�cheln, Handzeichen geben, dann ab in den Vorraum, zwei Glast�ren aufgesto�en, die kalte Luft schl�gt ins Gesicht, die Freude schie�t hoch. Das Losungswort f�r einen kurzen Kick hei�t ganz banal nur: Wochenende.</p><p>Einen Reisschnaps, ein Bier. Dann ein Bier, einen gr�nen Tee mit Ingwer, einen Reisschnaps. Einen Wodka auf dem Klo, mit Red Bull verdickt und vers��t. Zur�ck am Platz spielte Thorsten mit Salzstreuer und Pfefferm�hle. Er war mit der Journalistin verabredet. Angenehm verloren sich die Gedanken, l�sten sich in den Alkoholsch�ben auf.</p><p>Gef�hlsleere Asiaten huschten im Restaurant herum wie Geister. Er �berlegte, ob er Ente oder H�hnchen nehmen sollte, zweimal gebacken, in knusprigem Teig? Da betrat sie das Restaurant, mit sofort verf�nglichem Blick, blaue, helle Augen strahlten Thorsten siegessicher an. Und dieser Mund.</p><p>Ella erz�hlte ihren Traum von letzter Nacht. Nichts ist langweiliger, als wenn Leute ihre Tr�ume erz�hlen, dachte Thorsten, nickte aber interessiert und warf hin und wieder einen passenden, mitdenkenden Kommentar ein. Wichtiger war die K�rpersprache. Das wusste er nicht erst durch die zahlreichen Personal Trainings. Schon als kleiner Junge hatte er gemerkt, dass, wer nur aufrecht in der Schulbank sa� und gut aussah, automatisch gute Noten bekam.</p><p>Sie habe ihrer eigenen Beerdigung beigewohnt im Traum, schw�rmte die Popjournalistin, w�hrend sie Tofust�cke in die glibbrige S��sauerso�e tunkte. Thorsten �berlegte, ob dieser Traum, in dem es um Vogelperspektiven, fremde G�ste und schr�ge Blicke ging, irgendetwas mit ihm zu tun habe. Er konnte beim besten Willen keinen Hinweis darauf finden.</p><p>�Schlie�lich ist mein Fleisch zu Staub zerfallen, den meine Verwandten dann schnupften. Und mein Skelett blieb, ganz hell und durchsichtig und leuchtend, wie Neon. Jemand sagte �Butters�ure�. Da bin ich aufgewacht.�</p><p>Ella lachte und a� Tofu und blickte ihn s��sauer an, und er lachte zur�ck, ohne auch nur ein Wort verstanden zu haben.</p><p>Was ist zu sagen zum Thema Betrug? Betrug ist die Kehrseite der Liebe. So wie die Liebe in ihrem innersten Kern banal ist und herrschs�chtig, zersetzend, h�sslich, zutiefst egoistisch, so ist der Betrug banal und herrschs�chtig, zersetzend, h�sslich, zutiefst egoistisch.</p><p>Eine andere Frage ist f�r die Liebe viel gef�hrlicher als der Betrug: Liebe ich die Person selbst oder nur ein B�ndel aus Eigenschaften, die der Person beigemischt sind und mich anziehen? Meist ist nicht sicher, ob ich jemanden oder etwas liebe. Die Elternliebe ist vielleicht noch die reinste Form der Liebe, denn sie meint (mit Abstufungen gleichwohl, Stichwort Lieblingskind) die Person selbst. Die Liebe zum Partner aber kann sich ihrer selbst nie so ganz sicher sein.</p><p>Vielleicht liebe ich nur die Art und Weise, wie jemand sich bewegt, wie jemand redet, welche M�bel er mag, welchen Stil er pflegt, und ganz und gar nicht die konkrete Person selbst? Oder ist die Person selbst am Ende nur ebendieses Mosaik aus eigenen und fremden Eigenschaftssplittern, und der emphatische Begriff der Person ist heillos verloren in den Weiten einer �berkommenen Metaphysik?</p><p>Eines jedenfalls ist sicher: Der Betrug hat der Liebe voraus, dass er die betroffene, die betrogene Person zu hundert Prozent trifft, und zwar, indem er sie v�llig vergisst. Der Betr�ger merkt dies freilich erst nachtr�glich � wenn der Betrug offen daliegt und seziert wird wie ein faulender, stinkender Leichnam. Dann stellt sich Ekel ein. Und der gr��te Schmerz gleich nach dem Tod geliebter Menschen.</p><p>�Wach auf.�</p><p>Er war ihr ganz nah, beugte sich �ber sie, wie ein Drache. Woher kam dieses weiche Licht? Laura musste sich orientieren, wo war sie gerade, wo war sie jetzt. Schnell setzte sich alles wieder zusammen, Tetris, Memory, hier, jetzt, die Wohnung, und Thorsten �ber ihr. Eine heimatlose Freundlichkeit stand ihm ins Gesicht geschrieben. Das Licht bewegte sich in Schlieren.</p><p>�Wach auf, Keks.�</p><p>Die verklebten Augen fanden sich noch nicht zurecht. Ihr Gesicht schien zu gl�hen. Sie wollte die Augen wieder schlie�en, dann wieder nicht. Sie r�kelte sich. �berall standen Kerzen herum. Daher dieses milde, schattige Licht?</p><p>Thorsten sah aus wie ein Priester bei der letzten Salbung. Die Kerzen umrahmten das Bett, es erinnerte an eine Leichenbahre. Nein, das war nur ein kurzer, unscharfer Eindruck, ein verhuschtes D�j�-vu von etwas l�ngst Vergangenem.</p><p>Musik zog tr�ge durch das schummrige Zimmer, es h�rte sich f�r Laura an wie Country auf Valium: Akustikgitarren, die sich von Akkord zu Akkord schleppten, eine benebelte Sitar, die diskret im Hintergrund klagte und so das Lied zusammenhielt, eine sexy M�nnerstimme, die sehr m�de von Fehlern und seichten Depressionen sang, auf Amerikanisch: trauriges Kaugummi.</p><p>Der Laptop auf dem Schreibtisch war ausgeschaltet, zugeklappt, schlief. Das lie� sie kurz aufatmen. Thorsten hatte sich umgezogen, trug jetzt ein rosa Oberhemd unter brauner Weste, hatte auch irgendwas Peppiges mit seinen Haaren gemacht. In der Luft hing ein feuchter Geruch von saurem Fleisch und dicker, reicher Sahneso�e. Er hatte sich also wieder zur Liebe aufgerafft, und deshalb bedr�ngte er sie jetzt mit seiner Liebesf�lle und lie� ihr nicht Raum noch Zeit zum Erwachen. Sein Gesicht, das sie liebte, war ihr zu nahe, eine flache Fl�che, auf der die Gesichtsz�ge, seine schlitzigen Germanenaugen und die kr�ftigen Augenbrauen und sein schiefer, sp�ttelnder Mund wie aufgeklebt wirkten. Ein Gesicht fast ohne Schatten.</p><p>Irgendetwas zischte in der K�che, erst kaum vernehmlich und wie eine Ank�ndigung, dann pl�tzlich aggressiv und hinterh�ltig, wie ein Tier. Thorsten sprang auf. Das Zischen wurde lauter. Laura war irritiert. Eine leere Erinnerung stellte sich ein, mehr die Form, das Gef�hl einer Erinnerung als diese selbst. Dann schepperten Topf und Deckel aus der Ferne, Thorsten rief etwas Unverst�ndliches her�ber, etwas vom Tonfall her Freundliches, Schmunzelndes. Die Kerzenflammen bewegten sich tr�ge mit der Musik.</p><p>Laura richtete sich auf. Ihre linke Hand war eingeschlafen, das merkte sie jetzt. Die Hand f�hlte sich wattiert an und taub und viel dicker, als sie in Wirklichkeit war, geschwollen unter tausend Hautschichten, unter k�rpereigenem Mull. Bei dem Versuch, die Finger zu bewegen, piekste es f�rchterlich. Sie massierte ihre Daumenballen. Auf einmal ging ein angenehmer Strom durch das Fleisch, das Blut geriet wieder in Bewegung, floss zur�ck in den Kreislauf. Sie f�hlte eine warme, traurige Wallung in der Brust und einen Druck am Gaumen.</p><p>Thorsten rief aus der K�che. Wieder verstand sie nichts, seine W�rter drangen nicht zu ihr durch. Es klang wie eine Frage, die sie ohnehin nicht beantworten konnte. Sie wollte noch nicht in die K�che gehen. Sie wollte Thorsten Zeit geben, irgendetwas zu machen, damit die K�che und er selbst nicht wie sonst w�ren. Vielleicht schon w�rde eine winzige Ver�nderung reichen, eine andere Zeitung auf dem Fensterbrett, ein neuer Blumentopf auf dem Schemel. Aber sie wusste, das K�chenfenster w�rde wieder beschlagen sein und in dem Wasserfilm w�rden wieder die beiden Figuren sichtbar werden, die sie einmal vor Wochen mit dem Finger ins Feuchte gemalt hatte, als er am Herd gestanden war: zwei Strichm�nnchen, die sich im Kuss umarmten, von einem Herz umrahmt. Und sie wollte nicht daran denken, dass dieses Fensterbild, das immer nur erschien, wenn er kochte, immer schw�cher und schw�cher wurde, je �fter er kochte; sie wollte nicht daran denken; sie sprang auf und �ffnete das Wohnzimmerfenster.</p><p>Die kalte Luft st�rzte herein. Auf dem Fensterbrett regte sich ein Blatt Papier, auf dem sie ihre eigene, stark zentrifugale, gro�z�gige Schrift erkannte. Aus der K�che zischte es erneut, und in den Geruch der schweren So�e und der eingebutterten Kartoffeln mischte sich das gute Aroma von etwas Angebratenem, vielleicht Zwiebelringe, schockerhitzt? Oder blutigrote Paprika?</p><p>Laura stand auf, das Lied war zu Ende, jetzt kam irgendwas Originelles, Stimmungsvolleres. Sie konnte das nicht mehr h�ren, nicht diese gewollte Schr�gheit, und ging in die K�che. Thorsten pfefferte gerade nochmals die Steaks ein, mit der Pfefferm�hle in seiner Hand. Er sah sie liebevoll an. Sie gab ihm einen Kuss auf die Wange, spielte noch immer verschlafen, wusste, dass sie s�� wirkte mit dem wirren, abstehenden Haar, den d�mmlichen Augen, setzte sich fast trotzig hin, ohne auf das beschlagene Fenster zu blicken.</p><p>Sein Nacken, ausrasiert, bleicher Schimmer, blonder Scheitel. Sie starrte da hin, verbohrte sich in diesen Nacken, in den sie gestern noch ihre Fingern�gel gekrallt hatte, im unteren, unscharfen Blickfeld griffen seine H�nde nach Gew�rzen.</p><p>Die richtige Dosierung von allem, <emphasis>ja-haa,</emphasis> die hatte er drauf, die richtige Mischung, was zuerst kommen, was zuerst zerlaufen, anschmoren, festbraten musste, um das richtige Aroma auszustr�men, was dar�ber- und daraufgeh�rte, was besser blanchiert wurde, welche Poren sich wann schlie�en mussten. Seine H�nde machten das schon ganz automatisch, Raps�l, Rucola, angezogen mit Schalotten.</p><p>Es sah aus wie eine Verzweiflungstat.</p><p>Laura sa� unn�tz auf dem K�chenstuhl und unterdr�ckte einen inneren Impuls, den Blick auf das beschlagene Fenster zu richten. Etwas sagen.</p><p>�Was sollen denn die Kerzen?�</p><p>�Lass es einfach zu, Keks. Eine andere Stimmung.�</p><p>�Du bist s��.�</p><p>�Du siehst so weich und sexy aus im Kerzenschein. Wirklich.�</p><p>Sie kicherte. Der Dampf und die schweren Bratger�che bet�ubten sie, gleichzeitig lief ihr das Wasser im Mund zusammen. Sich verzehren, dachte sie. Sich verschwenden. Thorsten kippte das Fenster und servierte.</p><p>�Moment, ich ziehe mich noch um.�</p><p>�Lass, Keks. Du bist perfekt so.�</p><p>Die So�e troff s�mig vom Fleisch, die Kartoffeln dampften, fest, goldgelb, Butterlachen sammelten sich in den Spalten, die er mit der Gabel hineindr�ckte. Auf beiden Tellern, Gustav-Klimt-Gedeck, Bradford Edition, lag ein dekoratives Lorbeerblatt. Der Spinat sah aus wie Tang. Thorsten streichelte ihr �ber die Wange, mit einem weit offenen L�cheln, und w�nschte ihr guten Appetit.</p><p>�Michaelis ist entlassen worden.�</p><p>�Welcher Michaelis?�</p><p>�Der kleine, geile Genie�er. Der Zigarrenraucher.�</p><p>�Der f�r Tabak zust�ndig war?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Hm. Schlimm. Und was macht er jetzt?�</p><p>�Wei� ich nicht.�</p><p>Das braungraue, innen r�tliche Fleisch lag vor Laura und schien von alleine zu zerfallen. Unter leichtem Druck ihres Messers wurde das Gewebe des Fleisches sichtbar, winzige Fleischfasern sonderten sich voneinander ab. Die Struktur wurde umso deutlicher, je mehr das Fleisch unter ihrem Messer zerfiel. Das ist doch total zerkocht, dachte sie.</p><p>Sie f�hrte ein St�ck zum Mund und a� es. Thorsten stocherte im Essen herum. Wenn sie ihn ansah, wich er ihrem Blick aus, sah auf den Teller, starrte auf Lorbeerblatt und Seetang.</p><p>�Bleibt es bei dem Ausflug morgen?�</p><p>�Ja, klar.�</p><p>�Ich freue mich drauf. Hoffentlich h�lt das Wetter.�</p><p>�Kommst du weiter, Keks? Mit dem Urheberrecht?�</p><p>�Ja. Ganz gut.�</p><p>Kriegsschutt unter den Sohlen, dreckiggr�n �berwachsen, vorbei am Monte Klamotte, mit den l�cherlich phallischen Abh�rstationen, dem sogenannten gro�en Ohr, stapften sie zum sogenannten Teufelssee. �berall Nacktbader und Nacktsonner, denen das labbrige Fleisch herunterhing, teils sonnengegerbt, teils bleich und rosig, einge�lt immer, schlaff und wie tot. Ein Drachen versuchte vergeblich, am Himmel klebenzubleiben, st�rzte nach kurzem Innehalten sofort wieder ab.</p><p>�Ist wohl irgendwie ein Knotenpunkt der Geschichte hier�, sagte Laura und warf ein Frisbee zur�ck, das ihr vor die F��e gefallen war. Die offensichtlich bekifften Teenager dankten es ihr mit Handzeichen.</p><p>�Krebsknoten�, sagte Thorsten, �ein Krebsknotenpunkt.�</p><p>Laura sah ihn �berrascht an. Er �berlegte, auf wie vielen H�usern er im Moment wohl stand.</p><p>�Vierhunderttausend zerbombte H�user vielleicht? Bestimmt viel Geschirr darunter, vielleicht eine Leica-Ausr�stung, vielleicht auch ein paar klitzekleine Mittelohrknochen?�</p><p>Aber weder diese Zahl noch die Tatsache, dass er hier auf dem Teufelsberg am westlichen Rand Berlins und wom�glich tats�chlich an einem Krebsknotenpunkt der Geschichte stand, besch�ftigten ihn wirklich. Es waren Spiele, Spekulationen, die mit seinem Leben nichts zu tun hatten.</p><p>Laura legte sich ins Gras. Z�gerlich legte er sich dazu. Jede seiner Bewegungen schien ihm umst�ndlich. Die Nackten nervten ihn.</p><p>�Die Wellen sind noch immer in der Luft�, sagte Laura und zupfte Bl�mchen, �die Radiowellen, Telefongespr�che, das kann alles noch abgefangen werden.�</p><p>Sie entkorkte den Wei�wein. Thorsten sah sie heimlich an. Sch�n sah sie aus, das hohe Jochbein, die Bl�sse der Haut, die entspannte Traurigkeit ihrer Gesichtsz�ge. Eine alteurop�ische Traurigkeit, hatte er immer gedacht. Er konnte das alles noch immer sehen, ihre Sch�nheit und deren Details, konnte an ihrem Profil herabwandern und dabei das Besondere ihrer Z�ge durchbuchstabieren wie einen alten Bibelvers, konnte es als �sthetischen, respektvollen Genuss empfinden � aber er konnte ihre Sch�nheit nicht mehr f�hlen. Etwas von dieser Sch�nheit ging verloren auf dem Weg zu ihm, etwas, das Entscheidende.</p><p>Ihr Anblick machte ihn m�de. Das war neu.</p><p>Es drang nicht zu ihm durch, genau wie die Fakten dieses Ortes, der Schutt des Weltkriegs, die Ruinen des Kalten Krieges, er konnte sich das aufsagen, aber es sagte ihm nichts. Empfindungslose Erinnerung. Wissen als Abz�hlreim. Das Gras begann in seiner Nase zu jucken.</p><p>Laura legte den Kopf in den Nacken und hielt ihr Gesicht in die Sonne, atmete dabei besonders innig ein und aus. Thorsten fand das albern und kratzte sich am Arm. Er zog einen Alkopop aus dem Rucksack, ploppte ihn auf und trank ihn sofort zur H�lfte aus. Er schmeckte zuckers�� und ekelhaft. Er wusste nichts zu sagen. Die ganze Szenerie kam ihm zuckers�� und ekelhaft vor.</p><p>Nachdem er die Flasche schnell geleert hatte, holte er einen kleinen Wodka und einen Red Bull aus dem Rucksack, sch�ttete ein Drittel des Red Bulls ins verdorrte Gras und f�llte die Dose (deren Ber�hrung ihm die angenehmste des bisherigen Tages war) mit klarem Wodka auf.</p><p>�Du solltest nicht so viel trinken, schon am Nachmittag.�</p><p>�Ach, es ist Samstag, und ich bin gestresst vom Job. Du trinkst auch Wei�wein.�</p><p>�Das ist etwas anderes. Prost.�</p><p>Sie stie�en klanglos an. Thorsten bl�tterte in der Financial Times Deutschland, er suchte einen Artikel �ber den Rabattkrieg. Das rosagef�rbte Papier kam ihm pl�tzlich bizarr vor. Er rieb es zwischen Daumen und Zeigefingerkuppe, bekam eine G�nsehaut, weil er an quietschende Tafelkreide denken musste, und sp�rte dabei, wie sich eine wohltuende alkoholische Leere im Kopf ausbreitete.</p><p>Laura redete schon seit geraumer Zeit �ber einen Artikel, den sie einmal f�r das Rotarier-Magazin geschrieben hatte, �ber das Ende der Geschichte, Posthistoire, Ernst J�nger, Francis Fukuyama, Arnold Gehlen. Sie bemerkte, wie l�cherlich ihr solche Thesen nun vork�men, nach dem elften September, nach den weltpolitischen Verwerfungen, wie sie schmunzelnd anf�gte, Ex-Bundeskanzler Schr�der zitierend. Ganz abgesehen davon, dass der ganze Rotary-Club ihr im R�ckblick wie eine Ansammlung alter, debiler Menschen vork�me.</p><p>�Huntington�, sagte sie, �hatte recht: Clash of Civilizations. Oder?� Sie g�hnte.</p><p>Thorsten nickte und sagte auswendig Gelerntes �ber China auf. Die neue Macht des dritten Jahrtausends, eine Ver�nderung im Weltgef�ge, Verschiebung der Kr�fte, und dann dozierte er �ber die �lverknappung aufgrund wachsender Nachfrage in Indien und S�damerika. Das Jucken in seiner Nase wurde dabei so stark, dass er niesen musste. Er bespr�hte seine rosa Zeitung mit Rotz. Laura reichte ihm ein Taschentuch.</p><p>�Danke�, sagte er und schn�uzte sich, �ich gehe mal kurz an den See, mir ist nicht so gut.�</p><p>�Okay�, sagte Laura. �Willst du vielleicht etwas essen?�</p><p>�Sp�ter, Keks�, antwortete Thorsten, �vielen Dank�, und k�sste sie aufs Schl�sselbein und stand auf.</p><p>Sofort empfand er das herumliegende nackte Menschenfleisch als Affront. Auf dem Weg zum See musste er �ber fettig ge�lte Glieder steigen, die da lagen wie vergessenes Brennholz, Beine wie Scheite, krude Penisse, schlaffe Br�ste. Unten am Wasser leerte er den Rest Wodka pur in einem Zug, sodass es ihn sch�ttelte. Der See lag ruhig und leblos vor ihm.</p><p>Eine hagere, nackte Kate-Moss-Sch�nheit spazierte zu seiner Rechten mit ihrem nackten, langhaarigen Kind am Ufer entlang. Er w�nschte sie sich beide angezogen, um l�nger hinschauen zu d�rfen, fast f�hlte er sich schuldig, dass er bekleidet war. Er kannte diese Welt nicht.</p><p>Pl�tzlich lief ein brennendes Pieksen �ber seinen R�cken, ein zweiter Schuldanfall wie ein Schock, sein Kopf wummerte. Details der Nacht vor zwei Tagen, als er Laura wieder betrogen hatte, spukten durch seinen Kopf: geschlossene Augen, schmatzende M�nder, w�tendes Zusto�en.</p><p><emphasis>Was mache ich nur?</emphasis></p><p>Er schloss die Augen und griff sich an den Kopf. Da meldete sich sein Bauch mit einem Stich. Der Magen krampfte kurz zusammen und wand sich. Schwei� trat auf seine Stirn. Dann verging der Bauchschmerz so schnell, wie er gekommen war, ein wohliges Sch�tteln durchfuhr ihn. Dann war es vorbei.</p><p>Kate Moss ging vorbei, ohne es zu bemerken, ohne ihn anzublicken. Nur das Kind blieb kurz stehen und sah ihn offen an, mit dem wissenden Blick, der ernsten Kindern zu eigen ist. Er hoffte, dass es nichts sagen w�rde. Auf redende Kinder konnte er nur schlecht reagieren, er nahm dabei weder sich noch das Kind ernst. Das Kind schwieg, trippelte weiter, und Thorsten war erleichtert.</p><p>Zur�ck bei Laura setzte er sich auf die gr�ne Picknickdecke, schenkte sich Wei�wein ein und sagte mit heller Stimme: �Ich liebe dich.�</p><p>Am n�chsten Tag musste er seine Stimme wieder ins Dunkle modulieren, denn er hatte einen Vortrag vor gro�em Publikum zu halten. Er gurgelte Whiskey, dann Odol; er flunkerte sich vor, dass ihm das jenes sonore Timbre verleihen w�rde, das zwielichtige Rockstars so m�helos performten. Und ja, ein Rockstar wollte Thorsten heute sein, ein Rockstar des Absatzes und der Verkaufskonzepte. Seine Rede w�rde Rock sein, ein Ruck durch die K�pfe der Servicenomaden dort drau�en, ja; so dachte er, um sich anzufeuern.</p><p>Space Management ist die umsatzsteigernde Strukturierung und Optimierung von Shopbereichen, memorierte Thorsten automatisch seinen Einstiegssatz. Auf dem Handout spiegelte sich das Spotlight wider, schillerte, verformte sich, darunter war sein Leben zu lesen: 1999 hatte er als Trainee bei einem der gr��ten �lkonzerne Europas angeheuert, vorher hatte er seine Wehrzeit als Feldj�ger in Garmisch-Partenkirchen verbracht, danach Studium der Betriebswirtschaftslehre auf einer Privatuniversit�t in Gie�en mit je einem Auslandssemester in England, Frankreich, Amerika, alles ganz neoliberal, Abschluss mit ordentlichen bis herausragenden Noten, flankiert von ausgezeichneten Referenzen. Der Konzern hatte ihm nach Ablauf seiner Ausbildung das Angebot gemacht, mit dem Umweg �ber die Schmierstoff-Abteilung eine Karriere als Shopberater einzuschlagen. Seine Leistungen hatten ihn jedoch schnell f�r das Category-Management-Team qualifiziert.</p><p>Und jetzt stand er hier, unter der �lsonne, im Zweistromland, wo Benzin und Red Bull aus nie versiegenden Quellen flossen. Er musste sich jetzt nur noch ein wenig behaupten, ohne schlecht aufzufallen, musste R�ckgrat und Ellenbogen beweisen, dann w�re es geschafft.</p><p>Dann h�tte alles einen Sinn.</p><p>Hinterm Rednerpult, vor der Power-Point-Projektion, im Rampenlicht, im Leben, im Arbeiten, �berall.</p><p>W�hrend der gro�en Partnerversammlung (die P�chter wurden �Partner� genannt, um das hierarchische Gef�lle zwischen Herr und Knecht zu verh�llen) stand Thorsten also vor seinem Auftritt auf der B�hne des Veranstaltungssaals des Hotels Estrel in Neuk�lln und war nichts anderes als panisch. Durch den in ein tiefwarmes Rot getauchten Raum t�nzelten leichtf��ige Praktikantenbunnys, um kleine Informationsbrosch�ren an die P�chter zu verteilen, die dort im Dunkeln sa�en wie Kinobesucher.</p><p>Soeben hatte Marketingleiter Peter Bakrum die markenpolitischen Strategien des Konzernnetzes erl�utert: Es gelte, hatte es durch den Saal gehallt, �Wasser f�r die Servicew�ste Deutschland� zu sein, �bl�hende Oasen der proaktiven Kundenn�he� zu bieten und die Marke so mit den positiven Werten der Kundenfreundlichkeit, der Menschlichkeit, des �gewissen Extras an Customer Care� zu besetzen. Bakrum hatte mit seiner Brille gespielt, auf die tr�ge wechselnden Projektionen gezeigt, die Brille wieder aufgesetzt und emphatisch die Worte �von Mensch zu Mensch� in das Mikrophon gehaucht.</p><p>Ein digitaler Tusch, ein Lichtwechsel, und die eigens engagierte Moderatorin, die kleinbusige Wetterfee eines drittrangigen Privatsenders, stie� zu ihm, las s�uselnd diktierte Fragen von ihren transparenten Notizpappen ab und l�chelte die vorgestanzten Antworten herbei, um sie interessiert abzunicken. Beil�ufig verpfuschte der Plastikcharme ihrer Nachfragen die eh schon d�rftigen Pointen.</p><p>Thorstens Blick wanderte �ber die Landschaft aus Hunderten von P�chterk�pfen. Eine gewisse Br�sigkeit, ein Unmut wie von Sch�lern aus der letzten Reihe schien langsam um sich zu greifen: Schlecht frisierte H�upter steckten sich unter missmutigem Tuscheln zusammen, F��e wippten ungeduldig, schlichte Gesichter glotzten unverst�ndig auf die wechselnden Prozentkuchenst�cke an der Wand, und in der Erstarrung der konzentrierten Mienen flackerte ein stiller, stolzer Trotz auf.</p><p>Er blickte wieder auf die B�hne. Zur Veranschaulichung der �gesamteurop�ischen Servicetradition� des Unternehmens wurden nun vier Werbefilmchen aus England, Frankreich, Spanien und Belgien gezeigt, bunt, kaleidoskopisch, simpel. Thorstens Chef, Harm van Dijk, rauschte heran, an seiner Seite ein Praktikantenbunny, das Thorsten ausdruckslos und unter strichgezupften Augenbrauen anblickte. Kurz stellte er sich das Bunny nackt vor, runde Apfelbr�ste, gespreizte Beine, <emphasis>spritz ab</emphasis>, w�hrend sein Chef ihm mit Odol-Atem etwas von �Planogrammwechsel� und �Ready-to-Drink-Markt� zufl�sterte und alles Gute w�nschte. Die Praktikantin l�chelte und r�ckte einen Schultertr�ger zurecht.</p><p>Thorsten l�chelte zur�ck und sah eine Spermaspur �ber ihrem Auge. Der n�chste Programmpunkt wurde von einem hektischen, bassunterlegten Trailer angek�ndigt: das Kundenbindungsprogramm BUY&amp;GET. Peter Stein, der grantige Leiter des Customer�s Consulting, betrat die B�hne, ordnete seine Gesichtsz�ge, zog die Krawatte zurecht und begann zu reden.</p><p>Thorstens Herz h�pfte wild. Als N�chster war er dran. Schwei� sickerte ihm in den Kragen. Er memorierte die Struktur seines Vortrags, starrte auf den PDF-Ausdruck der verschiedenen Folien, der Planogramme, der Nielsen-Daten. Vier Praktikantinnen schlichen an ihm vor�ber. Sein Blick verhakte sich in eine L�wenm�hne voll blondierter Str�hnchen und strohigem Spliss. Die Luft war seltsam trocken. Ihm stockte der Atem. Die Statistiken flirrten auf dem Papier, das Logo dar�ber schillerte wie ein Hologramm. Er hatte Durst auf etwas Dickfl�ssiges, eine Bloody Mary oder einen Whiskey. Er versuchte, sich auf den Vortrag zu konzentrieren. Stein war bereits beim Vergleich mit SMARTSHOP, dem Kundenbindungsprogramm der Konkurrenz: Werbepartner, Sonderaktionen, Punktesystem. So weit schon? Das hie�, es blieb kaum mehr Zeit. Er schluckte. Schon war sie vorbei.</p><p>Die Wetterfee (Thorsten stellte sie sich kurz im Wald vor, an einem Baum, im Stehen, wei�es Schl�sselbein, begl�ckter Mund, <emphasis>Dreck</emphasis>) enterte die B�hne, l�chelte professionell, sch�ttelte Stein die H�nde, es regnete Blumen und Logos. Dann h�rte Thorsten seinen Namen, erschrak und trat hervor. Das Licht fuchtelte in seinem Gesicht herum. Alles verschwamm. Er l�chelte. Ich bin der Space Manager, der Spaceman, dachte er, ein Superheld, ein Au�erirdischer. Ich kenne keine Angst. Er nahm die drei Stufen zum Podest, dabei ging ihm die Melodie des One-Hit-Wonders �Spaceman� von Babylon Zoo aus dem Jahre 1996 durch den Kopf. Seine Haut spannte wie Latex. Ich bin nicht von dieser Welt, dachte er.</p><p>�Vielen Dank, Deborah.� Er blickte in das vielk�pfige Dunkel, das seine Stimme aufsog. �Mein Name ist, wie Sie geh�rt haben, Thorsten K�hnemund�, sagte er, ohne sich zu h�ren. �Ich m�chte Ihnen nun kurz den Bereich Space Management vorstellen.�</p><p>Nach dem Vortrag nickte er verbindlich, durchschritt den freundlichen Applaus, lie� sich kurz gratulieren von Chef und Praktikantin, l�chelte, schnappte sich ein Gatorade, st�rzte es, so wenig gierig wie m�glich, hinunter und entschuldigte sich, in einer Stunde sei er wieder da. Er ging am Buffet entlang, m�glichst unauff�llig, an verwaschenen Figuren vorbei, Marmortreppen hinab auf die Toilette, dort in eine Zelle, st�tzte sich �ber die Klosch�ssel und lie� das Gatorade lautlos ins Klo laufen. Es war orange und flockte. Dann sp�lte er sich den Mund aus, checkte fletschend seine Z�hne, trank einen J�germeister, warf ein Fisherman�s Friend ein und verlie� das Klo.</p><p>Space Management auch dies: eine fast leere Plattenbauwohnung, ein leise summender K�hlschrank, ein hell lackierter K�chentisch, eine nackte Matratze auf dem Boden. Und zwei K�rper, die sich aneinander rieben.</p><p>Seit Monaten unterhielt Thorsten jetzt die Aff�re mit der Popjournalistin. Von au�en war es offensichtlich: Anstatt sich der latenten und seltsam milden Panik, die ihn sofort nach dem Beziehen der gemeinsamen Wohnung beschlichen hatte, auf gesunde Weise zu stellen und sie gegen�ber Laura offen zur Sprache zu bringen, hatte er sie verdr�ngt und mit Schichten von Liebesschw�ren �berdeckt. Hatte in einer vergessenen Nacht in einem vergessenen Club die erste Gelegenheit zur Aff�re genutzt, erst mehr instinktiv als geplant die M�glichkeit zur Wahrscheinlichkeit ausgebaut, dann geheime Treffen arrangiert, der Frau ebenso alberne wie geschmackvolle Geschenke gemacht, sie t�glich mit intelligenten E-Mails umgarnt und auf diese Weise langsam f�r sich gewonnen, ohne selbst zu wissen, warum. Nach ersten Stunden des (wie sie es einmal nannte) <emphasis>kinskihaften Klischeefickens</emphasis> an dreckigen Orten und in verbotenen Betten (denn auch die Popjournalistin steckte inmitten einer Beziehung) trafen sie sich inzwischen dreibis viermal in der Woche in der angemieteten, kahlen und billigen Plattenbauwohnung in der Leipziger Stra�e. Dort lag die Matratze, summte der K�hlschrank, schwieg der Tisch, an den sie sich gew�hnlich nach dem Akt setzten und verlegen einige Dinge ihres bisherigen Tages besprachen. Dort hing die nackte Gl�hbirne und beleuchtete die s�uberlich �ber die Stuhllehne gelegte Krawatte schwach.</p><p>Und dort war er auch jetzt, in der Mittagspause, und nahm seine Aff�re von hinten, ein Kitzeln in der Nase, das sich in keinem Niesen entladen wollte. Sein R�cken brannte.</p><p>Perfekte Haut, geschrumpfte Zeit. Ein Swimmingpool strahlt blau von der Leinwand herab, spiegelt sich im Augenwei� der Leute. Zwei perlwei�e Zahnreihen knacken einen gl�nzend harten, schwarzbraunen Schokoladensplitter entzwei. Ausgeflippt tuende Kerle mit roten oder gelben Frisuren springen zackig auf und ab und freuen sich ganz wahnsinnig. Cowboys f�hren der Kamera ihre Lassokunstst�cke vor, reinste Artisten in einer Scheune unter der gl�henden Sonne Nevadas.</p><p>Kaskaden von Leere st�rzten durch Lauras Brust, im Hals sp�rte sie ein H�mmern, in den Adern �berdruck. Wort um Wort z�hlte sie die S�tze ab im Takt der Musik, wollte verstehen und nachdenken, verstehen und nachdenken, Assoziationsketten bilden, dann w�rde es besser werden. Die Werbespots schienen jedoch nicht von der Stelle zu kommen, sie liefen z�h wie alter Honig.</p><p>Die Lippen des Politikers im n�chsten Spot waren verh�rmt und verkniffen. Lauras Augen verguckten sich in den nach unten wegfallenden Mundwinkel. Zwar lachte der Politiker triumphal, doch sein Mund sprach eine andere Sprache. Laura wollte sich zwingen, die politische Lage zu rekapitulieren, die Biographie des Mannes abzurufen, um nicht an sich selbst denken zu m�ssen, wie sie da im Kino sa�, neben ihr Thorsten, und zu nahe um sie herum andere dunkle Menschen.</p><p>Eine Frau gleitet durch einen Swimmingpool, auf die Zuschauer zu, taucht auf, es spritzt und spr�ht. Sie blickt offen und offensiv in die Kamera, hat schwarzes Haar und gleichm��ige Z�ge, ihre Augen haben die Farbe des Pools: ein strahlendes, fast schmerzhaftes T�rkis, sie l�chelt. Sie hat sich elegant hochgestemmt und auf den Beckenrand gesetzt, w�hrend die Kamera sich mit einem Schwenk ein St�ck �ber den Pool auf sie zubewegt hat. Jetzt scheint die Kamera �ber dem Wasser zu schweben, dort, wo gerade noch die Frau war. Dolly und Kran, einfacher Trick, dachte Laura und verkrampfte. Sie schaute sich um, die anderen Leute beobachteten sie nicht, und griff nach Thorsten, sie fand seinen �rmel, dann seine Hand, und ihre Finger verschr�nkten sich. Laura musste ihr Gelenk leicht umknicken daf�r. Sie atmete durch.</p><p>Es war in einem solchen Kino gewesen, wo sie ihren ersten Anfall erlitten hatte. Die falsche Stille, das dichte Schwarz hatten sie bedr�ngt, sie und ihren Atem, die Dunkelheit und das Schweigen waren stofflich geworden und bedrohlich z�h. Pl�tzlich wusste sie mit allen Sinnen, dass sie ein Mensch war, mit Lungen, die kurz ruhten zwischen zwei Atemz�gen. Ich bin ein Organismus, dachte sie, der wie jeder Organismus pl�tzlich zum Stillstand kommen oder einen Kollaps erleiden kann, so dachte, nein, f�hlte sie. Und f�hlte sich gefangen in diesem eigenen K�rper, weggesperrt, f�hlte ihren K�rper gefangen auch in sich, eine verwachsene Matrjoschka.</p><p>Solche Gedanken sind Verr�cktheiten, dachte sie und wollte die Gedanken wegschieben. Es ging nicht. Einer winzigen Einzelheit zu gr�blerisch hinterhergesp�rt, ein verhakter Blick, und das Hirn st�rzt los wie eine Lawine ohne L�rm. Einmal zu tief in sich gegangen, und jeder Blick wird zum Endoskop. Sie bekam keine Luft, atmete zu laut und hastig, hatte Angst, dass die Leute auf sie aufmerksam w�rden, hatte eine Panik vor allem in und au�er sich.</p><p>Das sind die Augenblicke des Kippens.</p><p>Seitdem sah sie sich keine gr�blerisch-ruhigen Filme mehr an, nur noch Blockbusterware aus Amerika. Gerade gab es eine Kampfszene mit viel Blut und Glibber. Thorsten lachte. Sie schluckte und versuchte, nicht auf den Schluckreflex zu achten.</p><p>Klaustrophobie ist die kranke Version von Selbstreflexivit�t, gleich an Selbstreflexivit�t angekoppelt. Nein: Im Herzen der Selbstreflexivit�t liegt ein Kern, den es nicht zu ber�hren gilt, sonst schl�gt das System Alarm und l�uft hei�. Selbstreflexivit�t hei�t im Kern Klaustrophobie. Du spinnst einen Gedankenfaden, er liegt dir leicht in der Hand, wie du ihn spinnst, und pl�tzlich (weshalb? ein Irrwitz) zuckst du mit der wachen Hand und peitschst den Faden zwanghaft in dein eigenes Gesicht zur�ck, immer wieder, bis Blut aus den feinen Schnitten tritt. Du beginnst, dir den Faden einzuverleiben, isst ihn, der nass und klebrig von deinem Blut ist, bis du w�rgst. Keinen Gedankenfaden, ein ganzes Netz kn�pfst du und, es ist noch gar nicht fertig, lose Enden �berall, wirfst es enthemmt �ber dich selbst, wirfst es dir �ber, dann sofort Panik, selbstverschuldete Panik, Zappeln. Wenn du jetzt versuchst, dich zurechtzufinden, vom Netz zu befreien, verhedderst und verwirrst du dich nur noch mehr und liegst bald regungslos am kalten Boden, zuckst nur noch, zweimal, dreimal. Ein Irrwitz, ein Reflex, konvulsivische Bewegung � Todessehnsucht? Der K�rper wei� immer mehr als du.</p><p>Lauras Atemwege f�hlten sich bl�ttrig und ausgetrocknet an. Thorsten rauchte ihr zu viel, und die Klimaanlage im Auto blies stetig trockene, warme Luft in ihr Gesicht, welche die Schleimh�ute reizte. Thorsten blies in kurzen St��en den Rauch gegen das Fenster, der wirbelte zur�ck und verteilte sich im Wagen. Um dagegenzuhalten, rauchte Laura selbst. Sie hatte Lippenstift aufgetan. Ein roter Fleck auf dem Zigarettenfilter wurde immer dunkler. Sie stie� zwei Hauer dichten Rauches durch die Nase aus, zog wieder, inhalierte tief, blies gegen die Scheibe und beobachtete die zarten, seitlich wegstiebenden Kollisionen des Rauchs, die sie kontinuierlich n�hrte, w�hrend vor dem Glas triste Bretterz�une vorbeizogen.</p><p>�Ist Edwin eigentlich noch mit � wie hie� sie noch?�</p><p>�Lara?�</p><p>�Zusammen?�</p><p>�Nein, er hat da irgendjemand anderes jetzt. Wir werden ja sehen.�</p><p>�Keks?�</p><p>�Ja?�</p><p>�Kannst du die L�ftung �?�</p><p>�Ja.�</p><p>Dachte sie ans Rauchen, dachte sie an Atemwege. Dachte sie an Atemwege, dachte sie an Luftr�hre, Flimmerh�rchen, Lungenkapillaren, dachte Pneumokokken, Tuberkulose, Embolie, nein, ihr Auge ein Endoskop, nein, nicht. Ihr Auge, das Endoskop, bohrt sich durch die Luftr�hre und andere K�rperkan�le in das graue Gewebe der Lungen. Verletzt das Zwerchfell, st��t in die Aorta, ins Herz. Alles dreckig, ein Stauen und Schieben dort, die Klappen knattern, nein, nicht. Das Radio anschalten, auf das Gerede h�ren, sich vom Gerede der Welt dezentrieren lassen, ja: Radio Blitz, Power-News, das Wetterjingle, die Dance-Charts. Das Gerede seine Wirkung entfalten lassen. Das Gerede soll die Verknotung l�sen, die Erinnerung zerst�uben. Selber reden hilft auch.</p><p>�Gibt es da �berhaupt Parkpl�tze?�</p><p>�Wir werden sehen.�</p><p>�Wie viele Leute werden denn da sein?�</p><p>�Nicht viele. Ich glaube, Edwin und seine neue Flamme, und ein Partner aus seiner Kanzlei.�</p><p>�Ich kann jetzt auf keinen Fall viele Leute ertragen.�</p><p>�Ist gut, Keks.�</p><p>�Ist gut?�</p><p>�Ja. Es werden nicht viele sein.�</p><p>Thorsten strich sich �ber die Nase, massierte sie. Laura z�ndete sich noch eine Zigarette an.</p><p>Laura hatte nicht auf diesen Ball gewollt. Thorsten hatte sie, nach dem ohnehin s�uerlich verkrampften und leicht m�nnerb�ndlerischen Essen bei Edwin, dazu �berredet, auf seine unversch�mt einnehmende Weise, schnell und lethargisierend wie eine weiche Droge. Jetzt war sie hier, und er war weg, er und seine Worte und sein L�cheln, auf der Toilette wahrscheinlich, oder auf Flirtfang.</p><p>Dann kam eine auf sie zu, die Sarah hie� und Laura anscheinend kannte. Sie gab ihr die Hand, deutete eine Umarmung an und spielte �berschw�ngliche Wiedersehensfreude. Laura lachte, driftete durch die Leute weiter zum DJ, den sie vom Sehen her zu kennen meinte. Sie f�hlte sich fremd. Doch wer beim DJ herumh�ngt, kann nicht ganz fremd sein. Mit einem Glas Champagner t�nzelte Laura wieder fort, um sich alles genau anzusehen: den neuen Feudalismus, die Marmorfugen, die Holzvert�felung, die blendende Wei�heit der Tischdecken, die blanke Frechheit der jungalten Gesichter, die Manschettenkn�pfe, die Frisur-Frisuren, die dezenten Dekollet�s.</p><p>Sie w�nschte sich einen noblen Experten herbei, einen ironischen Insider, der das alles kategorisieren und mit ein paar sch�nen Markennamen wie �Brook Brothers� oder �Ermenegildo Zegna� festzurren w�rde. Das w�re eine Freude, dachte sie, und eine Sicherheit. Aber statt dieses Experten traf sie nur den schmierigen Cousin eines unbestimmten Bekannten. Sein Name wollte ihr partout nicht einfallen, sie hatte ihn irgendwann auf einem Hausfest der Pf�lzer kennen gelernt (und sp�ter hatte er �gepapstet�, in den �Papst� hinein, wie die Studentenverbindungen ihren Kotzeimer nannten, und Laura hatte sich abf�llig �ber diese Ritualisierung des kollektiven Sich�bergebens ge�u�ert und sp�ter, als ihr selbst �bel war, lieber einsam in einer schattigen Gartenecke abgelegt, dabei an einen franz�sischen Ausdruck f�r den Vorgang gedacht: <emphasis>faire une pizza</emphasis>).</p><p>Der Cousin trug eine Michel-Friedman-Gelmatte zur Schau und schien nur aus Pflichtgef�hl mit Laura, der Stehengelassenen, zu reden, was ihr auf die Nerven ging, denn sie w�re ebenfalls lieber weitergegangen.</p><p><emphasis>Deine Dissertation, interessante Fragestellung, auch aus kaufm�nnischer Sicht:</emphasis> Seine glubschigen Augen sprangen zwischen ihrem Dekollet� und ihrem Gesicht hin und her, w�hrend ein galanter Schwall zwischen seinen d�nnen Lippen hervorsprudelte, der weder Sinn noch Richtung hatte, nur Form, die immer gleiche, althergebrachte Form der Galanterie. Als sie nichts erwiderte, forderte er sie irritiert zum Tanzen auf. Gerade lief �I will survive� von Gloria Gaynor. Sie willigte ein.</p><p>Auf der Tanzfl�che schwappte Hass in ihr hoch. Wie affig sich alle bewegten! Der Cousin presste sie gewaltsam in die immergleichen Friesenrockfiguren, Drehung links, Wirbel rechts, Ranziehen, Absto�en, mit zappelnden Armen und starrem L�cheln. Einmal kugelte er ihr fast die rechte Schulter aus.</p><p>�Wieso�, schrie sie ihm ins Ohr, �sind die Sachen, die auf euren Adelspartys laufen, eigentlich so schwul?�</p><p>Der Cousin verstand nicht ganz.</p><p>�Schwul?�</p><p>�So Siebziger-Disco-Zeugs�, schrie Laura, �<emphasis>YMCA, Streetlife, Last night a DJ saved my life</emphasis>! Warum?�</p><p>Der Cousin l�chelte nur, sch�ttelte sch�chtern den Kopf und zerrte sie in eine weitere ungelenke Figur.</p><p>�Egal, los, weiter!�, feuerte Laura ihn an. �Heb mich mal in die Luft! Zeig�s mir richtig! Los!�</p><p>Er lachte verwirrt auf, rief irgendetwas Entschiedenes, fasste Mut und hob Laura mit dem n�chsten Taktwechsel an den H�ften hoch. Kurz stand sie �ber diesem Meer kehliger, fester Worte, gesteifter Kragen und matter Augen, wie eine bunte Boje im Sturm, schwankend und gepeitscht. Die Musik klang sekundenlang lauter, reiner, metallischer als unten. Dann sah sie den erschrockenen Ausdruck im Gesicht des Cousins. Er versuchte sie zu halten, aber der Schwei� in seinen Handfl�chen war wie ein �lfilm. Sie entglitt ihm, kippte nach hinten. Auch die Gesichtsz�ge des Cousins entglitten in Panik. Die Farben �ber Laura verschwammen.</p><p>Ein dumpfer Klang hinter der Stirn, ein scharfer Schmerz im Hinterkopf, wie Streusalz im Schnee, ein Knistern und �tzen. Sie roch noch herbes M�nnerparf�m. Dann zog sich die Welt zusammen zu einem Punkt.</p><p>Schulterschl�sse und satte Grimassen, gepeelte Gesichter, geschenkte Gef�hle. Eine Pickelfresse starrte Thorsten von nahem an, ein einsamer Manschettenknopf auf dem Parkett ebenfalls. Er sa� bei Falk am Tisch. Er hatte sich dazugesetzt wie die sich dazusetzende Selbstverst�ndlichkeit, die er fr�her einmal gewesen war. Doch die alten Selbstverst�ndlichkeiten, dachte er und nippte an seinem Wodka-Lemon, sind bekanntlich das Unselbstverst�ndlichste von heute. Ebenso f�hlte er sich nun, gefangen in der falschen Frechheit, sich so ohne weiteres zu Falk und seiner Begleitung gesetzt und solcherma�en eine sofort verfahrene Situation produziert zu haben. Falk, sein alter Klassenkamerad, hatte es seinerseits verpasst, die Begleitung und Thorsten einander vorzustellen, was diesen nur insofern st�rte, als er irgendein doppelt gezinktes Signal dahinter vermutete und nicht wusste, ob dieses nun f�r ihn oder f�r die Frau bestimmt war, die an Falks Seite sa� wie eine namenlose Gipsfigur.</p><p>So tr�pfelte ein Gespr�ch alter Freunde traurig dahin, gehemmter noch als das Schweigen der jungen Dame. Die Distanz zwischen ihnen, �ber die Jahre unmerklich gewachsen, war jetzt un�bersehbar. Er konnte Falk kaum noch erkennen, so weit war er weg, hinter der wei�en Flur des Tisches, das Gesicht aufgedunsen und in Ans�tzen verfettet, der Blick fahrig und haltlos.</p><p>Sch�mte er sich jetzt f�r Thorsten oder wie? Thorstens soziale Kompetenz litt merklich unter der wachsenden Betrunkenheit. Er hatte kein Gef�hl mehr f�r den Unterschied zwischen falschen, halbrichtigen und richtigen Kommentaren. Das fand er allerdings sehr angenehm. Er brauchte einen Wodka pur; er wollte sp�ren, wie es brennt.</p><p>Nach einem ellenlangen Schweigen sagte er: �Ich lass euch mal allein, M�dels�, und stand auf, worauf Falk unwirsch �Wieso denn?� fragte und die Mundwinkel gepeinigt verzog, genau wie fr�her immer, wenn er in der Klasse vorlesen musste. Auch das Blut, das ihm ins Gesicht schoss, hatte dieselbe Farbe wie damals, knallrot in der ersten Sekunde und dann sofort ins Purpurne wechselnd.</p><p>�Wieso denn, wieso denn, wieso denn�, wiederholte Thorsten leise lallend und ging weiter. Seine Beine trugen ihn �berraschend sicher durch die bankettlangen Tischreihen. Bekannte Gesichter, verwischte Gef�hle. Er lachte �ber eine Gruppe von Smokingtr�gern, die beieinanderstanden, schr�g distanziert und zentripetal verkantet wie Mikadost�bchen in der lockeren Hand. Obwohl er einige von ihnen fl�chtig kannte, stellte er sich vor sie hin, zeigte mit dem Finger auf die Gruppe und lachte gek�nstelt, so wie sie es bei den Klassendeppen fr�her im Internat getan hatten.</p><p>�Jaja, der K�hnemund, jaja�, sagte einer der Mikados und wollte noch etwas hinzuf�gen, aber da war Thorsten schon wieder weg, unterwegs zu Edwin, den er an der Bit-Tr�nke erblickt hatte. Auf dem Weg dorthin blickte er in den einen oder anderen Ausschnitt, sah verlockende W�lbungen, sammelte verf�ngliche Blicke. So viele dieser Anzugtr�ger und Abendkleidpuppen kannte er von seiner alten Schule, doch wusste er bei den meisten schon l�ngst nicht mehr, wie er zu ihnen stand. Einige Verbindungen aus der Zeit bei den Jesuiten hatten ihm zum Vorteil gereicht (das Trainingsprogramm in Genf etwa h�tte er nie ohne die Referenzen von Malte L�deritzens Vater bekommen), andere waren ihm nur mehr l�stig, keine Seilschaften mehr, nur noch Seile, die mit jedem gewechselten Wort schwerer an seinem Hals herunterhingen.</p><p>Inzwischen erkannte Thorsten (im Allgemeinen und mit all dem Alkohol im Blut im Besonderen) immer schwerer, wer zu welcher Gruppe geh�rte, wer noch von Vorteil sein und wer ignoriert werden konnte. Selbst die Sympathien ordneten sich neu, von anderen Kraftfeldern bestimmt als fr�her.</p><p>Satter Zynismus stand Edwin ins Gesicht geschrieben, als er sich grinsend zu Thorsten umdrehte, der ihn in den Nacken gek�sst hatte. Thorsten f�hlte sich in Edwins wissendem Grinsen zu Hause � �wir Jesuitenschwestern� � und umarmte ihn kurz und kumpelhaft. Edwin klopfte Thorsten den R�cken ab, als w�ren da noch Spuren von Schulkreide, gab ihm von seinem Whiskey zu trinken � �Pausenbrot� � und redete von irgendwelchen Shareholdern. Thorsten kniff Edwin mit Zeige- und Mittelfinger in die Wange und sagte etwas Sinnloses, das sofort erlosch.</p><p>Edwin stellte Thorsten einer typischen Bonner Blondine vor, mit Perlenohrringen, blaumatten Augen, wei�en Z�hnen, Burlington-Gedanken. Thorsten zog sie sofort auf die Tanzfl�che und tanzte einen Friesenrock mit ihr. Es ging gut, sie war geschmeidig und wusste immer schon vor ihm, was er wollte. Einmal w�re er fast gest�rzt. Da l�chelte sie unsicher. Als sie ihn am Ende des Liedes stehen lie�, ging er zur�ck zu Edwin, der bereits vier Biere bestellt hatte. Sie exten das erste.</p><p>�Wo ist eigentlich Laura?�, fragte Edwin. Thorsten machte eine uninteressierte Geste.</p><p>�Hey. Ich mag das M�dchen�, sagte Edwin ernst, �lass es also.�</p><p>�Nee, klar, schon klar�, versicherte Thorsten.</p><p>�Gut. Dann ist ja alles gekl�rt�, sagte Edwin, und sie exten das zweite Bier.</p><p>Zwei weitere Blondinen gesellten sich zu ihnen. Thorsten war, eine neue Erfahrung, zu betrunken, um sie sich nackt vorzustellen. Ein Pingpong ging hin und her, aseptische Worte, leicht und wei�. Thorsten griff sich in den Schritt, ohne dass jemand es merkte, und entschuldigte sich kurz, �f�r junge K�nigstiger�. Unterwegs zu den Toiletten, schon fast an der Treppe, wurde er aufgehalten. Ein riesiger Typ mit nerv�sen Flecken im Gesicht stellte sich ihm in den Weg und beugte sich dann wie ein Schatten �ber ihn.</p><p>�Ich kenne dich doch�, sagte er. �Warst du nicht auch vor zwei Wochen im Cookie�s? Mit Agnes?� Sein Atem roch nach Minze. Die Flecken sahen aus wie Schuppenflechte.</p><p>�Nein�, sagte Thorsten und blickte an ihm vorbei.</p><p>�Seltsam�, sagte der Typ und verschwand, eine Wolke aus dichtem Minzatem hinterlassend. Thorsten fr�stelte. Vor ihm kollidierte eine Laura-Ashley-Br�nette mit einem Jil-Sander-Smoking. Die dazugeh�rigen Augen spiegelten sich interessiert ineinander. Er starrte kurz auf die Br�ste und verfehlte dabei die zweite Stufe.</p><p>Und st�rzte die Treppe hinunter.</p><p>Eine Traube aus dunklen Punkten hing �ber Laura, unheilvoll, wie festgefrorene Wespen. Ein Gew�lbe dahinter, sfumato und grau. Vorher war alles schwarz gewesen, oder eher: weg. Erst schwarz, dann weg, jetzt grau. Ein Punkt, der sich in viele Punkte ausgef�llt hatte. Die Punkte �ber ihr wurden jetzt zu Kreisen, zu K�pfen, zu Z�hnen. Sie war in einer Mundh�hle und stierte auf diesen Oberkiefer aus schwarzen Z�hnen, der jeden Moment zuklappen w�rde.</p><p>In ihr Bewusstsein sickerte hellstimmige Musik, wie ein mit zu viel Wasser gemaltes Aquarell. Etwas schmerzte. Sie erkannte Gesichter, war wohl ohnm�chtig gewesen. Wie lange? Man half ihr hoch, was sie nicht wollte, doch sie konnte sich nicht wehren. �Da ist sie ja wieder�, sagte jemand. Der Cousin starrte ihr ins Gesicht und rief aufgeregt: �Wir brauchen einen Arzt!�</p><p>�Nein, nein�, sagte Laura.</p><p>�Nein?�, fragte der Cousin, die Augen fielen ihm fast aus den H�hlen.</p><p>�Nein�, sagte Laura. �Nur ein Taxi. Ein Taxi, bitte.�</p><p>�Holt doch mal Thorsten�, sagte der Cousin.</p><p>�Nein�, sagte Laura, �schon gut. Ich will nur kurz auf Toilette, mich frisch machen, Wasser ins Gesicht, dann geht das wieder, dann geht das wieder.�</p><p>Der Cousin wollte sie st�tzen.</p><p>�Lass mich�, zischte sie.</p><p>Jemand anderes f�hrte sie nach unten, eine Frau. Die T�r zum Garten stand weit offen, dort wurde ebenfalls getrunken und geredet.</p><p>�Etwas frische Luft�, sagte Laura.</p><p>�Ja�, sagte die fremde Frau, der Laura noch nicht ins Gesicht gesehen hatte. Sie gingen nach drau�en. Lauras Kopf dr�hnte. Versprengte Paare standen herum.</p><p>�So besser?�, fragte die Frau.</p><p>�Ja, danke�, sagte Laura, atmete flach und hektisch, wie ein Fisch an Land, dachte sie und wollte ihre Hektik verbergen. Langsam beruhigte ihr Atem sich. Die Luft war kalt und scharf und wohltuend. Laura sah der Fremden ins Gesicht, ein h�bscher Spitzm�uschenmund, dazu braune, tiefe Augen.</p><p>�Ich kenne Thorsten noch von fr�her�, sagte die Fremde, �Anja �brigens.�</p><p>�Kennen alle Frauen aus Bonn Thorsten von fr�her? Kommt mir ganz so vor.�</p><p>�Nein, wir kennen uns nicht <emphasis>so</emphasis>. Keine Sorge. Wir kennen uns � einfach so.� Anja kicherte. �Gott, du wei�t schon, was ich meine.�</p><p>�Ach, und wenn. Die Vergangenheit ist die Vergangenheit.�</p><p>�Setzen wir uns? Geht es dir besser? Dieser Idiot da drin hat mich auch schon mal fallen lassen. So ein Volltrottel.�</p><p>�Ist okay. So konnte ich ihm wenigstens entfliehen.�</p><p>Anja lachte. �M�chtest du noch ein Glas Wasser?�</p><p>�Nein�, sagte Laura. �Warum bist du hier drau�en mit mir?�</p><p>�Weil ich es gr�sslich finde da drin�, sagte Anja n�chtern.</p><p>�Du musst dich nicht zust�ndig f�hlen.�</p><p>�Nein, ich helfe dir gerne. Ehrlich.�</p><p>�Sch�n. Dann lass mich jetzt einfach gehen�, sagte Laura.</p><p>�Auf keinen Fall�, erwiderte Anja.</p><p>�Doch, bitte. Mir geht es gut.�</p><p>�Aber���</p><p>�Da hinten ist ein Taxi. Ich m�chte nur nach Hause. Bitte. So hilfst du mir am besten.�</p><p>�Und Thorsten? Der ist doch noch drin. Was ist mit dem?�</p><p>�Werden wir sehen. Es war nett, dich kennenzulernen, Anja�, sagte Laura. Voller Eile riss sie sich pl�tzlich los und trippelte zur Stra�e.</p><p>�Aber � was soll ich Thorsten denn sagen?�, rief Anja ihr hinterher.</p><p>�Dass er meinen Mantel mit nach Hause bringen soll�, Laura drehte sich noch einmal um, �der ist noch in der Garderobe!�</p><p>�Aber���</p><p>Laura �ffnete die Taxit�r, winkte. Der Fahrer warf den Motor an.</p><p>�Laura! Warte!�</p><p>�Mach�s gut! Vielleicht sieht man sich mal wieder.�</p><p>�Mach�s gut�, sagte Anja und sah dem erl�schenden Taxi-Zeichen hinterher.</p><p>W�hrend er Laura auf ihrem Handy zu erreichen versuchte, k�mpfte Thorsten entnervt gegen den Schluckauf an. Kein Luftanhalten half, in immer kleineren Intervallen zog sich sein Zwerchfell zusammen. Sein Zorn wuchs. Er wusste, wie l�cherlich er aussah, mit hochrotem Kopf und dem Handy am Ohr, w�hrend alle f�nf Sekunden die Luft aus ihm hochschreckte. Sein Blick verschwamm. Je l�nger er es klingeln lie�, desto gr��er wurde sein Zorn. Dann dr�ckte Laura ihn weg. Beim n�chsten Versuch meldete sich gleich die Mailbox.</p><p>Er ging zum Taxistand.</p><p>�Richtung Friedrichshain bitte. Und wenn Sie auf dem Weg an einer Tankstelle halten k�nnten.�</p><p>Von rechts zischte eine Wolke Partynebel auf, die nach verbrannter Erde roch und sein Gesicht sofort umh�llte. Das Wei� war �berall und ganz nah, er atmete es. Er sah weder Gegenst�nde noch Fluchtpunkte, alle Ferne war verschluckt.</p><p>Dann wurden wieder Schemen erkennbar. Lichter flogen durch die Luft, ein Blaulicht rotierte an der Decke, und zwei Discokugeln zersplitterten das Helle in tausend Fragmente, die auf der Netzhaut und an den W�nden aufblitzten, verschwanden, aufblitzten, verschwanden. Er starrte auf einen wackelnd sich entfernenden Hintern. Andere Hintern �berdeckten ihn, traten an seine Stelle. Ein Goatie-Bart bot ihm ein L�cheln an, das er zu erwidern versuchte. Ein Kn�uel von Menschen dr�ckte sich an ihm vorbei, er wurde kurz mitgezogen. Eine Zahnreihe schien auf, eine glitschige Brust dr�ckte gegen seinen Ellbogen. Thorsten wischte sich �ber die Stirn. Das Kn�uel lie� ihn wieder los, und schlie�lich gelangte er ans Ende des Ganges und musste feststellen, dass die Luft dort, wo es weniger voll war, noch viel schlechter roch. Thorsten lehnte sich an die Wand und nippte an seinem Gin Tonic.</p><p>Eine Kamera fuhr durch die in lockeren Abst�nden gruppierten Menschenformationen, driftete an bunten Synthie-Cocktails und sch�nen, runden Textilpopos vorbei. Manchmal schwenkte sie auf das ein oder andere Gesicht, das dann gn�dig vorbeil�chelte in eine Ferne, die nicht da war, oder das Gesicht blickte sehr erstaunt in die grellen Scheinwerfer und riss Augen und Mund auf, sagte etwas wie �wow� oder �hoppla� oder �hallo� oder streckte einfach frech die Zunge heraus.</p><p>Es gab so viele Arten, die Zunge zu zeigen, damals. Die freche war die eine. Man setzte daf�r ein rotziges Grundschulgesicht auf, grinste fies und kniff die Augen zusammen, hob den Kopf simultan ein wenig an und dr�ckte die Zunge zwischen den schmalen Lippen hervor. Die Schlitzaugen waren nicht obligatorisch. Man konnte sie auch aufrei�en oder blo� ganz normal aus der W�sche schauen. Unbedingt notwendig f�r das freche Grinsen aber war zum einen das leichte Anheben des Kopfes und zum anderen, dass man diesen Kopf leicht bewegte, am besten ihn langsam sch�ttelte, wie die Andeutung einer Verneinung. Das erst machte das Zungezeigen richtig frech.</p><p>Eine andere Art des Zungezeigens war die ausgeflippte oder manische. Dazu sperrte man Mund und Augen so weit auf, bis das Gesicht sich zu einer einzigen Fratze verzerrte. Gleichzeitig streckte man die Zunge heraus, dass sie das Kinn m�glichst verdeckte, wobei es hinten an der Zungenwurzel zu ziehen und zu schmerzen begann. Bisweilen sahen Leute, die ihre Zunge auf diese Weise zur Schau stellten, ganz sch�n be�ngstigend aus.</p><p>Dann gab es das obsz�ne Zungezeigen, in all seinen Versionen: etwa, wenn die Zunge langsam, wie eine eindeutige Aufforderung, die Oberlippe entlangleckte, l�stern und verrucht, verbunden mit einem gewissen Schlafzimmerblick; oder wenn die Zunge als erigierte Kurve aus dem Mund herausstand und vor- und zur�ckwedelte, womit die Stimulation einer Klitoris oder �hnlich h�bsche Ferkeleien signalisiert werden sollten; auch das einmalige Lecken in die Luft hinein, mit spitz gebogener Zunge, geh�rte in die bizarre Kategorie. Mit diesen Quasi-Obsz�nit�ten wollten vor allem Frauen, Homos und Transen fr�her einmal schockieren, nun war es mehr ein harmloses Zitat und bedeutete nichts weiter als Party, Let�s go, Spa�.</p><p>Dann gab es die dezenteren Methoden. Zum Beispiel streckten manche Leute einfach nur kurz die stumpfe Zungenspitze hervor, um einen Witz zu signalisieren oder einen Affront abzuwehren. Manche lie�en die Zunge auch f�r einen Sekundenbruchteil frosch�hnlich aus dem Mund schnellen � eine recht diskrete Variante. Meistens verzog der Zungenzeiger dabei keine Miene; wenn doch, war das schon wieder weniger diskret.</p><p>Man konnte seine Zunge damals auch unsichtbar zeigen. Zum Beispiel, um im Gespr�ch einem gerade unbeteiligten, aber vertrauten Dritten eine heimliche Verarschung mitzuteilen. Dann dr�ckte man die Zunge von innen gegen die Backe, und die so entstandene Beule deutete stillschweigend an, dass hier irgendwas nicht ganz ernst zu nehmen sei. Auch konnte man bei geschlossenem Mund die Zunge vor die untere Zahnreihe schieben und mit ihr die Kinnmulde ausbeulen, als Mittelpunkt eines auch sonst bewusst d�mlichen Gesichts: Dann fand man wahrscheinlich gerade irgendetwas �sehr spastisch�, was ein gebl�ktes �m�, m�, m� noch unterstrich. Aber das war ziemlich unreif.</p><p>Manche zeigten ihre Zunge unbewusst in Augenblicken gro�er Anspannung und Konzentration, etwa beim Elfmeterschie�en, beim handschriftlichen Abfassen von Briefen oder beim Bemalen von W�nden. Manche zeigten sie reflexhaft, wenn sie einen dreckigen Witz h�rten, klemmten sie zwischen die gebleckten Z�hne und lachten verkniffen. Manche zeigten sie nie. Das waren die Zungenverstecker.</p><p>Obwohl es recht sauber aussah, herrschte ein uns�glicher Gestank auf der M�nnertoilette. Es roch nach �tzendem Urin und Flatulenzen, die jahrelang in einer abgelegenen Ecke eines exhumierten, dann vergessenen Magens Dunkelverstecken gespielt haben mussten; nach s�uerlichem Schwei�, nach dunkler Feuchtigkeit und altem, faulem WC-Stein, es roch krank, schon nicht mehr nach Mensch, aber auch nicht nach Tier. Es roch nach Tod, nach der Art Tod, aus der schon wieder Leben wuselt.</p><p>Thorsten stand in der kleinen Schlange vor den beiden Kabinen und versuchte zu atmen, ohne diesen Geruch zu tief in sich hinein zu lassen. Er atmete halb durch den Mund, halb durch die Nase, so oberfl�chlich wie Laura, wenn sie ihre angeblichen Anf�lle hatte. Thorsten juckte es in der Nase, w�hrend er mit einem Typen, der einige Klassen unter ihm gewesen war, bei m�glichst geringem Luftverbrauch �ber den Niedergang der amerikanischen Ivy-League-Universit�ten redete. Lauras Bild, ihre ewig unzufriedene Fratze, blinkte vor seinem inneren Auge auf. Er musste niesen und ekelte sich sofort.</p><p>Neben ihm stand eine Witzfigur, ein abgewrackter, geschminkter Kerl mit l�cherlicher Matrosenm�tze, doch in tadellosem Smoking. Er sprach Thorsten immer wieder von der Seite an, redete Rotwelsch oder irgendeinen Drogencode, den Thorsten nicht verstand, der ihm fremd war. Als es ihm zu viel wurde, fragte Thorsten den Matrosen, was er eigentlich hier verloren habe. Da torkelte der Matrose weg, die schlaffe Rose in seinem Knopfloch wackelte traurig.</p><p>Vor dem fleckenlosen Spiegel stand ein anderer Typ, k�mmte sich und zog eine groteske Grimasse, mit gespitzten Lippen und b�sem Blick. Endlich �ffnete sich eine Kabine, ein junger Schwarzer mit wasserstoffblondem Jheri-Curl-Seitenscheitel trat heraus und schnalzte laut mit der Zunge. W�rdelos, dachte Thorsten. Sie m�ssen sich ihren Quotenpenner und ihren Quotenneger halten, dachte er, wie erbauliche Sklaven, wie Pausenfreaks, und das Dem�tigendste daran ist, dass der Quotenpenner und der Quotenneger auch noch mitspielen. Es ist alles so w�rdelos. Er betrat die Kabine, hob angewidert die Klobrille, die dreckig sein musste, obwohl sie nicht so aussah, <emphasis>aber der Gestank</emphasis>.</p><p>Thorsten urinierte schon seit einigen Jahren nicht mehr in Pissoirs. Das ging nicht. Er hatte eine � Edwin nannte es so � Pinkelhemmung. Er konnte nicht neben anderen M�nnern urinieren. Irgendetwas klickte in ihm, und es kam kein Tropfen. Das Wunderliche war, dass es keinesfalls mit m�nnlichem Penisneid oder Scham zu tun hatte. Er hatte unter vielen M�nnerduschen gestanden, im Internat, in Fu�ballvereinen. Nein, es war ein ganz inhaltsloser Tic. Es hatte etwas mit dem Schweigen und der Erwartung zu tun. War er allein, lief es sofort.</p><p>Ein Vorteil der Kabinen war auch, dass man, w�hrend man unten Fl�ssigkeit ablie�, oben gleichzeitig Alkohol nachsch�tten konnte, ohne dass es auffiel. Das hatte Thorsten getan, mit einem K�mmerling aus seiner Innentasche. Er trug dort ein kleines Sortiment harter Zwischenalkoholika bei sich, f�r alle F�lle. Nun war ihm der s��liche Weinbrand beim Hinunterschlucken teilweise in die Luftr�hre geraten, und noch w�hrend sich seine Blase entleerte, brach er in einen Hustenanfall aus. Es sch�ttelte ihn, dr�ckte den zuvor getrunkenen und nun mit Magens�ure angereicherten Wodka Lemon zur�ck in die Mundh�hle. Der Versuch, das Ganze wieder hinunterzuschlucken, hatte einen noch st�rkeren W�rgreiz zur Folge. Der Gestank tat sein �briges. Drau�en quittierten die Wartenden sein R�cheln mit Gel�chter. Er steckte sich einen Finger in den Hals und setzte dem Hin und Her ein Ende. Das Lachen verstummte.</p><p>Vor dem Spiegel machte er sich frisch. Im rechten Auge waren �derchen geplatzt. Seine Zunge lag im Mund wie eine pelzige Raupe. Die Nase war zu. Er sp�rte einen angenehmen Alkoholdruck gegen die Hinterseite seines Stirnbeins pochen. Ihm schwindelte leicht; er f�hlte sich gl�cklich. Er trank einen J�germeister, um den Mund zu desinfizieren und im Magen f�r Ordnung zu sorgen. Dann putzte er sich die Nase und wusch sich nochmals das Gesicht.</p><p>Ein Schatten tauchte auf, war gleich hinter ihm, atmete in seinen Nacken. Zu nah, aufdringlich. Thorsten wollte sich nicht umdrehen, wollte warten, bis der Schatten verschwand. Der Schatten aber kam noch n�her.</p><p>�Ach nee, der Manager�, sagte der Schatten leise.</p><p>Thorsten blickte in den Spiegel, er erkannte nicht, wer da sprach.</p><p>�Geht�s gut? Darf ich auch so einen Kurzen? Damit meine ich nicht Ihr Geschlecht.� Er lachte. �Entschuldigung. Ich bin betrunken. Ich trinke sonst nicht.�</p><p>Die Stimme klang stockend, aber selbstbewusst. Thorsten sah Haare wie gefrorenes Feuer. Er sagte leise: �Mabuse.�</p><p>�Mabuse?�, setzte der Schatten nach. �Sie kennen Fritz Lang? Nat�rlich, klar. Aber kennen Sie auch Fritz Murnau, Herr K�hnemund? Das dachte ich mir. Wieso eigentlich Mabuse?�</p><p>Thorsten drehte sich um. Da stand der Journalist, im Jackett, ohne Krawatte, mit schmutzigem Kragen. Thorsten brauchte einen Augenblick, um das Gesicht scharf zu kriegen. Ja, das war er. Der, wie hie� er, der �</p><p>�Taue�, sagte Taue, �Sie erinnern sich? Ich arbeite jetzt f�r Sie.�</p><p>�Ja�, sagte Thorsten.</p><p>�Ja?�, fragte Taue.</p><p>�Ja�, sagte Thorsten. Er gab sich einen Ruck. �Und au�erdem���</p><p>�Au�erdem?�, fragte Taue.</p><p><emphasis>Lass mich doch mal aussprechen</emphasis>, dachte Thorsten, <emphasis>lass mich doch in Ruhe, du �</emphasis></p><p>�Ja, mir war schon damals, also � bei unserem ersten Treffen so�, sagte Thorsten, �als w�rden wir uns kennen. Aber ich wusste nicht���</p><p>�Von der Schule�, unterbrach Taue ihn. �Ich war einige Klassen unter Ihnen. Ein Klecksi.�</p><p>�Ach. Jetzt, ja. Ich erinnere mich dunkel.� Pause.</p><p>�Ah, jetzt, ja, eine Insel�, sagte Taue und wusch sich die H�nde. �Sie hatten auch mal���</p><p>�Sollen wir uns nicht duzen?�, unterbrach Thorsten. �Das ist doch albern sonst. Wenn wir���</p><p>�Sie sind �lter. Sie m�ssen es anbieten.�</p><p>�Wenn das so ist, also: Thorsten.�</p><p>�Magnus�, sagte Taue.</p><p>Sie sch�ttelten einander die H�nde. Taues H�ndedruck war weder stark noch schwach, eher kaum sp�rbar. Seine Hand passte sich Thorstens Hand einfach an. Dann das Ger�usch von Papiert�chern, die in schneller Abfolge dem Spender entnommen werden.</p><p>�Also � Thorsten � gibst du einen aus � Thorsten?�</p><p>Kurz darauf sa�en sie im Gang auf gepolsterten St�hlen und tranken Bier und J�germeister durcheinander.</p><p>�Du hattest mal was mit meiner Tante�, sagte Taue l�chelnd. �Aber nur was ganz Kleines.�</p><p>�So. Hatte ich das.�</p><p>�Ja. Hattest du�, sagte Taue und wischte sich �ber das speckige, schmale Gesicht.</p><p>�Aha?�</p><p>�Ja�, sagte Magnus, �aber nicht der Rede wert.�</p><p>�Wie hie� sie denn?�</p><p>�Sibylle. Du wirst dich nicht an sie erinnern, hat sie gesagt.�</p><p>�Stimmt�, sagte Thorsten. �Ich erinnere mich nicht.�</p><p>Schon war er wieder genervt von Taues gehemmter und zugleich direkter Art. Er klang, als habe er sich den Mut zur Unverfrorenheit nur antrainiert, als treibe er sich st�ndig willentlich zum �bersprung an. Thorsten kannte entsprechende Techniken aus den Verhaltensseminaren. Um seinem Unmut etwas Positives entgegenzusetzen, sagte er rasch irgendetwas. �Kennst du diesen speziellen Drink?�, fragte er und sch�ttete seinen J�germeister in das Bier.</p><p>�Nein�, sagte Magnus und tat es ihm gleich. �Gibt es den �berhaupt?�</p><p>�Offensichtlich�, sagte Thorsten und hob sein Glas, �hier ist er doch.�</p><p>�Tats�chlich�, sagte Magnus, �da ist er ja.�</p><p>Thorsten exte die Suppe. Magnus tat es ihm gleich.</p><p>�Krass�, sagte Magnus. �Ich trinke ja sonst nicht.�</p><p>�Du hattest es erw�hnt�, sagte Thorsten.</p><p>�Ich bin nicht wie ihr�, sagte Magnus.</p><p>�Was hei�t das�, sagte Thorsten.</p><p>�Das, was es hei�t�, grinste Magnus.</p><p>�Wie sind wir denn�, fragte Thorsten.</p><p>�Dekadente, reiche Alkoholiker�, sagte Magnus. �Und konservativ bis ins Mark. Und degeneriert bis zum Gehtnichtmehr.�</p><p>Thorsten lachte auf, aber sein Lachen kam ihm heller vor als sonst, fast effeminiert.</p><p>�So. Sind wir also�, sagte er. �Und wer sind wir?�</p><p>�Na, ihr alle hier�, sagte Magnus und beschrieb mit seinem J�gerbier einen Kreis. �Ihr vom Canisius. Ihr in den Clubs. Ihr in der Wirtschaft.�</p><p>�Soweit ich das sehe�, sagte Thorsten und stellte fest, dass er wieder Gefallen an dem Kerl fand, �soweit ich sehe, bist auch du in diesem Club, warst auch du auf dem Canisius, arbeitest auch du f�r die Wirtschaft. Entweder, es gibt uns gar nicht, oder aber: Du geh�rst zu uns.� Diese Spitzfindigkeit gefiel ihm so gut, dass er sich einen kleinen Feigling aus der Jackentasche fischte, obwohl er kleine Feiglinge nicht mochte. Aber es war nichts anderes mehr �brig.</p><p>�Nein�, sagte Magnus, �ich bin nur eine Worthure, die sich verkauft f�r Geld. In mir und in der Zukunft, da sieht es anders aus. Das wird irgendwann durchbrechen. Dann sieht das alles hier�, er nickte in die Tanzgesellschaft, �ganz anders aus.�</p><p>Thorsten sch�ttelte sich. Der Feigling war so s��lich, dass er an eiternde Honigwaben denken musste.</p><p>�Also willst du mir sagen, dass du eigentlich jemand anderes bist als der, der hier sitzt?�</p><p>�Ich wei�, dass es l�cherlich klingt�, sagte Magnus. �Aber ja, das will ich sagen.�</p><p>�Das ist die gro�e Illusion. Alle denken, sie w�rden so ganz anders wahrgenommen, als wie sie in Wirklichkeit sind�, sagte Thorsten. �Eigentlich sind wir anders. Du gibst die Worthure, bist aber eigentlich ein radikaler Geist. Ich bin ein Manager, aber eigentlich ein guter Mensch. Doch das stimmt nicht. Ich wei�, wie ich bin. Ich bin genauso, wie du mich siehst.�</p><p>�Ich bin beeindruckt. Apropos: Dich habe ich schon als Junge beobachtet�, sagte Magnus. �In deiner Chevignon-Jacke, mit der Frostfrisur. Gegelter Mittelscheitel, unter null.�</p><p>Thorsten wurde unruhig. Vielleicht brauchte er noch ein Bier.</p><p>�Beobachtet?�</p><p>�Du wei�t doch, wie das ist in der Schule�, sagte Magnus. �Als Unterstufler hat man <emphasis>so</emphasis> gro�e Augen und begafft die Abiturienten wie etwas Extraterrestrisches. Bartwuchs, Frauen, Aftershave. Das verliert sich mit der Zeit, und sp�ter ist man selbst ein begafftes Objekt, von Kinderaugen seziert als Exemplar der Erwachsenenwelt. Und merkt es nicht einmal.�</p><p>�Willst du auch noch eins?�, fragte Thorsten.</p><p>�Was?�</p><p>�Ein Bier.�</p><p>�Nein�, sagte Magnus. �Mir ist eh schon �bel.�</p><p>Thorsten lachte.</p><p>�Alkohol ist die Schmiere dieser Gesellschaft�, sagte Magnus. �Schau sie dir nur an! Saufen sich zu bis oben hin und verprassen Vaters Kohle, weil es letztendlich so traurig ist, seine Werte nicht verprassen zu k�nnen.�</p><p>Auf seiner Stirn trat eine wurmdicke Ader hervor. Thorsten beobachtete ihn von der Seite und wusste nicht, ob seine Wahrnehmung inzwischen so verdreht war oder ob der Typ in seinem kurzen Redewahn tats�chlich anschwoll.</p><p>�Ein einfaches Leben ist das bei euch oben�, sagte Magnus, �auch wenn Anorexie und Alkoholismus um sich greifen. Klar, man bekommt den Job im Unternehmen des Vaterfreundes und die Golfclubmitgliedschaft, zumindest wenn man nicht zu sehr �ber die Str�nge schl�gt. Auch eine Frau kriegt jeder ab, man muss sich nur tief genug hineinverstricken in den gro�en Inzest. Man muss nur dauernd durch Deutschland jetten, immer wieder dieselben Leute sehen, immer dieselben Spr�che ablassen, dieselben Codes aneinander abtasten, denselben Lacrosse spielen, dieselben T�nze tanzen, dieselben Leutchen ficken. Manchmal springt ein Kind dabei raus, das kommt dann nach Salem, Louisenlund oder ins Internat Wald und wird abgerichtet, bis es vor Gl�ck kaum mehr laufen kann. Das ist das Problem, was diese Leute nat�rlich in keinster Weise denken zu haben. Warum auch, denen geht�s doch gut, oder? Denen geht�s doch super.�</p><p>W�hrend er redete, war die Ader auf seiner Stirn erst weiter angeschwollen und dann wieder verschwunden. Obwohl es so schien, als ob Magnus etwas schon oft Gesagtes zum x-ten Mal vortrug, war seine Wut echt. Thorsten sp�rte einen Schluckauf heraufziehen.</p><p>�Ein Rucki-Zucki geht durchs Land. Aber das ist alles bald vorbei�, sagte Magnus und blickte ihm fr�hlich ins Gesicht.</p><p>�Was meinst du�, fragte Thorsten.</p><p>�Ich beobachte dich wirklich schon lange�, sagte Magnus. Sein Blick verw�sserte.</p><p>�Mich?�, sagte Thorsten und hickste. Er meinte sich verh�rt zu haben.</p><p>�Ja�, sagte Magnus. �Aber keine Angst.�</p><p>Thorsten hickste. �Und? Was beobachtest du?� Er wollte die Antwort gar nicht wissen.</p><p>�Ein andermal�, sagte Magnus, als w�rde er das Unbehagen in Thorstens Gesicht genau sehen, klopfte ihm auf die Schulter und verschwand. Thorsten war verwirrt, aber gelassen. Er wusste, er w�rde so viel von dem hier, von dem Gesagten, Getanzten, Getanen nachher wieder vergessen haben. Und das f�hlte sich gut an.</p><p>Endlich tauchte die Popjournalistin auf. Noch im Taxi hatte er sie angerufen. Von irgendeinem Gig ganz aufgekratzt, fl�sterte sie etwas in Thorstens Ohr und leckte dann kurz hinein mit ihrer kleinen, rauen Zunge. Er sp�rte, wie er hart wurde. Das Kamerateam packte endlich ein.</p><p>Sie nahm ihn an der Hand und zog ihn mit sich, durch verwirrende, wummernde Katakomben. Sie landeten in einem dunklen Raum. Dort waren M�nner zugange. Sie �ffnete seine Hose und rieb ihn. Ein Mann kam auf sie zu. Thorsten war es egal. Er trank seinen Gin Tonic aus und warf das Glas weg. Der Mann kam noch n�her, starrte auf Thorstens Penis und rieb sich selbst dabei. Die Popjournalistin l�chelte und drehte sich um und hob ihren Rock und b�ckte sich.</p><p>Zwei Stunden sp�ter fand sich Thorsten in einem Tunnel gefangen. Er suchte seine Hose verstohlen nach Flecken ab. Arbeiter fuhren zu ihrer Schicht, sie sahen ihn absch�tzig an. Der Tunnel nahm kein Ende, die U-Bahn schien ewig zu fahren. Vielleicht eilte die Station der Bahn ja voraus wie die Schildkr�te Zenons L�ufer. Vielleicht w�re es unlogisch, anzukommen.</p><p>Thorsten hatte sein Portemonnaie verloren. Er brauchte etwas zu trinken, er dehydrierte. Die Schlagzeilen auf dem U-Bahn-Bildschirm tanzten vor seinen Augen. Er sp�rte, wie sein K�rper im Zeitraffer austrocknete. Aber er hatte kein Geld. Am Rosa-Luxemburg-Platz platzte er aus dem Waggon, stolperte und st�rzte hin. Einen vorbeigehenden Mann bettelte er um Geld an, f�r ein Apfelsaftt�tchen aus dem Kiosk. F�nfzig Cent? Der Mann ignorierte ihn.</p><p>Dann �bergab er sich, fast trocken, auf den Boden der U-Bahn-Station. Er schrie das Plastik an, die Kotze sah aus wie auseinanderbr�ckelnder Bauschaum. Ein anderer Mann gab ihm unaufgefordert einen Euro.</p><p>Den Apfelsaft, den Thorsten sich davon kaufte, erbrach er sofort wieder, als er die Treppe hochstieg. <emphasis>Schade</emphasis>, dachte er und wankte weiter in ein stadtbekanntes Nachtcaf� und dort zur Toilette, um aus dem Wasserhahn zu trinken. Das Leitungswasser l�schte den Brand. Daf�r erfasste sofort eine unheimliche M�digkeit seinen K�rper. Im Caf� tanzte er noch ein wenig; sah nicht mehr, wer ihm gegen�berstand; reckte den Zeigefinger in die H�he.</p><p>Zwischen den letzten sich findenden Paaren und ein paar d�steren Einzelg�ngern schlief er schlie�lich in einer dunklen Ecke ein, vielleicht beobachtet, vielleicht unsichtbar, w�hrend eine z�rtliche M�nnerstimme ihm noch einen Ratschlag mitgab: <emphasis>Watch out, the world�s behind you.</emphasis> Ja, murmelte Thorsten, jaja. Ich wei� schon Bescheid.</p><p>�Nein, das hast du nicht.�</p><p>Ein Br�tchen wurde aufgeschnitten, mit Butter bestrichen, liegengelassen.</p><p>�Nein.�</p><p>�Doch, habe ich.�</p><p>�Nein.�</p><p>Schweigen.</p><p>�Ich habe mir fast den Sch�del aufgeschlagen. Ich war ohnm�chtig, mir ging es hundsmiserabel. Derweil hast du irgendwo deinen Spa� gehabt. Du bist nie da, wenn ich dich brauche. Du bist �brigens auch niemals da, wenn ich dich nicht brauche. Du bist gar nicht da. Wo bist du?�</p><p>�H�r auf. So ein Pathos.�</p><p>�Konkret, also: Wo warst du sp�ter in der Nacht? Wo warst du bis in den Morgen?�</p><p>�Ich war angepisst, dass du einfach so abgehauen bist. Da bin ich mit einem alten Schulfreund, kennst du nicht, in so einen Schwulenclub.�</p><p>�In einen Schwulenclub.�</p><p>�Na ja, Technoclub. Aber es waren viele Schwule da. Was wei� ich, kenn mich da nicht aus.�</p><p>Sein Kopf dr�hnte. Er war leicht �berdreht, der Alkohol wirkte noch immer nach. Es war vier Uhr nachmittags.</p><p>�Und das soll ich dir glauben. Du, in einem Schwulenclub.�</p><p>�Es war kein Schwulenclub. Und wennschon!�</p><p>�Und wo war er, der Technoschwulenclub?�</p><p>�Am Ostkreuz, oder weiter im Osten, irgendwo. Dann bin ich noch ins Burger, weil ich kein Geld mehr hatte und was trinken musste. Da bin ich eingeschlafen.�</p><p>�Du hast dich nicht mehr unter Kontrolle, Thorsten. So geht das nicht weiter.�</p><p>Laura hatte aufger�umt und geputzt. Die parf�mierten D�mpfe der Reinigungsmittel lagen noch in der Luft. Thorstens Kopf schmerzte.</p><p>�Wie viel Geld war im Portemonnaie? Und was noch alles?�</p><p>�Schrei nicht so rum. Ich verstehe dich auch so.�</p><p>�Mann!�</p><p>Schweigen.</p><p>�Heute Abend trinkst du nichts.�</p><p>�Du machst mir keine Vorschriften, Laura.�</p><p>�Du stinkst erb�rmlich aus dem Mund.�</p><p>Schweigen.</p><p>�Hier.�</p><p>Sie zeigte ihm die Wunde an ihrem Hinterkopf: verkrustetes Blut zwischen gl�nzenden Haaren.</p><p>�Das tut mir leid. Aber ich kann auch nichts daf�r. Musst ja nicht mit einem Typen tanzen, der es nicht kann.�</p><p>Sie blickte ihn an, mit verst�ndnisleeren Augen, und sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Ist gut, Laura. Ich trinke heute nichts. Und die ganze Woche nichts, dir zuliebe. Obwohl es Quatsch ist. Ich kann jederzeit aufh�ren. Aber das ist wie Ferien von mir selbst. Ich brauche das einfach manchmal. Habe gerade eine Menge Stress in der Arbeit.�</p><p>�Den Stress bew�ltigt man besser mit klarem Kopf. Und nicht mit Ferien von sich selbst�, sagte Laura.</p><p>�Keks.�</p><p>�Ja.�</p><p>�Es tut mir leid, der Abend ist total schiefgegangen.�</p><p>�Ja.�</p><p>�Nimmst du meine Entschuldigung an?� Er strich ihr eine Str�hne aus der Stirn. Seine Finger zitterten.</p><p>�Welche Entschuldigung?�</p><p>Am Abend war Thorsten unruhig. Nervosit�t kroch in ihm hoch. Er versuchte, dieses und jenes zu lesen, aber es gelang nicht. Er schaltete den Fernseher ein, dann aus, dann wieder ein. Die Programme �deten ihn an. Er blieb bei einer Nazi-Dokumentation h�ngen, in der Zeitzeugen mit kaum verstecktem Stolz von ihren Erlebnissen berichteten. Es war ihm bald auch das zu langweilig. Er kontrollierte die Aktienkurse im Videotext und wunderte sich, dass es Videotext �berhaupt noch gab. Er wollte Musik anmachen, wusste aber nicht, worauf er Lust hatte. Er ging in der Wohnung herum, mit einem Song im Kopf, den er keiner Band und keinem Genre zuordnen konnte. Er �ffnete und schloss das Fenster, machte sich Kaffee. Als er zwei Tassen getrunken hatte, befiel ihn ein W�rgreiz. Er trank Wasser. Seine Laune wurde zunehmend �bler. Laura kam zur�ck. Sie sahen sich eine DVD an und a�en Tacos. Thorsten konnte an nichts anderes denken als an Wodka. Wodka verursacht angeblich keinen Mundgeruch.</p><p>In der Nacht blieb der Schlaf aus. Thorsten w�lzte sich hin und her. Hass gegen Laura stieg in ihm hoch. Schwei� trat ihm auf die Stirn, auf die Oberlippe. Es war zu hei� unter der gemeinsamen Decke, dann zu kalt ohne sie. Sein T-Shirt war auf einmal nass. Er trat nach Laura, als sie zu schnarchen begann. Sie blaffte �Was soll�n das?� und schlief wieder ein. Er k�nnte ihr <emphasis>in den Kopf treten</emphasis>, dachte er, morgen w�rde sie es wieder verziehen haben � so wie sie alles zu verzeihen schien Tag f�r Tag, <emphasis>Reboot</emphasis> jeden Morgen, eine leere Festplatte, ein neues, ach so moralisches Leben.</p><p>Er stand auf und a� eine Banane und trank Wasser.</p><p>Er ging ins Internet, checkte die innerbetrieblichen Stellenangebote und die Aktienkurse, sah sich ein paar Pornoclips an und masturbierte ohne Erfolg. Um sechs schlief er ein und wachte zwei Stunden sp�ter wieder auf, erschrocken �ber einen Albtraum. F�r gew�hnlich konnte er sich an keine Tr�ume erinnern. Jetzt traf ihn dieser Albtraum, in dem es um einen Unfall ging, mit einer ungeheuerlichen Wucht.</p><p>Nachdem er im B�ro eine volle Tasse Kaffee �ber seine Tastatur versch�ttet und den Haustechniker verst�ndigt hatte, ging er aufs Klo (Lichtquader strukturierten den Gang, er gr��te, wen er kannte) und trank dort einen Flachmann mit Wodka leer. Danach warf er drei Fisherman�s Friend ein. Nun ging es besser, und er machte sich an die Arbeit.</p><p>Der �lpreis hatte wieder angezogen. Die P�chter wurden zunehmend unzufriedener. Die Konkurrenz im Unternehmen versch�rfte sich. Die Kunden blieben aus, drau�en an der Front, wechselten zu den Billiganbietern. Etwas musste geschehen.</p><p>Zehn Uhr: Meeting Kundenbindung. Deine Haare stehen wie gegossener Zement � dank Haarkur, Brisk und L�Oreal. Zw�lf Uhr: Ortstermin Bornholmer Stra�e. Die Neonlichter des Shopbereichs wollen spr�de Stellen im Scheitel offenlegen. Aber du hast schon nachgegelt. Die Haarkur wirkt. Dreizehn Uhr: Fototermin mit der Werbeabteilung. Ein Stylist ist am Start. Er blickt dich an mit der Gier des K�nstlers. Nicht in die Augen blickt er, sondern schr�g dar�ber, auf dein Haar. Aber du allein wei�t, was gut f�r dein Haar ist. Du wei�t, wie die blonden Str�hnen genau in die richtige Form zwischen <emphasis>Strictly Business</emphasis> und <emphasis>Out of Bed</emphasis> zu bringen sind � und ziehst dich kurz mit Haarwachs und J�germeister aufs Klo zur�ck. Der Stylist kann sich inzwischen an deiner Chefin vergehen, deren Augenlider nerv�s zittern. Dreizehn Uhr drei�ig: Du isst mit der ganzen Shopabteilung zu Mittag. Ein Haar f�llt dir in die Lasagne. F�nfzehn Uhr: Auswertung des Test-Rollouts im Bezirk 15, Th�ringen. Du rechnest die durch die Shopoptimierungen bewirkte Absatzsteigerung aus, es ist nicht so berauschend, zerzaust dir unbewusst die M�hne dabei und streichst sie dann wieder glatt. Achtzehn Uhr. Zu Hause. Mit einem Frottee-Handtuch rubbelst du dir die Frisur wild und fixierst das Ergebnis, indem du einen Strahl Haarspray knapp �ber deinem Kopf in die Luft entl�sst und kurz hochspringst. Dann gehst du in die K�che und nimmst den ersten Wodka-Bull des Abends, um fit zu werden. Die Frisur steht. Zwanzig Uhr: Deine Geliebte zerzaust dir das Haar. Zweiundzwanzig Uhr: Du stylst es wieder hin. Dreiundzwanzig Uhr: Deine Freundin rei�t an deinem Haar und zerzaust es erneut.</p><p>So bleibt es bis zum n�chsten Morgen.</p><p>Zehn Uhr. Das Meeting betraf das neue Kundenbindungsprogramm der Konkurrenz. SHACK hatte jetzt SMARTSHOP, und es stach BUY&amp;GET aus, da SHACK sehr viel mehr Bonuspartner aufweisen konnte: McDonald�s, Cinemaxx, Otto Versand, um nur einige zu nennen. Herr Peters, m�rrisch und gutaussehend wie Robert de Niro, sagte, SMARTSHOP imitiere BUY&amp;GET � aber das war offensichtlich unrichtig, denn international gab es SMARTSHOP schon Jahre l�nger als BUY&amp;GET. Thorsten wollte darauf hinweisen, dass doch eher BUY&amp;GET wie ein Ableger von SMARTSHOP aussehe � wenn man vom Katalog- und Plakatdesign absehe, das bei SMARTSHOP zwar diesen F�nfziger-Jahre-Biedersinn mit Familie und Begonienk�sten verspr�he, w�hrend BUY&amp;GET auf stylishe Coolness und Purismus gesetzt habe. Dann lie� er es aber, denn es war ihm letztendlich egal; er schaute aus dem Fenster, wo das Ensemble von Kr�nen den Blick versperrte, und zog gierig an seiner Zigarette.</p><p>�Schreiben Sie uns einen runden, optimistischen Artikel dar�ber�, sagte Peters beil�ufig zu der anwesenden Werbejournalistin, �und machen Sie die genannten Vorteile unseres Programms so richtig stark. Die Partner drau�en werden unruhig und wollen wissen, was Sache ist.�</p><p>�Auch und gerade bei der Konkurrenz�, sagte Fran�oise und versetzte ihrem Kollegen damit wie immer einen D�mpfer.</p><p>Thorsten nickte abwesend. �Und was ist mit der Ball-Aktion von Aral? Soll die auch rein?�, fragte die Journalistin.</p><p>�Nein, mit so Albernheiten wollen wir nichts zu tun haben�, sagte Herr Peters. (Nur wenige Monate darauf w�rde er seinen Platz r�umen m�ssen; ein Jahr sp�ter lie� das Unternehmen BUY&amp;GET langsam einschlafen.)</p><p>�In die Tabelle soll das schon�, sagte Fran�oise, �das waren immerhin zweihundertzwanzigtausend B�lle, die verteilt wurden.�</p><p>�Wieauchimmer�, sagte Herr Peters, zog seinen Krawattenknoten zurecht und ging hinaus.</p><p>�Was noch�, fragte die Journalistin.</p><p>�Getr�nkespecial, Wasser mit Geschmack�, sagte Fran�oise. �Hier ist Herr K�hnemund, der Ihnen Rede und Antwort stehen wird.�</p><p>�Okay�, sagte die Journalistin. �Und wer schreibt den Artikel �ber die Neubeflaggung der Tankstellen?�</p><p>�Herr Taue�, sagte Fran�oise.</p><p>�Und �ber die Shopoptimierung?�</p><p>�Auch.�</p><p>Zw�lf Uhr. Eine weitere Tankstelle mit ihrem ewigen Neonlicht, das bis in die letzten Ecken des Shop-Bereichs sickert und von der Haut abstrahlt wie giftiger Rost. Heere von Dosen und PET-Flaschen in den tibetanisch summenden K�hlregalen: die alte, geliebte Aura industrieller Perfektion, die gelbstichige, reine Supermarktstrenge. Hinter der Theke der Unterschichtenp�chter, welcher die Besucher aus der Zentrale argw�hnisch be�ugte. Ihm war klar, was die �Krawatten�, wie er sie f�r sich nannte, von ihm wollten: Profitsteigerung, Optimierung, Versklavung. Er sollte jeden Menschen als potenziellen TOP-Kunden und Waschstra�ennutzer anl�cheln, mit einem Gesicht wie vom Werbefoto und den Anmeldeformularen f�r BUY&amp;GET in der Hand. Und um Gottes willen die Planogramme einhalten, blo� die Planogramme einhalten. Vorschl�ge waren es angeblich, in Wirklichkeit Diktate.</p><p>Thorsten inspizierte die K�hlregale. Die Shopdirektiven hallten durch seinen Kopf: Weniger ist mehr! Bl�cke bilden! �Renner� massenplatzieren, �Penner� raus! Eine klare Warenstruktur sorgt zusammen mit entschiedenem Multifacing f�r �bersichtlichkeit und Warendruck. Sind die alkoholfreien und die alkoholhaltigen Getr�nke klar getrennt? Werden diese beiden Hauptbl�cke wiederum von den entsprechenden Warengruppenbl�cken strukturiert? Non-Alkohol: Cola/Limonaden, Eistee, Saft, Sportgetr�nke, Energy Drinks und Wasser. Alkohol: Flaschen, Dosen, Sixpacks, Biermischgetr�nke, Premix. Sein Magen rumpelte.</p><p>�Was ist mit dem Zoning, Herr K�hnemund?�</p><p>�Was soll mit dem Zoning sein?�</p><p>Taue stand vor ihm: kariertes Woody-Allen-Jackett, gestutzte Haare, kleines L�cheln.</p><p>�Guten Tag.�</p><p>�Guten Tag, Magnus.�</p><p>Leiser: �Du warst so schnell weg an dem Abend.�</p><p>L�chelnd: �Meine Freundin hatte einen Unfall.�</p><p>�Ach, Sie kennen sich inzwischen n�her?�, fragte Fran�oise.</p><p>�Ja, wir waren auf derselben Schule�, sagte Thorsten.</p><p>�Aber nichts Ernsthaftes, hoffe ich�, sagte Taue.</p><p>�Was?�</p><p>�Der Unfall Ihrer Freundin�, sagte Taue.</p><p>�Nein.�</p><p>�Das ist ja ein Ding, auf derselben Schule�, sagte Fran�oise, �aber Herr Taue wollte ein kurzes Briefing �ber das Zoning bekommen.�</p><p>�Nat�rlich�, sagte Thorsten und sp�rte, wie sich eine gro�e Leere in seinem Kopf breitmachte. Taue z�ckte seinen Notizblock.</p><p>Thorsten schwieg.</p><p>�Also?�, dr�ngte Fran�oise.</p><p>Er sah und dachte einen Augenblick lang gar nichts mehr.</p><p>Ein gr�ssliches Nichts ballte sich in ihm zusammen.</p><p>�Herr K�hnemund?�</p><p>Eine Panik, so zu bleiben f�r immer, so voller Nichts. Wei�e Panik.</p><p>�Entschuldigung�, sagte Thorsten, �kleine Tagtr�umerei.� Er l�chelte. �Nachwuchs steht ins Haus, wissen Sie?�</p><p>�Herzlichen Gl�ckwunsch�, rief Fran�oise. �So eine Neuigkeit!�</p><p>�Seit gestern wei� ich es. Bin noch ein wenig durcheinander.� Er fasste sich unwillk�rlich an den Kopf.</p><p>Taue blieb bei seinem kleinen L�cheln, als w�sste er, dass Thorsten log, zum zweiten Mal in f�nf Minuten.</p><p>�Aber das soll uns nicht vom Optimieren abhalten�, prustete es leise aus Thorsten heraus. Fran�oise strahlte ihn an, mit leichter Befremdung.</p><p>�Wissen Sie schon, was es ist?�, fing sie ab.</p><p>�Nein, das ist noch zu fr�h�, lachte er. �Aber gut. Kommen Sie, Magnus.�</p><p>Er f�hrte Taue in den Eingangsbereich.</p><p>�Hier. Vor der Optimierung fehlte dem Kunden aufgrund der T-f�rmig angeordneten Regale der �berblick�, erkl�rte er mit leerem Kopf. �Die Produkte klumpten zusammen � setzen Sie das in Anf�hrungszeichen, falls Sie es benutzen, also, das �Klumpen� jetzt � und vermittelten einen lagerartigen Eindruck. Kein offener, gro�z�giger Weg, verstehen Sie? Der Kunde passierte auf dem Weg zur Kasse lediglich einen Warentr�ger mit nur einer Warengruppe, hier waren es zuletzt Kekse, glaube ich.�</p><p>�Aha�, sagte Taue und schrieb mit.</p><p>�Jetzt aber f�llt der Blick ungehindert in die einladenden G�nge. Man kann sich schnell orientieren und findet sofort sein Wunschprodukt, weil die schr�g und in Gehrichtung angeordneten Regale mehr Blickfl�che bieten und die Dynamik des Kunden nicht bremsen. Auf dem Weg zur Kasse kommt er an drei Gondelk�pfen vorbei: Die Stirnseiten der Regale bieten Chancen f�r Aktionsplatzierungen. Besonders hilfreich f�r die Ermittlung optimaler Gangstrukturen � Achtung, jetzt kommt das Schlagwort � ist das so genannte �Zoning�, die Einteilung der Warengruppen in sinnvoll gebildete Zonen. Hierbei werden die verschiedenen Kundenlaufrichtungen ausgewertet. So k�nnen �hei�e�, �mittlere� und �kalte� Zonen festgestellt werden. Je �fter eine Zone passiert wird, desto �hei�er� ist sie � und desto �fter f�llt sie ins Blickfeld des Kunden, desto �fter greift der auch spontan zu. Der Verbundkauf wird so entscheidend gef�rdert. Das Paradebeispiel einer �hei�en� Zone ist der Kassenbereich. Kommen Sie.� Sie liefen den Gang hinab.</p><p>�Hier sieht man�s. Vorher war die Kassenzone �berfrachtet und un�bersichtlich. Zeitungen, Presenter und Aufsteller lenkten vom strukturierten Angebot ab, zu viel Ware verwirrte den Blick. Jetzt ist alles aufger�umt und �bersichtlich. Der Kontakt zum Kunden verl�uft direkt, die Sicht ist frei. Ein neuer Block herzhafter Snacks ist aufgrund hoher Ums�tze in die �hei�este� Zone des Kassenbereichs ger�ckt. Und die Schokoriegel in Kingsize sind oben. Schlie�lich gibt das gr��ere Margen. Alles klar?�</p><p>Taue h�rte ihm belustigt zu und schrieb Unentzifferbares auf seinen Studentenblock. Thorsten war es unangenehm, dass er ihn so betrunken gesehen hatte. Er versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, aber er wusste nicht mehr, ob sie beim Du oder beim Sie waren. Das Sie war sicherer.</p><p>�Wichtig ist auch, dass die Benchmarkdaten, also die Daten der n�chsten Stationen im Umfeld, nun vergleichend hinzugezogen werden. Auf diese Weise kann man ermitteln, welche Artikel sich in einer bestimmten Umgebung besonders gut verkaufen und potenzielle Umsatzsteigerer sind. Das Planogramm ist �berdies regionsspezifisch und kann auf jede Station individuell abgestimmt werden.�</p><p>Taue beugte sich hin�ber zu ihm und sagte: �Du hast eine Fahne, Thorsten.�</p><p>Thorsten f�hlte ein Nadelkissen in seinem Nacken.</p><p>�Ich?�</p><p>�Ja. Ich sage es nur. Ich bin nicht das Problem.�</p><p>�Was meinst du?�</p><p>�Das Problem sind die Leute, die es riechen und nichts sagen. Verstehst du?�</p><p>�Ich glaube schon.� Thorstens Kopf war pl�tzlich wieder leer, ein Resonanzraum der widerhallenden S�tze.</p><p>�Ich sag�s nur.�</p><p>Fran�oise n�herte sich.</p><p>�Und wie war das noch mit den Argumenten f�r �Weniger ist mehr�?�</p><p>�Was?�</p><p>�Sie sagten etwas von Artikeln, die soundsoviel Prozent des Gesamtumsatzes��?�</p><p>�Richtig�, sagte Thorsten. Sein R�cken brannte, Schwei� trat auf seine Stirn. �Im Durchschnitt bringen etwa drei�ig Prozent der Artikel schon �ber achtzig Prozent des Umsatzes. Noch eindrucksvoller: Allein die besten sechs Artikel sorgen schon f�r f�nfzig Prozent des Umsatzes.�</p><p>Er versuchte so zu reden, dass Fran�oise seinen Atem nicht riechen konnte.</p><p>�Wir k�nnen da eine sch�ne Grafik bauen. Grundaussage: Es gibt ein relativ kleines Kernsortiment, das den L�wenanteil am Umsatz jeder Station generiert. Diese Erkenntnis nun wird in der zweiten Optimierungsstufe noch konsequenter als bisher in die Tat umgesetzt���</p><p>Dreizehn Uhr. Klick. �Nehmen Sie bitte die Tiefk�hlpizzen in die Hand? Und die Dame das Stoffherz? Sie davor bitte die Ferrero K�sschen?� Ein Fotograf mit Beethoventolle dirigierte. Geheime, stille Machtk�mpfe wurden ausgetragen, wer im Vordergrund, wer im Hintergrund stehen w�rde auf dem Teambild f�r WELCOME. Thorsten lie� sich nach hinten abdr�ngen.</p><p>�Soll ich die Sixpacks so halten? Und auch die Zigarettenstangen? Luckys oder Marlboro? Und l�cheln! L�cheln? Brauchen Sie uns doch nicht zu sagen, wir strahlen von innen. Und zwar <emphasis>twentyfour-seven</emphasis>, ha, ha.� Klick.</p><p>Dreizehn Uhr drei�ig. �Die Deutschen sind so�, sagte Fran�oise, die franz�sische J�din. Ihre sternenf�rmige Brosche am Revers funkelte.</p><p>�Keiner traut sich etwas. Wenn ich einen Witz mache, schauen sie mich an, als sei ich ein Alien!�</p><p>Sie gluckste und verzog das Gesicht.</p><p>�Heute�, sagte sie, �habe ich Wuhlst�tter gesehen und gesagt, die Stimmung ist ja toll hier, da kann ich ja gleich deportiert werden. Den Stern� � sie deutete auf ihre Brosche � �trage ich ja bereits. Da ist dem fast die Kinnlade abgefallen!�</p><p>Thorsten lachte in seine Lasagne, aber nicht stark. Er hatte Herzrasen und Angst, er k�nnte kollabieren.</p><p>F�nfzehn Uhr. Zitternis und Kaugummi. Auswertung Th�ringen: Es k�nnte besser sein. Die Kr�ne drau�en wankten hin und her. Die Zahlen und Tabellen tanzten. Mode kam hinzu und redete ohne Unterlass.</p><p>�Da sind auch noch andere Tabellen, hier�, sagte er, �wurden die vom Bezirksleiter best�tigt?�</p><p>Schraffierte Balken und aufgeschnittene Prozentkuchen waberten vor Thorstens Gesichtsfeld. Er hangelte sich von Spalte zu Spalte und rutschte dann, leicht schwindlig, in Spiralen die Zeilen hinab. Er nahm Mundgeruch wahr, der sich aus Zigarre, Whiskey, Schnittlauch und etwas Viertem, sehr Altem zusammensetzte. Er wusste nicht, woher das kam, Mode war ein ausgewiesener Alkoholgegner und Nichtraucher. Als Thorsten die Graphen weiter anstarrte und Modes verwachsene Finger mit der wuchernden, beigen Hornhaut dar�berwischten, schienen sich die Worte in Thorstens Hinterkopf mit den fr�hlich permutierenden Tabellen zu vermischen; die Tabellen bildeten zusammen mit Modes Gerede und Gelache und dem rosa Businessrauschen von allen Seiten ein unleserliches, sich st�ndig wandelndes und verschiebendes Muster, das in seinem Kopf zu wuchern begann, halb Paisley, halb Hirnwindung, eine Wurzelwelle � und das Urmuster ver�stelte sich in andere Muster, die seine Form in sich aufhoben oder zerst�rten und immer weiter schwer nach unten wuchsen�� die niemals aufh�rten, unendlich offen waren�� ihre Form ein Wabern�� und der Monitor absorbierte das Licht�� sein Magen drehte sich um�� es roch nach vergorenem Honig�� das Licht verschwand im Licht��</p><p>�Alles in Ordnung, Herr K�hnemund?�</p><p>�Ja. Ja, ja. Wissen Sie, die Nachricht erreichte mich erst gestern.�</p><p>�Welche Nachricht?�</p><p>�Ich werde Vater.�</p><p>�Ach? Das ist doch ein Grund zur Freude!�</p><p>�Ich freue mich auch wahnsinnig. Es muss nur erst noch verdaut werden. Es kam �berraschend.�</p><p>�Ich kenne das, klar. Aber herzlichen Gl�ckwunsch.�</p><p>�Danke. Jedenfalls, was Erfurt angeht, hier die Station August-Stra�e, da hat jetzt eine PKN-Orlen-Station in unmittelbarer N�he aufgemacht, deshalb wohl die miese Bilanz���</p><p>Achtzehn Uhr. Alles wird gel�scht, das Brennen, die Panik, der Durst. Langsam, im Takt der Musik, nimmst du die ersten Schlucke. Du hast dir einen Kopfh�rer aufgezogen, um die Musik so laut wie noch nie zu h�ren. Es schmerzt in den Ohren, das Trommelfell vibriert mit. Du trinkst schneller. Im Magen macht sich ein flaches Ziehen bemerkbar. Du trinkst. Langsam wird es freier, lockerer hinter der Stirn. Du trinkst schneller. Das Herz pumpt Erleichterung in die Glieder. Ein Stich in der Leber, da? Ein Ziehen, altbekannt. Du trinkst. Das Ziehen ist vom Magen in die Leber gezogen, denkst du und trinkst. Der Magen f�hlt sich jetzt geordnet an. Gut. Noch ein Schluck. Jetzt nickst du zum Takt. Du kannst sp�ren, wie sich die Neuronen umpolen, wie du das wahre Leben betrittst. Dein Blick verliert sein Bohrendes. Er wird freier, ist nicht mehr fixiert. Dein Blick erholt sich von der Herrschaft der Objekte und Produkte und kann einfach sein, ohne sich auf etwas richten zu m�ssen. Du drehst die Musik lauter auf, ziehst den St�psel des Kopfh�rers aus der Anlage. Die Wohnung erzittert. Grace Jones singt. Es gef�llt dir, und du trinkst. Alles kann leicht sein. Jetzt durchatmen, die Trinkgeschwindigkeit erh�hen, nippen, wippen. Noch ein Schluck, noch ein Drink, schnell zum K�hlschrank. Eisw�rfel, Mischung, Wirkung vertiefen. Nachsp�len mit Bier. <emphasis>Damm, damm, dammm.</emphasis> Die Musik ist so gut, dass es dir kalt den R�cken runterl�uft. Was ein Gef�hl! G�nsehaut auf den Armen, auf den Schulterbl�ttern. Bitte nochmal! Du skippst zur�ck, dasselbe Lied, mit mehr Alkohol. Die Wirkung ist nicht mehr dieselbe, aber trotzdem nicht zu verachten. Du trinkst. Ja. Du schaust auf die Uhr. Die Wohnung zittert. Grace Jones singt. Das Ziehen ist verschwunden.</p><p>Du kommst wieder zu dir.</p><p>Zwanzig Uhr. Strecken, ziehen, sto�en. Kratzen, nichts sp�ren, heftiger sto�en. Gegen eine Fleischwand, die einst�rzen muss, endlich, bitte.</p><p>Zweiundzwanzig Uhr. �Denk nicht an die Zukunft�, sagte Thorsten und zog sich an. �Ich tue es nicht.�</p><p>�Ich auch nicht�, sagte Ella, �versch�tz dich nicht.�</p><p>Dreiundzwanzig Uhr. Sie schliefen miteinander, obwohl Thorsten kaum noch konnte. Aber das sagte er Laura nicht. Sie war ebenfalls betrunken von einem Stiftungsessen heimgekehrt. Wenn sie einmal trank, trank sie viel. W�tend riss sie an seinen Haaren, und er wusste nicht mehr, wer oder was er war. Er hatte die Erfahrung gemacht, dass gerade die zweiten und dritten Orgasmen die besten sind. Es bewies sich auch heute. Er schlief noch in ihr ein, und sie sofort danach.</p><p>�Es ist sehr wichtig, dass wir den Atem nicht mit dem Willen steuern. Unser Atem wird durch das Atemzentrum selbstst�ndig gef�hrt. Und nun stellen Sie sich bitte vor, Sie stehen auf einer kleinen Br�cke �ber einem kleinen Bach. Der dahinflie�ende Bach ist Ihr dahinstr�mendes Bewusstsein. Die Bl�tter, die Sie auf dem Wasser treiben sehen, sind die Gedanken in Ihrem Bewusstsein. Machen Sie es mit Ihren Gedanken wie mit den Bl�ttern auf dem Bach. Nehmen Sie die Bl�tter wahr: Das ist ein gelbes Blatt. Das ist ein gezacktes Blatt. Da ein gr�nes. Und lassen Sie sie wegflie�en. Machen Sie es genauso mit Ihren Gedanken. Nehmen Sie Ihre Gedanken wahr: Jetzt denke ich wieder an das, was vorhin war. Jetzt denke ich an das, was ich nachher tun werde. Ich w�nsche mir dieses, ich m�chte jenes machen. Nehmen Sie diese Gedanken wahr � und lassen Sie sie los. Gedanken, die in unser Bewusstsein treten, sind etwas Nat�rliches. Wichtig ist, dass sie nicht durcheinander, nicht chaotisch unser Bewusstsein �berschwemmen. Mit der Beruhigung des sympathischen Nervensystems durch die Normalisierung der Atmung stellt sich die Ordnung in unseren Gedanken wieder ein. Die Gedanken kommen nun langsamer, und wir tun unseren Teil dazu, indem wir sie wahrnehmen und loslassen. Dieses Loslassen der Gedanken ist etwas sehr Wichtiges. Wir k�nnen es lernen. Dadurch werden wir im Alltag weniger von gr�belnden, sorgenden Gedanken geplagt. Unser Bewusstsein wird freier. Versuchen Sie es: Nehmen Sie nun Ihre Gedanken wahr. Nehmen Sie sie wahr, wie sie in das Bewusstsein treten � und lassen Sie sie los.�</p><p>Bilder schossen auf sie ein. Bilder von Kriegsger�t, das sich durch Moorlandschaften pfl�gt, von Rammb�cken, die Burgtore zerfetzen, dahinter Prinzessinnen in fiebriger Erwartung. <emphasis>Weg, weg, weg.</emphasis></p><p>Ihre M�nder waren wie Kolibris, ihre H�nde wie die H�nde indischer T�nzerinnen, schoss es auf, und Laura sehnte sich nach einem Diktierger�t, um hineinzuschreien. Es ist ja wirklich so, dass man den Schmerz der Liebe sp�rt in der Brust wie L�rm. Schmerz ist eine hei�e Waffe, und wenn sie feuert, m�chte man das Stakkato der Sch�sse aufnehmen und auf Band bannen, um einmal, nur einmal im Leben nicht zu vergessen, wie es klingt.</p><p>Wie sie wohl aussah? Wie eine Pornoschlampe? Wie ein Blasehase? Eine Wichszicke? Oder doch wie ein gar zierliches Fabelwesen, mit w�ssrigen Tr�umeraugen und Muttermal an der H�fte, innen eng, so eng, so geil?</p><p>�Mir ist zum Kotzen�, rief Laura tonlos und rannte aufs Klo.</p><p>�Wenn wir uns angespannt und belastet f�hlen, �ngste haben, wenn wir etwas in unserer Umwelt oder bei uns selbst als bedrohlich und ungewiss empfinden, dann wird unser K�rper in den Alarmzustand versetzt. Wir atmen schneller und flacher, mehr oben in der Brust statt im Bauch, die Muskeln werden angespannt. Hormone wie zum Beispiel Adrenalin werden ausgesch�ttet. Unser Puls und unser Blutdruck steigen an, unser K�rper gibt Zuckerreserven und Fettstoffe frei. Auf diese Weise alarmiert das sympathische Nervensystem in Situationen hoher Anspannung und Gefahr unseren Organismus. Diese Alarmreaktion diente unseren Vorfahren dazu, bei Gefahr schnell kampf- oder fluchtbereit zu sein. Bei jedem von uns wird in Situationen der Gefahr, der Bedrohung oder Angst immer noch das sympathische Nervensystem aktiviert. Doch heute ist das f�r uns nicht immer unbedingt hilfreich.�</p><p>Sie w�rgte, hyperventilierte und knirschte mit den Z�hnen, alles gleichzeitig. Vor ihren Augen wurde es schwarz. Es brannte in ihrer Brust. Die H�nde krallten sich um den Handtuchhalter. Sie schmeckte den trockenen Geschmack von Alkohol und G�rung auf der Zunge. Die Welt schien zweidimensional zu werden, alles war nur lose aufeinander geklebt, �bereinander geschoben. Die Parf�mflaschen sanken in die Kacheln ein, wurden zu Intarsien. Die Waschmaschine und die Badewanne: eine Fl�che.</p><p>Sie wollte etwas ausspeien, das Porzellan bedrecken, sauer an�tzen, es ging nicht. Sie wollte schreien.</p><p>�Empfinden Sie die Dunkelheit der geschlossenen Augen als unangenehm, dann �ffnen Sie sie wieder. Sorgen Sie sich nicht, ob Sie die �bung perfekt durchf�hren. Denn das hemmt Ihre Entspannung erheblich. Sie sp�ren nun immer weniger erregende Gef�hle oder Gedanken � der K�rper kommt mehr und mehr zur Ruhe. Bei jedem Einatmen denken wir das Wort �ein�. Bei jedem Ausatmen denken wir das Wort �aus�. Begleiten Sie Ihren Atem mit den Worten �ein� und �aus�. Wenn Sie abschweifen oder durch st�rende Gedanken abgelenkt werden, dann f�hlen Sie wieder ganz bewusst in Ihren Bauchraum zur�ck. Der Atem darf weiterhin frei flie�en. Er wird nicht mit dem Willen gesteuert. Versuchen wir, mit dem Willen in die Atmung einzugreifen, st�ren wir das Atemzentrum.�</p><p>Diese Stimme. Diese Stimme eines jungen Onkels, ruhig, gefasst, deutlich, gebookt �ber eine Voice-Agentur, ein drittklassiger Schauspieler, ein Freelance-Troubadour, ein Werbe-Callboy. Die Stimme redete wie ein Verwandter, falsch, vertraut, wohlgesonnen und teilnahmslos. Zugleich war es eine irgendwie amerikanische Stimme, der man anh�rte, dass da zu viele Z�hne die zu perfekten Konsonanten formten.</p><p>Die CD war ihr von ihrer Therapeutin geschenkt worden.</p><p>Laura f�hlte sich von jedem Wort verh�hnt, von jedem Waldesrauschen und Bachgepl�tscher ausgezischt und gedem�tigt. Aber sie kam nicht auf die Idee, den CD-Player einfach auszuschalten. Sie hatte �berhaupt keine Idee mehr, von nichts.</p><p>Thorsten hatte sein Handy vergessen. Und Laura hatte es sich gegriffen, gegen erste Widerst�nde, und, nach weiterem Z�gern, seinen SMS-Eingang ge�ffnet, automatisch, aber mit schlechtem Gewissen. Das verfl�chtigte sich schnell. Dann hatte sie, hysterisch, die �Gesendeten Objekte� betrachtet und gelesen. Dann war ihre Brust explodiert.</p><p>Laura stellte sich vor, auf einer riesigen Klippe zu stehen und den wirbelnden Wind zu sp�ren. Die Wellen unter ihr waren ihr Bewusstsein, und ihre Gedanken waren M�wen, die ihr aus der Brust flogen. Alle paar Sekunden ploppte ihr Brustkorb auf, und ein aufgeregter M�wenkopf stie� hervor, erst der Schnabel, dann der Kopf, die Augen, bis er sie mit verklebten, hektisch schlagenden Fl�geln verlie�.</p><p>Und Laura wollte die M�wen festhalten.</p><p>Aber die �l- und blutgetauchten M�wen glitschten ihr durch die H�nde und st�rzten in das Wasser und wurden zu Gischt. Alle ihre Gedanken verlie�en sie, M�we f�r M�we, Gischt zu Gischt, und sie konnte nichts als zusehen, wie sie rasend schnell abmagerte, wie sie verschwand und sich beim Zusehen des eigenen Verschwindens zusah.</p><p>�Und nun beeinflussen Sie Ihren Atem bitte nicht mehr mit Ihrem Willen. Steuern Sie ihn nicht. Es atmet von ganz alleine in Ihnen. Lenken Sie Ihre Aufmerksamkeit auf die Nase. Sp�ren Sie, wie die Atemluft durch Ihre Nasenfl�gel hereinkommt und wieder herausstr�mt. Wenn Sie entspannter sind und sich wohler f�hlen, genie�en Sie f�r einige Momente die Ruhe und den Frieden. Sie haben es sich selbst geschenkt und k�nnen es sich jederzeit wieder schenken. Sie k�nnen die Ruhe und den Frieden wieder erleben, wenn Sie diese �bung machen.�</p><p>Ihr Atem war gel�hmt wie durch Asthma, die Lungen eng und panisch in Wut. Sie hechelte auf allen vieren durch den Flur und sabberte Tr�nen. Der Schmerz war bewusstseinsbet�ubend. Der Zorn wuchs und wuchs.</p><p>Sie stand auf und schmiss eine Vase herunter. Sie schmiss den Tisch um. Sie h�ngte sich an die Vorh�nge und schwang sich ein St�ck durch den Raum. Dann riss sie die Vorh�nge ab mit einem Ruck, die Gardinenstange fiel ihr auf den Kopf. Sie setzte sich auf den Boden, sie stand wieder auf. Sie warf den Inhalt des K�hlschranks auf den Boden und gegen die Wand. Bei dem Versuch, ihren Koffer vom Kleiderschrank zu fischen, st�rzte sie vom Stuhl und schlug sich an der Schrankkante die Augenbraue auf. Sie trank Milch und Whiskey. Sie warf einen Teil ihrer Kleider samt B�geln in den Koffer, wie im Film, der offene Koffer sah ihr entgegen wie ein gro�es Maul. Sie schrie. Sie trank Milch und zerschlug den Toilettenspiegel.</p><p>�Und nun beenden Sie diese �bung. Kehren Sie langsam in den Raum zur�ck. Halten Sie die Augen geschlossen. Machen Sie einige tiefe Atemz�ge. Dehnen und strecken Sie sich. Recken Sie die Arme kr�ftig hoch und zur Seite. Reiben Sie sich leicht das Gesicht. Und �ffnen Sie die Augen. Fahren Sie jetzt entspannt mit Ihrer normalen T�tigkeit fort.�</p></section><section><title><p><strong>VIERTER TEIL XX-MAS</strong></p></title><epigraph><p>you talk to me</p><p>as if from a distance</p><p>and I reply</p><p>with expressions chosen from another</p><p>time, time, time</p><p>from another time</p><text-author>Brian Eno</text-author></epigraph><p>Weihnachten war �berstanden, ohne gr��ere Kollateralsch�den. Der Geschmack von Spekulatius, Lametta und Depression auf der Zunge war schnell verflogen, nicht zuletzt dank einer ausgiebigen Mundsp�lung am zweiten Weihnachtsfeiertag, die Magnus Taue in K�ln mit seinen Berliner Freunden und unter Missbrauch von k�stlichstem Grasovka und anderem Hochprozentigen durchgef�hrt hatte.</p><p>Dieses Jahr war sie besonders bedr�ckend gewesen, die j�hrliche Zusammenkunft der ganzen zerr�tteten Familie. Diesmal waren Magnussens Mutter Lily und ihre j�ngere Schwester Britta, seine Tante, n�mlich gleichzeitig depressiv. Das war neu. Normalerweise wechselten sie sich ab, wippten auf und ab, die eine manisch, die andere depressiv, und hielten ihre alte, entnazifizierte Mama im Dauerbelagerungszustand, lie�en sich st�ndig bekochen und bemuttern, obwohl Oma Gertrud schon weit jenseits der achtzig war und regelm��ig beim Supermarkteinkauf vom Rad fiel. Der einzige Unterschied war, dass die eine, Lily, bei Depressionen ohne Unterlass jammerte und wimmerte, w�hrend die andere, Britta, die ganz im Gegensatz zu Lily ein mageres, konkav geformtes, h�ssliches Mauerbl�mchen war, wenn auch mit trockenem Humor begabt, falls sie denn etwas zum Lachen fand, im Ernstfall kein einziges Wort sagte, nur ihre N�gel bebiss, ihre d�nnen Haare um den Finger rollte und blicklos in die Luft stierte.</p><p>Alle wohnten sie innerhalb von drei Kilometern beieinander, in Jonnas Plittersdorf, seit je, einzelne Ausbruchsversuche aus diesem Dreieck endeten in Scheidungen und tr�nenreicher R�ckkehr. Sie hockten da zusammen wie verfeindete Glucken, die nicht aus dem offenstehenden K�fig springen wollten. W�chentlich trafen sie sich in Gertruds d�mmriger K�che voller z�hem Licht, stellten ihre dick�drigen, nikotingelben, n�gelbekauten H�nde zur Schau und n�rgelten so lang aneinander herum, bis es zu Geheul, Gegeifer und nackten Wutausbr�chen kam. Oma Gertrud dr�ckte dann grimmig das auf Kippe stehende K�chenfenster zu, damit die Lecherts von unten den Streit nicht mitbek�men, presste die d�nnen Lippen zusammen und fragte sich heimlich, ob es nicht doch falsch gewesen war, das Erbe vorzeitig auszuzahlen.</p><p>Das Extra-Sonder-Anti-Depressions-Filmfilm-Paket der Privaten lie� Magnus und seine Mutter f�r den Rest der Weihnachtszeit auf dem leicht durchgescheuerten Ikea-Sofa zwischen Tonnen von Tigerkissen sitzen. �Cliffhanger�, �Sissi� und �Legenden der Leidenschaft� rauschten vorbei und schlugen die Zeit nur halbherzig tot. Magnus dachte dabei viel an Jonna. Als kleines Hologramm im Hirn oder unter dem Lid blitzte sie auf und verschwand auch gleich wieder. Mehr Inhalt war nicht.</p><p>Am Tag vor Silvester, als die Alkoholleichen vollends in den Seilen hingen, das hei�t: auf den Sofas oder am Boden des Partykellers lagen, ausstaffiert mit albernen Accessoires wie Sonnenbrillen, Nikolausm�tzen, Spielf�hrerbinden, und Beine und T-Shirts ihnen als Kopfkissen und Decken dienten wie im Ferienlager, lautes Atmen und erste Grunzlaute h�rbar wurden und der talgige Geruch alter Barbourjacken in der Luft hing; als die anderen, die noch gehen konnten, schon l�ngst gegangen waren, um f�r den Jahreswechsel fit zu sein, und im Fernseher unbeachtet irgendein Hongkong-Film lief, wahrscheinlich von John Woo � da lag Magnus mit Jonna am Pool, einen Raum weiter, zusammen mit Rieke und Erik. Sie d�mmerten vor sich hin.</p><p>Auf riesigen, hellgelben Kaufhof-Handt�chern lagen sie im k�nstlichen Licht wie Pauschaltouristen in der Sonne, f�hrten die Drinks mit beh�bigen Bewegungen zum Mund und rauchten, da die Packungen leer waren, Selbstgedrehte. Sie waren Endzwanziger bis Mittdrei�iger auf Heimaturlaub, betrunken, ersch�pft, das Zeitvakuum auskostend, das zwischen weihnachtlicher R�ckkehr zur Familie und Neujahr liegt. Die Lichtr�hren summten, das Wasser pl�tscherte ohne Energie.</p><p>Jonna, Erik und Magnus waren vor Jahren auf dieselbe Grundschule gegangen; Rieke war eine sch�ne Unbekannte aus K�ln, die von einer der nun knarzenden Alkoholleichen mitgebracht worden war. Ihr Kopf lag jetzt in Eriks wabbeligem Scho� und bewegte sich nicht. Schlief sie schon? Erik selbst sa� da wie hingegossen, ein Verschnitt aus jungem Buddha und sp�tem Marlon Brando. Er baute einen Joint, hatte das Filmd�schen mit Gras und den Tabakbeutel auf Riekes Brustbein abgelegt. Jonna l�chelte daneben f�r sich.</p><p>Es hat etwas unendlich Pathetisches, wenn die Leute sich nicht von der eigenen Jugend verabschieden wollen. Jeder kennt aus seinem Bekanntenkreis mindestens einen dieser Berufsjugendlichen, die sich der eigenen Michael-Jackson-Groteske umso weniger bewusst sind, je �lter sie werden. Eine nicht weniger pathetische, wenn auch verst�ndlichere Sache ist es, wenn die Leute zeitweilig in die Koordinaten und Verhaltensweisen ihrer Jugend zur�ckschlittern, zum Beispiel einen der Orte ihrer Jugend besuchen und sich dort so verhalten, als k�nne man sich auf der Zeitachse genauso frei r�ckw�rts bewegen. Was ein skurriles Bild ergibt, allein k�rperlich: Die ersten Fettlappen, Wampenans�tze, Kr�henf��e sind wieder auf Klassenfahrt und spielen <emphasis>Wahrheit oder Pflicht</emphasis>, trinken bis zum Exit, flirten vermeintlich ungeschickt. Nur sind die Gesten weniger grazil und die Worte gew�hlter als fr�her, und die Gesichter von Erfahrung und Bewusstsein verh�rtet.</p><p>Wei�t du, was ich meine, Schatz?</p><p>Magnus sa� am Beckenrand und spuckte in den Pool, in die wabernde Reflexion seines Gesichts. Der wei�e Spuckefleck schwamm auf dem Wasser, genau in seinem rechten Auge, und t�nzelte dort gem�chlich auf und ab. Magnus tauchte die Hand ins Nasse, verwischte den Fleck und schaufelte etwas Wasser hoch. Er kannte den Geruch. Das Chlor roch nach Vergangenheit. Nach seiner Jugend. Nach Solarium, Hometrainer und Bild-Zeitung. Nach Aloe vera auf gro�porigen Fleischst�cken. Nach braungebrannter Elefantenhaut an Hals und Schenkeln, nach ersoffenen Kippen in halbleeren Daiquiris. Der chlorschwangere Geruch benebelte ihn. Er spuckte nochmals hinein und beobachtete die kleinen Kreise, die die Ersch�tterung warf. In seinem Kopf war eine Leere, die mit nichts gef�llt werden wollte. Er atmete gierig den schweren Chlorgeruch ein, so als k�nnte diese Leere dadurch ausgedehnt und angereichert werden.</p><p>�Wer ist noch dabei�, fragte Erik und deutete auf den kleinen Haufen aus Gras und Tabak.</p><p>�Ich glaub, ich nicht�, sagte Jonna.</p><p>�Ich gerne�, sagte Rieke und r�mpfte komisch die Nase, sodass sich Lachf�ltchen wie Spinnenbeine von ihren Augenwinkeln abspreizten.</p><p>Magnus schwieg und wischte sich den Schwei� aus den Augen. Erik hatte die Raumtemperatur auf die h�chste Stufe gestellt. Nun war es fast so hei� und stickig wie in einem t�rkischen Bad. In regelm��igen Abst�nden baute sich eine ganze Wand aus feuchter Hitze und schw�lem Nebel um Magnus auf und mauerte ihn immer enger ein, um dann in sich zusammenzufallen und ihn unter sich zu begraben. Hitzewallungen fluteten durch seinen K�rper wie ein Adrenalinersatz.</p><p>Jonna setzte sich neben ihn.</p><p>�Bist du auch so fertig? Was machst du denn hier? Riechst am Wasser? Sollen wir nicht lieber mal reinspringen?�</p><p>�Kann man machen�, sagte Magnus. �Kann man aber auch sein lassen.�</p><p>�Na, toll�, sagte Jonna, l�chelte und glitt ins Wasser.</p><p>Magnus blickte in das kleine dunkle Fenster zum Hantelraum und suchte den roten Lichtpunkt der Digicam. Er war dabei gewesen, als Erik sie nachmittags auf das Stativ geschraubt und alle Vorbereitungen getroffen hatte: die Kamera ausgerichtet, die Optik scharf gestellt, die Spiegelvorrichtung zurechtger�ckt. Wie um diesen Unsinn noch zu toppen, hatte er dann mit den Worten �und das ist die Innovation, mein Freund� eine Webcam obendrauf postiert. Magnus hatte sein erstes Bier getrunken und gekichert; gleichwohl hatte er das Ganze unheimlich gefunden. Nicht den Auto-Voyeurismus, der da zur Schau gestellt wurde, sondern das Anachronistische daran.</p><p>Magnus zog sein Hemd aus, blinzelte dabei angestrengt in Richtung Kamera, konnte aber nirgendwo einen roten Punkt entdecken. Entweder die Spiegelvorrichtung verdeckte ihn geschickt, oder er war einfach zu betrunken. Vielleicht aber hatte Erik es sich auch anders �berlegt und die schon nicht mehr postpubert�re, sondern eher bereits pr�mittlebenskritische Mitfilmaktion ganz bleibenlassen. Das w�re Magnus am liebsten gewesen. Es h�tte ihn von diesem l�stigen Mitwissertum befreit.</p><p>Er sprang.</p><p>Im Fernseher nebenan wurde im selben Moment ein alter Mercedes von einer Explosion auseinandergefetzt, deren Druckkraft die Motorradfahrer, die den Wagen soeben noch verfolgt hatten, in einem konzentrischen Spinnenmuster durch die Luft und aus dem Bild wirbelte, zusammen mit rotierenden Feuerb�llen und rauchenden Wagenteilen, von denen eines genau auf die Kamera zuflog.</p><p>Eintauchen, in das Nasse, K�hle, Weiche. Die Poren werden schockge�ffnet. Die Kl�nge der Welt weggeschluckt, die Schwerkraft verd�nnt. Das Chlor brennt sanft auf der Hornhaut. Du h�rst den feuchten L�rm, den du machst, er klingt nah und wattiert. Die Kacheln wabern, werden sch�rfer. Ein kleiner Schmerz im Ohr, da, wo du einen Riss hast im Trommelfell, wo der Tinnitus fiept, wenn du hinh�rst. Du h�ltst dir kurz die Nase zu, Druckausgleich. Es knackt im rechten Ohr. Dann tauchst du wieder auf.</p><p>Magnus war einer jener Menschen, die sich von der Au�enwelt st�ndig bedr�ngt f�hlen. Zu viele Sinneseindr�cke prasselten auf ihn ein, vor allem, wenn er von anderen Menschen umgeben war. Zu viele Motive, Absichten, Reflexe zischten ihn an, wenn er mit jemandem redete. Er bedachte zu viel, blieb in der Au�enperspektive stecken, f�hlte sich, den anderen vermeintlich bis in die letzte Faser seiner Gedankentextur durchschauend, gel�hmt. Da er der Natur nichts abgewinnen konnte und selbst das Gewisper der B�ume in einem Park ihn bel�stigte wie rosa Rauschen im Kopfh�rer, war er, seit er denken konnte, am liebsten allein in seinem Zimmer, die T�re zu. Nur brennender Ehrgeiz und die kindliche Gewissheit, etwas Besonderes zu sein, hatten ihn in den Jahren der Pubert�t aus dem Zimmer hinaus in eine Art soziales Leben gedr�ngt, in dem er sich st�ndig beweisen zu m�ssen glaubte. Und tats�chlich hatte er, weil er sich talentiert f�hlte, Erfolg gehabt und den Ruf eines Genies genossen, mit k�hlem �u�eren, das ein gl�hendes Inneres fasste. Dieser Ehrgeiz war inzwischen jedoch verblasst und zur leeren Gussform geworden, die darauf wartete, mit etwas anderem, Wesentlichem gef�llt zu werden. Er hatte sein altes Ich noch nicht g�nzlich abgelegt: Es besch�tzte ihn wie ein harter Panzer, unter dem ein neues Etwas, amorph und wabbelig wie Austernfleisch, nach Halt und Form suchte. Aber unter dem Panzer war die alte Unsicherheit und Verantwortungsangst wieder eingekehrt, die ihn als Kind in st�ndige Unruhe versetzt hatte. Er wollte, dass ihm alles Gute zusto�en m�ge, alle W�nsche wahr w�rden, ohne dass ein Wille in ihm keimte und er somit Schuld auf sich laden k�nnte. Beispielhaft hierf�r war eine seiner st�ndigen Phantasien auf der Schwelle zur Geschlechtsreife: Damals hatte er sich nichts mehr gew�nscht, als mit Jonna zu schlafen, ohne dass er gewusst h�tte, wie das genau geht; und dieser Wunsch war sofort mit einem stichelnden Schuldgef�hl verbunden gewesen, das ihm den Traum zersetzte und zusammenfallen lie� wie kalten Schaum. Um dieses Schuldgef�hl zu umgehen, steigerte er sich deshalb abends (nach dem Vaterunser, das Abend f�r Abend in immer rasenderem Tempo heruntergedacht und abgehakt wurde) in Szenarien hinein, in denen er jeglichen Begehrens frei sein w�rde, Szenarien, in denen beispielsweise Jonnas Mutter, flankiert von einem besorgt dreinblickenden Arzt, ihn inst�ndig darum bat, mit ihrer Tochter zu schlafen, da diese ansonsten an einer unaussprechlichen Krankheit sterben w�rde, etwa einem furchtbaren Hirnschwund anheimfiele, oder nie mehr ein Kind bekommen k�nnte. Irgendwann in einer dieser fiebrigen Halbd�mmerphantasien hatte er dann seinen ersten Orgasmus gehabt, vor Jonnas imagin�r versammelter Verwandtschaft und �rzten und ger�hrten Krankenschwestern, die einander an den H�nden haltend zusahen, wie er Jonna selbstlos das Leben rettete. Seit jener Zeit auch sah er, wenn er l�chelte, das eigene L�cheln in seiner Vorstellung als gestellte Fratze, gedoppelt von au�en, verzerrt wie von Photoshop.</p><p>Jonnas L�cheln war arglos; sie hatte keine M�he, es �ber Wasser zu halten. Sie schwebte an der Oberfl�che, leichtgliedriges Federgewicht, das sie war, Magnus immer im Blick, mit ihren gro�en, braunen Augen, in denen sich die Wellen von unten spiegelten und etwas flackerten. Mit spitzem Mund und runden Augen blickte sie ihn fr�hlich an, prustete Wasserkristalle, kraulte R�cken, technisch einwandfrei, wie sie es schon sehr fr�h in der Grundschule gekonnt hatte. Das Wasser schwappte �ber ihre Br�ste, ihre Beine schlugen auf und ab im Scherenschlag und warfen nasse Funken ab. Drei schwarze Str�hnen klebten an ihrer Stirn und funkelten ihn an. Es sah unbeholfen aus, wie Magnus auf sie zukraulte, er kam kaum von der Stelle; er musste die Hektik abwehren und seinen Atem organisieren und auf das ihm nicht zug�ngliche Wissen seines K�rpers vertrauen. Als er sich nicht mehr anstrengte, ging es sofort besser. Mit weitausholenden Kraulbewegungen schwamm er auf Jonna zu, langsam, instinktiv, gleichm��ig wie ein Krokodil.</p><p>Sei der Pool auch neu und t�rkis, es ist immer noch das alte Wasser, das, wenn du dich einl�sst, Erinnerungen durch deinen K�rper schickt, die nicht deine sind, die deinem K�rper geh�ren, die ihm nicht geh�ren, auch sind es keine Erinnerungen, vielleicht z�he Reflexe, Fr�hestes, abgerufen aus dem Hallraum zwischen Physis und Psyche, der beim Driften im Fruchtwasser ein erstes Echo in sich trug.</p><p>�Hier�, sagte Jonna. Ihr Jochbein, besprenkelt mit Tropfen wie Perlmutt, machte einen kleinen Ruck nach oben und gab den Blick auf das Dreieck zwischen Halsbeuge und Brustbein frei. Sie lag auf dem Wasser, die Arme l�ssig auf den Beckenrand gest�tzt, und dr�ckte ihm einen Drink in die Hand.</p><p>�Was ist das?�, fragte Magnus, au�er Atem.</p><p><emphasis>�Jonna�s Sunrise�,</emphasis> sagte Jonna. �Ich habe einfach Zucker, Orangensaft, Wodka und Batida zusammengemischt. Die Reste. Und Kirschsaft.�</p><p>�Schmeckt aber�, sagte Magnus.</p><p>�Das ist eine L�ge�, sagte Jonna.</p><p>�Stimmt�, sagte Magnus. Der Halbmond ihres Gesichtes schien ihn von der Seite an, als wollte Jonna ihn zu etwas auffordern. Dr�ben alberten Rieke und Erik miteinander herum und kamen sich n�her, Korkenzieherlocke an Fettschwarte.</p><p>�Ist alles okay bei dir?�, fragte Jonna.</p><p>�Geht so�, sagte Magnus. �Lily nervt.�</p><p>�Klar�, sagte Jonna, �Familienstress zwischen den Jahren. Hat jeder. Frag mich mal.�</p><p>Magnus kam die Situation pl�tzlich seltsam intim vor, so zu zweit im Wasser, nass, halbnackt, mit an den Sch�del gepappten Unfrisuren � wie zwei Babys, die gemeinsam schwimmen lernten; oder auch wie zwei Fremde, die je alleine in der vollgedampften Ecke eines Hamams zu sitzen geglaubt hatten und gerade jetzt, wo der Dampf sich etwas lichtete, erschrocken einander entdeckten. Die Situation hatte etwas Urspr�ngliches, Archaisches, und deshalb auch etwas Schamhaftes.</p><p>�Aber bei dir ist das was anderes�, sagte Magnus.</p><p>�Was? Wieso?�, fragte Jonna.</p><p>�Deine Familie ist doch eine Bilderbuchfamilie�, sagte er, �mit christlichem R�ckgrat, gutgeratenen Kindern, einer wohlsortierten Bibliothek und einer Hintert�r, die immer offen steht, w�hrend ich���</p><p>�Nein�, sagte Jonna, �ich meine nicht unbedingt meine Familie, ich meine eher die Zeit. Etwas ist anders dieses Jahr. Etwas ist � etwas ist anders.�</p><p>Sie sagte das fast mit einem Lispeln, die Sibilanten zischten besonders hart, ein sicheres Zeichen daf�r, dass sie betrunken war oder etwas ihr Unangenehmes aussprach.</p><p>�Was ist denn anders?�</p><p>Jonna schwieg.</p><p>�Jonna?�</p><p>Magnus sp�rte eine Welle der Melancholie durch seine Brust gehen.</p><p>Jonna war immer <emphasis>straight</emphasis> gewesen. Bildh�bsch im Gesicht, der K�rper eine Wohltat f�r pornom�de Augen, ein offenes, weltzugewandtes L�cheln dazu, f�r alle und jeden fast, diente sie als Projektionsfl�che f�r weitaus mehr als plumpe Sexphantasien, eigentlich im Gegenteil: Bei Jonna ging es immer gleich ums Ganze, um die Ehe, um die Familie, so hatte ein Gro�teil der Internen gedacht, fr�her, oben auf dem Berg, und nicht nur sie, nicht nur sie.</p><p>Magnus erinnerte sich an Abende mit ihr, da sie am Rhein gesessen, das Wasser beobachtet, auf den Atem des anderen gehorcht hatten, wie der Fluss nach links geflossen war, einer riesigen Zunge �hnlich, einem starken feuchten Muskel, der sich best�ndig zwischen Bonn und das Siebengebirge schob � um <emphasis>nichts</emphasis> zu schmecken?</p><p>Wie sie sich mit billigem Tankstellenwein betrunken hatten, langsam die Luft weicher und frischer und kostbarer geworden war, mit jedem Schluck und jeder Minute, ein Meer aus vaporisierten Diamanten, Medizin f�r Lungen und Herzen; und das ziegelfarbene Licht, in dem die gegen�berliegende Halbstadt zu flimmern begann; und Brezelreste auf der Decke, die unterm R�cken zerkr�melten, w�hrend sie dalagen und leise Tr�ume und Kindernamen aus rotweinblauen M�ndern hochsteigen lie�en, in den dunklen, sternenbesetzten Himmel, der so irre runterkam, und wieder hochging, und wieder runterkam � und die Frage, ob der Himmel vielleicht das Trampolin Gottes sei? Und die Sterne nur winzige L�cher im elastischen Stoff, und dahinter das hochpotente Scheinwerferlicht einer Turnhalle voller � Gl�ck?</p><p>Stunden voller Lachen und Mondgefl�ster und M�ckensummen: damals, als man sich st�ndig neu erdachte und Lebenspl�ne verbrauchte wie starke Zigaretten, Hauptsache, es brannte gut auf der Zunge; Hauptsache, das Brennen konnte in einer Minute (oder in einer Stunde oder in einer Woche oder <emphasis>irgendwann</emphasis>) von diesem einen Kuss gel�scht werden, der in der schimmernden Luft lag; der Kuss, auf den alles hinauslief, der Kuss, der allem bisher Geschehenen eine andere, eine richtigere Bedeutung geben w�rde und von dem her sich die Kostbarkeit dieses Augenblicks speiste, aus der Zukunft, an diesem Fluss, der so philosophisch wie das Leben war, nur einmal greifbar in diesem Moment und im n�chsten schon ein anderer, <emphasis>ja</emphasis>, ihr Griechen, <emphasis>ja</emphasis>; und wie ihrer beider H�nde das tr�be Rheinwasser hochschaufelten, um es festzuhalten, und wie das Wasser, wenn man es festhalten wollte, zwischen den Fingern hindurchrieselte, beh�nder als Sand oder �l oder Milch.</p><p>�Sonnengefl�ster, Drogenrauschen, gescheckte Ger�usche: Damals, als wir uns st�ndig neu erdachten, damals, es ist gar nicht so lange her, stell dir vor, als wir uns als Rebellen gefielen, die die F��e nur hochlegten, wenn der viele Wein in die Beine zu sickern drohte, und uns beim Kreuzpissen verbr�derten; achtmal die Acht gingen, bis es einem gut schwindelte; als wir dachten, wir seien Revolution�re, oder wir k�nnten Revolution�re sein, bestimmt, bald; oder vorgaben, es zu denken, ein Fr�hling lag in der Luft, Aufbruchsgel�ste, wir hatten ihn selbst hineingelegt; und eine Guerilla werden wir sein, nickten wir, erinnerst du dich, ein f�rchterliches Tribunal, denn wir sind aus dem Dschungelholz der Guillotine geschnitzt, wei�t du das noch, h�rst du mich; als wir gegen den Wind agitierten, seraphisch wie hier, mal in die eine Richtung, mal in die andere, <emphasis>the way the wind blows</emphasis>, von der Br�stung fielen und liegen blieben, weil der Himmel so irre runterkam, lachten; Fr�hling am Rhein: Damals, was ein Wort, tratst du in mein Leben, tratst du ein, tratst du in mein Leben rein, mit spitzem Schuh, zerbeultest seine jungen Formen, und herausgekommen bin ich, in allen meinen gezinkten, gezackten Ausf�hrungen, und habe mich, den anderen, total verdr�ngt.�</p><p>Atmen.</p><p>Klick.</p><p>�Nichts ist anders�, sagte Magnus. Er h�rte seine Stimme wie aus einer Entfernung, sp�rte Jonnas Oberschenkel an seinem. Er unterdr�ckte die Melancholie.</p><p>�Was ist denn los, Jonna? Ist es wegen des Examens? Ist der Druck zu gro�?�</p><p>�Nein�, sagte Jonna, �es ist � ich wei� es nicht.� Ihr Gesicht schimmerte �ngstlich �ber den seichten Poolwellen.</p><p>�Sollen wir nicht gleich zu mir fahren?�, fragte sie, und Magnus sah ihren kleinen Mund und ihre wei�gl�nzenden Schneidez�hne wie isoliert vom Rest des Gesichts.</p><p>�Ich w�rd�s dir gerne erz�hlen, aber nicht hier, nicht so.�</p><p>�Was ist jetzt?�, fuhr Erik von der anderen Seite des Pools dazwischen. �Noch jemand dabei beim fr�hmorgendlichen Konsum von erlesensten Herbalprodukten?�</p><p>Seine Stimme klang metallen.</p><p>�Ja, k�nnen wir machen�, sagte Magnus, dann leiser, zu Jonna: �Was ist denn los? Bist du etwa schwanger?�</p><p>�Quatsch�, zischte sie und stie� sich los.</p><p>�Warum sagst du es denn nicht einfach?�, fragte Magnus ihren wegruckenden R�cken.</p><p>�Du l�sst einen ja nicht zu Wort kommen�, zischte sie nochmals �ber die Schulter zur�ck und schnitt durchs Wasser.</p><p>�Das alte �bel: <emphasis>Sauna und doch so fern</emphasis>�, rief er ihr hinterher und l�chelte. �Oder, Jonna?�</p><p>�Nicht witzig�, sagte sie ins Wasser, �nicht witzig.�</p><p>Magnus wedelte mit seinem Glas voller buntgescheckter Br�he in Richtung Erik und sch�ttelte den Kopf. Dann strampelte er ein wenig mit den Beinen, legte den Kopf in den Nacken und spielte toter Mann. Aber es gab keine Str�mung im Pool, keine Richtung, man konnte sich nicht treiben lassen. Die braun lackierten Holzplanken an der Decke bewegten sich nicht, und statt Sterne gab es Punktstrahler, aufgereiht wie Knopfleisten.</p><p>Echsengleich schnappte Rieke nach dem Joint, inhalierte, machte <emphasis>Kuhaugen</emphasis>. Ihre Gesichtsz�ge wurden von einer auf die andere Sekunde ledern. Sie zog nochmal und nochmal und schien sich dabei enorm zu entspannen.</p><p>Dann war Jonna an der Reihe. Mit einem Gesichtsausdruck zwischen Neugier und Albernheit zog sie an dem Joint, tat erfahren, was ihr nat�rlich in keinster Weise gelang. Sie l�chelte hin�ber zu Magnus mit einem belustigten Blick, der sagen sollte: <emphasis>Guck weg!</emphasis> Rieke wurde w�hrenddessen immer wacher und begann, leise auf Erik einzureden, der sich seinerseits nicht entbl�dete, den weitergereichten Joint zwischen kleinen und Ringfinger zu stecken und den Rauch durch die hohle Hand einzusaugen.</p><p>�Die Vier ist die Zahl der Ganzheit�, sagte Rieke. �Vier Jahreszeiten, vier Elemente, vier Mondphasen. Du bist ein stabiler Mensch, Erik, und wirst einmal sehr reich sein.�</p><p>Erik, der ein Gesicht hatte, das weder alt noch jung war, nickte. �So was dachte ich mir schon�, sagte er lakonisch.</p><p>Denn das war Erik: der reiche und witzige Typ mit den dekadenten Fruchthof-Eltern, die allen Ernstes <emphasis>Harry</emphasis> und <emphasis>Mandy</emphasis> hie�en und schon in fr�heren Zeiten immer das Haus ger�umt hatten, wenn der Sohn eine Party schmei�en wollte. Erik mit den schnellen Spr�chen und dem Business-School-Studium in G�ttingen, A- und B-Seite derselben Platte; Erik, der ein seltsam ebenm��iges Gesicht besa�, griechisch und perfekt, das Nasenbein wie mit dem Lineal gezogen, und Augenbrauen wie Torb�gen, und funkelschwarze Pupillen und einen bronzenen Teint, der schon schwul wirkte; ein Gesicht also wie Fernsehen, und trotzdem h�tte nie jemand behauptet, Erik sei h�bsch oder sch�n, obwohl die Sch�nheit doch eigentlich mit H�nden greifbar war, aber eben nur in Einzelteilen, ohne charaktervolles Ganzes, das sie verband; der sympathische, gest�rte, erfolgreiche, verweichlichte, aufgeschwemmte, verlebte, gro�artige, perverse Erik, bei dem allj�hrlich die Reunion-Partys der alten Freunde stattfanden, immer am Tag vor Silvester, an dem sich alle, die nicht im Urlaub waren, wild betranken und in alten Zeiten schwelgten und einander nat�rlich immer weniger zu sagen hatten. Harry und Mandy waren derweil im <emphasis>Starlight Express</emphasis>.</p><p>�Die Drei ist die Zahl des M�rchens�, sagte Rieke und sah Magnus an. �Dreiermenschen sind vielseitig begabt und sensibel.�</p><p>�Wie Fische?�, fragte Magnus sarkastisch. �Ich bin n�mlich Fisch. Wie man sieht.� Und pl�tscherte �bertrieben mit den F��en im Wasser.</p><p>�Astrologie und Numerologie haben nichts miteinander zu tun�, belehrte Rieke ihn; vor ihr lagen Papierhaufen und Stifte und W�rfel, ein Buch. �Aber wenn du so willst, haben Dreiermenschen und Fische einiges gemein.�</p><p>�Die Drei ist die Zahl der Eifersucht�, sagte Magnus. ��berall, wo drei sind, gibt es Eifersucht. Das ist bei der Vier nicht so. Oder?�</p><p>Rieke sah ihn verst�ndnislos an; sie geh�rte zu denen, die sich in Magnussens Gegenwart angegangen f�hlten, egal, was er machte oder nicht machte; eine Haltung, die seine Angriffslust oft erst weckte. Es gab viele solcher Menschen. Sie sahen Magnus nur an, sahen sein Gesicht, dieses L�cheln, das st�ndig �ber dem Gesicht lag, ohne wirklich sichtbar zu sein, und wurden sofort defensiv.</p><p>Magnus mochte sie nicht, diese Verbindung von Kiffen und Paranoia. Nichts gegen eine T�te, nichts dagegen, high zu werden. Aber wenn die Kiffer anfingen, zu sehr dem Kiffer-Ideologie-Klischee zu gehorchen und Verschw�rungstheorien von sich zu geben, dabei von den Illuminaten, dem geheimen Wissen der noch lebenden Maya oder auch den wahren Hintergr�nden des elften Septembers schw�rmten, dazu das I-Ging befragten, das Internet durchforsteten und, wo sie nicht mehr weiterspinnen konnten, weil ihnen die Phantasie versiegte, da ihr Horizont schon f�r die sichtbare Welt zu eng war, auf irgendeine Feinstofflichkeit verwiesen, Geister zitierten, Zahlenmystik betrieben � in den Augen immer denselben feuchten Schleier �ber diesem kaum wahrnehmbaren Schielen, diesem Froschaugenschielen falscher Unendlichkeiten, das Rieke jetzt wieder feilbot��, dann wurde es Magnus zu viel, und er wurde zum Apologeten der Aufkl�rung, zum Priester menschlicher Ratio, zum feurigen Verteidiger des <emphasis>common sense</emphasis>.</p><p>�Aha, und das glaubst du also wirklich�, sagte Magnus. Seine feinen, kurzen Haare standen wie elektrisiert vom Kopf ab. �Kommst du vielleicht aus dem Osten?�</p><p>�Also, was soll das denn, Magnus�, sagte Erik.</p><p>�Nur eine Frage�, sagte Magnus.</p><p>�Und? Und wenn ich aus dem Osten komme? Was hat das dann zu sagen?� Rieke sah zu ihm her�ber, k�ute irgendwas wieder, r�mpfte die Nase. Eine winzige Ersch�tterung huschte von innen �ber ihr Gesicht.</p><p>�Nichts�, sagte Magnus. �Gar nichts. Schon gut.� Er stie� sich vom Beckenrand ab. �Ich muss jetzt los. Jonna, nimmst du mich mit?�</p><p>�Klar�, sagte Jonna. �Gleich.�</p><p>Er tauchte unter. Tausend wilde Bl�schen schossen weg vom K�rper. Er schwamm zwei, drei Z�ge. Wasser in der Nase, Wasser in den Ohren. Ihm war leicht �bel, seine Zunge schmeckte nach totem Delphin. Er lie� Luft ab, hockte sich auf die Kacheln, die Arme um die Beine geschlossen, und �ffnete die Augen.</p><p>Druckausgleich.</p><p>Die Nacht drau�en lag ausgebreitet auf den H�geln, ohne sich zu r�hren, und es roch nach Plastikfolie. Das Sofa, auf dem sie sa�en, roch nach Plastikfolie. Jonna hatte noch einen Wein aufgemacht. Magnus trank die letzten Whiskeyreste, die er aus Eriks Haus hatte mitgehen lassen. Sie waren in Jonnas altem K�fer her�bergekommen, hatten alte <emphasis>�rzte</emphasis>-Kassetten geh�rt und alte Schleichwege benutzt, um der Polizei auszuweichen.</p><p>Sich mit Jonna zu betrinken machte immer Spa�. Sie lachte dann noch lauter und kehliger �ber jeden von Magnussens Witzen, und man sah sich lachend in die Augen, Blau von Braun aufgesogen. Magnus verliebte sich jedes Mal auf die leichteste Art, ganz unverbindlich, sprachlos, folgenlos: Liebe auf Kur, wie im Arztroman. Meistens r�ckte er dabei, um die Momente des Schweigens und ihre Konsequenzen zu vermeiden, mit einer etwas entlegenen, skurrilen Geschichte aus seinem Leben in Berlin heraus. Denn Jonna hielt Berlin f�r einen schr�gen Gro�stadtdschungel und Magnus f�r einen ziemlich abgefahrenen Charakter, ziemlich <emphasis>anders</emphasis>, wie sie immer sagte, <emphasis>anders abgefahren</emphasis>, und Magnus gab ihr gerne neuen Stoff f�r diese Sicht, weil er sie damit gleichzeitig interessieren und auf Abstand halten konnte � im Schwebezustand.</p><p>Denn Abstand musste sein. Die Sache zwischen ihnen war immer etwas Besonderes gewesen. Vielleicht nur f�r ihn, vielleicht nur, weil sie wie ein Versprechen war. Vielleicht ein Versprechen, das nie eingel�st werden w�rde, damit es nicht vollends verschwand.</p><p>Doch jetzt war etwas anders: war leicht verschoben, unscharf. Die Schweigepausen dehnten sich, fast unbemerkt. Die Blicke ruhten einen Moment zu lang ineinander, und jedes Mal einen Moment l�nger.</p><p>�Mir bringt das nichts. Ich kriege dabei immer nur Lachanf�lle�, sagte Magnus.</p><p>Jonna lachte.</p><p>�Und dann glauben die Leute, ich w�rde sie auslachen.�</p><p>Jonna lachte noch lauter.</p><p>�Echt?�, fragte sie.</p><p>�Ja, dabei lache ich nur �ber irgendeine klitzekleine Schei�e, die nur ich merke, irgendein Wort oder so, und vielleicht habe ich es sogar falsch verstanden. Aber pl�tzlich sind alle beleidigt, und ich frage mich, was ich falsch gemacht habe, und schiebe Paranoia. Dabei ist gar keiner beleidigt, in echt, ich bilde es mir nur ein.�</p><p>�Das kenne ich�, lachte Jonna und trank, �das kenne ich. Und man f�hlt sich � als w�rde die Aufmerksamkeit der Welt sich auf einen Punkt zusammendr�ngen, und dieser Punkt ist man zuf�llig selbst. So ein Pech aber auch. Ich mache so was ja nur ganz selten, das Kiffen. Ich bin ja brav.�</p><p>Das ist sie, dachte Magnus: brav. Brav und lieb, im besten Sinne, eine <emphasis>gute Seele</emphasis>. Und dennoch, oder eben genau aus diesem Grund, war Jonna eine <emphasis>femme fatale</emphasis>. Aber eine, die sich ihrer fatalen Wirkung auf die M�nnerwelt angeblich nicht im Geringsten bewusst war. Ihr waren alle einmal verfallen gewesen, alle. Es war nicht allein die aparte Fassade, in der ihre gute Seele sich durchaus h�uslich eingerichtet hatte. Das Besondere an Jonnas Anziehungskraft war, dass es niemals um Sex oder Abenteuer ging � nein, wenn sich jemand in Jonna verliebte, bekam er gleich den Familienflash. Das volle Programm r�ckte dann ins Blickfeld. Etwas war an ihr, das in wirklich jedem den Familiensinn, wie unterentwickelt oder verk�mmert der auch war, zu voller Bl�te aufschie�en lie� und ihn eine Zukunft mit Haus, Hund und eigener Begonienzucht herbeiphantasieren lie�, mit properen Kindern, selbstgebastelten Adventskalendern, Vogelh�uschen auf dem Balkon und Schneem�nnern im winterlichen Garten. Jonna war LSD f�r den idyllischen Fl�gel im Hirn. Und einer war immer verliebt in Jonna. Einer war immer auf dem Jonnatrip.</p><p>Bekannterweise sind die M�dchen, mit denen man zur Grundschule ging, sp�ter die h�rtesten N�sse. Mit denen kommt man besser nie zusammen, und wenn, dann nur kurz, um sich nach ein paar Tagen selbst zur�ck in die Ecke zu schicken und dort den t�richten Fehler einzusehen, auf dem Kopf die Eselsm�tze mit Fransen, die �bers gl�hende Ohr fallen. Denn wenn man mit M�dchen aus seiner Grundschulklasse zusammenkommt, ist es irgendwie so, als w�rde man versuchen, der Zeit Streiche zu spielen. Als wollte man sie verbiegen oder austricksen. Als wollte man den kleinen Jungen im Nickipullover in eine Zeitmaschine quetschen und ihn im Schleudergang zu etwas zwingen, f�r das unsere Dimensionen nicht ausreichen. Als sei er nicht verwachsen inzwischen, jenseits der Pubert�t, von zu vielen L�gen verklebt, wie es das fortschreitende Leben eben so mit sich bringt. Es hat etwas Gewaltsames. Manche Geheimnisse d�rfen nicht gel�ftet werden, selbst wenn sie l�ngst durchschaut sind.</p><p>Dabei war Jonna jetzt so geheimnislos, dass Magnus sich fast w�nschte, sie m�ge schweigen. Irgendeine Grenze schien �berschritten. �Brav�, sagte sie und prustete los. �Siehste, jetzt h�ng ich mich allein an dem Wort auf: <emphasis>brav</emphasis>. Wie das klingt. Brav. Brav.�</p><p>Sie beugte sich vor Lachen nach vorn, lie� den Kopf fast in Magnussens Scho� fallen, er sah die kleinen H�rchen, die im Lampenlicht aufleuchteten, und ein kleines Muttermal. Dann schnappte sie wieder hoch, wie ein Messer.</p><p>Sie lasen alte Briefe von Magnus, adressiert nach Paris und nach Passau, wo Jonna studiert hatte, handgeschriebene Et�den in Moll, �da sind W�nde aus Glas �berall um uns herum, und wenn wir versuchen, uns zu ber�hren, zerbricht das Glas und blutet�; Magnus las das, teils laut, teils genuschelt, und tat dabei so, als plagten ihn Magenkr�mpfe; Jonna lachte und nippte am Wein. Dann kam er an eine Stelle, die er auf keinen Fall laut vorlesen konnte; er stutzte und erschrak leicht, und ein weiteres Schweigen entstand; sie sahen sich an. Ein Zucken ging durch Jonnas Gesicht. Ihre Blicke verknoteten sich kurz, fl�chtig, gen�sslich, eine verst�rte Atempause lang, ineinander.</p><p>Blau verfing sich wieder in Braun und zappelte.</p><p>Schnell rissen sie sich fast �ngstlich voneinander los. Magnus zerstreute seinen Blick nach unten und las ihn verlegen und m�hsam wieder auf. Der Teppich war makellos. Ohne etwas daf�r zu k�nnen, sahen sie sich gleich darauf erneut an, jetzt sicherer, bewusster, entschieden.</p><p>Jonna l�chelte. Es gab kein Geheimnis mehr. Alles stand offen. Sollte das ewige Spiel von Anziehung und Absto�ung, das sie jahrelang gespielt hatten, so einfach und undramatisch ein Ende finden? Die Dramaturgie des Moments erlaubte keine solchen Fragen; doch h�tte Magnus gerne gewusst, ob er das Geheimnis wirklich aufgeben wollte f�r etwas, das sich wohl in nichts von dem unterscheiden w�rde, was er bereits erlebt hatte; ob hiernach nichts mehr da sein w�rde, das sich ersehnen oder leugnen lie�e; ob nicht gerade das jahrelange Ersehnen und Leugnen seiner Leidenschaft f�r Jonna dieser erst Feuer und Dauer verliehen hatte; und was jetzt noch zu leugnen und also zu ersehnen w�re.</p><p>Aber diese Fragen lie�en sich nicht mehr stellen. Wie automatisch folgten die K�rper den Blicken.</p><p>Jonna f�hlte sich d�nner und kantiger an, als er vermutet hatte. Ihre Lippen waren trocken, ihre K�sse spitzm�ndig, als m�sste sie ein Lachen unterdr�cken. Alles, was sie tat, war seltsam unge�bt und passiv. Sie waren sich einmal zuvor nahe gekommen, vor Jahren, am Rhein, ohne dass dies zu irgendetwas gef�hrt h�tte. Der aufgeschobene Zauber all der Jahre seitdem staute sich jetzt, in diesem Augenblick, und fand dennoch kein Ventil.</p><p>Magnus fasste sie an, wie er andere Frauen angefasst hatte, dieselben Griffe, Verz�gerungen � aber es f�hlte sich an wie gespielt. Er musste sich zusammenrei�en, um nicht das kleine M�dchen in ihr zu sehen, das er fr�her geliebt hatte, um nicht in eine gro�e Zeitverwirrung zu geraten und sich wie ein dreckiger alter Mann zu f�hlen, wie ein P�dophiler, der sich an etwas Bravem verging.</p><p>Er zog ihr das T-Shirt �ber den Kopf. Ihre schweren Br�ste fielen heraus und sahen ihn an wie traurige Eulenaugen. Die Gr��e ihrer Nippel machte ihn selbstsicherer, gab ihm die Gewissheit, dass es zwei Erwachsene waren, die sich hier aufgeilten. Er streichelte die Brustwarzen mit den Fingerspitzen, kniff sie leicht und f�hlte eine Erektion wachsen. Hier war die Frau, die er in allen Frauen gesucht hatte, und jetzt, wo er sie haben konnte, haftete dem Ganzen etwas Vergangenes an. Er k�sste ihren Hals, sie seufzte leise und befremdlich. Der Geruch von Plastikfolie stieg ihm wieder in die Nase, und ihre Haut roch nach Barbourjacke: talgig, w�chsern, gr�n.</p><p>Er h�mmerte es sich in den Kopf: <emphasis>Frau, das hier ist eine Frau��</emphasis> wollte ihren Namen nicht mehr wissen�� alles vergessen, keine Vorgeschichte haben�� die Rahmendaten verwischen�� sie einfach <emphasis>besitzen</emphasis> �</p><p>Er �ffnete ihre Jeans, lie� seine Hand hineinfahren (<emphasis>Frau, Frau, das hier ist eine Frau, und ich will sie jetzt besitzen</emphasis>), langsam, sachte, bestimmt, f�hlte ihr Schamhaar, das knisterte.</p><p>�Warte�, sagte Jonna pl�tzlich, �warte.�</p><p>�Ja�, sagte Magnus sofort, besch�mt wie ein ertappter Ladendieb, und wich erleichtert zur�ck.</p><p>�Ja, wir sollten das nicht tun, lieber nicht�, sagte er und nickte. Alles fiel ihm wieder ein, sein Herz wummerte, und er war froh und dankbar, dass Jonna ihn aufhielt, um ihre jahrelange Freundschaft nicht in eine m�gliche Katastrophe m�nden zu lassen. Er selbst h�tte es nicht geschafft.</p><p>Aber das war es nicht. Das war nicht, was sie sagen wollte.</p><p>�Nein, warte, Magnus�, sagte Jonna, �das ist es nicht.� Ihre braunen Augen funkelten hart und �ngstlich.</p><p>�Was dann?�, fragte er und richtete sich auf. Sein G�rtel schepperte.</p><p>�Ich bin schwanger.�</p><p>�Schwanger?� Er wich weiter zur�ck. �Aber du hast doch gesagt��� � fahrig griff er nach der Zigarettenschachtel. �Ach so. Ach so ist das.�</p><p>Die Zigaretten fielen ihm durch die Finger auf den Boden. Ungeschickt tauchte er ihnen hinterher, um Jonna nicht zu sehen, um nicht reagieren zu m�ssen. Das Blut schoss ihm in den Kopf und in die Augen, und ein Bild blitzte in seiner Vorstellung auf, Nicolas Cage in <emphasis>Wild at Heart</emphasis>, wie er sich zwei Zigaretten anz�ndet, nachdem Laura Dern ihm sagt, dass sie schwanger sei, nein, es nicht sagt, sondern auf ein St�ck Papier schreibt, weil sie es nicht sagen kann, weil es uns�glich ist � und er hatte nicht �bel Lust, es Cage gleich zu tun und Jonna die Zigarette zu versagen, die sie mit einer gedankenlosen Geste verlangte, und diese Zigarette selbst zu rauchen, seine und ihre, zwei Zigaretten auf einmal, sprachlos und cool und ohne Gef�hle.</p><p>�Aha�, sagte er, als er wieder auftauchte, �schwanger, das ist nat�rlich was, das ist ja ein Ding.� Die Flamme in seiner Hand zitterte, als er sich zwei Zigaretten ansteckte.</p><p>�Ich wollte, dass du es wei�t�, sagte Jonna. �Bevor hier irgendwas���</p><p>�Bevor hier irgendwas passiert, was eh keinen Sinn hat�, unterbrach er sie. �Ja. Ja.�</p><p>Pause.</p><p>�Seit wann wei�t du es denn.�</p><p>�Seit vier Tagen. Du bist der Erste, der es erf�hrt.�</p><p>�Deine Eltern wissen es noch nicht?�</p><p>�Nein.� Sie zog lange und gierig an der Zigarette; die Glut knisterte.</p><p>�Okay�, sagte Magnus. �Okay, okay.� Er stand auf und ging zum Fenster. �Dann wird hier also ein Kinderbett stehen, ja? Und da der Laufstall? Oder wirst du umziehen? Okay. Okay, okay.�</p><p>�So weit denke ich noch nicht�, sagte Jonna.</p><p>Magnus lachte verzweifelt in sich hinein, ohne dass sie es merkte. Mein Leben ist ein einziger Interruptus, dachte er.</p><p>Jonna sagte nichts.</p><p>Dann fing er sich wieder.</p><p>�Das Christkind ist geboren�, grinste er. �Und � wer ist der Vater?�</p><p>Kenne er nicht, den Vater, hatte sie gesagt. Nein, sie seien nicht mehr zusammen, hatte Jonna geseufzt und den Rauch der Zigarette durch die Nase geblasen. Sie sei nicht mehr verliebt und m�ge ihn gar nicht, den Vater, hatte Jonna spitzm�ndig erz�hlt, und es sei ein Unfall gewesen, oder was man so Unfall nenne, eine schwarze Str�hne war ihr die Wange herabgehangen und hatte im weichen Stehlampenlicht gegl�nzt. Unfall, ja, aber nicht auf die hirnverbrannte Art der G�ste in den Proleten-Talkshows, bei Gott, was denke er, sie habe schlie�lich die Pille genommen. Vielleicht, zugegeben, und hier hatte sie etwas gelispelt, weil es ihr unangenehm war: vielleicht einmal, zweimal ein wenig zu sp�t. Ja, fahrl�ssig, hatte sie gesagt, ein Wort, das in Magnussens Ohr ebenso fremd klang wie aus Jonnas Mund, fahrl�ssig. Manchmal ginge es da um Stunden, bei der Pille, hatte sie gesagt. Magnus kannte sich nicht aus mit der Pille. Er wusste nur, dass eine Abtreibung weder f�r Jonna noch f�r ihre Familie in Frage k�me. Dass Jonna jedoch in absehbarer Zukunft zur sorgenden Mutter mutieren k�nnte, wollte er sich auch nicht vorstellen.</p><p>�Wie w�rdest du es nennen?�</p><p>�Was?�</p><p>�Dein Kind.�</p><p>�Ein Kind? Ich wei� nicht. Ich habe noch nicht dr�ber nachgedacht.�</p><p>�L�gner. Jeder hat schon mal dr�ber nachgedacht. Jasper? Josephine?�</p><p>�Jan oder Julia. Blo� nichts gewollt Schr�g-B�rgerliches. Nichts Extravagantes. F�hlst du eigentlich schon etwas?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Du wei�t doch gar nicht, welches F�hlen ich meinte. Ob im Bauch, in der Brust oder im Kopf.�</p><p>�Egal. Nichts ist anders. Noch nicht.�</p><p>�Egal.�</p><p>�Egal.�</p><p>�Jonna?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Nichts.�</p><p>�Doch, sag.�</p><p>�Ach. Mir f�llt da was ein. Warte mal.�</p><p>Rieke k�sste Erik, und Erik k�sste Rieke, und Magnus musste sich eingestehen, dass es sexy aussah. Sie saugten, so viel konnte man blitzweise erkennen in diesen Momentaufnahmen, sie saugten einander zart an der Unterlippe, lie�en die Zungenspitzen spielerisch miteinander t�nzeln, au�erhalb der M�nder, in Zeitlupe, wie Schnecken beim Begattungstanz, sich gegenseitig st�tzend.</p><p>�Alles in allem mehr Spiel als Vorspiel�, sagte Jonna. �Oder? Ich erkenne nichts.�</p><p>�Das ist doch DSL hier, oder?�, fragte Magnus.</p><p>�Glaube schon.�</p><p>�Fandst du die gut, oder was? Die ist doch eh nur���</p><p>�Nee, nat�rlich nicht. Es geht um was anderes. Jetzt sei mal kurz still.� Magnus nahm einen Schluck Ouzo aus der Flasche, die er neben dem Fernseher gefunden hatte. �Was machen die denn da? Man sieht nichts!�</p><p>�Die knutschen, Magnus. Und gleich werden sie vielleicht � du wei�t schon. Ganz nat�rlich.�</p><p>�Vielleicht nicht.�</p><p>�Nicht nat�rlich?�</p><p>�Vielleicht werden sie es nicht tun.�</p><p>�W�rde dich das freuen? Seid ihr jetzt eigentlich alle pervers geworden?�</p><p>Ihre M�nder waren jetzt eins. Sie hatten mit ihren Lippen einen Raum nur f�r sich geschaffen, ihn fest versiegelt, und es sah aus, als w�rden sie darin einen Schmetterling n�hren. Gerade geboren, noch speichelbenetzt und besetzt von den letzten Puppenkrusten.</p><p>�Nat�rlich werden sie es tun�, sagte Jonna. �Rieke ist l�ufig.� Sie lispelte. �Und Erik hat�s doch den ganzen Abend darauf angelegt, da unten eine zu knallen. Wei� doch jeder.�</p><p>�Quatsch. Du wei�t es nur, weil ich�s dir gesagt habe.�</p><p>�Stimmt nicht. Ich wusste es schon lange vorher.�</p><p>�Ach ja? Und wer war gerade so �berrascht, als sie angefangen haben?�</p><p>�Jeder wei�, dass Erik seine Pool-Aktionen fr�her mitgeschnitten hat. Jeder. Warum sollte er es heute nicht mehr tun? Mit seinem Revival-Schei�. Glaubst du vielleicht, ein Alki, der im Bonner Loch feiern gehen will, tut das ohne seinen Korn?�</p><p>Die Internetbilder sprangen in Zeitlupe weiter, verwaschen, verweht, langsam und gest�ckelt wie ein behindertes Daumenkino. Dennoch war die sich abzeichnende Entwicklung hochinteressant: Rieke hatte inzwischen ihren schwarzen Spitzen-BH abgelegt, und Erik schraubte sachlich an ihren Nippeln herum. Das war das gegenw�rtige Bild. Dann Stillstand, f�r Sekunden. F�r weitere Sekunden. F�r eine Minute fast. Jetzt konnte es ganz schnell gehen, jeden Moment konnte der entscheidende Schritt passieren � aber das Bild sprang nicht weiter. Magnus verfluchte die Langsamkeit der Verbindung. Vielleicht w�rden sie beim n�chsten Bild schon�� vielleicht war er bereits jetzt �</p><p>�Daten- oder Samenstau, alles einerlei. Magnus, bist du jetzt eigentlich ein Spanner, oder musst du hier was abarbeiten? Ich will das nicht mehr sehen. Sollen wir den Computer nicht einfach��?�</p><p>�Da!�</p><p>Das n�chste Bild war aufgetaucht, noch verwaschener und unsch�rfer als sein Vorg�nger. Erik lag halb auf Rieke, die die Augen geschlossen oder fast geschlossen hatte. Er k�sste ihren Busen, hatte seine Shorts noch an.</p><p>�Das hast du gewusst?� Magnus zeigte auf den Monitor und sch�ttelte den Kopf. �Das da? Quatsch.�</p><p>�Ich wusste nicht, dass Rieke es machen w�rde, aber���</p><p>�Die wissen alle, dass Erik das mitfilmt?�</p><p>�Alle. Ich ja auch. Und wenn <emphasis>ich</emphasis> schon was mitbekomme���</p><p>�Und Rieke? Wei� sie es auch?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Und wieso macht sie es dann?�, fragte Magnus und wischte abf�llig in Richtung Bildschirm. Ein weiteres Bild sprang auf. Erik war h�her gerutscht. Riekes H�nde lagen auf seinem Po, massierten diesen durch die Shorts.</p><p>�Was wei� ich. Vielleicht macht es sie an. Guck mal, sie guckt in die Kamera.�</p><p>�Egal. Sollen sie doch. Mir egal. Aber wei�t du, was mich daran aufregt?�</p><p>�Nein, aber du wirst es mir sicherlich sofort sagen.�</p><p>�Es verletzt irgendwelche Grenzen. Es geht auch um Respekt.� Sein Blick scannte die Gegenst�nde in Eriks Zimmer. Elterndinge hatten es nach und nach infiltriert, fast konnte man die Schichten und Verwerfungen sehen. Herausgekommen war die typische Mischung aus Altem und Neuem, eine sichtbare Klitterung der Zeit, wie in so vielen verlassenen und umfunktionierten Jugendzimmern. Wobei das Neue noch �lter schien als das Alte.</p><p>�Es geht darum, Respekt vor der anderen Zeit zu haben. Wie in dem Zimmer hier. Da haben die Eltern auch nicht alles mit M�ll vollgestellt.�</p><p>Bestimmte Regale in Eriks Zimmer standen noch an genau derselben Stelle wie fr�her. Nur das Inventar war ersetzt worden � B�cher und Comics durch Urlaubssouvenirs und Atlanten. Andere M�belst�cke waren ganz verschwunden: Eriks Kleiderschrank etwa. Ein Sekret�r nahm dessen Platz ein, vollgestellt mit Fotos aus drei�ig Jahren Familiengeschichte. Das Plakat mit dem brennenden Wellensittich aber war noch immer da. Billig eingerahmt, ohne Passepartout.</p><p>�Sollen wir nicht aufh�ren? Ich glaube, jetzt geht�s richtig zur Sache. Willst du uns das nicht ersparen?�</p><p>�Warte. Jetzt geht�s schneller.�</p><p>Tats�chlich hatte der Datenstau sich aufgel�st. Im Sekundentakt wechselten die Bilder, entluden sich hektisch und lie�en die Illusion von Bewegung entstehen, eine schunkelnde Verknotung zweier K�rper, ein Auswuchs, der st�ndig durch seine drei, vier Entwicklungsstufen permutierte, zyklisch und banal, von einem Zustand in den n�chsten fiel, dann wieder zur�ck, undramatisch, abgehoben, steril, zwei verklebte, verhakte K�rper wie unter Wasser, die eher dem Rhythmus der �bertragungsrate zu gehorchen schienen als dem ihrer Geilheit, fielen sie doch immer wieder zur�ck zum Ausgangspunkt, fast ein Loop, zwischen Haarb�scheln, Z�hnefletschen, zwischen Gesichts- und Lustkr�mpfen, verschmiert, ohne Biographie, ohne Sinn, wer braucht schon eine Rahmenhandlung, und obwohl dem Geschehen jeder reale Zug abging, alles den virtuellen Hall eines Downloads hatte, der aus Hannover, Bogot� oder Tokio kommen mochte, von irgendeinem Server dieser Welt, dessen Standort niemals sicher war, so wie das Internet niemals sicher war, lie�en die wiewohl verwischten, rauschenden, spastisch stockenden Bilder gegen alle torsohaften Einw�nde eindeutig und unmissverst�ndlich nur einen einzigen Schluss zu.</p><p>Begleitet von beleidigtem Knacken wurde der Screen schwarz, als Jonna ihn ausschaltete. Das Knacken entfernte, verstreute sich. Die schwarze Stille dahinter blieb.</p><p>Vielleicht aber ist die W�rme ihrer Lippen auch einfach nur geliehen, dachte Magnus still bei sich und wusste nicht, was er damit meinte.</p><p>Jonna ging auf die Toilette.</p><p>Bilder knallten in ihm auf. Bilder von K�rperkn�ueln, rhythmischen Spasmen und versenktem Fleisch, das sich aalt im Sud, der nach Groschen schmeckt: Jonna und der unbekannte Vater. <emphasis>Weg, weg, weg, weg, weg.</emphasis></p><p>Okay! Okay, okay, das sind nur die Bilder, die knallen auf, die knallen da auf wie W�nde, das kenne ich schon, sagte Magnus leise. Da legt ein anderer deinen Lebenswunsch flach und schw�ngert ihn <emphasis>en passant</emphasis>, und die Bilder stehen innen Schlange und hauen dir durch den Kopf wie b�ser Karneval. Flachgelegt, hochgeschnellt, eingeklinkt; versenktes Fleisch, wirkliche Banalit�t: Penis aalt sich in Vagina, es schlurpt und seufzt, Nahaufnahme, jede Falte, jedes Haar schreit Verrat, Penis stammelt <emphasis>hu-hu-hu</emphasis>, Scheide wimmert <emphasis>ha-ha-ha</emphasis>. Und du hoffst, sie hat die Augen geschlossen. Du hoffst, dein Herzenswunsch sieht nicht, was du siehst, was dir da durchknallt im Kopf und nicht zu verscheuchen ist.</p><p>Vielleicht ist aller Sex nur Schauspiel, dachte Magnus still, und der Satz hatte in seiner Bitterkeit etwas Beruhigendes.</p><p>Magnus tappte durch den Kottenforst, von Pech nach Godesberg, nahe der Landstra�e. Er knirschte eine Melodie mit den Z�hnen. Die Bierdose brannte kalt in seiner Hand, Gefrierbrand. Ein fernes, erstes Morgenblau kroch rechts �ber die H�gel von Wachtberg. Der Kiesweg war ges�umt von m�chtigen Tannen. Es ging ein steiler Wind.</p><p>In der Nacht scheinen Tannen viel gr��er als tags�ber. Die Tannen waren wie schwarze, furchteinfl��ende Riesen, die wankten, die �ber Magnus berieten, aufgew�hlt. Sie wallten auf und ab, vom Wind bewegt. Wogen fuhren durch die �ste. Es schien, als gestikulierten die B�ume in der Diskussion, erwogen (er<emphasis>wogen!</emphasis>) F�r und Wider, kamen zu keinem Schluss, hatten Mitleid und wollten ihn mit ihren �sten wie mit �bereinandergelegten H�nden sch�tzen. Hin und wieder funkelten Lichtsprengsel auf im Dickicht, rechts, von der Landstra�e her, Scheinwerferstrahlen, die sich kurz durch die Nadelwellen bohrten.</p><p>Wenn man einmal ernsthaft in jemanden verliebt war, ist man dann mit diesem Menschen unwiderruflich ein Leben lang verbunden? F�hren unterirdische Kan�le vom einen Leben zum anderen, wechselt die Luft deshalb die Farbe, wenn man an ihn denkt? Die Schicksale sind nicht verwoben, wissen aber voneinander. Und h�rt man dann etwa die Stimme und die Intonation des anderen nach Jahren wieder, die Art zu sprechen, durchs Telefon, in einer Kneipe, im Fernsehen, wird aus der Vergangenheit knallwache Gegenwart, und alles f�llt einem wieder ein, nicht wie ein Gedanke, nicht wie eine Lawine, sondern gerade so, als ob unvermittelt das TV-Programm gewechselt h�tte. Ein Teil jedes Bewusstseins scheint reserviert zu sein f�r diese Kan�le. F�r diese nerdige, heimliche Buchhalterei der vergangenen Leidenschaften, diese unbewusste Doku-Soap. F�r Piratensender, die beizeiten dazwischenfunken, ohne dass man das wollte. Und das Ich ist wohl die Fernbedienung, die entscheidet, wann genug ist. Dann wird zur�ckgezappt.</p><p>Der Kottenforst war ein alter, vertrauter Geselle. Magnus erinnerte sich an Spazierg�nge mit seiner Mutter und dem zeitweisen Stiefvater, an Schneeballschlachten, Schneem�nner, Wutausbr�che. An Zeltlager mit dem Fu�ballverein, �berfallkommandos und die Angst vor dem vermeintlichen Wildeber, Flucht auf den Baum, hysterisches Glucksen in den �sten, Harzh�nde. An Wanderungen mit der Grundschulklasse und der Lehrerin Frau Gabelholz, an die Frage: Die Bananenschale, die darf ich aber schon einfach so wegwerfen, oder? Auch an die einzige Maibaumaktion, bei der er je mitgemacht hatte, und an das tragikomische Bild der verlassenen Birke im Rinnstein, ein riesiger, erleichterter Wei�strunk, morgens um sieben.</p><p>Es war um Jonna gegangen, wie es so oft um Jonna gegangen war. Drei Jungen wollten sich einmal so richtig jungshaft f�hlen und f�llten (mit kleinen S�gen, die bei der ewiglangen F�llaktion jaulten, hechelten und irgendwie auch kicherten) eine stattliche Birke im Kottenforst, um sie, so war der Plan, durch ganz Godesberg Richtung Plittersdorf zu tragen und nach der Tradition, fast minneartig, vor Jonnas Fenster aufzustellen. Es war Leifs Idee gewesen. Einer war immer in Jonna verliebt. Im Zweifelsfalle Leif.</p><p>Dumm nur, dass die Jungsgruppe den Zeitplan aus dem Auge verlor vor lauter Lachen, Schnaufen, Fluchen, Bierwetttrinken, Klein-Klein-Ges�ge und F�rsterausschau, denn nat�rlich ist der F�rster am ersten Mai besonders wachsam. Die Birke war ein z�hes Luder, das K�lsch kalt, die Witze frisch, und so dauerte es knapp zwei Stunden, bis die schon zahllosen �Timber!�-Rufe endlich auch ihre Erf�llung fanden: Die Birke fiel, mit einem dumpfen, zitternden Aufschlag, der sofort einige heimliche Fragen aufkommen lie�.</p><p>Die Birke war n�mlich � entgegen aller Intuition, die die Birke an sich, vielleicht wegen der wei�en, nicht als Farbe geltenden Farbe, eher f�r ein leichtgewichtiges Holz h�lt � , sie war unversch�mt schwer und lie� die Tr�ger, kaum hatten die jungshaften Jungs sich mit dem Baum auf den Schultern auf den weiten Weg gemacht, unter ihrem Gewicht �chzen. Das Bier trat sofort durch die Poren wieder heraus, wie das so ist, wenn man trinkt und sich dann anstrengt, und das allgemeine Witzeln war gekeuchten Angeboten und Nachfragen in puncto Gewichtsverlagerung gewichen: �Kann noch jemand was mehr nehmen?� � �Ich kann noch was nehmen��� � �Ich auch!� � �Dann gib mal!� � �Ja, wie denn? Schnell! Meine Schulter!� � �So?� � �Ja, besser!� � �Jetzt ist bei mir zu viel! Hey, Leute!� � �Schei�e, blo� nicht mehr!� � �Ich! Ich kann noch was!� � undsoweiter, derselbe Klagegesang mehrere Stunden lang.</p><p>Im Morgengrauen dann � das, wie heute, mehr ein <emphasis>Morgenbl�uen</emphasis> war, dachte Magnus � kamen sie am Waldkrankenhaus an, das zugleich die Waldgrenze markierte, gingen noch ein paar Kilometer hinunter nach Schweinheim, wo der kr�tenh�ssliche Ralf wohnte, und sahen dort pl�tzlich ein, dass es schon jetzt viel zu hell war, um jemandem noch einen Baum zu stellen, wie s�he das denn aus, und bis zu Jonnas Plittersdorf waren es noch zwei Stunden, und sollten sie den Baum vielleicht unter den Augen der ganzen Familie Kuroschka aufstellen, angefeuert von den ger�hrten Eltern, ausgelacht von den Br�dern, irritiert von Jonnas mausspitzem Grinsen im Fenster?</p><p>Also wurde die pr�chtige Birke, die leider ein paar Kilo zu pr�chtig war, einfach auf die Stra�e gedonnert, mit gro�em Hallo, Trara und Tamtam. Sie rollte dann in Richtung B�rgersteig weiter, landete im Rinnstein und lag dort wie ein zu Tode gestreckter Schimmel. Es schien ihr aber zu gefallen. Sie schien, wie gesagt, erleichtert. Und die drei konnten wieder lachen und machten sich m�de auf den Weg nach Hause.</p><p>Schon zwei, drei Kilometer weiter. Magnus fror. Mit Erinnerungen lie�en sich Zeit und Kilometer �berbr�cken, sodass die K�lte nicht zu aufdringlich wurde. Leider war Magnus aber kein Erinnerungsmensch. Das nostalgische Schwelgen in Gewesenem gab ihm nichts, und es gelang ihm auch selten. Die Vergangenheit war ihm nicht wichtig. Ganz anders als Leif, der wohl am liebsten nochmals die ganze Schulzeit durchleben w�rde, wollte Magnus so wenige Gedanken wie m�glich an die Vergangenheit verschwenden und sie schon gar nicht bereden oder wiederauferstehen lassen.</p><p>Gleichwohl hatte er nichts zu verstecken oder zu verdr�ngen, falls er das �berhaupt beurteilen konnte. Er hasste weder seine eigene Vergangenheit noch die Vergangenheit an sich. Nur hatte eine von beiden ihm zu viele Versprechen ins Ohr gefl�stert irgendwann, Versprechen, die noch auf ihre Einl�sung warteten.</p><p>Und ein Taxi kam auch nicht vorbei.</p><p>Zwei Stunden sp�ter. Das Blau �ber Gimmersdorf wurde scheckiger, ging ins Wei�liche, Neblige. Die Autos auf der Landstra�e dr�hnten lauter und zahlreicher, trotz Silvestermorgen, schoben diffuse Lichtkegel vor sich her, die den Milka-Nebel nicht aufl�sen konnten. Noch immer nickten und wisperten die Tannen, wenn auch leiser. Sie waren schon geschrumpft im wachsenden Streulicht.</p><p>Magnus trank die Bierdose leer, zerkn�llte sie, warf sie in einen bereits zugem�llten Busch, ging weiter.</p><p>Bewaffnet mit einer in Red Bull aufgel�sten Aspirin stieg er die Treppe hoch, an einer Armee alberner Damenschuhe vorbei, die meisten nie getragen. Die Schlafzimmert�r stand offen. Das abgewrackte Bett ungemacht, aber leer, umzingelt von Vasen, T�pfen, Enten, Pelikanen, Statuen, von Silber, Gold und Silbergold, sprie�end und herausschie�end wie Orchideenstempel oder die d�rren Schw�nze verirrter Alter, bereit zur Befruchtung: und um das Bett W�lle aus Boulevardbl�ttern und <emphasis>Cosmopolitan</emphasis>�Heften, die Lily sich von einem Klinkenputzer hatte aufschw�tzen lassen, und Landschaften von ungetragener Billigkleidung, echten Pelzen, Markenf�lschungen, Rolex-Etuis.</p><p>Die W�nsche sind suspendiert, die Lebensentw�rfe verblasst, es gibt keinen Gef�hrten mehr, der zu einem steht, das Haus ist geblieben in g�tlicher Trennung und muss jetzt herhalten als Gegen�ber der Bepartnerung. Die Tr�ume sind zerbrochen, die Scherben unter r�udige Bettvorleger gekehrt, um sich nicht zu schneiden, sich niemals wieder zu schneiden. Alles Leben konzentriert sich im Jetzt. Keine Andenken an die Vergangenheit werden zugelassen, schon gar nicht welche an die gescheiterten Ehen, Teil f�r Teil w�chst der Blick zu, wird die eigene Biographie mit Tigerkissen und Leopardenbettzeug weich erstickt.</p><p>Auch zum Jetzt geh�rig: die Erotik der Sp�tentwickelten, dieses Noch-was-vom-Leben-haben-Wollen, ausgestellt in nackten Plastikgriechen�rschen, schw�lstigen Loverlippen auf gerahmten Postern, prallen M�dels als Lampenst�nder, schlampig versteckten Kondomen. Der kurze Flur auf dem Weg, ges�umt von Sektflaschen, Geschenken fl�chtiger Liebhaber, aufgereiht wie Troph�en, von Sternenb�ndern umwickelt und von Plastikobst interpunktiert, und Papierstr�uche und Seidenwedel, Insignien kleiner Sehns�chte, Schleifen und Schleifchen, glitzernde Halbmonde, zwitschernde Vogelp�rchen aus Ton, Stoffnikol�use, rosarote Deckchen, denen man, obwohl jahrzehntealt, noch immer den Firmengeruch ansah, Raufaser und Flauschteppich, Vergeilung des Billigkapitalismus, Leerlauf des Lebens.</p><p><emphasis>Verdammt.</emphasis> Magnus lie� Wasser in die Badewanne ein, zog sich aus und suchte sich unter Hunderten von eingestaubten Duschgelproben und Badelotionen die heraus, die am wenigsten exotisch-papayaesk klang. Er riss sie auf und lie� sie in das rauschende Wasser tropfen, das sich rosa f�rbte. Kunstefeu rankte �ber seinem Kopf, ein �ppiger Plastikbaum kitzelte ihn an der Seite. Er bef�hlte seinen Hals, fand seinen Puls nicht. Unter dem Spiegel stand die Armee von Lippenstiften, Pflegemasken, Haarb�ndchen, Haarsprays, Schatullen, Ramschhalsketten, rosenbehauenen Zahnb�rstenst�ndern, halbvollen und leeren Parf�m-Flakons, kleinen Kupferm�usen, Porzellanengeln.</p><p>Dann stieg er in die Badewanne. Das Wasser, hei� auf der Haut, sch�umte nicht, hatte den Rosastich abgelegt und sich stattdessen goldgelb verf�rbt. Magnus tauchte unter, den ganzen K�rper unter Wasser, schloss die Arme um seine Beine und �hnelte kurz einer Bernsteinfliege, die noch nichts vom kommenden Zeitstau, vom Wandel der Aggregatzust�nde wei�. Magnus hielt die Luft an; Magnus weinte.</p><p>�Na ja, der alte Witz.�</p><p>�Welcher?�</p><p>�Liegt ein M�dchen nackt und ohnm�chtig vorm <emphasis>Crash.</emphasis> Kommst du vorbei, hebst sie hoch, schaust ihr ins Gesicht, l�sst sie wieder fallen und sagst: �Nee, die kenn ich nicht.� Kommt Leif vorbei, hebt sie hoch, schaut ihr ins Gesicht, l�sst sie wieder fallen und sagt: �Nee, die kenn ich auch nicht.� Kommt Erik vorbei, spreizt ihr die Beine, schaut kurz rein und sagt���</p><p><emphasis>�Nee, die ist nicht aus Bonn.�</emphasis></p><p>�Genau�, kicherte Jonna und strich sich eine schwarze Str�hne aus der Stirn.</p><p>�Hast du eigentlich auch was mit dem gehabt? Irgendwann?�</p><p>�Nein. Gott bewahre! Ich bin doch ein braves M�dchen.�</p><p>Sie blickte aus dem Fenster des Caf�s, eine Sorgenfalte zwischen den Augenbrauen. Eine Frau mit Kinderwagen ging vorbei. Ohne den Blick vom Wagen zu lassen, sagte sie: �Ist das nicht seltsam, wie viele Paare erst nach der Schule zusammengekommen sind? Da hat man Jahre Zeit, und erst wenn alles vorbei ist, st�rzen sie sich aufeinander wie bescheuert. Am besten noch in der Abi-Zeit, kurz vor Torschluss. Als h�tten sie w�hrend der Schulzeit Ladehemmung gehabt.�</p><p>�Die Schule tr�gt eben nicht zur Entfaltung der Pers�nlichkeit bei. Vielmehr hemmt sie selbige�, bemerkte Magnus, als w�rde er zitieren.</p><p>�Und kommen jetzt nicht voneinander los�, vervollst�ndigte Jonna ihren Gedanken. �Nein, es liegt nicht an der Schule an sich, glaube ich, es liegt eher an dieser N�he. St�ndig kauert man aufeinander herum, beobachtet sich und verkrustet.�</p><p>�Auf der Schule ist es wie auf dem Dorf. Alle total gehemmt und beschr�nkt.�</p><p>�Ja. Du und Annabelle wurden immer als Ausnahmen angesehen.�</p><p>�Kann sein.�</p><p>�Obwohl ihr gar nicht zusammengepasst habt, wie ich finde.�</p><p>�Ich habe sie ja gehasst vorher. Nein, stimmt nicht. Ich���</p><p>�Kitschig, oder? <emphasis>Wenn Hass in Liebe umschl�gt��</emphasis>�</p><p>�Ist l�ngst vorbei. Und gehemmt bin ich jetzt auch wieder. Wie fr�her. Alles beim Alten. Wie der kleine Junge, dem seine Mutter das verhasste Pausenbrot in die Schule nachbringt. Kennst du doch noch, den Kleinen, oder?�</p><p>�Ihr ist �brigens nichts Besseres eingefallen, als dich zu verd�chtigen.�</p><p>�Wem? Bella?�, hustete Magnus. �Weshalb denn verd�chtigen? Ich meine: wessen?�</p><p>�Dass du f�r diese anonymen Anrufe verantwortlich bist.�</p><p>�Ich? So ein Quatsch.� In Magnus sch�umte eine stille, l�hmende Wut hoch, wie neuerdings immer, wenn er etwas Neues �ber Annabelle erfuhr.</p><p>�Absurd. Ich habe sie nat�rlich nicht angerufen.�</p><p>�Ist klar.�</p><p>�Hallo? Ein helles Hefe, bitte.�</p><p>�Jetzt schon?� Jonna macht ihren spitzen Mund. �Na gut. F�r mich auch, bitte. Und einen Korn.�</p><p>�Einen Korn? Hast du <emphasis>noch</emphasis> was zu beichten, M�dchen?�</p><p>Jonna l�chelte. �Vielleicht?�</p><p>�O weh. F�r mich bitte einen Wodka dazu. <emphasis>Und</emphasis> einen Korn. Danke.�</p><p>�Was ist denn das f�r ein Job, den du jetzt machst? Tankstellenzeitung h�rt sich so � �lig an�, wechselte Jonna das Thema.</p><p>�<emphasis>Corporate Publishing</emphasis> nennt man das. Auf Deutsch: Worthurerei. So unternehmensinterne Zeitschriften, die an die P�chter geschickt werden, die aber nicht P�chter, sondern Partner genannt werden sollen.�</p><p>�Und du schreibst also �ber Getr�nke?�</p><p>�Ja. Unter anderem.�</p><p>�Warum so gereizt?�</p><p>Sein schlechtes Gewissen paarte sich immer mit einer Art trotziger Slacker-Arroganz, wenn Magnus �ber berufliche Dinge reden sollte. Nat�rlich dachte er auch irgendwie an die Zukunft, nat�rlich hatte auch er irgendetwas <emphasis>Richtiges</emphasis> vor, zum Beispiel, endlich seinen Film in Angriff zu nehmen, den er so lange schon plante, aber er mochte es auch, durch die Tage zu driften, ohne Ziel, ohne die sogenannten Perspektiven, und die Jobs anzunehmen, wie sie eben halbwegs kamen. Auf die Zielstrebigkeit der gestriegelten Juristen und BWLer und ihre jetzt schon geregelten Lebensl�ufe blickte er ver�chtlich hinab � ohne die Anfl�ge von Neid, die sich zu diesem �bermut gesellten, vor sich selbst zu verleugnen.</p><p>�Ich h�r da doch schon heraus, was du denkst: Wann ich denn mal was Richtiges mache.�</p><p>�Ich finde, das ist mal was Richtiges.�</p><p>�Noch schlimmer.�</p><p>�Und sonst?�</p><p>Und sonst. Das hie�: Was ist denn mit deinen Pl�nen, was ist mit deinem Talent. Du warst doch mal so �</p><p>�Wird schon�, raunzte Magnus.</p><p>�Geht das auch genauer?�</p><p>Dicht fiel drau�en der Schnee. Freundliches Wei� legte sich auf die saubere Stadt und ihren nachweihnachtlichen Lichtsmog � die einzige Umweltverschmutzung, die sich dieses Mittelstandsnest erlaubte. Bonn war so sauber. Und klein, und offen. Und geheimnislos.</p><p>Magnus trank sein Weizen aus und bestellte ein neues. Er sah Jonna verstohlen im Wandspiegel an. Sah sie als Sinnbild einer besseren Vergangenheit. H�tte er es mit Jonna vielleicht einmal wirklich versucht, h�tte er jetzt wom�glich etwas zum Erinnern. Etwas Wahres, Sch�nes, Gutes. So hatte er nur etwas zum Vorstellen. Ob das besser war � wer konnte das wissen.</p><p>Nach einer zugleich verkaterten und ern�chternden Verabschiedung, die sich seltsam lang hingezogen hatte und am Ende dennoch unbefriedigend war, fuhr Magnus weiter Richtung Innenstadt. Diese Zeit zwischen den Jahren ging ihm auf die Nerven. Es war eigentlich keine Zeit, sondern eine taube Zeitlosigkeit, die sich da erstreckte zwischen den nutzlosen Feiertagen. Eine kugelf�rmige Unzeit. Und wie aufdringlich pr�sent die Vergangenheit in dieser hohlen Kugel war, dabei unscharf und nicht fassbar, wie Gott in einer Kirche. Er beschloss, n�chstes Jahr in Berlin zu bleiben und, anstatt den langsamen Abstieg Bonns und seiner Einwohner zu verfolgen, sich zu Hause in Kreuzberg-Mitte wie alle anderen Weihnachtsverweigerer halb totzusaufen und dann auszugehen. Diese Aussicht besserte seine Laune, und federnden Schritts stieg er am Markt aus. Der U-Bahnhof wirkte so blendend geleckt, dass er gleich nochmals beschloss, n�chstes Jahr in Berlin zu bleiben. �Doppelt h�lt besser�, dachte er und wunderte sich �ber solche Worte.</p><p>Er kaufte sich am Kiosk eine Cola-Dose. Er sah einen K�fer, der ein Blatt trug. Er ging durch die Stadt. Wie klein alles war! Aber Magnus dachte nicht an Bonn dabei, sondern an die Welt.</p><p>�Guck mal, eine Spermazelle!� Die Asiatin machte ein s��saures Gesicht. �Hat das was zu bedeuten? Werde ich etwa schwanger?�</p><p>�F�r mich ist das eine Kaulquappe.�</p><p>�Oder ein Grottenolm.�</p><p>�Vielleicht wirst du blind und verlierst alle Haare.�</p><p>�Das ist eindeutig eine Suppenkelle. Ich tippe auf einen Aufstieg zur Oberkellnerin in Grunert�s Nachtcaf�.�</p><p>�Eine blinde, glatzk�pfige Oberkellnerin.�</p><p>�Schwanger mit einer gigantischen Kaulquappe.�</p><p><emphasis>�Hua, hua.�</emphasis></p><p>�Nein, dann doch lieber normal schwanger. Einfach so�, fl�tete Aioko. �So wie ich bin. Oder, Patrick?�</p><p>Patrick warf Aioko einen liebevollen Blick zu und spitzte die Lippen, ohne zu pfeifen.</p><p>�Und ich? Was habe ich?�</p><p>�Du musst es selber rausfinden.�</p><p>�Wo steht das geschrieben?�</p><p>�Wir m�ssen los, bald. Eigentlich jetzt. Jetzt m�ssen wir los.�</p><p>�Dann bestell ein Taxi.�</p><p>�Mo-ment! Magnus muss noch seins kommentieren!�</p><p>�Also gut: Ich sehe darin einen Engel. Oder?�</p><p>�Oh, ohhhoh�, Leif erwachte aus seiner Sufflethargie, �einen Engel sieht der Herr. Einen Engel des Lebens wom�glich. Oh, oh.� Er nickte wieder weg.</p><p>�Einen Engel?� Aioko blickte verdutzt drein.</p><p>�Einen Engel, da sind die H�nde, wie beim Gebet, und hier die Fl�gel.�</p><p>�Und wo ist der Kopf?� Patrick wollte es genau wissen.</p><p>�Den hat er verloren.�</p><p>�Nein. Hier.�</p><p>�Das ist h�chstens ein Wirbel. Oder ein Haken.�</p><p>�Ich sag�s doch�, sang Aioko, �der Engel hat seinen Kopf verloren.�</p><p>Im Taxi h�rten sie den Soundtrack f�r das kommende Jahr: �I will survive� von Gloria Gaynor. Leif, nur ein schwarzer wankender Berg auf dem R�cksitz, sagte nichts. Patrick und Aioko machten daneben einen auf Sch�nwetter und Turtelraketen.</p><p>Lichter rauschten wirr vorbei, wie im Chungking Express, totale MTV-�sthetik drau�en, fand Magnus, alles so verwischt, alles so sch�n bunt hier. Einzelne Raketen wurden bereits abgefeuert und bespr�hten den Himmel. Der Taxifahrer wechselte, als <emphasis>Alphaville</emphasis> angesagt wurde, hektisch den Radiosender und blieb bei einem Klassikmix h�ngen, das Beste aus den letzten vier Jahrhunderten.</p><p>Die Party fand bei irgendwelchen Pf�lzern, Sachsen oder Friesen statt: bei einer Studentenverbindung also, �auf dem Haus�. Magnus fragte sich schon nicht mehr, was er hier suchte, zwischen Bleigie�en und Papstgekotze. Er genoss es einfach, so weit weg von allem zu sein, das ihn ausmachte. Lily hatte ihn gebeten, mindestens bis Neujahr zu bleiben, denn sie f�hlte schon eine zweite Depressionswelle heranrollen. Da hatte er einen Grund, tr�ge hierzubleiben und die Zeit, die in Berlin weiterticken w�rde, au�en vor zu lassen.</p><p>Tick ruhig, Zeit. Tick dich tot.</p><p>Sie fuhren vor und tollten aus dem Wagen, au�er Leif, der sich seitlich aus dem Wagen rollte, endlich aufstand und sich erst einmal im Schneegest�ber verlor. Sie taperten weiter in den Vorgarten einer pr�chtigen Villa, an deren Empfang sie von ein paar Jungs mit d�nnen Sch�rpen und feisten Gesichtern halb freundlich, halb argw�hnisch begr��t wurden. Einer hatte sogar einen Schmiss.</p><p>Jonna w�rde auf der Party sein. Rieke wahrscheinlich auch.</p><p>Der erste Bekannte, der Magnus drinnen ins Auge fiel, war nat�rlich Erik. �berlebensgro� stand er da, trank ein Bier, strahlend im abgedimmten Licht, umgeben von konservativen Party-Elfen und Arm in Arm mit irgendeinem D�sseldorfer Typen, den Magnus dunkel von einer langvergl�hten Karnevalsparty in K�ln kannte und allein wegen seiner versoffenen Visage zugleich liebte und verachtete. Die beiden exten ihr K�lsch auf eine Art und Weise, die Magnus verr�terisch vorkam. Sie schielten verkrampft nach allen Seiten, warfen den Kopf gockelhaft in den Nacken, versuchten gleichzeitig zu trinken und zu grinsen, weshalb ihnen Rinnsale coolen Biers aus den Mundwinkeln liefen und die Button-down-Kr�gen einn�ssten. Sie brachten ihre Verbr�derung hinter sich wie �ffentlichkeitsarbeit.</p><p>Magnus wechselte verwirrt die Gehrichtung, suchte Aioko und Patrick, um nicht ganz so haltlos herumzutitschen, und lief dabei geradewegs in Eriks gro�e kleine Schwester hinein, deren Name ihm in diesem Moment leider partout nicht einfallen wollte. Nur das dezent beperlte Dekollet� und die imposanten, fast schon zusammengewachsenen Augenbrauen, die erkannte er sofort.</p><p>Magnus sagte etwas zu ihr, und dann noch etwas, und ging endlich weiter, und f�hlte sich ganz nackt: <emphasis>getrieben wie ein Tier</emphasis>.</p><p>Er holte sich ein Bier, �ffnete es und trank.</p><p>Er setzte sich wohin und lie� sich von der flachen Siebziger-Musik einlullen. Eine winzige Blessur an seiner Oberlippe brannte.</p><p>Raue Kehlen gaben gutturale Laute von sich, die sich vermengten und schwerer, h�rter wurden; eine Wand aus Stimmen und Gel�chter, die wuchs, heranwuchs, n�her kam. Lachen pappte zusammen und verstopfte die Geh�rg�nge; alles wurde dumpfer, ohne sich zu entfernen; alles buk zusammen, zu einem klumpigen Brei, wie z�he, erkaltende Lava. Erstarrte.</p><p>Trinken. Bekannte begr��en. Weitergereicht werden. Gespr�che bestimmen. Lachen. L�cheln. Abw�gen, ausbrechen. Der Raum f�llte sich. Die Musik wurde weiter aufgedreht. Paare begannen zu tanzen, Friesenrock, eine in Adelskreisen �bliche Korsettversion des Rock�n�Roll. Magnus sah die T�nzer in ihrer gestanzten Ekstase, die Glieder, die herumwirbelten in vorgefertigten Bahnen, die blonden Seitenscheitel, immer wieder in die gegelte Position zur�ckgeworfen, die Gesichter, die sich alle so �hnlich waren um den Mund herum, schmallippig, eingekerbt, von angestrengter Freude verzerrt. Aus all diesen jungen und schon so alten Gesichtern sprach nichts als die blanke, sich ihrer selbst bewusste Frechheit. Eine jahrhundertealte Frechheit, dachte Magnus, eine durchgereichte Frechheit �ber die Generationen hinweg. Jeweils nur geliehen von den Eltern, welche in jedem frechen Grinsen, jeder hochgezogenen Augenbraue durchschimmerten, als Blaupause, als Morphvorlage. Jede Generation war nur eine Stufe der Verwandlung des Immergleichen. Diente nur dem ewigen Schulterschluss von Gro�eltern und Enkeln.</p><p>Da war Erik wieder, in seinem Jankerl. F�hrte galant eine h�bsche Laura-Ashley-Blondine herum, ein Tippi-Hedren-Imitat, das sich bei ihm untergehakt hatte und <emphasis>Augen</emphasis> machte, als w�rde ihr gerade die ganze Welt zum ersten Mal erkl�rt. Erik redete unentwegt, aber kontrolliert auf sie ein. Sein Blick sprang ruhig von einem Objekt zum n�chsten, glitt manchmal seiner h�bschen Begleitung �bers Gesicht, dann wieder in den Raum zur�ck, so als sei er der Gastgeber hier und m�sse alles checkerm��ig unter Kontrolle haben. Schlie�lich blieb der Blick auf Magnus h�ngen und hellte auf. Er hauchte der Blonden erst etwas ins Ohr, dann auf die Wange. Sie quittierte es mit einem L�cheln, das entz�ckt und abgebr�ht zugleich war. Er lie� sie stehen und kam her�ber.</p><p>�Wie geht�s, Taue, noch immer in der Stadt? Korrekt! Dann lassen wir gleich die Korken knallen�, sagte Erik.</p><p>�Jo. Dann lassen wir paar B�ller los�, sagte Magnus. Eriks Augen lagen ruhig und bestimmt auf ihm, als wollten sie seinen Blick im Zaum halten.</p><p>�Karen ist auch da�, sagte er, �hinten im Garten, aber Vorsicht, ist Glatteis auf der Veranda. Hat sich gerade schon einer hingelegt, aber volle Kanne.� Was sollte das bedeuten? Karen, im Garten? Wer war Karen? Glatteis, hingelegt? Was wollte er sagen? Oder war das alles w�rtlich gemeint?</p><p>Sie prosteten sich zu.</p><p>�Was hast du denn f�r Feuerwerk dabei? Hoffentlich was Verbotenes, frisch aus Asien, ja?�</p><p>�Mach dich auf eine H�llenshow gefasst, Taue.� Wieder kam ihm Eriks Blick seltsam vor. Ruhte l�nger auf ihm als n�tig. Schlechtes Gewissen?</p><p>�Der Himmel wird lodern. Bengalisch. H�llisch. Dantisch.�</p><p>Tippi Hedren tauchte aus dem Nichts hinter Erik auf und stupste ihn an. �Okay, ich komme.� Er zwinkerte Magnus zu. Das ist ein dreifach gezinktes Zeichen, dachte Magnus, schnipste mit den Fingern und zeigte auf ihn.</p><p>�Ich muss. Bis gleich, Freund.�</p><p><emphasis>Der Himmel wird lodern? Dantisch?</emphasis></p><p>F�nf Minuten vor zw�lf. Drau�en grummelte es schon laut. Sch�sse hallten. Magnus hatte f�nf oder sechs Gl�ser Champagner getrunken und t�nzelte zwischen den Menschengruppen herum, tauchte durch dieses Meer fester Worte. Matte Augen hockten �ber gesteiften Kragen und glotzten gehemmt die Mitwelt an. Magnus lachte. <emphasis>Come on!</emphasis> Die Gesichter verschwammen schon zusehends. Schulterschl�sse und Umarmungen �berall, wie gewohnt, auch Magnus blieb nicht verschont und verbr�derte sich mit fremden, satten Grimassen. Eine Pickelfresse glotzte ihn an, von ganz nah. Seine Beine trugen ihn sicher durch bankettlange Tischreihen. Er wippte mit dem Takt der Musik, �Last night a DJ saved my life�. Gleich w�rden sie Prince auflegen: �1999�.</p><p>Eine Rakete schoss am Fenster vorbei.</p><p>�Komm, Magnus, komm!� Jemand rief.</p><p>Vors�tze: Die alten Selbstverst�ndlichkeiten vergessen. Die alten Freunde verloren geben und vielleicht, irgendwann, neu kennenlernen. Nichts mehr erwarten, von niemandem. Die Erwartungen der anderen nur erf�llen, wenn es sich nicht wie ein Verrat anf�hlt. Zur�ck zur Musik driften, immer wieder. Mehr Bier trinken. Bald tanzen. Sich drehen. Tanzen und nicken.</p><p>Was Jonna wohl f�r Vors�tze hatte? Er konnte sie nicht fragen; sie war gar nicht gekommen.</p><p>Vors�tze, erster Zusatz: Nicht an Jonna denken.</p><p>Rieke sah ihn an. Ihre offenen, warmen Augen funkelten in der Dunkelheit des Gartens schw�rzer und kostbarer als ein St�ck vergessener Mitternacht. Lichtreflexe durchzuckten ihre Netzhaut.</p><p>Null Uhr. Gro�er L�rm. Der Rhein wurde gegr��t und befeuert. Das neue Jahr war da.</p><p>N�her, und n�her. Ein Kuss, auf die Lippen.</p><p>Kurz, und wieder gel�st.</p><p>Rieke zog gespielt verwegen an ihrer Zigarette. Magnus steckte sich auch eine an und entz�ndete an der frischen Glut einen Knaller, wartete zwei, drei Sekunden, bis die Z�ndschnur gen�gend weit heruntergebrannt war, und warf ihn in hohem, �berm�tigem Bogen in die Nacht. Zu den anderen Punkten und Sternen, zu den Nadell�chern und Hungermalen des Gl�cks.</p><p>�Come on!�, rief er.</p><p>Raketen zerschellten am Langen Eugen, zerschnitten den Himmel in abgezirkelte St�cke. Heuler sirrten vorbei. Jetzt fiel die Flut, aus diesem Schatten heraus, in diese k�nstlichen Sonnen, und verpuffte. Ich sehe das alles, dachte Magnus, ich f�hle das alles.</p><p>Er legte einen Arm um Rieke. St�ndig wurde nachgefeuert. Der Himmel war besch�ftigt, zerplatzte voller Lichtstr�hnen. Feine Spinnenf��e tippten von innen gegen seine Haut. Magnus schloss die Augen und zog Rieke noch n�her an sich, fast krampfhaft, und f�hlte sich am Nacken getroffen, w�hrend er sie sachte, doch bestimmt bei der Schulter packte und ihr einen langen, innigen, gekonnten Zungenkuss gab.</p><p>Gekonnt, dachte er, gekonnt.</p><p>Grell glei�te eine rote Lichtspinne �ber ihnen auf und vergl�hte im Fall. Kleine K�fer und Augen st�rzten in exzentrischen Bahnen mit nach unten, neonfarben, k�rperlos. Andere Raketen preschten nach, loderten auf, krachten geometrisch auseinander.</p><p>Der Himmel war besch�ftigt. Die Jugend vorbei.</p><p>Ein Kegel rotierte vor ihren F��en, gelb, blau, rot, wei�.</p></section><section><title><p><strong>F�NFTER TEIL UND RANDWUND</strong></p></title><epigraph><p>Boys don�t cry</p><text-author>The Cure</text-author></epigraph><p>Dieser Glocke aus Schwei�dunst, Hintergrundmurmeln und Volksmeinung entkommen, aus dem kalten Neonlicht gest�rzt. Das Headset abgerissen, zum Klo. Im Gro�raumb�ro stank es nach hundert Leibern und tausend Meinungen. Alles war abged�mpft, wie hinter einem Teppich, der st�ndig nachgewoben wurde von tickenden Schiffchen und s�uselnden Stimmchen. H�nde hackten willenlos auf abgegriffene Tastaturen ein, was glasige Augen dar�ber tr�ge weglasen, ohne sich gro� um den Inhalt zu k�mmern. Namen schwirrten durch die Teppichluft, unz�hlige, meist unwichtige Namen, Politiker, Quizmaster, Soapstarlets. Wurden wiederholt wie ungeliebte Mantras, beil�ufig heruntergenudelt, vermengten sich zu einem unaufl�slichen Brei, der, von Sonntagsfragen, Prozentzahlen und Altersangaben gebunden, automatisch aufquoll, wie jeden Abend.</p><p>Wo andere ihre Pause machten, ging Laura immer aufs Klo. Sie machte keine Pause bei der Arbeit, wollte nichts mit den anderen Idioten zu tun haben, die sich an der Fensterfront trafen, dort bl�de �pfel und Stullen a�en und die letzten �Interviews� wiederk�uten. Laura machte nie Pause. Daf�r ging sie f�nfmal in ihren vier Stunden aufs Klo. Sie schloss sich dann ein in die Kabine, lie� ein paar Tropfen farblosen Urins und <emphasis>atmete</emphasis>. Der Mischgeruch aus Bl�hung, WC-Stein und Urin war so viel sauberer als der Sud da drinnen im Affenk�fig, dieser dicke Sud aus Studentenausdunst und Zickenparf�m, Mundgeruch und Oberlippenschwei�. Laura setzte sich auf die Klobrille und sog den k�nstlichen Hygiene-Geruch ein, um das Hirn freizukriegen und den Volksempf�nger darin wenigstens f�r paar Sekunden abzuschalten.</p><p>Die Klosp�lung rauschte. Sie sah durch die Fensterscharte nach drau�en, und ihr leerer Blick f�llte sich kurz. Das letzte Grau von drau�en sickerte herein, zermatscht vom Milchglas, und legte sich als Widerschein auf ihre H�nde. Ein d�mlicher Silberglanz, dachte Laura, w�hrend sie ihre leicht zitternden Finger betrachtete, Scheinheiligkeit, dachte sie, die allein durch die Wunde gebrochen w�rde. Sie bef�hlte die Wunde. Die Wunde lag dunkel im Zentrum ihres Handtellers und schien sich gegen das Licht zu immunisieren, indem sie es absorbierte. Oder abstie�? �Der Widerstand der gelben Kristalle�, fl�sterte Laura und f�hlte Genugtuung.</p><p>Eigentlich w�re sie l�ngst verheilt. In drei Monaten heilt, unter normalen Umst�nden, selbst die komplizierteste Wunde, lie�e nurmehr eine wei�schimmernde Narbe, eine strichf�rmige Verh�rtung zur�ck, die Schicksals- und Lebenslinie kreuzte. Laura aber hatte das verhindert. Sie wollte keine Narbe. Noch nicht. Drei Tage nach der Verletzung hatte sie die Wunde erstmals aufgerissen, auf einer Party voller dumpf-diffuser Trauer. Seitdem hatte sie jeden zweiten Tag die sich schnell nachbildende Kruste abgekratzt. Den Eiter hatte sie jedes Mal in dasselbe Handtuch geschmiert, sie hatte es bei der Party mitgehen lassen, der Name �Tillmann� war blau in Gelb eingestickt. Auch jetzt hatte sie es dabei. Es war schon ganz verh�rtet und steif, das Frottee stand gelb verdreckt ab und schabte hart auf der Haut, wenn man dar�berstrich.</p><p>L�rm schwappte herein: eine Flut aus Gemurmel, Meinungsfang und Telefonterror. Eine Konkurrentin kam ins Klo, blieb vor dem Spiegel stehen, vielleicht um den Lidstrich nachzuziehen. Die T�r schloss sich wieder und dr�ngte die Stimmen zur�ck in die Br�he des Meinungsforschungsinstituts. Ohne etwas zu sehen, blickte Laura auf die Milchglasflocken, in denen das matschige Licht klebte. Sie h�rte und roch, wie das M�dchen sich mit tods��em �Opium� einspr�hte. Sofort war die Kloluft verpestet. Laura hustete und bet�tigte nochmals die Klosp�lung. Dann fuhr sie mit ihrem Fingernagel unter den Wundrand, lockerte die Verbindung von Fleisch und Kruste durch die minimale Hebelwirkung und zog den harten Krustenmantel schlie�lich mit einem gedankenverlorenen Ruck ab, w�hrend die Sp�lung sich wieder beruhigte. Die Milchglasflocken verschwammen. Lauras Augen brannten, als h�tte <emphasis>die Zicke</emphasis> ihr das �tzparf�m direkt hineingespr�ht. Eiter sickerte aus der Wunde, die gelben Kristalle am Wundrand funkelten. Das M�dchen verschwand, T�r auf, L�rm hoch, T�r zu, L�rm runter. Laura dr�ckte das Handtuch auf die Wunde und sagte etwas oder seufzte. Es klang, als h�tte sie einen Motorradhelm auf.</p><p>Nachdem sie die Wunde versorgt und mit frischem Verband umwickelt hatte, dr�ckte sie wieder auf die Klosp�lung, verlie� die Kabine, mied den direkten Blick in den Spiegel und tauchte zur�ck in die schw�le, stimmengeschw�ngerte Suppe. An pickelged�ngten Milchb�rten und hochgepushten Milchtitten vorbei, an verklebten Achselh�hlen und nachn�ssenden Moschusflecken. An ihrem Platz setzte sie wieder das Headset auf, meldete sich anwesend und wartete, bis der Computer ihr einen weiteren unfreundlichen Idioten in den Kopf durchstellte.</p><p>Laura war so: Sie h�tte gerne andere Freunde gehabt als die, die sie hatte. Sie h�tte es sowieso gerne gehabt, wenn die Menschen anders gewesen w�ren, als wie sie nun einmal waren. Sie h�tte gerne Menschen gehabt, die so pervers ausdifferenziert w�ren, dass man nicht mehr genau w�sste, ob sie gerade jemanden imitierten, zitierten, persiflierten, oder ob sie selbst es w�ren, die da sprachen. Menschen, die so w�ren, dass diese Frage gar nicht mehr aufk�me, w�rden sie den Raum betreten. Die Frage w�rde einfach sinnlos in ihrer Gegenwart. Diese Menschen k�nnten sprechen wie gedruckt. Dessen ungeachtet w�rden sie aber vor allem <emphasis>schweigen</emphasis>, ohne dass es unangenehm auffiele. Sie w�ren ganz ruhig und bei sich, voller Pr�senz, keimlos, h�flich, synthetisch. Sie hatte sich schon oft vorgestellt, wie diese Menschen aussehen k�nnten, wie sie essen w�rden, wie sprechen, wie k�ssen. Sie w�rden in etwa so aussehen wie Marilyn Manson, aber wie der robotrige Manson, der Manson von �Mechanical Animals�: androgyn, android, silberh�utig, feuerbehaart, edle, alienartige Wesen. Reden w�rden diese Menschen in Haikus. Oder wie Blumfeld, in gebrochenen Versen, von Liebe und Protest. Sie h�tten auch die Stimme von Jochen Distelmeyer und w�rden sogar so <emphasis>schlucken</emphasis> wie er. Die Stimme w�rde sich aber �ndern, wenn sie s�ngen: Sie w�rde h�her, fraulicher, metallener werden, biestig und knatschig zugleich, es w�re die unglaubliche Stimme, die Brian Molko von Placebo in <emphasis>I know</emphasis> hat. Gehen w�rden diese Menschen wie David Bowie in <emphasis>Der Mann, der vom Himmel fiel</emphasis>, laufen w�rden sie nie, daf�r rauchen wie Marcello Mastroianni und tr�umen wie Sylvia Plath oder Lewis Carroll. Und sie k�nnten ihre Tr�ume ver�ffentlichen auf riesigen Freilicht-Leinw�nden, und sie k�nnten mit ihnen auf kleinen Chips Tauschhandel betreiben; sie k�nnten in Tr�umen kommunizieren. K�ssen w�rden sie wie Ethan Hawke in <emphasis>Reality Bites</emphasis>, und sie h�tten Bj�rks <emphasis>Sex without touching</emphasis>, in ihren Tr�umen, wenn �berhaupt. Ihre Haut w�re jene makellos blasse von Julie Delpy in <emphasis>Drei Farben Wei�</emphasis>. Au�er Mund, Nase und Augen h�tten sie keine L�cher in ihren K�rpern, welche sie �berdies ablegen k�nnten, um als Geister frei zu flottieren. Sie w�ren die multidimensionalen Menschen. Sie w�rden niemals �ber Design sprechen. Sie <emphasis>w�ren</emphasis> Design. Laura war so ungeduldig. Wann kam endlich die Zukunft?</p><p>�Ja guten Tag mein Name ist Barbara Rhabarber ich rufe im Auftrag des Deppen-Instituts <emphasis>Strong Opinions</emphasis> an wir f�hren zurzeit eine repr�sentative Meinungsumfrage durch und dazu w�rde ich auch gerne eine Person aus Ihrem Haushalt befragen allerdings m�sste es aus statistischen Gr�nden die Person sein die zuletzt Geburtstag hatte in Ihrem Haushalt k�nnte ich diese Person vielleicht ganz kurz sprechen falls sie da ist? Nein dieses Jahr ja nein einfach die Person deren Geburtstag zuletzt gefeiert wurde nein das ist aus statistischen Gr�nden so ja genau und sie muss �ber vierzehn Jahre alt sein. Ach Sie wohnen allein ein Einpersonenhaushalt! Na dann sind Sie ja meine Zielperson mein Objekt der Begierde sozu ja ha ha gut k�nnte ich Ihnen kurz ein paar Fragen nein es dauert nicht lange nein es geht auch wirklich ganz hallo hallo Penner.�</p><p>Zu Hause, nach der Vierstundenschicht. Einundzwanzig Uhr sechsundvierzig. Sie wagte, durch den T�rspalt, einen Blick auf Thorsten, der es hasste, dass sie diesen Job �berhaupt machte; er merkte etwas, ruckte ansatzweise mit dem Kopf, blinzelte kurz durch seine Lider, nahm sie aber letztendlich nicht wahr. Er sa� da auf seinem riesigen Schreibtischstuhl; sie sah nur die schwarze Lederfl�che des Stuhlr�ckens und seinen jetzt wieder regungslosen Hinterkopf mit den gestutzten, verleugneten Locken, <emphasis>spiky</emphasis> hochgegelt und von der Arbeit steil bis <emphasis>crazy</emphasis> zerzaust.</p><p>Er hatte, seit er wieder hier war, noch keinen einzigen Buchstaben getippt, nicht einen Satz angefangen und wieder gel�scht; das wusste sie. Er sa� einfach da und stierte in den Bildschirm und trank seinen Weinbrand vom Kaiser�s, und wenn sie so tat, als w�rde sie gerade ankommen oder aufwachen, dann l�chelte er sie an und fragte, was sie kochen sollten. Sie wollte ihn ansprechen, mit ihm dar�ber reden, was los war, was er hatte. Schon der Rhetorikkurs in der Eifel, auf den er sich doch gefreut hatte, schien irgendwie schiefgelaufen zu sein. Sie schloss die Augen, wieder, und wieder, und wieder. Sie wurde m�de, so m�de. Sie schlief kurz ein, im Stehen.</p><p>Sie �ffnete die Augen. Thorsten war weg. Nein, dort hinten sa� er jetzt, in der anderen Ecke des Zimmers, dort sa� er vor dem Fernseher und regte sich kein St�ck. Sie meinte, seine Z�hne knirschen zu h�ren. Sie ging ins Schlafzimmer und legte sich aufs Bett. Auf dem Weg dorthin fiel ihr Blick aufs Telefon, und sie sp�rte in sich ein Ziehen.</p><p>Sollte es doch endlich klingeln.</p><p>Sollte Edwin doch endlich anrufen und Unruhe stiften mit seiner beschissenen Party; all die subkutanen Geschw�re aufsprengen, die Inkubation beschleunigen, die Viren beleben und aufmischen; das dort Schwelende an die Oberfl�che kitzeln, ohne es zu wollen; sollte doch endlich alles ausbrechen wie ein Vulkan: bevor es zu sp�t war.</p><p>Und bevor sie merkte, dass sich bereits Traumbilder erkaltender Magma und kleiner Eruptionen in ihr Bewusstsein schoben, und kleine Flashs von Gesichtern auf ihrer Netzhaut aufleuchteten, ihr Vater, seine Stimme, ihre Mutter, ihr Gesicht, war sie eingeschlafen. Und tr�umte davon, durch einen Swimmingpool voller siedend hei�er Lava zu tauchen, die ihrer cremefarbenen Haut nichts anhaben k�nnte, und darin mit blind tastender Hand eine alte, rostige Rasierklinge zu suchen, bevor die Lava diese vollends eingeschmolzen und aufgel�st haben w�rde.</p><p><strong>Dienstag, 23.45�Uhr</strong> Du weiszt dasz mein K�rper sich mit sich verb�ndet hat, gegen mich, um gegen mich aufzustehen, das weiszt du doch, oder? Denn mein K�rper will mich zerst�ren, er haszt mich. Mein K�rper haszt mich, schlimmste Attacken. Aber auch ich bin nicht unt�tig. Denn wer mich so haszt wie mein K�rper, den hasze ich, unendlich menschlich, wie ich bin, doppelt heftig zur�ck, und so arbeite ich im Gegenzug seit soundso vielen Jahren an der gezielten Ausrottung meiner K�rperkultur, an ihrer Auslaugung und Aufweichung, der langsamen geschmeidigen Endersch�pfung, welche Aufgabe (�Korpozid�), wie Du Dir vorstellen kannst, mir die gr�szten Anstrengungen abverlangt, denn mein K�rper ist sehniges Fleisch und hartes glattes Bein, und ich, o weh, ich bin doch nur <emphasis>kleiner</emphasis> Geist, der dennoch immer wieder und wieder dumpf gegen die Gedankenwand rast und, vor den Kopf gestoszen, von ihr abprallt, zerspringt, sich wieder zusammenschabt, erneut komponiert, und nochmals attackiert, so heroisch und so verzweifelt, und denkt, noch immer und immer wieder, er k�nne vielleicht, nach dem finalen Zusammenbruch, <emphasis>von den Toten auferstehn</emphasis>, um dann, im Laufe einer genau auskalkulierten Reaktion mit dem Nichts, in pure Energie transformiert zu werden, eine w�rmende Sonne zu werden vielleicht, eine Quelle hilfreichen Lichts, hoffentlich. Ich bin eine Utopie, letztendlich, ich weisz. Aber ich arbeite dran. Was ich sagen wollte: Mein K�rper ist ein <emphasis>Revoluzzer</emphasis>: eine <emphasis>Abfackmaschine</emphasis>: bis an die Z�hne bewaffnet und protzgest�hlt. Wir liegen uns direkt gegen�ber, mein K�rper und ich, Aug in Aug auf der Lauer, und fauchen, haben Angst, auch mein K�rper hat Angst vor mir. Denn auch ich bin eine <emphasis>Revoluzzerin</emphasis>; ich wiegle die Denkmassen in mir auf gegen den Fleischstaat und alle seine Krusten; sch�re Hasz gegen den Moloch, der nur deshalb mein �rgster Feind werden konnte, weil er zuvor mein bester und erster Freund war, wie das so ist im Leben; und was haben wir f�r Triumphe gefeiert damals, und was haben wir einen Spasz gehabt, als die Seele im Leib aufging, und wieder runterging, wie eine Kinderschaukel in der Mittagssonne. Doch das ist alles lange her und sehr vorbei. Jetzt sind wir Feinde; wir sind uns fremd und unheimlich. Manchmal beobachte ich meine Hand und verstehe nicht ein stinkendes Wort ihrer ekelhaft geschw�tzigen Rede. Manchmal will ich dich abhacken, Hand, und wild mit der lila Ellipse herumfuchteln (Euch allen damit zuwinken!), und jeden meiner Briefe rotstempeln, und die Stirne meiner Nachbarn, alles rotstempeln, um dann, mit dem blutigen Knochenstumpf, neue Bilder zu malen, Schlachtengem�lde, entflammte H�lleng�nger, die den Malerhals in Gottes Namen aufschlitzen am Ende. Was ich: sagen wollte: Ich wollte die Taktik meines hinterh�ltigen K�rpers anskizzieren. Zum Beispiel kocht mein R�ckenmark oft auf und �ber und flockt in mein Hirn hinein und g�rt es zur�ck in die Rohheit, die es verdient, und gefriert. Dann trifft oft ein Stromstosz von den Genitalien ein und schmilzt die Suppe wieder fl�ssig, und also elektrisiert ergeben mein Hirnsaft und mein blauschwarzes R�ckenmark einen perlenden Schaumwein, dessen sofort welke Blume Todessaaten ausf�llt, die mein argloses Blut verdicken. Dann bin ich m�de, so m�de, und restlos am Boden. Aus den Augen kucken kann ich dann nicht. Was: ich sagen: wollte: Ich wollte <emphasis>meine</emphasis> Taktik anskizzieren. Ich gehe auf Partys und <emphasis>schreibe alles auf</emphasis>, hier, in dieses Tagebuch. Ich nehme die Drogen und Pills und Thrills, die mir unterkommen. Ich habe mir Schlafentzug verordnet, um meine Sinne zu sch�rfen, meine Reaktionsf�higkeit zu verbessern. Ich zerst�re willentlich und bei vollem Bewusztsein die herk�mmlichen Strukturen; die Strukturen, die ein Organismus in Zeit und Raum �tzen musz, wenn er sich zurechtfinden will in dieser sehr fremden Welt. Ich zersetze sie, f�r meinen Teil. Und das geht meinen K�rper an. Dann wird mein K�rper w�tend und zittert leise. Was: ich: sagen: wollte: <strong>Dienstag, 2.11�Uhr</strong> Ich schrieb eine ganze Menge Liebesbriefe udgl. in meinem sog. Leben, aber keiner war je so trostlos wie dieser. Gab es wirklich so etwas wie Fr�hling, irgendwann? War da jemals etwas anderes als Plastik in mir? Sonnenaufg�nge? <emphasis>Diese</emphasis> Hamletfragen. Was feststeht: Es hat sich so viel ge�ndert, ich bin �lter geworden und langsamer, eine <emphasis>Frau</emphasis>, und kann deshalb immer weniger Kraft aufbringen, die st�ndig wachsende Kruste um mich wieder und wieder neu zu durchbrechen. Unaufh�rlich spinnen wir (ich von innen und die Welt von auszen) ein enganliegendes, vielschichtiges Trauerkleid um mich Puppe, eine schmierige, fettige Filzwand. Ich bin alt und staubig und in ernsthafter Atemnot, mein Schrumpelmund atmet Enge, er atmet sehr leise, langgezogene Stoszseufzer, Enge, kaum zu h�ren. Meine Augen sind noch zu und verklebt, deshalb wohl auch die Dunkelheit um mich herum. Ich kann mich kaum bewegen. Es <emphasis>spannt</emphasis> alles, wenn ich durchatmen m�chte. <strong>Mittwoch, 3.40�Uhr</strong> Ich schrieb eine ganze Menge in meinem sog. Leben, immer in dieses Tagebuch hinein, immer ohne Publikum, nur ich und mein K�rper, ich und mein K�rper und die Jungen, f�r die ich hier schrieb. Ich war so dumm und leichtgl�ubig. Meine <emphasis>Schlagertristesse</emphasis>. Einmal werde ich Dir eine dieser Geschichten zeigen. Einmal wirst Du wissen, warum du der Fehler bist, den du gemacht hast. Ich habe schon eine Menge �ber uns geschrieben, Thorsten. Vielleicht zehn, vielleicht f�nfzehn, ich z�hle sie nicht, die Geschichten, ich lese sie auch nicht wieder, sie interessieren mich nicht mehr, wenn sie fertig sind. Ich sch�tze, sie sind eh sauschlecht, was egal ist. Aber keine dieser Geschichten war so plotlos und ortlos wie die, die ich seit drei Tagen schreibe. Es war der schwerste Fehler der letzten Tage, eine <emphasis>wirkliche Geschichte</emphasis> �ber uns schreiben zu wollen, �ber uns beide, �ber unser Leben. Es war die albernste Idee meines bisherigen, ohnehin albernen Lebens. Jetzt vermische ich Tagebuch und Leben und werde keinem von beiden gerecht. Es ist, als ob eine Malerin die ihr so kostbaren Farben Gr�n und Rot, in entflammten Gedanken an ihr schillerndes Zusammenspiel sp�ter auf der Leinwand, voreilig schon auf ihrer Palette vermischt hat, von Sinnen, und deshalb nichts herauskommt als ein tr�bes, dichtes Grau, auf beiden Seiten, auf der ganzen Palette, �berall. Das Grau hat alles Rot und Gr�n geschluckt. Das Grau hat alle Farben verunm�glicht. Gr�n und Rot sind auf immer verloren, und Blau ist vergessen, und Gelb ist verwirkt. Die Palette ist keine Palette mehr, sondern ein grauer Fleck in der Betonlandschaft, neben einem weiszen Quadrat, das ist die Leinwand, und einer verblassenden Figur, das ist die Malerin, also ich. Hinten geht die Sonne unter, pointillistisch und schicksalhaft. Die Landschaft ist in �l gemalt, und die Sonne auch, und das Auto auch, nur ich bin nat�rlich Aquarell und zerlaufe. Unten liegen ein paar leergedr�ckte Tuben. Einige liegen schon still, andere krabbsen noch hektisch herum, bunte spasmendurchzuckte W�rmer in h�hnischer Agonie. Es werden neue Bilder gemalt werden m�ssen, sage ich mir und versuche, meine Hand abzuhacken, und setze den letzten grauen �lstrich �ber mich, und nehme die Palette und schmiere mein Gesicht grau in grau, und steige ins Auto und fahre los. Aber ich krache von innen gegen den Rand des Bildes: und male von auszen mein Lenkrad grau, mit meinem Gesicht, und male es blutig rot und eiterweisz. Ihr kennt das Bild, es ist ein altes: Gesicht, blut�berstr�mt, gebiert schwarze Netzmuster aus der Schl�fe und versinkt dankbar im Lenkrad, ewiger Kusz. Der Knall hat Spr�nge in den Himmel gehaucht, und ein Beben f�hrt durch die Farbe. Das alles h�lt die Leinwand im Kopf nicht aus und f�llt um. Was: Ich: Sagen: Wollte:</p><p>Auf Lauras Gesicht und ihren ruhenden H�nden lag der Widerschein des letzten Graus von drau�en. Sie w�nschte sich den schon seit Stunden angek�ndigten Schnee herbei: dass der schwere Himmel sich endlich entladen w�rde auf diese Stadt, sie unter sich bedeckte, por�ser machte. Aber alles blieb nur grau und dr�ute nach unten und warf weiter seinen scheinheiligen Silberglanz auf ihre Haut. Nur die Wunde in der Innenfl�che ihrer rechten Hand blieb davon unbehelligt. Auf sie wagte der d�mliche Glanz sich nicht zu legen. Laura stand in der Toilette, Flakons und Cremed�schen standen vor ihr auf der Ablage unter dem Spiegel. Sie musste sich stylen und die Wunde versorgen.</p><p>Die Wunde in ihrer Hand war sehr bunt, innen gab es lila Punkte inmitten der tr�ben, wei�orangen Eiterkuppel, die ins Rote nach au�en an den Wundrand auslief, wo gelbe Kristalle sich gebildet hatten. Um die Wunde hatte sich ein bl�ulicher Hof unter die Haut geschoben. Sie schmerzte nicht sehr, nur in den Momenten, wo Laura sie erneut aufkratzte. Aber es war mehr ein visueller denn ein wirklich physischer Schmerz. Es schmerzte mehr in den Augen, die Kruste wirklich wieder aufzubrechen und den Eiter herauslaufen sehen zu m�ssen, als in der Wunde selbst.</p><p>Aber es war notwendig. Eine Narbe an dieser Stelle hie�e blo� K�chenunfall oder Partyscherbe oder Sturz von der Rutsche in der Kindheit, also L�ge. Die L�ge aber war schon so �berm�chtig vorhanden in Laura, in ihrem K�rper, dass sie diese kleine Stelle Wahrheit offenhalten wollte, so lange es ging, diese Wunde.</p><p>Sie stand im Bad und h�rte Thorsten und seine Kollegen, sie redeten leichte Worte, noch immer. Je schwerer die Zunge, desto leichter die Worte, bei solchen Leuten, dachte sie und stellte den F�hn an und legte ihn auf den Waschbeckenrand. Mittwoch war das letzte Mal gewesen. Donnerstag hatte sie die Wunde sein lassen k�nnen. Heute war sie wieder f�llig. Sie sa� auf dem Klodeckel, das Handtuch lag auf ihrem Scho�. Drau�en derselbe Himmel wie immer.</p><p>Aber wahrscheinlich war das gar nicht der Himmel, sondern nur der Smog, der �ber der Stadt hing. Wahrscheinlich hatte sich der Himmel selbst ganz zur�ckgezogen, und man konnte ihn nicht mehr sehen, was Laura nicht bedauern w�rde. Der Himmel musste immer schon herhalten f�r die grotesken Projektionen der Menschen, so Laura. F�r ihre jenseitsw�tigen Hirngespinste, die das All einfangen und umspannen wollten und sich dabei doch nur seit je an der eigenen Sch�deldecke wund gesto�en hatten. Vielleicht hatte sich der Himmel angesichts all dessen tats�chlich, total gelangweilt, aus dem Staub gemacht, wenn es ihn je gegeben hatte, und nur ein G�hnen hinterlassen, ein grundloses G�hnen. Und was die Menschen anbeteten, w�re nicht mehr der Himmel, sondern sein weltlicher Stellverteter, der Smog, die dicke, chemische Suppe �ber den St�dten. Und im Smog, in ihren eigenen Abgasen, in ihren F�rzen, w�rden die Menschen die Verhei�ung suchen, und die Offenbarung, und das ewige Leben. Und h�tten vielleicht auf eine ganz perfide Weise recht mit dieser Vermutung.</p><p>Laura �ffnete die Wunde, gelbe Kristalle br�ckelten ab, es sickerte heraus, es brannte <emphasis>h�lle</emphasis>. Sie beeilte sich, tupfte alles ganz vorsichtig ab, Eiter und Wasser wurden vom Handtuch aufgesogen, von den noch weichen, flauschigeren Stellen. Wei�gelb und feucht gl�nzte es, das kleine Fenster zu ihrem Fleisch. Sie verband die Hand ganz ordnungsgem�� und klammerte den Verband zu. Sie schloss die Vorh�nge, damit sie der silbrige Abglanz von drau�en nicht mehr bel�stigen konnte. Die Verkehrsger�usche waren ganz nah. Drau�en derselbe Himmel wie immer, nur dunkler.</p><p><strong>Samstag, 11.50�Uhr</strong> Hast Du Angst? Deine Mail klang trotz der Liebesgest�ndnisse so distanziert und absichtlich entleert. Oder ist das nur die Art, wie ich sie lese? Und so kontrolliert, blosz nichts verraten, nicht verletzbar werden. Vorher warst Du mir n�her. Du scheinst diesen Zustand zu m�gen. Ich nicht. Du liest Schauspielerbiographien? Manche m�ssen ihr Gl�ck wohl zerst�ren, um es zu bemerken. Und schon hat der Brief, den ich jetzt an Dich schreibe, einen vorwurfsvollen Unterton, den ich verhindern wollte. Wenn er diesen Unterton jedoch nicht bekommen h�tte, w�rde ich das, was mir nicht gef�llt, nur weiter fortf�hren und n�hren: diese wachsende Distanz durch Tr�gheit bei gleichzeitigem Gest�ndnis, man sei noch immer ach so verliebt; und dieses Gest�ndnis allein soll f�r N�he herhalten. In mir pendelt es zwischen zwei m�glichen Haltungen. Einerseits, es � wie Du � einfach so weiterlaufen zu lassen, bis es sich wahrscheinlich leer- und totgelaufen hat; andererseits zu versuchen, Dir mitzuteilen, dasz ich mehr will als das, zu versuchen, trotz der Distanz, die auch Du doch sp�ren muszt, Dir n�herzukommen. Und dieser Brief, den ich gerade schreibe, ist wohl so feige, weder das eine noch das andere entschieden genug zu machen. Ich habe die Heizung voll aufgedreht, mir ist trotzdem kalt; an meinem K�rper prallt die W�rme ab. Ist Dir wirklich alles so scheiszegal, wie Du tust? <strong>Samstag, 14.45�Uhr</strong> Oder bin ich einfach nur <emphasis>�berspannt</emphasis> und will nicht sehen, dasz die Art, wie Du mit der Sache umgehst, die kl�gste, beste, einzig m�gliche ist, die einzige, die nichts zerst�rt? Ohne den Zwang, sich in etwas hineinsteigern zu m�ssen, von dem nicht mal mehr klar ist, ob es �berhaupt noch da ist? Steigere ich mich nur in die Dinge hinein, weil ich es n�tig habe, mich innerlich irgendwohin hochzuschrauben, wo ich einsam und �berlegen meinen Schmerz auskosten kann, den ich einzigartig w�hne? Dabei geht es bestimmt jedem und jeder Zweiten so wie mir. Vielleicht bin ich nur auf der Suche nach einer Qualit�t in der Liebe (und also im Leben), die es nicht gibt. Aber wieso gibt es das, diese Leerstellen, in die ich falle? Es musz einmal irre Verheiszungen gegeben haben; und jetzt sind da nur noch leere Formen und dicke Schwielen, da, wo den Menschen einst gl�hende Versprechen in die jungen Hirne gebrannt wurden. Wahrscheinlich sind meine Vorstellungen dar�ber, wie das hier laufen k�nnte, wir n�mlich, falsch; es geht nicht unbedingt mehr um pure, reine Liebe dabei; wahrscheinlich ist so etwas von vorneherein zum Scheitern verurteilt, und obwohl ich das wuszte, war es mir nicht bewuszt; es geht vor allem darum, das wenige, was ich noch von Dir weisz, nicht zu verlieren und verdr�ngen zu lassen, selbst zu verdr�ngen, von falschen Vorstellungen �berdecken zu lassen. Aber Du gibst eben auch nicht viel von Dir preis. Wahrscheinlich sind wir doch andere, als wir dachten; ich bin eine andere als die, die Du Dir vorstellst, wenn Du an mich denkst; Du bist ein anderer als der, an den ich schreibe. Diese Erkl�rung ist einfach und liegt auf der Hand; sie ist verbraucherfreundlich; sie stand aber, f�r meine Begriffe, zu schnell zwischen uns, wir haben sie uns zu schnell zunutze gemacht, haben uns darauf ausgeruht, im Glauben, wir k�nnten eh nichts daran �ndern. Das aber ist mir zu billig. Dieser Brief, den ich schreibe, ist ein Versuch, eben doch noch etwas daran zu �ndern; vielleicht ist er ein Fehler. <strong>Montag, 18.47</strong> Gerade war ich pl�tzlich wieder bei mir und bei Dir, in einem Raum voller Bilder. Mit dem Mund hast Du mich aufgesammelt, ohne grosze Worte, mit K�ssen. Warum ist das nicht immer so? Ich konnte mich kaum regen, noch was sagen anfangs, sp�ter auch nicht, ich war nur froh, kurz bei Dir zu sein. Ich finde die Dias von Griechenland auch lustig, ja, und irgendwie bin ich ger�hrt davon, dasz Du sie neu rahmst. Jetzt geht�s mir gut. Ich weisz, wo Du bist, und ich weisz, was Du tust: Du flickst Lichtbilder neu zusammen. <strong>Dienstag, 10.12�Uhr</strong> Ach, ein Tag! Ich gehe los und suche unsre Schritte. <strong>Donnerstag, 10.16�Uhr</strong> Du hast was dagelassen, unterm Kissen, in Stanniolpapier eingewickelt. Jetzt sind die Dinge unseres Zimmers mit Schokolade �berzogen, eine feine Glasur gl�nzt noch auf dem kleinsten Staubkorn. Die Schokolade ist mir gleich in den heiszen H�nden geschmolzen, vor Freude. Schnell die Treppe hoch habe ich in meinem Arbeitszimmer mir mein Gesicht braun eingeschmiert und aus dem Fenster geschaut und gedacht: So m�szte alles vers�szt werden. Die Schokolade ist nicht h�szlich abgebr�ckelt, sondern leise verdunstet von mir. Jetzt riecht mein Zimmer gut, und die Glasur setzt einen guten Schimmer: Ich schiebe Meister-Proper-Sterne auf meiner Haut herum. <strong>Donnerstag, 13.48�Uhr�</strong>Was soll das wieder? Mein K�rper hat mir gerade einen �blen Streich gespielt, ohne irgendeinen grippalen Infekt oder so, ohne Virus, einfach so zw�ngt er alle Fl�ssigkeit, die in ihm ist, aus sich raus, durch Schwitzen, Durchfall, Erbrechen, erstaunlich viel Fl�ssigkeit. Meine Organe m�ssen aussehen wie getrocknete Datteln! Ich werde mich f�rchterlich r�chen, ich weisz noch nicht, wie. Ob mein K�rper das hier auch lesen kann, weil ich es ja lesen kann? Mein Gehirn geh�rt, <emphasis>banaliter</emphasis>, schlieszlich auch zu ihm��! Ist er kl�ger als ich? Wer weisz mehr �ber den anderen, ich �ber ihn oder er �ber mich? <strong>Donnerstag, 14.00�Uhr</strong> Jetzt f�hle ich mein Herz, da wo die Enge ist. Ich will mein Herz nicht f�hlen. Herz: da wo die Enge sitzt. Ich sp�re, wie sich der Herzschlag beschleunigt, Systole, Diastole, Erschlaffung, Dehnen. Herzklappen gehen auf, zu. Das Blut schiebt sich in St�szen durch die Aorta. Das Blut rauscht durch meine klopfende Schlagader. <strong>Donnerstag, 15.01�Uhr</strong> Der Brief an Dich ist fertig, und pl�tzlich weisz ich nicht, ob ich ihn �berhaupt abschicken soll. Ja, der Brief <emphasis>ist</emphasis> ein Fehler. Vielleicht habe ich ihn gar nicht an Dich geschrieben; hoffentlich doch. P.S.: Wenn Du doch mal einen Fehler machen w�rdest. <strong>Donnerstag, 16.11�Uhr</strong> Mit Maja telefoniert. Sie kommt morgen. Mit <emphasis>boyfriend.</emphasis> Auch das noch. Mein Schwesterschmerz kommt. Mein <emphasis>Geschwist</emphasis>. <strong>Donnerstag, 18.36�Uhr</strong> Ich habe ein paar andere Briefe geschrieben, an Lisa in Venedig, an Marc in M�nchen, an Esther in Cleveland, Ohio. Dann habe ich versucht, Isa einen Brief zu schreiben, zum siebten Mal in diesem Monat. Liebe Isa, liebe Isa. Wie ich Dir schon am Telefon, ich hoffe, ich hoffe, alles ist so wie Du es, alles, bei mir ist alles noch immer, immer, oder es ist vielmehr noch viel, viel, viel, aber ich kann Dir das viel besser, viel viel besser, wir sehen uns ja am, am wann, am am. Herrje. Vielleicht sollte ich sie doch nur anrufen. Hoffentlich sehen wir uns wirklich bald wieder. Deine Laura. Dann blase ich einen groszen Rauchtrichter in die Luft und beobachte all die blaugrauen Kringel, Ver�stelungen, Wirbel am Rand und die inneren chaotischen Implosionen, ohne auch nur irgendetwas zu f�hlen. <strong>Donnerstag, 18.54�Uhr�</strong>Ich habe Briefe geschrieben? Nein, ich habe niemals Briefe geschrieben. Ich bin unf�hig, Briefe zu schreiben. Wo andere gehaltvolle Botschaften einwandfrei und unmiszverst�ndlich �bermitteln, stehen bei mir �berhitzte Selbstgespr�che, zwanzig Seiten lang, und die Worte stechen sich gegenseitig aus und vernichten alles, was sie sein wollen. <emphasis>Perfekte</emphasis> und <emphasis>auszergew�hnliche</emphasis> Metaphern sind das, ja, jaja, kleine Et�den mit aufgeschnittener Hand, der Deutschlehrer war immer <emphasis>so was von zufrieden</emphasis> mit mir, <emphasis>Laura, ich konnte mal wieder nicht umhin, Ihnen die f�nfzehn Punkte zu geben</emphasis>. Ich will das aber nicht. Ich will nicht die Figur sein, die den Gedanken verkr�ppelt. Ich m�chte einfache, klare S�tze in die Welt sprechen, scharf konturierte, die jeder vern�nftige Mensch verstehen kann. Ich kann keine Briefe schreiben. Sobald ich beginne, einen Brief zu schreiben, flieszen die Buchstaben weg und in irgendeine verheimlichte Geschichte hinein, immer in Richtung Tagebuch, dort wie Quecksilber auseinander. Gerade, im Bett, stand mir klar und deutlich vor Augen, was ich Dir schreiben wollte, <emphasis>sagen</emphasis> will. Jetzt ist das geschriebene Wort, als ich es sehr gewrungen habe, um es zu erpressen, irgendwohin wegversickert. <emphasis>Das Papier hat meine Gedanken absorbiert</emphasis>, das weisze unschuldige Papier, <emphasis>aber ich beflecke es doch.</emphasis><strong>Donnerstag, 1.45�Uhr</strong> Ich brauche Dich warum rufst du nicht an? ruf an ruf an du Sau geh ran los <strong>Donnerstag, 2.03�Uhr</strong> Ich hab mir in die Haut geschnitten aus Versehen Haha <strong>Freitag, 10.16�Uhr</strong> Freitagmorgen, grau verhangen, drauszen �berall ein fast unsichtbarer Nebel, der die Dinge weichzeichnet, oder eher den Blick aufweicht, den Blick auf die Dinge, als sei alles nur ein einziges, unerreichbares, nicht scharfzukriegendes Ding. Hast Du Angst? <strong>Freitag, 13.23�Uhr</strong> Maja ist da. Die H�rte: Dad ist auch da. Und Anton, der �die Stadt kennenlernen m�chte�, die Heimatstadt seiner k�nftigen Frau Gemahlin. Sie ziehen da irgendein Familiending durch. <emphasis>We, are, family.</emphasis> Gleich sind sie weg, �sightseeing�, und Mom geht auch mit, die Arme. Maja tut total freundlich, fl�tet mich dauernd an, ist so was von gl�cklich. Gerade war so eine Art mitt�gliche Stehparty in der K�che, mit Sekt und Selters, alle beisammen. Anton gab mir ein L�cheln von genau derselben neutralen, klebrig freundlichen Offenheit wie das, das er immer meiner Mutter gibt. Dabei das beil�ufige Angebot eines Handschlags, das ich jedoch ausschlug, auf meinen Verband deutend. Er tat erstaunt. <emphasis>Mein Gott!</emphasis> Fragte jedoch nicht einmal, wo ich mir die Wunde denn zugezogen h�tte, sondern schnappte sich meine linke Hand, dr�ckte die kurz, hauchte linksrechts einen doppelten Gesellschaftskusz auf meine Wangen und wandte sich sofort wieder Maja und den <emphasis>parents</emphasis> zu. Maja quiekte in sein Ohr und k�szte immer wieder seine Wange. Ihre Nase war selten weniger als zehn Zentimeter von seiner Wange entfernt, und sie schaute sich dort in ihn hinein, als wartete sie sehns�chtig darauf, von seinen Poren aufgesogen zu werden, oder so. Diese gl�nzenden, m�dchenhaften Augen der �lteren Schwester, des perfekten Geschwists. So von der Seite geliebkost und zugefl�stert, bekam Anton nur einen eher gel�hmten <emphasis>small talk</emphasis> mit meinen <emphasis>parents</emphasis> hin. Die fanden die Szene wohl <emphasis>ganz bezaubernd</emphasis>, sie l�chelten und nickten, so unverst�ndig verst�ndnisvoll und auf g�nnerhafte Weise neidisch, wie sie nun mal sind. Dad stand an die K�chenzeile gelehnt, die H�nde in den Taschen, und tat sehr am�siert; wenn er lachte, hob er immer ein wenig das Kinn und grinste und schnaufte. Ich sah, dasz er mich auch �fters ansah, ernster. Trafen sich unsere Blicke, hielt er dem f�r ein, zwei Sekunden hochbedeutsam stand, dann sah er weg und hob wieder das Kinn, grinste, schnaufte. Ich soll auch mitgehen, zum �Sightseeing�. Nix da. Meine Sister ist ja <emphasis>so</emphasis> verliebt. Wenn ich die beiden nur zusammen sehe, sp�re ich den puren Ekel in mir anschwellen. Sie sind feuchte, wabbelige Monster, die sich zuschleimen, mehr nicht. Diesmal besonders. Sie verhalten sich so <emphasis>gesetzt</emphasis> neuerdings, oder <emphasis>gediegen</emphasis>, wie auch immer man das nennen will. Museumsbesuch, Candle-Light-Dinner, fr�h ins Bett, um morgens den Morgen und das Fr�hst�ck zu genieszen, wenn es noch dunkel ist drauszen. Und das meiste davon: mit den Eltern. Aber was soll ich sagen. Ja: was soll ich eigentlich sagen. <strong>Freitag, 13.55�Uhr</strong> Dad will mir dauernd in die Augen blicken, auch im Flur, total aufdringlich und forschend, als k�nnte er da etwas sehen. <strong>Freitag, 15.03�Uhr</strong> Als Thorsten die Kokainsexnummer mit mir geschoben hat, r�ckblickend einer der finstersten Augenblicke in meinem Leben (DANKE THORSTEN!), dachte ich, ich bin meinem K�rper weitaus �berlegen, er hat keine Ahnung, wie ihm geschieht, nur ich. Die Dr�sen schmatzten, die Vagina wurde feucht und heisz, Endorphine waren auch auf dem Weg, er reagierte auf das alles so geil und tierisch wie immer � dummes Ding. Ich konnte die Endorphine irgendwohin leiten, wo sie mich nicht st�rten, das mag verr�ckt klingen, aber so war es. Ich habe sie einfach <emphasis>weiterdelegiert</emphasis>. Meinen K�rper juckte nichts, weit offen klaffte die Lust in ihm, dasz meine H�nde drin Platz gehabt h�tten. Ich allein wuszte, was wirklich geschieht, was da passiert, was mir und ihm zugef�gt wird, auch wenn ich es hier nicht genau beschreiben k�nnte. Das war dann der Bruch, der Bruch zwischen mir und meinem K�rper. Damals, als wir koksten und geil wurden. Thorsten hatte gerade in London irgendeinen Sonderdeal mit der Abteilung Soundso abgeschlossen und dann firmenintern eine Menge Kokain beschaffen k�nnen. Das Kokain lag <emphasis>in rauen Mengen</emphasis> auf unserem Designer-Wohnzimmertisch herum, keine Ahnung, es musz unheimlich viel wert gewesen sein, Berge und H�gel, �Ski alpin�, meinte Thorsten. Wir nahmen das und haben uns dann die Hirne halb rausgepoppt; Thorsten konnte immer wieder; wir wurden �berm�tig und kamen uns vor wie Sexk�nig und Sexk�nigin. Als Thorsten sich dann das Kokain unter die Vorhaut und auf die Eichel strich, die Kippe im Mundwinkel, l�chelnd, ziemlich viel, und auch mir das Zeug hinschmierte, in die Schamlippen und um die Klitoris, wie selbstverst�ndlich, wuszte ich, was abging, auch wenn ich ihn gew�hren liesz, oder wie soll man das nennen. Ich l�chelte und faszte ihn an und wir schliefen wieder miteinander, eine Ewigkeit lang, das Kokain weichte die Haut auf und �tzte so geil, fand mein K�rper. Pl�tzlich musz mein ganzes Blut geronnen sein, f�r ein paar Sekunden, so f�hlte es sich an. Ich hatte den gr�szten und letzten Orgasmus meines Lebens. Seitdem weisz ich, woran ich bin. Ich habe den Spalt willentlich vergr�szert, jetzt klafft da ein Abgrund, erhaben und un�berbr�ckbar, in Fleischfarbe. Ich habe versucht, meinen K�rper zu bek�mpfen, um ihn loszuwerden, aber er hat sich als eigenwilliger und z�her erwiesen, als ich dachte. Jetzt wissen wir beide nicht recht weiter und wiederholen alte Attacken, die weder auf der einen noch auf der anderen Seite ziehen wollen. Uns ist langweilig. Die Simpsons kommen. Schade, die Folge habe ich schon gesehen. <strong>Freitag, 16.16�Uhr</strong> Nat�rlich bin ich nicht verr�ckt. Nat�rlich sind das alles nur <emphasis>Bilder</emphasis>. Oder? <strong>Freitag, 17.34�Uhr</strong> Herz: da wo die Enge sitzt. Schlaff, gedehnt, schlaff, Blutschub, Blutstau, Klappe auf, zu. <emphasis>Still my beating heart.</emphasis><strong>Freitag, 17.36�Uhr</strong> Ich komme nicht klar. Und: Ich weisz nicht Bescheid. Alles das hier, meine �Aufzeichnungen�, alle S�tze in diesem Tage- (oder Nacht-?) buch lassen sich auf diese zwei k�mmerlichen Aussagen reduzieren: �Ich komme nicht klar�, erstens, und zweitens: �Ich weisz nicht Bescheid.� Alles, was ich sage und tue, was ich denke, nicht denke, wieder denke, bleibt genau an diesem leeren Ort ohne Widerstand, ohne Sichtweite, ohne Sinn h�ngen, nur diese letzte Einsicht in dieser banalsten aller m�glichen Welten, der meinen: Ich komme nicht klar, mit mir nicht, ich mit Dir nicht, ich nicht, mit mir nicht. Etwas liegt grunds�tzlich quer in mir, etwas, das geht tief hinunter in die Chemie, ganz grunds�tzliche Sachen stimmen einfach nicht, auf mikrobiologischer, unab�nderlicher Ebene, passen nicht zueinander, irgendwie. Das kann doch nicht sein, dasz ich mit dreiundzwanzig das Leben immer noch so scheisze finde wie mit sechzehn. <emphasis>Noch</emphasis> beschissener! Das kann doch nicht sein! <strong>Freitag/Samstag, 6.17�Uhr</strong> Du suchst die S�nde und findest nur S�nder. Ich bin total zu, aber gar nicht m�de. F�hle meinen K�rper nicht mehr. Gut so. Mit <emphasis>wem</emphasis> habe ich da getanzt? Tzzzz��! So ein Schwachmat. Blondie im rosa Oberhemd. Letztendlich will ich nur, dasz alles entweder endlich wahr wird oder sich wenigstens zu seiner K�nstlichkeit bekennt. Wenn jemand k�nstlich ist und sich dazu bekennt, wird er vielleicht auch wieder wahr. Ich weisz, dasz ich wahr werden kann. Ich musz nur gen�gend wollen. Klingt das wieder bepiszt. Es ist noch dunkel. Thorsten ist noch nicht wach, hat eine Fahne, die mir buchst�blich den Atem raubt. Ich werde jetzt fr�hst�cken, Fruit Loops und Melatonin, sch�umende Milch. Ich will schlafen. Guten Morgen, gute Nacht. P.S.: FAQ U.�Fick Dich! Du. Ja, Du.</p><empty-line/><p><strong>Samstag, 8.51�Uhr</strong> halbe Hauben Placebo-Placebos Wundrand randwund Herzgehirnk�rper Hautsicherheit</p><p>�Na, das sind ja auch nur Muskeln�, antwortete Maren und schob sich noch ein St�ck Spanferkel in den Mund.</p><p>�Hm? Was?�</p><p>�Das sind ja auch nur Muskeln, die wir essen, wenn wir Fleisch essen.�</p><p>�Quatsch. Das sind doch keine Muskeln. Ich esse doch keine Muskeln.� Laura schob sich eine Gabel Eiersalat in den Mund. <emphasis>In Wahrheit sind es die Eier, die wie Gummi schmecken,</emphasis> dachte sie.</p><p>�Na klar, was denn sonst. Das sind doch nur Fett und Muskeln.�</p><p>�Was? Muskeln sind doch wei� und wie kleine H�gel.�</p><p>�Ja, was denkst du denn dann, was das ist, was ich hier esse?�</p><p>�Fleisch!�</p><p>�Fleisch <emphasis>ist</emphasis> Muskeln, Laura! Das ist nichts anderes als Fett und Muskeln.�</p><p>Sie verstand wirklich nicht, was Maren meinte. Oder sie verstand es, wollte es aber nicht wahrhaben. Es gab kein Fleisch? Wieso hatte ihr das nie jemand gesagt? Laura stellte sich das Bein eines Schweines so vor: Knochen, Muskeln, Fleisch und Fett. Und am besten schmeckte nat�rlich das Fleisch. Die Muskeln waren nur Abfall, f�r Laura, die Knochen auch, das Fett nur f�r S�lze tauglich, oder f�r perverse Feinschmecker.</p><p>�Es gibt kein Fleisch. Es gibt nur Fett, Muskeln, Sehnen und Knochen. Und Nerven, und Dr�sen. Haut und Haar. Aber kein Fleisch.� Maren schmunzelte. �Kein Wunder, dass du Vegetarierin bist!�</p><p>Wie komisch, dachte Laura. Irgendwie war sie also tats�chlich Vegetarierin. Weil sie noch nie das gegessen hatte, was sie sich unter Fleisch vorstellte. So ein Osterhasenglauben! Sie musste auch schmunzeln. Neben ihr hielten zwei Ex-Modster ein Mini-Seminar �ber Star-Wars-Figuren ab. Sie schnappte ein paar Fetzen auf und konnte nichts mit ihnen anfangen. Ein mit <emphasis>Military</emphasis>-Klamotten ausstaffiertes Girlism-Girl zog langsam, wie in der Schwebe, vor ihrer Nase vorbei und hielt einen Blue Cura�ao in der Hand. �berall standen Menschen und redeten, lachten, nickten, an W�nde gelehnt, Rippen knuffend, K�sse austauschend. Eine Party, voll im Gange. Ohne Thorsten. Ohne alle.</p><p>�Also ist Fleisch irgendwie � abstrakt?�, fragte Laura.</p><p>�Ja, wenn du so willst�, antwortete Maren.</p><p><strong>Montag, 3.54�Uhr</strong> Scheisze, diese H�lse wird niemals Frucht tragen. <emphasis>Diese</emphasis> H�lse nicht. Bei einer solchen Veranlagung wie der meinen musz man sich das mit dem Kinderkriegen zehnmal �berlegen. Da wird Auto-Eugenik zur Selbstverst�ndlichkeit. Keinem w�nsche ich das. Keinem. Wie dann erst <emphasis>meinem</emphasis> Kind. Der Mensch ist zum Mantel geworden, o ja, aber ich habe keine Lust, ihm als Garderobe zu dienen.</p><p>Laura wurde be�ugt und be�ugt. Keiner traute ihr mehr.</p><p>Sie ging auf eine Party, und noch auf eine, und dann auf eine weitere, irgendwo. Sie lernte Leute kennen, denen sie insgeheim ins Gesicht spucken wollte. Sie k�sste wen. Sie st�rzte ab.</p><p>Sie schlief mit wem, fast bewusstlos.</p><p>Sie wollte die Schuld, die in der Luft lag, auf sich ziehen.</p><p>Es gelang ihr nicht.</p><p>Schlie�lich nahm sie wieder ein Messer zur Hand. Aber sie steckte es nur in die Handtasche.</p><p><strong>Sonntag, 13.45�Uhr</strong> Was ist passiert? Was ist blosz passiert. Bin ich gestorben? Ich f�hle mich nicht, ich f�hle nur meinen K�rper, selbst der stirbt ab. Ich bin schon tot. Eine grosze Panik kommt wieder �ber mich, in diese kalte W�ste. Alles ist weisz hier. Wo unten, wo oben? Meine Wunde lasze ich jetzt offen. Der Schmerz reicht nicht. Was ist passiert? Ich habe mit einem Fremden geschlafen. Bin ich eine Nutte? Dreckig hat sich mein Innerstes um seine Lust geschloszen, hat sich um ihn gewunden, ist um ihn rotiert. Wir sind auf den Dachboden von diesem Haus gegangen und haben es, in einer Art Kabine, einfach gemacht. Ich dachte noch, ist das die Rache jetzt; oder ist das einfach nur die Tat. Habe w�hrenddessen, w�hrend ich mich vorn�berbeugte und er mich wie ein Tier nahm, einem anderen Paar zugeh�rt, das es auch gemacht hat dort oben, oder kam es mir nur so vor, und dabei einen Bierkastenturm beobachtet, wie er leicht wankte, und habe �berlegt, ob das von uns, vom Paar nebenan, vom Beat, der das ganze Haus ersch�tterte (�rockte�, wie der Typ, mit dem ich fickte, sagte), oder von all dem zusammen kam; dieses Wanken des Bierkastenturms. Habe ich etwas gef�hlt? Die Erinnerung kommt nur langsam. Was war danach? <strong>Sonntag, 14.05�Uhr</strong> Ohh, n�h! Weil ich so oberfl�chlich bin/kehrt sich mein Innerstes nach auszen. Maja ist nicht hier, Dad auch nicht, und Thorsten kippt sich zu mit billigem Aldisekt und mit teurem Voltax und mit Batida de Coco und mit Telefongespr�chen. Und bes�nftigt seinen Kater mit Migr�ne-Kranit. Er scheint Angst vor mir gehabt zu haben, als ich eben in die K�che gegangen bin. Er hat mich kurz und fragend angestarrt, dann, als ich seinen Blick erwiderte, schnell wieder weggesehen und sehr konzentriert in den Telefonh�rer geh�rt, genickt und sehr ernst �ja, ja� und �genau, du hast wohl recht� gesagt. Ich m�chte nicht wie meine Mutter werden. Und nicht wie Maja, nicht wie Dad, nicht wie Thorsten. Er gibt mir so viele Tabletten und Alkohol, damit ich ihm seinen eigenen Konsum nicht vorwerfen kann. Macht mich s�chtig, damit seine Sucht nicht einsam ist. Ich will nicht wie meine Mutter werden. Ich bin leider schon so. Dieses Sich-nicht-Eingestehen, dasz etwas total falsch l�uft, dasz etwas von Grund auf neu �berdacht und umgeworfen und anders gemacht werden m�szte � das ist uns allen gemein. Anstelle dessen: die ewige Bet�ubung. Und das Fl�chten von einer Beziehungs-Simulation in die n�chste. Anstatt, dasz jeder sich selbst ins Gesicht schaut und zu erkennen versucht, was da grunds�tzlich falsch l�uft, versucht man jeden krummen Augenblick noch weiter umzubiegen, in eine taube, ins Hysterische neigende Fr�hlichkeit hinein, im Morgenmantel, mit dem Cocktailschwenker in der Hand. Ich halte das, sie und vor allem <emphasis>mich</emphasis>: nicht mehr aus. Das Wort, das ich am meisten hasze, ist das Wort �eigentlich�. Es ist so �berpr�sent in meinem Leben. Was heiszt �eigentlich�? Beschreibe das Wort �eigentlich�, ohne es zu benutzen. Alles ist uninteressant. Das Treffen mit Leuten, die Leute selbst, die Gespr�che. Ich habe den Leuten nichts zu erz�hlen, sie mir nicht; ich ziehe mir immer die Scheisze aus der Nase, damit die Illusion eines Gespr�ches erweckt wird. Weiterhin ist uninteressant: Das Essen. Das Trinken. Das Autofahren, das Spazierengehen. Das Fernsehen! Irgendwelches Herumlesen in jahrzehnte-, gar jahrhundertealten Romanen, alles die letzte Scheisze, hat mir alles nix zu sagen. Sprachenlernen. Talkshowzapping. Masturbieren. Nichts ist interessant. Die Sonne nicht, der graue Himmel, das seichte Gew�lk, Kumulus, Zirrus, Quelle und Schaf und Zahl, wasweiszich, nixweiszich. Die Nacht, der Tag. U-Bahn-Fahrt, Supermarktgang, Telefonzellenphlegma. Spiele spielen. Liebe machen. Worte sagen. Die Nachrichten, die Kriege, der Frieden. Die <emphasis>Zusammenh�nge</emphasis>. Die Suche nach den �Thrills�. Das G�hnen. Die Uhr. Die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Das Amt des Pr�sidenten. Amerika. Die Medien und irgendeine Medienkritik. Sonnenunterg�nge. Zeltlager. Luftschutzbunker. Partykeller. Die Partys und die Partypartys. Die Partypolitik. Frauen und M�nner, Homos und Heten. Ekel, Wahn, Staat und K�rper. Ekel ist langweilig, Wahn �det an. Staat stirbt innen. K�rper west auszen. Ich sein, sein, etwas sein. Alles nichts! Im Prater bl�hn wieder die B�ume. Und am Alex werden sie bald wieder Beachball spielen. <strong>Sonntag, 14.35�Uhr</strong> Ich h�tte nicht �bel Lust, mich zu schneiden. Aber diesmal kein Pipifax und Kinderquatsch mit Michael mehr, sondern richtig: nicht nur die Wunde auffrischen, sondern den ganzen Arm versehren, oder die Beine. Es gibt eine History der Selbstverst�mmelung. Meine Geschichte fing in der Schule an, genauer bei einem V�lkerballturnier in der siebten Klasse. Ich war verliebt in einen Typen aus der 7b, der verhaszten Parallelklasse, Roderich hiesz er, war sch�chtern, sehr h�bsch und angeblich klug � das Gegenst�ck zu mir! Wie viele Nachmittage habe ich an ihn gedacht. In der Schule aber habe ich ihn keines Blickes gew�rdigt. Erstens war er ein Junge, zweitens aus der b. Am Nachmittag des V�lkerballturniers nun schnitt ich mir mit Majas Schweizer Taschenmesser (sie war damals Pfadfinderin und hatte es bei einem Wochenendbesuch dabei, um anzugeben, dann vergessen) in die Beine. Auf dem Wohnzimmersofa sasz ich, keiner war zu Hause, das kalte Leder wurde unter meiner Hitze warm. Feine Schnitte setzte ich, ganz kleine, kaum schmerzende; aber beide Beine, vor allem die Waden, waren schnell davon �bers�t. Nur im Augenblick des Einschnitts tat es weh; und ich war stolz auf diese kleinen Schmerzen, widmete sie Roderich, voller Teenagerliebe. Ich wollte wohl irgendwie auf mich aufmerksam machen, ohne ihn direkt anzusprechen. Neonschweiszb�nder oder sprieszende Brustknospen hatte ich nicht � so erschien es mir ganz nat�rlich, mich auf diese Weise interessant zu machen. Jedenfalls glaube ich, dasz das die Beweggr�nde waren. Leider hat mich beim V�lkerballturnier dann kein Mensch auf die Wunden angesprochen, und Roderich hat mich nur so unterschiedslos angeschaut wie alle anderen. Kreischende Kinder sind in Wellen immer von der einen Spielfeldseite auf die andere geschwappt. Ich bin ziemlich fr�h ausgeschieden und konnte mich bis zum Ende des ersten Spiels nicht wieder freiwerfen. Nach dem Spiel bin ich zum Wielp�tz gegangen und habe mich entschuldigt, mir sei nicht so gut, ich m�sse nach Hause. Ich hatte keine Lust mehr auf die Albernheiten. <strong>Sonntag, 15.10�Uhr</strong> Eine leere Auster gehe ich, Blumen treffen mein Auge. Kr�hen kamen, kopflos die Leiche. Geister schluchzen auf dem Plan, ob ich hinh�r oder nicht. <strong>Sonntag, 15.33�Uhr</strong> Maja und Dad sind gekommen. Sie reagieren genauso komisch auf mich wie meine Mutter. Sie scheinen mich hinter meinem R�cken zu <emphasis>beobachten</emphasis>. Wie lange schon? Irgendetwas musz gestern passiert sein. Normal verhalten die sich nicht. Ich kann mich noch immer nicht erinnern. Meine Hand zittert. Das macht mir gerade Angst. Ich habe sonst niemals Filmrisse. Ich kann mich sonst immer an alles erinnern, was ich dann nicht als angenehmes Schicksal empfinde. Aber so will ich�s jetzt auch nicht haben. Vielleicht soll ich diesen Typen anrufen, den Taxifahrer? Er ist die letzte Erinnerung, die ich habe. Dann bin ich hier in meinem Bett aufgewacht. Ich weisz nicht mal mehr genau, wie er aussah. Neben mir auf dem Bett liegt der blasse Kassenbon mit seiner Nummer hintendrauf. Ziemlich kindliche Schrift, halb Schreib-, halb Blockschrift. Ich kann mich nur noch an das Gef�hl erinnern, wie wir miteinander gesprochen haben. Das war ganz sch�n. Und der Sex war auch nicht so schlimm. Ich habe etwas gef�hlt. Ich hatte keinen Orgasmus, aber <emphasis>ich habe etwas gef�hlt.</emphasis> Du? Thorsten? Du warst doch auch auf der Party, oder? Hast Du vielleicht gemerkt, dasz ich mit einem anderen rumgemacht habe? Hat es Dir vielleicht wehgetan? Hattest Du vielleicht ein kleines Stechen im Herz? <strong>Sonntag, 16.43�Uhr</strong> Es sei inkonsequent, sich selbst zu schneiden, Selbstverst�mmelung sei inkonsequent. Entweder man bringe sich gleich um oder man lasse es. Was das solle. Diese Umwege. Wof�r die gut seien. Dad hat mit mir geredet. Er hat nichts von den Sachen gesagt, die ich gerade gesagt habe, aber er hat gesagt, dasz ich heute Morgen total vollgekotzt nach Hause gekommen sei und gezittert und gewimmert h�tte. Maja sei da gewesen und habe sich um mich gek�mmert. Daran erinnere ich mich jetzt. Vorher musz ich Anton angefallen haben, ich sei auf Majas und Antons Bett (das G�stebett) gesprungen und h�tte auf Anton eingeschlagen und versucht, ihm die Augen auszukratzen, mit meinen Fingern, die schon blutig waren. Meine Finger seien schon blutig gewesen, bevor ich mich auf Anton gest�rzt h�tte. Ich weisz, dasz da irgendein Horror mit mir abging. Ich wage es kaum zu denken, aber ich glaube, ich habe Heroin genommen. Aber da sind keine Einstiche in meinen Armen. Was soll das, ich bin keine Nico, keine Sixties-Drug-Queen, Heroin ist nicht meine Welt, noch nicht, noch nicht. Ich konnte kaum reden, merkte, dasz mein Sprechen sich sehr wirr und verdattert anh�rt. Ich muszte die Silben einzeln zusammenkleben, und ein schiefes Flickwerk kam dabei heraus. Ich verhaspelte mich pausenlos, wenn auch im Schneckentempo. Krank. Mein Dad war sichtlich besorgt. Mit jedem seiner Worte wurden immer gr�szere Erinnerungsfetzen herangeschwemmt, wie Treibgut. Ihr naht euch wieder, krankende Gewalten � <strong>Sonntag, 17.51�Uhr</strong> Elfe: Wo warst du denn pl�tzlich? Ich: Wieso pl�tzlich? Habe ich mich denn nicht verabschiedet? Elfe: Nein! Bist du mit diesem Typen abgehauen, mit dem du dich vorher die ganze Zeit unterhalten hast, oder was? <emphasis>Sehr</emphasis> verd�chtig. Naa? Ist was gelaufen��? Bahnt sich da was an��? Ich: Och der, n�, der hat mich nur nach Hause gebracht. Elfe: Jaa? Und weiter? Ich: Nichts weiter. Und <emphasis>du</emphasis> muszt reden. Du hast doch pl�tzlich diesen Jonathan ganz wild abgeknutscht�� Elfe: Kein weiteres Wort dar�ber. Lachen. Elfe: Aber warum bist du denn so schnell �? Ich: Mir ging�s pl�tzlich nicht so gut. Elfe: Ja. Kein Wunder. Wie geht es dir denn? Ich hatte heute ziemliches Nervenflattern. Du? Ich: Ich auch. Wart mal, da ist noch jemand in der Leitung. Bleibst du dran? Elfe: Ja. Ich: Scheiszanklopffunktion. Oder, ich rufe dich besser sp�ter zur�ck, ja? Ich muss gleich essen, mit der Family. Elfe: Okay. Ich: Ja. Bis gleich. Und dr�cke sie weg und lasse mich zur�cksinken. Ich tupfe mir den Schweisz von der Stirn. Kalter Schweisz nat�rlich, was sonst. Was denkt denn ihr. <strong>Sonntag, 19.10�Uhr</strong> Das Essen war so scheisze. Sie wollen mich jetzt zum Psychiater schleppen, ins Krankenhaus gar. Sie stellen selbst Fragen, Psychiaterfragen <emphasis>light</emphasis>. Sie wollen wissen, was passiert ist. Nichts ist passiert, sage ich und denke, das ist ja die Scheisze, dasz nichts wirklich passiert, auszerhalb des kleinen Schlachtfelds zwischen meinem K�rper und mir, meinem K�rper und mir, aber das kann ich ja keinem erz�hlen��</p></section><section><title><p><strong>SECHSTER TEIL FILME ALLER FERTIGKEITEN</strong></p></title><epigraph><p>Left Lancelot</p><p>Out of the picture credit</p><text-author>� And You Will Know Us By The Trail Of Dead</text-author></epigraph><p>Sich alte Diktierger�t-Tapes anzuh�ren hat etwas von Palimpsest-Forschung. Alle Aufnahmen tummeln sich zusammengedr�ngt auf einer Kassette, lappen �bereinander und schneiden sich gegenseitig das Wort ab; Disparatestes steht unverbunden nebeneinander, verschiedenste Themen kreuzen sich und ergeben komische bis unheimliche Kombinationen; die Zeit titscht hektisch durch ihre eigene Kugelform und wird seekrank dabei. Man findet nie, was man sucht, hat keinen Hinweis darauf, wo es sich verstecken k�nnte oder wie viele Schichten schon dar�berliegen.</p><p>Dazu gibt es Unterschiede im Tempo. Manches ist in <emphasis>High Speed</emphasis>, manches mit normaler Geschwindigkeit aufgenommen, und teils mit verschieden kr�ftigen Batterien, sodass nichts mehr synchron und alles verzerrt ist. Der Rest eines Zeitungsinterviews etwa l�sst zwei m�de Monster einen bis zur Unverst�ndlichkeit z�hen Dialog �ber Margen, Marken und Management f�hren, es h�rt sich mehr nach einer Mischung aus Schnarchen und R�lpsen als nach Sprechen an; und kurz bevor die Monster vollends wegnicken, schneidet ihnen unvermittelt eine hysterische Mickymaus das Wort ab, atmet wie bl�d und wirft im Sekundentakt mit depressiv-sinnlosen Halbs�tzen um sich (�das Krasse � macht keinen Unterschied mehr � kann nicht tot � ist kaputt � Tickertod�), bis sie nach einer Menge kr�nklich hingehechelter Reflexionen von einem jungen Mann unterbrochen wird, der in fast normaler Geschwindigkeit �ber sein Leben zu sprechen beginnt, nein, er spricht schon l�nger, er hat schon l�nger dar�ber gesprochen, wir waren nur noch nicht dabei.</p><p>�Diese Reise � wieso Reise?�� wann begann sie? Wichtiger noch: Ist sie �berhaupt vorbei? Teilt sie sich auf in Stationen, in Abk�rzungen und Umwege?� Klick. �Manche bezweifeln die schiere Existenz von Umwegen. Jeder Weg habe seine Berechtigung.�</p><p>Klick.</p><p>Klick. �Wie also wird einer verr�ckt? Wo kommt er her, der Wahn, der jeden treffen kann? Ist es wahr, dass ein Schizophrener sich f�hlt wie <emphasis>gespalten</emphasis>? Wie hoch werfen die Wellen der Zyklothymie den Zyklothymen? Und wie tief f�llt er, in welchen Abst�nden? Wenn du mir diese Fragen stellst (und ich habe gen�gend Grund anzunehmen, <emphasis>dass</emphasis> du sie mir stellst, mein Freund), machst du das wohl, weil du glaubst, ich sei Experte in diesen Sachen. Und in gewisser Weise hast du ja auch recht. Aber du musst auch wissen: Viele Dinge wei� ich gar nicht mehr. Ich habe sie vergessen. Ganz normal vergessen, rede ich mir ein. Ganz schlicht.� Klick.</p><p>�Ich muss schon tief hinuntersteigen, um in meinem Bewusstsein nach Gr�nden und Ursachen zu fischen, die eine entsprechende Disposition h�tten bedingen k�nnen, und um pr�zise Situationen zu benennen, die dieser Disposition auch ein konkretes Bild, eine Art <emphasis>Prolepse</emphasis> nachlieferten, erste Ausbr�che einer fehlgeleiteten Aggression etwa oder auch Zust�nde der gr��ten Entfremdung � Entfremdung vor sich selber oder vor den anderen, was (auch hier k�nnte eine Analyse ansetzen) keinen gro�en Unterschied macht. Aber ist es das, wonach du fragst?�</p><p>Klick. �In diesem Fall k�nntest du auch gleich zu einem Arzt gehen oder einige der einschl�gigen Sachb�cher lesen. Mal sehen, wie schlau du <emphasis>danach</emphasis> bist. Mal sehen, ob <emphasis>Fallstudien</emphasis> dir weiterhelfen. Fallstudien sind wie Protokolle von Zirkusauftritten gesichtsloser Artisten, mit genau derselben (unm�glichen und unn�tigen) Schreibhaltung, aus genau derselben Perspektive des wohlgeneigten Zuschauers (das bist du) und des Vermittlers (das ist der Arzt), der das Charakteristische der Situation (das war ich) au�en vor lassen muss, weil es sich nicht einfangen l�sst, jedenfalls nicht als eine Abfolge von Ereignissen im Ursache-Wirkungs-Schema, die aufgenommen und kategorisiert werden will wie eine bestimmte Kollisionsreihe beim Billard oder eine Partie Schach. Fallstudien werden dich nicht jenseits der Grenze f�hren, auf deren hiesiger Seite du nur <emphasis>staunst</emphasis> und <emphasis>gaffst</emphasis> wie ein Zoobesucher vor dem Zaun, jenseits derer du aber wirklich beginnst, <emphasis>mit dem Tier zu k�mpfen</emphasis>���</p><p>Klick. �Zumal die Medizin mehr tastet als feststellt, mehr vermutet als begreift. Mir wurden nach monatelangem Aufenthalt in der geschlossenen Abteilung der Charit� zum Abschied lediglich zwei fotokopierte Medizinbuchseiten mitgegeben, begleitet von der hingenuschelten Bemerkung, ich h�tte so etwas wie eine Kreuzung oder Mischung dieser beiden Krankheitsbilder gehabt, <emphasis>Zyklothymie</emphasis> und <emphasis>Schizophrenie</emphasis>, und das war dann das. Stoffwechsel. Neuronen. Botenstoffe. Klick.�</p><p>Klick.</p><p>Klick. �Ich werde einmal eine �sthetik des Fehlers schreiben. Nicht des H�sslichen, nicht des Ekligen, nicht des Trashs oder der Wunde. Nein, des Fehlers. Ja. In seiner leichten oder schweren Abweichung, in seiner negativen Abgegrenztheit, an der sich das Verfehlte, nicht Erreichte genau ablesen l�sst, ob als leise Utopie oder als faktischer Terror, aus dem man sich in den Fehler als letzte Zuflucht gefl�chtet hat. Klick. Seine vielf�ltigen Formen will ich beschreiben, Nomenklatur: den schleichenden, den sofortigen, den produktiven, den inhaltlichen, den formalen, den t�dlichen Fehler; den allem zugrunde liegenden Fehler, den Lebensfehler, das Fehlerfenster, die Fehlerphantasie. Was f�r eine Freiheit der Fehler ausl�sen, welche Kraft er freisetzen kann, wo er neue Orte �ffnet. Und, nat�rlich auch, wie normal schrecklich der Fehler trotz allem ist, was f�r verheerende Folgen er zeitigt, Leben ruiniert. Und dann werde ich mir die Microsoftstrategie zu eigen und mit meinen zahlreichen Fehlern Kohle machen, indem ich den dysfunktionalen Roman schreibe. Und er wird �0�� hei�en. Ich freue mich so.�</p><p>Klick. �Skizze der Gr�nde: Im schwarzen Grund. Bier im Park, danach Koks auf der Eichel. Lachen als Abgrund: Ha ha ha.�</p><p>Klick. �Ihm war die Welt der Fiktion n�mlich wirklich zur Wahrheit geworden. Er wusste nicht mehr, was Metapher war, was konkret. Die Wirklichkeit oder die Fiktion? Dann war entweder alles eine Metapher, oder nichts eine Metapher. Und er, also ich, war jede Person und jedes Ding, egal ob real oder erfunden. Und Gott war ein Metaphernsturm, und Magnus dessen Bedeutung, seit soundsoviel Jahren.�</p><p>Klick. �W�hrend andere Verletzungen und Erkrankungen dem Ich erst einmal �u�erlich bleiben (sie es, das Ich, freilich �ber Umwege, �ber die gro�e Lebensattacke etwa angreifen k�nnen, oder auch durch die blo�e Verstopfung der Atemwege (manche sagen Schnupfen), die den Kopf ein bisschen rammd�sig macht, et cetera, et cetera), ist die eigene Person bei psychischen Krankheiten sofort betroffen und befallen, nein, sie ist das Zentrum der Krankheit. Das ist es, was es f�r die anderen so unheimlich macht. Es ist das Gegen�ber selbst, das erkrankt ist. Das ist unheimlich.� Klick. Klick.</p><p>Klick. �F�r einen selbst ist es nicht unheimlich, sondern absolut unbegreiflich, zun�chst. Die Krankheitseinsicht fehlt ja auch. Wenn der Erkrankte sp�ter dann erkennt, was ihm passiert ist, sind die Best�rzung, die Scham, die Schuld am gr��ten. Vor allem aber das Unverst�ndnis gegen�ber einem selbst. Die Frage, warum ich, warum so. Die Skepsis der anderen spiegelt noch die eigene Skepsis gegen sich selbst. Man versteht, warum die so gucken.� Klick.</p><p>�In Abwandlung eines Brechtwortes: In mir habe ich einen, auf den kann ich nicht bauen.� Klick.</p><p>Klick. Klick. Klick. �Ja. Ich habe Dinge vergessen oder verdr�ngt. Sie sind bestimmt noch da, aber nicht abrufbar. Andere wissen diese Dinge wahrscheinlich f�r mich. Manchmal sehe ich den anderen an, dass sie diese Dinge f�r mich wissen. Klick. <emphasis>Manchmal</emphasis> wissen sie sie f�r mich. Meistens <emphasis>gegen</emphasis> mich. Klick.� Klick.</p><p>�Oft rede ich mir ein, ich h�tte sie auf die harmlose und beil�ufige Art vergessen, mit der ich auch anderes vergessen habe. Normale Dinge. Einen Sturz von der Schaukel, eine rabenschwarze Unterrichtsstunde, einen Karnevalskuss, einen schweren Abschied, auch Sex. Sex, der erst im Nachhinein, mit den Jahren, wegdriftete, unauffindbar und namenlos wurde.� Klick.</p><p>Klick. �In Wahrheit habe ich sie, sagen wir, selten vergessen.� Klick.</p><p>�Jemand kommt zu mir und erz�hlt mir etwas, etwas �ber mich. Was ich da und dort getan habe, wo er eine Spur fand, die auf mich zur�ckverweist, was er geh�rt habe und was gelesen, und ich sage: Ja? Das habe ich nicht mehr gewusst. Ich erinnere mich jetzt wieder an das, was du da erz�hlst, aber es war bis zu diesem Augenblick verschwunden. Dann �berzieht eine Mischung aus Angst und Mitleid sein Gesicht.�</p><p>Klick. Klick. �Das ist so wie mit den Dingen, die man im Rausch erlebt hat, erkl�re ich dann. Manche wei� man noch. Viele wei� man nicht mehr. An die meisten erinnert man sich wieder, wenn ein anderer sie neu erz�hlt oder ein bestimmtes Detail erw�hnt. Dann kommen die Bilder zur�ck, und die Ged�chtnisspur wird neu bespielt mit etwas, das sich schon auf ihr befunden hat, auf das der Zugriff nur versperrt und das im Begriff war, sich ganz auszul�schen.� Klick.</p><p>�Ich mag den Rausch, versteh mich nicht falsch. Ich mag ihn sogar mehr als alles andere. Er l�sst den Augenblick wuchern und l�scht ihn dann aus. Perfekte Prozedur. Ich gebe mich noch heute oft dem Rausch hin, wie einer Geliebten, deren K�sse ich genau dosieren kann, ohne dass sie dadurch ihre Attraktivit�t einb��te.� Klick.</p><p>�Und���</p><p>Klick.</p><p>�Aber���</p><p>Klick.</p><p>Klick. Klick. Klick. �Diese Dinge � �, klick. �Diese Dinge, die erst wieder als Witz auftauchen, wenn Bekannte beim Bier zusammensitzen. Gerade gestern wieder. Schr�ge Anekdoten, die nur schemenhaft erkennen lassen, woher sie kommen. Die, losgel�st vom Hintergrund, Extravaganz und Leichtigkeit ausstrahlen. Andere Dinge, die gleich danebenliegen, die sie <emphasis>einrahmen</emphasis>, werden nicht besprochen, weil sie peinlich sind, weil man sich vor ihnen erschrickt. Doch sie schwingen mit, und ich erschrecke, obwohl es doch ein Witz ist, ein Witz, ein Witz, nichts weiter.� Klick. Klick.</p><p>Klick. �Ist es dir auch aufgefallen, hier in Berlin, in Berlin und anderswo? Ich kann sie gar nicht mehr z�hlen, die Irren. Ich kann sie nicht mehr sehen. Mir als Betroffenem sind sie nah und doch am fernsten. Wenn sich einer mit der Handkante wutentbrannt gegen die gl�nzende Stirn schl�gt, etwa. Wenn sie in den U-Bahnen die Fenster beschimpfen. Wie sie dem Stra�enl�rm lauschen und dazu tanzen oder boxen oder weinen.�</p><p>Klick. �Nur, was mir damals passierte, das war kein Rausch. Und dennoch lie� es die Augenblicke wuchern wie wild. Und l�schte sie gleichzeitig aus. Und beides mit gro�em Get�se. Und ich war ja auch wie betrunken, monatelang.� Klick. Klick. �Und die Gedanken wucherten in meinem Kopf. Und fast h�tten meine Gedanken mich schlie�lich selber ausgel�scht.� Klick. �Aber vorher l�schten sie die Welt aus, so wie ich sie kannte.�</p><p>Klick.</p><p>�Und das ging so.�</p><p>Es war bereits August. Der Herbst stand vor der T�r. Davor, erneut, eine Sonnenfinsternis. Eine subkutane Hysterie hatte sich festgesetzt. Magnus bildete sich ein, diese Hysterie sei unter dem Teer der Stadt, fast schon mit den F��en, den Schritten wahrnehmbar; vielleicht aber war es auch nur sein eigenes Blut, das anfing zu k�cheln. Die Tage waren eingebettet (wie Schlammb�lle in leichtem Samt, oder wie ein magentafarbener Juwel in Erbrochenem, also das <emphasis>�tzen</emphasis> im <emphasis>Gl�nzen</emphasis> und umgekehrt) in ein hochelektrisch mit Bedeutung aufgeladenes Zeitgeflecht, unertr�glich gespannt. Jeder Verlust war ihm ein Gewinn, jeder Schmerz eine Erkenntnis. Nerv�se Tage triumphaler Leere, sinnvollen Herumirrens und fast schon wieder manischen Arbeitens am Drehbuch wussten noch nicht, ob sie es waren, die passierten, ob sie als Summe das Ereignis waren, das unverkennbar in der Luft lag, oder ob sie nur das noch ausstehende Ereignis, das dann mindestens ein heiliges sein w�rde, vorbereiteten: sich beispielsweise unbemerkt b�ndelten und auf einen einzelnen Zeitpunkt hin zuliefen, im Verj�ngungskanal mit dem ber�hmten Licht am Ende, das vielleicht, wie es der Witz sagt, nur der Scheinwerfer der entgegenkommenden Lokomotive w�re; wo dann aber alles, wirklich alles klar und deutlich vor einem st�nde, die ganze phantastische Wahrheit sich unaussprechlich zeigte, in einer bombastischen Implosion kurz vor dem Scheitelpunkt der bisherigen Laufbahn (<emphasis>ich muss doch eine Rakete sein und ein Geschoss, ich muss doch ein Glei�en sein und tausend Geschosse, die sich in alle Himmelsrichtungen verlieren</emphasis>), und er w�rde �berrollt oder erleuchtet, nichts dazwischen, entweder t�dlich �berrollt oder ganzheitlich erleuchtet, keine Grauzonen mehr, die Koordinaten w�ren fix.</p><p>Oder war es so, dass die Tage eine Spirale ergaben? Und wenn ja, drehte diese Spirale sich nach innen oder nach au�en, oder verpuffte zum End?</p><p>Erweckungserz�hlungen von Erf�llungsstunden in hitzigen B�chern hatten sein Hirn auf die Folter gespannt. Die Metaphern schossen durcheinander. War denn, was geschrieben stand, wahr? Gab es diese Momente best�rzender Klarheit, pl�tzliche Blitze und Wallungen, die das Vorhandene kurzzeitig zersetzten, in der Halbwertszeit zwischen Blick und Blick?</p><p>In den Jahren nach dem Abitur hatte Magnus eine seltsame F�higkeit entwickelt, ohne sich dar�ber bewusst zu werden: Er nahm Metaphern f�r den Bruchteil einer Sekunde w�rtlich und transformierte sie in ein aufblitzendes Bild vor seinem geistigen Auge. Beschrieben die figurativen Ausdr�cke dabei k�rperliche Schmerzen, so sp�rte Magnus kurz tats�chlich auch das Besagte: einen <emphasis>Stich im Herz</emphasis>, einen <emphasis>Schlag ins Gesicht</emphasis>, ein <emphasis>Brennen unter den N�geln</emphasis>. Die Redewendungen hatten zusehends ihr Metaphorisches verloren, und der Schmerz in den Worten wurde aktuell. Illusionen sicherlich, halluzinatorische Momente, Unwahres � aber ist das Bewusstsein eines Schmerzes von diesem Schmerz selbst zu trennen? Ist nicht auch ein Phantomschmerz ein echter Schmerz? Magnus litt an den Metaphern, ohne es zu bemerken.</p><p>Er ging aufmerksam herum und soff, Bier vor allem, manchmal Wein. Er wusste, das macht Sinn, hier wird jetzt Sinn zutage gef�rdert. Er sah es in allen Gesichtern, an allen Obstst�nden, allen Plattenl�den, in jedem Supermarkt. Die D�ner-Messer wurden mit sonderlicher Hingabe und H�rte gewetzt. �ber Kreuzberg lag eine s�uerliche Dunstglocke aus Menstruationsgeruch. Verschwenderisch flutete die alte Sonne die Oranienstra�e und weichte hartn�ckig und z�h, mit letzter Kraft, den schon br�chigen Teer auf, auf dem sie alle gingen. Und er ging mit, kaum noch festen Boden unter den F��en.</p><p>Es war August, und Ameisen flogen durch die Luft. Was suchten die Ameisen in der Luft? Hektische Partikel am Rande seiner Wahrnehmung, geboren nur, um ihn zu verwirren? Welcher falsche Spin in welchem fernen Gen hatte ihnen ihre Fl�gel verliehen, zu Tausenden? Wenn die Ameisen keine feinen, kurzlebigen Linien durch die stehende Luft zogen, hastig ihre fl�chtigen Spuren einkratzten (und wenn man diese Spuren fixieren w�rde, erg�ben sie ein feinmaschiges chaotisches Netz, dessen versteckte Botschaft Magnus �ngstigte), klebten sie halbtot an den W�nden oder krabbelten apathisch �ber das Parkett. Oder l�sten verhaltene Panik aus, indem sie ihm todestrunken in den verschwitzten Kragen fielen und sich gr��er anf�hlten, als sie waren, Panik, die nicht weiter auffiel, da die Gesten der gesamten Stadt fahrig wie im Schock waren.</p><p>Das bisherige Jahr war reich und leer gewesen. Magnus hatte gearbeitet wie nie; er hatte im letzten Herbst einen neuen Job angenommen, als Industriejournalist bei einem Mineral�lkonzern; das bedeutete mehr Geld, also mehr Freiheit, aber auch weniger Zeit, also auch weniger Freiheit. Und es bedeutete eine noch gr��ere Distanz zu seinen urspr�nglichen Pl�nen. Zudem entsprach die Stelle nun gar nicht seinen Moralma�st�ben von sich selbst � nur, welcher Art waren diese noch einmal gewesen? Was nicht verschwamm, wurde verdr�ngt. Von irgendetwas musste schlie�lich jeder leben.</p><p>Er war noch tiefer in die Nacht ausgegangen, immer tiefer, immer selbstverlorener, und hatte Musik geh�rt, stundenlang. Die neue, laute Musik aus der nikotinvergilbten Stereoanlage seiner Jugend haute ihn um, immer dieselben Lieder, immer lauter, jedes Mal. Ein jeder Club, in den er tatendurstig t�nzelte, lie� ihn leer begl�ckt und h�chst zufrieden wieder hinauswanken. Der Alkohol und die gelegentlichen Joints sch�rften seine Wahrnehmung. Die Welt und die Worte hatten dann eine besondere Patina; die Musik dr�hnte und <emphasis>flashte</emphasis> dreimal so intensiv wie im n�chternen Zustand.</p><p>Ab einem bestimmten Punkt jedoch, der je nach Gem�tslage und K�rperzustand nach dem soundsovielten Bier �berschritten war, fiel diese narkotische Sensibilisierung pl�tzlich in sich zusammen, und die Wahrnehmung zog sich auf sich zur�ck, die Perzeptoren machten zu, Ladenschluss. Dann wurde eben getanzt bis zum Umfallen, fast egal, zu welcher Musik, denn Tanzen war f�r Magnus die letzte (und vielleicht ohnehin die einzige) M�glichkeit, kommunikabel zu bleiben.</p><p>Morgens hatte er oft, andere nennen es <emphasis>Hangover</emphasis>, den Geschmack von Katharsis auf der Zunge. Wie nach einem <emphasis>Reboot</emphasis> trauten sich seine Augen wieder in die Welt zur�ck, erst blinzelnd verklebt, dann schon kalt gewaschen und bereit zur n�chsten Flut. Jeder Rausch konnte ein Neuanfang sein. Und jeder Tag fing immer von vorne an, bei null, eine Wohltat.</p><p>Was auch half und die Sinne sch�rfte: Schlafentzug. T�glich h�chstens vier Stunden hatte Magnus sich verordnet und diesen Plan bis zum August durchgehalten. Denn die Depression lauerte in jeder freien Minute. Das war familienbedingt und sp�rbar. Und Schlafentzug half dagegen, besser als jede Lichttherapie.</p><p>Im August aber war etwas anderes passiert: Die freien Minuten nahmen �berhand. Magnus hatte n�mlich frei, �Sommerloch�, so nannten sie das, und er wusste nichts mit dieser Freiheit anzufangen. Er wollte diesen Urlaub nicht, aber der Urlaub musste irgendwohin; der Urlaub war eigentlich eine sommerliche Arbeitslosigkeit. Magnus begann, so schien es, den eingesparten Schlaf des ganzen Jahres nachzuholen, um die freien Minuten totzuschlagen, unf�hlbar zu machen.</p><p>Irgendwann aber, nach etwa einer Woche, war er nicht mehr m�de. Dann wurden die freien Minuten langsam zur Plage. Was dagegen half: das Internet.</p><p>Min�tlich befinden sich Millionen von Menschen in den Datenr�umen des Netzes, schaffen sich dort neue Identit�ten und Namen, existieren als Zeichenhaufen und B�ndel von Selbstzuschreibungen, transformieren sich in reinste Semiotik. Das Netz ist das Forum depersonalisierter Fragmente und fragmentierter <emphasis>personae,</emphasis> k�rperlos, geschichtslos, und alles kann im n�chsten Moment umschlagen in etwas anderes.</p><p>Magnus ging bereits seit Mitte der Neunziger als zumeist stiller Teilnehmer in diese Parallelwelt der Zeichen und Bilder, besuchte offizielle Firmenseiten und abgelegene Chatforen, durchforstete Newsgroups, Musikarchive, blieb an Freakshows und Pornoseiten kleben. Es war eine synchrone, asymmetrische Bibliothek von Babel, die st�ndig wuchs hinter seinem Monitor, sich vernetzte und wucherte wie das Hirn eines lernenden Kleinkinds, und die M�glichkeit, etwas �berraschendes, Neues zu finden hinter all dem Halbwissen und Kommerz, �bte einen seltsamen Sog auf ihn aus. Es zog ihn immer wieder zur�ck.</p><p>In jenem August, der ihn schlie�lich den Kopf kosten sollte, war villacam.org sein gro�er Favorit. Villa G. war eine junge, punkig angehauchte Ern�hrungsberaterin aus T�bingen, die ihren Alltag schon seit Jahren nahezu ungefiltert ins Web stellte und sich beim Sp�len, Schlafen, Fernsehen filmen lie�. Jedes ihrer drei Zimmer war mit zwei Kameras ausgestattet; es gab nur einen Winkel im Flur, den die Kameras nicht erreichten. Eine mehr als ansehnliche Villa-Fangemeinde hatte sich �ber die Jahre formiert und tauschte sich eifrig im G�stebuch oder in den angegliederten Chatrooms aus; Unmengen von m�nnlichen Teilnehmern hatten sich anscheinend schon in Villa verliebt und wieder entliebt und wieder verliebt und posteten l�cherlich entflammte Liebesgedichte oder eben arg entt�uschte Schm�hungen ins G�stebuch, welche Magnus zugleich auflachen und verkrampfen lie�en � erinnerten sie ihn doch an seinen Brief an Jonna (mit der er seit Monaten nicht mehr gesprochen hatte). Villa klinkte sich bisweilen selber in die Diskussion ein und gab Kommentare ab, die zwischen bestechendem Charme und befremdlicher Naivit�t gar m�dchenhaft schillerten. Magnus wusste nicht, ob diese Naivit�t Masche oder echt war, oder ob die Masche nun das neue Echte war, oder wie genau die Dinge tats�chlich lagen � aber es hielt ihn bei Laune.</p><p>Villa begleitete ihn, so wie er Villa begleitete. Den ganzen Tag �ber hatte er sie im Kopf, ihre zerbrechliche, fast hagere Statur, ihre kr�nkliche Bleichheit, ihr Lippenpiercing. Schloss er die Augen, blitzte ein Spiegelreflex ihres Vogelgesichts unter seinem Lid auf. Beim Texten, ob am Drehbuch oder an den Online-Updates stocktrockener Schmierstoff-News, holte er sich st�ndlich ein Villa-Update und schaute nach, was sie gerade so trieb. Wenn es ihm gefiel, fror er das Bild ein und versteckte es unter den aktuellen TOP-Artikel-Tabellen. Manchmal vertrieb er sich die Zeit, indem er das Bild perfektionierte, S�ttigungsgrad und K�rnung verfeinerte. Magnus ging mittags gleich nach dem Aufstehen ins Netz und blieb bis fr�habends nach dem Mittagsschlaf; sogar noch sp�t in der Nacht, nach dem Ausgehen, checkte er, ob auch sie noch wach war, oder ob auch er schlafen gehen konnte. Am n�chsten Tag wusste er dann oft gar nicht mehr, was er alles gesehen und gelesen und getippt hatte.</p><p>Jetzt, w�hrend der freien Tage im August, wo die Hitze im Hinterhof flirrte und die freien Minuten sich nachmittags stauten, war er ununterbrochen im Netz, w�hrend im Hintergrund dazu der Fernseher lief; er verdunkelte sein Zimmer, verh�ngte die Fenster mit Bettlaken und tauchte hinein in das andere Universum. Abends dann, schon ersch�pft und v�llig verwirrt von wabernden Artikeln, sinnlosen Filmchen und blinkenden, sprechenden, musizierenden Werbebannern, zog es ihn wieder nach drau�en, in die Nacht, und er fand sich an der Theke wieder oder auf einer Tanzfl�che, und die tausend Infopartikel, die sich tags�ber in sein System geschleust hatten, klumpten nachts im Kopf zu einem gezackten, bewegten Batzen zusammen.</p><p>Es ist kein rapider Abstieg, eher ein langsames Wegsterben aller Ambitionen, allen Ehrgeizes, auch des pers�nlichen Stils; ein schrittweiser Abstieg in w�ssrige, immer blassere Regionen. Das Aufstehen schiebt sich immer weiter in den sp�ten Nachmittag hinein. Zwischen Woche und Wochenende gibt es kaum noch einen Unterschied. Gegessen wird wenn, dann aldi-dosen-italienisch, oder die Restkonserven vom abwesenden Mitbewohner. Die Tage sind so kurz, die N�chte noch viel k�rzer, daf�r intensiver. Erst wird dem Kopf mit Wein, Abendprogramm und Internet kr�ftig eingeheizt, dann wird blumig getr�umt, offenen Auges, bei abgestelltem Fernsehton. Irgendwann, sehr viel sp�ter, legt sich vielleicht der Schlaf dazu und wirft dem Traum seine Decke �ber. Wenn das nicht klappt, hei�t es: Schuhe an und Haare nass und raus in die Nacht, rein in die Bars. Manchmal, morgens nach dem Aufwachen, kann man sp�ren, wie das alte Leben in Streifen von einem abf�llt, die alten Rahmendaten des Alltags mehr und mehr verschwimmen, verschwinden. Wie unterirdisch irgendwo eine Drift entsteht, es dr�hnt in einem, als wenn kleine Kontinente sich aneinander aufreiben, wie es knackt und knirscht. Manchmal hat man einen Schwei�ausbruch.</p><p>Wie schnell das Verlernen geht, ist immer wieder �berraschend. Pl�tzlich geht nichts mehr. Die Hand zum Beispiel kennt deine Schrift nicht mehr. Ein Buch wird aufgeschlagen, angelesen, verwirrt wieder zugeschlagen. Der Supermarktgang geschieht in Trance, als Gespenst auf der Suche nach der Punica-Oase. Und wie das Absp�len laufen soll, ist ein R�tsel. Deine Mutter hat dich als Kind gelehrt, Wasser in die benutzten Gl�ser und Sch�sseln zu f�llen, damit die Speise- und Getr�nkereste nicht eintrocknen, ja. Sie hat dir jedoch nicht gesagt, ob man das Wasser aus den Beh�ltern sch�tten soll, und wenn ja, wann, und wie. Und was dann. Vielleicht hat sie es dir ja doch gesagt, aber du wei�t es nicht mehr. Du hast es einfach vergessen. Du willst es auch gar nicht wissen. Jetzt wirft das Wasser in den Sch�sseln Blasen und d�mpelt vor sich hin, wird langsam zu ekligem Fruchtwasser. Bald ist das Geschirr tr�chtig, br�tet eine gigantische Drosophila aus, die dich vernichten wird, indem sie sich auf dein Gesicht legt und dir das Leben heraussaugt. Und du schaust zu, hier, unt�tig und gel�hmt. Wartest auf eine Drosophila. Stell dir das mal vor. Zieh dir das mal rein.</p><p>Das Telefon l�utete, Jahre schienen vergangen. Magnus hob nicht ab. Durch abz�hlbare Sonnenstrahlen, die wie angelehnt an der Wand standen, wankte er in sein Zimmer und fragte sich, wo sein Schatten geblieben war. Es war immer noch August. Der Computer lief. Die L�ftung gab unaufh�rlich ein summendes Hintergrundger�usch von sich, die Sph�renmusik der B�ros. Magnus war noch in T-Shirt und Shorts, und seine Haare standen nach allen Seiten ab. Es war achtzehn Uhr abends, wie die digitalen Ziffern des Radioweckers rot meldeten. Er war zum Nachtmenschen mutiert.</p><p>Die Luft in der Wohnung war so trocken und staubig, dass die Zunge st�ndig belegt war und in den Hals zur�ckdr�ngte. Es schien zu rascheln, wenn man sich bewegte, wenn man nur atmete. Jegliche Feuchtigkeit wurde sofort von den rauen, unlackierten Dielen aufgesogen, auf denen Magnus ging wie auf etwas Giftigem, wie auf Asbest. Er nahm die Gatorade-Dose, die zwischen den zwei �berf�llten Aschenbechern und den abgenagten Pizzar�ndern stand, und trank den Rest, der noch drin war, in einem Zug. Er �ffnete das Fenster und atmete tief durch. Das half, obwohl die Luft hei� war und gebraucht vom Tag.</p><p>Dann setzte er sich an den Computer und besuchte Villa. Der Computer rackerte, surrte, tackerte knapp �ber der Wahrnehmungsgrenze. Magnus schloss die Augen.</p><p>Wieder l�utete das Telefon. Er sah Villa, wie sie telefonierte, im Morgenmantel, die Telefonschnur um den Finger gewickelt. Gleichzeitig �ffnete er im zweiten Fenster das G�stebuch und checkte im dritten Fenster seinen Kontostand. Ja, da war sein Lohn, da waren seine Ausgaben. Ja, seine Kreditlinie war angehoben worden. Genug Geld, um monatelang nichts zu machen, um weiter herumzuh�ngen, die Farbwechsel in der Luft zu registrieren und herauszufinden, was sich da zusammenzog wie ein dr�uendes Unwetter oder ein sterbendes Organ.</p><p>Im G�stebuch waren wieder nur Idioten unterwegs, imbezile Nerds und kranke Provinzler:</p><p><emphasis>�Villa, willst du mich mal in Reutlingen besuchen? Greetings, Arne�</emphasis></p><p><emphasis>�Villa, ich schaue im Fernsehen immer das, was du gerade schaust, und ich muss sagen, dein Geschmack ist ausgezeichnet! Muah, Silversurfer�</emphasis></p><p><emphasis>�BESTE! Honk21�</emphasis></p><p>Magnus postete, ohne genau zu wissen, warum, eine anonyme Schimpftirade (<emphasis>ihr Dumpfbacken, Schwallschwarten, Gro�spacken, Flachwichser</emphasis>) und fuhr den Computer dann in den Stand-by-Modus herunter.</p><p>Wieder das Telefon. Er legte sich aufs Bett und starrte aus dem Fenster. Die Tauben fickten gegen�ber. Lie�en keine Federn dabei. Rieben mit ihren vergr�tzten Fl�geln an der alten, abgebl�tterten Wand entlang, hockten in den Einschussl�chern aus dem Ersten Weltkrieg. Eine Taube dr�ckte einer anderen Taube ihre Kloake auf. Eine andere einer anderen. Eine halb abgerissene Regenrinne hing �ber ihnen. Die Tauben gaben keinen Ton von sich, oder Magnus h�rte nichts. Andere Tauben schliefen oder pickten in der eigenen Brust herum. Nickten. Magnus schaute da hin. Er war dergleichen gewohnt. Er kannte die Tauben. Sie kannten ihn.</p><p>Wieder das Telefon. Die Dinge riefen. Sie riefen Magnus. Das Telefon, die M�bel, die W�nde, die Luft. Magnus, komm zur�ck, riefen sie. Tu es nicht. Bleib unter uns.</p><p>�Ach?�, sagte Magnus. �Die Dinge rufen? Ich h�re sie nicht. K�nnten die Dinge eventuell etwas lauter reden? Ich w�re ihnen sehr verbunden.�</p><p>Es war irgendwann in einer weiteren Nacht. Er bezahlte den Eintritt, stieg die Graffititreppe hinunter und betrat den Kesselraum der Katakomben. N�sse schlug ihm entgegen, und Beats, Arme, Blicke, mitten ins Gesicht. D�stere Punk-is-dead-Punks zogen an ihm vorbei, monds�chtige Studenten, verfilzte Grazien. Nachtleute, Tanzleute, alles in der eher schwarzen, versifften Version, umgeben von dunkler Schw�le. Magnus f�hlte sich wohl. Im Kesselraum legte eine DJane mit Nasenring, pechschwarzen Locken und porzellanenem Gesicht ihren stahlklaren, im Zick-Zack str�menden Drum�n�Bass auf. Magnus zackte kurz mit, dann ging er weiter in den n�chsten Raum.</p><p>Jubelschreie, Menschenansammlung, spastoides Gl�ck. Gerade war keine Band da, jetzt war eine Band da, woher kam die Band? Schon spielte sie los, pl�tzlich aus dem Nichts, eine Musik, die einem die Ohren absengen wollte. Der S�nger sang nicht, er kr�chzte. Er war ein kr�chzender Tropfen aus Schwei�. Er hatte ein Tamburin in der Hand, auf das er einpr�gelte. Oder pr�gelte er mit dem Tamburin auf seine Hand ein? Dabei kr�chzte er pausenlos ins Mikro und sch�ttelte seine stolze Matte. Manchmal peitschte er seine Matte gegen das Publikum, und H�nde griffen nach dem elektrisch knisternden Haar. Magnus wollte diese Matte auch ber�hren. Er tauchte ein in die Menge.</p><p>Dieser Russe war so w�tend, er hatte eine bodenlose Wut auf etwas, er schrie �da, da, da� und �njet, njet, njet�. Er fauchte die Menge an. Sie dankte es ihm mit obsz�nen Gesten und Jubelgeschrei.</p><p>Die B�hne bebte. Die Musik fetzte hart. Magnus versuchte, dem Russen mit den Z�hnen eine Str�hne aus der fettigen Matte herauszurei�en. Es gelang nicht.</p><p>Dann jubelte er dem Gitarristen zu. Der hielt sein Plektron ins Licht wie ein Priester die Oblate vor der Wandlung. Dann zeigte er der Menge seinen rechten Daumen. Am Daumen fehlte der Fingernagel. Dann zeigte er nochmal sein Plektron, mit aufgerissenen Augen und stummem Mund, der sich wie br�llend bewegte. Er hielt das Plektron ins nackte Nagelbett. Jetzt sah Magnus es, zugleich mit allen anderen. Das, was der Gitarrist da zeigte, war kein Plektron, es war sein Fingernagel. Der wahnsinnige Russe hatte sich den Fingernagel aus dem Daumenbett gerissen, um damit die Saiten zu r�hren. Die Menge johlte. Magnus auch.</p><p>Ein M�dchen zupfte Magnus am �rmel, er schlug ihre Hand weg wie eine Schmei�fliege. Der Gitarrist zeigte, wie sich so eine Tortur im Endeffekt anh�rt. Er hielt die Oblate aus Menschenhorn nochmals in die Luft. Sie gl�hte auf im Scheinwerferlicht. Dann wuchtete er sie in die Saiten. Die Gitarre donnerte los, w�rgte dann, r�hrte und �chzte. Das M�dchen war weg. Neben Magnus streckte eine Kleinw�chsige den kleinen und den Zeigefinger der B�hne entgegen und schrie spanische S�tze in den L�rm, die alle mit einem schrillen �Motherfuckerrr!!� endeten. Das war ihm sympathisch.</p><p>Der Drummer haute so heftig und aggressiv auf sein Schlagzeug ein, als ob seine arme Mutter drauf gefesselt w�re. So h�mmerte er los. Das gefiel Magnus. Als wollte er seine Mutter jetzt und hier und endlich in die ewigen Jagdgr�nde bef�rdern. Er jubelte ihm zu. Die Musik schmerzte in seinen Ohren wie eine heilende Entz�ndung. Er lie� sich hochheben, um �ber der Menge zu schweben, f�r einen kurzen Moment. Magnus schwebte, die H�nde trugen ihn, die Musik walkte ihn gut durch. Dann kam er irgendwo anders zum Stehen. Nichts war passiert, alles in Ordnung.</p><p>Das M�dchen war wieder da. Sie packte Magnus am Kragen, sch�ttelte ihn, rief ihm etwas ins Ohr.</p><p>Als er sah, wie gleich vor ihm ein Joint von Hand zu Hand ging, lie� er das M�dchen links liegen. Als Wanderauge starrte ihn der Joint an, sich ihm n�hernd. Jemand hielt ihn einfach hin. <emphasis>Dona Nobis Peace.</emphasis> Ja, gib ihn uns halt, deinen Frieden. Her damit. Sekunden sp�ter griff ihm der Cannabisrauch in die Lungen und bet�ubte die Kapillaren. Die Kiffer waren weg. Das M�dchen war weg. Die Band auch. Alle.</p><p>Am n�chsten Morgen war Ortsbesichtigung des Mustershops am Kaiserdamm. Magnus betrat ihn mit dem Sonnenbrand eines Aliens, hochrot und blass zugleich, im Kopf noch verschlafen. Die K�hlung des Shops war, nach der Sommerhitze, eine Wohltat. Heere von Dosen und PET-Flaschen summten tibetanisch in den K�hlregalen. Wo man hinsah, griff die Aura industrieller Perfektion und gelbstichiger Supermarktstrenge einen an. Und in den Fenstern hingen Imperative.</p><p>�Das ist er ja�, l�chelte Fran�oise. Sofort kam sich Magnus gemustert vor.</p><p>�Ja, Pardon, ich bin leicht zu sp�t.�</p><p>�Nicht schlimm�, zwinkerte Fran�oise ihm wohlwollend zu, und er f�hlte sich wieder angenommen. Er z�ckte Stift und Block. K�hnemund war auch da.</p><p>�Also?�, fragte K�hnemund leicht verunsichert und also aggressiv. �Legen wir los?�</p><p>�Gerne�, sagte Magnus und wischte sich seinerseits den Schwei� von der Stirn.</p><p>Zu Hause, sp�ter, fertig. Das Glas w�rde kalt sein, wusste Magnus, das Glas m�sste seine hei�en Lippen abl�schen. Seine Lippen schmeckten nach Kupfer. Er rieb seinen Schwanz. Sein Mund verzerrte sich. Irgendwann lag er zusammengekr�mmt vor dem Computer, der Kopf hing schlaff herab, im Genick lose eingeh�ngt, eine Hand st�tzte sich schwer gegen den Tisch, er w�rgte.</p><p>Okay, Villa. Ich lege los. Erwarte nicht zu viel; du wei�t wie wirr ich sein kann. Also, im Klassenzimmer sahst du mal so, mal so aus, und ich fand dich nicht immer h�bsch. Ich kann mich erinnern daran, als ich Schimanski nachmachte und Roger war nicht da, wir hatten Textiles Gestalten, so hie� das nun mal Villa das wei�t du doch noch, da brauchst du nicht zu lachen Villa lach nicht. Und ich habe Schimanski nachgemacht, wie der unter dem zuschwingenden Gittertor noch durchrobbte, mit einer Rolle zum Stehen kam und dann gleich weiterpr�gelte mit <emphasis>Ahs</emphasis> und <emphasis>Arghs</emphasis> und <emphasis>Huahs</emphasis>. Du hast sehr gelacht Villa. Pl�tzlich warst du fett.</p><p>Pl�tzlich warst du fett und standst vor einem abgelegenen Garagentor und wir waren zu dritt vor dir und du sagtest du habest schon mal nackedei mit einem Jungen im Bett gelegen. Wie? Nackedei! Ach <emphasis>so</emphasis>? Ich wusste das nicht gut einzuordnen. Und Karen war auch dabei aber sie wollte verhindern dass du dich uns nackt zeigst was in der Luft lag. Dann haben wir ausgez�hlt, sind zu keinem Ergebnis gekommen, aber du wolltest nicht dass Weingarten die Missgeburt dich nackt sah, du wolltest dass Roger und ich dich nackt sehen. Also hast du gesagt: Die beiden �ltesten von euch d�rfen was sehen. Aber ich war j�nger als du dachtest, und Weingarten war ein mieser kleiner Kerl, ich konnte mich nicht durchsetzen. Sp�ter habe ich aber doch noch um die Ecke gespinxt.</p><p>Das hast du glaub ich gemerkt. Du hocktest sehr verkrampft da deine Muskeln zitterten meine auch. Ich habe dich von der Seite gesehen du hocktest da wie ein Schwein, den Rock �ber den Knien, du hattest eine Stupsnase wie die fette Sau die du warst. Villa Villa ich habe dich gehasst daf�r und geliebt und mir wurde hei� vor schlechtem Gewissen. Heute bist du kein M�dchen mehr nein <emphasis>Mutter</emphasis> Villa und arbeitest im Kaufland, bei dem ich fr�her meine Comics zockte um dir die Gimmicks zu schenken und du hei�t auch gar nicht Villa Mensch Villa was ist aus dir geworden warst du immer so Villa.</p><p>Aber das sind nur Verwechslungen. Sagst du. Du nennst dich jetzt Villa und denkst die Dinge k�nnten auf diese Weise wieder in Ordnung kommen, einfach so. Aber je n�her ich komme desto unsch�rfer wirst du. Jetzt h�r mal <emphasis>zu</emphasis> Villa! ich habe niemals Sandkastenspiele getrieben aber ich habe dich mit einer Rute geschlagen und habe dich angerotzt ins Gesicht mit dem Speichel voller Salzstangensalz. Ich war das und ich war auch der dich entjungferte im Gras und du hast gewusst dass es wehtun und ein Drama sein w�rde und es hat wehgetan und es war ein Drama. Alles nach Plan Villa? Alles nach Plan. Du hast ja schon lange keine Z�pfe mehr an denen ich dich ziehen kann, du hast ein Becken bekommen breit wie ein Schiff und dir sind Br�ste gewachsen ohne dass ich dabei war. Als ich das zweite Mal mit dir schlief hatte ich eine solche Angst, Blumen trafen meine Augen, du sangst wohl wirklich, was Villa, du summtest ein Lied, und ich stie� zu und zu. Carbonara. <emphasis>E una Coca Cola</emphasis>! So ging ich und die Uhr schlug nichts.</p><p>Ist dieser sch�ne Pullover ein Erbst�ck Villa? Welches Shampoo nimmst du, noch immer Timotei? Guhl bestimmt nicht, <emphasis>head and shoulders</emphasis>? Wann hast du das letzte Mal geweint? Erinnerst du dich, unter den Br�cken? Villa geht es dir gut? Was sehen deine Knopfaugen? Ich habe dich brutal verletzt und du hast mich brutal verletzt und keiner wei� warum, wir vergruben die Gesichter in den H�nden, wir weinten. Sp�ter haben wir uns fast totgefickt du hast deine Z�hne so gefletscht Villa und ich sagte du musst auf dich <emphasis>aufpassen</emphasis>, Villa mein M�dchen, <emphasis>pass auf dich auf.</emphasis></p><p>Trinkst du noch so viel Villa? Nimmst du noch Heroin? Kokain? Kodein? Gar nichts? Hast du nie? Erz�hl mir nichts. L�sst du noch immer so viele M�nner an dich ran? Villa, echt. Pl�tzlich wusste ich, wer du warst. Und ich wusste, was ich wollte. Ich wollte nur mein properes Haus, meine M�dchen, meine Kinder und meine Frau. Ist das zu viel verlangt? Ich wollte meine eigene Begonienzucht. Ja, lach nur. Sag nur, das sei dir zu spie�ig. Lach nur lauthals und enthemmt, los Villa lach. Selber schuld wenn ich jetzt den Macker mache der dich benutzen will, wenn du gar nicht an mich <emphasis>herankommst</emphasis> wie du das nennst. <emphasis>Jaa</emphasis>, jetzt hab ich halt die Kohle bald und die Lackschuhe und den BMW, der kaum ein Ger�usch macht wenn die T�r sich schlie�t. Das beeindruckt dich doch Villa, beeindruckt dich das nicht, so darwinm��ig jetzt? Ich habe dich so oft in der Gosse gesehen warum musst du ausgerechnet in der Gosse so aufbl�hen, in aller Sch�nheit, bist du eine Sumpfdotterblume Villa? Ein Nachtschattengew�chs? Du lachst leise jetzt, ich mag es wenn du dir die Str�hne aus der Stirn streichst mach das nochmal, bitte.</p><p>Letztlich haben wir dann zusammen Drogen genommen und dann keine und es war unterm Strich kein gro�er Unterschied, das siehst du auch so, was Villa. Wir haben einander abgeschleppt im Zehnminutentakt, sauber ge�lt die Maschine, im Stampftakt, kein Problem. Wir sind die zerfallende Jugend gewesen, Villa. Jetzt sind wir der zerkl�ftete Abgrund, angeblich, ein sehr alter Abgrund, unterm Strich. Und ich kann nun nichts daf�r, dass du diese Schei�e gebaut hast, <emphasis>null</emphasis>, Villa. Die wollen mir jetzt was anh�ngen, die wollen mich verantwortlich machen, gerade stand wieder irgendwo irgendwas, das mich angreift und angeht und anspeit, dabei bin ich der Gute. Ich bin der Gute, und das wei�t du ganz genau l�g nicht Villa. Aber was steht da? Ich h�tte dir angeblich einen Drink verpasst weil ich dich so gewollt und ersehnt und begehrt h�tt und du h�ttest angeblich keinen Blick f�r mich �brig gehabt. Dann h�tt ich dich bet�ubt und ausgeknockt angeblich und im Wagen genommen und h�tt dir Geld in die L�cher gestopft aus lauter, lauter Liebe. Auch die gibt es noch Villa, die Liebe, ja tu nicht so �berrascht. Ich hab n�mlich eine Seele, schon mal was von geh�rt? Die steht jetzt am Internetpranger. Meine Seele. Im Netz am Pranger. Dank dir.</p><p>Schau mich nicht so an, du wei�t, dann werd ich schwach und seltsam, Villa. Ich wollte dich nicht kaufen, nie. Erinnerst du dich Villa? Ich war da an deinem achten Geburtstag ich war dein einziger Gast. Kann ich doch nichts f�r, wenn das Leben so viel Schei�e baut um einen rum und man mittendrin steckt und verkommt und all die Ans�tze ver�den und das Sehnen nur noch zieht wie eine l�stige Zerrung. Ich war, und ich hoffe wirklich dass du jetzt nicht lachst Villa, ich war bereit wirklich bereit f�r uns, und ich hatte mir schon eine Welt � aber du lachst ja. Nee, Villa lach bitte nicht. H�r auf, echt. H�r auf zu lachen. Und wenn du schon lachst, dann streich dir bitte die Str�hne aus der Stirn du wei�t schon, wie.</p><p>Villa? Villa?</p><p>Ach Villa jetzt habe ich diesen komischen Augenblick der N�chternheit danach, wenn man gekommen ist, alles schmeckt fad und dr�ge, und ich muss aufstehen und gehen. Vielleicht sehen wir uns ja bald einmal auf einer Party in einem Club in der Nacht irgendwo. Ich hoffe es sehr.</p><p>Erinnerst du dich noch an meinen Anruf von morgen Villa?</p><p>Du kommst auch auf die Party heut Nacht?</p><p>Bestimmt kommst du.</p><p>Villa ist ein sch�ner Name.</p><p>Villa? Villa?</p><p>Wenn Magnus sich, selten genug, noch unter die Leute mischte, kam er sich vor wie unsichtbar. Das war seine Utopie: unsichtbar zu sein. Manchmal sah er die Umwelt nur noch als Fl�che, die Menschen darin wie ausgeschnitten. Manchmal verwechselte er beliebige M�dchen mit Villa.</p><p>Magnus wurde immer m�der. Er lag da und sp�rte den Druck der Matratze in seinem R�cken, die Knitterfalten des harten Kissens im Genick. Er dachte, um nicht an Villa zu denken, �ber den Film nach, den er drehen w�rde: �Vanisher�, ein Roadmovie, die Geschichte von Leif und Dawn. Dawn spannt ihrer Schwester deren Freund Leif aus, der, was er ihr als erstem Menschen anvertraut, an Chorea Huntington leidet, einer seltenen Krankheit, die �hnlich der Alzheimer�schen Krankheit nach und nach s�mtliche Funktionen des menschlichen Geistes ausradiert, nur dass dieses Nervensterben auch junge Menschen bef�llt und der Ausl�schungsprozess viel rascher als bei Alzheimer abl�uft. Gemeinsam unternehmen sie dann Leifs letzte Reise, auf der Suche nach dem verlorenen Vater, <emphasis>wild at heart</emphasis> und <emphasis>weird on top,</emphasis> bevor Leif v�llig der Debilit�t anheimfallen w�rde. Eine rasante Tour de Force gegen die Ausbreitung des Nichts w�re das, dachte Magnus liegend, mit einer Menge Verfolger, und zig Leichen w�rden ihren Weg s�umen. Der Film beg�nne mit einer brennenden Stadt im Hintergrund und unseren beiden Helden davor, auf die Kamera zugehend, Hand in Hand, und Dawns Stimme w�rde als sehr nahes Voice-Over aus dem Off erklingen: �I stole my sister�s boyfriend. It was all whirlwind, heat, and flash. Within a week we killed my parents and hit the road.� Die beiden Gestalten w�rden an der Kamera vorbeigehen, dahinter wachsendes Dunkel, Rauch, davor die Credits. Die Hauptdarsteller, beides Schauspielstudenten der NYU, h�tten bereits zugesagt. In drei Jahren, wenn Magnus in New York w�re, w�rden in einem gottverlassenen Kaff in New Jersey die ersten Dreharbeiten beginnen. Und das Team w�rde dann durch ganz Amerika reisen und nach sch�nen Drehpl�tzen suchen.</p><p>Wobei Magnus es so halten wollen w�rde wie Jim Jarmusch, als er �Dead Man� drehte: Man sucht sich sch�ne Stellen und Ausblicke aus, wendet sich dann um 180�Grad und schie�t in diese Richtung die n�chste Szene. Diese Idee hatte Viola, eine von Magnussens neuen Freundinnen, sehr gefallen, als er sie ihr vor drei Tagen erz�hlt hatte. Er hatte sie vor einiger Zeit in der Dienstagsbar kennengelernt, und sie hatten sich manchmal eher zuf�llig getroffen und schnell besser kennengelernt. Er hatte ihr zu Hause einige selbstgedrehte alte Kurzfilmkatastrophen vorgef�hrt, ihr seine neuesten Platten vorgespielt. Es war ein leichtes Beisammensein gewesen.</p><p>Dann ging er erneut aus. Auf Stellw�nden, die die Tanzfl�che begrenzten, war Zellulose zu sehen. Von hinten auf den Stoff projiziert, wucherten die Zellen, wallten und wellten sich in den w�rmsten LSD-Farben. Hin und wieder war eine gelungene Befruchtung abgebildet; eine quirlige Spermatozoe wurde vom tr�gen Ei geschluckt; dann Zellteilung, dann S�ugling. Vor diesen Hintergrund hatten Kunststudenten einen wild agitierenden Che Guevara montiert, mit einem riesigen Dildo in der Hand, und neben ihn eine Schultafel, auf die obsz�ne Worte und eindeutige Ikonen gekrakelt waren, stilisierte Geschlechtsorgane und kopulierende Strichm�nnchen.</p><p>Che Guevara fuchtelte sehr besch�ftigt mit dem Dildo herum und schien sich seiner Sache desto sicherer, je mehr und je schneller er redete. Immer wieder zeigte er auf den Dildo, dann mit dem Dildo in die Ferne, von einer ungeheuerlichen Mission beseelt und befeuert. Er rhythmisierte seine Rede regelrecht mit dem Dildo, schien auf sein Auditorium einpr�geln zu wollen. Dann wies er wieder auf die Tafel, unentwegt redend, manisch plappernd, im rhetorischen Fieber.</p><p>Die W�nde b�umten sich m�chtig vor Magnus auf; Che Guevara diffundierte mit dem Hintergrund; und im selben Moment, da Che Guevara sich aufl�ste und mit dem wabernden Hintergrund verschmolz, und die Natur die Tafel �berwucherte, und der Dildo in Richtung Kamera flog, und die Zellulose in den k�hlsten Neonfarben leuchtete, in Paisleymuster und fraktale Sturzfiguren zerfiel, begann es in Magnus zu zucken.</p><p>Erst im Gesicht; �ber den Jochknochen und im Augenwinkel; dann in den Beinen. Er konnte f�hlen, dass es <emphasis>elektrische Impulse</emphasis> waren, die ihn steuerten; er verstand kein einziges Bild mehr, das da herunterleuchtete von den Stellw�nden. Ein Bein zuckte st�rker, und er konnte nicht herausfinden, welches, das rechte? das linke? und tanzte wild los, um das Zucken zu verbergen, es in andere Bahnen zu leiten. Viola lachte, aber das Lachen war weit weg.</p><p>�Ein Roboter bin ich!�, rief Magnus. �Sag mal, war das eben nicht Che Guevara?� Viola lachte, aber das Lachen war �</p><p>�Viola, kennst du Hologramme? Willst du ein Geheimnis wissen?�</p><p>Die Bewegungen zuckten und zackten aus Magnus heraus wie Popcorn; ich bin ein Roboter, dachte er. Ich bin ein Roboter, und vor mir, da schlafen die Menschen. Und die Menschen m�ssen zu Robotern werden. Und ich kann ihnen zeigen, wie.</p><p>Er beobachtete seinen Schatten, ohne zu wissen, dass es sein Schatten war. Seine Dendritenarme glichen Sinuskurven. Magnus tanzte mit Elke, seiner Ex-Kommilitonin; Elke lachte; sie packte seine H�fte und wirbelte ihn herum. Das Licht zerstob und vermengte sich neu, sickerte dann weg durch ein winziges Wurmloch. Nun war die Lichtrichtung umgekehrt: Durch sein gl�sernes Gesicht ging das Licht des Projektors von hinten hindurch und zeichnete seine Gesichtsz�ge auf die Wand, auf die Welt, tausend tastende Muster, die sich suchten und nicht fanden. Magnus war eins mit dem Raum und nahm es mit der Schwerkraft auf. Jede seiner Bewegungen hallte im Muster zur�ck; er konnte die Muster steuern; jedes Muster war eine Antwort und modulierbar. �Wenn du ein Hologramm ber�hrst, wird es feucht�, schrie er in Elkes Ohr. �Und wenn du dann daran leckst, wirst du von der Frucht der Unendlichkeit gekostet haben.�</p><p>Etwas muss sich �ndern, wusste Magnus Minuten sp�ter dann wieder, schon vorverkatert; so ging es nicht weiter. Ich werde k�ndigen bei RADIKAL, dachte er, w�hrend drau�en die Stra�en vorbeizogen. Ich habe gen�gend Geld verdient, habe etwas gespart � schlie�lich lebe ich deshalb in einer WG � als <emphasis>gr��ter Filmemacher in spe</emphasis> in einer verfickten, linksverspie�ten Schei�-WG. Aber gut; ich habe das Drehbuch noch nicht fertig; ich brauche eine Auszeit; bald �</p><p>�Bist du inzwischen mal bei Villacam gewesen?�</p><p>�Ja, seltsam. Die Voyeure lauern �berall.�</p><p>�Ich habe da was rausgefunden. Wie man f�r etwas Chaos sorgen kann.�</p><p>�Was denn f�r Chaos?�</p><p>�Ich wei�, wie man als Villa Nachrichten postet. Und als jeder andere Registrierte. Man kann unter falschem Namen schreiben.�</p><p>�Toll. Und wof�r soll das gut sein?�</p><p>�Komm mal morgen Abend vorbei. Dann wirst du sehen.�</p><p>�Mal schauen. Bier?�</p><p>�Gerne.�</p><p>Klick.</p><p>Tiere sehen dich an, mit Kindchenschema, Rei�z�hnen und tr�ben Augen im Gesicht. Sie lauern voller Milde, den anderen in dir zu stellen. Den anderen in dir: verschmierte Wangen, bitteres Laub, ein rissiger Fu�ball in der einen Hand, ein gefiedertes Schweigen in der anderen. Das versch�chterte, gepriesene, das verpr�gelte Einzelkind, das Ghettogew�chs, der Plattenbautenprinz, durch fr�h erkannte Intelligenz und merkw�rdige Wortwahl zum Besonderen geadelt, auf dem Scho� der Lehrerin sitzend beim Klassenfoto, ernsthaft, h�bsch, geerdet. Angst, und Wahrnehmungsh�lle, Nachtschatten huschen �ber die n�her r�ckenden M�bel. Blicke, die zwischen Gier und Scham nicht ein noch aus wissen, dennoch weit herausstaken aus der Augenh�hle und das fremde Drau�en aufsaugen. Dann zerfetzt ein Tennisschl�ger die Ikea-Ballon-Lampe, darunter gl�nzen zwei Schwarten por�sen Fetts wie Nivea und wollen massiert werden, wo eben noch Blut war, trocknet jetzt Haar, das lang bleibt und lang mit ins Grab getragen wird. Graue Haut, ein Bart, den der Wind mitnimmt, eine Verwirrung des Lebens, erste Trauer, tiefe Verst�rung. Lispeln und Stottern, Schweigenm�ssen umbenannt in Schweigenwollen, fr�heste Strategien. Im hyperempf�nglichen D�mmerzustand des D�sens pl�tzlich glasklar und glasschrill eine s�dliche Stimme, ein Rufen, o ja, du willst ja auch ein guter Sohn sein, willst ihre Leiden nicht vermehren, nicht werden wie dein, wie sie sagen, Erzeuger, von dem du nicht wei�t, wie er damals war. In diesen Tagen auch musstest du ihre Tr�nen trocknen lassen in deiner hohlen Hand, und in deinen Armen nahm ihr Horror ab, nicht wahr? Kathedralen muss einer durchlaufen, bis er endlich anlangen darf. Kupfergeschmack und Schwulst im Mund. Schwarze, wei�e Fotos.</p><p>Klick.</p><p>Vorsichtig, wie auf Stelzen, gingen Magnus und seine altneuen Freunde (die sich jetzt <emphasis>die �blichen Umnachteten</emphasis> nannten) die Friedrichstra�e hinunter, am Morgenstau vorbei, geblendet vom Chrom-Futurismus, der den Gendarmenmarkt umzingelt hatte. Acht Uhr morgens. Eine weitere Party war vorbei und vergessen; es hatte geregnet. Die Reifen zischten die Stra�e an wie m�rrische Tiere, und die Stra�e zischte den Reifen hinterher.</p><p>Das <emphasis>Four Seasons</emphasis> schob sich ihnen in den Blick. Es leuchtete. Die Buchstaben flirrten in der N�sse. Tauben waren nicht zu sehen. Magnus hatte schon jetzt den Duft von frischen Croissants in der Nase, von schokoladenbestreutem Milchkaffee und locker-flockigem Speckr�hrei, obwohl er wusste, dass es nur der s��liche, von der Morgensonne aufgeweichte Schmutz war, den er roch.</p><p>Ab und rein, ohne Frage, den Blick gefasst, das Kreuz durchgedr�ckt, Selbstbewusstsein ausstrahlen, und Selbstverst�ndlichkeit. Treppe hoch, an dramatisch posierenden Pflanzen vorbei, an hochschie�enden Orchideen und Palmen, die ihre Arme weit von sich streckten. Weiter, in den Aufzug, nicht zu eilig, aber auch nicht zu lax. <emphasis>Ding</emphasis>, T�r auf, T�r zu, hoch. Vierter Stock, <emphasis>Ding</emphasis>, T�r auf, raus, den in seiner Gleichf�rmigkeit sch�nen Gang entlang. Zwei Zimmer finden, die das DO-NOT-DISTURB-Schildchen am T�rknauf h�ngen haben, Zimmernummern merken. <emphasis>Ding</emphasis>, wieder runter, erster Stock, <emphasis>Ding</emphasis>, zum Fr�hst�cksbuffet. �Guten Morgen�, der nette iranische Boy in Fr�hst�ckslivree nickte ihnen freundlich zu, und unaufgefordert sagten sie die Zimmernummern an, die M�dchen in roten Jacketts blinzelten fr�hlich her�ber, mit err�teten Wangen. �Guten Appetit, Herr Heinrich�, sie passierten mit einem pochenden Gl�cksgef�hl im Hals die unsichtbare Schleuse, griffen sich Teller und Besteck und lie�en sich eine ger�ucherte Makrele oder auch die erste Portion <emphasis>Bacon and Egg</emphasis> auftun.</p><p>Es war in den letzten Sommermonaten eine Art Sport unter den Freunden geworden, sich morgens nach durchzechter und durchtanzter Nacht ein Fr�hst�ck in einem Nobelhotel zu erschleichen. Es war einer dieser Thrills, den sie noch brauchten, wenn die Nacht sie nicht gen�gend ausgelutscht hatte (nur wenn sie <emphasis>leere H�llen</emphasis> w�ren, k�nnten sie sich endlich in die kalten, wei�en Laken legen und schlafen) und zu viel Energie noch durch die Nervenbahnen flippte; wenn es einfach unbefriedigend war, jetzt nach Hause zu gehen, weil wieder nichts passiert war. Andere holen sich zu diesem Zweck ein tschechisches Model in die Wohnung; Magnus und seine Freunde gingen ins Hotel, umsonst fr�hst�cken. Es lie� sich einfach besser schlafen danach.</p><p>Dumm war nur, dass Magnus gerade an diesem Morgen nach dem Fr�hst�ck unbedingt einen Morgenmantel aus dem Wellness-Bereich im Souterrain stehlen musste; das hei�t, das war noch nicht so dumm, denn sie entkamen gerade noch; richtig dumm war aber, als Raoul sich vor dem <emphasis>Four Seasons</emphasis> den Finger in den Hals steckte, um dem <emphasis>Four Seasons</emphasis> vor die Schuhe zu kotzen, eine neue Eigenart von ihm, die er auch vor neuer�ffneten Clubs auslebte, um irgendein Missfallen zu �u�ern; und der Hotelmanager hatte die Polizei alarmiert und seine uniformierten Hoteljungen auf sie gehetzt, und nun hie� es laufen; das D�mmste aber war, dass Magnus auf dem pf�tzenglatten Gehweg ausrutschte und sich den Anzug und die Schuhe ruinierte; er w�rde sich neue kaufen m�ssen, um am Montag bei RADIKAL dem Dresscode zu gen�gen; die gute Sache aber war, dass er den Morgenmantel dabei nicht losgelassen hatte und mit einer Prellung am Stei�bein davonkam.</p><p>Dieser Schl�ssel musste f�r paar <emphasis>Arschl�cher</emphasis> produziert worden sein, oder f�r paar <emphasis>schei�z�libat�re Filigrantechniker</emphasis>, dachte Magnus matt. Der passte vielleicht in deren verkrampftes <emphasis>Arschloch</emphasis>, so er, aber in dieses Schl�sselloch passte er sicherlich <emphasis>nicht</emphasis>. Mannomann! Ja<emphasis>jaa</emphasis>, ich wei� ja, keuchte er, dass er eigentlich passt, schon <emphasis>gut</emphasis>! Nur jetzt passt er halt nicht! Das gibt�s wohl! Und ob�s das gibt!</p><p>Seine Hand wogte hin und her, der Schl�ssel spastete zittrig herum.</p><p>�Mann, geh auf, T�r, mach kein Terror. Ich hab echt genug f�r heute. Du Schei�e. Du Schei�faschistent�r. Ich hocke mich ja schon vor dich, mit den H�nden am T�rknauf, damit ich nicht falle. Ich h�nge ja schon am T�rknauf wie ein gottverdammter Surfer und surfe so hin und her, gegen Killerwellen, ohh, <emphasis>oohhh</emphasis>!�</p><p>Als Magnus endlich mit der T�r in die Wohnung fiel und fast hinst�rzte, h�rte er sofort das Gedudele aus dem Jazzradio, von rechts oben, auf der Anrichte. Schei�e. Sie waren also aus dem Urlaub zur�ck. Nun ja, dann einmal Terror, bitte, mal wieder. Nicht anders zu erwarten.</p><p>Es war Fr�hst�ckszeit. Walter und Carmen sa�en am K�chentisch, das h�rte er. Obwohl sie nichts sagten, keinen Mucks taten, obwohl kein Kaffeetassenklirren, kein Zeitungsrascheln, kein einziges Ger�usch zu h�ren war � au�er nat�rlich der <emphasis>krebskranken Jazzkacke</emphasis> aus dem Radio, aber die z�hlte nicht als Ger�usch.</p><p>Magnus h�rte auch, dass Walter <emphasis>und</emphasis> Carmen am Tisch sa�en, und nicht nur Walter allein � aber das war kein gro�es Kunstst�ck. So h�rte es sich meistens an in dieser verfehlten Links-Spie�er-WG. Magnus hatte sofort ein schlechtes Gewissen, wie immer, wenn er Walter und Carmen in seiner N�he wusste. Er f�hlte eine Erkl�rungsnot. Er ging den Flur entlang, hin zur weit offenstehenden K�chent�r. Da waren sie auch schon, die <emphasis>Ma�halter</emphasis>, winkten freundlich her. Magnus winkte freundlich zur�ck, sagte auch einen freundlich vernuschelten Gru� und lie� sich gleich weitertreiben in Richtung Klo, sprang hinein, verriegelte die T�r hinter sich, atmete durch.</p><p>Zu Hause.</p><p>Hoffentlich hatten sie nichts von seinem verwahrlosten, zerr�tteten Zustand bemerkt. Er drehte den Wasserhahn auf. Waschen, einspr�hen, den gr�bsten Dreck unten wegscheuern, und die H�nde um Gottes willen unter erst laues, dann warmes, dann <emphasis>hei�es</emphasis> Wasser halten. Wie das schmerzte! Wie gut das tat. Dann die F��e, uh, <emphasis>uhh.</emphasis> Das Gesicht einreiben, den Mund aussp�len. Mehr, mehr. Mehr von den wei�en Handt�chern. Mehr von dem bei�enden Mundwasser. Mehr von der ganzen kranken After-Hour-Hygiene. Gott, wie bl�d, dachte Magnus: <emphasis>After-Aua-Hygiene.</emphasis> Ha, ha, aua, autsch. Was f�r Gedanken. Magnus musste nun wirklich ins Bett, aber schnell.</p><p>Er war zuvor irgendwo aufgewacht, weil ein Rentner mit dem Spazierstock in seiner Seite gestochert hatte, um zu testen, ob das Dings da noch am Leben sei. Das h�tte es unter Ulbricht oder dem anderen nicht gegeben, hatte der Rentner lauthals geschimpft und Magnus, dem die Hose noch in den Knien hing, aus seinem Versteck gescheucht. War dieser Rentner also Magnussens Lebensretter gewesen? Ach, <emphasis>vergiss es.</emphasis> Mit alten Zeitungen hatte Magnus sich notd�rftig das Schlimmste von Haut und Kleidung gewischt, dann hatte er, jeder Schritt ein Schmerz irgendwo, den �belsten Heimweg seines Lebens angetreten. Endlich eine U-Bahn gefunden. Und darin dann w�ste Paranoia geschoben, und Furcht davor gehabt, erneut einzuschlafen oder ohnm�chtig zu werden. Ob es seine Zehen noch gab, war ungewiss gewesen.</p><p>�Hey, was ist denn los? Alles in Ordnung?�, fragte Walter vor der Klot�r, nach diskretem Klopfen.</p><p>�Jaja, alles in Ordnung, ich komme gleich�, antwortete Magnus, wartete kurz, bis Walters Schritte wieder Richtung K�che verschwanden, und schlich den Flur hinab in sein Zimmer, um sich schnell ein paar andere Sachen anzuziehen.</p><p>Dann stolzierte er m�glichst dynamisch-postheroisch in die K�che, ins Licht. Walter und Carmen l�chelten ihn an, aber es kam Magnus vor wie das verzerrte L�cheln der Plastikmenschen im Soundgarden-Video �Black Hole Sun�. Er l�chelte dennoch zur�ck. Das <emphasis>Terrorl�cheln</emphasis> hat mich wieder, dachte er. Und riss die K�hlschrankt�r auf.</p><p>�Na? Geht�s gut?�</p><p>�Fertig bin ich. Gut fertig.� Ein Terrorl�cheln habe ich auf. Ein Terrorl�cheln.</p><p>�Wo haben wir denn heute gefeiert?�</p><p>�Hier und da�� so eine Party, dann so�� so ein Geburtstag.� Walter und Carmen schauten ihn verst�ndnisvoll bis neidisch an, nickten nett und l�chelten. Magnus wurde es schwindelig, w�hrend er sich an der K�hlschrankt�r festhielt.</p><p>��h, wo ist denn die Milch?�</p><p>�Hier. Du kannst dich �brigens auch sonst bedienen.� Nein, nur Milch. Er wollte Milch.</p><p>Magnus ging so schwindelfrei wie m�glich auf den K�chentisch zu. Schnappte sich ein Glas aus der Vitrine. Setzte sich hin an den Familientisch ohne Familie. Jetzt war ein Kommentar vonn�ten, ganz klar. Jetzt musste er reden.</p><p>��h, und, ich meine, wie war denn die Vernissage?�</p><p>Walter und Carmen waren f�r Magnus die Erwachsenenversion von sich selbst. So w�rde er wohl auch mal sein, in zwei, drei Jahren, wenn er so alt w�re wie sie. Die Horrorvision lebte gleich im Nebenzimmer. Und jeden Tag lieferten sie ein neues <emphasis>Update,</emphasis> jeden Tag frisch unter die Nase gerieben. Beide machten in Kunst. Arbeiteten in einer der Kunstkunst-Galerien in der Auguststra�e. Waren auf dem besten Weg, gemachte Kultur- und Lebensmanager zu werden, Lifestyle-Sophistizisten, die sich dabei aber dennoch einen abgefahrenen, alternativen Touch bewahrten, in gesch�ftst�chtiger Unbeschwertheit. Alles lief wie geschmiert. Man kn�pfte Kontakte, plante die ersten eigenen Projekte, lie� sich Reisekosten erstatten, schloss nebenher das Studium ab, im Einklang mit dem Professor und allem. Briet Zucchini, h�utete Tomaten, r�stete Sonnenblumenkerne. Hielt sich auch beim gemeinschaftlichen Abendessen an die Seminarordnung.</p><p>Magnus kam sich daneben vor wie im falschen Film, oder, als ob zwei v�llig unterschiedliche Filme nebeneinander abliefen. Etwa so: Er selbst war wohl Statist in einem fr�hen Richard-Linklater-Streifen, der mehr und mehr einen schrillen Larry-Clark-Stich bekam, w�hrend die beiden anscheinend als Headliner in einer schlechten Hal-Hartley-Parodie re�ssierten, bei der aber noch jede Furzszene zwanghaft in eine falsch ausgeleuchtete Billy-Wilder-Ausgelassenheit umgebogen wurde. Manche m�gen�s erwachsen. Walter lachte los.</p><p>�A<emphasis>hu</emphasis>, a<emphasis>hu</emphasis>, also nein. Das ist grob.� Magnus hatte anscheinend etwas Sauwitziges gesagt, er konnte schon nicht mehr erinnern, was. Aber eigentlich hatte es sich ziemlich traurig angef�hlt. Er goss sich noch ein Glas Milch ein. Niemals hatte Milch so gut geschmeckt.</p><p>�Hach, ich f�hle mich richtig eklig erwachsen, wenn ich das h�re�, sagte Walter geziert. Das war so einer seiner Standardspr�che zu Magnussens n�chtlichen Eskapaden. Offensichtlich hatte auch der Mitbewohner ein diffuses schlechtes Gewissen, wie Magnus. Offensichtlich starrte ein schlechtes Gewissen das andere an, und sie wussten nichts Rechtes miteinander anzufangen und wussten auch gar nicht genau, was eigentlich ihr Grund war.</p><p>�berhaupt, Walters fr�hliche Verklemmung. Jedes Wort, das er sprach, kam Magnus vor wie eine M�nze, die Walter im Mund erst zehnmal hin- und herwendete, bevor er sie, dann aber ganz lockertuerisch, ausspuckte. Jeder Satz aus Walters Mund kam ihm entgegengestelzt wie ein Therapierest, ein Diskurskr�ppel, ein psychoanalytisch zusammengeschultes, zusammengeschissenes Etwas. Jede Silbe war eine Vorsichtsma�nahme.</p><p>Leute, die zu gro�e Skrupel hatten, sich auszusprechen oder frei zu bewegen, weckten in Magnus immer genau dieselben Skrupel, nur noch viel st�rker, verquerer, behinderter. Dann f�hlte sich Magnus immer wie ein Zerrspiegel aller Menschenschw�chen.</p><p>Das Indianeramulett in Walters Hemdausschnitt wippte hin und her. �Grenzgradig. Von der Konzeption her interessant, aber von der H�ngung eher teilgeil.� Walter und Carmen diskutierten die gestrige Ausstellung. Aber sie hatten das wohl schon einmal besprochen und k�uten das Ganze nur noch einmal f�r Magnus wieder hoch und durch. Er nickte und l�chelte und nahm einen gro�en Schluck Milch. Seine Hand zitterte. Ihm wurde kurz schwarz vor Augen.</p><p>�Ja, etwas mehr Platz zwischen den Bildern w�re gut gewesen. Und die Plastiken asymmetrischer, chaotischer verteilt�, sagte Carmen. Magnus schreckte auf. Er musste f�r mindestens zehn Minuten weg gewesen sein. Hatte er auch geschlafen? Aber keine/r hatte etwas gemerkt. Walter l�ffelte sein M�sli, seine Apfelst�cke in Biomilch und lie� sich derweil �ber die Unertr�glichkeit der FAZ aus. Carmen lutschte an einer Lachsschnitte und pflichtete ihm bei. Ein Leben wie im Ambient Sound, ein z�her, hauchheller Loop, immer derselbe, ein abgemischtes Frauenlachen darin. Und ich werde bald auch so sein, ein Filofaxkurator, ein linker Spie�er, ein gemachter Kulturfreund, dachte Magnus. Und sagte:</p><p>�Nun, ihr scheint ja gl�cklich zu sein. Hier mit dem Fr�hst�ck und der Kunst, und so.�</p><p>Etwas �berrascht und irritiert sagte Walter, l�chelnd: �Ja�� man tut, was man kann���, und l�chelte weiter.</p><p>Magnus sah die Wassertropfen auf den Tomaten, die Riffelungen im Lachs und den Meerrettich, das zehnschr�tige Elfkornbrot und den feuchten Tofu daneben.</p><p>Ich w�rde jetzt gerne einen McRib vor euren Augen essen, dachte er. Saftig, vor geiler Sauce triefend, innen das ungesunde, schlimme Gummifleisch. Und mir dann mit dem parf�mierten McFrisch-und-Sauber-T�chlein die braunen Tropfen langsam und gen�sslich vom Kinn wischen und, w�hrend mir hundert gelbe Eiterpickel aus der Stirn sprie�en, mit vollem, zuckendem BSE-Mund verk�nden: <emphasis>Macht kaputt, was euch kaputt macht. Euch selbst wom�glich. Denn das knallt noch immer am besten.</emphasis> Und dann aufstehen, r�lpsen und sterben.</p><p>Anstatt dies wirklich zu sagen oder zu tun, wurde ihm wieder nur schwarz vor Augen, und sein Magen morste ein paar kurze Krampfsignale ins Nervensystem. Und er setzte dieses L�cheln auf, die W�hrung, mit der allein man sich hier freikaufen konnte. Carmen und Walter hatten es bereits auf dem Gesicht, und Magnus wunderte sich abermals, dass ihre Gesichtsmuskulatur nicht l�ngst versteinert war. Dieses <emphasis>Terrorl�cheln.</emphasis> Dieses L�cheln wie eine Maske, unabsichtlich, ohne Hintergedanken, freiwillig verinnerlicht vor Jahren schon, aus Unsicherheit und Vorsicht, aus vorauseilendem Gehorsam, das L�cheln zum Erfolg.</p><p>Magnus stand auf und stie� dabei mit dem Knie an die Tischkante, der Tisch wackelte, und aus Walters M�slisch�ssel schwappte etwas Milch auf seine Hose. Carmen warf Magnus einen besorgten Blick zu.</p><p>Er f�hlte seine Leber, rechts, oben. Stiche darin. Nein, dachte er, so werde ich nicht erwachsen. So nicht. Lieber mache ich so weiter wie bisher und scheitere. Lieber <emphasis>fucke</emphasis> ich mich ab, bis ich ganz am Boden liege und kein Terrorl�cheln mehr mein Denken l�hmt. Lieber fetzt alles richtig auseinander, als dass die L�ge mich falsch zusammenh�lt.</p><p>Das Bett mit den Flecken und der zerknautschten, schweren Bettdecke wartete schon. Ohne sich auszuziehen, warf er sich in die Federn und schloss die Augen. Ende, endlich Ende des Tages, Ende der Nacht. Ende.</p><p>Autos fuhren unten auf der Stra�e vorbei, eines davon hupte. Magnus h�rte noch, wie Walter und Carmen an seiner T�r vorbeischlichen. Es mag durchaus sein, dass der Fehler bei mir liegt, dachte er. Aber es ist mir egal. Fehler sind wundersch�n. Und schlief ein. Die Sonne heizte seinem fettigen Gesicht ein und tr�bte die Farbe der Multivitaminbrause neben seinem Bett. Seine Hand hing �ber die Bettkante. Sie zitterte nicht.</p><p><emphasis>Liebe Villa!</emphasis> Geht es dir gut heute Morgen? Ich hoffe doch. Mir auch. Nur der Welt drau�en � ach, Villa, ich wei� nicht. Die Hysterie scheint wieder da zu sein. Wenn die Leute nichts zu tun haben, werden sie hysterisch. Nichts passiert im Sommerloch, und pl�tzlich ist ein Virus der Star, oder das Genom und paar belgische Blagen. Aus Solidarit�t mit den Pferdegrippeninfizierten habe ich seit ein paar Tagen Nasenbluten. Echt wahr. Aber so richtiges. Pl�tzlich, scheinbar ohne Anlass, schie�t mir Blut aus dem linken Nasenloch. Blut schmeckt komisch, metallen. Sind wir schon erkaltet? Unsere Bewegungen vorgestanzt? Die Gelenke verknorpelt? Oh, die K�rper imitieren die alten Figuren, unter denen sie leiden. Das, was sie formte und unterdr�ckte, bricht aus ihnen raus. Damit l�sst sich einiges erkl�ren. Liebe Villa, meine letzte Hysterikerin traf ich vor zwei Wochen, fr�hmorgens vor dem Maria auf der Stra�e. Der Himmel schien schon hell und b�se, der Asphalt war mir feindlich gesonnen. Die Hysterikerin flitzte auf einer w�sten Kreuzung hin und her. Ich ging vorbei, sie schaute mich an, ich sagte: Alles klar? und erkannte sie wieder, die war auch im Maria gewesen, eine Animateuse, hatte ich gedacht, weil die so housekatzig getanzt hatte, wo doch alle schon hin�ber waren. Sie folgte mir ein paar Meter, ich drehte mich um. Was ist los? Da brach aus ihr ein Schwall kauderwelschiges Spanisch heraus, sie verdrehte die Augen, verkrampfte die H�nde nach au�en, zeigte auf mich, plapperte manisch, schien mir eine hochbedeutsame Botschaft �bermitteln zu wollen. Sie war Spanierin. Sie war h�bsch. Schei�e, dachte ich, die Druggies wollen mich wiederhaben. Die haben die Hysterikerin da mit Speed vollgestopft und ihr eingetrichtert: Du den fangen. Du den zur�ckholen. Der Chor der Druggies schien hinter der S-Bahn zu stehen und zu fl�stern: Komm, Magnus. Komm zur�ck. Du kannst dich nicht verleugnen. Ich fragte: Kann ich dir helfen? Sie schl�ngelte sich um ein Bauger�st und machte diese uns�glichen Gesten, in einem Tempo, zu schnell f�r meine breiten Augen. Dazu ihre panische Mimik, die gro�en, leeren Augen, und diese Sprache, in einem irren, unverst�ndlichen Tempo. Ein Mann l�mmelte sich auf einer Bank auf der anderen Stra�enseite und glotzte r�ber. Wenn ich nicht aufpasse, wird die gleich vergewaltigt, dachte ich. Dann habe ich sie nach Hause gebracht und selbst gefickt. Die ging ab! Hahaha! Quatsch. Habe sie nach Hause gebracht, was nicht schwer war, da sie ungef�hr zwei H�user weiter wohnte. Schier unbegreifliches Chaos in ihrer Wohnung. Aus den versifften Ikearegalen quollen Pullover, Nutellagl�ser, wirre Manuskripte. Das Schlimmste war, wie sie vor dem Spiegel loslegte. Da konnte ich kaum hinschauen, obwohl ich fasziniert war. Sie schnitt Grimassen, schimpfte sich an, griente und schleuderte dreckige Gesten in die Luft. Ihre zwei Katzen fauchten mich an. Auf dem Heimweg in der S-Bahn, mein Fahrrad lag im Busch, im Tiergarten, wo wir diesen S�nger getroffen hatten, der auf seine Plattenfirma schimpfte, Schei�-VIVA-Rotation, undsoweiter, hatte ich einen Schwei�film auf der Haut, und der Hemdkragen klebte mir im Nacken. Die Sonne stach. Zu Hause warf ich mich aufs Bett und wichste und schrie: Villa, dein Name ist ein Haus! Dann schlief ich traumlos ein. Jetzt sieh, was Du angestellt hast! Ein Gru� nach T�bingen � Dein Magnus</p><p><emphasis>Lieber Magnus!</emphasis> Ob das was zu bedeuten hat, wei� ich nicht, aber ich sp�re es auch, dieses Kribbeln, unter der Haut, und ich will tanzen und tanzen, um dieses Kribbeln zu bet�uben, das Nervenfieber zu l�schen, und vielleicht will ich auch meinen Geist �len, der als Geist in der Maschine steckenzubleiben scheint. Nur worin, ist die Frage. Woher kommt denn der Gru�? Doch wohl nicht aus Berlin? Villa</p><p>Villa, Dein Name ist ein Haus, und meine Stadt ist tats�chlich Berlin, aber glaube nicht, dass ich die Stadt liebe. Im Gegenteil, Berlin verursacht �belkeit, Hysterie, BZ-Flimmern. Aber zeig nur einen Nippel, und mein Schwanz wird sehr hart. Kannst du dich mal ausziehen f�r mich?�� Magnus Das werde ich gerne tun.�� Villa Das machst du gut, sehr gut.�� Magnus So?�� Villa Etwas schneller, und fester.�� Magnus Sp�rst du es auch?�� Villa Oh ja. Jetzt halt sie mir hin. So ist gut.�� Magnus Was habe ich denn hier verpasst? Wer ist denn dieser Magnus? Wird Villa jetzt zur Cyberschlampe?�� Major Tomsky24</p><p>Der Spa� schien lau, die Wirkung aber war beachtlich. Magnus und Raoul hatten Villas Tagebuch geentert und einen zweit�gigen Dialog zwischen Magnus und Villa fingiert, der ein sachtes, schr�ges N�herkommen in der Virtualit�t suggerierte. Das Bier hatte ihnen noch die eine oder andere Zweideutigkeit eingefl�stert; insgesamt nichts Schlimmes. Als Magnus am n�chsten Tag dann die Seite wieder aufrief, herrschte dort helle Aufregung. Die deutschlandweit verstreuten Villa-Fans hatten sich �ber Villas Billigkeit emp�rt und Magnus als �Penner� und �M�chtegern� gedisst. Dann hatte Villa sich eingeschaltet und �berdreht (in durchgehend gro�en Buchstaben und mit aufdringlichen Ausrufezeichen-Trios hinter jedem Satz) beschworen, dass jemand sich in ihr Tagebuch eingehackt habe, dass sie nicht Urheber dieser fiesen Geschichten sei und ihr Tagebuch nun f�r ein paar Tage schlie�en m�sse, bis ein einbruchssicherer Zugang programmiert sei.</p><p>Magnus musste lachen und trank ein Bier. Dann ging er zur�ck ins Tagebuch, l�schte Villas Eintr�ge und textete weiter.</p><p>Es war Anfang September. Ein neuer Morgen dimmte heran. Zeitschalte. Die gro�e Maschine stampfte wieder los. Alle liefen zielgerichtet durcheinander, in U-Bahnen, auf Gehwegen, in Autos, durch Zentralen. Der Herbst matschte auf den Stra�en, und Magnus Taue bl�tterte frischgeduscht in der Hochglanzbrosch�re zur Sicherheitsoffensive. Die S-Bahn stand still und stie� alle f�nf Minuten ihr dummes Gro�stadtkeuchen aus. Die Leute sa�en, stierten und lasen. <emphasis>Verantwortung ist ein Imagewert, man kann mit ihr punkten</emphasis>, so stand da, in der Brosch�re. Magnus verstand nicht, wie man solche S�tze schreiben konnte. Dabei stammte der Satz von ihm. Er sch�ttelte den Kopf und l�chelte. Die S-Bahn fuhr los.</p><p>Von der RADIKAL-Glaskuppel strahlten Lichtstalaktiten herunter; dickere, gewaltigere als der einzige Strahl, unter den �diese Karikatur von K�hnemund� (so er in seinen Gedanken) sich k�rzlich im Club so angeberisch gestellt hatte. Magnus hatte Thorsten heimlich beobachtet und genau den Augenblick abgepasst, wann er seinen �Arbeitskollegen� � ein Attribut, nein, eher schon ein <emphasis>Pr�dikat</emphasis>, mit dem Magnus den vierschr�tigen Brad-Pitt-Verschnitt nur ironisch bedachte � wann er ihn also ansprechen w�rde, <emphasis>wenn</emphasis> er ihn denn �berhaupt ansprechen w�rde. Eigentlich hatte er das n�mlich nicht vorgehabt. Eigentlich wollte er den Job so weit wie m�glich von seinem Leben fernhalten, zumal von seinem Nachtleben. Es erf�llte Magnus insgeheim mit Scham, f�r den europaweit f�hrenden Mineral�lkonzern und also f�r das Kapital an sich zu arbeiten.</p><p>Er betrat das Atrium. Seine Kunststoffsohlen quietschten auf dem gebohnerten Marmorboden. Anz�ge schwebten vorbei, gescheitelte M�nner, die ihn feindselig ansahen, Frauen in Kost�men, die ihn ignorierten. Die Empfangsdamen blickten erst auf, als er vor ihnen stand.</p><p>�Guten Tag.�</p><p>�Guten Tag, Herr Taue.�</p><p>�Ich habe einen Termin bei Frau Starck.�</p><p>�Ja, ich rufe eben an.�</p><p>Seit dem elften September mussten G�ste, Partner und sonstige Kollaborateure pers�nlich im Atrium abgeholt werden. Drehkreuze, von Chipkarten zu �ffnen, waren aufgestellt worden. Magnus setzte sich zum Warten in die schwarzlederne Sitzgruppe und starrte den gewaltigen Flachbildfernseher an, auf dem die neuesten Triumphe von RADIKAL im Loop gesendet wurden: hier ein Weltmeister in der Formel 1, dort eine neue Errungenschaft in Sachen Naturschutz, dazu Auszeichnungen f�r die innovative Shoparchitektur, Kursverl�ufe an der B�rse, Interviews mit der Gesch�ftsf�hrung in London und Berlin. Magnus war nerv�s. Immer wurde er nerv�s in dieser Sitzgruppe, vor dem n�chsten Termin, der immer auch ein St�ck Niederlage, ein St�ck Selbstverlust und eben einen weiteren kleinen, r�udigen Seelenverkauf bedeutete.</p><p>Der Aufzug sank herab; Magnus sah den Flaschenzug und die schwerelose Bewegung; er sah Thorsten und Fran�oise herunterschweben, der Fahrstuhl war aus Plexiglas und transparent; sein Tinnitus meldete sich. Immer meldete sich in Stresssituationen, die weder mit Musik noch mit Alkohol ged�mpft werden konnten, sein Tinnitus und erinnerte ihn an den Makel, der ihn mehr und mehr von der restlichen Welt trennte. Der Tinnitus war dabei nur ein <emphasis>Zeichen.</emphasis> Der Makel bestand in etwas Gr��erem und Wesentlicherem als einem blo�en H�rschaden.</p><p>�Nun, Herr Taue, sind Sie bereit? Sch�n, Sie zu sehen!�</p><p>Fran�oise war wieder �u�erst franz�sisch, um Kollegialit�t und trikolorische Gastfreundschaft bem�ht; sie trug bordeauxrote Schuhe, einen ebenso gef�rbten Schal, ein dunkelblaues Kleid und � als Signalaccessoire � einen knallgelben G�rtel.</p><p>�Guten Tag.� Magnus sah schon nichts mehr vor lauter Farben. Er sagte �ja� und dr�ckte beiden die H�nde. Dann wurde ihm kurz schwarz vor den Augen. Dann fing er sich wieder.</p><p>Sie fuhren nach oben. Keiner sagte etwas.</p><p>Magnus bekam den Termin schlie�lich hin.</p><p>Aber f�nf Minuten nach dem Briefing musste er sich an einem Bauzaun �bergeben.</p><p>Zu Hause sah er nach, was bei Villa los war. Viel, wieder. Er kam nicht mehr von ihr los. Irgendwann schlief er ein und hatte zerr�ttete, d�nne Tr�ume. Dann wachte er auf.</p><p>Dann war Donnerstag.</p><p>Zun�chst war da ein Umst�lpen. An jenem Donnerstag. An <emphasis>jenem, jenem</emphasis> Donnerstag. Die ganze Welt ging fort. Ging fort, oder zeigte sich erstmals, die Welt in ihrer Ganzheit � wie man es nimmt, oder gibt, oder l�sst. Ein Aufw�lben, ein Umst�lpen, und dann das Nachr�cken, die nachtr�gliche <emphasis>Erleuchtung</emphasis>, das versp�tete Einklinken in den Gesamtzusammenhang.</p><p>Magnus verstand pl�tzlich, verstand den Krebs der Wahrheit, der von einer winzigen Parzelle des Internets namens Villacam ausgegangen war. Er begann, nachdem sein Identit�tskarneval erste Denkwucherungen, auch auf Feindesseite, nach sich gezogen hatte, bei der Lekt�re der zahlreichen Repliken immer genauer <emphasis>zwischen den Zeilen</emphasis> zu lesen, aber auf eine Art und Weise, die selbst Bibelexegeten ver�ngstigt h�tte.</p><p>Das Gelesene, in diesem Fall die Hasstiraden in Villas G�stebuch, kehrte n�mlich die Richtung um und begann, <emphasis>ihn</emphasis> zu lesen. Das Zwischen-den-Zeilen-Lesen wurde unendlich umkehrbar. Jedes Wort begann, mehrdimensional zu schillern, und alles war auf alles beziehbar. Erstaunlicherweise geschahen Codierungen nicht immer in Form von einfachen, r�ck�bersetzbaren Metaphern, sondern oft innerhalb der Gesamtheit eines Stimmungsbildes, in dem die Reibewirkung aneinander schabender Wortfelder und sich streifender Bedeutungspartikel eine Spannung erzeugte, aus deren Mitte kleine Botschaften an Magnus h�chstpers�nlich entsprangen. Andererseits wurden die Bilder an anderen Stellen unsch�rfer, fast labbrig, und die Verweise schossen, nicht zu halten, nicht zu fassen, in zu viele Richtungen davon. Magnus blieb an schludrigen Nebens�tzen h�ngen und fragte sich, ob die zahlreichen Rechtschreibfehler darin ebenfalls gewollt waren. Ein <emphasis>Sehsack</emphasis>? Er lachte schrill auf. Was f�r eine <emphasis>Unversch�mtheit!</emphasis> Er klopfte sich auf die Schenkel und lachte noch spitzer; lachte �ber den Sehsack, �ber die Unversch�mtheit, �ber seine Schenkel und �ber sein Lachen.</p><p>Im Impuls sprang er auf und lief in eine Zimmerecke, um nachzudenken. Er starrte die Wand an, strich mit den Fingerkuppen �ber die Luftbl�schen in der wei�en Farbe. Die Gedanken jagten einander. Seit wann hatten sich diese Leute, die er nicht kannte und die ihn nicht kannten, darauf verst�ndigt, in dieser doppelt gezinkten Sprache zu schreiben? Was war das f�r ein Code? Was bezweckten sie damit? Er eilte zur�ck zum Computer und lud alle Seiten der letzten beiden Wochen herunter, um sie nach Hinweisen zu durchk�mmen, nach versteckten Absprachen, nach dem Zeitpunkt, wo sich diese Freaks da drau�en auf ihren vertrackten Code geeinigt hatten. Die Buchstaben tanzten vor seinen Augen. W�hrend die alten Seiten sich st�rrisch langsam aufbauten, aktualisierte er nochmals die neueste Seite und tats�chlich: schon wieder sieben neue Eintr�ge. Die neuen S�tze waren in s�mtliche Richtungen wendbar. �bereinandergelegt und zusammengelesen aber ergaben sie ein eindeutiges Bild. Magnus ging hin und her in seinem Zimmer und wurde immer wirrer und doch irgendwie klarer. Und je l�nger er �berlegte (und er durfte nicht sehr viel l�nger �berlegen, denn jetzt war Zeit zu handeln!), desto mehr wurde die Vermutung zur Gewissheit.</p><p>Von der einen Internetzelle ausgehend, hatte der Krebs des Verstehens also benachbartes Gewebe infiltriert, um es zu destruieren, von dort in andere Organe hineinzuwuchern und schlie�lich s�mtliche Textk�rper zu erfassen. Die Transformation einer einzigen Zelle betraf die ganze Vernetzung. Als Magnus wieder aus dem Fenster blickte, waren die Lichter im gegen�berliegenden Haus wie auf Kommando erloschen. Er winkte und lachte. Vom Balkon ging eine Sogwirkung aus. Aus seiner Anlage splitterte die Musik leise durchs Zimmer. War denn nun eine Party oder doch schon ein Mord geplant?</p><p>Es war schwierig, die richtigen von den falschen Hinweisen zu trennen. Die Differenzierung war immens. Hatte Walter (die beiden wollten umziehen!) mittags noch schwul-hektisch mit dem Stadtplan vor seiner Nase herumgefuchtelt und Stra�ennamen aufgez�hlt (die Magnus nun wie Hohn vorkamen, sp�ttische Winke der St�dteplaner in seine Richtung), so hatten die Hinweise jetzt auch das Stadtmagazin metastasiert. Magnus erschrak, denn es war unleugbar schon vor einer Woche gedruckt worden. Oder? Hey! Oder hatten sie es nachgedruckt und ausgewechselt? <emphasis>Sie?</emphasis> Das Telefon schrillte. Er st�berte im B�cherregal.</p><p>Stra�enschilder staken aus dem Boden wie Zahnstocher aus K�seh�ppchen, bewipfelt mit kleinen Rechtecken, auf denen gro�e Namen zitterten. Es war nicht mehr gleichg�ltig, wo welche Worte hinzeigten, welche Stra�en einander kreuzten und welche parallel verliefen. Ihre Benennung war nie willk�rlich gewesen, nie. Ihre Ordnung ging weit �ber die offensichtliche Benennung nach Schriftstellern oder skandinavischen St�dten hinaus, und ein genau bestimmbares Gef�lle der Namen innerhalb dieses Netzes lie� Magnus schwindeln. F�r den Moment aber konnte all dies au�er Acht gelassen werden. Wichtig war, aus dem wuchernden Bedeutungsnetz die richtigen Zeichen zusammenzulesen und <emphasis>seinen</emphasis> derzeitigen Ort zu bestimmen.</p><p>Die Suche begann. Eine Schnipseljagd? Schon im verwucherten Hinterhof fand Magnus den ersten Hinweis, einen Zettel mit verschwommenen, kugelschreiberblauen Waschanleitungen. Und die T�r zum Keller stand offen. Es brannte Licht. Hinuntergehen? Nach den ersten Schritten auf den schmierigen Stufen der Treppe blieb er stehen, f�hlte sich unsicher. War dies eine Falle? Dort unten wartete etwas auf ihn, das war sicher und doch nur eine Finte. Ein st�rkerer Sog, ein mehrstimmiges Rufen kam woanders her. Magnus lie� den Zettel fallen und schritt wieder hinauf, dann besann er sich, ging nochmal hinunter, holte den Zettel und legte ihn drau�en genau an die Stelle zur�ck, wo er ihn gefunden hatte.</p><p>Er lief, <emphasis>hey ho!</emphasis> die K�penicker Stra�e entlang. Die Autos rauschten vorbei wie im Comic, viele Laster darunter, ungeb�hrlich viele Laster, Mammutautos, die in Richtung Alexanderplatz donnerten. �Laster fahren an dir vorbei!�, rief er und lachte, indem er gegen einen Zaun trat. Er erinnerte sich: Bei einer bestimmten Adresse hatte der Blick seines Mitbewohners besonders intensiv geflackert, und sein Finger hatte sich, tr�ge vor Bedeutungsschwere, sehr langsam �ber den zerknitterten Falk-Stadtplan geschleppt. Brunnenstra�e? Torstra�e? Magnus lief immer schneller. An der Ecke erstand er zwei Bierdosen, um Energie und K�hle zu tanken. Der Vietnamese wagte nicht, ihm in die Augen zu blicken. Magnus hielt die Bierdose k�hlend an die Stirn, fragte den Vietnamesen nach der Richtung. Er w�rde ihm doch ein Zeichen geben, wenn er �? Er gab ihm kein Zeichen, nein, sondern senkte erneut den Blick zu Boden.</p><p>Auf einer Baustelle war das rot-wei� gestreifte Absperrungsband dramatisch zerrissen und t�nzelte in der vom Verkehr aufgew�hlten Luft. Der B�rgersteig war von kleinen Zetteln, F�den, Scherben �bers�t. Auf einem Werbeplakat grinsten zwei Frauen und leckten etwas Saures dabei. Die Sonne gl�hte wie eine frisch umgeschmolzene M�nze. Magnus dachte: So sieht die Welt also aus! <emphasis>Ha!</emphasis></p><p>Die Stimmung war umgeschlagen, es hatte einen Sprung gegeben, in der Atmosph�re, der Luft, dem Licht. In der U-Bahn hielt er es nur eine Station aus: von der Jannowitzbr�cke zum Alexanderplatz. Er gl�hte vor, in der Mitte des Ganges stehend ohne Halt, die ruckelnden Ersch�tterungen mit dem K�rper auffangend. <emphasis>Die U-Bahn ist mein Skateboard</emphasis>, sagte er zu einer h�bschen Studentin, die laut lachte, aber wie gekitzelt. Am Alex �berfiel ihn leichte Panik. Es war schon vier! Die Uhren nickten im Wind. Wohin? Magnus rannte die Torstra�e hinunter, die Brunnenstra�e hinauf. Die Leute sahen ihn entgeistert an. Manchen stand ein aufatmendes �Endlich� ins Gesicht geschrieben, manchen purer Hass. Nummer f�nfundvierzig, hatte sein Mitbewohner gesagt. Oder vierundf�nfzig? Mit �berwachungsanlage, hatte er gesagt! Es musste demnach ein komplett saniertes Haus sein. Er bog in eine Nebenstra�e ein, fand ein verd�chtiges Haus mit Video-Bullauge �ber den Klingelschildern und studierte die Namen. Sie gaben keinen Aufschluss. Er musste etwas Grundlegendes �bersehen haben. Er klingelte, redete mit den knisternden Stimmen aus der Gegensprechanlage, lief kichernd zur�ck zur Brunnenstra�e und hielt ein Taxi an, das just in diesem Moment aufgetaucht war, wie bestellt. Zu Hause angekommen, fiel Magnus �ber die Radtaschen seines Mitbewohners her, die pl�tzlich nicht mehr in dessen Zimmer, sondern im Flur aufgestapelt herumstanden. Der Anrufbeantworter blinkte: eine Botschaft von einer seit Monaten brachliegenden Bekanntschaft, die mit ihm wegen eines �Kriegsprojekts� �ber Geschosse reden wollte. <emphasis>Du kennst dich doch aus mit Geschossen?</emphasis> Magnus fasste sich an den Kopf. Ging es etwa um Architektur? Danach die fremde Stimme einer alten Frau: <emphasis>Hast du meinen Brief bekommen?</emphasis> Er st�rmte in die K�che und durchw�hlte alte Post, aber kein Brief fand sich zwischen den Rechnungen. Ein Lachanfall besprang ihn. Im Netz gab es keine neuen Eintr�ge. Er scrollte hinab zu alten Texten. Die ineinander verhakten S�tze waren die bekannten, aber neu lesbar, wie tote Runen, die kleine Flauschb�lle laichten, welche in seinen Kopf eindrangen und dort sofort zu schleimigen Gremlins aufpoppten. (�Was ein <emphasis>gemeiner</emphasis> Film!�, rief er aus.) Es war offensichtlich: Diese Leute hatten sich nicht nur miteinander abgesprochen, seit Tagen, vielleicht Wochen � sie hatten ihn auch beobachtet. Sie wussten so viel �ber ihn, seine t�glichen Verrichtungen, seine Abneigungen, seine Vorlieben, dass keine andere Erkl�rung m�glich war. Wie aber hatten sie dieses Kunstst�ck angestellt? Stand Walter mit ihnen in Kontakt? Sein <emphasis>Mitbewohner</emphasis>, dem Magnus eh nicht mehr �ber den Weg traute, der immer mit gespaltener Zunge und Watteb�uschen in den Backen redete � ihr Informant? War er �berhaupt im Urlaub gewesen? Solariumsbr�une hatte in seiner Haut gegl�nzt.</p><p>Und �berhaupt � <emphasis>wessen</emphasis> Informant? Langsam und sekundenschnell d�mmerte Magnus ein viel gr��erer, viel epochalerer Zusammenhang. Dies (aber was war: <emphasis>dies?</emphasis>) war schon lange unterwegs gewesen. Dies waren nicht nur die Freaks auf Villacam, nein. Dies waren nicht nur Freaks aus dem Netz. Dies waren � mehr. Viel mehr. Dies waren vielleicht <emphasis>sie.</emphasis></p><p>Nicht mehr lachend, nur noch schwitzend klopfte Magnus die W�nde ab. Er beobachtete eine dunkle Stelle an der Zimmerdecke. Dort k�nnte unter Umst�nden eine Kamera versteckt sein. Er sprang hoch, warf Socken nach dem Loch, zeigte den Mittelfinger. Dann wurde er sich der L�cherlichkeit solchen Tuns bewusst und lief zum Fenster. Dr�ben hockten die Tauben in der Wand wie immer. Er wusste nicht mehr, was zu tun war. Sein Blick torkelte umher, stolperte �ber die Stra�e, die dalag wie ausgestorben. Wo eben noch eine Wahnsinnskarawane vorbeigedr�hnt war, schlich nun eine Katze herum, setzte sich nieder und leckte sorglos ihre Tatzen.</p><p>Dr�ben, auf der anderen Stra�enseite, leuchtete das besetzte Haus in der Abendsonne. Die Fenster waren zerschlagen, mit Laken verhangen, standen leer, g�hnten. Er sah niemanden, und doch hatte Magnus das Gef�hl, dass sein Blick erwidert wurde. Vielleicht starrte das Haus als ganzes zur�ck? Er winkte hin�ber, ruderte bizarr mit den Armen. Sofort erschrak er, voller Scham. Das Haus ist ein Haus, versuchte er sich zur Vernunft zu rufen, ein altes, zerfallenes, besetztes Haus, das ebenso wenig zur�ckstarrt wie irgendein anderes unbelebtes Ding. Dennoch konnte er den Blick nicht davon l�sen. Lag es nicht auf der Hand? In einem der nackten Fenster schien ein Gesicht auf, und in dem Gesicht blitzte es. Dann war das Gesicht verschwunden. Magnus beugte sich vor und begann wieder zu winken, nicht nur zu winken, er gestikulierte auch, fasste sich theatralisch an den Kopf, um die �bermacht seiner Gedanken zu karikieren, ironisierte ihr �berflie�en mit Haareraufen, Mattscheibenwischen, Grimassenschneiden, warf dann Kussh�nde und Stinkefinger gleichzeitig �ber die Stra�e und l�chelte schlie�lich, die Finger zum Victoryzeichen gereckt, galant in die surrenden Kameras. Je mehr er jedoch agierte, desto toter schien die Fassade. So einfach machten sie es ihm nicht! Er fasste sich wieder an den Kopf und hatte einen �Geistesblitz�: Nat�rlich findet die Party in Sichtweite statt! Nat�rlich und wahrscheinlich in diesem Haus gegen�ber. Also folgte er dem Ruf des Hauses. Dort w�rde wohl die Party sein. Dort w�rden sie sich erkl�ren k�nnen.</p><p>Ein Schweinekopf hing �ber dem von vertrockneten Schlingpflanzen umrankten Torbogen, darunter in ungelenken Lettern: SCHWEINEPEST. Schritt f�r behutsamen Schritt betrat Magnus den Vorderhof, als sei er vereist. Zu seiner Linken glotzten ihn abgewrackte Wohnwagen und Busse an, mit laienhaften Graffiti bespr�ht und von vergilbten Vorh�ngen in den tr�ben Fenstern vermummt, w�hrend rechts eine ausgegl�hte Feuerstelle den Geruch von Ru� und altem, verbranntem Fett verbreitete. Hinten, an der Hauswand, sa�en zwei gro�e, magere Gestalten auf einer Bank, mit verfilzten, schlampig gef�rbten Haaren und doppelten bis dreifachen Nasenpiercings, mit zerrissenen, buttonbewachsenen Lederjacken und herunterh�ngenden Nieteng�rteln � Relikte eines Punkgestus, der so sinnlos war, dass er nicht einmal mehr als Spiel funktionierte. Aber Magnus war sich seiner alten Einsichten nicht mehr sicher. Vielleicht waren die Punks nur engagiert, f�r seine Party. Vielleicht hatten sie sich ihre Punk-Haltung erst vor einer Woche zugelegt, und er musste sie wieder von diesem Trip herunterbringen? Es w�rde sich herausstellen, wie alles.</p><p>Sie nuckelten an ihren Bierflaschen und starrten ihn gelangweilt bis feindselig an. Rechts von ihnen stand eine T�r weit offen, Easy-Listening-Musik klang leise heraus. Schemenhaft wurde eine Theke sichtbar. Sofort hatte Magnus Lust auf ein Bier. Die Pseudopunks k�nnte er gleich noch befragen. Bier bedeutete Energie, und er brauchte reichlich davon, um die letzten H�rden vor der Aufl�sung des R�tsels zu nehmen. Nun hatte er ja Zeit, stand vor dem Ziel, war vielleicht sogar ein wenig zu fr�h; ein Bier w�rde ihm jetzt keiner �belnehmen; es w�rde ihm genau die richtige Dosis Lockerheit einimpfen.</p><p>�Eine Schluckimpfung, bitte�, sagte Magnus und l�chelte, wie immer, w�hrend er sich auf den Barhocker l�mmelte. Der Barmann mit dem T-Shirt voller �lflecken schaute ihn skeptisch an und schob ihm ein Hasser�der hin. �ber der Theke hing eine Girlande aus winzigen, blinkenden Plastiktotensch�deln, die dem Gast zuzublinzeln schienen. Eine Punkfrau neben ihm l�ffelte Milchkaffee. Der Milchschaum kam Magnus f�r einen Moment pervers vor, so lockerwei� und schaumighei� aufgequirlt. Keiner sagte ein Wort. In einer Ecke kickerten zwei Dreadlocks-Jungs, ganz in ihr Spiel versunken. Die Lounge-Musik knisterte wie Zuckerwatte.</p><p>Magnus beruhigte sich; jeder Schluck Bier beruhigte ihn und lie� die Gedankenstr�me z�her flie�en. Was soeben noch als Wellengang in seinem Kopf hin- und hergeschwappt war, verteilte sich nun in alle Glieder. Irgendetwas, das wusste er, stimmte nicht in seiner Rechnung. Was war passiert die letzten Wochen? Er konnte es nicht erkennen. Dass sich etwas zusammengebraut hatte hinter seinem R�cken, war offensichtlich; ob es gutartig war oder b�sartig (ein Verdacht, der sich immer aggressiver aufdr�ngte), stand noch dahin. War er hier richtig? Waren der Hinweise nicht zu viele, waren sie nicht zu ungenau? Gab es denn nichts Konkretes mehr?</p><p>Er sp�lte das Bier hinunter, stand auf und wandte sich dem wei�en Rechteck aus Licht zu. Das Licht �nderte seine K�rnung. Er ging los. Eine Stimme rief ihm etwas hinterher. <emphasis>Du hast nicht bezahlt.</emphasis> Sofort fuhr es mit Wucht durch sein Gehirn. Bezahlt wof�r? Hatte er denn ein Verbrechen begangen? Sollte er f�r seine Euphorie bezahlen?</p><p>�<emphasis>Hey!</emphasis>�</p><p>Es war der Barkeeper.</p><p>�Ja?�</p><p>�Du hast noch nicht bezahlt.�</p><p>Entgeistert suchte Magnus nach einem Hinweis in dem Stoppelgesicht.</p><p>�Bezahlt? Wof�r denn bezahlt?�</p><p>�F�r deine zwei Bier. Drei Euro.� Herausfordernd lehnte sich der Barkeeper (der immer mehr einer Wachsfigur mit angeklebten Haaren glich) �ber den Tresen und hielt ihm die zerfurchte Handfl�che hin. Magnus war sich v�llig sicher, dass er bezahlt hatte. Er bezahlte immer sofort, nicht erst nach dem Verzehr. Au�erdem hatte er nur ein Bier getrunken.</p><p>�Ich habe schon bezahlt. Au�erdem habe ich nur ein Bier getrunken.�</p><p>�Nein, hast du nicht. Drei Euro.� Die Wachsfigur baute sich bedrohlich vor ihm auf, mit verklebten Augen. Magnus r�tselte, was gemeint sein k�nnte. Vielleicht war es nur eine Losung f�r: Die Party kostet Eintritt? Vielleicht musste Magnus sich an irgendjemandes Internetkosten beteiligen? Da er noch nicht ganz verstanden hatte, nach welchen Regeln dieses Spiel konstruiert worden war und wie weit sie reichten, sprach er kein weiteres Wort und bezahlte. Die Wachsfigur lie� Luft ab und fiel zufrieden in sich zusammen.</p><p>Drau�en �nderte das Licht unaufh�rlich seine Farbe. Magnus suchte nach einer k�nstlichen Beleuchtung, fand aber keine. War der Himmel schon immer so wild gewesen? Er kicherte, ging hin�ber zu den Punks und fragte sie, ob sie etwas von der komischen Party w�ssten. Sie antworteten nicht, glotzten ihn nur an.</p><p>�Von der Party? Diese Internet-Party?�</p><p>Sie sagten etwas in einer Sprache, die er nicht verstand. Ein gewitzter Schachzug.</p><p>�Bitte?�</p><p>�Nix deutsch. Nix verstehn. Russki.�</p><p>�So sprechen Ausl�nder nur in schlechten Comics�, sagte Magnus und f�gte hinzu: �Wenn das gerade Russisch gewesen sein soll, dann spreche ich Hindi.�</p><p>Die Punks stellten sich taub und dumm, standen auf und trotteten �ber den Platz zum Ostfl�gel des Hauses. Magnus folgte ihnen, denn es war offensichtlich, dass sie das wollten; auch wenn sie ihn vordergr�ndig ignorierten und lachhafte Fetzen ihres Russisch-Kauderwelschs austauschten; auch wenn oder gerade weil sie ihn keines weiteren Blickes w�rdigten. So reserviert verhalten sich nur Menschen, die einen anlocken wollen. Sie schlossen eine beklebte Eisent�r auf und gingen hinein. Magnus fing die T�r auf, bevor sie wieder ins Schloss fallen konnte, l�chelte siegesgewiss und hatte ein mit Postern tapeziertes Treppenhaus vor sich.</p><p>Ein miefiger Geruch schlug ihm entgegen, ein Geruch von feuchtem, schimmelndem Papier, von Moder, Leim und Patschuli. Die Augen mussten sich an die Dunkelheit gew�hnen; es ist die Dunkelheit, die blendet, dachte Magnus, nicht das Licht. Er trat ein. Die beiden Russen sprangen beh�nde die Stufen hinauf, er sah nur noch ihre Doc Martens um die Ecke wirbeln, und waren im n�chsten Moment auch schon verschwunden. So war das also. Vorsichtig setzte er Fu� vor Fu� und achtete vor jedem Schritt auf Seife oder N�gel, pr�fte sorgsam jede einzelne Stufe, ob sie seinem Gewicht auch standhielt, nicht vielleicht pr�pariert war. Er traute diesem Treppenhaus nicht mehr, diesem Vorraum zum Ziel, der sicherlich von lustigen Schikanen und b�sen Finten durchsetzt war. Auff�llig harmlos die Ger�uschkulisse: Kinderstimmen mischten sich mit Reggae-Musik; irgendwo pfiff ein Teekessel; ein Hund winselte aus dem Keller herauf. Drau�en rauschten Autos vorbei. <emphasis>Alles wie immer, Villa? Alles wie immer.</emphasis></p><p>Die Gewissheit wuchs, dass er hier richtig war. Nur musste er den letzten Raum finden. Die W�nde waren voll mit Plakaten und Zetteln. Pfeile stachen ihm ins Auge, Pfeile in alle Richtungen, hoch, runter, schr�g links, gleich rechts; Vektoren, die sein Koordinatenvertrauen nur verwirren sollten. Fotokopierte Portr�ts von politischen Gefangenen, f�r deren Befreiung geworben wurde, klebten dicht aneinander, dar�ber schlecht gezeichnete Partyflyer, B�cherlisten alternativer Seminare, daneben Privatanzeigen f�r Gitarrenstunden, Aufrufe zur Revolution, Schablonengraffiti. Magnus h�rte ein Raunen. Kam es aus der Luft, kam es aus den Papieren? Sein Blick blieb an einem Aufruf zum revolution�ren ersten Mai h�ngen: ein brennendes Auto, ein roter Stern, ein T�tet-den-Kapitalismus und ein Nietzsche-Zitat. In seinem Kopf knirschte es. Was hatte mit ihm zu tun, was nicht? Der Filter war von zu vielen Bits und Bytes verdreckt, die Zeichen und Bilder konnten ungehindert durch seine Augen ins System str�men, nackt und direkt und scharf und grell, und dort herumpoltern, anecken, Konzepte verbeulen, um im n�chsten Moment wieder hinauszust�rmen, weil andere schon nachdr�ngten.</p><p>Er schloss die Augen.</p><p>Stop.</p><p>Genug gezaudert, gelesen, gerechnet. Ein Mensch musste her. Ein Mensch w�rde ihm Auskunft geben. Er m�sste einen Menschen treffen. In so einem besetzten Haus wimmelt es doch nur so von Menschen und Hunden? Er rannte die Treppen hinauf, nahm zwei, drei Stufen auf einmal, dr�ckte eine T�rklinke hinunter, verschlossen, wieder hoch, die n�chste Klinke, verschlossen, T�r daneben, Klinke, offen. Dahinter ein verhangener Gang, unbegreifliches Chaos, versiffte Ikearegale, vollgestopft mit Zeitungen und Stofffetzen, am Ende sah er einen sonnendurchfluteten Raum, mit alten Sofakissen und Bettlaken ausgelegt. Eine bebrillte, magere Frau, die gerade damit besch�ftigt war, Zeitungspakete unter die Regale zu schieben, blickte ihn an.</p><p>�Ja?�</p><p>�Gibt es hier eine Party?�</p><p>�Eine Party? Nein.� Sie stand jetzt vor ihm, war h�sslich wie die Nacht. Ihr Rock bestand aus ledernen Flicken.</p><p>�Sind hier nicht diese Internetleute?� Er starrte �ber ihre Schulter weg in das Zimmer. Ein Kind turnte auf einer Matratze herum.</p><p>�Internetleute? Wie hei�en die denn?�</p><p>�Ich wei� nicht�� Arne? Ist ein Arne hier? Oder eine Villa?�</p><p>Die Frau sagte nichts mehr.</p><p>�Oder ein Johnny Japan? Ein Weazle? Sven und Elke?�</p><p>�Wo wohnen die denn?�</p><p>�Bitte?�</p><p>�Wo wohnen denn diese Leute?�</p><p>�Ich wei� es nicht. Villa?� Er rief Namen in den Raum. Das Kind, rasierter Kopf, L�ffel in der Hand, n�herte sich.</p><p>�Weazle? Raoul? Jonna? Villa!�</p><p>�Wo! Wohnen! Die! Denn!� Die Frau geriet au�er sich, ihre Halssehnen spannten, eine Ader an der Schl�fe trat hervor. �Wo wohnen die?�</p><p>Magnus starrte sie an. <emphasis>Esoterische Bitch!</emphasis>, dachte er. War die verr�ckt? Er hatte ihr doch gesagt, dass er es nicht wusste! Weiter unten im Treppenhaus rumpelte es, Schritte hallten hoch, Stimmen wurden lauter. Das Kind lugte hinter dem Rock der Frau vor, mit gro�en blauen Augen, und sch�ttelte den Kopf. Es hielt einen L�ffel in der Hand. �Geh weg!�, rief es. Seine Augen weiteten sich. �Nein!�, rief es fl�sternd. �Geh weg!�</p><p>Die Lippen der Frau bebten. <emphasis>Wo wohnen die denn?</emphasis> Sie schob ihren Kopf vor wie ein Geier und rang nach Atem. Das Gerumpel hinter Magnus war jetzt ganz nah. Er drehte sich um.</p><p>�<emphasis>Was ist denn los hier?</emphasis>�, keifte eine hohe, raue M�nnerstimme. Das dazugeh�rige Gesicht kam um die Ecke: schielende Augen, k�terblonde Dreadlocks und Z�hne wie j�dische Grabsteine.</p><p>�<emphasis>Was willste?</emphasis>�</p><p>Grabgeruch, nasse Erde, Restschlamm in Kannen, welke Blumen. �<emphasis>H�h? H�h?</emphasis>� Rotunterlaufene Augen schielen dich an, vom inneren Bierdruck ausgebeult.</p><p>�<emphasis>Was du willst!</emphasis>�, br�llte der Typ. Sein Atem roch nach Sellerie und Karies und Alkohol und Lauge.</p><p>�Ich, �h�, sagte Magnus � und suchte das Auge, das er anreden sollte, keines schien ihn anzusehen��, �hier wohnen doch diese Leute, oder?�</p><p>�Welche Leu<emphasis>t�h</emphasis>?�</p><p>�Die Leute, die ich suche. Meine Freunde sind bestimmt auch hier.�</p><p>�Hau ab�, sagte der Typ, knurrend, witzlos, ganz nah an Magnussens Gesicht.</p><p>�Aber���</p><p><emphasis>�Hau ab, sag ich.�</emphasis></p><p>�Nein, ich bleibe. Im Gegenteil.� Magnus machte Anstalten, an der Frau vorbeizugehen, in die Wohnung.</p><p>�Nein�, fl�sterte das Kind, �geh weg, geh weg!�</p><p>Pl�tzlich packte ihn etwas von hinten, schleuderte ihn zur�ck ins Treppenhaus, gegen das Gel�nder. Ein Schmerz zuckte in der Wirbels�ule auf. Der h�ssliche Typ schnaubte und spannte seinen Bizeps an. �<emphasis>Hauste jetzt ab, oder nicht?</emphasis>�</p><p>Magnus war den Tr�nen nahe. �<emphasis>Aber ich bin mir sicher, dass �</emphasis>�</p><p>Ein Geschrei wie von einer H�llenhy�ne ert�nte, im Blitztempo war der Typ im Raum, schnappte sich einen Besenstiel, drehte um, lief wie von Sinnen auf Magnus zu, schlug dabei mit dem Stiel auf den Boden im Ninjazickzack, schrie noch lauter, der Besenstiel splitterte, Holz flog durch die Luft.</p><p>Magnussens Herz raste. Nur noch diese Pr�fung, dachte er, nur noch diese letzte Pr�fung.</p><p>Der Typ hob das spitze, zersplitterte Ende des Stiels hoch und hielt es unter Magnussens Nase.</p><p>�Was ist los, Alter. Alter, willst du es drauf anlegen. Ist dir dein Gesicht lieb, Penner. Dein kleines, h�bsches Wichsergesicht, magst du es? H�h? <emphasis>H�h?</emphasis>�</p><p>Frau und Kind waren verschwunden.</p><p>�Du kannst mich gar nicht beeindrucken�, sagte Magnus. �Du kannst���</p><p>Im n�chsten Moment traf es ihn an der Stirn, ein Licht blitzte auf, dann Dunkel, dann Schmerz, er torkelte r�ckw�rts die Treppe runter, st�rzte fast, sah nichts. Hielt sich am Gel�nder fest und kam zum Stehen. Dann wieder der Typ. Sein Gesicht entgleiste, l�ste sich in wirbelnde Kreise und Striche auf, ohne Kontrolle, schrie etwas, das Magnus nicht verstand, kam wieder n�her. Noch ein Schlag gegen die Stirn, diesmal mit dem Handballen. Magnus fiel die Treppe hinunter. Lag da. Eine T�r rummste zu, Schl�sser rasselten. Dumpf war zu h�ren, wie hinter der T�r das Kind laut weinte und schrie.</p><p>Wieder aufgerappelt ging er �ber den Vorderhof, jemand machte ein Feuer, Magnus hielt sich den Kopf und k�mpfte gegen die Tr�nen an. Rauchschwaden wehten an ihm vorbei. Alles drehte sich.</p><p>Okay, sagte Magnus zu sich, was jetzt. <emphasis>Was jetzt.</emphasis></p><p>Am Kopf blutend, trat er heftig in die Pedale, legte sein ganzes K�rpergewicht hinein, �berholte die Autos. Das Licht wurde br�chig. Irgendwohin musste es gehen. Irgendwo war die Party, oder der Empfang, oder die Erkl�rung. Es war sp�t. Sein Herz pochte gegen die Rippen, sichtbar, �hnlich dem Puls einer d�nnh�utigen Echse. Magnus musste die Zeit �berholen. Die wichtigsten Dokumente hatte er im Rucksack mitgenommen: ausgedruckte Webseiten, Stadtplan, Gedichtband, Magazine. Die Hinweise verdichteten sich auf die Schwartzkopffstra�e. Hatte nicht einer seiner fr�heren Vermieter Schwarzkopf gehei�en? Wie im Golfkrieg? Autos hupten m�de. Muskeln liefen hei�. Magnus f�hlte sich voller Leben, voller Angst. Er hatte den Schl�ssel, irgendwo. Die Zeichen begannen zu leuchten. Das letzte Naturlicht starb hinten, jenseits der Charit�, sanft und friedlich weg. Zweige knackten und gaben der Luft ihre Hitze zur�ck. Er kettete sein Rad an. Hier musste es sein, hier in der N�he, ganz sicher. Seine Schritte klopften als Echo in der Hirnhaut, sp�rbar au�en im Innendruck. Er folgte der Schleife, welche die Trambahn durch eine Wohnsiedlung zog, lauschte aufmerksam in die Luft und studierte das Stadtmagazin. Ein paar Takte klassischer, blechlastiger Musik, vielleicht Bruckner, dr�hnten von fern her�ber. Sonst nichts, nicht in der gegen�berliegenden Kneipe, nicht unter den Scheibenwischern der parkenden Autos. Was hatte sein Mitbewohner <emphasis>genau</emphasis> gesagt? Eine Tram kam an, hielt, wartete. Mit matschschweren Beinen stieg Magnus ein.</p><p>Vielleicht hatten sie auch eine kleine Anzeige im Stadtmagazin geschaltet? Wie er sie kannte, wahrscheinlich unter <emphasis>Lonely Hearts</emphasis>. Die Schlagl�cher und Gehwegsch�den sch�ttelten ihn durch. <emphasis>�Geh weg, Sch�den!�,</emphasis> sagte er laut, erschrak vor dem Klang seiner Stimme, erinnerte sich gleichzeitig an das Kind, das Orakel mit dem L�ffel, lachte dankbar f�r die Warnung, fuhr mit den Fingern �ber die leichte Schwellung am Hinterkopf, verga� es sofort wieder. Die Umwelt verdichtete sich grinsend.</p><p><emphasis>Du sehnst Dich nach einem z�rtlichen Liebhaber?</emphasis> Nein! Und doch: Jede Frage meinte ihn, auf Umwegen erst, dann direkt. Dazu die Leserbriefe, die ihn f�rmlich ansprangen, allein durch die flackernden �berschriften: <emphasis>Gro�kotz! Ewiger Furor! Runterkommen!</emphasis> Mitunter gab es obsz�ne Wortspiele, Witze, Gemeinstes, das ihn auf unversch�mte Weise anging und blo�stellte. Jede Frage machte ihn ein wenig nackter, verletzter, kleiner: Attacken gleich in den herznahen Kopf. Magnus schloss die Augen und konzentrierte sich auf die gleichm�tige Bewegung der Tram. Er lie� das Stadtmagazin auf den Boden fallen. Es war verr�ckt geworden.</p><p>Und folgte dem b�rtigen Student, der ihm zugenickt hatte, ein kurzes St�ck. Der sah sich nicht um. Eine Werbetafel gab einen neuen Hinweis. Der Hinweis verfl�chtigte sich wieder, bevor Magnus ihn genau fassen und analysieren konnte. Jetzt war eine Frau zu sehen, die f�r einen Fernsehsender warb, mit verbundenen Augen. Warum mit verbundenen Augen? Wieder �nderte sich die Tafel. Ein riesiger Pfeil erschien, dar�ber ein schmatzendes, riesiges <emphasis>ZACK!</emphasis> Dort entlang also! Nein? Jemand forderte ihn auf, mit einem Krankenhaus zu telefonieren. Er sagte: �Doch, mach das.� Magnus drehte auf dem Absatz um und rannte die Stra�e hinunter. Die Zeichen und Autos knirschten vorbei. Wieder waberte ein <emphasis>ZACK!</emphasis>, auf einem dreckbespritzten Plakat, neben Frauen mit verzerrten Gesichtern voller Orgasmen, von der Kamera gefingert. Ein Stromkasten meldete: <emphasis>Ich bin�s nicht, Adolf Hitler ist es gewesen!</emphasis> Panik kroch seine Brust hoch, tausendf��ig, kleinteilig wie ein Heer aus Blattl�usen. Seine Brust �ffnete sich wie eine Bl�te. Seine Haut schmerzte empfindlich. Die Tags und Graffiti, sonst unbeachtet am Rande des Blickfeldes, dr�ngten sich auf, wollten ausgesprochen werden. Seine Stimme klang jedoch umso fremder, je lauter er redete. Verh�llte, dunkelgesichtige Gestalten, deren Kiefer auf- und zuklappten, gingen vorbei. Ausgeweidete Telefonzellen standen im Weg. Gespr�chsfetzen verh�hnten ihn. Personen, die er ansprach, antworteten nicht oder deuteten auf das Fu�g�ngergr�n der umschaltenden Ampel. Auch die Schaufenster, h�misch dekoriert, lispelten einander Doppeldeutigkeiten zu, prahlten mit Bebilderungen, diskutierten die Evolution und meinten doch nur ihn, Magnus, den Unfall.</p><p>Weiter, weiter, weiter.</p><p>Alles ging ihn an. Alles <emphasis>griff</emphasis> ihn an. Ein Wispern war in der Luft. Es schloss sich um ihn und l�ste sich auf wie ein schlauer Bienenschwarm, sobald er genauer hinzuh�ren versuchte. Dann wieder Tuscheln, schwarze Linien, Lichtersturm und Schallschwemme. Der Teufel im Detail trieb ihn um und war nicht mehr zu stoppen.</p><p>Das Internet hatte sich umgest�lpt. Es war aus seinem Computer ausgebrochen, hatte den Boden, auf dem er schritt, unterwandert, schoss nun aus allen L�chern, Rissen, Poren, legte sich �ber die Stadt; Stra�enz�ge voller Links, Hypertexte, Werbebanner, Pseudonyme st�rzten auf ihn ein, von allen Seiten. Alle Vergleiche waren erhitzt durch Wirklichkeit. Der Boden wurde weich wie Glibber.</p><p>Etwas war passiert. <emphasis>Er</emphasis> war passiert.</p><p>In den n�chsten zwei Wochen entfernte Magnus sich noch weiter von allem, was er bisher gekannt und gelebt hatte. Er streifte durch die Stadt, befeuert, ziellos, entgeistert, auf der Suche nach immer neuen Hinweisen auf immer neue Markierungen, die seinem Weg einen Sinn geben mochten, seiner Suche ein Ziel. Er floh vor allen und verwickelte sich immer tiefer in die Einsamkeit hinein, inmitten des gro�en Durcheinanders der Stadt. Er bestieg Z�ge, um sie gleich wieder zu verlassen, lie� sich durch den Stra�enverkehr treiben, wurde beargw�hnt und ausgelacht. Seine K�rpersprache hatte sich ver�ndert, aus dem geschmeidigen Habitus eines Bohemiens war die eckige Ungeschlachtheit des Manikers geworden. Mitunter begann er, Passanten zu beschimpfen. Mitunter bewegte er sich wie ein Tier.</p><p>Seine Freunde machten sich Sorgen, berieten sich und erwogen, was zu tun sei. Solange weder Fremd- noch Selbstgef�hrdung attestiert werden konnte, durfte, nach dem Psychischkrankengesetz, das jetzt auch Magnus kannte, niemand gegen seinen Willen in der Psychiatrie untergebracht werden, egal, wie wohl es ihm vielleicht t�te. Zumal jetzt, da nie sicher war, wo Magnus sich gerade aufhielt; er war nicht zu orten, unterwegs in einer verwirrten Stadt, schlief mal hier, mal dort, st�rzte ab mit namenlosen Frauen und schlief auf anonymen Wiesen. Er war nicht einzufangen.</p><p>Die zwei Wochen darauf nahm die Befremdung, die Magnus anderen gegen�ber ausstr�mte, auch von ihm Besitz: Er wurde sich selbst unheimlich. Als die Freunde wieder eine ihrer Beratschlagungsrunden abhielten, diesmal war Magnus als Thema und als Teilnehmer unter ihnen, voller Skepsis, gelang es ihnen, ihn mit dem Satz �Etwas stimmt nicht�, den er sofort unterschrieben h�tte, von einem Aufenthalt in der Psychiatrie zu �berzeugen. Unter Tr�nen packte er etwas Zeug in seine zerfetzte Tasche und lie� sich im Taxi abtransportieren.</p><p>Zehn Tage sp�ter war Magnus wieder auf freiem Fu�. Die rindergem��e Abfertigung, die t�gliche Abstillprozedur hatten ihm nicht zugesagt; auch fand er in keinem der �rztinnen und �rzte einen ebenb�rtigen Gespr�chspartner, zu dem er Vertrauen h�tte fassen k�nnen; schon gar nicht in den doofen Psychologen und Therapeuten. Die �rzte verschrieben den Patienten eigentlich nur Medikamente. N�her waren die Pfleger, die t�glich mit einem zu tun, aber freilich keinerlei Entscheidungsrecht hatten �ber einen, der mit einer �schizoaffektiven Psychose� oder, die Worte gingen hier je nach Gespr�chspartner auseinander, �bipolaren St�rung� geschlagen war, ohne �krankheitseinsichtig� zu sein. Gegen �rztlichen Rat wurde Magnus schlie�lich entlassen, das mussten sie tun, denn er war freiwillig dort gewesen.</p><p>Was auch nicht half. Hatten ihn die Medikamente ganz d�sig und selberdumpf werden lassen, ohne seine Vorstellung, vom Weltgeist mit einem abnormen Schicksal geschlagen zu sein, zu beschwichtigen, sch�rften sich seine Sinne schnell wieder bis zur �bersch�rfe, und weiter. Wieder begann die Flut der nicht mehr zu ordnenden Eindr�cke und Ideen auf ihn einzuprasseln und aus ihm herauszuhageln; ihrer Herr zu werden war nicht mehr m�glich, was den Nichtherren Taue w�tend machte und dazu verleitete, das Chaos mit verschw�rungstheoretischen Ideen wie mit einer Machete zu durchschlagen, grobe Schneisen durchs Gestr�pp der Gedanken zu metzeln, bis er wieder wusste, wirklich wusste: Ich bin es gewesen, ja, ich war und ich bin es; denn hinter meinem R�cken wurde, so die Theorie, 1977 von niemandem und allen, von keinem bestimmten und doch der ganzen Menschheit der Beschluss gefasst: An diesem hier, der da so auff�llig redet und malt, an ihm wollen wir doch mal sehen, wozu das Experiment Mensch so f�hig ist.</p><p>Selbst ganz Auge, stieg er in die U-Bahn und war sofort im Netz der Blicke gefangen, und die Stimmen, die offiziellen, die an der Oberfl�che, klangen ab. Gleichzeitig schwoll das Raunen an, jahrhundertealt, in der Luft und unter der Haut. Aber das machte nichts. Magnus war bereits abgeh�rtet, jetzt, vier Wochen seit der Wahrheit, er kannte das alles. Rotzig und erhaben flegelte er sich in die Ecke, um niemanden in seinem R�cken zu haben, und begann zu rechnen.</p><p>Die T�ren seufzten zu, stauten die abgestandene Luft zur�ck. Die gelbe Verkehrsmade kam in Bewegung und bohrte sich langsam durch das sandige Fleisch der Stadt. Es �chzte, h�mmerte, knirschte und fl�sterte. Es rauschte, und Magnus konnte dieses Rauschen steuern. Er beobachtete die Reaktionen der Leute auf ihn, ihre Reflexe, pr�fte angewidert und belustigt nach, wie er diesen feigen, leisen L�rm der lesbaren K�rper mit seinem eigenen K�rper praktisch dirigieren konnte, mit den kleinsten Regungen, Zuckungen, Anwandlungen ihre Frequenzen verschob wie mit einem Regler. Ein Rucken der H�fte, und die Arbeiter mit den Schieberm�tzen, die als Zwanziger-Jahre-Zitate auf ihren Sch�deln hockten, knurrten oder r�lpsten im Chor. Ein Nicken, ein Wenden des Kopfes, und vibrierende Lust schreckte durch die Sch��e pickliger Teenager, die ihn blasm�ulig begafften. Willig.</p><p>Er konnte es wirklich wittern.</p><p>Die M�dchen quiekten kaum h�rbar, doch f�r ihn sehr laut, leckten sich kaugummitrainiert das Lipgloss, und ruckelten auf den Sitzen, um ihre alarmierten Sch��e zu beruhigen. Die zwei T�rken drehten den El-Arenal-Techno im br�derlich geteilten Walkman auf und fuhren sich durch die nassgegelten Haare. Ein abgewrackter Alter schloss die schlierigen Augen, zeigte verbeulte Lider, kaum bewegt, und hustete erb�rmlich und schuldbewusst, ohne Magnussens Blick erwidern zu k�nnen. Dieser w�nschte ihm, deutlich h�rbar f�r alle:</p><p>�Gesundheit.�</p><p>Das w�nschte er ihm.</p><p>Das w�nschte er ihm also.</p><p>Das ist eine Auseinandersetzung, die bleibt.</p><p>Dann: Stille, klare Stille, und abged�mpftes Rauschen. <emphasis>Nach der Gesundheit</emphasis>. Er hasste alte Leute, vergab ihnen aber schnell.</p><p>Das Raunen wurde wieder hochgefahren, langsam und mit anderem Regler. Staub und Watte in den Geh�rg�ngen aller.</p><p>�Danke�, r�chelte der Alte beklommen und blickte Magnus dankbar an. In seinen tr�nigen Augen, wo anderen die Dollarzeichen klingeln, hatte der Mann erstarrte Runen kleben, die sich kurz zu Fragezeichen verformten. Das sah Magnus unger�hrt, nickte ver�chtlich und schaute weg, woandershin, in das n�chste verlogene Gesicht. Keine Erleichterung, keine Ruhe, ich blicke schneller. Weiterrechnen, weiterchecken.</p><p>Diese tr�ben Wasseraugen, �berall, <emphasis>oh!</emphasis> Es kribbelte hinter seiner Netzhaut. Diese m�den, nass verschleierten Augen, voller Arbeitslosigkeit und grauem Star. Magnus� Augen schweiften chaotisch, stachen spitz mit ihrem Sperberblick (<emphasis>dem Sperber-Speer-Blick, dem hei�en!</emphasis>) hinein, wie mit einem gl�henden �tze-Finger. Sollte das faule T�mpelwasser ihnen doch endlich aus den Hirnen spritzen, damit ihre Blicke nicht mehr so stanken, vor Feigheit und Buckeltum! Sollten sie das Spiel doch aufgeben und ihn wieder aufnehmen in ihrer Mitte, auch wenn er das strikt ablehnen w�rde. (Die Sehnsucht, abweisen zu k�nnen.)</p><p>Als er seinen Bizeps anspannte und die Reaktion der beiden T�rken kontrollierte, wichen sie in vorauseilendem Gehorsam seinem Blick aus und gaben sich versteckte Zeichen mit den Augenbrauen. Nur der Schoko am anderen Ende des Wagens war wieder entspannt, ein Rastafari, wie immer locker drauf, von wegen Reggae-Spirit, und bleckte freundlich sein Riesengebiss in Bruder-Manier.</p><p>Gelb und alt fra� sich der Wurm weiter durch den Marksand und spuckte immer wieder Unverdautes aus: Menschen. Seine Organe r�lpsten. Dieses System der Zeichen, Kleider und Gesten schmatzte und war vergiftet. Die Luft, die ich atme, ist giftig, dachte Magnus und wurde wieder unruhig. Beklommenheit sa� in seiner Brust. Was war denn los hier? Gab es nichts Normales mehr? Die Stille redete. Der Dreck wisperte. Zu viel! Die Drecksidee spulte sich wieder ab in seinem Kopf. Diese Stadt ist voller Dreck, es ist der notwendige Dreck, die Spucke, der Rotz, die Bakterien �berall: die Basis. Er konnte sie f�rmlich kreuchen sehen da unten. Bitte den Dreck auflecken, die Spucke anderer, sich die Viren einverleiben, so ging es durch seinen Kopf. Das war die Drecksidee: die Welt reinlecken. Von vorne anfangen. Er k�nnte das, ohne zu sterben. �berleben war schlie�lich sein Metier.</p><p>Verwirrt setzte er sich auf den Boden und starrte die flachen Noppen an, sah ein helleres Licht glimmen, drei wachsende Lichter, der nahende Zug? Dann stand er blitzschnell wieder auf und klopfte sich die Hose ab. Jetzt starrten ihn ein paar Leute auch ganz offen an, er fragte: �Warum sagt denn keiner was? Ist das hier ein Witz?� Wie zur Antwort schmatzten die T�ren auf, und drei Kontrolleure kamen herein. Magnus l�chelte wissend. Was f�r ein Theater. Nat�rlich waren sie nicht in Zivil. Nat�rlich war es ein Witz.</p><p>�Die Fahrkarten, bitte.�</p><p>Magnus kramte mitspielend in seinem zerfetzten Portemonnaie und fingerte einen Stapel Fahrkarten hervor, f�hlte Unbehagen und gleichzeitig Freude. <emphasis>Just another showdown.</emphasis> Schnell arbeitete sich der mittelgro�e Kontrolleur vor, dessen Gesicht mit Alknase und Panzerglasbrille wie Tarnung aussah. Magnus gab ihm die erste Fahrkarte in die Hand. Letzte Ausfahrt.</p><p>�Habense auch ne g�ltige? Guckense nochma.� Ausfahrt verpasst.</p><p>�Die?�</p><p>�Auch nicht. Kommense mal mit.� Hinter dem Kontrolleur bauten sich seine beiden Kollegen auf, eine Plattenbauputze und ein Klassendepp mit Milchbart.</p><p>�Und den, und den, und den!�, kloppte Magnus seine alten Fahrkarten in die ausgestreckte Pranke des Kontrolleurs, wie beim Skat.</p><p>�Und den. Und den auch noch. Und den, und den, und den!�</p><p>�Wennse so weitermachen, ham wa gleich das ganze Jahr durch�, grinste es aus fettigen Poren.</p><p>�Kommense ma mit raus jetzt, ja, da reden wa weiter.� Einige Leute waren belustigt, und auch die Kontrolleure schienen den Kauz drollig zu finden.</p><p>�Nein.� Er wich zur�ck. Sein Blick brannte. �Nein, ich komme nicht mit dort hinaus.�</p><p>�Na, was. Jetzt kommste mit, sonst���, aber dem Kontrolleur blieb das Wort im Hals stecken. Er starrte auf das Butterfly-Messer, das Magnus gez�ckt hatte. Schnapp! war es auf. Jetzt waren es die Kontrolleure, die zur�ckwichen. <emphasis>Okay, einmal abrocken bitte, einmal Demo, oder was wollt ihr?</emphasis> Magnus fuchtelte mit dem Messer herum. Die Alknase hob beschwichtigend die H�nde.</p><p>�Ho, ho! Ganz ruhig, junger Brauner! Immer ruhig mit���</p><p>�Nix da. Nichts�, zischte Magnus. �Ich komme nicht raus. Ich bin erstmals drin. Da geht nichts mehr raus. Ihr kennt das doch. Ihr���</p><p>Ein dumpfer Schlag gegen seinen Kopf, das Messer entglitt ihm, etwas Schweres warf ihn zu Boden und begrub ihn unter sich. Es war einer der T�rken, oder beide. Sie hielten seine Arme fest, und die Kontrolleure st�rzten sich auf ihn. Er l�chelte. Die Welt muss gesch�tzt werden.</p><p>Minuten sp�ter traf die Polizei ein und �bernahm mit festerem Griff, noch brutaler. Magnus lag wimmernd auf dem Bahnsteig und sp�rte, wie sein Knochen im spr�den Gelenk schabte und herausspringen wollte. Das Raunen war verschwunden. War einem Quieken und Schreien gewichen, Knochengeknirsche, U-Bahnen, die in ihm �chzten. Rufe, die durch den Kopf hallten, ein Wind blies, woher, von der H�lle her, den L�rm der Geschichte wach, von marschierenden Stiefeln Aufgeworfenes. Sein Blick wollte sich in den gl�nzenden Wandkacheln festkrallen, rutschte jedoch ab. Der Schmerz pochte in seiner Schulter und fuhr durch alle Nerven.</p><p>�Ich zahle nicht! Ihr wisst, dass ich gen�gend zahle. Die ganze Zeit! Die ganze Zeit!�</p><p>Eine alte Frau schlurfte vorbei, in Schwarz, mit l�cherlichem H�tchen voller Kunstobst und Kunstblumen, und starrte ihn ver�chtlich an. Schatten sammelten sich in ihrem Gesicht aus Baumrinde und liefen in ihrem Blick zusammen, schnell und unwirklich wie Quecksilber. Ihre Pupillen waren kleine schwarze L�cher. Magnus bebte, Bilder schimmerten in seinem Kopf auf. Er sah sie, diese Frau, wie sie fr�her gewesen war. Im Wind der Geschichte. Erst unscharf, dann immer genauer. Im wei�en Kost�m sah er sie, mit Jungfernz�pfchen, blond und pfl�ckbereit, n�hend, tr�llernd, am Weltempf�nger. Ihre Augen leuchteten.</p><p>Ihre Augen, eine Sternenbiographie: Vom Sternenstaubfunkeln des Kindes, versprenkelt �ber die Netzhaut, ging es schnell �ber zum hellen, gl�henden Licht des erwachten Geschlechts, wei�e Zwerge, die die blonden Burschen anstrahlten, erwartungsfroh, l�ufig, ein blendendes Licht, das erstarb, als die Russen kamen, nach Kriegsende: nur noch dunkle, kalte Sterne in den Pupillen. Das Wirtschaftswunder, die fette Zeit, aufgebl�htes Ungl�ck: rote Riesen, die die Umgebung fressen, ausbrennen. Und dann implodieren, mit dem Tod des Mannes oder l�ngst vorher, und jetzt hatte sie dieses b�se Nichts in ihren Augen, das jeden verschlucken wollte, diese schwarzen L�cher, in denen es waberte und rief.</p><p>Die Frau sagte nichts. Er h�rte sie dennoch. Es sprach aus ihren schwarzen L�chern. <emphasis>Geh. Geh endlich. W�rest du nicht gekommen, du Heiland aus Gift, h�tte ich dieses Kreuz hier nie tragen m�ssen. Es w�re uns erspart geblieben, alles. Fahr zur H�lle. Du bist das Ungl�ck, das Schwein, F�hrers Vater und Teufels Sohn. Verrecke schon, wo du endlich da bist, und nimm diese Schuld von uns, denn du bist ihre Ursache.</emphasis></p><p><emphasis>�</emphasis>Arschlocherin!�, schrie Magnus mit hochgepitchter Stimme, spuckte aus, ohne Spucke im Mund zu haben, und fletschte die Z�hne, tierisch. Der Bulle zog sofort an und rammte seinen Arm hoch, kugelte ihn fast aus dem Gelenk. Magnus heulte auf, die Frau war verschwunden. Z�hne knirschten; Knochen knirschten.</p><p>�Es reicht, Kleiner. Du h�ltst jetzt die Schnauze, keinen Mucks, und r�hrst dich nicht.� Handschellen klirrten. Der Bulle schnaufte schwer, an seiner Nasenspitze sammelte sich ein glasklarer Tropfen Schwei�, nahm zu, wurde Rotze, wurde gr��er und fetter und dichter, bis die Schwerkraft siegte und der Tropfen in Magnussens Haar fiel, dort sofort unsichtbar wurde.</p><p>�Keiner kommt hier lebend raus�, fl�sterte Magnus, �keiner.�</p><p>�Das wollen wir doch mal sehen. Das haben wir gleich.� Hektische H�nde an seiner Ges��tasche fummelten das Portemonnaie heraus. �Wie hei�t denn der Kollege �berhaupt.�</p><p>Seine Schulter l�rmte in Schmerzen. Die flachen Bodennoppen dr�ckten sich in seine Wange, Dreck zwischen seinen Z�hnen. Das Gummi roch benutzt und dreckig, wie alte H�nde nach einer langen Reise.</p></section><section><title><p><strong>SIEBTER TEIL UNGEHEUER OBEN</strong></p></title><epigraph><p>but gravity always wins</p><text-author>Radiohead</text-author></epigraph><p>Thorsten lag auf seinem Bett. Die Laken stanken. Er roch es nicht. Er zog sich ein paar Bartstoppeln aus dem Kinn und steckte sie in den Mund. Das machte er immer, wenn er leer, n�chtern und unbeobachtet war. Es gab ihm ein seltsames Gef�hl der Befriedigung, �hnlich wie fr�her, als er sich die Hornhaut von den F��en gezogen hatte. Er riss sich die Stoppeln aus dem Kinn und aus der Oberlippe, steckte sie in den Mund und a� sie. Obwohl blond am Haupt, hatte er eher hartes, dunkel gl�nzendes Barthaar. Die kleinen H�rchen knackten, wenn er sie zwischen seinen Schneidez�hnen zerrieb. Es war nicht der Verzehr an sich, es war eher das Zerknacken der Haare, welches ihm eine seltsame Genugtuung verschaffte.</p><p>Laura war weg.</p><p>Mit den Bartstoppeln hatte Thorsten von jeher ein Problem. Er konnte sich nicht t�glich rasieren, denn das verursachte �berall kleine Wunden und brannte h�llisch. Rasierte er sich aber zu selten, gab es immer wieder st�rrische Haare, die zur�ck in die Haut wuchsen oder gleich darunter steckenblieben, zur Seite quertrieben, unter die Wurzel gar. So entstanden Infektionen und Pickel, wenn das Haar so tief wuchs, dass es gar nicht mehr zu sehen war, richtige Pusteln, aber nicht mit Eiter, sondern mit Wasser gef�llt. Die waren schwierig auszudr�cken. Man musste in einem z�hen, nicht zu gewinnenden Kampf immer wieder das Wasser aus der harten Pustel pressen, und bis etwas kam, dauerte es Minuten. Es f�hlte sich an, als w�re die Pustel eine Missbildung im eigenen Fleisch.</p><p>Telefon. Laura, aus der Klinik.</p><p>�Und? Kommst du gleich?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Wann?�</p><p>�In zwei Stunden.�</p><p>�Komm doch schon jetzt. Ich habe hier keinen.�</p><p>�Der Wagen hat einen Platten.�</p><p>�Und? Nimm ein Taxi.�</p><p>�Mache ich. Hier sind noch die Tabellen vom Brezelverkauf Nord.�</p><p>�Thorsten.�</p><p>�Halbe Stunde.�</p><p>�Ja?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Gut.�</p><p>Pause.</p><p>�Was machst du?�</p><p>�Ich sag doch, hier sind diese Laugengeb�ck-Tabellen. Die m�ssen bis morgen durch sein. Echt.�</p><p>�Okay. Aber du kommst? In einer Stunde?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Ist gleich kein Geld mehr im Apparat. Bis gleich, ja?�</p><p>�Ja. Bis gleich.�</p><p>Es piepste.</p><p>�Es ist gar nicht so schlimm hier.�</p><p>�Nein?�</p><p>�Nein, es ist���</p><p>Klick.</p><p>Thorsten legte die Kinski-CD ein und schenkte sich einen Glennfiddich nach. Er legte sich hin. <emphasis>Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund ich schrie mir schon die Lungen wund nach deinem wei�en Leib du Weib. Im Klee da hat der Mai ein Bett gemacht da bl�ht ein s��er Zeitvertreib mit deinem Leib die lange Nacht.</emphasis> Er h�rte zu, wie Kinski st�hnte und �chzte, raunte und schrie, dann schnarrte wie eine Maschine, mit gerolltem R, perverser als jeder schwule Naziknallcharge, perverser als, wie hie� der Mitl�ufer, <emphasis>Gr�ndgens</emphasis>, dann affektiert auflachte und leise kreischte und winselte.</p><p>Du bist wahnsinnig, dachte Thorsten. Du bist ein debiler Idiot, Klaus Kinski. Alles L�ge, was du sagst, angebliche blonde Bestie, dumpfbackiges Sexmonster, deine schw�len langen N�chte, deine Sprache, alles falsch.</p><p>Thorsten konnte das R�hren und Wimmern nicht mehr ertragen, stand auf und schaltete den CD-Player wieder aus. Stille. Er setzte sich auf sein Bett und bl�tterte in der Kinski-Autobiographie. Las, wie Kinski irgendeine asiatische Stewardess auf dem Flugzeugklo fickte. Anscheinend hatte Kinski nie auch nur einen einzigen Korb bekommen. Jedenfalls schrieb er nicht davon.</p><p>Thorsten las nur noch Schauspielerbiographien. Er w�rde sein Leben lang nichts anderes mehr lesen. Um sein Bett herum lagen in Stapeln die Biographien von Jean Seberg, Humphrey Bogart, Marcello Mastroianni, Groucho Marx, Helmut Berger, Romy Schneider, Peter Lorre, von noch vielen mehr. Die von Helmut Berger war irgendwie die leichteste, �mit Bianca Jagger und Gunther Sachs im Bett, und Billy Wilder mochte keine Avocados�, die von Romy Schneider die schwerste, �ich schaffe es nicht, ich schaffe es nicht�. Aber er mochte ihre Biographie am liebsten. Sie war am ehrlichsten.</p><p>Thorsten legte Kinski weg. Er schaute die leere, schattenlose Wand an. Er hat alle Bilder abgeh�ngt. Selbst das Kitschk�tzchen dieses einen Malers, der aussah wie David Bowie, lag auf dem Warhol-Stapel unter dem Schreibtisch, neben der Kiste mit seiner Plastiksaurier-Sammlung, und verstaubte. Thorsten h�tte die Bilder auch verbrennen k�nnen. Aber das w�re albern gewesen. Abh�ngen reichte.</p><p>Er h�rte der Stille zu. Es gibt verschiedene Formen von Stille, dachte er. Diese hier ist sehr trocken, sehr alt, dachte er, wie von irgendwo weither gekommen. Eine Stille wie aus einer Quelle. Mit wenig Natrium, dachte er, ohne Kohlens�ure. Ohne auch nur einen Laut oder Hauch. Eine Stille mit ganz eigenem ph-Wert.</p><p><emphasis>Quatsch</emphasis>, dachte er dann. Diese Stille ist eine Stille, mehr nicht.</p><p>Thorsten schaute aus dem Fenster; Thorsten schwieg.</p><p>Ein dumpfer Schwung, ein Luftzug. Die T�r ging auf. Augenaufschlag, gegen klebrige Widerst�nde, die Wimpern noch ineinander verhakt, verleimt, verstrebt. Eiternde, n�ssende Gitter, das Lid arbeitet gegen die auferlegte L�hmung, verkrampft vor Anstrengung. Dann ein Riss, Lichteinfall, die Dr�sen wachen auf. Das Auge rei�t auf, das Lid rudert hoch, die Pupille schreckt geblendet zusammen, liegt frei, tr�b. Verschwommen sah Laura die Schwester. Es war Britta.</p><p>�Guten Morgen, Frau de Hio. Aufstehen, Fr�hst�ck!�</p><p>Dann war Schwester Britta wieder weg.</p><p>Laura setzte sich auf, lie� die F��e von der Bettkante h�ngen und kratzte sich am Hinterkopf. Ihr Speichel schmeckte schal und nach Kupfer. Das Bettzeug miefte nach Persil und Fu�pilz. Sie war alleine im Zimmer. Sie wollte nicht, dass ein neuer Tag anfing. Aber der Tag war bereits da. Der Tag war weder zu verleugnen noch zu verscheuchen, genauso wenig wie dieses trockene Licht, das von drau�en einfiel, das stichelte wie Stroh. Beide waren einfach da, der Tag, sein Licht, wie jeden Morgen, einfach da, unwiederbringlich, schrecklich einfach, banal.</p><p>�Und wiegen!�, steckte Schwester Britta ihren Rattenkopf nochmals durch die T�r. �Heute ist Mittwoch. Kommen Sie, Frau de Hio, auf, auf! Die anderen sind schon l�ngst fertig!�</p><p>Die Br�tchen aus Gummi waren nicht schlimm. Die fade Konfit�re aus Portionspackungen war nicht schlimm, und die sich an den R�ndern wellende Fleischwurst mit den Gem�sefitzeln drin, sie war auch nicht schlimm. Schlimm allein waren diese <emphasis>Fressen</emphasis>. Diese Fressen, die sich sofort stumm um den Kaffeetrog sammelten, sobald er hereingeschoben wurde. Diese stumpfen Fressen, die den Kaffee aus dem Kaffeespender zapften wie schwarzes Bier, ohne ein Wort zu wechseln, und ihren dumpfen wortlosen Fr�hschoppen abhielten, den Kaffee aus gro�en wei�en Tassen tranken, als hinge ihr missratenes Leben vom n�chsten Schluck ab. Die erste Tasse wurde gleich neben dem Trog reingekippt, kopfkratzend, in Eile, mit berlinerischer Zerknirschtheit, Baustellenstaub im Mund. Die n�chste Tasse, hastig nachgezapft, konnte dann zum Fr�hst�ckstisch genommen und dort langsamer geschl�rft werden, w�hrend das stumpfe Messer mit dem z�hen Br�tchen k�mpfte. H�tte Laura ein Gef�hl gehabt, es w�re blanker Hass gewesen. Sie konnte sich jedoch lediglich zu einer wertfreien Appetitlosigkeit in alle Richtungen aufraffen. Gesichtslos trank sie ihren Kaffee und war still.</p><p>Vier Tische, Plastikdecke, Wurstteller. Darum gruppierten sich die Patienten mit ihren Tabletts. Diesen Morgen sa� Laura mit der lahmen W�hlmaus, der kultivierten Ged�chtnislosen, dem paranoiden Kiffer und mit Svantje an einem Tisch. Kaum hatte Laura sie wahrgenommen, stand Svantje auch schon wieder auf, sabberte etwas Unverst�ndliches, ging zum Geschirrwagen und stellte ihren Teller ab. Dann trottete sie hinaus, nachl�ssig angezogen, stinkend, d�rr. Svantje blieb nie lange, nirgendwo. Immer stotterte sie etwas, wehklagte, schoss undeutliche, mit viel Spucke eingeseifte W�rter ab, die niemand verstand, ging dann weiter, immer weiter, irgendwohin, einen abgewetzten Tischtennisschl�ger in der einen Hand, die andere zur Faust geballt. Laura h�rte, wie Svantje hektisch die T�r zu ihrem Zimmer aufriss, noch ein paar unverst�ndliche Satzfetzen den Gang hinabschickte und dann die T�r zuknallen lie�.</p><p>Laura sah auf Svantjes leeren Stuhl und suchte das abgewetzte Polster nach Urinflecken ab. Nichts, immerhin. Dann fiel ihr Blick auf die Essenskarte am oberen Rand ihres Tabletts. Die Karte hatte die Farbe eines Lottoscheins. Die Raster und Felder und Zahlen verschwammen kurz, und ihr eigener Name, schwesternhandschriftlich eingetragen, schien der Name einer Fremden zu sein. Am ersten Morgen nach der Einweisung hatte Laura diese Essenskarte als �berforderung, als Zumutung empfunden. Gerade hatte sie es fast geschafft zu sterben, und jetzt sollte sie sich schon wieder Gedanken um das Fr�hst�ck von �bermorgen machen? Zwei Tage im Voraus? Ankreuzen, was sie essen wollte? Ovo-Lactose, Vegetarisch, Vollwertkost? Zwei Tage im Voraus!</p><p>Laura hatte entschieden, die Karte zu ignorieren, so zu tun, als sei sie f�r jemand anderen bestimmt (was sie in gewisser Weise auch war), und hatte sie einfach auf dem Tablett liegenlassen. Worauf sie dann, am Nachmittag, von Schwester Britta freundlich und bestimmt darauf aufmerksam gemacht wurde, indem Britta die Karte auf das Buch legte, auf dessen Seiten Laura verst�ndnislos starrte. Seither f�llte sie die Karte gehorsam aus, ohne weiter dar�ber nachzudenken, wie einen Lottoschein bar jeder Gewinnchance. Grie�brei, zwei Br�tchen, kein Schwarzbrot, Joghurt, Milch, Kreuz f�r Kreuz. Und tats�chlich fand sich ihre Wahl mit zweit�giger Verz�gerung immer wieder auf ihrem Tablett, p�nktlich, fehlerfrei: die �berraschungslosigkeit des Aussichtslosen.</p><p>Die W�hlmaus m�mmelte mit kleinen Bissen an ihrem Schwarzbrot herum. Sie hatte einen Schnurrbart und dahinter wenig Gesicht, eine Laura-Palmer-Krankenkassenbrille und Knopfaugen, kaum Haare, aber trotzdem keine Glatze. Laura h�rte die lahme W�hlmaus selten reden, meist nur beim Skat, dessen Regeln sie nicht kannte. Manchmal sagte die W�hlmaus dann mit kr�chzender Stimme �Grang� statt �Grand�. Immerhin konnte die W�hlmaus Skat spielen. Laura nicht. Laura wusste nicht genau, was ein Grand war, nur wie er geschrieben und ausgesprochen wurde, das wusste sie. Sie h�hlte ihr Br�tchen aus und formte kleine, wei�e Kugeln aus dem Teig.</p><p>Grau in Graugelb lagen die G�nge aufeinandergeschachtelt, toten Waben gleich; speckiges Licht zog sich etagenweise in die L�nge. Im Nachthemd schlurften die Gespenster vorbei. Thorsten meldete sich an der gl�sernen Pforte.</p><p>�Patientenbesuch de Hio bitte.�</p><p>�Ja, bitte, Frau de Hio sitzt wahrscheinlich wie immer im Raucherraum.�</p><p>�Ja, wie immer, danke.�</p><p>�Ja, bitte.�</p><p>�Ja, danke.�</p><p>Er schritt den Gang hinab, mit lauten, klackenden Schritten, versuchte Selbstbewusstsein auszustrahlen, obwohl ihm die Unheimlichkeit des Ortes den Hals zuschn�rte. Er ging weiter, abgestellte wie angeknipste Augen verfolgten jeden seiner Schritte, ein Spie�rutenlauf durch ein Spalier aus irrlichternden Blicken. Bis ans Ende des Ganges stapfte er, dann ab nach links, T�r auf, <emphasis>schwung</emphasis> in den Raucherraum, wo er sofort vor einer dichten Nikotinwand stand. Dort sa� sie.</p><p>Thorsten hasste es, wie Laura inzwischen aussah. Die Tr�nens�cke waren tief eingesunken in ein Gesicht, das nur noch aus schwerem Formfleisch zu bestehen schien, welches tr�ge nach unten zog. Ihre Gesichtsz�ge, vor gar nicht so langer Zeit noch so sch�n und scharfgeschnitten, waren verwaschen. Das Blau der Augen hatte sich zu einer Farblosigkeit verdunkelt, wie die Augenfarbe eines S�uglings, aber ohne dessen Lebenslust und Neugier. Matt waren sie, die Augen, und welk war auch die Haut, die Mundwinkel tief in die Senkrechte eingekerbt, sie zogen den Rest des Gesichtes nach unten, verbleit.</p><p>�Da bist du ja.�</p><p>Wie ein Vorwurf. Thorsten juckte es sofort in der Nase.</p><p>�Keks, ja. Da bin ich. Wie geht es dir?�</p><p>�Es geht. Die Antidepressiva machen mich fett. Und willenlos.� Sie sagte es jeden Tag.</p><p>�Das geht wieder weg, Keks.�</p><p>Lauras Gesicht verneinte.</p><p>�Man muss Geduld haben, sagen die �rzte.�</p><p>�Ich wei� gar nicht, was ich hier alles bekomme. An Medikamenten. Ich bekomme zuviel.�</p><p>�Du wirst eingestellt.�</p><p>�Abgestellt werde ich. Mehr nicht. Was soll ich �berhaupt haben?� Ihr Blick verfinsterte sich. �Was soll das �berhaupt sein.�</p><p>Im Raucherraum befand sich das �bliche Inventar an Patienten. Laura war noch keine zwei Wochen da, doch es kam Thorsten vor, als habe sie hier schon Jahre gesessen, und er habe sie schon Jahre hier besucht und kenne die anderen schon ewig, den blinzelnden kleinen T�rken, der noch jeden letzten Tabakkrumen mit dem Zeigefinger auflas, die grauh�utige Theaterautorin mit ihren <emphasis>Slim Lines</emphasis>, die depressiven Normalos ohne Worte.</p><p>�Du musst dich nur ausruhen�, h�rte Thorsten sich sagen, �du musst dich nur ausruhen. Dann kommt schon alles wieder ins Lot.� Er glaubte es selbst nicht. Seine Stimme kam ihm so blechern und <emphasis>outgesourct</emphasis> vor, als hielte er einen seiner verhassten Vortr�ge auf den Jahresversammlungen. Er sp�rte, dass seine Finger zitterten.</p><p>Laura blickte aus dem vergitterten Fenster und rauchte. Thorsten rauchte auch. Eine Minute lang sagten sie nichts. Ihm fiel nichts ein. Sein Reservoir an Mutmachfloskeln und stimmungsaufhellenden Phrasen war schon lange verbraucht. Es waren nie seine eigenen Worte gewesen, er hatte nur wiederholt, was �rzte und Pfleger ihm auf den G�ngen vorsouffliert hatten.</p><p>�Laura, ich geh mal auf die Toilette. Gleich wieder da.�</p><p>Sie nickte, ohne ihn anzusehen.</p><p>Auf dem Klo, in der Kabine: Atemkoller und leichtes Hecheln. Er friemelte seinen Flachmann aus der Innentasche des Jacketts, schraubte ihn auf und trank die s��liche Tinktur in einem Zug aus. War das nun J�germeister, Ramazzotti, K�mmerling oder M�mmelmann? Es war vor allen Dingen <emphasis>egal.</emphasis> Er atmete, sofort erleichtert, tief und laut aus, gegen die Trennwand der Kabine gelehnt, und wischte sich mit dem �rmel �ber die Stirn. Es sch�ttelte ihn. Er nickte und dachte an nichts. Er fragte sich, wie viel von ihrem Innenleben ihm Laura vorenthalten hatte �ber die Jahre. Er dachte an ihre immer wieder aufgerissene Wunde. Es sch�ttelte ihn noch einmal, und er dachte an nichts und sp�lte den Mund mit Wasser und Odol aus und richtete Kragen und Frisur und streckte die Brust heraus und checkte sich im Spiegel und nickte. Dann sch�ttelte er den Kopf. Dann nickte er wieder. Dann l�chelte er sein Spiegelbild so falsch und einnehmend an, wie es nur ging. Es lief ihm kalt den R�cken hinunter. Dann verlie� er die Toilette.</p><p>Als er in den Raucherraum zur�ckkehrte, fiel ihm eine Ver�nderung auf; etwas an der Atmosph�re war weniger suppig und stickig, etwas war heller, lichter; hatte jemand das Fenster ge�ffnet? Sein Blick fiel auf Laura, die ihn gefasst ansah, die Tr�nens�cke noch immer dunkel, der Mund noch immer eine einzige verlaufene Flutsche. Links sa�en die grauh�utige Theaterautorin und der Tabakkr�melt�rke, die Depressiven und ihre schweigsamen Verwandten, alles wie gehabt.</p><p>Doch da hinten, in der Ecke am Fenster, da sa� jemand, der vorher nicht da gesessen hatte. Im Gegenlicht war sein Gesicht durch den Rauch nicht gleich zu erkennen; die Haare standen ab, der K�rper wirkte aufrecht und doch leicht verwachsen. Die Zigarette l�ssig bis elegant mit abgeknicktem Handgelenk von sich weghaltend, fl�tete dieser Jemand den Rauch mit fast schon angeschwulter Nonchalance aus gespitzten Lippen hervor und fixierte Thorsten mit gro�en, rauchblauen Augen. Der Qualm wirbelte auseinander und wurde d�nner und gab den Blick frei auf das Gesicht dieses Mannes. Er fixierte ihn weiter, Thorsten starrte zur�ck: Diese Augen kamen ihm bekannt vor, so wie der ganze Typ. Da erkannte er ihn.</p><p>Es war Taue.</p><p>Thorsten glaubte seinen Augen nicht.</p><p>�Du, hier?�, entfuhr es ihm.</p><p>Taue sagte nichts, l�chelte, nickte. Er schien den Moment zu genie�en wie einen lange erwarteten Galaauftritt, obwohl seine Gesichtsfarbe dem widersprach.</p><p>Dann begann Taue, fast wie aus dem Off, zu reden.</p><p>�Ja, auch du, lieber Thorsten, wirst dich fragen, was um alles in der Welt dein Bekannter Magnus hier an diesem Ort zu tun hat. Unter uns: Er wei� es selbst nicht, oder auch: Er wusste es schon immer.�</p><p>Taue stand auf, als w�re er im B�ro von Fran�oise Starck und nicht im Raucherraum einer psychiatrischen Abteilung. �Ja, auch ich frage mich, was hier eigentlich los ist, warum ich etwa, sagen wir es offen, <emphasis>hier</emphasis> bin.�</p><p>Thorsten stutzte. Was sollte das?</p><p>�Lieber Thorsten, ich werde dir und deiner liebreizenden Gemahlin namens Laura hier � ob ihr verheiratet seid, das wei� ich freilich nicht � ein paar Dinge erz�hlen, die vielleicht umrei�en m�gen, warum und wie ich hier gelandet bin.�</p><p>Taue hatte die H�nde in die Seiten gestemmt, weil er keine Hose anhatte, in deren Taschen er sie h�tte verstecken k�nnen. Er trug nur ein Nachthemd.</p><p>�Erstens muss ich sagen, dass ich � um der Wahrheit Gen�ge zu tun und auch einmal Tacheles zu reden � nach meinem ersten Selbstmordversuch, nein, lass mich genauer z�hlen, es war sogar der zweite, ja, das muss der zweite gewesen sein � warum ich, als ich die 110 anrief, ja, liebe Laura, lieber Thorsten � , warum ich da eigentlich nicht von der Polizei abgeholt wurde, sondern von einem unfreundlich berlinernden Polizeibeamten an den Taxidienst weiterverwiesen wurde, dessen Nummer mir selbstredend nach sage und schreibe einhundertf�nfzig Paracetamol nicht sofort einfallen wollte. Das w�re <emphasis>erstens</emphasis> zu fragen.�</p><p>Alle atmeten und rauchten. Thorsten schwieg.</p><p>�<emphasis>Zweitens</emphasis> m�chte ich fragen�, fuhr Magnus fort, �warum ich bereits dreimal in meinem Leben in Handschellen abgef�hrt wurde, obwohl <emphasis>ich</emphasis> es doch bin, der sich am meisten Gedanken �ber diesen verdammten Schei�staat macht.�</p><p>Laura erschrak. �In Handschellen?�</p><p>�In Handschellen.�</p><p>�Wieso das?�, fragte Thorsten gereizt.</p><p>�Ja�, sagte Magnus und blickte aus dem Fenster, �<emphasis>das</emphasis> ist hier die Frage.�</p><p>Alle atmeten und rauchten.</p><p>�Ja. Ich, zugegeben etwas druff, dr�ber und durch, kam am einundzwanzigsten zw�lften zweitausendacht in meiner Heimatstadt an. Dort nahm ich seltsamerweise ein Hotelzimmer, um noch etwas mit mir alleine zu sein, und zwar etwa genau drei Kilometer sowohl vom Reihenhaus meiner Mutter als auch von meiner alten Schule entfernt. Seltsam, ja, aber legal, und ich zahlte auch morgens um sieben den Preis f�r das heruntergekommene, mehr einer Absteige als einem wirklichen Hotel gem��e Zimmer. Dann ging ich los, energetisch und elegant. Ich wollte meine alte Schule besuchen, nach all den Jahren. Den Heiligen Berg hinauf, schnell und entschlossen. Die Auffahrt hochgetrabt, ging ich auf die Schule zu, auf das eiserne Tor. Dort standen ein paar Menschen und waren unt�tig; auch stand da ein Polizeiwagen, der mich gleichwohl nicht k�mmerte. Weshalb auch? Gerade war ich also im Begriffe, das Schulgeb�ude zu betreten, da zeigte ein mir unbekannter Herr auf mich, der verd�chtig nach Lehrer aussah, und kaum hatte ich mich versehen, pressten mich die beiden Polizisten auch schon mit aller Kraft gegen die Wand, sodass kleine Steine und Brocken zerstiebenden Materials sich in meine Wange dr�ckten. Sie durchsuchten mich, der ich einige CDs und B�cher in meiner Safari-Weste mit mir trug, und schmissen diese Sachen achtlos auf den Boden. Nach etwa f�nf Minuten intensiven Durchsuchens lie�en sie mich los. Ich sollte die H�nde aber best�ndig oben halten, was nur schlecht gelang, da mir diese K�rperhaltung erstens fremd und zweitens absolut widernat�rlich ist. Aber das war nicht der Grund f�r die Handschellen. Die Handschellen wurden mir angelegt, weil es so Usus ist bei den Gesetzesh�tern. Sie arretierten sie sehr stark; hier ist die Narbe heute noch.� Er hielt sein linkes Handgelenk hoch, eine Narbe war in dem Qualm nicht zu sehen.</p><p>�Ich landete auf der Polizeiwache, wurde dort sechs Stunden vernommen und schlie�lich in die geschlossene Abteilung der Psychiatrie des Landeskrankenhauses Bonn gebracht. Hier enth�llte es sich. Ich hatte Pech gehabt: Ein Hauptsch�ler aus Unkel hatte in der Nacht zuvor eine Amokdrohung in die Netzwelt gechattet, und ich war am falschen Ort zum falschen Zeitpunkt in der falschen Verfassung gewesen. Sie behielten meinen Computer �ber Weihnachten ein. Vorher war mein Kopf brutal gegen die Oberkante eines T�rrahmens gewuchtet worden; zudem wurde ich mit einer Pistole bedroht. Aber das tut nichts zur Sache und geh�rt nicht zum Sachverhalt.�</p><p>Alle atmeten und rauchten. Fragen standen in der Luft.</p><p>�Den zweiten Vorfall, einen Fall von lauter Musik um zehn Uhr abends an einem verlorenen Samstag in Berlin-Kreuzberg � ich lasse ihn aus. Er ist nichtig, wiewohl dort das erneut hochbrutale Vorgehen der Polizei aufgrund der Nichtigkeit des Anlasses noch unverst�ndlicher erschien.� Magnus legte den Kopf schr�g und l�chelte.</p><p>�Und den dritten Vorfall � nun, deshalb bin ich heute hier. Es war in einer U-Bahn. Die meisten Anwesenden in diesem Raucherraum werden die Umst�nde und den Tathergang kennen, denn ich habe den Vorfall bereits einige Male erz�hlt. Hier sehe ich meinen Schuldbeitrag sogar ein. Und dennoch�, sagte er, �dennoch habe ich das unersch�tterliche Gef�hl, dass hier etwas nicht stimmt. Und dass sich so mancher, darunter ich, in dieser ehrenwerten Institution befindet, obwohl er gar nicht hier hineingeh�rt. Und dass sich drau�en einiges umkehren m�sste, um sich einem Zustand, der mit dem Ideal der Gerechtigkeit wenigstens im Entferntesten etwas zu tun haben k�nnte, wieder anzun�hern. Bis dahin aber, liebe Mitstreiter � und mir sind Tiefe und Umfang meiner Worte bestimmt bewusst �, bis dahin ist mein Zorn unendlich.�</p><p>Er sagte dies weiterhin mit leiser, gefasster Stimme und diesem m�den, blassen Taue-L�cheln, das Thorsten noch vor einigen Wochen zur Wei�glut treiben konnte; jetzt, schien ihm, war es seinem eigenen L�cheln, in seiner Erschlafftheit, in seiner ersch�pften Coolness, gar nicht mehr so un�hnlich.</p><p>Magnus wartete kurz auf Einspruch oder Antwort oder irgendeine andere Reaktion. Sie blieb aus. Die Raucher rauchten und schwiegen. Aber in dem einen oder anderen von ihnen schien es leise zu rucken, gar zu arbeiten; sie hielten seine Worte offenbar nicht f�r kompletten Schwachsinn. Laura hatte ihren Kopf in die Armbeuge gebettet und blickte Magnus offen und mit aufgeklarten Augen an. Thorsten stierte ins Leere und nickte still, ohne zu wissen, warum.</p><p>�Ja. Eine weitere Frage�, f�hrte Magnus seinen Vortrag unvermittelt fort, �und hiermit m�chte ich meinen speziellen Fall einem gr��eren Gesamtzusammenhang unterordnen, eine weitere Frage w�re, warum die ganzen Bonzen da drau�en�, seine Stimme wurde pl�tzlich lauter, �die nur irgendwelche �l-, Pizzen- und Fotzenpreise manipulieren�, seine Stimme schraubte sich eine halbe Oktave h�her, �warum die Idioten drau�en eigentlich auf freiem Fu� herumlaufen, oder besser:�, und jetzt schrie Magnus sehr kontrolliert, doch schrill los, �warum sie auf <emphasis>fucking hei�en Pedalen ihre Schei�karren durch die Gegend treten d�rfen</emphasis>, die auch noch die Luft, die wir atmen, <emphasis>verpesten,</emphasis> w�hrend wir hier drin abgestillt und flachgelegt werden, totgeschwiegen und <emphasis>abgefuckt</emphasis> und ausgegrenzt und vollgepumpt und <emphasis>abgestillt</emphasis> und <emphasis>abgestellt</emphasis> und <emphasis>weggesiebt</emphasis> und <emphasis>ausgenutzt</emphasis> und <emphasis>durchger�ntgt</emphasis> und chemisch <emphasis>weggebombt</emphasis>, genau.�</p><p>Alle atmeten und rauchten, es war nichts zu h�ren au�er dem leichten Pfeifen geschlauchter Lungen und gespitzter Lippen.</p><p>�Das f�rs Erste�, sagte Magnus und setzte sich wieder hin.</p><p>Thorsten war nicht klar, was hier vor sich ging. Taues Gebaren war derart abstrus und seltsam, sogar f�r die geschlossene Station einer psychiatrischen Einrichtung, dass er nur auf eine Art von Ablenkungsman�ver schlie�en konnte. Wie konnte das hier Zufall sein?</p><p>�Was willst du damit sagen?�</p><p>�Das, was ich damit gesagt habe. Mehr nicht.�</p><p>�Aber es macht keinen Sinn.�</p><p>�Doch. Du hast eine Frage gestellt, und ich habe, nun gut, nur eine Teilantwort gegeben. Aber ich habe sie gegeben. Es gab einen Dialog. Das ergibt Sinn.�</p><p>�Kennt ihr euch eigentlich schon l�nger?�</p><p>�Wer? Wir?�</p><p>�Ja�, sagte Thorsten und lie� seinen Zeigefinger zwischen Laura und Magnus hin- und herticken, �ihr.�</p><p>Schweigen.</p><p>Magnus lachte leise.</p><p>�Wir? Nat�rlich. Vom Sehen. Vom Rauchen. Schlie�lich sind wir zusammen auf einer Station!�</p><p>�Aha�, sagte Thorsten, �aha.�</p><p>Alle standen und sa�en einige Sekunden lang still da, ohne sich zu bewegen. Thorsten f�hlte wieder dieses hei�e, pieksende Kribbeln auf dem R�cken, das er am Teufelssee bei der Begegnung mit der Kate-Moss-Attrappe gehabt hatte, und konnte nichts anderes als Sehnsucht nach dem n�chsten J�germeister oder Ramazzotti oder <emphasis>egal</emphasis> zu empfinden.</p><p>Schlie�lich knallte die T�r auf, und drei Pfleger betraten den Raum, in aller gebotenen Gelassenheit.</p><p>In den folgenden Wochen trafen Laura und Magnus sich immer wieder im Raucherraum. Sie sprachen nicht viel, sondern h�rten Musik und rauchten, erst an verschiedenen Tischen, dann am selben gegen�ber sitzend. Manchmal redeten sie �ber Musik; Laura hatte bereits Ausgang und erz�hlte, was es so auf MTV zu sehen gab. Wenn sie zu Hause war, sah sie MTV, nichts anderes, nur MTV, keine Nachrichten, keine Talkshows, keine Analysen, Prognosen oder Diagramme, keine Kommentare, Diskussionen oder Debatten, keine tiefsch�rfenden Oberfl�chlichkeiten und weitblickenden Engf�hrungen mehr, nur die Oberfl�che der Oberfl�che, nur die Gegenwart der Gegenwart im Clip: MTV.</p><p>Aus der kleinen, tragbaren Stereoanlage, die Magnus �Boom Box� nannte, schepperte derweil immer wieder Radiomusik. Welcher Sender eingestellt war, hing davon ab, wer gerade am R�dchen gedreht hatte, und das passierte oft im Raucherraum, denn Geschm�cker sind <emphasis>erstens</emphasis> verschieden und <emphasis>zweitens</emphasis> verg�nglich.</p><p>Magnus rauchte noch mehr als Laura; er rauchte eigentlich immer, wenn er nicht gerade zum Essen oder zur Medikamentenausgabe musste oder schlief, was selten genug m�glich war. Wenn Laura nicht dabei war, sagte die Musik ihm nichts, h�chstens ein, zwei Lieder, die sich ihm qua <emphasis>Heavy Rotation</emphasis> als Ohrwurm in die chemiegekeulten Hirnwindungen hatten bohren k�nnen. Dann, wenn die Musik ihm nichts mehr sagte, wartete er fast mit Sehnsucht auf die Nachrichten und hoffte blo�, dass keiner hereink�me und den Sender wegdrehen w�rde, in Richtung <emphasis>Newsflash</emphasis> und <emphasis>Wetterblitz</emphasis> und <emphasis>Megacharts</emphasis>.</p><p>Die Nachrichten servierten wie immer br�hfrisch die neuesten Katastrophen und Kriege. Magnus h�rte genauestens hin und versuchte, die Zusammenh�nge noch besser zu verstehen. Jetzt hatte er Zeit, sehr viel Zeit. Dabei kam ihm der �lpreis immer wichtiger vor. Es war ihm schon vorher klar gewesen, doch jetzt schienen die Parameter irgendwie verzerrt. Denn die Paranoia dr�ngte ihn dazu, sich einerseits schuldig zu f�hlen, da er als Wortexekutive des Systems � Abteilung <emphasis>Preisschraube</emphasis>, Segment <emphasis>Mineral�lmafia</emphasis> � f�r die Misere da drau�en mitverantwortlich schien, andererseits aber auch den Wunsch nach Ver�nderung dieses Systems zu entwickeln, und mehr noch: einen Zwang, seine eigenen H�nde von seiner �lverschmierten Schuld reinzuwaschen und dem System, dessen Teil er gewesen war, eins auszuwischen.</p><p>Er gr�belte viel. Die Neuroleptika taten das Ihre, seinen Zustand von einer manischen Episode zu einer niedrigschwelligen Zwischenphase herunterzudimmen. Doch die Manie war noch da. Und mit ihr der Wille, ja, die Welt zu ver�ndern, und sei es nur f�r einen Tag. Er war gegenw�rtiger denn je.</p><p>Derweil stand Thorsten immer �fter vor dem Krankenhaus, an die Au�enmauer gelehnt. Mit der Ginflasche in der Hand schiss er alle an. Es g�be da etwas, was ihn m�chtig st�ren w�rde, nein, das w�ren ja viele Dinge, aber eine Sache besonders, aber die betreffende Sache, die werde er ihnen jetzt bestimmt nicht sagen, denn sonst w�rde auch er, der doch v�llig gesund sei, in dieser Klinik landen, und das wolle doch keiner, das koste nur <emphasis>Geld</emphasis>. So schrie er die herumstehenden Patienten an, die ihn unverst�ndig und still anblickten.</p><p>Er hatte Grund dazu. Die Elterngeschichte zum Beispiel war aufgeflogen. Es war im Unternehmen durchgesickert, dass die Freundin des Alkoholikers K�hnemund zwar im Krankenhaus, doch keineswegs im Krei�saal weilte, sondern <emphasis>ganz woanders</emphasis>. Das hatte Thorstens angeschlagene Reputation weiter besch�digt; ihm wurde nahegelegt, doch Urlaub zu nehmen, was einem halben Rausschmiss entsprach.</p><p>�Werden Sie sich ausruhen, Herr K�hnemund?�, sagte Padberg.</p><p>�Glauben Sie, ich br�uchte Ruhe?�, fragte Thorsten.</p><p>�Ein wenig Urlaub, vielleicht.�</p><p>�Das t�te Ihnen sicherlich gut�, sagte Fran�oise Starck.</p><p>�Wenn Sie meinen.�</p><p>�Das meinen wir.�</p><p>�Dann meine ich das auch.�</p><p>�Das will ich auch gemeint haben.�</p><p>Privat stand es nicht besser. Er hatte Laura in der ersten Woche ihres Aufenthalts einfach h�ngen lassen, sie hatte ihr Smartphone eines Nachts gegen die Wand gedonnert und dann eine lange und zwei kurze E-Mails vom Stationscomputer der Schwestern geschrieben. Es war keine Antwort zur�ckgekommen. Thorsten konnte einfach nicht. In der zweiten Woche dann war er selber endfertig gewesen und pl�tzlich um die Klinik herumgeschlichen. Zu Hause trank er sich Leber und Hirn schrumpelig und war sich seines Zustands durchaus bewusst. Einweisen lie� er sich dennoch nicht. Er sah sich als nicht <emphasis>dazugeh�rig</emphasis> an, schon gar nicht zu einer Station, welcher Sorte auch immer; wenn er wollte, w�re er n�chtern und gesund; dessen war er sich gewiss.</p><p>Die Zust�nde auf der Station waren f�r Laura kaum zu ertragen. Nicht nur nahmen die Patienten im Ausgang oft genau dieselben Substanzen, von denen sie eigentlich entzogen; nein, es wurde auch noch, so schien es Laura, ein wilder Kopulationsreigen getanzt, auf der Station und drau�en im Ausgang umso mehr. Manchmal dachte sie, sie sei die Einzige, die nicht teilnehmen konnte oder wollte, eine keusche, kaputtzerdachte Nonne, die sich auf die ihr eigene Weise ganz gegen ihre Natur unheimlich <emphasis>beherrschte.</emphasis></p><p>M�nner gingen sie an. M�nner mit irrlichternden Blicken; M�nner mit Dreitageb�rten und schmatzenden Lippen; M�nner mit verh�rteten Rotzresten in den Walrossschnurrb�rten, die leise grunzten, wenn sie vorbeischlich oder trotzig herumstapfte. M�nner auch mit schlauen Augen und w�chsernen Fingern�geln; <emphasis>alle</emphasis> M�nner gingen sie an?</p><p>Fast lie� sie sich auf den einen oder anderen tats�chlichen oder nur vorgestellten gomorrhischen Ringelreigen, der sich ihr darbot, ein. Magnus aber bewahrte sie davor, indem er sich f�r sie interessierte, ohne gierig zu sein, indem er zuh�rte, antwortete, erkannte, verstand. Er konnte auch gar nicht anders.</p><p>Mit Berentzen Saurer Apfel wankte Thorsten �ber den Ku�damm. Die Bilder st�rzten zusammen. Erst hatte er sich zum Weitertrinken �berwinden m�ssen. Dann floss es wie von selbst. So betrunken war er seit Tagen nicht mehr gewesen, dachte er. Die Autos verschwammen zu einem Pinselstrich. Die Lichter blinkten ihn an. Er stolperte. Sein Bauch bl�hte. Seine Gurgel war offen. Hier war irgendwo � hier kannte er doch wen? Hier wohnte jemand. Wer? Er dr�ckte alle Klingeln. Stimmengewirr aus dem Lautsprecher, er antwortete etwas. Jemand �ffnete. Er legte sich in den Hinterhof unter einen Baum und schlief ein.</p><p>Als er aufwachte, war seine Hose nass, und der Kopf schmerzte hei�. Er stand auf und ging in einen Tengelmann. Dort bezahlte er etwas, das er sofort trank. Er ging in den WOM und kaufte drei CDs, �ber die er nichts wusste. Er ging an einen Kiosk, um Magazine zu kaufen, Herrenmagazine und Motorradhefte, die er auf einer Parkbank durchbl�tterte und liegen lie�, als die Bierflasche leer war.</p><p>Er stieg in ein Taxi und fuhr an seinem Arbeitsplatz vorbei. Ein Unternehmen, das strahlt, ist auch ein Cash-Moloch. Er lachte das Logo aus. Wie <emphasis>dezent</emphasis> es war! Der Taxifahrer fragte, ob er auch genug Geld habe f�r diese Zickzack-Fahrt. �In rauen Mengen�, lachte Thorsten und verschluckte sich am Piccolo.</p><p>Zu Hause stieg er in den Keller, urinierte in eine unbeleuchtete Ecke und trank dann, auf einem Bierkasten sitzend, Rotwein. Die Dunkelheit und der modrige Geruch taten ihm gut. Er stolperte durch die Katakomben und spielte mit sich selbst Indianer. <emphasis>Wo waren denn diese Sachen?</emphasis>, fragte er sich st�ndig im Mantramodus (aber eher so, als spielte er eine verwirrte Oma in ihrem stadtverplanten Geburtskiez nach), <emphasis>ja, wo waren sie denn, wo</emphasis>, fragte er auf der Suche nach irgendwelchen alten Unterlagen oder Fotos oder <emphasis>egal</emphasis>. Statt im eigenen Keller <emphasis>corpora delicti</emphasis> einer entfernten, gemeinsamen Vergangenheit zu suchen, trat er einen Verschlag auf, weil er meinte, dort eine Gummipuppe gesehen zu haben, mit der er auf dem Ku�damm Walzer tanzen wollte. Er h�tte das momentan witzig gefunden. Es war aber nur ein Schlauchboot. �Ein knall-<emphasis>rumms!</emphasis>�� rootees Gummiboooot!�, sang er und torkelte mit den schlaffen Schl�uchen durch die G�nge. Er schlug sich den Kopf an einem Rohr auf und sank nieder. Der Wein war zu alt und schwer und bitter, seine Speiser�hre brannte. Jetzt aber kehrte Frieden ein.</p><p>Als er aufwachte, oben in der Wohnung, stand der K�hlschrank offen. Er f�hlte nicht mehr, ob es kalt oder warm war im Raum. Er hatte den Verdacht, es sei w�rmer geworden. Er hatte da mal was bei Pilawa oder Jauch geh�rt. So stand er zehn Minuten. Dann rief er: �Laura?�</p><p>Er bestellte ein Taxi. W�hrend er auf das Klingeln wartete, trank er den letzten Rest Gin. Er erinnerte sich, wie die W�rme fr�her ein angenehmes Gef�hl gewesen war. Hinter seiner Stirn f�hlte sich alles taub an.</p><p>Als er ins Taxi stieg, bekam er einen Hustenanfall. �Zur Charit�, sagte er ohne Stimme.</p><p>�Nein, doch nicht�, sagte er f�nf Minuten sp�ter.</p><p>�<emphasis>Doch!</emphasis>, doch, doch�, sagte er dann.</p><p>�Nein. <emphasis>Nein, nein, nein</emphasis>�, sofort hinterher.</p><p>Der Fahrer h�rte gar nicht mehr hin und bog in die Schumannstra�e ein und hielt vor der Charit�.</p><p>In der dritten Woche lie� sich Thorsten dann �fter bei Laura blicken. Er machte einen derangierten Eindruck auf die misstrauischen Schwestern, was ihm <emphasis>so was von egal</emphasis> war. Torkelnd flegelte er sich auf einen Stuhl im Raucherzimmer und glotzte alle an. Ihm kam es vor, als w�rde er Laura und Magnus st�ndig bei irgendetwas <emphasis>erwischen</emphasis>, dabei sa�en sie nur da und rauchten und redeten, und das meist ohne Worte.</p><p>In der vierten Woche schlug Thorsten wie aus dem Nichts einen Dreier vor. Magnus und Laura sahen ihn nur lange an.</p><p>Einen Tag sp�ter brachte Thorsten eine Prostituierte namens Patty von der Kurf�rstenstra�e mit, die er als seine Schwester ausgab.</p><p>Als Magnus <emphasis>das</emphasis> sah, sagte er nur: �Alles schei�e.�</p><p>Laura meinte: �Und auch noch von der Kurf�rstenstra�e.�</p><p>In der f�nften Woche begann Magnus, die Therapiesitzungen zu torpedieren, indem er statt Selbstwahrnehmung, Achtsamkeit und R�ckfallquote die <emphasis>Stigmatisierung</emphasis> auf die Tagesordnung brachte. In den Folgestunden begann er auch, vom �lpreis zu reden und was dieser wom�glich mit den st�ndig steigenden Mieten zu tun habe; bald kamen die �mter, die Politiker, ja sogar der ganze Staat zur Sprache, oder eher: Sie wurden zur Rede gestellt. Und die Mitpatienten diskutierten eifrig mit, von Magnus befeuert und angestachelt. Manche diskutierten blo� aus der eigenen Warte, manche mit weiterem Blick; aber die Beitr�ge wurden allesamt ernst genommen und in ihrer Subjektivit�t akzeptiert. Die Debatten bekamen fast einen parlamentarischen Einschlag.</p><p>�Es ist unm�glich, dass ich eine Wohnung bekomme. Man wird doch gleich aussortiert von den Hausverwaltungen, wenn da irgendwo etwas von �Klinik� steht.�</p><p>�Und die Schufa. Jetzt habe ich schon eine B�rgschaft von meinen Eltern, und die wollen noch deren Schufa-Auskunft.�</p><p>�Die Schufa gibt es gar nicht mehr. Die war fr�her unten in Tempelhof, jetzt kannst du dir bei easycredit dein Armutszeugnis ausstellen lassen.�</p><p>�Das geht alles noch viel tiefer. Nat�rlich entsteht da Saufdruck.�</p><p>�Den Saufdruck kannst du nur bek�mpfen, indem du ihn vergisst.�</p><p>�Quatsch, dich ihm stellst, ihn bek�mpfst.�</p><p>�Oder eben dich ihm beugst.�</p><p>�Ich sag mal so: Bist du einmal in der Spirale abw�rts unterwegs, kommst du da so schnell nicht wieder raus. Da tut es ganz gut, quasi als Weckruf, so ganz weit unten auf dem Arsch zu landen, dass es klatscht.�</p><p>�Richtig. Ganz genau. Ganz genau.�</p><p>�Ich sag mal so: Wer bis zum Kinn in der Schei�e steht, sollte den Kopf nicht h�ngen lassen. Jetzt im Ernst: Die wollen uns gar nicht. F�r die sind wir doch abgestempelt.�</p><p>�Und dann wirbeln die den Staub auf mit ihren Karren, in den Kreiseln, den Feinstaub, aber wir sollen nicht einmal rauchen d�rfen.�</p><p>�Als ich im Knast war wegen Schwarzfahren, da war das schon ein Spiel zwischen den Kontrolleuren und mir. Die haben mich manchmal verfolgt, dreimal am Tag gekriegt, und ich habe nur die Motz verkauft.�</p><p>�Ja, der Knast.�</p><p>�Au.�</p><p>�Ja, ja.�</p><p>Einmal sprang Magnus auf � gegen die Regeln der Therapiestunden und von den Pflegern sofort mit Blicken niedergedr�ckt � und proklamierte: �Der �lpreis wird von den Magnaten diktiert, die wiederum alles der Lobby verdanken, die von den Konten, die <emphasis>wir hier</emphasis> bald leer r�umen werden, ges�ugt werden, damit die Politiker, die eh nichts zu melden haben, etwas sagen k�nnen, das sie, wie Nussknacker, gebetsm�hlenhaft in die Kameras krachen lassen k�nnen, um den Tickern etwas neues Falsches zu verklickern, die es dann gewinnbringend an die n�chste Lobby oder f�r ihren Marktwert, der sich aus den Abos, in deren Inkassospirale sich so mancher hier befindet, speist, verbraten.�</p><p>In den folgenden Tagen war �l das Thema: seine Geschichte, die seiner F�rderung, die Mechanismen seines Preises. Die Pfleger, Schwestern und �rzte glaubten ihren Ohren nicht. Magnus war, zusammen mit einer aus ihrem Dornr�schenschlaf erwachenden Laura, die treibende Kraft, jedoch beteiligten sich stations�bergreifend mehr und mehr Patienten mit Referaten, Zeichnungen, Aquarellen, Diagrammen, Essays, Streichholzbohrt�rmen, Verschw�rungsskizzen und Batikhemden am Projekt.</p><p>In einer Morgenrunde k�ndigte Magnus dann an, er wolle einen kurzen Vortrag zum Thema halten, und zwar als Beitrag zum nahenden Sommerfest. Wer wolle, der m�ge kommen. Traditionell war das Sommerfest der Psychiatrie eine zwanglose Begegnungsm�glichkeit zwischen Personal, �rzten, Verwandten und Patienten. Alles sollte leicht, handhabbar und sonnenbetupft sein. Die Patienten zeigten ihre fr�hsportlichen �bungen mit den Hula-Hoops und den Plastikkeulen, die Verwandten applaudierten und machten mit, sp�ter kamen sie bei M�rbeteig und Erdbeertee mit den �rzten, die sie nur aus der zeitoptimierten Sprechstunde kannten, ins Gespr�ch.</p><p>Die Sonne war prall, der Andrang gro�, auch und gerade vor Magnussens improvisiertem Infostand. Er stand da, das Mikro in der Hand, mit Plakaten und Bannern hinter sich, den Tisch voller Erzeugnisse aus den Therapien, und wartete, bis die Menge leiser wurde. Dann hob er an, die Fassbrause in der Hand:</p><p>�Werte Damen und Herren! Liebe Mitpatienten, sehr geehrte Pfleger, Schwestern, �rztinnen und �rzte, geliebte Putzfrauen und K�che, werte Fahrer und Pf�rtner, liebe Leute! Es ist nicht viel, was ich zu sagen habe, und ich will weder Ihre Gem�ter noch Ihre Herzen oder Geister lange traktieren, denn der Tag ist zu sch�n, um ihn mit den Donnerwolken der Faktenlage zu verd�stern. Und dennoch: Lassen Sie mich ein paar Worte an Sie richten, die erkl�ren m�gen, von welcher Art und Beschaffenheit, neben all den sch�nen und zerstreuenden Schaupl�tzen, die dieses Sommerfest Ihnen sonst in H�lle und F�lle zu bieten hat, der bescheidene Projekttisch ist, vor dem zu stehen Sie uns gerade die Ehre erweisen. Das �l wird immer teurer. Die Preisexplosion belastet Konjunktur und B�rsen. Kriege werden im Namen des �ls, seiner r�udigen Geschwister und gierigen V�ter gef�hrt. Was wir auch anfassen, es kommt vom �l und geht zum �l zur�ck. Wir nun von der Station 5.1 haben uns in den letzten Wochen und im Rahmen unserer M�glichkeiten Gedanken zu diesem Komplex gemacht, ein jeder auf ihre oder seine Weise. Die Produkte dieses gemeinsamen Gedankenspiels k�nnen Sie hier bestaunen und f�r einen Euro das St�ck erstehen.�</p><p>Das Publikum r�ckte n�her. Gegenst�nde wurden in die Hand genommen und freundlich begutachtet.</p><p>�Noch immer ist es der �lpreis, der alles pr�gt. Oh, der �lpreis! Ein wahres <emphasis>Swamp Thing</emphasis> ist er, ein schleimiges Monster aus dem Morast des vergangenen Jahrhunderts, aus dem Moor der letzten Jahrmillionen, ein blo�es Spekulationsobjekt, das erstens vom Staat, n�mlich den Steuern, zweitens von der menschlichen Psyche, n�mlich den Erwartungen, Hysterien und Krisen der M�rkte, und drittens von der Marge, also der notwendigen Gewinnsucht und �berbietungslogik der Unternehmen, geformt wird. Und dieses Etwas bestimmt unser Leben? Bestimmt die Preise der �pfel, die wir essen, die Miete der Wohnungen, in denen wir leben, die Wahl der Partner, die wir ehelichen? Und das, wo die �lquellen derzeit rasant versiegen? In f�nf Jahren, werte Damen und Herren, ist eh Zapfenstreich im �lgewese. Und die W�ste, sie wird leben.�</p><p>Magnus zwinkerte Thorsten beil�ufig zu, der mit Strohhut und Sonnenbrille getarnt am Rande der Menschentraube lungerte und Whiskey aus einer Colaflasche trank.</p><p>�Wir sind es, die den �lpreis festsetzen sollten. Wir, die wir ihn zahlen, wir, die wir ihn t�glich mitbestimmen. Wir und niemand anders. Wir m�ssen uns nur unserer Kraft bewusst werden. Das habe ich, Magnus Taue, zusammen mit meinen Mitstreitern auf der Station 5.1, w�hrend meiner erfreulichen Wiederherstellung an diesem sch�nen Ort der Heilung gelernt. Und diese Erkenntnis ist Teil meiner Genesung. Und einen Splitter von dieser Erkenntnis, von dieser Einsicht und Gesundung wollte ich Ihnen, wertes Publikum, er�ffnen. Vielen Dank f�r Ihre Aufmerksamkeit. Ich hoffe, wir konnten Ihnen einen Gedankenansto� mit auf den Weg geben, und w�nsche Ihnen nichts weniger als einen wundersch�nen Tag.�</p><p>Die Menge lockerte sich auf. Einige kauften noch ein Batikhemd, eine Schachfigur oder ein mit Tippfehlern gespicktes Pamphlet. Der Niedlichkeitsfaktor war erheblich. Man redete dar�ber, wie wahr im Kern die Rede des Patienten T. doch sei, und wohlformuliert, und so frei wie druckreif vorgetragen; aber was solle man machen, als zum Trost einen Euro dazulassen f�r den mit gutem Willen gefertigten Tand. Dann nickten manche in sich hinein und wunderten sich, zu was f�r Gedanken die Patienten in ihrer Hospitalisierung doch imstande waren. Eine Besucherin beschloss, das Auto erst morgen abzuholen und lieber in der n�chsten Bar noch einen Wein zu trinken, ganz so wie fr�her. Nebenan sprangen blonde Kinder auf einem Trampolin herum, und je tiefer die Sonne stand, desto flacher wurden auch ihre Spr�nge.</p><p>Magnussens Hyperaktionismus und Renitenz schienen nun langsam ersch�pft, der �berschuss an quasi-revolution�rem Potenzial sein harmonisches Ende gefunden zu haben: Ein Vortrag �ber das �l war es gewesen, ein h�flicher, freundlicher und informativer Feiertagshinweis, mehr nicht. Die �rzte registrierten dies zufrieden. Die Pfleger freuten sich n�chtern. Die Schwestern tuschelten und kicherten und zerstreuten sich dann auch.</p><p>In dieser Atmosph�re der Erleichterung kamen Laura und Magnus schlie�lich tats�chlich zusammen, auf die zarteste Weise: Sie k�ssten einander kurz und innig. Es passierte abseits des Standes, in einer Ecke zwischen Sophienhaus und Notaufnahme, jenseits des Gewimmels und zwischen flimmernden Schatten. Sie hatte ihm, der leicht aufgew�hlt in dieser Ecke stand und die rote Ziegelwand betrachtete, ein paar Fr�chte und Wasser mitgebracht. Zum Dank hatte er ihre Hand genommen. Dann war es passiert.</p><p>Laura hatte dabei das erste Mal seit langem eine Empfindung, die nicht nur ihre Haut, ihr Fleisch, die Narben und Haare und Blicke betraf, sondern die von innen her kam und doch nicht unordentlich war. Sie f�hlte etwas.</p><p>Sich, unter anderem.</p><p>Das war neu.</p></section><section><title><p><strong>ACHTER TEIL STEIG NACH UNTEN, SCHWARZER KAISER</strong></p></title><epigraph><p>Go</p><p>No Go</p><text-author>Arcade Fire</text-author></epigraph><p>Ein Unternehmen, das t�glich Profite braucht wie ein S�chtiger seine Dosis, ist eben auch ein unbelehrbarer Psychopath. Sein Wille ist fest und trotzig, sein Blut kein Blut, sondern siedend hei�es Gold: Gold aus den Erzen, Grubengold, Schmiergeld, schwarzer Diamant und verzinstes Herzblut, denkbar menschlich. Ein gepanzertes Hirn hat teil am gro�en Puls der Welt, der durch die Pipelines str�mt, in den Kabeln sirrt, �ber die Tabellen wabert, aus dem die Medien tickern � so wie alle ticken und weben und spannen und leben.</p><p>Karin hatte es von Eva geh�rt, und zwar, dass Raoul mit Franz gesprochen hatte, und zwar von wegen Annie und Thomas, weil Valery und Karl am Ku�damm gesehen hatten, dass Peter �ber Walter mit Claire, als Magnus dann mit Hanne, weil Laura ja Viola; w�hrend x von y wusste, dass b a gek�sst hatte, als Laura es Thorsten ansah, dass p &#x3C6; q, und zwar via Skype.</p><p>Kurz und gut: Eine Telefonlawine war in Gang gesetzt worden. Oder nennen wir es, der l�ngst vollbrachten Medienrevolution gewahr, eine Medienlawine.</p><p>Magnus hatte Thorsten, der inzwischen willenlos und besoffen im Aufenthaltsraum vor dem Stationsfernseher herumhing und still vor sich hin r�lpste (der Fernseher, der die Patienten mit seinen st�ndigen Welt-Updates und hysterischen Nachrichtenpartikeln kirre machte, sagte ihm nichts), endg�ltig von seinem Plan �berzeugt.</p><p>Und zwar so:</p><p>�Thorsten, ich habe da eine Idee�, sagte Magnus.</p><p>�Ach, nee. Der Herr, eine Idee? Eine Magnus-Idee? Das Magnum-Eis neu erfinden, vielleicht?�</p><p>�Ich w�rde eher sagen: eine maximale Idee.�</p><p>�Ah so. <emphasis>Aaah</emphasis> so. Na dann.� Thorsten hatte seinen skeptischen Blick aufgesetzt, verengte Sehschlitze, Blick zur Seite, bei ihm nur in der alkoholverglasten Version und also weniger scharf und nachdr�cklich.</p><p>Magnus: �H�r zu.�</p><p>Und Magnus erz�hlte seinem Freundfeind ausf�hrlich von seinem Vorhaben. Es ging schnell. Thorsten war froh �ber den Plan; froh, dass etwas geschehen sollte, egal was. Innerhalb von Stunden war er, zumindest �u�erlich, wieder hergestellt und einsatzbereit. Magnus sammelte derweil seine heimlichen Agenten um sich und weihte interessierte Novizen ein. Der Plan ver�stelte sich �ber die n�chsten Tage, ging �ber die Station, �ber die Klinikmauern hinaus. Etwas zog sich zusammen �ber Berlin und lud sich weiter und weiter auf und wartete nur auf den entscheidenden Wetterwechsel.</p><p>Zwei Wochen sp�ter. In den Medien war die Nachricht aufgekommen, es gebe einen neuen Treibstoff, �HEKTAL E(+)�� beim Namen.</p><p>HEKTAL E(+) also.</p><p>Magnus hatte sich den Namen als zw�lfgezackte Schneeflocke in Form eines kristallinen Oktoaeders erdacht � eine unm�gliche Figur, aber mit einem einfachen, griffigen Namen. Er hatte die Zeit bei RADIKAL nicht durchgestanden, ohne wenigstens etwas �ber Werbung und ihre Mechanismen zu lernen.</p><p>�HEKTAL�, berichtete ein gestriegelter und rasierter und rundum erneuerter Thorsten K�hnemund im Mittagsmagazin des Zweiten Deutschen Fernsehens, �HEKTAL ist eine Alternative zu den bekannten Treibstoffen wie Benzin oder Diesel. Im Gegensatz zu � einerlei, ob man nun der abiotischen oder der organischen �ltheorie anh�ngt � den herk�mmlichen teuren und umweltsch�dlichen Treibstoffen ist HEKTAL reproduzierbar, umweltfreundlich und billig. HEKTAL ist, so k�nnen wir stolz vermelden, die wahre Alternative.�</p><p>Auf die Nachfrage der begeisterten Moderatorin, woraus dieser neue Treibstoff denn best�nde, wusste Thorsten zu antworten, es sei ein synthetisches Produkt aus Kohlenstoff, Ethanol, Blattgr�n, Sauerstoffperoxid und weiteren Bestandteilen, die freilich geheim gehalten werden m�ssten, siehe Coca-Cola, das werde man sicherlich verstehen, denn nach jahrelanger Forschung �werden wir diese die Energiem�rkte umst�rzende Idee nicht gleich an die Konkurrenz verraten, denn, unter uns, Frau Patschuleit, Patente k�nnen durch Generika derart leicht umgangen werden, so leicht, dass es eine Schande ist, aber das nur am Rande���</p><p>�Ist das so?�, fragte Frau Patschuleit entz�ckt und klimperte mit den Wimpern.</p><p>�Das ist so. Und HEKTAL, um auf Ihre Frage zur�ckzukommen, Frau Patschuleit, HEKTAL wird im Gegensatz zu den endlichen �lressourcen, die bekannterma�en in etwa zwanzig Jahren aufgebraucht sein werden, und im Gegensatz zu den m�hselig und kostspielig zu gewinnenden sogenannten alternativen Nachhaltigkeitstechniken wie Wind- und Solarenergie, nun, HEKTAL E(+) also wird synthetisch und billig produziert, indem eine Masse aus den genannten Bestandteilen in liquiden Zustand versetzt wird, mit Hilfe von k�nstlich herbeigef�hrter Photosynthese und gleichzeitiger Erhitzung. Nach dieser, in groben Z�gen gesagt, absolut ungef�hrlichen und umweltfreundlichen chemischen Reaktion haben wir dann das HEKTAL: einen billigen und unendlich reproduzierbaren Treibstoff.�</p><p>�Mithin�, f�gte Thorsten in alter St�rke sp�ter hinzu, von Dutzenden Mikrophonen umstellt und vom Kameralicht ganz nach seinem Geschmack konturscharf und postprivatistisch exponiert, mithin sei dies �eine Weltrevolution f�r die Energiem�rkte. Die L�sung aller bekannten Ressourcenprobleme und Energiehaushaltsquerelen, auf lange Sicht, ja, auf sehr lange Sicht, das k�nnen wir wohl sagen, ja.�</p><p>HEKTAL also.</p><p>Die Medien liefen hei� vor Begeisterung.</p><p>Dann schw�rmten sie aus. Die Nachtigall von Ramersdorf, Herr Jean-Toulouse Wichsgockel-Laxnesson, Frau Prosa von Raunheim, Tischtennisschl�ger-Svantje, Kopfh�rer-Dirk, die zwei Hellersdorfer Hungerk�nstler, jene Frauen, solche M�nner, kurz: diese Irren alle, von denen man schon immer h�rte, die man schon immer und �berall sah, um sie zu �bersehen. Nun war es an ihnen, es mit dem Schwarzen Kaiser, dem �l, aufzunehmen.</p><p>Sie hatten sich gewappnet, ja bewaffnet, mit dem neuesten Ger�t und Gestell, mit Handys, Beepern, Laptops, Walkie-Talkies, mit alten, altbekannten Computerzeitschriften und neuen, anonymen Internetzug�ngen. Sie traten nun, nachdem sie die Notausg�nge besetzt und um genau f�nfzehn Uhr elf synchron die roten Kn�pfe der Berliner Psychiatrien gedr�ckt und die T�ren nach drau�en ge�ffnet hatten, in Aktion.</p><p>Sie schw�rmten aus.</p><p>Sie kamen aus Bonnie�s Ranch, aus der Charit�, kamen, leicht angeschickert schon, aus Charlottenburg her�ber und pepbewaffnet von Steglitz hoch; selbst von ganz woanders hatten sich paar Kollegen angemeldet, die tats�chlich auch, mit der Bahn schwarzgefahren, erschienen; die Betten von Vivantes &amp; Co. waren jedenfalls ziemlich bald alle ziemlich leer.</p><p>Und die Polizei ziemlich ratlos.</p><p>Die Irren str�mten aus und liefen wie Quecksilber um das RADIKAL-Geb�ude herum zusammen. Ein stiller, heimlicher <emphasis>Flashmob</emphasis> hatte sich da zusammengefunden, um, f�r einen Tag, eine Utopie wahr zu machen, n�mlich: die Leute, die ihn zahlten, und nicht nur die, die an ihm verdienten, den �lpreis bestimmen zu lassen. Au�erdem tat ein spontaner Ausflug an die frische Luft jedem gut.</p><p>Die Irren betraten nach und nach das Atrium, mit Laura, Magnus und Thorsten voran. Sie gaben sich als Touristengruppe aus, die das ber�hmte Geb�ude samt Glaskuppel und Flaschenzuglift bestaunen wollten; man habe schon <emphasis>so viel</emphasis> davon geh�rt, und nein, angemeldet sei man nicht, leider, aber ob man nicht wenigstens kurz im Foyer geduldet werde?</p><p>Andere behaupteten, sie h�tten mit Fran�oise, K�hnemund, Vorritter, Peters, Padberg oder P�chtelspanger einen Termin; Namen standen viele zur Auswahl. Magnus, Laura und Thorsten stiegen l�chelnd in den Aufzug. Das Drehkreuz hatte Thorsten mit seiner Chipkarte au�er Kraft gesetzt. Sie sahen sich in die Augen wie bei einem gro�en Schulstreich, kurz vorm Loslachen, mit dem Unterschied, dass es ihnen todernst war. So wurde das Lachen noch unterdr�ckt.</p><p><emphasis>Kling</emphasis>, achter Stock, lautlos �ffnete sich die T�r, sie traten hinaus. Dort, wo sonst Teppichstille herrschte, war nun gro�er L�rm. Thorsten ging vor, in Richtung Werbeabteilung. Helle Aufregung allerseits. Die Praktikantinnen liefen wild durcheinander. (Thorsten stellte sich kurz vor, wie er sie im Laufschritt und Akkord alle noch einmal schnell von hinten nehmen w�rde, bevor das ganze Geb�ude hochginge und der <emphasis>Wald</emphasis>, den er sich nun voll von nackten, jungen Blondinen dachte, lodernd brannte � aber das Bild verlor sich sofort.) Die Diven von der Marketingabteilung, weibliche und m�nnliche, tuschelten, zeterten, rauften sich theatralisch die Haare, sch�ttelten betreten die K�pfe.</p><p>Thorsten, Laura und Magnus stapften entschlossen durch das ausbrechende Papierchaos, eine Special Unit <emphasis>straight from Hell and Hollywood</emphasis>. Sie enterten das B�ro des Marketingleiters Germany Vincent Padberg, des selten gesehenen und umso einflussreicheren Vorgesetzten von Fran�oise Starck.</p><p>�Thorsten, was � �, Padberg schreckte auf.</p><p>�Nichts was!�, rief Thorsten jetzt im Blaffmodus eines Drill Instructors aus und dr�ckte Padberg zur�ck in den Ledersessel.</p><p>�Aber���</p><p>�H�ren Sie zu.� Taue, H�nde in den Hosentaschen, kleines L�cheln, sprach sehr leise, doch laut genug, dass alle es gerade noch verstanden. Er war also in Hochform. �Sie geben jetzt allen Vertriebsknotenpunkten, Werbeagenturen und Pressestellen weiter, dass RADIKAL, angesichts der Markteinf�hrung von HEKTAL, den Benzinpreis um 10�Cent senkt, und zwar in allen Slots. Lassen Sie durchscheinen, dass Sie angesichts des zu erwartenden energietektonischen Erdbebens und der weltpolitischen Verwerfungen einfach schneller als die Konkurrenz sein wollen. Denn besser RADIKAL als gar nichts. Und los.�</p><p>�Und was, wenn ich es nicht mache?�</p><p>�Dann werden Sie�, und Magnus wies in Richtung Laura, die einen offensichtlich gef�llten Benzinkanister in der linken Hand hielt, �dann werden Sie diese f�nf Liter erstklassigen Benzins Ihrer Hausmarke trinken m�ssen. So leid es uns tut.�</p><p>Padberg wurde bleich um die Nase.</p><p>Magnus fragte: �Also?�</p><p>Unten im Atrium wurden die Empfangsdamen panisch. Wer waren diese Menschen, und was wollten sie? Kaum hatten sie sich umgesehen, waren die Irren flugs schon auf allen Etagen verteilt und st�rmten die B�ros. Der Schlachtruf �Hektal! Hektal!� schallte auf allen Fluren. Tohuwabohu brach aus, auf allen Kan�len, in allen Sch�chten und Ecken. F�nf Minuten sp�ter trafen die Medien, acht Minuten darauf die Polizei ein, beide unter gro�em Geheule, mit ihren jeweiligen Waffen beh�ngt. Nur, wie war dieser Masse meist nicht polizeibekannter, fremder und sehr seltsamer Menschen beizukommen?</p><p>Akten flogen aus den Fenstern, Papier regnete auf die menschenverstopften Stra�en. Absperrungen und Barrieren, kaum aufgestellt, lagen schon wieder niedergerissen da. Die Medien tickerten los. HEKTAL habe eine Revolution ausgel�st, hie� es, die B�rger st�nden auf. Hektische H�nde spiegelten sich in glatten Parketts anonymer B�rsen, unleserliche Zeichen standen in den panischen Augen verst�rter Broker; erste Politiker meldeten sich zu Wort und versuchten, den eigenen Standpunkt zum Geschehen m�glichst abstrakt zu halten; einige Tankstellen schlossen einfach, denn jetzt war <emphasis>Klappe zu, Affe tot</emphasis>; jetzt war, so schien es, tats�chlich <emphasis>Schicht im Schacht</emphasis>. Manche der Partner f�rchteten um ihre Existenz und brachen unter Tr�nen zusammen; andere tranken einfach in aller Ruhe ihr Feierabendbier und schauten fern, in der Gewissheit, dass hier nur die n�chste �lige <emphasis>Cashcow</emphasis> durchs globale Dorf gejagt wurde; �ndern w�rde sich nichts, nie.</p><p>Der B�rsenkurs von RADIKAL aber sank im Laufe des Tages um ganze elf Punkte. Die anderen Mineral�lkonzerne fielen dementsprechend mit, �sch�n nach unten, sch�n nach unten�, wie Magnus in Lauras Ohr fl�sterte. �Nieder mit dem Schwarzen Kaiser�, rief ein �bergelaufener Krankenpfleger im B�ro des Vertriebsleiters S�dwest und machte Anstalten, sich selbst mit einem verkratzten, fast leeren Zippo-Feuerzeug anzuz�nden; eine Suchtpatientin schrie �Steig nach unten, �lmoloch!� �ber den Innenhof der Konzernzentrale, sodass flugs eine Mischung aus beidem die Runde machte und sich zum Slogan verfestigte, der f�r ein paar Stunden durch fast die ganze Stadt hallen sollte: �Steig nach unten, Schwarzer Kaiser.�</p><p>�Schwarzkaisertag� war dann auch der Name, mit dem der Tag, an dem die Irren gegen das �l aufstanden, in die Annalen eingehen sollte.</p><p>Die Polizei st�rmte ohne M�he das Geb�ude und nahm alle Fremdk�rper mit der gebotenen H�rte fest. Der Spuk (oder Spa�, je nach Standpunkt) hatte nach drei Stunden ein Ende. Die Eindringlinge wurden konsequent bis brutal abgef�hrt oder weggetragen. Die Kurse stabilisierten sich am n�chsten Tag. HEKTAL flog als gro�er <emphasis>Hoax</emphasis> auf, der erst verdammt und dann bewundert wurde. Die Medien, die im Hype bereitwillig mitgegangen waren, verspotteten jetzt die Politiker, die den �Schwarzen Kaiser� nun wahlweise den Lobbyisten oder ihren politischen Feinden zuspielen wollten.</p><p>Nach und nach wurden die Irren wieder in ihre Abteilungen zur�ckgebracht.</p><p>Und schlussendlich waren sie auch ganz froh darum.</p><p>Laura und Magnus schritten durch verw�stete G�nge, �ber versaute Teppiche, Arm in Arm, wie ein soeben gekr�ntes K�nigspaar, das die Weiten seines neuen und schon wieder gl�cklich zerfallenden Reiches verma�. Thorsten sa� auf einer der Toiletten der Zentrale und trank Gin. Seine Krawatte hing ihm irgendwo anders. Er war es zufrieden.</p><p>Der Himmel malte. Mit dem Sfumato des hellblauen �thers grundierte er den Abschied vom Tag. Ein Zirrus-Pinselstrich hatte etwas Bewegung in den Blickwinkel gefuchtelt. Links zerfaserte ein Jetstream.</p><p>Laura, Magnus und Thorsten sa�en auf dem Dach des RADIKAL-Hauses. Sie picknickten. Wortlos teilten sie Bier, J�germeister, Jameson und Landj�ger.</p><p>Magnus stand auf, trat an die �u�erste Kante des Geb�udes und bestellte etwas in Richtung Himmel.</p><p>Laura und Thorsten sahen einander an. Sie sagten nichts.</p><p>�Denn es ist ihnen allen ja genauso passiert�, sagte Magnus.</p><p>�Was?�, fragte Thorsten.</p><p>�Nein�, sagte Laura.</p><p>Magnus nickte. �Doch. Es ist alles genauso und nicht anders passiert. Alles ist ihnen genauso geschehen. Es ist ihnen einfach passiert.�</p><p>Er breitete die Arme aus.</p><p><emphasis>Nein</emphasis>, dachte Laura.</p><p><emphasis>Ja</emphasis>, dachte Magnus.</p><p>Und sprang.</p></section><section><title><p><strong>EPILOG INS HELLE</strong></p></title><p><emphasis>Der Film ist vorbei. Die</emphasis> Credits <emphasis>laufen, das Wei�e rollt sich so scharf wie schummrig ab im Schwarzen, die Ersten stehen auf und gehen. Sie �berlegen, wie lange Sie den Abspann jetzt mitlesen sollen, um weder als</emphasis> Banause <emphasis>noch als</emphasis> Cineast <emphasis>angesehen zu werden. Dann gef�llt Ihnen aber sogar die Musik. Also tr�umen Sie sich kurz weg. Dann schlafen Sie schon fast.</emphasis></p><p><emphasis>Dann ist der Film wirklich zu Ende. Sie stehen auf und verlassen den Kinosaal. Drau�en weht frische Luft. Sie gehen weiter und verlieren sich in einer Stra�e.</emphasis></p><p><emphasis>Aber es war sch�n, oder?</emphasis></p><p><emphasis>Ja, sagen Sie. Ja.</emphasis></p><p><emphasis>Und das war es auch schon.</emphasis></p></section><section><title><p>~ ~ ~</p></title><p><image l:href="#1"/></p><p>Hier erhalten Sie von anderen Lesern Antworten auf Ihre Buchfragen sowie pers�nliche und individuelle Buchempfehlungen. <emphasis>Sie haben eine Frage zum Buch �Sickster� oder zu �Thomas Melle�?</emphasis><strong>Stellen Sie hier eine Frage zum Buch</strong><emphasis> � oder � </emphasis><strong>Stellen Sie hier eine Frage zum Autor</strong><emphasis> � oder � </emphasis><strong>St�bern Sie hier in den Buchfragen</strong></p><empty-line/><empty-line/><p><image l:href="#2"/></p><p>� aboutbooks GmbH</p><empty-line/><p>Die in der Buchfrage dargestellten Inhalte stammen von den Nutzern der Buchfrage-Funktion (User Generated Content).</p></section><section><title><p><strong>Informationen zum Buch</strong></p></title><p>Zwei junge M�nner stehen an vorderster Front einer �berhitzten Konsum- und Leistungswelt � und halten stand, bis die Beschleunigung ihr Leben erfasst, �berwuchert: Der idealistische Magnus Taue schreibt f�r das Kundenblatt eines �lkonzerns, f�hlt sich als Loser und hasst seine Arbeit mit der Wut eines Schl�fers. Thorsten K�hnemund, Manager und Macho, leidet insgeheim am erfolgreichen Hochglanzleben voller Druck und Alphatierneurosen, er bet�ubt sich mit Alkohol, schnellem Sex und Abst�rzen im molochartigen Clubbing der Stadt. Aus Schulzeiten bekannt, freunden die beiden sich z�gerlich an. Doch dann brechen die Fassaden ein. Magnus f�hlt sich zu Thorstens Freundin Laura hingezogen, und alle drei strudeln ins Haltlose. So beginnt eine Suche nach irgendeiner Wahrheit des Empfindens, Denkens und Tuns, eine Suche im Rausch, Schmerz und Wahn � und in der eigenen Seele��</p><p>Einf�hlsam und radikal erforscht Thomas Melle ein sich immer schneller um ein leeres Zentrum drehendes Leben � bis an die Grenzen des Ichs und dar�ber hinaus. �Sickster� ist ein gro�es diagnostisches Zeitbild � und das Romandeb�t eines Autors, dessen Sprache, so Iris Radisch, �bis ins letzte Komma aufgeladen� ist.</p></section><section><title><p><strong>Informationen zum Autor</strong></p></title><p>Thomas Melle, 1975 in Bonn geboren, studierte Vergleichende Literaturwissenschaft und Philosophie in T�bingen, Austin (Texas) und Berlin. Mit St�cken wie �Haus zur Sonne� (2006) und �Das Herz ist ein lausiger Stricher� (2010) geh�rt er zu den wichtigsten jungen deutschen Theaterautoren. Er �bersetzte William T.�Vollmann und war mit dessen Roman �Huren f�r Gloria� f�r den �bersetzungspreis der Leipziger Buchmesse 2006 nominiert. 2007 erschien Thomas Melles vielbeachtetes Prosadeb�t, der Erz�hlungsband �Raumforderung�, f�r den er 2008 den F�rderpreis zum Bremer Literaturpreis erhielt. Thomas Melle lebt in Berlin.</p></section></body><binary id="cover" 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