<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>prose_contemporary</genre><author><first-name>Heinrich</first-name><last-name>Steinfest</last-name></author><book-title>Der Allesforscher</book-title><annotation><p>Bademeister ist Sixten Braun erst auf dem zweiten Bildungsweg geworden. Dazu brauchte es zwei beinahe t�dliche Unf�lle, eine gro�e Liebe und eine lieblose Ehe. Aber all das musste wohl sein, damit er werden konnte, was er werden sollte � n�mlich der Vater eines ganz und gar fremden Kindes�</p><p>Sixten Brauns vollkommen normales Managerleben implodiert, als in Taiwan ein Wal explodiert, und Sixten von irgendeinem Teil des Wal-Innenlebens k.o. geschlagen wird. Kaum aus dem Krankenhaus entlassen, st�rzt er mit dem n�chstbesten Flugzeug ab � und �berlebt abermals. Aber�nicht ohne zwischendurch die gro�e Liebe erlebt zu haben. Und so kommt er Jahre sp�ter � Sixten hat sich l�ngst vom Manager zum Bademeister gewandelt � zu einem Kind, das auf gar keinen Fall sein eigenes sein kann, es dann aber doch pl�tzlich ist � Ein frisch verwaister Junge namens Simon. Ein Junge, der nicht spricht, au�er in seiner eigenen, nur ihm selbst verst�ndlichen Sprache. Ein Junge, der sich dann als ganz ungew�hnlich talentiert in ganz ungew�hnlichen Bereichen erweist: Er kann klettern wie eine Gemse und zeichnen wie Leonardo da Vinci. Auch liegt es an Simon, dass sich so manche Gerade in Sixtens Leben zum Kreis schlie�t�</p></annotation><date/><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang></title-info><document-info><author><first-name>Steinfest,</first-name><last-name>Heinrich</last-name></author><program-used>calibre 0.9.28, FictionBook Editor Release 2.6, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date value="2016-04-29">29.4.2016</date><id>d36b841e-ca7a-4193-8eac-6f5859dff86e</id><version>1.0</version><history><p>1.0 � &#x441;&#x43E;&#x437;&#x434;&#x430;&#x43D;&#x438;&#x435; &#x444;&#x430;&#x439;&#x43B;&#x430; &#x438; &#x432;&#x451;&#x440;&#x441;&#x442;&#x43A;&#x430; (sibkron)</p></history></document-info><publish-info><book-name>Der Allesforscher</book-name><publisher>Piper ebooks</publisher><year>2014</year></publish-info></description><body><title><p>Heinrich Steinfest</p><empty-line/><p>Der Allesforscher</p></title><section><title><p>Teil 1</p></title><section><title><p><strong>Achtung, Sie h�ren jetzt Sch�nberg!</strong></p></title><p><emphasis>Eine Art Vorspann</emphasis></p><p>Der Beginn eines jeden Buchs leidet unter einem gro�en Manko: Es fehlt die Musik.</p><p>Wie gut hat es da der Film, dessen Vorspann getragen wird von einer klanglichen Ouvert�re, die verspricht, was nachher erf�llt wird oder nicht, aber in jedem Fall den Zuseher augenblicklich in ihren Bann zieht, augenblicklich eine Aufregung, eine R�hrung oder ein Staunen hervorruft.</p><p>Denken Sie zum Beispiel an <emphasis>Der Wei�e Hai</emphasis>. Im wirklich allerersten Moment, als mitten im Weltraum die rotierende Erdkugel der Universal Studios sichtbar wird, vernehmen wir die Echolaute aus einem Unterwassersonar, harmlos noch, zwitschernd, plaudernd, ein friedliches Meer, nur da� es friedliche Meere nicht gibt. Und gleich darauf, als die Namen der Produzenten in einfachen wei�en Lettern sich vor absoluter Schw�rze abzeichnen, setzt die Musik ein, sie n�hert sich bedrohlich, die Musik, und mit ihr der gro�e Fisch. Man sieht ihn aber nicht, sondern die Kamera scheint in den Augen des Fisches einzusitzen, zeigt, was er sieht, wie er jetzt durchs Riff gleitet. Dies mutet zwar eher an wie der Ausblick eines Anemonenfisches, aber erstens hei�t es ja, selbst diese Winzlinge w�rden Taucher attackieren, und au�erdem ist es weiterhin die Musik � noch kr�ftiger, noch unheimlicher, mehr Instrumente, mehr Noten � , die so unverkennbar signalisiert, wie gro� dieser Fisch sein mu� und da� in dieser Geschichte sehr, sehr lange nichts gutgehen wird.</p><p>Als nun die Musik endet (beziehungsweise zum biederen Gedudel einer Mundharmonika �bergeht), wechselt die Kamera zu einer fr�hlichen Gruppe junger Menschen, die sp�tabends am Strand sitzen und feiern � und wir fragen uns sofort, wer von denen jetzt so bl�d sein wird und Steven Spielberg den Gefallen tut, im Meer schwimmen zu gehen.</p><p>Es sind zwei Filme und die beiden zu ihnen geh�renden Musiken, die das Verh�ltnis der modernen Menschen zum Wasser insgesamt gepr�gt haben: <emphasis>Der Wei�e Hai</emphasis> und <emphasis>Psycho</emphasis>. Einmal das Meer, einmal die Dusche. Ohne die Kompositionen von John Williams und Bernard Herrmann w�re der Horror nur der halbe. Der Fisch b�se, aber auch nur ein Fisch. Das Messer t�dlich, aber trotzdem ein blo�es Artefakt, das mi�br�uchlich benutzt wurde. Erst die Musik gibt dem Horror eine Stimme, im wahrsten Sinne, eine Stimme, die aus der H�lle stammt und den Hai wie auch das Messer mit einer finsteren Seele ausstattet. (Man kann das leicht beweisen und braucht sich nur die beiden Filme ohne die Musik anzusehen. Was sich dann offenbart, ist zwar noch immer kein Spa�, aber es fehlt nun jene D�monie, die die Kl�nge zu transportieren verstehen. Eine D�monie, die den Schrecken schrecklicher macht � und zugleich sch�ner.)</p><p>Es stimmt, Titelsequenzen wurden daf�r geschaffen, die Namen der Schauspieler, der produzierenden und kameraf�hrenden und anderweitig involvierten Personen in rascher Folge mehr oder weniger prominent zu pr�sentieren. Doch es ist die Musik, die zu diesem fr�hen Moment den Zuseher und Zuh�rer unmittelbar in den Film hineinzieht. In der Art, wie man ohne jede Vorwarnung einen Ku� erh�lt oder eine Ohrfeige. Ein Buchumschlag oder Prolog ist dagegen schw�chlich. Ein kleines Zittern im Vergleich zum Sch�ttelfrost.</p><p>Ich w�rde viel darum geben, k�nnte ich der Geschichte, die hier zu erz�hlen ist, eine Einleitung verleihen, die mit Musik und verdichteten Bildern unterlegt wird, Bildern, vor deren Hintergrund Personen oder Dinge auftauchen und verschwinden gleich Geistern. Geistern von Bedeutung.</p><p>Wie w�rde ich diese Er�ffnungssequenz umsetzen? Welche Musik verwenden? Eine klassische oder eher eine dieser Zw�lftonkompositionen, die an unseren Nerven zerren? Aber eben ganz anders, als viele es im Konzertsaal empfinden, dort die Nerven t�tend, beim Vorspann hingegen in der Tat an ihnen ziehend: eine Spannung erzeugend.</p><p>Ja, ich denke, ich w�rde etwas von Sch�nberg nehmen. Und dazu anfangs v�llig uneindeutige dunkle Bilder, in die sich nach und nach helle, bl�uliche Flecken mischen und den Zuseher begreifen lassen, auf eine in Zeitlupe ablaufende Unterwasserszene zu schauen. Schlu�endlich realisiert das Publikum, da� es sich um ein m�chtiges Wesen oder Objekt handeln mu�, welches hier durchs Wasser gleitet. Keinen Hai, eher ein U-Boot oder einen Wal oder schwimmenden Elefanten, vielleicht auch ein versinkendes Schiff. So klar soll das jetzt noch gar nicht werden, weil der Vorspann etwas <emphasis>verspricht,</emphasis> aber nicht <emphasis>verr�t</emphasis>. Ein riesiges Ding eben. Riesig und dennoch verletzlich, zumindest wird diese Verletzlichkeit in einer letzten Einstellung angedeutet, dann, wenn der Name des Regisseurs auf der Leinwand sichtbar wird. Wie bei einer umgekehrten Sch�pfung, wo der Name des Sch�pfers den Schlu� der Sch�pfung bildet. Beinahe im Stil eines Gest�ndnisses, einer Reue oder Abbitte. Ein Gott, der sich entschuldigt.</p><p>Das Ende des Vorspanns gleicht dem Tod. Danach kommt das Leben. Aber es ist eben ein gewesenes.</p></section><section><title><p><emphasis>1 </emphasis>�Oha!�</p></title><p>Ein <emphasis>Oha!</emphasis> denken oder sagen oder rufen kann eigentlich nur bedeuten, sich in einem Zustand der Versp�tung zu befinden. Und damit ist nicht allein die Stra�enbahn gemeint, die einem davonf�hrt. Sondern auch und vor allem die, die auf einen zuf�hrt.</p><p>*</p><p>Als sich das Ding mit rasender Geschwindigkeit n�herte, erstarrte ich. Aber was h�tte ich tun sollen? Mich wegducken? F�rs Wegducken ging alles viel zu schnell. F�rs Wegducken h�tte es einer Vorbereitung bedurft, einer Warnung, einer Regieanweisung. Wobei ich absolut flink sein konnte, sechsundzwanzigj�hrig, H�rdensprinter, beinahe Deutscher Meister, jedenfalls im Besitz eines K�rpers, der einem m�glichen Sich-zur-Seite-Biegen, Sich-auf-den-Boden-Werfen nicht im Wege gestanden h�tte. Keine selbstverschuldeten Hindernisse auf H�fth�he. Keine fettreichen Anh�ngsel.</p><p>Doch umsonst. Ich war v�llig in meiner Fassungslosigkeit gefangen. Eigentlich schon von dem Moment an, als ich den Schwertransporter erblickte, der da die Stra�e herunterkam und auf dessen Ladefl�che sich wahrhaftig ein Wal befand: ein gewaltiger Brocken von Fisch, auch wenn jedes Kind dir sagt, Wale seien keine Fische. Aber mein Gott, genau so schauen sie doch aus. Dieser hier lang wie eine Stra�enbahn, aber viel massiver, kastenartig, schw�rzlich, der Sch�del gr��er noch als der Rest. Keine Frage, ein Pottwal, so viel Naturkunde hatte ich auch noch intus. Ich konnte mir nicht mal sicher sein, ob der Fisch auf dem Laster tot oder halbtot war oder eher bet�ubt. Und auf dem Weg wohin? Ins Museum? Ins Aquarium? Nach SeaWorld?�� Da� man dort auch schon mit Pottwalen spielen konnte, w�re mir allerdings neu gewesen. Konnten Pottwale, so umst�ndlich gro�, wie sie waren, durch Reifen springen? Pirouetten drehen? Schnattern wie Delphine? Ihre schweren K�pfe hochhalten und um kleine Leckerbissen betteln? Autisten heilen? Oder war das, was ich dort auf dem Lkw sah, vielmehr eine Attrappe? Ein Werbegag? Allerdings wirkte das Tier ungemein echt, wie frisch gefangen, als es da keine paar Meter von mir entfernt vorbeikam und ich ihm hinterherglotzte.</p><p>Das war genau so ein Moment, wo man sich gerne fragt, ob man tr�umt oder wacht. Wobei ich noch gar nicht schlafen gegangen war, sondern die gesamte Nacht in mehreren Bars zugebracht hatte, in die wir von den taiwanischen Gesch�ftspartnern gef�hrt worden waren. Eigentlich nicht meine Sache, die Sauferei, und da� da immer M�dchen neben dir stehen und dich freundlich anl�cheln und ein bi�chen Englisch reden, so ein gekichertes Englisch, das aus drei zerschnipselten W�rtern besteht. Dabei sind die M�dchen sicher nicht bl�d, eher hat man das Gef�hl, selbst bl�d zu sein, so wie ein schiefes Geb�ude an der Theke zu lehnen und ein Glas nach dem anderen hinunterzukippen</p><p>Sicher, theoretisch h�tte man <emphasis>Nein!</emphasis> sagen k�nnen.</p><p>Theoretisch h�tte man sein Geld auch als Bademeister verdienen k�nnen, in der Sonne stehen und gleichzeitig eine Aura der Lebensrettung verstr�men. Aber wie viele Bademeister vertr�gt die Welt?</p><p>Die Wirklichkeit sah so aus, da� ich, ohne darum gebeten, aber auch ohne mich gewehrt zu haben, mit einer von den kichernden Hostessen in einem Hotelzimmer gelandet war. Wo ich mich erst mal ins Badezimmer fl�chtete. Dort, auf dem Klodeckel sitzend, den pochenden Sch�del zwischen die H�nde geklemmt, fiel mir ein, da� ich dr�ben in Europa verlobt war, nicht einmal ungern verlobt. Gleichwohl galt die Regel, nach welcher Prostituierte nicht z�hlen. Weil man die ja weder heiraten noch sonstwas Au�ergesch�ftliches von ihnen will. Wer hat schon ernsthaft im Sinn, sich f�r den Rest der Nacht ganz fest an so ein M�dchen zu schmiegen? Niemand, au�er ein paar Romantikern, die davon tr�umen, eine Hure zu retten.</p><p><emphasis>Nein, Prostituierte z�hlen nicht.</emphasis></p><p>So lautete die Regel, aber es war nat�rlich keine Regel, die meine Verlobte unterschrieben hatte, sondern eher eine firmeninterne. Darum, weil wir, die Kollegen und ich, viel in der Welt unterwegs waren. An Orten, wo es unh�flich gewesen w�re, sich freundlichen Einladungen zu diesem oder jenem Vergn�gen zu verweigern. Moralisch zu werden, statt h�flich zu bleiben. Vegetarier zu sein angesichts der von Fleischbergen sich biegenden Tische. (Das war �brigens in der Tat die erste Frage gewesen, als ich mich um diesen Job beworben hatte. Ob ich Vegetarier sei. Wow! Was f�r eine Frage f�r jemanden, der in die IT-Branche will. Wobei schon klar gewesen war, die Frage k�nne allein metaphorisch gemeint sein. Weshalb ich keine Sekunde gez�gert hatte, ganz grunds�tzlich den Fleischkonsum zu bejahen.�� Anscheinend die richtige Antwort.)</p><p>Die Menschheit befand sich in einem Jahr, das eben begonnen hatte und die Zahl 2004 trug. Es war Mitte Januar. Ich selbst hielt mich in Tainan auf, einer Stadt im s�dlichen Taiwan.�� Seit ein paar Jahren fuhr ich in Asien herum, ohne je ein Gef�hl der Vertrautheit entwickelt zu haben. Aber w�re es denn viel anders gewesen, h�tte ich den Norden Deutschlands beackert, das Ruhrgebiet, das fr�hliche Frankreich oder die unheimliche Schweiz? Sicher nicht!�� Ich war zu dieser Zeit f�r ein Unternehmen namens Weyland Europe t�tig, den Ableger eines amerikanischen Konzerns, der in den Vereinigten Staaten nur in der Fiktion mehrerer Filme und des Internets existierte, auf dem europ�ischen Kontinent aber Wirklichkeit geworden war. So, als h�tte jemand auf der R�ckseite des Globus eine Romanfigur erfunden, die dann auf der Vorderseite tats�chlich das Licht dieser Welt erblickte.</p><p>Weyland Europe war also real, wenigstens in einem b�rsennotierten Sinn, und konzentrierte sich auf die Entwicklung, die Produktion und den Verkauf von Mikroprozessoren. Ich erkl�rte oft zum Spa�, wir w�rden mit Bakterien handeln, weil die ja auch so klein sind. Wobei ich mich weniger um den Vertrieb als um die Herstellung k�mmerte. Die Bedingungen der Herstellung. Um das Wo und Wie.</p><p>Ich will nicht behaupten, man kriegt so was hin, wenn man sich st�ndig ans Herz greift und einem das Herz vom vielen Hingreifen ganz weich wird. Die Frage ist immer: Was wollen wir? Wollen wir eine gerechte Welt? Was ist denn gerecht? Bessere Arbeitsbedingungen f�r die armen Schweine? Mein Gott, dann h�tte ich aber nicht in Asien herumfahren d�rfen, um geeignete Orte f�r die Produktion zu finden. Wenn die Leute daheim jammern, an diesem oder jenem Ding klebt so viel Blut, kann ich nur sagen: Na klar! W�rde nicht Blut dran kleben, w�re es nicht so g�nstig. Wir wollen konsumieren. Und ich sage das ganz deutlich: Es gibt solche Waren nicht, an denen <emphasis>kein</emphasis> Blut klebt. Auch wenn� Bio �draufsteht oder� Glutenfrei �oder eben� Blutfrei�. Irgendwann werden die Entwickler auf die Idee kommen, Biopanzer herzustellen, Panzer, die, nachdem sie gen�gend oft geschossen haben, zu Kompost zerfallen oder sich in Joghurtbecher verwandeln. Oder sie erfinden Geschosse, die Kindern und Frauen ausweichen und nur die M�nner erwischen. (Um noch mal auf den Vegetarismus zu kommen: Klar, da gibt es jetzt immer mehr Produkte. Das sind solche, bei denen praktisch das Blut heruntergewaschen wird, bevor sie auf den Markt kommen. Daf�r zahlt man dann etwas mehr, f�rs Waschen.)</p><p>Ich bin kein Zyniker. Zynisch sind die, die allen Ernstes meinen, an einem Computer zu arbeiten, auf dem ein angebissener Apfel klebt, sei irgendwie wohlt�tig. Oder Nudeln zu essen, in denen kein Ei steckt. Als seien solche Nudeln vom lieben Gott pers�nlich vorgekaut worden.</p><p>Ich sa� da also mit einem Gef�hl leichten Schwindels in diesem F�nf-Sterne-Badezimmer und fragte mich, was ich tun sollte, wenn ich wieder drau�en war bei dem kichernden M�dchen. Ich dachte mir:�Gib ihr einen Geldschein, und schick sie nach Hause. �Aber das war nat�rlich Bl�dsinn, weil ja alles bereits bezahlt war, jeder Whisky und jede Prostituierte, s�mtliche Shrimps und die Zigarren, die gestern auf meinem Zimmer gelegen hatten. Nicht, da� ich rauchte. Mu�te ich auch nicht. Zigarren waren ein Symbol, alles war ein Symbol. Auch die M�dchen. Es ging nicht um die Befriedigung, die sich daraus ergab, befriedigt zu werden oder sich tats�chlich eine Zigarre anzuz�nden. Sondern darum, da� das Symbol in die Welt getragen wurde und man selbst in diesem Symbol aufging. Sperma war dabei sowenig das Thema wie Tabak. Es drehte sich auch nicht wirklich um Bestechung im Sinne einer Bereicherung. Denn reich oder zumindest halbwegs reich war man ja schon. Es z�hlten allein die Bilder. Die Entscheidungen, die ich traf, w�ren keine anderen gewesen, h�tte ich mich <emphasis>nicht</emphasis> einladen lassen. Aber ich h�tte mich dann au�erhalb des Symbols gestellt und damit auch au�erhalb der Ordnung, gewisserma�en in einen rechtsfreien Raum. Ich w�re in meiner Verweigerung praktisch zum Kriminellen geworden.</p><p>Ich trat aus dem Badezimmer und wollte der Kleinen zu verstehen geben, sie k�nne gehen. Da� es vollkommen ausreiche, mich einen Abend lang angekichert und schlu�endlich auch noch eine Flasche Champagner ge�ffnet zu haben. Sie zu trinken sei nicht n�tig. In den Abflu� gesch�ttet, h�tte sie die gleiche Bedeutung wie in den Leib gesch�ttet. Es w�re allein ein Sakrileg gewesen, den Champagner zur�ckzuschicken und damit die taiwanischen Partner, das Hotel, den Kellner, den Importeur von Champagner in Taiwan, ja gewisserma�en eine ganze Kultur zu beleidigen.</p><p>Doch als ich nun aus dem Bad kam, war das M�dchen verschwunden. Das Zimmer g�hnte. Ich sah auf die Uhr. Meine G�te, ich war eine ganze Stunde auf dem Klodeckel gesessen. Wahrscheinlich hatte die bezahlte Kichererbse gemeint, ich sei in der Badewanne eingeschlafen. Allerdings war das hier gar nicht das Hotel, in dem ich wohnte. Andererseits war alles bereits beglichen, und ich h�tte mich augenblicklich ins Bett legen k�nnen � ein Designerbett, das aber eher wie der Entwurf zu einem Bett als ein zu Ende gedachtes und zu Ende gebautes aussah.</p><p>Nein, ich wollte hier nicht schlafen.</p><p>Ich griff nach meinem Jackett, verlie� den Raum, verlie� das Geb�ude und trat hinaus auf die morgendlich helle Stra�e, um mein eigenes Hotel zu suchen, hatte allerdings nicht einmal mehr dessen Namen im Kopf. Ich ging los ohne Plan.</p><p>Ohne Plan? Nicht ganz. Ohne einen solchen zu sein, mu�te noch lange nicht hei�en, da� es keinen g�be.</p><p>Offenbar hatte jener D�mon, den wir das <emphasis>Schicksal</emphasis> nennen (wie man eine Bombe <emphasis>Little Boy</emphasis> nennt oder einen Kinderdrescher <emphasis>Krampus</emphasis> oder einen, der Krokodile verpr�gelt, <emphasis>Kasperl</emphasis>), das allergr��te Interesse, mich genau in jenem Augenblick die Stra�e hinuntermarschieren zu lassen, als eben � halb sieben Uhr in der Fr�h, der Berufsverkehr in vollem Gange � der Laster mit dem Pottwal vorbeifuhr und mich in ungl�ubiges Staunen und eine steinerne K�rperhaltung versetzte.</p><p>Und w�hrend ich da fassungslos stand�</p><p>Auch im nachhinein wurde nicht klar, was genau von dem Wal � Teil eines Ged�rms oder Teil eines Organs � es gewesen war, das mich mit voller Wucht im Gesicht getroffen hatte. Die Explosion hatte ich gar nicht wahrgenommen, den Knall nicht, nicht den sich �ffnenden Tierleib, aus dem das Blut spritzte und die Umgebung in ein Actionpainting verwandelte, sondern allein das dunkle St�ck, das auf mich zuflog und dessen Dunkelheit mich sogleich vollst�ndig einh�llte.</p><p>Im Film w�re es jetzt zwei oder drei Sekunden schwarz und still gewesen.</p></section><section><title><p><emphasis>2</emphasis></p></title><p>Im wirklichen Leben dauerte es etwas l�nger. Als ich zu mir kam, wurde die absolute Schw�rze von einer absoluten Wei�e ersetzt, als h�tten ein paar katholische Anstreicher � Polen nat�rlich � den Tod aufgehellt.</p><p>Aber ich war nicht gestorben. Nachdem die Umgebung sich nach und nach vom Eindruck einer milchigen Ummantelung befreite, begriff ich, in einem Krankenhausbett zu liegen. Neben mir die �blichen Ger�te, deren Ger�usche und optischen Signale mir bewiesen, am Leben zu sein. Ja, ich konnte mein Herz schreiben sehen. In Sch�nschrift. Sehr sauber, aber ohne eigenen Stil, ein Durchschnittsherz halt. Von der Seite fiel Tageslicht durch ein hohes Fenster. Dazu ein Geruch, der weniger an Chemie als an Nudelsuppe erinnerte. Vielleicht blo� wegen des Hungers, der mich augenblicklich qu�lte.</p><p>Eine Krankenschwester erschien. Weder kicherte sie, noch war ein Mitgef�hl in ihrem Gesicht. Sie sprach kein Wort, �berpr�fte allein die Apparaturen. Eine Chinesin. Was die Vermutung nahelegte, mich noch immer in Tainan zu befinden.</p><p>Ich griff mir an den Kopf und sp�rte den Verband, der meinen Kopf turbanartig umgab. Mein Ged�chtnis freilich funktionierte, ich litt nicht etwa an einer Amnesie. Lag keineswegs neben mir wie neben einem Fremden. Alles war bestens in Erinnerung: das Hotel, die Stra�e, der Laster, der Wal. Und wie irgend etwas aus dem Wal herausgeschossen war. Gleich einem Torpedo. Einem Torpedo, der zielgenau in meinem Gesicht aufgeschlagen war. Soviel wu�te ich. Aber es war ein Wissen, welches ich kaum glauben konnte.</p><p>Ein Mann trat ein. Ein Mann im Anzug, ein Wei�er, also von der Hautfarbe her ein Wei�er, so wie man fr�her sagte: ein Schwarzer. Er setzte sich an die Bettkante. Wegen der Art, mit der er Platz nahm und dabei seine Fingerkuppen zu einem M�nchner Olympiadach zusammenschlo�, dachte ich, er m�sse hier der Arzt sein. Doch als er seinen Kopf anhob, erkannte ich ihn endlich als einen Kollegen aus meinem Weyland-Team. Er berichtete mir, was geschehen war, wie da ein gestrandeter und schlie�lich verendeter Pottwal, der gr��te, den es je an die taiwanische K�ste gesp�lt hatte, zum Zwecke einer wissenschaftlichen Untersuchung auf einen Laster gehievt und zur Universit�t auf der anderen Seite der Stadt gebracht worden war. Um dann genau auf diesem Weg, inmitten der Metropole, inmitten fr�hmorgendlichen Verkehrs, zu explodieren.</p><p>�Eine Gasexplosion�, sagte der Mann und meinte die G�rgase, die sich am hinteren Ende des Tiers einen Ausgang verschafft und den Mageninhalt und andere Teile mit gro�er Wucht ins Freie bef�rdert hatten. Das� Freie �war in diesem Fall die Stra�e gewesen: die H�user, die Lokale und Gesch�fte, die geparkten Autos, die Passanten. Und einer von ihnen, der Ungl�cklichste, war eben ich gewesen. W�re ich nur einen halben Meter weiter�� eine Sekunde fr�her oder sp�ter��</p><p>War ich aber nicht.</p><p>�Saubl�d!�t�nte der Mann im Anzug.�Mu� der bl�de Fisch ausgerechnet dann explodieren, wenn du grad an der Stra�enecke stehst. Du hast ein St�ck von dem Monster voll abbekommen. Eine Niere oder so. Das m�ssen die noch rausfinden. Wobei�s ja eigentlich egal ist. Bei der Geschwindigkeit wird ohnehin alles hart wie ein Ziegelstein. Das h�tte ganz anders ausgehen k�nnen. Aber ich sag mal so: Besser, es trifft dich die Niere von so einem Bullen als dem sein Schwanz, gell?�</p><p>Er lachte laut auf und schickte sich an, mir auf die Schulter zu klopfen. Lie� es dann aber bleiben und erkl�rte vertrauensvoll:�Die sagen, du wirst v�llig gesund, versprochen. Die �rztin wird dir das best�tigen. Sie kommt gleich. Ein wenig eine Strenge. Aber immerhin, sie ist Deutsche. Keine Angst also.�</p><p>�Ich habe keine Angst�, versicherte ich ihm.</p><p>�Du solltest aber schon zusehen, rasch auf die Beine zu kommen. Du wei�t ja, was Ma�tre Schmidt vom Kranksein h�lt.�</p><p>Schmidt sa� im Vorstand und bildete sich viel darauf ein, gef�rchtet zu sein. Ich fand das eigentlich ganz okay, da� er zu der Angst, die er ausl�ste, auch stand, stolz war, Schrecken zu verbreiten, und nicht etwa den Wohlt�ter spielte, der er nicht war, die anderen aber auch nicht. Richtig, er neigte zur Wut, wenn einer seiner Z�glinge und H�flinge ausfiel. F�r ihn gab es kein Fremdverschulden und keine h�here Gewalt. Er sagte gerne:�Ein Ungl�ck k�ndigt sich immer an. Wer aber zu bl�d ist, eine solche Ank�ndigung zu erkennen, ist falsch bei Weyland.�</p><p>So gesehen, w�rde ich einige M�he haben zu erkl�ren, wie es hatte geschehen k�nnen, einem explodierenden Wal in die Quere gekommen zu sein.</p><p>Mein Kollege meinte:�Vor allem beeil dich, den Verband von deinem Kopf runterzukriegen. Das schaut wirklich schei�e aus.�</p><p>Ich dankte f�r den freundlichen Hinweis.</p><p>�Gerne, Sixten�, sagte er und l�ste seine Fingerkuppen. Das Olympiastadion fiel auseinander.</p><p><emphasis>Sixten</emphasis>, das war mein Vorname, schwedisch, wegen meines Vaters, der von dort stammte, w�hrend die Familie meiner Mutter angeblich schon so lange in K�ln lebte, wie K�ln existierte. Einen Nichtk�lner zu heiraten war eigentlich verboten gewesen, andererseits gab es Schlimmeres als die Schweden, viel Schlimmeres. Und immerhin hatte mein Vater eingewilligt, den Familiennamen meiner Mutter anzunehmen. Das war ihre Bedingung gewesen, damals, 1976, im Jahr der Eherechtsreform, die solches erm�glichte. Er selbst hatte sich erst durchsetzen k�nnen, als zwei Jahre danach die Wahl eines Vornamens f�r mich zur Diskussion stand.�� Meines Vaters kleiner schwedischer Sieg. Man taufte mich Sixten. Meiner Mutter hingegen verdankte ich den nicht gerade originellen Familiennamen Braun. Sixten Braun. Wenn man es aussprach, klang es eher englisch als deutsch oder schwedisch. Im Busine� kein Nachteil.</p><p>Der Weyland-Kollege beugte sich jetzt nahe zu mir hin und sagte:�Du wei�t ja, was Schmidt immer sagt: von einem Auto �berfahren werden und trotzdem nicht tot sein.�</p><p>Richtig, Schmidt zitierte gerne Robert De Niro in der Rolle eines Gesch�ftsmannes, der auf die �u�erung seines Gegen�bers, krank gewesen zu sein, antwortet:�Krank? In dieser Liga wird man von �nem Auto �berfahren und stirbt trotzdem nicht.�</p><p>�Das ist f�r Schmidt einfacher�, sagte ich,�wenn man bedenkt, da� er h�chstwahrscheinlich ein Untoter ist.�</p><p>�Du scherzt.�</p><p>�Eigentlich nicht. Es ist Scherz genug, da� mich so ein Seeungeheuer fast erschlagen h�tte.�</p><p>�Stimmt�, sagte er und lachte erneut in seiner bellenden Weise.�Da wirst du dir noch einiges an Spott anh�ren m�ssen. Trotz der zwei Tage im Koma. Aber es ist halt ziemlich unheroisch, wenn die verirrte Kugel, die einen getroffen hat, aus einem Haufen schleimiger Walkutteln besteht.�</p><p>Da hatte er wirklich recht. Ich w�rde es in Zukunft soweit wie m�glich vermeiden, von dieser Geschichte zu berichten, sosehr sie mein Leben entscheidend ver�ndern sollte. Wobei ich noch nicht ahnen konnte, <emphasis>wie</emphasis> entscheidend.</p></section><section><title><p><emphasis>3</emphasis></p></title><p>Endlich kam sie. Die �rztin. Die deutsche �rztin in Taiwan. Wie man sagt: Endlich ist Sommer. Denn in der Tat glich ihr Gesicht einem warmen Tag, der zuvor in den Wetternachrichten als verregnet angek�ndigt worden war. Anders gesagt, ich begriff mit einemmal das Gl�ck, das mir beschert war, indem ich auf die Stra�e getreten, von einem explodierenden Wal erwischt und in dieses Krankenhauszimmer gelangt war, um schlu�endlich in ein solches Gesicht schauen zu d�rfen. Ein Gesicht, als h�tte eines dieser franz�sischen Malergenies eine letzte vollkommene Zeichnung hinterlassen, die sich zauberischerweise in 3-D verwandelt hatte. Ja, diese Frau wirkte auf mich sehr viel mehr franz�sisch als deutsch. Kein roher Kirchner oder saftiger Beckmann, sondern ein Matisse aus ein paar Bleistiftstrichen, die bewiesen, wie sehr auch Sch�nheit eine Formel besitzt.</p><p>Gut, ich will nicht ausschlie�en, da� sich in meinem Sch�del einige Regale verschoben hatten, weil ein Schw�rmer war ich doch nie gewesen. Dennoch war ich jetzt so g�nzlich auf diese Mimik konzentriert, auf die Bewegungen der Lippen und gar nicht auf die �rztliche Diagnose, die zwischen diesen Lippen hervordrang und beschrieb, was mit mir, was vor allem mit meinem Kopf geschehen war, und wie froh ich sein d�rfe, nach zwei Tagen wieder aus dem Koma erwacht zu sein. Ich vernahm Begriffe wie� Sch�del-Hirn-Trauma�,�Hirnstammreflex�,�EEG �und� Pupillenbewegung�, blieb aber recht gleichg�ltig dagegen � nur beim Begriff� Gehirnblutung �zuckte ich kurz zusammen. Aber wirklich nur kurz. Eher so, wie man bemerkt, sich in die Fingerkuppe geschnitten zu haben, und gleich darauf denkt:�Na, ich werd schon nicht verbluten.�</p><p>Wie auch immer, ich war in diesem Augenblick sehr viel mehr auf die Sprecherin als auf das Gesprochene konzentriert. Wobei die Stimme der Frau lange nicht so anziehend wirkte wie ihr Gesicht. Ohne darum behaupten zu wollen, sie h�tte eine Reibeisenstimme besessen; weder kr�chzte sie, noch w�rgte sie die W�rter hervor, aber es war eben <emphasis>kein Vergleich</emphasis>. Vielleicht k�nnte man auch sagen: Zu <emphasis>so</emphasis> einem Gesicht gibt es gar keine Stimme. <emphasis>So</emphasis> ein Gesicht kann nicht in eine Stimme �bersetzt werden.</p><p>Klar, das ist pathetisch. Aber mein ganzer Zustand war pathetisch. Zuerst l�cherlich, siehe Walexplosion, und dann pathetisch, indem ich nicht vom Antlitz dieser �rztin lassen konnte. Und wenn, dann nur, um mir auch den Rest anzusehen: einen mittelgro�en, sehr geraden, kompakten K�rper, einen strengen K�rper, nicht streng im Sadomasosinn, sondern lehrerinnenhaft, das Autorit�re mit der Autorit�t verbindend. Ihre H�nde steckten tief in den Taschen ihres �rztekittels. Unter dem knielangen beigen Rock wei�bestrumpfte schlanke Beine, die in gelben Turnschuhen fu�ten.</p><p>Bald kam mir der Gedanke, diese Person sei eine blo�e Halluzination, eine Frau, die allein in meinem Kopf existierte, w�hrend ich mich in Wirklichkeit noch immer im Koma befand, ja, niemals wieder daraus erwachen w�rde. Wobei ich angesichts dieser Sch�nheit, die da t�glich mit gelben Turnschuhen an mein Bett tr�te, um mich �ber meinen Zustand zu unterrichten, gerne bleiben wollte, wo ich war, auch wenn es sich um eine Illusion handeln mochte.</p><p>Wer wollte einen guten Traum gegen eine schlechte Wirklichkeit tauschen?</p><p>Entscheidend war, da� es mir gelang, die Frau Doktor immer l�nger� an mein Bett zu fesseln�, sie nach ihrem Leben in Tainan zu befragen. Mit ihr zu sprechen, als w�rden wir uns in einem Restaurant gegen�bersitzen.</p><p>Seit vier Jahren war sie in dieser Stadt, machte aber nicht den Eindruck, ein Taiwanfan oder auch nur eine Asienbegeisterte zu sein. Sie lebte allein, und das war sicher die beste Nachricht. Offenkundig war sie in erster Linie an Gehirnen interessiert. Sie versuchte, ihnen auf die Schliche zu kommen, ihr eigentliches Wesen zu durchschauen.</p><p>Nun, ihre Aufgabe in diesem Spital war weniger, Hirne zu erforschen, als sie zu reparieren. Aber zum Reparieren geh�rt nat�rlich eine gewisse Kenntnis des Objekts, das da instand gesetzt werden soll.�� Es gefiel mir, wie diese Frau �ber die r�tselhafte Schaltzentrale in unser aller K�pfe redete. Liebevoll, aber kritisch. Wie man vielleicht �ber einen Schurken spricht, den man jedoch bewundert. Einen genialen und eleganten Gauner. Einen, der auch t�tet, aber immer aus gutem Grund.</p><p>Wobei sie, die Frau Dr. Senft, urspr�nglich von der Psychologie herkam, weshalb ihr einige der j�ngsten �berraschenden Ergebnisse der Hirnforschung nicht ganz so �berraschend erschienen. Sie wu�te schon l�nger, da� das Hirn in der Lage ist, eine Unwahrheit so lange zu wiederholen, bis sie einem als Wahrheit erscheint.</p><p>Sie dr�ckte es so aus:�Der Rechner da in unserem Kopf tut alles, um uns das Leben ertr�glich zu machen. So viel H��liches wir meinen aushalten zu m�ssen, kann man trotzdem sagen, das Gehirn ist st�ndig damit besch�ftigt, eine traurige Realit�t zu verbergen. Es idealisiert, wo es kann. Das Gehirn ist ein K�nstler und neigt zur Apotheose. Es ist religi�s, aber nur der �sthetik wegen. Es geht in die Kirche, um die Kirche auszumalen, nicht um zu beten.�� Ich hoffe, Sie k�nnen mir folgen.�</p><p>�Aber klar�, sagte ich, w�hrend ich ihr Augenpaar studierte, den Farbton von Karamel, um jetzt nicht von fossilem Harz zu sprechen, dazu die schwarzen, ausladenden Wimpern, an denen die Lider schwer zu tragen schienen, und sah die M�digkeit, die in diesen Augen einsa� und sie noch sch�ner machte, als wenn sie frisch und ausgeruht gewesen w�ren. Ich war mir da ganz sicher: wie sehr Ersch�pfung einen Menschen h�bscher machte. Wie ja auch so mancher Gegenstand erst als Antiquit�t seinen vollen Reiz entwickelt.</p><p>Irgendwann durfte ich das Bett verlassen und mir in den G�ngen des Krankenhauses sowie in einem kleinen, schattigen Innenhof die Beine vertreten. Dort traf ich Dr. Senft, froh darum, einmal nicht aus der Position des Liegenden zu ihr hochsehen zu m�ssen, sondern nun zu ihr hinunterschauen zu d�rfen.�� Ich wei� schon, es geh�rt sich nicht, so was zu sagen, weil auf eine Frau hinunterzuschauen sogleich als anma�end gilt. Aber seien wir doch ehrlich: Man mu� schon ein Hollywoodstar oder Multimillion�r oder Modesch�pfer oder so sein, um als Mann ein Vergn�gen dabei zu empfinden, zu einer Frau hochzusehen. Es l�chelt sich als Mann einfach besser von oben nach unten, auch wenn die Angel�chelte die eigene Chefin ist, eine Kapazit�t, �berlegen oder schlichtweg anbetungsw�rdig. Man kann eben auch von oben nach unten beten.�� Ich hoffe, man versteht mich.</p><p>Jedenfalls tat ich genau das, als ich nun Dr. Senft �ber den Weg lief: Ich l�chelte zu ihr hinunter, gar nicht weit, denn so viel kleiner war sie nicht, einen halben Kopf blo�, l�chelte also bergab und fragte:�Darf ich Sie zum Abendessen einladen?�</p><p>�Mein Gott, Herr Braun, Sie sind Patient!�</p><p>�Und Sie meinen, ein Patient darf seine �rztin nicht���</p><p>Sie unterbrach mich und erkl�rte:�Ich wollte Sie nur daran erinnern, da� Sie sich weiterhin in Behandlung befinden und noch eine gewisse Zeit Ihre Restauranteinladungen auf die Krankenhausk�che beschr�nken m�ssen. Ist nun mal so.�</p><p>Ich atmete erleichtert auf und verabredete mich mit der �rztin meines Vertrauens zum Abendessen in der Kantine.</p><p>Dinner um siebzehn Uhr.</p><p>Sicher, der Ort war nicht romantisch, unser Gespr�ch erstmals stockend. Wobei ich den Umstand des Stockens dahingehend interpretierte, da� sich zwischen uns, wie man so sagt, etwas tat.</p><p>Ich erz�hlte von der Firma, f�r die ich arbeitete, und in welchen Funktionen. Profanes Zeug. W�hrend ich aber sprach und dabei zusah, wie sich Dr. Senft langweilte, stellte ich sie mir nackt vor. Ihren mittelgro�en, kompakten, festen K�rper. Wahrscheinlich war alles fest an ihr, auch der mittelgro�e Busen, der den wei�en Stoff ihres �rztekittels straffte.</p><p>Richtig, ich hatte nicht vergessen, dr�ben in Europa, in K�ln, wo ich lebte, eine Verlobte zu haben. Sie schrieb mir alle zwei, drei Tage eine Mail. Keinen Roman, das nicht, auch kein Gedicht, eher etwas Sachliches, sachlich, aber freundlich. W�re sie nicht ihrerseits so stark eingespannt gewesen, sie h�tte mich augenblicklich besucht.</p><p>Ich konnte mich deutlich an den Zustand von Zufriedenheit erinnern, den das Verlobtsein mit ihr hervorrief, wenngleich ich mir im Moment schwergetan h�tte, ihr Gesicht zu beschreiben. Ihr Gesicht lag in einem Nebel, der ganz K�ln verdeckte.</p><p>Mir war nicht klar, wie sehr im Zuge meiner Kopfverletzung nicht doch mein Ged�chtnis in Mitleidenschaft gezogen worden war. Absolut perfekt schien es nicht zu funktionieren. Ich hatte Aussetzer und L�cken. Doch manche L�cke war mir durchaus willkommen.</p><p>Freilich wu�te ich, da� meine Verlobte Lydia hie�, zudem war mir der leidenschaftliche Sex mit ihr pr�sent. Allerdings auch, wie sehr dieser zuletzt eine ehe�hnliche Eintr�bung erfahren hatte. Nun, wir wollten ja ohnehin heiraten. Auch waren da noch Lydias Eltern, Walter und Grita, Wallace &amp; Gromit, wie Lydias kleiner Bruder heimlich gerne sagte, reiche Leute, die Eltern, ein bi�chen steif, aber�� Faktum war, da� ich mir im Moment niemanden weniger an meinem Tisch w�nschte als diese Lydia. <emphasis>Diese</emphasis> Lydia.</p><p>Dr. Senft hingegen��</p><p>Ich fragte sie offen heraus, ob sie verheiratet sei.</p><p>�Wieso, haben Sie Interesse?�fragte sie und verzog keine Miene.�Oder wollen Sie nur ein bi�chen unversch�mt sein?�</p><p>�Also, das halte ich eher f�r das Normalste auf der Welt.�</p><p>�Was? Unversch�mt sein oder Instant-Heiratsantr�ge?�</p><p>�Instant? Na, wir kennen uns doch schon eine Weile, nicht wahr? Au�erdem wissen Sie �ber mein Gehirn besser Bescheid als irgend jemand anderes.�</p><p>�Sie sind ganz sch�n zuversichtlich�, stellte Dr. Senft fest, schob das Heiratsthema aber zur Seite und ging auf das Kopfthema ein. Sie erkl�rte mir, da� das Gehirn weniger die Welt abbilde als unsere Vorstellung von der Welt. Es erspare uns gewisse Sachverhalte, zum Beispiel den, f�r die Dauer des Blinzelns den Kontakt zur sichtbaren Welt zu verlieren. Immer wieder aufs neue, mitten am Tag in eine kurzzeitige Nacht zu geraten. Das Gehirn unterbinde es, diesen enervierenden und durchaus bedrohlichen Zustand wahrzunehmen.</p><p>�Das Gehirn l�gt uns also an�, stellte ich fest.</p><p>�Na, das ist die Frage, ob man das Unterdr�cken einer schlechten Nachricht als L�ge interpretieren sollte.�� Wenn �berhaupt, ist es doch eher eine Notl�ge, damit der arme Mensch eben <emphasis>nicht</emphasis> verr�ckt wird. So, wie es auch besser ist, das schwarze Loch <emphasis>nicht</emphasis> zu sehen, welches da mitten in unserem Auge klafft und das wir Pupille nennen. Ich meine, das Loch ist ja da, notwendigerweise, weil schlie�lich die sichtbare Welt hineinstr�mt und unserem Hirn sagt, was drau�en so los ist.�</p><p>�Viel Schlimmes.�</p><p>�Viel Anstrengendes. Lebensmittelpreise, perverse Leute im Fernsehen, bunte Geschmacklosigkeiten�� da w�rde es wirklich noch fehlen, sich unentwegt der Dunkelheit beim Blinzeln bewu�t zu sein. Wie bei einem langen Satz, der voll von Beistrichen ist.�</p><p>Ich wendete ein, Beistriche seien eigentlich ganz praktisch.�Die verleihen einem Satz eine Struktur. Eine hilfreiche dazu.�</p><p>�Nicht, wenn man den Beistrich mitliest, ich mein�s wortw�rtlich, also st�ndig �Beistrich� sagt und �Punkt� und �Anf�hrungszeichen oben� und so weiter. Das w�rde einen dummen Satz noch d�mmer machen und einen gescheiten verunstalten. Oder?�</p><p>�Was genau wollen Sie mir sagen?�fragte ich.</p><p>�Wir gehen immer davon aus, eine Sch�digung spezifischer Hirnareale f�hre dazu, eine Information <emphasis>nicht</emphasis> zu erhalten, eine Nachricht, einen Reiz <emphasis>nicht</emphasis> zu empfangen. Was aber, wenn es umgekehrt ist? Wenn die Unterbrechung des Strangs, die Abschottung des Areals also dazu f�hrt, da� das Gehirn aufh�rt, weiter seinen hilfreichen Schwindel mit uns zu treiben. Wir also pl�tzlich etwas erkennen, etwas bewu�t wahrnehmen, was immer schon vorhanden war. Einen Beistrich eben, oder das Schwarz im Moment des Zwinkerns, oder vielleicht, ganz allein auf der Welt zu sein und sich den Rest blo� einzubilden.�</p><p>�Bilde ich mir Sie nur ein, Frau Doktor, oder bin ich vielmehr ein Teil <emphasis>Ihrer</emphasis> Einbildung? Weil, das w�re dann ja schon ein Unterschied.�</p><p>�Wir k�nnen nicht ausschlie�en, da� jemand Drittes sich <emphasis>uns</emphasis> ausdenkt, oder?�</p><p>�Danke�, sagte ich.</p><p>�Wieso danken Sie?�</p><p>�Ich danke dem, der sich ausgedacht hat, uns beide zusammenzubringen.�</p><p>�Sie sind ein �bler Schmeichler�, kommentierte sie.</p><p>��bel? Wirklich?�</p><p>�Ja. Aber ich mag Sie trotzdem.�</p><p>�Echt?�</p><p>�Na vielleicht auch nur, weil ich froh bin, mich mit jemandem in meiner Landessprache unterhalten zu k�nnen.�</p><p>�W�re das alles, w�re es traurig. Jedenfalls zuwenig f�r die Liebe.�</p><p>�Ich dachte, Sie wollen mich heiraten. Von Liebe war keine Rede.�</p><p>Ich sagte ihr, ich w�rde das gerne verbinden.</p><p>�So ma�los?�</p><p>�Ja, so ma�los�, beharrte ich. Und fragte:�Gefalle ich Ihnen denn? Ich meine, mal so rein �u�erlich.�</p><p>�Sie sehen gut aus, das stimmt. Aber bei einem Mann, den man heiraten m�chte, mu� man sich fragen, ob er auch sp�ter noch gut aussieht. Das ist n�mlich ebenfalls so eine Sache, die im Gehirn passiert. Obwohl es uns was vorgaukelt, also jemanden, f�r den wir schw�rmen, h�bscher aussehen l��t, als er eigentlich ist, neigt das gleiche Hirn leider auch dazu, einen Unsympathler � da kann sein Bauch noch so flach und sein Kinn noch so kantig sein � irgendwann auch unsympathisch erscheinen zu lassen. Da wird dann aus dem Wort <emphasis>kantig</emphasis> das Wort <emphasis>monstr�s</emphasis>.�</p><p>�Ich bin nicht unsympathisch�, insistierte ich.</p><p>�Sie k�nnten es werden�, sagte die �rztin.�Einmal verheiratet, mutiert der Mensch. Man ehelicht einen h�bschen Dracula, und nachher hat man einen h��lichen Werwolf.�</p><p>�Merkw�rdiger Vergleich.�</p><p>�Traurige Wahrheit.�</p><p>�Waren Sie schon mal verheiratet?�wollte ich endlich wissen.</p><p>�Halten Sie mich denn f�r so alt?�</p><p>Nun, ich sch�tzte, sie war wohl ein wenig �lter als ich. Vielleicht Anfang drei�ig. Jedenfalls alt genug, um bereits eine Scheidung hinter sich zu haben. Ich sagte ihr:�Sie sind eine Frau, die zeitlebens sch�n sein wird. Niemals ein Werwolf beziehungsweise eine Werw�lfin.�</p><p>Sie aber entgegnete:�Das Femininum ist nicht immer passend. �Um dann die Sprache auf etwas anderes zu bringen.�Wissen Sie, was mich am meisten st�rt?�</p><p>�Ja, was?�</p><p>�Da� man hier nichts zu trinken bekommt. Keinen Wein. Mir gehen diese verdammten Tees, die sie einem st�ndig servieren, derart auf die Nerven. Ein Glas Rotwein w�rde mir jetzt wirklich guttun.�</p><p>Ich war etwas entt�uscht. Ich h�tte diese Frau nicht f�r eine Trinkerin gehalten. Zumindest nicht f�r eine Person, die den Alkohol n�tig hatte, um sich wohl zu f�hlen.</p><p>Ich fragte:�Gen�ge ich Ihnen denn nicht?�</p><p>�Was hei�t schon gen�gen? Der Wein n�hrt das Hirn. Der Tee f�llt blo� die Blase. Jedenfalls sollten wir bei unserem n�chsten Treffen ein Lokal ausw�hlen, wo�s einen anst�ndigen Wein gibt. Ein Grund mehr, Herr Braun, Sie rasch zu entlassen. Auch, damit ich sehen kann, wie Sie wirken, wenn Sie einen Anzug tragen. Ich glaube, Sie geh�ren zu denen, die im Anzug gewinnen.�</p><p>�Und worin verliere ich? In der Unterw�sche?�</p><p>�Da verliert ein jeder. Das braucht Sie nicht zu kr�nken.�</p><p>�Vielleicht �ndern Sie noch Ihre Meinung�, sagte ich.</p><p>Dr. Senft l�chelte. Und zwar vielversprechend. M�glicherweise war ihr eigenes Gehirn darangegangen, meiner relativen H�bschheit eine sehr viel attraktivere Anmut zu bescheren. Eine Anmut und ein Geheimnis. Sie hatte mich als Patient untersucht und w�rde mich vielleicht, nachdem sie mich einmal aus dem Krankenhaus entlassen hatte, auch noch als Mann untersuchen wollen.</p></section><section><title><p><emphasis>4</emphasis></p></title><p>Ich schlug der K�lner Firmenleitung vor, mich noch einige Tage in Taiwan zu lassen, um einen Termin in Japan vorzubereiten, der demn�chst anstand und mir die M�glichkeit geben w�rde zu beweisen, da� mit mir alles in Ordnung war.�Immerhin mu�te ich gegen die Bef�rchtung antreten, in meinem Sch�del sei etwas durcheinandergeraten, ich sei ein� vom Wal Geschlagener�. Um so wichtiger, in den kommenden Verhandlungen eine Brillanz zu offenbaren, die jede m�gliche Ver�nderung meiner Hirnt�tigkeit eher als <emphasis>genial</emphasis> denn als <emphasis>durchgeknallt</emphasis> erscheinen lie�e.</p><p>Wichtiger aber war, Dr. Senft wiederzusehen. Diesmal an einem Ort, an dem es auch Wein gab. Weshalb ich sie in ein Restaurant einlud, das ihre eigenen M�glichkeiten vermutlich um einiges �berstieg. Freilich erschien sie nun ohne den �rztekittel, den ich an ihr so gewohnt war. Doch ihre Gestalt, ihr Haar � das Blond nahe am Gelb � , die Ohrringe, die sie zu jeder Zeit zu tragen pflegte, vor allem ihre Art zu gehen, vorsichtig auftretend, als schreite sie �ber hei�e Kohlen, wie diese Yogis, die sich niemals verbrennen, dies alles erf�llte sich in der bekannten Weise.</p><p>Ich hatte bereits am reservierten Tisch gesessen, erhob mich nun und sagte ihr, wie h�bsch sie aussehe und wie gerne ich sie immer wieder aufs neue betrachtete.</p><p>�Sie �bertreiben.�</p><p>�Ach, Sie ahnen gar nicht, wie wenig ich �bertreibe.�</p><p>Sie schenkte mir ein L�cheln, das als ein schmaler, flockiger Wolkenstreifen den blauen Himmel in ihrem Gesicht kreuzte.</p><p>Wir a�en und wir redeten. Dazu gab es den versprochenen Rotwein, eine wirklich teure Flasche, aber kein Wort dar�ber, was sie kostete, um so mehr, als der Wein nicht sonderlich gut war und sein hoher Preis eher das Klischee von der Bl�dheit als von der Vornehmheit best�tigt h�tte.</p><p>Frau Dr. Senft erz�hlte von T�bingen, wo sie studiert, von Budapest, wo sie eine Zeitlang gearbeitet hatte, erz�hlte von ihrer Mutter, einer kunstvoll ihr Scheitern kultivierenden Musiklehrerin, die in Stuttgart lebte, sich aber viel zu schade f�r diese Stadt war.</p><p>�Und <emphasis>Ihre</emphasis> Eltern?�fragte sie.</p><p>�Kleine Leute�, antwortete ich.</p><p>�Zwerge?�</p><p>Nein, ich meinte nat�rlich kleinb�rgerlich. So extravagant die schwedische Herkunft des Vaters und das� altk�lnische Bewu�tsein �der Mutter auch anmuteten, es waren kleine Leute. Nicht ungebildet, nicht dumm, das nicht, der Vater als Arbeiter in einer Kartonagenfabrik, die Mutter als gelernte Friseurin, die sp�ter nur noch die eigene Frisur und die des Gatten und der Kinder und von einigen Nachbarn betreute und sich im �brigen um einen Haushalt k�mmerte, der nicht einmal geschmacklos war � kein Kitsch oder so � , sondern vor allem gesichtslos. Gesichtslos und staubfrei. Sie jagte den Staub wie einen b�sen Geist.</p><p>Ich hatte mich f�r diese beiden Menschen immer geniert, brave B�rger, die sehr sp�t in ihrem Leben Eltern geworden waren. Im Grunde waren sie nicht peinlich, sondern zur�ckhaltend in jeder Hinsicht, doch genau diese Zur�ckhaltung war mir so oft unangenehm gewesen. Diese dumme Demut angesichts der eigenen Mittelm��igkeit. Dieser Verzicht in allen Dingen. Wie sie st�ndig sparen mu�ten, ohne da� dabei eine Ersparnis zutage getreten w�re. Solche Leute arbeiteten und legten Geld zur Seite, aber das Geld blieb immer so klein wie sie selbst.</p><p>�Was wollen Sie denn?�meinte meine �rztin.�Schlie�lich haben Sie doch selbst Karriere gemacht. Ist das nicht besser als andersherum? Besser, als der Gr��e seiner Erzeuger hinterherzuhecheln?�</p><p>Woraus ich leider den falschen Schlu� zog und wieder anfing, von meiner Arbeit zu berichten. Um erneut festzustellen, wie sehr sie das langweilte. Nicht die Mikroprozessoren an sich, die� Bakterien�, doch von denen konnte ich ja wenig erz�hlen, sondern allein vom Aufbau der Produktionsst�tten. Aus purer Selbstachtung blieb ich noch ein wenig beim Jobthema, verlagerte dann aber das Gespr�ch auf die Kunst, in der Folge auf den Sport, denn dies zu verbinden bewies, da� ich kein Bildungsspie�er war. Immerhin pflegte ich regelm��ig �ber H�rden zu sprinten und w�re dabei beinahe Deutscher Meister geworden.</p><p>Sie war keck genug zu fragen:�Und Sie kommen da wirklich dr�ber?�</p><p>Ich erkl�rte ihr:�Eigentlich fliegt man die meiste Zeit. Das ist das Sch�ne am H�rdenlauf, das Fliegen.�</p><p>�Na, ein bi�chen was rennen m�ssen Sie schon, gell?�</p><p>So redeten wir uns durch den Abend, landeten hernach in einer Bar, nahe einer Gruppe kichernder Hostessen. Wobei ich keinesfalls in der Lage gewesen w�re, sagen zu k�nnen, ob eine von ihnen��</p><p>�Ich bin m�de�, sagte Dr. Senft mit einemmal.</p><p>Ich aber fragte:�Darf ich Sie Lana nennen?�</p><p>�Weil ich m�de bin?�</p><p>�Nein, weil ich dann eher das Gef�hl h�tte, Ihnen nahe zu sein. Das <emphasis>Sie</emphasis> kann ruhig bleiben, aber es ist ja ein Unterschied, ob ich eine Lana sieze oder eine Frau Doktor.�</p><p>�Na gut, Sixten.�</p><p>�Ich will Sie nicht zwingen���, sagte ich und griff �ber den kleinen, runden Tisch nach ihrer Hand. Sie schaute hinunter auf die meine, die da schwer auf der ihren lag. Es war eindeutig, da� sie nachdachte. Wohl ein wenig gegen die Wand dachte, die der viele Alkohol und die Stunden eines langen Tages errichtet hatten. Gleichwohl �berlegend, ob sie es sp�ter bereuen w�rde, wenn sie jetzt nachgab.</p><p>Im Grunde h�tte man sagen k�nnen: Morgen ist auch noch ein Tag. Aber erstens ist das ja nie hundertprozentig sicher � Kometen, Tsunamis, explodierende Wale � , und zweitens war ich so voller Sehnsucht, sie hier und jetzt zu k�ssen. Nicht morgen oder �bermorgen. Nein, ich wollte es an diesem Abend, in dieser Nacht geschehen lassen, nicht zuletzt aus der �berzeugung, in diesem Moment �ber den absolut idealen Gehirnzustand zu verf�gen, um die wahre Sch�nheit eines Kusses zu begreifen.</p><p>Gehirnzustand? Na, auch Gehirne haben solche und solche Tage.</p><p>Jetzt k�nnte man freilich einwenden, da� das <emphasis>eine</emphasis> K�ssen gerne wie das <emphasis>andere</emphasis> daherkam und sich nur die sauschlechten K�sse wirklich vom Rest der Masse abhoben. Aber vielleicht war ich bisher einfach nicht aufmerksam genug gewesen, zu sehr hingerissen vom Empfinden, zuwenig mit dem Kopf dabei.</p><p>Im Zuge solcher Einsicht sagte ich � ich sagte es laut, obwohl ich es eigentlich nur hatte denken wollen � , ich sagte also:�Man mu� k�ssen wie ein Schriftsteller.�</p><p>�Wie bitte?�</p><p>�Meine G�te, verzeihen Sie, Frau Doktor. Ich behaupte nicht, da� Schriftsteller besser k�ssen.�</p><p>�Wieso auch sollten sie?�</p><p>�Ich meine nur, da� man sich auf jede einzelne Nuance so konzentrieren sollte, als w�rde man einen Bericht verfassen, einen Roman schreiben, ein Gedicht.�</p><p>�Sie haben eine merkw�rdige Art, mich nach einem Ku� zu fragen. Wo Sie doch vorher nicht gefragt haben, ob Sie nach meiner Hand greifen d�rfen.�</p><p>Richtig, die Hand war noch immer dort, wo ich sie abgelegt hatte, und im Grunde h�tte ich ja erst einmal damit anfangen k�nnen, genau <emphasis>diesen</emphasis> Zustand mit schriftstellerischer Eindringlichkeit zu w�rdigen. Aber ich war jetzt halt ganz aufs K�ssen versessen. Darum l�ste ich meine Hand und n�herte daf�r mein Gesicht dem ihren. Ich konnte mich in ihren Augen spiegeln.</p><p>Und dann der Ku�, das sp�rbare Z�gern, mit dem die Lippen endlich den Mund freigaben. Ein Z�gern, das sich fortsetzte, ohne sich aber wie eine Beleidigung anzuf�hlen. Wie man z�gert, ins Meer zu gehen, auch wenn man gerne im Wasser ist.</p><p>Ihre Zunge f�hlte sich so kompakt und fest an, wie ihr K�rper aussah. Kein Brett, nicht steif, aber doch wie ein Stein, wenn man sich vorstellt, Steine w�ren beweglich. Oder Architektur k�nnte sich bewegen. H�user, die sich biegen und dehnen und deren Feuchtigkeit vom Regen stammt, der an den Fassaden herunterperlt. Diese Zunge vermittelte in keiner Weise die totale Hingabe, gab sich nicht auf, erniedrigte sich nicht, nur weil das Wort� Liebe �im Raum stand. Im Grunde sp�rte ich, da� ich diese Frau niemals, wie man so sagt, besitzen w�rde. Jetzt nicht und sp�ter nicht. Aber es ist eben mehr als blo� eine religi�se oder p�dagogische Phrase, wie gut etwas sein kann, das man nicht besitzt. Den warmen Wind besitzt man auch nicht, und er tut trotzdem gut. Er kommt halt oder er kommt nicht, das ist seine Freiheit, der wir unterliegen. Und es braucht gar nicht zu verwundern, da� wir um das Wetter noch mehr Theater machen als um die Liebe. Manche interessieren sich f�r Politik, manche f�r den Sport, andere fl�chten in die Kunst, das Wetter aber interessiert alle. Und heimlich sind alle froh, da� man es weder bestellen noch kaufen, noch erpressen kann. (Obgleich gewisse Nationen, etwa die Chinesen, einiges versuchen, um das Wetter an die Wand zu stellen und zu erschie�en.)</p><p>�Und jetzt?�fragte ich, nachdem unsere M�nder sich wieder getrennt hatten, und f�gte ein gehauchtes� Du �an.</p><p>Na, vielleicht h�tte etwas weniger Hauch besser gewirkt. Jedenfalls meinte Lana:�Ich w�rde tats�chlich sehr gerne beim <emphasis>Sie</emphasis> bleiben, wenn das geht.�</p><p>�Kein Problem�, beeilte ich mich zu erkl�ren. Und:�K�nnen wir trotzdem miteinander schlafen?�</p><p>Sie nickte. Dabei wirkte sie jetzt wirklich m�de. Ein Schleier verdeckte den Himmel in ihrem Gesicht, silbriggrau.</p><p>Mich packte das schlechte Gewissen. Ich sagte ihr, wenn sie zu m�de sei��</p><p>�Nein. Lassen Sie uns gehen.�</p><p>Wir gingen. Nicht zu ihr und auch nicht zu mir. Sondern in ein Hotel, welches gleich um die Ecke lag. Kein Luxushotel, aber das war ziemlich egal.</p><p>Alsbald standen wir im Zimmer und betrachteten uns. Ich dachte mir:�Verdammt, wie bei einem Duell.�</p><p>Dann aber kam sie n�her und begann mich auszuziehen. Ganz die Frau Doktor, die sie war. Als seziere sie. Doch es war nicht gef�hllos, nur sehr pr�zise und diszipliniert, wie sie da einen Knopf nach dem anderen durch den Schlitz f�hrte. Man h�tte nach dem gleichm��igen Intervall, der das �ffnen der einzelnen Kn�pfe bestimmte, wahrscheinlich eine neue Zeitskala entwickeln k�nnen.</p><p>Ich war von der Art, wie sie mich da� aufkn�pfte�, derart fasziniert, da� ich es nicht wagte, den Proze� dadurch zu st�ren, ihr Kost�m auch nur anzufassen. So geschah, was mir noch nie passiert war. N�mlich mit einemmal g�nzlich nackt vor einer noch vollkommen angezogenen Frau zu stehen.</p><p>Sie war einen Schritt zur�ckgetreten, legte den Kopf schr�g, blickte mich ungeniert von oben bis unten an und meinte:�Man sieht Ihnen wirklich an, da� Sie �ber H�rden springen. H�bsch!�</p><p>Ich wollte mich beschweren dar�ber, wie hier Noten vergeben wurden, einmal abgesehen davon, da� man �ber H�rden nicht sprang, wie ich bereits ausgef�hrt hatte, �berlegte es mir aber, ging auf Lana zu und nahm sie in die Arme. Ich sp�rte Jacke und Rock ihres Kost�ms auf meiner Haut. Wolle, ein wenig grob, aber nicht unangenehm. Wie bei einem Tier, einem Zebra vielleicht oder einer Giraffe, einem Steppentier jedenfalls.</p><p>So nah und fest an ihr, vernahm ich ihre Stimme an meinem Ohr. Sie wollte wissen:�St�rt es Sie, wenn ich angezogen bleibe?�</p><p>Ich schluckte. Wie sollte ich das verstehen? Gleichzeitig wurde mir klar, wie sehr sich jegliche Gegenfrage verbot. Lana hatte mich um etwas gebeten, nicht fordernd, nicht diktierend, sondern durchaus so, wie ein Liebender den anderen Liebenden um etwas bittet, ohne sich erkl�ren zu wollen.</p><p>Und genau darin besteht ja der Sinn der Liebe: keine Erkl�rungen abgeben zu m�ssen. Im wirklichen Leben � denn die Liebe ist in der Tat genau das Gegenteil � mu� man sich st�ndig rechtfertigen. Darum wird auch so viel gelogen. Von Kindheit an erscheint das L�gen als ein grunds�tzliches Prinzip des wirklichen Lebens. Die Liebe hingegen gipfelt darin, nicht l�gen zu m�ssen. Nicht darum, weil man so ehrlich ist, sondern weil einer den anderen nicht zwingt, die Wahrheit auszusprechen. (Dort, wo es anders ist, ist es keine Liebe, sondern irgendein wackeliger Deal.)</p><p>Klar, ich h�tte ob dieses Ersuchens, angezogen zu bleiben, beleidigt sein k�nnen. Und war es auch f�r einen Moment. Dann aber begriff ich den Sinn und begriff, da� Lana mir ja weder den Sex noch ihre Zuneigung versagte, sondern blo� einen Teil ihrer Haut. Daf�r konnte es Gr�nde geben, die mit mir zu tun hatten, aber noch viel mehr Gr�nde, die nicht mit mir zu tun hatten. Ich sagte:�Bleiben Sie, wie Sie sind.�</p><p>�Danke�, gab sie zur�ck und k��te mich jetzt mit gro�er Heftigkeit. Wenn ich das so dramatisch sagen darf: Ich sp�rte, wie ihr K�rper unter mir zu brennen begann. Zusammen mit dem Kost�m, das passenderweise den gleichen flammenden Farbton wie leicht verd�nnter Campari besa�. Wobei ich erst jetzt die kleine Brosche aus rotem Glasstein bemerkte. Als verstecke sich ein durchsichtiges K�ferchen auf dem Ornat eines Kardinals.</p><p>Ich nackt, sie angezogen, fielen wir gemeinsam aufs Bett. Die Altsteinzeit sich mit der sp�ten Zivilisation verbindend. Ich schob ihr den Rock sachte nach oben, um an ihre Unterw�sche zu gelangen. Aber sie trug keine, was ich weniger schockierend als praktisch fand.</p><p><image l:href="#1"/></p><p>Ich ber�hrte sie am Geschlecht, zun�chst einmal nur die Hand dagegen haltend. Ein kleiner Seufzer drang aus dem Spalt zwischen den wei�en Z�hnen hervor. Ich l�ste einen Finger und begann Lana zu massieren. Ich bemerkte, wie sehr es mich erregte, da� sie dieses Kost�m trug, unter dessen Kruste ihr K�rper zu ahnen war.</p><p>Ich streckte die Hand aus und griff nach dem Pr�servativ, das auf dem Kopfpolster lag. Gleich diesen obligaten Willkommenspralinen.�� Hatte ich selbst es dort hingetan? Oder Lana, die vorausschauende Medizinerin? Mitunter war mein Ged�chtnis ein verr�ckter Golfplatz. Nun gut, Hauptsache, das Ding lag bereit. Ich ri� das P�ckchen auf und war bem�ht, so geschickt wie m�glich die n�tigen Handgriffe zu absolvieren. Sodann zog ich Lanas Beine sachte auseinander, nahm die H�rde eines gestreckten Beins und drang in sie ein.</p><p>Keine Frage, als Mann praktiziert man den Sex stets mit dem Gef�hl, etwas w�rde nicht stimmen, gehe zu langsam oder zu schnell, zu heftig oder zu lahmarschig. Die Liebe schlie�t ja Fehler nicht aus, Ungeschicklichkeiten, da� man Schmerz verursacht, wo man eigentlich ein Gl�cksgef�hl herstellen m�chte. Ganz abgesehen von der verdammten M�glichkeit, zu fr�h zu kommen, sich gleich einem Sechzehnj�hrigen nicht im Griff zu haben. Man f�rchtet, da� einem die Technik versagt. Sich die ganze� Technikgl�ubigkeit �als Trugschlu� erweist.</p><p>Ich nahm die Geschwindigkeit heraus, trabte sachte dahin, schaute nach rechts und links, betrachtete die Landschaft des Zimmers und wurde wirklich ruhiger. Ich dachte daran, sobald ich zur�ck in K�ln war, meine Verlobung aufzul�sen, die Beziehung zu dieser Frau zu beenden, die in einem Nebel verborgen blieb. Ich versp�rte nicht das geringste Bed�rfnis, den Nebel zu durchdringen, um alte Gewohnheiten wiederaufzunehmen.</p><p>�Wo bist du?�h�rte ich Lana sprechen.</p><p>�Schon wieder da�, sagte ich und nahm erneut Tempo auf. Das klingt wie bei einer Maschine. Aber aus der kurzzeitigen Ablenkung heraus geriet mein K�rper jetzt in einen idealen Rhythmus, jene Abfolge der Schritte, die den H�rdenl�ufer bef�higt, das Hindernis nicht als �bel zu begreifen, im Gegenteil, das Hindernis tr�gt einen, wie die Luft den Segler tr�gt.</p><p>Nicht eine einzige H�rde fiel, und schlie�lich war ich ganz <emphasis>in</emphasis> und <emphasis>bei</emphasis> Lana. Keine Frage der Technik, sondern des Hirns. Und das Hirn war jetzt gut und brav und spendierte uns ein Ziel, an das wir beide gl�cklich gelangten.</p><p>Danach lagen wir nebeneinander und hielten uns an der Hand. Ich bemerkte, da� Lana eingeschlafen war. Ich w�re jetzt gerne in ihrem Schlaf gewesen, in ihren Tr�umen, wie man sich ja auch w�nscht, hin und wieder die Gedanken des anderen zu lesen. Aber das ist wahrscheinlich etwas, was man sich f�r den Tod aufsparen mu�. Romantisch gesehen. Romantisch gesehen, ist Gedanken�bertragung ein Vorgeschmack auf die M�glichkeiten, die einem das Jenseits beschert. Wenn�s das gibt. Eine andere Art von Sex. Jetzt aber blieb mir nichts als mein eigener Schlaf.</p></section><section><title><p><emphasis>5</emphasis></p></title><p>Als ich erwachte, lag ich allein im Bett. Ich richtete mich auf und registrierte, da� Lana am Fenster stand. Mit dem R�cken zu mir, erkannte ich ihr Kost�m.</p><p>Sie drehte sich um. Ihr Gesicht wirkte noch ein wenig m�der als am Abend zuvor, und darum noch ein wenig h�bscher. Ich fragte mich, wie Lana aussehen w�rde, wenn sie hundert war. Wahrscheinlich vollkommen. Auch war ich �berzeugt, sie k�nne ein solch hohes Alter mit Leichtigkeit erreichen.</p><p>�Fr�hst�ck im Zimmer?�fragte sie, w�hrend sie sich neben mich aufs Bett setzte, an die Kante, so nah wie fern, als w�re ich wieder in der Rolle des Patienten.</p><p>Ich nickte. Sie griff zum Telefon und bestellte. Auf chinesisch. Und zwar erstklassig. Zur Not h�tte sie auf Dolmetscherin umsatteln k�nnen. Was mir selbst auch nach einem Dutzend Kurse nicht verg�nnt gewesen w�re: diese Art zu reden, schlangenhaft. F�r mich klingt Chinesisch, als h�tte Walt Disney es erfunden.</p><p>Zur deutschen Sprache zur�ckkehrend, sagte Lana:�Ich mu� nachher bald in die Klinik.�</p><p>�Wieso? Ist schon wieder ein Wal explodiert?�</p><p>Sie lachte mit wei�en Z�hnen. Ja, auch ihre Z�hne erkannte ich. Der Golfplatz meines Ged�chtnisses war jetzt ein �bersichtliches, h�bsch beflaggtes Gr�n.</p><p>Wir fr�hst�ckten im Bett, woraus sich ein franz�sisches Gef�hl ergab, auch dank der Croissants. Ich bat Lana darum, mich am Abend desselben Tages noch zu treffen. Nicht zuletzt, weil ich tags darauf nach Tokio aufbrechen mu�te, um mich dort an den Verhandlungen eines Tochterunternehmens zu beteiligen.</p><p>Lana nannte mir den Namen einer Bar, und wir verabredeten uns. Sie schleckte sich ihre Fingerkuppen ab und dr�ckte mir eine ihrer Fingerspitzen an die Stirn, stattete mich solcherart mit einem kleinen, runden, durchsichtigen Kreis aus Speichel und Fett aus: einem dritten Auge. Sie segnete mich auf diese Weise, und dann ging sie. Ich sah ihr nach. Als die T�r zufiel, sp�rte ich einen Stich in meiner linken Brust, als h�tte mir jemand einen Button an die blo�e Haut geheftet. <emphasis>Nein zur Atomkraft. Ja zur Sonne.</emphasis> Wobei ich eigentlich f�r die Atomkraft war, trotz Tschernobyl und Strahlung. Ich war ja auch f�r den Stra�enverkehr, trotz mancher Unf�lle hier und da. Aber noch mehr war ich � zumindest seit gestern nacht � f�r die Sonne.</p><p>Mein Herz? fragte ich mich.</p><p>Na, ganz sicher mein Herz.</p><p>Den Vormittag verbrachte ich damit, meine Tokioreise vorzubereiten, a� mittags in einem kleinen Restaurant und suchte am Nachmittag jene Stra�e auf, in der das Ungl�ck mit dem Wal geschehen war. Nat�rlich war nichts mehr zu erkennen, was die k�rzlich erfolgte Explosion verraten h�tte. Hier waren keine H�user eingest�rzt, das Blut l�ngst weggewaschen. Keine Walreste zu besichtigen.�� Ich schaute auf die Uhr. Vier Stunden noch, bis ich Lana treffen w�rde. Gott, wie ich mich nach ihr sehnte, nach ihrer souver�nen Art, mit der sie darauf bestand, mich zu siezen, und mir einen Teil ihres K�rpers verweigerte. Mir dann aber h�chstpers�nliche Aschekreuze auf die Stirn dr�ckte.</p><p>Ich begab mich noch einmal in das Hotel, aus dem ich gekommen war, als mich der Pottwal erwischt hatte. Dort setzte ich mich in die Lounge und bestellte mir zum Kaffee (eine schwarze Suppe, um genau zu sein) ein St�ck Papier und einen Bleistift. Ich wollte Lanas Gesicht aufzeichnen, ein bi�chen Matisse spielen.�� Absolut l�cherlich! Was dachte ich mir? Da� das Wunder der Liebe ein pl�tzliches Genie aus mir machte? Nein, das Gesicht, das auf dem Papier entstand, setzte sich zwar aus wenigen Strichen zusammen, doch auch wenige Spielz�ge f�hren nicht unbedingt zum Tor. Das Gesicht, das ich gezeichnet hatte, verspottete die Wirklichkeit. Auch die Wirklichkeit, wie sie vielleicht in siebzig Jahren bestehen mochte, etwas, worauf gro�e K�nstler gerne verweisen, wenn die von ihnen Portr�tierten sich nicht wiedererkennen.</p><p>Ich legte den Bleistift weg und trank meine Suppe.</p><p>Um so sch�ner, als ich abends Lana wiedersah: das Original. Sie trug dasselbe Kost�m wie am Vorabend und Morgen, mit derselben im Rot sich verbergenden Brosche. Was mich dazu verf�hrte, uns zwei Campari zu bestellen, ohne Lana aber zu fragen, ob ihr das �berhaupt recht sei.</p><p>Sie lie� es geschehen.</p><p>Ich hob mein Glas ein wenig in die H�he und erkl�rte feierlich:�Auf diesen Abend und diese Nacht!�</p><p>�Und danach?�fragte sie und trank einen Schluck.</p><p>�Sie wissen ja, Frau Doktor, da� ich morgen nach Tokio mu�. Aber ich komme wieder.�</p><p>�Hierher?�</p><p>�Nat�rlich. Ich fliege erst Ende der Woche zur�ck nach K�ln.�</p><p>�Klar doch, Ihre Verlobte wartet.�</p><p>Ich erschrak.�Mein Gott, woher wissen Sie das?�</p><p>�Keine Panik! Ich mach ja kein Drama draus�, versicherte sie und erkl�rte mir, als zust�ndige �rztin mit meiner Verlobten in K�ln telefoniert zu haben. Es sei ihre Pflicht gewesen.</p><p>Ich fragte:�Wieso? Um ihr zu sagen, ich sei verr�ckt geworden?�</p><p>�Nein, so was geb ich nicht weiter�, meinte Lana und l�chelte,�das f�llt unter die Schweigepflicht. Au�erdem, als ich mit ihr sprach, da lagen Sie noch im Koma. Ich mu�te Ihre Verlobte �ber die Aussichten aufkl�ren, und die waren zu diesem Zeitpunkt gar nicht rosig.�� Eine gefa�te Frau, wenn ich das sagen darf.�</p><p>�Ich glaube nicht, da� ich mit ihr zusammenbleiben m�chte.�</p><p>�Wieso? Weil sie gefa�t war, anstatt zu schreien und Gott zu verfluchen?�</p><p>�Nein, nicht darum.�</p><p>�Doch nicht wegen dem, was gestern zwischen uns war und was heute noch zwischen uns sein wird?�</p><p>�W�re das so ungew�hnlich?�fragte ich.�Konsequenzen ziehen?�</p><p>�Es w�re eine �bertreibung, deshalb eine Verlobung zu l�sen. Sie werden doch sicher wissen, was Sie dr�ben in Europa an dieser Frau haben.�</p><p>Genau <emphasis>das</emphasis> wu�te ich eben nicht. Nicht mehr. Und hatte nicht die geringste Lust, es erneut in Erfahrung zu bringen. Ich sagte:�Ich wei� vor allem, was ich an <emphasis>Ihnen</emphasis> habe.�</p><p>�Klar doch, nach einer Nacht kennt man sich aus�, meinte sie sp�ttisch. Und dann, vollkommen ernst:�H�ren Sie mir zu, Sixten�� Was ist das �berhaupt f�r ein Name, Sixten?�</p><p>�Schwedisch.�</p><p>�Sixten Braun. Ich dachte mir, als ich ihn das erste Mal h�rte, das klingt schon sehr nach Geheimagent. Wie erfunden, wie aus einem Groschenroman.�</p><p>�Ist aber echt.�</p><p>�Trotzdem sollten Sie aufh�ren, sich was einzureden. Wir schlafen heute noch einmal miteinander, und das war�s dann. Die �rztin und ihr Patient, letztes Kapitel. Sie sind v�llig gesundet, und ich kann Sie entlassen.�</p><p>�Stimmt nicht�, warf ich ein,�ich bin noch immer krank. Ich hatte heute einen heftigen Schmerz in der Brust. Mein Herz. Wenn ich zur�ckkomme, m�ssen Sie mich untersuchen.�</p><p>�Ich bin f�r Ihr Hirn, nicht f�r Ihr Herz zust�ndig.�</p><p>Ich entgegnete:�Sie m�ssen mich als Ganzes nehmen. Was w�re ein Hirn ohne den, der es tr�gt?�</p><p>�Ein Verdr�ngungsmechanismus, der sich nicht bewegen kann.�</p><p>�He, kommen Sie���</p><p>Sie meinte ganz trocken:�Sie wissen, da� wir keine Zukunft haben.�</p><p>�Macht Sie das denn gar nicht traurig?�Es war ein Betteln in meiner Stimme.</p><p>�Wenn ich ehrlich bin: sehr!�sagte sie, nun sehr viel weniger trocken.�Aber ich werde nicht nach Deutschland zur�ckgehen, und Sie werden nicht nach Tainan umziehen. Stimmt doch? Und Brieffreunde wollen wir nicht sein, denk ich mir, oder? Da ist es besser, Schlu� zu machen, wenn es sch�n ist, und nicht anzufangen, dem Unm�glichen nachzulaufen.�</p><p>Das war ein schrecklicher Gedanke, da� die Liebe tats�chlich der Geographie unterworfen ist. Dem Umstand von Berufen und Lebensorten. Und darum die Leute, die f�reinander bestimmt sind, so selten zusammenkommen. Statt dessen heiraten die, die in derselben Firma arbeiten, in derselben Stadt leben, denselben Tanzkurs besuchen.</p><p>Dennoch stellte sich die Frage, wieso es f�r Lana unm�glich sein sollte, in ihre Heimat zur�ckzukehren. Ich fragte sie, ob sie so was wie eine Linksradikale oder militante Tiersch�tzerin sei, eine in deutschen Landen Unliebsame.</p><p>�Hirnforschung und Tierschutz?�Sie hob ihre Brauen an.�Wie soll das denn gehen? Au�erdem w�rde ich sagen, wenn schon Verbrechen, w�re doch Steuerflucht naheliegender, oder? Sind das nicht die wahren Terroristen?�� Jedenfalls brauchen Sie keine Angst zu haben���</p><p>�Ich habe keine Angst�, erkl�rte ich trotzig.</p><p>�Ach!? Auch nicht davor, ich k�nnte doch noch mein Kleid ausziehen?�</p><p>Richtig, ich hatte nicht vermeiden k�nnen, w�hrend des Tages des �fteren daran zu denken. Mich zu fragen, was das sei, was sich unter ihrem Kleid verbarg. Denn die pure Scham ob der eigenen Nacktheit konnte es kaum sein. Hing es mit einer Operation zusammen? Einer fehlenden Brust? War es eine Hautkrankheit, die sich auf den Rumpf beschr�nkte? Brandwunden? Eine obskure T�towierung? Narben? Schlimme Narben?</p><p>Neugierig war ich schon, sagte aber, da� meine Liebe zu ihr ganz sicher nicht davon abh�nge, welches Geheimnis sich unter ihrem Kost�m befinde.</p><p>�Erstaunlich�, fand sie,�wie oft Sie, seitdem wir uns kennen, das Wort <emphasis>Liebe</emphasis> verwendet haben. Ist das immer so bei Ihnen?�</p><p>�Absolut nein! Ich kann mich gar nicht erinnern, es vorher �berhaupt mal�� wei� auch nicht�� vielleicht hab ich es mir ein Leben lang nur f�r Sie aufgespart.�</p><p>Ja, nat�rlich, das klang melodramatisch, aber ich meinte es, wie ich es sagte. Ich war vernarrt in diese Konstellation, diesen speziellen Stand der Gestirne. Vernarrt in die Ausschlie�lichkeit, in das Gef�hl, ein H�hepunkt geschehe, der in keiner Weise wiederholt werden k�nne. Was ja eigentlich deprimierend war, sich einen betr�chtlichen Rest von Leben vorzustellen, der nichts Vergleichbares w�rde bieten k�nnen.�Viel Kraft, wenig Ziel. Nach dem Gipfel nur noch der Abstieg. Noch dazu angesichts der eigenen Sechsundzwanzigj�hrigkeit. Doch diese radikale Einsicht bet�rte mich auch. Und vor allem nat�rlich die Frau, die sie ausgel�st hatte.</p><p>Da� dies allerdings unsere letzte Nacht sein sollte, empfand ich dann doch als ein Zuviel des Dramatischen.</p><p>Was aber, wenn doch?</p><p>Ich schaute auf meine Uhr.</p><p>�Haben Sie noch was vor?�fragte Lana.</p><p>Ich beugte mich vor und k��te sie.</p><p>Wenig sp�ter lagen wir im Bett. Ich hatte eigentlich damit gerechnet, da� sie nun doch ihr Kleid ausziehen, mich auf diese Weise pr�fen, mich m�glicherweise schockieren wollte. Aber Lana behielt auch in dieser Nacht ihr geriffeltes Wollkost�m an. Und bei aller Neugierde entsprach es so viel mehr der wahren Liebe, <emphasis>nicht</emphasis> eingeweiht zu werden. Mittels des Ungeschauten verbunden zu sein. Wie man sagen kann, der Mensch bestehe aus Teilchen, die er gar nicht sieht.</p><p>Auch ist es unm�glich, den Sex, dem wir uns in dieser Nacht zweimal hingaben, n�her zu beschreiben. Nicht, weil ich das Geschehene verga�, �berhaupt nicht, eher blieb mir jede Faser davon in Erinnerung, die textilen Fasern und auch die anderen. Aber leider ist es so, da� mir die Begriffe f�r diesen Sex fehlen. Alle Begriffe, die ich kenne, klingen derb oder l�cherlich. Und neue, eigene w�rde keiner verstehen.</p><p>Als ich am Morgen erwachte, die Augen noch geschlossen, sp�rte ich ihre Lippen auf meiner Wange. Ich brauchte eine Weile, bis ich meine Augen aufbekam. Wie bei einem Klettverschlu�. Als es endlich gelang, sah ich, da� Lana bereits im T�rrahmen stand. Sie drehte sich noch einmal um und w�nschte mir eine gute Reise. Ich richtete mich auf und meinte:�Bleiben Sie, bitte!�</p><p>�Tut mir leid, auf mich warten ein paar Kopfverletzungen.�</p><p>�Ich bin auch verletzt�, sagte ich.</p><p>Sie schenkte mir einen Augenaufschlag, so, wie ein F�cher die Luft antreibt und mit leichter Verz�gerung einen vom Plafond h�ngenden Faden bewegt. Ja, als der Luftstrom ihres Augenaufschlags mich erzittern lie�, ganz leicht, ein Faden meiner selbst, war Lana bereits gegangen.</p></section><section><title><p><emphasis>6</emphasis></p></title><p>Japan lief bestens. Ich konnte mit diesen Leuten ganz gut, mit ihrer Oberfl�chlichkeit, die man gerne als die pure Form auffa�t. Dieses ganze Haiku- und Ikebana-Theater, auf das die Europ�er so abfahren, weil das alles so bedeutend wirkt, bedeutend, aber frei von Anstrengung. Darin besteht die Verlockung: genial zu sein in drei S�tzen. Genau genommen: faul zu sein und genial. Ich wei� schon, den Japanern wird eher der Flei� als die Faulheit zugestanden und da� sie genau in diesem Punkt den Deutschen so �hnlich seien. Aber bei ihnen kommt das eben irgendwie k�nstlerischer und weniger m�hevoll daher. Als schwebten sie beim Flei�igsein. Vor allem aber begeistert uns, wie sie die Leere handhaben. Indem sie so tun, als w�re was, wo nichts ist.</p><p>Ich sa� jetzt in der First-Class-Lounge der Fluggesellschaft, ein Glas Eistee in der Hand, dessen k�hle Fl�che ich an meine erhitzten Wangen hielt, und war ganz zufrieden mit mir. Die Leute in K�ln hatten mir bereits signalisiert, meine� japanische Leistung �zu w�rdigen und �ber meinen� Tainaner Fauxpas �den Mantel des Schweigens breiten zu wollen. Fauxpas darum, weil der siebzehn Meter lange Pottwal ja nicht etwa vom Himmel gefallen war, wie manchmal Fr�sche und Kr�ten vom Himmel fallen, sondern recht ordnungsgem�� um die Ecke gebogen war, auf diesem Laster, auf dieser Stra�e. Als er explodierte, h�tte ich noch im Bett liegen m�ssen, schlafend, fickend, egal, zwischen Bettlaken statt auf der Stra�e. Nicht zu vergessen, ich war der einzige Passant, der ernsthaft verletzt worden war. Geradezu peinlich. Eine L�cherlichkeit, auf diese Weise zu Schaden zu kommen. Weyland-Mitarbeiter erkrankten oder starben im Zuge von �beranstrengung, erlagen Infarkten, waren in einigen L�ndern Ziel von Anschl�gen, ja, selbst eine �berdosis Kokain besa� bedeutend mehr Charme, als vom Ged�rm eines Wals ins Koma versetzt zu werden. Das war, wie an einem Schnupfen zu krepieren. Aber einem Schnupfen, den man sich nicht im Hochgebirge, sondern bei einem Kindergeburtstag geholt hat.</p><p>Ebendarum hatte ich mich besonders ins Zeug legen m�ssen, um bei den Japanern nicht als Trottel dazustehen. Das waren immerhin Leute, die Wale t�teten und nicht umgekehrt.</p><p>Sodann der R�ckflug: <emphasis>Tokio � Taipeh</emphasis>. Ein Nachmittagsflug, der sich dank einiger Versp�tung in einen Abendflug verwandelt hatte. Wobei man immerhin die Zeit um eine Stunde �berholen w�rde.</p><p>Aber was n�tzt eine Stunde, wenn das Wetter sich als ungn�dig erweist?�� Einmal �ber dem Meer, wurde es unruhig.</p><p>Nicht, da� ich bislang unter Flugangst gelitten hatte. Allerdings war ich zuvor auch noch nie in dieser heftigen Weise verliebt gewesen. Manches kommt. Und manches kommt geballt.</p><p>Es hei�t allgemein, Piloten w�rden Gewitter umfliegen. Hei�t es. Nun, der unsere steuerte mitten hinein. Man konnte es durch die Scheiben deutlich sehen. Der Himmel voll von schwarzen Wolkent�rmen, in denen Blitze zuckten und f�r kurze Momente grelles Licht jede W�lbung sichtbar werden lie�.</p><p>Der Kapit�n meldete sich auf japanisch, dann auf englisch, was ich erst merkte, als er fast zu Ende gesprochen hatte. Mein Sitznachbar war da etwas aufmerksamer gewesen und erkl�rte mir, der Pilot habe soeben bekanntgegeben, es bestehe leider kein Raum, dem Gewitter auszuweichen.</p><p>�Kein Raum!?�fuhr ich hoch.�Meine G�te, fliegen wir denn durch ein Wohnzimmer?�</p><p>�Mu� ein gro�es Gewitter sein, eine hohe und breite Front.�</p><p>�Wir sollten umdrehen�, fand ich.</p><p>�Ihr erstes Gewitter?�fragte er, der Mann am Fenster. Siebzigj�hrig vielleicht. Mit einem Gesicht, als sei er seit zwanzig Jahren durchgehend braungebrannt. Ein Mann, der zu denen geh�rte, die schon �berall gewesen waren und fast schon alles gesehen hatten und jetzt noch den Rest ihres Lebens im Flugzeug unterwegs waren, um die allerletzten Dschungel, W�sten und Bordelle dieser Erde aufzusuchen.</p><p>�Nein, nicht mein erstes Gewitter�, antwortete ich,�aber das erste, an dessen Erforschung ich mich beteiligen soll. Worauf ich gerne verzichten w�rde.�</p><p>�Im Grunde sind die Blitze kein Problem�, sagte er, auf das Prinzip des Faradayschen K�figs anspielend.�Dumm ist nur, wenn dabei die Antennen draufgehen und die Navigation versagt. Aber statistisch gesehen, gibt es keinen Grund, jetzt nerv�s���</p><p>Der L�rm, der in diesem Augenblick losbrach, war wie ein Aufbegehren gegen jegliche Statistik. Ein Geh�mmer und Gehaue von allen Seiten, das immer st�rker wurde. Wir flogen mitten durch einen Hagelsturm, und nirgends ein Dach, um das Flugzeug eine Weile unterzustellen. Dazu ein ungemeines Geruckel und Geschaukel, Luftl�cher, die mehr aus Loch als aus Luft zu bestehen schienen.</p><p>Niemand schrie, obwohl sicher vielen danach zumute war. Doch an Bord befanden sich fast ausschlie�lich Gesch�ftsleute, im Grunde Krieger, die nur dann schrien, wenn sie zustachen, jedoch schluckten, wurden sie gestochen. Und das wurden sie hier ganz sicher.</p><p>Ja, ein vielfaches Geschlucke und Gew�rge und ein massives Zusammenbei�en der Z�hne waren sp�rbar. H�nde verkrallten sich in Lehnen, Augenpaare wurden geschlossen, wei�e Hemden tr�nkten sich mit Schwei�. Die Flugbegleiter waren au�er Sicht.</p><p>Woran dachte ich? Etwa an meine K�lner Verlobte, die in meiner Erinnerung wie auf einem Magritte-Gem�lde einen Apfel vor dem Gesicht hatte? Keineswegs. Sondern nat�rlich an Lana, deren feine Z�ge ich detailgetreu h�tte zeichnen k�nnen, h�tte ich zeichnen k�nnen.�� Einmal noch mit ihr zusammensein! Einmal noch das feste Gewebe ihres Kost�ms auf meiner Haut sp�ren! Einmal noch�� Und nachher halt die R�ckkehr ins europ�ische Schicksal.</p><p>�Einmal noch���war genau die Phrase, die dem Schnitter Tod zu den Ohren heraushing.</p><p>Doch ich war vollkommen unwillig, in diesem Moment aus dem Ring genommen zu werden. Ohne wenigstens ein letztes Mal Lana zu treffen. Zudem hatte ich beschlossen, in jedem Fall das b�rgerliche Drama einer Verlobungsaufl�sung durchziehen zu wollen.�� Gott, wie ich mich darauf freute, <emphasis>Nein</emphasis> zu sagen, mich wortreich zu entschuldigen, bei Apfel-Lydia und bei Wallace &amp; Gromit.</p><p>Ein Dr�hnen durch und durch. Ersch�tterung an Ersch�tterung.</p><p>�Ich kann jetzt nicht sterben�, jammerte ich.</p><p>�Wem sagen Sie das?�meinte mein Nachbar.�H�tte ich wenigstens Schulden, damit es sich auszahlt. Aber ich habe gerade an die zehn Millionen geerbt. Und dazu ein Haus voll mit Kunst. Ich mu�te extra einen Antiquit�tenh�ndler anstellen.�</p><p>Die Art und Weise, wie dieser Mann sprach, spiegelte weniger seine Furcht als seinen �rger wider. Er war genau der Typ, der, auf den Boden zur�ckgekehrt, augenblicklich seinen Anwalt anweisen w�rde, die Fluggesellschaft zu verklagen. Wegen einer Todesangst, die er gar nicht versp�rt hatte.</p><p>Nun, daran sollte ich vielleicht ebenfalls denken.</p><p>Und dann fiel das Ganglicht aus, die Leselampen versagten, und selbst die Bildschirme, die auf der R�ckseite der Sitze einen zumindest virtuellen Notausgang gebildet und dem Hagel zum Trotz <emphasis>Drei Engel f�r Charlie</emphasis> gezeigt hatten, erloschen. In meinem <emphasis>toten</emphasis> Bildschirm spiegelte sich nun die Schw�rze des Raums sowie die blitzbedingte Aufhellung f�r Sekunden, wobei ich meinte�� da war etwas: Zahlen mit Punkten dazwischen, digitale Ziffern, welche�� mir kam vor, es sei ein Datum gewesen.</p><p>Ich richtete mich nach vorn, ging nahe an den Bildschirm, kniff die Augen zusammen und wartete auf den n�chsten Blitz, die n�chste Wei�ung. Verr�ckterweise kam mir der Gedanke, bei diesem Datum, welches wie der Lippenabdruck eines Unsichtbaren auf dem Bildschirm aufgetaucht war, k�nnte es sich um den Zeitpunkt meines Todes handeln. Eine Offenbarung, die mir Auskunft gab, ob ich demn�chst ein toter Mann sein w�rde oder einen weiteren Aufschub erhielt (denn wir sind ja des Todes in dem Moment, wo wir auf die Welt kommen, und leben allein von den gew�hrten Aufsch�ben).</p><p>Und dann der Blitz, das grelle Wei�, der im Licht taghelle Bildschirm � und darin auch tats�chlich eine Anordnung digitaler Ziffern. Aber es war viel zu kurz und viel zu hell. Zudem spiegelverkehrt, als handle es sich um eine Reflexion. Die Jahreszahl 2004 so gut m�glich wie 2061. Mir pr�sentierte sich somit eine Palette zwischen� lange leben �und� sofort sterben�.</p><p>Das Ganglicht sprang wieder an. Nicht aber Charlies drei Engel. Und im Schwarz nichts zu erkennen, was ein Datum gewesen w�re.</p><p>Noch immer trommelten Hagelk�rner � die Strau�eneiervariante � auf die H�lle unseres Faradayschen K�figs, w�hrend ich stark vorn�bergebeugt sa� und mit meiner Nasenspitze beinahe den Bildschirm ber�hrte.</p><p>�Was tun Sie da?�fragte mein Sitznachbar durch den L�rm hindurch.</p><p>�Ich wollte nur schauen, ob meine Frisur okay ist.�</p><p>�Sehr witzig�, kommentierte er und dr�ckte seinen geschlossenen silbernen Laptop flach gegen den eigenen Bauch. Es sah aus, als h�tte er soeben den wesentlichsten Teil einer Ritterr�stung angelegt. Manche Leute, auch kluge Leute, brachten lieber ihren Bauch als ihren Kopf in Sicherheit. Die Frauen ihren Busen, die M�nner ihre B�uche. Und einige ihre Frisur. Ein solcher zu sein gab ich vor, fuhr mir allen Ernstes mit dem gestreckten Finger unter die vorderste Str�hne und schob sie etwas nach hinten. Dann setzte ich mich wieder gerade hin und umfa�te mit einer Hand die Armlehne, mit der anderen einen Oberschenkel.</p><p>Der Pilot meldete sich und erkl�rte��</p><p>�Was sagt er?�</p><p>�Da� er versuchen wird, tiefer zu gehen.�</p><p>�Warum nicht gleich!�kommentierte ich.</p><p>Die Formulierung� tiefer gehen �war eine Verharmlosung des Sturzfluges, der jetzt einsetzte. Einige der Gesch�ftsleute verga�en ihr Kriegerethos und begannen nun doch zu schreien. Schreie, die um so deutlicher zu h�ren waren, weil man wegen des raschen Verlusts an H�he immerhin aus dem Hagelsturm geriet.</p><p>Als die Sauerstoffmasken aus den F�chern rutschten und �ber den K�pfen schaukelten, ergab dies ein vollkommen vertrautes Bild. Hundertmal gesehen! In Katastrophenfilmen. In Dokumentationen. Vor einem jeden Start als Rollenspiel des charmanten Begleitpersonals.�� Da� es jetzt wirklich geschah, erschien wie eine Best�tigung des wirklichen Lebens, dessen Sinn mitnichten darin besteht, eine beruhigende Statistik zu erh�rten. So selten Sauerstoffmasken zum Einsatz kommen, kann man dennoch nicht sagen, sie existierten ohne Zweck.</p><p>Entgegen der altbekannten Aufforderung, sich die Maske zuerst selbst anzulegen und dann seinem Nachbarn zu helfen, versuchte ich, wie in Trance, vorweg dem Mann neben mir zu helfen. Der mir aber die Hand wegschlug. Kr�ftig genug, da� ich endlich begann, mich um mich selbst zu k�mmern.</p><p>Wind pfiff durch den Gang. Mit einer Heftigkeit, als sei das Cockpit geborsten. Doch genau aus diesem Cockpit erfolgte jetzt die Anweisung, den Kopf einzuziehen und sich nach vorn zu kr�mmen, da man demn�chst versuchen werde, Bodenkontakt herzustellen.</p><p>�Boden?�fragte ich mich. <emphasis>Ground contact?</emphasis> Meine G�te, unter uns befand sich die landlose Fl�che des Ostchinesischen Meers. Keine Chance, festes Terrain zu erreichen. Der Ground an dieser Stelle war die Sea.</p><p>Ich hatte meinen gerade erst geheilten Kopf zwischen die Beine gesteckt und die H�nde am Hinterkopf zu einem zweiten� Sch�delknochen �verschr�nkt. Mein Kinn lag auf der Brust auf, w�hrend ich meine Kniegelenke gegen die Ohren pre�te. Derart, da� es schmerzte, aber es war auch gut so. Ich vernahm nur noch stark ged�mpft das Dr�hnen. Wie aus einem fernen Autokino, das einen Katastrophenfilm zeigt.</p><p>So ging es lange dahin. Um einiges l�nger als im Kino, wo nicht ewig Zeit ist, bis etwas explodiert. Ich gewann die Hoffnung, wir k�nnten es vielleicht doch noch bis zum taiwanischen Festland schaffen. Oder dr�ben in Okinawa landen.</p><p>Aber die Maschine, die dieses Flugzeug war, hatte l�ngst ihren Zustand gewechselt, trieb bewu�tlos wasserw�rts, immerhin nicht wie ein Stein herabfallend, sondern im Segelflug eine Landebahn ertr�umend, auf die es aufzusetzen galt. Der Pilot hatte die Z�gel in der Hand und versuchte den Tr�umer zu lenken.</p><p>Ich sp�rte jetzt das Wasser unter mir, seine N�he, seine H�rte, die <emphasis>gespannte</emphasis> Oberfl�che. Und erst da wurde mir bewu�t, noch ohne Schwimmweste zu sein. Wobei es ja auch schwer ging, zugleich die Atemmaske zu tragen und sich die Schwimmjacke �berzust�lpen. Nun, umgekehrt wohl schon. Denn aus dem Augenwinkel heraus registrierte ich das markante Gelb, mit dem mein Sitznachbar ausgestattet war.</p><p>Ich griff unter meinen Sitz, fa�te nach dem Kunststoffteil��</p><p>Bruuuuck!</p><p>In diesem Moment streifte der Flieger das Meer. Augenblicklich katapultierte es die Maschine wieder in die H�he, um erneut abzusacken. Was sich mehrmals wiederholte, bevor sie endg�ltig den� Bodenkontakt �beibehielt und in hohem Tempo die Wasseroberfl�che aufri�.</p><p>Trotz der Ersch�tterungen war es mir gelungen, die Schwimmjacke unter dem Sitz hervorzuziehen. Die Atemmaske hatte ich heruntergerissen und hielt mir statt dessen das Plastikteil vors Gesicht. Als wollte ich solcherart meinen Kopf sch�tzen, mein erneut bedrohtes Gehirn. Das Atmen hatte ich eingestellt. Mein ganzer Leib versteifte sich zu einer Bronzefigur. Wie vielleicht Rodin sie geschaffen h�tte, h�tte es zu seiner Zeit bereits abst�rzende Passagierflugzeuge gegeben. Ein verkrampfter Denker! Ein von der Technik verratener, gebeugter B�rger von Calais!</p><p>Aber auch Bronze kann brechen. Vorher jedoch brach das Flugzeug. Mit einem pl�tzlichen Ruck beendete der willenlose Tr�umer seine gerade Spur, vollzog eine Drehung, und mit einem Ger�usch von merkw�rdiger Milde � so sanft, als knicke jemand beil�ufig einen fettigen H�hnerknochen � ri� der Rumpf auseinander. Ich sah es nicht, aber es war deutlich zu sp�ren, wie man sp�rt, wenn im Nebenzimmer jemand aus dem Bett f�llt. Das Vorderteil, in dem ich mich befand, drehte sich mehrmals um die eigene Achse, bevor es sich aufrecht in die H�he stellte, einen Moment innehielt und sich in der Folge r�cklings �berschlug. Solcherart kam der Korpus immerhin zum Stehen beziehungsweise zum Liegen. Allerdings hingen wir jetzt kopf�ber in unseren Gurten, w�hrend das Wasser durch die weite �ffnung rasch eindrang.</p><p>Ich griff nach der Schnalle des Gurts, um sie zu l�sen. In diesem Moment entglitt mir die Schwimmweste, die mir quasi vorausfiel. Im Sturz streckte ich die H�nde, prallte auf das Gep�ckfach, glitt zur Seite und geriet in das hereinstr�mende Wasser.</p><p>Zu sehen war nichts. �berall waren Nacht und Sturm und Schreie und schwarzes, kaltes Wasser, aus dem ich hochfuhr, mit den Armen um mich schlug und verzweifelt nach der Schwimmweste griff. Aber es war eine Schulter, die ich erwischte. Und damit eine Person, die im Gegensatz zu mir durchaus eine solche Schwimmweste besa�.</p><p>Und dann die Explosion!</p><p>Eine kleinere, der eine gr��ere folgte. Und daraus resultierend ein m�chtiger Druck, der mich erfa�te, der mich forttrug, ohne da� ich aber den Griff gel�st h�tte, mit dem ich die fremde Schulter�� nein, mit dem ich eine fremde Schwimmweste gepackt, mich richtiggehend darin verkrallt hatte, w�hrend eine Folge heftiger Wellen von Luft und Wasser mich aus dem halbierten Flieger hinausspuckte.</p><p>Das war das Gl�ck gewesen, so nahe der Bruchstelle gesessen zu haben und so fern der Explosion. Allein in den Nutzen der massiven Bewegung geratend.</p><p>F�r einen Moment war ich bet�ubt und versank. Sekunden nur. Allerdings so weit der Wirklichkeit entr�ckt, da� ich, als ich wieder zu mir kam, meinte, mich unter meiner Bettdecke zu befinden. Ich griff nach Lana, die ich zwischen den Daunen vermutete. Geliebte Lana! Ja, ich erwartete, den Stoff ihres Kost�ms zu sp�ren. Dann aber wachte ich richtig auf, schluckte Wasser, Salzwasser, ostchinesisches Salzwasser, das so vielen Lebewesen Nahrung und Raum spendet, mir aber�� Ich schlug um mich, trat ins Leere, erhielt Auftrieb. Mein Kopf schnellte �ber die Wasseroberfl�che. Atmete.</p><p>Im Schein der Feuer, die an mehreren Stellen der st�rmischen See aufloderten, erkannte ich die Schwimmweste, die ich nur kurz losgelassen hatte. Ich kraulte zu ihr hin und fa�te danach. Eine Schwimmweste ohne die Person, die noch kurz zuvor, im Inneren des Flugzeugs, mit dem Kopf darin gesteckt hatte.</p><p>Es war nun mein eigener Kopf, den ich durch den Halsausschnitt der luftgef�llten Konstruktion dr�ckte. Sogleich geriet ich in die gew�nschte R�ckenlage, streckte die H�nde seitlich aus und trieb mit den Wogen auf und ab. W�hrend ich nach Luft schnappte, vermischten sich Meer- und Regenwasser in meinem Mund. Der prasselnde Niederschlag erf�llte die Umgebung mit derartiger Gewalt, als versuchte er ein zweites Meer zu schaffen. Eine gestrichelte Kopie des ersten. Ich spuckte und schrie. Nicht nach Hilfe. Sondern nach dem Mann, der von Rechts wegen sich in dieser Schwimmweste h�tte befinden m�ssen.</p><p>Keine Frage, es war mein Sitznachbar gewesen: der Zehn-Millionen-Mann. Ein Mann, dessen Namen ich nicht einmal kannte, weshalb ich ein blo�es� Hallo!�und� He!�in die getr�nkte, l�rmende Luft br�llte. Umsonst! Da war niemand au�er mir, obwohl der Flieger doch voll mit Menschen gewesen war. Endlich jedoch erkannte ich auf den K�mmen entfernter Wellen gelbe Flecken, andere Menschen in Schwimmwesten, aber niemanden eben, dem ich h�tte anbieten k�nnen, ihm die seine zur�ckzugeben. Oder sie wenigstens auf irgendeine Weise mit ihm zu teilen.</p><p>Schwimmwesten teilen!? Gott, in welcher Kom�die, dachte ich, sind wir hier?</p><p>Sicher, es war keine b�se Absicht gewesen, da� ich das Ding von seinem Tr�ger heruntergezogen hatte. Was mir gar nicht gelungen w�re, h�tte er daran gedacht, den dazugeh�rigen Gurt zu schlie�en. Zwar war die Weste in diesem Moment bereits aufgeblasen gewesen, aber offensichtlich war sie dem Zehn-Millionen-Mann im Zuge all der Kr�fte, die hier so ung�nstig wie g�nstig gewirkt hatten, �ber den Kopf gerutscht. In erster Linie nat�rlich dank der Kraft in meinem Arm. Ja, es war nicht mal auszuschlie�en, da� der Gurt sehr wohl geschlossen gewesen war, besagte Kraft jedoch��</p><p>H�chstwahrscheinlich war der Zehn-Millionen-Mann bereits tot, ertrunken im Inneren des Fliegers.</p><p>War ich deshalb ein M�rder?</p><p>Waren Leute M�rder, die aus brennenden Diskotheken liefen und dabei notgedrungen auf die am Boden Liegenden traten? Oder Leute, die das Geld besa�en, dem eigenen Kind ein lebensrettendes Organ zu beschaffen, und �ber das <emphasis>Wie</emphasis> und das <emphasis>Woher</emphasis> der Organbeschaffung nichts wissen wollten? Ab wann war man � moralisch gesehen � ein M�rder? Wenn man Hunderten von Leuten die K�ndigung schickte, und einer von denen brachte sich um, hatte man sich dann schuldig gemacht?</p><p>Ich sagte es schon: kein Gegenstand, an dem nicht Blut kleben w�rde. Das Blut ist zwangsl�ufig. Produkte ohne Blutflecken sind eine Illusion. M�rder ist man so lange, bis man Opfer wird.�� So f�rchterlich es war, aber der Zehn-Millionen-Mann hatte nie eine Chance gehabt, lebend aus diesem Flugzeug zu kommen. Er war schlichtweg neben dem falschen Mann gesessen.</p><p>Und ich neben dem richtigen.</p><p>So hing ich in dieser strahlend gelben, luftgef�llten Halskrause, die mir das Leben bewahrte. Vorerst wenigstens. Denn weder konnte ich damit steuern noch mir W�rme verschaffen. Mein Bem�hen, im Bereich der brennenden Flugzeugteile zu bleiben, mi�lang. Alles und jeder geriet auseinander, separierte sich. Wir erlebten unseren eigenen Urknall. Ich konnte kaum noch etwas sehen, selbst die lichtspendenden Blitze entfernten sich. Blo� noch Wasser und Nacht.</p><p>So hilflos ich war, stellte ich dennoch �berlegungen an. Allerdings ohne da� mir etwas Konstruktives in den Sinn gekommen w�re. Was h�tte in dieser Situation auch konstruktiv sein k�nnen? Nein, ich dachte an Wale. Ich dachte daran, wie gerecht es eigentlich w�re, von einem Tier dieser Gattung jetzt gerettet zu werden. Korrekterweise von einem Pottwal. Allerdings waren es wohl eher Schwertwale oder Gro�e T�mmler, die sich zur Lebensrettung anboten. Egal, weder die einen noch die anderen fanden sich ein, um mich auf ihre R�cken zu nehmen oder mir eine Finne als Haltegriff zu offerieren. Die Natur zeigte sich ausschlie�lich von ihrer harten Seite, und das Schicksal blieb ungn�dig. Es w�rde mir wohl nicht zugestehen, einem Wal auf eine andere Weise zu begegnen als die, die mich an einer Tainaner Stra�enecke ereilt hatte.</p><p>Bei <emphasis>Finne</emphasis> konnte man freilich ebenso an Haie denken. Gem�� dem Schlimmer-geht�s-immer-Motto. Doch gl�cklicherweise waren heute auch die Haie woanders oder zumindest desinteressiert. Allein das Wasser bearbeitete mich von allen Seiten, eine zerm�rbende Kraft, in der Lage, gewaltige Felsen langfristig in kleine Steine zu verwandeln. Richtig, bei mir w�rde es schneller gehen.</p><p>Doch das gerade noch gescholtene Schicksal��</p><p>War da nicht ein Licht gewesen? Ein rotes Licht? Ein Zucken von rotem Licht? Der Eingang zum Jenseits? Eine Art Todesreklame? Oder meine Rettung? Ich entschied mich, nun doch konstruktiv zu werden und letzteres anzunehmen.</p><p>Aus der Tiefe des Wellentals heraus war nichts zu sehen, aber auf die H�he des Kamms geratend, erkannte ich erneut den Punkt von Farbe, den raschen Wechsel von An und Aus, die flinke Taktung. Das war keine Illusion. Hier blinkte etwas. Ein Boot? Eine Boje?</p><p>Ich ruderte mit Armen und Beinen, gegen die M�glichkeit ank�mpfend, den Punkt zu verfehlen, weil das Signalfeuer immer wieder au�er Sicht geriet. War ich oben, sah ich es, korrigierte meine Schwimmrichtung, um sogleich ins <emphasis>aussichts</emphasis>lose Wellental zu st�rzen. Das Ziel kam und ging. Dann aber schien es ganz verschwunden. Ich geriet in Panik. Ich h�tte jetzt gerne jemandem in den Hintern getreten, jemanden verantwortlich gemacht. Den Regen! Das Wetter! Wie Kinder das gerne tun: Verschwinde, du bl�der, doofer Sturm! Oder aber am besten die Person angiften, die das Wetter machte. Am allerliebsten jedoch die Leute von den Wetternachrichten. Die Meteorologen vom Dienst beschimpfen! Ihre politischen Arme im Fernsehen! Diese Sadisten, die da immer mit ihrem s�ffisanten L�cheln vor den Wetterkarten stehen und mit ihren H�nden �ber ganze L�nder und Kontinente fuchteln und so tun, als k�nnten sie die Wolken verschieben und freundliche Sonnen hervorlocken und den Regen dirigieren und die Winde in eine bestimmte Richtung zwingen. Schlimmer noch als die Sprecher sind die Sprecherinnen, Wetterhexen in Abendkost�men, die vorgeben, mit dem Schlag ihrer Wimpern Orkane auszul�sen und�� Ist schon jemand auf die Idee gekommen, Wetterkatastrophen nach Sprecherinnen zu benennen? Nach den Sendestationen, die diese Sprecherinnen absichtsvoll besch�ftigen? In jedem Fall��</p><p>Aber da war es wieder, das blinkende Licht. Mit einemmal viel n�her, greifbar nahe: ein kr�ftiger Farbfleck in einem dunklen Regenbild. Ich mobilisierte mein letztes bi�chen Kraft, schlug ins Wasser, trat hinter mich und blies gleichzeitig in die Pfeife, die von meiner Schwimmweste hing. F�r den Fall, da� da jemand war, der mich h�ren konnte.</p><p>Und dann war ich endlich dran an dem Ding. Bei dem es sich nicht blo� um eine kleine, schmale, aufrecht schwimmende S�ule handelte, sondern um einen massiven Kasten, ein rechteckiges Objekt. Der Nachthimmel hatte sich so weit aufgehellt, um erkennen zu k�nnen, da� die Boje einen Umfang von mehreren Metern besa�, ausgestattet mit ringsum f�hrenden Metallstreben. Obenauf befand sich ein h�lsenf�rmiges Konstrukt, von dem eine Stange hochf�hrte, deren Spitze jenes lockende Licht aussendete. Und ich sah, in Griffweite, eine Leiter.</p><p>Zu ersch�pft, um hinaufzuklettern, hakte ich meinen Arm in eine der Sprossen ein und wickelte den Gurt der Schwimmweste um mein Handgelenk, um nicht gleich wieder fortgerissen zu werden. Keine Sekunde zu fr�h. Denn in diesem Moment wurde mir schwarz vor Augen.</p><p>Erneut geriet ich unter die Bettdecke. Ich vernahm jetzt Lanas Stimme, eine Stimme, so, als trete Christus als Frau auf.�� Lanas Christusstimme, weich, aber nicht zu weich: gleich Obst zur besten Zeit. Keine Ahnung, wor�ber sie sprach. Ich vernahm allein den guten Klang.</p><p>So hing ich wohl eine ganze Weile. Als ich endlich das Bewu�tsein erlangte, sp�rte ich die Stellen am K�rper, mit denen ich immer wieder gegen die Leiter geprallt war. Doch die See hatte sich etwas beruhigt. Um so heftiger fiel der Regen. Ich l�ste den Gurt vom Handgelenk und k�mpfte mich die Leiter hoch. Ich hatte das Gef�hl, mich gegen den Regen wie gegen Abertausende kleine H�nde, grausame Wichtelh�nde, stemmen zu m�ssen. Doch es gelang. Ich erreichte � wobei es mir selbst hier noch vorkam, als tr�ge mich die Schwimmweste � eine Plattform, in deren Mitte der Kapselk�rper mit Funkmast und Leuchtsignal montiert war. Nach allen vier Seiten prangte eine aufgemalte chinesische Flagge. Viele Jahre Salz und Wind und Wasser hatten am Dekor genagt. Alles hier schien zernagt. Altes China, Mao-China, bevor Glanz und Gloria der Konzerne sich seiner bem�chtigt hatten.</p><p>Endlich sah ich die kreisrunde Form einer Luke, die mit einem Drehkreuz ausgestattet war. Sofort ging ich daran, sie zu �ffnen, wobei ich ein eingerostetes, widriges Ding bef�rchtet hatte. Doch es lie� sich ohne Schwierigkeiten bewegen. Und zwar mit einer Leichtigkeit, die mich erschreckte.�� In einer Welt dauernder Unbill, dauernder Kraftanstrengungen erscheint das Leichte, das Gl�ckliche keineswegs wie ein Gottesgeschenk, im Gegenteil. Tiere wittern Feinde, Menschen den Teufel.</p><p>Ich lie� erst einmal den Schrecken ausklingen, dann hob ich die Luke an und rief in das schwarze Loch hinein.�� Was hatte ich erwartet? Da� andere �berlebende mir zuvorgekommen waren? Chinesisches Milit�r? Gespenster?</p><p>Einzig meine Stimme hallte. Ich tauchte mein Bein in das Dunkel und kletterte auf der Leiter nach unten. Da� ich die Luke offenlie�, half nicht wirklich. Das wenige, ohnehin von Wolken getr�bte Mondlicht versickerte rasch. Blind bew�ltigte ich die letzten Sprossen. Es war hier drinnen ausgesprochen warm, trocken und stickig. Ich befreite mich von meiner Rettungsjacke und legte sie neben mich auf den Boden. Behutsam. Wie um meinen Respekt zu bekunden. Ich w�rde mich nie wieder � wie ich das oft auf Fl�gen zwischen K�ln und M�nchen getan hatte � �ber Schwimmwesten lustig machen.</p><p>Erst in diesem Moment wurde mir bewu�t, da� ich noch immer meinen Gesch�ftsmannanzug trug, noch immer die Krawatte umgebunden hatte. Wann auch h�tte ich die Zeit haben sollen, sie herunterzunehmen? Selbst die schwarzen Lederschuhe hatten sich auf meinen F��en gehalten.</p><p>Jetzt aber verf�gte ich �ber die Zeit. Ich zog mich vollkommen nackt aus, so warm, wie es hier unten war. Anfang M�rz im Ostchinesischen Meer, vorausgesetzt, man hockte in einer alten Boje.</p><p>Es regnete allerdings so kr�ftig herein, da� ich wieder nach oben stieg und die �ffnung schlo�. Zur�ck am Fu� der Leiter, lie� ich mich niedersinken.</p><p>Ich sp�rte die h�lzernen Balken unter mir, die d�nnen Spalten. Zudem roch es nach Gekochtem. Wie damals im Krankenhaus. Aber das mu�te eine Einbildung sein.</p><p>Ich wollte den Tag abwarten. Ohnehin war ich viel zu ersch�pft, um nun, blind, wie ich war, den Raum abzutasten. Auch hatte mein Handy seinen Geist aufgegeben. Restlos. Es konnte nicht einmal mehr leuchten. Also sank ich zur Seite und bettete meinen Kopf auf der noch immer luftgef�llten Schwimmweste, pre�te meine Lippen auf die Plastikfl�che und gab dem festen Kissen einen Ku�. Das tat ich wirklich. Bedankte mich auf solch intime Weise bei diesem Gegenstand, den ich einem anderen entwendet hatte. Niemand konnte ja sehen, was ich machte: wie hier ein erwachsener Mann eine Schwimmweste k��te.</p><p>Ein Gedanke kreiste mich ein. Eine vage Einsicht. Da� ich n�mlich dem Zehn-Millionen-Mann nicht nur unwillentlich die Schwimmweste vom Kopf gerissen, sondern ihm zuvor ebenso unwillentlich einen Schlag versetzt hatte. Einen Schlag, der seine Bewu�tlosigkeit zur Folge gehabt und es ihm unm�glich gemacht hatte, sich zu wehren.</p><p>Im absoluten Schwarz liegend, sah ich, wie sich das Puzzle meiner Schuld zusammensetzte. Ja, an dieser soeben gek��ten Rettungsweste klebte Blut. Dennoch <emphasis>f�hlte</emphasis> ich die Schuld nicht, ich sah sie nur, die gestanzten Teile, die sich zu einem Ganzen f�gten.</p><p>Aber war es denn nicht so, da� mein eigenes �berleben auch jenseits egoistischer Gr�nde �ber das des Zehn-Millionen-Manns zu stellen war? N�mlich angesichts meiner erst sechsundzwanzig verlebten Jahre, meiner vergleichsweise geringen Aufsch�be. Immerhin war ich noch in der Lage, Kinder zu zeugen, produktiv zu sein, Steuern zu zahlen, die Welt zu gestalten, zumindest ein St�ck davon.�� Was hatten Leute, die siebzig waren, �berhaupt in einem Flugzeug verloren? (Nichts gegen das Alter, aber die Herumtollerei der Pensionisten, dieser Anspruch, es noch einmal wissen zu wollen, Vers�umtes nachzuholen, Pl�tze zu besetzen, Mauern einzurei�en, das Ende zu ignorieren, war anma�end und l�cherlich. Ein Flugverbot f�r alle Leute �ber f�nfundsechzig, und man h�tte einen wesentlichen Beitrag zur Verbesserung des Weltklimas leisten k�nnen, ohne ernsthaft inhuman zu werden.)</p><p>Ich schlief ein. Kurz vorher aber meinte ich, jemanden atmen zu h�ren.</p><p>�Ach was, du h�rst dich blo� selbst!�sagte ich mir.</p><p>Sagte mir aber auch:�<emphasis>So</emphasis> atmest du nicht. Au�erdem kommt es von dort dr�ben, aus der Ecke.�</p><p>Dennoch, die M�digkeit erstickte jeglichen Zweifel.</p><p>Der Zweifel wartete, bis ich wieder wach wurde.</p></section><section><title><p><strong>7</strong></p></title><p>Als ich genau das tat, n�mlich erwachte, war Licht im Raum, nicht viel, aber doch. Sonnenlicht, das durch kleine runde Scheiben ins Innere der Boje drang, handbreite helle Balken, die den Raum querten, sich �berkreuzten. Darin tanzende Partikel, silbriger Staub. Meine Mutter h�tte jetzt sofort angefangen, hier sauberzumachen. Ich selbst aber sp�rte qu�lenden Durst. Sah mich um. Hoffte auf ein Vorratslager.</p><p>Ich konnte nun einigerma�en erkennen, wo ich mich befand, erblickte die beiden Stockbetten, den hohen Schrank, sah die Ger�te einer Funkanlage, alles au�er Betrieb, ein Radar, das schwarze L�cher ortete, daneben erloschene Kn�pfe. Der ganze Ort erinnerte an ein begehbares Museumsst�ck. W�re da nicht die Bewegung des Wassers gewesen. Und das Faktum eines funktionierenden Signallichts. Und w�re da nicht��</p><p>Ich richtete mich halb auf, drehte den Kopf zur Seite, r�ckte mit meinem K�rper ein St�ck nach links, und endlich bemerkte ich in der hintersten Ecke einen dunklen Flecken. Einen Flecken, der atmete. Ich atmete zur�ck und sagte mit heiserer Stimme:�Hallo!�Und noch einmal:�Hallo? K�nnen Sie mich verstehen?�Und dann das Ganze auf englisch. Aber der Flecken r�hrte sich nicht und blieb stumm.</p><p>War es m�glich, da� es sich um einen anderen �berlebenden handelte? Ich konnte ihn so schwer erkennen. Er kauerte da wirklich ung�nstig im Schatten. Einzig das Wei� seiner Augen stach hervor. Und darin zwei Pupillen gleich gl�nzenden Tintenflecken. Feucht und �lig. Mehr aber nicht.</p><p>Keine Frage, er konnte mich besser sehen als ich ihn. Es mu�te ein Mann sein. Eine Frau h�tte l�ngst etwas gesagt, nicht, weil Frauen mehr reden � damit w�rde ich n�mlich ein dummes Klischee bedienen � , sondern�� jedenfalls war ich mir sicher.</p><p>War der Mann vielleicht tot? Und wenn ja, warum atmete er dann so deutlich h�rbar? Auf eine schwere, wie ich eben meinte, m�nnliche Weise.</p><p>Oder hockte dort dr�ben gar kein Mensch? Eher ein�� ein B�r? Ein kleiner B�r?</p><p>W�re das hier eine Kindergeschichte gewesen oder ein Roman von John Irving, h�tte sich jetzt ein B�r ganz gut gemacht. Einer, der nicht reden konnte und darum schwieg. So da� es meine Aufgabe gewesen w�re, ihm das Sprechen beizubringen. Zeit herauszuschinden. Um nicht gefressen zu werden. Ganz auf das Verbindende und Bes�nftigende der Sprache setzend.</p><p>Ich n�herte mich vorsichtig, leicht geb�ckt.</p><p>Erst in dieser Haltung wurde mir bewu�t, noch immer nackt zu sein. Was ich nicht sein wollte, gleich, ob ich einem B�ren oder einem Mann gegen�bertrat. Darum kehrte ich zur�ck zu dem zerknitterten Haufen meiner vom Meersalz glitzernden Kleidungsst�cke, um mir wenigstens Hose und Hemd anzuziehen.</p><p>Erstaunlich! Auf diese Weise bekleidet, schien mein Augenlicht sehr viel besser zu funktionieren. Ich erkannte die gedrungene Gestalt des Mannes, seine von Falten zementierte Gesichtshaut. Und ich sah vor allem, da� er nicht hockte, sondern stand. Es handelte sich also um einen eher kleinen Mann.</p><p>Erneut rief ich:�Hallo!�Langsam klang es d�mlich.</p><p>Und in der Tat erkundigte er sich jetzt, und zwar auf deutsch:�Wie oft wollen Sie eigentlich noch <emphasis>Hallo!</emphasis> sagen?�</p><p>�Na, Sie h�tten doch auch sofort antworten k�nnen�, beschwerte ich mich.</p><p>�Was soll der Unsinn?�entgegnete er. Und f�gte an:��berrascht Sie wohl, mich lebend zu sehen.�</p><p>Die Stimme war mir gleich vertraut erschienen. Der selbstbewu�te und anklagende Ton. Wie auch der Umstand einer wie von hundert hei�en Sommern gebr�unten Haut. Nur wirkte das Gesicht jetzt sehr viel �lter, zerfurchter. Zudem war mir der Mann, als er neben mir im Flugzeug gesessen hatte, um einiges gr��er vorgekommen. Offenkundig geh�rte er zu jenen, denen eine gewisse Korpulenz im Sitzen eine M�chtigkeit verlieh, die sich im Stehen relativierte. Ein Sitzriese, der zum Stehzwerg wurde. Und umgekehrt.</p><p>�Sie haben sicher gedacht�, sagte der Mann,�ich sei krepiert.�</p><p>Ich erwiderte:�Um ehrlich zu sein, <emphasis>gedacht</emphasis> hab ich vor allem an mich selbst.�</p><p>�Das stimmt nun aber wirklich�, meinte er drohend,�daf�r waren Sie sogar bereit, mich zu opfern, Freundchen, was?�</p><p>�Opfern? Wie soll ich das verstehen?�</p><p>�Stellen Sie sich nicht dumm. Sie haben mich k.o. geschlagen und mir die Schwimmweste geklaut. Und dann haben Sie mich absaufen lassen.�</p><p>�Also nein, so stimmt das nicht. Ich habe nur versucht, mich irgendwo festzuhalten. Es war ganz sicher keine Absicht.�</p><p>�Dann war�s auch keine Absicht, sich nachher die Schwimmweste �berzuziehen, was?�Er zeigte hin�ber auf das gelbe St�ck am Boden, auf das ich die Nacht �ber meinen Kopf gebettet hatte.</p><p>Erneut erkl�rte ich, ich h�tte niemals im Sinn gehabt, ihm zu schaden.</p><p>�Sondern?�</p><p>�Ich war in Panik�, sagte ich.</p><p>�Die Leute, die Geiseln nehmen und dann beim Ansturm der Polizei ihre Geiseln erschie�en, die sind auch in Panik.�� Das k�nnen Sie dann gerne dem Richter erz�hlen, wie Sie in Panik an diese Schwimmweste gelangt sind.�</p><p>�Wollen Sie mir drohen?�fragte ich ihn, nun wirklich ver�rgert. Einen Moment lang hatte ich �berlegt, ihn um Verzeihung zu bitten. Ihm meine Hand anzubieten. Und meine Hilfe. Meine Hilfe f�r das, was jetzt noch folgen mochte. Noch trieben wir in einer Tonne mitten auf dem Meer. Und kein Ger�usch, welches nahende Hubschrauber und Schiffe ank�ndigte, darum�� Doch wenn einer anfing, mit der Justiz zu drohen, und sei es unterschwellig, dann legte sich bei mir ein Hebel um.�� Diese Leute, die st�ndig und �berall kundtun, ihren Anwalt einzuschalten, sind die neue Pest. Ein ganzer Berufszweig lebt in der unn�tigsten Weise von ihnen. Es gibt dreimal so viele Anw�lte, wie wir br�uchten, weil eben genau diese Typen existieren, die keine Klage auslassen.</p><p><image l:href="#2"/></p><p>Kein Wunder darum, da� der Zehn-Millionen-Mann auf meine Frage, ob er mir drohen wolle, auflachte, h��lich auflachte, und verk�ndete:�Na, das kann man wohl sagen, junger Freund. Sie haben einfach das Pech gehabt, da� ich das Gegenteil von einem Nichtschwimmer bin. Ich war f�r mehrere Streitkr�fte als Taucher t�tig. Ein Froschmann, wie man fr�her sagte.�� Ich kann schwimmen. Ich kann die Luft anhalten. Ich kann es richtig. Sogar, wenn ich bewu�tlos bin.�</p><p>Keine Ahnung, wie ich mir das mit der Bewu�tlosigkeit vorstellen sollte. Oder war das nur als Bild gemeint? Jedenfalls folgerte ich:�Ein S�ldner also.�</p><p>Der Mann lachte erneut.�Wenn Sie meinen, mich mit diesem Wort beleidigen zu k�nnen, t�uschen Sie sich.�</p><p>Ich versuchte es dennoch, indem ich erkl�rte, er w�rde mir f�r einen S�ldner ziemlich klein erscheinen. Worauf er entgegnete, beim milit�rischen Tauchen tauge ein kurzer K�rper oft mehr als ein langer. Zudem sei er in den letzten Jahren stark geschrumpft.�Aber meine Puste, meine Ausdauer, mein Gef�hl f�rs Wasser sind nicht geschrumpft. Ihr Pech.�</p><p>�H�ren Sie endlich auf, so zu tun, als h�tte ich mir sehnlichst gew�nscht, Sie seien tot.�</p><p>�Nun, wenn ich tot w�re, w�rden Sie nicht die Schwierigkeiten kriegen, die Sie jetzt kriegen. Ich werde veranlassen, da� man Sie an die Wand stellt. Ich will Sie bluten sehen.�</p><p>�Meine G�te! Ist das Ihr Armeejargon?�</p><p>�Ich hab�s gerne deutlich�, erkl�rte er, verschr�nkte seine Beine und wirkte �u�erst zufrieden mit sich. Er hatte auf einer Kiste Platz genommen und mutete jetzt an wie ein kleiner K�nig, der aber dank seiner Sitzhaltung zu einem gro�en K�nig geworden war.</p><p>Mir fiel nichts Besseres ein, als zu sagen:�Ach was, leck mich!�</p><p>�Das wird Sie auch nicht retten.�</p><p>Wahrscheinlich nicht. Ich ging zur�ck zu meinen verbliebenen Kleidungsst�cken. Mir war sehr danach, im Angesicht dieses Menschen nicht weiter mit nackten F��en dazustehen.</p><p>W�hrend ich mir die Schuhe zuband, drehte ich mich zu dem Mann hin und fragte ihn, ob er sich eigentlich daran erinnern k�nne, wie ich versucht hatte, ihm beim Aufsetzen der Atemmaske zu helfen.</p><p>Er verdrehte die Augen und sagte:�Na, vielen Dank, Sie Held. Sie h�tten mich fast erstickt. Au�erdem bin ich nicht behindert. H�tten Sie sich rechtzeitig um sich selbst gek�mmert, h�tten Sie sp�ter nicht�� wie sagten Sie? In Panik geraten m�ssen.�</p><p>Nun, den Hinweis auf die Atemmaske h�tte ich mir wirklich sparen k�nnen.</p><p>Doch er stocherte nach:�Ihr Zivilisten begreift nicht, da� es keine Tugend ist, auf jemanden zu zielen und ihn zu verfehlen.�</p><p>�Der Vergleich hinkt�, sagte ich,�denn getroffen habe ich ja immerhin.�</p><p>�Ein Durchschu� ist so gut wie daneben�, kommentierte der ehemalige S�ldner den Umstand, eben nur <emphasis>beinahe</emphasis> ertrunken zu sein. Und erg�nzte:�Manchmal sogar schlimmer. Sie wissen schon, von wegen verletzter Tiger.�</p><p>Es hatte auch seinen Reiz, mit dem Kerl zu reden. Mit Schuhen an den F��en n�herte ich mich wieder, setzte mich links von ihm auf eine weitere Kiste und entschlo� mich nun doch, ihm meine Hand anzubieten.</p><p>�Glauben Sie�, fragte der andere,�Sie k�nnen mich einseifen?�</p><p>Ich schaute auf meine Hand und sagte:�Damit wohl schwerlich.�</p><p>�Auch sonst mit nichts. Und selbst, wenn Sie sich mir als Organspender andienen, ich werde Sie trotzdem vor Gericht zerren.�</p><p>�So einfach wird das nicht gehen�, erwiderte ich. Ich meinte das Gericht.�Haben Sie Zeugen? Indizien?�</p><p>�Nat�rlich�, antwortete er und zeigte hin�ber auf die Schwimmweste.</p><p>Ich lie� mich dazu hinrei�en, ihn zu fragen, ob er ernsthaft an sprechende Rettungsjacken glaube.</p><p>Er war jetzt ganz majest�tische Selbstsicherheit, als er mir offenbarte:�Es geh�rt zu den Standards dieser Fluggesellschaft, auf jeder Schwimmweste die dazugeh�rige Sitznummer aufgedruckt zu haben. Das wei� keiner, ist aber trotzdem so.�� Und da wollen wir doch mal hoffen, da� es zu diesem Flug auch eine korrekte Passagierliste gibt. Ich meine, bei einer japanischen Linie darf man das annehmen.�</p><p>Sollte ich das wirklich glauben? Oder bluffte er blo�? Und selbst wenn! Das bewies gar nichts. Da w�rde Aussage gegen Aussage stehen. Immerhin konnte ich behaupten, er sei mit dieser seiner Schwimmweste selbst hierher gelangt, w�hrend ich hingegen allein mit der Kraft meiner rudernden Arme��</p><p>Dennoch setzte ich mich in Bewegung, um hin�ber zu dem Plastikteil zu gelangen und nachzusehen. Aber der Zehn-Millionen-Mann packte mich am Handgelenk und hielt mich zur�ck.</p><p>�Was soll��?�</p><p>Er tat einen Schritt an mir vorbei und meinte:�Ich werde das Beweisst�ck sicherheitshalber in Verwahrung bringen. Damit Sie nicht auf falsche Gedanken kommen.�</p><p>�Zuerst m�chte ich die Nummer sehen.�</p><p>�Das kommt noch fr�h genug. Sp�testens, wenn die Polizei Sie befragt. Jetzt aber bleiben Sie mal stehen, wo Sie sind.�</p><p>Er lie� mich los, aber wirklich so, wie man einen Eimer in der Ecke absetzt und das Stillstehen unbelebter Materie einfordert. Eimer und Zivilisten. Doch zumindest letztere wehren sich hin und wieder. Nach einem kurzen Moment eimerartiger Paralyse brach ich aus meiner Ecke aus, sprang hinter dem Mann her und erreichte ihn, als er gerade nach der Schwimmweste griff.</p><p>�Lassen Sie das!�rief ich, wobei ich meine Faust drohend hochhob.</p><p>Er wandte sich um, lachte mir ins Gesicht und fragte:�Wollen Sie mich noch mal niederschlagen?�</p><p><emphasis>Eigentlich schon,</emphasis> dachte ich mir, zog den Arm aber zur�ck.</p><p>�Klug von Ihnen, diesmal h�tte ich mich n�mlich gewehrt.�</p><p>Ich gab ein� Ach was!�von mir und drehte mich von ihm weg. Wobei ich � gezielt oder nicht, ich wei� es nicht � die Schwimmweste mit dem Fu� ankickte. Kraftvoll genug, da� sie davonflog und sich dem Zugriff des Zehn-Millionen-Manns entzog. Sofort lief ich hinterher, erwischte das Plastikteil, untersuchte es rasch nach einer Sitzbezeichnung, und tats�chlich��</p><p>Ich konnte nur den grunds�tzlichen Umstand einer kurzen Aufschrift feststellen, mehr nicht. Mein Kontrahent war herangetreten. So massig er war, verf�gte er �ber enorme Wendigkeit. Ein alter Judoka wohl. Denn im gleichen Moment, da er das andere Ende der Schwimmweste packte, vollzog er mit dem gestreckten linken Fu� eine Sichelbewegung und fegte meine F��e vom Untergrund. Ich lie� die Weste los, wirbelte hoch und schlug mit meiner rechten Flanke hart am Boden auf.</p><p>Ich br�llte vor Schmerz. Der Schmerz dr�ckte eine Tr�ne aus meinem Auge. Eine schwere Tr�ne, die sich anf�hlte, als h�nge so ein kleiner, mit Wasser gef�llter Ballon an meinem Lidrand. Eine Bombe. Ich fluchte:�Verdammt, Sie Hund, wollen Sie mich umbringen?!�</p><p>�Aber nein�, sagte er ruhig l�chelnd, in jeder Hinsicht von oben herab.�Der Tod ist keine Strafe. Wenn man tot ist, schl�ft man und kann nicht b��en. Sie sollen aber b��en. Sie verdienen keinen himmlischen Schlaf, sondern ein weltliches Gef�ngnis.�</p><p>Ich erkl�rte ihm, w�hrend ich mich st�hnend aufrichtete, dann aber auf meinem Hintern sitzen blieb:�Ich lebe auch nicht hinter dem Mond, ich habe ebenfalls meinen Anwalt.�</p><p>In diesem Moment ging ein kr�ftiger Ruck durch die Boje. Etwas mu�te uns gerammt haben. Der st�mmige, breitf��ige Zehn-Millionen-Mann geriet aus dem Gleichgewicht, derart, da� es ihn aus dem Stand heraus bis ans Ende des Raums katapultierte. Es mochte durchaus eine sportliche Haltung sein, die er da im Flug einnahm, eine turnerische, aber es �nderte nichts daran, da� er ungebremst gegen die Wand prallte.</p><p>Mein Gl�ck war allein, noch immer auf dem Boden zu sitzen. Mehr, als ein St�ck zu schlittern, geschah nicht mit mir.</p><p>Anders als der pensionierte Froschmann. Ich h�rte seinen Kopf brechen. Einen Kopf, der gegen ein vorstehendes Metallteil schlug. Ich vernahm dies mit derselben Eindeutigkeit, wie wenn ein Teller auf den Boden f�llt und zerspringt.</p><p>Dieser Sch�del hatte aufgeh�rt, ein intaktes Gef�� zu sein. Und keine Erste Hilfe w�rde daran etwas �ndern k�nnen. Nur ein Wunder. Aber Wunder waren gestern, bevor die Wissenschaft Gott verscheucht hatte.</p><p>Entgegen meiner Erwartung breitete sich jedoch nirgends eine Blutlache aus, blo� ein P�nktchen Rot zierte den Mundwinkel. Als w�r�s ein Sch�nheitsfleck an untypischer Stelle. Aus der Nase und dem Ohr allerdings sickerte eine klare Fl�ssigkeit, die wohl aus dem Hirn dieses Mannes stammte. Doch sogar das wirkte fast harmlos. Weniger harmlos mutete hingegen die tiefe Grube an, die an der Schl�fe entstanden war�� anders gesagt: Die Schl�fe war v�llig verschwunden, statt dessen klaffte eine richtiggehende Kuhle, ein Schl�fenkrater von rotblauer F�rbung. Dasselbe Rotblau, das die erstarrten und etwas vorgetretenen Augen des Mannes umrahmte. Er war ganz offenkundig tot, ich konnte mir sparen, seine Halsschlagader abzutasten. Hier war nichts wiederzubeleben. Das Gesicht dieses Mannes erinnerte nicht nur optisch an den Marsmond Phobos, sondern war auch genauso menschenleer.</p><p>Ich blieb erstaunlich ruhig. War ich erleichtert? Nicht wirklich erleichtert, aber��</p><p>Sagen wir mal so: Der Mann w�rde f�r immer seinen Mund halten, ohne da� ich etwas daf�rkonnte. Unf�lle geschahen nun mal. Das Schicksal war zu derartigen Dingen f�hig: jemanden ein Flugzeugungl�ck �berleben zu lassen, um dann beim Stolpern seinen Tod herbeizuf�hren.</p><p>Ich stieg die Leiter nach oben, �ffnete die Luke und trat auf die kleine Plattform. Der Himmel war klar, doch es ging ein kr�ftiger Wind, und die See war bewegt. Bewegt genug, um ein mehrere Meter langes Fragment des Flugzeugrumpfs herangeschwemmt und gegen die Boje geschleudert zu haben. Mich �berraschte, da� dieses Flugzeugteil, so schwer, wie es aussah, nicht untergegangen war, sondern jetzt eng an die Boje gelehnt mit dieser ein schaukelndes Paar bildete.</p><p>Klar, ich w�rde warten, bis die Retter eintrafen. Und das w�rden sie demn�chst ganz sicher. In der Folge w�re ich angehalten, den Unfall so zu beschreiben, wie er sich abgespielt hatte. Nicht den Streit um die Schwimmweste, nat�rlich nicht, sondern jene Kollision, die alles verschuldet hatte. Man w�rde mir ganz sicher glauben, warum denn nicht? Ich brauchte nicht einmal zu l�gen. Auch die halbe Wahrheit reichte hier vollkommen aus. Andererseits��</p><p>Ich dachte nach. Was, wenn man meine Beschreibung der Geschehnisse mi�verstand? Vielleicht sogar mit Absicht mi�verstand. Um etwa vom eigenen Versagen abzulenken. Dem Versagen des Piloten. Dem Versagen der Fluglinie. Dem sp�ten Eintreffen der Rettungskr�fte. Was wei� ich?! Derartiges geschah. Nicht zu vergessen die Versicherungsgesellschaften, die sich gerne mal verh�rten und gerne mal was mi�verstanden.</p><p>Wenn die Leiche des Zehn-Millionen-Manns hingegen auf dem Meer trieb, w�rde das so viel eher ins Bild dieser Katastrophe passen. Und w�rde rein gar nichts an meiner Unschuld �ndern.</p><p>Ich kletterte wieder nach unten und schulterte den erschlafften K�rper. Ein kleiner, aber kein leichter Mann. Es kostete einige Kraft und M�he, ihn nach oben zu hieven. W�hrend ich ihn keuchend durch die �ffnung ins Freie dr�ckte, kam mir der Gedanke, wie das wohl auf die Retter wirken mu�te, w�rden sie genau in diesem Augenblick eintreffen. Nun, dann konnte ich immer noch behaupten, gedacht zu haben, der Mann w�re am Leben, und darum��</p><p>Egal, da waren nirgends Schiffe, keine Helikopter, niemand. Ich war allein mit dem Toten und dem Meer. Und war soeben dabei, den Ungl�cklichen mit seinem Phobos-Kopf voran ins Meer zu bef�rdern, als mir einfiel, da� unten in der Boje noch immer die Schwimmweste lag. M�glicherweise mit einer Sitznummer versehen, die nicht die meine war.</p><p>Doch wen sollte das jetzt noch k�mmern? Trotzdem fand ich es besser, die urspr�ngliche Ordnung herzustellen. Riskierte also eine kleine Verz�gerung und stieg wieder nach unten, um das gelbe Luftpolster zu holen. Ich war somit endlich in der Lage, die Kennzeichnung zu �berpr�fen. Ob es sich um eine Artikelnummer oder tats�chlich um den Sitzplatz handelte.</p><p>Aber��</p><p>Ich lie� es bleiben. Ich wollte es nicht wissen. Nicht mehr. Vor allem f�r den Fall, da� der Zehn-Millionen-Mann geblufft hatte.�� So oder so, es war <emphasis>seine</emphasis> Weste. Und indem ich sie ihm nun anlegte, kam er doch noch zu seinem Recht. Auf diese Weise vervollst�ndigt, �bergab ich seinen K�rper dem Ostchinesischen Meer, dessen Wellen ihn z�gig von der verankerten Boje wegtrieben.</p><p>�Ruhe in Frieden!�sagte ich, auch wenn das derzeit nur schwer vorstellbar war. Mir tat das alles wirklich leid, sowenig ich es hatte verhindern k�nnen. Zugleich aber f�hlte ich mich von einer Last befreit. Denn keine Frage, der gute Mann h�tte darauf bestanden, sich zu r�chen. Im Grunde war es der Umstand seiner Millionenerbschaft gewesen, der mir Angst bereitet hatte. Solche Leute konnten ewig prozessieren. Vor allem waren sie in der Lage, Professionalisten zu engagieren, die das Bild der Wirklichkeit neu malten, beziehungsweise in das Bild der Wirklichkeit kleine fremde St�cke einf�gten, die es v�llig anders erscheinen lie�en. Echte K�nstler, die bezahlt werden wollten. Zwar war auch ich selbst nicht v�llig mittellos, aber fern den zehn Millionen. Der Mann, dessen kleiner, massiger Taucherk�rper in der Ferne jetzt kaum noch auszumachen war, h�tte mir durchaus Schwierigkeiten bereiten k�nnen, vielleicht gro�e Schwierigkeiten. Mit oder ohne Sitzplatznummer.</p><p>So, wie es war, war es vielleicht nicht <emphasis>richtig,</emphasis> aber es war <emphasis>gut</emphasis>. Ein schlechtes Gewissen zu haben w�re platt gewesen. Platt und sentimental. Vor ein paar Stunden noch, als ich den Mann bereits tot w�hnte, da hatte ich mich zu Recht ein wenig verantwortlich gef�hlt, doch davon war nichts geblieben. Sein <emphasis>zweiter</emphasis> Tod war frei von meiner Intervention gewesen. Au�er, da� ich seinen K�rper ins Meer bef�rdert hatte, wo man ihn dann finden w�rde oder auch nicht.</p><p>Mich jedenfalls fand man.</p><p>Zwei Stunden nachdem ich den Leichnam des Zehn-Millionen-Manns ausgesetzt hatte, wurde ich gerettet. Als einer von nur wenigen �berlebenden. Klar, da� ich es damit ins Fernsehen schaffte. Ob man je den K�rper meines einstigen Sitznachbarn aus dem Meer gefischt hatte, sollte ich nie erfahren. Ich fragte auch nicht danach. Schlie�lich hatte ich nicht mal seinen Namen gekannt. Niemand konnte wissen, da� wir auch nur ein Wort gewechselt hatten.</p></section><section><title><p><emphasis>8</emphasis></p></title><p>Das eigentlich Fatale an dieser Geschichte bestand darin, da� ich als Folge meiner Rettung nicht nach Taiwan, sondern nach Okinawa geriet, von wo aus ich zur�ck nach Tokio geflogen wurde. Um nach einer medizinischen Untersuchung, die nichts als meine Unversehrtheit best�tigte, in die deutsche Heimat gebracht zu werden. Ich wehrte mich, aber ich wehrte mich umsonst. Ich war zur� diplomatischen Angelegenheit �geworden. Es schien den deutschen Beh�rden von gro�er Bedeutung, selbst nachzuschauen, ob ich tats�chlich so heil geblieben war wie behauptet. Weyland Europe wiederum wollte mich umgehend aus dem operativen Gesch�ft ziehen. Ma�tre Schmidt dr�ckte es so aus:�Wenn jemand so oft zur falschen Zeit am falschen Ort ist, zeugt das entweder von seiner Unf�higkeit, Katastrophen auszuweichen, oder es zeugt davon, da� er von Gott gestraft ist � und von Gott gestrafte Menschen haben bei Weyland eigentlich nichts verloren.�</p><p>Ich erwiderte ihm:�Immerhin habe ich gleich zweimal �berlebt.�</p><p>Worauf er antwortete, und zwar im Ernst:�Nehmen wir an, Sie sind verflucht, und es gibt kein Ende. Und Sie geraten st�ndig in solche Dinge. Wie sieht das denn aus? Manchmal ist es besser, ehrenvoll zu sterben.�</p><p>�Wollen Sie, da� ich aus dem Fenster springe?�</p><p>�Ich sagte <emphasis>ehrenvoll</emphasis>.�� Aber niemand will Sie tot sehen. Es w�re uns nur wichtig, da� Sie sich nicht weiter in Gefahr bringen. Irgendwo auf der Welt, wo alle zuschauen. Um dann von Ihnen auf Weyland zu schlie�en. Nein, ich m�chte Sie hier im Haus haben, wo Sie halbwegs sicher sind.�</p><p>�Ich bin Reisender und kein B�rohengst, das wissen Sie.�</p><p>�Jetzt ist vor allem Ihre Flexibilit�t gefragt�, sagte er.�Sehen Sie es als ein Zeichen. Vielleicht will eine h�here Macht, da� Sie in K�ln bleiben. Man kann auch hier etwas leisten.�</p><p>�Sie glauben an h�here M�chte?�</p><p>�Stellen Sie sich nicht dumm, Herr Braun, das ist ein Gleichnis.�� Sie werden ab sofort in die Abteilung Produktanalyse versetzt.�</p><p>�Da passe ich nicht hin.�</p><p>�Niemand zwingt Sie zu bleiben.�</p><p>�Ach ja, daher weht der Wind.�</p><p>�Den Wind, den haben Sie selbst mitgebracht, mein Lieber.�</p><p>�Produktanalyse also!�</p><p>�Richtig�, sagte er und gab mir ein deutliches Zeichen, mich postwendend genau dort zu melden.</p><p>Es versteht sich, da� ich noch von Japan aus versuchte, Lana zu erreichen. Doch es gelang mir erst, als ich bereits in K�ln war. Sofort versprach ich ihr, bei der n�chstbesten Gelegenheit nach Tainan zu reisen.</p><p>�Unsinn�, sagte sie,�das bringt nichts. Was war, war gut, und dabei k�nnen wir�s belassen. Sehen Sie es ein, Sie und ich sind nicht f�reinander bestimmt. Wahrscheinlich ist das ohnehin niemand. Man geht von einem zum anderen.�</p><p>�Das mu� nicht sein, Frau Doktor.�</p><p>�Wo es nicht so ist, ist es irgendein Klebestoff, der die Leute zusammenh�lt. Und wer glaubt, die Liebe w�rde zu den Klebestoffen geh�ren, hat zu viele Romane gelesen.�</p><p>�Sie tun nur so hart.�</p><p>�Nein�, sagte sie,�ich bin tats�chlich aus Stahl.�</p><p>�Wenn, dann aus Edelstahl�, schmeichelte ich und wiederholte, so bald als m�glich zu ihr reisen zu wollen.</p><p>Doch Frau Dr. Senft meinte:�Sie w�rden kaum unverletzt bleiben, w�rden Sie versuchen, Tainan zu erreichen.�</p><p>�Jetzt fangen Sie auch noch an!�</p><p>�Wundert Sie das?�sagte sie. Ich konnte dabei richtiggehend ihre Lippen sehen, die Luft zwischen den Lippen, wie diese Luft zusammengepre�t und auseinandergezogen wurde. Keine F�den, sondern eine elastische Blase. Eine Blase im Farbton der sich spiegelnden Zunge. Eine Zunge, die ich einst geschmeckt hatte.</p><p>�Ich werde kommen�, erkl�rte ich fest.</p><p>Sie seufzte. Mehr nicht. Ich schickte ihr einen letzten Gru� durchs Telefon und wartete, bis sie aufgelegt hatte. Eine ganze Weile horchte ich in das rauschende Nichts hinein, dann legte ich ebenfalls auf.</p><p>Unbegreiflich, wie es geschehen konnte, da� ich niemals zu dieser Reise aufbrach.�� Sicher, zun�chst einmal hatte ich einiges zu tun, war gezwungen, meine neue Position bei Weyland anzutreten und den Leuten dort zu beweisen, nicht der Trottel zu sein, f�r den sie mich neuerdings hielten. Ich mu�te f�rchten, wegen meiner beiden Unf�lle zum tragischkomischen Au�enseiter geworden zu sein: ob des ersten Unfalls bel�chelt und ob des zweiten stigmatisiert. In der Tat hie� es, ich sei verflucht, weshalb es n�tig war, diesem Image eine n�tzliche Richtung zu geben. Die Gewichtung vom L�cherlichen weg und mehr zum Stigma hin zu verschieben. Eher <emphasis>Mal</emphasis> als <emphasis>Makel</emphasis>. Unter der Hand drohte ich den Leuten mit dem Verderben, das meiner Person anhaftete. Wie man mit Kollektivschuld droht. Solcherart wurde ich unbeliebt, aber auch gef�rchtet. <emphasis>Was</emphasis> genau ich dabei arbeitete, war nicht das Thema. Das ist es sowieso nie.</p><p>Neben dem Beruflichen versuchte ich nat�rlich auch das Private zu bereinigen, also meine Verlobung aufzul�sen. Doch der einst mit so viel Freude erwartete Moment, da ich Lydia und ihren Eltern, Walter und Grita, Wallace &amp; Gromit, dies er�ffnen w�rde, verpuffte. Es kam mir einfach nicht �ber die Lippen, als sie mich, den �berlebthabenden, empfingen, jedoch kein Wort �ber den Wal verloren, allein das Flugzeug erw�hnten. Lydias Eltern nannten mich zum ersten Mal� mein Junge�. Lydia blieb die ganze Zeit �ber in meinem Arm eingeh�ngt, w�hrend ich ihrem aufgeregten kleinen Bruder in s�mtlichen Einzelheiten den Absturz beschreiben mu�te.</p><p>Sp�ter, beim Cognac, legte mir Lydias Vater seine Hand auf die Schulter, als setze er dort ein kleines Klavier mit abges�gten Beinen ab, zog mich ein St�ck heran und erkl�rte:�Junge, wenn du willst, kannst du bei mir arbeiten. Weyland ist eine Sackgasse.�</p><p>Ich nickte, dankte ihm und sagte, ich wolle es mir �berlegen.</p><p>�Und noch was, Sixten, heirate Lydia so schnell als m�glich.�</p><p>War es ein Befehl gewesen? Ein freundlicher Befehl? So freundlich wie zwingend?</p><p>Richtig, ich war sicher nicht der Leibeigene dieser Leute. Aber��</p><p>Der Mensch geht in Fallen. Er sieht sie ganz deutlich, jedes Detail, nur eines sieht er nicht, die Wege, die um diese Fallen herumf�hren. Dabei h�tte ich wirklich zu allem� Nein �sagen k�nnen, niemand h�tte mich daf�r geh�ngt. Doch ich brachte es einfach nicht fertig. Nach einem kurzen Schweigen meinerseits � w�hrend Lydias Vater die Hand von meiner Schulter nahm und mit leichtem Druck meinen Oberarm umfa�te, als pr�fe er, ob auch genug Fleisch auf meinen Knochen war � , sprang ein� Ja �aus meinem Mund.</p><p>�Versprochen, Sixten?�fragte er.</p><p>�Versprochen, Walter.�</p><p>�Papa, sag Papa zu mir. Das w�rde mich sehr freuen.�</p><p>�Ja, gerne, Papa.�</p><p>War es einfach so, da� man sich scheute, Menschen zu entt�uschen? Da� man sich scheute, die Peinlichkeit einer Ablehnung oder Zur�ckweisung zu riskieren? Ein Geschenk auszuschlagen? Ich h�tte mit einer Aufl�sung meiner Verlobung nichts riskiert, wenigstens nicht viel, dennoch bat ich am selben Abend noch einmal um Lydias Hand, diesmal ihre Eltern so formvollendet wie umst�ndlich darum ersuchend. Genau in der Art, wie Lydia es sich immer gew�nscht hatte.</p><p>Kann man das begreifen? Entbrannt in meiner Liebe zu einer deutschen �rztin in Tainan, gab ich nur wenige Monate sp�ter Lydia das Jawort. In der Kirche selbstverst�ndlich. Denn so modern, wie Lydia und ich waren, und sowenig wir mit der Kirche was am Hut hatten, f�gten wir uns dem Sinn und Zweck des Rituals. Wei� zu heiraten war so notwendig, wie schwarz beerdigt zu werden. Anders gesagt, Lydia w�re lieber gestorben, als sich die Schmach einer unwei�en Heirat anzutun.</p><p>Klar, man konnte sagen, Frau Dr. Senft hatte mich zuvor abgewiesen. Mich zumindest aufgefordert, daheimzubleiben und mein altes Leben wiederaufzunehmen. Aber das war schlie�lich kein Grund, den Betrug, den ich an Lydia begangen hatte, dadurch auszuweiten, sie jetzt auch noch zu heiraten. Frei von Liebe, frei vom Bed�rfnis, tats�chlich auf den Tag zu warten, da der Tod uns scheiden w�rde.</p><p>Was wir dann ja auch nicht taten, sondern sehr viel fr�her auseinandergingen, nach zwei Jahren Ehe. Wobei ich leider auch gezwungen war, von ihrem Vater Abschied zu nehmen, in dessen Unternehmen ich eingestiegen war. Unsere Scheidung � also die zwischen dem Schwiegervater und mir � war die friedlichere. Es tat ihm aufrichtig leid, denn er sch�tzte meine Mitarbeit, meinen Ehrgeiz, meine n�chterne Sicht, doch Lydia hatte mich in diesen zwei Jahren hassen gelernt und bestand darauf, mich ganz und gar aus ihrem Leben und dem ihrer Familie zu entfernen. Zu meiner �berraschung fu�te ihr Ha� auf der Erkenntnis, von mir nie wirklich geliebt worden zu sein. Ich hatte nicht gedacht, es w�rde darauf ankommen. Und w�re auch gar nicht in der Lage gewesen, einen Menschen ernsthaft zu lieben, den zu beschreiben ich kaum in der Lage war. Den zu beschreiben ich mich auch gar nicht sehnte. Vielmehr Tag f�r Tag die h�bsche Durchschnittlichkeit dieser Person feststellend. Es war, als w�rde ich ein Modejournal durchbl�ttern und mir die immer gleichen Models in den immer gleichen Posen ansehen. Frauen, die in Summe eine� Brigitte �ergaben. Meine Brigitte war eben Lydia. Zur Liebe aber reichte das nicht, w�hrend ich �berzeugt war, w�re ich zu Lana zur�ckgekehrt, ich h�tte mich t�glich von neuem an eine Frau mit �rztekittel oder rotem Kost�m verloren.</p><p>Der grunds�tzliche Irrtum war gewesen zu meinen, Lydia gen�ge die Fassade famili�rer Bindung. Die ja keineswegs eine L�ge darstellte, denn weder war die Fassade aus Pappe noch aus Styropor. Weder ging ich dauernd fremd, noch ging Lydia dauernd fremd, noch stritten wir uns bis auf Blut. Es fehlten allein die z�rtlichen Momente. Lydia sagte einmal:�Wenn du mich k��t, kommt mir das vor, als ber�hre mich ein Geist. Ein kalter Hauch. Brrr!�</p><p>�Hat das nicht auch was Romantisches?�fragte ich.</p><p>Sie aber meinte:�Mit einem Geist kann man nicht leben. Mit einem Eisklotz eher, aber nicht mit einem Geist.�</p><p>�Ach was, Lydia, du �bertreibst.�</p><p>Aber sie hatte absolut recht. Befremdlich erschien mir allein der Ha�, mit dem sie nach und nach auf meine� Geisterhaftigkeit �reagierte. Wobei sich Lydia nicht allein als gekr�nkte Seele erwies, sondern gleicherma�en als beinhart. Letzteres war wohl ihrer Modernit�t geschuldet. Der zeitgem��e Akt der Rache: das Einschalten raffinierter Anw�lte.</p><p>Ich wei�, was die finsteren Advokaten angeht, wiederhole ich mich. Aber wer wollte mir nicht zustimmen?</p><p>Als die Scheidung erfolgt war, hatte ich so gut wie alles verloren: die Frau, die Schwiegereltern, das Zuhause, den Job, eine Menge Geld, zudem kursierten ungute Ger�chte �ber mich. Wenig Konkretes, eher der dubiose Verdacht, etwas mit mir stimme nicht. Der Verdacht, ich h�tte die Sache in Tainan nie ganz �berstanden. Was ja etwas f�r sich hatte.</p><p>Ich war verd�chtig. Und nachdem ich geschieden war, war ich�s erst recht.</p><p>Wie gesagt, es blieb mir selbst ein R�tsel, wieso ich damals, als ich aus Japan zur�ckgekommen war, meine Ank�ndigung nicht wahrgemacht hatte und nach Tainan gereist war. Um Lana wenigstens noch ein Mal zu begegnen. Aber ich sah sie nie wieder.</p><p>Meine gescheiterte Ehe erschien mir darum wie eine Strafe. Vor allem auch der Verlust des Jobs. Gerade noch Juniorchef, stand ich, beruflich gesehen, auf der Stra�e und im Abseits. Niemand wollte mich. Das Stigma aus Walunfall und Flugzeugunfall, das zwei Jahre lang ein diabolisch-interessantes <emphasis>Mal</emphasis> gewesen war, stand jetzt wieder auf der Seite des puren <emphasis>Makels</emphasis>.</p><p>Immerhin begriff ich, wie sehr diese Strafe dazugeh�rte. Ich hatte meine Liebe zu Lana verraten. Und da war es nur gut und richtig, damit nicht durchgekommen zu sein.</p><p>Aber die Strafe war noch nicht zu Ende. Als ich jetzt n�mlich das Vers�umte nachholen wollte und in dem Tainaner Krankenhaus anrief, um mich nach Frau Dr. Senft zu erkundigen, wurde mir zuerst einmal die Auskunft verweigert. Man empfahl mir, mich an die Botschaft zu wenden. Doch ich blieb stur und erinnerte an die Sache mit dem Pottwal, die mich vor �ber zwei Jahren in Kontakt zu Dr. Senft gebracht hatte. Nun wu�te man gleich, wer ich war, und stellte mich zum Klinikdirektor durch, der sich �bertrieben freundlich nach meiner Gesundheit erkundigte. Aber das war es nicht, wor�ber ich reden wollte. Ich fragte nach Frau Dr. Senft. Er senkte seine Stimme, als spreche er aus der Spalte eines Marillenkerns heraus, und erkl�rte mir, da߻this wonderful lady and fine colleague �ein Jahr zuvor, im November 2005, am Vierzehnten des Monats, verstorben sei.</p><p>�Was��?�Ich schrie es. Ich schrie es ohne Ton.</p><p>�Mr. Brown?�</p><p>F�r einen Augenblick war ich meinerseits tot. Tot und leer.</p><p>Ich stand da, den H�rer am Ohr, bewu�tlos auf erfrorenen Beinen stehend, unter mir die Bodenlosigkeit. Irgendwann fragte ich, woran sie gestorben sei.</p><p>�Ein Gehirntumor�, sagte der Direktor.</p><p>Sollte das ein Witz sein?</p><p>Kein Witz, auch wenn es zu Lana gepa�t h�tte zu meinen, es sei ganz typisch � eine Ironie der Wirklichkeit � , genau an der Sache zu erkranken, mit der man sich so lange besch�ftigt hatte. Wie Leute, die nach und nach ihrem Hund �hnlich werden oder ihrem Lebenspartner. Man steckt sich beim anderen an.</p><p>Die Strafe war jetzt gro� und m�chtig und beschattete alles, was vorangegangen war. Und als ich den H�rer aufgelegt hatte, kam mir der �berraschende und v�llig neue Gedanke, meinem Leben ein Ende zu bereiten. Eine Vorstellung, die mir half, so, wie wenn man weint, und ein lieber Mensch tupft einem mit dem Taschentuch auf Auge und Wange. Dabei bin ich nicht der Typ daf�r. F�r eine solche Schw�che, ein solches Bed�rfnis nach Tr�nent�chern.</p><p>Nun, dieser Gedanke an Selbstmord stand zun�chst gleichberechtigt neben anderen. Andererseits ist Gleichberechtigung �berhaupt die gr��te aller Illusionen. Ich ahnte, wie sehr dieser Gedanke um die Vormacht k�mpfte. Alle Gedanken tun das. Und dieser eine wurde sp�rbar st�rker.</p><p>Ich mu�te etwas unternehmen. Die Flucht antreten. Zun�chst einmal die Flucht aus K�ln.</p><p>Stimmt, wenn von einem derartigen Davonlaufen gesprochen wird, denkt man an ferne Inselwelten, an Himalajakl�ster, an die W�lder Neuseelands und die kalten weiten �den Alaskas. Aber von meiner Exfrau geradezu gerupft und entbl��t, fehlte mir das Geld f�r dergleichen Unternehmungen.�� Moment! Ich sollte hier ganz ehrlich sein. Ich war nicht nur ein Opfer Lydias geworden, die mich hatte bluten lassen, sondern auch der eigenen Spekulationen, beziehungsweise der Spekulationen meines Verm�gensberaters.�� Kein Bed�rfnis hatte die Wende zwischen dem zwanzigsten und einundzwanzigsten Jahrhundert mehr gepr�gt als jenes, Geld zu verdienen, ohne daf�r arbeiten zu m�ssen: ein Moment der Lust und des Triumphs, wenn aus dem Nichts das Geld sprudelte und man das Gewonnene ins n�chste Nichts stopfen konnte, sch�pfend, stopfend, immer wieder, immer unversch�mter. Sichtbare Anzeichen solchen Sch�pfens wie etwa der nagelneue Sportwagen hatten mir dabei wesentlich weniger Vergn�gen bereitet als der Umstand, meinen Eltern Geschenke vorbeizubringen, die sie sich in zehn Jahren gottverdammter Sparerei nicht h�tten leisten k�nnen. Und obgleich die Mutter mit diesen Sachen selten etwas hatte anfangen k�nnen, war sie immer ein wenig stolz gewesen, der Vater hingegen skeptisch.</p><p>�Sixten, da stimmt was nicht�, erkl�rte er oft.</p><p>�Hast du Angst, ich bin ein Verbrecher?�fragte ich lachend.</p><p>�Ich habe Angst, da� alles ein Verbrechen ist, da� man nicht mehr atmen kann, ohne ein Verbrechen zu begehen.�</p><p>�Ach Vater, so war es schon immer.�</p><p>�Nicht so schlimm wie jetzt, Sixten. Ich sage gar nicht, die Menschen waren fr�her besser, nat�rlich nicht. Aber damals hattest du eine Wahl. Heute hast du keine Wahl. Wenn du ein guter Mensch sein m�chtest, mu�t du zu atmen aufh�ren. Und dann bist du tot. Das ist die Wahl.�</p><p>Bei meinem Vater h�rte man immer seine Leidenschaft f�r den �sterreichischen Schriftsteller Thomas Bernhard heraus. Und auf eine gewisse Weise hatte er ja auch recht. Aber so wie er da stand, so klein und mickrig, die pure verk�rperte Sparsamkeit � mit einem so �beraus blassen Mund vom vielen Vom-Mund-Absparen � , vor allem aber ohne die geringste Freude ob des Geschenks, das ich ihm gerade gemacht hatte, widerte er mich an.</p><p>Nun, die Zeit der Geschenke war vorbei. Vielmehr war ich gezwungen, meinen Vater um ein Darlehen zu bitten, um meinen Wegzug von K�ln �berhaupt bewerkstelligen zu k�nnen.</p><p>Wobei ich weniger seine Weigerung als eine Moralpredigt f�rchtete. Allerdings zeigte sich mein Vater weder �berrascht, noch sperrte er sich. Er half, ohne einen Muckser zu machen, obgleich er Sorgen genug hatte und gerade in Fr�hrente gegangen war. Offenbar war genau das eingetreten, was er erwartet, worauf er ein Leben lang hingespart hatte. Und indem er es so v�llig unterlie�, seinen Triumph zu zelebrieren, wurde meine Besch�mung perfekt.</p><p>Nur den Umzug selbst kommentierte der Vater. Er sagte:�Mir w�re lieber, du w�rdest bleiben. Nicht meinetwegen. Aber die Mama wird leiden.�</p><p>Was einfach nicht stimmte. Die Mama w�rde so wenig leiden wie er selbst. Ich war niemals der Sohn gewesen, den die beiden sich gew�nscht hatten. Und w�re auch gar nicht in der Lage gewesen zu sagen, wie ein solcher� erw�nschter Sohn �h�tte aussehen, was er h�tte tun m�ssen. Dennoch ging ich nun auf das Mamatheater ein und erkl�rte:�Ach was, ich ziehe doch blo� nach Stuttgart.�</p><p>�Wieso �berhaupt Stuttgart?�</p><p>Sollte ich denn sagen, als Ersatz daf�r, mich umzubringen? Nun, das w�re gegen�ber dieser Stadt, die ich ja kaum kannte, unfair gewesen, au�erdem wollte ich etwas Beruhigendes von mir geben. Weshalb ich erkl�rte:�Weil Stuttgart nicht K�ln ist, aber trotzdem in der N�he. Vorher mu�te ich dauernd in der Welt herumfliegen, doch bei den Schwaben bin ich nur zwei gute Stunden von euch entfernt.�</p><p>�Zwei gute Stunden�, wiederholte mein Vater versunken und sagte dann:�Manche Stunde ist wie ein Bollwerk. Da kommst du nicht durch. Seit Jahren denk ich mir, auch wenn ich jetzt nicht mehr so gut sehe, ich sollte mal wieder ins Museum gehen. Du wei�t, das Wallraf-Richartz, wo ich fr�her gleich nach der Schicht so gern war. Ist ja praktisch um die Ecke. Ich br�uchte f�nf Minuten mit dem Bus. F�nf Minuten! Und schaff es trotzdem nicht. Auch f�nf Minuten k�nnen ein Bollwerk sein.�</p><p>�Komm! La� uns hinfahren. Jetzt gleich!�</p><p>�Nein, dank dir, Sixten. Ein andermal.�</p><p><emphasis>Ein andermal.</emphasis></p></section><section><title><p><emphasis>9</emphasis></p></title><p>Mit dem Geld des Vaters wechselte ich also nach Stuttgart, mietete eine kleine Wohnung und sah mich nach einem Job um. Nicht, da� die Jobs dort auf der Stra�e liegen. Doch ohnehin wollte ich die Losl�sung von der Vergangenheit auf die Spitze treiben und mich auch des Managerdaseins entledigen. Eines Daseins freilich, das mir in den vergangenen Jahren durchaus Freude bereitet hatte.�� Es war die dauernde Bewegung, die so reizvoll war. Man sa� wie auf einem Pferd, weniger auf der Suche nach einem Weg als nach Hindernissen. Wege waren nur interessant, wenn sie Hindernisse besa�en. Fehlten jedoch die Hindernisse, schuf man sie. Ohne Hindernisse w�re das Ziel, der Profit, bedeutungslos gewesen. Darum irrt die Masse auch, wenn sie meint, es ginge den Managern ums Geld, es treibe sie der viele Luxus an, die Privilegien. Klar, das sind Nebenaspekte, die dankend angenommen werden. So, wie ein K�nstler den Applaus annimmt. Aber der K�nstler will in die Geschichte eingehen, die Geschichte k�mmert ihn, nicht ein Haufen von Zeitgenossen, die es sich jederzeit auch anders �berlegen k�nnen. Allein das Eingehen in die Geschichte scheint von Wert. Und immer schwingt die Katastrophe mit. Wie ein kleines goldenes napoleonisches Herz, das imstande ist, die Erde zu ersch�ttern und dramatische Risse zu erzeugen.</p><p>So belebend ich es gefunden hatte, den Klang dieses Herzens zu vernehmen und die mitverschuldeten Risse zu studieren, war dies nun pass� f�r mich. Ich sagte mir, da� Lana es nicht gewollt h�tte, w�re ich in dieser Sph�re verblieben, die ja eine k�nstliche ist (auch wenn hier die Kunst das Leben bestimmt). Nein, ganz sicher h�tte sie mich lieber unter den Menschen als unter den Gespenstern gesehen, denn Manager und K�nstler sind genau das: Gespenster.</p><p>Stellte sich nat�rlich die Frage, wozu ich mich abseits der� Kunst der �konomie �und des entfesselten Hindernisspringens �berhaupt eignete.</p><p>Am Ende meiner �berlegungen sch�lte sich das eine markante Bild heraus: n�mlich ein Mann zu sein, der im Meer <emphasis>nicht</emphasis> untergegangen war. W�re es da nicht besonders passend, wenn ich in Zukunft versuchte, auch andere vor dem Untergehen zu bewahren? Indem ich��</p><p>Es war so ein Wunsch aus Kindertagen. Ich hatte die Bademeister immer bewundert, in ihrer strahlend wei�en Kleidung, mit goldbrauner Haut. Die Autorit�t, die sie pfeifend und rufend und mit erhobener Hand vermittelten, souver�ner und auch liebevoller als die Lehrkr�fte. Ihre Interventionen waren soviel nachvollziehbarer. Jemand anderem vom Beckenrand aus auf den Kopf zu springen mochte Spa� machen, war aber eindeutig asozial und gef�hrlich. Wie asozial hingegen war es, in Mathe zu versagen?</p><p>Das Schwimmbad war ein Ort des Lebens, die Schule eine Vorh�lle. Die Strenge der Lehrer gleich der dubioser G�tter, die Strenge der Bademeister weltlich und frei von h�llischen Strafen.</p><p>Bei aller Strenge verf�gten die Bademeister und Bademeisterinnen auch �ber eine legere Haltung, denn in ihrem Revier herrschte stets Urlaub, ein Gef�hl von Sommer selbst mitten im Winter.</p><p>Die Bademeister hie�en jetzt Schwimmeister. Oder sie waren medizinische Bademeister. Aber wie auch immer man sie nun nannte, ich entschied mich, dem Ruf aus Kindertagen zu folgen. Wenn auch mit einiger Skepsis, was meinen Erfolg betraf.</p><p>Doch entgegen meiner Erwartung schienen die B�derbetriebe Stuttgart auf mich, den Sp�tberufenen, geradezu gewartet zu haben. Nicht bewu�t, nat�rlich nicht. Doch wie sollte das Bewu�tsein einer B�derverwaltung �berhaupt aussehen? Verwaltungen sind fremdgesteuerte Objekte, B�rokratien sehr viel mehr Spielb�lle kosmischer Bedingungen, als man meinen m�chte. Es geschieht, was l�ngst beschlossen ist.</p><p>Nachdem ich meine Ausbildung zum Fachangestellten in Mannheim in zwei statt in drei Jahren abgeschlossen hatte, landete ich mit knapp einunddrei�ig Jahren in jenem durchaus ber�hmt zu nennenden <emphasis>Mineralbad Berg</emphasis> in Stuttgart, das erst wenige Jahre zuvor in den Besitz der Stadt �bergegangen war. Ein ehrw�rdiges Bad, m�glicherweise das ehrw�rdigste auf der Welt. Ein Tasmanischer Tiger von n�chterner Sch�nheit, der noch immer in freier Wildbahn lebte, nicht nur ger�chteweise � obgleich es ihn gar nicht mehr h�tte geben d�rfen.</p><p>Dennoch, bei aller Liebe zum neuen Ort, wurde ich weder ein Stuttgarter, noch wurde ich ein Bergianer (wie die Stammg�ste dieses Bades sich selbst nennen), ich wurde nicht einmal politisch (wie die H�lfte der Menschen dort im Zuge eines geplanten Bahnprojekts). Aber ich wurde nach zwei Jahren Praxis tats�chlich� Meister�, vor allem aber ein Teil dieser Badeanstalt, gewisserma�en ein Teil der Architektur, jemand, den die Leute mit� Herr Sixten �ansprachen, weil� Herr Braun �viel zu banal geklungen h�tte. Eine besonders wohlmeinende �ltere Dame erkl�rte einmal, sie f�hle sich angesichts meiner Erscheinung an eine Figur aus der Sixtinischen Kapelle erinnert, weshalb mich� Herr Sixten �zu rufen ganz sicher nicht falsch sein k�nne.</p><p>Klar, da� ich mich erkundigte, an welche Figur sie dabei denke.</p><p>�Keine Angst, nicht an den Adam�, gab sie zur Antwort.</p><p>�Wieso keine Angst?�</p><p>�Na, weil der doch nackt ist. Und das sind Sie ja nicht. Alle anderen hier so gut wie, <emphasis>Sie</emphasis> nicht.�</p><p>Richtig, der Bademeister war der einzig wirklich Angezogene im Bad.</p><p>Die Dame sagte:�Nein, ich denke an den Daniel.�</p><p>Ich fragte sie, wof�r dieser Daniel denn stehe, weil ja in einer bemalten Kapelle jeder f�r etwas stehen w�rde.</p><p>�Er ist der Prophet�, verriet sie,�der, den man in die L�wengrube geworfen hat, die er aber ohne einen Kratzer wieder verl��t.�</p><p>�Ach ja. Dann ist in meinem Fall <emphasis>Stuttgart</emphasis> die L�wengrube, oder was?�</p><p>�Stuttgart ist die Grube�, best�tigte die Dame,�und wir, die Stammg�ste, sind die L�wen, die Ihnen nichts antun. �Sie l�chelte verschmitzt und ber�hrte sachte meinen Arm, wie das viele der �lteren Damen hier zu tun pflegten: sehr dezent und dennoch vampirisch. Immer wenn sie mich kurz anfa�ten, meine Hand, meine Schulter, wenn sie ein St�ck H�fte erwischten oder ihre Fingerkuppen auf das V meines Hemdausschnitts legten, zogen sie etwas aus mir heraus. Was aber nicht schlimm war, weil ich genug zu geben hatte.</p><p>Als die Bergianerin wieder ihre Hand von mir genommen hatte, fragte ich sie:�Was hat dieser Daniel eigentlich prophezeit?�</p><p>�Den Tod des Messias, und zwar auf den Tag genau. Ein halbes Jahrtausend, bevor Christus dann tats�chlich gekreuzigt wurde.�</p><p>Der Daniel-Vergleich verst�rte mich ein wenig, nicht zuletzt, weil er v�llig unpassend schien. Immerhin war ich �berzeugt gewesen, Frau Dr. Senft w�rde ein langes Leben in anhaltender Sch�nheit beschieden sein. Und auch den Tod meines Sitznachbarn auf dem Flug nach Taiwan hatte ich nicht vorausgesehen. Nun gut, in erster Linie bezog sich der Vergleich nat�rlich auf die Art, wie Michelangelo diesen Daniel dargestellt hatte: das bademeisterartig wei�e Obergewand und die ausgepr�gten Muskeln des linken Arms. Ganz sicher aber nicht auf die w�ste Beethovenfrisur, die der Prophet bei Michelangelo trug. Mein eigenes Haar hingegen war eine recht glatte, dunkelblonde Umrandung meiner Kopfform, und keine noch so wilde Nacht vermochte daran etwas zu �ndern.</p><p>In diesem Bad Berg nun arbeitend, erstarrte mein Leben zu einer wohltuenden Routine. Ich war von den immer gleichen Menschen umgeben, denn selbst wenn in den hei�en Sommern die Zahl der Besucher dieser in bezug auf das Wasser als� arschkalt �verschrienen Badeanstalt deutlich zunahm, war es ein feststehendes Stammpublikum, das die Einrichtung frequentierte, grad ein paar J�ngere kamen frisch hinzu, wie halt ein paar �ltere manchmal verschwanden.</p><p>Nur mein Ged�chtnis bereitete mir hin und wieder Schwierigkeiten. Ich begann, manche Personen durcheinanderzubringen. So kam es vor, da� ich eine Dame mit ungarischem Akzent mit einer anderen Dame mit ungarischem Akzent verwechselte oder zwei �hnlich korpulente Stuttgarter Witwen, von denen auf die gleiche intensive Weise ein Veilchenduft ausging. Doch entweder fielen meine kleinen Fauxpa� nicht wirklich auf, oder aber man ordnete mein zeitweiliges Verwirrtsein dem Geheimnis zu, das mich umgab. Immerhin war ruchbar geworden, da� ich einst f�r Weyland Europe und sp�ter im Unternehmen meines Schwiegervaters gearbeitet hatte, da� ich verheiratet und verm�gend gewesen war und angeblich einen Flugzeugcrash �berlebt hatte. Der Wechsel zur Bademeisterei mu�te da mysteri�s erscheinen.</p><p>Einige wu�ten zus�tzlich um die Walgeschichte und wu�ten auch, da� ich ja nicht nur einen Absturz �berlebt hatte, sondern in der Folge auch das wilde Ostchinesische Meer. So betrachtet, konnte man die Bademeisterei und das Bad Berg als konsequenten Endpunkt einer dramatischen Entwicklung nehmen.</p><p>Wie auch immer, man mochte mich, und niemand kam auf die Idee, meine Pr�senz f�r ein schlechtes Omen zu halten. Etwa als Hinweis darauf, da� die Stadt Stuttgart irgendwann von einem kometengleich vom Himmel fallenden gro�en Wal getroffen werden w�rde. Oder was man sich bei dieser Stadt so alles vorstellen konnte oder wollte.</p><p>Auch au�erhalb dieser unausrottbaren Badeanstalt wich mein Leben ein wenig vom Prinzip der Routine ab. Wechselnde Liebesabenteuer, viel K�rper, wenig Geist. Nicht, weil die Frauen dumm waren. Aber auch nicht auf die Weise gescheit, die mich verzaubert h�tte. Lanam��ig verzaubert h�tte. Es verblieb alles im Bereich der Lustbarkeiten und diverser gemeinsamer R�usche, denen diverse Ern�chterungen folgten, so da� sich auf diese Weise doch wieder eine Routine ergab, ein Rhythmus.�� Die meisten Menschen, die sich nahekommen, m�gen sich nicht. Das kann man �berspielen, manchmal lange, manchmal kurz. Doch insgesamt mu� gesagt werden, eine gewisse Distanz zum anderen f�hrt dazu, da� dieser sehr viel attraktiver erscheint. Im Grunde gefielen mir die alten Damen, denen ich im Schwimmbad begegnete, besser als die jungen, mit denen ich Sex hatte. Darin bestand das unaufl�sliche Dilemma, welches aber auszuhalten war, solange nicht von Ehe gesprochen wurde.�� Ich lie� da nie einen Zweifel, sprach es immer offen aus. Erkl�rte, da� die Frau, die ich wirklich h�tte heiraten wollen, gestorben war. Was mir �berhaupt nicht schadete. F�r lebende Frauen stellen tote Frauen das absolute Optimum dar.</p><p>Doch mit der Zeit erm�dete ich. In meinem vierten Stuttgarter Jahr bemerkte ich eine sexuelle Leere in mir. Zu fr�h eigentlich f�r einen Zweiunddrei�igj�hrigen. Aber so war es eben. In gewisser Weise war ich den �lteren und alten Damen des Bades Berg von nun an absolut treu. Und keine von ihnen verlangte mehr, als sich hin und wieder die eine oder andere Ber�hrung herauszunehmen.</p><p>Sie sagten gerne:�Herr Sixten, Sie k�nnten mein Sohn sein. �Oder:�Sie k�nnten mein Enkel sein. �Und ich antwortete dann:�Schade, da� ich�s nicht bin.�</p><p>Erstaunlicherweise hatte ich mich in k�rperlicher Hinsicht � H�rdenl�ufer, der ich einmal gewesen war � in diesen ersten Stuttgarter Jahren ziemlich gehenlassen, hatte jedes Jahr zwei, drei Kilo zugenommen und eine heftige Liebe zu S��igkeiten entwickelt. Zehn Kilo waren zehn Kilo, und sie hatten sich nicht etwa im Kopf oder an den Zehen verteilt.</p><p>Doch ausgerechnet von dem Zeitpunkt an, da ich der Libido abschwor, entwickelte ich ein dringendes Bed�rfnis, meinen K�rper nach dem alten Muster, dem Muster der fr�hen Jahre, zu formen. Ich begann, die Schokolade zu meiden und nach Dienstschlu� meinerseits zu schwimmen. Vor allem aber fing ich nach Jahren der Abstinenz wieder an, Hindernisse zu �berwinden. Nicht die �konomischen meiner Managerjahre, deren Prinzip darin bestand, kreuz und quer zu stehen. Die Hindernisse des Wirtschaftslebens f�hrten zu einem Chaos, die des H�rdenlaufs zu einer perfekten Ordnung. Selbst wenn die H�rde zu Fall kam, war dies Teil eines vern�nftigen Konzepts. Denn keine dieser H�rden zeigte sich bockig, alle pflegten nachzugeben.</p><p>Wichtig allein war die Einhaltung eines Schemas, das ein Jahrhundert zuvor von einem Amerikaner namens Alvin Kraenzlein entwickelt worden war. Und welches eben nicht auf ein �berspringen, sondern ein flugartiges �berlaufen der zehn Erh�hungen ausgerichtet war. Eine Symbiose von Mensch und Barriere: wie da einer, der Mensch, mit dem anderen, der Barriere, dank einer fl�ssigen Bewegung eine Verbindung einging. Wobei die Barriere die exakt richtige H�he besa�. W�re sie h�her gewesen, h�tte man sie erklimmen oder umsto�en m�ssen, bei geringerer H�he wiederum w�re der laufende Mensch nicht veranla�t gewesen, sich in einen fliegenden zu verwandeln. N�mlich dank einer Folge von drei Schritten und vier Bodenber�hrungen zwischen den H�rden. Der ungerade Rhythmus, der dazu f�hrte, sich mit dem immer gleichen Bein voran �ber die H�rde zu schwingen. Auch dank der vogelartigen Streckung des K�rpers beim �berwinden des Balkens sowie der von der Bewegung der Arme getragenen Balance. Nicht zuletzt im Zuge des Atemstillstands, der den L�ufer am h�chsten Punkt der �berquerung ereilte. Alles stand dann still: der Atem, der K�rper, die Zeit, die Welt. F�r einen <emphasis>so</emphasis> kurzen Moment, da� niemand es bemerkte. �hnlich der absoluten Schw�rze, die sich ergibt, wenn man zwinkert und f�r einen Augenblick s�mtliche Dinge aus den Augen verliert, das Hirn einem jedoch vorgaukelt, alles sei unter Kontrolle.�� Im Fall des H�rdensprints kam es mir vor, als w�rde der L�ufer bei jedem �berflug in eine winzig kurze Ohnmacht geraten: zehn kleine komat�se Pausen!</p><p><image l:href="#3"/></p><p>Nun, damit dies alles so wie hier beschrieben auch wirklich funktionieren konnte � es ein Fliegen und nicht etwa ein Stolpern wurde � , brauchte es einen passenden K�rper und die passende Beherrschung desselben. Wozu ich einerseits das zuletzt gewonnene, zus�tzliche Gewicht wieder an die Natur zur�ckgeben mu�te, ich andererseits angehalten war, meine Muskeln wachsen zu lassen und meine Kondition zu erneuern. Die Lauftechnik hingegen lag mir unver�ndert in Fleisch und Blut.</p><p>Ich absolvierte nun t�glich ein Kraft- und Lauftraining, w�hrend ich einen gro�en Bogen um Orte machte, an denen in irgendeiner Weise Schokolade drohte.</p><p>Die Schokolade war meine Feindin. Was mir leid tat, weil sie ja w�hrend der letzten Jahre eine sehr gute Freundin gewesen war. Aber es ging nicht anders, ich war l�ngst aus dem Alter heraus, wo allein der Sport ausreichte, um an allen Stellen des K�rpers die grunds�tzliche Anatomie zur�ckzugewinnen und zu bewahren. Der alternde Mann neigt zur Deformation. Was kein Problem ist, solange auch sein Alltag dieser Deformation folgt. Beim �berfliegen von H�rden freilich��</p><p>Es gelang. Die zehn Kilo verschwanden, die Schokolade r�ckte in weite Ferne, und wenn ich an freien Nachmittagen auf der Tartanbahn eines waldnahen Sportplatzes meine H�rden aufstellte und sodann von einem kleinen Koma zum n�chsten eilte � immer wieder die dazwischenliegende Schrittfolge ein�bend, die Erhaltung des Gleichgewichts, die Flugtechnik, die Einheit von Mensch und Hindernis � , dann f�hlte ich mich ungemein wohl. Wohler als mit den Frauengeschichten in den Jahren davor. Ich fing auch an, in die Kirche zu gehen, nicht, um zu beten, sondern um f�r Lana eine Kerze zu entz�nden. Ein bi�chen hoffte ich, sie w�rde mir ein Zeichen senden. Nichts Gigantisches, nur etwas wie einen pl�tzlichen Luftzug, ein Fl�stern aus den leeren Reihen der Kirchenb�nke oder ein Schimmern, wo eigentlich keines h�tte sein d�rfen. Oder aber den Anblick eines Insekts, welches direkt durch die Flamme der Lana gewidmeten Andachtskerze flog, ohne sich im geringsten zu verbrennen.</p><p>So was in der Art.</p><p>Doch das Zeichen, das mich dann erreichte, war ein ganz anderes als erwartet und erhofft. Das Zeichen war kein Insekt, sondern ein Kind, auch wenn dies f�r manche Kinderhasser oder genervte Eltern das gleiche sein mag.</p></section><section><title><p><emphasis>10</emphasis></p></title><p>Es passierte an einem dieser ersten wirklich hei�en Tage. Alle waren sie wieder da, die immer erst ins Bad gingen, wenn es richtig warm wurde: die Zuh�ltertypen, die Bodybuilder, die Schwulen, die Liegestuhlfetischisten, die d�nnen Frauen in Bikinis, die d�nner waren als der Lack auf ihren N�geln, all die Eincremer und Einspr�her, die aus den L�chern der Sonnenstudios gekrabbelt kamen, und nat�rlich die Sixpackfanatiker, die aussahen, als schnitzten sie jeden Tag mit einem scharfen Messer feine Rillen in ihre Torsi. Nirgends gab es dann so viele gut gebaute M�nner wie im Bad Berg. Und nicht wenige, deren Haut den Farbton polierter Bronze besa�. Aus diesen M�nnern h�tte man Kanonenkugeln gie�en k�nnen. Was �brigens zu einer gewissen Wehrhaftigkeit der Stammg�ste gut pa�te. Nat�rlich waren auch jene��lteren Damen �vertreten, die man das ganze Jahr �ber sehen konnte, aber auch j�ngere Sch�nheiten, jedoch erstaunlich wenig Silikon. Zumindest im Vergleich. Etwa im Vergleich zu Wien, wo ich zur Fortbildung gewesen war und in den dortigen Schwimmb�dern das Gef�hl gehabt hatte, kaum jemand laufe noch ohne Implantat durch die Gegend. Ein Gro�teil der Wienerinnen schien nur noch partiell aus eigener Natur zu bestehen. Nicht so im Bad Berg, ohne da� dort die Flachbr�stigkeit regiert h�tte, wirklich nicht.</p><p>W�hrend ich da am Beckenrand stand und auf das gut gef�llte Bassin sah � wobei kaum jemand schwamm, eher spazierten die Leute durchs Wasser � , h�rte ich aus dem Lautsprecher meinen Namen. Man rief mich zum Eingangsbereich.</p><p>Ich gab einer seitlich stehenden Kollegin das Zeichen, sie m�ge mein Kontrollfeld mit �bernehmen. Wobei die einzige Gefahr in diesem Bad, in dem sich so gut wie nie Kinder oder Halbw�chsige aufhielten, darin bestand, da� eine der �lteren Herrschaften einen Infarkt erlitt oder jemand nach einem langen Sonnenbad sich zu rasch ins kalte Wasser begab. Um richtig unterzugehen, war es nicht tief genug. Eher hielt einen dieses v�llig unbehandelte Mineralwasser am Leben, als da� es einen t�tete.</p><p>�Telefon f�r dich�, erkl�rte mir die Kollegin an der Kasse und streckte mir den H�rer entgegen.</p><p>Ich nahm ihn und sprach hinein:�Ja, hier ist Sixten.�</p><p>�Herr Braun?�fragte eine weibliche Stimme.</p><p>�Richtig, Sixten Braun.�</p><p>Die Dame rief aus M�nchen an. Sie stellte sich als Mitarbeiterin des taiwanischen Generalkonsulats vor (was nicht ganz korrekt war, da es sich blo� um die Vertretung dieses Landes handelte, eines Landes, welches im Zuge der Ein-China-Politik diplomatisch nicht anerkannt wurde, gleichwohl eine Repr�sentanz besa�, nat�rlich, denn die Wirtschaft gr��te, und sie gr��te energisch).</p><p>Ich war �berrascht, nach all den Jahren noch einmal mit dem einst vertrauten Inselstaat konfrontiert zu sein. Und erkundigte mich:�Was kann ich f�r Sie tun?�</p><p>Es war f�rmlich zu h�ren, wie meine Gespr�chspartnerin sich auf die Lippe bi�. Es quietschte, wie beim Gang �ber eine fragile H�ngebr�cke. Endlich fragte sie mich, ob mir eine Frau namens Frau Dr. Senft bekannt sei.</p><p>�Nat�rlich�, antwortete ich,�sie war meine �rztin in Tainan.�</p><p>�Ja�� also wohl nicht nur Ihre �rztin, wenn Sie erlauben, da� ich das sage.�</p><p>Ich �berlegte, ob die Anruferin Taiwanerin war. Eher nicht, so wie sie klang, durchaus m�nchnerisch.</p><p>Ich erkl�rte ihr, nicht zu wissen, worauf sie hier anspielen w�rde.</p><p>�Nun, auf Ihr Verh�ltnis zu Frau Dr. Senft.�</p><p>�Frau Dr. Senft ist tot.�</p><p>�Richtig. Aber ich rede von der Zeit, als Frau Dr. Senft noch nicht tot war.�</p><p>�Ich habe keine Vorstellung�, sagte ich,�was das die taiwanische Botschaft angeht.�</p><p>�Wir sind keine Botschaft, sondern eine Vertretung.�</p><p>�Ach ja, pl�tzlich.�� Also, k�nnen Sie mir jetzt sagen, wieso Sie mich anrufen?�</p><p>�Wissen Sie von dem Kind?�</p><p>�Einem Kind? Wovon reden Sie?�</p><p>�Also nicht?!�</p><p>�Soweit ich mich erinnern kann, hatte Frau Dr. Senft kein Kind.�</p><p>�Nicht so lange, bis Sie beide sich kennengelernt haben.�</p><p>�Wollen Sie mir jetzt sagen���</p><p>�Ja, Frau Dr. Senft wurde schwanger. Und sie hat das Kind auch ausgetragen. Einen Jungen. Als sie ein Jahr sp�ter starb, bot sich eine Kollegin aus der Klinik als Pflegemutter an. Eine einheimische Krankenschwester. Leider ist diese Frau jetzt aber nicht mehr in der Lage, weiter f�r den Kleinen zu sorgen. �ber die Gr�nde darf ich nicht sprechen. Entscheidend bei alldem ist, da� Sie, Herr Braun, als Vater in Frage kommen.�</p><p>�Mein Gott, Sie k�nnen mir doch nicht einfach ein Kind unterjubeln, weil ich mal mit meiner �rztin�� Nicht, da� ich Ihnen eine solche Auskunft schuldig bin, aber bitte gerne: Wir hatten gesch�tzten Verkehr. Definitiv! Ich bin in solchen Dingen �beraus pedantisch. Um mir n�mlich derartige Anrufe zu ersparen.�</p><p>�Was aber nichts gen�tzt hat.�</p><p>�Sie meinen, weil ich jetzt trotzdem mit Ihnen reden mu�?�</p><p>�M�ssen Sie nicht. Ich bitte Sie nur um Ihre Kooperation. Ihr Name ist uns in diesem Zusammenhang erst k�rzlich bekannt geworden. Und bevor man in Taiwan irgendwelche Schritte unternimmt, wollten wir Sie kontaktieren. Niemand versucht Ihnen etwas unterzujubeln. Eher geht es darum, f�r ein Kind, einen siebenj�hrigen Jungen, der nach nur einem Lebensjahr seine Mutter verloren hat und dessen Ziehmutter au�erstande ist, auch k�nftig f�r ihn dazusein, da� wir f�r dieses Kind also einen guten Platz finden. Einen guten und vielleicht sogar den einzig legitimen Platz.�</p><p>�Sehr l�blich, da� Sie sich derart engagieren. Auch wenn Sie das wohl kaum in Ihrer Freizeit machen.�</p><p>�Was hat meine Freizeit damit zu tun?�</p><p>�Ich will sagen�, erkl�rte ich,�Sie tun hier folgendes: w�hrend Ihrer und meiner Arbeitszeit im tr�ben fischen, indem Sie mich anrufen, nur weil ich eine kurze � und ich bedaure wirklich zu sagen, eine sehr kurze � Aff�re mit dieser Frau hatte.�</p><p>Aff�re war das absolut falsche Wort. Doch dessen nicht genug, f�gte ich noch an:�Ich werde vielleicht nicht der einzige Liebhaber von Frau Dr. Senft gewesen sein, oder?�</p><p>Die Konsulatsangestellte � entgegen ihrer anf�nglichen Unsicherheit wahrlich keine von den Langsamen � traf augenblicklich den entscheidenden Punkt, indem sie meinte:�Ja, wollen Sie denn, da� Sie einer von vielen waren?�</p><p>Ich z�gerte, erkl�rte dann aber:�Nein, das will ich nicht. �berhaupt nicht. Aber ich will auch nicht einer Vaterschaft verd�chtigt werden, die ich so gut wie ausschlie�en kann.�</p><p>�Es geht hier nicht um einen Bankraub�, versicherte meine Gespr�chspartnerin.</p><p>Meine G�te, reden so Diplomatinnen?</p><p>Na gut, sie war ja keine Diplomatin. Eher so eine Art Zahnarzthelferin im konsularischen Dienst. Und offensichtlich von der entschlossenen Sorte. Sie berichtete:�Die Pflegemutter des kleinen Simon war eine sehr gute Freundin von Frau Dr. Senft. Von dieser Pflegemutter wissen wir, wie intensiv die Beziehung zwischen Ihnen und Frau Senft damals war.�</p><p>�Intensiv ist das falsche Wort.�</p><p>�Ich will ganz sicher nicht mit Ihnen �ber die passenden W�rter streiten.�</p><p>Ich beeilte mich zu versichern, die Beziehung zu Frau Dr.�Senft keineswegs bagatellisieren zu wollen. Ich w�rde allein die Schwangerschaft bezweifeln.</p><p>Was nat�rlich ungeschickt ausgedr�ckt war, denn die Dame in M�nchen verb�rgte sich daf�r, da� eine solche Schwangerschaft stattgefunden habe.</p><p>�Schon klar�, sagte ich.�Sie wissen, was ich meine.�</p><p>�Sie meinen�, sagte sie,�da� Sie sich weigern werden, die Vaterschaft anzuerkennen, und da� Sie sich vor allem weigern, das Kind bei sich aufzunehmen.�</p><p>�Nat�rlich! Weil es n�mlich meines nicht sein kann. Abgesehen davon, bin ich zutiefst �berzeugt, da� man ein Kind aus seiner Umgebung nicht herausrei�en sollte. Diese Adoptivkinder, die wie Exportbier ins Ausland verschifft werden�� ich halte das f�r Schwachsinn. Nur weil ein paar frustrierte Ehepaare die Umst�nde des Lebens und der Natur nicht akzeptieren.�</p><p>�Da gebe ich Ihnen gerne recht, Herr Braun. Aber weder ist Taiwan ein Entwicklungsland, noch geht es hier um eine Adoption. Und leider mu� ich sagen, da� Simon demn�chst niemanden mehr haben wird, der das gew�hrleistet, was Sie gerade als Umgebung bezeichnet haben. Au�er der Umgebung eines Heims. Darauf l�uft es n�mlich hinaus.�� Wenn ich also mit Ihnen telefoniere, dann, weil ich mir dachte, es w�re auch Ihnen ein Anliegen, dies zu vermeiden.�</p><p>Die bl�de Kuh h�rte einfach nicht auf, so zu tun, als stehe meine Vaterschaft au�er Frage. Sie sagte:�Ein Test k�nnte Ihnen Gewi�heit verschaffen.�</p><p>�Herrgott noch mal�, st�hnte ich auf,�ich will doch gar nichts beweisen. <emphasis>Sie</emphasis> wollen etwas beweisen.�</p><p>�Ich will nur, da� der kleine Simon eine Zukunft hat.�</p><p>�Wenn Taiwan so zivilisiert ist, wie Sie behaupten, hat er dort auch im Heim eine Zukunft.�</p><p>�Heime sind immer eine schlechte L�sung, in Taiwan wie in Deutschland.�</p><p>�Also, mir ist das jetzt zu bl�d�, sagte ich,�ich werde dieses Gespr�ch beenden. Und ich werde mich beschweren. Sie basteln da aus ein paar Halbwahrheiten eine Geschichte, nur um irgendeinen Aktenordner schlie�en zu k�nnen.�</p><p>Sie blieb ganz ruhig und meinte:�Nat�rlich k�nnen Sie sich beschweren. Wenn Sie m�gen, verbinde ich Sie gleich mit meinem Vorgesetzten.�</p><p>Ich schmi� den H�rer auf die Gabel und wurde laut:�Verdammt!�</p><p>Die Kollegin blickte her�ber und fragte:�War das jemand aus dem Rathaus?�</p><p>�Nein, nein, was Privates�, antwortete ich, was der Wahrheit entsprach und trotzdem gelogen war.</p><p>Es versteht sich, da� ich die Sache nicht mehr aus dem Kopf bekam. An die beiden Male erinnert zu werden, da ich mit Lana die Nacht verbracht hatte, schmerzte genauso, wie es mich ber�hrte. Wobei f�r mich absolut kein Zweifel bestand, jedes Mal ein Pr�servativ benutzt zu haben. Auch war mir keinerlei Perforation der Kondome aufgefallen.�� Klar, mit einer Lupe hatte ich mir die Dinger nicht angesehen, bevor ich sie entsorgt hatte. Somit war nicht auszuschlie�en, daߠ� In derartigen F�llen war absolut gar nichts auszuschlie�en. Die Fortpflanzung war eine Schlange und bahnte sich an allen Abwehrversuchen der Menschen vorbei ihren Weg.</p><p>War dies aber tats�chlich der Fall, warum hatte Lana nie versucht, mit mir Kontakt aufzunehmen? Hatte sie nicht gewollt? Nicht gekonnt? Hatte sie gef�rchtet, der Vater ihres Kindes k�nnte sich als Arschloch herausstellen?�� Die Dame von der Botschaft, die keine Botschaft war, h�tte jetzt bestimmt gesagt:�Das letztere h�chstwahrscheinlich.�</p><p>Vor allem aber eines: Was war es, das mich antrieb, am n�chsten Tag genau diese Dame anzurufen? Wollte ich ihr nur zuvorkommen?</p><p>Sie erkundigte sich sogleich, ob ich ihren Vorgesetzten sprechen wolle.</p><p>�Nein, nein, wir zwei kriegen das schon hin.�</p><p>�Das freut mich, da� Sie das meinen�, sagte sie.</p><p>Ich wartete eine Weile, wie um den Frieden auszukosten, der in diesem Moment herrschte, und wollte dann wissen, was man von mir erwarte.</p><p>�Darf ich es kurz machen?�fragte meine <emphasis>neue Freundin</emphasis>.</p><p>�Von mir aus.�</p><p>�Ihre Vaterschaft anerkennen und das Kind zu sich nach Deutschland nehmen.�</p><p>�Ach ja. So einfach also.�</p><p>�Wir w�rden zusehen, da� Ihnen von taiwanischer Seite keine Steine in den Weg gelegt werden. Und ich denke, auch die deutsche Beh�rde wird nichts unternehmen, was den Proze� komplizieren k�nnte. Ich darf vielleicht sagen, da� man sich durchaus noch bewu�t ist, wie dramatisch die Umst�nde Ihres Taiwanaufenthalts damals waren, auch wenn es sich bei dem abgest�rzten Flugzeug um eine japanische Maschine gehandelt hat.�</p><p>�Was hat das denn damit zu tun?�</p><p>�Dies war doch immerhin der Grund, da� Sie nicht wieder nach Tainan zur�ckgekehrt sind, sondern sofort nach Deutschland ausgeflogen wurden.�</p><p>Nun, w�re nicht die Walgeschichte gewesen, w�re ich bereits viel fr�her zu Hause gewesen. Doch auch jetzt, gegen�ber der Dame von der taiwanischen Vertretung, verzichtete ich, diese peinliche Begegnung mit einem toten F�nfzigtonner zu erw�hnen. Vielmehr verwies ich darauf � bereits tief in der Defensive stehend � , geschieden zu sein, zudem derzeit ohne Lebenspartnerin. Ich k�nnte in keiner Weise famili�re Verh�ltnisse garantieren.</p><p>�Na, in diesem Fall z�hlt wohl Ihr einstiger Kontakt zur Mutter des Kindes und nicht, ob Sie aktuell in einer ehe�hnlichen Beziehung leben. Au�erdem: Ein Vater und ein Kind, das ist dann bereits eine Familie, nicht wahr?�</p><p>Das hatte etwas f�r sich. Eine Familie waren zwei. Und wenn man sich Gott vorstellte, war man praktisch schon zu dritt.�� Genau, ich hatte angefangen, an Gott zu glauben. Merkw�rdigerweise aber nicht in dem Sinne, eine �berzeugung gewonnen zu haben, die ich vorher nicht gehabt hatte. Auch nicht aus Gr�nden der Angst oder Vorsorge. Oder gar der Konvention, wie im Falle meiner� wei�en Heirat�. Eher war es so wie mit diesen zugelaufenen Tieren. Sie waren pl�tzlich da, und man bekam sie nicht mehr weg, auch wenn man versuchte, sie fortzuscheuchen. In erster Linie, weil man den Dreck f�rchtete, den sie machten. Haare auf dem Sofa und Schlimmeres.</p><p>Ich will jetzt nicht sagen, Gott w�rde Dreck machen�� na, in gewisser Weise eben doch. Geistigen Dreck. Er verf�hrt einen zu seltsamen Gedanken, die ebenfalls auf dem Sofa kleben bleiben oder sich als spirituelle Kn�uel in den Zimmerecken sammeln. Andererseits ist seine Anwesenheit sehr angenehm. Er verstr�mt ein behagliches Gef�hl. Man kann ihn an guten Tagen gewisserma�en schnurren h�ren. Was nicht hei�en soll � denn wir sind ja keine alten �gypter � , Gott sei eine Katze. Aber sein Verhalten ist manchmal schon recht �hnlich.</p><p>Nicht auszuschlie�en, da� jener Gott seine� Katzenfinger �im Spiel hatte, als ich mich nur einen Tag sp�ter hinrei�en lie�, die in M�nchen agierende Angestellte der Taipeh-Vertretung erneut anzurufen und ihr zu sagen:�Okay, ich kooperiere.�</p><p>�Ach, wie sch�n�, meinte sie. Ihre Stimme war wie diese kleinen, zarten Damenh�te, die das Haar vor so gut wie gar nichts sch�tzen, aber in einer kecken Weise schm�cken.</p><p>Wenn zuvor gesagt wurde, B�rokratien unterl�gen� kosmischen Bedingungen�, dann war das hier ein guter Beweis: einerseits der F�gungen, andererseits aber auch des Chaos wegen, das diesen F�gungen innewohnte.�� Man wird bald sehen, warum ich das sage.</p><p>Zun�chst einmal rechnete ich selbst nach. Denn es versteht sich, da� die M�nchner Dame bereits beim ersten Gespr�ch das Geburtsdatum des Kindes genannt hatte: den 5. Dezember 2004. Wenn ich nun die �blichen neun Monate abzog, so pa�te alles zusammen. Was nicht pa�te, war weiterhin der Umstand der Verh�tung. Andererseits h�tte ich, um mich als Vater g�nzlich auszuschlie�en, in der Tat eine promiskuitive Ader Lanas annehmen m�ssen. Zumindest die Existenz eines zweiten Mannes. Wogegen ich mich aber str�ubte. Ich hatte diese Frau geliebt. Ich wollte mir keinen zweiten Mann vorstellen.</p><p>Nun gut, wie meine� neue Freundin �bereits erw�hnt hatte, h�tte mir ein Test Klarheit verschaffen k�nnen. Allerdings war ich der einzige, der f�r diesen Test in Frage kam. Denn selbst wenn ein zweiter oder dritter Mann existierte, blieben sie im verborgenen. Sollte sich herausstellen, da� ich als Vater auszuschlie�en w�re, w�rde es keinen anderen geben, den man testen konnte.</p><p>Wie erb�rmlich! dachte ich.</p><p>Die Vorstellung n�mlich, da� am Ende die ganze Wahrheit einzig und allein darin bestehen k�nnte zu wissen, wer hier <emphasis>nicht</emphasis> der Vater sei. Eine negative Erkenntnis pr�sentierend, die das Kind geradewegs ins Heim f�hrte.</p><p>Und darum also dachte ich:�Wie erb�rmlich!�</p><p>Aha! Das war ja mal was Neues, so zu denken.</p><p>Ganz offenkundig hatte mich die Dame von der Taipeh-Vertretung infiziert. Und Gott mit seinem katzenhaften Schnurren die Infektion beg�nstigt. Einmal abgesehen davon, wie viele Hilfsgeister da gefl�tet und gefl�stert haben mochten. Jedenfalls trieb mich ein heftiges Empfinden dazu, meine �berfallartige Vaterschaft zu bejahen. Ich bestand � pathetisch gesprochen � nur noch aus zwei offenen Armen.</p><p>Aber auch offene Arme ben�tigen rechtliche Standpunkte.</p><p>Wie man mir versicherte, konnte ein Familiengericht f�r den Fall, da� dies dem Wohl des Kindes diene, die elterliche Sorge auf den Vater �bertragen, selbst wenn dieser nicht mit der verstorbenen Mutter verheiratet gewesen war. Freilich lagen zwischen dem Tod Lanas und der M�glichkeit einer solchen richterlichen Entscheidung sechseinhalb Jahre. Sechseinhalb Jahre, in denen sich eine taiwanische Pflegemutter um Simon gek�mmert hatte. Eine Frau allerdings � soviel erfuhr ich nun doch � , die man k�rzlich in eine psychiatrische Klinik eingewiesen hatte.</p><p>Einen unheimlichen Moment lang �berlegte ich, ob die seelische St�rung dieser Frau mit der Pflege des Kindes zusammenh�ngen k�nnte. Wenn man sich n�mlich ein Kind mit der F�higkeit dachte, einen jeden in die Klapsm�hle zu bef�rdern. Doch solche Phantasien � sich wirklich den Teufel ins Haus zu holen � stammten vor allem aus dem Kino. Und so unterhaltsam das Kino auch sein mag, man sollte sich davon nicht verr�ckt machen lassen. Im Kino konnte alles und jeder zum Monstrum werden: Ameisen, Aufz�ge, Tomaten oder Kinder.</p><p>Nach mehreren Gespr�chen mit einem Anwalt sowie einer Vertreterin des Jugendamts wie auch des Familiengerichts, und immer wieder mit jener Dame der Taipeh-Vertretung in M�nchen, wurde zwischen den taiwanischen und deutschen Beh�rden vereinbart, den siebenj�hrigen Simon Senft nach Deutschland zu bringen. Ich hatte mich bereit erkl�rt, eine eidesstattliche Erkl�rung dar�ber abzugeben, im Zeitraum der Empf�ngnis Lana Senft� beigewohnt �zu haben. Ich fand das Wort gar nicht so �bel. Es nahm in der Liste h��licher oder unpassender W�rter einen unteren Rang ein, klang blo� ein wenig kalt, als handle es sich um eine Form der Untermiete.</p><p>Auch wenn dieser formale Akt erledigt war und meine pers�nlichen Verh�ltnisse einer Pr�fung standgehalten hatten � der Beruf des Bademeisters schafft heutzutage offenbar ein gr��eres Vertrauen als der des Managers � , so blieb vieles merkw�rdig und r�tselhaft. Taiwanische Dokumente fehlten, und vor allem war die Frage, wieso man nicht schon viel fr�her an mich herangetreten war. Oder wenigstens an Lanas eigene Mutter. Nicht, da� ich selbst viel an diese Frau gedacht h�tte, eine Person, die immerhin in Stuttgart lebte, und zwar, wie ich h�rte, genau so, wie Lana es beschrieben hatte: als Klavierlehrerin, streng und verbittert.�� Aber mein Gott, <emphasis>streng und verbittert in Stuttgart</emphasis>, das w�re vielen wie die Aussage erschienen, jemand sei am Ende eines Marathons <emphasis>m�de und verschwitzt</emphasis>. Jedenfalls kam ein Treffen zwischen uns nie zustande. Weder wollte Frau Senft den Mann kennenlernen, den ihre Tochter als �rztin gepflegt und diese Pflege etwas �bertrieben hatte, noch das Kind, das aus dieser��bertreibung �entstanden war. F�r Frau Senft war ihre Tochter nicht nur einfach gestorben, sondern auch alles, was mit ihr zusammenhing (wobei Lanas Vater bereits kurz nach ihrer Geburt t�dlich verungl�ckt war � mitunter hat Verbitterung gute Gr�nde).</p><p>Auch sonst meldete sich niemand aus Lanas Verwandtschaft, den diese Sache interessiert h�tte. Zu erben gab es nichts. Wenn einst etwas Geld vorhanden gewesen war, dann hatte die taiwanische Pflegemutter es ausgegeben. Eine Frau, die einige Fragen h�tte beantworten k�nnen. W�re sie dazu noch in der Lage gewesen. War sie aber nicht. Der deutlichste Ausdruck ihrer Krankheit bestand darin, den Mund nicht mehr aufzumachen. Das letzte, was sie von sich gegeben hatte, war der Hinweis auf meine Person gewesen und wie eng mein Verh�ltnis zu Lana gewesen war.</p><p>Blieb allein der Junge, von dem man nicht wu�te, ob er in den vergangenen Jahren �berhaupt je mit der deutschen Sprache konfrontiert worden war. Wenn man bedachte, da� er bei einer Chinesin aufgewachsen war. Auch meine Dame von der M�nchner Taipeh-Vertretung, die sich m�chtig anstrengte, Details in Erfahrung zu bringen, konnte mir dazu keine genauen Informationen geben. Schlie�lich meinte sie:�Wenn das Kind mal da ist, werden wir schon sehen.�</p><p>Ich fragte mich, wie das f�r den Jungen wohl sein w�rde, einerseits die zwangsl�ufige Fremdheit, die sich ergab: der nie gesehene Vater, das nie gesehene Land, eine vielleicht nie geh�rte Sprache. Aber nat�rlich auch, wie es f�r mich selbst sein w�rde, der ich mit Kindern nicht die geringste Erfahrung besa�, nicht einmal als Bademeister in diesem so gut wie kinderlosen Schwimmbad. Ich wu�te so wenig �ber die Hege und Pflege eines Siebenj�hrigen.</p><p>Wer w�rde mir da helfen k�nnen?�� Wobei ich keineswegs mit dem Jungen nach K�ln zu meinen Eltern wollte. Das war mir schon fr�her bei Freunden und Verwandten als das Allerletzte erschienen, wenn sie ihre Kinder an die eigenen Eltern weitergaben. Und sich damit alles Schreckliche und Dumme wiederholte. Klar, jeder machte Fehler. Aber eigene, neue Fehler waren doch was anderes als fremde, alte Fehler.</p><p>Und dann kam der Junge. Ein Flugzeug brachte ihn, wie andere Kinder der Storch.</p><p>Ich fuhr nach M�nchen, wo das erste Treffen in einem Raum der Taipeh-Vertretung stattfinden sollte. Ich nahm den Zug, nicht nur wegen der K�rze der Strecke. Seit meinem Erlebnis �ber dem Ostchinesischen Meer mied ich die Luftfahrt. Denn trotz der �beraus geringen Wahrscheinlichkeit, gleich zweimal im Leben in ein abst�rzendes Flugzeug zu geraten, konnte man ebenso sicher sagen, da�, wenn dieses zweite Mal eben <emphasis>doch</emphasis> eintrat, man es kaum �berleben w�rde. Zweimal abst�rzen f�hrte selten bis nie zu zweimal �berleben.</p><p>Zug also. M�nchen also.</p><p>Jetzt endlich begegnete ich ihr leibhaftig, meiner Telefonpartnerin, die den Namen Heinsberg trug, Frau Heinsberg, in der Tat eine Deutsche, aber sehr viel j�nger als vermutet, auch sehr viel zarter. Sie wirkte nerv�s. Nicht wie ein Pr�fling, eher wie ein Pr�fer, der um die Schwere des Gegenstands wei�.</p><p>Frau Heinsberg bat mich in einen leeren Raum. Wir setzten uns. Sie redete ein wenig umher � um den hei�en Brei, wie man so sagt. Ich fragte sie, gem�� unserer bislang recht direkten Verst�ndigungsweise:�Sie stottern doch wohl nicht, weil Sie so aufgeregt sind, mich endlich zu sehen?�</p><p>Sie lachte. Sehr h�bsch. H�bsch und verlegen. Dann sagte sie:�Bevor ich viele Worte mache, hole ich einfach den Jungen, okay?�</p><p>�Ich bin bereit�, erkl�rte ich und nahm eine aufrechte Haltung ein.</p><p>Sie ging nach drau�en und kam zur�ck mit dem Kind an ihrer Hand.</p><p>Simon!</p><p>Ich blies durch die Nase, und mein Brustkorb sank ein.</p><p>Nein, nicht darum, weil er etwa in einem Rollstuhl sa�. Er war auch kein Zwilling oder zu dritt oder mi�gebildet oder zwei Meter gro�. Es waren vielmehr seine Augen, die mich aufschrecken lie�en: die markante Hautfalte an den inneren Augenwinkeln. Es konnte gar kein Zweifel bestehen, da� wenigstens ein Elternteil dieses Kindes asiatischer Abstammung sein mu�te.</p><p>Ich fragte:�Was soll das?�</p><p>�Das ist Simon�, sagte Frau Heinsberg,�der Sohn von Frau Dr. Senft.�</p><p>�Ja, da� das Lanas Sohn ist, kann ich vielleicht glauben, aber���</p><p>�Wir hatten keine Ahnung, wirklich nicht, Herr Braun. Es gab hier einige Mi�verst�ndnisse.�</p><p>�Ach was?!�</p><p>�Wir sind nat�rlich davon ausgegangen, Simon sei das Kind zweier deutscher Eltern. Die Tainaner Beh�rde hat uns in keiner Weise mitgeteilt, wie wenig das der Fall sein kann.�</p><p>�Aber Sie m�ssen doch Fotos gesehen haben.�</p><p>�H�tte ich Fotos gesehen, w�rden wir jetzt nicht hier stehen.�</p><p>�Das ist doch Wahnsinn!�wurde ich laut.�So was von einer Schlamperei! Ist das hier das einundzwanzigste Jahrhundert mit Computern und Internet? Oder tiefste b�rokratische Steinzeit? Herrgott noch mal!�</p><p>�Bitte nicht, Herr Braun. Simon versteht zwar kein Wort Deutsch, aber er wei� ja genau, da� es sich um ihn dreht. Wenn Sie so schreien, mu� er denken, Sie w�rden ihn f�r ein kleines exotisches Ungeheuer halten. Nur weil er die falschen Augen hat.�</p><p>�Meine G�te, Frau Heinsberg, was wollen Sie mir schon wieder unterstellen? Falsche Augen! Sie m�chten immer, da� ich mich schlecht f�hle. So geht das schon die ganze Zeit mit Ihnen. Sie versuchen mit allen Mitteln, die Welt zu retten, und jetzt sehen Sie, was dabei herauskommt.�� Es ist mir ein R�tsel, wie ein solcher Irrtum geschehen konnte. Seit wann klingt der Name Braun denn Chinesisch? Die Leute in Taipeh mu�ten doch wissen, da� ich deutscher Staatsb�rger bin. Und da� ich unm�glich der Vater dieses Kindes sein kann.�</p><p>�Vielleicht die Leute in Taipeh, aber nicht die Leute in Tainan. Offensichtlich ist man in Taipeh von einem rein deutschen Kind ausgegangen und in Tainan von einem in Deutschland lebenden Vater taiwanischer Nationalit�t, der eine Deutsche geheiratet und deren Namen angenommen hat.�</p><p>�Hier wurde viel vermutet und wenig festgestellt.�</p><p>�Auch Computer �ndern nichts am �berfordertsein der Menschen. Und am Wirrwarr, das zwischen so unterschiedlichen Sprachen besteht�, bem�hte sich die M�nchnerin in Taiwans Diensten eine Erkl�rung zu finden, wobei sie die ganze Zeit ihre Hand sachte auf der Schulter des Jungen abgelegt hatte. Sicher nicht, um sich abzust�tzen, so d�nn, wie der Junge war. Auch recht klein f�r einen Siebenj�hrigen, aber nicht kleinw�chsig. Klein halt. Und feingliedrig. Mit �ngstlichem Blick, was nun wirklich kein Wunder war. Er trug einen viel zu gro�en Pullover, unter dem man sich das bi�chen Haut und Knochen vorstellen konnte. Dabei war dieser Junge keinesfalls unterern�hrt, sondern blo� mager, wie nicht wenige Erstkl��ler �berall auf der Welt mager sind, selbst dann, wenn sie den lieben langen Tag Kuchen und Gummib�rchen in sich hineinstopfen.</p><p>Ich fragte mich, ob das Absicht war, da� man ihn so angezogen hatte, Gr��e L, dicke Wolle, und das bei der Hitze. Ob man also versuchte, mir ein trauriges, kleines, mitleiderregendes, dauerfrierendes Gesch�pf zu pr�sentieren. Denn in der Tat, ich f�hlte mich wie im Waisenhaus oder im Tierschutzheim. Meinte man denn, ich w�rde das superreiche Taiwan mit dem superarmen Nordkorea verwechseln? D�nn mit verhungert? Am liebsten w�re ich sofort aufgestanden, um den Raum zu verlassen und mir das Elend nicht l�nger anschauen zu m�ssen. Freilich bestand das Elend in erster Linie in den erstaunlichen Fehlschl�ssen, die dazu gef�hrt hatten, da� man ein Kind, welches schon rein optisch nicht das meine sein konnte, nach Deutschland geflogen hatte. Oder stand dahinter gar ein Kalk�l? Hatte sich irgendeine B�rokratie dumm gestellt? Oder alle zusammen?</p><p>Ich sagte:�Es mu� doch einen Hinweis auf den richtigen Vater geben.�</p><p>�Wenn�s einen solchen g�be, glauben Sie denn, man h�tte den Jungen hierher gebracht?�</p><p>�Ach was, Sie immer mit Ihren Antworten!�beschwerte ich mich. Und beschwerte mich weiter:�Den Taiwanern trau ich auch zu, eins von diesen freilaufenden Park�ffchen nach Europa zu schicken, nur damit in Tainan ein Affe weniger ist, der Dreck macht und aus den Taschen der Touristen die Sachen klaut.�</p><p>Heinsberg sch�ttelte angewidert den Kopf und meinte:�Ich habe mich in Ihnen get�uscht, Herr Braun. Wenn Sie so reden, erkenne ich Sie nicht wieder. Simon ist kein Affe, und er ist auch kein kleiner Taschendieb.�</p><p>�So habe ich das nicht gemeint.�</p><p>�Nein?! Nicht?!�� Nun, ich werde Simon jetzt zur�ckbringen. Nachher darf ich Sie zu meinem Vorgesetzten f�hren. Er m�chte sich ganz offiziell f�r die M�he, der Sie sich unterzogen haben, entschuldigen. Sinnlose M�he, leider Gottes.�</p><p>Auch wenn Frau Heinsberg in keiner Weise Frau Dr. Senft �hnlich sah, so meinte ich dennoch eine gro�e Verwandtschaft zwischen diesen beiden Frauen festzustellen. Nicht, da� ich hier und jetzt begann, mich in Frau Heinsberg zu verlieben, nur weil sie mir soeben das Leben schwermachte. Da h�tte ich mich noch viel �fter verlieben m�ssen. Nein, das war es nicht. Doch je l�nger ich diese Frau betrachtete, um so mehr bekam ich den Eindruck, es handle sich um eine grunds�tzlich angezogene Person, eine grunds�tzlich bekleidete, eine niemals wirklich nackte. So, als w�re sie mit diesem Kleid, den leichten Sandaletten, dem silbernen Sternchen in ihrem rechten Nasenfl�gel und den blaugr�n lackierten Fingern�geln bereits auf die Welt gekommen und all das mit ihr mitgewachsen. Ebenso lanam��ig empfand ich, wie Heinsbergs Hand fortgesetzt auf der Schulter des Jungen ruhte. So, konnte man sich vorstellen, war es, wenn ein Engel einen ber�hrte. Ruhig, fast k�rperlos, aber effektiv. (Und seien wir doch ehrlich, auch Engel, zumindest erwachsene Engel, kann man sich eigentlich nur irgendwie bekleidet denken, oder?)</p><p>Genau diese Hand schob sie nun auf den Nacken Simons und lenkte ihn solcherart zur�ck zur T�r, durch die sie beide gekommen waren.</p><p>�Warten Sie!�rief ich.</p><p>�Ja?�Sie bog allein ihren Kopf in meine Richtung, zusammen mit dem Kind im Schritt erstarrend.</p><p>�H�ren Sie. Ich wei� nicht, was man in dieser Situation eigentlich machen kann. Aber ich will nicht, da� Sie den Jungen zur�ckschicken.�</p><p>�Wenn Sie das nicht wollen�, meinte sie,�m�ssen Sie auch bereit sein, etwas f�r ihn zu tun.�</p><p>Erneut fragte ich:�An was denken Sie denn? Da� ich das Kind adoptiere? Ohne Ehefrau, ohne Lebensgef�hrtin?�</p><p>�Das deutsche Adoptionsrecht l��t so was zu. Auch Alleinstehende kommen in Frage. Und glauben Sie mir, vor allem die Beh�rde in Tainan w�rde alles tun, um in dieser verfahrenen Situation���</p><p>�Abstrusen Situation�, wandte ich ein.</p><p>�Gleich, wie sie hei�en soll, die Situation, man w�re sicher bereit, hier eine L�sung zu finden�, erkl�rte Frau Heinsberg.�Auch wenn dazu n�tig ist, ein paar Regeln zu umgehen. Der ganze Proze� l�uft ohnehin jenseits des �blichen.�</p><p>Aber wirklich! Gleichzeitig mu� gesagt werden, da� trotz Haager Konvention ein reger illegaler Kinderhandel in der Welt kursierte, um die Kinderw�nsche derer zu befriedigen, die anders nicht weiterkamen. Viel Schlimmes geschah, w�hrend ich selbst ja keineswegs alle m�glichen Hebel und Schalter in Bewegung gesetzt hatte, um mir einen langgehegten Wunsch zu erf�llen. Nein, es war umgekehrt. Der Wunsch � wenn wir uns ihn als ein aktives, umtriebiges Wesen vorstellen � hatte sich <emphasis>mich</emphasis> ausgew�hlt. <emphasis>Ich</emphasis> war es, den er sich erf�llte.</p><p>Frau Heinsberg, diese Frau mit blaugr�nen Fingern�geln und w�chserner Haut, die wohl in Wirklichkeit einer h�heren Institution als der taiwanischen Auslandsvertretung verpflichtet war, kam zusammen mit Simon zur�ck. Sie beugte sich seitlich zu dem Jungen hinunter, zeigte zu mir hoch und erkl�rte etwas auf chinesisch. Er schien sie aber nicht zu verstehen, m�glicherweise sprach sie das falsche Chinesisch.</p><p>Sie blickte zu mir hin und forderte mich auf:�Geben Sie ihm die Hand.�</p><p>Ich hob meinen Arm und spreizte leicht meine Finger. Er tat es mir gleich. Ich sah, wie seine rechte Hand in dem breiten Pullover�rmel hin und her schlackerte. Ich griff vorsichtig nach ihr. W�re ich blind gewesen und jemand h�tte mir erkl�rt, ich hielte gerade einen Papierflieger in der Hand, ich h�tte es geglaubt.</p><p>Verdammt! Man sollte nichts ber�hren. Ber�hrungen machen einen schwach. Das Fell einer Katze, der Stiel eines Weinglases, die kalte Macht einer Geldm�nze, die polierte Fl�che eines Pokals, die Hand eines Kindes.</p><p>Ich sagte:�Hallo, Simon. Es freut mich, dich kennenzulernen.�</p><p>Ich l�chelte ihn an. Er l�chelte zur�ck. Ein L�cheln gleich einem Pinselstrich von Eiklar, d�nn und durchsichtig, aber frei von L�ge, frei von Routine oder Spekulation.</p><p>Ich hatte noch immer seine Hand in der meinen. Ich h�rte jetzt Frau Heinsberg, wie sie meinte:�Mu� ich die Feuerwehr rufen?�</p><p>�Wieso denn?�</p><p>�Na, damit sie mit einem Schneidbrenner anr�ckt, um Ihrer beide H�nde wieder zu trennen.�</p><p>Sie meinte es absolut liebensw�rdig. Ich sah ihre Freude. Und ich sah meine eigene Freude. Und die Simons, selbst wenn ihm der Witz auch dann unverst�ndlich geblieben w�re, h�tte er Deutsch gekonnt.</p><p>Stimmt, ich w�rde ihm diese Sprache beibringen m�ssen.</p><p>Deutsch und Schwimmen und H�rdenlauf.�� Der perfekte Dreikampf.</p></section><section><title><p><emphasis>11</emphasis></p></title><p>Nat�rlich, ich konnte den kleinen Simon nicht einfach einpacken und mitnehmen, als handle es sich um ein St�ck Wurst. Andererseits war meine� Eignung �als Adoptivvater bereits festgestellt worden, wenngleich unter der Voraussetzung, der leibliche Vater dieses Kindes zu sein, zumindest mich zu dieser� Leiblichkeit �eidesstattlich bekannt zu haben. Was nun nicht mehr der Fall sein konnte. Dennoch war man willens, meine Tauglichkeit weiterhin als gegeben anzusehen. Auf eine gewisse Weise war ich ganz einfach der <emphasis>logische</emphasis> und <emphasis>zwangsl�ufige</emphasis> Vater f�r dieses Kind. Es war so offensichtlich, wie sehr das Schicksal keinerlei Umst�nde gescheut und gleich zwei B�rokratien ausgetrickst hatte, um mich und dieses Kind zusammenzubringen. Das konnte etwas Gutes oder Schlechtes bedeuten, aber es wirkte doch ungemein m�chtig. Und ich habe es ja schon einmal gesagt: B�rokratien sind viel mehr vom Metaphysischen abh�ngig, als man meinen mag. Das ist es, was sie so <emphasis>unfa�bar</emphasis> macht und weshalb man sich im Umgang mit ihnen so ausgeliefert f�hlt. Und nicht, weil dort lauter b�se Menschen arbeiten.</p><p>Man bat mich, die n�chsten Tage in M�nchen zu bleiben, um diverse Kl�rungen abzuwarten. Und vor allem, um Simon zusammen mit Frau Heinsberg sowie einer Vertreterin des Jugendamts und einem Dolmetscher zu treffen, damit wir uns aneinander gew�hnen k�nnten.</p><p>Vorher aber informierte mich die Dame vom Jugendamt �ber die Psyche Simons, zumindest beschrieb sie mir die Psyche von Kindern in solchen Situationen. Nicht, da� sie wirklich etwas wu�te. Zwar hatte sie Simon gesehen und versucht, sich mit ihm zu unterhalten, aber sie erkl�rte mir nun:�Das Kind scheint einen Dialekt zu sprechen, den niemand hier versteht. Auch Frau Heinsberg nicht. Darum haben wir einen zus�tzlichen Dolmetscher kommen lassen.�</p><p>�Na ja�, meinte ich,�ob Hochchinesisch oder Dialekt, ist f�r mich eigentlich egal.�</p><p>�Sie sollten aber schon versuchen, seine Sprache zu lernen. Das ist ein wichtiger Punkt. Die Wurzeln des Kindes zu erhalten. Und immerhin eine Bereicherung f�r Sie selbst, Herr Braun.�</p><p>Ich h�tte ihr gerne geantwortet:�Lern selbst mal Chinesisch, du dumme Nu�.�</p><p>Sie war mir gleich zu Beginn unsympathisch gewesen. Eine Frau in weiten Kleidern und mit einer riesenhaften Brille und einer Halskette aus Elementen gro� wie Holzkl�tze von Matador. Dazu eine Stimme wie ein Polizeiausweis. Eine Emanze von der unguten Sorte. Ich habe da meine Vorurteile, wie ich gerne gestehe.</p><p>Doch das Problem mit der Sprache lag ohnehin sehr viel tiefer. Wie tief, erkl�rte uns dann der Dolmetscher, ein �lterer Herr, ein Han-Chinese, der Taiwanisch sprach sowie s�mtliche Hakka-Dialekte beherrschte und auch als Spezialist f�r die Ureinwohnersprachen auf Taiwan galt. Zudem verf�gte er �ber ein ganz wunderbares Deutsch, mit einem winzig kleinen Akzent, gerade so viel, um der deutschen Sprache einige exotische Ornamente zu verleihen: �hnlich Untertiteln, aber nicht aus Schriftzeichen, sondern Musiknoten.�� Es war wirklich angenehm, ihm zuzuh�ren. Auch besa� er eine gute Art, auf Simon einzugehen, sich zu ihm beugend, ohne ihn zu ber�hren, ohne auch nur einen Finger auf dem Kind abzusetzen, wie das Erwachsene gerne und unbewu�t tun, auch die, die sich dar�ber aufregen, wenn andere �ber das Haar der lieben Kleinen streichen oder Bonbons verteilen.</p><p>Der alte Mann richtete das Wort an Simon und probierte verschiedene Dialekte aus. Ohne da� jedoch Simon reagiert h�tte. Es war nicht so, da� er sich in sein Schweigen vergrub, aber er schien einfach nicht zu verstehen, was hier gesprochen wurde.</p><p>Der Dolmetscher zeigte in der Folge auf den Tisch, um den herum man sa�, und sagte� table�, denn immerhin verwendeten viele Taiwaner die englische Sprache. Sodann �bersetzte er das Wort in die h�ufigsten Formen, die auf dem nationalchinesischen Inselstaat Anwendung fanden.</p><p>Mitten in dieser Aufz�hlung unterbrach Simon den �bersetzer, zeigte seinerseits auf den Tisch und sprach ein Wort. Und gleich darauf auch andere W�rter, die zu Ketten und S�tzen verschmolzen. Ich dachte mir:�Fein, unser Dolmetscher hat den richtigen Knopf gedr�ckt.�</p><p>Aber nur bedingt. Denn am Ende von Simons kleiner Redeflut drehte sich der alte Mann zu uns anderen hin und erkl�rte:�Ich kann Ihnen nicht sagen, was der Junge da von sich gibt. Ich kann Ihnen nur sagen, da� es sich um keine der bekannten Sprachen auf Taiwan handelt. Keinen chinesischen Dialekt und keine Ureinwohnersprache. Nichts davon.�</p><p>Die Jugendamtsdame fingerte an ihren Schmucksteinen herum und meinte, die Unverst�ndlichkeit resultiere vielleicht nur daraus, da� Simon sprachlich ein wenig zur�ckgeblieben sei.</p><p>�Finden Sie denn, da� er undeutlich redet?�fragte der �bersetzer.</p><p>Ich dachte mir:�Zeig�s ihr.�</p><p>Der �bersetzer gab auch gleich selbst die Antwort:�Der Junge dr�ckt sich vollkommen pr�zise aus, nur da� es keine Sprache ist, die ich kenne. Und ich kenne einige.�</p><p>�Aber nicht alle�, meinte die Frau vom Jugendamt.</p><p>Der alte Mann blieb ganz ruhig und sagte:�Richtig, alle kenne ich nicht. Aber wenn ich eine Vermutung aufstellen darf, w�rde ich sagen, Sie werden niemanden finden, der die Sprache dieses Jungen beherrscht.�</p><p>�Wie meinen Sie das?�fragte ich ihn.�Redet Simon in einer Geheimsprache?�</p><p>�Ja, in seiner eigenen.�</p><p>�Das ist eine gewagte Annahme�, meinte die Jugend�mtlerin, die ganz offensichtlich diesen Mann nicht ausgew�hlt hatte. Das war Frau Heinsberg gewesen.</p><p>Doch Heinsbergs Wahl sollte sich als genauso richtig erweisen wie eben auch die These des �bersetzers. Weitere Spezialisten konnten nur best�tigen, da� Simon sich in einer unbekannten, h�chstwahrscheinlich von ihm selbst entwickelten und nur ihm selbst verst�ndlichen Sprache ausdr�ckte, vorausgesetzt, das, was er da von sich gab, besa� �berhaupt konkrete Bedeutungen. Ein nachvollziehbarer Bezug zu einem der bekannten Sprachst�mme fehlte g�nzlich. Diese Sprache war ohne Stamm. Somit auch ohne Wurzeln. Pures Bl�tterwerk. Zugleich wirkte sie recht komplex, kein Gestammel oder Gebrabbel, nicht die Babysprache eines Zur�ckgebliebenen.</p><p>Das war die eine Erkenntnis. Die andere, sehr viel problematischere war die, da� Simon offensichtlich nur diese eine h�chstpers�nliche Lautsprache beherrschte. Entweder, weil er eine andere nie erlernt hatte oder eine Blockade es ihm unm�glich machte, diese anzuwenden. Seine Vorgeschichte blieb dabei weiterhin ziemlich im unklaren. Denn offensichtlich hatte seine Pflegemutter, jene Krankenschwester, die mit Frau Dr. Senft zusammengearbeitet hatte, sich bald nach deren Tod mit dem einj�hrigen Simon aufs Land zur�ckgezogen, beziehungsweise in die Berge, in ein Dorf im S�den des Zentralgebirges.</p><p>Der �bersetzer, mit dem ich mich noch einmal traf, diesmal allein, sagte zu mir:�Mag sein, da� sich der Junge in dieser Sprache, die er spricht, versteckt und gar nicht verstanden werden will. Da� seine Sprache ein Panzer ist, wie die Frau vom Jugendamt behauptet. Aber so Leute vom Jugendamt, die sehen �berall sofort ein Trauma. Ich glaube hingegen, es ist etwas anderes. Bem�hen Sie sich, ihn zu verstehen, und bekommen Sie heraus, was dahintersteckt.�</p><p>Nun, das sagte sich so. Dabei w�re es schwer genug gewesen, sich Chinesisch oder Taiwanisch oder irgend so ein Minderheitenkauderwelsch anzueignen. Und jetzt sollte ich auch noch eine gar nicht existente Sprache erlernen. Dabei reichten mir Englisch und Franz�sisch wirklich. Erst recht als der Bademeister, der ich war. Kein Linguist und kein Sprachgenie.</p><p>�Es ist klar�, erkl�rte Heinsberg,�da� Sie unter diesen Voraussetzungen Ihren Adoptionsantrag zur�ckziehen k�nnen. Damit haben wir nicht gerechnet.�</p><p>�Sie haben mit einigem nicht gerechnet, oder?�</p><p>�Stimmt�, sagte sie.</p><p>Sie hatte ihren Kopf gesenkt. Ich kam mir richtig schlecht vor. Denn schlie�lich war diese Frau doch bei allem der� gute Engel �gewesen. Niemand, dessen Kopf ich so weit unten sehen wollte. Dennoch sagte ich:�Schon wieder.�</p><p>�Was schon wieder?�fragte sie und richtete sich auf.</p><p>�Sie machen mir immer ein schlechtes Gewissen. Das war von Beginn an so. Das ist Ihre ganze Strategie.�</p><p>�Da irren Sie sich�, erkl�rte sie, in diesem Moment ihren Kopf so ungemein gerade haltend, die Augen, den Mund, alles so fest und unverr�ckbar aufrecht, als h�tte sie nie in ihrem Leben jemals zu Boden geschaut.</p><p>Na, wie auch immer, ich sagte:�Ich will den Jungen trotzdem adoptieren. Da� die Sache mit der Sprache nicht ganz einfach werden wird, war sowieso abzusehen.�</p><p>�Ich k�nnte Sie umarmen�, rief sie.</p><p>Schon klar, das war symbolisch gemeint. Trotzdem meinte ich:�Sie kriegen mich immer dorthin, wo Sie mich hinhaben wollen.�</p><p>�Vielleicht kriege ich Sie nur dorthin, wo Sie selbst ohnedies hinm�chten.�</p><p>Meine G�te, dachte ich, ist das hier die Lebensberatung? Sodann �berlegte ich, wie alt die Heinsberg wohl sein mochte. Keine f�nfundzwanzig. Ich fragte sie nach ihrem Namen, ihrem Vornamen.</p><p>�Wieso?�</p><p>�Na, gerade wollten Sie mich noch umarmen.�</p><p>Sie schaute zur Seite, als st�nde dort jemand, bei dem sie um Erlaubnis bitten mu�te. Jemand, dessen gesenkter oder aufgerichteter Daumen oberstes Gesetz war, jemand, den ich nicht sehen konnte. Dann blickte sie wieder zu mir her und sagte:�Kerstin.�</p><p>H�tte sie jetzt zum Beispiel� Barbara �oder� Sandra �gesagt, ich glaube, ich h�tte die Begegnung mit ihr einfach als ein markantes Erlebnis abgebucht, damit aber auch abgeschlossen. Umgekehrt war es nat�rlich nicht so, da� ich nur, weil sie diesen sch�nen Namen trug, augenblicklich beschlossen hatte, den Antrag einer symbolisch gemeinten Umarmung in die Realit�t umzusetzen. Aber immerhin machte ich einen Vorschlag. Ich sagte:�Es w�re sch�n, wenn wir in Kontakt blieben.�</p><p>Sie betrachtete mich. Es war ein Gr�beln in ihrem Gesicht. Zeit genug, um mir dieses Gesicht genau einzupr�gen. Was n�mlich meistens vers�umt wird. Wir sind stundenlang mit Menschen zusammen, auch mit noch so faszinierenden, selbst mit monstr�sen, und haben nachher trotzdem kaum eine Ahnung, wie der andere ausgesehen hat.�� Produzieren wir darum so viele Fotos?</p><p>Aber Kerstin Heinsberg zu fragen, ob ich sie fotografieren d�rfe, h�tte alles zunichte gemacht. Sosehr Fotos der Erinnerung dienen, zerst�ren sie die Gegenwart. Sie erinnern uns sodann an ein Ereignis, das gar nicht eintrat, weil wir da gerade mit dem Fotografieren besch�ftigt waren. Kein Wunder, da� manche Kulturen sich so sehr dagegen str�uben.</p><p>Nein, ich wollte mir ihr Gesicht einpr�gen: die schmale Form, den vornehm blassen Teint, die ungleichen Augen � das eine braun, das andere sehr viel heller, zudem blau. Ein bl�ulicher Kranz, wie beim Cover von diesem Roman von Frank Sch�tzing, aber eine Spur lichter, auch wirkte es m�der als das andere, das Lid enger. Zudem schien das Sch�tzing-Auge, ihr linkes, eine kleinere Pupille zu haben, kleiner als die des gegen�berliegenden Auges und auch kleiner als auf dem bekannten Romanumschlag.</p><p>Ein ungleiches Augenpaar und doch harmonisch!</p><p>Die l�ngliche Nase wiederum unterstrich die einheitlich schlanke Gesichtsform. In der flachen Mulde ihres rechten Nasenfl�gels ruhte ein metallenes Sternchen mit sechs Zacken. Es wirkte wie ein winziges, versilbertes Weihnachtsgeb�ck. Ihre Lippen hingegen hatten etwas Schwerm�tiges an sich, ohne aber gequ�lt herunterzuh�ngen. Es handelte sich um eine h�bsche Schwermut, wie ein Romantiker sie gemalt h�tte. Jetzt, w�hrend sie nachdachte, meinte ich einen Anflug von Falten auf ihrer Stirn zu sehen, nur die Schatten, gerade so, als w�ren es meine eigenen Falten, deren leichter� Wurf �sich dort, auf fremder Stirn, abzeichnete. Seitlich davon zogen sich Str�hnen von rotbraunem d�nnen Haar nach hinten, wo sie zu einem kurzen Zopf geb�ndelt waren. Es war kein sch�nes Haar, aber sch�nes Haar h�tte auch gest�rt. Entweder sch�nes Haar oder ein sch�nes Gesicht! Beides zusammen pflegte sich auszustechen, das hatte ich schon oft erlebt und bedauert. Bei meiner Verlobten war das so gewesen. Frau Dr. Senft hingegen hatte �hnlich d�nnes Haar gehabt, blond, gelbblond, man h�tte auch <emphasis>krank</emphasis>blond dazu sagen k�nnen, Haar, das immer ein wenig fettig gewirkt hatte. So auch bei Kerstin Heinsberg. Aber es war eben ihr Gesicht, welches ich mir einpr�gte, nicht ihr Haar, nicht ihre Frisur.</p><p>�Gut�, sagte sie,�ich schreibe Ihnen meine private Nummer auf. Dann k�nnen Sie mich anrufen, wenn Sie mir erz�hlen wollen, wie es Ihnen als Vater so geht.�</p><p>�Ein wenig Angst habe ich schon�, gestand ich.</p><p>�W�re ja noch sch�ner, h�tten Sie keine. M�nner ohne Angst geh�ren ins Gefrierfach, damit sie keinen Schaden in der Welt anrichten k�nnen.�</p><p>�Interessante Formulierung�, sagte ich und dachte mir, da� ich viele Jahre ein solcher angstfreier Mann gewesen war. Und es war ja auch gar nicht der Flugzeugabsturz gewesen, der mir die F�higkeit des Angsthabens beschert hatte, sondern meine Liebe zu Lana. Wer wirklich liebt, f�rchtet nat�rlich um diese Liebe. Das ist etwas anderes, als im Aktiengesch�ft Geld zu verlieren. Angst um die Liebe und Angst um die Kinder, das ist fundamental. Im Vergleich dazu besitzt selbst die Angst um den Job � die gerne gesch�rt wird gleich der Angst vor Bakterien � blo� die Kraft eines Schulterzuckens.</p><p>Stimmt, da gibt es noch die Angst vor dem Tod. Aber wer seine Liebe oder sein Kind verloren hat, wie k�nnte der noch Angst vor dem Tod haben?</p><p>Bei mir war es freilich so, kein Kind verloren, sondern soeben eines gewonnen zu haben. Und vielleicht sogar�� nein, von Liebe zu dieser Konsulatsangestellten mit silbernem Sternpiercing auf dem rechten Nasenfl�gel und der gest�rten Pigmentierung im linken Auge zu sprechen, w�re vermessen gewesen. Doch als sie sich zu mir hinstreckte, sich mit ihrer Hand an meiner Schulter sachte festhielt und mir ihre schwerm�tigen Lippen gegen die Wange dr�ckte � genau jene Dauer w�hlend, die nichts verspricht, aber auch nichts ausschlie�t � , da meinte ich einen Schauer zu empfangen, so einen winzig kleinen Meteoritenschauer.</p><p>Ich wei� schon, selbst diese kleinen Meteoriten k�nnen immensen Schaden anrichten. Aber wer wollte auch behaupten, Liebe sei frei von Schaden?</p><p>Zwei Tage sp�ter erhielt ich den Bescheid, Simon mit nach Stuttgart nehmen zu k�nnen, um mit der Probezeit zu beginnen, wobei mich eine Mitarbeiterin des dortigen Jugendamts unterst�tzen w�rde. Unterst�tzen und kontrollieren. Was mich nicht st�rte. Ich ging davon aus, da� nicht alle Jugend�mtlerinnen so waren wie die Matadorfrau aus M�nchen. Zudem war Kontrolle besser als das Gef�hl, allein gelassen zu werden. Im Cockpit eines Fliegers w�re es mir auch recht gewesen, wenn mir jemand kenntnisreich auf die Finger geschaut h�tte.</p><p>Wobei die Frage eben nicht nur darin bestand, ob es mir gelingen w�rde, einen Siebenj�hrigen, der die letzten Jahre im taiwanischen Zentralgebirge zugebracht hatte, davon abzuhalten, bei Rot �ber die Kreuzung zu laufen, sondern vor allem, ob mir ein Zustand gelingen w�rde, den die Beh�rde als� echtes Eltern-Kind-Verh�ltnis �definieren konnte. Und zwar mit einem Kind, das ja nicht nur <emphasis>ich</emphasis> nicht verstand, sondern auch sonst niemand.</p></section><section><title><p><emphasis>12</emphasis></p></title><p>Die Menschen sind Tiere.</p><p>Das ist hier aber nicht gemeint als Hinweis auf die oft besungene Bestialit�t des Homo sapiens, die ja nicht selten �ber das Tierische hinausweist, sehr viel verspielter anmutet, sehr viel weniger zweckgebunden ist: ein kunstvoll rabiates Verspieltsein. Der Begriff <emphasis>Kampfkunst</emphasis> trifft es ziemlich gut. Das gilt selbst noch f�r Tobsuchtsanf�lle.</p><p>Aber ich meine etwas anderes. Ich meine unsere Abh�ngigkeit davon, was wir als normal empfinden, als naturgegeben. Wie sehr uns die Abweichung schreckt oder irritiert oder w�tend macht und dabei unseren Instinkt beleidigt. Sobald die Norm durchbrochen wird, sind wir ganz Tier.</p><p>Mir war das fr�her nie so klar gewesen. Sehr wohl aber von dem Moment an, da ich f�r alle sichtbar mit diesem einen Kind zusammen war, es an meiner Hand f�hrte, in beh�tender Weise den Jungen an der Schulter fa�te, ihn zur Begr��ung in die Arme nahm, tr�stete, sorgsam war, mitunter streng, genervt, laut, dann wieder helfend.�� Bei alldem war offenkundig, da� Simon nicht zu mir pa�te. Simon mit seinem asiatischen Gesichtsbild, w�hrend ich selbst durch und durch ein� wei�er Mann �war. Was nun f�r alle, die uns wahrnahmen, ohne uns zu kennen � und wahrgenommen wurden wir weit mehr als andere � , einige M�glichkeiten er�ffnete. Eine Adoption war so denkbar wie der Umstand, da� ich hier in beruflicher oder ehrenamtlicher Weise ein Kind fremder Eltern betreute. Vor allem bot sich nat�rlich an, da� es sich bei meiner Frau, der Mutter dieses Jungen, um eine Chinesin handelte. Das mochte heutzutage nicht mehr als� Perversion �oder� Rassenschande �gelten, empfunden wurde es aber schon so. Der Blick der Menschen signalisierte ihre Verunsicherung, ihren Widerwillen. Alles, was au�erhalb der Ordnung steht, tut dies. Manche kochen daraus ihr ideologisches S�ppchen, die Rassisten wie auch jene, die den Tabubruch �berh�hen. Sosehr die Vermischung der Rassen ein genauso unumst��liches Faktum darstellt wie die Mobilit�t des neuzeitlichen Menschen, gilt dies gleicherma�en f�r das Unbehagen dar�ber. Jeder Blick, der mich und Simon traf, bewies mir das. Auch der freundliche Blick. Ja, der freundliche Blick ganz besonders, der Blick der liberalen Geister, die so was� ganz toll �finden, ein ungleiches Menschenpaar als Veredelung, blo� da� diese Leute im eigenen Falle dann doch lieber herk�mmliche Beziehungen pflegen und herk�mmliche Musterfamilien bilden.</p><p><image l:href="#4"/></p><p>Der zweite Punkt ergab sich nat�rlich aus Simons� Behinderung�. Welche nicht sofort erkennbar war. Er bewegte sich normal, gestikulierte in der gewohnten Form, sein Lachen war nicht breiter oder schriller als bei Gleichaltrigen, seine Verstimmungen nicht dunkler oder zerst�rerischer. Und wenn er einmal redete, dann f�hrte das Unverst�ndliche seiner Worte zun�chst zur Annahme, es entsprechend seiner Augenform mit einer exotischen Sprache zu tun zu haben. Nach und nach aber begriffen die Leute, was es damit auf sich hatte. Und begriffen auch die Unf�higkeit Simons, eine andere Sprache als jene zu erlernen, die er schon beherrschte und die allein ihm geh�rte.</p><p>Richtig, der Mensch unterscheidet sich von den Tieren nicht nur durch jene Kommunikationsform, die es ihm erm�glicht, in Talkshows aufzutreten, sondern nicht minder durch seinen Umgang mit denen, die behindert sind. Er, der zeitgen�ssische Mensch, l��t seine Gehandicapten und Eingeschr�nkten nicht einfach in der Steppe zur�ck, l��t sie weder erfrieren noch verhungern, er nimmt sie auf die Schultern, schafft Ger�te f�r ihre Fortbewegung, h�ngt sie an Schl�uche, f�ttert sie, erhebt einige von ihnen sogar in den Stand der F�hrungseliten�� Eigentlich kaum zu glauben, da� die Welt trotzdem immer schneller wird.</p><p>Und dennoch, die Behinderung bleibt verd�chtig. Und viel verd�chtiger als im Falle Simons ging es gar nicht mehr.</p><p>Gleich, was ich auch unternahm, und gleich, was die anderen unternahmen, Simon verharrte in seinem h�chstpers�nlichen Sprachschatz. Wobei er weder stur noch aufs�ssig wirkte. Was sein Verhalten aber erst recht als behindert erscheinen lie�. Behindert im Sinne einer niemals gewachsenen und auch in Zukunft nicht mehr wachsenden, also nachwachsenden Extremit�t. Er schien weder traumatisiert noch ein radikaler Rebell zu sein, sondern schlichtweg eingeschr�nkt.</p><p>Mein krankes, fremdes, anderes Kind!</p><p>Die Gutmeinenden erkl�rten mir dann immer:�Ihr Kind ist besonders.�</p><p>Oft lag mir auf der Zunge, so was zu sagen wie:�Hitler war auch besonders. �Aber klar, das tut man nicht, wie man ebensowenig die Hand dessen wegschl�gt, der einem zu helfen versucht.</p><p>Zugleich mu� gesagt sein, da� ein solches Kind auch eine enorme Freiheit bedeutet. Denn mit einemmal steht man au�erhalb der Anforderungen, die uns allen einen erheblichen Stre� bescheren. Vor allem, was die Bildung betrifft und ihren milit�rischen Arm, die Schule.</p><p>Obgleich ich selbst ein Sch�ler gewesen war, der gute und beste Noten abgeliefert hatte, obgleich versiert im Klassensprechertheater (der Trick, innerhalb der Diktatur demokratische Formen zu kultivieren, wie man an einer bestimmten, unwichtigen Stelle des Gartens Unkraut wachsen l��t), also ganz sicher kein Schulversager, im Gegenteil, erinnerte ich mich ungern an diese Einrichtung. Kein Ort in meinem Leben hatte mir derart den Eindruck verschafft, das Leben k�nnte eine Art von Vorh�lle sein und der Mensch also durchaus erleichtert, nach seinem Tode festzustellen, das Schlimmste bereits hinter sich zu haben. Es braucht �berhaupt nicht zu wundern, da� ausgerechnet an diesem Ort so viele Amokl�ufe geschehen.</p><p>Nun gut, Simon war siebeneinhalb, und er war in keiner Weise ansteckend. Ein Alien zwar, aber kein Au�erirdischer. Auch nicht an ein Bett oder sonstwas gefesselt. Er mu�te somit eine Schule besuchen, doch war in seinem Fall der� milit�rische Anteil �ein h�chst eingeschr�nkter. Simon war f�r den Krieg und f�r die Vorh�lle einfach nicht geeignet.</p><p>Dennoch, die Schule stand ihm zu. Etwas, was der Gesetzgeber als� Teilhabe auf unteilbares Recht �definiert. Es besteht eben auch ein Recht auf jene Dinge, die man gar nicht einfordert. Daneben war nicht ganz unwichtig, da� ich weder Million�r noch Privatp�dagoge war und weiterhin dem Beruf des Bademeisters nachging. Simons ganzt�gige Unterbringung in einer Schule f�r geistig Behinderte stellte eine Notwendigkeit dar.</p><p>Wie anders h�tte es funktionieren sollen? Da war nirgends eine Wolke, auf die ich mich zusammen mit ihm h�tte setzen k�nnen, um auf einen g�ttlichen �bersetzer zu warten.</p><p>Nein, die Schule war in diesem Fall ein Gl�ck. Und mein eigenes Gl�ck war, da� meine Leistung als Vater nicht daran gemessen wurde, wie rasch ich Simon die deutsche Sprache beibrachte, die beizubringen auch seine sonderp�dagogischen Betreuerinnen nicht in der Lage waren. Diese seine� Unf�higkeit �erwies sich bald als fundamental. Diesbez�glich war er unangreifbar. Man k�nnte sagen: unknackbar. Eine Bergianerin dr�ckte es so aus:�Ein Tresor, aber ein lieber Tresor.�</p><p>Bei einem Kind ohne Beine verlangt niemand, da� es sich irgendwann aufrichtet und auf nicht vorhandenen Gliedma�en heruml�uft. Bei Simon war es �hnlich. Allerdings gibt es f�r die Beinlosen Prothesen. Und an der Gestaltung einer Prothese f�r Simon � einer Art Sprachbr�cke � wurde nat�rlich durchaus gearbeitet. Von verschiedenen Seiten, von meiner, von Seiten der Lehrkr�fte und auch von der einer Therapeutin, zu der ich Simon zweimal in der Woche brachte. �brigens nun bereits als offizieller Adoptivvater, nachdem das Jugendamt das vorgeschriebene Eltern-Kind-Verh�ltnis festgestellt und das Familiengericht den besonderen Umstand, es hier mit einem alleinstehenden Antragsteller zu tun zu haben, in die auch insgesamt besonderen Umst�nde eingeordnet hatte. Die ganze Angelegenheit war ein Spezialfall. W�re ich hingegen sch�n brav verheiratet gewesen, es h�tte eigentlich kaum gepa�t. Nein, hier f�gte sich ein Sonderfall in den anderen, und das deutsche Recht � das ja nicht das schlechteste ist, wenn man es ernst nimmt � hatte daf�r eine komfortable Nische parat.</p><p>Daneben bestand ein Zutrauen des Kindes zu mir, das ich mir gar nicht erst hatte verdienen m�ssen. Es war einfach vorhanden gewesen, von dem Moment an, als ich Simon in einem Raum der M�nchner Taipeh-Vertretung die Hand gereicht hatte. Wobei mich niemals das Gef�hl verlie�, da� dieses� Gottvertrauen�, mit dem das Kind mich beschenkte, der Konsulatsangestellten Heinsberg zu verdanken war. Auf eine gewisse Weise hatte sie mich f�r Simon ausgesucht. Mitunter kam mir sogar der Gedanke, Heinsberg h�tte in einer irren Weise etwas damit zu tun, da� mir viele Jahre zuvor ein toter Pottwal in die Quere gekommen war, der aber auf eine bakterielle Weise doch noch lebendig gewesen war und mich praktisch mit einem allerletzten Akt in ausgerechnet dieses Tainaner Krankenhaus bef�rdert hatte.</p><p>Es gibt keine Zuf�lle. Den Glauben an den Zufall hat die Aufkl�rung geschaffen, um die wei�en Flecken auf der Landkarte des Lebens zu f�llen.</p><p>Klar, mit gescheiten Spr�chen allein war es nicht getan. Da war noch ein Alltag, von dem gerne gesagt wird, man m�sse ihn bew�ltigen. Da war die Zubereitung des Fr�hst�cks, da war der Beginn der Schule, meine Arbeitsstunden im Bad Berg, das Ende der Tagesbetreuung, die gemeinsamen Abende, die Gestaltung der Wochenenden, das Angeglotztwerden auf der Stra�e, die Frauen, die meinten, mir Ratschl�ge geben zu m�ssen, die Momente wiederum, da mir gute Ratschl�ge fehlten. Da waren meine lausigen Kochk�nste, Simons Aversion gegen die Badewanne, das Vorlesen vorm Einschlafen (richtig, ich las Geschichten vor, und er betrachtete die Bilder und vernahm den Klang meiner Stimme, lachte, manchmal an passenden Stellen, manchmal an unpassenden), da war auch das Kranksein hin und wieder, Simons Launen, meine Launen, verdreckte Klosch�sseln, verschwundene Socken, Zahnarztbesuche�� Wollte man den Alltag darstellen, er w�re ein von Ameisen geschaffenes Mosaik, un�bersichtlich, abstrakt anmutend und am konkretesten im Fehlen einzelner Socken.</p><p>Aber da war noch etwas.</p><p>Der H�rdenlauf!</p><p>Nat�rlich wies man mich darauf hin, es sei ein wenig fr�h, den Jungen f�r den H�rdenlauf begeistern zu wollen. Laufen allein sollte ja wohl reichen. Eine H�rde sei bedrohlich, ein Hindernis, gewisserma�en eine umgedrehte Grube: eine sichtbare Falle. Weshalb der Instinkt eigentlich gebiete, einen Bogen um den Balken zu machen, anstatt ihn �berwinden zu wollen.</p><p>Dennoch, ich war �berzeugt, da� es besser war, dieses� besondere Kind �auch recht bald in eine besondere Form athletischer Raumbew�ltigung einzuweisen. Vor allem dachte ich, zumindest anfangs, da� das Wort� H�rde �sich bestens eigne, mit der deutschen Sprache zu beginnen.</p><p>Ich wartete eine Weile, dann endlich fuhren wir mit der Stra�enbahn hoch zur Waldau, eine im Stadtbezirk Degerloch untergebrachte Anlage aus mehreren Sportst�tten, im schmalen Schatten jenes Stuttgarter Fernsehturms gelegen, der nicht nur als erster seiner Art gilt, sondern auch als der sch�nste: schlank und erhaben, ohne jene gewisse Bl�sse oder jenes massive Auftrumpfen, wie man es bei den meisten Kopien erlebt. Dieser Turm war vergleichbar all den Kinofilmen, die eine Reihe begr�ndet hatten, etwa <emphasis>Rocky, Alien, Transformers, Jaws,</emphasis> und bei denen sich die meisten Zuschauer immer wieder nach dem Original sehnen.�� Da hatten es die Stuttgarter gut, da sie von vielen Punkten der Stadt aus auf diesen hochgelegenen Urturm sehen und dar�ber so manches verdr�ngen konnten, was in ihrer Stadt geschah und geschehen war. So wie man zu einem Kruzifix hochschaut und ob der W�rde des Gekreuzigten das Elend einer ganzen Kirche vergi�t.</p><p>Ich war Mitglied bei den Stuttgarter Kickers geworden, eigentlich ein Fu�ballverein, der mich nicht interessierte, mir aber die M�glichkeit bot, auf der Laufbahn, die einen der Rasenpl�tze gleich einem anschmiegsamen Saturnring umgab, zu gewissen festgelegten Zeiten meine H�rden aufzustellen und mein eigenes trainerloses Training zu absolvieren. Immerhin hatte ich fr�her zur Elite der deutschen H�rdensprinter gez�hlt. Das lag freilich lange zur�ck, und ich galt am neuen Ort als der� springende Bademeister�, auch wenn� fliegender Bademeister �korrekter gewesen w�re, was dann aber doch zu falschen Assoziationen gef�hrt h�tte. Jedenfalls hatte ich dort meine Bahn und meine Ruhe.�Und nun eben auch die M�glichkeit, Simon zu unterrichten.</p><p>Es war jetzt sp�t im Sommer und sp�t am Tag, und das Orangerot der untergehenden Sonne lie� die Tartanbahn besonders sch�n gl�hen. Es war ausgesprochen warm, und Simon stand mit kurzer Hose und kurzem Leibchen und Sportschuhen am Rand der Bahn. Sein Anblick verursachte mir einen Stich in der Brust, dieses Haut-und-Knochen-Kind mit der Ausstrahlung einer Gliederpuppe, an der die Kleidung geisterhaft wehte. Da n�tzte auch nicht zu wissen, wie viele Pizzast�cke dieses Kind verdr�cken konnte und auch verdr�ckte. Au�erdem h�tte man nat�rlich argumentieren k�nnen, da� sein��thiopischer �K�rper sich doch bestens f�r den Laufsport eigne. Allerdings eher f�r die Langstrecke als den raschen Lauf �ber Hindernisse. Etwas muskul�ser durfte der Junge also schon noch werden.</p><p>Ich stellte die vier mitgebrachten �bungsh�rden in gleichm��igen Abst�nden auf und zog die Balken auf die niedrigste H�he herunter. Bei alldem schilderte ich genau, was ich tat und wozu. Ich hatte mir das angew�hnt, mit Simon zu reden, ja, ich redete mehr als� normale �Eltern, kommentierte beinahe einen jeden Handgriff, schaute dabei Simon an und hoffte auf ein Zeichen, da� er mich verstanden hatte. �berzeugt, er sei in der Lage, das Wort� H�rde �nachzusprechen. Was er aber nicht tat, kein bi�chen.</p><p>Hielt ich ihn f�r einen Simulanten?</p><p>Manchmal ja, manchmal nein. Mitunter kam mir vor, die Matadordame aus M�nchen h�tte recht gehabt, und Simon versuche, sich auf diese Weise zu sch�tzen. Ein bi�chen wie die Leute, die lieber Verr�ckte spielen, als in den Krieg zu m�ssen. Oder Frauen, die sich h��lich machen, um nicht angequatscht zu werden.</p><p>Es war ein Geheimnis um dieses Kind, das tiefer f�hrte als die Aussage, es sei behindert oder besonders.</p><p>Ich war mir unsicher, ob Simon mir zuh�rte. Ob er irgend etwas begriff von dem, was ich sagte. Oder mir vielmehr freundlich zusah, wie ich meine Lippen bewegte. Und im �brigen einfach gewisse Regeln befolgte, etwa die, da� ein hingelegter Pyjama bedeutete, es sei Schlafenszeit. W�hrend die Erw�hnung der konkreten Uhrzeit unerheblich blieb.</p><p>In gewissen Abst�nden geriet er selbst in einen Redeflu�. Manchmal, als spreche er mit dem Salzstreuer auf dem Tisch, dann wieder direkt an mich gerichtet. Bisweilen, wenn ich m�de war, heuchelte ich Aufmerksamkeit, oft aber war ich konzentriert und darum bem�ht, seinen unverst�ndlichen Worten und Lauten zu folgen. In der Hoffnung, Wiederholungen zu bemerken, die dann also ein System nahegelegt h�tten. Hin und wieder meinte ich, einen Ausdruck wiederzuerkennen. In etwa.</p><p>Es war, als versuchte ich einen Hund oder eine Katze zu verstehen. Und bei denen sind wir ja auch nicht sicher, ob die jetzt intelligente Wesen sind oder doch nur simple K�rper auf vier Beinen.</p><p>Als ich die Aufstellung der H�rden beendet hatte, nahm ich Simon an der Hand, zog ihn sachte auf die Laufbahn und begann zu traben. Er trabte mit. Ich sagte:�Jetzt w�rmen wir uns mal auf.�</p><p>�Ich bin schon warm genug.�</p><p>Nicht, da� er das wirklich von sich gegeben hatte. Vielmehr hatte ich gedacht, das sei genau die Antwort, wie ich sie von einem Jungen seines Alters erwartete.</p><p>Es war aber etwas anderes, was er, nachdem wir in die Gegengerade eingebogen waren, laut ausrief. Etwas wie <emphasis>Chaanda-sa-hrck!</emphasis></p><p>Dabei war er abrupt stehengeblieben und wies jetzt mit dem Arm nach rechts, immer wieder dieses eine Wort aus einem Gewimmel anderer Begriffe und Laute herausrufend. Endlich war eine Wiederholung unverkennbar. Man kann sagen, Simon hatte zwar das Wort� H�rde �nicht gelernt, aber <emphasis>ich</emphasis> den Ausruf� Chaanda-sa-hrck!�Und brauchte jetzt nur noch zu begreifen, was das zu bedeuten hatte.</p><p>Ich blickte in die Richtung, in die Simon zeigte. Beziehungsweise auf die Konstruktion, welche jenseits des Zauns, der den Sportplatz abgrenzte, aufragte: ein Felsen. Ein m�chtiger Felsen. Zudem ein k�nstlicher. Und auf diesem m�chtigen, k�nstlichen Felsen viele bunte Elemente, als h�tte der Felsen einen lustigen Hautausschlag. Wie Kinder ihn gestalten w�rden, k�nnten sie wenigstens das Aussehen von allergischen Reaktionen bestimmen.</p><p>Jedenfalls handelte es sich um einen Kletterfelsen, an dem eine Vielzahl von Personen sich daran versuchte, die W�nde hochsteigend oder sich an den gesicherten Seilen herunterlassend.</p><p>Nat�rlich sah ich diesen farblich gepunkteten Kegel nicht zum ersten Mal, auch wenn ich mein Training eher in die Gegenrichtung absolvierte. Abgesehen davon, da� ich beim H�rdenlauf immer nur die H�rden wahrnahm und sicher nicht die sie umgebende Landschaft. Aber sp�testens beim Zur�cktraben��</p><p>Ich hatte einen Grund, diese markante Erh�hung unbeachtet zu lassen. Mein Verh�ltnis zu Bergen und erst recht zu deren Besteigung war ein gest�rtes. Freilich nicht aus eigener Anschauung. Ich war niemals auf Felsen geklettert, gleich ob echt oder k�nstlich. Die H�he war mir seit jeher ein Greuel, wobei es einen Unterschied machte, aus einem Flugzeug Tausende Meter hinunterzuschauen oder Hunderte von einem Berg senkrecht ins Tal. Oder auch nur zehn Meter. Meine Schwester hingegen��</p></section><section><title><p><emphasis>13</emphasis></p></title><p>Richtig, �ber meine Schwester ist hier noch kein einziges Wort gefallen. Aber wie oft geschieht es �berhaupt, da� die Leute von ihren Geschwistern reden? Von ihren Hunden, das schon, ihren Kindern, ihren Eltern, geliebt oder ungeliebt, ihren Feinden und Freunden, aber kaum ein Erwachsener erw�hnt seine Geschwister. Wenn, dann wird wie �ber eine Nebensache gesprochen. Geschwister sind die Leute, die man zu Weihnachten trifft. Und wie oft ist Weihnachten?</p><p>Stimmt schon, <emphasis>so</emphasis> mu� es nicht sein, aber meistens eben schon. Zudem war es in meinem Fall noch weit schwieriger. Ich sah meine Schwester, ich sah Astri, auch Weihnachten nicht mehr. Seit �ber einem Jahrzehnt lag sie auf einem K�lner Friedhof. Im Sp�tsommer 2002, eineinhalb Jahre bevor ich meinen eigenen Unfall hatte und in einer defekten Boeing ins Ostchinesische Meer gest�rzt war, war meine Schwester in den Tiroler Bergen ums Leben gekommen.</p><p>Sie verungl�ckte, als ein Blitz in den Felsen einschlug und sie hinauskatapultierte. Sie war an die hundert Meter gefallen, ohne auch nur einmal die Steilwand zu streifen, und schlie�lich auf dem Felssockel aufgeprallt. Als die Bergrettung sie einen Tag sp�ter barg, hatte eine Haube von Schnee ihren K�rper bedeckt. Wie ein Sarkophag, hatte einer der M�nner gemeint. Und tats�chlich dachte ich oft, wieviel besser es gewesen w�re, sie nahe dem Berg zu begraben, als sie hinunter ins Tal zu bringen, hinaus aus �sterreich, hinein nach Deutschland, hin�ber auf den K�lner Friedhof, wo weit und breit kein Berg war, blo� viele geb�ndigte Steine.</p><p>�brigens war es Ende September gewesen und das Unwetter vollkommen �berraschend gekommen, w�hrend es in meinem Fall durchaus angek�ndigt gewesen war. Aber in beiden F�llen hatte ein Gewitter seine dramatische Wirkung getan.</p><p>War das alles, was uns verband?</p><p>Jedenfalls nicht die Liebe der Eltern. Es war allein Astri gewesen, die diese Liebe auf sich gezogen hatte. Die des Vaters noch st�rker als jene der Mutter. Zwei Jahre nach mir geboren, waren sich diesmal beide Elternteile �ber die Namensgebung einig gewesen. Sie w�hlten eine der finnischen Formen von Astrid: Astri. Denn unter den Ahnen beider Familien hatte es sowohl eine Astrid wie auch eine Astri gegeben, die beide �ber hundert Jahre alt geworden waren. Somit sollte die Wahl dieses Vornamens als ein gutes Omen wirken.</p><p>Sp�ter klagte meine Mutter, wie wahnsinnig es gewesen sei, das Schicksal auf diese Weise herauszufordern. Sie erkannte darin allen Ernstes eine Schuld. Sie sagte:�Als h�tten wir ein Todesurteil unterschrieben.�</p><p>Astri wurde blo� zweiundzwanzig. Das ist, wie man so sagt, kein Alter zum Sterben. Wobei sie immerhin an jenem Ort umkam, der ihr der liebste gewesen war. Das war auch immer ihre Rede gewesen, lieber jung sterben zu wollen, daf�r beim Klettern, als im Krankenhausbett oder sonstwie bewegungsunf�hig ein hohes Alter zu erreichen. Oder auch nur Mutter zu werden und gleich der eigenen Mutter in die F�nge eines Haushalts zu geraten.</p><p>Klar, es gibt auch eine Mitte. Es gibt auch die M�glichkeit, Mutter zu werden und dennoch weiter in die Berge zu gehen. Aber f�r Astri war dort, in der Mitte, kein Platz gewesen.</p><p>Bezeichnenderweise hatte sie sich als ihre pers�nliche� Heiligenfigur �den �sterreichischen Arzt und Bergsteiger Emil Zsigmondy ausgesucht, der 1861 geboren wurde und ebenfalls sehr jung, n�mlich vierundzwanzigj�hrig, in den franz�sischen Alpen abgest�rzt war. Vor allem aber f�llt auf, da� Zsigmondy 1881 als erster die S�dflanke jenes Berg begangen hatte, an dessen Nordkante Astri 2002 ums Leben gekommen war.</p><p>Ich hatte derartige Leidenschaften nie begriffen, sich an <emphasis>unmenschliche</emphasis> Orte zu begeben, tief ins Meer, hoch in die L�fte, in dunkle H�hlen, eisige Weiten. Worin besteht denn das Vergn�gen, sich die Zehen abzufrieren? Klar, es geht um �berwindung, um die Beherrschung des eigenen K�rpers, gerade dort, wo er nichts verloren hat. Weshalb man ja diesen K�rper auf die Bedingungen zuschneidet. Astri hatte eine ungew�hnliche Kombination aus geringem Gewicht und ausgepr�gten Muskeln entwickelt. Eine Kreuzung aus Eiskunstl�uferin und Bodybuilderin. Wenn sie hundert Liegest�tze machte, dann mit einer Leichtigkeit, als h�nge sie an dienstbaren F�den.</p><p>Bei rascher Betrachtung mag es eigent�mlich wirken, wie wenig uns der Umstand verband, da� ich ein H�rdensportler wurde und sie eine Kletterin. Kein Interesse am anderen, keine Konkurrenz, keine Bewunderung. Was ich tat, war eben blo� ein Sport, Astri hingegen praktizierte eine Religion. Sie kletterte gewisserma�en <emphasis>mit</emphasis> Gott <emphasis>gegen</emphasis> Gott, w�hrend ich selbst maximal gegen Gegner oder die Zeit lief. Zudem war in meinem Fall stets klar, da� ich, bei aller Liebe zu den H�rden, ihnen nicht mein ganzes Leben widmen w�rde. Astri hingegen war eine Nonne. Sie hatte ihren K�rper und ihr Leben etwas H�herem versprochen. Klar, sie ging auch mal mit Jungs weg, ging mal ins Kino oder in die Disco, aber das war eher den Stunden geschuldet, die sie im Tal � K�ln war einfach� das Tal�� verbringen mu�te, um die Schule zu besuchen, sp�ter die Universit�t (sicher h�tte sie lieber in Innsbruck studiert, aber das war nicht drin). Doch selbst im Tal befand sie sich die meiste Zeit in der Senkrechten oder mit dem R�cken zur Erde, einerseits in einer Kletterhalle, andererseits in einem Raum, den sie sich auf dem Dachboden der Gro�eltern selbst eingerichtet hatte. Ein Raum als �berhang, ein h�chstpers�nlicher k�nstlicher Felsen, auf dem sie wie auf der Unterseite eines Netzes lebte. Die Nonne als Spinne.</p><p>Mir war immer klar gewesen, da� Astri in den Bergen sterben w�rde. Nur geschah es viel zu fr�h. Wobei die meisten Bergsteiger gerade f�rchten, es k�nnte zu sp�t geschehen, es k�nne sie erst ereilen, wenn sie au�erstande sind, die Felsen und H�nge aufzusuchen.</p><p>Als Astri gestorben war, hatten meine Eltern aufgeh�rt, sich als Eltern zu f�hlen. Der Elternteil in ihnen war genauso erloschen wie ihr Kind. Sie hatten nur noch in einem b�rokratischen Sinn weitergelebt, ihre Pflicht erf�llend: der Vater in der Fabrik bei seinen Kartonagen, der nun auch seine fr�here Leidenschaft f�r die Malerei und die Literatur (seinen Thomas-Bernhard-Glauben) aufgab, die Mutter als Hausfrau und Privatfriseuse, ohne echte Liebe zum Haushalt und ohne echte Liebe zu den Frisuren (im Grunde war sie am ehesten dem Staub verbunden, gegen dessen Unsterblichkeit sie aufbegehrte), auch ohne echte Liebe f�r den kleinen Garten am Stadtrand, den sie nur noch so betreute, wie man jemanden an ein paar Schl�uche h�ngt und seine Windeln wechselt. Aber niemals seine Wangen ber�hrt oder mit ihm redet.</p><p>Sie taten, als h�tten sie ihr einziges Kind verloren.</p><p>Zwischen ihnen und mir hatte nie eine Beziehung bestanden, die dieses Wort verdient h�tte. Zu keiner Zeit. Ich war als Kind auch nur ein� Garten vor dem Haus �gewesen, den man an Schl�uche h�ngt und dem man die Windeln wechselt. Keine Frage, ich war niemals vernachl�ssigt worden, in einem k�rperlichen Sinn. Ich war immer ordentlich gegossen worden. Meine Geschenke waren nicht kleiner gewesen, meine Kleidung nicht billiger. Aber ich hatte stets die K�lte empfunden, mit der Vater wie Mutter mich behandelten, ganz gleich, wie gut die Noten waren, die ich nach Hause brachte. Gleich, wie bem�ht die Zeichnungen waren, die ich zu ihren Geburtstagen anfertigte. Wenn man sich freilich diese Zeichnungen ansah, erkannte man in ihnen die gleiche K�lte: sehr sauber, sehr brav, sehr gleichg�ltig.</p><p>Ich hatte nie etwas anderes f�r die beiden empfunden als jenes dumpfe Gef�hl, etwas w�rde nicht stimmen. Durchaus in der Art, wie Kinder �berlegen, bei der Geburt vertauscht worden zu sein. Und da� darum die Fremdheit zwischen ihnen und ihren Eltern � und in der Folge die Abneigung � eine im Grunde nat�rliche ist.</p><p>Ganz anders bei Astri. Sie hatte mit den Eltern eine Einheit gebildet, eine Dreiheit, auch und gerade mittels der st�ndigen Abenteuereien, der Mutproben und Wagnisse, die sie von klein an gepflegt hatte. Sie war nie ein braves Kind gewesen. Der experimentelle Typ. Aber nicht asozial. Keine, die Katzen von Br�cken warf. Eher sprang sie selbst von Br�cken, um zu sehen, was passierte. Die Mutter war viel in Sorge um ihre Tochter gewesen, der Vater oft nachgiebig, zudem stolz. Selbst ein begeisterter Kletterer � gleichwohl kein� Genie am Berg��, hatte er gro�e Genugtuung empfunden, als die erst Achtj�hrige ihn �berfl�gelte. Und eben nicht nur ihn. Er sagte einmal:�Astri klettert, als sei das der Lebensraum, f�r den sie eigentlich geboren wurde.�</p><p>Das stimmte. Auf ebener Erde hingegen wirkte ihr Gang unsicher. Unsicher und ungl�cklich.</p><p>Als ich meinen ersten wirklich gut dotierten Vertrag erhielt und in der nagelneuen Limousine und im ma�geschneiderten Anzug vorfuhr, erkannte ich den abf�lligen Blick meines Vaters. F�r meine Mutter war es okay, weil meine finanzielle Absicherung sie beruhigte. Anders gesagt: Es war ihr lieber, ihr Sohn war Manager, als Junkie oder Hungerk�nstler. Bei Vater aber war das anders. Nicht, da� er Junkies mochte, aber f�r ihn waren das die harmloseren Kriminellen.</p><p>Sein abf�lliger Blick w�rde ewig auf mir kleben bleiben. So wie auf Astri sein liebevoll stolzer. Gleich, wie lange ich lebte, und gleich, wie lange sie schon tot war.</p><p>Astri war �brigens nicht nur eine Meisterin im Klettern, sondern auch im Fallen. Zwei St�rze vom Motorrad �berstand sie ohne Kratzer, wie auch St�rze aus der Wand und beim Skifahren. Sie war sogar einer Lawine entgangen. Nur gegen diesen einen Blitz hatte sie nichts ausrichten k�nnen.</p><p>Ich stellte mir immer wieder vor, wie zornig meine Eltern die Vorstellung machen mu�te, da� im Zuge des einen Unwetters, der einen elektrischen Entladung, das eine geliebte Kind gestorben war, w�hrend das andere unter den Umst�nden einer ebensolchen Naturgewalt �berlebt hatte. Das falsche Kind.</p><p>Solche Dinge spricht man nicht aus, nat�rlich. Gedacht werden sie dennoch.</p><p>Wobei ich Astri nie beneidet hatte, nie auf sie eifers�chtig gewesen war.</p><p>Fragt sich allerdings, wie ich mein Bed�rfnis nach Liebe ges�ttigt hatte. Denn ein solches besteht ja in der Regel. Ich war schlie�lich nicht als kleiner Roboter auf die Welt gekommen.�� In der Tat war da jemand gewesen, dem ich in den Jahren meiner Kindheit mit Zuneigung begegnet war, so wie er mir. Ein Nachbar, der im letzten Stock wohnte und von dessen Wohnung aus K�ln aussah, als w�rde es nur aus den Dachkammern armer Poeten bestehen. Ein Spitzweg-K�ln. Wie auch der Bewohner dieser aussichtsreichen Wohnung ein Spitzweg-Mann gewesen war: �ltlich, mit Brille, sehr hager, sehr lang. Ein warmherziger Mensch, zudem vornehm und w�rdevoll, auf eine leicht komische, aber nicht peinliche Weise. Peinlich waren die Leute im Fernsehen, nicht dieser Mann. Weil ich mir aber seinen richtigen Namen nicht merken konnte, polnisch oder russisch oder so, und weil mir sein Gesicht ob der Entfernung immer so klein erschien und ich zudem von einigen Indianergeschichten inspiriert war, nannte ich ihn bei mir <emphasis>Little Face</emphasis>.</p><p>Bei ihm f�hlte ich mich wohl. Mehr als bei den K�lner Gro�eltern, die sich zwar nicht ganz so lieblos wie meine Eltern verhielten, sich aber vor allem dadurch auszeichneten, keine Zeit zu haben. Selbst meine Eltern schienen im Vergleich dazu unterbesch�ftigt.</p><p>Meine Gro�eltern waren Leute von der Sorte, die immer nur Hilfe zur Selbsthilfe betrieben. Die also einem Ertrinkenden weder die Hand reichten noch zu ihm ins Wasser sprangen, sondern dem armen Kerl im raschen Vorbeigehen zuriefen:�Schwimmen Sie!�In ihren besten Momenten machten sie noch schnell Vorschl�ge �ber die geeignete Art, sich �ber Wasser zu halten.</p><p>Ganz anders Little Face. Er hatte immer Zeit, und er war immer zu Hause. Wenn ich bei ihm anl�utete, �ffnete er und bat mich mit einer gro�z�gigen Geste einzutreten. Er war wohl das, was man� alte Schule �nennt. In seiner mit B�chern und Bildern, mit Pr�paraten und St��en von Zeitschriften vollger�umten Wohnung, in der selbst die Bildschirme zweier Computer aussahen, als stammten sie aus dem neunzehnten Jahrhundert, herrschte stets ein Zwielicht. Und stets �berfiel mich eine angenehme M�digkeit, wenn ich in einen der tiefen Polstersessel glitt und Little Face begann, mir zu erz�hlen, womit er gerade besch�ftigt war. Wobei er, glaube ich, �berhaupt keine R�cksicht auf mein Alter nahm. Er sprach mit mir, als w�re ich ein Erwachsener. Und zwar ein gebildeter. Was dazu f�hrte, da� ich nur wenig von dem verstand, was er mir darlegte. Aber es klang einfach gut: geheimnisvoll und wesentlich. Als w�ren dagegen die Dinge, die zwei Stockwerke darunter meine Eltern und den Rest der Menschheit besch�ftigten, v�llig unwichtig. Als w�rde alles Fundamentale allein im Kopf dieses Mannes kreisen, Mikrokosmos und Makrokosmos, die sichtbaren Gew�nder des Normalen und die unsichtbaren des Paranormalen.</p><p>Als ich einmal fragte, was denn eigentlich sein Beruf sei, sagte er:�Allesforscher.�</p><p>�Was ist das?�</p><p>�Wonach klingt es?�fragte er zur�ck.</p><p>�Hm, also entweder erforschen Sie etwas, da� das <emphasis>Alles</emphasis> ist, oder Sie erforschen <emphasis>alles</emphasis>.�</p><p>Er l�chelte mich an. Aus der Ferne seines Gesichts fiel dieses L�cheln wie ein Segen auf mich herunter. Offensichtlich gefiel ihm meine Antwort. Aber er lie� sie unkommentiert. Und ich kann sagen, da� es mir noch einiges Kopfzerbrechen bereitete, mir eine Sache vorzustellen, die man als das <emphasis>Alles</emphasis> bezeichnen konnte. W�hrend nat�rlich viel einfacher war, sich schlichterdings einen Universalgelehrten zu denken, f�r den kein Wissensgebiet unwichtiger war als ein anderes und der mit dem gleichen Interesse ein Mickymaus Heft studierte wie eins dieser B�cher, die man als� schwer �bezeichnete, damit aber nicht ihr Gewicht meinte.</p><p>S�mtliche Dinge zu erforschen war sicher anstrengend genug, aber wie kompliziert mu�te es erst sein, etwas zu entdecken, in dem sich alles zu einem Alles vereinte. (Viele Jahre sp�ter stie� ich auf den Begriff der� Weltformel�. Ich stellte mir gerne vor, da� das, woran Little Face geforscht hatte, etwas �hnliches gewesen war. Und ich stellte mir mindestens so gerne vor, da� es ihm gelungen war zu entdecken, wonach er so lange gesucht hatte.)</p><p>Meine Eltern freilich meinten, der Mann sei einfach ein Spinner. Wobei sie ihn aber wohl f�r harmlos hielten. H�tten sie denn ansonsten erlaubt, da� ich ihn besuchte? (Ich will jetzt nicht so weit gehen zu sagen, es w�re ihnen gleichg�ltig gewesen, ob der Mann, bei dem ihr Erstgeborener seine Zeit zubrachte, gef�hrlich war oder nicht.)</p><p>Ich begegnete Little Face das erste Mal, als ich sechs war und er mir im Innenhof unseres Hauses half, meinen Papierflieger so weit zu korrigieren, da� dieser auch flog. Und wie der flog! Kein Wunder, da� ich diesen Mann sogleich mochte.</p><p>Das letzte Mal, als ich ihn sah, war ich dreizehn. Er hatte auf mein L�uten hin die T�r nicht ge�ffnet. Was noch nie vorgekommen war. Allerdings wu�te ich um einen Entl�ftungsschacht, der seine fensterlose K�che mit einer kleinen Terrasse verband, die vom Stiegenhaus aus zug�nglich war, dort, wo fr�her die Mieter ihre Teppiche ausgeklopft hatten. Die T�r zur Terrasse war entgegen der Vorschrift meist offen. Auch diesmal. Ich kletterte in den Schacht und robbte voran. Was keine Premiere war. In all den Jahren hatte sich Little Face immer wieder mal ausgesperrt und mich dann um Hilfe gebeten. Und in all den Jahren hatte ich ganz gut durch die enge R�hre gepa�t. Wobei das eigentlich der geeignete Job f�r meine Schwester gewesen w�re, doch sie hatte mit Little Face nie etwas zu tun gehabt. Little Face war einzig und allein <emphasis>mein</emphasis> Allesforscher gewesen.</p><p>So gelangte ich also in die K�che und von der K�che in den Wohnraum. Dort sah ich Little Face auf dem breiten Sofa. Den Mund leicht ge�ffnet. Seine Haut ein graues Tuch. Die rechte Hand war gegen die seitliche Lehne gest�tzt, die andere ruhte auf den Knien. Es sah aus, als h�tte er versucht, im Moment des Todes das Gleichgewicht zu halten, sich bem�ht, nicht umzukippen oder gar auf den Boden zu fallen. Er war im Sitzen gestorben. Ein Herr!</p><p>Ich ging ganz nahe an ihn heran, hielt mein Ohr an seinen Mund. Aber da war kein Atemwind, nur ein Geruch. Kein schlimmer Geruch, nichts Verschimmeltes, nur etwas Verwelktes. Gut, er war wohl noch nicht lange tot.</p><p>Ich zitterte. Aber nicht, weil ich mich f�rchtete oder geschockt war von dem Anblick. Der Tod machte mir keine Angst. Um so mehr, als ich von der Existenz eines Jenseits genauso �berzeugt war wie davon, da� Little Face dort dr�ben unvermittelt seine Allesforschung fortsetzen w�rde. Nein, ich zitterte, weil ich nun allein war. Der einzige Mensch, bei dem ich mich geborgen gef�hlt hatte, war gegangen. Und mit ihm w�rde sowohl die M�glichkeit enden, von diesen Zimmern aus das poetische D�chermeer von K�ln zu betrachten als auch eine Ahnung vom� Alles �zu erhalten.</p><p>Tats�chlich wurde die Wohnung des alten Mannes alsbald vollkommen ausgeweidet, ein weiteres Gescho� oben aufgesetzt und das Ganze in eine todschicke Wohnmaschine verwandelt, in die sodann ein Anwalt samt seiner Kanzlei einzog. Gar keine Frage, dies war der Ursprung meines umfassenden Hasses gegen Advokaten.</p><p>Erstaunlich ist sicher, da� der wissenschaftliche Samen, den Little Face in mich gepflanzt hatte, so wenig fruchtete. Vielleicht auch, weil die Keimungsbedingungen nach seinem Fortgang recht ung�nstig waren. Mit meinen dreizehn Jahren geriet ich in das Fahrwasser der Normalit�t. Der Anpassung. Das bi�chen Ungepflegtsein, das bi�chen laute Musik, das bi�chen Verachtung f�r die Welt erschienen blo� wie eine Krankheit, die ich herausschwitzte. Aus dem Puppenstadium meiner Pubert�t und Adoleszenz entlassen, war ich der perfekte Gesch�ftsmann, ein rasierter, gescheitelter, schlanker, flotter Anzugtr�ger. Ein Tr�ger randloser Brillen und stets schwarz gl�nzender Schuhe: eine zum Businessman verwandelte Lackdose.</p><p>Anders Astri. Nicht, da� sie eine Revoluzzerin wurde. Dazu h�tte die Welt sie k�mmern m�ssen. Was nicht der Fall war. Ich h�rte sie nie vom Klima sprechen oder �ber tote Delphine jammern. Sie redete auch sp�ter � wenn wir uns bei den Familienfesten trafen � nicht �ber die Arbeitsbedingungen in S�dostasien, dort, wo ich mein Geld machte. Etwas, was mein Vater mit Vorliebe tat. Er schien sich extra zu erkundigen, wu�te exakt die H�he der Hungerl�hne, wie viele Arbeiterinnen j�hrlich umkamen oder aus Schw�che in Ohnmacht fielen, redete �ber Kindersterblichkeit, Prostitution��</p><p>Oft war es Astri, die ihn bat, damit aufzuh�ren.</p><p>Dennoch fand ich Astris Kletterei einfach bl�de. Sich einer Gefahr auszusetzen. In der Halle war es okay, aber am freien Berg � bedroht von der Eigenwilligkeit des Wetters � ein Wagnis ohne Zweck.</p><p>Und dann, 2002, fiel sie. Man k�nnte sagen: Sie fiel in die Arme jenes Gottes, gegen den sie um die Wette geklettert war.</p><p>Woraufhin also meine Eltern ihr Elternleben beendeten, w�hrend ich selbst bei Weyland Europe eine neue Familie gefunden hatte. Denn genau das stellen die gro�en Unternehmen, die Konzerne, die Gesellschaften dar: Familien. Was ja auch der Grund daf�r ist, da� der Begriff der Loyalit�t eine solch wichtige Rolle spielt. Die Verbundenheit mit den Ideen und Zielen des Unternehmens. Die Bereitschaft, absolut alles mitzutragen, was das� Familienverm�gen �erh�ht. Familien wollen immer, da� es ihren Mitgliedern gutgeht. Dazu scheint unweigerlich zu geh�ren, da� es anderen Familien schlechtgeht.</p><p>Aber Weyland war vorbei. Ich war jetzt mein eigenes Familienunternehmen. Und mein einziger� Mitarbeiter �war Simon. So wie ich der seine.</p></section><section><title><p><emphasis>14</emphasis></p></title><p>�Komm jetzt�, sagte ich und zeigte hin�ber zu den H�rden. Doch Simon h�rte nicht auf, mich auf den Kletterberg aufmerksam zu machen. Ich versuchte ihm zu verstehen zu geben, da� ich diese Konstruktion sehr wohl beachtet h�tte, es damit aber auch genug sei. Aber es war nicht genug. Ich erkannte die Verzweiflung in Simons Gesicht. Den Schatten. Den Zorn. Die Tr�ne, die �ber seine Wange glitt.</p><p>Ich sagte� Okay!�und nickte. Ohne noch genau zu wissen, worin mein Zugest�ndnis bestehen w�rde. Aber Simon l�chelte. Entweder weil er das Wort verstand oder den Klang des Wortes oder einfach das Nicken richtig interpretierte. Jedenfalls wischte er sich die Tr�ne aus dem Gesicht und folgte mir hin�ber zu den H�rden, die ich wieder einsammelte. Er half mir dabei. Er war jetzt ganz willig, ganz fr�hlich, als ersparte ich ihm, Kr�tenfleisch zu essen. Um statt dessen eine Torte zu servieren. Ja, die Torte war in seinem Fall der Klettergarten, zu dem wir uns nun hin�berbewegten. Allerdings war es n�tig, au�en herumzugehen, um auf den Vordereingang des Kletterzentrums zu sto�en. Einen Moment geriet Simon in Panik, weil er dachte, wir w�rden uns vom Ziel wegbewegen. Er atmete schwer und laut. Seinerseits ein kleiner Berg, zumindest, wenn man sich atmende Berge vorstellen konnte. Und ich mu� sagen, da� ich mir seit meinem Erlebnis mit einem explodierenden Wal einiges vorstellen konnte.</p><p>Ich fa�te Simon an den Schultern und schaute ihm in die Augen. Mein Blick war ein kleiner Klebestreifen, der ein Versprechen festhielt. Simon sah den Streifen und das Versprechen. Und glaubte es. Sein bergiger Atem kam zur Ruhe. Ich nahm ihn an der Hand, und wir folgten dem Weg, der nach einer Rechtskurve auf den Geb�udeeingang zuf�hrte: <emphasis>Kletterzentrum Stuttgart</emphasis>. �brigens eine Einrichtung des Deutschen Alpenvereins.�� Ich kann mir nicht helfen, aber bei diesem Begriff kommt mir immer in den Sinn, das sei ein Naziverein. Und wie sehr �berhaupt in dieser ganzen Kletterei ein stark nationalistischer Zug steckt: ein Heimatwahn und ein Rassenwahn. Bezeichnenderweise war dieser Verein nicht erst in dem Moment antisemitisch geworden, als so gut wie alle den Antisemitismus in sich entdeckten, sondern schon lange zuvor, bereits um die Jahrhundertwende. Und ich vermute, da� diese Wurzel weiterwirkt, weil das Wurzeln so tun. Und da� auf eine heimliche Weise der ganze alpine Tourismus, das ganze H�ttenwesen diesen Samen in sich tr�gt. Klar, heutzutage ist man international gesinnt, schon wegen der Sportkleidung, und nat�rlich will keiner Skinheads in den Bergen und auf den H�tten haben. Niemand will Skinheads haben.</p><p>Meine G�te, ich will nicht sagen, ich h�tte mich je ernsthaft mit diesem Thema besch�ftigt, Faschismus und Alpenverein, sowenig, wie ich zu denen geh�re, die �berall und st�ndig alte und neue Nazis wittern, doch wenn ich das Wort� Alpenverein �h�re, dann meine ich trotz der vielen farbigen Tupfer auf all den Kunstfelsen und trotz der schicken, leuchtenden und weltoffenen Sportbekleidung stets den braunen Grundton zu erkennen. Egal, wie rot oder gr�n das Herz des Menschen ist, der da hochklettert.</p><p>Aber jetzt war Simon-Zeit. Und schon standen wir an der Theke des Eingangsbereiches und blickten hin�ber in die Halle, auf kleine Menschen an hohen W�nden.</p><p>�Der Kindergeburtstag hat schon l�ngst angefangen. Ihr seid sp�t dran. �Es war eine junge Frau hinter der Theke, die mich angesprochen hatte. Wenn ich etwas nicht leiden konnte, dann war es, von jungen Menschen geduzt zu werden.</p><p>�Sie irren sich�, sagte ich,�wir kommen zu keinem Kindergeburtstag.�</p><p>�Ach ja. Na gut, dann seid ihr nat�rlich nicht zu sp�t dran. �Sie blieb stur bei der einmal gew�hlten Form.</p><p>Ich auch. Und erkl�rte ihr, da� mein Sohn sich daf�r interessiere, in den Klettergarten zu schauen.</p><p>�Schauen oder klettern?�fragte die Tussi.</p><p>�Na, wohl auch klettern.�</p><p>�Hast du denn Erfahrung?�wollte sie von mir wissen.�Kannst du sichern?�</p><p>�Nein, kann ich nicht. Wir h�tten gerne einen Trainer.�</p><p>�Den kriegt man hier nicht am Automaten�, meinte sie sp�ttisch. Ganz offenkundig w�rden wir zwei kein Liebespaar werden. Sie war mir auch viel zu muskul�s. Ihre Arme erinnerten mich an meine Schwester. Aber nur die Arme. Immerhin war sie so freundlich, mir zu erkl�ren, da� eine Voranmeldung n�tig sei, welche jedoch prinzipiell �ber den Alpenverein laufe.</p><p>In diesem Moment trat hinter ihr ein junger Mann an die Theke, welcher zu Simon hinunterblickte und ihn fragte:�Wie alt bist du denn?�</p><p>�Er versteht Sie nicht�, sagte ich und erkl�rte, da� Simon noch nicht lange in Deutschland lebe und unsere Sprache nicht beherrsche.�Er ist acht und hei�t Simon.�</p><p>�Na gut�, meinte der junge Mann,�wir werden das auch ohne Deutsch hinkriegen. �Dann fragte er:�Sie sind aber schon sein Vater, nicht wahr?�</p><p>�Der bin ich.�</p><p>�Wollen Sie auch schnuppern?�</p><p>�Ja, aber nur mit den Augen. Mir reicht es zuzusehen. Ich bin kein Freund der H�he.�</p><p>�Kein Problem. Hier wird niemand den Felsen hochgejagt. �Er erkl�rte mir, in einer Dreiviertelstunde einen Kletterkurs f�r einige Gesch�ftsleute zu leiten. Bis dahin sei er aber gerne bereit, Simon ein bi�chen einzuweisen und auf den Geschmack zu bringen. Er sagte:�Das w�re dann meine gute Tat f�r diesen Tag.�</p><p>�Aber wirklich!�h�hnte die Frau.</p><p>Er sprach jetzt ganz ernst, als er ihr antwortete:�Ich versuche halt, mein Konto halbwegs ausgeglichen zu halten.�</p><p><image l:href="#5"/></p><p>Sodann erkundigte er sich nach Simons Schuhgr��e, verschwand kurz und kam mit einem H�ftgurt sowie kleinen Kletterschuhen zur�ck, die etwas von den Schl�ppchen minderj�hriger Ballett�nzerinnen an sich hatten, wollte man nicht an das zarte Schuhwerk verkr�ppelter chinesischer Frauenf��e denken.</p><p>Der Trainer, der den Namen Mick trug, wollte uns in die Halle f�hren, doch Simon griff ihn am Arm, streckte seine Kopf Richtung Au�enbereich und entlie� jenen Laut, der in meinen Ohren auf ein <emphasis>Chaanda-sa-hrck!</emphasis> hinauslief.</p><p>�Was sagt er?�fragte Mick.</p><p>�Er will drau�en klettern�, erkl�rte ich.</p><p>�Drinnen w�re aber besser f�r den Anfang�, meinte der Trainer.�K�nnen Sie ihm das sagen?�</p><p>�Um ehrlich zu sein�� er spricht nicht nur kein Deutsch, sondern auch sonst keine von den�� wie soll ich sagen�� von den g�ngigen Sprachen. �Sodann kl�rte ich Mick in wenigen Worten �ber die Besonderheit Simons auf.</p><p>�K�rperlich ist aber alles in Ordnung, oder?�fragte Mick.�Nicht, da� Behinderte nicht klettern d�rfen, aber ich mu� es schon vorher wissen.�</p><p>�Keine Angst. Es ist einfach nur seine Sprache. Und wissen Sie, ich glaube, es w�re ihm sehr wichtig, drau�en zu klettern. Er ist in den Bergen aufgewachsen. Das wird es wohl sein.�</p><p>�In welchen Bergen?�</p><p>�In Taiwan. Im S�den des Zentralen Berglandes. In einem Dorf, dessen Namen ich nicht kenne.�</p><p>�Wie? Ich dachte, Sie sind sein Vater.�</p><p>�Das wei� ich erst seit kurzem, da� ich das bin�, sagte ich. Und das war ja auch die Wahrheit.</p><p>�Also gut�, meinte Mick.�Gehen wir nach drau�en und schauen mal, ob sich Simon da wohl f�hlt. Die Figur zum Kletterer hat er ja. Sch�n d�nn.�</p><p>Nun, auch Mick war nicht dick. �berhaupt waren hier nirgends dicke Menschen zu sehen, die an diesem warmen, von sp�ter Sonne erf�llten Abend auf den Felsen und W�nden herumturnten oder ihre Partner sicherten. Wobei, zum Sichern h�tte man ja auch dick sein d�rfen.�� Ein gro�er Mangel des Homo sapiens besteht darin, nicht �ber ein variables Gewicht zu verf�gen. Ein variables Gewicht, dazu vier Arme, mehrere M�gen, das w�r�s.</p><p>Nun, der ausgesprochen d�nne Simon war sichtbar gl�cklich, als wir jetzt vor die k�nstliche Felsenlandschaft hintraten. Welche aus der N�he betrachtet sehr viel skulpturaler ausfiel, verspielter. Eine senkrecht dastehende, halbierte Schale, ein gewaltiger Geh�useteil.</p><p>An einer Kante dieser Schale blieb man stehen. Bis zur Mitte hin war die Kletterstrecke recht moderat, leicht gew�lbt, bevor dann zwei busenartige Buckel sowie ein kurzer, aber waagrechter �berhang jenen stark bogenf�rmigen Teil einleiteten, der zum h�chsten Punkt hinauff�hrte.</p><p>Mick legte Simon den Gurt an, wobei auch er genau formulierte, was er tat. Im Grunde war es wie beim Arzt. Die erkl�ren neuerdings auch immer alles, und man nickt dazu, selbst wenn man keine Ahnung hat und mitunter kaum die guten von den schlechten Nachrichten unterscheiden kann.�� Freilich war noch nicht heraus, ob Simons Nicken hirnlos war oder eher sein Hirn best�tigte. Denn da� dieses Kind bei aller� Eigent�mlichkeit der Sprache �nicht ganz dumm war, die Idee war mir auch schon gekommen.</p><p>Trainer Mick rief nun hin�ber zu einer Gruppe von Kletterern, die im Kreis standen und sich unterhielten. Einer von ihnen kam, um Mick zu sichern, welcher leichtf��ig nach oben stieg und das Seil auf halber H�he durch eine Umlenkung f�hrte, einen Karabiner, welcher an der Spitze des kleinen �berhangs in einer Kette hing. Keine Frage, Mick h�tte f�r diese kurze, leichte Route keiner Sicherung bedurft. Einer wie er w�re da wohl auch einarmig und blind hochgekommen. Aber sp�testens zum Abseilen geh�rten zwei.</p><p>Zur�ck auf dem mit kleinen, losen Steinen ausgelegten Boden, begann Mick das Seilende durch die Anseilschlaufe von Simons Gurt zu f�hren und sodann einen Achterknoten zu formen, den Anseilknoten, wie er erkl�rte, um in der Folge den eigenen Karabiner mit einem Sicherungsknoten auszustatten. So bildete sich eine endg�ltige wie lebenserhaltende Verbindung zwischen Wand, Kind und Trainer.</p><p>Das, was hier entstanden war, nannte sich Toprope-Sicherung. Mick sagte es laut vor:�Top�� rope!�Dazu zeigte er gestisch an, wie das Seil von Simon aus nach oben verlief, �ber den Sicherungspunkt wieder nach unten f�hrte und als Standplatzknoten in Micks Gurt m�ndete.</p><p>Ich mu� gestehen, es h�tte mich ge�rgert, h�tte Simon, der sonst nie etwas nachsprach, sich jetzt dazu verf�hren lassen, das Wort� Toprope �nachzusagen. Was er aber nicht tat, sondern rasch an den k�nstlichen Felsen herantrat.</p><p>Seine Ungeduld zeichnete rote Flecken auf seine Wangen.</p><p>Nun, trotz aller offenkundigen Begeisterung f�r das kommende Abenteuer, hatte ich erwartet, da� Simon mit seinen knochigen Armen und den knochigen Beinen gleich auf dem ersten Meter quasi h�ngenbleiben w�rde. Er hatte sich in der kurzen Zeit, die wir uns kannten, nicht etwa als Sportskanone erwiesen. Beim Ballspiel sah es immer aus, als w�rde der Ball ihn��bermannen�. Sein Laufstil besa� eine pinocchioartige Auspr�gung, und beim Tischtennis konnte man meinen, er verwechsle den Schl�ger mit einem Schmetterlingsnetz. Er schlug die B�lle nicht, sondern versuchte sie einzufangen. (Seine Ungeschicklichkeit beim Pingpong erschien vielen als der markanteste Ausdruck seiner Behinderung, weil sie ja dachten, ein kleiner Chinese m��te so was im Blut haben.)</p><p>Kein Wunder, da� ich jetzt fassungslos zusah, wie Simon die mit Haltegriffen gespickte Wand hochmarschierte, die f�r ihn augenscheinlich <emphasis>keine</emphasis> H�rde darstellte.</p><p>�Langsam!�rief Mick.</p><p>Aber Simon wurde nicht langsam.</p><p>W�hrend Mick kontinuierlich das Seil nachzog, wandte er sich zu mir um und fragte:�Ist das hier so eine Geschichte mit versteckter Kamera?�</p><p>In unserer aufgekl�rten Welt schien man jede wundersame Wendung durch eine� versteckte Kamera �begr�nden zu wollen. Doch mein offener Mund war Antwort genug.</p><p>Mein offener Mund kommentierte tonlos, wie fl�ssig und leicht sich der kleine Knochenmann bewegte, die Haltegriffe immer nur kurz anfassend oder sich mit den F��en absto�end, wobei er auch L�cher und Unregelm��igkeiten im Fels nutzte, ja sogar die ebene Fl�che. Mick hatte M�he, bei solcher Geschwindigkeit das Seil auf Spannung zu halten.</p><p>Und schon hatte Simon den kleinen �berhang erreicht, fixierte sich mit einer Hand, w�hrend die andere locker herunterhing. Er schaute zu mir herab und grinste mich an. Nicht triumphierend, aber doch stolz. Wie Kinder eben stolz sind, wenn sie ihre Eltern ob einer unerwarteten Leistung fassungslos machen.</p><p>�Okay, ich la� dich runter!�rief Mick.</p><p>Zwar deutete Simon an, seitlich des �berhangs weiterklettern zu wollen, aber dies h�tte zu einem Vorstieg gef�hrt, und Simon hatte ja keine Expre�sets bei sich, also vern�hte Karabinerhaken, um sich im oberen Gel�nde zu sichern � mein Gott, nat�rlich nicht, schlie�lich war noch wenige Augenblicke zuvor ein blo�es� Schnuppern �in Betracht gezogen worden. Die behutsame Gew�hnung eines achtj�hrigen Anf�ngers.</p><p>Mick zeigte mit einer wiederholten Kr�mmung seines Fingers an, da� Simon nach unten kommen solle. Der Junge seufzte, h�ngte sich aber ohne weitere Umst�nde ins Seil, die Beine leicht gegr�tscht, und stie� sich beim Hinuntergleiten in der bekannten waagrecht h�pfenden Manier vom Felsen ab.</p><p>Zum Schlu� setzte er sanft auf. Unter seinen F��en knirschten die glatten Kiesel. Ein kleines Kletterm�rchen war geschrieben.</p><p>Mick klopfte Simon best�tigend auf die Schulter, mir aber schenkte er einen fragenden Blick.</p><p>Ich sagte:�Ich kann Ihnen das auch nicht erkl�ren. Von mir hat er es definitiv nicht.�</p><p>Wobei ich unerw�hnt lie�, gar nicht der leibliche Vater zu sein. Das lie� ich stets unerw�hnt. Simon besa� ja dank der m�tterlichen Gene durchaus einen westlichen Einschlag, obgleich die markante Augenform sein Gesicht dominierte. Zumindest vom Standpunkt eines hiesigen Betrachters.</p><p>Wenn ich also sagte, er habe das nicht von mir, dann in der gleichen Weise, wie ein leiblicher Elternteil ein bestimmtes Talent seines Kindes einer anderen Quelle zuordnet.</p><p>Darum war auch naheliegend, da� Mick jetzt meinte:�Vielleicht von seiner Mutter. Sie sagten ja, er sei in den Bergen aufgewachsen.�</p><p>�Das schon. Aber ich wei� nicht, ob er dort geklettert ist.�</p><p>�Ganz offensichtlich ist er das�, stellte Mick fest.</p><p>Ein Eindruck, der sich weiter best�tigte, als nun an anderer Stelle eine h�here Wand in Angriff genommen wurde.</p><p>�Ich lasse Ihren Jungen diesmal den Vorstieg machen. Ist das okay?�fragte Mick.</p><p>�Kann da was passieren?�fragte ich zur�ck.</p><p>�Ein paar Schrammen, wenn er zuviel wagt und abrutscht. Der Schreck vielleicht, wenn er ins Seil f�llt. Aber ehrlich gesagt, ich glaube nicht, da� so was passiert. Er klettert nicht nur schnell, sondern auch absolut sicher. Ich glaube, Sie haben da ein kleines Genie.�</p><p>Ich dachte:�Ausgerechnet!�Und ich dachte:�Als w�rde die Sache mit meiner Schwester nicht reichen.�</p><p>Aber man kann vielleicht sagen, da� eins der pr�gnantesten Ph�nomene in einem noch so chaotischen Universum die Wiederholung ist.</p><p>Auch diesen Vorstieg � also ein von unten gesichertes Vorausklettern � absolvierte Simon bravour�s, nicht allein den Akt des Kletterns, die insektenhafte Gleichm��igkeit der Bewegungen, sondern auch, wie er mit nur einer Hand die Expressen an die Haken f�gte und sodann das Seil in den gebogenen Karabiner einschnappen lie�. Als h�tte er das mit der Muttermilch aufgesogen.�� Ich konnte mich nicht erinnern, da� Lana je ein Wort �ber das Klettern oder auch nur die Sch�nheit der taiwanischen Bergwelt verloren h�tte. Sie hatte es mit Hirnen gehabt, nicht mit dem Sport oder der Natur.</p><p>Mick erkl�rte mir, was ich da sah. Denn mir fehlten die Begriffe. Und auch die Worte.</p><p>Als Simon wieder am Boden war, schaute Mick auf die Uhr und meinte mit Bedauern, gleich zu seiner Gruppe zu m�ssen. Und auch danach sei er leider verplant.�Aber ich w�rde Simon gerne weitertrainieren. Ich mache das auch umsonst.�</p><p>�Umsonst ganz sicher nicht�, sagte ich.</p><p>�Wie auch immer. Ich will es machen. Ich kann dann mal sp�ter sagen, ich war sein erster Trainer. Zumindest der erste hier in Stuttgart.�</p><p>�Meine G�te, Sie wollen doch hoffentlich keinen Profi aus ihm machen. Ich meine�� vergessen Sie nicht, Simon besucht eine Schule f�r geistig Behinderte.�</p><p>Doch Mick zeigte sich pragmatisch:�Kriegt er Anf�lle?�</p><p>Ich dachte nach. Hatte Simon je eine Art Anfall gehabt? Das einzige, was immer wieder geschah, waren Momente, in denen er einem Schlafwandler glich. Sich bewegte, als w�rde er von jemand Unsichtbarem gezogen werden. Zudem hatte er sich bei diversen Tests vollkommen unwillig gezeigt. Aber wie hatte es eine seiner Lehrerinnen ausgedr�ckt?� Vielleicht sind es die falschen Tests.�</p><p>Den Bergtest jedenfalls hatte er bestanden. Ich sagte:�Nein. Keine Anf�lle.�</p><p>�Gut. Und in Mathe will ich ihn auch gar nicht unterrichten�, versicherte Mick.�Wobei angeblich auch schon ein paar Mathegenies als geistig behindert galten.�</p><p>Ich merkte an:�Na, ein wenig rechnen mu� man aber schon beim Bergsteigen, oder?�</p><p>�Manche rechnen und manche f�hlen. �Damit war f�r Mick das Thema erledigt.�Also? Sehen wir uns morgen? Morgen oder Sonntag?�</p><p>Ich hatte am Wochenende dienstfrei. Das hatte ich meistens, seitdem Simon bei mir war. Es pa�te also. Andererseits hatte ich eigentlich gehofft, mit einem kurzen Besuch dieser Anlage das Kletterthema erledigen zu k�nnen. Doch diese Hoffnung konnte ich begraben. Ich willigte ein und sagte:�Gut, Sonntag.�</p><p>�Sie sehen ungl�cklich aus�, stellte Mick fest.</p><p>�Bin ich auch.�</p><p>�Das wird sich �ndern. Sie werden auch noch mit dem Klettern anfangen. Versprochen.�</p><p>�Versprechen Sie mir lieber was anderes�, sagte ich. Genauer wurde ich aber nicht.</p><p>Mick lachte.</p><p>Ich dachte mir:�Du Teufel!�</p><p>Selbiger� Teufel �drehte sich zu Simon hin, befreite ihn vom Gurt und hob die offene Hand hoch, damit Simon einschlagen konnte. Was er zu meiner �berraschung auch wirklich tat. So f�hlte ich doch noch etwas wie Eifersucht. �berlegte aber, da� Simon diese Geste wahrscheinlich aus der Schule kannte. Auch geistig Behinderte praktizieren allgemeine Rituale.</p><p>Mir hingegen reichte Mick die Hand in der alten Form. Ich sch�ttelte sie, und wir verabredeten eine Zeit f�r Sonntag.</p><p>�Ciao!�sagte Mick und ging.</p><p>Ich blickte hinunter zu Simon.�Keine Angst, wir sehen ihn wieder.�</p><p>Wahrscheinlich verstand mich Simon. Denn beim Verlassen des Kletterzentrums wirkte er ungemein fr�hlich.</p><p>Und niemals w�rde er �ber H�rden sprinten.</p><p>Als wir hin�ber zur Stadtbahn marschierten, mischte sich die Nacht unter den Abend.</p></section><section><title><p><emphasis>15</emphasis></p></title><p>Sonntags pausierten nicht nur viele Arbeitnehmer, sondern auch der Sommer. Wenig Licht, viel Regen. Es sch�ttete unaufh�rlich und war unangenehm k�hl geworden. Um so feiner, da� man im gesch�tzten Raum klettern konnte.</p><p>Wir hielten uns in einer Art niedriger Grotte auf, deren Boden mit weichen Matten ausgelegt war. Wenn zuvor von einem� lustigen Hautausschlag �gesprochen wurde, so pa�te hier der Begriff der� bunten Beulenpest�. Der gew�lbte Raum war �bers�t von kleinen und gro�en, mitunter stark verspielten Haltegriffen, wobei einige W�nde gleich zu Beginn extrem spitze Winkel bildeten. Hier konnte man mit dem R�cken zum Boden klettern und die Ruheposition von Faultieren imitieren. Wer freilich �ber sechzig Kilo wog, war unter solchen Bedingungen ein armes Schwein.</p><p>W�rde Simon je so schwer werden? So untergewichtig, wie er war? Allerdings� normal untergewichtig�, wie der Kinderarzt gemeint und dabei auf die unklaren Verh�ltnisse in Simons vergangenen Lebensjahren angespielt hatte. Wie auch auf den Umstand, da� der Junge wohl kaum verhungern w�rde. In der Tat war ich bem�ht, ihn aufzup�ppeln. Doch seine Veranlagung schien die jener Menschen zu sein, die auch gro�e Mengen verdr�cken k�nnen, ohne ihre h�hnchenhafte Gestalt zu verlieren. Klar, das mochte sich sp�ter noch als Gl�ck herausstellen. Vielleicht w�rde Simon niemals gezwungen sein, der geliebten Schokolade zu entsagen.</p><p>Er befand sich jetzt am h�chsten Punkt der H�hlendecke, w�hrend Mick unter ihm stand, die H�nde nach oben gestreckt, und die Aufgabe des� Spotters �innehatte. Was nicht bedeutete, sich �ber Simons Haltung lustig zu machen, sondern entsprechend dem englischen Wortes <emphasis>spot</emphasis> � also ersp�hen � einen m�glichen Absturz Simons zu mildern. Nicht ihn vollst�ndig aufzufangen, sondern seinen Sturz gewisserma�en zu begleiten, ihm zu helfen, auf den Beinen aufzukommen. Sich vom Faultier in eine Katze zu verwandeln.</p><p>Und genau das geschah nun auch. Indem n�mlich Simon versuchte, in dieser h�chst schwierigen Situation sein linkes Bein von einem rosafarbenen Element zu einem anderen zu schwingen, verlor er den Halt, rutschte von den Griffen und fiel.</p><p>W�hrend Mick die schmalen H�ften umfa�t hielt, kam Simon federnd auf der Matte auf, jedoch einen Fluch aussto�end, der seinem Scheitern galt.</p><p>�Okay, schau mir jetzt zu�, sagte Mick, wobei er mit Zeige- und Mittelfinger ein V bildete, dieses an Simons Augenpaar heranf�hrte, so da� dieser ein wenig schielte, und in der Folge das V in Richtung Kletterwand f�hrte. Solcherart den Blick des Jungen dirigierend.</p><p>Nun stieg Mick in dieselbe Wand ein, sich knapp �ber dem Boden an vier Haltepunkten fixierend. Als h�nge er gem�tlich in Seil und Gurt. Welche freilich fehlten.</p><p>Soeben hatte ich gelernt, da� man das Klettern an derartigen Installationen� Bouldern �nannte, ein Klettern an W�nden und Bl�cken, die man ohne Sicherung beging, wobei man immer nur so tief fallen konnte, da� man heil blieb. Beziehungsweise von einem Spotter in eine sanfte Landung eingewiesen wurde.</p><p>�Wollen Sie spotten?�fragte Mick und bog sich weit nach hinten, um mir mit auf dem Kopf stehendem Gesicht einen fragenden Blick zuzuwerfen.</p><p>Mir war klar, da� Mick angesichts der Matte, der geringen H�he und seiner famosen Technik eine solche Absicherung nicht n�tig hatte. Offensichtlich war es ein Versuch, mich aus meiner Passivit�t zu locken. Schlie�lich stand ich inmitten dieser Halle wie eingefroren.</p><p>Ich kam also n�her, hob meine Arme etwas an und sagte:�Erschlagen Sie mich blo� nicht.�</p><p>Mick lachte, dann begann er, in einer insgesamt schwingenden Weise � gleich einem Turner, der von Ger�t zu Ger�t wirbelt � an den� bunten Beulen �hochzusteigen, und �berwand schlie�lich auch die Stelle, an der Simon gescheitert war. Er tat dies mit der Leichtigkeit einer <emphasis>Fortpflanzung:</emphasis> eine Bewegung aus der vorherigen sch�pfend.</p><p>Ich dachte:�Wie bei Astri. �Und dachte auch:�Der Mensch als muskul�ser Windhauch. Nicht schlecht.�</p><p>Pathetisch geprochen, aber es stimmte.</p><p>Sodann lie� sich Mick mit den H�nden an zweien der Griffe senkrecht nach unten h�ngen und offenbarte auf diese Weise die T�towierungen an den Innenseiten seiner Arme. Die Zeichen waren so dicht gedr�ngt, als h�tte er versucht, auf den beiden schmalen Fl�chen die gesamte Maorikultur unterzubringen (w�hrend er die Au�enseiten seiner Arme vollkommen frei gelassen hatte). Ganz langsam l�ste er sich aus seiner Verankerung und kam butterweich auf der Matte auf.</p><p>In meinen Spotterh�nden verfing sich ein k�hler Luftzug.</p><p>Wir blieben noch eine Weile im Boulderbereich und wechselten dann zu den hohen W�nden, die es hier in gro�er Vielzahl und unterschiedlicher Schwierigkeit gab. Allerdings ebenso eine Menge aktiver Menschen. Es dr�hnte von den Stimmen wie auch von den Regentropfen, die unaufh�rlich aufs Dach schlugen.</p><p>Ich setzte mich auf eine zweistufige Trib�ne und sah Mick und Simon zu, wie sie eine Route besprachen. Genauer gesagt: Mick zeigte auf die Farbe, die den Weg vorgab, und wies dann mit dem Finger eine imagin�re, leicht geschl�ngelte Linie hoch, die er kommentierte. Auch Simon redete. Es war allerdings viel zu laut in der Halle und ich selbst zu weit weg, als da� ich ihn h�tte h�ren k�nnen. Bezweifelte aber nicht, da� er auch jetzt in seiner Sprache verblieb. Das� Verstehen �zwischen Simon und Mick ergab sich quasi daraus, da� der Berg � und hier eben die Wand, die den Berg imitierte � ihnen als �bersetzer diente.</p><p>Sie verstanden sich. Und wenn da zwei Tage zuvor eine Eifersucht gewesen war, war sie nun verschwunden. Statt dessen empfand ich eine gro�e Zufriedenheit, mein Kind <emphasis>so</emphasis> zu sehen. In dieser normalen Situation kontrollierten Abenteuers.</p><p>Eine Zufriedenheit, die eine halbe Stunde sp�ter allerdings dadurch unterbrochen wurde, indem Mick an mich herantrat, mich angrinste und verk�ndete:�Jetzt sind Sie aber wirklich mal dran, alter Mann.�</p><p>Es war freundlich gemeint. Und f�nfunddrei�ig war ja auch kein Alter. Aber was war denn ein Alter? Bis man auseinanderfiel? Oder nur noch aus einem einzigen R�ckenschmerz bestand? Einem R�ckenschmerz selbst noch in den Zehen?</p><p>�Nein danke, ich will wirklich nicht�, antwortete ich ihm.</p><p>Simon stand neben Mick und sah mich erwartungsvoll an. Mann, dieser Kinderblick in Form von Hundeaugen. Hunde und Kinder hat der liebe Gott geschaffen, uns schwach zu machen.</p><p>Dennoch betonte ich erneut, das Klettern sei nichts f�r mich.</p><p>�H�tten Sie einen Bierbauch und nur Speck an den Armen�, sagte Mick,�w�rde ich Sie nicht fragen. Aber Sie sind absolut fit, das sieht man.�</p><p>�Ich bin L�ufer. Meine Dom�ne ist die Horizontale.�</p><p>�Man kann die Wand auch hochlaufen�, meinte Mick.</p><p>�Ja danke, ein andermal.�</p><p>Doch Mick gab nicht auf, erkl�rte, Simon w�rde es gefallen, wenn sein Vater sich ebenfalls im Klettern versuche.</p><p>�Hat er Ihnen das gesagt?�fragte ich schnippisch.</p><p>�Jeden Achtj�hrigen freut es, wenn die Eltern mitmachen.�</p><p>�Das ist den Kindern eher peinlich�, argumentierte ich mich an den Rand.</p><p>�Peinlich wird es erst sp�ter�, �u�erte Mick.�Und auch nur darum, weil die Eltern zu faul sind, sich zu �berwinden, und die Kinder aus der Not eine Tugend machen und sich damit rausreden, es sei eh alles total peinlich und sie w�rden das sowieso alles lieber ohne ihre Alten machen.�</p><p>Sodann erz�hlte Mick, da� <emphasis>sein</emphasis> Vater ihn stets zum Klettern mitgenommen habe. Und sp�ter dann <emphasis>er</emphasis> den Vater.</p><p>�Und heute?�Sogleich bereute ich die Frage. Was kam jetzt? Tod oder Rollstuhl?</p><p>Gott sei Dank nichts davon. Mick sagte:�Wir gehen noch immer zusammen in die Berge. Nur in die Halle nicht, die mag der Papa nicht so gern.�</p><p>Ich h�tte jetzt erkl�ren k�nnen:�Na, ich auch nicht. �Aber nat�rlich war es so, da�, wenn ich schon klettern mu�te, dann lieber hier drinnen statt drau�en, wo zu aller Unbill noch das Wetter kam.</p><p>Wetter gab�s zwar auch beim H�rdenlauf, aber zwischen H�rde und zivilisierter Welt war ein viel k�rzerer Weg als vom Gebirge zum n�chsten Taxistand.</p><p>Ich gab mich geschlagen. Stand auf und seufzte.</p><p>�Super!�jubelte Mick und holte einen Gurt, den er mir um Bauch und Beine legte und mittels Seil sich und mich in der �blichen Weise verschn�rte.</p><p>Ich schaute zu Simon. Er hob anerkennend den Daumen. Sein L�cheln war eine kleine, feine Schlagzeile, etwas wie: <emphasis>Sparzinsen steigen wieder</emphasis>.</p><p>�Viel Gl�ck�, gab Mick den Startschu�.</p><p>Aber das hier war keine Frage des Gl�cks. Ebensowenig der Beine oder Arme, die in gutem Zustand waren. Sondern der Nerven.</p><p>Meine H�henangst war gewisserma�en auch eine Schwesternangst.</p><p>Ich hatte in all den Jahren so gut wie nie an Astri gedacht. Ihren Tod verdr�ngt wie auch die Erinnerung an sie. Erst recht in den Momenten, da ich bei den Eltern gewesen war. Wenn Erinnerung, dann eine, die rasch vorbeihuschte. Doch als ich nun begann, die Finger meiner H�nde und die Spitzen meiner F��e auf die Griffe und Tritte zu f�gen, und mich im �brigen so eng als m�glich an die Wand dr�ckte, da meinte ich�� ja, ich sp�rte Astri. Nicht in einer �bersinnlichen Weise, da war kein Geist, der in mich fuhr. Vielmehr blieb jene Erinnerung, die �blicherweise vorbeizuhuschen pflegte, direkt neben mir stehen � massiv wie die Wand, die senkrecht vor mir aufragte.</p><p>�Nehmen Sie jedes Element, das sich anbietet�, empfahl Mick hinter mir.�Gleich welche Farbe.�</p><p>�Nichts anderes habe ich vor�, antwortete ich, gegen die Wand sprechend.</p><p>�Und vergessen Sie nicht Ihre Beine. Sie besitzen kr�ftige Arme, Herr Braun, aber mit denen allein kommen Sie nicht hoch. Der ganze K�rper soll nach oben.�</p><p>�Ja�, sagte ich und begann zu klettern, und zwar ohne gr��ere Probleme. Die Griffe und Tritte, nach denen ich fa�te oder auf denen ich meine F��e plazierte, waren gro� genug und in einer entgegenkommenden Weise geformt. Zudem sp�rte ich den Zug des Seils, welches Mick so weit gespannt hielt, um mich nicht nur zu sichern, sondern mir auch Sicherheit zu geben. Gleich einer langen Hand.</p><p>Ich empfand jetzt eine Euphorie, die wie eine Welle war, die mich hochschwappte. Ich kam sehr viel schneller vorw�rts als erwartet. Und verga� geradezu, worin die Konsequenz solcher Progression bestand.</p><p>Die Euphorie gebar auf halber H�he einen kleinen Hochmut, indem ich darauf verzichtete, im Weiterklettern den einfachsten der sich anbietenden Griffe zu w�hlen, und es mit einem kleinen, schwarz gef�rbten Element versuchte, welches wie ein St�ck Lakritze links von mir an der Wand klebte und das zu erreichen ich mich stark strecken mu�te. Woraus die f�r Klettermenschen typische spinnenartige Ausdehnung der Gliedma�en resultierte.</p><p>Man kann sagen, ich sah jetzt <emphasis>echt</emphasis> aus.</p><p>Genau w�hrend ich dies wagte, h�rte ich meinen Namen. Es war aber nicht die Stimme Micks. Und leider auch nicht die von Simon, der mich weder� Vater �noch� Sixten �rief, sondern, wenn er nach mir verlangte, etwas aussprach, das sich wie� Calo �anh�rte, manchmal auch wie� Calto�, und im Falle der Verdoppelung � vergleichbar dem Ruf <emphasis>Papa, Papa!</emphasis>�� an ein� Kater Carlo!�erinnerte.</p><p>Aber nein, es war eine Frauenstimme, die zu mir nach oben drang und mit einem� Hallo, Herr Braun!�auf sich aufmerksam machte.</p><p>W�hrend ich noch nach der Lakritze griff, tat ich, was ich bisher tunlichst vermieden hatte, n�mlich nach unten zu schauen. So geschahen drei Dinge gleichzeitig: das Erreichen des kleinen schwarzen Griffs, was jedoch zu einer �u�erst unsicheren Haltung f�hrte, zweitens das Wahrnehmen einer Frau, die mir zuwinkte, und drittens die Erkenntnis, wie weit unten diese Frau sich befand beziehungsweise wie weit oben ich mich selbst.</p><p>Bis dahin war die sichtbare H�he der Abstand zwischen meiner Nasenspitze und der Kletterwand gewesen, ein Abstand, zu dem ich nun rasch zur�ckkehrte. Umsonst. Die Verh�ltnisse hatten sich ge�ndert. Mein Geist rebellierte und lie� den K�rper im Stich. Der Geist fragte:�Was machst du hier �berhaupt? Was soll der Unfug? Bist du eine Gemse?�</p><p>Der K�rper h�tte gerne argumentiert, gesichert zu sein, tausendprozentig gesichert, noch dazu von einem Kletterprofi, aber das n�tzte nichts. Dabei bestand nicht einmal ein Schwindelgef�hl, sondern die blo�e Angst vor der H�he, gleich der blo�en Angst vor dem Meer, ohne da� man darum eine Haiflosse zu sehen braucht.</p><p>Ich klebte nicht an der Wand, sondern an der Angst.</p><p>Dennoch schaute ich erneut nach unten, diesmal aber nicht r�ckw�rts �ber die Schulter, sondern durch die L�cke zwischen meiner Achsel und der Wand, eine schmale L�cke nur, durch die hindurch ich zu erkennen meinte��</p><p>War das wirklich Kerstin Heinsberg? Ich glaubte sogar, auf ihrer Nase ein Glitzern festzustellen. Das Glitzern ihres Nasenpiercings. Nicht schlecht f�r die Entfernung! Aber ich war mir sicher. Und konnte jetzt auch sehen, wie Simon nach der Hand dieser Frau griff. Was er kaum getan h�tte, w�re es nicht tats�chlich Heinsberg gewesen.</p><p>Meine G�te, was machte sie hier? In diesem f�r mich unvorteilhaftesten aller Momente. H�tte sie mich nackt unter der Dusche erwischt, es w�re mir sehr viel angenehmer gewesen. Anstatt mir im Zustand einer Paralyse zu begegnen, die auszul�sen sie sogar mitgeholfen hatte.</p><p>Ich richtete meinen Blick wieder auf die Wand, schaute jetzt nach oben, dann ein St�ck unter mich. Und f�hlte, wie mein Bauch auf dem Kopf stand. Ich mu�te von der Lakritze loskommen, um wieder einen besseren Halt zu gewinnen. Eigentlich h�tte es gen�gt, in die vormalige Position zur�ckzukehren, aber mein rechtes Bein hing in der Luft und fand einfach keinen Tritt. Die Wand wirkte ver�ndert, die Elemente verschoben, die blauen Teile, die ich zuvor genutzt hatte, schienen von mir wegger�ckt zu sein. War es m�glich, da� ich mich so weit von der urspr�nglichen Linie entfernt hatte? (Oder stimmte die Theorie, da� die Welt sich st�ndig ver�nderte, der Mensch sich automatisch anpa�te, und nur die, die in Panik waren, diese Ver�nderung bemerkten?)</p><p>Das gelbe Teil wiederum, nach dem ich jetzt fa�te, war zwar gro�, doch auf der glatten Oberfl�che rutschten meine Finger ab. Finger, aus denen alle Kraft geronnen war. Meine H�nde und F��e zitterten. Das Kr�ftigste an mir war mein Schwei�: kleine Gl�ckchen, die von meinem K�rper baumelten und ihn noch schwerer machten.</p><p>Man spricht ja gerne von <emphasis>gef�hlter Temperatur</emphasis>, aber es gibt auch ein <emphasis>gef�hltes K�rpergewicht</emphasis>.</p><p>Mick rief etwas zu mir hoch. Ich konnte es nicht verstehen. Ich war gefangen in meiner Angst wie in meiner Scham. Nicht vorw�rts zu kommen war ja nicht schlimm, sondern der Umstand der Aufmerksamkeit, die ich auf mich zog, indem ich eben gar nichts tat, nicht einmal� abst�rzte�. Wie lange wollte ich so verharren? Bis sie mit einem Kran hochkamen und mich herunterhievten?</p><p>Es war genau dieser Moment, wo man sich denkt: Ich m�chte lieber tot sein als peinlich.</p><p>Man kann �berhaupt sagen, da� das Dumme am Sterben ist, da� man es nicht �fter tun kann.</p><p>Es geschah nun, da� ein Kletterer, der links von mir nach oben stieg, sich gestisch anbot, mir zu helfen. Irgendein widerlich-l�ssiger Mensch mit Rastalocken, der sich mit seinen Fingerspitzen an einem winzig kleinen Element festhielt � auch schwarz, auch Lakritze, aber blo� ein Bonbon � und mit seiner freien Hand Zeichen in die Luft schrieb.</p><p>�Fick dich doch!�sagte ich. Weil es aber so laut in der Halle war, sagte ich es lautlos, meine Worte jedoch deutlich mit dem Mund malend.</p><p>In diesem Moment tat Mick einen Zug am Seil, heftig genug, da� ich endg�ltig den Halt verlor, zur G�nze aus der Wand geriet und in einem leichten Bogen zur bisherigen Route zur�ckschwang beziehungsweise schrammte, mit dem Knie gegen ein gelbes Teil schlagend. Ich schluckte, statt aufzuschreien. Immerhin wurde ich ein St�ck nach oben gezogen und erreichte Elemente, auf denen meine H�nde und F��e ausreichend Platz fanden. Ich sp�rte, wie Blut aus meinem Knie brach. Na, besser Blut als Urin.</p><p>Ich nutzte diesen Befreiungs<emphasis>schlag,</emphasis> um aus meiner Starre zu tauchen und den Weg nach oben fortzusetzen. Nicht, da� meine Angst sich gegeben hatte oder mit der steigenden H�he eine emotionale Temperaturumkehr stattgefunden h�tte, aber ich war wie losgetreten, als fiele ich nach oben. Auf eine weitere Lakritzenverkostung verzichtete ich freilich. Mied das Schwarz.</p><p>Am h�chsten Punkt angekommen, vier Stockwerke oder so, griff ich nach der finalen Kante und rief laut aus:�Oben!�</p><p>Nun, das war weder ein Moment der Intelligenz noch der Poesie. Sondern der Erleichterung. Trotz betr�chtlicher H�he.</p><p>�Loslassen!�verlangte Mick. Ich ahnte es mehr, als da� ich ihn wirklich h�rte. Es war ganz einfach logisch.</p><p>Wenn man als Laie etwas bestens kennt, dann ist es die Abw�rtsbewegung von Bergsteigern am Seil, das charakteristische Bild, wie sie sich mit ihren Beinen vom Felsen absto�en und in jener h�pfenden Weise nach unten gelangen.</p><p>Ich bem�hte mich um eine �hnliche Haltung.</p><p>�H�nde ans Seil!�rief Mick hoch.</p><p>Aber ich brauchte meine H�nde, um immer wieder nach den Beulen und Auswucherungen und Bonbons zu greifen, sie kurz zu ber�hren, nur f�r den Fall, da� das Seil ri� oder sich der Knoten l�ste, Dinge, die wohl kaum geschehen w�rden, so wie in aller Regel auch niemand von herumfliegenden Teilen eines Walfisches getroffen wird.</p><p>Erst ganz zum Schlu� befolgte ich Micks Anweisung, umklammerte das Seil auf H�he meiner Brust und landete mit beiden Beinen am Fu�e der Kletterwand.</p><p>�Wow!�sagte Kerstin Heinsberg.</p><p>�Was meinen Sie damit?�fragte ich und sah sie streng an. Wollte sie mich auslachen?</p><p>Sie aber erkl�rte, sie h�tte niemals die Nerven, so eine Wand hochzuklettern. Denn abgesehen davon, da� die Kraft in ihren Armen einzig und allein ausreiche, Stifte zu halten und Tastaturen zu bedienen, leide sie unter H�henangst.</p><p>�Ich auch�, verriet ich ihr.</p><p>�Ja, das hat mir Ihr Freund gerade erz�hlt. Und genau aus dem Grund sage ich: <emphasis>Wow!</emphasis>�</p><p>Und schon wieder hatte Heinsberg es geschafft, mir ein schlechtes Gewissen zu bereiten. Wobei ich mich ertappte, wie sehr ich diesen Zustand geno�. Es war das gewohnte Spiel zwischen uns, und ich war gl�cklich, es erneut spielen zu d�rfen. Gl�cklich, in das ungleiche Augenpaar schauen zu d�rfen. Das Rehbraun und das tr�be Blau.</p><p>Wie nebenbei warf ich auch noch einen kurzen Blick auf mein geschundenes Knie. Doch die Wunde war minimal. Ein roter Punkt blo�, als w�re ich ein verkauftes Kunstwerk in einer Galerie.</p><p>W�hrend ich noch immer mit dem Seil verbunden war, machte ich Heinsberg und Mick miteinander offiziell bekannt, wobei mir jetzt erst bewu�t wurde, Micks Nachnamen gar nicht zu kennen.</p><p>�Blumberg�, stellte er sich selbst vor.</p><p>�Wie der B�rgermeister von New York�, meinte Heinsberg.</p><p>�Nein, wie die Stadt im Schwarzwald�, sagte er.</p><p>Mir hingegen schien es am�sant, da� hier gleich zwei Menschen standen, deren Nachname mit� Berg �endete, und dies angesichts einer Welt aus k�nstlichen Felsen. Von dem gleichnamigen Schwimmbad unten im Tal einmal abgesehen.</p><p>In diesem Moment geschah aber noch etwas anderes, und dies war wirklich von Bedeutung. Eine Freundin von Mick trat zu uns, so da� sich eine erneute Runde gegenseitigen Bekanntmachens ergab. Dabei erw�hnte Mick, ich sei der Vater von Simon. Simon, der bereits ungeduldig darauf wartete, eine weitere, diesmal sehr viel schwierigere Wand und Route hochzusteigen.</p><p>Micks Freundin kniete sich zu Simon hinunter und �berpr�fte seine Ausr�stung. Offenkundig w�rde sie diesmal die Sicherung am Seil �bernehmen. Und dann sagte sie etwas, was mir einen Stich gab, sie sagte, indem sie sich zu mir hindrehte:�Man sieht sofort, da� er Ihr Sohn ist. Wie aus dem Gesicht geschnitten.�</p><p>Ich erwiderte:�Aber seine Augen sind schon andere, gell?�</p><p>�Anders geformt�, sagte sie,�aber derselbe Ausdruck. Das ist ja das Tolle. Wie man trotz eines solchen Unterschieds die gro�e �hnlichkeit erkennt. Die Gene setzen sich halt durch.�</p><p>Heinsberg l�chelte mich an und meinte:�Na, was sage ich Ihnen immer? Vielleicht glauben Sie mir jetzt endlich.�</p><p>Mick, der um die wahren Verh�ltnisse, also die Adoption, ebensowenig wie seine Freundin wu�te, stimmte zu. Er sagte:�Aber beim Klettern ist Ihr Sohn schon besser.�</p><p>Was dieser nun auch gleich bewies, indem er eine Wand in Angriff nahm, die in dieser Halle zu den schwersten z�hlte und welche bereits zu Beginn schr�g nach innen f�hrte und in der sich sodann ein �berhang an den anderen reihte. Eine Masochistenwand. Allein vom Hochsehen kriegte ich einen Stein im Magen. Eingedenk solcher Konstrukte stellte sich eigentlich weniger die Frage, wieso Menschen unter H�henangst litten, sondern eher die, wieso manche <emphasis>nicht</emphasis>. Beziehungsweise wie es ihnen gelungen war, ihre Angst zu umgehen.</p><p>Die Frage, die sich aber vor allem aufdr�ngte, stellte jetzt Heinsberg:�Meine G�te, woher kann er das?�</p><p>Sie sah ungl�ubig zu, wie Simon z�gig Meter um Meter hochkraxelte und in regelm��igen Abst�nden das Seil in die fix montierten Expressen f�gte, wobei er das Seil zuvor zwischen die Z�hne zu nehmen pflegte.</p><p>Ich blickte Heinsberg vergn�gt an und meinte:�Mag ja sein, da� er sein Gesicht von mir hat, aber die Lust am Vertikalen mu� er seiner Mutter verdanken. Sie war immerhin Hirnforscherin. Vielleicht hat sie den Hirnlappen manipuliert, wo die H�henangst einsitzt.�</p><p>�Das erkl�rt aber nicht, warum er sich so bewegt, wie er sich bewegt.�</p><p>�Richtig. Aber seine Vorgeschichte ist doch <emphasis>Ihr</emphasis> Fall, oder nicht?�</p><p>�Nun, er ist in den Bergen aufgewachsen�, konstatierte Heinsberg das Bekannte.�Und hatte dort offenkundig einen Lehrer. Ich stelle mir so was wie einen kletternden M�nch vor.�</p><p>�Das w�re dann filmreif�, fand ich, fragte aber endlich, was Heinsberg hier eigentlich tue.</p><p>�Na, ich besuche Sie�, sagte sie und erz�hlte, ein paar Tage bei ihren in den Vogesen lebenden Eltern verbracht zu haben. W�hrend der R�ckreise sei ihr die Idee gekommen, in Stuttgart vorbeizuschauen. Es sollte eine �berraschung sein.</p><p>�Es <emphasis>ist</emphasis> eine �berraschung�, sagte ich. Und erg�nzte:�Eine sch�ne.�</p><p>Wie sich herausstellte, hatte eine meiner Nachbarinnen, eine �ltere Dame und Witwe, Heinsberg verraten, wo ich zu finden sei.�� Klar, Heinsberg besa� meine Handynummer und h�tte sich also bei mir ank�ndigen k�nnen, aber ihr war wohl sehr am Effekt der �berraschung gelegen. Es schien ihr geliebtes Prinzip, mich zu �berfallen.</p><p>�M�ssen Sie dann gleich wieder weiter?�fragte ich.</p><p>�Ich habe morgen noch frei.�</p><p>�Dann bleiben Sie doch bei uns, heute abend, meine ich, finde ich. Wir k�nnten essen gehen, und ich besorge Ihnen ein Zimmer.�</p><p>�Haben Sie denn so wenig Platz zu Hause?�</p><p>�Nun, eigentlich�� nein, gen�gend Platz.�</p><p>�Gut�, sagte sie,�dann kann ich mir gleich ansehen, wie Simon lebt.�</p><p>Mit einem Seufzer, halb gn�dig, halb leidend, meinte ich, dem Jungen wohl demn�chst einen Kletterraum einrichten zu m�ssen. Und sagte:�Meine Schwester hatte so einen.�</p><p>�Ihre Schwester?�</p><p>�Ja, sie war Bergsteigerin.�</p><p>�Na schauen Sie, daher hat Simon das Talent.�</p><p>Es klang vollkommen ernst gemeint, als existierten quasi auch <emphasis>fliegende</emphasis> oder <emphasis>frei schwebende</emphasis> Gene.</p><p>�Und was macht Ihre Schwester jetzt?�</p><p>�Sie liegt auf einem Friedhof in K�ln.�</p><p>�Ein Absturz?�</p><p>Ich nickte.</p><p>�Und trotzdem lassen Sie Simon da hochsteigen.�</p><p>�Ist das ein Vorwurf?�</p><p>�Nein, gar nicht. Ich bewundere das. Und nat�rlich erst recht, da� sogar Sie selbst es versuchen.�</p><p>�Eigentlich wollte ich Simon das H�rdenlaufen beibringen.�</p><p>�Statt dessen klettern Sie nun.�</p><p>�Na, ich habe nicht vor, es zu �bertreiben. Genauer gesagt, ich w�rde es gerne bei diesem einen Versuch belassen.�</p><p>�Das w�re aber schade�, fand sie.�Die �berwindung ist ein hohes Gut.�</p><p>�Wie? Sie selbst wollen es aber nicht versuchen, dachte ich?�</p><p>�Bei mir w�re diese �berwindung sinnlos, bei Ihnen aber hat sie einen Wert�, erkl�rte sie, und ohne es zu wissen, stie� sie ins selbe Horn wie Mick:�Sie folgen Ihrem Sohn.�</p><p>Ich sah hoch zu Simon und sagte:�Aber ganz sicher nicht in diese Wand.�</p><p>Simon hatte soeben den obersten Abschnitt erreicht und katapultierte sich mit dem rechten Bein voran �ber eine scharfe Kante. Der Stein in meinem Magen bekam ein Baby.</p><p>Am gleichen Abend sa�en wir alle, ebenso Mick und seine Freundin, in dem Restaurant nahe meiner Wohnung. Erneut fragte mich Heinsberg nach meiner Schwester. Jetzt horchten auch Mick und seine Freundin auf. Bei aller Tragik des vor Jahren Geschehenen war da auch ein Reiz: der fr�he Tod, der junge Tod. Fr�h und jung und beeindruckend. Sehr im Gegensatz zu jenen profanen Enden, die Menschen in Form verschluckter Gr�ten oder ung�nstiger Gerinnsel ereilte. Oder im Zuge einer Besoffenheit im Autoverkehr oder jenes banalen Pechs, im falschen Moment eine Stromleitung ber�hrt zu haben. Nein, der Tod meiner Schwester hatte�� nun, er hatte Klasse. Und auf eine merkw�rdige Weise gefiel es mir mit einemmal, dar�ber zu reden, auch �ber Astris Hang damals, rascher als die anderen sein zu wollen, vor allem rascher als die Jungs, und daf�r auch ein gewisses Risiko einzugehen. So zumindest war es mir berichtet worden, der ich ja kein einziges Mal dabeigewesen war.</p><p>�Sag, Sixten, wie sieht der Berg eigentlich aus, wo das geschehen ist?�fragte Kerstin, die mir kurz zuvor das von mir gerne angenommene Duwort angeboten hatte.</p><p>�Wie meinst du <emphasis>aussehen?</emphasis>�</p><p>�Na, er hat ja wohl eine Form, der Berg.�</p><p>�Ich habe keine Ahnung.�</p><p>�Was?! Du warst nie dort�, staunte Kerstin.</p><p>�Nein, nie. Wieso auch? Das h�tte sie nicht wieder lebendig gemacht.�</p><p>�Wer redet von Lebendigmachen? Aber�� also, vielleicht klingt das �bertrieben, aber der Berg hat deine Schwester umgebracht, da will man doch wissen, wie er ausschaut. Oder ist das bl�d, wenn ich das sage?�</p><p>Ich �berlegte, ob man eher dem Blitz oder eher dem Berg die Schuld geben sollte. In jedem Fall hatte Kerstin recht, wenn es sie erstaunte, da� ich nie versucht hatte � auch nicht in B�chern oder im Netz � , mir den Berg anzusehen, auf dem meine Schwester ums Leben gekommen war.</p><p>Als Kerstin und ich sp�ter am Abend auf dem Sofa meiner Wohnung sa�en, Mick und seine Freundin gegangen waren und Simon wie eine bet�ubte Taube ins Bett gefallen war, da meinte Kerstin:�Du solltest mit dem Jungen dort hinfahren.�</p><p>�Zu dem Berg?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Wieso? Um Simon zu zeigen, wie gef�hrlich sein neues Hobby ist?�</p><p>�Nat�rlich nicht. Einfach hinfahren und anschauen.�</p><p>�Ich kann den Sinn nicht erkennen�, sagte ich, aber das war eine L�ge. Ich hatte den Berg verdr�ngt und meine Schwester verdr�ngt. Und wenn ich behauptet h�tte, Astri h�tte mir wenig bedeutet, w�re das ebenso eine L�ge gewesen. Fremd, das schon, aber <emphasis>lieb</emphasis> fremd, wenn man sich darunter etwas vorstellen kann.</p><p>�Wei�t du was?�sagte Kerstin, und dabei legte sie ihre Hand auf meine Knie und kam so nahe, da� mir ihr Anblick etwas verschwamm. Ich senkte die Augen, aber eigentlich nur, um mir ihren Busen anzusehen, der unter der bestickten Stretchbluse deutlich hervortrat und den Ausschnitt beim Einatmen spannte.</p><p>Ich war lange einer solchen Situation ausgewichen, im Grunde froh ums Alleinsein und erst recht froh ums Alleinsein mit dem Kind. Doch Kerstins Gegenwart, ihre Ber�hrung, ihr Blick auf mir, braun und bla�blau, der Stern in der Mulde ihres Nasenfl�gels, ihr Geruch, das Leuchten heller Haut im Ausschnitt��</p><p>Ich fragte:�Ja, was denn?�</p><p>�Ich hab �ne Idee. Wir fahren �bern�chstes Wochenende dorthin, wo deine Schwester gestorben ist�, sagte sie.�Wir legen Blumen an den Berg. Zehn Jahre ist lang, aber zu sp�t ist es trotzdem nicht. Es wird dir guttun, an deine Schwester zu denken, es wird Simon guttun, einen echten Berg zu sehen, und mir auch, wenn ich mit euch zusammen bin. Oder findest du das schlecht, wenn wir zusammen sind?�</p><p>Ich beugte mich vor und gab ihr eine Antwort auf die Lippen.</p></section></section><section><title><p>Teil 2</p></title><section><title><p><emphasis>16</emphasis></p></title><p><image l:href="#6"/></p><p>Eine Zeitschrift hatte einmal geschrieben: <emphasis>Er ist der Mann, der die Sch�nheit pflegt</emphasis>.</p><p>Der, �ber den man solches sagte, sa� am Strand und blickte hinaus aufs Meer. Eine ruhige See an diesem Tag. Die Brandung ein kleines Seufzen. Wellen, die sanft aufs Land trafen gleich todm�den Kindern, die �ber einem Polster einnicken. Freilich konnte dieses gro�e Wasser auch ganz anders. Das hatte er oft genug erlebt.</p><p>Er entschied sich. Und zwar zur Vorsicht.</p><p>Er entschied sich, das Meer zu verlassen und in die Berge zu gehen. Und damit auch hin�ber nach Europa, das auf der anderen Seite dieser Kugel lag, die man die Erde nannte und von der gesagt wurde, sie sei vom Weltraum aus so sch�n anzusehen.�� Sch�ner als Jupiter? Sch�ner als Saturn? Nur weil sie blau war, aber ohne Ring auskam und einen grauen Mond besa�?</p><p>Sein Name war Auden Chen, geboren im Norden Taiwans, in Keelung, als Sohn eines Lehrerehepaars, die beide Englisch unterrichteten und kurz nach der Geburt des Sohnes nach Amerika gezogen waren. Er besa� auch einen chinesischen Vornamen, den er aber so gut wie nie verwendete, sondern allein den englischen: Auden. Stimmt, das war kein Vor-, sondern ein Nachname. Doch die Begeisterung seiner Eltern f�r die Gedichte des zuerst englischen und dann amerikanischen und schlie�lich in �sterreich begrabenen Dichters W.H. Auden glich einer Besessenheit. Die beiden kannten so gut wie jeden Satz, den Auden geschrieben hatte, und nicht wenige von denen, die aus den Federn von Audens Freunden stammten. Mitunter warfen sich Herr und Frau Chen kleine Gedichtbrocken gleich Handk�ssen zu. Darum war es ihnen ungemein wichtig, ihre Liebe zur Audenschen Poesie im eigenen Kind zu manifestieren. Das mochte zwar �hnlich egoistisch sein wie Leute, die ihren Nachwuchs nach Schauspielern, Zeichentrickfiguren, ber�hmten Indianern oder nach Waschmitteln benannten, aber immerhin ergab sich daraus ein ausgesprochener Wohlklang: Auden Chen.</p><p>Ein Name, als w�rde ein Engel mit den Fingern schnippen.</p><p>Naturgem�� hatte Auden sp�ter nur zwei M�glichkeiten: die Literatur Audens zu hassen oder sie zu lieben. Selbige einfach zu ignorieren erschien unm�glich. Er entschied sich f�r die Liebe. Wie er sich in vielen Fragen f�r sie entschied. Er tendierte mit auff�lliger Hingabe dazu, eine bestimmte Sache gut zu finden, sich in etwas zu vernarren oder an einem h��lichen Ding einen Vorzug zu entdecken. Wobei er keineswegs der idiotische Das-Glas-ist-halb-voll-Interpret war. Er erkannte durchaus den leeren Teil eines Glases und wie sehr diese Leere auf die Verg�nglichkeit des halbvollen Restes verwies, doch z�hlte er zu denen, die bei alldem auch das Glas wahrnahmen, die Feinheit und Best�ndigkeit eines transparenten Gef��es, innerhalb dessen sich die Dramen des Halbleeren und Halbvollen abspielten. Er war somit weder ein Halbvoll- noch ein Halbleermensch, sondern ein Glasmensch. Religi�s auf eine �sthetische Weise. Er bekannte sich zum Christentum, zu einem Sch�pfergott, der keine perfekte, aber eine interessante Welt geschaffen hatte. Da� in ihr der Mensch w�tete, �bersah Auden nicht, lie� sich aber davon den Blick aufs Leben nicht verderben.</p><p>Bei solcher Einstellung und einem solchen Vornamen war es freilich unm�glich, Waffenh�ndler oder etwas �hnliches zu werden. Er wurde Chemiker, womit man nat�rlich auch einigen Schaden anrichten kann. Was er aber nicht tat. Noch w�hrend seines Studiums begann er, in einem kleinen Privatlabor mit nat�rlichen Essenzen zu arbeiten und eine Palette neuartiger Hautcremes zu entwickeln. Er lie� sein Studium unbeendet, zog zwanzigj�hrig in das Land seiner Geburt und gr�ndete in Taipeh ein Unternehmen, dem er den Namen KAI gab, was ausgeschrieben <emphasis>Kallman, Auden &amp; Isherwood</emphasis> bedeutete und nach dem Schriftsteller und seinen beiden Kollegen und Liebhabern benannt war. �brigens war Auden, <emphasis>unser</emphasis> Auden, kein bi�chen schwul. Mit seinen Cremes freilich erfreute er M�nner wie Frauen. Unter dem Namen KAI und einem Logo, das sich aus zwei gekreuzten Streifen von gr�nem Lauch zusammensetzte, produzierte er eine �berschaubare Menge hochwertiger Kosmetik, die alsbald in den Ruf gelangte, nicht nur die Haut zu versch�nern und dem Alterungsproze� ein wenig Einhalt zu gebieten, sondern die betreffenden Anwender auch gl�cklicher zu machen. Wof�r die Konkurrenz verbotene psychoaktive Stoffe verantwortlich machte, die allerdings bei diversen Untersuchungen nicht gefunden werden konnten. KAI-Produkte schienen frei von nachweisbaren Drogen, weshalb die Konkurrenz nun anfing, den Placeboeffekt dieser Ware zu behaupten. Aber was auch immer es war, die Cremes verkauften sich bestens, und selbst nach Jahren fand sich niemand, dem die Gesichtshaut abgefallen, dem ein R�ssel gewachsen oder dessen psychische Zufriedenheit in eine Depression umgekippt w�re. Blieb allein der Verdacht, die Kundschaft sei auf diese Cremes s�chtig geworden, richtiggehend davon abh�ngig. Aber das galt f�r so viele Produkte auf den M�rkten der Welt und schien im Falle KAIscher Fabrikate sogar ohne irgendeine Bewu�tseinstr�bung der Benutzer abzulaufen.</p><p>Dazu pa�te, da� Auden es unterlie�, billiger zu produzieren und in den Massenmarkt einzusteigen. Was notwendigerweise auf Kosten der Qualit�t gegangen w�re. Auch der Qualit�t des eigenen Lebens. Nein, Auden bestand auf der exklusiven Nische und erhielt seiner Produktionsst�tte den Charme einer Hexenk�che. Zudem kam er ohne Zwischenh�ndler aus, lie� die Ware direkt an die einschl�gigen Gesch�fte oder Kundinnen versenden. Es gab lange Vorbestellungslisten. Doch f�r Auden waren seine Cremes Kunstwerke der Sch�nheitspflege, die wollte er nicht herstellen wie eine Tageszeitung oder eine Vitamintablette.</p><p>Nat�rlich hatte Auden mehrere �bernahmeversuche abwehren m�ssen, aber weil er nie richtig gewachsen war, blieb er auch unangreifbar. Seine Gr��e war seine Sicherheit. Er pflegte zu sagen, da�, wenn die Kleinen geschluckt wurden, nicht darum, weil sie klein waren, sondern, weil sie versucht hatten, gr��er zu werden. Er machte aus seiner Haltung nicht einmal ein Theater, indem er sich etwa als David aufspielte. Er ignorierte die Goliaths und experimentierte weiter mit seinen diversen Wirkstoffen.</p><p>Nichtsdestotrotz verf�gte Auden Chen �ber das beherrschte und �berlegte Auftreten des Gesch�ftsmanns, der er ja ebenfalls war. Ein Mann im Anzug, nicht in kurzen Hosen und T-Shirts. Er pflegte seine Kontakte zu den ausgew�hlten Ladengesch�ften, in denen seine Ware vertrieben wurde. Wenn er schon nicht jede seiner Kundinnen pers�nlich kennenlernen konnte � etwas, was er als Frauenliebhaber durchaus bedauerte � , so wollte er wenigstens den einzelnen Ladenbesitzern begegnen. Auch galt es, die Kontrolle zu bewahren. Es durfte nicht geschehen, da� jemand Mi�brauch mit den KAI-Produkten trieb. Verd�nnte, was nicht verd�nnt werden durfte. Vermischte, was zu vermischen sich verbot. Indem Auden st�ndig pr�sent war � so charmant wie bestimmt � , war er wie jemand, der den Finger auf eine hypothetische Wunde legt. Aber nicht, um in der Wunde zu r�hren und einen Schmerz zu verursachen, sondern diese Wunde gar nicht erst entstehen zu lassen. Wobei mit� Wunde �nichts anderes gemeint war als die Bereitschaft des Menschen, der Gier zu erliegen. Diese dumme, kleine Unart, die im ganzen Universum verp�nt war, auf der man aber auf der angeblich so sch�nen Erde ein ganzes komplettes Wertesystem errichtet hatte, bis es sogar gelungen war, die Begriffe Gier und Flei� zu vertauschen.</p><p>Kontrolle also. Darum reiste Auden Chen. Verzichtete jedoch w�hrenddessen nicht darauf, seine Experimente fortzusetzen. Stets hatte er ein Minilabor bei sich, einen kleinen Koffer, f�r den er eine spezielle Genehmigung besa�, um nicht bei jeder Flughafenkontrolle das betreffende Einsatzkommando auf den Plan zu rufen. So bewahrte er sich an allen Pl�tzen der Welt das Vergn�gen, das eine oder andere Kraut, den einen oder anderen Pilz, mitunter ein aus dem Beton herauswachsendes Bl�mchen, einen Samen, ein Blatt, hin und wieder den Faden einer Spinne, die Deckfl�gel eines toten K�fers, dies alles der Natur mit h�flicher Geste zu entziehen, zu pulverisieren und der KAI-Basispaste zuzuf�gen. Er sagte:�Einfach mal sehen, was passiert!�</p></section><section><title><p><emphasis>17</emphasis></p></title><p>Auden Chen kam also in der Welt herum. Verga� jedoch nicht das eigene Land, die eigene Insel, die China war und doch nicht China. So schaute er auch immer wieder in Tainan vorbei, wo ein kleiner Laden, eigentlich ein Gemischtwarenladen, die KAI-Produkte exklusiv vertrieb und es sich darum ergab, da� die Damen der Tainaner Gesellschaft zwischen allerlei Plunder standen, zwischen Plastikeimern und Zigarettenschachteln, und die bestellten KAI-Beh�ltnisse in Empfang nahmen (einfache Holzkisten, aber einfach in der Weise, wie man sagen kann, Piet Mondrian habe einfache Gem�lde gemalt).</p><p>Bei einem dieser Besuche in Tainan war Auden zu einer Party geladen worden, die zu besuchen das gute Benehmen erforderte. Ohnehin war� gutes Benehmen �ein Verhalten, das eigentlich alles, auch Partys, ertr�glich machte. An diesem Abend aber kam das Gl�ck hinzu, eine deutsche �rztin kennenzulernen. Nicht die erste deutsche Frau in Audens Leben und mitnichten die erste �rztin, aber�� nun, er wu�te sofort, da� er sich in sie verlieben w�rde. Obgleich er irritiert war, da� sie gelbe Turnschuhe trug, zitronengelbe, w�hrend sie im �brigen mit einem so engen wie strengen schwarzen Hosenanzug bekleidet war, zu dem halbhohe, ebenso schwarze Schuhe gepa�t h�tten. Na, vielleicht war es ihr Markenzeichen oder entsprach einer Art Ablenkungsman�ver. Ablenkung wovon? Von ihren Augen? Bernsteinaugen, sehr hell, wie von hinten beleuchtet, wie im Museum. Kein verstaubtes Museum, nat�rlich nicht. Sondern ein Museum, welches um diese zwei so gut wie identischen Bernsteinst�cke herum gebaut worden war.</p><p>Sie blieb an diesem Abend abweisend. Etwas, das er nicht gewohnt war. Die meisten Frauen setzten seine Person mit seinen Produkten gleich und waren ihm rasch gewogen. Hier war es anders. Vielleicht kannte sie seine Cremes nicht. Er lie� ihr am Tag darauf ein Holzkistchen mit KAI<emphasis>blue heart</emphasis>� zusenden und besuchte sie sodann in dem Krankenhaus, in dem sie arbeitete.</p><p>Sie fragte ihn:�Finden Sie denn, ich h�tte eine Gesichtscreme n�tig?�</p><p>�So war es wirklich nicht gemeint, liebe Frau Doktor.�</p><p>�Ich werde es einer Freundin von mir schenken.�</p><p>Er unterdr�ckte den Impuls, ihr zu sagen, wieviel dieses Kistchen wert sei, verbeugte sich � nicht japanisch, weil er ja auch kein Japaner war � und verlie� das Krankenhaus.</p><p>Er gab auf. Ein bi�chen schnell, aber l�stig zu sein war wirklich nicht seine Art.</p><p>Um so �berraschter war er, als Tage sp�ter sein Handy l�utete und sich Frau Dr. Senft meldete. Ja, er hatte die eigene Nummer auf den Boden der KAI-Box notiert, kaum sichtbar. Lana mu�te sie entdeckt haben und sagte jetzt auch, wie l�cherlich es sei, eine Telefonnummer ohne speziellen Hinweis auf die Unterseite eines Holzkistchens zu schreiben.</p><p>Er fragte sie, ob sie ihn darum anrufe, um sich zu beschweren.</p><p>�Nein. Ich wollte nur sagen, da�, wenn Sie wieder in Tainan sind, Sie mich gerne besuchen k�nnen, wenn Sie wollen.�</p><p>�Ich bin morgen dort�, erkl�rte er augenblicklich. Er hatte es soeben beschlossen.</p><p>Er f�hrte sie tags darauf in eine Ausstellung. Danach in eine Bar. Sie erz�hlte, und er h�rte zu.</p><p>Einmal fragte sie:�Ihre Cremes sind Hokuspokus, nicht wahr?�</p><p>�Was ist das�� Hokuspokus?�</p><p>�Mumbo jumbo�, sagte sie.</p><p>Aber das war es nicht, was er meinte. Das Wort hatte er verstanden. Er erkl�rte:�Meine Cremes wirken. Wahrscheinlich mu� man auch daran glauben, da� sie wirken. Aber gilt das nicht f�r alles? Ohne den guten Glauben w�rde auch dieser Whisky hier nicht schmecken.�</p><p>Sie betrachtete ihn, als denke sie, die Hirnforscherin, dar�ber nach, wieviel guter Glauben n�tig sei, um ihn lieben zu k�nnen. Nicht den Whisky, den Mann. Dabei war Auden wirklich nicht h��lich. Im Gegenteil. F�r einen Asiaten recht gro�gewachsen, eher breit, aber nicht <emphasis>zu</emphasis> breit, breit wie Richard Burton, zudem sehr elegant, eine dunkle Hornbrille tragend, dahinter ein Gesicht, wegen dem einer mal gesagt hatte, Auden sehe aus wie eine Mischung aus Preisboxer und romantischem Sch�ngeist.</p><p>Sie erw�hnte den alten Spruch, der Glaube versetze Berge, da� dabei aber gerne �bersehen werde, wieviel Werbung im Vorfeld solcher Gl�ubigkeit f�r die Versetzbarkeit von Bergen gemacht werde.</p><p>�Ich gebe gerne zu�, sagte er,�da� die Verpackung wichtig ist. Aber ist das nicht normal bei einer Spezies, die es aufgegeben hat, nackt durch die Gegend zu laufen?�</p><p>�Das ist komisch, da� Sie das sagen�, meinte sie.</p><p>�Wieso?�fragte er.</p><p>Bekam aber keine Antwort. Erst sp�ter, als sie beide miteinander im Bett lagen und Frau Dr. Senft es unterlie�, sich vollst�ndig auszuziehen, ihren BH und ihre Bluse anbehielt und ihm zudem verbot, unter ebendiese Bluse zu greifen, verstand er ihre Bemerkung. Er durfte sie ber�hren, aber eben <emphasis>mit</emphasis> Bluse. Wobei sie sich ihm ja nicht verweigerte. Sie unterband allein den Anblick ihrer vollst�ndigen Nacktheit, im �brigen war sie so liebevoll wie hingebungsvoll.</p><p>Er fragte sie, ob es an ihm liege, ob er etwas falsch mache.</p><p>Sie sch�ttelte den Kopf.</p><p>Beeilte sich aber, ihm zu versichern, wie wenig sie sich nach einer Gespr�chstherapie sehne. Sonst w�re sie n�mlich mit ihm an der Bar sitzen geblieben und h�tte ihn gefragt, ob er ihr <emphasis>guter Freund</emphasis> werden wolle.�Willst du das?�</p><p>�Nein�, sagte er.�Aber man mu� auch �ber manche Sachen sprechen k�nnen.�</p><p>��ber manche schon�, gab sie zur Antwort und k��te seine glatte warme Brust, die unter der Ber�hrung ihrer Lippen eine h�bsche G�nsehaut gebar.</p><p>Er mu�te sich entscheiden. Und entschied sich. Und zwar eingedenk jenes banalen, aber nicht ganz unrichtigen Spruchs, im Leben werde sowieso zuviel geredet.</p><p>Lana und Auden wurden ein Paar. Nat�rlich war es nicht einfach, sich zu sehen, sie als �rztin in Tainan, er auf seinen Weltreisen und als Oberhexenmeister in seiner Produktionsst�tte nahe Taipeh. Aber sobald sie dann zusammenkamen, wurden es gute Stunden. Nicht nur Stunden, die vom Sex bestimmt waren und vom damit verbundenen Geruch lieblicher Verwesung, sondern auch Stunden auf Parkb�nken mit dem damit verbundenen Geruch frisch gesch�lten Obstes. Nicht zuletzt z�hlten die Momente, da sie sich unterhielten. Denn nat�rlich wurde auch gesprochen. Nur nicht �ber die Frage, wieso Lana sich nicht vollst�ndig auszog.</p><p>�brigens gab es nie Beschwerden, wenn einer von ihnen mal zu sp�t kam. Niemand notierte, wer h�ufiger zum Telefon griff. Keiner z�hlte die eigenen Komplimente oder wie oft man selbst gel�chelt hatte und der andere nicht. Gleichwohl dachten sie �ber viele Dinge recht verschieden. Der Wirtschaftsmann Auden stand sehr viel weiter links als die Hirnspezialistin Lana. Und h�tten die beiden eine gemeinsame Wohnung einrichten m�ssen, es w�re unm�glich gewesen. Aber derartiges kam ohnehin nicht in Frage. Es war Lanas Apartment, in dem man die N�chte und die darauffolgenden Tagesanf�nge verbrachte, und es war Auden, der den eher �ppigen Einrichtungsstil seiner Geliebten geflissentlich �bersah. Dies war Lanas Welt, und er wollte darin kein kritischer Geist sein, sondern ein guter Gast.</p><p>Nur in einem trafen sie sich absolut punktgenau. Der Abend, da Auden aufh�rte, auf die Verh�tung zu achten, f�gte sich puzzleartig in eine diesbez�gliche Sorglosigkeit ihrerseits.</p><p>Sorglosigkeit oder Nachl�ssigkeit? Wollte Lana Mutter werden? Und Auden Vater?</p><p>Warum nicht, dachte er. Er war im richtigen Alter, und schlie�lich geh�rte derartiges zum Leben. Wenn nicht mit dieser Frau, mit welcher dann? Da� sie keine Asiatin war, schien bei alldem keine Rolle zu spielen. Vorerst.</p><p>So ging es Monate, ohne da� Lana schwanger wurde. Was ja auch kein definiertes Ziel darstellte. Dennoch pa�te es ganz gut, da� genau in dieser Zeit das Ger�cht aufkam, eine von Audens Gesichtscremes � eine bla�gr�ne, transparente Paste, die aussah wie eingedicktes Bitter Lemon und die Bezeichnung KAI-<emphasis>G</emphasis>7� trug � , diese Paste h�tte bei mehreren Frauen angeblich eine Schwangerschaft beg�nstigt.</p><p>Meine G�te! mochte man sagen. Und zwar in vielerlei Hinsicht.</p><p>So existierte etwa bez�glich des Namens das Mi�verst�ndnis, Auden w�rde hier auf die Bezeichnung der Gruppe der gr��ten Industrienationen anspielen, als diese ohne Ru�land noch nicht als G8, sondern als G7 getitelt wurden. Man hielt das f�r eine antirussische Geste des in Amerika aufgewachsenen Taiwaners. In Wirklichkeit aber handelte es sich um eine Anspielung auf W. H. Audens und Christopher Isherwoods Theaterst�ck <emphasis>The Ascent of F</emphasis>6, ein politisches Bergsteigerdrama, das eher antiimperialistisch als antirussisch zu nennen war. F6 imitierte K2, und G7 wiederum entsprach einfach der alphabetischen und zahlenm��igen Steigerung von F6 um jeweils eine Stufe.�� Berge also! Mit Kosmetik hatte das gar nichts zu tun, aber Chen schmuggelte immer wieder Hinweise auf die Audensche Dichtkunst in seine Produkte ein. Und dies allein, um seinen Eltern � die weiterhin dr�ben in den Staaten lebten � das Vergn�gen des Erkennens zu bereiten. Ob hingegen sonst noch jemand den Hinweis verstand oder einzig Mi�verst�ndnisse die Runde machten, war ihm gleich.</p><p>Auden Chen trug nie etwas dazu bei, Mi�verst�ndnisse aufzukl�ren. Und unterlie� auch jeglichen Kommentar, als nun ruchbar wurde, mehrere Benutzerinnen von <emphasis>G</emphasis>7, deren Kinderwunsch angeblich lange Zeit unerf�llt geblieben war, seien nach der monatelangen Benutzung der betreffenden Creme schwanger geworden. Einige von ihnen in einem durchaus als fortgeschritten zu nennenden Alter. Was zu einer Faltencreme ja auch pa�te.</p><p>Klar, die Sache mit den Schwangerschaften galt vielen als Bl�dsinn. Andererseits war schwer zu sagen, ob nicht eine bestimmte Ingredienz von <emphasis>G</emphasis>7 einen� Ausl�ser �besa�, der zusammen mit dem Glauben an versetzbare Berge�� Egal, das Ger�cht war da und tat seine Wirkung, sosehr die Konkurrenz von einer lancierten L�ge sprach und davon, da� Auden Chen vor keiner Geschmacklosigkeit haltmache. Er hingegen sagte gar nichts dazu und sperrte sich gegen die Bem�hungen seiner Mitarbeiter und Abnehmer, die Produktion von <emphasis>G</emphasis>7 zu erh�hen. Er entschied:�Wir machen weiter wie bisher.�</p><p>Aber das stimmte nicht ganz. Zumindest nicht in pers�nlicher Hinsicht. Denn Auden Chen lie� sich von dem kolportierten Wunder inspirieren und f�llte eine kleine Menge <emphasis>G</emphasis>7 in ein spezielles D�schen, das von seiner Gro�mutter stammte und welches er nun Lana schenkte.</p><p>War es ihm denn so wichtig, Vater zu werden?</p><p>Oder war es nicht eigentlich so, da� er dieses Kind allein darum wollte, um sich solcherart eines Teils von Lana zu versichern? Sollte er Lana je verlieren, w�rde da noch immer das Kind sein. Und mit Verlieren meinte er jede erdenkliche M�glichkeit, die sich ergab. Ein Kind erschien ihm als Garantie.</p><p>Ob nun Lana einen solchen Antrieb ahnte, sollte so unklar bleiben wie die Frage, ob sie �berhaupt von dem Ger�cht um die <emphasis>G</emphasis>7-Creme geh�rt hatte. In jedem Fall gefiel ihr das D�schen aus rotem Schnitzlack mit der intensiven Ornamentik. Es war soviel verspielter als die strengen Holzkisten der KAI-Serie. Lana mochte diese alten Dinger, die alle das Wort� Ming �zu morsen schienen. Sie freute sich �ber das Geschenk und versprach, die Creme zu nutzen.</p><p>�Nicht, da� du das n�tig hast�, beeilte er sich zu erkl�ren eingedenk jener ersten Bemerkung.�Deine Haut ist wunderbar.�</p><p>�Wer wei� schon, was man alles n�tig hat?�meinte sie.�Und schaden kann es ja nicht.�</p><p>Die �u�erung, etwas k�nne nicht schaden, pa�te nun gar nicht zur Medizinerin Lana. Aber sie sagte es, tauchte ihren Finger vorsichtig in die gallertige Masse und trug sie rechts und links auf ihre Wangenknochen auf. Gleich einer durchsichtigen Kriegsbemalung, die man erst bemerkte, wenn man schon zu nahe war.</p><p>Wor�ber nun jenes Ger�cht bez�glich der empf�ngnisf�rdernden Kraft von <emphasis>G7</emphasis> gar keine Auskunft gab, war die Frage, von wem jeweils all diese Frauen schwanger geworden waren. Denn diese M�glichkeit bestand ja gleichfalls, da� n�mlich <emphasis>G</emphasis>7 simplerweise den sexuellen Drang f�rderte, somit mehr ein Aphrodisiakum denn ein Eisprungausl�ser war. Gerade auf diese Weise w�re das Ph�nomen �berraschender Fruchtbarkeit gut zu erkl�ren gewesen.</p><p>Genau eine solche �berlegung stellte Auden Chen Wochen sp�ter an. Erschrocken dar�ber, sich selbst eine Grube gegraben zu haben.</p><p>Lana hatte ihn, w�hrend er nach Brisbane unterwegs war, auf seinem Handy erreicht und in einem klaren, sachlichen Ton erkl�rt, jemanden kennengelernt zu haben.</p><p>�Wie soll ich das verstehen?�fragte er, obwohl er es ja wu�te.</p><p>�Ich habe mit ihm geschlafen.�</p><p>�Liebst du ihn denn?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Mehr als mich?�</p><p>�Gleich viel, aber anders.�</p><p>�Ich will dich aber nicht teilen�, erkl�rte er, wobei er sp�rte, wie er soeben seine souver�ne Art, mit allem Guten und allem Schlechten in der Welt umzugehen, einb��te. Er f�hlte eine Schw�che. Er sagte:�Mit <emphasis>anders lieben</emphasis> meinst du wahrscheinlich, da� dieser Mann dich ganz ausziehen darf. Habe ich recht?�</p><p>Sie schwieg.</p><p>�Warum schweigst du?�</p><p>�Ist es das, was dich eifers�chtig macht?�fragte sie.�Die Vorstellung, da� ein anderer meine Br�ste sehen darf? Meinen Nabel? Meine Rippen?�</p><p>Er konnte sich nicht wirklich vorstellen, da� man Lanas Rippen erkennen konnte. So d�nn war sie nicht. Doch in der Tat, ihn schmerzte der Gedanke, da� dieser andere Mann in Lanas Geheimnis eingeweiht wurde, gleich, wie horribel oder tragisch oder banal selbiges sein mochte.</p><p>Und dann sagte Auden, der einst so Beherrschte, mit einer ihn selbst erschreckenden Pl�tzlichkeit:�Wenn ich den Kerl in die Finger kriege, rei� ich ihm den Kopf ab.�</p><p>�Und du meinst, das w�rde mich ganz zu dir zur�ckbringen?�</p><p>�Bist du denn weg von mir? Nur weil du mit ihm geschlafen hast?�</p><p>�Es wird nicht das letzte Mal gewesen sein.�</p><p>�Ach ja, so sicher ist das also schon.�</p><p>�Wahrscheinlich schon, Auden. Es ist eben mehr als ein kleiner Seitensprung.�</p><p>Er stellte sich vor, wie beklemmend es sein mu�te, in Lana jetzt dort einzudringen, wo zuvor ein anderer gewesen war. Einen Mund zu k�ssen, den ein anderer gek��t, eine Zunge zu ber�hren, die mit einer anderen Zunge k�rzlich verschmolzen gewesen war. Das hatte nicht unbedingt mit Besitzanspruch zu tun. Es war viel einfacher. Ganz in der Art des Ekels, wenn man ein Glas an die Lippen setzt und noch w�hrend des Schluckens begreift, nach dem falschen Glas gegriffen und folglich das Getr�nk eines fremden Menschen im Mund zu haben. Woraus sich eine massive Vorstellung von der Welt der Bakterien ergibt. Bakterien, die freilich genauso in der Luft sind und auch in noch so ausgewaschenen Gl�sern drohen. Und doch�� man nimmt sie bei einem Glas, aus dem gerade ein anderer getrunken hat, soviel deutlicher und intensiver und bedrohlicher wahr.</p><p>Stadtluft einatmen und H�nde sch�tteln war etwas anderes als Trinken und Geschlechtsverkehr. Jetzt abgesehen von der Vorstellung, auch der andere Mann h�tte auf die Benutzung eines Pr�servativs verzichtet.</p><p>Lana erkl�rte, sie k�nne noch nicht sagen, wohin das alles f�hre. Aber sie habe ganz offen sein wollen. So, wie man das ja abgemacht hatte. Nicht �ber alles und jedes zu reden, aber dar�ber eben schon, wenn einer von ihnen jemanden Dritten ins Spiel brachte.</p><p>�Ist er Amerikaner?�fragte Auden.</p><p>�Wieso gerade das? Nein, Deutscher.�</p><p>�Na, dann pa�t es ja bestens.�</p><p>�Was soll das jetzt?�</p><p>�Wir haben nie dar�ber gesprochen, Lana, aber seien wir ehrlich, so h�bsch diese Mischlingskinder aussehen, man will es ihnen nicht wirklich antun, oder? Die Eltern, die vorgeben, so was w�re �berhaupt kein Problem, machen sich was vor.�</p><p>�Du magst sogar recht haben�, antwortete Lana,�aber das ist absolut nicht der Grund, da� ich diesen Mann kennengelernt habe. Ich habe nirgends annonciert, ich habe niemals gefleht: Lieber Gott, gib mir einen Deutschen!�</p><p>Doch Auden fragte:�Und was soll ich jetzt tun? Darauf warten, da� du seiner �berdr�ssig wirst?�</p><p>�Du kannst nicht sicher sein, da� ich das �berhaupt werde.�</p><p>�Bist du denn meiner �berdr�ssig?�</p><p>�Gar nicht�, sagte sie. Und f�gte an:�Leider. Es w�re dann einfacher. Manchmal ist das so. Manchmal wird nicht das eine durch das andere ersetzt. Sondern es kommt etwas dazu. Die Welt wird gr��er. Notgedrungen wird sie dann auch komplizierter.�</p><p>Eine �u�erung, die Auden mit einem ver�chtlichen Ton quittierte und Lana fragte, wo sie diesen Mann kennengelernt habe.</p><p>�Was bringt das denn?�</p><p>�Sag schon!�</p><p>�H�r zu, Auden, er war ein Patient von mir. So was kommt vor. Und jetzt h�r auf, mich zu l�chern.�</p><p>Er stellte sich vor, wie h�bsch sie selbst noch durchl�chert aussehen w�rde, und f�gte darum eine weitere Frage an:�Willst du denn, da� ich mit diesem Mann konkurriere?�</p><p>Sie lachte kalt und �u�erte:�Jedenfalls nicht in der Weise, sofort herzufliegen und ihm den Sch�del einzuschlagen.�</p><p>Auden versicherte, das sei ihm nur so herausgerutscht. Doch die Wahrheit war die, da� er diesem Kerl noch was ganz anderes h�tte ausrei�en m�gen. So pl�tzlich ihn das Gef�hl des Hasses gegen den Unbekannten auch ereilt hatte, sp�rte es sich dennoch befriedigend an. Es war gleich dem Reiz der Ausnahme. Etwas tun, wof�r man nicht bestraft wurde. Als h�tte jeder Mensch zumindest <emphasis>eine</emphasis> B�sartigkeit frei.</p><p>Auden sagte:�Ich mu� �berlegen, was ich tue.�</p><p>�Tu mal gar nichts�, schlug Lana vor.�Machen wir einfach eine Pause.�</p><p>Er aber meinte:�Wie soll ich mir eine Pause vorstellen? Nicht an dich denken?�</p><p>�Wenn das ginge, w�re es sicher das Beste.�</p><p>�Was f�r ein Schei�vorschlag!�sagte er. <emphasis>What a fucking idea!</emphasis> Die Leute, die ihn kannten, h�tten es nicht f�r m�glich gehalten, da� er so etwas von sich gab und vor allem, <emphasis>wie</emphasis> er dabei sprach. <emphasis>Wie</emphasis> er dabei den Mund verzog und sein im Grunde h�bsches Gesicht in Mitleidenschaft zog.</p><p>Lana legte auf. Auden hielt noch eine Weile sein Handy in der Hand. Er stand im schmalen Gang zwischen Flughafenrestaurant und Toilette. Er h�tte Lust gehabt, das Telefon gegen den Spiegel zu werfen, dem er gegen�berstand und in dem er sich selbst betrachtete. Der Anblick erinnerte ihn an die Gem�lde dieses Renaissancemalers, der die von ihm portr�tierten Personen aus Obst und Gem�se zusammengestellt hatte. Blo� da� sein eigenes Antlitz, Audens Antlitz, eher einer Menge toter V�gel und verkohlter B�cher entsprach, dunkel und unheimlich, allerdings auch sehr gut gemalt, mit viel Glanz auf den Federn und schwarzen Bl�ttern.</p><p>Er steckte sein Handy ein, wandte sich von dem Stilleben seiner selbst ab und ging auf die Toilette, um sein Gesicht unters kalte Wasser zu halten.</p><p>Ein Witz! Das Wasser war lauwarm. Und die Zeit, die das Wasser aus dem Hahn str�mte, �nderte daran sowenig, wie die Zeit, von der es hei�t, sie w�rde alle Wunden heilen, aber rein gar nichts heilt.</p></section><section><title><p><emphasis>18</emphasis></p></title><p>Zwei Wochen sp�ter rief Lana erneut an. Sie machte es kurz:�Ich bin schwanger.�</p><p>�Gratuliere.�</p><p>�Nein, ich denke, das Kind mu� noch von dir sein.�</p><p>�Noch von mir?�</p><p>�Nach meinen Berechnungen bist du der Vater.�</p><p>�Wie sicher sind die, deine <emphasis>Berechnungen?</emphasis>�</p><p>�Na, tausendprozentig ist es erst, wenn der kleine Wurm mal auf der Welt ist. Wobei wir uns dann den Vaterschaftstest sparen k�nnen. Ein Blick auf die Augen wird ausreichen.�� Wie auch immer, Auden, ich kann dir jetzt schon versprechen, da� er von dir ist.�</p><p>�Der Wurm!?�</p><p>�Im Deutschen ist das lieb gemeint. Der Wurm, das Baby, das Kind.�</p><p>�Und was sagt dein neuer Freund dazu?�</p><p>�Ich habe es ihm noch nicht gesagt. Er ist gerade in Japan. Er fliegt heute zur�ck.�</p><p>Auden wu�te noch immer nicht, wer der Mann war, wie er hie�. Aber h�tte es geholfen, einen Namen zu haben? Den Beruf des anderen zu kennen? Sein Gewicht, seine Haarfarbe? W�re es ertr�glicher gewesen, bei Vollmond betrogen zu werden? An Tagen, an denen es regnete?</p><p>Auden fragte Lana:�Wirst du es ihm sagen?�</p><p>�Wei� ich noch nicht.�</p><p>�Das mu�t du.�</p><p>�Na, irgendwann wird er es bemerken. Mir war jetzt einmal wichtig, es <emphasis>dir</emphasis> zu sagen. Wichtiger, als jemand anderem zu sagen, er sei <emphasis>nicht</emphasis> der Vater.�</p><p>�Sehr pragmatisch.�</p><p>�Findest du? Jedenfalls sollten wir das Ganze mit einem Anwalt besprechen.�</p><p>�Wieso nicht mit einem Priester?�</p><p>�Ach was, willst du mich denn ebenfalls heiraten?�</p><p>�Ebenfalls? M�chte dieser Kerl denn��?�</p><p>�Ja, er m�chte.�</p><p>�Na, das wird er sich noch �berlegen, wenn er h�rt, da� du von einem anderen ein Kind kriegst.�</p><p>�Gut, man wird sehen, ob ihn das dazu bringt, seine Meinung zu �ndern.�</p><p>�Das wird er, glaub mir.�</p><p>�Was auch immer geschieht�, sagte Lana,�f�r mich w�re es wichtig, da� du mir sagst, ob du das Kind annimmst als <emphasis>dein</emphasis> Kind und nicht nur als <emphasis>meines,</emphasis> f�r das du halt ein bi�chen Geld hergibst.�</p><p>�Mein Kind�, sagte er bestimmt.�Und mit aller F�rsorge, die ich habe, und aller Zeit, die ich mir nehme. Und ich nehme sie mir.�</p><p>�Was kein Grund ist, das Geld zu vergessen�, mahnte Lana.</p><p>�Nat�rlich. Geld und Zeit, und das alles, ganz gleich, ob du dich f�r oder gegen mich entscheidest.�</p><p>�Nichts anderes habe ich erwartet.�</p><p>�Wirklich? Ich hatte den Eindruck���</p><p>�Ich bem�he mich gerade, soviel Klarheiten wie m�glich herzustellen. Ein paar Dinge abzuhaken.�</p><p>�Ja. Bring deine Liste in Ordnung. Die ganze Liste�, riet er.</p><p>�Mach ich. Vorher mu� ich nur noch ein paar Patienten zusammenflicken. Das ist wesentlich einfacher.�</p><p>Sie schickte ihm einen Gru� und legte auf.</p><p>W�hrend Auden das Telefon weglegte, dachte er mit einemmal, da� an allem seine eigene Erfindung, das <emphasis>G</emphasis>7, schuld war. N�mlich eingedenk der erotisierenden Wirkung, die in der Paste m�glicherweise steckte.</p><p>Nun, worin auch immer die Wahrheit bestand, man konnte davon ausgehen, da�, wenn sich herumsprach, da� jetzt auch die Freundin des Begr�nders und Betreibers des Kosmetikherstellers KAI ein Kind bekam, der Hype um die <emphasis>G</emphasis>7-Creme hysterische Z�ge annehmen w�rde.</p><p>Am n�chsten Tag landete er in Honolulu, um den dortigen Laden zu besuchen, in dem die KAI-Produkte f�r den gesamten polynesischen Raum vertrieben wurden. Am Abend traf er die Besitzerin und ging mit ihr essen. Er mochte die Dame, eine alte Franz�sin mit einem Wurzelwerk von Gesichtshaut, silbergrauem Haar und stechendblauen Augen � sehr elegant, sehr d�nn, sehr gebildet. Man nannte sie� die Samuel Beckett unter den Drogistinnen�.</p><p>�Wo sind Sie?�fragte die Franz�sin, w�hrend sie ein Salatblatt mit Gabel und Messer zu einem mundgro�en, kuvertartigen St�ck faltete.</p><p>�Wie? Was meinen Sie?�</p><p>�Wo Sie mit Ihren Gedanken sind, lieber Chen? Jedenfalls nicht bei mir.�</p><p>�Verzeihen Sie.�</p><p>�Verliebt?�fragte sie.</p><p>�Sorgen�, antwortete er.</p><p>�Ist das nicht das gleiche?�</p><p>�Na, es gibt wohl verschiedene Arten von Sorgen�, meinte Auden.</p><p>�Da haben Sie schon recht�, sagte die alte Dame.��brigens, wenn wir gerade dabei sind. Ich mu� Sie warnen.�</p><p>�Vor wem?�</p><p>�Vor Ihren Konkurrenten. Den gro�en Namen in der Sch�nheitsindustrie. Sie gelten bei den Konzernen langsam als ein Terrorist.�</p><p>�Ich habe keine Konkurrenten. Wer wollte mit mir konkurrieren? Ich gef�hrde niemandes Markt. KAI spielt in seiner eigenen Liga, oder?�</p><p>�Das stimmt und stimmt nicht. Man wird Ihnen nicht ewig zuschauen, wie Sie Ihr Spiel spielen. Man wird Sie zwingen, Ihr Wissen zu teilen. Man wird Sie zwingen, Ihren Gewinn zu erh�hen. Ihre Bescheidenheit aufzugeben. Und die <emphasis>ganze</emphasis> Welt zu beliefern. Nicht nur ein paar kleine L�den, die von kleinen alten Damen gef�hrt werden.�</p><p>Die Franz�sin behauptete, in <emphasis>G</emphasis>7 stecke das Potential einer Revolution. Das Gegenmodell zur Antibabypille. Und damit die Freiheit, nicht nur <emphasis>nicht</emphasis> schwanger zu werden, wenn man nicht wolle, sondern eben auch das Gegenteil zu erreichen.</p><p>�Das ist ein Ger�cht�, sagte Chen.</p><p>�Das Ger�cht verfestigt sich. Wenn die Antibabypille die Frau des zwanzigsten Jahrhunderts gepr�gt hat, dann vielleicht <emphasis>G</emphasis>7 die Frau des einundzwanzigsten.�</p><p>Chen lachte.�Sie �bertreiben.�</p><p>�Mag sein. Aber gar keine Frage, da� man in den Kosmetiklabors der Big Players sehr flei�ig dabei ist, Ihre Creme zu analysieren. Da� man dort versucht, etwas �hnliches herzustellen. Scheint jedoch nicht ganz einfach zu sein. Trotz der vielen Technik. Die kommen nicht drauf, was da alles drinsteckt. Jedenfalls ist von deren eigenen Cremes noch niemand schwanger geworden. Ganz abgesehen von der juristischen Seite, dem Patentrecht. Ich denke, Monsieur Chen, Sie w�rden einige Vorstandsdirektoren sehr gl�cklich machen, wenn Sie deren gro�z�gige Angebote ann�hmen.�</p><p>�Mir gen�gt v�llig, einige Frauen gl�cklich zu machen.�</p><p>Sie zwinkerte ihn an.�So elit�r!�</p><p>�Elit�r?�</p><p>�Sie helfen blo� ein paar nicht mehr ganz jungen, nicht ganz armen Damen, deren egoistische Kinderw�nsche zu erf�llen. Anstatt <emphasis>G</emphasis>7 der gesamten Welt zu schenken. Allen Frauen.�</p><p>�Ach was! Das ist wie mit der Kunst�, sagte Chen.�Die ist auch nur f�r wenige. Ist sie darum verbrecherisch?�</p><p>�Kunst kann man ins Museum h�ngen�, erwiderte die Franz�sin.</p><p>�Und trotzdem gehen nicht alle Menschen dorthin. Nein, meine liebe Freundin, ich bleibe bei meinem Weg. Lie�e ich zu, da� KAI�Cremes zum Massenprodukt werden, sie w�rden ihren Zauber verlieren. Magie ist immer auch eine Frage der Menge. Das ist der Grund, da� es so wenige Wunder gibt. Man kann nicht alle Leute heilen. Au�erdem: Nicht alle Reichen leisten sich KAI, und nicht alle, die sich KAI leisten, sind reich.�</p><p>�Dennoch, Sie m�ssen aufpassen, Monsieur Chen�, wiederholte die Franz�sin. Und meinte, da� die Leute in der Kosmetikindustrie kaum zimperlicher seien als die Herren Waffenproduzenten oder die Haifische in den Pharmakonzernen. Und wenn man sich nur vorstelle, <emphasis>G</emphasis>7 halte, was es verspreche��</p><p>�Es verspricht nichts anderes als eine Belebung der Gesichtshaut.�</p><p>�<emphasis>Belebung</emphasis> ist das richtige Wort. <emphasis>G</emphasis>7 verspricht Leben. Gleich, ob Sie das beabsichtigt hatten oder nicht.�</p><p>�Der Effekt, wenn er denn besteht�, sagte Chen, der ja immerhin soeben erfahren hatte, Vater zu werden,�ist in keiner Weise gewollt. Purer Zufall.�</p><p>�Oh mon Dieu!�t�nte die noble Greisin.�Das meiste, was entdeckt wird, ob Cremes oder Landmassen, ist Zuf�llen zu verdanken. Auch wenn die Zuf�lle vielleicht ein System verraten. Jedenfalls wird man Sie nicht in Ruhe lassen.�</p><p>Chen grinste. Aber er erkannte die ernste Sorge im Gesicht der alten Frau.</p><p>Sie a�en zu Ende, dann bestellte man zwei Taxis.</p><p>Als sie Auden zum Abschied die Hand reichte, fragte die Franz�sin:�Ich wei� gar nicht, ob Sie Familie haben, Chen. Ich meine, abgesehen von Ihren Eltern.�</p><p>�Nein, keine Familie.�</p><p>�Das ist gut so.�</p><p>�Warum?�</p><p>�Sollte jemand auf die Idee kommen, Ihnen zu drohen, ist immer die Frage, womit er Ihnen droht. Ohne Frau und ohne Kind ist man da sehr viel besser dran. Oder was meinen Sie?�</p><p>�Ganz sicher�, sagte Chen und k��te den Handr�cken der alten Dame. Er roch nach Holz und Waldboden und Pilzen und dem Wechsel der Jahreszeiten. Er w�re gerne noch etwas l�nger mit seiner Nase �ber diesem Handr�cken verblieben. Richtete sich freilich auf und sagte:�Adieu!�</p><p>Sp�ter, in seinem Hotelbett liegend, �berlegte er, wie absolut richtig das war, was die Franz�sin ihm erkl�rt hatte, wieviel unabh�ngiger und mutiger man in seinen Entscheidungen sein konnte, wenn man durch selbige nur sich selbst gef�hrdete. Indem er sich aber demn�chst � m�glicherweise � zu einem Kind bekannte, welches Lana in ihrem K�rper trug, w�rde er sich genau dieser Freiheit berauben.</p><p>Fragte sich, ob denn ernsthaft eine Gefahr bestand. Hier ging es schlie�lich nicht um den Irak, nicht um Bombencodes oder um die nationale Sicherheit. Auch nicht um den Weltmarkt von Kokain.</p><p><emphasis>G</emphasis>7 war keine Droge.</p><p>Wirklich nicht?</p><p>Er dachte nach. Dachte an die freundlichen Angebote, die ihm bislang unterbreitet worden waren. Wie er sein ihm allein geh�rendes Unternehmen in eine� unabh�ngige Tochter �eines der gro�en Kosmetikhersteller verwandeln oder sich an einem Joint-venture beteiligen k�nnte.</p><p>Er hatte sich das ein jedes Mal in Ruhe angeh�rt, wie da mit Zahlen jongliert wurde, Zahlen, die mit jedem Satz gr��er und h�bscher wurden, gleich pr�chtigen, heiratsf�higen Kindern � und sodann dankend abgelehnt. Er hatte sich letztendlich wie einer dieser Kleinbauern verhalten, die ihr Land f�r kein Geld der Welt hergeben wollen und sich einer Stra�e oder einem Staudamm entgegenstellen.</p><p>Freilich, all diese Stra�en und Staud�mme und Superm�rkte werden dann trotzdem gebaut.</p><p>War er also ernsthaft in Gefahr? Er fragte sich, ob solche Szenarien nicht eher der Dramaturgie einer Fiktion entsprachen. Romanhaft. Filmreif.�� Nat�rlich, auch wirkliche Menschen wurden umgebracht, ebenjene Kleinbauern. Und selbst Leute in Anz�gen kamen hin und wieder unter die R�der. Aber wie weit w�rde eine Firma gehen, deren freundliche oder auch unfreundliche Angebote nicht fruchteten? L�Or�al, Nestl� und wie sie alle hie�en. Waren das wirklich die Mafiabetriebe, als die die Weltverbesserer sie gerne sahen, sich ihr Feindbild mit heftigem Strich ausmalend?</p><p>Nun, der Fehler war wohl, sich die M�chtigen der Welt noch immer als� Bosse �zu denken, Bosse, welche mittels einer kleinen, abf�lligen Bemerkung quasi ein Todesurteil unterschrieben. W�hrend sie in Wirklichkeit so waren, wie Audens Namenspatron, Wystan Hugh Auden, sie dargestellt hatte:</p><p><emphasis>Hell, bis tief in die Nacht</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>Sind die Fenster</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>Der M�chtigen, und dort hocken sie tiefgebeugt</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>�ber irgendeinem</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>Ersch�pfenden Bericht �ber dies oder das,</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>Immerzu, wie ein Gott oder eine Krankheit</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>Auf dieser Welt, die der gro�e Grund ist, aus dem</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>Sie so m�d sind��</emphasis></p><p>Es handelte sich um eine Stelle aus W.H. Audens Gedicht <emphasis>Die Manager</emphasis>. Chens Eltern hatten es ihm oft vorgelesen, wie andere Kinder Gutenachtgeschichten von B�ren und Hasen und melancholischen Monstern erz�hlt bekommen. So war der kleine Chen nicht nur mit der englischen Sprache aufgewachsen, sondern auch mit poetischen Bildern, die fern dem Kindlichen standen. Ja, man konnte sagen, die poetischen Bilder eines schwulen, linken, letztlich auch noch katholischen Pulitzer-Preistr�gers hatten Chen durch die Kindheit begleitet und seine Phantasien angeregt. Nicht, da� er alles verstanden hatte. Aber er hatte auch nicht alles von <emphasis>Alice im Wunderland</emphasis> und <emphasis>Horton h�rt ein Hu!</emphasis> verstanden oder in dem dicken Buch mit den chinesischen M�rchen. Nicht alle Geschichten im Leben und im Buch waren so einfach gestrickt wie bei diesen Jungs, die sich <emphasis>Die drei Fragezeichen</emphasis> nannten.</p><p>Manche Dinge mu�te man erst einmal f�hlen und ahnen und riechen und schmecken und sich vor ihnen f�rchten, bevor man sie irgendwann begriff.</p><p>Wenn er an die Mondlandung der Amerikaner dachte, dann weniger an das ber�hmt-vertrottelte Gleichnis vom kleinen und vom gro�en Schritt, sondern vielmehr an W.H. Audens Aussage, da� es sich hierbei um einen� Phallus-Triumph �der� Boys �gehandelt habe und da߻vom Augenblick an, da der erste Stein beschabt wurde, diese Landung nur eine Frage der Zeit war�.�� War ein beschabter Stein nicht ein ungleich st�rkeres Bild als besagter Fu�abdruck im schwarzwei�en Staub?</p><p>Nach W.H. Auden waren die M�chtigen also m�de von der gro�en Welt, die sie beherrschten.</p><p>Freilich, auch m�de Menschen unterschrieben Todesurteile. Wenngleich l�ngst nicht mehr auf den R�ckseiten von Spielkarten. Heutzutage ging es profaner und pragmatischer zu. Doch diese gewisse Bl�sse der M�chtigen �nderte nichts daran, da� weiterhin unliebsame Menschen aus dem Weg ger�umt wurden, auf die eine oder andere Weise. Menschen verschwanden, und was n�tzte es schon, wenn sie auf Facebook weiterlebten oder sogar einen Wikipediaeintrag gleich einem Grabstein besa�en.</p><p>Die alte Franz�sin � nicht gerade die typische Weltverbesserin, aber ziemlich realistisch � hatte Chen einen Floh ins Ohr gesetzt. Es war kein Riesenfloh, aber seine Anwesenheit deutlich sp�rbar.</p><p>�brigens war Auden Chen in der Tat die einzige Person in seinem Unternehmen, welche die genaue Formel von <emphasis>G</emphasis>7 kannte. Wobei er die Rezeptur, so kompliziert sie war, tagt�glich memorierte. Ein kleines Gebet, das ihm guttat. Die einzige schriftliche Aufzeichnung der Zusammensetzung � wie auch aller anderen Rezepte des KAI-Programms � hatte er an den Seitenrand einer Erstausgabe von W.H. Audens <emphasis>The Age of Anxiety</emphasis> notiert. Es versteht sich, da� er dieses B�chlein stets bei sich trug und daf�r in allen seinen Sakkos Extrataschen hatte einn�hen lassen, etwas, was wiederum nur seine beiden engsten Mitarbeiter wu�ten.</p><p>Einige Tage sp�ter landete er erneut in Australien, diesmal in Perth. Nach dieser letzten Station seiner Reise wollte er nach Taiwan zur�ckkehren und Lana aufsuchen, um ein entscheidendes Gespr�ch zu f�hren. Er wollte, so gut es ging, einen reinen Tisch schaffen.</p><p>Zum Abendessen traf er sich mit einer Gruppe von lokalen Gesch�ftsleuten, die sich bem�hten, eine KAI�Vertretung in Perth zu etablieren. Die Art und Weise, wie diese Leute �ber <emphasis>G</emphasis>7 sprachen, zeigte, wie sehr derzeit ein blo�es Ger�cht bestand, aber eben auch der Wille, diesem Ger�cht � wie die kleine Franz�sin es ausgedr�ckt hatte � eine feste Form zu verleihen. Nicht etwa das Geheimnis geheimnislos zu machen, sondern einen Mythos in die Welt zu setzen. Vielleicht �hnlich dem, den man von Bachbl�ten kannte. Medizin vom lieben Gott.</p><p>Und welche Medizin k�nnte g�ttlicher sein als die, die neues Leben schuf?</p><p>Doch Auden f�hlte sich ersch�pft wie selten noch. Die ganzen letzten Tage schon. Man kann vielleicht sagen, zu dem Floh in seinem Ohr war ein Gewicht in seinem Kopf hinzugekommen.</p><p>Gegen elf Uhr bat er, sich zur�ckziehen zu d�rfen. Er werde sich das Angebot der Perth-Leute genau �berlegen. Dann fuhr er hoch in sein Hotelzimmer, wo er noch ein kleines Glas Bourbon trank, sich bis auf die Unterhose auszog und aufs Bett warf. Sekunden sp�ter war er eingeschlafen.</p><p>Er tr�umte. In diesem Traum war eine riesige Menschenmenge. Und in dieser Menge jemand, der ein Schild hochhielt. Darauf stand ein Wort. Allerdings schwer zu lesen. Was ja eigentlich ein Witz war, unleserliche Plakate schreiben. Wie in diesem Woody-Allen-Film, wo sich alle schwertun, die schriftliche Forderung des Bankr�ubers zu entziffern.</p><p>Auden dr�ngte sich durch die Massen. Endlich war er nahe genug, das eine Wort zu erkennen. <emphasis>Aufwachen!</emphasis> stand da.</p><p>Es war wohl die heftige Anstrengung, n�mlich die Anstrengung beim Lesen, die ihn tats�chlich aus dem Traum trieb. Er �ffnete seine Augen.</p><p>Er lag in v�lliger Dunkelheit. Sp�rte aber sofort, nicht allein zu sein. Es war eine Bewegung im Raum, eine vorsichtige, eine Katzenbewegung oder, besser gesagt, eine Gro�katzenbewegung, die aber auch etwas Schwerf�lliges hatte. Ein alter Tiger oder alter L�we.</p><p>Auden vernahm das Ger�usch, das sich daraus ergab, da� jemand den Kleiderschrank ge�ffnet hatte und sich an den Anz�gen zu schaffen machte. Mit leisen Pfoten, keine Frage. Aber in tiefer Nacht war auch das Leise ein Lautes.</p><p>Auden �berlegte, da� es das Sicherste w�re, sich schlafend zu stellen und den Raub vor�bergehen zu lassen. Wobei sich nat�rlich die Frage stellte, worauf der Einbrecher es abgesehen hatte. Geld? Schmuck? Oder geschah jetzt genau das, wovor die alte Franz�sin ihn gewarnt hatte? War er, Auden, verraten worden? Und wurde gerade versucht, an die Rezeptformel zu gelangen, die er in einem Buch versteckt hatte, das <emphasis>Das Zeitalter der Angst</emphasis> hie�?</p><p>Wenn er nun das Licht anmachte und den Einbrecher zur Rede stellte��</p><p>Meine G�te, konnte man denn Einbrecher zur Rede stellen? Waren Einbrecher Kinder, die man ertappte, wie sie gerade ihre Finger in die Schokocreme tauchten? <emphasis>Aber beim n�chsten Mal��</emphasis></p><p>Immerhin befand sich Auden Chen in einem ziemlich guten Zustand. K�rperlich gesehen. Er konnte Judo, und er konnte boxen. Wobei allerdings die Projektile, die aus Waffen flogen, v�llig blind waren f�r die Nahkampfk�nste der Menschen. Niemand war so blind wie eine todbringende Kugel.</p><p>Dennoch, die Vorstellung, <emphasis>Das Zeitalter der Angst</emphasis> und damit s�mtliche KAI-Rezepte k�nnten gestohlen werden, f�hrte dazu, da� Auden entschlossen aus dem Bett sprang und mit dem Gewicht seines muskul�sen K�rpers in Richtung Kleiderschrank st�rmte. Dabei prallte er gegen die T�r, welche wiederum auf den dahinter stehenden K�rper stie�. Ein K�rper, der umfiel.</p><p>Auden hingegen war in der Aufrechten geblieben, eilte hin�ber zum Fenster und zog den Vorhang zur Seite, hinter dem das leuchtende Perth lag. Im Perthlicht erkannte Auden die Fu�taste einer Stehlampe und bet�tigte sie. Gleich darauf auch einen Generalschalter, der s�mtliche Lichter des Hotelzimmers in Betrieb setzte.</p><p>Heller ging es nicht mehr.</p><p>Ein Mann lag am Boden, bewegungslos. Neben ihm eine Pistole, deren Lauf die typische Verl�ngerung eines Schalld�mpfers besa�. Daneben eine Taschenlampe, deren Lichtstreifen eine ovale Sonne auf den Teppichboden brannte.</p><p>Auden wollte zum Telefonh�rer greifen. Aber seine Hand schwang am H�rer vorbei und fa�te nach der Pistole. Der ersten echten in seinem Leben. Alle anderen waren Spielzeugwaffen gewesen. Und er griff keine Sekunde zu fr�h. Denn in diesem Moment l�ste sich der am Boden Liegende aus seiner kurzen Bet�ubung. Er richtete sich halb auf, kam auf die Beine, hielt sich eine Hand an die Schl�fe, blinzelte hin�ber zu Auden und erkannte die Waffe in dessen Hand. Er seufzte, tat einen Schritt zur�ck und lie� sich in die Mitte eines Sofas fallen.</p><p><image l:href="#7"/></p><p>Er wirkte sehr m�de. So, wie sich Auden Stunden zuvor noch gef�hlt hatte. Nur war dieser Mann hier um einiges �lter und sehr viel unf�rmiger. Ein gealterter James Bond. In seinem schwammigen Gesicht � mit Augenschlitzen so eng, als m��ten die Lider ein linsengro�es Ei festklammern � �ffnete sich ein kleiner Mund. Der Mann fragte:�K�nnen Sie mit so einer Waffe �berhaupt umgehen?�</p><p>�Ich wei� nicht�, sagte Auden.�Ich denke, man dr�ckt einfach ab.�</p><p>Genau das tat er auch.</p><p>Ja, ein Schu� fiel. Nicht mit Absicht, nat�rlich nicht. Sondern so, wie wenn man jemanden bittet, still zu sein, und, w�hrend man das sagt, sich automatisch den Finger an die Lippen legt.</p><p>Indem er vom Abdr�cken sprach, dr�ckte er ab.</p><p>Gl�cklicherweise war der Lauf nicht gegen das besetzte Sofa, sondern gegen den unbesetzten Polstersessel gerichtet gewesen, so da� die Kugel, die mit einem <emphasis>Flupp!</emphasis> den Schalld�mpfer verlie�, mit einem ganz �hnlichen <emphasis>Flupp!</emphasis> in die R�ckenlehne des M�bels eindrang und ausdrang und auch noch die dahinter liegende Wand perforierte. H�tte dort eine Person gesessen, sie h�tte nun auf Brusth�he einen Tunnel gehabt.</p><p>�Zum Teufel! Vorsicht!�rief der Mann, dem diese Waffe eigentlich geh�rte.</p><p>�Verzeihung�, sagte Auden und lachte in der Art des Fassungslosen. Fassungslos wor�ber? Da� er geschossen hatte? Oder da� er sich daf�r entschuldigte?</p><p>Auden trat nun einen Schritt hin�ber zum Kleiderschrank, um rasch festzustellen, da� das Buch fehlte, welches er bei sich auch gerne das� Angstb�chlein �nannte.</p><p>�Her damit!�verlangte er.</p><p>�Und wenn nicht?�</p><p>Auden legte die Waffe aufs Bett und n�herte sich dem Mann auf dem Sofa. Dieser hob die Arme leicht an und sagte:�Sie brauchen mich nicht zu schlagen.�</p><p>�So weit wollte ich gar nicht gehen�, �u�erte Auden.</p><p>Der andere griff sich in die Jackentasche, zog das Buch hervor und h�ndigte es aus. Wobei er erkl�rte:�Das n�tzt Ihnen auch nichts. Oder denken Sie, die geben auf?�</p><p>�Wer sind <emphasis>die</emphasis>?�</p><p>�Das wissen Sie nicht?�staunte der Mann.�Also, wenn <emphasis>Sie</emphasis> es nicht wissen�� Sie sollten Ihre Gegner kennen.�</p><p>�Und Sie sollten Ihre Auftraggeber kennen.�</p><p>�Ich bitte Sie, darin besteht doch der Sinn, da� ich keine Ahnung habe, wer das ist. Und einfach tue, wof�r ich bezahlt werde.�</p><p>�Was Ihnen sch�n mi�lungen ist�, stellte Auden fest.</p><p>Der Mann senkte den Kopf und meinte bedauernd:�Absolut.�</p><p>Dann hob er den Kopf wieder an und sagte:�Wenn ich das hier versaue, werden die jemand anderen engagieren. Jemanden, der j�nger und schneller und brutaler ist. Dessen Herz viel kleiner ist als meines.�</p><p>In der Tat wunderte sich Auden, da�, wer auch immer� die �waren, einen so alten Typen geschickt hatten. Aber wer wei�, vielleicht hatte dieser� alte Typ �einen guten Namen und war in dieser speziellen Situation weniger ungeschickt als gl�cklos gewesen. (Relativ gl�cklos, denn immerhin mu� gesagt werden, da� er das laienhafte Abfeuern einer Kugel �berlebt hatte.)</p><p>Jedenfalls meinte der Mann auf dem Sofa nun:�Es w�re wirklich besser, wir zwei w�rden ins Gesch�ft kommen.�</p><p>�Besser f�r wen?�</p><p>�F�r uns beide.�</p><p>�Inwiefern?�</p><p>�Sie geben mir das B�chlein, und ich lasse Sie entkommen. Dann h�tte ich zwar nur den halben Auftrag erf�llt, aber���</p><p>�Wieso entkommen lassen?�fragte Auden und bewegte sich wieder dorthin, wo die Waffe lag.</p><p>�Denken Sie denn, es war daran gedacht, da� Sie diese Nacht �berleben?�</p><p>�Das ist ein Scherz, nicht wahr?�meinte Auden.�Sie sind doch kein Killer. B�cher klauen ja, eine Waffe dabei, na gut, sicherheitshalber � aber doch kein Killer.�</p><p>�Nein, ich bin kein Killer. Aber wenn es der Auftrag erfordert, schalte ich Leute aus. Ungerne. Aber leider kann ich mir nicht aussuchen, wie genau ein Auftrag beschaffen ist. So frei bin ich nicht. Nur, weil man freischaffend ist, bestimmt man nicht eben den Gang der Dinge.�</p><p>Doch Auden blieb ungl�ubig.�Da� jemand an die Formel will, das kann ich verstehen. Mich aber t�ten?�</p><p>�W�ren Sie jetzt tot, w�rden Sie mir glauben�, sagte der Mann. Und f�gte an:�Nun, nachdem das heute schiefgegangen ist und Sie gewarnt sind, k�nnte man noch auf die Idee kommen, sich eine Person aus Ihrer Familie vorzunehmen. Haben Sie Kinder?�</p><p>Schon wieder wurde ihm diese Frage gestellt. Und wieder sagte er� Nein�, obgleich das nicht wirklich der Wahrheit entsprach.</p><p>�Gut f�r Sie�, meinte der m�de Mann.�Die schw�chste Stelle eines Menschen ist sein eigenes Kind. Kein Wunder, da� so selten die Ehefrauen der Reichen entf�hrt werden und so oft deren Nachwuchs.�</p><p>�Verschonen Sie mich�, sagte Auden.</p><p>�Womit? Mit der Wahrheit?�</p><p>�Gehen Sie einfach.�</p><p>Der Mann stand auf. Es sah aus, als h�tte er seit dem Mittelalter auf diesem Sofa gesessen. Man konnte seine Knochen h�ren. Den Klang einer alten R�stung. Aus dem metallenen Mund dieses Manns drang nun ein letzter Versuch:�Geben Sie mir das Buch. Ich werde denen erz�hlen, ich h�tte mich dagegen entschieden, es wie einen Selbstmord aussehen zu lassen, und Sie statt dessen im Meer versenkt. Wenn Sie richtig verschwinden, f�r immer, kann ich das tun. Das ist der kleine Spielraum, den ich habe.�</p><p>�Seit wann benutzen Leute, die sich umbringen wollen, einen Schalld�mpfer?�zeigte Auden, da� er mitdachte.</p><p>�Keine Angst, den h�tte ich vorher abgeschraubt. �Und dann sagte der Mann:�Kaum zu glauben, da� Sie in so einem Moment den Klugschei�er geben.�</p><p>Wobei Auden sogar noch eine weitere Spitzfindigkeit auf der Zunge lag, n�mlich anzumerken, da� es doch wohl sinnvoll gewesen w�re, als erstes ihn, Auden, zu erschie�en und erst danach im Kleiderschrank nach dem Buch zu suchen. Freilich h�tte man ihm entgegnen k�nnen, da� eine T�tung sich immer erst dann anbot, wenn das Objekt, um das es ging, auch gefunden war. In diesem Fall das Angstbuch mit den KAI-Rezepten. Und noch was: W�re er, Auden, auch nur Sekunden sp�ter � getrieben von einem unleserlichen Schriftzug in seinem Traum � erwacht, dann w�re alles seinen geplanten Weg gegangen. Und er w�re jetzt tot und br�uchte nicht zu zweifeln.</p><p>Wie auch immer, Auden reagierte auf den Vorwurf der Klugschei�erei, indem er sagte:�Sie haben recht. Das war unn�tig. �Beinahe h�tte er sich erneut entschuldigt. Machte nun aber klar, da� er das Buch, <emphasis>sein</emphasis> Buch, nicht hergeben werde.�Es ist mein Leben.�</p><p>Der Killer, der keiner war � an diesem Abend zumindest ganz sicher nicht � , r�usperte sich und meinte abf�llig, er habe schon geh�rt, da� manche Menschen ungeheuerliche Beziehungen zu ihren B�chern pflegten.</p><p>�Ungeheuerlich? Denken Sie denn, das ist das richtige Wort?�</p><p>�Ja�, sagte der Mann und �ffnete die T�r. Im Rahmen blieb er noch einmal stehen und erkundigte sich mit einem fragenden Blick, ob es sich Auden nicht doch noch �berlegen wollte.</p><p>Auden Chen sch�ttelte den Kopf.</p><p>Der andere sch�ttelte ihn ebenfalls und ging.</p></section><section><title><p><emphasis>19</emphasis></p></title><p>Auden �berlegte. Wieviel Zeit hatte er? Wieviel Zeit, um <emphasis>was</emphasis> zu unternehmen? Die Polizei zu benachrichtigen? Das Projektil aus der Wand zu kratzen? Ein nicht begangenes Verbrechen zu melden? Das h�tte er eigentlich gleich zu Anfang tun m�ssen, als der andere noch im Zimmer gewesen war. Warum hatte er es unterlassen? Etwa aus Angst davor, erkl�ren zu m�ssen, wieso <emphasis>er</emphasis> und nicht der andere geschossen hatte? Manche Wahrheit war so schrecklich unglaubw�rdig, so verfahren.</p><p>Bot sich nicht eher an, postwendend einen Bodyguard herzuschaffen? Oder besser eine ganze Armee?</p><p>Er l�chelte bei der Vorstellung, wie viele zufriedene KAI-Kundinnen bereit w�ren, um ihn herum einen lebenden Schild zu bilden.</p><p>Erneut griff er nach der Waffe, betrachtete sie, wie sie da zusammen mit seiner Hand durchaus eine Symbiose bildete. Die Waffe war ja auf die ausl�sende Hand genauso angewiesen wie umgekehrt die Hand auf das zu bedienende Ger�t. Ohne die Pistole h�tte sich die Hand zur Faust ballen m�ssen, um eine gewollte Bedrohung darzustellen. Aber das Ballen allein n�tzte wenig, w�hrend hingegen das Abdr�cken bereits Sinn und Zweck der Symbiose in Gang setzte. Eine Faust war auf sich gestellt, ein Schu�finger nicht.</p><p>Sollte darin seine Zukunft bestehen? Bewaffnet oder von Dritten besch�tzt sein Leben fortzusetzen und seine <emphasis>G</emphasis>7-Formel, sein Angstb�chlein, vor den dunklen M�chten der Sch�nheitsindustrie zu bewahren? Oder war es besser, an die �ffentlichkeit zu gehen? Zu klagen?�� Fragte sich, ob sie einen retten konnte, die �ffentlichkeit.</p><p>Was Auden aber vor allem zu denken gab, war der mehrfache Hinweis, wie gut es sei, da� er keine Kinder habe, dank derer man Druck auf ihn h�tte aus�ben k�nnen. Das stimmte! Wie fatal darum, w�ren seine Beziehung zu Frau Dr. Senft und deren Schwangerschaft bekannt geworden, erst recht vor dem Hintergrund einer m�glichen Beg�nstigung dieser Schwangerschaft durch <emphasis>G</emphasis>7. Er h�tte dann weniger sich selbst als Frau Dr. Senft besch�tzen m�ssen. Wobei anzunehmen war, da� Lana sich weigern und derartige Bef�rchtungen als paranoid abtun w�rde. Oder noch schlimmer: da� sie meinte, er h�tte sich das alles nur ausgedacht, um sie dazu zu bringen, sich wieder mit ihm zu besch�ftigen.</p><p>Die Gedanken schwirrten in seinem Kopf herum. Ein verr�ckt gewordenes Bienenvolk.</p><p>Auden sagte sich:�Und wenn ich das nur tr�ume?�</p><p>Aber die Frage war viel eher, ob der Mann, dessen Pistole Auden Chen noch immer in der Hand hielt, soeben dabei war, sich eine Ersatzwaffe zu besorgen, und sodann einen weiteren Versuch unternehmen w�rde, doch noch seinen Auftrag zu erf�llen.</p><p>So gesehen, dr�ngte sich auf, als erstes einmal das Zimmer und den Ort zu verlassen.</p><p>Auden packte eilig seine Sachen und zog sich an. Wobei er sich das Angstb�chlein diesmal hinten in die Hose klemmte, dort, wo �blicherweise die Pistolen unterkamen (zumindest, wenn man Kriminalfilme als Quelle nahm). Die Waffe hingegen f�gte er in die spezialgefertigte Innentasche seines Jacketts. Buch und Waffe hatten den Platz getauscht.</p><p>Auden verlie� das Zimmer, verlie� ungesehen das Hotel, stieg � um drei Uhr morgens � in ein Taxi und lie� sich zum Flughafen bringen. Dort angekommen, �nderte er jedoch seinen Plan und wies den Fahrer an, ihn zur Bahnstation East Perth zu fahren. Ihm war die Idee gekommen, den Indian Pacific zu nehmen, um nach Adelaide zu reisen und erst von dort den Kontinent zu verlassen.</p><p>Den Zug nach Adelaide also. Eine umst�ndliche Art, die �ber vierzig Stunden in Anspruch nahm und eigentlich allein von Touristen genutzt wurde, die den Verlust an Zeit als� sch�ne Erfahrung �verbuchten.</p><p>Doch genau diese Umst�ndlichkeit erschien Auden als der sicherere Weg. Was ja f�r die meisten Dinge im Leben galt.</p><p>Auden nutzte die lange Fahrt, um einige weitreichende Entscheidungen zu treffen. Er beschlo� zu verschwinden. Er beschlo�, quasi aus dem Stand heraus seine bisherige Existenz abzusch�tteln und an anderem Ort und in g�nzlich anderer Bestimmung ein neues Leben zu beginnen. Nur auf diese Weise w�rde er sich und die anderen, vor allem Lana und das Kind, sch�tzen k�nnen. Und wohl auch seine Eltern, die ja noch immer in den Staaten lebten. Nur so w�rde er unangreifbar werden. Denn um jemanden zu erpressen, mu�te er doch erreichbar sein, oder? Auch die b�sesten Briefe ben�tigten einen Adressaten.</p><p>Er wollte unsichtbar werden. Unsichtbar f�r die, die offensichtlich bereit waren, noch so h��liche Wege zu beschreiten, um an das Rezept von <emphasis>G</emphasis>7 zu gelangen. Dazu war allerdings n�tig, die Spuren in die Unsichtbarkeit so gering als m�glich zu halten. Weshalb es sich verbot, jetzt seinen Anwalt anzurufen und sein Verm�gen auf Lana zu �bertragen oder dergleichen. Solcherart h�tte er Lana erst recht in Gefahr gebracht. Nein, sein Verschwinden mu�te so gut wie ansatzlos sein.</p><p>In Adelaide w�rde er ein letztes Mal Bargeld abheben, genug, um sich gef�lschte Papiere zu besorgen und die Kosten der Reise zu bestreiten, die ihn an einen neuen Ort bringen w�rde. Danach wollte er seine Kreditkarten zerschnipseln. Eine Art von Suizid.</p><p>Doch welcher Ort sollte es sein, an den er gehen wollte?</p><p>Auden �berlegte, da�, wenn Menschen geheime Zufluchten w�hlten, sie bei aller Geheimhaltung dennoch pers�nlichen Vorlieben erlagen. Wenn sich Leute in Venedig versteckten, dann, weil sie vorher so viel Donna Leon gelesen hatten. Freunde des Reggaes fl�chteten gerne in die Karibik, Single-Malt-Fans bevorzugten�� So wie man ja auch bei der Benutzung von Codew�rtern gerne die eigenen Leidenschaften oder gar die Namen der eigenen Familie ins Spiel brachte. Das war unklug, aber die Regel.</p><p>Genau dies jedoch wollte Auden vermeiden. Der Zufall sollte bestimmen, wo er hinging. Der Zufall lag in keiner Weise in seiner Biographie begr�ndet. Der Zufall war nicht eruierbar oder wenigstens schwer.</p><p>In einem dem Speisewagen benachbarten Lounge-Abteil fand Auden, was er ben�tigte, um den Zufall in Gang zu bringen: einen Atlas. Der Plan war, einfach eine beliebige Seite aufzuschlagen und, ohne hinzusehen, mit dem Finger �ber die Fl�che irgendeines Landes oder Kontinents zu fahren, um dann in der Art eines Hochzeitsstrau�es oder blind geworfenen Dartpfeils an einem bestimmten Punkt zum Halten zu kommen.</p><p>Doch Auden �berlegte, da�, wenn er selbst dies unternahm, immer noch die Gefahr einer den Zufall konterkarierenden Lenkung bestand. Ein besserer Weg w�re somit, eine andere, eine fremde Person zu bitten, einen beliebigen Punkt in der Welt auszuw�hlen.</p><p>Im Speisewagen kam er mit einem kleinen Jungen ins Gespr�ch, der am Nebentisch sa�, auf seine Mutter wartete, und eine Cola schl�rfte. Daneben zeichnete er kleine Figuren auf ein Blatt Papier. Bunte Krieger.</p><p>�Ich h�tte eine Bitte�, sagte Auden.</p><p>�Hm?�</p><p>Auden reichte dem Jungen den Atlas.�Kannst du mir einen Ort suchen?�</p><p>�Jetzt gleich?�</p><p>�W�re nett von dir�, meinte Auden.�Ich kauf dir auch �ne Cola.�</p><p>�Ich hab doch schon eine�, sagte der Junge und zeigte stirnrunzelnd auf die Flasche, als erkl�re er einem Idioten, da� Kreise rund sind.</p><p>Aber Auden fragte:�Kannst du mir helfen oder nicht?�</p><p>�Was f�r ein Ort denn �berhaupt?�</p><p>�Irgendeinen. Schlag den Atlas auf, wo du magst, fahr mit dem Finger auf der Karte herum, und dann entscheide dich f�r eine Stelle: eine Stadt, eine Insel, ein Dorf, ganz wie du m�chtest. Nur nicht f�rs offene Meer.�</p><p>�Und was hat das f�r einen Sinn?�</p><p>�Es ist ein Spiel.�</p><p>�Was f�r ein Spiel?�</p><p>�Eines, f�r das ich dich bezahle�, sagte Auden und legte K�nigin Elisabeth II. in Form einer Banknote auf den Tisch. F�nf Australische Dollar.</p><p>Der Junge betrachtete den Schein von der Seite und fragte, ob der echt sei.</p><p>�Klar.�</p><p>�Ich h�tte noch gerne einen zweiten.�</p><p>�Komm, Junge, stell dich nicht an.�</p><p>Der Bub zog eine Schnute, griff aber nach dem F�nfer und steckte ihn ein. Sodann schlug er das dicke, breite Buch auf, bl�tterte ein wenig umher, entschied sich schlie�lich f�r eine Karte im vorderen Drittel, nahm einen blauen Zeichenstift und begann, eine wilde Linie �ber das Papier zu ziehen.</p><p>Klar, das war Sachbesch�digung. Aber Auden unterbrach das Kind nicht, um so mehr, als deutlich zu sehen war, wie sehr es dem Jungen Vergn�gen bereitete, in Schlangenlinien, in engen Kurven und weiten Schlenkern �ber die eingeebnete Erdoberfl�che zu fegen. Ohne Anstalten zu machen, an einem bestimmten Punkt zu verweilen, ihn einzukreisen und somit das verg�tete Spiel zu beenden. Er lie� die L�nder hinter sich gleich zerbombten Fl�chen.</p><p>Auden h�tte ihn dr�ngen wollen. Aber dies w�re dem Charakter des Zufalls zuwidergelaufen. Der Zufall mu�te frei sein. Somit auch das Kind.</p><p>�Was machst du da?�Es war die Mutter des Jungen, die sich an den Tisch setzte.�Du kannst doch nicht�� Woher hast du den Atlas?�</p><p>�Ich darf das�, sagte er und zwinkerte zum Nachbartisch hin�ber, an dem Auden sa�.</p><p>�Mach fertig!�kommandierte die Frau.�Das Essen kommt gleich.�</p><p>�Ja, ja.�</p><p>Und in der Tat, das Essen kam. Das Essen als Schere des Zufalls, eine Stelle in der Zeit durchschneidend.</p><p>�Hier!�rief der Junge, nachdem die Mutter ein sehr knappes Ultimatum gestellt hatte. Er hatte um den roten Flecken, der die Form und Ausdehnung einer gr��eren Stadt darstellte, mehrere blaue Kreise gezogen. Er hob den offenen Atlas hoch und reichte ihn Auden.</p><p>�La� den Mann in Frieden�, mahnte die Mutter, die gar nichts verstand.</p><p>�Schon okay�, versicherte Auden und l�chelte g�tig. Dann betrachtete er die Karte, die mit� S�ddeutschland, Schweiz��berschrieben war. Allerdings geh�rte der von dem Jungen am rechten Rand eingekreiste Ort zum westlichen Teil �sterreichs. Der Name der Stadt: Innsbruck.</p><p>Innsbruck also.</p><p>Auden war noch nie dort gewesen. Doch er wu�te, da� diese Stadt in Tirol lag, in einem Tal mit Flughafenanschlu�, eine von m�chtigen Gebirgsz�gen freundlich eingekerkerte Landeshauptstadt, die erstaunlicherweise f�r ein Dach ber�hmt war, kein helles, flaches Nutzdach, nat�rlich nicht, sondern eins in Gold. Eine aus feuervergoldeten Kupferschindeln bestehende Abdeckung eines Erkers, den man an ein �lteres Geb�ude angef�gt hatte, so, wie man heutzutage Lifte und Winterg�rten und die h�bschen Logos von H&amp;M und ZARA und Peek &amp; Cloppenburg auf die alten Fassaden klebte. Und damals eben � zwecks Einl�utung der Zeitenwende � diesen stark dekorierten Erker samt einer Goldmedaille, die sich selbst ehrt.</p><p>�Danke, mein Junge�, sagte Auden und stand auf. Er h�rte noch, wie die Mutter fragte:�Was wollte der Mann von dir?�</p><p>�Na, da� ich seinen Atlas anmale.�</p><p>�Kunstsammler oder Psychiater�, sagte die Mutter. Es klang, als meine sie es ernst.</p><p>Auden begab sich in sein Schlafwagenabteil, �ffnete das Fenster und warf sein Handy samt der Pistole hinaus.</p><p>Jetzt sollten die Amerikaner mal versuchen, seine Position festzustellen. Oder die Franzosen oder Japaner oder��</p><p>Er blickte hinaus auf die weite, leere Landschaft. Die W�ste. Sein altes Leben war nun ohne Wasser und w�rde langsam verdursten. Leider auch sein Name, Auden. Das war es, was ihm am meisten weh tat. Nie wieder Auden zu hei�en.</p></section></section><section><title><p>Teil 3</p></title><section><title><p><emphasis>20</emphasis></p></title><p>Es war wie im Krieg, nur friedlicher � aus den geplanten zwei Wochen wurde ein ganzes Jahr.</p><p>Zur Erinnerung: Als Kerstin mich fragte, ob wir zu dritt � sie und Simon und ich � das �bern�chste Wochenende nutzen wollten, um den Berg aufzusuchen, an dem meine Schwester zehn Jahre zuvor ums Leben gekommen war, da dr�ckte ich ihr als Antwort einen Ku� auf die Lippen.</p><p>Weniger, weil ich begierig war, mir diesen Berg anzuschauen, aber durchaus begierig, zusammen mit dieser Frau und meinem Sohn eine Reise anzutreten. F�r den Moment der Reise eine� Gro�familie �zu sein. Und vielleicht auch dar�ber hinaus.</p><p>Wie g�nstig darum, da� sie meinen Ku� erwiderte, heftig erwiderte. Und so f�gte sich eine Liebkosung an die andere, und wir bewegten uns Arm in Arm in Richtung meines Schlafzimmers. Allerdings l�ste ich mich auf dem Weg dahin kurz von ihr und schaute zu Simon, ob es ihm auch gutging.</p><p>�Was tust du?�fl�sterte Kerstin, die hinter mir im T�rrahmen stehengeblieben war.</p><p>Ich war jetzt tief �ber das schlafende Kind gebeugt, mein linkes Ohr gegen seinen Mund gerichtet, und hielt mir die Hand in Form eines Trichters an meine Ohrmuschel. Sein Atem war kaum zu h�ren, so leise ging er, aber er ging. So war das eben. Mitunter schnarchte Simon im Stile eines alten S�ufers, dann wieder vernahm ich blo� ein sachtes Schnaufen oder den gleichf�rmigen Austausch der Kinderzimmerluft.</p><p>Als ich zu Kerstin zur�ckkam und wir die T�r schlossen, sagte ich:�Ich wollte nur nachsehen, ob er atmet.�</p><p>�Also, f�r einen pl�tzlichen Kindstod ist er schon zu alt, oder?�</p><p>�Ich wei�, es ist l�cherlich. Aber ich kann nicht anders. Ich mu� immer wieder mal sichergehen, da� alles okay ist.�</p><p>�Und wie lange willst du das durchziehen? Ich meine, jetzt hat er noch �nen superfesten Schlaf, aber irgendwann wird er alt genug sein, da� er aufwacht, wenn du dich so auf ihn drauflegst.�</p><p>�Ich leg mich nicht auf ihn drauf�, korrigierte ich.</p><p>�Na fast�, sagte sie und meinte dann:�Aber du k�nntest das bei mir machen. Ich lasse gerne bei mir nachpr�fen, ob ich noch atme.�</p><p>�Mit Vergn�gen�, nickte ich, nahm ihre Hand und f�hrte sie ins Schlafzimmer.</p><p>Ein wenig hatte ich gef�rchtet�� nein, nicht gef�rchtet, sondern blo� erwartet, da� sie mir nun erkl�ren w�rde, sich nicht vollst�ndig ausziehen zu wollen. Ja, ich hatte mit einer Wiederholung im Stile Lanas gerechnet, einer deutlichen Parallele zwischen der Frau, die Simon auf die Welt gebracht hatte, und der Konsulatsangestellten, die Simons Reise und Adoption beg�nstigt hatte. Doch Kerstin sprang mit gro�er Leichtigkeit aus ihrer gesamten W�sche und stand bereits nackt vor mir, als ich eben erst mein Hemd ausgezogen hatte und ihr meinen Oberk�rper pr�sentierte.</p><p>�Wow!�sagte sie.�Du hast echt eine gute Figur.�</p><p>Ich dachte mir, was f�r ein Gl�ck es war, wieder mit dem Sport angefangen und die Schokolade gestrichen zu haben. Drei Jahre zuvor w�re ich mit einem, wie man so sagt, Schwimmreifen vor ihr gestanden. Und h�tte widerlich ausgesehen. Denn <emphasis>etwas</emphasis> in die Breite zu gehen war viel schlimmer, als wenn M�nner richtig auseinandergingen, m�chtig und volumin�s wurden. Am h��lichsten war dieses <emphasis>Angespecktsein</emphasis>, dieses Dicksein der eigentlich D�nnen.</p><p>Wie auch immer, ich war froh um den Anblick, den ich bot. Wie aber auch um den Anblick, den Kerstin bot. Sehr m�dchenhaft, nicht wie ein Kind, nat�rlich nicht, aber mehr eine Achtzehnj�hrige als die Vierundzwanzigj�hrige, die sie tats�chlich war. Ihr K�rper machte auf mich einen chinesischen Eindruck � zierlich, aber nicht zerbrechlich; von nichts zuwenig und von nichts zuviel, etwa ihr Busen, der auch ohne BH <emphasis>gehalten</emphasis> wirkte; die Arme und Beine sehr gerade; ein kleiner Bauch, darauf ein Nabel gleich dem Atemloch eines Delphins; das auf dem Kopf stehende Dreieck r�tlicher Schamhaare, das ihrem Geschlecht eine geometrische Disziplin verlieh.</p><p>Meine G�te, war ich jetzt schon in dem Alter, wo ich mich nach Frauen sehnte, die noch M�dchen waren oder zumindest m�dchenhaft?�� Um mich woran zu erinnern? An die Peinlichkeiten beim ersten Mal? Daran, sich nicht auszukennen? Daran, zu fr�h zu kommen? Daran, sich schmutzig zu f�hlen?</p><p>�Willst du mich noch lange so anschauen?�unterbrach Kerstin meine Nachdenklichkeit.�Ich meine, du kannst ruhig. Es ist nur komisch, solange du selbst halb angezogen bleibst.�</p><p>Ja, das w�re dann wie im Kino gewesen, wenn die Frauen ganz nackt sein mu�ten und die M�nner fortgesetzt mit Badet�chern oder Shorts oder dank Kameraf�hrung von der Taille aufw�rts durch die Szenerie liefen.</p><p>�Klaro�, sagte ich und schl�pfte aus Hose und Unterhose und streifte mit den F��en meine Socken ab.</p><p>Wir schmiegten uns aneinander und waren ein Paar.</p><p>Was h�tte Lana dazu gesagt?</p><p>Zum ersten Mal hatte ich das Gef�hl, ihr untreu zu sein. Die Aff�ren davor waren nur f�rs Bett gewesen � als bl�ttere man in einem Sexheftchen, aus dem dann richtige Frauen herausstiegen � , aber jetzt war es anders, ein Gef�hl tiefster Zuneigung. Ich zitterte.</p><p>�Ist dir kalt?�fragte Kerstin.</p><p>�Ja�, antwortete ich. (Ich habe gelesen, der Mensch l�gt zweihundertmal am Tag. Mag sein, da� auch diese Zahl eine L�ge ist, aber bei hundertmal am Tag w�rde ich sofort mit unterschreiben.)</p><p>Die L�ge brachte mich zusammen mit Kerstin unter die Decke, wo sich unser Verlangen weiter steigerte.</p><p>�Moment�, keuchte ich,�nimmst du die Pille? Oder soll ich mir einen Gummi holen?�</p><p>Stimmt, wir waren im einundzwanzigsten Jahrhundert und das Pr�servativ in einem solchen fr�hen Stadium obligat. Aber darum fragte ich nicht. Ich versp�rte nicht die geringste Angst, mich anzustecken. Als schwebe �ber Kerstin eine kleine Leuchtschrift, einige h�bsch geschwungene Neonr�hren, welche die Aufschrift <emphasis>gesund</emphasis> ergaben.</p><p>Aber ganz gesund war Kerstin doch nicht. Denn sie schob mich ein klein wenig von sich weg, und ich erkannte die Falte zwischen ihren Augen und den Kummer in ihren ungleichen Augen. Sie sagte:�Ich kann keine Kinder kriegen. Ich hab�s schriftlich. Aber nicht wegen einer Krankheit, die du f�rchten m��test. Wenn du aber�� wenn du eine Frau willst, mit der du Kinder haben kannst, dann���</p><p>Obzwar es nat�rlich zu fr�h war, so etwas zu sagen, meinte ich dennoch:�Wir haben Simon. Er gen�gt uns doch, oder?�</p><p>�Absolut�, sagte sie und nahm mich fest in ihre Arme. Und ich sie in meine. Nicht, da� wir jetzt verschmolzen, aber f�r einen gewissen Moment hatte ich das Gef�hl, mehr bei ihr als bei mir selbst zu sein. Wie man sagt: zu Besuch am fremden Ort. Und es gibt ja fremde Orte, wo man gar nicht mehr weg m�chte.</p><p>Aus der einen Nacht wurde ein ganzer Tag und eine weitere Nacht, dann aber mu�te Kerstin fr�hmorgens zur�ck nach M�nchen beziehungsweise M�nchen-Taipeh, wie sie es bezeichnete.</p><p>Doch zuvor besprachen wir abermals unseren geplanten Ausflug nach Tirol, um den Berg zu sehen, der ja Astri nicht nur das Leben gekostet hatte, sondern auch ihr Lieblingsberg gewesen war. Und dessen �sterreichischen Erstbesteiger sie zu ihrem Lieblingsalpinisten erkoren hatte, zu ihrem Heiligen.�� Blumen an den Fu� dieses Felsens zu legen, wie Kerstin es vorgeschlagen hatte, erschien mir pl�tzlich als notwendiger Akt, um ein Vers�umnis zu bereinigen.</p><p>Obgleich nun Kerstin keine Bergsteigerin war und auch niemals eine werden w�rde, so hatte ich dennoch das Gef�hl, als seien in ihr die beiden toten Frauen meines Lebens vereint: Astri + Lana = Kerstin. Ein Eindruck, den ich Kerstin gegen�ber verschwieg. Dennoch geschah es, da� ich sie am n�chsten Tag einmal mit dem Namen meiner Schwester und einmal mit dem Namen von Simons Mutter ansprach. Beim zweiten Mal sch�ttelte sie vergn�gt den Kopf und fragte mich:�H�ttest du mich lieber tot?�</p><p>Ich antwortete mit einem� Nein!�, froh darum, die Wahrheit aussprechen zu d�rfen. (Wenn der Mensch zwischen zweimal und zweihundertmal t�glich l�gt, stellt sich erst recht die Frage, wie oft er eigentlich am Tag die Wahrheit sagt und ob das nicht weit mehr wiegt als die hilflose Flunkerei, die unseren Alltag tapeziert � wobei wir ja gut darum wissen, da� es sich um eine Tapete handelt.)</p><p>Eine Wahrheit bestand nun leider auch darin, da� Kerstin, als sie nach M�nchen kam, vom Tod eines jungen Mannes erfuhr, mit dem sie eine platonische Beziehung gef�hrt hatte. Wobei sich dieser Mann durchaus mehr gew�nscht hatte. Er war in einer � wie man so sagt � unsterblichen Weise in Kerstin verliebt gewesen, w�hrend sie selbst seine N�he gesch�tzt und nicht zuletzt ein z�rtliches Gef�hl f�r ihn empfunden hatte, aber ihre Liebe zu ihm war wie die zu einem Bruder gewesen. Das war schon Jahre so gegangen und mu�te ihm eine Qual bereitet haben, eine Qual, um die Kerstin gewu�t, die sie ihm aber auch nicht hatte ersparen k�nnen. Dennoch war f�r keinen von beiden eine Trennung in Frage gekommen. Zumindest keine profane Trennung.</p><p>Dieser junge Mann, Erich, hatte s�mtliche seiner Antidepressiva in einem gro�en Glas Whisky aufgel�st, das Glas leer getrunken, sich ins Bett gelegt und sich die Pulsadern aufgeschnitten.�� Herrje, ich w�rde vorher in Ohnmacht fallen, bevor ich mir mit einer Rasierklinge die Haut �ffnen k�nnte.</p><p>Nicht so Erich. Er wollte auf diese Weise sterben und tat es auch. Der eigene Tod war das Gef��, in dem die Unsterblichkeit seiner Liebe auch wirklich ewig fortdauern konnte. Und obgleich mir die Art seines Suizids G�nsehaut bereitete, konnte ich ihn dennoch verstehen. Wer, wenn nicht ich?</p><p>Eine Ironie des Schicksals bestand nun darin, da�, wenn man die Angaben der Polizei glaubte � und das tat Kerstin � , sich Erich in der exakt gleichen Stunde umgebracht hatte, als Kerstin und ich das erste Mal miteinander geschlafen hatten. Nicht, da� Erich davon hatte wissen k�nnen. Wie denn auch? Nein, die Idee, sich das Leben zu nehmen, mu�te schon l�nger bestanden haben. Die Verteilung seines Nachlasses war akkurat vorbereitet worden. Dazu eine aufger�umte Wohnung, vier verschiedene Abschiedsbriefe fein s�uberlich kuvertiert auf den Schreibtisch gelegt, gegossene Pflanzen, entleerter M�ll. Und � allen Ernstes � Trinkgeld f�r die Leute des Bestattungsunternehmens. Vom vielen Blut einmal abgesehen, konnte man sagen, da� nur wenige Menschen � auch unter den Selbstm�rdern � so geordnet aus dem Leben schieden wie Erich.</p><p>Mit mir hatte das also nichts zu tun. Es war nicht Eifersucht gewesen, sondern <emphasis>unerh�rte</emphasis> Liebe. Dennoch, der Umstand, da� die beiden Ereignisse � Erichs Tod und unsere Liebesnacht � so pr�zise zusammenfielen, machte Kerstin zu schaffen.</p><p>�Es ist nun mal so. Ich kann dir das nicht erkl�ren�, sagte sie am Telefon und k�ndigte an, eine Weile allein sein zu wollen. Das sei sie Erich schuldig.</p><p>�Gar nichts bist du ihm schuldig�, erwiderte ich,�au�erdem ist das jetzt wirklich zu sp�t.�</p><p>�Wof�r ist es zu sp�t? Zu trauern? Oder meinst du, ich sollte ebenfalls ein Jahrzehnt damit warten?�</p><p>�Ich dachte eigentlich, du w�rdest mir genau dabei helfen. Mich in die Berge begleiten. Mich und Simon.�</p><p>�Das geht jetzt nicht.�</p><p>�Wir k�nnten gemeinsam trauern�, schlug ich hilfloserweise vor.</p><p>�Unsinn, Sixten. �Sie sagte es ganz sanft. Doch die Sanftheit war ein massiver Block. Keiner, den man bouldernd �berwinden konnte. Und dann f�gte sie an:�Gib mir Zeit.�</p><p>�Nat�rlich�, sagte ich. Und dachte mir:�Gegen einen Toten ist man chancenlos.�</p><p>Und das stimmte. Sowenig es Erich zu Lebzeiten gelungen war, vollst�ndig und absolut in Kerstins Herz aufgenommen zu werden, so trauerte sie nun um ihn wie um die Liebe ihres Lebens. Der tote Erich schien sehr viel begehrenswerter als der lebende.</p><p>Nicht, da� Kerstin mich verga�. Wir schickten uns Mails und telefonierten, und nach zwei Monaten sahen wir uns auch wieder, trafen uns auf halbem Wege zwischen Stuttgart und M�nchen, in Ulm. An einem f�r einen Reim und einen Dom ber�hmten Ort, was besser ist, als f�r seine Hooligans ber�hmt zu sein.</p><p>Ich hatte Simon mitgenommen, und er war sichtbar gl�cklich, Kerstin zu sehen. Ich meinerseits blieb auf Distanz, wollte ihr nicht zeigen, wie sehr ich litt. Das hatte ja Erich bereits versucht, sein Leiden offenbart, was ihm wenig gen�tzt hatte. Leiden macht h��lich, wenn man kein Engel oder kein Hund ist oder nicht von Schiele oder Munch portr�tiert wird.</p><p>In Ulm wirkte Kerstin abwesend. Sehr bla� und sehr d�nn. Sie mu�te in diesen zwei Monaten einiges abgenommen haben. Simon hielt ihre Hand, als h�tte er die Teile dieser Hand gerade mit Uhu zusammengeklebt und traue sich nun nicht, sie wieder loszulassen. Er hatte bereits begriffen, da� die eigentliche Aufgabe der Kinder darin bestand, die Erwachsenen zu tr�sten. Auch wenn es umgekehrt sein sollte. Aber selbst wenn man eine schlechte Schulnote bekam, mu�te man seinen Eltern begreiflich machen, da� das nicht das Ende der Welt sei.</p><p>Wir redeten nicht viel, sa�en in einem Caf�, und jeder nippte an seinem Getr�nk. Ein paar belanglose Worte �ber die Arbeit und den Alltag. Kein Wort hingegen �ber Erich, der jedoch sp�rbar mit am Tisch sa�. Vor allem meinte ich zu erkennen, wie sehr er triumphierte. Wie sehr es ihn befriedigte, ohne den Aufwand von Worten und eines K�rpers Kerstin zu beherrschen. Sich in ihrem Kopf festgesetzt zu haben, so da� sie unfrei war. Unfrei, sich von mir auch nur anfassen zu lassen. Als ich es am Schlu� dennoch versuchte, sie an der Schulter ber�hrte und ihr einen Ku� auf die Wange gab, meinte ich ein Fossil zu k��en, einen Abdruck. Und zwar einen tiefgek�hlten, tiefgek�hlt, um zu verhindern, da� irgendeine uralte Seuche ausbrach.</p><p>Ulm ging vorbei. Aber die richtige Eiszeit begann erst. Ich durfte kaum hoffen. Eher war zu bef�rchten, da� Kerstin sich entschied, ins Kloster zu gehen. Sie trauerte wie eine ewige Witwe.</p><p>Ich ha�te Erich. Und fragte mich, wie man einen Toten ausschalten konnte.</p><p>Der Ha� hinterlie� eine Spur in meinem Gesicht. Meine weiblichen Stammg�ste im Bad Berg fragten mich.�Was ist los mit Ihnen, Herr Sixten? Sind Sie krank?�</p><p>�Gewisserma�en.�</p><p>Eine der Damen erkl�rte:�Was Sie brauchen, ist nicht Liebeskummer, sondern eine Frau. Ich meine, so blendend, wie Sie aussehen, kann doch der kleine Simon kein Hindernisgrund sein.�</p><p>Sie hatte es nicht b�se gemeint. Aber so dachten die Leute nun mal.</p><p>Die Zeit verging. Wobei ich nicht begriff, da� sie f�r mich arbeitete, die Zeit. Sowenig es stimmte, da� die Zeit die Wunden heilte, war es aber so, da� mitunter mit der Zeit die Verursacher der Wunden verschwanden. Da� zum Beispiel die Toten das Interesse an den Lebenden verloren, da� jemand wie Erich keine Lust mehr versp�rte, st�ndig als besitzergreifender Geist Kerstin zu umschwirren, t�glich durch ihr Hirn zu wandeln und sie zu <emphasis>ber�hren</emphasis>.</p><p>Nicht Kerstin l�ste sich von Erich, sondern er sich von ihr. Das mochte sie schmerzen, noch mehr als sein Tod, aber es machte sie frei. Nach und nach.</p><p>Das alles dauerte ein ganzes Jahr.</p><p>Und dann geschah es, da� Kerstin mich aus M�nchen anrief und sagte:�Wir wollten doch zu diesem Berg fahren, um deiner Schwester Blumen zu bringen.�</p><p>�Gott, Kerstin, es ist lange her, da� wir das ausgemacht haben.�</p><p>�Na und? Warst du denn in der Zwischenzeit schon dort?�</p><p>�Nein, das nicht���</p><p>�Was spricht dann dagegen? Das eine Jahr? Als ich sieben war, hat mir mein Vater einen Aquarellkasten geschenkt. Und als ich dann siebzehn war, habe ich zu aquarellieren begonnen. Manches dauert. Manches geschieht nie.�</p><p>Ich konnte mir Kerstin aquarellierend gar nicht vorstellen. Ich fragte sie:�Willst du malen in den Bergen? Im Ernst?�</p><p>�Das w�re doch eine sch�ne Idee. Ich k�nnte es Simon beibringen. In der Natur malen ist zwar ein bi�chen von gestern: Romantik, Biedermeier, Volkshochschule � aber es macht Spa�! K�nntest du auch versuchen.�</p><p>Die Malerei war sowenig meine Sache wie das Klettern, das ich im vergangenen Jahr zwar betrieben hatte, ohne aber meine Angst verloren zu haben. Obgleich meine Technik sich etwas verbessert hatte, scheiterte ich fortgesetzt an jenen Stellen, die mir bedrohlich erschienen. Ich nannte sie die Im-Anblick-des-Tigers-Passagen. Immerhin hatte ich mir angew�hnt, im Seil zu h�ngen und mir die Tigerpassagen mehr anzusehen, als sie zu klettern. Der Umstand, da� in diesen Momenten der Knoten sich noch fester schlo�, gab mir Sicherheit.</p><p>Man kann vielleicht sagen: Ich z�hlte eher zu den langsamen Kletterern.</p><p>Ganz anders Simon, der zwischenzeitlich an Wettbewerben teilnahm und als Wunderkind in der Szene galt. In einem Fachmagazin war er als� junger Mozart unter den Sportkletterern �bezeichnet worden. Das Faktum, da� er noch immer kein einziges allgemeinverst�ndliches Wort sprach, schien eher den Mozartschen Genius zu best�tigen. Es war �brigens weiterhin Mick, der wort- und gestenreich Simon trainierte. Und ihn auch managte, nicht ohne Geschick, und auch ohne den Jungen zu verheizen. Mick war kein Leopold Mozart. Und ich erst recht nicht. Nein, ich hatte wenig damit zu tun, sondern lie� es einfach geschehen. Da� ich selbst hin und wieder kletterte, entsprach eher meiner Sturheit. Wie diese Leute, die seit Jahrzehnten ins Kasino gehen und noch nie etwas gewonnen haben und deren Spielweise allgemein als vertrottelt gilt.</p><p>Es war Ende August, als ich Kerstin vom Bahnhof abholte. Simon hatte ich bei der Nachbarin gelassen. Manchmal war mir wichtig zu sehen, wie ich ohne ihn wirkte.</p><p>Und da stand Kerstin, mager, aber h�bsch mager. Sie wirkte weniger punkig als fr�her, trug ein gebl�mtes Sommerkleid und elegante, hohe Sandaletten im r�tlichen Ton des Kleids. Der Gurt ihrer Laptoptasche durchschnitt den Rumpf und verlieh ihr die Wirkung eines Musketiers. Ich war etwas erstaunt, als ich die gro�en Koffer sah, die zwei Bahnbedienstete ihr halfen aus dem Zug zu bef�rdern.</p><p>Sie streckte mir die Hand hin, sehr gerade, Abstand wahrend, aber ihr L�cheln war ein freundliches Versprechen.</p><p>Sie fragte mich:�Bist du mit jemandem zusammen?�</p><p>Stimmt, das h�tte ja sein k�nnen. Aber ich sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Gut. Kann ich bei dir wohnen?�</p><p>Ich schaute auf die drei gewaltigen Gep�ckst�cke und fragte sie, was genau sie plane. Denn im Grunde hatten wir ja blo� besprochen gehabt, das kommende Wochenende zu nutzen, um nach Tirol zu fahren und endlich, mit einj�hriger Versp�tung, Astris Berg aufzusuchen.</p><p>Kerstin sagte:�Ich habe meinen Job gek�ndigt. Und meine Wohnung in M�nchen verkauft. �Und dann, als h�nge alles zusammen:�Und Erich hat einen neuen Grabstein bekommen.�</p><p>�Wie? Vom Geld, das du f�r die Wohnung gekriegt hat?�</p><p>Sie lachte.�Nein, so schlimm ist es nicht.�</p><p>�Soll das hei�en, du gehst weg von M�nchen?�</p><p>�Ich bin schon weg von M�nchen�, sagte sie.�Ich bin hier. �Und auf die Koffer weisend:�Das ist mein ganzes Zeug.�� Wenn du aber zuwenig Platz in deiner Wohnung hast���</p><p>�Das kommt ein wenig �berraschend.�</p><p>�Ich wei�. Aber du kannst ja <emphasis>nein</emphasis> sagen, und ich gehe ins Hotel. Ich habe nun ausreichend Geld.�</p><p>�Warum? Ich meine, warum <emphasis>jetzt?</emphasis>�</p><p>�Weil es <emphasis>jetzt</emphasis> einfach an der Zeit ist. Ich will mich ver�ndern. Und wenn du einverstanden bist, kannst du ein Teil von dieser Ver�nderung sein. Wenn du nicht magst, dann nicht.�</p><p>�So einfach?�</p><p>�So einfach�, sagte sie.</p><p>Ich h�tte sie gerne in den Arm genommen, aber das w�re zu fr�h gewesen. Der Plan war ja nicht, erneut f�r eine oder zwei N�chte das Bett zu teilen. Der Plan war, wie Kerstin gesagt hatte, eine� Ver�nderung�.</p><p>Anstatt sie also zu umfangen und zu k�ssen und ihr meine in diesen zwei Jahren keineswegs verloschene Liebe zu erkl�ren, griff ich nach zweien der Koffer. Kerstin nahm den dritten, und mit dem heftig knatternden Ger�usch von sechs Rollen bewegten wir uns �ber den Bahnsteig jenes Stuttgarter Bahnhofs, den man st�ckchenweise demontiert hatte, wie bei einer vornehmen alten Dame, der man da und dort eine v�llig gesunde Gliedma�e abtrennt und da und dort ein v�llig gesundes Organ entnimmt. Aber sie stand noch immer, die alte Dame, gleich einem Lazarett ihrer selbst. (Ich sagte schon, da� mich das Politikum um diesen Bahnhof nicht k�mmerte, aber als Bademeister des Bades Berg hatte ich nun mal ein Faible f�r vornehme alte Damen entwickelt.)</p><p>Am Abend sa�en Kerstin, Simon und ich um den gro�en K�chentisch und legten ein Puzzle. Simon war ein gro�er Puzzlefan geworden (bevor er dann ein ebenso gro�er Fan des Brettspiels Go werden w�rde). Das Puzzeln war neben dem Klettern die zweite Sache, die er mit enormer Geschwindigkeit und Selbstverst�ndlichkeit zu bew�ltigen verstand, auch dann, wenn er die Puzzleteile verkehrt herum auflegte, also ohne Bild, sich lediglich an den Formen orientierend. Dabei machte er aber keineswegs einen krankhaften Eindruck. Dennoch war da ein Wort, welches ihn gleich einem Planetenring st�ndig umkreiste: Asperger. Ein Begriff, der in Mode gekommen war und an viele Stellen gesetzt wurde, wo fr�her ein Fragezeichen gestanden hatte.</p><p>Sosehr Simon also von diesem ringf�rmigen Allerweltswort umlaufen wurde, puzzelte er am liebsten in Gesellschaft. Er erkannte die Bedeutung der Spiele, das Miteinander oder auch Gegeneinander. Klar, gerade ein Puzzle konnte man gut allein spielen, aber war es dann noch ein Spiel?</p><p>Das Aspergerkind Simon wollte nicht allein puzzeln. Zu spielen bedeutete, um ein Lagerfeuer zu sitzen. Das Puzzle loderte so sch�n.</p><p>Es waren Ferien, und Simon durfte l�nger aufbleiben. Blieb er auch. Doch wie so oft �berkam ihn sehr pl�tzlich die M�digkeit. Er sprach ein Wort aus, das f�r Schlafen stand, etwas, das sich wie� Bochs!�anh�rte.</p><p>�Okay, geh bochsen�, sagte ich und dr�ckte ihm einen Ku� auf die Stirn.</p><p>�Boxen?�fragte Kerstin.</p><p>�Na ja, vielleicht ist ja der Schlaf auch nur eine Art von Faustkampf, nicht wahr?�</p><p>Kerstin brachte Simon ins Bett und las ihm aus einem Buch vor. Wir w�rden wahrscheinlich nie erfahren, ob er diese Geschichten verstand oder nicht, oder ob eben allein der Akt des Erz�hlens den nun Neunj�hrigen beruhigte, weil ja nach dem Lagerfeuer die Glut kommt, das Glimmen. (Bevor dann tief im Schlaf der Fight beginnt.)</p><p>Nachdem die Erz�hlerin zur�ckgekommen war, schenkte ich Wein in unsere Gl�ser nach. Wir f�hrten die Gl�ser zu einer klingenden Kollision und tranken.</p><p><image l:href="#8"/></p><p>�Das Wetter n�chstes Wochenende soll ideal sein�, sagte Kerstin.�Ich meine in Tirol, in den Alpen, den Zillertaler Alpen. Wir m�ssen das nutzen. Erstens mu� Simon bald wieder in die Schule. Und au�erdem kann es dort oben auch ganz sch�n h��lich werden. Gewitter, Regen, fr�her Schnee.�</p><p>�Du hast dich informiert�, stellte ich fest.</p><p>�Ja, klar. Und vorher kauf ich mir noch gute Schuhe. Wenn man schon nicht schwindelfrei ist, sollte man vermeiden, dort mit Pfennigabs�tzen hochzumarschieren, gell!�</p><p>Sie erz�hlte mir, was sie �ber den Berg und den Weg zum Berg gelesen hatte. Auch �ber den Tod Astris. Zudem sei sie im Netz auf einige Fotos meiner Schwester gesto�en. Kerstin sagte:�Im ersten Moment denkt man, da� sie dir gar nicht �hnlich sieht. Aber Simon, ja Simon, der sieht deiner Schwester �hnlich, finde ich. W�hrend er aber wiederum � da hat die Freundin von deinem Kletterlehrer schon recht gehabt � auch was von dir hat. Vor allem die Augen, trotz des Unterschieds in der Form.�</p><p>�Meine G�te, Kerstin, du wei�t doch gut, da� das esoterischer Schwachsinn ist.�</p><p>�Vielleicht. Aber wenn ohnehin der Schwachsinn die Welt regiert, in der Politik, in der Liebe, dann darf es ja auch mal ein romantischer Schwachsinn sein, oder? Einer, der uns verbindet.�</p><p>Ich gestand nun, schon mehrmals eine �hnlichkeit zwischen ihr und Astri festgestellt zu haben.�Wir sind vielleicht alle eine Familie.�</p><p>�Dann w�re <emphasis>das</emphasis> jetzt aber Inzucht�, sagte sie, stand auf, setzte sich zu mir und begann mich zu k�ssen. Sie h�rte gar nicht mehr auf.</p><p>Das Wort Inzucht war in diesem Moment mein eigener Planetenring.</p></section><section><title><p><emphasis>21</emphasis></p></title><p>Am n�chsten Tag gingen wir zu dritt Schuhe kaufen. Und zwar in einen dieser L�den, wo der moderne Mensch f�r das �berleben in der Natur ausger�stet wird.�� Ich wei�, da� man nicht dauernd �ber den Fortschritt jammern soll. Der Fortschritt macht das Leben ja erst so bequem: Essen, das quasi fix und fertig aus einer h�bschen Verpackung rutscht; die ganze Welt im Fenster eines immer noch schneller werdenden Elektronengehirns; Kriege, bei denen man nicht h�chstpers�nlich jemanden aufschlitzen mu�, falls man das nicht m�chte. Und irgendwann werden die Theaterkarten sprechen k�nnen und einem sagen, wenn man in der falschen Reihe sitzt.�� Ist das schlecht? Wer wollte ernsthaft mit dem Mittelalter tauschen? Allein die Sache mit den Klosetts! Aborterker! Wenn darauf die Rede kommt, will keiner tauschen.</p><p>Andererseits konnte man sich gerade angesichts heutiger Outdoorprodukte die Frage stellen, inwieweit der Mensch nicht blo� ein Mittel zum Zweck war, ein <emphasis>Transportmittel</emphasis>. Denn obgleich er es ist, der unter eine Lawine ger�t, sind es sodann der Lawinenairbag, die Lawinenweste und der Lawinenpiepser, die sich zu bew�hren haben, die im eigentlichen Widerstreit mit den M�chten der Natur stehen. Der Piepser lenkt die Hilfskr�fte, nicht umgekehrt. Wie ja auch der Schirm den Regen bek�mpft und die Hautschutzcreme die Sommersonne.</p><p>Klar, immer schon hat der Mensch sich gewappnet, Schuhe getragen, um nicht barf��ig �ber spitze Steine laufen zu m�ssen, doch angesichts dieser nicht ganz billigen Trekkingschuhe fragte ich mich allen Ernstes, ob es vielleicht so war, da� all diese Gegenst�nde blo� den Teil einer gewaltigen Armee darstellten, die im Kampf gegen die Natur sich des Menschen bediente, den Menschen in parasit�rer Weise nutzend.</p><p>Genau das sagte ich, lachte aber laut auf und meinte:�Fr�her h�tte ich jemandem, der so daherredet, einen Besuch in der Klinik empfohlen.�</p><p>�Ach was�, meinte Kerstin,�so verr�ckt ist das gar nicht. Die meisten Leute �berlegen, da� vielleicht alles umgekehrt ist. Warum, denkst du, handelt jeder zweite Film davon, die Welt sei ganz anders, als wir glauben?�</p><p>War ich entt�uscht? Entt�uscht, da� Kerstin meine Verr�cktheit als b�rgerlichen Allgemeinplatz abtat?</p><p>Ich griff nach einem Leichtwanderschuh aus beigem Veloursleder, einem Damenschuh, der weniger knallig war und sehr viel besser zu Kerstins Sommerkleid pa�te. Doch der Verk�ufer riet ab, nachdem er den Schwierigkeitsgrad unserer geplanten Wanderung bewertet hatte. Das weinrote Modell, welches er in der Folge brachte, war aber gleichfalls recht h�bsch.</p><p>Ich sagte:�Super! Den nehmen wir.�</p><p>�Eigentlich suche ich mir in der Regel meine Schuhe selber aus�, erkl�rte Kerstin.�Oder denkst du, weil ich ein paar Jahre j�nger bin, bin ich ein Kind?�</p><p>�Gott, nein, ich wollte���</p><p>Ja, was?</p><p>Es war mir einfach wichtig, da� Kerstins H�bschheit auch beim Wandern ungebrochen blieb und sie nicht etwa in so einer Robotermontur alles Liebliche einb��te und zu einer mit einer synthetischen Wolfshaut �berzogenen Wandermaschine mutierte. Aber sie hatte nat�rlich recht, ich war weder ihr Vater noch ihr bezahlter Modeberater.</p><p>Um so peinlicher, noch eins draufzusetzen und zu erkl�ren:�Ich hab�s nur gut gemeint. �Genau das eben, was Eltern so gerne sagen. Ich bereute es auch gleich und wollte schon zu einer erneuten Entschuldigung ausholen, als Kerstin meinte, ich h�tte ja recht, die Weinroten seien ideal, die k�nne man sp�ter auch auf einer Party tragen.</p><p>Offenkundig plante sie nicht, von nun an st�ndig auf Berge zu marschieren, sondern eben nur auf diesen einen: den <emphasis>Astri-Berg</emphasis>.</p><p>Auch Simon und ich ben�tigten geeignetes Schuhwerk, da wir uns bisher einzig und allein auf k�nstlichen Bergen bewegt hatten, nicht wandernd, sondern kletternd. Simon bekam flotte Outdoorsandalen sowie ein geschlossenes Paar, w�hrend ich selbst mich f�r einen Wanderhalbschuh entschied, der den Namen� Paris �trug, wobei ich jetzt nicht wu�te, ob sich das auf die Stadt oder auf den Typen mit dem Apfel bezog. Jedenfalls gefiel mir der rotbraune Ton, der mit dem Weinrot von Kerstins Modell eine sch�ne Verbindung einging. Simons schnittige Sandalen erinnerten schon eher an robotische Gestaltwandler, wie man sie aus dem Film <emphasis>Transformers</emphasis> kannte, nur da� sie nun halt nicht mehr als Sportwagen und Trucks herumliefen, sondern sich in weit unauff�lligerer Weise unter die Menschen gemischt hatten. Schuhe statt Chevrolets.</p><p>Wir kauften noch Regenjacken f�r alle F�lle sowie zwei Wanderst�cke f�r mich und Kerstin. Simon aber w�nschte sich eine Skibrille. Ich versuchte ihm zu erkl�ren, da� eine luftige Sonnenbrille in dieser Jahreszeit passender w�re, und zeigte auf ein Regal mit dementsprechenden Produkten. Doch der Junge blieb stur, belie� seine Hand auf dem breiten schwarzen Rahmen mit der khakifarbenen Scheibe. Allerdings war ich entschlossen, nicht jedem seiner W�nsche nachzukommen, blo� weil er ein� besonderer �Mensch war. Ich erkl�rte ihm, da� wir nicht vorh�tten, in den Himalaja zu reisen, zeigte auf die Skibrille und sagte:�Nein!�Ich forderte ihn auf, hin�ber zu den schicken Kinderbrillen zu wechseln und sich dort eine auszusuchen.</p><p>Er aber blieb stehen. Ich sah die Tr�ne, die aus seinem Augenwinkel trat, eine Spur ziehend, wie ein winzig kleiner Skifahrer, der den steilen Abhang ein kurzes St�ck abw�rts f�hrt und abrupt bremst.</p><p>�Ich hasse Tr�nen�, sagte ich laut.�Tr�nen sind unfair.�</p><p>Ich redete mehr zu mir selbst. Doch Kerstin kam her�ber und meinte:�Meine G�te, kauf ihm doch die Skibrille. Oder soll ich?�</p><p>�Es geht doch nicht ums Geld. Er soll einfach nicht alles kriegen, was er will. Und dann auch noch die Heulerei als Druckmittel einsetzen.�</p><p>�Er heult nicht�, sagte Kerstin.�Er weint. Und zwar ziemlich zur�ckhaltend, finde ich.�</p><p>Ich ha�te nicht nur Tr�nen, sondern auch die Toleranz jener, die im speziellen Fall keine Verantwortung trugen. Die mit den Kindern nie zum Zahnarzt mu�ten, aber st�ndig meinten, es w�rde doch auf das eine oder andere Bonbon nicht ankommen. Nun, es kommt auf den einen oder anderen M�llberg auch nicht an, aber die M�llberge zusammen sind dann doch ein Problem. Genau das sagte ich zu Kerstin.</p><p>�Na, ein Bonbon kann man vielleicht mit einem M�llberg vergleichen�, gab sie zur�ck.�Aber eine Skibrille ist doch etwas anderes. In erster Linie n�tzlich. Und vielleicht hat Simon einen guten Grund, sich genau <emphasis>die</emphasis> zu w�nschen.�</p><p>�Jetzt im Sommer?�</p><p>�Jetzt im Sommer. M�glicherweise wei� er was, was wir nicht wissen.�</p><p>Ich gab auf. Ich sagte:�Okay.�</p><p>Sofort kehrte ein L�cheln in Simons Gesicht ein. Die Tr�ne war nur noch ein Schimmer von blassem Silber.</p><p>Was ich folgenderma�en kommentierte:�Also, das Wort <emphasis>okay</emphasis> versteht er ganz gut, mein kleiner Sohn.�</p><p>�Komm, das h�tte jetzt sogar ein Marsianer verstanden�, fand Kerstin.�Wie du zuerst seufzt und leidest und dich windest und dann halt mit der Schulter zuckst und nachgibst.�</p><p>�Was willst du mir eigentlich sagen, Kerstin?�fragte ich.</p><p>�Wei� nicht�� vielleicht, wie sehr ich es mag, wenn du kapitulierst. Wenn du <emphasis>weich</emphasis> wirst.�</p><p>Ich schnaufte und grinste und vollzog eine ironische K�rperbewegung, die das Wort� weich �illustrierte.</p><p>Einen Tag vor der geplanten Fahrt nach Tirol ging ich mittags mit Simon zum Italiener. Er liebte Spaghetti, nicht allein den Geschmack, sondern auch das Ritual des abenteuerlichen Verzehrs: der L�nge der Nudeln Herr zu werden.</p><p>Wir waren ohne Kerstin, die sich mit einer Freundin traf oder mit einem Freund, mit jemandem aus Schultagen, der jetzt in Stuttgart lebte, wie sie mir sagte. Aber nicht, um wen es sich handelte und ob die Beziehung zu dieser Person �ber das gemeinsame Lernen und gemeinsame Schummeln hinausgegangen war. Ein kleiner Stich von Eifersucht plagte mich. Wieso auch diese Heimlichtuerei?</p><p>Wir nahmen an dem Ecktisch des kleinen Restaurants Platz und wurden vom Patron pers�nlich begr��t. Ich kannte das Lokal seit den Tagen, als ich nach Stuttgart gekommen war. Es lag unweit meiner Wohnung. Man konnte sich hier ganz tief ins Italienische eingegraben f�hlen: diese so ungemein nonchalant inszenierte Aufgeregtheit, die Art, wie anstatt einer Speisekarte die Gerichte des Tages m�ndlich vorgetragen wurden (ich verstand auch nach Jahren kaum, wovon die Rede war und war in diesem Nichtverstehen ganz eins mit Simon) und ich dann stets zwei Portionen Spaghetti aglio e olio bestellte. Doch niemals w�re der Wirt auf die Idee gekommen, die wortreiche Beschreibung der Gerichte auszulassen, zudem h�rten wir jedes Mal mit Begeisterung zu, so, als w�rden wir einer sehr kurzen Oper lauschen.</p><p>Als ich mit Simon f�r einige Tage in Italien gewesen war, hatte ich mit Schrecken festgestellt, wie wenig das tats�chliche Italien an das Italien dieses Stuttgarter Restaurants herankam. Dort waren wir bl�de Touristen, die man ohne Scham und Stil beschi�, hier aber willkommene Freunde. Die meisten der anderen G�ste waren Italiener, die alle � nicht nur die Alten � einen Hauch von Marcello Mastroianni verstr�mten: eine Ungeschicklichkeit, die sich in eine bezaubernde Revuenummer verwandelt hatte. Ein Stolpern als perfekte Form. Die Italiener in Italien wirkten dagegen wie F�lschungen, wie ein gro�angelegter europ�ischer Betrug. Eine Klischeemaschine statt einer Kaffeemaschine. So gesehen, war Berlusconi wirklich der richtige Mann. Der Richtige im Falschen.</p><p>�brigens sa�en Simon und ich stets nebeneinander, nie einander gegen�ber. Wie ein altes Ehepaar hockten wir da, beobachteten die Hereinkommenden oder sahen hin�ber zum Stammtisch, wo vor allem M�nner in Overalls und zwei, drei Anzugtr�ger mit spitzen Schuhen zusammentrafen. Mitunter nahm Simon einen Zeichenblock heraus und verfertigte Graphiken, die durchaus an seine eigene Sprache erinnerten: abstrakte Formen und Muster, die jedoch den Verdacht nahelegten, gar nicht wirklich abstrakt zu sein, sondern nur f�r den, der ihren Ursprung nicht kapierte. Was freilich f�r jede Abstraktion irgendwie gilt.</p><p>Kamen die Spaghetti, legte Simon die Stifte zur Seite, griff nach der Gabel und begann nun, eine einzelne Nudel aus dem �ligen Nudelberg zu ziehen, sie hoch in die Luft zu heben, eines der Enden zwischen die Lippen zu f�gen und sie sich sodann laut saugend und in einem einzigen langen Zug einzuverleiben. Man konnte meinen, er ziehe die Teigschn�re im Mund zu Spiralen zusammen, zu <emphasis>Unruhen</emphasis>. In der Folge kaute Simon ein wenig, schluckte, dann angelte er sich die n�chste. Nach einigen auf diese Weise verspeisten Spaghetti besa� sein Mund einen �ligen Glanz, nicht nur die Lippen, sondern auch Kinn, Wangen und die kleine Nische, die zur Nase hochf�hrte. Sein Gesicht sah dann aus wie ein halb gefirni�tes Gem�lde. Ab und zu unterbrach er das Essen, um �ber den Teller zu langen und an seiner Zeichnung weiterzuarbeiten. Was ich eigentlich h�tte verbieten m�ssen, wie man beim Essen das Fernsehen verbietet, andererseits hei�t es ja immer, man solle w�hrend der Nahrungsaufnahme Pausen einlegen, um der Verdauung Zeit zu geben.�� Man kann nicht alles haben. Weshalb ich ihn gew�hren lie�.</p><p>Jedenfalls liebte ich diese Momente des Zusammenseins. Und genehmigte mir auch gerne ein Glas Wein, einen Mittagswein, was nat�rlich die Einstiegsdroge zum Alkoholismus war, bevor schlie�lich der Vormittagswein oder gar der Fr�hst�ckswein oder Vorfr�hst�ckswein einen wahrhaftigen Trinker aus einem machte. Was keineswegs mein Plan war. Vor allem wegen der Figur. Immerhin besa� auch der Alkohol seine Schokoladenseite.</p><p>Allerdings empfand ich den Zustand, den der Mittagswein nach sich zog, als h�chst angenehm: als h�tte die Schwerkraft leicht abgenommen � nicht so stark wie auf dem Mond, man brauchte sich also nicht als dick eingepackter Astronaut zu f�hlen. Aber da war eine Verz�gerung, eine feine Leichtigkeit, eine Welt, die weniger wog. Und der es guttat, da� sie weniger wog.</p><p>Mitunter nahm ich einen solchen Mittagswein auch zu mir, wenn ich meine bademeisterliche T�tigkeit aus�bte, was nat�rlich verboten war. W�re jemand ertrunken und man h�tte gleichzeitig festgestellt, da� ich�� Na ja, ich tat so was auch nur im Winter und Herbst, wenn die Alten im Wasser waren, die alle exzellente Schwimmer waren und auf dem Wasser ein sehr �bersichtliches Badehaubenmuster bildeten. Kaum Risiko. Es war nur wichtig, da� niemand es roch, wenn ich trank, weshalb ich mir als Konsequenz solch milder Sedierung immer einen Schu� Mundspray verabreichte.</p><p>Was freilich bei unserem Stammitaliener nicht geschehen mu�te. Ich nippte ganz sorgenfrei an meinem Glas und drehte dann wieder meine Gabel durch das Nudelwerk. Simon setzte noch einige Striche und r�tselhafte Piktogramme aufs Papier und kehrte dazu zur�ck, in Chaplinscher Manier eine Nudel nach der anderen einzusaugen.</p><p>W�hrend wir a�en, l�utete mein Handy. Es war Kerstin, die wissen wollte, ob wir uns nicht in der Staatsgalerie treffen k�nnten, die an diesem Tag bis acht Uhr am Abend ge�ffnet hatte. Kerstin sagte:�Es gibt dort eine Skulptur von Picasso, die ich nur von Abbildungen kenne und schon lange mal sehen wollte.�</p><p>�Du magst Picasso?�fragte ich.</p><p>�Warum �berrascht dich das? Pa�t das nicht zu mir?�</p><p>Nun, ich war tats�chlich etwas erstaunt. Wenn schon Kunst, dann h�tte ich eher gedacht, sie w�rde so ein zeitgen�ssisch-flippiges Damien-Hirst-Zeug m�gen: in Alkohol eingelegte Haie. Beinahe h�tte ich gesagt:�Bist du nicht etwas zu jung f�r Picasso?�</p><p>Na, das h�tte ich mich selbst fragen k�nnen.</p><p>Aber es war in Wirklichkeit etwas ganz anderes, was mich besch�ftigte und was ich nun auch aussprach:�Bist du denn schon fertig mit deinem Freund?�</p><p>�Es ist jetzt kurz nach zwei�, sagte sie.�Also, wenn wir uns um sechs im Museum treffen, habe ich ja noch ein paar Stunden. Das pa�t auch f�r mehr als einen raschen Fick. Mach dir keine Sorgen um mich.�</p><p>Einen Moment war ich erstarrt. Mein Mund offen wie bei einem toten Fisch.</p><p>Sie fragte:�Warum schnaufst du so laut?�</p><p>�Ich���</p><p>�Komm, la� dich nicht �rgern von mir. Es ist eine Freundin, mit der ich zusammen bin.�� Aber ich mag es, wenn du eifers�chtig bist. Ehrlich! Das ist s��.�</p><p>�Picasso also!�fand ich meine Sprache wieder.�Picasso um sechs.�</p><p>�Genau. Ich liebe dich.�</p><p>Sie legte auf, bevor ich reagieren konnte. Es war das erste Mal, da� sie in dieser definitiven Weise von Liebe gesprochen hatte.</p><p>Ja, ich liebte sie auch. Ein L�cheln strich �ber mein Gesicht wie bei einer Eklipse. Es war also nicht mein eigenes�L�cheln, sondern das von jemand anderen: das L�cheln eines Monds.</p><p>Um sechs stand ich vor Picassos Badenden, einer Gruppe �berlebensgro�er schlanker Stelen, die auf einem Kiesbett plaziert waren. In meinen Augen erinnerten die Badenden eher an ein kleines Orchester, das ein letztes Mal innehielt, bevor es ins Wasser ging. Ich dachte an diese Musiker aus <emphasis>Titanic.</emphasis></p><p>Simon befand sich bereits einen Raum weiter und stand gebannt vor einem M�dchentorso aus rotem Stein, einem M�dchen mit sehr schlanker Taille und vollen runden Br�sten mit geradezu unnat�rlich gro�en Brustwarzen, was auf der dazugeh�rigen Erkl�rungstafel versch�mt als� plastische Akzentuierung der Teilformen �beschrieben wurde.</p><p>Mir war nicht ganz wohl dabei, wie nahe Simon an der Figur stand. Und auch der Museumsw�rter war herangetreten und beobachtete den Jungen, wie um rasch eingreifen zu k�nnen, f�r den Fall, da� er��</p><p>Ja, was? Nach den Br�sten griff?</p><p>Ich rief nach ihm. Aber er r�hrte sich nicht, blo� der W�rter sah zu mir her�ber. Nicht unfreundlich, eher besorgt. Besorgt um das Kind <emphasis>wie</emphasis> um die Plastik.</p><p>Das war schon das Besondere an der Kunst, diese betr�chtliche K�hnheit. Klar, Nackte gab es auch in Heftchen und auf Titelseiten, aber die dortige Offenheit war eine befangene. Nicht aber in einem Museum, wo die Nacktheit so unverh�llt daherkam wie der Tod. Der tote Christus und pralle Br�ste in einem Raum! Hier war das m�glich.</p><p>Gerade wollte ich losgehen, um Simon wovon auch immer abzuhalten, als ich eine Hand auf meinem R�cken sp�rte, Kerstins Hand. Und gleich darauf ihre Stimme an meinem Ohr:�Wenn man hier hereinkommt und dich sieht, k�nnte man meinen, du geh�rst zur Skulptur.�</p><p>�Ach!�gab ich von mir.�Schaue ich denn aus wie von Picasso gemalt?�</p><p>�Das nicht. Aber doch so, als h�tte dich ein anderer K�nstler nachtr�glich dazugestellt. Um den Picasso zu erg�nzen.�</p><p>�Du meinst, ich bin so eine Art fotorealistische Plastik.�</p><p>�Nein, nein, du bist, wie du bist, aber als Kunstwerk. Als Vervollst�ndigung eines Picassos. Eines wirklich sch�nen Picassos, finde ich.�</p><p>�Lieb von dir�, sagte ich, eher ein Kompliment als einen Scherz annehmend.</p><p>Kerstin h�ngte sich in meinen Arm ein, lie� ihren Kopf auf meine Schulter fallen und fragte:�Wo ist Simon?�</p><p>�Dort dr�ben, bei dem M�dchen.�</p><p>�M�dchen?�Sie bog den Kopf nach hinten und schaute an meinem R�cken vorbei in den Nebenraum.�Das ist ein Lehmbruck.�</p><p>�Was?�</p><p>�Die Skulptur. Wilhelm Lehmbruck.�</p><p>Ich sagte� Schau mal an!�und fragte sie, was es eigentlich mit ihr und der Kunst auf sich habe, so wie man jemanden fragt, wieso er denn f�r kleine, wei�e Pudel schw�rme.</p><p>�Unerf�llte Liebe�, sagte Kerstin.</p><p>�Wieso?�</p><p>�Ich hab versucht, Malerei zu studieren. Aber die wollten mich nicht.�</p><p>Ich gab zu bedenken, da� es einigen sehr ber�hmten Leuten genauso ergangen sei. Da� man die zuerst auch nicht wollte.</p><p>�Ja�, meinte Kerstin seufzend,�manche werden mit der Ablehnung st�rker. Die meisten aber brechen zusammen. Ich bin zusammengebrochen.�</p><p>�Das pa�t gar nicht zu dir�, stellte ich fest.</p><p>Sie sagte:�T�usch dich nicht, ich habe eine d�nne Haut. Nicht viel d�nner als der Durchschnitt, aber d�nn genug. Wenn man mit einer Mappe voller Zeichnungen durch die Gegend rennt, in die Akademie, in die Galerien, und immer diese mitleidigen Gesichter sieht, das h�lt man nicht lange aus. Da kommt dann der Moment, da ist man lieber Kellnerin als K�nstlerin.�</p><p>Ja, was wu�te ich eigentlich von ihr? So gut wie nichts. Sie war ja logischerweise nicht als Taipeh-Sekret�rin auf die Welt gekommen. Doch ihre Liebe zur Kunst irritierte mich noch immer. Mit einem einzigen Blick einen Lehmbruck zu erkennen. Zugleich machte es mich traurig, da� sie offenkundig aufgegeben hatte. Aber in der Tat schien es das wesentlichste Merkmal der wirklichen K�nstler zu sein, <emphasis>einfach nicht aufzuh�ren</emphasis>. Die Kunst kam vom Weitermachen.</p><p>�Was tut der denn da?�fragte Kerstin.</p><p>�Simon?�</p><p>�Nein, nicht Simon. Der Museumsw�rter?�</p><p>�Nun ja, er scheint aufzupassen. Vielleicht, weil er Angst hat, Simon k�nnte den Lehmbruck anfassen.�</p><p>�Komm, la� uns hingehen.�</p><p>Das taten wir. Gleich, als wir neben Simon zu stehen kamen, vollzog der Aufpasser auf seinen Schuhabs�tzen eine kleine Drehung und entfernte sich.</p><p>Kerstin und ich schauten nun auf Simon hinunter, schauten auf sein Schauen, auf seine gespannte Haltung, wobei sein Blick nicht auf den vollen, glatten Busen gerichtet war, sondern auf das Gesicht der Dargestellten.</p><p>Simons Mund �ffnete sich. Und es war nun das erste Mal � das wirklich allererste Mal!�� , da� Simon etwas von sich gab, das ich auf Anhieb erkannte und verstand. Er sagte:�Lana.�</p><p>�Mein Gott�, wandte ich mich so aufgeregt wie fl�sternd an Kerstin.�Hat er Lana gesagt?�</p><p>�Hundertprozentig�, versicherte Kerstin.�Kein Zweifel. Der Name seiner Mutter.�</p><p>�Aber er war erst ein Jahr alt, als sie starb�, erinnerte ich.</p><p>�Na, du kannst davon ausgehen, da� seine Pflegemutter ihm von seiner richtigen Mutter erz�hlt hat, ihm bestimmt auch Fotos gezeigt hat. Das w�re nicht weiter verwunderlich. Nat�rlich kennt er ihren Namen.�</p><p>Ich erwiderte, da� dieses Gesicht hier, dieses Lehmbrucksche M�dchengesicht, in keiner Weise an Lana Senft erinnere.</p><p>�Dich nicht�, meinte Kerstin.�Simon schon. Und wer wei�, vielleicht ist es eine blo�e Vorstellung von seiner Mutter, die er sich j�nger denkt, als sie bei seiner Geburt gewesen ist. Da gibt es einige M�glichkeiten, sich so was zu erkl�ren.�</p><p>Wir standen noch eine ganze Weile so da. Simon sprach kein Wort mehr. Ich versuchte seinen Blick zu deuten, etwas wie ein Wiedererkennen, eine Freude oder Trauer zu gewahren. Doch sein Blick wirkte starr, und in seinen Augen spiegelte sich derart das R�telrot des Steingusses, da� ich nun einen �hnlichen Eindruck hatte, wie ihn kurz zuvor Kerstin mit mir erlebt hatte: wie sehr n�mlich Simon Teil des Kunstwerks war, in ihm wie in einem freundlichen Gef�ngnis steckte.</p><p>Folglich war es n�tig, Simon aus dem Bannkreis dieses Kunstwerkes mit ein wenig Druck zu entfernen, ihn aus der Aura des Torsos herauszuholen. Aus der Kunst zu befreien.</p><p>Als w�ren wir auf dem Rummelplatz, sagte ich:�So, genug davon. Jetzt gehen wir was trinken.�</p><p>Dabei schob ich ihn ein wenig an. Er protestierte nicht, aber im Weggehen wandte er sich noch mehrmals nach der Figur um.</p><p>Nach dem Besuch des Museumsrestaurants fuhren wir nach Hause, und ich schickte Simon gleich ins Bett. Es war reichlich sp�t, und immerhin w�rden wir am n�chsten Tag unsere Reise nach Tirol antreten, unsere Fahrt in Richtung auf den Astri-Berg.</p><p>Die Taschen waren gepackt. Unser Wagen mit einer online bestellten �sterreichischen Vignette ausgestattet. Simon schlief. Kerstin hatte sich mit einem Glas Wein vor den Fernseher gesetzt und d�ste vor einem <emphasis>Tatort</emphasis> dahin. Ich selbst sa� am Computer, befand mich auf der Website der Staatsgalerie und hatte Lehmbrucks Darstellung eines sich umwendenden M�dchens aus dem Jahre 1914 aufgerufen. Ich starrte auf die Figur und versuchte eine �hnlichkeit zu Lana herauszulesen. Es gelang mir nicht. Eher dachte ich an Astri. Die Schwermut in diesem feinen, schmalen, aber im Vergleich zum Rest des K�rpers unfertigen Antlitz.</p><p>Aber wahrscheinlich hatte Kerstin recht. Die Kunst war frei. Und zwar in dem Sinn, da� jeder darin sehen durfte, was er sehen wollte und konnte. Der M�dchentorso war f�r Simon ein Abbild seiner Mutter, f�r mich ein Abbild meiner Schwester. Und f�r Kerstin schlichtweg ein Meisterwerk von Lehmbruck.</p><p>Nach Mitternacht ging ich ins Bett, legte mich zu Kerstin und pre�te mich an ihren warmen R�cken. Ich war wie ein Telefonh�rer, der aufgelegt wird. Endlich Ruhe!</p></section><section><title><p><emphasis>22</emphasis></p></title><p>Ich war noch nie ein guter Autofahrer gewesen. Vielleicht auch, weil ich so rasch nach Abitur und F�hrerschein vom Fahrenden zum Fliegenden geworden war, bis zu dem Moment, da ein heftiges Gewitter meinem Unverkrampftsein bei Luftreisen ein Ende gesetzt hatte. Als ich dann nach Stuttgart gezogen war und damit auch entschieden hatte, die r�umlichen Bewegungen auf das Mindestma� meiner Bademeisterexistenz zu beschr�nken, hatte ich mich zum Nutzer des �ffentlichen Verkehrs gewandelt. Zwar besa� ich einen Wagen, aber der verbrachte die meiste Zeit auf einem gemieteten Standplatz. Es handelte sich um den Opel meines Vaters, den er mir geschenkt hatte, wobei�� nun, urspr�nglich war der Wagen ein Pr�sent von mir an ihn gewesen. Doch gleichzeitig mit dem Verlust meines Verm�gens am Ende meiner Ehe mit Lydia, und damit auch am Ende meiner Beziehung zu Wallace &amp; Gromit, hatte sich bei meinem Vater eine Augenkrankheit eingestellt. Etwas Schleichendes, schleichend und unabwendbar. Jedenfalls war es sinnlos geworden, den Opel zu behalten, weshalb mir mein Vater den Wagen mit nach Stuttgart gab, nicht ohne den Hinweis, dies sei ja ohnehin die ultimative Autostadt. Faktum war freilich, da� ich mich scheute, das Ding zu benutzen. Mir fehlte die Routine, und im Grunde stand der Wagen sehr sicher auf seinem Parkplatz. Es war perfekt, weil ich das Vehikel niemals umzustellen brauchte, perfekt auch, weil er nicht etwa in einer dunklen Garage verk�mmerte, sondern im Licht des Tages und unter den Sternen des Nachthimmels sein Leben lebte.</p><p>�Artgerecht ist das aber nicht�, werden jetzt einige Leute einwenden. Das stimmt sicherlich. Andererseits kann es einem Wagen lieber sein, an einer bestimmten Stelle <emphasis>gut</emphasis> zu stehen, als an verschiedenen Orten <emphasis>schlecht</emphasis> gefahren zu werden. Auch wusch ich ihn regelm��ig. Klar, er kam auch hin und wieder zum Einsatz, etwa, wenn ich einen Ausflug in die n�here Umgebung unternahm, vornehmlich auf die Schw�bische Alb, die vor Urzeiten bis nach Stuttgart reichte, als Stuttgart noch lange nicht existierte. Es scheint, als sei die Alb vorsorglich auf Distanz gegangen. Wie sich jemand scheiden l��t, der noch gar nicht verheiratet ist. So zu handeln, das w�rde eine Menge Leute retten.</p><p>Nun aber stand nicht der kurze Weg zur Alb auf dem Programm, sondern der etwas l�ngere hinunter zu den Alpen (ich sage� hinunter�, weil mein geographisches Bewu�tsein, wie das der meisten Menschen, von einem Schulatlas gepr�gt ist).</p><p>Aus praktischen Gr�nden � wegen der Ausr�stung und einer gewissen Flexibilit�t � hatten wir uns gegen die Bahn und f�r das Auto entschieden. Nur da� auch Kerstin keine begeisterte Autofahrerin war und sich damit rausredete, dieser Opel sei immerhin <emphasis>mein</emphasis> Opel, und M�nner w�rden sich bekannterma�en schwertun, Frauen beim Fahren zuzusehen.</p><p>Ich sagte ihr, das sei ein Klischee.</p><p>Sie sagte:�Ja.�</p><p>Ich fuhr.</p><p>Immerhin war das Wetter ideal. Leicht bedeckt, so da� keine Sonne blendete, aber auch frei von Regen, welcher sich ungut zwischen den Opel und die Fahrbahn h�tte dr�ngen k�nnen.</p><p>�Fahr nicht so schnell�, bat Kerstin.</p><p>Sie hatte recht. Ich war zu rasch unterwegs, wie um die Strecke schleunigst hinter mich zu bringen, und in der Hoffnung, die Unsicherheit verliere sich in der Rasanz. Wohl der h�ufigste Irrtum auf dieser Erde.</p><p>Ich bremste etwas herunter. Kurz darauf bog ich auf einen Autobahnrastplatz ein. So einen mit einer Toilette aus Sichtbeton und einigen M�lleimern und herumstehenden Wurstbrotessern und Zigarettenrauchern. Und dahinter einem kleinen Wald. Zwischen den dichten Bl�cken von Verkehrsl�rm h�rte ich das Rauschen der im Wind aufeinanderschlagenden Bl�tter. Eine nicht endende Ovation derer, die sich selbst beklatschen.</p><p>Simon lief umher, ganz in der Art seiner Altersgenossen, eingeschlossen in seine Phantasie, Unsichtbares jagend und von Unsichtbarem gejagt. Dazu gab er Kampfger�usche von sich, Ger�usche von Flugmaschinen, sich l�senden Torpedos, explodierenden Sternen und unter Schwerthieben gebeugten Zyklopen oder Romulanern, oder wer da auch immer gnadenlos niedergestreckt wurde und dies ganz sicher verdiente.</p><p>Kerstin und ich hatten uns ans Ende eines Tisches gesetzt, dessen h�lzerne Fl�che patiniert war von versch�tteten S�ften und der Asche toter Zigaretten. Wir sa�en uns gegen�ber und hatten eine Tupperwaresch�ssel zwischen uns, darin griechischer Salat, in dem wir herumstocherten, wie um das Vorurteil der h��lichen Deutschen zu best�tigen, die mit spitzen Gabeln eine uralte Kultur traktieren.</p><p>Eher aus dem Nichts heraus fragte ich Kerstin, ob sie denn die Malerei wirklich v�llig aufgegeben habe. Ich konnte mir das nicht vorstellen.</p><p>�Warum kannst du das nicht?�</p><p>�Kann man denn eine Leidenschaft beenden?�fragte ich. Und meinte noch:��ffentlich sicher. Aber im geheimen h�rt man doch nicht auf�� Ehrlich! Im geheimen wird weitergemalt und weitergedichtet und weitergeliebt, oder?�</p><p>�Willst du mir auf diese Weise sagen, da� dein Herz noch immer f�r Simons Mutter schl�gt und da� da kein Platz ist f�r jemand anders?�</p><p>Verdammt, war es das, was ich sagen wollte?</p><p>Ich erkl�rte:�Jetzt bist <emphasis>du</emphasis> aber eifers�chtig. Gut so, dann gleicht sich das wenigstens aus. Dann sind wir beide eifers�chtig.�� Aber das ist keine Antwort, ob du noch malst oder nicht.�</p><p>�Na, deine Antwort ist aber auch keine�, meinte Kerstin.</p><p>Stimmt. Eine Weile schwiegen wir.</p><p>Dann wechselte Kerstin das Thema und fragte mich, wieso Astri ohne Begleitung auf diesen Berg gestiegen sei. Warum sie das Risiko eingegangen sei, solo zu klettern.</p><p>�Das war bei ihr die Regel�, sagte ich.�Nat�rlich, in der Kletterhalle war sie gezwungen, sich von irgendeinem Freund sichern zu lassen. Drau�en aber, am Berg�� Wo sie allein sein konnte, da war sie auch allein. Das hat �brigens f�r fast alles gegolten. Ich will mal so sagen: Selbst wenn sie hin und wieder eine Beziehung hatte, war sie lieber mit sich selbst zusammen.�</p><p>�Na, wenn man manche Typen anschaut, braucht das kaum zu wundern.�</p><p>�Ja, aber bei ihr war das keine Frage hoher Anspr�che. Eher war es so, als w�re sie�� ich sage jetzt mal, <emphasis>eine Seelilie</emphasis> und das Zusammensein mit Menschen irgendwie abartig. Weil�s aber sonst kaum Seelilien in ihrer Umgebung gab, ist sie oft allein geblieben.�</p><p>�Eine kletternde Seelilie? Ich meine, die leben im Meer, oder?�Kerstin hob ihre Brauen, die �brigens so aussahen, als w�rde sich Kerstin zumindest an dieser Stelle durchaus malerisch bet�tigen. Aber im eigenen Gesicht war schlie�lich jede Frau eine K�nstlerin. (Und wenn das ein Klischee ist, welches w�re keines?)</p><p>Richtig, anstatt Astri als Seelilie zu bezeichnen, h�tte ich sie eigentlich mit einem alpinen Tier vergleichen m�ssen. Doch der Begriff gefiel mir einfach, zudem dachte ich an die vielen h�bschen Versteinerungen fossiler Stachelh�uter.</p><p>�Also gut�, sagte Kerstin, wollte jetzt aber wissen, ob dies gleichfalls f�r meine Eltern gelten w�rde, da� n�mlich auch sie Seelilien seien und es darum zwischen meiner Schwester und ihnen soviel inniger zugegangen sei.</p><p>�Nein�, sagte ich,�auch wenn sie Astri geliebt haben, so richtig verstanden haben sie sie genausowenig�� Wie die meisten anderen Eltern wollten sie auch nur, da� ihre Tochter mal heiratet und Kinder kriegt � oder zur Not halt berufst�tig ist und heiratet und Kinder kriegt. Klar, dem Vater hat das mit der Bergsteigerei gefallen, aber die Ausschlie�lichkeit, mit der sie das getan hat, hat ihn dann doch verst�rt. Ich sag mal so: Meine Eltern haben sich davor gef�rchtet, ihre Tochter sei nicht ganz normal. In mehrfacher Hinsicht.�</p><p>�Sexuell nicht normal?�</p><p>�Zum Beispiel. Sie hat zuletzt ihre Wohnung mit einer Frau geteilt. Aber die war genauso asexuell wie Kerstin. Darum waren die beiden ja zusammen, um die Miete zu teilen, aber nicht das Bett. Vielleicht mochten sie sich auch. Wie man Dinge mag, die man nicht anzufassen braucht, um sie zu m�gen. So was wird schwer verstanden heutzutage, wo uns jede noch so schr�ge Perversion n�her ist, als wenn jemand keinen Sex will.�</p><p>�Ich mochte auch lange keinen.�</p><p>�Sag jetzt aber nicht, ich h�tte dich geheilt. �Ich zwinkerte ihr zu.</p><p>�Nein, geheilt hab ich mich selbst.�� He, wo ist eigentlich Simon?�</p><p>Ich schaute mich um. Auf der Wiese war er nicht zu sehen. Vielleicht war er ein St�ck in den Wald gelaufen, spielte hinter einem Busch. Ich rief seinen Namen, den er ja durchaus verstand und auf den er in der Regel wie die meisten Kinder und Katzen reagierte, n�mlich <emphasis>manchmal</emphasis>. Oder eben erst beim dritten oder vierten Mal. Weshalb ich jetzt wiederholt nach ihm rief. Aber er tauchte nicht auf.</p><p>Ich stand von meinem Platz auf. Ziemlich ruhig noch. Warum auch nicht? Wahrscheinlich stand er blo� ung�nstig. Ich machte einige Schritte und rief erneut. Und sagte mir:�Na, weit kann er ja nicht sein.�</p><p>Sagen das nicht alle, bevor dann die Einsicht folgt, da� es eben doch weiter sein kann als gedacht? Weiter und gef�hrlicher. Etwa, wenn ein Kind ins Wasser f�llt. Wenn es in ein fremdes Auto steigt. Und der Alptraum beginnt.</p><p>�Ist dort ein Flu�?�fragte ich.�Hinter dem Wald?�</p><p>�Ich wei� nicht�, sagte Kerstin.�Wieso? H�rst du was rauschen? Au�erdem�� der Simon kann doch schwimmen! Ich meine, als der Sohn eines Bademeisters, ha!�Sie lachte. Aber es war eine Unsicherheit in diesem Lachen. Auch Kerstin hatte sich erhoben, drehte den Kopf gleich einer Eule.</p><p>Ich sp�rte die Panik in mir hochsteigen. Panik im Blut. Freilich noch geteilt von der Erfahrung der letzten Jahre, da� die Kinder dann eben doch kamen, manchmal mit einer Schramme, manchmal mit Tr�nen, manchmal mit einem Schrecken, aber eben wieder auftauchten. Es waren die anderen, bei denen sie f�r immer verschwanden, andere, die man in der Regel nur aus der Zeitung und dem Fernsehen kannte. Und betete, da� es auch so bleiben w�rde.</p><p>Die meisten Kinder haben einen Schutzengel. Mir erschien das nicht nur als eine d�mmliche Phrase, sondern durchaus real, vielleicht keine Wesen mit Fl�geln, aber doch war da etwas: ein Begleiter � ja, ein kleiner kluger Mond, der die Kinder umkreiste. So klein er war, hatte er die Kraft, die Bahn der Kinder zu lenken, sie in entscheidenden Augenblicken einen schnellen Schritt machen zu lassen oder sie genau von diesem Schritt abzuhalten. Oder der Mond d�mpfte ihren Fall. Schaffte es, sie um Haaresbreite an einer Sto�stange vorbeizuwinden. Schaffte es, da� sie es sich in letzter Sekunde �berlegten und <emphasis>nicht</emphasis> mit einem Fremden mitgingen. Und wof�r dieser f�rsorgliche Trabant sonst alles sorgte.</p><p>Nat�rlich waren da noch die Eltern und Erzieher und andere Erwachsene, die als Besch�tzer der Kinder fungierten. Aber es gab Grenzen. Nicht blo�, weil die Kinder gr��er wurden und man sie nicht einsperren konnte. Auch weil die Konzentration versagte. Selbst die, die mit Argusaugen wachten, versagten. Sosehr man sich anstrengte, man sah nicht jedes Auto kommen. Was n�tzte es, tausend Jahre keinen Fehler zu machen, aber in einer einzigen Sekunde statt nach links nach rechts zu schauen? Darum gab es sie, die kleinen, schutzengelhaften Monde, die alles taten, um genau auf diese Sekunde vorbereitet zu sein. Nur in gewissen Augenblicken � in gewissen Augenblicken war der Mond m�de oder untengegangen und der Himmel leer.</p><p>�Simon!!�In meinem Ruf steckte jetzt Wut. Verdammt noch mal, wo steckte der Bub? Warum taten die Kinder einem das an? Immer wieder.</p><p>Kerstin meinte:�Er wird dich nicht h�ren k�nnen, da drinnen im Wald.�</p><p>�Ja�, sagte ich,�la� uns nachschauen. Du dort dr�ben, ich auf der anderen Seite.�</p><p>Wir gingen los. Wir liefen nicht, aber es war ein Fieber in unseren Schritten.</p><p>Einen richtigen Weg in den Wald hinein gab es nicht, blo� einen engen Pfad, den wohl diverse Notd�rftige geschaffen hatten. Von einem Moment auf den anderen geriet ich aus der Helle in das tiefgr�ne Dunkel, schlug �ste zur Seite, schlug M�cken zur Seite, war aber zu langsam, um einem Spinnennetz auf Kopfh�he auszuweichen. Die F�den legten sich als feines Gitter auf mein Gesicht. Ich wischte das Zeug weg, k�mpfte mich weiter, rief den Namen meines Sohns, laut und schrill, nun vollst�ndig in der Angst und Sorge angekommen. Auch meinte ich die gurgelnden Ger�usche eines Gew�ssers zu vernehmen.</p><p>Wie hie� dieser Film, wo zu Beginn ein Kind ertrinkt? Richtig, <emphasis>Wenn die Gondeln Trauer tragen</emphasis>. Am Ende stirbt Donald Sutherland, weil er einer kleinen Gestalt folgt, die er ebenfalls f�r ein Kind h�lt. Er will seinen Fehler nicht wiederholen und macht einen neuen.</p><p>Simon war ein Kind der Berge, nicht des Wassers. Und was n�tzte der Schwimmkurs, wenn man vorher mit dem Kopf auf einen Stein aufschlug und��?</p><p>Ich geriet aus dem Wald hinaus. Da war kein Flu�. �berhaupt kein Wasser. Ich mu�te mir das eingebildet haben. Einzig die weite Fl�che eines erdigen Ackers tat sich vor mir auf. Und in der Mitte�� Ich konnte es nicht wirklich glauben. Ich war in Erwartung von etwas Schrecklichem oder von etwas vollkommen Normalem gewesen. Doch die Wirklichkeit bot mir einen Anblick gleich einer Fotocollage.</p><p>Simon stand auf dem Feld. Und keine zwei Meter von ihm entfernt ragte die m�chtige Gestalt eines Strau�envogels empor. Simon sah hoch, und der Vogel blickte auf ihn hinunter. Beide ganz ruhig, das gewaltige Tier und das schm�chtige Kind.</p><p>Auf den Moment erl�sender Verwunderung folgte nun doch wieder die Furcht, weil ich mich erinnerte, gelesen zu haben, ein ausgewachsener Strau� k�nne mit einem einzigen Tritt seiner kr�ftigen F��e einen Menschen t�ten. Im Falle Simons h�tte wohl die halbe Kraft eines solchen Sto�es gereicht.</p><p>�Vorsichtig weggehen!�rief ich und n�herte mich umgekehrt mit raschen Schritten.</p><p>Der Vogel drehte seinen Kopf und sah zu mir her�ber. Nun, ich hatte nat�rlich Simon gemeint. Jedenfalls blieb ich augenblicklich stehen. Das war n�mlich das schlimmste, diese Lebensretter, die erst die wirkliche Katastrophe ausl�sten. T�ren eintraten und dabei die hinter den T�ren Stehenden umbrachten. Zum Bruce Willis einer tragischen Realit�t wurden.</p><p>Ich tat nun keine Bewegung mehr und senkte meine Stimme, als ich erneut Simon aufforderte, langsam zu mir her�berzukommen. Was er aber nicht tat, sondern unverwandt zu dem Laufvogel aufblickte, der nun gleichfalls wieder seinen kleinen Kopf auf den Jungen richtete. Dabei aber den Hals v�llig gerade hielt. In diesem Augenblick meinte ich zu begreifen, da� das Tier dem Kind nichts tun w�rde.</p><p>�ber einen Feldweg kam jetzt ein Jeep angefahren, der eine Sandwolke hinter sich herzog. Man konnte meinen, man w�re in Afrika.</p><p>�Mensch, was ist das?�vernahm ich Kerstins Stimme in meinem R�cken.</p><p>Nicht, da� sie noch nie einen Strau� gesehen hatte.</p><p>�Wahrscheinlich ist er ausgebrochen�, sagte ich.�Die haben hier in der N�he wohl eine Strau�enfarm.�</p><p>�Und Simon? Versucht er ihn einzufangen?�</p><p>�Also ehrlich gesagt, ich glaube eher, er redet mit ihm.�</p><p>Denn tats�chlich erkannte ich, wie Simon seinen Mund bewegte. Wegen der Entfernung und wegen des Windes konnte ich nichts verstehen, aber es war eindeutig, da� er zu dem Strau� sprach, der da einen Meter �ber ihm aufragte. Ob der Strau� nun ebenfalls redete oder einfach nur nach Luft schnappte, h�tte ich wirklich nicht sagen k�nnen.</p><p>Der Wagen hatte angehalten, und mehrere Leute waren ausgestiegen. Zwei trugen lange Stecken mit Schlingen. Einer hielt eine Apparatur, die aussah wie eine zu gro� geratene Taschenlampe. Ein automatisches Fangnetz wohl. Sie gaben Ger�usche von sich, die das Tier beruhigen beziehungsweise anlocken sollten.</p><p>Ein Schrei!</p><p>Ich selbst hatte geschrien. Denn f�r einen Moment hatte ich gedacht, der riesenhafte Vogel w�rde jetzt doch noch auf Simon zuspringen. In Wirklichkeit aber bewegte er sich an Simon vorbei, ohne diesen im geringsten zu ber�hren, und ging alsdann in einen raschen Trab und noch rascheren Lauf �ber.�� Da� diese Viecher schnell sein k�nnen, ist ja allgemein bekannt. Und war vor Ort deutlich zu erleben. Auch die F�nger beeilten sich, rannten zur�ck zu ihrem Wagen, wendeten diesen und rauschten wieder davon.</p><p>�Abgefahren!�sagte Kerstin.</p><p>Ich ging zu Simon und nahm ihn in die Arme. Ich hielt ihn ganz fest. Er hielt mich auch ganz fest. Er sp�rte wohl, wie sehr ich das jetzt n�tig hatte.</p><p>Kerstin kam dazu und reichte dem Jungen die Hand. Er nahm sie und l�chelte. Kerstin sagte:�Im Zoo schauen sie kleiner aus, finde ich.�</p><p>Wir gingen zur�ck zum Wagen, stiegen ein und fuhren weiter.</p><p>Im Radio gaben sie gerade durch, da� ein Strau� entlaufen sei und auf welchen Strecken man die Fahrer zu erh�hter Aufmerksamkeit aufrufe.</p><p>�Witzig!�kommentierte Kerstin.</p><p>Die Sache war �brigens noch in Deutschland geschehen, f�r alle, die meinen, so eine Szene zwischen Traum und Wirklichkeit k�nne sich allein in �sterreich zutragen.</p></section><section><title><p><emphasis>23</emphasis></p></title><p>Doch �sterreich kam, und es kam mit den Bergen, f�r welche dieses Land ja so ber�hmt ist, obgleich es gar nicht nur aus solchen besteht. Aber �hnlich der Schweiz wird so getan, als handle es sich hierbei um ein europ�isches Tibet, ein gewisserma�en nicht von den Chinesen, sondern von den Touristen besetztes Gebiet.</p><p>Wir hatten die Fenster offen, so da� der Opel etwas vibrierte. Aber ich f�hlte mich jetzt sehr viel sicherer am Steuer, vielleicht wegen der Gew�hnung, vielleicht auch, weil hier alle langsamer fuhren und die ganze Stra�e sich nicht mehr so nerv�s anf�hlte. Denn Stra�en und Autos und Fahrer leben ja ebenfalls in einer Symbiose, wo einer den anderen ansteckt. Im Guten wie im Schlechten.</p><p>Nach etwa vier Stunden fuhren wir in Innsbruck ein, wo wir eine erste �sterreichische Nacht verbringen und uns zuvor noch ein wenig die Stadt ansehen wollten. Das Hotel lag im Zentrum, der Parkplatz im Untergrund, und vom Fenster aus wirkten die Berge ungemein nah, jedoch vom Dunst leicht verh�llt, ged�nstet. Den Nachmittag verbrachten wir flanierend in der Altstadt, in welcher die Japaner dominierten. Wie alle anderen standen wir lange vor diesem goldenen Dach. Simon sprang in der �blichen Weise herum, ein imagin�res Laserschwert schwingend. Doch diesmal lie� ich ihn nicht aus den Augen. Wie so viele Eltern schwor ich mir, das soeben Geschehene als Warnung zu begreifen. Als Warnung daf�r, was alles passieren konnte, wenn es einmal kein freundlicher Laufvogel w�re, dem das Kind begegnete. Sosehr ich wu�te, da� man sein Kind nicht immer und �berall sch�tzen konnte, war ich dennoch entschlossen, die Herausforderung des Schicksals anzunehmen. Zumindest ein Auge mu�te auf dem Kind bleiben. Gleich einem Aufkleber auf seiner Stirn.</p><p>Mit dem anderen Auge betrachtete ich das Dach, welches <emphasis>Dachl</emphasis> hie� und das Wahrzeichen der Stadt bildete. Das Licht fiel g�nstig und lie� das Gold gl�hen. Ich sah, wie Simon einen Laserstahl in Richtung der Schindeln abfeuerte. Kerstin hatte sich bei mir eingehakt und las mir aus dem Fremdenf�hrer vor, nannte die Zahl der Schindeln, erw�hnte die Figuren, die das Relief des sp�tgotischen Prunkerkers bev�lkerten, erw�hnte die mysteri�sen, sich hinter den Figuren als Schriftband fortsetzenden Inschriften. Es fielen Namen und Lebensdaten und wem welches Wappen zuzuordnen sei und wer hier einst �ffentlich verbrannt worden war. Ich h�rte zu, aber so wie in der Schule, wenn gerade keine Pr�fung ansteht und man sich eher dem angenehm einschl�fernden Klang einer Frauenstimme hingibt. Ich h�rte zu, ich sah mit einem Auge auf das Dach, mit dem anderen auf Simon, und trotzdem f�hlte ich mich wie in einem Bett, das senkrecht aufgestellt war und mir im Stehen einen weichen Halt bot.</p><p>Ich h�tte noch lange so verharren k�nnen, mit einem Bett im R�cken und der Stimme im Ohr, aber irgendwann hatte Kerstin zu Ende gelesen und meinte, es sei Zeit f�r die Konditorei, f�r Kuchen und Kaffee.</p><p>Gleich um die Ecke fanden wir ein Lokal, wo man drau�en sitzen konnte. Simon bekam einen Becher mit Eis, Kerstin ihre Torte. Ich selbst war weiterhin auf Di�t. Man kann sagen, ich hatte seit den Tagen, da ich wieder mit dem Sport angefangen hatte, nicht mehr damit aufgeh�rt, den S��igkeiten aus dem Weg zu gehen. Dabei sehnte ich mich nach ihnen wie andere nach z�rtlichen Momenten. Und war es denn nicht auch z�rtlich zu nennen, wie so ein St�ck Kuchen im Mund zerging?</p><p>Keine Frage, h�tte mir jemand verbindlich sagen k�nnen, die Welt w�rde demn�chst untergehen, ich h�tte augenblicklich diese wundersch�ne Maronitorte bestellt, vielleicht auch einen umfangreichen Proviant an Tr�ffelpralinen besorgt. Aber der Kampf um meine Figur hatte eben auch etwas Lebenserhaltendes. In einer weiterhin bestehenden Welt schien mir die relative Makellosigkeit meines K�rpers � abseits der �sthetischen Frage � als Garant daf�r, da� die Welt eben <emphasis>nicht</emphasis> untergehen w�rde. Fett an den H�ften w�re mir als ein Versto� erschienen, eine Anma�ung und Provokation.�� Klar, das mochte ziemlich religi�s klingen. Und klar auch, da� man sich dann fragen mu�te, wieso angesichts der vielen fetten Menschen auf der Welt sich selbige noch immer drehte (mag sein, in einem bedenklichen Zustand, aber bedenklich im Sinne einer Fu�ballmannschaft, die Jahr f�r Jahr mit Ach und Krach <emphasis>nicht</emphasis> absteigt).</p><p>Dennoch, ich war gefangen in meiner Haltung und beschr�nkte mich darauf zuzuschauen, wie ein zugleich flockiges wie von butteriger Schwere beherrschtes St�ck Schwarzw�lder Kirschtorte zwischen den Lippen Kerstins verschwand. Ich konnte es geradezu schmecken, wie da auf ihrer Zunge diese m�hevoll zusammengesetzte Konditorware sich wieder in ihre Einzelteile aufl�ste und diverse Assoziationen ausl�ste, von denen aber kaum eine unmittelbar den Schwarzwald betraf. Schon eher die Schwarzw�lderinnen (wobei eine von deren Trachten auch in der Tat das Aussehen dieser Torte bestimmt haben k�nnte).</p><p><image l:href="#9"/></p><p>Ich sp�rte also, wie da ein in Schwarz und Wei� und mit rotem Bollenhut gewandetes kleines Schwarzwaldm�del sich nach und nach zerteilte, wie es zerging und verschwand. Nat�rlich kam dieses� Nachempfinden �nicht heran an ein tats�chlich verspeistes St�ck Torte.�� Wieso eigentlich nicht? Warum war es nicht m�glich, das eigene Hirn genau in dieser Weise zu manipulieren und solcherart v�llig kalorienfreie�Geschmackserlebnisse von h�chster Realistik zu erm�glichen?</p><p>Wie gerne h�tte ich mit Lana dar�ber diskutiert.</p><p>Sp�ter spazierten wir noch ein wenig umher, kauften Lebensmittel f�r unsere Bergwanderung ein und kehrten schlie�lich ins Hotel zur�ck. Von meinem Fenster konnte ich auf den Eduard-Walln�fer-Platz sehen, so benannt nach Tirols langj�hrigem Landesvater: eine weite, mit kleinen und gr��eren Erhebungen ausgestattete Fl�che aus wei�em Beton, man k�nnte sagen eine� Dauerwelle �von �ffentlichem Raum. Die B�umchen, die aus runden L�chern ragten, waren m�glicherweise echt, muteten aber in diesem Ensemble an, als h�tte man die Bl�tter aus gr�nen Aluminiumfolien gestanzt.</p><p>Kerstin fand den Platz toll, eine einzige gro�e Skulptur, die quasi mitten in der Landeshauptstadt gestrandet war. Ein verfestigter Sandstrand f�r moderne Robinson Crusoes.</p><p>Ich merkte allerdings an, da� die meisten Passanten dieser� Bodenplastik �eher auszuweichen schienen. Hatten sie Angst vor der Kunst? Weniger verlegen waren hingegen die vielen Jugendlichen, die die glatten Bodenwellen nutzten, um sie mit ihren Skateboards zu bezwingen. Dabei erzeugten sie ein knirschendes Ger�usch, das wolkengleich �ber dem Platz hing. Wie auch in meinen Ohren.</p><p>�Du bist spie�ig�, meinte Kerstin.</p><p>�Ich bin nicht spie�ig, sondern empfindlich. Wenn ich Skateboards h�re, werde ich verr�ckt. Au�erdem ist es ein dummer Sport.�</p><p>�Findest du �ber H�rden zu laufen soviel intelligenter?�</p><p>�Es ist ruhiger und eleganter.�</p><p>�Na, das kommt darauf an, wer da dr�berspringt.�</p><p>Ich mochte es nicht, wenn sie in diesem Zusammenhang von� springen �sprach, und das wu�te sie.</p><p>Wir hatten noch keinen richtigen Streit gehabt, aber es gab h�ufige Sticheleien (und so war es ja von Beginn an gewesen). Noch war das kein Problem. Die Sticheleien stachen nicht, sie ber�hrten auch nicht, sondern flogen vorbei. Kleine Fliegen, die sich leicht verjagen lie�en. W�rde das aber so bleiben? Oder w�rden Wunden entstehen, in die dann die Fliegen ihre Eier legen konnten?</p><p>W�hrend Simon auf dem Bett lag, seine Beine zu einem Pult angewinkelt, und auf dem iPad <emphasis>Angry Birds</emphasis> spielte � ein Spiel, in dem V�gel Schweine angreifen und sich die geklauten Eier zur�ckholen � , ging ich mit Kerstin ins Badezimmer, und wir stellten uns gemeinsam unter die Dusche. Liebe machen, wenn das Kind drau�en spielte, war etwas merkw�rdig, allerdings besser als in der Nacht, wenn jedes Ger�usch ungleich schwerer wog und auch das kleinste St�hnen am Klangteppich strickte. Allerdings hatte ich die T�r blo� angelehnt, selbst auf das Risiko hin, Simon k�nnte eintreten. Andererseits, wer in <emphasis>Angry Birds</emphasis> vertieft war, stand nicht so schnell wieder auf.</p><p>Sex mit Kerstin war unkompliziert. Leidenschaftlich, aber ohne dieses Bem�hen, eine alles vernichtende Explosion zu bewerkstelligen. Sowenig bigott wie pervers. Sie mochte meinen K�rper, ich den ihren. Nur hinterher meinte Kerstin, ich m�sse ein wenig aufpassen mit meinen Muskeln. Das sei h�bsch anzusehen, aber an der Grenze.</p><p>�An der Grenze wohin?�</p><p>�Na, zum Absurden. Zum Manierismus. Muskeln, die dann aussehen wie viele kleine Frauenbr�ste. Und alle mit Silikon verst�rkt.�</p><p>Ich lachte und stellte mir vor, wie das w�re, die eigenen Muskeln mit einer Vielzahl von BHs zu verdecken. Sodann versprach ich:�Keine Angst. Ich werde aufpassen.�</p><p>�Fein�, meinte Kerstin. Zur Belohnung rieb sie eine Pflegelotion in meine Haut.</p><p>Jetzt h�rte ich sie wieder, die knirschenden Rollen der Skateboards.</p></section><section><title><p><emphasis>24</emphasis></p></title><p>Die Autofahrt am n�chsten Tag wurde ein Fiasko. Nicht wegen des Wagens, der brav seine Dienste verrichtete, und auch nicht wegen des Wetters, das besser nicht h�tte sein k�nnen. Der leichte Dunst vom Vortag war einem klaren Himmel gewichen, aus dem alle Feuchtigkeit verschwunden schien. Ein trockenes Tuch aus Blau (die� Geheimmalerin �Kerstin h�tte gesagt: ein deutsches Blau, ein Expressionistenblau). Nein, das Problem war ich selbst. Und zwar als Folge der v�llig unn�tigen Entscheidung, die Brennerautobahn zu meiden, mir die Bezahlung der Maut zu ersparen und statt dessen die Nebenstra�e zu nehmen, die ja landschaftlich sicher die reizvollere war.</p><p>Sparsamkeit neigt dazu, sich gegen den Sparenden zu wenden.</p><p>Wobei� reizvoller �nat�rlich stimmte, da sich die Landesstra�e im Gegensatz zur sehr gerade dahinf�hrenden und f�r die Umgebung geradezu blinden Autobahn nahezu t�nzerisch gab, die Landschaft umgarnte und umspielte. Da ein Handku�, dort ein Nicken, eine Verbeugung, eine Drehung, eine Wendung. Da� das nat�rlich l�nger dauert, ist klar. Fast alles Gute und Sch�ne dauert l�nger.</p><p>Was ich freilich v�llig untersch�tzt hatte, war der Umstand, wie sehr der talseitige Rand der alten Bundesstra�e steil nach unten f�hrte, zumindest nach meinem von H�henangst dominierten Bewu�tsein. Auch fehlten an vielen Stellen durchgehende Leitplanken, und es waren allein Pfl�cke, die mehr in den Abgrund einluden, als ihn zu separieren. Ja, der Abgrund wirkte als ein potentieller Teil der Stra�e.</p><p>Klar, hier war nicht Indien oder die T�rkei oder wo auch immer Busse in Schluchten fielen, und doch f�hlte ich mich elend. Mir stand der Schwei� auf der Stirn, und ich sah sehns�chtig hoch zur kompakten Brennerautobahn, die sich immer wieder keck zeigte. Meine H�nde hielten das Steuer, als handelte es sich um die Kante eines Felsens, an dem ich hing.</p><p>Wie so oft beim Hallenklettern fragte ich mich auch jetzt:�Was tue ich hier blo�?�</p><p>Simon sa� hinten und befand sich mit Donald Duck auf Abenteuer im Dschungel.</p><p>Endlich bat ich Kerstin, sie m�ge statt mir fahren. Aber sie weigerte sich. Sie erkl�rte, ihr fehle die Routine f�r eine solche Strecke.</p><p>�Mir auch�, gab ich zur�ck.</p><p>�Aber es ist <emphasis>dein</emphasis> Wagen. Du kennst seine Macken.�</p><p>�Er hat keine Macken�, sagte ich. Meine Stimme bebte.</p><p>�Wenn er keine Macken hat, warum willst du dann, da� ich ihn fahre?�</p><p>�Mein Gott�, fuhr ich sie an,�weil ich diese Stra�e unm�glich finde. Schau doch, wie es da runter geht.�</p><p>�Also, so schlimm ist das wirklich nicht.�</p><p>�Wenn das nicht so schlimm ist, warum tauschen wir dann nicht?�</p><p>�Weil ich � wie ich dir schon gesagt habe � unge�bt bin�, erkl�rte Kerstin. Und f�gte an:�Wenn ich fahre, dann mit �ner Automatik. Au�erdem machst du das eh ganz okay.�</p><p>Ich machte es mitnichten� eh ganz okay�. Weshalb ich nach viel zu langer Qual den Wagen ausfahren lie� und am bergseitigen Rand der Stra�e parkte.</p><p>�Was ist denn jetzt los?�gab Kerstin von sich. Es war ein Keifen in ihrer Stimme. Ich hoffte sehr, da� dieses Keifen mit der Zeit nicht zunehmen w�rde. Keifen war das Schlechteste, was jemand f�r seinen Teint tun konnte. Der st�ndig keifende Mensch wurde grauer als jede Taube.�� Vor allem aber fragte ich mich, ob sich Kerstin dumm stellte oder nicht. Mir war klar, da� ihr diese Fahrt genauso unangenehm war wie mir. Blo� befand sie sich dank des Beifahrersitzes meistens auf der Seite der Steigung, wenn sie nicht ohnehin die Augen geschlossen hielt, freilich vorgab, sich ausruhen zu wollen. Sie betete wohl, es m�ge bald vorbei sein. (F�r die meisten Autofahrer mochte eine solche Strecke nicht das geringste Problem darstellen, aber die meisten Autofahrer fuhren gerade woanders, etwa da oben auf der Autobahn.)</p><p>Und genau dorthin wollte ich nun ebenfalls.</p><p>�Wir kehren zur�ck bis zur n�chsten Auffahrt und erledigen den Rest auf der Autobahn.�</p><p>�Du bist der Kapit�n.�</p><p>�Stimmt.�</p><p>�Soll ich Musik spielen?�fragte sie.</p><p>�Nein, keine Musik.�</p><p>Ich wendete und fuhr zur�ck, nun immerhin ein ganzes St�ck lang mich auf der Bergseite wissend. Kerstin <emphasis>schlief</emphasis>.</p><p>Wir erreichten also die Brennerautobahn, die hier A13 hie�, ich bezahlte meine� Strafe�(denn genau als das empfand ich in diesem Moment die Mautgeb�hr, freilich als eine Strafe, die absolut gerechtfertigt war), und wir gerieten auf eine Strecke, die in ganz wunderbarer Weise vergessen lie�, wie hoch man sich eigentlich befand. Ein Kokon von Autobahn, f�r welchen der Beton und der blaue Himmel die H�lle bildeten.</p><p>So fuhren wir angstfrei dahin und erwarteten die Ausfahrt, die uns nach St.�Jodok bringen w�rde. Nur leider fehlte eine solche Ausfahrt. Beziehungsweise waren wir gezwungen, �ber den anvisierten Ort hinaus weiter auf der Autobahn zu bleiben und diese erst ein St�ck sp�ter zu verlassen, wo sich aber keinerlei M�glichkeit fand, auf die richtige Seite des Tals zu gelangen. Wenn�s nicht etwa daran lag, da� wir einfach zu bl�d waren, die Anweisungen des Navis zu befolgen. Jedenfalls mu�ten wir eine ganze Weile auf der falschen Seite zubringen und gelangten schlie�lich auf eine Stra�e, die sich als die schlimmste �berhaupt herausstellte.</p><p>�Schei�e, du Armer!�sagte Kerstin, als wir die Serpentinen abw�rts rollten und allein der Umstand dichter Bewaldung die Angst milderte. So konnte man das Gef�hl haben, bei einem m�glichen Absturz zwischen den St�mmen h�ngenzubleiben. Aber� Schei�e, du Armer!�war gar nicht das, was ich h�ren wollte. Auch machte es mich w�tend, da� Simon auf der R�ckbank zu singen angefangen hatte. Er schaute fortgesetzt in sein Comicbuch und tr�llerte ein unbekanntes Lied.</p><p>�Kannst du jetzt vielleicht Ruhe geben!�Dabei wandte ich mich reflexartig zu ihm um.</p><p>�Meine G�te�, sagte Kerstin und fa�te mich am Arm,�nicht umdrehen!�</p><p>Sie hatte recht.</p><p>Und alle zusammen hatten wir das Gl�ck, da� uns kein Wagen entgegenkam. Die Stra�e war so eng, es h�tten kaum zwei Wagen nebeneinandergepa�t. Es war eher eine Stra�e f�r Matchboxautos.</p><p>Doch wir schafften es. Wir erreichten Steinach und fuhren von dort wieder auf der recht eben verlaufenden Landesstra�e nach Stafflach, wo wir in ein Nebental einbogen, das uns nach St.�Jodok f�hrte. Als die Stra�e aber kurz nach dem�Ortsende erneut anfing, steil zu werden, erkl�rte ich:�Schlu�! Es reicht. F�r den Rest nehmen wir den Bus.�</p><p>Ich wendete und parkte den Wagen im Ortskern gegen�ber einem kleinen, wirklich kleinen Supermarkt. Wo sich der Begriff� Super �zu einer gr��tm�glichen Intimit�t verdichtete.</p><p>Keine halbe Stunde sp�ter sa�en wir im Postautobus, der nun jene Stelle hochfuhr, die zu bew�ltigen ich mich gescheut hatte. Ironie des Schicksals war, da� es nach dieser kurzen Passage nur noch flach dahinging, bis ans Ende des Valsertals. Ebener ist kaum noch m�glich. Zudem so gut wie kein Verkehr. Das h�tte ich mit Leichtigkeit geschafft. Freilich w�re mir dann der Mann entgangen, der nun mit einer Flinte in der Hand in den Bus einstieg, sich links vorn hinsetzte und sich mit dem Fahrer und zwei alten Frauen unterhielt. Simon machte gro�e Augen. W�hrend Kerstin fl�sternd �berlegte, ob man hier f�r ein Gewehr wohl einen Extrafahrschein zahlen m�sse.</p><p>Als sei das eine ernste Frage, meinte ich:�Also, wenn du der F�rster bist, sicher nicht.�</p><p>Ich versuchte zu begreifen, wor�ber sich die vier Einheimischen unterhielten, aber keine Chance. Selbst im Ansatz nicht. Ich verstand genausowenig, wie ich verstand, wenn mein Sohn sprach.</p><p>Von meinem Standpunkt aus gesehen, war auch Tirolerisch eine Geheimsprache. Zumindest, wenn diese Alten es redeten. Eine deutsche Sprache und dennoch geheim.</p><p>Der Mann mit der Flinte und die beiden Frauen stiegen schon etwas fr�her aus, w�hrend wir drei bis zum Ende dieses so ungemein locker besiedelten Tales fuhren. Letztendlich hielt der Bus am absoluten Ende der Stra�e, an einem einzelnen Haus, einer Wirtschaft namens <emphasis>Touristenrast</emphasis>.</p><p>Obgleich ich einst � aus einem geborstenen Flugzeug geworfen � auf den Weiten eines fremden Meeres dahingetrieben war, hatte ich hier zum ersten Mal das Gef�hl, wirklich am Ende der Welt zu sein beziehungsweise am Anfang vom Ende der Welt. Das Haus als Grenzstation, sodann ein Gatter und dahinter ein lange sich streckender, sachte ansteigender G�terweg, den wir nun in der Mittagshitze aufw�rts marschierten. Entlang einem Gebirgsbach, dessen Stimme dr�hnend den enger werdenden Kessel f�llte. Hoch oben die Berge des Tuxer Kamms, der aber nicht zu den Tuxer Alpen geh�rte, sondern zu den Zillertaler. Laut Kerstin.</p><p>Simon hatte sich seine Skibrille aufgesetzt. Was �berhaupt nicht l�cherlich aussah. Ich fragte mich im nachhinein, wieso ich ein solches Theater wegen des Kaufs gemacht hatte. Andere ben�tigten eine Brille f�r den Sommer und eine f�r den Winter, nicht Simon.</p><p>Der Weg zog sich. Ein Gl�ck, da� man sich immer wieder am kalten Wasser, das hier �berall aus dem Berg str�mte, erfrischen konnte. Nirgends Menschen. Erst kurz nachdem wir die Talstation eines Materiallifts passiert und die schattige, aber nun zusehends steil und steiler aufsteigende Waldzone erreicht hatten, kamen uns ein paar Leute entgegen. Sie bedachten uns mit dem hiesigen� Gria� Eich!�. Ich bem�hte mich um ein ebensolches. Kerstin belie� es bei einem� Gr�� Gott!�. Simon hob die Hand und streckte einen Daumen. Er f�hlte sich sichtlich wohl, als nun der Weg schwieriger wurde, gro�e, grobe Steine, kreuz und quer, so da� jeder Schritt auch die Gefahr barg umzuknicken. Gleichzeitig mit der wachsenden Ersch�pfung wuchs die Anforderung an die Aufmerksamkeit, n�mlich zu schauen, wohin man trat, die Steine im Blick und nicht die Umgebung. Pausen legten wir kaum ein, zu sehr bestimmte Simon den Rhythmus.</p><p>Als wir aus dem Wald gerieten � erneut ein Gatter erreichend, hinter dem das Gr�n einer Alm saftig und fett dalag � , sah ich ihn zum ersten Mal in natura: Astris Berg. Eine Pyramide aus Granit, helles Grau, silbrig, auch bl�ulich, gefleckt vom Schatten einer Wolke. Und mein erster Gedanke war, da� das in der Tat ein wirklich sch�ner Berg war und da� es f�r mich keineswegs unwichtig war, ob Astri auf einem sch�nen oder weniger sch�nen Berg gestorben war. Ich will nicht sagen, er, der Berg, w�re es wert gewesen, dort umzukommen. Aber ich glaube, da� Astri es <emphasis>genau so</emphasis> formuliert h�tte. Andere starben f�r Vaterl�nder oder Gewinnsteigerungen, nicht wenige f�r die vielen ungesunden Mahlzeiten ihrer Erdjahre und manche eben f�r Berge. Und ein Gl�ck, wenn es nicht der falsche Berg war.</p><p>Das war nun mal mein Gef�hl, als ich die Erhebung jetzt zum ersten Mal sah, wie <emphasis>richtig</emphasis> dieser Berg war.</p><p>Ich machte ein Foto mit dem iPad. Was nat�rlich komisch aussieht, als halte man sich da ein Brett vors Gesicht. Simon lachte. Kerstin meinte, es erinnere sie an diese Aluminiumfolien, die sich die Menschen in den Sechzigern zum Braunwerden unters Kinn gehalten hatten.</p><p>Ein iPad, mit dem man braun wird!�� Mein Gott, fr�her w�re das eine Idee gewesen, aus der ich ein Gesch�ft gemacht h�tte.</p><p>Wir gingen weiter, durchquerten hochwandernd die Alm und gerieten wieder an einen Bach, der in seinem Felsbett steil nach unten scho� und den man auf einer kurzen Br�cke �berqueren mu�te. Nie war eine Br�cke simpler gewesen: vernagelte Bretter mit schmalen Ritzen, die ohne jegliches Gel�nder auskamen. Selbst in vielen Abenteuerfilmen gab es Br�stungen, warum nicht hier? Auch war das Ding blo� mit einem Draht fixiert worden.</p><p>Es sah wirklich gef�hrlich aus. Ich versp�rte einen kindlichen Zorn in mir. So einen, der dazu f�hrt, da� man stur die Arme verschr�nkt und erkl�rt:�Ich gehe da nicht dr�ber. Und wenn ihr euch aufh�ngt. Und wenn ich hundert Jahre Fernsehverbot bekomme.�</p><p>Aber noch bevor ich dergleichen von mir geben konnte, hatte Simon nach meiner Hand gegriffen. Er hatte seine Skibrille hochgezogen und schaute mich mit seinen schwarzen, gro�en Augen an, deren lange Wimpern eine Allee bildeten, Wimpern, von denen manche Frauen in Stuttgart meinten, es sei eine Gemeinheit, da� dieser Junge sie besitze, wo er sie doch gar nicht n�tig habe. Erst jetzt fiel mir ein, wie sehr Simons lange Augenhaare zu denen eines Strau�envogels pa�ten. Aber das war in diesem Moment nicht der Punkt. Sondern wie sehr der Junge bem�ht war, mir die Angst zu nehmen. Sein L�cheln umklammerte meine Sorge.</p><p>Keine Frage, er war bereit, mich an der Hand �ber den Steg zu f�hren, der freilich nicht nur ohne Gel�nder war, sondern auch recht schmal. Seite an Seite w�re es zu eng gewesen.</p><p>�Geh du vor�, bat ich Simon.</p><p>Er verstand mich, marschierte los. Ich in seinem Schatten. In der Mitte aber blieb ich pl�tzlich stehen. Und zwar nicht aus Panik � obgleich ich durchaus eine solche versp�rte � , sondern um dieser Panik eins auszuwischen. Denn sowenig ich den Anblick des Abgrunds ertrug, zog ich ausgerechnet jetzt das iPad aus dem Rucksack, hielt es mir erneut vors Gesicht, �ffnete das Fotoprogramm und tippte auf das Symbol des Ausl�sers. Dabei meinte ich, meine Beine nicht mehr zu sp�ren. Nicht nur einfach taub, sondern aufgel�st, verschwunden. Mein Rumpf schwebte. Aber er schwebte etwas unruhig, schaukelte im Wind. Gleichzeitig empfand ich eine Begeisterung ob meiner Handlung. Ich fiel nicht um und auch nicht in Ohnmacht, sondern packte das iPad wieder ein und beendete den Gang. Gewisserma�en das kurze St�ck auch ohne Beine �berwindend.</p><p>Nachdem wir alle die Br�cke passiert hatten, fragte mich Kerstin:�Was war das denn grad?�</p><p>�Der Triumph des Willens.�</p><p>�Du wei�t aber schon, da� das der Titel von einem Nazifilm ist.�</p><p>Stimmt. Doch daran hatte ich nicht gedacht und sagte einfach:�Jetzt ist es halt <emphasis>mein</emphasis> Titel.�</p><p>Im Grunde war das auch ein sch�ner Ausspruch. Wie sehr das Wollen imstande war, die eigene Schw�che auszuhebeln (ironischerweise war es bei den Nationalsozialisten eigentlich umgekehrt gewesen). Aber Kerstin lie� mich nicht gew�hren. Sie fragte:�Ist dir eigentlich klar, da� oberhalb von der H�tte ein Bergwerk ist, das die Nazis betrieben haben? Mit Zwangsarbeitern.�</p><p>�Wie bitte?�Ich hatte nicht die geringste Ahnung.�Was f�r ein Bergwerk denn, um Himmels willen?�</p><p>�Du heute mit deinem Willen!�Sie wunderte sich �ber mich. Da� ich nichts gelesen hatte �ber den Berg, auf dem meine Schwester gestorben war. Den Berg und was hier alles geschehen war.</p><p>�Ich wei�, wie hoch er ist�, sagte ich, aber nicht einmal das stimmte wirklich.</p><p>Kerstin kl�rte mich auf. Dort, wo der Astri-Berg im s�dlichen Kammverlauf auf seinen Nachbarberg traf, lag eine Scharte, unterhalb derer die Nazis ein Stollensystem zur Gewinnung von Molybd�n errichtet hatten.</p><p>�Molyb� was?�</p><p>�Molybd�n. Man hat das zur H�rtung von Stahl ben�tigt.�� Panzerrohre!�erl�uterte Kerstin und f�gte an, da� neben der Bergh�tte, zu der wir uns gerade bewegten, noch das erste Lager der Zwangsarbeiter zu erkennen sei.</p><p>Ich fragte mich, ob man eigentlich irgendeinen Flecken in diesen L�ndern �sterreich und Deutschland finden konnte, der nicht auf diese Naziweise vergiftet war. Von der Geschichte verdreckt, hier um so mehr, als �ber das Schicksal der Menschen, die man in der alpinen H�he verschlissen hatte, nichts bekannt war. So berichtete wenigstens die belesene Kerstin, die auch viel besser wu�te, in welcher Position wir uns gerade befanden, wo im Norden, wo in den Zillertaler Alpen und in welcher Entfernung zu H�tte und Gipfel und Bergwerk. Kerstin hatte einen Kompa� in ihrem Kopf.</p><p>Doch so pr�chtig, wie das Wetter war, brauchten wir einfach nur dem markierten Weg zu folgen.</p><p>�Klaaf-quaol!�rief Simon und zeigte mit dem Arm nach oben.</p><p>Jetzt sah ich sie, die Flagge in der Ferne, Flecken von Blut, die im Wind wehten, wahrscheinlich das Rot-Wei�-Rot der �sterreicher. Was sonst? Die Flagge und dann die H�tte, ein vor �ber hundert Jahren vom Alpenverein in die Landschaft gepflanztes steinernes Haus, welches � wie Kerstin erz�hlte � interessanterweise lange Zeit der Sektion Gera (Gera in Th�ringen) geh�rt hatte, jedoch nach dem Krieg � nicht ganz unpassend � von den Russen den �sterreichern zugesprochen wurde, um freilich sp�ter wieder an die Deutschen, diesmal an die bayerischen Landshuter, <emphasis>zur�ckgegeben</emphasis> zu werden. Die Berge und das Rot-Wei�-Rot waren aber �sterreichisch geblieben.</p><p>Jedenfalls war es eine sch�ne H�tte, die wir nun schwei�na� erreichten, viel Holz und Stein, kompakt, auf eine h�bsche Weise wetterfest, ein Haus, das seinen eigenen Schwierigkeitsgrad bew�ltigt hatte, ohne verh�rtet anzumuten, dazu eine Terrasse, von der man einen herrlichen Weitblick besa�, w�hrend im R�cken die aufschie�ende Gestalt des Astri-Bergs den Himmel deutlich verkleinerte, so nah war man jetzt an dem Brocken aus Granit.</p><p>�Auf Astri�, sagte Kerstin, als feierten wir ihren Geburtstag.</p><p>�Auf Astri!�rief ich und nickte mit dem Kopf.</p><p>Simon tat es mir gleich und sprach ein Wort, das sich anh�rte, als w�rde ein kleiner Helikopter aus seinem Mund schl�pfen und den Berg hochkreiseln.</p></section><section><title><p><emphasis>25</emphasis></p></title><p>Wir wurden von der H�ttenwirtin herzlich begr��t und in unser vorbestelltes Vierbettzimmer gef�hrt, einen vollst�ndig in Naturholz eingekleideten Raum, der mir das Gef�hl gab, mich in einem der Schlafzimmer der allbekannten sieben Zwerge zu befinden (und tats�chlich existierten auch Matratzenlager f�r sieben Personen). Wir deponierten das Gep�ck und beeilten uns, hinaus auf die Terrasse zu gelangen und unseren Durst zu l�schen. Die Wirtin setzte sich zu uns an den Tisch und wollte wissen, welche Pl�ne wir h�tten. Ihr Tirolerisch war in keiner Weise geheim: Deutsch als Gebirgsbach, gurgelnd, aber verst�ndlich.</p><p>Ich vermied es, von Astri zu sprechen, die vor ihrem Tod ja ebenfalls auf dieser H�tte gewesen war. Statt dessen erkundigte ich mich nach dem Weg zum ehemaligen Bergwerk.</p><p>�Das sind hin und zur�ck noch mal drei Stunden�, erkl�rte die Hausherrin und verwies auf die Ger�llhalden, die man zu queren hatte.</p><p>�Gef�hrlich?�fragte ich.</p><p>�Anstrengend�, antwortete sie und empfahl uns, auf den n�chsten Tag zu warten. Immerhin seien f�nfhundert H�henmeter zu bew�ltigen. Ihr Mann w�rde morgen eine kleine Gruppe von Wanderern zum Bergwerk f�hren. Wenn wir wollten, k�nnten wir uns anschlie�en. Und den Jungen hierlassen.</p><p>Was ich ganz sicher nicht tun w�rde. Eher war zu �berlegen, ob man sich das Bergwerk sparen solle. Aber es reizte mich schon, mir das anzusehen. Einen Stollen in derartiger H�he, eine dieser Nazima�losigkeiten. Wobei mir die Wirtin erz�hlte, es sei zwar bis zum Ende des Krieges gegraben worden, man h�tte aber nie auch nur ein Gramm Molybd�n erzeugt. Die Planer waren von viel zu optimistischen Annahmen ausgegangen, den Berg als ein verpacktes Geschenk begreifend, bei dem man sich einen bestimmten Inhalt w�nschte. Aber so ist das oft mit den Geschenken. Einmal ausgepackt, ist es schlimmer, als h�tte man gar nichts bekommen.</p><p>Jedenfalls entwickelte sich das Ganze zum Desaster. Es war der �bliche� Triumph der Bl�dheit�. Obgleich bereits im zweiundvierziger Jahr das Wirtschaftsministerium die Sinnlosigkeit des Unterfangens erkannte, und sp�ter dann, 1944, auch das R�stungsministerium, h�rte man trotzdem nicht auf, wohl aus der� Logik �heraus, schon einmal damit angefangen und bereits eine Menge Geld investiert zu haben. Und so investierte man weiter, ohne jemals einen Nutzen zu erhalten. (Klar, das war bei den Nazis gewesen. Solche Dinge geschahen heute nicht mehr.)</p><p>Nach dem Krieg hatte man sich auch im Valsertal dem Vergessen hingegeben (wie man sich mangels eines vergebenden Gottes eben selbst vergibt), und 1989 war das �sterreichische Bundesheer angetreten, eine letzte Bereinigung vorzunehmen, indem man die bei der Nockeralm gelegene Aufbereitungsanlage sprengte. Die Namen der Menschen, die man unter Zwang hierhergebracht hatte, um unter extremen, mitunter todbringenden M�hen in den Berg einzudringen, waren quasi mitgesprengt worden.</p><p>�Na und!�k�nnte ein Zyniker sagen.�Die Leute, die beim Bau heutiger Hochh�user und Staud�mme und Tunnels beteiligt sind, kennt man ebensowenig beim Namen, oder? Und die sind nachher auch nicht alle gesund und fr�hlich.�</p><p>�Die werden aber nicht gezwungen.�</p><p>�Nein? Wirklich nicht?�</p><p>Als die Wirtin gegangen war, sah ich auf die Uhr. Es war vier Uhr am Nachmittag, der Tag lange nicht vorbei. Wir hatten Ende August, und die Sonne w�rde erst um acht untergehen. In solcher H�he konnte man ihr Abtauchen auch wirklich beobachten, nicht blo� ahnen, weil irgendeine H�userwand r�tlich schimmerte.</p><p>Ich beschlo�, noch ein wenig nach oben zu marschieren. N�her an Astris Berg zu geraten.</p><p>Kerstin staunte.�Bist du gar nicht ersch�pft?�</p><p>�Nein. Eher etwas aufgedreht. Vielleicht so eine Art H�henrausch.�</p><p>�Na, ich jedenfalls bleibe hier�, sagte Kerstin. Sie wollte den Rest des Tages auf der Terrasse zubringen und in einem Buch lesen. Als sie bereits darin versunken war und ich in ihrem R�cken stand, konnte ich f�r einen Moment die Bleistiftkritzeleien sehen, die den gesamten Rand der Buchseite schm�ckten. Kritzeleien von ihrer Hand, der fr�hpensionierten K�nstlerin. Was auch sonst? Sehr fein, fadenf�rmig, ein Gewebe, das sich an manchen Stellen zusammenzog, dunkel wurde, dicht, eine Gestalt entwickelte, aber nie konkrete Z�ge annahm, wie man sagt, ein Gesicht oder ein Tisch seien konkret. Floral, aber geometrisch floral: Man stelle sich vor, ein Geometriebuch k�nnte bl�hen.�� Nicht, da� ich viel hatte sehen k�nnen, aber es erinnerte mich doch recht stark an die Zeichnungen, die Simon anzufertigen pflegte. Freilich stellt die Parallele zwischen Kind und K�nstler heutzutage einen Allgemeinplatz dar.</p><p>Einerseits.</p><p>Andererseits�� ich kehrte zur�ck, um nochmals Kerstin �ber die Schulter und ins Buch schauen zu k�nnen.</p><p>Sie wandte sich abrupt um.�Was ist denn?�</p><p>�Gar nichts. Ich wollte dir nur noch einen Ku� geben.�</p><p>Sie klappte das Buch zu und beugte sich zur�ck. Ich dr�ckte meinen Mund auf ihre Stirn. Es zischte ein bi�chen, so feucht waren meine Lippen und so sehr gl�hte ihre Haut von der niederbrennenden Sonne. Man k�nnte auch sagen, es zischte, weil dieser Ku� eine L�ge war, denn meine Augen waren auf das Buch gerichtet. Irgendein Krimi, was mich ziemlich entt�uschte. Banales Zeug. Allerdings war es mir gelungen, vor dem Zuklappen noch einen weiteren kurzen Blick auf das kunstvolle Gekritzel zu erhaschen, einen Blick, der meinen ersten Eindruck nicht nur best�tigte, sondern auch verst�rkte.�� Total simonlike!</p><p>Nun war freilich nicht auszuschlie�en, da� es ja auch tats�chlich Simon gewesen war, von dem das hier stammte, etwa, weil Kerstin ihm erlaubt hatte, in diesem in jeder Hinsicht billigen Taschenbuch seine graphischen K�rzel zu verewigen.</p><p>Wenn aber nicht?</p><p>War es nicht Kerstin gewesen, die mit aller Kraft � und m�glicherweise mit diversen illegalen Tricks � die Ausreise Simons aus Taiwan betrieben hatte? So wie seine Adoption durch mich? Und noch was: Vor Kerstin auf dem Tisch lag zwischen ihrem Halstuch und dem Brillenetui ein Bleistift.</p><p>W�hrend ich da meine Lippen wieder von ihrer Stirn l�ste, stellte ich mir vor, da� Kerstin durchaus in der Lage war, Simon zu verstehen und zu begreifen. Stellte mir vor, die beiden w�rden �ber ein gemeinsames System von Zeichen verf�gen. Und daraus folgend auch �ber eine gemeinsame Sprache. Gleich zwei alten Tirolern.</p><p>Ich grinste ob solcher Gedanken.</p><p>�Was grinst du so?�fragte Kerstin, die noch immer ihr Gesicht nach hinten gerichtet und das Buch geschlossen hatte.</p><p>�Ich dachte mir grad�, sagte ich,�da� du also <emphasis>doch</emphasis> zeichnest.�� Ich meine, weil dort ein Bleistift liegt.�</p><p>�Den hat mir dein Sohn geliehen. �Und dann sagte sie:�Geht endlich los, damit es nicht zu sp�t wird.�</p><p>�Du weichst mir aus.�</p><p>Sie sagte� Ja �und vollzog mit ihrer Hand die wegwerfende Bewegung eines Verkehrspolizisten. Als schmei�e sie mich aus ihrer Wohnung.</p><p>Ich machte mich mit Simon auf den Weg in Richtung zur sogenannten Alpeiner Scharte. Vor uns Astris Berg, dessen W�nde im Wechsel von Sonnenlicht und rasch dahinziehenden Wolkenschatten an die schillernden Schuppen eines Fisches erinnerten.</p><p>Warum mu�te ich immer wieder an Fische denken? Nur wegen dieses Wals, der ja gar kein Fisch gewesen war?�� Nun, die Welt der Assoziationen liebt auch die Irrt�mer. Die Irrt�mer ganz besonders.</p><p>Kurz nach der H�tte, dort, wo ein letzter Streifen von sattem Gr�n einen Bergteppich bildete, kamen wir an ein Hinweisschild. Rechter Hand wiesen s�mtliche Pfeile hin�ber zur Scharte, die man �berwinden mu�te, um zu weiteren H�tten zu gelangen.</p><p>�Na, schauen wir mal�, sagte ich zu Simon.</p><p>Er nickte mir zu, nun wieder mit� verbundenen �Augen. Die khakifarbene Spiegelung seiner Skibrille verlieh ihm eine kosmonautische Wirkung. Ein kleiner Russe.</p><p>Es wurde jetzt wirklich steil, allerdings in einer Weise, die meine Beine beanspruchte, aber nicht meine H�henangst. Keine Schluchten, keine schmalen Br�cken. Zudem bemerkte ich eine Euphorie, eine gewisse Leichtigkeit, als w�re der Wind, der hier oben kr�ftig pfiff und einen umkreiste, ein perfekter Panzer.</p><p>Wenn man auf einen Berg geht, dann schaut man die meiste Zeit auf den Boden. Nur hin und wieder blieb ich stehen, um den Felsen hochzusehen, wobei wir uns gewisserma�en auf der� falschen �Seite befanden, auf der S�dseite, w�hrend Astri beim Aufstieg �ber die klassische Nordkante verungl�ckt war. Andererseits war es so, da�, wenn sie �berlebt h�tte, sie etwa an dieser Stelle heruntergekommen w�re.</p><p>Nach einer Dreiviertelstunde � nun mit Blick auf einen Klettergarten am Fu�e der S�dwand, einen Garten, in dem ein paar bunt behelmte Menschen gleich Fr�chten hingen � entschied ich, eine Pause einzulegen. So wie ich entschied, hernach wieder zur�ck zur H�tte zu marschieren. Ich packte die Brote aus und zerteilte einen Apfel mit einem Taschenmesser, fein s�uberlich das Kerngeh�use herausschneidend.</p><p>Wir sa�en auf Steinen und a�en pr�parierten Apfel. W�hrend mein Blick hinunter ins Tal und hin�ber auf die fernen Gipfel ging, lehnte Simon an meinem R�cken und betrachtete den Klettergarten. Ich konnte mir vorstellen, wie sehr er sich danach sehnte. Aber ich wollte nicht, da� er im nat�rlichen Fels kletterte. Noch nicht.�� Man w�re kein richtiger Vater, w�ren da nicht auch Verbote.</p><p>Ich schlo� die Augen. Meine Z�hne steckten in einem s��lichsauren Kugelausschnitt. Halb schlief ich ein.</p><p>Ich bemerkte nicht gleich, wie sich Simons fliegengewichtiger Gegendruck von meinem R�cken l�ste. Als ich mich schlie�lich umdrehte, war er schon ein ganzes St�ck den Berg weiter nach oben marschiert. Er winkte mir. Ich winkte zur�ck, aber zu mir hin, um ihm klarzumachen, er m�ge zur�ckkehren.</p><p>In der Regel verstand mich Simon. Auf die eine oder andere Weise. Und in der Regel folgte er dem, was ich verlangte. Jetzt aber nicht. Er ging einfach weiter.</p><p>�Verdammt noch mal! Was soll das?�fluchte ich.�So viel Zeit haben wir nicht.�</p><p>Aber das war unrichtig. Wir hatten gen�gend Zeit. Es w�rde sich ganz gut ausgehen, das Bergwerk zu erreichen und vor Einbruch der Dunkelheit wieder zur�ck an der H�tte zu sein. Das schon. Aber es erschien mir einfach vern�nftiger, erst morgen�� Simon war schlie�lich ein erst neunj�hriges Kind!</p><p>Ja, aber was f�r eins! Ein in den Bergen gro� gewordenes. Gemsengleich.</p><p>Ich darf sagen, meine Philosophie war immer die: Alles, was geschieht, ist ohne Alternative. Die Alternative bilden wir uns nur nachtr�glich ein. Das ist vielleicht �berhaupt unsere einzige Freiheit zu phantasieren, wie es h�tte sein k�nnen.</p><p>Ich sch�ttelte den Kopf, nahm den Rucksack, l�ste das verschwitzte Hemd von meiner Haut � so da� der Wind seine k�hle Hand dazwischenlegen konnte � und beeilte mich, hinter Simon herzukommen.</p><p>H�tte ich eine Gefahr wahrgenommen, ich w�re auch bereit gewesen, ihn an der Hand zu packen und nach unten zu zerren. Und keine Tr�ne (und eben auch keine Alternative) h�tte mich davon abgehalten. Aber es ging z�gig voran, und der Himmel war eine einzige fr�hliche Wetternachricht.</p><p>Und dann endlich erreichten wir die �berreste des Bergwerks: das Metallger�st einer Seilbahnst�tze, das Fundament des Barackenlagers sowie das Mundloch, einen gemauerten Stolleneingang, der von au�en an einen m�chtigen Pizzaofen erinnerte, aber f�r einen Bergwerksschacht eher heinzelm�nnisch anmutete.</p><p>Wir hatten es also geschafft. Wobei ja genau das <emphasis>nicht</emphasis> das Ziel gewesen war, so sp�t am Tag hierherzukommen.</p><p>Wie auch immer, ich sah auf die Uhr und sagte:�Immerhin, Simon, wir waren echt flott.�</p><p>Ich legte dem Jungen die Hand auf die Schulter und tat dabei ein wenig mehr Gewicht in meine Hand, ohne aber zu dr�cken. Eher so, als h�tte ich noch etwas Butter auf meine Hand geschmiert.</p><p>Simon drehte seinen Kopf nach rechts, schaute auf die weite Bergwelt und rief:�Kandall!�</p><p>Ich schmunzelte bei dem Gedanken, er k�nnte das Wort <emphasis>Skandal</emphasis> gemeint haben und wie sehr eben die Sch�nheit der Natur auch einen Skandal darstellte, etwas Unerh�rtes.</p><p>Wir stiegen die wenigen Meter zum Mundloch hoch und taten einige Schritte in den Stollen.</p><p>So interessiert ich gewesen war, diese Anlage zu Gesicht zu bekommen, scheute ich mich jetzt, tiefer einzudringen. Ich empfand Stollen und H�hlen als die Verwandten der Klettersteige und Felsw�nde. Gef�hrliche Orte, die alle aus einer Familie stammten, jener, zu der auch die Tiefsee und das Weltall geh�rten. Das Innere der Berge schien recht absichtsvoll sowenig f�r den Menschen geschaffen wie die hohen L�fte und der kalte Raum.</p><p>Doch Simon sah das wohl ganz anders. Er wies mit dem Arm in die dunkle R�hre und wiederholte seinen begeisterten Ausruf:�Kandall!�</p><p>�Aber nur ein St�ck�, mahnte ich und deutete mit den Zeigefingern der linken und rechten Hand eine kurze Strecke an. Um in der Folge die Stirnlampen aus dem Rucksack zu kramen. Das elastische Band f�gte ich um Simons Kopf und dr�ckte gegen den Schalter der Lampe. Gleich zwei Lichter rechts und links im Geh�use sprangen an. Es sah aus, als h�tte Simon ein kleines Motorrad an der Stirn kleben.</p><p>Mit Licht an unseren K�pfen drangen wir weiter in den Berg ein. Bald war der Stollenausgang nur noch eine wei�blau leuchtende Scheibe. Ein Teller an der Wand.</p><p>Ich sagte:�Okay, das gen�gt jetzt. Da kommt kein McDonald�s mehr. �Und griff nach Simons Schulter.</p><p>Aber ich griff ins Leere. Er war bereits einige Schritte weiter.</p><p>�Nicht schon wieder�, rief ich ihm hinterher.</p><p>Er war aber trotzdem verschwunden. Wie verschluckt.</p><p>Doch noch bevor mich eine �hnliche Panik wie am Vormittag erfassen konnte, erkannte ich den Torbogen an der rechten Stollenwand. Ein kleiner Raum tat sich auf, ein Kabinett, und darin Simon, der sich in einen Sessel hatte fallen lassen.</p><p>In dem nischenartigen Zimmerchen, das man vor sieben Jahrzehnten in diesen Berg geschlagen hatte, standen zwei alte Ohrensessel, dazwischen ein kleiner Tisch. Von der Decke str�mte ein feiner Luftzug herab, F�den von Luft. Was hier aber vor allem auffiel, waren der ungemein fein gearbeitete Parkettboden wie auch der Umstand, da� kaum Staub lag. Das kam doch einigerma�en �berraschend, wobei der Raum sichtbar verlassen war, der Stoff der Sessel verschlissen, die B�cherregale ohne B�cher. Und nirgends eine �ffnung im Fels, die Tageslicht eingelassen h�tte. Aber wie gesagt, der Parkettboden besa� einen gediegenen Glanz und verf�gte �ber ein Muster. Ein Muster, auf das ein gelblicher Schein fiel, nachdem Simon zwei Kerzen angez�ndet hatte, die jemand auf dem niedrigen Tisch zur�ckgelassen hatte. Simon war nie ohne Streichh�lzer unterwegs.</p><p>Ich vermutete, da� man hier ab und zu saubermachte, dann, wenn Touristen an den Ort gef�hrt wurden. Oder Leute sich ausruhten, die auf der Suche nach Nazidevotionalien und Nazisch�tzen in das Bergwerk eindrangen.</p><p>�Kandall�, sagte Simon erneut, diesmal aber ohne Ausrufezeichen, sehr ruhig, ganz im Ton der Zufriedenheit dessen, der angekommen ist, wo er auch ankommen wollte. Dementsprechend tief war er in den Sessel gerutscht. Dabei hatte er sein Donald-Duck-Heft hervorgeholt � er mu�te es wohl hinten in der Hose transportiert haben � und begann wieder darin zu lesen. Es sah so ungemein selbstverst�ndlich aus, als w�ren wir bei uns zu Hause.</p><p>Ich h�tte jetzt etwas sagen m�ssen, vor allem, wie lange wir schon hier waren, oder auch, da� das nicht nur kein McDonald�s, sondern ebensowenig die Comiczentrale oder Stadtb�cherei sei, lie� den Jungen aber in Frieden und betrachtete statt dessen den mit Kreuz- und Sternformen versehenen und in quadratische Einheiten unterteilten Bodenbelag aus alter Eiche. Obwohl ich danach suchte, konnte ich kein Hakenkreuz entdecken. Die sichtbaren Kreuze schienen frei von Ideologie, allein im Dienste der Dekoration stehend. Fragte sich freilich, wessen Raum das gewesen war. Der eines Aufsehers? Eines Bergwerkingenieurs? Ein Ruheraum? Ein Leseraum?</p><p>Ich f�hlte jetzt eine gro�e M�digkeit. In den Beinen wie im Kopf. Und lie� mich in den anderen weichen Fauteuil sinken. Im gekreuzten Licht der Kerzen und meiner Stirnlampe sah ich den Staub hochsteigen, Bergstaub, der hier quasi Wohnungsstaub war. Meine Nase kitzelte, und ich mu�te niesen. Endlich schaltete ich meine Stirnlampe aus und schlo� die Augen.</p><p>�Nur ganz kurz�, sagte ich mir, wie man sich das oft sagt, bevor man in den Schlaf f�llt wie eine Kuh, die aus einer dieser russischen Transportmaschinen f�llt, aber eben nicht auf einem japanischen Walfangschiff landet, sondern ins Meer st�rzt, ein wenig umhertreibt, um dann erneut abzusinken, in die Tiefsee zu gleiten, ins absolute Dunkel: eine tote Kuh, umgeben vom Blitzlichtgewitter jagender Anglerfische. So war das mit dem Schlaf, dem die Phrase <emphasis>Nur ganz kurz!</emphasis> vorausging.</p><p>Ich erwachte in einem Traum und war mir dessen augenblicklich bewu�t, obgleich ich mich genau dort befand, wo ich auch schlief: im Fauteuil dieses geh�hlten Nazikabinetts. Nur da� der andere Sessel leer und Simon auch sonst nirgends zu sehen war, soweit ich etwas erkennen konnte. Denn es war jetzt ungemein warm und feucht und selbst im Traum nur schwer auszuhalten. Der Schwei� klebte dick und saftig auf meiner Haut, selbst �ber den Augen, so da� es mir vorkam, als w�rde ich die Umgebung durch Aspik betrachten. Und durch dieses Gelee hindurch realisierte ich, allein zu sein. Wobei es aber nicht blieb. Endlich erkannte ich die verschwommene Gestalt, die im Torbogen stand. Indem sie n�her kam, l�ste sich auch die S�lze von meinen Augen und meiner Haut, es wurde endlich k�hler, auch trockener, und ich sah nun in das Gesicht��</p><p>�Astri?�stie� ich hervor.</p><p>Wenn es Astri war, dann war sie um einiges �lter als damals, als sie gestorben war.</p><p>Ich fragte noch einmal:�Astri?�</p><p>�Ja�, sagte sie.�Hallo, Bruderherz. �Auch ihre Stimme hatte sich ver�ndert, war reifer geworden, besa� eine Oberfl�che von Grau, silbrig, wie von einem Bleistift, mit dem jemand �ber ein wei�es Papier schrubbt und auf diese Weise die durchgedr�ckten Stellen sichtbar werden l��t. Denn das macht ja das Alter mit uns: die gelebten Jahre sichtbar und h�rbar werden zu lassen. In den fr�hen Jahren ist das Leben eine Zeichnung, die verfliegt. Sich aber durchdr�ckt. Das Durchgedr�ckte ist sp�ter unser Gesicht. Der Graphit macht die Falten sichtbar. Und auch unsere Stimmen haben Falten.</p><p>Stellte sich freilich die Frage: Altern denn die Toten?</p><p>Andererseits war es nicht das, wor�ber ich unser Gespr�ch beginnen wollte. Immerhin war es das erste Mal seit ihrem Tod, da� mir Astri begegnete. Da sagte man nicht:�Meine G�te, bist du alt geworden.�� Soweit ich mich erinnern konnte, war sie mir nie zuvor im Traum erschienen. Etwas, was mich durchaus besch�ftigt hatte, nicht in den Tr�umen selbst, aber hinterher.</p><p>Ich sagte:�Wir haben uns lange nicht gesehen.�</p><p>�Ja, Sixten. Fr�her ging nicht.�</p><p>�Bist du�� wirklich�� ich meine���</p><p>�Ja, ich bin tot. Und ich bin keine Einbildung.�</p><p>�Aber das hier ist doch ein Traum, nicht wahr?�stellte ich den Ort unserer Begegnung fest, damit auch die M�glichkeit des Unwirklichen.</p><p>�Wei�t du�, sagte Astri,�wenn man tot ist, und das bin ich ja, gibt es zwei Wege: Man kann sich von den Lebenden entfernen oder unter ihnen bleiben.�</p><p>�Und du hast dich also f�rs Hierbleiben entschieden?�</p><p>�Das kann man sich nicht aussuchen�, erkl�rte Astri.�Alle, die als junge Leute oder auch nur als Mittelalte sterben, bleiben. Nur wenn du richtig alt stirbst, gehst du weg. Die Jungen aber nicht. Das ist eigentlich umgekehrt zur realen Welt, wo ja in der Regel die jungen Leute wegziehen.�</p><p>Astri erg�nzte, welche Illusion es sei, sich vor seiner Zeit umzubringen, in der Hoffnung, dem Leben zu entgehen. Denn man m�sse seine Zeit quasi� absitzen�, und sei es als Geist, der durch die Tr�ume der Lebenden wandert.</p><p>Ich fragte sie:�Und wo wandert man sonst noch so als Geist?�</p><p>�Nirgends. Allein in den Tr�umen. Au�erhalb der Tr�ume ist es so, da� man die meiste Zeit bewu�tlos ist.�</p><p>�Du meinst, auch die Toten schlafen und tr�umen?�</p><p>�Nein, wir treiben dahin, ohne Gedanken, ohne Bilder im Kopf. Wir geben blo� hin und wieder ein Schnaufen oder St�hnen von uns oder knirschen mit den Z�hnen. Das sind dann genau die Ger�usche, von denen die Lebenden meinen, es handle sich um einen Spuk. Ist ja auch einer. Aber nicht viel mehr als ein Atemwind oder R�uspern. Wobei solche Ger�usche nat�rlich die meiste Zeit ohnehin keiner bemerkt. Sie geschehen meistens dann, wenn die Lebenden wach sind. Sind Lebende aber wach, machen sie L�rm, und im L�rm geht vieles unter. Eben nicht nur das Rauschen des Windes oder wenn ein Ast bricht oder jemand mit einer viel zu kleinen Stimme nach Hilfe ruft. Sondern auch der Spuk. Die supergescheiten Aufgekl�rten, die h�hnisch anmerken, wie komisch es sei, da� es immer nur in alten, einsamen Schl�ssern spukt, sollten sich mal fragen, <emphasis>wieso</emphasis>.�</p><p>Spuk hin oder her, ich hatte jetzt das Bed�rfnis, aufzustehen und meine alte Schwester zu umarmen. Aber es war schon so, wie das aus vielen Tr�umen bekannt ist. Ich klebte fest.</p><p>Immerhin, meine Zunge klebte nicht fest, auch fielen mir nicht � wie so oft � s�mtliche Z�hne aus dem Mund. Meine Sprache war ein ruhig dahingleitender Zug, den nichts behinderte. Ich erkl�rte Astri, mich einfach nicht erinnern zu k�nnen, ihr schon fr�her mal im Traum begegnet zu sein.</p><p>�Bist du ja auch nicht. Es ist heute wirklich das erste Mal.�</p><p>�Und warum?�</p><p>�Weil es vorher zu gef�hrlich war.�</p><p>�Wieso zu gef�hrlich?�</p><p>�Wenn man sich durch den Traum eines Lebenden bewegt, sollte es ein guter Traum sein, ein freundlicher, und wenn schon kein freundlicher, wenigstens einer, in dem nicht st�ndig T�ren aufgehen, hinter denen maskierte Folterer stehen oder irgend jemands Vater mit heruntergelassener Hose und alte Frauen mit riesenhaften Br�sten. Nichts gegen ein Abenteuer im Traum, eine Schwierigkeit, einen Schmerz, aber viele Menschen tr�umen entweder einen Horror oder eine Geschmacklosigkeit. Klar, es gibt Tote, die m�gen das, finden�s geil, wie da im Traum alles, was sie an Schrecken kennen, noch ein wenig absurder daherkommt. Diesmal aber ohne Strafverfolgung.�� Ist dir schon mal aufgefallen, wie selten es in Tr�umen Polizisten gibt? Also, ich meine nicht Polizisten, die einen pr�geln oder qu�len, sondern einen retten.�</p><p>�Stimmt�, sagte ich, �u�erte dann aber die Vermutung, da� m�glicherweise wenigstens die Polizisten selbst solche Tr�ume von� guten Polizisten �besa�en.</p><p>Astri gab ein abf�lliges Ger�usch von sich, als w�rde eine alte Dose Katzenfutter von selbst aufgehen.</p><p>Ich fragte sie�� nein, ich behauptete, meine Tr�ume k�nnten doch in all diesen Jahren nicht ganz so f�rchterlich gewesen sein.</p><p>�Tendenziell schon�, sagte Astri,�vergi� aber nicht, nur weil ich tot bin, kann ich ja nicht in die Zukunft sehen, also auch nicht in die Zukunft eines Traums. Ich kann also nicht sagen, was hier bei dir als n�chstes geschieht. Andererseits hat jeder Tr�umende einen Ruf, einen guten oder schlechten. Deiner war nicht gut�� bis vor kurzem. Wobei sich ein neuer Ruf erst noch durchsetzen mu�. Das mu� ja erst mal auffallen, da� jemand begonnen hat, anders zu tr�umen als bislang. Bei einem Drogenbaron, der in die Sozialarbeit wechselt, braucht es schlie�lich auch eine Weile, bis man ihm das ernsthaft glauben kann und nicht Angst haben mu�, einem perfiden Schwindel aufzusitzen, oder?�</p><p>�Du hast recht�, sagte ich, auch wenn ich den Vergleich mit einem Drogenbaron etwas hoch gegriffen fand. Dann meinte ich:�Mein Leben hat sich stark ver�ndert, jetzt mit dem Kind.�</p><p>�Ja, ich wei�, es ist sehr, sehr gut, da� du Simon hast und er dich.�</p><p>�Nur mit dem Reden ist es ein bi�chen schwierig.�</p><p>�Ach, die Lebenden �bersch�tzen gerne die Sprache.�� Ihr beide kommt doch gut zurecht, oder?�</p><p>�Woher willst du das wissen? Ich dachte, die Toten lebten allein in den Tr�umen der Lebenden. Und ansonsten w�r�s eher so, wie die Atheisten sich das Totsein vorstellen. Vom St�hnen und R�uspern mal abgesehen.�</p><p>Astri kam jetzt ganz nahe heran und setzte sich wie ein kleines M�dchen auf meine Schenkel. Auch wenn sie gealtert war, war sie noch immer so federleicht wie in ihrer Jugend, nicht gewichtslos, wie man sich das bei einem Geist vorstellt, sondern eben einfach so, als sei kein Gramm hinzugekommen. Wovon auch? In den wenigsten Tr�umen wird viel gegessen. Eher hungern die Leute und dursten im Angesicht mysteri�s sich leerender Gl�ser. Der Traum von riesigen Schnitzeln ist blo� ein kolportierter der Lebensmittelindustrie. Die Traumwirklichkeit sieht anders aus.</p><p>Ich konnte jetzt ihren Mund sehr deutlich sehen: die sch�nen, vollen Lippen, die mir schon fr�her als viel zu sinnlich erschienen waren, so, wie die alten Bergianerinnen die langen Wimpern Simons� beklagt �hatten. Was brauchte ein asexueller Mensch solche Lippen, erst recht, wenn er tot war? Aber die Verteilung der Gaben in der Natur ist prinzipiell ungerecht und oft sinnlos.</p><p><image l:href="#10"/></p><p>Aus diesen sinnlos sch�nen Lippen drang nun der warme Wind der Worte. Astri betonte, wie sehr der Alltag eines Menschen in seine Tr�ume �bergehe. Man m�sse sich das wie eine lange Reihe von Fotos vorstellen, die die G�nge eines Traums ausgestalten und eine Biographie widerspiegeln. Und zwar sehr viel genauer als diese B�cher, die da hei�en <emphasis>Mein Leben</emphasis> oder <emphasis>Unter W�lfen</emphasis> oder <emphasis>Gesammelter Briefverkehr</emphasis>, oder auch nur als geheime Bekenntnisse in den Beichtst�hlen der Priester oder den Praxen der Analytiker ein �therisches Fossil bilden. Nein, auch wenn sie erst vor kurzem diesen Raum betreten habe, meinen Raum, wisse sie ganz gut Bescheid, wisse, wie sehr der Umstand, mit diesem Kind zusammen zu sein, mein Leben ver�ndert habe. Mein Leben und daraus folgend meine Tr�ume. Tr�ume, durch die man nun schreiten k�nne, ohne da� irgendwelche Brotlaibe ihre M�uler aufrissen und ein Gebi� scharfer, spitzer Z�hne offenbarten.</p><p>Das widersprach nun stark meiner eigener Vorstellung Tr�ume betreffend. Ich hatte es bislang f�r naiv gehalten zu meinen, die besseren Menschen h�tten auch die besseren Tr�ume. Aber <emphasis>so</emphasis> hatte es Astri ja auch nicht gesagt, sondern allein einen gewissen Komfort f�r sich selbst behauptet. Eine geringere Gefahrendichte. Weniger einst�rzende Br�cken und explodierende Bankkonten. Nicht st�ndig eine Mutter, die die Beine spreizt und angesichts deren sich in der Folge der Tr�umende zu Unaussprechlichem versteigt. Keine ausgeweideten Leiber und Rasierklingenspiele. Keine Scho�hunde, die sich in ein Wesen aus einem Roman von Dean Koontz verwandeln, und �hnliches. Astris Anspruch bezog sich nicht auf eine reine Idylle, auf eine quasi umgekehrte Verdr�ngung, bei der das Unterbewu�tsein alles H��liche aussonderte, sondern�� nun, man k�nnte es als <emphasis>Normalit�t</emphasis> bezeichnen, eine Welt des Gleichma�es. Eine Welt, in der Brotlaibe auch mal alt und hart oder verschimmelt sein konnten, ohne darum spitzzahnige D�monen zu beherbergen.</p><p>Tr�ume ohne Extreme.</p><p>Ja, aber war Astri nicht genau das gewesen, zumindest in einer Sache: n�mlich extrem?</p><p>Ich fragte sie:�Kletterst du noch?�</p><p>�Du meinst auf Bergen.�</p><p>�Oder auf Kirchen oder Hochh�usern oder worauf die Leute im Leben und im Traum sonst noch herumkraxeln.�</p><p>�Ja, es gibt solche Tr�ume, aber man mu� schon sagen, es wird dort selten gl�cklich geklettert.�</p><p>Wie sollte ich das verstehen? Da�, wenn dem Tr�umenden ein Mi�geschick zustie�, es damit auch Astri zustie�?</p><p>�Das nicht�, sagte sie,�aber es geht um die Atmosph�re. Es tut nicht gut, in einer Welt zum Bergsteigen zu gehen, wo alle um dich herum abst�rzen, ein ums andere Mal. Wie Bl�tter im Herbst. Viele Bergsteiger tr�umen durchaus gute Dinge, von der Liebe, von Tieren und Kindern, aber nie vom guten Klettern. Sobald sie tr�umend in den Fels steigen, geschieht ein Ungl�ck.�</p><p>�Ein Ungl�ck wie das, das dir wirklich zugesto�en ist�, stellte ich fest.</p><p>�Ich kann mich nicht mehr so gut daran erinnern�, erkl�rte Astri.</p><p>�Das ist nicht dein Ernst!�</p><p>�Oja. Es ist sehr verschwommen.�</p><p>�Du wurdest von einem Blitz getroffen, Astri, oder zumindest von einem Blitz aus dem Fels geschleudert.�</p><p>�Ich wei� nicht�, meinte sie mit einem Haarri� in ihrer Stimme, so einer winzig kleinen wunden Stelle im Material, die imstande ist, ganze Flugzeuge zum Absturz zu bringen,�ich wei� nicht, ob das stimmt.�</p><p>�Ja, was denn sonst?�</p><p>�Ich k�nnte gesprungen sein. Ich k�nnte auch gesto�en worden sein.�</p><p>Erneut sagte ich:�Das ist nicht dein Ernst.�</p><p>Kerstin h�tte sich jetzt sofort beschwert, ich w�rde mich dauernd wiederholen, aber Astri wirkte nachdenklich und traurig. Sie schien wirklich nicht mehr sagen zu k�nnen, was damals geschehen war. Ihr Sterben war ihr ein R�tsel. Gut, es stand ja auch am Anfang des Totseins. Vergleichbar der Geburt und den ersten Monaten eines Lebens, woran sich auch keiner mehr erinnern kann. F�r einen Toten war sein Sterben der verschollene Moment.</p><p>Als w�re sie genau das, ein Kind, schmiegte sich Astri jetzt an mich. Sie legte ihren Kopf auf meine Schulter. Ihre warme Stirn ruhte an meinem Hals. Ich begann, sie zu wiegen.</p><p>In das Schweigen und Wiegen hinein fragte ich:�Bist du Lana einmal begegnet?�</p><p>�Wer ist Lana?�</p><p>�Simons Mutter.�</p><p>�Ach ja, ich hatte nur ein Bild von ihr, keinen Namen.�� Nein, ich habe sie nie getroffen. Aber wei�t du, es kommt sowieso selten vor, da� zwei Tote sich begegnen. In den Tr�umen sowenig wie au�erhalb. Wie ja auch zwei Lebende selten den gleichen Traum tr�umen.�</p><p>�Vielleicht wei� Lana noch nichts von meinem guten Ruf und bleibt mir darum fern.�</p><p>Ich hatte es eigentlich ironisch gemeint. Doch Astri nickte. Nickte, sagte dann aber:�Die meisten toten M�tter halten sich fast immer nur in den Tr�umen ihrer lebenden Kinder auf. Das ist ganz normal, wenn du stirbst und dein Kind ist noch klein, oder?�</p><p>Jetzt war ich es, der nickte. Ich dachte an die Frauenskulptur von Lehmbruck, bei deren Anblick Simon das erste und letzte Mal den Namen seiner Mutter genannt hatte. Und damit �berhaupt das einzige Wort aus einer f�r ihn fremden Sprache.</p><p>Ja, ich nickte.</p><p>Das Nicken ging �ber in ein Wiegen und Schmiegen. Es f�hlte sich an, als sei Astri meine Zwillingsschwester. Meine lebendige Zwillingsschwester.</p><p>Und dann endlich stellte ich die Frage, die sich so unmittelbar aufdr�ngt, wenn man einem Toten begegnet. Ich fragte nach Gott.</p><p>Astri lachte und meinte:�Also, wei�t du, so sicher unsereins nat�rlich sagen kann, es bestehe ein Leben nach dem Tod � und das ist ja nicht nichts � , f�hrt das leider �berhaupt nicht dazu, sagen zu k�nnen, ob ein Gott existiert oder nicht. Geister ja, man ist ja selber einer. Man kann sich also selbst beweisen, aber trotzdem nicht die Frage beantworten, ob sich hinter alldem ein h�heres Wesen verbirgt und das Ganze einen Sinn und Zweck besitzt.�</p><p>Schau einer an! Eine bemerkenswerte M�glichkeit, da� n�mlich das sogenannte Leben nach dem Tod auch nur eine weitere Laune der Natur darstellt. Eine Fortsetzung des Daseins, aber nicht minder bedeutungslos. Da� letztendlich nicht nur der Leib des Menschen zu Staub zerf�llt, sondern irgendwann auch seine Seele.</p><p>Woraus sich die Frage ergab, inwieweit der Tod �ber ein Ende verf�gte und nach dem Jenseits ein weiteres Jenseits folgte.</p><p>�Es hei�t, der Tod endet�, sagte Astri,�dann, wenn man eben alt genug ist und sich von der Erde entfernt. Aber was danach kommt, dar�ber kann man nur spekulieren. Ich wei� von keinem Toten, der wegging und wiederkam.�</p><p>War ich entt�uscht? Nicht wirklich. Im Endeffekt geh�rte Gott zu diesen Dingen, deren gr��ter Reiz darin bestand, sich auf sie freuen zu d�rfen. Ein Gutschein, dessen Einl�sung leicht zu einer Entt�uschung f�hren konnte. Weil die Dinge selten so gro�artig waren, wie man sie sich dachte. Nein, im Gutschein selbst lag das ganze Gl�ck. Gott mochte tats�chlich existieren, aber seine sch�nsten Bl�ten trieben in unserer Vorstellung.</p><p>Astri l�chelte. Ich sah, wie sie begann, sich in ihrem L�cheln aufzul�sen. Ein sprudelndes Lippenpaar. Ewiges sinnliches Vitamin C. Faktum war freilich, da� ich sie verlor, mich selbst aus meinem Traum herausl�ste und in der Folge erwachte.</p><p>Schwarz!</p><p>Die Kerzen waren ausgegangen und die Stirnlampen abgeschaltet. Ich vernahm den Atem des Kindes, das Schnaufen des kleinen Schl�fers. Mir kam es vor, als w�rde drau�en jemand rufen. Aber ich war zu bet�ubt, um mich aufzurichten. Vielleicht suchte man nach uns. Ganz sicher sogar. Ein Kranz von schlechtem Gewissen umgab mich, half mir aber nicht, in die Aufrechte zu gelangen. Nein, ich blieb liegen und �berlegte dumpf, nach meinem Handy zu greifen. Unmittelbar darauf kam mir der Gedanke, wie wenig es hier funktionieren w�rde, am Berg und im Berg, und schlief erneut ein. Tief und fest.</p><p>Was auch immer ich noch tr�umte, Astri sah ich in dieser Nacht nicht mehr. Was nicht zu bedeuten brauchte, sie sei nicht dagewesen, denn soviel hatte ich bereits begriffen, wie umfangreich meine Tr�ume waren und da� ich selbst nicht an allen Ecken und Enden gleichzeitig sein konnte. Wie ja auch der Architekt eines Hauses leibhaftig nur an einer Stelle stehen kann.</p></section><section><title><p><emphasis>26</emphasis></p></title><p>Der Tag kam, freilich ohne da� sich ein Schimmer frischen Morgenlichts auf dem Parkett unseres Bergzimmers gespiegelt h�tte. Doch Simon hatte bereits wieder seine Stirnlampe angedreht und schm�kerte in seinem hundertmal gelesenen Donald-Duck-Heft.</p><p>Im Grunde war unsere eigene Situation ein typisches Donald-Duck-Ereignis, das B�rgerliche der Einrichtung mit dem Abenteuerlichen des Ortes verbindend.</p><p>�Morgen, Simon!�sagte ich zu meinem Jungen. Er drehte sich zu mir hin und h�stelte � wie eine kleine Maschine, die erst einige Probeg�nge durchl�uft, bevor sie in der Lage ist, einen doppelten Espresso oder dergleichen herzustellen.</p><p>Ich lie� ihn noch eine Weile in Ruhe, dann erhob ich mich und sagte:�Komm, Schatz, Kerstin macht sich sicher gro�e Sorgen.�</p><p>Ich reichte ihm die Hand, und er lie� sich aus dem Sessel herausziehen. Wir traten zur�ck in den Stollengang und bewegten uns auf die zunehmende Scheibe des Ausgangs zu. Sodann standen wir in dem steinernen Bogen und schauten hinaus aufs Land.</p><p>Was hatte ich erwartet? Eine andere Welt, nur weil mir meine tote Schwester im Traum begegnet war?</p><p>Dann aber��</p><p>Ich formte mit der flachen Hand ein Vordach entlang meiner Augenbrauen und schaute hin�ber zur��</p><p>Ich sah sie, ich sah die Sonnen.</p><p>Nicht <emphasis>eine</emphasis> Sonne, sondern <emphasis>drei</emphasis>. Eine gro�e und zwei kleine.</p><p>Das war doch�� Stimmt, ich erinnerte mich, von solchen Erscheinungen einmal gelesen zu haben. Einem optischen Ph�nomen, bei dem das Licht auf horizontal in der Luft stehende Eispl�ttchen traf und auf der einen Seite der Eisprismen eintrat und an der �bern�chsten Seite wieder aus. Daraus resultierten die Lichtk�rper rechter oder linker Nebensonnen oder auch beidseitiger, wobei sich selbige stets auf gleicher H�he mit der tats�chlichen Sonne und in einem Abstand von etwa zweiundzwanzig Grad befanden. Es existierte zwar eine noch seltenere Hunderzwanzig-Grad-Spezialversion��</p><p>Nun, das hier war eine Zweiundzwanzigerfassung, allerdings erstaunlich, da� etwas Derartiges in unseren Breitengraden geschah. Da� polare Eiskristalle von ebenm��igem Wuchs in den Tiroler August gerieten. Als schl�pften Pinguine aus H�hnereiern.</p><p><emphasis>Drei Sonnen sah ich am Himmel steh</emphasis>�<emphasis>n.</emphasis></p><p>Ein altes Schubertlied. Schubert war auch so etwas, was ich von Little Face hatte.</p><p>Im Lied von den Nebensonnen erw�hnt der Held seine eigenen drei Sonnen, von denen die besten zwei verlorengingen. Nun sehnt er sich nach dem Dunkel, das auch das Abhandenkommen des dritten Sterns mit sich br�chte.</p><p><emphasis>Im Dunkel wird mir wohler sein.</emphasis></p><p>Doch so rasch w�rde es bei uns nicht finster werden. Und auch der Tod, wie ich in dieser Nacht erfahren hatte, bescherte einem nicht das ewige Dunkel. Nicht, solange getr�umt wurde.</p><p>Simon hatte sinnvollerweise wieder seine Skibrille aufgesetzt, blickte hin�ber zu der himmlischen Dreifaltigkeit und rief:�Kladoor fa! Kladoor fa!�</p><p>�Ja, kladoor fa!�gab ich zur�ck, meinerseits mit Sonnenbrille das Ph�nomen bestaunend.</p><p>Doch lange hielt das� Wunder �der drei Sonnen nicht an. Die beidseitigen Haloerscheinungen l�sten sich im warmen Strahl jener Quelle aus, die sie verursacht hatte. Sp�ter w�rde ich feststellen, da� kein Mensch von den drei Sonnen sprach. Als w�re dies niemals geschehen, als h�tte ich mir das � in eine Schubertsche Wahnvorstellung geratend � blo� eingebildet. W�re da nicht Simon gewesen, der ein� Kladoor fa!�von sich gegeben hatte. (Aber das w�re den anderen so erschienen, als berichte jemand von einer Ufosichtung, um dann als Beweis anzuf�hren, sein Hund sei auch dabeigewesen.)</p><p>Wir machten uns auf, um hinunter zur H�tte zu gelangen. Auf halbem Wege kam uns Kerstin entgegen, die von drei M�nnern der Bergrettung begleitet wurde. Dieselben hatten bereits in der Nacht, mitten in einem �berraschend aufgezogenen Sturm, der an mir und Simon v�llig unbemerkt vorbeigegangen war, versucht gehabt, zum Bergwerk hochzugelangen, hatten aber umkehren m�ssen, um nicht vom Berg heruntergefegt zu werden.</p><p>Simon und ich schlossen Kerstin in die Arme. Sie zitterte. Ihr Gesicht brannte von Tr�nen. Aus ihrem trockenen Mund drang eine ungewohnt schwache Stimme:�Ich wu�te doch nicht, wo ihr seid.�</p><p>�Im Bergwerk�, sagte ich. Und konnte nicht anders, als zu meinen:�So gesehen, hat uns dieser Naziwahnsinn also gerettet.�</p><p>�Ohne den w�rt ihr doch gar nicht hochmarschiert�, entgegnete Kerstin. Ihre Stimme klang jetzt schon wieder deutlich st�rker.</p><p>Der Notarzt unter den Bergrettern stellte nun unsere absolute Unversehrtheit fest. Wobei zu meiner �berraschung keiner von den dreien mir eine Predigt, eine� Bergpredigt�, hielt und mir vorwarf, mich und das Kind und letztendlich auch die Retter selbst in Gefahr gebracht zu haben.</p><p>Dies bekam ich dann sp�ter zu h�ren, als wir die H�tte erreichten, wo noch weitere Leute der Bergrettung und ebenso die G�ste zusammengekommen waren. So gro� die Freude war, uns wohlauf zu sehen, und so freundlich die Blicke, die Simon empfing, so streng fielen jene aus, die mir, dem Vater und Erwachsenen und Erziehungsberechtigten, galten. Ich versp�rte den Impuls, davon zu berichten, wie mir Simon quasi davongelaufen war, zuerst den Berg hoch zur Scharte und dann tief hinein in den Bergwerkstollen.</p><p>Aber genau das geht nat�rlich gar nicht, da� man sich auf das eigene Kind herausredet, so berechtigt es sein mag. Nein, ich mu�te alles an Schuld auf mich nehmen, zudem einige Formulare der Bergrettung unterzeichnen, was auch immer da an m�glichen Kosten auf mich zukam. So ganz entschieden war das jetzt noch nicht und hing wohl vom Bericht des Einsatzleiters ab, immerhin waren sie ohne Hubschrauber und ohne Krankenhaustransport ausgekommen, und der Bergretter sagte ja auch, wenn hier jemand wirklich gelitten habe, dann Kerstin, und wenn hier etwas gutzumachen sei, dann betreffe es� die Mutter des Kindes�� das fand ich wiederum sehr sch�n, da� er es auf diese Weise ausdr�ckte. Ich versprach ihm, demn�chst F�rdermitglied der Tiroler Bergrettung zu werden, auch wenn es Leute gibt, die diese Einrichtung als ein reines Nebenprodukt der Tourismusindustrie ansehen, vergleichbar der Blasmusik und den Skilehrern, und finden, da� die nicht so zu jammern br�uchten wegen der vielen Eins�tze und der hohen Kosten.</p><p>Kerstin freilich erz�hlte ich, wie mir Simon enteilt war und wie ich gezwungen gewesen war, ihm tief in den Stollen zu folgen, dort, wo der Boden mit Parkett ausgelegt war.</p><p>�Ach was?�meinte Kerstin.�Das w�chst dort also, das Parkett? Oder machen so was die Stollenwichtel?�</p><p>�Du darfst mir das ruhig glauben. Simon kann���</p><p>Ich wollte sagen, er k�nne das best�tigen, so wie er die Haloerscheinung h�tte best�tigen k�nnen, aber ich unterlie� es und meinte:�Jedenfalls war es doch eigentlich ein Gl�ck, da� wir dort geblieben sind. Ich meine, angesichts des Unwetters in der Nacht. Von dem wir nicht das geringste bemerkt haben.�</p><p>�Vielleicht wart ihr bet�ubt von den D�mpfen.�</p><p>�Was f�r D�mpfe?�</p><p>�Na, zum Beispiel vom Parkettreiniger oder dem neuen Decklack oder so.�</p><p>�Wir gehen da noch mal zusammen hoch, und ich zeig dir das Zimmer, das sie dort oben haben.�</p><p>�<emphasis>Wer</emphasis> hat das Zimmer dort?�</p><p>Es war mitunter wirklich anstrengend, wenn Kerstin alles, was ich sagte, lektorierte. Was fand sie �berhaupt an mir, wenn sie mich f�r einen Deppen hielt? Ich sagte nur noch:�Du wirst schon sehen.�</p><p>Dann ging ich unter die Dusche, zum Z�hneputzen und Rasieren. Durchaus in der Hoffnung, Kerstin w�rde mir dorthin folgen, um auch mein Duschen zu lektorieren. Berechtigte Hoffnung, wie ich sagen darf. Simon war derweilen unten bei den Wirtsleuten und lie� sich ein gro�es Fr�hst�ck servieren. Eine Eierspeis, anderswo R�hrei genannt. Ich brauchte die Portion nicht zu sehen, um zu wissen, da� sie versuchen w�rden, den Jungen zu m�sten, so d�nn, wie er wirkte, erst recht nach dieser Nacht, die er wegen seines verantwortungslosen Vaters in einem Stollen hatte zubringen m�ssen.</p><p>Nach dem Duschen und dem Sex und der Eierspeis machten wir zu dritt einen kleinen Spaziergang, wirklich nicht mehr. Aber das Wetter war wieder traumhaft, die Luft vom n�chtlichen Sturm wie von allem B�sen und Schlechten gereinigt. Der Boden warm. Wir sa�en im Gras, und Kerstin und Simon zeichneten. Beide hatten einen kleinen Block auf ihren Schenkeln und f�hrten ihre Bleistifte �bers Papier. Ja, inmitten von Gr�n und Braun und Blau vollf�hrten sie schwarzwei�e Notizen. Leider zwangen sie mich, etwas abseits zu sitzen. Auch weigerte sich Kerstin, mir ihre Skizzen zu zeigen. Das gehe mich nichts an. Anders Simon, der mir nachher sein Blatt pr�sentierte.</p><p>Es war ein Schock!</p><p>Und zwar wirklich. Es w�re so gewesen, als h�tte Simon mit einemmal eine Folge klar verst�ndlicher S�tze von sich gegeben, in deutscher Sprache und �u�erst gew�hlt. Denn was ich da sah, war eine so pr�zise wie stimmungsvolle Studie jener Landschaft, die sich vor uns auftat: Bergketten und Himmel, W�lder nach unten hin, das Gefunkel aus dem Berg tretenden Wassers, ganz am Rand die im zahmen Wind nur leicht bewegte Flagge der Austriaken.</p><p>Wenn man an die kunstvollen, aber rein abstrakten (oder scheinbar abstrakten)�Kritzeleien �dachte, die Simon bisher verfertigt hatte, zu Hause wie in der Schule, und nie etwas anderes, dann mutete diese Zeichnung hier wie die Beweisf�hrung eines K�nstlers an, <emphasis>so was</emphasis> eben auch zu k�nnen. Und sich damit den Respekt der Zweifler und Banausen zu verschaffen. Jedoch nicht auf die simple Art purer Nachmalerei der Natur. Denn auch in dieser Zeichnung stach die Kunst heraus � als ein Untoter, aber ein sch�ner Untoter. Die Zeichnung zeigte, wie sich das Licht der Sonne in den Gegenst�nden der Natur eine Oberfl�che suchte, um sichtbar zu werden. Und sich dabei auch des Artefakts einer Nationalflagge bediente.</p><p>Das alles war verbl�ffend, vor allem nat�rlich auch wegen der Pl�tzlichkeit, mit der es geschehen war. Wie damals, als der Junge das erste Mal eine Kletterwand hochgestiegen, vielmehr hochgelaufen war.</p><p>�Schau dir das mal an�, sagte ich zu Kerstin, die sich her�berbeugte. Aber jetzt war es Simon, der den Block zuklappte und die Ansicht verbarg. Womit ich nicht gerechnet hatte, doch offensichtlich besa� Kerstin zwar das Privileg, sich Bleistifte ausborgen zu d�rfen, aber nicht das der Betrachtung. Zumindest nicht in diesem Moment.</p><p>Ich fragte mich, ob das fr�her auch schon so gewesen war, da� Simon seine Zeichnungen Kerstin vorenthalten hatte.</p><p>Ich war mir wirklich unsicher.</p><p>In jedem Fall, es tat mir gut. Das ist nun mal nicht zu �ndern, egal, wie aufgekl�rt wir uns als Eltern geben und st�ndig behaupten, es sei v�llig okay, wenn die Kinder ihre Liebe verteilen und unterschiedlich ausdr�cken. Die Wahrheit ist doch die: Sobald sich das Baby, das Kleinkind, der junge Mensch, schlu�endlich der alte Mensch, wenn dieser noch immer unser Sohn oder unsere Tochter ist, an uns schmiegt und nicht an den anderen, tut uns das nicht nur gut, sondern wir erleben es als Triumph. Die Erwachsenen sind die wahren Kinder.</p><p>Obgleich diese Zeichnung jetzt unter dem Deckblatt des Blocks verschwunden war, so war es doch <emphasis>meine</emphasis> Zeichnung. Ich l�chelte. Kerstin sah scharf zu mir her�ber.</p><p>Den Nachmittag verbrachten wir zu dritt � ohne Bevorzugungen und scharfe Blicke � auf der Terrasse. Gegen vier kam eine gr��ere Gruppe an, die sich �ber mehrere Tische verteilte.</p><p>Ich kann sagen, da� ich immer f�r die Zahl drei geschw�rmt habe. Als Kind etwa sagte ich beim Beten immer dreimal amen. Und wenn ich jemanden verfluchte, dann stets in einer dreifachen Steigerung. Der Spruch von wegen, aller guten Dinge seien drei, entsprach ganz meiner Vorstellung und Idealwelt. Wenn in einer Reihe nur zwei gute Dinge standen, empfand ich es als ein schlechtes Omen.</p><p>Nach dem� traumhaften �Erscheinen Astris und der wundersamen Zeichnung Simons entsprach es somit der von mir bevorzugten Tripelform, da� sich unter den neuen G�sten ein Mann befand, der vollkommen meiner Erinnerung an den Allesforscher, an Little Face, entsprach.</p><p>Nat�rlich war er es nicht. Dies hier war kein Traum. Abgesehen davon, da� Little Face ja in hohem Alter gestorben war und darum kaum noch im Traum eines Lebenden aufzutauchen brauchte. Faktum jedoch blieb, wie sehr dieser Mann hier dem Allesforscher meiner Kindheit �hnlich sah, beziehungsweise besa� er die gleiche gestreckte, schmale Wirkung, die ihn f�r mich gr��er erscheinen lie�, als er war. Erst recht, wenn er vor mir stand, was bald geschah, weil ich ihn, w�hrend er gegen die Br�stung gelehnt eine Zigarette rauchte, ansprach. (So wie er rauchte, sah es aus, als w�re dies eine Art photosynthetischer Proze�, als w�rde er die Luft eben nicht schlechter, sondern besser machen.)</p><p>Ich erfuhr, da� es sich bei diesem Mann um einen Messerwerfer handelte. Einen Artisten, einst ein Star, der nun, als �lterer Herr, Kurse gab f�r Leute, die diese Kunst erlernen wollten. Unten im Tal hielt er in einem Bauernhof, den er gekauft und hergerichtet hatte, Seminare ab, so eine Mischung aus Zen und Fingerfertigkeit, jedenfalls war der versammelte Lehrgang f�r zwei �bernachtungen zur H�tte hochgestiegen.</p><p>Der Mann hie� nat�rlich nicht Little Face und besa� auch keinen unaussprechlichen slawischen Namen, sondern trug den K�nstlernamen Mercedes, Marc Mercedes, was in keiner Weise an das bekannte Auto erinnern sollte, es aber dennoch tat.</p><p>�Und Sie haben wirklich nichts mit Elementarteilchen zu tun?�fragte ich ihn.</p><p>�Wie kommen Sie nur darauf?�</p><p>Ich sagte ihm, er w�rde mich an jemanden erinnern, den ich gekannt hatte, als ich Kind in K�ln war.</p><p>�Ein guter Mann?�</p><p>�Der beste, der mir je untergekommen ist!�versicherte ich und erz�hlte, warum ich diesen geliebten Menschen und v�terlichen Freund als Allesforscher bezeichnet hatte.</p><p>�Nun, tut mir leid�, meinte Mercedes,�ich war immer schon Messerwerfer, ich stamme aus einer Artistenfamilie. Welche mit mir ihr Ende nimmt. Wie die ganze Profession, die ich treibe. Es ist schon peinlich, diese Leute zu unterrichten, anstatt sie zu unterhalten. Zu den Krankheiten unserer Zeit geh�rt, da� die Menschen alles selbst machen wollen.�</p><p>�Warum treten Sie denn nicht mehr auf?�</p><p>�Ich bin jetzt sechsundsiebzig und habe mein ganzes Leben lang nie einen Punkt getroffen, den ich nicht auch hatte treffen wollen. Das soll so bleiben und bleibt auch so. Aber es ist <emphasis>eine</emphasis> Sache, Kunst zu tun, eine ganz <emphasis>andere,</emphasis> dabei vor einem Publikum zu stehen. Im Publikum, in einem jeden�Publikum, sitzen Leute, die wollen partout, da� etwas schiefgeht, da� ein Elfmeter verschossen wird, der Pianist neben die Taste greift, die S�ngerin sich verschluckt und der Messerwerfer den Arm seiner Assistentin trifft. Gegen diese Leute � gegen den Geist dieser Leute � mu� man st�ndig ank�mpfen. Man ist nicht auf die konzentriert, die sich freuen ob der Vorstellung, sondern auf die anderen: die Feinde, die Sadisten, die Kritiker. Glenn Gould nannte es �eine Kraft des B�sen�. Er hat zu Recht behauptet, im Konzertsaal w�rde der Lynchmob regieren. Und genau daf�r, den Lynchmob in seine Schranken zu weisen, fehlt mir die Kraft. Au�erdem wollen die Menschen heutzutage ohnehin ganz andere Sachen sehen. Ich m��te mit lebenden Haien werfen oder das halbe Europ�ische Parlament auf eine Zielscheibe binden. Die Zuseher verlangen nach Illusionisten oder Terroristen. Das ist es, was sie begeistert.�</p><p>Ich wendete ein, da� die Menschen, die er unterrichtete, doch auch eine Art von Publikum seien.</p><p>Er entgegnete:�Die suche ich mir einzeln aus. Und scheide die B�swilligen aus. Hier kann ich das, nicht aber, wenn ich auf einer B�hne stehe.�</p><p>�W�rden Sie mir das auch mal zeigen, wie Sie werfen?�</p><p>�Sie meinen, ich k�nnte Ihnen trauen?�</p><p>Ich lachte ihn an und sagte:�Ich geh�re zu den Guten, ehrlich. Der b�se Geist, der einmal in mir steckte, ist verschwunden. Sogar aus meinen Tr�umen.�</p><p>Er nickte in der gleichen knappen, eigentlich nur das Kinn bewegenden Weise wie Little Face fr�her. Also verlie�en wir das Geb�ude und spazierten ein St�ck bergauf. Bei einer Bank angekommen, wies mich Mercedes an:�Setzen Sie sich, und bleiben Sie ganz ruhig sitzen.�</p><p>�Werden Sie auf mich werfen?�fragte ich, w�hrend ich Platz nahm und meine gestreckten Arme rechts und links �ber die Oberkante der R�ckenlehne spannte.</p><p>�Im Grunde�, sagte Mercedes,�geht es darum, nicht danebenzuwerfen. Ich meine, man darf sich nicht auf die Person konzentrieren, die man verfehlen m�chte, sondern auf das St�ck Holz, das man <emphasis>nicht</emphasis> verfehlen m�chte. Um so wichtiger, da� die Person vollkommen ruhig bleibt und nicht etwa mit dem Bestimmungsort darum konkurriert, ein Ziel abzugeben.�</p><p>Es versteht sich, da� ich mich keinen Millimeter r�hrte, nur insofern, als mein Brustkorb beim Atmen auf und ab ging, aber sonst nichts von mir.</p><p>So schnell, wie nun alles ablief, konnte ich wirklich nicht sagen, wo Mercedes sein Messer hervorgezogen hatte � vielleicht aus der Hose, vielleicht aus dem �rmel seiner Jacke � , erkannte allein die Bewegung, mit der er das Wurfobjekt kreiselnd in die H�he bef�rderte. So, als werfe er eine Bocciakugel.</p><p>Mit einem kleinen Ger�usch � als sage das Holz <emphasis>Autsch!</emphasis>�� landete das Messer mit seiner Spitze auf der Sitzfl�che der Bank. Rechts neben meinem Schenkel, keine zehn Zentimeter entfernt. Da ich mit den Beinen leicht gespreizt sa�, w�re Mercedes ebenso in der Lage gewesen, das Messer zwischen meinen Beinen, in unmittelbarer N�he meines verletzlichen Geschlechts, aufkommen zu lassen. Darauf aber verzichtet zu haben zeigte seine Meisterschaft. Meister protzen nicht, und sie versetzen nicht in Schrecken. Sie verbl�ffen.</p><p>Und in der Tat war ich verbl�fft. Ich sagte:�Gut, da� ich mich nicht bewegt habe.�</p><p>�Gut, da� Sie folgen k�nnen.�</p><p>�So�, sagte ich,�und jetzt zeigen Sie mir, wie Sie das machen.�</p><p>�Nicht so gerne.�</p><p>�Sie haben es mir versprochen.�</p><p>Mercedes aber erkl�rte, da� zum Messerwerfen ein idealer Werfer genauso geh�re wie ein idealer Assistent, obgleich es meistens Assistentinnen seien, jedenfalls Personen, die vor dem eigentlichen Ziel posierten oder im Falle einer rotierenden Scheibe sich festschnallten und dem Publikum � dem Lynchmob und den anderen � die M�glichkeit eines Nervenkitzels bescherten. Ein Bild erf�llend, das Bild von der Lebensgefahr. Niemand w�rde sich f�r einen Messerwerfer interessieren, der blo� auf eine Scheibe wirft, egal, wie genau er dort einen Punkt trifft.</p><p>�Sie sind der perfekte Assistent�, sagte Mercedes. Und f�gte an:�Es w�re nicht gut, w��ten Sie mit den Messern auch umzugehen.�</p><p>Ich sch�ttelte den Kopf und dachte mir:�Komischer Alter. �Dann zog ich das Messer aus dem Holz und reichte es ihm. Ich dachte aber auch, da� er recht hatte. Und nat�rlich mochte ich ihn.</p><p>Wir spazierten noch ein wenig durch die Gegend, und Mercedes erz�hlte mir von seinem Leben in den Variet�s, auch von seiner Frau, die �brigens nie seine Assistentin gewesen war, sondern als Konzertpianistin aufgetreten war. Mir schien, sie m�sse tot sein, so, wie er von ihr redete, war mir aber nicht sicher und fragte auch nicht nach.</p><p>Sp�ter am Abend sa�en wir alle in der H�tte, das gesamte Messerwerferseminar, mehrere Bergsteiger, die am n�chsten Morgen auf den Astri-Berg gehen wollten, sowie meine kleine Familie und das Wirtsehepaar. Oben in einer Ecke klebte ein Fernseher. Unbeachtet lief ein alter Film. Ich hatte zuerst auch nicht so richtig hingesehen, aber w�hrend die anderen �ber das Wetter redeten wie �ber eine schrullige Alte, die nicht sterben will und wahrscheinlich alle �berlebt, blickte ich hoch zu der Kiste. Stimmt, ich kannte den Film, besa� zumindest eine vage Erinnerung. Er war einige Male im Fernsehen gelaufen, w�hrend meiner Kindheit und Jugend, ein alter Film, so aus den Sechzigerjahren, der auf einem Schiff spielt, 1933, auf dem Weg von Veracruz nach Bremerhaven, ein Film, in dem die Charaktere der Menschen auf exemplarische Weise vorgestellt werden. <emphasis>Das Narrenschiff.</emphasis> Das war der Titel, das wu�te ich noch, aber nicht viel mehr. Es waren blo� Splitter h�ngengeblieben. Richtig, R�hmann spielte mit, ausgerechnet er in der Rolle des braven Juden, wie auch alle anderen Figuren zwar stereotyp ausfielen � deutsche Berserker, amerikanische Primaten, an der Welt leidende Kunstmaler � , aber von ganz wunderbaren Schauspielern verk�rpert wurden. Ein in jeder Hinsicht schwarzwei�es Meisterwerk.</p><p>Ich hatte diese alten Dinger immer schon gemocht, mir viele davon auch mit dem Allesforscher angesehen, und schaute jetzt gebannt hoch. Mein Gott, Oskar Werner als herzkranker Schiffsarzt und Simone Signoret als drogenabh�ngige Freiheitsk�mpferin in einer Liebesszene: bet�rend, purer, feiner Schmerz. W�hrend sie miteinander reden, sind sie beide eigentlich schon tot. Sie fragt:�Empfinden Sie etwas f�r mich?�Oskar Werner darauf mit der Stimme eines wirklichen Erzengels:�Nein, nat�rlich nicht. �Nie hat jemand sch�ner� Ja �gesagt. Und dann sein Gesicht auf dem ihren, sie verdeckend. Signorets Hand legt sich auf Werners Hinterkopf. Man sieht den Ku� also nicht, man sp�rt ihn. Werner k��t nicht nur die nicht mehr ganz junge, schon ziemlich aufgebl�hte und abgelebte Simone Signoret, sondern jeden, dem so ein Ku� fehlt. Und das sind ja nicht nur die Ungek��ten. Darum solche Filme.</p><p>Und dann Schnitt.</p><p>Grober Schnitt. Man sieht zwei M�nner in der Bar, einen Zwerg und einen Riesen, zumindest einen gro�gewachsenen Sportsmann. Beide betrunken, Mr. Tenny, der von Lee Marvin verk�rperte Baseballspieler, und Carl Glocken, der Kleinw�chsige. Tenny erkl�rt nun mit h�rbarer Verzweiflung, es nie geschafft zu haben, einen abgef�lschten Ball in der Au�enecke zu treffen. Glocken, der kleine Mann (keine Ahnung, wer ihn spielte), darauf:�Verzeihung! Wie bitte?�</p><p>Tenny beschreibt nun die Trag�die seines Lebens, spielt sie nach, die Szene, wie er als Schlagmann einer Baseballmannschaft versuchte, einen Ball zu treffen,�und gerade wie der Ball auf dich zukommt, taucht er drunter durch und ist weg. Wummm! Ich hab das verdammte Aas nie treffen k�nnen.�</p><p>Glocken sagt (und sein Gesicht meint das Gegenteil):�Verstehe.�</p><p>Tenny aber schreit ihn an, er, Glocken, habe ja keine Ahnung, wie das sei:�Wenn man drau�en steht, die Menge br�llt, und dir geht der Arsch auf Grundeis. Und dann das Gequatsche von den Werfern: <emphasis>Der kann ja keinen abgef�lschten Ball an der Au�enecke treffen</emphasis>.�� Und von da hagelt�s nur noch so abgef�lschte B�lle in die Au�enecke.�</p><p>Lee Marvin als Mr.Tenny (kurz darauf von Vivien Leigh mit einem� and here comes the ape �bedacht) erz�hlt nun, da� er noch heute seinen Vater von der Trib�ne rufen h�rt, obwohl der nie dort war:�Gro�maul! Du bist ein Blindg�nger!�</p><p>Glocken wendet ein, Mr. Tenny sei etwas streng zu sich selbst, um in der Folge zu behaupten, es sei komisch, da� die Menschen ihre wirklichen Fehler nicht erkennen, aber ihre kleinen Schw�chen furchtbar aufbauschen w�rden.�Zum Beispiel, es gibt auf der Welt sicherlich ca. 873 Millionen Menschen, die keine Ahnung haben, was ein abgef�lschter Ball in der Au�enecke ist. Ich halte es f�r au�erordentlich �bertrieben, da� Sie glauben, ein Blindg�nger zu sein, nur weil Sie einen Ball nicht treffen konnten, abgef�lscht oder nicht.�� Verstehen Sie, was ich damit sagen will, Mr. Tenny?�</p><p>Lee Marvin als Tenny betrachtet mit herabgezogenen Mundwinkeln den kleinen Mann, und zwar unglaublich lange, mit dem Gesichtsausdruck eines Vollidioten, ohne etwas zu sagen. Endlich meint er:�Nein. �Um gleich darauf anzuschlie�en:�Wissen Sie, was <emphasis>ich</emphasis> glaube?�</p><p>Jetzt ist es der Zwerg, der lange schweigt, genauso lange, schlie�lich schluckt und sagt:�Nein.�</p><p>Woraufhin der Baseballer Tenny erkl�rt:�Ich halte Sie f�r einen zu kurz geratenen Intellektuellen.�</p><p>Nach einer kurzen Pause verfallen beide in ungehemmtes Gel�chter.</p><p>Ich lachte nicht, aber ich sp�rte das Lachen tief in mir. Diese zwei Filmszenen, zuerst der Ku�, dann der abgef�lschte Ball in die Au�enecke, erschienen mir als eine vollkommene Beschreibung der Welt. Ich f�hlte mich getroffen. Das Messer dieses Films steckte in meiner Brust und machte mich traurig. Traurig und fr�hlich.</p><p>Vor lauter abgef�lschten B�llen, die unter unseren Schl�gern wegtauchen und uns, die wir in allen m�glichen Au�enecken stehen, bl�d aussehen lassen, erkennen wir das richtige Leben nicht. Wie recht doch dieser Zwerg hatte. Und wie wenig sich daran �ndern w�rde, da� er recht hatte, weil abgef�lschte B�lle in Au�enecken �ber ein realpolitisches Privileg verf�gen. Sie kosten Karrieren, Verm�gen oder die Ehre.</p><p>�Was ist mit dir?�fragte Kerstin.</p><p>�Hast du grad gesehen? Lee Marvin und davor Oskar Werner.�</p><p>Kerstin, die mit dem R�cken zum Fernseher sa� und sich die ganze Zeit mit einem jungen Bergsteiger unterhalten hatte, fragte:�Lee wer? Meinst du Lee Pace, der den Elben-k�nig im Hobbitfilm spielt? Und wer ist Werner?�</p><p>Wie bezeichnend f�r uns beide. Nicht, weil ich so viel wu�te und sie so wenig. Sondern immer der eine etwas, was der andere nicht kannte. Ich eben alte Schauspieler und sie neue, ich die Toten und sie die Lebenden. Vom neuen Hobbitfilm wu�te ich sowenig wie dar�ber, wer letztes Jahr den luxemburgischen Thronfolger geheiratet hatte. Es gab Bereiche, da war ich eher f�nfzig oder hundert als die tats�chlichen sechsunddrei�ig. Ja, es war �berhaupt so, da� ich von dem Moment an, als ich praktisch Asien und K�ln und die gro�e weite Welt aufgegeben hatte, um nach Stuttgart zu ziehen � und als ich vom Manager zum Bademeister gereift war, vom Kinderhasser zum Mustervater � , eineinhalb Jahrzehnte �bersprungen hatte. Ich glich nun tats�chlich mehr einem F�nfzigj�hrigen, trotz meiner guten Figur�� Oder anders gesagt, ich war wie diese F�nfzigj�hrigen, die wieder mit dem Sport angefangen hatten und ihrem drohenden Ende mit einer Idealfigur trotzten, und welche gerne erkl�rten, vor zehn, zwanzig Jahren lange nicht so gut in Schu� gewesen zu sein.</p><p>Zwischen mir und Kerstin lagen also nicht nur die rechnerischen zehn Jahre Unterschied, sondern eigentlich f�nfundzwanzig Jahre, ein Zeitraum, der sich f�r die bekannte Du-k�nntest-meine-Tochter-sein-Floskel eignete.</p><p>Nat�rlich h�tte man auch sagen k�nnen, da� Kerstin und ich uns erg�nzten. Aber es war eben kein Erg�nzen, sondern ein oftmaliges Mi�verstehen. Wir befanden uns jeweils in der anderen Gruppe von 873 Millionen Menschen. Unsere Liebe war ein Dennoch.</p><p>Kurz nach elf gingen wir in unser Zimmer. Alle drei.</p><p>Das Beste war, da� hier in der H�tte, am Berg, in den Ferien, Simon zwischen uns im Bett lag. Ich sp�rte und roch den Jungen, und Kerstin praktisch durch den Filter des Jungen. Auch Menschen konnten Filter sein, selbst in einem optischen Sinn. So gut Humphrey Bogart grunds�tzlich ausgesehen hatte, hatte er noch viel besser gewirkt, wenn er hinter Lauren Bacall gestanden hatte: metallischer, edler.</p><p>Und das galt eben auch f�r Kerstin. Im Weichzeichner Simons war sie doppelt so sch�n.</p><p>Der Anblick tat gut.</p><p>Weniger gut tat der Traum, den ich in dieser Nacht hatte und der nun absolut kein Beweis daf�r war, da� meine Traumwelt eine soviel bessere geworden war, wie Astri behauptet hatte. Bezeichnenderweise tauchte meine Schwester in diesem Traum auch gar nicht auf. Sondern zwei bewaffnete M�nner. Sie traten mit gro�er Heftigkeit die T�r zu unserem Raum auf, in dem Simon, Kerstin und ich im Bett lagen. Sie sahen nicht aus wie Barbaren, trugen weder B�rte noch Milit�rjacken, doch ihre automatischen Waffen hielten sie gleich Zeigefingern auf Kerstin gerichtet und sagten:�Wir wollen die Frau. Das Kind darf bleiben.�</p><p>Im Gegensatz zu meinem Traum vom Vorabend � in einem parkettierten Bergwerkskabinett � war mir jetzt in keiner Weise klar, da� ich tr�umte und diese Gestalten also entweder Figuren meiner Einbildung waren oder aber Tote, die sich in meinen Traum eingeschleust hatten und die es sicher nicht st�rte, wenn es ruppig und pervers zuging.</p><p>Sie sahen studiert aus. Doktoranden auf dem Gewalttrip. Jedenfalls war ich entschlossen, nicht zuzulassen, da� sie Kerstin mitnahmen. Ich sprang aus dem Bett und nahm eine breite Haltung an. Ich sp�rte meinen Brustkorb. Er schmerzte vor lauter Breite. Dann aber griff Kerstin nach meiner Hand und sagte:�Es ist okay so. Sie werden mir nichts tun. �Und an die beiden gerichtet:�Stimmt doch, oder? Ihr werdet mir nichts tun.�</p><p>�Wenn du mitspielst�, sagte der eine,�wird es nicht so schlimm werden. Wir sind schlie�lich keine Monster.�</p><p>Nun, das behaupten Monster gerne, keine zu sein. So, wie auch Betr�ger sich ungern Betr�ger hei�en lassen. Theoretisch sind wir alle Engel.</p><p>Ich tat einen Schritt auf die beiden zu.</p><p>�M�ssen wir erst ein Exempel statuieren?�fragte der eine und richtete den Gewehrlauf auf mich.</p><p>�H�rt auf�, sagte Kerstin,�ich komme ja schon. �Sie dr�ckte Simon an sich. L�ste sich und fuhr mir mit der Hand �ber meine Wange, was mir vorkam, als t�towierte sie mir � mit Stichen in Lichtgeschwindigkeit � ihren Namen auf die Haut. Damit ich ihn, den Namen, auch nie vergessen w�rde. Sodann ging sie auf die zwei M�nner zu.</p><p>In diesem Moment erkannte ich hinter den beiden Doktoranden einen Schatten und in diesem Schatten etwas Blitzendes. Ich reagierte so rasch wie intuitiv, indem ich aber nicht etwa eine Attacke startete, sondern neben Simon trat, der jetzt am Bettrand stand, und ihm meine Hand vors Gesicht hielt, um ihn blind zu machen.</p><p>Blind f�r das, was nun geschehen w�rde.</p><p>Der Mann, der hinter den beiden Waffentr�gern in den Raum getreten war � vollkommen tonlos � , schlitzte beiden die Kehlen auf. Ohne da� sie auch nur einen Schu� abgeben konnten. Ihre K�rper sackten zusammen und fielen zur Erde wie leere M�ntel.</p><p>Wie konnte jemand �berhaupt so schnell sein? Nun, es war Mercedes. Mercedes, der Messerwerfer, auch wenn mich sein �u�eres, sein Gesicht, seine insgesamt baumlange und baumelnde Gestalt jetzt noch st�rker an Little Face erinnerte.�Jedenfalls verstand es dieser Mann, ein Messer zu bewegen: als spreche er einen sehr kurzen, aber aussagekr�ftigen Satz oder eine Phrase, eine Vokabel, eine Formel, eine ewige Weisheit. Eine Weltformel!</p><p>Diese Weltformel hatte die beiden Doktoranden das Leben gekostet und uns das Leben bewahrt. Eine gute Formel!</p><p>�Was machen wir mit den Leichen?�fragte ich, w�hrend ich noch immer die Hand vor Simons Augen hielt. Dabei merkte ich, wie er mit der Zunge �ber die Handinnenfl�che strich, gleich einem Hund oder einer Katze, wenn sie das Salz von der Haut eines Menschen lecken.</p><p>Mercedes pfiff zwei Leute aus seinem Messerseminar herbei, welche die beiden Toten mit Leichtigkeit schulterten. Die Lachen von Blut hingen wie Kunststoffschleppen von ihren H�lsen, der Boden dagegen war jetzt blitzblank. Ein dritter Mercedesmann sammelte die Waffen ein und brachte sie fort. Es ging alles so ungemein sauber vonstatten. Vielleicht hatte Astri eben doch recht, und die positive Verwandlung meiner Tr�ume galt auch dort, wo fortgesetzt Bedrohungen stattfanden. Die Perfektion dieser Hinrichtung und die praktische Hygiene waren doch ganz anders als die �blichen Gemetzel.</p><p>Ich wollte mich jetzt bei Mercedes bedanken, statt dessen stellte ich eine merkw�rdige Frage: n�mlich, welchen Beruf ich demn�chst ergreifen solle. Offensichtlich hatte ich v�llig vergessen, Bademeister zu sein und wie wenig ich daran etwas �ndern wollte.</p><p>Mercedes hingegen schien die Frage in keiner Weise absonderlich oder unpassend zu finden. W�hrend er mit einem seiner langen Finger �ber die Schneide des Wurfmessers strich und dabei ein Ger�usch erzeugte, als steppe ein Tausendf��er �ber eine hauchd�nne Tanzfl�che, sagte er zu mir:�Werde Geburtshelfer.�</p><p>�Meine G�te!�rief ich aus.�Wie soll das gehen?�</p><p>Doch Mercedes behauptete, er habe es eilig. Und schon war er verschwunden.</p><p>Ich rief ihm etwas nach. Dabei reckte ich beide H�nde in die H�he, so da� ich endlich Simons Gesicht freigab. Ich erkannte seine freundlichen Augen. Er sah aus wie immer. Ganz offensichtlich konnte ihm der Wechsel ins Traumland nichts anhaben.</p><p>�Wie hast du geschlafen?�fragte Kerstin �ber Simons Kopf hinweg.</p><p>Aber das geschah dann schon nicht mehr in meinem Traum. Simon schlief noch.</p><p>Ich sagte, ich h�tte gerade eben getr�umt.</p><p>�Ich auch�, meinte sie ver�rgert.</p><p>Ich sah ihrem Gesichtsausdruck an, was sie meinte. Es kam immer wieder vor, da� ich � oder jemand, der mir �hnlich war � in einem ihrer Tr�ume auftauchte und dort grob wurde. Ohrfeigen, Tritte und mitunter ein Beischlaf, den ich mir mit Gewalt nahm. Etwas, das im wirklichen Leben noch nie vorgekommen war und ganz sicher auch nie geschehen w�rde. Kerstin war die Lana meiner zweiten Lebensh�lfte (auch wenn ich es ihr gegen�ber niemals so ausdr�cken w�rde). Das Absurde war, da� Kerstin mir gerne vorwarf, welches Verhalten ich in ihren Tr�umen an den Tag legte. Ich beschwerte mich dann nat�rlich:�Aber das bist doch du, die das tr�umt.�</p><p>Worauf sie erwiderte, nicht f�r alles im Traum sei der Tr�umende verantwortlich und auch dort bestehe eine objektive Wahrheit.</p><p>�Eine Wahrheit schon, aber���</p><p>Einmal hatte ich mich dazu verstiegen zu meinen, da� die Vergewaltigung m�glicherweise auf einen geheimen Wunsch ihrerseits abziele.</p><p>Sie hatte geantwortet:�Idiotenpsychologie der M�nner.�</p><p>Nun, es war einfach schwer, sich gegen etwas zu wehren, was man im Kopf eines anderen Menschen tat.</p><p>So wie auch jetzt.</p><p>Ich sagte:�Schau mich nicht so b�s an.�</p><p>Sie schnaufte ver�chtlich.�� Im Grunde war sie ein Morgenmuffel und brauchte halt ihre Zeit, bevor der �rger �ber die letzten Minuten des Traums und die ersten Minuten eines neuen Tages verraucht war.</p><p>Nach dem Fr�hst�ck brachen wir auf. Wir mu�ten zur�ck nach Stuttgart. Montag begann die Schule. Ich bedauerte, da� es sich nicht mehr ausging, noch einmal zum Bergwerk hochzusteigen. Ich h�tte Kerstin gerne das Zimmer und den Parkettboden gezeigt. Aber wie es schien, hatte sie das unbedingt vermeiden wollen. Ich denke, sie wollte einfach recht behalten mit der Annahme, ich w�rde hin und wieder ein wenig meschugge sein und mir Dinge einbilden. Einmal sagte sie:�Ich finde, ein Mann, der mit einem Wal zusammengesto�en ist, braucht nicht ganz normal zu sein.�</p><p>�Ich bin aber normal�, erkl�rte ich.</p><p>�Ach!�</p><p>Es gibt Achs, mit denen k�nnte man Atomkerne schmelzen.</p><p>Bevor wir losgingen, gab ich Herrn Mercedes meine Telefonnummer und meine Mailadresse. Ich gestand ihm allen Ernstes, er habe mir im Traum das Leben gerettet.</p><p>�Sie meinen aber nicht�, sagte er,�da� ich darum jetzt verpflichtet bin, Sie auch mal im richtigen Leben zu retten.�</p><p>Ich lachte und versicherte ihm, er brauche sich keine Sorgen zu machen. Ich w�rde mich nur melden, um ihm hin und wieder einen Gru� zu senden. Vielleicht ein Foto aus dem Bad Berg, wo <emphasis>ich</emphasis> der Meister sei.</p><p>Es war dann aber er, Herr Mercedes, der mich anrief. Drei Wochen sp�ter, als ein ausgesprochen warmer September dem Ende zuging und kurz nachdem sich Simon seinen ersten Titel im Sportklettern geholt hatte. Mein Wunderkind.</p></section><section><title><p><emphasis>27</emphasis></p></title><p>Vorher aber geschah es, da� ich, als der Bademeister, der ich war, tats�chlich jemanden vor dem Ertrinken rettete. Allerdings doch ganz anders, als ich mir das vorgestellt hatte. Ich rettete weder eine herzkranke Seniorin noch einen von den Bodybuildern, die an hei�en Tagen durch das lenden-, nabel- oder brusthohe Wasser flanierten und immerhin in die Gefahr gerieten, einen Hitzschlag zu erleiden. Denn hei� wurde es durchaus in diesen Tagen.</p><p>So anders es auch kam, keineswegs undramatisch.</p><p>Klar, mancher Leser wird jetzt sagen:�Bei dem Kerl ist auch gar nichts normal. �Und kritisieren, da� ich nicht wie andere Leute einfach mit einem fremden Auto zusammensto�en kann, sondern mir dazu einen Wal aussuche, da� ich im falschen Flugzeug sitzen mu�, da� ich nicht Vater werden kann wie andere auch und ein Ausflug aufs Land bei mir in eine Nazistollengeschichte m�ndet. Und da� ich nicht wie andere Bademeister schlichterdings Badeg�ste rette. Aber was sollte ich tun? Ab einem bestimmten Moment hatte mein Leben begonnen, eine komplizierte Figur zu beschreiben.</p><p>Und wie schon einmal erw�hnt, im Bad Berg war es nicht leicht zu ertrinken, das Wasser zu seicht und die Disziplin der G�ste beispiellos.</p><p>Zu den Besonderheiten dieser Badeanstalt geh�rte, da� ein Entenpaar mit gro�er Regelm��igkeit das Au�enbecken aufsuchte und in der Manier einer gewollten Bruchlandung auf der Wasseroberfl�che aufkam, um dann eine Weile zwischen den Badeg�sten dahinzutreiben. Manche fanden das s��, andere wiederum versuchten, die beiden wegzujagen. Als Bademeister war ich eigentlich dazu angehalten, die zwei Stockenten zu verscheuchen, doch vom Beckenrand aus war das ziemlich unm�glich, und zu diesem Zweck ins Wasser zu steigen w�re absolut �bertrieben gewesen. Zudem waren die Enten ein Beweis f�r die Qualit�t des Wassers. Denn das gleiche Paar besuchte auch das nahe gelegene Schwimmbad Leuze, um dort zwischen den Liegenden und in der Sonne Bratenden um Futter zu betteln oder verlorene Krumen aufzuklauben, doch soweit ich informiert war, gingen sie dort niemals zum Baden hin. Anders bei uns, wo weniger gebettelt und mehr geschwommen wurde.</p><p>Drei Tage nachdem wir von unserem Tirolausflug zur�ck waren, stand ich nachmittags am Rande des mit Menschen locker bev�lkerten Beckens und beobachtete die beiden Enten, wie sie auf der glatten Fl�che des von mir kontrollierten Gew�ssers landeten. Ein �lterer Mann mit blauer Badehaube beschwerte sich, hieb ins Wasser und spritzte die Tiere an. Wurde aber von anderen Badeg�sten aufgefordert, dies zu unterlassen. Es gab ein kleines verbales Hickhack, w�hrend die Enten in einen anderen Teil des Beckens wechselten und dort ruhig herumtrieben. Der Enterich allerdings hatte pl�tzlich Schlagseite. Wie leicht betrunken. Er erinnerte mich an dieses Pferd aus dem Film <emphasis>Cat Ballou � H�ngen sollst du in Wyoming</emphasis>, auf welchem�� richtig, auf welchem der betrunkene Lee Marvin sitzt, und auch das Pferd ist betrunken und lehnt schief gegen die Wand und�� Der arme Enterich hier war aber ohne Wand, kippte um und geriet mit seiner Oberseite unter Wasser.</p><p>Weil man von Enten ja kennt, wie sie mit dem Kopf unter Wasser und dem Schwanz in die H�he gehen, schienen im ersten Moment alle einen normalen, blo� etwas ungeschickten Tauchgang zu vermuten. Aber es war eben doch ganz anders: Nicht der Schwanz war in der H�he, sondern die Beine. Und dabei blieb es auch. Jemand meinte lachend, das sei wohl eine Zirkusente. Dann aber entwickelte sich eine gewisse Aufregung, die darin bestand, da� die Leute auf das Tier hinzeigten, diverse Rufe und T�ne ausstie�en, niemand aber es wagte, dem Umgekippten zu Hilfe zu eilen. Wer fa�t schon eine Ente an? Und wer kann sich ernsthaft vorstellen, eine Ente k�nnte ertrinken?</p><p>�Herr Sixten!�riefen mehrere Damen.</p><p><image l:href="#11"/></p><p>Sollte ich das Hemd ausziehen? Tun das Bademeister, bevor sie ins Wasser springen? Oder eigentlich nur M�nner in Filmen, die jede Situa tion ausnutzen, um ihre nackten Oberk�rper zu zei gen? Und war es angesichts eines zu rettenden Entenvogels �berhaupt angebracht zu springen, an statt �ber eine der Treppen ins Becken zu stei gen?</p><p>Doch die Treppen waren zu weit weg und jede Rettung verlangt auch eine gewisse Vehemenz.</p><p>Ich befreite mich mit einer einzigen z�gigen Bewegung von meinem Leibchen und sprang mit einem sehr flachen Kopfsprung ins Wasser, tauchte mehrere Meter, brach kurz durch die Oberfl�che, sank wieder tief ein und tauchte unter die Ente.</p><p>Obgleich die Sichtverh�ltnisse in diesem Wasser eher dem eines nat�rlichen Sees entsprachen, fiel das Licht g�nstig genug, um klar zu erkennen, wie leblos der Kopf des Erpels� herunterbaumelte�. Das war ganz sicher keine Tauch�bung, die der kleine Kerl praktizierte. Ich griff mit einer Hand nach dem K�rper, und indem ich hochkam, bef�rderte ich zugleich das Tier aus dem Wasser, fa�te es nun auch mit der anderen Hand und marschierte mit dem regungslosen Wesen an Land. Hinter mir einerseits ein paar besorgte Badeg�ste, andererseits das Entenweibchen, welches aber nicht etwa drohende Laute von sich gab, sondern eher� vern�nftig �schien, einfach nur in der N�he blieb. Am Beckenrand legte ich den Enterich seitlich auf den warmen Beton.</p><p>Und was jetzt? Hat je ein Mensch versucht, eine Ente wiederzubeleben?</p><p>Ich stand hilflos vor dem flach dahingestreckten K�rper.</p><p>�Tun Sie doch was!�mahnte jemand hinter mir.</p><p>Eine Dame aber fauchte:�Mein Gott, was soll er denn tun?�</p><p>Jemand dritter erkundigte sich allen Ernstes, ob nicht irgendwo ein Arzt sei.</p><p>�Man k�nnte einen ausrufen lassen�, schlug eine vierte Person vor.</p><p>�Hat jemand Riechsalz?�</p><p>�Ein totes Tier ist verdammt noch mal ein totes Tier.�</p><p>Andere sagten anderes. Hilfreiches hielt sich dabei in Grenzen.</p><p>Ich kniete mich hin, umfa�te mit meinen H�nden den Entenrumpf und massierte den Leib. Mir fiel einfach nichts Besseres ein, als gewisserma�en Bewegung in diesen bewegungslosen K�rper hineinzutreiben. Wie man ein Rad dadurch in Gang bringt, da� man in die Pedale tritt.�� Was ich tat, mochte l�cherlich anmuten, aber esoterisch war es nicht.</p><p>Nun, es war nicht einmal l�cherlich. Denn mit einemmal��</p><p>Eines der beiden Augen des Tiers ging auf, nur eines, dann hob der Enterich den Kopf und schnappte nach mir. Ich zog meine H�nde zur�ck und stand auf. Auch der Erpel rappelte sich hoch und geriet auf die Beine, auf denen er aber sehr unsicher stand, stark gespreizt. Ich sah, da� sein rechtes Auge noch immer geschlossen war. Er bewegte sich jetzt langsam nach vorn. Das Weibchen n�herte sich ihm, allerdings z�gerlich, mit vorgestrecktem Hals. Es schien, als sei sie nicht sicher, ob ihr Partner der war, der er gewesen war, bevor er umgekippt und f�r einige Zeit unter Wasser geraten war. Wobei Enten ja��</p><p>Wie lange konnten Enten unter Wasser bleiben? In der Tat wurde genau diese Frage von den Badeg�sten diskutiert. Jemand sprach von sechs Minuten, wurde aber darauf hingewiesen, da� so was zwar f�r irgendwelche Spezialenten gelten mochte, aber sicher nicht f�r Stockenten, bei denen sei es sehr viel k�rzer.</p><p>Weniger als beim Menschen?</p><p>Ein kleiner Streit entspann sich, w�hrend das betroffene Tier noch immer im Stil des Angeknockten �ber den Weg torkelte, sein Weibchen in geb�hrendem Abstand hinter ihm. Nun bereits unbeachtet von den Badeg�sten, die fortgesetzt �ber Tauchzeiten bei Menschen und Tieren diskutierten oder sich wieder ihren B�chern und Cremes und Tageszeitungen und elektronischen Ger�ten zugewandt hatten (einige zum Thema des Luftanhaltens googelnd).</p><p>Als am n�chsten Tag das Entenpaar in der bekannten Art auf dem Bergwasser landete, schien der Erpel vollst�ndig hergestellt zu sein. Es war noch recht fr�h am Tag und nur wenige Leute im Wasser. Die zwei Tiere trieben auf den schwachen Wellen, die einige Dauerschwimmer verursachten (nie haben Menschen langsamer gekrault, ohne dabei unterzugehen).</p><p>Ich spazierte am Beckenrand entlang und beobachtete das Entenpaar. Dabei sah ich, da� das m�nnliche Tier noch immer das eine Auge geschlossen hatte. Ich fragte mich, ob es m�glich war, da� der kleine Kerl einen Schlaganfall erlitten hatte und sein rechtes Auge � besser gesagt, das schlaffe Lid � nun eine Folge davon war, so wie bei Menschen die herabh�ngenden Mundwinkel. Immerhin schien die Pers�nlichkeit des Enterichs sich nicht ver�ndert zu haben. Er war nicht unversch�mter als �blich, schwamm nicht n�her als zuvor an die Badenden heran, wirkte aber auch nicht scheuer oder �ngstlicher, zudem war seine Partnerin wieder in der gewohnten Weise an seiner Seite und er an der ihren. Nur das eine Auge war zu, und das w�rde auch in Zukunft so bleiben.</p><p>Einige der G�ste tauften ihn darum <emphasis>Einauge</emphasis>. Sie schauten in den Himmel, und wenn zwei Punkte sich n�herten, sagten sie:�Ah, da kommt schon wieder Einauge.�</p><p>Das Weibchen aber blieb ohne Namen. Wie es schien, war es die Deformation, der Defekt, das Stigma, welches die Menschen animierte, Dingen Namen zu geben, die sonst keine besa�en. Oder sich Namen verunfallter Dinge besser zu merken als andere. Kein Schiffsname war so bekannt wie der eines untergegangenen Dampfers. Selbst die <emphasis>Queen Elizabeth</emphasis> konnte da nicht mithalten.</p><p>Jedenfalls rechnete man mir hoch an, Einauge gerettet zu haben. Obgleich ich eigentlich bef�rchtet hatte, einiges an Spott aushalten zu m�ssen. Aber nichts dergleichen geschah. Die meisten Leute betrachteten das Vorgefallene mit gr��tem Ernst. Selbst jene, die prinzipiell oder aus hygienischen Gr�nden gegen die Ente waren, begr��ten mein Einschreiten. Auch wenn der eine oder andere die Enten gerne tot gesehen h�tte, nicht auf diese Weise, nicht durch einen Schlaganfall, der zum Ertrinken f�hrte. H�tte die Stadt f�r die Rettung von Enten Medaillen vorgesehen, man h�tte sie mir gegeben.</p><p>Was ich dann eine Woche sp�ter erhielt, war ein Anruf. Es war Mercedes. Ich dachte, er wollte sich bedanken f�r die kleine Serie von iPad-Bildern, die ich auf der Bergh�tte aufgenommen und ihm geschickt hatte. Er aber sagte:�Herr Braun, ich habe Ihre Schwester getroffen.�</p><p>�Wie bitte?�</p><p>Zur Erinnerung: Ich hatte Astri ihm gegen�ber mit keinem Wort erw�hnt. Und soweit ich wu�te, hatte auch Kerstin nicht �ber meine Schwester geredet oder gar erz�hlt, da� Astri genau an diesem Berg ums Leben gekommen war.�� Nun, vielleicht meinte er jemand anderes, den er f�lschlicherweise f�r meine Schwester hielt. Ich fragte:�Welche Schwester?�</p><p>�Astri nat�rlich.�</p><p>�Wie soll ich das verstehen?�</p><p>�Ich war nie jemand�, sagte Mercedes,�der sich gut an seine Tr�ume, erinnern konnte. Das ist jetzt aber anders. Seitdem Ihre Schwester bei mir auftaucht, erinnere ich mich an meine Tr�ume, wie man sich an das erinnert, was gestern oder vorgestern geschehen ist.�</p><p>Sowenig er sich im Traum dar�ber bewu�t sei zu tr�umen, so klar und deutlich sei hinterher seine Erinnerung an das Geschehene. Und eben auch, da� in all diesen Tr�umen Astri in Erscheinung trete. Mercedes sagte:�Sie verlangt von mir, da� ich ihr das Messerwerfen beibringe.�</p><p>�Meine G�te, wozu das denn?�fragte ich.</p><p>�Ja, das wollte ich auch von ihr wissen.�</p><p>�Und?�</p><p>�Sie sagt, weil es sie interessiere und sie im Leben dazu nie die Gelegenheit gehabt habe.�� Aber ich glaube ihr das nicht.�</p><p>Ich erw�hnte nun, ihm gegen�ber niemals von Astri erz�hlt zu haben.</p><p>�Ja�, sagte er,�aber sie von Ihnen. Sie hat mir gleich gesagt, wer ihr gro�er Bruder ist und welcher Berg es war, an dem sie gestorben ist. Wobei mir scheint, da� sie gar nicht wei�, was wirklich geschehen ist damals. Sie zermartert sich das Hirn, aber�� Absurd, nicht wahr, da� Ihre Schwester in meinem Traum ist und ich auch noch behaupte, sie w�rde sich ein Hirn zermartern, welches l�ngst zerfressen und zerfallen ist.�</p><p>Erst in diesem Moment wurde mir so richtig bewu�t, da� Astri seit der Nacht, die ich mit Simon im Bergwerk zugebracht hatte, nicht wieder in meinen Tr�umen aufgetaucht war. Beziehungsweise h�tte ich nicht sagen k�nnen, was zuletzt in meinen Tr�umen geschehen war. H�tte ich in einem davon einen Mord begangen, ich h�tte jetzt dagestanden ohne die geringste Ahnung und ohne das geringste Schuldgef�hl. H�tte es deswegen einen Proze� gegeben, ich h�tte mit gutem Gewissen auf <emphasis>unschuldig</emphasis> pl�diert.</p><p>Anders ging es Mercedes, der offensichtlich begonnen hatte, Nacht f�r Nacht meine Schwester in der Fertigkeit des Messerwerfens zu unterrichten. Und zwar mit dem unangenehmen Gef�hl, mehr als ein Interesse zu f�rdern, mehr als die pure Freude � und sich auf eine gewisse Weise <emphasis>schuldig</emphasis> zu machen.</p><p>Ich sagte ihm:�Sie k�nnten sich weigern.�</p><p>Er aber meinte:�Ihre Schwester ist sehr �berzeugend.�</p><p>�Droht sie Ihnen?�</p><p>�Nein, aber sie kommt einfach, wie es ihr pa�t. Und ich bin in diesen Tr�umen ziemlich stumm. Argumente fallen mir erst ein, wenn ich aufwache.�� Ich w�rde das alles gerne mit Ihnen besprechen, aber nicht am Telefon.�</p><p>�Wieso? Werden Sie abgeh�rt?�</p><p>�Wir werden alle abgeh�rt�, sagte Mercedes.�Aber das ist es nicht. Mir w�re einfach lieber, wenn Sie hier sind. Ich w�rde Sie und Ihre Frau und Ihr Kind gerne einladen, nach Tirol zu kommen.�</p><p>�Da waren wir doch gerade.�</p><p>�Ich w�rde mich trotzdem freuen, wenn Sie kommen k�nnten. �bers Wochenende oder auch l�nger, ganz wie Sie m�gen.�</p><p>�Ich mu� arbeiten und das Kind in die Schule gehen.�</p><p>�Ich kann Sie nur bitten�, sagte Mercedes, der �brigens weder Tiroler noch �sterreicher war, sondern aus dem Norden Deutschlands stammte. W�hrend es sich bei seiner Frau, der Pianistin, um eine Italienerin handelte: Clara Foresta. Ich hatte sie gegoogelt � das tat man heutzutage mit der gleichen Unversch�mtheit, mit der man an fremder Unterw�sche schn�ffelte � und festgestellt, da� sie in den Sechzigern und Siebzigern durchaus ber�hmt gewesen war, dann aber in Vergessenheit geriet. Einige Kritiker hatten sie mit dem fr�hen Glenn Gould verglichen. Wie dieser war sie vor allem durch ihre Interpretationen Bachs aufgefallen, hatte sich daneben aber auch den Kompositionen eines Tonk�nstlers gewidmet, von dem nicht klar gewesen war, ob er tats�chlich gelebt hatte oder von ihr erfunden worden war. Diese Geschichte hatte sie in Verruf gebracht � der Verdacht, eine F�lschung begangen zu haben � und letztendlich auch ihre Karriere ruiniert. Heutzutage kannte kaum noch jemand ihren Namen. Sowenig wie den Namen des Komponisten, den sie entdeckt <emphasis>oder</emphasis> erfunden hatte.</p><p>Nun gut, allein diese Person kennenzulernen h�tte als Grund f�r eine Reise gen�gt.</p><p>�Wei� Ihre Frau von Astri?�fragte ich.</p><p>�Um Gottes willen, nein!�rief Mercedes aus und fragte:�Werden Sie kommen?�</p><p>Ich sagte ihm, ich wolle es mir �berlegen.</p><p>Er darauf:�Wir m�ssen feststellen, was Ihre Schwester vorhat.�</p><p>�Meine G�te, sie ist tot.�</p><p>�Mir kommt sie sehr lebendig vor�, sagte Mercedes.�Und im �brigen ist sie absolut talentiert.�</p><p>�Sie meinen im Messerwerfen?�</p><p>�Ja.�</p><p>Ich versprach, mich zu melden, sobald ich eine Entscheidung getroffen hatte.</p><p>Am Abend diskutierte ich die Sache mit Kerstin, die Einladung, nicht den Umstand, da� es um Astri und ihre� Lebendigkeit �in den Tr�umen des Herrn Mercedes ging.</p><p>Kerstin war sehr daf�r, die Reise zu machen. Diesmal ohne Auto, uns auf die Bahn verlassend.</p><p>�Du nimmst dir ein paar Tage frei�, sagte sie,�und wir fahren schon Donnerstag und kommen Montag zur�ck.�</p><p>�Da m��te ich Simon f�r drei Tage von der Schule befreien lassen.�</p><p>�Na und? Davon wird die Schule nicht umkommen und der Simon auch nicht.�</p><p>Nun, eine Menge Sch�ler h�tte das sofort doppelt und dreifach unterschrieben. Ich konnte mir sogar eine kleine L�ge ausdenken, ohne da� sp�ter die Gefahr bestand, da� Simon sich und mich verriet. Verstand ihn ja keiner.</p><p>Allerdings w�rde sich erst die n�chste Woche ausgehen, einerseits wegen meines Dienstplans und andererseits, weil Simon vorher noch an einem Kletterwettbewerb teilnahm.</p><p>In welchem er sodann in einer Weise brillierte, die ohne Hysterie auskam, obgleich der Wettbewerb an sich voll von Hysterie war, angefangen beim Moderator, der unter Drogen schien und in sein Mikro br�llte, als w�re dieses sein gr��ter Feind. Simon und Mick, sein Trainer, blieben hingegen ruhig und gelassen. Simon kletterte auf und davon. Und als man ihn interviewte, sagte er:�Gleifax � dr!�Alle nickten.</p><p>Wenige Tage nach Simons Triumph brachen wir zu unserer zweiten Reise nach Tirol auf. Wir hatten ein Abteil f�r uns, und ich war sehr froh, diesen Zug nicht selbst steuern zu m�ssen.</p></section><section><title><p><emphasis>28</emphasis></p></title><p>Kerstin sa� mir und Simon gegen�ber, hatte Kopfh�rer in den Ohren und Musik im Kopf und beide Augen geschlossen. Offen hingegen war das Auge, das Simon soeben zeichnend zu Papier brachte. Der Junge versetzte mich immer wieder in Staunen. Ich sah ihm zu, wie er da mit feinem Strich ein neues Bild auf seinem Block entstehen lie�. Und zum zweiten Mal ein gegenst�ndliches, auch wenn die anf�ngliche Schraffur etwas Abstraktes nahelegte. Aber im Detail war eben so gut wie alles abstrakt: das Deckblatt eines K�fers genauso wie der winzige Ausschnitt eines Computerbildschirms, der Seifenschaum genauso wie ein gedruckter Buchstabe. Ging man nahe genug an einen Buchstaben heran, blieb nur ein schwarzes Tableau von einiger Tiefenwirkung �brig � ein Abgrund.</p><p>Im Falle von Simons Zeichnung erwies sich die anf�nglich so ungegenst�ndliche Struktur als eine Anordnung von Federn. Federn, die zu einer Ente geh�rten. Ja, das, was hier auf dem Blatt Papier nach und nach zu einer bestens vertrauten Kreatur anwuchs, war eine Stockente. Und ganz zum Schlu� erhielt dieses im Profil dargestellte und gegen den Westen des Papiers ausgerichtete Tier eben ein Auge, ein offenes, sein linkes.</p><p>Nicht, da� Simon dabeigewesen war, als ich die Ente gerettet hatte. Er hatte dieses Tier nie gesehen, nicht vor und nicht nach dem Unfall. Allerdings hatte ich am Abend der Rettung Kerstin davon erz�hlt, und da war auch Simon dabeigewesen. Klar, er kannte diese Tiere aus der Schule und aus der Natur � dort, wo die Stadt Natur war. Das Wort� Ente �war ihm freilich noch nie �ber die Lippen gekommen. Die Zeichnung jedoch war so perfekt wie jene, die er oben am Astri-Berg geschaffen hatte.</p><p>Worauf ich nun wirklich keine Antwort geben konnte, war die Frage, ob es sich bei der von Simon so fein ausgearbeiteten Ente um eine bestimmte handelte. Diese Tiere sehen sich schon sehr �hnlich, sind lange nicht so unterschiedlich wie jene Verwandten, die in Entenhausen eine von Fortpflanzung und Alterung freie Existenz f�hren.</p><p>Das war �brigens mein erster Verdacht, da� Simon diese Ente nur darum gezeichnet hatte, um damit auf das Vorbild des von ihm so geliebten Donald Duck zu verweisen.</p><p>Andererseits��</p><p>Ich tippte auf den Rand der Zeichnung und fragte ihn:�Ist das etwa <emphasis>Einauge?</emphasis>�</p><p>Er h�tte nicken oder den Kopf sch�tteln k�nnen. Tat er aber nicht, sondern setzte letzte kleine Punkte in das gl�nzende Auge des Erpels.</p><p>Ich �berlegte, da�, obgleich man auf diesem Blatt Papier nur die linke Flanke und die linke Gesichtsh�lfte des Tiers erkennen konnte, dennoch auch die andere Seite existierte. So ist das n�mlich immer bei der Kunst. Wenn wir von Goyas nackter Maja nur die Vorderseite sehen � ihre Scham, ihren Nabel, ihre Br�ste, ihr Gesicht � , so bedeutet das nicht, sie w�rde keinen R�cken haben. Eine Maja ohne R�cken, das w�re ja v�lliger Unsinn, oder?</p><p>Und so war � ungesehen, aber doch � nat�rlich auch eine rechte Seite dieser Ente vorhanden. Und damit auch ein rechtes Auge. Eines, das entweder geschlossen oder offen war. Was ich niemals erfahren w�rde.</p><p>So wie es <emphasis>Schr�dingers Katze</emphasis> gab, gab es eben auch <emphasis>Simons Ente</emphasis>.</p><p>Es war vereinbart worden, da� wir in St.�Jodok den Zug verlie�en. Dort w�rde Mercedes auf uns warten und uns zu seinem Haus chauffieren.</p><p>�Was denkst du�, fragte Kerstin,�was unser Herr Mercedes f�r einen Wagen f�hrt?�</p><p>Ich lachte. Das war eine wahrlich nette Vorstellung, der Messerwerfer w�rde jenen besternten Wagen gleichen Namens fahren. Ein Mercedes in einem Mercedes.</p><p>Es war dann aber ein japanisches Auto, mit dem unser Gastgeber uns abholte. Er begr��te Kerstin und Simon mit einer Umarmung, mir reichte er die Hand. Ich wunderte mich ein wenig �ber die Intimit�t zwischen ihm und Kerstin. Mir war nicht aufgefallen, da� sie oben am Astri-Berg viel miteinander geredet h�tten. Na gut, der Mann war sechsundsiebzig, da durfte er auch Frauen umarmen, mit denen er noch nicht soviel geplaudert hatte.</p><p>Das Wetter war traumhaft wie damals, als wir das letzte Mal hier gewesen waren. Aber das Licht hatte sich ein klein wenig ver�ndert. Man konnte ruhig sagen: Es war �lter geworden. Nicht schw�cher, aber milder, was ein Unterschied ist, schw�cher wird man gegen seinen Willen, milder wird man absichtlich. Ein absichtsvoll mildes Licht.</p><p>Es gibt wenige sechs Kilometer auf der Welt, die so ruhig und sanft anmuten wie dieses Valsertal, ohne darum gleich Teil einer W�ste oder eines Ozeans zu sein. Ungef�hr in der Mitte dieser Landschaft bogen wir rechts von der Hauptstra�e ab und gelangten auf einer schmalen Zufahrt zu einem ehemaligen Geh�ft, welches vor dem Hintergrund des aufsteigenden Waldes wie eine rechteckige Faust in der Erde steckte. Nein, es waren zwei F�uste, weil ja der angrenzende Stall ebenso wuchtig und fast gleich gro� wie das Hauptgeb�ude war. Eine dunkle Faust, der Stall, w�hrend das Wohnhaus einen hellen Anstrich besa�, mit kleinen, gr�n gerahmten Fenstern und �ber der Eingangst�r eine Nische, in der eine bemalte Statuette stand.</p><p>�Die heilige Anna�, erkl�rte Mercedes, w�hrend er mir meine Tasche reichte. Offensichtlich hatte er meinen fragenden Blick bemerkt. Und erg�nzte:�Jesus� Oma.�</p><p>Das klang irgendwie despektierlich und entsprach dennoch vollkommen den Tatsachen. Wahrscheinlich war es der Begriff� Oma�, der mich irritierte, als w�re Jesus auch nur ein Lausbub mit einer stinknormalen Sippe gewesen.</p><p>Schon von hier drau�en vernahm man die Musik, die drinnen gespielt wurde. Den Klang des Klaviers. Bach. Nat�rlich Bach. Ich hatte mich diesmal ein wenig vorbereitet. Im Unterschied zu unserem ersten Besuch in dieser Gegend, als mir Kerstin so viel hatte erkl�ren m�ssen. Diesmal nicht. Ich wu�te, wer da spielte, ich erkannte sogar, da� es sich weder um das <emphasis>Wohltemperierte Klavier</emphasis> noch um die <emphasis>Goldbergvariationen</emphasis> handelte, sondern um etwas anderes, anders, aber von Bach. Was ich freilich <emphasis>so</emphasis> nicht sagen konnte.</p><p>�Die Allemande aus der <emphasis>Partita</emphasis> Nr.�1�, erkl�rte Mercedes,�Carla spielt diese Partita seit Wochen, nur das, rauf und runter. Daran mu� man sich gew�hnen. Immerhin, sie spielt die sechs St�cke sch�ner als jeder andere. Au�er Gould damals vielleicht.�</p><p>Kerstin zog ihre Stirn in leichte Falten. Klassische Musik war nicht ihr Thema. F�r mich selbst war diese Musik eine typische Allesforschermusik. Bei ihm, �ber den D�chern von K�ln, hatte ich derartiges geh�rt, eben nicht nur die drei Sonnen Schuberts, sondern auch Bach, Beethoven, selbst Sch�nberg und Webern. Nach dem Tod des Allesforschers war f�r mich auch diese Musik gestorben.</p><p>Die tote Musik drang nun aber durchaus lebendig an mein Ohr, als wir ins Haus traten, dessen R�ume �berraschend modern gestaltet waren. Man verga�, da� man sich im tiefsten Tirol befand, und zwar in einem Haus, dessen H�lle in vollkommener �bereinstimmung mit der Tradition der Gegend stand.</p><p>Modern, aber nicht kalt. Gro�z�gig in dem Sinn, da� die einzelnen Objekte und M�bel sehr viel Platz besa�en. Es war wie mit den Planeten, die ja auch zu einem System geh�ren, aber einiges an Leere zwischen sich haben. Damit jedoch �berhaupt erst ein Bewu�tsein f�r diese Leere schaffen � indem sie die Leere <emphasis>tragen</emphasis>.</p><p>Wir stellten unsere Sachen ab und folgten Mercedes in einen Raum mit wei�em Kunststoffboden und einer Decke aus dunklem Stein. Darin stand einzig ein schwarzer Fl�gel, vor dessen Klaviatur die d�nne Gestalt der Clara Foresta aufragte. Nein, <emphasis>d�nn</emphasis> war das falsche Wort, aber auch <emphasis>ausgehungert</emphasis> w�re das falsche gewesen. Sie hatte etwas von einer Liane. Einer geschminkten Liane. Sehr vornehm und eigentlich sehr nat�rlich, als w�re das Rot der Lippen und das T�rkis auf ihren Lidern und das Altrosa auf ihren Wangenknochen immer schon dagewesen und diese Person ohne ein Make-up vollkommen undenkbar. (In der Tat verstecken sich solche Frauen, sobald sie ungeschminkt sind, sie verbergen aber nicht ihr wahres Gesicht, sondern ganz im Gegenteil eine Fratze, die vom Teufel stammt und dem Wesen dieser Frauen in keiner Weise entspricht � manches Make-up ist schlichte Teufelsaustreibung.)</p><p>Ich stellte mich so, da� ich sehen konnte, wie Clara Foresta mit ihren langen, d�nnen Fingern �ber die Tasten glitt, wobei sie sehr gerade und aufrecht sa� und ihr K�rper so unbewegt schien wie ihr Gesichtsausdruck. Nur die H�nde waren in Bewegung. Man hatte ihr darum den Beinamen� die Puppe �verliehen, wegen dieser starren und unbewegten Haltung. Ein Kritiker hatte geschrieben, wenn Foresta eine Puppe w�re, dann w�re er sofort bereit, auch eine zu werden, um n�mlich Bach so spielen zu k�nnen, so frei vom Ballast der Musikerziehung, vor allem der Gef�hlsaufwallung, mit der andere Pianisten vor dem Klavier sitzend sterben oder sich in lackierte Monster verwandeln w�rden. Er schlo�:�Die Puppe lebt.�</p><p>Ja, und nun war sie eine alte Puppe, die noch immer lebte, wobei ihr Anschlag mit einer Leichtigkeit erfolgte, als w�rden im einzig richtigen Moment in ihren Fingerkuppen Bleigewichte entstehen und gleich wieder verschwinden, kommen und gehen, kommen und gehen��</p><p>�Du bist ja ganz verzaubert�, fl�sterte mir Kerstin zu.</p><p>Stimmt.</p><p>Als dieses verzaubernde Spiel beendet war, erhob sich Clara Foresta und tat einen Schritt vom Klavier weg. Ihr Mann stellte uns vor. Ich nahm ihre alte, stark ge�derte Hand und�� ich konnte es einfach nicht unterlassen, ihr die Hand zu k�ssen. Soweit ich mich erinnern konnte, hatte ich das bisher ein einziges Mal in meinem Leben getan. Damals bei Lana, als ich sie zum Abendessen in die Krankenhausk�che eingeladen und sie genau auf diese �ltliche Weise hatte �berraschen wollen. So affektiert der Handku� in der Regel auch anmutet, man kann damit etwas ausdr�cken, was sich eben weder mit einer Verbeugung noch mit einem profanen Sch�tteln der Hand, einem Wangenku� oder einer Umarmung ausdr�cken l��t: Der Handku� bedeutet eine lustvolle Unterwerfung. Vergleichbar nur noch dem Kniefall, den ein geschlagener Feldherr unternimmt und mit dem er im Moment der Niederlage sich selbst adelt.</p><p>Ja, indem ich die Hand dieser Frau k��te, unterwarf ich mich, und zugleich adelte ich mich.</p><p>Kerstin sch�ttelte den Kopf.</p><p>Mercedes zeigte uns unser Zimmer, wo wir uns umzogen, Kerstin und ich, w�hrend Simon bei Clara blieb, die ihm eine kalte Limonade servierte.</p><p>Als Kerstin und ich wenig sp�ter aus dem Haus traten und uns zu unseren Gastgebern an einen im Schatten liegenden Holztisch setzten, fragte ich besorgt, wo denn Simon sei.</p><p>Es war Kerstin, die mir erkl�rte:�Er ist wirklich kein Baby mehr.�</p><p>Eigentlich wollte ich sie an die Geschichte mit dem Vogel Strau� erinnern, auch wenn die Geschichte ja gut ausgegangen war. Doch bevor ich etwas sagen konnte, meinte Frau Foresta, ich br�uchte mir keine Sorgen zu machen, mein Sohn habe bereits eine Spielkameradin gefunden, die Tochter der Familie von gegen�ber. Dabei zeigte sie Richtung Talboden, dorthin, wo die Busstation lag. Ich erkannte, ganz klein, zwei Gestalten, die direkt an der Stra�e sa�en.</p><p>Ich h�tte jetzt etwas von wegen der Gefahren des Verkehrs sagen k�nnen, aber es war weit und breit kein Auto zu sehen.</p><p>Mercedes �ffnete eine Flasche Wei�wein und schenkte in vier Gl�ser ein. Wir stie�en an und tranken. Das Gespr�ch, das folgte, war zuerst dem Haus gewidmet, dem aufwendigen Umbau der Geb�ude, der Sch�nheit der Gegend und den idealen Bedingungen, um Klavier zu spielen. Die Ruhe, die man hier habe, nicht zuletzt die M�glichkeit, auch w�hrend der Nacht zu �ben, ohne in anstrengende Diskussionen mit einer Hausgemeinschaft zu geraten.</p><p>Kerstin blickte zu mir her�ber, als wollte sie sagen:�Na gute Nacht!�</p><p>Einmal fragte ich:�Was machen die beiden Kinder eigentlich?�</p><p>�Vielleicht unterhalten sie sich�, meinte Clara Foresta.</p><p>Es war ihr Mann, der ihr erkl�rte, da� Simon nicht der Junge sei, der sich unterhalte. Worauf sie sich verwundert zeigte. Sie meinte, sie habe nichts bemerkt. Sagte dann aber, an mich gerichtet:�Sie verzeihen, ich bin manchmal etwas verwirrt und h�re Leute reden, die schweigen, und umgekehrt. �Dabei z�ndete sie sich eine n�chste Zigarette an. Sie rauchte die ganze Zeit, nur w�hrend des Klavierspiels nicht. Mir fiel auf, wie sehr ihre H�nde zitterten. Was ich erstaunlich fand angesichts dessen, wie die gleichen Finger punktgenau die Tasten des Klaviers getroffen hatten. Ich h�tte sie gerne gefragt, wie sie das machte. Sp�ter vielleicht.</p><p>�Ich schau mal zu den Kindern, wenn�s recht ist�, sagte ich.</p><p>�Ja, gehen Sie nur�, meinte Mercedes,�ich zeige Frau Heinsberg unseren Garten. Unsere Rosen. Wir haben hier viele Sp�tbl�her, noch dazu bei dem Wetter.�� M�gen Sie Rosen, Frau Heinsberg?�</p><p>�Ich rieche gerne an ihnen.�</p><p>�Das ist die richtige Antwort�, sagte der Messerwerfer.</p><p>Es versteht sich, da� ich Kerstin noch nie an einer Rose hatte riechen sehen. Kam ein Rosenverk�ufer, sch�ttelte sie widerwillig den Kopf. Klar, es gab solche und solche Rosen. Auch fragte ich mich, ob sie etwa ein Faible f�r �ltere M�nner besa�. �ltere als mich, den mit sechsunddrei�ig Jahren F�nfzigj�hrigen.</p><p>Wie auch immer, ich begab mich hin�ber zur Stra�e, an dessen Rand Simon zusammen mit einem M�dchen hockte, j�nger und kleiner als er und genauso d�nn. Sie trug ein wei�es Kleid, das sie anscheinend selbst bemalt hatte. Die beiden sa�en nebeneinander auf einer Matte, zwischen sich einen Schirm, der sie vor der Sonne sch�tzte. Vor ihnen auf dem Boden waren mehrere kleine Spielsachen ausgebreitet. Neben jedem Objekt lag ein kleiner Zettel, und darauf stand der Preis der Ware. Zudem hatten sie mehrere Trinkbecher aufgestellt und ein Gef�� mit Wasser sowie einen Karton Orangensaft. Der Orangensaft war mit <emphasis>1 Euro</emphasis> ausgewiesen, w�hrend auf der Wasserkaraffe ein Zettel mit einer <emphasis>2,�</emphasis> klebte.</p><p>Ich schaute mich um und dachte mir:�Mein Gott, es kann Ewigkeiten dauern, bis hier der n�chste Kunde vorbeikommt.�</p><p>Was ich nicht gleich begriff, war, da� ich ja selbst der� n�chste Kunde �war. Und tats�chlich sahen mich Simon und seine kleine Freundin erwartungsvoll an. Das M�dchen lie� ihren Arm �ber die ausgestellte Ware gleiten und empfahl mir:�Schauen Sie sich nur um, mein Herr.�</p><p>�Wie hei�t du?�fragte ich sie.</p><p>�Sonja.�</p><p>�Hallo, Sonja�, sagte ich und erkl�rte ihr, wer ich war, n�mlich der Vater des Jungen, neben dem sie sa�. Und sagte ihr auch, da� er Simon hei�e.</p><p>Sie aber meinte nur:�Auch wenn Sie sein Vater sind, k�nnen Sie doch trotzdem bei uns einkaufen. Oder?�</p><p>�Nat�rlich, Sonja, ich wollte nur���</p><p>Ja, was? Ihr erkl�ren, wieso Simon nicht redete. Oder nicht so, da� man ihn verstand. F�r Sonja schien das aber nicht wirklich ein Problem zu sein. Sie war in erster Linie an ihrem Gesch�ft interessiert. Und wohl froh, dabei nicht allein in der Hitze hocken zu m�ssen. (Wobei es Unsinn war zu glauben, sie h�tte sich mit jedem anderen Jungen ebenfalls hierher gesetzt, nur um nicht allein zu sein, so was taten Frauen erst, wenn sie �lter waren, einen Irgendjemand dem Alleinsein vorzuziehen.)</p><p>Ich strich mir �ber die Stirn und sagte:�Also, vor allem habe ich Durst.�</p><p>�Wasser, Orangensaft pur oder Orangensaft gespritzt?�</p><p>Eigentlich h�tte ich die Kleine darauf aufmerksam machen m�ssen, da� von� gespritzt �nur bei Mineralwasser die Rede sein konnte, nicht aber bei Leitungswasser, das war wohl eher� gemischt �zu nennen. Es war dann jedoch der merkw�rdige Preisunterschied zwischen dem teuren Wasser und dem billigen Orangensaft, auf den ich sie ansprach.</p><p>Sie fragte mich, ob ich denn nicht geh�rt h�tte, da� sauberes Wasser immer wertvoller werde und man es als das Gold der Zukunft bezeichne, welches bald wichtiger sein werde als Benzin. Von Orangensaft w�rde niemand so etwas behaupten.</p><p>�Aber im Orangensaft ist auch Wasser�, sagte ich.</p><p>�Aber nicht soviel wie im Wasser�, antwortete sie.</p><p>Ich hatte keine Chance und bestellte einen Orangensaft gespritzt. F�r den Sonja mir drei Euro berechnete. Ich trank den Becher halb aus und sah mir nun die pr�sentierte Ware an. Alte Plastiktiere, die Glieder einer Puppe, mehrere Puzzles, einige Comics. Auch erkannte ich Sachen von Simon. Er hatte tats�chlich sein Donald-Duck-B�chlein beigetragen, zudem stammten mehrere Steine von ihm, die er immer in seiner Hosentasche trug, und er hatte seine wunderbare Entenzeichnung ausgestellt.</p><p>Ich verhielt mich wie diese Leute, die meinen, am Flohmarkt ein besonders wertvolles St�ck entdeckt zu haben, aber bem�ht sind, sich nichts anmerken zu lassen. Ich griff nach einer zersch�rften Kunststoffkuh f�r 2,50 Euro und fa�te wie beil�ufig auch nach der Zeichnung, die aber ohne ein Preisschild war. Sodann schaute ich fragend zwischen den Kindern hin und her. Wieviel?</p><p>Das M�dchen beugte sich zu Simon und fl�sterte ihm etwas ins Ohr. Dann hob sie wieder den Kopf und l�chelte Simon an. Er nickte.</p><p>�Okay�, sagte Sonja und wandte sich mir zu,�f�nfzig Euro.�</p><p>Das war nun eine ganz merkw�rdige Situation, weil die Forderung von f�nfzig Euro f�r eine Plastikkuh und eine Kinderzeichnung nat�rlich viel zu hoch war, auch wenn der K�ufer sich gegen die jungen Verk�ufer gro�z�gig zeigen mochte. Andererseits war diese� Ente �ein Meisterwerk, das h�tte auch jeder andere Erwachsene erkannt. Diese Graphik mutete an wie das Fr�hwerk von jemandem, der sp�ter mal der Picasso seiner Zeit sein w�rde. F�nfzig Euro waren, so betrachtet, ein Witz. Nicht mehr daf�r zu bezahlen w�re eigentlich ein Betrug gewesen. Doch mehr zu geben h�tte die Kinder wiederum verwirrt. Man gab nicht mehr als verlangt. Mehr w�re ein Ausdruck daf�r gewesen, die Gesch�ftsf�higkeit dieser Kinder zu bezweifeln.</p><p>Ich griff nach meiner Geldb�rse und zog drei Zehner und einen Zwanziger hervor und hielt sie zwischen die beiden Gewerbetreibenden. Es war Simon, der die Scheine nahm. Er steckte sie alle in seine Hosentasche. Ohne da� dies Sonja st�rte. Keine Ahnung, wie sie am Ende abrechneten. Sosehr es mich interessierte, hielt ich meinen Mund.</p><p>�Drei Euro fehlen noch�, erinnerte Sonja.�Der Saft.�</p><p>Richtig, der mit Wasser und dann noch einmal mit Wasser verd�nnte Orangensaft. Ich reichte Simon die drei M�nzen. Es war jetzt aber Sonja, die ihre Hand aufhielt. Sie f�r das Harte, er f�rs Papier.</p><p>Soeben kam der Postautobus. Vier Leute stiegen aus. Einen erkannte ich: den Mann mit der Flinte, den wir bei unserer ersten Reise gesehen hatten, als sich Kerstin gefragt hatte, ob er f�r sein Gewehr eine Fahrkarte ben�tige.</p><p>Alle vier Personen blieben vor Simons und Sonjas ebenerdigem Laden stehen. Jeder w�hlte ein Getr�nk aus. Ich ging zur�ck zum Haus, mit Ente und Kuh, nicht zuletzt im Bewu�tsein, da� Simon dort, wo er jetzt war, nichts geschehen konnte, niemand ihn in sein Auto zerren oder sonst etwas Schlimmes tun w�rde. Ich wu�te es einfach. Und war ganz ruhig, als ich mich zu der einst ber�hmten Pianistin setzte, w�hrend der Messerwerfer Mercedes noch immer mit Kerstin zwischen den Rosen stand und ihr die Namen der Blumen nannte. Sie h�rte ihm zu. Ich sah es aus der Ferne, wie friedvoll sie war, indem sie einfach zuh�rte und hin und wieder ihre Nase �ber eine Bl�te hielt.</p><p>Nach dem Abendessen, das Mercedes zubereitet hatte � Clara sagte, da� sie nicht nur wenig esse, sondern auch wenig koche � , setzten sich die beiden Frauen mit Simon in die Bibliothek, wo zur Freude Simons auch ein Stapel mit Comicheften sehr ordentlich ein Regal f�llte.</p><p>Ich trat mit Mercedes vor das Haus. Wir hatten beide ein Glas Wein in der Hand. Der k�hle Wind zerteilte die Reste eines warmen Tages in der Weise, wie eine leichte Ohrfeige rechts und links verabreicht wird. Solcherart wurde man daran erinnert, da� der Sommer vorbei war.�� So ein Sommerende hat schon todesartige Z�ge. Der Herbst � gleich, wie golden er ist � ruft einem unweigerlich ins Ged�chtnis, da� der Sinn des Lebens darin besteht, zu Ende zu gehen.</p><p>�Sie h�tten mir von Ihrer Schwester erz�hlen m�ssen�, er�ffnete Mercedes das Gespr�ch, das seine Einladung begr�ndet hatte.</p><p>�Wieso denn? Sie haben mir von Ihrer Schwester auch nicht erz�hlt�, sagte ich. Nicht, da� ich wu�te, ob er eine hatte oder nicht.</p><p>Mercedes antwortete:�Ist meine Schwester denn in Ihren Tr�umen?�</p><p>�Nein, das nicht.�</p><p>�Eben. Ihre aber in meinen.�</p><p>�Wie h�tte ich ahnen k�nnen, da� sie bei Ihnen auftauchen wird?�</p><p>�Hat sie denn nichts gesagt?�</p><p>�Kein Wort�, beteuerte ich und stellte fest:�Sie will also Messerwerferin werden. Statt des Kletterns, das ihr alles bedeutet hat, als sie noch lebte.�</p><p>�Ich glaube nicht�, meinte Mercedes,�da� es ein Ersatz f�rs Bergsteigen sein soll. Es kommt mir nicht so vor, als wollte sie sich blo� ein neues Hobby aneignen.�</p><p>�Im Ernst, lieber Herr Mercedes�, sagte ich,�wor�ber reden wir hier? Ich meine, was auch immer Astri tut oder nicht, sie ist tot. Und wird ganz sicher nicht auferstehen, um irgend jemanden mit einem Messer niederzustrecken. Was f�rchten Sie? Da� man Ihnen die Unterst�tzung einer kriminellen Tat vorwerfen kann?�</p><p>�Ihre Schwester mag tot sein. In meinen Tr�umen kommt sie mir aber sehr lebendig vor. Lebendig und fordernd. Sie kommt Nacht f�r Nacht. Wissen Sie, wie anstrengend das ist? Tats�chlich so, als w�rde man doppelt leben und nicht wirklich zum Schlafen kommen. Wer nicht schl�ft, wird verr�ckt.�� Nein, ich will, da� Ihre Schwester verschwindet. Reden Sie mit ihr!�</p><p>Ich erkl�rte ihm, da� ich derzeit keinen Kontakt h�tte, mich zumindest an meine Tr�ume nicht erinnern k�nne.</p><p>�K�nnen Sie nicht, oder wollen Sie nicht?�fragte Mercedes.</p><p>Es wirkte so verzweifelt wie ver�rgert. Obgleich ihm Astri ja nicht in Form eines Alptraums erschien, sondern als Sch�lerin. Aber eben als eine, die er sich nicht ausgesucht hatte. So, wie er sich nie sein Publikum hatte aussuchen k�nnen.</p><p>Ich erkannte die M�digkeit in seinem Gesicht, die tiefen Einschnitte, als seien zu den Tagesfalten die Nachtfalten hinzugekommen und dadurch die Furchen in seinem Gesicht doppelt so tief.</p><p>�Was mich zus�tzlich irritiert�, meinte der Zerfurchte,�ist Ihre Behauptung von neulich, Herr Braun, ich h�tte Sie in einem Ihrer Tr�ume gerettet. Nicht wahr, das haben Sie doch gesagt? Davon wei� ich aber nichts.�</p><p>�Ich schon�, sagte ich,�Sie haben zwei Typen die Kehle aufgeschlitzt.�</p><p>�Reizend�, t�nte Mercedes.</p><p>�Es war der einzige Weg�, versicherte ich ihm.�Sie haben das Richtige getan. Die zwei hatten Gewehre, und sie wollten Kerstin mitnehmen. Ich glaube nicht, da� man mit denen h�tte diskutieren k�nnen.�� Sie haben mir in diesem Traum �brigens prophezeit, ich w�rde Geburtshelfer werden.�</p><p>�Wieso das denn?�</p><p>�Ja, das wollte ich auch von Ihnen wissen.�</p><p>�Es ist nicht meine Art, Antworten schuldig zu bleiben�, erkl�rte Mercedes.�Jetzt abgesehen davon, da� es nicht meine Art ist, Kehlen aufzuschlitzen, von wem auch immer.�</p><p>�Wie gesagt, es war eine gute Tat.�</p><p>Wir schauten uns unsicher an. Dann tranken wir.</p><p>�Gehen wir schlafen�, schlug Mercedes vor,�vielleicht sind wir nachher gescheiter.�</p><p>Das war wohl der Grund daf�r, da� er mich hierher eingeladen hatte. Er hoffte, da� meine N�he etwas bewirkte. Denn wenn am Astri-Berg <emphasis>er</emphasis> in meinem Traum gewesen war, war es vielleicht m�glich, da� <emphasis>ich</emphasis> nun in seinen geriet und dort mit Astri ein ernstes Wort sprechen konnte.</p></section><section><title><p><emphasis>29</emphasis></p></title><p>Es war wohl diese hohe Erwartungshaltung, die es mit sich brachte, nicht einschlafen zu k�nnen. Ich drehte und wendete mich, als wollte ich an s�mtlichen Stellen gleich knusprig werden. Und �berall waren Ger�usche: der ruhige Atem Kerstins neben mir, das entferntere Schnaufen Simons, der hier sein eigenes Bett hatte, der Wind, der die B�sche und B�ume zum Sprechen brachte. Vor allem aber vernahm ich die Stimme des Klaviers, diesen von einer vornehmen alten Dame angetriebenen schwarzen Fl�gel. Wobei ich mich schon sehr konzentrieren mu�te, um zwischen den anderen Lauten auch die Musik zu h�ren. Vor allem das zweite und sechste St�ck aus der Partita gefielen mir so gut, da� ich darauf wartete, bis sie innerhalb der Schleife erneut erklangen.</p><p>Eine Schlafschleife war es nicht.</p><p>Endlich stand ich auf, zog mich an und ging nach unten. Leise, und zwar nicht nur, um die anderen nicht zu wecken. Ich schlich mich an das Klavierzimmer heran, dessen T�r gl�cklicherweise angelehnt war, so da� ich lautlos den Spalt etwas vergr��ern konnte und auf den gro�en gl�nzenden Klangk�rper und die Pianistin sah.</p><p>Nicht, da� ich �ber das ge�bte Geh�r verf�gte, welches n�tig gewesen w�re, um die Qualit�t und Au�erordentlichkeit von Forestas Spiel zu beurteilen. Ich denke, ich <emphasis>wollte</emphasis> es ganz einfach, ich <emphasis>wollte</emphasis> die Au�erordentlichkeit. Wie man eben <emphasis>will,</emphasis> da� jemand ein Genie ist.</p><p>Erst als ich Jahre sp�ter einen Film �ber Glenn Gould sah, wurde mir die eigentliche Parallele bewu�t. In dieser Dokumentation erz�hlt ein Cellist, da� er, als er das erste Mal den jungen Gould h�rte, sich fragte:�Wer ist das, der so eloquent mit der Rechten als auch der Linken spielen kann, da� man fast meint, hier w�rde jemand ein Duett mit sich selbst spielen?�Genau das war es, was ich soeben erlebte, ohne da� ich es auf diese Weise h�tte ausdr�cken k�nnen: ein Duett mit sich selbst. Eine so autistische wie virtuose und, k�rperlich gesehen, v�llig unm�gliche Darbietung. Denn niemand war zwei, wenn er allein war (au�er nat�rlich man begriff das Klavier als den anderen Menschen).</p><p>Die zweite Unm�glichkeit jedoch war mir schon am Nachmittag bewu�t geworden, wie sehr n�mlich Clara Forestas H�nde zitterten, wenn sie rauchte oder eine Gabel hielt oder ein Glas, und wie wenig, wenn sich die Tasten unter dem Gewicht ihrer Finger senkten. Was aber, wenn ich mich t�uschte, und sie zitterte auch dann, wenn sie spielte? Nur, da� es nicht auffiel und auch nicht zu h�ren war. Ein Zittern, das dieses Spiel vielleicht sogar beg�nstigte. Weniger ein Zittern als ein Federn. War das m�glich? Jedenfalls h�tte ich jetzt gerne einen genaueren Blick auf die H�nde Forestas geworfen. Blieb jedoch vor dem T�rspalt stehen, wagte es nicht einzutreten. Mir war, als beobachtete ich heimlich eine nackte Frau.</p><p>In dieser Position schlief ich allen Ernstes ein, gegen den T�rrahmen gelehnt: ein Wyoming-Pferd. Als ich erwachte, war es still, und das wenige Licht stammte allein von der beginnenden D�mmerung. Ich stand nicht mehr, sondern war an derselben Stelle zusammengesunken. Ich f�hlte mich ein wenig erschossen. �berlegte aber sogleich, wovon ich getr�umt hatte. Doch die Erinnerung war verschwommen, da waren blo� noch Fetzen im Kopf. Fetzen, auf denen sich weder das Antlitz Kerstins noch das von Mercedes abzeichnete, sondern��</p><p>Nun, es war ein Mann in einem Taucheranzug in meinem Traum gewesen, eine kleine, st�mmige Person, deren Gesicht hinter einer Taucherbrille verborgen gewesen war. Im klassisch-surrealen Stil eines Traums war er aus einem mit Wasser gef�llten Schrank gestiegen, wobei das Wasser folgerichtig eine stabile senkrechte Wand gebildet hatte, ein im wahrsten Sinne <emphasis>stehendes</emphasis> Gew�sser.</p><p>�Ostchinesisches Meer!�dachte ich jetzt und erinnerte mich an jenen Menschen, den ich so vollkommen aus meinem Ged�chtnis verbannt hatte. Keinen hatte ich mehr verdr�ngt als ihn. Ihn, dem ich h�chstwahrscheinlich inmitten eines abgest�rzten und versinkenden Flugzeugs seine Schwimmweste heruntergerissen hatte und der mich mit einer Klage bedroht hatte, um sich schlu�endlich im Zuge gl�cklich-ungl�cklicher Umst�nde den Sch�del einzuschlagen, ohne da� ich etwas daf�r konnte. Daf�r nicht. Allerdings hatte ich seinen Leichnam sicherheitshalber der See �bergeben, was ihn zwar nicht toter machte, als er schon gewesen war, aber den Hintergrund seines Ablebens doch sehr ver�nderte.</p><p>In dem Moment, da ich ihn von der Boje ins Wasser bef�rderte und die Wellen ihn davontrugen, hatten auch die Wellen in meinem Hirn diesen Mann entfernt. Und nun also war er in beiderlei Bedeutung des Wortes aufgetaucht, aus einem mit Wasser gef�llten Kleiderschrank.</p><p>Wenn er es denn wirklich gewesen war. Ich konnte mich ja nicht einmal an seinen Namen erinnern. Hatte ich seinen Namen �berhaupt je erfahren? Seinen richtigen Namen? Mir fiel jetzt ein, ihn seiner Erbschaft wegen den <emphasis>Zehn-Millionen-Mann</emphasis> getauft zu haben.</p><p>Die Frage war nun, ob das Auftreten des ehemaligen Milit�rtauchers, der nicht mehr dazu gekommen war, seine Millionen auszugeben, irgendeine Bedeutung besa� oder blo� einer Laune der Natur meiner Traumwelt zu verdanken war, gleich dem zuf�lligen Aufbl�ttern einer vom Wind bewegten Buchseite.</p><p>�Eine Laune der Natur�, bestimmte ich, weil mir eine noch so unangenehme Laune lieber war als ein guter Grund. In diesem Fall w�re ein guter Grund n�mlich zugleich ein schlechter gewesen.</p><p>Ich erhob mich und ging nach oben. Kerstin und Simon schliefen noch. Ich trat auf den Balkon und sah der Landschaft zu, wie sie st�ckweise � als drehte ein Spieler nach und nach seine Karten um � aus der Dunkelheit auftauchte. Es w�rde erneut ein herrlicher Sp�tsommertag werden.</p><p>Wir fr�hst�ckten im Freien, an dem gro�en h�lzernen Tisch. Clara aber fehlte.</p><p>�Kommt Ihre Frau sp�ter?�fragte ich Mercedes.</p><p>�Sie hat bis in der Fr�h ge�bt.�</p><p>Erst jetzt kam mir die Vorstellung, wie Clara beim Verlassen des Klavierzimmers �ber mich gestolpert sein mu�te. Wobei der Raum allerdings auch eine zweite T�r besa�. Ich konnte nur hoffen, da� sie durch diese gegangen war.</p><p>Mercedes sagte, da� seine Frau nie viel schlafe, und f�gte an:�Sie ist wohl zeitig am Morgen losmarschiert. Das kommt hin und wieder vor, da� sie zu einer Wanderung aufbricht, ohne mir etwas zu sagen. In der Regel l�uft sie hoch zur H�tte.�</p><p>�Herrje!�meinte ich.�Das ist ein langer Weg von hier.�</p><p>�Sie f�hrt mit dem ersten Bus bis ans Ende des Tals und marschiert dann hoch.�</p><p>Nun, das war genau die Strecke, die wir beim letzten Mal gegangen waren. Ich sagte:�Das ist immer noch ein langes St�ck.�</p><p>�Clara ist z�h�, meinte Mercedes.�Lassen Sie sich von ihrer Kettenraucherei und den zittrigen H�nden nicht t�uschen. Ihre Ausdauer ist beachtlich. Nicht blo�, wenn sie Bach spielt.�</p><p>In der Folge unterhielt sich Mercedes nur noch mit Kerstin. Sie redeten viel �ber Malerei. Offensichtlich hatte sie keine Scheu gehabt, ihm von ihrer Leidenschaft und verhinderten Profession zu berichten. Mercedes erwies sich als Kenner englischer Nachkriegsmalerei: Lucian Freud, Francis Bacon, Ben Nicholson, Graham Sutherland, solche Sachen. Er redete dar�ber, als h�tte er da �berall mitgemalt.</p><p>Simon wiederum hatte sich in gro�er Eile mehrere Brote mit Schokoladecreme in den Mund geschoben und hatte auf mein� Du sollst nicht so stopfen!�mit einem� Quadrant!�geantwortet, womit aber kaum der Abschnitt einer Ebene gemeint sein konnte. Jedenfalls behielt er sein E�tempo bei und war dann auch schnell verschwunden.</p><p>�Keine Sorge�, sagte Kerstin, die g�nstiger sa� als ich.�Er ist zu seiner kleinen Freundin gegangen.�</p><p>�Ich sorge mich nicht�, sagte ich.�Ich will nur an seinen Tischmanieren etwas �ndern.�</p><p>�In dem Alter i�t man halt so�, sagte sie,�weil das Essen einen nur abh�lt von den wichtigen Dingen. Das Essen ist ein Zeitfresser, wenn man neun Jahre alt ist.�</p><p>Nun, es mu� gesagt werden, da� auch Kerstin beim Essen eher zum Schlingen neigte. Was mir gar nicht gefiel. Die Art, wie sie a�, machte sie in diesen Momenten h��lich. Nicht, da� sie schmatzte oder r�lpste, so schlimm war es nicht. Aber man konnte den Eindruck bekommen, sie w�rde �ber das Verdauungssystem einer Schlange verf�gen und w�re also in der Lage, ganze Krokodile hinunterzuschlucken. Wenn ich dagegen daran dachte, wie Lana gegessen hatte�� wunderbar! Nicht etwa in der spatzenhaft pickenden Manier der Magers�chtigen oder M�chtegernmagers�chtigen, denn sie war ja weder das eine noch das andere gewesen, sondern so, da� jeder Bissen wie ein kleines Geschenk in ihren Mund wanderte. Und wenn sie kaute, dann in der Art, wie sie redete. Es war in beidem eine �berlegenheit gewesen.</p><p>Ich idealisierte sie, keine Frage.</p><p>Und hoffte inst�ndig, da� Lana niemals in meinen Tr�umen erscheinen w�rde. Sie war in meiner Erinnerung so viel besser aufgehoben.</p><p>Nach dem Fr�hst�ck legte sich Kerstin mit einem Buch zwischen die langbl�henden Rosen, so da� ich mit Mercedes allein war und ihn fragen konnte, was letzte Nacht geschehen war, ob ich in einem seiner Tr�ume erschienen war.</p><p>�Ich habe Sie gesehen, das stimmt�, sagte Mercedes,�aber nur kurz und aus der Ferne. Sie waren wirklich weit weg. Ich glaube, Sie sind vor einem Kleiderschrank oder so gestanden. Keine Ahnung, was das zu bedeuten hat. Ein Symbol nat�rlich. Aber ein Symbol wof�r?�� Danach kam jedenfalls Ihre Schwester und hat wie �blich von mir verlangt, da� ich mit ihr trainiere. Sie wird immer besser, sie ist richtig gut. Kaltes Blut, pr�ziser Wurf. Aber noch wichtiger ist, sie besitzt Intuition. Sie sp�rt, ob sich das Ziel bewegen wird oder nicht � und wenn, wohin. Sagen wir so: Ich m�chte nicht ihr Feind sein.�</p><p>�Nun, Sie sind ihr Lehrer.�</p><p>�Das schlie�t kaum eine Feindschaft aus, oder?�</p><p>Das stimmte.</p><p>�Und Sie?�fragte mich Mercedes.�Was war in Ihren Tr�umen los?�</p><p>�Keine Ahnung�, sagte ich.�Es gibt nichts, woran ich mich erinnern k�nnte.�</p><p>Ich verlor kein Wort �ber den Schrank und den Taucher und wie sehr dies eine Vermischung unserer beider Tr�ume nahelegte. Ich wollte abwarten. Wollte sehen, ob sich der Schranktraum wiederholte und ich mir sicher sein konnte, es wirklich mit dem Zehn-Millionen-Mann zu tun zu haben. Schwer genug, Mercedes zu erkl�ren, was damals im Ostchinesischen Meer geschehen war. In dieser alten Geschichte lagen die Schuld und die Unschuld so nahe beieinander, da� man leicht das eine f�r das andere halten konnte.</p><p>Es wurde ein ruhiger Tag. Kerstin mit ihrem Buch zwischen den Rosen. Simon mit dem M�dchen namens Sonja erneut am Stra�enrand auf Kunden wartend. Kunden, die an diesem Ort zwar selten kamen, aber wenn sie kamen, auch kauften. Ich selbst wiederum half Mercedes bei der Ausbesserung einer Scheunenwand. Doch so ruhig der Tag verging, er blieb es nicht. Denn als gegen Abend Clara Foresta nicht zur�ck war, wurde Mercedes nerv�s.</p><p>�Sie geht immer ohne Handy�, sagte er,�abgesehen davon, da� in dieser Gegend die Handys auch im Sommer gerne Winterschlaf halten.�</p><p>Ich meinte, er solle in der H�tte anrufen. Oder eine Mail senden.</p><p>Aber Mercedes scheute sich. Er sagte:�Clara mag nicht, wenn ich sie kontrolliere.�</p><p><image l:href="#12"/></p><p>�Sie machen sich Sorgen. Das mu� man verstehen�, erkl�rte ich, der ich ja selbst durchaus bewandert war im Sorgenmachen.</p><p>Aber Sorgen gingen halt oft in Kontrolle �ber. Das war wie mit der Schuld und Unschuld. Jedenfalls wartete Mercedes. Erst als es dunkel wurde, nahm er Kontakt zur H�tte auf.�� Clara war gut dort angekommen, aber noch um die Mittagszeit wieder aufgebrochen, nicht jedoch, um ins Tal zur�ckzukehren, sondern um das f�nf Stunden entfernte Tuxer Joch und das dortige Schutzhaus zu erreichen.</p><p>Sosehr Mercedes die Fitne� seiner Frau betont hatte, war ihm das nun doch zuviel. Er schimpfte in das Telefon hinein.�Von wo allerdings die Antwort kam, da� man auch Personen, die auf die Achtzig zugingen, nicht verbieten konnte, auf markierten Wanderwegen zu marschieren. Rauchend, zitternd, egal! Die Berge waren frei, und es gab dort wahrlich verr�cktere Leute als die r�stige und bestens ausger�stete Clara Foresta.</p><p>Mercedes versuchte nun, jene andere H�tte am Tuxer Joch zu erreichen. Telefonisch aber war dies zur Zeit nicht m�glich, und wohin auch immer seine Mail hinreiste, nicht den Berg hoch. Zudem war Mercedes kein Amateurfunker (Leute, die zur Not auch zu Mond und Mars eine Verbindung herzustellen verstanden).</p><p>�H�ren Sie, Herr Mercedes�, sagte ich und legte dem Mann eine Hand auf die Schulter,�Ihrer Frau geht es gut.�</p><p>Er betrachtete meine Hand wie einen an den R�ndern schwarz gewordenen Pfannkuchen und fragte:�Woher wollen Sie das wissen?�</p><p>Ja, woher?</p><p>Anstatt zu antworten, machte ich ein gleicherma�en wissendes wie zuversichtliches Gesicht, als bestehe <emphasis>zuerst</emphasis> ein Gesichtsausdruck und <emphasis>dann</emphasis> die Wirklichkeit, die sich an diesen Ausdruck anpa�t.</p><p>Was Mercedes aber nicht gen�gte, weshalb er die Bergrettung anrief und die Umst�nde bekanntgab. Die M�glichkeit, da� absolut alles in Ordnung war. Und die M�glichkeit des Gegenteils.</p><p>Auch in der folgenden Nacht konnte ich schlecht schlafen und wu�te am Morgen noch weniger, was in meinen Tr�umen geschehen war. Ich ging hinunter in die K�che und traf den Messerwerfer, der noch in der Nacht informiert worden war, da� seine Frau wohlbehalten am Tuxer-Joch-Haus angekommen war und dort Quartier bezogen hatte. Mercedes lie� sie freilich ausrichten, ihre Wanderung fortsetzen zu wollen. Wohin genau, sagte sie nicht.</p><p>�Sie macht das immer wieder�, erkl�rte er und strich Butter auf ein Brot,�und ich frage mich, was sie damit bezweckt. Will sie mir angst machen? Weil ich einmal gesagt habe, ich h�tte nie in meinem Leben Angst versp�rt. Um mich nicht und auch nicht um die Menschen, auf die ich meine Messer geworfen habe.�</p><p>Ich schlug Mercedes vor, ebenfalls in die Berge zu gehen. Zusammen mit Kerstin und Simon. Ich sagte:�So sch�n es hier unten im Tal auch ist, sp�rt man dennoch�� wie hei�t das? Na, da� der Berg ruft.�</p><p>Kerstin kam gerade herein, h�rte mich und �u�erte, wohl in Erinnerung an meinen <emphasis>Triumph des Willens:</emphasis>�Das klingt schon wieder so nazim��ig, mein Schatz.�</p><p>Ach ja, sie meinte diesen Film mit Luis Trenker.</p><p>Es war nun Mercedes, der behauptete:�Luis Trenker war eher ein typischer halber statt ein typischer ganzer Nazi. �Pr�ziser wurde er nicht. Jedenfalls gab er mir recht. Wir sollten das gute Wetter nutzen. Eine Nacht auf der H�tte w�rde auch dem Kind gefallen.</p><p>Vor allem aber, dachte ich, wollte er seiner Frau auf der Spur bleiben.</p></section><section><title><p><emphasis>30</emphasis></p></title><p>Mit Mercedes� japanischem Wagen fuhren wir nach Kasern und stiegen dort zur H�tte hoch. Simon war zuerst nicht wirklich begeistert gewesen, seinen Verkaufsstand und damit auch Sonja aufgeben zu m�ssen, aber ich erkl�rte ihm eindringlich, da� wir die Berge, die wir im Tal ja nur von fern sahen � in der Tat wie in einem Fernseher � , nun endlich wieder aus der N�he w�rden erleben k�nnen. Dort, wo die Felsen waren und der Himmel zum Greifen nah. Und immerhin w�rden wir am n�chsten Tag wieder zur�ck sein, und dann k�nnte er den ganzen Sonntag Nachmittag mit Sonja spielen.</p><p>Ebendiese Sonja stand daneben und meinte:�Wir spielen nicht, wir verkaufen. Und am Sonntag haben die Gesch�fte zu. Oder wu�ten Sie das nicht?�</p><p>Ich dachte mir:�Gott, du kleines, obergescheites Monster!�Und stellte mir den armen Mann vor, den diese vorlaute G�re einmal heiraten und welchen sie dann durch st�ndige Besserwisserei in den Wahnsinn treiben w�rde. Andererseits war deutlich zu sehen, wie sehr diese Sonja und mein Simon ein Herz und eine Seele waren und wie sehr sich die beiden blind verstanden und stumm kommunizierten. Ich war mir �brigens sicher, Simon dabei beobachtet zu haben, wie er ein Portr�t von ihr gezeichnet hatte. Ich hatte zu weit weg gestanden, um es hundertprozentig sagen zu k�nnen. Aber die Art, wie er sie betrachtet und sich sodann wieder �ber das Papier gebeugt hatte, dies in st�ndigem Wechsel, war unverkennbar gewesen. Der Maler und sein Modell. Ich h�tte die Skizze wirklich gerne gesehen, aber bezeichnenderweise wollte Simon mir diese Stelle seines Block nicht zeigen.</p><p>Ich war mir sicher, es hatte die kleine Sonja ziemlich beeindruckt, wie perfekt ihr neuer Freund es verstand, ihr Gesicht aufs Papier zu bringen. Jetzt abgesehen von der M�glichkeit, da� Simon auch die Kunst der Idealisierung beherrschte.</p><p>Bez�glich der Sonntagsfrage jedenfalls wu�te ich mir nicht anders zu helfen, als der jungen Dame zu erkl�ren:�Auch wenn die Gesch�fte geschlossen haben, kann es ein sch�ner Tag werden.�</p><p>�Pah!�meinte Miss Sonja und ging. Dabei streifte sie Simon und l�chelte ihn an�� Wie alt war sie? Sieben? Also, ich fand, es war ein ungemein keckes L�cheln. Die pure Verf�hrung. In ihrem L�cheln lag ein Versprechen f�r Dinge, von denen weder sie noch Simon eine Ahnung besa�en. Und doch war es ein Versprechen.</p><p>Mittags erreichten wir auf �ber 2300 Metern jene Schutzh�tte, die nur noch einige Tage ge�ffnet hatte, bevor der Oktober begann und man dort eine Herbstpause einlegte. Obgleich bei dem herrlichen Wetter der Herbst eher an ein leeres Versprechen erinnerte. Aber sagen wir mal so: Der Herbst in diesem Jahr w�rde sich als ziemlich raffiniert, hinterlistig und b�sartig erweisen.</p><p>Offensichtlich hatte Mercedes gedacht, man w�rde ihm auf der H�tte sagen k�nnen, welchen Weg seine Frau gew�hlt hatte. Was aber nicht der Fall war. Allerdings erreichte ihn nachmittags die Nachricht, Clara sei in der Lizumer H�tte angekommen.</p><p>Ich sagte:�Sehen Sie?�</p><p>�Was soll ich sehen?�</p><p>�Wie sich alles zum Guten wendet.�</p><p>�Also, besser w�re gewesen, wir h�tten Clara hier und jetzt getroffen. �Und f�gte noch an:�Wahrscheinlich meinen Sie auch, da�, wenn Ihre Schwester Astri das Messerwerfen bei mir lernt, etwas Gutes dabei herauskommt.�</p><p>�Eigentlich schon�, sagte ich. Wie auch sollte ich mir etwas Schlechtes bei Astri vorstellen?</p><p>Nach einem Besuch der Sommerbergalm und der R�ckkehr zur H�tte sowie einem ausgiebigen Abendessen gingen wir fr�h zu Bett. Diesmal schlief ich derart rasch ein, da� ich Kerstin noch reden h�rte, obgleich ich schon woanders war. Ja, ich h�rte sie fortgesetzt erz�hlen, aber so, als w�re eine Wand zwischen uns und die Stimme, die ich da vernahm, die einer Nachbarin, die ich noch nie zu Gesicht bekommen hatte.</p><p>Zu Gesicht hingegen bekam ich den Mann im Neoprenanzug. Es stand diesmal au�er Zweifel, um wen es sich handelte. Nachdem er erneut aus einem sich �ffnenden Kleiderschrank aufgetaucht war, stand er nun triefend vor mir und zog sich die Maske vom Gesicht � ein altes, ein sehr altes Gesicht, aber unverkennbar das des Mannes aus dem Flugzeug und der chinesischen Rettungsboje.</p><p>Ich war geistesgegenw�rtig genug, ihn sofort auf einen Widerspruch aufmerksam zu machen. Ich meinte:�Ist es denn nicht so, da� nur die, die jung oder zumindest mittelalt sterben, durch die Tr�ume der Lebenden wandern? Aber nicht die anderen, die schon alt genug sind, wenn der Tod sie ereilt. Das stimmt doch, oder?�</p><p>Der Zehn-Millionen-Mann antwortete mit einer Stimme, die klang, als rede er in ein Wasserglas hinein. Er sagte:�So alt war ich gar nicht, als Sie mich umbrachten.�</p><p>�Reden Sie keinen Quatsch�, wehrte ich mich.�Ich habe Sie nicht umgebracht. Seien Sie ehrlich, Sie wissen doch gar nicht genau, was damals geschah. Kein Toter erinnert sich so richtig, wie er starb. Nur ungef�hr. Soviel habe ich schon mitbekommen. Sie brauchen nicht zu versuchen, mich anzuschw�rzen.�</p><p>�Ich wei� noch sehr gut�, erregte sich die Wasserglasstimme,�wie Sie mir die Rettungsweste heruntergerissen haben.�</p><p>�Mag sein, aber davon sind Sie nicht gestorben.�</p><p>Der Zehn-Millionen-Mann pre�te die Lippen zusammen. Es war unverkennbar, wie absolut recht ich hatte. Der Mann besa� nur noch eine vage Erinnerung an das, was sich in der Boje zugetragen hatte. Zugleich sah ich seinen Ha�, seinen unbedingten Willen, mich f�r seinen Tod verantwortlich zu machen. Das war der Grund, weshalb er noch hier war. Nichts war so sehr imstande wie der Haߠ� eins der st�rksten Gef�hle bei den Lebenden wie den Toten � , gewisse Gesetze oder Regeln au�er Kraft zu setzen.</p><p>Der tote Greis h�tte sich l�ngst von der Erde entfernen m�ssen. Aber er war noch immer hier. Er meinte, eine Rechnung offen zu haben.</p><p>Ich sagte ihm:�Sie bilden sich das nur ein. Und gleich wie schlimm es f�r Sie auch sein mag, aber Sie haben umsonst so lange gewartet. Ihnen wird bei mir nicht die Gerechtigkeit widerfahren, die Sie sich erhofft haben. Auch wenn Sie sie vielleicht verdienen. Aber nicht hier, sondern woanders. Versprochen!�</p><p>�Das werden wir schon noch sehen�, sagte er. Seine Stimme war jetzt sehr schwach, und seine Gestalt l�ste sich auf. Es war, als h�tte ich eine gewisse Kontrolle �ber meinen Traum und damit auch �ber ihn. Das war mir neu. Der Zehn-Millionen-Mann konnte sich nicht halten. Er wurde durchsichtig, immer w��riger und fiel zur�ck in den Schrank.</p><p>Mein Gott, wenn das bei allen so funktionierte, die einen gerade nerven!</p><p>Als ich erwachte, war bereits der Tag im Zimmer und erleuchtete die Stube. Ich sah Simons Gesicht und Kerstins Gesicht, beide noch im Schlaf, und dachte mir:�Was f�r Engel!�</p><p>Drau�en vorm Haus traf ich Mercedes. Er stand auf einem Stein, sah �ber das Land und inhalierte eine Zigarette. Aus seinem Mund drang der Rauch hell und sauber. Ich sagte:�Guten Morgen.�</p><p>�Morgen, Herr Braun. Gut geschlafen?�</p><p>Diesmal erz�hlte ich ihm von dem Taucher, der aus dem Schrank kam.</p><p>�Aha�, meinte Mercedes,�ist das der gleiche Schrank, der auch in meinem gestrigen Traum war?�</p><p>�Sehr gut m�glich�, sagte ich.</p><p>�Und wer ist der Taucher? Kennen Sie ihn?�</p><p>�Jemand von fr�her.�</p><p>�Aus K�ln? Wie dieser Allesforscher, dem ich angeblich so �hnlich sehe?�</p><p>�Nein, nicht aus K�ln. Ich habe den Mann gewisserma�en auf dem Meer kennengelernt.�</p><p>�Nun, das ist ungew�hnlich, aber wieder nicht so ungew�hnlich, wenn es sich um einen Taucher handelt.�</p><p>Ich erkl�rte Mercedes, da� dieser Mann in meinem Traum annehme, ich sei sein M�rder.</p><p>�Und sind Sie es?�</p><p>�Nat�rlich nicht�, antwortete ich.</p><p>�Er glaubt es aber.�</p><p>�Er glaubt unbedingt daran. Es ist aber wie bei Astri. Er kann sich nicht wirklich an seinen Tod erinnern. Astri freilich gesteht sich das ein. Der alte Knabe nicht.�</p><p>�Und wieso kommt er immer aus einem Schrank?�fragte Mercedes.</p><p>�Ich denke, der Schrank ist so eine Art Portal. Oder vielleicht k�nnte man auch sagen: das Transportmittel des Tauchers durch die Tr�ume der Lebenden. Sein spezielles U-Boot.�</p><p>�Wenn ich uns zuh�re�, sagte Mercedes,�k�nnte man meinen, wir h�tten den Verstand verloren.�</p><p>�Die Idee kam mir auch schon. Doch am eigenen Verstand zu zweifeln l�st nicht wirklich ein Problem. Au�erdem zweifle ich eher am Verstand von diesem Taucher.�</p><p>Nun, dies war ohnehin der �bliche Weg: am Verstand von jemand anderem zu zweifeln.</p><p>Es war nun Mercedes, der das Thema wechselte. Er sagte, er m�sse mich bitten, den R�ckweg ins Tal, hinunter nach Kasern, zur�ck zum geparkten Wagen, ohne ihn anzutreten. Er selbst wolle in den Bergen bleiben und sich weiter auf die Suche nach seiner Frau machen. Er erkl�rte mir:�Ich nehme an, Clara ist hin�ber zum Glungezer marschiert. Ihrem Lieblingsberg. Sie ist dort mit einer H�ttenwirtin befreundet. Ich war nie da. Aber ich denke, es ist jetzt an der Zeit. Verzeihen Sie mir.�</p><p>Er wollte mir die Schl�ssel geben, den f�r den Wagen und den f�rs Haus.</p><p>Ich entgegnete aber, ich wolle das erst mit Kerstin besprechen. Und das tat ich dann auch. Ich sagte ihr, ich w�rde Mercedes gerne begleiten. Es w�re nicht richtig, ihn allein gehen zu lassen. Und dann f�gte ich an, Kerstin k�nne zusammen mit Simon und einer Gruppe anderer Wanderer demn�chst ins Tal hinuntersteigen und mit dem Wagen zur�ck zu Mercedes� Haus fahren, zur�ck ins Valsertal. Ich erkl�rte ihr, ich f�nde es gut, wenn sie, Kerstin, auch einmal mit Simon allein sei.</p><p>�Prinzipiell hast du recht�, meinte Kerstin.�Aber ich denke, in diesem Fall sollten wir zusammenbleiben. Das sollte man immer in den Bergen. Es war schon ein Fehler, als ihr ohne mich zu dem Stollen marschiert seid.�</p><p>Nun, es war schwer zu sagen, wie sich die Sache auf der Alpeiner Scharte entwickelt h�tte, w�re Kerstin dabeigewesen. Jedenfalls beharrte sie darauf, sich diesmal nicht zu trennen. Ich denke, es war ihr nicht weniger wichtig als mir, Mercedes weiter zu begleiten, ihn nicht allein zu lassen. Dennoch wollte sie von mir wissen:�Bist du ihm was schuldig, dem Herrn Messerwerfer?�</p><p>Was konnte man dazu sagen?</p><p>Nat�rlich hatte ich nicht vergessen, wie er mich im Traum � mich und Kerstin und letztlich auch Simon � gerettet hatte, indem er zwei M�nnern mit einem sauberen Schnitt die Gurgel durchtrennt hatte.</p><p>Zu Kerstin allerdings sagte ich:�Es w�re einfach zu fr�h, um wieder runterzugehen. Wir wollen doch lieber eine richtige Wanderung machen, oder? Nicht nur so einfach in den Bergen vorbeischauen.�</p><p>�F�r einen Mann mit H�henangst bist du wirklich unglaublich.�</p><p>�Ich bin gerne unglaublich�, sagte ich, ohne daran zu erinnern, da� sie selbst ja auch einmal behauptet hatte, mit der H�he auf Kriegsfu� zu stehen. Aber das war vielleicht eher eine Koketterie gewesen.</p><p>Kerstin l�chelte schief und fragte:�Haben wir �berhaupt soviel Zeit?�</p><p>�Zur Not�, meinte ich,�h�ngen wir noch einen Tag an. Das geht schon.�</p><p>�Du mu�t es wissen. Du bist der Vater, und du bist der Bademeister.�</p><p>Da hatte sie recht. Am ehesten war zu bedenken, da� Simon auf diese Weise nicht zum geplanten Zeitpunkt zu Sonja zur�ckkehren konnte. Andererseits gab es nun mal Dinge, die ich einfach entschied. Nicht, ohne sie ihm zu erkl�ren, mitunter allerdings zweifelnd, ob Simon meine Erkl�rungen auf irgendeine Weise verstand. Wie jedes andere Kind auch konnte er eingeschnappt oder bockig oder traurig sein. Was wiederum nicht zu bedeuten brauchte, er h�tte mich nicht verstanden.</p><p>Als wir jedoch nach einem sp�ten Fr�hst�ck aufbrachen und nicht wieder hinunter ins Tal gingen, sondern gegen Norden hin marschierten, mit dem Ziel, die Lizumer H�tte zu erreichen, schien Simon einzig und allein im Zustand des Vergn�gens. Vielleicht, weil er nicht begriff, was geschah, vielleicht, weil es ihn nicht st�rte, was geschah.</p><p>Nat�rlich h�tte sich auch angeboten, die Reise mit dem Auto zu machen, die Fahrt �ber die T�ler w�hlend, nach Innsbruck und von dort nach Tulfes, um mittels Sessellift auf jenen Berg zu gelangen, auf den sich Clara Foresta vermutlich soeben zubewegte. Doch f�r Mercedes war es wichtig, quasi den Fu�stapfen seiner Frau zu folgen und den gleichen Weg zu nehmen, von dem er dachte, auch sie h�tte ihn genommen. Zudem war zu bedenken, da�, wenn ihr etwas geschehen war oder sie auch nur eine l�ngere Pause einlegte, wir sie eher fanden, wenn wir hier oben blieben.</p><p>F�r mich und Kerstin und Simon war das Ganze einfach ein Abenteuer, ein b�rgerliches Abenteuer: gut ausger�stet, auf markiertem Weg, bei bestem Wetter � ein Tiroler Abenteuer. Wie aus der Brosch�re. Das Weltall schien so greifbar, da� man das Gef�hl hatte, von s�mtlichen Satelliten beobachtet zu werden, den meteorologischen wie den nachrichtendienstlichen. Was nicht st�rte. Eher f�hlte es sich wie eine Begleitung an. Und es wunderte mich darum gar nicht, da� Simon mehrmals freundlich nach oben winkte (w�hrend ja in Filmen immer nur ein Stinkefinger himmelw�rts gerichtet wird, um auf diese Weise die Amerikaner zu �rgern).</p><p>W�hrend in der ersten Tagesh�lfte noch ein leichter Dunst �ber den tiefen und hohen Landschaften gelegen hatte, wurde am Nachmittag der Himmel so klar und rein, als h�tte der liebe Gott sich von Picasso inspirieren lassen und heute seine eigene <emphasis>Blaue Periode</emphasis>. Und um beim Kunstvergleich zu bleiben: Die aufsteigende und niedersinkende Sonne wirkte in diesem Zusammenhang wie eine bewegliche Signatur, welche die Unverwechselbarkeit dieses einen Weltenlenkers bewies und das Original als solches best�tigte.</p><p>Freilich h�tte der Allesforscher � mein alter Freund in K�ln � darauf verwiesen, da� man ohne eine dementsprechende� Kartei �auch von einem Fingerabdruck auf keine bestimmte Person, kein bestimmtes Gesicht schlie�en k�nne. Selbst eine noch so sch�ne und kr�ftige und lebenspendende Sonne �nderte nichts daran, da� Gott im Grunde unsichtbar blieb. Einzig durch einen Abdruck pr�sent. Wie bei diesen Gespenstern, bei denen man allein die feuchte Fu�spur sieht, wenn sie aus der Dusche treten.</p><p>Und noch eines h�tte Little Face zu bedenken gegeben, da� n�mlich nicht nur Bilder gef�lscht wurden, sondern auch Signaturen, und es hin und wieder sogar geschah, da� ein K�nstler seine eigenen Werke kopierte. Was also, wenn diese Welt zwar tats�chlich von Gott stammte, aber trotzdem eine F�lschung war? Und dies der insgeheime Grund daf�r, wie ungl�cklich viele von uns wurden, sobald sie anfingen nachzudenken.</p><p>Aber nat�rlich kann das Leben auch in einer F�lschung Spa� machen. Bei solchem Wetter!</p><p>W�hrend der zweiten Tagesh�lfte hielt die Blaue Periode an, und der Wind f�hrte trotz beachtlicher H�he eine lauwarme Luft an unsere Haut. Sie streichelte uns richtiggehend. Allerdings wurden wir beim Gehen deutlich langsamer. Kerstin tat ihr linkes Bein weh, und wir waren gezwungen, immer wieder eine Pause einzulegen. Ich sah die Tr�nen in ihren Augen. Aus �rger? Oder der Schmerzen wegen? Wahrscheinlich sowohl als auch. Da n�tzte selbst die Creme nichts, die Mercedes ihr auf den Schenkel schmierte. Jedenfalls waren wir noch weit von unserer Zielh�tte entfernt, als die Sonne hinter dem Horizont verschwand und die Blaue Periode in die Rosa Periode �berging.</p><p>Aber ohnehin hatten wir �berlegt, im Freien zu kampieren. Wir stellten zwei Zelte auf, ein kleines f�r Mercedes und ein gr��eres f�r mich und meine Familie. Es ging wirklich schnell. Wir hatten auf der Fahrt hierher, auf einem der Parkpl�tze, ein bi�chen ge�bt. Es war eine gute Stelle, windgesch�tzt, seitlich eines Felsens, aber mit bestem Blick. Und als die Nacht kam, kamen auch die Sterne, die ja immer da sind. Und dennoch hat man das Gef�hl, als w�rden sie praktisch <emphasis>angedreht</emphasis> werden. Der Himmel aus und die Sterne an! Wobei man hier oben nat�rlich einen besonderen Blick besa�, dank wolkenlosem und vergleichsweise unverdrecktem Firmament. Man konnte das breite Band der Milchstra�e sehen, die Galaxie, in der man selbst steckte, benannt nach einem Schokoladeriegel. (Zumindest hatte ich das als Kind geglaubt und war darin best�rkt worden, als ich erfuhr, da� dieser Riegel von einem gewissen Frank C. Mars erfunden worden war, der sich wiederum von einem Milchshake hatte inspirieren lassen. Ich hatte mir gedacht:�Wenn jemand schon so hei�t! Das kann nie und nimmer ein Zufall sein.�)</p><p>Alle vier sa�en wir eingeh�llt in unsere Schlafs�cke im Freien, etwas abseits des Lagerfeuers, um die dichte Schar der Sterne zu betrachten.</p><p>�Wir werden morgen noch vor der Lizumer H�tte abzweigen�, erkl�rte Mercedes.�Und direkt zum Glungezer marschieren. Beziehungsweise zur Tulfeinalm.�</p><p>Selbige lag n�rdlich des Gipfels, und an diesem Ort war auch die Wirtschaft, die Clara Foresta des �fteren aufzusuchen pflegte.</p><p>�Was ist dort so besonders?�fragte ich.</p><p>�Es ist eine Frauenwirtschaft�, erkl�rte Mercedes.</p><p>�Na, es kommt schon mal vor�, meinte ich,�da� H�tten und Wirtsh�user von Frauen gef�hrt werden���</p><p>�Die Verh�ltnisse dort sollen schon eher einem Matriarchat �hneln�, sagte Mercedes.</p><p>Ich erkannte jetzt die Klinge seines Messers, welches er auf Brusth�he hielt. Auf dem glatten Stahl spiegelten sich die Sterne. Erneut mu�te ich daran denken, wie er die beiden M�nner get�tet hatte, die Kerstin hatten mitnehmen wollen. Wie perfekt das gewesen war. Messerscharf in jeder Hinsicht. So, wie vielleicht ein Engel oder Heiliger t�ten w�rde, m��te er.</p><p>Nachdem wir lange genug auf den heimatlichen Sternhaufen geschaut hatten, kehrten wir zu unserem Feuer zur�ck und rieben unsere H�nde an der W�rme.</p><p>Sp�ter dann, im Zelt, lag Simon zwischen mir und Kerstin. Wir waren jetzt auch eine Art von Milky-Way-Riegel: zwei dicke Schichten Schokolade und in der Mitte ein schlankes Band wei�licher Creme.</p><p>Ich sagte:�Kafka-loh!�</p><p>Das war Simons Begriff f�r� Gute Nacht!�Ich sprach es ein klein wenig anders aus als er, gewisserma�en mit einem deutschen Akzent und im Bewu�tsein, dabei an einen bestimmten Schriftsteller von weitreichender Bedeutung zu erinnern.</p><p>Kerstin beschied sich mit einem:�S��e Tr�ume, ihr zwei Schlafschweinchen. �Auch nicht schlecht.</p></section><section><title><p><emphasis>31</emphasis></p></title><p>Auch in dieser Nacht begegnete ich im Traum dem bereits vertrauten Kleiderschrank. Ich sah ihn von fern und war entschlossen, einen gro�en Bogen um das Ding zu machen. Aber je mehr ich mich um ein Ausweichen bem�hte, desto n�her geriet ich an das Objekt. Was f�r einen Traum ja ganz normal war, diese Aufhebung allgemeiner Gesetze zugunsten spezieller.</p><p>Dies begreifend, gab ich es auf zu fl�chten und setzte meine Kraft nun ein, auf den Schrank zuzurennen. Dieser war bereits offen, und ich konnte die Gestalt im Taucheranzug erkennen, allerdings auch die Spitze einer�� nun, es mu�te sich um eine Harpune handeln.</p><p>Die Waffe bemerkend, sp�rte ich sofort den Impuls, jetzt doch einen� gro�en Bogen �zu beschreiben, ri� mich aber zusammen und versuchte weiter, mich dem Schrank zu n�hern.</p><p>Mein Plan ging auf. Ich �berlistete den Traum. Indem ich bem�ht war, mich auf die Bedrohung einzulassen, geriet ich ebenso rasch von ihr fort. Ich meinte noch den w�tenden Ruf des Zehn-Millionen-Manns zu h�ren, aber da hatte ich mich schon so weit entfernt, da� ich kaum noch das M�belst�ck, geschweige denn den daraus hervortretenden Taucher erkennen konnte.</p><p>Es war geschafft!</p><p>Die Tr�ume, die jetzt noch folgten, blieben schrank- und taucher- und im Grunde bedeutungslos. Es waren allein Ornamente, die dominierten. Dazu pa�te, da� ich im letzten Traum an einen Ort geriet, der mich an Wien erinnerte, wo ich ja einmal zur Fortbildung gewesen war. �berall lagen kleine St�cke von Hundekot herum, aber nicht eklig, eher vergoldet, als seien s�mtliche Hunde Jugendstilk�nstler. Klimt auf vier Beinen.</p><p>Als ich erwachte, in meinem Zelt erwachte, stammelte ich:�Was�� wollte er mit der Harpune?�</p><p>�Welche � Harpune?�stammelte Kerstin zur�ck und betrachtete mich mit ganz kleinen verschlafenen Augen.</p><p>�Ach, ich�� nun, er war immerhin Berufstaucher und���</p><p>�Wer war Berufstaucher?�</p><p>Ich richtete mich etwas auf. Zwischen uns lag Simon. Ich konnte ihn riechen. Er roch so frisch.</p><p>Doch es war jetzt weniger dieser Geruch, der mich besch�ftigte, und auch die Frage nicht weiter, wieso der Zehn-Millionen-Mann diesmal neben Maske und Anzug �ber eine Harpune verf�gt hatte, sondern vielmehr der Umstand eines heftigen Ger�usches von au�erhalb des Zeltes. Es st�rmte. Nicht nur das. Denn obgleich ich es noch nicht sehen konnte, ahnte ich bereits, wie heftig drau�en der Schnee fiel.</p><p>Schnee, der sogleich eindrang, als ich den Zippverschlu� �ffnete. Das waren mehr als ein paar verirrte Flocken. Ich griff mit der Hand ins Freie und tauchte sie in die W�chte, die sich vor dem Zelt angeh�uft hatte. Der Schnee war weich und auf eine gewisse Weise sogar <emphasis>trocken</emphasis> zu nennen. Einen Moment lang dachte ich, er stamme aus der Produktion einer zur Probe aktivierten Schneekanone. Aber Kitzb�hel war weit weg.</p><p>Im Geflirre des Schneegest�bers sah ich Mercedes n�her kommen, der jetzt nat�rlich seinen Anorak trug. Er kniete sich zu mir herunter und sagte:�Das ist dumm, meine Lieben.�</p><p>�Absolut.�</p><p>�Jedenfalls m�ssen wir warten, bis es vorbeigeht.�</p><p>�Gerne�, sagte ich.</p><p>�Packen Sie sich da drinnen warm ein�, empfahl er.</p><p>Ich fragte ihn:�Wollen Sie nicht zu uns kommen?�</p><p>�Danke, das ist freundlich. Aber dann wird es zu eng. Da pa�t maximal noch ein zweiter Simon hinein.�</p><p>Meine G�te ja, es stimmte, im Grunde h�tte ich noch einmal Vater werden k�nnen. Diesmal leiblicher. Allerdings nicht mit Kerstin als Mutter. Doch eine andere kam f�r mich nicht in Frage. Ohnehin f�hlte ich mich in meiner Rolle so ungemein komplett. Es fiel mir schwer, mir neben Simon ein zweites Kind vorzustellen.</p><p>Ich sah Mercedes hinterher, wie er in seinem Zelt verschwand. Mir war klar, wie sehr er sich gerade jetzt nach seiner Frau sehnte. Ich dachte mir:�Na, immerhin hat er sein Messer.�</p><p>Und sprach es auch noch laut aus.</p><p>Kerstin h�rte mich und sagte:�He, hast du dich schon mal an ein Messer gekuschelt?�</p><p>Als verlange diese Frage ernsthaft eine Antwort, sagte ich:�Nein, aber ich hatte als Kind ein Holzschwert, das habe ich immer mit ins Bett genommen. Egal, wie sehr sich meine Eltern aufgeregt haben, weil die gemeint haben, mit einer Waffe schl�ft man nicht.�</p><p>�Das klingt jetzt, als h�tten sie Angst gehabt, du k�nntest mit dem Ding onanieren.�</p><p>�He, Vorsicht�, sagte ich und blickte zu Simon, von dem ich ja nie wu�te, was er verstand und was nicht. Dann meinte ich:�Entscheidend war, da� ich immer das Gef�hl hatte, mit dem Schwert sei ich sicher.�</p><p>Meine G�te, wo war dieses Schwert wohl hingekommen? Lag es noch bei meinen Eltern? Dort in K�ln? Ich wu�te es nicht.</p><p>Ich kroch zur�ck in meinen offenen Schlafsack und bildete mit Kerstin und Simon eine erneute Milchstra�enverbindung.</p><p>Es war �brigens nicht so, da� wir uns beim Aufbruch am Vortag nicht �ber das m�gliche Wetter informiert hatten. Doch einen solchen Umschwung hatte niemand prophezeit, auch nicht das Internet, wo gerne und viel gewarnt wird. Aber nicht vor diesem Schnee, der auf einen der sch�nsten denkbaren Sp�tsommer folgte.</p><p>Da war er nun, der raffinierte Herbst, einer, der sich zuerst als Sommer verkleidet hatte und jetzt als Winter.</p><p>Als wir aus einem Wechsel von Schlafen und D�sen und zeitweiligem halbbewu�ten Gebl�del, in das Simon sich einf�gte, endlich so richtig wach wurden, war es Mittag. Und es war drau�en sehr viel leiser geworden. Sonnenstrahlen brannten auf das Zelt und trugen die gr�ne Farbe der H�lle ins Innere.</p><p>Als ich aus dem Zelt schl�pfte, sah ich ein letztes St�ck der Wolkenfront Richtung Italien verschwinden. Die Blaue Periode war zur�ckgekehrt, aber warm war es nicht mehr geworden. Die Berge wei�, damit leider auch der markierte Wanderweg. Dennoch mahnte Mercedes zum sofortigen Aufbruch. Die Gunst der Stunde war zu nutzen, und zu hoffen, es w�rde eine lange Stunde sein.</p><p>Ein Gl�ck war auch, da� es Kerstin mit ihrem wehen Bein schon sehr viel besserging, obgleich es nicht einfach war, auf der nachgebenden Schneedecke zu marschieren. Simon freilich bewegte sich mit der Fr�hlichkeit und Leichtigkeit eines jungen Hundes. Mercedes wiederum wu�te auch im Schnee, wohin es ging. Ich meinerseits trug das schwerste Gep�ck. Meine St�rke war mein R�cken.</p><p>So gut wir auch vorw�rts kamen, den Glungezer erreichten wir an diesem Tag nicht mehr, sondern schlugen zwei Berge vor dem Ziel unser Lager auf. Zelt und Lagerfeuer und Bohnensuppe.</p><p>W�hrend Mercedes mit Simon in der Suppe r�hrte und sie darauf achteten, da� das Feuer nicht ausging, stand ich mit Kerstin ein wenig abseits, und wir blickten auf den sich verdunkelnden Himmel. Ein Himmel frei von Flugzeugen. Offensichtlich hatte der Wintereinbruch auch seine Auswirkungen auf den Flugraum. Es war, als w�rden in Hitchcocks <emphasis>Die V�gel</emphasis> pl�tzlich die V�gel fehlen. Darum auch meinte Kerstin:�Ein Himmel so ganz ohne Kondensstreifen wirkt fast unnat�rlich. Ich sage jetzt nicht, da� ich die Luftverschmutzung gut finde, aber�� ich meine, wenn in einem Gesicht, welches dir vertraut ist, pl�tzlich die Nase fehlt, bist du auch verunsichert.�</p><p>�Du �bertreibst�, sagte ich,�einen Himmel ohne Flugzeuge kann man ganz gut aushalten.�</p><p>Aber Kerstin beharrte darauf, da� es sie traurig mache, diesen auf eine gewisse Weise <emphasis>leeren</emphasis> Himmel zu betrachten. Menschenleer, um genau zu sein. War doch jedes Flugzeug nichts anderes als ein fliegendes Haus mit Leuten drin.</p><p>Ich fragte sie:�Sag, kann es sein, da� du vergi�t, da� ich mal abgest�rzt bin?�</p><p>�Ja, was?�entgegnete sie.�Und jetzt findest du, es w�re besser, wenn nie wieder ein Flugzeug aufsteigt?�</p><p>�Gott, Kerstin, wir reden manchmal aneinander vorbei. Weil, so habe ich das wirklich nicht gemeint.�</p><p>�Und wie hast du�s gemeint?�fragte sie und zog mit dem Finger eine Spur durch die Luft, als kratze sie einen wei�en Strich in den nachtblauen Himmel. Worauf ich meinte:�Gut so, mach dir deinen eigenen Kondensstreifen.�</p><p>Ich nahm sie in den Arm. Es war schon komisch zwischen uns. So wirklich gut verstanden wir uns nicht, andererseits��</p><p>Ich wu�te, da� sie meine letzte Frau sein w�rde. Egal, wie lange mein Leben noch dauerte.</p></section><section><title><p><emphasis>32</emphasis></p></title><p>Wenn ich fr�her als Kind hochgesehen hatte zu einer vorbeiziehenden Wolke, ihre Form feststellend, ihre �hnlichkeit mit Tieren und Menschen und Gegenst�nden, mitunter sogar mit W�rtern, hatte ich mich oft gefragt, ob ich genau diese eine Wolke sp�ter noch einmal erblicken w�rde. Dann, wenn sie die Erde umrundet hatte und ein g�tiger Wind es unternahm, sie wieder genau an die Stelle hinzublasen, wo ich lebte. Nat�rlich war mir klar, da� ich dann auch im richtigen Moment drau�en sein mu�te, um nach oben zu schauen. Ich wu�te bereits, was das Wort� Timing �bedeutet.</p><p>Zugleich hatte ich die M�glichkeit bedacht, so eine spezielle Wolke k�nnte auf halber Strecke umdrehen, eine scharfe Kurve beschreiben und denselben Weg zur�ck nehmen. Um dann freilich schneller zu sein als bei einer Weltumseglung.</p><p>Wie auch immer, es war mir mehrmals so vorgekommen, als k�nnte ich eine bestimmte Wolke wiedererkennen, selbst wenn ihre Gestalt sich gewandelt hatte. Denn so gescheit war ich auch zu wissen, da� Wolken w�hrend ihrer langen Wanderungen sich ver�nderten, wie auch ich selbst mich ver�nderte.�� Gott, bist du gro� geworden, sagten die Leute. Oder: Ich h�tte dich gar nicht erkannt. Oder: Mit den kurzen Haaren schaust du jetzt wie ein richtiger Bub aus.�� Ja, manchmal waren die Wolken gewachsen, oder aber sie hatten Kurzhaarschnitte bekommen. Und trotzdem war ich mir sicher gewesen, die eine oder andere schon einmal gesehen zu haben.</p><p>Als ich am n�chsten Morgen in unserem Zelt erwachte � ohne Erinnerung an Schr�nke oder vergoldete Exkremente�� und bemerkte, wie der Wind gegen die Plane peitschte, dachte ich mir, da� dieselbe Wolkenfront, die uns am Vortag zu schaffen gemacht hatte und die nach Italien abgezogen war, aus Italien zur�ckgekehrt war � wie nach einem sehr kurzen, entt�uschenden Urlaub � , um nun erneut in den Tuxer Alpen ein vitales Schneetreiben zu veranstalten.</p><p>Und genau das war der Fall. Durch die alpine Waschk�che zog ein wildes Heer von Flocken.</p><p>Dennoch entschied Mercedes, da� wir uns auf den Weg machen sollten. Er meinte, wir seien nahe genug am Ziel. Zur Not m�sse man eben unterwegs ein neues Lager aufschlagen.</p><p>Wir gingen los, in den fr�hen Winter hinein.</p><p>Einmal sagte ich zu Kerstin, wobei ich aber zu Simon schaute:�Ein Pferd f�r eine Skibrille.�</p><p>�Eigentlich hei�t es <emphasis>ein K�nigreich</emphasis>�, verbesserte mich Kerstin und meinte dann:�Erinnerst du dich, ich hab gleich gewu�t, da� der Junge das Richtige tut.�</p><p>Stimmt. Genau so war es gewesen.</p><p>Immerhin, wir hatten alle gute Schuhe und feste Jacken und Creme im Gesicht und hei�en Tee im Magen und marschierten nun hinter dem Messerwerfer wie hinter einer Entenmutter her. Mercedes wirkte jetzt wieder ungleich gr��er, als er tats�chlich war, ganz im Stile des Allesforschers.</p><p>In unseres F�hrers Windschatten gelangten wir �ber Kreuzj�chl und Gamslahner (nicht, da� ich in diesem Moment wu�te, wie sie hie�en, die Berge, die so gut wie unsichtbar im Schneesturm steckten) und h�tten nun eigentlich die Glungezerh�tte erreichen m�ssen und damit auch eine Unterkunft, die wir bei diesem Wetter dringend n�tig hatten.</p><p>Ich kann wirklich nicht sagen, ob Mercedes uns so geschickt an der H�tte vorbeilotste, da� wir sie nicht zu Gesicht bekamen, oder wir alle im Schneegest�ber gar nicht bemerkten, knapp daran vorbeimarschiert zu sein. Keine Frage, da� Mercedes so rasch als m�glich zu seiner Frau wollte, die er ja auf der anderen Seite des Berges vermutete, in der tiefer gelegenen Almh�tte.</p><p>Wie auch immer, wir verfehlten die Glungezerh�tte.</p><p>(Mir ist klar, wie viele Leute jetzt den Kopf sch�tteln wegen der Nachl�ssigkeit, mit der ich meinen Sohn in eine solche Situation gebracht hatte. Aber ich war immerhin bei ihm und mit ihm. Andere setzen ihre Kinder vor den Fernseher oder den Computer und stellen Schalen mit Chips hin oder dr�cken ihnen Geld in die Hand und sagen� Geh ins Kino!�und behaupten, damit die Unabh�ngigkeit ihrer Spr��linge zu f�rdern. Jede Abschiebung, vom Kindergarten an, wird heutzutage von einem Selbst�ndigkeitstheater begleitet.)</p><p>Wir gerieten infolge unserer H�ttenverfehlung alsbald an einen steilen Abhang, wobei an manchen Stellen der Weg fast frei lag, blank geputzt vom Wind. Was sich wieder �nderte, als es flacher wurde. Nun sanken wir bis zu den Knien ein.</p><p>Einmal rief ich nach vorn zu Mercedes und erkundigte mich, ob wir noch auf dem richtigen Weg seien.</p><p>�Sehen Sie hier einen Weg?�br�llte er zur�ck.�Aber die Richtung stimmt, keine Angst.�</p><p>Das hoffte ich sehr. Ich war jetzt wirklich ersch�pft, Kerstin ebenso, und selbst Simon wirkte m�de. Meine Finger schmerzten in einer Weise, als w�rden sich zehn kleine Nager an meine Kuppen klammern und verbissen saugen. In die Schuhe waren trotz Gore-Tex die K�lte und die Feuchte eingezogen. Ich h�tte mich gerne in den Schnee gesetzt, anstatt mit jedem Schritt einzubrechen. Aber Mercedes trieb uns weiter an. Eine Entenmutter war eine Entenmutter.</p><p>Es wurde zusehends dunkler. Dabei war es erst zwei Uhr. Wenigstens auf den Uhren.</p><p>�Ich kann nicht mehr�, dachte ich und formte auf meinen Lippen den gleichen Satz, der dort aber augenblicklich eine gefrorene Form bildete.</p><p>Mir war jetzt, als w�rden sich meine Knochen aufl�sen, br�selig werden, als wollten sie sich letztendlich in einen tiefgek�hlten Br�hw�rfel verwandeln. Mit einem Br�hw�rfel kann man nicht gehen. Folgerichtig st�rzte ich.</p><p>Es gibt da diesen Spruch: <emphasis>Und wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her.</emphasis></p><p>Erb�rmlich und kitschig. Aber mitunter richtig. Man wird gleich sehen, warum ich das sage.</p><p>Ich st�rzte also, tauchte ein in das wei�e Pulver, mit dem Kopf voran, tauchte so vollst�ndig in die lockere Masse von Schnee. Ganz Schneemann.</p><p>Und wenn sich nun ein anderer erb�rmlicher und kitschiger Satz anbot, dann sicherlich der, man k�nne nicht tiefer fallen als in Gottes Hand.</p><p>Ich blieb liegen. Wollte nicht mehr aufstehen. Sp�rte nun aber eine Hand auf meinem R�cken. Simons Hand, keine Frage, obgleich sie ja in dicken Handschuhen steckte, doch ich meinte ganz deutlich ihre Form zu erkennen, die schmalen Finger, mit denen er sich so gekonnt an winzigen Vorspr�ngen festzuhalten verstand: einen Cliffhanger an den anderen reihend.</p><p><emphasis>� nicht tiefer fallen als in Gottes Hand</emphasis>. In ganz �hnlicher Weise f�hlte sich Simons Hand an, auch wenn sie nicht <emphasis>unter</emphasis> mir, sondern <emphasis>auf</emphasis> mir lag. Aber im Universum gibt es ja kein wirkliches Oben und Unten.</p><p>Mich im Banne von Simons kleiner, g�ttlicher Hand wissend, spannte ich meinen K�rper an, tauchte mit dem Kopf hoch und��</p><p>�Dort!�br�llte ich.</p><p>Zwischen mehreren Tannen, die von der Last des Schnees geradezu fett wirkten, erkannte ich einen Lichtschein. Welchen ich gar nicht h�tte sehen k�nnen, w�re ich nicht genau in der liegenden Position gewesen, in die mein Sturz mich bef�rdert hatte. Denn als ich mich nun wieder ganz aufrichtete, verschwand der gelbliche Lichtschein aus meinem Gesichtsfeld.</p><p>Ohne diesen Sturz w�ren wir an der H�tte vorbeimarschiert. Und das ist der Punkt, will man den Satz <emphasis>Und wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her</emphasis> ernst nehmen. Man mu� vorher st�rzen!</p><p>�Mannomann!�sagte Mercedes und vollzog eine Rechtskurve, die uns an die H�tte heranf�hrte. Aus den Fenstern str�mte Licht, ungemein einladend, weihnachtlich.</p><p>Doch f�r einen kleinen Moment � in dem ich mir nicht sicher war, ob das hier nicht etwa ein Traum war und diese H�tte das Gefahrenpotential eines Kleiderschranks und einer daraus hervorgehenden Harpune besaߠ� hielt ich inne. Ich fragte mich allen Ernstes, ob wir in eine Falle gingen. Mu�te mich allerdings auch fragen, inwieweit es �berhaupt eine Alternative gab. Inmitten dieses Schneetreibens. Noch dazu f�r jemanden, der �berzeugt war, da� alles geschah, wie es geschehen mu�te.</p><p>Wir waren wirklich am Ende unserer Kr�fte und mu�ten froh sein, wenn wir nicht in den n�chsten Tagen mit unseren Namen (und zu jedem Namen das Alter in der Klammer) in den Zeitungen stehen w�rden.</p><p>�Was ist denn los? Komm doch endlich!�Es war Kerstin, sie griff nach Simons Hand. Welcher sich aber str�ubte und zu mir zur�cksah. Kerstin wiederholte:�Meine G�te, Sixten, ich will hier nicht erfrieren.�</p><p>�Ach was denn, wirklich?�Und dachte mir:�Du bl�de Kuh!�</p><p>Ja, sosehr ich sie liebte, dachte ich das manchmal.</p><p>Sodann aber l�ste ich mich aus meiner Starre und war rasch auf einer H�he mit ihr und Simon.</p><p>Zu dritt erreichten wir Mercedes, und zu viert traten wir in die H�tte.</p></section><section><title><p><emphasis>33</emphasis></p></title><p>Wenn es in einem Filmtitel Fellinis hei�t <emphasis>Stadt der Frauen</emphasis>, dann war dies hier eine <emphasis>H�tte der Frauen</emphasis>. Was nicht bedeutete, da� es allein Frauen waren, die die dunklen, niedrigen R�ume f�llten und an allen Ecken und Enden ein dichtes Menschengedr�nge bewirkten. Die M�nner waren sogar in der Mehrzahl. Aber auch Plankton ist in der Mehrzahl. Oder dunkle Materie.�� Stimmt, Mercedes hatte mich vorgewarnt. Doch auch ohne diese Vorwarnung h�tte ich rasch begriffen, wie sehr die Verh�ltnisse in diesem Geb�ude � ein Geb�ude, das quasi eine Insel war � von den Frauen bestimmt wurde. Ihre Macht war augenblicklich sp�rbar. Wie ein Geruch, der auch in verstopfte Nasen dringt.</p><p>Wir waren nat�rlich nicht die einzigen, die von diesem Wetterumschwung, dieser jahreszeitlichen Rochade �berrascht worden waren. Die meisten Leute hier waren Gefangene des Wetters und damit auch Gefangene der Gastronomie. Und bald wurde zudem klar, wie wenig dieser Wetterumschwung blo� ein kleines Intermezzo darstellte und demn�chst die W�rme zur�ckkehren und das Wasser in Str�men vom Berg rinnen w�rde, gleich einem Langhaarigen, der unter der Dusche steht.</p><p>Nein, keine Dusche ergab sich, sondern eine dicke, mit Mehl gepuderte wei�e Per�cke der Zeit um 1700, welche Stunde um Stunde anwuchs und es unm�glich machte, hinunter ins Tal zu gelangen. Man war, wie man so sagt, von der Welt abgeschnitten. Wir vier waren die letzten� Schiffbr�chigen�, die auf die Insel der Tulfeinalm geraten waren.</p><p>Wie ich sehr bald feststellte, wurde die H�tte von einer f�nfzigj�hrigen Frau und ihren T�chtern betrieben. Es gab zwar auch einen Wirt, der jedoch von der Chefin (in der Tat wurde sie von allen als solche tituliert) in ihrem Zimmer�� nun, wie soll ich das ausdr�cken: <emphasis>aufbewahrt wurde?</emphasis> Ich meine, er war selbstverst�ndlich am Leben, nicht etwa ausgestopft oder so, durfte dieses Zimmer aber nicht verlassen. Vielleicht wegen einer Krankheit oder Entstellung, vielleicht�� Ich wu�te es nicht und brachte es auch niemals in Erfahrung. M�glicherweise existierte dieser Mann nicht wirklich, und es bestand allein das Ger�cht. Ein Ger�cht, das die Chefin der H�tte schm�ckte. Jeder hier hatte Angst vor ihr. Aber eben eine Angst, in der dieselbe Lust steckte, die uns dazu bringt, uns Horrorfilme anzusehen und Kriminalromane zu lesen.</p><p>Am wichtigsten war freilich, da� Clara Foresta es ebenfalls geschafft hatte, die H�tte zu erreichen. Allerdings hatte sie sich unterwegs verletzt, war am Gipfel der Sonnenspitze ein St�ck abgerutscht. Gl�cklicherweise waren zwei Bergsteiger in der N�he gewesen und hatten sie geborgen. Die alte Dame hatte jedoch darauf bestanden, nicht in die nahe gelegene Gipfelh�tte des Glungezer gebracht zu werden, sondern hinunter zur Tulfeinalm. Zur Chefin. Und so kam es, da� Mercedes seine Frau genau an der erwarteten Stelle traf. Mit einem Kreuzbandri�, einigen Prellungen und einer Schnittwunde quer �ber die Stirn, einem dunkelroten Streifen, der exakt dieselbe F�rbung aufwies wie das Rouge auf Forestas Wangen, auch wenn man es umgekehrt sehen konnte. In jedem Fall wirkte die Verletzung als ein Teil der kosmetischen Farbgestaltung dieses Gesichts.</p><p>Die M�nner, die um Foresta sa�en � egal, wie alt sie war, sie verf�gte weiterhin �ber eine magnetische Wirkung � , machten Platz f�r Mercedes, der nun die H�nde seiner Frau ergriff und sich �berzeugte, da� diesen nicht das geringste geschehen war. Es war echte Sorge. Allerdings kam mir der Verdacht, da� er sich auch um sich selbst sorgte, weil er f�rchtete, in eine wahrhaftige H�lle zu geraten, h�tte seine Frau das Klavierspiel aufgeben m�ssen.</p><p>Doch ihre H�nde waren vollkommen in Ordnung, die Finger zitterten in der vertrauten Art, und gl�cklicherweise gab es sogar ein Klavier in diesem Haus. Keinen Steinway-Fl�gel, das nicht, aber ein ganz ordentlich gestimmtes Piano, auf dem Clara ihre Einstudierung von 825 (so das Bach-Werke-Verzeichnis) fortsetzen konnte. Ja, wir sprachen von nun an nur noch von 825, wenn wir diese Komposition meinten (und au�erdem auch meinten, da� 825 eigentlich mehr von Foresta als von Bach stammte und man wegen Forestas Handicap zur Zeit von einer� Kreuzbandri�version �sprechen konnte).</p><p>Auch hier am neuen Ort konnte ich also in der Nacht die sechs Klavierst�cke h�ren, die Foresta �bte, wenn alle zu Bett gegangen waren. Und niemand wagte es, etwas dagegen zu haben. Foresta tapezierte die Nacht mit ihrer Musik. Allerdings tat sie dies � wie ich rasch begriff � in einer neuen, dem Original widersprechenden Reihenfolge. Sie kreierte eine den besonderen Umst�nden und dem Ort geschuldete Spezialversion: 825 <emphasis>reloaded</emphasis>.�� Ich ben�tigte eine halbe Nacht, um das neue System definitiv zu verstehen, wobei auf Grund der Schleifenbildung nun jedes der sechs St�cke das erste oder letzte sein konnte. Nicht, da� ich daraus eine Symbolik bezog. Ich war einfach froh darum, die neue Reihenfolge benennen zu k�nnen. (Es war eine der mystischen Vorstellungen meiner Kindheit, mitten in der Nacht von einer h�heren Macht geweckt und nach etwas scheinbar vollkommen Bedeutungslosem gefragt zu werden, etwa wie viele Eierbecher im K�chenschrank stehen oder ob die Kn�pfe auf der Waschmaschine alle wei� sind oder ob meine s�mtlichen Plastikindianer eine gerade Zahl bilden oder nicht. Ich war zu dieser Zeit etwas j�nger als Simon jetzt, und mir war es so vorgekommen, da�, wenn ich eine solche Frage w�rde beantworten m�ssen, es dann um Leben und Tod ginge. Die richtige Zahl an Eierbechern w�rde die Welt retten, eine falsche den Untergang bewirken. Kinder denken so was, Erwachsene nicht. Zumindest lassen sich die wenigsten Erwachsenen dabei erwischen, wenn sie vor einem K�chenschrank stehen und murmelnd Zahlen memorieren.)</p><p>Man kann sagen, da� die Stimmung in der H�tte bestens war. Offensichtlich gab es nicht nur ein gut ausgestattetes Lager an Lebensmitteln, sondern auch an alkoholischen Getr�nken. Man w�rde hier schon eine ganze Zeit durchhalten k�nnen. Ja, es war deutlich zu sehen, wie wenig die Leute sich nach einer unmittelbaren Rettung sehnten und wie sehr das Abgeschnittensein von der Welt sie erfreute.</p><p>Und in der Tat: Es herrschte ein Matriarchat.</p><p>Aber ein kluges. Zweifellos. Die M�nner wurden hier nicht zu Sklaven gemacht, sondern blieben G�ste und wurden als solche behandelt. Die gutgebaute Wirtin war weiterhin Wirtin, lie� sich nicht etwa bedienen, sondern bediente, servierte also die Getr�nke und das Essen und kassierte. Nur wenn zuviel Arbeit zusammenkam oder eine ihrer kellnernden T�chter eine Pause machte, wurde ein Mann herbeigewunken, und man nahm ihn in die Pflicht. Manch einer bekam dann einen Klaps auf den Hintern.</p><p>Unm�glich hingegen, da� ein Mann sich seinerseits einen solchen Klaps h�tte erlauben d�rfen. Es hatte sich ausgeklapst. H�tte es einer von ihnen versucht, die Wirtin h�tte ihn hinausgeschmissen. Und keiner h�tte ihm geholfen. Das erste, was n�mlich im Matriarchat verschwindet, ist die Solidarit�t der M�nner. Sie geben sich in dieser Hinsicht v�llig auf.</p><p>Das Ganze hier wirkte schon ungemein organisch: die H�tte als Pflanze, voll mit Wesen, die mit und in der Pflanze lebten und �ber eine K�nigin verf�gten.</p><p>Die Art, wie die Frauen (alle waren in irgendeiner Weise mit der Chefin verwandt oder befreundet) mit den M�nnern sprachen, war so vergn�gt wie anz�glich. Aber es war eben mehr eine Koketterie � man k�nnte auch sagen: ein Sexismus � , als da� wirklich etwas geschehen w�re. Auf den Punkt gebracht: Hier wurde niemand vergewaltigt oder zu etwas gezwungen, was er nicht wollte.</p><p><image l:href="#13"/></p><p>Es war sehr bezeichnend, da� sowohl Mercedes wie auch ich selbst dadurch respektiert wurden, da� wir Frauen hatten, beziehungsweise die Frauen uns. Kerstin hatte mich und Foresta ihren Mercedes, welcher in h�chstem Ma�e bem�ht war, seine vom Sturz verwundete Frau zu betreuen. Er wich kaum von ihrer Seite. Und brachte erneut seine selbstzubereitete Salbe zum Einsatz, die auch bei Kerstin letztendlich gewirkt hatte. Er trug sie gleicherma�en z�rtlich wie bestimmt auf die verletzten Stellen seiner Frau auf. Die Chefin sagte einmal:�Der Mercedes w�rde mir auch gefallen. �Aber sie lie� ihre Finger von ihm. Die Klugheit der Tulfeinalm-Frauen bestand nicht zuletzt darin, einander in diesem Punkt nicht in die Quere zu kommen, gleich, wer welche Position innehatte. Ob Dienstm�dchen oder Hohepriesterin. Die Chefin sagte also,�Der w�rde mir auch gefallen�, unterlie� es aber, Marc Mercedes auch nur komisch anzusehen.</p><p>Es war wirklich unglaublich eng in dieser H�tte, �berall waren Menschen, auch viele Kinder, im gro�en Gastraum genauso wie in den Zimmern und Fluren. Zudem war es sagenhaft warm, und in der Luft hing ein Dschungelgeruch. Man f�hlte sich wie in den Tropen, nur da� diese Feuchtigkeit stark vom Schnaps durchmischt war. Als w�rden die W�nde Alkohol schwitzen. Aus der offenen K�che drangen die Ger�usche geschlagenen Fleisches und der Geruch werdender Mehlspeisen. Die H�tte war schon immer f�r ihren Kaiserschmarrn und ihren Apfelstrudel ber�hmt gewesen sowie f�r eine Suppe, in der ein flachgedr�cktes, aus Semmelkn�delteig und Bergk�se hergestelltes und mit Schnittlauch bestreutes kreisrundes Laibchen schwamm, was insgesamt eine sogenannte Kaspre�kn�delsuppe ergab. Jedes servierte Laibchen verf�gte �ber eine ungew�hnliche Einbuchtung am Rande, die ohne Funktion war, jedoch als Markenzeichen fungierte. Denn man bildete sich hier nicht wenig auf seine Kaspre�kn�del ein. Sehr zu Recht, wie ich sagen mu�. Die besten Kn�del ihrer Art herzustellen schien der unbedingte Ehrgeiz des Kochs und seiner beiden Gehilfen zu sein, die man fast immer nur in ihrer� Werkstatt �sah. Kamen sie einmal heraus, so standen sie kurz an der Theke, wo sie eine Zigarette rauchten und ein Bier sowie den obligaten hellen Schnaps tranken. Einer der Gehilfen war ein Asiate, der mir sogleich auffiel, weil er recht gro�gewachsen war, vor allem aber wegen der Art und Weise, wie er seine Zigarette hielt, was ungemein aristokratisch anmutete. Der ganze Mann wirkte, als w�re er der Kaiser von China, der gerade Europa besuchte, um die Herstellung von Kaspre�kn�deln zu studieren und anschlie�end in die chinesische K�che zu integrieren. Allerdings erfuhr ich dann, da� der Mann Auden hie�. Ich meine, welcher Chinese bitte sch�n hei�t Auden? Noch dazu mit Vornamen. Auden Chen.</p><p>Als ich das erste Mal mit ihm ins Gespr�ch kam � sein Deutsch besa� einen franz�sischen Akzent, einen Aznavourschen Tonfall � , best�tigte sich mein Verdacht betreffs der Vornehmheit dieser angeblichen K�chenhilfe. Allein seine Haltung! Gleich einem Herrenschirm, der aber nie aufgespannt wird, sich keinen Moment um einen bl�den Regen k�mmert, sondern einzig ein stilvolles Flanieren unterst�tzt. Zudem unterlie� es Auden Chen v�llig, mich auf Simons asiatisches Aussehen anzusprechen. Er erw�hnte blo� die Sprache Simons, die er �beraus interessant fand. Er sagte, er habe noch nie etwas Derartiges geh�rt.</p><p>�Niemand hat das�, antwortete ich und erkl�rte, es handle sich um eine Art von Privatsprache.</p><p>Ich war nun meinerseits weit weniger zur�ckhaltend als Auden Chen und wollte von ihm wissen, woher er eigentlich stamme.</p><p>�Aus Taiwan�, antwortete er.�Aber das ist so lange her. Ich meine damit, es kommt mir vor, als w�re es vor hundert Jahren gewesen. Mein Leben ist damals sehr anders verlaufen. Die ganze Welt ist anders verlaufen.�</p><p>Es versetzte mir einen Stich, wie er da den Namen der mir vertrauten Insel nannte.</p><p>Nun gut, derartiges geschah. Menschen, gro� und klein, verlie�en ihre Heimaten und verteilten sich. Es war nicht wirklich ein Wunder, da� zwei Taiwaner in eine Tiroler H�tte gelangt waren. Der eine als Kind, der andere als Koch. Trotzdem verschwieg ich, da� Simon aus demselben Land wie Auden kam. Wobei ich meine Scheu nicht begriff. Was w�re schon dabei gewesen?</p><p>Statt dessen fragte ich Auden, woher er seinen Namen habe.</p><p>�Von meinen Eltern.�</p><p>�Ich meine den Vornamen.�</p><p>�Auch von meinen Eltern. Sie sind gro�e Fans von Auden, Auden, dem englischen Schriftsteller.�</p><p>�Dablyu-aitsch�, nannte ich die bekannten Initialen, gestand aber gleich, nur ein einziges Gedicht dieses Autors zu kennen, und das aus einem Film.</p><p>Wie um mich mit einem solchen Gest�ndnis nicht allein zu lassen, verriet mir Auden, vor etwa zehn Jahren seinen richtigen Namen � also Auden Chen, denn das war ja sein richtiger � abgelegt und mit Hilfe gef�lschter Papiere eine neue Identit�t angenommen zu haben.</p><p>�Ich war auf der Flucht�, sagte er.�Aber nicht, weil ich selbst kriminell war, sondern gezwungen, sehr gezwungen, einigen Kriminellen zu entkommen. Das ist aber lange vorbei, und ich denke nicht, da� ich diese Leute noch f�rchten mu�. Darum habe ich vor kurzem wieder begonnen, meinen alten Namen zu verwenden.�</p><p>�Was doch eigentlich bedeuten w�rde, da� Sie auch wieder heim nach Taiwan k�nnten.�</p><p>�Zur�ck in mein altes Leben? Nein, wirklich nicht. Es geht mir gut hier.�</p><p>�Als K�chenhilfe?�</p><p>�Was tun <emphasis>Sie</emphasis> denn for a living?�fragte Auden.</p><p>�Ich bin Bademeister in Stuttgart�, sagte ich.</p><p>�Waren Sie das immer schon?�</p><p>Er hatte mich erwischt. Im Grunde befand ich mich in einer durchaus �hnlichen Situation wie er. Vom Manager zum Retter der Enten.�� Und er? Was war er vorher gewesen?</p><p>Ich stellte die Vermutung an, er sei fr�her einmal ziemlich reich gewesen.</p><p>�Ganz passabel�, antwortete er.</p><p>�Und wie ist es so, in der K�che zu stehen?�</p><p>�Am Anfang war es Tarnung�, erkl�rte er.�Ich war froh, da� Marlen, unsere Chefin, mich aufgenommen hat. Hier oben. Als ich noch ein Versteck brauchte. Sie ist eine gute Frau. Streng, aber gut. Fr�her war ich viel unterwegs. Jetzt stehe ich die meiste Zeit am gleichen Flecken, vor einem K�chenherd. Aber es gef�llt mir, wie es mir gef�llt, mit den immer gleichen Leuten zusammenzusein. Den Wald vor dem Haus zu kennen, wirklich jeden Baum. Dazu der Ehrgeiz, eine perfekte Suppe zu machen. Nicht der Ehrgeiz, mit dieser Suppe ins Fernsehen zu kommen, Fernsehkoch zu werden oder so prominent zu werden, da� man auch mit einer schlechten Suppe ins Fernsehen kommt.�</p><p>�Sie geh�ren zur Familie, nehme ich an.�</p><p>�Sie meinen, ob ich mit einer der Damen��?�Er sch�ttelte den Kopf.</p><p>Ich wunderte mich. Er mit seinem French Style, seiner Charles-Aznavour-Methode! So ungemein gutaussehend und elegant und asiatisch reduziert, auch hie� es, da� unter seinen Fingern die Kaspre�kn�del eine besonders formsch�ne Gestalt erhielten und er angeblich ein eigenh�ndig gemischtes, magisch angehauchtes Kr�utersalz zur Anwendung brachte. Jedenfalls dachte ich mir, da� er der absolut Richtige war, um der Chefin Liebhaber zu sein. Oder einer der T�chter der Chefin. Was aber nicht der Fall war. Ich mu�te bald einsehen, da� Auden Chen tats�chlich zu keiner der Frauen geh�rte. Und auch zu keinem der M�nner. Auden war solo, wie man sagen k�nnte, ein Solit�r sei solo.</p><p>Ich selbst verblieb vorerst in der Rolle des reinen Gastes. Niemand verlangte von mir, etwas zu arbeiten, so wie auch Mercedes sich allein seiner Frau widmen durfte. Das war bei den meisten anderen nicht der Fall. Die Chefin bestimmte immer wieder kleine Gruppen � dabei zeigte sie auf die ausgew�hlten M�nner, wie man das tut, wenn man am Gem�sestand das beste Obst aussucht � und wies sie an, Schnee zu schaufeln, den Ofen am Brennen zu halten, Reparaturen vorzunehmen, Vorr�te aus dem Keller zu holen, die Toiletten in Schu� zu halten oder mit den Kindern vor dem Haus Schneem�nner und dergleichen zu bauen. Um die H�tte herum ragten bald gewaltige Figuren in die H�he. Sollten wir von Au�erirdischen angegriffen werden, w�rden die es sich sicher zweimal �berlegen.</p><p>Zu nichts davon, auch nicht zur K�chenarbeit, wurde ich ausgew�hlt. Darum dachte ich, es w�rde wohl gen�gen, mit Kerstin zusammenzusein.</p><p>Aber das war ein Irrtum.</p><p>Es geschah bald etwas Unweigerliches. Eine der Frauen bekam die Wehen. Keine Ahnung, ob sie ohnedies vorgehabt hatte, oben am Berg ihr Kind auszutragen, oder vielmehr geplant hatte, zur rechten Zeit ins Tal zu gelangen, und sodann vom stark verfr�hten Wintereinbruch wie auch auch vom leicht verfr�hten Zurweltkommen ihres Kindes �berrascht worden war.</p><p>Ich sa� gerade mit Simon an einem der vollbesetzten Tische, und wir spielten Go, jenes japanische Brettspiel mit schwarzen und wei�en� Linsen�, das auch dann nett anzusehen ist, wenn die Spieler wenig zusammenbringen. Wobei Simon in dieser Disziplin einiges an Geschick und Intelligenz bewies, w�hrend ich selbst ein verkrampftes Kopfzerbrechen �bte und genau die Z�ge tat, �ber die man sich im nachhinein nur wundern kann.</p><p>Jedenfalls kam die Chefin zu uns her�ber und sagte zu mir:�Es ist soweit.�</p><p>�Wie bitte?�</p><p>�Die Katrin liegt in den Wehen.�</p><p>Ich wu�te, wer die Katrin war, und hatte nat�rlich ihren betr�chtlichen Bauch wahrgenommen. Sie war noch keine zwanzig und die j�ngste Tochter der besten Freundin der Wirtin. Wer der Vater war, konnte ich nicht sagen. <emphasis>Ich</emphasis> jedenfalls nicht. Darum irritierte mich die direkte Ansprache. Ich schaute fragend zur Chefin hoch.</p><p>Sie hatte die H�nde in ihre breiten H�ften gest�tzt und schenkte mir einen steinigen Blick aus fleischigen Augen. Als schaue eine gro�e offene Kirsche. Im Grunde war sie eine wirklich h��liche Person. Trotzdem h�tten die meisten M�nner hier viel darum gegeben, mit ihr��</p><p>Aber darum ging es jetzt nicht. Sie herrschte mich an:�Willst du denn warten, bis alles vorbei ist?�</p><p>Endlich begriff ich. Ich begriff, worin meine Funktion bestand. Und schlie�lich war es genau das, was mir Mercedes im Traum prophezeit hatte. Wie hatte er gesagt? <emphasis>Werde Geburtshelfer!</emphasis></p><p>Ich h�tte freilich erkl�ren k�nnen, nicht die geringste Ahnung zu besitzen und im Unterschied zu anderen M�nnern im Haus nicht einmal einen Geburtsvorbereitungskurs besucht zu haben, Simon w�re ja nicht mein leibliches��</p><p>Bl�dsinn! Hier war keine Zeit und kein Ort f�r Ausreden. Ich erhob mich und sagte:�Ich komme.�</p><p>�H�tte ich dir auch geraten, Sixten, mein Junge�, erkl�rte die Chefin. Sie war ein echtes Goldst�ck. Ein lebensgro�es Nugget.</p><p>Ich gab Simon ein Zeichen, bei dem Go-Brett zu bleiben, und folgte der Chefin in einen hinteren Raum, in dem die werdende Mutter lag, umringt von vielen Frauen. Jede von ihnen war tausendmal geeigneter, den Geburtsvorgang zu �berwachen. Aber sie bestanden nun mal darauf, da� ich es tat.</p><p>Absolut nichts Ungew�hnliches geschah. Kein Schamanismus oder so. Keine Ges�nge, kein Weihrauch, nur eine Frau mit Schmerzen, der ich immer wieder mit einem k�hlen Tuch �ber die Stirn strich. Alles, was ich tat, hatte ich aus dem Kino oder dem Dokumentationsfernsehen. Gl�cklicherweise verlief die Sache ohne jegliche Komplikation, das Kind hatte offensichtlich nicht vor, nur um meine Unerfahrenheit zu beweisen, sich l�nger als n�tig im Geburtskanal aufzuhalten. Ich rief fortgesetzt <emphasis>Pressen!</emphasis> und <emphasis>Atmen!</emphasis> und <emphasis>Atmen nicht vergessen!</emphasis> und <emphasis>Ruhig atmen!</emphasis> und <emphasis>Durchatmen!</emphasis> und <emphasis>Sch�n atmen!</emphasis>�� es schien, als w�re ich von der Fraktion derer, die meinten, ein Kind k�nne allein durch richtiges Atmen auf die Welt gebracht werden. Jedenfalls erkannte ich bald den glatten, feuchten, ein wenig blutigen Sch�del zwischen den Beinen, mittig ein kleines B�schel heller Haare, und erkl�rte mit einer ruhigen Stimme, die mich selbst beeindruckte:�Der kommt jetzt.�</p><p>�Es ist eine Sie�, sagte die Chefin hinter mir.</p><p>Klar, da� sie mehr wu�te als ich. Aber ich lie� mich nicht durcheinanderbringen, gab weiterhin Anweisungen bez�glich� guten Atmens �und fa�te vorsichtig nach der weichen Sch�deldecke des Neugeborenen. Ich tat wirklich nicht mehr, als den Kopf einfach wie eine Melone umfa�t zu halten. Das Kind drehte sich ganz von selbst heraus. W�ren die M�nner vom Stammtisch dabeigewesen, sie h�tten sicher gemeint, die Kleine sei so schnell gekommen, um sich nicht weiter mein Gequatsche von wegen Atmung anh�ren zu m�ssen.</p><p>Wie auch immer, das Kind flutschte mit Leichtigkeit ins Freie, in die neue Welt. Es war in der Tat ein M�dchen, mit einem Haarschopf, als w�re es schon vor seiner Geburt beim Friseur gewesen. Jetzt dachte ich kurz nach, ob ich die Kleine allen Ernstes kopf�ber an den Beinen halten und ihr einen Klaps auf den Po geben sollte. War das heute noch �blich? Oder nur noch in alten Filmen? Und was war mit der Nabelschnur? Sofort durchtrennen?�� Man h�tte mir Zeit geben sollen, mich zu informieren.</p><p>Ich stand einfach da und hielt das Kind in den H�nden. Verga� immerhin nicht, den kleinen Kopf zu st�tzen. Dabei schaute ich die Mutter an, fragte sie, wie es ihr gehe und wie sie ihr Kind nennen werde.</p><p>Die Nachfrage mochte etwas aufgesetzt scheinen � in der Tat betrachtete mich die Chefin mit einer h�rteren Version ihres Kirschblickes � , die Mutter aber sah mich dankbar an. Sie sagte:�Nana.�</p><p>Tirolerisch war das nicht. Aber h�bsch. Das sagte ich auch. Und fragte mich, was ich wohl geantwortet h�tte, h�tte das Kind Nancy gehei�en. Aber bei so viel Gl�ck mit der Geburt war eben auch der Name ein Gl�ck.</p><p>Die Chefin nahm mir nun das Neugeborene aus der Hand, umwickelte es mit einem Tuch und legte es der Mutter auf die Brust. Was auch immer jetzt noch kam � Nabelschnurdurchtrennung, die Untersuchung der nachfolgenden Plazenta, das Trockentupfen des Kindes � , es war nicht mehr mein Job. Ich durfte gehen.</p><p>Es geschah �brigens sp�ter nicht, da� mich irgend jemand als� m�nnliche Hebamme �ansprach, auch war ich in keiner Weise in die Pflege des Kindes oder die Pflege der Mutter involviert. Niemand verlangte nach meinen guten Ratschl�gen. Auch blieb man mir eine Erkl�rung schuldig, wieso ausgerechnet ich ausgew�hlt worden war, diese Geburt zu begleiten.</p><p>�Vielleicht�, sagte Auden,�waren Sie f�r die so etwas wie der gute Geist.�</p><p>Bei Geist dachte ich an jemand Toten, der noch immer unter den Lebenden wandelte, wenigstens deren Tr�ume bev�lkerte, jemanden wie Astri, jemanden wie den Zehn-Millionen-Mann, wobei der sicher kein <emphasis>guter</emphasis> Geist war.</p><p>Zu Mercedes sagte ich:�Genau, wie Sie mir im Traum vorausgesagt haben.�</p><p>�Und wie war es?�</p><p>�Ich hatte Gl�ck mit dem Kind�, sagte ich.�Eine Bilderbuchgeburt.�</p><p>Stimmt. Das Kind namens Nana hatte es vermieden, bereits in diesem ersten fr�hen Stadium das wesentlichste Element des Lebens zu leben: die Komplikation.</p></section><section><title><p><emphasis>34</emphasis></p></title><p>Mit der Geburt Nanas wurde das Wetter ein wenig besser. Der Schnee fiel gem�chlich, und man konnte wieder mehr sehen als blo� die eigene Hand.</p><p>Ich stand mit Auden und anderen auf der Terrasse. Ein Trupp M�nner war oben auf dem Dach und reparierte die Antenne. Die Chefin kam heraus und warf ihnen einige Flaschen Bier hoch. Dann trat sie zu uns hin, zu mir und Auden, und sagte:�Habt ihr Angst?�</p><p>�Wovor?�fragte ich. Und fragte im �bermut:�Vor Ihnen?�</p><p>�Nur weil du die Geburten machst, brauchst du nicht zu denken, du k�nntest frech werden.�</p><p>Es war ein deutliches Zeichen ihrer Macht, da� die Chefin alle duzte, jedoch verlangte, gesiezt zu werden. Nur wenigen war erlaubt, sich einen vertraulichen Ton herauszunehmen. Etwa Auden, der schon. Ich fand eigentlich, nach der Sache mit der Geburt dieses Privileg ebenfalls zu verdienen, aber��</p><p>�Folgendes�, erkl�rte die Chefin,�ich will, da� ihr beide zum Gipfel aufsteigt, zur Glungezerh�tte. Wir hatten gerade Funkkontakt. Denen ist ein Hund zugelaufen. Der geh�rt zu uns. Er mu� sich verlaufen haben, als das mit dem Schneesturm begann.�</p><p>Ich h�tte jetzt gerne gefragt, wieso der Hund allein drau�en gewesen sei und wieso er nicht dort oben bleiben k�nne, zumindest bis sich die Verh�ltnisse deutlich gebessert h�tten. Aber das waren einfach keine Fragen, die man der Chefin stellen konnte. Immerhin wagte ich es, darauf zu verweisen, da� ich weder Bergf�hrer noch Bergretter sei und es sicher hier M�nner gebe, die sich eher eigneten, hochzugehen, um einen Hund abzuholen.</p><p>Doch die Chefin insistierte:�Ihr zwei macht das. Ihr seid die Richtigen.�</p><p>�Mercedes�, sagte ich.�Ich h�tte gerne noch Mercedes dabei.�</p><p>�Ich glaube nicht�, meinte die Chefin,�da� er von seiner Frau weg will. Er klebt so lange an ihr, bis sie wieder ganz gesund ist.�</p><p>�Trotzdem�, sagte ich.�Wir brauchen ihn.�</p><p>�Mal sehen�, sagte die Chefin.�Jedenfalls geht ihr heute noch los. Solange das Wetter so ruhig ist. Es soll bald wieder schlechter werden.�</p><p>Auden seufzte.</p><p>�H�r auf zu seufzen�, sagte die Chefin und ging.</p><p>Eine Stunde sp�ter standen wir bereit. Ich trug Simons Kinderskibrille, obgleich ich auch eine f�r Erwachsene h�tte haben k�nnen. Aber er bestand darauf, da� ich seine nahm. Ich konnte ihm das schwer abschlagen. Au�erdem pa�te sie ganz gut, ich hatte im Sommer ein wenig abgenommen, scheinbar auch im Gesicht.</p><p>Als ich Mercedes sah, dankte ich Gott im Himmel.</p><p>Er sagte:�Aber am Abend will ich wieder daheim sein.�</p><p>Meine Antwort:�Ich auch.�</p><p>Wir gingen los. An den F��en Tourenskier, deren Lauffl�chen mit Fellen ausgestattet waren, die ein Abrutschen verhinderten.</p><p>Wir kamen gut vorw�rts und erreichten auf halbem Wege unsere Zwischenstation, <emphasis>Heinrichs Sch�ferh�tte</emphasis>. So hie� sie und war nun wirklich eine H�tte: Steine und Bretter zum Obdach gewachsen. Sogar mit einer Nummer ausgestattet, der F�nf, als st�nde hier eine Reihe schnuckeliger Einfamilienh�user. Allerdings abgeschlossen. Eine windgesch�tzte Bank lud zur Pause ein. Eine Einladung, der wir folgten. Wir a�en St�cke von Grauk�se, die zwischen kalten Scheiben dunklen Brotes steckten, und tranken hei�en Tee aus Thermosflaschen.</p><p>Wir sa�en sch�n geordnet nebeneinander, schwiegen, a�en. Ich rechtsau�en. Als Mercedes mit seinem Brot fertig war, neigte er seinen Kopf in meine Richtung und berichtete mir, Simon habe gestern abend ein Portr�t von ihm und Clara angefertigt. Und dann sagte er in einem Ton, der eher in eine Geheimdienstgeschichte gepa�t h�tte:�Sie wissen ja wohl, warum ich Ihnen das erz�hle. Der Junge ist�� <emphasis>wie</emphasis> alt?�</p><p>�Neun Jahre.�</p><p>�Mit neun Jahren zeichnet so kein Mensch, oder? Heutzutage nicht mal die, die schon an der Kunstakademie sind und dort mit ihren Videokameras spielen.�</p><p>�Da� Simon besonders ist, haben Sie doch bereits mitbekommen.�</p><p>�Das ist aber schon <emphasis>sehr</emphasis> besonders, so zu zeichnen.�</p><p>�Nun ja, daf�r kann er andere Dinge gar nicht�, bem�hte ich mich, bei aller Besonderheit dieses Kindes doch auch seine Normalit�t zu betonen. Denn im Grunde will man ja weder ein Monster noch ein Genie zum Sohn.</p><p>�Sie meinen�, sagte Mercedes,�er kann nicht reden.�</p><p>�Zum Beispiel.�</p><p>�M�glicherweise ist die Sprache, die er spricht, um einiges komplexer als die unsere.�</p><p>�Was wollen Sie andeuten, Herr Mercedes, da� mein Sohn ein Au�erirdischer ist?�</p><p>�Ich stelle nur fest, da� er zeichnet wie ein Alter Meister.�</p><p>�Picasso konnte das auch so fr�h.�</p><p>�Konnte Picasso klettern? Ich habe geh�rt, Simon sei ein begnadeter Sportkletterer. Und bis jetzt hat auf der H�tte noch jeder beim Go gegen ihn verloren.�</p><p>�Er ist ein Kind. Ein Kind mit H�hen und Tiefen, mit Talenten genauso wie mit zwei linken H�nden. �In meiner Stimme war �rger. Und ver�rgert, wie ich war, fragte ich:�Was wollen Sie mir �berhaupt sagen? Da� sich bei meinem Sohn eine Teufelsaustreibung aufdr�ngt? Oder ich die CIA anrufen soll, in meiner Familie w�re E.T. untergetaucht?�</p><p>Mercedes lachte laut auf und legte mir seine Hand auf den Schenkel. Er bat mich um Verzeihung. Dann sagte er:�F�r die Kirche und die CIA ist der Simon viel zu gescheit. Oder denken Sie, da� die Leute dort noch eine meisterhafte Zeichnung von einer St�mperei unterscheiden k�nnen? Im Ernst, lieber Braun, was ich sagen wollte, ist das folgende: Sie haben ja gemeint, ich w�rde Sie an einen Mann erinnern, den Sie einst in K�ln, als Sie Kind waren, kannten und den Sie den Allesforscher genannt haben. Nun gut, mag ja sein, da� ich dem alten Knaben von damals �hnlich sehe, vielleicht einfach, weil ich jetzt selbst ein alter Knabe bin und sich im Grunde der eine Alte vom anderen Alten nicht wirklich unterscheidet. Was ich aber ganz sicher nicht bin, ist ein Allesforscher, ein Universalgelehrter. Ihr Sohn aber, Simon, er ist genau das. Mir scheint, da� er sich f�r alles interessiert, alles durchleuchtet. Darum auch zeichnet er. Das ist eine konservative, aber immer noch praktikable Methode, den Dingen auf die Spur zu kommen. Ich sage nicht, er ist ein Au�erirdischer, aber w�re er einer, w�re es da nicht auch viel kl�ger, als Kind daherzukommen und nicht wie ein bl�der Tourist mit einer Handykamera alles abzufotografieren?�</p><p>Simon als Allesforscher? Als der <emphasis>neue</emphasis> Allesforscher? Also nicht etwa als Reinkarnation des Mannes, den ich einst in K�ln so geliebt hatte und der mir soviel mehr Vater gewesen war als mein eigener Vater, sondern eben ein Kind, ein Mensch, der in der Tradition der Allesforschung stand.</p><p>Ich gestehe, mir gefiel die Vorstellung, mir Simon als Allesforscher zu denken und weder als geistig behindert noch als absonderlich genialen Grenzfall, gleich diesen Leuten, die sich niemals im Leben ein Fr�hst�ck zubereiten k�nnen, aber unglaubliche Algorithmen im Kopf ausrechnen. Simon konnte durchaus ein Fr�hst�ck zubereiten, und zwar genau so, wie man es sich bei einem Neunj�hrigen vorstellte. Er putzte seine Z�hne schlampig und wollte im Kino den neuesten <emphasis>Ice-Age-</emphasis>Film sehen und nicht etwa die Godard-Retrospektive besuchen, er konnte weder die Lottozahlen voraussehen noch mittels seiner Gedanken Menschen Nasenbluten bereiten, aber es stimmte, sein Blick auf die Welt war genau und umfassend, und seine Zeichenkunst � die abstrakte wie die konkrete � ein Hinweis auf sein Studium der Welt, die sichtbare wie die unsichtbare.</p><p>Er war ein Allesforscher und war dennoch ein Kind.</p><p>Ich sagte zu Mercedes:�Ich denke, Sie haben recht.�</p><p>�Ich helfe, wo ich kann�, meinte der verdiente Messerwerfer, schaute nun auf seine Uhr und �u�erte:�Wir m�ssen los! Damit sich alles ausgeht.�</p><p>Also nahmen wir das steile Schlu�st�ck in Angriff und stiegen in kurzen Serpentinen nach oben zur H�tte. Die Wolkendecke war aufgebrochen und die Blaue Periode als Fragment sichtbar geworden.</p><p>Oben am Geb�ude standen viele im Freien und genossen die Sonnenstrahlen. Man ahnte auch hier, da� diese� Beruhigung�, diese Ersch�pfung eines wahnsinnig gewordenen Wetters nicht lange anhalten w�rde. Niemand wollte es riskieren, nach unten ins Tal zu marschieren. Die einzigen, die hier etwas riskierten, waren wir selbst, nur um einen Hund abzuholen.</p><p>Wir wurden vom H�ttenwirt empfangen, der uns an die Theke einlud und eine Flasche Schnaps �ffnete. Wir hoben die gef�llten Gl�ser, die wie kleine durchsichtige Tulpen zwischen unseren Fingern baumelten, und stie�en an.</p><p>Da sich die meisten Leute jetzt drau�en befanden und ein himmlisches Bruchst�ck bewunderten, war es hier drinnen verh�ltnism��ig leer und ruhig. So konnte ich das anr�ckende Ger�usch vernehmen. Es war ein Tappen. Viele kleine Schritte. Als w�rde gerade eine Gruppe Zwerge von der Arbeit heimkommen.</p><p>Es waren aber keine Zwerge. Es war ein Hund, der sich langsam n�herte, in kleinen Kurven, so da� man ihn von beiden Seiten sehen konnte. Er war mittelgro�, hellgrau, mit kurzem, struppigem Fell. Irgend jemand hatte mit roter Farbe je ein Kreuz rechts und links auf sein Fell gespr�ht, in Form eines X. Als w�ren seine Flanken Zielscheiben. Aber das war nur ein dummer Gedanke. Niemand w�rde den Hund der Tulfeinalmchefin als Zielscheibe verwenden. Die Kreuze waren wohl als Markierung gedacht, damit man das Tier im Schnee besser sehen konnte.</p><p>Er knurrte nicht und wedelte nicht, sondern war in einem kurzen Abstand zu uns erstarrt. Er hatte gr�ne Augen und kleine Ohren und eine Schnauze, die dunkler war als der Rest von ihm. W�ren die Kreuze nicht gewesen, h�tte man ihn f�r einen sehr durchschnittlichen Mischlingsr�den halten k�nnen.</p><p>Einen Moment dachte ich daran, da� solche Kreuze nicht zuletzt auch auf chemischen Produkten zu sehen waren, um dort auf eine Gefahr hinzuweisen.�� Hatte man diesen Hund angemalt, um vor ihm zu warnen? War er verflucht, oder war er der Fluch? (Stimmt, besagtes Kreuz als Gefahrensymbol ist Schwarz auf Orange, dieses Hundekreuz aber war Rot auf Hellgrau. Doch vielleicht hatten sie einfach kein Orange und kein Schwarz mehr gehabt, vielleicht��)</p><p>Ich sagte mir:�H�r auf zu spinnen.�</p><p>�Ein Andreaskreuz�, erkl�rte Mercedes, der sich als Messerwerfer � und wie er einmal gesagt hatte, als� christlicher Messerwerfer�� mit zielartigen Symbolen gut auskannte.</p><p>�Welcher Andreas?�fragte ich.</p><p>�Der Apostel, einer der Fischer. Als man ihn kreuzigte, hat man das auf schr�gen Balken getan. Und dann ging der Name des Gekreuzigten auf das Kreuz �ber.�</p><p>Mercedes schaute hinunter zu dem Tier und redete mit ihm in jenem leicht vertrottelten Ton, den Menschen gegen�ber Vierbeinern gerne anschlagen:�Hei�t du Andreas, mein Guter?�</p><p>Der Hund kam und strich im Stil einer Katze mit dem Kopf gegen die Beine Mercedes�.�� Nun, das h�tte er vielleicht auch getan, h�tte man irgendeinen anderen Namen gew�hlt. Doch Auden, der den Hund nat�rlich kannte, erkl�rte, der Hund hei�e tats�chlich Andreas.</p><p>Ich sah Mercedes an und sagte:�He, Sie wu�ten das vorher schon!�</p><p>�Nein, wu�te ich nicht. Es war nur so ein Gef�hl.�</p><p>Ich fragte mich, ob dieser Mann, der mich zumindest optisch an den Allesforscher meiner Kindheit erinnerte, ob dieser Mann ein L�gner war. Denn obgleich er wie ich selbst am Tag zuvor das erste Mal in die H�tte der Tulfeinalm gelangt war, so hatte er von seiner Frau sicherlich vieles �ber diesen Ort und jene Chefin erfahren. Und dabei auch geh�rt, es existiere ein Hund namens Andreas. Andererseits wirkte Mercedes jetzt absolut aufrichtig, seinerseits erstaunt, den Namen des Hundes erraten zu haben. Wobei� erraten �das falsche Wort war. Mercedes hatte kombiniert und hatte eben richtig kombiniert. Verwunderlich war es dennoch. So verwunderlich wie der Umstand, da� er mir im Traum prophezeit hatte, ich w�rde demn�chst als Geburtshelfer fungieren.�� Konnte es sein, da� der Messerwerfer genau das war: ein Prophet? Freilich ein unbewu�ter.</p><p>Simon als Allesforscher und Mercedes als Prophet?</p><p>Passenderweise konnte ich sp�ter feststellen, da� der Hund, der Andreas hie�, den Leuten auf der Tulfeinalmh�tte wirklich als eine Art M�rtyrer galt. Mit dem Hang, in brenzlige Situationen zu geraten. Obgleich er eigentlich als Rettungshund ausgebildet worden war, war er eher ein Hund, der seinerseits des �fteren gerettet werden mu�te. Die Kreuze auf seinem Fell waren darum auch dahingehend zu deuten, da� man dank ihrer den Hund besser finden konnte, wenn er wieder einmal verlorengegangen war. Andreas war ein Lawinenhund, der gerne in Lawinen geriet. Ob das nun allerdings wirklich das Martyrium war, f�r das dieser Hund stand, blieb doch recht unklar. Aber Unklarheit ist ohnehin die Kr�nung jeglicher Religion.</p><p>Wir tranken aus, und Auden und Mercedes gingen noch mit dem Wirt mit, um ein paar Lebensmittel zu holen, die f�r die Chefin bestimmt waren.</p><p>Ich selbst begab mich auf die Toilette, der Andreashund an meiner Seite. Dabei geriet ich in einen langen Flur, wo auf Gesichtsh�he gerahmte und verglaste Fotos aneinandergereiht hingen. Das �bliche: Bilder von Bergsteigern und Bilder von H�ttenfesten und Bilder von Gipfelkreuzen � alte Schwarzwei�fotos und auch nicht mehr ganz junge Farbabz�ge (manche Farben so bla�, als w�ren sie weniger einem Alpinismus als einem Albinismus erlegen). Die j�ngsten Bilder waren vor einigen Jahren entstanden, das �lteste kurz nach dem Ersten Weltkrieg. Auf vielen davon die Unterschriften der im Foto Verewigten.</p><p>Kein Grund, den Besuch der Toilette aufzuschieben. Dennoch blieb ich h�ngen.</p><p>Als ich etwa in der Mitte an eine Farbabbildung kam, konnte ich wegen der Spiegelung, die die durchbrechende Sonne verursachte, zun�chst einmal nur mich selbst sehen, wie ich da mit zusammengekniffenen Augen versuchte, die Fotografie zu betrachten, und statt dessen nur Gekniffenes erkannte. Ich neigte den Kopf etwas zur Seite, um einen g�nstigeren Blickwinkel zu gewinnen. So gewahrte ich im Vordergrund des Bildes zwei M�nner, bekleidet in der typischen Art von Extremalpinisten. Ihre Haut ledrig, ihre B�rte voll. Sie l�chelten in die Kamera. Hinter ihnen befand sich eine Art Monument, und dar�ber erhoben sich die angezuckerten Gipfel mehrerer Berge. Rechts von den Kletterern, weiter hinten im Bild und damit n�her am Denkmal, standen zwei weitere Personen. Bisher hatte ich sie wegen der starken Reflexion nicht wahrgenommen, aber indem nun eine Wolke vor die Sonne zog und dem hereinfallenden Licht einen Schleier verlieh, verlor sich der Widerschein, und ich sah alle Teile des Bildes, auch die zwei Frauen im Hintergrund. Ich klebte mit der Nase an der Scheibe und strengte meine Augen an. Und dann erkannte ich sie: Lana! Sehr viel d�nner als in meiner Erinnerung � das Gesicht eine schmale S�ule, die Augen dunkel, schattig. Lana trug ein Kopftuch, auf diese geschlossene Weise, wie bei Menschen, die kein Haar mehr besitzen. Die Krankheit, die sich in ihr ausbreitete, erschien als markante Aura. Aber auch Lana l�chelte. Am Leib hatte sie ein kreuzf�rmig gebundenes Tuch � man k�nnte sagen: ein Andreastuch, und hinter ihrer linken Schulter war der Schopf eines Babys zu erkennen. Keine Frage, es mu�te Simon sein. Mitten in seinem ersten Lebensjahr, Monate bevor er dann seine Mutter verlieren w�rde.</p><p>Sosehr Lana auf dem Foto vom Tod gezeichnet war, so eben auch von der Sch�nheit, die gerade der todkranke Mensch auszustrahlen vermag. Man k�nnte sagen, dem Genius des Todes gelinge es, den Menschen in seiner ganzen Reinheit zu zeigen. Der vom Tod Gezeichnete ist auch der von Gott Ber�hrte, der ja immer nur die Ungl�cklichen ber�hrt, nie die Fr�hlichen, auch wenn die Fr�hlichen sich das in ihrer Fr�hlichkeit gerne einbilden.</p><p>Obgleich Lana ungemein d�nn war, verf�gte ihr Busen � von den textilen Balken des Andreastuches noch gest�tzt und hervorgehoben � �ber jene F�lle, jenes sichtbare Gewicht, wie es einer stillenden Mutter entsprach. Ja, es konnte gar kein Zweifel bestehen, da� Lana zum Zeitpunkt dieses Fotos Simon noch immer die Brust gegeben hatte.</p><p>Eine Brust, die ich nie zu Gesicht bekommen hatte. Und mir alles M�gliche und Unm�gliche vorgestellt hatte. Jetzt aber kam mir der Gedanke, da� Lana diesen K�rperteil � sichtbar und greifbar � allein f�r ihr Kind reserviert hatte. Und keine Scham, keine Narbe, kein Defekt war es gewesen, der sie abgehalten hatte, mich� einzuweihen�.</p><p>Wenn es so war, genau so, war es in Ordnung. Sehr in Ordnung.</p><p>Unten auf dem Foto hatte einer der Bergsteiger den 5. Juni 2005 notiert, daneben standen chinesische Schriftzeichen, die m�glicherweise den Ort bezeichneten. Es folgten zwei Signaturen, gewi� die der Alpinisten, sowie einige Zahlen bez�glich der von ihnen bew�ltigten Touren.</p><p>Bei der Frau, die neben Lana stand, ganz eng an ihr, als w�ren die beiden zusammengewachsen, handelte es sich um eine Chinesin. Auch sie d�nn wie Lana, aber gesund, zumindest k�rperlich, wenn man bedachte, was letztlich aus ihr geworden war. Denn nat�rlich konnte das niemand anders sein als die Person, die nach dem Tod Lanas das Kind zu sich genommen und Simon in den folgenden Jahren aufgezogen hatte. Ohne ihm eine bekannte Sprache beizubringen, daf�r aber die F�higkeit behenden Kletterns. Jene Frau, die schlu�endlich in irgendeiner Art von psychiatrischer Anstalt gelandet war, was auch immer man tun oder lassen mu�te, um in Taiwan als verr�ckt zu gelten (das mochte ja in den verschiedenen Kulturen nicht immer das gleiche sein).</p><p>Da� sich am oberen Rande der Fotografie, �ber den schneebedeckten Gipfeln, drei helle Punkte abzeichneten, war ziemlich eindeutig auf einen Bildfehler zur�ckzuf�hren, einen Widerschein im Moment des Abdr�ckens oder etwas, das sp�ter, bei der Entwicklung des Bildes, geschehen war. Dennoch f�hlte ich mich an das Ereignis zweier Nebensonnen nahe dem Astri-Berg erinnert, ein Ereignis, das allein von mir und Simon beobachtet worden war. Simon, der auf diesem Foto ein Baby war. Ein sorgsam auf den Mutterr�cken gebundener S�ugling.</p><p>�Haben Sie was entdeckt?�</p><p>Es war Auden. Er stand hinter mir. Sein Atem war ein kleines, warmes Pelztier auf meinem Nacken.</p><p>Ich sagte:�Nichts. Alte Fotos. Berge, Bergsteiger. Menschen in kalter Luft.�</p><p>Ich verschwieg ihm, genau auf dieser einen Fotografie der Frau meines Lebens aufs neue begegnet zu sein. Und damit auch meinem Sohn, aus einer Zeit, als ich noch gar nicht hatte wissen k�nnen, da� er existierte. Dieser� Gru� aus der Vergangenheit �geh�rte mir allein, und ich wollte ihn nicht teilen, indem ich vor Auden die ganze Geschichte ausbreitete. Wozu? Nur, weil er ebenfalls aus Taiwan stammte? Wirklich nicht!</p><p>Er aber trat an mir vorbei und n�herte sich dem Bild, das ich so auff�llig betrachtet hatte. Ich h�tte ihn gerne weggesto�en, statt dessen machte ich Platz. Er h�tte es kaum verstanden, w�re ich jetzt aggressiv geworden.�� Sollte er halt schauen.</p><p>Wenn ich ihn gerade noch mit einem Pelztier verglichen hatte, so war jetzt zu erg�nzen: ein totes Pelztier. Zumindest schien Auden, da er nun die Fotografie betrachtete, mit einemmal ohne Atmung: sein Mund offen, aber in diesem Mund herrschte absolute Windstille.</p><p>Er schien paralysiert.</p><p>�Waren Sie schon einmal dort�, fragte ich,�ich meine, in diesem Gebirge?�</p><p>Er sch�ttelte den Kopf, wozu er ja weder ein- noch ausatmen mu�te.</p><p>Doch es war unverkennbar, wie sehr etwas an diesem Bild ihn betroffen machte. Vielleicht nicht in derselben Weise wie mich, der ich darauf Lana erkannt hatte. Vielleicht war ihm, Auden, die Chinesin vertraut. Oder er erkannte in den beiden Bergsteigern, die im Vordergrund posierten, jene Leute, die ihn verfolgt und dazu getrieben hatten, Taiwan zu verlassen und in Tirol ein neues Leben zu beginnen. Quasi vom Million�r zum Tellerw�scher. Wobei es nat�rlich besser war, ein lebender Tellerw�scher zu sein als ein toter Million�r. M�glicherweise jedoch war es gar nicht der Anblick einer der Personen, der ihn so verst�rte. Vielleicht hing es mit den Bergen zusammen. Oder mit dem Monument. Dunkler Stein.�� Auden war nicht weniger ein Mann der Geheimnisse als ich selbst.</p><p>Die Frage, die mich aber vor allem besch�ftigte, war die, ob ich das Foto abh�ngen und mit nach unten nehmen sollte. Ohne zu fragen. Was auch h�tte ich fragen sollen?</p><p>Ich besa� kein einziges Bild von Lana. So weit war es nie gekommen. Andererseits schien dieses Foto an dieser Stelle einen idealen Platz gefunden zu haben. Die Reihe von sechzehn Aufnahmen f�llte die gesamte Wandfl�che, keines zuviel, keines zuwenig. Und obgleich die verschiedenen Abz�ge aus verschiedenen Zeiten stammten, verteilt �ber hundert Jahre, wirkten sie einheitlich, die Welt umspannend. Und in der Tat war ein jeder der sechs Kontinente vertreten. Denn Berge gibt�s �berall und zu jeder Zeit: der Erde faltige Haut.</p><p>Ich beschlo�, das Bild an seinem Platz zu lassen. Immerhin kannte ich den jetzt und w�rde sp�ter die M�glichkeit haben, diesen Ort immer wieder aufzusuchen. Wie man eine Kapelle aufsucht. Kapellen nimmt man auch nicht mit nach Hause.</p><p>Ich ber�hrte Auden sachte am Arm und sagte:�Gehen wir! Mercedes wartet sicher schon.�</p><p>Indem ich Auden anfa�te, begann er wieder zu atmen. Er nickte mir leicht zu und dr�ckte sich aus dem Bannkreis der Fotografie wie aus einer Blase. Ich folgte seiner Spur.</p><p>Drau�en wartete tats�chlich Mercedes mit leichter Ungeduld. Zwischen Auden und mir trottete der Hund, der Andreas hie� und rechts und links zwei aufgemalte Balken besa�. In der Ferne drohte �ber den Bergen des Karwendels die n�chste Wetterfront. Wir schnallten unsere Skier an und fuhren im hohen, nachgebenden Schnee nach unten.</p><p>Tiefschnee: pulverig, schaumig, schwierig!</p><p>Ich fiel einige Male hin, Auden ebenso, auch den Hund Andreas fegte es mehrmals von den Beinen, nur Mercedes st�rzte kein einziges Mal. Unverletzt aber waren wir alle vier geblieben, als wir im Halbdunkel die H�tte der Tulfeinalm erreichten.</p><p>Mercedes kehrte augenblicklich zu seiner Frau zur�ck, Auden zu seiner K�chenarbeit und ich zu Kerstin und Simon, die beide vor einem Go-Brett sa�en � die Frau Schwarz, das Kind Weiߠ� und mit Steinen (die man als elegante Vorfahren der� vielen bunten Smarties �ansehen konnte) ihre Territorien besetzten und vergr��erten, wobei die zwei geradezu vertr�umt wirkten. Japan tr�umend, eine gute Schlacht tr�umend. Eine Schlacht ohne Blut.</p><p>Kerstins Blick blieb fortgesetzt auf das Brett gerichtet, als ich mich neben sie setzte. Sie griff kurz nach meinem Handr�cken, dr�ckte ihn leicht und lie� ihn wieder los, um einen Spielstein zu setzen. Dabei fragte sie, ob alles in Ordnung sei. Und ob ich oben auf der Glungezerh�tte etwas entdeckt h�tte.</p><p>�Einen Hund�, sagte ich.</p><p>�Ach was! Und sonst nichts?�</p><p>�Nein�, log ich.</p><p>Es wunderte mich gar nicht, da� noch am gleichen Abend Simon und der Andreashund gute Freunde wurden. Ohne da� Simon sich auf das Tier gest�rzt h�tte, wie einige andere Kinder das taten, ihn auf eine Weise streichelten, als wollten sie ihm die Ohren abrei�en. Simon begn�gte sich anfangs damit, den Hund anzuschauen. Der Hund kam dann und lehnte sich gegen Simon wie gegen einen d�nnen Baum, an dem er sein Fell und seine roten Balken rieb.</p><p>Bald w�rden die beiden im Schnee herumtollen und gemeinsam vor der K�che stehen, um bei Auden zu betteln. Der Hund w�rde neben dem Jungen auf der Bank liegen, wenn dieser Go spielte. Sie w�rden so ungemein geschwisterlich wirken, denn das gibt es ja auch, da� Tiere und Kinder miteinander verwandt sind. Mit dem Unterschied, wie wenig das �lterwerden bei Simon und Andreas dazu f�hren w�rde, einander aus dem Blick zu verlieren und sich blo� noch an den Feiertagen zu begegnen, im Rauch ausgeblasener Kerzen stehend.</p><p>In der Nacht, die diesem erfolgreichen Tag folgte � ein Hund war gefunden, ein altes Foto entdeckt, ein Aufstieg und eine Abfahrt �berlebt worden � , geriet ich in einen Traum, der zun�chst ohne gr��ere Bedeutung schien. Da war wieder viel vergoldetes Zeug zu sehen, viel Dekor, verschwommen, dann klar. Ich befand mich auf einer Einkaufsstra�e. Die Gestaltung der Auslagen war ein wenig merkw�rdig. Viele lebende Leute posierten in den Schaufenstern, hatten Preisschilder auf Stirn oder Wangen gesteckt. Ich dachte mir:�Little Sonja was here.�</p><p>Und dann sah ich ihn wieder: den Kleiderschrank. Er stand in einer von diesen Vitrinen, umgeben von Damen in Bikinis, dazu Sand, Strandk�rbe, Sonnenschirme, ein gemaltes Meer und ein gemalter Himmel. Aber dies war im wahrsten Sinne Staffage. Wichtig war allein der Schrank, der sich nun �ffnete. Der Zehn-Millionen-Mann stieg in der bereits gewohnten Manier � mit seiner Harpune voran � aus dem Wasser, brach in der Folge mit Leichtigkeit durch die Scheibe und landete sicher auf dem Gehweg.</p><p>Ich befand mich auf der anderen Stra�enseite und war frech genug hin�berzurufen:�Mein Lieber, Sie wiederholen sich.�</p><p>Er zog seine Tauchermaske und die Kapuze seines Neoprenanzugs herunter und beutelte kopfsch�ttelnd die Feuchtigkeit aus dem wei�en Haar. Er grinste mit seinen gut erhaltenen Z�hnen und erkl�rte:�Sie irren sich, Sixten Braun, wenn es blo� eine Wiederholung w�re, w�re ich nicht in der Lage, jetzt auf Sie zu schie�en.�</p><p>Er richtete seine Harpune auf mich. Ein nagelneues Ding, sehr viel j�nger als er selbst. Die Spitze samt Widerhaken gl�nzte im Sonnenlicht. Sauberster Federstahl. An einer Blutvergiftung w�rde ich ganz sicher nicht sterben. Aber sehr wohl an der Wunde, die dieses Instrument an und in mir verursachen w�rde.</p><p>Ich lachte verkrampft und meinte:�Absurd, Sie wissen doch auch, da� das hier ein Traum ist. Wie wollen Sie mich da t�ten? Ehrlich!?�</p><p>Der Zehn-Millionen-Mann machte gro�e Augen, schien irritiert.</p><p>Was war es, das ihn durcheinanderbrachte? Die Feststellung, da� wir uns � ich lebend, er tot � in einem Traum befanden? Oder die Feststellung, wie wenig es mich real umbringen w�rde, fiktiv gemordet zu werden? Dann aber folgte ich seinem erstaunten Blick und erkannte�� erkannte einen Laster, der um die Ecke kam. Darauf ein gewaltiger Pottwal. Mindestens f�nfzehn Meter. Der Schwertransporter hatte Schwierigkeiten mit der engen Kurve. Polizisten halfen. Auch mehrere Passanten. Man hob einen geparkten Kleinwagen ein St�ck auf den Gehsteig, damit es sich f�r den derma�en beladenen Lkw ausgehen konnte.</p><p>�Was hat der Wal hier verloren?�beschwerte sich der Zehn-Millionen-Mann.</p><p>Nun, ich wu�te es ja auch nicht, sagte aber:�In meinem Traum kann ich so viele Wale auftreten lassen, wie ich will.�</p><p>�Das machen Sie nur, um mich zu verwirren.�</p><p>�Ehrlich gesagt, verwirrt es mich selbst.�</p><p>Mir kam der Gedanke, da�, wenn die Toten in den Tr�umen der Lebenden unterwegs waren, dies m�glicherweise auch f�r die Tiere galt, jene, die gestorben waren, auch sie vor ihrer Zeit. Ich war mir ganz sicher, da� es sich um den gleichen Wal wie damals in Tainan handelte. Ich hatte ihn mir nicht ausgedacht, ihn nicht herbeigefleht, wirklich nicht. Einmal hatte mir gereicht.</p><p>Der Laster schaffte die Kurve und kam nun die Stra�e hoch, direkt auf uns zu. Ich ahnte, was geschehen w�rde. Da� dieser Wal ein zweites Mal explodieren wollte. Sein Schicksal wiederholend. Vielleicht auch, um diesmal <emphasis>besser</emphasis> zu explodieren, wenn das noch m�glich war.</p><p>Der Zehn-Millionen-Mann sah zwischen mir und dem Wal nerv�s hin und her. Er hatte wohl vorgehabt, seine Tat zu genie�en, mich noch einmal zur Rede zu stellen und meine Angst zu verst�rken. M�glicherweise hatte er geplant, mir einreden zu wollen, da� das hier gar kein Traum war. Vielleicht hatte er gehofft, mich in den Irrsinn zu treiben. Einen, der anhalten w�rde, auch wenn ich l�ngst erwacht war.</p><p>Doch nun stand der Zehn-Millionen-Mann unter Zugzwang. Keine Zeit f�r Spielchen.</p><p>Er richtete den Lauf seiner Pre�luftharpune auf meinen Brustkorb. Sein Finger bog sich um den Abzug. Sein Augenpaar jedoch glitt in die andere Richtung, weg vom Wal, weg auch von mir, ans andere Stra�enende. Erneut folgte ich seinem erstaunten Blick: Es war Astri, die er sah.</p><p>Sie kam rasch n�her, den Arm gehoben.</p><p>Der Zehn-Millionen-Mann schrie:�Jetzt reicht�s.�</p><p>In dem Augenblick, da er dies ausrief, explodierte der Wal.</p><p>Traum hin oder her, es ging alles so rasch, als w�r�s das richtige Leben: wie da die Walteile durch die Luft flogen und der von Pre�luft angetriebene Pfeil an einer Schnur auf mich zuschnellte.�� Ich sah der Spitze ins Auge.</p><p>Doch da war noch eine andere Spitze. Eine Messerspitze.</p><p>Bevor mich n�mlich der Pfeil erreichte, traf ihn das Messer, welches Astri im selben Moment geworfen hatte, da der Zehn-Millionen-Mann abgedr�ckt hatte und der Wal explodiert war. Dergestalt geriet die Harpune aus ihrer Flugbahn und wurde in einer Weise zur Seite und ein wenig nach oben abgelenkt, um genau in jenes St�ck des Wals einzudringen, das von der rechten Seite auf meinen Sch�del zugeschossen kam. Und welches nun einen Fingerbreit an meinem Hinterkopf vorbeiflog.</p><p>Das Ganze h�tte ein wirklich sch�nes Rechenbeispiel ergeben, alle einwirkenden Kr�fte und Distanzen und Gewichte ber�cksichtigend, denen zu verdanken war, da� ich nicht gleichzeitig von einem Stahlpfeil in der Brust und einem St�ck Walfleisch am Kopf getroffen wurde, sondern v�llig unbeschadet blieb.</p><p>Ich schaute hin�ber zu Astri. Zu meiner hellsichtigen Schwester, die einmal behauptet hatte, nicht in die Zukunft der Tr�ume sehen zu k�nnen. Aber eine Ahnung mu�te sie gehabt haben und hatte deshalb also darauf bestanden, von Mercedes das Messerwerfen zu erlernen. Sie selbst w�re nicht in der Lage gewesen, rechtzeitig bei mir zu sein, mich umzuwerfen, aus der Zielbahn zu bef�rdern, mich zu retten. Mit dem Messer aber war es gelungen.</p><p>Ich wollte ihr etwas zurufen. Aber sie war verschwunden. Verschwunden wie der Wal und der Zehn-Millionen-Mann. Ich w�rde sie alle nie wiedersehen.</p><p>Als ich erwachte, war ich in keiner Weise ersch�pft oder erledigt, sondern f�hlte mich ausgesprochen frei.�� Keine Frage, es ist pure Phantasie, purer Bl�dsinn zu meinen, w�re ich jetzt im Traum gestorben, h�tte dies auch bedeutet, im wirklichen Leben zu sterben. Nat�rlich nicht. Es war etwas anderes, das sich auswirken w�rde: Es war die Rettung.</p><p>Astri hatte mich gerettet, vorausschauend, klug und mit gr��tem Geschick. Und dies hatte durchaus eine Folge f�r mein Leben. Ohne ihr Eingreifen w�re ich in einen Kreislauf von ersch�pfenden Alptr�umen geraten. Diese Rettung jedoch beruhigte meine Traumwelt und pflanzte sich in mein Wachsein fort.</p><p>Es gibt sie, die guten Geister.</p><p>Drei Tage sp�ter h�rte der Schneefall endg�ltig auf, es wurde w�rmer, es taute, und die von der sogenannten Au�enwelt abgeschnittenen T�ler und Berge fanden wieder Anschlu� an das Leben der Hauptorte. Stra�en wurden frei ger�umt und freigegeben und ein paar Leute ins Krankenhaus gebracht.</p><p>Auch Clara mu�te zum Arzt, sa� aber bald wieder an ihrem Steinway-Fl�gel und spielte 825�� nun wieder in der traditionellen Reihenfolge.</p><p>Andreas wurde unser Familienhund. Denn so leicht es Simon gefallen war, auf Sonja zu verzichten, so traurig wurde er, als ich ihm erkl�rte, da� wir den Hund nicht mitnehmen k�nnten. Simon versuchte mir deutlich zu machen, sich um den Hund k�mmern zu wollen und stets darauf zu achten, die Farbe der beiden Kreuze zu erneuern, quasi den Hund frisch anzustreichen. Er meinte das ernst. Er wu�te, da� Andreas ohne Kreuze nicht der gleiche war und da� davon auch dessen Unversehrtheit abh�ngen konnte. Indem die rote Farbe eben immer gut sichtbar blieb und nicht etwa im Zuge von Wind und Wetter verbla�te.</p><p>Ich redete mit der Chefin. Sie lie� sich ein wenig bitten, gab dann aber relativ schnell nach. Wahrscheinlich hatte sie ohnehin schon begriffen gehabt, wie sehr dieser Hund und dieser Junge zusammengeh�rten. Allerdings sagte sie:�Mein Chinese bleibt aber!�</p><p>�Auden?�</p><p>�Ja, ohne ihn ist die K�che nichts wert.�</p><p>Ich versicherte ihr, bei aller Sympathie f�r Auden diesen ganz sicher nicht mit nach Stuttgart nehmen zu wollen. Allerdings geschah es, da� Auden uns wenig sp�ter � denn die H�tte auf der Tulfeinalm hatte zwischen Oktober und Dezember geschlossen � von selbst in Stuttgart besuchte. Er kam sogar zu mir ins Bad Berg und schwamm einige Runden im heiligen Wasser. Die Damen dort waren begeistert, sie erkl�rten, noch nie einen so h�bschen, vornehmen und charmanten Asiaten kennengelernt zu haben. Wobei ich mit einigem Erstaunen feststellte, da� Auden sich in sehr beredter Weise mit den Bergianerinnen �ber Kosmetik unterhielt und ihnen Tips gab, die sie alle versprachen zu befolgen.</p><p>Eine von ihnen meinte:�Aber schwul ist er trotzdem nicht.�</p><p>Ob schwul oder nicht, er wurde unser Freund. Kerstins und Simons und meiner. Im Winter fuhren wir immer wieder nach Tirol und verbrachten unsere Zeit in der H�tte, in der auch ohne Schneechaos und gesperrte Stra�en weiterhin die Chefin regierte und Auden seine Kn�del fabrizierte. Allerdings war er w�hrend unserer Aufenthalte auch viel bei uns in der Gaststube oder sogar auf der Piste, wenn wir gemeinsam zum Skifahren gingen. Abends wiederum spielte er mit Simon Go (wirklich nicht mein Ding). Dabei stellte es sich heraus, da� Auden es viel besser als jeder andere verstand, sich Simons Vokabular anzueignen. Auden merkte sich weit mehr W�rter und Betonungen und begriff die spezielle Syntax, vor allem aber erkannte er, wie sehr eine bestimmte Vokabel mittels einer Ver�nderung der Mimik auch ihre Bedeutung tauschte. So gab es f�r <emphasis>Gott</emphasis> und <emphasis>Teufel</emphasis> den absolut gleichen Begriff, der aber einmal mit offenen und einmal mit geschlossenen Augen gesprochen wurde, so da� sich mit einem Wort zwei Dinge sagen lie�en. Was f�r viele Begriffspaare galt, mal nachvollziehbar, etwa bei <emphasis>Vater</emphasis> und <emphasis>Mutter,</emphasis> mal weniger, zum Beispiel im Falle von <emphasis>Tod,</emphasis> wo man sich nat�rlich als Gegenst�ck den Begriff <emphasis>Leben</emphasis> gedacht h�tte. Aber das Zwillingswort zu <emphasis>Tod</emphasis> war <emphasis>Fernglas</emphasis>.</p><p>Jedenfalls lernte Auden die Sprache immer besser zu verstehen.</p><p>H�tte ich da nicht eifers�chtig sein m�ssen? Meine Position als Vater des Kindes in Gefahr sehend?</p><p>Nein, eher war es so, da� Auden sich verhielt, als w�re er mein Bruder, ein Bruder, der sich eben Zeit nahm f�r seinen Neffen und all die L�cken f�llte, die zwangsweise auch ein noch so guter Vater hinterl��t. Aber es blieb dabei, da� Simon sich keinem Menschen mit derselben Z�rtlichkeit n�herte wie mir. Es kam mir so vor, als w�re ich ein lebendes Nest, in das er immer wieder flog und wo er zur Ruhe kam, in der Obhut eines Mannes, der im entscheidenden Moment � damals im Konsulat in M�nchen � �Ja �gesagt hatte. Manchmal verbindet ein Ja M�nner und Frauen, aber es gibt auch ein Ja, das Kinder und Erwachsene verbindet, und dann kann sie nichts mehr trennen.</p><p>Das klingt schon sehr nach Idylle. War es ja auch. Allerdings hatte ich mit Kerstin so meine Schwierigkeiten und sie mit mir. Sie sp�rte, da� sie nicht die Frau meines Lebens war, wie es Lana gewesen war, und einmal drohte sie, etwas mit Auden anzufangen. Aber mir war klar, da� sie auch f�r Auden nicht die Frau <emphasis>seines</emphasis> Lebens sein w�rde. Da� Auden in dieser Hinsicht ganz in der Vergangenheit lebte und nichts unternehmen w�rde, seiner Vergangenheit ein Jetzt gegen�berzustellen.</p><p>Er war ein M�nch (ein Bruder).</p><p>Ich war ein ewiger Bademeister (und einmaliger Geburtshelfer).</p><p>Kerstin die Gegenwart.</p><p>Simon die Zukunft.</p><p>Andreas ein Kreuz.</p></section></section><section><title><p><strong>Letztes</strong></p></title><p><emphasis>Sie h�ren jetzt nicht Sch�nberg,</emphasis></p><p><emphasis>sondern Schubert,</emphasis></p><p><emphasis>und es spricht der Autor</emphasis></p><p>Der Titel des vorliegenden Romans ist eine Wortsch�pfung. Sie stammt von meinem Sohn. Unzufrieden mit dem Begriff des Universalgelehrten, fragte ich ihn vor einigen Jahren, wie er eine solche Person bezeichnen w�rde. Er antwortete prompt:�Allesforscher�. Ebenso prompt war ich in dieses frisch geborene Wort verliebt und wu�te auch bald, da� es in die Welt gekommen war, um mir als Romantitel zu dienen. Fehlte noch der Roman. Der kam sp�ter. Ein Roman, der im Gegensatz zu meinen bisherigen B�chern weder in einem St�ck geschrieben wurde noch in seiner urspr�nglichen Fassung erhalten blieb. Vielmehr unterlag er einem mehrmaligen Wandel im Kleinen wie im Gro�en. Einem Wandel, der ihm, wie ich glaube, gutgetan hat. Wie es guttut, ein paar Kilo abzunehmen und dann wieder ein paar Kilo zuzunehmen, aber nicht dieselben, die man zuvor verloren hat. So ergibt sich, da� man nachher zwar ein fast identisches Gewicht besitzt, aber sehr viel besser und ges�nder und frischer aussieht.</p><p>Da� die neuen Kilo dieses Romans andere und bessere sind als die alten, habe ich mehreren Personen zu verdanken, die mir beratend zur Seite standen, gleich den Trainern in Fitne�studios, die aufpassen, da� man beim Sport nicht krank und krumm wird.</p><p>Hier die Trainer:</p><p>Mein Kollege, der �bersetzer und Kunsthistoriker G.H. H., hat mir dringend ans Herz gelegt, als den eigentlichen Allesforscher dieser Geschichte den kleinen Simon anzuerkennen. Simon ist es, der mit seinen abstrakten wie konkreten Zeichnungen die Allesforschung konsequent betreibt und der Antwort nach dem� Alles �wohl n�her ist als jeder andere. Und keine Frage: Wenn die Wahrheit des Universums in einem jeden Ding steckt, dann nat�rlich auch in der Feder einer Ente.</p><p>Mein Agent Uwe Heldt beklagte zu Recht, da� in den ersten Fassungen dieses Romans der Zehn-Millionen-Mann allein am Anfang der Geschichte auftaucht beziehungsweise untergeht, in der Folge aber keine Rolle mehr spielt. Was auch wirklich ein Witz gewesen w�re. Man verliert nicht sein Leben und damit die M�glichkeit, zehn Millionen auszugeben (vor allem f�r Anw�lte), ohne sich daf�r r�chen zu wollen. Und sei es, indem man seinem Feind im Traum erscheint.</p><p>Dem Verlagsleiter Marcel Hartges und meiner Lektorin Eva-Marie v. Hippel ist vor allem zu schulden, da� die Welt in meinem Roman nicht vernichtet wird. Da� dort weiterhin nur <emphasis>eine</emphasis> Sonne am Himmel steht. Denn urspr�nglich ergab sich im dritten Teil dieser Geschichte, da� unser bekanntes Zentralgestirn� kalbte �und zwei kleine Sonnen gebar und die Welt aufh�rte, in ihrer bisherigen Form zu bestehen.�� Aber es war richtig einzuwenden, da� in Film und Literatur schon genug untergegangene Welten und Endzeitszenarien existieren, derzeit mehr denn je, und ein solches Romanende die ganze Geschichte zu sehr befrachten w�rde. So blieb von den drei Sonnen allein ein bekanntes Schubertlied sowie ein weit weniger bekannter nat�rlicher Lichteffekt. Und die Konzentration ging von den Himmelserscheinungen wieder zur�ck zu den Menschenerscheinungen.</p><p>Meinem Freund, dem Gleitschirmflieger Eberhard Linckh, ist zu verdanken, da� ich � der ich genauso wie Sixten Braun unter H�henangst leide � auf den Felsnachbildungen des Kletterzentrums in Stuttgart-Degerloch meinen Weg in die H�he fand. Es steckt ein gar s��er Geschmack in der Bezwingung. Der Irrtum w�re nur zu meinen, man k�nne die Angst �berwinden. Eher freundet man sich mit ihr an, um dann praktisch Seite an Seite mit der Angst zu klettern und sich gemeinsam mit ihr zu fragen, warum man sich so was �berhaupt antut.</p><p>Hier w�re nun der Platz, mich noch f�r vieles Weitere zu bedanken, jede Bibliothek zu erw�hnen, in die ich je meinen Fu� setzte, all die flei�igen Leute, die das Wikipediauniversum f�llen, oder die vielen Personen, die durch ihr schlichtes Vorhandensein die Gestaltung meines eigenen Universums beeinflussen. Jemand sagt einen Satz, und � flutsch!�� ist der Satz in meiner Geschichte. Wer das nicht will, mu� einen gro�en Bogen um mich machen.</p><p>Viele Orte im <emphasis>Allesforscher</emphasis> existieren tats�chlich, ich habe sie nicht erschaffen: Tainan, das Ostchinesische Meer, K�ln, das magische Bad Berg in Stuttgart, die Kletterw�nde auf der Waldau, das vergoldete Innsbruck, die Zillertaler Alpen, die in den Berg getriebenen Stollen der Nazis, die Tuxer Alpen, die Tulfeinalm. Dennoch sind diese Orte in meinem Roman nicht die vollkommen selben wie in der Realit�t. Es k�mmert mich nicht, ob an einem bestimmten Tag in meiner Geschichte dasselbe Wetter war wie an den realen Orten. Der Roman hat sein eigenes Wetter. Die Verh�ltnisse in der M�nchner Taipeh-Vertretung entspringen allein meiner Phantasie. Da� allerdings an einem Januartag 2004 mitten in Tainan ein Wal explodierte, geschah auch ganz ohne meine Phantasie. Die H�tte auf der Tulfeinalm ist von der wirklichen H�tte inspiriert und auch von den Menschen, die ich dort sah. Da� jedoch in meinem Roman daraus ein Matriarchat wird�� nun, das ist wohl so, wie wenn jemand Milch in einen Kaffee gie�t und in der Folge die Verl�ufe der Milch beobachtet. Ohne darum gleich in diesem milchigen Muster das Gesicht von Jesus zu erkennen, vielleicht aber die deutlichen Z�ge einer perfekten Frauenwirtschaft.</p><p>Der begabte Simon, die bet�rende Frau Dr. Senft, Auden Chen, Kerstin, der Icherz�hler Sixten Braun, die Damen im Schwimmbad und die Damen in der Almh�tte, der Allesforscher in K�ln, der Zehn-Millionen-Mann in einem abst�rzenden Flugzeug, die <emphasis>traumhafte</emphasis> Astri, das sind alles fiktive Personen. Ich habe sie in den cremigen Schlieren des realen Lebens erkannt. Unter diesen Schlieren fand ich auch die meines eigenen Bruders, Michael Steinfest, der 1985, als er dreiundzwanzig Jahre alt war, am Fu�stein, dem Astri-Berg dieses Romans, t�dlich verungl�ckte. Ihm widme ich den <emphasis>Allesforscher</emphasis>.</p></section></body><binary id="cover" 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