<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>sf_fantasy</genre><author><first-name>Bernhard</first-name><last-name>Hennen</last-name></author><book-title>Himmel in Flammen</book-title><annotation><p><emphasis>Nur sie w�rde seinen Schmerz heilen k�nnen. Sie allein hatte sich nie wirklich unterworfen. Sie war wild, so wie der eisige Norden, aus dem sie gekommen war: Nandalee. Und nun stand sie in seiner H�hle und zog die Klinge, die er einst selbst erschaffen hatte ...</emphasis></p><p>Mit letzter Kraft flohen die Menschen aus dem ewigen Eis zur�ck in die s�dlicheren Gefilde Nangogs - besiegt und gedem�tigt von den Kriegern der Daimonen. Erst als ein einzigartiger Wolkensammler mit einer mysteri�sen Fracht �ber Volodis Palast vor Anker geht, sch�pfen der Unsterbliche und sein bester Freund Aaron wieder Hoffnung. Es gibt eine Waffe gegen die scheinbar unbesiegbaren Drachen!</p><p>Doch auch die m�chtigen Himmelsschlangen sind auf diese Waffe aufmerksam geworden. W�hrend sie eine Armee von Zwergen in die Hafenstadt Asugar senden, um die Menschen endg�ltig zu schlagen, soll einer einzigen Drachenelfe, Nandalee, das Unm�gliche gelingen: noch vor den Menschen die Waffe finden und bergen. Aber wird es Nachtatem, ihrem Herrn, wirklich gelingen, die Elfe noch einmal f�r seine Ziele in den Kampf zu schicken? Dieselbe Elfe, die ihm nahe kam wie niemand sonst und die zugleich sein Ende bedeuten k�nnte? Als aus dunklen Prophezeiungen Gewissheit wird, zeigt sich: Das Schicksal aller wird sich auf der magischen Welt Nangog entscheiden��</p></annotation><date>2016</date><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang><sequence name="Drachenelfen" number="5"/></title-info><document-info><author><nickname>N/A</nickname></author><date>2016</date><id>64F0ACC1-399B-4DD3-AE81-F60F05395FF6</id><version>1.0</version><program-used>fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used></document-info></description><body><title><p>Bernhard Hennen</p><p>Drachenelfen:</p><p>Himmel in Flammen</p></title><epigraph><p>F�r Anita,</p><p>ohne die es all dies nie gegeben h�tte.</p></epigraph><epigraph><poem><stanza><v>Die Jahre kommen und gehen,</v><v>Geschlechter steigen ins Grab,</v><v>Doch nimmer vergeht die Liebe,</v><v>Die ich im Herzen hab.</v></stanza></poem><text-author>Heinrich Heine (1797�1856)</text-author></epigraph><section><title><p>Erstes Buch</p><p>Der Sohn der G�ttin</p></title><section><title><p>Prolog</p></title><p>Pl�tzlich war der Tod nichts mehr, was immer nur die anderen traf. Er war so alt wie die Welt. Er war ein Liebling der G�tter. Doch nun hatte er ihre Gunst verloren. Deutlich hatte der Dunkle den Zorn der Alben gesp�rt. Sie hatten gesehen, was auf Nangog geschehen war. Sie wussten, dass es das Werk der Himmelsschlangen war.</p><p>Der Fl�gelschlag des riesigen Drachen wurde schw�cher. Kaum vermochte er im Flug dem Goldenen Pfad zu folgen, der durch die endlose Finsternis f�hrte. Blut schoss in pulsierenden St��en aus den beiden Wunden. Etliche Speere hatten die z�he Lederhaut seiner Fl�gel durchschlagen. Brandgeschosse die Schuppen seines Leibes versengt. All dies war nichts. Nur ein einziges Geschoss hatte ihn verletzt, hatte sich tief in seinen Leib gegraben, sein Fleisch zerfetzt und war in seinem R�cken wieder ausgetreten. Ein solches Geschoss h�tte es nicht geben d�rfen.</p><p>Seine Lider wurden ihm immer schwerer. Er k�mpfte darum, die Augen offen zu halten. Da war ein Lichtpunkt am Ende des Weges. Er musste nicht mehr lange durchhalten. Im Jadegarten w�rde er genesen. Sein Fleisch w�rde heilen, das wusste er. Doch die Gewissheit, die Gunst der Alben verloren zu haben, setzte ihm zu. Selbst jetzt noch sp�rte er ihren Zorn. Er war ihr erstes Gesch�pf. Die erste Kreatur, der sie Leben eingehaucht hatten. Seine Seele war mit ihnen verbunden. Zumindest hatte er das immer geglaubt.</p><p>Seine Augenlider fielen ihm zu. Einen Herzschlag nur. Erschrocken riss er sie wieder auf. Sein Flug war ins Trudeln geraten. Den gro�en Schwingen fehlte es an Kraft. Er wollte einfach nur ruhen. Schlafen�� Am besten f�r ein paar Wochen. Fliehen, in Tr�ume, die ihn in eine bessere Wirklichkeit entf�hrten.</p><p>Er schnaubte seine Wut und Verzweiflung heraus. Das war er nicht! Er war immer ein K�mpfer gewesen! Er w�rde nicht aufgeben und niemals fliehen, schon gar nicht in Tr�ume.</p><p>Wieder fielen ihm die Augenlider zu. Ihm war schwindelig. Der Blutverlust�� Er brauchte dringend einen geborgenen Platz.</p><p>Er glitt durch das Licht am Ende des Goldenen Pfades. Halb ohnm�chtig sp�rte er, wie ihn D�mmerlicht und Feuchtigkeit umfingen. Er gab der Ersch�pfung nach�� und kehrte in die Nacht zur�ck, in der Nandalee zur Drachenelfe geworden war. Wie sehr er sich nach der Ekstase sehnte, dem Rausch zwischen Lust und Schmerz, den sie mit ihm durchlebt hatte. W�rde sie sich ihm doch nur ein einziges Mal noch so hingeben wie in jener Nacht. Deutlich sah er wieder das Bild vor sich, das er ihr in endlosen Stunden in den R�cken gestochen hatte. Es war verwirrend gewesen. Nicht sein klarer Wille hatte es geformt. Es war dem Unbewussten entsprungen. Ein Omen. Ein R�tsel, das er bis heute nicht zu deuten vermochte. Zwei Schlangendrachen rangen miteinander. Ein schwarzer und ein silberner. Oder waren sie im Liebesspiel umschlungen? Im Hintergrund eine Scheibe aus geh�mmertem Silber. Davor, unverkennbar, Nandalees Schwert Todbringer.</p><p>Sollte die Silberscheibe vielleicht die Silberschale darstellen? Jenes fragw�rdige Artefakt, das vermutlich von den Devanthar erschaffen worden war und stets nur die dunkelsten Seiten der Zukunft enth�llte? Nachtatem wusste, wie sehr sein goldener Bruder der Silberschale verfallen war. Er hingegen vertraute ihr nicht. Und in welcher Verbindung stand die Schale zu Nandalee?</p><p>R�tselhaft war auch der silberne Drache. Es gab keine Himmelsschlange in dieser Farbe, ja, nicht einmal einer der niederen Drachen war silbern. Resigniert schnaubte der Erstgeschl�pfte. Er bettete sein m�des Haupt auf die gekreuzten Vorderpranken und blickte hinab auf das dunkle Rinnsal aus Blut, das von der Felsinsel, auf der er sich niedergelassen hatte, hinab ins brackige Wasser troff. Seine Wunden begannen sich zu schlie�en. Er w�rde �berleben. Doch wie hatte das geschehen k�nnen? Er war fast g�ttergleich. Es gab nur zwei Arten von Waffen, die ihm und seinen Br�dern gef�hrlich werden konnten. Jene, die sie, die Himmelsschlangen selbst, entweder allein oder aber gemeinsam mit dem Schmied Gobhayn erschaffen hatten. Die Waffen, die sie ihren auserw�hlten Drachenelfen �bergaben. Doch in diese war ein Zauber gewoben, der sie in die Wei�e Halle zur�ckbrachte, wenn der Besitzer der Waffe starb. Und er und seine Nestbr�der konnten sie auch zu sich zur�ckkehren lassen. Es war also unm�glich, dass diese Klingen in falsche H�nde gerieten. Au�erdem waren nie Pfeile erschaffen worden. Mit Bedacht.</p><p>Das Geschoss, das ihn verwundet hatte, musste demzufolge von den Devanthar stammen. Auch sie schmiedeten zauberm�chtige Klingen, denen nichts zu widerstehen vermochte. Aber Nachtatem war sich fast sicher, dass der Speer, der ihn so schwer verwundet hatte, aus den eigenen Reihen gekommen war. Paktierten einige Albenkinder etwa heimlich mit den Devanthar?</p><p>Das war undenkbar! Warum sollten sie das tun? Die Himmelsschlangen opferten sich auf, um Albenmark zur besten aller Welten zu machen. Sie �bten die Gerechtigkeit, die bei den Alben l�ngst durch Ignoranz verdr�ngt worden war. Niemand vermochte sich das R�tsel um ihr Verschwinden zu erkl�ren. Oft hatte er mit seinen Br�dern dar�ber gestritten. War es eine Laune? Verabscheuten die Alben ihre Sch�pfung? Verstanden sie dies unter v�lliger Freiheit? Ihre Sch�pfer hatten Albenmark sich selbst �berlassen. Und sie hatten ihr Tun nie erkl�rt. Konnte man von G�ttern anderes erwarten? Sie schuldeten ihrem Werk keine Erkl�rungen. Doch die Welt konnte ohne G�tter keinen Frieden finden. Und so hatten sie, die Himmelsschlangen, entschieden, die Welt zu ordnen, und sie zu einem Platz mit klaren Regeln gemacht.</p><p>Woher also war der Pfeil gekommen? Lange sann er nach. Ganz in sich versunken. Als er schon nahe daran war, an dem R�tsel zu verzweifeln, regte sich tief in ihm eine Erinnerung�� Einst hatte Nangog ein Werkzeug besessen, das sie zum Graben genutzt hatte. Die Alben selbst hatten ihr diese Hacke geschenkt, deren Stahl von Magie durchwoben, unzerst�rbar war. Niemals wurden die Kanten stumpf. Aber diese Hacke war verloren, seit Nangog in das Herz ihrer eigenen Welt verbannt worden war. Sie war nie gefunden worden. Den Alben bedeutete das Werkzeug ihrer gefallenen Sklavin nichts. Sie hatten nicht danach gesucht. Und wie ihre Sch�pfer, so hatten auch die gro�en Drachen dieses Werkzeug vergessen.</p><p>Nachtatem war sich sicher, er oder einer seiner Br�der h�tten davon erfahren, wenn eine riesige, undurchdringbare Wand aus Stahl tief in den Eingeweiden irgendeines Gebirges gefunden worden w�re. Eine Wand, an der alle herk�mmlichen Werkzeuge zerbrachen. Hatten etwa die Zwerge��?</p><p>Als er resignierend die Augen schloss, sp�rte er, wie das magische Netz vibrierte. Jemand kehrte aus Nangog zur�ck und hatte dabei einen Drachenpfad benutzt. �berlebende! Sie mussten sich auf eines jener seltsamen Schiffe gerettet haben, die der Schmied und Baumeister Gobhayn den Aalen der Zwerge nachempfunden hatte. Die Zwerge�� sie hatten mehr als jedes andere Volk einen Grund, auf Rache zu sinnen, seit die Tiefe Stadt verbrannt worden war. Sie waren dickk�pfig genug, ihren Groll niemals aufzugeben. Und sie waren Tunnelbauer. Hatten sie Nangogs Hacke gefunden? Er sollte die Zwergenf�rsten einbestellen und in deren Gedanken lesen, sobald er wieder zu Kr�ften gekommen war.</p><p>Die Schlacht um Nangog war entschieden. Nun war es an der Zeit, die V�lker Albenmarks wieder strenger zu beobachten. Er sollte zudem seine Br�der �berzeugen, die Wei�e Halle wieder zu er�ffnen. Sie brauchten neue Spitzel, neue M�rder. Zu viele ihrer Auserw�hlten waren auf Nangog gefallen. Nachtatems Gedanken glitten zur�ck zu Nandalee. Er wusste, der Goldene w�rde genau sie als Grund anf�hren, mit der Wei�en Halle f�r immer zu brechen. Sie war kein Werkzeug so wie die anderen M�rder, die die Wei�e Halle bislang hervorgebracht hatte. Nandalee stellte Fragen. Weigerte sich, einen Mord auszuf�hren, wenn sie ihn f�r moralisch fragw�rdig hielt. Vielleicht waren es gerade Drachenelfen wie sie, die das neue Albenmark nun brauchte? Er vermisste sie. Hatte sie �berlebt? Er hatte sie an den gef�hrlichsten Ort der Menschenwelt geschickt. Allein, ohne Hoffnung auf Unterst�tzung, ja, sogar ohne das Wissen seiner Br�der. W�rde sie zur�ckkehren? Ihm wieder trotzig die Stirn bieten? W�rde er Gelegenheit haben, sie f�r sich zu gewinnen?</p><p>Ungestillte Sehnsucht versetzte seinem Herzen einen Stich. Es war ein s��er Schmerz, der tiefer ging als der Speer, der ihn heute durchbohrt hatte. Ein Schmerz, den kein Zauber bannen konnte. Nur Nandalee allein w�rde ihn heilen k�nnen. Wieder dachte er an die eine Nacht. Mehr als drei�ig Elfendamen hatten sich ihm verschrieben, seit die Wei�e Halle gegr�ndet worden war. Sie alle hatten dasselbe Ritual durchlaufen. Und doch hatte er bei keiner so empfunden wie bei Nandalee. Sie hatte sich nie wirklich unterworfen. Sie war wild, so wie der eisige Norden, aus dem sie gekommen war. Vielleicht stand der silberne Drache f�r sie? Sie, die allen anderen Elfen un�hnlich war. Die das Herz eines Drachen hatte, auch wenn es ihr an der Weisheit der Himmelsherrscher fehlte.</p><p>�Nandalee�� Nandalee��� Die Gazala in der weiten Kammer fl�sterten ihren Namen. In Trance versunken sprachen sie von der Zukunft. Immer dr�ngender riefen sie Nandalees Namen, raunten von ihrem Verrat.</p><p>Nachtatem gab nichts auf ihre Worte. Er wusste, wie unstet die Zukunft war. Wie scheinbar belanglose Kleinigkeiten das Schicksal ganzer Reiche �nderten. Wirklich klar sahen die Gazala die Zukunft erst, wenn sie kurz davor stand, Gegenwart zu werden.</p><p>�Nandalee!� Immer dr�ngender stie�en sie den Namen aus. Einige der Orakelfrauen wiegten sich vor und zur�ck. Ihre schlanken Gazellenbeine lie�en sie dabei zerbrechlich aussehen. Zanah, eine der j�ngeren Seherinnen, beugte sich so weit nach hinten, dass ihre gekr�mmten H�rner rote Striemen �ber die Haut ihres R�ckens zogen.</p><p>�Sie kommt!�</p><p>F�nf oder sechs der Orakelfrauen sprachen jetzt mit einer Stimme. Nachtatem hatte so etwas noch nicht erlebt. �Sie kommt!�, schrien die Gazala.</p><p>Wieder erbebte das magische Netz. Doch diesmal war es anders, der Albenstern hatte sich ge�ffnet.</p><p>Firaz, die Nandalee durch ihre schwere Schwangerschaft begleitet hatte, eilte zu Nachtatem. Ihre blinden Augen waren weit aufgerissen. �Ihr m�sst gehen, Himmlischer. Sie kommt, Nandalee. Ich habe es gesehen! Ihr d�rft nicht bleiben!�</p><p>Sie warf sich �ber seine Vorderpranken und versuchte sie anzuheben. �Bitte, Himmlischer! Erhebt Euch! Ich habe es gesehen. Noch ist Zeit. Noch��� Sie drehte sich um. Lie� von ihm ab und wich erschrocken zur�ck.</p><p>Schlagartig wurde es still. Alle Gazala waren verstummt. Sie alle richteten ihre blinden Augen zum Eingang. Dort stand sie, Nandalee.</p><p>Die Drachenelfe trug ihr Prunkgewand. Ein langes, �rmelloses Kleid in strahlendem Bl�tenwei�, ges�umt von goldenen Stickereien. Der Schwanz des schwarzen Drachen wand sich um ihren linken Arm. In der Rechten trug sie den m�chtigen Bidenh�nder, den sie sich zur Waffe erw�hlt hatte. Jenes Schwert, von dem Gonvalon geglaubt hatte, es sei verflucht. Die schwere Klinge steckte in einer abgewetzten braunen Lederscheide.</p><p>Mit festem Schritt durchquerte die Elfe das flache Wasser. Sie hielt den Kopf stolz erhoben, sah ihm herausfordernd in die Augen. Ihr langes, sommerblondes Haar wallte ihr um die Schultern. Sie schien von innen heraus zu strahlen.</p><p>Nachtatem musste schmunzeln. Ihm war bewusst, dass er sah, was er in ihr sehen wollte. �Hattet Ihr Erfolg, meine Dame?�</p><p>�Nein�, sagte sie mit klarer, kalter Stimme. �Und doch stehe ich kurz davor, mir meinen geheimsten Wunsch zu erf�llen.�</p><p>Nandalee hatte ihn nun fast erreicht. Sie zog die Klinge, die er einst erschaffen hatte. Das Schwert, dem er vor einem ganzen Zeitalter seinen unheilschwangeren Namen gegeben hatte: Todbringer.</p></section><section><title><p>Der Herr der Welt</p></title><subtitle>Sieben Jahre fr�her��</subtitle><p>Kolja wusste, dass in diesem Augenblick Tausende zu ihm aufsahen. Er flog hoch �ber der gr��ten Stadt aller drei Welten, und er flog mit seinem Wolkensammler gegen den Wind. <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont</emphasis> war nicht mehr ein gasgef�llter Hautsack wie all die anderen Himmelstitanen. Das Traumeis hatte ihm die Gestalt gegeben, die er sich gew�nscht hatte�� wie ein riesiger, tentakelbehangener Rochen sah er nun aus. Es gab keinen zweiten wie ihn auf Nangog. Noch nicht! Doch die Welt w�rde sich �ndern, und er, Kolja, war derjenige, der den Schl�ssel dazu in H�nden hielt.</p><p>Seine Hand ruhte auf der Reling, die von den feinen Wurzeln des Schiffsbaums durchdrungen war. Er wusste, dass <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont</emphasis> an jedem seiner Gedanken teil hatte. Der Wolkensammler selbst hingegen verschloss sich. Seine Schwingen bewegten sich nicht mehr in derselben Eleganz wie bei ihrem Flug �ber dem Purpurnen Meer. Etwas beunruhigte ihn.</p><p>Sie flogen eine weite Kehre �ber der Goldenen Stadt, deren wei�e Mauern vom Abendlicht in Rot- und Zimtt�nen erstrahlten. Vom Fluss erhob sie sich in unz�hligen Terrassen den Hang zum Weltenmund hinauf. Ein un�bersehbares Labyrinth aus �rmlichen H�tten, schmutzigen H�usern und himmelragenden T�rmen, an denen die Wolkensammler vor Anker gingen. Je h�her die Terrassen am Hang lagen, desto h�ufiger waren sie von G�rten, ja, sogar von ausgedehnten Parkanlagen umgeben. Das Klappern der Wasserr�der, die Flusswasser von Terrasse zu Terrasse den Hang hinaufhoben, war bis in den Himmel zu h�ren, ebenso wie das Rauschen des herabtropfenden Wassers. Immer noch lagen weite Teile der Stadt in Tr�mmern. Doch mehr und mehr neue H�user erhoben sich aus dem Schutt. Die Goldene Stadt war ein Symbol f�r die ganze Welt. Auch wenn die Daimonen ihnen einen schweren Schlag versetzt hatten, so hatten sie doch nicht obsiegen k�nnen. Die Menschheit erhob sich gleich den gefallenen H�usern, und am Ende w�rde sie triumphieren. Und an diesem Triumph h�tte er den gr��ten Anteil!</p><p><emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont</emphasis> hielt auf den Palast des Statthalters von Drusna zu. Zwei Drittel der lang gestreckten Terrasse um die reetgedeckte Festhalle wurden von einem jungen Eichenwald eingenommen. Dem einzigen Geisterhain, den es auf Nangog gab.</p><p>Der Wolkensammler bewegte seine Schwingen nicht l�nger. Er glitt ruhig auf dem Wind und verlor langsam an H�he. Deutlich konnte Kolja nun die Menschen in den Gassen erkennen, die innehielten, zum Himmel hinaufsahen und mit ausgestreckten Armen auf die seltsame Kreatur zeigten. Jetzt erklangen auch H�rner in der Stadt. Hielten sie ihn f�r einen Angreifer?</p><p>Kolja l�chelte sp�ttisch. Viel zu sp�t! Er schwebte schon �ber dem Herzen der Stadt. Das musste anders werden. Die Unsterblichen mussten begreifen, dass sie auf Nangog nur siegen w�rden, wenn der Befehl �ber die Welt in einer einzigen Hand lag. Und es durfte keiner aus ihren Reihen sein. Daf�r achteten sie viel zu eifers�chtig darauf, dass sich keiner �ber die anderen erhob. Kolja hatte erlebt, wie hart Aaron darum gek�mpft hatte, der Erste unter Gleichen zu sein, und wie er immer wieder gescheitert war.</p><p>Er w�rde die Herrschaft �ber Nangog anstreben, dachte er selbstbewusst. Er w�rde mithilfe des Traumeises eine neue Welt erschaffen. Kolja blickte �ber das leere Schiff, das <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont</emphasis> mit seinen Fangarmen hielt. Es gab hier niemanden au�er ihm und dem Wolkensammler, der wusste, wo sich das Traumeis befand. Wenn die Unsterblichen �ber die Daimonen obsiegen wollten, dann mussten sie mit ihm reden. Aus dem Augenwinkel sah er, dass kleine Wolkensammler aus dem Frachtdeck eines nahe gelegenen Himmelsschiffes quollen. Unter ihnen hingen Krieger der Ischkuzaia in Ledergeschirren. Der Wind stand g�nstig f�r sie. Eine best�ndige Brise trieb sie in Richtung der fremden Kreatur, die �ber der Goldenen Stadt erschienen war. Wie Papierdrachen, die dem Firmament entgegenstrebten, n�herten sie sich. Sie tr�umten wohl davon, sein Schiff zu kapern.</p><p>�Narren!�, rief Kolja ihnen entgegen.</p><p><emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont</emphasis> wusste, was er wollte. Er bewegte die linke Schwinge. Der Luftstrom, der so entstand, wirbelte die kleinen Wolkensammler durcheinander. Die Seile, die sie mit ihrem Mutterschiff verbanden, verstrickten sich. Einige der Krieger lie�en fluchend ihre Waffen fallen und versuchten, sich zu befreien, w�hrend Koljas Wolkensammler weiterzog und sich den Ankert�rmen neben der drusnischen Palasthalle n�herte.</p><p>Am�siert beobachtete Kolja, wie nun auf allen T�rmen Bogensch�tzen erschienen. Ja, ihm k�nnten sie gef�hrlich werden, aber ein Gesch�pf wie <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont</emphasis> lie� sich von Pfeilen nicht beeindrucken. Solche Treffer w�ren nicht einmal wie Nadelstiche f�r ihn.</p><p>Die Tentakel des Wolkensammlers streckten sich nach den schweren Eichenbalken, die wie Dornen aus der Krone des gemauerten Ankerturms ragten. Manndicke Fangarme schlangen sich um das schleimverkrustete Holz. Langsam zog sich <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont</emphasis> an den Turm heran, bis der Abstand zwischen dem Kampfdeck des Schiffes, das er trug, und der Plattform des Turmes weniger als ein Schritt betrug.</p><p>Kolja �ffnete eine schmale T�r in der Reling und wagte, ohne zu z�gern, den Sprung zum Turm. Eine Laufplanke brauchte er nicht. Das Traumeis hatte nicht nur seinen verlorenen Arm nachwachsen und alle Narben aus seinem Gesicht verschwinden lassen, sein ganzer Leib war wieder so kr�ftig und geschmeidig, wie er es einst gewesen war, als er zum ersten Mal den Sandplatz einer Arena betrat. Niemand w�rde in dem jugendlichen Krieger mit dem markant geschnittenen Gesicht den vernarbten S�ldnerf�hrer Kolja wiedererkennen, dessen Anblick allein einst schon ausgereicht hatte, um Schrecken in die Reihen seiner Feinde zu tragen.</p><p>Schnaufend erreichte ein Krieger in leichter Lederr�stung und einem Eberzahnhelm, auf dem ein schwarzer Rossschweif wippte, die Plattform des Turms. Kolja kannte ihn. Es war Oleg. Einst hatte er zu den Zinnernen geh�rt. Kolja musterte den schwitzenden Hauptmann. Jetzt musste sich zeigen, ob er wirklich so ver�ndert war, wie er glaubte.</p><p>�Was wollt Ihr?�, stie� der Krieger um Atem ringend hervor. �Wer seid Ihr?�</p><p>Kolja hob langsam seine H�nde, sodass Oleg deutlich sehen konnte, dass er unbewaffnet war. �Ich m�chte mich mit meinem Himmelsrochen gerne in den Dienst des Unsterblichen Volodi stellen.�</p><p>Der Hauptmann blickte skeptisch zu dem seltsamen Gesch�pf, das �ber ihnen schwebte. Hunderte von Tentakeln zuckten nerv�s an der Unterseite der Bestie. �Himmelsrochen���, wiederholte er mit tonloser Stimme, und ihm war anzusehen, dass er wusste, in welcher Gefahr er schwebte. �Folge mir! Ich werde sehen, ob der Unsterbliche Zeit f�r dich hat.�</p><p>Nat�rlich w�rde Volodi Zeit haben, dachte Kolja schmunzelnd. Keiner der Unsterblichen w�rde sich die Gelegenheit entgehen lassen, ein solches Wolkenschiff in seinen Dienst zu stellen und auszur�sten.</p></section><section><title><p>Die falsche Dienerin</p></title><p>Bidayn war fasziniert von der Kreatur, die am westlichen Ankerturm angelegt hatte. Ein solches Gesch�pf hatte sie nie zuvor gesehen. Ob dieser befremdliche Wolkensammler ihre Pl�ne in Gefahr bringen konnte? Gewiss war er zu schwerf�llig, um auf einen schnellen Angriff zu reagieren. Asfahal und die anderen w�rden auf ihren Adlern dicht �ber den Baumwipfeln einfliegen. Und sie k�men erst, sobald es dunkel geworden w�re.</p><p>Die Drachenelfe blickte zum flammenden Horizont. Etwas weniger als eine Stunde, dann w�re das letzte Abendrot verloschen, und eine Dunkelheit w�rde sich �ber den Palast senken, wie sie die Menschenkinder noch nicht erlebt hatten.</p><p>�Steh nicht herum und glotz wie eine dumme Kuh!�, ert�nte hinter ihr Vladis Stimme. Der korpulente Drusnier war der Aufseher der Palastdiener. Ein echter Sklaventreiber. Au�erdem noch S�ufer und Hurenbock.</p><p>Bidayn wandte sich zu ihm um und schenkte ihm ein scheues L�cheln. �Dieses Tier da��� Sie deutete zum Ankerturm. �Es wird uns doch nichts tun, Herr, oder? Was ist das?�</p><p>�Was wei� ich denn? Eine Himmelsflunder�� Es interessiert mich einen Dreck, was sich da oben an den Ankerturm klammert. Gleich wird dort eine ganze Mannschaft den Turm hinabsteigen, und das Gastrecht gebietet, dass wir sie bewirten. Lauf zu den Bierwannen, sch�pf ein paar Kr�ge voll und bring sie in die gro�e Halle.� Er l�chelte schmierig und fuhr selbstgef�llig fort: �Mach dir keine Sorgen. Ich werde dich besch�tzen. Ich bin hier der Einzige, der Hand an euch faules Pack legt.�</p><p>Bidayn nickte ergeben und lief dann eilig �ber den Hof. Vladi machte keine leeren Worte. Zwei Mal schon hatte er sie mit dem Eichenkn�ppel geschlagen, den er stets bei sich trug. Es machte ihm Spa�, seine Untergebenen zu drangsalieren. Sie stellte sich vor, wie sie ihm den Bauch aufschlitzte, und l�chelte versonnen. �Ich freue mich auf unser Wiedersehen, Vladi. Nur eine Stunde noch���, sagte sie leise, als sie in das Bierhaus trat.</p><p>�Was willst du?� Miladin, der Braumeister, blickte zu ihr auf.</p><p>Bidayn wusste, dass der verhutzelte, alte Kerl das niedrige Steinhaus, in dem mehr als zwanzig h�lzerne Bottiche standen, niemals verlie�. Strenger Hefegeruch schlug ihr entgegen. Sie mochte dieses Haus nicht. Stets hielt sie den Atem an, wenn sie hereinkam. �Bier f�r die Festhalle�, stie� sie zwischen zusammengepressten Lippen hervor. �G�ste kommen.�</p><p>Der Alte runzelte die Stirn. �Hier gehen zu viele verdammte G�ste ein und aus. Ein gutes Bier braucht Zeit, sag das Vladi. Ich kann nicht zaubern!� Miladin strich an seinen Bottichen entlang, r�hrte mit einer langstieligen Holzkelle darin herum und betrachtete nachdenklich die Hefeklumpen, die er aufwirbelte. Er zog ein kleines Trinkhorn aus der Schlaufe seines G�rtels, sch�pfte etwas Bier aus dem Bottich, vor dem er stand, und trank einen kleinen Schluck. Ger�uschvoll bewegte er die Fl�ssigkeit durch den Mund. Endlich nickte er. �Das Bier hier ist f�r G�ste. Das muss gen�gen. Davon kannst du vier Kr�ge voll mitnehmen. Aber untersteh dich, dem Unsterblichen davon einzuschenken. Es hatte noch nicht genug Zeit�� unser Herrscher schmeckt das.�</p><p>Bidayn nickte. Bald m�sste sie Atem holen. Hastig griff sie nach den Bierkr�gen auf dem Tisch an der Wand und scheuchte dabei eine ganze Wolke von Fliegen auf. Die Henkel der Tonkr�ge waren klebrig. Vermutlich hatte sie seit dem letzten Gebrauch noch niemand ausgesp�lt.</p><p>Die Elfe war oft genug im Brauhaus gewesen, um die Marotten des Alten zu kennen. Und so machte sie nicht den Fehler, selbst mit den Kr�gen aus dem Bottich zu sch�pfen, auf den er gedeutet hatte. Sie wartete, bis er irgendwo in der gro�en, halbdunklen Kammer sein Sieb gefunden hatte. Dann hielt sie Miladin den ersten Tonkrug hin. Mit leicht zitternder Hand sch�pfte er Kaskaden goldenen Biers durch das Sieb, wobei das kostbare Nass in Str�men vom Krug hinabtroff. Als er alle Kr�ge gef�llt hatte, pfl�ckte er die Hefekl�mpchen vom Sieb und schnippte sie zur�ck in den Bottich.</p><p>�Mein Leben lang habe ich an dieser Hefe gearbeitet�, sagte er mit versonnenem L�cheln. �Es gibt F�rsten in Drusna, die w�rden mir mein Trinkhorn mit Gold f�llen, nur um etwas davon zu bekommen.�</p><p>Bidayn erwiderte das L�cheln. Auch wenn sie den Alten nicht mochte, so musste sie ihm zugestehen, dass sie einander ein klein wenig �hnlich waren. Er hatte sich mit Leib und Seele seinem Bier verschrieben, und es gab nichts anderes in seinem Leben. Mit derselben Leidenschaft brannte sie f�r den Goldenen. Sie hoffte, dass Miladin ihr nicht in die Quere kommen w�rde, wenn das K�mpfen begann.</p><p>Sie stellte die vier schweren Kr�ge auf ein Tablett, trat hinaus auf den Hof und atmete tief und lange ein. Lange Schatten krochen bereits �ber den Platz aus gestampftem Lehm. Sie wich einer Pf�tze aus Schleim aus und blickte erneut hinauf zu der seltsamen Kreatur, die am Ankerturm angelegt hatte. Der Goldene musste von diesen Gesch�pfen erfahren! Sie w�rden den Krieg um den Himmel von Nangog ver�ndern.</p><p>Noch w�hrend sie nach oben sah, troff erneut von einem der gro�en Tentakel Schleim herab und verfehlte nur knapp ihr Tablett. Bei dem Gedanken, wie Miladin reagieren w�rde, wenn solcher Schleim den Weg in einen seiner Kr�ge voll kostbaren Biers finden w�rde, musste sie schmunzeln.</p><p>�Steh nicht herum und tr�um!�, hallte Vladis Stimme �ber den weiten Hof. Dieser verdammte Sklaventreiber schien seine Augen �berall zu haben.</p><p>Bidayn stieg die weite Treppe zu der Terrasse hinauf, auf der die Festhalle errichtet war. Sie war einem Langhaus aus Drusna nachempfunden, mit einem fast bis zum Boden reichenden Reetdach. Damit wirkte die Halle seltsam fremd neben all den anderen Geb�uden des Palastes, die wie die meisten H�user der Goldenen Stadt aus Stein oder Lehmziegeln errichtet waren. Die Elfe lie� einen kurzen Blick �ber das Meer der lehmverputzten H�user mit ihren flachen D�chern schweifen, die den weiten Hof des Palastes umzingelten. Vorratsh�user, Unterk�nfte f�r das Gesinde oder jene kleineren Hallen, in denen Hofbeamte Audienzen gaben. Einige standen f�r sich allein, die meisten H�user aber dr�ngten sich zu einem Labyrinth zusammen, in dem selbst sie einmal die Orientierung verloren hatte. Mehrere Ausg�nge m�ndeten von dort auf eine Prachtstra�e und eine kleine Gasse, die beide unmittelbar an die Au�enmauern des Palastbezirks angrenzten. Und all dies �berragte die Festhalle, die Bidayn nun durch einen Nebeneingang betrat.</p><p>Hier, im hinteren Teil des Geb�udes, lagen einige private Gem�cher, die seit seiner R�ckkehr aus dem Eis vom Unsterblichen Volodi und dessen Familie genutzt wurden. Durch eine der T�ren zu ihrer Linken h�rte Bidayn die Stimme Quetzallis. Sie klang aufgew�hlt. Die Elfe widerstand der Versuchung zu lauschen. Sie wusste, dass Vladi irgendwo lauerte und nur auf eine Gelegenheit wartete, seinen Kn�ppel auf ihrem R�cken tanzen zu lassen�� Nicht so kurz, bevor sich erf�llte, wof�r sie all die Jahre ausgebildet worden war. Es war unerheblich, was Volodis Weib zu ihm sprach. Weniger als eine halbe Stunde noch und der Unsterbliche w�rde den Titel verh�hnen, den er trug, wenn er verblutend vor ihr im Staub lag.</p><p>Sie trat durch den Vorhang, der diesen Bereich von der gro�en Festhalle abtrennte, und befand sich in dem rauchverhangenen Saal, in dem die Barbaren ihre Feste feierten. In der Mitte des Raumes waren Feuergruben im gemauerten Boden eingelassen, in denen dunkelrote Glut glomm. Eine stickige Hitze hing in dem weiten Saal, dessen Deckenbalken hinter blaugrauen Rauchschwaden mehr zu erahnen als zu erkennen waren. Mit Goldblechen beschlagene S�ulen st�tzten das hohe Dach. Was f�r ein plumper Prunk!</p><p>Bidayn stellte die vier Kr�ge auf einer aufgebockten Festtafel ab. �Ich hole noch mehr Bier!�, rief sie, obwohl Vladi nicht zu sehen war. Sie brauchte eine Ausrede, um hinaus auf den Hof zu gelangen. Ihre Gef�hrten w�rden ihr Schwert mitbringen. Sie freute sich darauf, ihre Rechte um den lederumwickelten Griff der schlanken, leichten Klinge zu schlie�en und Blut zu vergie�en.</p></section><section><title><p>Schlechte Omen</p></title><p>�Die Leber des Hahns war voller schwarzer Flecken!�, sagte Quetzalli noch einmal energisch. �Das verhei�t Ungl�ck, Volodi. Du musst Nangog verlassen! Hier wartet nur der Tod auf dich. Er ist schon nah. Die Zeichen waren eindeutig.� Wanya lag nuckelnd an ihrer entbl��ten Brust. Sie strich ihm sanft �ber das zarte, r�tliche Haar, lie� Volodi dabei aber nicht aus den Augen. Volodi f�rchtete den Blick, mit dem Quetzalli ihn bedachte. Er duldete keinen Widerspruch, war voller dunkler Verhei�ung. Sie w�rde tagelang mit ihm streiten, wenn er ihr jetzt nicht nachgab. Dennoch, es war einfach l�cherlich, wie ein �ngstlicher Welpe mit eingekniffenem Schwanz davonzulaufen, nur weil ein d�mlicher schwarzer Hahn eine fleckige Leber hatte.</p><p>�Wann wirst du aufbrechen?�, fragte sie drohend.</p><p>Der Drusnier r�usperte sich und w�nschte sich, auf irgendeinem Schlachtfeld zu stehen. Inmitten schreiender M�nner, die Schwerter schwangen, kam er besser zurecht als mit seiner zornigen Frau. �Das ist eine schwere Entscheidung�, brachte er schlie�lich z�gerlich hervor.</p><p>�Was ist daran schwer, mit den Tunichtguten aus deiner Leibwache die Prachtstra�e zur Goldenen Pforte hinaufzugehen und Nangog zu verlassen? Es ist ein Weg von weniger als einer Meile. Eine halbe Stunde nur, und du sitzt in der Festhalle unseres Palastes in Drusna.�</p><p>Volodi sch�ttelte unwillig den Kopf. �Ich kann doch nicht vor einer H�hnerleber davonlaufen! Ich mach mich zum���</p><p>�Es war ein Hahn!�, fuhr sie ihm �ber den Mund. �Du wirst vern�nftig sein. Erfinde irgendeinen Grund, warum.�</p><p>Volodi schielte zur T�r. Vorhin waren H�rner erklungen. Auf den Ankert�rmen des Palastes, aber auch drunten in der Stadt. Er sollte nachsehen, was los war. �Da drau�en ist���</p><p>�Drau�en ist es wieder still!� Wanya grummelte leise, und Quetzalli legte ihn an die andere Brust. �Was immer da war, hat sich in Wohlgefallen aufgel�st, sonst w�re schon l�ngst ein Bote erschienen, um dich���</p><p>Es klopfte an der T�r ihrer Kammer.</p><p>�Unsterblicher?�</p><p>Volodi erkannte die Stimme Hauptmann Olegs.</p><p>�Ich muss wirklich��� Der Unsterbliche l�chelte entschuldigend und stand auf.</p><p>�Du wirst diesen Raum nicht verlassen�, sagte Quetzalli bestimmt. �H�r, was dieser Idiot zu sagen hat, und dann reden wir weiter.�</p><p>Volodi war sich sicher, dass Oleg drau�en mitbekommen hatte, wie Quetzalli ihn nannte. Sich bei ihren Untertanen beliebt zu machen geh�rte eindeutig nicht zu ihren St�rken. Volodi war sich wohl bewusst, dass ihre Leberschauen bei schwarzen H�hnen f�r viel Gerede sorgten. Der gr��ere Teil der Palastdiener war der festen �berzeugung, sie sei eine Hexe.</p><p>Als Volodi die T�r �ffnete, hatte Oleg einen hochroten Kopf. Sein Atem ging keuchend. �Unsterblicher! Ein seltsamer Wolkensammler hat an einem unserer Ankert�rme angelegt���</p><p>Das h�rte sich vielversprechend an, dachte Volodi begeistert. Das war ein Grund, zumindest auf den Palasthof hinauszugehen. �Seltsam?�, fragte er gut gelaunt.</p><p>�Er ist platt��� Oleg rang sichtlich um Worte. �Wie ein Kuhfladen, aber er kann gegen den Wind fliegen. Sein Navigator will in Euren Dienst treten, Herr.� Der Hauptmann senkte die Stimme. �Der Mann war fr�her ein Krieger, da bin ich mir ganz sicher. Ich glaube nicht, dass man ihm vertrauen kann.�</p><p>�Wo ist er?�</p><p>�Er erwartet Euch auf dem Palasthof, Unsterblicher. Ich wollte ihn nicht in das Langhaus bitten�� Er hat so etwas an sich���</p><p>�H�rst du, Schatz? Wir haben Besuch.� Er wandte sich halb zu Quetzalli um.</p><p>�Ich komme mit auf den Hof�, sagte sie entschieden. �H�te dich vor dem Fremden! Denk an den Hahn!� Quetzalli stand auf und zog ihr Kleid �ber die Br�ste. Wanya war eingeschlafen. Sie legte ihn in die Wiege neben dem offenen Kamin.</p><p>Volodi entschied, dass es kl�ger war, gar nichts mehr zu sagen. Mit weit ausgreifenden Schritten eilte er an Oleg vorbei Richtung Hof. Erst als er die Terrasse erreichte, wurde ihm bewusst, dass sein Verhalten auf den Hauptmann wirken mochte, als fliehe er vor seiner Frau. Weniger eilig stieg er die Treppen hinab und w�re fast gestolpert, als er das Haupt hob, um den Wolkensammler, der <emphasis>platt wie ein Kuhfladen</emphasis> war, zu bestaunen. Verbl�fft blieb er stehen. Die Kreatur war riesig! Gr��er noch als der gr��te Wolkensammler, den er je gesehen hatte. Aber das Tier schien nirgends dicker als zwei Mannh�hen zu sein. Von der Mitte seiner Unterseite wucherten Hunderte Tentakel hinab. Es erinnerte Volodi an die gro�en Rochen, die er aus der aegilischen See kannte. Es besa� �hnlich wie diese einen langen, d�nnen Schwanz, der unruhig hin und her schwang. Das Ende des Schwanzes bildete jedoch ganz anders als bei jedem Rochen, den er je gesehen hatte, eine Flosse gro� wie ein Segel.</p><p>Das Schiff, das dieser merkw�rdige Wolkensammler trug, sah hingegen erb�rmlich aus. Es wirkte wie notd�rftig aus Tr�mmern zusammengezimmert.</p><p>�Es sieht bedrohlich aus, nicht wahr�, fl�sterte Oleg hinter ihm.</p><p>Volodi wandte sich um und sah, wie Quetzalli ein Zeichen gegen das B�se schlug. Sie bedachte ihn mit einem Blick, der ihn an das Omen erinnern sollte. Hier auf dem Hof, vor seinen Untertanen, w�rde sie sich mit jeder Kritik an ihm zur�ckhalten. Sie war eine gute Frau. Er wusste, dass sie ihm nicht das Leben schwer machen wollte, sondern sich wirklich um ihn sorgte.</p><p>Volodi zwang sich zu einem unbefangenen L�cheln. Er war der Unsterbliche, eine Inspiration f�r sein Volk, ein Mensch, der den G�ttern nahestand. Er durfte keine Schw�che und keine Zweifel zeigen. Mit festem Schritt ging er die letzten Stufen zum Platz hinab.</p><p>Den jungen, blonden Mann, der dort stand, hatte er noch nie zuvor gesehen, und doch kam er ihm vertraut vor. Die �ngstliche Stimme Iwars fl�sterte in seinem Verstand, sich fernzuhalten.</p><p>Diese Stimmen in seinem Kopf, die Geister der anderen Unsterblichen, machten ihm als Herrscher am meisten zu schaffen. Sie alle lebten in ihm weiter, fl�sterten ihm zu, berieten und verfluchten ihn. Die st�rkste Stimme war jene Iwars, dessen Leibwache er einst befehligt hatte, ohne jedoch verhindern zu k�nnen, dass sein Herrscher ermordet wurde. Vergiftet bei dem Treffen der Unsterblichen vor Selinunt. Anfangs hatte Volodi die Stimmen nicht vernommen. Dann hatte es als leises Fl�stern begonnen, das er nicht zuordnen konnte. Inzwischen vernahm er sie ganz klar, zu jeder Stunde des Tages, bei jeder Entscheidung, die er traf.</p><p><emphasis>H�te dich vor dem Fremden, sein Herz ist schwarz wie die Nacht!</emphasis></p><p>Volodi ignorierte die Stimme. Er hatte genug Ratschl�ge geh�rt. Er ging auf den Fremden zu. Es w�rde sich schon zeigen, was f�r ein Kerl das war. Der Unsterbliche sp�rte die Anspannung seiner Wachen. Er trug nicht die wei�e Lederr�stung und den Maskenhelm, die unverwechselbare Zeichen seines Ranges waren. Er fand sie unbequem und l�stig. In seiner Tunika mit Saucenflecken und den ausgetretenen Sandalen h�tte er auch irgendein rangniederer Adeliger sein k�nnen.</p><p>�Es ist sch�n, dich wiederzusehen�, sagte der Fremde und weitete die Arme, als wollte er Volodi wie einen alten Freund zu sich an die Brust ziehen. Zwei Wachen traten vor und richteten ihre Speere auf den Besucher. Dieser hielt in seiner Bewegung inne, zeigte aber keinerlei Anzeichen von Angst.</p><p>Der Unsterbliche stutzte. Er war sich ganz sicher, diesen Mann noch nie gesehen zu haben. Hochgewachsen mit wohlgeformten Muskeln und einem markanten, eckigen Gesicht, war er jemand, den er ganz gewiss in Erinnerung behalten h�tte.</p><p>�Wir leben hier in einer Welt voller Wunder, Unsterblicher, und ich habe das vielleicht gr��te aller Wunder entdeckt. Ich m�chte dich daran teilhaben lassen.�</p><p><emphasis>Er schwatzt wie ein Kr�mer,</emphasis> munkelte die Stimme Iwars in Volodis Kopf. <emphasis>Er will Gold und Macht. Vielleicht sogar beides. Du kannst ihm nicht trauen! Sieh nur diese kalten Augen. Und seine Respektlosigkeit. Er spricht zu dir wie zu einem Saufkumpan.</emphasis></p><p>Der Unsterbliche deutete auf den seltsamen Wolkensammler, dessen Schatten fast den gesamten Palasthof f�llte. �Ist das dein Wunder? Wo hast du ihn gefunden?�</p><p>�Das kann ich dir nur verraten, wenn wir unter vier Augen sprechen, denn es ist das gr��te Geheimnis Nangogs. Vertraue mir!�</p><p><emphasis>Mit den Worten �vertraue mir� fangen die �belsten aller Intrigen an,</emphasis> warnte die Stimme Iwars.</p><p>Darin hast du gewiss Erfahrung, dachte Volodi bitter, denn er hatte einige der R�nkespiele seines Vorg�ngers in den vergangenen Monden durchschaut. Iwar war keineswegs der freundliche, etwas einf�ltige dicke Mann gewesen, f�r den Volodi ihn gehalten hatte.</p><p>Der Unsterbliche blickte wieder hinauf zu dem ungew�hnlichen Wolkensammler. Ganz gewiss w�rden bald schon Boten aus den anderen Pal�sten eintreffen. Die ganze Stadt konnte diesen fliegenden Kuhfladen sehen. Und alle h�tten sie Fragen. Er musste wissen, was es mit diesem Tier und seinem Besitzer auf sich hatte. Aber er w�rde sich von ihm nicht vorschreiben lassen, in welcher Form ihr Beieinander stattzufinden hatte.</p><p>�Wo ist deine Mannschaft, Fremder? Ruf sie herunter. Sie sollen meine G�ste sein.�</p><p>�Es gibt keine Mannschaft�, entgegnete sein Gegen�ber ruhig. �Ich sagte doch, ich werde dich in das gr��te Geheimnis Nangogs einweihen. Und Geheimnisse dieser Brisanz dulden keine Mitwisser.�</p><p>Volodi hatte noch nie geh�rt, dass jemand ohne Mannschaft durch den Himmel reiste. Skeptisch musterte er den Fremden, dessen kalte hellblaue Augen seinem forschenden Blick standhielten. Vielleicht hatte er die Mannschaft �ber Bord gesto�en? Kr�ftig genug dazu war er. Und so, wie er wirkte, wohl auch skrupellos genug.</p><p>�Warum kommst du zu mir? Weil du Drusnier bist?�</p><p>�Weil ich eine Schuld begleichen will, Unsterblicher. Und weil ich auf deine Vergebung hoffe.�</p><p>Volodi sah ihm in die Augen, suchte nach dem Funken der L�ge, aber da war nichts. Diese Augen�� <emphasis>er kannte sie!</emphasis> Aber eingebettet in wulstige Lider, in einem vernarbten Gesicht. Das konnte nicht sein! Nichts an diesem Mann erinnerte an den einarmigen Kolja. Nur die Augen��</p><p>�Wei�t du nun, wer ich bin, Bruder?�</p><p>Die Wachen sahen Volodi verwirrt an. Niemand durfte sich einem Unsterblichen gegen�ber so verhalten. Ihn <emphasis>Bruder</emphasis> zu nennen hie�, die G�tter zu verh�hnen.</p><p>�Wir reden allein�, sagte Volodi entschieden. �Folge mir!� Er sah Oleg an, wie er mit sich rang. Quetzalli bedachte ihn mit einem verzweifelten Blick. Aber niemand wagte es, seine Entscheidung infrage zu stellen.</p><p>Der Fremde mit den vertrauten Augen l�chelte breit, als w�re er sich vollkommen sicher gewesen, dass ihr Treffen diese Wendung nehmen w�rde. Er hielt sich an die Etikette des Hofes und blieb einige Schritt hinter Volodi. Mit noch mehr Abstand folgte die Leibwache.</p><p>Der Unsterbliche f�hrte seinen sonderbaren Gast in die weite Festhalle. Es roch angenehm nach dem Rauch schwelender Buchenscheite. Eine Dienerin stellte Bierkr�ge zu den anderen auf den Tisch nahe dem Hochsitz, dem erh�hten Thron vor dem Vorhang, der die lange Halle abschloss.</p><p>Volodi deutete zu einer sch�n geschnitzten Bank, die bei der Feuergrube stand. �Setz dich!�</p><p>Der Fremde gehorchte. Er sah sich aufmerksam um.</p><p>Am anderen Ende der Festhalle, nahe dem zweifl�geligen Eichenportal, fegte eine alte Frau mit einem Reisigbesen. Abgesehen von der jungen Dienerin, die bei den Bierkr�gen stand und nun mit einem Lumpen Trinkh�rner auswischte, war niemand hier. Ein alter Hund d�ste am Feuer. Seine Pfoten zuckten ab und zu im Schlaf, als w�re er in seinen Tr�umen auf der Jagd.</p><p>�Ich bin Kolja�, sagte der Fremde leise und beobachtete ihn dabei aufmerksam.</p><p>�Kolja starb im Tempelgarten der Zapote.� Volodi, der lieber stehen geblieben war, hatte M�he, seine Stimme im Zaum zu halten. Sein bester Freund hatte ihn ausgeliefert. An die Zapote verschachert, um allein �ber die Bordelle zu herrschen, die den Zinnernen geh�rten.</p><p>�Du hast seine Leiche gesehen?�, fragte der Fremde sp�ttisch.</p><p>�Er verschwand an jenem Tag.� Volodi wusste, dass Kolja einer der Befehlshaber gewesen war, die die Truppen des Unsterblichen Aaron in den Tempelgarten gef�hrt hatten. Dort war er zum letzten Mal lebend gesehen worden. Viele M�nner waren an diesem Tag spurlos verschwunden. Zerfleischt von dem Schrecken, der sich aus dem Blutteich neben der unterirdischen Pyramide erhoben hatte. Kurz blitzte vor seinem inneren Auge das Bild auf, wie Quetzalli mit dem Opfermesser in der Hand �ber ihm gestanden hatte. Wann immer er an jenen Tag zur�ckdachte, �berliefen ihn eisige Schauder. Nie war er so hilflos dem Tod ausgeliefert gewesen. Und es war Kolja, der ihn auf den Opferstein der Pyramide gebracht hatte.</p><p>�Du gibst dich f�r einen Mann aus, dessen Gesicht von Narben zerfurcht war, dem ein Arm fehlte und der mindestens f�nfzehn Jahre �lter ist als du. Mir scheint, du hast dir deine L�gen nicht gut �berlegt.�</p><p>�Wenn das, was ich sage, f�r eine L�ge zu dumm ist, muss es dann nicht die Wahrheit sein?�</p><p>�Kolja hat niemals so hochtrabend gesprochen. Er war einfach und geradlinig.�</p><p>Der Fremde nickte. �Das stimmt. Aber vielleicht kann ein Mann, dem ein Arm nachw�chst, ja auch zu Verstand kommen.�</p><p>Das war unheimlich. Diese Augen, die ohne zu blinzeln unverwandt zu ihm aufblickten. Sie waren wirklich genau wie die Augen Koljas. Und diese L�gen�� Sie waren so dreist. Konnten sie die Wahrheit sein?</p><p><emphasis>Lass ihn fortschaffen und behalte den Wolkensammler. Von diesem Mann geht eine d�stere K�lte aus. Er plant �bles,</emphasis> warnten die Stimmen in Volodis Kopf.</p><p>�Du erinnerst dich an den Abend nach der Schlacht auf der Hochebene von Kush? Daran, wie ich dich zu den Zapote geschickt habe, um ihnen f�r ihren Heldenmut zu danken. Sie waren es, die Aarons Heer gerettet haben. Ich hatte ihnen als Lohn versprochen, was sie f�r ihren Tempel suchen: M�nner mit blondem Haar, wie du einer bist.�</p><p>Volodi traute seinen Ohren nicht.</p><p>�Wer au�er Kolja k�nnte das wissen?�, fuhr der Fremde fort. �Ich habe dich an Necahual verkauft, weil du den Weg verloren hattest. Ich bin nicht stolz auf diese Tat, aber du hast mir keine Wahl gelassen. Das Gemetzel auf der Hochebene von Kush war f�r uns alle schlimm, Volodi, nicht nur f�r dich. An jenem Tag, an dem so viele von unseren Zinnernen f�r ihr Leben von dieser Schlacht gezeichnet waren, wolltest du uns verraten, wolltest aufgeben, was wir in der Goldenen Stadt erschaffen hatten. Du wolltest unsere M�nner einem Schicksal als Bettler in der Gosse �berlassen!�</p><p>Volodis Mund wurde staubtrocken. Was der Fremde sagte, war wahr. �Sie w�ren alle reich gewesen���</p><p>Der Mann, der sich Kolja nannte, schnaubte ver�chtlich. �Reich? Du kennst sie! Das Gold w�re ihnen zwischen den Fingern zerronnen. Sie brauchten einen Platz, an den sie immer h�tten zur�ckkommen k�nnen. Einen Ort, von dem niemand sie je vertreiben w�rde. Wir hatten diesen Ort erschaffen, und du wolltest ihn aufgeben. Ich musste mich zwischen dir und den M�nnern entscheiden, die uns vertraut haben.�</p><p>Volodi winkte der jungen Frau bei den Bierkr�gen. �Bring uns zu trinken!�</p><p>�Glaubst du mir nun?�</p><p>Der Unsterbliche fand es immer schwerer, den unerbittlichen Augen des Fremden standzuhalten. �Kolja hat einen Arm verloren�, sagte er bestimmt und griff nach dem linken Arm des Besuchers. Was er sp�rte, war lebendiges, warmes Fleisch. �Wie kann das zusammengehen? Kolja hat dir all das verraten.�</p><p>Sein Gegen�ber l�chelte. �Kennst du ihn so schlecht? Er ist kein Mann, der das Herz auf seiner Zunge tr�gt. Selbst unter Folter h�tte er mir nicht gesagt, was ich dir gerade erz�hlt habe. Und du wei�t das!�</p><p>Die Dienerin stellte den Bierhumpen vor Volodi auf die Bank und reichte ihnen zwei sch�ne Trinkh�rner mit breitem silbernen Rand. �Der Braumeister���, begann sie mit leiser Stimme.</p><p>Volodi winkte ab. �Jetzt nicht! Zieh dich zur�ck!�</p><p>Augenblicklich zog die Dienerin sich zur�ck. Sie bewegte sich lautlos und mit Anmut. Seltsam, dass sie ihm bisher kaum aufgefallen war.</p><p>Der Mann, der vorgab, Kolja zu sein, schenkte sich ein. �Es gibt etwas auf dieser Welt, das alles ver�ndert. Etwas, das jeder Kreatur erlaubt, sich die geheimsten W�nsche zu erf�llen.� Er prostete Volodi zu und fuhr fort: �Was h�tte Kolja sich gew�nscht?�</p><p>Volodi nickte. Jetzt f�gte sich das Bild zusammen. �Er h�tte sich gew�nscht, der Mann zu sein, der er einst war. Der J�ngling, der in die Arenen gegangen war und dem die Frauen zu F��en lagen, wenn er seine Gegner mit brutalen Hieben zu Boden schickte.�</p><p>So oft hatte Kolja ihm von der Zeit in den Arenen erz�hlt. Wie er Liebling Tausender gewesen war. Wie die vornehmen Frauen ihn heimlich in ihre Betten geholt hatten, bis die bronzebeschlagenen Lederriemen, die sich die Faustk�mpfer um ihre H�nde wickelten, begannen, ihren Tribut zu fordern. Soweit Volodi wusste, war Kolja niemals besiegt worden. Er hatte sich schlie�lich selbst bezwungen, indem er so lange gek�mpft hatte, bis sein Gesicht zu einer Grimasse voller roter Narben geworden war. Die Hiebe seiner Gegner hatten seine Augenbrauen fortgerissen, seine Ohren zu unf�rmigen Kugeln schrumpfen lassen. Sie hatten ihm ein Gesicht eingebracht, das zu seinem Innersten passte. Zu seiner zerrissenen Seele. Ein Gesicht, das zum F�rchten aussah.</p><p>Der Fremde l�chelte. �Ich sehe, du beginnst zu verstehen. Schau mich an�� so sah ich aus, als du noch als kleiner Junge mit deinem Bruder auf B�ume geklettert bist.�</p><p>�Du��� Volodi packte ihn bei der Tunika und zerrte ihn von der Bank hoch. �Du��du hast mich hintergangen, verschachert und dem Tod ausgeliefert! Du���</p><p>�Ich habe den Mann aus dir gemacht, der du nun bist.� Kolja machte keine Anstalten, sich zur Wehr zu setzen.</p><p>�Du��� Volodi lie� los und landete einen krachenden Fausthieb am Kinn des Verr�ters.</p><p>Kolja taumelte einen Schritt zur�ck, sch�ttelte sich und wischte sich mit der linken Hand �ber die aufgeplatzte Lippe. Der Hand, die er gar nicht mehr h�tte haben d�rfen. Der Hand, die ihm eine Daimonin bei der Kristallh�hle abgehackt hatte.</p><p>�Ich habe dich zu einem Ehemann gemacht, zu einem Vater, zum Unsterblichen von Drus. Das alles bist du nur durch mich geworden.�</p><p>Volodi st�rmte mit einem wilden Schrei vor und rammte dem Verr�ter eine Faust in die Magengrube. Kolja entwich pfeifend der Atem. Ein n�chster Hieb traf ihn auf dem Rippenbogen, dann einer dicht �ber den Nieren. Volodi schrie. Er h�tte immer weiter auf dieses St�ck Dreck eindreschen m�gen, aber Kolja tat noch immer nichts, um sich zu wehren. Er steckte Hieb um Hieb ein.</p><p>Das Bier aus seinem Horn troff von seiner Tunika, aber er lie� das Trinkhorn nicht los. Er machte auch keine Anstalten, es als Waffe zu nutzen.</p><p>�Wehr dich!�, zischte Volodi w�tend, �oder ist der Mumm aus dir herausgewachsen, als dir ein neuer Arm gesprossen ist.�</p><p>�Ich suche meinen Frieden mit dir�, entgegnete Kolja ruhig. �Wie k�nnte ich da meine Hand gegen dich erheben.�</p><p>�Ich werde dich hinauspr�geln lassen. Ich werde��� Volodi hatte erneut die Faust erhoben. Er wollte Kolja das Nasenbein zertr�mmern. Er wollte dessen Gesicht erneut in die vernarbte Maske des Schreckens verwandeln, die es einst gewesen war.</p><p>Doch Kolja stand regungslos vor ihm. Er schien sich vor nichts f�rchten zu m�ssen. Stimmte es vielleicht, dass er die Macht besa�, jede Wunde verschwinden zu lassen?</p><p>Volodi lie� die F�uste sinken. �Was hat dich so verwandelt?�</p><p><emphasis>Trau ihm nicht,</emphasis> t�nte die Stimme Iwars schmerzhaft in Volodis Kopf.</p><p>Kolja blickte misstrauisch zu der Dienerin, die sich zum Tisch mit den Bierkr�gen zur�ckgezogen hatte. �Ich habe das Traumeis gefunden und wieder versteckt. Damit kannst du alles ver�ndern!�</p></section><section><title><p>Flucht</p></title><p>Bidayn fl�sterte ein Wort der Macht. Sie war sich sehr wohl bewusst, welcher Gefahr sie sich aussetzte, wenn sie hier, im Palast eines Unsterblichen, einen Zauber wob. Er war wie ein Leuchtfeuer und w�rde die Devanthar anlocken, wenn er zu lange w�hrte. Aber sie musste wissen, was die beiden tuschelten. Die Elfe hielt nicht viel von den Menschenkindern, doch diese beiden verhielten sich selbst gemessen an ihren niedrigen Erwartungen �u�erst ungew�hnlich.</p><p>Die Elfe drehte den beiden den R�cken zu, damit ihr Mienenspiel nicht ihre Anspannung und ihr Interesse verriet. Der junge Krieger hatte einen Schatz im �u�ersten Norden Nangogs entdeckt und erneut versteckt, ohne dass es einen Zeugen gab. Einen Schatz, der es erlaubte, aus den Wolkensammlern, die mit dem Wind trieben, Gesch�pfe zu machen, die aus eigener Kraft flogen. Dieses Traumeis lie� abgetrennte Arme nachwachsen und erm�glichte es, seinen K�rper nach den tiefsten W�nschen zu ver�ndern. Was w�rde der Goldene damit tun? Wozu w�ren die Himmelsschlangen in der Lage, wenn sie dieses Traumeis bes��en?</p><p>Der Blonde hatte recht. Dieses Traumeis w�rde das Schicksal der Welt ver�ndern. Bidayn blickte verzweifelt zur rauchgeschw�rzten Decke der Halle. Jeden Augenblick w�rden die Adler kommen. Wenn die beiden Menschenkinder bei dem Angriff starben, dann bliebe ihr Schatz auf immer verschollen. Sie musste ihre M�rder aufhalten!</p><p>Bidayn zerbrach das Band des Zaubers und schlich sich durch den Vorhang am Ende der Halle hinaus ins Freie. Die beiden Monde Nangogs stiegen bereits �ber den Horizont. Mit fliegender Hast lief sie die Treppe hinab und dann zum n�rdlichsten der Ankert�rme. Von dort w�rden Asfahal und die anderen einfliegen.</p><p>Zwei Wachen standen am Fu� der Treppe, die sich au�en am Mauerwerk des Ankerturms emporwand. Blonde Krieger in scharlachroten Umh�ngen, die sich auf ihre Speere st�tzten. Der Wachwechsel war zu Sonnenuntergang, sie konnten gerade erst Posten bezogen haben. Es war unm�glich, ungesehen an ihnen vorbei auf die Treppe zu gelangen, und ihr blieb auch keine Zeit, sie mit ausgefeilten L�gengeschichten zu umgarnen, damit die beiden sie entgegen ihren Befehlen den Turm hinauflie�en.</p><p>Mit einem breiten L�cheln trat Bidayn ihnen entgegen. �Na, lange kein Weib mehr gehabt?� Als die Wachen statt zu antworten nur verlegen lachten, wusste die Elfe, dass sie arglose Tr�pfe vor sich hatte. Und tats�chlich, sie stellten keine Fragen, lie�en sie dicht an sich heran.</p><p>�Fangen wir mit einem Kuss an?�, gurrte sie und legte den Kopf in den Nacken. Die Krieger �berragten sie um Hauptesl�nge.</p><p>�Dann lass mal deine K�sse kosten�, antwortete der Linke und beugte sich zu ihr herab.</p><p>Augenblicklich rammte Bidayn ihm die Faust mit aller Kraft auf den Kehlknorpel, sodass seine Luftr�hre zerquetscht wurde. Mit der Linken griff sie nach dem Dolch an seinem G�rtel, zog die schwere, schlecht ausbalancierte Waffe und warf sie mit flie�ender Bewegung nach dem zweiten Wachposten. Die Klinge drang tief in sein Auge.</p><p>Er war tot, bevor er auf den Boden aufschlug. Ihr erstes Opfer ging in die Knie. Er umklammerte seine Kehle, r�chelte, k�mpfte verzweifelt um Luft. Seine Augen quollen hervor. Er w�rde keinen Alarmruf von sich geben k�nnen. Bidayn st�rmte die Stufen hinauf. Sie nahm immer zwei auf einmal. Ihr Herzschlag beschleunigte sich kaum. Ihr Atem ging ruhig, als sie die Plattform an der Spitze des Turms erreichte. Die endlosen Ausdauerl�ufe, die zum Unterricht in der Wei�en Halle geh�rt hatten, zahlten sich selbst nach so langer Zeit noch aus.</p><p>Pl�tzlich sp�rte Bidayn, dass sie beobachtet wurde. Ein Blick, so intensiv wie eine Ber�hrung. Sie drehte sich um. Konnte ihr ein dritter W�chter gefolgt sein? Konnte er v�llig lautlos und so schnell wie sie zur Turmspitze gelangt sein? Nein. Da war niemand. Der Blick kam vom gegen�berliegenden Ankerturm! Der seltsame Wolkensammler dort betrachtete sie. Er war nicht nur was das �u�erliche anging anders. Er wirkte aufmerksamer als die anderen Himmelsgiganten, die ihr stets etwas entr�ckt vorkamen. Seine Tentakel bewegten sich unruhig. Einige streckten sich sogar in ihre Richtung. Die langen Fangarme reichten �ber den halben Hof hinweg, mehr als sechzig Schritt waren sie lang.</p><p>Eine Bewegung zu ihrer Linken lie� sie den Wolkensammler vergessen. Die Adler kamen. Sie trugen gro�e Ringe in ihren Krallen, von denen je ein Krieger mit gestreckten Armen herabhing. Diese Art des Transports erm�glichte den schnellstm�glichen Absprung, und bei Angriffen wie diesem kam es auf jeden Augenblick an.</p><p>Bidayn winkte mit erhobenen Armen und gab das Zeichen zum Abbruch. Die gro�en Adler, die in einer Linie angeflogen kamen, verlangsamten ihren Flug. Nur der vorderste Vogel hielt weiterhin sein Tempo. Sonnenf�nger war der st�rkste ihrer Adler. Keiner flog h�her in den Himmel hinauf, keiner schlug h�rter mit dem Schnabel zu, keiner vermochte schwerere Lasten zu heben.</p><p>Die Elfe spannte sich, sprang ab, und ihre H�nde schlossen sich um den Reif, den Sonnenf�nger mit seinen Krallen umschlossen hielt. Schon schwebte sie �ber dem Abgrund jenseits des Ankerturms. Der m�chtige Vogel war durch ihr Gewicht ein wenig tiefer gesackt, gewann aber bereits wieder an H�he. Er folgte den anderen, nun als Letzter in der Reihe, die er eben noch angef�hrt hatte. Bidayn fragte sich, ob sie das Richtige getan hatte. Wie w�rde der Goldene darauf reagieren, dass sie den Mord, den er befohlen hatte, nicht ausgef�hrt hatte? Sie w�rde ihn davon �berzeugen m�ssen, dass das Geheimnis des Traumeises viel bedeutender war als das Leben eines Unsterblichen. Volodi konnte sie auch an einem anderen Tag t�ten.</p><p>Die gro�en Adler strebten den beiden Monden am Himmel entgegen, als das vorderste Tier pl�tzlich ins Trudeln geriet. Seine rechte Schwinge flatterte. Federn stoben in die Nacht. Der Adler und seine Fracht st�rzten in trudelnden Kreisen dem Palasthof entgegen.</p></section><section><title><p>Adler am Boden</p></title><p>Asfahal sah die wenigen Fackeln auf dem weiten Hof. Er war nur sp�rlich beleuchtet. Es schien kaum Wachen zu geben. Vielleicht w�rde er davonkommen. Starkfu� k�mpfte verzweifelt darum, in der Luft zu bleiben, aber seine rechte Schwinge schien gebrochen zu sein. Etwas war aus dem Dunkel hervorgeschnellt und hatte den gro�en Adler mit t�dlicher Kraft getroffen. Der Raubvogel stie� leise, keuchende Laute aus. Sein Kampf war aussichtslos. Immer schneller st�rzten sie dem Hof entgegen. Noch zehn Schritt bis zum Aufschlag. Sieben��</p><p>Asfahal lie� den Ring los, an dem Starkfu� ihn getragen hatte. Obwohl der Elf sich abrollte, war der Aufprall h�rter gewesen, als er erwartet hatte. Seine Knie und Kn�chel f�hlten sich an, als h�tte ihm jemand gl�hende N�gel hineingetrieben. Er rappelte sich auf und knickte sofort wieder ein. Sein linker Kn�chel. Er war verstaucht, vielleicht sogar gebrochen. Er konnte ihn nicht mehr belasten.</p><p>�Alarm!�, schrie eine dunkle Stimme irgendwo �ber Asfahal.</p><p>Starkfu� lag neben dem Elfen auf dem Hof. Der Adler �berragte ihn um fast einen Schritt. Sein Fl�gel war unnat�rlich verdreht, er presste ihn gegen seinen Leib. Asfahal sp�rte die Angst des Tieres. Starkfu� war sich bewusst, dass er von hier nicht mehr lebend fortkommen w�rde.</p><p>Eine Fackel wurde vom Turm s�dlich von ihnen geworfen. Wie ein Komet zog sie einen Schweif hinter sich her und spr�hte Funken in die Nacht. Asfahal zog sein Schwert. Er sollte es dem Adler in die Kehle treiben. Bidayn h�tte sicherlich keinen Augenblick gez�gert, dies zu tun. Es w�rde ihm, Asfahal, Gelegenheit geben, vielleicht im Dunkel zu entkommen. Sein Weg war das nicht, dachte der Elf. Ihm fehlte die F�higkeit, um jeden Preis das Vern�nftige zu tun.</p><p>�Wir k�mpfen zusammen�, sagte der Elf und strich Starkfu� �ber das zerzauste Gefieder. �Die Menschenkinder werden sich noch lange an uns erinnern.�</p><p>Die Fackel schlug dicht neben ihnen auf den Boden. Starkfu� schob seinen Kopf unter den gesunden Fl�gel wie ein �ngstliches K�ken.</p><p>�Was��? Das ist jetzt nicht dein Ernst! Hast du etwa Angst vor Feuer? Du verschaukelst mich! Spiel hier nicht das H�hnchen. Nicht jetzt!�</p><p>Der Adler hob seinen Kopf, blinzelte ihm schelmisch zu und stie� dann ein k�mpferisches Kr�chzen aus.</p><p>Ein Scherz! Asfahal hatte schon in den vergangenen Wochen immer wieder das Gef�hl gehabt, dass Starkfu� im Gegensatz zu den �brigen Adlern einen gewissen Sinn f�r Humor hatte.</p><p>Anders als Lemuel vermochte sich Asfahal nicht mit den V�geln zu verst�ndigen. Wie sein Gef�hrte das vollbrachte, wusste der Elf auch nicht. Lemuel sprach nicht mit den Tieren. Er redete �berhaupt kaum. Er sah seinen Adler nur an, und sie schienen einander zu verstehen.</p><p>Eine zweite Fackel wurde in den Hof geworfen, und nun erklangen ringsherum aufgeregte Rufe. Asfahal sah sich nach einem Fluchtweg um. Doch alles, was er innerhalb des weitl�ufigen Hofes sah, waren eine primitive Halle, etliche kleinere H�user und ein Wald. Ein Tor konnte er nicht entdecken. Was f�r eine seltsame Palastanlage.</p><p>Wenn er sich auf einen der Ankert�rme retten k�nnte, w�rde er vermutlich lange durchhalten, dachte er. Dort gab es ganz gewiss keinen Schwertk�mpfer, der ihn im Duell Mann zu Mann besiegen k�nnte. Doch Starkfu� w�rde die enge Treppe nicht hinaufkommen.</p><p>Fackellicht schimmerte auf Bronze. Einige M�nner, die sich hinter gro�e Schilde duckten und dabei ihre Speere vorreckten, n�herten sich ihnen. Die Speere waren lang. Sie k�nnten dem Adler gef�hrlich werden. Jetzt schlossen sie die Schilde zusammen. Sie �berlappten sich wie die Schuppen eines Fisches und bildeten einen Wall aus Holz und Bronze.</p><p>Asfahal sah, dass die Beine der Krieger vom Knie abw�rts ungepanzert waren. Er sollte sie reizen, damit sie aus ihrer Formation ausbrachen. Daf�r m�ssten sie aber noch etwas n�her kommen. Er erinnerte sich daran, wie Bidayn von den seltsamen Beleidigungen erz�hlt hatte, die Menschenkinder benutzten. Abstruse Behauptungen �ber Tiere oder M�tter oder F�kalien�� wenn man die richtigen Worte w�hlte, dann reagierten Menschenkinder v�llig ohne Verstand. Leider hatte er nur ein paar Brocken ihrer Sprache gelernt. Schlie�lich hatten sie diese Nacht den Tod bringen und nicht plaudern wollen.</p><p>Weitere Krieger erschienen auf dem dunklen Hof und reihten sich in den Schildwall ein. �Ich mit Hund eurer Mutter habe geschlafen!�, rief Asfahal den Drusniern entgegen und hoffte, einen wilden Wutausbruch zu provozieren.</p><p>Die Worte hatten eine andere Wirkung als erwartet. Der Schildwall verharrte. Asfahal h�rte die Krieger tuscheln.</p><p>Er durfte nicht l�nger warten. Immer mehr K�mpfer reihten sich in die Formation ein. Sie w�rden ihn und Starkfu� einfach umringen, wenn er nichts unternahm. Er st�rmte vor, machte eine tiefe Gr�tsche und stie� sein Schwert unter den Schilden hindurch. Speere zuckten vor und stie�en �ber ihn hinweg, w�hrend seine Klinge Fleisch und Knochen zerteilte. Zwei Krieger st�rzten schreiend. Eine L�cke klaffte im Wall. In diesem Moment stie� der fl�gellahme Adler einen wilden Schrei aus, erhob sich und st�rmte mit wippenden Schritten ebenfalls den Drusniern entgegen. Sein m�chtiger Schnabel schmetterte auf Bronzehelme, seine Krallenf��e rissen M�nner zu Boden. Er brach durch die Formation der Feinde, und Asfahal folgte ihm.</p><p>Dicht hintereinander liefen sie in Richtung der breiten Terrasse, auf der die lange Halle stand. M�nner mit Fackeln sammelten sich dort. Ein Pfeil verfehlte den Elfen um zwei Fingerbreit, Starkfu� hatte weniger Gl�ck. Etliche Geschosse trafen ihn. Der Adler pickte nach Pfeilen, die ihn getroffen hatten, und riss sie sich aus dem Fleisch. Asfahal �berholte ihn und versuchte, ihn gegen die Geschosse zu sch�tzen. Einige Pfeile schlug er mit dem Schwert aus der Luft, doch dadurch wurde er selbst mehr und mehr zum Ziel der Bogensch�tzen. Die Speertr�ger, die den Schildwall gebildet hatten, hatten sich von ihrem Schreck erholt und gingen erneut gegen sie beide vor.</p><p>Als sie bedrohlich nahe waren, ging Starkfu� erneut zum Angriff �ber. Doch jetzt zeigte sich der Wall aus Bronze unersch�tterlich. Die Krieger knieten nieder, ihre Speere auf die Brust des gro�en Vogels gerichtet, der nicht mehr in den Himmel steigen konnte.</p><p>�Nicht!�, schrie Asfahal, als er sah, wie sich Starkfu� mit Todesverachtung den Speerspitzen entgegenwarf. Ein Pfeil schrammte �ber seinen Handr�cken, ein zweites Geschoss zerrte an seinem Haar. Neue Bogensch�tzen waren aus dem Dunkel der Nacht aufgetaucht. Sie nahmen ihn nun von drei Seiten unter Beschuss.</p><p>Noch bevor Starkfu� auf die Linie der Menschenkinder auftraf, steckten schon mehrere Speere tief in seiner Brust. Dennoch riss er einige Krieger mit sich zu Boden. Selbst t�dlich verwundet, hackte sein Schnabel nach dem warmen Fleisch der Feinde.</p><p>Ein Schatten fiel vom Himmel, mitten in das Get�mmel um den sterbenden Vogel. Mondlicht brach sich auf der silbernen Klinge, die Starkfu� durch das linke Auge tief in den Sch�del drang. Die Menschenkinder schrien in Panik auf. Und dann gebar die Nacht weitere Schatten und funkelnde Klingen.</p></section><section><title><p>Wie in alten Zeiten</p></title><p>�Und wo ist das Traumeis?�</p><p>Kolja schenkte ihm ein k�hles L�cheln. �Wenn ich dir das sage, welchen Grund h�ttest du, mich am Leben zu lassen. Ich hatte gehofft, dass du mir verzeihen k�nntest. Wie ich bereits sagte, es war mein Verrat, der dich zu einem Mann mit Weib und Kind und letztlich sogar zum Unsterblichen gemacht hat.�</p><p>Volodi atmete schwer ein. Er sollte Kolja eigentlich nicht verzeihen. Und doch hatte das Schlitzohr es geschafft, ihn f�r sich zu gewinnen. Das Traumeis�� es war wie sein Name. Es befl�gelte zu gro�en Tr�umen, und zugleich jagte es Volodi eisigen Schrecken ein. Er wusste, er war nicht der Mann, der dazu geschaffen war, mit diesen wundersamen Kristallen die Welt zu ver�ndern. Ihm fehlten die Visionen. Aber Aaron, wenn er an das Traumeis gelangte, w�rde er es nutzen, um die Daimonen ein f�r alle Mal zu vertreiben und allen drei Welten Frieden zu schenken! Er dachte an die gefiederte Schlange mit dem Goldenen Kopf, die dem Blutteich bei der Pyramide entstiegen war. Kannten auch die Zapote das Geheimnis dieser Kristalle? Hatten sie so dieses Ungeheuer erschaffen?</p><p>�Hast du diesen seltsamen Wolkensammler nach deinem Willen erschaffen?�, fragte er schlie�lich.</p><p>Kolja sch�ttelte den Kopf. �Nein. Ich glaube, es waren seine eigenen W�nsche. So wie bei mir. Jeden Tag habe ich dem Gesicht, das ich verloren hatte, nachgetrauert und meinem Arm���</p><p>Es fiel Volodi immer noch schwer, in dem Mann mit dem gelockten, goldenen Haar und dem ausdrucksvollen Gesicht Kolja wiederzuerkennen. Nur die Augen waren ihm vertraut. Und das Gef�hl, dass er ihm nicht trauen konnte. Kolja war ein zuverl�ssiger Gef�hrte, solange man mit ihm denselben Weg ging und ihm n�tzlich war. Aber kurz vor dem Ziel wurde es gef�hrlich. Er war niemand, der teilte. Und im Augenblick vermochte Volodi nicht einmal zu sagen, welches Ziel der S�ldner anstrebte.</p><p>�Was willst du wirklich?�</p><p>Kolja schenkte ihm ein breites Grinsen. �So gef�llst du mir. Ein Mann der klaren Worte! Ich will meine Bordelle zur�ck. Und ich will, dass du bei dem Leben deines Sohnes schw�rst, dass du dich niemals an mir r�chen wirst. Ich will die Zinnernen um mich versammeln und der Herrscher �ber alle Hurenh�user der Stadt sein. F�r den Anfang���</p><p>�Und dann?�</p><p>Der blonde H�ne zuckte mit den Schultern. �Wei� ich noch nicht. Du kennst mich, ich bin niemand, der die H�nde in den Scho� legt. Es wird neue Ziele geben. Vielleicht brauche ich die Unterst�tzung der anderen Unsterblichen.�</p><p>Volodi sp�rte, dass Kolja ihn anlog. �Nur ein paar Freudenh�user? F�r einen Schatz, der die Welt ver�ndern wird��?�</p><p>�Ich habe noch mehr zu bieten. Ich wei�, wo Tarkon Eisenzunge sich versteckt. Was denkst du, w�ren die anderen Unsterblichen mir nicht wohlgesinnt, wenn ich euch helfen w�rde, diese Plage vom Himmel zu fegen?�</p><p>Hoffte Kolja etwa darauf, den Platz des Piraten einzunehmen, wenn Tarkon durch die vereinigten Wolkenflotten der Unsterblichen besiegt wurde? War er so k�hn, davon zu tr�umen, sich zu einem Herrscher aufzuschwingen? Zu einem achten Unsterblichen vielleicht? Drau�en erklangen H�rner.</p><p>�Ich habe mich ver�ndert�, sagte Kolja leidenschaftlich. �Es ist nicht nur mein K�rper. Ich habe die Dunkelheit abgelegt, die ich in meinem Herzen getragen habe. Sie hat sich dort eingenistet, als mir mein Gesicht in Fetzen geschlagen wurde. Ich will Gutes tun! Die Idee mit den Freudenh�usern, die wir hatten, war durch und durch gut. Wir behandeln die Frauen anst�ndig, nicht so wie diese verdammten Zuh�lter aus Truria. Und wir bieten den M�nnern, die f�r uns ihre Haut riskiert haben, einen guten Lebensabend. Jeder gewinnt bei dieser L�sung. Warum z�gerst du noch? Wir k�nnten���</p><p>Volodi folgte den Worten kaum noch. Er erinnerte sich noch gut an all die noblen Reden, die sie beide geschwungen hatten. Und daran, wie Kolja die Trurier ertr�nkt hatte, die versucht hatten zu verhindern, dass die Zinnernen alle Freudenh�user �bernahmen. Der Unsterbliche lauschte auf den L�rm drau�en. Mehr H�rner erklangen. Jemand rief Alarm. War da Waffengeklirr?</p><p>Nun war auch Kolja verstummt. Un�berh�rbar schnitt ein gellender Schrei durch die Nacht. Ein Schrei, wie ihn Volodi auf den Schlachtfeldern seines S�ldnerlebens Hunderte Male geh�rt hatte. Ein Todesschrei!</p><p>Volodi sprang auf und st�rmte zu seinem Thron. Dort lehnte eines der st�hlernen Schwerter, die ihm Aaron geschenkt hatte. Er griff die Waffe, zerrte den Vorhang hinter dem Thron zur Seite und hastete den schmalen Gang entlang, der hinaus auf die Terrasse f�hrte. Er hatte die T�r noch nicht erreicht, als sie von au�en aufgerissen wurde und ihm Oleg entgegengelaufen kam. �Der Palast wird angegriffen�, rief der Hauptmann atemlos. �Sie sind wie lebende Schatten���</p><p>�Daimonen�, sagte Kolja mit fester Stimme. Er war ihm gefolgt. War wie selbstverst�ndlich an seiner Seite. So wie fr�her.</p><p>Volodis Gedanken �berschlugen sich. Er musste Wanya und Quetzalli in Sicherheit bringen, zugleich durfte er seine M�nner nicht im Stich lassen. Sie waren der Wall, der seine Familie sch�tzte. �Gib dem Fremden dein Schwert, Oleg. Und dann lauf zu Quetzalli, sie und Wanja sind in unseren Gem�chern hier im Langhaus. Sorge daf�r, dass meine Familie in Sicherheit ist. Die beiden m�ssen aus dem Palast heraus. Die M�rder werden �berall innerhalb der Mauern nach ihnen suchen. Nimm den Versorgungstunnel unter dem Langhaus, durch den die Amphoren f�r die Lagerh�user gebracht werden. Den k�nnen die Daimonen nicht kennen!�</p><p>Oleg zog sein Schwert und reichte es mit dem Griff voran Kolja. Der blonde H�ne z�gerte kurz, die Waffe anzunehmen.</p><p>�Ich werde deine Familie mit meinem Leben sch�tzen.� Der Hauptmann salutierte und verschwand.</p><p>Volodi eilte auf die Terrasse hinaus und verschaffte sich einen raschen �berblick. Die Bogensch�tzen hatten sich bereits versammelt. Eiserne K�rbe, gef�llt mit gl�henden Kohlen, wurden herangetragen, um Brandpfeile entz�nden zu k�nnen. Der weite Hof hallte vom Geschrei der K�mpfenden und Waffengeklirr. Alle Anspannung fiel von Volodi ab. Er war ein guter Anf�hrer und Krieger. Auf dem Schlachtfeld plagten ihn nie Zweifel, hier waren alle Dinge ganz einfach, nicht so wie im Thronsaal.</p><p>Er sollte Kolja in Gnaden aufnehmen, das w�re klug. Aber alles in ihm str�ubte sich dagegen. Einst hatte er in dem Faustk�mpfer einen Freund gesehen. Das w�rde er nie wieder tun. Aber als Herrscher musste er kluge Entscheidungen treffen. Seine Gef�hle waren dabei Nebensache.</p><p>Er blickte auf den Hof hinab. Sah die schattenhaften Gestalten, die zwischen seinen Kriegern w�teten und sich dabei mit einer Leichtigkeit bewegten wie T�nzer in einem Festsaal. Sie schlugen sogar die Pfeile aus der Luft, die auf sie abgeschossen wurden. Verfluchte Daimonen! Wie sollte ein Mann gegen diese Ungeheuer bestehen?</p><p>�Keine Brandpfeile!�, befahl er mit vollt�nender Stimme. Die Bogensch�tzen hielten inne und sahen ihn verwundert an. Sie wollten den Hof erhellen, um ihre Ziele besser sehen zu k�nnen.</p><p>�Pfeile, die diese Meuchler als gl�henden Schweif auf sich zukommen sehen, werden sie noch leichter abwehren!� Volodi sprach bewusst nicht von Daimonen, um seinen M�nnern nicht zus�tzlich Angst einzujagen. Meuchler waren �bel, aber man konnte sie besiegen. Daimonen waren etwas anderes. Es gab zu viele Geschichten �ber sie! Es hie�, dass hundert Krieger notwendig waren, um einen von ihnen zu besiegen. Volodi wusste, dass das nur Gerede war. Sie bluteten und starben, diese Daimonen, so wie ganz normale M�nner und Frauen auch. Er w�rde seinen Wachen zeigen, wie man diese Schattengestalten t�tete.</p><p>Der Unsterbliche stieg auf die Br�stung der Terrasse. Bis hinab zum Hof waren es etwas mehr als drei Schritt. Um zur Treppe zu gelangen, m�sste er zum anderen Ende der Terrasse laufen. Daf�r war keine Zeit mehr. Seine Krieger im Hof wichen bereits zur�ck. Ihre Verzweiflung konnte jeden Augenblick in Panik und kopflose Flucht umschlagen.</p><p>Er drehte sich zu Kolja um. �Seite an Seite? Wie in alten Zeiten? Danach wird alles vergessen sein, was war.�</p><p>Seine zur�ckerlangte Jugend schien Kolja den Schneid gekostet zu haben. Der H�ne, der fr�her vor keinem Risiko zur�ckgeschreckt war, z�gerte. �Du bist jetzt ein Unsterblicher. Musst du nicht den �berblick behalten und Schlachten vom Feldherrnh�gel aus lenken?�</p><p>Volodi schnaubte ver�chtlich. �Was f�r ein Herrscher w�re ich, wenn ich meinen M�nnern in der Gefahr nicht beistehen w�rde?�</p><p>�Ein weiser Herrscher!�, entgegnete Kolja entschieden.</p><p>�Ich w�re ein Hundsfott.� Volodi wandte sich ab, sprang in den Hof hinab und st�rmte einer Schattengestalt entgegen, die mit zwei Schwertern focht. Es gab nur noch diesen Daimonen und ihn.</p><p>Hinter sich h�rte er Kolja auf dem harten Lehmboden landen. �Verdammter Idiot. Du bringst uns beide um!�, fluchte der H�ne. Dann holte er zu Volodi auf, das Schwert erhoben, bereit zum Kampf.</p></section><section><title><p>Flucht ins Dunkel</p></title><p>Bidayn riss ihr Schwert aus Starkfuߒ Auge und zog es mit flie�ender Bewegung einem der Menschens�hne �ber die Kehle. Der Adler war nicht mehr zu retten gewesen. Besser er war tot und beeinflusste nicht l�nger das Denken von Asfahal. Vielleicht war auch das ein Grund, warum ihr Gef�hrte aus der Wei�en Halle verbannt worden war. Seine Gutherzigkeit. In einer Schlacht wie dieser stand sie nur im Weg.</p><p>Die Elfe duckte sich unter einem Speersto� weg und rammte ihre Klinge mit geradem Sto� durch einen Schild. Sie genoss den entsetzten Ausdruck in den Augen des Kriegers, als er begriff, dass ihn weder Schild noch R�stung sch�tzten und die Waffe der Daimonin geradewegs in sein Herz traf.</p><p>�Ich dachte, wir brechen die Mission ab.� Asfahal, der noch immer dicht bei seinem Adler stand, sprach leise, war aber trotz des Waffenklirrens gut zu verstehen.</p><p>�Und ich dachte, du h�ttest meinen Befehl verstanden, dass wir uns kampflos zur�ckziehen.� Bidayn sah, wie pl�tzlich ein tiefer Schnitt auf der Wange von Asfahal erschien. Ein Pfeil musste ihn gestreift haben. Es war an der Zeit, etwas gegen die Bogensch�tzen zu unternehmen. Hier auf dem Hof gaben sie zu gute Ziele ab.</p><p>�Bleibt in Bewegung!�, rief sie ihren Gef�hrten zu.</p><p>Rechts von ihr lie� Kyra ihren Klingenstab wirbeln, der den Bambusstock ersetzte, mit dem sie auf dem �bungshof in Uttika gek�mpft hatte. Asfahals Schwester trieb die Menschenkinder nur so vor sich her, doch sie achtete zu wenig auf die Pfeile, die inzwischen aus allen Richtungen auf sie niedergingen. Lemuel, der schweigsame Maurawan, der das Band zu den Riesenadlern vom Albenhaupt gekn�pft hatte, schlug mit einer seiner beiden kurzen Klingen ein Geschoss zur Seite, dass Kyra ansonsten in den R�cken getroffen h�tte.</p><p>Lemuel war fast einen Kopf kleiner als Bidayn. Vielleicht lag es an seiner Gr��e, dass er stets in der Laune war, sich zu beweisen. An schlechten Tagen gen�gte schon ein unbedachter Blick, um mit ihm in Streit zu geraten. Wie sie alle trug er eng anliegende schwarze Gew�nder und einen leichten Brustpanzer aus Leder. Seine Kleider sahen bereits schmuddelig und abgetragen aus, obwohl sie kaum f�nf Wochen alt waren.</p><p>�Bring uns in Deckung!�, rief Bidayn Valarielle zu.</p><p>Die schwarzhaarige, ungew�hnlich blasse Elfe schob mit flie�ender Bewegung ihr Schwert in die Lederscheide auf ihrem R�cken zur�ck und trat in den Kreis, den die vier Drachenelfen inmitten des Hofes gebildet hatten. Sie l�ste ein Band mit silbernen Gl�ckchen von ihrem Stiefel und warf es Bidayn zu. �Das solltest du tragen, damit ich dir nicht gleich aus Versehen die Kehle durchschneide.�</p><p>Bidayn schnappte das Lederband aus der Luft. Ein Pfeil streifte ihren Unterarm. Sie hatte nicht aufgepasst. Schmerz flammte in ihrem Arm. Ob die Menschenkinder ihre Pfeilspitzen vergifteten?</p><p>�Deckung!� Asfahal riss den Schild eines toten Kriegers hoch und hielt ihn sch�tzend �ber sie. Mehrere Geschosse schlugen mit dumpfem Laut in das Holz.</p><p>Zwei Menschens�hne sprangen von der Terrasse und st�rmten ihnen entgegen. Bidayn sah sie nur fl�chtig. Noch immer zogen Brandpfeile durch die Luft, wenn auch weniger als zuvor, und flackerten auf dem Boden. Die Flammen verdarben ihre Nachtsicht. Die Menschenkrieger waren wenig mehr als Schemen in Bronze und Leder. �Lemuel! Halt die beiden dort hinten auf!�</p><p>Der Maurawan stach einen Speertr�ger nieder und eilte dann den Kriegern entgegen, die von der Terrasse kamen. Jetzt folgten auch noch einige der Bogensch�tzen dem Beispiel der ersten beiden Krieger, die gesprungen waren.</p><p>�Das wird �bel�, zischte Asfahal Bidayn zu.</p><p>Nahe dem Brauhaus war ein weiterer Trupp Krieger erschienen. Sie alle waren wohlger�stet, und offensichtlich wurden sie gut gef�hrt, denn sie bildeten schnell einen neuen Schildwall und begannen, auf die Mitte des Hofs vorzugehen. Vielleicht war der Unsterbliche dort? Bidayn wusste, dass �ber dreihundert Krieger im Palast einquartiert waren. Sie waren f�nf. Ganz gleich, wie gut sie k�mpften, gegen diese �bermacht konnten sie auf dem Hof nicht bestehen.</p><p>Ein Prickeln �berlief die Elfe. Sie sp�rte, wie sich das magische Netz ver�nderte, das, f�r normale Augen unsichtbar, die Welt durchdrang.</p><p>�Achtung!� Kyra warf sich �ber Valarielle und riss die Elfe zur Seite. Eine Kralle aus bleichem Knochen zerfurchte den gestampften Lehmboden, wo die Zauberweberin eben noch gestanden hatte.</p><p>Bidayn sah zum Ankerturm auf. Der Wolkensammler! Seine Tentakel peitschten durch die Luft. Mithilfe der riesigen Fangarme zog er sich am Ankerplatz hinab, um in den Kampf einzugreifen.</p><p>�Valarielle!�, schrie Bidayn. �Wir m�ssen sofort weg hier!�</p><p>Ein weiterer Tentakel peitschte �ber sie hinweg und traf einen der Krieger aus Drus. Der st�mmige Mann wurde durch die Knochenkralle zweigeteilt. Doch Valarielle schien wie in Trance. Sie reagierte nicht und blickte, noch immer in Kyras Armen, starr vor sich hin. Es wurde k�lter. Pl�tzlich, so, als w�re von einem Herzschlag zum n�chsten klirrender Winter eingekehrt. Die Krieger aus Drus stie�en erschrockene Rufe aus. Ihr Atem stand ihnen in wei�en Wolken vor dem Gesicht. Valarielle aber atmete Dunkelheit aus. Es waren keine W�lkchen wie bei den �ngstlichen Menschenkindern, sondern Schlieren, dicht wie str�mendes Wasser. Sie stahlen das Licht der Brandpfeile und Fackeln, weiteten sich aus und verschlangen den Hof. Nichts blieb au�er K�lte und Finsternis.</p><p>Bidayn �ffnete ihr Verborgenes Auge. Die magische Welt war von der Dunkelheit nicht verschlungen worden. Ein Gespinst leuchtender Linien umgab sie, und es fiel der Elfe einen Moment lang schwer, sich zu orientieren. Die Auren der Menschenkinder waren grobe Skizzen aus blauem Licht, der Farbe der Angst, die sie kaum noch zu beherrschen vermochten. Nur wenige schimmerten im reinen Rot der Wut. Andere, in denen sich Angst und Wut die Waage hielten, erstrahlten in purpurnem Licht. Dar�ber lag ein verwirrendes Gewitter flackernder Lichtblitze. Schemen verwischten und verschwanden.</p><p>Bidayn sp�rte, wie sich ein leiser, bohrender Schmerz tief in ihren Kopf brannte. Eine Nebenwirkung von Valarielles Zauber. Er st�rte die Harmonie der magischen Welt, hatte die unselige Tendenz, auch hier den Gesichtssinn zu verwirren, wenn auch auf eine andere Art.</p><p>�Lass uns gehen�, erklang die vertraute Stimme Asfahals neben ihr. �Ich bin mir nicht sicher, ob die Bestie uns noch sieht.�</p><p>Bidayn sah auf. Dort, wo der Himmel sein sollte, wand sich ein Gewirr glei�end roter Str�nge. Die Tentakel des Wolkensammlers. Die Bestie gl�hte f�rmlich vor Wut. Bidayn war sich bis zu diesem Augenblick nicht bewusst gewesen, dass die schwebenden Giganten Gef�hle hatten.</p><p>�Folgt mir!�, forderte sie die anderen auf. �Folgt dem Laut der Gl�ckchen und lasst eure Sinne nicht verwirren.� Sie hob das Lederband mit den kleinen Silbergl�ckchen und sch�ttelte es, sodass ihr leises, unverwechselbares Klingen zu h�ren war. �Ich kenne einen Gang, der unter dem Palast hindurchl�uft. Er m�ndet auf eine breite Gasse. Dort wird uns so schnell niemand suchen.�</p><p>Ein Hauch von Rot mischte sich in eine der blassgoldenen Auren ihrer Gef�hrten. �Wollten wir nicht einen Unsterblichen t�ten?�, fragte Valarielle, die wieder aus ihrer Starre erwacht war.</p><p>�Der Plan hat sich ge�ndert. Nun kommt!� Bidayn h�rte, wie sich Valarielles Gl�ckchen entfernten. Sie ging in Richtung der Menschenkinder!</p><p>�Komm zur�ck!�, befahl Bidayn.</p><p>�Sind wir nicht gekommen, um Angst und Schrecken in die Herzen der Menschen zu s�en?�, fragte die Zauberweberin ruhig und ging weiter den Kriegern entgegen.</p><p>Bidayn sah im blendenden Spiel der Blitze zwei blaue Auren vergehen. Ein Schrei voller Angst erklang und brach abrupt ab.</p><p>�Vorsicht!�, zischte Kyra.</p><p>Bidayn wirbelte herum und entging knapp einem gekr�mmten roten Lichtstrang. �Der Wolkensammler kann uns sehen�, warnte sie ihren Gef�hrten und eilte der Terrasse entgegen.</p><p>Alle schienen ihr zu folgen; Bidayn h�rte deutlich Valarielles Klang unter den Gl�ckchen heraus. Sie m�sste sich etwas einfallen lassen, womit sie der rebellischen Drachenelfe einen D�mpfer verpassen konnte. Sie brauchte Valarielle. Niemand beherrschte diesen Zauber so wie sie. Aber Bidayn konnte nicht dulden, dass ihre Befehle ignoriert wurden.</p><p>�Wer da?�, fl�sterte eine Stimme unmittelbar vor ihr in der Zunge Drusnas. Ein vages Gespinst silberner Lichtf�den erschien zwischen den Blitzen und verschwand. �Ich h�re dich. Du���</p><p>�Still!�, befahl eine andere Stimme. �Das sind Daimon�� Das Wort verging in einem Schmerzenslaut. In das Silber, das Bidayn vor sich sah, mischten sich Blau und Rot. Der Schemen ver�nderte sich. Da waren noch mehr Menschenkinder.</p><p>Die Elfe riss ihre Klinge hoch. Im letzten Augenblick. Stahl kreischte auf Stahl. Bidayn drehte sich zur Seite weg. Sp�rte den Luftzug eines Schwertstreichs, der sie verfehlt hatte. Sie ging in die Knie und stie� ihre Waffe nach hinten. Fast ohne Widerstand glitt ihr Schwert in Fleisch. Ein niedergerungenes St�hnen erklang.</p><p>�Weiter!�, rief Bidayn und h�rte das Ger�usch von Klingen, die durch Leder und Leiber schnitten. Die Krieger, die von der Terrasse gesprungen waren, standen ihnen im Weg.</p><p>Der Schmerz in ihrem Kopf wurde st�rker, gewann an Nahrung durch die Blitze, die sich geradewegs durch ihre Augen in ihr Gehirn brannten. Bidayn k�mpfte gegen �belkeit an. Sie erreichte eine Mauer. Sie schloss ihr Verborgenes Auge. Der Schmerz lie� sofort nach.</p><p>Eine Hand an der Wand, tastete sie sich voran und lauschte auf das Klingen der Gl�ckchen. Valarielle war immer noch die Letzte ihrer kleinen Schar. Krieger st�hnten in Schmerzen, winselten, riefen nach ihren M�ttern. W�ren die Dummk�pfe auf der Terrasse geblieben, h�tten sie �berlebt!</p><p>Die Mauer machte einen scharfen Knick nach links. Bidayn murmelte ein Wort der Macht und �ffnete ihr Verborgenes Auge wieder. Blitzgewitter umgab sie. Die magische Welt k�mpfte gegen das Ungleichgewicht an, das Valarielles Zauber erzeugte. Bidayn z�hlte stumm die Schritte. Vier Tage hatte sie als Dienerin verkleidet im Palast verbracht. Sie hatte erkundet, wer sich wann an welchem Ort aufhielt, wie viele Wachen es gab, wann sie wechselten und welche Wege eine Flucht erm�glichten. Sie wusste, dass es siebzehn Schritte bis zu dem Tor waren, hinter dem der Versorgungstunnel begann, der fast nur von der Dienerschaft genutzt wurde.</p><p>Der Klang vier verschiedener Schellenb�nder folgte ihr. Sie w�rde all ihre Gef�hrten lebend zur�ck nach Albenmark bringen, dachte sie erleichtert, als sie den Eingang zum Tunnel erreichte.</p></section><section><title><p>Lebendige Finsternis</p></title><p>Oleg blieb am Treppenabsatz stehen. Er sah sie flehend an. Hinter ihnen war, ged�mpft durch die W�nde des Langhauses, der Schlachtenl�rm zu h�ren. Quetzalli wusste, dass Oleg f�r immer sein Gesicht verlieren w�rde, wenn er als Hauptmann nicht an den K�mpfen teilnahm. �Du kannst gehen�, sagte sie entschieden. Den Rest des Weges w�rde sie alleine schaffen. Sie wusste, dass sie fort von hier musste. Sie konnte das B�se sp�ren, das gekommen war. So deutlich, wie sie es nur am Blutsee empfunden hatte.</p><p>�Geh!�, bekr�ftigte sie noch einmal.</p><p>Oleg l�chelte erleichtert. �Danke.�</p><p>Wanya rekelte sich in ihren Armen. Sein Kopf lag auf ihrer Brust gebettet. Quetzalli st�tzte ihn mit der linken Hand. �Bring mir einen abgeschnittenen Kopf von unseren Feinden, wenn du mir danken willst.�</p><p>Einen Augenblick wirkte er irritiert. �Morgen wird ein Dutzend abgeschnittener K�pfe vor Eurem Thron liegen�, sagte er schlie�lich entschieden. Dann nickte er ihr knapp zu und eilte mit langen Schritten davon.</p><p>Quetzalli sah zum Versorgungstunnel hinab. Licht drang von unten die gewundene Treppe hinauf. Sie h�rte dort unten Schritte von den gemauerten W�nden widerhallen. Offensichtlich nutzten auch andere den Fluchtweg aus dem Palast. Mit klopfendem Herzen begann sie den Abstieg. Wer griff den Palast an? Hatte der �berfall mit dem seltsamen Wolkensammler zu tun? Der morgige Tag w�rde Antworten bringen. Nun z�hlte allein Wanya.</p><p>Die enge Wendeltreppe m�ndete direkt in den Tunnel. Es war angenehm k�hl hier unten. Drei Schritt weit und fast zwei Schritt hoch war der Gang mit seiner gew�lbten Decke. Weit genug, dass ein Streitwagen hindurchfahren k�nnte. Sie musste schmunzeln. Diesen Gedanken sollte sie f�r sich behalten, sonst w�rde Volodi es ausprobieren.</p><p>In Nischen an den W�nden standen in kurzen Abst�nden �llampen, die ein angenehmes, warmes Licht spendeten. Quetzalli sah eine alte, grauhaarige Frau aus der Richtung des Hofes auf sich zukommen. Dascha vielleicht? Sie fegte in der gro�en Halle und sorgte daf�r, dass die Glut in den Feuergruben nie g�nzlich verlosch. Sie erinnerte sich, dass die Dienerin genagelte Sandalen wie ein Krieger trug. Daher das laute Schrittger�usch auf dem gepflasterten Boden des Tunnels. Sie sollte Dascha warnen. Doch wenn sie nach ihr rief, w�rde Wanya aufwachen�� Sie musste warten, bis die alte Frau n�her bei ihr war.</p><p>Pl�tzlich wurde es kalt. War es eben noch angenehm k�hl gewesen, zog nun ein eisiger Luftzug vom Hof durch den Tunnel. Kalt wie der Nordwind, der zu Mittwinter �ber das erfrorene Land ihres Mannes fegte. Wanya regte sich in ihrem Arm. Er grummelte und versuchte, sich tiefer zwischen ihre Br�ste zu dr�ngen.</p><p>Von einem Augenblick zum anderen sah Quetzalli die Lichter am Ende des Tunnels verschwinden. Es war aber nicht der Luftzug, der sie l�schte. Lebendige Finsternis drang in den Gang. Quetzalli war wie gel�hmt vor Entsetzen. Sie wollte wegsehen, weglaufen, doch ihre F��e gehorchten ihr nicht mehr. Wie Blut, das in Wasser tropfte, sahen die Wirbel aus Dunkelheit aus, die in den Tunnel flossen und immer n�her kamen. Sie streckten sich nach den Lichtern in den Nischen, erstickten sie und schienen selbst das Licht der Fl�mmchen, die sie noch nicht erreicht hatten, zu trinken.</p><p>Dascha stie� einen Schrei aus. Die Finsternis hatte sie fast eingeholt. Die alte Dienerin begann zu laufen. Ihre Schritte hallten von den W�nden des Tunnels wider. Sie kam Quetzalli entgegen! Die Feinde mussten den Eingang zum Tunnel gefunden haben.</p><p>Nun war auch noch jemand auf der Treppe hinter ihr. Jemand, der wie sie versuchte, aus dem Langhaus zu fliehen. Panik griff nach dem Herzen der Priesterin.</p><p>�Papa?� Wanya blinzelte sie verschlafen an.</p><p>Sie musste ihn retten! Sie�� Ein weiterer Schrei hallte durch den Tunnel. Entsetzt, schmerzerf�llt�� Das Ger�usch der Schritte brach ab. Jetzt war da ein anderer Laut. Leise. Melodisch. Wie der Klang zarter Gl�ckchen.</p><p>�Papa?� Wanya begann zu weinen.</p><p>Der Todesschrei hatte den Bann gebrochen. Quetzalli drehte sich um und lief. Nur weg von der Schw�rze! Eisige K�lte biss ihr in den Nacken. Ihr langes, zu eng geschnittenes Kleid behinderte sie. Sie war zu langsam. Wanya weinte immer lauter.</p><p>�Still!� Schneller und schneller griff die Finsternis in den Tunnel und l�schte Licht um Licht. �Bitte, mein Schatz�� still! Es darf uns nicht finden!�</p><p>Sie wusste nicht, was ihr da folgte, aber es t�tete. Von Dascha war kein Laut mehr zu h�ren. Nicht einmal ein leises R�cheln. Daf�r erklang das leise Glockenspiel immer n�her. Wanya h�rte nat�rlich nicht auf sie. Quetzalli legte ihm ihre freie Hand auf Mund und Nase. Erstickte jedes Ger�usch. Aber ihre Schritte�� sie war barfu�, bewegte sich fast lautlos. <emphasis>Fast</emphasis> war nicht genug.</p><p>Die Dunkelheit umfing sie. Es war, als h�tte jemand ihr Augenlicht ausgel�scht. Quetzalli sah nichts mehr. Nach zwei Schritten stie� sie mit der Schulter gegen die Wand. Sie hatte die Richtung verloren, dabei m�sste sie doch nur geradeaus gehen. Wanya wand sich in ihren Armen. Seine kleinen F��e trommelten gegen ihren Bauch.</p><p>Kein Laut, dachte sie. Was immer dort kommt, kann gewiss auch nicht sehen. Es orientiert sich nach Ger�uschen. Wenn er nur still genug war, dann w�rde das Grauen, das mit klingenden Gl�ckchen durch den Tunnel eilte, ihn nicht entdecken. Sie kauerte sich hin. Beugte sich sch�tzend �ber Wanya. Ihn durften sie ihr nicht nehmen! Was mit ihr geschah, war ihr gleich. Sie musste ihren Sohn retten. Wie ein Kokon aus lebendem Fleisch umschloss sie ihn. Hielt ihn ganz fest in den Armen. Dann hielt sie den Atem an. Kein Laut. Fest presste sie die Hand auf Wanyas kleines Gesicht. Nicht das geringste Ger�usch! So w�rden sie �berleben!</p></section><section><title><p>Das Netz zieht sich zu</p></title><p>Valarielle sp�rte, wie die Welt sich immer machtvoller gegen sie wandte. Der Zauber, den sie gewirkt hatte, widersprach der Ordnung der Natur. Nichts l�schte Licht so sehr wie die Dunkelheit, die sie atmete. Sie gebar die Finsternis, wenn sie ausatmete. Sie verstr�mte sie. Verh�hnte die Ordnung der Welt und genoss es. Das magische Netz b�umte sich dagegen auf, versuchte, den Quell des Ungleichgewichts zum Versiegen zu bringen.</p><p>Die Elfe war zur�ckgefallen, die anderen warteten nicht. Sie wusste, Bidayn war nur zur�ckgekehrt, um Asfahal zu retten. F�r keinen anderen h�tte sie das getan. Sie mochte Bidayn nicht. Den �blen Geruch, der sie umfing. Ihre Art, sich f�r die Auserw�hlte des Goldenen zu halten. Sie war nichts Besseres! Allerdings war sie unbeirrbar, das Einzige, was Valarielle an ihr sch�tzte.</p><p>Wenn sie ihre Mission abbrach, dann musste etwas Au�ergew�hnliches geschehen sein. Was hatte sie im Palast in Erfahrung gebracht? Das flackernde Licht stach immer unerbittlicher in ihren Kopf. Valarielle schloss ihr Verborgenes Auge. Sie w�rde sich nur noch nach dem Klang der Gl�ckchen richten.</p><p>Ihre Haut brannte. Der Kopfschmerz lie� nicht nach. Sie hatte das Gef�hl, als w�rde aus allen Richtungen etwas an ihr zerren. Das magische Netz hatte sie entdeckt! Die Elfe schauderte. Sie wusste, was mit Bidayn geschehen war. Sie wusste um das unausl�schliche Narbenmuster, das sich in deren Haut gebrannt hatte, verborgen unter der Menschenhaut, in die sie geschl�pft war und die trotz aller Zauberkunst langsam auf ihr verfaulte.</p><p>So wollte Valarielle nicht enden! Sie fand keinen perversen Gefallen am T�ten. Es hatte einen Grund, warum sie das hier tat. Sie stahl ihren Opfern das Licht. Die Energie, die sie mit dem Weltennetz verband. Sie nutzte dieses Licht als Schutzschild zwischen sich und der Macht, die die Ordnung der Welt wiederherstellen wollte. Das Weltennetz war nicht lebendig, und doch reagierte es auf jeden, der sich gegen die Gesetze der Natur stellte.</p><p>Da war etwas im Gang. Dicht vor ihr. Sie hatte ein rasches Atmen geh�rt. Wie von jemandem, der die Luft angehalten hatte und es nicht mehr l�nger aushielt. Es war links vor ihr gewesen. Am Boden. Jemand kauerte dort.</p><p>Valarielle raunte ein Wort der Macht, um bereit zu sein, noch ein Licht zu rauben. Sie hob ihr Schwert. Kurz erwog sie, ihr Verborgenes Auge zu �ffnen, um das Gespinst aus Licht zu entdecken, das jedes Lebewesen umgab. Aber sie f�rchtete den Schmerz. Wie alle anderen vermochte auch sie in der Finsternis, die sie erschaffen hatte, nicht zu sehen. Sie musste ganz auf ihre Instinkte vertrauen, wenn sie ihr Schwert f�hrte. Sie trat noch einen Schritt vor, dann lie� sie die Klinge in weitem Schwung hinabsausen. Ein Schrei begleitete den Treffer. Eine Hand griff nach ihrem Kn�chel. Kraftlos.</p><p>Valarielle �rgerte sich �ber den schlecht gesetzten Hieb, zog die Klinge zur�ck und stach dahin, wo sie den Brustkorb vermutete. Zugleich griff sie in der magischen Welt nach den sich aufl�senden Verbindungen des Menschenkindes. Sie hatte eine Frau getroffen. Ihr Opfer kr�mmte sich am Boden. Rollte sich zusammen. Valarielle trieb ihre Klinge tiefer in den Leib. Aller Widerstand erschlaffte. Sie sp�rte Hitze, als sie die verl�schende Lebenskraft gegen das magische Netz lenkte.</p><p>�Schneller!�, erklang Bidayns Stimme, die im Tunnel zu hellen Echos zerbrach.</p><p>Valarielle zog ihre Klinge zur�ck und folgte erneut dem Klang der Gl�ckchen. Die Hitze lie� nicht mehr von ihr ab. Sie brannte. Schien ihre Kleidung ohne M�he zu durchdringen. Wieder dachte die Elfe an die Geschichten, die man sich �ber Bidayn erz�hlte. Ein engmaschiges Rautenmuster war auf ihrem Leib eingebrannt. �berall! Keine Magie vermochte die Narben verschwinden zu lassen. Kein Kraut und keine Tinktur halfen. So wollte sie nicht enden. Sie waren in einem Tunnel. Kein Feind folgte ihnen mehr! Sie brauchten die Dunkelheit, die sie gerufen hatte, nicht l�nger. Sie lie� den Zauber fahren und �ffnete die Augen.</p><p>Augenblicklich flammte das Licht der �ll�mpchen auf. Geradezu blendend hell erschienen der Elfe die kleinen Fl�mmchen, nachdem die absolute Finsternis gewichen war. Ihre Gef�hrten hatten bereits den Ausgang des Tunnels erreicht. Hinter der weit offenen Holzt�r waren die Sterne am Nachthimmel zu sehen.</p><p>Diesmal warteten die vier auf sie. Zwischen der Palastmauer und niedrigen, wei� get�nchten H�usern verlief eine weite, menschenleere Gasse.</p><p>�Hier entlang!�, befahl Bidayn und wies nach Norden.</p><p>Vom Palast her ert�nten H�rner und die Schreie Verwundeter. Valarielle sp�rte, dass sie beobachtet wurden. Hinter den Fensterl�den sp�hten Menschenkinder hervor. Doch sie wagten nicht, etwas zu tun. In allen H�usern entlang des Weges waren die Lichter gel�scht worden.</p><p>Schon nach kurzer Zeit m�ndete die Gasse in eine breite Stra�e, die von Ruinenfeldern ges�umt wurde. Berge von zerbrochenen Ziegeln t�rmten sich dort. Dazwischen waren Zelte aufgeschlagen und Sonnensegel gespannt. Es roch nach Gew�rzen und Staub. Wieder wusste Bidayn den Weg und winkte sie die steile Stra�e hinauf zu einer h�her gelegenen Terrasse, auf der himmelblaue H�user mit mondgelben Kuppeld�chern standen.</p><p>Hinter einer halbhohen Mauer beobachtete sie ein d�rrer Kerl, der einen langen Stecken �ber die Schulter trug, von dem erschlagene Nacktratten herabhingen. Er tuschelte mit einem Wasserverk�ufer, der ein breites Lederbandelier �ber der Brust trug, in dem Tonbecher steckten. Valarielle hatte das Gef�hl einer unmittelbaren Bedrohung. Aber diese j�mmerlichen Gestalten konnten es nicht sein! Sie warf einen Blick zur�ck. Die Palastwachen hatten immer noch nicht entdeckt, dass sie durch den Tunnel geflohen waren. Alles war gut.</p><p>�Was ist?�, herrschte Bidayn sie an, die bemerkt hatte, wie sie erneut zur�ckfiel.</p><p>Valarielle winkte ab. �Alles gut, wir���</p><p>�Dort!�, rief Lemuel pl�tzlich und deutete zum Himmel.</p><p>Der seltsame Wolkensammler schlug mit den Schwingen. Seine Tentakel wirbelten durch die Luft und peitschten auf die Leinen nieder, mit denen das Schiff, das er trug, am Ankerturm vert�ut war.</p><p>�Der will uns�, murmelte Valarielle halblaut.</p><p>�Unsinn!�, widersprach Kyra entschieden. �Sie interessieren sich f�r nichts, was sich am Boden bewegt.�</p><p>�Er hat uns in dieser Nacht schon zwei Mal angegriffen�, erinnerte Bidayn. �Schnell jetzt! Dort oben, wo die H�user auf beiden Seiten der Stra�e abgest�rzt sind, holen uns die Adler.�</p><p>�Warten wir nicht so lange!�, entschied Lemuel und zog eine d�nne silberne Pfeife aus einer Schlaufe an seinem G�rtel. Obwohl er aus Leibeskr�ften hineinblies, h�rte Valarielle keinen Laut.</p><p>Die Knochenkrallen des Wolkensammlers durchtrennten das letzte Halteseil. Die Bestie glitt mit weiten Fl�gelschl�gen in ihre Richtung.</p><p>�Seht!�</p><p>Vor dem kleineren der beiden Monde erschienen die Silhouetten der Adler. Es waren sechs! Die beiden Adler, die als Reserve im Dschungel vor der Stadt zur�ckgeblieben waren, hatten sich dem kleinen Schwarm angeschlossen, um Starkfu� zu ersetzen.</p><p>Auch der Wolkensammler verlor schnell an H�he. W�tend peitschten seine Tentakel durch die Luft, als k�nnte er es gar nicht erwarten, sie zu zerfleischen.</p><p>Die Adler flogen in gerader Linie die steile Stra�e an. Kaum zwei Schritt �ber dem Pflaster glitten sie dahin, die Ringe aus lederumwickeltem Weidengeflecht in ihren Krallen.</p><p>In den Ruinen regte sich etwas. M�nner krochen aus Schutth�hlen und Zelten. Sie starrten zu den Adlern. �Das sind Daimonen!�, schrie pl�tzlich jemand.</p><p>Im n�chsten Augenblick ging ein Steinhagel auf die V�gel nieder. Valarielle rannte, so schnell sie konnte. Ein Stein traf sie in den R�cken. Rings herum zerplatzten Ziegel auf dem Granitpflaster.</p><p>Kyra war die Erste, die es schaffte, einen der geflochtenen Ringe zu packen. Mit einem Ruck wurde sie hinauf in den Himmel gezogen.</p><p>Valarielle sprang, die Arme weit vorgestreckt. Ihre Hand schloss sich um das Leder. Im selben Augenblick schob sich ein riesiger Schatten vor die Zwillingsmonde am Himmel. Der Wolkensammler hatte sie eingeholt.</p></section><section><title><p>Atemlos</p></title><p>Quetzalli lauschte auf die verklingenden Gl�ckchen. Pl�tzlich kehrte das Licht zur�ck. Wie von Zauberhand waren die �ll�mpchen wieder entz�ndet. Die Daimonen waren verschwunden. Erleichtert atmete sie auf und nahm die Hand von Wanyas Mund.</p><p>�Sie sind fort, kleiner Prinz�, fl�sterte sie. �Alles wird gut.�</p><p>Quetzalli setzte sich auf. Keine drei Schritt entfernt, dort, wo die Treppe, die sie hinabgekommen war, in den Tunnel m�ndete, lag eine Dienerin zusammengekr�mmt in einer Blutlache. Quetzalli erinnerte sich nicht an ihren Namen. Sie war jung, ihre Br�ste hatten kaum begonnen zu sprie�en. Sie hatte am unteren Ende der Tafel in der gro�en Halle bedient.</p><p>Wanya schien eingeschlafen zu sein. Er lag ganz still in Quetzallis Arm. Sie dr�ckte ihn an sich, streichelte sein Haar�� Seine gro�en blauen Augen sahen starr zu ihr hinauf.</p><p>�Wanya?� Quetzalli zerzauste ihm das Haar.</p><p>Er regte sich nicht.</p><p>�Wanya!� Ihr Herzschlag setzte einen Moment lang aus. Hatte sie ihm die Hand zu fest auf den Mund gedr�ckt? Hatte er nicht mehr atmen k�nnen?</p><p>Sie bettete ihn auf den Boden und f�hlte nach seinem Herzen. Es schlug nicht mehr. �Nein!�, schrie sie auf. �Bei den G�ttern! Nein!� Sie dr�ckte auf seine Brust, beugte sich zu ihm hinab und blies mit aller Kraft ihren Atem in seinen Mund.</p><p>�Atme!�, beschwor sie ihn keuchend und dr�ckte wieder auf seine kleine Brust. �Atme!�</p><p>Ein d�nner Faden Speichel rann aus seinem Mundwinkel. Seine Augenlider flatterten. �Bitte, ihr G�tter, lasst ihn mir!�, flehte sie verzweifelt. �Nehmt mein Leben, nicht seins!�</p><p>Wanya blinzelte erneut. Doch seine Augen bewegten sich nicht, er blickte einfach starr geradeaus, als w�rde er etwas �ber ihr an der Decke des Tunnels betrachten. Deutlich sp�rte sie wieder seinen Herzschlag.</p><p>Unendlich erleichtert presste Quetzalli ihn an sich. �Alles ist gut, mein Schatz. Alles ist gut!�</p><p>Sie dachte an ihre Mutter, die immer k�hl und abweisend zu ihr gewesen war. Sie konnte sich nicht erinnern, ein einziges Mal von ihr in den Arm genommen und getr�stet worden zu sein. Nicht einmal nach jener Nacht, in der sie sich eine Dornenranke eng um die Zunge gewickelt hatte, um den G�ttern ihren Schmerz zu schenken. Sie hatte keine Tr�ne vergossen. Nur drei von fast hundert M�dchen hatten das geschafft. Damit hatte sie bewiesen, dass sie eines Tages w�rdig war, die Weihen einer Hohepriesterin zu empfangen. Als sie in das Haus ihrer Mutter zur�ckkehrte, hatte sich ihre Zunge entz�ndet. Sie hatte tagelang im Fieber gegl�ht und w�re beinahe an ihrer Zunge erstickt. Der Heiler, der ihrer Familie diente, hatte ihr die Zunge herausschneiden wollen. Und ihre Mutter hatte nichts getan, au�er ihm zuzuh�ren und zu nicken. Sie hatte nicht zu ihr gehalten, ihrer eigenen Tochter. Ihre Mutter war immer der �berzeugung gewesen, dass man Liebe niemals zeigen durfte, weil die G�tter einem stets das nahmen, was man am meisten liebte.</p><p>Es war ihr Vater gewesen, der sie vor dem Messer des Heilers gerettet hatte. Doch nicht, weil er ein freundlicher Mann gewesen w�re. Ohne Zunge h�tte sie nicht zu einer bedeutenden Priesterin aufsteigen k�nnen.</p><p>�Das ist Unsinn, nicht wahr, Wanya? Die G�tter stehlen nicht, was man liebt.�</p><p>Er lag ganz ruhig in ihrem Arm, strampelte nicht, versuchte nicht, sich aus ihrem Griff zu winden, wie er es sonst immer tat. Er war m�de.</p><p>Quetzalli fr�stelte es. Etwas von der K�lte, die mit der Dunkelheit gekommen war, schien im ru�geschw�rzten Mauerwerk zur�ckgeblieben zu sein. Sie stand auf und ging auf das Tunnelende zu, das sie zum Palasthof f�hren w�rde. Quetzalli musste sich zwingen, nicht zu laufen. Ungl�ck haftete an diesen dunklen W�nden. Sie schwor sich, nie wieder diesen Tunnel zu betreten.</p><p>Ihr Weg f�hrte sie auch an Dascha vorbei. Die alte Dienerin lag mit dem Gesicht nach unten am Boden. Ein Hieb hatte sie in den R�cken getroffen und mehrere Rippen gespalten. Ein Teil ihrer Lunge hatte sich aus der Wunde gedr�ckt und hing wie Lappen �ber ihrem schmuddeligen Kleid. Quetzalli legte Wanya eine Hand �ber die Augen. Er war viel zu klein, um zu verstehen, und doch, dachte sie, war es besser, wenn er solche Dinge erst gar nicht sah. Tote Krieger�� ja. Aber niedergemetzelte Frauen? Ganz sicher nicht. Er w�rde ein K�mpfer werden wie sein Vater. Aber kein M�rder! Volodi war ein guter Mann, ehrenhaft wie kaum ein anderer, den sie kannte.</p><p>Quetzallis Mund war staubtrocken, als sie aus dem Tunnel trat. Immer lauter war nun das Klagen der Verwundeten zu h�ren. Sie betete leise zur Gefiederten Schlange, dass der Tod nicht Volodis Weg gekreuzt hatte. Als sie um die Ecke der hoch aufgemauerten Terrasse trat, auf der die Festhalle stand, bot sich ihr ein Bild des Schreckens. �berall auf dem weiten Hof lagen Tote und Verwundete. Es waren mindestens drei�ig. Wie hatten die Daimonen so w�ten k�nnen? Es roch nach Blut. Ein Geruch, der ihr als Priesterin der Zapote nur zu vertraut war.</p><p>Sie war zw�lf gewesen, als sie zum ersten Mal danebenstand, als einem Mann das Herz aus der Brust geschnitten wurde. Vierzehn, als sie es zum ersten Mal selbst tat.</p><p>Inmitten der Toten lag der Kadaver eines riesigen Vogels. �berall steckten Pfeile im Lehmboden. So dicht wie auf einem Schlachtfeld, auf dem zwei Heere gegeneinander angetreten waren. Krieger knieten zwischen den Toten. Heiler waren gerufen worden. Sie entdeckte Yuri, den Leibarzt, der einst dem Unsterblichen Iwar gedient hatte. Er kniete bei zwei M�nnern, die etwas abseits der anderen Toten lagen. Einer von ihnen war der Fremde. Ein Schwerthieb hatte sein Gesicht zerteilt. Den zweiten verdeckte Yuri, der abwehrend die H�nde hob, als er sie kommen sah.</p><p>�Bringt das Kind nicht hierher! Dies ist ein Ort voller Geister in dieser Nacht. Haltet ihn bei Euch! Geht fort! Schnell!�</p><p>Der wei�haarige Heiler mochte sie nicht. Er wollte allein an Volodis Seite sein, um die Bedeutung zur�ckzugewinnen, die er mit Iwars Tod verloren hatte.</p><p>�Lass mich zu meinem Mann�, sagte sie mit schneidend kalter Stimme.</p><p>Yuri trat zur Seite. �Wie ich h�rte, wolltet Ihr dem Unsterblichen Volodi einst das Herz herausschneiden, Hexe. Mir scheint, nun ist Euch ein anderer zuvorgekommen.�</p><p>Der Herrscher von Drus lag hingestreckt auf dem Boden. Sein Wams war von Blut durchtr�nkt. Ein breiter, tiefer Schnitt lief quer �ber seine Brust. �Unser Herrscher k�mpft noch�, erkl�rte Yuri feierlich. �Ihr alle wisst, dass er ein starker Mann ist. Doch ich glaube nicht, dass er den Morgen noch erleben wird.�</p></section><section><title><p>Stahl auf Stahl</p></title><p>Bidayn verlor fast den Griff um den Weidenring, als Sonnenf�nger �ber den linken Fl�gel abkippte, mit den �u�ersten Spitzen seiner Schwungfedern die Br�stung eines Flachdachs streifte, um dann mit kr�ftigen Fl�gelschl�gen wieder an H�he zu gewinnen. Er flog dem Gew�hl von Tentakeln �ber ihnen entgegen!</p><p>�Das sind keine Regenw�rmer, die man aufpicken k�nnte�, rief Bidayn, obwohl sie wusste, dass der gro�e Adler sie nicht verstand. Er sp�rte ihre Gef�hle. Sie mochten einander, doch Worte spielten keine Rolle in dem Bund, den sie geschlossen hatten.</p><p>Sonnenf�nger ging tats�chlich zum Angriff �ber. Verdammtes Spatzenhirn, dachte Bidayn verzweifelt. Er wich einem Fanghaken aus, der ihnen entgegenschwang, sein Schnabel hackte nach weichem Fleisch. Blut spr�hte Bidayn ins Gesicht. Die �brigen Adler hielten auf den weiten Platz mit der Goldenen Pforte zu. Jenem Albenstern, der Tag und Nacht ge�ffnet blieb, um die endlosen Karawanen passieren zu lassen, die nach Nangog zogen, um, mit den Sch�tzen der neuen Welt beladen, nach Daia zur�ckzukehren.</p><p>Versuchte Sonnenf�nger, den Wolkensammler von den anderen Adlern des Schwarms abzulenken? Opferte er sich, damit seine Br�der und Schwestern entkamen? Bidayn fluchte leise. Wunderbare Idee! So w�rde sie gemeinsam mit Sonnenf�nger verrecken.</p><p>Mit tollk�hnen Man�vern kurvte der Adler zwischen den Fangarmen, dann legte er pl�tzlich die Fl�gel an und lie� sich wie ein Stein in die Tiefe st�rzen. Aus dem Augenwinkel sah die Elfe, wie Federn in die Luft stoben. Lemuels Adler war getroffen, hielt sich aber noch in der Luft.</p><p>Es war unglaublich, wie wendig dieser ver�nderte Wolkensammler trotz seiner Gr��e war. Gewiss waren die Adler schneller als er, aber dieses riesige Ungeheuer hatte erraten, wohin sie wollten, und war �ber den Karawanenplatz geflogen. Er versperrte ihnen den Fluchtweg mit einem Wald sich windender Fangarme.</p><p>Von unten feuerten inzwischen Tausende Stimmen den Wolkensammler an. Als ihr Adler den Sturzflug beendete und wieder nach oben stieg, sah Bidayn in dem Gedr�nge aus Lasttieren und Menschenkindern etwas Silbernes. Einer der neuen, der gefl�gelten L�wen war dort unten. Eigentlich sollte er das Tor offen halten, aber jetzt legte er den Kopf in den Nacken und sah zu ihnen hinauf. Jeden Augenblick w�rde er sich in den Kampf einmischen. Sie musste ihre Schar hier herausbringen! Der Goldene musste Nachricht von dem Traumeis erhalten!</p><p>Bidayn fl�sterte ein Wort der Macht. Sie griff nach dem magischen Netz, und sie wusste, welchen Preis sie daf�r zahlen w�rde. Sonnenf�nger stie� einen wilden Schrei aus. Wieder schnappte er nach einem Tentakel. Bidayn versuchte, ihren rebellierenden Magen zu beherrschen. Sie zog die Beine an, und ein peitschender Tentakelhieb glitt dicht unter ihren Sohlen vorbei.</p><p>Nicht die Konzentration verlieren! Sie wob den Zauber, der ihr vertraut war wie kein zweiter. Augenblicklich sp�rte sie, wie das magische Netz auf sie reagierte. Es erinnerte sich an sie! Genau hier, am Platz vor der Goldenen Pforte, hatte sie es schon einmal getan. Alles um sie herum wurde langsamer. Die Fl�gel Sonnenf�ngers schwangen nur noch tr�ge auf und ab. Die Fangarme des Wolkensammlers bewegten sich so tr�ge wie Seegras in sanfter D�nung. Bidayn ver�nderte den Zauber, weitete ihn aus. Lie� ihn erst auf Sonnenf�nger �berspringen und von dort zu Lemuel und dessen Adler. Dann weiter zu Kyra und Asfahal. Zuletzt zu Valarielle.</p><p>Ihre Gef�hrten begriffen sofort. Sie nutzten die unerwartete Gelegenheit. Pfeilschnell schossen ihre Adler auf die Goldene Pforte zu, die von einger�steten G�tterbildern flankiert wurde. Noch immer war der Schaden, den das gro�e Beben bei den Statuen angerichtet hatte, nicht g�nzlich behoben. Die Goldene Stadt trug die Narben, die sie ihr geschlagen hatte, dachte Bidayn in wildem Stolz. Sie war dabei gewesen, als Nangog sich regte. Sie hatte geholfen, die schlafende G�ttin in ihrer ewig w�hrenden Ruhe zu st�ren, auch wenn die Riesin immer noch nicht ganz erwacht war.</p><p>Bidayn lie� mehr Macht in ihren Zauber flie�en. Sie sp�rte, wie das Netz nach ihr griff, aber einige Augenblicke w�rden ihr noch bleiben. Sie schwang am Ring aus Weidenholz vor und zur�ck, bis ihre Beine den Hals von Sonnenf�nger umschlossen. Beh�nde griff sie seitlich in das Gefieder des Adlers, schwang sich herum und zog sich dicht hinter dem Hals des Vogels auf dessen R�cken.</p><p>�Lass uns Blut vergie�en!� Der Wolkensammler hatte all ihre Pl�ne in dieser Nacht zerst�rt. Er sollte sp�ren, was es hie�, sie herauszufordern. Sie zog ihr Schwert und durchtrennte einen der beindicken Tentakel, die in einer Knochenkralle endeten.</p><p>Sonnenf�nger genoss es, in tollk�hnen Man�vern zwischen den Fangarmen hindurchzufliegen. Fast h�tte Bidayn den Halt auf seinem R�cken verloren. Ihre Linke krallte sich in das dichte Gefieder, w�hrend sie mit der Schwerthand weitere Fangarme kappte.</p><p>Pl�tzlich sp�rte sie, wie eine zweite Macht nach dem magischen Netz griff. Der Silberl�we hatte sich neben dem Portal in die Luft geschwungen. Auch er vermochte den Fluss der Zeit zu ver�ndern.</p><p>Mit weit aufgerissenen Kiefern flog die Bestie ihr entgegen, und Bidayn sah voller Schrecken, wie die Konturen des gefl�gelten L�wen verschwammen. Er war schneller als sie. Der Gestank von schwelenden Federn stieg ihr in die Nase. Das Netz zog sich um Sonnenf�nger zusammen. Sie musste ihn sch�tzen! Entschlossen sprang sie vom R�cken des Adlers. Sie entlie� ihn aus dem Zauber, so wie sie ihre Gef�hrten entlie�, die durch das Weltentor geflogen waren. Nun ballte sie all ihre Kraft, um im Duell mit dem L�wen zu bestehen. Die Konturen der silbernen Bestie wurden wieder scharf. Sein Fl�gelschlag wurde langsamer. Sie hatte ihn �bertrumpft! Das Schwert vorgestreckt, st�rzte sie seinem offenen Rachen entgegen.</p><p>Der Aufprall war m�rderisch. Ihr Schwert spaltete den Oberkiefer des L�wen. Kreischend bog das Metall auseinander. Tief im Kopf der mechanischen Kreatur sah sie, eingebettet zwischen gezahnten R�dern und mechanischen Teilen, etwas gr�n aufleuchten. Bidayn sp�rte, dass dies der Quell der Macht war, der das widernat�rliche Leben der metallenen Kreatur speiste.</p><p>Aufgebogenes Blech schnitt in ihren Unterarm. Gleichzeitig hatte sie das Gef�hl, in Flammen zu stehen. Das magische Netz hatte sie gefangen! Rauch stieg von ihren Kleidern auf. Sie schrie. Griff in den aufgeschnittenen Kopf des L�wen hinein. Scharfkantiges Metall schnitt ihr in die Finger, bis sie an etwas wie einem B�gel einen sicheren Griff fand. Mit der Linken riss sie ihr Schwert aus dem Metallschrott. Mit einem weiteren Schrei l�ste sie den Zauber. Der Silberl�we machte noch ein paar schwache Schl�ge mit seinen weiten Schwingen. Dann erstarrten seine Fl�gel. Wind pfiff unter ihnen hindurch, als er sich in einer weiten Spirale abw�rts drehte.</p><p>Panik ergriff die Menschen auf dem Platz. Die Tentakel, die Bidayn abgeschnitten hatte, st�rzten unter die Lastentr�ger, Krieger und Karawanenf�hrer. Sie begriffen, dass der gro�e Silberl�we ebenfalls mitten zwischen ihnen niedergehen w�rde, und stoben in alle Richtungen auseinander. Doch der Platz war v�llig �berf�llt. Maultiere keilten aus und stie�en gnadenlos nieder, wer ihnen im Weg stand. Sklaven warfen die B�ndel fort, die sie auf dem R�cken trugen. Doch f�r die meisten gab es kein Entkommen. Sie schlugen aufeinander ein, kletterten �ber Gest�rzte hinweg. Sie sah, wie sich Krieger in wei�en Umh�ngen um einen hageren Kaufmann scharten, der ein kleines M�dchen an sich dr�ckte. Ein Hengst durchbrach ihren Schutzwall, und obwohl ein abgebrochener Speer aus der Flanke des Schimmels ragte, st�rmte er mit unverminderter Kraft voran. Der Kaufmann und das M�dchen verschwanden unter seinem kr�ftigen Leib.</p><p>Hundert Trag�dien sah Bidayn binnen eines Herzschlags. Und sie wusste, ihre eigene Trag�die w�rde gleich Teil des Dramas werden. Sie hatte keine Kraft mehr, noch einen weiteren Zauber zu weben. Und es gab keinen Fluchtweg vom Kopf des abst�rzenden L�wen. Ihr blieb die Wahl loszulassen, um allein in die wogende Menge zu st�rzen, oder mit dem L�wen zu fallen.</p><p>Die Schwingen der mechanischen Kreatur waren eingerastet. Waagerecht standen sie vom Leib des L�wen ab. Sie w�rden wie riesige Schwerter mitten in die Menge schneiden.</p><p>Bidayn l�chelte. An diese Nacht w�rden die Menschenkinder sich noch lange erinnern. Sie w�rde nicht loslassen. Sie entschied, gemeinsam mit dem Silberl�wen unterzugehen.</p><p>Ein Schlag traf sie in den R�cken. Stechender Schmerz grub sich unter ihre Schulterbl�tter. Sie wurde hochgerissen. Flog wieder dem Albenstern entgegen. Bidayn lie� den Kopf in den Nacken sinken. Blut rann ihren R�cken hinab. Weite braune Schwingen verdeckten den Nachthimmel.</p><p>�Sonnenf�nger�, fl�sterte sie und rang darum, das Bewusstsein zu behalten.</p><p>Der Adler verspottete die Menschenkinder mit einem wilden Schrei. Vereinzelte Pfeile sirrten an ihm vorbei, als er in das Dunkel des magischen Tors flog.</p><p>Bidayns Augenlider wurden immer schwerer. Sie durfte nicht das Bewusstsein verlieren. Noch nicht! Sie musste Sonnenf�nger den Weg durch das Netz der Goldenen Pfade weisen.</p></section><section><title><p>Letzte Worte</p></title><p>Volodi f�hlte keinen Schmerz. Das war nicht gut. Er war in seinem Leben schon oft verwundet worden. Meist war im ersten Augenblick kein Gef�hl da. Die Gefahr des Kampfes tilgte den Schmerz, vielleicht bet�ubte ihn auch die Wucht eines Treffers f�r kurze Zeit. All das hatte er schon erlebt. Aber wenn man am Boden lag, dann kam der Schmerz. Immer. Au�er bei jenen, die sich vorbereiteten, zu ihren Ahnen zu gehen.</p><p>Er konnte den Wind in den B�umen des Geisterhains h�ren. Das Rauschen war sehr deutlich. Neben ihm stand Quetzalli und redete auf Yuri ein. Er verstand nicht, was sie sagte. Es war nur ein gleichf�rmiges Dr�hnen. Volodi verdrehte die Augen. Neben ihm hingestreckt lag Kolja. Er sah �bel aus. Sein sch�nes, neues Gesicht war in der Mitte gespalten. Die Lippen seines alten Weggef�hrten bebten. Er versuchte zu sprechen.</p><p>Volodi wollte etwas sagen, brachte aber keine Silbe heraus. Er war einfach zu schwach.</p><p>Kolja sah, dass er nicht verstand. Er rollte sich auf die Seite. Bei den G�ttern, sein Gesicht�� Der Schwerthieb lief ihm �ber die Stirn, hatte sein linkes Auge zerst�rt und die Wange bis zur Mundh�hle aufgeschlitzt. Ein Teil seiner Wange hing herab. Volodi konnte sehen, wie sich Koljas Zunge im Mund bewegte, als er sprach.</p><p>�Die Zinnernen�� musst helfen! Ich�� versprochen.�</p><p>Der Unsterbliche war �berrascht, dass Kolja seine S�ldner so sehr am Herzen lagen. Immer noch war er zu schwach, um zu sprechen. Volodi versuchte, seine Worte in seinen Blick zu legen. Die Zinnernen k�nnten immer zu ihm kommen. Schon jetzt gab es am Ende der Festtafel in der gro�en Halle jeden Abend Gedecke f�r seine alten Weggef�hrten. Alle wussten, dass er M�nner, die einmal f�r ihn gek�mpft hatten, nicht verga�.</p><p>�Dolch���, stammelte Kolja. �Meinen Dolch! Nehmen�� t�tet Daimonen���</p><p>Volodi begriff nicht. Was f�r ein Dolch? Warum hatte der Trottel den Dolch eben nicht benutzt? Volodi versuchte, sich an den Kampf zu erinnern. Er hatte die Daimonen nicht einmal richtig gesehen. Er war auf den Hof hinabgesprungen, und pl�tzlich war alles Licht verloschen. Er erinnerte sich an die Entsetzensschreie seiner Krieger. Und an ein merkw�rdiges Ger�usch. Wie leises Glockenklingeln. Dann hatte ihn der Hieb getroffen. Er war aus dem Dunkel gekommen.</p><p>Eine zarte Hand strich ihm �ber das Gesicht. Quetzalli kniete neben ihm. War er bewusstlos gewesen? Eben hatte sie doch noch mit Yuri gestritten. Er hatte gar nicht bemerkt, wie sie zu ihm gekommen war.</p><p>�Du darfst dich nicht bewegen.�</p><p>Ihre Stimme klang seltsam, als w�re etwas in ihr zerbrochen. Ihr fehlte die Kraft, die er sonst immer so sehr an ihr bewundert hatte. Quetzalli mochte klein und zierlich sein, aber dieser erste Eindruck t�uschte. Sie war h�rter als die meisten M�nner, mit denen er in den Krieg gezogen war.</p><p>�Du wirst mir nicht verrecken!�</p><p>Volodi musste l�cheln. Das war wieder Quetzalli, wie er sie kannte. Er verdrehte die Augen, um nach Kolja zu sehen. Blut und Speichel troffen seinem Freund aus dem Mundwinkel. Er zitterte am ganzen Leib. Sie mussten ihm helfen. Er durfte nicht sterben. Wenn das geschah, dann war sein Geheimnis um das Versteck des Traumeises auf immer verloren.</p><p>�Traum��, stammelte Volodi und brach ab. Ihm fehlte einfach die Kraft.</p><p>Kolja sah ihn mit weiten Augen an. Er wollte etwas sagen. Seine Lippen formten ein Wort, das Volodi nicht kannte. Dann wurde sein Blick starr. Die Augen glasig. Das durfte nicht sein! So durfte es nicht enden. Warum tat niemand etwas? Kolja war einer der besten Krieger der sieben Reiche. Er durfte nicht so sterben. Nicht im Vor�bergehen von einem Daimon get�tet, den sie beide nicht einmal gesehen hatten. So endete das Leben eines Helden und Schurken nicht.</p><p>Volodi versuchte sich aufzusetzen.</p><p>�Nein!�, schrie Quetzalli auf.</p><p>Volodi sah an sich hinab. Ein tiefer Schnitt klaffte in seiner Brust. Dunkles Blut quoll aus der Wunde. Er sp�rte immer noch keinen Schmerz. Das war nicht gut, dachte er erneut und sah, wie immer mehr Blut aus ihm herausstr�mte.</p><p>Quetzalli nahm ihn in die Arme und zog ihn zur�ck auf den Boden.</p><p>Ihm war schwindelig, obwohl er lag. Alles begann sich zu drehen, als habe er zu viel Bier und gebrannten Wein getrunken. Yuris Gesicht erschien �ber ihm. Der Heiler dr�ckte ihm einen Lappen auf die Brust. Er redete auf ihn ein, doch Volodi h�rte nichts mehr. Er sah nur noch den Mund Yuris auf- und zugehen. Sah, wie sich die Augen des alten Mannes vor Schrecken weiteten. Volodi musste l�cheln. Das w�re schon verdammtes Pech, wenn zwei Unsterbliche unter seinen H�nden den letzten Atemzug taten. Wer w�rde noch einen solchen Heiler haben wollen?</p><p>Dunkel umfing Volodi. Nicht einmal die Stimmen in seinem Kopf waren da, die ihn sonst so unabl�ssig qu�lten. Die Welt war still geworden. Nun kam er doch noch, der Schmerz. Wie eine Welle schlug er �ber ihm zusammen, zerrte an ihm, lockte mit der Verhei�ung ewigen Friedens, wenn er aufh�rte zu k�mpfen. Volodi war so m�de. Er dachte an all die Schlachten, in denen er gefochten hatte. An die Siege, die er gemeinsam mit Kolja f�r den Unsterblichen Aaron errungen hatte. Er hatte drei zinnerne M�nzen von Aaron erhalten. Seine Schuld war getilgt. Er war frei.</p><p>Bei diesem Gedanken h�rte er auf, gegen den Schmerz anzuk�mpfen. Seine Reise war lange genug gewesen. Jetzt wollte er Frieden.</p></section><section><title><p>Der verlorene Schatz</p></title><p>Volodi rang keuchend um Atem. Er versuchte sich aufzusetzen, wurde von starker Hand aber sofort zur�ckgedr�ckt. Er f�hlte sich, als w�re er beinahe ertrunken. Jeder Atemzug war ein Kampf. Blinzelnd sah er sich um. Er war doch gar nicht im Wasser gewesen. Jetzt erinnerte er sich. Das Dunkel, die Daimonen��</p><p>�Du solltest hin und wieder die R�stung tragen, die ich dir gegeben habe�, brummte eine tiefe Stimme. �Das w�rde dir einigen �rger ersparen. Und anderen auch���</p><p>Volodi wollte sich erneut aufsetzen, doch die m�chtige Hand des Devanthar hielt ihn niedergedr�ckt. Der Gro�e B�r hatte ausnahmsweise Menschengestalt angenommen. Die Erscheinung eines m�chtigen Kriegers mit einem Leib wie ein Fass und gewaltigen Oberarmen. Schwarzes, kurz geschorenes Haar wucherte �ber einer niedrigen Stirn. Seine Augen hatten die Farbe von dunklem Waldhonig. Sein Bart war genauso kurz geschoren wie das Haupthaar. Er spross so dicht, dass nur wenig sonnengebr�unte Haut zu sehen war. Eine breite, mehrfach gebrochene Nase beherrschte das Gesicht.</p><p>Volodi sah, wie zwei leblose Gestalten fortgetragen wurden. Er war nicht mehr auf dem Hof. Er lag am Boden neben einem Kamin. Ein B�renfell war �ber seine Beine gebreitet. Quetzalli stand neben dem Devanthar. Sie sah schweigend auf ihn hinab. Neben dem Gott in Menschengestalt wirkte sie winzig.</p><p>�Wer war das?� Volodis Stimme war nur ein atemloses Fl�stern.</p><p>�Zwei deiner Krieger. Ich habe mich bei ihrem Blut und ihrer Lebenskraft bedienen m�ssen, um dich aus der gro�en Dunkelheit zur�ckzuholen.�</p><p>�Wie sehr bedient?�</p><p>�Mehr, als gut f�r sie war�, entgegnete der Devanthar barsch. �Du warst ausgeblutet wie ein aufgebrochener Hirsch. Und viel besser ausgesehen hast du auch nicht. Deine Rippen waren eingeschlagen. Eine steckte in deiner Lunge�� Das alles w�re nicht n�tig gewesen. Die R�stungen, die Langarm f�r euch Unsterbliche gefertigt hat, sch�tzen vor diesen verdammten Elfenschwertern!�</p><p>�Du hast zwei meiner M�nner get�tet?�</p><p>Der Gro�e B�r funkelte ihn w�tend an. �Ich? Du warst es mit deiner blinden Unvernunft! Ich hatte keine Wahl. Ich konnte nicht schon wieder einen Unsterblichen verlieren. Ihr werdet l�cherlich, wenn ihr verreckt wie die Fliegen.�</p><p>�Aber h�ttest du nicht einen anderen Weg���</p><p>�Was wei�t du von Magie, Volodi von Drei Eichen? Was wei�t du davon, was ich zu tun vermag und was nicht? Wie immer im Leben ist es leichter, etwas zu nehmen, als etwas zu erschaffen. Ich habe den beiden das Blut und die Lebenskraft gestohlen, die du so leichtfertig vergeudet hast.�</p><p>Volodi wollte dieses Geschenk nicht. Er sch�ttelte matt den Kopf. Dann erinnerte er sich an Kolja. �Hast du meinen Kameraden auch gerettet?�</p><p>Der Gro�e B�r runzelte die Stirn. �Welchen Kameraden?�</p><p>�Ein Krieger hat ihn besucht�, sagte Quetzalli. �Er ist mit dem seltsamen Wolkensammler gekommen, der �ber dem Palast ankert. Ich habe ihn nie zuvor gesehen.�</p><p>�Ich habe niemand anderen als dich von der Schwelle des Todes zur�ckgeholt�, brummte der Devanthar. �Was glaubst du? Dass es einfach ist, den Tod um seine Auserw�hlten zu betr�gen? Selbst f�r uns Devanthar gibt es Grenzen. Warum h�tte ich ihn retten sollen?�</p><p>�Er kannte ein Geheimnis��� Volodi hatte einen schalen Geschmack im Mund. �Er hat etwas gefunden�� Etwas, das Tr�ume wahr werden l�sst und die Welt ver�ndern wird.�</p><p>Der B�r lachte auf. Es war ein schreckliches, lautes Ger�usch. �Die Welt ver�ndern? Da w�re er wohl besser zu dem Unsterblichen Aaron gegangen. Die Welt ver�ndern ist etwas f�r Wirrk�pfe. Ein vern�nftiger Mann begn�gt sich damit, sie in Ordnung zu halten. Ich habe bisher an dir gemocht, dass du keine verr�ckten Ideen hattest. Hat sich das etwa ge�ndert, Volodi?�</p><p>Volodi nahm sich Zeit f�r die Antwort, horchte in sich hinein. Dann nickte er. �Ja, ich werde suchen, was Kolja versteckt hat. Ich wei� nicht, wo ich beginnen muss, aber ich bin �berzeugt, dass das Traumeis es wert ist, sein Leben daf�r zu wagen.�</p><p>Der Devanthar schnaubte. Dann pl�tzlich brach er in schallendes Gel�chter aus. �Du kannst nicht einmal aus eigener Kraft stehen und willst schon wieder dein Leben wagen? Du bist verr�ckt, Volodi von Drei Eichen. Aber es ist eine Art von Verr�cktheit, die deine M�nner lieben werden. Diese Nacht hat deinen Namen gr��er gemacht.�</p><p>�Was ist an meinen Taten gro� gewesen? Sie haben mich niedergemetzelt. Ich habe nicht einmal gesehen, wer es war���</p><p>Der Devanthar grinste breit. �Deine M�nner erz�hlen diese Geschichte schon jetzt anders. Mit nichts als einem Hemd am Leib hast du dich einer ganzen Schar Daimonen entgegengeworfen. Du hast sie vertrieben. Und obwohl sie es versucht haben, konnten sie dich nicht t�ten. Du bist ein Held! Deshalb war es mir zwei Leben wert, dich nicht sterben zu lassen. Deine M�nner sehen zu dir auf. Sie werden dir folgen, wohin auch immer du gehst, und dein Mut wird ihnen Kraft geben. Wir gehen in einen schrecklichen Krieg, der gerade erst begonnen hat. Drusna braucht einen Unsterblichen wie dich. Ganz Nangog braucht dich!�</p><p>Volodi wollte diese Last nicht tragen. Er wollte aufbegehren, doch Quetzalli legte ihm ihre Hand �ber den Mund.</p><p>�Er braucht Schlaf, und er ist dir dankbar, Sonne des Nordens.�</p><p>�Sonne des Nordens?� Aus dem Grinsen wurde ein breites L�cheln. �So hat mich noch niemand genannt. Der Name gef�llt mir.� Er wandte sich ab und ging zur T�r. Neben der gro�en Truhe am Eingang verharrte er, hob etwas auf und schleuderte es auf Volodis Lager. Es war der Brustpanzer aus wei�em Leder, den Langarm f�r ihn gefertigt hatte. �Wenn du das n�chste Mal in die Schlacht ziehst, nimmst du dir gef�lligst die Zeit, eine R�stung anzulegen. Ich werde nicht jedes Mal zur Stelle sein, um dich zu retten, Volodi, und ich werde��� Der Gro�e B�r stutzte, dann hob er den Dolch auf, der auf der Truhe gelegen hatte. �Woher hast du das?�</p><p>�Ein Geschenk�, sagte Volodi knapp. Er wollte nicht l�nger �ber Kolja sprechen. Er war nicht im Reinen mit sich und seinen Gef�hlen. Er h�tte Kolja die Z�hne einschlagen sollen. Der Drecksack hatte ihn verraten�� und dann kam er heute einfach hierher, um mit ihm das Geheimnis um das Traumeis zu teilen. Und er war, ohne zu z�gern, hinter ihm auf den Hof gesprungen, um an seiner Seite gegen Daimonen zu k�mpfen. Ausgerechnet er, der im Kampf gegen Daimonen seinen Arm verloren hatte. Er h�tte oben auf der Terrasse stehen bleiben k�nnen. In dieser Schlacht hatte es f�r ihn nichts zu gewinnen gegeben, aber alles zu verlieren.</p><p>Kolja war ein elender Hurenbock gewesen. Und ein wunderbarer Freund. Es w�rde nie wieder einen wie ihn in seinem Leben geben, dachte Volodi bitter. Und er k�nnte keinem vern�nftig denkenden Menschen erkl�ren, was ihn und Kolja verbunden hatte.</p><p>�Pass mit diesem Dolch auf�, unterbrach der Gro�e B�r ernst seine Gedanken. �Er ist ein heimt�ckisches, kleines Ding. Mir scheint, mein Bruder Langarm hat ihn gemacht. Er ist daf�r geschaffen worden zu t�ten, was nicht sterben soll. Wenn du noch einmal vor einem Daimonen stehst, benutze ihn!�</p></section><section><title><p>Der einsame Narr</p></title><p>Nach der Hitze der W�ste war das Gr�n zwischen den Felsen eine Verhei�ung. Eleborn wusste, welches Risiko er einging, uneingeladen hierherzukommen. Der Jadegarten war das Refugium des Dunklen, des Erstgeschl�pften unter den Himmelsschlangen. Und seine Drachenelfen galten als besonders schroff und abweisend.</p><p>�Ruhig, Sternenkind�, rief er der Pegasusstute zu. Sie sp�rte, dass dieser Ort mehr als nur eine verborgene Oase war. In weiter Kehre flog sie �ber die Pyramide, die sich inmitten eines verwilderten Gartens erhob, und hielt auf die Festung zu, die in eine weite Felsnische inmitten einer Steilwand gebaut war.</p><p>�Ruhig!� Er zog an den Z�geln. Sternenkind weitete die Schwingen und bremste den Flug ab. Ihre Hufe schlugen Funken aus dem Pflaster, als sie auf dem Plateau vor der Festung landete. Massige, w�rfelf�rmige Bauten dr�ngten sich aneinander. Fenster gab es nur im obersten Teil der Geb�ude. Und auch sie waren nur so schmal wie Schie�scharten. Mehr als zehn Schritt hohe Drachenelfen waren als Reliefs in die Festungsmauern geschlagen. Sie blickten, auf lange, tropfenf�rmige Schilde gest�tzt, trotzig hinab auf das Tal, das sie beh�ten sollten. Ein Teil der Mauer war noch einger�stet. Noch waren nicht alle Bilder vollendet. Die Arbeiten waren meisterlich ausgef�hrt, doch fehlte es ihnen an Seele, fand Eleborn.</p><p>Das Tor der Festung war halb durch einen vorkragenden Turm verdeckt. Es stand weit offen.</p><p>Eleborn l�ste die F��e aus dem Ledergeschirr, das auf den R�cken von Sternenkind geschnallt war, und sprang hinab. Er sp�rte, dass er beobachtet wurde, doch niemand trat in das Tor, um ihm den Zugang zu verwehren. Sanft strich er der roten Stute �ber die beiden sternf�rmigen Blessen auf ihrer Stirn. Sie mochte es, dort gestreichelt zu werden. Doch diesmal hielt sie die Ohren angstvoll zur�ckgelegt. Mit gro�en, dunklen Augen blickte sie zu dem Tor.</p><p>Eleborn wusste auch nicht, was ihn dort erwartete. Ein freundlicher Empfang oder doch ein Pfeil in den R�cken? Er geh�rte nicht hierher. Doch er geh�rte nirgends mehr hin, seit die Blaue Halle zerst�rt war. Sein Meister, der Himmlische, war in den unterirdischen Hallen, in denen die Weisheit der Welt ein Zuhause gefunden hatte, gestorben. Und mit ihm waren all seine Drachenelfen untergegangen. Nur er war nicht dort gewesen.</p><p>Eleborn hatte versucht, zu seiner Sippe zur�ckzukehren, doch wer vom Schwebenden Meister in die dunkleren Geheimnisse des Zauberwebens eingeweiht worden war und die Wei�e Halle als Meister verlassen hatte, f�r den gab es kein Zur�ck mehr in seine Vergangenheit. Sie hatten ihn mit Respekt behandelt, ja, manchen hatte Eleborn sogar ihre Furcht angemerkt. Er geh�rte nicht mehr zu ihnen. Er geh�rte nirgendwo mehr hin.</p><p>Nandalee w�rde das verstehen. Wenn sie ein gutes Wort beim Dunklen f�r ihn einlegte, dann w�rde er hier vielleicht Asyl erhalten, so wie Gonvalon es im Jadegarten gefunden hatte, als er versto�en worden war.</p><p>Der Elf blickte hinab auf die wilde Sch�nheit des Tals. Er mochte diesen Ort. Schon lange hatte kein G�rtner mehr versucht, der Oase seine Vorstellung von Harmonie aufzuzwingen. Wenn ein wenig mehr Licht und vielleicht ein wenig Musik in das Tal Einzug hielten�� Er l�chelte versonnen. Was war er f�r ein Narr! Er wusste ja nicht einmal, ob er in diesem Tal Einzug halten w�rde. Er fasste sich ein Herz, griff nach den Z�geln und trat mit Sternenkind durch den dunklen Torbogen.</p><p>Bewundernd betrachtete er die hohen Torfl�gel aus lauterem Gold. �ber die beiden Torfl�gel zog sich ein kunstvolles Hochrelief. Drachenelfen auf ihren Pegasi begleiteten den Dunklen auf einem Flug durch wolkenverhangenen Himmel. Der Hof hinter dem Torweg lag verlassen. Hoch �ber ihm w�lbte sich der Fels wie eine Kuppel. Nur wenig Sonnenlicht drang in die weite Nische vor, in die die Festung hineingebaut war. Die Luft war angenehm k�hl. Zwei wei� gewandete Drachenelfen standen unter weiten Torb�gen, hinter denen wohl Stallungen f�r die Pegasi lagen. Die Elfendamen betrachteten Eleborn mit herausfordernder Gelassenheit. Sie hatten nicht einmal die Hand auf die Schwertkn�ufe gelegt. Sie sahen in ihm offensichtlich keine Bedrohung. Aber in ihren Blicken las er �berdeutlich, dass er kein willkommener Gast war.</p><p>Eleborn verneigte sich knapp in Richtung der beiden Kriegerinnen und f�hrte Sternenkind zur Tr�nke. Gierig trank der Pegasus aus dem gro�en, gemauerten Becken neben dem Brunnen.</p><p>Der Elf war sich nicht ganz sicher, was er als N�chstes tun sollte. Die beiden Kriegerinnen waren in den Stallungen verschwunden. Unschl�ssig musterte er das massige Haus, das gegen�ber dem Festungstor lag. Das Hauptgeb�ude der Festung. Ein von schlanken S�ulen getragener Vorbau verbarg das Eingangsportal vor Blicken. Noch immer war niemand erschienen, um ihn willkommen zu hei�en oder hinauszuwerfen. Er sah zu den schmalen Fenstern hinauf, die auf den Hof blickten. Einige der W�nde waren mit Fresken geschm�ckt. Doch die Ausf�hrung war mangelhaft. Die Farben zu blass. Die Bilder wirkten nicht lebendig. Dem Hof fehlte es an Harmonie. Alles war vor allem zweckm��ig. Der Versuch, die Veste zu versch�nern, war nur halbherzig gewesen.</p><p>�Gef�llt es Euch hier?�</p><p>Eleborn drehte sich langsam um. Zwischen den wei�en S�ulen stand ein Drachenelf. Nodon. Das silberblonde Haar lag offen auf den Schultern des Elfen. Er trug einen eng anliegenden Waffenrock, geschnitten wie das Gewand eines Meisters der Wei�en Halle. Nur die Farbe stimmte nicht. Er war bis auf den Stehkragen und die S�ume, die mit goldenen Stickereien geschm�ckt waren, vollst�ndig in Karmesinrot gekleidet. Selbst sein Schwertgurt und das Leder der Scheide waren im Rotton seiner Kleider gehalten.</p><p>�Womit kann ich Euch dienen, Eleborn?� Sein Tonfall passte nicht zu den Worten. Er machte klar, dass Nodon niemandem diente au�er dem Dunklen.</p><p>�Ich w�nsche Nandalee zu sehen�, entgegnete Eleborn h�flich. �In meiner Sippe ist es �blich, dass Freunde einander gelegentlich besuchen.� Die Spitze hatte er sich nicht verkneifen k�nnen.</p><p>�Und Drachenelfen pflegen mit ihren Sippen und deren Traditionen zu brechen, da es nur noch eines gibt, das in ihrem Leben Bedeutung hat: der Wille der Himmelsschlange, die sie erw�hlte. Aber ich wei�, Ihr konntet Euren Drachen nicht sch�tzen�� Wollt Ihr die Leere in Eurem Herzen nun mit Zuneigung zur Dame Nandalee f�llen?�</p><p>Eleborn verschlug es den Atem. So direkt zu fragen war ganz und gar nicht elfische Art. Nicht einmal unter Drachenelfen. �Ich verhehle nicht, dass ich ein Suchender bin. Was Euch an H�flichkeit fehlt, gleicht Ihr durch Scharfsichtigkeit aus, wie mir scheint.�</p><p>�Deshalb lebt mein Meister, obwohl er viele Feinde hat.�</p><p>Eleborn atmete tief ein. Wollte dieser arrogante Mistkerl andeuten, er und die �brigen Drachenelfen des Himmlischen seien unaufmerksam gewesen? Ihr Meister war umgekommen, weil die Devanthar mit einem Erdbeben die Gew�lbe der Blauen Halle hatten einst�rzen lassen! Wie h�tten die besten Klingen Albenmarks das verhindern k�nnen? Ein Angriff dieser Art war nicht vorhersehbar gewesen.</p><p>Wollte Nodon ihn mit diesen Beleidigungen zu einem Duell verleiten? Eleborn wusste um den Ruf des Schwertmeisters. Er mochte ein Narr sein, aber er w�rde sich nicht dazu hinrei�en lassen, mit Nodon die Klinge zu kreuzen. Warum beleidigte der Elf ihn? Welchen Nutzen hatte es, ihn zu einem Duell zu verleiten. Er k�nnte ihn doch einfach fortschicken. Es sei denn�� wollte Nodon etwa Gonvalons Platz an Nandalees Seite einnehmen?</p><p>�Ich bin nicht hierhergekommen, um Minnedienste zu leisten. Ihr m�sst Euch nicht sorgen.�</p><p>Nodon schenkte ihm ein schmallippiges L�cheln. �Sehe ich aus wie jemand, der sich wegen eines Mannes, wie Ihr einer seid, Sorgen machen m�sste?�</p><p>Eleborn wusste, jetzt ein einziges falsches Wort, und er h�tte einen Vorwand f�r ein Duell geliefert oder sich selbst als Feigling blo�gestellt. Wie er solch t�richtes Gehabe hasste! �Nein, so seht Ihr wahrlich nicht aus, edler Nodon, und deshalb k�nnt Ihr mich nun, ohne irgendetwas bef�rchten zu m�ssen, zur Dame Nandalee f�hren, denn ich bin nur ein harmloser Besucher.�</p><p>Nodon bedeutete ihm mit einer fl�chtigen Geste, ihm zu folgen. Er lie� sich nicht anmerken, ob er �ber den Ausgang des Wortgepl�nkels am�siert oder ver�rgert war. Eleborn h�tte auf Letzteres gewettet.</p><p>Der Schwertmeister f�hrte ihn durch eine weite Eingangshalle �ber eine Treppe hinauf in einen Seitenfl�gel des Palas. In einem schmucklosen Flur mit wei� get�nchten W�nden hielt er vor einer T�r, die sich durch nichts von den anderen T�ren hier unterschied. Nodon klopfte und trat zur�ck.</p><p>Als sich die T�r �ffnete, war es, als blickte Eleborn zur�ck in die Vergangenheit. Nandalee mochte Mutter geworden und durch tausend Gefahren gegangen sein, aber sie sah immer noch aus wie das M�dchen, dem er nachts im Wald begegnet war, als sie einen Eibenstamm f�r ihren Bogen geschnitten hatte.</p><p>�Eleborn!� Sie trat nicht vor, um ihn in die Arme zu nehmen, doch ihre Augen leuchteten auf, als sie ihn sah. �Das ist eine �berraschung�� Ich�� ich f�rchte, ich bin auf Besuch nicht vorbereitet.�</p><p>�So wie fr�her?� Er l�chelte. �Und doch konnten gepr�gelte Sch�ler und V�gel, die aus dem Nest gefallen waren, stets auf Zuflucht bei dir hoffen.� Er z�gerte kurz. Ihm war der bohrende Blick Nodons in seinem Nacken nur zu bewusst. Nichts war mehr wie fr�her, ganz gleich wie sehr er sich bem�hte, mit sch�nen Worten die Vergangenheit heraufzubeschw�ren.</p><p>Sie bat ihn hinein, und ihm entging der Blick nicht, den sie Nodon zugeworfen hatte. Machte sie dem Schwertmeister einen Vorwurf, weil er ihn zu ihr gelassen hatte?</p><p>In dem �bersichtlich eingerichteten Zimmer roch es nach Kindern. Drei Fenster sorgten f�r viel Licht und Luft. Unter dem mittleren stand die gr�ne Lacktruhe mit den springenden Delphinen, die er ihr geschenkt hatte. Auf dem einzigen Tisch leuchtete ein zu einer abstrakt sich windenden Skulptur geschnittener Barinstein. H�bsch, dachte er und trat an die gro�e Wiege, in der die beiden Kinder lagen. Eines, es hatte rehbraune Augen und kurzes, leicht gelocktes Haar, sah zu ihm auf. Das zweite schlief. Es zu sehen versetzte ihm einen Stich ins Herz. Sein Gesicht war von Narben entstellt, ebenso sein ganzer Oberk�rper. Der linke Arm war dicht unter der Schulter abgetrennt.</p><p>�Sie hei�en Emerelle und Meliander�, sagte Nandalee mit ungewohnt sanfter Stimme. �Meine kleine Prinzessin hier mag nie schlafen.� Mit diesen Worten hob sie den Lockenkopf aus dem Bett und wurde mit einem freudigen Quieken begr��t. �Daf�r schl�ft Meliander all die Stunden zus�tzlich, die sie wach ist.� Sie strich ihrem Sohn sanft �ber den schwarzen Flaum auf seinem Kopf. �Ich glaube, er sammelt Kraft.�</p><p>Eleborn war versucht zu fragen, was Meliander geschehen war.</p><p>Nandalee musste es ihm angesehen haben. Sie sch�ttelte leicht den Kopf, dann ging sie zu dem gro�en Bett hin�ber, das in der Ecke neben der T�r stand. Das Kopfende war mit Schnitzwerk bedeckt, das mit mehr gutem Willen als K�nnen ausgef�hrt worden war. Es sollte wohl eine Blumenwiese darstellen.</p><p>�Ein Geschenk der Kobolde aus dem Jadegarten�, erkl�rte Nandalee. Es war unheimlich, wie genau sie wusste, was er dachte.</p><p>Sie zog ihr Kleid von der Schulter und legte Emerelle an ihre linke Brust.</p><p>Eleborn blickte verlegen zu den Fenstern.</p><p>�Sei nicht so sch�chtern. Es ist nichts dabei, mich anzusehen, wenn ich meine Tochter stille. Dort, wo ich aufgewachsen bin, haben alle Frauen vor den Augen der ganzen Sippe gestillt.�</p><p>Der Elf r�usperte sich und sah weiterhin zum Fenster. �Und dort, wo ich aufgewachsen bin, habe ich niemals eine Frau mit unverh�llter Brust zu sehen bekommen.� Er hatte das �beraus unangenehme Gef�hl, gerade rot zu werden.</p><p>Nandalee war gut darin, ihn verlegen werden zu lassen. Das hatte sie schon an der Wei�en Halle regelm��ig geschafft. Der Elf stellte sich vor, wie sie ihn hinter seinem R�cken bel�chelte. Er sah zu der Wand zu seiner Linken. Dort hingen ihr Bogen und das verfluchte Schwert Todbringer, ein Zweih�nder mit einer langen Geschichte voller Trag�dien. Nie hatte jemand diese m�rderische Klinge so lange besessen wie sie.</p><p>�Ich denke oft an unsere erste Nacht�, sagte Nandalee.</p><p>Da tat sie es schon wieder! Seine Wangen gl�hten noch ein wenig mehr. Es war ganz und gar nicht so gewesen, wie es sich anh�rte, wenn sie dar�ber sprach. Er war durchaus nicht unerfahren im Umgang mit Damen. Aber Nandalee war einfach keine Dame.</p><p>�Wirst du gerade rot?�</p><p>�Ich war auf dem Weg hierher zu lange in der Sonne.�</p><p>Sie lachte leise. �Nat�rlich.�</p><p>Er musste das Gespr�ch an sich rei�en, sonst w�rde sie so weitermachen. �Was ist eigentlich aus deinem kleinen Vogel geworden? Dieser Misteldrossel, die du in unserer ersten Nacht gefunden hast.�</p><p>�Du meinst den kleinen Gef�hrten, den ich mir ausgebr�tet habe.� Nandalee klang pl�tzlich melancholisch.</p><p>Eleborn musste bei der Erinnerung l�cheln. Ja, sie hatte das Ei, das sie gemeinsam gefunden hatten, tats�chlich ausgebr�tet. �Piep hast du ihn genannt, nicht wahr?�</p><p>�Ja, so hie� er�, sagte sie leise.</p><p>Aus dem Augenwinkel sah der Elf, wie Nandalee Emerelle von ihrer Brust nahm und das Kleid wieder hochschob. �Er hat mir das Leben gerettet, mein Piep. Er hat Gonvalon zu mir gef�hrt, als ich verloren war.� Sie seufzte. �So viel ist seitdem geschehen. Piep hat mich l�ngst verlassen. Er hat eine Misteldrosseldame gefunden und ist noch manchmal mit seiner Brut zu meiner Fensterbank geflogen, um nach Brotkrumen zu betteln. Erinnerst du dich noch an das dunkle, saure Brot, das es manchmal gab?�</p><p>Eleborn nickte.</p><p>�Piep hat es geliebt, wenn es hart und kr�melig geworden war.�</p><p>�Da war er wohl der Einzige.�</p><p>�Letzten Winter ist er gestorben. Ich konnte es sp�ren. Die Welt war pl�tzlich leerer geworden.� Sie stand vom Bett auf und legte Emerelle zur�ck in die Wiege. Die Kleine maulte leise.</p><p>�Weshalb bist du hier, Eleborn? Ist es die Einsamkeit?�</p><p>Er nickte. Er war ein offenes Buch f�r sie.</p><p>�Ich kenne dieses Gef�hl nur zu gut. Das Gef�hl, dass es keinen Ort mehr gibt, an den man gehen kann. Keinen Platz, an dem man von Herzen willkommen ist. Bist du sicher, dass du hier eine neue Heimat suchen willst? Gonvalon ist tot, weil er mir hierher folgte.�</p><p>�Und doch m�chte ich es wagen. K�nntest du beim Dunklen ein gutes Wort f�r mich einlegen?�</p><p>�Nein!�, sagte sie entschieden. �Sosehr ich dich mag, Eleborn, aber du verlangst zu viel.�</p><p>Die Heftigkeit, mit der sie das gesagt hatte, �berraschte ihn. Damit hatte er nicht gerechnet. Er wusste nicht, was er sagen sollte��</p><p>�Ich m�chte ihm keinen Gefallen schulden.�</p><p>Er nickte, obwohl er nicht verstand, was zwischen ihr und dem Dunklen vor sich ging. Drachenelfen schuldeten ihren Herren keine Gefallen, sondern Gehorsam. Es war undenkbar, den Befehl einer Himmelsschlange zur�ckzuweisen. Doch hatte Nandalee nicht stets das Undenkbare gereizt?</p><p>�Wenn du wirklich im Jadegarten bleiben m�chtest, kann ich dir raten, wie du den Dunklen neugierig machst. Doch �berlege dir gut, was du dir w�nschst. Dies ist ein erstaunlich dunkler Ort daf�r, dass er inmitten einer sonnendurchgl�hten W�ste liegt.�</p><p>�Mein Entschluss steht fest. Ich m�chte hierbleiben. Du wei�t, ich neigte immer schon dazu, nicht das Vern�nftigste zu tun.�</p><p>Sie l�chelte. �Deshalb habe ich dich auch immer schon gemocht, Eleborn. Du musst es schaffen, den Erstgeschl�pften neugierig zu machen. Dies ist seine gr��te Schw�che. Seiner Neugier gibt er fast immer nach. Und du solltest in allem, was du tust, selbstbewusst sein. Am besten f�ngst du es auf folgende Art an���</p></section><section><title><p>Vom Kampf um die Sch�nheit in einer unvollkommenen Welt</p></title><p>Mehr als drei Stunden waren vergangen, seit er gesp�rt hatte, dass jemand ins Tal gekommen war. Niemand hatte ihm Meldung gemacht, obwohl der Besucher direkt zur Alten Veste geflogen war. Also schienen seine Drachenelfen es f�r unbedeutend zu halten.</p><p>Ihm aber hatte es keine Ruhe gelassen. War es Neugier? Oder die Angst, dass ihm ganz langsam seine Macht entglitt? Er war sich seiner Gef�hle nicht sicher. Er wusste, dass der Goldene Intrigen gegen ihn spann und ihm seinen Einfluss im Rat der Himmelsschlangen rauben wollte. Ein t�richtes Unterfangen, w�rde er, Nachtatem, doch immer der Erstgeschl�pfte bleiben. Es sei denn, der Goldene beschloss, ihn zu t�ten��</p><p>Er sollte auf der Hut sein. Er traute es seinem Nestbruder zu, dass er mit diesem Gedanken spielte. Aber w�rde er es wagen, ihn in die Tat umzusetzen? Gewiss nur, wenn er sich sicher war, dass die anderen Himmelsschlangen den Mord dulden w�rden.</p><p>Begierig zu erfahren, was vor sich ging, hatte er schlie�lich Elfengestalt angenommen und war zur Alten Veste hinaufgestiegen. Nun stand er auf dem von Hufeisen zernarbten Felsplateau vor der Burg seiner Drachenelfen. Das gro�e Tor stand einladend offen.</p><p>Er sp�rte die Gef�hle seiner Drachenelfen. Sie staunten. Was ging dort vor sich?</p><p>Nachtatem trat in den Torweg. Die Dunkelheit vertiefte sich. Er war eins mit den Schatten. Unsichtbar f�r die im Hof. Verwundert sah er, wie sich eine gewundene Schlange aus Wasser und Licht aus dem Trog vor den St�llen erhob. Sie wiegte sich zu den Kl�ngen einer unsichtbaren Fl�te, streckte sich, verformte sich. Fl�gel wuchsen aus ihrem geschuppten Leib. Pl�tzlich schwebten zwei Tauben aus Wasser �ber dem Trog, schlugen mit ihren Fl�geln und zerstoben pl�tzlich zu Gischt, unter der kurz zwei kleine Regenb�gen aufleuchteten, bevor feiner Spr�hregen auf den steinernen Trog niederging.</p><p>Alle seine Drachenelfen hatten sich auf dem Hof versammelt und sahen dem Spektakel zu. Selbst Nandalee war gekommen. Sie hatte Meliander und Emerelle mitgebracht, die auf einer Decke lagen und gebannt dem Spiel von Licht und Wasser folgten. Nachtatem erinnerte sich, seinen Bruder, den Himmlischen, von diesem Elfen sprechen geh�rt zu haben. Es musste Eleborn sein. Ein verschrobener Freigeist, mehr K�nstler als K�mpfer, aber beherzt, wenn er sich f�r eine Sache einsetzte, die er zu der seinen gemacht hatte.</p><p>Aus der Tr�nke erhoben sich zwei Delphine aus schillerndem Wasser. Sie schwebten auf die Mitte des Hofes den beiden Kindern entgegen. Gespannt verfolgte der Dunkle, wie die Kleinen reagierten. Sie beobachteten das Zauberspiel mit weiten Augen, ohne das geringste Anzeichen von Angst. Pl�tzlich zerstoben die Delphine, und inmitten schillernder Lichtfont�nen ging ein feiner Spr�hregen auf die beiden nieder. Emerelle lachte auf. Meliander hingegen blieb ernst.</p><p>Der Dunkle klatschte. Die fr�hliche Stimmung auf dem Hof war schlagartig verflogen. Alle Blicke wandten sich zum Tor.</p><p>Er trat vor, und mit ihm breitete sich ein Schatten �ber den Hof. �Ein erstaunliches Spektakel�, sagte er mit vollt�nender Stimme. �Was ist sein Nutzen?�</p><p>Der Fremde schritt auf ihn zu. Er zeigte keine Furcht, verbeugte sich allerdings respektvoll. �Ich bin Eleborn und stand einst im Dienst Eures Bruders, des Himmlischen, Erhabener. Was meine Zauber angeht: Sie dienen dazu, die Welt sch�ner zu machen.�</p><p>�Wie kann etwas ohne Bestand die Welt sch�ner machen? Was Ihr darbietet, ist nichts als ein paar spr�hende Wassertropfen, ein wenig Licht und Schall. Am�sant vielleicht, doch ohne Gehalt.�</p><p>Nachtatem betrachtete den Elfen durch sein Verborgenes Auge. Die Aura, die Eleborn umspielte, war von leuchtendem Gold. Er brannte f�r das, was er tat, war voll und ganz davon �berzeugt.</p><p>�Bitte vergebt mir, Erster unter den M�chtigsten, wenn ich die Torheit besitze, Euch zu widersprechen. Doch bitte lenkt Euren Blick tiefer. Meine Zauber vergehen, doch erschaffe ich Augenblicke, die die Herzen meiner Zuschauer ber�hren. Und jemand, dessen Herz von Sch�nheit ber�hrt wurde, ist fortan ver�ndert. Dies hat Bestand f�r ein ganzes Leben.�</p><p>Nachtatem musste schmunzeln. Auf den Mund gefallen war Eleborn nicht. �Ihr wollt also aus der Welt einen sch�neren Ort machen? Damit stellt Ihr Euch in eine Reihe mit den Alben und uns Himmelsschlangen. Greift Ihr mit Eurem Streben nicht ein wenig hoch?�</p><p>Der Dunkle bemerkte, wie Nandalee ihm einen b�sen Blick zuwarf. Bei ihr waren Eleborns Zauber und sein Charme ganz offensichtlich auf fruchtbaren Boden gefallen.</p><p>�Nichts l�ge mir ferner, als mich mit den Himmelsschlangen oder gar den Alben zu vergleichen, Quell aller Weisheit.�</p><p>Nachtatem schwankte, ob er ver�rgert oder am�siert sein sollte. Die Anreden Eleborns waren ein wenig formal, und wenngleich sie auch h�flich klangen, haftete ihnen ein Hauch von Ironie an. Hatte der Himmlische seine Drachenelfen ermutigt, auf diese Art mit ihm zu sprechen? Bei all seiner Weisheit war sein Bruder ein wenig seltsam gewesen. Er hatte an Distanz verloren, was ihm letztlich zum Verh�ngnis geworden war. Er hatte inmitten seiner Diener gelebt und mit ihnen sein Wissen und seine nie zu z�gelnde Neugier geteilt.</p><p>�Ich bin nur ein Wassertropfen, verglichen mit Euch, der Ihr ein Ozean der Weisheit seid. Doch bitte bedenkt: Kann die Welt nicht nur dann ein Ort des Friedens und der Harmonie sein, wenn jeder Einzelne dieses Ziel verfolgt? Sch�ne Augenblicke erlebt zu haben, die zu wiederholen erstrebenswert erscheint, ist meine Saat, die ich in die Herzen der Albenkinder trage, um in ihnen das Bestreben keimen zu lassen, es mir gleichzutun und anderen ebenfalls sch�ne Augenblicke zu bescheren.�</p><p>�Was hielt mein Bruder, der Himmlische, von dieser Theorie, ehrenwerter Eleborn?�</p><p>�Er hielt mich f�r einen Tr�umer�, entgegnete der Elf frei heraus. �Doch gestand er mir zu, dass jede tiefgreifende Ver�nderung mit dem Traum von einer anderen Welt beginnt.�</p><p>�Und habt Ihr die Feinheiten in der Aussage meines Bruders beachtet? Anders ist nicht besser.�</p><p>Eleborn senkte das Haupt. �Die Gefahr zu scheitern ist mir wohl bewusst, Allerverst�ndigster. Doch ist jener, der gar nichts wagt, nicht von Anfang an gescheitert? Macht sich nicht jeder, der sich f�gt, nicht widerspricht und nicht gegen das ank�mpft, was er als falsch erkennt, zum Diener und Bef�rworter all dessen, was unvollkommen in unserer Welt ist?�</p><p>Nachtatem sp�rte, dass Eleborn die Herzen der meisten Drachenelfen auf dem Hof bereits gewonnen hatte. Er konnte es sich nicht leisten, ihn fortzuschicken. Es w�re schlecht f�r die Moral. So hochtrabend die Pl�ne des Elfen auch sein mochten, er hatte tats�chlich die Herzen seiner Zuschauer ber�hrt. Ihn nun davonzujagen w�re dumm. Ganz gewiss w�rde auch die Mauer zwischen ihm und Nandalee noch h�her werden, wenn er Eleborn verweigerte, im Jadegarten zu bleiben. Er sollte diesem Tr�umer stattdessen Gelegenheit geben zu scheitern.</p><p>�Verwandelt den Jadegarten in einen besseren Ort, ehrenwerter Eleborn. Ich gebe Euch drei Jahre Zeit, mir zu beweisen, dass Eure Tr�ume Wirklichkeit werden k�nnen. Bis dahin seid Ihr ein gern gesehener Gast in diesem Tal.�</p><p>Eleborn verbeugte sich tief. �Ich stehe auf ewig in Eurer Schuld, Erhabenster, dessen Weisheit, wie ich nun sehe, noch von seiner G�te �bertroffen wird.� Der Elf richtete sich wieder auf und sah ihn geradewegs an. �Bitte entschuldigt meine K�hnheit, doch erw�gt Ihr vielleicht die Gnade, mir mitzuteilen, was mit mir geschehen wird, sollte mein ehrgeiziger Traum meine M�glichkeiten �bertroffen haben?�</p><p>�Dies, ehrenwerter Eleborn, h�ngt vom Ausma� Eures Scheiterns ab. Erlaubt mir die Offenheit, Euch zu sagen, dass ich davon ausgehe, dass Ihr in Eurem Bestreben versagen werdet. Keiner wei� besser als ich, welche Last Ihr Euch aufgeb�rdet habt. Mein ganzes Leben lang versuche ich, gemeinsam mit meinen Br�dern, Albenmark vor Schaden zu bewahren und die Welt zum Besseren zu ver�ndern. Ich bin erfahren darin, zu scheitern und selbst in vermeintlichen Siegen den Keim zuk�nftiger Niederlagen zu erkennen. Gerade weil es des Wirkens aller bedarf, die Welt zu einem vollkommenen Ort zu machen, wird sie dies niemals sein. Kleingeist, Neid und Gier sind Kr�fte, die Ihr nicht untersch�tzen d�rft, Eleborn. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass es weiser ist, alles, was einer erfreulichen Zukunft schadet, ohne Gnade auszumerzen. Ich halte nichts davon, verg�ngliche Sch�nheit um ihrer selbst willen zu erschaffen.� Er blickte nacheinander alle anwesenden Elfen an. �Ihr alle seid aus diesem Gedanken geboren. Ihr seid meine und meiner Br�der Sch�pfung im Kampf um eine vollkommene Welt. Ihr seid unsere Klingen in diesem immerw�hrenden Kampf.�</p><p>Nachtatem wandte sich wieder an Eleborn. �Ich freue mich darauf, mit Euch demn�chst erneut �ber das Wesen der Sch�nheit zu disputieren, und hoffe, dass die Flamme Eures Idealismus nicht allzu schnell von der Wirklichkeit erstickt werden wird.�</p></section><section><title><p>Der Erstgeborene</p></title><p>Firaz brachte die wei�e Ziege, nach der er verlangt hatte. Das Tier bl�kte erb�rmlich. Es schien zu ahnen, was es erwartete. Auf dem Antlitz der blinden Seherin zeigten sich keine Emotionen. Sie kam ihrer Pflicht ohne zu murren nach, obwohl sie den Ziegen nicht un�hnlich war.</p><p>Wie alle Gazala war sie ein Gesch�pf des Fleischschmieds. Er hatte sie aus Elfen und Gazellen erschaffen. Lange, gebogene H�rner reichten ihr �ber das Haupt bis weit zum R�cken hinab. Ihre Beine waren die von Gazellen. Am ungew�hnlichsten jedoch waren ihre seherischen F�higkeiten. Nachtatem lauschte oft tagelang ihrem Murmeln, wenn sie in Trance von der st�ndig sich wandelnden Zukunft erz�hlten. Vieles von dem, was sie sagten, blieb r�tselhaft. Sie sahen einen toten Baum, der eine Bedrohung f�r Albenmark war, und eine K�nigin von Licht und Schatten.</p><p>Er nahm Firaz die Ziege ab und schickte sie fort. Seit er Nandalees ersten Sohn zu sich genommen hatte, verbrachte er viele Stunden ganz allein in der weiten, halb gefluteten Grotte, tief unter der Pyramide, die den Jadegarten beherrschte. Ein Wort der Macht nahm der Ziege jegliche Angst. Er setzte sie ab. Das brackige Wasser reichte ihr bis zum Bauch. Sie leckte ihm die H�nde. Ein weiteres Wort der Macht lie� einen Steinquader in der R�ckwand zur Seite gleiten. Niemand au�er ihm wusste von diesem Versteck. Er hatte es vor langer Zeit eingerichtet, als die Gazala angstvoll begonnen hatten, von der Bestie zu sprechen, die da kommen w�rde. Ob die Seherinnen ahnten, dass diese Bestie bereits unter ihnen weilte? Meist waren sie so sehr in ihre Visionen verstrickt, dass ihnen nicht bewusst war, was in der Gegenwart geschah. Auch wussten sie nicht um ihr eigenes Schicksal. Keine von ihnen konnte vorhersehen, wann sie starb.</p><p>Nachtatem streichelte der Ziege geistesabwesend �ber den Kopf. Dann sah er zu dem Quadrat aus Dunkelheit, das in der Wand klaffte. Nichts r�hrte sich dort. Er war klug. Ob er auch vernunftbegabt war, vermochte der Drache nicht einzusch�tzen. Bislang war es die Klugheit eines gef�hrlichen Raubtieres, die er an ihm beobachtet hatte. Sein Geist blieb ihm verschlossen, so wie bei Nandalee.</p><p>Er drang in den Verstand der Ziege ein. Ein wirres Gemenge aus �ngsten und Trieben. Sie hatte Hunger und mochte es nicht, durch das Wasser zu laufen. Er gab ihr die falsche Erinnerung ein, dass es im Dunkel einen Stein gab, an dem sie Salz lecken konnte. Die Gier nach dieser K�stlichkeit verdr�ngte ihre Angst. Sie roch den Aasgeruch. Er lie� ihn wie Salzgeruch erscheinen.</p><p>Der Erstgeschl�pfte dachte an die Prophezeiung, die die Gazala in den letzten Tagen dutzendfach wiederholt hatten. Der Jadegarten w�rde verwaist sein. Ein Ort, an dem nur noch wilde Tiere lebten. Die Alte Veste verlassen. Die Kobolddiener geflohen. Das Land weit �ber die jetzige Grenze der W�ste hinaus verbrannt. War dies das Werk der Bestie? Und wo war er selbst? Warum hatte er den Jadegarten verlassen? W�rde der Krieg auf Nangog ihn zwingen, auf viele Jahrzehnte in der fremden Welt zu weilen?</p><p>Die Ziege streckte den Kopf in den Durchgang, der sich in der Wand ge�ffnet hatte. Sie meckerte �ngstlich, als etwas aus dem Dunkel schnellte. Es sah aus wie eine Sichelkralle. Blut spritzte �ber das wei�e Fell. Binnen eines Herzschlags war die Ziege im Dunkel verschwunden. Das Rei�en von Fleisch war zu h�ren. Knochen, die in einem m�chtigen Kiefer zerbarsten. Ein gieriges Hecheln.</p><p>Wie er wohl gerade aussah? Seine Gestalt war wandelbar. Der Fleischschmied h�tte seine helle Freude an dem Kleinen. Nie hatte Nachtatem von einer solchen Kreatur auch nur geh�rt. Mal war die Haut des Kindes geschuppt, dann wieder zart wie Pfirsichbl�ten. Manchmal erinnerten seine Arme an die Beine von Raubv�geln, besetzt mit dolchscharfen Krallen. Dann wieder sahen sie aus wie die runzeligen, d�rren Arme von Kobolden. Nur dass die H�nde mal vier, f�nf oder sieben Finger hatten. Suchte Nandalees Erstgeborener nach einer Form, die er dann behalten w�rde? Oder war der st�ndige Wandel seiner Gestalt sein Schicksal? Er schien zumindest teilweise zu beherrschen, welche Gestalt er annahm.</p><p>Nachtatem hatte beobachtet, dass, wann immer er den Kleinen f�tterte, er ein �u�eres annahm, das ihn dazu bef�higte, Beute zu rei�en. Bevorzugt echsen�hnlich. Und seine Schuppen waren von dunklem Gr�n oder Schwarz.</p><p>War diese Kreatur sein Sohn? Oder ahmte er ihn nach? Er hatte dem Kind keinen Namen gegeben. In seinen Gedanken war es stets nur die Bestie, die Kreatur oder bestenfalls Nandalees Erstgeborener.</p><p>Die Fressger�usche waren verstummt. War er schon fertig? Er hatte einen be�ngstigenden Appetit. Milch hatte er nie haben wollen. Vom ersten Tag an gierte er nach rohem, blutigem Fleisch. Er war mit Z�hnen auf die Welt gekommen und hatte von Anfang an gewusst, wie sie zu benutzen waren. Er hatte schon in Nandalees Leib damit begonnen�� Der Dunkle wollte sich nicht an die Nacht seiner Geburt erinnern. War das sein Kind?</p><p>Er wuchs ungew�hnlich schnell. Seinen beiden Geschwistern war er weit voraus. Inzwischen brauchte er alle zwei Tage eine Ziege. Etwas regte sich im Dunkel. Ein zierlicher, nackter Junge trat aus dem Versteck. Ein Elfenkind. Mit schlanken Gliedern und heller Haut. Er hatte schulterlanges schwarzes Haar. W�rde Meliander so aussehen, wenn er �lter wurde?</p><p>Der Junge fuhr sich mit der Hand �ber den blutverschmierten Mund.</p><p>�Vater?�</p><p>Er hatte eine kristallklare Stimme. Seine gro�en hellbraunen Augen sahen sehns�chtig zu ihm her�ber.</p><p>Dieses Ding versuchte, ihn f�r sich zu gewinnen, dachte er kalt. Es wusste genau, wie es Gef�hle in ihm weckte. Wie als Antwort auf seine Gedanken l�chelte der Junge und zeigte ihm einen Mund voller nadelspitzer Z�hne, zwischen denen noch Fleischreste hingen. Dann trat er zur�ck ins Dunkel. Er wusste, dass er eine Grenze �berschritten hatte.</p><p>Nachtatem lie� den schweren Steinquader zur�ckgleiten. Vielleicht war es am besten, wenn er diese Wand nie wieder �ffnete. Sollte dieses Ding verhungern!</p><p>Er nahm wieder seine eigentliche Gestalt an. Im Leib des Drachen f�hlte er sich am wohlsten. Er reckte seine Glieder und streckte die m�chtigen, ledernen Schwingen. Wie er das warme Wasser in der Grotte liebte! Doch pl�tzlich f�hlte er sich unendlich m�de. Er war es leid, immerzu zu k�mpfen. Immer wachsam zu sein. Er k�nnte ein ganzes Jahrhundert verschlafen. Was sollte er mit Nandalees Erstgeborenem anfangen? Er fand ihn gleicherma�en absto�end und faszinierend. Vermochte dieses Biest in seinen Gedanken zu lesen? War es der Grund daf�r, dass der Jadegarten bald vergessen sein w�rde?</p><p>Der Erstgeschl�pfte schob die unl�sbaren Fragen von sich und dachte an Eleborn. Der junge Elf w�rde scheitern. Die Welt brauchte Idealisten wie ihn. Sollte er frischen Wind in die Alte Veste bringen! Seine Drachenelfen w�rden erleben, wie Tr�ume an der Wirklichkeit zerschellten. Nachtatem schnaubte und blickte �ber das dunkle Wasser in der Grotte. Auch er hatte einmal Tr�ume gehabt. Er war damals �berzeugt gewesen, dass der Verrat an Nangog eine gute L�sung war, um einen dauerhaften Frieden f�r alle drei Welten zu erm�glichen. Aber nichts war von Dauer. Am allerwenigsten Frieden, das hatten ihn die Jahrhunderte gelehrt. Wenn die Riesin erwachte, mochte es wieder ein Gleichgewicht geben. Aber ohne die zweite H�lfte ihres Herzens w�rde sie sich niemals erheben.</p><p>Sicher verwahrten die Devanthar das Herz Nangogs im Gelben Turm, wo es nicht einmal f�r die Alben erreichbar war. Aber ihre G�tter k�mpften ohnehin nicht mehr. Ja, sie zeigten sich nicht einmal mehr. Es w�rden also Heere ihrer Kinder an ihrer Stelle k�mpfen. Str�me von Blut w�rden flie�en. Und es lag an ihm zu entscheiden, wer in diese m�rderischen Schlachten ziehen sollte. Zu entscheiden, wer sterben sollte und wer leben. Er hasste diese Aufgabe und doch musste er sich ihr stellen! Er durfte nicht wie die Alben werden, die sich um nichts mehr k�mmerten. Er war ihr Statthalter in Albenmark. Also w�rde er seine Nestbr�der zu einem Rat einberufen und mit ihnen das Unausweichliche besprechen.</p><p>Sie hatten den Menschenkindern und Devanthar eine dem�tigende Niederlage im ewigen Eis von Nangog beigebracht. Doch dabei durften sie es nicht bewenden lassen. Sie mussten weiter angreifen, sie durften ihren Feinden keine Zeit lassen, eine neue Strategie zu ersinnen. Schlag auf Schlag mussten sie ihnen versetzen, bis sie begriffen, dass es nur dann Frieden geben konnte, wenn sie Nangog wieder r�umten. Diese Welt sollte keinem geh�ren au�er den Kreaturen der schlafenden Riesin. So hatten es Alben und Devanthar entschieden, als die drei Welten noch jung waren. Er, Nachtatem, w�rde daf�r sorgen, dass die Devanthar sich an den alten Vertrag erinnerten, der dem Zusammenleben der G�tter und ihrer Gesch�pfe feste Bahnen vorgegeben hatte. Er reckte sich und g�hnte. Nicht heute. Er w�rde ein wenig schlummern. Einen Tag, vielleicht auch zwei. Er war so unendlich m�de.</p><p>Er hatte noch nicht lange ged�st, als ein ungewohntes, flackerndes Licht selbst durch seine geschlossenen Lider drang. Hatten die Gazala die Fackeln entlang der W�nde wieder entz�ndet? Er bl�hte die N�stern. Atmete witternd ein. Es fehlte der Geruch der Seherinnen. Und auch der harzige Rauch der Fackeln.</p><p>Verwundert �ffnete Nachtatem die Augen und erschrak zutiefst. An der Felswand ihm gegen�ber prangten flammende Buchstaben. Eine Schrift, die er seit Jahrhunderten nicht mehr gesehen hatte, befahl ihn und Nandalee ins Tal der Jahreszeiten in den Mondbergen. Ein Geheimnis, das er anger�hrt, aber nie aufgekl�rt hatte, fiel auf ihn zur�ck.</p></section><section><title><p>G�tterd�mmerung</p></title><p>Der Dunkle hatte ihr nicht gesagt, wohin sie gehen w�rden, aber eindringlich darauf bestanden, dass sie mit ihm kam. Anfangs hatte Nandalee sich widersetzt, sie wollte die Kinder nicht alleine lassen. Aber als sie seinen Zorn gesp�rt hatte, war es ihr kl�ger erschienen einzulenken. So w�tend hatte sie ihn in all den Jahren nie erlebt. Sie verstand auch nicht, warum er sich �ber den Grund der pl�tzlichen Reise in Schweigen h�llte.</p><p>Jetzt, als er sie durch das Goldene Netz f�hrte, wirkte er ruhig. Er hatte seine Elfengestalt angenommen, wof�r sie ihm dankbar war, auch wenn sie es nicht sagte. So erinnerte er nicht jeden Augenblick an ein Raubtier.</p><p>Ein Portal �ffnete sich, und sie traten hinaus in eine Winterlandschaft. Unter ihnen aber lag ein Tal voller bl�hender B�ume. Obwohl Jahre vergangen waren, seit sie hierhergekommen war, erkannte Nandalee das Tal sofort wieder. Ja, sie erinnerte sich sogar noch, was der Dunkle damals gesagt hatte, als sie sich �ber die B�ume wunderte, von deren �sten viel zu viele Eiszapfen hingen, so als h�tte sie jemand geschm�ckt.</p><p><emphasis>Dies hier ist wie eine romantische Idee vom Winter.</emphasis></p><p>Damals hatte sie nicht ganz verstanden, was dies bedeutete. Nicht begriffen, dass die Albe, eine der Sch�pferinnen dieser Welt, romantischen Ideen in der Abgeschiedenheit eines Tales nachhing, das nur �ber einen Albenpfad zu erreichen war. Das Leben musste einen verwundet haben, um so zu werden. Jetzt wusste Nandalee, wie das war��</p><p>Schweigend schritt sie an der Seite des Dunklen durch einen Winter, dessen K�lte nicht in die Glieder schnitt. Hier gab es nur seine sch�nen Seiten. Wahrscheinlich h�tte sie nackt in der wei�en Pracht schlafen k�nnen, ohne zu erfrieren. Der Schnee knirschte unter ihren Schritten. Wind heulte in den kahlen �sten und lie� die Eiszapfen klirrend aneinanderschlagen.</p><p>Zwanzig Schritt sp�ter standen sie im Fr�hling. Alle vier Jahreszeiten bestanden zugleich in diesem Tal. Schmetterlinge tanzten �ber leuchtenden Bl�ten. Nicht ein einziger Grashalm war vertrocknet. Jede Pflanze stand in saftigem Gr�n. Obwohl es Schmetterlinge gab, zeigte kein Blatt die Spuren von Raupenfra�. Alles war vollkommen, alles war�� Sie stutzte. Nein, etwas war anders. War es in ihr? Sie hatte das Gef�hl, belauert zu werden. Bei ihrem ersten Besuch hier hatte sie nicht so empfunden. Im Gegenteil. Das Tal war verlassen gewesen. Nun war es das nicht mehr.</p><p>Sie sah zum Dunklen. Er nickte knapp. Ihn �berraschte es nicht. Sie kannte ihn lange genug, um zu wissen, dass er ihr nicht sagen w�rde, wer sie hier erwartete. So war er schon bei ihrem ersten Besuch gewesen. Er hatte ihr nie den Namen der Albe genannt, die diesen Ort zu ihrer Zuflucht gemacht hatte. Nur gesagt, sie sei liebenswert und�� ein wenig seltsam.</p><p>Sie folgten einem Wildwechsel. Roter Klatschmohn und blaue Kornblumen k�ndigten den Sommer an. Der Weg f�hrte sie in den Wald. Er war dunkler und stiller, als Nandalee ihn in Erinnerung hatte. Sie sp�hte in die Schatten. Da war nichts. Sie kreuzten keine Tierf�hrte. Kein Vogel sang ihnen sein Lied. Nur der Wind wisperte in den �sten. Es lag etwas Bedrohliches in dem Rauschen.</p><p>Nandalee war auf Befehl des Dunklen ohne Waffen auf diese Reise gegangen. Jetzt w�nschte sie sich, sie h�tte nicht auf ihn geh�rt. Sie war kein Gesch�pf so alt wie die Welt. Sie k�nnte sich nicht mit Klauen und Z�hnen wehren. Und hier war etwas, das ihnen z�rnte.</p><p>Unvermittelt endete der Weg auf einer Lichtung. Dort standen die Mohnbl�ten so dicht, dass kein Grashalm zwischen ihnen mehr zu sehen war. Sie waren von dunklerem Rot als der Klatschmohn, den sie eben noch gesehen hatten. Mit einem Mal erschien ihr die Lichtung wie ein blut�berstr�mter Richtplatz. Auch das geheimnisvolle Tor auf der anderen Seite des Mohnfeldes konnte diesen Eindruck nicht mildern. Es war eine Fl�che aus silbernem Licht. Lockend, tr�gerisch Frieden verhei�end.</p><p>Nandalee fr�stelte es. Dunkle Wolken zogen am Himmel auf und tauchten die Lichtung und das Tal in Schatten. Die Anwesenheit des Dunklen verst�rkte den Effekt noch. Selbst im hellen Sonnenschein schien das Licht ihn zu meiden. Wo er war, gab es stets mehr Schatten, so wie umgekehrt sein Bruder, der Goldene, dem Licht durch seine Anwesenheit mehr Glanz verlieh. B�en fielen �ber den Wald her. Zerrten am Laub, brachen d�nne �ste. Und pl�tzlich waren da Stimmen. Sie kamen von keinem bestimmten Ort. Sie waren �berall um sie herum. In den B�umen, im Klatschmohnfeld und in den Wolken �ber ihnen.</p><p><emphasis>Warum habt ihr geschwiegen?</emphasis></p><p>Der Dunkle trat in die Mitte der Lichtung. Er hob die Arme zum Himmel und blickte in die wirbelnden Wolken. �Was h�tte ich sagen sollen?�</p><p>Das Grau der Wolken wurde zu Schwarz. Das letzte Tageslicht floh aus dem Tal. Nandalee schlang fr�stelnd die Arme um den Leib. Diese Stimmen�� Sie gingen durch und durch. Sie waren k�lter als der Nordwind, der zu Mittwinter �ber die Snaiwamark regierte. Nandalee bewunderte den Dunklen f�r seine Haltung.</p><p><emphasis>Du warst vor vielen Monden schon einmal hier und mit dir diese Elfe. Warum?</emphasis></p><p>�Ich hatte einen Verdacht. Wir folgten einer Spur. Ich befahl der Dame Nandalee, mit mir zu gehen. Sie hatte keine Wahl. Sie trifft keine Schuld. Sie���</p><p><emphasis>In dieser Stunde entscheidest nicht du �ber Schuld oder Unschuld. Sprich von deinem Verdacht, Nachtatem!</emphasis></p><p>Nandalee wollte an die Seite des Dunklen. Die Stimmen machten ihr Angst. Sie trat aus dem Schatten der B�ume, als �ste nach ihr griffen und sie zur�ckzerrten. Sie k�mpfte dagegen an. Wurzelstr�nge umschlangen ihre Beine. Sie dr�ckten zu, bis ihre Knochen knackten. Sie wand sich, biss in das Holz, als eine Dornenranke ihre Kehle umschloss.</p><p><emphasis>Bleib zur�ck! Dich befragen wir, wenn die Zeit kommt.</emphasis></p><p>�Ich werde nicht���</p><p>Die Dornen fra�en sich in ihre Kehle. Ein Ast zwang ihre Kiefer auseinander und schob sich wie ein Knebel in ihren Mund.</p><p><emphasis>Schweig!</emphasis></p><p>Sie sp�rte den kalten Zorn des Dunklen. Er sah zu ihr, und aller Schmerz der Welt lag in seinem Blick.</p><p>�Lasst von der Dame Nandalee ab!�</p><p><emphasis>Enth�lle, was du wei�t!</emphasis></p><p>�Ist ein Verdacht nicht das Gegenteil von Wissen? Wenn ich etwas sage, ohne es beweisen zu k�nnen, was ist es dann? Doch nicht mehr als nur �ble Nachrede.�</p><p><emphasis>Wen besch�tzt du?</emphasis></p><p>Allein die Stimmen waren schon Marter. Sie zerrten an Nandalees Verstand, w�teten in ihr, wie der Sturm in dem kleinen Wald w�tete. Pl�tzlich fiel ein seltsames blaues Licht durch die Wolken. Hinter Nandalee im Wald war das Krachen eines splitternden Baumstamms zu h�ren. Kaskaden von �sten peitschten auf die Elfe ein. Eine m�chtige Eiche st�rzte auf die Lichtung nieder. Sie verfehlte den Dunklen nur knapp, der unersch�tterlich mit erhobenen H�nden stehen blieb.</p><p>Am Himmel erschien der Blaue Stern. Das fliegende Schiff, das den S�nger durch die Wolken trug. Das Schiff, auf dem Nandalees lange Reise zu den Drachenelfen begonnen hatte.</p><p>Flie�ende Lichter streiften durch den Wald. Sie waren sch�ner als alles, was Nandalee je gesehen hatte. Bei ihrem Anblick verga� sie die Fesseln. Sie wollte ihnen nahe sein. Wollte, dass diese Lichter auf sie fielen. Sie verhie�en das Ende allen Leids. Vollkommenheit. Wen dieses Licht ber�hrte, der w�rde eins werden mit der Welt. Mit einem Mal fielen Nandalees Fesseln ab. Sie wollte nicht mehr an die Seite des Dunklen eilen. Sehen und staunen war alles, was sie noch vermochte.</p><p><emphasis>Wen besch�tzt du?</emphasis></p><p>Die Stimmen klangen nun freundlich. Wieso wollte der Dunkle nicht antworten? Sie hatten ein Recht, es zu erfahren!</p><p>�Kommt und lest in meinen Gedanken�, rief er in diesem Augenblick herausfordernd. �Nichts kann vor euch verborgen bleiben, wenn ihr es wirklich wissen wollt.�</p><p>Der Sturm ebbte ab. Die Wolken zerflossen am Himmel. Nandalee hatte das Gef�hl, dass die Zeit schneller lief. Klares Mittagslicht erf�llte erneut die Lichtung. Es erschien ihr erb�rmlich im Vergleich zu dem Leuchten, das sie zuvor zwischen den B�umen gesehen hatte. Staubbesudelt ohne Strahlkraft�� Sie ahnte, dass kein Licht, das sie je sehen w�rde, sich mit dem messen konnte, das nun verloschen war. Sie waren verschwunden. Alles, was blieb, war ein vom Sturm verw�steter Wald in einem einsamen Tal.</p><p>Pl�tzlich brach der Dunkle in die Knie.</p><p>Der Bann, der Nandalee gehalten hatte, war gebrochen. Sie st�rzte auf die Lichtung, kniete neben dem Erstgeschl�pften nieder. Mit einem Seufzer setzte er sich auf. Es war das erste Mal, dass er schwach wirkte.</p><p>�Was ist geschehen?�</p><p>Er blickte zum Himmel auf. Der Blaue Stern war verschwunden.</p><p>�Sie werden uns nicht helfen�, sagte er m�de. �Sie wissen, dass derjenige, der die Refugien der Alben besuchte, seine Reise beendet hat. Vor Jahren schon. Er hat keine Spur hinterlassen, der man noch folgen k�nnte.�</p><p>Nandalee dachte daran zur�ck, wie nahe sie ihm gekommen waren. Fast h�tten sie ihn gestellt, damals in dem Hafen, tief unter dem Berg.</p><p>�Hat er��� Sie wagte es nicht, ihren Gedanken auszusprechen. Dennoch spukte diese Frage immerzu in ihrem Kopf herum: K�nnen Alben wirklich get�tet werden?</p><p>Der Dunkle sah sie lange an. �Du hast sie heute erlebt. Ich kann mir nur schwer vorstellen, wie man einen Alben t�ten k�nnte. Sie m�ssen ihrem M�rder vertraut haben. Sie m�ssen ihn nah an sich herangelassen haben�� bis zum letzten Augenblick arglos gewesen sein���</p><p>�Aber das hei�t, sie m�ssen ihn gekannt haben!�</p><p>Nachtatem seufzte. �Ja. Einem Devanthar h�tten sie niemals so sehr vertraut. Es muss einer meiner Nestbr�der gewesen sein. Ein M�rder�� Oder vielleicht hat er sie auch �berredet, ins Mondlicht zu gehen.� Er sah zu dem silbern schillernden Tor, und Sehnsucht lag in seinem Blick. �Es hei�t, dort liege eine bessere Welt. Der Ort, den Eleborn so gerne erschaffen m�chte, es gibt ihn schon.�</p><p>�Aber wir k�nnten auch Albenmark zu so einer Welt werden lassen. Ich glaube an Eleborns Traum.�</p><p>Nachtatem sch�ttelte den Kopf. �Nein, das k�nnen wir nicht. Es liegt nicht in unserer Hand, solange es die Devanthar gibt. Sie haben einst geschworen, dass ihre Kinder niemals nach Nangog kommen w�rden. Nun leben sie dort zu Zehntausenden, und t�glich werden es mehr.�</p><p>�Lassen wir sie doch gew�hren. Was schert uns das���</p><p>�Was uns das schert?� Seine pl�tzliche Wut ber�hrte sie wie eine Flamme, der sie zu nahe gekommen war. Nandalee wich vor ihm zur�ck. Die Gef�hle der Himmelsschlangen waren von solcher Intensit�t, dass sie f�r einfache Albenkinder k�rperlich sp�rbar wurden. Es gab keinen Zauber, der davor sch�tzte. Sie waren den alten Drachen hilflos ausgeliefert.</p><p>�Liegt nicht auf der Hand, was die Devanthar tun werden, wenn sich ihre Menschenkinder �ber alle Ma�en vermehrt haben und auch die �cker Nangogs nicht mehr ausreichen werden, ihre hungrigen M�uler zu stopfen? Sie werden hierherkommen! Sie werden uns unsere Welt stehlen und jeden niedermachen, der Widerstand leistet. Wenn du klar denkst, stellt sich nicht die Frage, ob das geschehen wird, sondern lediglich, wann. Wir m�ssen auf Nangog k�mpfen. Wenn wir es nicht tun, geben wir schon jetzt unser Recht an unserer eigenen Welt auf.�</p><p>�Aber wenn das alles so klar ist, warum helfen die Alben uns dann nicht? Sie k�nnten die Devanthar doch besiegen!�</p><p>�Das habe ich sie auch gefragt.� Er senkte den Blick. �Ich w�nschte, ich h�tte es nicht getan, denn diesmal haben sie geantwortet. Sie haben uns Albenmark geschenkt. Es ist nicht mehr ihre Welt. Nicht mehr ihre Verantwortung. Was wir hier tun, obliegt allein uns. Diese Welt zu formen�� Aber es ist sinnlos, wenn wir die Devanthar nicht besiegen k�nnen. Und sie haben uns Himmelsschlangen verboten, nach Nangog zu gehen. Die Alben pochen darauf, dass wir den Vertrag einhalten, den sie einst mit den Devanthar geschlossen haben.�</p><p>Nandalee war einen Moment lang sprachlos. Dann brach es voller Entr�stung aus ihr heraus: �Und wenn wir dieses Geschenk gar nicht h�tten haben wollen? Niemand hat uns gefragt���</p><p>Nachtatem lachte auf! Es war ein bitteres, zynisches Lachen. �Die Alben sind wie G�tter. Mit solchen Bagatellen halten sie sich nicht auf. Sie fragen nicht, sie entscheiden. Und es ist unm�glich, sie umzustimmen.�</p></section><section><title><p>Der Verrat</p></title><p>Der Ebermann atmete tief ein. Die Luft hier oben in den Bergen war d�nn. L�ngst hatten sie die Baumgrenze hinter sich gelassen. Sie gingen durch dichtes Schneetreiben einem ihm unbekannten Ziel entgegen. Obwohl er weite Streifz�ge durch Daia unternommen hatte, war er hier noch nie gewesen. Drei Tage waren vergangen, seit sie hoch auf einer Klippe, �ber einem Meerarm, der sich tief ins Landesinnere gefressen hatte, aus dem Goldenen Netz getreten waren. Er verstand nicht, warum sie sich die M�he machten, seitdem zu Fu� zu gehen. War es, um ihn zu qu�len? Oder f�rchtete I�ta, eine Spur der Magie in der Matrix zu hinterlassen?</p><p>Langarm und der Gefiederte begleiteten sie, ohne Fragen zu stellen. Sie hatten ihn zun�chst in die Schmiede Langarms gebracht. Dort hatten seine Geschwister ihn in die Knie gezwungen, um einen schweren Balken �ber seine Schultern zu legen. Sie hatten seine H�nde darauf festgenagelt, eiserne Fesseln um die Kn�chel seiner Eberbeine geschlossen und Ketten um ihn gewunden, die auf seiner Haut brannten, so sehr waren sie mit Magie durchwoben. Diese Zauber stahlen ihm seine Kraft, seinen Willen zum Widerstand. Alles war anstrengend. Selbst einfach nur zu atmen.</p><p>Gerade f�hrte I�ta sie �ber einen Gletscher, der sich an einer Steilwand vorbeischob. Der Ebermann h�rte, wie das Eis tief unter ihnen arbeitete. Es schliff den Fels glatt, �ber den es dahinglitt. Es formte die T�ler. Der Devanthar mochte den frischen Wind, der sein struppiges Fell zerzauste. Er linderte das Brennen der Ketten ein wenig. Die drei hatten Angst vor ihm, vor seinem unb�ndigen Zorn. Sie waren gut vorbereitet gewesen. So leicht hatten sie ihn �berrumpelt. Und was sie Lyvianne angetan hatten�� ein leises Grollen drang durch seine Lefzen. Die Elfen waren ihre Feinde. Sie zu t�ten war ihre Aufgabe. Aber nicht auf diese Art. Nicht��</p><p>Sie hatte die Marter lange durchgehalten. Wahrscheinlich l�nger, als er sie ertragen h�tte. Ihn schauderte jetzt noch, wenn er an das Zischen dachte, mit dem sich ihr Fleisch in der S�ure aufgel�st hatte. I�ta war unbarmherzig gewesen. Stundenlang hatte sie Lyvianne verh�rt. Statt zu reden, hatte die Elfe irgendwann angefangen zu singen: <emphasis>Schattenweber, Tr�umegeber, schleichen durch die Nacht��</emphasis></p><p>Der Ebermann sch�ttelte unwillig sein schweres Haupt. Nie wieder w�rde er dieses Lied vergessen.</p><p>�Hier entlang!� I�ta deutete auf einen schmalen Felssteig, der sich die Steilwand hinaufschl�ngelte.</p><p>Unsicher trat der Ebermann auf den engen Pfad. �Das ist ein verdammter Ziegenpfad.�</p><p>�Dann hast du ja gerade die rechten F��chen, um es dort hinaufzuschaffen�, zischte der Gefiederte.</p><p>�Nehmt mir den verdammten Balken von den Schultern! Der Weg ist zu eng. Wenn ich damit gegen den Fels sto�e, werde ich abrutschen.�</p><p>�Hast du etwa Sorgen, dass dich das umbringen k�nnte?� I�ta lachte ihm ins Gesicht. �Hast du so viel Zeit mit der Elfe verbracht, dass du deine eigene Unsterblichkeit vergessen hast?�</p><p>�Ich bin schon einmal von einem Wolkenschiff gest�rzt. Ich wei�, wie es sich anf�hlt, sich jeden verdammten Knochen im Leib zu brechen.�</p><p>�Dann wirst du jetzt sicher vorsichtig sein�, stichelte nun auch Langarm. �Los, hoch mit dir! Mir ist kalt.�</p><p>�Bringen wir es doch gleich hier zu Ende�, verlangte der Gefiederte. �Warum plagen wir uns mit ihm? Er hat uns verraten. Richten wir ihn! Ich verstehe nicht, was diese endlose Wanderschaft in den Bergen soll.�</p><p>�Wir bringen ihn zu dem Platz, den ich f�r ihn vorgesehen habe.� I�ta sprach in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete.</p><p>Der Ebermann fragte sich, was f�r ein Ort das sein w�rde, zu dem sie ihn brachten. Was hatte I�ta mit ihm vor? Vorsichtig stieg er auf den vereisten Saumpfad. Wie er bef�rchtet hatte, war er so eng, dass er sich mit dem R�cken zur Felswand drehen musste, um nicht von dem Balken behindert zu werden, der wie ein Ochsenjoch �ber seinen Schultern lag.</p><p>I�ta schwang sich in die L�fte und flog neben ihm her. Sie war sch�n. Und sie wusste das. Sie sah ihn lange schweigend an. Er wollte nicht reden. Was gab es auch schon zu sagen? Sie war f�r all das verantwortlich. Sie hatte zugesehen, wie Langarm ihm N�gel durch die H�nde getrieben hatte. Sie hatte ihm diesen Marsch erw�hlt.</p><p>�Die Elfe hat dich verraten, Bruder.�</p><p>Er versuchte, den Kopf zu heben, doch das Joch verhinderte es. Das war eine L�ge. Lyvianne war gestorben. Sie w�re niemals zur�ckgekehrt, wenn sie Verrat ge�bt h�tte.</p><p>�Sie hat all eure Geheimnisse ihrem Drachen verraten. Hast du wirklich geglaubt, eine Drachenelfe w�rde das Wort, das sie einem Devanthar gegeben hat, �ber die Treue zu ihrer Himmelsschlange stellen. Sag mir, dass du nicht so dumm gewesen bist.�</p><p>Er schwieg weiterhin. Er hatte Lyvianne vertraut.</p><p>�Ihr Drache hat euch beide verraten.�</p><p>Sein Kopf ruckte hoch und schlug hart gegen das Holz. �Ihr Drache!�</p><p>�Was glaubst du, woher ich wusste, wo und wann ihr beide zu finden seid?�</p><p>Er lehnte sich gegen die Steilwand. Ihn schwindelte. Unter ihm wirbelte Schnee. Der Abgrund war ein Chaos aus tobendem Wei�. Die Felsen, auf denen er zerschellen w�rde, waren nicht zu sehen. Seine Beine begannen zu zittern. Das Wei� lockte�� Doch es w�rde ihm kein Vergessen schenken. Er w�rde nicht sterben, wenn er auf den Talgrund schlug. Er w�rde nur noch mehr Schmerzen leiden. Wollte I�ta das? Er dachte an die perfide Strafe, die sie f�r Anatu ersonnen hatte. Auf ewig gefangen im Sch�del des toten Geliebten. Was I�ta wohl f�r ihn bereithielt?</p><p>Was immer es war, er w�rde sich stellen. Er richtete sich auf, ging weiter den vereisten Steig hinauf. Er war nicht Anatu! Er w�rde nicht wahnsinnig werden!</p><p>�Du gibst nie auf zu k�mpfen, Bruder. Das habe ich schon immer an dir gesch�tzt.�</p><p>�Wie solltest du vom Goldenen �ber meine Pl�ne erfahren haben? Ich nehme nicht an, dass du so t�richt warst, dich mit einer Himmelsschlange zu treffen.�</p><p>Sie lachte. �Glaubst du wirklich, ich erz�hle dir das? Dir, der du so lange hinter meinen Geheimnissen hergeschn�ffelt hast. In einem anderen Zeitalter vielleicht���</p><p>Bedeutete die Antwort, dass sie ihn nicht ermorden w�rde? Alles sprach daf�r. Sie h�tte ihn in Anatus zerfallenem Palast t�ten k�nnen oder in der Schmiede Langarms. Sie wollte etwas anderes�� Wieder dachte er an das Schicksal Anatus, die im Sch�del ihres Drachen eingesperrt wahnsinnig geworden war. Manchmal war es besser, tot zu sein.</p><p>Der Ebermann zog es vor zu schweigen, und I�ta stieg h�her in den Himmel hinauf, bis sie im Schneegest�ber verschwand. Sie stieg zu den Sternen empor, und er ging am Rand des Abgrunds. Er war kurz davor, alles zu verlieren.</p><p>Nach langem Aufstieg, immer wieder angetrieben von seinen beiden Br�dern, erreichte er eine Klamm, die gerade weit genug war, dass er mit seinem Joch hindurchpasste. Es war inzwischen so kalt, dass der Schnee auf seinem struppigen grauen Fell nicht mehr schmolz. Auch die Hitze der Ketten war abgeklungen. Doch die Wunden in seinen H�nden bluteten wieder. Die Sicht in der Klamm war schlecht. Alle paar Schritt stie� er mit dem Balken gegen einen Felsvorsprung. Jedes Mal gab es einen schmerzhaften Ruck, dort wo die N�gel sein Fleisch durchdrungen hatten.</p><p>Er versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. Ganz gleich, welche Niedertr�chtigkeit ihn hier erwartete, er w�rde seine Niederlage zumindest erhobenen Hauptes tragen. Als sich die Klamm zu einem kleinen Tal weitete, ging der Gefiederte an ihm vor�ber.</p><p>�Folge mir!�, befahl er barsch.</p><p>Durch die Last auf seinen Schultern in eine geb�ckte Haltung gezwungen, konnte der Ebermann nicht sehen, was auf dem ansteigenden Pfad vor ihnen lag. Endlich erreichten sie eine Spalte im Fels, in die ihn seine W�chter grob hineindr�ngten. Sie waren un�bersehbar erleichtert, ihr Ziel erreicht zu haben.</p><p>Schon nach wenigen Schritten erweiterte sich der schmale, tunnelartige Einstieg zu einer gro�en Tropfsteinh�hle. Ein Prickeln �berlief den Ebermann. Der Ort war durchdrungen von Magie. Schimmerndes Eis bedeckte die W�nde. Dahinter schienen Lichter gefangen zu sein. Sie sahen wie kleine Flammen aus und wanderten zur Decke hinauf, wo sich ihr Licht in Hunderten schillernder Eiszapfen verfing. In der H�hle war es fast so hell wie auf einer Wiese an einem wolkenlosen Sommertag.</p><p>Staunend sah der Ebermann sich um. Etliche der Tropfsteine waren zu m�chtigen S�ulen verwachsen. Sie lie�en die H�hle wie einen Thronsaal aussehen. Deutlich sp�rte der Ebermann die Kraftlinien, die sich hier kreuzten. Es waren f�nf. Sie bildeten ein Tor, �ber das jedoch ein machtvoller Zauber gelegt war. I�ta schwebte von der hohen Decke herab. Woher war sie gekommen? Eben hatte er sie noch nicht gesehen.</p><p>�Gef�llt dir das Domizil, das ich f�r dich auserw�hlt habe? Es ist von so wilder Sch�nheit wie dein Charakter.�</p><p>Der Ebermann schwieg. Gemeinsam mit Lyvianne h�tte er den Krieg zwischen Himmelsschlangen und Devanthar beenden k�nnen, wenn sie I�tas Verrat aufgedeckt h�tten. Jetzt aber war I�ta nicht mehr aufzuhalten. Hatte Lyvianne das am Ende vielleicht gewollt? War sie gekommen, um zu scheitern? Um I�ta in ihrer Arroganz zu best�rken? Ihre Erfolge w�rden seine Schwester leichtfertig werden lassen. Sie hielt sich f�r unbesiegbar. I�ta war schon jetzt so m�chtig, dass ihr fast alle anderen Devanthar ohne Widerspruch folgen w�rden. Hatten die Himmelsschlangen und die Alben bereits eine Falle f�r seine Br�der und Schwestern vorbereitet? Ja, vielleicht gingen Lyviannes Pl�ne sogar noch weiter. Hatte die Elfe sich aufgegeben, damit sich die alten Herrscher, die Devanthar und die Alben, in einem blutigen Krieg zerfleischten? Einige seiner Br�der und Schwestern glaubten, dass sich das Zeitalter der Drachen schon bald dem Ende zuneigen w�rde.</p><p>War dieser Krieg am Ende einer Intrige der Elfen entsprungen, die nach der Macht strebten? Er �berlegte, ob er I�ta etwas sagen sollte. Aber w�rde das nicht so aussehen, als w�rde er um Gnade betteln? Und er hatte keinerlei Beweise f�r seinen Verdacht. Sie w�rde es als Hirngespinste abtun.</p><p>Er blickte auf einen Sto� Holz, der in der Mitte der H�hle lag. �Hast du Angst, dass ich in meinem Gef�ngnis frieren werde?�</p><p>�Ich finde es manchmal tr�stlich, in Flammen zu blicken. Du wirst lange hierbleiben, mein Bruder, und du wirst Trost brauchen, deshalb das Holz.�</p><p>Was f�r ein Unsinn, dachte er und �ffnete sein Verborgenes Auge. Deutlich sah er den minderen Albenstern, in dem sich f�nf Kraftlinien kreuzten. Ein dichtes Gespinst feinerer Linien lag dar�ber. I�ta hatte einen komplexen Zauber gewoben, um das Tor zu versiegeln, aber er war zuversichtlich, dass er ihn brechen konnte. Wenn sie und seine beiden Br�der so dumm waren, ihm nichts zu tun, w�rde er nicht lange in diesem Gef�ngnis bleiben.</p></section><section><title><p>Das Gef�ngnis</p></title><p>Es war fast vollbracht. I�ta l�ste sich aus der Gruppe der Zauberweber. Die letzten F�den konnten der Gefiederte und Langarm auch ohne sie spinnen. Es war der Schmied gewesen, der ihre Idee hatte Magie werden lassen. Er war geschickt. Wenn er nur nicht so h�sslich w�re! Auch st�rte sie seine h�ndische Unterw�rfigkeit. F�r die kleinste Gunst von ihr w�re er fast alles zu tun bereit.</p><p>Wie anders war da doch der Ebermann. Ja, sein Verstand war kraus. Er versteckte sich hinter der Maske des Tiers. Doch sie sah hinter die Maske, sah seinen Mut und den Willen, seinen Weg ohne Kompromisse zu gehen. Er gefiel ihr. Warum hatte ausgerechnet er herausfinden m�ssen, was sie Anatu angetan hatte! Sie w�rde ihm Zeit geben nachzudenken. Wenn er hier herauskam, dann w�rde er erkennen, dass sie ihn besch�tzt und nicht bestraft hatte. W�rde ruchbar, dass er sich auf eine Drachenelfe eingelassen hatte, w�rden ihre Br�der und Schwestern seinen Kopf fordern.</p><p>I�ta blickte zu ihm herab. Seine himmelblauen Augen durchbohrten sie. Es lag kein Hass in ihnen, er versuchte zu ergr�nden, was sie wollte und was ihn erwartete. Einen Moment lang war sie versucht, es ihm zu sagen. Nein! Sie durfte nichts verraten. Er sollte gr�beln. Das w�rde es ihr leichter machen, ihn zu manipulieren, wenn sie ihn holte oder er sich irgendwann befreite. Sie wusste, die Fesseln w�rden ihn nicht allzu lange aufhalten. Aber dieser Zauber�� das war etwas anderes. Den hatte Langarm meisterlich ersonnen.</p><p>�Wir werden uns wiedersehen, wenn die Drachen besiegt und die letzten Alben im Mondlicht verschwunden sind. Wenn du zur�ckkehrst, werden wir Devanthar in allen drei Welten herrschen. Ein neues Zeitalter wird anbrechen. Dann ist wieder Platz in den drei Welten f�r dich. Bis dahin, lebe wohl.�</p><p>Er sah sie weiter einfach nur an. Sie hatte gehofft, dass er etwas sagen w�rde. Andererseits, h�tte er es getan, dann w�re er nicht der, den sie sch�tzte. I�ta sp�rte, wie Langarms Zauber mehr und mehr Kraft aus dem magischen Netz zog. Es w�rde noch k�lter in der weiten H�hle werden, als es ohnehin schon war. Sie hatten Tage damit verbracht, den Zauber vorzubereiten. Er sollte ein Zeitalter lang Bestand haben. Er hatte sie viel Kraft gekostet.</p><p>Der Gefiederte stand auf und winkte ihr zu. �Komm! Gleich ist es vollbracht!�</p><p>Sie bedachte den Ebermann mit einem letzten, langen Blick. Hatte er die verdammte Elfenschlampe geliebt? Oder war sie ihm nur eine n�tzliche Idiotin gewesen? Er w�rde es ihr ganz gewiss nicht verraten. Und sie w�rde ihm nicht sagen, dass Lyvianne ihn nicht hintergangen hatte. Es gab keine Intrige der Elfe. Wahrscheinlich hatte sie ihrem Meister, dem Goldenen, berichtet, doch das war ohne Belang.</p><p>Der Drache hatte sie nat�rlich nicht eingeweiht. Ihr Bruder und die Elfe waren einfach nur zu unvorsichtig gewesen. Es hatte nicht viel Verstand dazu geh�rt zu erahnen, wann und wo die beiden sich wiedertreffen w�rden.</p><p>Sie wandte sich vom Ebermann ab. Es war alles gesagt. Jedes weitere Wort w�re nur eine hohle H�lse. Sie w�rden sich wiedersehen, eines Tages, in ferner Zukunft.</p><p>Langarm sprang auf. �Schnell jetzt, oder dir geh�rt eine Ewigkeit mit unserem Bruder, dem Schweinekopf!� Er hastete dem Eingang der H�hle entgegen. I�ta sah, wie aus dem Fels ein schillernder Ring aus Eis wuchs.</p><p>Sie duckte sich hindurch. Der Sturm drau�en hatte nachgelassen. Es fiel nur noch wenig Schnee. �ber ihnen stand ein wundersch�ner Sternenhimmel.</p><p>�Gehen wir!�, dr�ngte der Gefiederte. �Es gilt, die Herrschaft �ber drei Welten zu erringen.�</p><p>�Und das n�chste Mittsommerfest ist nicht mehr fern�, erg�nzte Langarm und bedachte I�ta mit einem Blick, der ihr blanken Ekel verursachte.</p><p>Lebe wohl, mein aufrechter Rebell, war ihr letzter Gedanke, bevor sie sich in den Himmel schwang. Sie war sich bewusst, wie schrecklich die Strafe war, die sie verh�ngt hatte. Er ahnte es noch nicht, aber sie hatten ihn in der Zeit begraben.</p></section><section><title><p>Allein</p></title><p>Der Ebermann hielt den Atem an. Der Schmerz war von exquisiter Qualit�t. Langarm hatte N�gel aus einem weichen Eisen benutzt, um ihm die H�nde auf den Balken zu nageln. Seine Hammerschl�ge hatten den Kopf abgeflacht und nach au�en gest�lpt. Und krumm waren sie auch noch. Er schrie auf, als er die rechte Hand losriss. Er sp�rte, wie seine Handknochen auseinandergezw�ngt wurden, wie die Knochen �ber das Metall schrammten. Ein Fetzen seines Fleisches war, zusammen mit dem elendigen Nagel, auf dem Holzbalken zur�ckgeblieben.</p><p>Tr�nen des Schmerzes mischten sich mit Tr�nen der Wut, als er auf seine zerschundene Handfl�che sah. Die Wunde heilte nicht! Seine Verletzungen, ganz gleich wie schwer sie sein mochten, heilten f�r gew�hnlich, noch w�hrend er hinsah. Der Schmerz blieb ihm zwar nicht erspart, aber er war nicht von langer Dauer. Doch nun geschah nichts. Daf�r brannten die Ketten, die um seinen Leib gewunden waren, umso mehr. Er w�rde sie sprengen k�nnen, doch nicht sofort. Erst musste er seine zweite Hand befreien und sich ein wenig erholen. Der Ebermann spannte die Muskeln des linken Arms und wappnete sich f�r den Schmerz. Dann dachte er an Lyvianne, daran, wie sie zu singen begonnen hatte, als ihr Schmerz �berm�chtig geworden war. Was war sein Leiden im Vergleich zu dem, was I�ta ihr angetan hatte.</p><p>Er riss die Hand los. Keuchte gegen die Pein an. Dann k�mpfte er sich auf die Beine. Er hatte gesp�rt, dass sich die Magie, die ihn umgab, grundlegend ver�ndert hatte. Nun musste er herausfinden, welche Marter die drei f�r ihn ersonnen hatten.</p><p>Eine Scheibe aus mattem, halb durchscheinendem Eis verschloss den �bergang zwischen der Tropfsteinh�hle und dem kurzen Tunnel, der hinaus ins Tal f�hrte. Durch das Eis konnte er ein St�ck des Himmels sehen. Es war Abend, und es wurde ungew�hnlich schnell dunkel.</p><p>Seine Krallen glitten �ber das Eis. Sie hinterlie�en keine Spur!</p><p>Verbl�fft betrachtete er die d�nne, durchscheinende Wand. Das war kein gefrorenes Wasser. Er stie� mit dem Ellenbogen dagegen. Alles, was ihm das einbrachte, war dumpfer Schmerz. Die Zaubermacht der drei hatte hier etwas erschaffen, das ihm fremd war. Nachdenklich betrachtete er die roten Schlieren, die seine verwundeten H�nde auf der Wand hinterlassen hatten. Dieser durchsichtige Schild w�rde ihn wohl eine Weile aufhalten. Ihm war klar, dass er erst die verhexten Ketten sprengen musste. Noch verlangsamte die dunkle Magie sein Denken und zehrte ebenso von seinen Kr�ften wie von seiner F�higkeit, Zauber zu wirken.</p><p>Sobald ihm dieser Kraftakt gelungen war, w�rde er diesem perfide ersonnenen Kerker entfliehen. Er w�rde den Bann brechen, der den Albenstern versiegelte. Oder er w�rde sich durch die W�nde graben. Seine Krallen waren kaum weniger hart als der Stahl, den sein Bruder Langarm schmiedete. Er w�rde hier herauskommen, und dann sollten��</p><p>Es wurde wieder hell drau�en. Wie konnte das sein? Gerade eben war doch erst die D�mmerung der Nacht gewichen. Nun graute der Morgen. Binnen weniger Augenblicke war der Himmel glutrot. Die Sonne erhob sich �ber die Berge, und er konnte sehen, wie sie am Horizont vor�berzog. Bald schon wurde es erneut dunkel. Er stand wie versteinert, war nicht in der Lage, etwas anderes zu tun, als das schmale St�ck Himmel im Blick zu behalten.</p><p>Tag um Tag sah er so vergehen. Mehr als eine Woche verstrich, bis er bereit war zu akzeptieren, was ihm so �berdeutlich vor Augen stand: In dieser H�hle, die sie ihm zum Gef�ngnis bestimmt hatten, verstrich die Zeit anders! Ein Tag hier mochte ein ganzer Mond dort drau�en sein.</p><p>Da erkannte der Ebermann, dass er das Ausma� seiner Strafe gar nicht ermessen konnte! Er war ein Devanthar. Er w�rde weder Hunger leiden noch Durst, ganz gleich wie lange er hier gefangen w�re. Er war unsterblich. Zeit spielte f�r ihn keine Rolle, hatte er bislang immer gedacht�� Wie sehr er sich get�uscht hatte! Seine Br�der und Schwestern w�rden die Welt ver�ndern. Ohne ihn!</p><p>Noch immer zweifelte er nicht daran, dass er sich befreien konnte. Doch bis es so weit war, mochten dort drau�en Jahrhunderte vergangen sein. Er hatte nach ihrem Sieg die neue Welt ohne Himmelsschlangen und Albenkinder miterschaffen wollen. Er hatte sie wachsen sehen wollen. Hatte Teil der Fehler und Triumphe der Menschenkinder sein wollen. Und sei es nur als Beobachter! Das war sein Lebenszweck gewesen. Und das hatte I�ta ihm nun gestohlen.</p><p>In blinder Wut und Verzweiflung h�mmerte er mit den F�usten gegen die eisige Wand, die er nicht zu zerbrechen vermochte, w�hrend dahinter ein neuer Tag anbrach. W�re er nur niemals dieser geheimnisvollen Drachenelfe begegnet!</p></section><section><title><p>Der letzte Weg</p></title><p>War ihre Freundschaft eine L�ge gewesen? Volodi blickte auf den ganz in wei�e T�cher geschlagenen Leichnam. Ein himmelblauer Umhang war �ber den Leib gebreitet. So blieb verborgen, dass ihm kein Arm mehr fehlte. Er selbst hatte Kolja gewaschen und in seine Leichent�cher geschlagen. Er w�rde seinem Freund eine L�ge auf sein letztes Geleit geben, und er war sich sicher, dass es dem Faustk�mpfer gefallen h�tte. Es waren stets die derben Scherze gewesen, die ihn hatten lachen lassen.</p><p>Quetzalli war daf�r gewesen, ihn unauff�llig mit all den anderen Toten nach Drusna zu bringen. Sie hatte den gro�en Begr�bniszug ihm zu Ehren bis zuletzt abgelehnt. Sie wollte nicht, dass sein Name genannt wurde. Wollte ihm das Heldenbegr�bnis verweigern. Sie hatte ihm nicht verziehen.</p><p>Als es nichts mehr zu tun gab, legte Volodi dem Toten die H�nde auf die Schultern und k�sste dessen mit Leinen bedeckte Stirn. �Lebe wohl, Kamerad. Du hast stets die gro�en Auftritte geliebt. Die Arena, die Triumphz�ge nach den gro�en Siegen, die Geste in den Hurenh�usern nach den kleinen Siegen. Heute sollst du deinen letzten gro�en Auftritt haben.�</p><p>Der Unsterbliche richtete sich auf. Er war allein in der Festhalle. ��ffnet das Tor!�</p><p>Die vergoldeten T�rfl�gel schwangen auf. Sechs M�nner mit schweren B�renfellen auf den Schultern traten ein. Oleg f�hrte sie an. Es waren die Hauptleute seiner Leibwache. Silberne Krallen hielten die Felle �ber der Brust zusammen. Ein jeder von ihnen hatte eine schwere Axt im G�rtel stecken, deren Blatt aus den Schmieden der Devanthar stammte. Drei von ihnen trugen Speere.</p><p>Mit feierlich langsamem Schritt traten sie an die schwere Eichenplatte, auf der Kolja aufgebahrt lag. Sie schoben die Speere durch die Ringe unter der Platte. Dann knieten sie nieder, stemmten die Schultern unter die Speersch�fte und hoben die Tischplatte mit dem Leichnam von den B�cken, auf denen sie geruht hatte.</p><p>Schweigend f�hrte Volodi das letzte Geleit seines Freundes aus der Halle. Auf dem Hof unter der Terrasse waren dreiundzwanzig weitere M�nner aufgebahrt. Als der Unsterbliche den rechten Arm hob, erklangen H�rner von allen Ankert�rmen rings um den Palast. Auf das Signal hin wurden die anderen Krieger angehoben. Auch ihre Leichen waren in wei�es Leinen gekleidet. Ihre Waffen lagen ihnen auf der Brust. Auf Stangen drapiert wurden ihre R�stungen hinter ihnen hergetragen. Bronzepanzer und schwere Eberzahnhelme mit Pferdehaarb�schen. Viele der R�stungsteile trugen noch die Zeichen ihres letzten Kampfes. Sie w�rden in die �ste der Eichen geh�ngt, dort, wo auch die Toten zu ihrer letzten Ruhe aufgebahrt werden w�rden.</p><p>Volodi war sich sicher, dass die Daimonen seinetwegen gekommen waren, um ihn zu ermorden. Das passte zu ihrer Heimt�cke. All diese M�nner waren gestorben, weil sie verhindern wollten, dass ihr Herrscher gemeuchelt wurde. Deshalb w�rden sie alle, auch Kolja, die Ehre haben, im Heiligen Hain bei Drei Eichen, seinem Geburtsort, ihren Frieden zu finden. Es sei denn, Verwandte erschienen, die ihre Toten einforderten, um sie in die eigenen Geisterhaine zu bringen.</p><p>Koljas Leichnam wurde an der Spitze der Prozession vom Hof getragen. Volodi schritt neben ihm. Sie gingen durch die enge Gasse an der R�ckseite des Palastes. Er sah Quetzalli auf der Terrasse vor der Festhalle. Sie w�rde zur�ckbleiben. Auch wenn in Drusna nicht mehr so viel �ber sie geredet wurde, war es besser, kein �l ins Feuer zu gie�en, indem die vermeintliche zapotische Hexe auf einem gro�en Totenfest erschien.</p><p>Nur wenige M�nner standen auf den Flachd�chern der �rmlichen H�user und blickten auf den Leichenzug hinab. Volodi hatte darauf gehofft, dass es mehr sein w�rden. Dass die Stadt endlich zusammenhalten w�rde. Er presste die Lippen zusammen und versuchte, sich seine Entt�uschung nicht anmerken zu lassen. Alle F�rsten wussten von der Leichenprozession�� hatten sie mit ihren eigenen Toten zu tun? Volodi hatte geh�rt, dass es auf dem Platz vor der Goldenen Pforte ein Massaker gegeben hatte. Verdammte Daimonen! Sie w�rden es ihnen heimzahlen. Was ging nur in deren verrotteten Hirnen vor sich, friedliche Karawanen zu �berfallen und ein Gemetzel unter Lastentr�gern anzurichten?</p><p>Aber das hatten sie ja auch schon in Wanu, im eisigen Norden, getan. Sie mussten sie besiegen! Mussten daf�r sorgen, dass sie nie mehr Unschuldige �berfielen. Dem w�rde er sein Leben widmen, schwor sich Volodi stumm, und wenn er daf�r bis zum Ende seiner Tage k�mpfen musste.</p><p>Als sie auf die erste Hauptstra�e einbogen, erwartete sie eine Gruppe freiz�gig gekleideter Damen. Es mussten mehr als f�nfzig sein. Einige von ihnen kannte Volodi. Sie hatten in den Hurenh�usern der Zinnernen gearbeitet.</p><p>Eine gro�e Rothaarige f�hrte die Gruppe an. Sie hielt etwas silbern Funkelndes in H�nden. �Bitte verzeiht, Unsterblicher, wenn ich es wage, Euch in den Weg zu treten.� Sie verbeugte sich dem�tig und k�sste den Saum seines Gewandes. Volodi war das peinlich. Er erinnerte sich, einmal bei ihr gelegen zu haben. Sie wusste ganz genau, wie menschlich er war.</p><p>�Wir wollten Kolja ein Geschenk mit auf seine letzte Reise geben�, erkl�rte sie mit einem Akzent, der verriet, dass sie weit aus dem Osten Drusnas stammte. Ihre mandelf�rmigen Augen lie�en vermuten, dass es auch Steppenreiter aus Ischkuza unter ihren Vorfahren gab. �Er hat uns besch�tzt und daf�r gesorgt, dass seine H�user sauber und gut gef�hrt waren. Das ist mehr, als die meisten tun.�</p><p>Jetzt erst erkannte Volodi, was sie in H�nden hielt. Es war ein versilberter Phallus. Er sp�rte, wie ihm Hitze in die Wangen stieg. Gut, dass Quetzalli nicht hier war. Er r�usperte sich verlegen. �Leg es auf die Bahre, Tonka.�</p><p>Sie sah �berrascht zu ihm auf. �Ihr erinnert Euch, Unsterblicher?�</p><p>�Ich habe nicht so viele sch�ne Erinnerungen, dass ich es mir leisten k�nnte, auch nur eine von ihnen zu vergessen.�</p><p>Tonka schenkte ihm ein bezauberndes L�cheln. Er war sich nicht ganz sicher, ob es wirklich echt war oder sich darin nur widerspiegelte, dass sie hundertfach erprobt hatte, was M�nnerherzen h�herschlagen lie�. Sie stand auf und legte den schweren silbernen Phallus auf die Bahre. Dann gab sie den Weg frei. Mit den anderen M�dchen s�umte sie die weite Stra�e.</p><p>Der Trauerzug setzte sich erneut in Bewegung. Ihr Weg f�hrte sie weiter zu einer breiten Treppe, die aus dem Felsgestein geschlagen war. Sie wurde von bunt bemalten Reliefs ges�umt, die Fischer in ihren flachen Booten auf dem gro�en Fluss zeigten. Die H�user hier hatten kaum Schaden genommen.</p><p>Kaum dass Volodi den ersten Schritt auf die Treppe tat, erscholl �ber ihm ein lauter Kommandoruf.</p><p>�Achtung!�</p><p>Der Unsterbliche beschleunigte die Schritte. Nahm immer zwei Stufen auf einmal. Und dann sah er sie. Hunderte Krieger, sie s�umten die Stra�e, manche waren Kr�ppel, die sich nur noch auf Kr�cken hielten. Viele hatten von Narben entstellte Gesichter. Sie alle hatten den harten Blick derjenigen, die zu viele Schlachtfelder gesehen hatten. Nun sahen all diese Augen auf ihn.</p><p>Volodi straffte sich. Er sp�rte einen Klo� im Hals. Er kannte sie. Mit fast allen hatte er gemeinsam gek�mpft. Es waren die Zinnernen. Jene Piraten, die sich vor Jahren dem Unsterblichen Aaron angeschlossen hatten, um ihm als S�ldner zu dienen. Das kleine Heer von Halunken, das Volodi zusammen mit Kolja befehligt hatte. Die M�nner, denen nun die Bordelle der Goldenen Stadt geh�rten.</p><p>Die Hauptleute, die Kolja trugen, erreichten die oberste Stufe. Einen Herzschlag lang war es totenstill. Dann ert�nte ein leises Scheppern. Ein zweites folgte. Ein drittes.</p><p>Die M�nner schlugen gegen ihre Brustpanzer aus Bronze und Leder. Es war ein langsamer Rhythmus, so wie ein Herz schlug, das m�de geworden war. Als die Bahre durch das Spalier der Krieger getragen wurde, warfen die M�nner kleine silberne M�nzen. Sie prasselten auf den eingewickelten Leichnam nieder. Nur wenige verfehlten ihr Ziel. Jeder Krieger hatte nur eine M�nze.</p><p>Volodi b�ckte sich nach einer, die von der Tischplatte hinabgerollt war. Sie zeigte eine Faust, die mit dem messingbeschlagenen Riemen der Faustk�mpfer umwickelt war. Auf der R�ckseite prangten drei Lorbeerkr�nze. Zeichen f�r die drei Siege, die die Zinnernen hatten erringen m�ssen, um wieder freie M�nner zu werden. Kolja hatte sie in jeder dieser Schlachten gef�hrt. Drei Zinnm�nzen hatte ein jeder der Zinnernen gebraucht, um sich von Aaron wieder freizukaufen. Nun gab es eine vierte M�nze. Die M�nner hatten sie Kolja zu Ehren machen lassen.</p><p>Stolz ging Volodi durch die von Kriegern ges�umte Prachtstra�e. Dies war ein Abschied, wie ihn Kolja sich gew�nscht h�tte. Der langsame Rhythmus der F�uste, die auf R�stungen schlugen, begleitete sie noch, als sie schon l�ngst die Stufen zu n�chsten Terrasse erklommen hatten.</p><p>Sie waren nun auf dem Weg zur Goldenen Pforte. Hier s�umten Bewohner der Stadt ihren Weg, Handwerker und Tempeldiener, Bettler und Gardisten. Tausende standen auf der Stra�e und auf den D�chern. Sie schwiegen. Lauschten auf das leise Grollen der kampferprobten F�uste, die nicht m�de wurden, ihren letzten Gru� den Toten nachzusenden.</p><p>Der Platz vor der Goldenen Pforte war nicht minder gef�llt. Doch es waren die Unsterblichen, die hier warteten. Das Morgenlicht brach sich in funkelnden L�wenstandarten. Den Standarten, unter denen er mit Kolja zusammen auf der Hochebene von Kush gek�mpft hatte. Daneben waren die Adler von Valesia zu sehen, die sich windenden seidenen Stoffschl�uche der Ischkuzaia, die Federstandarten der Zapote und die Feldzeichen der anderen Gro�reiche. Fast alle warteten mit aufgebahrten Leichen. Das mussten die Toten des Kampfes hier auf dem Platz sein.</p><p>Der Unsterbliche Aaron l�ste sich aus der Gruppe der Herrscher. Ihm folgten Ashot, der vom Bauern zum Feldherrn aufgestiegen war, und Mataan, der h�nenhafte Satrap von Taruad, der f�r Aaron im Steinhorst fast sein Leben gegeben hatte und so schwer verletzt worden war, dass er nun am Stock ging und nie mehr f�r Aaron in die Schlacht ziehen w�rde. Auch Ormu, der rotb�rtige J�ger und Bogensch�tze, der die Leibwache des Unsterblichen befehligte, war dabei. Er trug ein seltsames Gewand. Ein Jagdhemd aus hellem Leder, das mit Vogelschwingen geschm�ckt war.</p><p>Aaron begr��te Volodi mit einem Kuss auf die Wange. �Willkommen, Bruder. Wir teilen deinen Schmerz.�</p><p>Der Drusnier f�hlte sich nicht wohl. Er hasste es, Aaron bel�gen zu m�ssen. Aber �ber die Wahrheit konnten sie nur unter vier Augen sprechen. �Du hast ihn tot auf dem seltsamen Wolkensammler gefunden? Und der Fremde ist seit der Schlacht mit den Daimonen spurlos verschwunden?�</p><p>Das war die L�ge, die Volodi gestern im Palast verbreitet hatte. Und all jene, die die Wahrheit erraten hatten, so wie Quetzalli oder Oleg und Yuri, hatte er darauf eingeschworen, dass es ein Geheimnis bleiben sollte. Aber er wusste, dass Aaron Spitzel hatte. Volodi sah �ber den Platz zu den anderen Unsterblichen. Hatten auch sie ihre Spione in seinem Palast? Iwar hatte auf derlei immer verzichtet. Vielleicht w�rde er das �ndern m�ssen. Volodi wartete darauf, dass seine inneren Stimmen Einspruch erhoben, doch sie blieben stumm.</p><p>Aaron schlug seinen Umhang zur�ck und zeigte ihm ein Langschwert in einer pr�chtigen, goldenen Scheide. Es waren Bilder von Streitwagenfahrern und Kriegselefanten in das Gold gearbeitet. Bilder der Schlachten, in denen Kolja gek�mpft hatte.</p><p>�Sein Ruhm und seine Taten sollen l�nger w�hren als sein Leben�, sagte Aaron feierlich. �M�ge dieses Schwert allen, die im Geisterhain unter seinem Baum stehen, von Mut und K�hnheit des Feldherrn Kolja, des Ersten unter den Zinnernen, k�nden.�</p><p>Volodi gab den Totentr�gern ein Zeichen, und sie knieten nieder. Der Unsterbliche Aaron trat an die Bahre und legte Kolja das Schwert auf die Brust. �M�gest du deinen Frieden finden, wohin auch immer deine Seele gegangen ist.�</p><p>Volodi betrachtete staunend das wunderbare Geschenk. Die Goldschmiede Arams waren ber�hmt, doch wie hatten sie dieses Kleinod in nur einer Nacht erschaffen k�nnen?</p><p>Die Bahre wurde wieder hochgehoben.</p><p>Silberne Fanfaren erschollen. Es kam Bewegung in die Menschenmengen auf dem Platz. Eine weite Gasse hin zum Tor zwischen den G�tterbildern �ffnete sich. Vor der Goldenen Pforte standen sechs gefl�gelte L�wen, die wachsam zum Himmel blickten. Als Volodi den Blick hob, sah er, dass dort noch weitere L�wen kreisten. Heute w�rden die Daimonen gewiss nicht wagen anzugreifen.</p><p>�Eigentlich h�tte das Geschenk f�r dich sein sollen�, fl�sterte ihm Aaron zu, als h�tte der Unsterbliche seine Gedanken erraten. �Meine Schmiede werden ein neues, ein besseres Schwert fertigen.�</p><p>�Warum?� Volodi war aufrichtig �berrascht. Es gab keinen Grund, warum Aaron ihm Geschenke machen sollte.</p><p>Der Unsterbliche l�chelte ihn an. �Weil du ein Freund bist. Die H�flichkeit gebot es, heute nicht mit leeren H�nden zu kommen.� Er hob die Stimme leicht, um gegen den Klang der Fanfaren anzukommen. �Du bist ein wirklich guter Freund!� Aaron sah zur Bahre mit dem Toten. �Er war��� Der Herrscher Arams machte eine nachdenkliche Pause. �Er war ein herausragender K�mpfer�, schloss er schlie�lich mit wenig Enthusiasmus.</p><p>Volodi f�hlte sich niedertr�chtig. Er hatte Aaron wie alle anderen get�uscht. Aber es war besser, das Geheimnis Koljas zu den Toten zu tragen. Er hatte es mit sich in die Welt der Geister genommen. Niemand w�rde mehr erfahren, wo das Traumeis versteckt war. Es war besser, das Gespinst von L�gen weiterzuweben. Die Wahrheit war noch viel unertr�glicher als die L�gen. Aarons Traum, die Welt zu einem besseren Ort zu machen, h�tte Wirklichkeit werden k�nnen, w�re das Traumeis nicht verloren gegangen.</p><p>Volodi wandte sich zu dem Wolkensammler um, der hoch �ber seinem Palast vor Anker lag. Er w�rde der einzige seiner Art bleiben. Nur er hatte die Freiheit gefunden und konnte fliegen, wohin immer er wollte. Alle anderen w�rden nur mit dem Wind treiben. Genauso war es mit den Menschen, dachte Volodi bitter. Sie w�rden mit den Winden des Schicksals treiben, statt es selbst zu bestimmen.</p><p>Er k�sste Aaron auf die Wange. �Ich werde bestatten, was auf immer verloren ist.�</p></section><section><title><p>Der Totentr�ger</p></title><p>Sie waren ein sch�nes Paar, die Seidene und der Piratenf�rst. Ilmari g�nnte sich einen Augenblick, die beiden zu betrachten, wie sie auf ihrer Prunkbarke den Schwarzg�rtel hinabgefahren kamen. Die Goldbeschl�ge des Bootes spiegelten sich im nachtschwarzen Wasser. Die beiden hielten sich bei den H�nden und wirkten wie Kinder, die zum ersten Mal von der s��en Frucht der Liebe gekostet hatten. Sie sahen aus wie ein wirkliches F�rstenpaar, die Hure und der M�rder.</p><p>Der Unsterbliche Aaron hatte Ilmari eindringlich vor Tarkon gewarnt. Er sollte nicht versuchen, ihn zu t�ten. Es gab verb�rgte Berichte, dass der Himmelspirat mindestens schon drei Mal umgekommen war. Er schonte sich nicht im Kampf, focht stets in der ersten Reihe, doch seine nackten, braungebrannten Arme waren g�nzlich ohne Narben.</p><p>Als die Barke am moosdunklen Kai anlegte, st�rmten Kinder auf das Boot zu. Die Seidene und ihr Geliebter verteilten mit vollen H�nden frisches Obst. Sie genossen die Jubelrufe der Kleinen, die herzhaft in die Orangen bissen, sodass ihnen der goldene Saft der Fr�chte das Kinn hinabtroff.</p><p>Ilmari wandte sich ab und stieg die steile Gasse zum Totenhaus hinauf. Es war das pr�chtigste Geb�ude in Tiefwasser. Und das gef�rchtetste. Niemand kam freiwillig dorthin, und die dicken Mauern w�rden das laute und fr�hliche Kindergel�chter verschlucken. Dort war es immer still. Und Ilmari liebte die Stille. Zwei Monde lang war er durch die sieben St�dte gereicht worden. Er war Pfl�cker in den Pilzgrotten gewesen, hatte die wei�en Kaimane gejagt und hoch in den Felsen die gro�en Flederm�use. Drei Tage lang hatte er bei den F�rbern verbracht, die mit ihren grellbunten Stoffen gegen die D�sternis der sieben St�dte ank�mpften. �berall war er angeeckt. Er f�gte sich schwer ein. Er hatte es nicht anders gewollt.</p><p>Er brauchte eine Arbeit, die ihn in alle sieben St�dte f�hrte. Denn er sollte sie aussp�hen, die verborgene Kolonie des Piratenf�rsten, die �berall auf Nangog nur die Wolkenstadt genannt wurde. Die Unsterblichen hatten keine Ahnung, wie stark ihr Widersacher wirklich war. Er gebot nicht �ber eine Stadt, er hatte sich ein kleines Reich aufgebaut. Alles gab es hier: Schmiede und Zimmerleute, Tuchmacher und T�pfer, Buchhalter und Schweinez�chter.</p><p>Alle hatten Tarkon untersch�tzt. Seine sieben St�dte lagen tief in den Herzen gro�er Tafelberge inmitten des Dschungels verborgen, weit im Westen des Purpurnen Meeres. Unterirdische Fl�sse und labyrinthische Tunnelsysteme verbanden die einzelnen St�dte miteinander. Ihre Bewohner durften so gut wie nie hinaus ins Tageslicht. Es gab keinen Fluchtweg. Nur die Wolkenschiffe, die im Himmelshafen anlegten, konnten einen in die Freiheit tragen. So hie� es zumindest. Ilmari bezweifelte das. Es gab immer einen Weg hinaus. Und er w�rde ihn finden. Deshalb war er hier. Er sollte f�r den Unsterblichen Aaron die Festung Tarkon Eisenzunges aussp�hen und einen Plan ersinnen, wie sie zu erst�rmen war.</p><p>Jetzt, nach zwei Monden, hatte er endlich die Arbeit gefunden, die ihm erlaubte, alle sieben St�dte zu bereisen. Eine Arbeit, die ihn auf kurz oder lang in jedes Haus bringen w�rde. Er war der Totentr�ger. Es war seine Aufgabe, die Siedlungen zu bereisen und die Toten hierher nach Tiefwasser zu holen. Denn hier lag der Wei�e Schlund, der einzige Ort, an dem die Verstorbenen bestattet werden durften.</p><p>Im Eingang zum Totenhaus blieb Ilmari stehen. Noch immer war das ausgelassene Lachen der Kinder zu h�ren. Anfangs war er �berrascht gewesen. Nirgends auf Nangog wurden den Menschen Kinder geboren. Kamen schwangere Frauen auf diese verfluchte Welt, dann starb die Frucht in ihrem Leibe ab. Der perfide Fluch der Riesin machte es schwer, auf Dauer Siedlungen in ihrer Welt zu begr�nden. Doch hier schien er nicht mehr zu gelten. Es musste Hunderte Kinder in diesen St�dten geben. Ganz offensichtlich lag der Segen der G�ttin auf den Verr�tern, die sich von den Unsterblichen abgewandt hatten.</p><p>Lauter als das Kinderlachen war nur das Tosen des Wei�en Schlunds. Er lag hinter dem stillen Totenhaus. Ilmari besuchte ihn t�glich, selbst wenn es keine Leichen gab, die er ihm als Opfergaben darbringen konnte. Eigentlich war er heute schon dort gewesen, doch das Rauschen des st�rzenden Wassers lockte ihn. War dies der Fluchtweg aus den St�dten des Piraten?</p><p>Ilmari folgte mit m�dem, bed�chtigem Gang dem Fluss. Auf seinen letzten hundert Schritt verwandelte sich der tr�ge Schwarzg�rtel in einen Gischt spr�henden Strom, der zwischen Felsen hindurch auf einen bodenlosen Abgrund zufloss. Hier lag das Grab aller sieben St�dte. Es war schon seltsam. Wollte man hierher in die verborgenen H�hlenst�dte kommen, um ein neues, gl�cklicheres Leben zu beginnen, musste man auf einem Wolkensammler durch einen Wasserfall schweben, um im Himmelshafen anzulegen. Und wenn das Leben vor�ber war, wurde man selbst Teil dieses Wasserfalls hier, um auf Nimmerwiedersehen in den Tiefen der Erde zu verschwinden.</p><p>Lange verharrte er an dem Abgrund. Die Tiefe �bte einen Sog auf ihn aus. Sein Leben f�hlte sich leer an. Sollte er nicht schon l�ngst dort unten sein? Er hatte kein Ziel. Keine Familie. Ohne einen Ankerturm zu haben, trieb ihn sein Schicksal von Mord zu Mord. Er war ein Werkzeug anderer�� Ilmari straffte sich. Die dunklen St�dte in den Bergen bekamen ihm nicht. Fr�her hatten ihn nie solche Gedanken gequ�lt. Er hatte einen klaren Auftrag! Abrupt wandte er sich ab und strebte mit eiligen Schritten dem Totenhaus entgegen.</p><p>Angenehme K�hle empfing ihn in der weiten Eingangshalle. Etliche T�ren f�hrten aus dem runden Raum. Soweit er wusste, lagen dort Archive. Offensichtlich waren die Rebellen geradezu versessen darauf niederzulegen, wer ihnen einst angeh�rt hatte, wer mit wem verwandt war und welche dieser Verwandten wo auf Daia lebten. Ilmari hatte Tausende von Schrifttafeln gesehen, obwohl er erst in zwei der angrenzenden R�ume gewesen war. Urs, sein Gebieter, der Einbalsamierer und Herrscher �ber die Toten, und dessen Vorg�nger hatten akribisch Buch �ber jeden Verstorbenen gef�hrt, der hierhergekommen war, und �ber dessen Verbindungen zu den noch Lebenden.</p><p>Der Spitzel schritt zur weiten Wendeltreppe, die im Mittelpunkt der gro�en Eingangshalle des Totenhauses lag. Der Boden rings herum war mit einem sch�nen Mosaik ausgelegt. Es zeigte sch�umendes, sich in einem Strudel windendes Wasser. Es war eine Stein gewordene Version des Wei�en Schlundes. Jeder, dem es bestimmt war, seine letzte Reise durch das Wasser anzutreten, kam zun�chst hierher.</p><p>Erst am Morgen hatte Ilmari einen weiteren Toten gebracht. Nun w�rde er ihn auf seine letzte Reise vorbereiten. Der neue Totentr�ger stieg die weit geschwungene Wendeltreppe hinab. Je tiefer er kam, desto st�rker wurde ein s�uerlicher Geruch.</p><p>Am Fu� der Treppe befand sich die Halle der Toten. Sie war wie ein Spiegelbild der oberen Halle. Kreisrund, fast zwanzig Schritt durchmessend. Nah der Treppe erhoben sich Steinbl�cke, gro� wie Alt�re. Hier pflegte er die Toten abzulegen. Meist blieb er aber nicht lange, denn dies war das Reich von Urs.</p><p>W�hrend er bed�chtig ein paar Schritte in die Halle machte, sah er sich aufmerksam um. Entlang der Wand lagen zwei Reihen von Becken. Sie waren l�nglich, etwas gr��er als Wassertr�ge und mit halbfl�ssiger, dunkelbrauner Erde gef�llt. Ihnen entstieg dieser Geruch, an den sich Ilmari immer noch nicht gew�hnt hatte. Er betrachtete die r�tselhaften Kreidezeichen neben den im Boden eingelassenen Tr�gen. Urs hatte ihm deren Bedeutung noch nicht verraten. Es schien keine Schrift zu sein. Zumindest keine, die Ilmari gekannt h�tte.</p><p>Einige �ll�mpchen standen zwischen den Schlammbecken.</p><p>�Hier, mein Junge�, erscholl es pl�tzlich dumpf durch den Raum. �Hier, du hast mich fast erreicht.�</p><p>Ilmari war sich nicht sicher, woher die Stimme kam. Sieben Portale m�ndeten in den Raum. Sie f�hrten zu angrenzenden Kammern. Davon hatte er erst eine je betreten. Seine Aufgabe war es, die Toten hier auf den Steinbl�cken abzulegen und sie wieder zu holen, wenn sie in Leinen eingewickelt waren, bereit f�r ihre letzte Reise durch den Wei�en Schlund. Manchmal, wenn er die Leichen hier abholte, erschienen sie ihm leichter als zuvor. Er wusste nicht, was Urs mit ihnen machte. Und er hatte keine Fragen gestellt. Er war der Totentr�ger. Sonst nichts.</p><p>�Kommst du, mein Junge?�</p><p>Ilmari mochte es nicht, Junge genannt zu werden. Wenn er eines nicht war, dann ein harmloser Junge. Er war nicht einmal jung.</p><p>Durch drei der Portale fiel blasses, gelbes Licht. Aus einem davon h�rte er Wasser von einem Stein tropfen. Dort musste die Frau sein. Sie war so scheu, dass er sie bislang nur fl�chtig gesehen und nicht versucht hatte, Bekanntschaft mit ihr zu schlie�en. Dies war das Haus der Toten, und die herausragendste Eigenschaft dieses Ortes war, dass alle Bekanntschaften, au�er die zu Urs, nur fl�chtig sein konnten.</p><p>Er z�gerte kurz, dann trat er auf gut Gl�ck durch das Portal, das der Wendeltreppe gegen�berlag. Die Kammer dahinter wurde von einem gro�en Altarstein beherrscht, auf dem der Leichnam eines Knaben lag. Dahinter stand Urs.</p><p>�Hast gute Ohren, mein Junge.� Schwer auf einen Steinblock gest�tzt, begr��te ihn der Herr des Totenhauses mit einem L�cheln. Drei �llampen standen auf dem Altar. Ihr Licht strahlte von unten in das feiste Gesicht und lie� es d�ster und geheimnisvoll erscheinen. Selten hatte Ilmari einen fetteren Menschen als Urs gesehen. Er hatte die blasse Haut aller, die schon lange in den verborgenen St�dten lebten. Nur seine tief im Sch�del eingesunkenen Augen waren bemerkenswert. Er umrandete sie mit Ru�. So wirkten sie riesig.</p><p>Urs war gro�, doch das Gewicht seines Leibes hatte ihm den R�cken gekr�mmt. Er trug kein Hemd. Sein obsz�n aufgedunsener Leib war in allem das Gegenteil des hageren Jungen, der vor ihm auf dem Altarstein lag. Nur die unheimlich blasse Haut hatten sie gemeinsam.</p><p>�Jetzt sehen wir mal, ob du ein richtiger Mann bist, Ilmari. Bisher hast du ja nur die Arbeit von Jungen gemacht. Schleppen kann jeder�� F�r das hier braucht man etwas mehr Mumm.� Mit diesen Worten klatschte er dem Jungen mit seiner aufgequollenen Hand auf die Brust. Dabei sickerte dunkles Sekret aus einem schlecht vern�hten Schnitt unterhalb des Rippenbogens.</p><p>Ilmari war sich sicher, dass der Junge diese Wunde nicht gehabt hatte, als er ihn hierhergebracht hatte.</p><p>Der Herr des Totenhauses wies auf ein ordentlich gefaltetes Leintuch, das zu F��en des Jungen lag. �Einn�hen!�</p><p>�Sollten wir ihn nicht noch einmal reinigen?� Er deutete auf das Wundsekret, das sich im Bauchnabel des Jungen sammelte.</p><p>�Papperlapapp. Die Stumme hat das erledigt. Hier wird keiner zwei Mal gewaschen.� Er strich dem Knaben durch das gelockte, schwarze Haar. �Und du bekommst ganz sicher keinen Besuch mehr. Mit dir ist�s vor�ber. Ganz und gar.�</p><p>Ilmari versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, wie absto�end er fand, was Urs da tat. Er selbst hatte l�ngst aufgeh�rt zu z�hlen, wen er alles umgebracht hatte. Er war den Lebenden bestenfalls ein launischer Gef�hrte. Den Toten aber hatte er stets Respekt erwiesen.</p><p>Behutsam breitete er das bereitliegende Leintuch �ber den Jungen, schob es unter seinem R�cken hindurch und faltete es �ber seiner Brust zusammen. Dann sah er fragend zu Urs auf. Er hatte das hier noch nie getan.</p><p>�Zun�hen, Junge. Das wirst du doch noch hinbekommen.� Urs deutete auf eine gebogene Bronzenadel, auf die bereits ein Faden aufgezogen war.</p><p>Z�gerlich begann Ilmari, das Leichentuch von den F��en aufw�rts zu vern�hen, damit es sich im Wasser nicht von dem Toten l�sen konnte.</p><p>�Nicht so zimperlich�, dr�ngte Urs. �Du n�hst hier kein Kleidchen f�r dein Liebchen. Mach gr�bere Stiche und lass ruhig Abst�nde dazwischen.�</p><p>Ilmari lie� sich nicht aus der Ruhe bringen. Er machte seine Arbeit gut. Ganz gleich, welche.</p><p>Pl�tzlich schlug Urs ihm auf die Hand und nahm ihm die lange Bronzenadel ab. �Da kann man ja nicht bei zusehen. Hab selten so eine St�mperei erlebt.� Er sch�ttelte den Kopf, dass die drei Fettringe unter seinem Kinn, das l�ngst mit seinem Hals verschmolzen war, hin und her schwabbelten.</p><p>�So geht das, mein Junge.� Er war erstaunlich flink. Mit schnellen Stichen n�hte er das Leichentuch zusammen. Pl�tzlich legte er dem toten Jungen seine massige Hand auf das wei� bedeckte Gesicht. �Und jetzt sieh genau hin! Jetzt kommt das Wichtigste.� Er dr�ckte Daumen und Zeigefinger seiner Linken zusammen, sodass sich deutlich die Nase des Jungen unter dem Leintuch abzeichnete. Dann stach er mit der Rechten die Nadel durch die Nase.</p><p>�Nur so, mein Junge, kannst du ganz sicher sein, dass nicht versehentlich ein fast Toter in den Schlund wandert. Nat�rlich ist das nur bei den Frischen erforderlich. Die, die wir ein paar Tage eingelagert haben, regen sich nicht mehr.� Urs beugte sich �ber den Toten und biss den Faden dicht hinter der Nadel ab. �Ich bin gr�ndlich. Ich mache es immer. So kannst du auch immer gut schlafen.�</p><p>Ilmari war fassungslos. Er blickte auf das vern�hte Leichentuch und dann wieder auf Urs. Er hatte schon etliche Tote zum Schlund gebracht, und ihm war durchaus aufgefallen, dass die Leichent�cher�� ungew�hnlich vern�ht waren. Zu genau hatte er allerdings nie hingesehen.</p><p>�Du wirst das in Zukunft machen. Ich werde hier nicht ewig der Herr des Totenhauses sein. Du musst meine Arbeit aus�ben k�nnen. Alles davon�� Den n�chsten, den wir bekommen, den wirst du allein vern�hen. Und zwar ordentlich. Mit weiten Stichen und zum Abschluss mit unserem kleinen Nasentrick. Ist gar nicht schwer. Wenn du erst mal die Nasen von ein paar h�bschen M�dchen vern�ht hast, macht es dir gar nichts mehr aus.� Urs hob vielsagend die Brauen. �Oder magst du lieber die h�bschen Jungen?�</p><p>Als Ilmari schwieg, plapperte Urs weiter: �Was bist du so still? Du meinst, das hier ist schwer? Dann warte erst mal ab, bis einer aufsteht, wenn du ihm die Nadel durch die Nase ziehst. Sind nicht immer alle richtig tot, die hier landen. Wirst schon sehen, das macht schlechte Tr�ume, das sag ich dir. Vor allem, wenn oben in der Eingangshalle die Verwandten stehen und das Geschrei h�ren.� Der Dicke grinste ihn an. �Passiert aber zum Gl�ck nicht oft.� Dann legte er mit feierlicher Geste dem Jungen seine Rechte auf die Stirn.</p><p>�Tschau, mein Kleiner. Bist durch �nen Spalt mit �nem Schwall Wasser in diese Welt gepurzelt und wirst durch �nen anderen Spalt mit noch viel mehr Wasser wieder hinauspurzeln. Ich hoffe, du hattest ein paar nette Tage dazwischen. Mehr hat das verdammte Leben keinem von uns zu bieten als ab und an �nen netten Tag. Und gr�m dich nicht, dass du so fr�h abgekratzt bist. Die netten Tage werden seltener, je �lter man wird. Lohnt sich kaum der M�he.�</p><p>Urs versetzte dem Toten einen letzten Klaps und sah zu Ilmari. �Ich halte ihnen immer eine kleine Rede, auch wenn niemand sonst da ist, der zuh�rt. Ich finde, das geh�rt sich so. Und nun walte deines Amtes, Totentr�ger. Schlepp ihn hier raus und bring ihn auf den letzten Weg.�</p></section><section><title><p>Die Seidene</p></title><p>Ein Gongschlag ert�nte. Es war ein tiefer Klang, der in den Bauch fuhr und bei Zarah ein unangenehmes Gef�hl hinterlie�. Sie sah, wie die Lichtbahnen, die durch die H�hlendecke auf die verborgene Stadt fielen, an Kontur gewannen. Es waren jetzt massive, schr�g hinabreichende S�ulen, die sich deutlich vom diffusen Licht der Umgebung absetzten. Die Wolkendecke hoch �ber dem Dschungel war zerrissen. Die Sonne schien durch das Laubdach auf die mit Netzen getarnten Lichtsch�chte im Fels.</p><p>�Kommst du?� Tarkon reichte ihr galant die Hand.</p><p>Die Kinder waren schon vorausgelaufen. Auch alle anderen Bewohner von Tiefwasser bem�hten sich, die ihnen vorgeschriebenen Pl�tze zu erreichen. Es geschah nur alle paar Tage, dass es direkte Sonneneinstrahlung gab, und die H�ter des Lichtes achteten streng darauf, dass keiner eine solche Gelegenheit ungenutzt verstreichen lie�.</p><p>�Du wei�t, du darfst nicht direkt ins Licht sehen�, fl�sterte Tarkon an ihrer Seite.</p><p>Zarah hatte leichtes Spiel mit ihm gehabt. Als eine Eingeweihte der Gro�en G�ttin, eine Priesterin der Gr�nen Geister, hatte sie von Anfang an seinen Respekt genossen. Wie wenig Bedeutung innerhalb des Kultes sie hatte, hatte sie wohlweislich verschwiegen. Es war ihr nur darum gegangen, ihm allein begegnen zu k�nnen. Er war neugierig gewesen, ein guter Anfang. Und dann war alles so weitergegangen wie bei all den anderen M�chtigen, die ihr in der Goldenen Stadt den Hof gemacht hatten.</p><p>M�nner waren so vorhersehbar, wenn es um Frauen ging. Selbst der so ber�chtigte, von allen gef�rchtete Himmelspirat. Schon nach ihrem ersten Abend war er ganz versessen auf sie gewesen. Sie hatte das n�chste Treffen absichtlich hinausgez�gert, hatte sich um die befreiten Gefangenen gek�mmert, die mit ihr gekommen waren. Sie nicht beliebig zu seiner Verf�gung zu haben hatte Tarkons Begierde noch weiter angestachelt.</p><p>Sie traten an einen Platz, wo einer der Lichtpfeiler den H�hlenboden ber�hrte. Sie standen mitten in einem Gem�sebeet. Zarah genoss die W�rme auf ihrer Haut und lie� den Blick �ber die kleine Stadt schweifen. Tiefwasser war die kleinste Stadt, die sie bisher in Tarkons verborgenem Reich besucht hatte. Auf den Terrassen vor der Stadt lagen Gem�se- und Reisfelder. In der Ferne h�rte sie das Rauschen des Wei�en Schlundes. Feiner Spr�hnebel stieg hinter der Stadt auf, dort, wo der Schwarzg�rtel in einen bodenlosen Abgrund st�rzte. Das Sonnenlicht zauberte dort mehrere Regenb�gen. Die Stadt mit ihren bunt bemalten H�usern war h�bsch. Jetzt, wo das Sonnenlicht stark war, leuchteten all die Farben auf. Keine zwei H�user waren gleich. Sie schienen in ihrer Farbenpracht wie Stein gewordene Regenb�gen zu sein.</p><p>Tarkon hatte den Befehl gegeben, das Leben in seinen St�dten so bunt wie m�glich zu halten. Und das meinte er wortw�rtlich. Nie zuvor war Zarah an einem Ort gewesen, an dem so verschwenderisch mit Farben umgegangen wurde. Und doch half es nur wenig. Sobald die Sonne wieder hinter den Wolken verschwand, herrschte nur noch Zwielicht in den unterirdischen St�dten, und alles erschien grau.</p><p>Zarah war sich bewusst, dass sie verstohlen beobachtet wurde. Sie, die geheimnisvolle Priesterin, die neue Frau an der Seite von Tarkon Eisenzunge. Es geschah nicht sehr viel, was den eint�nigen Alltag in den verborgenen St�dten unterbrach. Jede Neuigkeit, jedes Ger�cht machte mit erstaunlicher Geschwindigkeit die Runde. Zarah schloss ihre Augen und wandte ihr Gesicht dem Spalt in der weiten H�hlendecke zu. Die Sonne liebkoste ihre Haut. Wie gerne w�rde sie einen Blick in den blauen Himmel riskieren, doch Tarkon hatte sie eindringlich gewarnt. Zu lange ins Licht zu sehen konnte das Augenlicht kosten.</p><p>Sie lebte davon, makellos zu sein. Sie w�rde ganz gewiss keine unn�tigen Risiken eingehen.</p><p>Seine Hand schloss sich um ihre Rechte. Er dr�ckte sie sanft. Wie stets f�hlte sich seine Haut k�hl und ein wenig feucht an. Seine Ber�hrungen waren ihr unangenehm. Er hatte etwas an sich�� sie konnte es nicht in Worte fassen. Aber er war anders als all die anderen M�nner, die sie je ber�hrt hatte. Sie kannte die Geschichten �ber ihn. Er war schon mehrfach gestorben und wieder zur�ckgekehrt. Vielleicht lag es daran.</p><p>Die kalte, feuchte Hand dr�ckte ein wenig fester zu. �Ich liebe dich�, hauchte er in ihr Ohr.</p><p>Sie f�hrte seine Hand hinauf unter ihre linke Brust. �Ich dich auch�, fl�sterte sie. �Sp�rst du es? Mein Herz schl�gt nur f�r dich.�</p><p>Die einfachen Bauern und Handwerker, die dicht bei ihnen in dem weiten Kreis aus Licht standen, mussten das gesehen haben. Jene, die am n�chsten standen, hatten vermutlich sogar geh�rt, was sie beide fl�sterten. Sie hielten sie f�r ein Paar, dabei war sie wieder einmal nur eine Gefangene in einem goldenen K�fig. Ihr Herz geh�rte ihm nicht. Das geh�rte ihr ganz allein. Es schlug nur f�r sie. Doch er war der beste Mann, den man in diesen verborgenen St�dten abbekommen konnte, der Schl�ssel zu gr��tm�glicher Freiheit. Und sie w�rde ihm daf�r die Illusion der Liebe schenken. Er gierte danach��</p><p>Und wenn sie daf�r bezahlen musste, dann war auch das so wie immer. Jede ihrer Leidenschaften hatte bisher einen Preis gehabt. Sie w�rde es �berwinden, dass sie nachts manchmal an seiner Seite wach wurde und das Gef�hl hatte, mit einer Leiche zusammen im Bett zu liegen. Einer Leiche, die die Hand nach ihr ausstreckte. Die nicht genug von ihren gemeinsamen Liebesn�chten bekommen konnte.</p><p>Sie �ffnete die Augen und sah ihn an. Er war nur ein Mann. So wie all die anderen, die sie zuvor gehabt hatte. Er behandelte sie gut. Er trug sie auf H�nden.</p><p>�Weitergehen�, ert�nte die wohlklingende Stimme des H�ters des Lichtes.</p><p>Alle �ffneten jetzt die Augen. Sie machten zwei Schritte nach links, folgten der sich langsam bewegenden Lichts�ule.</p><p>Aus den Augenwinkeln sah Zarah Ilmari. Er war mit ihr an Bord des Wolkensammlers gewesen, der Barnaba und all die anderen fortgetragen hatte. Ein Gl�ubiger war er nicht. Sie nickte ihm kurz zu. Er erwiderte ihren stummen Gru� mit einem L�cheln.</p><p>Neben ihm ging ein widerlicher Glatzkopf. Selten hatte sie einen Mann gesehen, der so fett war. Fast alle Bewohner der sieben St�dte waren schlank, ja, oft sogar hager. Sie lebten hier nicht im �berfluss.</p><p>Der Dicke nickte ihr auch zu. Dabei schwabbelten die Fettringe um seinen Hals. Zarah erwiderte diesen Gru� nicht. Sie dr�ckte erneut Tarkons Hand. Sie hatte es gut getroffen, redete sie sich ein. Er war ein starker Mann. Das �ber seinen Tod war nur dummes Gerede. Sie musste das �berwinden. Alles war gut!</p><p>Als seine feuchtkalte Hand sanft �ber ihren Arm strich, schauderte ihr. Alles war gut, ermahnte sie sich erneut in Gedanken. Er ist ein guter Mann. Und mit ein wenig Gl�ck w�rde sie kein Kind von ihm bekommen. Sie hatte wohl zu viele Kinder fortmachen lassen, denn seit zwei Jahren war sie nicht mehr schwanger geworden. Noch ein Preis f�r das Leben, das sie gew�hlt hatte. Dennoch, ein Mann, der gestorben war, konnte doch gewiss kein Leben mehr schenken. Und sie war kein fruchtbarer Acker mehr. Sie w�rde nicht von ihm schwanger werden. Ganz gewiss nicht. Wieder �berlief sie ein Schauer. Ein Kind von ihm in sich zu tragen w�re mehr, als sie erdulden k�nnte.</p></section><section><title><p>Das Ende des Tunnels</p></title><p>Es war vollkommen dunkel. Manchmal schloss Ilmari die Augen. Es spielte keine Rolle, ob er sie offen hatte oder nicht, er konnte nichts sehen. Diese Tunnel zwischen den St�dten, sie waren wie ein Pfeilschuss durch den Fels. Schurgerade mit glatten W�nden und einem Boden ohne die geringste Unebenheit. Die Gro�e G�ttin musste sie angelegt haben. Das konnte nicht das Werk von Menschen sein. Und auch nicht von irgendwelchen Gesch�pfen, denen er bislang auf Nangog begegnet war.</p><p>Die einzige Unregelm��igkeit bestand aus Kristallpfeilern, die manchmal aus den W�nden wuchsen. Nicht so weit, dass sie den Handkarren st�rten, den er hinter sich herzog. Doch sie waren deutlich zu sehen, wenn sie im Licht seiner �llampe auftauchten. Kristalle, dick wie sein Arm, die entlang der Tunnelwand verliefen. Sie waren von einem sch�nen Gr�n. Er hatte versucht, einen aus der Wand zu brechen, es aber bald wieder aufgegeben. Genauso gut h�tte er versuchen k�nnen, mit seinem schlichten Bronzemesser ein St�ck gewachsenen Fels aus der Tunnelwand zu brechen. Es war aussichtslos.</p><p>Ilmari summte leise vor sich hin. Er mochte die Einsamkeit der Tunnel. Nur wenige Bewohner wanderten zwischen den St�dten. Die meisten f�rchteten sich vor diesen endlosen G�ngen. Es hie�, hier g�be es Geister. Er l�chelte ver�chtlich. Die einzigen Geister, denen man hier begegnen konnte, waren jene, die man in sich trug.</p><p>Auf seinen langen Wanderungen hatte er viel Zeit gehabt, �ber sein Leben nachzudenken. �ber all die Morde, die er begangen hatte. Und �ber den, den er noch begehen w�rde. Muwatta hatte ihm eine f�rstliche Belohnung daf�r versprochen, wenn er den Unsterblichen Aaron t�tete. Und er hatte ihm einen ganz besonderen Dolch gegeben, der die R�stung Aarons durchdringen konnte. Nun war Muwatta tot. Hingerichtet durch I�ta, deren G�nstling er so lange gewesen war. Aber �nderte das etwas daran, dass er Muwattas Auftrag angenommen hatte?</p><p>Ilmari hatte es geschafft, Aarons Vertrauen zu gewinnen. Er w�rde vorgelassen werden, wenn er eine Audienz verlangte. Er w�rde zweifellos nahe genug an Aaron herankommen, um den Dolch zu benutzen. Nur, dass er ihn leider nicht mehr hatte��</p><p>Der Meuchler dachte an den Bauern Narek. Sie beide waren Kameraden gewesen, als sie sich auf der Hochebene von Kush auf die Schlacht gegen Muwattas Heer vorbereitet hatten. Sie hatten zusammen gek�mpft, aus demselben Wasserschlauch getrunken. Narek war der einzige Tote, den er bedauerte. Der Bauer hatte unmittelbar hinter dem Unsterblichen Aaron gestanden und die L�wenstandarte hochgehalten. Narek hatte gesehen, wie er den Dolch zog. Der Bauer hatte erraten, was er hatte tun wollen, und so war ihm nichts anderes �brig geblieben, als ihn zum Schweigen zu bringen. Die erste Gelegenheit, Aaron zu t�ten, war damit verstrichen. Doch er hatte den Tod des Unsterblichen versprochen, und er hielt immer sein Wort.</p><p>Ilmari l�chelte zynisch. Aber zuerst w�rde er Aaron ein Versprechen erf�llen. Der Herrscher Arams wollte wissen, wo die legend�re Wolkenstadt lag. Er, sein M�rder, w�rde es ihm verraten. Er w�rde Pl�ne aller St�dte bringen, Pl�ne von den getarnten Spalten oben in den ausgeh�hlten Tafelbergen. Pl�ne von jedem Weg, der hinein- und wieder hinausf�hrte.</p><p>Seine Arbeit als Totentr�ger war ideal, um die Geheimnisse der sieben St�dte zu ergr�nden. Er hatte die M�glichkeit, alle Wege kennenzulernen und jede Stadt zu bereisen. Er ging ebenso durch die Palasttore der Reichen und M�chtigen wie durch die T�ren der einfachsten H�tten.</p><p>Die St�dte, die Tarkon hier erschaffen hatte, waren Ilmari unheimlich geworden. Vielleicht sah er es klarer, weil er mit den Toten zu tun hatte. Sie waren so bleich�� Und es starben zu viele Kinder. Auf seinem Karren lagen heute sieben Leichen. Sieben! Und f�nf davon waren Kinder, die ihr vierzehntes Jahr nicht erreicht hatten. Dies hier war nicht die bessere Welt, die Tarkon so vollmundig versprach. Ja, es stimmte, es wurden hier, im Gegensatz zu allen anderen St�dten auf Nangog, Kinder geboren. Aber es starben zu viele von ihnen, bevor sie erwachsen wurden. Und das war nicht alles. Es gab auch nur sehr wenige Alte in den sieben St�dten. Etwas hier unten brachte die Menschen um, langsam, schleichend, aber sicher. Man musste sie sich ja nur ansehen. So blass waren sie alle. Als h�tte ihnen etwas in diesen verfluchten Tafelbergen bei lebendigem Leib das Blut aus den Adern gesaugt.</p><p>Ilmari blinzelte. Weit vor sich sah er einen grauen Lichtpunkt. Das Ende des Tunnels. Fast eine Stunde Weg war es noch. Er lie� die Gedanken schweifen. Dachte an das, was er sich aufgebaut hatte. Er hatte weder Frau noch Kinder. Er war auch nicht gerade h�bsch, das wusste er. Eine wie die Seidene w�rde sich nur dann f�r ihn interessieren, wenn er reich oder m�chtig w�re.</p><p>Arm war er nicht. Der Gedanke an all das Gold, das ihm seine Morde und Spitzeldienste eingebracht hatten, lie� ihn schmunzeln. Schon jetzt k�nnte er bis ans Ende seiner Tage als reicher Mann leben. Sein Gold lag in mehreren sicheren Verstecken vergraben. Niemand au�er ihm wusste, wo. Au�erdem besa� er noch sein �ber Jahre aufgebautes Spitzelnetz in der Goldenen Stadt. Es gab keinen Statthalterpalast und keinen Tempel, in dem er nicht Spione hatte. Allerdings wollte so ein Netz gepflegt sein. Er war die Spinne, die inmitten dieses Gespinstes gesessen hatte. Und so wie eine Spinne ihr Netz t�glich pflegte, hatte auch er unendlich viel Arbeit in seine Verbindungen gesteckt. Hatte F�den erneuert, die abgerissen waren, hatte Unrat und Leichen entfernt, damit niemand auf das aufmerksam wurde, was verborgen gewesen war. Er war eine gute Spinne gewesen. Doch jetzt war er zu lange fort. Mehr als drei Monde inzwischen. Sein Netz war gewiss in einem erb�rmlichen Zustand.</p><p>Dieser Auftrag in den sieben St�dten musste ihm genug einbringen, dass er sich endg�ltig zur�ckziehen konnte. In eine der sch�nen K�stenst�dte Luwiens vielleicht. Dort lie� es sich gut leben.</p><p>Er schloss die Augen und schritt weiter. Einfach nur voran. Besser nicht zur�cksehen. So hatte er es immer gehalten. Was hinter ihm lag, war nichts, worauf er stolz sein konnte. Es war die Zukunft, f�r die er lebte. Sie war nur ein weit entferntes, blassgraues Licht wie das Ende des Tunnels. Doch nichts w�rde ihn auf seinem Weg dorthin aufhalten.</p><p>Unverdrossen setzte er seine Schritte und versuchte, nicht an die toten Kinder auf seinem Karren zu denken. Es gab ja auch die anderen, die Kinder, die lebten und deren Lachen die verborgenen St�dte des Himmelspiraten so unendlich viel sch�ner machte als alle anderen St�dte Nangogs. Und wenn es ihnen hier unten gelang, ihren Frieden mit der Gro�en G�ttin zu machen, m�ssten die Devanthar doch nur die Riesin Nangog t�ten und alle ihre Bannfl�che brechen? Dann w�re es �berall so wunderbar wie hier in den sieben St�dten Tarkons. Wahrscheinlicher w�rde das geschehen, dachte Ilmari. Wie man wohl eine G�ttin t�tete? Mit einer verwunschenen Waffe, wie Muwatta ihm eine gegeben hatte, um den Unsterblichen Aaron zu ermorden?</p><p>Wieder tauchte Narek vor Ilmaris innerem Auge auf. Der Dolch war durch den Bronzepanzer des Bauern geschnitten, als w�re dieser nichts als zarte Seide. �berraschung und Entt�uschung hatten in den Augen Nareks gelegen. Der Bauer hatte ihm vertraut. Hatte sich ganz fest darauf verlassen, dass sie beide f�r dieselbe Sache k�mpften.</p><p>Ilmari schob die Erinnerung von sich. Fast hatte er das Ende des Tunnels erreicht. Er h�rte Gongschl�ge. F�nf in schneller Folge. Das hie�, dass alle Bewohner der Stadt zum Marktplatz kommen sollten. Er �ffnete seine Augen, legte einen Schritt zu, stemmte sich in das Geschirr des Wagens und erreichte bald das Ende des Tunnels. Von nun an ging es zwischen Terrassenfeldern nur noch bergab.</p><p>Von �berall her str�mten die Menschen zusammen. Die Bauern lie�en die Arbeit auf den Feldern liegen. Die Handwerker legten ihre Werkzeuge beiseite. Um ihn jedoch machten sie alle einen weiten Bogen. Mit dem Totentr�ger oder sonst jemandem aus dem Totenhaus mochte niemand etwas zu tun haben. Ilmari lie� den Karren in der M�ndung eines Feldwegs zur�ck. Dann stieg auch er zum Marktplatz von Tiefwasser hinab.</p><p>Der Erste H�ter des Lichtes stand bereits in seiner marmornen Kanzel hoch �ber der Menge. Er hatte den Augenblick gut abgepasst. Eine S�ule aus Sonnenlicht fiel von der weiten H�hlendecke direkt auf den Marktplatz. Die goldene Schmucktafel, die er vor seine Brust gebunden trug, schillerte hell im Licht. Sie war mit Edelsteinen in allen Farben des Regenbogens besetzt.</p><p>Ein �beraus eindrucksvoller Glatzkopf, dachte Ilmari distanziert. Er hatte schon zu viele Priester ergreifende Reden halten h�ren, um schnell beeindruckt zu sein. Verglichen mit dem Pomp, den die Luwier zur Nacht der Heiligen Hochzeit in Isatami betrieben, war das hier ein l�cherlicher Jahrmarktszirkus.</p><p>�Freunde!�, rief der Erste H�ter des Lichtes. �Tarkon Eisenzunge schickt mich, um euch allen f�r die Gastfreundschaft zu danken, die ihr ihm gew�hrt habt. Und als besonderer Ausdruck seines Dankes werden f�nf von euch zur Sonne aufsteigen.�</p><p>Ein Raunen ging durch die Menge. Neben Ilmari fiel eine hagere Frau ihrem Mann um den Hals und schluchzte gl�cklich. Sie beide hatten schmutzverkrustete Beine und kamen offensichtlich gerade von den Reisfeldern.</p><p>�Priester! Schafft die Scherben heran!�, befahl der Erste H�ter des Lichtes mit Donnerstimme.</p><p>Sofort erschienen hinter der Kanzel einige wei� gewandete Gestalten. Auch sie hatten ihre Augen schwarz umrandet, so wie Urs es gerne tat. Ihre K�pfe waren kahl geschoren und mit Farbtupfern in den Regenbogenfarben bedeckt. Sie sch�tteten K�rbe voller Scherben auf das Pflaster unterhalb der Kanzel.</p><p>�Br�der und Schwestern, holt eure Lose. Schreibt eure Namen darauf oder macht euer Zeichen. Und denkt auch an jene, die nicht schreiben k�nnen. Helft einander!�</p><p>Ilmari war �berrascht, wie ruhig und diszipliniert alles verlief. Diejenigen, deren Namen gezogen wurden, w�rden schon bald von den H�tern des Lichtes geholt, um eine Reise auf einem Wolkenschiff anzutreten. Sie w�rden direkt unter dem Licht des Himmels reisen und gutes, frisches Essen bekommen. Sie w�rden das H�hlenwei� ihrer Haut ablegen und ges�nder und kr�ftiger wiederkehren.</p><p>Obwohl er keinen Wert auf eine solche Reise legte, reihte auch er sich ein, um eine der Scherben zu nehmen. Sie war leicht gew�lbt und r�tlich braun. Vermutlich stammte sie von einer zerbrochenen Amphore f�r Wein oder Oliven�l. Neugierig schnupperte Ilmari daran. Kein Geruch verriet, wozu das Gef�� einmal gedient haben mochte.</p><p>�berall auf dem Platz kauerten die B�rger nieder. Kinder tuschelten mit ihren Eltern. Scharfe Kratzger�usche qu�lten seine Ohren. Mit Bronzen�geln, kleinen Messern und Steinen ritzten sie krakelige Buchstaben in die Scherben. Ilmari wog seine Scherbe in der Hand. Sie f�llte fast seinen ganzen Handteller aus. Er wollte auf keines der Schiffe. Es hatte lange gedauert, den rechten Platz zu finden, um seine Mission erf�llen zu k�nnen. Er w�re ein Narr, w�rde er freiwillig dem Schicksal Gelegenheit geben, alles durcheinanderzubringen.</p><p>Zwischen den Kauernden entdeckte er die beiden Reisbauern, neben denen er eben gestanden hatte. �Wie hei�t du?�</p><p>Die beiden sahen ihn fragend an.</p><p>Ilmari deutete auf die blasse, ausgezehrte Frau. �Du, wie hei�t du?�</p><p>�Roona�, antwortete sie sehr leise mit einem �ngstlichen Blick zu ihrem Mann.</p><p>�Sch�ner Name.� Der Totentr�ger zog sein Messer. �Wird es mit zwei O geschrieben?�</p><p>�Was tust du?� Der Bauer sprang auf.</p><p>�Ich verbessere die Aussichten deiner Frau, auch den n�chsten Winter noch zu erleben.�</p><p>Beide schlugen das Zeichen des sch�tzenden Horns. �Du���, begann der Bauer. Er war nicht wirklich kr�ftiger gebaut als seine Frau. Die endlose Plackerei in den gefluteten Feldern hatte ihn gezeichnet. Seine Fu�kn�chel waren geschwollen. Dicke Adern liefen �ber seine nackten schlammverschmierten F��e.</p><p>�Du betr�gst die G�ttin.� Roona legte eine Hand auf die Scherbe, in die Ilmari bereits ein R geritzt hatte. �Ich vertraue auf die Gro�e G�ttin. Wenn es ihr Wille ist, dass ich zur Sonne aufsteige, dann wird es geschehen. Und wenn sie es nicht will��� Sie sch�ttelte den Kopf. �Bitte rufe ihren Zorn nicht auf meine Familie herab. Ich habe zwei Kinder. Sie brauchen uns.�</p><p>Er sah ihr in die tief eingesunkenen Augen. Sie unterschieden sich kaum von denen der Toten, die er holen ging. �Du musst es wissen�, entgegnete er und lie� die Scherbe fallen. Ihr bedingungsloses Vertrauen in die G�ttin �berraschte ihn.</p><p>�Wie kannst du meine Frau���, grollte der Reisbauer und machte einen Schritt auf Ilmari zu.</p><p>�Lass ihn!� Roona schob sich zwischen sie beide. �Er ist der Totentr�ger�, sagte sie, als w�rde das alles erkl�ren.</p><p>Die anderen rings herum sahen schon von ihren Scherben auf. Ilmari konnte ihre hohlen Augen nicht mehr ertragen. Jeder von ihnen h�tte hinauf in die Sonne gemusst! Mit eiligen Schritten verlie� er den Marktplatz. Der Erste H�ter des Lichtes rief ihm etwas nach. Er verstand es nicht. Fort von hier, war sein einziger Gedanke. Es war besser, bei den wirklichen Toten zu verweilen als unter diesen lebenden Toten. Urs und die Leichenw�scherin hatten wohl l�ngst �hnlich entschieden. Beide hatte er nicht auf dem Platz gesehen.</p><p>In einer Hast, die mit der W�rde seines Amtes nicht zu vereinbaren war, zog er den Leichenkarren bis zum Haus der Toten.</p><p>Urs schien das Klappern der R�der auf dem Pflaster geh�rt zu haben. Er stand mit verschr�nkten Armen am Eingang. �Kein guter Tag?�</p><p>Ilmari wusste nicht, was er dazu sagen sollte. Er brachte sieben Tote.</p><p>Als er nicht antwortete, umrundete der Fettwanst den Karren und betrachtete die Leichen. Einige dr�ckte er ein wenig. �Ziemlich frisch��� Er sah zu Ilmari. �Ich lobe mir deine Eile. Du machst deine Arbeit gut.� Er zog einen Knaben, der h�chstens sechs war, aus dem Gew�hl der nackten Leiber hervor. �Den nehm ich.� Er l�chelte. �Die Schweren �berlasse ich den st�rkeren Armen. Bring sie hinunter in die Tr�ge ohne Kreidezeichen. Ich k�mmere mich dann sp�ter um sie. Du solltest etwas schlafen, Junge. Du siehst aus, als k�nntest du es gebrauchen.�</p><p>Ilmari griff nach den Armen einer Frau in mittleren Jahren. Mit sanfter Kraft zog er sie in eine aufrecht sitzende Position. Mindestens sie war nicht mehr so frisch. Die Zeit, in der sie als Tote so steif wie Holz gewesen war, war bereits vor�ber. Er drehte sich, nahm die kalten Arme vor die Brust und zog sich die Leiche auf den R�cken. Sein Blick fiel auf einen kleinen, silbernen Ring an ihrer Linken. Sie war wohl nicht arm gewesen. Wie eine Schlange wand sich das Schmuckst�ck in Spiralen um ihren Mittelfinger.</p><p>Ilmari streckte sich. Die Arme der Frau knackten. Er sp�rte, wie sie auf seinem R�cken tiefer sackte und mit einem Mal einen R�lpser ausstie�. Ein bestialischer Gestank zog Ilmari am Gesicht vorbei. Er hielt den Atem an.</p><p>Urs lachte auf. �Manchmal r�lpsen und furzen sie noch wie die Lebenden.�</p><p>�Schlimmer�, murmelte Ilmari halblaut und trat ins Totenhaus. Ungeduldig, seine letzte Arbeit zu erledigen, eilte er auf den dunklen Treppenschacht in der Mitte des Mosaiks zu.</p><p>Am Fu� der Wendeltreppe angekommen, suchte er nach einem Trog ohne Markierungen und versenkte die Leiche im schwarzen Schlamm.</p><p>�Achte darauf, dass nichts herausschaut�, ermahnte ihn Urs, der ihm erstaunlich beh�nde gefolgt war. Er stand mit dem Knaben im Arm auf der letzten Stufe und beobachtete ihn kritisch.</p><p>�Warum legen wir sie eigentlich in den Schlamm?�</p><p>�Er verhindert, dass sie verfaulen�, erkl�rte der Herr des Totenhauses in g�nnerhaftem Tonfall. �Allerdings muss man aufpassen. Wenn sie zu lange drinnen bleiben, wird ihre Haut dunkel. F�r ein paar Tage sind sie da gut aufgehoben. L�nger als zwei Wochen sollten sie allerdings nicht in den Tr�gen bleiben. Du siehst, ich brauche einen flei�igen Totentr�ger. Also halt dich ran. Den alten Kerl oben, den bringst du gleich zur W�scherin. Wenn sie mit dem fertig ist, dann n�hst du ihn ein und bringst ihn noch fort, bevor du dich schlafen legst. Die Kinder kommen in den Schlamm. Und nun hurtig, mein Junge.�</p><p>�Warum lagern wir die Toten? Wir k�nnten sie doch alle am selben Tag in den Schlund werfen���</p><p>�Schweig!�, fuhr ihn Urs an und schlug das sch�tzende Horn. �Sprich nicht davon. Das bringt Ungl�ck. Wenn wir den Schlund mit zu vielen Toten f�ttern, wird er gierig. Dann sterben noch mehr in den St�dten.�</p><p>Ilmari traute seinen Ohren nicht. Glaubte Urs das wirklich?</p><p>�Glotz nicht so! Du bist hier nur der Totentr�ger. F�r mehr reicht dein Verstand nicht. Und jetzt mach dich wieder an die Arbeit!�</p><p>Verdammter Sklaventreiber, dachte Ilmari und stieg wieder hinauf zum Karren. Der Alte, der dort lag, war wohl schon etwas l�nger tot. Ein �bler Geruch stieg von ihm auf. Fliegen tummelten sich in seinen Nasenl�chern und in dem weit offen klaffenden Mund.</p><p>Ilmari wuchtete ihn sich auf die Schulter und machte sich auf den Weg zur W�scherin. Sie war eine kleine, zierliche Frau mit gro�en, braunen Augen. Sooft Ilmari ihr auch begegnete, sie sprach nie ein Wort. Heute hatte er sie noch nicht zu sehen bekommen.</p><p>Er legte den Toten auf einen der Steinquader nahe der Treppe und machte sich auf die Suche nach ihr. Mit einer �llampe in der Hand trat er durch jenes Portal, hinter dem er immer wieder das Ger�usch von Wasser geh�rt hatte. Dort lag eine Kammer mit einem gro�en Becken.</p><p>Er fand sie in einer Wandnische verborgen auf einem Haufen Leichent�cher schlafend. Behutsam ber�hrte er sie an der Schulter. Sie fuhr sofort auf. Schrecken lag in ihrem Blick. Dann erkannte sie ihn.</p><p>Sie stie� einen langen Seufzer aus und rieb sich die Augen.</p><p>�Arbeit!� Er deutete auf den Toten neben dem Becken.</p><p>Sie nickte. Pl�tzlich wirkte sie unruhig und zupfte an ihrem dunkelblauen Kleid. Hatte sie Sorge, dass er darunter geschaut hatte?</p><p>Als sie aufstand, knackte ihr R�cken. Sie wand ihre Haare hoch und steckte einen langstieligen L�ffel hindurch, um ihnen Halt zu geben. Den seltsamen L�ffel trug sie immer bei sich.</p><p>�Brauchst du Hilfe?�</p><p>Sie sch�ttelte den Kopf.</p><p>Dann eben nicht, dachte sich Ilmari. Er w�rde sich nicht anbiedern. Sie verhielt sich eigenartig. Stets blieb sie zur�ckgezogen. Sie beharrte sogar darauf, ihr eigenes Essen zuzubereiten, obwohl Urs ein erstaunlich guter Koch war und sie bei ihnen oben in der K�che h�tte essen k�nnen.</p><p>Ilmari sah ihr zu, wie sie den Alten in das flache, in den Boden eingelassene Becken zog. Sie kniete sich �ber ihn. Ihr blaues Kleid wogte im Wasser. Nass, wie es war, zeichneten sich �berdeutlich ihre Schenkel ab. Sie wandte ihm den R�cken zu. Absichtlich?</p><p>Ilmari wurde es warm. Er griff sich eines der Leichent�cher, auf denen sie geschlafen hatte. Es duftete nach dem Zimt, mit dem sie gegen den Geruch der Toten ank�mpfte. Leise verlie� er den Raum, ohne sich noch einmal nach ihr umzusehen. Er w�rde seine Totenkammer f�r den alten Mann vorbereiten, damit er gleich m�glichst schnell alles hinter sich brachte. Lag das Tuch auf dem gro�en Steinblock ausgebreitet und war die Bronzenadel griffbereit, dauerte es nur ein paar Augenblicke, um eine Leiche einzun�hen.</p><p>Mit einem Schwung breitete er das Tuch aus. Er blickte in die Wandnische mit den Schminkt�pfen. Manchmal, wenn Verwandte kamen, um Abschied zu nehmen, bem�hten sie sich, die Toten gut aussehen zu lassen. Oft kam das allerdings nicht vor. Sie r�teten die Wangen ein wenig und auch die Lippen. Und sie �bert�nchten alle �blen Ger�che mit Rosen�l.</p><p>Ilmari sah nur die Rolle mit Garn vor den Schminkt�pfen aufragen. Die gro�e Bronzenadel fehlte. �Urs�, brummte er �rgerlich. Der Herr des Totenhauses borgte sich regelm��ig seine Nadel aus, wenn er die eigene wieder einmal irgendwo verschlampt hatte.</p><p>Als er die Kammer betrat, in die Urs mit dem Knaben getreten war, wandte ihm der Herr der Toten den R�cken zu. Diese weite, wei�e, fleischige Fl�che versperrte fast vollst�ndig den Blick auf den gro�en Steinquader. Ilmari sah nur die zuckenden F��e des Kindes.</p><p>Was tat Urs da? Der Herr der Toten stie� ein zufriedenes, leises Grunzen aus. Er schien ihn nicht geh�rt zu haben. Ilmari hatte sich nicht absichtlich angeschlichen. Sich leise zu bewegen war ihm nach all den Jahren als Meuchler zur Natur geworden.</p><p>Er trat zur Seite, sodass sich der Blickwinkel auf den Steinblock verschob. Urs hatte den Knaben aufgeschnitten. Seine Hand steckte bis �ber das Gelenk im Leib des Knaben. Er zerrte an etwas, wodurch der zerbrechliche K�rper zuckte. Dann glitt die Hand aus der Wunde. Sie hielt etwas Dunkles, fast Schwarzes. Die Leber des Jungen.</p><p>�Hab ich dich endlich�, murmelte Urs, als ihm pl�tzlich bewusst zu werden schien, dass ihn jemand beobachtete. Sein Kopf ruckte zur Seite, und ihrer beider Augen fanden sich.</p></section><section><title><p>Der Koch</p></title><p>�Was?�, fragte ihn der Herr der Toten so herausfordernd, als w�re er es, der ein Sakrileg begangen hatte. �Ist das so schwer zu verstehen? Wir werden diesen Jungen wegwerfen. Du wirst ihn in einen Abgrund st�rzen. Und wo immer er landet, werden ihn Fische oder W�rmer verspeisen. Bin ich weniger wert als ein Fisch oder ein Wurm?�</p><p>Ilmari starrte ihn nur an. Er vermochte den Blick nicht von der Leber in Urs� Hand zu wenden.</p><p>�Wei�t du, wie es ist, alt zu werden? Wenn alle Z�hne locker im Maul sitzen und du dich morgens kaum erheben kannst, weil all deine Gelenke steif sind? Mein Leben ist kein Kinderspiel. Ich kann kein Fleisch mehr essen. Es geht nur noch Suppe und weich gekochtes Gem�se. Und bevor du dich moralisch �ber mich erhebst. Auch du hast von meinen Suppen gegessen, mein Junge.� Er hob die Leber. �Du wei�t, wie das hier schmeckt. Du hast sogar meine Kochk�nste gelobt.�</p><p>Ilmari wurde �bel. Das konnte doch nicht sein��</p><p>�Du wei�t nicht, wie es hier unten ist. Du bist ja erst ein paar Wochen hier. Dem Reis, dem bisschen Gem�se und den Pilzen, die wir unter alles mischen, fehlt das Sonnenlicht genauso, wie es uns fehlt. Hast du einmal die Schweinezuchten hier unten gesehen? Sogar die Schweine sind wei�! Alles hier ist kr�nklich. Wir sind frei, ja. Und unsere Frauen k�nnen Kinder bekommen. Aber wir bezahlen daf�r. Jeden verdammten Tag. Die meisten unserer Kinder werden nicht erwachsen. Die Erwachsenen werden nicht alt. Wie viele Dicke hast du hier gesehen? Dick wird hier nur, wer an besseres Essen kommt. Und ich bestehle niemanden. Ich nehme nur, was ohnehin weggeworfen wird.�</p><p>�Du h�ttest mir sagen m�ssen, was du ins Essen getan hast.� Es kostete Ilmari M�he, �berhaupt ein Wort �ber die Lippen zu bekommen. Er konnte es immer noch nicht fassen. Urs hatte ihm Leichenfleisch zu essen gegeben!</p><p>�Es macht uns stark. Du wei�t, wie anstrengend unsere Arbeit ist.� Er nahm die Leber des Knaben und biss ein St�ck heraus. �Das hier ist der Schl�ssel zum Leben�, sagte er kauend, und dunkles Sekret troff dabei von seinen Lippen.</p><p>Das war zu viel. Ilmari st�rmte vor.</p><p>Urs versuchte, ihm auszuweichen. Er bekam das Messer zu packen, das auf dem Steinblock neben dem Knaben lag. �Tu nichts, was dir leidtun k�nnte. Du��� Er begann zu husten. Leberfetzen und Blut spr�hten aus seinem Mund und trafen Ilmari ins Gesicht.</p><p>Urs taumelte zur�ck. Er lie� die Leber fallen und griff sich an die Kehle. Seine Linke hielt er immer noch ausgestreckt und bedrohte Ilmari mit dem Messer. Aber die Hand, die die Waffe hielt, zitterte. Die Augen des Herrn der Toten traten hervor. Sein Gesicht wurde rot. Er hustete, w�rgte. Dann ging er in die Knie.</p><p>Ilmari sah einfach nur zu. Es bereitete ihm Genugtuung, dass dieses Ungeheuer letztlich durch den kleinen Jungen sterben w�rde, den er gesch�ndet hatte. Er dachte daran, wie er Urs in ein Leichentuch schlagen und ihm zuletzt die gro�e Nadel durch die fette Nase stechen w�rde.</p><p>Der Dicke w�rgte und w�rgte. Pl�tzlich wurde es still. Vor Urs lag ein blutiger Klumpen auf dem Boden. Er tat einen tiefen, gierigen Atemzug. Dann hob er den Kopf. �Du h�ttest mir einfach zugesehen�, stie� er keuchend hervor und stemmte sich hoch. �H�ttest mich einfach verrecken lassen. Mich, deinen Wohlt�ter! Mich, der ich dich hier aufgenommen habe. Den ich an meinem Tisch habe sitzen lassen. Du wirst gehen, Ilmari. Aber nicht auf deinen F��en. Ich selbst werde dich im Wei�en Schlund versenken!�</p><p>�Du machst einen Fehler.� Ilmari betrachtete ihn ruhig. Urs bewegte sich schwerf�llig. Er war Rechtsh�nder. Unwahrscheinlich, dass er es schaffte, ihn zu �berraschen.</p><p>�Ich bin gr��er als du, ich wiege mehr als das Doppelte, und ich habe ein Messer. Ich kann nicht sehen, welchen Fehler ich mache. Dich hier hereinzulassen und dir zu vertrauen, das war mein einziger Fehler.�</p><p>Er war nur noch zwei Schritt entfernt. Ilmari bewegte sich mit einer Drehung links an ihm vorbei. Das Messer schnitt ins Leere. Schnaufend fuhr Urs herum.</p><p>Der Meuchler wiegte den Oberk�rper zur Seite. Die Klinge stie� an ihm vorbei. Urs machte einen Versuch, ihn mit seinem schwitzenden Leib zu Boden zu sto�en. Ein schneller Schritt nach hinten brachte Ilmari au�er Reichweite. Er war sich nicht sicher, was er tun sollte. Urs zu entwaffnen und ihm die eigene Klinge in den Bauch zu rammen sollte nicht zu schwer sein. Aber dann�� Was w�rde geschehen, wenn er der M�rder des Herrn der Toten war? W�rde es irgendjemanden interessieren, was Urs getan hatte? Wohl eher nicht. Er sollte seinen Frieden mit dem Dicken machen! �Wollen wir nicht doch reden?�</p><p>Urs fluchte und st�rmte wie ein wilder Stier auf ihn zu.</p><p>Wieder t�nzelte der Meuchler zur Seite. Dieses Spiel k�nnten sie treiben, bis Urs schnaufend am Boden lag. Ein wild nach seiner Kehle gef�hrter Hieb war erneut keine Herausforderung. Ilmari ging in die Knie, und das Bronzemesser schnitt zehn Zoll �ber ihm durch die Luft.</p><p>Urs atmete schwer. �Halt still!�, stie� er prustend hervor. �K�mpfe wie ein Mann!�</p><p>Der Meuchler entschied sich, den gro�en Steinblock zwischen sich und Urs zu bringen.</p><p>Der Dicke st�hnte, setzte ihm nach, doch es war f�r Ilmari ein Leichtes, immer eine Tischweite Abstand zwischen ihnen zu halten.</p><p>�Du kommst hier nicht heraus�, schnaufte Urs. Inzwischen floss ihm der Schwei� in Str�men �ber das Gesicht.</p><p>Diese Behauptung reizte Ilmari. Er t�uschte an, nach links zu wollen, um dann nach rechts in Richtung T�r zu laufen. Doch dieses Mal fiel Urs nicht auf die Finte herein. Er machte einen Satz in Richtung der T�r. Er w�rde vor ihm dort sein!</p><p>�Hab ich dich!�, rief der Dicke triumphierend und riss dann die Arme hoch. Wie von einer Riesenfaust getroffen, st�rzte er nach hinten. Etwas Dunkles flog auf. Er war auf das St�ck Leber getreten, das er wieder hervorgew�rgt hatte. Mit Wucht schlug sein Hinterkopf auf eine Kante des Steinblocks. Ilmari glaubte, ein Knacken zu h�ren. Dann lag der Herr der Toten still am Boden, alle viere von sich gestreckt.</p><p>Eine Bewegung bei der T�r lie� den Meuchler herumfahren. Dort stand die Totenw�scherin. Sie nickte ihm zu. Das Ableben von Urs schien sie nicht traurig zu machen. Sie kam herein, kniete neben dem Dicken nieder und legte ihre schmale Hand auf seine Brust, als wollte sie seinen Herzschlag f�hlen.</p><p>Ilmari �berlegte, was er tun sollte. Sie auch t�ten? Wie konnte er den Tod des Herrn in diesem Hause erkl�ren? Urs hatte behauptet, dass er fr�her einmal zu den H�tern des Lichts geh�rt hatte. Musste man ein Priester sein, um dieses Amt auszu�ben? Und was w�rden die anderen Priester nun tun? Oder hatte Urs nur angegeben? Hatte er �berhaupt Freunde?</p><p>Fragen �ber Fragen. �blicherweise bereitete Ilmari seine Morde sehr gr�ndlich vor. Er studierte seine Opfer, wusste alles �ber sie, ihre Gewohnheiten, ihre Lieblingsgerichte, ob sie zu Huren gingen oder pr�de waren. Zu improvisieren hasste er. Eine Sache, die man ohne Plan anging, f�hrte selten zu etwas Gutem.</p><p>Die W�scherin holte einen Krug aus einer Ecke der Kammer und sch�ttete Urs eine klare Fl�ssigkeit in den Mund. Branntwein! Dann deutete sie hinaus zur Wendeltreppe.</p><p>�Er hat getrunken und ist gest�rzt?�</p><p>Statt zu antworten, l�chelte sie. Gemeinsam zogen sie den Leichnam zum Fu� der Treppe. Ilmari �bernahm es, ihn so hinzulegen, dass es aussah, als w�re er in betrunkenem Zustand �ber seine eigenen F��e gestolpert.</p><p>Die W�scherin deutete nach oben. Dann machte sie eine Geste, als w�rde sie einen Karren ziehen.</p><p>�Du meinst, es ist besser, wenn ich nicht hier bin, wenn man ihn findet.� Er z�gerte. Damit gab er alle Kontrolle auf. Aber sie wirkte zum ersten Mal, seit er sie kannte, selbstsicher. Da war ein Ausdruck in ihren braunen Augen�� Sie wusste, was sie tat! Es war besser, wenn nur sie loszog, um, wem auch immer, verst�ndlich zu machen, dass Urs etwas zugesto�en war.</p><p>Sie deutete mit dem Zeigefinger auf ihre Brust, dann legte sie ihn an die Lippen. Ein Versprechen zu schweigen��</p><p>Pl�tzlich nahm sie seinen linken Arm, stellte sich auf die Zehenspitzen und k�sste ihn auf die Wange. Als er etwas sagen wollte, �ffnete sie den Mund. Ihr war die Zunge herausgeschnitten worden. Nur ein Stummel weit hinten im Rachen war �brig geblieben.</p><p>�Wer hat das getan?�</p><p>Sie deutete auf Urs. Und dann machte sie eine Bewegung mit den Kiefern, als kaute sie etwas.</p><p>�Er hat deine Zunge gegessen?�</p><p>Sie nickte.</p><p>Ilmari wurde �bel. Eilig stieg er die Treppe hinauf. Er wollte fort aus der Stadt. Zur�ck in die Einsamkeit der endlosen Tunnel. Zur�ck zu den langen M�rschen, auf denen Tote seine einzige Begleitung waren und der Wahnsinn der lebenden Menschen nach einer Weile nur noch wie ein b�ser Traum erschien. Er w�rde diese St�dte vernichten, schwor er sich. Hier sollten keine Menschen leben. Die Gro�e G�ttin spielte nur mit ihnen. Sie besch�tzte sie nicht!</p></section><section><title><p>Von Tr�umen und Herzen</p></title><p><emphasis>Sie fliegen nicht mehr mit dem Wind, Dame Bidayn?</emphasis></p><p>Der Goldene sp�rte, dass sie die Wahrheit sagte, und doch�� Diese Nachricht war unglaublich. Es w�rde alles auf Nangog ver�ndern. Die Menschen w�rden sich den Himmel erobern. Solange die Wolkensammler einfach nur mit dem Wind schweben konnten, waren sie f�r Drachen leichte Beute. Darauf durften sie dann nicht mehr hoffen.</p><p><emphasis>Und wo ist dieses Traumeis, edle Dame? Habt Ihr es gesehen?</emphasis> Seine Stimme war in ihren Gedanken, und er war versucht, tiefer nach ihren Erinnerungen zu greifen. Doch das w�re unh�flich. Sie w�rde es sp�ren, und er wollte sie nicht ver�rgern. Sie hatte Einsatz gezeigt und sich verdient gemacht, ja, sie war �ber seine Erwartungen hinausgewachsen. Das geschah selten.</p><p>�Nein, der Unsterbliche Volodi und sein Gast haben nur dar�ber gesprochen. Wenn ich es recht verstanden habe, hat der Besucher es irgendwo versteckt. Ich konnte aber nicht das ganze Gespr�ch belauschen, mein Gebieter.�</p><p>Er blickte auf sie herab. Sie hatte ihren urspr�nglichen Auftrag nicht erf�llt, und er sp�rte ihre Furcht vor seinem Zorn. Er hatte Drachengestalt. Das allein sch�chterte die meisten Albenkinder schon ein. Doch Bidayn zitterte nicht. Sie hatte den Kopf erhoben und sah ihm geradewegs in die Augen. Sie war bereit, sich seinem Urteil �ber ihre Eigenm�chtigkeit zu unterwerfen, ganz gleich, wie es ausfallen mochte.</p><p><emphasis>Eure Haut, Dame Bidayn��</emphasis> Er fuhr ihr mit einer Kralle �ber den nackten Arm und durchtrennte die altersfleckige Haut, unter der sie ihren Makel verbarg. �bler Verwesungsgestank stieg ihm in die N�stern. Etwas hatte den Zauber gebrochen, mit dem er die Alterung hatte aufhalten wollen. Jetzt verfaulte ihr diese Menschenhaut auf dem Leib. Erstaunlich, dass sie lieber das auf sich nahm, als sich der Welt zu zeigen, wie sie wirklich aussah.</p><p><emphasis>Ihr solltet Euch von dieser Haut trennen, meine Liebe. Sie wird Euch nicht gerecht.</emphasis> Er schnaubte belustigt. <emphasis>Und ich muss gestehen, sie beleidigt meinen Geruchssinn.</emphasis></p><p>Ohne zu z�gern, zog sie ihren Dolch, f�hrte einen Schnitt rings um ihren Unterarm und streifte die Menschenhaut ab, als w�re sie nur ein Stulpenhandschuh. Sie l�ste sich nicht ohne Schmerz. Bidayn versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, aber er sp�rte ihre Pein. Und auch ihre Scham dar�ber, dass er ihre schneewei�e Elfenhaut sah, die unheilbar mit einem Rautenmuster von r�tlichen Narben �berzogen war. Das war der Preis, den sie daf�r gezahlt hatte, als sie zum ersten Mal einen Zauber wirkte, der sich gegen die Ordnung der Welt auflehnte.</p><p>Der Goldene wusste, dass sie trotz der Verst�mmlung erneut diesen Zauber gewagt hatte. Zuletzt erst vor wenigen Stunden w�hrend ihrer Flucht. Sie war au�erordentlich mutig. Fast nichts erinnerte mehr an die �ngstliche Elfe, die sie gewesen war, als sie vor vielen Jahren zum Schwebenden Meister gebracht worden war.</p><p><emphasis>Ihr habt recht daran getan, von der Ermordung des Unsterblichen Volodi</emphasis><emphasis>abzusehen. Wir m�ssen dieses Geheimnis ergr�nden. Das Traumeis darf nicht in die H�nde der Devanthar fallen. Wir m�ssen es finden. Entweder wir rauben es oder wir vernichten es.</emphasis> Er neigte sein Haupt und wob einen Zauber, der ihren Stolz und ihr Gl�cksgef�hl noch mehrte. <emphasis>Morgen um diese Zeit erwarte ich Euch wieder an diesem Ort, Dame Bidayn.</emphasis><emphasis>Nun muss ich meine Br�der rufen.</emphasis></p><p>�Vergebt mir, mein Gebieter, wenn ich in dieser Stunde, in der jeder Augenblick z�hlt, noch ein wenig mehr von Eurer Zeit einfordere.� Sie kniete dem�tig nieder und ber�hrte mit ihrer Stirn den felsigen Boden. �Aber ich habe noch etwas entdeckt, von dem ich mir erhoffe, dass es Eure Gnade sowie das Interesse Eurer Br�der findet.�</p><p>Verwundert betrachtete er sie, wie sie sich wieder aufrichtete und einen kleinen Beutel von ihrem G�rtel l�ste. Sie �ffnete ihn, und noch bevor sie herausholte, was darin verborgen war, sp�rte er eine �berw�ltigende magische Aura. Der Beutel musste mit einer Bleifolie ausgeschlagen sein, dass ihm dieses machtvolle Artefakt bislang verborgen geblieben war. Es war ein gr�ner Kristallsplitter, in dem ein blasses, pulsierendes Licht erstrahlte.</p><p><emphasis>Ihr wisst, was dies ist, Dame Bidayn?</emphasis></p><p>�Ein St�ck vom Herzen Nangogs?�</p><p><emphasis>So ist es. Wo habt Ihr es gefunden?</emphasis></p><p>Er sp�rte ihren Stolz. Vielleicht war dies der wahre Makel an Bidayn. Er sollte ein wachsames Auge darauf haben und ihn beizeiten brechen, bevor aus Stolz �berheblichkeit und Auflehnung wurden.</p><p>�Ich fand dies im Kopf eines der metallenen L�wen, die von den Devanthar erschaffen werden, um die Menschenkinder zu sch�tzen und ihnen den Weg ins Goldene Netz zu �ffnen. Wenn wir Jagd auf diese L�wen machen, werden wir vielleicht langsam die fehlende H�lfte des Herzens zusammensetzen k�nnen? Dann w�re es m�glich, Eure Pl�ne zu vollenden, mein Erhabener, und die Riesin zu erwecken.�</p><p>Ambitioniert, dachte er. Wollte er wirklich, dass die anderen Himmelsschlangen von diesem Geheimnis erfuhren? Er wusste es noch nicht. Er sollte verhindern, dass Bidayn dem Falschen etwas erz�hlte. Er vertraute ihr, aber nicht der Gruppe von Drachenelfen, die sie um sich geschart hatte. Insbesondere nicht Asfahal.</p><p><emphasis>Ihr habt Euch bew�hrt, meine Dame. Ihr habt die Erwartungen, die ich in Euch gesetzt habe, sogar �bertroffen. Es w�re mir eine Ehre, wenn Ihr mir die Gunst erweisen w�rdet, ein wenig Zeit mit mir zu verbringen.</emphasis></p><p>Er sah, wie sich Bidayns Augen weiteten. Er sp�rte, wie sie empfand. Wie sie �berging vor Gl�ck.</p><p><emphasis>Sch�lt Euch aus Eurer falschen Haut, meine Sch�ne. Ich m�chte Euch morgen so sehen, wie Ihr wirklich seid. Es gibt nichts, das Ihr vor mir verbergen m�sstet. Ich werde erst nach Sonnenaufgang zur�ckkehren.</emphasis> Er deutete mit dem Kopf auf den Treppenabgang, der aus dem verdorrten Rosengarten hinab zu dem verfallenen Palast f�hrte, den er einst einige Jahrzehnte lang bewohnt hatte. <emphasis>Dort unten werdet Ihr ein Bad finden, und einige der R�umlichkeiten werden immer noch von meinen Dienern bewohnbar gehalten. Es wird Euch an nichts fehlen, meine Dame. Und�� wundert Euch nicht �ber die Apsara, die im Bad lebt. Anjali ist ein friedfertiges Gesch�pf, auf dem der Fluch liegt, manchmal in die Zukunft sehen zu k�nnen. Sie wird Euch jeden Wunsch von den Lippen ablesen.</emphasis></p><p>Und vielleicht wird sie auch noch tiefer blicken. Anjali besa� die Gabe, manchmal die Zukunft von Albenkindern zu sehen, wenn sie diese ber�hrte. Vielleicht w�sste sie etwas Interessantes �ber Bidayn zu erz�hlen, wenn er zur�ckkehrte.</p><p><emphasis>Nun muss ich Euch leider bitten, Euch zur�ckzuziehen. Ich m�chte einen</emphasis><emphasis>Augenblick allein in Gedanken verbringen, bevor ich mich auf den Weg zu meinen Nestbr�dern mache.</emphasis></p><p>�Ich fiebere unserer erneuten Begegnung entgegen, strahlendes Licht meines Lebens!�, sagte die Elfe ehrerbietig und zog sich zur�ck.</p><p><emphasis>Meine Dame?</emphasis></p><p>Sie hatte schon fast die Treppe erreicht. �Mein Gebieter?�</p><p><emphasis>W�rdet Ihr mir die Gunst erweisen, den Kristall zur�ckzulassen? Ich</emphasis><emphasis>m�chte ihn an einen sicheren Ort bringen. Und behaltet das Geheimnis um Nangogs Herz zun�chst bitte in Eurem Herzen verschlossen.</emphasis></p><p>�Wie Ihr es w�nscht, Allweiser.� Bidayn legte den Kristall auf dem moosbewachsenen, steinernen Gel�nder ab.</p><p>Manchmal schwang in der Ehrerbietigkeit der Drachenelfen ein Unterton von Arroganz mit. Lag es an der altmodisch respektvollen Art der Rede, in der sie einander begegneten, oder trugen sie alle den Keim der Rebellion in sich, der bei Nandalee so groteske Bl�ten getrieben hatte? Der Goldene betrachtete den Kristall und lauschte auf die Schritte der Elfe.</p><p>Ein St�ck des Herzens einer G�ttin. Bidayn hatte es tats�chlich geschafft, ihn bei einer Begegnung zwei Mal zu �berraschen. Wie viele solcher Splitter mussten sie wohl finden, um Nangog zu erwecken?</p><p>Er schloss die Augen und lie� die melancholische Stimmung dieses Ortes auf sich wirken. Als er diesen Palast errichtet hatte, wollte er herausfinden, ob er Liebe f�r eine Frau empfinden konnte. Es war das eine Gef�hl, das ihnen als Himmelsschlangen versagt blieb. Die Alben hatten keine weibliche Himmelsschlange erschaffen. Warum das so war, hatte er nie ergr�nden k�nnen. Wollten sie, dass sie sich asketisch allein ihrer Aufgabe des Schutzes ihrer Welt verschrieben? Hatten die Alben bef�rchtet, dass sie sich fortpflanzen und zu viele werden w�rden?</p><p>Lange hatte er fasziniert beobachtet, wie sich die anderen Albenkinder verhielten, wenn sie verliebt waren. Elfen und Zwerge, Kentauren und Kobolde. Sie alle kannten das Feuer der Liebe, das ein Gesch�pf erstrahlen lassen, aber auch vernichten konnte.</p><p>Er hatte eine Elfe gefunden, deren Sch�nheit selbst unter ihrem Volk hervorstach. Aillean war ihr Name gewesen. An sie zu denken erf�llte ihn selbst jetzt noch, so viele Jahre nach ihrem Tod, mit Wehmut. Er war in Elfengestalt zum Geh�ft ihrer Sippe gereist. Sie waren weder reich noch in irgendwelchen K�nsten bewandert. Aillean war das Sch�nste, das sie bis dahin hervorgebracht hatten. Nat�rlich war sie seinem Charme erlegen. Es war seine Eigenart, dass er die Herzen aller ber�hrte, die in seine N�he kamen. Schnell war er mit den �ltesten �bereingekommen, was der Brautpreis sein w�rde. Er hatte die Sippe zum F�rstengeschlecht von Langollion erhoben, einer Insel im Osten von Alvemer.</p><p>Aillean hatte die Farbe Wei� geliebt. Nie hatte er sie in anderen als wei�en Gew�ndern gesehen. So hatte er ihr einen Palast aus strahlend wei�em Marmor erbaut, in den Bergen nah der K�ste. Und er hatte einen Garten erschaffen, in dem wei�e Rosen aus ganz Albenmark bl�hten.</p><p>Sie hatte ihn von Herzen geliebt. Er hatte nie so tief empfunden wie Aillean. Vielleicht war es ihm nicht gegeben. Vielleicht hatte es auch daran gelegen, dass ihre Verbindung einem Gedanken entsprungen war. Der Suche nach einem Gef�hl, das ihm fehlte. Aus seinem Herzen war es nicht geboren.</p><p>Irgendwann hatte sie es bemerkt, und ihr Gl�ck war verwelkt wie eine Rose, der das Wasser fehlt. Andere Frauen h�tten sich daran berauscht, m�chtig zu sein, die Geliebte einer Himmelsschlange, die ihr jeden Wunsch erf�llte. Doch Aillean hatte nur eines gewollt: So geliebt zu werden, wie sie selbst liebte.</p><p>Eines Morgens hatte er sie hier, an dieser Stelle, an der er nun lag, tot aufgefunden. Sie hatte sich die Pulsadern aufgeschnitten. Ihr wei�es Kleid war rot von ihrem Blut, und auch die wei�en Rosen ringsherum hatten von ihrem Blut getrunken und die Farbe ihres Blutes angenommen. Unwissend musste sie einen Zauber gewoben haben, als sie starb, denn die Rosen blieben rot.</p><p>Er hatte diesen Palast verlassen. Niemand goss mehr die Rosen. Er hatte es den wenigen Kobolden, die zur�ckgeblieben waren, unter Androhung eines schrecklichen Todes verboten. Und doch verdorrten sie nie alle. Ganz gleich zu welcher Jahreszeit er kam, stets bl�hten irgendwo im Dickicht aus Dornenranken zwei oder drei blutrote Rosen.</p><p>Auch Ailleans Sippe hatte den Palast aufgegeben und sich an anderer Stelle niedergelassen. Der Rosenturm, wie die Kobolde die Ruinen nach dem gr��ten Geb�ude benannt hatten, galt von nun an als verfluchter Ort. Die Kobolde erz�hlten sich, dass Elfen hier niemals gl�cklich werden w�rden.</p><p>Der Goldene schmunzelte. Gewiss taten sie das, um die Elfen fernzuhalten und in den Ruinen ihre eigenen Herren zu sein.</p><p>Wenn er in melancholischer Stimmung war, kam er gerne hierher. Er hatte gesp�rt, dass Lyvianne gestorben war. Es war ein schwerer Tod gewesen. Sie hatte lange gek�mpft. Einige Male hatte er sie hierhergebracht. Sie hatten sich im Bad und in den Gem�chern, die erhalten geblieben waren, geliebt. Er hatte sie gemocht. Aber auch sie hatte sein Herz nicht ber�hrt. Das, was sie, die Elfen und die anderen V�lker, Liebe nannten, wollte einfach nicht zu ihm finden.</p><p>Nach dem Tod Ailleans war er zutiefst aufgew�hlt gewesen. Er hatte um sie getrauert. Und er war zornig gewesen, weil sie sich ihm entzogen hatte und so seiner Suche nach der Liebe ein Ende bereitet hatte.</p><p>Der Goldene sah zum Turm hinauf. Ein gro�er Teil der Marmorverkleidung war inzwischen abgebrochen. Darunter lag grauer Granit. Die Mauern w�rden noch viele Jahrhunderte �berstehen. Ein Zeitalter lang hatte sie w�hren sollen, seine Liebe. Und f�r ein Zeitalter hatte er diesen Palast errichtet��</p><p>Es nutzte nichts, dem Vergangenen nachzutrauern. Er weitete die Schwingen und flog nach Westen, dem Festland entgegen. Und er berauschte sich an der Vorstellung, wie m�chtig er werden w�rde, wenn er an das Traumeis gelangte und er sich selbst nach seinen eigenen W�nschen neu erschaffen k�nnte.</p></section><section><title><p>Mit Klauen und Z�hnen</p></title><p><emphasis>Wir wissen nicht, wo es ist,</emphasis> erinnerte der Smaragdfarbene. <emphasis>Es ist m��ig,</emphasis><emphasis>von etwas zu tr�umen, das unerreichbar ist.</emphasis></p><p><emphasis>Aber sollten wir nicht wenigstens versuchen, es zu finden?,</emphasis> begehrte der Goldene auf. Ihm gefiel ganz und gar nicht, wie seine Nachricht aufgenommen worden war.</p><p><emphasis>Schick deine Elfe zur�ck und lass sie die Wahrheit aus dem Unsterblichen Volodi herausschneiden,</emphasis> schlug der Nachtblaue vor.</p><p><emphasis>Ich w�rde ein subtileres Vorgehen��</emphasis></p><p><emphasis>Subtileres Vorgehen?</emphasis> Der Nachtblaue geb�rdete sich, als wollte er dem Smaragdenen an die Kehle gehen. Er war halb aus seiner H�hle gekrochen und bleckte die Z�hne. <emphasis>Wir haben Krieg auf Nangog. Das bedeutet das Ende allen subtilen Vorgehens. Lassen wir sie sp�ren, was es</emphasis><emphasis>hei�t, uns zu Feinden zu haben! Vergie�en wir ihr Blut! Subtiles Vorgehen��</emphasis> Er schnaubte ver�chtlich<emphasis>. Das ist etwas f�r L�mmer!</emphasis></p><p>Der Smaragdene hatte den Kopf eingezogen, um weniger von seiner verwundbaren Kehle preiszugeben<emphasis>. Der Erste, der aufs Schlachtfeld st�rmt, ist nicht zwingend der, der es als Sieger verl�sst.</emphasis></p><p><emphasis>Reden wir lieber �ber den Krieg,</emphasis> mischte sich der Flammende ein. <emphasis>Wir haben die Menschenkinder im ewigen Eis besiegt. Nutzen wir Angst und Entsetzen unter ihnen und verpassen wir ihnen gleich den n�chsten Schlag.</emphasis></p><p><emphasis>Lasst uns erst entscheiden, was wir gegen das Traumeis unternehmen,</emphasis> verlangte Nachtatem. <emphasis>Ich stimme meinem Bruder zu, es darf den Devanthar auf keinen Fall in die H�nde fallen. Eher vernichten wir es.</emphasis></p><p>Der Goldene war �berrascht. Es war lange her, dass er vom Erstgeschl�pften unterst�tzt worden war.</p><p><emphasis>Noch so ein L�mmchen,</emphasis> zischte der Nachtblaue.</p><p><emphasis>Besser ein kluges Lamm als eine hirnlose Echse,</emphasis> konterte Nachtatem herablassend.</p><p>Der Nachtblaue senkte angriffslustig den Kopf. <emphasis>Kommst du mit hinauf in den Himmel �ber den Basaltklippen, L�mmchen?</emphasis></p><p><emphasis>Br�der��,</emphasis> begann der Fr�hlingsbringer beschwichtigend, als ein Flammensto� das weite Rund zwischen den H�hlen f�llte, in denen sie lagen. Der Goldene war einen Herzschlag lang geblendet. Als er wieder klar sehen konnte, stockte ihm der Atem. Nachtatem kauerte auf dem Nachtblauen. Ein Krallenfu� dr�ckte den Kopf des Blauen zu Boden, und die Rei�z�hne des Erstgeschl�pften waren an der Kehle seines Bruders.</p><p><emphasis>Was f�r ein Drache bist du, dass du dich von einem L�mmchen �berrumpeln l�sst?,</emphasis> h�hnte Nachtatem.</p><p>Der Schweif des Blauen peitschte �ber den Steinboden. Er war jedoch klug genug, nicht den Versuch zu unternehmen, gegen Nachtatem anzuk�mpfen.</p><p>Erwartungsvoll sah der Goldene zu seinen Br�dern. Er sp�rte ihre �berraschung, aber au�er dem Flammenden war niemand erz�rnt. Der Smaragdene, der schon oft zur Zielscheibe des Spotts des Nachtblauen geworden war, empfand sogar Genugtuung �ber das Schicksal seines Bruders.</p><p><emphasis>M�chte noch jemand die Klauen des L�mmchens sp�ren?</emphasis></p><p>Der Flammende regte sich, er bl�hte die N�stern, und kurz schien es, als wollte auch er einen Flammsto� tun, aber dann kam er doch nicht aus seiner H�hle hervor. Die weite, unterirdische Halle, auf die neun H�hlen m�ndeten, w�re gro� genug, um noch weitere K�mpfer aufzunehmen.</p><p><emphasis>Was also werden wir wegen des Traumeises tun, Br�der?</emphasis> Nun erschien Nachtatem wieder v�llig beherrscht.</p><p><emphasis>Auch wenn wir uns eigentlich dagegen entschieden hatten, unsere Drachenelfen weiter in die Pal�ste der Menschenkinder zu schicken, w�rde ich vorschlagen, einen Spitzel in die N�he Volodis zu bringen. Jemanden, der die Gabe hat, schnell und unauff�llig das Geheimnis an sich zu bringen.</emphasis></p><p><emphasis>Ich stimme meinem Goldenen Bruder erneut zu,</emphasis> erkl�rte der Dunkle. Seine Stimme war wie Eis in den Gedanken.</p><p>Er war keinen Augenblick in Rage geraten, dachte der Goldene verbl�fft. Was er dem Nachtblauen angetan hatte, war ruhigem Kalk�l entsprungen.</p><p>Nachtatem lie� von seinem Bruder ab und zog sich in seine H�hle zur�ck. Dabei behielt er den Blauen misstrauisch im Blick, als rechnete er jeden Moment mit einem heimt�ckischen Angriff.</p><p>Nach und nach stimmten sie alle zu. Nur der Nachtblaue enthielt sich der Stimme. Auch er war in seine H�hle zur�ckgekrochen, von wo aus er den Erstgeschl�pften hasserf�llt anstarrte.</p><p><emphasis>Ich gebe auch unserem Bruder, dem Flammenden, recht, was die Fortf�hrung des Krieges auf Nangog angeht,</emphasis> wandte sich der Dunkle erneut an sie alle. Seine H�hle war ein Loch undurchdringlicher Finsternis, in der er nun verschwunden war. <emphasis>Greifen wir an! �berrumpeln wir die Menschenkinder. Wir brauchen schnelle Siege. F�r einen langen Krieg sind wir nicht bereit. Greifen wir sie an sieben oder acht Orten zugleich an. Dann werden sie nicht wissen, wohin sie Entsatztruppen schicken sollen.</emphasis></p><p><emphasis>Mir scheint, dies ist auch in unserer Runde deine Strategie. Schnelle</emphasis><emphasis>Angriffe, die alle �berrumpeln,</emphasis> kommentierte der Fr�hlingsspringer spitz.</p><p>Der Goldene war von der Ironie seines lindgr�nen Bruders �berrascht, geh�rte er doch sonst eher zu den Ruhigen und Pragmatischen in ihrer Runde. <emphasis>Ich nehme an, dir schweben auch schon einige Ziele vor?</emphasis></p><p><emphasis>Zumindest bin ich mir sicher, wo wir nicht angreifen sollten. Die Goldene Stadt darf nicht unser Ziel sein. Darauf werden die Devanthar vorbereitet sein.</emphasis></p><p><emphasis>Sind wir �berhaupt vorbereitet?,</emphasis> warf der Rote in die Runde. <emphasis>Welche Truppen sollen wir einsetzen? Unsere Armee ist klein. Wenn wir sie zersplittern, werden wir dann nicht verwundbar? Und wer soll die Truppen f�hren? Wie sollen sie untereinander Verbindung halten? Wie werden die Befehle des Oberkommandierenden sie erreichen, wenn sie an weit voneinander entfernten Orten k�mpfen.</emphasis></p><p><emphasis>Wir d�rfen unsere Feldherren nicht an die Kette legen,</emphasis> entgegnete Nachtatem leidenschaftlich. <emphasis>Dieser Plan kann nur aufgehen, wenn jedes unserer Heere einen eigenen Befehlshaber hat. Wir geben ihm sein Ziel vor, doch es liegt an ihm zu entscheiden, auf welchem Weg er es erreichen</emphasis><emphasis>will. Wir k�nnen nicht zehn Schlachtfelder zugleich unter Kontrolle halten. Versuchen wir es erst gar nicht. Wir legen den Plan fest, und dann</emphasis><emphasis>vertrauen wir denen, die wir auserw�hlen, ihn auszuf�hren.</emphasis></p><p>Schweigen war die Antwort ihrer Br�der.</p><p>Der Goldene war nicht �berzeugt, doch sein Bruder hatte ihn erstaunlicherweise unterst�tzt. Nun wollte er ihn auf die gleiche Art �berraschen. <emphasis>Dieser Krieg ist gr��er als jeder, in den wir zuvor ziehen</emphasis><emphasis>mussten. Wir werden ihn nicht gewinnen, wie wir bisher unsere Schlachten gewonnen haben. Es ist an der Zeit, neue Wege zu gehen. Ich stimme dem Erstgeschl�pften zu. Wagen wir es! Lassen wir die Besten unter den Albenkindern kommandieren. Bedenkt, wie sehr uns Solaiyn �berrascht hat. Finden wir heraus, wie viele weitere gro�e Feldherren darauf warten, sich zu bew�hren.</emphasis></p><p><emphasis>Werden nicht auch wir verwundbar, wenn wir versuchen, so viele Orte zu besetzen?,</emphasis> wandte der Smaragdene ein.</p><p><emphasis>Wir wollen keine einzige Stadt besetzen,</emphasis> entgegnete der Dunkle entschieden. <emphasis>Wir werden nicht die Fehler unserer Gegner begehen. Schlie�lich wollen wir Nangog nicht erobern. Wir wollen die Welt der Riesin befreien.</emphasis></p><p><emphasis>Warum f�hren wir diesen Krieg, wenn wir nichts erobern?</emphasis> Der Flammende wirkte ernsthaft verwirrt. <emphasis>Ich gehe doch auch nicht auf die Jagd, um meine Beute dann nicht zu verschlingen.</emphasis></p><p><emphasis>Die Beute ist zu gro�,</emphasis> sprach der Dunkle, nun sanft. <emphasis>Wenn wir versuchen, sie zu verschlingen, werden wir daran verenden. Wir d�rfen sie nur nicht unseren Feinden �berlassen. Sie w�rden sie verschlingen, ein ganzes Zeitalter lang, und danach w�ren sie so m�chtig, dass wir sie nicht aufhalten k�nnen. Verweigern wir ihnen dies! Die Alben haben uns zu den H�tern ihrer Mark berufen. Wir k�mpfen auf Nangog, um unsere Heimat zu sch�tzen. Nach jeder Schlacht werden wir unsere Truppen sofort zur�ckziehen, damit sie keinem Gegenschlag der Devanthar ausgesetzt sind. Bedenkt, dass die Menschen uns an Zahl weit �bertreffen. Wir d�rfen ihnen nicht gestatten, dass sie diesen Vorteil nutzen. Denn so zahlreich sie auch sind, auch sie haben sich mit Nangog eine Beute einverleibt, die zu gro� f�r sie ist. Sie k�nnen nicht �berall zugleich sein. Verbrennen wir ihre St�dte, zerst�ren wir ihre Handelswege, streuen wir Salz auf ihre Felder, schlachten wir ihre Herden. Wenn es nichts mehr gibt, was sich auszubeuten lohnt, werden sie abziehen.</emphasis></p><p><emphasis>Und an welche St�dte hattest du gedacht?,</emphasis> fragte der Fr�hlingsbringer.</p><p><emphasis>Naga vielleicht. Eine Stadt in der Messergrassteppe. Von dort treiben sie Herden �ber einen Albenpfad zur Goldenen Stadt. Oder Asugar. Das ist ihr gr��ter Flottenst�tzpunkt am Purpurnen Meer.</emphasis></p><p>Der Goldene sp�rte, wie unentschlossen sein Bruder war. Er hatte lediglich geplant, wie sie ihre Schlachten schlagen sollten, doch offensichtlich nicht, wo.</p><p><emphasis>Asugar ist ein Felsen im Meer,</emphasis> gab der Smaragdene zu bedenken. <emphasis>Eine halbe Meile vor der K�ste. Wie sollen wir diesen Hafen angreifen, ohne selbst eine Flotte zu besitzen. Dieser Plan ist zu vermessen!</emphasis></p><p><emphasis>Gerade deshalb werden sich die Menschenkinder dort besonders sicher f�hlen.</emphasis> Der Goldene trat einen Schritt aus seiner H�hle hervor. <emphasis>Es sind Orte wie Asugar, an denen wir sie �berrumpeln k�nnen. Folgen wir dem Wort meines Bruders.</emphasis></p><p><emphasis>Und wen schicken wir dorthin?,</emphasis> fragte der Nachtblaue ver�chtlich. <emphasis>Einen Schwarm Apsaras, die die Menschenkinder mit ihren Prophezeiungen zu Tode quatschen?</emphasis></p><p><emphasis>Jemanden, der gut darin ist, einen Felsen zu erobern. Einen Krieger, der so ber�hmt ist wie kein zweiter in unseren Heeren��</emphasis></p><p>Der Goldene fand mehr und mehr Gefallen an dieser Debatte. Bidayn w�rde ein wenig auf ihn warten m�ssen. Er kannte seine Br�der gut genug, um nicht darauf zu hoffen, dass sie sich an einem einzigen Tag auf zehn Angriffsziele und zehn Heerf�hrer einigen w�rden.</p></section><section><title><p>M�nnergeschichten</p></title><p>Er war nicht gekommen. Bidayn stand am Fenster im Vorraum des Bades und sah hinauf zu dem vertrockneten Rosengarten. Es regnete, und die toten Blumen sahen noch trostloser aus als sonst. Dort w�rde er landen, der Goldene, das hatten alle im Palast gesagt.</p><p>Vorgestern Abend hatte er sein Versprechen gegeben. Was war geschehen? In den guten Momenten sagte sie sich, dass er sich mit seinen Br�dern traf. Sie berieten �ber den Krieg auf Nangog und die Geheimnisse, die sie aufgedeckt hatte. Das konnte dauern�� In d�steren Momenten aber war sie �berzeugt, ihn ver�rgert zu haben. Sie war sich nicht ganz sicher, was sie getan haben mochte, aber wie anma�end w�re es zu glauben, dass sie eine Himmelsschlange verstehen k�nnte.</p><p>�Er wird kommen�, sagte Anjali. Die Apsara trat hinter sie und legte ihr die Hand auf die Schulter. Die Nymphe suchte bei jedem Gespr�ch auch Ber�hrung. Das mochte in ihrem Volk vielleicht so �blich sein, Bidayn war es unangenehm.</p><p>Die Elfe wich ein St�ck vor ihr zur�ck. Anjali war sch�n. Sie hatte gro�e, braune Augen und verf�hrerisch volle Lippen. Sie strahlte eine Sinnlichkeit aus, um die Bidayn sie beneidete. Vor allem, wenn sie auf das Rautenmuster aus Narben auf ihrer Haut sah. Die Haut der Apsara war sehr hell, aber sie hatte sich mit Bandag bemalt, dem braunroten Pflanzensaft, den die Maurawan so gerne benutzten. Ihr Leib war mit kryptischen Symbolen und Bildern von Meerestieren bedeckt. Wenn sie so eine makellose Haut h�tte, w�rde sie sie ganz gewiss nicht mit irgendwelchen Schmierereien verschandeln, ging es Bidayn jedes Mal durch den Kopf, wenn sie Anjali sah.</p><p>�Komm, lass uns zusammen ein Mahl einnehmen. Du hast den ganzen Tag nichts gegessen.�</p><p>Sie war auch noch widerw�rtig freundlich. Bidayn war sich bewusst, dass dies nicht der wirkliche Grund war, warum sie Anjali verabscheute.</p><p>Warum wohl war sie Gast im Palast des Goldenen? Ein ausgesucht sch�nes Albenkind. Zu allem �berfluss trug die Apsara auch noch ein rotes Kleid aus einem Stoff, der so durchscheinend war, dass sie auch gleich nackt herumlaufen k�nnte.</p><p>Die Elfe folgte der Einladung. Gemeinsam gingen sie in eine angrenzende Kammer, in der ein Feuer im Kamin brannte. Es war angenehm warm. Auf silbernen Tellern lagen Obst und K�se, frisches Brot war in ein Tuch eingeschlagen. In einer Kristallkaraffe funkelte tiefroter Wein.</p><p>Lustlos zupfte Bidayn einige Trauben ab und schob sie sich in den Mund. Warum kam er nicht? Bald w�rde es Nacht. Es dr�ngte, eine Entscheidung wegen des Traumeises zu treffen. Wenn er bis morgen Abend nicht kam, w�rde sie dem Geheimnis selbst auf den Grund gehen.</p><p>�Wie hast du ihn kennengelernt?�</p><p>Bidayn bedachte die Apsara mit einem finsteren Blick. Das war nicht ihr Ernst! Glaubte Anjali wirklich, sie w�rde ihr das anvertrauen? �Er kam in meine Schule. Ich las in seinen Augen, dass er mich begehrte. Wir liebten uns schon in der ersten Nacht.�</p><p>�Wirklich!� Die Nymphe sah sie mit offenem Mund an.</p><p>Entweder war sie eine vollendete Schauspielerin oder sie glaubte den Unsinn wirklich, den Bidayn ihr aufgetischt hatte.</p><p>�Ich hatte dich immer f�r�� etwas scheuer gehalten. Du wirkst so��� Sie wand die H�nde.</p><p>�Diese Narben hatte ich nicht immer.� Bidayn zupfte noch einige Trauben ab. Diese d�mliche Nymphe glaubte ihr tats�chlich. Damit schied leider auch aus, dass sie im Palast war, weil der Goldene gerne tiefsch�rfende Gespr�che mit ihr f�hrte. �Das war mein Preis daf�r, einen der silbernen L�wen der Devanthar zerst�rt zu haben.�</p><p>�Du bist eine richtige Kriegerin!�, schw�rmte Anjali. �Ich f�rchte, ich bin das genaue Gegenteil.� Sie kicherte. �Ich habe ihn in der Lotussee gesehen. Er hatte Elfengestalt angenommen und schwamm im Meer. Zwei Tage habe ich ihn vom Wasser aus beobachtet. Dann erschien wie aus dem Nichts ein Hai. Einer von den gro�en Wei�en. Wir nennen sie die Meergeister, denn wer ihnen begegnet, der wird zum Geist. Ich bin der Korallenk�ste entgegengeschwommen, so schnell ich konnte. Dort gibt es eine unterseeische Grotte. Ich konnte mich hineinfl�chten. Aber der Hai blieb vor dem Eingang. Es gibt in der Grotte Luft. Ich habe geschlafen und dachte, er w�re verschwunden, wenn ich aufwachte. Ein Irrtum. Er blieb da. Nach zwei Tagen dachte ich, ich m�sste in der Grotte verdursten. Dann kam er��� Sie schloss die Augen und schwelgte offensichtlich in Erinnerungen.</p><p>Widerlich, dachte Bidayn.</p><p>�Er hat den Hai vertrieben und mich gerettet.� Sie stie� einen schmachtenden Seufzer aus. �Wenn er einen allein ansieht, erstrahlt die ganze Welt in hellerem Licht. Er hat Wasser geholt, weil ich so ersch�pft war. Und dann��� Sie l�chelte versonnen.</p><p>Das durfte nicht wahr sein! Bidayn lief die Galle �ber. Dieses Flittchen war tats�chlich gleich am ersten Tag mit dem Goldenen leidenschaftlich geworden!</p><p>�Wie ich sehe, verstehen sich beide Damen hervorragend. Was f�r eine Freude, sie im vertrauten Gespr�ch zu sehen.�</p><p>Bidayn fuhr herum. Sie hatte den Eindruck, dass es heller wurde im Zimmer, als der Goldene eintrat. Er hatte Elfengestalt angenommen. Sein schmales Gesicht mit den hohen Wangenknochen und den sch�n geschwungenen Brauen versinnbildlichte Macht und Sch�nheit in vollkommener Harmonie. Blondes, leicht gelocktes Haar reichte ihm bis auf die Schultern. In seiner N�he konnte es kein Dunkel geben. Er warf keinen Schatten. Es schien, als w�re er selbst ein Quell von Licht.</p><p>�Mein Gebieter�, hauchte Anjali in schmachtendem Ton.</p><p>Bidayn sah es ihr nach. Sie bemerkte, dass der Drache nur Augen f�r sie hatte. Beklommen dachte sie an die Narben. Ekelte sie ihn an? Es war sein Befehl gewesen, sich zu h�uten.</p><p>Er trat vor sie und k�sste sie sanft auf die Stirn. Ihr Herz wollte ihr vor Gl�ck schier zerspringen.</p><p>�Meine Dame, ich vermag nicht in Worte zu fassen, wie sehr es mich erfreut, Euch endlich wieder in Eurer nat�rlichen Sch�nheit zu sehen.�</p><p>Bidayn r�usperte sich nerv�s vor Aufregung. Auch wenn es nur ein Kompliment gewesen sein sollte, nahm es ihr eine ungeheure Last von der Seele. �Ich danke Euch, Strahlender.�</p><p>Er hob beschwichtigend die H�nde. �Nein, nein. Ich habe keinen Dank verdient.� Nun sah er auch Anjali an. �Ich stehe in Eurer Schuld. Es ist unverzeihlich, zwei so anmutige Damen zu versetzen.� Er pfl�ckte einige Trauben und schob sie sich in den Mund. �Manchmal sind einige meiner Nestbr�der geradezu unertr�glich geschw�tzig. Ihr verm�gt nicht zu ermessen, wie sehr ich mich nach Euch gesehnt habe, meine Sch�nen.�</p><p>Ein warmes, wohliges Gef�hl nistete sich in Bidayns Bauch ein und strahlte von dort in all ihre Glieder. Sie f�hlte sich ein wenig beh�big, ja, fast schl�frig. Dass Anjali in die Komplimente des Goldenen mit eingeschlossen war, st�rte sie nicht, denn der Drache hatte nur Blicke f�r sie allein. Es waren keine leeren Worte. Er fand sie wirklich sch�n! All ihre Sorgen wegen ihres �u�eren waren weggewischt. Sie war begehrenswert f�r den einen, von dem sie mehr als von jedem anderen begehrt zu werden w�nschte.</p><p>�Kommt mit mir.� Er winkte ihnen zu und f�hrte sie in das Bad mit dem gro�en Becken, in dem Anjali jeden Tag viele Stunden verbrachte. Im Gehen �ffnete er die Schnallen seines Lederpanzers. Noch bevor er die Schwelle der T�r erreichte, lie� er die R�stung fallen. Darunter trug er ein wei�es Seidenhemd.</p><p>Anjali war schneller bei ihm. Ihre H�nde fuhren unter sein Hemd. Er beugte sich zur�ck und k�sste sie auf den Hals.</p><p>Bidayn beschleunigte ihren Schritt. Als sie die beiden erreichte, griff sie nach dem G�rtel seiner Hose. Er lachte leise. �Nicht so schnell, meine Dame. Ich verspreche Euch, wir werden viel Zeit miteinander verbringen.�</p><p>Bidayn wollte nicht seine Worte. Sie wollte seine K�sse. Sie packte sein Haar, riss ihn von Anjali fort und k�sste leidenschaftlich seine Lippen.</p><p>Die Nymphe versuchte nicht, den Goldenen f�r sich zur�ckzuerobern. Stattdessen strich sie ihr langsam �ber den R�cken. Bidayn keuchte auf. Ein unbekanntes Gef�hl der Wollust �berkam sie. Sie biss dem Goldenen in die Lippen, schmeckte dessen Blut in ihrem Mund. Er dr�ckte sie an sich und erwiderte ihren Kuss mit der Leidenschaft, die sie so lange vermisst hatte. Immer wieder musste sie an die Nacht zur�ckdenken, in der sie eine Drachenelfe geworden war. Die Nacht, in der er sie t�towiert und geliebt hatte. In der Lust und Schmerz miteinander verschmolzen waren. Asfahal war ein wunderbarer Liebhaber, aber verglichen mit dem Goldenen war er wie ein Kerzenlicht neben der Sonne.</p><p>Anjali �ffnete die Verschn�rung am R�cken von Bidayns Kleid. Der Goldene streifte es von ihren Schultern und hob sie, nackt wie sie war, auf seine Arme. Seine Haut war angenehm warm. Seine Muskeln darunter wie aus Stein gemei�elt. Sie wusste, wie schier grenzenlos seine Kraft war. Er k�nnte sie ohne Anstrengung zerdr�cken wie ein frisch geschl�pftes K�ken. Er war ein Raubtier, und manchmal, wenn die Lust ihn �bermannte, flackerte seine animalische Seite auf.</p><p>Er stieg mit ihr ins Wasser des weiten Badebeckens, ohne seine Hose oder seine Stiefel abgelegt zu haben. Anjali blieb die ganze Zeit an ihrer Seite. Ihr rotes Kleid lag, nun da es nass war, wie eine zweite Haut auf ihrem K�rper. Nein, nicht wie eine Haut�� Eher das Gegenteil. Das Rot war dunkler geworden, es sah aus, als w�re sie geh�utet.</p><p>Der Goldene bog Bidayns Kopf zur�ck, und die Nymphe k�sste sie. Ihre Zunge drang �ber Bidayns Lippen. Sie wollte das nicht, doch sie sp�rte, dass es den Goldenen erregte, und lie� es geschehen. Es war wie in der Nacht, in der er sie t�towiert hatte. Sie musste sich hingeben, musste alles �ber sich ergehen lassen, ohne dagegen anzuk�mpfen, und w�rde von ihm als Lohn zu neuen, unbekannten Ekstasen gef�hrt werden.</p><p>Eine Hand legte sich auf ihre Scham. Finger streichelten sie scheu. Bidayn dr�ckte dagegen, wollte mehr, doch die Hand verschwand. Sie schmiegte sich an den Goldenen, der immer noch seine Hose trug. Immer und immer wieder brachten die zwei Bidayn an den Rand der Erl�sung, um dann ihre Liebkosungen zu unterbrechen. Die Elfe st�hnte, sie schrie, sie warf sich auf den Goldenen und Anjali und erhielt doch nicht, was sie begehrte.</p><p>Schlie�lich sah sie ersch�pft zu, wie sich die Nymphe dem Liebesspiel mit dem Drachen hingab. Anjali tat Dinge, die sie noch nie gesehen hatte. Ihre H�nde und Lippen waren �berall. Sie f�llte ihren Mund mit erw�rmtem Wein und k�sste den Goldenen, der ihre Kunstfertigkeit lobte. Dann forderten die beiden Bidayn auf, es Anjali nachzutun. Sie war eine eifrige Sch�lerin, und als sie dem Drachen zum ersten Mal Befriedigung verschaffte, empfand sie ein rauschhaftes Gl�ck wie nie zuvor in ihrem Leben.</p><p>Schlug ihr Herz vom Liebesspiel wie eine rasende Trommel, �nderten die beiden das Tempo. Dann lagen sie zu dritt umschlungen, streichelten und k�ssten einander nur, bis Bidayn neue Kraft sch�pfte. Sie erkundete die verborgenen Geheimnisse der Nymphe, schenkte sich dem Drachen, doch war sie die Einzige, die nie Erf�llung im Liebesspiel fand. Wann immer sie kurz davor stand, die letzten H�hen der Ekstase zu erreichen, nahmen Anjali und der Goldene sich zur�ck. Die beiden erg�tzten sich daran, sie leiden zu sehen. Sie darum betteln zu lassen, auch ihr zu schenken, was sie l�ngst empfangen hatten.</p><p>Bidayn verlor jegliches Gef�hl f�r Zeit, und als der Goldene sie schlie�lich aus dem Wasser zu weichen Laken trug und ihr gab, was sie so sehr begehrte, sank sie nur einen Augenblick danach in tiefen Schlummer.</p></section><section><title><p>Blutbad</p></title><p>Als Bidayn erwachte, f�hlte sie sich fiebrig. Ihr K�rper gl�hte. Die Glieder schmerzten, und Durst peinigte sie. Ihr Mund war staubtrocken, die Lippen rissig.</p><p>Es war dunkel in dem Zimmer, in dem der Goldene ihr seine Leidenschaft geschenkt hatte. Ihre Hand tastete �ber die seidenen Laken. Das Bett war kalt. Sie war allein. Eine Zeit lang lag sie ganz still, hielt den Atem an und lauschte auf Ger�usche. Niemand, der atmete, war mit ihr in diesem Zimmer. Einmal glaubte sie, irgendwo ein Ger�usch wie von einer Kelle zu h�ren, die gegen einen Kessel schlug. Vielleicht waren es die Kobolde, die nach diesem verlassenen Schloss sahen.</p><p>Die Elfe schwelgte in Erinnerungen. Hatten sie sich eine Nacht lang geliebt? Oder viel l�nger? Nagender Hunger lie� sie vermuten, dass vielleicht noch ein ganzer Tag verstrichen war. Oder noch mehr? Wie lange hatte sie geschlafen? Immer noch schmeckte sie die K�sse des Goldenen auf ihren Lippen. Sie setzte sich auf. Vom Schlafgemach musste sie durch das gro�e Badezimmer gehen, um zu dem Raum zu gelangen, in dem die Dienerschaft eine Tafel mit kalten Speisen aufgetragen hatte. Vielleicht war sie ja nicht abger�umt. Wo die K�che in der Palastruine lag, wusste sie nicht.</p><p>Unglaublich, wie dunkel es war. Das Schlafgemach besa� kein Fenster, ebenso wenig das Bad. Dennoch vermochte sie sich nicht zu erkl�ren, warum sie so schlecht sah. Lag es an dem Licht, das den Goldenen stets umgab. Erschien ihr nun, da er nicht mehr an ihrer Seite war, die ganze Welt dunkler?</p><p>Sie l�chelte in sich hinein. Das waren Gedanken wie die eines verliebten, jungen M�dchens. Sie sollte sich nicht solchem Unsinn hingeben. Wenn sie ein wenig wartete, w�rden sich ihre Augen schon an die Dunkelheit gew�hnen und sie w�rde wenigstens Schemen sehen.</p><p>Bidayn schloss die Lider und �ffnete sich ganz ihren anderen Sinnen. Sie sp�rte die Feuchtigkeit des warmen Wassers, die in der Luft lag, vermengt mit dem Duft der Liebesnacht. Es war tats�chlich so still, als w�re sie die Einzige, die in diesem verfallenden Palast zur�ckgeblieben war.</p><p>Mit vorgestreckten Armen tastend fand sie die T�r. Sie versuchte sich zu erinnern, wie der Raum geschnitten war. Wo lag das Becken? Mit kleinen Schritten wagte sie sich voran. Ihre Kehle brannte. Sollte sie einen Schluck von dem Wasser nehmen? Dem Wasser, in dem sie zu dritt gebadet und sich geliebt hatten�� Das gro�e Becken musste Tausende Liter fassen. Egal, was sie darin getan hatten, das Wasser war sauber.</p><p>Behutsam vorw�rtsgehend gelangte sie an den Beckenrand und kniete nieder. Sie streckte die H�nde vor, sch�pfte Wasser und trank es aus den Handfl�chen. Auch benetzte sie ihr Gesicht und die Haare, um die Glut des Fiebers zu ersticken. Schlie�lich beugte sie sich vor, steckte den Kopf in das Wasser und trank in gierigen Z�gen.</p><p>Das Wasser schmeckte leicht metallisch. Ein wenig wie Eisen. Bidayn hob ihr Haupt. Ihr Haar hing ihr in nassen Str�hnen ins Gesicht. Ihr war schwindelig. Sie drehte sich herum und streckte sich lang auf den Steinboden des Bades, der angenehm warm war.</p><p>�Habt Ihr Euch gut erholt, Dame Bidayn?� Mit der Stimme kam das Licht. Es war so hell, dass sie ihre Augen schlie�en musste.</p><p>�Mein Gebieter�, fl�sterte sie und setzte sich auf. Sie war nackt, schoss es ihr durch den Kopf, und dann wurde sie sich bewusst, wie albern dieser Gedanke war, nach all dem, was sie drei getan hatten.</p><p>Warum sagte er nichts mehr?</p><p>Vorsichtig �ffnete Bidayn die Augen. Der Goldene hielt nur eine einfache Laterne in der Hand, doch ihr Licht erschien der Elfe unnat�rlich hell. Eine goldene Aura umgab den Drachen in Elfengestalt. Er betrachtete sie mit leicht geneigtem Kopf und versonnenem L�cheln. Am�sierte ihn ihre Nacktheit? Er war angekleidet.</p><p>Sie wandte besch�mt den Kopf und sah Anjali. Sie schwamm im Wasser und trug wieder ihr rotes Kleid. Das schwarze Haar umfing ihr Haupt wie eine dunkle Wolke. Ihr Gesicht war eingetaucht, Arme und Beine ausgestreckt. Sie trieb ruhig im Wasser, das einen seltsamen Farbton hatte. Sie�� Bidayn blinzelte. Nein, Anjali trug diesmal nicht ihr Kleid. Ihre Haut war abgezogen. Das Wasser von ihrem Blut besudelt. �Ihr���, keuchte Bidayn und wagte es nicht, den Goldenen anzusehen.</p><p>�Ich war so frei, Euch auf Eure n�chste Mission vorzubereiten�, erkl�rte der Drache in so gewinnendem Tonfall, dass sie nun doch in sein Antlitz sah. Und sein L�cheln bannte das Grauen. Was immer er tat, es war richtig. Er war das Ma� der Dinge, der Vertraute der Alben, Lenker dieser Welt.</p><p>�Ihr m�sst f�r mich herausfinden, wo die Menschenkinder das Traumeis versteckt halten, meine Dame. Ihr seid die Erste unter meinen Spitzeln. Tollk�hn und erfahren. Nur Ihr k�nnt es schaffen!�</p><p>Bidayn stand auf. Seine Worte waren ihr Labsal. Der Hunger und das Fieber waren vergessen. Sie f�hlte sich stark. Und was war das f�r ein Funkeln in den Augen des Goldenen. Spiegelte sich dort Begehren? Er fand sie sch�n.</p><p>Sie sah an sich herab. Die Glyphen waren von der Haut gewaschen, die Anjali getragen hatte. Sie war glatt und makellos. Bidayn strich sich �ber die Arme. Ihre Finger wanderten hinauf zu den Schultern, dann zu ihren Br�sten. Sie stutzte. Ihre Br�ste! Sie waren gr��er als zuvor, und das Haar, das ihr weit �ber die Schultern fiel, war nicht l�nger schwarz, sondern golden wie reifer Weizen.</p><p>�Ich musste Euch ein wenig ver�ndern, meine Sch�ne. Habt Ihr es nicht bemerkt? Ich tat es, w�hrend ich die Ehre hatte, Eure Gunst zu genie�en.� Er klang ehrlich �berrascht.</p><p>Bidayn sch�ttelte den Kopf. Kritisch sah sie an sich herab. War sie auch gr��er?</p><p>�Ich wollte das Angenehme mit dem N�tzlichen in Einklang bringen. Ihr werdet zur�ck in den Palast des Unsterblichen Volodi m�ssen. Dazu m�sst Ihr aussehen wie ein Weib aus Drus.�</p><p>Erschrocken tastete Bidayn nach ihren Ohren. Sie waren plump und rund! Die Spitzen verschwunden.</p><p>�Davon, dass Ihr �berzeugend seid, wird Euer Leben abh�ngen, meine Sch�ne. Ich habe all meine Kunstfertigkeit aufgeboten, um Euch wie eine Menschenfrau aus dem Norden aussehen zu lassen.�</p><p>Bidayn tastete �ber ihr Gesicht. Die meisten Weiber am Hof Volodis waren gro�e, plumpe K�he! Ihre Nase war ver�ndert, stellte sie entsetzt fest. Ihre Lippen voller, die Stirn niedriger��</p><p>�Anjali habe ich wegen ihrer sch�nen, hellen Haut erw�hlt. Sie entspricht der Haut nordischer Frauen. Es gab allerdings einen weiteren Grund, warum sie uns zur Vorbereitung Eurer Mission von gro�em Nutzen war.�</p><p>Voller Schrecken erwartete Bidayn, was ihr der Goldene als N�chstes er�ffnen w�rde.</p><p>�Ich wei�, die Dame Lyvianne hat Euch einen ersten Ausblick auf die hohe Kunst der leidenschaftlichen Liebe gegeben. Jener Liebe, die zu einer alles verzehrenden Flamme der Begierde wird und M�nner jeglicher Vernunft beraubt. Sie selbst hat mir berichtet, wie Ihr Euch an einem Priester erprobt habt.�</p><p>Die Elfe erinnerte sich gut an den plumpen, schwitzenden Mann, der der Leiter der Archive im Tempel der I�ta in der Goldenen Stadt gewesen war. Sie hatten versucht, ihm jenes Geheimnis zu entlocken, das sich um die tiefen Tempelgew�lbe rankte und um die mit Ketten gesicherten Tore, hinter denen sie letztlich das makabre Gef�ngnis des Manawayn gefunden hatten. Lyvianne hatte sie gelehrt, wie man die Erinnerungen eines Menschenkindes stahl und den Zauber, den es zu weben galt, mit der Lebenskraft des Opfers n�hrte. Tuwatis war der Name des Priesters gewesen, dessen Leib unter ihnen beiden verwelkt war, als er um Jahrzehnte alterte.</p><p>�Ich wei�, dass es Lyvianne war, die das Begehren des Priesters erf�llte, nicht Ihr, meine Dame. Und ich erinnerte mich an Eure charmante jungfr�uliche Unerfahrenheit, als ich die Ehre hatte, Euch beizuwohnen und Euch die letzten Weihen der Drachenelfen zu verleihen.�</p><p>Seine Worte waren freundlich, und nicht ein Hauch von Vorwurf schwang in seiner Stimme, doch war Bidayn sich wohl bewusst, wie unerfahren sie gewesen war. Asfahal hatte das ge�ndert, aber��</p><p>�Die Dame Anjali war ber�hmt f�r ihre Kunstfertigkeit im Spiel der Liebe. F�r ihre unersch�pfliche Vielf�ltigkeit darin, einen Mann oder eine Frau zu erfreuen.� Er l�chelte, und ihr Herz schlug schneller. �Ich glaube, in den vergangenen drei Tagen habt Ihr vieles von ihr gelernt, meine Sch�ne.�</p><p>�Drei Tage! Das kann nicht���</p><p>�Im Rausch der Leidenschaft vergeht die Zeit stets wie im Fluge. Ich war �beraus erfreut zu erleben, wie hingebungsvoll Ihr sein k�nnt, meine Dame, und ich sehe voller Ungeduld Eurer R�ckkehr entgegen, um erneut Eure Gunst zu genie�en.�</p><p>Bidayn sch�mte sich und war zugleich auch �bergl�cklich. Sie wusste, wie erfahren Lyvianne gewesen war, und h�tte niemals gewagt, darauf zu hoffen, dass der Goldene sich nach ihrem Liebesspiel verzehrte. Was hatte sie in den letzten drei Tagen alles getan? Sie erinnerte sich nur bruchst�ckhaft. Wie sie zu ihrer neuen Haut gekommen war und wie der Goldene ihren Leib ver�ndert hatte, um sie wie eine Menschenfrau aussehen zu lassen�� sie wusste es nicht mehr.</p><p>�Ich habe Euch einen Zauber gelehrt, meine Verehrte. Er beruht auf einer Ver�nderung Eures K�rpers. Sorgt Euch nicht, meine Magie ist so gut mit Eurer nat�rlichen Aura verwoben, dass er allenfalls einem Betrachter auffallen wird, der schon Argwohn gesch�pft hat. Ihr entfesselt die Kraft des Zaubers mit einem gefl�sterten Wort der Macht.� Der Goldene schwieg kurz und sah sie aufmerksam an. �Wusstet Ihr, wie sehr unser Begehren von D�ften gelenkt wird? Manche verstr�men einen K�rpergeruch, der sie spontan unsympathisch erscheinen l�sst. Und ich meine keinen Gestank. Dieser Duft, der unser Begehren nach leidenschaftlichen Umarmungen weckt, ist so fein, dass unser Bewusstsein ihn kaum zu erfassen vermag. Er umgeht unseren Verstand und macht uns zu von Trieben beherrschten, animalischen Gesch�pfen.�</p><p>Bidayn war sich nicht sicher, wohin das f�hren sollte und ob es wirklich ein Geschenk war, sollte ihr Leib nun diese F�higkeit besitzen.</p><p>�Es ist Eile geboten, wenn wir das Traumeis finden wollen, meine bezaubernde Sch�ne.�</p><p>Meinte er das ironisch? Sie sah ihm in die Augen. Nein, da lag wirkliche Sehnsucht in seinem Blick. Wie hatte sie nur argw�hnisch sein k�nnen? Was f�r ein t�richtes Gesch�pf sie doch manchmal war!</p><p>�Der Zauber, den Euch Lyvianne gelehrt hat, ist machtvoll, doch l�sst er seine Opfer als stammelnde, vergreiste Narren zur�ck. Es w�rde sofort auffallen, was Ihr getan habt. Das k�nnen wir uns nicht leisten. Heimlichkeit ist das Gebot der Stunde. Bet�rt Volodi mit Eurem Duft und dann mit all dem, was Ihr in den letzten Tagen gelernt habt. Wenn Ihr dies tut, werdet Ihr ihm jedes Geheimnis entlocken.�</p><p>�Aber�� ich erinnere mich kaum���, wandte sie verlegen ein. Sosehr sie sich auch qu�lte, es war aus ihrem Ged�chtnis getilgt, womit sie den Goldenen so sehr erfreut hatte.</p><p>�Macht Euch keine Sorgen, Flamme meines Herzens. Sobald Ihr einem Manne beiliegt, wird die Erinnerung zur�ckkehren. Was zu tun ist, ist so einfach wie zu atmen. Vertraut auf Euch! Ihr seid wahrlich au�ergew�hnlich.�</p></section><section><title><p>Von Hunger und Blutegeln</p></title><p>Shaya hatte Hunger. Die Goldene Stadt war gnadenlos zu denen, die nichts zu bieten hatten. Und sie war mittellos aus dem ewigen Eis des Nordens zur�ckgekehrt. Sie hatte alles dort zur�ckgelassen, ihre Kr�uter, ihre Hoffnungen, ihre Freundinnen.</p><p>Einige der �berlebenden schuldeten ihr Dank. Sie k�nnte ihn einfordern, doch dadurch w�rde sie sichtbar werden. Sie f�rchtete ohnehin, dass Aaron darauf kommen k�nnte, dass sie mehr als nur ein Gesicht in seinen Fiebertr�umen gewesen war. Sie musste fort aus der Goldenen Stadt und durfte um keinen Preis auffallen. Die Geschichte �ber die Heilerin im Eis war ohnehin schon zu verbreitet.</p><p>Leichter Nieselregen setzte ein. Sie dr�ckte sich an einer Hauswand entlang und zog die Kapuze ein wenig tiefer ins Gesicht. Der weite Umhang verschleierte ihre Gestalt. Sie hatte ihn gegen den guten Pelzmantel von Ninwe eingetauscht. Es war ein schlechtes Gesch�ft gewesen. Aber in der Goldenen Stadt war es zu schw�l, niemand brauchte einen Pelz. Der fadenscheinige Umhang, ein paar Hosen, Sandalen und eine Handvoll Kupferst�cke, das war alles, was sie vor drei Wochen daf�r bekommen hatte. Die Kleider verschleierten ihre Gestalt. Sie ging nicht wie eine Frau. Daf�r war sie viel zu lange Kriegerin gewesen. Sie erregte kein Aufsehen, war nur eine weitere unter Tausenden von gesichtslosen Gestalten in dieser wuchernden, ma�losen Stadt.</p><p>Shaya presste ihre Faust auf den Magen, um gegen den Krampf anzuk�mpfen. Sie hatte seit drei Tagen nichts mehr gegessen. Wenn sie noch ein bisschen durchhielt, war das Schlimmste vor�ber. Nein, was f�r ein t�richter Gedanke! Sie w�rde irgendwann vor Schw�che umfallen, und wenn man entdeckte, was sie war�� Zu Frauen war die Goldene Stadt ganz besonders unfreundlich! Fast alle M�nner hier waren verr�ckt. Nur wenige Frauen kamen in diese Welt. Eine auf hundert M�nner, so hie� es. Sie durfte niemals schwach und wehrlos sein! Sie brauchte Geld, etwas zu essen und einen Platz, an dem sie schlafen k�nnte, ohne bef�rchten zu m�ssen, ausgeraubt zu werden.</p><p>Sie dachte an Ninwe, Kira und all die anderen Trosshuren, die darauf gehofft hatten, auf dem glorreichen Feldzug in den Norden schnell reich zu werden. Wenn sie sich verkaufte, w�rde sie schnell einen Platz finden. Und man musste hier nicht mal immer mit den M�nnern ins Bett gehen. Manche kamen und wollten einfach nur mit einer Frau reden oder mit ihr zusammen essen. Sie hatte so viele absonderliche Geschichten von den Huren geh�rt, denen sie mit ihren Kenntnissen gegen all die �bel geholfen hatte, die der Umgang mit zu vielen M�nnern nach sich zog. Sie k�nnte sich als Heilerin in den Bordellen der Stadt verdingen.</p><p>Schlechte Idee, schalt sie sich stumm. Auch das w�rde bald Aufsehen erregen. Sie musste fort aus der Goldenen Stadt, an einen Ort, der so weit entfernt war, dass Aaron ganz sicher nie wieder etwas von ihr h�ren w�rde. Und auch nicht ihr Bruder Subai.</p><p>Er war der Einzige, der bei dem Feldzug in den Norden etwas gewonnen hatte. Nach dem Heldentod ihres Vaters war er zum Unsterblichen aufgestiegen, zum Herrscher der Ischkuzaia und der V�lker am Seidenfluss. Auch er durfte niemals erfahren, dass sie noch lebte und nicht auf einem Scheiterhaufen verbrannt worden war, damit ihre Asche auf den �ckern Luwiens verstreut wurde. Subai w�rde sie, ohne zu z�gern, an I�ta ausliefern, allein, damit die G�ttin ihm eine Gef�lligkeit schuldete.</p><p>Die Stra�e, der Shaya gefolgt war, m�ndete auf den Platz der tausend Zungen. Er war von vier langen S�ulenhallen eingefasst, welche in unz�hlige Kammern unterteilt waren, die sich alle zum Platz hin �ffneten. Dort fanden sich �bersetzer aus allen L�ndern Daias. Es hie�, dass es keine Sprache gebe, die hier nicht gesprochen wurde. Shaya konnte die Kammern, die ohne eine Vorderwand angelegt waren, gut einsehen. Fast alle waren sie besetzt, obwohl nicht viele Kunden zugegen waren. In einigen feilschten Kaufleute miteinander und bedienten sich dabei der Hilfe des �bersetzers, anderswo wurden Briefe in weichen Ton geritzt, der dann zu einem Brennofen an der S�dseite des Platzes getragen wurde.</p><p>Die Prinzessin beherrschte vier Sprachen. Ganz gewiss k�nnte sie hier gut ihren Unterhalt verdienen, doch wie �berall auf Nangog beherrschten M�nner das Gesch�ft. Eine Frau, die die Zunge der weiten Steppe sprach, verschiedene Dialekte vom Seidenfluss beherrschte und dar�ber hinaus auch die Sprachen Arams und Luwiens ganz passabel verstand�� nein, das ging ebenso wenig.</p><p>Sie folgte der von Obelisken ges�umten Allee, die nach Nordosten zu den Randbezirken der Goldenen Stadt f�hrte. Etliche Ankert�rme ragten hier �ber die terrassierte Bergflanke. Schleim, der von den Tentakeln der Wolkensammler getropft war, klebte in langen, vom Staub dunkel gewordenen Streifen auf den H�userw�nden, und Gallertklumpen, an denen hagere Hunde leckten, lagen auf der mit gro�en Steinquadern gepflasterten Stra�e. In Ruinen lockten kleine Imbissst�nde unter bunt geflickten Sonnensegeln, von denen jetzt d�nne Regenschn�re troffen. Der unverwechselbare Duft von frisch gebratenem Echsenfleisch stieg Shaya in die Nase. Wieder zog sich ihr Magen krampfhaft zusammen. Speichel f�llte ihren Mund. Sie musste essen!</p><p>Eiligen Schrittes folgte sie der Allee, dr�ngte sich an einer Kolonne von Lastentr�gern vorbei, die B�ndel des s��lich duftenden Lakme-Holzes auf ihren Schultern trugen, aus dem sich ein z�her, k�stlich schmeckender, schwarzer Sirup kochen lie�.</p><p>Nicht an Essen denken, befahl sie sich, doch ihr Mund f�llte sich erneut mit Speichel. Sie hielt am Schlangenbrunnen, nahe dem Goldschmiedebasar, und k�mpfte mit Wasser gegen ihren Hunger an. Der Regen wurde st�rker. Es k�hlte ab. Pferde�pfel dampften auf dem Pflaster. Etliche Karawansereien lagen am Rand der Stadt. Die Stra�en hier waren mit einer dicken Schicht aus Tierexkrementen bedeckt. �bler Geruch zog vom Gerberviertel herauf, das nicht weit entfernt am Fluss lag. Die Quartiere hier waren g�nstig, aber auch das half nichts, wenn man kein einziges Kupferst�ck besa�. Doch Shaya hoffte, hier ihr Wissen einsetzen zu k�nnen. Sie w�hlte die Karawanserei, deren hohe Hofmauern nahe dem Torhaus mit zwei steigenden Pferden bemalt waren. Hierher kamen Viehh�ndler aus der Messergrassteppe. Es gab in dem Mauergeviert weite Pferche, in denen ganze Herden untergebracht wurden, bevor sie zu den Schlachth�usern eine Meile s�dlich am Fluss getrieben wurden.</p><p>Niemand hielt Wache am Tor. Shaya trat auf den Hof und suchte nach den wenigen Stallungen, in denen Pferde untergebracht waren, die ihre Besitzer so sehr sch�tzten, dass auch sie ein Dach �ber dem Kopf erhielten. Hier gab es Wachen.</p><p>Shaya schlug ihre Kapuze zur�ck, sodass im Zwielicht des schwindenden Tages ihr Antlitz zu erkennen war, ihr langes Haar und das, was die Schrecken des Eises ihr noch an Weiblichkeit gelassen hatten. Nach dem Schnitt der B�rte und den Adlerbroschen ihrer Umh�nge sch�tzte sie die W�chter als Luwier ein. �Ich bin die Heilerin, die nach den Pferden sehen soll. Werdet ihr mich durchlassen oder muss ich erst euren Herren aus seiner Ruhe aufscheuchen, um hier meine Arbeit tun zu k�nnen.�</p><p>Die M�nner tauschten einen verbl�fften Blick. Dann gaben sie ihr den Weg frei.</p><p>Shaya liebte den Geruch von St�llen, den Laut stampfender Hufe, die gro�en schwarzen Augen, die sie musterten. Sie hatte fast ihr ganzes Leben mit Pferden verbracht. Sie hatte zu reiten gelernt, kaum dass sie laufen konnte. Sie liebte Pferde von ganzem Herzen. Die Tiere sp�rten das und erwiderten ihre Zuneigung.</p><p>Sie trat in einzelne Verschl�ge, betrachtete die Tiere, so gut es im schwindenden Licht m�glich war. Beim f�nften fand sie, wonach sie gesucht hatte. Sie ging in die Knie und betastete vorsichtig das linke hintere Bein. Knapp �ber dem Huf war es geschwollen. Die Stute reagierte mit einem Schnauben auf leichten Druck. Shayas tastende Fingerspitzen sp�rten die W�rme. Ein weiteres Zeichen f�r eine Entz�ndung.</p><p>�Wer bist du?�, erklang hinter ihr eine �rgerliche, tiefe Stimme.</p><p>Sie l�chelte. Die beiden Wachen waren also keine arglosen Tr�pfe. Sie hatten ihren Herrn unterrichtet, dass die Heilerin gekommen war, nach der er nie geschickt hatte.</p><p>Die Prinzessin richtete sich auf und sah dem hochgewachsenen Mann, der sich nun vor ihr aufbaute, in seine dunkelbraunen Augen. �Ich sch�tze, Eure Rotschimmelstute liegt Euch am Herzen, Herr. Sie bekommt Hafer zu fressen und steht in einem guten Stall. Wahrscheinlich habt Ihr f�r Sattel und Zaumzeug mehr ausgegeben, als eine zehnk�pfige Bauernfamilie in einem ganzen Jahr erwirtschaften kann. Habt Ihr bemerkt, dass sie lahmt? Oder hat sie es bis zuletzt vor Euch verborgen?�</p><p>�Wovon redest du, Weib?�</p><p>�Von der entz�ndeten Beugesehne Eurer Stute. Kommt und seht. Seid Ihr lange durch tiefen Grund geritten? Grasland im Regen, aufgew�hlt durch die Hufe einer Herde?�</p><p>Der Handelsherr trat neben die Stute. Er strich ihr sanft �ber die N�stern und fl�sterte ihr kurz etwas ins Ohr. Er mochte sein Pferd, ganz wie Shaya vermutet hatte.</p><p>Ohne auf den Schmutz zu achten, der seinen kostbar bestickten Umhang besudelte, ging er in die Hocke und betrachtete die Schwellung.</p><p>�Du hast recht, Weib. Sie sollte Bandagen bekommen���</p><p>�Nein, bei allem Respekt, aber das wird nicht gen�gen. Ihr werdet sie zuschanden reiten, wenn Ihr es nur mit Bandagen versucht und sie zu schnell wieder bewegt.�</p><p>Er sah �rgerlich zu ihr auf. Seine Brauen waren �ber der Nase zusammengewachsen. Er konnte wahrlich finster dreinblicken. Sein schmales Gesicht mit der langen, leicht gebogenen Nase und dem kurz geschorenen Bart hatte etwas Raubvogelhaftes. Ganz offensichtlich war er es nicht gewohnt, dass Frauen ihm widersprachen. �Und was schl�gst du vor, Quell aller Weisheit?�</p><p>�Blutegel. Und Ihr solltet sie einen Mond lang nur wenig bewegen, auch wenn dies vermutlich Eure Pl�ne durchkreuzt.�</p><p>�Blutegel?� Er runzelte die Stirn.</p><p>�Schockiert? Wenn Ihr mir gestattet, sie zu verwenden, wird die Entz�ndung deutlich schneller abheilen.�</p><p>Er strich sich nachdenklich �ber den Bart. �Ich habe davon geh�rt. Die Ischkuzaia verwenden Blutegel�� Kommst du aus der Steppe?�</p><p>Shaya war sich des schlechten Rufes, den ihr Volk genoss, durchaus bewusst. Insbesondere Handelsherren sch�tzten die r�uberischen Steppenreiter nicht. �Sehe ich so aus?�, entgegnete sie selbstsicher. Der Daimon, der sie im Bergkloster gerettet hatte, war sehr gr�ndlich gewesen, als er ihr Gesicht ver�nderte.</p><p>Er sch�ttelte den Kopf. �Eigentlich nicht. Aber warum sollte ich dir das Wohl eines Pferdes anvertrauen, das doppelt so viel wert ist, wie ich f�r dich bek�me, w�rde ich dich auf einem Sklavenmarkt verkaufen.�</p><p>Shaya musste l�cheln. Sie dachte daran, wie der Unsterbliche Muwatta einst tausend Pferde aus den k�niglichen Gest�ten als Kaufpreis f�r sie gezahlt hatte. Und nun sch�tzte man sie nur noch auf ein halbes Pferd.</p><p>�Was am�siert dich?�</p><p>�Dass Ihr Pferde besser einsch�tzen k�nnt als Frauen, Herr. Ihr k�nnt meine Hilfe annehmen oder einem Heiler vertrauen, der Euch nach dem Mund redet. Eine straffe Bandage wird f�r kurze Zeit helfen. Und wenn Eure Stute dann ruiniert ist, werdet Ihr so weit von der Goldenen Stadt entfernt sein, dass Ihr nicht mehr umkehren k�nnt, nur um einen Quacksalber zur Verantwortung zu ziehen.�</p><p>Er lachte leise, wobei sich tiefe F�ltchen um seine Augen bildeten. �Das k�nnte wohl geschehen. Du bist ungew�hnlich, Weib. Du redest offener als die meisten M�nner, die ich kenne.�</p><p>�Dann umgebt Ihr Euch mit den falschen M�nnern, Herr.�</p><p>Sein L�cheln gefror. �Du sollst Gelegenheit haben zu beweisen, ob du eine Maulheldin bist oder eine Heilerin. Ich gebe dir drei Tage, um meine Stute zu heilen. Gelingt es dir, wirst du drei Silberst�cke bekommen, solltest du aber���</p><p>�Wenn Ihr Wunder erwartet, betet zu I�ta, Herr. In meiner Macht liegt es, daf�r zu sorgen, dass die Schwellung infolge der �blen S�fte, die sich dort gesammelt haben, deutlich zur�ckgeht. Geheilt ist sie dann aber noch lange nicht. Au�erdem brauche ich ein Silberst�ck sofort, um die richtigen Blutegel kaufen zu k�nnen.�</p><p>Zwei tiefe Falten erschienen im Dickicht seiner Brauen oberhalb der Nasenwurzel. �Du f�hrst den Namen der G�ttin leichtfertig im Munde, Weib.�</p><p>�I�ta gef�llt es, wenn wahr gesprochen wird. Was also h�tte ich zu bef�rchten?�</p><p>�Du bist wohl nie um eine Antwort verlegen.� Er erhob sich und strich der Stute durch die M�hne. �Du bekommst drei Tage, um die �blen S�fte aus dem Bein der Stute zu holen. Bist du erfolgreich, erh�ltst du drei Silberst�cke, abz�glich des einen, das du f�r deine unversch�mt teuren Blutegel ausgibst. Tritt keine sichtbare Verbesserung ein, betrachte ich dich als Betr�gerin. Dann lasse ich dich nackt an eine der S�ulen drau�en auf dem Markt binden, und ich werde dir h�chstselbst drei�ig Stockhiebe verabreichen.�</p><p>Der harte Zug um seine Lippen lie� sie ahnen, dass er es genie�en w�rde, sie �ffentlich zu dem�tigen. Er war ein Mann, der von Frauen Demut erwartete. Aber so sehr verstellen konnte sie sich nicht. Shaya war sich bewusst, dass sie ein besseres Angebot nicht bekommen w�rde. Sie streckte ihm die Hand entgegen. �Der Handel gilt, Herr�� Wie hei�t Ihr?�</p><p>�Pithana ist mein Name. Wenn du Pferde so gut kennst, wie du vorgibst, solltest du schon von mir geh�rt haben. Ich beliefere die Gest�te des Unsterblichen Labarna.� Er schlug nicht ein. Stattdessen dr�ckte er einem der beiden W�chter ein Silberst�ck in die Hand. �Natan, du gehst mit ihr. Du zahlst an ihrer Stelle, und du l�sst sie keinen Augenblick aus den Augen. Sie erinnert mich an eine Diebin, deren Hinrichtung ich im letzten Sommer beiwohnte. Versucht sie mit dem Geld zu fliehen, verf�hrst du mit ihr, wie mit der Diebin verfahren wurde.�</p></section><section><title><p>Der Traum von einer besseren Welt</p></title><p>Sie zog das kleine Messer �ber den Wetzstein und pr�fte dann mit dem Daumen die Sch�rfe der Klinge. Dies war der einzige Schatz, den sie aus dem ewigen Eis gerettet hatte. Ein gutes Eisenmesser, das sie einem erfrorenen Krieger aus Truria abgenommen hatte.</p><p>�Haltet die Stute still�, befahl sie den beiden Kriegern, die sie auf Pithanas Gehei� keinen Moment aus den Augen lie�en.</p><p>Shaya strich der Stute �ber die Kruppe. �Ruhig, meine Sch�ne. Ich werde dir helfen.�</p><p>Der Rotschimmel peitschte nerv�s mit dem Schwanz, als sie niederkniete. Vorsichtig rasierte sie eine Stelle an der geschwollenen Hinterr�hre. Die Blutegel w�rden besseren Halt finden, wenn sie das Fell entfernte.</p><p>Die Stute schnaubte. Jede Ber�hrung an der Schwellung musste sie schmerzen. Natan redete auf sie ein und hielt dabei die Z�gel. Mit Pferden konnte er ganz gut umgehen, dachte Shaya. Wie er sie ansah, gefiel ihr hingegen weniger. Sein Blick war wie der eines ausgehungerten Wolfs.</p><p>Wenig sp�ter hatte sie sechs kleine Flecken auf beiden Seiten der Schwellung freirasiert. Sie s�uberte die Klinge an ihrem Hosenbein und steckte sie weg. Dann griff sie in die Schale mit den sich windenden Blutegeln. Sie gl�nzten feucht und waren von braunschwarzer Farbe. Mit spitzen Fingern nahm sie eines der kleinen Biester und setzte es an das Pferdebein, wo es sich augenblicklich festsaugte. Die Stute sp�rte nichts. Das war eines der Mysterien der Egel, dass ihr Biss, obwohl er blutige Wunden verursachte, nicht von Schmerzen begleitet wurde.</p><p>Nach und nach setzte sie alle sechs Blutegel an die rasierten Stellen und beobachtete, wie die Leiber der W�rmer anschwollen.</p><p>Bald lie� sich der erste vollgesogen zu Boden fallen. Shaya las ihn aus dem Streu und gab ihn in die Schale zur�ck. Als auch der letzte Egel von der Stute abgelassen hatte, streckte sie sich.</p><p>Sie f�hlte sich unendlich m�de. Ihr Bauch war voll, und sie war an einem Ort, wo sie ohne Angst schlafen konnte. Und genau das w�rde sie jetzt tun. Sie sah absch�tzend zu Natan. Aus ihm wurde sie nicht schlau. War er menschenscheu, oder verachtete er seinesgleichen?</p><p>�Ich werde mich jetzt zur�ckziehen. Achte darauf, dass die Stute sich nicht zu viel bewegt.�</p><p>Er sagte nichts, aber sie war sicher, dass er alles f�r das Pferd seines Herrn tun w�rde. Ersch�pft h�llte sich Shaya in ihren weiten Umhang, zog die Kapuze �ber den Kopf und trat aus den St�llen. Ihre Glieder waren schwer wie Blei. Sie ging am Brunnen mit der gro�en Tr�nke vorbei zum anderen Ende des Hofes, wo unter einem Schutzdach Waren gestapelt lagen, die nicht feucht werden durften. Etliche Reisende und Hirten hatten dort bereits vor dem ununterbrochen andauernden Nieselregen Zuflucht gesucht.</p><p>Niemand dort schenkte ihr Beachtung. Die Kapuze verbarg ihre Z�ge. Sie fand eine Ecke, in der Wollballen gestapelt lagen, und streckte sich darauf aus. Mehr aus Gewohnheit als aus Notwendigkeit fand ihre Hand zum Griff des Messers.</p><p>�Wenn ich es doch sage�, beharrte die Stimme eines Knaben. �Sie nehmen auch Viehhirten. Gerade Viehhirten! Wen gibt es in dieser stinkenden Stadt schon, der von Rindviechern eine Ahnung hat. Metzger, die ihnen das Fell �ber die Ohren ziehen, Gerber und ein paar R�stungsmacher. Aber wie viele wissen, was zu tun ist, wenn die Viecher keine Milch geben?�</p><p>�Also nach allem, was ich geh�rt habe, ist Asugar nur ein Felsen im Meer�, erklang eine m�de, �ltere Stimme. �Da gibt es gar keinen Platz f�r Rinder.�</p><p>�Es ist eine Provinz!�, beharrte der Junge. �Sie ist riesig. Ich hab es gestern selbst geh�rt, wie Arcumenna���</p><p>�Seit wann verstehst du denn das Geplapper von Valesiern?�</p><p>Nach einer kurzen Pause klang der Junge deutlich betreten. �Hat man mir �bersetzt�� hinterher. Aber ich war selber da! Der war ein Feldherr und ist nun f�r seine Dienste mit der Provinz belohnt worden. Hat wohl Unmengen von Drusniern den Sch�del eingeschlagen�� Jedenfalls will er aus Asugar die sch�nste Stadt von Nangog machen. Er hat K�nstler mitgebracht, die wundersch�ne Steinbilder erschaffen, Steinmetze, Baumeister, Gelehrte���</p><p>�H�rt sich nicht so an, als br�uchte der Viehhirten!�</p><p>�Doch!� Der Knabe klang zunehmend verzweifelt. �Es werden ausdr�cklich Bauern und Hirten gesucht. Und Bronzegie�er und Schmiede und auch Heiler. Es gibt dort sogar einen Palast f�r die Kranken, und der F�rst bezahlt f�r deren Behandlung���</p><p>�Ja, ja. Und jeder hat einen goldenen Nachttopf neben seinem Lager stehen.�</p><p>�Mir ist ganz egal, was du denkst. Ich werde hingehen!�</p><p>�Tr�um davon, Subar, aber �berleg es dir noch mal. Diese Valesier und ihre pr�chtigen St�dte�� du kennst doch die Geschichte vom Wei�en Selinunt? Mit ihrem Glanz locken sie nur die Drachen an. Komm mit mir zur�ck in die Messergrassteppe. Dorthin verirrt sich ganz gewiss kein Drache.�</p><p>�Und wir werden immer arm wie die Bettler sein. Pithana zahlt zu schlecht���</p><p>�M�nzen�, schnaubte der Alte ver�chtlich. �Davon wird man nicht satt. Bei Pithana hast du immer einen vollen Bauch. Und wenn der Winter kommt, schenkt er all seinen Hirten warme Decken. Du wei�t doch gar nicht, was dich in Asugar erwartet, Junge. Ein kluger Mann setzt auf das, was er kennt!�</p><p>�Ich werde���</p><p>�Haltet endlich das Maul dahinten!�, rief eine dritte Stimme. �Sonst komm ich r�ber und lass meinen Kn�ppel tanzen!�</p><p>Der junge Hirte grummelte noch etwas, das Shaya nicht mehr verstand, dann wurde es still. Ein Palast f�r die Kranken? Von so etwas hatte die Prinzessin noch nie geh�rt. Aber die Valesier waren ber�hmt f�r ihre seltsamen Einf�lle. Sie w�rde versuchen, mehr �ber das Vorhaben des neuen Provinzf�rsten zu erfahren. Eine gro�e Stadt am Meer, in der ein alter Feldherr ein neues, friedlicheres Leben beginnen wollte. Vielleicht war das der Ort, nach dem sie suchte, auch wenn der Palast f�r die Kranken nur ein M�rchen war.</p><p>�Asugar�, wiederholte sie leise den Namen der Stadt, und sein Klang begleitete sie in ihre Tr�ume.</p></section><section><title><p>Der Pfahl im Hof</p></title><p>Der strahlende Sonnenschein der Mittagsstunde hatte den Schatten des Pfahls verschlungen, der am Morgen in der Mitte des gro�en Innenhofs der Karawanserei aufgestellt worden war. Pithana pers�nlich hatte die Arbeiten beaufsichtigt.</p><p>Beklommen sah Shaya zu Natan. Der Krieger stand breitbeinig vor dem Pfahl. Er hielt ein langes Bambusrohr, das er gelegentlich in die offene Handfl�che seiner Linken klatschen lie�, als wollte er sich vergewissern, dass es wirklich f�r eine Z�chtigung geeignet war.</p><p>Seitdem sie erwacht war, hielten sich stets vier Karawanenwachen in Shayas N�he. Gro�e, grobschl�chtige Kerle mit wild wuchernden, schwarzen B�rten. Ihr war bewusst, dass sie bei der Stute kein Wunder gewirkt hatte. Dazu hatte die Zeit einfach nicht gereicht.</p><p>�Komm, Weib!� Einer der W�chter winkte ihr mit seiner Pranke.</p><p>Was immer nun auch kommen mochte, sie w�rde es mit Fassung tragen, dachte sie stolz, reckte das Kinn vor und folgte dem W�chter.</p><p>Die anderen drei Wachen bildeten ein Karree um sie. Und um ihr die letzte Hoffnung auf Flucht zu nehmen, wurde gerade das gro�e, zweifl�gelige Tor der Karawanserei geschlossen. Nun gab es keinen Fluchtweg mehr von dem von hohen, lehmverputzten Mauern umgebenen Hof.</p><p>Shaya tastete nach dem Messer an ihrem G�rtel. Vielleicht w�rde sie mit den vier W�chtern fertig? Vielleicht gel�nge ihr sogar die Flucht vom Hof, aber dann w�rde die Geschichte von der Kriegerin, die sich als Viehheilerin ausgegeben hatte, wie ein Lauffeuer die Runde durch die Stadt machen. Wie lange w�rde es dauern, bis Aaron davon h�rte? Zwei Tage? Drei? Er w�rde alles in Bewegung setzen, um sie zu finden. Das konnte sie nicht riskieren. Die Geschichte von der gro�m�uligen Heilerin, die mit Kn�ppel gez�chtigt worden war, w�rde weit weniger Aufsehen erregen. Sie w�rde die Suppe ausl�ffeln, die sie sich eingebrockt hatte.</p><p>Natan schien bemerkt zu haben, wie ihre Finger sich kurz um den Dolchgriff geschlossen hatten. Er sch�ttelte sacht den Kopf, als wollte er sie davor warnen, eine Dummheit zu begehen.</p><p>Shaya erreichte die Mitte des Platzes. �berall lungerten Viehtreiber und Lastentr�ger herum. Im S�ulengang vor dem Haupthaus standen etliche fein herausgeputzte Kaufleute und die Hauptleute der Karawanenwachen, aus deren breiten Bauchgurten juwelenbesetzte Dolchgriffe ragten.</p><p>Inmitten der Gruppe stand Pithana. Er �berragte alle au�er einem rotgesichtigen Krieger, der l�ssig die Arme �ber den Stiel seiner Axt auf den Schultern gelegt hatte. �Dieses Weib hat mich �berredet, mein bestes Pferd mit W�rmern zu behandeln!�, erklang pl�tzlich laut und klar seine Stimme. Ganz offensichtlich hatte Pithana �bung darin, vor gr��eren Menschenmengen zu sprechen.</p><p>Auf einen Wink des H�ndlers wurde der Rotschimmel aus dem Stall vorgef�hrt. Es war un�bersehbar, dass er immer noch hinkte.</p><p>�Frech wie eine Hure auf dem Markt hat sie sich mir angeboten.� Pithana zuckte theatralisch mit den Schultern. �Und was soll ich euch sagen, Freunde? Ich bin ein Mann�� ich konnte ihr nicht widerstehen.�</p><p>Leises Gel�chter erklang.</p><p>Shaya musste den Drang niederk�mpfen, wieder nach ihrem Dolch zu tasten. Eine Hure hatte sie schon lange keiner mehr genannt.</p><p>Natan lie� neben ihr den Bambusstab in seine offene Hand klatschen. Bei dem Ger�usch zuckte sie innerlich zusammen. Am Wandernden Hof, der Zeltstadt, die der K�nigssitz ihres Vaters gewesen war, hatte sie gesehen, wie Verurteilte mit Kn�ppeln geschlagen worden waren. Wenn Natan auf ihre Leber und ihre Nieren zielte, w�rden drei�ig Hiebe ausreichen, sie zu t�ten.</p><p>Sie blickte zum Holzpfahl. Das Holz war frisch geschlagen. Es duftete nach Harz, der golden aus einigen Astl�chern quoll.</p><p>Allgemeines Gel�chter erklang. Pithana hatte wohl einen weiteren Scherz auf ihre Kosten gemacht. Jetzt l�ste sich der gro�e Kaufmann aus der Gruppe der Kaufleute und ging zu seiner Stute hin�ber, die unruhig mit den Hufen scharrte.</p><p>Er hielt dem Rotschimmel einen Apfel hin und kraulte ihn, als er fra�, zwischen den Ohren. Pl�tzlich deutete der Kaufherr mit ausgestrecktem Arm auf sie. �Dieses Weib hat mich get�uscht�, verk�ndete er mit Donnerstimme.</p><p>Shaya sah die Schadenfreude in den Augen der M�nner, die den Hof s�umten. Die Erwartung auf das grausame Spektakel, das nun folgen w�rde. Die Prinzessin stellte sich vor, wie sie sich ganz und gar an ihre kostbarsten Erinnerungen klammern w�rde, wenn der Stock ihr Fleisch sch�ndete. Sie w�rde an die Nacht denken, in der sie f�r Aaron auf dem R�cken des Wolkensammlers getanzt hatte, und daran, wie er sie in seinem Thronsaal wiedererkannt hatte, obwohl ihr Gesicht g�nzlich ver�ndert gewesen war.</p><p>Bedrohliche Stille hatte sich �ber den Hof gesenkt. Eine Stille, die all ihre tr�stenden Gedanken l�schte. Sie wandte den Kopf. Sah den Kaufherrn an, dem sie ganz und gar ausgeliefert war.</p><p>Pl�tzlich kniete er sich neben die Stute und strich �ber die entz�ndete Sehne.</p><p>�Sie ist nicht geheilt, aber die Schwellung ist deutlich zur�ckgegangen. Erstaunlich! Dieses vorlaute Weibsst�ck hat wahr gesprochen. Ihre Blutegel haben meiner Stute geholfen. Sie mag aussehen wie eine windige Trosshure, aber sie ist tats�chlich eine Heilerin. Das Einzige, was ich ihr vorhalten kann, ist, dass sie mir einen v�llig �berzogenen Preis f�r ihre K�nste abverlangt hat.� Pithana blickte in die Runde.</p><p>Shaya traute ihren Ohren nicht. Sie sah die Entt�uschung in den Gesichtern der M�nner ringsherum.</p><p>�Mir bleibt nur, mich selbst zu schelten. Meine Schl�fen sind grau, und doch bin ich nicht weise. Ich h�tte wissen m�ssen, dass es f�r einen Mann immer kostspielig wird, wenn er eine Frau trifft, die ihm mit sch�nen Reden kommt und dabei frech in die Augen sieht.�</p><p>Damit hatte er sie rumgekriegt. Die meisten Zuschauer, die eben noch entt�uscht waren, grinsten nun.</p><p>Pithana �ffnete mit gro�er Geste seinen Geldbeutel, trat zu ihr und z�hlte ihr drei M�nzen in die Hand. Shaya war immer noch �berw�ltigt und sprachlos. Sie sah zu dem Pfahl, zu dem Bambusstab, den Natan hielt. �Warum?�</p><p>�Komm mit mir mit, Weib. Teile Salz und Brot mit mir, und du wirst deine Antwort bekommen.�</p><p>Die Wachen �ffneten das Tor der Karawanserei. Etliche Schaulustige verlie�en den Hof. Shayas Hand schloss sich um die M�nzen.</p><p>�Du kannst gehen. Du bist frei.� Pithana l�chelte selbstsicher. �Aber dann wirst du niemals erfahren, warum ich es tat.�</p><p>Ohne auf ihre Antwort zu warten, ging er zur�ck zum G�stehaus. Die �brigen Kaufherren wirkten nicht minder verbl�fft, als sie es war. Ein t�towierter H�ndler in grellbunten Gew�ndern schimpfte sogar lautstark, als Pithana an ihm vor�berging.</p><p>Natan nahm den Rotschimmel beim Z�gel und f�hrte ihn zur�ck in die Stallungen. Er nickte ihr l�chelnd zu. Im Gegensatz zu den M�nnern um Pithana wirkte er erleichtert �ber den Ausgang.</p><p>Shaya folgte dem Kaufherrn zum G�stehaus. Sie hatte das Gef�hl, dass Pithana sein b�ses Spiel noch weiter treiben w�rde. Doch es war der t�towierte Kerl, der schon Pithana beleidigt hatte, der nun auch sie anfuhr. Er schien von den Schwimmenden Inseln zu kommen. Seine Z�hne waren zugefeilt, sein Gesicht mit den Rei�z�hnen eines Hais bemalt. Als er nach ihr greifen wollte, bedachte Shaya ihn mit einem eisigen Blick, in den sie all ihren Zorn legte. Erschrocken wich der H�ndler einen Schritt vor ihr zur�ck und schlug mit der Linken ein Schutzzeichen gegen das B�se.</p><p>Shaya blieb zwei Herzschl�ge lang stehen, hielt ihn mit ihrem Blick gebannt. Doch er wagte es nicht mehr, ihr in die Augen zu sehen. Schwei� stand ihm auf der Stirn.</p><p>�Kantubo�, sagte sie mit fester Stimme. Das bedeutete nichts, aber sie genoss es, ihn erbleichen zu sehen, weil er sich nun verflucht w�hnte. Eben noch hatte er sich an ihrem Elend erg�tzt. Hatte sich gew�nscht, sie wehrlos an einen Pfahl gefesselt zu sehen. Nun sollte er am eigenen Leibe erfahren, wie das war. Shaya wandte sich ab und trat ins G�stehaus. Im Halbdunkel der Eingangshalle stand Pithana. Er l�chelte. Hatte er durchschaut, dass sie nur ein b�ses Spiel mit dem T�towierten getrieben hatte?</p><p>�Du bist wirklich eine au�ergew�hnliche Frau. Ich w�nschte, uns bliebe die Zeit, deine Geheimnisse zu ergr�nden.� Er �ffnete eine T�r und winkte sie in eine Kammer, die mit pr�chtigen Teppichen und bunt bestickten Kissen ausgelegt war. Auf silbernen Platten dampften frisch gekochter Reis und k�stlich duftende Brotfladen. Kaltes Fleisch lag aufgeschnitten in dunkler Sauce, �pfel und Trauben t�rmten sich in weiten Schalen. Schneewei�er K�se schwamm in tr�bem Salzwasser.</p><p>Der Anblick des Essens verfehlte seine Wirkung nicht. Shaya knurrte der Magen so laut, dass der Kaufherr es geh�rt haben musste. �rgerlich dar�ber, dass Pithana um ihren Hunger wusste, hob sie den Kopf und sah sich um. Sie w�rde ganz sicher nicht wie ein ausgehungerter Wolf �ber das Essen herfallen. Und so betrachtete sie, statt sich am Anblick der reichhaltigen Speisen zu erfreuen, die Wandgem�lde. Sie zeigten eine Jagdszene. Bogensch�tzen streiften durch hohes Schilf auf der Suche nach einem L�wen. Auf dem Wasser schwammen Enten. Der L�we hatte eine Gazelle gerissen und trug sie zu seinem Versteck.</p><p>�H�bsche Bilder, nicht wahr?� Pithana setzte sich, griff nach dem Reis, formte eine kleine Kugel und schob sie sich in den Mund. �K�stlich�, erkl�rte er kauend. �In Butter gekocht. Du solltest davon kosten. Ich kenne �brigens noch nicht einmal deinen Namen.�</p><p>�Ninwe�, log sie und setzte sich Pithana gegen�ber auf einen Teppich. �Du wolltest mir etwas �ber die Vorstellung dort drau�en erz�hlen.�</p><p>Der Kaufmann schob sich gen�sslich noch eine weitere Reiskugel in den Mund. Er musterte sie aus dunklen Augen, sodass Shaya sich bald f�hlte wie eine Stute auf dem Pferdemarkt. Statt zu antworten, formte er eine dritte Reiskugel und deutete einladend auf das Essen.</p><p>Warum nicht, dachte sie schlie�lich. Sie k�nnte so viel essen, dass sie den Rest des Tages nichts mehr brauchte. Vielleicht auch morgen nicht. Sie musste ihr Geld zusammenhalten. Sie w�rde ein neues Kleid brauchen, in dem sie besser aussah. Und ein Besuch in einem Badehaus w�rde auch nicht schaden. Das Gespr�ch, das sie in der ersten Nacht bei Pithana mitgeh�rt hatte, ging ihr nicht aus dem Kopf. Sie wollte nach Asugar und dort ein neues Leben als Heilerin beginnen.</p><p>Sie legte ihren Umhang ab, nahm drei Brotfladen und einige �pfel und wickelte sie in den groben Stoff.</p><p>Der Kaufmann lachte leise. Es klang herzlich, nicht herablassend. �Einer Frau wie dir bin ich wahrlich noch nicht begegnet. Dein Umgang mit der Stute hat mich �berzeugt. Ich habe noch nie gesehen, dass eine Entz�ndung so schnell zur�ckging.�</p><p>Shaya nahm sich von dem Reis. Er war wirklich k�stlich. Sie schob sich Kugel auf Kugel in den Mund und trank zwischendurch etwas Wasser, das mit Zitronensaft und Honig veredelt worden war.</p><p>�Du machst nicht den Eindruck, als w�rde deine Kunst dich gut ern�hren.�</p><p>Shaya blickte vom Essen auf. Sie mochte nicht, was er sagte, doch es war offensichtlich, dass er recht hatte.</p><p>�Ich habe �berlegt, wie ich dich etwas bekannter machen k�nnte. Nat�rlich h�tte ich dich einfach nur empfehlen k�nnen, doch Worte haften oft nicht allzu gut in unseren Erinnerungen. Und sich an dich erinnern, das sollten sie. Die M�nner, die mit mir bei den S�ulen standen, haben �ber hundert Pferde hier in der Karawanserei. Manche sind nur elende Lasttiere mit durchgehangenem R�cken, aber es gibt auch edlere R�sser in den St�llen. Ich habe ein paar Mal abends von unserem besonderen Handel erz�hlt, und ich habe den Ruf, ein gestrenger Zuchtmeister zu sein. Als ich heute Morgen den Pfahl aufstellen lie�, haben sich alle ein Spektakel versprochen.� Er hielt inne und stocherte mit seinen langen Fingern�geln zwischen seinen Z�hnen.</p><p>�Der Pfahl war mein K�der, mit dem ich f�r dich die Fliegen gefangen habe. Alle sind sie gekommen, um zu sehen, was passiert.� Er hob entschuldigend die H�nde. �Es tut mir leid, dass ich dich erschreckt habe, aber f�r dein Gesch�ft wird es von Nutzen sein.�</p><p>Zum ersten Mal sah die Prinzessin ihm direkt in die Augen. Was f�r ein eingebildetes Arschloch! Sagen w�rde sie ihm das erst, wenn sie genug gegessen hatte.</p><p>�Ich bewundere dich. Du scheinst gut zurechtzukommen in dieser Welt der M�nner. Ich sch�tze, du kannst auch Kehlen aufschneiden, wenn es sein muss. Ich habe dein Messer bemerkt.�</p><p>Shaya hielt im Kauen inne und sah ihn durchdringend an. Er hatte keine Angst vor ihr. Was erwartete er, dass sie sich ihm dankbar an den Hals warf?</p><p>�Ich muss noch einmal zur�ck zu meinen Herden auf der Messergrassteppe. Die Rotschimmelstute wird hierbleiben. Wenn du dich um sie k�mmerst, zahle ich dir ein Silberst�ck in der Woche. Ein wahrlich f�rstlicher Lohn, um nach einem Pferd zu sehen.�</p><p>Shaya kostete von dem Ziegenk�se im Salzwasser. Er war nicht so gut wie der, den sie aus ihrer Kindheit kannte, aber durchaus der beste, den sie seit Langem zu essen bekommen hatte. Salzig und ein wenig sauer, mit lang anhaltendem Aroma.</p><p>�Du bist nicht sehr gespr�chig, Ninwe.� Der Kaufmann wirkte entt�uscht. �Ich sch�tze, du wirst wohl gehen. Du liebst deine Freiheit, nicht wahr? Aber Freiheit bedeutet, immerzu zu k�mpfen. Wenn du eines Tages m�de bist, dann komm nach Luwien. Es gibt dort eine gro�e Tempelstadt. Sie hei�t Isatami. Du hast gewiss schon von ihr geh�rt.�</p><p>Shaya verschluckte sich fast. Isatami! Nie w�rde sie diesen Namen vergessen. In der heiligen Stadt war sie vom Unsterblichen Muwatta vor den Augen Tausender jubelnder Pilger in der Nacht der Himmlischen Hochzeit vergewaltigt worden. Wenn es einen Ort gab, an den sie ganz gewiss nie mehr zur�ckkehren w�rde, dann war es diese verfluchte Stadt.</p><p>�Wenn du dort nach Pithana fragst, wird man dir den Weg zu meinem Gutshof weisen. Jeder kennt mich in Isatami. Mein Gest�t liegt etwa drei�ig Meilen vor der Stadt.� Er erhob sich und verneigte sich knapp. �Es war mir eine Ehre, dich kennengelernt zu haben, Ninwe. Ich hoffe, wir werden uns wieder begegnen.�</p><p>An der T�r der Kammer drehte er sich noch einmal zu ihr um. �Ich habe dich nicht allzu freundlich behandelt. Aber ich hoffe, du hast verstanden, dass es zu deinem Besten war. Unter dem Kissen dort vorne findest du ein kleines Abschiedsgeschenk. Vielleicht gewinne ich damit deine Gunst.�</p><p>Pithana verlie� die Kammer. Shaya lauschte auf seine Schritte. Er ging hinaus auf den Hof. Kurz h�rte sie seine Stimme, als er einem Diener einen Befehl zurief, dann war es still.</p><p>Neugierig hob sie das Kissen auf. Darunter lag ein gefalteter gelber Seidenschal, auf den rote Rosen gestickt waren. In den Schal eingeschlagen fand sie ein Goldst�ck. W�tend warf sie Schal und Gold von sich. Was bildete er sich ein? Dass er sie kaufen konnte? Sollte das ein Brautgeschenk sein? Was hatte er sich von diesem gemeinsamen Mahl versprochen?</p><p>Das Goldst�ck funkelte im Licht der Sonne, das durch ein schmales Fenster fiel. Sie atmete tief ein. Solch dummen Stolz konnte sie sich nicht leisten, dachte sie ruhig. Sie a� einige Oliven, konnte den Blick aber nicht vom Gold wenden.</p><p>Schlie�lich nahm sie alle Brotfladen und noch einige �pfel, packte sie zu der Beute in ihrem Umhang und knotete ihn zu. Dann hob sie den Seidenschal auf und schlang ihn sich um den Nacken. Zuletzt nahm sie auch das Gold. Es w�rde ihr den Weg in ein neues Leben �ffnen.</p><p>Hocherhobenen Hauptes verlie� sie die Karawanserei, sich der Blicke der Wachen und Stallknechte wohl bewusst, die ihr folgten.</p></section><section><title><p>Himmlischer Frieden</p></title><p>Es war bereits sp�ter Nachmittag, als Shaya sich dem Palastviertel der Valesier n�herte. Dort, so hoffte sie, w�rde sie eine Passage auf einem der Wolkenschiffe erhalten. Als sie sich durch die vielen Menschen schob, die die Stra�en bev�lkerten, musste sie an Aaron denken. Daran, wie oft er ihr von seinen Tr�umen von einer besseren Welt erz�hlt hatte. Vielleicht war es selbst f�r einen Unsterblichen zu k�hn, gleich die ganze Welt verbessern zu wollen. Ob Arcumenna mehr Gl�ck haben w�rde? Er wollte eine vollkommene Stadt. Danach eine Provinz. Kleine Schritte�� so sollte auch ihr Leben k�nftig aussehen. Sie w�rde nur kleine Schritte machen, nichts Besonderes sein und unauffindbar f�r Aaron werden.</p><p>Schon am Mittag hatte sie damit begonnen. Sie hatte wieder einmal, wie eine Schlange, ihre Haut abgestreift. War eine andere geworden. Niemand h�tte in der gut gekleideten, fast schon sch�nen Frau die armselige Pferdeheilerin vermutet. Shaya hatte f�r ihr Gold ein Kleid aus rot gef�rbtem Leinen und ein paar weiche Stiefel gekauft. Auch f�r eine Tasche und einen kleinen Vorrat an Kr�utern und Tinkturen hatte es noch gereicht.</p><p>Am Himmel �ber ihr ankerten unz�hlige Wolkensammler. Es war eine ganze Flotte, die an den hohen T�rmen des Palastviertels versammelt lag. Hunderte M�nner dr�ngten sich vor den Wachposten. Shaya reihte sich geduldig in die lange Schlange und sah sich unauff�llig um. Frauen gab es nur wenige. Sie wurde angep�belt. Vielleicht war Rot nicht die kl�gste Wahl f�r das Kleid gewesen.</p><p>Die meisten M�nner, die an Bord der Wolkenschiffe wollten, wurden abgewiesen. Shaya konnte sich vorstellen, warum. Gewiss wollte Arcumenna nur die jungen und kr�ftigen und jene, die ein Handwerk gelernt hatten. Mit harten Augen und zusammengekniffenem Mund gingen die Entt�uschten entlang der Menschenschlange zur�ck in die Stadt. Wieder einmal von Nangog um einen Traum betrogen.</p><p>Dann endlich stand sie vor einem schwitzenden Hauptmann mit kurz geschorenem, grauem Haar. �Wem geh�rst du, Weib?�</p><p>�Mir!�, entgegnete sie ver�rgert.</p><p>Der Hauptmann musterte sie mit m�dem Blick. �Was willst du in Asugar?�</p><p>�Ich bin eine Heilerin.�</p><p>Er nickte und wies auf einen der Ankert�rme. �Du fliegst auf der <emphasis>Himmlischer Frieden</emphasis>. Steig dort den Turm aus gelblichen Ziegeln hinauf. An Bord wird man dir einen Platz zeigen, an dem du schlafen kannst.�</p><p>Ein wenig �berrascht trat sie durch den Ring aus Wachen und sah dann unsicher noch einmal zu dem Hauptmann zur�ck. Der besch�ftigte sich schon mit dem n�chsten Tr�umer.</p><p>Sie konnte kaum glauben, dass es das schon gewesen war. Eilig strebte sie durch das Gedr�nge dem genannten Turm entgegen und erklomm die Treppe, die sich in weiten Spiralen entlang der Au�enmauer wand. Auf der Treppe �berholte sie etliche M�nner, denen die H�he zu schaffen machte. Sie hingegen konnte es kaum erwarten. So lange war sie schon nicht mehr geflogen! Mit festem Schritt passierte sie die breite Planke und war an Bord.</p><p>Einst hatte sie die Wolkensammler Kanitas befehligt, des Statthalters ihres Vaters Madyas. Eine Ewigkeit schien seitdem vergangen zu sein. Shaya suchte sich einen Platz an der Reling und genoss es, hinab auf die Stadt zu blicken. Endlich einmal hatte sie nicht k�mpfen m�ssen, um ein Ziel zu erreichen. Es war fast unheimlich, wie leicht sie an Bord gekommen war. Sie hatte ein schlechtes Gewissen, als sie auf die Menschenmenge blickte. Tausende warteten noch darauf, auf eines der Wolkenschiffe zu d�rfen. Mehr als zwei Dutzend Menschenschlangen dr�ngten sich in den Gassen des Viertels. Jeder Ankerturm wurde von M�nnern belagert, die an den Traum von Asugar glaubten. Der Stadt, die vollkommen sein w�rde.</p><p>Shaya beobachtete, wie Frachter mit Amphoren und lebendem Vieh beladen wurden. Einige Schiffe waren mit Kriegern gef�llt. Die Sonne funkelte auf ihren Bronzehelmen. Entlang der Reling h�ngten sie ihre gro�en Rundschilde auf. Ein jeder war mit einem anderen Bild bemalt. Einige zeigten die Schreckensgestalten, die sich aus dem Scho� Nangogs erhoben hatten. Frauenh�upter, auf denen sich Schlangen wanden, Kreaturen, halb Mensch, halb Vogel, oder L�wen und Pferde. Plante Arcumenna einen Feldzug? Es waren erstaunlich viele Bewaffnete, die ihm in seine Provinz folgten.</p><p>In der Abendd�mmerung l�ste die <emphasis>Himmlischer Frieden</emphasis> endlich ihre Tentakel vom Ankerturm. Letzte Taue wurden eingeholt, die Segel an den Masten, die seitlich aus dem Rumpf des Schiffes ragten, gesetzt. Eine sanfte Brise trieb die Wolkenschiffe nach S�den.</p><p>Shaya mochte sich gar nicht sattsehen. Nach und nach legten alle Schiffe ab. Lange hatte sie keine so gro�e Flotte mehr gesehen. Sie verk�rperte die Macht der sieben Reiche. Und die Hoffnung.</p><p>Die Schatten der Schiffe glitten tief unter ihr �ber die Stadt. Keine hundert Schritt entfernt sah sie den seltsamen neuen Wolkensammler �ber dem Palast des Unsterblichen Volodi. Ob es noch mehr solcher Tiere am unendlichen Himmel gab? Dieser Wolkensammler glich einem Rochen. Nur dass ihm Tentakel von der Unterseite hingen. Selbst jetzt, wo er vor Anker lag, bewegten sich seine Schwingen schwach.</p><p>An Bord des Schiffes, das die Tentakel trugen, war nur ein einziger Mann zu sehen. Ein Krieger mit langem, blondem Haar, der nach S�den blickte, dorthin, wo Shayas Zukunft lag.</p></section><section><title><p>Offenbarung</p></title><p>Volodi sah den Wolkensammlern nach, die nach S�den flogen. Er wusste, dass die Flotte unter dem Befehl von Arcumenna, dem Laris von Truria, stand. Viele Jahre lang war Arcumenna der Heerf�hrer des Unsterblichen Ansur gewesen. Er hatte den Krieg nach Drusna getragen und war der Sieger etlicher Schlachten und Scharm�tzel. Kein anderer Valesier hatte sein Volk so sehr gedem�tigt wie Arcumenna, dachte Volodi bitter. �M�gen dich die M�cken und die Schlangen des Fieberdschungels verschlingen, blutsaufender Mistkerl.� Er �berlegte, ob er Quetzalli darum bitten sollte, Arcumenna mit einem Fluch zu belegen. Sie war gut in solchen Dingen!</p><p>Die Ankerseile von <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont</emphasis> knarrten. Der Wind drehte, und der Wolkensammler schwang ein wenig nach Westen. Volodi beobachtete, wie die lange Reihe der Wolkenschiffe ebenfalls nach Westen abdriftete. Sie hatten die Goldene Stadt kaum hinter sich gelassen, und schon flogen sie nicht mehr auf dem richtigen Kurs, hilflos den Launen des Windes ausgeliefert. Wenn sie Pech hatten, w�rde es eine sehr lange Reise nach Asugar werden.</p><p>Der Drusnier l�chelte zufrieden. Er g�nnte Arcumenna jedes Missgeschick von ganzem Herzen. Vielleicht w�rde seine Flotte ja noch von Harpyien angegriffen oder von Tarkon Eisenzunge. �M�gen dir blutige Geschw�re am Arsch wachsen, auf dass es dir auf deinem neuen Thron als Provinzf�rst so gar nicht gef�llt!�</p><p>Das Fluchen hob seine Laune nicht. Die abdriftende Flotte erinnerte ihn daran, wie viel sie alle verloren hatten: den Schl�ssel dazu, endg�ltig die Himmel Nangogs zu erobern und nicht mehr l�nger Sklaven der Winde zu sein. Ungl�cklich sah er zu <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont</emphasis> hinauf. �Du wirst der einzige deiner Art sein.� Irgendwie passte es zu Kolja, den gr��ten Schatz dieser Welt zu finden und dann alles Wissen dar�ber f�r sich zu behalten. F�r immer��</p><p>Volodi ging an der Reling entlang. Das Schiff war immer noch in einem erb�rmlichen Zustand. Es sah aus, als w�re es aus irgendwelchen Wrackteilen zusammengezimmert. Auch der Schiffsbaum war in schlechtem Zustand. Er hatte kein einziges Blatt mehr, aber wenigstens begann er zu knospen. Er war nicht tot, was immer ihm auch zuvor widerfahren war.</p><p>Volodi lehnte sich r�cklings an die Reling und blickte �ber das Schiff. Er sollte es umbauen. Besser bewaffnen. Vielleicht konnte er mit <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont</emphasis> endlich Tarkon stellen? Oder er k�nnte die Drachen der Daimonen vom Himmel holen. Er sollte den Gro�en B�ren darum bitten, dass er seinen Bruder Langarm, den G�tterschmied, schickte. Jener sollte neue Waffen ersinnen. Waffen, die es erlaubten, alle Feinde vom Himmel Nangogs zu vertreiben. Volodi dachte an Speerschleudern, die auf drehbaren Plattformen standen, sodass sie in jede Richtung schie�en konnten. Fast jede�� was �ber dem Wolkensammler war, w�rde f�r die Schiffsbesatzung unsichtbar sein. Das war schon immer das Problem der Wolkenschiffe gewesen. Wer von oben auf sie hinabstie�, der hatte gute Aussichten auf einen leichten Sieg.</p><p>Als er sich umdrehte, war die Flotte Arcumennas zu tiefschwarzen Schatten vor dem gl�henden Horizont geworden. Die Finger des Unsterblichen klammerten sich um das verwitterte graue Holz des Handlaufs. Sie waren m�chtig und zugleich ohnm�chtig, ihre Wolkensammler. Zwanzig Himmelsriesen wie <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont</emphasis> w�rden den Unterschied machen. Aber das waren nur Tr�ume.</p><p><emphasis>Und willst du deine Tr�ume leben, Unsterblicher Volodi?</emphasis></p><p>Der Drusnier sah verbl�fft auf. Noch nie hatte ein Wolkensammler zu ihm gesprochen! Die Stimme war in seinem Kopf. Sie klang undeutlich, war verzerrt wie ein Echo. Konnte die Kreatur etwa all seine Gedanken lesen?</p><p><emphasis>Das w�re unh�flich. Ich sch�rfe nicht in deinen Erinnerungen, es sei denn, du l�dst mich dazu ein.</emphasis></p><p>�Warum jetzt?�</p><p><emphasis>Weil ich deine Verzweiflung und deine Trauer sp�re, und weil du ein anderer Mann bist als Kolja. Au�erdem hast du deine Hand auf die richtige Stelle der Reling gelegt. Du bist nicht sehr empf�nglich f�r die Sprache der Gedanken. Wenn ich dich ber�hren d�rfte, k�nnte ich deine Gef�hle noch intensiver teilen.</emphasis></p><p>Volodi sah zum Handlauf hinab. Das verwitterte Holz war von einem frischen Wurzelspross des Schiffsbaums durchdrungen. Die Krone des Baums wuchs in den Leib des Wolkensammlers hinein. Und sie waren auf irgendeine Art miteinander verbunden. Der Himmelsgigant steuerte den Wurzelwuchs des Baums. Allerdings hatte Volodi bislang immer geglaubt, dass die Wolkensammler nur zu den Lotsen sprachen.</p><p><emphasis>Wir sprechen zu denen, denen wir uns mitteilen m�chten.</emphasis></p><p>�Und warum ich?�</p><p><emphasis>Darf ich dich ber�hren? Es w�rde mir leichterfallen, mit dir zu sprechen, wenn es nicht den Umweg �ber den Baum g�be.</emphasis></p><p>Volodi blickte zweifelnd auf das Gew�hl sich windender Tentakel. Sie waren an Bord der Wolkenschiffe nie mehr als zwei Schritt entfernt. Manchmal erinnerte ihr Anblick ihn an die Schale sich windender W�rmer, mit denen er als Junge zum Fischen gegangen war. Es war beklemmend, sie immer so nah zu sehen. Wer eines der fliegenden Schiffe betrat, lieferte sich ihnen aus. Er hatte gesehen, wie Tarkon Eisenzunge in den Leib seines Wolkensammlers aufgenommen worden war. Dieses Bild hatte er nie mehr vergessen k�nnen.</p><p><emphasis>Keine Sorge, ich fresse nur sehr selten Menschen.</emphasis></p><p>�War das ein Scherz?� Hatten Wolkensammler Sinn f�r Humor? Davon hatte Volodi noch nie geh�rt. Ein d�nner Tentakel ringelte sich zu ihm hinab. Er war anders als die �brigen Fangarme. Blass, von schleimbedeckter, milchiger Haut �berzogen und ohne Saugn�pfe oder Fanghaken. Sah es so aus, wenn einem ein Wolkensammler die <emphasis>Hand</emphasis> reichte?</p><p>Z�gerlich ber�hrte der Unsterbliche den Tentakel mit seinen Fingerspitzen. Er war �berraschend k�hl.</p><p><emphasis>So ist es viel besser!</emphasis></p><p>Die Stimme in Volodis Kopf war nun ganz klar zu verstehen.</p><p><emphasis>Mir gef�llt deine Idee, Waffen in den Kampf zu tragen, die von einem</emphasis><emphasis>Devanthar geschaffen wurden. Wir werden sie brauchen, denn ich sehe einen schrecklichen, langen Krieg kommen. Ich werde das Leben vieler meiner Freunde retten k�nnen, wenn ich sie gegen die Drachen verteidigen kann, die unsere Welt heimsuchen werden.</emphasis></p><p>Volodi hatte das Gef�hl, dass <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont</emphasis> sich bem�hte, seine Gedanken klar und einfach zu formulieren, so, als spr�che er mit einem Kind. Zudem fand er den Gedanken, dass die Wolkensammler untereinander befreundet waren, verst�rend. Bislang hatte er in ihnen nichts weiter als besonders gro�e und auf ihre Art recht n�tzliche Tiere gesehen. �Sie werden versuchen, dich von oben anzugreifen, dagegen wirst auch du dich nicht wehren k�nnen.�</p><p><emphasis>Ich habe dieses Problem l�nger bedacht. Es ist in der Tat eine gro�e Gefahr. Aber ich kann meinen K�rper ver�ndern. Es dauert lange und ist schmerzhaft, aber m�glich. Ihr k�nntet eine R�hre mit einer engen Treppe durch meinen Leib legen, um von den unteren Flugdecks auf meinen R�cken zu gelangen. Entlang meines R�ckgrats w�re Platz f�r ein schmales Deck, auf dem einige Speerschleudern stehen k�nnten. Auch w�re es n�tzlich, wenn eure Silberl�wen sich oberhalb meiner Br�der hielten und versuchten, Drachen abzufangen.</emphasis></p><p>Volodi dachte an den toten Drachen, den er in Wanu gesehen hatte. Er konnte sich nicht vorstellen, dass einige silberne L�wen ausreichen w�rden, um solch ein Ungeheuer aufzuhalten. Er hatte gesehen, dass Subais Ischkuzaia Hunderte Pfeile ben�tigt hatten, um den Drachen zu t�ten. Noch befremdlicher fand er jedoch den Vorschlag des Wolkensammlers, eine Treppe durch seinen Leib bauen zu lassen. Er musste sich ihrer Sache wirklich sehr verbunden f�hlen, wenn er bereit war, so etwas auf sich zu nehmen.</p><p>�Ich m�chte dich nicht beleidigen, aber ich glaube nicht, dass du und einige silberne L�wen ausreichen werden, um die Herrschaft am Himmel zu behalten. Wir h�tten das Traumeis gebraucht. Aber Kolja hat das Geheimnis um sein Versteck mit in den Tod genommen.�</p><p><emphasis>Ich war es, der Kolja zu seinem Versteck getragen hat. Aber man muss wahrlich ein finsteres Herz haben, um von diesem W�chter die Erlaubnis zu erhalten, den Schatz zur�ckzuholen. Kolja hat ihn darauf eingeschworen, das Traumeis niemand anderem als ihm zu geben.</emphasis></p><p>Neue Hoffnung keimte in Volodi. �Du wei�t also, an welchem Ort es versteckt ist, und k�nntest mich dorthin bringen?�</p><p><emphasis>Auch wenn mir die Feinheiten eurer Sprache nicht gel�ufig sind, glaube ich, dass es falsch ist, das Versteck als �Ort� zu bezeichnen��</emphasis></p><p>Der Drusnier verstand nicht, was der Wolkensammler meinte. Egal, welch schrecklicher W�chter das Traumeis nun bewachte, Kolja hatte es an irgendeinem Ort versteckt�� ob es nun tief in der Erde vergraben war, es in einer H�hle lag oder in einem See versenkt war.</p><p><emphasis>Wenn du deine Augen schlie�t, sodass deine Sinne nicht abgelenkt sind, kann ich ein Bild in deine Gedanken pflanzen. Ich k�nnte dir, glaube ich, mit Worten nicht verst�ndlich machen, wo es ist. Besser, du siehst es.</emphasis></p><p>Volodi fand das verwunderlich, aber genau genommen war es ja auch schon verwunderlich, sich mit einem riesigen, schwebenden Rochen zu unterhalten. Also folgte er dem Wunsch von <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont</emphasis>.</p><p>Kaum dass er die Augen geschlossen hatte, stieg nicht ein einzelnes Bild in seinen Gedanken auf. Es waren Hunderte. Er konnte sehen, wohin Kolja gegangen war, was er getan hatte. Vor Schrecken taumelte der Drusnier von der Reling fort. Er strauchelte, lie� den Tentakel los und riss die Augen auf, um nicht weiter sehen zu m�ssen.</p><p>Selbst jetzt, da er zum freundlichen Abendhimmel aufblickte, wollten ihn die Bilder nicht mehr loslassen. Kolja hatte wahrlich einen <emphasis>Ort</emphasis> gefunden, an den Menschen nicht gehen sollten. Und ja, der Wolkensammler hatte recht. Ort konnte man es eigentlich nicht nennen�� Es war�� Allein der Anblick der Augen grauste Volodi. Dieser W�chter��</p><p>�Ich kann nicht dorthin!�, sagte er entschieden.</p><p><emphasis>Dann�� wir Nangog verlieren! Wir brauchen�� Traumeis!</emphasis> Die Stimme von <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont</emphasis> war ein undeutliches Echo, kaum noch verst�ndlich.</p><p>�Nein!� Volodi wollte vergessen, was er gesehen hatte. Er eilte zu der Planke, die hin�ber zum Ankerturm f�hrte. Er war sich bewusst, dass es eine regelrechte Flucht war. Er hatte von diesem W�chter schon geh�rt. Aber all diese Geschichten waren nicht im Mindesten an die Wirklichkeit herangekommen. Vermutlich lag es daran, dass niemand mehr lebte, der ihm wirklich nahe gekommen war. Wie hatte Kolja nur��</p><p>Nein, er wollte es nicht wissen! Volodi taumelte immer noch, benommen von der Wucht der Bilder. Koljas Herz musste noch viel finsterer gewesen sein, als er jemals geahnt hatte, wenn dieses Ungeheuer in ihm einen Seelenverwandten gesehen hatte. Volodi wollte alles vergessen. Er wollte seinen Sohn in den Armen halten, wollte Quetzalli k�ssen und sie leidenschaftlich lieben. Er wollte diese Erinnerung um jeden Preis tilgen. Wollte vergessen, dass es dort drau�en etwas gab, das jede Normalit�t binnen eines Herzschlags ausl�schen konnte.</p></section><section><title><p>Anisja</p></title><p>Bidayn kniete auf dem Flur vor den Gem�chern des Unsterblichen. Sie konnte Quetzalli hinter der n�chsten T�r auf und ab gehen h�ren. Volodi war nicht zu ihr gekommen, als er am fr�hen Abend aus Drusna zur�ckgekehrt war. Er war auf den Ankerturm gestiegen, zu dem ver�nderten Wolkensammler, und hatte zugesehen, wie die Luftflotte die Goldene Stadt verlassen hatte.</p><p>Inzwischen war es dunkel, und in der gro�en Halle l�rmten die Krieger. Sie betranken sich allzu oft. Bidayn verstand das nicht. Abend f�r Abend sa�en sie zusammen, erz�hlten sich Geschichten, von denen jeder wusste, dass der gr��te Teil erstunken und erlogen war, und besoffen sich dabei. Ein Dreck waren sie! Asfahal und ihr Gefolge w�rden nur wenige Augenblicke brauchen, um diese Aufschneider niederzumetzeln. Was f�r Krieger waren das?</p><p>Wahrscheinlich war es ein Fehler zu versuchen, die Menschen zu verstehen. Sie waren schmutzig, ohne Moral und, was das Schlimmste war, so dumm, dass es zum Himmel stank. Als sie vorgestern an den Hof zur�ckgekehrt war, hatte sie bei Vladi, dem Aufseher der Dienerschaft, vorsprechen m�ssen. Sie hatte Sorge gehabt, er k�nne sie wiedererkennen. Ihre Augen waren unver�ndert, die Art, wie sie sich bewegte. Er h�tte es durchschauen k�nnen, doch statt aufmerksam zu sein, hatte er ein zweites Mal eine M�rderin in das Haus seines Herrn eingeladen.</p><p>Bidayn wrang den Putzlappen �ber der Schale mit schmutzigem Wasser aus. Sie hoffte, dass das hier schnell vorbei sein w�rde. Sie hasste es, die dem�tige Dienerin geben zu m�ssen. Sie war die Auserw�hlte des Goldenen. Die Elfe rutschte ein St�ck vorw�rts und schwang den Putzlappen in weitem Bogen �ber die Steinplatten. Eine �llampe spendete ihr k�mmerliches gelbes Licht. Ihr war klar, wie wichtig diese Mission war. Dennoch h�tte sie fr�her ein Streiter der Blauen Halle �bernommen. Drachenelfen waren dazu ausgebildet, Blut zu vergie�en.</p><p>Etwas hatte sich ver�ndert. Bidayn hielt den Atem an. Sie durfte sich nicht ihrer Wut hingeben. Sie musste jeden Augenblick achtsam sein. Wenn sie einen Fehler beging, w�rde es niemanden geben, der k�me, um sie zu retten. Die Schritte! Das hatte sich ver�ndert. Quetzalli hatte in ihrem unruhigen Marsch hinter der Zimmert�r innegehalten. Vielleicht um das Kind aus der Wiege zu heben. Wanya war ungew�hnlich ruhig heute Abend. Von ihrem ersten Besuch kannte Bidayn ihn als quengelndes Balg, das hundert Mal am Tag Mama oder Papa stammelte und irgendwelche unverst�ndlichen Worte vor sich hin brabbelte, die Quetzalli ein L�cheln auf die Lippen lockten.</p><p>Wahrscheinlich hatte er den Tag �ber so viel gestammelt, dass ihm nun die Puste ausgegangen war, dachte Bidayn. Pl�tzlich sah sie ganz deutlich Lydaine und Farella vor ihrem inneren Auge. Sie waren ihre T�chter, seit sie in Uttika den Kaufherrn Shanadeen geheiratet hatte. Und sie hatten beobachtet, wie sie sich in der Nacht ihrer Hochzeit mit Asfahal im Bett ihres Vaters vergn�gt hatte. Ob die beiden es ihm erz�hlt hatten?</p><p>Es hatte Augenblicke gegeben, in denen sie die M�dchen gemocht hatte. Nicht sehr viele�� Ob sie sie noch einmal wiedersehen w�rde?</p><p>Die T�r am Ende des Flurs �ffnete sich. Volodi trat ein. Endlich! Er taumelte, st�tzte sich mit beiden H�nden an der Wand ab. Sein Atem ging keuchend.</p><p>�Herr?� Bidayn erhob sich.</p><p>Fast erschrocken sah er auf. Augenblicklich straffte er sich. Im Dunkel des Flurs sah sie ihn nicht sehr deutlich. Er kam auf sie zu.</p><p>Bidayn fl�sterte das Wort der Macht, das der Goldene sie gelehrt hatte. Sie roch ihren Duft nicht. Sie konnte nur darauf hoffen, dass er wirkte.</p><p>Jetzt trat Volodi in den Lichtkreis der �llampe. Sein Gesicht wirkte blass. Er hatte etwas Gehetztes an sich.</p><p>�Was hast du gesagt, M�dchen? Du hast doch gerade etwas gemurmelt���</p><p>Sie blickte auf den Putzlappen vor ihr auf dem Boden. �Ich fragte, ob es euch gut geht, Herr.�</p><p>Er blieb eine Antwort schuldig. Stattdessen ging er zu der T�r, hinter der Quetzalli wartete. Pl�tzlich drehte er sich noch einmal um. �Ich habe dich noch nie zuvor gesehen.� Seine Stimme klang weicher.</p><p>Lag da Sehnsucht in seinen Augen? Oder war das nur Wunschdenken?</p><p>�Wie hei�t du, M�dchen?�</p><p>�Anisja, Erhabener. Ich hatte das Gl�ck, dass Euer Hofmeister Vladi mich in Euren Dienst aufnahm, Herr.�</p><p>�Ich glaube, ich war es, der Gl�ck hatte, Anisja. Du bist so sch�n wie ein frischer Rehbraten. Allein dich anzusehen gibt einem unruhigen Herzen Frieden.�</p><p>�Ihr seid ein Dichter, Erhabener.�</p><p>Er lachte leise. �Ich bin vieles, aber ganz gewiss kein Dichter.� Er �ffnete die T�r und trat in sein Gemach.</p><p><emphasis>Sch�n wie ein frischer Rehbraten,</emphasis> dachte Bidayn. Auf so ein Kompliment konnte nur ein Drusnier kommen. Wenn sie Asfahal davon erz�hlte, w�rde er am Boden liegen vor Lachen. Der Gedanke an den Elfen versetzte ihr einen Stich. Sie mochte ihn. Er brachte sie zum Lachen und war ein guter Liebhaber. Und er w�rde sie betr�gen. Sie sollte sich nicht auf ihn einlassen, das w�rde sie nur ungl�cklich machen. Sie geh�rte allein dem Goldenen.</p></section><section><title><p>Vom Vergangenen und dem, das kommen soll</p></title><p>Das Treffen war wichtig. Es war das erste Mal seit der Niederlage im ewigen Eis, dass alle Unsterblichen sich versammelt hatten. Sie beratschlagten, wie sie in Zukunft gegen die Daimonen vorgehen konnten. Gerade sprach der Unsterbliche Ansur. Er war ein Langweiler. Seine Stimme monoton. Artax vermochte einfach nicht mit den Gedanken bei ihm zu bleiben oder bei dem �bersetzer, der ihm ins Ohr fl�sterte, was Ansur sagte.</p><p>Artax sah dem Unsterblichen ins Antlitz, damit es weniger auffiel, dass seine Gedanken nicht in der kleinen Halle waren, in der sie auf schlichten B�nken um eine Feuergrube versammelt sa�en. Das Treffen war geheim gehalten worden. Nur wenige Vertraute aus dem engsten Umfeld der Unsterblichen wussten davon. Schlie�lich hatte es erst k�rzlich einen �berfall der Daimonen auf ausgerechnet diesen Palast gegeben. So hatten sich allein die Unsterblichen und ihre �bersetzer in der Halle eingefunden.</p><p>Artax sah zu Volodi. Er hatte den Eindruck, dass auch sein Freund mit seinen Gedanken nicht bei der Sache war.</p><p>�Und deshalb gen�gt es nicht, unsere Truppen zu verst�rken�, fl�sterte der �bersetzer. �Wir m�ssen die Befestigungen der St�dte st�rken, die T�rme, die Mauern���</p><p>Unsinn, dachte Artax. Was halfen Mauern gegen Feinde, die auf riesigen Adlern ritten? Volodi hatte ihm vom �berfall auf seinen Palast berichtet. Die Daimonen kamen und gingen, wie es ihnen gefiel. Mauern waren das Letzte, was sie aufhalten w�rde.</p><p>Wie t�dlich die fliegenden Daimonen waren, hatte er am eigenen Leib erfahren. Manchmal verfolgte ihn der rot gewandete Krieger in seinen Tr�umen, der auf seinem fliegenden Pferd gegen ihn gek�mpft hatte. Der Daimon hatte den Unsterblichen Madyas get�tet und auch ihn fast ermordet. Nie w�rde er die kalten, v�llig schwarzen Augen seines Gegners vergessen und wie hilflos er sich gef�hlt hatte, als der silberne L�we, auf dem er zusammen mit Madyas geritten war, aus dem Himmel st�rzte.</p><p>Daran, was nach dem Kampf im Himmel geschehen war, hatte er fast keine Erinnerung. In seinen Fiebertr�umen war Shaya bei ihm gewesen. Ormu hatte eine Heilerin geholt, die ihm in der Nacht, bevor sie das ewige Eis verlie�en, das Leben rettete. Er musste sie gesehen haben, konnte sich an ihr Gesicht aber nicht erinnern. Ormu sprach nicht viel �ber sie. Der Bogensch�tze war ohnehin nicht sonderlich gespr�chig, aber was diese Nacht anging, war er besonders verschlossen.</p><p>Artax hatte inzwischen mit anderen �berlebenden gesprochen. Viele hatten ihm von einer dunkelhaarigen Frau berichtet, die man auf dem R�ckzug �die Tr�sterin� genannt hatte. Unerm�dlich hatte sie den Verwundeten und Sterbenden geholfen. Doch nun war sie spurlos verschwunden. War sie am letzten Tag noch umgekommen?</p><p>An diesen Tag konnte er sich noch gut erinnern. An die Lawinen, die gleich tosenden wei�en Wolken die H�nge hinabgeglitten waren und Hunderte, die schon das rettende Weltentor vor Augen hatten, noch in den Tod gerissen hatten. Er hatte �berlebt, weil er gegen die grauen Riesen und die Zwerge auf den eisernen Schlitten gek�mpft hatte.</p><p>Wahrscheinlich war die Tr�sterin bei den Verwundeten und Nachz�glern an den H�ngen gewesen. Artax haderte damit, dass die G�tter so ungerecht waren. Er hatte seine Spitzel beauftragt, nach der Tr�sterin zu suchen oder zumindest jemanden zu finden, der wusste, wo sie in jenen letzten Stunden im ewigen Eis gewesen war. Er wollte nicht akzeptieren, dass die Frau, die ihm das Leben gerettet hatte, wenige Stunden sp�ter gestorben sein sollte.</p><p>Er seufzte leise. Warum nur spielte ihm seine Erinnerung so verr�ckte Streiche? Warum sah er Shaya in jener Nacht an seiner Seite. War er dem Tod so nahe gewesen, dass er sich von der Wirklichkeit gel�st hatte und seine W�nsche das Einzige gewesen waren, was f�r ihn noch Gestalt hatte?</p><p>Seine Gedanken wanderten weiter zu Lamgi, dem kahlk�pfigen, schlaksigen Krieger, der Scharf�hrer unter den Kushiten geworden war. Er hatte Talent gezeigt, besonders unauff�llig zu sein. Ashot mochte ihn nicht, doch Artax war �berzeugt, dass Lamgi ein ausgezeichneter Spitzel sein k�nnte. Deshalb hatte er ihn beauftragt, die Wolkenstadt von Tarkon Eisenzunge zu finden. Als sie den Kult, der die Gr�nen Geister anbetete, zerschlagen hatten, war er auf ein Wolkenschiff gestiegen und verschwunden. Inzwischen bereute Artax, Lamgi auf diese Mission geschickt zu haben. Er hatte seit vielen Wochen nichts mehr von ihm geh�rt. W�re er hier, er w�re der Mann gewesen, der die verschwundene Tr�sterin gefunden oder einen Zeugen f�r ihren Tod aufgesp�rt h�tte.</p><p>�Reden wir nicht l�nger �ber Mauern, hinter denen wir uns verstecken wollen, Br�der!�, unterbrach der Unsterbliche Acoatl den Vortrag Ansurs. Der Herrscher der Zapote deutete mit ausgestrecktem Arm auf Volodi. �Dein Wolkenschiff, Drusnier, woher kommt das? Wo finden wir weitere solche fliegenden Rochen? Warum sind wir ihnen bisher nicht begegnet?�</p><p>Ein Augenblick verging, w�hrend die �bersetzer den Unsterblichen zuraunten, was Acoatl gesagt hatte.</p><p>�Nun��� Volodi drehte unschl�ssig das Methorn, das er in H�nden hielt.</p><p>Artax war aufgefallen, dass sein Freund w�hrend des Treffens ungew�hnlich viel getrunken hatte, und Volodis Zunge klang schwer, als er antwortete.</p><p>�� mir scheint, er ist der einzige Flugrochen.�</p><p>�Scheint es so, oder ist es so? Ich wei�, du warst an Bord. Du hast mit ihm gesprochen, nicht wahr?�</p><p>�Nur die Lotsen sprechen mit den Wolkensammlern�, wandte Artax ein. �Das sollte selbst dir bekannt sein, Acoatl.�</p><p>�Wenn ich von dir etwas wissen will, dann frage ich dich, Tempelsch�nder. Oder bist du nun die Zunge des Unsterblichen Volodi?�</p><p>Bevor Artax etwas erwidern konnte, hob Volodi die Stimme. �Ich konnte mit ihm sprechen. Acoatl hat recht. Seine Adlerm�nner haben wohl sehr scharfe Augen.� Der Drusnier nahm sein Methorn und trank in tiefen Z�gen.</p><p>Artax hatte nicht das Gef�hl, als tr�nke sein Freund aus Lust am Zechen. Er k�mpfte damit gegen etwas an��</p><p>�Er ist der Einzige seiner Art�, sagte der Drusnier m�de. �Es w�re zwecklos, den Himmel nach weiteren fliegenden Rochen zu durchsuchen.�</p><p>�Das m�ssen wir auch nicht�, trumpfte Subai auf. Der neue Unsterbliche der Ischkuzaia strotzte vor Stolz und Selbstgef�lligkeit. Trotz der Hitze trug er einen Umhang aus Schneeleopardenfell. Auch war er der Einzige, der die wei�e Lederr�stung der Unsterblichen trug, was einem Affront nahekam, konnte man es doch so deuten, dass er sich im Palast Volodis nicht sicher f�hlte. Artax hingegen vermutete, dass Subai lediglich mit den Insignien seiner neuen Macht protzen wollte.</p><p>�Wir selbst werden den Himmel erobern. Langarm wird mir zwanzig silberne W�lfe anfertigen. Die ersten zehn sind schon vor einer Woche gekommen. Meine besten Reiter �ben sich an einem verborgenen Ort darin, mit ihnen den Himmel zu st�rmen.�</p><p>�Silberne W�lfe?�, fragte Labarna, der h�nenhafte Herrscher Luwiens.</p><p>Subai grinste breit. �Wir verehren den Wei�en Wolf. Auf silbernen L�wen zu reiten hie�e, unseren Gott zu beleidigen. Das hat auch Langarm verstanden, deshalb hat er uns gefl�gelte W�lfe erschaffen. Aber sei unbesorgt, sie stehen den silbernen L�wen in nichts nach.� Er sah zu Acoatl. �Vielleicht wird er f�r dich gefl�gelte Schlangen machen, wenn du ihn nett bittest.�</p><p>�Ich krieche in niemandes Arsch, nicht einmal in den eines Gottes�, erkl�rte Acoatl k�hl.</p><p>�Wenn du die Bitte um einen Gefallen mit Arschkriecherei verwechselst, wirst du sicherlich noch mehr verlieren als nur den Quell deines wei�en Goldes. Dein Volk tut mir leid. Wir sind unsterblich, wir genie�en jeden Luxus, aber wir sind auch die ersten Diener unseres Volkes.�</p><p>Artax sah Subai verwundert an. Sprach da einer der vorherigen Unsterblichen aus der Herrscherlinie der Ischkuzaia durch seinen Mund? Diese Rede klang so gar nicht nach dem Subai, den er kannte.</p><p>�In zwei Tagen seid ihr alle in meinen Palast eingeladen. Ihr werdet dann meine neue, fliegende Leibgarde bewundern k�nnen: die Drachent�ter!�</p><p>Artax dachte an den Verdacht Ormus, dass es nicht die Pfeile von Subais Reitern gewesen waren, die den gro�en roten Drachen in Wanu get�tet hatten. Aber die seltsame Pfeilspitze, die h�tte beweisen k�nnen, dass es eine unbekannte Macht gab, die ihnen im Kampf gegen die Drachen half, hatte Artax w�hrend des Angriffs des rot gewandeten Daimons verloren. Erneut an den Luftkampf erinnert, kamen ihm Zweifel, dass zwanzig silberne W�lfe ihre Feinde aufhalten k�nnten. Nein, sie br�uchten Hunderte davon oder weitere Wolkensammler wie diesen geheimnisvollen Himmelsrochen.</p><p>Himmelsrochen w�rde es nicht geben. Artax ballte die F�uste. Also brauchten sie Schw�rme von gefl�gelten L�wen!</p><p>Ansur fing wieder davon an, dass sie ihre St�dte befestigen mussten. Er wollte mehr Krieger. Mehr Speerschleudern und einen Riesen, der die Adler der Daimonen zerquetschte wie Fliegen��</p><p>Artax sah �berrascht auf. Das war mal etwas Neues! �Wir m�ssen die Devanthar rufen�, sagte er entschieden. �Vor allem Langarm. Wir m�ssen wissen, was m�glich ist. Vielleicht kann er uns ja sogar einen silbernen Drachen bauen?� Er l�chelte Ansur zu. �Du hast recht, Bruder. Wir m�ssen einfach gr��er denken. Warum sollten wir uns mit L�wen zufriedengeben, wenn Riesen m�glich w�ren? Wenn es nur einen dieser Himmelsrochen gibt, warum sollten wir uns damit abfinden? Vielleicht kann Langarm auch Himmelsrochen bauen?�</p><p>Artax sah, wie dieser Gedanke alle begeisterte. Selbst Acoatl nickte ihm zu. �Ja, wir m�ssen als Erstes die Grenzen unseres eigenen Denkens �berwinden. Wenn Langarm einem L�wen aus Metall Leben einhauchen kann, dann kann er alles bauen.�</p><p>�Mich verl�sst mein Leben gleich�, murmelte Volodi. �Habt ihr auch Hunger? Gro�en Reden zuzuh�ren finde ich anstrengender, als gro�e Schlachten zu schlagen. Ich wei� nicht, wie es euch geht, aber ich k�nnte einen ganzen Ochsen verschlingen.�</p><p>Labarna klopfte ihm auf die Schulter. �Man sollte nie das Wesentliche aus dem Blick verlieren. Ich bin dabei. Und ich glaube, f�r heute gibt es nichts mehr zu besprechen, oder? Der n�chste Schritt ist ein Treffen mit Langarm.� Er sah zu Acoatl. �Ich hoffe, dass es nicht selbst f�r einen Gott zu viel ist, wenn sieben Unsterbliche versuchen, ihm in den Arsch zu kriechen. Oder bist du nicht dabei, Bruder?�</p><p>Acoatl blieb ihm eine Antwort schuldig.</p><p>Volodi ging zur T�r und tuschelte kurz etwas mit jemandem, der drau�en gewartet hatte.</p><p>�Ist es weise, wenn wir uns erneut alle an einem Ort wie diesem versammeln? Vor vielen Zeugen? Beim n�chsten Mal sollten wir nicht in einem Palast zusammenkommen. Besser w�re ein Ort irgendwo in der Wildnis, den nur wir Unsterbliche auf unseren fliegenden L�wen erreichen k�nnen�, wandte Eloni, der neue Herrscher der Schwimmenden Inseln, ein. Es war das erste Mal, dass er w�hrend des Treffens sprach. Er war ein gro�er Mann mit bronzefarbener Haut voller dunkelblauer T�towierungen. Sein Gesicht war so stark mit Schlangenlinien geschm�ckt, dass es schwerfiel, die Regungen darin abzulesen. Am auff�lligsten jedoch waren seine T�towierungen auf Brust und Bauch, die zwei Krokodile zeigten, die sich gegenseitig verschlangen.</p><p>�Dann kommen wir doch jeder auf unserem eigenen Palastschiff�, schlug Ansur vor. �So k�nnen die Daimonen uns nicht alle zugleich angreifen. Und die Kunstfertigkeit von fliegenden Steppenreitern l�sst sich vielleicht auch am besten vom Himmel herab beurteilen.�</p><p>Der Vorschlag fand allgemeine Zustimmung, und als Diener B�cke hereintrugen, auf die breite Holzplatten f�r das Festmahl gelegt wurden, herrschte eine gel�ste Stimmung.</p><p>Quetzalli war mit dem Gefolge gekommen und beaufsichtigte pers�nlich, was aufgetragen wurde. Erst als alles zu ihrer Zufriedenheit war, nahm sie neben Volodi Platz. Es versetzte Artax einen Stich, die beiden in trauter Zweisamkeit zu sehen. So kurz war sein Gl�ck mit Shaya gewesen.</p><p>Er sollte Langarm um einen Schwarm fliegender L�wen bitten. Auch er wollte am Himmel k�mpfen und den Tod von Madyas r�chen. Schlie�lich hatte er nichts mehr zu verlieren.</p><p>Ein wenig wunderte sich Artax, dass seine inneren Stimmen schwiegen. Aber vielleicht hofften auch sie auf seinen baldigen Tod. Er winkte einer Dienerin, einer �ppigen Blondine, und lie� sich Met in sein Trinkhorn gie�en. Eigentlich mochte er dieses s��liche Gebr�u nicht, aber heute war er in der Stimmung, sich zu betrinken. Vielleicht w�rde ihm dann Shaya wenigstens in seinen Tr�umen begegnen.</p></section><section><title><p>Eine Leber voller W�rmer</p></title><p>Quetzalli war erstaunt zu sehen, wie viel der Unsterbliche Aaron trank. Fr�her war er stets sehr zur�ckhaltend gewesen. Sie zerteilte ein St�ck Rehbraten und schob es Volodi auf den Teller. Ihr Mann hatte sich ver�ndert, seit er Kolja in den Heiligen Hain von Drei Eichen gebracht hatte. Er sprach nicht mit ihr dar�ber, was geschehen war. Dass er sich zudem kaum um Wanya k�mmerte, war hingegen nicht schlecht. Der Kleine musste sich erholen��</p><p>Sie nahm einen Schluck von dem Honigbier, das die Drusnier so sehr liebten. Warm und klebrig war es. Sie konnte sich daran nicht begeistern. Der Reihe nach betrachtete sie die Unsterblichen. F�r die m�chtigsten M�nner der Welt waren sie recht gew�hnlich. Es war gut, dass sie meist Masken trugen, wenn sie sich vor dem Volk zeigten.</p><p>Acoatl trank nicht, und er a� auch nicht von den Speisen, die ihm aufgetragen wurden. Keinen Herzschlag wichen seine Augen von ihr. Sie war unber�hrbar f�r ihn. Und sie verk�rperte seine gr��te Dem�tigung. Quetzalli war sich sicher, dass er dar�ber nachsann, wie er sie in seine H�nde bekommen k�nnte. Wenn es nach ihm ginge, w�rde sie noch heute auf dem Altar im verborgenen Tempel im Weltenmund liegen. Und Volodi neben ihr.</p><p>Vielleicht w�re es besser gewesen, wenn sie diesen Tag nicht �berlebt h�tte. Sie war sich bewusst, dass viele Drusnier sie f�rchteten. Doch ab und an einen schwarzen Hahn zu schlachten, um dessen Leber zu betrachten, schadete niemandem. Sie war eine Herrscherin! Es war ihre Pflicht, nach Vorzeichen f�r die Zukunft zu suchen, damit sie auf die St�rme, die da kommen w�rden, vorbereitet war.</p><p>Erst heute Morgen hatte sie erneut einen Hahn geschlachtet. In seiner Leber hatte sie W�rmer gefunden. Das war ihr erst ein einziges Mal passiert. Eine Woche, bevor Volodi zum Tempel beim Blutsee gebracht worden war und man ihr befohlen hatte, ihm das Herz herauszuschneiden. Damals hatte Aaron sie gerettet. Und sie hatte immer das Gef�hl gehabt, dass auch noch eine andere Macht eingegriffen hatte. Vielleicht die G�tter selbst.</p><p>Nun zog ein neues Ungl�ck herauf. Sie wusste, dass es kommen w�rde. Eine Leber voller W�rmer, das war eine �berdeutliche Warnung.</p><p>Acoatl erhob sich. Seine Blicke waren wie Messerstiche. Er nickte Volodi zu. Sagte aber kein Wort. Auch Eloni stand jetzt auf. Wie es schien, hatte Acoatl im neuen Unsterblichen der Schwimmenden Inseln erneut einen Verb�ndeten gefunden. Zumindest besa� Eloni die H�flichkeit, sich wortreich von Volodi zu verabschieden.</p><p>Volodis Antwort war ein R�lpser und ein etwas unbeholfenes Gestammel. Er war betrunken. Dennoch h�tte er zumindest versuchen sollen, die Form zu wahren. Jetzt winkte er schon wieder die neue Dienerin zu sich, damit sie ihm das Methorn auff�llte. Quetzalli gefiel nicht, wie Volodi diese Blondine ansah. Da war etwas Vertr�umtes in seinem Blick, das zwischen ihnen verloren gegangen war. Dieses Flittchen gefiel ihm. Und Quetzalli hatte den Eindruck, dass die kleine Hure sich bem�hte, ihrem Mann zu gefallen. Wann immer sie ihm nachschenkte, beugte sie sich besonders weit vor, sodass ihr die drallen Br�ste fast aus dem tief ausgeschnittenen Kleid quollen. Und Volodi starrte jedes Mal hin.</p><p>Gestern, in der gro�en Halle, war ihr zum ersten Mal aufgefallen, dass ihr Mann diesem Weibsbild nachsah. Vladi hatte ihr gesagt, dass sie Anisja hie�. Der Hofmeister hatte das Flittchen ebenfalls in h�chsten T�nen gelobt. So sehr, dass sie ihm nicht hatte befehlen k�nnen, Anisja davonzujagen. Ihre Eifersucht w�re zu offensichtlich gewesen und h�tte zu Gerede bei Hof gef�hrt. Es reichte, dass man sie f�r eine Hexe hielt, sie brauchte nicht auch noch Tratsch dar�ber, dass Volodi seiner Hexe �berdr�ssig geworden war.</p><p>Lange w�rde es nicht mehr unbemerkt bleiben, wie der Unsterbliche diese Dienerin ansah. Vielleicht waren die W�rmer in der Leber eine Warnung vor Anisja gewesen? Sie bewegte sich mit erstaunlicher Anmut, musste Quetzalli eingestehen.</p><p>�Ich werde nach Wanya sehen�, fl�sterte sie ihm ins Ohr.</p><p>Er nickte. �Ich komme sofort nach, wenn die G�ste gegangen sind.� Sein Atem stank nach Met. Ob er wohl ohne Hilfe ins Bett fand?</p><p>Als Quetzalli das G�stehaus verlie�, hielt sie sich links und machte einen weiten Umweg durch den Heiligen Hain und an den Schweinepferchen vorbei zu den Quartieren der W�rdentr�ger bei Hof. Dort wartete sie lange ab und beobachtete den Hof, bevor sie zu der T�r ging, neben der der Schild mit dem Eberkopfwappen hing. Sie hatte ihren dunklen Umhang �ber den Kopf gezogen. Von Ferne sah sie nicht anders aus als irgendeine Dienerin.</p><p>Sie klopfte leise. Drinnen h�rte sie ein �rgerliches Murren, dann Schritte. Die T�r �ffnete sich einen Spalt, und ein verschlafenes Gesicht erschien.</p><p>Als er sie erkannte, war Oleg schlagartig hellwach. �Das ist keine gute Idee, Herrin. Man darf Euch hier nicht sehen. Der Unsterbliche wird mich���</p><p>�Lass mich herein, wenn du nicht willst, dass ich gesehen werde.� Sie schob sich durch die T�r und schloss sie hinter sich.</p><p>Der Hauptmann wich vor ihr zur�ck, als f�rchtete er, dass sie die Pest in sein Haus trage.</p><p>�Ihr solltet nicht hier sein.�</p><p>�Dir ist bewusst, dass du es meiner F�rsprache verdankst, dass du Hauptmann in der Leibwache des Unsterblichen bist?�</p><p>Oleg sah sie finster an. �Ihr habt mich bereits mehrfach erinnert, Herrin.�</p><p>�Du schuldest mir einen Gefallen.�</p><p>Er schnaubte �rgerlich. �Ja, ich wei�.�</p><p>�Du kennst die neue Dienerin in der Festhalle? Anisja? Sie ist blond. Und sie ist leidlich h�bsch.�</p><p>�Sie ist mir durchaus aufgefallen, Herrin.�</p><p>�Ich w�nsche, dass sie verschwindet. Ich m�chte nicht wissen, wie oder wohin, aber diese kleine Hure darf nie wieder hier bei Hof erscheinen.�</p><p>Oleg konnte sich ein anz�gliches Grinsen nicht verkneifen. �Ich verstehe.�</p><p>�Du wirst das noch in dieser Nacht erledigen.�</p><p>Er rollte mit den Augen.</p><p>�Ist dir das nicht m�glich?�, fragte sie scharf.</p><p>�Die Kleine wird nie wieder das Sonnenlicht sehen.�</p><p>Quetzalli hielt den Hauptmann nicht f�r sonderlich f�hig. Er hatte zwar zu den Zinnernen geh�rt, aber seine hervorstechende Leistung war es gewesen, alle Schlachten ohne die leichteste Wunde zu �berstehen. Sie hatte sich mit Bedacht um seine Bef�rderung gek�mmert. Sie brauchte M�nner bei Hof, die ihr etwas schuldeten, denn au�er Volodi hatte sie hier keinen R�ckhalt. Aber ein schwaches Weib zu entf�hren sollte wohl im Rahmen seiner M�glichkeiten liegen.</p><p>Sie verabschiedete sich knapp, sp�hte durch die einen Spaltbreit ge�ffnete T�r �ber den Hof und verschwand dann eilig in die tiefen Schatten des Heiligen Hains. Als sie wenig sp�ter in der gro�en Halle in den Flur trat, an dem ihre Gem�cher lagen, war sie guter Dinge. Sie hatte die Gefahr, die ihrem Ehefrieden drohte, gebannt.</p><p>Die beiden Wachen gr��ten sie freundlich.</p><p>�Irgendwelche besonderen Vorkommnisse?�</p><p>�Nein, alles war ruhig. Wanya schl�ft. Man h�rt keinen Laut von ihm. Yuri war kurz bei ihm, um nach ihm zu sehen, wie Ihr es ihm aufgetragen hattet, Herrin.�</p><p>�Gut.� Sie zwang sich zu einem L�cheln. Sie hatte diesen Scharlatan nicht geschickt! Quetzalli hielt den ehemaligen Leibarzt des Unsterblichen Iwar f�r ein dummes Gro�maul und hatte daf�r gesorgt, dass er nicht in Volodis Gunst stand. Was hatte er mit Wanya zu schaffen? Hatte er etwas bemerkt?</p><p>Sie trat in ihr Gemach, ganz darauf bedacht, ruhig zu wirken. Doch kaum, dass sie die T�r hinter sich geschlossen hatte, st�rzte sie zur Wiege. Wanya war wach. Er sah sie an, ohne zu blinzeln, ohne ein Zeichen des Erkennens. Er gab keinen Laut von sich. Sein kleines Gesicht war wie eine Maske. Und auf seiner Decke lag ein Dolch mit schwarzer Obsidianklinge und goldenem Griff. Ein Opfermesser ihres Volkes. Sie selbst hatte einst ein solches Messer benutzt, um den goldhaarigen M�nnern, die zur Gefiederten Schlange gingen, das Herz herauszuschneiden.</p><p>Acoatl musste einen seiner Jaguarm�nner geschickt haben. Vielleicht sogar ihren eigenen Bruder Necahual? Sie zweifelte nicht daran, dass der Bote Acoatls zusammen mit dem ehemaligen Leibarzt gekommen war. Der Flur drau�en war dunkel. Und Jaguarm�nner vermochten durch die Schatten zu gehen. Nur so konnte der Dolch hierher gelangt sein. Es gab kein Fenster in diesem Zimmer. Wer herein wollte, musste durch die T�r.</p><p>Quetzalli nahm den Dolch aus der Wiege. Ihre Hand zitterte. Sie war von Feinden umstellt, und ihr Mann sa� im G�stehaus und betrank sich. Die G�tter hatten sie gewarnt. Eine Leber voller W�rmer bedeutete Verderben.</p></section><section><title><p>Begehrt</p></title><p>Bidayn glaubte es nicht. Volodi hatte ihr die H�nde um die H�ften gelegt und sie zu sich auf den Scho� gezogen! Er spielte mit ihrem Haar und stank entsetzlich nach Honigbier und Rauch. Der Unsterbliche Aaron legte den Kopf schief und beobachtete sie verwundert.</p><p>�Ein h�bsches M�dchen hast du dir da geholt���, lallte Labarna.</p><p>Bidayn sp�rte, wie Volodi sich versteifte. Er schob sie sanft von sich.</p><p>�Tja��� Schwankend erhob er sich. �Also ich glaube, ich habe genug f�r heute.� Er unterstrich seine Worte mit einem erstaunlich lang gezogenen R�lpser. �Saufen wir an einem anderen Tag.� Schwankend ging er zur T�r.</p><p>Subai maulte etwas �ber mangelnde Gastfreundschaft, die anderen Unsterblichen blieben friedlicher. Ansur musste von seinen beiden �bersetzern gest�tzt werden, weil ihn offensichtlich seine Beine nicht mehr trugen.</p><p>Bidayn zog sich zur Wand zur�ck, wo auf einer Holzplatte ein halb aufgeschnittenes, gebratenes Wildschwein lag, dem irgendein Scherzbold einen Hasenkopf ins Maul gesteckt hatte. Ihr Blick blieb auf dem Bronzemesser haften. Man brauchte keine Adler und Drachenelfen. In diesem Augenblick k�nnte sie mit diesem schlichten Bronzemesser f�nf Unsterbliche ermorden, wenn sie es nur wollte. Volltrunken und ohne Leibwachen k�nnte sich h�chstens Aaron zur Wehr setzen, der noch einigerma�en n�chtern wirkte.</p><p>Aber tot nutzte ihr Volodi nichts. Es ging um etwas Gr��eres. Sie musste sich beherrschen!</p><p>Der Drusnier verlie� als Erster den kleinen Festsaal. Er sah zu ihr, bevor er ging. Sehnsucht und Schuldbewusstsein lagen in seinem Blick. Er w�rde zu ihr kommen! Der Zauber wirkte.</p><p>Sie war sich bewusst, dass auch Labarna sie anstarrte. Au�erdem noch einige der �bersetzer. Der Raum war zu klein. Ihr Duft hatte nicht nur auf Volodi gewirkt.</p><p>Kaum dass Volodi sich zur�ckgezogen hatte, ging auch sie. Doch Bidayn hatte noch keine zehn Schritte getan, als hinter ihr die Stimme Vladis erklang. �Das Fest ist noch nicht beendet, Anisja. Deine Arbeit auch noch nicht.�</p><p>Sie wandte sich um und schenkte dem Hofmeister ihr bezauberndstes L�cheln. �Ich muss gehen, um das Eigentum des Unsterblichen Volodi zu sch�tzen.�</p><p>Vladi runzelte fragend die Stirn.</p><p>�Mich. Nun, da er den Saal verlassen hat, fehlt es mir an Schutz. Einige der M�nner haben mir begehrliche Blicke zugeworfen und mir unsittliche Angebote zugefl�stert.� Sie war sich sicher, dass Vladi nicht entgangen war, wie Volodi sie ansah und dass sie auf dem Scho� des Herrschers gesessen hatte.</p><p>Der Hofmeister wirkte ver�rgert. �Geh!� Er unterstrich das Wort mit einer fahrigen Geste. �Aber sei zu Sonnenaufgang in der gro�en Halle. Auch wenn der Erhabene Gefallen an dir gefunden hat, bedeutet das nicht, dass du irgendeiner deiner Pflichten enthoben bist.�</p><p>Bidayn verbeugte sich artig und verlie� das Gasthaus. Nach der rauchgeschw�ngerten Luft in der Halle genoss sie die K�hle des Abends. M�de sah sie zu den Zwillingsmonden empor. Die N�chte auf Nangog konnten sehr sch�n sein. Ob diese Welt jemals Frieden finden w�rde? Ihre Mission w�rde dazu beitragen, den Krieg zu beenden.</p><p>Sie ging durch den Heiligen Hain in Richtung der Quartiere der Dienerinnen. Wind rauschte in den �sten der Eichen. Sie h�rte Metall auf Metall schlagen. Nur wenige Krieger Drusnas waren hier bestattet worden. Wer es sich leisten konnte, hatte daf�r vorgesorgt, dass sein Leichnam in die Heimat gebracht wurde.</p><p>Bidayn beschleunigte die Schritte. Sie mochte diesen Weg nicht. In den Duft des Eichenlaubs und den schweren Geruch des Waldbodens mischte sich der Verwesungsgestank der Leichen, die in den B�umen aufgebahrt lagen, und wenn der Wind ung�nstig stand, kam auch noch der Jauchemief der Schweinepferche hinzu.</p><p>Unmittelbar hinter den Pferchen lag das Haus der Dienerinnen. Es war nicht sonderlich gro�. In einem einzelnen Raum waren siebzehn Frauen untergebracht. Wenig f�r so einen gro�en Palast, doch unter den besonderen Umst�nden hier auf Nangog war Vladi stolz, so viele Frauen in seinen Diensten zu haben. Deshalb hatte er sie auch ohne zu z�gern aufgenommen. Er br�stete sich gerne damit, dass es hier fast so wie zu Hause war und Statthalter und F�rsten von Weibern ihr Essen vorgelegt bekamen.</p><p>Mit Abscheu dachte Bidayn an das Bett, das sie erwartete. Es war das von Dascha, der alten Dienerin, die beim Angriff auf den Palast gestorben war. Die Elfe war sich sicher, dass Dascha nicht durch ihre Klinge umgekommen war. Sie bedauerte die Alte nicht. Im Krieg starben auch Unschuldige. So war das nun mal. Das Einzige, was sie bedauerte, war, Daschas Bett zugeteilt bekommen zu haben. Nat�rlich war kein frischer Strohsack hineingelegt worden. Und auch die Wolldecke war nicht gewaschen. Wenn sie sich in das Bett legte, umfing sie der Geruch der Alten. Aber lange m�sste sie hier nicht mehr ausharren. Volodi hatte sie an sich gezogen! Sehr bald w�rde sie ihn sich pfl�cken.</p><p>Eine Bewegung im Schatten der B�ume schreckte sie aus den Gedanken. Jemand erwartete sie, dicht an den Stamm einer Eiche gepresst.</p><p>Bidayn entschied sich, so zu tun, als h�tte sie ihn nicht bemerkt. Leichten Schrittes ging sie dem Quartier der Frauen entgegen, als die Gestalt ihr pl�tzlich in den Weg trat. Ein hochgewachsener, rothaariger Krieger. Sie kannte ihn vom Sehen. Er geh�rte zur Leibwache des Unsterblichen.</p><p>�So allein��� Er griff nach ihrem Arm und zog sie zu sich.</p><p>�Bitte�� ich muss gehen. Sie erwarten mich im Frauenhaus.�</p><p>Er lachte leise. �Die sind es gewohnt, wenn eine mal was sp�ter kommt.� Er griff nach ihrer Brust und dr�ckte sie fest. �Wir werden jetzt einen kleinen Spaziergang machen.�</p><p>�Ich m�chte nicht, dass��� Eine riesige Hand legte sich auf ihren Mund.</p><p>�Egal, was du m�chtest, wir machen jetzt, was ich m�chte. Und wenn du nicht h�rst�� ich habe ein langes Messer bei mir.�</p><p>War es diese Welt? Oder haftete ihr noch der Duft ihres Zaubers an? Mussten M�nner sich immer wie br�nstige Eber verhalten! Sie biss ihm in die Hand.</p><p>Der Krieger fluchte, lie� sie los und holte zu einer w�tenden Ohrfeige aus.</p><p>Bidayn duckte sich unter dem Schlag hinweg.</p><p>Er bekam sie am Kleid zu packen, zog sie wieder zu sich heran.</p><p>�Lass mich los, oder ich schreie.�</p><p>Pl�tzlich hatte er sein Messer in der Hand. �Du wirst nie wieder schreien, Hure.�</p><p>Die Elfe drehte sich um ihre Achse. Ihr Fu� traf seine Hand und h�mmerte sie mit einer Wucht gegen den Eichenstamm, dass sie die Knochen knacken h�ren konnte.</p><p>Der Krieger keuchte auf. �Das wird dir leidtu�� Ein zweiter Tritt traf ihn in der Kniekehle. Er knickte ein. Sofort war sie hinter ihm, legte ihre Arme um seinen Kopf und riss ihn mit einem Ruck zur Seite. Wieder knackte es. Der K�rper wurde schlaff in ihrem Griff.</p><p>�Verdammter Idiot�, zischte sie. Sie musste ihn loswerden. Weit w�rde sie ihn nicht tragen k�nnen. W�tend blickte sie auf ihn hinab. �Trottel!�</p><p>Ein Plan nahm Gestalt in ihrem Kopf an. Sie musste zur�ck zur K�che und essen. Und einen halben Krug von diesem verfluchten Honigbier w�rde sie auch trinken m�ssen. Davon w�rde ihr spei�bel werden. Doch genau das brauchte sie jetzt!</p></section><section><title><p>Schweinerei</p></title><p>Volodi hatte ein Gef�hl, als tobte sich ein tollw�tiger Schmied mit seinem Hammer in seinem Kopf aus. Selbst die leichteste Kopfbewegung war eine Qual, und das Morgenlicht stach wie Dolche in seine Augen. Wie hatte er sich nur so unglaublich besaufen k�nnen? Quetzalli hatte ihn in der Nacht aus seinem Bett geworfen, weil er so sehr stank.</p><p>Nat�rlich wusste er genau, warum er sich betrunken hatte. Er hatte es genossen, wenn Anisja kam, um ihm nachzuschenken. Er wusste auch nicht, was es war, aber etwas an ihr machte ihn vollkommen verr�ckt. Sie zu sich auf den Scho� zu ziehen war d�mlich gewesen. Es vor den anderen Unsterblichen zu tun sogar unglaublich d�mlich!</p><p>�Da vorne�, sagte Oleg und wies zu den Schweinepferchen.</p><p>�Was denn?� Der Hauptmann hatte Volodi beim ersten Morgengrauen aus seinem Bett holen lassen. Oder genauer gesagt, Volodi hatte sich vom Fu�boden vor seinem Ehebett erhoben.</p><p>Er hatte eine Weile gebraucht, um auf die Beine zu kommen, dann den Kopf in kaltes Wasser gesteckt und seinen besudelten Bart gewaschen. Die Kleider hatte er noch angehabt.</p><p>Oleg hatte ihn geradezu unanst�ndig bedr�ngt, nach drau�en zu kommen. Dennoch hatte Volodi einen Umweg zum Brauhaus gemacht und sich von Meister Miladin erst einmal einen Krug Met geholt. Der Alte hatte genau gewusst, welcher Met gegen die gr�sslichen Kopfschmerzen half. Jetzt war zwar noch dieser tollw�tige Schmied in Volodis Kopf, der einen wummernden Schmerz verursachte. Aber es f�hlte sich nicht mehr so an, als h�tte man ihm ein halbes Dutzend Dolche durch den Sch�del gesto�en und dann stecken gelassen. Jedenfalls nicht, solange er nicht den Fehler machte, direkt in die Sonne zu blicken.</p><p>�Vorsicht!�, warnte ihn Oleg und deutete auf eine Lache von Erbrochenem.</p><p>Volodi trat mit einem langen Schritt dar�ber hinweg und st�tzte sich auf das Gatter des Schweinepferchs. Der vorderste Stall war leer ger�umt. Die Viecher dr�ngten sich in den benachbarten Pferchen, schoben ihre K�pfe zwischen den Brettern hindurch und glotzten neugierig auf das, was unter dem Umhang im Schlamm lag.</p><p>Volodi blinzelte. Er brauchte einen Moment, um zu begreifen, was er da sah. Ein Fu� lugte unter dem Umhang hervor. �Wer ist das?�</p><p>�Ich glaube, es war Jascha�� ganz sicher bin ich mir nicht. Sein Gesicht�� Es ist kaum noch zu erkennen.�</p><p>�Jascha von den Zinnernen?� Volodi starrte auf den Fu�. Jascha sollte von Schweinen gefressen worden sein? Jascha war ein ausgezeichneter Krieger, Raufbold und Kamerad. Er hatte alle Schlachten der Zinnernen ohne die kleinste Schramme �berstanden, und jetzt sollte er so gestorben sein? Das war lachhaft! �Wer hat das getan?�</p><p>�Wie es scheint, er selbst��� Oleg drehte sich um und deutete auf die Lache mit Erbrochenem. �Seine Kotze stinkt nach Met. Er scheint sich betrunken zu haben. Manche M�nner gehen zu den Schweinepferchen, wenn�� wenn der Met wieder hoch will.�</p><p>Volodi traute seinen Ohren nicht. �Was?�</p><p>�Sie kotzen in den Pferch. Die Schweine sind ganz verr�ckt danach.�</p><p>Der Unsterbliche schwor sich stumm, dass er hier nie wieder einen Bissen Schweinefleisch anr�hren w�rde. Die Kopfschmerzen wurden wieder st�rker. Er rieb sich mit den F�usten die pochenden Schl�fen. �Und wie kann ihn das get�tet haben?�</p><p>Oleg sah ihn zerknirscht an. �Ganz sicher bin ich mir nicht. Aber Jascha war ein gro�er Mann, er k�nnte vorn�bergekippt sein, als er sich �ber den Zaun gelehnt hat. Sturzbetrunken da drinnen zu landen ist nicht gut. Schweine sind nicht nett. Und nicht sehr zimperlich, was ihr Fressen angeht.�</p><p>Das Wort <emphasis>sturzbetrunken</emphasis> bekam in diesem Zusammenhang einen wirklich �blen Beigeschmack, dachte Volodi. Dann �ffnete er das Gatter und kniete sich in den schwarzen Schlamm. Mit einem Ruck zog er den Umhang zur Seite und w�nschte sich noch im selben Augenblick, er h�tte es nicht getan. Die Schweine hatten nicht alles gefressen, aber am Gesicht, den H�nden und den Innereien schienen sie besonderen Gefallen gefunden zu haben.</p><p>Volodi k�mpfte gegen einen Anfall von �belkeit und richtete sich auf. Es stank erb�rmlich nach Schweineschei�e, dicke, schillernde Fliegen summten in der Luft, und die verfluchte Sonne am Himmel stach ihm ein weiteres Paar Dolche durch die Augen. Er machte einen Schritt zur�ck, lehnte sich schwer gegen den Zaun und sah Oleg an, der ebenfalls in den Pferch getreten war und nun den Umhang wieder �ber den Leichnam zog.</p><p>�Ihr habt ihn auch nicht wiedererkannt, Erhabener?�</p><p>�Lass den Schei� mit dem Erhabenen�, fuhr er den Hauptmann an. �Wir haben nebeneinander im Dreck gelegen, geblutet und gesoffen und zusammen die Hurenh�user der Stadt gekauft. Wenn hier kein ganz gro�es Tamtam l�uft und die W�rdentr�ger anderer Reiche zu Dutzenden um mich herumlungern, bin ich Volodi. Geht das in deinen Sch�del?�</p><p>�Ja���</p><p>Der Hauptmann wirkte gequ�lt. Volodi hatte das Gef�hl, es lag nicht an der Zurechtweisung. �Na los, spuck�s aus!�</p><p>Oleg sah ihn �berrascht an. Einen Herzschlag lang wirkte er regelrecht in Panik. Dann brach es aus ihm heraus. �Das kann doch nicht sein! Da geht einer durch mehr als drei�ig Schlachten, und dann passiert das hier. Ein Mann wie ein Baum von Schweinen gefressen!�</p><p>Volodi legte ihm den Arm um die Schultern. �Manchmal haben die G�tter einen eigenartigen Sinn f�r Humor. Was du jetzt brauchst, ist ein Schluck Met. Lass uns noch einmal zu Miladin gehen.� Der Unsterbliche wandte sich an die �brigen Krieger, die in kleinen Gr�ppchen um den Pferch standen und ungl�ubig auf das starrten, was sich durch den Umhang im Schlamm abzeichnete.</p><p>�Kommt alle mit! Wir wollen Jaschas Andenken feiern. Ich m�chte, dass ihr mir von seinen K�mpfen erz�hlt, von seinen Weibern und wie er beim W�rfeln betrogen hat. Ich erinnere mich noch gut, wie er auf dem Arsch gelandet ist, als er zum ersten Mal versuchte, einen Streitwagen zu besteigen, damals, als der Unsterbliche Aaron uns ausgeschickt hat, den Luwiern ihre Schmiede zu stehlen. Und bei den G�ttern, als es auf der Hochebene von Kush hart auf hart ging, da hat er gewusst, wie ein Mann von einem Wagen herab k�mpft.�</p><p>Einige der M�nner nickten. Manchen standen sogar Tr�nen in den Augen. �Verabschieden wir ihn, wie Drusnier es tun, diesen verdammten Hurenbock und Helden.�</p></section><section><title><p>Von Dichtern und Trollen</p></title><p>Galar hatte ein klammes Gef�hl im Bauch. Er blickte �ber das Tal, in dem das riesige Heer lagerte. Kolonnen marschierten auf das schillernde Weltentor zu. Alles schien in Bewegung geraten zu sein.</p><p>�Geht wieder los�, murmelte Nyr. �Wohin sie uns wohl diesmal schicken?�</p><p>�Wohin die da gehen, wei� ich nicht, aber ich wette, uns schicken sie wieder direkt in die Schei�e.� Immer noch kochte die Wut in Galar auf, wenn er daran dachte, wie sie im ewigen Eis als K�der f�r das Heer der Menschenkinder missbraucht worden waren. Sie hatten um eine Stadt gek�mpft, die mit Vogelschei�e handelte! Daf�r war Glamir verreckt. Glamir, der verdammt gescheiteste Drecksack, der ihm in seinem Leben begegnet war. Glamir, der den Gr�nen Spinnen ihren geheimnisvollen Schatz entrissen hatte und daf�r mit einem Arm und einem Bein bezahlt hatte. Glamir, der Drachent�ter und der geniale Schmied. So vieles h�tten sie beide zusammen noch erschaffen k�nnen!</p><p>�Da kommen die anderen.� Nyr deutete den Hang hinab.</p><p>Che, der Kobold, der die ber�chtigten Eisb�rte anf�hrte, ging neben dem Troll Groz. Beide waren mit neuen Waffen ausgestattet. Groz trug eine Keule auf seine breiten Schultern gest�tzt, die wahrscheinlich mehr wog als zwei Zwerge, und Che hielt eine Armbrust in H�nden, die sich Nyr sicher gerne einmal genauer angesehen h�tte. Er w�rde seinen Arsch darauf verwetten, dass es eine Waffe des Elfenschmieds Gobhayn war, dachte Galar.</p><p>Das ungleiche Paar erklomm den steilen Hang, wobei der Kobold sich ordentlich ins Zeug legen musste, um mit Groz mitzuhalten.</p><p>�Wir gehen.�</p><p>Das grobschl�chtige graue Gesicht des Trolls zeigte keine Regung, als er vor ihnen stehen blieb. Zum ersten Mal bemerkte Galar, dass Groz einige ausgekochte Menschensch�del an Lederriemen von seinem breiten G�rtel h�ngend trug, der seinen Lendenschurz hielt.</p><p>Leicht keuchend erreichte sie Che. �Wir sind abkommandiert�, stie� er hervor. �Nat�rlich hat man uns nicht gesagt, wohin. Die Trolle sind zu einem anderen Truppenteil beordert worden. Ist ein �bles Durcheinander dort unten. Sieht so aus, als w�rden wir an einem halben Dutzend Stellen zugleich angreifen.�</p><p>Galar nickte. �Groz sagte das schon.�</p><p>Che sah ihn ungl�ubig an. Alle wussten, dass der Troll nicht sonderlich gespr�chig war.</p><p>�Mit seinen Worten���, lenkte Galar ein. Er h�tte das kleine Schlitzohr gerne an seiner Seite gehabt. Vor ein paar Monden h�tte er nicht geglaubt, dass er einmal Wert darauf legen w�rde, dass ein Zwergenm�rder ihm mit seiner Armbrust den R�cken freihielt. Er blickte zu Groz. Die Totensch�del baumelten Galar nun direkt vor der Nase. Er reichte dem mehr als drei Schritt gro�en Troll nur zwei Handbreit �ber das Knie.</p><p>�Er hat sie gestern Nacht ausgekocht�, zischte ihm Che ins Ohr. �Die Sch�del. Er hatte sie in dem gr�sslichen Beutel, den er hinten am G�rtel tr�gt. Zusammen mit einigen Herzen. Du h�ttest das sehen sollen. Die ganze Trollbande hat zusammengehockt. Sie haben sich irgendwas erz�hlt und dann die Herzen gefressen. Und aus den Sch�deln haben sie die Gehirne gepult, um dann���</p><p>�Groz hat gro�e Ohren.�</p><p>Che blickte zu dem Troll auf. �Hab Galar doch nur von eurem netten Abendessen erz�hlt. Ich finde, er sollte wissen, was f�r harte Jungs ihr seid.�</p><p>�Nicht Abendessen�, grollte er. �Ehre f�r Tote. Isst du Herz von Tapferen, kommt Tapferkeit zu dir. Isst du Verstand von Schlauen, kommt Schl�ue zu dir.�</p><p>�Was w�rdest du denn von mir essen?�, fragte Che mit provozierendem Grinsen. �Mein Herz oder meinen Verstand?�</p><p>�Du bist ein Happen, kleiner Mann.�</p><p>Galar lachte laut auf. �Ich werde dich vermissen, Groz.�</p><p>Der Troll kniete vor ihm nieder. �Komme wieder, Flickenbart.�</p><p>Jetzt lachte Che. �Flickenbart. Wie charmant.�</p><p>Galar bedachte den Kobold mit einem �rgerlichen Blick. Ches loses Mundwerk w�rde er nicht vermissen! Groz hatte recht. Galars Bart war eine Katastrophe, d�nn, mit Flecken durchsetzt, an denen einfach kein Haar sprie�en wollte. Schon seit ihm der erste Flaum gesprossen war, war sein Bart das Ziel von sp�ttischen Bemerkungen gewesen. Aber der Zwerg wusste, dass Groz es nicht b�se gemeint hatte.</p><p>Der Troll versetzte ihm einen Knuff auf die Brust, der Galar fast von den Beinen holte. �Von dir Herz essen.� Er tippte sich an die Stirn. �Dein Kopf zu verr�ckt.�</p><p>�Mach so weiter, Groz, und dieser Abschied endet mit einer Blutfehde�, feixte Che.</p><p>Der Troll ignorierte ihn, wandte sich an Nyr und versetzte auch ihm einen Knuff mit der Faust. �Komme wieder, Adlerauge.�</p><p>Galar war nicht ganz klar, ob der Troll meinte, dass er wiederkommen w�rde, oder ob er ihnen gerade den Befehl gegeben hatte zu �berleben, damit sie wiederkommen w�rden. Aber wahrscheinlich war diese �berlegung schon viel zu kompliziert f�r ein Trollhirn.</p><p>Groz stand auf und stapfte ohne ein weiteres Wort wieder den Hang hinab.</p><p>�Tja��� Che zog eine rote Wollm�tze aus seiner Tasche und zog sie auf.</p><p>Galar betrachtete sie mit Abscheu. Rotm�tzen, so hatten die Zwerge von Ishaven die Schlimmsten unter den Koboldrebellen genannt. Es hie�, dass sie ihre M�tzen im Blut ermordeter Zwerge gef�rbt hatten.</p><p>�Wenn ich wiederkomme, darfst du mal meine neue Braut streicheln, Nyr.� Bei diesen Worten t�tschelte Che �ber den Schaft seiner Armbrust. �Damit schie�t du auf hundert Schritt einer Maus ein Auge weg.�</p><p>�Wenn man Kobold ist. Ich sch�tze, ich w�rde mit dem guten St�ck auf hundert Schritt einer Fliege den R�ssel abschie�en�, konterte Nyr.</p><p>Che lachte. �Eines Tages wetten wir darauf, Gro�maul.� Er wandte sich an Galar. �Na, Flickenbart, froh, mich gleich von hinten zu sehen?�</p><p>�Verlass dich nicht darauf, dass ich gegen�ber Zwergenm�rdern, die Witze �ber meinen Bart machen, die gleiche Langmut besitze wie gegen�ber Trollen.�</p><p>Che umarmte ihn �berraschend. �Ich mag dich auch, Flickenbart.�</p><p>Galar wollte ihm eine verpassen, aber der Kobold duckte sich unter dem Hieb weg und war mit zwei t�nzelnden Schritten au�er Reichweite. �M�ge die Erinnerung an uns besser sein, als wir es sind, Zwerg.�</p><p>Bevor Galar etwas erwidern konnte, eilte Che bereits den Hang hinab.</p><p>�Ich h�tte nicht gedacht, dass er so tiefsinnig ist�, sagte Nyr ergriffen.</p><p>Galar seufzte. Manchmal ging ihm sein Freund mit seiner Leichtgl�ubigkeit auf die Nerven. �Das hat der bestimmt irgendwo aufgeschnappt. Das ist nicht von ihm. Ganz sicher nicht.�</p><p>�Und wenn doch?�</p><p>�He, eher lernt mein Arsch Arien zu singen, als dass dieser kleine Mistkerl ein Dichter ist.�</p><p>�Wohin sie uns wohl schicken?�</p><p>Galar war froh, es noch nicht zu wissen. �Garantiert dahin, wo die Schei�e am h�chsten �ber uns zusammenschl�gt.�</p></section><section><title><p>Sch�delspalter und Kalbsleberb�llchen</p></title><p>Hornbori war nerv�s. Er war zu dem gro�en scharlachroten Zelt auf dem H�gel gerufen worden. Und es war wirklich gro�! Mehr als achtzig Schritt lang und mit Hunderten von Tauen abgespannt, damit der Wind es nicht davontrug. Eine Himmelsschlange h�tte sich vermutlich darin verstecken k�nnen, ohne dass auch nur die Schwanzspitze herausgelugt h�tte. Nicht dass er je eine Himmelsschlange gesehen h�tte. Oder vielleicht doch�� Es hie� ja, sie konnten alle m�glichen Gestalten annehmen.</p><p>Einige Elfen standen auf dem H�gel Wache. Ob es Drachenelfen waren? Er blickte verstohlen auf, in ihre Gesichter. Unnahbar wirkten sie. Ein eisiger Klumpen rollte in seinem Magen hin und her. Nicht jeder, der in dieses Zelt berufen worden war, war wieder zur�ckgekehrt. Und die, die es wieder verlie�en, redeten nicht dar�ber, was dort geschah.</p><p>�Du bist Hornbori?� Eine Elfenkriegerin war aus dem Zelt getreten und blickte auf ihn hinab, als w�re er nichts als ein interessanter K�fer.</p><p>�In der Tat, holde Maid, das bin ich, und es ist mir���</p><p>�Ich bin weder hold noch eine Maid. Komm mit!�</p><p>Hornbori schluckte. Er fand, dass sie�� er?�� ziemlich weiblich aussah. Gut, die Brust war unter dem Kettenhemd verborgen, das ziemlich flach anlag�� Verfluchte Elfen! Warum trugen sie auch keine B�rte wie vern�nftige M�nner!</p><p>Er trat durch die Zeltklappe und musste einen erstaunten Ausruf unterdr�cken. Hier h�tte ein Riese stehen k�nnen, ohne mit dem Kopf an die Zeltdecke zu sto�en. Der Zelthimmel war von dunklem Blau und mit Perlen und kleinen goldenen Sternen bestickt. Beklommen sah Hornbori sich um. Er f�hlte sich klein und unbedeutend. Ein gefl�gelter Stier mit einem b�rtigen M�nnerkopf starrte finster auf ihn herab, einige aufrecht gehende Echsen fixierten ihn mit geschlitzten Pupillen. Kobolde, die feierlich R�ucherf�sser schwangen, gingen zwischen den Wartenden hindurch. Hornbori sah eine Kreatur mit dem massigen Leib eines Trolls, doch auf dem K�rper sa� ein Stierkopf. Verwirrt sah er zur�ck zu dem gefl�gelten Stier mit dem M�nnerkopf. Die Alben hatten seltsame Dinge getan, dachte er mit mulmigem Gef�hl.</p><p>�Hier entlang!�, befahl die Elfe mit langem Haar, die keine Maid war. Sie zog einen Seidenschleier zur Seite und winkte ihm, ihr tiefer in das riesige Zelt zu folgen.</p><p>In diesem Teil war es vollkommen leer bis auf eine andere Elfe. Diese sa� auf einem gr�nen Teppich, spielte auf einem Zupfinstrument, das nur eine einzige Saite hatte, und entlockte ihm die schauerlichsten T�ne. Neben ihr auf dem Teppich lag ein gezogenes Schwert.</p><p>Sein F�hrer legte warnend den Zeigefinger an die Lippen.</p><p>�berfl�ssig, dachte Hornbori. Er w�rde hier ganz gewiss niemanden ansprechen. Er hielt sogar den Atem an und war darauf bedacht, so lautlos wie m�glich durch diesen Abschnitt zu huschen.</p><p>Ein weiteres Seidentuch wurde zur Seite gezogen, und helles Licht blendete Hornbori. In der neuen Zeltkammer war ein langer Tisch aufgestellt, der sich unter den k�stlichsten Speisen bog. Ein einzelner Elf stand dort. Einer, wie ihn Hornbori noch nie gesehen hatte, mit schulterlangem, leicht gelocktem goldenen Haar. Er trug eine wei�e Lederr�stung, auf deren Brustpanzer eine goldene Sonne gepr�gt war. Licht schien diesen Elf zu umspielen. Er nahm einen Apfel von der Festtafel und drehte ihn pr�fend, als suchte er irgendeinen Makel.</p><p>�Du kannst gehen.� Der Elf entlie� Hornboris F�hrer mit einer fl�chtigen Geste.</p><p>�Ich habe einiges von dir geh�rt.� Sein Gegen�ber biss in den Apfel und sah ihn durchdringend an. Der Elf hatte geschlitzte Pupillen!</p><p>Hornbori keuchte. Er wusste, was das bedeutete.</p><p>Sein Gegen�ber grinste, und Saft troff ihm aus einem Mundwinkel. �Du hast mich also erkannt�, sagte er kauend. �Gut, das enthebt mich der Pflicht, mich vorzustellen. Ich finde es immer etwas peinlich, wenn ich das selbst tun muss. Was sollte ich sagen? Ich bin der Goldene, einer der Herren der Welt? Ich bin in der Stunde der Sch�pfung geschl�pft. Die Alben selbst haben mich gro�gezogen.� Er l�chelte schief. �Solches Geschw�tz liegt mir nicht sonderlich.�</p><p>Er biss erneut in den Apfel und lie� sich Zeit, Hornbori eingehend zu betrachten. Der Zwerg fragte sich, ob der alte Drache wohl in seinen Gedanken las. Fand er dort die Wahrheit �ber die Schlacht im Eis? Besser nicht daran denken. Hornbori versuchte, sich einen k�stlichen Braten vorzustellen. Er sah zu der Festtafel. Dort stand alles, was ein Zwergenherz begehren mochte.</p><p>�Du bist also unser Held aus dem ewigen Eis�, sagte der Goldene schlie�lich. �Ich hab von der Geschichte geh�rt, wie du todesmutig, mit der Standarte in der Hand, als letzter �berlebender den Menschenkindern entgegengest�rmt bist. Die Geschichte macht im ganzen Heerlager die Runde. Du bist ein ber�hmter Krieger, Hornbori.�</p><p>Der Zwerg strich sich �ber seinen �ppigen, leicht ge�lten schwarzen Bart und entschied, alles zu wagen. �Mut und der Wille zur Aufopferung sind die Voraussetzungen, den gro�en Krieg um Nangog f�r Albenmark zu entscheiden.�</p><p>Der Drache sah ihn durchdringend an. �Ganz genau so sehe ich das auch.�</p><p>Seine Stimme war Balsam in Hornboris Ohren. Das Lob des Goldenen gab ihm das Gef�hl, vom hintersten H�rchen in seinem Nacken bis zur Spitze des kleinen Zehs in Wohlgenuss zu baden. Es war besser als jedes andere Vergn�gen, das er bislang genossen hatte. Ein leichter Seufzer entfuhr ihm. Und dann stieg ihm ein Duft in die Nase, den er seit Jahren nicht mehr gerochen hatte. �Liegen dort Kalbsleberb�llchen auf der Festtafel?�</p><p>�Gleich neben den �berbackenen Bananen. Bedien dich nur. Einem Helden, der sein Leben zum Wohle Albenmarks wagt, sollte nichts verwehrt bleiben.�</p><p>Hornbori hatte zwar keine Ahnung, was Bananen waren, war aber fest entschlossen, sich das nicht anmerken zu lassen. Er fand die Kalbsleberb�llchen auch so. Sie schwammen in k�stlicher Sauce. Ein St�ck weiter lag frisches, helles Brot, das er in die Sauce tunkte. F�r einen Moment verga� er, wo er war, und schwelgte ganz in dem lang vermissten Genuss.</p><p>Hunger litten sie im gro�en Lager nicht, aber das Essen war alles andere als gut. Fast jeden Tag bekamen sie weiches, pappiges Brot und irgendwelches Gem�se, das stets schmeckte, als w�re es bereits drei Mal aufgew�rmt worden, um dann wieder zu erkalten. Irgendwann mussten Brot und Gem�se einmal frisch gewesen sein. Und der Zwerg hatte selbst gesehen, dass unten im Tal Tausende Brote in riesigen �fen gebacken wurden. Legten die B�cker ihre Brote danach f�r zwei Tage in feuchte Vorratskammern, damit sie jeglichen Geschmack verloren? Er konnte nicht begreifen, warum das Brot f�r weniger als eine Meile Luftlinie so lange brauchte, dass es fast ungenie�bar war, wenn es seine M�nner erreichte. Zum Zelt des Goldenen, das wesentlich weiter von den �fen entfernt lag, kam es schlie�lich auch frisch.</p><p>Ein leiser R�lpser entfuhr ihm, und schlagartig wurde sich Hornbori wieder bewusst, wo er war. ��tschuldigung���, murmelte er err�tend.</p><p>�Es freut mich, dass es dir schmeckt.�</p><p>Die Worte klangen so herzlich, als w�ren sie schon seit Langem die besten Freunde.</p><p>�Sicherlich hast du schon Ger�chte geh�rt, dass es neue Feldz�ge geben wird�, erkl�rte ihm der alte Drache.</p><p>Hornbori nickte. �Meine M�nner sind kampfbereit�� Jedenfalls die, die mir noch verblieben sind. Die Trolle und Kobolde, die mir unterstellt waren, dienen nun anderswo.�</p><p>�Gr�me dich nicht, diese unzuverl�ssigen Gesellen verloren zu haben. Ich wei�, dass du nach wahrer Gr��e strebst. Dabei w�rden sie dir nur im Wege stehen. Ich habe anderes mit dir im Sinn. Du sollst fortan der Heermeister der Zwerge sein.�</p><p>Heermeister auf Befehl des Goldenen! Hornboris Herz machte einen Satz. Das war ein gro�er Schritt auf dem Weg zum K�nigsthron einer der gro�en Zwergenbingen. �Die Krieger welcher Stadt soll ich f�r Euch in die Schlacht f�hren, mein strahlender Gebieter.�</p><p>Der Drache tat einen tiefen Seufzer und wiegte den Kopf. �Ach, Hornbori���</p><p>Die un�berh�rbare Entt�uschung war wie ein Dolchsto� in seine Brust. Hornbori verstand nicht, was er falsch gemacht hatte. Lag es an der Anrede, die er gew�hlt hatte?</p><p>�Ihr Zwerge m�sst euren fatalen Hang zum Kleingeist �berwinden. Dieser Makel hindert euer Volk daran, zu wahrer Gr��e aufzusteigen. Nat�rlich bist du nicht der Heermeister einer Stadt. Du bist der Heermeister aller Zwerge, die auf Nangog k�mpfen werden. Sie alle unterstehen von nun an deinem Befehl.�</p><p>Hornbori musste sich an der Festtafel festhalten. �Aller Zwerge���</p><p>�So ist es. Es sind bereits schriftliche Befehle an alle Zwergenhauptleute in diesem Tal auf dem Weg. Bald werden Nachrichten an die Zwergenk�nige und �ltestenr�te folgen. Du hast deine Entschlossenheit bewiesen, Hornbori. Entschlossenheit ist es, die Kriegern die Gr��e gibt, jeden Widerstand zu �berwinden. Diese Eigenschaft, gekn�pft an geb�ndelte Macht, wird dich zu weiteren Ruhmestaten befl�geln. Ich vertraue auf dich, Hornbori.�</p><p>Der Goldene klatschte laut in die H�nde, und der Vorhang hinter dem Buffet teilte sich. Ein Elf mit langem, wei�em Haar trat ein. Sein Gesicht war fein geschnitten und wirkte doch h�rter als das Antlitz der meisten Elfen, denen Hornbori bislang begegnet war. Er war lediglich mit einer Hose und einer speckigen Ledersch�rze gekleidet. Vor der Brust hielt er eine zweifl�gelige Axt.</p><p>�Gobhayn!�, entfuhr es Hornbori. Der legend�re Schmied hatte f�r ihn die mit Panzerplatten verst�rkten Schlitten entworfen, die es ihm erlaubt hatten, den R�ckzug der Menschen aufzuhalten, bis die Mistkerle unerwartete Verst�rkung erhalten hatten.</p><p>�Es hat mich gefreut zu h�ren, dass meine Schlitten zu gro�em Nutzen eingesetzt werden konnten. Ich hoffe, du wirst auch diese Waffe hier ber�hmt machen. Ein Zwerg, der ein Held wie aus alten Liedern ist, sollte auch die Waffe eines Helden besitzen.� Feierlich �berreichte er ihm die Axt. �Ich hoffe, der Schaft hat die richtige L�nge f�r dich, ansonsten kann ich ihn leicht durch einen anderen ersetzen.�</p><p>Hornbori strich �ber das Axtblatt. Ein Bild war in eine H�lfte der Klinge eingraviert. Es zeigte einen Zwergenkrieger, der ein Drachenbanner hochreckte und dabei auf einem gro�en Schlitten stand.</p><p>�Es ist noch Platz f�r drei weitere Heldentaten von dir, Hornbori�, sagte Gobhayn. �Bring sie mir zur�ck, wenn es an der Zeit ist, wieder an ihr zu arbeiten.�</p><p>�Das wird der Anfang einer gro�en Legende in deinem Volk werden, Hornbori. Bist du dir dessen bewusst?� Der Goldene stand unmittelbar vor ihm und sah zu ihm herab. �Gobhayn war so freundlich, mir zu erlauben, auch ein wenig an der Axt zu arbeiten. Ich habe Magie hineingewoben. Sie ist von der Beschaffenheit jener Zauber, mit denen auch die Waffen der Drachenelfen belegt sind. Und ich habe der Axt einen Namen gegeben. Sch�delspalter. Ich denke, er macht sich gut in einer Heldensaga.�</p><p>Hornbori war �berw�ltigt. Er wusste nicht, was er sagen sollte. All seine Tr�ume waren in dieser Stunde wahr geworden. Er war der Heermeister der Zwerge und f�hrte eine verwunschene Axt, die vom Goldenen selbst geschmiedet war. Er w�rde es schaffen, er w�rde K�nig werden! Vielleicht w�rde er sogar K�nig aller Zwerge werden? Das hatte es bisher noch nie gegeben.</p><p>�Und nun zu deiner Aufgabe.�</p><p>Hornbori sah zuversichtlich in die geschlitzten Pupillen des Drachen. Doch als der Goldene ihm sagte, was er von ihm verlangte, zerstoben all seine Tr�ume. Das war unm�glich!</p></section><section><title><p>Der Menschenfeind</p></title><p>Galar betrachtete fasziniert das Modell der Stadt, die sie angreifen sollten. Eine wunderbare Arbeit. Es war gewiss von Elfen geschaffen. Auf das Gerede der anderen h�rte er kaum. Seine Finger glitten �ber das Modell. �ber die Terrassen, die ins obere Viertel des steilen Felsens geschlagen waren, um die Pal�ste der Hochm�tigen zu tragen. Er legte den Kopf flach auf den Tisch, um in die riesige Grotte zu blicken, die sich zum Meer hin �ffnete. Selbst das Innere war ausgearbeitet. Er sah Schiffssilhouetten und Ladekr�ne. Gerne h�tte er den Meister kennengelernt, der dies erschaffen hatte. Wahrscheinlich hatte er Magie genutzt. Galar �berlegte, ob er ihn daf�r verachten sollte. Aber letztlich z�hlte nur das Werk und nicht, wie es erschaffen worden war.</p><p>Pl�tzlich wurde er sich der Stille bewusst. Sie alle standen um ihn herum und starrten ihn an, wie er da kniete, den Kopf auf die Tischplatte gelegt hatte und die Grotte betrachtete. Er kannte fast keinen der anwesenden Zwerge, aber er hatte von fast allen schon einmal geh�rt. Es waren ber�hmte Krieger oder Kapit�ne, die ihre Aale an Orte gelenkt hatten, wo vor ihnen noch niemand gewesen war. Jeder Einzelne von ihnen war verdienter als Hornbori, dieser elende Schisser, und sie alle mussten damit leben, dass er sie anf�hren w�rde.</p><p>�Wenn wir siegen, wird die Geschichte dieser Schlacht bis ans Ende aller Zeiten �berdauern�, erkl�rte Hornbori schlie�lich mit einem giftigen Seitenblick zu Galar.</p><p>�Diese Stadt ist uneinnehmbar!�, widersprach Ulur.</p><p>Galar sah den Graubart an. Er war der Einzige, der hier mit nacktem Oberk�rper stand. Er galt als verr�ckt, denn sein ganzer Leib war voller T�towierungen. Die Bilder zeigten ferne K�sten Albenmarks, Routen durch unterirdische Fl�sse, mit unz�hligen nautischen Zeichen versehen, die nur Ulur zu deuten wusste. Er hatte schon vor Jahren einen gro�en Aal bauen lassen. Wirklich gro�! Wahrscheinlich, damit das Tauchboot ihn tragen konnte. Ulur war fett wie ein gestrandeter Wal und seine Haut so wei� wie das Fell einer neugeborenen Robbe. Er war, was Hornbori erst noch werden wollte. Eine Legende. Sein Wort hatte Gewicht. Er war der erste Zwerg, der mit Aalen hinaus in die weiten Ozeane gefahren war.</p><p>�Keine Stadt ist uneinnehmbar. Ich habe schon einige Ideen���, begann Hornbori erneut.</p><p>�Dann erz�hl uns doch mal davon, Heermeister, statt nur hohle Phrasen zu dreschen.� Ulur ging neben Galar in die Knie und blickte ebenfalls in die Grotte am Fu� des Felsens, der sich aus dem Meer erhob. �Es ist eine Sache, sich heldenhaft mit einer Handvoll Krieger zu schlagen, und eine ganz andere, eine Stadt zu belagern.�</p><p>�Wir k�nnten zum Beispiel die gegen�berliegende K�ste besetzen und dort schwere Katapulte aufstellen���</p><p>�Nee!�, unterbrach Nyr Hornboris Ausf�hrungen. �Du sagst, die K�ste sei mehr als eine halbe Meile entfernt. Hast du eine Vorstellung, was f�r Katapulte das sein m�ssten, die so weit schie�en?�</p><p>�Und Aushungern k�nnen wir sie auch nicht�, erkl�rte Ulur neben Galar. �Im Hafen in der Grotte werden jeden Tag neue Schiffe anlegen, die die Menschenkinder mit allem versorgen werden, was sie brauchen. Ich sehe schon, wie sie uns �ber die Meerenge hinweg mit wohlgef�llten Weinbechern zuprosten.�</p><p>�Euch fehlen die Visionen f�r Gr��e!�, begehrte Hornbori leidenschaftlich auf. �Ihr m�sst �ber das hinausdenken, was ihr bisher getan habt! Ich werde euch den Weg weisen!�</p><p>Galar sah Hornbori an. Er sah aus wie der vollkommene Held mit seinem dichten schwarzen Bart und dem langen, leicht gelockten Haar. Galar sp�rte, wie die Meinung umschwang. Einige der Hauptleute wollten Hornbori folgen. Sie begannen seinen Worten Glauben zu schenken, allein aufgrund seines Aussehens. Er war stark, hatte gute Z�hne, konnte saufen wie ein Loch und hatte eine eiserne Verdauung. Kurz und gut, er war ein Bild von einem Zwerg.</p><p>�Wir sollten den Angriff mit Drachen beginnen�, sagte Galar ruhig. �Sie werden auf die Stadt hinabsto�en und Flammen speien.�</p><p>Totenstille folgte seinen Worten.</p><p>Wieder sahen alle ihn an.</p><p>�Du kommst doch aus der Tiefen Stadt�, sagte Ulur vorwurfsvoll. �Wie kannst du so etwas nur denken? Du hast es doch selbst erlebt, wie���</p><p>�Es sind Menschenkinder!�, fuhr Hornbori dazwischen. �Sie haben diesen Krieg angezettelt.�</p><p>�Und du glaubst, die Himmelsschlangen werden dir diesen Sieg anrechnen, wenn es allein Drachen waren, die die Stadt bezwangen.�</p><p>�Die Drachen dienen nur zur Ablenkung�, ergriff Galar erneut das Wort. Er war sich bewusst, dass Nyr ihn verwundert ansah. Noch nie hatte er Hornbori in der �ffentlichkeit unterst�tzt. Und es w�re so leicht gewesen, den verfluchten Aufschneider hier und jetzt scheitern zu lassen. �Wir Zwerge werden unsere Banner auf dem Felsen hissen. Die Himmelsschlangen wollen den Hafen. Ich habe geh�rt, dass dort die gr��te Flotte des Purpurnen Meers vor Anker liegt. Wir werden sie den Himmelsschlangen unversehrt schenken. Sie ist der eigentliche Schatz der Stadt. Und wir werden ihn auf folgende Art gewinnen���</p><p>Galar skizzierte seinen Plan in allen Details. Als er schlie�lich endete, nahm Hornbori ihn demonstrativ in den Arm. �Danke, Bruder! Besser h�tte ich auch nicht ausf�hren k�nnen, was wir gestern Nacht ersonnen haben.�</p><p>�Ihr seid wahnsinnig!�, rief Ulur. Dann schlug er sich mit der Faust auf die t�towierte Brust. �Wunderbar wahnsinnig! Diese Schlacht wird in die Geschichte unseres Volkes eingehen.�</p><p>Galar las in den Gesichtern der anderen Hauptleute. Die meisten waren weit weniger begeistert als Ulur. In einigen der Gesichter spiegelte sich blanke Angst.</p><p>�Nun, meine Gef�hrten�, verk�ndete Hornbori in feierlichem Tonfall. �Ihr wisst, was zu tun ist. Bereitet euch vor. Wir brechen auf, sobald die Drachen versammelt sind.�</p><p>Die Versammlung l�ste sich auf. Auch Hornbori ging.</p><p>Galar aber blieb, legte wieder den Kopf auf den Tisch und blickte in die gro�e Grotte am Fu� des Felsens.</p><p>�Wie konntest du das tun?� Nyr war der Einzige, der mit Galar im Zelt des Heermeisters zur�ckgeblieben war.</p><p>Der Richtsch�tze hieb mit der Faust auf den Tisch, dass das Modell der Stadt erbebte. �H�rst du mich? Wie konntest du das tun? Wir haben es selbst erlebt, die Flammen, all die Toten, das Grauen. Und nun bist du es, der all dies noch einmal heraufbeschw�rt.�</p><p>�Wir werden den Menschenkindern letztlich einen Gefallen tun.� Er hob den Kopf vom Tisch und blickte zu seinem Freund auf. Die Abscheu vor ihm in Nyrs Gesicht zu sehen verletzte ihn.</p><p>�Einen Gefallen tust du ihnen? Welchen? Die Last des Lebens von ihren Schultern zu nehmen?�</p><p>�Wir sind dort, Nyr. Und Drachen. Gro�e Drachen.�</p><p>Jetzt endlich schien sein Freund zu begreifen. �Du willst���</p><p>�� Drachen t�ten. So ist es. Es wird ein schwerer Kampf werden. Niemand wird sich wundern, wenn am Ende auch Drachen sterben. Ja, ich opfere Menschen. Ich bin nicht ihr Freund. Sie bedeuten mir nicht viel. Doch zumindest wird ihr Opfer nicht vergebens gewesen sein. Nach allem, was ich von ihnen gesehen habe, sind sie ja kaum in der Lage, mit den gro�en Adlern vom Albenhaupt fertigzuwerden. Sie werden keine Drachen t�ten. Wir tun das f�r sie. Und damit es geschehen kann, m�ssen wir daf�r sorgen, dass du, ich und eine Menge Drachen am selben Ort sind.�</p><p>�Das ist unmoralisch�, wandte Nyr ein.</p><p>Galar lachte bitter auf. �Ich bitte dich. Wir sind mitten in einem Krieg. Die Moral ist uns schon vor Langem abhandengekommen. Jetzt geht es nur noch ganz n�chtern darum, das Richtige zu tun. Ja, ich liefere eine Stadt an die Drachen aus, damit sie dasselbe Schicksal erleidet wie unsere Heimat. Der gro�e Unterschied ist, dass diesmal auch Drachen sterben werden.�</p><p>Nyr stand der Widerwillen immer noch ins Gesicht geschrieben, doch Galar kannte ihn lange genug, um zu wissen, dass er letztlich dabei sein w�rde.</p><p>�Mit etwas Gl�ck werden wir dort einige der M�rder unserer Verwandten t�ten.�</p><p>Der Richtsch�tze hob abwehrend die H�nde. �Ich will davon nichts mehr h�ren.� Verzweifelt blickte er auf das Modell. �Wie hei�t die Stadt �berhaupt? Hornbori hat nicht einmal ihren Namen genannt.�</p><p>�Der Name steht winzig klein dort unten am Felsen. Die Stadt, der wir das Drachenfeuer bringen werden, hei�t Asugar.�</p></section><section><title><p>Zu gut</p></title><p>Shaya blickte staunend zu den hohen, bunt bemalten Gew�lbedecken auf. Es gab ihn wirklich, den Palast f�r die Kranken. Nie zuvor hatte sie eine Stadt wie Asugar gesehen. Sie schien eine Stein gewordene Ode an die Sch�nheit zu sein.</p><p>In den fr�hen Morgenstunden hatte die Luftflotte des Arcumenna den steilen Felsen im Meer erreicht. Sie waren mit mehr Wolkensammlern gekommen, als es Ankert�rme gab, und so hatte ihre Ankunft einiges Aufsehen erregt, als sich die Himmelsgiganten mit ihren Tentakeln in Fenster�ffnungen und Torgew�lben festgekrallt hatten, um vom Wind nicht landeinw�rts getrieben zu werden. Auch Shaya war auf einem Schiff gewesen, f�r das es keinen Ankerturm gegeben hatte, sodass zuletzt alle Reisenden und die Fracht mit gro�en K�rben hatten abgeseilt werden m�ssen. Es hatte Stunden gedauert, bis sie an der Reihe gewesen war, das Wolkenschiff zu verlassen. Doch dann war das Schicksal ihr hold gewesen. Jeder in der Stadt kannte den Palast f�r die Kranken. Immer wieder war ihr auch der Name Hattu genannt worden. Er war der erste Heiler im Palast f�r die Kranken, ein Mann von gr��tem Ansehen in der Stadt.</p><p>Obwohl sie m�de war, war Shaya endlose Treppen zu dem Palast hinabgestiegen, der sich wie ein Schwalbennest an den steilen Felsen klammerte. Niemand hatte sie aufgehalten, als sie durch das hohe Portal geschritten war. Und nun wandelte sie durch die Hallen. Hohe R�ume, deren geschwungene Decken von einem Wald von Pfeilern getragen wurden. Dutzende Krankenlager waren entlang der W�nde vorbereitet. Strohs�cke mit feinem wei�en Leinen bezogen. Einige der Krankenlager waren sogar durch Wandschirme vor den Blicken Neugieriger gesch�tzt.</p><p>Nur wenige der Lager waren belegt. Ein angenehmer Duft nach Zitrone hing in der Luft. Es war wahrlich ein Ort, der den Kranken an die Sch�nheit des Lebens erinnerte und seinen Willen best�rkte, mit aller Kraft gegen die �blen S�fte und Verletzungen anzuk�mpfen, die seine Gesundheit niederringen wollten. Shaya musste an Shen Yi Miao Shou denken. Dem alten Heiler vom Seidenfluss, dem sie all ihr Wissen verdankte, h�tte dieser Palast sicherlich gefallen.</p><p>Ein kleiner Mann trat aus dem Schatten einer T�r und musterte sie. Sein Haar war an den Schl�fen ergraut. �Kann ich dir helfen, sch�ne Fremde?�</p><p>Dieses verfluchte rote Kleid, dachte sie. Sie hatte es auf den ersten Blick geliebt und auf ihrer Reise hundertfach bereut, ihrer Liebe nachgegeben zu haben. �Ich suche den Ersten Heiler, Hattu.�</p><p>�Du hast ihn gefunden.�</p><p>Dieser Blick aus seinen dunklen Augen. Als wollte er ihr damit das Kleid vom Leib rei�en.</p><p>�Suchst du nach einem Kranken? Ich werde dir gerne helfen.�</p><p>Er schaffte es, allein durch seinen Tonfall diesen harmlosen Worten etwas Schl�pfriges zu geben. Shaya zwang sich zur Ruhe. Er war der Gebieter �ber den Palast der Kranken. Sie durfte ihn nicht ver�rgern, wenn sie hierbleiben wollte.</p><p>�Ich bin eine Heilerin. Ich m�chte dir gerne meine Dienste anbieten.�</p><p>Er l�chelte breit. �Deine Dienste anbieten�� Das h�re ich gerne aus dem Mund einer so h�bschen Frau.�</p><p>Shaya zwang sich, ruhig zu atmen. Hattu war h�chstens zwei Fingerbreit gr��er als sie. Er war schlank, hatte etwa ihr Gewicht. Ihr fielen seine H�nde auf. Die Finger ungew�hnlich zierlich und lang. Dunkle Haare wucherten darauf. Ebenso auf seinem Handr�cken. Die H�nde erinnerten sie an gro�e Spinnen. Shaya war sich sicher, dass sie ihn mit einem einzigen Fausthieb niederstrecken k�nnte. Sie sollte so etwas nicht mehr denken. Das Leben der Kriegerin hatte sie hinter sich gelassen. Sie war hier, um ein neues, anderes Leben zu beginnen. Sie war jetzt eine Heilerin. Ganz gleich, was geschah, sie w�rde dieser l�sternen Kreatur mit den Spinnenh�nden nichts antun!</p><p>�Eine Heilerin?�, fuhr Hattu fort, als sie beharrlich schwieg. �Das hei�t, du kannst ihnen den Schwei� von der Stirn tupfen und ihnen die Schei�e abwischen, wenn sie sich nachts besudelt haben?�</p><p>�Ich meine, ich kann Kranke wieder gesund werden lassen.�</p><p>Er hob die Brauen. �So? Nun gut, ein Mann liegt vor dir. Er hat eine stark blutende Schnittwunde im Bauch. Was tust du?�</p><p>�Ich knie nieder und presse beide H�nde auf die Wunde, um die Blutung zu stillen. Ich pr�fe, wie tief die Wunde ist. Ich taste mit meinen Fingern. Ist die gro�e Ader im Bauch verletzt, bete ich f�r ihn. Quillt mir der Inhalt seiner D�rme entgegen, bete ich f�r ihn und werde ihm ein Rauschmittel geben. Wann er dann sterben wird, h�ngt davon ab, wie stark er um sein Leben k�mpft. Aber er wird sterben. Ist es nur ein oberfl�chlicher Schnitt, werde ich die Wunde s�ubern, sie vern�hen und Moos darauf legen, damit keine �blen S�fte im geschundenen Fleisch entstehen.�</p><p>Der Blick Hattus ver�nderte sich, w�hrend sie sprach. Er war nicht mehr abf�llig. Jetzt lag etwas Kaltes, Lauerndes darin.</p><p>�Wer hat dich geschickt, Weib?�</p><p>�Ich komme, weil ich vom Palast der Kranken geh�rt habe. Wie ich sagte: Ich will dem Wohl der Kranken dienen.�</p><p>Er sch�ttelte den Kopf. �Frauen wissen so etwas nicht. Kein Heiler w�rde sie so sehr ins Vertrauen ziehen�� und dann dieses Kleid���</p><p>�Ich werde es nicht im Dienst tragen.�</p><p>�Frauen wissen, wie man Kr�utersud kocht und zu welchen G�ttern man beten muss. Sie k�nnen Sterbenden die Hand halten. Sie verbreiten Hoffnung. Sie sind wichtig! Aber sie haben keine Ahnung von Schnittwunden���</p><p>�Beruhigt es dich, wenn ich dir aufz�hle, welche Kr�uter ich in welcher Menge f�r einen fiebersenkenden Sud verwenden w�rde, wann ich kalte Wickel benutzen w�rde und wann nicht?�</p><p>Er kniff die Lippen zusammen. Seine Augen waren zu schmalen Schlitzen geworden. �Wo hast du das gelernt, Weib?�, blaffte er sie pl�tzlich an.</p><p>�Bei den Heilern vom Seidenfluss.�</p><p>Hattu sch�ttelte entschieden den Kopf. �Nicht einmal diese giftmischenden Schlitzaugen f�hren Weiber in die h�heren Weihen ein.�</p><p>Zwei weitere M�nner kamen in den Saal. Einer war fast noch ein Knabe, der andere alt und gebeugt. Er st�tzte sich auf einen Stock. Von seinem Haar war nur noch ein sch�tterer wei�er Kranz geblieben. Seine Glatze war mit Leberflecken gesprenkelt.</p><p>�Hier steht eine Hochstaplerin, Herr!�, rief Hattu.</p><p>�Verbreitest du diese L�gen �ber mich, weil du mich nicht in eine dunkle Ecke dr�ngen und betatschen konntest?�</p><p>�H�te deine Zunge, Weib!� Der Alte n�herte sich und hob drohend seinen Stock. �Hattu ist ein Mann von makellosem Ruf. Dich kenne ich nicht. Und deshalb bist du ein Nichts f�r mich.�</p><p>�Wer bist du, dass du mich verurteilst, ohne mich zu kennen?�</p><p>�Ich bin der Sch�pfer dieses Spitals. Ich bin das Geld, das euch n�hrt. Ich bin euer Segen und eure Verdammnis. Mein Name ist Elias. Ich habe diese Stadt erschaffen. Arcumenna mag hier herrschen, aber es geschieht hier nur wenig ohne meine Billigung. Und ich billige nicht, dass sich in meinem Spital hergelaufene Flittchen anbiedern!�</p><p>�Stell mir eine Frage und pr�fe mein Wissen!�, forderte Shaya ihn heraus.</p><p>�Oh, sie wei� viel. Zu viel f�r ein Weib. Sie muss bei den Leichensch�ndern gelernt haben, oder sie ist eine Hexe! Wir werfen sie hinaus!�, warf Hattu ein.</p><p>�Nein!�, sagte der Alte scharf. �Wenn wir das tun, dann l�uft sie zu Arcumenna. Und du wei�t, wie er entscheiden wird, wenn ein h�bsches Weib vor ihn tritt und sich darauf versteht, sch�n zu reden. Sie soll sich beweisen.� Der Alte sah sie mit harten, m�den Augen an, die zu viel Leid gesehen hatten. Shaya kannte solche Augen. Die �lteren unter ihren Veteranen hatten genau solche Augen gehabt.</p><p>�Hattu hat sieben Jahre seines Lebens gegeben, um dieses Spital aufzubauen, Weib. Er hat sich hier aufgeopfert. Er hat Hunderte geheilt. Keine Stunde verstreicht in dieser Provinz, ohne dass ein Gebet f�r ihn gesprochen wird. Wir f�hren hier Buch �ber die, die kommen, und die, die wieder gehen. Neun von zehn Kranken verlassen dieses Haus lebend. Dieses Ma� werden wir an dich anlegen, Weib. Bist du so gut? Wirst du bestehen? Wenn nicht, dann verlasse nun das Spital.�</p><p>�Ich bin ganz gewiss keine schlechtere Heilerin als ihr�, entgegnete Shaya stolz.</p><p>�Bedenke deine Wahl, Weib. Wenn du scheiterst, werde ich zu Arcumenna gehen und Klage gegen dich erheben. Ich werde dich eine Hochstaplerin nennen und vielleicht auch eine M�rderin. Bist du ersteres, wird man dich an einen Schandpfahl binden, dir deinen Kopf kahl rasieren und dir das Mal der L�gnerin auf deine Stirn brennen. Bist du aber eine M�rderin��� Er sah sie drohend an. �M�rderinnen haben einen schweren Tod.�</p><p>�Ich werde mich eurer Pr�fung stellen.� Sie hatte keine Wahl. Sollte sie versuchen, auf eigene Faust als Heilerin durchzukommen, w�rden der Alte und Hattu gegen sie hetzen. Sie w�rde hier in Asugar keinen Fu� auf den Boden bekommen, wenn die Heiler des Spitals schlecht �ber sie sprachen. Sie wollte nicht als Bettlerin in der Gosse landen.</p><p>�Mutig bist du.� Elias bedachte sie mit einem kalten L�cheln.</p><p>Es schien, als wollte Hattu gegen die Entscheidung aufbegehren, doch der Alte brachte ihn mit einem Blick zum Schweigen.</p><p>�Enak?� Elias wandte sich an den J�ngling, der mit ihm gekommen war. �Bring unseren Gast in den Saal der Fremden. Sie sollen nun ihrer Obhut unterstehen. Eine Woche lang, dann werden wir die Lebenden und die Toten z�hlen.�</p><p>�Herr, das k�nnt Ihr nicht���</p><p>Der Alte stie� hart mit seinem Kr�ckstock auf den Mosaikboden. �Du hast hier nichts zu sagen, Kleiner. Und von dir, Weib, erwarte ich, dass du ein anderes Kleid anlegst, wenn wir dich in unserem Palast dulden. Das hier ist ein Spital und kein Hurenhaus!�</p><p>Shaya entging der triumphierende Blick Hattus nicht. Ebenso wenig wie die Sorge des jungen Heilers. Was hatte es mit dem Saal der Fremden auf sich?</p><p>�Bring sie zu ihren Kranken!�, befahl Hattu dem J�ngling.</p><p>Shaya �berkam ein mulmiges Gef�hl. Sie wusste, sie hatte einen Fehler gemacht. Wieder einmal. Sie h�tte sich unterordnen und die dummen Spr�che Hattus ertragen sollen. Aber sie konnte einfach nicht zur�ckstecken, wenn ihr Unrecht widerfuhr.</p></section><section><title><p>Der Saal der Fremden</p></title><p>Enak f�hrte sie �ber Treppen immer tiefer in den Palast hinein, bis er sie schlie�lich durch eine T�r in einen dunklen Raum brachte. Shayas erster Eindruck war der Gestank. Ganz anders als die hohen S�le, die sie durchquert hatten, lag dieser Raum im Zwielicht und wurde wohl kaum bel�ftet. R�ucherwerk brannte in flachen Kupferschalen. Ein alter Mann begr��te die Steppenreiterin freundlich.</p><p>�Wir k�mpfen hier gegen das Unausweichliche�, fl�sterte Enak. �Meine Meister haben dich betrogen. Alle hier sind dem Tod geweiht. Selbst die Kranken haben sich aufgegeben.�</p><p>�Was fehlt ihnen denn?� Shaya fragte mehr aus H�flichkeit, denn der Geruch, den auch das R�ucherwerk nicht zu vertreiben vermochte, war unverwechselbar.</p><p>�Sie haben die Gliederf�ule�, erkl�rte Enak niedergeschlagen.</p><p>Die Heilerin trat in den d�steren Saal. Neben jedem der Lager brannte ein �ll�mpchen. Sie ging von einem Kranken zum anderen. Es waren ausschlie�lich M�nner. Ihre Gesichter von Entbehrungen gezeichnet. Die meisten schliefen. Jene wenigen, die wach waren, starrten sie mit ausdruckslosen Augen an. Enak hatte recht. Die Kranken hatten sich aufgegeben.</p><p>�Woher kommen sie?�, wollte Shaya wissen.</p><p>�Das ist eine merkw�rdige Geschichte�� Eines Tages hat ein Wolkensammler, wie ihn noch nie jemand zuvor gesehen hatte, an einem der Ankert�rme angelegt. Ein gro�er, blonder Mann hat uns gebeten, nach seiner Mannschaft zu sehen. Er hat jeden Einzelnen selbst zu uns ins Spital getragen und uns f�r jeden von ihnen f�nf Goldst�cke gegeben, damit wir sie versorgen. Er wollte wiederkommen und seine Mannschaft holen. Er hat Hattu f�r jeden Geheilten noch f�nfzehn weitere Goldst�cke versprochen��� Enak machte eine weitschweifige Geste durch den Saal. �Aber du siehst ja��.� Er senkte die Stimme zu einem Fl�stern. �Wir konnten ihnen nicht helfen. Ihre Glieder faulen, und sie sind v�llig ausgezehrt. Wir haben viele Stunden f�r sie gebetet. Sieben von ihnen sind bereits verstorben. Und die anderen werden ihnen bald folgen. Es ist ohne Hoffnung. Du solltest aus dem Palast fliehen und mit dem n�chsten Wolkenschiff die Stadt verlassen.�</p><p>Der alte Mann, der �ber die Kranken wachte, kam mit einem Becher voll Wasser zu ihr. �Darf ich Euch etwas zu trinken anbieten, Herrin?�</p><p>Shaya nahm an. Erst jetzt bemerkte sie, wie durstig sie war. Es war hei� hier in Asugar, und sie hatte seit dem Morgen nichts mehr getrunken. Das Wasser schmeckte leicht nach Essig. Es war angenehm und l�schte ihren Durst.</p><p>�Ich brauche Zitronensaft. Au�erdem Obst. Wir werden daraus einen Brei f�r die Kranken kochen. Des Weiteren ben�tige ich weiches Brot und Milch.� Sie sah den Alten an. Er wirkte z�h. Sein graues Haar war zu einem fettigen Zopf zusammengebunden, der ihm weit auf den R�cken reichte. Seine schlichte Tunika war fleckig, seine H�nde aber sauber. �Wie hei�t du?�</p><p>�Saham, Herrin.�</p><p>�Zu welchen Zeiten des Tages kann ich mit deiner Hilfe rechnen?�</p><p>�Immer, Herrin.� Saham deutete auf ein Lager nahe der T�r. �Ich schlafe hier. Sie brauchen mich. Sind wie meine Kinder, wisst Ihr�� kranke Kinder l�sst man doch auch nicht alleine.�</p><p>Ger�hrt sah Shaya den Alten an. Das war der richtige Geist, dachte sie.</p><p>�Enak, kann ich auch auf deine Hilfe z�hlen?�</p><p>Der junge Heiler sah betreten zu Boden. �Ich�� Sie werden mich hinauswerfen, wenn ich��� Er wand sich vor Scham. Aber Shaya war entschlossen, ihm seine Feigheit nicht durch verst�ndnisvolle Worte zu erleichtern, und schwieg.</p><p>�Ich werde in den N�chten kommen�, sagte er schlie�lich.</p><p>�Gut! Nun besorge mir die Dinge, um die ich dich gebeten habe. Und bringe sie bitte nicht erst in ein paar Stunden, wenn Hattu schl�ft. Wir brauchen sie jetzt. Der Fremde mit dem Goldhaar hat schlie�lich f�r das Wohlergehen seiner M�nner bezahlt.� Sie wandte sich an Saham. �Bring mir Licht!�</p><p>Im Schein einer �llampe ging sie zum ersten Lager. Ein junger Mann, dessen Gesicht nur noch aus Haut und Knochen bestand, lag dort. Seine Stirn gl�hte im Fieber. Das schmuddelige Gewand, das er trug, war von kaltem Schwei� durchtr�nkt. Shaya zog die d�nne Leinendecke zur Seite. Die H�nde und F��e des Kranken waren mit Lumpen umwickelt, die von getrockneten Salben und dunklem Wundsekret verklebt waren.</p><p>Shaya brauchte ihr Messer, um den Verband zu entfernen. Der Kranke st�hnte vor Schmerz, als sie die letzten Leinenfetzen entfernte, die mit n�ssenden Wunden verklebt waren. �bler Gestank schlug ihr entgegen. Die ganze Hand war verf�rbt. Der kleine Finger und der Ringfinger ganz schwarz, die obersten Glieder von Mittelfinger und Zeigefinger waren ebenfalls abgestorben.</p><p>Die Prinzessin fluchte leise. �Wir werden ihm einige Finger amputieren m�ssen.�</p><p>�Das geht nicht�, wandte Saham ein. �Hattu hat das verboten. Es steht uns Menschen nicht zu, Glieder unserer Artgenossen zu entfernen und damit die Sch�pfung der G�tter zu verunstalten.�</p><p>�Was?�</p><p>�So sagt es Hattu�, erkl�rte der Alte kleinlaut. �Wenn die G�tter wollen, dass ihre Kinder wieder gesund werden, dann werden sie ihnen die Kraft dazu geben. Wir helfen, indem wir sie mit Kr�utern behandeln, ihnen gutes Essen geben und sie pflegen. Der Erfolg gibt ihm recht.�</p><p>Shaya traute ihren Ohren nicht. Sie kannte diesen Ansatz in der Heilkunde, aber h�tte niemals erwartet, dass der Palast der Kranken nach diesen Grunds�tzen gef�hrt wurde. Sie selbst war schon einem Gott begegnet. Der Wei�e Wolf hatte sie auf seinem R�cken getragen. Und sie konnte sich nicht vorstellen, dass es ihn st�rte, wenn jemandem ein Finger oder gar ein Bein amputiert wurde, um ihm das Leben zu retten.</p><p>War auch Arcumenna so? War das die Vorstellung von Sch�nheit, auf der diese Provinz gegr�ndet werden sollte?</p><p>Shaya strich dem Fiebernden �ber die Stirn. �Du bist nicht verloren, ganz gleich, was man dir eingeredet hat.� Dann ging sie von einem Lager zum anderen. Alle M�nner waren in schlechtem Zustand. Manche waren zumindest halb bei Sinnen. Sie stammelten vom Eis, und Shaya begriff. Sie hatte solche Wunden schon dutzendfach gesehen. Vor Kurzem erst, nur dass sie noch nicht zu stinken begonnen hatten. Das waren Erfrierungen! Zumindest hatte es so begonnen. Unbehandelte Erfrierungen.</p><p>Jetzt, wo sie es wusste, fand sie immer mehr Indizien. Sie fand auch Sch�den an Ohren und Nasenspitzen. Und sie wusste, es gab nur einen Weg. In sp�testens zwei Wochen w�rde keiner dieser M�nner mehr leben, wenn sie nicht den Mut hatte, diesen Weg zu gehen.</p><p>�Warum ist hier alles verdunkelt, Saham?�</p><p>�Sie qu�lte das Licht�, erkl�rte der Heiler. �Das Licht �ber dem Meer ist wirklich sehr hell. Hattu hat die L�den anfertigen lassen. Vorher gab es hier gar keine.�</p><p>Shaya erinnerte sich an das glei�ende Leuchten �ber dem Eis. Sie trat an die L�den und sp�hte durch einen Ritz im Holz. Die Sonne war untergegangen. Hoch �ber der See standen die Doppelmonde. Shen Yi Miao Shou war davon �berzeugt gewesen, dass faulende Luft Krankheiten in sich trug. So wie es war, durfte es hier nicht bleiben. �Wir werden die Fenster �ffnen. Zumindest bei Nacht. Die Seeluft wird ihnen guttun.�</p><p>�Und die Geister vertreiben!�, best�tigte Saham.</p><p>�Geister?�</p><p>�Nat�rlich!� Er sah sie an, als w�re sie ein Kind, das die einfachsten Dinge nicht begreift. �Man muss den Geistern einen Weg �ffnen, auf dem sie gehen k�nnen. Sonst bleiben sie.�</p><p>Shaya wollte dieses Thema lieber nicht vertiefen. Sie war sich nicht ganz sicher, was sie von Geistern halten sollte. Nicht nach den Dingen, die sie im Eis gesehen hatte. Die Gr�nen Geister Nangogs waren zu den Schwachen und Verwundeten gekommen und hatten etwas von ihnen gestohlen und in sich aufgenommen. War es deren Lebenskraft, oder waren es ihre Seelen? Es gab etwas, das sie aus den Menschen herauszogen und das nicht stofflich war. Sie sah sich in dem dunklen Saal um. Dies w�re ganz gewiss ein Ort f�r Geister.</p><p>Entschlossen stie� sie den h�lzernen Laden auf und zog den schweren Vorhang zur Seite. Das Fenster reichte bis zum Boden. Es war eher eine T�r. Sie f�hrte auf eine Terrasse. Tief unter ihr lag die See. Ein frischer Wind trieb Wellen gegen den Felsen, auf dem Asugar lag. Das Rauschen der Brandung hatte etwas Beruhigendes. Sie sah zum Himmel hinauf in all die Sterne und dachte einen Moment an ihre N�chte mit dem Unsterblichen Aaron.</p><p>Sie seufzte. Dieses Leben lag hinter ihr. Es war nicht gut, Erinnerungen nachzuh�ngen. Das brachte nichts, sie musste vorw�rtsgehen!</p><p>Saham �ffnete die anderen Fenster, w�hrend Shaya die Terrasse abschritt. Sie w�re breit genug, um die Schlaflager der Kranken nach hier drau�en zu bringen. Sie trat zur Br�stung und sah den Felsen hinauf. Es gab noch weitere Terrassen, die versetzt zu jener lagen, auf der sie nun stand. Es war ein wunderbarer Ort. Vielleicht vermochte die Aussicht �ber dieses freundliche, warme Meer die Seelen zu heilen, die der grausame Frost des Nordens verletzt hatte.</p><p>Sie w�rde Eisenringe in den Fels schlagen lassen und ein paar starke Rundh�lzer aufstellen. Es war m�glich, hier ein Sonnensegel zu spannen. Da war sie sich ganz sicher.</p><p>Als sie zur�ck in den Krankensaal trat, schleppte Enak einen gro�en Korb mit Fr�chten herein und sah sie lobheischend an.</p><p>�Gut gemacht.� Sie musste ihn f�r sich gewinnen. Sie brauchte Verb�ndete im Palast. �Vor uns liegt eine Schlacht. Wirst du an meiner Seite stehen?�</p><p>Der Junge sah sie mit gerunzelter Stirn an. �Eine Schlacht?�</p><p>�Wir ziehen in den Kampf gegen Krankheit und Tod. Es ist ein Kampf, der uns alles abverlangen wird. Hattu wird mich f�r die Dinge hassen, die ich tun werde. Vielleicht auch einige der M�nner hier�� Aber all das z�hlt nicht. Wir werden dem Tod seine sichere Beute entrei�en.� Sie senkte die Stimme. �Auch wenn er am Ende immer siegt.�</p><p>�Du willst��� Enak sah sie erschrocken an.</p><p>�Ja, ich werde amputieren. Du wirst mir einen Satz scharfer Messer bringen. Es muss hier im Palast so etwas geben. Dazu Aderpressen, hei�es Pech und eine Knochens�ge.�</p><p>�Du kannst doch nicht���</p><p>�Ich habe das Herz einer Kriegerin, Enak. Das Einzige, was ich in meinem Leben nicht kann, ist aufzuh�ren zu k�mpfen.�</p></section><section><title><p>Der Duft der anderen</p></title><p>Volodi sah m�de in die Flammen des Feuers. Wenn er sich nicht betrank, fand er einfach keinen Schlaf mehr. Sobald er die Augen schloss, erwachten in ihm die Bilder, die <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont</emphasis> mit ihm geteilt hatte. Er bekam sie einfach nicht mehr aus dem Kopf. Dieses Ungeheuer lebte in ihm, da war er sich ganz sicher. Und wenn er schlief, dann streckte es die Arme nach ihm aus.</p><p>�Du denkst an sie, nicht wahr?�</p><p>Er wandte sich zu Quetzalli um. Sie sa� auf dem Bett und gab Wanya die Brust. Sie tat das in letzter Zeit wieder �fter, dabei hatte der Kleine eigentlich schon angefangen, Brei zu essen. Bald w�rde er ihm ein sch�nes, weich gekochtes St�ckchen Fleisch in den Mund schieben, wenn sie nicht hinsah. Quetzalli hatte einige sehr seltsame Vorstellungen �ber die Ern�hrung von Kindern. Jungs brauchten Fleisch! Sonst wurden sie zu Weichlingen.</p><p>�Bin ich dir nicht einmal mehr einer Antwort w�rdig?�</p><p>��h, was���</p><p>Er hatte ihr nicht richtig zugeh�rt. Das tat er viel zu oft in den letzten Tagen. Dieses verfluchte Ungeheuer. Er war ihm nie begegnet, und doch warf es einen Schatten auf sein Leben.</p><p>�Tu nicht so! Denkst du, ich wei� nicht, dass du die blonde Schlampe fickst? Und jetzt tr�umst du von ihr. Ich bin nur noch Luft f�r dich���</p><p>Volodi f�hlte sich v�llig �berrumpelt. �Das ist nicht wahr. Ich���</p><p>�Red dich nicht raus!� Quetzalli erhob sich vom Bett, kam ein paar Schritt auf ihn zu und wandte sich dann abrupt wieder ab. �Glaubst du, ich sehe nicht, wie du sie anstarrst?�</p><p>�Es ist nicht so���</p><p>�Wenn ich nicht dabei bin, holst du sie dir auf den Scho� und betatschst sie. Und das vor unseren G�sten! Was habe ich dir getan, dass du mich so sehr dem�tigst?�</p><p>�Ich��� Er stand auf. �Ich war betrunken. Es tut mir leid.�</p><p>Sie legte Wanya in sein kleines Bett und deckte ihn zu. Dabei zuckte ihr R�cken auf und nieder. Volodi h�rte keinen Schluchzer. Sie w�re viel zu stolz, um vor seinen Augen zu weinen. Sie hatte ihm einmal gesagt, wenn es ihm je einfallen w�rde, sie zu betr�gen, dann w�rde sie ihm im Schlaf die Kehle durchschneiden. Ein schreiendes, aufgew�hltes Weib�� das war nicht sie.</p><p>Er trat von hinten an sie heran und wollte sie in die Arme schlie�en, doch sie entwand sich ihm, kaum dass er sie ber�hrte.</p><p>�Glaubst du, ich m�chte die H�nde auf mir sp�ren, mit denen du sie begrabscht hast? Hattest du wenigstens den Anstand, dich zu waschen, seit du das letzte Mal bei ihr gelegen hast, oder werde ich gleich im Bett ihren Hurenmief an dir riechen?�</p><p>�Ich schw�re dir, ich war nicht���</p><p>�Hab wenigstens den Anstand, mir nicht auch noch ins Gesicht zu l�gen, verdammter Bastard!�</p><p>Es geschah schneller, als er dachte. Eigentlich hatte er es gar nicht gewollt. Seine Hand schnellte vor. Klatschte ihr ins Gesicht. Der Schlag war so heftig, dass Quetzalli auf Wanyas Bettchen geschleudert wurde. Fassungslos starrte er auf seine Finger. Sie waren ganz rot und brannten von dem Schlag.</p><p>�F�r mich die Pr�gel und f�r sie deine K�sse. Wird es jetzt so sein?�</p><p>Volodi erhob erneut die Hand. Diesmal beherrschte er sich. �Was ist in dich gefahren, Weib?�</p><p>�Dass ich nicht blind bin, du Hurenbock!�</p><p>�Ich werde dir beweisen���</p><p>�Ich rieche ihren Geruch an deinen Kleidern. Was willst du mir noch beweisen? Steh wenigstens zu dem, was du tust, statt mich zu bel�gen. Glaubst du, ich kenne das nicht? Ich habe als Kind gesehen, wie mein Vater meine Mutter betrogen hat. Aber er hatte Anstand dabei. Er hat nie eine Frau anger�hrt, wenn es irgendjemand sehen konnte. Meine Mutter hat nie ihr Gesicht verloren. Sie musste nie erdulden, dass die Dienerinnen tuschelten und kicherten, wenn sie vor�berging. Mein Vater hat ihr ganz ehrlich gesagt, dass er ins Bett einer anderen stieg. Ich wei�, M�nner brauchen das manchmal. Man kann es mit Anstand tun�� oder so wie du!�</p><p>�Ich habe nicht���</p><p>Quetzalli spie vor ihm auf den Boden. �L�gner!�</p><p>Er ballte die Faust. Er musste gehen. Volodi wusste, er w�rde Quetzalli wieder schlagen, und das wollte er nicht! Aber sie w�rde ihn so lange reizen, bis es geschah. Er verstand auch nicht, was sie so aufregte. Sie sagte, es w�rde sie nicht st�ren, wenn er mit einer anderen ins Bett ging, aber so wie sie sich auff�hrte�� �Ich werde mir deine irren Reden nicht l�nger anh�ren. Geh ins Bett, Weib. Und halte dein Schandmaul!�</p><p>�Du kannst mir meine Ehre nehmen, aber den Mund, den kannst du mir nicht verbieten!�</p><p>�Ich werde mir das nicht l�nger anh�ren!� Er trat zur T�r, riss sie auf und st�rmte hinaus auf den Flur, der zum gro�en Saal des Langhauses f�hrte.</p><p>Quetzalli kreischte hinter ihm etwas, das er nicht richtig verstand. Was war nur in sie gefahren? Ja, er h�tte Anisja nicht zu sich auf den Scho� ziehen d�rfen. Er konnte sich das selbst nicht erkl�ren. Es war ein Fehler gewesen.</p><p>Die gro�e Halle lag verlassen. Er fand einen Krug mit warmem Honigbier und setzte sich an die ersterbende Glut der Feuergrube. Der Rauch, der zum Giebel aufstieg, brannte so sehr in seinen Augen, dass sie sich mit Tr�nen f�llten. Was war los mit Quetzalli? Er liebte sie. Und was war los mit ihm? Andere Frauen hatten ihn nie interessiert, bis Anisja gekommen war. Sie hatte etwas an sich�� Er konnte es nicht richtig beschreiben. Wenn sie in seiner N�he war, dachte er nicht mehr an das Ungeheuer. Und er f�hlte sich mehr wie ein Mann�� Dabei war sie eigentlich zu �ppig f�r seinen Geschmack.</p><p>Er hob den Krug an die Lippen und trank. Der Met war zu klebrig. Er hatte das Gef�hl, als wollte er ihm nicht richtig die Kehle hinabrinnen.</p><p>�Soll ich Euch nicht einen frischen Krug vom Braumeister holen, Herr aller W�lder?�</p><p>Bei den G�ttern! Was machte sie hier? Es war mitten in der Nacht! Warum war sie nicht im Quartier der Dienerinnen.</p><p>�Herr?�</p><p>Dieser Duft! Volodi schloss die Augen und gab sich ihm ganz und gar hin. Allein sie zu riechen befl�gelte seine Fantasie. Er wollte sie ber�hren. Er wollte sie mit allen seinen Sinnen sp�ren.</p><p>�Soll ich gehen, Herr?�</p><p>�Nein�, stie� er hervor. Es war ein atemloses Keuchen, als w�re er gerade viele Meilen gelaufen.</p><p>Sie kniete vor ihm nieder. Er starrte auf ihren Ausschnitt. Die �ppigen Br�ste. Er sollte nicht�� Aber warum eigentlich? Quetzalli strafte ihn f�r etwas, das er nicht getan hatte. Er hatte �rger wegen einer Aff�re, die er gar nicht hatte. Warum sollte er sich nicht ein wenig Spa� g�nnen? Was konnte schlimmer werden?</p><p>Er griff nach Anisjas Br�sten. Sie waren wunderbar weich, schmiegten sich in seine schwieligen H�nde. Die Dienerin keuchte lustvoll auf. Er wollte sie! Sie hatte etwas an sich, das all seine Gedanken ausl�schte. Volodi beugte sich vor, k�sste sie leidenschaftlich. Und sie erwiderte seine K�sse. Schob ihm ihre Zunge �ber die Lippen. Eine Hand fuhr ihm �ber die Innenseite seiner Schenkel. Jedes Haar an seinem K�rper richtete sich auf.</p><p>�Ich wei� einen Ort, an dem wir allein sind�, fl�sterte sie ihm ins Ohr, und Wellen von Wohlgef�hl und Wollust �bermannten ihn.</p></section><section><title><p>In der dunkelsten Stunde</p></title><p>Quetzalli hielt sich tief im Schatten der Eichen des Heiligen Hains. Konnte man ihr ansehen, dass sie geweint hatte? Sie h�tte Volodi nicht so hart angehen sollen. Eigentlich war ihr Plan ein anderer gewesen. Sie hatte Anisja verschwinden lassen wollen, um nie mehr �ber diese Sache reden zu m�ssen. Einfach den Quell des �bels aus der Welt schaffen, um ihn dann ganz zu vergessen. Der Streit in dieser Nacht w�rde jedoch noch zwischen ihnen stehen, wenn die kleine Schlampe l�ngst in einem namenlosen Grab vermodert war. Wie hatte sie sich nur so gehen lassen k�nnen? Und wie hatte er sie schlagen k�nnen? Quetzalli stiegen erneut Tr�nen in die Augen.</p><p>Da bewegte sich etwas zwischen den B�umen. Sie beobachtete den Schatten, bis sie sich ganz sicher war. �Hier!� Rasch wischte sie sich die Tr�nen ab.</p><p>�Herrin?�</p><p>�Warum lebt diese kleine Nutte noch? Was ist passiert?�</p><p>�Ihr wisst, was meinem Mann zugesto�en ist, Herrin.� Er klang vorwurfsvoll. Was nahm er sich da heraus! �Ich glaube nicht, dass Jascha in den Schweinepferch gest�rzt ist, ohne dass nachgeholfen wurde. Er war ein guter Krieger���</p><p>�Du glaubst doch wohl nicht, dass diese dumme Dienerin���</p><p>�Ich glaube nicht, ich bin mir sicher, dass wir sie untersch�tzt haben, und deshalb ist einer meiner Schwertbr�der tot. Diesen Fehler werde ich nicht wiederholen.�</p><p>�Sch�n�, entgegnete Quetzalli s�ffisant. �Und wann gedenkst du sie aus dem Weg zu schaffen?�</p><p>�Noch heute Nacht. Diesmal habe ich drei M�nner auf sie angesetzt. Sie behalten alle Ausg�nge des Langhauses im Blick. Sie wird uns nicht entkommen.�</p><p>�Sie ist immer noch im Langhaus? So sp�t? Was macht sie da noch?�</p><p>Oleg r�usperte sich verlegen. �Sie ist in einem der G�stezimmer.�</p><p>�Mit Volodi?�</p><p>Der Hauptmann nickte.</p><p>Einen Moment lang stellte sich Quetzalli vor, wie sie in dieses Zimmer trat. Wie sie Volodi mit seinen frechen L�gen konfrontierte. Sie sch�ttelte den Kopf, als reichte das, einen l�stigen Gedanken loszuwerden. Das w�re nicht klug. Sie hatte in dieser Nacht mit ihrem dummen Streit einer gl�cklichen Zukunft schon einen Stein in den Weg gelegt. Sie wollte diesen Weg nicht ganz vermauern. Wenn sie Volodi mit diesem Weibsbild neben sich im Bett zur Rede stellte, dann schuf sie Tatsachen, die nie wieder umzukehren waren. Blieb sie hingegen geduldig, lie� sie ihm den Weg offen, seine Liebschaft immer weiter zu leugnen. Irgendwann konnte sie ihm diese L�ge dann zum Schein abkaufen, und es w�rde wieder Frieden zwischen ihnen herrschen.</p><p>�Wann wirst du Anisja verschwinden lassen?� Quetzalli bem�hte sich, freundlich zu klingen, obwohl sie Oleg im Grunde ihres Herzens f�r einen Versager hielt. Aber ein Mann, der sich wertgesch�tzt f�hlte, erf�llte seine Pflichten besser.</p><p>�Anisja wird das Frauenquartier nicht mehr erreichen. Wir holen sie uns noch in dieser Nacht. Sie wird Euch nie wieder unter die Augen kommen, Herrin. Drei M�nner stehen bereit, Eure W�nsche Wirklichkeit werden zu lassen.�</p><p>Das glaubte sie erst, wenn sie ein Mahl in der gro�en Halle eingenommen hatte, bei dem diese Hure ihrem Mann keine sch�nen Augen machte.</p><p>Oleg schien ihre Zweifel bemerkt zu haben. �Ihr k�nnt mir vertrauen, Herrin. Es sind gute M�nner. Einer stammt sogar aus Eurem Volk. Er ist ein Meister seines Fachs.�</p><p>Erstaunt h�rte sie zu, als er mehr �ber die drei erz�hlte. Am Ende war sie zwar nicht davon �berzeugt, dass der Zapote, den Oleg angeworben hatte, ein Meister war. Ein Meister w�rde sich niemals einem Drusnier verdingen! Er w�rde einzig der Priesterschaft oder gar dem Unsterblichen Acoatl selbst dienen. Dennoch war sie zuversichtlich, dass sie Anisja wirklich nicht wiedersehen w�rde. In dieser Nacht hatte ihr die kleine Hure zum letzten Mal den Mann gestohlen. Daf�r war gr�ndlich gesorgt.</p></section><section><title><p>Gedankendiebin</p></title><p>Bidayn klammerte sich an den starken K�rper. Er war �ber ihr. Stie� sie mit verzweifelter Leidenschaft, st�hnte und schwitzte. Ihre H�nde krallten sich in seinen R�cken. Sie dachte sich fort. Fort von dem kratzenden Bart, seinem Geruch. In ihren Gedanken war sie bei dem Goldenen. Sie tat das hier f�r ihn. Sie musste erfolgreich sein! Allein sein L�cheln war all das hier wert. Volodi schrie auf. Er zuckte aus. Dann sank er schwer auf sie nieder. Dr�ckte sie auf die strohgef�llte Matratze. Sein Atem wurde ruhiger. Streifte feuchtwarm ihren Hals. Er roch nach Honigbier. Bidayn hatte den klebrigen Geschmack des Biers selbst noch auf den Lippen. Sie hatte mit ihm trinken m�ssen.</p><p>Anfangs hatte es ausgesehen, als wollte er nur reden. Er hatte endlos �ber seine Frau gesprochen. Dar�ber, wie sie sich kennengelernt hatten. �ber einen Winter, den sie auf der Flucht gewesen waren. Wie tapfer sie war. Was f�r einen wunderbaren Sohn sie ihm geboren hatte.</p><p>Zwei Mal hatte sie den Zauber gewoben, der sie mit einem unwiderstehlichen Duft umgab, bis er schlie�lich �ber sie hergefallen war. Er hatte ihr das schlichte Kleid aus grob gewebtem Leinen vom Leib gerissen. Volodi war leidenschaftlich gewesen. Ganz anders als der Priester Tuwatis, den sie gemeinsam mit Lyvianne verf�hrt hatte. Volodis Liebe hatte etwas von einem Ertrinkenden gehabt, der sich verzweifelt an ein Wrackteil klammerte.</p><p>Jetzt ging sein Atem regelm��ig. Er war eingeschlafen! Bidayn fluchte leise und ertappte sich dabei, dass sie elfisch gesprochen hatte. Sie musste aufpassen! Und sie wollte fort von hier. Bisher hatte sie gro�es Gl�ck gehabt. Aber es war nur eine Frage der Zeit, bis sie dem Devanthar der Drusnier begegnete. Er kam manchmal hierher, um sich mit Volodi zu besprechen, und zeigte sich dann auch in der gro�en Halle des Langhauses. Wenn er auch nur einen Blick auf sie warf, dann w�rde er erkennen, was sie war. Ganz gleich, wie fein der Zauber des Goldenen auch gesponnen sein mochte. Sie musste Volodi sein Geheimnis entlocken. Noch heute Nacht. Sie wollte nicht wieder mit ihm ins Bett.</p><p>Es war seltsam. Sie h�tte keine Gewissensbisse, wenn sie ihm jetzt einen Dolch ins Herz stie�e. Und trotzdem hatte sich etwas ver�ndert. Mit ihm im Bett zu liegen�� seine starken H�nde auf sich zu sp�ren. Seine Leidenschaft. Es war erregend gewesen. Obwohl er ein Mensch war.</p><p>Sie schob ihn von sich. Jetzt, schlafend, schien er noch schwerer zu sein als eben. Sie knuffte ihn. Er musste aufwachen. Wie k�nnte sie ihn dazu bringen, dass er von dem verborgenen Traumeis sprach, ohne dass sie seinen Verdacht erregte? Sie strich ihm sanft �ber den Nacken. Seine Haut war noch nass vom Schwei� der Leidenschaft. Er murmelte etwas in die zerkn�llte Decke hinein.</p><p>�Wach auf, mein Gebieter.� Sie k�sste ihn in den Nacken, hauchte die Worte in sein Ohr.</p><p>�Ich liebe dich, Quetzalli�, murmelte er.</p><p>Bidayn setzte sich auf. Erstaunt dar�ber, dass seine Worte sie verletzt hatten. Er war nur ein Menschensohn! Ein Auftrag! Nichts, was Gef�hle wert gewesen w�re. Hatte der Duftzauber etwa auch ihre Sinne vernebelt? Sie fuhr mit einem Finger �ber eine wulstige rote Narbe an seinem Arm. Sein ganzer K�rper war bedeckt mit Narben. Sie hatte sie gez�hlt, als er sie liebkost hatte, um mit den Gedanken zu fliehen. Um nicht seinen starken und zugleich z�rtlichen H�nden zu verfallen. Diese Mischung aus Wildheit und Einf�hlungsverm�gen hatte sie nicht erwartet.</p><p>Er war nur ein Auftrag, ermahnte sie sich in Gedanken. Dann kniff sie ihn in den Arm. Er reagierte nicht. Bidayn schob ihre Hand unter seinen Leib und begann, sein Glied zu massieren. Es wurde gr��er, aber nicht richtig hart.</p><p>Endlich drehte sich der Unsterbliche auf die Seite, wandte ihr das Gesicht zu und begann zu schnarchen. Bidayn wurde endg�ltig klar, dass er in dieser Nacht nicht mehr reden w�rde. Aber ihr lief die Zeit davon. Was, wenn Volodi die Stadt verlie� und sich auf die Suche nach dem Traumeis machte? Sie w�rde er ganz gewiss nicht mitnehmen. Sie musste es wissen! Jetzt!</p><p>Bidayn legte ihm sanft die Hand auf die Stirn, und dann murmelte sie jenes Wort der Macht, das Lyvianne sie gelehrt hatte. Jenes Wort, das der Goldene ihr verboten hatte. Was z�hlte, war nur der Erfolg. Nicht der Weg dorthin.</p><p>Seine Erinnerungen str�mten auf sie ein. Bilder von Quetzalli. Wie sie zankten und sich liebten. Der blonde Mann, der mit dem Wolkensammler gekommen war. Und dann��</p><p>Sie riss die Hand zur�ck. Volodi keuchte auf.</p><p>Bidayn zitterte am ganzen Leib. Sie hatte es gesehen. Und sie wusste, dass man das Traumeis von dort nicht holen k�nnte. Sie versuchte, ruhig zu atmen und ihr wild schlagendes Herz wieder zu beherrschen. Er h�tte ihr davon erz�hlen sollen. Diese Gedanken�� sie waren nicht von Volodi. Irgendjemand hatte ihm die Erinnerung an diese Kreatur in den Kopf gepflanzt.</p><p>Die Elfe raffte ihr Kleid vom Boden und streifte es �ber. Es war zerrissen. Sie hielt den Stoff vor ihren Br�sten zusammen. Sie musste fort von hier. Nach Volodi sah sie sich nicht mehr um. Es war ihr gleich, ob er noch atmete und wie viele Jahre der Zauber ihm gestohlen hatte.</p><p>Bidayn wurde sich bewusst, dass sie taumelte. War es der Schrecken? Oder nur das Honigbier? Sie lehnte sich an die k�hle Wand des Flurs. Sie musste ruhiger werden! Still stehen bleiben und einfach nur atmen. Einmal, zweimal�� zehnmal.</p><p>Sie sah zu der T�r, die sie jeden Abend nahm, wenn sie das Langhaus verlie�, um zum Quartier der Frauen zur�ckzukehren. Dieser Weg war ihr versperrt. Sie durfte nicht bleiben. Wenn Volodi erwachte, w�rde er sich vielleicht erinnern, was sie getan hatte. Sie musste auf dem schnellsten Weg zur�ck zum Goldenen.</p><p>Bidayn schlich zu der Treppe, die hinab zum Versorgungstunnel f�hrte. Sie hatte ihre Schuhe neben dem Bett vergessen. Die steinernen Stufen, die hinabf�hrten, waren angenehm k�hl. Wieder kamen die Bilder zur�ck, die sie Volodi gestohlen hatte. Sie �berlagerten die Wirklichkeit. Die enge Wendeltreppe r�ckte fort von ihr. Die k�hlen Stufen waren nur eine Erinnerung, und die gestohlene Erinnerung war real. Sie sah den blonden Mann, blickte von oben auf ihn herab. Er versenkte versiegelte Amphoren. Er war auf dem��</p><p>Eine Hand legte sich um ihre Kehle. �Du l�ufst fort, Kleine�, zischte ihr eine Stimme ins Ohr.</p><p>Sie leistete keinen Widerstand. Er sollte denken, dass sie aufgegeben hatte. Die Bilder des Ungeheuers waren versiegt. Sie war mit allen Sinnen zur�ck im Hier und Jetzt. Eine G�rtelschnalle dr�ckte gegen ihren R�cken. Es war die rechte Hand, die sich um ihren Hals gelegt hatte. Sie war rau und schwielig. Die Linke glitt an ihrem K�rper hinab.</p><p>�F�hlst dich gut an.�</p><p>Der G�rtel hing leicht schief. Er neigte sich zur linken Seite. Ein Gewicht zog ihn herab. Ein Schwert? Wahrscheinlich. Es war die Hand eines Kriegers, die auf ihrer Kehle lag. Das Schwert war zu lang, um es in dieser Situation nutzen zu k�nnen.</p><p>Die rechte Hand war zwischen ihre Schenkel gewandert. Sie dr�ckte sich gegen den Krieger. �Ja!�, stie� sie lustvoll hervor. Im selben Augenblick tastete sie nach rechts. Ihre Finger glitten den G�rtel entlang, fanden den Griff seines Dolches. Sie riss die Waffe heraus und rammte sie dem Krieger dicht �ber der H�fte in den Leib, sodass die Klinge die Niere fand.</p><p>Die Hand an ihrer Kehle glitt hinab. Sie l�ste sich, drehte sich um und packte nach dem Schwert. Ohne zu z�gern, riss sie es aus der Scheide und zog es dem Sterbenden �ber die Kehle. Dann st�rmte sie in den Tunnel hinein.</p><p>Warum war sie erwartet worden?</p><p>Die �ll�mpchen im Tunnel brannten. Goldenes Licht tanzte �ber die grob behauenen Steine. Sie war allein hier. Aber lauerten bei dem Ausgang zur Stadt weitere Feinde?</p><p>Bidayn hielt immer noch das Schwert in der Hand. Sie durfte sich nicht aufhalten lassen. Leise lief sie den Tunnel entlang, das Schwert bereit zum Kampf. Wer hatte geahnt, dass sie auf diesem Weg fliehen w�rde? Sie war durchschaut! Eine andere Erkl�rung konnte es nicht geben! Aber warum hatte dann nur ein einzelner Mann auf sie gewartet? Die Menschenkinder und vor allem die Palastwachen wussten doch aus bitterer Erfahrung, dass sie einer Daimonin nicht gewachsen waren. Sie h�tten ihr mit einem Dutzend Krieger auflauern sollen und nicht nur mit einem. Das alles passte nicht zusammen!</p><p>Sie erreichte den Ausgang, sp�hte vorsichtig in die Gasse, die an der Mauer des Heiligen Hains entlangf�hrte. Niemand zeigte sich. Bidayn blickte in den Tunnel zur�ck. Es gab keine Verfolger.</p><p>Sie dr�ckte das Schwert eng an ihren Leib, damit es weniger auffiel. Dann trat sie in die Gasse. Es war der Weg, auf dem sie mit ihren Gef�hrten geflohen war. Sie hielt sich im Schatten. Leicht geduckt, stets auf der Hut. Als sie die Prachtstra�e erreichte, die hinauf zum Platz vor der Goldenen Pforte f�hrte, begann sie sich zu entspannen. Die Zwillingsmonde standen tief am Himmel. Die Stra�e war verlassen. Eine streunende Katze kreuzte ihren Weg und betrachtete sie kurz mit glosenden Augen.</p><p>Bevor der neue Tag anbrach, w�rde sie diese Welt bereits verlassen haben. Sie dachte an Volodi und biss sich auf die Lippen. Sie durfte nicht zulassen, dass die gestohlene Erinnerung wieder in ihr aufstieg. Bidayn begann zu laufen. Ihre nackten F��e klatschten auf den steinernen Platten des Weges. Sie hastete die Stufen zur n�chsten Terrasse hinauf, ohne langsamer zu werden. Wie sehr sie die grausamen L�ufe, zu denen sie in der Wei�en Halle gezwungen worden war, gehasst hatte. Vor allem, wenn sie mit Nandalee gelaufen war. Ihre Gef�hrtin schien niemals zu erm�den. Nandalee war wie ein Wolf gelaufen, der seine Beute hetzte. Sie hingegen hatte sich schon nach einer Meile so gef�hlt, als h�tte man Dolche in ihre Seiten gerammt und Glut in ihre Kehle gef�llt.</p><p>Bidayn schnaubte. Das verz�rtelte M�dchen, das sie einmal gewesen war, gab es nicht mehr. M�helos erklomm sie eine weitere Treppe.</p><p>Weit vor sich sah sie die Goldene Pforte. Sie war ge�ffnet. Ein Torbogen aus Licht verschluckte die nie enden wollende Karawane, die die Sch�tze Nangogs in die Welt der Menschenkinder trug. Bidayn wurde langsamer, bis sie nur noch gemessenen Schrittes ging. Wenn sie lief, w�rde sie auffallen. Hier gab es zu viel Licht. M�nner mit Fackeln und Laternen, die die Karawanen begleiteten.</p><p>In einem unbeachteten Augenblick lehnte sie ihr erbeutetes Schwert an eine Hauswand und ging einfach weiter. Der Platz war voller Menschen und Vieh. Hunderte Rinder stampften und schissen. Sie konnte die Angst der Tiere riechen. Sie ahnten, dass sie jenseits des Tores aus Licht nichts Gutes erwartete.</p><p>Etwas stach in ihren Hals. Eine M�cke? Bidayn schlug nach dem Insekt und zuckte zusammen. Da war ein Splitter. Sie zog ihn aus dem Hals. Er war kaum gr��er als ein Rosendorn. Ein bitterer, fremder Geschmack breitete sich in ihrem Mund aus. Sie machte noch drei Schritte auf das Tor aus Licht zu. Dann hatte sie das Gef�hl, als w�rde das Pflaster unter ihr hinwegrutschen. Sie fiel und war zu benommen, um die H�nde nach vorn zu rei�en, um den Sturz abzufangen. Sie schlug mit dem Gesicht auf das Pflaster. Ein Schatten fiel auf sie. H�nde packten sie. Jemand sprach auf sie ein, doch sie verstand nichts mehr.</p><p>Sie hob ersch�pft den Kopf. Das Tor aus Licht! Es war so nah gewesen. Bidayn sp�rte, wie sie hochgehoben wurde. Dann schwanden ihr die Sinne.</p></section><section><title><p>Fliegende W�lfe</p></title><p>Artax lehnte sich weit �ber die Reling des Palastschiffes, doch die Flieger auf den silbernen W�lfen verschwanden erneut aus seinem Blickfeld.</p><p>�Schlecht�, zischte er. �Sehr schlecht. Sie werden uns in St�cke hacken.�</p><p>��bertreibst du dich nicht?� Volodi hatte den ganzen Morgen so gewirkt, als w�re er nicht recht bei der Sache. �Das sind sich nur ein paar lumpige Steppenreiter. Sie sind sich���</p><p>�Und nun, meine Freunde, werde ich euch zeigen, was noch m�glich ist!�, unterbrach ihn Subai mit erstaunlich lauter Stimme. F�nf gro�e Wolkenschiffe ankerten �ber dem Statthalterpalast der Ischkuzaia. Die �brigen Unsterblichen waren alle mit einem eigenen Wolkensammler gekommen. Nur Aaron hatte mit Volodi einen zweiten Unsterblichen an Bord.</p><p>Er hatte viel �ber die Vorf�hrung, die Subai angek�ndigt hatte, nachgedacht. Er war der �berzeugung gewesen, dass sie den Sieg �ber die Daimonen in der Luft erringen w�rden. Ja, er hatte extra eine Aussichtsplattform unter dem Rumpf seines Palastschiffes, fast auf einer H�he mit der gl�sernen Lotsenkanzel, anbringen lassen. Aber einige der herabh�ngenden Tentakel behinderten die Sicht. �ber ihm war der riesige Rumpf des Schiffes. Oben auf den Decks war es nicht besser. Dort konnte man weder sehen, was unter dem Rumpf vor sich ging, noch was oberhalb des aufgebl�hten Leibs des Wolkensammlers geschah. Wenn sie ihre ersten drei oder vier Jahre �berlebten, erreichten die Wolkensammler eine Gr��e, dass es f�r sie keine nat�rlichen Feinde auf Nangog gab.</p><p>Das hatte sich nun ge�ndert. Die Drachen w�rden sie in der Luft zerrei�en, und die Wolkenschiffe, die von den riesigen Kreaturen getragen wurden, w�rden wehrlos in die Tiefe st�rzen.</p><p>�Verdammter Bastard! Sieh dir dich nur an!� Volodi deutete aufgebracht nach unten. Der <emphasis>Palast</emphasis> Subais war ein gro�es Zelt, das auf einer Grasfl�che auf einem Felsgrat lag, der sich aus der Flanke des Weltenmundes erhob. Frauen in wei�en Gew�ndern marschierten auf der Grasfl�che auf. Die meisten waren nicht sonderlich anmutig. Eine jede von ihnen hielt eine Zielscheibe hoch, die nicht viel gr��er als ihr Kopf war.</p><p>�Wer ist das?�</p><p>�Hast du dich ihm nicht geh�rt?� Volodi klang ver�rgert. �Hat er sich gerade gesagt. Sind sich Frauen und T�chter von Flieger.�</p><p>�Was?�</p><p>�Ja, genau�� was?! Ist sich tollw�tiger Steppenfloh! Hat sich nichts als Schei�e in Hirn. Mag ich mich gar nicht hinsehen���</p><p>Volodi sah allerdings auch nicht weg, wie Artax feststellte. Der erste Krieger auf einem fliegenden Wolf stie� steil vom Himmel hinab. Er flog an der Reihe der Frauen vorbei, drehte sich im Sattel, spannte mit flie�ender Bewegung seinen Bogen und schoss. Der Pfeil verfehlte das faustgro�e rote Herz in der Mitte der Strohscheibe um etwa zwei Fingerbreit. Dennoch war es ein exzellenter Schuss. Der Sch�tze hatte den Treffer aus mehr als f�nfzig Schritt erzielt. Artax dachte, dass er froh w�re, wenn er auf diese Entfernung mit beiden F��en auf dem Boden stehend �berhaupt die Scheibe treffen w�rde.</p><p>Ein Krieger nach dem anderen st�rzte aus dem Himmel hinab und beteiligte sich an dem grausamen Spektakel. Jene, die getroffen hatten, jauchzten und schwangen wild ihren Bogen �ber dem Kopf.</p><p>Es war der Achte oder Neunte, der verfehlte. Sein Pfeil bohrte sich in die Brust eines jungen M�dchens. Sie starrte einen Augenblick auf das Geschoss. Dann entglitt ihr die Zielscheibe. Ihre H�nde schlossen sich um den Pfeil, w�hrend sich ein immer gr��er werdender roter Fleck auf ihrem schneewei�en Kleid ausbreitete.</p><p>�Timur!�, erklang Subais sp�ttische Stimme. �Du solltest nicht saufen, bevor du fliegst. Du hast deine Tochter durchbohrt. Zum Gl�ck bist du noch jung und kannst noch viele M�dchen machen.�</p><p>Der Krieger riss seinen fliegenden Wolf herum. Er landete neben der Sterbenden. Lauthals redete er auf sie ein. Er hielt ihre H�nde.</p><p>M�nner aus Subais Drachengarde erschienen und zerrten ihn fort.</p><p>�Ist sich das unsere Zukunft?� Volodi hatte von irgendwoher ein Trinkhorn aufgetrieben. Er stank nach Met. Das hatte er schon getan, als er gekommen war. �Die G�tter schenken sich einem Irren fliegende W�lfe, und V�ter morden sich ihre T�chter.�</p><p>�Es liegt an uns, es besser zu machen.� Artax legte seinem Freund die Hand auf die Schulter. �Wenn wir mehr Wolkensammler wie deinen h�tten���</p><p>�Du willst gar nicht wissen, wo das Traumeis ist.�</p><p>Artax sah seinem alten Kampfgef�hrten tief in die Augen. Volodi war verzweifelt. Artax hatte keine Ahnung, was seinen Freund peinigte, und er kannte ihn lange genug, um zu wissen, dass er N�chte mit ihm zechen m�sste, um zu erfahren, was los war. �Wenn du es holst, werde ich an deiner Seite sein, ganz gleich, wohin wir daf�r gehen m�ssen.� Er deutete auf das M�dchen, das hingestreckt im Gras lag. �Wie viele W�lfe soll Subai bekommen? Wie oft soll sich dieses Spektakel wiederholen, wenn er uns einen neuen Schwarm vorstellt.�</p><p>�Langarm hat sich fliegende B�ren abgelehnt. Fand er sie sich l�cherlich.� Volodi nahm noch einen Schluck aus dem Methorn.</p><p>�Du brauchst keine fliegenden B�ren. Was wir brauchen, sind mehr Wolkensammler wie <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont</emphasis>.�</p><p>�Findest du dich?� Feine Tr�pfchen von Met spr�hten von Volodis Lippen, w�hrend er sprach. �Dann will ich dir dich sagen, was musst du dich.� Der Drusnier bohrte Artax einen Zeigefinger in die Brust. �Aber kommst du dich nicht an und flennst dich mich an. K�nnen wir nix nicht holen. Es ist sich���</p><p>Artax legte ihm die Hand auf den Mund. �Leise�, zischte er.</p><p>Und dann fl�sterte Volodi es ihm ins Ohr. Sein feuchtwarmer Atem streichelte den Hals der Unsterblichen. Der Drusnier sprach schneller und schneller. Als sei ein Damm gebrochen, hinter dem er allzu viele Worte zur�ckgehalten hatte.</p><p>Als sein Freund schlie�lich fertig war, war auch Artax danach zu trinken. �Kolja war ein verdammter Bastard. Warum hat er das getan?�</p><p>�Weil er sich war ein S�ldner��� Volodi goss ein wenig Met aus dem Horn �ber die Reling. �F�r dich, Bastard. M�gest du dich h�bsches Gesicht mit dich genommen haben, wo immer du dich nun bist.�</p><p>�Ich werde dorthingehen�, sagte Artax ernst.</p><p>�So? Wirst du dich? Und dann?� Volodi hob erneut seinen Zeigefinger. �Wei�t du, was ist sich dort? Nicht Traumeis. Ist sich Ende von Tr�ume. Dort wirst du dich sterben.�</p><p>Artax dachte �ber den Tod nach. Er hatte keinen Schrecken mehr f�r ihn. Der Unsterbliche Aaron zu sein war einzig eine B�rde. Sie hatte ihm das genommen, was er in seinem Leben am meisten hatte haben wollen. Ein Leben mit Shaya. Was galt es da noch zu f�rchten? Der Tod w�re eine Erl�sung! So platt konnte er das seinem Freund nat�rlich nicht sagen. Volodi bekam man mit einem Appell an seine Ehre herum. �Wir sind Unsterbliche, Kamerad. Die G�tter haben uns erschaffen, damit wir tun, was normalen Sterblichen unm�glich ist.�</p><p>Der Drusnier rollte mit den Augen. �Hab ich dir dich nicht klar gesagt, was sich uns bl�ht. Ist sich Vieh gro� wie Berg. Sind sich R�stungen ein Schei� wert. Wird es sich uns zerquetschen wie Fliegen.�</p><p>�Kolja hat es auch �berlebt.�</p><p>Volodi grunzte. �Wei�t du dich, warum? <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont</emphasis> hat mir gesagt. Kolja durfte sich hin, weil war er sich Loch von Arsch. War er ohne Moral. Hat sich das Vieh gefallen. Wenn es mag sich Mann wie Kolja, wird es dir dich hassen, Herrscher aller Schwarzk�pfe.�</p><p>�Dann werde ich das Vieh wohl umbringen m�ssen.�</p><p>�Bist du dich verr�ckt?�, herrschte Volodi ihn an. �Kannst du dich tot machen Berg? Das nix nicht geht.�</p><p>�Wenn das n�tig w�re, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen, dann w�rde ich alles daransetzen, es zu tun.� Er sah zu Mataan hin�ber. Der Satrap von Taruad war einst ein h�nenhafter Krieger gewesen. Weil er ihm, seinem Herrscher, im Steinhorst das Leben gerettet hatte, war er zum Kr�ppel geworden.</p><p>Wenn er das Traumeis fand, dann k�nnte er ihm zur�ckgeben, was er verloren hatte, dachte Artax. Er w�rde es nicht nur nutzen, um die Wolkensammler zu ver�ndern. Es hatte Kolja einen Arm nachwachsen lassen und ihm seine Jugend zur�ckgegeben. Welche Wunder es wohl sonst noch wirken konnte?</p><p>�Du willst es dich wirklich tun, nicht wahr?� Volodi wirkte pl�tzlich n�chtern.</p><p>�Wenn du mir <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont</emphasis> ausleihst, werde ich mich auf die Suche nach dem Vieh machen.�</p><p>�Du bist dich verr�ckt!� Volodi grinste. �Das warst du dich immer schon. War sich auch verr�ckt, du dich allein k�mpfen mit Heer von Piraten, K�nig Geisterschwert.�</p><p>�Es war das Risiko wert, Volodi, der �ber den Adlern schreitet. In jener Nacht habe ich einen guten Freund gewonnen.�</p><p>�Du meinst dich wohl dummen Freund, der sich jedes Mal, wenn du dich losl�ufst, um dich st�rzen in Tod, kommt sich hinterher, um aus Schei�e holen dich.�</p><p>Artax schmunzelte. �Ich erinnere mich an jemanden, der nackt auf einem Opferstein lag, ein Messer �ber seinem Herzen.�</p><p>�Da w�r ich mich schon wegkommen�� H�ttest du dich nix Aufstand���</p><p>Artax glaubte das nicht, dennoch nickte er. �Du hast Talent darin, dem Tod ein Schnippchen zu schlagen.�</p><p>Volodi hob abwehrend die H�nde. �Du kannst dich aufh�ren. Ich komme mich mit. Aber sp�re ich mich, wir werden nicht nix zur�ckkehren. Nicht nix diesmal.�</p><p>�Das ist doch���</p><p>Volodi hob die Hand und brachte ihn zum Schweigen. �Nix sich sch�ne Worte. Ich dich bitten eins. Wenn ich mich sterbe, nimmst du dich Quetzalli und Wanya an Hof? Sie werden sich Schutz brauchen. M�gen meine Leute sie sich nicht sehr.�</p><p>�Dir wird nichts geschehen!�</p><p>Der Drusnier sch�ttelte den Kopf. �Ich hab mich etwas getan��� Seine Augen f�llten sich pl�tzlich mit Tr�nen. �Ich hab mich mein Gl�ck wegmachen. Diesmal ich nix nicht komme zur�ck, wenn ich mir mich gehe in Schlacht mit dich.�</p><p>Artax wollte das nicht stehen lassen, doch pl�tzlich ging ihm eine Bauernweisheit durch den Kopf, die sein Vater gerne zitiert hatte: <emphasis>Trunkner Mund tut Wahrheit kund.</emphasis> Er sah seinen Freund an und musste an all die Tausende denken, die f�r seine Tr�ume bereits gestorben waren.</p><p>Und genau um ihretwillen musste er gehen! Wenn er seinen Traum von einer besseren Welt jetzt aufgab, dann waren sie alle vergebens gestorben.</p></section><section><title><p>Ein ganz besonderes M�dchen</p></title><p>�Du solltest ihr nicht die Fesseln abnehmen. Sie ist gef�hrlich.�</p><p>�Keine Sorge, wir haben auch G�ste, die so etwas m�gen.�</p><p>Bidayn war sich nicht sicher, ob sie noch tr�umte. Ihr war �bel. Eiserne Fesseln schnitten in ihre Handgelenke. Sie war so hoch an eine feuchte Wand gekettet, dass sie gerade eben auf Zehenspitzen stehen konnte.</p><p>Das musste ein verdammter Albtraum sein!</p><p>Eine grobe Hand schloss sich um ihre linke Brust. �Fass doch mal an. Sie hat sch�ne, weiche Titten.�</p><p>Jetzt wusste sie, dass es kein Traum war. Ihr Kopf hing herab. Ihr Kinn ruhte auf ihrer Brust. Sie blinzelte, sah aus halb geschlossenen Lidern auf eine haarige Hand.</p><p>�Du musst sie nicht anpreisen wie einen alten Gaul auf einem Pferdemarkt. Ich sehe, was sie ist.�</p><p>�Nein, das siehst du nicht!�, zischte der andere, und seine Hand quetschte ihre Brust. �Sie hat zwei meiner M�nner umgebracht. Du darfst ihr auf gar keinen Fall die Fesseln abnehmen!�</p><p>�Ich wei� vielleicht nicht, was sie jetzt ist, daf�r wei� ich sehr genau, was sie in ein paar Monden sein wird. Wenn sie hier lange genug wie ein Schinken an einem Haken gehangen hat, dann wird sie alles daf�r tun, ein vern�nftiges Essen und ein richtiges Bett zu bekommen. Und nicht l�nger den Kerlen zu Willen sein zu m�ssen, die hier herunterkommen.�</p><p>�Die ist anders.�</p><p>�Du bist ein verdammt schlechter Gesch�ftsmann, Oleg. Du handelst mit deinem Gerede den Preis herunter, den ich dir f�r sie zahlen wollte.�</p><p>�Ich bin auch Teilhaber, du Idiot. Ich will nicht, dass es hier �rger gibt. Halt sie weggeschlossen!�</p><p>Jemand strich ihr �ber das Haar. �Dabei sieht sie aus wie ein harmloses Blondchen.�</p><p>�Die hat einen meiner M�nner an Schweine verf�ttert. Jascha. Du kanntest ihn vielleicht.�</p><p>�Meinst du den gl�cklichen Jascha? Den, dem nie etwas passiert ist, egal, wie hart es zuging. Der beim Marschieren nicht einmal Blasen an den verdammten F��en bekommen hat?�</p><p>�Als er sie getroffen hat, hat ihn sein Gl�ck verlassen.�</p><p>Ihr K�ufer pfiff leise. �Und die soll ihn umgebracht haben? Jascha ist doch zwei K�pfe gr��er als sie���</p><p>�Er <emphasis>war</emphasis> zwei K�pfe gr��er. Sah nicht gut aus, was die Schweine von ihm �brig gelassen haben.�</p><p>Die beiden schwiegen jetzt. Bidayn r�hrte sich nicht. Es war besser, wenn sie nicht merkten, dass sie wieder bei Bewusstsein war. Oleg�� Den Namen kannte sie. So hatte ein Hauptmann am Hof des Unsterblichen Volodi gehei�en.</p><p>�Ich habe ein paar sehr eigenwillige Kunden�, sagte der Fremde schlie�lich. �Man kann sie nicht zu den normalen M�dchen lassen. Wie hei�t sie denn, die kleine Hure?�</p><p>�Anisja.�</p><p>�Ich glaube, ich kenne jemanden, der zahlt mir doppelt so viel, wie ich dir jetzt geben werde, wenn er sich eine Nacht lang an ihr verausgaben kann.�</p><p>�Ich werde Jascha davon erz�hlen, wenn ich ihn im Geisterhain besuche�, sagte Oleg, und Bidayn konnte seiner Stimme anh�ren, dass er l�chelte. �Ich bin sicher, er wird seine Freude daran haben.�</p><p>Die Elfe h�rte ein Klopfen wie ein Kn�chel, der auf Holz schlug. Das Ger�usch eines Riegels, der zur�ckglitt, erklang. Eine T�r scharrte �ber steinernen Boden. Sie wurde wieder geschlossen. Jetzt erst wagte sie es, erneut zu blinzeln. Sie war allein in der Zelle. Ihr Gef�ngnis war nicht sonderlich gro�. Vielleicht zwei mal drei Schritt. Durch ein Gitterfenster in der schweren Holzt�r fiel gelbes Licht herein. Direkt neben der T�r stand ein schmaler Tisch. Darunter ein Eimer, auf dem Gefangene wohl ihre Notdurft verrichten konnten, wenn sie nicht an die Wand gekettet waren.</p><p>Die Elfe versuchte sich zu erinnern, was geschehen war. Die Goldene Pforte. Sie hatte sie fast erreicht gehabt. Aber was hatte sie aufgehalten? Sie erinnerte sich nicht. Verzweifelt sah sie zu den engen Eisenringen hinauf. Sie versuchte, ihre Linke herauszuziehen, zerrte an der Fessel, bis Blut auf ihr Gesicht tropfte. W�tend schlug sie mit den F�usten gegen die Wand. Sie w�rde hier nicht warten, bis dieser ganz besondere Kunde erschien. Eher w�rde sie sich ihren linken Daumen abbei�en, um die Hand aus der Fessel ziehen zu k�nnen.</p></section><section><title><p>Der Feldherr und die Kriegerin</p></title><p>Enak kam in den Saal der Fremden gelaufen, Panik lag in seinem Blick. �Er kommt, Herrin! V�llig unangemeldet. Und er ist auf dem Weg hierher! Er wollte von Hattu nichts h�ren. Er hat den Meister �bergangen���</p><p>Shaya erhob sich von dem Krankenlager, an dem sie kniete, und gab Saham ein Zeichen, den Verband zu erneuern, den sie entfernt hatte. Sie war �beraus zufrieden mit den Amputationen, die sie durchgef�hrt hatte. Keiner der Kranken war verstorben, w�hrend sie Gliedma�en abgetrennt hatte. Und keiner hatte danach Wundfieber bekommen. Sie erholten sich, aber sie war sich sehr wohl bewusst, dass Seelen langsamer heilten als Wunden. Einige hatten noch nicht verwunden, dass sie mit einem Arm oder einem Bein daf�r hatten zahlen m�ssen, am Leben bleiben zu d�rfen.</p><p>�Wer kommt denn so Bedeutendes, Enak?�</p><p>Der junge Heiler hob die Arme. �Bei den G�ttern, habt Ihr es nicht verstanden, Herrin? Der Laris von Truria. Arcumenna, unser F�rst und Gebieter!�</p><p>Shaya wischte ihre H�nde an der Sch�rze ab, die sie umgebunden hatte, um ihr Kleid zu sch�tzen. Sie hatte keine Gelegenheit gehabt, den Palast der Kranken zu verlassen und sich ein neues Gewand zu kaufen. Immer noch trug sie das rote Kleid, in dem sie vor einer Woche angekommen war. M�de strich sie sich eine widerspenstige Str�hne aus der Stirn. Nun war es also so weit, es w�rde sich entscheiden, ob sie an diesem Ort bleiben durfte oder sich Hattus Wunsch erf�llen w�rde, sie �ffentlich gedem�tigt zu sehen.</p><p>Schritte hallten im angrenzenden Flur. Sie h�rte die Stimme Hattus, der aufgeregt auf seinen Herrscher einredete. Shaya hatte von Arcumenna geh�rt. Er war der erfolgreichste Feldherr des Unsterblichen Ansur, und es war ihm gelungen, weite Teile von Drus zu erobern, bevor die beiden Reiche Frieden geschlossen hatten.</p><p>Der Herrscher und sein Gefolge traten durch die gro�e Fl�gelt�r in den Krankensaal. Shaya war �berrascht. Sie hatte einen anderen Mann erwartet. Arcumenna war klein, von drahtiger Gestalt, mit beginnender Stirnglatze. Seine scharf geschnittene Adlernase gab seinem Gesicht H�rte. In seltsamem Widerspruch dazu standen seine vollen, sinnlichen Lippen. Obwohl er nur ein einfaches wei�es Gewand und geflickte Sandalen trug, von deren Schn�ren Talismane hingen, war er unverwechselbar der Herrscher. Eine Aura von Macht und Selbstbewusstsein umgab ihn. Der ein�ugige Krieger an seiner Seite mit seinem polierten Bronzek�rass und dem pr�chtigen Federhelm unter dem Arm war ohne Zweifel ein kampferfahrener Veteran, dem auf dem Schlachtfeld Hunderte von Kriegern gehorchten, doch er verblasste neben dem schlicht gekleideten Mann, der Shaya nun musterte.</p><p>�Du also bist die Hure, die sich als Heilerin ausgibt.� Ein s�ffisantes L�cheln spielte um die vollen Lippen. �Dies sind nicht meine Worte. Du ahnst sicherlich, wen ich zitiere. Was hast du zu den Vorw�rfen von Hattu zu sagen?�</p><p>�Worte sind billig, Herr. Ich lasse lieber Taten sprechen.� Sie deutete mit weit ausholender Geste in den Krankensaal. �Keiner der M�nner in meiner Obhut ist gestorben. Ich habe ihr Fieber besiegt, indem ich ihnen die faulenden Glieder abgeschnitten habe.�</p><p>Arcumenna nickte. �Ich habe schon davon geh�rt. Du hast hier ein Gemetzel angerichtet, das eines mittelgro�en Schlachtfeldes w�rdig gewesen w�re.� Er sah sich um. �Spricht einer von euch meine Sprache?�, rief er laut.</p><p>�Ich.�</p><p>Shaya schloss die Augen. Ausgerechnet Vibius! Sie hatte ihm gegen seinen Willen ein Bein und zwei Finger abgenommen. Er hasste sie.</p><p>Arcumenna trat an das Lager des Siechen. Vibius hatte sein Fieber �berwunden, aber er war immer noch ausgezehrt und schwach.</p><p>�Sie hat mich verst�mmelt��� Seiner Stimme war deutlich anzuh�ren, wie viel Kraft es ihn kostete, die Worte hervorzubringen. �Ich wollte das nicht. Wollte lieber tot sein���</p><p>�Warum?�, fragte Arcumenna.</p><p>Shaya sah den F�rsten aufmerksam an. Was sollte diese Frage?</p><p>Auch Vibius war offensichtlich verwirrt. �Ich�� ich bin nichts mehr wert.�</p><p>�Dein Bein und diese beiden Finger, das warst du? So gering sch�tzt du dich ein? Alles, was noch geblieben ist, ist nichts mehr wert?�</p><p>�Ich bin ein Kr�ppel�, begehrte Vibius auf. �Sie werden mich auf keinem Wolkenschiff mehr anheuern. Ein Bettler werde ich sein und, bevor das Jahr vor�ber ist, in der Gosse verrecken.�</p><p>Arcumenna legte ihm die Hand auf die Schulter. �Du bist hier in Asugar. Hier gibt es keine Bettler. Da, wo ich herrsche, hat ein jeder seinen Platz. Woher kommst du in Valesia?�</p><p>�Cisra.�</p><p>�Die Stadt ist ber�hmt f�r ihren Weinanbau. Ein exzellenter, sehr dunkler Roter, nicht wahr?�</p><p>Vibius sah den F�rsten mit weiten Augen an. �Ihr kennt Cisra?�</p><p>�Ich bin viel gereist. Verstehst du etwas vom Weinanbau?�</p><p>�Meinem Vater geh�rte ein halber Hang. Wir haben unsere eigenen Trauben gezogen und gekeltert. Es war ein guter Tropfen.�</p><p>�Und warum bist du fortgegangen?�</p><p>Vibius schnaubte. �Ich war der dritte Sohn. Das Gut war zu klein, um es zu teilen. Ich war zu viel. Der erste erbt, der zweite dient dem Erben und der dritte ist zu viel.�</p><p>�Nicht weit von hier gibt es H�gelland am Fluss. Man muss dort noch roden, aber ich habe schon Rebst�cke in Truria bestellt. Aber mir fehlt es an Weinbauern. Glaubst du, man kann mit einem Bein ein Weinbauer werden, Junge?�</p><p>Vibius schien jetzt von innen heraus zu strahlen. �Das kann ich, Herr. Ihr werdet es sehen! Ich werde mit einem Bein jeden verdammten Weinberg hinaufkommen, und ich werde ihn Tag und Nacht h�ten, meinen Berg.�</p><p>Arcumenna l�chelte. �Das glaube ich dir. Und nun sieh zu, dass du gesund wirst und nicht unn�tig im Bett herumlungerst. Eine Aufgabe wartet auf dich.� Der F�rst erhob sich und sah sich im Saal um. �Sieht so aus, als w�ren hier etliche M�nner aus Luwien und Aram. Und der da hinten k�nnte sogar aus Ischkuza kommen. Sprichst du ihre Sprache, Junge?�</p><p>�Nur ein paar Brocken Luwisch, Herr�, sagte Vibius verlegen.</p><p>�Ich spreche diese Sprachen, Herr�, mischte Shaya sich ein.</p><p>Arcumenna sah sie mit kalten Augen an. So freundlich er auch zu Vibius gewesen sein mochte, er verfolgte ein Ziel und nutzte alle Mittel, es zu erreichen. �Du hast viele Talente, wie mir scheint, Heilerin. Hast du auch einen Namen?�</p><p>�Shaya�, antwortete sie, ohne zu z�gern. Sie wollte sich nicht l�nger verstecken. Niemand w�rde in ihr die Tochter des Unsterblichen Madyas erkennen, so sehr war ihr Gesicht ver�ndert worden.</p><p>�Nun, Shaya. Dann sag deinen M�nnern, dass ich auf keinen verzichten kann, der bereit ist, mit mir dieses F�rstentum aufzubauen. Auch ein Einbeiniger ist f�r mich ein Mann. Nur Faulpelze sind hier fehl am Platze. Jeder von ihnen wird eine Arbeit bekommen, anst�ndiges Essen und einen Platz zum Schlafen. Wer flei�ig ist, der wird hier sein Gl�ck machen und als ein reicher Mann in seine Heimat zur�ckkehren.�</p><p>�Ich werde es ihnen sagen, Herr.�</p><p>Arcumenna lie� erneut seinen Blick durch den Saal schweifen. �Kannst du mir sagen, was dich dazu treibt, als Heilerin in einem roten Kleid herumzulaufen?�</p><p>�Auf dem roten Stoff sieht man die Blutflecken nicht so gut.�</p><p>Er wandte sich abrupt zu ihr um. Eine tiefe Furche stand zwischen seinen Brauen. Pl�tzlich l�chelte er. �Ich glaube dir kein Wort, auch wenn das eine gute Antwort war. Also, noch einmal: Was soll das Kleid?�</p><p>�Es gef�llt den M�nnern. Sie sehen mir gerne nach, und gl�ckliche Kranke werden schneller gesund.�</p><p>Der F�rst lachte leise. �Du erinnerst mich an eine Frau, die ich sehr gemocht habe. Sie war genauso frech wie du. Und jetzt zur Abwechslung die Wahrheit.�</p><p>Auch Shaya l�chelte. �Dies Kleid ist ein Kompromiss zwischen meinem Geldbeutel und dem, was es gab.�</p><p>�Deine anderen Antworten haben mir besser gefallen. Ich schicke dir morgen eine Schneiderin. Unterhalte dich mit ihr dar�ber, was du brauchst. Du wirst einige Kleider von mir als Willkommensgeschenk bekommen.�</p><p>Shaya sah, wie Hattu dem Gespr�ch mit wachsendem Entsetzen lauschte. �Aber, Herr, sie hat gegen den Kodex dieses Hauses versto�en. Wir schneiden niemandem Glieder ab und verunstalten die Sch�pfung der G�tter.�</p><p>�Du meinst also, ich vergehe mich gerade am Willen der G�tter?� Die Stimme des F�rsten war eisig geworden.</p><p>�Ich�� nein�� Es ist���</p><p>�Du widersprichst mir nie wieder in der �ffentlichkeit, Hattu. Du bist ein guter Heiler. Du wirst weiterhin dieses Haus leiten, aber in diesem Saal hier hast du von nun an nichts mehr zu sagen. Er geh�rt Shaya. Sie wird tun, was sie f�r richtig h�lt, und wenn du klug bist, Hattu, arbeitest du mit ihr zusammen und versuchst nicht, ihr das Leben schwerzumachen. Wir leben im Krieg mit den Daimonen. Jeden Tag werden M�nner verst�mmelt, und die Sch�pfung der G�tter wird verh�hnt. Ich brauche eine Heilerin, die die Gabe hat, gute M�nner am Leben zu erhalten. Ich bin Feldherr, und es wird nicht lange dauern, bis der Unsterbliche Ansur mich wieder ruft, um seine Heere zu befehligen. Dann werde ich Shaya mit mir nehmen. Bis dahin w�nsche ich, dass sie hier verweilt und anst�ndig behandelt wird. Haben wir uns verstanden, Hattu?�</p><p>Der Heiler verbeugte sich dem�tig. �Eure Weisheit hat mich erleuchtet, mein F�rst. Alles wird so sein, wie Ihr es w�nscht.�</p><p>�Dann w�re das also gekl�rt.� Arcumenna ergriff Shayas Rechte und hauchte einen Kuss darauf. �Es war mir eine Freude, dich kennenzulernen.�</p><p>Shaya verkrampfte sich innerlich. Was w�rde jetzt kommen? Eine Einladung in den Palast des F�rsten, um mit ihm ein Nachtmahl einzunehmen? Oder w�re er diskreter und w�rde das nicht vor all den anderen aussprechen und ihr einen Boten schicken?</p><p>Arcumenna wandte sich von ihr ab. �Man hat mir erz�hlt, dass du einen Mann behandelst, der sich f�r einen Vogel h�lt, Hattu? Ist das richtig?�</p><p>�Ja, Herr. Er ist im Saal der Verwirrten. Wir mussten ihn an die Wand ketten, weil er sonst���</p><p>Der F�rst und sein Gefolge verlie�en den Saal. Shaya blickte ihnen erstaunt nach. Arcumenna sah nicht einmal zu ihr zur�ck. Konnte es sein, dass er einfach nur h�flich war, ganz ohne Hintergedanken?</p><p>Saham klatschte leise. Au�er den Kranken war nur er geblieben. Enak hatte sich dem Gefolge des F�rsten angeschlossen.</p><p>�Was f�r ein Duell. Der Feldherr gegen die Kriegerin. Ich w�rde wetten, Ihr werdet schon bald einen festen Platz im Gefolge unseres F�rsten haben.�</p><p>Shaya zwang sich zu einem L�cheln. �Ich bin keine Kriegerin.�</p><p>�Ich erkenne eine K�mpferin, wenn ich sie sehe. Ihr wart gro�artig, Herrin.�</p><p>�Ich bin eine K�mpferin gegen Krankheit und Tod.� Sie versuchte, nicht ver�rgert zu klingen. �Und manchmal auch gegen schlechtes Benehmen.�</p><p>Saham sch�ttelte den Kopf. �Die meisten M�nner in dieser Stadt h�tten es nicht gewagt, so mit dem F�rsten zu reden. Ihr seid eine Kriegerin, ganz gleich, was Ihr mir erz�hlt. Ihr k�nntet Schlachten lenken, da bin ich mir sicher.�</p><p>�Na, dann widmen wir uns doch der Schlacht um das Leben unserer Kranken. Ich brauche frisches Wasser, um die Bettl�gerigen zu waschen. Mach dich auf den Weg und hol mir zwei Eimer voll.�</p><p>Der Alte schlug sich mit der Faust vor die Brust, wie Krieger es manchmal taten, wenn sie ihren F�rsten gr��ten. �Jawohl, Gebieterin!� Lachend und mit zackigen Schritten eilte er aus dem Saal.</p><p>Shaya wurde sich bewusst, wie die Kranken sie anstarrten. Die meisten von ihnen konnten nicht verstanden haben, was gesprochen worden war.</p><p>Pl�tzlich schlug sich auch Vibius vor die Brust und gr��te sie, als w�re sie seine Feldherrin. Einer nach dem anderen taten die M�nner es ihm gleich. Die Schwachen deuteten den Gru� mehr an. Selbst jene, die sich schreiend gegen die Amputationen gewehrt hatten, schlossen sich an.</p><p>Shaya schluckte. Sie war ger�hrt. Und sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Mit einem verlegenen L�cheln zog sie sich auf die Terrasse zur�ck. Noch war sie leer, doch zur Abendstunde wurden die Betten der Verwundeten wieder herausgetragen. Saham und Enak fluchten �ber diese zus�tzlichen M�hen. Aber der Erfolg war es ihr wert. M�de blickte Shaya �ber die weite See. Die Sonne war fast im Meer versunken.</p><p>In den letzten Tagen hatte sie es sich zur Angewohnheit gemacht, bei Sonnenuntergang hinauszutreten, um das Schauspiel der Farben zu genie�en und f�r kurze Zeit mit sich allein zu sein. Eine Meile voraus erhob sich ein einsamer Wachturm auf einer kleineren Klippe im Meer. Wie jeden Abend wurde auf seiner Plattform ein Signalfeuer entz�ndet, um den Schiffen ihren Weg nach Asugar zu weisen. Shaya liebte den Frieden dieser Sonnenunterg�nge. Sie war froh, sich ihren Platz erobert zu haben, auch wenn es um den Preis war, wohl bald wieder in den Krieg zu ziehen. Der Wei�e Wolf, der Devanthar ihres Volkes, trieb wohl seine Scherze mit ihr. Frieden g�nnte er ihr nicht.</p><p>Saham hatte recht. Sie war eine Kriegerin, und ihr Leben war untrennbar mit Schlachtfeldern verbunden. Sie atmete tief ein und genoss den leichten Salzgeschmack auf ihren Lippen. Ein gro�er schwarzer Schatten n�herte sich dem Grottenhafen der Stadt. Eine Kriegsgaleere. Ihre langen Ruder w�hlten die dunkle See auf. Ein Heer war schon in der Stadt. Angeblich lagen unten im Hafen f�nfzig Kriegsschiffe vor Anker. Hoffentlich f�hrte das Schicksal sie nicht hinaus auf die See. Sie konnte nicht einmal schwimmen.</p><p>�Herrin?�</p><p>Saham war mit seinen Wassereimern zur�ckgekehrt, und Shaya war froh, sich ihren Pflichten widmen zu m�ssen, statt sich weiter fruchtlosen Gr�beleien hinzugeben.</p></section><section><title><p>Ein ganz besonderer Gast</p></title><p>Die Arme hoch �ber dem Kopf an die Wand gekettet, stand Bidayn auf Zehenspitzen und vermochte sich kaum zu bewegen. Sie streckte sich, bis sie die Finger ihrer Rechten fest um den Daumen ihrer linken Hand schlie�en konnte, und begann zu ziehen. Zugleich drehte sie den Daumen. Mit scharfem Knacken sprang er aus dem Gelenk. Der Schmerz lie� die Elfe in sich zusammensacken. Tr�nen standen ihr in den Augen. Dennoch dr�ckte sie den ausgekugelten Daumen in ihre Handfl�che und zog die Linke aus der eisernen Fessel. Es war immer noch eng. Das raue Eisen schrammte ihre Haut auf. Dann war sie frei.</p><p>Sie blickte zu dem Ring in der Wand, durch den die Kette gef�hrt war, an der ihre Handfesseln hingen. Jetzt, da sie einen Arm befreit hatte, k�nnte sie die Kette einfach durch den Ring ziehen. Sie k�nnte sich auf dem Boden ausstrecken, statt weiter an der feuchten Wand zu h�ngen. Doch dann w�rde sie einschlafen, dachte sie bitter, und wenn man sie entdeckte, w�rde sie so gefesselt werden, dass sie sich nicht noch einmal befreien k�nnte. Sie musste also stehen bleiben.</p><p>Bidayn biss die Z�hne zusammen und renkte sich den Daumen wieder ein. Dann streckte sie sich und griff mit der verletzten Hand nach der eisernen Schelle. Wer nur fl�chtig hinsah, w�rde nichts bemerken. Sie versank in Trance. Die Stunden zogen sich. Als Durst sie zu qu�len begann, versuchte sie, den Gedanken an einen Schluck Wasser auszublenden, doch es fiel ihr immer schwerer.</p><p>Lachen riss sie aus einer Fantasie von einer klaren, sprudelnden Bergquelle. Benommen sah sie hoch. Licht fiel durch das kleine Gitterfenster der T�r.</p><p>�Du wirst dich anst�ndig benehmen!�</p><p>Ein sympathisches, warmes Lachen erklang. �Dann w�re ich wohl nicht in diesem Haus.�</p><p>�Du wei�t, was ich meine�, kam es �rgerlich zur�ck.</p><p>�Nein.�</p><p>�Das letzte M�dchen, das du besucht hast, konnte eine Woche lang nicht mehr arbeiten.�</p><p>Wieder dieses Lachen, das eigentlich herzlich klang. �Manchmal geht die Leidenschaft mit mir durch. Aber ich verspreche, ich werde diesmal keine bleibenden Spuren hinterlassen. Au�erdem habe ich f�rstlich bezahlt.�</p><p>�Die Kleine ist ganz neu.�</p><p>�Und ihr verkauft sie an mich? Die Arme.�</p><p>Der Riegel an der Kerkert�r wurde zur�ckgezogen. �Du klopfst drei Mal, wenn du wieder heraus willst.�</p><p>Gel�chter. �Du stehst also drau�en und lauschst? Ich werd sie ein bisschen quieken lassen f�r dich.�</p><p>Die Kerkert�r ging auf. Ein leicht untersetzter Glatzkopf trat ein. Bidayn sah ihm ruhig entgegen. Er hatte Lachf�ltchen um die Augen und wirkte nett. Er verneigte sich sogar vor ihr. �Es freut mich sehr, dass wir einander kennenlernen, Anisja.�</p><p>Die T�r schloss sich. Der W�chter, der drau�en warten wollte, hatte sich nicht blicken lassen.</p><p>�Verstehst du meine Sprache?� Ihr Besucher sprach langsam und artikulierte jedes Wort �berdeutlich. Er sprach luwisch.</p><p>Bidayn schwieg.</p><p>�Also nicht.� Er strich sich �ber die Glatze. �Schade, es macht immer so viel mehr Spa�, wenn man einander versteht.� Er trug ein zusammengerolltes Stoffb�ndel unter dem linken Arm, das er nun auf dem Tisch neben der T�r ablegte.</p><p>Der Fremde l�ste den breiten Lederg�rtel um seine H�ften. Bidayn sah, dass er keine Waffe trug. Nur ein praller Lederbeutel hing vom G�rtel. Vermutlich irgendein reiches Schwein, dachte sie.</p><p>Er streifte sich seinen Chiton �ber den Kopf. Sie hatte diese Gew�nder immer schon affig gefunden. Wie ein �rmelloses Kleid sahen sie aus und reichten den M�nnern etwa bis zur Mitte der Oberschenkel.</p><p>�Wie du siehst, bin ich kein Hungerleider.� Er patschte sich mit beiden H�nden auf den Wanst. Seine Haut war ungew�hnlich hell. Was immer er machte, an die Sonne musste er daf�r nicht.</p><p>Er begann zu summen, drehte ihr den R�cken zu und machte sich an dem Stoffb�ndel auf dem Tisch zu schaffen. Bidayn starrte auf den h�ngenden Arsch des Mannes und stellte sich vor, wie sie ihn umbringen w�rde. Er durfte keine Gelegenheit mehr bekommen zu schreien. Das lie� nicht viele Optionen offen.</p><p>�Schau einmal, was ich uns mitgebracht habe.� Er trat von dem Tisch zur�ck, sodass sie sehen konnte, was fein s�uberlich aufgereiht auf dem Stoff lag. Eine Sammlung von neun seltsamen Pfl�cken. Sie alle waren unterschiedlich lang und dick. Einer lief besonders spitz zu und war mit Goldblech beschlagen.</p><p>�Wirklich zu schade, dass du mich nicht verstehst. Mir scheint, du hast gar keine Angst��� Er l�chelte. �Das kommt noch, das verspreche ich dir. Wir fangen mit dem Kleinsten an. Danach wirst du wissen, was dich erwartet. Und dann wirst du beginnen, f�r mich zu singen. Ich mag es, wenn Frauen weinen und betteln. Nat�rlich wird das nicht helfen, aber du wirst es trotzdem tun.�</p><p>Er nahm einen Pflock aus dunklem Holz, streichelte mit der Hand �ber die polierte Spitze und trat dann auf sie zu.</p><p>Bidayn lie� die Schelle los, an der sie sich festgehalten hatte. Sie riss den rechten Arm hinab. Rasselnd glitt die Kette durch den Eisenring an der Wand. Dann holte sie aus. Wie eine Peitschenschnur schnellte die Kette vor und wickelte sich um den Hals ihres entsetzten Besuchers.</p><p>Die Elfe trat dicht vor ihn und rammte ihm ihr Knie zwischen die Schenkel. �Ich verstehe dich sehr gut, Bastard. Dies war dein letzter Besuch bei einer Frau. Und ich war noch nie so froh wie heute, dass ich gelernt habe, dies hier zu tun.� Mit diesen Worten trat sie hinter ihn, packte ihn beim Kinn und riss seinen Kopf mit einem scharfen Ruck zur Seite. Knackend brach sein Genick.</p><p>Sie lie� den leblosen K�rper zu Boden sinken, kniete neben ihm nieder und wickelte die Kette vom Hals des Toten. Sie w�nschte sich, sie h�tte mehr Zeit gehabt, ihn zu t�ten. Aber ihre W�nsche mussten zur�ckstehen. Das hier hatte schnell und lautlos geschehen m�ssen.</p><p>Bidayn schlang sich die Kette um den rechten Arm, dann zog sie den roten Chiton ihres Besuchers an. Er duftete nach Veilchen! W�re sie diesem Irren auf der Stra�e begegnet, h�tte sie ihn f�r einen Langweiler mittleren Alters gehalten. Kopfsch�ttelnd hob sie den G�rtel auf und schlang ihn um ihre H�fte. Die Geldkatze daran war schwer. Arm war der Kerl nicht gewesen.</p><p>Bidayn trat an den Tisch und betrachtete die eigenartigen Pfl�cke. Sie alle waren makellos sauber. Die Elfe mochte sich gar nicht vorstellen, wozu sie dienten. Angewidert nahm sie den spitzen, mit Goldblech beschlagenen Pflock an sich und hieb ihn drei Mal vor die Kerkert�r.</p><p>�So schnell fertig?�, ert�nte die Stimme des W�rters auf dem Gang.</p><p>Die Elfe stellte sich seitlich der T�r dicht an die Wand, sodass sie durch das kleine Gitterfenster nicht zu sehen war. Der Hebel glitt zur�ck. Die T�r schwang auf.</p><p>�Wo steckst du���</p><p>Als der Zuh�lter �ber die Schwelle trat, rammte Bidayn ihm den Pflock ins Auge. Doch nicht tief genug, er schrie auf. Ein Sto� mit dem Handballen auf das Ende des Pflocks lie� ihn f�r immer verstummen. Jetzt war das Folterinstrument fast g�nzlich in seinem Sch�del verschwunden.</p><p>Nerv�s trat Bidayn aus der T�r und sah sich um. Vor ihr lag ein dunkler, schmaler Kellergang, von dem noch etliche weitere T�ren abgingen. Nirgends war ein zweiter W�chter zu sehen. Am Ende des Gangs lag eine schmale, h�lzerne Treppe, die nach oben f�hrte. Daran, wie sie hierhergekommen war, hatte die Elfe nicht die geringste Erinnerung. Sie lauschte, doch alles war still. Kein Laut drang aus den anderen Kerkern. Was sie wohl oben an der Treppe erwartete?</p><p>Bidayn b�ckte sich, nahm dem toten W�rter seinen Dolch ab und einen wei�en Seidenschal, den sie sich als Turban um den Kopf wand. So konnte sie ihr langes Haar verschwinden lassen. Dann sah sie auf die Kette, die sie um ihren rechten Arm gewickelt hatte. Unauff�llig war das nicht gerade. Bidayn wog den Dolch in ihrer Linken. Sie konnte den Daumen kaum kr�mmen. Bis er sich erholte, w�rde einige Zeit vergehen. Sie sollte besser nicht versuchen, mit links zu k�mpfen.</p><p>Einen Moment erwog sie, den Zauber zu weben, der sie schneller werden lie�. Aus diesem Haus w�rde sie so sicher leicht entkommen. Aber sie wusste nicht, wie weit sie von der Goldenen Pforte entfernt war. W�re sie zu nah, w�rden die Devanthar oder die silbernen L�wen auf sie aufmerksam werden. Nach dem Kampf bei Volodis Palast wurde die Stadt sicherlich besser bewacht. Sie durfte dieses Risiko nicht eingehen, denn der Goldene musste erfahren, wo das Traumeis versteckt war!</p><p>Sie legte den Kopf in den Nacken und lie� ihn hin und her pendeln. Dann streckte sie die Arme, die von den Stunden, die sie an der Wand gehangen hatte, noch steif waren. Ihre Schultergelenke knackten.</p><p>Entschlossen sah sie zur Treppe und zu der T�r hinauf, zu der diese f�hrte. Sie war eine Drachenelfe! Ganz gleich, was sie dort oben erwartete, sie w�rde damit fertigwerden!</p><p>Sie schlich die Treppe hoch, ohne dass eine einzige der Holzstufen unter ihren F��en knarrte. Es roch auch hier noch intensiv nach Schimmel und Feuchtigkeit, so, als h�tte der Keller einmal unter Wasser gestanden.</p><p>Einen Herzschlag lang verharrte Bidayn vor der dunklen T�r und lauschte. Von drau�en waren ged�mpfte Stimmen zu h�ren. Einmal erklang ein abgehacktes, affektiertes Lachen. Entschlossen schob sie die T�r auf. Ein Vorhang aus schwerem Stoff versperrte ihr die Sicht. Vorsichtig zog sie ihn zur Seite und sp�hte durch einen kurzen Flur auf einen sonnendurchfluteten Innenhof. Um einen Brunnen rekelten sich mehrere halbnackte Frauen. M�nner standen im Schatten und redeten. Einige hielten Pokale in der Hand und nippten gelegentlich daran.</p><p>Bidayn sah wieder auf die Ketten an ihrem Arm. Sollte sie sich ihren rechten Daumen auch noch auskugeln, um dieses verfluchte Ding loszuwerden? Sie entschied sich dagegen.</p><p>Ein von S�ulen ges�umter Kreuzgang umgab den Innenhof. Dieses Haus war eindeutig f�r wohlhabende G�ste geschaffen. Vielleicht w�rden die sie mit ihrer Verkleidung gar nicht beachten.</p><p>Und tats�chlich, die anwesenden M�nner ignorierten Bidayn. Doch die Elfe war sich bewusst, dass einige der Frauen beim Brunnen sie aufmerksam beobachteten.</p><p>�Suchst du Unterhaltung?� Eine zierliche Schwarzhaarige war �berraschend hinter einer S�ule hervorgetreten. Sie trug einen weiten, mit falschen Perlen bestickten Umhang und sonst nicht sehr viel.</p><p>Die Hure strich lasziv �ber die Kette an Bidayns Arm. �Oh! Hast du das mitgebracht, um mich zu fesseln?�</p><p>�Ich�� �h�� bin fertig f�r heute��� Sagte man das so? Bidayn wollte fort, aber sie musste verhindern, Aufsehen zu erregen.</p><p>�Ich bin mir sicher, ich kann dort noch ein kleines Wunder wirken. Du musst nur���</p><p>Bidayn packte die Hand der Hure, kurz bevor diese ihr zwischen die Schenkel griff. �Nicht heute. Aber dein Umhang, er gef�llt mir.�</p><p>Das M�dchen klimperte kokett mit ihren langen Wimpern. �Den kann ich wirklich nicht hergeben. Ich w�re ja nackt ohne ihn.�</p><p>Die Elfe verkniff sich eine Antwort und �ffnete die gestohlene Geldb�rse. Ohne die Hure aus den Augen zu lassen, tastete sie nach den M�nzen. Schlie�lich hielt sie ihr f�nf Silberst�cke hin. �Das sollte reichen.�</p><p>Ein gieriges Glitzern trat in die Augen des M�dchens. Sie hatte begriffen, dass Bidayn auf jeden Fall den Umhang wollte, warum auch immer. �Leg noch zwei M�nzen dazu, und wir sind handelseinig.� Sie strich Bidayn mit ihrem Zeigefinger �ber das Kinn. �Ich habe eine Schw�che f�r bartlose J�nglinge mit sch�nen Augen.� Sie machte eine �rgerliche Geste zum Hof hin. �Keiner der alten Hurenb�cke hier h�tte ihn von mir bekommen.�</p><p>Nat�rlich, dachte Bidayn zynisch und kramte noch zwei M�nzen hervor.</p><p>Das M�dchen biss pr�fend in jedes einzelne Silberst�ck, bevor sie sich aus dem Umhang sch�lte. �Ich hoffe, ich sehe dich bald wieder, mein H�bscher.� Sie legte Bidayn den Umhang um die Schultern und gab ihr einen Kuss, der nach Apfel schmeckte.</p><p>�Ich�� �hm, bin ein wenig verwirrt.�</p><p>Die Hure l�chelte. �Das kann geschehen, wenn ich k�sse. Und glaub mir, es ist erst der Anfang deiner Verwirrung.�</p><p>�Sicher�� Aber ich meinte, wo war auch gleich der Ausgang?�</p><p>�Wie uncharmant.� Sie wies quer �ber den Hof. �Dort hinten. Nimm den mittleren Durchgang.�</p><p>Sie k�sste Bidayn erneut, diesmal etwas leidenschaftlicher. Als sich ihre Lippen l�sten, hatte sie verstanden, dass bei diesem Gast heute nichts mehr zu holen war. Sie schloss die Hand um ihre sieben Silberst�cke zur Faust. �Ich hoffe, wir sehen uns bald wieder, mein Sch�ner.� Mit diesen Worten lief sie den Kreuzgang entlang und verschwand durch eine der zahlreichen T�ren, die sich auf den Innenhof �ffneten.</p><p>Bidayn folgte dem Weg, den ihr das M�dchen gezeigt hatte. Den mit der Kette umwickelten Arm hielt sie nun sorgsam unter dem neu erworbenen Umhang verborgen.</p><p>Nat�rlich war der Ausgang bewacht. Ein gro�er, breitschultriger T�rsteher lehnte an der Wand und musterte sie skeptisch. �An dich erinnere ich mich gar nicht�, sprach er sie in der Zunge Drusnas an.</p><p>�Muss daran liegen, dass ich gestern Abend fr�h gekommen bin�, entgegnete sie frech und benutzte den breiten, schwerf�lligen Dialekt, den man in den �stlichen W�ldern Drusnas sprach.</p><p>�Dann hattest du wohl viel Spa�.�</p><p>�Den hatten die M�dels. N�chstes Mal sollte ich mich f�r meine Liebesdienste bezahlen lassen. Sie haben mir alle gesagt, ich sei wie ein Hengst.�</p><p>Der Drusnier lachte. �Nat�rlich. Wir haben hier nur Hengste zu Besuch.�</p><p>Er �ffnete die T�r, und Bidayn trat hinaus auf die Stra�e. Sie konnte es kaum glauben, sie war entkommen! Gegen die helle Sonne blinzelnd, blickte sie den terrassierten Hang hinauf und orientierte sich an den Ankert�rmen, um einzusch�tzen, wo die Goldene Pforte lag. Sie war n�her am Fluss, als sie erwartet hatte.</p><p>Ohne Eile begann sie den Anstieg durch enge Gassen und �ber die marmornen Stufen breiter Prachtstra�en. Immer wieder hielt sie inne und sah zur�ck, ob sie verfolgt wurde. Doch noch schien niemand die beiden Toten im Keller des Freudenhauses entdeckt zu haben.</p><p>Als Bidayn den Platz der tausend Zungen erreichte, f�hlte sie sich so sicher, dass sie sich bei einer der zahlreichen Gark�chen erst einen gro�en Krug Wasser und dann drei kleine, w�rzige H�hnerspie�e kaufte, um ihren schlimmsten Hunger zu lindern.</p><p>Eine halbe Stunde sp�ter erreichte sie den weiten Platz vor dem Albenstern. Wie sie erwartet hatte, wachten noch mehr silberne L�wen als zuletzt. Die Elfe verhielt sich unauff�llig. Noch zwei Mal kaufte sie einen Becher Wasser bei einem fliegenden H�ndler. Dann bestach sie einen Viehtreiber einer Karawane, die nach Luwien ging, und schloss sich dem langen Zug aus Menschen und Packeseln an.</p><p>Sie achtete darauf, weit hinten zu gehen. Schlie�lich war sie die Letzte auf dem Goldenen Pfad, der das Nichts teilte. Niemand bemerkte, wie sie <emphasis>verloren</emphasis> ging und sich einen Weg nach Albenmark suchte.</p></section><section><title><p>Eine Rose</p></title><p>Er war noch immer im verfallenden Palast seiner verlorenen Liebe. Obwohl sie froh war, ihn gleich gefunden zu haben, gefiel Bidayn das nicht. Warum kam er so oft nach Langollion? Warum konnte er Aillean nicht vergessen?</p><p>Leise n�herte sie sich ihm. Der Goldene lag in Drachengestalt zwischen den verdorrten Rosen. Sein Blick war weit auf das Meer gerichtet. Er schenkte ihr keine Beachtung. Welche Gedanken ihn wohl qu�lten? Dachte er an die Zukunft Albenmarks oder an Aillean?</p><p>Lange stand Bidayn schweigend an der Seite der Himmelsschlange. Sie f�hlte sich winzig und begriff, wie unbedeutend sie f�r ihn war. Sie war nicht die Auserw�hlte, deren Weg er mit Stolz verfolgte. Sie war nur eine weitere in einer langen Reihe von N�rrinnen, die sich f�r ihn aufopferten. Wie hatte er Lyvianne gedankt? Sie war einfach vergessen.</p><p>�Ihr habt den Ort gefunden, an dem das Traumeis versteckt wurde, meine Dame?�</p><p>Er sah sie nicht an, aber allein die Tatsache, dass er endlich mit ihr sprach, machte sie schon gl�cklich.</p><p>�Es ist kein Ort, Herrscher der Himmel. Es ist eine Kreatur. Sie ist gro� wie ein Berg. Ein Ungeheuer, das anzusehen schon unertr�glich ist. Mit Tentakeln behangen wie die Wolkensammler, aber auf zwei Beinen gehend. Manche Menschenkinder glauben, es sei der Sohn der G�ttin Nangog. Andere nennen die Kreatur einfach nur den Meerwanderer. Er ist der Schrecken des Purpurnen Meeres. Ein Schiffeverschlinger, der schon ganze K�stend�rfer vernichtet haben soll. Auf seinem R�cken gibt es Poren in der Haut, die gro� wie kleine Gruben sind. Dort hat der Drusnier das Traumeis in versiegelten Amphoren versteckt. Der Meerwanderer wird es nur ihm �berlassen. Jeden anderen, der versucht, den Schatz zu stehlen, wird er t�ten.�</p><p>�Dann werden wir eben jemanden schicken, der ihn t�tet.� Endlich wandte er ihr den Kopf zu. Seine geschlitzten Pupillen erschienen der Elfe wie M�uler, die sie verschlingen wollten. �Ich sp�re Eure Angst, Dame Bidayn. Sorgt Euch nicht, ich werde nicht Euch entsenden.�</p><p>Sie war erleichtert und zugleich entt�uscht. War sie nicht l�nger seine Auserw�hlte?</p><p>�Ihr werdet Euch zur�ck nach Uttika zu Eurem Ehemann und Euren beiden Stieft�chtern begeben.�</p><p>�Aber���</p><p>�Liebe Bidayn, ich m�chte Euch nicht verletzen. Mein einziges Anliegen ist es, Euch in Sicherheit zu wissen. Eure Gef�hrten sind ebenfalls in Uttika. Ihr werdet dort warten, bis ich Euch neue Befehle zukommen lasse.�</p><p>Das Wohlgef�hl, das seine Ausstrahlung und seine Stimme hervorriefen, vermochte Bidayn nicht �ber die Zur�ckweisung hinwegzutr�sten.</p><p>Der Drache regte sich. Mit erstaunlichem Geschick griff seine riesige Pranke nach der einzigen Rose in Bl�te in dem verdorrten Busch vor ihm. Behutsam brach er sie ab. �Bitte missversteht mich nicht, meine Dame. Ihr werdet meine sch�rfste Klinge sein, wenn der Tag kommt, die Verr�ter in unseren Reihen ihrem Schicksal zuzuf�hren, doch f�r den Kampf gegen diese Bestie habe ich Euch nicht erschaffen. Dies wird gr�bere Mittel erfordern und den Einsatz von Albenkindern, deren Ableben bedauerlich, aber nicht unverwindbar w�re.�</p><p>Er �berreichte ihr mit anmutiger Geste die Rose. �Ich muss Euch in Sicherheit wissen, um meinen Kampf fortsetzen zu k�nnen, sch�ne Bidayn. Ich wei�, Ihr werdet Euch in Uttika langweilen und mit Eurem Schicksal hadern, doch ist dies ein Ort, an dem Euch gewiss kein Leid geschehen wird. So kann ich ruhigen Herzens sein.� Er senkte den Blick. �Verzeiht, dass ich so selbsts�chtig bin.�</p><p>Sie w�rde ihm alles verzeihen, dachte Bidayn und nahm die Rose. Es war keine Zur�cksetzung! Wie hatte sie in seinen Augen M�uler sehen k�nnen? Sie waren doch so voller W�rme und G�te. Sie wusste, wen er mit den Verr�tern meinte. Sie wusste, wie gef�hrlich Nandalee war. Sie w�rde mit ihren Gef�hrten �ben. Mit aller H�rte, und sie w�rde niemals aufh�ren, auch wenn es Jahre dauern sollte, bis er sie rief. Sie wollte bereit sein, wenn die Stunde der Abrechnung kam.</p><p>W�hrend der Drache sich wieder abwandte und zum Meer hinausblickte, roch Bidayn an der Rose. Sie schuldete dem Goldenen ihre Hingabe. Sie war seine beste M�rderin. Und sie w�rde ihn nicht entt�uschen! Ungeschlachte Bestien sollten andere jagen. Sie w�rde die schwer zu entdeckenden Bestien ausmerzen, die sich bei den Drachenelfen eingeschlichen hatten. Die Zauderer und Intriganten. Jene, denen das Wort der Himmelsschlangen nicht mehr Gesetz war.</p></section><section><title><p>Labarna, vor allen Menschen geliebt von I�ta</p></title><cite><p>�Der Unsterbliche Labarna, vor allen Menschen geliebt von I�ta, aber zog nach Naga, der Stadt, in der die Kinder sterben. Er tat dies, weil die grauen Riesen gekommen waren und h�ssliche Zwerge und M�nner, die zu Pferden geworden waren. Und er stellte sie auf dem Feld vor der Stadt, als sie ihre Beute fortschaffen wollten. Sie waren Elende und k�mpften mit zerbrochenem Herzen. Sie waren R�uber ohne Mut, wenn sie auf einen Mann starken Herzens trafen. Und Labarna schlug sie auf das Haupt! Und er stellte seinen Fu� in den Nacken der grauen Riesen! Und er trug den Krieg zu ihnen, und er hat ihre Frauen erbeutet und ihre Leute fortgef�hrt! Und er warf die erschlagenen Riesen in ihre Brunnen, auf dass ihr Gift das Wasser tr�nkte, und er erschlug ihr Vieh, und er hat das Getreide ausgerissen und mit eigener Hand Feuer daran gelegt, auf dass die Daimonen lernen, was es hei�t, Labarna, vor allen Menschen geliebt von I�ta, herauszufordern!�</p><text-author>Inschrift auf der Siegesstele von Naga, verwahrt in der Bibliothek von Iskendria, Saal der Versunkenen K�nigreiche.</text-author></cite><p>ANMERKUNG: �Folgt man den Forschungen des Meliander, muss der Wahrheitsgehalt der Inschrift angezweifelt werden, fand der �berfall auf Naga doch im ersten Jahr des Drachenkrieges statt, ein Jahr der glanzvollen Siege f�r die Heere der Himmelsschlangen. Wom�glich schildert der Text den �berfall auf eine Teilstreitmacht, die Beute nach Albenmark bringen sollte. Dass der unsterbliche Labarna den K�nigsstein, die einzige gr�ssere Siedlung der Trolle (graue Riesen), �berfallen hat, um deren Weiber in die Sklaverei zu f�hren, kann mit Sicherheit ins Reich der Fabel verwiesen werden.�</p></section><section><title><p>Die wilde Sau</p></title><p>Hornbori stand oben im Turmluk der <emphasis>Wilden Sau</emphasis>. Es war gr��er als bei den anderen Aalen, in denen er bisher gefahren war. Wahrscheinlich, damit der dicke Ulur hindurchpasste. Alles an diesem Tauchboot war gr��er als normal. Es war nicht daf�r geschaffen, durch unterirdische Str�me und Seen zu tauchen, sondern es sollte in der Weite des Meeres bestehen. Dort, wo es keine vorgegebenen Wege gab. Keine leuchtenden Barinsteine, die gef�hrliche Passagen markierten.</p><p>Hornbori schluckte hart. Genau das w�rden sie heute tun. Die festgelegten Wege verlassen. Das ging ganz und gar gegen die Natur der meisten Krieger in seinem Heer. Hornbori war sich bewusst, wie sehr sie ihn hassten. Er blickte zu den beiden gro�en Eisenb�geln, die kurz vor dem Luk auf die Au�enhaut des Aals genietet waren. Auch daf�r hassten sie ihn. Er hatte ihre Schiffe ver�ndert. Fast eine Woche hatte es gedauert, all die Tauchboote zusammenzubekommen, die nun in dem weiten Bergsee d�mpelten.</p><p>�berall ringsherum waren die Luke ge�ffnet. Seine M�nner warteten, so wie er. Sie sahen nach Westen, wo die Sonne die Berge ber�hrte und mit rosa Abendlicht �bergoss.</p><p>Hornboris Finger trommelten auf den rostigen Ring, der das Luk einfasste. Das verriet, wie nerv�s er war. Die M�nner auf den benachbarten Aalen w�rden es sehen. Seine H�nde schlossen sich fest um den Ring. Er musste die Fassung bewahren. Er war ihr Heermeister. Wenn er sich gut schlug, dann w�rde ihm dieser Rang alle Tore aufsto�en. Seine Zukunft war golden, wenn er die Gegenwart �berlebte.</p><p>�Da kommen sie!� Einer der Zwerge deutete mit ausgestrecktem Arm nach S�dwesten. Schwarze Silhouetten erschienen am Himmel. Die Drachen!</p><p>�Alle in die Aale!�, befahl Hornbori mit lauter Stimme. Erfreut stellte er fest, wie selbstsicher er klang. �Die Luke dicht!�</p><p>Er stieg als Letzter die schmale eiserne Leiter hinab, die ins Innere der <emphasis>Wilden Sau</emphasis> f�hrte. Seine Rechte zitterte leicht, als er nach dem kupfernen Deckel des Luks griff und das Rad an seiner Unterseite drehte, bis es blockierte. Dann hielt er sich an den Holmen der Leiter fest, die glatt poliert waren, nahm die F��e von den Sprossen und lie� sich hinab ins Boot rutschen. Er wusste, dass das gut aussah. Er musste Eindruck hinterlassen.</p><p>Im Aal kommandierte Ulur. Der dicke, t�towierte Seefahrer sah ihn sp�ttisch an. �Als w�rst du auf einem Aal geboren!� Er blickte �ber die Reihen der Krieger, die entlang der gew�lbten W�nde des Rumpfs sa�en. �Alle Mann auf ihre Pl�tze�, bellte er in einer Lautst�rke, als w�rde er auf einem Schlachtfeld stehen und nicht in einer knapp drei�ig Schritt langen Metallr�hre. �Und lasst mir die F��e von der Kurbel! Heute bewegt sich die <emphasis>Wilde Sau</emphasis> ausnahmsweise mal, ohne dass ihr schwitzt!�</p><p>Hornbori nahm seinen Platz neben Nyr und Galar ein. Seine H�nde krallten sich in die Lehnen seines Sitzes. Ulur hatte seinen Aal luxuri�s ausgestattet. Die Sitze waren mit Leder gepolstert und mit Armlehnen ausgestattet. Das hatte Hornbori zuvor noch in keinem Tauchboot gesehen.</p><p>Nyr sah ihn vorwurfsvoll an. �Wir sind tot! Das ist ein Schei�plan!� Schwei�perlen standen dem Richtsch�tzen auf der Stirn. �Wir werden alle���</p><p>Ein Ruck durchfuhr den Rumpf. Das ganze Tauchboot erzitterte.</p><p>Hornbori sp�rte, wie sich das Boot vorw�rtsbewegte.</p><p>Ulur klatschte begeistert in die H�nde. �Das nenn ich Geschwindigkeit. Ich w�nschte, ich w�rde im Luk stehen und sehen, wie die Gischt von unserem Rumpf spritzt. So viel Fahrt werden wir nie wieder machen. Vor allem nicht, wenn die <emphasis>Wilde Sau</emphasis> nur von der Kraft eurer tattrigen Greisenbeine angetrieben wird.�</p><p>Hornbori war Ulur dankbar f�r seine Spr�che. Das lenkte ab. So musste er nicht dar�ber br�ten, dass Drachenkrallen nach den aufgenieteten B�gen auf dem Rumpf gegriffen hatten.</p><p>Deutlich sp�rte Hornbori den zweiten Ruck. Er war anders als der erste. Sein Magen machte einen Satz.</p><p>�Schei�e�, fl�sterte Nyr an seiner Seite. �Jetzt ist es passiert. Wir sind tot!�</p><p>Hornbori sp�rte, wie ihm Schwei� den Nacken hinabrann. Zwerge waren nicht daf�r geschaffen zu fliegen! Und schon gar nicht im Inneren eines Aals.</p></section><section><title><p>Die fliegende Sau</p></title><p>Jeder Atemzug konnte sein letzter sein. Die Enge des Aals machte ihn wahnsinnig. Dabei sa� er schon im gr��ten Tauchboot der ganzen Flotte. Nyr schloss die Augen. Besser nichts sehen�� es war ein gro�er Sarg aus Eisen und Kupfer. Machte es all den anderen denn so viel weniger aus als ihm? Er k�nnte aufspringen und schreien.</p><p>Ein Drache hatte sie hochgehoben, und nun flogen sie mit ihm durch die L�fte. Es war schon schlimm genug, in diesen verfluchten Aalen durch irgendwelche unterirdischen Fl�sse zu tauchen. Den Launen der Str�mungen ausgeliefert. Dem Geschick des Steuermanns. Aber einem Drachen ausgeliefert zu sein? Die Bestie musste riesig sein, wenn sie die <emphasis>Wilde Sau</emphasis> tragen konnte. Ob er einer von denen war, die alles Leben in der Tiefen Stadt dem Feuer �bergeben hatten? Hatte auch er seine Flammen durch die Luftsch�chte hinabgespien? Wie konnte Hornbori, der all dies �berlebt hatte, Drachen rufen, um eine andere Stadt zu verbrennen? Nyr verstand das einfach nicht. Er w�rde das Grauen niemals vergessen k�nnen. Den Gestank nach verbranntem Fleisch, der �ber allem lag. Die Bestien, die durch die Tunnel gekrochen waren, um nach letzten �berlebenden zu suchen und sie zu zerfleischen.</p><p>Er tat einen tiefen Seufzer, aber der Druck auf seiner Brust wollte nicht weichen.</p><p>�Schiss?�, fragte Galar an seiner Seite.</p><p>�Nee.� Es kostete Nyr M�he, nur dieses eine Wort herauszubringen. Er wollte nicht mit Galar reden. Warum hatte er Hornbori unterst�tzt? Ja, es w�rde Gelegenheit geben, Drachen zu t�ten. Sie w�rden Rache nehmen k�nnen. Aber um welchen Preis! Eine weitere Stadt, die im Drachenfeuer versank.</p><p>�Also ich habe Schiss�, sagte Galar sehr leise.</p><p>Nyr �ffnete die Augen und sah seinen Gef�hrten an. Galar wirkte wie immer. Sagte er das am Ende nur, um es ihm leichter zu machen? Nein, so kompliziert dachte der Schmied nicht. Hatte er wirklich vor etwas Angst? Nyr atmete schwer aus. Er konnte jetzt nicht reden. Konnte nicht mit Worten all das herauslassen, was in ihm war. Au�erdem gab es hier zu viele Ohren. Wenn sie bei ihrem Feldzug gegen die Drachen Erfolg haben wollten, dann sollten so wenige Albenkinder wie m�glich davon wissen.</p><p>Galar sagte nichts mehr. Schn�rte auch ihm die Angst die Kehle zu? Nyr wusste, dass der Schmied kein Feigling war. Er hatte Drachen Auge in Auge gegen�bergestanden und mit kaltem Blut auf den besten Augenblick f�r seinen Schuss gewartet, selbst wenn das bedeutete, dass das Drachenfeuer ihn erreichte. Aber das hier war anders. Einfach ausgeliefert zu sein�� Flogen sie schon �ber einen Albenpfad durch das Nichts? Auch diese Vorstellung erf�llte ihn mit kaltem Grauen. Zwerge und Drachen, das passte nicht zusammen. Was, wenn die Drachen die Aale einfach nur ins Nichts warfen. Es hie�, man w�rde endlos st�rzen.</p><p>Nyrs Finger krallten sich in die Armlehnen. Das war Unsinn! Wenn es so w�re, w�rde niemand zur�ckkehren, um dar�ber zu berichten. Er sp�rte den Schwei� von seinem Nacken den R�cken hinabstr�men. Er sollte unbedingt an etwas anderes denken!</p><p>Er vermisste Frar. Was der Kleine wohl machte. Ihn bei Amalaswintha zu lassen war keine gute L�sung gewesen. Sie war sicherlich eine aufregende Bettgef�hrtin, aber als Mutter konnte er sie sich nicht vorstellen. Ob sie sich um Frar k�mmerte oder ihn immer nur irgendwelchen Dienerinnen �berlie�?</p><p>Nyr erinnerte sich, wie er Frar in den Armen gehalten hatte. Wie sie ihn mit Drachenblut ges�ugt hatten, als es nichts anderes gegeben hatte. Daran, wie sehr Galar geflucht hatte, sein kostbares Drachenblut dem uners�ttlichen Durst des Kleinen opfern zu m�ssen. Aber er hatte es gegeben.</p><p>Nyr tastete nach der Hand des Schmiedes auf der benachbarten Lehne. �Bist ein guter Kerl�, murmelte er.</p><p>Galar sah ihn �berrascht an. �Bist du besoffen?�</p><p>So war er, dachte Nyr. So machte man sich keine Freunde, selbst wenn man eigentlich gar kein �bler Kerl war. So hatte er bisher jeden vergrault, bevor sie sein wirkliches Wesen entdeckten.</p><p>�Hast du auch �nen Schluck f�r mich? Ich k�nnte jetzt was brauchen.�</p><p>�Bin n�chtern.�</p><p>Nyr schloss erneut die Augen und dachte daran, wie Frar manchmal in seinen Armen erwacht war. Wie sehr der Kleine �bers ganze Gesicht gestrahlt hatte, wenn er ihn erkannte. Ob das wohl immer noch so w�re, wenn er zu ihm zur�ckkehrte? Wohl nicht. So schnell konnten sie nicht zur�ck in die Ehernen Hallen. Sie waren zum Tode verurteilt. Wahrscheinlich w�rde er den Jungen niemals wiedersehen k�nnen.</p><p>Einzig Hornbori konnte ihnen helfen. Nyr passte es gar nicht, diesen Schleimer und Aufsteiger unterst�tzen zu m�ssen, doch das Wort des Heermeisters w�rde k�nftig viel bewegen k�nnen. Er musste also auf Hornbori aufpassen. Ihm durfte nichts geschehen, und es w�re gut, wenn��</p><p>Ein schriller Drachenschrei lie� ihm das Blut in den Adern gefrieren. Er klang herausfordernd, ja triumphierend.</p><p>Nyrs Magen machte einen Satz seine Kehle hinauf. Der Aal schwebte nicht l�nger, er st�rzte und neigte sich dabei steil mit dem Rumpf nach vorn. Alles, was nicht festgezurrt war, geriet in Bewegung, purzelte durch den Innenraum hinab in Richtung des Platzes, an dem der Steuermann lag.</p><p>Hornbori schrie auf. Der Zwerg, der Nyr gegen�bersa�, wurde leichenblass und kotzte dann auf die Kurbel.</p><p>�Festhalten, M�nner!�, schrie Ulur. �Das wird���</p><p>Ein m�rderischer Schlag riss Nyr von seinem Sitz. Er prallte auf die massige, eiserne Kurbel, die sich l�ngs durch den Bootsrumpf zog. Die dicken Eisenplatten, aus denen der Aal gefertigt war, kreischten. Seitlich spr�hte durch eine aufgeplatzte Naht Wasser ins Boot.</p><p>Ulur war einer der Ersten, die wieder auf den Beinen waren. �Galar, k�mmer dich um das Leck. Stopf die in Pech getr�nkten Leinenfetzen aus dem Fass dort dr�ben in den Spalt. Nyr, die Leiter hoch. Ich erwarte umgehend einen Bericht, was du siehst. Alle anderen, r�umt die Kurbel klar. Ich will, dass die <emphasis>Wilde Sau</emphasis> in hundert Herzschl�gen fahrbereit ist.� Er klatschte in die H�nde. �Los, die Herren! Auf die Beine! Jammert nicht wie alte Waschweiber!�</p><p>Nyr war noch ganz benommen. Blut troff ihm von einer Platzwunde an der Stirn. Er tastete nach den Holmen der Leiter und zog sich hoch.</p><p>Einen Augenblick k�mpfte er mit dem Drehrad, das das Ausstiegsluk verschloss. Hornbori hatte es erstaunlich fest zugedreht. Er mochte ein Feigling sein, aber ein Schw�chling war er nicht.</p><p>Endlich gab das Rad nach. Ein paar Drehungen, und Nyr konnte das Luk aufsto�en. Salzig-warme Luft schlug ihm entgegen. Er schob den Kopf ins Freie. Die <emphasis>Wilde Sau</emphasis> schwamm in einem Meer von Blut, so schien es. Im Westen versank eine gl�hend rote Sonne im Meer. Die See war spiegelglatt. Kein Lufthauch regte sich. Es war so warm, dass Nyr sofort zu schwitzen anfing.</p><p>Rings um sie herum, auf etwa eine halbe Meile verteilt, sah er Dutzende von Aalen im Wasser treiben. Bei den meisten sp�hte bereits ein Ausguck aus dem Luk.</p><p>�Was siehst du?�, rief Ulur von unten.</p><p>�Die Sonne geht unter. Ruhige See���</p><p>�Ich meine den Felsen, du Idiot. Wo liegt der Felsen?�</p><p>Nyr drehte sich suchend um. Da war er! Etwa zweihundert Schritt entfernt gab es einen Felsen mit einem Festungsturm darauf. Er konnte Gestalten hinter den Zinnen erkennen. W�hrend er noch hinsah, flammte ein Signalfeuer auf. Nein, der Fels war zu klein��</p><p>�Was jetzt?�, rief Ulur ungeduldig. �Hier sitzen alle an den Pedalen. Ich muss wissen, welchen Kurs ich anlegen muss!�</p><p>Nun sah es Nyr: da, hinter dem Turm, eine halbe Meile entfernt!</p><p>�Kurs S�ds�dwest. Ich sehe die Stadt!� Nyr schluckte. Sie war eindrucksvoll gro�. Zu gro� f�r f�nfhundert Zwerge.</p><p>Jetzt h�rte er andere Zwerge den Kurs zu ihren Steuerleuten hinunterrufen. Die Flotte richtete sich zu einem weiten F�cher aus, der auf den Grottenhafen von Asugar zusteuerte.</p><p>F�nfzig Schritt voraus schoss eine Wasserfont�ne auf. Nyr fluchte. Der Turm musste mit Katapulten best�ckt sein.</p><p>�Wir werden beschossen!�, rief er ins Boot hinab.</p><p>�Habt ihr geh�rt, Jungs?� Ulur klang, als w�re das alles nur ein aufregendes Spiel. �Die schmei�en mit Kieseln nach uns. Tretet die Kurbel! Schnelle Ziele sind schwerer zu treffen!�</p><p>Das Wasser am Heck des Aals sch�umte auf.</p><p>�Siehst du irgendwelche Klippen?�, erklang es von unten.</p><p>�Nein!�</p><p>Die See war ruhig. Nur nahe dem Turm ragten ein paar Felsen aus dem Wasser, aber wenn sie ihren jetzigen Kurs beibehielten, w�rden sie um mehr als hundert Schritt steuerbord am Turm vorbeifahren.</p><p>Nyr h�rte die Schreie der Menschenkinder. Sie versuchten, in aller Eile das Katapult nachzuladen. Immer panischer klangen die Stimmen, und dann begriff der Zwerg, dass es nicht die Aale gewesen waren, auf die sie gezielt hatten.</p></section><section><title><p>Schatten am Horizont</p></title><p>Vibius war anstrengend. Shaya war froh, dem nicht enden wollenden Geschw�tz des Valesiers zu entgehen, als sie auf die Terrasse vor dem Saal der Fremden trat. Vibius sah sich schon als Besitzer eines gro�en Weinguts und gern gesehenen Gast an der Tafel des Arcumenna. Die Heilerin l�chelte. Tr�ume halfen, das Trauma der Amputation zu �berwinden. Es w�re nur sch�n, wenn Vibius ein wenig stiller tr�umen k�nnte.</p><p>Shaya genoss die k�hle Brise, die �ber das Meer kam. Der Wind spielte mit ihrem weiten Kleid. Sie st�tzte sich auf das steinerne Gel�nder und sah hinaus auf die See. Bewunderte die tausend Rott�ne, die der Sonnenuntergang in Meer und Himmel wob. Solange ihr Leben w�hrte, hatte sie gek�mpft. Um die Liebe ihres Vaters, um Anerkennung in einem Kriegervolk, in dem Frauen au�erhalb der Jurten wenig z�hlten, um ihre W�rde, als sie in die Intrigen I�tas verstrickt worden war, um die Liebe des Unsterblichen Aaron und ihr �berleben im ewigen Eis. Nun musste sie nur noch f�r andere k�mpfen. F�r ihre Kranken. Sie selbst durfte sich erlauben, Frieden zu finden.</p><p>Eine Bewegung am n�rdlichen Himmel erweckte ihre Aufmerksamkeit. Ein dunkles, samtiges Blau, in dem erste Sterne schimmerten, war dort als Vorbote der Nacht am Himmel aufgezogen. Schatten glitten aus dem Blau.</p><p>Das Signalfeuer auf dem kleinen, vorgelagerten Wachturm im Meer flammte auf. Im Licht des Feuers sah Shaya, dass die Zinnen besetzt waren. Pl�tzlich stach ein Flammenstrahl vom Himmel herab. Dann noch einer! Eine Gestalt mit brennenden Armen stieg auf die Zinnen und st�rzte sich in die See.</p><p>Jetzt sah Shaya Kreaturen mit weiten, ledernen Schwingen um den Turm kreisen. Und andere, die auf Asugar zuhielten.</p><p>Die Heilerin verlie� die Terrasse und rief Saham zu sich. �Alles aus den Betten!�, rief sie. Das Spital lag tief an der Steilklippe, und doch w�rden die gefl�gelten Schrecken sicher auch hier angreifen.</p><p>Saham sah sie verwundert an. �Herrin, was���</p><p>�Es ist keine Zeit zu reden! Wer gehen kann, der hilft denen, die bettl�grig sind. Sofort!� Sie beugte sich neben Vibius. �Hoch mit dir.�</p><p>Der Valesier sah sie verwundert an, schlang aber seinen Arm um ihren Nacken und lie� sich aufhelfen.</p><p>Ein Schatten glitt an den gro�en Fenstern des Krankensaals vorbei.</p><p>�Sie sind hier�, keuchte Vibius. �Sie sind uns aus dem Eis gefolgt.�</p><p>Ein weiterer Mann schrie auf und rief etwas in einer Sprache, die Shaya nicht verstand.</p><p>Jetzt waren alle Kranken auf den Beinen. Panik stand in ihren Augen.</p><p>�Hier entlang!� Shaya zog Vibius mit sich zur gro�en T�r des Krankensaals. �Wir nehmen die Treppen hinab zu den Vorratskammern!�</p><p>Die Lagerr�ume des Spitals waren tief in den Fels geschlagen. Dort war es immer k�hl, und das Feuer k�nnte sie dort nicht erreichen. Dumpfe Schreie waren aus den h�her gelegenen Bereichen der Stadt zu h�ren, doch Shaya blickte nicht zur�ck. Gegen das, was oben in der Stadt geschah, konnte sie nichts tun. Sie konnte nur ihren Kranken helfen.</p><p>�Schneller!�, rief sie, b�ckte sich und legte sich Vibius �ber die Schultern. Dann hastete sie auf den Flur hinaus, der zum Treppenhaus f�hrte.</p><p>Sie lief, so schnell ihre Beine sie trugen, doch die Schreie folgten ihr, wurden immer lauter.</p><p>Als sie das Treppenhaus erreichte, setzte sie Vibius auf den Stufen ab. �Hier bist du in Sicherheit.�</p><p>Der Wolkenschiffer weinte. Er versuchte, ihre Hand festzuhalten. �Wir sind nirgendwo sicher. Die Geister aus dem Eis sind uns gefolgt. Jetzt kommen sie uns alle holen.�</p><p>Shaya l�ste seinen Griff. F�r solchen Unsinn war jetzt keine Zeit. Sie lief den Flur zur�ck, trieb die Fl�chtenden an und hob einen weiteren Beinamputierten auf ihre Arme, der sich auf Saham gest�tzt hatte. Mit fliegenden Schritten trug sie auch ihn zum Treppenhaus. Schritte und Schreie hallten nun weiter oben auf der weiten Wendeltreppe. Shaya wusste, warum: Weitere Heiler und Kranke flohen wie sie tiefer in den Fels.</p><p>�Enak!�, keuchte Saham. Der alte Pfleger war v�llig au�er Atem. �Er ist noch im Saal.�</p><p>Shaya fluchte. Der junge Heiler kam nachts gerne zu ihnen, um auf einem unbelegten Lager zu schlafen. Shaya vermutete, dass er in sie verliebt war, wenngleich er sich stets sehr zur�ckhielt. In aller Regel war er so ersch�pft, dass er, kaum, dass er sich hingelegt hatte, einschlief. Und er schlief wie ein Kind. Licht oder L�rm vermochten ihn nicht zu st�ren. Man musste ihn sanft r�tteln, um ihn aufzuwecken.</p><p>�K�mmere dich um unsere Kranken!�, wies sie Saham an. �Je weiter ihr hinabkommt, desto besser. Ich hole Enak.� Sie lief den Flur zur�ck.</p><p>Vor der gro�en, zweifl�geligen T�r hielt sie an. Unsteter Flammenschein fiel durch den weiten Spalt auf die Wand des Flurs. Deutlich war das Fauchen des Feuers in der Stadt zu h�ren. Die Schreie vom Beginn des Angriffs waren verstummt.</p><p>Vorsichtig sp�hte Shaya um die Ecke. Durch die gro�en Fenster im Saal konnte sie Schatten �ber den rot gl�henden Himmel huschen sehen. Augenblicklich lie� sich die Prinzessin auf alle viere nieder. Sie wollte nicht bei einem zuf�lligen Blick hinein entdeckt werden.</p><p>Wo war der Junge? Auf den Betten entlang der Fensterwand konnte sie ihn nicht sehen. Hatte Saham sich am Ende geirrt? Sie sah zu den Wandnischen. Die H�lfte von ihnen war durch Sichtschirme verstellt. Shaya wusste, dass Enak sich gerne einen dieser Pl�tze aussuchte. Stumm fluchend kroch sie tiefer in den Saal. Wenn er nicht hier war, w�rde sie Saham den Hals umdrehen!</p><p>Die erste Nische war verlassen. Shaya legte den Kopf auf den Boden und blickte durch den schmalen Spalt am unteren Ende des Sichtschirms. Bei keinem der drei verbliebenen Schlafpl�tzen stand ein Paar Sandalen auf dem Boden. War er also fort? Sie wusste, dass er oft so m�de war, dass er in seinem Chiton schlief. Darauf, wie er es mit seinen Sandalen hielt, hatte sie nie geachtet.</p><p>Sie schob den Wandschirm zur Seite und kroch weiter zur n�chsten Schlafnische. Dort konnte Enak nicht sein, denn dies war ihr Lager. Drau�en vor den Fenstern h�rte sie das Flattern gro�er Schwingen. Shaya hatte den Eindruck, die Ungeheuer flogen sehr nah am Fels vorbei. Blo� nicht aufblicken. Sie schob den zweiten Wandschirm beiseite, sorgf�ltig darauf achtend, dass er nicht umst�rzte. Pl�tzlich hatte sie das Gef�hl, beobachtet zu werden. Ganz gewiss war das nur eingebildet. Wie h�tten die Bestien wissen sollen, dass sie hier war. Au�erdem, was bedeutete sie schon? Sie war eine in einer Stadt, in der Tausende lebten.</p><p>Sie erreichte den dritten Wandschirm und r�ckte ihn ein wenig zur Seite. Er wackelte. Shaya hielt ihn fest, bis er still stand.</p><p>In dieser Nische lag Enak zusammengerollt wie ein schlafendes Kind. Die Kleider hatte er angelassen. Ebenso die Sandalen. Shaya musste l�cheln. Dar�ber w�rden sie eines Tages reden m�ssen. Heiler gingen nicht mit Schuhen ins Bett. Jedenfalls nicht, solange sie im selben Zimmer mit den Kranken schliefen.</p><p>�Enak.� Sie griff nach seiner Schulter und sch�ttelte ihn sanft. Kaum dass er die Augen aufschlug, presste sie ihm die Hand auf den Mund. �Du gibst keinen Laut von dir und folgst mir.�</p><p>Seine gro�en Augen sahen sie fragend an.</p><p>�Keinen Laut!�, sch�rfte sie ihm erneut ein.</p><p>Er nickte.</p><p>Vorsichtig zog Shaya die Hand zur�ck. �Du kriechst hinter mir her. Auf keinen Fall richtest du dich auf.�</p><p>Er runzelte die Stirn und setzte sich auf. Er wirkte noch ein wenig benommen vom Schlaf.</p><p>�Los�, zischte Shaya und kroch von ihm fort. Als sie kein Ger�usch hinter sich h�rte, drehte sie sich um. Enak stand aufrecht. Er lehnte sich ans Mauerwerk und presste sich eine Hand auf den Magen. Dabei sah er gar nicht gut aus. Pl�tzlich rannte er los, stie� den Wandschirm vor sich um und hielt auf das Fenster zu, das ihm gegen�berlag.</p><p>�Nein!�, schrie Shaya auf. Augenblicklich war sie auf den Beinen, doch Enak hatte bereits das Fenster zur Terrasse erreicht. Lautstark �bergab er sich.</p><p>Fl�gel rauschten in der gl�henden Nacht.</p><p>Shaya packte ihn im Nacken, bei seinem Chiton, und riss ihn zur�ck.</p><p>�Bitte�, jammerte er. �Ich�� was soll���</p><p>Ein schlanker Kopf stie� durch das weite Fenster. Keinen Zoll vor Enaks Nase schnappten dolchlange Z�hne zusammen. Es war eine Echse, wie jene, die sie bei den Ankert�rmen von Wanu gesehen hatte. Nur deutlich kleiner. Ihre Schuppen waren gr�n, nicht rot.</p><p>B�sartige gelbe Augen mit geschlitzten Pupillen musterten sie. Dieses Tier besitzt Verstand, dachte Shaya erschrocken. Es �berlegt, auf welche Art es uns beide t�ten soll.</p><p>�Was ist���</p><p>Shaya zerrte Enak mit sich in Richtung der gro�en Fl�gelt�r. �Das ist unser Tod! Lauf, wenn dir dein Leben lieb ist.�</p><p>Auch sie selbst rannte los. Es waren fast zehn Schritt bis zur T�r. Ein rasselndes Ger�usch lie� sie �ber die Schulter sehen. Der Drache kam nicht durch das enge Fenster, doch er wirkte v�llig selbstsicher, �berzeugt, dass er sie beide noch erreichen w�rde, obwohl eindeutig war, dass er weder Z�hne noch Krallen in sie schlagen k�nnte. Er holte Atem. Sein m�chtiger Brustkorb weitete sich.</p><p>Shaya machte einen Satz nach vorn und riss Enak zu Boden. Fast im selben Augenblick schoss ein Flammenstrahl �ber sie hinweg. Gl�hende Hitze brannte auf ihrer Haut. Es stank nach verbranntem Haar. Ihr ganzer R�cken schmerzte. Sie sollte sich aufrichten, aber der Schmerz nagelte sie auf den Boden.</p><p>Die Flammen schossen durch das weite Tor, prallten auf die gegen�berliegende Wand und schlugen einige Schritt weit in den Krankensaal zur�ck. Shaya schloss die Augen. Das glei�ende Licht brannte sich selbst durch die Lider.</p><p>Enak rollte sich unter ihr weg. �Komm�, keuchte er. �Bei den G�ttern, nein�� das��� Er hob sie hoch. Sie sah in seine schreckgeweiteten Augen. Dann ergab sie sich der friedvollen Dunkelheit, die nach ihr griff. Ein gellender, langer Schrei Enaks war das Letzte, was sie h�rte.</p></section><section><title><p>Himmlisches Feuer</p></title><p>Arcumenna mochte den billigen, sauren Wein. Dazu das ofenfrische Brot und die Oliven, die eindeutig nicht die erste Wahl gewesen waren. Er kam gerne in die kleine Garstube, die an einem schattigen Ort zwischen den Felsen lag. Einem Ort ohne Blick auf das Meer, der nicht zu viel Sonne abbekam. Der Fisch war hier immer frisch. Der Wirt, Nethun, stets gut gelaunt und voll des Lobes f�r die neuen <emphasis>K�stlichkeiten</emphasis> des Tages.</p><p>Horatius sa� ihm gegen�ber und sah ihn sauert�pfisch an. Er verabscheute die einfachen Gaumenfreuden. Der Hauptmann seiner Leibwache war der Einzige, dem Arcumenna gestattete, ihn zu begleiten, wenn er hierherkam. Ein Privileg, auf das Horatius gerne verzichtet h�tte, wie er schon mehrfach �berdeutlich zum Ausdruck gebracht hatte.</p><p>Arcumenna vertraute keinem so wie dem ein�ugigen Krieger. Seit mehr als zwanzig Jahren fochten sie zusammen. In �ber hundert K�mpfen hatten sie Seite an Seite gestanden. In den W�ldern Drusnas, auf der Jagd nach den Piraten der aegilischen See, im Kampf gegen die Gr�nen Geister. Sie hatten vieles gemeinsam erlebt, und doch w�rde ihre Kindheit f�r immer ein letzter Graben zwischen ihnen bleiben. Horatius stammte aus einer Familie von altem Adel. Seine Sippe stand immer schon dem Unsterblichen Ansur nahe. Arcumenna hingegen war dem einfachen Volk entsprungen. Er hatte einiges an Geld aufgeboten, seine Herkunft zu verwischen und Ger�chte dar�ber in Umlauf zu bringen, dass er einer Adelssippe entstammte, die bei einem Piraten�berfall ausgel�scht worden war. Die Mehrheit seines Gefolges bei Hof glaubte das inzwischen.</p><p>Arcumenna tupfte mit einem St�ck trockenem Wei�brot durch die Lachen aus Oliven�l in seiner Holzschale. Horatius hatte sein Essen kaum anger�hrt. Der Hauptmann hatte die Arme �ber der Brust verschr�nkt. Sein verbliebenes Auge musterte rastlos die anderen Gestalten, die sich in der Schenke ein billiges Mahl g�nnten.</p><p>�Die einfachen Freuden sind das Salz des Lebens, Horatius.�</p><p>Ein zynisches L�cheln war die einzige Antwort, die er bekam. Horatius bem�hte sich nie darum, ihm gef�llig zu sein, gerade deshalb mochte er ihn. Und wenn es darauf ankam, war er ohne Wenn und Aber zuverl�ssig.</p><p>�Du solltest wirklich von den Oliven kosten.�</p><p>Der Hauptmann sch�ttelte den Kopf und sah zum Himmel hinauf. �Da war etwas.�</p><p>�Sag blo�, dass du dir Sorgen machst, dass uns M�wen ins Essen schei�en.�</p><p>�Keine M�wen.� Horatius stand auf. Er tastete nach dem langen Messer an seinem G�rtel. Er legte Wert darauf, wenn m�glich als Erster zuzuschlagen. Dass er ein Auge verloren hatte, machte ihn verwundbar. Er konnte Abst�nde nicht mehr so gut einsch�tzen. Ein t�dliches Manko, wenn er auf einen guten K�mpfer traf. Deshalb war er meist der Erste, der die Klinge zog. Und wie zum Ausgleich f�r das fehlende Auge hatte er sich einen untr�glichen Instinkt daf�r zugelegt, wann etwas nicht stimmte. Er irrte sich nur sehr selten.</p><p>Auch Arcumenna tastete kurz nach seinem Dolch.</p><p>�Stimmt etwas mit dem Essen nicht?� Nethun hatte die pl�tzliche Anspannung seiner beiden G�ste bemerkt.</p><p>Arcumenna vermutete schon seit einer Weile, dass der Wirt trotz der Maskerade durchschaut hatte, wer da gelegentlich seine bescheidene Stube beehrte. Aber offenbar hatte er es nicht weitererz�hlt, denn au�er ihm warf ihnen hier niemand verstohlene Blicke zu. Nethun hatte sich zwar einigen Speck angefressen, doch war er un�bersehbar einmal ein athletischer Mann gewesen. Narben auf seinem rechten Arm lie�en vermuten, dass er einmal Krieger gewesen war. Sie sahen nach Schnitten aus, wie man sie sich einfing, wenn der Schwertarm aus dem Schildwall vorschnellte, um einem Gegner den Bauch aufzuschlitzen. Auch hatte er einen Adler auf den rechten Unterarm t�towiert. Das war beliebt unter den Kriegern Valesias. Vielleicht hatte Nethun sogar einmal unter ihm gedient.</p><p>Arcumenna wandte sich ihm zu und hob beschwichtigend die H�nde. �Alles gut.� Kaum waren die Worte �ber seine Lippen, zerteilte ein glei�ender Flammenstrahl den Himmel.</p><p>F�r einige Herzschl�ge war Arcumenna sprachlos. Jetzt hatte der Himmel wieder die fahlblaue Farbe wie stets in den letzten Augenblicken, bevor die Nacht die D�mmerung besiegte. F�r einen Moment war es, als w�re gar nichts geschehen. Vielleicht hatte er sich die Flammen nur eingebildet. Dann h�rte er die Schreie, und weitere Flammenstrahlen zerteilten das Zwielicht.</p><p>Im n�chsten Moment war Horatius an seiner Seite. �Was ist das?�</p><p>Arcumenna musste an den Angriff auf Selinunt denken. Hatte es so ausgesehen, als die gro�en Drachen gekommen waren? Es gab keine �berlebenden, die davon h�tten berichten k�nnen, wie die Wei�e Stadt binnen weniger Augenblicke zu einem Ruinenfeld geworden war.</p><p>Er wandte sich erneut an den Wirt. �Du nimmst all deine G�ste, sofort! Ihr sucht den n�chsten Abstieg zu den Zisternen und versteckt euch dort. Nehmt jeden mit, den ihr unterwegs trefft. Wer hier oben in der Stadt bleibt, wird sterben.�</p><p>Nethun sah ihn v�llig verdattert an. �Aber ich kann doch nicht���</p><p>�Du wei�t, wer ich bin!�, fuhr Arcumenna ihn an. �Folge meinen Befehlen, Krieger. Sofort! Dies hier ist eine Schlacht, und wir sind �berrumpelt worden.� Der F�rst wandte sich an Horatius.</p><p>�Komm mit. Wir retten, was noch zu retten ist.� Immer zwei Stufen auf einmal nehmend, st�rmte er die Treppe hinauf, die aus der Felsspalte in die Oberstadt f�hrte.</p><p>Arcumenna war dankbar daf�r, dass Horatius nicht vorschlug, ebenfalls in die Zisternen zu fliehen. Als F�rst der Stadt musste er wissen, was vor sich ging. Wer griff an? Und wo?</p><p>Es war nicht wie in Selinunt, wo ein einziger m�chtiger Flammenstrahl vom Himmel gefahren war und jeden hatte erblinden lassen, der ihn aus weniger als zwei Meilen Abstand gesehen hatte. W�re dies hier wie der Angriff auf die Wei�e Stadt, dann w�ren sie schon alle tot. Da es also anders war, konnte man auch dagegen ank�mpfen.</p><p>Sie erreichten das Ende der Treppe. Arcumenna folgte der Stra�e der Safranh�ndler, an deren Ende sich die n�chstgelegenen Ankert�rme befanden. Nur wenige Passanten waren auf der Stra�e. Sie reckten die K�pfe, tuschelten, f�hlten sich aber nicht bedroht, wie es schien. Sie hatten nicht begriffen, was sie sahen. Wie auch! Keiner von ihnen hatte, wie er aus der Ferne, den Untergang von Selinunt gesehen.</p><p>Die drei Wolkenschiffe, die �ber der Stadt vor Anker lagen, hatten bereits die Taue gekappt und ihre Tentakel von den dicken Eichenbalken gel�st. Eines stand in Flammen. Arcumenna sah, wie die Tentakel durch die Luft peitschten, um sich gegen die Angreifer zu wehren. Mehr als zwei Dutzend Drachen kreisten �ber der Stadt. Doch was geschah in der Stadt selbst? Die H�user auf beiden Seiten versperrten ihm die Sicht. Er musste h�her hinauf. Auf einen der Ankert�rme, auch wenn das hie�, den Drachen entgegenzulaufen.</p><p>Rechts von ihnen gl�hte der Himmel in hellem Flammenschein.</p><p>�Der Palast�, sprach Horatius das Offensichtliche aus.</p><p>Nat�rlich war der Palast eines der ersten Angriffsziele. Sie wollten ihn, den Feldherrn und Provinzf�rsten. W�re er tot, w�rde es weniger Widerstand geben. Aber er w�rde diesen verfluchten Daimonenechsen in die Suppe spucken!</p><p>Jetzt str�mten �berall Menschen aus den H�usern. �Lauft zu den Zisternen!�, rief Arcumenna. �Ein gro�es Feuer ist ausgebrochen. Wir k�nnen es nicht l�schen. Lauft! Rettet euer Leben.�</p><p>Sie sahen ihn an, als w�re er irre. F�r sie war er irgendein Kerl in einem abgetragenen Chiton. St�nde er mit Prunkharnisch und einem Umhang aus L�wenfell hier, dann w�rden sie laufen. Nun, er hatte ihnen die Gelegenheit gegeben, ihr Leben zu retten. Zum ersten Mal war Arcumenna froh, dass es keine Kinder in der Stadt gab.</p><p>�Los, wir m�ssen zum n�chstgelegenen Ankerturm�, rief er Horatius zu.</p><p>�Werden sie dort nicht zuerst angreifen?�</p><p>�Ich brauche einen �berblick, was geschieht.�</p><p>Sein Hauptmann schnitt eine Grimasse, sagte aber nichts mehr, sondern half ihm voranzukommen. Immer mehr Menschen str�mten jetzt aus den H�usern, und pl�tzlich waren auch Schreie zu h�ren.</p><p>Von einem Augenblick zum anderen �nderte sich alles. Sie hatten begriffen, dass dies kein Spektakel war, das man einfach angaffen konnte. Es betraf jeden. Jeder konnte in dieser Nacht sterben.</p><p>�Zu den Zisternen!�, rief Arcumenna noch einmal. �Zu den Zisternen! Dort seid ihr sicher vor den Flammen.�</p><p>Endlich erreichte der Feldherr den Fu� des Ankerturms. Weit und breit war keine Wache mehr zu sehen. Die hatten wohl fr�her begriffen, was hier geschah. Er sah nach oben, die gewundene Treppe an der Au�enmauer des Turms hinauf.</p><p>Zwei Schritt entfernt klatschte etwas auf ein flaches Hausdach. Ein abgetrennter Tentakel. Er zuckte noch. Der brennende Wolkensammler �ber ihm stie� seltsam zischende Laute aus. Oder war es das Ger�usch von hei�em Fett, das die Haut aufplatzen lie�?</p><p>Die beiden anderen Himmelsschiffe standen noch nicht in Flammen, ihre Besatzungen versuchten, mit den Wolkensammlern zu entkommen. Aber wie sollte das gelingen? Es wehte nur eine sanfte Brise. Sie trieben mit dem Wind, konnten keine Ausweichman�ver fliegen, wie die Daimonenechsen. Arcumenna sah, wie sich die meisten Drachen nun oberhalb des aufgedunsenen Leibs der Wolkensammler hielten. Dort, wo die friedlichen Himmelswanderer keine Augen hatten. Voller Furcht schlugen sie mit ihren Tentakeln blind um sich, doch die Fangarme peitschten ins Leere. Die Flammenstrahlen der Drachen schnitten wie brennende Schwerter in das Fleisch der Wolkensammler.</p><p>Die drei Himmelsriesen versuchten h�herzusteigen. Arcumenna war schon vor einer Weile aufgefallen, dass es ab einer bestimmten Flugh�he keine V�gel mehr gab. Vielleicht konnten sie so ja den Echsen entkommen? Wenn sie schnell genug an H�he gewannen und wenn��</p><p>Ein dumpfer Knall beendete seine Gedanken. Der brennende Wolkensammler war zerplatzt. Einfach so! Abgetrennte Gliedma�en wurden in alle Himmelsrichtungen geschleudert.</p><p>Zugleich sprangen verzweifelte Wolkenschiffer aus dem brennenden Wrack, das wie ein Stein vom Himmel st�rzte. Einer von ihnen hatte selbst schon Feuer gefangen. Er streckte Arme und Beine weit von sich. Vor dem Dunkel des Himmels sah er aus wie ein brennendes Kreuz, das auf die Stadt hinabfiel.</p><p>�Bei den G�ttern�, stammelte Horatius.</p><p>�Lauft!�, erklang es nun dutzendfach auf der Stra�e der Safranh�ndler. Die Menschen rannten durcheinander. Stie�en sich gegenseitig nieder. Wer am Boden lag, wurde zu Tode getrampelt.</p><p>Bretter und K�rperteile hagelten auf die Stadt nieder.</p><p>Eine Daimonenechse flog eine Parallelstra�e entlang und spie einen langen Flammenstrahl. Schreckliche Schreie ert�nten. Arcumenna hatte in ungez�hlten Schlachten gefochten. Doch dies hier war anders. Es war ein neues, ungekanntes Grauen, das selbst ihn erschauern lie�. Verfluchte Bestien! Warum waren sie hierhergekommen, in seine Stadt? Welches Ziel war hier so wichtig? Er eilte die Treppen des Ankerturms hinauf. Er brauchte nicht ganz bis nach oben zu laufen. Nur weit genug, um die Stadt �berblicken zu k�nnen. Er musste wissen, wo die Drachen angriffen. Das w�rde ihm verraten, was ihr Plan war. Und wenn er das wusste, dann konnte er �berlegen, wie er sie bek�mpfen konnte.</p><p>Der F�rst stieg etwa ein Drittel des Turmes hinauf. Dabei behielt er die Drachen im Auge. Es waren mehr als zwei Dutzend. Wie viele genau, konnte er im Dunkeln nicht sehen. Einige streiften �ber die Stadt und schienen wahllos Menschen zu jagen. Die meisten aber umkreisten die beiden Wolkenschiffe, die noch zu fliehen versuchten. Eines von ihnen brannte bereits. Es war nur eine Frage der Zeit, bis es abst�rzte. Zum Gl�ck hatte der Wind beide Wolkensammler nun auf die See hinausgetrieben. Arcumenna blickte �ber das Tr�mmerfeld inmitten seiner Stadt. Er sollte sich all dies hier gut einpr�gen. Dies war die Zukunft!</p><p>Es w�rde nicht das letzte Mal gewesen sein, dass Drachen die gro�en Himmelsschiffe angriffen. Doch beim n�chsten Mal, wenn der Himmel �ber Nangog in Flammen stand, w�rden sie vorbereitet sein! Der Feldherr wusste, dies hier war nur ein erstes Scharm�tzel, in dem die Drachen ihre Kr�fte erprobten.</p><p>Arcumenna straffte sich. Jetzt z�hlte allein die Gegenwart! Er musste das Muster des Angriffs erkennen, um zu wissen, wie sie sich verteidigen konnten.</p><p>�Du solltest nicht zu lange dort oben bleiben�, rief Horatius, der ihm nur ein paar Stufen hinauf gefolgt war. �Diese Bestien greifen sich jetzt wahllos Opfer, und du bietest dich da oben geradezu an.�</p><p>Arcumenna schob auch diesen Gedanken zur Seite. Er musste das Muster erkennen! Alles andere konnte warten. Der Wachturm auf der vorgelagerten Insel brannte. Ebenso sein Palast und etwas weiter im Westen die gr��te Kaserne. Au�erdem die Katapultstellungen oberhalb der Einfahrt zum Hafen. Ein Wolkensammler war vernichtet. Die beiden anderen wurden von den meisten der fliegenden Echsen verfolgt. Was sagte ihm das?</p><p>�Komm herunter, verflucht!� Nun st�rmte Horatius doch die Treppe hinauf. Er hielt einen schweren Wurfspeer in der Hand.</p><p>Arcumenna fragte sich kurz, wo sein Gef�hrte die Waffe wohl aufgetrieben hatte. Dann lie� er erneut den Blick �ber die Stadt schweifen. Sie mussten Spitzel gehabt haben, dachte er. Sie hatten gewusst, wohin sie wollten. Aber sie wussten nichts �ber den Kampfgeist seiner M�nner. Sie hatten ihn �berrascht, aber noch nicht besiegt. Er eilte Horatius entgegen. �Wir m�ssen zum Feigenmarkt!�</p><p>Horatius sah ihn �berrascht an. �Ich w�rde sagen���</p><p>Arcumenna schnitt ihm mit einer Geste das Wort ab. �Wie viele unserer M�nner sind so fr�h am Abend, drei Tage nach Soldausgabe, in ihren Quartieren?�</p><p>Jetzt l�chelte der Hauptmann. �H�chstens ein Drittel. Die anderen tragen ihren Sold zu den Spelunken und Huren am Feigenmarkt.�</p><p>�Wir m�ssen sie in die Zisternen bringen und hinab zum Hafen. Dort sind wir vorl�ufig in Sicherheit��� Er verstummte, eilte aber weiter die Stufen hinab. Jetzt sah er das Muster. Es ging nicht darum, die Stadt zu vernichten. Alles war hier anders als in Selinunt. Sie jagten die Wolkensammler, um zu verhindern, dass sich schnell Kunde �ber den �berfall verbreitete. W�ren sie nur hier, um zu pl�ndern und zu brandschatzen, dann w�re ihnen das egal. Sie wollten Asugar besetzen!</p><p>Auf den von Tr�mmern �bers�ten Stra�en waren nun weniger Menschen zu sehen. Sein Befehl, in die Zisternen zu steigen, war hoffentlich befolgt worden. Als sie die Stra�e kreuzten, �ber die zuvor der Drache geflogen war, hielt Arcumenna kurz inne. Sie lag voller verkr�mmter, schwarz verkohlter Gestalten. Der F�rst ballte in hilfloser Wut die F�uste. Er w�rde �berleben, und er w�rde einen Weg finden, diese verdammten Bestien vom Himmel zu holen.</p><p>Aus den Augenwinkeln sah er eine kleine Daimonenechse, die einen Mann in ihren Krallen hielt, in den Himmel hinaufstieg und ihn dann fallen lie�.</p><p>�Bestie�, zischte Horatius. �Wie eine M�we, die Muscheln auf Felsen fallen l�sst, damit die Schale zerbricht.�</p><p>�ber dem Meer zerriss es den zweiten Wolkensammler. Es mussten die Gase in ihrem K�rper sein, die sie explodieren lie�en, dachte Arcumenna. Auf einem Wolkensammler in den Kampf gegen Daimonenechsen zu ziehen war etwa so, als w�rde man in einem Lager voller Oliven�lamphoren darauf hoffen, einen Gro�brand unbeschadet zu �berstehen.</p><p>�Sie kommen zur�ck!�</p><p>Es war das erste Mal, dass der F�rst einen Anflug von Panik in Horatius� Stimme h�rte. Dabei war der Hauptmann selbst in den W�ldern von Drus, als sie den Barbaren in eine Falle gegangen und umzingelt worden waren, die Ruhe selbst geblieben.</p><p>�Steig in die H�hlen oder Zisternen hinab!�, rief Arcumenna einem alten Mann zu, der sich in einen Hauseingang gekauert hatte. �Sie werden wiederkommen, und dann brennt die ganze Stadt.�</p><p>Je n�her sie dem Feigenmarkt kamen, desto voller wurde es. Nahe beim Marktplatz gab es einen gro�en Abstieg zum Hafen. Der ganze Felsen war von Hunderten von H�hlen durchzogen. Viele waren nat�rlichen Ursprungs, aber etliche waren in den letzten f�nfzig Jahren auch von Menschenhand erschaffen worden. Da der Platz auf der Steilklippe sehr begrenzt war und es kaum einen Ort gab, an dem man noch ein Haus h�tte errichten k�nnen, wichen immer mehr der Neuank�mmlinge in die H�hlen aus. So hatte sich inzwischen eine zweite, kleinere, unterirdische Stadt entwickelt. Diese H�hlen sowie die Zisternen, in denen das Regenwasser gesammelt wurde, waren nun ihre Rettung. Das schienen viele der Bewohner schon von alleine begriffen zu haben.</p><p>�berall, wo es Abstiege zu eben diesen H�hlen und Zisternen gab, dr�ngten sich Menschentrauben. Die meisten hatten nichts als ihre Kleider auf dem Leib. Nur wenige hatten S�cke oder Kisten zusammengerafft.</p><p>Arcumenna blickte zu seinem brennenden Statthalterpalast, der keine zweihundert Schritt entfernt auf dem h�chsten Punkt der Steilklippe lag. Bis hinab zum Feigenmarkt konnte er die Hitze der Feuer sp�ren. Dann wandte er sich seinem Hauptmann zu.</p><p>Horatius hatte begonnen, Krieger um sich zu scharen. Wie erwartet, wimmelte es am Markt nur so von Veteranen, die ihren Sold hatten durchbringen wollen. Erfreulicherweise waren nur die wenigsten bei Beginn des Angriffs pflichtbewusst zu ihren Quartieren geeilt, sondern auch sie hatten nach Abstiegen in die Tiefe gesucht. Arcumenna schritt durch die M�nner und suchte nach Unterf�hrern, die er von den Feldz�gen kannte. Jedem von ihnen gab er jeweils eine Handvoll Krieger zur Seite. Sie sollten das Gedr�nge vor den Treppen organisieren. Stiegen die Fl�chtenden geordnet hinab, w�rden sie wesentlich schneller entkommen, als wenn sie Menschenkn�uel bildeten, in denen jeder darum k�mpfte, als Erster die Treppen zu erreichen.</p><p>Eine Flammens�ule schoss etwa hundert Schritt links von ihnen vom Himmel. Ein breiter, blendender Feuerstrom. Deutlich sah Arcumenna den Drachen, der dort angriff. Es war ein gro�er roter.</p><p>Etwas westlich griffen weitere Drachen die Felsenstadt an.</p><p>�Die Bibliothek und das Spital�, sagte Horatius mit belegter Stimme.</p><p>Sie zerst�ren zuerst die Prachtbauten, dachte Arcumenna, und im selben Augenblick wurde ihm endg�ltig klar, warum die Drachen gekommen waren: Es ging nicht um die Stadt. Es ging um die Kriegsflotte, die unten im Grottenhafen vor Anker lag. Es war die mit Abstand gr��te Flotte auf dem Purpurnen Meer. Wer sie kontrollierte, der beherrschte die See.</p></section><section><title><p>Wie ein Schwarm Haie</p></title><p>Hornbori hielt sich am Kupferbogen fest, der auf den Rumpf der <emphasis>Wilden Sau</emphasis> genietet worden war, damit die Drachen den gro�en Aal tragen konnten. Sie liefen mit voller Geschwindigkeit in den Grottenhafen ein. Er staunte �ber die gewaltigen Ausma�e der nat�rlichen H�hle. Sie �bertraf jeden Hafen, den er bislang in den Zwergenst�dten gesehen hatte, bei Weitem. Die Einfahrt zur H�hle mochte an die drei�ig Schritt hoch sein und fast hundert Schritt weit. Sie hatte etwas von einem gewaltigen Maul, in das sie sich nun freiwillig warfen.</p><p>Hornbori �berlief ein Schauder. Es ist nur eine H�hle!</p><p>Ein seltsames blaues Zwielicht herrschte hier, obwohl drau�en inzwischen die Nacht hereingebrochen war. Es ging von den W�nden und der Decke aus, schillerte an den Kais und einigen der Schiffsr�mpfe. Als sie weiter in die Hafenh�hle fuhren, erhob sich ein wahrer Wald von Masten vor ihnen. Dickbauchige Lastschiffe lagen neben schlanken Fischerbooten. Hornbori war �berrascht, wie variantenreich die Schiffe der Menschenkinder waren. Es gab doppelr�mpfige Boote mit einem einzelnen Mast auf der Br�cke, die die beiden Schiffsk�rper verband, schnittige Galeeren, deren bronzebeschlagene Rammsporne halb unter der Wasseroberfl�che verborgen lagen, Segler, die so plump und unf�rmig aussahen wie ein durchgeschnittenes Fass oder kleine Boote, deren Rumpf aus Leder gefertigt war.</p><p>Und es waren �berraschend wenig Menschen auf den Kais. Noch hatte niemand die seltsamen, nur knapp aus dem Wasser ragenden Gef�hrte bemerkt, die wie ein Schwarm Haie in den Hafen glitten.</p><p>Sein Plan ging auf, dachte Hornbori erleichtert und rief leise eine erste Kurskorrektur durch das Luk. Der Angriff der Drachen hatte die Menschenkinder abgelenkt. Sicherlich verbreitete sich die Nachricht dar�ber, dass sich die Stadt auf den Klippen in ein flammendes Inferno verwandelt hatte, bereits �berall im Hafen.</p><p>Tats�chlich sah er etwas entfernt eine kleine Gruppe Menschenkinder bei einem Lastkran stehen und heftig diskutieren. Er hatte den Himmel in Flammen setzen m�ssen, um hier, tief unter der Klippe, seinen Angriff f�hren zu k�nnen.</p><p>Sie waren schon knapp eine Viertelmeile weit in den Hafen eingelaufen. Wieder rief er eine Kurskorrektur hinab, damit sie eine der gro�en, steinernen S�ulen umrundeten, die aus dem Hafenbecken ragten. Es waren Bastionen aus gewachsenem Fels, die die H�hlendecke weit �ber ihnen trugen. Wieder wunderte sich der Heermeister �ber das seltsame Licht, das aus den W�nden sickerte. Glamir, der einbeinige Schmied, hatte ihm einmal erz�hlt, dass es H�hlen gab, die ganz und gar von Algen �berwuchert waren, die ein seltsam diffuses Licht abgaben. Vielleicht war es hier ja genauso? Die Menschen hatten Gl�ck, hier ohne Fackeln und �llampen auszukommen.</p><p>Es gab noch etwas, worin sich dieser Hafen bereits auf den ersten Blick von jedem Zwergenhafen unterschied: Die Menschenkinder bauten gerne mit Holz. Die meisten der Kais waren einfache Holzstege, die von mit faulenden Algen �berwucherten Pf�hlen getragen wurden. Die Plattformen, die an den Felss�ulen klebten und wohl als Aussichtspunkte dienten, waren aus Holz. Die wenigen Wacht�rme ebenso. Weiter hinten in der H�hle erkannte Hornbori Lagerh�user und Quartiere f�r Schiffer. Alles war aus Holz gefertigt. Nicht f�r die Ewigkeit gebaut, wie Zwerge es taten.</p><p>Irgendwo weit hinten in der Grotte erklang ein Horn. Hornbori zuckte zusammen. Hatte man sie entdeckt? Ein weiteres Horn ert�nte. Sein klagender Ruf wurde durch die Felsw�nde gebrochen. Unm�glich zu sagen, wo der Hornbl�ser stand.</p><p>Als Menschen von den Schiffen liefen, die Kais entlangrannten und dort Trauben bildeten, ahnte Hornbori, dass der Alarm wegen des Drachenangriffs gegeben worden war. Dennoch schlug sein Herz immer noch wie eine Trommel in seiner Brust. Es konnte, es durfte nicht anders sein! Bestimmt wurden die Wachen vom Hafen abgezogen, um gegen die Drachen zu k�mpfen.</p><p>Sollten sie nur gehen, diese verdammten Narren! Gegen Drachen k�mpfte man nicht. Zumindest nicht mit Speeren und Schwertern. Wer das versuchte, wurde zu Asche. Er musste an die K�mpfe in der Tiefen Stadt zur�ckdenken, und ihm zog sich der Magen zusammen. Niemals h�tte er sich tr�umen lassen, dass er eines Tages einen Drachenangriff auf eine Stadt befehligen w�rde. Ausgerechnet er, der das Grauen und das Leid so gut kannte.</p><p>Es waren nur Menschenkinder, ermahnte er sich in Gedanken. Und sie hatten den verdammten Krieg angefangen! Kurz fragte er sich, ob die Drachenelfen, die damals den Angriff auf die Tiefe Stadt unterst�tzt hatten, genauso gedacht hatten? <emphasis>Es sind nur Zwerge. Und sie haben den Krieg angefangen. Warum waren sie auch so dumm,</emphasis><emphasis>Drachen zu ermorden?</emphasis></p><p>�Was ist das f�r ein L�rm?�</p><p>Hornbori war dankbar, von Ulurs Stimme aus seinen Gedanken aufgeschreckt zu werden. �Die Drachen�� sie tun ihr Werk und verbreiten Schrecken.�</p><p>Von unten kam ein undeutliches Gebrummel. Wahrscheinlich Ulurs Kommentar, was er davon hielt, mit Drachen zusammen zu k�mpfen.</p><p>Ihr Boot steuerte eine breite Felss�ule an, bei der es zu beiden Seiten eine lange Kaimauer gab, an der nur wenige Schiffe vert�ut lagen. Ein guter Platz, um anzulegen. In regelm��igen Abst�nden f�hrten dort Steintreppen bis zur Wasserlinie hinab. Hornbori winkte den anderen Zwergen zu, die als Ausguck auf den Aalen standen, und deutete zu dem Kai.</p><p>Ihre Flotte teilte sich und umrundete rechts und links die fast drei�ig Schritt breite Felss�ule. Hornbori mochte diese riesige Grotte. Er stellte sich vor, was er �ndern w�rde, wenn er der F�rst von Asugar w�re. Dieser Ort hier war wie geschaffen f�r eine Zwergenstadt. Ob die Himmelsschlangen ihm die Stadt �berlassen w�rden? Der Goldene hatte mit keinem Wort erw�hnt, was zu tun war, wenn sie Asugar erobert hatten. Sollten sie bleiben oder wieder abziehen?</p><p>Pl�tzlich ert�nte fast direkt �ber ihnen ein Horn. Es klang anders als die �brigen. Der W�chter blies drei kurze St��e. Hornbori fuhr herum. Keine f�nf Schritt �ber ihnen standen zwei M�nner auf einem Felssims. Der Linke, eine korpulente, pausbackige Gestalt, griff nach einem Bogen, zog einen Pfeil auf die Sehne und schoss. Er verfehlte Hornbori um mehrere Schritt. Der Zwerg sah, wie dem Menschensohn vor Aufregung die H�nde zitterten, als er in seinen K�cher griff und einen weiteren Pfeil hervorzog.</p><p>Noch nahm kein weiterer Hornbl�ser das Signal auf. Der Alarm schien im L�rm, den die �brigen Signalbl�ser machten, untergegangen zu sein. Sie mussten jetzt schnell sein, dachte Hornbori, ohne die beiden auf dem Sims aus den Augen zu lassen. Sein ganzer Plan beruhte darauf, dass sie die Menschenkinder �berraschten und zumindest den unterirdischen Teil der Stadt im Sturm eroberten.</p><p>�Schneller!�, rief der Heermeister durch das Luk hinab. �Stemmt euch in die Pedale!�</p><p>Ulur kam grummelnd die Leiter hoch, schob den Kopf durch das Ausstiegsluk und sah sich um. �Verdammt gute Sicht�, murmelte er �berrascht und beugte sich vor. �Zwei Strich backbord! Halbe Fahrt!�, rief er zur Mannschaft herab.</p><p>Das durfte nicht wahr sein! Sie wurden langsamer statt schneller, jetzt, da es auf jeden Augenblick ankam. Der n�chstgelegene Anlegeplatz war noch fast hundert Schritt entfernt. Schon zogen die ersten Aale an ihnen vorbei und strebten den vorderen Liegepl�tzen am Kai entgegen. �Wir sollten nicht langsamer���</p><p>�Das ist mein Boot, Heermeister. Und ich werde es nicht gegen die verdammte Hafenmauer dort vorne rammen, nur weil du es eilig hast!�</p><p>Etwas prallte mit einem metallischen Pling vom Rumpf ab. �Wir sind ein gutes Ziel�, erkl�rte Hornbori und musste sich zwingen, nicht den Kopf zwischen die Schultern zu ziehen. �Wir sind der gr��te Aal. Ich wette, wir werden am meisten abbekommen.�</p><p>�Angst?� Ulur grinste breit und zeigte ihm dabei �berraschend wei�e Z�hne.</p><p>�Ich bin Hornbori Drachenfaust�, entgegnete der Heermeister gro�spurig, auch wenn ihm eigentlich das Herz in die Hose gerutscht war. Er sah, wie der Bogensch�tze auf dem Felssims einen weiteren Pfeil auf die Sehne legte. Sie sollten hier weg. Und das nicht mit halber Fahrt!</p><p>�Ich glaube nicht, dass mich hier irgendetwas umbringen kann.�</p><p>Jedenfalls nicht, wenn es meine unverwundbare Hand trifft, dachte der Heermeister bei sich und legte in feierlicher Geste seine Hand auf sein Herz. Es war Zeit, dass er an seiner Legende arbeitete. Wenn er Ulur beeindruckte, w�rde das seinem Ruf guttun. Der Kapit�n der <emphasis>Wilden Sau</emphasis> war selbst eine legend�re Gestalt. Wenn der Dicke lobend �ber ihn sprach, dann w�rde das weite Kreise ziehen. �Ich kann es nicht erwarten, meine M�nner zum Sieg zu f�hren. Schnell und t�dlich, so soll dieser Angriff verlaufen.�</p><p>Wieder prallte etwas vom Rumpf des Aals ab. Zum Gl�ck war der Kerl dort oben ein lausiger Sch�tze. Dennoch sp�rte Hornbori, wie sein Herz schneller zu schlagen begann. Zu voller Gr��e aufgerichtet war er ein erstklassiges Ziel. Ulur hingegen streckte nur den Kopf aus dem Luk. Er musste ihn hier hochlocken. Der fette Kapit�n gab ein wesentlich besseres Ziel ab, als er es war.</p><p>�Du siehst, ich stehe unter Beschuss, ohne zu weichen. So wie auf der Eisebene. Nicht jeder tut das. Ich bin meinen M�nnern ein Beispiel!�</p><p>Ulurs buschige Brauen ruckten zusammen. Er stie� einen schnaubenden Laut aus und stemmte sich aus dem Luk hoch. �Willst du etwa andeuten���</p><p>�Andeuten?�, fragte Hornbori unschuldig. �Ich sage immer geradeheraus, was ich denke.�</p><p>Der massige Kapit�n baute sich vor ihm auf. Sehr gut! Er verstellte dem verdammten Sch�tzen fast vollst�ndig das Schussfeld. Allerdings war es besser, wenn dem Dicken nichts geschah. Er war ein guter Bootsf�hrer.</p><p>�Nyr! Komm herauf und bring deine Armbrust mit. Es gibt Arbeit f�r dich. Ein bisschen hurtig, wenn ich bitten darf.�</p><p>Wieder ert�nten die drei kurzen, abgehackt klingenden Hornrufe. Zugleich legte der erste Aal an der steinernen Mole an. Noch f�nfzig Schritt, dann h�tte auch die <emphasis>Wilde Sau</emphasis> einen Ankerplatz erreicht. Es konnte fast nichts mehr schiefgehen.</p><p>Erneut ert�nte das Hornsignal. Diesmal klang es lauter und deutlicher. Der �brige L�rm nahm ab. Die langen Hornst��e, die vom �berfall auf die Oberstadt k�ndeten, verebbten.</p><p>Nyr kam durch das Luk gestiegen.</p><p>�Bring den da oben zum Schweigen!�, befahl Hornbori und deutete auf den W�chter mit dem Horn. �Daneben ist ein Bogensch�tze, der auf uns zielt.�</p><p>Ein weiterer Pfeil flog in ihre Richtung und prallte zwei Schritt vor Ulur auf die Eisenplatten des Aals. Nyr l�chelte breit, w�hrend er seine Armbrust spannte. �Verstehe, mieser Sch�tze.� Er hob die Armbrust und schien nicht einmal zielen zu m�ssen. Nyr zog den Abzug durch, und im n�chsten Augenblick wurde der Hornbl�ser nach hinten gerissen.</p><p>Ein Seil wurde ihnen vom Kai aus zugeworfen. Ulur fing es geschickt auf und zog den Aal dicht an den Landungssteg. Sie lagen so tief im Wasser, dass die schmutzige Mauer knapp drei Schritt �ber ihnen aufragte.</p><p>Etwas schrammte �ber Hornboris Wange, und ein metallisches Klirren erklang.</p><p>Nyr pfiff durch die Z�hne. �Jetzt hat er sich eingeschossen. Zwei Fingerbreit weiter links und du l�gst tot im Hafenbecken.�</p><p>Ungl�ubig tastete sich der Heermeister �ber die Wange. Helles Blut war auf seinen Fingern.</p><p>�Ja, der Idiot da oben hat dich fast erledigt.�</p><p>Nyr hatte nachgeladen und hob die Armbrust. Diesmal lie� er sich einen Augenblick Zeit zu zielen. Erneut zog er den Abzugshebel durch. Der Bogensch�tze zuckte. Die Waffe entglitt seiner Hand, aber er blieb aufrecht an der Felss�ule stehen. In seine Stirn war ein blutiges Loch gestanzt. Der Armbrustbolzen schien den Toten auf den Fels genagelt zu haben.</p><p>�So geht das, Junge.� Nyr sagte das v�llig beil�ufig, als h�tte er dem anderen nur eine freundschaftliche Lektion erteilt.</p><p>Hornbori war einigerma�en �berrascht. Diese Seite des sonst so stillen Richtsch�tzen kannte er kaum. Es schien Nyr �berhaupt nichts auszumachen, gerade zwei Menschenkinder get�tet zu haben, die ihm im Grunde wehrlos ausgeliefert gewesen waren. War das derselbe Nyr, der es verwerflich gefunden hatte, diese Stadt dem Drachenfeuer zu �berlassen?</p><p>�Alles in Ordnung?�, fragte der Richtsch�tze und sah ihn besorgt an.</p><p>Hornbori nickte und tastete noch einmal �ber seine Wange. �Ist nur �ne kleine Schramme�, sagte er mit fester Stimme. Dann griff er auf seinen R�cken und zog seine neue Axt, Sch�delspalter, aus den Halteschlaufen. Es f�hlte sich gut an, die Waffe in H�nden zu halten. Sie war gut ausgewogen und erstaunlich leicht. Schon w�hrend der Reise hatte sie die Aufmerksamkeit der Besatzung erweckt, und er hatte ein Geheimnis daraus gemacht, woher er sie hatte. Sollten die M�nner ruhig irgendwelche Geschichten erfinden. Alles war besser als die Wahrheit. Zwerge, die Geschenke von Drachen annahmen, waren nicht sonderlich beliebt.</p><p>Galar kam aus dem Luk geklettert. Ihm stand die Mordlust in die Augen geschrieben. Er durfte ihm nicht die Heldenrolle �berlassen. Also ging Hornbori zum Bug und war mit einem weiten Schritt auf der Steintreppe, die hinauf zum Kai f�hrte. Entschlossen erklomm er die Stufen. Oben auf der Anlegestelle waren bereits andere Zwerge. Es war ungef�hrlich�� Und dennoch war er als Erster von seiner Besatzung beim Angriff von Bord gegangen. Er grinste zufrieden. Das war gut f�r seinen Ruf.</p><p>Er sah sich nach einem seiner Hauptleute um und entdeckte Ginnar aus Ishaven. Ginnar schickte gerade einen Trupp Armbrustsch�tzen die Mole hinauf, um ihre Anlegestellen gegen einen Angriff der Menschenkinder zu sichern.</p><p>�Widerstand?�</p><p>Ginnar drehte sich zu ihm um. Er hatte ein Gesicht wie ein Totensch�del. Die untere H�lfte war rot vernarbt, seit die Kobolde der Eisb�rte ihn schwer verwundet hatten. Sie hatten ihn f�r tot gehalten und ihm seinen Bart samt der Haut darunter abgezogen, um daraus eine ihrer widerw�rtigen Troph�en zu fertigen.</p><p>�Kein organisierter Widerstand, Heermeister. Wir haben sie bei den Eiern.�</p><p>�Dann ist es an der Zeit, ihre Eier ein bisschen zu quetschen!� Hornbori hob die Axt hoch �ber den Kopf. �Vorw�rts, M�nner. St�rmen wir die Aufg�nge zur Oberstadt!�</p><p>Jetzt erklang auch vor ihnen das Alarmsignal aus den drei kurzen Hornst��en, aber es war zu sp�t. Hornbori sah �ber seine Schulter. Schon fast hundert Zwerge waren auf dem Kai.</p><p>�Vorw�rts, M�nner!� Er rannte los und achtete sorgsam darauf, nicht aus Versehen der Vorderste in der Angriffsreihe zu sein.</p></section><section><title><p>S�ulentrommeln</p></title><p>�Schei� auf Vorsicht!�, fluchte Galar und st�rmte um die Ecke.</p><p>Nyr setzte ihm sofort nach, die Armbrust im Anschlag. Der Schmied war einfach zu ungeduldig! Das Gew�lbe, das sie betraten, war finster. Hier, tief im Berg, gab es dieses seltsame blaue Licht, das die Hafengrotte erhellt hatte, nicht mehr.</p><p>Den Hafen hatten sie einfach gest�rmt, aber in dem Labyrinth aus H�hlen, Tunneln und Zisternen, das die Steilklippe durchzog, leisteten die Menschenkinder �berraschend z�hen Widerstand.</p><p>�Sch�n, dass ihr flucht, bevor ihr angreift!�, erklang eine m�de Zwergenstimme vor ihnen im Dunkel.</p><p>Die Blende einer Laterne wurde ge�ffnet, und ein Keil aus Licht schnitt durch die Finsternis. Nyr erkannte mehrere Krieger, die neben dem Eingang zu einem weiteren Tunnel an der Felswand lehnten.</p><p>�Was ist los?�, ging Galar sie an. �Keinen Mumm mehr?�</p><p>Der Lichtstrahl schwenkte zur Seite und beleuchtete mehrere steinerne Zylinder, die zwischen zerkn�llten Decken und Lumpen lagen. Das Gew�lbe schien als Schlafsaal gedient zu haben.</p><p>�Du kannst gerne vorgehen, Gro�maul. Wirst �ber f�nf meiner M�nner hinwegsteigen m�ssen. Aber ich denke, allzu hoch musst du deine F��e dabei nicht mehr heben. Die Menschenkinder haben sie plattgemacht. Richtig platt���</p><p>�Mit welchem Schisser spreche ich?�</p><p>Nyr seufzte. Galar war w�tend. Seit Stunden hatten sie sich Schritt um Schritt durch den Berg h�hergek�mpft und keine einzige Schie�scharte gefunden. Keine �ffnung nach au�en, nichts. Dabei musste es sie geben, denn die Luft im Tunnelsystem war einigerma�en gut.</p><p>Wieder schwenkte der Strahl der Laterne. Er beleuchtete ein gr�ssliches, rot vernarbtes Kinn und zornige, dunkle Augen. �Ich bin Ginnar. Nenn mich noch einmal Schisser, und du bist ein toter Mann.�</p><p>�Was h�lt euch auf?�, fragte Nyr, bevor Galar mit der n�chsten Frechheit die Stimmung anheizte.</p><p>�Da oben muss es eine Steinmetzwerkstatt geben. Die St�mper fertigen ihre S�ulen aus mehreren Segmenten, die jeweils unter einem Schritt hoch sind. Die werden �bereinandergestapelt, und fertig ist die S�ule. Vern�nftige Arbeit ist was anderes�� Ich bin Steinmetz, ich wei�, wovon ich spreche. Und meine S�ulen sind aus einem St�ck. Nur die Kapitelle und Sockel fertige ich gesondert. So geh�rt sich das, wenn���</p><p>�Und weshalb st�rmt ihr die verfluchte Werkstatt nicht? Liegt es daran, dass du mehr Steinmetz als Krieger bist?�</p><p>Nyr seufzte. Warum konnte sich Galar nicht ein einziges Mal diplomatisch verhalten?</p><p>Ginnar machte eine einladende Geste in Richtung des Tunneleingangs. �Wei�t du was, Gro�maul. Geh doch einfach rein und finde es selbst heraus.�</p><p>Galar hob seine Axt. �Genau das werde ich jetzt tun.�</p><p>�Wollen wir nicht���</p><p>�Bist du jetzt auch ein Schisser?�, fuhr Galar ihn an und st�rmte in den Tunnel.</p><p>Nyr hasste es, wenn sein Freund so war. Mit schwerem Herzen wollte er ihm folgen, als Ginnar ihm in den Weg trat. �Tu das nicht, Kamerad. Nach ein paar Schritt kommt eine steile Treppe. Wenn ihr etwa auf der Mitte seid, rollen sie die n�chste S�ulentrommel hinab. Lass den Idioten alleine sterben. Ihr m�sst nicht beide draufgehen.�</p></section><section><title><p>Der Rechenfehler</p></title><p>Als Galar keine Schritte hinter sich h�rte, war er ernstlich �berrascht. Nyr hatte er bislang nicht f�r einen Schisser gehalten. Dass sein Kamerad ihm nicht folgen w�rde, h�tte er nicht f�r m�glich gehalten. Vielleicht hatte er einen Fehler gemacht.</p><p>Es war so dunkel in dem verdammten Tunnel, dass er kaum die Axt in seinen H�nden sah. Er sp�rte einen leichten Luftzug auf dem Gesicht. Irgendwo dort vor ihm musste es eine �ffnung im Felsen geben. Sie mussten sie erreichen, bevor es zu sp�t war. Seit Stunden schon fragte er sich, was wohl in der Oberstadt geschah. Was w�rden die Drachen tun, wenn sie alles niedergebrannt hatten? Er kannte die Befehle nicht, die Hornbori den verfluchten Bestien erteilt hatte. Falls der aufgeblasene Angeber ihnen �berhaupt Befehle erteilen durfte und nicht blo� schleimerisch um ihre Hilfe gebettelt hatte.</p><p>Galar spuckte aus und ging rascher vorw�rts. Er durfte sich nicht aufhalten lassen, dachte er und sp�rte zugleich, wie sich sein Innerstes vor Anspannung zusammenzog. Nat�rlich war es nicht klug, hier alleine vorzust�rmen. Aber wer klug war, blieb im Krieg besser gleich zu Hause. Er musste irgendeine �ffnung in diesem verdammten Felsen finden! Einen Platz, von dem aus man den Himmel sehen konnte.</p><p>Wenn es hier nichts mehr zu verbrennen gab, dann w�rden die Drachen abziehen. Sie w�rden einfach nach Albenmark zur�ckkehren. Galar dachte daran, wie er Hornboris Pl�ne unterst�tzt hatte. Er, ein Zwerg aus der Tiefen Stadt, hatte daf�r gestimmt, eine weitere Stadt dem Drachenfeuer zu �bergeben. Er hatte es nur deshalb getan, weil er ganz sicher davon ausgegangen war, dass er und Nyr Gelegenheit haben w�rden, zwei oder drei der Bestien umzubringen. Aber die Menschenkinder leisteten z�heren Widerstand, als alle erwartet hatten. Und bisher gab es keine verfluchten Luftschlitze und Schie�scharten in diesem beschissenen Felsen. Tr�nen der Wut traten dem Schmied in die Augen. Er hatte f�r die Vernichtung dieser Stadt gestimmt! Er schuldete den Toten mindestens einen Drachen. Mindestens�� Sein Fu� stie� gegen festen Stein. Er geriet aus dem Gleichgewicht, riss die Arme nach vorn und schlug hart auf Treppenstufen.</p><p>Fluchend rappelte er sich wieder auf und dachte an die S�ulentrommeln. War klar, dass es hier eine Treppe oder eine Rampe hatte geben m�ssen. Jetzt kam der Teil seines t�richten Plans, der nichts f�r Schisser war.</p><p>�He, ihr Menschengesocks! H�rt ihr Weich�rsche mich? Hier kommt ein Zwerg, der euch ausweiden wird.� Absichtlich fest aufstampfend, st�rmte er die Treppe hinauf.</p><p>Es waren viele Stufen. In dem engen Aufstieg gab es eine seltsame Akustik. Seine eigenen Schritte h�rte er kaum, obwohl er trampelte wie ein Auerochse. Daf�r schienen �berall um ihn herum wispernde Stimmen zu sein, so, als k�men sie direkt aus dem Felsgestein.</p><p>Es waren die Stimmen der Menschenkinder. Sie klangen angespannt, �ngstlich, beratschlagten etwas. Das waren keine kampferfahrenen Krieger, da war sich Galar ganz sicher. Warum leisteten sie so heftigen Widerstand? Ihnen w�rde nichts geschehen, wenn sie die Waffen niederlegten.</p><p>Die Dunkelheit ver�nderte sich. War da ein Hauch grauen Lichts vor ihm? Jedenfalls konnte er jetzt seine Axt sehen. Nur als vagen Schemen, aber eben noch war sie in der Finsternis verborgen gewesen. Das war kein Licht von Fackeln oder Laternen. Dort oben, am Ende der Treppe, musste es einen Raum geben, in den Tageslicht fiel. Ein Fenster zum Himmel! Er musste es sich erobern. Er war ohnehin schon zu weit, um jetzt noch umzukehren.</p><p>Die Treppe machte eine lange, sanfte Kehre. Galar trat auf etwas Weiches. Ginnars Worte �ber die Toten kamen ihm wieder in den Sinn. Er w�rde nicht nach unten blicken. Etwas knirschte unter seinen Stiefelsohlen. Der verbogene Stahl einer Axt.</p><p>Schwarz wurde zu dunklem Grau. Und er kam nicht umhin zu sehen, was auf den Treppenstufen vor ihm lag. Die gr�sslich verformten K�pfe, die flach gedr�ckten Brustk�rbe. Das Blut, das gegen die W�nde gespritzt war.</p><p>So also w�rde er aussehen, wenn er sich geirrt hatte. Galar stie� einen trotzigen, knurrenden Laut aus. Er hatte sich die S�ulentrommeln genau angesehen. Sie waren nicht einmal einen halben Schritt hoch. Der Fehler war, vor ihnen wegzulaufen. Man musste ihnen entgegenrennen und im entscheidenden Augenblick springen. Das war zu schaffen, wenn man kein Schisser war. Zu fliehen hie� sterben.</p><p>Galar folgte der weiten Kehre. Oben h�rte er das Knirschen von Stein auf Stein. Gewiss brachten sie gerade die n�chste S�ulentrommel in Position. Er w�rde es schaffen, dachte Galar. Er w�rde es schaffen!</p><p>Endlich hatte er das Ende der Kehre erreicht. Vielleicht hundert Stufen lagen noch vor ihm. Deutlich sah er nun ein Rechteck aus grauem Licht, in dem sich Schatten bewegten. Sie lie�en ihn kommen. Sie wollten diesmal wohl mit eigenen Augen ansehen, wie ihre S�ulen die Feinde zermalmten.</p><p>�Ich schaffe das�, wiederholte Galar wie ein Gebet. Er wechselte seine Axt nerv�s von einer Hand in die andere und zur�ck. �Ich schaffe das.�</p><p>Er stieg z�gig die Treppe weiter hinauf. Ein gellender Befehl erklang. Stein knirschte. Die S�ulentrommel wurde �ber die Kante der obersten Stufe gesto�en. Den Aufschlag auf die zweite Stufe sp�rte Galar als ein Vibrieren, obwohl er noch mehr als f�nfzig Treppenstufen entfernt war. Die Steinwalze f�llte fast die gesamte Breite des Aufgangs. Rechts wie links war allenfalls noch eine Handbreit Platz.</p><p>Mit erschreckender Geschwindigkeit kam die Walze auf ihn zu. Galar hatte das Gef�hl, dass seine Ged�rme sich in Wasser verwandelten. So wie sie die Treppe hinabdonnerte, sah sie deutlich eindrucksvoller aus als die S�ulentrommeln, die er eben noch im Gew�lbe bei Ginnar gesehen hatte.</p><p>Er fluchte und rannte weiter. Sie wurde immer gr��er, diese verfluchte Steinwalze. Nur noch zwanzig Treppenstufen trennten ihn von ihr. Und jetzt begriff er, welchen verh�ngnisvollen Fehler er gemacht hatte. Er musste nicht allein die S�ulentrommel �berspringen. Es ging treppauf. Er musste, selbst wenn er bis zum allerletzten Augenblick abwartete, noch mindestens eine Treppenstufe zur H�he, die er �berspringen wollte, hinzurechnen. Besser zwei. Die Stufen waren aber jeweils zwei Handbreit hoch. Mit der Erkenntnis wich ihm alle Kraft aus den Beinen. Das war zu viel! So hoch konnte er nicht aus dem Stand springen��</p><p>Der Boden vibrierte jetzt so stark, dass sich das Zittern in seinen ganzen Leib fortsetzte. Oder schlotterten ihm einfach die Glieder vor Angst? Er wurde langsamer. Dann blieb er ganz stehen. Nur noch zehn Stufen und das Schicksal w�rde ihn �berrollen. Todesursache: Hochmut und mangelnde Rechenk�nste. Und das ihm, dem T�ftler und Erfinder.</p><p>Dieser Gedanke fachte neue Wut in ihm an. Galar schleuderte seine Axt �ber die mahlende S�ulentrommel hinweg die Treppe hinauf. Dann fasste er sich ein Herz. Er w�rde es zumindest versuchen und nicht einfach nur dastehen und sich plattwalzen lassen.</p><p>Noch drei Treppenstufen.</p><p>Er riss die Arme hoch. Einfach hochzuh�pfen war keine Option. Er rannte gegen die Trommel an. Legte die H�nde flach gegeneinander und machte einen Hechtsprung. Das Gesicht voran schoss er �ber die S�ule. Seine Knie krachten auf den Stein. Einen Herzschlag lang rutschte er nach hinten. Seine H�nde griffen nach vorn, fanden Halt in der Riffelung der S�ule. Er stie� sich nach vorne ab und prallte mit der Nase voran auf die Kante einer Stufe. Mit spr�dem Knacken brach der Nasenknochen. Seine Lippen platzten, als er auf die n�chsttiefere Stufe aufschlug. Sein Mund f�llte sich mit Blut. Aus seiner Nase troff Blut und rann seinen Bart hinab.</p><p>Galar lehnte sich an die Wand und zog sich hoch. Der Schmerz in seinen Knien trieb ihm Tr�nen in die Augen. Ohne St�tze k�nnte er nicht stehen. Seitlich, im Krebsgang, den R�cken am rauen Fels, wankte er vier Stufen hinauf. Dann hob er seine Axt auf. Den lederumwickelten Griff in H�nden zu halten gab ihm Kraft. Er lehnte sich zur�ck, atmete tief durch und versuchte, den Schmerz in den Knien einfach zu ignorieren.</p><p>Oben, am Ende der Treppe, sah er Schattengestalten. Waren sie neugierig, ihr Werk zu sehen? Erneut flammte Wut in ihm auf. Er war nicht tot! Jetzt war es an diesen verfluchten Drecks�cken zu sterben!</p><p>Er k�mpfte sich vorw�rts, biss die Z�hne zusammen, dass sie wie Kiesel zwischen M�hlsteinen knirschten.</p><p>�ber ihm ert�nte ein erstaunter Ruf. Die Panik in der Stimme war un�berh�rbar. Ihre Angst war Balsam auf Galars Wunden. Er stapfte voran, steifbeinig, immer wieder schwankend und doch unerbittlich.</p><p>Zum zweiten Mal war oben das Schleifen von Stein auf Stein zu h�ren. Sie r�ckten eine weitere S�ulentrommel heran. Galar wusste, dass er nicht noch einmal davonkommen w�rde, hinkte schneller und strauchelte. Fluchend, auf die Axt gest�tzt, k�mpfte er sich wieder auf die Beine. Noch etwa zwanzig Stufen. Deutlich sah er nun die Gesichter der Menschenkinder. Ein Grauhaariger mit Oberarmen, dick wie Oberschenkel, hatte das Kommando. Das musste der Steinmetz sein.</p><p>Deutlicher h�rte Galar jetzt auch das Schleifen. Er sah, wie der stattliche Menschensohn geb�ckt an etwas zerrte.</p><p>Die Angst verlieh dem Schmied Fl�gel. Pl�tzlich war der Schmerz in den Knien vergessen. Schneller und schneller ging es voran. Kaum, dass er den Fu� auf die oberste Stufe setzte, ging der Grauhaarige mit erhobener Brechstange auf ihn los. Es war ein ebenso kraftvoller wie plumper Angriff. Galar duckte sich zur Seite und h�mmerte dem Steinmetz den Griff seiner Axt in die Ledersch�rze.</p><p>Der Menschensohn stie� einen Laut aus, der wie das Zischen eines undichten Blasebalgs klang. Er taumelte von Galar fort. Die schwere Eisenstange entglitt seinen H�nden.</p><p>Drei Gehilfen standen um den Meister versammelt. Allesamt kr�ftige, junge Kerle. Allesamt Handwerker, so wie er einer war, dachte Galar. Er wollte nicht gegen sie k�mpfen!</p><p>Mit einem rasenden Schrei st�rzte ein J�ngling, dem kaum der erste Flaum auf den Wangen wuchs, auf ihn los, mit nichts als einem Hammer bewaffnet. Galar unterlief ihn, rammte ihm den Kopf in den Magen und lie� seine Axt zur Seite schwingen, um die anderen auf Abstand zu halten.</p><p>Der verletzte Steinmetz sah kurz zu seinem Lehrling, der sich den schmerzenden Bauch hielt, und wollte nach der Brechstange greifen, die am Boden lag, doch Galar setzte den Fu� darauf. Er hob die Axt und deutete an, dass es ihm ein Leichtes w�re, den Grauhaarigen niederzumachen. Einen Moment lang begegneten sich ihre Augen. Die des Steinmetzen waren von hellem, fr�hlingshaftem Gr�n. Sein Gesicht, von den feinen Narben eines Lebens zerfurcht, in dem Steinsplitter in dieses Antlitz gespritzt waren. Er war ohne Zweifel ein harter, starker Mann. Doch der Menschensohn begriff auch, dass dieser Fremde ihm �berlegen war. Dass Blut flie�en musste, wenn er noch einmal versuchte anzugreifen.</p><p>Galar nickte in Richtung der T�r, die dem Durchgang, den er erst�rmt hatte, gegen�berlag. Er las in den Augen des Steinmetzen, dass dieser verstanden hatte.</p><p>Der Menschensohn rief etwas. Seine M�nner wirkten gleicherma�en �berrascht wie erleichtert. Dann nahmen sie die Beine in die Hand und st�rmten aus der Werkstatt.</p><p>Galar st�tzte sich mit einem erleichterten Seufzer auf die S�ulentrommel, die bis fast an den Rand der Treppe ger�ckt war. Er war einfach zu zerschunden zum K�mpfen gewesen. Aber das war es nicht allein. Er hatte in dem Steinmetz ein Spiegelbild seiner selbst gesehen. Ein Handwerker, der mit dem Mut der Verzweiflung focht, als die Drachen kamen. Er tastete nach seiner Nase, und ein stechender Schmerz trieb ihm erneut Tr�nen in die Augen. Sie war gebrochen. Er zog den Rotz und das geronnene Blut hoch und spie es auf den Boden.</p><p>�He, ihr Schisser da unten! Ich hab den Weg frei gemacht. Kommt rauf.�</p><p>Dann sah er sich um. Die Steinmetzwerkstatt war erstaunlich gro�. Eine Kaverne, mehr als zehn Schritt lang und f�nf Schritt weit. Auf der einen Wand war ein Hochrelief begonnen worden. Eine Arbeit, die Schiffe vor einer Hafenstadt zeigte. Offensichtlich hatte der K�nstler aber bald die Lust verloren. Sieben weitere S�ulentrommeln in verschiedenen Stadien der Bearbeitung lagen herum. Der Boden war mit feinem Steinmehl und Hunderten Splittern bedeckt. Rechts neben dem Eingang gab es einen weiten Durchgang auf ein Felssims. Galar trat hinkend durch diesen Ausgang und blickte zum grauen Morgenhimmel. Immer noch kreisten Drachen �ber der Stadt.</p><p>Hoch �ber dem Sims ragte ein Kran �ber die Steilklippe hinaus. Soweit Galar sehen konnte, war er nicht vom Drachenfeuer besch�digt. Ein dickes Hanfseil reichte bis zum Sims hinab, auf dem noch acht weitere S�ulentrommeln standen, offensichtlich bereit, hochgezogen zu werden, um ihren Platz in irgendeinem Prachtbau zu finden.</p><p>Galar betrachtete das Seil, das leicht in der Morgenbrise hin und her schwang. Wenn man halbwegs lebensm�de war und bereit, etwa vierzig Schritt hochzuklettern, gelangte man auf diesem Weg zu den unteren Ausl�ufern der Oberstadt. Galar blickte hinab. Er hielt etwas Abstand vom Rand des Simses, denn es gab keine Mauer oder auch nur ein Gel�nder. Es ging geradewegs in die Tiefe. Etwa achtzig Schritt? Er war nicht gut darin zu sch�tzen. Das dunkle Meer streckte wei�e Gischtfinger den Fels hinauf.</p><p>Galar wurde ein wenig schwindelig, und er trat hastig einen Schritt zur�ck. Nein, in einen Abgrund zu blicken, das war nichts f�r ihn�� Ein gellender Schrei unterbrach seine Gedanken. Vom Meer aus flog ein gr�ner Drache geradewegs auf ihn zu. Ein Bullenw�rger! Leicht zu erkennen an den Hornplatten, die aufrecht, fast wie ein Kr�nchen, von seinem Kopf aufragten. Die Bestie riss das Maul auf.</p><p>Galar lie� sich fallen. Ihm war bewusst, dass es hier drau�en auf dem Sims, ganz ohne Deckung gegen das Feuer, kaum helfen w�rde.</p><p>Ein zweiter Schrei erklang. Dunkler, kehliger. Der Bullenw�rger drehte ab. �ber dem Sims ruderte ein roter Sonnendrache mit ausgebreiteten Schwingen. Sein Schweif peitschte unruhig. Hatte er den Bullenw�rger zur�ckgerufen?</p><p>�Ich schulde dir gar nichts�, murmelte Galar. �Gar nichts.� Er stemmte sich auf alle viere hoch. Links von ihm war eine steil abfallende Rampe in das Sims geschlagen. Wahrscheinlich wurde hier der Bruchstein aus der Werkstatt hinabgefegt.</p><p>�Huldigst du den Drachen, oder hat dich ihr Anblick einfach nur umgehauen, Schisser?�</p><p>Neben Galar erschien ein Paar st�mmiger Beine in Wickelgamaschen. Der Schmied drehte sich zur Seite und sah zu Ginnar auf. Der vernarbte Zwerg streckte ihm eine Hand entgegen. �Daf�r, dass du die Treppe gest�rmt hast, spendier ich dir irgendwann einmal ein Fass Pilz. Aber nur, wenn du mir erz�hlst, wie du die Begegnung mit der S�ulentrommel �berlebt hast.�</p><p>Galar stand nicht der Sinn nach Verbr�derung. �Harter Sch�del, das ist das ganze Geheimnis.�</p><p>Ginnars geh�utetes Gesicht verzog sich zu einem absto�enden Grinsen. �Siehst wirklich so aus, als h�ttest du versucht, den Stein mit deiner Fresse aufzuhalten.� Er machte eine Geste zum H�hlengew�lbe. �Wo sind die Toten?�</p><p>�Die hatten l�ngere Beine als ich. Als sie gesehen haben, dass sie mich nicht umbringen konnten und ich stinksauer die Treppe hinaufkam, haben sie lieber das Weite gesucht.�</p><p>Ginnar strich sich nachdenklich �ber das rote Kinn. �Nicht dumm, die Menschenkinder. Nicht dumm.�</p><p>Galar erhob sich. Verschei�erte ihn Ginnar? Er konnte diesen Zwerg aus Ishaven �berhaupt nicht einsch�tzen.</p><p>Als der Schmied vom Sims zur�ck in die Werkstatt humpelte, war auch Nyr dort. Sein Freund wirkte verlegen und wich seinem Blick aus. Sollte er sich ruhig noch etwas sch�men.</p><p>�Wir ziehen uns zur�ck, Jungs.� Ginnar trat an den Durchgang zur Treppe nach unten.</p><p>�Was?� Galar traute seinen Ohren nicht. �F�nf deiner M�nner sind tot�� gestorben f�r diese H�hle.�</p><p>Ginnar zuckte mit den Schultern. �So ist das im Krieg. Als du hier heraufgelaufen bist, hat uns ein Bote des Heermeisters erreicht. Wir sollen uns sammeln, um mit geballter Kraft einen Durchbruch zu versuchen, statt uns im Labyrinth zu verzetteln.�</p><p>�Sch�n, dass du mir nichts zu befehlen hast, Ginnar.�</p><p>Der Bartlose sah zu dem Aufstieg, durch den die Menschen geflohen waren. �Zwei Mann sollten ausreichen, diesen Durchgang zu verteidigen. Irgendwelche Freiwilligen au�er diesem Verr�ckten hier?�</p><p>Nyr trat vor. �Ich bleibe bei ihm.�</p><p>Galar war �berrascht von dieser Wendung, blieb aber misstrauisch. �Brauchst du meinen Namen, um mich beim Heermeister zu melden?�</p><p>�Galar der Schmied hat einen gewissen Ruf, du brauchst dich nicht vorzustellen.� Er nickte Nyr zu. �Dann w�re also klar, wer die Freiwilligen sind.� Ginnar winkte seinen M�nnern. �Gehen wir, die Zeit dr�ngt. Es ist heller Tag, und wir haben diese verfluchte Klippe noch immer nicht erobert. Wir, die Tunnelk�mpfer, stecken in diesem verfluchten Labyrinth fest.�</p><p>Seine Krieger folgten dem Bartlosen ohne Widerworte, doch Galar konnte in ihren Augen den Zorn sehen. F�nf ihrer Kameraden waren gestorben. Zerquetscht! Wof�r?</p><p>Ginnars schwere Schritte verhallten auf der Treppe nach unten.</p><p>�Wirst du aus ihm schlau?� Nyr lehnte seine Armbrust an die Wand und �ffnete den Beutel mit den Bolzen.</p><p>�Muss ich das?�</p><p>Sein Freund sah ihn nachdenklich an. �Aus dir werde ich auch nicht mehr schlau. Du hast sie laufen lassen, die M�rder unserer Kameraden, nicht wahr?�</p><p>�Sie hatten l�ngere Beine als ich. Und hinken taten sie auch nicht.� Er sah Nyr an, dass er ihm das nicht abnahm. �Also gut�� Sie hatten es nicht drauf. Ein Trupp Steinmetze. Handwerker, keine Krieger. Ich h�tte sie alle niedermachen k�nnen, aber�� Ich konnte es nicht. Sie verteidigen doch nur ihre Stadt. So wie wir damals.� Die letzten Worte waren nur noch ein Fl�stern gewesen. Er f�hlte sich, als h�tte er einen kopfgro�en Granitblock im Magen.</p><p>�Du hast also doch so etwas wie ein Gewissen.�</p><p>Galar schwieg. Was sollte er dazu sagen? Er hatte getan, was getan werden musste.</p></section><section><title><p>Angepisst</p></title><p>Nyr fand in einer Ecke eine zerfetzte Decke. Nur ein Lumpen, voller Dreck und Steinstaub, der urspr�nglich einmal grau gewesen war. Genau so etwas brauchte er jetzt.</p><p>Er sah kurz zu Galar, der trotz seines l�dierten Beins nerv�s auf und ab ging. Nyr hatte seinen Freund selten in so aufgekratzter Stimmung erlebt. Er war ein Veteran, sie hatten in zahllosen K�mpfen Seite an Seite gefochten. In einer Schlacht zu stehen sollte ihn also nicht so nerv�s machen. War es die Erinnerung an die Tiefe Stadt, die Galar den Frieden nahm?</p><p>Nyr hob die Decke auf, darauf bedacht, dass m�glichst kein Schmutz abfiel.</p><p>�Was wird das?� Galar wirkte sichtlich irritiert und hielt in seinem endlosen Marsch inne.</p><p>�Deckung.�</p><p>�Versteh ich nicht.�</p><p>Nyr deutete auf den Durchgang. �Ich muss hinaus auf diese Rampe. Das ist ein idealer Ort, um auf einen Drachen zu warten, der unter mir vorbeifliegt.�</p><p>Galar runzelte die Stirn. �Ein beschissener Ort ist das. Du wirst da hinabrutschen, du hirnloser���</p><p>�Ich seile mich an�, entgegnete Nyr ruhig. �Genau so, wie ich es mache, wenn ich in einem Baum auf der Lauer liege. Du wirst die Decke �ber mich breiten und Steinsplitter darauf streuen. Und dann wirst du dich unsichtbar machen. Hier drinnen muss alles ruhig und verlassen wirken. Denn wenn wir den ersten Drachen gemeuchelt haben, werden sie misstrauisch werden und alles noch genauer absuchen. Am besten gehst du ein St�ck die Treppe hinab.�</p><p>Galar schnitt eine Grimasse. �Das ist nicht meine erste Drachenjagd. Ich���</p><p>�Du f�hrst dich aber so auf. Ich m�chte hier lebend herauskommen, verstehst du?�</p><p>Der Schmied grummelte etwas vor sich hin.</p><p>Nyr entschied sich, ihn zu ignorieren. Galar konnte einem gelegentlich den letzten Nerv rauben, aber er war kein Idiot. Er w�rde es nicht vermasseln. Der Sch�tze l�ste das d�nne Seil von seinem G�rtel, das er fast jedes Mal mit in die Schlacht nahm. Ein Ende schlang er um seinen rechten Kn�chel, dann pr�fte er die Schlinge und reichte Galar zufrieden das andere Ende des Seils. �Dort hinten ist eine Eisenstange in den Boden gerammt. Mach das Seil daran fest. Und tarne es mit Schutt und Dreck, sodass es unsichtbar wird.�</p><p>Galar drehte das Seilende unschl�ssig in der Hand. �Bist du sicher, die Bolzen werden ausreichen, sie zu t�ten?�</p><p>�Bei den Alben! Nat�rlich sind die Bolzen t�dlich! Hast du vergessen, was Glamir getan hat? Der Drache auf dem Marktplatz von Wanu? Was w�re ein besserer Beweis?�</p><p>�Er konnte ihn nicht verfehlen�, sagte Galar mit tr�bseliger Stimme. �Der Drache hat sich unmittelbar vor ihm aufgerichtet. Aber ein fliegender Drache�� Und sie werden ein ganzes St�ck entfernt sein.�</p><p>�Aus diesem Grund schie�e ich und nicht du.� Nyr l�chelte. �Du bist der Schmied, ich der Sch�tze. Wie kannst du den Bolzen misstrauen, die du selbst erschaffen hast?� Er zog eines der Geschosse aus dem ledernen Beutel an seinem G�rtel. �Wenn es dich beruhigt, werde ich keinen Bolzen mit einer Vierkantspitze nehmen, sondern einen von diesen hier.�</p><p>Ehrf�rchtig betrachtete Nyr das kleine Geschoss. Wie Glamir und Galar das schier unzerst�rbare Metall aus der geheimnisvollen Wand, tief unter Glamirs Turm, in diese Form gezwungen hatten, war ihm ein R�tsel. Die beiden hatten nie dar�ber reden wollen. Die Spitze des Bolzens war so beschaffen, dass, sobald sie aufschlug, seitlich Klingen ausklappten, die ein wenig l�nger als ein Fingernagel waren. Nichts hielt diese Geschosse auf. Sie durchschlugen sogar etliche Schritt dicke Felsw�nde. �Wei�t du, was das hier anrichten wird?�</p><p>Galar grunzte etwas Unverst�ndliches.</p><p>�Ein Armbrustbolzen dreht sich im Flug um seine eigene Achse. Dieses Geschoss wird ein Loch so gro� wie mein Handteller in einen Drachen rei�en�� Nein, kein Loch�� es wird ein Tunnel durch sein Fleisch sein. Diese Pfeile k�nnen einen Drachen auf ganzer L�nge durchschlagen. <emphasis>Das</emphasis> w�rde nicht einmal eine Himmelsschlange �berleben.�</p><p>Der Schmied zog eine Grimasse. �Himmelsschlangen sind was Besonderes���</p><p>�Ja, aber hier haben wir es mit ganz normalen Drachen zu tun. Sie sind zwar gro�, aber wir werden sie vom Himmel holen!�</p><p>�Ganz sicher?�</p><p>Es schmerzte Nyr, die Qual in den Worten seines Freundes zu h�ren. Der Schmied hatte eine ganze Stadt dem Flammentod �berantwortet, um Gelegenheit zu haben, Drachen zu t�ten. Es musste gelingen! Die Tyrannen mussten bluten! Und selbst das w�rde ihm sein Gewissen kaum erleichtern, auf dem nun Hunderte Tote lasteten, die er ihrer Fehde mit den Drachen geopfert hatte.</p><p>Der Geruch des Flammentods zog von der Stadt herab und nistete sich in Nyrs Nase ein. Es roch nach Gebratenem. Lange hatte er nach dem Untergang der Tiefen Stadt kein Fleisch mehr essen k�nnen. Der Geruch hatte ihn einfach nicht mehr verlassen wollen, als h�tte das Feuer ihn in seine Nase eingebrannt. Das Fleisch der Menschen roch nicht anders als jenes der Zwerge damals.</p><p>�belkeit stieg in ihm auf. Er versuchte, sich auf die Drachen zu konzentrieren. Ein Bullenw�rger flog dicht an den Felsen vorbei. Er schien Galar misstrauisch zu be�ugen. Dieses kleine Biest war kein Ziel, entschied Nyr. Er wollte einen gro�en Drachen, einen, bei dem es sich auch lohnte, den unersetzlichen Armbrustbolzen zu verlieren. Am liebsten einen der gro�en roten Sonnendrachen.</p><p>Nyr legte sich in Lauerstellung auf das absch�ssige Sims, die Armbrust vor sich. �Deck mich zu�, forderte er Galar auf.</p><p>Sein Freund breitete die alte Wolldecke �ber ihm aus und streute Dreck und Steinsplitter dar�ber. �Sieht aus wie der Abfallhaufen einer Steinmetzwerkstatt�, erkl�rte der Schmied schlie�lich zufrieden.</p><p>Nyr h�tte sich das Werk gerne selbst angesehen, doch hie�e das, alle Arbeit zunichtezumachen. Er musste darauf vertrauen, dass Galar das schon hinbekommen hatte.</p><p>Der Sch�tze ertappte sich dabei, wie seine Finger nerv�s gegen den Schaft der Armbrust trommelten. Ganz ruhig, ermahnte er sich stumm. Alles wird gut gehen! Er atmete langsam aus und stellte sich vor, wie er mit der Waffe dem Flug eines Drachen folgte, vor ihn zielte, um seine Flugbewegung auszugleichen, und dann den Abzugshahn durchdr�ckte. Und dann? Es w�rde nur Augenblicke dauern, bis etliche Drachen herangeflogen kamen, um sich um ihren Gef�hrten zu k�mmern. Sie w�rden oben in der Stadt nach dem Sch�tzen suchen, aber auch in den H�hlen, die sich zum Meer hin �ffneten. War sein Versteck sicher genug? Konnten sie ihn vielleicht durch die Wolldecke hindurch sehen? Einige der Drachen waren immerhin Zauberweber. Oder w�rden sie bemerken, wie sich die Decke leicht hob und senkte, wenn er atmete?</p><p>�Galar?�, fl�sterte er.</p><p>�Hm. Was ist?�</p><p>�Gut, dass du noch nicht gegangen bist. Piss auf die Decke.�</p><p>�Was?�</p><p>�Du sollst �ber die Decke pinkeln. Wenn es hier stinkt und die Drachen denken, dass hier immer die Steinmetze austreten, dann werden sie vielleicht weniger genau hinsehen. Vielleicht rettest du mir so das Leben���</p><p>�Ich rette dir das Leben, indem ich dich anpisse?� Galar stie� ein kurzes, abgehacktes Lachen aus. �Wie du willst.�</p><p>Nyr h�rte es pl�tschern und sp�rte das warme Nass durch die Decke sickern. Er presste die Lippen zusammen. Es ging darum, einen gro�en Drachen zu t�ten und mit dem Leben davonzukommen.</p><p>�Sieh zu, dass du au�er Sicht kommst!�, zischte er. Ein Rinnsal aus Pisse und Dreck floss an ihm vorbei und troff die Steilklippe hinab. Er h�rte, wie sich Schritte entfernten. Hoch �ber ihm ert�nten die schrillen Schreie der Drachen, die das Inferno feierten, das sie veranstaltet hatten. Verfluchte Brut, dachte Nyr. Ohne euch wird Albenmark ein besserer Ort sein.</p><p>In diesem Moment flog ein Drache mit zerfasernden gelben Flecken auf seinen weiten gr�nen Lederschwingen unter ihm vorbei. So einen hatte Nyr noch nie gesehen�� doch auch er war zu klein. Es sollte einer der ganz Gro�en sein!</p><p>Warten. Die Zeit zog sich. Nyr betrachtete das Meer, das in pr�chtigem T�rkis gl�nzte. Ein St�ck vor der Steilklippe gab es eine karmesinrote Korallenbank. Manchmal sah er die Schatten gro�er Fische durch das klare Wasser gleiten. Eine Gestalt in einer sandfarbenen Tunika trieb im Wasser. Die Arme weit ausgebreitet, als w�re sie gekreuzigt worden. Vielleicht hatte sie versucht, sich durch einen Sprung von der Klippe vor dem Drachenfeuer zu retten.</p><p>Wieder zog der Drache mit den gelbfleckigen Fl�geln unter ihm vorbei. Seine schmalen Augen musterten den Fels. Er suchte nach Beute.</p><p>Nyr folgte seinem Flug mit der Armbrust. Der Drache schwebte langsam, mit weit ausgebreiteten Schwingen. Er war etwa drei�ig Schritt entfernt, kaum zehn Schritt unter Nyrs Stellung. Es w�re ein leichter Schuss. Er m�sste nicht einmal vorhalten und berechnen, dass sich die Echse in der Zeit, in der der Armbrustbolzen flog, noch ein St�ck vorw�rtsbewegte. Nyrs Zeigefinger kr�mmte sich um den Abzugshebel. Er biss sich auf die Lippen. Die Versuchung war gro�, er wollte endlich einen dieser M�rder fallen sehen.</p><p>Der Richtsch�tze atmete aus. Lie� los, sein Finger entspannte sich. Er brauchte ein lohnendes Ziel, einen�� Da war er! Einer der gro�en Roten. Ein F�rst unter den Drachen! Ein Sonnendrache aus Ischemon. Er flog nicht weit hinter dem Gelbgefleckten. Schneller, aber nicht zu schnell. Nyr musste die Waffe nur ein winziges St�ck zur Seite schwenken.</p><p>Der Zwerg zog den Abzug durch. Er hatte etwa drei Schritt vor den Drachen gezielt. Zu viel? Er schloss kurz die Augen und murmelte ein Sto�gebet. Ein schrilles Kreischen ert�nte. Der rote Drache. Er trudelte. Seine Schwingen wirbelten kraftlos durch die Luft. Er drehte sich im Flug und st�rzte r�cklings der See entgegen. Einer seiner ledrigen Fl�gel wickelte sich halb um seinen Leib. Dann schlug er ins Wasser, sank und zog eine dunkle Wolke von Blut hinter sich her. Nyr sah, wie sich zwei Schatten durch das Wasser auf den Drachen zubewegten.</p><p>�Verrecke!�, murmelte er voller Inbrunst, zog die Armbrust unter seinen Leib und senkte den Kopf, sodass seine Wange auf dem k�hlen Fels lag. Die Decke schob sich ein wenig vor. Dunkelheit senkte sich �ber ihn. Der dichte Stoff reichte nun auch vor seinem Gesicht bis auf den Boden. Seine Tarnung war vollkommen. Er war jetzt nur noch ein H�uflein aus Dreck und Steinsplittern, das nach Pisse stank. Kein Drache w�rde sich f�r ihn interessieren. Sie w�rden ihn nicht finden!</p><p>Nyr lauschte. Die Luft war erf�llt von Fl�gelschlagen. Er h�rte Zischen und schrille, trillernde Schreie. Wie viele Drachen jetzt wohl da waren? F�nf? Zehn? Noch mehr? Konnte der Wind, den die m�chtigen Schwingen aufwirbelten, seine Decke einfach zur Seite fegen? Angst fra� sich in seinen Magen, kroch durch sein Ged�rm und sog die Kraft aus all seinen Gliedern. Er sp�rte die B�en der Fl�gelschl�ge. War da ein Schnuppern? Etwas platschte ins Wasser, so laut, wie ihre Aale ins Wasser geschlagen waren, als die Drachen sie abgeworfen hatten.</p><p>Versuchten sie, ihren toten Bruder aus dem Meer zu holen?</p><p>Pl�tzlich h�rte er ein Kratzen auf Fels. Ganz nah. War einer der Drachen auf dem Sims gelandet? Da war noch ein anderes Ger�usch. Ein Schnuppern, dicht hinter ihm. Hatte der Drache das Seil entdeckt, das zu seinem Kn�chel f�hrte?</p><p>Ein schriller Schrei erklang. Starker Wind peitschte �ber die Decke. Nyr war froh, dass er eingen�sst war und so die Wolldecke umso mehr an seinem K�rper pappte. Das Schnuppern hatte aufgeh�rt. Jetzt h�rte er die Drachen weit unten am Felsen. Was machten sie?</p><p>Nein, er durfte die Decke nicht anheben! Wie dr�ngend das Verlangen auch war, zu sehen, was um ihn herum vor sich ging.</p><p>Sehr vorsichtig holte er einen weiteren Drachent�terbolzen aus seinem K�cher an der H�fte. Er tastete im Dunkel nach der Armbrust und legte das Geschoss auf die F�hrungsschiene. Spannen konnte er die Waffe nicht. Die Sehne w�rde ausleiern, wenn er sie stundenlang unter Spannung hielt, ohne zu schie�en.</p><p>Er dachte wieder an Frar, tr�umte sich fort von dieser verdammten Klippe in dieser verfluchten Welt, in der sie nichts zu suchen hatten. Er erinnerte sich, wie der Kleine hungrig an seinen Fingern genuckelt hatte. Wie tapfer er alles Ungemach erduldet hatte. Ihre Flucht, die Fahrten in den stinkenden Aalen, das nasskalte Gef�ngnis, das Glamirs Turm gewesen war. Ob er Frar jemals wiedersehen w�rde? Wohl nicht, solange Eikin in der Ehernen Stadt herrschte. Der Zwergenf�rst hatte versucht, sie umzubringen. Und er w�rde es wieder tun, wenn sie in seine N�he kamen.</p><p>Wie schon im Aal war Nyr klar, dass er nur mit Hornboris Hilfe den Jungen dort herausholen konnte. Und dass er sich genau deshalb mit dem unertr�glichen Schleimer gutstellen musste. Der Sch�tze seufzte. Er war nicht wie Galar. Er w�rde Hornbori alles verzeihen, auch, dass er gewissenlos seine M�nner in den Tod schickte, wenn er ihm nur ein paar Stunden mit dem Jungen schenkte.</p><p>Die Sonne stieg weiter den Himmel hinauf. Nyr sp�rte, wie ihre Strahlen die Decke trockneten. Sein Mund war nun staubtrocken. Er hatte keine Wasserflasche. Er w�rde das aushalten. Ebenso wie den Gestank der eintrocknenden Pisse. Schwei� sammelte sich in seinem Nacken.</p><p>Irgendetwas hatte sich ver�ndert! Nyr lauschte angespannt�� er h�rte kein Fl�gelschlagen mehr. Waren die Drachen wieder oben �ber der Stadt? Nur ein tiefer, kehliger Laut, der auf- und abschwoll, war zu vernehmen. Sangen sie ein Totenlied? Trauerten die Bestien? Vorsichtig hob der Zwerg die Decke einen Fingerbreit an. Er musste es wissen. Zum Henker mit der Vorsicht. Die Bestien w�rden es schon nicht merken!</p><p>Als Erstes sah er Himmel und ein St�ck Meer dicht beim Horizont. Er m�sste n�her an die Kante des absch�ssigen Simses rutschen, wenn er sehen wollte, was unten an der Steilwand vor sich ging. Kurz verharrte Nyr. Hatte einer der Drachen etwas bemerkt, als er die Decke gehoben hatte? Die Zeit dehnte sich endlos, bevor er es wagte, einen Zoll weit nach vorne zu rutschen. Dann noch einen und noch einen. Endlich konnte er auf die sch�umende Gischt am Fu� der Klippe blicken. Der tote Drache lag auf einem flachen Felsen, der sich zwei Schritt �ber das Wasser erhob. Daneben kauerte ein zweiter roter Drache. Er brachte die kehligen Laute hervor. War es das Weibchen? Es war gr��er als die Bestie, die er erlegt hatte. Vielleicht das Muttertier? So lange er nun schon Drachen jagte, er wusste fast gar nichts dar�ber, wie sie zusammenlebten. Gab es Familien? Fanden sie sich nur f�r die Brut und die Aufzucht der Jungen zusammen?</p><p>Nyr sah hoch und entdeckte noch zwei Drachen. Mit weit ausgebreiteten Schwingen segelten sie hoch am Himmel im Aufwind �ber der brennenden Stadt. Waren die anderen auch dort oben, au�erhalb seines Gesichtsfelds?</p><p>Er hatte ein gutes Schussfeld auf den trauernden Drachen. Vorsichtig begann er die Kurbel der Windenarmbrust zu drehen. Das leise metallische Klicken erschien ihm so laut wie Trommelklang. Unten schlug die Brandung gegen den Fels. Unm�glich, dass der Drache das Ger�usch h�rte!</p><p>Mit einem scharfen Klacken rastete der Sehnenzug ein. Die Waffe war wieder gespannt.</p><p>Der Drache hob den Kopf.</p><p>Er konnte ihn nicht geh�rt haben, dachte Nyr, und doch blickte die Bestie geradewegs zu ihm herauf.</p><p>Einen Wimpernschlag sp�ter weitete der Sonnendrache die Fl�gel. Spr�hwasser der Brandung perlte von den m�chtigen Lederschwingen. Immer noch sah ihm das Ungeheuer unverwandt in die Augen. Es stie� keinen Schrei aus, fauchte nicht. Langsam hob es vom Fels ab.</p><p>Nyr sah, wie sich der Hals des Drachen aufbl�hte wie ein Blasebalg. Der Sonnendrache w�rde jeden Augenblick einen Flammenstrahl speien.</p><p>�Schei� der Hund drauf!�, zischte Nyr, warf die Decke zur Seite und richtete sich auf. Sollte die Bestie nur sehen, wer ihrem Gef�hrten das Leid angetan hatte. Er hob die Armbrust in flie�ender Bewegung zur Schulter, verharrte einen Herzschlag und zog den Abzugshebel durch.</p><p>Der Bolzen traf den Drachen dicht oberhalb der langen Schnauze, knapp eine Handbreit unter den Augen. Die Bestie war noch zwanzig Schritt unter ihm. Nyr hatte schr�g von oben getroffen. Mit angehaltenem Atem sah er zu, wie das m�rderische Geschoss den riesigen Sch�del durchschlug, ohne an Wucht zu verlieren. Der Zwerg wusste, wie die Schussbahn weiterverlaufen w�rde: Der Bolzen hatte beim Aufprall die seitlichen Klingen ausgefahren. Er w�rde sich nun durch die Kehle abw�rts, an Herz und Lunge vorbei fr�sen, um dann irgendwo im Bauchbereich wieder auszutreten.</p><p>Der Sonnendrache stie� einen gurgelnden Laut aus. Schrittlange Flammen spielten um sein Maul und seine N�stern. So hei�, dass Nyr trotz der Entfernung ein St�ck zur�ckwich. Es sah aus, als h�tte der Drache sich an seinem eigenen Flammenstrahl verschluckt. Obwohl eine Blutfont�ne aus seinem Unterleib spr�hte, lag blanker Hass in seinem Blick. W�tend schlug er mit den Fl�geln und k�mpfte sich h�her.</p><p>Nyr wich weiter zur�ck. Er drehte die Winde auf seiner Armbrust, bis der Abzug einrastete. Die Finger, die nach dem Ledersack mit den Bolzen griffen, zitterten. Er hatte keinen Drachent�terbolzen mehr!</p><p>Eine riesige Kralle griff nach dem Sims. Dann tauchte der Kopf des Drachen auf. Allein die Schnauze war mehr als zwei Schritt lang. Die Bestie k�nnte ihn mit einem einzigen Bissen verschlingen. Der Drache keuchte, und hei�er Atem schlug Nyr ins Gesicht.</p><p>Warum spuckte die Bestie kein Feuer? Fehlte ihr die Kraft?</p><p>Die Pupillen des Sonnendrachen waren nur noch fingerbreite Schlitze. Seine Augen drehten sich nach oben. Blut troff ihm aus den Winkeln des Mauls. Er bleckte die dolchlangen Rei�z�hne. Auch sie waren von Blut benetzt.</p><p>Pl�tzlich rutschten die Pupillen nach oben. Die Augen waren nur noch schwefelgelb, durchzogen von einem Netz feiner roter Adern. Knirschend glitt die Kralle auf dem Fels zur�ck. Der Drache st�rzte, fiel hinab in die Tiefe, ohne noch einen Laut von sich zu geben.</p><p>Nyr stand mit dem R�cken am Fels, dicht neben dem Durchgang zur Steinmetzwerkstatt. Er atmete schwer. Zwei Sonnendrachen, zwei M�rder weniger�� Er f�hlte sich m�de, nicht erleichtert oder stolz. Seine Hand am Beutel mit den Bolzen zitterte immer noch.</p><p>Als ihn ein Windsto� fast umwarf, sah er nach oben. Sein ganzes Gesichtsfeld von gelb gefleckten Fl�geln ausgef�llt. Im n�chsten Moment traf ihn ein Schwanzhieb quer �ber die Brust, schleuderte ihn zu Boden und lie� ihn auf der Rampe dem Abgrund entgegenschlittern, bis die Fangleine an seinem Kn�chel sich spannte und kurz vor der Kante den Sturz ins Meer verhinderte.</p><p>Grelle Lichtpunkte tanzten Nyr vor den Augen. Er rang um Atem, tastete nach der Armbrust, die ihm aus den H�nden geglitten war. Benommen sah er, wie der Drache eine weite Kehre flog und seine Schwingen aufspreizte. Gleich w�rde er auf dem Sims landen, um ihm den Rest zu geben.</p><p>Nyr setzte sich auf. Ihm wurde �bel, und sein Kopf sackte ihm auf die Brust. Schon knirschten Krallen �ber Fels. Er zwang sich, nach oben zu sehen. Das verdammte Biest klammerte sich ans Sims. Es faltete die Fl�gel zusammen und streckte seinen langen Hals vor. Geifer troff ihm von den Lefzen. Nyr zog seinen Dolch. Er w�rde nicht kampflos sterben!</p><p>Der Drache vor ihm war um einiges kleiner als die Sonnendrachen. Dicke Hornplatten sch�tzten seinen langen, keilf�rmigen Kopf. Er lie� die Kiefer auf- und zuklappen, zeigte sein Arsenal an Rei�z�hnen, als wollte er mit seinem l�cherlichen Getue Nyr verh�hnen. Die Bestie hielt den Kopf dicht �ber dem Felsboden. Sie war klug! So war es unm�glich, ihre weniger gesch�tzte Kehle zu erreichen.</p><p>Nun legte sie den Kopf schief, sah ihn aus bernsteinfarbenen Augen an.</p><p>Wenn er eines dieser Augen erwischte, k�nnte er sie vielleicht t�ten, dachte Nyr. Aber er w�rde niemals nahe genug herankommen, da auf dem Sims kein Platz war, um zur Seite auszuweichen. Es gab nur eine einzige Hoffnung, er musste den Dolch werfen! Nyr wechselte den Griff. Das Vieh durfte nicht erahnen, was er vorhatte. Er grinste es an. �Wir k�mpfen doch auf derselben Seite. Was willst du von mir?�</p><p>Ihm war klar, dass der Drache gesehen haben musste, wie er dessen roten Bruder get�tet hatte. Wenn diese Geschichte die Runde machte, w�rde das vielleicht alle Zwerge im Heer den Kopf kosten. Ja, vielleicht w�rden die Drachen zur Rache noch eine weitere unterirdische Stadt ein�schern. Das durfte nicht geschehen!</p><p>Nyr durchtrennte mit einem raschen Schnitt das Halteseil, stie� einen schrillen Schrei aus und st�rmte vor. Wenn er es schaffte, sich an den Drachen zu klammern und ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen, w�rden sie vielleicht gemeinsam die Klippe hinab in den Tod st�rzen.</p><p>Er hatte erst einen Satz getan, als aus dem Auge des Drachen ein Schwall Blut quoll. Rotgallertige Klumpen und etwas L�ngliches schossen aus dem Echsensch�del hervor. Die Bestie brach augenblicklich zusammen. Nyr blieb ruckartig stehen.</p><p>�Das sah nach einem verdammt d�mlichen Plan aus�, erklang Galars Stimme aus den Schatten der Werkstatth�hle. �Gut, dass ich auch noch zwei Drachent�terpfeile hatte. Und jetzt lass uns verschwinden, bevor noch einer der Himmelstyrannen sieht, dass es nicht die Menschenkinder waren, die ihnen zugesetzt haben.�</p><p>W�hrend Nyr noch einen Augenblick brauchte, um sich zu fassen, kletterte Galar zu ihm auf den kleinen Vorsprung. �chzend stemmte er sich gegen den K�rper des toten Drachen. �Los, hilf mir!�</p><p>Der klare Befehl erl�ste Nyr aus seiner Erstarrung. Gemeinsam st�rzten sie den Kadaver die Klippe hinab. Galar sah sich unruhig um. Schatten glitten �ber sie hinweg. Weitere Drachen kreisten am Himmel, doch schien ihre Aufmerksamkeit ganz der brennenden Stadt zu gelten.</p><p>Galar klaubte zwei Armbrustbolzen auf, die aus Nyrs Lederbeutel gefallen waren, als ihn der Drachenschwanz getroffen hatte. �Steck die ein! Wir d�rfen keine Spuren hinterlassen.�</p><p>Dann packte ihn der Schmied beim Arm und zerrte ihn in die Werkstatt zur�ck. �Verschwinden wir. Und hoffen wir, dass die Drachen so viel Schiss vor diesem Felsen und den Sch�tzen darin bekommen, dass sie sich nicht zu genau ansehen, wie ihre Br�der zu Tode gekommen sind. Lass uns im Schlachtget�mmel verschwinden! Dort werden sie uns niemals aufsp�ren.�</p></section><section><title><p>Von den Dingen, die notwendig sind</p></title><p>�Sie kommt wieder zu sich. Endlich, den G�ttern sei Dank!�</p><p>Die Stimme in Shayas Kopf schien aus weiter Ferne zu kommen. Sie konnte sie nicht zuordnen. Sie war zu leise, und lautes St�hnen und Dutzende andere Stimmen �berlagerten sie. Shaya sp�rte, dass sie von vielen Menschen umgeben war. Es roch nach Schwei�, Kr�utern und fettigen Salben, irgendwo glomm Weihrauch, um die Vielzahl der Ger�che zu �berlagern. Doch er vermochte den schrecklichsten von allen nicht verschwinden zu lassen: den Geruch nach verbranntem Menschenfleisch, der so fatal an Gebratenes erinnerte.</p><p>Shaya hielt die Augen geschlossen. Ihre Lider waren schwer wie Blei. Alle Kraft hatte sie verlassen. War aus ihr herausgebrannt�� Sie erinnerte sich an den Flammenstrahl. �Enak�, fl�sterte sie.</p><p>�Dem geht es gut. Der Lump hat wieder mal mehr Gl�ck als Verstand gehabt. Ein paar blaue Flecke auf den Knien, das ist alles, was er abbekommen hat, Herrin.�</p><p>Jetzt erkannte Shaya die Stimme. Es war der alte Saham. Der Pfleger, der ihr mit den �berlebenden des geheimnisvollen Wolkensammlers geholfen hatte. Sie wollte sich aufrichten, wollte etwas sagen, doch kaum, dass sie sich bewegte, verwandelte sich ihr R�cken in eine Fl�che sengenden Schmerzes.</p><p>�Liegen bleiben!�, befahl eine zweite, harte Stimme. Ihr Kopf wurde zur�ck auf das Lager gedr�ckt. Irgendwelche verbrannt riechenden Fetzen dienten als ihr Kissen. Sie lag auf dem Bauch. Und erst jetzt wurde ihr bewusst, dass sie nackt sein musste.</p><p>�Alles brandig. Wir werden amputieren m�ssen.�</p><p>�Am R�cken?�, fragte Saham ungl�ubig.</p><p>�Wir haben keine andere Wahl!�</p><p>Shaya riss die Augen auf. Die zweite Stimme geh�rte Hattu, dem Ersten Heiler, dem Herrscher im Palast der Kranken! Hattu, mit dem sie vom ersten Tag an in Fehde gelegen hatte, weil sie bei den M�nnern mit den Erfrierungen das einzig Richtige getan hatte.</p><p>Sie stemmte sich hoch, und wieder brandete Schmerz �ber sie hinweg. Sie keuchte, k�mpfte gegen die Schw�che an, die aus dem Schmerz geboren wurde. Ihre Arme zitterten.</p><p>Eine Hand legte sich auf ihren Hinterkopf und dr�ckte sie erneut zur�ck auf das Lager. Zwischen Haarstr�hnen hindurch sah sie den kleinen Spitalleiter. Er l�chelte. �Tut mir leid, Shaya, aber ich konnte mir diesen Scherz nicht verkneifen. Nat�rlich werden wir nicht amputieren. Ich werde dir nun den R�cken mit Hasenfett einreiben. Es gibt nichts Besseres gegen Verbrennungen. Ich habe dich in der Nacht schon einmal damit eingerieben. Ich kann sehen, dass es bereits wirkt. Die Verbrennungen sind nur oberfl�chlich. In ein paar Tagen wirst du wieder auf den Beinen sein. Allerdings werden ein paar Narben zur�ckbleiben���</p><p>Shaya lie� sich auf das Bett sinken. Die Vorstellung, dass Hattu sie nackt sah, war ihr zuwider. Bei ihrer ersten Begegnung hatte er sie schier mit Blicken ausgezogen. Sie ballte die H�nde zu F�usten. Schon diese kleine Bewegung reichte aus, um einen stechenden Schmerz durch die Haut �ber ihren Schulterbl�ttern fahren zu lassen.</p><p>Hattu beugte sich dicht �ber sie. �Du hast ungew�hnliche Narben f�r eine Heilerin�, fl�sterte er. �Du scheinst recht streitbar zu sein.�</p><p>Shaya schwieg. Sie war ihm ausgeliefert. Als Heiler kannte er Narben aus K�mpfen. Ihm etwas vormachen zu wollen w�re sinnlos.</p><p>�Dein Geheimnis ist bei mir wohl verwahrt.� Er hob die Hand, als wollte er ihr �ber das Haar streichen, hielt dann aber inne. �Keine Sorge. Ich bin nicht das, was du denkst. Als Heiler habe ich einen Kodex, und ich werde ihn auch bei der Frau nicht vergessen, die nichts unversucht l�sst, um mich zur Verzweiflung zu treiben. Ich lasse den Tiegel mit dem Hasenfett hier. Sollen Saham oder Enak dich einreiben. Auf mich warten noch Dutzende andere Verletzte.�</p><p>Er ging ohne ein weiteres Wort. Shaya wandte den Kopf und sah ihm nach. Hatte sie sich wirklich so sehr in ihm get�uscht? Oder trieb er nur ein Spiel mit ihr?</p><p>�Er g�nnt sich keine Ruhe�, sagte Saham, der sich nun neben sie kniete, ehrfurchtsvoll. �Auch er ist ein Krieger, genau wie Ihr es seid, Herrin. Seit dem Angriff ist er auf den Beinen. Ihr solltet ihm befehlen zu rasten. Ich glaube, Ihr seid die Einzige hier, auf die Hattu h�ren w�rde, Herrin.�</p><p>Sahams krumme Finger strichen �ber ihren R�cken. Sie zuckte zusammen. Seine streichenden Bewegungen hinterlie�en Bahnen aus flammendem Schmerz.</p><p>�Tut mir leid, dass es wehtut�, murmelte er zerknirscht. �Aber unser Gebieter Hattu ist wirklich sehr bewandert, was Kr�uter und Salben angeht. Euer R�cken sieht schon viel besser aus als in der Nacht.�</p><p>Shaya fragte sich, wer sie wohl alles noch nackt gesehen hatte.</p><p>Als w�rde der Alte ihre Gedanken lesen, fuhr er fort: �Sogar der Laris war hier, um nach Euch zu sehen.� W�hrend er sprach, zog Saham mit seinen H�nden weitere Flammenbahnen �ber ihren R�cken. �Er hat sich sehr besorgt um Euch gezeigt! Er hat mir aufgetragen, nicht von Eurem Lager zu weichen und Euch mit allem zu versorgen���</p><p>�W�rdest du mich bitte zudecken?�</p><p>��hm�� das�� Ich wei� nicht��� Saham hielt mit seinen Bewegungen inne. �Der Erste Heiler hat es mir verboten. Er sagt, Eure Wunden m�ssen atmen, um zu heilen. Ich darf Euch nur bis zu���, er r�usperte sich verlegen, �nur bis zu dem K�rperteil, auf dem Ihr sitzt, zudecken, Herrin.�</p><p>Shaya wusste, dass diese Anweisungen vern�nftig waren, f�hlte sich aber dennoch unangenehm ber�hrt, dass Hattu nun �ber ihre Nacktheit gebot. Wieder versuchte sie, sich aufzurichten, aber die Schmerzen im R�cken trieben ihr Tr�nen in die Augen, und sie gab auf.</p><p>Sie blinzelte und wandte den Kopf zur anderen Seite. Hier waren �berall aus Lumpen und Stroh notd�rftige Lager auf dem Boden hergerichtet. Menschen liefen umher, k�mmerten sich um Verletzte, von denen die meisten �bler aussahen als sie. Shaya sah von Brandverletzungen entstellte Gesichter und Krieger mit blutdurchtr�nkten Verb�nden. Keine drei Schritt entfernt f�hrte Enak im blakenden Licht einer �llampe eine Armamputation durch.</p><p>Nur wenige Lampen brannten. Der notd�rftige Verbandsplatz lag in einer lang gestreckten H�hle. Shaya fielen seltsame, mit Kupferstangen vergitterte L�cher auf, durch die angenehm k�hle Luft aufstieg. Sie konnte sich keinen Reim darauf machen, wo diese H�hle lag. Wohl irgendwo tief im Herzen des Berges. Aber woher kam dann die frische Luft, die von unten in die H�hle str�mte?</p><p>Als Saham die kreisenden Bewegungen auf ihrem R�cken beendete, wandte sich Shaya wieder ihm zu. Der alte Mann wischte sich die H�nde an seiner schmuddeligen Tunika ab. �Ich werde jetzt versuchen, etwas zu essen f�r Euch zu finden, Herrin. Das wird ein wenig dauern. Am besten, Ihr schlaft noch.�</p><p>Sie l�chelte ihm zu. �Ja, das ist sicher am besten. Und danke, Saham. Du bist ein guter Freund.�</p><p>Er grinste sie an. Es war un�bersehbar, wie gut ihm das Kompliment getan hatte.</p><p>�Sagst du mir noch, wie lange ich geschlafen habe?�</p><p>�Eine Nacht und einen Tag, Herrin. Nun ist die zweite Nacht hereingebrochen.�</p><p>�Und die Drachen? Wie steht die Schlacht?�</p><p>�Arcumenna hat sie vertrieben und die Angriffe der Daimonen zum Stehen gebracht. Ihr m�sst Euch keine Sorgen machen, Herrin, hier unten seid Ihr sicher. Ihr��� Er runzelte die Stirn. �Ihr denkt doch nicht etwa daran zu k�mpfen?�</p><p>Sie lachte und wurde sofort mit rei�enden Schmerzen im R�cken bestraft. �Nein, nat�rlich nicht. Keine Sorge, ich werde nicht mit dem Schwert in der Hand in die Tunnel st�rmen.� Obwohl sie gelacht hatte, war Shaya besorgt. Anfangs waren die Anspielungen darauf, dass sie eine Kriegerin sei, nur Scherze gewesen, weil sie so selbstbewusst neben Arcumenna aufgetreten war. Aber jetzt war sie sich nicht sicher, ob Saham es ernst meinte. Auch er musste ihre Narben aus den K�mpfen im weiten Grasland und an den Himmeln Nangogs gesehen haben.</p><p>F�r den Augenblick jedoch wirkte der alte Pfleger erleichtert. Er nahm sie beim Wort. �Mindestens etwas Brot werde ich auftreiben. Vielleicht auch ein wenig K�se oder einen Apfel. Bleibt einfach hier, Herrin, und ruht Euch aus.�</p><p>Schrille Schreie erklangen. Als Shaya ihren Kopf drehte, sah sie, dass Enak tief in das Fleisch oberhalb des Armgelenks des verwundeten Kriegers geschnitten hatte. Nun griff er nach der Knochens�ge. Zwei Mann waren n�tig, um den Krieger zur�ck auf den Tisch zu dr�cken. Enak wischte sich mit der blutigen Hand �ber die Stirn. Er sah verzweifelt aus. F�r diese Art der Heilung war er nicht geschaffen.</p><p>Saham war nirgends zu sehen, also setzte sich Shaya auf. Sie w�rde kein Schwert aufnehmen, was das anging, hatte sie nicht gelogen. Aber sie w�rde niemals aufh�ren zu k�mpfen. Die M�nner hier brauchten sie. Sie durfte die Verwundeten nicht allein Enak �berlassen.</p><p>Sie griff nach dem verbrannten Fetzen, der einmal ihr Kleid gewesen war, und streifte ihn �ber. Als sie dabei die Arme anhob, traten ihr Tr�nen in die Augen, so sehr schmerzte ihr R�cken. Keuchend stemmte sie sich auf die Beine. Sie musste die Schmerzen besiegen. Steif ging sie zum Tisch, an dem Enak am Oberarmknochen des Kriegers s�gte. Der Verletzte k�mpfte nicht mehr l�nger gegen seine Peiniger an. Er war ohnm�chtig geworden.</p><p>Shaya st�tzte sich schwer auf dem Tisch auf.</p><p>Enak hielt inne und sah sie erschrocken an. �Du solltest���</p><p>Ein Blick von ihr gen�gte, um ihn zum Schweigen zu bringen. �Hast du ihm Laudanum gegen die Schmerzen gegeben?�</p><p>�Nat�rlich!� Der junge Heiler sah sie entr�stet an. �Das ist doch wohl���</p><p>�Wo ist es?�</p><p>Er nickte in Richtung eines jungen Manns, der fest die Augen zugekniffen hielt, um nicht zu sehen, was hier vor sich ging. Gut, dachte Shaya beeindruckt. Enak hatte daf�r gesorgt, dass der Flakon nicht von einem um sich schlagenden Verwundeten vom Tisch gefegt werden konnte.</p><p>Sie wandte sich an einen der Krieger, die eben noch den bewusstlosen Amputierten gehalten hatten. �Du wirst mir einen Tisch besorgen. So gro� wie dieser hier.� Sie wies auf die blutbeschmierte Holzplatte. �Besser noch etwas l�nger, sodass ein Mann ganz darauf liegen kann und die Beine nicht herabh�ngen.�</p><p>�Du hast mir nichts zu sagen, Weib�, grollte der Mann. �Du��� Blut sickerte aus einer tiefen Schnittwunde dicht unter seinem Haaransatz. Er sprach mit starkem Akzent. Wahrscheinlich ein Drusnier, der die Seiten gewechselt hatte.</p><p>�Sie ist���, begann Enak zaghaft.</p><p>Shaya schnitt dem jungen Heiler mit einer harschen Geste das Wort ab. Dann sah sie dem Krieger in die Augen. �Du solltest den G�ttern danken, dass ich dich schicke, einen Tisch zu suchen. Glaubst du, ich wei� nicht, dass M�nner, die Verwundete vom Schlachtfeld tragen, mehr bewegt als reine Barmherzigkeit? Der Schnitt an deiner Stirn ist mit ein paar Stichen gen�ht. Dann kannst du zur�ck in die Schlacht. Arcumenna braucht sicher jeden Mann.�</p><p>Der Krieger erbleichte. Seine Hand fuhr zum Schwert.</p><p>�Um gegen ein Weib zu k�mpfen, reicht dein Mut also noch.�</p><p>�Du verdammte Schlampe!� Als er die Waffe aus der Scheide riss, fiel ihm sein Gef�hrte in den Arm und zog ihn zur�ck.</p><p>Shaya nahm eines von Enaks Messern vom Tisch und baute sich breitbeinig vor den beiden Kriegern auf. �Du hast jetzt zwei M�glichkeiten, Drusnier. Entweder du bist ein kluger Mann, schiebst dein Schwert in die Scheide und tust fortan, was ich sage. Oder du legst dich mit einem zierlichen Weib mit einem Messer in der Hand an. Stichst du mich nieder, gewinnst du keinen Ruhm. Sollte ich aber gewinnen, wird der Spott deiner Kameraden ewig w�hren. Deine Entscheidung!�</p><p>Ohne zu z�gern, holte er mit der Waffe aus. Er versuchte, mit der breiten Seite des Schwertes ihre Hand zu treffen, um ihr das Messer aus den Fingern zu prellen. Genau damit hatte Shaya gerechnet. Sie lie� die Klinge sinken. Das st�hlerne Schwert schnitt wirkungslos durch die Luft. Blitzschnell trat sie vor und setzte ihm das Messer in den Schritt. �Irgendwie hatte ich schon den Verdacht, dass du kein kluger Mann bist.�</p><p>Gel�chter erklang. Alle in der H�hle sahen ihnen zu.</p><p>�Du hast erneut die Wahl. Lass deine Waffe fallen, und sie wird fortan mir geh�ren. Oder behalte sie, und etwas anderes wird zu Boden fallen, und du wirst aufh�ren, ein Mann zu sein.�</p><p>�Das wagst du nicht!� Der Krieger stank nach saurem Wein. Er hatte sich vor den K�mpfen oben in der Stadt Mut angetrunken. Ein d�mlicher Fehler, den allerdings die H�lfte aller M�nner machte, denen sie begegnet war. Auch wenn er sich trotzig gab, sah sie die Angst in seinen gro�en himmelblauen Augen.</p><p>�Kannst du es riskieren, dich noch einmal in mir zu irren?� Sie verst�rkte den Druck der Klinge und sp�rte, wie sie durch die grobe Wollhose schnitt.</p><p>Der Krieger keuchte auf. Klirrend fiel sein Schwert zu Boden.</p><p>�Deine erste kluge Entscheidung. Nun nimmst du deinen Kumpel, und ihr beide sucht mir den Tisch, um den ich euch vorhin gebeten hatte. Und wenn ihr ihn gefunden habt, habe ich noch weitere Aufgaben f�r euch. Solltest du aber glauben, du k�nntest dich einfach verdr�cken, dann sei dir sicher, ich werde dich finden, und dann bringen wir zu Ende, was wir hier begonnen haben.� Sie trat einen Schritt zur�ck.</p><p>Im Gesicht des Drusniers spiegelten sich Angst und Zorn.</p><p>Shaya setzte einen Fu� auf die Klinge am Boden, damit der blonde Trottel nicht auf die Idee kam, Dummheiten zu machen.</p><p>Der Krieger warf Enak einen verzweifelten Blick zu.</p><p>�Du machst besser, was sie sagt, denn du kannst dich darauf verlassen, dass sie immer Wort h�lt. �blicherweise rettet sie Leben�� aber wer das tut, wei� auch, wie man Leben nimmt.� W�hrend er das sagte, hob er beil�ufig seine blutigen H�nde, was seine Wirkung nicht verfehlte. Die beiden Krieger machten sich auf den Weg.</p><p>Kaum war die Gefahr �berstanden, meldete sich der sengende Schmerz in Shayas R�cken zur�ck. Sie musste sich an den Tisch lehnen und die H�nde aufst�tzen, um zu verbergen, wie schlecht es ihr ging.</p><p>�War das wirklich n�tig?�, fl�sterte Enak ihr zu. �Du solltest ruhen und gesund werden.�</p><p>�Wir schlagen eine Schlacht�, zischte sie w�tend zur�ck. �Bist du blind? Siehst du nicht, was um uns herum geschieht? Die Drachen und die Daimonen sind gekommen, um uns alle zu vernichten. Ich habe das schon einmal gesehen, im ewigen Eis des Nordens. Wer sich hinlegt, der wird sterben. Asugar brennt! M�rder best�rmen die Tunnel. Wir haben kein Schwert in der Hand, aber wir k�mpfen um das Leben eines jeden, der hier heruntergebracht wird. Ausruhen werden wir erst, wenn die letzte Wunde versorgt ist.� W�hrend sie sprach, war sie immer lauter geworden, damit jeder in der H�hle ihre letzten Worte deutlich verstehen konnte.</p><p>Leiser, sodass nur Enak sie h�ren konnte, f�gte sie hinzu: �Es war n�tig, den Drusnier vorzuf�hren. Jeder, der es gesehen hat, wei� nun, dass es kl�ger ist, meinen Anweisungen zu folgen, auch wenn ich nur ein Weib bin. Ich werde ab sofort den Befehl hier unten �bernehmen. Wir m�ssen besser werden, wenn wir mehr Leben retten wollen. Wir brauchen zwei Tische f�r jeden von uns. Und T�cher und Wasser und Tr�ger und mehr saubere Lager��� Keuchend hielt sie inne und k�mpfte gegen den Schmerz an.</p><p>�Ich sehe, wie du dich am Tisch festh�ltst�, fl�sterte Enak. �Du kannst nicht���</p><p>�Du holst mir jetzt einen Becher voll Wasser und gibst zwei Tropfen Laudanum hinein. Das ist genug, um meinen Schmerz etwas zu d�mpfen, und zu wenig, um mich benommen zu machen. So wird es gehen.�</p><p>Enak widersprach nicht, aber sie konnte in seinen Augen lesen, was er davon hielt. Shaya senkte den Blick. Sie wusste, dass sie sich zu viel zumutete und dass sie daf�r w�rde bezahlen m�ssen. Doch einen Tag lang w�rde sie durchhalten. Ein Tag, an dem sie noch viele Leben retten konnte.</p><p>�Saubere Arbeit, Enak!� Sie musterte den frisch vern�hten Armstumpf des Amputierten. �Ich habe den gesplitterten Knochen gesehen. Das w�re nicht mehr zusammengewachsen. Du hast das einzig Richtige getan.�</p><p>Statt zu antworten, presste der junge Heiler die Lippen zusammen. Er war kein K�mpfer, dachte sie. Aber hier unten gen�gte es, wenn sie k�mpfte.</p><p>Sie winkte zwei M�nnern, die abgesehen von ihren ru�geschw�rzten Gesichtern nicht sonderlich mitgenommen wirkten. �Hebt den hier vom Tisch und sucht einen Platz f�r ihn!�</p><p>Die beiden gehorchten ohne Widerworte.</p><p>�Das Laudanum, Enak!� Shayas Finger krallten sich um die Tischkante. Kalter Schwei� rann ihren R�cken hinab und brannte in den Wunden. �Jetzt!� Sie schob das Schwert des Drusniers mit dem Fu� unter den Tisch, wo es nicht im Weg war.</p><p>Das Klirren des Metalls lie� Enak zusammenzucken, und er gehorchte.</p></section><section><title><p>M�de</p></title><p>Kreischend schrammte Metall �ber Metall. Arcumenna wurde zur�ckgerissen. Einer der kurzen, dicken Pfeile, die die Daimonen verschossen, hatte seinen Helm geschrammt. Immer noch klang das kreischende Ger�usch in seinen Ohren. Es �bert�nte den L�rm der Schlacht. Die niederen Daimonen waren schon drei Mal gegen den Wall aus Speeren angest�rmt. Ihre �xte hatten die Sch�fte etlicher Speere zersplittert; der Beschuss durch die verfluchten Kreuzb�gen der Daimonen setzte ihnen �bel zu, aber sie hielten stand! Endlich!</p><p>Der Tunnel, den sie verteidigten, war nur drei Schritt breit. Hier war die Flut der Feinde zum Stehen gekommen. Arcumenna kniete, wie alle M�nner rings um ihn herum. Er duckte sich hinter einen Rundschild, auf dem er einen Speer aufst�tzte. Der Rand des Schilds wies ein ausgefranstes Loch auf. Der Pfeil der Daimonen hatte die Bronze einfach durchschlagen. Zumindest hatte der Schild den Schuss abgef�lscht. Ansonsten h�tte ihn der Bolzen wohl mitten in die Stirn getroffen.</p><p>Blut umsp�lte Arcumennas Knie. Etliche seiner M�nner hatten weniger Gl�ck gehabt. Eine neue Salve Pfeile surrte �ber den Kopf des Feldherrn hinweg. Einige der kleinen Daimonen hatten f�nf oder sechs Pfeile in ihren langen Hemden aus Eisenringen stecken und k�mpften immer noch weiter. Es waren exzellente R�stungen, die sie trugen. Besser als die Bronze- und Leinenpanzer seiner M�nner.</p><p>Und dennoch zeigte auch ihr andauernder Beschuss Wirkung. Die kleinen Daimonen zogen sich zur�ck. Das letzte dieser kleinen Ungeheuer hob zum Abschied drohend seine Axt. Er war besonders unansehnlich. Im Gegensatz zu den anderen trug er keinen Bart. Sein Kinn und seine Wangen waren mit h�sslichen roten Narben bedeckt. Er schrie ihnen etwas entgegen, wovon Arcumenna kein Wort verstand. Dann verschwand auch er hinter einer Kehre des Tunnels.</p><p>Die Daimonen hatten keinen einzigen Toten zur�ckgelassen, aber die Blutspuren am Boden legten Zeugnis davon ab, dass auch sie gelitten hatten.</p><p>Erleichtert und unendlich m�de lie� Arcumenna sein Haupt auf den Schildrand sinken.</p><p>�Sieg�, knurrte Horatius neben ihm selbstzufrieden.</p><p>Arcumenna war da weit weniger optimistisch, beeilte sich aber, die Fehleinsch�tzung seines Hauptmanns zu bekr�ftigen. �Sieg!�, rief er mit lauter Stimme, und die ersch�pften M�nner rings herum griffen seinen Triumphruf auf. �Sieg!�, schallte es aus rauen Kehlen. �Sieg!�</p><p>Arcumenna erhob sich von den Knien, weitete die Arme und brachte sie zum Schweigen. �Wir haben die Daimonen aufgehalten, die unsere Stadt niedergebrannt haben. Ihre Drachen sind geflohen, der Himmel �ber der Stadt geh�rt wieder uns. Die Ruinen geh�ren uns. Und nun werden wir uns Tunnel f�r Tunnel zur�ckholen!�</p><p>Er sah in die m�den, ru�geschw�rzten Gesichter der �berlebenden. Nicht einmal ein Drittel der M�nner waren Krieger. Die �brigen waren B�cker, Schauerleute, Ruderer und Zuh�lter. Gesindel und ehrbare B�rger. Seite an Seite hatten sie die Daimonen mit langen Speeren auf Abstand gehalten. Hatten auf Knien gek�mpft, damit die Bogensch�tzen �ber ihre K�pfe hinweg freies Schussfeld hatten.</p><p>Arcumenna war au�er sich vor Zorn �ber die Daimonen, die sie ihm geschickt hatten. Kleine, missgestaltete M�nner mit langen B�rten. Er hatte Geschichten von Frauen geh�rt, deren Sch�nheit die Seele verbrannte, wenn ein Mann sie betrachtete. Das traf auf diese Daimonen hier wahrlich nicht zu. Eigentlich sollte er den Devanthar dankbar sein, dass er nur gegen diese niederen Kreaturen hatte k�mpfen m�ssen. Diese Weiber, so hie� es, seien un�berwindlich, sie tauchten ihre verfluchten Schwerter sogar in das Blut der Unsterblichen. Doch statt sich zu freuen, war er ver�rgert.</p><p>�Horatius, du h�ltst die Stellung, falls sie zur�ckkehren.�</p><p>Der ein�ugige Hauptmann nickte ergeben.</p><p>�Sieh zu, dass die M�nner ein wenig ausruhen. Morgen werden wir dieses verfluchte Pack weiter zur�cktreiben, bis wir die letzten von ihnen schlie�lich im Hafen ers�ufen.�</p><p>Der grimmige Krieger l�chelte breit. �So wird es sein, Herr.�</p><p>Zufrieden las Arcumenna die Zuversicht in den Gesichtern der M�nner, die seine Worte geh�rt hatten. Sie w�rden es weitererz�hlen, w�rden den Willen der �berlebenden st�hlen und ihren Hoffnungen neue Nahrung geben. Die Daimonen waren zu besiegen!</p><p>�Herr, auch Ihr solltet ein wenig schlafen�, raunte ihm Horatius zu. �Ihr seid unsere sch�rfste Waffe. Schont Euch!�</p><p>Der Hauptmann hatte recht. Er musste mit seinen Kr�ften haushalten. Arcumenna wandte sich an die �berlebenden. Seine Stimme zitterte vor Ersch�pfung, als er sprach: �Ich werde Pl�ne schmieden f�r den Untergang dieser kurzbeinigen Brut. Und ich werde daf�r sorgen, dass euch Wasser gebracht wird und Brot.�</p><p>Die M�nner nickten dankbar. Die meisten von ihnen hatten seit Stunden nichts mehr getrunken, und hier, in den Tunneln dicht unter der Stadt, war es hei� wie in einem Backofen. Immer noch brannte die Stadt, und der Fels, auf dem sie stand, hatte die Hitze der Feuersbr�nste in sich aufgenommen.</p><p>Arcumenna sah ein letztes Mal in Richtung Horatius und bahnte sich dann einen Weg durch die Krieger. Kaum, dass der Tunnel eine Kehre machte, lehnte er sich ersch�pft an eine Wand. Seine Beine w�rden ihm bald den Dienst verweigern. Seine Knie waren trotz der Beinschienen aufgescheuert, und die Kniegelenke schmerzten, als h�tten ihm die Daimonen N�gel hineingeschlagen. Er hatte seit zwei Tagen und anderthalb N�chten nicht mehr geschlafen. Sein Alter machte ihm zu schaffen. Auf den Feldz�gen seiner Jugend hatte er solche Entbehrungen einfach weggesteckt.</p><p>Der Fels war unangenehm warm unter seinen Handfl�chen. Der Feldherr richtete sich auf. Ihm war wohl bewusst, dass der Sieg noch in weiter Ferne war. Alles, was sie sich erk�mpft hatten, war eine Atempause. Er ignorierte die Schw�che und ging mit weit ausgreifenden Schritten bis zu der Stelle, an der sich der Tunnel in drei G�nge aufteilte. Er nahm den linken, stieg �ber einen toten Krieger hinweg und erreichte nach zwanzig Schritt eine Lagerh�hle, in der sich Hunderte von Amphoren mit erlesenen Weinen stapelten. Fl�chtig dachte er daran, was die Hitze den edlen Tropfen wohl angetan haben mochte.</p><p>�Feldherr!� Ein junger Hauptmann mit d�rren Beinchen und schmalem Gesicht eilte ihm entgegen. Trotz seiner Jugend begann sein schwarzes Haar bereits aus der Stirn zu weichen.</p><p>�Gaius?�</p><p>Der Hauptmann verneigte sich. �Herr, die Drachen sind nicht wiedergekehrt.�</p><p>Arcumenna war nicht gewillt, das als eine gute Nachricht aufzufassen. Er verstand nicht, warum die Bestien sich zur�ckgezogen hatten�� und allem, was er nicht begreifen konnte, misstraute er. �Irgendeine Ahnung, warum?�</p><p>�Unsere Sp�her berichten von drei toten Drachen, die nahe der Hafeneinfahrt im Meer treiben.�</p><p>�Drei sind tot?� Das war zu sch�n, um wahr zu sein! �Und haben sich die Drachent�ter gemeldet?�</p><p>Gaius sch�ttelte den Kopf. �Vielleicht sind sie bei ihrer Heldentat umgekommen.�</p><p>Arcumenna schnaubte gereizt. Tote Helden hatten sie schon genug. Sie brauchten lebende Heroen, die den ersch�pften M�nnern als leuchtendes Beispiel dienten. Sein Blick wanderte zu einem niedrigen Amphorenstapel, �ber den mehrere Decken ausgebreitet waren. Er nahm darauf Platz. Es tat gut, nicht mehr auf den Beinen zu stehen. Einen Herzschlag lang rang er mit der Versuchung, sich lang hinzustrecken. Er wusste, er w�rde augenblicklich einschlafen.</p><p>�� ist es mir gelungen, die �berlebenden zu organisieren.�</p><p>Arcumenna stutzte. War er im Sitzen kurz eingenickt? Er hatte nicht mitbekommen, was Gaius zuvor gesagt hatte. �Wie, zu organisieren?� Er klang genauso m�de, wie er sich f�hlte.</p><p>�In M�nner, die k�mpfen k�nnen, und M�nner, die andere Aufgaben wahrnehmen sollten. Lastentr�ger, Sp�her���</p><p>�Wie steht es um unsere Vorr�te?�, unterbrach Arcumenna ihn und blickte wieder auf das verlockende Deckenlager.</p><p>�Nicht so gut�, gestand der Hauptmann. �In diesem Teil der Tunnel und H�hlen gibt es zwar ausreichend Zisternen und auch jede Menge Oliven�l und Wein���, er machte eine resignierende Geste in Richtung der Amphorenstapel, �aber kaum Mehl, Hirse, Oliven, Trockenfleisch�� Wir werden gewiss nicht verdursten, aber wir werden das Essen rationieren m�ssen. Wie sich herausstellte��� Er h�stelte verlegen und fuhr dann fort: ���gibt es auch ein erstaunlich gro�es Lager an Schlafmohn. Wir haben es vor zwei Stunden entdeckt. Auf den Tontafeln des Lagermeisters waren lediglich Heilkr�uter verzeichnet. Ich glaube, wir haben einen Schmuggel von erstaunlichem Ausma� aufgedeckt.�</p><p>Arcumenna k�mpfte gegen ein G�hnen an. Schmuggelware war das Letzte, was ihn jetzt interessierte. Hatten sich die verfluchten Daimonen vielleicht zur�ckgezogen, weil sie wussten, dass es in diesem Teil der H�hlen keine Lebensmittel gab? Hatte ihre verfluchte Magie ihnen das verraten? Oder das Warenverzeichnis unten in den Hallen des Hafenmeisters? Wusste diese verfluchte Brut, dass sie ihren Widerstand nicht mehr lange zu f�rchten hatten?</p><p>�Die Heilerin Shaya hat anfragen lassen, ob Ihr ihr Zugriff auf den Mohn gew�hrt. Sie ben�tigt ihn f�r die Verletzten.�</p><p>�Shaya?� Er traute seinen Ohren nicht. Er hatte sie gesehen. Sie lag schwer verletzt in den Kavernen, tief im Fels. War es gestern gewesen, dass er an ihrem Lager gekniet hatte? Oder war es l�nger her? Er hatte in der Dunkelheit der Tunnel und im Lauf der verzweifelten Abwehrschlachten jegliches Zeitgef�hl verloren. �Sie ist wieder auf den Beinen?�</p><p>Gaius l�chelte gequ�lt. �Nicht nur das. Sie hat mehr Arme als ein Oktopus. In den unteren Ebenen geschieht nichts ohne ihren Willen. Sie hat den Befehl �ber alles und jeden �bernommen. Krieger wie Lastentr�ger. Alle gehorchen ihr. Ja, sie verg�ttern sie. Mir ist absolut unbegreiflich, wie sie das in so kurzer Zeit geschafft hat. Einen betr�chtlichen Teil der Ordnung hier unter unserer zerschlagenen kleinen Schar hat sie wiederhergestellt�, gestand der Hauptmann.</p><p>Arcumenna musste l�cheln. Er dachte an seine erste Begegnung mit der Heilerin. An ihren Mut und ihre Dickk�pfigkeit. Es war ein Wunder, dass sie wieder auf den Beinen war. Aber Wunder geschahen dieser Tage. Schlie�lich hatte irgendjemand drei Drachen get�tet und damit die restliche Brut vertrieben. Jetzt blieb nur noch, diese kurzbeinige Daimonenbrut zu vertreiben. Das w�rde <emphasis>sein</emphasis> Wunder werden.</p><p>Er streckte sich lang auf den Amphoren aus. Er wusste, wie sie dieses Wunder wirken konnten. Die Pedanterie dieses Hauptmanns hatte ihn darauf gebracht. Sie hatten nichts zu bei�en, aber alles, was sie f�r ein drittes Wunder brauchten.</p><p>�Richte Shaya aus, ich tausche den Schlafmohn gegen all ihre Lastentr�ger. Sie sollen sich in einer Stunde hier einfinden.� Er g�hnte. �In einer Stunde weckst du mich, Gaius. Ich brauche ein wenig Schlaf, und dann werden wir der Daimonenbrut heimzahlen, was sie uns angetan haben. Sorge daf�r, dass Shaya das Verwundetenlager r�umt. Wir brauchen diese H�hle. Und stelle fest, wo die n�chste Zisterne zu dieser H�hle liegt. Besorg mir ein paar Steinmetze. Steinmetze sind besonders wichtig��� Er streckte die Glieder. Es tat so gut zu liegen!</p><p>�Steinmetze und Lastentr�ger. Sie werden die Daimonen besiegen.�</p></section><section><title><p>Fleischfresser</p></title><p>Bidayn duckte sich im Sattel, obwohl der Torbogen zum vorderen Hof des Kaufmannshauses so hoch war, dass es nicht notwendig gewesen w�re. Ein dienstbeflissener Silen kam von den Stallungen auf sie zugelaufen. �Es ist sch�n, dass Ihr wieder hier seid, Herrin!�</p><p>Sie ignorierte ihn. M�de schwang sie sich aus dem Sattel und �berlie� dem bockbeinigen Diener die Z�gel. Sch�n, hier zu sein�� Ganz und gar nicht! Es war der letzte Ort in Albenmark, an dem sie sein wollte.</p><p>Der Stadtpalast des Kaufherrn Shanadeen, ihres Ehemanns! Hier zu sein bedeutete, gescheitert zu sein. Sie konnte nicht verstehen, warum der Goldene sie zur�ckgeschickt hatte. Warum hatte er keine neuen Aufgaben f�r sie? Hatte sie sich denn nicht bew�hrt? Hatte sie das verschollene Traumeis nicht aufgesp�rt? Wen w�rde er schicken, um es zu holen?</p><p>Sie ballte w�tend die F�uste. Sie hatte da einen Verdacht. Es gab eine Elfe, deren Klinge jede Kreatur zu t�ten vermochte. Eine Elfe, die keine Angst kannte und so verr�ckt war, sich selbst gegen die Himmelsschlangen zu stellen, statt ihnen eine treue Dienerin zu sein, was die erste Pflicht eines jeden Drachenelfen war.</p><p>Ja, ganz gewiss w�rden sie Nandalee schicken! Aber vielleicht war ihre fr�here Freundin ja dumm genug, diese Ehre zur�ckzuweisen. Bidayn l�chelte. Es war das erste Mal, seit der Goldene sie fortgeschickt hatte. Nandalees Dummheit, das war der letzte Trumpf, auf den sie setzen konnte. Wenn Nandalee den Befehl, nach Nangog zu gehen, ablehnte, dann w�rde der Goldene nach ihr schicken, um das �rgernis Nandalee aus der Welt zu schaffen. F�r immer! Vielleicht war das ja der geheime Plan des Goldenen?</p><p>Nur war Nandalee leider sprunghaft und vermutlich sogar inzwischen verr�ckt, bei allem, was Bidayn �ber sie geh�rt hatte. Vielleicht nahm sie an?</p><p>Die gro�e doppelfl�gelige T�r des Kaufmannspalastes �ffnete sich, noch bevor sie die Hand nach dem T�rgriff ausstreckte. Kaum, dass sie �ber die Schwelle trat, verbeugte sich eine Schar devoter Kobolddiener vor ihr. Nur die kleine, rundliche Kruppa, die unumschr�nkte Herrscherin �ber Shanadeens K�che, buckelte nicht vor ihr. Sie versuchte nicht einmal, ihr Missfallen aus ihren Z�gen zu bannen. Die K�chin mochte sie nicht, und Bidayn w�re jede Wette eingegangen, dass Kruppa ihr ins Essen spuckte, wenn sie Gelegenheit dazu hatte.</p><p>Farella und Lydaine, Shanadeens T�chter, f�hrten hingegen einen Freudentanz auf. Sie jubelten, fassten sich bei den H�nden und tanzten im Kreise. Bidayn sah ihnen einen Augenblick lang verbl�fft zu. Die beiden hatten sie bespitzelt, und sie waren alles andere als Freunde. �Es geht hier nicht um mich, richtig?�</p><p>Die beiden M�dchen hielten inne, taten so, als h�tten sie sie eben erst bemerkt. �Oh, Mutter, du bist wieder da?�</p><p>Sie nannten sie sonst nie Mutter. Die beiden mochten aussehen wie Kinder, aber in Wahrheit waren sie vielleicht sogar �lter, als Bidayn es war. Ihre Mutter hatte sie verflucht, bevor sie gestorben war. Sie wuchsen nicht mehr, waren auf ewig in ihrer Kindheit gefangen. Und alle im Haus behandelten sie auch wie Kinder.</p><p>Farella und Lydaine waren verr�ckt. Und geh�ssig, und Bidayn war nicht in der Stimmung, sich von diesen beiden kleinen Kr�ten auf der Nase herumtanzen zu lassen.</p><p>�Und, was macht euch zwei H�bschen so gl�cklich?�</p><p>Die zwei sahen sie mit festem Blick an. Farella mit ihrem langen schwarzen Haar und Augen wie dunklen Abgr�nden. Sie trug stets Wei�, was ihre Bl�sse unterstrich. Sie war die Unheimlichere der zwei und die Stillere. Lydaine hingegen war strohblond. Sie trug ein buntes Kleid, auf das allerlei Blumen gestickt waren, und hatte sich ihr Haar mit mohnroten B�ndern zu zwei Z�pfen geflochten.</p><p>Farella blickte zu ihr auf. �Kruppa wird heute ihr Kaninchenragout f�r uns kochen. Das ist ein Festtag!�</p><p>�Wirklich, ein Festtag�, entgegnete Bidayn eisig. Sie sah zu der korpulenten K�chin. �Leben die Kaninchen noch?�</p><p>�Nat�rlich!� Die Koboldin war sichtlich auf der Hut. �Ich koche nur frisches Fleisch. Was Totes kommt mir nicht in meine K�che.�</p><p>�Dann sollten wir uns die niedlichen, kleinen Kaninchen mal ansehen.�</p><p>�Ja, sehen wir sie uns an!�, jubelte Lydaine.</p><p>�Das muss doch nicht sein��� Kruppa hob abwehrend die H�nde. Ganz offensichtlich hatte sie verstanden, worauf das hier hinauslief.</p><p>�Ich bestehe darauf.� Bidayn legte die Arme um die Schultern der M�dchen und schob sie Richtung K�che. Das Koboldgesinde folgte ihnen mit respektvollem Abstand.</p><p>Nur Kruppa lief schwer atmend an ihnen vorbei. �Meine K�che ist nicht aufger�umt, Herrin. Bitte gebt mir ein wenig Zeit���</p><p>�Ein wenig Unordnung macht mir nichts.� Schon hatten sie die K�chent�r erreicht. Bidayn schob die M�dchen hinein.</p><p>Wie immer war in Kruppas K�che alles in bester Ordnung. Die kupfernen T�pfe und Pfannen gl�nzten frisch poliert, der Arbeitstisch war blitzsauber und die Asche im gro�en Kamin zu einem ordentlichen H�ufchen zusammengekehrt.</p><p>Neben dem Hackblock standen zwei kleine K�fige aus Weidengeflecht. Zwei junge Kaninchen kauerten darin. Sie knabberten an gezackten L�wenzahnbl�ttern und sahen mit gro�en schwarzen Augen zu ihnen auf.</p><p>�Sind die niedlich!�, rief Lydaine entz�ckt.</p><p>�Und doch willst du sie heute Abend essen.�</p><p>Das M�dchen runzelte die Stirn.</p><p>�Ja, Lydaine, dort in dem K�fig kauert dein k�stliches Kaninchenragout. Und nun sei so freundlich und hilf Kruppa ein wenig.� Bidayn zog ihr Messer aus dem G�rtel und dr�ckte es dem M�dchen in die Hand.</p><p>�Das ist keine Aufgabe f�r die jungen Herrschaften!�, mischte sich Kruppa ein. �Sie werden sich noch ihre sch�nen Kleider besudeln.�</p><p>�Dann sei es so.�</p><p>Lydaine sch�ttelte den Kopf und versuchte, das Messer fallen zu lassen, doch noch bevor ihr das gelang, umschloss Bidayn mit ihrer Hand die zarten Finger. �Ich werde dir helfen. Du musst dem Kaninchen die Kehle durchschneiden und es ausbluten lassen. Maya?� Sie sah sich nach der einbeinigen Tochter der K�chin um. �Bring eine Schale, in der ihr das Blut auffangt. Ich wei�, dass ihr aus Blut und Speck gerne Wurst macht.�</p><p>Bidayn h�rte das Klacken des Holzbeins hinter sich. Maya gab sich dem�tig, aber Bidayn sah ihr an, dass sie nicht schlecht fand, was gerade geschah. Die meisten Kobolde standen mit verschr�nkten Armen in der K�che und beobachteten das Geschehen stumm. Einzig Kruppa protestierte, als Bidayn den ersten K�fig �ffnete, das Kaninchen bei seinem Nackenfell packte und hochhob.</p><p>Lydaine k�mpfte noch immer gegen das Messer in ihrer Hand an, das sich erbarmungslos der Kehle des Kaninchens n�herte, w�hrend Farella wie versteinert zusah.</p><p>Der scharfe Stahl fuhr durch Fell und Fleisch. Hellrotes Blut spritzte �ber die Klinge. Lydaine schrie auf. Das Kaninchen schlug trommelnd mit den L�ufen gegen die Tischkante. Ein paar Herzschl�ge nur, dann erschlaffte es, und das Blut troff von seinem Fell herab in die Schale, die Maya hingestellt hatte.</p><p>Bidayn lie� Lydaine los. Das M�dchen kr�mmte sich, stie� sto�weise Schluchzer aus. Erbarmungslos griff sich die Drachenelfe Farella. Das dunkelhaarige M�dchen leistete keinen Widerstand. Wie eine Marionette lie� sie sich willenlos f�hren. Blut spr�hte ihr ins Antlitz und �ber ihr bl�tenwei�es Kleid.</p><p>Als das zweite Kaninchen ausgeblutet war, legte Bidayn es auf den Hackklotz. Sie sah sich nach Kruppas Tochter um. �Maya, wei�t du, wie man ein Fell abzieht und die Ged�rme ausnimmt?�</p><p>Die kleine Koboldin nickte eifrig.</p><p>�Dann zeige es doch bitte meinen beiden entz�ckenden T�chtern, damit sie wissen, was sie als N�chstes lernen werden.�</p><p>Maya erwies sich als �beraus geschickt. Ein Schnitt gen�gte ihr, und sie begann, mit kr�ftigen Bewegungen das Fell zu l�sen und dem Kaninchen �ber die Ohren zu ziehen. Als sie dann die Eingeweide aus der Bauchh�hle holte, begann Lydaine zu w�rgen.</p><p>Bidayn hielt die beiden M�dchen bei den Haaren gepackt, sodass sie den Blick nicht abwenden konnten. Als Maya mit beiden Kaninchen fertig war, f�hrte die Elfe ihre T�chter hinaus.</p><p>�Wer Kaninchenragout liebt, sollte wissen, wo es herkommt�, sagte sie scharf. �Ihr beide seid zu verw�hnt. Von heute an weht hier ein anderer Wind. Ich erwarte euch zum Abendessen. Solltet ihr euch einfallen lassen, nicht zu erscheinen, war das hier ein Klacks im Vergleich zu dem, was euch erwartet.�</p></section><section><title><p>Fast eine Familie</p></title><p>Farella und Lydaine stocherten in ihrem Essen herum. Beide hatten noch keinen Bissen zu sich genommen. Sollten sie sich nur zieren, dachte Bidayn am�siert. Sie hatte daf�r gesorgt, dass ihnen kein Kobold etwas anderes zu essen bringen w�rde. Nicht einmal Kruppa. Wenn sie ihr Kaninchen verschm�hten, bekamen sie nichts bis zum n�chsten Abendessen.</p><p>�K�stlich, Kruppa!� Bidayn nickte der K�chin, die ein St�ck von der Festtafel entfernt stand, anerkennend zu.</p><p>�Ein wirklich gelungenes Mahl�, best�tigte auch Shanadeen. Sein schmales Gesicht zeigte keinerlei Emotion. Wieder einmal wirkte er, als w�re er in Gedanken gar nicht hier. Plante er seine n�chste Reise? Er war oft f�r viele Wochen unterwegs und �berlie� seine beiden T�chter dem Gesinde.</p><p>Elfenm�dchen sollten nicht von Kobolden erzogen werden, dachte Bidayn ver�rgert. Ihr war unbegreiflich, warum er die beiden so vernachl�ssigte. Lag es an dem Fluch, der auf den M�dchen lastete? Hatte er etwa selbst etwas damit zu tun? Lief er deshalb vor ihnen davon? Auf seinen Handelsreisen betrat ihr Ehemann nie die Albenpfade, er war auf dem Meer zu Hause. Ihm geh�rten mehrere Schiffe, und er kannte die entferntesten Karawanenrouten. Eigentlich m�sste er ein interessanter, redseliger Mann sein, so weit gereist wie er war. Aber er behielt alles f�r sich, strahlte eine k�hle Strenge aus, und selbst wenn er sich mit anderen in einem Raum befand, war er irgendwie nicht anwesend.</p><p>Die beiden M�dchen warfen ihm hilfesuchende Blicke zu, doch er bemerkte es nicht, sah nicht, dass sie ihr Lieblingsgericht, Kaninchenragout an schneewei�em Reis, heute kaum anr�hrten.</p><p>Shanadeen erhob sich, kaum dass er sein Mahl beendet hatte. �Ich w�nsche euch eine gute Nacht.� Er hauchte seinen beiden T�chtern einen Kuss auf das Haar und �bersah auch jetzt die Verzweiflung in ihren Blicken. �Ich werde mich noch einige Stunden ins Kontor zur�ckziehen und w�nsche nicht gest�rt zu werden.� Er sah zu Bidayn. �Auf ein Wort, meine Gemahlin.� Er deutete mit fl�chtiger Geste zur T�r.</p><p>War ihm doch etwas aufgefallen? Die Drachenelfe erhob sich. Sie dachte daran, wie sie in ihrer Hochzeitsnacht Asfahal in ihr Ehebett geholt hatte, w�hrend Shanadeen bet�ubt in tiefem Schlummer neben ihnen gelegen hatte. Er mochte ein guter H�ndler sein, aber er hatte nichts an sich, was ihren Respekt verdient h�tte.</p><p>�Ich w�nsche nicht, dass Ihr in dieser Nacht in unserem Schlafgemach erscheint�, erkl�rte er, kaum dass sich die T�r zum Speisesaal hinter ihnen geschlossen hatte.</p><p>Bidayn hob �berrascht die Brauen. �Gefalle ich dir nicht mehr? Oder m�chtest du die Nacht ungest�rt mit einer Geliebten verbringen?�</p><p>Er verzog angewidert das Gesicht. �Eine Geliebte? Wie k�nnt Ihr nur so von mir denken?�</p><p>�Ihr versto�t mich, nachdem ich lange fort war, aus unserem Schlafgemach, mein Gemahl. Was soll ich da anderes denken?�</p><p>Shanadeen hob abwehrend die H�nde. �Nicht! Kommt mir nicht nahe! Es ist das Gegenteil von dem, was Ihr denkt. Ihr seid eine sch�ne Frau, Bidayn, und Ihr wisst das. Und Ihr seid eine gef�hrliche Frau. Ich bin nicht blind, und ich werde keine Fragen stellen. Ich wei�, der Goldene steht hinter Euch. Und ich habe gesehen, Ihr tragt eine T�towierung auf dem R�cken���</p><p>Sie setzte an, etwas zu sagen, doch er fuhr ihr �ber den Mund.</p><p>�Keine L�gen! Ich frage nicht, was Ihr seid, und Ihr m�sst keine Geschichten f�r mich erfinden. Ich m�chte Euch nicht in meinem Bett. Wir sind zwar verheiratet, aber Ihr wart nie die meine und Ihr werdet es auch nie sein. Eine sch�ne Frau neben mir liegen zu haben, die aber nicht von mir ber�hrt werden will, zerr�ttet meinen Seelenfrieden. Ihr m�sst Euch also keine M�he geben. Verbringen wir k�nftig die N�chte in getrennten Schlafgem�chern. Nur eine Bitte habe ich an Euch. Erf�llt sie, und ich werde ohne zu murren die Rolle spielen, die mir in dieser Farce einer Ehe zugedacht wurde.�</p><p>Bidayn sah ihn herausfordernd an. Nicht mehr in ein Bett mit diesem langweiligen Spie�er steigen zu m�ssen passte ihr bestens.</p><p>�Bitte seid gro�herzig zu meinen M�dchen. Sie haben Euch nichts getan. Es bricht mir das Herz, sie so zu sehen wie heute Abend.�</p><p>Bidayn l�chelte. �Habt keine Sorge, mein Gemahl. Wir werden eine Familie sein. Und ich werde mich fast wie eine Mutter um Farella und Lydaine k�mmern. Ihr wisst gut, wie sehr Ihr bei der Erziehung der beiden versagt habt. Ich werde ihnen helfen, auf eigenen Beinen zu stehen. Zu akzeptieren, was ihnen widerfahren ist, und daraus endlich das Beste f�r ihr Leben zu machen.�</p><p>Zum ersten Mal, seit sie ihn kannte, vermochte Shanadeen seine Gef�hle nicht zu beherrschen. �Das werdet Ihr tun?�, fragte er aufgew�hlt. �Was habt Ihr vor?�</p><p>�Die beiden sind erwachsene Frauen in den K�rpern von Kindern. Ich werde sie fortan wie Erwachsene behandeln. Nur dann k�nnen sie zumindest innerlich wachsen. Habt Ihr daran nie gedacht?�</p><p>Shanadeen �ffnete den Mund, brachte aber kein Wort hervor. Bidayn konnte an seinem Antlitz nicht ablesen, ob er entr�stet oder einer Meinung mit ihr war und ihm einfach die Worte fehlten.</p><p>�Ihr seid meine Familie!�, sagte sie entschieden. �Und genauso werde ich mich verhalten. Es w�re sch�n, wenn Ihr, mein Gemahl, zumindest nach au�en hin auch diese Fassade erhalten k�nntet. Ich habe das Gef�hl, dass unser F�rst Sekander mir nicht wohlgesinnt ist. Ich werde Eure Unterst�tzung brauchen. Darf ich darauf vertrauen, dass Ihr immer hinter mir stehen werdet?�</p><p>Shanadeen z�gerte einige Zeit, doch schlie�lich nickte er. Es war ein kurzes, abgehacktes Nicken. Un�bersehbar widerwillig. Sofort danach ging er, ohne noch ein weiteres Wort zu verlieren. Bidayn war sich sicher, dass er im Kontor nicht �ber Warenlisten br�tete, sondern dar�ber, wo er Hilfe f�r seine T�chter finden konnte. Was zu tun war, um den Fluch ihrer Mutter endlich zu brechen.</p><p>Sie hatte sich geirrt, seine Kinder waren ihm nicht egal. Im Gegenteil: So viele Jahre hatte er das schon getan. Ohne den geringsten Erfolg. Daran w�rde sich sicherlich auch in n�chster Zeit nichts �ndern. Und das war ihr nur recht, denn sie hatte Pl�ne mit Farella und Lydaine. Und die w�rden nur aufgehen, wenn sie weiterhin aussahen wie Kinder, aber endlich die F�higkeiten und das Selbstvertrauen von Erwachsenen erlangten.</p></section><section><title><p>Ein neues Kommando</p></title><p>Die purpurnen Segel erschlafften, kaum dass sie den Eingang zur Hafenh�hle passiert hatten. Solaiyn zupfte ein parf�miertes Tuch hinter seinem G�rtel hervor, das er wohlweislich vorbereitet hatte. Ein �bler Gestank herrschte in der riesigen H�hle. Eine Mischung aus Teer, verfaultem Fisch, Brackwasser, kaltem Rauch und anderen, subtileren Dingen, die er nicht zuordnen konnte und wollte.</p><p>Nodon rief einen Befehl, und das mit einer goldenen Sonne bestickte Segel wurde eingeholt. Die <emphasis>Sommerlicht</emphasis> war ein �beraus sch�nes Schiff. Sie machte ihn fast so stolz wie seine Statuen. Er selbst hatte das Holz f�r ihren Rumpf ausgew�hlt und in den K�stenw�ldern Arkadiens nach den Zedern gesucht, aus denen die Masten gefertigt worden waren. Die <emphasis>Sommerlicht</emphasis> vereinte auf das Vollkommenste Sch�nheit und Zweckm��igkeit. Der Katamaran mit den zwei Masten erreichte eine erstaunliche Geschwindigkeit, wenn er vor dem Wind lief, und hatte f�r ein Schiff, das nur so �ber die Wogen dahinflog, eine erstaunlich gro�e Ladekapazit�t. Und die war auch notwendig! Dieses Mal wollte er nicht auf den Luxus verzichten, mit dem er sich �blicherweise umgab. Er w�rde ihm helfen, schneller wieder zu sich zu finden, wenn die Schlangenfrau Aloki ihn mit ihren langen Nadeln behandelte. Auch sie geh�rte zur Fracht. Gut verborgen lag sie eingerollt in einer der Kisten unter Deck. Ihr Anblick h�tte zu viele Albenkinder beunruhigt.</p><p>Solaiyn verstand diese Vorbehalte nicht. In seinen Augen war auch sie ein Gesch�pf voller Anmut. Ganz im Gegensatz zu Kobolden oder Trollen. Oder gar Zwergen. Er schnitt eine Grimasse. Nat�rlich war es nicht gut gegangen, einem Zwerg ein eigenes Kommando anzuvertrauen. Sie waren ohne Zweifel z�he K�mpfer und talentierte Tunnelbauer, aber das Zeug zu Heerf�hrern hatten sie nicht. Schon gar nicht dieser R�nkeschmied Hornbori.</p><p>Ruder wurden aus den Flanken der Doppelr�mpfe der <emphasis>Sommerlicht</emphasis> ausgefahren. Sie glitt durch das dunkle Wasser des stinkenden Hafens der Mole entgegen, auf dem sich ein Trupp Zwerge versammelt hatte.</p><p>Solaiyn hatte sein Kommen ank�ndigen lassen, damit Hornbori Gelegenheit hatte, sich damit anzufreunden, dass sein Oberbefehl zur�ckgenommen war. Sicherlich hatte er sich bereits allerlei Ausfl�chte f�r sein Versagen zurechtgelegt.</p><p>Langsam n�herte sich der stolze Segler dem steinernen Landungssteg. Solaiyn war �berrascht, wie viele Kampfschiffe der Menschenkinder hier versammelt waren. Primitive Galeeren mit Rammspornen ohne jede Eleganz, aber immerhin, sie waren zahlreich. Vielleicht lie�en sich die Schiffe ja mit Kobolden oder Trollen bemannen.</p><p>Die Ruder der <emphasis>Sommerlicht</emphasis> wurden eingezogen. Ein besonders unf�rmiger Zwerg, der nur eine Hose trug, um seinen abscheulich t�towierten Leib zur Schau zu stellen, warf ihnen ein Seil zu. Der Katamaran wurde vert�ut, eine Laufplanke angelegt.</p><p>Solaiyn verlie� als Erster das Schiff. Der wie stets ganz in Rot gewandete Nodon folgte ihm auf dem Fu�. Sein Leibw�chter ma� die Zwergenschar mit unverhohlen misstrauischen Blicken.</p><p>�Es ist eine Freude, wenngleich auch eine �berraschung, Euch hier zu sehen, Feldherr!�, begr��te ihn Hornbori mit sehr �berzeugender Freundlichkeit. Ahnte der Zwerg etwa nicht, warum die Himmelsschlangen ihn geschickt hatten?</p><p>�Auch ich freue mich, dich wiederzusehen, Heermeister�, entgegnete er ein wenig distanziert, aber noch nicht unh�flich, auch wenn er mit Bedacht darauf verzichtete, den Zwerg formal anzusprechen. �Die Himmelsschlangen haben mich geschickt, weil sie zu erfahren w�nschen, warum es dir nicht m�glich war, die Stadt Asugar einzunehmen.�</p><p>Der Heermeister hob abwehrend die H�nde. �Da sind die unergr�ndlichen Herrscher der Himmel falsch unterrichtet worden. Die Stadt Asugar wurde dem Erdboden gleichgemacht. Wir beherrschen ihre Ruinen und ihren Hafen. Es gibt nur ein paar H�hlen, in denen die Menschenkinder noch Widerstand leisten. Es ist eine Sache von h�chstens zwei Tagen, sie auch dort zu besiegen.�</p><p>Solaiyn sp�rte einen stechenden Kopfschmerz. So k�ndete sich an, wenn der Goldene ihn nutzte, um durch seine Augen zu sehen und durch seine Ohren zu h�ren. Eine unangenehme Schw�che �berkam ihn. Seine Beine zitterten leicht.</p><p>Der Elf klatschte in die H�nde. �Bringt mir meinen Stuhl!� Dann wandte er sich wieder Hornbori zu. �Gibt es eine Karte von diesen H�hlen?�</p><p>Der Zwerg nickte beflissen. �Selbstverst�ndlich, Feldherr. Nat�rlich konnten wir nur jene Tunnel und H�hlen verzeichnen, in denen wir bereits gek�mpft haben���</p><p>Ein pr�chtiger Lehnstuhl wurde vom Katamaran getragen. Erleichtert nahm Solaiyn darauf Platz. Er konnte die Abneigung der Zwerge fast sp�ren. Ein bartloser Kerl mit vernarbtem Kinn wagte es sogar auszuspucken. Verdammte, undisziplinierte Bande!</p><p>�Bringt den Plan!� Solaiyn fiel das Sprechen bereits schwerer. Der Goldene �bernahm ihn immer mehr. Gleich w�re er nur noch Zuschauer bei dem, was geschah. Der Drache w�rde durch ihn zu den Zwergen sprechen. Und was er zu sagen hatte, w�rde ganz gewiss nicht daf�r sorgen, dass die Zwerge ihn, ihren elfischen Feldherrn, ins Herz schlossen. Solaiyn l�chelte zynisch. Auch wenn er in gewissem Sinne nur stummer Gast bei diesem Schauspiel war, blieb ihm wenigstens die Genugtuung, dass er im Gegensatz zu den Zwergen und allen anderen wusste, was geschah.</p><p>Hornbori wirkte einen Augenblick lang unschl�ssig, fasste sich aber schnell wieder. Er fl�sterte einem Krieger aus seinem Gefolge etwas zu, und der Mann entfernte sich, zeigte aber keinerlei Eile.</p><p>Solaiyn f�hlte sich inzwischen so ersch�pft, dass es ihn all seine Kraft kostete, aufrecht in dem Lehnstuhl sitzen zu bleiben. Eisiges Schweigen breitete sich zwischen ihm und der Zwergengesandtschaft aus. Nicht einmal Hornbori versuchte, etwas gegen die unterk�hlte Atmosph�re zu unternehmen.</p><p>Solaiyn sah seinen M�nnern zu, wie sie Truhe um Truhe aus dem Katamaran trugen und ein St�ck entfernt am Ende der Mole sein Zelt aufschlugen. Es war gr��er und sch�ner als jenes, das ihn auf seinem Feldzug in die Eisw�ste begleitet hatte. Von tiefem Moosgr�n und mit goldenen Stickereien. Eine Farbe, die er stundenlang betrachten konnte und die ihn an die W�lder Arkadiens erinnerte. Auch wurden mehrere kleine Bronzeskulpturen �ber den Landungssteg getragen. Keine wirklich erstklassigen Arbeiten, und nur eine, ein sehr dynamisch gestalteter Speerwerfer, war h�her als einen Schritt. Sie mussten ihm ein �rmlicher Ersatz f�r die Flure voller Skulpturen in seinem Palast sein, in denen er so gerne lustwandelte.</p><p>Er richtete sich m�hsam auf, als die Zwerge etwas herantrugen, das wie die Bretterwand eines Schuppens aussah. Deutlich sp�rte Solaiyn das Befremden des Goldenen, der durch seine Augen sah. Ja, eine leise, sengende Wut begann sich in seine Glieder zu ergie�en. Ein Gef�hl, als h�tte er tief in seinem Innersten Feuer gefangen.</p><p>�Was soll das?�, herrschte er die Zwerge an, ohne dass es seine Worte gewesen w�ren.</p><p>Hornbori rollte eine Karte aus und befestigte sie mit zwei Dornen an der Schuppenwand. �Die Menschenkinder haben ein �berraschend kluges Tunnelsystem ersonnen, das es schwierig macht, g�nzlich in seinen Besitz zu kommen. Hier liegt der Hafen, in dem wir uns nun befinden.� Der Zwerg machte eine kreisende Bewegung um eine riesige H�hle am unteren Ende der Karte. �Verschiedene Treppen und in sanften Spiralen ansteigende Tunnel f�hren von hier nach oben. Querg�nge verbinden diese Aufstiege mit Zisternen, Lagerr�umen und �rmlichen L�chern, in denen die Menschenkinder wie Ratten hausen.�</p><p>Solaiyn sp�rte die Anspannung des Goldenen.</p><p>Hornbori fuhr mit weit ausgreifenden Gesten �ber das Labyrinth, das mit Holzkohle auf die Karte skizziert worden war. �Was wir hier sehen, ist jedoch nur eine H�lfte des H�hlensystems.� Er schlug mit der flachen Hand auf die linke Seite des Plans, die auff�llig leer war. �Hier gibt es weitere H�hlen. Sie stehen jedoch nicht in Verbindung mit dem Hafen, der unter ihnen liegt. Keiner der Aufg�nge, die wir erst�rmt haben, f�hrt uns dorthin. Diesen Teil des Labyrinths erreicht man durch Abstiege, die in der brennenden Stadt liegen, und durch einige wenige Quertunnel, die sich nicht tief unter der Oberfl�che des Felsens befinden. Diese Quertunnel verteidigen die Menschen mit erstaunlicher Verbissenheit. Nur wenige entschlossene M�nner k�nnen dort eine ganze Armee aufhalten.�</p><p>�Eine Armee von Zwergen�, bemerkte der Goldene bissig.</p><p>�rgerliches Grummeln erhob sich in den Reihen der Krieger und Hauptleute.</p><p>�Jede Armee, verehrter Solaiyn�, erkl�rte Hornbori h�flich, aber bestimmt. �Wir m�ssen uns dort Schritt um Schritt unseren Weg erk�mpfen.�</p><p>�Und die Schisser von Drachen sind uns keine Hilfe dabei�, emp�rte sich ein Zwerg mit lichtem, str�hnigem Bart. �Sie sind davongeflogen, als sie verstanden haben, dass Siege mit Blut erkauft werden. Die Drachen haben das K�mpfen uns �berlassen!�</p><p>Solaiyn fragte sich, ob diesem Narr bewusst war, auf welch d�nnem Eis er sich bewegte. Er erinnerte sich an den Krieger. Der Zwerg war auf dem Feldzug in der Eisw�ste dabei gewesen. Ein Schmied, der in seinem Volk einen widerwilligen Respekt genoss.</p><p>�Was hat die Drachen get�tet?�, sprach der Goldene �ber Solaiyns Lippen.</p><p>Hornbori machte eine vage Geste. �Das wissen wir nicht.�</p><p>�Dann bergt ihre Leichen! Bringt sie in den Hafen und lasst sie nicht im Meer, den Haien zum Fra�!�</p><p>�Was ist unsere vordringliche Aufgabe hier, Herr Elf?�, fragte der Zwerg mit dem rot vernarbten Kinn. �Sollen wir diesen Fels erobern oder tote Drachen bestatten?�</p><p>�H�te deine Zunge, Ginnar aus Ishaven!�, emp�rte sich der Goldene.</p><p>�Wir werden die Verteidiger niederringen und dann die toten Drachen bergen�, mischte Hornbori sich ein. �Es wird nur ein paar Stunden dauern, bis wir���</p><p>�Es ist nicht mehr an dir, diese Entscheidung zu treffen, Heermeister�, sagte der Goldene ruhig. Solaiyn lie� hilflos �ber sich ergehen, wie die Macht des Goldenen ihn zwang, die Hand zu heben und mit den Fingern zu schnippen. �Nodon, �berreiche dem Heermeister das Schreiben der Himmelsschlangen.�</p><p>Der Schwertmeister �berreichte dem Zwerg einen mit goldenem Wachs gesiegelten Brief. �Dort wirst du schriftliche Best�tigung finden, dass du deines Kommandos enthoben bist. Ich �bernehme hier nun den Befehl, um euch zum Sieg zu f�hren. Dir, Hornbori, haben die Himmelsschlangen eine andere Aufgabe �bertragen, �ber die ich nicht unterrichtet wurde. Alle Anweisungen findest du in dem Schreiben. Du darfst dich nun zur�ckziehen und dich auf deinen Aufbruch vorbereiten.�</p><p>Hornbori sah aus, als w�re in ihm etwas zerbrochen. Er straffte sich, nahm das versiegelte Schreiben entgegen und zog sich durch die Reihen seiner Hauptleute zur�ck. Solaiyn fand die Art, wie der Zwerg verabschiedet wurde, ungeb�hrlich. Die Himmelsschlangen sollten ihre Diener besser behandeln. Er mochte Hornbori nicht sonderlich, und doch hatte er Mitleid mit ihm. Dann wurde Solaiyn bewusst, dass niemand diese Dem�tigung den Himmelsschlangen anlasten w�rde. Niemand�� au�er der Schlangenfrau Aloki�� wusste, dass er nicht er selbst war. Nur die Marionette des Goldenen. Alle w�rden davon sprechen, wie kaltherzig ihr elfischer Heerf�hrer war.</p><p>Was scherte ihn das Geschw�tz von Zwergen, dachte er, und doch umfing ihn tiefe Melancholie. Er wollte nicht hier sein. Er war kein Heerf�hrer!</p><p>Ihm war nur zu bewusst, dass er allein deshalb ausgew�hlt worden war, weil er es �berlebte, wenn der Goldene Besitz von ihm ergriff. Weil die Wunden heilten, die der flammende Verstand des Goldenen tief verborgen in sein Innerstes brannte.</p><p>Er achtete nicht mehr auf die Worte, die �ber seine Lippen kamen. Es waren ja ohnehin nicht seine. Er tr�umte von seinen Skulpturengalerien. Von den unvergleichlichen Arbeiten, die der elfische Bildhauer Salhayn erschaffen hatte. Und er tr�umte von der langen Haarnadel Alokis, die ihm schon bald, wenn er sich in sein Zelt zur�ckzog, die Schwermut nehmen w�rde. Sie w�rde aus ihm abflie�en, so wie der Eiter aus einem Furunkel abfloss, den man aufstach.</p></section><section><title><p>Feuer mit Feuer</p></title><p>�Wir haben einen Durchbruch zur n�chstgelegenen Zisterne�, erkl�rte der graub�rtige Steinmetz. �Barrieren aus Ger�ll und mit Sand gef�llten S�cken werden das Wasser hierherleiten, sobald wir den Pfropf aus Segeltuch und Teer aus dem Mauerwerk ziehen.�</p><p>�Gut!� Arcumenna gab dem Steinmetz einen Klaps auf den staubbedeckten Arm. �Sehr gute Arbeit. Bis der Tag zu Ende ist, werden durch dein Werk mehr Daimonen sterben als durch die Schwerter meiner besten Krieger. Dein Name wird auf immer mit der Geschichte von Asugar verbunden sein.�</p><p>Der Alte l�chelte verlegen. �Ich hab nur ein Loch in eine Wand geschlagen���</p><p>�Manchmal ist nicht mehr n�tig, um zu siegen.�</p><p>�Herr!� Horatius trat an seine Seite. �Sie macht �rger, Herr.�</p><p>Arcumenna klopfte dem Steinmetz noch ein weiteres Mal auf den Arm, dann folgte er dem Hauptmann die Treppen hinab. Sie gingen genau den Weg, den schon bald das Wasser nehmen w�rde. Er hatte mit Shayas Protest gerechnet. Aber der Weg zum Sieg f�hrte durch die Halle der Kranken.</p><p>Noch bevor sie das Spital erreichten, rochen sie es. Es stank nach Schwei�, verbrannten K�rpern und dem Eiter entz�ndeter Wunden. Der Weihrauch, der in R�ucherschalen abgebrannt wurde, vermochte diese Ausd�nstungen des Elends nicht zu �berdecken.</p><p>Begleitet wurde dieser Odem des nahen Todes von einer Kakophonie aus Schreien, lautem Wehklagen, halb ersticktem Weinen, gezischten Fl�chen und sinnlosem Gelalle. Arcumenna war es schleierhaft, wie Shaya es ertragen konnte, an solch einem Ort zu arbeiten.</p><p>Die Schrecken des Schlachtfeldes waren ihm nicht fremd. Er blieb stets inmitten seiner M�nner, ganz gleich, wie dicht das Get�mmel der Krieger war. Doch selten blieb man l�nger als einen Tag auf einem Schlachtfeld. Shaya hingegen hatte das Spital, das t�gliche Elend, als ihre Heimat gew�hlt. Die Heilerin hatte ein hartes Gesicht, aber sie war durchaus nicht unansehnlich. Er verstand nicht, warum sie nicht den Weg beschritten hatte, den die Natur Frauen vorherbestimmte. Warum hatte sie keinen Mann? Keine Kinder? Und dann waren da die Narben an ihrem K�rper. Spuren von K�mpfen. Und die Leichtigkeit, mit der sie sich durchsetzte und anderen ihren Willen aufzwang. Wenn all dies hier vor�ber war, w�rde er sie zu einem f�rstlichen Mahl einladen und ihren Geheimnissen nachsp�ren.</p><p>�So ernst ist es dir also�, empfing ihn Shaya inmitten des Spitals. Ein alter Mann in besudelter Tunika sch�ttete gerade einen Eimer Wasser �ber den blutverklebten Tisch, neben dem die Heilerin stand. �Hier sind M�nner, die so schwer verletzt sind, dass sie es vielleicht nicht �berleben werden, wenn man sie die Treppen hinauftr�gt.�</p><p>�Das ist tragisch, doch ich nehme es in Kauf.�</p><p>�W�rdest du so reden, wenn dein Sohn hier liegen w�rde?�</p><p>Arcumenna �berging, dass sie die Etikette ignorierte. Nicht aber Horatius, der ver�rgert die Brauen zusammenzog. �Ich habe hier keinen Sohn. Was also z�hlt eine Antwort auf diese Frage? Wenn du wissen willst, ob es mir leichtf�llt, das Leben der M�nner zu gef�hrden, die mir treu gedient haben, so kann ich nur mit Nein antworten. Und genau deshalb habe ich keine andere Wahl. Unsere Verteidiger oben in den Tunneln werden den Angriffen nicht mehr lange standhalten. Uns geht das Essen aus. Die Daimonen werden uns besiegen. Entweder �berrennen sie uns oder sie hungern uns aus. In sp�testens drei Tagen sind wir alle ihrer Gnade ausgeliefert, wenn ich jetzt nicht handele. Ich sehe nur einen einzigen Weg, die drohende Niederlage abzuwenden. Und dazu brauche ich diese H�hle. Ich werde das Spital also r�umen lassen.�</p><p>Sie stie� einen langen Seufzer aus. Dann lie� sie den Kopf sinken. �Wir brauchen Tragen. Und ich will verstehen, warum es diese H�hle sein muss. Was ist an ihr so besonders?�</p><p>Er nahm sie zur Seite und ging ein paar Schritte mit ihr, bis sie vor einem der vergitterten Sch�chte im Boden standen. �Dies hier f�hrt bis zur Decke der gro�en Hafenh�hle hinab. Unsere H�hle hier ist mehr als hundert Schritt lang. Sie zieht sich quer �ber den mittleren Teil des Hafens. Deshalb ist es hier so feucht, und deshalb haben wir den Raum auch nie als Lager genutzt.� Er senkte die Stimme zu einem Fl�stern. �Wir werden kochendes Oliven�l durch die Sch�chte leiten und in Brand setzen.�</p><p>Er sah, wie sich ihre Augen weiteten. �Du���</p><p>�Das ist erst der Anfang. Hast du jemals erlebt, wie jemand versucht hat, eine Pfanne mit brennendem �l mit Wasser zu l�schen? Wenn sich das �l im Hafen ausgebreitet hat, werden wir Wasser durch die Sch�chte leiten. Die Daimonen sind mit Feuer �ber unsere Stadt gekommen. Wir werden ihnen Feuer mit Feuer vergelten. Nun sollen sie in Flammen sterben. Alle!�</p></section><section><title><p>Ein Zischen wie von Bratenfett</p></title><p>Hornbori stand auf der Leiter im Luk der <emphasis>Wilden Sau</emphasis> und blickte zu dem gr�nen Zelt auf der Hafenmole. Drei Stunden nur hatte es gedauert, alles zu verlieren. All seine Tr�ume waren dahin. In Schande seines Kommandos enthoben! Und dar�ber hinaus verstand er seinen neuen Befehl nicht. Er sollte sich auf den Weg zu einer Inselgruppe knapp f�nfzig Meilen entfernt machen und ein Meeresungeheuer erlegen. Dazu durfte er drei�ig Aale aus der Flotte mitnehmen. Drei�ig Aale! Was f�r eine Verschwendung. Mit den t�ckischen Pfeilen von Galar und Nyr w�rde ein einziger Aal ausreichen, um dieses Ungeheuer zur Strecke zu bringen! Aber sollte dieser arrogante Elf nur sehen, wie er ohne sie zurechtkam.</p><p>Hornbori hatte die besten Schiffe und Mannschaften ausgew�hlt. Vielleicht waren die halbe Zwergenstreitmacht und ein paar Drachenelfen ja genug, um sich durch die Linien der Verteidiger zu schlagen. Er h�tte es auch geschafft!</p><p>W�tend schlug er mit der Faust auf den Fassungsring des Luks. Ein oder zwei Tage noch, dann w�re dieser verfluchte Fels sein gewesen! Die Menschenkinder h�tten nicht mehr lange durchgehalten. Das sp�rte er. Er hatte hier die Drecksarbeit gemacht, und dieser verfluchte Elf Solaiyn w�rde den Ruhm ernten. Das war die Dankbarkeit der Drachen. Er wusste genau, warum ihm das hier geschah. Weil zwei der Sonnendrachen umgekommen waren. �Soll mir nur recht sein�, murmelte er. Sie hatten es sich verdient, und er w�rde auch in Zukunft dabei helfen, Drachen zu meucheln. Ohne diese Brut war Albenmark besser dran.</p><p>�Worauf warten wir?�, drang Ulurs Stimme von unten herauf.</p><p>Ja, worauf? Auf ein Wunder? Wieder sah Hornbori zu dem gr�nen Zelt, das wie eine riesige Laterne leuchtete. Er sah die Schatten der Elfen im Inneren. W�rde Solaiyn herauskommen? W�rde er ihn doch noch auffordern, gemeinsam die Menschenkinder niederzumachen? Nat�rlich nicht! Es w�re ein Wunder, wenn sich der Elfenf�rst gegen die Befehle der Himmelsschlangen stellte. Aber Solaiyn war verr�ckt. Vielleicht��</p><p>�Wir verpassen die Ebbe�, dr�ngte Ulur.</p><p>�berall rechts und links entlang der Mole hatten die ausgesuchten Aale bereits abgelegt. Wie ein Schwarm riesiger, kupferner Fische strebten sie dem Ausgang des H�hlenhafens entgegen. Dem beklemmend weiten Himmel dieser Welt. Fort aus dem Schutz, den ihnen die weite H�hle geboten hatte.</p><p>Etwas troff vor ihm auf den Rumpf des Aals und zischte wie Fett in einer Bratenpfanne.</p><p>Hornbori kniff die Augen zusammen, um im Halbdunkel zu erkennen, was es war. Es roch nach hei�em �l. Verwundert sah er zur H�hlendecke hinauf. Kochte dort oben jemand?</p><p>Jetzt zischte das Wasser links neben der <emphasis>Wilden Sau</emphasis>. Der Zwerg sah sich erstaunt um. �berall im Hafenbecken stiegen kleine Schwaden von Wasserdampf auf. Pl�tzlich schrie jemand wie am Spie�. Es waren die gellenden, sich �berschlagenden Schreie eines Mannes in Todesqualen.</p><p>Verfluchte Trollkacke! Das war hei�es �l, das da in tr�ben, rauchumflorten S�ulen von der H�hlendecke troff.</p><p>Wieder perlte Blasen schlagendes �l �ber den Rumpf des Aals.</p><p>�Alles an die Kurbelwelle. Tauchen, wir m�ssen tauchen! Sofort!�, schrie Hornbori mit schriller Stimme, als er begriff, was geschehen w�rde. Hastig lie� er sich halb die Leiter hinabrutschen und griff nach dem Rad an der Unterseite des Luks.</p><p>�Tauchen!�, fuhr er Ulur an. �Bei den Alben. Schnell, oder wir alle sind tot!� Der Aal glitt ein St�ck ins Hafenbecken hinaus, als Hornbori im letzten Augenblick, bevor er das Luk schloss, sah, wie sich das tr�be �l in Flammens�ulen verwandelte.</p></section><section><title><p>Feuer und Wasser</p></title><p>Nodon musste sich beherrschen, um nicht nach seinem Schwertgriff zu tasten. Diese Truhe, vor der Solaiyn niedergekniet war. Ein leichter Geruch nach Nelken�l ging von ihr aus. Doch da war noch was. Er war sich sicher, dass das �l nur dazu diente, etwas anderes zu �berlagern. Dieser kaum wahrnehmbare zweite Duft erinnerte Nodon an den Geruch der gro�en Drachen. Es war��</p><p>Das Schloss der mit schweren Eisenb�ndern beschlagenen Truhe sprang auf. Der Deckel hob sich, ohne dass Solaiyn ihn ber�hrt h�tte. Der F�rst w�re wahrscheinlich nicht einmal in der Lage gewesen, den schweren Truhendeckel zu �ffnen.</p><p>Eine kahlk�pfige Elfe erhob sich aus dem unkomfortablen Versteck. Nein, keine Elfe! Auch wenn ihr Unterleib noch in der Truhe verborgen war, war sie unverwechselbar: Aloki, die Schlangenfrau. Sie hatte, ganz abgesehen von ihrer unheimlichen Erscheinung, etwas an sich, das Nodon erschauern lie�. Da war etwas, an das er sich erinnern sollte und das sich ihm doch versagte.</p><p>�Du siehst nicht sehr erfreut aus, mir wieder zu begegnen, Schwertmeister.� Sie schenkte ihm ein L�cheln, hinter dem nadelspitze Schlangenz�hne aufblitzten.</p><p>Aloki erhob sich zu ihrer vollen Gr��e. Sie �berragte Nodon um mehr als zwei K�pfe. Von der H�fte abw�rts besa� sie den Leib einer Schlange. Sie war nackt, abgesehen von zwei schweren, goldenen Armreifen. Anmutig beugte sie sich vor und �ffnete zwei Scharniere, die es ihr erlaubten, eine Seitenwand der Kiste umzuklappen. Mit leisem Zischeln glitt sie auf Solaiyn zu, der erwartungsvoll die Arme �ffnete.</p><p>Nodon hatte den Feldherrn in den Armen der Schlangenfrau schlafen sehen, dennoch war er sich nicht ganz sicher, wie ihr Verh�ltnis zueinander war. War sie nur eine m�tterliche Helferin oder auch seine Geliebte?</p><p>Unwillk�rlich sank Nodons Hand auf den Griff seines Schwertes. Aloki erinnerte ihn an eine Kobra, die sich aufgerichtet hatte, bereit, jederzeit zuzusto�en und ihre Feinde mit ihrem t�ckischen Gift zu t�ten.</p><p>�Du wirkst so angespannt, Schwertmeister.� Sie neigte den Kopf ein wenig und bedachte ihn mit einem herablassenden L�cheln. �Bist du nur dann in Harmonie mit der Welt, wenn du k�mpfst?�</p><p>Ihre gelben Augen mit der geschlitzten Pupille erinnerten an Drachenaugen. Doch in ihnen strahlte nicht selbstbewusste Macht, sondern �ble Heimt�cke.</p><p>Vielleicht bildete er es sich auch nur ein, dachte Nodon. Doch dann hatte er wieder die Bilder vor Augen, was sie Solaiyn antat, auf welch groteske Weise sie ihn von seiner Melancholie heilte. Mit einer Nadel, die sie ihm am Auge vorbei in den Sch�del stieߠ� sie war ein Ungeheuer!</p><p>Ein Ger�usch lenkte seine Aufmerksamkeit ab. Ein dunkler Fleck erschien �ber ihnen auf dem Zeltdach. Etwas golden Schimmerndes tropfte durch die Naht auf den Tisch neben ihnen.</p><p>Alokis Nasenfl�gel weiteten sich wie bei einem Raubtier, das Witterung aufnahm.</p><p>Tropfen von Licht fielen hoch �ber ihnen von der H�hlendecke, so hell und gro�, dass sie durch den dunkelgr�nen Stoff klar zu erkennen waren. Sie wuchsen an zu S�ulen.</p><p>Einen Herzschlag lang verharrte Nodon verwundert, bis er begriff, was er dort sah. Dann packte er Solaiyn beim Arm, zog sein Schwert und zerteilte mit einem Hieb die Zeltwand. �Raus! Wir m�ssen so schnell wie m�glich hinauf in den Berg!�</p><p>Der Feldherr sah ihn verwundert an, leistete aber keinen Widerstand, sondern stammelte nur etwas Unverst�ndliches. Nodon wusste, welchen Preis der Elfenf�rst daf�r bezahlte, dass der Goldene durch dessen Augen sehen konnte. Der Zauber, den der Drache wirkte, zerst�rte Teile des Gehirns. Er verwandelte jeden, der dem Drachen seinen K�rper lieh, binnen kurzer Zeit in einen stammelnden Idioten. Nur Solaiyn, dessen K�rper die r�tselhafte Eigenschaft besa�, dass selbst schrecklichste Wunden in wenigen Tagen wieder heilten, hatte die n�tige Widerstandskraft, um den Himmelsschlangen �ber einen l�ngeren Zeitraum zu dienen. Doch das, was ihn dazu qualifiziert hatte, der Heerf�hrer der Albenkinder zu werden, hatte ihn nun wehrlos gemacht. Ausgebrannt von der Macht des Drachenzaubers, der durch ihn geflossen war. Wenig mehr als ein st�rrisches Kind an der Hand seiner Eltern.</p><p>Inseln von entflammtem �l trieben auf dem Wasser. Eine Flammens�ule stie� auf das Zelt hinab, kaum dass sie es verlassen hatten, und bei�ender Rauch lag in der Luft. Etliche Schiffe der Menschenkinder hatten Feuer gefangen. Nodon sah, wie sich die Br�nde mit erschreckender Geschwindigkeit in das trockene Holz fra�en.</p><p>�Die <emphasis>Sommerlicht</emphasis>�, schrie Solaiyn entsetzt auf. Eine Wand von Flammen trieb durch das Hafenbecken auf den Katamaran zu. Die Mannschaft kappte die Leinen, goss Wasser �ber die Segel und stie� das elegante Schiff mit Stangen von der gemauerten Mole ab. Sie w�rden versuchen, durch den gro�en H�hleneingang auf die offene See zu entkommen.</p><p>Noch h�tten sie mit einem gewagten Sprung an Bord des Seglers gelangen k�nnen, doch Nodon entschied sich dagegen. Zu ungewiss war ihm der Fluchtweg durch den Hafen. Schon versperrte dichter Rauch die Sicht auf die Fahrrinne hinaus zum Meer.</p><p>Solaiyn begann, w�rgend zu husten.</p><p>�Euer Umhang, Feldherr. Benetzt ihn mit Wasser und haltet ihn Euch vor den Mund.�</p><p>Solaiyn sah ihn nur verwundert an.</p><p>Sie hatten lange genug gez�gert, entschied Nodon. Obwohl kaum f�nf Herzschl�ge seit ihrer Flucht aus dem Zelt vergangen waren, geschah alles so schnell, dass die Zeit sich zu dehnen schien.</p><p>Flammen schossen aus dem Zeltdach. Binnen eines einzigen Augenblicks sank der gr�ne Stoff in sich zusammen.</p><p>Nodon zog Solaiyn hinter sich her.</p><p>Ein Zwerg, der mit beiden H�nden wild auf seinen brennenden Bart einschlug, erschien vor ihnen. Ein anderer schlug mit einer Decke auf einen Elfen ein, der sich schreiend am Boden w�lzte.</p><p>�Schneller!� Nodon wandte sich zu Solaiyn um. Der Feldherr sah sich mit gro�en Augen um. Dann blickte er zur <emphasis>Sommerlicht,</emphasis> die in eine dichte Bank aus treibendem Rauch hineingerudert wurde. �Wir m�ssen an Bord�, sagte er traurig.</p><p>�Dort gibt es kein Entkommen�, entgegnete Nodon energisch. Sie passierten ein brennendes Lagerhaus, aus dessen aufgebrochener T�r eine Gruppe Zwerge kostbare Seidenballen schleppte. Diese Narren! Alles hier unten war verloren!</p><p>Der Schwertmeister strebte einer der weiten Treppen zu, die nach oben f�hrten. Auch der Rauch stieg auf und sammelte sich unter der weiten H�hlendecke. Nodon wusste, er w�rde durch die Aufstiegstunnel wie durch Schornsteine abziehen. Aber in den weiten Treppentunneln gab es Durchbr�che zur Felswand hin. Dort k�nnten sie hinaussteigen, um dem Verderben zu entrinnen.</p><p>Sie dr�ngten sich an einer Gruppe von Zwergen vorbei, die Kisten und S�cke schleppten. Sie nahmen Lebensmittel mit! Das war vern�nftiger, als Seidenballen zu schleppen.</p><p>Ein j�ngerer Zwerg mit blondem Bart griff Solaiyn beim Arm. �Herr, was sollen wir tun?� Er sah den F�rsten mit gro�en, erwartungsvollen Augen an. �F�hrt uns!�</p><p>�Du darfst keinen Rauch atmen�, sagte Solaiyn mit dem Ernst eines altklugen Kindes.</p><p>�Keinen Rauch atmen?� Der Zwerg wirkte fassungslos. �Wie��.�</p><p>�Er ist ein Elf! Was hast du erwartet?�, zischte einer seiner Kameraden.</p><p>�Wir m�ssen die Treppen hinauf!� Nodon hielt Solaiyn dicht bei sich. Der F�rst machte den Eindruck, als wollte er den Zwergen noch weitere, kostbare Ratschl�ge erteilen. Doch das w�rde sich herumsprechen, dachte Nodon beklommen. Und niemand w�rde den F�rsten mehr ernst nehmen, wenn sie ihn so erlebten. Er hielt das Handgelenk des Herrschers mit eisernem Griff umklammert und zerrte ihn mit sich.</p><p>Endlich erreichten sie eine Treppe, die sich entlang einer weiten Felss�ule nach oben wand. �berall im Hafen brannten inzwischen Schiffe. Die Hitze wurde immer unertr�glicher. Die H�hle w�rde zu einem riesigen Backofen werden, wenn erst einmal die ganze Flotte brannte. Niemand hier unten konnte darauf hoffen zu �berleben.</p><p>Dunkler Rauch zog in wirbelnden Spiralen an ihnen vorbei. Er schien von der �ffnung in der H�hlendecke �ber ihnen f�rmlich angezogen zu werden.</p><p>Nodons Augen brannten. Tr�nen rannen ihm �ber die Wangen. Solaiyn hustete und rang keuchend um Atem. Sie eilten die Treppe hinauf. Ohne Gel�nder schmiegte sie sich an die riesige Felss�ule. Immer wieder f�hrte sie die Spirale am Wasser vorbei. Jetzt, aus der H�he, war �berdeutlich zu sehen, was sich im Hafen abspielte. Wie die Flammen auf immer neue Schiffe �bergriffen.</p><p>Vor ihnen lag ein Zwerg auf den Stufen hingestreckt. Er hielt mit beiden H�nden die Kehle umklammert, als versuchte er, einen unsichtbaren W�rgegriff zu sprengen. Sein Mund war weit aufgerissen wie bei einem Fisch, der auf dem Trocknen lag. Er sah sie flehend an.</p><p>Nodon stieg mit einem weiten Schritt �ber ihn hinweg. �Weiter!�, dr�ngte er den F�rsten, wohl wissend, dass ihnen das schlimmste St�ck des Weges noch bevorstand.</p><p>Drei�ig Schritt oder mehr befanden sie sich nun schon �ber dem Wasser des Hafenbeckens. Die Hitze unter ihnen nahm immer weiter zu. Doch etwas hatte sich ver�ndert: Der Rauch zog nicht l�nger an ihnen vorbei. Stattdessen strich ein k�hler Luftzug aus dem Treppenschacht �ber ihnen herab, streichelte ihre Gesichter, spielte mit dem zarten Stoff ihrer Gew�nder. Ein leises Heulen begleitete den Wind. Ein dunkler, Unheil verk�ndender Ton.</p><p>Nodon kam der absurde Gedanke, dass das Feuer unter ihnen atmete. Dass es Luft durch den Treppentunnel sog.</p><p>Noch w�hrend er das dachte, gewann die Brise an St�rke. Das Heulen wurde lauter.</p><p>�Hinab!� Wie aus dem Nichts stand Aloki pl�tzlich neben ihnen. Die Schlangenfrau deutete zum Hafen hinunter, auf dessen schwarzem Wasser tosende Flammen tanzten. �Hinab! Schnell!� Sie griff nach Solaiyn.</p><p>�Wir m�ssen durch den Tunnel!�, beharrte Nodon.</p><p>Pl�tzlich verschwamm die Gestalt der Schlangenfrau vor seinen Augen. Ein Schlag traf mit so gro�er Wucht auf sein rechtes Handgelenk, dass sich sein Griff �ffnete. Im n�chsten Augenblick sah er Solaiyn und die Schlangenfrau den dunklen Fluten entgegenst�rzen.</p><p>Wie hatte sie ihn so �bert�lpeln k�nnen? Das musste der Zauber sein, den auch Bidayn zu weben vermochte!</p><p>Solaiyn stie� einen gellenden Schrei aus, der abrupt abbrach, als die beiden vom Wasser verschlungen wurden.</p><p>Nodon z�gerte. Er war der Leibw�chter des F�rsten. Er sollte hinterherspringen. Doch �berall krochen Flammenteppiche �ber das Wasser.</p><p>Der Wind, der von der Treppe hinabpfiff, war noch st�rker geworden. Nodon hob den Kopf und sah, wie sich einige Zwerge mit vorgebeugten K�pfen durch den Eingang in den Fels k�mpften. Der Sturm, den das Feuer entfesselt hatte, zerrte und zupfte an ihren Kleidern, als wollte er sie ihnen von den Leibern rei�en.</p><p>Nodon wandte sich ab und beugte sich z�gerlich vor, um besser zum Hafenbecken hinabblicken zu k�nnen. Aloki und Solaiyn tauchten nicht wieder auf. Sie waren��</p><p>Kaskaden sch�umenden Wassers schossen aus der Decke der Hafenh�hle.</p><p>Der Elf riss sch�tzend die Arme vor sein Gesicht. Statt das Feuer zu l�schen, fachte das Wasser es an! Ohrenbet�ubendes Zischen wurde hundertfach von den W�nden der weiten H�hle zur�ckgeworfen. Eine Flammenwolke stieg vom Wasser auf, weitete sich aus, f�llte die H�hle g�nzlich aus.</p><p>Nodon hielt den Atem an, dennoch versengten kochendes Wasser und hei�e Fetttr�pfchen seine Naseninnenw�nde. Gl�hende Luft dr�ngte ihm mit Gewalt in Mund und Kehle. Er biss die Z�hne zusammen, presste die Lippen aufeinander und zwang sich, nicht zu schreien. Sein Innerstes w�rde gekocht werden, wenn er den Mund aufriss. Er durfte nicht��</p><p>Eine sengend hei�e Faust traf ihn. Riss ihn mit sich, wie Sturmwind ein Herbstblatt davontr�gt. Er wirbelte durch die Luft. Sp�rte, wie seine Haut durch die Kleidung hindurch verbrannte. Hatte das Gef�hl, dass die Tr�nen in seinen Augen zu kochen begannen.</p><p>Dann schlug er ins Wasser. Und auch das brachte keine Linderung. Er sank, durfte immer noch nicht den Mund �ffnen. Er bewegte sich. Wollte nach oben. Wollte auftauchen, doch wusste nicht, wo oben und unten war. Seine Augen versagten ihm den Dienst. Zeigten immer noch glei�endes Licht. Vorsichtig bewegte er sich. Dabei f�hlte es sich an, als w�re ihm seine Haut zu eng geworden. Allumfassender Schmerz umfing ihn. Ein Schmerz, wie er ihn noch nie gekostet hatte. So durchdringend, so intensiv, dass er die baldige Erl�sung von allen Qualen verhie�.</p></section><section><title><p>Unter Drachenschwingen</p></title><p>K�hle Lippen ber�hrten seinen Mund. Warmer Atem dr�ngte in seine Kehle. Ein starker Arm umfing ihn. Die Umklammerung entfachte den Schmerz, riss Nodon aus seiner Benommenheit. Er wurde im Wasser emporgehoben.</p><p>�ber ihnen w�tete wogendes Licht. Nichts war deutlich zu erkennen. Bis auf eine dunkle Linse direkt �ber ihnen. Was er sah, war wie das Auge Alokis. Unstetes Gelb, das eine geschlitzte Pupille umschloss. Er fantasierte. Nur der Schmerz, dort, wo der starke Arm ihn umschlungen hielt, war real.</p><p>Nodon schloss die Augen. Seine Brust wurde ihm wieder eng. Atmen�� Dem Wasser gestatten, dorthin zu dringen, zu flie�en, wo nur Atem sein sollte. Das w�re Erl�sung. So leicht w�re es, die Pein zu beenden.</p><p>Er �ffnete die Augen. Die Pupille wuchs an. Er fiel ihr entgegen. Schneller und schneller. Jetzt f�llte das Dunkel fast sein ganzes Gesichtsfeld. Sein Kopf erhob sich �ber das Wasser. Er war umfangen von stickiger Finsternis. Seine H�nde tasteten �ber etwas Raues. Holzmaserung?</p><p>�Wo bin ich?� Sein Mund brannte. Ein �liger Geschmack hatte sich darin eingenistet. Nodon h�rte �ngstliches Atmen.</p><p>�Ein umgest�rztes Fischerboot�, erkl�rte eine zischelnde Stimme. �Wir werden unter dem Rumpf nicht lange sicher sein. Wahrscheinlich hat das Holz schon Feuer gefangen. Pass auf Solaiyn auf. Halt ihn fest!�</p><p>Nodon sp�rte die Hitze durch das Holz. Das Boot bewegte sich. Wieder einmal war er �berrascht von der Kraft und Schnelligkeit der Schlangenfrau.</p><p>Kein Licht drang durch den Rumpf. Es war finster wie inmitten eines Bergs.</p><p>Solaiyn tastete nach ihm, klammerte sich an seine Arme. �Nodon? Du wirst mich retten, nicht wahr? Du bringst uns hier heraus.�</p><p>�Ja�, kr�chzte er. Sein Mund und seine Zunge schmerzten.</p><p>�Es tut so weh�, jammerte Solaiyn. Die Stimme des F�rsten hatte sich ver�ndert. Sie klang heller, fast wie die eines Kindes.</p><p>Etwas schlug hart auf den Bootsrumpf. Begann die H�hle einzust�rzen? Lie� die Hitze den Fels der Decke aufplatzen? Solaiyn schluchzte leise. Er schmiegte seinen Kopf an Nodons Wange. Das Gesicht des Feldherrn f�hlte sich klebrig an. Der Schwertmeister war froh, es nicht sehen zu m�ssen.</p><p>Aloki blieb still. Nodon h�rte sie kaum atmen. Er hatte einmal eine gro�e Wasserschlange in den Mangroven des Waldmeers gesehen. Sie hatte sich voller Anmut und erstaunlich schnell durch das flache Wasser bewegt. Er versuchte sich vorzustellen, wie die Schlangenfrau mit kraftvollen Schwanzbewegungen das Boot antrieb.</p><p>Im Hafen erklangen keine Schreie mehr. Auch das Tosen des Feuers war durch das Holz des Bootsrumpfs kaum zu h�ren. Nur ab und zu vernahm Nodon das Ger�usch von Felsbrocken, die ins Wasser st�rzten. Es war jetzt weniger warm, und er glaubte die Kraft der Flut zu sp�ren, die frisches Meerwasser in den brennenden Hafen dr�ckte.</p><p>Eine Ewigkeit schien zu vergehen. Aloki erm�dete nicht. Nicht einmal ihr Atem ging unruhig. Ihre Ausdauer schien unersch�pflich zu sein. Nur die Luft unter dem Boot wurde schlechter. Nodon hatte das Gef�hl, immer schneller atmen zu m�ssen. Solaiyn hechelte wie ein Hund. Dann drang ein neues Ger�usch zu ihnen vor. Das Tosen der Brandung.</p><p>�Wir brauchen das Boot nicht l�nger�, sagte die Schlangenfrau pl�tzlich. �Haltet euch an mir fest.� Sie schlang einen Arm um Nodons H�ften. �Tief einatmen! Wir werden ein kurzes St�ck tauchen. Bei drei!� Sie z�hlte langsam.</p><p>Nodon wollte sie fragen, wohin sie fl�chten wollte. Wollte einwenden, dass es nicht klug war, das Boot zu verlassen, da wurde er schon unter Wasser gezogen.</p><p>Sie tauchten ins Licht. �ber ihnen spannte sich strahlend blauer Himmel. M�wen flogen dicht am Felsen entlang, auf dem die Menschenkinder ihre Stadt erreichtet hatten. Das Licht blendete Nodon. Er kniff die Augen zusammen, �ffnete sie wieder. Er vermochte nicht klar zu sehen. Es war, als l�ge ein Gazeschleier vor seinen Augen.</p><p>Nicht weit entfernt bemerkte er eine dreieckige R�ckenfinne, die das Wasser durchpfl�gte.</p><p>�Das Blut im Wasser lockt sie an. Ich konnte es auch schmecken.�</p><p>Nodon sah zu der Schlangenfrau. Es gab Dinge, die wollte er erst gar nicht �ber sie wissen.</p><p>�Wir werden uns dort verstecken!� Sie deutete zu einem flachen Riff am Fu� der Steilklippe, das nur wenige Handbreit �ber das Wasser ragte. Dort lag einer der toten Sonnendrachen. Ein Fl�gel von ihm hing schlaff ins Wasser, auch sein langer Drachenschwanz und ein Teil seines Unterleibs. Der m�chtige rot geschuppte K�rper zuckte, als w�re sein Todeskampf immer noch nicht vor�ber.</p><p>�Das ist kein guter Platz�, entschied Nodon.</p><p>�Es ist der beste!� Aloki lie� ihn los, sodass er nun selbst mit den Armen rudern musste, um �ber Wasser zu bleiben. Das Salzwasser schmerzte auf seiner verbrannten Haut. Jetzt sah er zum ersten Mal Solaiyns Antlitz. Eine H�lfte war grausam verbrannt. Eine einzige offene, schw�rende Wunde. Der Schwertmeister musste sich zwingen, den Blick nicht abzuwenden.</p><p>�Ihm ist �l ins Gesicht gespritzt�, erkl�rte die Schlangenfrau zischelnd. �Ich habe ihn nicht gut besch�tzt.� Ihre Pupillen verengten sich. �Du auch nicht! Du h�ttest ihn nicht die Treppe hinaufbringen sollen. Das Wasser besch�tzt uns. Und die Drachen.�</p><p>�Tote Drachen besch�tzen uns?�</p><p>�Glaubst du, dort wird jemand suchen? Die Menschenkinder f�rchten sie, ganz gleich, ob sie leben oder tot sind.�</p><p>Nodon blickte zu dem zuckenden Kadaver. Die Menschen hatten den Sonnendrachen get�tet. Warum sollten sie ihn f�rchten?</p><p>�Es ist nicht immer alles so, wie es scheint�, sagte Aloki bestimmt. �Dort sind wir in Sicherheit. Auf dem offenen Meer werden wir ertrinken oder von Haien angegriffen. Im Hafen werden uns die Menschenkinder jagen, wenn sie aus ihren H�hlen herabsteigen. Aber dort��� Sie nickte in Richtung des Riffs. �Dort k�nnen wir ausruhen, unsere Wunden pflegen und neue Kr�fte sammeln.�</p><p>Nodon war nicht �berzeugt. Aber er hatte geschworen, an Solaiyns Seite zu bleiben. Also folgte er Aloki, als sie mit ihrem Herrn zum Riff schwamm.</p><p>Die Schlangenfrau tauchte unter dem Drachenfl�gel hinweg, der ins Wasser hing, und verschwand.</p><p>Verwundert sah der Schwertmeister sich um. Wo zum Henker war sie geblieben?</p><p>Er tauchte unter. Das Meerwasser war kristallklar. Deutlich sah er den Drachen. Dicke wei�e Darmschlingen hingen ihm aus dem Leib und bewegten sich in der Str�mung. Sie�� nein, sie bewegten sich nicht mit der Str�mung. Nodon schwamm n�her an den Kadaver heran. Aale! Sie hatten sich in ein Loch im Unterleib des Drachen gefressen. Dort dr�ngten sie hinein, zerrten Brocken von Fleisch hinaus und verschwanden erneut im Drachenleib, um Fra� zu finden. Abgesehen von dieser Wunde war der Drachenleib unversehrt. Es schien, als k�nnten die Aale ihm selbst jetzt nichts anhaben und mit ihren scharfen Z�hnen weder seine Schuppen noch die z�he Lederhaut an seinem Unterleib durchdringen.</p><p>Welche Waffe hatten die Menschenkinder genutzt, um diese eine t�dliche Wunde zu schlagen? Er dachte an den Drachen im ewigen Eis. Den Drachen, den sie �ber und �ber mit ihren Pfeilen gespickt hatten. War die Zeit der Himmelsherrscher vor�ber?</p><p>Aloki tauchte unter dem Fl�gel auf, der ins Wasser hinabhing. Sie winkte ihm zu. Mit einigen kr�ftigen Schwimmst��en war er bei ihr, und die Schlangenfrau half ihm auf den Felsen des Riffs hinauf. Die Schwinge des toten Sonnendrachen spannte sich wie eine Zeltplane �ber ihnen und verbarg sie vollst�ndig vor neugierigen Blicken.</p><p>�Vielleicht ist das hier doch ein guter Platz�, gestand Nodon ein.</p><p>Die Schlangenfrau bedachte ihn mit einem L�cheln. �Ist das deine Art, Danke zu sagen?�</p><p>Wof�r h�tte er sich bedanken sollen? Sie waren auf der Flucht, und sie hatte ein gutes Versteck gefunden. Man half sich gegenseitig, wenn einem der Feind naher�ckte. Sie hatte seltsame Vorstellungen von Kameradschaft! Genau aus diesem Grund war Nodon am liebsten allein. Er hasste es, �ber die seltsamen Anwandlungen anderer nachgr�beln zu m�ssen.</p><p>M�de kroch er den Felsen hinauf und legte sich neben Solaiyn. Der F�rst war eingeschlafen. Seine Mundwinkel zuckten, als wollte er lachen. Ein Traum? Im wachen Zustand hatte Nodon ihn noch nie lachen gesehen.</p><p>Auf unheimliche Weise erinnerte ihn das Zucken der Mundwinkel an die Bewegungen des toten Drachen. Er beugte sich vor. Hatte etwas den F�rsten befallen? War ein Meerestier in seinen Mund eingedrungen?</p><p>Die Lederhaut des Drachenfl�gels war halb durchscheinend. Er verwandelte den strahlenden Sonnenschein in rotes Zwielicht. Da war tats�chlich etwas an der Wange des F�rsten! Ein Wurm? Solaiyns geschundenes Fleisch erzitterte. Nodon beugte sich weiter vor, um es besser sehen zu k�nnen. Die Haut war am Rand der Verbrennung aufgedunsen. Etwas Bleiches, Wulstiges bewegte sich darunter, kroch an der Wange hinauf. Nein, das war kein Tier! Er schloss die Lider. Seine Augen trogen ihn, da war er sich sicher. Da war immer noch dieser Schleier, der ihn daran hinderte, ganz deutlich zu sehen.</p><p>�Es ist unheimlich, wenn man es zum ersten Mal sieht, nicht wahr?�</p><p>Nodon sp�rte den Atem der Schlangenfrau in seinem Nacken, so nah war sie an ihn herangekrochen. Er �ffnete die Augen, starrte auf das verbrannte Fleisch des Feldherrn. Gesunde, helle Haut kroch vom Wundrand her �ber das verbrannte Fleisch. Langsam nur, aber un�bersehbar.</p><p>�Du wirst nicht so schnell genesen�, sagte Aloki leise. �Aber ich k�nnte dir helfen.� Es lag etwas Anz�gliches in ihren letzten Worten. Sie hatte in einem Ton gesprochen, der nicht zu den lauteren Absichten einer Heilerin passte. Oder lag es an dem Zischeln, das jedes ihrer Worte begleitete?</p><p>�Keine Sorge, nicht pl�tzlich erwachter Edelmut ist der Grund meiner F�rsorge. Ich wei�, was du bist, Nodon. Ein M�rder. Ein Mann des Schwertes, wie es kaum einen zweiten gibt. Wir werden deine F�higkeiten brauchen, wenn wir �berleben wollen.�</p><p>�Hast du das zweite Gesicht?� Er drehte sich halb zu ihr um. Sie war ihm so nahe ger�ckt, dass ihr blasses Antlitz kaum zwei Zoll entfernt war. Ihre geschlitzten Pupillen hatten sich im Zwielicht so sehr geweitet, dass es beinahe aussah, als h�tte sie normale Augen.</p><p>�Ich bin nicht wie die Gazala oder die Apsara�� Manchmal sehe ich Dinge, die noch kommen werden. Wie ein Blitz das Dunkel des Nachthimmels zerteilt, erscheinen sie hinter der Wirklichkeit. Bilder, die zu schnell verschwinden, um sie klar zu erkennen. Doch eines wei� ich ganz gewiss! Die Schlacht um diese verfluchte Stadt ist noch nicht vor�ber. Der gr��te Schrecken steht uns allen noch bevor. Und wenn er kommt, dann m�chte ich, dass du im Vollbesitz deiner Kr�fte bist, um Solaiyn und mich zu sch�tzen. Und selbst das wird vielleicht nicht gen�gen���</p></section><section><title><p>Im Gewand der Drachen</p></title><p>Ein breiter Balken aus Licht stach unter dem Felsen hindurch und erhellte den Hof der Alten Veste. Nandalee sa� im Schatten und sah den beiden Kleinen zu. Sie waren nackt, sa�en auf einer Decke und bewunderten das Licht. Emerelle streckte ihre Hand aus und versuchte, die goldenen Staubk�rnchen zu fangen, die im Licht tanzten.</p><p>Nandalee genoss die Ruhe. Die letzten Tage hatte sich Eleborn daran versucht, die Wand neben dem Stall mit einem Relief zu schm�cken. Stunden um Stunden hatte er gearbeitet. Der Hof hatte vom Klang des Hammers, der auf den Mei�el traf, widergehallt. Selbst jetzt hatte sich der Staub, den Eleborn bei der Arbeit am Stein aufgewirbelt hatte, noch nicht g�nzlich gelegt. Der Geschmack von Stein lag ihr auf der Zunge.</p><p>�Pling. Pling!� Emerelle lachte. Sie versuchte, das Ger�usch des Hammers nachzumachen.</p><p>�<emphasis>PLING</emphasis>!�</p><p>Nandalee sah reflexartig zu der Wand, an der das Bild im Stein entstand. Da war niemand! Doch das Ger�usch hatte sich so echt angeh�rt, als w�re wirklich gerade ein Hammer auf einen st�hlernen Mei�el geschlagen.</p><p>�<emphasis>PLING</emphasis>.�</p><p>Meliander! Er war es, der dieses Ger�usch nachahmte. Wie��? Nandalee zwang sich, nicht aufzustehen. Es war nicht das erste Mal, dass er sich seltsam verhielt. Nicht wie ein Kleinkind. Wie sollte sie damit umgehen? Immer fragte sie sich das. Wie sollte sie mit seiner Verst�mmlung umgehen? Wie hatte so etwas in ihrem Leib geschehen k�nnen?</p><p>Emerelle gab es auf, das Ger�usch der Steinmetzarbeit nachzuahmen. Sie lie� sich vorn�berkippen, streckte die Arme vor, landete auf den Handfl�chen und begann, mit erstaunlicher Geschwindigkeit zu dem Haufen von Steinsplittern vor dem Stall zu krabbeln.</p><p>Der Blick, mit dem Meliander seiner Schwester nachsah, brach Nandalee schier das Herz. Er w�rde niemals krabbeln, so verst�mmelt wie er war. Manchmal war er unbeholfen auf dem Bauch gerobbt. Seit jedoch seine Schwester krabbelte, sa� er nur noch. Er hatte es aufgegeben, sich auf diese Art fortbewegen zu wollen.</p><p>So denkt kein Kleinkind, ermahnte sich Nandalee. Es war Zufall! Aber dieser Blick von Meliander. Er wirkte so verst�ndig. Und unheimlich��</p><p>Das Licht im Hof wurde blasser. Es verlor von seiner Strahlkraft. Meliander blickte zum Tor und l�chelte. Nandalee wandte den Kopf. Sah den Schatten, der fast mit dem Dunkel verschmolz. �Was willst du?�</p><p>Statt zu antworten, trat Nachtatem auf den Hof. Er hatte Elfengestalt angenommen, wie stets, wenn er in die N�he der Kinder kam.</p><p>Emerelle lie� davon ab, weiter in Richtung des Schutthaufens zu krabbeln. Sie wandte den Kopf und verlor dabei fast das Gleichgewicht. Dann krabbelte sie dem Erstgeschl�pften entgegen.</p><p>Meliander stie� einen unwilligen Laut aus, als w�rde er nicht wollen, dass seine Schwester den Drachen erreichte. Immer �fter hatte Nandalee das Gef�hl, dass ihr Sohn sich zum Dunklen hingezogen f�hlte.</p><p>Als Emerelle innehielt und ihren Bruder ansah, war sich Nandalee ganz sicher, dass die beiden sich auch ohne Worte verst�ndigen konnten. Manchmal sahen sie sich beunruhigend lange an und nickten dann. Genau im gleichen Augenblick, als h�tten sie in stummem Zwiegespr�ch etwas vereinbart.</p><p>Der Dunkle nahm keine Notiz von den beiden. Er betrachtete die Arbeit Eleborns. Der Elf hatte ein Muster ineinander verschlungener Linien in den Stein geschlagen. Keine Gestalt. Keine Bl�te.</p><p>�Er wird daran scheitern, die Welt zu einem sch�neren Ort zu machen�, sagte er, und mit einem Blick auf Meliander f�gte er hinzu: �Eleborn schafft es nicht einmal, hier Vollkommenheit einziehen zu lassen.�</p><p>�Wie kannst du es wagen?�, fuhr Nandalee ihn an. �Er ist���</p><p>Der Dunkle hob das Haupt. Sein Blick traf sie. Seine Augen hatten das Blau eines Winterhimmels, der sich in Eis spiegelt. Sie stahlen ihr die Worte, machten sie sprachlos. Doch ihre Wut konnten sie ihr nicht nehmen.</p><p>�Ich meinte nur das�� Werk. Eleborns Arbeit. Meliander kann er nicht helfen. Das wei� ich so gut, wie Ihr es wisst, meine Dame.�</p><p>Nandalee hasste diese gestelzte H�flichkeit.</p><p>�Was willst du?� Sie war sich sehr wohl bewusst, dass er es nicht mochte, dass sie so direkt und formlos sprach.</p><p>�Nun, da ich nicht davon ausgehe, dass Ihr mir Euer Ohr leihen werdet, wenn ich Euch um eine Gef�lligkeit bitte, und da ich wei�, dass ich noch weniger auf Eure Unterst�tzung hoffen d�rfte, wenn ich Euch einen Befehl geben w�rde, bin ich gekommen, um Euch darum zu bitten, Meliander zu helfen.�</p><p>Nandalee schwieg. Was wollte der Dunkle von ihr? Aus den Augenwinkeln bemerkte sie, wie Emerelle in seinen Schatten kroch. Den Schatten, der zu lang und zu finster war. Der alte Drache l�chelte auf das M�dchen hinab. Er sah sie seltsam an, und Nandalee hatte das Gef�hl, dass er um Emerelles Zukunft wusste. Sie schob den Gedanken beiseite. Er w�rde sein Wissen sicherlich nicht mit ihr teilen, so wie sie ihn behandelt hatte. �Was kann ich f�r Meliander tun?� Die Elfe bem�hte sich, ein wenig h�flicher zu klingen.</p><p>Nachtatem ging in die Hocke und streckte Emerelle eine Hand hin. Sie kroch weiterhin auf ihn zu. Ganz ohne Scheu.</p><p>�Es gibt einen Weg, Meliander zu heilen, meine Dame. Vielleicht muss er etwas �lter sein, damit es gelingen kann. Er sollte sich bereits dar�ber bewusst sein, wer er ist und was er will. Dann besteht Hoffnung f�r ihn.�</p><p>Emerelle hatte Nachtatem erreicht. Sie legte ihre Hand in die seine und gab einen leisen, vergn�gten Laut von sich.</p><p>Nandalee rang mit sich. Sie hatte sich geschworen, nie wieder f�r ihn zu k�mpfen. Und sie war sich vollauf bewusst, dass sie diesen Eid brechen w�rde, wenn sie fragte, was er von ihr wollte. Vielleicht erwuchs Meliander wirklich ein Vorteil aus der Mission, in die er sie hineinziehen wollte, aber sie kannte die Himmelsschlangen nun gut genug, um zu wissen, dass stets sie es waren, die am meisten gewannen, wenn Drachenelfen f�r sie t�teten. Auch wenn dies nicht immer auf den ersten Blick offensichtlich war.</p><p>�Wovon sprecht Ihr?� Sie schaffte es nicht, freundlich oder gar dem�tig zu klingen, aber sie f�gte sich wenigstens dem formalen Getue, auf das die Drachen so gro�en Wert legten.</p><p>Nachtatem sah zu ihr auf. Ein fl�chtiges L�cheln spielte um seine Lippen. Deutlich sp�rte sie den Zauber, der ihn umgab. Sie hatte an seinen Gef�hlen teil. Seine Freude war echt, und obwohl sie es besser wusste, ber�hrte sie, was er empfand. Sie war sich bewusst, dass er genau das wollte: Sie zu manipulieren, nur dazu hatte er sie und all die anderen Drachenelfen in der Wei�en Halle erschaffen.</p><p>Er nahm Emerelle auf den Arm. Das Gl�cksgef�hl, das von ihm ausging, wurde noch st�rker. Auch ging Wohlgeruch von ihm aus, der Gef�hle in ihr weckte, von denen sie geglaubt hatte, sie l�ngst aus ihrem Herzen gerissen zu haben. Sie musste an die Nacht denken, in der er sie t�towiert hatte. Die Nacht, in der sie sich ihm unterworfen hatte wie niemals zuvor und danach. Den k�stlichen Schmerz, den sie empfunden hatte, den Rausch der Sinne. Sie f�hlte sich schlecht bei der Erinnerung daran. Sosehr sie Gonvalon geliebt hatte, so war es mit ihm nie gewesen.</p><p>Nachtatem ging zu Meliander, kniete vor ihm nieder und setzte Emerelle ab. Beide Kinder l�chelten ihn an, waren seinem Zauber ganz und gar verfallen. Sie ahnten nicht, was f�r ein Raubtier dort vor ihnen kauerte. Ahnten nicht, wie die wirkliche Gestalt dieser Kreatur aussah.</p><p>�Wovon sprecht Ihr?�, fragte sie noch einmal, eindringlicher nun.</p><p>�Ihr m�sst zur�ck nach Nangog, meine Dame.�</p><p>Das hatte sie bef�rchtet. �Soll ich zur Riesin?� Nie w�rde sie vergessen, wie sie auf dem Auge der gewaltigen Kreatur gestanden hatte. Winzig wie ein Staubkorn hatte sie sich gef�hlt.</p><p>�Nicht zur Riesin selbst sollt Ihr gehen. Doch m�sst Ihr etwas finden, das sie erschaffen hat. Und wie es scheint, wird es nun von ihrem Sohn bewacht. Er ist riesig. Pfeil und Bogen werden ihm nichts anhaben. Es gibt wahrscheinlich nur weniges, das ihn t�ten kann�� Was er f�r seine Mutter h�tet, nennen die Menschenkinder das Traumeis. Es sind Kristalle, die es, richtig angewandt, erlauben, den eigenen K�rper nach seinen W�nschen zu ver�ndern. Ein verlorener Arm k�nnte nachwachsen, und noch viel mehr w�re m�glich���</p><p>Nandalee sp�rte seine Leidenschaft. Was er ihr vortrug, war ihm wichtig, doch beschlich sie das Gef�hl, dass es ihm noch mehr bedeutete, dass sie ihm endlich wieder zuh�rte.</p><p>All die Monde hatte sie es vermieden, sich der Magie, die von ihm ausging, auszusetzen. Er hatte nichts unternommen, um Gonvalon zu retten. Und das durfte sie ihm niemals verzeihen! Durfte nicht�� Sie sah in seine Augen. Sie waren voller Gef�hl, nicht die Augen eines Ungeheuers.</p><p>�Ich werde Euch nichts vormachen, meine Dame. Es ist eine gef�hrliche Mission, auf die ich Euch schicke. Ich habe lange mit mir gerungen�� Und ich bin zu der �berzeugung gelangt, dass Ihr die einzige Drachenelfe seid, die vielleicht Hoffnung auf Erfolg hat. Ihr gebt niemals auf, meine Dame. Nur der Tod vermag Euren Willen zu brechen, und Euer Schwert wurde dazu erschaffen, Gegner zu �berwinden, die unbezwingbar erscheinen.�</p><p>Sp�rte sie Verzweiflung in seinen Gef�hlen? Nandalee sah auf Meliander hinab. Sein Gesicht war von tiefen roten Narben entstellt, ein Arm fehlte ihm�� Wie k�nnte sie z�gern, alles zu tun, wenn auch nur die geringste Hoffnung bestand, aus ihm ein gesundes Kind werden zu lassen?</p><p>�Geht nicht!� Eleborn trat auf den Hof hinaus.</p><p>�Ihr seid hier nur ein Gast, Meister Eleborn�, fuhr der Dunkle ihn an. �Wie k�nnt Ihr es wagen, Euch einzumischen?�</p><p>�Wie k�nnt Ihr es wagen, Nandalee auf eine Mission zu schicken, die Emerelle und Meliander zu Waisen machen k�nnte. Ich gehe an ihrer Stelle!�</p><p>Nachtatem lachte. �Seht Euch diese Wand an, Elf, mit der Ihr die ganze Welt zu einem sch�neren Ort machen wollt. Was Ihr dort erschaffen habt, ist erb�rmlich. Ein Werk, das nicht im Mindesten an Eure hochtrabenden Absichten heranreicht. Und nicht minder gro� ist die Diskrepanz zwischen Eurer Absicht, Nandalee besch�tzen zu wollen, und Eurer F�higkeit, es auch tun zu k�nnen. Nodon w�re dazu vielleicht in der Lage, Ihr jedoch ganz gewiss nicht.�</p><p>Nandalee sp�rte die kalte Wut des Drachen. Er hatte sich so sehr ver�ndert. Wo war der Nachtatem, mit dem sie vor einer Ewigkeit dem geheimnisvollen M�rder der Alben nachgesp�rt hatte? Einst war er von unersch�tterlicher Ruhe gewesen. Jetzt bef�rchtete sie, dass er Eleborn t�ten w�rde, wenn ihr Freund auch nur noch ein einziges falsches Wort sagte. Nandalee stellte sich sch�tzend vor den Elfen.</p><p>�Ich werde gehen.� Sie sah dem Dunklen tief in die Augen, suchte nach dem unausgesprochenen, dem geheimen Grund f�r diese Mission. Sie sah nur blaue Abgr�nde.</p><p>Dann kniete sie nieder und strich Meliander �ber sein schwarzes Haar. Jedes Mal, wenn sie ihn ansah, f�hlte sie sich schuldig. Was hatte sie falsch gemacht? Warum hatte sie nicht zwei Kinder wie Emerelle? Was war mit ihm in ihrem Leib geschehen? Sie w�rde alles tun, um ihm die Narben zu nehmen und seinen zweiten Arm zu geben.</p><p>Schon jetzt bemerkte sie, wie einige der Drachenelfen der Alten Veste ihn voller Abscheu betrachteten, wenn sie glaubten, sie w�rde es nicht bemerken. Was w�rde Meliander durchmachen m�ssen, wenn er gr��er wurde?</p><p>�Ich werde dieses Traumeis finden�, sagte sie mit fester Stimme. �Ich gehe hinauf auf mein Zimmer und packe meine Sachen.�</p><p>Sie sp�rte die Erleichterung des Dunklen �ber ihren Entschluss. Eleborn hingegen wandte sich ab und verlie� den Hof.</p><p>�Ihr, mein Gebieter, d�rft diese Stunde mit den Kindern verbringen. Solange ich verreist bin, werdet Ihr Euch ihnen nicht mehr n�hern. Dies ist meine einzige Bedingung. Werdet Ihr sie akzeptieren?�</p><p>Der Dunkle z�gerte. War das also die verborgene Absicht hinter seinem Angebot gewesen? Wollte er an ihre Kinder heran?</p><p>�Ihr verhandelt hart, meine Dame�, sagte er ohne jede Emotion in der Stimme. �Wenn Ihr es so wollt, soll es so sein. Ich werde dem Wohl von Meliander niemals im Wege stehen.�</p><p>Dieser letzte Satz versetzte ihr einen Stich ins Herz. Meinte er es aufrichtig? Oder hatte er es nur gesagt, damit sie sich schlecht f�hlte? Vielleicht hatte er auch ganz andere Hintergedanken.</p><p>Kein Elf w�rde jemals die Himmelsschlangen verstehen. Je l�nger sie die alten Drachen kannte, desto r�tselhafter und undurchschaubarer erschienen sie ihr. Nandalee zog sich in den Palas der Alten Veste zur�ck und stieg zu ihrem Zimmer hinauf. Entlang der Treppe waren die Waffen der Drachenelfen aufgeh�ngt, ganz �hnlich, wie es fr�her in der Wei�en Halle gehandhabt worden war. Sie blieb vor Todbringer stehen und strich mit der Hand �ber die kalte Klinge. Sie dachte an Gonvalon. Er hatte Angst vor diesem Schwert gehabt, es verflucht genannt. Und er hatte recht behalten. Das Schwert hatte auch jenen, die Todbringer im Kampf f�hrten, stets Tod oder Verderben gebracht.</p><p>Nandalee hob den schweren Zweih�nder von der Wand. Sie w�rde die Waffe brauchen. Ihr blieb gar keine Wahl.</p><p>Auf ihrem Zimmer angelangt, starrte sie lange Zeit auf die Kleidertruhe. Nachtatem hatte letztlich also gewonnen. Sie war wieder seine Drachenelfe. Nun lag es bei ihr, ob sie sich ganz und gar dazu bekannte oder weiterhin trotzig blieb.</p><p>Sie kniete vor der gr�n lackierten Truhe mit den springenden Delphinen nieder, �ffnete den Deckel und griff ganz nach unten in den Kleiderstapel. Zarte Seide schmiegte sich an ihre Hand. Sie holte das wei�e Kleid hervor, das der Dunkle ihr einst geschenkt hatte, und legte es auf ihr Bett. Die S�ume waren mit goldenen Stickereien geschm�ckt. Sie erinnerte sich noch genau, wie stolz sie gewesen war, als sie es zum ersten Mal getragen hatte. Diese Gew�nder waren einzig den Drachenelfen vorbehalten. Wer Wei� und Gold trug, dem begegnete man auf allen drei Welten mit Ehrfurcht, Respekt und auch Angst.</p><p>Nandalee streifte ihre einfache Kleidung ab und wusch sich an der flachen Schale auf dem Tisch neben dem Bett. Es tat gut, das kalte Wasser auf dem Leib zu sp�ren. Es sp�lte die letzten Zweifel hinweg. Wenn sie eine Mission f�r die Himmelsschlangen erf�llte, dann sollte sie ganz und gar Drachenelfe sein.</p><p>Vorsichtig schl�pfte sie in das Kleid. Es sa� nicht mehr perfekt. Sie war d�nner geworden. Die Seide schmeichelte ihrer Haut. Nur die Stickereien kratzten ein wenig. Sie war �berrascht, wie gut es sich anf�hlte, dieses Gewand zu tragen.</p><p>Sie schloss die kleinen Haken am Stehkragen und betrachtete ihr Spiegelbild in der Wasserschale. Ihr Gesicht war schmaler geworden. Ihre Augen wirkten m�de. Das weizenblonde Haar wallte auf ihre Schultern hinab. Sie �berlegte, es hochzustecken, entschied sich aber dagegen, obwohl es zweifellos praktischer war, ihre wilde M�hne nicht offen zu tragen. Doch Nandalee mochte es offen. Mochte, wenn es ihr ins Gesicht wehte.</p><p>Wieder griff sie nach dem Schwert. So wie sie den Dunklen verstanden hatte, war es diese Waffe, auf die es ankam. Sie w�rde gegen einen Feind ziehen, gegen den mit Pfeil und Bogen nicht anzukommen war, wenn Nachtatem nicht irrte. Und Himmelsschlangen irrten sich nur selten. Sollte sie den Bogen also hierlassen? Lange Jahre war er das Symbol ihres Widerstandes gewesen. So viel Streit hatte es um diesen Bogen gegeben. In der Wei�en Halle und auch sp�ter.</p><p>Sie streckte die Hand nach ihm aus�� z�gerte�� Und zog sie dann wieder zur�ck. Wahrscheinlich w�rde er sie im Kampf gegen das Ungeheuer behindern. Sie w�rde ihn ablegen m�ssen. Warum sollte sie ihn dann �berhaupt mitnehmen. Allein um ihres Trotzes willen? Sie begriff, dass heute der Tag gekommen war, vor dem sie sich so lange gef�rchtet hatte. Der Tag, an dem all ihr Widerstand zusammenbrach. Sie hatte sich geschworen, nie wieder einfach eine M�rderin der Himmelsschlangen zu sein. Eine Vollstreckerin der Willk�r der alten Drachen, die ihre Taten nicht hinterfragte.</p><p>Nun w�rde sie losziehen, um den Sohn der G�ttin Nangog zu t�ten. Und das allein, damit ihr Sohn ein besseres Leben f�hren konnte. Die Elfe lie� den Kopf sinken. Sie gewandete sich in edles Wei� und Gold, sah aus wie eine Heldin und war doch das genaue Gegenteil. Zuletzt hatten die Himmelsschlangen gesiegt. Sie war zu einer M�rderin in ihren Diensten geworden.</p><p>Sie nahm das Schwert und verlie� ihre Kammer.</p><p>Drau�en im Flur erwartete sie Eleborn. Auch er hatte das wei�e Gewand eines Drachenelfen angelegt. �Ich werde mit dir kommen.� Er sagte es mit einer Bestimmtheit, die jeden Widerspruch sinnlos erscheinen lie�.</p><p>Nandalee nickte. Sie war froh, dass sie diesen Weg nicht allein gehen musste.</p></section><section><title><p>Gegen den Wind</p></title><p>Artax genoss den Flugwind. Inzwischen war ihm ein Ritt auf seinem silbernen L�wen ein Vergn�gen. Ein Ausflug von seinen erdr�ckenden Pflichten und eine Flucht vor all den Fragen, auf die es keine klaren Antworten gab. Mit jedem Tag wurde ihm das Amt des Unsterblichen mehr zur Last. Er schaffte es nicht, all die Entscheidungen zu treffen, die anstanden. Und ebenso wenig vermochte er es, den Problemen seines Reiches einfach den R�cken zu kehren, wie Subai es tat. Ihn interessierte es nicht, ob eine �berschwemmung an den Ufern des Seidenflusses Tausende Leben kostete und ob Dammbauten k�nftigem Ungl�ck vorbeugen w�rden. Er ritt zur Jagd aus, wenn ihm danach war, blieb tagelang in seinem Harem oder zog von Festmahl zu Festmahl.</p><p>Artax konnte das nicht. Selbst wenn er sich nun eine kleine Flucht hin auf den seltsamen Wolkensammler erlaubte, hatte er lange dar�ber gebr�tet, wie er sie vor sich rechtfertigen konnte. Er musste einfach wissen, wie es war, auf diesem neuen Wolkensammler zu reisen. Und er musste gemeinsam mit Volodi das Traumeis zur�ckholen! Damit w�rden sie die Welt ver�ndern. Eine ganze Flotte dieser neuen Wolkensammler w�rde ihnen die Herrschaft �ber den Himmel Nangogs sichern�� das w�re ein gro�er Schritt hin zum endg�ltigen Sieg �ber die Daimonen.</p><p>Au�erdem hatte er bereits zwei Truhen mit Tontafeln an Bord des Wolkenschiffes bringen lassen. Die Sorgen seines Reiches w�rden ihn also bis in den Himmel Nangogs verfolgen.</p><p>Er lie� den L�wen sp�ren, dass er sich um seine eigene Achse drehen sollte. Ein v�llig unn�tiges Flugman�ver in dieser Situation, aber eines, das ein wunderbares Kribbeln im Bauch aufsteigen lie�. Er h�rte Ashot auf seinem L�wen hinter sich fluchen. Sein Freund aus Jugendtagen hatte sich bislang nicht wirklich f�r das Fliegen begeistern k�nnen. Er meisterte es gut, doch er tat es nicht mit Leidenschaft. Ganz anders Mataan, der hoch am Himmel vergessen konnte, welch hohen Preis er daf�r gezahlt hatte, seinem Herrscher das Leben gerettet zu haben. Er genoss die Freiheit, das wilde Ungest�m.</p><p>Artax hatte nur eine kleine Gruppe L�wenreiter als Eskorte. Ein Dutzend Krieger und seine wichtigsten Berater. Nun steuerte er das Flugdeck von <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont</emphasis> an. Das Schiff, das der Wolkensammler trug, war in nur wenigen Tagen gezimmert worden. Es war ein Ger�st, eine Notl�sung, damit sie schnell die Reise beginnen konnten. Kein Vergleich zu den aufwendigen Palastschiffen der Unsterblichen.</p><p>Das unterste Deck war das Flugdeck. Der Landeplatz f�r ihre gefl�gelten L�wen und die fliegenden B�ren der Drusnier. Sechzig Schritt in der L�nge und knapp zwanzig Schritt in der Breite ma� es. Es war f�nf Schritt hoch. Sein Boden aus drei Zoll dicken Eichenbohlen gefertigt.</p><p>Als es noch auf Volodis Palasthof gelegen hatte, war es Artax riesig vorgekommen. Doch nun, da sein L�we darauf zuflog, erschien es ihm l�cherlich niedrig. Wie ein schmaler Spalt sah es von ferne aus. Das Hochgef�hl des Fliegens wich Beklommenheit. Artax senkte seine lange Reiterlanze und malte sich aus, wie der L�we zu hoch anflog und ihm der Kopf von der Kante des Oberdecks abgerissen wurde, w�hrend sein Reittier unbeschadet landete.</p><p>Nur noch f�nfzig Schritt. Das verdammte Wolkenschiff lag vert�ut an einem der Ankert�rme von Volodis Palast. Artax fragte sich, warum er nicht wie jeder Mann mit Verstand �ber die Treppe des Turms hinaufgestiegen war.</p><p>Noch drei�ig Schritt. Der L�we streckte seine Schwingen und ging in den Sinkflug �ber. Etliche Schaulustige standen an der Reling des Oberdecks und sahen den anfliegenden Reitern zu.</p><p>Noch zehn Schritt. Artax zog unwillk�rlich den Kopf ein.</p><p>Noch drei Schritt. Der Unsterbliche kniff die Augen zusammen.</p><p>Es gab einen Ruck. Metallene L�wenpranken trommelten �ber Eichenholz.</p><p>Artax atmete erleichtert aus.</p><p>Der L�we lief dem Ende des Decks entgegen. Hier unten auf dem Flugdeck gab es nur rechts und links eine Reling. Beide Enden waren offen, damit die B�ren und L�wen ungehindert landen und wieder davonfliegen konnten.</p><p>Artax h�rte hinter sich weitere Pranken auf Holz treffen. Sein L�we ging inzwischen nur noch im Schritt. Dann scherte er nach links aus und stellte sich neben einen der massigen silbernen B�ren, auf denen die M�nner Volodis flogen.</p><p>Der Unsterbliche schwang sich aus dem Sattel. Seine Knie zitterten ihm ein wenig, und er st�tzte sich an der Flanke des L�wen auf. Die Hand, in der er die Lanze hielt, war jedoch ruhig. Er schob die Waffe in eine Silberh�lse am Hals des L�wen.</p><p><emphasis>Du bist ein Narr,</emphasis> schalt ihn die Stimme seines Vorg�ngers in Gedanken. <emphasis>Mach so weiter, und bald wirst du, so wie ich, nur noch eine Stimme in den Gedanken des n�chsten Narren sein, den der L�wenh�uptige zum Unsterblichen von Aram erhebt.</emphasis></p><p>Dieses eine Mal musste Artax ihm stumm zubilligen, dass er recht hatte.</p><p>Mataans L�we kam neben dem von Artax zum Stehen. Der Satrap stieg schwerf�llig ab und zog seinen Kr�ckstock aus einer Lederschlaufe am Sattel. �Das war mal ein Spa߫, erkl�rte er breit grinsend.</p><p>Artax hatte ihn schon lange nicht mehr so gut gelaunt gesehen.</p><p>Weitere L�wen landeten hinter ihnen, in schnellerer Folge nun. Ashot stieg leichenblass von seinem Reittier. Der Feldherr zitterte am ganzen Leib. �So werden wir keine Daimonen besiegen. Diese verfluchten Biester werden uns alle umbringen.� Er schlug seinem L�wen mit der flachen Hand auf die M�hne, dass es nur so schepperte. �Das Mistvieh h�tte mich fast enthauptet, als wir gelandet sind.� Er zeigte mit Daumen und Zeigefinger einen Abstand von knapp einem Zoll. �So viel hat gefehlt! Ich schw�re es euch. Nur so viel. Diese Bestie wollte mich umbringen.�</p><p>�Du h�ttest doch den Kopf einziehen k�nnen.� Ormu, der rotb�rtige J�ger aus Garagum trat zu ihnen. �Ich bin hinter dir geflogen. Du hast so steif im Sattel gesessen, als h�ttest du einen Stock verschluckt.�</p><p>�Du meinst, ich h�tte diesem Haufen aus Eisenschuppen meine Angst zeigen sollen? Mich wegducken? Im Leben nicht!� Ashot bedachte seinen L�wen mit einem finsteren Blick. �Glaub mir, nicht ich werde es sein, der hier am Ende klein beigibt!�</p><p>Artax musste schmunzeln. Ashot redete mit dem L�wen wie mit einem st�rrischen Esel. Schon in ihrer gemeinsamen Kindheit hatte sich sein Freund mit einem Esel angelegt, ihn beschimpft und zuletzt mit einer Rute geschlagen. Daf�r hatte sich Ashot einen Tritt eingefangen, der ihn zur Stallt�r hinausfliegen lie�. Eine Ewigkeit war seitdem vergangen. Mehr als zwanzig Jahre, und doch schien dieser Nachmittag nur einen Augenblick zur�ckzuliegen. Ashot war nun ein Feldherr. Aber er hatte sich nicht ver�ndert.</p><p>Der letzte der L�wen war inzwischen gelandet. In langer Reihe standen sie an der Seite des Flugdecks. Jetzt erschienen sie wie metallene Statuen. Unbeweglich. Tot. Sie waren unheimlich. Aber das waren ihre Gegner, die Daimonen, auch. Sie brauchten solche Schreckenskreaturen, wenn sie siegen wollten.</p><p>Artax wandte sich zu einer der Leitern, die hinauf zum Oberdeck f�hrten. Entschlossen, dem Flugdeck so rasch es ging zu entkommen, stieg er die Sprossen hoch. Das Holz war klebrig von Harz. Es war noch ganz hell, erst im Sommer geschlagen.</p><p>Auf dem Oberdeck herrschte reges Treiben. Wolkenschiffer spannten Netze �ber Vorratsamphoren, die an Bord getragen wurden. �berall standen Zelte, die der Mannschaft bei Nacht Zuflucht bieten sollten. Die Zeit hatte nicht gereicht, richtige Quartiere zu zimmern. �berall wurde improvisiert. Volodi hatte m�glichst schnell aufbrechen wollen. Warum er so in Eile war, hatte er Artax nicht verraten wollen. Er wirkte getrieben. Ganz so, als w�rde er vor etwas davonlaufen.</p><p>Der Unsterbliche entdeckte seinen Freund zwischen zwei gro�en Speerschleudern an der Reling stehend. Volodi war allein, den Kopf gesenkt. Seine Leibwachen hielten einige Schritt Abstand zu ihm. Artax lie�en sie passieren, sein Gefolge nicht.</p><p>�Was ist los?� Artax hatte Volodi selten in einer solchen Stimmung erlebt. Eigentlich war er immer unbeschwert, ja, fast schon leichtfertig.</p><p>�Ist sich �rger mit fleckige Leber�, murmelte der Drusnier. �Glaubst du, kann sich verstecken Schicksal von mich in sich Leber von Hahn?�</p><p>Artax verstand nicht, was er meinte.</p><p>�Sie sagt, hat sich gefunden Zukunft von mich, versteckt in sich Leber von Hahn?�</p><p>Der Unsterbliche wusste nicht, was er seinem Freund darauf erwidern sollte. Er hatte nicht einmal im Ansatz verstanden, was f�r ein Problem Volodi hatte.</p><p>�Seit sie hat sich gefunden Leber, liegt sich ein Schatten auf mich. Und ich selbst habe mich meine Ehre besudelt. Und jetzt ist sich Quetzalli nicht hier. Habe ich mich wohl nicht besser verdient.� Er gab den Befehl, die Leinen zu l�sen. Einer der d�nneren Tentakel des Wolkensammlers senkte sich zu Volodi herab, und der Drusnier griff danach. Er schloss die Augen und sah aus wie jemand, der angestrengt versuchte, gefl�sterten Worten zu lauschen.</p><p>Das Schiff trieb ein paar Schritt vom Ankerturm fort, dann weitete der Wolkensammler seine Schwingen und flog gen S�den. Nur zwei Frauen standen auf dem Turm. Sie sahen aus wie Dienerinnen. Wild schwenkten sie mit den Armen. Quetzalli und Wanya waren nirgends zu sehen.</p><p>Artax hoffte, dass f�r Volodi alles wieder in Ordnung kommen w�rde. Vielleicht half eine Trennung ja�� Dann dachte er, was f�r ein Narr er war. Er wusste es besser! Eine Trennung half nicht!</p></section><section><title><p>Fast vertrauensw�rdig</p></title><p>Quetzalli sah zu, wie der Wolkensammler gegen den Wind drehte und mit kr�ftigen Fl�gelschl�gen gen S�den strebte. Sie stand im Eingang des Langhauses. Schon mehr als eine Stunde. Sie hatte gesehen, wie Volodi auf dem Hof nach ihr Ausschau gehalten hatte, dann auf der Treppe des Ankerturms und schlie�lich vom Oberdeck des Wolkenschiffes. Es war das erste Mal, dass sie ihn nicht verabschiedet hatte, wenn er auf eine Reise ging.</p><p>Sie k�mpfte gegen den Klo�, der ihr im Hals steckte. Gegen das Gef�hl, dass ihr die Brust zu eng zum Atmen war. Sie wusste, er w�rde es auf Anisja schieben. Aber mit dieser Schlampe war sie durch. Dieses falsche Luder mit ihren schweren Titten und dem goldenen Haar w�rde nie wieder zwischen ihr und ihrem Mann stehen. Daf�r hatte Hauptmann Oleg gesorgt.</p><p>Sie konnte wegen Wanya nicht hinaus. Sie h�tte Volodi gemeinsam mit ihrem kleinen Sohn verabschieden m�ssen. Doch es lie� sich nicht mehr verheimlichen, dass mit ihm etwas nicht stimmte. Sie durfte nicht zulassen, dass der ganze Hofstaat ihn sah. Dass es zu Gerede kam�� Quetzalli war ratlos. Lange konnte sie dieses Geheimnis nicht mehr wahren. Was sollte sie tun? Der Wolkensammler strebte dem Horizont entgegen und verschwand im Blau des endlosen Himmels. Sie h�tte Volodi verabschieden m�ssen. Sie wusste, dass ihm gro�e Gefahr drohte, dass er vielleicht nicht wiederkommen w�rde. Am Morgen hatte sie noch einmal einen Hahn geopfert und die G�tter nach einem Zeichen befragt. Die Leber dieses Tiers war voller W�rmer gewesen. Deutlicher h�tte die Antwort der G�tter nicht ausfallen k�nnen. Volodi war in Gefahr, zu einem Fra� der W�rmer zu werden. Dort, irgendwo im S�den w�rde er dem Tod begegnen.</p><p>Quetzalli wand sich ab und trat ins Langhaus. Niedergeschlagen hielt sie den Blick zu Boden gerichtet. Sie wollte mit niemandem sprechen. Sie nahm den kurzen Weg durch die gro�e Halle und trat von dort in den Flur, der zu ihren Gem�chern f�hrte. Erst als sie ihre Kammer schon fast erreicht hatte, merkte sie, dass etwas nicht stimmte. Die Wachen, die vor der T�r stehen sollten, waren verschwunden. Und die T�r stand offen!</p><p>�Wanya!�, schrie sie auf, zog das Messer aus ihrem G�rtel und rannte los.</p><p>Neben der Wiege stand Yuri. Der Heiler hielt ihren Sohn auf dem Arm und wiegte ihn f�rsorglich. Doch in seinen Augen lag keine Liebe. �Ihr habt dem Unsterblichen lange nachgeblickt, Herrin�, sagte er h�hnisch. �Ich dachte, ich sehe derweil nach dem Kleinen. Ein h�bscher Junge.� Er l�chelte nachdenklich und legte ihn dann zur�ck in die Wiege.</p><p>Quetzalli hob den Dolch. Sie w�rde ihm die Kehle aufschlitzen. Leider musste es schnell gehen. Eigentlich sehnte sie sich danach, ihm einen klaffenden Schnitt unter dem Rippenbogen zu setzen und nach seinem schlagenden Herzen zu greifen, es in ihrer Hand zusammenzupressen, bis es erschlaffte. Er hatte sich keinen leichten Tod verdient, dieser �berhebliche Bastard.</p><p>�Euer Sohn erinnert mich an eine h�bsche Bl�te, Herrin. Er ist wirklich bezaubernd anzusehen, und er hat etwa so viel Verstand, nicht wahr?�</p><p>Sie machte einen Schritt auf ihn zu und hob drohend ihren Dolch.</p><p>�Ich habe Oleg heute Morgen ein K�stchen mit einem Brief auf Birkenrinde bringen lassen. Stellt Euch nur vor, Herrin, dieser Tunichtgut von einem Hauptmann kann lesen. Ich war sehr �berrascht, als ich davon h�rte.�</p><p>�Von dem Ungemach, �berrascht zu werden, kann ich dich erl�sen, Yuri. Endg�ltig.�</p><p>�Ich hatte bef�rchtet, dass unser Treffen eine solche Wendung nehmen k�nnte, Herrin. Deshalb steht in dem Brief, wie sehr ich f�rchte, dass Ihr mich ermorden werdet, weil ich entdeckt habe, dass Ihr den Sohn des Unsterblichen vergiftet habt. Ich habe auch beschrieben, was er tun soll, um festzustellen, dass sich Wanya nicht wie ein normales Kind verh�lt.�</p><p>Quetzalli trat einen weiteren Schritt vor. Sie setzte dem Heiler die Spitze des Dolches auf die Kehle. �Worte werden dich nicht retten.�</p><p>�Er wird dieses K�stchen �ffnen, wenn ich es nicht zur Abendstunde abhole, Herrin. K�nnt Ihr Euch leisten, dass sich herausstellt, dass ich nicht gelogen habe? Was glaubt Ihr, werden sie mit Euch tun? Ihr wisst, wie viele Euch f�r eine Hexe halten. In meinem Volk verbrennt man Hexen und streut die Asche in einen Fluss. Glaubt Ihr, sie werden damit warten, bis Volodi zur�ck ist?�</p><p>Quetzalli lie� den Dolch sinken. Diese Art Krieg suchte er also. �Ich k�nnte die Wachen rufen und behaupten, dass du Wanya ein Leid angetan hast.�</p><p>Sein �berhebliches L�cheln wurde noch breiter. �Das k�nntet Ihr, Herrin. Nat�rlich w�rde ich entschieden widersprechen. Ich w�rde ihnen sagen, dass Ihr einen b�sen Zauber mit einem Hahn gewirkt habt und Ihr den Jungen Euren Ahnen geopfert habt, wie es in Eurem Volk mit jedem Erstgeborenen geschieht.�</p><p>�Unsinn!�, widersprach sie entschieden.</p><p>�Vielleicht. Aber hier im Palast leben einfache Menschen, was wissen sie schon �ber Eure Br�uche, Herrin.�</p><p>�Es sind meine Leibwachen. Ein Befehl von mir, und sie legen dir deinen Kopf vor die F��e.�</p><p>�Glaubt Ihr? Es sind die Leibwachen Volodis. Euch mag hier keiner. Ich hingegen kenne die meisten dieser M�nner schon viele Jahre. Es ist kaum einer dabei, dem ich nicht schon eine Wunde vern�ht oder einen Trank gegen Fieber gebraut habe. Mir gegen�ber sind sie verpflichtet. Wollt Ihr wirklich auf die Probe stellen, wie sie Euch gegen�ber empfinden?� Er wies mit leichter Geste zur T�r hin. �Wie Ihr seht, konnte ich die Wachen einfach fortschicken, weil sie meinem Wort vertrauen. Ruft sie nur. Finden wir heraus, wem von uns beiden sie glauben werden, wenn wir ihnen zwei verschiedene Geschichten dar�ber erz�hlen, was Wanya widerfahren ist.�</p><p>Quetzalli �ffnete den Mund�� Dann schloss sie ihn wieder. Es war zu ungewiss, wie ein solcher Streit ausgehen w�rde. Wenn in ihrem Volk Priestert�chter verm�hlt wurden, dann nahmen sie stets ein gro�es Gefolge mit an den Hof ihrer neuen Familie. Dienerinnen und K�che, einen Heiler, einige Leibw�chter. Nie war ihr so klar wie in diesem Augenblick gewesen, warum es diese Tradition gab. Volodi liebte sie, daran hegte sie nicht den geringsten Zweifel. Aber er war der Einzige hier, der so f�r sie empfand. Jetzt, da er fort war, hatte sie hier keine Freunde. Keinen Verb�ndeten.</p><p>Sie war die Herrscherin von Drusna. Aber sie beherrschte hier niemanden. Selbst dieser intrigante alte Heiler besa� mehr Macht am K�nigshof als sie, wenn Volodi nicht zugegen war, um seine sch�tzende Hand �ber sie zu halten. Sie hatte zu h�ufig nur auf Innereien geschaut, statt sich darum zu k�mmern, Herzen zu erobern. Das war ein Fehler gewesen. �Was willst du?�, fragte sie frostig.</p><p>�Berufe mich auf einen Ehrenplatz an deiner Festtafel. So wird jeder bei Hof sehen, dass mein Ansehen wiederhergestellt ist.�</p><p>�Und wenn ich das nicht tue?�</p><p>Er hob resignierend die H�nde. �Wollt Ihr Eurem Sohn helfen, Herrin?�</p><p>�Ihr k�nnt ihn heilen?�</p><p>Er sch�ttelte den Kopf. �Ich verspreche nichts. Um an bestimmte Kr�uter zu kommen, braucht man nicht allein Gold, sondern auch Ansehen���</p><p>Sie traute ihm nicht. Er w�rde alles tun, um wieder in Amt und W�rden zu gelangen. Er hatte kein Gewissen! Und doch�� vielleicht wusste er etwas. Iwar hatte ihm vertraut. Er war lange Zeit der bedeutendste Heilkundige des Reiches gewesen. Es musste doch ein Fundament geben, auf dem sein Aufstieg gr�ndete.</p><p>�Du kannst Wanya heilen?�, fragte sie erneut, dr�ngender.</p><p>Er sch�ttelte den Kopf. �Ich verspreche Euch nichts, Herrin. Aber ich werde alles versuchen. Und vor allem werde ich Euer Geheimnis wahren und verteidigen.�</p><p>So wie er dastand, aufrecht mit seinem ehrw�rdigen wei�en Bart und dem herausfordernden Blick, wirkte er fast vertrauensw�rdig.</p><p>�Ich erwarte dich am Abend an der Festtafel.� Sie musste ihm Honig ums Maul schmieren. Wenn sie Zeit gewann, dann w�rde sie auch einen Weg finden, ihn loszuwerden. Sie blickte in die Wiege. Wanya lag reglos. Er starrte sie mit offenen Augen an, in denen keine Emotion lag. Nichts an diesen Augen erinnerte noch an das Kind, das er gewesen war, bevor die Daimonen diesen Palast heimgesucht hatten.</p></section><section><title><p>Das Geschenk</p></title><p>Sie mochte das Langhaus nicht. Das ausgelassene L�rmen der Krieger. Sie wusste, dass sich die M�nner noch z�gelten, solange sie hier war. Sie soffen nicht, bis sie r�cklings von den groben B�nken st�rzten, und gr�lten nicht ihre Lieblingslieder �ber Frauen, die f�r ein paar Kupferst�cke die ungeheuerlichsten Dinge taten.</p><p>Sie sp�rte, wie ihre Anwesenheit auf dem Festsaal lastete. Sp�rte die verstohlenen Blicke. Manche hatten auch Angst vor ihr. F�r eine Hexe gehalten zu werden brachte durchaus Vorteile. Nur wenige dieser Kerle waren Manns genug, ihrem Blick standzuhalten.</p><p>Sie hatte auf dem Hochsitz Platz genommen. Jenem mit pr�chtigen Schnitzarbeiten geschm�ckten Thron, auf dem sonst Volodi sa�. Ihre H�nde lagen auf den Armlehnen, die in B�renk�pfen endeten. Sie trug ein leichtes Gewand aus ihrer Heimat, das in schillernden Farben die Gefiederte Schlange zeigte. Es war eine der Gestalten, die der Devanthar ihres Volkes annahm. Halb im Schlund der Schlange verschwunden, steckte ein Mann mit goldenem Haar, der flehend die Arme emporstreckte. Volodi mochte dieses Kleid nicht. So genoss sie es umso mehr, es in seiner Abwesenheit endlich tragen zu k�nnen. Ihr war bewusst, was f�r eine Provokation das war. Aber sollten sie nur die Hexe f�rchten, die sie in ihr sahen.</p><p>Rauch zog aus der langen Feuergrube in der Mitte der Halle. An drei Drehspie�en hingen Schweine �ber der Glut. Zischend troff ihr Fett in die Holzkohlen. Zwei M�gde schnitten mit langen Messern Streifen von der Schwarte und tischten sie den Kriegern zusammen mit dunklem Brot auf.</p><p>Zwei Tischreihen standen rechts und links der Feuergrube. Eine dritte am Ende des Saals, quer dazu. Hier gab es nur acht Pl�tze. Sie waren besonderen G�sten und W�rdentr�gern des Reiches vorbehalten. Quetzalli hatte daf�r gesorgt, dass an diesem Abend einer der begehrten Pl�tze frei blieb.</p><p>Ihr Thron stand auf einem Podest unmittelbar hinter den Ehrenpl�tzen. So �berblickte sie die Halle, und jeder vermochte sie gut zu sehen.</p><p>Immer wieder blickte Yuri zu ihr auf. Er sa� nicht weit von der T�r. Damit stand er im Rang nicht h�her als irgendein junger Krieger aus der Leibwache Volodis, der noch keine Gelegenheit hatte, Ruhm im Kampf zu erringen. Er bedachte sie mit unangemessen fordernden Blicken, deshalb hatte sie sich bislang Zeit gelassen.</p><p>Quetzalli genoss es, ihn zappeln zu lassen. Au�er ver�rgert dreinzuschauen konnte Yuri im Augenblick nichts tun. Es mochte ein Viertel von einer Stunde verstrichen sein, als sie sich schlie�lich erhob und nach dem schweren, silbernen Methorn im St�nder auf dem kleinen Tisch neben ihrem Thron griff. �M�nner!� Ihre Stimme �bert�nte m�helos den L�rm der Zecher. Als Priesterin war sie ausgebildet worden, zu gro�en Menschenmengen zu sprechen. Sie hob das Trinkhorn hoch �ber ihr Haupt.</p><p>�Auf Volodi, der �ber den Adlern schreitet! M�ge er siegreich zur�ckkehren!�</p><p>�Auf Volodi!�, ert�nte es aus begeisterten Kriegerkehlen. Alle hoben sie ihre Trinkh�rner und blickten nach S�den, dorthin, wo vor vielen Stunden der Wolkensammler verschwunden war. Viele bedauerten es, nicht an Bord zu sein.</p><p>Volodi hatte ein Geheimnis daraus gemacht, wohin die Reise ihn f�hren w�rde. Das war ein schlechtes Zeichen! Bislang hatte er vor Quetzalli immer schon im Voraus mit den Heldentaten angegeben, die er zu begehen gedachte. Auch dass der Unsterbliche Aaron ihn begleitete, verhie� nichts Gutes. Etwas Bedeutendes w�rde geschehen! Und etwas Gef�hrliches. Sie musste wieder an die Leber denken. An all die W�rmer.</p><p>Die Jubelrufe verstummten langsam. Die M�nner sahen zu ihr auf. Sie erwarteten, dass sie noch etwas sagte. Quetzalli h�tte sich lieber die Zunge abgebissen, als jene Worte auszusprechen, die sie sich den ganzen Abend �ber zurechtgelegt hatte.</p><p>�In eurer Mitte gibt es einen Mann, der hundertfach dem Tod entgegengetreten ist. Und auch wenn er manche Niederlage erlitt, nimmt er den Kampf stets furchtlos aufs Neue auf.�</p><p>Die Krieger wirkten verwundert. Niederlagen endeten f�r sie meist t�dlich.</p><p>�Es ist ein Mann, der weder Schwert noch Axt in H�nden h�lt, wenn er in den Kampf zieht. Ein Mann, f�r den die Schlacht auch dann nicht vor�ber ist, wenn f�r alle anderen l�ngst die Waffen ruhen.�</p><p>Sie sah die Ratlosigkeit in den Gesichtern der M�nner. Einige wirkten sogar ver�rgert. Glaubten sie etwa, sie mache einen Spa� auf ihre Kosten?</p><p>�Der Mann, von dem ich spreche, ist Yuri, der Heiler des Unsterblichen Iwar. Ein Mann in unserer Mitte�� kein Krieger! Und doch ist er so wichtig wie der Mann an eurer Seite, wenn ihr im Schildwall steht.� Quetzalli sah, wie einige der M�nner beif�llig nickten. Es war still im Saal. Niemand machte Scherze �ber ihren Akzent, der sonst so oft zur Zielscheibe des Spottes der Drusnier wurde. Nat�rlich nur, wenn sie glaubten, dass sie es nicht bemerkte.</p><p>�Yuri, mein Mann hat dir unrecht getan, als er dich von der Ehrentafel verbannte. Erhebe dich, Heiler!�</p><p>Der wei�haarige Mistkerl stand auf. Die M�nner, die neben ihm sa�en, klopften ihm auf die Schultern oder knufften ihn mit den F�usten. Yuri verbeugte sich. �Ich bin�� �berw�ltigt. Ich�� Wirklich, ich�� Es ist nicht notwendig. Ich bin wie die Krieger um mich. Ich bin einer von ihnen. Ich sitze gerne in ihrer Mitte.�</p><p>Verlogener Arsch, dachte Quetzalli. Doch sie l�chelte. �Wem in dieser Halle hat Yuri schon geholfen? Hebt einen Arm, M�nner, wenn der Heiler euch je zu Diensten war.�</p><p>Der Heiler bedachte sie mit einem �rgerlichen Blick. Ja, so war das nicht abgesprochen. Aber sie war kein P�ppchen, das an F�den tanzte. Sie wollte wissen, wie gro� der R�ckhalt des Heilers wirklich war.</p><p>Nicht einmal ein Drittel der M�nner hob den Arm. Manche prosteten dem Heiler dabei mit ihren Trinkh�rnern zu. Es waren deutlich weniger, als er behauptet hatte, aber immer noch zu viele, um Yuris Einfluss zu ignorieren.</p><p>�Nun, M�nner�, fuhr sie fort. �Er ist einer von euch. Es ist selbsts�chtig von mir, wenn ich ihn eurer Mitte entrei�e. Er ist gerne bei euch. Ich wei�, es wird viel �ber mich geredet. Manche nennen mich eine Hexe. Einige haben wahrscheinlich noch weniger schmeichelnde Bezeichnungen f�r mich.� Sie machte eine kurze Pause und genoss die Totenstille, die nur vom Zischen des Fetts unterbrochen wurde, das in die Glut troff. Kaum einer dieser schlachterprobten Bastarde wagte es, ihr in die Augen zu sehen. �Mir liegt euer Wohl genauso am Herzen wie dem Unsterblichen. Deshalb frage ich euch: Gibt es einen, der nicht w�nscht, dass ich Yuri aus eurer Mitte rei�e, damit er einen Ehrenplatz an meiner Tafel einnimmt? Wenn ja, dann spreche er jetzt!�</p><p>Sie genoss das Entsetzen im Blick des Heilers.</p><p>Leises Raunen setzte ein. Sie waren noch nie gefragt worden, das wusste Quetzalli. Unsterbliche trafen ihre Entscheidungen einsam. Sie beteiligten h�chstens ihre engsten Berater. Ganz sicher aber nicht die einfachen Krieger.</p><p>�Ich h�re!�, rief sie fordernd.</p><p>Yuri redete auf einige der M�nner an seiner Seite ein. Lag da Panik in seinem Blick?</p><p>Niemand erhob das Wort. Die Entscheidung war gefallen. �Nun denn, Yuri. Tritt aus den Reihen der M�nner und nimm den Platz ein, der dir geb�hrt!� Sie wies auf den leeren Sitzplatz an der Ehrentafel.</p><p>Yuri erhob sich. Er schaffte es, ganz wunderbar verlegen zu wirken. Verdammter Heuchler! Sie w�rde einen Weg finden, ihm diesen erschlichenen Ehrenplatz wieder abzunehmen, schwor sich Quetzalli.</p><p>Als Yuri seinen Platz an der Ehrentafel erreichte, setzte er sich nicht. Er sah zu Quetzalli hinauf, und sie hatte das Gef�hl, eine Herausforderung in seinem Blick zu sehen. Nur drei oder vier Herzschl�ge verharrte der Heiler so, ma� sie mit kalten, berechnenden Augen, dann wandte er sich zu den Kriegern um. �Dies ist eine der gr��ten Stunden meines Lebens. Mir fehlen die Worte, zu sagen, wie stolz und dankbar ich bin. Also m�chte ich meiner Dankbarkeit auf andere Art Ausdruck verleihen.� Er klatschte in die H�nde. Eine Geste, die in eklatantem Gegensatz zu seinen bescheidenen Worten stand. �Mascha!�</p><p>Eine der Dienerinnen bei den Bratenspie�en sah erschrocken auf. Sie war eine ein wenig pummelige Rothaarige, die den Platz von Anisja eingenommen hatte. Quetzalli war sich sicher, dass dieses schlichte Bauernm�dchen nicht Volodis Aufmerksamkeit erwecken w�rde.</p><p>�Geh in meine Kammer, Mascha, und hole die Dinge, die ich dort auf den Tisch gelegt habe. Ich m�chte sie unserer Herrin schenken.�</p><p>Die Dienerin verlie� eilig und mit hochrotem Kopf die Halle. Alle Augen lagen auf ihr.</p><p>Quetzalli ertappte sich dabei, dass die Finger ihrer rechten Hand auf die Armlehne des Hochsitzes trommelten. Was f�hrte Yuri im Schilde? Sie konnte sich nicht vorstellen, dass von ihm eine freundliche Geste zu erwarten war. Oder t�uschte sie sich in ihm? W�rde er ihr die Gnade, die sie ihm erwiesen hatte, mit Loyalit�t vergelten?</p><p>Er sah wieder zu ihr auf. Der Heiler l�chelte, doch waren seine Lippen dabei zu einem schmalen Strich zusammengepresst.</p><p>Mascha kehrte erstaunlich schnell zur�ck. Sie trug ein schweres Fell auf beiden Armen. Dazwischen lugte wei�es Leinen hervor.</p><p>�Sehr gut, M�dchen�, lobte Yuri. �Komm zu mir!�</p><p>Leises Murmeln begleitete Mascha auf ihrem Weg zu den Ehrenpl�tzen. Dem M�dchen stand der blanke Schwei� auf der Stirn. So im Mittelpunkt zu stehen war offensichtlich die reinste Folter f�r sie. Quetzalli war sich sicher, auch das war Teil von Yuris Plan. Er mochte ein Heiler sein, aber ein Menschenfreund war er ganz gewiss nicht.</p><p>Was immer Yuri auch ausgeheckt hatte, er hatte die volle Aufmerksamkeit aller im Saal.</p><p>Als Mascha den Heiler erreichte, bedeutete er ihr, vor den Hochsitz zu treten. �Gestattet, Herrin, dass ich Euch diese Geschenke als Zeichen meiner unverbr�chlichen Dankbarkeit zu F��en lege.� Er versetzte der Dienerin, die wie gel�hmt vor Entsetzen war, einen Knuff mit dem Ellenbogen. Offenbar f�rchtete sich das M�dchen, ihr auch nur nahe zu kommen.</p><p>Schlie�lich nahm Yuri Mascha die Gaben von den Armen und legte sie vor dem Hochsitz nieder. Dann zog er das Leinen aus dem Fellstapel. Es war ein wei�es Kleid, bestickt mit goldenen �hren und bunten Bl�ten. �Dies ist ein Gewand, wie es die edelsten Damen unseres Reiches zu gro�en Festen tragen�, erkl�rte er. Dann strich er mit der Hand �ber das schwarze Fell. �Und dies, meine Gebieterin, ist das Fell eines riesigen Schwarzb�ren, tief aus den W�ldern meiner Heimat. Es ist allein Herrschern vorbehalten, solche Umh�nge zu tragen. Legt Eure barbarischen Kleider ab und diese Gew�nder an, Herrin. �ffnet Euer Herz f�r uns. Setzt ein Zeichen und werdet eine von uns!�</p><p>Quetzalli verschlug die Dreistigkeit des Heilers schier die Sprache. Wie konnte er es wagen, hier vor den versammelten Getreuen Volodis zu fordern, dass sie diese b�urischen Kleider anlegte. Sie war eine Zapote! In diesen Kleidern w�rde sie l�cherlich aussehen!</p><p>�Was meint ihr, M�nner? Soll sie eine von uns sein? Werdet ihr sie willkommen hei�en?�</p><p>Quetzalli traute ihren Ohren nicht. Sie erhob sich von ihrem Hochsitz und wollte etwas sagen, doch das leise Murmeln unter den Kriegern schwoll zu donnernden Rufen an.</p><p>�Ehrt uns, Herrin! Seid unsere F�rstin. Ehrt den Gro�en B�ren und Drusna!�, riefen die Krieger durcheinander und stampften dazu mit den F��en auf den Boden.</p><p>Yuri trat an ihre Seite. �Tut es!�, zischte er leise. �Oder ich werde fordern, dass Wanya jeden Abend zum Mahl neben Euch sitzen soll. Die M�nner wollen ihren Prinzen sehen. Sie werden keine Ruhe mehr geben, wenn ich einmal damit anfange�� Geht Euch umziehen! Dann erspare ich Euch dies.�</p><p>Ein Geschmack wie Galle lag in Quetzallis Mund. Dieser verfluchte Bastard hatte sie �bert�lpelt. Sollte die Gliederf�ule ihn befallen! Sollten Maden in seinem schw�renden Fleisch nisten, sollte er in den Wahnsinn gleiten, w�hrend er zusah, wie sich das Gew�rm an ihm m�stete! Sie hob die Arme und gebot den M�nnern in der Halle zu schweigen.</p><p>�Krieger Drusnas!�, rief sie. �Es ehrt mich, dass ihr mich zu einer eures Volkes machen wollt. Voller Stolz sehe ich, wie ihr mir eure Herzen �ffnet. Es ist das gr��te Geschenk, das ich je erhalten habe. Wenn ich nun gehe, wird die Zapote, die eine Fremde an eurem Hof war, f�r immer verschwinden. Die Frau, die in diese Halle zur�ckkehrt, wird eine von euch sein.� Sie versuchte, das Beste aus dem zu machen, was Yuri ihr angetan hatte.</p><p>�Heil dir, K�nigin!�, rief ein einzelner Krieger weit unten an der Tafel, und Hunderte F��e stampften auf den Boden, um seine Worte zu unterstreichen.</p><p>Sie winkte Mascha. �Trage die Kleider in mein Gemach.�</p><p>Dann folgte sie der Dienerin, innerlich zerfressen vor Zorn. Nie zuvor hatte sie sich so gedem�tigt gef�hlt. Nicht einmal als ihr Bruder ihr verk�ndet hatte, dass die Priester entschieden hatten, dass sie nur noch Fleisch f�r die Jaguarm�nner w�re.</p><p>Das war eine gerechte Strafe f�r ihre Verfehlungen gewesen. Aber dies hier��</p><p>Als sie ihre Kammer erreichte, schickte sie Mascha umgehend hinaus. Keiner von diesen Bauerntrampeln sollte sie nackt sehen! W�tend zog Quetzalli ihr kostbares Gewand aus. Dann nahm sie das Kleid aus Leinen. Die Stickarbeiten waren nicht unterf�ttert. Sie w�rden auf ihrer Haut kratzen. Sie wusste, dass selbst drusnische N�herinnen in der Lage waren, bessere Arbeit zu leisten. Ganz gewiss hatte Yuri nicht die Absicht, dass sie sich in diesem Kleid wohlf�hlte. Er musste das hier schon lange geplant haben. Dieses Kleid war gewiss nicht innerhalb weniger Tage entstanden.</p><p>Quetzalli streifte es �ber den Kopf. Es sa� erb�rmlich schlecht! Die �rmel waren zu lang, sodass sie halb �ber ihre H�nde reichten. Die Schultern zu weit geschnitten. Sie h�tte auch einen Sack tragen k�nnen!</p><p>Tr�nen der Wut standen ihr in den Augen. Es gab keinen Weg mehr aus der Falle, in die sie hineingetappt war. Sie musste in den Saal des Langhauses zur�ck. Und wenn sie nicht diese Gew�nder trug, dann w�rde der unterschwellige Hass der H�flinge in offene Feindschaft gegen die fremde Herrscherin umschlagen. Also musste sie sich auf dieses b�se Spiel einlassen.</p><p>Sie blieb neben Wanyas Wiege stehen. Ihr Sohn starrte sie aus blicklosen Augen an. Es war das erste Mal, dass sie ihn hasste. Er hatte sie erpressbar gemacht. Ohne ihn w�re sie nicht in dieser verzweifelten Lage.</p><p>Sie ballte die H�nde zu F�usten. So fest, dass sich ihre Fingern�gel in die Handfl�chen gruben. Wie konnte sie so denken! Sie musste ihre Gef�hle beherrschen. Sie war es, die ihn zu dem gemacht hatte, was er nun war! Ihre Angst! H�tte sie ihm die Hand nicht so fest auf Mund und Nase gepresst, als die Daimonen gekommen waren, alles w�re noch gut. Es war allein ihre Schuld. Eine Schuld, die sie niemals tilgen konnte. Ihr blieb nur noch, ihn zu besch�tzen. Und deshalb musste sie hinaus in die Festhalle, auch wenn sie sich dort der L�cherlichkeit preisgab.</p><p>Sie nahm den schweren Umhang aus B�renfell und legte ihn sich um die Schultern. Das Fell stank. Es war hart und schlecht gepflegt. Kein Adliger oder Priester in Zapote h�tte so etwas getragen. Zudem war der Umhang zu lang. Er schleifte hinter ihr �ber den Boden. Die Schultern waren so breit, dass ihr Kopf winzig wirken musste. Diese Kleider machten sie zur grotesken Witzfigur. Niemand w�rde sie nach diesem Abend mehr f�rchten.</p><p>Sie beugte sich �ber die Wiege und k�sste Wanya auf die Stirn. �Bitte vergib mir�, fl�sterte sie. Erneut stiegen ihr Tr�nen in die Augen. Sie straffte sich. Mit durchgedr�cktem R�cken und hocherhobenem Haupt machte sie sich auf den Weg zum Festsaal.</p><p>Sie wurde pflichtschuldig mit Hochrufen begr��t. Aber sie sah, wie die M�nner bald die K�pfe zusammensteckten und lachten. Noch unertr�glicher war jedoch die zufriedene Miene, die Yuri aufgesetzt hatte. Diese Nacht war sein gro�er Triumph.</p><p>Es sollte sein letzter sein, entschied Quetzalli. Wenn sie ihn nicht aus dem Weg schaffte, dann w�rde er weitere Dem�tigungen f�r sie ersinnen.</p></section><section><title><p>Machtlos</p></title><p>Sie hatte lange im Schatten der Eichen des Geisterhains gewartet. Hin und wieder traten gr�lende Krieger aus dem Langhaus, suchten den Weg zu ihren Quartieren oder erleichterten sich ungehemmt mitten auf dem Hof. In die N�he des Geisterhains wagte sich keiner von ihnen. Die B�ume waren ihnen heilig. Selbst im Vollrausch verga�en sie das nicht.</p><p>Die Nacht war mehr als halb verstrichen, bis der eine aus dem Langhaus trat, auf den Quetzalli gewartet hatte. Ihr einziger Vertrauter. Hauptmann Oleg. Er hatte sichtlich Schwierigkeiten, sich auf den Beinen zu halten. Auf der breiten Treppe hinab zum Hof strauchelte er beinahe.</p><p>Mehr als zwei Stunden hatte Quetzalli unter den B�umen gestanden und auf das Wispern des Windes in den Bl�ttern gelauscht. Die Drusnier glaubten, dass Auserw�hlte die Stimmen der Ahnen in den Heiligen Hainen h�rten. Sie war gewiss keine Auserkorene. Sie hatte keinen Rat im Raunen des Windes vernommen. Doch sie wusste auch so, was richtig war. Was getan werden musste. Gut, dass es Oleg gab!</p><p>Viel lieber h�tte sie sich an ihren Bruder Necahual gewandt. Er war ein Jaguarmann. Einer ihrer Anf�hrer. Er k�nnte Yuri einfach zerfetzen. Doch jeder Weg zu den Zapote war ihr versperrt. An dem Tag, an dem sie �ber dem Altarstein stehend gez�gert hatte, Volodi das Herz herauszuschneiden, hatte sie f�r immer mit ihrem Volk gebrochen. Sie hatte ihren Gott verraten. Die Priesterf�rsten und der Unsterbliche Acoatl w�rden ihr das niemals verzeihen. Sie hatte ihr Volk verloren, und sie wusste, sie w�rde die Drusnier nie f�r sich gewinnen. Ihre Liebe zu Volodi hatte sie heimatlos, ja, schlimmer noch, zur Ausgesto�enen gemacht. Aber sie w�rde darum k�mpfen, respektiert zu werden. Und sei es, dass dieser Respekt aus Angst geboren war.</p><p>Oleg hatte fast die Mitte des Hofs erreicht, als sie die Deckung der B�ume verlie�. Das l�cherliche B�renfell hatte sie gegen einen Umhang aus schwarzer Wolle getauscht, der sie zu einem Schatten in der Nacht werden lie�. Oleg zuckte sichtlich zusammen, als sie an seine Seite trat.</p><p>�Herrin?�, lallte er, als er sie erkannte.</p><p>�Ich schulde Euch Dank, Hauptmann.� Sie neigte das Haupt, auch wenn es ihr schwerfiel, sich vor diesem versoffenen Barbaren dem�tig zu zeigen.</p><p>�H�h?� war alles, was dem Krieger dazu einfiel.</p><p>�Ihr habt mir sehr geholfen, als Ihr Anisja beigestanden habt, den Palast zu verlassen.�</p><p>�Beigestanden habt��?� Er schnaubte �rgerlich. �Das trifft es nicht so ganz. Ich hab sie umgebracht, weil sie so d�mlich war, sich in das Bett des Unsterblichen zu schleichen, ohne dich um Erlaubnis zu bitten, Herrin.� Er spuckte aus. �Das h�tt ich vielleicht lassen sollen. Ich glaub, Volodi hat sie wirklich gemocht.� Er blinzelte. �Sie hatte etwas an sich���</p><p>�Nein, Ihr habt das Richtige getan, Hauptmann!�, unterbrach Quetzalli die weinseligen Gr�beleien des Kriegers. �Und ich m�chte Euch um einen weiteren Gefallen bitten.�</p><p>�Yuri?�</p><p>Auch wenn er betrunken war, war sein Hirn offensichtlich noch nicht ganz vernebelt. Das warf die Frage auf, ob er sie absichtlich nicht ansprach, wie es einer Herrscherin geb�hrte, oder ob er tats�chlich so betrunken war, dass er die Feinheiten der Anrede nicht mehr zusammenbrachte.</p><p>Oleg lachte auf. Es war ein verzweifelter, freudloser Laut. �Er ist es! Du hast mich hier erwartet, um mich wieder um einen Mord zu bitten.�</p><p>�Es wird nicht Euer Schaden sein, Hauptmann. Wovon tr�umt Ihr? Land? Vielleicht ein F�rstentitel?�</p><p>Er machte eine abwehrende Geste. �Du kannst mir keinen F�rstenthron verschaffen���</p><p>�Ich kann Volodi davon �berzeugen, dass Eure treuen Dienste eine besondere Belohnung verdienen.�</p><p>Er sch�ttelte �bertrieben den Kopf. �Schweig!�</p><p>Er hatte das so laut ausgerufen, dass Quetzalli sich besorgt umsah, ob sie die Neugier anderer geweckt hatten. Doch der Palasthof schien verwaist zu sein.</p><p>�Folgt mir in die Schatten!� Sie griff ihn energisch am Arm und zog ihn mit sich in den Schutz der Eichen. Sie war sich bewusst, wie das f�r etwaige heimliche Beobachter aussehen musste. Aber sollten sie nur tratschen. Volodi w�rde niemals an ihrer Treue zweifeln. Aus dieser Richtung drohte keine Gefahr.</p><p>�Ihr m�sst es tun, Hauptmann�, beharrte sie. �Lasst Yuri verschwinden. Ganz gleich, wie Ihr es anstellt. Ich w�rde es begr��en, wenn er in die Schweinestallungen f�llt. Dieses Schwein geh�rt zu seinesgleichen. Solch ein Ende w�re f�r ihn angemessen.�</p><p>�Dieses <emphasis>Schwein</emphasis> hat mir zwei Mal geholfen. Einmal war ich so schwer verletzt, dass ich ohne seine heilenden H�nde vielleicht gestorben w�re. Ich kann ihn nicht t�ten!�</p><p>Quetzalli verfluchte sich stumm daf�r, dass sie nicht darauf geachtet hatte, ob Oleg sich gemeldet hatte, als sie danach gefragt hatte, wer in der Schuld des Heilers stand.</p><p>�Denk nicht mal dar�ber nach, Herrin. Bitte, ich beschw�re dich. Zu viele M�nner sind ihm verpflichtet. Versuch keinen anderen zu finden���</p><p>�Yuri hat mich heute l�cherlich gemacht. Mich, die Frau des Unsterblichen Volodi, Eure Herrscherin! In meinem Volk ist das ein todesw�rdiges Verbrechen. Niemand w�rde es auch nur wagen���</p><p>�Wir sind Drusnier, keine Zapote, Herrin. Versuch das endlich zu verstehen, und du h�ltst den Schl�ssel zu unseren Herzen in H�nden. Nimm uns als das, was wir sind. Die meisten M�nner fanden deinen Sinneswandel gut���</p><p>�Sie haben �ber mich gelacht! Ich habe es doch gesehen. In diesen Kleidern habe ich mich l�cherlich gemacht!�</p><p>�Ja, sie waren nicht sehr vorteilhaft���, lenkte Oleg ein. �Aber du hast etwas anderes gezeigt. Du bist uns einen Schritt entgegengekommen. Du hast zum ersten Mal versucht, eine von uns zu sein. Dar�ber hat niemand gelacht. Es war eine gro�e Geste.�</p><p>�Ich sehe schon, ich kann auf Eure Dienste nicht hoffen���</p><p>�Herrin!� Oleg griff sie bei beiden Armen. �Begeh keine Dummheit. Deine Blicke heute Abend haben lauter als Worte gesprochen. Jeder hat begriffen, dass du Yuri nicht wohlgesinnt bist. Wenn dem Heiler etwas zust��t oder er verschwindet, dann wird jeder als Erstes an die rachs�chtige Zapotehexe denken, die sich ins Bett des Unsterblichen gezaubert hat.�</p><p>�Ihr denkt, ich habe einen Liebeszauber n�tig, um Volodi��?�</p><p>Oleg senkte den Blick. �Es wird viel �ber dich geredet. Du solltest kein �l ins Feuer gie�en. Yuri hat an diesem Hof ohne Zweifel mehr Freunde als du.�</p><p>�Meine Mutter h�tte am Hof des Unsterblichen Acoatl mit einem Wimpernschlag das Schicksal eines Bastards wie Yuri besiegelt���</p><p>�Aber dies ist der Hof des Unsterblichen Volodi. Hier wird niemand blind einem Mordbefehl von dir folgen.� Er stockte, wurde sich offensichtlich bewusst, dass es zumindest auf ihn nicht zutraf. Dann sch�ttelte er wieder den Kopf. �Jedenfalls nicht, wenn es um Yuri geht. Lass ihn, Herrin, ich rate dir das als Freund. Jedes Ungl�ck, das du f�r den Heiler ersinnst, wird mit doppelter Macht auf dich zur�ckfallen.� Er lie� ihre Arme los. �Ich w�nsche dir eine friedliche Nacht, Herrin.�</p><p>Quetzalli unternahm keinen Versuch, Oleg zur�ckzuhalten, als er den Eichenhain verlie�. Niedergeschlagen kehrte sie zu ihren Gem�chern zur�ck. Die beiden Wachen an der T�r gr��ten sie, doch glomm da ein Funke Verachtung in ihren Augen? Hatten sie vielleicht eben noch dar�ber gefl�stert, wie sie in einem B�renfell ausgesehen hatte? Glaubten auch sie, sie habe sich Volodi mit einem Liebeszauber gef�gig gemacht?</p><p>Die Herrscherin schloss die schwere Eichent�re hinter sich. Sie trat an die Wiege und sah in das friedlich schlafende Gesicht ihres Sohnes. Wie viel hatte sie in dieser Nacht verloren? Sie w�rde hier in ihren vier W�nden bleiben, bis Volodi zur�ckkehrte. Beim Gedanken an ihn wurde Quetzalli die Kehle eng. Wohin hatte er sich aufgemacht? Sie w�nschte sich, sie h�tte nicht mit ihm gestritten. Diese kleine Schlampe war es nicht wert gewesen. Wieder dachte sie an die Hahnenleber, die voller W�rmer gewesen war. Dunkle Vorahnungen �berw�ltigten sie. Sie kniete nieder, rief sich die Steinbilder der Gefiederten Schlange in den Tempeln ihrer Heimat vor Augen und begann mit einer Inbrunst zu beten, wie sie es seit Kindertagen nicht mehr getan hatte.</p></section><section><title><p>Ausgebrannt</p></title><p>�Leer.� Arcumenna fasste mit dem einen Wort zusammen, was sie alle sahen und wovon die Sp�her schon berichtet hatten. Ihre kleine Gruppe stand auf dem obersten Absatz der weiten Treppe, die sich um einen Felspfeiler herum zum Hafen hinabwand. Das Bild der Verw�stung, das sich ihnen darbot, erf�llte Shaya mit stummer Trauer.</p><p>Zwei Tage waren seit dem Hafenbrand vergangen. Shaya geh�rte ebenso wie Hattu und Horatius zu den f�nf Auserw�hlten, die den Feldherrn begleiten durften. Was sie hier sahen, musste ein Geheimnis bleiben.</p><p>Als Arcumenna die Stufen hinabzusteigen begann, folgten alle schweigend. Wieder einmal mussten sie �ber die zusammengekr�mmten Leiber von Daimonen hinwegsteigen. Die Toten hatten keine Wunden. Sie sahen aus wie von Geistern gemeuchelt. Ihre bartges�umten M�uler aufgerissen, mit angstweiten Augen. Sie waren erstickt, als sie versucht hatten, vor dem Feuer zu fliehen. Weniger als zwanzig von ihnen hatten �berlebt. Sie hatten Arcumennas Kriegern in den Tunneln einen verzweifelten, letzten Kampf geliefert.</p><p>Shaya st�tzte sich an der mit Ru�schlieren bedeckten Felswand ab. Sie ging steif. Ihr R�cken schmerzte bei jeder Bewegung, und sie war todm�de. In den letzten Tagen hatte sie selten mehr als drei Stunden geschlafen.</p><p>�Sie haben alles nach unten gebracht�, stellte Horatius fest. �Genau wie ich es gesagt habe.�</p><p>�Wir gehen dennoch weiter�, beharrte Arcumenna. �Vielleicht haben irgendwelche Vorr�te das Feuer �berstanden.�</p><p>Der Hauptmann sah Arcumenna mit seinem verbliebenen Auge finster an. �Das w�re ein Wunder, Herr.�</p><p>�Und Wunder geschehen!� Der Feldherr war aschfahl. Auch er war v�llig �berm�det.</p><p>�Wir sollten besser den Tatsachen ins Auge sehen.�</p><p>Shaya wunderte sich �ber den Mut des Ein�ugigen. Oder war es Verzweiflung? So wie es aussah, gab es noch f�r h�chstens f�nf Tage Lebensmittel auf dem Felsen. Die Vorr�te in der Stadt waren zum gr��ten Teil im Drachenfeuer verbrannt. Und die Vorratslager oberhalb des Hafens waren von den Daimonen ausgepl�ndert worden. Wie es schien, hatten sie alles, was sich tragen lie�, zum Hafen hinabgeschafft, wo ohnehin schon die gr��ten Vorratslager gewesen waren.</p><p>�Die toten Drachen�� war das kein Wunder? Irgendetwas ist hier auf dem Felsen, das seine sch�tzende Hand �ber uns h�lt�, sagte Arcumenna, ohne stehen zu bleiben.</p><p>Horatius wollte etwas sagen, doch ein Blick des Feldherrn gen�gte, um den Krieger stumm zu machen. Je tiefer sie kamen, desto ern�chternder war der Anblick, der sich ihnen in der Hafenh�hle bot. Immer noch hing kalter Rauch in der Luft. Er brannte in den Augen und beizte bei jedem Atemzug die Kehle.</p><p>Shaya hob einen Zipfel ihres Umhangs vor den Mund, um durch den Stoff zu atmen.</p><p>�Ihr solltet euch zur�ckziehen, meine Dame�, murmelte Arcumenna, der kurz stehen geblieben war und �ber den verw�steten Hafen blickte. �Dies ist kein Anblick f�r���</p><p>�F�r jemanden, der Arme und Beine Schwerverletzter abtrennt? F�r jemanden, der auf dem R�ckzug aus der Eisw�ste dabei war?�</p><p>Arcumenna sah zu ihr auf. �Entschuldigt. Ich verga�. Ich��� Er stie� einen langen Seufzer aus. �Sieht jemand ein Schiff, das von den Flammen verschont geblieben ist?�</p><p>Alle Schiffe, die Shaya entdecken konnte, waren bis zur Kiellinie abgebrannt und gesunken. Es war hoffnungslos. Sie hatten so gut wie nichts mehr zu essen, und es gab keine M�glichkeit, von der Felseninsel zu fliehen. Das Meer um den steilen Felsen war von Haien verseucht. Sie hatten die Daimonen vernichtet und sich selbst auch.</p><p>Arcumenna schien sich bewusst zu sein, was sie dachte. Er wandte sich ab und stieg weiter zum Hafen hinab. �Das ist nicht das Ende!�, sagte er laut. �Wir werden einen Weg finden! Es gibt immer einen Weg! Es sind die Verzagten, die untergehen.�</p><p>Hattu hielt Shaya bei der Schulter zur�ck. �Lass ihn ziehen�, sagte er niedergeschlagen. �Es hei�t, er habe nie eine Schlacht verloren. Er kann das nicht akzeptieren. Noch nicht�� Es bringt doch nichts, in der Asche zu stochern.�</p><p>�Du willst also lieber warten und verhungern?�</p><p>Der Erste Heiler sch�ttelte m�de den Kopf. �Was leben will, das strebt zum Licht. Wir sollten hinauf zu den Ruinen. In eingest�rzten H�usern nach Vorratskellern suchen. M�wen erlegen�� Auf Hilfe warten. Die brennende Stadt muss weithin sichtbar gewesen sein. Jemand wird kommen���</p><p>�Die Drachen, die �ber der Stadt schwebten, waren sicherlich auch weithin sichtbar. Wer sollte kommen, um sie sich aus der N�he anzusehen?�</p><p>�Die mit aufrechtem Herzen.� Er zwinkerte ihr zu. �Und die, die gute Augen haben. Die Drachen sind seit Tagen verschwunden. Es wird Hilfe kommen. Lass uns wieder nach oben gehen. Es gibt noch viele Verwundete, die auf uns warten.�</p><p>�Nein.� Sie wollte sich ihm gegen�ber nicht erkl�ren, wandte sich einfach ab. Ihr lag es nicht, ihr Schicksal anderen zu �berlassen. Sie w�rde zusammen mit Arcumenna nach einem Fluchtweg suchen.</p><p>�L�ufst du vor ihnen davon?� Hattu sagte das ganz ruhig, ohne Zorn oder H�me. �Du wirst oben gebraucht.�</p><p>Er hatte recht, dachte Shaya, ohne ihre Schritte die Treppe hinab zu verlangsamen. Sie wurde oben gebraucht. Und sie hatte in den letzten Tagen bis zur v�lligen Ersch�pfung gearbeitet. War sie doch mehr Kriegerin als Heilerin?</p><p>Sie konnte kein Glied mehr amputieren. Keinem Mann, der Wundbrand bekommen hatte, mehr in die Augen sehen und sagen, dass er nur noch die Wahl hatte, als Kr�ppel zu leben oder zu sterben. Hier unten w�rde sie vielleicht einen Fluchtweg f�r alle finden. Oder aber nichts�� Sie ging weiter.</p><p>Gaius, ein junger Hauptmann, der nicht sonderlich kriegerisch aussah, und Horatius waren Arcumenna gefolgt. Hattu und der kleine, dicke Kerl, der die Kaufleute der Stadt vertrat, zogen sich zur�ck. Shaya hatte sich nicht einmal seinen Namen gemerkt, nur den schwammigen H�ndedruck und die Arglist in seinen Augen, die er mit ge�btem L�cheln �berspielte. Er war sicher ein erfolgreicher Kaufmann.</p><p>Am Fu� der Treppe lagen verkohlte Daimonen. Die Hitze hatte ihre K�rper zusammenschrumpfen lassen. Ihre �berreste waren kaum gr��er als S�uglinge. Die Leichen wie Holzkohle.</p><p>Arcumenna, Horatius und Gaius standen bei einem gro�en Becken, das im hinteren Bereich des Hafens lag. Tausende tote Fische schwammen mit den bleichen B�uchen nach oben darin.</p><p>Gaius hatte eine tote Makrele aus dem Wasser gezogen. Er zerdr�ckte sie in der Hand. �Gekocht�, stellte er fest. �Das Becken ist nicht sonderlich tief. Die Fischer haben einen Teil ihres Fangs lebend hierhergebracht. So blieben sie l�nger frisch���</p><p>�Das mit dem <emphasis>frisch</emphasis> hat sich wohl erledigt�, bemerkte Horatius lapidar.</p><p>�Kann man sie noch essen?�, fragte Shaya.</p><p>�Wenn man mutig ist.� Arcumenna l�chelte gegen seine Verzweiflung an. �Ich glaube, ich werde lieber fasten.�</p><p>Sie lie�en das Fischbecken hinter sich und stiegen durch die Tr�mmer eines ausgebrannten Lagerhauses, dessen Boden kn�chelhoch mit den Scherben geplatzter Amphoren bedeckt war. Immer wieder fanden sie die verkohlten Leichen ihrer Feinde.</p><p>Shaya sah auf einen gr��eren Daimon herab. Selbst verbrannt war zu erkennen, dass es eine Frau gewesen sein mochte. An ihrer Seite lag ein ausgegl�htes Schwert. Die Klinge hatte sich blaurot verf�rbt. Die Leiche wirkte, als w�re sie im Schlaf ein Raub der Flammen geworden. Hatte der Rauch sie ohnm�chtig werden lassen?</p><p>Shaya sah auf und lie� den Blick durch die verw�stete Hafengrotte schweifen. War dies alles eine Warnung? Ein Omen? W�rde so der Streit um Nangog enden? W�rden sie alle�� Menschen und Daimonen�� verlieren, bis nur noch die Kinder der Riesin �brig blieben?</p><p>Die Heilerin erreichte das Ende einer Mole und blickte hinab aufs Wasser. Dort lag eines jener wunderlichen metallenen Schiffe, mit denen die Daimonen gekommen waren. Es sah aus wie ein Fass, das zu mehr als drei Vierteln im Wasser versunken war. Sie entdeckte ein zweites, ein drittes Daimonenschiff. Vielleicht��</p><p>Sie betrachtete die gesunkenen R�mpfe der Holzschiffe. �Fl��e�, sagte sie leise. Es gab einen Weg, dem Felsen zu entkommen! Das war die L�sung. Sie w�rden Planken von den halb verkohlten Schiffsr�mpfen rei�en und mit Seilen auf den Daimonenschiffen festzurren.</p><p>Sie winkte den drei Kriegern. �Kommt her und seht!�, rief sie aufgeregt. �Die Daimonen werden uns letztlich zur Flucht verhelfen.�</p><p>Arcumenna war als Erster bei ihr. Sie erl�uterte ihm den Plan. Er seufzte. Und dann war da wieder dieses Strahlen in seinen Augen, das seit Tagen verschwunden gewesen war. �Du bist eine Frau mit vielen Talenten, Shaya. Gaius!� Er wandte sich an den schlaksigen, jungen Hauptmann. �Ich will jeden Mann, der noch in der Lage ist zuzupacken, in drei Stunden hier unten haben. Wir werden Fl��e bauen und zum Festland �bersetzen!�</p><p>Der Funke der Begeisterung sprang nicht �ber.</p><p>�Was?�, fuhr Arcumenna ihn an, als Gaius beh�big den Kopf sch�ttelte.</p><p>�Unsere Sp�her, Herr. Sie haben beobachtet, wie etwa drei�ig dieser seltsamen Schiffe entkommen sind, als das Feuer �ber die Daimonen kam.� Er blickte in Richtung des weiten H�hlenausgangs. �Sie sind irgendwo da drau�en. Und wahrscheinlich warten sie nur darauf, an uns Rache zu nehmen.�</p></section><section><title><p>Gl�ck gehabt</p></title><p>Er hatte Gl�ck gehabt, wieder einmal, dachte Hornbori und betrachtete die kleine Inselgruppe am Horizont. Asugar hatten sie weit im Westen hinter sich gelassen. Selbst die himmelhohe Rauchs�ule, die �ber der Klippe gestanden hatte, war inzwischen au�er Sicht. Vielleicht hatte der Wind sie fortgetragen.</p><p>�Der Elf, der sich diesen Mist hat einfallen lassen, hat nur Schei�e im Hirn�, fluchte Ulur, der ein St�ck weiter vorn breitbeinig auf dem Rumpf der <emphasis>Wilden Sau</emphasis> stand. �Das Ding wird uns nicht nur Fahrt nehmen, wir werden damit h�ngen bleiben, wenn wir durch Tunnel tauchen. Und �berhaupt, es verschandelt meine wundersch�ne <emphasis>Sau</emphasis>.�</p><p>�Au�erdem wird das Salzwasser binnen k�rzester Zeit die Mechanik ruinieren�, stie� Nyr ins selbe Horn. �Speerschleudern auf Aalr�mpfe zu montieren ist wirklich eine Furzidee!�</p><p>Hornbori war das Gerede leid. Seit Stunden ging es so! Und wahrscheinlich war es bei keinem der drei�ig Aale anders. Die kleine Flotte war aufgetaucht und hielt mit langsamer Fahrt auf die Inselgruppe vor ihnen zu. �berall hallten Hammerschl�ge auf Kupferr�mpfen, Fl�che waren zu h�ren und der eint�nige Singsang der Lotsen. Die Speerschleudern hatten von Anfang an zu ihrer Ausr�stung geh�rt, und bis Hornbori heute Morgen den Befehl gegeben hatte, sie vor den Ausstiegsluken der Aale zu befestigen, hatten sich alle gefragt, wozu die Waffen dienen sollten. F�r den Kampf in den H�hlen von Asugar taugten sie nicht.</p><p>�rgerlich tastete Hornbori nach dem Schreiben, das er unter sein Wams geschoben hatte. Hatten die Himmelsschlangen ihn so dem�tigen m�ssen? Vor aller Augen. Was erwartete ihn, wenn er von dieser Mission zur�ckkehrte? Und was erwartete ihn hier?</p><p>Misstrauisch lie� er den Blick �ber die Wellen schweifen. Sie befanden sich im Delta des Sepano. Das gelbbraune Wasser des gewaltigen Stroms vermengte sich mit den Fluten des Purpurnen Meers. Schmutzschlieren trieben wie Nebel im Wasser. Die See war flach und t�ckisch. Am Bug jeden Aals stand ein Lotse mit Senkblei. Selten war das Wasser tiefer als sieben Schritt. �berall lauerten t�ckische Sandb�nke in den tr�ben Fluten. Es gab erstaunlich viele Fische hier. Manche waren erschreckend gro�.</p><p>Ihr Bestimmungsort war im Befehl der Himmelsschlangen recht deutlich beschrieben. Eben hatten sie die Insel mit dem verfallenen Leuchtturm aus wei�em Korallenstein passiert. Es war das einzige Bauwerk von Menschenhand, das sie im Delta bisher gesehen hatten.</p><p>Hornbori sp�rte, wie sich Schwei� unter seinen Achseln sammelte. Warum konnten diese verfluchten Drachen den Ort hier so exakt beschreiben, aber nicht das Meeresungeheuer, das hier lauerte? Sie sollten die Bestie t�ten und irgendwelche Amphoren bergen, die auf ihrem R�cken festgebunden waren.</p><p>Ein Schwarm gro�er wei�er V�gel erhob sich von einer Sandbank an Steuerbord. Es waren Hunderte. Jeder von ihnen gro� wie eine fette Gans.</p><p>�Wir sollten mal was Anst�ndiges essen�, murmelte Ulur, der wieder neben ihm stand, und sprach damit aus, was Hornbori dachte.</p><p>Es w�re gut f�r die Moral der M�nner, wenn die ganze Flotte einen dieser Str�nde anlaufen w�rde, um Jagd auf die fetten V�gel zu machen und sie �ber offenen Feuern zu braten. Und wenn sie dann noch ein paar F�sser Pilz h�tten�� Im Schatten eines der seltsamen astlosen B�ume mit der Krone aus riesigen Bl�ttern zu liegen und zu d�sen�� Vielleicht mit Amalaswintha im Arm��</p><p>Eine Steilklippe erschien im Dunst am Horizont und schreckte Hornbori aus seinen Tagtr�umen. Ein Fels, so gro� wie der von Asugar. Von dieser Landmarke war im Befehl der Drachen keine Rede. Seltsam, es war ein guter Orientierungspunkt. Hatten sie etwa ihr Ziel verfehlt? Unruhig blickte Hornbori zur�ck. Die Insel mit der Ruine lag weniger als eine Meile hinter ihnen. Sie sollten von dort aus einen �stlichen Kurs halten. Nach etwa zwei Meilen sollten sie nach dem Seeungeheuer Ausschau halten. Das musste dort bei der Steilklippe sein. Lauerte die Bestie dort? Vielleicht in einer H�hle, �hnlich der Hafengrotte von Asugar? Oder hatte sie sich im Schlick eingegraben wie diese seltsamen, platten Fische, von denen sie gestern einige gefangen hatten.</p><p>�Sollen wir Kurs auf die Klippe nehmen?�, fragte Ulur. Der dicke Kapit�n der <emphasis>Wilden Sau</emphasis> trug nur noch ein Tuch um die Lenden geschlungen und schwitzte dennoch so sehr, dass ihm der Schwei� in Str�men �ber den K�rper lief.</p><p>�Ja, nehmen wir Kurs auf den Fels�, murmelte Hornbori. Er konnte seinen Blick nicht von den T�towierungen auf Ulurs K�rper abwenden. Vor allem ein Tier dicht �ber dem Bauchnabel faszinierte ihn. Es sah aus wie ein Fass mit Flossen, aus dem ein langer, schlangenhafter Hals herausragte, der einen erstaunlich kleinen Kopf trug.</p><p>Ulur kratzte sich ungeniert im Schritt. �Das ist kein gutes Zeichen�, grummelte der Kapit�n. �Kein gutes Zeichen.�</p><p>�Was?�, fragte Hornbori. Auch ihm wurde immer hei�er, dabei hatte die Sonne noch nicht einmal den Zenit erreicht. Fahrig fuhr er sich mit der Hand �ber die schwei�nasse Stirn.</p><p>�Na, wenn es mich da juckt�, murrte Ulur. �Wenn kein Weib in der N�he ist und es mich juckt und kribbelt, dann ist �rger im Verzug.� Er sah sich misstrauisch um. �Und die Himmelsschlangen haben nichts dar�ber geschrieben, was f�r ein Ungeheuer hier lauert?�</p><p>�Nichts.� Hornbori wurde sich bewusst, dass alle Zwerge, die in der Hitze auf dem Rumpf des Aals herumlungerten, ihrem Gespr�ch lauschten. �Egal, was es ist, drei�ig Aale mit Speerschleudern sind mehr als genug, um es blutend auf den Grund des Meeres zu schicken.�</p><p>�Wenn die Himmelsschlangen glauben, wir brauchen drei�ig Speerschleudern, muss das Vieh aber ziemlich gro� sein.�</p><p>Hornbori h�tte Nyr f�r diesen Spruch am liebsten ers�uft. Er wollte seine M�nner beruhigen und nicht weiter �ngstigen!</p><p>�Also, ich hab mal gesehen, wie so ein Speer ein w�tendes Mammut niedergestreckt hat�, mischte sich nun auch Ginnar ein. �Hat ganz sch�n Wums, so ein Speer. Hat den Sch�del des Mammuts durchschlagen, als w�r der weich wie Gr�tze.�</p><p>�Wie weit waren die Sch�tzen denn entfernt?�, fragte Nyr interessiert.</p><p>Ginnar grinste breit, was das Narbengeflecht um sein Kinn und seinen Mund in ein grausiges Labyrinth aus W�lsten und Falten verwandelte. �Die Jungs hatten Blut wie Eiswasser. Waren meine Jungs�� Sie haben erst geschossen, als der Bulle nur noch zehn Schritt entfernt war.�</p><p>Nyr stie� einen anerkennenden Pfiff aus.</p><p>�Dann gehen die Drachen also von einem Biest aus, das gr��er als drei�ig Mammuts ist�, sagte Ulur und nahm einen Schluck aus seinem Wasserschlauch.</p><p>�So einfach kann man das nicht rechnen�, wandte Nyr ein. �So ein Speer kann auch ein viel gr��eres Tier als ein Mammut aufhalten, wenn man nur richtig trifft.�</p><p>Unbehagliche Stille breitete sich unter den M�nnern auf dem Rumpf aus.</p><p>�Wahrscheinlich f�rchten die Drachen, dass euch vor Angst die H�ndchen zittern, wenn ihr das Ungeheuer seht. Deshalb schicken sie drei�ig, damit vielleicht einer trifft.� Es war Galar, der sprach. Er lag auf seinem Umhang, dicht beim Bug des Aals, hinter dem Lotsen mit dem Senkblei. Bislang hatte der Schmied kein Wort gesagt. Er d�ste in der Sonne und schnitt, wie meist, ein m�rrisches Gesicht. Dennoch h�tte Hornbori ihn in diesem Augenblick umarmen m�gen. Das war die richtige Art, ihren Auftrag zu sehen.</p><p>�Zeigen wir den Drachen, dass wir M�nner und keine Memmen sind!�, forderte Hornbori entschlossen. �Wir lassen uns doch nicht von einem gro�en Fisch einsch�chtern, oder?�</p><p>�Wir k�nnten das Vieh auch rammen�, meinte Ulur. �Das hier�, er zeigte mit seinen schwitzigen Fingern auf das Untier �ber seinem Bauchnabel, �das haben wir ausman�vriert und es mit voller Fahrt am Hals getroffen.� Er schnalzte lautstark mit der Zunge. �Sein Genick ist wie ein d�rres �stlein gebrochen. Dabei war das Biest dreimal so lang wie die <emphasis>Wilde Sau</emphasis>.�</p><p>�Zwei Faden abnehmend!�, rief der Lotse am Bug.</p><p>Ulur fluchte. �Zwei Strich steuerbord�, rief er durch das offene Luk ins Innere des Aals. Das Boot schwenkte ein wenig nach rechts.</p><p>�Zwei Faden!�, ert�nte es wieder vom Bug.</p><p>�Verdammtes Delta�, zischte der Kapit�n.</p><p>�Warum der �rger? Das sind doch noch fast vier Schritt�, wandte Hornbori ein. Die <emphasis>Wilde Sau</emphasis> hatte einen Tiefgang von etwas mehr als zwei Schritt, und sie war das mit Abstand gr��te Schiff ihrer Flotte.</p><p>�Wir haben Flut, verdammter Tunnelwurm. Wenn die Ebbe kommt, sitzen wir auf Grund, wenn wir keine tiefere Fahrrinne finden.�</p><p>Hornbori war versucht, den Befehl zu geben, eine der flachen Inseln anzulaufen. Sollten sie alle ein wenig ausruhen. Aber wie w�rde er vor den Himmelsschlangen dastehen, wenn die gro�en Drachen davon erfuhren, wie wenig pflichteifrig er bei der Ausf�hrung ihrer Befehle gewesen war? Er konnte sich eine solche Nachl�ssigkeit nicht leisten. Vielleicht wenn sie das Ungeheuer zur Strecke gebracht und die Amphoren geborgen hatten.</p><p>�Zweieinhalb Faden�, erklang es vom Bug. �Drei Faden!�</p><p>Ulur seufzte erleichtert.</p><p>Die kleine Flotte der Aale folgte ihrer Kurs�nderung. Sie waren das vorderste der Boote. Eine Tatsache, die Hornbori nicht gefiel. Sie w�rden die Ersten sein, die dem Ungeheuer begegneten. Aber hatten Nyr und Galar nicht zwei gro�e Sonnendrachen vom Himmel geholt? Was galt es also zu f�rchten? Sie waren viel besser bewaffnet, als die Himmelsschlangen es ahnten. Dennoch wollte das mulmige Gef�hl nicht weichen. Und Ulur schien es nicht besser zu ergehen. Aus den Augenwinkeln sah Hornbori, wie sich der Kapit�n wieder im Schritt kratzte.</p><p>Der Heermeister heftete den Blick auf den Horizont. Sie waren vorbereitet! Beide, Galar und Nyr, hatten ihre Armbr�ste mit nach oben gebracht.</p><p>Ihre kleine Flotte beunruhigte eine Vogelschar auf einer Insel, etwa drei�ig Schritt backbord. Ein lang gezogenes Eiland voll dichtem Gestr�pp und seltsamen, astlosen B�umen. Laut mit den Fl�geln schlagend, stieg der Schwarm auf und flog vor ihnen davon, der Steilklippe entgegen. Doch sie lie�en sich nicht auf dem fernen Felsen nieder, sondern schlugen einen weiten Bogen und wichen ihm aus.</p><p>Nyr trat an seine Seite. �K�nnen wir reden?�, raunte ihm der Sch�tze ins Ohr und deutete zum Heck des Aals.</p><p>Hornbori gefiel das nicht. Das Boot war zu klein. Auch am Heck w�rden sie fl�stern m�ssen, wenn sie nicht von den anderen geh�rt werden wollten. Und das w�rde die M�nner beunruhigen.</p><p>Nyr bedachte ihn mit einem dr�ngenden Blick. Also gut, dachte sich Hornbori und folgte seinem Gef�hrten.</p><p>�Wie gut hast du dir den zerst�rten Leuchtturm angesehen?�, fl�sterte Nyr.</p><p>Der Heermeister zuckte mit den Schultern. �Gab es was Besonderes zu sehen?�</p><p>�Durchaus!�</p><p>Der dr�ngende Ernst in Nyrs Stimme verst�rkte das flaue Gef�hl Hornboris noch.</p><p>�Der Turm ist nicht verlassen worden und verfallen. Er sah eher so aus, als h�tte ihn etwas enthauptet.�</p><p>�Den Turm enthauptet?� Hornbori hatte versehentlich laut gesprochen, und mindestens Ulur hatte ihn geh�rt. Der Kapit�n sah ihn stirnrunzelnd an. �Bist du dir dar�ber im Klaren, was f�r einen Unsinn du erz�hlst?�, fuhr Hornbori leiser fort.</p><p>�Es war dieses Biest, da bin ich mir sicher. Und um so etwas zu tun, muss es ziemlich gro� sein. Gr��er als ein Sonnendrache, w�rde ich sch�tzen.�</p><p>�Damit hatten wir doch gerechnet���</p><p>Nyr nickte in Richtung des Felsens. �Hast du die V�gel gesehen? Sie mochten nicht auf der Klippe landen. Unsere Beute liegt dort irgendwo auf der Lauer. Und wenn wir nicht verdammt vorsichtig sind, dann werden <emphasis>wir</emphasis> zu seiner Beute werden.�</p><p>Hornbori blickte zu der Felseninsel. Sie war noch zu weit entfernt, um deutlich zu erkennen zu sein. Irgendwie sah sie seltsam aus. Das Gestein wirkte wie erstarrte Kaskaden.</p><p>�Dort w�chst kein Baum�, sagte Nyr. �Und die V�gel meiden die Insel. Wir sollten aufpassen.�</p><p>Jetzt hatte der Sch�tze endg�ltig erreicht, dass Hornbori ein Schauder �ber den R�cken lief. �Wir werden Angriffsformation einnehmen�, entschied er. �Ulur! Gib den anderen Aalen das Zeichen, sich zum Angriff bereitzumachen.�</p><p>Der Kapit�n nickte ihm zu. �Fahrt drosseln!�, rief er durch das Luk, und die wenigen Mann, die noch unten an der Kurbelwelle sa�en, legten sich noch weniger ins Zeug. Dann hob er die Arme hoch und winkte den �brigen Aalen zu. �Angriffsformation�, br�llte er in einem tiefen Bass, der wohl noch in einer halben Meile zu h�ren war.</p><p>Die �brigen Boote schlossen zu ihnen auf, bis sie einen weiten Halbkreis bildeten, in dessen Mitte die <emphasis>Wilde Sau</emphasis> lag.</p><p>�Jeder, der hier oben nichts verloren hat, unter Deck!�, befahl Ulur.</p><p>Hornbori gesellte sich zu dem schmerb�uchigen Kapit�n.</p><p>�Angriffsgeschwindigkeit!�, rief dieser nun lang gedehnt, w�hrend neben ihm Krieger durch das offene Luk hasteten. Dann griff er sich wieder in den Schritt und murmelte: �Mir schmeckt das nicht.�</p><p>Hornbori ignorierte den Einwand. Jetzt waren sie hier. Sie w�rden die Schlacht schlagen, in die die Himmelsschlangen sie geschickt hatten. Und vor allem: Die <emphasis>Wilde Sau</emphasis> war nicht mehr das vorderste Boot in der Formation. In der Mitte des Halbmonds hatte sie den Platz, der am weitesten hinten lag.</p><p>Die benachbarten Boote nahmen an Fahrt auf.</p><p>�F�nf Faden!�, rief der Lotse vom Bug.</p><p>Hornbori grunzte zufrieden. Sie hatten freies Fahrwasser f�r die Schlacht. Das war gut!</p><p>�Macht die Gesch�tze klar!�</p><p>Dutzendfach erklang das metallische Klacken der Speerschleudern, die gespannt wurden.</p><p>�Sechs Faden!�, erklang es am Bug. �Achtung!�</p><p>Eine kniehohe Welle lief ihnen durch das seichte Gew�sser entgegen. Der Rumpf der <emphasis>Wilden Sau</emphasis> hob und senkte sich.</p><p>�Bei den Eiern der Alben!�, keuchte Ulur.</p><p>Hornboris Herz setzte f�r einen Schlag aus. Die Insel! Sie hatte sich bewegt. Hoch oben in der Klippe blickte ein Auge auf sie herab. Ein Auge, gro� wie ein Ententeich.</p></section><section><title><p>Wir sind tot!</p></title><p>�Wir sind tot!�</p><p>Galar fluchte. Er hatte den Spruch von Nyr nun wirklich schon oft genug geh�rt. Doch nie hatte der Richtsch�tze so recht damit gehabt wie dieses Mal.</p><p>Weitere Wellen rollten auf die Aale zu, als das Ungeheuer sich bewegte. Dieses Biest �bertraf alles, was er sich bislang hatte vorstellen k�nnen. Das war kein Ungeheuer mehr, es war eine Fleisch gewordene Naturgewalt.</p><p>Die Wellen prallten gegen den Rumpf der <emphasis>Wilden Sau</emphasis> und lie�en das Boot bocken, als w�rde auch sein Metallleib von Angst gesch�ttelt.</p><p>�Vorw�rts!�, erklang Hornboris Befehl, wenn auch mit zittriger Stimme.</p><p>Galar traute seinen Ohren nicht. Der Schisser gab einen Angriffsbefehl? Jetzt?</p><p>Auch Ulur blickte zweifelnd zu ihrem Heermeister.</p><p>�Vorw�rts!�, befahl Hornbori ein weiteres Mal, dr�ngender und entschlossener.</p><p>�Volle Kraft voraus!�, rief der Kapit�n durch das Luk hinab.</p><p>�Aye! Volle Kraft voraus!�, ert�nte die Best�tigung aus dem Schiffsrumpf.</p><p>Galar fasste es nicht. Hornbori f�hrte sie in einen Angriff. Nicht nur das�� es war der reine Selbstmord! Das musste dem Schisser doch klar sein, oder verlie� er sich darauf, dass er wieder einmal Gl�ck hatte?</p><p>�Ich w�nschte, wir h�tten eine der Speerspitzen, die Eikin uns gestohlen hat.� Nyr legte einen der normalen Speere auf die F�hrungsschiene des Gesch�tzes.</p><p>�Ich w�nschte, wir w�ren gar nicht erst hier. Wir haben Krieg mit den Drachen. Nicht mit dem Ding da���</p><p>�Vielleicht haben die Himmelsschlangen das auch erraten und uns deshalb hierhergeschickt.�</p><p>�Wie?�</p><p>Nyr lachte auf. �Hornbori war bei ihnen. Sie k�nnen in Gedanken lesen.�</p><p>Galar hieb mit der Faust auf die Speerschleuder. �Ich hab es immer gewusst. Dieser Schisser ist unser Untergang. Ich���</p><p>�Verrei� das Gesch�tz nicht!�</p><p>�Wie kannst du so gelassen bleiben, Nyr?�</p><p>�Das bin ich nicht. Ich bepiss mich gleich vor Angst�� Aber was hilft es? Wir sind hier. Alles, was wir noch tun k�nnen, ist, mit Ehre unterzugehen.�</p><p>Galar griff nach seiner Armbrust. �Ich stanze dem Biest ein Loch ins Hirn. Der wird sich f�r immer an mich erinnern. Die Drachent�terpfeile���</p><p>Nyr stie� ein freudloses Lachen aus. �Sieh ihn dir an. Der merkt das nicht mal, dass wir ihn getroffen haben.�</p><p>Weitere Wellen brandeten gegen die Aale. Die Bestie drehte sich nun ganz zu ihnen um. Hunderte Tentakel hingen von ihr hinab. Manche gro� wie Festungst�rme. Selbst die kleineren der Fangarme hatten noch den Durchmesser der St�mme von hundertj�hrigen Eichen. Gelbe Augen mit riesigen Pupillen blickten auf sie herab.</p><p>Ein Ger�usch wie das Seufzen eines besch�digten Blasebalgs hallte �ber die See. Sie waren noch etwa dreihundert Schritt von dem Ungeheuer entfernt.</p><p>�Schie�t auf die Augen der Bestie!�, schrie Hornbori.</p><p>�Das wird nicht helfen�, murmelte Nyr. �So ein Speer im Auge st�rt das Vieh nicht mehr als unsereins ein Wimpernh�rchen.� Dennoch richtete er die Speerschleuder auf eines der Augen aus, wartete, bis sie die n�chste Welle abgeritten hatten, und schoss.</p><p>Etliche Speere sirrten dem Ungeheuer entgegen. Die meisten waren schlecht gezielt. Sie verschwanden im Gewirr der Tentakel oder in den tiefen Falten, die das Auge umgaben. Nur wenige fanden ihr Ziel. Das Ungeheuer gab einen zischenden Laut von sich.</p><p>�Immerhin hat es gemerkt, dass wir angreifen�, murmelte Galar, w�hrend Nyr erneut die Speerschleuder spannte.</p><p>Die Bestie hob einige ihrer Fangarme. Es sah aus, als wollte das Ungeheuer die Wolken vom Himmel rei�en. Dann schnellten die Fangarme in ihre Richtung. Sie waren lang! Viel l�nger, als Galar erwartet h�tte. Ohne M�he griffen sie die beiden Aale auf den �u�ersten Flanken ihrer Halbmondformation und zogen sie aus dem Wasser. Metall kreischte, als die Tentakel die kupferbeschlagenen R�mpfe zerquetschten.</p><p>Galar sah die Sch�tzen fallen und einige M�nner aus dem Turmluk springen. F�r die meisten jedoch wurde das Tauchboot zum Grab.</p><p>Der Lotse, der vor ihnen am Bug gekauert hatte, wich zur�ck.</p><p>�Wir m�ssen abhauen!�, br�llte Ulur. �Zur�ck, M�nner! Volle Kraft zur�ck.�</p><p>Galar blickte zum Heermeister. Es war h�chste Zeit, dass er F�hrungskraft zeigte. Er sollte einen Befehl an die Flotte geben. Doch er kommandierte nicht einmal ihr Boot. Er �berlie� es Ulur zu befehlen und starrte mit weit aufgerissenen Augen zu dem Ungeheuer empor.</p><p>Die Kreatur schwenkte immer noch die zerst�rten Tauchboote.</p><p>Ihr Aal wurde langsamer, stockte kurz in der Bewegung und begann sich dann, ohne gewendet zu haben, r�ckw�rts von dem Ungeheuer fortzubewegen.</p><p>Einzelne Speere schossen der Bestie entgegen. Die meisten Aale hatten ebenfalls den Angriffskurs aufgegeben. Dennoch war der Kampfgeist der Krieger nicht v�llig erloschen.</p><p>Das Ungeheuer schleuderte eines der Bootswracks in ihre Richtung. Es verfehlte die <emphasis>Wilde Sau</emphasis> um einige Schritt, doch schlug es nahe genug aufs Wasser, dass Galar sehen konnte, wie Blut aus dem deformierten Rumpf troff. Gischt spr�hte �ber sie hinweg.</p><p>Galar strich sich �ber das Gesicht. Endete hier alles?</p><p>�Zweihundert Schritt, was meinst du?� Nyr bet�tigte den Ausl�ser des Gesch�tzes, ohne einen Speer eingelegt zu haben. �Er ist in Reichweite der Armbr�ste. Wollen wir ihn bluten lassen?�</p><p>�Allein schon f�r unsere toten Kameraden!� Galar war dankbar, aus seinen Gedanken gerissen zu werden. Wenn sie schon untergingen, dann zumindest k�mpfend. Er griff nach der Armbrust, die er mit einer Schnur an den Sockel der Speerschleuder gebunden hatte.</p><p>�Wohin schie�en wir?�</p><p>�Mitten durch den Kopf kann eigentlich nicht schaden, oder?� Nyr drehte die Kurbel seiner Windenarmbrust, bis die Sehne einrastete, und legte einen Bolzen auf.</p><p>Pl�tzlich war Hornbori hinter ihnen. �Ihr legt ihn um, nicht wahr? Jetzt��� Er sah auf die Armbr�ste, und Panik stand in seinem Blick.</p><p>�Ja, sie sind klein unsere Armbrustbolzen,� sagte Nyr gelassen.</p><p>�Ihr schafft das, nicht wahr?�</p><p>Nyr hob die Waffe an die Schulter.</p><p>�St�r uns nicht, Schisser!� Galar hob ebenfalls seine Waffe.</p><p>Er h�tte schw�ren m�gen, dass die Bestie in diesem Augenblick genau auf sie hinabsah. Sie wusste, was sie wollten.</p><p>Der Schmied zielte auf die hochgew�lbte Stirn �ber den Tentakelb�ndeln. Nyr und er schossen fast gleichzeitig.</p><p>�Lasst den Schei�!�, rief Ulur. �Los, steigt durchs Luk! Wir brauchen jedes Paar Beine an der���</p><p>Die Bestie stie� ein hohes, zirpendes Ger�usch aus. Wie ein Messer stach es Galar in die Ohren. Nyr lie� seine Armbrust fallen und presste sich beide H�nde auf die Ohren.</p><p>Hornboris Mund klaffte auf. Er schrie, doch Galar h�rte nichts mehr au�er den hohen Schmerzenslauten des Ungeheuers. Dann sah er Blut aus den Ohren des Heermeisters tropfen. Hornbori packte ihn und Nyr bei den Haaren und zog sie mit sich.</p><p>Ulur war schon durch das Luk verschwunden.</p><p>Der Schrei der Bestie ver�nderte sich und klang nun wie Kreide, die �ber eine Schiefertafel kratzte. Es war ein Ger�usch, bei dem sich Galar s�mtliche Haare am K�rper aufrichteten. Es ging durch und durch, nistete sich tief im Inneren der Knochen ein und drohte sie bersten zu lassen.</p><p>Nyr blutete inzwischen auch aus der Nase. Seine Augen waren nach oben verdreht, sodass fast nur noch das Wei�e zu sehen war. Nur mit Hilfe von Hornbori gelang es Galar, den halb bewusstlosen Richtsch�tzen durch das Luk zu bugsieren. Anschlie�end warf er Ulur, der unten an der eisernen Leiter stand, ihre Armbr�ste zu.</p><p>Alle Tentakel der Bestie waren in Bewegung. Sie peitschten das Wasser zu flachen Wellen auf oder streckten sich in ihre Richtung. Nur nach ihnen. Die anderen Aale schienen das Ungeheuer nicht mehr zu interessieren. Es wusste genau, wer ihm den Schmerz zugef�gt hatte.</p><p>Die <emphasis>Wilde Sau</emphasis> lief nun mit voller Kraft r�ckw�rts. Ganz langsam vergr��erte sich der Abstand zu diesem Berg aus lebendem Fleisch. Das Ungeheuer war nicht sonderlich schnell. Vielleicht war das Wasser zu seicht, um zu schwimmen? Es ging nicht auf seinen Tentakeln, aber Galar vermochte nicht hinter den Vorhang aus zuckenden Fleischstr�ngen zu blicken. Hatte es Beine? Wenn es durch das flache Wasser watete, dann sollten sie besser nicht versuchen, an Land zu gehen. Es k�nnte ihnen auch dorthin folgen. Und in tiefes Wasser wagten sie sich besser auch nicht. Dort war dieser zu gro� gewordene Tintenfisch sicherlich in seinem Element.</p><p>Was sie brauchten, war eine H�hle. Ein Ort, an dem sie tief in die Eingeweide der Erde kriechen konnten, um dem Zorn der Bestie zu entkommen. Sie mussten zur�ck nach Asugar! Nur dort waren sie sicher.</p></section><section><title><p>Eins mit dem Ozean</p></title><p>Vorsichtig schob Nodon sich unter der Lederschwinge des Sonnendrachen hindurch. Die Haut des Fl�gels war hart und z�h geworden. Verwesungsgestank lag �ber dem flachen Riff am Fu� der Steilklippe.</p><p>Als er das Ende der riesigen Schwinge erreicht hatte, blickte er �ber das Wasser. Eine halbe Meile entfernt sah er die Menschenkinder gegen den Gezeitenstrom k�mpfen. Sie hatten zwei gro�e Fl��e gebaut und versuchten, das Festland zu erreichen.</p><p>Nodon drehte sich auf den R�cken und blickte den Steilhang hinauf. Hoch �ber sich entdeckte er weitere Menschen, die von kreischenden M�wen umkreist wurden. Sie hingen an langen Seilen und pl�nderten Vogelnester. Litten auch sie Hunger?</p><p>Gestern Nacht war er hinabgetaucht und hatte einen der Aale erlegt, die sich in die Eingeweide des toten Drachen w�hlten. Er hatte keinen Bissen von diesem schlangenartigen Fisch essen k�nnen. Er war ein Drachenelf! Wie h�tte er etwas verspeisen k�nnen, was sich vom Aas seiner Herren gen�hrt hatte? Aloki und Solaiyn jedoch waren hocherfreut gewesen. Vier Tage verbargen sie sich nun schon unter der Schwinge des Drachen. Der Elfenf�rst hatte sich erstaunlich gut erholt. Seine Verbrennungen waren g�nzlich verschwunden. Nodon hingegen hatte noch immer bei jeder Bewegung das Gef�hl, die Haut, in der er steckte, sei ihm zu eng geworden. Es war kein unertr�glicher Schmerz, aber er war stetig pr�sent.</p><p>Das Leder der Drachenschwinge knarzte. Aloki schob sich an seine Seite.</p><p>�Und?� Ihre zischelnde Stimme verursachte Nodon immer noch Unbehagen. Die Schlangenfrau hatte ihm das Leben gerettet, als sie ihn unter das gekenterte Boot gezogen hatte. Dennoch traute er ihr nicht.</p><p>�Was machen die Menschenkinder?�</p><p>�Sie verlassen den Felsen. Sie��� Er stutzte. Auf dem weiter entfernten Flo� hatte ein Ruderer angefangen, wild zu rufen. Nodon verstand kein Wort. Sie waren zu weit entfernt, und die Brandung, die klatschend ans Riff schlug, �berlagerte jedes andere Ger�usch. Der Ruderer deutete sichtlich aufgeregt nach Osten. Wenig sp�ter machten beide Fl��e kehrt und steuerten wieder auf den Eingang der Hafengrotte zu.</p><p>�Hornbori kehrt zur�ck�, sagte Aloki.</p><p>Nodon sah die Schlangenfrau �berrascht an. �Wie konntest du sie verstehen?�</p><p>Sie schenkte ihm einen tiefen Blick aus ihren geschlitzten Pupillen. �Ich sehe gut und kann von den Lippen lesen.�</p><p>�Wir m�ssen ihn warnen, dass ihre R�ckkehr entdeckt wurde.�</p><p>Aloki sch�ttelte den Kopf. �Nicht wir. Du! Was glaubst du, was die Zwerge tun werden, wenn ich neben einem ihrer Aale aus dem Wasser auftauche.�</p><p>Nodon konnte es sich vorstellen. Er blickte nach Osten �ber das Meer. Von den kaum �ber das Wasser ragenden Zwergenbooten war nur eine wei�e Bugwelle zu sehen. Hinter ihnen, weit am Horizont, nahte eine Sturmwolke. Ein unf�rmiger Schatten, der bis zum Wasser hinabreichte.</p><p>Nahe dem Riff zogen die grauen Finnen von drei Haien durch das Wasser. Die Kadaver der get�teten Drachen hatten sie schon vor Tagen angelockt. Inzwischen waren sie �berall rings um die Steilklippe.</p><p>�Ich werde zu den Zwergen schwimmen und sie warnen�, entschied Nodon.</p><p>Aloki bedachte ihn mit einem L�cheln, in dem er nicht zu lesen vermochte. War es sp�ttisch oder anerkennend?</p><p>�Und was wirst du tun?�, fragte er.</p><p>�Ich werde dort sein, wo ich am meisten gebraucht werde. Und nun gib mir dein Schwert.�</p><p>Er traute seinen Ohren nicht. Sein Schwert! Die Waffe, die ihm Nachtatem anvertraut hatte!</p><p>�Es wird dich beim Schwimmen behindern. Und du wirst schnell schwimmen m�ssen.� Sie warf einen vielsagenden Blick auf die drei grauen Finnen und schob ihm ihren Dolch zu. Eine fremdartige, alte Waffe mit geflammter Klinge, in die seltsame Zeichen geritzt waren. �Mein Pfand. Du wirst dein Schwert zur�ckbekommen, wenn du zur�ckkommst.�</p><p>Nodon wusste, selbst wenn ihm etwas geschah, w�rde das Schwert nicht verloren sein. Der Zauber, der in der Klinge lag, w�rde sie zur�ck zum Dunklen bringen. So l�ste er wortlos den Waffengurt, streifte seine versengten Kleider ab, band Alokis Klinge samt Lederscheide an seinen linken Oberarm, sodass der Griff nach unten zeigte, und glitt lautlos vom Riff ins Wasser.</p><p>Mit kr�ftigen, ruhigen Z�gen schwamm er gen Osten, den Zwergen entgegen. Er kannte einige Geschichten �ber Haie. Angeblich lockten unruhige Bewegungen sie an�� alles, was an das Zucken eines verwundeten Tiers erinnerte. Nodon sprach ein Wort der Macht, griff in Gedanken nach dem fremdartigen Netz der Magie, das �ber diese Welt gesponnen lag. Er wurde eins mit dem Wasser, war wie der Ozean, flie�end und machtvoll.</p><p>Wie sehr er dieses Gef�hl liebte�� das Leben zu sp�ren, das ihn umgab. Die Muscheln auf dem Riff, die wilde Lust der Aale, die sich an den gefallenen Drachen labten. Den Hunger der Haie, die Aufmerksamkeit der Krebse und die Hoffnung der Sardinen, die wie ein Wolke aus lebendem Silber in vollkommener Harmonie miteinander durch das lichtdurchflutete Wasser glitten.</p><p>Flache Wellen schlugen Nodon in stetem Rhythmus ins Gesicht, als wollte der Ozean ihn f�r seine Vermessenheit z�chtigen, so sein zu wollen wie er: unermesslich und ein Hort von Leben und Tod.</p><p>Der Elf schwamm unbeirrt weiter. Es waren nur Wellen, dachte er. Nur Wellen.</p><p>Da sp�rte er es. Den Hunger, der einen Blick auf ihn gerichtet hatte. Ein keilf�rmiger Kopf, der in seine Richtung schwang. Ein Maul mit Reihen voller messerscharfer Z�hne.</p><p>Die Aale der Zwerge waren noch mindestens dreihundert Schritt entfernt. Nodon blickte �ber die Schulter und sah die Finne, die auf ihn zuhielt. Erschreckend schnell. Er w�rde ihr niemals davonschwimmen k�nnen. W�rde die Aale nicht erreichen.</p><p>Nodon f�llte seine Lunge mit Luft und tauchte unter. Deutlich sah er den R�uber im sonnendurchfluteten Wasser. Er hatte einen wei�en Bauch. Vorsichtig n�herte er sich und wich ihm dann aus. Schwarze Knopfaugen musterten Nodon. Augen wie seine Augen. Der Hai umkreiste ihn und kam wieder zur�ck.</p><p>Der Elf griff sich an den Arm und zog das Messer der Schlangenfrau. Dann breitete er die Arme aus und lie� sich mit dem Kopf nach unten im Wasser treiben.</p><p>Pl�tzlich beschleunigte der R�uber. Sein Maul klaffte auf.</p><p>Nodon rollte um die eigene Achse.</p><p>Als das gierige Maul ins Leere schnappte, fuhr die Klinge dem Hai in den Unterleib. Sie durchtrennte die z�he Haut. Die Schwimmbewegung verlieh dem Messer noch mehr Kraft, und ein langer Schnitt klaffte im Unterleib des R�ubers. Wolken dunklen Bluts wogten im Wasser.</p><p>W�hrend der Hai einem Wald aus wogendem Seetang entgegentrudelte, schob Nodon die Klinge zur�ck in die Lederscheide am Arm.</p><p>Zwei kr�ftige Z�ge, und sein Haupt durchstie� das Wasser. Gierig atmete Nodon die salzige Meeresluft ein und orientierte sich. Noch zweihundert Schritt bis zu den Aalen.</p><p>Doch ruhig zu schwimmen w�rde nicht helfen. Der Zauber, den er gewoben hatte, verband ihn noch immer mit dem magischen Netz. Er sp�rte den Zorn. Sp�rte, wie diese Welt ihn als Eindringling betrachtete. Oder war es Nangog, die er sp�rte?</p><p>Er sah zwei weitere R�ckenfinnen in seine Richtung schnellen. Und voraus, aus der Richtung, aus der die Aale kamen, hielt eine dritte Finne auf ihn zu. Er war entdeckt!</p><p>Nodon schwamm dem dritten R�uber entgegen. Einen einzelnen mochte er vielleicht besiegen. Vielleicht auch zwei. Doch da war etwas�� ein anderer Zauber, der von der Kraft des magischen Netzes zehrte. Ein Zauber, der die Haie der K�ste rief, um ihn zu richten.</p></section><section><title><p>Von der Magie der Elfen</p></title><p>Schon wieder dieses grauenvolle Ger�usch. Hornbori presste sich die Faust zwischen die Z�hne und biss zu. Er konnte es nicht mehr ertragen! Das Kreischen sich verziehenden Metalls. Nie h�tte er gedacht, dass Wasser Laute so weit tragen w�rde. Es hatte wieder eines der Boote geschnappt! Wie nah war es schon?</p><p>Verzweifelt trat Hornbori in die Kurbelwelle. Er war am Ende seiner Kr�fte, so wie alle anderen auch. Zwei seiner M�nner waren schon ausgefallen, als sie vor Ersch�pfung abgerutscht und mit den Beinen in die Kurbelwelle geraten waren, die sich durch den gesamten Rumpf zog. Nun lagen sie mit zerquetschten Beinen in den Frachtnetzen unter der Decke und wimmerten leise. Die anderen hatten kaum etwas f�r sie tun k�nnen. Die Mannschaft durfte nicht aufh�ren, die Schiffsschraube anzutreiben. Durfte nicht anhalten!</p><p>�Es kann nicht mehr weit sein.� Hornboris Stimme war kraftlos. Sie vermochte kaum das schleifende Quietschen der Kurbelwelle zu �bert�nen. Keiner seiner Gef�hrten hatte auch nur die Kraft, den Kopf zu heben.</p><p>Das Quietschen des Metalls hallte in Hornboris Ohren nach, begleitet vom dumpfen Ger�usch schwerer Schritte. Er ging sehr langsam, ihr Verfolger. Wenn er einen Fu� auf den Meeresboden setzte, gab es ein Ger�usch, das mehr im Bauch zu sp�ren war, als dass man es wirklich h�rte.</p><p>Anfangs hatten sie �ber die Schwerf�lligkeit des Ungeheuers gespottet. Sie waren ihm in ihren Aalen davongefahren. Waren gl�cklich gewesen, dem selbstm�rderischen Angriff lebend entkommen zu sein. Es war am fr�hen Abend des Kampftages gewesen, als sie die <emphasis>Schritte</emphasis> zum ersten Mal geh�rt hatten. Sie waren �berrascht gewesen. Alle hatten geglaubt, dass die Bestie die Verfolgung l�ngst aufgegeben hatte.</p><p>Hornbori hatte die Boote zusammengerufen. Unter langsamer Fahrt waren die Aale in dichter Formation zusammengekommen. Der Heermeister hatte sich auf dem Rumpf der <emphasis>Wilden Sau</emphasis> stehend mit Ulur und allen anderen Kapit�nen beraten. Einige waren daf�r gewesen auszuschw�rmen. Wenn ihre achtundzwanzig verbliebenen Aale alle in unterschiedliche Richtungen fuhren, dann k�nnte dieses riesige Ungeheuer nur noch einen einzigen erwischen. Hornbori hatte der Vorschlag nicht gefallen. Er war sich sicher zu wissen, welchem Aal das Vieh folgen w�rde. Seinem! Zum Gl�ck hatte Ulur die anderen �berzeugt, sich nicht zu trennen.</p><p>Wohin sollten die Tauchboote auch fahren? Sie alle kannten dieses Meer nicht, waren von den Drachen ausgesetzt worden�� ohne Kenntnis von Schlupfl�chern oder Wasser- und Nahrungsquellen. Ohne Karten! Zudem w�re eine einzelne Aalbesatzung selbst f�r Menschenkinder kein un�berwindlicher Gegner. Nur gemeinsam w�rden sie nach Albenmark zur�ckkehren k�nnen. Und selbst <emphasis>wenn</emphasis> sie Albensterne finden sollten, w�rden sie dieser verfluchten Welt nicht entkommen. Keiner von ihnen vermochte Zauber zu weben und ihnen einen Weg ins Goldene Netz zu �ffnen��. Sie mussten zusammenbleiben oder w�rden jeder f�r sich allein untergehen in dieser fremden Welt.</p><p>Wieder hatte das Ungeheuer einen Schritt gemacht. Wieder sp�rte Hornbori den dumpfen Druck im Bauch. Er war sich sicher, dass es jetzt den meisten seiner Gef�hrten leidtat, dass sie sich nicht getrennt hatten. Lieber verhungern oder verdursten, als noch einmal dieser Kreatur ins Angesicht sehen.</p><p>Er trat das linke Bein hinunter. Das rechte wurde von der Kurbelwelle angehoben. Dann wieder das rechte Bein hinuntertreten, in endlosem zerm�rbenden Gleichklang. Sie hatten sich gr�ndlich versch�tzt. Sie durften keine Pause machen, wenn sie den Abstand zum Ungeheuer halten wollten. Die Bestie hingegen schien unerm�dlich zu sein.</p><p>Zwei Tage und zwei N�chte traten sie nun schon die Kurbelwelle. Aber das Ziel war nun zum Greifen nah. Sie w�rden sich tief im Fels von Asugar verkriechen. Irgendwann w�rde das Ungeheuer es aufgeben. Irgendwann��</p><p>Ein fremdes Ger�usch schreckte Hornbori aus seinen Gedanken, die sich wie die Kurbelwelle unerm�dlich um die eigene Achse drehten. Etwas bewegte sich au�en an der H�lle des Aals. Waren da Schritte auf den Kupferplatten?</p><p>Jemand h�mmerte auf das Einstiegsluk.</p><p>Er tauschte einen Blick mit Ulur. Der Kapit�n sah zur Leiter. �Du gehst�, sagte er matt.</p><p>Hornbori empfand es als Erl�sung, die F��e von der Kurbelwelle nehmen zu k�nnen. Er griff in eines der Staunetze, um sich hochzuziehen. Seine Beine wollten ihn kaum tragen, so stark zitterten sie.</p><p>Langsam schleppte er sich an den anderen vorbei.</p><p>Wieder h�mmerte jemand auf das Luk. Jetzt h�rte er auch eine Stimme. Doch die Worte waren nicht zu verstehen. Immerhin hatte der Zwischenfall seine Kameraden aus ihrer Lethargie gerissen. Sie starrten ihn an. Stachelten ihn mit Blicken auf, endlich die Leiter hinaufzusteigen.</p><p>Der Heermeister griff nach den von feinem Rost �berzogenen Sprossen. Immer noch f�hlten sich seine Beine kraftlos an. In beiden Waden k�ndigten sich Kr�mpfe an. Er nutzte die Kraft seiner Arme, um sich die schmale Leiter hinaufzuziehen, dann entriegelte er das Luk und �ffnete es vorsichtig einen Spalt weit. Frische Seeluft schlug ihm entgegen. Er atmete in tiefen, gierigen Z�gen, als eine helle Hand nach dem kupfernen Lukendeckel griff und ihn weit aufriss. �ber Hornbori stand ein nackter Elfenkrieger. �Der Hafen ist in der Hand der Feinde. Ihr m�sst umkehren!�</p><p>Hornbori brauchte einen Augenblick, um den Inhalt der Worte zu erfassen. Zwei Tage lang hatte er an nichts anderes als die Sicherheit der Hafenh�hle gedacht, und nun sollte dieser Weg versperrt sein?</p><p>�Ihr m�sst umkehren�, wiederholte der Elf noch einmal.</p><p>Der Heermeister f�hlte sich, als w�rden im n�chsten Moment seine Beine unter ihm nachgeben. Er schob die Ellenbogen �ber den Rand des Luks und stemmte sich durch die enge �ffnung nach drau�en. Das helle Licht blendete ihn nach dem Zwielicht im Inneren des Aals.</p><p>Er kroch an Deck, kam wackelig auf die Beine und rutschte auf den nassen Kupferplatten aus.</p><p>Der Elf fing ihn auf. Er ging vor ihm in die Knie, sah ihn durchdringend an. Diese schwarzen Augen�� Hornbori kannte sie. Das war der Leibw�chter des Feldherrn Solaiyn.</p><p>�K�nnt. Ihr. Mich. Verstehen?� Der Krieger sprach ganz langsam und betonte jede Silbe �berdeutlich.</p><p>�Nat�rlich�, grummelte Hornbori. Jetzt erst bemerkte er die Finnen, die das Boot umkreisten. Sieben oder acht�� Wie war der Elf all den Haien entkommen?</p><p>�Ihr k�nnt nicht in den Hafen!�</p><p>Hornbori wandte sich nach Osten. Am Horizont war das Ungeheuer zu sehen. Nur ein blassblauer Schatten, wie ein ferner Berg. Im Wasser hatten seine Schritte so nah geklungen. Der Zwerg sah nach vorne und st�hnte erleichtert auf. Der rettende Eingang zur Hafengrotte war nur zweihundert Schritt entfernt.</p><p>�Wir m�ssen in den Hafen. Dort werden wir vielleicht sterben. Hier drau�en ganz gewiss.�</p><p>�Ihr versteht nicht���, begann der Elf �rgerlich.</p><p>�Nein, du bist es, der nicht versteht!� Hornbori deutete zum Horizont. �Das ist kein Wolkenturm oder ein fernes Geb�ude. Es ist ein Ungeheuer, gro� wie die Klippe, auf der Asugar liegt. Es wird sich jeden von uns holen. Unsere einzige Hoffnung zu �berleben sind die tiefsten H�hlen oberhalb der Hafengrotte.�</p><p>Der Drachenelf stand auf und blickte zum Horizont, und Hornbori konnte sehen, wie sich etwas im Gesicht des Kriegers verh�rtete.</p><p>�Ihr habt es hierhergelockt���, sagte er mit tonloser Stimme.</p><p>�Gelockt?�, stie� Hornbori schrill hervor. �Wir werden es nicht los!� Er stampfte mit dem Fu� auf und beugte sich dann �ber das Luk. �Noch hundertf�nfzig Schritt, M�nner. Durchhalten! Wir haben es fast geschafft. Allerdings erwarten uns im Hafen die Menschenkinder. Wir werden k�mpfen m�ssen. Doch wir haben Verb�ndete. Hier oben steht der Drachenelf Solaiyns!� Er wandte sich an Nodon. �Wie viele von euch sind noch �brig? Wo seid ihr? Wir sollten gemeinsam angreifen.�</p><p>�Ich bin ein Drachenelf�, erkl�rte der blutbesudelte Krieger mit einer Arroganz, als w�rde er eine ganze Armee aufwiegen.</p><p>�Das glaube ich ja.� Hornbori unterdr�ckte seinen �rger. �Aber wo sind die anderen?�</p><p>�Es gibt keine anderen.�</p><p>Der Heermeister schluckte. �Wie���</p><p>�Nur F�rst Solaiyn und seine Dienerin haben au�er mir �berlebt, Heermeister. Ihr seht, ich bin die einzige Klinge, auf die Ihr z�hlen k�nnt.�</p><p>�Koboldkacke!� Hornbori konnte es nicht glauben. Warum musste es immer so sein? Warum landete er am Ende immer dort, wo man bis �ber beide Ohren in der Schei�e steckte? Vor sich Hunderte w�tende Menschens�hne, hinter sich eine Fleisch gewordene Naturgewalt.</p><p>�Wie meint Ihr?�, fragte der Elf und klang ganz und gar nicht so, als w�rde er einen d�mlichen Witz machen.</p><p>�Wir st�rmen den Hafen!� Hornbori legte den Kopf in den Nacken und sah Nodon herausfordernd an. �Und du bist die Speerspitze des Angriffs.�</p><p>Die Augen des Drachenelfen verengten sich. �Ihr habt mir nichts zu befehlen, Heermeister. Ich k�mpfe in vorderster Reihe, weil es mir so gef�llt.�</p><p>Rede es dir nur sch�n, dachte Hornbori und beugte sich �ber das Luk. �Noch knapp hundert Schritt, M�nner. Nicht nachlassen.� Er stieg durch das Luk. Es war besser, im Aal zu kauern, bis sie eine Mole erreichten. Vorher konnten sie ohnehin kaum etwas ausrichten.</p><p>Der Elf folgte ihm und schloss den Lukendeckel. Geduckt verharrte er auf der Leiter. Er schnitt eine Grimasse. Zugegeben, es herrschte ein etwas strenger Geruch in dem Aal. Immerhin waren hier zwei Dutzend Zwerge seit zwei Tagen auf engstem Raum eingepfercht und traten bis zur v�lligen Ersch�pfung die Kurbelwelle des Aals. Doch dieser Nodon �bertrieb! Er machte ein Gesicht, als h�tte er seine Nase geradewegs in einen Misthaufen gesteckt.</p><p>Ulur hatte bisher nach S�dweiser navigiert. Hornbori misstraute diesem kleinen Ding. Eine d�nne Eisennadel darin wies stets nach S�den, und Ulur behauptete, dies habe nichts mit Magie zu tun. Bislang waren sie damit gut gefahren. Auch die seeerprobten Gef�hrten, mit denen der Kapit�n sich ab und an bei den Steuerhebeln abwechselte, vertrauten dem S�dweiser. Aber f�r die enge Einfahrt in den Hafen wollte Ulur niemand anderem die <emphasis>Wilde Sau</emphasis> �berlassen. Er schob sich an Hornbori vorbei in den engen Bug des Aals und schloss die F�uste um die Hebel, mit denen er das Tiefen- und das Seitenruder steuerte.</p><p>�Signal absetzen!�, rief er von seinem Posten, und Hornbori nahm den Hammer, mit dem sich die Boote untereinander verst�ndigten. Er sa� als N�chster hinter dem Platz des Navigators. Drei Mal schlug er kr�ftig auf die eine Stelle, an der die H�lle des Aals ganz und gar aus Metall bestand und nicht nur ein kupferbeschlagenes, riesiges Fass war.</p><p>Leise z�hlte er bis f�nf und schlug noch drei Mal auf das Metall. Es war das Zeichen f�r die anderen Aale, dass die Einfahrt zum Grottenhafen fast erreicht war und sie tauchen sollten.</p><p>Die Fahrt unter Wasser lie� sie langsamer werden, doch die Mannschaft trat mit neuer Kraft die Kurbelwelle. Ihr Martyrium war nun fast beendet. Das rettende Ziel zum Greifen nahe.</p><p>�Gut, dass wir bei Tageslicht ankommen�, murmelte Ulur vor sich hin.</p><p>Hornbori verkniff es sich zu fragen, was der Kapit�n damit meinte. Ulur mochte es nicht, angesprochen zu werden, wenn er an den Steuerhebeln lag und angespannt durch die dicken Glasfenster in die verwunschene Welt unter den Wogen blickte.</p><p>Drau�en waren verzerrte Hammerschl�ge zu h�ren. Die anderen Aale gaben den Befehl weiter. Es w�re wohl besser, wenn sie alle in kurzem Abstand hintereinander in den Hafen einliefen, ging es Hornbori durch den Kopf. Sie k�nnten dann mit gr��erer Durchschlagskraft angreifen. Aber ihre kleine Flotte war mehr als eine Meile auseinandergezogen. Zweifelnd sah er zu dem Elfen auf der Leiter. W�rde es gen�gen, ihn an die Spitze des Angriffs zu stellen?</p><p>Ein dumpfes Platschen war im Wasser zu h�ren, gefolgt von einem beunruhigenden, gurgelnden Ger�usch.</p><p>�Schiss am Bein!�, fluchte Ulur und zerrte an den Steuerhebeln. �Los! Legt euch ins Zeug, ihr Memmen!�</p><p>Etwas traf den Schiffsrumpf, hart wie ein Hammer, der auf einen Amboss niederging.</p><p>Hornbori sp�rte, wie die <emphasis>Wilde Sau</emphasis> nach unten gedr�ckt wurde. Dann schrammte etwas Hartes �ber die Au�enhaut.</p><p>�Strampelt!�, schrie Ulur. �Sie k�nnen unseren Schatten im Wasser sehen. Sie haben auf uns gewartet! Und hier sind �berall Haie. Wir m�ssen��� Ein zweiter Schlag traf das Boot, und jetzt h�rte Galar das Holz unter den Kupferplatten bedenklich knacken.</p><p>Der Heermeister stemmte sich mit aller Kraft in die Pedale auf der Kurbelwelle.</p><p>�Wasser!�, schrie Nyr. �Wassereinbruch!�</p><p>Jetzt sah auch Hornbori die beiden d�nnen Wasserfont�nen, die zwischen den Frachtnetzen an der Decke spr�hten.</p><p>�Steine�, sagte der Elf mit eigent�mlich beherrschter Stimme. Man mochte den Eindruck haben, als w�rde ihn das alles nichts angehen. Als w�re er ein Betrachter aus weiter Ferne und nicht mitten in dem Aal, der nun Wasser nahm.</p><p>Das musste er lernen, dachte Hornbori. Wenn sie hier lebend herauskamen, dann wollte er so kaltbl�tig werden wie dieser verfluchte Drachenelf. Bestimmt gab es einen Trick!</p><p>�Steine trifft es nicht ganz�, erklang es vom Steuerplatz. �Das sind Felsbrocken, gro� wie M�hlr�der, die sie ins Wasser st�rzen.� Wie um seine Worte zu untermauern, h�rten sie erneut ein Platschen, gefolgt von gurgelnden Ger�uschen.</p><p>�Strampelt!�, schrie Ulur erneut. �Los, ihr Memmen! Strampelt um euer Leben!�</p><p>�Kapit�n?� Es war das zweite Wort, das Nodon sprach, seit er ins Boot gestiegen war, und Hornbori wunderte sich, dass der arrogante Kerl sich �berhaupt dazu herablie�, mit einem anderen Zwerg als ihm zu sprechen.</p><p>�Was?�</p><p>�W�re es m�glich, dieses Tauchboot r�ckw�rts an der Mole vor Anker gehen zu lassen?�</p><p>�Warum?�, fragte Ulur ver�rgert. �Damit wir uns schneller wieder verpissen k�nnen?�</p><p>�Ich w�sste es zu sch�tzen, wenn ich den Kupferdeckel des Luks vor der Brust h�tte, wenn ich aussteige, und nicht im R�cken. Ich rechne nicht mit einem freundlichen Empfang.�</p><p>Hornbori rechnete damit, dass Ulur gleich wutschnaubend aus seiner Steuermannskanzel kriechen w�rde. Der Elf legte es mit seinem s�ffisanten Ton darauf an, sich �rger einzuhandeln. Wobei er die finsteren Blicke, die ihm die �brigen Zwerge zuwarfen, komplett ignorierte.</p><p>Immerhin, dachte Hornbori, stachelte dieser Nodon mit seiner provokanten H�flichkeit den Kampfeswillen der Besatzung an.</p><p>Es schien sogar, als w�rden sie jetzt kr�ftiger die Kurbelwelle treten.</p><p>�Ich glaubte, ihr Elfen erledigt immer alles mit Magie�, kam es nach einer Weile in genauso provozierendem Tonfall von Ulur zur�ck.</p><p>�Schlichtere Gem�ter halten es in der Tat immer wieder f�r Magie, wenn man denkt, bevor man handelt.�</p><p>Hornbori st�hnte leise. Nicht das noch. Sie brauchten nicht auch noch offenen Streit untereinander. Ginnar, der ihm gegen�bersa�, knirschte so laut mit den Z�hnen, dass er selbst das schleifende Ger�usch der Kurbelwelle �bert�nte. Galar sah zu dem Elfen hoch, als wollte er ihm die Kehle durchschneiden. Und Ulur�� Er lachte!</p><p>�Guter Spruch. Gef�llst mir. Du sollst deinen Willen haben. Mal sehen, ob es hilft. Ich m�chte nicht als Erster durch dieses Luk gehen. Alle verdammten Menschenkinder in dieser Grotte werden dich umbringen wollen.�</p><p>Hornbori hatte ein Gef�hl, als wollte ihm sein Herz jeden Augenblick in die Eingeweide rutschen. Er sa� als N�chster an der Leiter, und er war der verdammte Anf�hrer dieser verlorenen Schar. Alle w�rden von ihm erwarten, dass er als Zweiter durch das Luk stieg.</p><p>Schon malte er sich aus, wie hundert Krieger ihre B�gen spannten und auf ihn zielten.</p><p>Der Heermeister sp�rte, wie das Boot herumschwang. Ulur hielt also tats�chlich Wort. Der Aal schrammte an der steinernen Mole entlang. Langsam schob sich das Boot aus dem Wasser.</p><p>�Jetzt!�, rief Ulur.</p><p>Nodon �ffnete den Deckel des Luks. Die Kurbelwelle des Aals kam mit einem Ruck zum Stillstand.</p><p>Hornbori h�rte Pfeile in den massiven Kupferdeckel schlagen.</p><p>�Los!�, dr�ngte Galar und griff nach der Axt, die hinter ihm an der Wand hing. Auch die �brigen Zwerge erhoben sich bereits von ihren Pl�tzen.</p><p>�Vorw�rts, ihr verfluchten Tunnelw�rmer!� Ulur schob sich vom Steuerplatz im Bug des Aals zur�ck in die R�hre mit der Kurbelwelle. �Wir wollen dem Elfen doch nicht allen Ruhm allein �berlassen.�</p><p>Hornbori erhob sich von seinem Sitz. Seine Beine waren schwer wie Blei. <emphasis>Er</emphasis> h�tte aufmunternde Reden schwingen sollen! <emphasis>Er</emphasis> war hier der Anf�hrer. Der Zwerg griff nach der Leiter. Drau�en erklangen w�tende Schreie. Weitere Pfeile schlugen gegen den Deckel. Nodon war bereits aus dem Luk verschwunden.</p><p>Der Zwerg biss die Z�hne zusammen und stieg Sprosse f�r Sprosse die Leiter hinauf. Ich werde hier nicht sterben, versprach er sich in Gedanken. Ich werde hier nicht sterben!</p><p>Er streckte den Kopf hinaus. Der Deckel versperrte ihm die Sicht. Jemand klatschte ihm auf den Hintern und rief: �Weiter!�</p><p>Unwillig stieg er durch das Luk. In der riesigen Grotte herrschte Zwielicht, �hnlich wie im Rumpf des Aals, den nur ein einziger kleiner Barinstein ausgeleuchtet hatte.</p><p>�Vorw�rts!�, erklang es wieder hinter ihm.</p><p>Das war Galar, da war sich Hornbori ganz sicher. Der Heermeister richtete sich auf, und ein Pfeil surrte um Haaresbreite an seinem Gesicht vorbei.</p><p>Hastig schob sich der Zwerg am Luk vorbei. Sie lagen an einer von schleimigen Algen �berwucherten Hafenmauer. Es stank nach Abf�llen, und immer noch lag der Geruch kalten Rauchs und ausgekohlter Balken in der Luft.</p><p>Hornbori hob seine Axt. Er wollte irgendeinen tollk�hnen Schlachtruf schmettern, doch die Angst l�hmte seinen Verstand. Ihm fiel nichts ein! Er starrte zu dem Elfen, der vom Heck �ber eine Treppe an der Hafenmauer hinauf zu einer Gruppe Bogensch�tzen st�rmte. Er war so schnell, dass seine Bewegungen verschwammen. Sein geflammter Dolch war eine Fl�che aus flie�endem Silber. Pfeile sirrten um Nodon wie w�tende Hornissen. Doch er ignorierte sie einfach.</p><p>K�nnte er doch nur auch so tollk�hn wie der Drachenelf sein! Er wollte ein Held sein�� Aber seine Beine verweigerten ihm den Dienst, wenn es darum ging, in den Kampf zu st�rmen.</p><p>�Mach Platz, Schisser!�</p><p>Galar dr�ngte ihn zur Seite. Dem Schmied folgten Nyr und Ginnar.</p><p>Tosend schlugen Felsbrocken ins Wasser. Etwas dr�hnte wie eine angeschlagene Glocke. Hornbori fuhr erschrocken herum. Auf einer Felsterrasse direkt �ber der Hafeneinfahrt standen Dutzende Menschenkinder. Mit langen Stangen hebelten sie Steine hinab ins Wasser, in dem sich deutlich die Umrisse der einfahrenden Aale abzeichneten.</p><p>Noch ein Boot wurde getroffen. Die Menschenkinder jubelten. Dicke Luftblasen stiegen aus der Tiefe auf. Hornbori stellte sich vor, was in dem besch�digten Aal vor sich gehen musste. Wie Wasser den Fu�raum mit der Kurbelwelle f�llte, alle verzweifelt zu der einen Leiter zum Luk hinaufst�rmten.</p><p>Er umklammerte seine Axt mit beiden H�nden.</p><p>�Vorw�rts!�, rief er grimmig und stapfte der Treppe an der Mauer entgegen, als der Krieger, der vor ihm ging, pl�tzlich zur�cktaumelte. Ein Pfeil hatte seine Oberlippe durchdrungen, die Z�hne zersplittert und steckte ihm so tief im Rachen, dass er mit verzweifelt gurgelnden Lauten Blut spie.</p><p>Der Sterbende taumelte Hornbori in die Arme und sah mit gro�en grauen Augen verzweifelt zu ihm auf. Er wollte etwas sagen, doch er brachte nur unverst�ndliches Gestammel hervor.</p><p>Hornbori sah in die sterbenden Augen. Das h�tte er sein k�nnen! H�tte er nicht zur�ckgeblickt oder w�re er ein wenig entschlossener gewesen.</p><p>Ein Pfeil schlug zwei Handbreit neben ihm auf die Kupferplatten.</p><p>Wann h�rten diese verr�ckten K�mpfe endlich auf?</p><p>Der Kamerad in seinen Armen war verstummt. Hornbori wusste fast nichts �ber ihn, nicht einmal den Namen, obwohl sie sich vier Tage lang in einem engen, stinkenden Aal gegen�bergesessen hatten. Der Tote hatte eine sch�ne Singstimme gehabt. Das war dem Heermeister aufgefallen, als sie sich die endlose Monotonie des Kurbeltretens mit Liedern vertrieben hatten.</p><p>Er legte den Toten ab und stand auf. Ulur wuchtete seinen massigen Leib durch das Luk. Er war der Letzte, der das Boot verlie�. So war es immer.</p><p>�Noch hier, Heermeister?�</p><p>Lag da geh�ssiger Spott in seiner Stimme? Hornbori trat Ulur entschlossen entgegen und streckte die Hand nach ihm aus, um ihm an Deck zu helfen, als er in eine Blutlache trat und ausrutschte. Er fing sich, doch dann wurde ihm bewusst, dass das die L�sung war! �bertrieben ruderte Hornbori mit den Armen und lie� seine Axt auf eine Stelle des Decks fallen, von der sie nicht ins Wasser rutschen w�rde. Dann lie� er sich laut fluchend nach hinten kippen, schlug seitlich auf das Deck und rutschte hinab ins Wasser.</p><p>Bis zum Hals ins lauwarme Nass zu tauchen war ihm so willkommen wie die Umarmung einer Geliebten. Es w�rde ihm Zeit verschaffen. Der Kampf auf der Mole dauerte gewiss nicht lange. Und hier im Wasser w�rden die Bogensch�tzen ihn wahrscheinlich ignorieren. Jeder Zwerg mit einer Axt in der Hand auf der Mole war ein wichtigeres Ziel.</p><p>Gellende Schreie lie�en ihn zur�ck zur Hafeneinfahrt blicken. Jetzt st�rzten nicht Felsbrocken, sondern Menschenkinder von der Terrasse. Etwas bewegte sich hinter ihnen. Es war gr��er als die Menschen und be�ngstigend schnell, aber kein Elf, da war sich Hornbori sicher. Er sah die huschende Gestalt nur als Schattenriss. Sie hatte etwas Schlangenhaftes. Was nat�rlich Unsinn war. Dieser eine K�mpfer machte den Menschen so viel Angst, dass sie lieber ins Wasser sprangen, als sich ihm zu stellen.</p><p>Doch die Schreie h�rten nicht auf. Und dann sah Hornbori es: Im Wasser der Hafendurchfahrt wimmelte es von Haien. �berall waren die unheimlichen R�ckenflossen zu sehen. M�nner wurden hinabgezogen oder von mehreren der R�uber zugleich regelrecht zerfleischt, wenn sie um ihre Beute stritten.</p><p>Und er war im Wasser! Hornbori sp�hte �ber die dunkle Fl�che. �berall legten jetzt Aale an den Hafenmauern an. Doch da waren auch Haie, die die gro�en Tauchboote begleiteten und nun an den Liegepl�tzen entlangstrichen.</p><p>Kalte Angst griff nach seinem Herzen. Er versuchte, sich auf die <emphasis>Wilde Sau</emphasis> zu ziehen, doch an dem glatten, metallbeschlagenen Rumpf fand er keinen Halt. Strampelnd hielt er auf die Hafenmauer zu. Die Treppe. Wenn sie bis unter die Wasserlinie reichte, dann w�rde er dort herauskommen.</p><p>Er war kein guter Schwimmer. Hornbori ruderte wild mit den Armen und schluckte doch das dunkle, brackige Wasser. Dazu strampelte er nach Leibeskr�ften mit den Beinen. Qu�lend langsam kam er der Hafenmauer n�her, w�hrend der Sog in die Tiefe mit jedem Herzschlag st�rker wurde. Das war ganz gewiss nicht die Art, wie er abtreten w�rde! Spurlos in diesem Hafenbecken verschwunden! Erst jetzt fiel ihm auf, dass niemand bemerkt zu haben schien, dass er �ber Bord gest�rzt war. Oder schlimmer noch, es war allen egal.</p><p>Eine Ewigkeit schien zu vergehen, bis er die Stufen erreichte. Sie waren �ber und �ber mit zotteligen Algen bewachsen. Anders als er gehofft hatte, reichten sie nicht bis unter die Wasserlinie. Mit letzter Kraft griff Hornbori �ber seinen Kopf. Gerade eben schaffte er es, die unterste Stufe zu ber�hren. Seine Finger krallten sich in das Gr�n der Algen und glitten ab. Kurz sackte er mit dem Kopf unter Wasser, um strampelnd und prustend wieder an die Oberfl�che zu kommen.</p><p>Und da sah er sie�� die Flosse, die in gerader Linie auf ihn zusteuerte.</p><p>�Zapple nicht so! Das lockt sie an�, rief ihm pl�tzlich Ulur zu.</p><p>Der Schiffsf�hrer musste noch einmal hinab in den Aal gestiegen sein. Er hielt nun ein Tau in H�nden. �Fang das!�</p><p>Doch Hornbori hatte nur Augen f�r den Hai. Die Bestie war keine zwanzig Schritt mehr entfernt. Noch einmal versuchte er, die Stufe hinaufzukommen. Seine N�gel kratzten �ber den Stein, brachen und fanden doch keinen Halt. Da war keine Fuge, kein Riss, nichts, das ihn h�tte retten k�nnen. Er sackte erneut ins Wasser. Wieder tauchte er unter. L�nger diesmal.</p><p>Etwas Helles, Schlangenhaftes tanzte �ber ihm im Wasser. Das Seil! Der Zwerg ruderte mit den Armen. Eine Hand schloss sich um das Ende des Taus. Er sp�rte einen Ruck, wurde �ber die Wasseroberfl�che gezogen und rang keuchend um Atem. Ulur holte das Seil ein und zog ihn damit auf den Hai zu. Die Bestie war keine drei Schritt mehr entfernt.</p><p>Als sie ihr Maul aufriss, schrie Hornbori, lie� das Seil los und versank augenblicklich wieder im Wasser.</p><p>Die Bestie war auf Arml�nge heran, als sie eine Bewegung ausf�hrte, als duckte sie sich unter einem pl�tzlichen Schlag auf den R�cken. Ihre Schnauze streifte Hornboris Beine, doch biss sie nicht zu. Verbl�fft sah der Zwerg, wie sie zum schlammigen Hafenboden hinabsank.</p><p>�ber ihm tanzte erneut das Seil im Wasser. Er w�rde leben! Mit letzter Kraft strebte er noch einmal der Wasseroberfl�che entgegen, versagte sich dem Sog der Tiefe, der mit Frieden lockte. Seine Finger umklammerten das Tau. Er wurde zum Aal hingezogen, schrammte �ber den von Muscheln verkrusteten Rumpf des Tauchbootes. Dann lag er auf dem Bauch. F�uste h�mmerten in seinen R�cken. Er erbrach Wasser.</p><p>�Sie sind durchgebrochen!�, rief Ulur zwischen zwei Fausthieben.</p><p>Hornbori wollte etwas fragen, doch ein weiterer Schwall Hafenwasser trug seine Worte davon.</p><p>Endlich half ihm der Kapit�n auf. Hornbori war so schwach, dass er nicht einmal aus eigener Kraft sitzen konnte. �Dieser verdammte Elf!� Ulur grinste breit. �Ich mag seinesgleichen nicht. Arrogante Brut. Aber dieser Kerl hat uns den Tag gerettet. Du h�ttest sehen sollen, wie die Menschenkinder vor ihm Rei�aus genommen haben. Er hat an der Spitze unserer M�nner den Hafen gest�rmt, aber ich glaube, er h�tte es auch ganz alleine geschafft.� Hornbori sah zum Felssims �ber der Hafeneinfahrt.</p><p>�Es fehlt noch die H�lfte der Aale�, erkl�rte Ulur, der offenbar nicht ahnte, wonach er Ausschau hielt. �Aber dieser verdammte, wandelnde Berg hat uns noch nicht erreicht. Die kommen schon noch�� Wir werden es schaffen! Jetzt setzen wir erst einmal den Menschenkindern nach und k�mpfen ein paar H�hlen frei, in denen wir uns verkriechen k�nnen. Und dann warten wir ab, bis dieses Ungeheuer das Weite sucht.�</p><p>Er h�tte so reden sollen, dachte Hornbori. Das war die Aufgabe eines Anf�hrers. Aber er konnte die Kreatur nicht vergessen, die er oben auf der Terrasse gesehen hatte. �Oben �ber der Hafeneinfahrt�� �h, hast du da nicht etwas Seltsames bemerkt?�</p><p>Der Kapit�n sch�ttelte den Kopf. �Nein. Was denn?�</p><p>�Nun, einen Schatten? Etwas wie��� Hornbori z�gerte. Es war kl�ger, nicht von dieser schlangenhaften Gestalt zu sprechen. So etwas gab es nicht! Sie w�rden ihn f�r verr�ckt halten. �Also einen Schatten eben. Etwas, das den Menschenkindern Angst gemacht hat.�</p><p>Ulur schnaubte. �Sie hatten Angst vor dem Elfen. Siehst du die Treppe dort hinten im Fels? Sie f�hrt auf die Terrasse. Ich selbst war dort oben, als wir den Hafen zum ersten Mal erobert haben. Die Mistkerle sind get�rmt, weil sie verstanden haben, dass sie die N�chsten auf der Todesliste sind.�</p><p>�Sie haben ihn so sehr gef�rchtet, dass sie lieber in das Hafenbecken voller Haie gesprungen sind��� Hornbori konnte das nicht glauben. Er h�tte es nicht getan. Und mit Furcht kannte er sich wahrlich aus.</p><p>Der Kapit�n zuckte mit den Schultern. �Er ist ein Drachenelf.� Mehr sagte er nicht, als w�rde das alles erkl�ren.</p><p>Hornbori betrachtete die breite Bank im Felsgestein. Sie hatten Gl�ck gehabt. Dort lagen noch mindestens f�nfzig gro�e Felsbrocken, bereit, hinab ins Wasser gest�rzt zu werden. Hatte er sich am Ende get�uscht? Oder hatten sie es mit zwei Ungeheuern zu tun?</p><p>�Komm!� Ulur streckte ihm die Hand hin. �Es ist an der Zeit, zu Tunnelw�rmern zu werden. Schnell jetzt!�</p><p>�Die Verwundeten�� Habt ihr sie aus den Staunetzen gehoben.�</p><p>Ulur wich seinem Blick aus. �Nat�rlich�, sagte er mit gepresster Stimme. �Sie sind schon weiter vorn. Und nun beeile dich!�</p></section><section><title><p>Zum Greifen nah</p></title><p>Sie flogen so dicht �ber dem Wasser, dass die Hufe der Pegasi fast die sanften Wellen ber�hrten. Es war ein wundersch�ner Tag. Die Sonne stand hoch am wolkenlosen Himmel, und das Meer erstrahlte in hellem T�rkis. Nandalee genoss den Flug auf Sternauge. Sie stand im Fluggeschirr, sp�rte den Wind auf der Haut und im offenen Haar und gab sich ganz dem Augenblick hin.</p><p>Es hatte lange gedauert, hierher zu finden, obwohl Nachtatem ihr sehr genau beschrieben hatte, welchen Weg sie nehmen sollte. Sie hatten im Labyrinth des goldenen Netzes an siebenundzwanzig gr��eren Albensternen den rechten Weg w�hlen m�ssen, um mit ihren Pegasi schlie�lich durch einen Stern dicht �ber dem Purpurnen Meer zu fliegen. Das Delta des Sepano musste wenige Meilen vor ihnen liegen.</p><p>Sie blickte zu Eleborn. Vielleicht h�tte sie ihn bei den Kindern lassen sollen. Er wirkte angespannt. Sie wusste nicht, auf wie vielen Missionen er bereits gewesen war. �ber wie viel Kampferfahrung er�� abgesehen von seiner Ausbildung an der Wei�en Halle�� verf�gte. Nachtatem hatte ihr das Ungeheuer, das sie t�ten sollten, nur ungef�hr beschreiben k�nnen. Es musste gewaltig sein. Aber Todbringer war daf�r geschmiedet worden, solche Bestien zu richten. Es w�rde ein kurzer Kampf, wenn sie nur nahe genug an das Ungeheuer herank�me.</p><p>Ein Schwarm M�wen tanzte knapp hundert Schritt entfernt �ber dem Meer. Es waren ungew�hnlich viele Tiere. Eleborn schwenkte ab und rief ihr etwas zu, doch seine Worte gingen im Kreischen der V�gel unter.</p><p>Nandalee folgte ihm ver�rgert. Sie wichen von ihrem Ziel ab.</p><p>Die M�wen versuchten, sie beide zu verscheuchen. Sie flogen auf sie zu, spreizten unmittelbar vor ihnen die Fl�gel, kreischten sie an.</p><p>Sternauge scheute. Nandalee war froh, die F��e in den Lederschlaufen des Reitgeschirrs auf seinem R�cken zu haben. Der Hengst flog eine steile Kehre, gewann an H�he, und die M�wen folgten ihnen nicht.</p><p>�Siehst du das?�, rief Eleborn, der ihr gefolgt war, und deutete hinab aufs Meer.</p><p>Die Frage war �berfl�ssig. Das dort unten war nicht zu �bersehen. Etwas hatte eine breite Schneise der Verw�stung durch die Korallenriffe im seichten Wasser gezogen und einen reich gedeckten Tisch f�r die M�wen hinterlassen. Tang, zerfetzte Seeanemonen, tote Krebse und Fische trieben im Wasser. Sand und Schlamm waren aufgew�hlt worden und hatten sich als Schleier �ber jene Korallenb�nke gesenkt, die unbesch�digt waren. Es sah aus, als w�re ein riesiger Pflug durch das Meer gezogen worden.</p><p>Unwillk�rlich musste Nandalee an Nangog denken. Mit ihrer Hacke, mit der sie Gebirge aufgeschichtet hatte, h�tte sie wohl eine solche Spur ziehen k�nnen. Doch die Riesin war nicht ganz erwacht. Noch hielt der Bann der Devanthar und der Alben sie inmitten der Welt gefangen, die sie sich erschaffen hatte. Wer also war das gewesen?</p><p>�Es ist nach Westen gezogen!�, rief Eleborn ihr zu.</p><p>Sein Bed�rfnis, das Un�bersehbare noch in Worte kleiden zu m�ssen, war �rgerlich. Sie war die J�gerin und F�hrtensucherin! War diese Geschw�tzigkeit ein Zeichen der Angst? Sie hatte ihm grob geschildert, was sie beide erwartete. Jetzt w�re es ihr lieber, allein auf der Jagd zu sein.</p><p>�Folgen wir der Spur!� Sie konnte ihm ansehen, dass er Fragen hatte, doch schien er gesp�rt zu haben, dass sie nicht antworten w�rde. Jetzt war nicht die Zeit zu reden. Wenn die Jagd vor�ber war�� Wenn sie zur�ck in der Alten Veste waren�� Sie dachte an Meliander. Alles w�rde gut!</p><p>Wie sehr sie sich get�uscht hatte, begriff sie, als sie ihn zum ersten Mal sah. Sie und Eleborn waren weniger als eine Stunde geflogen, als der Fels in Sicht kam. Und das Ding, das entschlossen schien, ihn einzurei�en.</p><p>Eleborn versuchte gar nicht erst, seinen Schrecken zu �berspielen. �Das sollen wir t�ten?�</p><p>�Flieg h�her!�, wies sie ihn ruhig an und zog leicht an Sternauges Z�geln, um ihn weiter hinauf in den Himmel steigen zu lassen. Nandalee sp�rte, dass auch der Pegasus Angst hatte. Kein Lebewesen wagte sich ohne Not in die N�he dieser Kreatur.</p><p>Der Meerwanderer war unverkennbar der Sohn Nangogs. Nandalee dachte daran, wie sie auf dem mit Kalk �berzogenen Auge der G�ttin gestanden hatte. Er war winzig im Vergleich zu Nangog und doch gewiss das gr��te lebende Gesch�pf nach der G�ttin. Aber was war in ihr vorgegangen, als sie ihn erschaffen hatte? Ihr Sohn hatte kr�ftige Beine und einen Rumpf, der Nandalee an die st�mmigen K�rper der Zwerge erinnerte. So sah es von hinten aus. Doch aus diesem Rumpf wucherten zahllose Fleischstr�nge. Tentakel ersetzten Schultern und Arme. Einen Kopf konnte sie nicht erkennen. Zumindest nicht von hinten.</p><p>Seine Fangarme umschlossen den Fels, der sich vor ihm aus dem Meer erhob. Die Bestie stie� pl�tzlich schrille, zirpende Laute aus. Laute, die nicht dazu geschaffen waren, sich zu verst�ndigen. Au�er der G�ttin gab es nichts, das diesem Gesch�pf glich. Niemanden, mit dem es etwas teilte. Das Zirpen stach wie gl�hende Nadeln in Nandalees Ohren. Es fra� sich in ihren Verstand. Machte nun auch ihr Angst.</p><p>Jetzt sah Nandalee die ru�geschw�rzten Ruinen auf der Klippe. Dort hatte sich einst eine stolze Stadt erhoben, doch Tentakel, massig wie Festungst�rme, pfl�gten durch das Mauerwerk.</p><p>Nandalee vermochte niemanden in den Ruinen zu entdecken. Die Stadt war verlassen. Was gab es dort unten, das die Kreatur derart in Raserei versetzte?</p><p>Sternauge flog eine enge Kehre. Nun hielten sie frontal auf das Ungeheuer zu, und Nandalee erkannte, dass die meisten der zahllosen Fangarme die Steilklippe umklammerten, auf der die Ruinenstadt lag. Die Bestie geb�rdete sich, als w�rde sie den Felsen aus dem Meeresboden rei�en wollen.</p><p>�Da hinten!�, rief Eleborn und deutete nach Norden.</p><p>Nandalee sah eine schmale Linie am Horizont. Etwas flog dort hoch �ber dem Meer, aber es konnte keiner der gro�en Wolkensammler sein, die �ber den Himmel von Nangog trieben. Dazu passte die flache Silhouette nicht. Sonnenlicht brach sich silbern funkelnd auf etwas, das schnell n�her kam.</p><p>�Silberl�wen!� Es mussten mehrere sein. Au�er den Lichtreflexen war noch nichts zu erkennen. Doch schienen sie genau auf sie zuzuhalten. Wie hatten die Menschenkinder so schnell wissen k�nnen, dass sie hier waren?</p><p>�Diese L�wen aus lebendem Silber?�</p><p>Eleborn klang eher neugierig als besorgt. Nodon hatte ihnen von seiner Begegnung mit den L�wen �ber der Eisw�ste erz�hlt. In seinen Augen waren sie keine besonders guten Luftk�mpfer. Er hatte voller Verbitterung gesprochen, und Nandalee war sich nicht sicher, inwieweit sie und Eleborn seinem Urteil trauen konnten. Immerhin hatten die L�wen seinen Pegasus Mondschatten get�tet.</p><p>Dicht nebeneinander �berflogen die beiden Drachenelfen den R�cken der Bestie. Er war zerfurcht, voller tiefer Schrunden. Kurz glaubte Nandalee sogar, die Amphoren zu sehen. Jenen Schatz, der ihr Leben zum Besseren wenden w�rde. So nah und doch unerreichbar. Sie konnten dort nicht landen. Nicht jetzt. Nicht, solange die silbernen L�wen den Himmel beherrschten. Es galt zuerst diesen Kampf zu gewinnen.</p><p>Sie verfluchte sich stumm daf�r, ihren Langbogen nicht mitgenommen zu haben. Der schwere Bidenh�nder w�rde ihr im Luftkampf kaum nutzen. Sie m�sste gef�hrlich nahe an die Menschenkinder heran, um ihn einsetzen zu k�nnen. Zu nah�� die Fl�gel der metallenen Kreaturen waren es gewesen, die Mondschatten verwundet hatten.</p><p>Jetzt waren die Menschenkinder als kleine Punkte am Himmel zu erkennen.</p><p>�Holen wir uns ein paar Lanzen von ihnen, und dann stechen wir sie ab!�, rief Nandalee.</p><p>Eleborn gab ihr ein Zeichen, dass er verstanden hatte.</p><p>Sie kehrten dem Meerwanderer den R�cken und flogen den Kreaturen der Devanthar entgegen. Als sie deutlicher zu erkennen waren, wunderte sich Nandalee, wie gro� und plump sie waren. Erst auf etwa hundert Schritt sah sie, dass sie gar keine L�wen vor sich hatte, sondern gefl�gelte B�ren. Was f�r ein Irrsinn! Warum hatten die Devanthar solche Kreaturen erschaffen?</p><p>Ein Unsterblicher in voller R�stung mit silbernem Maskenhelm, unter dem ein blonder Bart hervorquoll, f�hrte den Schwarm an. Dreizehn B�ren. Ihre S�ttel sahen wie die St�hle in einem Festsaal aus. Mit hohen Lehnen, die den R�cken und Nacken abschirmten. Die Krieger waren mit Lederb�ndern daran festgeschnallt. Sehr bewegliche Flieger waren das gewiss nicht. Jeder der M�nner trug eine lange Lanze, von deren Spitze ein schmales Banner aus gr�ner Seide flatterte.</p><p>Auf dem silbernen L�wen, den Nodon beschrieben hatte, hatten zwei Krieger R�cken an R�cken gesessen. Das gab es bei den B�renreitern nicht. Sie w�rden leichtes Spiel mit ihnen haben.</p><p>�Von hinten?�, rief ihr Eleborn zu.</p><p>Sie hob die Hand, um zu best�tigen, dass sie verstanden hatte. Dann zog sie die Z�gel von Sternauge herum und schwenkte nach rechts. Die fliegenden B�ren bildeten eine Keilformation, so wie Zugv�gel es taten.</p><p>�Schneller, mein Sch�ner!�, rief sie ihrem Pegasus zu. Eleborn flog links am Keil vorbei, sie rechts, dann zwang sie Sternauge in eine enge Kehre.</p><p>Die Menschenkinder l�sten ihre Formation auf und versuchten zu wenden, doch ihre B�ren waren viel schwerf�lliger als die Pegasi. Nandalee n�herte sich einem der Krieger von hinten. All ihre Feinde drehten verzweifelt die K�pfe, um zu sehen, was in ihrem R�cken vor sich ging, doch die hohen Sattellehnen behinderten ihre Sicht.</p><p>Nandalee beugte sich weit vor. Der Menschensohn, den sie als Opfer auserkoren hatte, hielt seine Lanze aufrecht. Der Seidenwimpel tanzte im Wind. Noch ein St�ck. Ihre Hand schloss sich um den Schaft der Waffe, dicht unter dem Stichblatt. Sie hebelte die Lanze zur Seite. Der Menschensohn stie� einen �berraschten Schrei aus. Jetzt erst sah Nandalee die Lederschlinge am Schaft. Sie lag um das Handgelenk des Kriegers.</p><p>Die Elfe drehte den Schaft noch weiter, brach dem Mann das Handgelenk und sah die Schlaufe �ber die Hand des Kriegers gleiten. Kaum dass sie die Lanze sicher in H�nden hielt, setzte Sternauge zu einem Sturzflug an, um sie au�er Reichweite der anderen B�renreiter zu bringen.</p><p>Nandalee h�rte den Krieger �ber sich fluchen. Aus den Augenwinkeln sah sie, dass auch Eleborn eine Waffe erbeutet hatte. Mit Lanzen einen Luftkampf zu f�hren, das hatten sie selbst als Drachenelfen nie gelernt. Zumindest bewegten sich die Menschenkinder auf ihren B�ren noch schwerf�lliger, als sie es auf ihren zwei Beinen am Boden taten. Ihre Formation hatte sich aufgel�st. Es herrschte ein heilloses Durcheinander. Der Unsterbliche rief w�tende Befehle, doch viel nutzte das nicht.</p><p>Nandalee schwenkte die Lanze, um ein Gef�hl f�r ihr Gewicht zu bekommen. Sie war kopflastig und viel zu schwer. Auch war der Elfe bewusst, dass sie sich wohl kaum im Sattel halten w�rde, wenn ihr ein Treffer gelang.</p><p>Sternauge wich gerade den B�ren, die zu ihm hinabstie�en, mit Leichtigkeit aus und gewann an H�he, als ein Pfeil seinen linken Fl�gel durchschlug. Das Geschoss hatte nur die �u�ersten Schwungfedern getroffen. Der Pegasus war nicht verwundet. Dennoch riss Nandalee alarmiert den Kopf in den Nacken. Hoch �ber ihnen kreisten nun auch L�wen am Himmel, und im Norden war ein seltsames Wolkenschiff zu sehen. Es wurde von einer Kreatur getragen, die wie ein fliegender Rochen aussah. Dieser Wolkensammler flog aus eigener Kraft und war nicht den Launen des Windes ausgesetzt. Er hielt auf sie zu. Und wahrscheinlich gab es dort noch Dutzende weitere Bogensch�tzen an Bord.</p><p>Nandalee h�tte schreien m�gen vor Wut. Sie waren dem Traumeis so nahe gekommen.</p><p>�Locken wir sie zum Meerwanderer!�, rief sie Eleborn zu. �Es sind zu viele. Soll er uns mit seinen Fangarmen helfen, sie vom Himmel zu holen.�</p><p>Und wenn sich eine Gelegenheit fand, w�rde sie auf den R�cken der Kreatur springen. Aber das musste Eleborn nicht wissen. Dorthin sollte er ihr besser nicht folgen.</p><p>Eine kleine Gruppe von L�wenreitern kam ihnen entgegengeflogen. Sie mussten sie in gro�er H�he �berholt haben, um ihnen nun den Weg abzuschneiden. Seit dem Gefecht mit Nodon hatten die Menschenkinder augenscheinlich im Luftkampf dazugelernt. An der Spitze der L�wenreiter entdeckte sie einen weiteren Unsterblichen. Sie erkannte ihn, es war Aaron von Aram. Verkleidet als einer seiner Krieger hatte sie beim Angriff auf den Tempel der Zapote in der Goldenen Stadt teilgenommen.</p><p>Sie wippte mit der Lanzenspitze in Richtung des Unsterblichen. Er erwiderte ihren Gru�. Sollte er nur denken, sie h�tte sich ihn zum Gegner gew�hlt. Er wurde von zwei Kriegern begleitet, die dicht an seiner Seite flogen.</p><p>Ohne langsamer zu werden, lie� sie Sternauge den dreien entgegenfliegen. Die Menschenkinder richteten ihre Lanzen auf sie aus. Und zum ersten Mal beschlich sie ein beklemmendes Gef�hl. Auf festem Boden w�rde sie die drei mit Leichtigkeit besiegen, doch hier am Himmel gab es zu viele Unw�gbarkeiten.</p><p>Eleborn wich jedem Kampf aus. Aus den Augenwinkeln sah sie, wie er mit tolldreisten Flugman�vern den Lanzen der Menschenkinder entging und seinerseits gar nicht erst versuchte, einen seiner Gegner aus dem Sattel zu holen.</p><p>Nandalee starrte auf den Mann mit dem L�wenhelm. Sie wusste, wie wichtig er f�r die Sache der Menschenkinder war. Wenn er starb, w�rde sie den Sieben Reichen einen schweren Schlag versetzen. Sie hielt unbeirrt auf den Unsterblichen zu.</p><p>Auch Aaron machte keine Anstalten auszuweichen. Seine Lanzenspitze deutete auf ihre Brust. Noch zehn Schritt. Sieben�� Sie schwenkte die Lanze und duckte sich. Die eiserne Spitze traf den Krieger links von Aaron mitten in den offenen Helm. Nandalee hielt die Lanze fest umklammert, sp�rte, wie das Stichblatt den Kopf des Kriegers durchbohrte und hart in die R�ckenlehne des Sattels traf. Die Wucht des Treffers wurde auf die Lanze �bertragen, die sich leicht durchbog. Nandalee wurde von den Beinen gerissen und st�rzte seitlich vom Pegasus. Aarons Lanzenspitze stach knapp �ber sie hinweg, als sie aus dem Stehsattel st�rzte. Wie jeder Pegasusreiter trug sie eine Fangleine, die mit dem Sattel verbunden war. Ihr Sturz endete mit einem schmerzhaften Ruck. Die L�wen waren an ihr vor�bergeflogen.</p><p>Nandalee hing im Seil etwa zwei Schritt unter Sternauges Hufen. Der Pegasus warf ihr einen kurzen Blick zu, achtete dann aber wieder darauf, den erneut angreifenden fliegenden L�wen auszuweichen. Sie bewegten sich geschickter als die B�ren. Die Elfe sah einen rotb�rtigen Reiter mit dem Bogen auf sie anlegen. Nandalee beeilte sich, nach dem Seil zu greifen und sich wieder hinauf in den Sattel zu ziehen.</p><p>Der B�rtige blieb an ihr dran. Er benutzte nicht einmal Z�gel. Es schien, als wisse der L�we einfach, wie er fliegen sollte. Ihr Verfolger lie� den Pfeil von der Sehne schnellen. Sie wusste, er w�rde treffen. Erneut lie� sich Nandalee fallen. Diesmal erwischte sie jedoch eine der Lederschlaufen ihres Sattels. Das Geschoss verfehlte sie knapp. Aber dieser Kerl war gut. Sie hatte nicht erwartet, dass es unter Menschenkindern einen solchen Sch�tzen geben konnte. Er sa� auf einem fliegenden L�wen und versuchte, ein zweites fliegendes Ziel zu treffen. Das w�re selbst f�r sie ein schwerer Schuss.</p><p>Nandalee zog sich �ber den Sattel bis zu Sternauges M�hne. �Bring mich zu dem Monster! Wir m�ssen es schaffen!�</p><p>Sie schuldete Meliander ein Leben, in dem er kein Kr�ppel war. Sie hatte sich nie erkl�ren k�nnen, was in ihrem Leib mit ihm geschehen war, aber es war ihre Schuld. Dieses Gef�hl vermochte sie einfach nicht in sich abzut�ten. Sie w�rde diese Schuld tilgen. Heute!</p><p>Der Pegasus stieg hoch in den Himmel hinauf. Er lie� all seine Verfolger hinter sich zur�ck. Jedoch nicht sehr weit. So grotesk die gefl�gelten L�wen und B�ren auch aussahen, die Devanthar hatten machtvolle Zauber in die Leiber aus Metall gebunden. Nandalee hatte den Eindruck, dass diese Gesch�pfe lernten. Dass sie das Verhalten des Pegasus abschauten und ihre eigenen Flugeigenschaften anpassten und verbesserten. Wenn das stimmte, dann w�rden sie bald besser sein als fliegende Pferde und die Adler vom Albenhaupt.</p><p>Also mussten m�glichst viele dieser Dinger zerst�rt werden.</p><p>Der Meerwanderer tief unter ihr k�mpfte weniger verbissen gegen die Steilklippe an. Einige seiner Tentakel wandten sich in ihre Richtung. Es waren bleiche, nur armdicke Str�nge, auf denen jeweils ein Auge, gro� wie ein Kinderkopf, sa�. Nandalee �berlegte fieberhaft, wie sie an die Amphoren gelangen k�nnte.</p><p>Das schrille Zirpen erstarb. Die Bestie war stumm. Mehrere Augen sahen in Richtung des merkw�rdigen Wolkensammlers. Nandalee bemerkte, dass die L�wen und B�ren aufgeschlossen hatten. Sie flogen erstaunlich schnell und w�rden sie jeden Moment einholen.</p><p>�Was sollen wir tun?�, rief Eleborn. Er stieg dicht neben ihr aus der Tiefe auf. �Das sind zu viele! Gegen die kommen wir nicht an!�</p><p>�Wir haben die Bestie bald erreicht. Flieg n�her an ihren R�cken heran. Und lass dich von keinem Tentakel erwischen.�</p><p>Eleborn war anzusehen, wie wenig er von diesem Befehl hielt. Dennoch blieb er an ihrer Seite, als Sternauge in den Sturzflug ging.</p><p>�Hol mich da runter, wenn ich es nicht alleine schaffe!�</p><p>�Was?�</p><p>Nandalee richtete sich wieder auf dem Sattel auf. Doch diesmal schob sie ihre F��e nicht in die Lederschlaufen. Sie w�rde springen.</p><p>Ein Zittern lief �ber den R�cken des Meerwanderers, als plagten ihn Kr�mpfe. Das Ungeheuer war nun keine zwanzig Schritt unter ihr. Es bewegte sich mit bed�chtiger Beh�bigkeit, soweit sie das bisher gesehen hatte. Schnelle Reaktionen waren nicht seine Sache. Vielleicht konnte sie wirklich �ber seinen R�cken laufen und eine der Amphoren stehlen, bevor die Tentakel sie in St�cke rissen.</p><p>Ein Pfeil flog dicht an ihrer H�fte vorbei. Dieser rotb�rtige Bogensch�tze hatte aufgeholt. Mit ihm waren nun auch etliche andere L�wenreiter �ber dem Meerwanderer.</p><p>Pl�tzlich erklang ein Zischen wie von einem Kessel voll kochendem Wasser, dessen Deckel dem Druck nachgab. Schlagartig war die Luft rings herum erf�llt von unterarmlangen Hornsplittern. Sternauge zuckte auf. Aus dem Augenwinkel sah Nandalee, dass Eleborns Pegasus von drei der Splitter in die Brust getroffen wurde. Weitere hatten ihm die Fl�gel durchschlagen. Klirrend schlugen die Hornsplitter gegen die silbernen Schwingen ihrer Verfolger. Einer der Reiter sackte nach vorn. Ein Splitter hatte ihm die Kehle durchbohrt.</p><p>Eleborn stie� einen gellenden Schrei aus, als sein Pegasus dem Meer entgegenst�rzte. Im letzten Augenblick schaffte es der Drachenelf, seine Stiefel aus den Sattelschlaufen zu befreien und in die aufgew�hlte See zu springen. Er verschwand zwischen Tentakeln, die das Wasser zu spr�hender Gischt aufw�hlten.</p><p>Ohne zu z�gern, sprang Nandalee ihm nach. Eleborn war bereit gewesen, sein Leben f�r sie und damit Meliander zu wagen. Sie musste ihn dort herausholen!</p></section><section><title><p>Wie ein Blatt im Herbststurm</p></title><subtitle>Eine Stunde zuvor��</subtitle><p>Nodon st�rmte die Treppe zur Terrasse �ber der Hafeneinfahrt. Die wenigen Menschenkinder, die ihm entgegenkamen, dr�ckten sich gegen die Felswand, wenn er vor�berhastete. Dann rannten sie weiter.</p><p>Die Zwerge hatten sich einen der Aufg�nge ins H�hlensystem freigek�mpft. Sie begannen bereits den Hafen zu verlassen, obwohl immer noch Aale einliefen. Jene, die jetzt aus den Booten stiegen, waren weit weniger k�mpferisch als Hornboris Mannschaft. Die Krieger waren blass und vermochten sich vor Ersch�pfung kaum noch auf den Beinen zu halten.</p><p>Aber er w�rde ihnen nicht helfen. Das war nicht sein Kampf. Er war der Leibw�chter Solaiyns. Ihm allein schuldete er Treue. Und er musste hier auf der Terrasse sein. Aloki h�tte sich niemals weiter als ein paar Schritt von ihm entfernt. Er begriff nicht, was ihr der F�rst bedeutete. War sie in ihn verliebt? Hatte sie ihm einen Treueeid geschworen? Oder erpresste er sie gar? Doch was z�hlte das? Sie war dem F�rsten gegen�ber bedingungslos loyal, einzig das war von Bedeutung. Und ihm war von den Himmelsschlangen aufgetragen worden, Solaiyns Leben zu sch�tzen. Er hatte bislang jede seiner Missionen erf�llt.</p><p>Aloki kauerte bei einem Felsspalt, durch den helles Tageslicht in die Grotte fiel. Vor ihr auf dem Boden lag ein Leichnam mit aufgeschnittener Brust. Nodons Schwert lehnte gegen die Felswand. Die Klinge war blutbesudelt. Aloki hielt einen Streifen rohes Fleisch in der Linken. Ihre Lippen waren blutig.</p><p>�Mein Schwert��� Nodon traute seinen Augen nicht.</p><p>�Wirklich sehr scharf, deine Klinge.� Sie l�chelte, wobei ein Tropfen Blut aus ihrem Mundwinkel rann, zwei Herzschl�ge lang zitternd an ihrem Kinn h�ngen blieb und dann auf den Felsboden tropfte. �Schockiert?�</p><p>Nodons Hand krampfte sich um den Griff des geflammten Dolchs. �Du isst das Fleisch von Toten!�</p><p>�Nun, Fleisch von Lebenden abzuschneiden, um es zu verspeisen, hielte ich doch f�r ziemlich makaber.�</p><p>�Du��� W�tend schleuderte er Aloki ihren Dolch vor die F��e.</p><p>�Ich bitte dich, Nodon, spiel dich nicht so auf. Ich hatte genug Muscheln und Krebse. Und Aale�� Ein sch�nes, blutiges St�ck Fleisch ist einfach un�bertroffen.� Sie hielt ihm ihre Beute hin. �M�chtest du nicht auch einmal versuchen?�</p><p>�Wo ist Solaiyn?�</p><p>Sie deutete auf den Spalt im Fels. �Drau�en. Er ist nicht ganz bei sich. Erz�hlt von seinen Kindern und glotzt dabei aufs Meer.�</p><p>Nodon trat hastig zu der �ffnung im Fels. �Und wenn er springt? Das Wasser ist voller Haie.�</p><p>�Ich hab ihn angebunden�, erkl�rte Aloki gleichm�tig. �Vertraust du mir nicht mehr?�</p><p>Ich habe dir noch nie vertraut, dachte der Elf grimmig und zw�ngte sich durch die Felsspalte. Tats�chlich kauerte Solaiyn ein kleines St�ck tiefer in der Steilwand. Er war mit seinem eigenen G�rtel an eine abgestorbene Wurzel gefesselt. Und das war gut so. Er hatte sich halsbrecherisch weit vorgebeugt, um hinter einen Felsvorsprung zu blicken.</p><p>�F�rst!�</p><p>Solaiyn wandte sich zu ihm um. Er wirkte aufgew�hlt. �Nangog ist auferstanden!�, verk�ndete er mit sich �berschlagender Stimme. �Sieh nur, Nodon, von welch erlesener H�sslichkeit sie ist. Kein Wunder, dass sich Alben und Devanthar einig waren, diese Abscheulichkeit lebendig zu begraben.�</p><p>Nodon h�rte nicht auf ihn. Was f�r ein wirres Gerede! Er l�ste die Fesseln, und dann erlag er doch der Versuchung, um den Felsvorsprung zu blicken. Was er sah, erschreckte ihn bis ins Mark. Hastig zog er sich zur�ck und zerrte Solaiyn durch den Felsspalt ins Innere des Grottenhafens.</p><p>�Die Zwerge haben Nangog geweckt!�, erkl�rte der F�rst ernst der Schlangenfrau.</p><p>Aloki wirkte beunruhigt. Sie tauschte einen Blick mit Nodon. �Dieses Mal dauert es ungew�hnlich lange, bis sich sein Verstand wieder von der Pr�senz des Goldenen erholt.�</p><p>�Die Zwerge haben tats�chlich etwas aufgescheucht�� Es folgt ihnen hierher. Und es ist gro� wie ein Berg.�</p><p>Sie legte den Kopf schief und sah ihn mit ihren unergr�ndlichen gelben Augen lange an, als versuchte sie zu ergr�nden, ob er einen Scherz mit ihr trieb. �Dann sollten wir uns besser ganz unauff�llig verhalten. Wenn diese Kreatur so riesig ist, dann sind wir nicht mehr als Ameisen f�r sie. V�llig unbedeutend. Lassen wir den Sturm vor�berziehen.�</p><p>Ihr Gleichmut erstaunte Nodon. Ja, er h�tte vielleicht sogar Respekt vor ihr empfunden, h�tte sie sich nicht wieder niedergekauert, um einen weiteren Streifen Fleisch von dem Toten abzuschneiden, den sie sich zum Mahl auserkoren hatte.</p><p>Sie kauerten sich nahe der Felsspalte auf den Boden und warteten. Nodon s�uberte sein Schwert mit einem Stofffetzen, den er aus der Tunika eines toten Kriegers geschnitten hatte. Aloki hatte hier oben auf der Terrasse ein regelrechtes Massaker angerichtet. Mehr als f�nfzehn Tote lagen am Boden. Nodon musterte sie aus den Augenwinkeln und schwor sich insgeheim, sie nie mehr zu untersch�tzen.</p><p>Die Zeit verstrich qu�lend langsam. Nodon beobachtete, wie einzelne Aale in den Hafen einliefen. Die Mannschaften waren so ersch�pft, dass sie sich kaum auf den Beinen halten konnten. Aufeinander gest�tzt, schleppten sich die Zwerge den Treppen entgegen, die hinauf in die Eingeweide der hohen Klippe f�hrten.</p><p>Aus einigen der Tauchboote war leises St�hnen zu h�ren. Sie lie�en ihre Kameraden im Stich. Das hatte er bei Zwergen noch nie erlebt!</p><p>Aloki wirkte v�llig ruhig, als w�re sie sicher, dass ihnen keine Gefahr drohte. Aber sie hatte das Ungeheuer ja nicht gesehen. Diese gewaltige Silhouette vor dem Horizont. Wie hatten die Zwerge nur so vermessen sein k�nnen, den Zorn dieser Kreatur zu erwecken.</p><p>Wellen schwappten in den Hafen. Nodon h�rte, wie das Ger�usch der Brandung lauter wurde, so als z�ge ein Sturm herauf. Der Elf sp�hte durch den Spalt im Felsen. Noch war die Kreatur nicht zu sehen. Sie n�herte sich aus dem toten Winkel. Aber er sah, wie die M�wen ihre Felsnester verlie�en und dem Festland entgegenstrebten.</p><p>Ein weiterer Aal n�herte sich dem Hafen. Die D�nung lie� das Boot schlingern. Es machte kaum noch Fahrt.</p><p>Und dann pl�tzlich war sie da. Eine Gestalt, die den Himmel verschwinden lie�. Eine Mauer aus sich windendem Fleisch. Nodon war angewidert und doch nicht in der Lage, den Blick abzuwenden. Nichts, was er in seinem langen Leben gesehen hatte, reichte auch nur im Geringsten an diese groteske Kreatur heran. Sie war eine obsz�ne Verh�hnung dessen, was Leben sein sollte. Kaskaden von Tentakeln wucherten aus ihr und lie�en keinen Leib erkennen, so dicht �berlagerten die Fleischstr�nge einander. Und dann hoben sie sich. Alle zugleich. Sie streckten sich der Steilklippe entgegen. Umschlangen sie wie eine Geliebte.</p><p>Nodon trat von der Spalte zur�ck. Tentakel tasteten �ber die Felswand.</p><p>Unten im Hafen h�rte er den hohlen Klang der Aale, die entlang der Mole gegeneinanderstie�en, als die Wassermassen, die die Kreatur mit jedem Schritt in Bewegung setzte, in die Grotte str�mten. Das Ger�usch erinnerte an den Klang einer gro�en Totenglocke. Monoton und trostlos.</p><p>Tentakel schoben sich durch den Eingang zum Grottenhafen. Sich windende, mit Saugn�pfen bewehrte Fleischstr�nge. Manche von ihnen endeten in mannlangen Krallen und Fanghaken. Sie tasteten �ber die ausgekohlten Balken der Lagerh�user, die verlassenen Molen, die versunkenen Schiffsr�mpfe. Und sie fanden die Aale. Nodon glaubte die Schreie der Mannschaft selbst durch den mit Holz und Kupfer versiegelten Schiffsrumpf zu h�ren, als die Bestie den Aal zu packen bekam, der kurz vor ihr den Hafen erreicht hatte. Gnadenlos wurde das kleine Tauchboot durch den Grotteneingang gezerrt und verschwand.</p><p>Mit Get�se st�rzten au�en am Hang lose Steinbrocken die Klippe hinab. Nodon sp�rte, wie der ganze Fels unter dem Ansturm des Ungeheuers erzitterte. Kleine Steine l�sten sich aus der H�hlendecke und st�rzten in den Hafen, durch den immer noch riesige Fangarme tasteten.</p><p>Solaiyn presste sich zitternd gegen die Felswand. Er stammelte Bannzauber, doch er war viel zu durcheinander, um wirklich etwas bewirken zu k�nnen. Selbst Aloki, die sich stets so kaltbl�tig und distanziert gab, wirkte beeindruckt.</p><p>Ein Fangarm mit einem Auge an seinem Ende schob sich durch die Felsspalte. Es erinnerte Nodon ein wenig an die Augen von Schnecken auf ihren beweglichen St�ngeln. Gro� und lidlos blickte es auf sie hinab.</p><p>Nodon hob sein Schwert, doch Aloki fiel ihm in den Arm. �Du wirst die Kreatur nicht angreifen! Nicht, solange sie uns nichts zuleide tut!�</p><p>�Aber���</p><p>�Sie sieht uns nur an!�, zischte die Schlangenfrau. �Und das ist gut so. Dieses Ding hat Verstand. Es sucht hier jemanden. Und das sind nicht wir.�</p><p>Das Auge auf dem Fleischstrang schwebte n�her. Nur wenige Zoll vor Nodons Gesicht verharrte es. Ein unangenehmer Geruch ging von ihm aus. Es stank nach Algen und verfaulenden Muscheln.</p><p>Lange starrte es auf ihn herab, w�hrend unter ihnen die Tentakel den Hafen abtasteten und einige der Aale hin zum Ausgang zerrten.</p><p>Endlich wandte sich das Auge ab. Aloki und Solaiyn bedachte es nur mit einem kurzen Blick, dann zog es sich durch den Felsspalt zur�ck.</p><p>�Du kannst nicht gegen eine Naturgewalt ank�mpfen, Nodon�, sagte die Schlangenfrau nun ruhiger. �Im Waldmeer, dort wo ich herkomme, gibt es alle paar Jahre schreckliche St�rme. Sie entwurzeln B�ume, denen �ber Jahrhunderte kein Unwetter etwas anhaben konnte. Sie lassen kleine Inseln verschwinden, um sie an anderer Stelle, aus Sand, Schlick und totem Ge�st, neu entstehen zu lassen. Wenn sich ein solcher Sturm ank�ndigt, dann zieht sich alles, was lebt, in Erdl�cher oder dichtes Buschwerk zur�ck. Wir besinnen uns auf unser Leben und beten um die Gnade der Alben. Das ist alles, was man tun kann. Und warten, dass der Sturm vor�berzieht. Wer hinausgeht, wer keinen Schutz sucht und die Naturgewalten herausfordert, der kommt um. Diese Narren verschwinden auf immer. Davongerissen wie ein Blatt in einem Herbststurm. Fordere dieses Ding nicht heraus, Nodon! Wir sind ihm nicht gewachsen. Wir k�nnen nur dem�tig abwarten und zu den Alben beten, dass es bald wieder von uns abl�sst.�</p><p>Dem�tig abwarten�� Das war nicht seine Sache. Solaiyn jedoch f�gte sich. Er kauerte sich dicht neben die Schlangenfrau, schlang die Arme um seine Knie, wiegte sich dabei vor und zur�ck und betete zu den Alben.</p><p>Nodon beobachtete, wie die Tentakel die Aufstiege in die Klippe fanden. Die Treppen und Rampen, die zu den H�hlen tief im Inneren des Felsens f�hrten. Die Fleischstr�nge streckten sich. W�rden sie die Zwerge finden?</p><p>Er wandte sich zu dem Spalt im Fels und blickte nach drau�en. Alles, was er sah, waren zuckende Tentakel und ein St�ck aufgew�hlte See, dicht vor der Hafeneinfahrt.</p><p>Immer wieder l�ste sich Gestein und st�rzte polternd die Klippe hinab. Auch Mauerbrocken waren dabei und einmal sogar schneewei�e S�ulentrommeln. Das Ungeheuer schien von der Stadt Asugar keinen Stein mehr auf dem anderen zu lassen. Nodon stellte sich vor, dass, wenn die Bestie abzog, die Klippe wieder so karg und unber�hrt sein w�rde wie vor der Ankunft der Menschenkinder. Vielleicht hatte er angefangen, der Krieg der G�ttin. Vielleicht holte sie sich ihre Welt zur�ck. Vielleicht�� Ein Lichtreflex lie� ihn aufblicken. Einen Lidschlag lang war ein St�ck Himmel zu sehen gewesen, doch dann war Nodons Blickfeld wieder ausgef�llt von sich windenden Tentakeln.</p><p>Pl�tzlich ging ein Schauer von unterarmlangen Pfl�cken auf das Wasser nieder. Und dann st�rzte Eleborn aus dem Himmel. Keine zwanzig Schritt von ihm entfernt! Was ging da vor sich? Er zw�ngte sich durch die Felsspalte.</p><p>�Nodon, was tust du?�, erklang hinter ihm die alarmierte Stimme Alokis.</p><p>Da war Nandalee! Die Arme eng an den K�rper gelegt, st�rzte sie dem Wasser entgegen. Nein, ging es ihm auf. Das war kein Sturz. Sie war gesprungen, um Eleborn beizustehen. Hinab in die aufgew�hlte See voller Haie und m�rderischer Tentakel.</p><p>�Was tust du da, Nodon?�, wiederholte Aloki. Die Schlangenfrau zw�ngte sich durch den Spalt. Sie w�rde versuchen, ihn aufzuhalten, da war er sich sicher.</p><p>�Jemandem helfen, eine Naturgewalt herauszufordern!�, entgegnete er trotzig und sprang.</p></section><section><title><p>Der weisse Wolf</p></title><p>�Los, schneller!�, schrie Shaya und dr�ngte Enak vor sich her, der mit einer verletzten Frau in den Armen aus dem Palast der Kranken floh.</p><p>Stumm verfluchte sich die Heilerin f�r den schrecklichen Fehler, den sie gemacht hatte. Nach den Tagen in der beengten H�hle �ber der Hafengrotte, Tagen des Elends, des Gestanks und der Angst, hatte sie ihren Verwundeten Licht und Seeluft schenken wollen. Als Arcumenna f�r seine Schreckenstat die H�hle r�umen lie�, hatte sie befohlen, dass alle Genesenden hinauf in den Palast der Kranken geschafft wurden.</p><p>Trotz des Drachenfeuers war das Hospital noch weitestgehend intakt. Wie h�tte sie ahnen k�nnen, dass das hier geschah? �berall tasteten Tentakel. Sie drangen durch die gro�en Fenster und Lichtsch�chte. Einige der Verwundeten hatten sie nicht mehr retten k�nnen. Sie waren hinausgezerrt und zum Fra� des Ungeheuers geworden.</p><p>�Nicht!�, rief Enak hinter ihr, als sie zur�ckging, um einem Amputierten aufzuhelfen, der von seinem Lager in Richtung der rettenden Treppen kroch. Sein rechtes Bein war unterhalb des Knies abgetrennt. Der Verband blutig. Seine Wunde schien wieder aufgebrochen zu sein. W�hrend er vorw�rtskroch, zog er eine Spur blutiger Schlieren �ber den Steinboden.</p><p>Shaya packte ihn unter den Achseln.</p><p>�Danke!�, st�hnte der Krieger und sah sie aus weiten rotbraunen Augen unendlich erleichtert an. �Danke!�</p><p>Er war so schwer, dass Shayas R�ckenwirbel knackten, als sie ihn mit sich zog. Sie vermochte ihn kaum schneller in Richtung der Treppe zu ziehen, als er aus eigener Kraft gekrochen war. Sie sollte ihn hochziehen, damit er auf seinem verbliebenen Bein, gest�tzt von ihr, vorw�rtsh�pfen konnte.</p><p>Ein Tentakel glitt dicht �ber der Blutspur �ber den Boden. Er bewegte sich seltsam z�gernd. Sein Verhalten erinnerte Shaya an einen Wolfshund, der Witterung aufnahm. Weitere Fangarme, die in Haken endeten, schoben sich durch die Fenster.</p><p>Shaya m�hte sich verzweifelt ab, den Krieger aufzurichten, doch reichten ihre Kr�fte nicht, den massigen Mann auf sein verbliebenes Bein zu bringen.</p><p>�Lass mich zur�ck�, fl�sterte er verzweifelt. Er blickte �ber die Schulter und sah, dass der Tentakel, der dicht �ber dem Boden schwebte, sie fast erreicht hatte. Jetzt erschien ein Fangarm, der an seinem Ende in ein gro�es Auge auslief.</p><p>Shaya hatte schon vieles in ihrem Leben gesehen, aber dieses riesige Auge, das sie anstarrte, machte ihr Angst. Pl�tzlich schossen zwei Tentakel vor. Fanghaken gruben sich in den R�cken des Kriegers, und er wurde ihr mit einem Ruck aus den Armen gerissen. Seine verzweifelten Schreie waren nutzlos, die Kreatur zerrte ihn durch das Fenster.</p><p>�Du��� Shaya war einige Herzschl�ge wie gel�hmt vor Schock und Wut. Ein neuer Fangarm mit einem kn�chernen Haken an seinem Ende glitt in ihre Richtung. Er richtete sich auf wie eine Viper, die jeden Moment zusto�en wollte.</p><p>Die Heilerin duckte sich und griff nach einem der eisernen Messer, die zwischen den Tr�mmern eines zerschmetterten Tischs lagen. �Du hast dich mit der Falschen angelegt, Wurmarm.�</p><p>Der Tentakel mit dem Haken schnellte vor. Shaya wartete bis zum letzten Augenblick, warf sich zur Seite und kam beh�nde wieder auf die Beine. Sie war die Tochter eines Unsterblichen! Eine Kriegerprinzessin aus dem Volk der Ischkuzaia. Sie w�rde nicht einfach kampflos davonlaufen! Geduckt st�rmte sie vor, wich einem peitschenden Fangarm aus und rammte das Messer in das Auge. Die gallertartige Masse zerlief. Der Tentakel, der das Auge getragen hatte, zuckte aus dem Fenster zur�ck. Die anderen Fangarme schlugen ziellos durch das gro�e Krankenzimmer.</p><p>Shaya warf sich flach auf den Boden und robbte in Richtung des Ausgangs, w�hrend drau�en ein hoher, zirpender Schrei ert�nte. Ein Ger�usch, das bis tief in die Knochen ging und die Kriegerin kurz innehalten lie�. Alle anderen Laute waren ausgel�scht. Da war nur noch der Schrei, der in ihren Ohren nachklang, als sie etwas am Oberschenkel streifte. Einer der tastenden Fangarme hatte sie gefunden.</p><p>Shaya rollte sich nach links und entging knapp einem Tentakel mit Fanghaken, der dort, wo sie gerade eben noch gelegen hatte, hart auf den Boden stie�.</p><p>Pl�tzlich splitterten Fensterrahmen, und ein Arm, dick wie ein Pferdeleib, schob sich durch eines der gro�en Fenster zum Meer, kr�mmte sich und schob sich drei Fenster weiter wieder ins Freie.</p><p>Shaya sprang auf und versuchte, zum Ausgang zu gelangen, der zur Treppe f�hrte, doch drei Tentakel peitschten dort blindlings in die Luft. Ganz augenscheinlich hatte sich die Bestie gemerkt, wo der einzige Fluchtweg f�r seine Beute lag.</p><p>Die Heilerin fluchte leise. Sollte sie es wagen, zwischen den Fangarmen hindurchzust�rmen? Einfach auf ihr Gl�ck zu vertrauen? Sie richtete sich auf, spannte die Muskeln, bereit loszusprinten, als mit ohrenbet�ubendem Get�se die Wand hinter ihr zusammenbrach. Der gro�e Fangarm hatte das Mauerwerk hinab in den Abgrund gerissen. �ber der L�cke schwebten mehrere Augen, die auf sie hinabblickten.</p><p>Die Tentakel, die eben noch den Ausgang versperrt hatten, schnellten in ihre Richtung. Shaya wich nach hinten aus und hielt das Messer sch�tzend vor ihrer Brust. Einer der Tentakel streifte die Klinge. Er wurde auf mehr als einer Elle aufgeschlitzt. D�nnfl�ssiges Blut spritzte aus der Wunde.</p><p>Shaya stach nach einem zweiten Fangarm, dessen Ende sich um ihren Kn�chel schlang. Sie wurde von den Beinen gerissen und schlug so hart auf den Boden auf, dass glei�ende Lichtpunkte vor ihren Augen tanzten.</p><p>Das Ungeheuer zerrte sie in Richtung des Lochs in der Fensterwand. Keinen Schritt vor dem Abgrund hielt das Ungeheuer inne.</p><p>Shaya stach mit ihrem Messer auf den Muskelstrang ein, der sich um ihr Bein wand. �Rette mich, Wei�er Wolf!�, stammelte sie. �Rette mich!�</p><p>Die Augen �ber der �ffnung starrten auf sie herab, als pl�tzlich hoch in der Luft etwas Kupfernes erschien. Ein mit Muscheln verkrusteter Schiffsrumpf. Eines der Schiffe, das die Daimonen benutzt hatten�� und es stie� auf die �ffnung im Mauerwerk nieder! Sauste auf sie zu, als w�rde das Ungeheuer den Schiffsrumpf wie ein riesiges Messer nutzen wollen, um Rache zu nehmen f�r das Auge, das es an ihr Messer verloren hatte.</p><p>Shayas Linke klammerte sich um den Tentakel, der ihren Kn�chel umfing. Hektisch versuchte sie, den Fangarm zu durchtrennen.</p><p>In diesem Augenblick stie� der Schiffsrumpf nieder. Steinsplitter prasselten auf sie nieder. Die Heilerin schloss die Augen zu sp�t. Zu��</p><p>Ein hohles �chzen ert�nte. Der Schiffsrumpf hatte sich im Mauerloch verkantet!</p><p>Shaya blinzelte gegen den M�rtelstaub in der Luft. Weniger als ein Schritt fehlte und das Daimonenschiff h�tte sie zerquetscht. Gestein br�ckelte aus dem Loch in der Mauer. Schon zog die Bestie das Tauchboot zur�ck, um noch einmal zuzusto�en. Shaya k�mpfte immer verzweifelter gegen den z�hen Tentakelstrang an ihrem Kn�chel, als ein weiterer Fangarm nach ihr ausholte. Sie duckte sich unter einer Kralle, als sie etwas von hinten traf. Ein langer Dorn trat dicht unter ihrem Magen aus ihrem Bauch. Sie keuchte auf. Ihr Messer entglitt ihrer Hand.</p><p>Shaya sah, wie eine verzogene Luke im Daimonenschiff aufsprang. B�rtige, kleinw�chsige Krieger h�pften heraus. Sie waren �bel mitgenommen, aber ihrem Zorn tat das keinen Abbruch. Mit gro�en �xten hieben sie auf die Fangarme ein, die durch den Krankensaal zuckten.</p><p>Das Boot glitt knirschend aus dem Loch in der Wand. Zwei der Daimonen wagten noch zu springen. Einer kam ungl�cklich auf. Shaya h�rte seine Beckenknochen krachen.</p><p>Die Daimonen schrien wild durcheinander. Sie verstand kein Wort von ihrer Sprache.</p><p>Der Dorn, der aus ihrem Bauch ragte, glitt zur�ck. Shaya st�rzte nach hinten. Gesteinsbrocken schlugen rings um sie herum auf den Boden.</p><p>Sie wurde unter den Achseln gepackt. Hattus verkniffenes Gesicht erschien �ber ihr. �Was f�r eine selten d�mliche Idee, sich mit diesem Ungeheuer anzulegen�, zischte er ver�rgert und versuchte, sie in Richtung Treppe zu ziehen.</p><p>Die Bestie stie� erneut einen zirpenden Schrei aus. Es f�hlte sich an, als w�rde ihr kochendes Blei in die Ohren gegossen. Shaya schnappte nach Luft, worauf ein stechender Schmerz durch ihren Leib fuhr.</p><p>Einer der Daimonenkrieger hackte auf den Tentakel ein, der ihren Fu� umfangen hielt.</p><p>Der Schiffsrumpf stie� erneut durch das Mauerwerk.</p><p>Shaya wurde mit einem Ruck nach hinten gerissen. Metall schmetterte knirschend auf den Boden. Splitternde Muschelschalen spritzten in ihr Gesicht. Der Zwerg, der sie befreit hatte, war unter dem Schiffsrumpf verschwunden. Nur eine Hand, die eine Axt hielt, und daneben ein durchtrennter Tentakel waren zu sehen.</p><p>�Bei den G�ttern!�, stie� Hattu hervor. �Dein Wei�er Wolf hat dir wirklich beigestanden.� Er zog sie hoch und dr�ckte ihr eine Hand fest auf den R�cken.</p><p>Sie sp�rte, wie warmes Blut �ber ihre Schenkel rann. Ihre Beine waren kraftlos. Sie lie� sich von Hattu ziehen. Dass ausgerechnet er gekommen war�� Vielleicht war das das eigentliche Wunder, das der Wei�e Wolf gewirkt hatte.</p><p>�Los, folgt mir!�, schrie Hattu den Daimonen zu.</p><p>Nur vier der kleinen Krieger waren noch auf den Beinen. Einen f�nften, der beide Beine verloren hatte, zogen sie mit sich.</p><p>�Wir m�ssen die Blutung stillen!�</p><p>Das war Enaks Stimme. Shaya blinzelte verwundert. Sie war nicht mehr in dem Krankensaal, durch den sich die Fangarme der Bestie wanden. Sie musste kurz ohnm�chtig geworden sein.</p><p>�Sauberes Leinen!�, sagte Hattu ruhig. �Bringt mir Leinen. Und ich brauche Honig, um die �blen S�fte zu bannen.�</p><p>Ihr Bauch schmerzte. Es f�hlte sich an, als h�tte sich eine Ratte darin eingenistet und versuchte, mit Nagez�hnen und Krallen wieder zu entkommen.</p><p>Hattu beugte sich zu ihr hinab. �Du wirst es schaffen. Die Dummen haben immer Gl�ck!�, sagte er mit fester Stimme, die v�llig �berzeugt klang. Doch seine Augen vermochten nicht zu l�gen. In ihnen schimmerten Tr�nen.</p></section><section><title><p>Auf dem Flugdeck</p></title><p>Das Knirschen im Fl�gelgelenk wurde mit jeder Bewegung schlimmer.</p><p>�Du bleibst oben!�, schrie Artax. �Du wirst es schaffen!� Er wusste nicht, ob sein silberner L�we ihn verstand. Er wusste so vieles nicht �ber die Gesch�pfe der Devanthar. Etwas Dunkles troff aus dem Leib der metallenen Kreatur. Einer der Hornsplitter, die der Meerwanderer aus seinem R�cken geschossen hatte, steckte in dem Gelenk, das den rechten Fl�gel seines L�wen mit der Schulter verband. Der Flug des L�wen war schlingernd und unsicher.</p><p>�Du schaffst es!�, schrie Artax erneut. Es war nicht mehr weit bis zum Flugdeck des Wolkensammlers.</p><p>Volodi hatte zu ihm aufgeschlossen. �Du musst dich springen!�</p><p>Artax lachte bitter. Er wusste, dass er springen musste, aber er konnte nicht. Er starrte auf das aufgew�hlte, schlammfarbene Meer.</p><p>�Mein B�r ist sich stark! Wird er uns beide tragen. Los, spring dich, verdammt!�</p><p>Artax dachte an den Tag im Dschungel, als sein Vorg�nger ihm vor die F��e gefallen war.</p><p><emphasis>Ja, spring,</emphasis> h�hnte die Stimme in seinem Kopf. <emphasis>Das ist unser Schicksal, aus dem Himmel zu fallen.</emphasis></p><p>Der L�we sackte ein St�ck ab. M�hsam k�mpfte er sich hoch. Er wusste, dass das Flugdeck der einzig sichere Ort war, den er erreichen konnte. Aber w�rde er es schaffen zu landen? Oder w�rde er ihn enthaupten oder unter seinem massigen Leib zerquetschen?</p><p>Artax l�ste die Schultergurte, die ihn an die hohe Lehne seines Sattels fesselten.</p><p>�Gut!�, schrie Volodi. Der Drusnier flog etwa drei Schritt unter ihm. Leicht versetzt. Er weitete die Arme, als wollte er ihn fangen. �Komm! Fass dich ein Herz. Du kannst dich das!�</p><p>Artax sah wieder hinab auf die See. Wie weit war sie entfernt? F�nfhundert Schritt? Sechshundert? W�rde er einen solchen Sturz �berleben? Und wenn ja, w�rde ihn dann seine lederne R�stung hinab auf den Meeresgrund ziehen?</p><p>�Was z�gerst du dich. Du musst dich jetzt��� Volodis Worte gingen in einem Klirren unter. Wieder war der L�we weggesackt. Seine Krallen waren �ber die Schwingen des B�ren geschrammt, woraufhin die massige Kreatur abdrehte.</p><p>Volodi fluchte und schlug mit der blanken Faust in den Nacken seines B�ren, doch die metallene Kreatur schien entschieden zu haben, dass es zu gef�hrlich war, seinem L�wenbruder nahe zu kommen.</p><p>Das machte es einfacher, dachte Artax mit einem verzweifelten L�cheln. Die Gelegenheit zu springen war verstrichen. Das Flugdeck fast schon zum Greifen nahe.</p><p>Der L�we schlug verzweifelt mit seinen Schwingen. Immer bedrohlicher wurde das Kreischen des Metalls. Dann l�ste sich etwas am Ansatz des Fl�gels und st�rzte hinab in die See. Der L�we drehte sich halb um die eigene Achse.</p><p>Sie flogen zu hoch! Sie rasten auf die massiven Balken des Hauptdecks �ber der Landeplattform zu.</p><p>Artax� H�nde zitterten. Der letzte Gurt, der, der wie ein Schwertgurt um seine H�ften geschlungen war, wollte sich nicht l�sen. Er musste nur noch den Dorn aus der G�rtelschnalle�� Ein Schlag. Holz splitterte. Die L�wenschwingen hatten die Balken des Hauptdecks gestreift. Die metallene Kreatur wurde halb herumgerissen. Der Aufprall schleuderte Artax aus dem Sattel. Er landete hart auf dem Deck, schlitterte etliche Schritt weit �ber den Boden, w�hrend sein L�we auf die zolldicken Planken st�rzte und sich mehrfach �berschlug. Scharfkantige Federn sausten �ber das Deck. Ein Bein des L�wen wurde abgerissen. Zwei Sch�tzen, die an einer Speerschleuder standen, gingen schreiend zu Boden. Metallene Gefiederfragmente steckten ihnen in den Beinen.</p><p>Artax sp�rte, wie auch er von Tr�mmern getroffen wurde, doch vermochte nichts seine lederne R�stung zu durchschlagen. Jene R�stung, in die der L�wenh�uptige seine Zauber gewoben hatte, um ihn vor den Schwertern der Daimonen zu sch�tzen.</p><p>Der Unsterbliche schlug hart mit dem Helm gegen die Bordwand. Ein stechender Schmerz fuhr durch seine linke Schulter. Die Wucht von Treffern vermochte auch der Zauber des Devanthar nicht zu bannen.</p><p>Krieger seiner Leibwache st�rmten ihm entgegen. M�nner in funkelnder Bronze, deren wei�e Umh�nge im Laufen wie Banner hinter ihnen wogten.</p><p>Artax hob die Hand, gebot ihnen anzuhalten. Er sch�ttelte den Kopf, f�hlte sich leicht benommen. Seine Rechte griff nach der Reling, und er zog sich an der Bordwand hoch. �Alles in Ordnung!�, sagte er mit fester Stimme. �Alles in Ordnung.�</p><p>Er sah die Erleichterung in den Gesichtern der M�nner. Der Unsterbliche blickte zu den Holzverstrebungen des Oberdecks �ber ihm. Wenn er jemals solch einen Wolkensammler besitzen sollte, dann w�rde das Flugdeck mindestens doppelt so hoch sein!</p><p>Volodi landete, sprang aus dem Sattel und kam zu ihm gelaufen. �Bei den G�ttern, du lebst dich!� Der Drusnier zog ihn an sich und dr�ckte ihn, als wollte er ihm alle Rippen brechen.</p><p>�Nach einer Begr��ung von dir habe ich mehr Prellungen als nach so einem kleinen Missgeschick.�</p><p>Artax blickte �ber die Tr�mmer, die �berall verteilt lagen. Einen Fl�gel des L�wen hatte es v�llig zerfetzt, ihm fehlten zwei Beine, und der Rumpf war so verzogen, dass kaum noch zu erkennen war, was f�r ein Tier er einmal dargestellt hatte.</p><p>�Ich hoffe mich, ist sich deine Schatzkammer wohlgef�llt.� Volodi l�ste den Lederriemen seines Maskenhelms und nahm ihn ab. Sein langes, blondes Haar klebte ihm in nassen Str�hnen an Schl�fen und Stirn.</p><p>�Wie meinen?� Auch Artax nahm den Helm ab.</p><p>�Drusnische Zimmerleute sind sich teuer.�</p><p>Artax l�chelte. �Dann schicke ich dir ein paar von meinen M�nnern. Die bringen deinen Jungs dann auch bei, wie man gerade Bretter s�gt und ein vern�nftiges Wolkenschiff baut.�</p><p>�Klingt da sich Neid von Mann ohne Mittel in dich Worten?� Der Drusnier grinste breit und zeigte dabei makellos wei�e Pferdez�hne.</p><p>Jetzt musste Artax lachen. �Ja, dein Wolkensammler weckt den Neid jedes Unsterblichen und vielleicht sogar den der G�tter.� Er deutete auf den hinteren Bereich des Flugdecks. �Ist alles vorbereitet?�</p><p>Das L�cheln verschwand aus Volodis Antlitz. �Du willst dich das wirklich tun? Das ist sich verr�ckt!�</p><p>�Deshalb bin ich mir ja sicher, dass du mitmachen wirst.� Artax f�hlte sich nicht ann�hernd so selbstsicher, wie er klang. Bevor er den Meerwanderer gesehen hatte, war er �berzeugt gewesen, dass sie der Bestie die Amphoren mit dem Traumeis stehlen konnten. Sie w�rden es so machen wie Kolja. <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont</emphasis> hatte versprochen, ihnen zu helfen. Aber jetzt, da diese w�tende Naturgewalt weniger als eine halbe Meile entfernt war, hatte er das Gef�hl, dass sich jeden Augenblick seine Ged�rme in Wasser verwandeln w�rden. Er wollte nicht zu der gro�en Frachtluke, die im Boden des Flugdecks ge�ffnet worden war. Sechs Dreibeine umstellten die �ffnung. Kr�ne, von denen �ber Winden armdicke Taue hingen.</p><p>�Ruft die B�ren und L�wen zur�ck!�, befahl Volodi �rgerlich seinen M�nnern. �Gegen diesen Fleischturm k�nnen sie ohnehin nichts ausrichten.�</p><p>Artax sp�rte, wie der Wolkensammler seinen Fl�gelschlag verlangsamte. Sie waren keine dreihundert Schritt vom Meerwanderer entfernt und flogen etwa eine halbe Meile �ber der See. Das war zu hoch!</p><p>H�rner erklangen auf den Decks des Wolkenschiffes. Die Silberl�wen und B�ren, die noch drau�en waren, kreisten in einiger H�he �ber dem Meerwanderer, und ihre Reiter schleuderten Wurfspie�e auf ihn hinab. Vermutlich war das genauso effektiv wie der Versuch, einen Elefanten mit Nadelstichen aufhalten zu wollen.</p><p>�Dein Versuch, auf der Hochebene von Kush den Unsterblichen Muwatta und sein unbesiegbares Heer mit einem Haufen von Bauernt�lpeln aufzuhalten, die noch nie ein Schwert in H�nden gehalten hatten, erscheint mir im Vergleich hierzu wie ein au�erordentlich genialer Plan.�</p><p>Artax musste sich nicht umdrehen. Er erkannte die Stimme sofort. So wagte es nur Ashot, mit ihm zu sprechen. �Das sagt ein Bauernt�lpel, der zum Feldherrn aufgestiegen ist.�</p><p>Ashot gesellte sich an seine Seite. Wie �blich trug er eine sauert�pfische Miene zur Schau. �Solche Dinge geschehen, wenn ein K�nigreich von einem verr�ckten Unsterblichen regiert wird.�</p><p>Das Wolkenschiff machte fast keine Fahrt mehr.</p><p>Artax h�rte ein Zischen �ber sich. <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont</emphasis> lie� ein wenig von dem Gas in seinen Fl�geln ab. Langsam begannen sie zu sinken. Der Unsterbliche atmete schwer aus. Durch die Ladeluke sah er das Gew�hl der Tentakel unter sich. Wieder sirrten Hornsplitter vom Haupt des Meerwanderers. Mit dumpfem Klacken prallten sie von der Unterseite des Flugdecks ab. Noch waren sie zu hoch, als dass die Splitter Schaden anrichten konnten.</p><p>Volodi stand an der Reling. Sein Freund hatte die Augen geschlossen und streckte die Arme hoch. Er rief <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont</emphasis>. Ein Fangarm senkte sich zu dem Drusnier hinab. D�nn wie ein Finger und schneewei�. Er streifte leicht die Hand des Unsterblichen.</p><p>Ein gellender Schrei lie� Artax erneut in die Tiefe blicken. Der Meerwanderer hatte einen Krieger auf einem fliegenden B�ren zu packen bekommen. Pl�tzlich klaffte ein Loch mitten im Sch�del der riesigen Kreatur. Die Tentakel wichen zur Seite. Ein Schlund tat sich auf, der sich nach unten hin verj�ngte. Er war besetzt mit Reihen gekr�mmter Z�hne, lang wie Schwerter.</p><p>Der Fangarm �ffnete sich. Gefl�gelter B�r und Reiter st�rzten in den Schlund. Die Z�hne bewegten sich wie Rei�z�hne an einem S�geblatt. Sie zerfetzten das Metall und den Reiter. Drei Herzschl�ge nur, dann schloss sich der Schlund und verschwand unter B�ndeln sich windender Fangarme.</p><p>Artax griff nach einem der Taue, die von den Frachtkr�nen hingen. Ein Ledergeschirr war daran befestigt. Sonst nutzten die Krieger, die mit jungen Wolkensammlern in den Himmel stiegen, solche Geschirre. Der Unsterbliche schluckte. Pl�tzlich sah er Shaya deutlich vor Augen. Als er ihr zum ersten Mal begegnet war, hatte sie in einem solchen Geschirr gehangen.</p><p>�Ihr m�sst nicht mit mir hinab�, sagte er leise. Dann sah er auf. Ashot und Mataan waren an die Frachtluke getreten und Ormu, der rotb�rtige J�ger aus Garagum.</p><p>Der Wolkensammler sank noch immer tiefer. Das Ungeheuer war nun kaum mehr zweihundert Schritt entfernt.</p><p>�Wir k�nnten versuchen, die Bestie mit Feuer zu bek�mpfen�, schlug Mataan vor. �Wir haben genug �l an Bord.�</p><p>Artax sch�ttelte den Kopf. �Wir werden nichts tun, womit wir das Traumeis zerst�ren k�nnten. Wenn wir hinabgehen, dann so, wie Kolja es getan hat. In einem Fluggeschirr h�ngend.�</p><p>�Nein!�, schrie Volodi in seiner Muttersprache so laut, dass es auf dem ganzen Flugdeck zu h�ren war. �Dieser Plan�� Es ist nicht mehr so, wie es zuvor war. Dieses Biest�� <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont</emphasis> hat es mir gesagt. Der Meerwanderer, er hat sich ver�ndert. Kolja muss ihm etwas von dem Traumeis gegeben haben. Diese Splitter. Das ist neu. Und er ist schneller geworden. Seine Schw�chen, die Kolja erlaubt haben, auf seinen R�cken zu steigen�� Vielleicht hat er sie abgelegt. Er wird nicht vergessen haben, wie Kolja ihn sich gef�gig gemacht hat. Vielleicht wird es kein zweites Mal gelingen.�</p><p>Artax nahm das Fluggeschirr und stieg mit den Beinen in die breiten Lederschlaufen. �Gehen wir hinab und finden heraus, ob sich etwas ver�ndert hat.�</p></section><section><title><p>Der Irrtum</p></title><p>Kaum dass sie ins Wasser eingetaucht war, begriff Nandalee, wie gro� der Fehler gewesen war, den sie begangen hatte. Sie sah nichts! Aufgew�hlter Schlamm und Sand reduzierten die Sicht auf wenige Zoll. Ein Tentakel streifte sie. Sie wurde herumgewirbelt, wusste pl�tzlich nicht mehr, wo oben und unten war.</p><p>Sie musste wieder auftauchen. Ein Wort der Macht w�rde helfen. Doch es musste ausgesprochen sein. Es gab Zauberweber, die an ein solches Wort nur denken mussten, um ihre Kunst zu �ben. Sie war nicht so gut.</p><p>Sie ruderte mit den Armen. Aber bewegte sie sich in die richtige Richtung? Sie sah sich um und vermochte nicht auszumachen, woher das Licht kam. Wo stand die Sonne?</p><p>Die Brust wurde ihr eng. Sie musste atmen. Wenn sie jetzt die falsche Entscheidung traf�� So tief konnte sie doch nicht ins Wasser eingetaucht sein. Sie machte ein paar Z�ge und wurde sich bewusst, wie gef�hrlich das war, wenn sie nicht wusste, wohin�� Etwas Gro�es schnellte nahe an ihr vorbei. Wasserwirbel trieben sie ein St�ck nach oben. Oben?</p><p>Ihre Lunge begann zu brennen. Sie musste atmen!</p><p>Etwas traf sie wuchtig vor die Brust. Sie keuchte, spie silberne Luftblasen. Ihre kostbare Luft! Die Blasen krochen an ihrer Brust hinab zu ihren Beinen. Hinab? Sie war in die falsche Richtung geschwommen! Dem Meeresboden entgegen statt zur rettenden Oberfl�che.</p><p>Sie wendete. K�mpfte sich mit kr�ftigen Schwimmz�gen durch das tr�be Wasser. In ihrer Kehle hockte ein Tier. Etwas, das mit jedem Herzschlag m�chtiger wurde. Etwas, das sie zwingen wollte einzuatmen. Ganz gleich, ob sie ihre Lunge mit Schlammwasser flutete. Ihre Lunge, diese luftlosen, leeren S�cke.</p><p>Zugleich behinderte sie das Schwert auf ihrem R�cken. Todbringer zog sie nach unten. Wollte sie zur�ck in die Tiefe rei�en. Wie hatte sie so dumm sein k�nnen, einfach zu springen! Und wie h�tte sie es nicht tun k�nnen? Sie war es Eleborn schuldig, der sein Leben f�r Meliander wagte. Er m�sste nicht hier sein. Ob er noch lebte?</p><p>Ihr Kopf schoss durch die Wasseroberfl�che. Gierig atmete sie in tiefen Z�gen. Die salzige Seeluft war k�hlender Balsam in ihrer Kehle.</p><p>Etwa sechzig Schritt entfernt ragte der Meerwanderer auf. Der Sohn Nangogs. Trotz der Distanz glitten rings um sie Tentakel durch die See. Fangarme, m�chtig wie Seeschlangenleiber. Sie sah, wie er einen Felsvorsprung von der Steilklippe riss. Und dann sah sie das seltsame Wolkenschiff zum ersten Mal aus der N�he. Es schwebte fast unmittelbar �ber dem Meerwanderer. Und es war grundverschieden von allen Wolkensammlern, die sie bisher gesehen hatte. Nicht quallenartig wie die anderen. Es erinnerte mit seinen weiten, fleischigen Schwingen an einen Rochen, nur dass entlang seiner K�rpermitte Hunderte Tentakel hinabhingen. Es konnte nur einen Grund geben, warum die Menschenkinder auf diesem Himmelsgiganten hierhergekommen waren. Auch sie wollten das Traumeis!</p><p>Nandalee zischte ein Wort der Macht, und die Welt um sie herum ver�nderte sich. Konturen verschwammen. Licht wich einem Dunkel, durchsetzt von leuchtenden Linien. Sie sah die magische Welt, die Kraftlinien, die alles durchdrangen. Und sie sah es nicht mit ihren wirklichen Augen. Diese Welt offenbarte allein das Verborgene Auge. Jenes Auge hinter der Stirn. Sein Blick konnte nicht durch schlammiges Wasser getr�bt werden.</p><p>Nandalee holte tief Luft, dann tauchte sie unter und schwamm dem Ungeheuer entgegen. Sie sah die Tentakel im Wasser als Schl�uche aus rotgoldenem Licht. Die Bestie war erz�rnt. Sie litt Schmerz, sie war nicht sonderlich klug, aber sie war auch nicht b�se. Ihre Aura verriet alles �ber sie. Dieses Biest so zu reizen war t�richt gewesen. Vielleicht h�tte sie das Traumeis v�llig unbemerkt stehlen k�nnen, w�hrend das Ungeheuer schlief. Nun musste sie den Meerwanderer t�ten. Und Nangog w�rde wissen, dass sie es gewesen war, da war sich Nandalee ganz sicher.</p><p>Als sie mit kr�ftigen Z�gen dem Ungeheuer entgegenschwamm, fiel ihr auf, dass die gro�en Fangarme sich erstaunlich beh�big bewegten. Wurde das Ungeheuer vielleicht m�de?</p><p>Nandalee tauchte auf und atmete erneut. Noch zwanzig Schritt. Das Wasser wimmelte nur so von Tentakeln. Die Elfe griff nach dem Schwert auf ihrem R�cken und vergewisserte sich, dass die Lederscheide sich im Wasser nicht verzogen hatte und die eingefettete Klinge leicht hinausgleiten w�rde.</p><p>Sie dachte an Eleborn. Wo steckte er? Hatte er sich in die Grotte gerettet? Sie konnte ihn nicht suchen. Die Menschenkinder w�rden sich das Traumeis holen. Das durfte sie nicht zulassen. Eleborn war ein Drachenelf. Er hatte gelernt, auf sich aufzupassen.</p><p>Mit schlechtem Gewissen nahm sie einen tiefen Atemzug und tauchte hinab in das Gewirr der Fangarme. Es wurde immer schwieriger voranzukommen, ohne von der Bestie ber�hrt zu werden. Kurz fragte sie sich, ob es der Meerwanderer �berhaupt bemerken w�rde, wenn einer der gewaltigen Tentakel sie leicht streifte?</p><p>Gleich w�rde er wissen, dass sie dort war. Todbringer, ihr Schwert, war dazu geschaffen, jeder Kreatur das Leben zu rauben. Sie musste sich nicht einmal vor einem Devanthar f�rchten, wenn sie ihm mit dieser Waffe in der Hand gegen�bertrat.</p><p>Wieder einmal w�rde ein unschuldiges Leben ausgel�scht.</p><p>Der Stahl glitt aus der Lederscheide. Sie strampelte mit den F��en, hielt die Klinge mit beiden H�nden und stie� sie in einen der Fangarme. Die Bestie zuckte auf. Etliche Herzschl�ge verstrichen. Dann sch�ttelte sich der Tentakel tr�ge.</p><p>Nandalee riss die Waffe aus der Wunde. Ihr Atem wurde wieder knapp. Sie drehte sich auf der Stelle, schwamm ein St�ck weiter und beobachtete, wie der Meerwanderer reagierte. Jeder andere Gegner, dem sie den Bidenh�nder in den Leib gerammt hatte, war gestorben. Doch dieses Biest hielt es aus. Die Aura des verwundeten Fangarms begann zu verblassen. Doch das war alles. M�sste sie das Ungeheuer Glied f�r Glied zerhacken, wenn sie es t�ten wollte? War es mit mehr Lebenskraft erf�llt, als ihr Schwert zu rauben vermochte?</p><p>Ein Tentakel tastete dorthin, wo sie eben noch geschwommen war. Die Kraftlinien im Wasser ver�nderten sich. Sie pulsierten. Etwas zog an ihnen, stahl von ihrer Kraft. Ein Zauber!</p><p>Sie fuhr herum. Zu sp�t. Direkt hinter ihr war eine Kugel von glei�ender Helligkeit, gesponnen aus Hunderten dicht miteinander verwobenen Lichtf�den. Etwas packte sie am Fu� und zog sie ins Licht.</p></section><section><title><p>Der Wandelbare</p></title><p>Nandalee riss ihr Schwert hoch, doch ihr Arm wurde festgehalten, bevor sie zuschlagen konnte. Es war zu hell. Das Licht brannte sich durch das Verborgene Auge bis tief in ihr Hirn. Sie geriet in Panik, schnappte nach Luft�� Luft! Sie konnte atmen. Sie war im Trockenen.</p><p>�Du solltest den Blick von der magischen Welt abwenden�, sagte eine vertraute Stimme. �Dann wirst du auch nicht geblendet.�</p><p>�Nodon?� Nandalee �ffnete die Augen. Es war der Schwertmeister des Dunklen, der ihren Arm gepackt hatte. Neben ihm kauerte Eleborn. Er wirkte angespannt und bewegte die H�nde in langsamen, kreisenden Bewegungen.</p><p>�Erinnerst du dich, wie ich verspottet wurde, weil ich mich ganz der Zauberei mit Licht, Luft und Wasser verschrieben habe? Hast du eine Ahnung, wie viele widerstrebende Kr�fte ich miteinander verweben musste, um eine Kugel aus Licht zu erschaffen, die uns tr�gt, als st�nden wir auf festem Boden, die sich nach meinem Willen durch das Wasser bewegt und in der sich die Luft, die wir atmen, stets erneuert?�</p><p>Jetzt war nicht der Augenblick f�r sch�ngeistige Betrachtungen, dachte Nandalee �rgerlich. �Kann deine Kugel auch fliegen? Wir m�ssen hinauf auf den R�cken des Meerwanderers. Die Menschenkinder sind mit einem Wolkensammler gekommen. Sie werden das Traumeis vor unseren Augen erbeuten, wenn wir uns nicht beeilen.�</p><p>�Die Kugel durch die Luft schweben zu lassen ist etwas ganz anderes, als sie hier im Wasser zu bewegen. Das ist keine Bagatelle���</p><p>�Kannst du es?�</p><p>�Nein�, gestand Eleborn �rgerlich.</p><p>�Dann hilft das alles nichts. Wir m�ssen hinauf, auf den R�cken des Meerwanderers. Und das so schnell wie m�glich.�</p><p>�Das werden wir nicht schaffen, Nandalee. Wir k�nnen mit unseren Waffen nichts gegen ihn ausrichten. Er wird uns zerquetschen.�</p><p>�Wir sind Drachenelfen!�, entgegnete sie trotzig.</p><p>�Was uns nicht unsterblich macht.�</p><p>Die sachliche Art Nodons reizte Nandalee bis aufs Blut. Sie w�rde nicht einfach hier sitzen und gar nichts tun. Sie w�rde��</p><p>�Er spricht mit sich selbst�, sagte Eleborn fasziniert. �Wartet einen Moment. Ich muss euch etwas zeigen.�</p><p>Die Lichtkugel stieg h�her. Sie dr�ngte sich zwischen Tentakeln hindurch. Ein riesiges Auge glotzte sie an und verschwand wieder im schlammigen Wasser. Etwas kratzte �ber die Kugel. Eine Kralle, l�nger als ihr Bidenh�nder.</p><p>�Sollten wir nicht etwas mehr Abstand zu dem Biest halten?�, fragte Nodon beklommen.</p><p>�Dann sehen wir es doch nicht.� Eleborn wirkte geistesabwesend. �Es ist ganz nah. Ich kann es deutlich sp�ren. Es spricht von uns. Es zeigt ihm ein Bild der Kugel.�</p><p>Was er da murmelte, war selbst f�r Eleborns Verh�ltnisse ziemlich verr�ckt, dachte Nandalee. Aber solange ihr Gef�hrte die Kugel nach oben steigen lie�, w�rde sie ihn nicht unterbrechen. Wenn sie die Wasseroberfl�che erreichten, w�rde sie einen Weg hinauf zum R�cken des Ungeheuers finden. Wenn sie nur schnell genug w�re, k�nnte sie vielleicht an den Tentakeln hinaufsteigen.</p><p>Eine graue Felswand erschien vor ihnen im Wasser. Sie war bedeckt mit Muscheln und Seetang.</p><p>�Was seht ihr hier?�, fragte Eleborn voller Begeisterung.</p><p>Nandalee sah Nodon an. Der Schwertmeister des Dunklen war von der Frage offensichtlich genauso �berrascht wie sie.</p><p>�Ein Bein!�, rief Eleborn aus, als sie nicht antworteten, �ein riesiges Bein. Wir befinden uns dicht �ber seinem Kniegelenk. Aber lassen wir das. Wirklich von Interesse ist der Wulst dort oben. Diese Wucherung unter dem Knochenschild.�</p><p>Nandalee sah eine Beule gro� wie ein Mammutsch�del. �Und was ist daran besonders?�</p><p>�Er ist ein Telepath. Nangog ist einfach genial. In allen Geschichten, die ich �ber sie kannte, wird sie als tumbe Riesin geschildert. Aber das ist sie nicht. Diese Kreatur ist ein einziges Wunder! Dass ihre Knochen das gewaltige Gewicht tragen k�nnen. Die vielen Augen. Er hat mehrere M�gen und M�nder, sonst k�nnte er gar nicht genug essen und trinken, um am Leben zu bleiben. Und das ist nicht das Einzige, was er mehrfach besitzt.� Eleborn strahlte vor Begeisterung. �Ratet ihr es nicht?�</p><p>�Sag mir nur, wie man das Biest umbringen kann. Alles andere interessiert mich nicht.� Nandalee fiel es schwer, ihren �rger zu beherrschen. Wie konnte er nur vergessen, weshalb sie hier waren!</p><p>�Unter diesem Wulst, eingebettet in eine Knochenschale, liegt ein Gehirn. Er hat ein Dutzend oder noch mehr davon. Sie alle stehen in telepathischer Verbindung mit dem Haupthirn, das nahe dem oberen Fressschlund liegt. Sein K�rper ist zu gro�, als dass ein Gehirn ihn noch bewegen k�nnte. Das Ganze ist���</p><p>�Du bist ein Telepath?�, fragte Nodon argw�hnisch.</p><p>�Der Himmlische hat dieses Talent in mir erweckt, so wie er es bei vielen Elfen tat, die der Blauen Halle dienten.�</p><p>�Kannst du seine Gedanken beherrschen und ihm deinen Willen aufzwingen?� Neue Hoffnung keimte in Nandalee auf. �Kannst du ihn zwingen, das Traumeis zu uns ins Meer zu werfen?�</p><p>Eleborn schnaubte �rgerlich. �Ich bitte dich! Ich hatte mich dem Himmlischen verschrieben. Glaubst du, er h�tte uns die dunkelsten Spielarten der Telepathie gelehrt? Wir waren���</p><p>�Kannst du wenigstens seine Gedanken st�ren oder ihn von uns ablenken?�, fragte Nodon ruhig.</p><p>�Er fl�stert mit so vielen Stimmen��� Eleborn wirkte verzagt. �Viele seiner Gedanken verstehe ich gar nicht. Er kann seine Form ver�ndern. Gerade l�sst er einige seiner Fangarme l�nger werden.�</p><p>Er wird das Wolkenschiff angreifen, wenn sie den Fehler machen, zu tief �ber ihm zu fliegen, dachte Nandalee. Noch war der Kampf um das Traumeis nicht verloren. �Lass mich aus dieser Kugel, Eleborn.�</p><p>�Aber hier sind wir sicher!�</p><p>�Wenn es mir um Sicherheit ginge, w�re ich im Jadegarten geblieben�, entgegnete sie eisig. �Mir scheint, du hast vergessen, weshalb wir hierhergekommen sind.�</p><p>�Wie k�nnte ich Meliander vergessen!�</p><p>�Wenn du dich wirklich um ihn sorgst, dann hilf mir jetzt, statt dieses Ungeheuer zu studieren.�</p><p>�Das tue ich doch nur, um einen sicheren Weg auf seinen R�cken zu finden. Wir k�nnten���</p><p>�Wir k�nnten aufbrechen�, schnitt ihm Nandalee das Wort ab. �Uns l�uft die Zeit davon.�</p><p>�Ich k�nnte das Gehirn dort am Knie vielleicht l�hmen. Wenn das gelingt, dann werden uns die Tentakel, die mit ihm verbunden sind, nicht mehr gef�hrlich und���</p><p>�Ich wei�, wie ich dieses Gehirn daran hindere, uns noch gef�hrlich zu werden. Wir m�ssen���</p><p>�Ich habe verstanden.� Eleborn ber�hrte die Wand der Blase. �Los, steck deinen Kopf hier hindurch. Jetzt!�</p><p>Nandalee gehorchte, erleichtert, dass es endlich weiterging. Die Haut, die sie gegen das Meer sch�tzte, war gallertartig. Statt aufzurei�en, beulte sie sich aus, als sie versuchte, den Kopf hindurchzustrecken. Pl�tzlich gab sie dann doch nach. Eine Blase hatte sich um ihren Kopf gebildet. Sie konnte atmen. Wie ein durchsichtiger, gro�er Helm umschloss das Gallert ihr Haupt. Und nur ihren Kopf.</p><p>Nandalee glitt hinaus ins Wasser. Ohne sich umzusehen, ob die anderen ihr folgten, strebte sie dem Wulst �ber dem Knie des Meerwanderers entgegen. Sie w�rde die Gedanken dieser Bestie nicht st�ren. Sie w�rde daf�r sorgen, dass sie aufh�rte zu denken. Zumindest dieser Teil von ihr.</p></section><section><title><p>Das Grauen</p></title><p>Hornbori blieb atemlos stehen. Er war am Ende seiner Kr�fte. Selbst die Erinnerung an das Grauen der letzten Stunde vermochte ihn nicht mehr vorw�rtszutreiben. Er konnte nicht mehr.</p><p>�Heh, Schisser. Das ist jetzt nicht der Zeitpunkt f�r ein Sch�nheitsschl�fchen.�</p><p>Hornbori konnte es nicht mehr h�ren! Dieses ewige Gestichel! Seine H�nde klammerten sich um den Schaft von Sch�delspalter. Wie gerne w�rde er Galars Sch�del spalten!</p><p>Sie liefen eine endlose Rampe nahe der Au�enwand der Klippe hinauf. Zehn Schritt hinter ihnen fiel ein goldener Lichtstreifen durch eine verborgene Felsspalte. Deutlich konnte er sehen, wie sich die Tentakel hinter ihnen den Weg hinaufwanden.</p><p>Vier Fleischstr�nge, besetzt mit Saugn�pfen, gro� wie seine Handfl�che. Dar�ber schwebte an einem d�nneren Strang ein Auge.</p><p>�Ich bleibe hier�, keuchte er. Sollte ihn die Bestie doch zerrei�en. Er konnte keinen Schritt mehr laufen. Vielleicht w�rde er ein oder zwei Tentakel durchhacken, bevor ihn die Krallen zerfetzten. Diese kn�chernen Fleischerhaken, denen heute schon so viele Zwerge zum Opfer gefallen waren.</p><p>�Ich werde dich nicht tragen, Schisser. Entweder nimmst du die Beine in die Hand, oder das war�s.�</p><p>Hornbori winkte matt. �Haut ab. Ich halt dieses Ding auf.� Er lachte ersch�pft. �F�r ein oder zwei Atemz�ge vielleicht.�</p><p>Galar packte ihn bei der Schulter. �Das ist jetzt nicht der Augenblick, mein Weltbild durcheinanderzubringen, Schisser. Du bist der verdammte Drecksack, der immer die anderen verrecken l�sst. Der davonl�uft und den Ruhm der Toten stiehlt. Jetzt tu also, was du immer getan hast! Nimm die Beine in die Hand. Lauf!�</p><p>Die Tentakel bewegten sich etwas langsamer. Sie taten, was Hornbori auf seiner Flucht schon mehrfach beobachtet hatte. Sie zitterten, streckten sich, wurden d�nner und l�nger. Diese Bestie lie� ihre Arme wachsen! Ganz gleich, wie weit sie liefen, sie w�rden ihr niemals entkommen. Diese immer l�nger werdenden Tentakel w�rden sie auch im hintersten Winkel der H�hlen erreichen. Es war sinnlos zu fliehen!</p><p>�Ich schlag hier meine letzte Schlacht�� Und diesmal mit Mut und Ehre.� Er traute selbst kaum seinen Ohren, als diese Worte �ber seine Lippen kamen. Das war die Ersch�pfung. Wenn er auch nur noch einen Schritt laufen k�nnte, dann w�rde er das tun, keine Frage. Aber es ging nicht mehr. Er lehnte gegen die Wand des Tunnels, hielt die Axt hoch vor der Brust und wartete.</p><p>�Wir gehen zusammen�, sagte auch Nyr. Er legte den bewusstlosen Krieger, den er gest�tzt hatte, auf den Boden. Den einen, den sie hatten retten k�nnen. Hornbori hatte seine beiden Gef�hrten �berredet, zum Boot zur�ckzugehen, um die Verwundeten zu bergen. Alle anderen waren gerannt.</p><p>Als sie den ersten der beiden Verletzten geborgen hatten, war die Flutwelle gekommen. Die <emphasis>Wilde Sau</emphasis> war nicht vert�ut gewesen. Sie war ins Hafenbecken gezogen worden. Unerreichbar f�r sie. Und dann hatten sich die Tentakel in den Grottenhafen geschoben. Riesig, t�dlich, alles unter sich zermalmend und sich auch noch ver�ndernd. Er hatte so etwas noch nie zuvor bei einem Tier gesehen. Es konnte Krallen aus den Enden der Fangarme wachsen lassen.</p><p>Seitdem waren sie nur noch gelaufen. Sie hatten die anderen Zwerge erst nicht eingeholt. Sie waren die Letzten auf der Treppe, die hinauf in die H�hlen f�hrte. Aber nicht f�r lange. Bald hatten sie Verwundete getroffen und Krieger, die die Tage an den Kurbelwellen bis ins Mark ersch�pft hatten. Den Ersten hatten sie noch versucht zu helfen. Sie hatten sie ermutigt oder ihnen Angst gemacht. Aber es hatte nicht geholfen. Hornbori konnte sie jetzt besser verstehen. Es gab einen Grad von Ersch�pfung, der einem den Tod wie eine Erl�sung erscheinen lie�. Sie hatten ihre Kameraden zur�ckgelassen. Und dann hatten sie die Schreie geh�rt�� Diese Schreie hatten Hornbori noch einmal vorangetrieben. Hatten ihm die Kraft gegeben, gegen das Unausweichliche aufzubegehren. Bis jetzt. Sollten ihn die Krallen doch zerfleischen! Ihm war alles egal.</p><p>Weitere Tentakel schoben sich durch den Tunnel.</p><p>�Macht, dass ihr wegkommt!�, schrie Hornbori. Ihm standen Tr�nen in den Augen. Was f�r ein Schei�ende! Alle w�rden sie hier verrecken. Nyr und Galar waren zu d�mlich, um zu begreifen, dass niemand dem Ungeheuer entkommen w�rde. Niemand w�rde das Heldenlied �ber Hornbori Drachenfausts letzten Kampf singen.</p><p>Ein Tentakel wand sich auf Hornbori zu. Die Kralle am Ende des Fangarms wippte auf und nieder, als wollte sie ihm einen sp�ttischen Gru� entrichten.</p><p>�F�r die Tiefe Stadt!�, hallte es durch den Tunnel. Galar st�rmte vor und durchtrennte den Fangarm mit einem wuchtigen Hieb.</p><p>Weitere Tentakel stie�en vor. Nyr war pl�tzlich neben ihnen, und auch Hornbori schlug mit letzter Kraft auf einen m�chtigen Fleischstrang. Sein Axtblatt zerteilte den Fangarm so leicht, als schnitte es durch Luft. Hornbori schrie seine Wut und seine Verzweiflung heraus. Blut spritzte ihm ins Gesicht, troff von seinem Bart und durchtr�nkte seine Kleider. Wie von Sinnen hieb er um sich. Ein Rausch packte ihn. Er dr�ngte vor, hackte, schrie. Blut spritzte ihm in den weit offenen Mund.</p><p>Doch ganz gleich, wie viele Fangarme er auch abschlug, es dr�ngten immer neue nach, und er sah, wie die Tentakel nachwuchsen. Wie sich Krallen und Knochendornen aus den blutigen St�mpfen schoben. Es war ein Albtraum.</p><p>Der absch�ssige Boden war mit abgetrennten Gliedern bedeckt und schl�pfrig vom Blut. Hornbori brach in die Knie. Ersch�pft von der Raserei. Galar nahm ihn und zog ihn ein St�ck zur�ck.</p><p>�Gar nicht �bel f�r einen Schisser�, grummelte der Schmied.</p><p>�Wenn du dein Amt als Heermeister niederlegst, w�rdest du einen erstklassigen Fleischhauer abgeben.� Nyr bedachte ihn mit einem breiten Grinsen. Seine Z�hne leuchteten unnat�rlich wei� in seinem blutbeschmierten Gesicht.</p><p>Hornbori war alles egal. Er rang keuchend um Atem. Ihm fehlte die Kraft, auch nur ein einziges Wort zu sprechen.</p><p>Wieder griffen die Tentakel an. Galar und Nyr stellten sich ihnen in den Weg. Doch ihr Mut und ihr Geschick richteten weit weniger Schaden an als die Axt, die der Goldene ihm geschenkt hatte. Er sollte aufstehen, dachte Hornbori, schaffte es aber nicht.</p><p>Galar und Nyr h�tten nicht hier sein sollen. Er hatte alleine sterben wollen. Und nun musste er ihnen zusehen, wie sie vor ihm gingen. Er versuchte aufzustehen. Es wollte nicht gelingen. Es�� Eine Bewegung dicht unter der Decke des Tunnels fiel ihm auf. Ein Tentakel kroch unter dem grob behauenen Felsen entlang. Er sah anders aus als jene, die Galar und Nyr bedr�ngten. D�nner, von fahlem Wei� und ganz ohne Saugn�pfe. Er senkte sich auf den Verwundeten hinab. Der Ohnm�chtige erwachte mit einem gellenden Schrei, als sich das Ende des Tentakels auf sein rechtes Auge senkte.</p><p>Hornbori sah, wie ein Klumpen durch den Tentakel glitt. Und dann vollf�hrte der Fangarm rhythmische Kontraktionen. Es sah aus, als pumpte er etwas ab. Die Schreie des Verwundeten steigerten sich zu einem gellenden Crescendo und brachen pl�tzlich ab. Sein Kopf sackte in sich zusammen wie ein leerer Weinschlauch. Sein Leib zuckte. Immer noch pumpte etwas durch den Fangarm.</p><p>Hornbori verga� seine M�digkeit. So etwas hatte er noch nie gesehen. Dieses Biest saugte den Krieger aus, bis nur noch ein Hautsack �brig blieb.</p><p>Der Heermeister sprang auf und begann zu laufen.</p><p>�Hornbori!�, h�rte er Nyrs verzweifelte Stimme hinter sich.</p><p>Er konnte den beiden nicht helfen. Er hatte sie nicht hier zur�ckhalten wollen. Sollten sie jetzt allein auf sich aufpassen! Das war nicht seine Aufgabe. Er lief an dem gr�sslichen, saugenden Tentakel vorbei. Rannte, wie er noch nie in seinem Leben gerannt war. Schneller und schneller.</p><p>Er �berholte ersch�pfte Nachz�gler, die in dem gewundenen Tunnel kauerten und ihm verwundert nachsahen. Immer weiter, bis Kampfl�rm vor ihm erklang. Er sah Ulur mit seinem t�towierten Leib, der eine Hand auf eine tiefe Schnittwunde in seiner Brust presste. Sah Ginnar, dem die Kobolde den Bart abgezogen hatten, wie man ein Kaninchen h�utete. Sah die Krieger der Menschenkinder, die sich seinen Zwergenbr�dern in einer d�nnen Schlachtlinie entgegenstellten. Er wollte fort. So weit es ging, vor diesem d�nnen wei�en Fangarm fliehen, der einem das Hirn aus dem Sch�del saugte.</p><p>Mit einem gellenden Schrei warf er sich den Menschen entgegen, hackte w�tend auf Schilde ein, zerbrach Schwertklingen unter den wuchtigen Hieben seiner Axt und spaltete Sch�del, wie ein Kind N�sse aufknackte.</p><p>Der Schildwall der Menschenkinder zerbrach. Er sah das Entsetzen in den Augen der M�nner, die eben noch hatten k�mpfen wollen. Ein ein�ugiger Kerl schrie auf die Fl�chtenden ein, wagte es aber nicht, sich ihm in den Weg zu stellen.</p><p>Hornbori hieb auf einen gro�en Krieger in einem Bronzek�rass ein, der ihm einen flachen Schnitt am Arm zugef�gt hatte. Seine Axt spaltete den Helm. Der Sterbende spie Blut. Hornbori schlug erneut zu. Und wieder und wieder��</p><p>�Der ist tot!� Kr�ftige Arme packten ihn. Dann erschien Ginnar. �Aufh�ren!�, schrie ihn der Zwerg aus Ishaven an. �Bei den Alben, komm zu dir! Es ist vorbei. Du hast sie in die Flucht geschlagen, ganz allein, Heermeister.� Er sprach den Titel voller Hochachtung aus, auch wenn Misstrauen in seinen Augen glomm.</p><p>Hornbori k�mpfte gegen die Arme an, die ihn gepackt hielten. �Wir m�ssen weg hier. Weiter nach oben. Es folgt mir!�</p><p>�Was folgt dir?�</p><p>Der Heermeister starrte mit angstweiten Augen den Tunnel hinab, durch den er geflohen war. �Das Grauen, Ginnar. Das Grauen!�</p></section><section><title><p>Nicht besiegt</p></title><p>Das war das Ende. Arcumenna hatte in zu vielen Schlachten gek�mpft, um sich etwas vormachen zu k�nnen. Seine M�nner w�rden keinen Schildwall mehr bilden. Ihr Wille zum Widerstand war zerschmettert. Der rasende Daimon mit der Axt hatte das getan. Ein einziger Krieger hatte �ber das Schicksal Asugars entschieden.</p><p>Arcumenna hielt seinen Schild hoch. Das Gesicht dem Feind zugewandt, ging er langsam r�ckw�rts. Er war in seinem ganzen Leben noch nicht geflohen. Er hatte sich gelegentlich zur�ckziehen m�ssen, aber er w�rde nicht in wilder Panik davonlaufen.</p><p>�Herr, schneller!�, dr�ngte Horatius. Der Hauptmann war der Einzige, der an seiner Seite geblieben war. Alle anderen waren fort.</p><p>�Du darfst gehen�, sagte der Feldherr ruhig.</p><p>Horatius stie� einen Fluch aus, f�r den ihn das Lebende Licht bei lebendigem Leib verbrannt h�tte. Ihr Devanthar verstand keinen Spa� bei l�sterlichen Worten �ber die G�tter oder die Unsterblichen.</p><p>Schritt um Schritt ging der Feldherr, ohne seine Feinde aus den Augen zu lassen. Der Boden des Tunnels war bedeckt mit Toten und Verwundeten. Letztere w�rden sie den Daimonen �berlassen m�ssen. Ihr Schildwall war zu pl�tzlich zerbrochen. Niemand hatte mehr an seine Kameraden gedacht. Die M�nner, die ihm vielleicht in einer anderen Schlacht das Leben gerettet hatten.</p><p>Seltsamerweise hielten sie den Daimon mit der Axt fest und folgten ihnen nicht. Noch nicht��</p><p>Horatius fluchte immer noch leise vor sich hin, aber der Hauptmann machte keinen Versuch mehr, ihn umzustimmen. Sein Kamerad hielt sich rechts von ihm, bereit, mit seinem Schild seine Brust zu decken. Sie wichen in langsamem Gleichschritt zur�ck.</p><p>Wohin sollten sie gehen? Hinauf in die verw�stete Stadt, auf die die Fangarme des Ungeheuers einschlugen? Oder in das System aus Tunneln und Zisternen, in das sie schon einmal geflohen waren? Bei dem, was er den Daimonen angetan hatte, durfte er nicht auf Gnade hoffen. Er w�rde auch nicht darum bitten. Er w�rde mit dem Schwert in der Hand sterben.</p><p>Der Krieger mit der Axt, der ihren Schildwall zerbrochen hatte, machte sich los. Er schrie etwas und deutete mit seiner Waffe in ihre Richtung. Vielleicht hatte er Freunde im Feuer verloren? F�r ihn war der Kampf noch nicht zu Ende. Er wollte Rache!</p><p>�Mein F�rst!� Eilige Schritte begleiteten den Ruf. �Mein F�rst!�</p><p>Arcumenna sah fl�chtig �ber seine linke Schulter. Es kam keine Verst�rkung. Nur ein einzelner Mann mit einer Fackel. Eine d�rre Gestalt. Er trug nicht einmal einen Helm. Sein schwarzes Haar hing ihm in nassen Str�hnen in die Stirn. Gaius, der Hauptmann der Stadtwache von Asugar. �Herr�� ein Wolkensammler. Sie greifen das Ungeheuer an!�</p><p>Arcumenna schloss die Augen. Einen Herzschlag lang nur. Die G�tter hatten ihn also doch nicht verlassen. Es musste ein Kampfschiff sein. Kein Kauffahrer h�tte es gewagt, sich mit der Bestie anzulegen.</p><p>�Silberne L�wen sind in den Ruinen gelandet. Sie bringen die Verwundeten hoch auf das Schiff.�</p><p>Das gefiel ihm nicht. Es roch nach Flucht und Niederlage. Auch die Daimonen waren fast am Ende ihrer Kr�fte. Er w�rde nur hundert Krieger ben�tigen. Das w�re genug, um ihre Feinde zur�ck in die Fangarme der Bestie zu treiben.</p><p>�Verst�rke unseren Schildwall!�, befahl er entschlossen.</p><p>Gaius sah ihn verwundert an.</p><p>�Dies ist ein geordneter R�ckzug. Unsere Schlachtlinie ist ungebrochen! Willst du dich einem Befehl deines F�rsten widersetzen?�</p><p>Wortlos reihte sich Gaius in ihren Schildwall ein.</p><p>Arcumenna bemerkte den Blick, den der junge Hauptmann mit Horatius tauschte. Sollten die beiden ihn nur f�r verr�ckt halten. Ihm war bewusst, dass drei geschlagene Gestalten, die langsam r�ckw�rtsgingen, allenfalls als traurige Parodie auf eine Kampflinie durchgingen. Aber hier ging es ums Prinzip! Disziplin war alles, woran sie sich noch klammern konnten. Er hatte stets durch ein gutes Vorbild gef�hrt. Seinen M�nnern nie etwas befohlen, was er nicht selbst getan h�tte, und er hatte in den meisten seiner Schlachten zumindest in den kritischsten Augenblicken in den vorderen Kampfreihen gestanden. Dies war ein Teil des Geheimnisses seiner Siege. Er war sich sicher, bevor sie das Plateau mit der verw�steten Stadt erreichten, w�rden sich zumindest einige der Fl�chtenden wieder ihrem Schildwall anschlie�en.</p><p>�Was f�r ein Schiff ist uns zu Hilfe geeilt, Hauptmann? Hast du es mit eigenen Augen gesehen?�</p><p>�Ja, Herr. Ich habe es gesehen. Es ist nicht nur ein Ger�cht. Es ist der seltsame, flache Wolkensammler, der vor einigen Wochen schon einmal hierherkam. Er hat ein Schiff aus Tr�mmern getragen, und seine Fracht waren allein verletzte Wolkenschiffer. Jetzt aber tr�gt er ein anderes Schiff. Es hat viele fliegende L�wen und B�ren an Bord.�</p><p>Arcumenna seufzte. Es schien der Wolkensammler zu sein, den er �ber dem Palast des Unsterblichen Volodi gesehen hatte. Und all die L�wen und B�ren�� Das waren keine guten Nachrichten. Wo diese verdammten neuen Flieger waren, musste man mit Unsterblichen rechnen, und die w�rden sich von ihm nichts sagen lassen. Aber vielleicht hatte er ja Gl�ck�� Auf jeden Fall war der Kampf um Asugar noch nicht entschieden!</p><p>Es kam, wie er es vorhergesehen hatte. Als sie die letzten Schritte hinauf aufs Plateau taten, war ihre Truppe auf fast vierzig Mann angewachsen. Die Verzagten und die leicht Verwundeten hatten sich ihnen angeschlossen. Doch die Daimonen folgten ihnen. Sie waren langsam. Auch sie wurden durch ihre Verwundeten aufgehalten, doch sie schienen entschlossen zu sein, eine Entscheidung herbeizuf�hren.</p><p>Arcumenna blickte zu dem Wolkensammler auf. Das Schiff, das er trug, war nicht sonderlich eindrucksvoll. Allerdings waren viele der gefl�gelten Sch�pfungen der Devanthar in der Luft. Mit ihrer Hilfe sollte er die Daimonen vernichten k�nnen.</p><p>Sie waren am s�dlichen Ende des Plateaus aus der unterirdischen Stadt gestiegen. Hier hatte das Ungeheuer offensichtlich noch nicht gew�tet. Die H�user waren zwar vom Drachenfeuer verbrannt, doch hatten keine Fangarme sie bis auf die Grundmauern eingeebnet. In einem S�ulengang, der einmal Teil des gro�en Marktplatzes gewesen war, hatte Hattu ein Lazarett eingerichtet. Ganz in der N�he waren zwei silberne B�ren gelandet, und zwei schwer bewaffnete Krieger standen zwischen den Krankenlagern.</p><p>�Gaius!�</p><p>�Mein F�rst.�</p><p>�Geh zu diesen Drusniern und richte ihnen aus, ich m�chte ihren Befehlshaber sprechen. Ich werde ihm erkl�ren, wie wir unsere Truppen gemeinsam zum Sieg f�hren k�nnen.�</p><p>Der junge Hauptmann bedachte ihn mit einem verschmitzten L�cheln, war aber klug genug, nichts zu sagen. Arcumenna war klar, dass er eigentlich nicht in der Position war, gegen�ber den Drusniern irgendwelche Forderungen zu stellen, aber wenn man nur dreist genug auftrat, war einem auch das Gl�ck hold. Die H�lfte seiner Siege hatte er seiner Frechheit zu verdanken.</p><p>�Horatius, nimm dir ein paar M�nner, such in den Tunneln nach Nachz�glern und behalte die Daimonen im Auge. Ich w�nsche nicht, dass sie uns noch einmal �berraschen. Wir werden ihnen hier oben eine Falle stellen.�</p><p>Sein alter Kampfgef�hrte grinste. �Mir ist auch nach noch einem T�nzchen mit den Mistkerlen!�</p><p>Zufrieden sah Arcumenna zu, wie Horatius wieder ins Zwielicht der Tunnel hinabstieg, denen sie gerade erst entkommen waren. Er war ein tapferer Mann. Hoffentlich �berlebte er den Tag.</p><p>Voller neuer Zuversicht blickte er zu dem Ungeheuer, das seine Fangarme dem Himmel entgegenstreckte und die Stadt fast nicht mehr behelligte. Eine Wolke riesiger Pfeile schoss dem schwebenden Schiff entgegen. Der F�rst sah, wie sich eine Klappe im Unterdeck �ffnete. Einige M�nner standen dort und blickten auf den Meerwanderer hinab. Wahrscheinlich w�rden sie gleich etwas auf das Ungeheuer hinabwerfen.</p><p>�Mein F�rst��� Ein alter Mann verbeugte sich dem�tig vor ihm.</p><p>Arcumenna war ver�rgert �ber die Ablenkung. �Was?�</p><p>�Der Heiler Enak dachte, Ihr m�chtet vielleicht Abschied nehmen���</p><p>Jetzt erkannte er den Alten. Er war einer der Pfleger im Palast der Kranken. Wie kam er darauf, dass er sich inmitten des Kampfget�mmels von einem Sterbenden verabschieden wollte? Sah er aus wie ein sentimentaler Weichling? �Ich habe eine Schlacht zu lenken���</p><p>�Ich hatte Enak gesagt, dass Ihr so antworten w�rdet. Ich war vor langer Zeit Krieger�� Dies ist nicht meine erste Schlacht mit Euch, Herr. Ich wei�, eine Heilerin ist nicht so bedeutend wie ein Sieg.�</p><p>�Eine Heilerin? Diese aufs�ssige neue���</p><p>�Ihr Name ist Shaya, Herr.�</p><p>�Wo ist sie?�</p><p>�Darf ich Euch zu ihr f�hren?�</p><p>Arcumenna bedachte den Alten mit einem scharfen Blick. War der Kerl unglaublich einf�ltig oder erstaunlich gerissen? Hatte der Pfleger ihn manipuliert? Er entschied sich, das nicht zu glauben. Der Alte war wenig mehr als ein Sklave. H�tte er einen scharfen Verstand, w�rde er nicht niedere Dienste verrichten.</p><p>�Wohin gehst du? Hattu und die Verwundeten sind dr�ben bei der Agora.�</p><p>�Sie hat ihren eigenen Platz, Herr. Etwas weiter fort von den K�mpfen, mit einem sch�nen Blick �ber das Meer.� Die Stimme des Dieners stockte. �Dort muss sie das Ungeheuer nicht sehen, sollte sie noch einmal zu sich kommen.�</p><p>Sie gingen nur ein kurzes St�ck Weg. Schmale Stufen f�hrten sie an der Flanke der Klippe hinab zu einem Pavillon, der in den Fels geschlagen war. Ein Busch mit sternf�rmigen roten Bl�ten wucherte dort. Shaya lag auf einem Lager aus Decken. Ihre Lider waren geschlossen. Neben ihr kauerte Enak. Tr�nen rannen dem jungen Heiler �ber die Wangen.</p><p>Blutige Verb�nde waren um Shayas Bauch geschlungen. Neben ihrem Lager standen verschiedene T�pfe und Tiegel. Arcumenna erkannte nur den schlanken schwarzen Flakon. In solchen Gef��en wurde besonders reiner Schlafmohn gehandelt. Eine Droge, die friedlichen Nachtschlaf oder immerw�hrende Ruhe schenkte, wenn man zu viel von ihr nahm. Sieben Tropfen gen�gten f�r einen Schlaf, aus dem es kein Erwachen mehr gab. Der F�rst sah den kleinen Bronzepokal, gef�llt mit Wein. Und er sah, dass das Siegel des schwarzen Flakons zerbrochen war.</p><p>�Du willst sie vergiften?�, fuhr er den Heiler an.</p><p>�Sie hat starke Schmerzen.�</p><p>�Ich��� Arcumenna hielt inne. Er hatte genug M�nner sterben sehen, denen in der Schlacht die Eingeweide zerschnitten worden waren. Entweder starb man schnell, oder der Tod zog sich �ber viele, schmerzhafte Stunden. Aber vielleicht��</p><p>�Ist es nur ein Schnitt?�</p><p>Der junge Heiler sch�ttelte den Kopf. �Ihre Eingeweide sind zerfetzt. Shaya ist nur deshalb noch nicht tot, weil sie zu dickk�pfig ist zu sterben. Doch diesen Kampf kann sie nicht gewinnen. Sie wird den n�chsten Sonnenaufgang nicht mehr erleben.�</p></section><section><title><p>Koljas Schatz</p></title><p>Artax blickte hinab auf das Ungeheuer. Es war verr�ckt, das hier zu tun! Er hob den Arm und gab Volodi damit das vereinbarte Zeichen. Augenblicklich sackte ihr Wolkensammler noch ein St�ck tiefer. Die �berraschende Bewegung riss Ashot von den Beinen. Er st�rzte durch den Schacht, doch das Fluggeschirr, das er angelegt hatte, verhinderte seinen Sturz in die Tiefe.</p><p>Auf dem Flugdeck kamen einige der gelandeten L�wen und B�ren ins Schlingern. Ein Fass rollte �ber Deck und zerschellte krachend an der Reling. �berall gingen Wolkenschiffer und Krieger zu Boden.</p><p>Artax umklammerte das Seil, das sein Fluggeschirr mit dem Lastkran verband. Er hatte das Gef�hl, sein Magen wollte ihm die Kehle hinaufspringen. Etliche Tentakel ihres Wolkensammlers stie�en auf den Meerwanderer hinab. Der Unsterbliche sah, wie bl�uliche Blitze aufflackerten, wo sie das Meeresungeheuer ber�hrten. Und dann das Unglaubliche. Die Fangarme, die gerade noch in den Himmel hinaufgegriffen hatten, sackten kraftlos herab. Nur wenige Tentakel vermochten sich noch zu r�hren.</p><p>�Abw�rts!�, rief Artax mit fester Stimme und trat durch die offene Bodenluke. Sirrend glitt das Seil �ber die Kranwinden. Er st�rzte dem R�cken des Meerwanderers entgegen. Erst wenige Schritt �ber dem bebenden Fleisch verlangsamte sich sein Fall. Er federte in die Knie, als er aufschlug. Ein Griff gen�gte, um das Fluggeschirr vom Seil zu l�sen. Artax zog sein Geisterschwert.</p><p>Der Boden unter ihm hob und senkte sich. Doch kein Fangarm streckte sich nach ihm. Sie lagen in haushohen Kn�ueln durcheinander. Ein kopfgro�es Auge starrte ihn an. Die Pupille verengte sich, als er n�her trat. Er war sich sicher, dass das Ungeheuer ihn bewusst wahrnahm, ganz gleich, was Volodi ihm �ber den Angriff auch erz�hlt hatte. <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont</emphasis> hatte behauptet, dass der Meerwanderer mehrere Gehirne bes��e. Der Wolkensammler wollte sie durch <emphasis>Schl�ge</emphasis> mit diesem bl�ulichen Licht l�hmen. Artax hatte nicht ganz verstanden, was da vor sich gehen sollte, und so chaotisch, wie Volodi es erz�hlt hatte, war er sich ziemlich sicher, dass der Drusnier auch nicht verstanden hatte, was sein Wolkensammler genau beabsichtigt hatte. Doch dies war nun nebens�chlich. Der Plan ging auf. Der Meerwanderer war gel�hmt, zumindest gr��tenteils. Sie hatten mindestens eine Stunde Zeit, um das Traumeis zu holen und die �berlebenden Asugars zu retten.</p><p>Artax kletterte durch das Labyrinth der Tentakel. Es stank erb�rmlich. Schon hatten sich erste M�wen auf dem Meerwanderer niedergelassen. Gierig pickten sie in das lebende Fleisch, rissen Fetzen heraus und spr�hten Blutspritzer �ber ihr schneewei�es Gefieder.</p><p>Da endlich sah er sie. Wei�e Krater im R�cken der Bestie. Seepocken, gro� wie F�sser, hatten sich in das Fleisch des Ungeheuers gegraben. Einige der Kalkw�lste waren durchsto�en. Mit Pech verklebte Netze hingen �ber den �ffnungen der Parasiten, die sich ins Fleisch des Ungeheuers gegraben hatten.</p><p>�Das ist es sich!�, rief Volodi begeistert, der hinter Artax durch das Gew�hl sich windenden Fleischs gestiegen war. Ihm folgten Ashot und Ormu. �Verdammt, wir haben es uns geschafft. Und wir m�ssen uns dieses verdammte Vieh nicht einmal sich umbringen.�</p><p>�Ich w�rde eher sagen, wir k�nnen es nicht�, mischte sich Ashot ein. �Bringen wir das hinter uns! Ich m�chte dem Biest nicht mehr auf dem R�cken stehen, wenn es aufwacht.�</p><p>Artax kniete neben einer der Seepocken nieder. Er zog sein Messer und zertrennte die z�hen Seile. Dann griff er hinab in die �ffnung und zog eine schlanke, mit geflochtenem Stroh umh�llte Amphore heraus. Ihr Mund war mit einem Klumpen aus klebrigem Pech verschlossen. Voller Ungeduld hebelte er den Pfropfen herunter, musste noch ein Korkst�ck aufspie�en, und dann endlich war sie offen. Vorsichtig kippte Artax die Amphore zur Seite. Etwas Bleiches fiel heraus.</p><p>Artax biss sich auf die Lippen. Das war kein Kristall! Das war Wachs!</p><p>Der Unsterbliche hob die Amphore an. Weitere l�ngliche Wachsstangen fielen durch die �ffnung.</p><p>Hatte Kolja sie hereingelegt?</p><p>�Dieser verdammte Bastard!�, fluchte Volodi. Auch er hatte eine Amphore hervorgeholt. Statt sie umst�ndlich zu �ffnen, hatte er den schlanken Hals des Gef��es eingeschlagen. Zwischen den Scherben lagen ebenfalls Stangen. �Was ist sich das? Haben sich diese Kerzen nicht einmal einen Docht. Sind sich v�llig nutzlos. Ich k�nnte mich Kolja���</p><p>Artax hob eine der Wachsrollen auf und hielt sie gegen die Sonne. Da war etwas in ihrem Inneren. Etwas Dunkles, das g�nzlich vom Wachs umh�llt war.</p><p>Er nahm sein Messer und schnitt vorsichtig dicke Sp�ne von der schlecht gezogenen Kerze, die keinen Docht hatte. Das eiserne Messer stie� knirschend auf etwas Hartes. Vorsichtig schob Artax letzte Wachsreste zur Seite, und ein gr�ner Kristall funkelte im hellen Mittagslicht. �Er hat sie in Wachs gebettet, damit sie nicht zerbrechen�, sagte er erstaunt. So viel Umsicht h�tte er dem derben Faustk�mpfer nicht zugetraut. �Wir haben Koljas Schatz!� Triumphierend hielt er den Kristall hoch. �Nun werden wir die Welt ver�ndern und diesen verfluchten Krieg beenden!�</p></section><section><title><p>Blutspur</p></title><p>Durch ihr Verborgenes Auge sah Nandalee das Hirn, das sich unter dem Wulst verbarg, als einen Knoten aus pulsierendem, goldenem Licht. Ein Muster feiner, silberner Linien behinderte ihre Sicht. Es war die Matrix jenes Zaubers, mit dem Eleborn den Helm aus Gallert erschaffen hatte, der ihren Kopf umschloss und ihr erlaubte, unter Wasser zu atmen. Umst�ndlich zog die Elfe das lange Schwert aus der Scheide auf ihrem R�cken. Sie ruderte dabei mit den F��en, um nicht in die Tiefe zu sinken. Sie h�tte besser ein Messer mitgenommen. Die gro�e Waffe lag schwer in ihren H�nden.</p><p>Sie paddelte, bis sie sich oberhalb des Lichtknotens befand, und setzte die Spitze Todbringers auf das Fleisch. Die Klinge war von dunkellila Licht umspielt. Sie hatte keine Ahnung, welche Zauber die Himmelsschlangen in den Stahl gebunden hatten, doch zweifellos entstammten sie den dunkleren Spielarten der Magie.</p><p>Mit aller Kraft stemmte sie sich gegen den Schwertknauf. Todbringer drang durch Fleisch und Knochen. Einen Herzschlag lang erstrahlte das Licht des Knotens noch heller. Dann lief es aus, rann ins Meerwasser und umtanzte sie in blasser werdenden Schlieren.</p><p>Die goldenen Lichtbahnen, die von dem Knoten ausgegangen waren, erloschen. Nandalee sah das Fleisch des Meerwanderers in Kr�mpfen zucken. Sie f�hlte sich schlecht. Diese Bestie war nicht b�se. Sie war es, die dunkle Taten beging.</p><p>Etwas streifte sie. Nandalee stie� sich mit den F��en von dem riesigen Bein ab. Sie musste h�her aufsteigen, musste den n�chsten Nervenknoten finden und zerst�ren, dann brauchte sie die Tentakel des Ungeheuers nicht zu f�rchten.</p><p>Selbst mit etwas Abstand f�hlte sie die m�chtigen Muskeln zucken. Der ganze K�rper des Meerwanderers schien von Kr�mpfen gesch�ttelt zu werden. Vielleicht war die Wunde, die sie ihm zugef�gt hatte, doch schwerer als erwartet.</p><p>Das verblassende Gold folgte ihr im Wasser. War es im Blut des Ungeheuers? Das vermochte Nandalee durch ihr Verborgenes Auge nicht zu erkennen. Die Welt, die sie jetzt sah, bestand nur aus Auren und Lichtstr�ngen.</p><p>Jetzt war nicht der Augenblick, um sich mit t�richten Gewissensbissen aufzuhalten. Sie sollte weiter�� Etwas rammte sie. Sie erkannte die klare, silberne Aura Eleborns. Und da war noch etwas. Ein langer Keil aus dunklem, dumpfem Rot. Das Silber. Es flackerte. Und dann begann es zu zerflie�en.</p><p>Erschrocken �ffnete sie die Augen. Sie sah Eleborn dicht vor sich. Sah ihn unter seinem Gallerthelm schreien. Und sie sah den Schatten, der im tr�ben Wasser erneut auf sie zuglitt. Sie hob ihr Schwert und richtete es wie einen Speer auf den gro�en Hai. Sein keilf�rmiger Kopf hielt genau auf sie zu. Etwas hing aus seinem Maul, das er nun endg�ltig verschluckte. Ein Stiefel!</p><p>Eleborn neben ihr sackte in die Tiefe. �berall war Blut im Wasser.</p><p>Nandalee stie� mit dem Schwert nach dem Hai, der mit fast h�hnischer Leichtigkeit auswich. Er drehte und �nderte seinen Kurs, folgte der Blutspur Eleborns.</p><p>Kalte Wut packte Nandalee. Sie wusste, dass sie dem im Meer geborenen J�ger niemals an Geschick auch nur nahekommen w�rde. Dies war sein Revier, und er w�rde sich seine Beute holen. Eleborn! Und schon waren da andere Schatten im Wasser. Das Blut lockte sie.</p><p>Nandalee rief ein Wort der Macht. Ein Wort, das sie f�rchtete. Das eine Wort, das Bidayns Leben ver�ndert hatte. Der Fluss der Zeit verlangsamte sich. Die Blutwolken im Wasser bewegten sich schwerf�lliger, fast wie Nebel, der an einem Herbstmorgen an einem Flussufer hinaufkroch. Die Schatten waberten tr�ge durch die tr�be See. Nur sie war nicht langsam. Sie beherrschte alles um sie herum. Und sie sp�rte, wie das magische Netz sofort auf sie reagierte. Auf die Anomalie inmitten der magischen Welt. Es w�rde versuchen, sie zu vernichten. Kurz hatte Nandalee Bidayn vor Augen.</p><p>Mit kr�ftigen St��en tauchte die Elfe hinab. Folgte dem Hai, der Eleborn schon fast eingeholt hatte. Es war ein m�chtiger, f�nf Schritt langer R�uber. Ein K�nig in diesen Gew�ssern. Todbringer schlitzte seinen Leib auf ganzer L�nge auf, als sie unter ihm hinwegschwamm und mit der freien Hand nach Eleborn griff.</p><p>Hastig strebte sie dem Riff entgegen, das sie bei ihrem Flug nahe dem Eingang zum Grottenhafen gesehen hatte. Dem Riff, auf dem der Drachenkadaver lag. Dort w�rde sie leicht aus dem Wasser steigen k�nnen. �berall sonst gab es nur steile Felsen. Sie musste die Wunde Eleborns schnell versorgen.</p><p>Als ihr Kopf durch die Wasseroberfl�che stie�, zerfiel der Gallerthelm, den sie trug. Mit einem Arm hielt sie Eleborn umschlungen, in der freien Hand hatte sie das Schwert. Sie schwamm nur mit der Kraft ihrer Beine. Es war ein Kampf. Und ein Wettlauf gegen die Zeit. Nandalee wagte es nicht, ihr Verborgenes Auge zu �ffnen. Sie wollte nicht sehen, wie die magische Welt gegen ihren Frevel, den Gesetzen zu trotzen, aufbegehrte. Sie konnte es ohnehin schon sp�ren. Das Brennen auf der Haut. Ihr blieben nur noch Augenblicke, bis das Netz sich, wie aus gl�henden Stahlf�den gewoben, um sie schlie�en w�rde.</p><p>Sie k�mpfte gegen die Distanz. K�mpfte dagegen, dass sie sich nicht richtig bewegen konnte. Sie w�rde nicht alles auf das Riff retten. Nandalee lie� das Schwert los. Todbringer versank in die Tiefe.</p><p>Nur ein paar Schwimmz�ge noch. Die Hitze, die sie einschloss, wurde immer unertr�glicher. Erst w�rde das sich zusammenziehende Netz aus Kraftlinien ihr ein unausl�schliches Rautenmuster auf den Leib brennen, und schon im n�chsten Augenblick w�rde ihr Fleisch in Hunderte W�rfel zerschnitten.</p><p>Ihre Finger ber�hrten den Fels der Klippe. War da Rauch? Sie schrie das Wort der Macht, das diesen Zauber beendete. Sofort schwand die Hitze.</p><p>Ihre Finger krallten sich in einen Felsspalt. Sie zog Eleborn neben sich auf den flachen Felsen. Die blutigen Augenh�hlen eines gro�en Drachen starrten sie an. Der Herrscher an den Himmeln Albenmarks war zum Fra� der M�wen geworden.</p><p>Nandalee richtete sich auf und zog Eleborn ganz aus dem Wasser. Schon kreisten gro�e R�ckenfinnen vor dem Riff, angelockt vom Blut im Wasser.</p><p>Eleborn war ohnm�chtig. Sein linkes Bein mitten in der Wade durchtrennt. Aus den zerfetzten Muskeln ragten zwei bleiche Knochen. Blut str�mte �ber den Fels.</p><p>Die Elfe schnallte den breiten Waffengurt von ihrem R�cken und schlang das Leder dicht �ber dem Knie um den Oberschenkel. Sie zog und zerrte mit all ihrer Kraft, verfluchte die Welt, die sich gegen sie verschworen hatte. Dann biss sie nur noch die Z�hne zusammen. Sie stellte einen Fu� auf den Brustkorb Eleborns und zerrte mit beiden H�nden am G�rtel. Endlich versiegte der Blutstrom der Wunde.</p><p>Tr�nen der Wut standen ihr in den Augen. Eleborn hatte helfen wollen. Er hatte Mitleid mit Meliander gehabt, und nun war er genauso verst�mmelt wie ihr Sohn.</p><p>Klirrend landete ihr Schwert neben ihr auf dem Riff. Nodon stieg aus dem Wasser. �Du gehst leichtfertig mit den Geschenken der��� Er verstummte, als er Eleborn sah.</p><p>�Du musst bei ihm bleiben�, sagte Nandalee entschlossen.</p><p>�Und du?�</p><p>Sie deutete hinauf zum Wolkenschiff. Amphoren schwebten an Seilen dem Ladeschacht des Schiffes entgegen. Dabei verhielt sich der Meerwanderer erstaunlich ruhig. Nur wenige seiner Tentakel bewegten sich noch. �Die Menschenkinder haben das Traumeis gefunden. Wir haben das Rennen verloren.�</p><p>Nodon nickte. Es �rgerte Nandalee, wie emotionslos und gefasst er wirkte. Sie w�rde diese Niederlage nicht hinnehmen!</p><p>�Wir sollten uns unter den Schutz der Drachenfl�gel zur�ckziehen�, sagte der Schwertmeister. �Dort liegt Eleborn im Schatten. Bei Nacht k�nnen wir vielleicht fliehen.�</p><p>�Ich werde dann nicht mehr hier sein.�</p><p>Er bedachte sie mit einem strengen Blick. �Nicht?�</p><p>Nandalee riss sich den bestickten Kragen ihres wei�en Kleids ab. Dann machte sie sich an den Stickereien an den kurzen �rmeln zu schaffen.</p><p>�Was tust du da?�</p><p>�Ich kann nicht aufgeben! Das hie�e, Meliander aufzugeben.�</p><p>�Wir k�mpfen an einem anderen Tag���</p><p>�An welchem denn?�, fuhr sie ihn an. �Wenn dieser Schatz geborgen ist, dann werden die Devanthar ihn sich nehmen. Dort, wo sie ihn hinbringen, werden wir ihn niemals mehr erreichen. Entweder ich hole mir jetzt zumindest einige der Kristalle oder ich lasse die Hoffnung f�r immer fahren. Jetzt entscheidet sich, ob Meliander ein Leben mit Kr�cke f�hren muss. An diesem Tag. Vielleicht sogar in dieser Stunde.�</p><p>�Und was willst du tun?�</p><p>Sie riss sich die Stickereien von der Knopfleiste an der Brust des Kleides. Das gelang nicht gut. Der Stoff franste aus. Zwei der Kn�pfe rissen ab. Was blieb, war ein allzu freiz�giges Dekollet�.</p><p>Nodon zog ein Messer aus seinem G�rtel. �Nimm das, damit wirst du weniger Verw�stung anrichten.�</p><p>�berrascht griff sie nach der Waffe. �Du willst mich nicht aufhalten?�</p><p>�K�nnte ich das?� Er sah sie durchdringend mit seinen schwarzen Augen an.</p><p>Nandalee kniete sich hin und machte sich an den Goldborten zu schaffen, die die Seitenschlitze des Kleides s�umten. �Ich muss es tun, Nodon. Ich w�rde mir niemals verzeihen k�nnen, wenn ich es nicht zumindest versucht h�tte.�</p><p>�Ich wei�.�</p><p>Sie war �berrascht, wie warmherzig er pl�tzlich klang.</p><p>�Du solltest mein Messer mitnehmen. Es ist kein Zauber in die Klinge gewoben. Sie wird dich nicht verraten, aber���</p><p>Nandalee wusste, was er unausgesprochen lie�. Sollte sie in die N�he der Devanthar kommen, war sie so gut wie tot. Ein Blick auf ihre Aura w�rde verraten, was sie war. Vielleicht vermochten sogar die Silberl�wen sie zu erkennen.</p><p>�Ich muss es wagen�, sagte sie entschieden. Sie hatte jetzt alle Goldborten von ihrem Kleid entfernt. Es sah nur noch wenig besser als ein Lumpen aus, auch wenn der Stoff viel zu gut war, um von einer Webbank der Menschenkinder zu stammen. Sie sollte es so schnell wie m�glich loswerden, wenn es ihr gelang, sich einzuschleichen.</p><p>Nandalee beugte sich �ber Eleborn. Er war ohnm�chtig geworden. Sie hauchte ihm einen Kuss auf die Stirn. �Danke. Ich werde auch f�r dich das Traumeis holen.� Dann richtete sie sich auf und blickte zu der Steilklippe. Es w�rde ein schwerer Aufstieg werden.</p><p>Sie nickte Nodon zu.</p><p>�Das Gl�ck ist den Verr�ckten wohlgesinnt.� Der Schwertmeister sagte das n�chtern, ohne jedes L�cheln.</p><p>�Ich wei߫, entgegnete sie knapp. Dann sprang sie ins Wasser und schwamm der Klippe entgegen.</p></section><section><title><p>Der Held</p></title><p>Sie leisteten keinen Widerstand mehr. Die Menschenkinder waren besiegt. Hornbori st�rmte dem Licht entgegen. Die anderen Zwerge konnten kaum mit ihm Schritt halten. Seine M�digkeit war wie aus seinem Leib gebrannt.</p><p>Wenn dort oben Bogensch�tzen auf ihn warteten? Sein Schritt stockte einen Augenblick lang. Nein! Er hatte einen Lauf! Nichts konnte ihn aufhalten. Immer zwei Stufen auf einmal nehmend, st�rmte er empor. Dann stand er auf einem Platz, der von Reihen geborstener, ru�geschw�rzter S�ulen umgeben war. Er stie� einen unartikulierten Schrei aus. Niemand hatte ihn erwartet! Das Gl�ck pulste wie Branntwein in seinen Adern. Es war ein Rausch.</p><p>Atemlos kam Ginnar neben ihm zum Stehen. Sein Kamerad presste sich die H�nde in die H�ften. Sein Atem ging keuchend. �Du l�ufst wie auf Fl�geln�, stie� er hechelnd aus.</p><p>Still zu stehen tat Hornbori nicht gut. Sein Rausch wich langsam Ern�chterung. Warum k�mpften die Menschen nicht mehr? Voller Sorge betrachtete er das Wolkenschiff, das �ber dem Ungeheuer am Himmel hing. Sie bargen Amphoren! Es schien, als holten sie sie aus dem Leib der Bestie. Und das Viech r�hrte sich nicht mehr.</p><p>Der Heermeister schritt zwischen den S�ulen hindurch und blickte �ber das Ruinenfeld, das einst Asugar gewesen war. Berge regloser Tentakel f�llten die menschenleeren Stra�en. Nur hier und da zuckte einer der kleineren Fangarme.</p><p>Krieger auf gefl�gelten L�wen und B�ren zogen �ber den Himmel. Und sie ignorierten ihn! Ihr ganzes Augenmerk schien auf die Fl�chtlinge gerichtet zu sein, die sie hinauf zum Wolkenschiff brachten.</p><p>Weitere Zwerge kamen ersch�pft aus den Tiefen der Klippe heraufgewankt. Es war an der Zeit, dass er etwas f�r seinen Ruhm tat, dachte Hornbori. Mit w�tendem Gebr�ll st�rmte er den Bergen von Tentakeln entgegen und hieb seine Axt in das reglose Fleisch. �Erzittere vor dem Zorn der Zwerge, niedertr�chtiges Schlangengez�cht! Schmecke den Zorn meiner Axt!�</p><p>Mit einem schmatzenden Ger�usch verschwand das breite Blatt der Waffe in einem Fangarm, der hoch wie ein Haus war. Blut tr�ufelte aus der tiefen Wunde. Immer und immer wieder hieb er auf das Ungeheuer ein und verfluchte es.</p><p>Pl�tzlich erschien �ber ihm ein Auge am Ende eines Fangarms. Ein klein wenig Leben war also doch noch in der Bestie. Das war gut! Er w�rde sich dieses Auge holen, das ihn mit weiter dunkler Pupille anstarrte.</p><p>Hornbori griff nach einem Saugnapf, gro� wie ein Wagenrad. Er krallte sich in das weiche, wabbelige Fleisch und kletterte dem Auge entgegen, das langsam vor ihm zur�ckwich. Wurde der Tentakel, auf dem diese starrende Kugel sa�, etwa l�nger? Egal! Er wollte eine Troph�e! Und da es hier keinen Kopf zu holen gab, w�rde er mit diesem verdammten Auge vorliebnehmen.</p><p>Endlich erreichte er das obere Ende der Fleischwand. Er schob sich voran, kam m�hsam auf die Beine und suchte das Auge. Es war weiter vor ihm zur�ckgewichen. Zwei Schritt neben ihm schlug ein kurzer Wurfspeer ein. Die Reiter am Himmel waren auf ihn aufmerksam geworden.</p><p>Keiner seiner M�nner war ihm auf diesen m�chtigen Tentakel gefolgt. Hornbori z�gerte, wich aus, als er sah, dass ein weiterer Wurfspeer zu ihm hinabsauste.</p><p>�Lass es, Hornbori!�, rief Ulur zu ihm hinauf.</p><p>�Geht in Deckung!�, befahl Hornbori in seinem gebieterischsten Tonfall. �Ich bin mit dem Mistviech noch nicht fertig. Es soll bluten f�r das, was es uns angetan hat.�</p><p>�Aber es regt sich doch nicht mal mehr���, wandte Ulur ein.</p><p>Der Heermeister ignorierte ihn. Er brauchte seine Troph�e! Nur damit wurde er zum Sieger, und es war egal, was mit der Kreatur geschehen war. Das Auge hatte sich erneut einige Schritt von ihm zur�ckgezogen.</p><p>Er stapfte �ber das schleimbedeckte Fleisch. Einige kleinere Tentakel bewegten sich zwischen den massigen Fangarmen. Er sah, wie ihre Spitzen sich verj�ngten, wuchsen, sich wie Keimlinge dem Licht des Himmels entgegenstreckten.</p><p>Wieder verfehlte ihn ein Pfeil knapp. Hoch oben an der Reling des Wolkenschiffs sah Hornbori Bogensch�tzen. Sie waren zu weit entfernt, um einen gezielten Schuss auf ihn abgeben zu k�nnen. Ihretwegen musste er sich keine Sorgen machen. Im Gegenteil, wenn sie auf ihn anlegten, taten sie ihm einen Gefallen. Es w�rde Eindruck auf seine M�nner machen, wenn er dem vermeintlichen Pfeilhagel trotzte.</p><p>�Ist das alles, was ihr k�nnt?� Er hob drohend seine Axt dem Wolkenschiff entgegen. Wie erwartet, erntete er als Antwort einen Schwarm Pfeile, die all ihre Durchschlagskraft verloren hatten, als sie weit um ihn herum niedergingen.</p><p>�Reiz die nicht, du verdammter Idiot!�, ert�nte Galars unverwechselbare Stimme.</p><p>Hornbori blickte �ber die Schulter zur�ck. Der Schmied und Nyr hatten es also geschafft, den Tentakeln zu entkommen. Das machte es umso wichtiger, dass er sich vor allen als furchtloser Held zeigte. Galar w�rde bestimmt gleich damit beginnen herumzuerz�hlen, wie er die beiden im Stich gelassen hatte. Aber wer w�rde Galar schon glauben, wenn alle sehen konnten, dass ihr Heermeister ein Held war?</p><p>Hornbori f�hrte ein paar provozierende Tanzschritte hoch oben auf dem erschlafften Tentakel aus. Dann drehte er dem Wolkenschiff den R�cken zu, beugte sich vor und zog die Hose hinab, um den Menschenkindern sein nacktes Hinterteil entgegenzustrecken.</p><p>Sein Auftritt verfehlte die gew�nschte Wirkung nicht. Seine Kameraden gr�lten vor Begeisterung, reckten ihre �xte in die H�he und schrien dem Wolkensammler Schm�hungen entgegen.</p><p>Hornbori zog seine Hose wieder hoch. Er schloss gerade den G�rtel, als ihn ein beklemmendes Gef�hl �berkam. Etwas war hinter ihm. Hastig drehte er sich um. Das Auge! Es hatte sich ihm bis auf einen Schritt gen�hert.</p><p>�Hab ich dich!�, zischte er, holte mit der Axt aus und machte einen Ausfallschritt. Sein Fu� trat mitten in einen Schleimhaufen. Er rutschte vorw�rts, vollf�hrte unfreiwillig fast einen Spagat und st�rzte dann vorn�ber den m�chtigen Tentakel hinab.</p><p>Hornbori fiel weich, auf sich windendes Fleisch. Sofort tastete er nach der Axt, die ihm entglitten war. Doch kaum, dass seine Finger den Schaft der Waffe umschlossen, schob sich ein Tentakel um seine Brust und zog sich zusammen wie die Schlinge eines Galgens.</p><p>Der Zwerg schrie auf, doch der Schrei blieb ihm schier in der Kehle stecken, als der Fangarm ihn immer fester umfing und hochhob. Seine Rippen knackten unter dem Druck. Zum Gl�ck hielt der Tentakel ihn dicht unter den Achseln umschlungen, und so konnte er seine beiden Arme relativ frei bewegen. In der Rechten hielt er seine Axt, die er gerade noch zu packen bekommen hatte.</p><p>Doch als Hornbori das Blatt der Klinge auf den Fangarm �ber seiner Brust setzte, z�gerte er�� Die Bestie hatte ihn schon mehr als zehn Schritt in die H�he gehoben. Wenn er den Muskel durchtrennte, der ihn hielt, w�rde er zu Tode st�rzen.</p><p>Der Tentakel schwenkte auf den Bereich unmittelbar unterhalb des Wolkenschiffes zu. H�hnische Rufe der Menschenkinder begleiteten ihn. Hornbori wollte etwas erwidern, aber der Druck auf seine Brust war so stark, dass er nur ein Fl�stern hervorbrachte. Jetzt �ffnete sich zu seinen F��en ein Schlund. Ein kreisrunder Abgrund, ges�umt von Z�hnen lang wie Krummschwerter. �Bitte lass das�, fl�sterte Hornbori. �Ich bring all meine M�nner von hier fort. Keiner wird je wieder seine Axt gegen dich erheben. Ich will dir auch nichts tun.�</p><p>Der Tentakel senkte sich der �ffnung entgegen.</p><p>�Hast du Angst vor der Axt? Ich schenk sie dir. Setzt du mich dann ab? Sieh her, ich will dir nichts tun!� In weitem Bogen warf er die Axt von sich. Sie wirbelte durch die Luft. Mit der Schneide voran traf sie den H�gel oberhalb des Fressschlunds. Ohne M�he durchdrang sie Haut und Knochen und versank im Kopf der Bestie.</p><p>Der Tentakel, der Hornbori hielt, zog sich in einem Krampf zusammen.</p><p>�Das�� das wollte ich nicht. Ich��� Knackend brach mindestens eine seiner Rippen. Dann pl�tzlich erschlaffte der Tentakel und sank kraftlos dem Fressschlund entgegen.</p></section><section><title><p>Ein ungutes Gef�hl</p></title><p>Artax landete nahe der kleinen Schar von Verteidigern, die von den Truppen der stolzen Stadt Asugar geblieben war. Ein drahtiger Krieger kam ihm entgegen. Der Mann hatte den Helm unter den Arm geklemmt. Sein graumeliertes Haar hing ihm nass in die Stirn. Artax kannte ihn. Arcumenna war einer der f�higsten Kriegsherren der sieben K�nigreiche.</p><p>�Gut, dass Ihr kommt, Unsterblicher!� Arcumenna wies zu den �brigen L�wen und B�ren, die gelandet waren. �Und danke, dass Ihr helft, meine Verwundeten in Sicherheit zu bringen.� Er seufzte. �Die Daimonen sind auch zur�ckgekehrt. Aber ihre Krieger sind genauso abgek�mpft wie meine M�nner. Wann werdet Ihr Eure Truppen landen, Unsterblicher Aaron? Ich m�chte Euch keine Ratschl�ge erteilen, aber wenn wir schnell angreifen w�rden, dann k�nnten wir sie sicherlich �berrumpeln.�</p><p>Artax traute seinen Ohren nicht. �Du willst weiterk�mpfen?�</p><p>�Ich habe noch nie einen greifbaren Sieg verschenkt�, entgegnete der Feldherr, und blanker Hass blitzte in seinen Augen. �Die Daimonen sind gekommen und haben meine Stadt niedergebrannt. Wenn wir sie daf�r bis auf den letzten Mann niedermetzeln, dann ist dies ein Zeichen f�r alle anderen, die Widerstand leisten. Wir zeigen den Z�gerlichen, dass die Daimonen nicht unbesiegbar sind. Nach der Katastrophe im Eis ist ein Sieg hier bei Asugar gar nicht hoch genug einzusch�tzen.�</p><p>Artax blickte �ber das Ruinenfeld. Kein Haus war unbesch�digt. Die halbe Stadt war unter den m�chtigen Fangarmen des Meerwanderers begraben. Einige seiner Glieder zuckten noch. Bald w�rde das Ungeheuer erwachen, und dann wollte er weit fort von diesem Felsen sein.</p><p>�Ich werde hier nicht weiterk�mpfen. F�r diese Ruinen werde ich nicht einen meiner M�nner opfern. Wenn das Ungeheuer wieder erwacht, dann kann es hier keinen Sieg mehr geben, dann kennt diese einsame Klippe im Meer nur noch Verlierer.�</p><p>�Eine Stunde, Unsterblicher. Gib mir deine M�nner nur f�r eine einzige Stunde���</p><p>Aus dem Augenwinkel sah Artax, wie ein beunruhigendes Zucken durch die Glieder des Meeresungeheuers lief. Es erinnerte ihn an einen Schl�fer, der unruhig tr�umte. �Nein, Feldherr. Die K�mpfe dieses Tages sind entschieden. Wir werden jeden mitnehmen, der diesen Felsen verlassen will, aber wir werden nicht den Daimonen entgegentreten. Warum bist du so versessen darauf zu k�mpfen? Das Ungeheuer wird deine M�nner niedermachen, wenn es erwacht. F�r sie gibt es dann kein Entrinnen mehr.�</p><p>�Das ist nicht dasselbe�, zischte der Feldherr. �Das ist���</p><p>�Es ist alles besprochen.� Artax wandte sich ab und ging zu seinen M�nnern, die sich um die Verwundeten k�mmerten. Er entdeckte Ashot unter ihnen. Sein Freund stand inmitten des Durcheinanders, erteilte mit ruhiger Stimme Befehle und ordnete das Chaos. Ashot hatte seine griesgr�mige Art nie ganz abgelegt, aber er hatte sich doch ver�ndert. Aus dem landlosen Bauern, der auf die Hochebene von Kush gekommen war, um in einer aussichtslosen Schlacht zu k�mpfen, war einer seiner f�higsten Berater geworden. Der einzige, der nie ein Blatt vor den Mund nahm.</p><p>�Arcumenna will weiterk�mpfen�, erkl�rte Artax.</p><p>�Der Kerl hat sich wohl sein Hirn weggesoffen!�, schnauzte Ashot. �Das soll der gr��te Feldherr unserer Zeit sein?� Er kniff die Augen zusammen und sah Artax durchdringend an. �Du wirst doch nicht etwa nachgeben und mit ihm in die Schlacht ziehen?�</p><p>�Ich hab mir mein Hirn noch nicht weggesoffen�, entgegnete Artax ruhig und lauschte kurz auf die h�mischen Kommentare der Stimmen in seinem Kopf. �Wie lange wirst du brauchen, bis wir alle oben an Bord haben?�</p><p>Ashot strich sich �ber die Stoppeln an seinem Kinn und sah zu den L�wen und B�ren, die von einigen Kriegern auf einen nahe gelegenen Marktplatz gewunken wurden, wo sie in unabl�ssiger Folge starteten und landeten. �Wenn Arcumenna mit seinen Kriegern hierbleiben will, werden wir sehr schnell fertig sein. Und selbst wenn er sich uns doch noch anschlie�t, werden wir weniger als eine halbe Stunde brauchen.�</p><p>Artax legte die Hand auf den Oberarm seines Freundes. �Es ist gut, dich zu haben.� Er warf einen besorgten Blick auf das Ungeheuer, das jetzt v�llig reglos dalag. �Pass auf dich auf, Ashot.�</p><p>Sein Gef�hrte wirkte �berrascht von so viel N�he. Dann verzogen sich seine Lippen zu einem sp�ttischen Grinsen. �Ich kann deinen Palast doch nicht Mataan �berlassen. Er w�rde ihn in ein Paradies f�r Schreiber und Linsenz�hler verwandeln. Wir kommen hier heraus�, setzte er mit fester Stimme nach. �Au�er den Trotteln, die nicht begreifen, wann eine Schlacht beendet ist.�</p><p>�Ich vertraue dir.� Artax wandte sich ab und ging zu seinem L�wen zur�ck. Er hatte ein ungutes Gef�hl. Das hier war zu leicht gegangen. Sie hatten dem m�chtigsten Ungeheuer Nangogs seinen Schatz gestohlen und dabei fast keine Verluste gehabt. Mit dem Traumeis w�rde er die Welt ver�ndern. So etwas hatte immer seinen Preis. So billig w�rde er nicht davonkommen. Wieder sah er zu dem Ungeheuer. Es lag ganz still. Einige der kleinen, gedrungenen Daimonen erklommen die W�lle aus Fleisch. Sie machten keine Anstalten, Arcumennas Krieger oder irgendjemand anderen anzugreifen. Es schien, als suchten sie nach etwas. Er w�rde sie im Auge behalten, entschied Artax, stieg in den Sattel und strich dem L�wen �ber die M�hne aus geh�mmertem Silber.</p><p>Er f�hlte sich ein wenig unwohl auf seinem neuen Reittier, das er anstelle des L�wen flog, der bei seiner ungl�cklichen Landung auf dem Flugdeck zerst�rt worden war. Bei dem Gedanken an die n�chste Landung �berlief ihn ein Schauer. Er griff nach dem Gurtzeug und schnallte sich an der hohen R�ckenlehne fest.</p><p>�Flieg!�, rief er mit fester Stimme.</p><p>In steiler Kurve strebten sie dem Himmel entgegen. Sie flogen so dicht am Wolkensammler vorbei, dass Artax sehen konnte, wie die Amphoren mit dem Traumeis unter der Aufsicht von Mataan sicher vert�ut wurden. Seine Leibwachen in ihren strahlend wei�en Umh�ngen umringten den Schatz.</p><p>Alles schien gut, und doch verlie� ihn seine Unruhe nicht. Er zog weite Schleifen um die Klippe und wartete auf weitere Anzeichen darauf, dass der Meerwanderer erwachte. Doch das Ungeheuer blieb regungslos.</p><p>Zufrieden sah Artax, wie Arcumenna und seine Krieger sich nun doch zum Wolkenschiff hinauftragen lie�en. Nur eine kleine Schar von K�mpfern wartete noch auf dem Marktplatz. Und die Daimonen unternahmen nichts, um ihren R�ckzug zu behindern. Alles w�rde gut laufen! Artax f�hlte sich unendlich erleichtert.</p><p>Da bemerkte er die Frau an der Steilwand. Ihr langes, blondes Haar wehte im Seewind zur Seite. Sie stieg mit gro�em Geschick zwischen den Fangarmen die Steilwand hinauf. Immer wieder sah sie dabei nach oben. Ihr schien bewusst zu sein, dass das gro�e Wolkenschiff bald ablegen w�rde. Mit aller Kraft versuchte sie es noch zu erreichen.</p><p>Ashot hob als Letzter vom Marktplatz ab. Schon l�sten sich die ersten Tentakel von <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont</emphasis>. Die Fangarme, mit denen er seinen Bruder, den Meerwanderer, mit blauen Blitzen traktiert hatte, bis er bewusstlos geworden war.</p><p>Artax brachte den L�wen n�her an die Klippe heran und winkte der Frau zu. �Dort vorne!� Er deutete auf ein Sims, das aussah, als w�re es einmal eine von Mauern ges�umte Terrasse gewesen. Dort w�rde er mit ein wenig Gl�ck seinen L�wen landen k�nnen.</p><p>Die Frau schien verstanden zu haben. Sie �nderte die Richtung. Bald stand sie auf dem Sims, zwischen m�chtigen Tentakeln, die sich durch eine Fensterfront tief ins Innere des Felsens streckten.</p><p>Artax flog so dicht wie m�glich an den Fels heran, doch sein silberner L�we scheute zur�ck. Er hatte Angst, mit den Fl�geln den Stein zu streifen. Es war aussichtslos, hier konnten sie nicht landen. Und zu warten, bis die Frau hinauf in die Stadt geklettert war, w�re t�richt. Er durfte nicht das Leben aller gef�hrden, um eine Einzige zu retten.</p><p>Die Frau hob flehend die H�nde und rief etwas, das er nicht verstand. Dann pl�tzlich rannte sie auf ihn zu. Voller Todesverachtung sprang sie vom Sims. Sie ruderte mit Armen und Beinen durch die Luft. Artax dr�ngte seinen L�wen etwas n�her an die Steilwand. Funken spr�hten von der Fl�gelspitze, als ihr Metall kreischend �ber das Gestein streifte.</p><p>Die Frau sprang zu kurz. Sie verfehlte den Sattelknauf, nach dem sie hatte greifen wollen. Ihre Augen begegneten einander. In ihrem Blick lag keine Angst. Nur Entschlossenheit.</p><p>Ihre rechte Hand bekam Artax� Stiefel zu packen. Er beugte sich so weit es ging hinab, streckte ihr den Arm entgegen. Die zweite Hand der Frau packte nach Artax� Bein. Mit erstaunlicher Kraft zog sie sich hoch, ergriff seine Hand und zog sich hinter ihn in den Sattel.</p><p>Artax atmete erleichtert auf, zog am Z�gel und lie� den L�wen in Richtung des Flugdecks abdrehen.</p><p>�Du bist wirklich besonders�, rief er der Frau zu, die nun hinter der hohen R�ckenlehne seines Sattels au�erhalb seines Gesichtsfelds sa�. Ihren rechten Arm hatte sie um seine Brust geschlungen. Ihre Haut war ungew�hnlich wei�.</p><p>�Ich danke Euch, Unsterblicher.�</p><p>Artax richteten sich die Haare im Nacken auf. Etwas an dieser Stimme war seltsam. Ihre Sprachmelodie eigenartig�� Und wie kam es, dass eine einfache Frau aus einer valesischen Stadt in der Zunge Arams sprach?</p><p>Vielleicht war sie eine Adelige, dachte er und verdr�ngte sein Unbehagen. Dies war nicht der Tag, sich �ber Bagatellen den Kopf zu zerbrechen. Es war der Tag, an dem ein neues Zeitalter f�r Nangog anbrach.</p><p>Und doch. Ein Rest Unbehagen blieb. Wieder blickte er auf den seltsam bleichen Arm. Sie hat wohl fern der Sonne in den H�hlen der Stadt gelebt, sagte ihm sein Verstand.</p><p>Sie l�ste ihre Umklammerung. Warum? Warum verlie� ihn dieses ungute Gef�hl nicht?</p></section><section><title><p>Den Dolch in der Hand</p></title><p>Nandalee tastete nach dem Dolch, den Nodon ihr gegeben hatte. Ihr Retter war der Unsterbliche Aaron, der Mann, den die Himmelsschlangen f�r den gef�hrlichsten unter den Herrschern Daias hielten. Sie waren sich im Luftkampf begegnet. Erstaunlich, dass er sie nicht wiedererkannt hatte. Doch wie sah sie jetzt auch aus�� mit zerzaustem Haar, einem zerrissenen und blutbesudelten Kleid. Von der stolzen Drachenelfe, die ihm vor weniger als einer Stunde auf ihrem Pegasus begegnet war, war nicht mehr viel geblieben.</p><p>Sie hatte ihre Hand von seiner Brust nehmen m�ssen. Zu unangenehm war es, die Magie der Devanthar zu sp�ren, die in seine R�stung gewoben war. Sie brannte schon in ihren Beinen, dort, wo ihre nackte Haut das Metall des silbernen L�wen ber�hrte. Diese Zauber waren ganz anders als die Magie Albenmarks. Sie strebten nach Herrschaft, nicht nach Harmonie.</p><p>Sie hatte auch die Schwachstelle der R�stung gesp�rt. Unter der Achsel. Dort w�rde Nodons Dolch die N�hte im Leder durchdringen k�nnen. Ihre Klinge konnte das Herz des Unsterblichen erreichen.</p><p>Nandalee sp�rte, wie ihre Hand, die den Griff der Waffe umschloss, zu schwitzen begann. Ein Dolchsto�, und die Geschichte dreier Welten w�rde einen anderen Verlauf nehmen. F�r Albenmark w�re es ein gro�er Sieg. Und f�r Meliander w�rde es bedeuten, auf immer verst�mmelt zu bleiben.</p><p>Die Elfe blickte an der hohen Lehne des Sattels vorbei zu dem Deck, auf dem sie jeden Augenblick landen w�rden. Sie sah die Amphoren, die dort vert�ut waren. Und sie sah all die silbernen B�ren und L�wen. Und die Krieger mit den wehenden Umh�ngen. Vielleicht h�tte sie sich mit Todbringer einen Weg bis zum Traumeis freik�mpfen k�nnen, aber nur mit einem Dolch bewaffnet��</p><p>Der L�we setzte hart auf dem Deck des Wolkenschiffs auf. Nandalee ruckte nach vorne und schlug gegen die Sattellehne. Leicht benommen glitt sie vom R�cken des silbernen Raubtiers. Es war so nah, das Traumeis, und doch unerreichbar.</p><p>Der Unsterbliche sah sich nach ihr um. Sie verbeugte sich vor ihm. �Danke, Herr! Ich werde nun nach �berlebenden meiner Familie suchen. Vielleicht���</p><p>�Kann ich dir helfen? Soll ich jemanden rufen, der���</p><p>Sie hob abwehrend die Hand. �Nein, Herr. Ihr habt schon so viel getan.� Sie kniete nieder und k�sste den Saum des Rocks, den er zu seiner wei�en Lederr�stung trug. �Danke.�</p><p>Er griff sie sanft bei den Schultern und half ihr auf. �Du bist sicher, dass du alleine zurechtkommst?�</p><p>Seine Augen! Darin lag echtes Mitgef�hl, dachte Nandalee �berrascht. Aaron nahm tats�chlich Anteil am Schicksal einer unbedeutenden Frau. Pl�tzlich war sie froh, dass sie den Dolch nicht benutzt hatte. Er verdiente es zu leben.</p><p>�Ich danke Euch, Herrscher aller Schwarzk�pfe.�</p><p>Er l�chelte, als sie seinen formalen Titel nannte. �Verlange, vor mich gef�hrt zu werden, wenn du doch noch Unterst�tzung brauchst.� Er strich �ber eine ihrer von geronnenem Blut verklebten Locken. �Sagt den Palastwachen, die Frau mit dem Goldhaar verlangt vorgelassen zu werden. Ich werde mich an dich erinnern.�</p><p>Hinter ihnen wurde hitzig debattiert. Ein drahtiger Krieger in der R�stung eines Feldherrn stand vor dem Unsterblichen Volodi und forderte energisch Kr�ge voller �l.</p><p>Aaron sah in Richtung der beiden. �Ich f�rchte, ich muss einen aufziehenden Krieg schlichten. Lebe wohl.�</p><p>Nandalee war erleichtert, als er ging. Was hatte er in ihr gesehen? Sie durfte keine Aufmerksamkeit erregen und hatte doch das genaue Gegenteil erreicht. Die Elfe war sich bewusst, dass auch andere M�nner auf dem Flugdeck sie anstarrten. Erkannten sie, was sie war?</p><p>Das konnte nicht sein�� es lag kein Hass in diesen Blicken. Da war Begehren, Sehnsucht, Melancholie�� Aber kein Hass. Und dann begriff sie. Sie war eine Frau und noch dazu mit goldenem Haar! Diese Blicke w�rden ihr folgen, ganz gleich, wohin sie an Bord des Wolkensammlers ging.</p><p>�Darf ich dich zu den anderen Geretteten bringen?�, fragte ein stoppelb�rtiger Mann mit m�den Augen. Auch er trug die pr�chtige R�stung eines Heerf�hrers. �Sie befinden sich auf dem oberen Deck.� Er deutete in Richtung einer schmalen Wendeltreppe, die hinauff�hrte.</p><p>�Danke, Herr. Ich�� Bitte, habt Ihr vielleicht ein Tuch, mit dem ich meine Haare bedecken kann?�</p><p>�Deine Haare sind wundersch�n. Warum willst du sie verstecken? In dem Land, in dem ich lebe, gilt goldenes Haar als ein Geschenk der G�tter.�</p><p>�Aber manche hier sehen mich an, als w�re ich eine Hure. Ich�� ich m�chte es verstecken.�</p><p>Wortlos nahm er seinen Umhang ab und reichte ihn ihr. Er war aus fein gewobenem, wei�em Leinen mit einem breiten, purpurnen Streifen am Saum. Nandalee fluchte innerlich. Mit diesem Umhang w�rde sie kaum weniger Aufsehen erregen als mit ihren goldenen Locken. Sie nahm das Geschenk, legte den Umhang wie ein Kopftuch �ber ihr Haupt und faltete den Saum nach innen. �Dank, Herr�, fl�sterte sie unterw�rfig.</p><p>Der Feldherr geleitete sie noch bis zur Treppe, doch dr�ngte er sich ihr nicht auf.</p><p>Eilig stieg sie die Stufen hinauf. Ihr G�nner folgte ihr nur mit Blicken. Das Oberdeck war dicht gedr�ngt von Menschen. Voller Beklommenheit sah Nandalee die Tentakel, die sich knapp zwei Schritt �ber den H�uptern der Menschenkinder wanden. Niemand au�er ihr schien den Fangarmen des Ungeheuers, welches das Wolkenschiff trug, Beachtung zu schenken.</p><p>Es waren nicht viele Frauen an Bord. Bald fand sie eine gespr�chige Wirtin, die ihr lange ihr Leid �ber ihre verlorene Schenke klagte. Mit ihr tauschte Nandalee ihren pr�chtigen Umhang gegen eine fadenscheinige braune Decke. Dann zog sich die Elfe ans andere Ende des Decks zur�ck, kauerte sich zwischen fest vert�ute Vorratsf�sser und versuchte, niemandes Aufmerksamkeit zu erwecken.</p><p>Ihre Gedanken waren bei Meliander. Sie war dem Traumeis so nahe! Ein wenig Geduld noch. Bei Nacht w�rde sie wieder auf das Flugdeck steigen. Es musste ihr gelingen, wenigstens einige dieser Kristalle zu stehlen. Die Nacht w�rde ihre Verb�ndete sein.</p></section><section><title><p>Der letzte Akt</p></title><p>�So werden wir Asugar nicht verlassen!�, herrschte Arcumenna Volodi an.</p><p>Artax war verbl�fft, was der Feldherr sich seinen Rettern gegen�ber herausnahm. Gerade erst war der Valesier an Bord des Wolkenschiffes, und schon lag er in Streit mit einem der Unsterblichen, die ihn gerettet hatten.</p><p>�Kann ich helfen?�, fragte Artax h�flich.</p><p>�Das hoffe ich doch!�, entgegnete Arcumenna ohne Umschweife. �Ich kenne Euch als einen Mann von Ehre. Ihr werdet mein Anliegen verstehen. Dort unten auf der Klippe vor der Einfahrt zum H�hlenhafen liegt ein toter Drache. Ich bin mir sicher, wenn wir fort sind, werden seine Drachenbr�der die Leiche bergen.�</p><p>Artax konnte sich das nicht vorstellen. F�r ihn waren Drachen nichts als riesige Raubtiere. Doch gl�cklicherweise hatte er mit ihnen auch noch nicht viel zu tun gehabt.</p><p>�Wir uns haben schon abgelegt�, wandte Volodi ein.</p><p><emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont</emphasis> hatte zwar noch nicht begonnen, mit seinen m�chtigen Schwingen zu schlagen, doch drifteten sie bereits von dem steilen Felsen fort, auf dem Arcumennas zerst�rte Stadt lag.</p><p>�Lass ihm seinen Willen�, entschied Artax. Es war besser, sich Arcumenna gewogen zu halten. Der Feldherr w�rde in k�nftigen Kriegen eine bedeutendere Rolle spielen als der Unsterbliche, dem er diente. Ansur, das Lebende Licht, war ein Mann, der mehr Enthusiasmus f�r Kunst aufbrachte als f�r die Feldz�ge auf Nangog. Arcumenna war der Mann, der von Bedeutung war, wenn er Valesias Unterst�tzung im Krieg suchte.</p><p>Artax sah Volodi deutlich an, dass er gar nichts von dieser Entscheidung hielt. Widerwillig nickte der Drusnier. Dann trat er an die Reling und strich �ber eine der Wurzeln des Schiffsbaums, die sich um den Handlauf wand. Nur Augenblicke sp�ter �nderte der Wolkensammler, schwer mit seinen Fl�geln schlagend, den Kurs. Das gro�e Himmelsschiff schwang herum und n�herte sich der Hafeneinfahrt.</p><p>��berlasst ihnen zehn Amphoren mit �l�, befahl Volodi seinen M�nnern. �Bringt eine Feuerschale und Lumpen.�</p><p>Arcumenna verneigte sich steif. �Danke. Das ist das erste Mal, dass ich mich bei einem Drusnier f�r irgendetwas bedanke. Diese Drachen zu verbrennen bedeutet mir viel.�</p><p>�Ist sich das erste Mal, dass ich mich einem Valesier tue einen Gefallen�, entgegnete Volodi frostig. �Und es wird sich ganz sicher nicht geschehen schnell ein zweites Mal.�</p><p>Artax schob sich zwischen die beiden. �Fackeln wir die Drachen ab und hoffen wir, dass wir den Sohn der G�ttin mit dem Feuer nicht aufwecken.�</p><p>Arcumenna hatte viele Jahre lang die Truppen Valesias entlang der Grenze zu Drusna befehligt und hatte Dutzende gl�nzende Siege errungen. Kaum ein Mann war im Waldk�nigreich so verhasst wie er. Vielleicht w�rde diese Geste helfen, alte Wunden zu heilen.</p><p>Die angefragten Amphoren waren nicht sonderlich gro�. Kaum l�nger als ein Unterarm. �Wickelt Lumpen darum�, befahl Volodi seinen M�nnern, die dem Befehl nur widerstrebend nachkamen.</p><p>Arcumennas Krieger hatten sich dicht um ihren Anf�hrer geschart. Sie beobachteten die Drusnier misstrauisch. Der Feldherr selbst �ffnete vorsichtig die letzte Amphore. Er tr�nkte die Lumpen, die um die Tongef��e gewickelt worden waren, mit �l.</p><p>Eine Kupferschale auf einem Dreibein wurde herangebracht. Gl�hende Kohlen schwelten darin.</p><p>Arcumenna w�hlte einige seiner M�nner aus. Sie hoben die Amphoren auf die Reling des Flugdecks. �Unsterbliche?� Der Feldherr sah zu Volodi, dann zu Artax. �Wollt Ihr an diesem letzten Akt der Schlacht um Asugar teilhaben?�</p><p>�Ja!�, sagte Artax, bevor Volodi irgendeine Dummheit machen konnte. Er packte den Drusnier beim Arm und nahm ihn mit zur Reling. �Das ist Diplomatie�, fl�sterte er seinem Freund ins Ohr. �Versuche zu l�cheln und mach das Beste daraus.�</p><p>�Ich schei� mich auf verlogenes L�cheln und Heuchelei�, brummte Volodi, doch er kam mit.</p><p>Artax griff nach dem �lgl�nzenden Henkel einer Amphore. Unter ihnen lag das Riff mit dem Kadaver.</p><p>�Fackeln!�, befahl Volodi.</p><p>Einige Drusnier hielten Fackeln in das Kohlebecken. Als Flammen nach dem mit schwarzem Pech bestrichenen Stroh leckten, reichten sie sie an die Valesier weiter.</p><p>�Du hast Feuer in unsere Stadt getragen�, rief Arcumenna mit lauter Stimme. �M�ge das Feuer nun dich verschlingen!� Er hielt die Fackel an die Lumpen seiner Amphore und stie� sie von der Reling, sobald die Flammen �bergesprungen waren.</p></section><section><title><p>Himmelsfeuer</p></title><p>Nodon griff nach dem muschelverkrusteten Fels und zog sich aus dem Wasser. Er war zu der m�chtigen Klippe geschwommen, um sie zu erklimmen und nach Nandalee zu suchen. Sie war bei ihrem Aufstieg in der Steilwand bald aus seinem Sichtbereich geraten. Er hoffte inst�ndig, dass sie es nicht an Bord des Wolkensammlers geschafft hatte und dass er sie oben in den Ruinen finden w�rde. Eleborns Wunden waren f�rs Erste versorgt. Er lag vor der Sonne und den Blicken der Menschenkinder verborgen unter den Schwingen des toten Drachen und war eingeschlafen. Er w�rde f�r ein paar Stunden keine Hilfe mehr ben�tigen.</p><p>Mit Befremden sah er, wie das gro�e Wolkenschiff der Menschenkinder seinen Kurs �nderte. Sie hielten auf ihn zu. Das konnte nicht sein! Es musste einen anderen Grund f�r den Kurswechsel geben. Sie konnten ihn doch unm�glich gesehen haben�� Nicht auf diese Entfernung��</p><p>Er stieg ganz auf den Felsen, um den Haien zu entgehen. Seine ganze Aufmerksamkeit war bei dem Wolkenschiff. Keine Flieger schw�rmten von dort aus. Aber eine Gruppe von Kriegern stand an der Reling des unteren Decks. Es war erstaunlich, wie schnell der gefl�gelte Wolkensammler n�her kam.</p><p>Jetzt hoben die Menschenkinder irgendwelche Gef��e auf die Reling. Der Wolkensammler flog etwas mehr als hundert Schritt hoch. Ein paar Augenblicke noch, und er h�tte ihn erreicht. Nodon entschied sich, ins Wasser zu springen. Trotz der Haie. Dort w�re er ein schwerer zu treffendes Ziel, sollte es tats�chlich um ihn gehen.</p><p>Kaum im Wasser, tastete er nach seinem Messer und fluchte. Es war bei Nandalee! Vorhin, als er zur Steilklippe geschwommen war, hatte er die Haie einfach gemieden. Er hatte sich ruhig bewegt, ihnen seine ganze Aufmerksamkeit geschenkt und hatte kein Messer ben�tigt. Aber jetzt�� Er sah zum Wolkenschiff auf. Die Sonne stand hinter dem schwebenden Ungeheuer. Der Schatten des Schiffes hatte ihn schon erreicht. Pl�tzlich st�rzten brennende Tonkr�ge �ber die Reling.</p><p>�Eleborn!�, schrie Nodon und schluckte Salzwasser.</p><p>Krachend zerplatzten die Amphoren auf dem Riff und dem Kadaver des toten Sonnendrachen. Das �l entflammte an den brennenden Stofffetzen, mit denen die Gef��e eingewickelt gewesen waren. Nun wurden auch noch Fackeln von Bord des Schiffes geworfen, um das �l weiter zu befeuern.</p><p>Nodon schwamm jetzt, ohne auf die Haie zu achten. �Eleborn!�</p><p>Er sah, wie sich etwas unter den ledernen Schwingen bewegte, dann versperrte ihm eine Flammenwand die Sicht.</p><p>Speere stie�en um ihn herum in die See. Die Krieger auf dem Wolkensammler hatten ihn entdeckt. Er fing eine der Waffen im Flug, zerbrach den Schaft und behielt das Stichblatt. Das war kein Vergleich zu seinem Dolch, aber es war zumindest eine Waffe.</p><p>Auf dem Riff inmitten des tosenden Feuers erschien eine schwankende Gestalt. Eleborn benutzte Todbringer als Kr�cke. Seine Kleider standen in Flammen. Sein langes Haar war verschwunden. Das Gesicht entstellt. Dicht neben ihm schlug ein Speer auf den Fels. Der Drachenelf achtete nicht darauf. Er machte noch einen Schritt, dann lie� er sich aus dem lodernden Feuer ins Wasser fallen. Doch selbst da war er nicht in Sicherheit. Ein Teil des �ls war von dem Riff gelaufen und trieb in brennenden Lachen auf der Oberfl�che der See.</p><p>Nodon tauchte. Er sah seinen Gef�hrten in die Tiefe trudeln. Eleborn machte gar nicht erst den Versuch zu schwimmen. Er lie� sich sinken.</p><p>Entschlossen folgte ihm Nodon, schwamm mit kr�ftigen Z�gen dem Dunkel entgegen, und dann sah er den Hai. Zu nah. Er wollte ein Wort der Macht rufen, doch seinem Mund entstiegen nur Luftblasen. Eleborn weitete die Arme. Es sah aus, als w�rde er die Bestie erwarten. Ganz ruhig trieb er im Wasser. Ein Flehen lag in seinen Augen.</p><p>Der Hai drehte ab. Nodon griff nach der Hand seines Gef�hrten. Er zog ihn hinauf, bis sie beide prustend die Wasseroberfl�che durchbrachen. Sie waren auf halbem Weg zwischen dem Riff und dem Eingang zum Grottenhafen. Ein St�ck entfernt trieb brennendes �l. Der Wolkensammler hatte abgedreht und flog gen Norden.</p><p>�Warum?�, keuchte Eleborn. �Warum kannst du mich nicht gehen lassen?�</p><p>�Weil wir Drachenelfen sind.�</p><p>�Das bin ich nicht mehr. Sieh mich doch an. Mir ist ein Bein abgebissen. Ich bin verbrannt. Ich�� Lass mich. Mein Weg endet hier. Gib mich frei, auf dass ich wiedergeboren werde und ein neues, ein besseres Leben beginnen kann.�</p><p>Nodon hielt ihn fest und zog ihn mit sich. Dabei achtete er argw�hnisch auf die Haie.</p><p>�Bitte, Nodon. Lass mich zur�ck!�</p><p>�Ich kann nicht. Wir sind zu wenige. Es kommt auf jeden von uns an.�</p><p>Die Menschen hatten das Traumeis. Sie w�rden sich Nangog nehmen, da war er sich sicher. Und dann w�rden sie nach Albenmark greifen. Ihre Welt w�rde bald alle ihre Krieger brauchen.</p></section><section><title><p>S�belz�hne</p></title><p>Dieses Vieh hatte Mundgeruch. Hornbori versuchte, den Atem anzuhalten. Im Vergleich zu diesem Gestank war ein Ziegenfurz das reinste Duftwasser. Beklommen sah er in den Schlund. Sah die rotierenden Zahnreihen. Wieso h�rte das nicht auf? Seine Axt hatte getan, wozu sie erschaffen war. Sie hatte dem Ungeheuer den Sch�del gespalten. Zumindest hatte es so ausgesehen�� Wenigstens ein kleines bisschen. Bei diesem Riesensch�del br�uchte man eigentlich eine Axt mit einer Schneide lang wie ein Galeerenrumpf. Dennoch sollte das Ungeheuer tot sein��</p><p>Der Tentakel, der ihn umschlungen hielt, ruckte leicht. Hornbori sackte ein St�ck tiefer in den Schlund. Er zog die Beine an. Zwei Handbreit trennten ihn noch von diesen Z�hnen. Gro� wie Krumms�bel zuckten sie vor und zur�ck. Ihre Spitzen waren nach unten gebogen. Was sie zu packen bekamen, das zerrten sie immer tiefer hinab in den Fressschlund des Meerwanderers. Sie durchbohrten, durchtrennten, zerst�ckelten und bef�rderten abw�rts.</p><p>Hornbori sp�rte, wie sich die Schlingen des Tentakels lockerten, der ihn umwunden hielt. �Bitte nicht�, fl�sterte er. �Bitte��� Eben noch hatte der Fangarm ihn so fest umklammert, dass er ihm mindestens eine Rippe gebrochen hatte. Jetzt w�rde Hornbori alles daf�r geben, dass es wieder so war. Wer brauchte schon gesunde Rippen��</p><p>Deutlich sah er einen halben silbernen B�renkopf auf einem der S�belz�hne im Schlund. Er hatte das dicke Blech so leicht durchschlagen, als w�re es nur ein St�ck morsches Pergament. Der Zwerg stellte sich vor, was diese Z�hne mit seinem Leib anstellen w�rden.</p><p>Wieder ruckte es, und er glitt etwas tiefer. Gleich w�rde es nicht mehr helfen, dass er die Beine angezogen hielt. Seine Oberschenkel brannten, so sehr waren seine Muskeln angespannt. Er tastete nach dem Fleisch des Schlunds. Es war fest, glatt und voller Schleim. Sosehr er sich abm�hte, er fand keinen Halt.</p><p>Hornbori hob die Arme und griff nach dem Tentakel, der ihn hielt. Das Fleisch war weicher, doch auch hier gab es keinen Halt. Der Fangarm war mit einer d�nnen Schicht durchsichtigen Schleims �berzogen. Hornbori wusste, dass er langsam abrutschen w�rde.</p><p>Immer mehr lie� die Umklammerung nach.</p><p>�Bitte, ihr Alben�, flehte er leise. �Wenn ihr mich jetzt rettet, dann werde ich mein Leben ganz eurem Ruhme widmen. Bitte helft mir hier heraus! Ich werde tapfer sein und euer willf�hrigster Diener. Was wollt ihr, ich werde alles���</p><p>�Du k�nntest mir die Schei�e, in die ich gelatscht bin, vom Stiefel lecken.�</p><p>Sprachen die Sch�pfer zu ihm? So? Hornbori blickte auf und sah Galar �ber sich am Rand des Fressschlundes stehen. �Den Alben sei Dank!�</p><p>�Ich glaube, du irrst dich gerade. Mich haben ganz gewiss nicht unsere Sch�pfer geschickt.� Galar setzte die Schneide seiner Axt auf den d�nnen Tentakel, der Hornbori hielt. �Du hast mich einmal zu oft hintergangen, Schisser. Uns einfach im Stich gelassen, als wir dich gerettet haben, du Drecksack! Es wird mir eine Freude sein zu sehen, wie diese Z�hne dich in kleine St�cke s�beln, wenn du st�rzt.�</p><p>Der Tentakel gab nach, ohne dass die Schneide der Axt ihn ber�hrt hatte. Hornbori sackte nach unten. Ein Zahn schlitzte eine Stiefelsohle und riss sie fort. Der scharfe Zahn hatte auch seinen Fu� aufgeschnitten. Hornbori kreischte auf.</p><p>�Galar, was machst du da? Du kannst doch nicht��� Nyr packte die Axt des Schmieds und entwand sie seinem Griff.</p><p>�Der hat uns zum Verrecken zur�ckgelassen. Nun sehe ich ihm dabei zu, wie er draufgeht.�</p><p>�Das hast du falsch verstanden�, rief Hornbori. �Du��� Der S�belzahn unter ihm zog eine zweite, blutige Furche durch seine Fu�sohle. �Bitte�� Ihr k�nnt doch nicht���</p><p>Nyr griff nach dem Tentakel, an dem Hornbori hing, und versuchte, ihn hinaufzuziehen. Der glitschige Muskelstrang glitt ihm durch die H�nde.</p><p>�Er wusste, dass wir dort fortkommen�, sagte Nyr voller �berzeugung. �Er kennt uns. So lange k�mpfen wir nun schon zusammen. Hornbori wusste, dass er oben gebraucht wurde. Er war es, der die Schlachtlinie der Menschenkinder aufgebrochen hat. Frag Ulur oder Ginnar, wenn du mir nicht glauben willst.�</p><p>�Das ist sicherlich nur geschehen, weil er beim Weglaufen nicht rechtzeitig anhalten konnte�, knurrte Galar.</p><p>�Bitte! H�rst du dich reden?� Nyr versuchte erneut, den Tentakel hinaufzuziehen. Diesmal gelang es ein wenig besser, und als der S�belzahn zum dritten Mal nach Hornboris Fu� schnappte, verfehlte er ihn knapp.</p><p>�Nyr hat recht! H�r ihm zu! Wir mussten es hinauf auf das Plateau schaffen, um den Tentakeln zu entkommen�, schrie Hornbori.</p><p>�Hast du nicht gesehen, wie er mit letzter Kraft seine Axt nach dem Ungeheuer geschleudert hat, statt sich zu retten?�, sagte Nyr nun.</p><p>�Das hat nur so ausgesehen�, schnauzte Galar. �Sie ist ihm bestimmt nur aus den H�nden geglitten���</p><p>�Red keinen Stuss! Du hast genauso gut wie ich gesehen, dass die Axt in weitem Bogen geflogen ist. Jetzt pack an und rette den gr��ten Helden von Albenmark.�</p><p>�Ich���</p><p>Ulur, Ginnar und noch andere Zwerge erschienen am Schlund.</p><p>�Verdammte Koboldkacke!� Ginnar warf sich auf den Bauch und griff mit beiden H�nden nach dem Tentakel. �Los, alle zusammen. Holen wir ihn da hoch!�</p><p>Etliche H�nde griffen nach dem Tentakel. Endlich ging es aufw�rts. Hornbori h�tte vor Erleichterung weinen m�gen. Er streckte beide H�nde nach oben. Ulur und Nyr ergriffen sie und zogen ihn ganz aus dem Schlund.</p><p>�Das war der verdammt beste Kampf, den ich je gesehen habe!� Ginnar klopfte ihm anerkennend auf die Schulter. �Ich muss gestehen, dass ich alle Hoffnung aufgegeben hatte. Ich hab gedacht, dass nichts dieses Biest umbringen k�nnte.�</p><p>�Ich hab deine Axt zur�ckgeholt.� Ulur hielt ihm die Waffe entgegen. Erst jetzt bemerkte Hornbori, dass der Seefahrer �ber und �ber mit Blut und einer schlierigen roten Masse bedeckt war.</p><p>�Hast dem Biest das Hirn zerschnibbelt�, erkl�rte Ulur breit grinsend. �Steckte ganz sch�n tief in der Matsche, deine Axt.�</p><p>Hornbori gaben die Knie nach. Er konnte kaum fassen, dass er dem Schlund des Ungeheuers entkommen war.</p><p>�Na, nach so einem Abenteuer ist man entweder blass um die Nase oder nass um die Blase.� Ginnar klopfte ihm schon wieder auf die Schulter. �Los, bringen wir unseren Helden nach unten!�</p><p>Bevor Hornbori etwas einwenden konnte, packten ihn Nyr, Ginnar und Ulur und hoben ihn sich auf die Schultern. Auf gewundenen Wegen trugen sie ihn �ber das Gewirr toter Tentakeln hinweg zu dem Marktplatz, auf den er getreten war, als er das Labyrinth aus Tunneln, Grotten und H�hlen hinter sich gelassen hatte. Dort waren die letzten �berlebenden seiner Heerschar versammelt. Nicht einmal f�nfzig Mann hatten es geschafft. Aber sie begr��ten ihn mit freudigen Rufen.</p><p>�Heil, Hornbori, dem Heermeister und Siegbringer!�, schrie Ginnar, und alle �berlebenden Krieger stimmten in den Jubelruf ein. Nur Galar hielt sich abseits und betrachtete ihn misstrauisch.</p><p>Ihn w�rde er auch noch �berzeugen, dachte Hornbori. Er sah seinem Gef�hrten an, dass er sich selbst nicht mehr ganz sicher war. Sein Zorn br�ckelte.</p><p>Inmitten der Zwergenschar wurde er abgesetzt. Alle dr�ngten sich um ihn, klopften ihm auf die Schultern oder knufften ihn in die Seite. Hornbori genoss es. Er hatte den Zenit seines Ruhmes erreicht. Er hatte�� Pl�tzlich wurde es still. Die M�nner erstarrten. Sie blickten auf etwas, das hinter ihm war.</p><p>Die F�uste des Heermeisters schlossen sich fester um den Schaft der blutbesudelten Axt. Warum konnte es nicht einfach vorbei sein? Alles war so gut gelaufen. Zumindest zuletzt. Mit einem tiefen Seufzer drehte er sich um und sah ein neues Ungeheuer. Ein Weib, halb Schlange, halb Elfe, wand sich ihnen entgegen. Sie war gro� und bewegte sich mit der Gewandtheit einer erprobten K�mpferin.</p><p>Die Schlangenfrau verharrte etwa zwanzig Schritt entfernt und deutete eine Verbeugung an. �Im Namen meines Herrn gr��e ich Euch, Heermeister, und gratuliere Euch zu Eurem strahlenden Sieg. Ihr habt gerettet, was verloren schien, und get�tet, was un�berwindlich war. An diesem Tag seid Ihr zur Legende geworden.�</p><p>Hornbori r�usperte sich. Es war ja nett, was diese Schlange so erz�hlte, doch h�tte er sich deutlich wohler gef�hlt, wenn er gewusst h�tte, wer sie war. �Im Namen welches Herrn sprecht Ihr?�</p><p>Sie drehte sich um und gab ein Zeichen. Darauf erschien eine zerlumpte Gestalt zwischen den Ruinen. Hinkend kam sie n�her. Ein Elf. Solaiyn.</p><p>Er war nur noch ein Schatten seiner selbst. Alle Arroganz war verschwunden, sein Glanz verblichen. �Sie spricht wahr, sie ist meine Leibw�chterin, und das schon seit dem Feldzug im Eis. Ich habe sie stets verborgen gehalten, da ich bef�rchtete, dass ihr Anblick nicht in jedem Herzen Freude erweckt.�</p><p>Das war die Untertreibung des Tages, dachte Hornbori und ma� die Schlangenfrau erneut mit Blicken. Sie wiegte sanft ihren Oberk�rper, wirkte angespannt und stets auf der Hut.</p><p>�Wo steckt denn Euer roter Elf?�, fragte Ginnar herablassend. �Ist er mit all den anderen unter Eurem Kommando im Hafen verbrannt?�</p><p>�Er hat �berlebt. Er verlie� mich, um neuen Befehlen der Himmelsschlangen zu folgen.�</p><p>�W�re hilfreich gewesen, wenn sich die Himmelsschlangen mal h�tten blicken lassen�, mischte sich Galar ein. Der Schmied stapfte heran und baute sich mit in die H�ften gestemmten H�nden vor dem Elfen auf. �Es ist leicht, aus der Ferne Befehle zu erteilen. Viel leichter, als Feuer unter dem Arsch gemacht zu bekommen, fast zerquetscht zu werden und bis zu den Kn�cheln im Blut zu waten. Wo sind die Drachen, wenn man sie braucht? Kaum hatten sie drei Tote, sind sie vom Schlachtfeld geflohen.� Er spuckte aus. �Elende, hochn�sige Schisser sind sie. Ich kenne Kobolde, die sich mutiger in der Schlacht geschlagen haben. Und am schlimmsten von allen sind die Himmelsschlangen. Sie trauen sich nicht einmal in diese Welt. Sieh uns an, Elf. Nur jeder Zehnte von den M�nnern, die hierherkamen, lebt noch. Und sind wir fortgelaufen? Sag mir also, Elf, warum sollten wir je wieder akzeptieren, von Feiglingen in die Schlacht gef�hrt zu werden? Ganz gleich, ob sie nun spitze Ohren oder Lederschwingen haben. Der Dreck unter meinen Fingern�geln ist mehr wert als diese Bande���</p><p>Hornbori packte den Schmied beim Arm. Der Irre redete sie alle noch um Kopf und Kragen. �Es reicht, das war genug. Wir werden���</p><p>Galar riss sich mit einem Ruck los. �Ich werde mit der Wahrheit nicht hinter dem Berg halten. Wir sind hiergeblieben und haben am Ende gesiegt. Wir haben das Recht, unsere Meinung zu sagen!�</p><p>Voller Sorge sah Hornbori, wie eine Ver�nderung mit Solaiyn vor sich ging. Der Elf straffte sich, richtete sich zu seiner vollen Gr��e auf und wirkte pl�tzlich ver�ndert. Eine Aura nat�rlicher Macht umgab ihn.</p><p>�Es ist das Recht der Sieger, eine offene Rede zu f�hren.� Die Stimme Solaiyns klang ver�ndert. So, als k�me sie aus gro�er Ferne. Auch passten die Bewegungen seiner Lippen nicht zu den Worten, die er sprach.</p><p>Hornbori lief ein Schauder �ber den R�cken. Er zog Galar zur�ck in die Gruppe der Zwerge.</p><p>�Ich werde ein Schiff schicken, um euch zur�ckzuholen.�</p><p>�Schick uns lieber Kupferbleche und Handwerker aus den Zwergenwerften�, sagte Ulur stolz. �Wir werden auf unseren Aalen zur�ckkehren, sobald sie wieder seet�chtig sind. Wir brauchen kein Schiff der Elfen oder von wem auch immer.�</p><p>Solaiyn lachte. Auch das klang seltsam falsch. Er blieb dabei stocksteif stehen. �Immer rebellisch. Aber gut, ihr sollt euren Willen haben. Ihr habt den Sohn der G�ttin erschlagen. Das war nicht diplomatisch, aber doch eine au�erordentliche Heldentat. Die Heimkehr aus eigener Kraft sei euch gew�hrt. Bringt eure Aale zum n�chsten Albenstern. Er wird f�r euch ge�ffnet werden. Und noch weitere Ehren sollen euch zuteilwerden, denn die Himmelsschlangen sind n�her, als ihr denkt. Sie haben alles gesehen.�</p><p>Bei diesen Worten bedachte der Elf Hornbori mit einem brennenden Blick. Ja, einen Herzschlag lang erschien es dem Heermeister, als leuchtete ein Licht hinter den Augen des Elfenf�rsten.</p><p>Pl�tzlich sackte der F�rst kraftlos in sich zusammen. Die Schlangenfrau war mit erschreckender Schnelligkeit an seiner Seite und fing ihn mit ihren Armen auf.</p><p>�Da war irgendeine Hexerei im Gange�, sprach Ulur aus, was sie wohl alle dachten. Der Rausch des Sieges war verflogen.</p></section><section><title><p>Schlangenzunge</p></title><p>Die Klinge schabte �ber das Holz. Geschickt kerbte Quetzalli die Federn der Schlange in den hellen Buchenstab. Im Geiste wiederholte sie die Worte, die sich hinter den Bildern verbargen. Der Stab w�rde sagen, was sie nicht auszusprechen wagte. Die verborgenen Worte w�rden ihr Leben �berdauern, das wusste sie.</p><p>Drei Tage lang war sie nun schon den abendlichen Essen im Langhaus ferngeblieben. Sie hatte sich in ihre Kammer eingeschlossen und nur von Obst und Wasser gelebt. Bald w�rde Volodi zur�ckkehren, dann galt es, eine Entscheidung zu treffen.</p><p>Sie h�rte wieder die Stimmen vor der T�r. An jedem der Tage, die sie sich dem Hof verweigert hatte, war Yuri gekommen. Und jeden Tag hatte er lauter geflucht, wenn sie sein Toben vor der T�r ignorierte.</p><p>�Dem Kind ist etwas geschehen!� Das war Yuri, der da sprach. �Es ist eure verdammte Pflicht, den Sohn unseres Unsterblichen zu besch�tzen. Ich f�rchte das Schlimmste! Habt ihr das Kind in den letzten Tagen weinen geh�rt? Kleine Kinder weinen! Jetzt schlagt die T�r ein! Wir sehen nach, was die Zapotehexe getan hat.�</p><p>Die Antwort der beiden Wachen fiel so leise aus, dass Quetzalli deren Worte nicht verstand.</p><p>�Wenn ihr es nicht macht, werde ich drau�en schon M�nner finden, die treu zu unserem Herrscher und dessen Sohn stehen!�, polterte Yuri los. �Entweder ihr schlagt die T�r ein, oder ich bringe ein paar Krieger, die erst eure Dickk�pfe und dann die T�r einschlagen.�</p><p>Quetzalli wollte nicht warten, bis sich die Barbaren dem Dr�ngen des Heilers f�gten. Sie trat an die T�r, schob den schweren Sperrriegel zur�ck und �ffnete sie.</p><p>�So geht das nicht!� Yuri trat �ber die Schwelle und bohrte ihr einen seiner dicken Finger in die Brust. �Du kannst nicht einfach���</p><p>�Ist das der Ton, in dem Drusnier zu ihrer K�nigin sprechen?�</p><p>�Es ist der Ton, in dem Drusnier mit Hexen reden!� Yuri schob sie grob zur Seite.</p><p>Ihre beiden T�rwachen unternahmen nichts, um den alten Heiler aufzuhalten. Im Gegenteil, sie traten ebenfalls ins Zimmer und gingen zur Wiege.</p><p>�Ist er wach?� Der Gr��ere der beiden beugte sich tief �ber die gro�e Wiege und wedelte mit der Hand vor Wanyas Gesicht.</p><p>Quetzalli konnte sich die Namen der wechselnden Wachen nicht merken. F�r sie sahen die Krieger alle �hnlich aus. Gro�, b�rtig, mit goldenem oder rotem Haar, und meist stanken sie nach Honigbier und ungewaschenen Kleidern.</p><p>�Geh von der Wiege weg!�, sagte sie leise.</p><p>�Das ist doch nicht normal. Er hat die Augen auf, aber er reagiert gar nicht auf meine Hand.� Der Krieger wandte sich zu Quetzalli um. �Was hast du mit ihm gemacht, du���</p><p>�Darf ich mal, Makar?� Ohne eine Antwort abzuwarten, schob sich Yuri an dem Leibw�chter vorbei. Er legte Wanya die Hand auf die Stirn. �Fieber�, erkl�rte er. �Da sind die Kleinen schon mal durch den Wind. Los, gib mir mal deine Hand. Wanya gl�ht regelrecht.�</p><p>Das konnte nicht sein, dachte Quetzalli. Wanya hatte sich heute Morgen zwar ein wenig w�rmer als �blich angef�hlt. Aber��</p><p>Yuri warf ihr einen warnenden Blick zu.</p><p>�Na, hast du Angst, den kleinen Prinzen zu ber�hren�, neckte er den Krieger. Dann griff er nach Makars Rechter und f�hrte die Fingerspitzen zur Stirn des Kindes.</p><p>�Er scheint wirklich etwas erhitzt zu sein��� Der Krieger wirkte unsicher.</p><p>�Wie viele Kinder hast du gro�gezogen, Makar?� Yuri bedachte den baumlangen K�mpfer mit einem warmherzigen L�cheln.</p><p>�Keines���</p><p>Der Heiler nickte. �Dachte ich mir. Du hast mit anderen Worten keine Ahnung. Manchmal bekommen sie f�r ein paar Stunden Fieber, und dann ist alles wieder gut. Dabei schlafen sie auch gerne mal mit offenen Augen. Sie sind schon seltsam, diese kleinen W�rmchen. Und sie halten verdammt �ne Menge aus�� Willst du Wanya mal auf den Arm nehmen?� Ohne die Antwort abzuwarten, hob Yuri den Kleinen hoch und dr�ckte ihn Makar in die schaufelgro�en H�nde. Der Krieger wirkte verlegen, grinste, und Quetzalli bemerkte, dass er vor Anspannung den Atem anhielt.</p><p>Sie wusste, warum Yuri das tat, aber es gefiel ihr ganz und gar nicht, ihren Sohn in den H�nden dieses Tollpatschs zu sehen.</p><p>�Makar, Makar.� Der Heiler sch�ttelte �bertrieben den Kopf. �Du machst ja ein Gesicht, als h�tte ich dir �nen frischen Kuhfladen in die Hand gedr�ckt.� Er nahm den Jungen wieder an sich, wiegte ihn kurz und legte ihn zur�ck in sein Bett �Ich denke mal, ihr beiden geht jetzt besser wieder auf eure Posten.� Er seufzte. �Und entschuldigt den Wirbel, den ich veranstaltet habe.�</p><p>Yuri verneigte sich dem�tig vor Quetzalli. �Bitte vergebt mir, Herrin. Ich h�tte niemals daran zweifeln d�rfen, dass Ihr eine vorbildliche Mutter seid. Doch bitte, haltet Euch nicht dem Hof fern. Die Menschen brauchen es, Euch zu sehen. Wir alle waren in tiefer Sorge um Euch und Wanya.�</p><p>Makar und sein Kamerad zogen sich eilig zur�ck und schlossen die T�r hinter sich. Kaum, dass sie verschwunden waren, wich auch alle Demut aus Yuris Antlitz. �Du glaubst, du kannst mit mir spielen, Hexe?�</p><p>�Du glaubst, du kannst mir sagen, was ich zu tun habe, Heiler?�</p><p>Yuri zog die Brauen zusammen, bis sie ein einziger buschiger wei�er Strich wurden. �Hast du nicht begriffen, was ich dir gerade gezeigt habe? Ich h�tte deine Leibw�chter dazu bringen k�nnen, deine T�re aufzubrechen. Sie waren voller Sorge um ihren Prinzen. Sie haben gemerkt, dass hier etwas nicht stimmt. Und ich habe den Sturm, den ich heraufbeschworen habe, dank ein paar geschickter Worte zu einem lauen L�ftchen abklingen lassen. Wecke nicht meinen Zorn, Weib! Ich erwarte, dich an diesem Abend mit Wanya im Langhaus zu sehen. Du wirst dich kleiden, wie es sich f�r eine drusnische Herrscherin geziemt. Und du wirst mich vor aller Augen mit deiner Freundlichkeit ehren. Du wirst mir einschenken und mir mein Fleisch auf das Holzbrett legen.�</p><p>�Was willst du? Sollen sie denken, dass ich dich ehre wie Volodi? Willst du seinen Platz?�</p><p>�Ich will den Ehrenplatz zur�ck, den dein Mann mir gestohlen hat. Du wirst ihn mir geben. Und wei�t du was, du wirst ihn sogar vor deinem Mann verteidigen! Solltest du hoffen, dass all dies vor�ber ist, wenn Volodi zur�ckkehrt, dann hast du dich get�uscht. Er liebt dich. Er wird alles f�r dich tun. Obwohl��� Er hob in gespielter Resignation die H�nde. �Was man so h�rt, liegt er auch gerne im Bett einer hei�bl�tigen Drusnierin. Vielleicht ist seine Liebe zu dir ja gar nicht so gro�, wie du vermutest. Vielleicht sollte ich zu ihm gehen und ihm erz�hlen, dass du die Seele seines Sohnes deinen blutd�rstigen G�ttern geopfert hast. Wird er mir glauben oder dir? Dein Sohn isst und atmet, aber er hat so viel Verstand wie eine Pflanze. Hast du es ihm gesagt, bevor er gen S�den gezogen ist?�</p><p>Quetzalli hielt Yuris Blick mit unbewegter Miene stand. �Bist du sicher, dass du dich zwischen uns beide dr�ngen kannst? Glaubst du wirklich, dein Wort wiegt schwerer als meines?�</p><p>�Ich bin geneigt, es herauszufinden�, entgegnete der Heiler mit entmutigender Ruhe.</p><p>�Was willst du? Wozu treibst du dieses b�se Spiel?�</p><p>�Heute Abend in der Halle werden Bittsteller vor dich treten. Frag mich um Rat, wenn sie zu dir gesprochen haben.�</p><p>Quetzalli traute ihren Ohren nicht. �Du willst herrschen?�</p><p>�Vielleicht bin ich ja ein weiser Berater? Finde es heraus! Wom�glich werden wir ja sogar eines Tages Freunde sein, wenn du meinen Wert zu sch�tzen wei�t. Oder verweigere dich und sorge daf�r, dass die Herrschaft deines Mannes in Schimpf und Schande vergehen wird. Dass alle von ihm als dem Trottel reden, der eine Hexe neben sich auf den Thron holte, die ihr eigenes Kind verzaubert hat. Oder geschah diese Untat vielleicht sogar mit seinem Wissen�� Wenn Ger�chte erst einmal in Umlauf sind, sind sie nicht mehr zu beherrschen.�</p><p>�In meinem Volk hat man ein Wort f�r Kreaturen wie dich, Yuri. Man nennt sie Schlangenzunge.�</p><p>Der Heiler zuckte mit den Schultern. �Was juckt mich dein Volk? Ich lebe hier. Es interessiert mich auch nicht, was du mit Wanya angestellt hast. Ich wei� von den Dienerinnen, die du aus deiner Kammer verbannt hast, dass er vor ein paar Wochen noch ein ganz normales Kind gewesen ist. Was immer du ihm angetan hast, die G�tter strafen dich daf�r, indem sie dein Schicksal in meine Hand gegeben haben.�</p><p>Quetzalli hatte das Gef�hl, dass ihr der Kopf platzen m�sste. Sie war gefangen. Und es war ihre Feigheit, die ihr dieses Gef�ngnis errichtet hatte. Ihre Angst vor den Schwertern der Daimonen. W�re sie nur oben in der Halle geblieben, dann w�re Wanya noch gesund. Oder h�tte sie ihm die Hand nicht auf Mund und Nase gedr�ckt. Was immer Yuri ihr antat, sie verdiente es. Sie hatte Schuld auf sich geladen und die Gunst der G�tter verloren. Und ihr Schicksal w�rde auch Volodis Gl�ck zerst�ren. Sie war ihm eine schlechte Frau��</p><p>Dennoch, vor diesem Mann w�rde sie davon kein Wort sagen. Stattdessen zischte sie: �Was glaubst du, wie lange Wanyas Zustand dem Hofstaat verborgen bleibt? Was glaubst du, wie lange du dein b�ses Spiel mit mir treiben kannst? Zwei Wochen? Einen Mond? Ganz gleich, was ich tue, das Ende steht fest. Alles wird herauskommen. Warum sollte ich das Letzte aufgeben, was mir noch geblieben ist? Meinen Stolz und meine Selbstachtung.�</p><p>�Lass deinen dummen Stolz hinter dir. Lass uns vor aller Augen Freunde sein. Und wenn die Zeit gekommen ist, in der meine Stellung bei Hof meinen W�nschen entspricht, dann werde ich erkl�ren, dass Wanya ein pl�tzliches Fieber bekam. Er wird �ber Nacht sterben. Ich werde hart um sein Leben gek�mpft haben und genauso gebrochen sein wie du, wenn Volodi vor dem Hofstaat den Tod seines Erstgeborenen verk�ndet. Aber solche Trag�dien geschehen. Es wird kein Schatten auf dem guten Ruf deines Mannes zur�ckbleiben, ja, nicht einmal auf die Zapotehexe wird ein Verdacht fallen.�</p><p>Quetzalli rang um Worte. �Du willst Wanya t�ten?�</p><p>�M�tter bringen so etwas gemeinhin schwer �ber ihr Herz.� Yuri warf einen Blick in die Wiege und l�chelte. �Es wird ein leichter Tod sein. Er wird keine Qualen erleiden. Und du hast keine andere Wahl. Wenn herauskommt, was mit ihm ist, wird es Volodi schaden. Ein Volk erwartet von seinem Herrscher Weisheit. Doch wie weise ist ein Unsterblicher, dessen Samen ein Kind ohne Verstand gezeugt hat? Es wird Gerede geben. Auch �ber dich. Und wie ich schon sagte, wenn Ger�chte erst einmal geboren sind, verschwinden sie niemals wieder ganz. Ich �berlasse dich nun ganz deinem kleinen Pfl�nzchen.� Er t�tschelte Wanya �ber den Kopf, der dabei keine Regung zeigte. �Ich vertraue auf deine Weisheit.�</p></section><section><title><p>Die Herrscherin im Federmantel</p></title><p>Quetzalli betrat den Festsaal des Langhauses in ihrem Federumhang. Kaum, dass sie erschien, wurde es still. Die Drusnier liebten sie nicht, aber sie hatten Respekt vor ihr, dachte sie voller Genugtuung. Das war fast so gut wie der Anblick Yuris, der sichtlich darum k�mpfte, nicht die Fassung zu verlieren. Die Priesterin hatte lange mit sich gerungen. Eigentlich h�tte sie lieber das Kleid getragen, auf dem eine Opferszene mit einem goldhaarigen Mann dargestellt war. Erst im letzten Augenblick hatte sie entschieden, nicht unn�tig �l ins Feuer zu gie�en, und ein Kleid angelegt, das mit langen roten Federn geschm�ckt war. Und nat�rlich war sie ohne Wanya gekommen. Ihr einziges Zugest�ndnis an Yuri war, dass sie hier war. In allem anderen hatte sie sich nicht gef�gt.</p><p>Sie hob die H�nde in einer priesterlich segnenden Geste. �Macht weiter, meine Freunde! Lasst euch nicht st�ren.� Vielleicht sollte sie sich doch �fter unter ihr Volk mischen. Die �berraschung in den Gesichtern war einfach k�stlich.</p><p>Sie nahm Platz auf ihrem Hochsitz und winkte dem Haushofmeister Vladi. Der korpulente S�ufer beeilte sich, zu ihr zu kommen. �Ich h�tte gern ein St�ck Fleisch. Sch�n blutig, dazu etwas von dem Brot, das ihr mit Zwiebeln w�rzt, und ein Horn voller Honigbier.�</p><p>Der Mund Vladis klappte auf und zu wie bei einem Fisch, der auf dem Trocknen lag. �Sofort, Herrin!�, stie� er schlie�lich hervor und machte sich auf den Weg, ihre W�nsche zu erf�llen.</p><p>Yuri erhob sich von seinem Platz. Selbst der Tisch f�r die bevorzugten G�ste, an dem sie ihm wieder einen Platz verschafft hatte, stand noch fast zwei Schritt von ihrem Hochsitz entfernt. �Darf ich vor Euch treten, Herrin?�</p><p>Sie winkte ihm mit zwei Fingern. So wie er aussah, war es m�glich, dass ihn schon bald der Schlagfluss hinwegraffen w�rde. Vielleicht brach er ja zusammen, wenn sie ihn noch ein wenig mehr reizte.</p><p>�Wie kannst du es wagen, herausgeputzt wie ein V�gelchen hierherzukommen?�, zischte er sie an, ohne dabei sein falsches L�cheln aufzugeben.</p><p>Heucheln konnte sie auch, dachte Quetzalli und erwiderte das L�cheln. �Ich denke, als Herrscherin sollte ich die Freiheit haben zu tragen, was mir gef�llt. Und mich als eine dicke Dorfkuh unter einem B�renfell zu verkleiden ist nicht mein Stil.�</p><p>�Das wirst du���</p><p>�Bereuen?� Ihr L�cheln wurde breiter. �Ganz sicher nicht. Du willst deinen Ehrenplatz dort unten an der Tafel behalten? Und du m�chtest dich gerne als weiser Ratgeber aufspielen?� Sie richtete sich ein St�ck weit auf und sp�hte zum anderen Ende des Festsaals. Blauer Rauch behinderte die Sicht, und die Halle war nur unzureichend beleuchtet, aber sie konnte Schattenrisse vor dem Haupttor erkennen. Bittsteller! Yuri war sich also ganz sicher gewesen, dass sie kommen w�rde, und hatte ein paar Auserw�hlte in die Halle eingeladen. Sie w�rde ihren Federmantel darauf verwetten, dass M�nner dabei waren, denen er noch einen Gefallen schuldete.</p><p>�Du glaubst, du kannst mit mir spielen. Du���</p><p>�Du bist nicht die Sorte Mann, die mein Wohlgefallen erregt. Mit einem wie dir w�rde ich niemals spielen. Und bevor du noch mehr von deinem nach Fisch stinkenden Atem vergeudest: Ich sehe nur zwei Wege f�r dich. Entweder nennst du mich in aller �ffentlichkeit eine Hexe und deckst auf, was mit Wanya ist. Dann werde ich vermutlich ein ziemlich unr�hmliches Ende nehmen�� ich wei�, dass ihr Drusnier leicht zu unbedachten Grausamkeiten zu verleiten seid. Aber was wird dann aus deinen hochtrabenden Tr�umen? Glaubst du, Volodi will den Mann in seiner N�he haben, der f�r den Tod seiner Frau verantwortlich ist? Wenn ich nicht mehr bin, wirst auch du ein Nichts sein. Dein zweiter Weg ist, dich zu f�gen. Ich gebe dir ein wenig von dem, was du dir w�nschst, und du unterst�tzt mich nach Kr�ften.� Sie sah ihn herausfordernd an. Das L�cheln war von ihren Lippen verschwunden. �Du glaubst, ein weiser Mann zu sein, Yuri. Wie entscheidest du dich?�</p><p>�Es wird dir noch leidtun�, stie� er voller Zorn hervor.</p><p>�Glaubst du? Bist du dir dar�ber im Klaren, wen du herausgefordert hast? Ich bin Quetzalli, Tochter einer der edelsten Familien meines Volkes. Ich bin Priesterin der Gefiederten Schlange. Mir war es bestimmt, einst die Hohepriesterin meines Volkes zu sein. Ich habe mehr M�nnern, als ich mich zu erinnern vermag, den Brustkorb ge�ffnet, um meine Hand um ihr noch schlagendes Herz zu legen. Vermagst du zu ermessen, was es hei�t, meinen Zorn auf dich zu lenken.�</p><p>Yuri schien um eine Spur blasser zu werden. �Ich w�hle den zweiten Weg, f�r heute Nacht�, sagte er leise.</p><p>�Eine Entscheidung von bestechender Weisheit.� Quetzalli wusste, dass Yuri nicht einfach so aufgeben w�rde. Aber zumindest f�r diese Nacht hatte sie gewonnen. Und sie war fest entschlossen, sich nie wieder zur Sklavin seiner Launen machen zu lassen.</p></section><section><title><p>Die Halskette</p></title><p>�Sie ist eine Diebin!�</p><p>Ilmari schob den Toten in das Becken voller Schlamm und sah zur weiten Wendeltreppe, die nach oben f�hrte.</p><p>�Holt den H�ter des Lichtes! Er wird wissen, was zu tun ist.�</p><p>Mit fliegenden Schritten eilte der Totentr�ger die Treppe hinauf. In der gro�en Eingangshalle lag die Totenw�scherin am Boden. Blut troff von ihrer aufgeplatzten Lippe, ihre linke Wange war rot und begann anzuschwellen. Es war einer der wenigen Tage, an denen G�ste in das Totenhaus gekommen waren, um Abschied zu nehmen. Sie standen um den sch�n geschnitzten Tisch versammelt, auf dem die Leiche einer alten Frau lag. Die Tote war bereits in ein Leinentuch eingeschlagen. Nur ihr Gesicht war noch zu sehen.</p><p>�Sie hat meine Mutter bestohlen!� Vor Ilmari baute sich ein gro�er, bulliger Kerl auf. Helle Narben zogen sich �ber seine Arme. Sein Gesicht war flach, die breite Nase krumm und offensichtlich mehrfach gebrochen. Seine sonnenverbrannte Haut verriet, dass er ein Wolkenschiffer war. Vermutlich einer von Tarkons Auserw�hlten.</p><p>�Dort, wo ich herkomme, schl�gt man keine Frauen�, sagte Ilmari ruhig. �Ich m�chte euch bitten, euren Zorn zu z�geln. Wir stehen neben einer Toten.� Er blickte zu den �brigen G�sten, zwei etwas pummeligen Frauen und einem jungen Mann, der ebenso sonnengebr�unt war wie der Wortf�hrer. Nur dass es ihm an den Muskeln des Schl�gers fehlte.</p><p>�Da, wo ich herkomme, tut man mit Diebinnen noch ganz andere Dinge, als ihnen nur eine geh�rige Backpfeife zu versetzen. Und jetzt machst du mir Platz, Totentr�ger. Ich werde aus der Kleinen schon herauspr�geln, wo die Kette meiner Mutter steckt.�</p><p>Ilmari vertrat ihm den Weg. �Ich glaube nicht, dass sie zu dir sprechen wird.�</p><p>�Reize mich nicht, Totentr�ger. Mit dir habe ich keinen Streit.�</p><p>�Sie hat keine Zunge mehr.�</p><p>�Sie hat Beine, das gen�gt! Sie wird mich zum Versteck ihres Diebesguts bringen!�</p><p>�Rufus, bitte���, flehte die �ltere der beiden Frauen. �Vielleicht ist die Kette ja verloren gegangen.�</p><p>Er fuhr herum, und so, wie die Frau zusammenzuckte, war Ilmari sich sicher, dass auch sie schon Erfahrungen mit den F�usten dieses tobenden Fleischklopses gemacht hatte.</p><p>�Verloren? So eine Kette geht nicht verloren. Die wird geklaut. Ich begreife immer noch nicht, warum ihr sie Mutter nicht abgenommen habt. Was habt ihr nur im Hirn, ihr d�mlichen G�nse? Die Kette ist ein Verm�gen wert. Das gibt man nicht einfach auf.�</p><p>�Es war ihr letzter Wunsch, die Kette auf ihrer letzten Reise zu tragen�, entgegnete die Frau kleinlaut. Sie hielt sich dabei geduckt, als w�rde sie jeden Augenblick mit Schl�gen rechnen.</p><p>Ilmari erinnerte sich an die Kette. Sie war aus schweren Goldstreifen gefertigt gewesen, die sich wie ein F�cher �ber der Brust der Toten ausgebreitet hatten. Die H�lfte der Streifen war mit dunkelblauem Emaille geschm�ckt gewesen. Der Schl�ger hatte recht. Dieses Schmuckst�ck war ein Verm�gen wert.</p><p>�Letzter Wunsch, Papperlapapp. Blanker Unsinn.�</p><p>�Dem du zugestimmt hast�, erinnerte ihn die j�ngere der beiden Frauen.</p><p>�Nat�rlich widerspricht man einer Sterbenden nicht. Aber bei allen G�ttern, man setzt den Unsinn doch nicht in die Tat um, den sich eine Sterbende auf dem Totenbett zusammenbrabbelt.� Er wandte sich wieder an Ilmari. �Ich war nur ein paar Tage au�er Haus. Dringende Gesch�fte�� Als ich wiederkomme, h�re ich, dass meine Mutter tot ist und du schon da warst, Totentr�ger. Den Rest der Geschichte kennst du. Ich habe meinen Sohn losgeschickt, der ein ausdauernder L�ufer ist, damit er verhindert, dass unsere Mutter das letzte St�ck des letzten Weges geht. Ich bin ihm mit diesen beiden nichtsnutzigen Weibern gefolgt, so schnell uns unsere Beine getragen haben.�</p><p>Der dunkelhaarige Junge, der am Morgen v�llig au�er Atem im Totenhaus erschienen war, war nicht mehr zugegen. Ilmari ahnte, wo er steckte. Der Junge hatte ihn darum gebeten, seine Gro�mutter noch nicht dem Wei�en Schlund zu �bergeben. Allerdings hatte er behauptet, dass der Sohn der Toten kommen wolle, um von ihr Abschied zu nehmen. Von der Kette war nicht die Rede gewesen.</p><p>�Ich k�nnte das Leichentuch aufschneiden�, bot Ilmari an. �Vielleicht hat sich die Kette vom Hals der Toten gel�st und ist���</p><p>�Da wirst du nichts finden�, unterbrach ihn der Wolkenschiffer barsch. �Ich habe sie schon ganz abgetastet. Au�er meiner Mutter steckt nichts in diesem Leichentuch.� Er hob drohend eine Faust in Richtung der W�scherin. �Ich bin mir ganz sicher, dass die wei�, wo das Schmuckst�ck steckt. Und wenn sie damit nicht herausr�ckt, dann n�he ich <emphasis>sie</emphasis> in das Leichentuch meiner Mutter, und sie kann mit ihr zusammen die Reise in den Wei�en Schlund antreten.�</p><p>Ilmari sah auf die kleine und zierliche W�scherin, die immer noch am Boden kauerte und ihre Arme halb erhoben hatte, um sich vor weiteren Schl�gen zu sch�tzen. Ihr dunkles Haar hatte sich gel�st. Der langstielige L�ffel, mit dem sie ihr Haar normalerweise zu einem Knoten hochsteckte, hing schief herab. Sie wirkte so zerbrechlich, so ausgeliefert. Sie hatte ganz gewiss nichts gestohlen!</p><p>�Deine Mutter hat hier viele Stunden lang aufgebahrt gelegen. Jeder aus dem Dorf h�tte Gelegenheit gehabt, hierherzukommen und die Kette zu nehmen. Ich verb�rge mich f�r die W�scherin. Hier im Totenhaus gibt es keine Diebe!�</p><p>�Worte sind billig, Totentr�ger.� Der Wolkenschiffer blickte ver�chtlich auf ihn herab. �Die Halskette wird wiedergefunden. Mir ist egal, wie ihr das anstellt. Und es wird einen Schuldigen geben, der vor meinen Augen seine Strafe erh�lt.�</p><p>�Mir ist nicht egal, auf welche Weise in meiner Stadt Recht gesprochen wird!�, ert�nte eine laute Stimme. Alle blickten zum gro�en Eingangstor des Totenhauses, wo Solomon, der H�ter des Lichtes, mit seinem Gefolge eintrat.</p><p>Ilmari mochte den selbstgef�lligen Priester eigentlich nicht, aber heute war er froh, ihn zu sehen. An Solomons Seite stand der dunkelhaarige Junge, der am Morgen den Wunsch von Rufus vorgetragen hatte, seine Mutter noch einmal zu sehen.</p><p>�Ilmari?�</p><p>Das salbungsvolle Getue des kahlk�pfigen Priesters �rgerte den Totentr�ger. �Ja, Herr�, entgegnete er leicht gereizt.</p><p>Solomon bedachte ihn mit einem strengen Blick. �Kannst du mir schw�ren, dass du die Kette der Toten nicht anger�hrt hast?�</p><p>�Nein!�, entgegnete Ilmari entschieden. Er wusste, dass das dumm war, aber er konnte nicht anders. Vor diesem eingebildeten Schw�tzer w�rde er nicht buckeln.</p><p>�Du hast��� Rufus schoss das Blut ins Gesicht.</p><p>�Ich habe deine Mutter getragen. Nat�rlich habe ich dabei die Kette ber�hrt. Ich habe nichts gestohlen. Mir sind Worte nicht billig, Rufus. Ich sage die Wahrheit. Immer.�</p><p>Solomon presste die Lippen zusammen und versuchte, seinen �rger zu �berspielen. �Meine M�nner werden das Totenhaus durchsuchen. Wenn die Halskette hier ist, dann werden sie sie finden. Bis dahin m�chte ich euch alle hinausbitten.�</p><p>Wenig sp�ter sa� Ilmari auf einem der gro�en Steine am Ufer des Schwarzg�rtels und blickte auf die tr�ge flie�enden, dunklen Fluten. Die W�scherin hielt sich in seiner N�he, w�hrend der H�ter des Lichtes leise mit Rufus sprach.</p><p>Es dauerte lange, bis die kahlk�pfigen Priester durch das Tor des Totenhauses traten. Sie hatten nichts gefunden.</p><p>�Und das war es jetzt?�, rief Rufus wutentbrannt. �Es tut euch leid? Ich werde zu Tarkon gehen und ihm sagen, was f�r eine Bande diebischer Elstern sich in Tiefwasser eingenistet hat.�</p><p>Solomon sah ihn lange an. �Nun, wenn Menschen die Wahrheit nicht zu ergr�nden verm�gen, dann k�nnen die G�tter uns manchmal einen Fingerzeig geben. Ich schlage ein Gottesurteil vor. Du sagst, die W�scherin sei die Diebin und forderst ihre Bestrafung. Lassen wir zwei K�mpfer gegeneinander antreten. Willst du f�r deine Mutter streiten? Willst du mit deinem Leib daf�r einstehen, dass deine Anschuldigungen rechtens sind, Rufus?�</p><p>�Mit Vergn�gen.� Der Wolkenschiffer lie� seine Faust in die offene Linke klatschen. �Ich fordere einen Faustkampf. Einen Kampf, wie man ihn in den Arenen von Luwien und Aram sieht.�</p><p>Solomon wirkte nicht sonderlich begeistert. Diese K�mpfe waren ber�chtigt daf�r, dass es immer wieder Tote gab. �Und wer will f�r die W�scherin eintreten?� Er blickte zu seinen Priestern, die geflissentlich zu Boden sahen.</p><p>�Nun�, sagte Solomon l�chelnd. �Wenn es niemanden gibt, der f�r die W�scherin eintritt, dann steht sie nicht in der Gnade der G�tter. Ihre Schuld ist also bewiesen. Sie geh�rt dir, Rufus. Du kannst���</p><p>�Ich werde f�r sie k�mpfen!�, sagte Ilmari mit fester Stimme und erhob sich von seinem Stein. Er war �berzeugt, dass sich Rufus und Solomon auf diese M�glichkeit, den Streit beizulegen, geeinigt hatten, als sie vorhin miteinander gesprochen hatten. Diese Heimt�cke passte zum H�ter des Lichtes.</p><p>Rufus sch�ttelte �rgerlich den Kopf. �Nicht du, Totentr�ger. Ich habe keinen Streit mit dir.�</p><p>�Ich glaube nicht, dass ich in Gefahr bin, Wolkenschiffer. Ich bin von der Unschuld der W�scherin �berzeugt. Also sollten die G�tter mich doch besch�tzen.�</p><p>Er sah die Angst in den Augen der stummen Frau und war ger�hrt. Vielleicht war es das erste Mal, dass sie erlebte, dass jemand f�r sie eintrat. Er wusste, dass er sie eigentlich ihrem Schicksal �berlassen sollte. Er war hier, um im Dienste des Unsterblichen Aaron die verborgenen St�dte auszukundschaften. Aber wenn er diese zerbrechliche, wehrlose Frau sah, konnte er nicht anders. Er hatte so oft in seinem Leben aus den falschen Gr�nden gek�mpft. Es war an der Zeit, zumindest einmal f�r die Gerechtigkeit einzutreten.</p><p>Solomon wirkte nicht unzufrieden mit dieser Wendung. �Dann sollen die G�tter entscheiden, wann gek�mpft wird. Sobald der Marktplatz der Stadt das n�chste Mal in hellem Licht liegt, ist die Stunde eures Zweikampfes gekommen.�</p></section><section><title><p>Das Gottesurteil</p></title><p>Ilmari pr�fte den Sitz der messingbeschlagenen Lederb�nder. Sie waren um seine Fingerkn�chel, die Handr�cken, die Handgelenke und die Unterarme gewickelt. Die B�nder bildeten ein netzf�rmiges Muster. Zwei der Messingpl�ttchen auf dem Leder waren mit dicken, angeschliffenen W�lsten versehen. Sie w�rden Wunden rei�en, wenn man die Schl�ge richtig setzte.</p><p>Ilmari war ein wenig mulmig. Er hatte Dutzende Faustk�mpfe bestanden, aber nie einen, bei dem diese verdammten Lederriemen zum Einsatz gekommen waren. Er blickte zu Rufus, der am anderen Ende des Marktplatzes auf einem Marmorblock sa�. Der Wolkenschiffer wirkte entspannt. Seine beiden S�hne standen an seiner Seite. Rufus hob eine Hand und gr��te Ilmari.</p><p>Der Wolkenschiffer hatte ihm schon an dem Tag, an dem das Gottesurteil beschlossen worden war, reinen Wein eingeschenkt. Er hatte einige Erfahrung in dieser Form des Faustkampfes. Er war in Arenen aufgetreten und h�tte vielleicht sogar ber�hmt werden k�nnen, w�re er nicht eines Tages von einem goldhaarigen Drusnier in einem Faustkampf derart zusammengeschlagen worden, dass zwei Monde verstrichen waren, bis er sich wieder vom Krankenlager erhoben hatte.</p><p>Alles, was Ilmari dem entgegensetzen konnte, waren seine Erfahrungen als Meuchler. Es w�rde kein leichter Kampf werden. Au�erdem musste er auch darauf achten, keine zu gute Figur zu machen. Erweckte er den Eindruck, ebenfalls ein erfahrener K�mpfer zu sein, dann warf das Fragen auf, auf die er keine guten Antworten h�tte.</p><p>Die W�scherin kam zu ihm, kauerte sich vor ihm nieder und sah ihm eindringlich in die Augen. Dann sch�ttelte sie sacht den Kopf. In den drei Tagen, die es gedauert hatte, bis die Wolken �ber den Tafelbergen aufgebrochen waren und eine S�ule aus strahlendem Licht auf den Marktplatz von Tiefwasser fiel, hatte sie immer wieder versucht, ihn von diesem Zweikampf abzubringen. Seit seiner Kindheit hatte Ilmari nicht mehr erlebt, dass sich jemand um ihn sorgte.</p><p>�Mach dir keine Sorgen. Die G�tter besch�tzen die Gerechten.� Er glaubte das zwar nicht wirklich, aber er hoffte, ihr so ein wenig Erleichterung zu verschaffen. Wenn er doch wenigstens ihren Namen w�sste! Sie konnte nicht schreiben, konnte sich nur durch Gesten mitteilen. Zu wenig, um einen Namen zu verraten. �Alles wird gut�, sagte er sanft und legte ihr eine Hand auf die Schulter.</p><p>In ihrem Blick lag nun blanke Panik. Sie sch�ttelte wieder energisch den Kopf. Seltsam, dass sie kein Vertrauen in die G�tter hatte. Dabei trug sie ein billiges Amulett mit einer schlecht gefertigten Fl�gelsonne aus Bronze. Abergl�ubisch war sie ganz offensichtlich.</p><p>�Seid ihr bereit, uns den Willen der G�tter zu offenbaren?�, erklang die vollt�nende Stimme Solomons �ber den Marktplatz.</p><p>Alle Bewohner der kleinen Stadt hatten sich um den Markt versammelt, um dem Spektakel beizuwohnen. Ilmari erhob sich, streckte sich und dehnte seine Sehnen. Durch Kraft w�rde er nicht gewinnen. Ohne seine Tunika sah Rufus noch mehr aus wie ein Bulle. Seine Brust war mit dichtem schwarzen Haar bedeckt. Darunter w�lbten sich m�chtige Muskeln. Seine F�uste wirkten, als k�nnte er damit Marmorplatten zerschmettern.</p><p>Rufus hatte ihm in den letzten Tagen mehrfach angeboten, einfach aufzugeben. Vielleicht h�tte er annehmen sollen?</p><p>�Die Regeln des Kampfes sind sehr einfach�, erkl�rte Solomon und bedachte Ilmari mit einem geh�ssigen Seitenblick. �Es gibt keine Regeln. Wer zu Boden geht und in der Zeit, die ich ben�tige, um bis drei zu z�hlen, nicht wieder aufstehen kann, ist der Verlierer. Sollte Rufus unterliegen, war die W�scherin des Totenhauses keine Diebin. Ist es hingegen der Totentr�ger Ilmari, der niedergestreckt wird, dann gilt die Schuld der W�scherin als erwiesen, und es ist Rufus erlaubt, mit ihr zu verfahren, wie es ihm beliebt.�</p><p>Solomon machte eine Pause und lie� seinen Blick �ber das Publikum wandern. �Die Augen der G�tter ruhen auf uns!� Er hob theatralisch die Arme, legte den Kopf weit in den Nacken und sah hinauf zu der �ffnung in der H�hlendecke, �ber der ein t�rkisblauer Himmel leuchtete. �M�gen sie die Wahrheit ans Licht bringen!� Er gab einem seiner Priester ein Zeichen, und ein Gongschlag ert�nte.</p><p>Rufus kam, ohne zu z�gern, auf Ilmari zu. Er hatte beide F�uste erhoben. Etwas zu l�ssig. Er rechnete nicht damit, dass sein Gegner ihm gewachsen sein k�nnte.</p><p>Ilmari hob ebenfalls die mit Lederriemen umwickelten F�uste. Er tat so, als ahmte er den h�nenhaften Wolkenschiffer nach. Leicht t�nzelnd wich er zur Seite aus. Rufus bewegte sich mit ihm. Der Wolkenschiffer l�chelte �berlegen. F�r ihn musste es so aussehen, als liefe er fort.</p><p>Pl�tzlich machte Rufus ein paar rasche Schritte nach vorn. Seine F�uste schnellten vor.</p><p>Ilmari lie� es so aussehen, als strauchle er bei dem Versuch auszuweichen. Die Fausthiebe verfehlten ihn knapp.</p><p>Das Publikum begleitete den Angriff mit begeisterten Rufen. Die meisten standen auf der Seite des Wolkenschiffers.</p><p>Rufus trat zur�ck und gab Ilmari Gelegenheit, wieder auf die Beine zu kommen. Daf�r erntete der H�ne noch mehr Beifall.</p><p>Nun hob er die Arme und spannte die Bauchmuskeln. �Komm, Totentr�ger. Du hast einen Hieb frei. Der Kampf ist zu ungleich. Es liegt keine Ehre in ihm.�</p><p>Z�gerlich kam Ilmari n�her. War es eine Falle? Aber das hatte Rufus nicht n�tig. Also gut! Er versetzte ihm einen schnellen Hieb auf die kurze Rippe, in den er all seine Kraft legte.</p><p>Rufus keuchte �berrascht auf und knickte sogar kurz ein. Doch sofort hatte der Wolkenschiffer sich wieder in der Gewalt. Im Reflex nahm er die Arme herab und deckte nun mit den Ellenbogen seine Rippen, doch Ilmari setzte nach und landete einen zweiten Treffer mitten im Sonnengeflecht.</p><p>Rufus grunzte w�tend. Seine F�uste schnellten vor. Es waren Hiebe, die Ochsen niedergestreckt h�tten, doch Ilmari t�nzelte zur�ck. Mit Genugtuung h�rte der Totentr�ger, wie ein Raunen durch die Menge ging. Er hatte sie �berrascht. Und dennoch war es schlecht! Er durfte sich nicht offenbaren.</p><p>Wieder wich er einem Hieb aus und duckte sich dieses Mal bewusst ein klein wenig zu langsam. Rufus� Faust streifte ihn an der Schulter. Selbst das gen�gte, um ihn herumzurei�en. F�r einen Moment verlor er die Kontrolle, und der Wolkenschiffer setzte gnadenlos nach. Ein zweiter Hieb traf Ilmari in den R�cken, schleuderte ihn nach vorne und presste ihm die Luft aus der Lunge. Er sp�rte, wie die Haut unter den Bronzebeschl�gen der Faustriemen aufplatzte und warmes Blut zu seiner H�fte hinabrann.</p><p>Eilig floh er vor weiteren Treffern. Rufus hastete ihm hinterher. Die Zuschauer gr�lten. Sie standen auf den Steinbl�cken, die den Marktplatz einfassten. Und sie feuerten nun beide an. Sie wollten noch mehr Blut flie�en sehen.</p><p>Ilmari drehte sich um. Er wusste, dass er nicht endlos fortlaufen konnte. Solomon w�rde ihn dann einfach zum Verlierer erkl�ren. Er duckte sich unter dem n�chsten Hieb, schlug einen schnellen Konter, doch Rufus achtete nun auf seine Deckung, und so traf Ilmari nur den Unterarm, der jetzt die Rippen abschirmte.</p><p>Der Wolkenschiffer schlug aus der Deckung heraus eine schnelle Folge.</p><p>Ilmari wiegte den Oberk�rper hin und her. Er schwankte wie eine �hre im Wind.</p><p>Rufus �berraschte ihn mit einem Tritt, der auf sein Knie zielte. Diesmal gelang es Ilmari nicht, schnell genug zu reagieren. Er sp�rte die Knochen im Gelenk krachen, knickte in sich zusammen und bekam gleich noch einen Schlag gegen die rechte Wange, der ihm fast den Kiefer brach. Er landete im Staub, und sofort war Solomon neben ihm.</p><p>�Eins�, rief der Priester mit ungeb�hrlicher Begeisterung.</p><p>�Zwei!� Er machte keine Pause zwischen den Zahlen. Er wollte Ilmari verlieren sehen.</p><p>Der Totentr�ger k�mpfte sich hoch.</p><p>�Lass das�, zischte ihm Rufus zu. �Es ist besser f�r dich, wenn du liegen bleibst. Ich will dich nicht zum Kr�ppel machen.�</p><p>�Sie hat die Kette nicht gestohlen�, entgegnete Ilmari. �Es gibt nur einen Weg, es zu beweisen��� Er stand nun wieder. Sein Mund war voller Blut, das er in den Staub spuckte.</p><p>�Du hast gerade den besten Rat ausgeschlagen, den du in deinem Leben bekommen hast�, sagte Solomon sp�ttisch l�chelnd. �Aber um Tote zu tragen, braucht man ja nicht sonderlich viel Verstand. Lass Rufus nur weiter auf deinen Sch�del einpr�geln.�</p><p>Ilmari dr�ckte den R�cken durch und hob die F�uste, bereit zur Abwehr.</p><p>Solomon gab ein Zeichen, und erneut ert�nte der Gong.</p><p>Ohne zu z�gern, st�rmte Rufus vor. Ilmari war immer noch leicht benommen. Es fiel ihm schwerer, den Schl�gen auszuweichen. Seine Bewegungen waren fahriger. Kaum einmal schaffte er es, einen Schlag zu landen. Und wenn es doch einmal gl�ckte, h�mmerten seine F�uste stets nur gegen die mit Leder umwickelten Unterarme des Wolkenschiffers. Er musste einen anderen Weg zum Sieg finden. Er wich zur�ck. Lie� sich treiben.</p><p>Rufus� Gesicht war eine schwei��berstr�mte Maske kontrollierten Zorns. Sein Atem ging immer noch ruhig. Die Arbeit auf den Wolkenschiffen hatte aus ihm einen Mann aus Eisen gemacht. Ilmari ging in die Knie, wirbelte zur Seite und versetzte dem H�nen einen Schlag auf die Sehnen der Kniekehle. Abgesehen von einem w�tenden Grunzen zeigte der Treffer keine Folgen.</p><p>Rufus versuchte, ihn mit einem Kick in den Staub zu schicken. Mit einem wenig eleganten H�pfer brachte sich der Totentr�ger in Sicherheit. Rufus wechselte nun die Strategie. Er hatte offensichtlich begriffen, dass Ilmari kein leichter Gegner war. Jetzt versuchte der H�ne, ihn gegen die Publikumsr�nge abzudr�ngen, den steingefassten Rand des Marktplatzes. Dort h�tte Ilmari nur noch eingeschr�nkte M�glichkeiten auszuweichen.</p><p>Der Totentr�ger �berlegte fieberhaft, wie er dem nahenden Unheil entkommen konnte. Er musste die Strategie des Wolkenschiffers gegen ihn wenden. Aber wie? Indem er seinen Zorn anfachte? Rufus war ein einfacher Mann�� Ilmari duckte sich unter einen Hieb weg. Es musste kein komplizierter Plan sein.</p><p>�Deine Mutter war eine h�bsche Frau!�</p><p>Es klappte. Der H�ne hielt in der Bewegung inne und runzelte die Stirn.</p><p>Ilmari wich noch einen Schritt zur�ck. Er war nur noch ein kleines St�ck von den massigen Steinen entfernt, die den Platz begrenzten.</p><p>�Sie hatte immer noch volle Br�ste. Das ist selten in ihrem Alter.�</p><p>Rufus lief rot an. �Schweig! Das ist nichts, wor�ber man vor all den Menschen spricht!�</p><p>Ilmari h�rte, wie einige der M�nner unter den Zuschauern kicherten.</p><p>�Warum? Ich wette, deine Mutter hat es gerne gehabt, wenn man �ber sie gesprochen hat und sie bewundernde Blicke auf sich wusste. Diese Br�ste��� Er leckte sich �ber die Lippen. Ilmari machte das nicht gerne. Rufus war im Grunde ein aufrechter Mann. Aber er musste ihn besiegen! Und das auf eine Art, die ihn nicht zu sehr wie einen erfahrenen K�mpfer aussehen lie�.</p><p>�Ich wette, vor deiner Geburt wurde sie von vielen M�nnern begehrt. Wei�t du eigentlich, wer dein Vater ist?�</p><p>�Halt dein dreckiges Maul, Totentr�ger!� Rufus st�rmte vor und griff ihn mit w�tenden Schl�gen an.</p><p>Ilmari schwang zur Seite, wich den Schl�gen aus und t�nzelte zur�ck, bis er mit dem Hintern an den niedrigen Wall aus Steinquadern stie�.</p><p>�Wei�t du, die Trag�die aller Kinder ist, dass wir immer ganz genau wissen, wer unsere M�tter sind. Aber die V�ter�� Ist es wirklich der Mann, der nett zu uns ist und sich f�r die Familie krummmacht? Oder hat unsere Mutter vielleicht ein paar sch�ne Stunden in fremden Armen gesucht. War diese Halskette ein Geschenk? Dein Vater war doch sicher nicht reich genug daf�r. Du bist doch ein Bauernsohn, oder?�</p><p>�Schweig!� Rufus warf sich mit seinem ganzen K�rper nach vorne und dr�ngte ihn gegen die Umfassungsmauer.</p><p>Ilmari versuchte sich zu entwinden, doch der K�rper des Wolkenschiffers dr�ckte fest gegen den Stein. Der Totentr�ger rutschte ein wenig hinab. Sein Kopf lag nun auf der Kante der Umfassungsmauer. Rufus k�nnte ihm mit einem wuchtigen Hieb das Genick brechen.</p><p>�Allzu viele Frauen sind leider Huren!�, sagte Ilmari laut.</p><p>Rufus stie� einen unartikulierten Schrei aus. Seine Faust sauste nieder, um Ilmari f�r immer zum Schweigen zu bringen.</p><p>Im letzten Augenblick ruckte der Totentr�ger den Kopf zur Seite. Der Schlag, der ihn hatte t�ten sollen, schmetterte mit aller Wucht auf den Stein. Er h�rte die Knochen in der Hand von Rufus brechen und das Handgelenk krachen.</p><p>Er versetzte dem Wolkenschiffer einen Sto�. Der massige Leib seines Gegners taumelte ein St�ck zur�ck. Ilmari befreite sich aus der Umklammerung. Blitzschnell setzte er beide H�nde auf den flachen Stein der Umfassungsmauer, stemmte sich mit einem Schwung hoch und lie� seine genagelten Sandalen gegen das Kinn des H�nen krachen.</p><p>Rufus� Lippen platzten auf. Er wurde niedergerissen und schlug schwer auf den gepflasterten Boden des Marktplatzes.</p><p>�Die G�tter haben entschieden!�, rief Ilmari keuchend.</p><p>�Noch nicht�, wandte Solomon ein. Best�rzt kniete sich der Priester neben den Wolkenschiffer und schlug ihm mit der flachen Hand ins Gesicht. �Komm zu dir! Rufus! Steh wieder auf.�</p><p>�Z�hle!�, forderte Ilmari.</p><p>�Rufus!� Der Priester h�mmerte dem Wolkenschiffer nun mit der Faust auf die Brust. Die Augenlider des K�mpfers flackerten. Er kam wieder zu Bewusstsein.</p><p>�Eins�, rief jemand deutlich vernehmbar im Publikum.</p><p>�Zwei!� Jetzt waren es schon viele Stimmen.</p><p>Rufus versuchte sich auf seinen Ellenbogen hochzustemmen, doch Ilmari trat an die Seite Solomons, setzte dem Wolkenschiffer einen Fu� auf die Brust und dr�ckte ihn auf das Pflaster zur�ck.</p><p>�Drei!�, erklang es aus Dutzenden Kehlen.</p><p>Solomon erhob sich. �Die G�tter haben zu uns gesprochen!�, rief er mit wenig Enthusiasmus. �Die Totenw�scherin ist unschuldig.�</p><p>Die Menge st�rmte den Platz. M�nner und Frauen, deren Namen er nicht einmal kannte, klopften Ilmari auf die Schultern und begl�ckw�nschten ihn zu seinem Sieg. Aber er f�hlte keinen Triumph. Er hatte sich beschmutzt. Es war ein Triumph ohne Ehre. Die Niedergeschlagenheit wunderte ihn. Schlie�lich war er ein Meuchler. Ein M�rder, der noch nie gefragt hatte, ob eines seiner Opfer den Tod auch verdiente. Aber diese Bluttaten hatte er in aller Heimlichkeit begangen. Er hatte sie nur vor sich verantworten m�ssen.</p><p>Nie zuvor hatte er vor Publikum gek�mpft. Sahen die anderen denn nicht, was er getan hatte? Rufus mochte ein aufbrausender Kerl mit �blen Manieren sein, aber im Kampf hatte er sich ehrenhaft verhalten.</p><p>Ilmari antwortete seinen vielen neuen Freunden nur mit knappen Worten. Er f�hlte sich m�de.</p><p>Pl�tzlich war da die Totenw�scherin. Ihr standen Tr�nen in den Augen. Sie schlang die Arme um seinen Hals und zog ihn an ihren ausgemergelten Leib. Dann k�sste sie ihn.</p><p>Ein warmes, wohliges Gef�hl machte sich in seinem Bauch breit. Er mochte den falschen Weg beschritten haben, doch das �nderte nichts daran, dass er das Richtige getan hatte. Sie war unschuldig. Sie war immer ein Opfer gewesen.</p><p>Heute nicht!</p></section><section><title><p>Wahrer Reichtum</p></title><p>Narek starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an. Seine H�nde tasteten nach dem Dolch, der so leicht seinen Bronzek�rass durchdrungen hatte. Dann brach sein Blick, und Blut sprudelte �ber die goldene R�stung. Ilmari hatte das nicht gewollt. Der Bauer h�tte nicht sterben sollen. Sie beide waren Freunde gewesen�� fast. Narek hatte ein reines Herz gehabt. Sein Blick�� Er war so unendlich entt�uscht von ihm gewesen.</p><p>Ilmari schreckte hoch. Etwas hatte ihn ber�hrt! War der Geist des Bauern zur�ckgekehrt, um sich�� Ein schmales Gesicht beugte sich �ber ihn. Die W�scherin. Sie tupfte ihm mit einem Tuch �ber die Stirn.</p><p>Ilmari war in Schwei� gebadet, wie immer, wenn die Albtr�ume von der Schlacht kamen. Hatte er geschrien?</p><p>Die W�scherin sah ihn traurig an. Dann streckte sie ihm eine Hand hin und nickte in Richtung der T�r. Was wollte sie?</p><p>Jetzt ergriff sie eine seiner H�nde. Es lag etwas Flehendes in ihrem Blick. Etwas qu�lte sie. Und irgendwie schien sie zu hoffen, dass er sie erl�sen k�nnte. Oder bildete er sich das alles nur ein? Er war nicht gut darin, Blicke und Gesten von ihr zu deuten. Doch das war alles, was er je bekommen w�rde. Es sei denn, er stand auf und ging mit ihr.</p><p>Er wollte nicht wieder schlafen. Nicht in den Albtraum zur�ck. Er wusste, das Grauen lauerte auf ihn hinter der Mauer des Schlafes. Und es w�rde wiederkehren. Es war besser, sich nicht in seine Arme zu werfen. Ilmari f�hlte sich schwach. Der Kampf gegen Rufus hatte ihn mehr Kraft gekostet, als er zun�chst hatte wahrhaben wollen.</p><p>Der Totentr�ger hielt die Hand der W�scherin fest umschlossen und richtete sich auf. Seine Beine waren wie Blei. Die Wunden, die ihm die Messingbeschl�ge der Faustriemen eingebracht hatten, brannten. Und doch musste er l�cheln. Der scheue Blick der W�scherin, ihre eigenartige geduckte Haltung, als erwartete sie, f�r irgendetwas bestraft zu werden, all dies weckte in ihm den Instinkt, sie zu besch�tzen.</p><p>�Alles ist gut�, sagte er freundlich. Seine Stimme klang so rau, dass die W�scherin zusammenzuckte.</p><p>Sie zog ihn zur T�r hin.</p><p>Ilmari hatte sich ein Quartier in den oberen R�umen des Totenhauses gesucht. Er schlief in einem der Archivr�ume neben einem Regal voller Tontafeln. Nun folgte er der W�scherin hinaus in die gro�e Eingangshalle. Er trat auf das Mosaik, das den gewaltigen, sch�umenden Strudel zeigte, dessen Mittelpunkt die �ffnung der Treppe nach unten war.</p><p>Ilmari f�hlte sich ein wenig benommen. Als er die Stufen der Wendeltreppe hinabstieg, lie� er eine Hand �ber den k�hlen Stein des zentralen St�tzpfeilers gleiten. Noch halb in seinem Traum gefangen, hatte er das Gef�hl, im Strudel zu versinken, als er tiefer stieg.</p><p>Die W�scherin brachte ihn in die Kammer, in der sie arbeitete und schlief. Sie kniete neben einer gro�en Wassersch�ssel auf dem Boden nieder. Das Licht einer einzelnen �llampe spiegelte sich im Nass. Bed�chtig schob sie die Sch�ssel zur Seite, dann holte sie einen Bronzedolch, den sie in ihrem Lager verborgen gehalten hatte. Als sie zu der Sch�ssel zur�ckkehrte, wirkte sie z�gerlich. Schon kniend sah sie zu Ilmari auf, und es kam ihm vor, als flehten ihre Augen um Verzeihung. Dann schob sie den schmalen Dolch in eine Spalte zwischen den Bodenplatten. Vorsichtig hebelte sie eine Platte hoch. Darunter war ein Loch, in dem es golden funkelte. Sie nahm die �llampe und hielt sie so, dass Ilmari ganz deutlich sehen konnte, was sich in dem geheimen Versteck verbarg.</p><p>Dort lagen allerlei Armreife, Ringe und Broschen und zuoberst die pr�chtige Halskette, die verschwunden war.</p><p>Ilmari musste l�cheln. Sie war also doch eine Diebin. Jetzt begriff er, warum sie so verzweifelt versucht hatte, ihn von dem Zweikampf abzuhalten. Sie hatte Todesangst um ihn gelitten. W�rden die G�tter sich wirklich f�r die kleinlichen Streitereien der Menschen interessieren, dann h�tte er sterben m�ssen.</p><p>Eigentlich h�tte er w�tend sein sollen. Doch wie sie so vor ihm kauerte, geduckt und den Blick gesenkt, als erwartete sie, dass er sie f�r ihre L�gen schlagen w�rde, konnte er nicht anders, als sich vorzubeugen und sanft �ber ihr struppiges Haar zu streichen. Er w�rde ihr niemals etwas antun!</p><p>Als sie zu ihm aufsah, hob er einen Finger an die Lippen, um ihr zu bedeuten, dass er schweigen w�rde.</p><p>Ihre Augen weiteten sich. Die W�scherin blickte so unendlich erleichtert und dankbar zu ihm auf, wie Ilmari in seinem ganzen Leben noch nicht angesehen worden war.</p><p>Dieser Blick�� Nie zuvor hatte ihn ein Mensch so angesehen. So voller W�rme und Erleichterung. So gl�cklich. In diesem Moment begriff er, wie arm sein Leben trotz all der Reicht�mer war, die er durch seine Bluttaten erworben hatte.</p><p>Er kniete nieder, nahm sie in die Arme und dr�ckte sie fest an sich. �Ich werde bleiben und dich besch�tzen und all deine Geheimnisse mit dir teilen�, sagte er sanft.</p><p>Sie vergrub ihr Gesicht an seiner Schulter. Dann sp�rte er ihre Tr�nen auf seiner Haut. Eine Diebin und ein M�rder, dachte er. Sie passten zusammen. Vielleicht w�rden sie einander Frieden schenken k�nnen.</p></section><section><title><p>Ein verlorener Kampf</p></title><p><emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont</emphasis> glitt mit ruhigem Fl�gelschlag dem Sonnenuntergang entgegen. Hinter ihnen breitete die Nacht ihren dunklen Umhang �ber die Welt. Schon blitzte das erste Sternenlicht im samtenen Blau.</p><p>Artax war unruhig. Sie hatten gesiegt. Der Sohn der G�ttin w�rde in einigen Stunden wieder aus seiner L�hmung erwachen. Die Daimonen hatten nur eine Felsklippe voller Ruinen erobert. Aber er, er hatte den h�chsten Preis errungen. Das Traumeis! Er hatte es allen anderen entrissen. Es zu besitzen war das Einzige, das z�hlte.</p><p>Unruhig sah er zu den Wachen bei den Amphoren. Krieger aus Drusna und auch etliche seiner eigenen M�nner standen dort. Er misstraute Volodi nicht, aber mehr Wachen waren besser. Er w�nschte, sie w�ren schon in der Goldenen Stadt. W�nschte, die G�tter w�rden ihm diesen Schatz und diese B�rde nehmen.</p><p>Wieder sah er auf zum Horizont. Der Tag vergl�hte wie ein ersterbendes Feuer. Die Nacht hatte fast schon gesiegt.</p><p>Jemand begann zu singen. Es war eine klare, helle Stimme. Artax verstand die Worte nicht, und doch ber�hrte der Gesang ihn zutiefst. Es klang traurig. Wie ein Abschied.</p><p><emphasis>Es ist ein Totenlied,</emphasis> sagte eine der Stimmen in seinem Kopf. Es war nicht der Aaron, der sich sonst zu Wort meldete und ihn so oft mit seinen geh�ssigen Kommentaren gequ�lt hatte. <emphasis>Es sind die Heilkundigen Valesias, die dieses Lied erlernen. Wenn sie wissen, dass sie ihren Kampf verloren haben und der Tod nahe ist, dann singen sie es. Es soll den Sterbenden den �bergang ins gro�e Dunkel erleichtern.</emphasis></p><p>�Du bist anders���</p><p><emphasis>Wir waren nicht alle so wie dein Vorg�nger. Er ist nur der mit der m�chtigsten Stimme, weil er als Letzter hierherkam. Es gab auch weisere Herrscher als ihn.</emphasis></p><p>�Aber warum sprecht ihr nicht zu mir?�</p><p><emphasis>Vielleicht tun wir das, und du h�rst unsere Stimmen nicht.</emphasis></p><p>Das war Artax zu hoch.</p><p><emphasis>Wenn du einen ganz neuen Einfall hast, einen Gedanken, der dir noch nie zuvor gekommen ist und der sich nicht aus der Summe der Erfahrungen deines Lebens erkl�ren l�sst, hast du dich dann noch nie gefragt, woher das kommt?</emphasis></p><p>Artax gefiel das nicht. War dies eine neue, perfide Art, ihn zu qu�len? �Du meinst, nicht all meine Gedanken sind wirklich von mir?�</p><p><emphasis>Du h�rst Stimmen in deinem Kopf. Wie kannst du da so eine naive Frage stellen?</emphasis></p><p>�Ist sich unheimlich, dieses Lied.� Wie ein Geist war Volodi aus den Schatten des Flugdecks erschienen. Selten war Artax so froh gewesen, den Drusnier seine Sprache verdrehen zu h�ren. Er hatte sich in den letzten Wochen manchmal in Volodis Muttersprache mit ihm unterhalten. Sie war in ihm gewesen. Pl�tzlich��</p><p><emphasis>Nein, nicht pl�tzlich. Immer schon, seit du zum Unsterblichen Aaron</emphasis><emphasis>geworden bist.</emphasis></p><p>Artax verbannte die Stimme. Er wollte keine Toten mehr h�ren. Nicht, solange dieses Lied erklang, das ihn so tief ber�hrte.</p><p>�Sollte ich mich befehlen, still zu sein mit diesem Lied.�</p><p>Artax brauchte einen Augenblick, um zu verstehen, was sein Freund sagen wollte. �Nein. Sie nehmen Abschied von einem Sterbenden. Wir sollten uns da nicht einmischen.�</p><p>�Versteh ich mich nicht. Warum muss sich Sterbender als Letztes ein Geflenne solches anh�ren? Wenn sterbe ich, Quetzalli soll sein an meiner Seite. Soll sie mir fl�stern in Ohr. Will ich mich h�ren Geschichten von besten Liebesn�chten unseren. Ist sich sehr besonders mit ihr. Kann sie tun Dinge��� Er stie� einen tiefen Seufzer aus. �Ich mich vermisse sie. Wei�t du���</p><p>Artax hob abwehrend die H�nde. Er war sich ganz sicher, dass er nicht wissen wollte, was Volodi und Quetzalli in ihren besten Liebesn�chten getan hatten.</p><p>Damit Volodi nicht auf die Idee kam, doch noch l�nger in Erinnerungen zu schwelgen, ging Artax in Richtung des kleinen Lagers f�r Verwundete, das Arcumennas Leute zwischen den fliegenden B�ren aufgeschlagen hatten. Vielleicht war es auch einfach die Stimme, die ihn anzog. Dieses traurige Lied entsprach seinen Gef�hlen. Er k�nnte ihm die ganze Nacht lauschen.</p><p>�St�ren wir dich?� Arcumenna vertrat ihm den Weg. Etwas Herausforderndes lag in der Stimme des Feldherrn. Er hatte ihm wohl noch nicht verziehen, dass er den sinnlosen Kampf um die Ruinenstadt nicht hatte fortf�hren wollen.</p><p>�Ich mag das Lied�, sagte der Unsterbliche ruhig. Ihm war nicht nach kleinlichem Streit.</p><p>Volodi schob sich an seine Seite und bedachte Arcumenna mit einem finsteren Blick. Er wartete nur darauf, dass der Feldherr etwas Falsches sagte. Zu lange war Arcumenna der meistgehasste Mann in Drusna gewesen.</p><p>�Ihr seid gerne eingeladen, unseren Sterberiten beizuwohnen�, sagte Arcumenna frostig.</p><p>Artax atmete tief durch und blickte zu Volodi, doch der Drusnier hatte die Worte offensichtlich nicht als ironische Spitze empfunden.</p><p>Es waren nur wenige Verwundete auf das Schiff gebracht worden. Einige Krieger, die im Kampf gegen die Daimonen verletzt worden waren. Es war das letzte Lager, an dem der melancholische S�nger sa�. Ein junger Mann mit schulterlangem, schwarzem Haar. Dieses Lager war abseits der anderen. Zwischen zwei gefl�gelten B�ren, deren metallenes Fell Narben von den Hornsplittern aufwies, die der Meerwanderer verschossen hatte.</p><p>Nahe beim S�nger stand eine einzelne �llampe. Artax sah die Tr�nen in den Augen des jungen Valesiers. Ein hagerer Mann tupfte mit einem Tuch �ber das Gesicht des Sterbenden. Es lag im Schatten, war kaum zu erkennen. Noch ein dritter Mann kauerte in stummer Trauer dort. Er hielt eine Hand des Verwundeten.</p><p>�Wer ist sich das?�</p><p>�Eine Heilerin���</p><p>Lag da Bitternis in der Stimme des hartherzigen Feldherrn?</p><p>�Ist sich sehr beliebt?�</p><p>�Sie war einzigartig�, sagte Arcumenna mit rauer Stimme. �Es sind die Guten, die es immer zuerst erwischt. Sie ist zur�ckgegangen, um einen ihrer Kranken zu retten, als das Ungeheuer angegriffen hat. Sie h�tte einfach fortlaufen k�nnen. Stattdessen hat sie sich der Gefahr gestellt wie eine Kriegerin�� Sie wurde durchbohrt. Ihre Eingeweide sind zerfetzt. Eigentlich h�tte sie schon tot sein sollen. Aber sie h�rt nicht auf zu k�mpfen. Fast k�nnte man meinen, sie warte auf etwas. Als wollte sie noch Abschied nehmen���</p><p>Artax musste unwillk�rlich an die geheimnisvolle Heilerin denken, die ihn w�hrend des Feldzugs im ewigen Eis gerettet hatte. Er hatte sie nie gesehen, hatte in tiefer Bewusstlosigkeit gelegen, als sie um sein Leben k�mpfte. Und er hatte sie trotz aller M�hen nicht finden k�nnen. Nur die Geschichten �ber sie. Ihren Mut, ihre Opferbereitschaft�� So viele waren ihr begegnet.</p><p>�Wie hei�t sie?�, fragte er leise, besorgt, das Sterbelied mit seinen Worten zu st�ren.</p><p>�Shaya�, raunte der Feldherr.</p><p>F�r einen Moment lang stand Artax wie versteinert. Das konnte nicht sein! Das�� Er beugte sich vor, hob die �llampe auf und leuchtete ihr ins Gesicht. Sie war es! Die Lampe entglitt seinen H�nden und schlug auf die Decken. Hastig hob sie der Alte, der Shayas Hand hielt, auf und bedachte ihn mit einem b�sen Blick.</p><p>Artax schob ihn zur Seite, kniete sich nieder.</p><p>Das durfte nicht wahr sein! So grausam war das Schicksal nicht! So kurz er ihr Gesicht nur im Licht der kleinen Flamme gesehen hatte, es konnte keinen Zweifel geben. Es war seine Shaya! Und sie lag im Sterben. Ihr Gesicht war schmal und von Schmerzen gezeichnet.</p><p>Er nahm ihre Hand. Sie f�hlte sich kalt an, als w�re das Leben schon von ihr gewichen.</p><p>�Shaya�, hauchte er in ihr Ohr. �Ich habe dich gefunden. Endlich. Ich��� Ihm versagte die Stimme. Hei�e Tr�nen rannen �ber seine Wangen. Wie hatte er zu sp�t kommen k�nnen!</p><p>Sie schlug die Augen auf. Ein L�cheln lag in ihrem Blick. �Aaron���, hauchte sie kraftlos.</p><p>�Sie kennt ihn�, h�rte er Arcumenna hinter sich fl�stern.</p><p>Volodi antwortete etwas, doch Artax h�rte nicht hin. �Ich werde dich nie wieder gehen lassen, h�rst du. Du wirst wieder gesund���</p><p>Ein Zittern lief durch ihren K�rper. Ihr Blick ver�nderte sich. Er hatte das Gef�hl, als w�rde sie ihn um Verzeihung bitten. Arcumennas Worte dr�ngten in seine Erinnerung und l�schten jeden anderen Gedanken. <emphasis>Fast k�nnte man meinen, sie warte auf etwas. Als wollte sie noch Abschied nehmen��</emphasis></p><p>�Du wirst nicht gehen!�, schrie er auf. Er wandte sich zu Volodi. �Das Traumeis! Hol einen Splitter davon. Wir werden sie damit heilen.�</p><p>Sein Freund folgte, ohne zu z�gern, dem Befehl.</p><p>�L�se ihren Verband!�, herrschte er den hageren Mann an, der Shayas Stirn abgetupft hatte.</p><p>Der Heiler sch�ttelte den Kopf. �Das ist eine unn�tige Qual. Sie ist nicht mehr zu retten. Ich werde das nicht tun.�</p><p>�Du wirst meinem Befehl gehorchen!� Artax vermochte seinen Zorn kaum zu b�ndigen. Fast h�tte er den Mann geohrfeigt.</p><p>�Das ist der Unsterbliche Aaron, Herrscher aller Schwarzk�pfe. Folge seinen W�nschen, Hattu�, sagte Arcumenna hinter ihnen.</p><p>�Ein unsterblicher Narr ist er�, murmelte Hattu, schlug aber die Decke zur�ck.</p><p>Artax zerriss es das Herz, als er den blutdurchtr�nkten Verband sah.</p><p>Der Heiler zog ein kleines Messer und durchtrennte die Leinenstreifen. Mit spitzen Fingern zog er sie zur�ck. Sie waren mit der Wunde verklebt. Als er sie schlie�lich g�nzlich entfernt hatte, rann wieder Blut aus dem zerfetzten Bauch.</p><p>Hattu bedachte Artax mit einem vorwurfsvollen Blick.</p><p>Der Unsterbliche f�hlte sich, als w�re ihm selbst eine Klinge in die Eingeweide gerammt worden. Es war nicht das erste Mal, dass er eine solche Verletzung sah. Seine Finger schlossen sich fest um Shayas Hand.</p><p>Der Blick der Prinzessin war leer. Ihre Augen waren noch offen, doch sie war nicht mehr hier.</p><p>Eilige Schritte erklangen auf dem Holzdeck. Volodi brachte ihm einen Kristallsplitter, etwa so gro� wie sein kleiner Finger. Behutsam legte ihn Artax in die offene Wunde und dr�ckte ihn in das geschundene Fleisch.</p><p>Shaya zuckte zusammen. F�r einen Herzschlag wurde ihr Blick wieder klar. Er war voller Schmerz.</p><p>�Es wird gleich wieder gut�, stammelte Artax. �Er wird dich heilen, der Kristall. Er hat magische Kr�fte. Du wirst sehen�� Du brauchst nur ein wenig Zeit. Vertraue mir. Ein wenig Zeit���</p><p>Hattu schnalzte abf�llig mit der Zunge. �Heilende Kristalle�, murmelte er. �Bauernaberglaube!� Dann wandte er sich zu dem jungen Heiler, der verstummt war. �Sing weiter, Enak. Er tut alles, um sie noch schneller durch das letzte Tor zu geleiten.�</p><p>Artax blickte auf die schreckliche Wunde. Er hatte erwartet, dass etwas zu sehen sein w�rde. Ein Leuchten wie das Licht der Gr�nen Geister. Oder dass die Wunde sich vor seinen Augen wie von Zauberhand ber�hrt verschloss. Doch gar nichts geschah�� Er musste sich gedulden, ermahnte er sich. Die Macht des Kristalls brauchte wohl ein wenig. Sie hatte Kolja einen neuen Arm wachsen lassen!</p><p>�Bitte, Shaya, halte durch. Der Kristall wird dich retten��� Ihr Blick war wieder leer geworden. Pl�tzlich hatte Artax das Gef�hl, als w�rde das traurige Lied des Jungen Shaya mit sich ziehen.</p><p>�Still!�, fuhr er den S�nger an.</p><p>�Ihr Atem geht immer flacher�, sagte Hattu und klang dabei seltsam friedlich, so, als h�tte er das schon unz�hlige Male erlebt. �Ihr solltet jetzt von ihr Abschied nehmen, Unsterblicher. Es ist fast vor�ber.�</p><p>Das konnte er nicht! Artax tastete nach der Wunde. Nichts geschah! Das Traumeis half nicht. In verzweifelter Wut ballte er die F�uste. Dann schrie er den Namen des L�wenh�uptigen heraus. Sollte er kommen! Er war ein Gott. So lange schon diente Artax ihm und hatte nie um etwas gebeten. Sollte der Devanthar erscheinen und Shayas Leben retten.</p><p>Als nichts geschah, lie� Artax die Hand der Prinzessin los. Er konnte nicht einfach hilflos neben ihr sitzen und zusehen, wie ihr Leben verrann. Wenn sie gehen musste, dann w�rde sie das nicht allein tun. Er k�nnte es nicht ertragen, sie noch einmal zu verlieren.</p><p>Er stand auf und ging.</p><p>Volodi griff nach seinem Arm und wollte ihn zur�ckhalten, doch er streifte die Hand des Freundes ab. �Ich will allein sein�, sagte er barsch. �Sorge daf�r, dass mir niemand folgt!�</p><p>Entschlossen ging Artax auf das Ende des Flugdecks zu. Er konnte es nicht ertragen, sie gehen zu sehen und hilflos zu sein. Aber wenn sie sterben sollte, dann w�re er an dem Ort, zu dem sie hingehen w�rde. Er w�rde sie erwarten. Er wollte nie wieder ohne sie sein.</p></section><section><title><p>Ein Leben f�r ein Leben</p></title><p>Er stand am Rand des Flugdecks. �Komm! Tu es sofort, oder alles wird enden, wie es begonnen hat, mit einem Sturz aus dem Himmel!�</p><p>Artax blickte wild um sich, doch der L�wenh�uptige war nicht da. Nur einige Wachen und Wolkenschiffer blickten verstohlen zu ihm her�ber. Volodi hob den Arm und hielt sie zur�ck. Niemand bewegte sich oder wagte es auch nur, ihn anzusprechen. Er war ein Unsterblicher. Was er tat und warum, war normalen Menschen ein R�tsel.</p><p>�Wenn sie stirbt, dann endet auch mein Leben.�</p><p>Glei�endes Licht flutete das Deck. Erschreckte Rufe erklangen. Ein Schatten wurde aus dem Licht geboren. Eine m�chtige Gestalt mit einem L�wenkopf trat Artax entgegen.</p><p>�Findest du das nicht ein wenig melodramatisch?� Der L�wenh�uptige bleckte die Z�hne. Wenn das ein L�cheln sein sollte, dann fehlte ihm jede Warmherzigkeit.</p><p>�Ich hatte dich gerufen, aber du hast mich nicht geh�rt.�</p><p>Der Devanthar sch�ttelte sein m�chtiges Haupt. �Nein, Aaron. Ich habe dich geh�rt, aber ich bin nicht gekommen.�</p><p>�Aber du musstest kommen���</p><p>�Du glaubst, du kannst mir, deinem Sch�pfer, deinen Willen aufzwingen?� Der L�wenh�uptige machte einen Schritt auf ihn zu. �H�ltst du es f�r weise, mich zu ver�rgern, wenn du etwas von mir willst?�</p><p>�Bitte, ich brauche sie���</p><p>�Du bist eine ganze Weile ohne sie ausgekommen.� Der Devanthar trat bis ganz an die Kante des Decks und sah hinab.</p><p>Etwa eine halbe Meile unter ihnen schimmerte das Meer silbern im Licht der Zwillingsmonde.</p><p>�Du bist anstrengend, Artax. Glaubst du, mir ist entgangen, dass du den Tod suchst, seit sie fort ist. Du lieferst dir Luftk�mpfe mit Daimonen. Du spielst dich noch mehr als Held auf als sonst�� Tief in deinem Herzen m�chtest du, dass es vorbei ist, nicht wahr?�</p><p>Artax senkte den Blick. Es war sinnlos, einen Gott bel�gen zu wollen. �Ohne Shaya ist mein Leben voller Schatten.�</p><p>�Phrasen! Leeres Gew�sch! Aber du glaubst daran.�</p><p>Grollend legte ihm der Devanthar seine gro�e Hand auf die Brust. Ein kleiner Sto� von ihm, und er w�rde hinab ins Meer st�rzen. Artax sah zu den Kriegern und Wolkenschiffern. Sie waren au�er H�rweite, konnten aber gut sehen, was vor sich ging. Alle waren sie dem�tig niedergekniet. Nun senkten sie die H�upter, wagten es nicht, diesen zornigen, l�wenh�uptigen Gott l�nger anzuschauen. Nur Volodi stand noch. Seine Hand lag auf dem Schwertgriff. Hoffentlich beging er keine Dummheit.</p><p>�Du hast mich oft �berrascht, Artax. Du bist ein Mann von Macht geworden. Ein Mann mit Visionen.� Der Devanthar schnalzte mit der Zunge. �Die H�lfte der Zeit geht dir zwar unrealistischer Unsinn durch den Kopf, aber du hast die Gabe, andere f�r dich und deine verr�ckten Ideen zu begeistern. Du hast tats�chlich begonnen, die Geschicke dreier Welten durch deine Taten zu ver�ndern. Es w�re sehr bedauerlich, m�sste ich mich von dir trennen. Wenn du nur noch eine Stimme im Kopf irgendeines arglosen Tropfs w�rst, den ich zu deinem Nachfolger mache, w�rde ich viel verlieren. Andererseits, wer braucht einen Diener, der versucht, seinen Herrn zu erpressen?�</p><p>�Bitte, ich tue alles, was du willst�� Ich��� Die Hand des Devanthar schloss sich um Artax� Kehle. Der L�wenh�uptige hob ihn hoch. Seine F��e baumelten nun �ber dem Abgrund.</p><p>�Ich sp�re, wie dieser verdammte Wolkensammler dar�ber nachdenkt, mich anzugreifen, um dich zu retten. Und dieser d�mliche Drusnier hat gerade sogar schon sein Schwert gezogen.�</p><p>Der Devanthar stie� einen langen Seufzer aus und setzte ihn wieder ab. �Wie machst du das blo�, Artax? Sogar die Bestien Nangogs m�gen dich.� Er lachte leise. �Ein Gedanke von mir, und dieses Vieh w�re tot. Und ihr alle w�rdet mit dem Wolkenschiff ins Meer st�rzen. Und das Traumeis w�re verloren�� Ich bin geneigt, dich am Leben zu lassen, obwohl du mich wirklich ver�rgert hast.�</p><p>Das war nicht, was Artax wollte. �Ich werde���</p><p>Der Devanthar hob gebieterisch die Hand. �Stell mir nicht schon wieder irgendein Ultimatum. Selbst meine Geduld kennt Grenzen. Ich werde Shaya retten, aber dein Preis ist, dass du von nun an ein gef�giger Diener sein wirst. Du wirst keine tollk�hnen Angriffe mehr anf�hren. Deine Spiele mit dem Tod m�ssen endg�ltig vorbei sein.�</p><p>�Wenn Shaya lebt, habe auch ich allen Grund, mein Leben zu lieben.�</p><p>Der Devanthar sah ihn durchdringend an. �In diesem Augenblick bleiben ihr noch drei Herzschl�ge.�</p><p>Ohne zu z�gern, trat Artax an den Rand des Flugdecks. Er war es leid, zu betteln und zu feilschen. Entschlossen tat er den Schritt in den Abgrund.</p><p>Eine Hand packte ihn im Genick, wie man einen jungen Welpen packte. �Du sollst deinen Willen bekommen, Sterblicher.�</p><p>Eisige K�lte ging von der Hand aus, die ihn hielt. Etwas hatte sich ver�ndert. Aus den Augenwinkeln sah er Volodi. Er hatte den Mund weit aufgerissen und st�rmte vorw�rts. Doch nichts bewegte sich mehr. Die Wolkenschiffer und Wachen waren erstarrt. Einige Tentakel, die zur Mitte des Flugdecks hin griffen, als wollten sie den Devanthar ergreifen, verharrten reglos in der Luft.</p><p>�Ihr bleiben noch zwei Herzschl�ge. Das war selbst f�r mich knapp. Ich habe uns ein wenig Zeit verschafft. Doch nicht viel. Die Magie der Welt b�umt sich gegen uns auf. Es ist nie gut, die nat�rliche Ordnung zu st�ren. Komm jetzt!� Er ging zwischen den reglosen Gestalten auf dem Flugdeck hindurch zu Shayas Lager. Dort kniete er nieder. Seine Hand strich �ber die Wunde. Er zog das Traumeis heraus. �Du hast es nicht verstanden, nicht wahr?�</p><p>Artax war wie in Trance. Alles war so unwirklich. Die erstarrte Welt. Die Macht der Devanthar. Er hatte sich gegen einen Gott aufgelehnt. Das war ein Fehler, f�r den er bezahlen w�rde, da war er sich jetzt ganz sicher. �Was hab ich nicht verstanden?�</p><p>Der L�wenh�uptige hielt das Traumeis hoch. �So kann man es nicht nutzen. Da muss ein Wille sein, um zu formen. Sterbende haben dazu nicht mehr die Kraft. Jedenfalls nicht, wenn sie dem Tod schon so nahe sind wie deine Prinzessin. Verstand und Wille sind die Schl�ssel. Wer diese Schl�ssel nicht besitzt, f�r den ist das Traumeis nichts weiter als ein Kristall.� Er dr�ckte Artax das Traumeis in die Hand. �Bewahre es f�r mich, Unsterblicher.�</p><p>Artax� Hand schloss sich um den Kristall. �Aber du wirst���</p><p>�Ich stehe zu meinem Wort!� Die goldenen L�wenaugen ruhten auf dem Unsterblichen. �Wir brauchen dich. Du bist der eine, der die sieben zusammenh�lt. Ich hoffe, auch du h�ltst dein Versprechen. Versuche nie wieder, in den Tod zu fliehen.�</p><p>Artax nickte, und der Devanthar griff mit der Rechten nach einer Hand des S�ngers. Die Linke legte er auf Shayas klaffende Bauchwunde.</p><p>Etwas ergl�hte in der Steppenreiterin. Ein grelles wei�es Licht durchdrang ihren K�rper von innen heraus. So hell war es, dass ihre Knochen als Schatten zu sehen waren. Ein gr�ssliches St�hnen entwand sich ihrer Kehle. Ihr Kopf sackte in den Nacken, und eine S�ule wei�en Lichts schlug aus ihrem Mund.</p><p>Artax musste die Augen schlie�en, doch selbst durch die geschlossenen Lider sah er noch das Leuchten, das Shaya durchdrang. Und dann war da pl�tzlich Finsternis. Und der Gestank von verbranntem Fleisch.</p><p>Blinzelnd versuchte Artax, etwas zu erkennen. Seine Augen tr�nten und schmerzten, als w�ren sie von gl�henden Eisen ber�hrt worden. �Shaya�, fl�sterte er.</p><p>�Ein Leben f�r ein Leben, Unsterblicher. Das ist der Preis f�r das, worum du mich gebeten hast. Ihr Gef�� war leer. Ich musste es wieder f�llen��� Die Stimme verging wie ein fernes Echo. Der Devanthar war verschwunden.</p><p>Gegenwart st�rzte auf Artax ein. Sein Blick war noch immer von Tr�nen verschleiert. Er sp�rte Bewegung mehr, als dass er sie sah.</p><p>�Was hast du getan?�</p><p>Das war die Stimme des alten Heilers.</p><p>�Bei den G�ttern, Unsterblicher, was hast du Enak angetan?�</p><p>Artax wandte den Kopf. Jemand hielt eine �llampe dicht vor das Gesicht des S�ngers. Rauch stieg aus dem offenen Mund des jungen Mannes. Er stank nach verbranntem Fleisch. Jetzt sp�rte Artax die Hitze, die von dem toten K�rper ausging.</p><p>�Was���</p><p>�Schweig!�, fuhr Arcumenna den Heiler an. �Schweig und lerne. So ist es, wenn du einem Unsterblichen nahe kommst. Glaubst du, sie seien noch wie wir, Hattu? Du bist der Narr hier, denn du hast Aaron, den Herrn der Schwarzk�pfe, gereizt. Nun schweig still!�</p><p>Die Schleier vor Artax� Augen lichteten sich. Shayas Wunde hatte sich geschlossen. Sie wirkte erholt, als l�ge sie in tiefem Schlaf. Doch der S�nger. Er war nur noch eine ausgebrannte H�lle.</p><p>Er musste sie von hier fortbringen, dachte Artax. Sie dem Hass Hattus entziehen. Sie war unschuldig. Sie sollte nicht wissen, welchen Preis er f�r sie gezahlt hatte. Er beugte sich vor und schloss sie sanft in die Arme. Dann hob er sie hoch. Es tat so gut, ihren warmen K�rper zu sp�ren. Zu sehen, wie sich ihre Brust unter regelm��igen Atemz�gen hob und senkte.</p><p>Er hatte sie zur�ck, gegen alle Wahrscheinlichkeit. Sie war ein Geschenk der G�tter, und er w�rde sie nie wieder ziehen lassen!</p><p>Aus den Augenwinkeln sah er, wie Volodi das Zeichen des Horns schlug. Das Zeichen, um B�ses von sich fernzuhalten.</p><p>Er war ein Barbar, dachte Artax. Der Drusnier hatte nicht begriffen, was geschehen war. Sie alle konnten es nicht verstehen. Der L�wenh�uptige war aus der Zeit herausgetreten. Nur er, Artax, war Zeuge des grausamen Wunders gewesen.</p><p>Er hielt Shaya fest umklammert und zog sich dorthin zur�ck, wo das Traumeis war. Dorthin, wo seine Wachen standen und die silbernen L�wen nah waren. Er wusste, es w�rde geredet werden. Aber diesmal w�rde er es ignorieren. Es w�rde nicht sein wie beim letzten Mal. Er w�rde Shaya nie wieder dem Gerede jener opfern, deren Geist zu beschr�nkt war, um die Wahrheit zu sehen.</p></section><section><title><p>Ein Schatten zwischen Schatten</p></title><p>Sie hatte ihn gesp�rt. So deutlich, wie sie Kleider auf ihrer Haut sp�rte. Jetzt war er wieder fort. Hatte auch er ihre Gegenwart bemerkt? Auf dem Flugdeck unter ihr war es unheimlich still. Der S�nger, dem sie seit Einbruch der D�mmerung gelauscht hatte, war verstummt.</p><p>Nandalee hielt den Kopf gesenkt. Sie war nur ein Schatten zwischen Schatten. Er durfte sie nicht finden. Sie w�rde hier sitzen bleiben und sich vom Schiff schleichen. Jetzt zu versuchen, an das Traumeis zu gelangen, war zu gef�hrlich.</p><p>Sie hatte die Wolkenschiffer belauscht. Sie glaubten, in sp�testens vier Tagen in der Goldenen Stadt zu sein. Dann w�rde sie zuschlagen. Zwei oder drei Kristalle. Mehr w�rde sie nicht nehmen. Einen f�r Meliander, einen f�r Eleborn und einen f�r die Unw�gbarkeiten, die die Zukunft verbarg. Sie war nicht gierig.</p><p>Sie legte die H�nde auf ihre Knie. Sie wollten einfach nicht aufh�ren zu zittern. Mit jeder Faser ihres K�rpers hatte sie die Macht des Devanthar gesp�rt. Er hatte den Lauf der Welt angehalten und sich gegen den Tod aufgelehnt. Warum hatte er das getan? Der Dunkle hatte sie eindringlich vor dieser Spielart des Zauberwebens gewarnt. Vor der Dunkelheit, die solche Zauber anzogen. Sie wusste nur zu gut um den Schatten, der auf der Seele Bidayns lag. Diesen Schatten hatte ihre Freundin aus Nangog mitgebracht. Er war an jenem Tag auf sie gefallen, als auch sie den Lauf der Zeit ver�ndert hatte.</p><p>Solche Taten zogen Trag�dien nach sich. Keiner, der damals zugegen gewesen war, war gl�cklich geworden.</p><p>�Gonvalon�, fl�sterte sie leise. Die Leere, die er in ihr hinterlassen hatte, hatte sie nie wieder f�llen k�nnen. Selbst Emerelle und Meliander vermochten ihr nicht zu geben, was sie an ihm verloren hatte. Manchmal, wenn sie aus tiefen Tr�umen erwachte, hatte sie das Gef�hl, dass er noch neben ihr lag. Sie tastete dann nie mit der Hand zur Seite. Sie genoss den Augenblick der Illusion. Manchmal war ihre Einbildungskraft so stark, dass sie glaubte, ihn zu riechen und die W�rme seiner H�nde auf ihrer Haut zu sp�ren.</p><p>Wenn das Schicksal ihr gn�dig war, schlief sie dann, in wohlige Erinnerungen geh�llt, noch einmal ein, und er begegnete ihr im Traum. Doch Gnade war selten.</p><p>Ob sie den Menschenkindern zuteilwerden w�rde, die zugegen waren, als der Devanthar sich an der Ordnung der Welt verging? Wohl kaum. Auch auf ihre Seelen w�rde ein Schatten fallen, da war sie sich sicher.</p></section><section><title><p>Das Gl�ck auf dem Ankerturm</p></title><p>Volodi war unendlich erleichtert, als er die Ankert�rme der Goldenen Stadt am Horizont sah. Schnell kamen sie n�her. Eine beklemmende Stimmung lag �ber dem Schiff. Die Valesier hatten sich abgesondert. Sie sprachen kaum noch mit den anderen Besatzungsmitgliedern. Neue Geschichten �ber K�nig Geisterschwert machten die Runde. Geschichten, die noch d�sterer waren als jene, die man sich �ber die Eroberung des Steinhorsts erz�hlte.</p><p>Volodi war damals ein Gefangener der Zapote gewesen. Er hatte keinen Anteil an der Schlacht gegen die rebellischen Satrapen Bessos und Eleasar gehabt. Und er hatte die Geschichten �ber Aarons Bluttaten nie glauben wollen. Doch jetzt war er sich nicht mehr sicher.</p><p>Sein Freund hatte das Leben Shayas gegen das des Heilers Enak eingetauscht. Daran konnte kein Zweifel bestehen.</p><p>Shayas raues Lachen hallte �ber das Flugdeck. Sie wusste wohl nicht, was geschehen war. Sie und Aaron sahen gl�cklich miteinander aus. Beide ignorierten die verstohlenen Blicke, die ihnen folgten. Oder waren sie in ihrem Gl�ck blind geworden?</p><p>H�rner erklangen in der fernen Stadt. Sie waren gesichtet worden.</p><p>Volodi dachte an Quetzalli. Es war unverzeihlich, was er ihr angetan hatte. Jetzt, mit etwas Abstand, konnte er sich nicht mehr erkl�ren, was er an Anisja gefunden hatte. Quetzalli war die eine, die er begehrte wie keine andere. Wie hatte er nur ein solcher Dummkopf sein k�nnen?</p><p>Seit Tagen hatte er sich eine Rede f�r sie zurechtgelegt. Er w�rde sie zur�ckerobern. Auf Knien w�rde er sie um Verzeihung bitten, selbst wenn der ganze Hofstaat dabei zusah. Er war entschlossen, sich auch sein Gl�ck zur�ckzuerobern. Und es war ihm egal, was die anderen �ber ihn reden w�rden.</p><p>Volodi schloss die Augen. Er genoss den Wind auf seinem Antlitz und dachte daran zur�ck, wie er Quetzalli zum allerersten Mal begegnet war. Sie hatte ihm auf einem Markt der Goldenen Stadt zugel�chelt, und er war ihr vom ersten Augenblick an verfallen gewesen, ohne zu ahnen, dass sie eine Menschenf�ngerin f�r die blutgierige Priesterschaft der Zapote gewesen war. Seit damals waren sie beide einen langen Weg gegangen.</p><p>Stumm betete Volodi zum Gro�en B�ren, flehte den Devanthar darum an, dass Quetzalli sich in diesem Augenblick ihren geliebten Federumhang um die Schultern warf, Wanya auf den Arm nahm und �ber den Hof des Palastes zum Ankerturm eilte. Wenn sie dort oben auf ihn wartete, dann w�rde alles wieder gut werden.</p><p>Er wagte es nicht, die Augen wieder zu �ffnen, aus Angst, der Entt�uschung ins Angesicht zu sehen. Er kannte Quetzalli nur zu gut. Zu vergeben geh�rte nicht zu ihren St�rken.</p><p>Der Unsterbliche sp�rte, wie der Fl�gelschlag von <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont</emphasis> langsamer wurde. Deutlich h�rte er jetzt auch das Pl�tschern und Knarren der gro�en Wasserr�der der Stadt. Die Decksoffiziere riefen Befehle, die Ankertaue bereitzuhalten.</p><p>Es war t�richt, es noch l�nger herauszuz�gern, dachte Volodi bitter. Er musste sich den Konsequenzen seines Fehltritts mit Anisja stellen. Hoffentlich lie� Quetzalli ihm wenigstens Zeit mit Wanya. Er hatte den Jungen vor dem Aufbruch str�flich vernachl�ssigt. Er durfte seinen Sohn nicht nur den Weibern �berlassen. Er sollte sich Zeit f�r ihn nehmen, ihn ein wenig Honigbier von seinen Fingern lecken lassen, damit er lernte, was gut war. Ihm gefiel der Gedanke, mit Wanya auf dem Scho� auf dem Hochsitz im Langhaus zu sitzen.</p><p>Ein L�cheln stahl sich auf die Lippen des Unsterblichen, und er �ffnete die Augen. Der Ankerturm lag weniger als hundert Schritt steuerbord von ihm. Deutlich sah er Oleg, eine Schar von Kriegern und Hofbeamte. Den schillernden Federmantel Quetzallis sah er nicht.</p><p>Er straffte sich, k�mpfte gegen den Klo� in seinem Hals. Er hatte es geahnt. Sie war zu tief verletzt. Und das war ganz und gar seine Schuld. Wie hatte er Trottel darauf hoffen k�nnen, sie auf dem Turm zu sehen? Er w�rde sich ihre Liebe wieder verdienen m�ssen.</p><p>Auf den anderen Ankert�rmen seines Palastes wurden H�rner geblasen, um ihn zu gr��en. Fr�her war er stolz gewesen, wenn er so empfangen worden war. Jetzt f�hlte er gar nichts. Seine Seele war taub vom Schmerz, den er Quetzalli zugef�gt hatte.</p><p>Schillerndes Rot dr�ngte sich zwischen den H�flingen auf der gewundenen Au�entreppe des Ankerturms hindurch. Ein Umhang aus den Federn dieser widerborstigen V�gel, die die Zapote so gerne in ihren H�usern hielten. Offenes Haar, schwarz wie die Nacht, breitete sich �ber das Rot. Quetzalli! Sie war doch gekommen. Mit Wanya im Arm erreichte sie die Plattform des Ankerturms. Volodi konnte sehen, wie sehr sie au�er Atem war.</p><p>Das Wolkenschiff war keine zwanzig Schritt mehr entfernt. Tentakel griffen nach den schweren, goldverkleideten Balken, die aus dem Mauerwerk ragten.</p><p>Volodi hatte nur Augen f�r Quetzalli. Ihre Wangen waren rot. Sie musste gelaufen sein, um noch rechtzeitig die Turmspitze zu erreichen. Sie hob den freien Arm und winkte ihm.</p><p>Volodi atmete schwer aus. Er konnte sich nicht erinnern, in seinem Leben jemals so erleichtert gewesen zu sein. Dort oben auf dem Ankerturm stand das Gl�ck, und es winkte ihm zu.</p></section><section><title><p>Nur ein Schritt</p></title><p>Quetzalli machte einen weiten Schritt von der schwingenden Laufplanke, die das Schiff mit dem Ankerturm verband, und hatte wieder festen Boden unter den F��en. Volodi nahm sie in die Arme, kaum dass sie einen Fu� an Deck gesetzt hatte. Er k�sste sie leidenschaftlich vor aller Augen. Sie lie� sich fallen, genoss es, in seinen starken Armen geborgen zu sein. So leidenschaftlich war er schon lange nicht mehr gewesen.</p><p>�Es tut gut, dich zu sehen�, hauchte er ihr ins Ohr. �Bitte verzeih mir meine Dummheit. Ich habe es bereut. Ich���</p><p>Sie legte ihm sanft die Hand auf die Lippen. �Wie k�nnte ich verzeihen, was ich vergessen habe.� Sie l�chelte und befreite sich aus seiner Umarmung. Immer noch hielt sie Wanya an sich gedr�ckt.</p><p>Vorsichtig trat sie einen Schritt zur�ck. Sie war sich bewusst, dass sie angestarrt wurden. Eine so leidenschaftliche Begr��ung ziemte sich nicht f�r ein Herrscherpaar. Zwischen den H�flingen, die ebenfalls an Bord gegangen waren, entdeckte sie auch Yuri, der ihnen mit kalten Augen zusah. Da war sie wieder, die Wirklichkeit. Nichts war mehr so, wie es noch vor einem Mond gewesen war. Bevor die Daimonen den Palast angegriffen hatten. Nicht Volodi war es gewesen, der ihr Leben zerst�rt hatte. Nicht einmal Yuri. Sie hatte es getan. Ihre Angst hatte ihre Zukunft gefressen. W�re sie doch nur nicht in den Versorgungstunnel geflohen. Sie h�tte einfach nur im Langhaus ausharren m�ssen, und alles w�re gut gewesen.</p><p>�Komm, lass uns wo hingehen, wo wir nicht allen im Weg stehen�, sagte Volodi sanft und f�hrte sie hinab auf das Flugdeck des Wolkenschiffs.</p><p>Quetzalli genoss es, ihn zu betrachten. Seinen gro�en, muskul�sen Leib. Sein edel geschnittenes Gesicht, die tiefblauen Augen und das Haar, hell wie Sonnenstrahlen an einem Sommernachmittag. Sie hatte sich in ihn verliebt, als sie ihn zum ersten Mal gesehen hatte. Auch wenn sie es sich damals noch nicht eingestanden hatte. Er war ein guter Mann gewesen. Er war gekommen, um sie aus der Sklaverei der Jaguarm�nner zu befreien. Er hatte nie gefragt, was sie ihr angetan hatten, und er hatte ihr verziehen, dass sie versucht hatte, ihn zu den Opferalt�ren ihres Volkes zu locken. Sie wusste, wie wenige Frauen in ihrem Volk das Gl�ck hatten, einen Mann zu finden, der so zu ihnen stand, wie Volodi immer zu ihr gestanden hatte. Ihr Gl�ck h�tte nur ein weniger l�nger dauern d�rfen��</p><p>An seiner Seite schritt sie zwischen den Reihen von gefl�gelten L�wen und B�ren hindurch zum Ende des Flugdecks. Sie hatte gute Jahre mit Volodi gehabt. Sie durfte ihm jetzt nicht zur Last werden. Was mit Wanya geschehen war, w�rde f�r immer als ein Schatten �ber seinem K�nigtum liegen. Entweder w�rde es hei�en, die Zapotehexe habe die Seele des K�nigssohns geopfert, oder aber, der K�nig sei schwach und seine Schw�che w�rde sich in dem Kind zeigen, das er gezeugt hatte. Yuri w�rde sie vielleicht loswerden k�nnen, aber andere w�rden dem Heiler folgen. Es w�re ein Kampf, der niemals enden w�rde. Wenn sie ihn wirklich liebte, dann durfte sie nicht zulassen, dass seine Herrschaft in den Schmutz gezogen wurde. Sie blieb stehen.</p><p>�Umarme mich, mein Geliebter�, sagte sie voller W�rme.</p><p>Volodi sah sie verwundert an. �Was ist los mit dir?�</p><p>�Es tut mir leid, dass wir gestritten haben. Wegen nichts���</p><p>Er senkte den Kopf. Sie konnte sich vorstellen, was er jetzt dachte. Es war nicht ganz nichts. Es hatte die eine Liebesnacht mit Anisja gegeben, doch was bedeutete das schon?</p><p>�Ich���, begann er, doch sie brachte ihn mit einem Kuss zum Schweigen. Sie wollte nichts mehr von dem h�ren, was zwischen ihnen gestanden hatte.</p><p>Lange verharrten sie eng umschlungen. Wanya zwischen sich. Sie drei waren eins. Ein letztes Mal.</p><p>Es fiel Quetzalli schwer, sich aus der Umarmung zu l�sen. So gerne w�re sie mit ihm den Ankerturm hinabgestiegen. Sie h�tten sich zusammen in ihren Gem�chern im Langhaus eingeschlossen. Sie w�ren einfach nur f�r sich allein gewesen, wie damals, als sie sich in den W�ldern Drusnas versteckt hatten.</p><p>Quetzalli tastete nach dem Buchenholzstab, den sie sich in den G�rtel geschoben hatte. So viele Stunden hatte er sie gekostet. Doch jede einzelne war es wert. Er war jetzt �ber und �ber mit Schnitzereien bedeckt. Der Stab w�rde Volodi in den dunkelsten Stunden ein Licht sein. �Dies ist mein Geschenk an dich. Es erz�hlt von einer geheimen Geschichte.�</p><p>Volodi nahm das Kleinod entgegen und betrachtete es bewundernd. Seine Finger glitten �ber die Schlangen und Fabelwesen, die das helle Holz schm�ckten, die Zeichen und Symbole, die allein die Priester der Zapote zu deuten wussten.</p><p>�Er ist sch�n�, sagte er anerkennend. Er deutete auf eine Schlange, aus deren Schlund ein Frauenleib ragte. �Und ein wenig unheimlich.� Er l�chelte. �Er passt zu dir, meine blutgierige Priesterin.�</p><p>Sie schluckte. Das wollte sie nicht h�ren. Nicht jetzt��</p><p>�Es war ein Scherz�, sagte er hastig. Er schien in ihrem Gesicht gelesen zu haben. Er kannte sie so gut. Sie seufzte. Sie schmeckte noch seine K�sse auf ihren Lippen. Eng dr�ckte sie Wanya an ihre Brust. �Bitte, versprich mir eins, Volodi, vergiss niemals, was ich dir nun sage.�</p><p>Er legte die Stirn in Falten. �Was���</p><p>�Ganz gleich, was du �ber mich h�ren wirst, all meine Taten wurden aus Liebe zu dir geboren.� Sie wich vor ihm zur�ck. Einen Schritt. Zwei��</p><p>Erst sah er sie nur verwundert an. Dann weiteten sich seine Augen vor Entsetzen. �Nicht!�</p><p>Sie machte noch einen Schritt und trat ins Leere. Sie hielt Wanya eng umschlungen, als sie fiel. Die Zeit schien langsamer zu laufen. �berdeutlich sah sie die H�flinge und Lastentr�ger auf der Treppe des Ankerturms. Den Schrecken in ihren Gesichtern.</p><p>Sie st�rzte, ohne zu schreien. Sie war eine Priesterin der Zapote. Beherrscht bis in den Tod. Beherrscht bis��</p><p>Am Rand des Flugdecks erschien Volodi. Das Grauen, das sie in seinen Z�gen sah, brach ihr das Herz. Und doch, sie hatte keine andere Wahl gehabt. Sie bedauerte nichts.</p><p>�Lebe wohl, mein wundersch�ner M�� Der Aufprall l�schte all ihre �ngste.</p></section><section><title><p>Kampf um den Himmel</p></title><p>Artax sah Volodi am Abgrund schwanken. Er lie� Shaya los und rannte, so schnell ihn seine Beine trugen, �ber das Flugdeck. Als er seinen Freund beim Umhang packte, wollte der Drusnier gerade den Schritt tun, der ihn von Quetzalli trennte.</p><p>�Nicht!� Artax zerrte ihn zur�ck und warf ihn zu Boden. Er kniete sich auf Volodis Brust, dr�ckte ihn mit aller Kraft auf das Deck. Sein Freund machte keine Anstalten, Widerstand zu leisten.</p><p>�Warum��� Volodis Stimme war ohne jede Kraft. �Sie hatte mich gerade noch gek�sst�� Alles war gut. Ich konnte es deutlich sp�ren. Alles war gut��� Immer und immer wieder sprach er diese drei Worte, als w�ren sie eine Zauberformel, die Quetzalli und Wanya zur�ck ins Leben holen k�nnte.</p><p>Artax wusste nicht, was er sagen sollte. Es gab keine Worte, die ihm Trost spenden konnten. Er legte Volodi einfach nur die Hand auf die Schulter und h�rte ihm zu.</p><p>�Alles war gut���</p><p>Das Wolkenschiff erbebte. Schreie gellten vom Palasthof. Verwundert blickte Artax auf. Etwa zweihundert Schritt entfernt lag ein anderer Wolkensammler vert�ut. Er trug ein gro�es Lastschiff. Die Tentakel der Kreatur l�sten sich von den Strebebalken des Turms. Fanghaken durchtrennten Ankerleinen. Tentakel griffen nach Wolkenschiffern, um sie von Bord zu zerren und in den Palasthof hinabzuschleudern.</p><p>H�rner erklangen s�dlich des Palastes.</p><p>�Bei den G�ttern��� Shaya deutete nach S�den. �berall in der Stadt l�sten sich Wolkensammler von den Ankert�rmen. Einige bek�mpften sich gegenseitig. �berall waren Todesschreie zu h�ren.</p><p>Ein Fangarm schlang sich um den Hals von Artax. Etwas drang in ihn ein. War in seinen Gedanken.</p><p>Shaya zog das Schwert, das er am G�rtel trug. Sie holte aus, um den Tentakel zu durchtrennen.</p><p>�Nicht!� Etwas versuchte, Worte in seinen Gedanken zu formen. <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont,</emphasis> er wollte ihm etwas mitteilen.</p><p><emphasis>Der Hof�� Alle m�ssen fort��</emphasis></p><p>�Shaya, bleibt bei Volodi!� Der Unsterbliche sprang auf. Der Tentakel um seinen Hals l�ste sich nicht. Wie ein angeleinter Hund f�hlte er sich, schob den �rger beiseite und lief zur Reling.</p><p>�R�umt den Hof! Sofort!�, schrie er hinab. �Im Namen der G�tter! R�umt den Hof.� Und dann sah er, warum <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont</emphasis> ihm diesen Gedanken gegeben hatte. Der Wolkensammler am anderen Ende des Palasthofs hielt sich nur noch mit wenigen Tentakeln am Ankerturm fest. Er schwang im Wind herum in ihre Richtung. Und er hatte begonnen, die mit Kupferdr�hten verst�rkten Seile zu durchtrennen, die das schwere Lastschiff an seinen Leib fesselten.</p><p>�Das Schiff, es wird in den Hof st�rzen!�, rief Artax, doch seine Stimme ging im allgemeinen Geschrei unter. Jetzt hatten die Drusnier auch bemerkt, was vor sich ging. Sie liefen in alle Himmelsrichtungen auseinander. Nicht schnell genug.</p><p>Das gro�e Wolkenschiff st�rzte in die Tiefe und begrub etliche der einfachen Ziegelbauten, die als Lagerh�user dienten, unter sich. Der halbe Hof verschwand unter dem Wrack. Drei der seitlich aus dem Rumpf ragenden Masten zerschmetterten das Dach des Langhauses.</p><p>Fassungslos betrachtete Artax das Chaos. Fangarme des tobenden Wolkensammlers griffen nach �berlebenden auf dem Ankerturm, an dem eben erst Volodis Schiff angelegt hatte. Sie schleuderten die Menschen hoch in den Himmel hinauf, sodass die Ungl�cklichen auf den D�chern und Gassen der Stadt zerschmettert wurden.</p><p>�Was geht hier vor sich���</p><p><emphasis>Es war mein Fehler,</emphasis> hauchte die Stimme von <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont</emphasis> in seinen Gedanken. <emphasis>Ich habe ihnen gesagt, dass wir das Traumeis geborgen haben und sie alle sich ver�ndern k�nnen. Dass wir noch heute damit beginnen w�rden�� Dass sie fliegen k�nnten, so wie ich, statt nur vor dem Wind zu treiben.</emphasis></p><p>�Du hast es allen gesagt? Wann? Wie?�</p><p><emphasis>Wir reden in Gedanken miteinander, so wie ich nun mit dir spreche. Doch ich muss sie nicht ber�hren. Wir verstehen uns so. �ber viele Meilen hinweg. Alle Wolkensammler �ber der Stadt haben mir zugeh�rt. Und auch einige, die im Anflug waren��</emphasis></p><p>�Wie viele rebellieren? Sag mir��� Der Tentakel um seinen Hals riss ihn zu Boden. Ein Fangarm, der in einem blutverschmierten Hornhaken endete, schnellte �ber ihn hinweg, �nderte die Richtung und durchschlug das Deck �ber ihm.</p><p><emphasis>Ich werde k�mpfen m�ssen. Sie wollen mich t�ten. Ich verstehe ihren</emphasis><emphasis>Zorn nicht. Ich�� All dieser Hass. Sie werfen mir vor, dass ich mich an Nangogs Sch�pfung vergehen will, dass ich mich gegen unser aller Mutter, die Gro�e G�ttin, gestellt h�tte. Sie sind so blind! Sie wollen nicht sehen, dass es kein Verrat ist, wenn man etwas verbessert.</emphasis><emphasis>Sie�� Nein, es ist anders. Sie f�rchten, eure Devanthar werden sie zwingen, sich zu verwandeln und sich gegen Nangog zu stellen.</emphasis> Artax sp�rte die tiefe Best�rzung des Wolkensammlers. <emphasis>W�rden die Devanthar das tun?</emphasis></p><p>Darauf vermochte der Unsterbliche dem Wolkensammler keine Antwort zu geben. Und <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont</emphasis> sp�rte seine Zweifel. Der Tentakel l�ste sich von Artax� Hals und glitt seinen Nacken hoch.</p><p><emphasis>Rette Volodi! Bring ihn vom Schiff!</emphasis></p><p>Der Kontakt zum Wolkensammler brach ab.</p><p>Dutzende Fangarme griffen �ber den Hof hinweg nach <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont</emphasis>. Er versuchte, einige der Arme abzuwehren, w�hrend auch er sich vom Ankerturm l�ste.</p><p>Artax sah mit dem Wind von Norden her noch zwei weitere gro�e Wolkensammler auf sie zutreiben. Ein m�rderischer Kampf w�rde entbrennen, und dann waren sie besser nicht mehr an Bord.</p><p>Artax lief zu Shaya, die noch immer bei Volodi stand. �Wir m�ssen runter vom Schiff.�</p><p>Schon trieben sie vom Ankerturm fort. <emphasis>Wind vor regenschwerem</emphasis><emphasis>Horizont</emphasis> versuchte, an H�he zu gewinnen, als Fangarme mit manngro�en Widerhaken in seine Fl�gel schlugen.</p><p>�Volodi?�</p><p>Sein Freund sah ihn mit leerem Blick an.</p><p>�Volodi! Jetzt ist nicht die Zeit zu trauern!� Er zerrte den Drusnier auf die Beine. �Einige Wolkensammler versuchen, <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont</emphasis> zu zerfleischen. Wir m�ssen von Bord, sofort!�</p><p>Der Unsterbliche nickte teilnahmslos.</p><p>�Du steigst jetzt auf deinen B�ren und suchst dir irgendwo einen sicheren Platz.� Es sah nicht so aus, als w�re sein Freund zu irgendeiner vern�nftigen Handlung f�hig. Aber er musste fliegen! Er konnte ihn nicht auch noch auf seinem L�wen mitnehmen. Drei Reiter w�rde der L�we nicht tragen k�nnen.</p><p>�Wenn du nicht entkommst, wer soll sich dann um das Begr�bnis von Quetzalli und deinem Sohn k�mmern.� Shaya versetzte dem Drusnier eine schallende Ohrfeige. �Besinn dich, Mann. Du schuldest es den beiden, dich um ihre Leichen zu k�mmern!�</p><p>Ihre Worte zeigten Wirkung. Volodi nickte. Er schien aus seiner Erstarrung zu erwachen. Einen Moment lang wirkte er orientierungslos, dann wandte er sich zu den B�ren. �Ich werde fliegen�, sagte er entschieden.</p><p>Fangarme zerfetzten das Tauwerk, das ihr Schiff mit <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont</emphasis> verband. Das Flugdeck neigte sich sanft, w�hrend der Wolkensammler verzweifelt versuchte, an H�he zu gewinnen. Die Laufstege, die zum Ankerturm f�hrten, st�rzten in die Tiefe. Einige letzte Fl�chtlinge und Wolkenschiffer versuchten, mit todesmutigen Spr�ngen von der Reling auf den Turm zu gelangen.</p><p>Artax sah Ashot, der sich verzweifelt an einen der goldbeschlagenen Querbalken klammerte. Von den Kriegern, die ausgebildet waren, die silbernen L�wen und B�ren zu fliegen, war niemand mehr an Bord. Sie waren die Eskorte f�r das Traumeis gewesen und hatten als Erste das Schiff verlassen.</p><p>Das Deck erbebte erneut. Die Schr�glage verschlimmerte sich. Einige ungesicherte Wasseramphoren schlitterten �ber den zerfurchten Holzboden und st�rzten �ber die Kante des Flugdecks in die Tiefe.</p><p>�Schnell!� Er nahm Shaya bei der Hand und lief zu seinem L�wen. Hastig schob er sie hinter der hohen Sattellehne auf den R�cken des silbernen Reittiers. �Leg die Ledergurte an und schnall sie so eng, dass du glaubst, dir muss das Blut in den Adern stocken. Das wird ein wilder Ritt!�</p><p>Ohne sich die Zeit zu nehmen, darauf zu achten, ob sie seine Befehle befolgte, stieg er auf. �berall an Bord war das Ger�usch splitternden Holzes und zerschellender Amphoren zu h�ren. Die L�wen und B�ren begannen ebenfalls langsam zu rutschen.</p><p>�Steigt in den Himmel!�, schrie Artax sie an, doch die magischen Kreaturen regten sich nicht. Sie waren darauf ausgelegt, auf ihre Reiter zu warten. Nur von ihnen nahmen sie Befehle entgegen. Selbst die Silberl�wen. Um sie zu beherrschen, h�tte er sie ber�hren m�ssen, so wie er es mit seinem neuen Reittier getan hatte.</p><p>Volodi preschte auf seinem B�ren an ihm und Shaya vorbei. Erste Tentakel griffen auf das Flugdeck, doch er vermochte ihnen auszuweichen.</p><p>�Vorw�rts, mein Starker!� Artax klopfte seinem L�wen auf die silberne M�hne, als w�re er ein Reittier aus Fleisch und Blut. �Rette die Frau, die ich liebe.�</p><p>Die Kreatur riss den Kopf in den Nacken und weitete die Fl�gel. Mit kr�ftigen Schritten trat sie in die Mitte des Flugdecks. Mit einem Ruck neigte sich der Boden ein weiteres St�ck. Das Wolkenschiff hing bereits so schief in seiner Vert�uung, dass Artax den Palasthof unter sich sehen konnte.</p><p>Fl�gelschlagend rannte der L�we los, als hinter ihnen metallisches Kreischen ert�nte.</p><p>�Schneller!�, schrie Shaya auf.</p><p>Die hohe Sattellehne verhinderte, dass Artax hinter sich blicken konnte. Tr�mmer rauschten an ihnen vorbei, dann ein Fass, an dem sich ein schreckensstarrer Wolkenschiffer festklammerte.</p><p>Das Ger�usch hinter ihnen wurde immer lauter. Es klang, als w�rden Riesen mit Schwertern aufeinander einschlagen.</p><p>Artax hielt die Z�gel fest umklammert. Er konnte nichts tun, au�er zu hoffen. Die Pranken des L�wen h�mmerten auf das Flugdeck, und dann st�rzten sie �ber die Kante in die Tiefe.</p><p>Der L�we drehte sich wie ein Pfeil im Flug um seine eigene Achse. Diese Biester mochten das, das wusste Artax. Er hingegen hasste dieses Flugman�ver, bei dem ihm jedes Mal schwindelig wurde. Die silbernen Schwingen schlugen mit solcher Kraft, dass die Metallverbindungen knirschten.</p><p>Der L�we schwenkte in eine horizontale Flugbahn und machte erneut eine wilde Rolle. Dicht neben ihnen st�rzte ein silberner B�r dem Palasthof entgegen.</p><p>Sein Silberl�we scherte zur Seite aus und nahm einen westlichen Kurs, fort vom Palast der Drusnier. Und nun sah Artax, was geschehen war. Wie eine Kaskade aus geh�mmertem Silber st�rzten die L�wen und B�ren aus dem Flugdeck. Nicht eine der Kreaturen regte sich. Ihre massigen Leiber schlugen gegeneinander. Die Fl�gel verbogen. Das Gesicht eines L�wen war fortgerissen. Ohne ihre Reiter waren sie nicht mehr als leblose Skulpturen.</p><p>Scheppernd zerschellten sie auf dem Palasthof. Aus den Augenwinkeln sah Artax, wie zwischen dem Silber ein abgetrennter Tentakel aus dem Himmel fiel. Ein Fangarm, dick wie sein Oberk�rper. Blut spr�hte aus dem Himmel �ber ihnen. Der Angreifer hatte <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont</emphasis> bereits viele Wunden geschlagen. Und die beiden anderen Wolkensammler waren schon fast in Tentakelreichweite.</p><p>Artax �berlegte, wie er <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont</emphasis> helfen k�nnte. Aber was f�r einen Unterschied machte ein einzelner Mensch schon, wenn vier Wolkensammler miteinander rangen? Sein Einsatz w�re nicht mehr als eine noble Geste. Entscheiden w�rde er nichts. Au�er, dass er sich den �rger des L�wenh�uptigen zuziehen w�rde. Er hatte dem Devanthar versprochen, auf allzu tollk�hne K�mpfe zu verzichten.</p><p>Bring uns zu meinem Palast, dachte er. Der L�we w�rde den Weg kennen, er war oft genug �ber der Goldenen Stadt geflogen.</p><p>Der L�we reagierte sofort und �nderte seinen Kurs ein wenig, sodass er nun auf den Palast von Aram zuhielt. Artax f�hlte sich schlecht. Er kam sich wie ein Verr�ter an dem Wolkensammler vor. Er h�tte zumindest versuchen sollen, ihm zu helfen. Ein letztes Mal sah er zu ihm zur�ck. <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont</emphasis> trennte sich gerade von dem Wolkenschiff, das er trug, um im Kampf besser man�vrieren zu k�nnen. Der Palasthof lag schon jetzt voller abgetrennter Fangarme.</p><p>�Ich liebe diese neue Art zu fliegen!�, rief Shaya hinter ihm voller Begeisterung.</p><p>Er durfte jetzt nur an sie denken! Sie lebte, weil er ein Versprechen gegeben hatte. Wenn er es brach, dann w�rde sie sterben. Er �nderte den Kurs des L�wen nicht, dachte mit aller Kraft an seinen Palast in dieser verw�steten Stadt. Dann griff er nach hinten, fand Shayas Hand und dr�ckte sie fest. Er wusste, wie sehr sie es liebte, am Himmel zu reisen. Bei ihrer ersten Begegnung hatte sie im Fluggeschirr unter einem jungen Wolkensammler gehangen und an der Spitze einer Schar von Ischkuzaia das herrenlose Wolkenschiff geentert, das er in Schlepp genommen hatte.</p><p>Er blickte zum weiten Himmel �ber der Goldenen Stadt. �berall trieben Wolkensammler davon. Doch zumindest k�mpften sie nicht mehr gegeneinander wie anfangs. Sie hatten es nur noch auf <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont</emphasis> abgesehen.</p><p>Wracks von abgeworfenen Wolkenschiffen lagen in der Stadt. An mehreren Orten waren Br�nde ausgebrochen. Die Goldene Stadt am Rand des Weltenmunds war immer noch gezeichnet vom gro�en Beben. Wann w�rden ihre Bewohner endlich friedliche Zeiten erleben? Wie viele Schlachten mussten sie noch schlagen, bis der Krieg um Nangog endete? Wie viele zerst�rte St�dte wie Asugar w�rde er noch sehen?</p><p>Ein glei�endes Licht erweckte seine Aufmerksamkeit. Dann noch eins. Und noch eins. Sie alle leuchteten bei Volodis Palast auf. Die Devanthar kamen. Sie wollten das Traumeis, dachte Artax bitter. Sie waren ganz sicher nicht gekommen, um zu helfen. Das taten sie nie.</p><p>Der L�we setzte zur Landung auf dem inneren Hof des Palastes des Statthalters von Aram an, den Artax nun so lange schon als seine Residenz nutzte. Nangog lie� ihn nicht mehr los. Wenn er in seine Welt zur�ckkehrte, dann nie l�nger als f�r wenige Tage, um dr�ngende Staatsgesch�fte zu erledigen. Sein Platz war hier, ob er es wollte oder nicht.</p><p>Auf den Terrassen der weitl�ufigen Palastanlage dr�ngten sich Hunderte Schaulustige, um das Spektakel am Himmel �ber der Stadt zu betrachten. Wut brandete in ihm auf. Statt zu helfen, gafften sie einfach nur. Doch dann ging ihm auf, dass auch er einen Teil Schuld daran trug. Er hatte Ashot, den Befehlshaber seiner Truppen, mitgenommen und Mataan, der die Verwaltung des Palastes f�hrte.</p><p>Der L�we landete hart im Sand des Hofes. Er lief noch ein paar Schritt aus, dann blieb er stehen. Einige Palastwachen eilten herbei, hielten jedoch respektvollen Abstand, als sie ihren Herrscher erkannten.</p><p>Artax stieg ab und wollte Shaya vom R�cken des L�wen helfen, doch sie hatte ihre Ledergurte bereits gel�st und sprang elegant ab. �Wunderbar! Ich brauche auch so einen L�wen!� Ihre Unterlippe blutete.</p><p>�Was���</p><p>Sie machte eine wegwerfende Geste. �Nichts. Hab mir auf die Lippe gebissen, als wir gelandet sind. Bisschen ruppig, dein L�we. Fast wie ein junger Hengst, der zugeritten werden muss.�</p><p>Er mochte diese Art an ihr. Raubeinig wie ein Krieger. In ihrer ersten Nacht hatten sie sich gegenseitig ihre Narben gezeigt und Geschichten von K�mpfen und Unf�llen erz�hlt. Er musste l�cheln. Sie waren nicht gerade ein gew�hnliches Liebespaar gewesen.</p><p>Pl�tzlich wirkte Shaya ver�ndert. Sie versteifte sich.</p><p>Die Schaulustigen auf den Terrassen sahen nun auf den Hof. Wunderten sich, ihren Unsterblichen, der sonst so keusch wie ein S�ulenheiliger lebte, an der Seite einer Frau zu sehen. Er konnte sehen, wie sie miteinander tuschelten.</p><p>Artax griff nach Shayas Hand. Er zog sie dicht an sich heran und gab ihr vor aller Augen einen langen Kuss. �Ich werde nie wieder dulden, dass du gehst. Es ist mir egal, was �ber uns geredet wird. Eher gebe ich mein K�nigreich auf, als dass ich dich noch einmal verliere. Du bist mein Leben.� Wie um seine Worte zu besiegeln, k�sste er sie noch einmal, wilder jetzt, voller Leidenschaft.</p><p>Als sich ihre Lippen trennten, war ihr Blick weich. �Keine Sorge. Ich werde nie wieder gehen.� Pl�tzlich l�chelte sie schelmisch. �Zumindest so lange nicht, wie du gutes Essen und ein ausreichend gro�es Bett zu bieten hast.�</p><p>Er musste lachen. Er wusste nicht, wie es dazu gekommen war, dass sie eine Heilerin in Asugar geworden war, aber die alte Shaya, die Kriegerin, die stets ein lockeres Mundwerk f�hrte und unter M�nnern die derbsten Witze von allen machte, gab es noch. Jene Shaya, die so hart wie diese neue Welt war und ihn dann damit �berraschte, dass sie nur f�r ihn unter dem Licht der Zwillingsmonde auf dem R�cken eines Wolkensammlers getanzt hatte.</p><p>Als er Seite an Seite mit ihr zum Portal des Palastes hinaufstieg, wurde er sich bewusst, dass er gl�cklich war. In diesem Augenblick, an dem die Wolkensammler am Himmel rebellierten und die Devanthar in die Stadt eilten, um ihren gr��ten Schatz zu bergen, interessierte ihn nur noch eins. Ein paar Stunden mit Shaya allein zu sein.</p></section><section><title><p>Die Meuchlerin</p></title><p>Artax verfluchte sich stumm daf�r, wie wenig er sich an seine eigenen Entscheidungen hielt. Ein paar Stunden nur hatte er mit Shaya verbracht, dann hatte es ihn aus seinen Gem�chern in den kleinen Beratungssaal gezogen. Dort hatten nur die h�chsten Befehlshaber und Hofbeamten Zugang. Er hatte wissen m�ssen, wie die Schlacht �ber der Goldenen Stadt geendet hatte, welcher Schaden entstanden war und wie viele seiner M�nner hatten entkommen k�nnen Sosehr er die Stunden mit Shaya genossen hatte, plagte ihn sein schlechtes Gewissen. Er war mitten in der Schlacht desertiert.</p><p>Muwatta ordnete eine Reihe von Wachstafeln, die eben erst gebracht worden waren, w�hrend Ashot an der T�r bereits weitere Tafeln in Empfang nahm. Von �berall in der Stadt erreichten sie Berichte von Spitzeln, befreundeten Kaufleuten und Gesandten an den H�fen der anderen Unsterblichen.</p><p>�Nun haben wir die abschlie�enden Zahlen�, sagte Mataan bedr�ckt. �Von dreiundsiebzig Wolkensammlern, die bei unserer Ankunft �ber der Stadt an den Ankert�rmen vert�ut lagen, sind sechsundvierzig davongeflogen. Sie alle haben ihre Wolkenschiffe abgeworfen. Und das ist nicht das Ende. Sie werden die Rebellion auf ganz Nangog verbreiten.�</p><p>�Wie viele Tote gab es?� Artax blickte hinaus zum Himmel. Die Zwillingsmonde standen schon tief. Er wollte zur�ck in seine Gem�cher.</p><p>�Schwer zu sagen��� Mataan hob eine der Tafeln auf und �berflog fl�chtig die Zeilen darauf. �Allein im Statthalterpalast von Drusna sind wohl mehr als zweihundert gestorben. <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont</emphasis> ist zur�ckgekehrt. Er scheint schwer verletzt zu sein.�</p><p>Artax fluchte innerlich. Wie hatte der Wolkensammler nur so leichtfertig seinen Br�dern mitteilen k�nnen, wozu das Traumeis dienen sollte.</p><p>Ashot schickte den Boten an der T�r fort. �Im Palast der Drusnier gehen seltsame Dinge vor sich. So wie es scheint, f�hren dort der Hauptmann der Leibwache und ein Heiler das Kommando. Volodi hat sich in die Tr�mmer des Langhauses zur�ckgezogen und l�sst niemanden zu sich vor���</p><p>Das wunderte Artax nicht. H�tte er nicht eingegriffen, w�re Volodi auf dem Deck des abst�rzenden Wolkenschiffes sitzen geblieben. �K�nnen wir den Drusniern im Augenblick helfen?�</p><p>�Wir k�nnten Heiler und Verbandsmaterial schicken�, sagte Mataan. �Und morgen vielleicht Arbeiter. Der ganze Palast dort ist ein Tr�mmerfeld. �berall liegen die B�ren und unsere L�wen. Die G�tter werden erz�rnt sein, dass wir so schlecht auf ihre Geschenke achtgegeben haben.�</p><p>�Das sind die Sorgen von morgen�, entschied Artax. �G�nnt euch auch ein wenig Ruhe.�</p><p>�Eines noch��� Ashot stand breitbeinig in der einzigen T�r. �Du wirst sie doch nicht im Palast behalten, oder?�</p><p>Artax schob das Kinn vor und sah seinen Jugendfreund durchdringend an. Wie hatte er so dumm sein k�nnen, darauf zu hoffen, dass sich dieses Thema erledigt hatte. �Sie wird bleiben!�, sagte er entschieden.</p><p>Ashot stie� einen langen Seufzer aus. �Sie ist ein K�chenm�dchen���</p><p>�Sie ist die Heilerin, die mir im ewigen Eis das Leben gerettet hat. Du wusstest das, nicht wahr?�</p><p>Der Feldherr senkte den Kopf. �Ja.�</p><p>�Alle Satrapen, die darauf hoffen, eine ihrer T�chter mit dir zu verm�hlen, werden verprellt sein, wenn du ein K�chenm�dchen in dein Bett holst. Wenn sie nur f�r ein paar N�chte���</p><p>�Sie wird bleiben, und wir werden eine gro�e Hochzeit feiern�, schnitt er Mataan das Wort ab.</p><p>�Das ist nicht klug. Du magst der m�chtigste aller Menschen sein, aber in dieser Entscheidung bist du nicht frei�, setzte ihm jetzt wieder Ashot zu. �Du musst an das Wohl des Reiches denken.�</p><p>�Nein!�, entgegnete Artax knapp. Das w�rde er ganz sicher nicht tun. �Sie ist eine geheimnisvolle Frau. Sorgt daf�r, dass die wandernden Geschichtenerz�hler Dinge �ber sie erz�hlen, die mir passen. Streut selbst Ger�chte aus. Die Heilerin, die im ewigen Eis so vielen M�nnern geholfen hat, ist schon l�ngst eine Figur in vielen Erz�hlungen �ber den gescheiterten Feldzug geworden. Sorgt daf�r, dass bekannt wird, dass Shaya das war. Macht denen dort drau�en klar, dass sie mehr ist als nur ein K�chenm�dchen. Lasst sie geheimnisvoll erscheinen. Verbreitet meinetwegen, dass sie eine geflohene F�rstentochter ist. Denkt euch etwas aus. Nur eines will ich von euch nicht mehr h�ren, und das sind Gr�nde, warum sie nicht hier bei mir sein darf! Ihr seid meine Berater. Erfindet gef�lligst Gr�nde, warum sie die eine Frau ist, die mein Herz erobert hat, und warum das nie einer anderen gelingen kann. Macht sie zur Heldin einer Geschichte, die zu Herzen geht.�</p><p>Artax schob sich an Ashot vorbei. F�r heute hatte er genug �rger gehabt. Zum ersten Mal seit langer Zeit freute er sich darauf, sich in seine Gem�cher zur�ckziehen zu k�nnen. Jetzt waren sie endlich eine Zuflucht. Shaya machte sie dazu, und sie w�rde ihm helfen, f�r ein paar Stunden alle Sorgen hinter sich zu lassen.</p><p>Er trat auf den langen Flur hinaus, der zu seinen Gem�chern f�hrte. In regelm��igen Abst�nden standen Wachen an den W�nden. In der Nacht wurden sie alle zwei Stunden ausgetauscht. Ashot und Ormu waren geradezu besessen davon, dass die Daimonen ihm nach dem Leben trachten k�nnten. Seit dem Angriff auf Volodis Palast hatten sie die Wachen sogar noch weiter verst�rkt.</p><p>Artax sah das mit gemischten Gef�hlen. Manchmal f�hlte er sich in seinem eigenen Palast wie ein Gefangener. Au�erdem war er davon �berzeugt, dass man die Daimonen wohl nicht w�rde aufhalten k�nnen, wenn sie ihm wirklich ans Leben wollten.</p><p>Der Unsterbliche nickte den Wachen zu, wenn er sie passierte. Er kannte nur noch von der H�lfte der M�nner die Namen, so viele waren es inzwischen geworden.</p><p>Am Ende des Flures �ffneten zwei Krieger die gro�e Fl�gelt�r zu seinen privaten Gem�chern. M�de trat er ein und l�ste den Schwertgurt. Er hatte ihn aus Gewohnheit angelegt. Eine Gewohnheit, die auf Ormu und Ashot zur�ckging, die beide so oft darauf bestanden hatten, dass er niemals unbewaffnet sein sollte, dass er inzwischen, ohne noch dar�ber nachzudenken, sein Schwert umg�rtete, sobald er seine Gem�cher verlie�.</p><p>Er schritt durch den weiten Raum mit den Arbeitstischen, in dem er gelegentlich einige Vertraute empfing, und trat in die Schlafkammer. Fahles Mondlicht fiel durch die offene T�r zur Terrasse. Der Vorhang dort war zur�ckgezogen.</p><p>Das Licht stanzte ein langes Rechteck in die Dunkelheit, dessen Ende gerade eben das Fu�ende seines Bettes ber�hrte. Er sah Shayas F��e. Sie sahen seltsam aus. Gekr�mmt, als h�tte sie einen Krampf.</p><p>Besorgt trat er zum Bett. Da war etwas! Eine Gestalt kauerte am Kopfende. Sie presste eine Hand auf die Stirn der Steppenreiterin. Die zweite auf ihr Herz!</p><p>Artax griff nach seinem Schwert. Ein Griff ins Leere.</p><p>Ohne zu z�gern, warf er sich auf den Eindringling, doch dieser kam ihm zuvor. Er bewegte sich geradezu be�ngstigend schnell. Das konnte kein Mensch��</p><p>Artax wurde gepackt und aufs Bett geworfen. Die Gestalt kauerte sich auf seine Brust. Sie war nicht sehr schwer. Eine Str�hne goldenen Haars l�ste sich unter der schwarzen Kapuze, die das Gesicht des Meuchlers im Schatten verbarg.</p><p>Eine schlanke Hand legte sich fest auf Artax� Mund. �Du warst es, der mich hierhergebracht hat�, sagte eine fremde Stimme mit melodischem Akzent. Der Angreifer schlug die Kapuze zur�ck. Es war die Frau, die er aus Asugar gerettet hatte.</p><p>Artax versuchte, sich unter ihr hervorzuwinden, aber sie war trotz ihrer zierlichen Gestalt st�rker als er. Gnadenlos hielt sie ihn nieder.</p><p>Er verdrehte die Augen, sah zu Shaya. Seine Geliebte lag grotesk verkr�mmt im Bett. Ihre Augen und ihr Mund waren weit aufgerissen. Sie regte sich nicht.</p><p>�Ich werde dir nun weh tun.� Die Stimme klang tats�chlich bedauernd. �Ich hoffe, du hast ein starkes Herz, Menschensohn.� Sie griff seitlich an seinen Hals und dr�ckte zu. Ein Schmerz, als w�rden all seine Adern zu wei�gl�henden Dr�hten, durchfuhr ihn. Er b�umte sich auf, dr�ckte den R�cken durch und verharrte von Kr�mpfen gepeinigt. Jegliche Kontrolle �ber seinen K�rper war verloren.</p><p>Die Meuchlerin zog die Hand von seinem Mund. Er vermochte nicht einmal mehr zu r�cheln.</p><p>�Nun beginnt der unangenehme Teil.� Sie sagte das weder zynisch noch geh�ssig. Ihre Stimme war sachlich. �Ich bin leider nicht sehr bewandert in dem, was ich nun tun werde. Ich hoffe, du bist st�rker als diese Frau.�</p><p>Die Fremde fl�sterte ein Wort, das die Sch�pfung verh�hnte. Artax war sich sicher, dass dies keine Sprache aus seiner Welt war. Sie war voller dunkler Verhei�ung.</p><p>Die Meuchlerin legte ihm eine Hand auf die Stirn und eine auf die Brust, dorthin, wo sein Herz schlug. Und es war, als ergriffe sie durch seine Rippen hindurch das lebende, schlagende Herz und als senkten sich die Finger der anderen Hand tief in seinen Verstand.</p><p>Und sie hatte nicht gelogen. Der Schmerz, der Artax �berfiel, war von solcher Intensit�t, dass die Welt vor ihm verlosch und er in undurchdringliche Finsternis geschleudert wurde.</p></section><section><title><p>Kinderherzen</p></title><cite><p>�Es gab eine Eigenart, die die Rebellin unter den Drachenelfen mehr kennzeichnete als alle anderen. Es war ihre Unf�higkeit, eine Niederlage zu akzeptieren. Nach allem, was ich �ber sie weiߠ� ein Wissen, dessen gr��erer Teil aus den Erz�hlungen Fremder stammt��, hat sie niemals einen Kampf aufgegeben. Selbst die Alben f�rchteten ihre Starrsinnigkeit. Es war gef�hrlich, sie zum Feind zu haben. Fast so gef�hrlich, wie ihr Freund zu sein.</p><p>Sie hat Eleborn Ungl�ck gebracht und meinem Vater den Tod. Ihre Kinder sind von Fremden erzogen worden. Es gab immer einen Kampf, der wichtiger war, als an der Seite von Emerelle und Meliander zu sein. Wenn sie im Jadegarten weilte, wurde sie schnell rastlos. Es war nicht der Dunkle, der sie mit Missionen von ihren Kindern fernhielt. Sie war es, die zu ihm ging und darum bat, fortgeschickt zu werden.</p><p>Und dennoch liebten wir unsere Mutter. Nur Kinderherzen sind zu einer solchen Liebe f�hig, blind f�r alle Zur�ckweisung und Fluchten. Heute wei� ich, dass sie keine Ruhe finden konnte, weil sie sich schuldig f�hlte. Schuldig an dem, was mein dunkler Bruder mir im Mutterleib angetan hat. Schuldig am Schicksal Eleborns, der ihr helfen wollte und so grausam verst�mmelt zur�ckkehrte, dass wir Kinder, die wir ihn geliebt hatten, bei seinem Anblick zu weinen begannen und fortgebracht werden wollten. Auch so k�nnen Kinderherzen sein, voll grausamer Ungerechtigkeit. Eleborn hat uns dies nie nachgetragen. In einer anderen Zeit hat er uns verborgen und sein Leben f�r uns gewagt, als w�ren wir sein eigen Fleisch und Blut.</p><p>In jenen Tagen aber suchten wir die N�he des Dunklen, wenn Mutter wieder einmal zu einer ihrer Missionen aufbrach und wir uns nicht erkl�ren konnten, warum sie uns immer wieder verlie�. Freilich zeigte er sich uns nie in seiner wirklichen Gestalt. Wenn er vor uns trat, dann als ein Elf mit dunkler Aura. So l�sst sich sagen, dass unsere Kindheit gepr�gt wurde von ihm, einem Drachen, der sich f�r den Herrscher der Welt hielt, und von Nodon, der ein kaltbl�tiger M�rder war, uns gegen�ber aber stets etwas unbeholfen wirkte. Erst als wir schon �lter waren, lernten wir unsere Mutter kennen, eine Mutter auf der Flucht. Bedenkt man dies, f�llt es weniger schwer zu verstehen, was aus Emerelle und mir geworden ist. Und es wird auch offensichtlich, was unser vielleicht einziges Erbe ist: Nandalees rebellischer Geist und, daraus resultierend, das Unverm�gen, einfach zu akzeptieren, was andere f�r unvollbringbar halten. Meine Schwester machte dieses Erbe zur K�nigin und mich zu Emerelles liebendem Feind���</p><text-author><emphasis>Verwundete Seelen,</emphasis> Auszug aus dem VII. Kapitel: <emphasis>Die Wege der Alben,</emphasis> verfasst durch: Meliander, F�rst von Arkadien</text-author></cite></section><section><title><p>Letzte Hoffnung</p></title><p>Nandalee betrachtete den kleinen See neben der Pyramide Nachtatems. Hierher hatte sich Eleborn zur�ckgezogen, so hatte Nodon ihr berichtet. Der Erstgeschl�pfte hatte den Elfen versorgt, obwohl er nicht zu seinem Gefolge geh�rte. Doch viel hatte der Drache nicht tun k�nnen. Die Kinder ertrugen Eleborns Anblick nicht, obwohl sie noch so klein waren. Sie fingen an zu weinen, sobald er in ihre N�he kam, und so hatte er sich zur�ckgezogen.</p><p>Nandalee z�gerte. Sie wusste nicht, ob sie in den See steigen sollte. Wie w�rde er es auffassen, wenn sie kam? Er hatte sich ihr zuliebe der Suche nach dem Traumeis angeschlossen, und er hatte einen Preis gezahlt, der vielleicht schrecklicher als der Tod war.</p><p>Sie bemerkte ein geheimnisvolles Leuchten in der Mitte des Sees. Nodon hatte gesagt, dass Eleborn einen Palast aus Licht und Luft erschaffen wollte. Die Drachenelfe musste l�cheln. Er gab diesen Traum einfach nicht auf.</p><p>Pl�tzlich teilte sich das Wasser vor ihr. Es sah aus, als fl�he das dunkle Nass vor etwas, und vom schlammigen Grund des Sees erhob sich eine Gestalt, die ihr das Blut in den Adern gefrieren lie�. Zerfetzt und von Schmutz besudelt hingen die Kleider vom Leib des Gesch�pfes, in dem Nandalee nur noch mit M�he einen Elfen zu erkennen vermochte.</p><p>Auf eine Kr�cke gest�tzt, hinkte die Erscheinung �ber den schlammigen Grund dem Ufer entgegen. Nandalee musste sich zwingen, nicht vor dieser Gestalt zur�ckzuweichen. Ein modriger Geruch ging von ihr aus.</p><p>�Erkennst du mich nicht mehr?� So viel Bitternis und Entt�uschung lag in dieser Stimme. Eleborns Gesicht war von Brandnarben entstellt. Seine Nase verschwunden. Geblieben war ein klaffendes Loch, wie bei einem Totensch�del. Eines seiner Augen besa� kein Lid mehr, sodass es sie unnat�rlich gro� anstarrte. Eine Seite seines Sch�dels war kahl, die Haare bis zur Kopfhaut abgebrannt. Auf der anderen Seite reichte ihm das Haar noch bis zu den Schultern, doch war es so sehr von Schlamm und Algen verklebt, dass seine urspr�ngliche wei�blonde Farbe nicht mehr zu erkennen war.</p><p>�Ich bin zur Antithese dessen geworden, was ich erreichen wollte.� Er lachte. Ein Ger�usch wie ein Schleifstein, der �ber eine Schwertschneide glitt. �Ich wollte dies Tal zu einem sch�neren Ort machen. Nun habe ich es um ein Ungeheuer bereichert. Wenn es die Alben sind, die unser Schicksal bestimmen, dann haben sie Sinn f�r Humor.� W�hrend er sprach, drangen schmatzende Laute durch das Loch �ber seiner Oberlippe.</p><p>�Es�� es tut mir leid.� Sie war sich bewusst, wie l�cherlich wenig diese Worte bedeuteten in Anbetracht dessen, was er verloren hatte.</p><p>�Du hast Mut, hierherzukommen, um mir das zu sagen.�</p><p>Sie senkte besch�mt den Blick. Mutig w�re es gewesen, ihn sofort nach ihrer Ankunft aufzusuchen. Stattdessen hatte sie zwei Tage mit den Kindern verbracht. Sie hatte Emerelle und Meliander vermisst, aber sie war sich auch bewusst gewesen, dass sie die Begegnung mit ihm hinausschob. �Ich h�tte fr�her���</p><p>�Immerhin bist du �berhaupt gekommen.� Er griff nach ihrem Kinn und hob es an, sodass sie ihm in die Augen sehen musste. �Ich wei� nicht, ob ich mich getraut h�tte.� Seine verbrannten Lippen verzogen sich zu einem L�cheln. �Ich fand mich immer recht h�bsch. Das Feuer hat meine Eitelkeit weggebrannt. Vielleicht hilft es mir bei der Kunst weiter, wenn ich mich nun ganz auf sie beschr�nken werde. Mein Bed�rfnis, Sch�nes zu erschaffen, ist nur noch gr��er geworden. Ich werde dich einladen, wenn ich glaube, etwas gewirkt zu haben, das vorzeigenswert ist. Bis dahin solltest du dir nicht mehr die Last aufb�rden, zu mir zu kommen. Ich habe mein Antlitz im Spiegel gesehen. Und ich bin froh, dass ich nicht in mein Gesicht blicken muss, es sei denn, ich entscheide mich dazu. Ich will anderen nicht zumuten, was ich selbst unertr�glich f�nde.�</p><p>Nandalee schluckte. �Bitte verzeih mir. Ich���</p><p>�Du hast mir weder ein Bein abgebissen noch mich angez�ndet. Da gibt es nichts zu verzeihen. Ich bin aus freien St�cken mit dir gegangen. Und nun verzeiht mir, Dame Nandalee.� Er beugte sich vor, ergriff ihre Hand und hauchte einen Kuss darauf, wobei Schlamm aus seinen Haaren auf ihren Handr�cken troff. �Ich werde mich nun zur�ckziehen und versuchen, diesem stinkenden Weiher Sch�nheit zu schenken.�</p><p>�Ich werde es finden�, sagte sie entschlossen und k�mpfte gegen den Klo� in ihrem Hals. Sie w�rde sich erst dann aus ihrer Schuld entlassen f�hlen, wenn sie auch ihm das Traumeis brachte.</p><p>�Bitte jage nicht f�r mich diesem Traum nach. Ich glaube, es ist mehr Fluch als Segen. Opfere dich nicht in dieser sinnlosen Suche. Du hast zwei wunderbare Kinder. Sei f�r sie da, solange sie dich brauchen. Das wiegt schwerer als irgendein magischer Kristall.� Er trat zur�ck in den See, und wieder floh das Wasser vor ihm. Es teilte sich, und er schritt �ber den absch�ssigen Grund tiefer, bis das Wasser schlie�lich �ber seinem Kopf zusammenschlug.</p><p>Mit klammen Gef�hlen blieb Nandalee am Ufer stehen. �Ich werde nicht aufgeben, Eleborn�, sagte sie leise. �Ich werde dir zur�ckerobern, was du durch mich verloren hast.�</p><p>Sie wandte sich vom dunklen See ab. Blind f�r die Sch�nheit des Jadegartens im blassrosa Licht des fr�hen Abends, ging sie zur Stufenpyramide. Niemand stellte sich ihr in den Weg, als sie hinab zu jener weiten H�hle stieg, in der Nachtatem dem niemals verstummenden Fl�stern der Gazala lauschte.</p><p>Der Drache schien sie erwartet zu haben. Die Seherinnen hatten die weite Grotte verlassen. Nur eine kleine wei�e Ziege war noch zugegen, die an einem Eisenring an der R�ckwand angebunden war.</p><p><emphasis>Ihr habt lange gebraucht, um zu mir zu finden, meine Dame.</emphasis></p><p>Dort, wo er auf seinem flachen Felsen �ber dem seichten Wasser lag, schien das Licht der Fackeln an den W�nden seine Strahlkraft zu verlieren. Ein Gespinst tanzender Schatten umgab ihn, verschmolz mit dem tiefen Schwarz seiner Schuppen und lie� ihn selbst zu einem Schattenriss werden. Er lag v�llig reglos. Seine Stimme klang nur in Nandalees Kopf. Ein Schauder �berlief sie bei seinen Worten. Sie sp�rte seine Gef�hle. Er war entt�uscht von ihr.</p><p>Sie wappnete sich gegen die Emotionen, die der Drache in ihr weckte. �Der Weg zur Alten Veste ist nicht weit�, entgegnete sie spitz.</p><p><emphasis>Genauso weit wie der Weg hier hinab.</emphasis></p><p>Kurz war Nandalee versucht, von den Kindern zu sprechen. Von den sch�nen Stunden, die wie im Fluge vergangen waren, doch es mochte ein Fehler mit unabsehbaren Folgen sein, die beiden als ihren Schutzschild zu missbrauchen. Sie war vor allem deshalb nicht gekommen, weil sie ihm ihre Niederlage nicht eingestehen wollte.</p><p>Obwohl der Dunkle nicht in ihren Gedanken lesen konnte, entschied sie sich, die Wahrheit zu sagen. Er hatte ein zu feines Gesp�r f�r L�gen. �Ich habe versagt, mein Gebieter. Die Botschaft von Triumphen eilt auf Adlerfl�geln, doch die Kunde von Niederlagen reist als Kr�he mit gebrochenen Fl�geln.�</p><p><emphasis>Ihr solltet Euch nicht an poetischen Bildern versuchen, Dame Nandalee. Ihr habt viele Talente, doch eine Dichterin seid Ihr gewiss nicht. Auch muss ich sagen, dass mir die Kunde von Eurem Wagemut nicht gefallen</emphasis><emphasis>hat. Es war leichtfertig, auf einem Wolkenschiff der Menschenkinder zu reisen. Und ich vermute, auch dieses Risiko wurde nicht von Erfolg belohnt.</emphasis></p><p>�Wir werden nicht mehr an das Traumeis gelangen k�nnen, mein Gebieter. Die Devanthar haben es an sich genommen und nach Daia in den Gelben Turm gebracht.�</p><p>Sein �rger stach wie gl�hende Klingen in ihr Bewusstsein.</p><p>�Allerdings kam es zu einem Aufstand der Wolkensammler. Die meisten dieser Kreaturen wollten sich nicht verwandeln lassen. Sie rebellierten gegen die Menschenkinder und haben ihre Schiffe abgeworfen. Ihre Himmelsflotte ist so schwach wie seit vielen Jahren nicht mehr.�</p><p><emphasis>Wollt Ihr mir einen Angriff empfehlen, meine Dame?</emphasis></p><p>Nandalee war sich bewusst, auf welch d�nnem Eis sie stand. Nachtatem war wie ein Gott. Er brauchte ganz gewiss nicht den Rat einer Elfe. �Ich berichte nur, mein Gebieter. Welche Schl�sse Ihr aus meinen Worten zieht, liegt ganz bei Euch.�</p><p><emphasis>So h�flich? So bescheiden, meine Dame? Irre ich mich, wenn ich daraus den Schluss ziehe, dass Ihr mir noch eine Bitte vortragen wollt.</emphasis></p><p>Er schnaubte, und Nandalee vermochte nicht zu deuten, ob er damit �rger oder Herablassung ausdr�ckte.</p><p><emphasis>Bevor Ihr mit mir zu feilschen beginnt, als w�re ich ein Koboldh�ndler auf einem schmierigen Basar, lasst mich doch bitte wissen, wie Ihr zu der</emphasis><emphasis>Erkenntnis gelangt seid, dass das Traumeis zum Gelben Turm gebracht</emphasis><emphasis>wurde.</emphasis></p><p>Nandalee berichtete ihm, wie sie sich in den Palast des Unsterblichen Aaron geschlichen und in dessen Schlafgemach die Erinnerungen seiner Geliebten gelesen hatte. Doch sie verschwieg, dass diese Menschentochter eine Prinzessin aus dem Volk der Ischkuzaia war, der I�ta nach dem Leben trachtete. Nandalee wollte nicht, dass Shaya zum Spielball der Interessen der Himmelsschlangen wurde. Das Opfer, das der geheimnisvolle Elf, der an ihrer Stelle in den Tod gegangen war, f�r Shaya gebracht hatte, sollte nicht vergebens sein. Allerdings verriet sie, dass Aaron nur ein Bauernsohn war.</p><p>Es war Aaron, aus dessen Gedanken sie wusste, wohin das Traumeis gebracht worden war. Doch viel wichtiger war, was sie durch Shaya erfahren hatte. Sie war den M�nnern begegnet, die das Traumeis gefunden hatten.</p><p>Lange schwieg Nachtatem, nachdem Nandalee gesprochen hatte. Er sah sie auf seltsame Art an. Lag da Trauer in seinem Blick? Oder sogar Entt�uschung? Als er endlich wieder sprach, tat er es ohne Emotion.</p><p><emphasis>Diesen Zauber, Gedanken und Erinnerungen zu stehlen, habe ich Euch nicht gelehrt, meine Dame. Euch ist bewusst, dass Ihr damit den dunkleren Spielarten des Zauberwebens huldigt. Wie kamt Ihr dazu?</emphasis></p><p>�Bidayn hat mir von diesem Zauber erz�hlt. Sie hat ihn von Lyvianne erlernt. Ich f�rchte jedoch, dass ich ihn nur unvollkommen angewendet habe. Ich habe den Menschenkindern gro�e Schmerzen bereitet.�</p><p>Nandalee war sich nicht einmal sicher, ob die beiden noch lebten. Als sie sich davongeschlichen hatte, waren beide noch im Schmerz gefangen gewesen. Ob sie die Grenze dessen, was Menschen ertragen konnten, �berschritten hatte? Sie wusste es nicht. �Ich muss Euch gestehen, ich habe dies f�r Meliander und Eleborn getan und nicht f�r Euch, mein Gebieter. Die Beweggr�nde meines Handelns waren selbsts�chtig.�</p><p>So nah, wie sie vor Nachtatem stand, sp�rte sie die Gef�hle des Erstgeschl�pften. Und sie war �berrascht, dass er ihr nicht z�rnte. Er empfand Mitgef�hl.</p><p><emphasis>Manchmal, meine Dame, vermag nichts in der Welt einen Schicksalsschlag ungeschehen zu machen. Es bleibt uns nur, mit ihm zu leben. Dies gilt selbst f�r uns Himmelsschlangen. Lernt zu akzeptieren, dass es Dinge gibt, die unab�nderlich sind. Und Ihr werdet sehen, in dem Augenblick, in dem Ihr Euch f�gt, wird Euch das Herz leichter werden.</emphasis></p><p>�Noch kann ich den Pfad der Demut nicht beschreiten, mein Gebieter. Die Menschentochter im Schlafgemach des Unsterblichen war eine Heilerin. Und sie hat jene Wolkenschiffer behandelt, die das Traumeis gefunden haben. Es stammt aus einem Krater im h�chsten Norden Nangogs. Bitte gestattet mir, dorthin zu reisen, mein allweiser Gebieter. Es ist gar nicht n�tig, sich Gedanken �ber den Gelben Turm zu machen. Ich kenne die Quelle des Traumeises.�</p><p>Der Dunkle hob den gro�en Drachenkopf von seinen �berkreuzten Pfoten. Die gelben Augen mit den geschlitzten Pupillen verengten sich. <emphasis>Ich bin geneigt, hinter zu au�ergew�hnlichen Zuf�llen eine Intrige der Devanthar zu vermuten.</emphasis></p><p>�Wie h�tten sie wissen k�nnen, dass ich in den Gedanken der Heilerin lesen werde?�, begehrte Nandalee auf.</p><p><emphasis>Die Devanthar haben die Silberschale erschaffen. Sie wissen, wie man den Schleier der Zukunft zerrei�t.</emphasis></p><p>�Aber den Schleier der Zukunft zu zerrei�en oder die Zukunft so zu formen, dass ein gew�nschtes Ereignis eintrifft, sind zwei verschiedene Dinge. Es waren so viele Zuf�lle, die mich zu der Heilerin gef�hrt haben. Das kann doch unm�glich geplant gewesen sein���</p><p><emphasis>Sie sind G�tter, meine Dame, vergesst das nicht. Es ist ein Fehler, sie nach den Ma�st�ben Sterblicher zu messen.</emphasis></p><p>�Ich werde gehen!�, sagte sie entschieden.</p><p><emphasis>Was sonst?</emphasis> Die Stimme in ihren Gedanken klang resignierend. <emphasis>Wom�glich ist es keine Falle�� Vielleicht ist es wirklich ein gl�cklicher Zufall, der Euch auf diese Spur gef�hrt hat. Doch wie dem auch sei, daran,</emphasis><emphasis>Euch ziehen zu lassen, Nandalee, ist eine Bedingung gekn�pft. Ihr reist nicht</emphasis><emphasis>allein! Euch muss ein Drachenelf begleiten.</emphasis></p><p>Damit hatte sie gerechnet. �Ich wei� Eure Sorge um mein Wohl sehr zu sch�tzen, mein Gebieter. Zu gro� sind die Opfer, die der Jadegarten bereits f�r mich gebracht hat. Ich werde also niemanden aus Eurem Gefolge als Begleitung f�r diese Reise ins Ungewisse erbitten. Ich habe eine andere Wahl getroffen.� Sie nannte den Namen.</p><p>Der Dunkle lachte auf. <emphasis>Ihr versteht es stets aufs Neue, mich zu �berraschen, meine Dame. Solltet Ihr in dieser Begleitung nach Nangog gehen,</emphasis><emphasis>werde ich mich nicht um Eure wohlbehaltene R�ckkehr sorgen. Doch gestattet mir ein offenes Wort: Ich bin zuversichtlich, wenn Ihr an diesem Entschluss festhaltet, werdet Ihr niemals gehen.</emphasis></p></section><section><title><p>Stinkender Fu�</p></title><p>Volodi hatte geglaubt, dass er kommen w�rde. Den ganzen Tag hatte er auf ihn gewartet. Nur auf ihn! Er war der letzte Freund, der ihm geblieben war, so hatte er gedacht. Er hatte sich geirrt. Der Unsterbliche Aaron hatte wohl Besseres zu tun��</p><p>Volodi hielt eines von Quetzallis Kleidern in H�nden. Immer wieder vergrub er sein Gesicht darin. Ihr Geruch haftete noch an dem Stoff, der nun nass von seinen Tr�nen war. Er hatte dieses Kleid nicht gemocht, weil es eine Opferszene zeigte. Er hatte nie begreifen k�nnen, was sie daran so wunderbar fand. Und er konnte nicht begreifen, warum sie es getan hatte. Mit Wanya in den Tod zu springen�� Je l�nger er dar�ber nachdachte, desto klarer wurde ihm, dass sie ihm immer ein R�tsel geblieben war. Schon zu Anfang hatte er nicht erkannt, dass sie nur deshalb freundlich zu ihm gewesen war, weil sie ihn zu einem ihrer Opferalt�re hatte locken wollen. Und dann hatte sie sich in ihn verliebt. Ihr eigenes Leben hatte sie f�r ihn aufgegeben. Warum? Was war so liebenswert an ihm, dem Barbaren?</p><p>Er sa� zusammengesunken in dem gro�en Stuhl gegen�ber von Wanyas Wiege. Eigentlich war der Junge schon zu gro� f�r dieses Bett gewesen. Quetzalli hatte nicht gewollt, dass er zu schnell erwachsen wurde.</p><p>Hei�e Tr�nen rannen �ber Volodis Wangen. Jetzt hatte sie es erreicht. Sie hatte Wanya einfach mit sich genommen. Er w�rde f�r immer ein Kind bleiben.</p><p>�Warum?�, schrie er die Wiege an. �Warum?�</p><p>Er hatte mit Dienern und H�flingen gesprochen. Er hatte erfahren, dass Quetzalli gestern Abend erst Gericht gehalten hatte. Und sie hatte es gut gemacht. Zusammen mit Yuri. Warum sie den alten Heiler ins Vertrauen gezogen hatte, hatte er nicht verstanden. Er mochte Yuri nicht und hatte geglaubt, dass Quetzalli seine Abneigung gegen den Alten teilte. Aber Yuri schien sie sogar dazu bekommen zu haben, einen Abend lang in drusnischen Gew�ndern auf dem Hochsitz zu thronen. Er hatte sie nie dazu �berreden k�nnen. Ich kleide mich doch nicht wie eine reich gewordene Barbarenmagd, hatte sie stets gesagt und dann sehr deutlich gezeigt, dass es f�r sie nichts mehr zu besprechen gab.</p><p>Allerdings hatte Volodi auch geh�rt, dass Quetzalli sich f�r mehrere Tage ganz auf ihr Zimmer zur�ckgezogen hatte. Er starrte die umliegenden W�nde an. Was war hier vorgefallen? Diese Mauern kannten Quetzallis Geheimnis, da war er sich sicher.</p><p>Wieder vergrub er sein Antlitz in Quetzallis Kleid. �Warum, meine Geliebte? Warum?�</p><p>Lange verharrte er so, unf�hig, seine Trauer zu beherrschen. Lediglich das Bersten der Scheite durchbrach die Stille, immer schw�cher erhellte das sterbende Feuer im Kamin den Raum. Volodi war es recht so. Er zog es vor, im Dunkeln zu sitzen. Mit einem Mal lief es ihm kalt den R�cken hinunter. Er hatte das beklemmende Gef�hl, nicht mehr allein im Zimmer zu sein.</p><p>Er sah zur T�r, die verschlossen war.</p><p>Pl�tzlich regte sich etwas hinter ihm. Seine Hand fuhr zu dem Dolch, der neben ihm auf dem Tisch lag. Dem verfluchten Dolch, der Kolja geh�rt hatte und von dem Quetzalli �berzeugt gewesen war, dass er Ungl�ck brachte. Sie hatte recht behalten.</p><p>�Heute m�ssen wir einander nicht bek�mpfen.� Die Stimme sprach mit einem harten Akzent, der Volodi nur zu vertraut war.</p><p>Langsam drehte er sich um. In der Ecke hinter ihm stand eine Gestalt, die fast vollst�ndig mit den Schatten verschmolzen war. Nur ein Kopf mit Rei�z�hnen schob sich aus dem Dunkel. Das Gesicht im Maul des Jaguarhelms war kaum zu erahnen.</p><p>�Necahual?�</p><p>�Mein Schwager.�</p><p>So hatte ihn der Anf�hrer der Jaguarm�nner noch nie genannt.</p><p>�Stimmt es, was geredet wird, Volodi?�</p><p>�Sie ist��� Er brachte es nicht �ber sich, es auszusprechen.</p><p>�Ich bin hier, um sie zu holen.�</p><p>Volodi war augenblicklich alarmiert. Immer noch hielt er den Dolch in der Hand. �Sie holen? Du? F�r euch ist sie doch nur Fleisch. Eine Verr�terin.�</p><p>�Das alles war sie�, entgegnete der Jaguarmann ruhig. �Aber wir beurteilen die Toten nach den letzten Taten in ihrem Leben. Sie war die Herrscherin an deiner Seite. Nie ist eine Zapote so weit aufgestiegen. In unserem Volk hat sie den Rang einer Hohepriesterin. Wir werden sie in allen Ehren bestatten.�</p><p>�Und du glaubst, du k�nntest sie gegen meinen Willen���</p><p>�Es spielt keine Rolle, was ich glaube oder vielleicht auch kann. Du sagst, du liebst sie, Volodi. Was h�tte sie gewollt?�</p><p>Er kannte die Antwort. Sie hatte die Vorstellung gehasst, eines Tages als Aas f�r die V�gel in den �sten einer Eiche aufgebahrt zu sein. Die Heiligen Haine seines Volkes waren f�r sie Orte des Grauens gewesen. Die schlimmsten Ausgeburten drusnischer Barbarei. Mehr als einmal hatte sie ihn bedr�ngt, niemals auf diese Weise beigesetzt zu werden.</p><p>�Ich werde bei ihrem Totenfest mit einer Gesandtschaft zugegen sein.�</p><p>Necahual sch�ttelte den Kopf. �Das wird der Unsterbliche Acoatl niemals dulden. Er hasst dich fast ebenso wie den Unsterblichen Aaron. Du bist der Grund, dass unser Tempel gesch�ndet wurde.�</p><p>�Ich werde bei ihrem Totenfest zugegen sein�, beharrte Volodi.</p><p>�Kaum ist sie tot, und schon bedeuten dir ihre W�nsche nichts mehr?�, begehrte der Jaguarmann auf. �Und du behauptest von dir, du h�ttest sie geliebt. Du��� Er wirkte pl�tzlich wie versteinert.</p><p>�<emphasis>Ich</emphasis> werde sie bestatten, wie es sich f�r eine Hohepriesterin geziemt. Ich werde einen gro�en Scheiterhaufen errichten.� Volodi war bewusst, welche Schwierigkeiten das machen w�rde. Im Heiligen Hain durfte kein Scheiterhaufen entz�ndet werden. Au�erhalb aber sollte es keine Totenfeiern geben. Selbst jetzt noch str�ubte sich Quetzalli gegen die drusnischen Br�uche.</p><p>�Darf ich mir das einmal ansehen?� Necahual ging nicht auf Volodis Worte ein, wie gebannt blickte er zum Tisch.</p><p>Volodi sah erst ihn, dann den geschnitzten Stab an.</p><p>�Deine Schwester hat ihn mir unmittelbar vor ihrem Tod als Geschenk �berreicht.�</p><p>�Das habe ich mir gedacht�, sagte Necahual. �Darf ich?�</p><p>Ohne eine Antwort abzuwarten, nahm er den Stab, trat dicht ans Feuer und betrachtete lange die Schnitzarbeiten.</p><p>Volodi sah schweigend in die sterbenden Flammen. Die Worte des Zapote hallten in ihm nach. <emphasis>Kaum ist sie tot, und schon bedeuten dir ihre W�nsche nichts mehr.</emphasis> Der Unsterbliche wusste, was Quetzalli sich gew�nscht h�tte. Aber alles in ihm str�ubte sich dagegen, sie an die Zapote zur�ckzugeben. Nicht einmal ihren toten Leib. Es f�hlte sich an, als h�tten jene, die sie einst nichts weiter als nur noch Fleisch hatten sein lassen, am Ende doch noch gewonnen.</p><p>Und dennoch, Quetzalli h�tte es nicht gewollt, auf einem Baum in Drusna bestattet zu sein. Was sollte er tun? Jeder Weg schien der falsche zu sein.</p><p>Necahual war dichter an das Feuer getreten und drehte den Holzstab langsam in seinen H�nden. �Sie hat deinen Sohn get�tet�, sagte er beklommen.</p><p>�Nat�rlich!�, fuhr Volodi auf. �Sie ist mit ihm in den Armen von einem Wolkenschiff gesprungen!�</p><p>�Nein, es war fr�her��� Der Zapote sah unverwandt auf den Stab. �Er hat sie gequ�lt. Er wusste es. Sie war seine Gefangene, als du gegangen bist. Aber sie hat gek�mpft��� In den letzten Worten Necahuals schwang Stolz mit.</p><p>�Was meinst du? Wovon redest du?� Volodi erhob sich aus seinem Stuhl. Seine Glieder f�hlten sich an, als w�ren sie aus Blei gegossen. Selbst die paar Schritt zum Feuer ersch�pften ihn.</p><p>Necahual erz�hlte ihm von der Nacht, in der die Daimonen gekommen waren. Von Quetzallis einsamer Flucht durch den Tunnel. Davon, wie sie Wanya die Hand auf Mund und Nase gepresst hatte, damit er sie beide nicht durch einen Laut verraten konnte. Und davon, dass dies die Seele seines Sohnes get�tet hatte. Sie, die einst nur hatte Fleisch sein sollen und dies alles mit wachem Verstand hatte erleben m�ssen, hatte ihr Schicksal an ihrem Sohn erf�llt. Wanya hatte die Nacht �berlebt, aber alles, was ihn ausgemacht hatte, war gegangen. �Er war wie ein lebender Toter, Volodi.�</p><p>Der Drusnier dachte daran, wie ruhig sein Sohn in seinem Bettchen gelegen hatte. Wie er weder weinte noch l�chelte. Und daran, wie er Wanya einfach nur f�r ein braves Kind gehalten hatte, ohne zu ahnen, was tats�chlich mit ihm geschehen war. �Warum hat sie es mir nicht gesagt?�</p><p>�Fragst du dich das wirklich?� Necahual drehte sich zu ihm um. Er deutete mit dem Holzstab wie mit einer Klinge auf ihn. �Horche in dein Herz! Wei�t du wirklich nicht, warum sie geschwiegen hat?�</p><p>Hatte sie ihn gef�rchtet? Das wollte Volodi nicht glauben. Sie hatten immer wieder gestritten, ja. Aber Quetzalli hatte niemals Angst vor ihm gehabt, und so anstrengend es gewesen war, wenn sie einander nicht verstanden hatten, er h�tte keine andere Frau haben wollen. Warum also hatte sie geschwiegen?</p><p>�Du kommst wirklich nicht darauf?� Necahual schnaubte abf�llig. �Sie wollte dich besch�tzen. Vor dem Gerede, das ihr gefolgt ist wie ein Schatten. Ihr war klar, was deine Untertanen gedacht h�tten, wenn bemerkt worden w�re, dass dein Sohn, den du mit der Zapotehexe gezeugt hattest, keine Seele hat.�</p><p>�Das ist doch Unsinn!�, begehrte Volodi auf und riss Necahual den Stab aus der Hand. Verzweifelt starrte er auf die Schnitzarbeit. F�r ihn waren dies nur Bilder. Er konnte nichts darin lesen. Sie erz�hlten ihm keine Geschichte.</p><p>�Es gibt einen Mann an deinem Hof, der erkannt hat, wie es um Wanya stand. Er hat sich das zunutze gemacht und meine Schwester erpresst.�</p><p><emphasis>�Wer?�</emphasis> Volodi schrie die Frage heraus. Er wollte etwas haben, das greifbar war. Dieser Kerl�� Er w�rde ihn dazu bringen zu reden. Er wollte es aus seinem Munde h�ren. Nicht von einem Holzstab, der nicht zu ihm sprechen wollte, aber zu Quetzallis Bruder. Warum hatte sie ihm nichts gesagt? Sie h�tten einen Weg gefunden. Er war der Unsterbliche! Er h�tte den alten B�ren rufen k�nnen, den Devanthar, der �ber Drusna wachte. Sie h�tte die Hilfe eines Gottes haben k�nnen. �Wer?�, fuhr er den Zapote erneut an, als dieser immer noch nicht antwortete.</p><p>Necahual hob resignierend die H�nde. �Was das angeht, sind mir die Zeichen meiner Schwester ein R�tsel. Sie nennt den Mann, der sie erpresst hat, <emphasis>stinkender Fu�</emphasis>. Ist das vielleicht ein Spitzname? F�r eure drusnischen Namen gibt es keine Zeichen in unserer Schrift.�</p><p><emphasis>�Stinkender Fu�?�</emphasis> Volodi zermarterte sich das Hirn. Vom gr��eren Teil seiner H�flinge kannte er nicht einmal die Namen, geschweige denn die Spitznamen. Er war ein Krieger. Mit den M�nnern seiner Leibwache war er vertraut, ebenso mit den meisten Hauptleuten an seinem Hof und den Kriegsf�rsten aus den Provinzen. Aber all die anderen H�flinge�� die Schreiber und Verwalter, Diener und Stallknechte. Das waren Hunderte. Wer von ihnen konnte es gewesen sein? Wer hatte Quetzalli �berhaupt nahe genug kommen k�nnen, um sie anzusprechen und zu erpressen? Pl�tzlich fiel ihm Jascha ein. Der Krieger, den sie eines Morgens tot in den Schweinepferchen gefunden hatten. Es hatte gehei�en, er sei betrunken dort hineingest�rzt. Volodi hatte sich das nie wirklich vorstellen k�nnen��</p><p>Hatten damals die Intrigen vielleicht schon begonnen, und ein Mitwisser war beseitigt worden? Er hasste diese Spiele. Er wusste, dass an jedem der gro�en F�rstenh�fe intrigiert wurde. Doch er war stets ein Mann f�r das offene Wort gewesen. L�gner, die auf diese niedertr�chtige Art um Vorteile k�mpften, konnte er nicht leiden. Hatte er davor einfach die Augen verschlossen? H�tte er sehen k�nnen, was auf Quetzalli zukam?</p><p>�Ich kenne niemanden, der so genannt wird�, sagte er schlie�lich resignierend. �Was genau liest du dort?�</p><p><emphasis>�Stinkender Fu� hatte mein Geheimnis entdeckt, und er hat mir</emphasis><emphasis>damit gedroht, Schande �ber dich zu bringen, mein Geliebter. Ich hoffe,</emphasis><emphasis>du wirst mir verzeihen k�nnen, was ich getan habe. Ich habe keinen anderen Weg gesehen, deine Ehre zu besch�tzen�,</emphasis> trug Necahual stockend vor.</p><p>Volodi traten Tr�nen in die Augen, als er das h�rte, als Quetzalli ein letztes Mal durch den Mund ihres Bruders zu ihm sprach. Er erinnerte sich daran, dass ihr die drusnischen Namen oft Schwierigkeiten bereitet hatten. �Wie spricht man das aus? Was sind die Worte f�r <emphasis>stinkender Fu�?</emphasis>�</p><p>Necahual sah ihn nur verwundert an.</p><p>�Sag es in deiner Sprache zu mir. Los!�</p><p>�Juh Rie.�</p><p>Volodi keuchte.</p><p>�Yuri!� Er h�tte es wissen m�ssen! Dass sie ihn zu ihrem Berater gemacht hatte, passte ganz und gar nicht zu Quetzalli. Sie hatte ihn nicht gemocht. Genauso wenig, wie er den Heiler hatte leiden k�nnen.</p><p>�Du wei�t, wer der Mann ist?� Necahual stand wie eine Raubkatze vor ihm, bereit zum Sprung. ��berlass ihn mir. Ich wei� ihm ein Ende zu bereiten, das seiner w�rdig ist.�</p><p>�Nur unter einer Bedingung!�, entgegnete Volodi k�hl.</p></section><section><title><p>Die letzte Gabe</p></title><p>Tiefer Trommelschlag grollte in der weiten H�hle. Es war ein Ton, der etwas in Volodis Innerstem vibrieren lie�. Fast so, als griffe eine unsichtbare Hand in ihn hinein, um etwas in ihm wach zu r�tteln. Etwas, das besser verborgen geblieben w�re. Er schloss seine F�uste. Die Krallen auf seinen H�nden klickten leise. Er blickte zwischen den Zahnreihen des Jaguarhelms hinauf zur Tempelspitze. Den Kopf zu heben wagte er nicht. Er durfte nicht auffallen, stand er doch in der vordersten Reihe von mindestens dreihundert Jaguarkriegern.</p><p>Volodi hatte nicht gewusst, dass die Zapote �ber so viele dieser Bestien geboten, die fast all ihre Menschlichkeit abgestreift hatten. Ihm gegen�ber, auf der anderen Seite des von Mauern eingefassten, k�nstlichen Sees, standen die Adlerkrieger mit gefalteten Fl�geln. Sie waren noch zahlreicher als die Jaguarm�nner.</p><p>Necahual hatte ihm die R�stung eines Jaguarmanns verschafft und ihn in aller Heimlichkeit hier hinab in die H�hle gebracht. In jene H�hle, in der er einst h�tte sterben sollen. Get�tet von Quetzallis Hand. Sie h�tte ihm nach dem Willen des Unsterblichen Acoatl und seiner Priesterschaft bei lebendigem Leib das Herz herausrei�en sollen. Volodi zweifelte nicht im Mindesten daran, dass diese Bastarde das sofort nachholen w�rden, wenn sie herausfanden, wer sich in den Reihen der Jaguarm�nner verbarg.</p><p>Verstohlen blickte er zu der Stufenpyramide am Ende des Sees, w�hrend er den Kopf stur geradeaus gerichtet hielt, so wie all die anderen Jaguarm�nner. Auf der mittleren der sieben gro�en Stufen, zu denen sich das Bauwerk erhob, war ein Scheiterhaufen errichtet, gro� wie ein Haus. Zuoberst lag eine zierliche Gestalt. Volodi wusste, dass Quetzalli in feinste Seide gewickelt worden war. Ihr schwarzes Haar war gek�mmt und mit Duft�len behandelt. Wie ein weiter F�cher hing es �ber das aufgeschichtete Holz. Sie trug den schweren Goldschmuck einer Hohepriesterin.</p><p>Das Bild verschwamm Volodi vor den Augen. Er blinzelte gegen die Tr�nen an. Ihr h�tte das hier gefallen, versuchte er sich zu tr�sten. Er wusste, dass sie all das hier schmerzlich vermisst hatte. Sie war ein Leben lang darauf vorbereitet worden, eine der wenigen Auserw�hlten zu sein, die nun auf der obersten Terrasse der Stufenpyramide erschienen. Vier Priesterinnen, ganz in Wei�, flankierten den Unsterblichen Acoatl, der seine Adlerr�stung trug. Neben dem Herrscher der Zapote stand ein nackter Mann mit einer m�chtigen Federkrone. Er war von gedrungener, muskul�ser Gestalt, ein Krieger. Als ihm ein Priester eine brennende Fackel brachte, reckte er sich und hielt die Fackel hoch empor. Dann schritt er mit katzenhafter Anmut die Stufen hinab. Trotz der Entfernung erkannte Volodi den blauschwarzen, stilisierten Jaguarkopf, der fast die ganze Brust des nackten Mannes ausf�llte. Es war Necahual.</p><p>Der Anf�hrer der Jaguarm�nner blieb vor dem Scheiterhaufen stehen, und der Trommelwirbel verstummte. Laut rief er den Namen Quetzallis. Dann hielt er eine Rede �ber seine tote Schwester. Volodi hatte die Sprache der Zapote nie wirklich gelernt. Er verstand nur einzelne Worte. Es ging um Ehre und Verrat.</p><p>Leises Murren lief durch die Reihen der Jaguarm�nner. Sprach Necahual von dem Verrat, den Quetzalli an ihrem Volk begangen hatte, als sie mit Volodi gegangen war? Oder sprach er von dem Verrat, den Quetzalli erfahren hatte, als Yuri sie erpresste?</p><p>Wom�glich hatte sein Schwager ihm ja etwas vorgemacht, damit er allein hierherkam und zuletzt doch noch auf dem Opferaltar landete? Er war zu unbedarft, was Intrigen anging, dachte Volodi erschauernd, w�hrend die Jaguarm�nner rechts und links von ihm jetzt ein w�tendes Knurren ausstie�en. Auch die Adlerm�nner stimmten ein. Sie stie�en schrille Schreie aus, ganz wie die Raubv�gel, denen sie sich verschrieben hatten. Jetzt setzte auch wieder das Grollen der Trommeln ein. Was immer es war, das Necahual dort oben sagte, seine Rede schien sich ihrem H�hepunkt zu n�hern, als er mit einem schrillen, letzten Ruf die Fackel in den Scheiterhaufen stie�.</p><p>Im selben Augenblick drehten sich alle Jaguarm�nner in Richtung der Pyramide. Volodi reagierte um zwei Herzschl�ge zu sp�t. Er sp�rte, wie er verwundert von den Kriegern ringsherum angesehen wurde.</p><p>Necahual schrie ein weiteres Wort heraus, das der Drusnier nicht verstand.</p><p>Alle verbeugten sich.</p><p>Diesmal verneigte sich Volodi im selben Augenblick wie die anderen Jaguarm�nner. Und er erinnerte sich, das Wort, das Necahual gerufen hatte, schon einmal geh�rt zu haben. <emphasis>Ehrt sie,</emphasis> w�rde es in der Sprache Drusnas hei�en. Auch wenn er sich dagegen gestr�ubt hatte, dass Necahual seine Schwester hierherholte, war es doch die richtige Entscheidung gewesen. Quetzalli war wieder in ihrer Heimat angekommen. Die Zapote �berraschten ihn. Sosehr sie die abtr�nnige Priesterin gehasst hatten, der Tod hatte sie mit ihr ausges�hnt.</p><p>Ein weiterer Befehl seines Schwagers lie� die Krieger sich wieder aufrichten. Sie alle sahen zur Stufenpyramide und mit ihnen noch Tausende andere Zapote. Alle aus ihrem Volk, die in der Goldenen Stadt lebten, schienen gekommen zu sein.</p><p>Hohe Flammen schlugen aus dem Scheiterhaufen. Sie griffen nach der zarten Seide, die binnen eines Herzschlags zu Asche wurde.</p><p>Auf Wiedersehen, meine wundersch�ne, kriegerische Geliebte, dachte Volodi und l�chelte wehm�tig. Quetzalli mochte vermisst haben, dort oben zu stehen, aber sie hatte es niemals bereut, ihm nicht das Herz herausgeschnitten zu haben. Das wusste er ganz sicher. Sie hatte sein Herz auch so in ihren H�nden gehalten, ohne dass sie ihm den Brustkorb hatte �ffnen m�ssen.</p><p>Als sich Wellen in dem weiten Becken vor der Pyramide kr�uselten, erklang pl�tzlich ein Schrei. Er klang ganz anders als das Geschrei der Tierm�nner. Er war in Todesangst ausgesto�en. Und dann sah er ihn. Yuri! Einige kahlk�pfige Priester zerrten ihn zu einem Altar, der unmittelbar am Rand des k�nstlichen Sees lag. Der alte Heiler wurde mit Gewalt auf den dunklen Stein herabgedr�ckt. Schlingen wurden ihm um die Arme gewunden.</p><p>Fluchend und strampelnd k�mpfte er gegen seine Peiniger an.</p><p>Necahual stieg vom Scheiterhaufen die Stufen der Pyramide herab. Er hatte die Fackel gegen einen dieser Ritualdolche mit einer Klinge aus schwarzem Stein getauscht. Ob es jene Waffe war, die einst so viel Ungl�ck �ber ihn und Quetzalli gebracht hatte, konnte Volodi auf die Entfernung nicht erkennen.</p><p>Der Jaguarmann beugte sich �ber Yuri und zog dem Heiler das Messer in einem flachen Schnitt �ber die Brust. Volodi war �berrascht. Necahual hatte ihm nicht sagen wollen, was heute geschehen sollte. Der Drusnier hatte damit gerechnet, dass dem Heiler das Herz aus der Brust gerissen wurde, doch die Zapote schienen andere Pl�ne zu haben.</p><p>Zwei lange, h�lzerne Masten wurden rechts und links des Altarsteins aufgerichtet, und dann zogen zwei Priester Yuri an seinen Armfesseln zwischen den Masten hoch. Der Heiler schrie und b�umte sich gegen seine Fesseln auf. Sie hatten ihm alle Kleider vom Leib gerissen.</p><p>Jetzt senkten sich die Masten dem See entgegen, bis Yuri f�nf Schritt �ber der Wasseroberfl�che hing. Blut troff von seiner Brust in den See. Wieder kr�uselten sich Wellen, und Wasser spritzte �ber die Einfassungsmauer. Etwas Gro�es bewegte sich auf die Masten zu. Dann schnellte ein goldener Drachenkopf aus dem Wasser. Er erwischte Yuri nur an einem Bein, als die metallenen Kiefer zuschnappten. Einen Augenblick lang hing der Drache wie ein Fisch an der Angel. Die beiden Masten bogen sich leicht durch.</p><p>Deutlich konnte Volodi den mit Federn bedeckten, schlangenhaften Leib unterhalb des Drachenkopfs erkennen. Zwischen dem Gefieder schimmerte es purpurn, als w�rde sich unter dem Federkleid noch eine zweite Haut verbergen.</p><p>Der Drache st�rzte ins Wasser zur�ck. Er hatte Yuris Bein dicht unterhalb des Knies abgebissen. Der Leib des Heilers wurde hochgerissen, als die beiden Masten in ihre aufrechte Position zur�ckschnellten. Yuri drehte sich um seine eigene Achse, gehalten von den Armfesseln. Dabei kugelte er sich beide Schultergelenke aus. Seine Schreie klangen wie von einem Tier. Alles Menschliche war ihm verloren gegangen. In pumpenden St��en pulsierte sein Blut aus dem Beinstumpf.</p><p>Volodi empfand kein Mitleid mit dem Alten. H�tte Yuri selbst Quetzalli und Wanya vom Flugdeck gesto�en, er h�tte sich nicht schuldiger am Tod der beiden gemacht.</p><p>Wieder schoss der goldene Drachenkopf aus dem Wasser empor. Diesmal verschlangen die gierigen Kiefer den Heiler bis unter den Rippenbogen. Als sie sich schlossen, endeten Yuris Schreie abrupt.</p><p>Mit einem Knall zerbrach einer der beiden Masten unter dem Gewicht des zerrenden Schlangendrachen. Die Bestie riss am toten Fleisch, bis nur noch ein abgetrennter Arm vom Seil am verbliebenen Mast hing. Dann verschwand sie mit ihrer Beute im dunklen See. Augenblicke sp�ter war die Wasseroberfl�che wieder glatt wie ein Spiegel, als w�re nie etwas geschehen.</p><p>Necahual erhob noch einmal seine Stimme. Und dieses Mal verstand Volodi jedes Wort, denn der Zapote hatte ihm zuvor erkl�rt, was er sagen w�rde.</p><p>�Gehe in Frieden, Schwester, und empfange die Seele des Juh Rie als unsere letzte Gabe an dich, auf dass er dir im Reich der Schatten auf ewig als Sklave dienen m�ge.�</p></section><section><title><p>Der Fluch</p></title><p>Eingekeilt zwischen den anderen Jaguarm�nnern, wurde Volodi den engen Tunnel hinaufgeschoben. Sie dr�ngten und stie�en einander. Manche fauchten wie Raubkatzen. Offenbar zogen sie sich in ihre Quartiere zur�ck. Er konnte nicht aus ihren Reihen ausscheren, ohne Verdacht zu erwecken. Und jedes Mal, wenn er versuchte, sich ein wenig zur�ckfallen zu lassen, wurde er von den M�nnern hinter ihm derb nach vorne gesto�en.</p><p>Er erinnerte sich gut, was Quetzalli ihm �ber diese M�nner erz�hlt hatte. Sie waren keine richtigen Menschen mehr. Die Priester hatten die Seelen von Jaguaren in sie hinabgerufen. Sie waren wild und unberechenbar, und nicht selten kam es vor, dass sie in ihrer ungehemmten Lust eine der Frauen zerfleischten oder verst�mmelten, deren Strafe es war, diesen Halbm�nnern zu Willen zu sein.</p><p>Er wollte diese Quartiere nicht sehen. Den Ort, an dem Quetzalli so lange gelitten hatte. Und doch zog ihn der dunkle Strom aus fellbedeckten Leibern best�ndig mit sich. Immer weiter ging es hinauf.</p><p>Ein harscher Befehl lie� das dr�ngelnde Rudel schlagartig verharren. In einer tiefen Wandnische sah Volodi eine schattenhafte Gestalt. Ein krallenbewehrter Arm deutete aus dem Dunkel auf ihn.</p><p>Die Jaguarm�nner in seiner N�he zogen sich von ihm zur�ck.</p><p>Ein weiteres unverst�ndliches Wort lie� die Meute davoneilen. Sie teilten sich vor ihm, als w�re er ein Fels in der Brandung. Jene, die an ihm vor�berhuschten, streiften ihn nicht einmal sanft.</p><p>Als der letzte Krieger im Tunnel verschwunden war, trat der Krieger aus der Nische.</p><p>�Bereust du es, ihn mir �berlassen zu haben?�, fragte Quetzallis Bruder ruhig.</p><p>�Nein. Ich h�tte mir gew�nscht, dass es l�nger gedauert h�tte.�</p><p>Volodi hatte Yuri vor drei Tagen am fr�hen Abend mit dem Befehl, feines Leinen f�r Verb�nde einzukaufen, auf den gro�en Stoffmarkt nahe der Goldenen Pforte geschickt. Er hatte gewusst, dass der Heiler von diesem Einkauf niemals zur�ckkehren w�rde. Necahual und einige andere Jaguarm�nner hatten dem Heiler in einer dunklen Gasse aufgelauert und ihn in die H�hlen tief im Weltenmund verschleppt.</p><p>�Ich bin mir sicher, meine Schwester wird keine gn�dige Gebieterin �ber Juh Ries Seele sein. Er wird den Tag verfluchen, an dem er zum ersten Mal zu ihr gekommen ist.�</p><p>�Ja�, sagte Volodi lahm. Die Befriedigung, die er im Augenblick von Yuris Tod empfunden hatte, war nun fast verflogen. Er f�hlte sich leer. Und er f�rchtete die leere Kammer, in die er zur�ckkehren w�rde. Noch hing dort Quetzallis Geruch in der Luft. Zumindest manchmal�� Vielleicht wurde er auch verr�ckt und bildete es sich nur ein.</p><p>Der Unsterbliche griff unter das Jaguarfell und zog einen Dolch hervor, den er dort verborgen getragen hatte. Er reichte die Waffe seinem Schwager. �Quetzalli war �berzeugt davon, dass diese Klinge verflucht ist. Sie hat mich eindringlich gebeten, sie nicht zu tragen. Damals habe ich es f�r dummen Aberglauben gehalten��� Er schwieg einen Augenblick lang und w�nschte sich wieder einmal, er h�tte auf sie geh�rt. Seit er Koljas Dolch an sich genommen hatte, war ihm alles verloren gegangen, was ihm im Leben wichtig gewesen war.</p><p>Necahual zog die Klinge zur H�lfte aus der Lederscheide und betrachtete sie lange. �Eine sch�ne Waffe.�</p><p>�Ich habe dich vor ihr gewarnt�, sagte Volodi matt. �Ich kann es nicht mehr ertragen, sie in meiner N�he zu wissen. H�tte ich sie nur ins Meer geworfen, als ich gen S�den gereist bin. Vielleicht w�re dann alles anders gekommen.�</p><p>�Ich werde sie einem unserer Feinde schenken.� Der Jaguarmann schob die Klinge in die Scheide zur�ck. �Ich glaube, ich wei� schon, wer sie sich verdient hat.� Er verneigte sich knapp. �Ich danke dir f�r diese �beraus n�tzliche Gabe, Volodi, der �ber den Adlern schreitet. Und nun folge mir. Ich werde dich hinauf zu den G�rten f�hren, zu einer verborgenen Pforte in der Mauer, die unsere Tempelstadt umfasst. Wir wollen unser Gl�ck nicht herausfordern. Es ist besser, wenn wir nicht zusammen gesehen werden.�</p></section><section><title><p>Tr�ume aus Kristall</p></title><p>Artax f�hlte sich zu schwach, um zu stehen. Er sah zu Shaya. Sie war bleich und ausgezehrt. Er sah ihr an, dass auch sie sich nicht erholt hatte, obwohl sie ihm schon seit zwei Tagen vormachte, dass es ihr wieder gut ging.</p><p>Sie beide warteten im kleinen Empfangssaal des Palastes auf Mataan, den er hierher befohlen hatte. Auf dem Thronpodest stand nun ein zweiter vergoldeter Sessel mit hoher Lehne f�r seine K�nigin. Artax wusste, dass es deshalb �ber kurz oder lang �rger geben w�rde. Kein anderer Unsterblicher hatte eine Frau an seiner Seite, die so offensichtlich ihm gleichgestellt war. Es widersprach den Pl�nen der Devanthar. Sie wollten die Unsterblichen als �ber alle Menschen erhaben herausstellen. Eine Sterbliche an seiner Seite, die mit ihm herrschte, relativierte seine Einzigartigkeit. Artax w�rde sich diesem Streit stellen. Er wollte Shaya nie wieder verlieren.</p><p>Die doppelfl�gelige rote T�r �ffnete sich. Mataan trat ein. Kaum, dass er �ber die Schwelle geschritten war, schlossen sich hinter ihm die schweren Fl�gelt�ren. Der Satrap war sichtlich nerv�s. Au�er ihm war niemand anwesend.</p><p>An den Thron gelehnt stand das Schwert, das Artax seinen Beinamen K�nig Geisterschwert eingebracht hatte. Seit dem Erlebnis mit der Daimonin, die ihn und Shaya �berfallen hatte, hielt er die Klinge stets in Griffweite.</p><p>Mataan ging schwer auf seinen Stock gest�tzt. Vom athletischen, sonnengebr�unten Fischerk�nig, der er einst gewesen war, war nichts geblieben. Seine Haut war bleich und wirkte teigig. Er war dick geworden. Und in seinen Augen stand Furcht. Dabei waren sie einmal fast Freunde gewesen.</p><p>Drei Schritt vor dem Thron hielt Mataan inne und versuchte niederzuknien.</p><p>�Bitte lass das�, sagte Artax sanft. Er erhob sich unter Schmerzen von seinem Thron und griff nach seinem Schwert. Auch Shaya stand auf. Vorsichtig hob sie das kleine, mit Perlmuttintarsien verzierte K�stchen aus ihrem Scho�. Seite an Seite traten sie vor Mataan, dem blanker Schwei� auf der Stirn stand.</p><p>�Es freut mich zu sehen, dass es Euch besser geht, Unsterblicher.� Sein Blick wanderte zu dem Schwert, das Artax in H�nden hielt.</p><p>Trotz seiner un�bersehbaren Furcht wich Mataan um keinen Zoll zur�ck. Manche Dinge hatten sich doch nicht ge�ndert, dachte Artax zufrieden.</p><p>�Ich m�chte mich auf ganz besondere Weise f�r die langen Jahre treuer Dienste bei dir bedanken, Mataan.� Er deutete zu Shaya, die dem Satrapen nun das kleine Holzk�stchen entgegenhielt. �Der L�wenh�uptige hat mir gestern auf meinen ausdr�cklichen Wunsch ein Geschenk f�r dich gebracht. Es soll dich f�r das entsch�digen, was du f�r mich erlitten hast.�</p><p>Mataan nahm das K�stchen entgegen. Seine H�nde zitterten, er hatte Schwierigkeiten, den Verschluss zu �ffnen. Endlich klappte der Deckel auf. Auf wei�er Seide lag ein gr�ner Kristall, halb so dick wie ein Kinderfinger. Verwirrt sah der Satrap zu ihm auf.</p><p>�Dies ist ein St�ck Traumeis�, erkl�rte ihm Shaya. �Du wirst es in deinen K�rper sto�en m�ssen, um es zu nutzen. Es wird dir erm�glichen, dich in den Mann zu verwandeln, der du einst warst. Einen Mann, der keinen Stock mehr braucht, auf den er sich st�tzt.�</p><p>Mataan wirkte unsicher. Er blickte auf den Kristall, dann sah er wieder sie beide an. �Ich wei� nicht���</p><p>�Du musst es tun!�, beharrte Artax. �Du sollst wieder der Mann sein, der mich einst zur Pirateninsel Kyrna gebracht hat. Der, der sich im Steinhorst sch�tzend vor mich warf und sein Leben f�r mich wagte. Es war mir eine Qual anzusehen, welch hohen Preis du daf�r gezahlt hast. Wie du verst�mmelt wurdest und nur noch ein Schatten deiner selbst bist.�</p><p>Mataans H�nde zitterten noch st�rker. �Der Kristall wird mir meine Kraft zur�ckgeben?� Seine Stimme bebte.</p><p>�Mehr als das, mein Freund. Er wird dich zu dem Mann machen, der du sein willst. Es sind deine W�nsche, die bestimmen, auf welche Art du dich ver�nderst. Ich wei�, dieser Kristall hat die Kraft, einem verst�mmelten Mann einen Arm nachwachsen zu lassen. Er kann all deine Narben verschwinden lassen, ja, er vermag dir sogar eine jugendliche Gestalt zu verleihen, wenn du dies w�nschst. Er erlaubt dir, alle Lasten, die Krieg und Alter uns aufb�rden, abzustreifen.�</p><p>Mataan sah erneut auf den Kristall. Sein Antlitz war eine Maske des Zweifels.</p><p>�Ich wei� von M�nnern, die Zeugen einer solchen Verwandlung waren�, warf Shaya ein. �Es werden Tage voller Schmerzen vergehen, bis du dich neu erschaffen hast. Aber es ist nicht nur eine Geschichte. Es ist die Wirklichkeit.�</p><p>Der Satrap klappte das K�stchen zu. �Ich werde es tun, mein Gebieter�, sagte er steif, als w�rde er einem Befehl folgen. �Doch habe ich eine Bitte an Euch, Herrscher aller Schwarzk�pfe. Gestattet mir, mich nach Taruad zur�ckzuziehen. Ich m�chte es auf meiner Insel tun. Ich vermisse das Meer, die M�wenschreie, mit meinen Fischern hinauszufahren. Ich war zu lange in Nangog und an Eurem F�rstenhof in Ak�u. Ich will die einfachen Freuden meiner Heimat genie�en und unter den meinen sein.� Er senkte dem�tig den Blick. �Ich bin der K�mpfe und Intrigen m�de geworden.�</p><p>Artax hatte das Gef�hl, dass noch viel Unausgesprochenes in den Worten schwang. Wenn er ihn jetzt ziehen lie�, dann w�rde er Mataan nicht mehr wiedersehen. �Kehre heim, mein Freund.�</p><p>Mataan seufzte erleichtert. Nachdem er sich verbeugt hatte, zog er sich dem�tig zur Fl�gelt�r zur�ck. Das schwere Klacken seines Kr�ckstocks war das einzige Ger�usch, das zu h�ren war. Wieder �ffneten sich die T�ren wie von Geisterhand bewegt.</p><p>Als das Klacken drau�en auf dem Flur verhallt war, setzte sich Artax auf die Stufen vor seinem Thron. Er w�nschte, auch er k�nnte einfach so gehen. Aber das Versprechen, mit dem er Shayas Leben erkauft hatte, w�rde ihn f�r immer an sein Amt binden.</p><p>Die Prinzessin lie� sich an seiner Seite nieder und ergriff seine Hand. �Woran denkst du?�</p><p>Er lachte leise. �An den Geruch der Erde nach einem schweren Regen. An das Leben in einem Bauerndorf. Einfache Freuden���</p><p>Shaya sch�rzte die Lippen. �Bauern�� Sind das nicht alles Betr�ger? Sie wollen f�r alles entlohnt werden. Wenn Nomaden ihre Herden an ihren Fl�ssen tr�nken, verlangen sie ein St�ck Vieh. Geh�rt das Wasser nicht allen? Sie zerteilen das Land in kleine St�cke und wachen eifers�chtig dar�ber.� Die Reiterprinzessin sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Und doch g�be es ohne sie nicht das Mehl f�r eure Brotfladen�, wandte Artax ein.</p><p>�Man kann sich auch von Fleisch und Milch, N�ssen, Obst und Pilzen ern�hren.�</p><p>�Nie wieder Brot oder Reis. Oder Hafer f�r die Pferde. Pferde, die mit Hafer gef�ttert werden, laufen l�nger und ausdauernder.�</p><p>Shaya nickte widerwillig. Pl�tzlich grinste sie. �Ich ertrage dich als m�rrischen Bauern, wenn du mich Pferde z�chten l�sst.�</p><p>Es w�rde niemals geschehen, und doch lie� ihn die Vorstellung l�cheln. Allein dar�ber zu reden bereitete ihm schon Freude. Er dachte an Almitra zur�ck. Jene Frau, die es nur in seiner Vorstellung gegeben hatte. Als armer Bauer, ohne Hoffnung, jemals reich genug f�r eine Hochzeit zu sein, hatte er sie sich in Gedanken erschaffen und mit ihr endlose Zwiegespr�che �ber das Leben, das er sich ertr�umte, gef�hrt. Nun sa� neben ihm eine wundersch�ne Frau aus Fleisch und Blut, mit der er diese Gespr�che f�hrte. Sie war dickk�pfig, altklug und zugleich doch auch weise. Und sie hatte ihm das Leben gerettet. Sie war so viel mehr, als Almitra je gewesen war. Vielleicht sollte er Augenblicke wie diesen mehr zu sch�tzen lernen, statt immer nur zu tr�umen.</p><p>Er nahm sie in seine Arme und k�sste sie lang und leidenschaftlich.</p><p>Als sich ihre Lippen trennten, sah Shaya ihn verwundert an. �Wof�r war das?�</p><p>�Daf�r, dass es dich gibt.� Nie war er sich so bewusst gewesen, dass trotz aller Fesseln, die ihm auferlegt waren, die Wirklichkeit all seine Tr�ume �bertroffen hatte.</p></section><section><title><p>Lotussee</p></title><p>Nandalee zog an Sternauges Z�geln. Der Pegasus schwenkte in weitem Bogen nach Westen ab, fort von dem Lager, das sie in der Ferne entdeckt hatten. Von hier aus sahen die leuchtenden Zelte dort wie Laternen aus, die an einem Hang abgestellt waren. Hell strahlende Punkte in einer Landschaft, die sich in die Schatten der D�mmerung zur�ckzog. Der Abend brachte eine leichte Brise vom Meer, und doch war es immer noch bedr�ckend schw�l. Nie zuvor war Nandalee so weit in den S�den gereist. Die Lotussee war bisher nicht mehr als nur ein Wort f�r sie gewesen. Ein Ort, um den sich vage Vorstellungen von seltsamen V�lkern und Kreaturen rankten, die hier lebten. Bedr�ckende Fiebers�mpfe, orgiastische Feste, bei denen nackte Nymphen in endlosem Reigen tanzten, w�hrend Kreaturen des Fleischschmieds�� f�r die man im Norden noch nicht einmal Namen kannte�� sich auf seidenbezogenen Lagern rekelten und den zierlichen T�nzerinnen zusahen. Zumindest zu Beginn der schw�len N�chte.</p><p>Der Lotussee fehlte die kalte Klarheit ihrer Welt. Niemals w�re Nandalee hergekommen, w�rde sich nicht hier ihre letzte Hoffnung verbergen. Der Dunkle hatte ihr gesagt, dass sie hier suchen sollte. Sie hatte ihm anfangs nicht glauben wollen, aber er wusste um alle Verstecke der Drachenelfen.</p><p>Sternauge fand einen Landeplatz auf einer breiten Schneise, die in das Buschland geschlagen war. Der Boden war hier zerfurcht, als w�ren riesige Krallenh�nde �ber die Erde gefahren. Nandalee sprang aus dem Sattel. Kurz untersuchte sie die Spuren. Baumst�mme waren hier entlanggezogen worden. Bauholz? Sie hatte den Steinbruch nahe dem Lager gesehen. Die behauenen Bl�cke. Aber es gab dort kein Bauwerk.</p><p>Die Elfe strich Sternauge �ber die N�stern. �Warte hier auf mich, mein Gro�er. Bin ich bis zum Sonnenaufgang nicht zur�ck, fliegst du heim in den Jadegarten. Wenn der Dunkle erf�hrt, dass du ohne mich zur�ckkehrst, dann wird er wissen, dass ich in Schwierigkeiten bin.� Sie fl�sterte ein Wort der Macht und �ffnete Sternauges Verstand f�r ihre Bef�rchtungen.</p><p>Der gro�e Hengst schnaubte nerv�s. Seine Ohren standen aufrecht. Mit weiten Augen sah er sie an. Er mochte es nicht, im Ungewissen zu warten. Er f�rchtete nicht, mit ihr auf seinem R�cken in die Schlacht zu fliegen. Aber zu warten, ohne etwas tun zu k�nnen, war ihm zutiefst zuwider. Er war ein K�mpfer. Sie dachte daran, wie sie ihm das erste Mal begegnet war. Wie er f�r seine Herde gegen den Rotr�cken gek�mpft hatte, den gierigen Drachen, der die Pegasi an der Wasserstelle im Bainne Tyr, dem Milchland, der weiten Steppe nahe dem Jadegarten, angegriffen hatte.</p><p>�Mir wird nichts geschehen�, sagte sie mit fester Stimme.</p><p>Sternauge stampfte mit den Vorderhufen, als wollte er andeuten, dass er mitten in dieses Lager preschen w�rde, um sie herauszuholen, wenn sie nicht Wort hielt.</p><p>Nandalee klopfte ihm noch einmal mit der flachen Hand auf den Hals, dann schlich sie, tief zwischen die B�sche mit ihren schweren roten Bl�ten geduckt, zum Lager.</p><p>Die Albenkinder schienen sich sehr sicher zu f�hlen. Es gab nur drei Wachposten, und die waren allesamt nicht sonderlich aufmerksam. An ihnen ungesehen vorbeizukommen war f�r die Elfe keine Herausforderung. Es war fast schon zu einfach. Lief sie vielleicht in eine Falle? Oder gab es hier schlicht keine Feinde, die es zu f�rchten galt?</p><p>Nandalee duckte sich in ein Geb�sch am Rande des Lagers und beobachtete das Treiben dort. Nie zuvor hatte sie eine so gemischte Schar von Albenkindern gesehen. Stierh�uptige Minotauren gingen Seite an Seite mit Kobolden, die ihnen kaum bis zu den Knien reichten. Gedrungene Echsenm�nner wateten in die gro�en Teiche, die auf dem terrassierten H�gelhang angelegt worden waren. Es sah aus, als w�rden sie sich dort im Schlamm zur Ruhe legen wollen. Hoch am H�gel, nahe den drei gro�en Kr�nen, die dort standen, entdeckte Nandalee einen Riesen. Er schwenkte einen gewaltigen Kupferkessel, der von dicken Eisenketten hing. Flammen schlugen aus dem Kessel, und Nandalee hatte das Gef�hl, dass der Riese Signale an irgendjemanden drau�en auf der Lotussee sandte, als w�re er ein lebendiger Leuchtturm.</p><p>Eine Gruppe kichernder Apsaras ging dicht am Versteck der J�gerin vorbei. Die Nymphen sahen fast aus wie Elfen. Sie waren etwas weniger zierlich und ihre Gesichter ein wenig runder. Sie trugen kurze wei�e Kleider, die ihre Reize eher betonten als verh�llten. Durch den zarten Stoff schimmerte das rotbraune Bandag, mit dem sie ihre Leiber �ber und �ber mit schlangengleichen Glyphen beschrieben hatten. Nandalee erinnerte sich dunkel, was sie an der Wei�en Halle �ber die Nymphen gelernt hatte. Es hie�, sie bes��en au�ergew�hnliche Kr�fte als Heilerinnen und Seherinnen. Ihr gr��tes Mirakel aber waren die Schriftzeichen auf ihren Leibern. Wer sie zu entschl�sseln vermochte, dem blieben sie treu, bis der Weg ins Mondlicht die Entr�ckten auf immer von den Suchenden trennte.</p><p>Nandalee entschied, dass sie in diesem Durcheinander der V�lker nicht sonderlich auffallen w�rde, auch wenn sie unter all den Bewohnern des Lagers keine einzige Elfe entdeckt hatte. Sie zog sich aus ihrem Versteck zur�ck und schlenderte dann �ber den Hauptweg ins Lager, als w�rde sie dazugeh�ren. Neu eingekleidet in das wei�e Prachtgewand einer Drachenelfe und mit dem gro�en Bidenh�nder, den sie auf ihrem R�cken trug, hob sie sich deutlich von allen anderen ab. Einige Blicke folgten ihr, doch sprach sie niemand an.</p><p>Nandalee vermied es, geradewegs auf das gro�e blaue Zelt weiter oben am Hang zuzusteuern. Stattdessen blieb sie eine Weile bei einer Gruppe Kobolde stehen, die einen blutigen Hahnenkampf veranstalteten, kaufte f�r drei Kupferst�cke an der Br�terei gleich nebenan den Schenkel eines Verlierers vergangener K�mpfe und sah eine Zeit lang einem fuchsk�pfigen Kobold zu, der einem Minotauren zwei gekreuzte �xte auf den Oberarm t�towierte.</p><p>Langsam, auf Umwegen, n�herte sie sich dabei dem Zelt. Als sie nur noch wenige Schritt entfernt war, kauerte sie sich an einem der Teiche nieder, beobachtete die Dunstschwaden, die �ber dem dunklen Wasser trieben, und lauschte auf ein Gespr�ch mehrerer Apsaras, die sich vor dem Zelt �ber die Fortschritte beim Bau des Turms unterhielten, was Nandalee einigerma�en eigent�mlich fand, denn es gab weit und breit keinen Turm zu sehen.</p><p>Irgendwo im Lager erklang das melancholische Spiel einer Hirtenfl�te. Die Apsaras verstummten. Nandalee blickte �ber das tr�be Wasser. Hin und wieder konnte sie ein einzelnes Augenpaar der Echsenkrieger im Mondlicht aufblitzen sehen. Sie lagen flach im Wasser wie Krokodile, die zwischen Wachen und Schlaf im Uferschlamm verborgen auf Beute lauerten.</p><p>Es war an der Zeit! Die Elfe erhob sich. Im Vor�bergehen gr��te sie die Apsaras mit einem Kopfnicken, als w�ren sie alte Bekannte. Dann ging Nandalee zum Zelt. Vorsichtig sp�hte sie durch den Eingang. Ein schmales Feldbett, eine schlichte Kleidertruhe und ein gro�er Tisch, bedeckt mit Pergamenten, waren das einzige Mobiliar.</p><p>Noch einmal sah die Elfe sich um. Zur Fl�tenmusik hatte sich der Klang von Trommeln und Zimbeln gesellt. Das Lagervolk strebte einem gro�en Feuer im Herzen der Zeltstadt entgegen. Zwischen den Gestalten entdeckte Nandalee sich ekstatisch wiegende T�nzer. Niemand beachtete sie.</p><p>Sie w�rde im blauen Zelt warten, entschied die J�gerin. Dort war sie vor Blicken gesch�tzt. Sie wollte kein Aufsehen erregen. Schlie�lich wusste sie nicht, wie ihre Auserw�hlte reagieren w�rde. Freunde waren sie nie gewesen.</p><p>Sie trat ein und blickte auf die Pergamente. Es waren Baupl�ne f�r einen gro�en, fensterlosen Turm. Verwundert betrachtete sie das Bauwerk und die vielen Skizzen f�r Schmuckelemente im Mauerwerk. Alle Zeichnungen waren mit Anmerkungen in einer kleinen, akkuraten Handschrift versehen. <emphasis>Turm der mondbleichen Bl�ten</emphasis> stand �ber dem Bauplan.</p><p>Pl�tzlich ber�hrte sie eine k�hle Hand im Nacken. Sie sp�rte einen kurzen Druck, wollte herumfahren, vermochte sich aber nicht mehr zu bewegen.</p></section><section><title><p>Die Meisterin</p></title><p>Es war ein D�j�-vu. Genauso wehrlos war Nandalee gewesen, als sie Ailyn gleich an ihrem ersten Tag dort vor der Wei�en Halle begegnet war. Die Meisterin hatte sie gnadenlos mit dem �bungsschwert verdroschen. Nein, jetzt war es sogar noch schlimmer. Damals hatte sie zumindest noch die Illusion gehabt, sich wehren zu k�nnen. Sie hatte sich bewegen k�nnen. Jetzt stand sie wie versteinert. Kein einziger Muskel ihres K�rpers wollte ihr noch gehorchen.</p><p>�Du erscheinst mit einem Schwert in meinem Zelt?�</p><p>Als Ailyn vor sie trat, konnte Nandalee nichts anderes tun, als sie anzusehen. Die Meisterin war feingliedrig und von zierlicher Gestalt. Ein wenig kleiner als Nandalee. Sie hatte sich mit Bandag bemalt, und so wie die Apsaras trug auch sie ein kurzes wei�es Kleid. Doch ihrem knabenhaften K�rper schmeichelte es nicht. Ihr Antlitz war hart, wie aus Granit geschlagen. Es gab keine weichen Rundungen in diesem Gesicht, nur gerade Linien und Winkel. Die F�higkeit zu Gef�hlsregungen schien das Leben aus diesen Z�gen herausgemei�elt zu haben.</p><p>�Du bist mir vorhin im Lager aufgefallen. Au�erordentlich frech, hier einfach reinzuspazieren.� Ailyn l�ste den Schwertgurt vor Nandalees Brust und nahm ihr die schwere Waffe ab.</p><p>�Todbringer.� Respekt schwang in Ailyns Stimme, als sie die Waffe auf ihren Kartentisch legte. �Wie ich h�rte, hast du mit der Klinge so einiges angerichtet. Sollte ich nun auch einen Platz auf der langen Liste deiner Toten bekommen?�</p><p>Nandalee k�mpfte gegen die L�hmung an, die Ailyns Ber�hrung verursacht hatte. Zugleich wusste sie, dass es vergebens war. Die Wirkung w�rde noch mehr als eine Stunde anhalten, wenn Ailyn sie nicht aufhob.</p><p>�Eine Meuchlerin schleicht nachts in mein Zelt.� Ganz dicht trat Ailyn an sie heran. �Welchen Schluss sollte ich daraus wohl ziehen?� Sie lachte kalt. �Ich konnte mir nie erkl�ren, ob �berheblichkeit oder Dummheit dein Handeln bestimmt, Nandalee. Hast du wirklich geglaubt, du k�nntest mich �berraschen?�</p><p>Sie legte ihr die Hand auf die Stirn. Ein ziehender Schmerz erwuchs in Nandalees Kopf. Es f�hlte sich an, als w�rden gl�hende F�den durch ihr Hirn gewoben, um sie dann langsam herauszuzerren. Ailyn versuchte, in ihren Gedanken zu lesen, um Antworten auf ihre Fragen zu erhalten. Sollte sie nur! Das war nicht einmal den Himmelsschlangen gelungen. Nandalee hatte sich nie erkl�ren k�nnen, warum nichts und niemand in ihren Erinnerungen zu lesen vermochte. Doch so war es schon immer gewesen.</p><p>Endlich zog Ailyn die Hand zur�ck. �Dieses Ger�cht �ber dich stimmt also auch.�</p><p>Lag da ein Hauch von Bewunderung in ihrer Stimme?</p><p>�Du wirst mir also erz�hlen m�ssen, was du von mir willst. Fasse dich kurz. Meine Langmut ist �u�erst begrenzt. Und versuche nicht, mich zu bel�gen, ich habe ein feines Gesp�r f�r Unwahrheiten. Solltest du hier sein, um mich zu ermorden, machen wir nicht viele Worte. Dann schlage ich ein Duell vor. Ich hoffe, du hast dazugelernt, seit du zum letzten Mal vor mir im Dreck gelegen hast.� Ailyn griff ihr erneut in den Nacken. Ein zweiter leichter Druck, und die Erstarrung endete. Die Meisterin trat einen Schritt von Nandalee zur�ck. Sie war bereit zu k�mpfen.</p><p>Nandalee konnte die �berhebliche Elfe nicht leiden, und doch kniete sie nieder. Sie k�nnte kaum eine m�chtigere Verb�ndete f�r ihre Reise ins Ungewisse finden. Alles, was einmal zwischen ihnen gewesen war, musste nun hintanstehen.</p><p>�Ich bin hierhergekommen, um dich um deine Hilfe zu bitten, Ailyn, denn ich kann auf die Unterst�tzung von niemand anderem mehr z�hlen.� Die Worte waren wie Glassplitter auf ihrer Zunge. Sie sprach langsam und stockend. �Der Dunkle wei�, dass ich zu dir gehe, und er hat mir dringend davon abgeraten. Die Himmelsschlangen werden mir nicht ihre Unterst�tzung gew�hren. Ich muss nach Nangog. In den �u�ersten Norden. Noch weiter als jene Stadt Wanu, in der du gek�mpft hast. Alle haben mich davor gewarnt. Vor der ewigen Dunkelheit, der t�dlichen K�lte, den Gr�nen Geistern und noch etwas Anderem, Unsichtbarem, das dort �ber die Eisebenen zieht, um jedem Tod und Verderben zu bringen. Ich will dort das Traumeis ernten. Ich brauche es f�r meinen Sohn Meliander, der verst�mmelt geboren wurde, und f�r meinen Freund Eleborn, der durch meine Schuld ebenfalls zum Kr�ppel wurde. Verlange von mir, was immer du willst, Ailyn, aber bei den Alben, schenk mir deine Hilfe.�</p><p>�Ich habe den Apsaras versprochen, ihnen einen Turm tief im Meer zu errichten. Einen Turm, gebaut f�r die Ewigkeit. Mehr als siebenhundert Albenkinder sind hier versammelt. Ich soll sie alle verlassen, um jemandem einen Gefallen zu tun, den ich nicht einmal mag?� Die Elfe schnaubte ver�chtlich. �Glaubst du, ich werde all dies aufgeben, um dir zu helfen? F�r wen h�ltst du mich?�</p><p>�Ich halte dich f�r eine Kriegerin, Ailyn. Vielleicht bist du die bedeutendste K�mpferin, die die Wei�e Halle je hervorgebracht hat. Und du w�rdest es nicht f�r mich tun, sondern f�r Meliander und Eleborn.� Nandalee wusste, dass Ailyn Eleborn gemocht hatte. Meliander hatte die Meisterin nie gesehen.</p><p>�Stimmen die Geschichten, die man �ber deinen Sohn erz�hlt?�, fragte Ailyn unvermittelt.</p><p>Nandalee sah �berrascht auf. �Welche Geschichten?�</p><p>�Die, dass er in deinem Leib verst�mmelt wurde. Dass ihn dort etwas angegriffen hat���</p><p>�Woher wei�t du davon?�</p><p>�D�stere Geschichten reisen auf nimmerm�den Fl�geln. Und jetzt steh auf. Du bist keine Sch�lerin mehr. Wir haben den gleichen Rang.�</p><p>Nandalee erhob sich. �Wirst du mit mir kommen?�</p><p>�Bist du dir sicher, dass das Traumeis deinem Sohn helfen kann?�</p><p>�Es hat einem verst�mmelten Menschensohn den Arm nachwachsen lassen.�</p><p>Ailyn machte eine wegwerfende Geste. �Geschichten.�</p><p>�Ich wei� es aus den Erinnerungen eines Unsterblichen!�, begehrte Nandalee auf. �Das Traumeis ist so machtvoll, dass die Devanthar es an sich genommen haben und es nun im Gelben Turm verwahren.�</p><p>�Aber dort willst du nicht hin.�</p><p>�Nein, ich wei�, wo die Menschenkinder die Kristalle geerntet haben. Es ist ein von Geistern heimgesuchter Ort mitten im Nichts. Also, wirst du mit mir gehen?�</p><p>Ailyn wiegte den Kopf. �Ich bin bei Weitem nicht so versessen darauf zu k�mpfen, wie man mir nachsagt. Und ich habe nicht viel �brig f�r Verzweiflungstaten. Du bist in meinem Lager nicht willkommen, Nandalee. Entferne dich nun. Ich brauche einen Tag Bedenkzeit. Dann werde ich dir mitteilen, wie ich mich entschieden habe. Bis dahin bleibt dein Schwert hier. Ich werde es mitbringen, wenn ich zu dir komme.�</p><p>Nandalee wollte aufbegehren, doch ein einziger Blick der Meisterin brachte sie zum Schweigen. Ein einziges falsches Wort mochte ihre ohnehin schon geringe Hoffnung ganz zerst�ren. Es gefiel Ailyn offensichtlich immer noch, sie zu qu�len. Also schluckte die J�gerin ihren �rger und zog sich zur�ck.</p></section><section><title><p>Der Tag der N�rrinnen</p></title><p>Sie war unheimlich. Nandalee blickte zur Seite. Ailyn flog nur wenige Schritt neben ihr. Das gr�ne Licht, das �ber den Nordhimmel tanzte, lie� ihr ohnehin schon fahles Gesicht noch blasser aussehen. Nicht einen, drei Tage hatte sie sich Zeit gelassen, und sie hatte kein Wort dar�ber verloren, warum sie sich letztlich entschieden hatte, mit ihr zu kommen. Ailyn hatte ihr einfach Todbringer �berreicht und gesagt: Gehen wir. Das war alles gewesen.</p><p>Die Meisterin war vorbereitet gewesen. Sie hatte Nandalee zum n�chsten Albenstern gef�hrt, und sie hatte gewusst, welchen Weg sie durch das Goldene Netz nehmen mussten, um so weit wie nur eben m�glich nach Norden zu gelangen. Nun flogen sie �ber die Eisw�ste unter einem Nordhimmel, der sich mit endlosen Bahnen gr�nen Lichts schm�ckte. Nandalee kannte diese Himmelserscheinung aus ihrer Kindheit in der Snaiwamark und Carandamon. Und dennoch�� hier auf Nangog waren die Nordlichter anders. Sie wirkten intensiver.</p><p>Es waren drei breite Bahnen, die sich in schlangengleichen Bewegungen nach Norden zogen. Ganz so, als wollten sie ihnen den Weg weisen. Dorthin, wo der Abgrund lag, in den sie hinabsteigen musste.</p><p>Wieder blickte Nandalee verstohlen zur Seite. Ihre neue Gef�hrtin stand unbewegt auf dem R�cken einer schneewei�en Pegasusstute. Ailyn hatte das Gewand einer Drachenelfe angelegt. Das hautenge, hochgeschlitzte Kleid mit dem Stehkragen. Ihres war mit silberner Stickarbeit geschm�ckt. Auf dem R�cken trug sie ein gekr�mmtes Schwert, das in einer wei�en Lederscheide steckte. Ob sie es brauchen w�rde? Niemals w�rde Nandalee das Bild vergessen, wie Ailyn im Schnee zur�ckgeblieben war. Damals, in jener Nacht, als sie und Gonvalon gekommen waren, um sie vor den Trollen zu retten, und der Blaue Stern hoch am Himmel gestanden hatte. Als sie fliehen wollten, war Ailyns Pegasus get�tet worden. Sie war allein und waffenlos unter den Trollen zur�ckgeblieben. Wie sie es geschafft hatte zu entkommen, hatte sie nie erz�hlt. Aber eines war gewiss. Sie brauchte keine Waffe. Sie war selbst eine Waffe.</p><p>Seitdem sie den Albenstern verlassen hatten, flogen sie schweigend nebeneinander. Nur einmal hatte Nandalee ein Wort der Macht gesprochen und um sich und Sternauge einen Kokon aus warmer Luft gesponnen, der die Eisesk�lte des Winters von ihnen fernhielt.</p><p>Der Schlund, in den die Menschenkinder hinabgestiegen waren, konnte nicht mehr weit sein. Sie sollte euphorisch sein. Aber da war etwas im Wind�� Sie wagte es nicht, Ailyn darauf anzusprechen, aus Furcht, sich l�cherlich zu machen. Aber Nandalee hatte das Gef�hl, dass etwas mit ihnen reiste. Unsichtbar im Sternenlicht. Etwas, das auf den Schwingen der Nacht ritt und zum Greifen nahe war, ohne sich zu zeigen.</p><p>Die Elfe sp�rte, wie nerv�s Sternauge war. Auch er schien es zu bemerken. Oder war es ihre Angst, die ihn unruhig werden lie�?</p><p>�Dort!�, rief Ailyn pl�tzlich und deutete nach Nordost. Ein schmaler Strich erhob sich senkrecht �ber die Eisebene.</p><p>Nandalee wusste aus Shayas gestohlenen Erinnerungen, dass es bei dem Abgrund eine Felsnadel gegeben hatte. Die Wolkenschiffer hatten der Heilerin davon erz�hlt. Ohne dass sie auch nur am Z�gel gezogen hatte, schwenkte Sternauge auf den Felsen hin ab. Der Wind schien sch�rfer zu werden, als sie die Richtung �nderten. Er heulte in ihren Ohren. War da eine Stimme, die ihr zuraunte? Nandalee verschloss sich gegen den Unsinn. So etwas gab es nicht. Sie hielt den Blick fest auf ihr Ziel gerichtet.</p><p>Es dauerte noch lange, bis die beiden Pegasi nahe der Felsnadel auf dem Eis landeten. In diesem seltsamen Licht �ber der spiegelnden Ebene waren Entfernungen schwer einzusch�tzen.</p><p>Unmittelbar vor ihnen erhob sich eine primitive Unterkunft, die mit Segelplanen abgespannt war. Wie hatten die Menschenkinder hier nur �berleben k�nnen? Nandalee sprang von ihrem Hengst und sah hin�ber zu dem Tr�mmerhaufen am Fu� der Felsnadel. Es w�re genug Holz vorhanden gewesen, um H�tten zu bauen, die besser vor der K�lte gesch�tzt h�tten.</p><p>Sternauge schnaubte unruhig. Die Elfe strich ihm �ber den Hals. �Ruhig, mein Gro�er. Alles ist in Ordnung.�</p><p>�Nein, das ist es nicht!� Ailyn f�hrte ihre Stute am Z�gel heran. �Etwas ist hier und beobachtet uns.�</p><p>�Du sp�rst es auch?�</p><p>Die Meisterin sah Nandalee verwundert an. �Nat�rlich. Seit �ber einer Stunde.� Ailyn schenkte ihr ein schiefes L�cheln. �Aber wenn es sich nicht zeigt, hat es vielleicht auch Angst vor uns? Immerhin sind wir Drachenelfen. Vernunftbegabte Gesch�pfe sollten uns f�rchten.�</p><p>Sie hatte Humor! Nandalee konnte es nicht glauben. Die unnahbare Ailyn scherzte. Sie l�cheln zu sehen war die beste Waffe gegen das, was da drau�en war.</p><p>Schweigend gingen sie zum Krater. Von Raureif �berzogen, stand ein primitiver Kran am Rand des Schlunds des bodenlosen Abgrunds, aus dem das Traumeis geborgen worden war. Das gr�ne Himmelslicht lie� die Innenw�nde des Kraters erkennen. Schnee lag auf schmalen Simsen. Kristalle vermochte Nandalee nicht zu entdecken.</p><p>�Da ist etwas im Wrack�, fl�sterte Ailyn.</p><p>Die J�gerin blickte auf.</p><p>�Dort neben dem geborstenen Mast, wo der Rumpf aufgerissen ist. Ich konnte nur kurz einen Schattenriss sehen, aber es ist gro�.�</p><p>Nandalee vermochte nichts Verd�chtiges zu entdecken. Nur steif gefrorene Taue und zerfetzte Segelplanen, die sich im Wind bewegten. Aber da war ein Wispern. Gewiss war das nur der Wind, der durch geborstene Spanten und zersplitterte Planken strich, sagte sie sich und wusste es doch besser.</p><p>�Bist du sicher, dass du das f�r deinen Sohn willst?�</p><p>�Was?�</p><p>Die Meisterin deutete auf den in sich zusammengesunkenen Hautsack, umwunden von vertrockneten Tentakeln, der von der Felsnadel hing. �Wird Meliander das durchmachen m�ssen, wenn du ihn mit diesen Kristallen heilst? Wird er wie ein Schmetterling aus der Larve seines alten K�rpers schl�pfen? Was wird er erleiden, bevor es so weit ist? Und wird das, was da schl�pft, wirklich noch dein Junge sein?�</p><p>�Es ist anders���</p><p>�Und woher wei�t du das? Hast du es gesehen?�</p><p>�Die Heilerin. Sie hat M�nnern geholfen, die Zeugen waren. Sie haben gesehen, wie einem Verst�mmelten ein Arm neu gewachsen ist.�</p><p>�Das ist alles.� Ailyn sprach leise, resignierend. �Gestohlene Gedanken. Erinnerungen an Geschichten���</p><p>�Das wusstest du doch schon zu Beginn unserer Reise. Was hat sich f�r dich ge�ndert?�</p><p>Die Meisterin deutete erneut auf den riesigen Hautsack am Felspfeiler. �Das dort! Woher nimmst du die Gewissheit, dass nicht so etwas mit deinem Sohn geschieht?�</p><p>�Es gibt keine Gewissheit. Nur verzweifelte Hoffnung. Du wei�t nicht, wie es ist, Meliander jeden Tag so zu sehen. So��� Nandalee stockte. Sie vermochte ihre Gef�hle nicht in Worte zu fassen.</p><p>�Nein, ich wei� nicht, wie es ist, Kinder zu haben.� Ailyns Stimme klang fremd. Weich. �Ich kann mir nicht vorstellen, was du leidest. Ich sehe nur, dass deine Vernunft aussetzt. Er ist dein Sohn, und er lebt. Wie kannst du ernsthaft erw�gen, ihm dieses Traumeis zu geben, ohne sicher zu wissen, ob es ihm helfen wird?�</p><p>Nandalee verschloss sich vor Ailyns Worten. Sie w�rde das Traumeis finden. Und dann w�rde sie es Eleborn geben. Bislang hatte sie sich vorgemacht, dass sie an ihm ihre Schuld abtragen wollte. Aber vielleicht war das nur die halbe Wahrheit. Vielleicht wollte sie sehen, wie es an ihm wirkte, bevor es Meliander bekam.</p><p>Etwas bewegte sich im Schiffswrack. Zwischen den gebrochenen Spanten trat eine Gestalt hervor, die sich auf einen Speerschaft st�tzte. Hinkend kam sie auf sie zu. Ein Menschensohn von kleiner, gedrungener Statur. Seine Bewegungen wirkten seltsam. So, als fiele es ihm schwer, seine Glieder zu beherrschen und in Harmonie miteinander wirken zu lassen. Er trug einen zerrissenen Wickelrock, der im Wind flatterte. Auf sein abgewetztes Lederwams war eine stilisierte Schwalbe gestickt.</p><p>�Vorsicht�, fl�sterte Ailyn und zog ihr Schwert.</p><p>Jetzt sah es auch Nandalee. Das Gesicht des Manns. Es war zur H�lfte weggerissen. Lippen und Wange fehlten auf der rechten H�lfte. Es war nur noch blanker Knochen �brig, und sein Kiefer hing, als w�re er im Gelenk gebrochen.</p><p>Nandalees Rechte schnellte zum Griff von Todbringer, der �ber ihrer Schulter aufragte.</p><p>Der Wind erstarb. Das Raunen, das darin gelegen hatte, verstummte.</p><p><emphasis>Ich gr��e euch.</emphasis> Das Ding, das auf sie zukam, sprach! Nein. Es bewegte den Mund, aber die Bewegung seiner zerfetzten Lippen passte nicht zu den Worten. Die Stimme war in ihrem Kopf!</p><p>�Wer bist du?�, fuhr Ailyn die hinkende Kreatur an.</p><p><emphasis>Eine gute Frage. Was du hier siehst, diesen K�rper, er hei�t Nabor. Ach, sie machen uns so w�tend, diese Menschenkinder. Unvorstellbar, wie schlecht sie mit ihren Leibern umgehen!</emphasis> Das Ding sch�ttelte den Kopf, der auf groteske Weise hin und her pendelte. <emphasis>Diesen hier haben sie einfach in den Abgrund geworfen. Ihr hingegen habt sch�ne Leiber. Auch diese Fl�gelpferde gefallen meinen Br�dern und Schwestern sehr gut.</emphasis></p><p>Trotz des Zaubers sp�rte Nandalee, wie es k�lter wurde, als die Kreatur sich n�herte. Ihre Augen sahen aus wie zerschrammtes Eis. Sternauge hinter ihr schnaubte �ngstlich. Auch Ailyns Stute scheute.</p><p>�Was willst du von uns?� Nandalee zog ihr Schwert. Der Fremde war jetzt kaum mehr als f�nf Schritt entfernt. Auf diese Distanz konnte die Elfe deutlich erkennen, wie zerschunden der K�rper war. Sein linker Oberarm war gebrochen. Der Knochen ragte aus dem gefrorenen Fleisch.</p><p><emphasis>Eure G�tter haben verhindert, dass unsere Mutter uns die Leiber schenken konnte, die sie schon f�r uns erschaffen hatte. Nun, nach Jahrhunderten, waren eure G�tter zumindest so freundlich, uns ein paar andere K�rper zu schicken.</emphasis></p><p>�Glaubst du wirklich, du kannst dir meinen Leib nehmen?�, fragte Ailyn herablassend.</p><p><emphasis>Ja.</emphasis></p><p>Die Eisaugen hatten etwas an sich, das Nandalee zutiefst erschauern lie�. Diese Kreatur war fest �berzeugt, dass sie siegen w�rde.</p><p>�Wir wollen nur ein paar Kristalle aus dem Abgrund holen. Wir werden nicht lange bleiben.�</p><p><emphasis>Nicht?</emphasis> Das zerst�rte Antlitz verzog sich zur Parodie eines L�chelns. <emphasis>Ihr werdet sehr tief hinab m�ssen. Falls es �berhaupt noch Traumeis gibt. Die Menschenkinder waren sehr gr�ndlich. Danach haben wir alle Kristalle zerst�rt, die wir noch finden konnten. Aber wer weiߠ� Wenn ihr sehr lange Seile und viel Geduld habt��</emphasis></p><p>Das konnte nicht sein. Das durfte nicht sein! �Du wirst dich nicht an den Werken deiner G�ttin vergangen haben!�, fuhr Nandalee ihn an.</p><p><emphasis>Nicht? Du w�rdest dich wundern, was entt�uschte Geister tun. Jetzt bedauere ich es. Wir haben unseren Frieden mit Nangog gemacht. Sie wird jedem von uns einen neuen Leib geben. Sie beginnt zu wachsen. Bald wird sie �berall sein.</emphasis></p><p>Nandalee dachte an ihre Begegnung mit der Riesin. Sie hatte Augenwimpern, gro� wie Festungst�rme, gehabt, und jetzt wollte sie noch weiter wachsen? Was sollte das bedeuten?</p><p>�Wenn du deinen wunderbaren K�rper behalten willst, solltest du dich nun verziehen�, drohte Ailyn.</p><p>Der geschundene Leib wippte nach vorn wie eine Puppe, die man an F�den tanzen lie�. Was er da auff�hrte, sollte wohl eine Verbeugung gewesen sein. <emphasis>Wir sind immer ein wenig n�her, als ihr denkt. Bald schon werden wir in euch wohnen. Wenn der Schlaf euch �bermannt oder ein Schneesturm aufzieht und ihr die Hand nicht vor Augen seht. Wir werden kommen��</emphasis> Hinkend zog er sich zur�ck zum zerschellten Wolkenschiff. Bald war er ganz aus ihrem Blickfeld verschwunden.</p><p>�Wir sollten jetzt gehen!�, sagte Ailyn entschieden. �Hier gibt es nichts mehr zu finden.�</p><p>�Er l�gt! Ich muss nur tief genug steigen���</p><p>�Begreifst du es nicht, Nandalee? Sie haben das Traumeis zerst�rt! Er hat erst dann gesagt, dass sie vielleicht etwas �bersehen haben, als ihm aufgegangen ist, dass wir gehen werden, wenn wir keine Hoffnung mehr haben. Sie wollen, dass wir bleiben, weil sie �berzeugt sind, dass sie uns dann kriegen werden.�</p><p>�Vielleicht ist es so��� Im Grunde ihres Herzens wusste Nandalee, dass Ailyn recht hatte. �Und dennoch werde ich hinabsteigen. Ich k�nnte mir niemals verzeihen, wenn ich es nicht getan h�tte. Solange der kleinste Funken Hoffnung besteht, werde ich ihm nachjagen. Dich aber entlasse ich aus allen Pflichten. Du sollst nicht dein Leben wagen, weil ich eine N�rrin bin.�</p><p>Die Meisterin fluchte. �Los, steig hinab, bevor ich es mir anders �berlege. Heute scheint der Tag der N�rrinnen zu sein.�</p></section><section><title><p>Am Abgrund</p></title><p>Die Stimmen im Wind wurden lauter. Es waren mehr von ihnen hier. Ailyn blinzelte gegen das Schneetreiben an und gegen die M�digkeit. Seit sie hier waren, war nicht ein einziges Mal die Sonne am Horizont erschienen, aber es mussten mehr als zwei Tage vergangen sein, da war sie sich ganz sicher. Der Zwillingsmond war vor ein paar Stunden zum dritten Mal aufgegangen. Seit ihrer Ankunft hatte sie kein Auge zugetan. Nandalee war in den Krater gestiegen, und sie hatte nichts mehr von ihr geh�rt. Lebte sie noch?</p><p>Leise verfluchte sich Ailyn daf�r, dass sie sich auf diesen Unsinn eingelassen hatte.</p><p>War da ein neues Ger�usch? Klang das Flappen der steifgefrorenen Segelfetzen anders? Es fiel ihr schwer, zum Schiffswrack zu blicken. Der Wind kam aus Richtung des gestrandeten Wolkenschiffs, und er trieb mit dem Schnee auch feine Eiskristalle vor sich her, die wie Nadeln in ihr Gesicht und ihre Augen stachen.</p><p>Manchmal drehte sie ihr Antlitz mutwillig in den Wind. Der feine Schmerz hielt sie wach. Immer wieder fielen ihr f�r zwei oder drei Herzschl�ge die Augen zu. Das war, worauf die Geister warteten.</p><p>�Nandalee!�, rief sie aus Leibeskr�ften in den Abgrund hinab. �Komm zur�ck!� Ihre Stimme brach sich in Dutzende Echos. Sie lauschte. Wieder kam keine Antwort. Wo steckte die J�gerin? War sie in den Abgrund gest�rzt? Es war eine Ewigkeit vergangen, seit sie das letzte Mal geantwortet hatte. Kurz danach hatte sie sich vom Sicherungsseil gel�st, um noch tiefer zu steigen. War Nandalee etwa gesprungen, um Nangog noch einmal zu begegnen?</p><p>Diese Elfe war verr�ckt! Das hatte sie schon gewusst, als sie ihr zum ersten Mal begegnet war. In jener Nacht, als die J�gerin nackt vor Heerscharen von Trollen durch den Schnee gefl�chtet war. Ailyn war dagegen gewesen, sie in der Wei�en Halle aufzunehmen. Sie hatte gehofft, dass Nandalee von sich aus gehen w�rde. Deshalb hatte sie sie auch in ihrem ersten Duell so gnadenlos mit dem �bungsschwert verpr�gelt. Aber diese z�he, kleine N�rrin gab niemals auf. Diese Eigenschaft hatte Ailyn von ihrer ersten Begegnung an widerwilligen Respekt vor Nandalee abgerungen. Sie hatte��</p><p>Der Kopf der Meisterin ruckte hoch. Er war ihr auf die Brust gesunken. Sie war eingeschlafen! Es konnte nicht l�nger als ein Augenblick gewesen sein. Argw�hnisch sah sie sich um. Waren da Spuren im Schnee?</p><p>Nein. Sie blinzelte. Wieder wollten ihr die Augen zufallen. �Nandalee!�</p><p>Nur die Echos antworteten ihr aus dem Abgrund.</p><p>�Bald holen wir dich.�</p><p>Die Stimme klang im Wind. Wie machten sie das? Gab es noch andere Kreaturen als den besessenen Menschensohn, der sie bei ihrer Ankunft aufgesucht hatte? Sie sollte in dem Schiffswrack nachsehen, um sich endlich Gewissheit zu verschaffen. Aber dann m�sste sie die Pegasi unbeaufsichtigt lassen. Und die Kreatur hatte ja gedroht, dass sie auch die Leiber der fliegenden Pferde begehrten.</p><p>Ailyn fluchte. Wie lange sollte sie noch warten?</p><p>Wieder rief sie Nandalees Namen. Und wieder erhielt sie keine Antwort.</p><p>Es schien mit jedem Augenblick k�lter zu werden. Das mochte daran liegen, dass sie ihre Kr�fte bis zum Rand des Zusammenbruchs strapaziert hatte. Der Zauber, den sie gewoben hatte, um sich vor dem t�dlichen Frost zu sch�tzen, verlor an Kraft. Schon zeigte sich Raureif im Gefieder der beiden Pegasi, die sie neben sich an den massiven Balken des Krans angeleint hatte, der �ber den Abgrund hinausragte. Die beiden Tiere dr�ngten sich eng aneinander. Auch sie schienen noch nerv�ser als zuvor zu sein. Etwas ging dort dr�ben in dem Wrack vor sich.</p><p>Die Zwillingsmonde waren so klar zu sehen wie nie zuvor. Das ohnehin nur leichte Schneetreiben erstarb. Der Schatten des Felspfeilers fiel �ber den Abgrund. Mondstrahlen, die durch das Gerippe des Wolkenschiffs stachen, zeichneten ein scharf umrissenes Mosaik aus Schwarz und Wei� in den verharschten Schnee.</p><p>Sternauge schnaubte nerv�s. Beide Pegasi blickten unverwandt auf das Wrack. Ailyn konnte dort nichts entdecken.</p><p>Die K�lte nahm weiter zu, w�hrend das Doppelgestirn dicht �ber den Horizont wanderte. Jetzt stand es fast unmittelbar hinter dem Wolkenschiff. So schnell? War sie wieder eingenickt? Sie durfte nicht�� Ailyns Blick gefror. Da, zwischen den Schatten der Spanten, die immer l�nger wurden, war eine Krallenhand.</p><p>Im Reflex zog die Elfe ihr Schwert und trat dem Schatten entgegen. Die Hand war verschwunden. Hatte sie sich das nur eingebildet?</p><p>Der Schatten des Wracks reichte nun fast bis zum Kran am Abgrund. Sie sollte nicht bleiben, bis er sie erreichte! Ailyn lachte auf. Was f�r ein absurder Gedanke. Gut, dass es keine Zeugen f�r ihre grotesken �ngste gab. Was h�tte sie schon von einem Schatten zu bef�rchten!</p><p>�Nandalee!�, schrie sie aus Leibeskr�ften in den Abgrund.</p><p>�Lee�� lee�� lee�, hallten die Echos.</p><p>Apfelbl�te, ihre Stute, stie� ein schrilles Wiehern aus. Beide Pegasi wichen, so weit es ihre Z�gel erlaubten, vor den Schatten zur�ck.</p><p>Ailyn sah wieder die Krallenhand. Sie reckte sich zwischen den Schatten hindurch. Nur zwei Schritt war sie noch entfernt. Und die Schatten des Wolkenschiffs wurden immer l�nger.</p><p>Mit zusammengekniffenen Augen sp�hte die Elfe zum Wrack. Wenn es einen Schatten gab, dann musste dort doch ein K�rper zu sehen sein, zu dem er geh�rte. Aber da war nichts.</p><p>Ihr Atem stand ihr in dichten wei�en Wolken vor dem Mund. Auf der Klinge ihres Schwertes bildeten sich Eisblumen. Ailyn sp�rte, wie ihr Herz schneller und schneller schlug. Wie sollte sie etwas bek�mpfen, das unsichtbar war?</p><p>War es die M�digkeit, die aus ihr so eine Mimose machte? Noch nie war sie vor einem Kampf geflohen. �Komm und stell dich!�, rief sie in Richtung des Wracks.</p><p>Leises Lachen lag im Wind. Eine B� traf sie wie ein Schlag. Sie taumelte zur�ck, �ngstlich darauf bedacht, nicht in die Schatten zu treten. Da war sie wieder, die Schattenhand. Ein Blinzeln lang nur, dann war sie verschwunden. Aber im Schnee blieben vier Furchen von Krallen zur�ck, als g�lte es zu beweisen, dass die Hand mehr war als ein Schatten.</p><p>Die K�lte war vergessen. Sie musste diese Kreatur stellen! �Apfelbl�te?�</p><p>Die Stute wendete den Kopf und sah sie an.</p><p>�Du bist mir in so viele Schlachten gefolgt. Ich habe dich immer besch�tzt. Vertrau mir.� Mit diesen Worten versetzte sie dem Pegasus einen Schlag mit der flachen Hand auf die Kruppe.</p><p>Die Stute machte einen Satz von ihr fort und trat in die langen Schatten. Ailyn blieb an ihrer Seite. Da war sie, die Krallenhand!</p><p>Das Schwert der Elfe schnitt durch die Luft. Nichts! Kein Widerstand.</p><p>Die Schatten des Wracks griffen nach der Flanke von Apfelbl�te. Sie keilte aus, wieherte�� Dann war sie still.</p><p>�Also doch nichts�, murmelte Ailyn erleichtert. �Nur Hirngespinste.�</p><p>Apfelbl�te wandte den Kopf. Augen aus zerschrammtem Eis blickten auf die Elfe.</p><p>Ailyn schnappte nach Luft. Blankes Entsetzen schn�rte ihr die Kehle zu.</p></section><section><title><p>Das Opfer</p></title><p>Das winzige Licht, das sie gerufen hatte, verlosch. Sie hatte ihre Zauberkraft ersch�pft. <emphasis>All</emphasis> ihre Kr�fte waren ersch�pft. Sie krallte sich in den Fels. Todm�de�� Sie durfte nicht schlafen. Nur ein paar Herzschl�ge einzunicken hie�e zu sterben. Wenn sie sich entspannte, w�rde sie aus der Felswand st�rzen. Weiter oben hatte es noch Hunderte von H�hlen und Felsnischen gegeben. Hier war nichts. Kein Ort, der ihr erlaubte zu ruhen.</p><p>Sie sp�rte einen leichten, warmen Luftzug, der aus der Tiefe heraufstieg. Nangogs Atem? Wie weit war die Riesin entfernt? Immer wieder hatte Nandalee daran gedacht, einfach loszulassen. W�rde Nangog ihr zuh�ren, wenn sie sie ein zweites Mal besuchte?</p><p>Die Elfe hatte kein Traumeis finden k�nnen. Wie lange sie jetzt schon suchte, wusste sie nicht mehr. Sie blickte nach oben. Da war nur Schw�rze. Nicht einmal ein blasser Abglanz der Sterne zeigte sich noch auf dem Gestein. Vorsichtig tastete ihre Rechte �ber den Fels, bis sie einen schmalen Riss fand. Sie schob die schmerzende Hand hinein. Ihre Finger waren wund von den endlosen Stunden, die sie geklettert war. Ihre N�gel l�ngst gesplittert.</p><p>Nandalee spannte die Muskeln, zog sich hoch. Ihr linker Fu� tastete nach einem Halt. Qu�lend langsam k�mpfte sie sich die Felswand hinauf. Sie war zerschunden. Der Krater hatte sie zerbrochen. Es gab kein Traumeis mehr. Ihre verzweifelte Suche war zu Ende. Hier gab es nichts zu finden au�er dem Tod. Sie konnte Meliander nur noch ein einziges Geschenk machen. Sich! Sie w�rde ihm eine liebende Mutter sein, so gut sie es vermochte. Ihre Tr�ume w�rden hier zur�ckbleiben, so wie die Tr�ume der G�ttin, die in diesem Krater vor langer Zeit zu Eis geworden waren.</p><p>Verbissen k�mpfte sie sich voran. Sie musste leben! Musste zur�ck zu ihren Kindern. Sie h�tte erst gar nicht hierherkommen d�rfen. Tr�nen hilfloser Wut standen ihr in den Augen. Sie hatte den Kampf einfach nicht verloren geben k�nnen.</p><p>Die Zeit floss tr�ge. Es war ihr unm�glich zu sagen, wie lange der Aufstieg dauerte. Ihre letzten Kr�fte waren aufgebraucht. Immer h�ufiger musste sie verharren. Sie stellte sich vor, mit dem Felsen zu verschmelzen, ein Teil von ihm zu sein. Nicht in die Tiefe zu st�rzen�� Ihre Kinder. Immer wieder sah sie ihre Gesichter vor ihrem inneren Auge, und dann schaffte sie es, erneut ihre Armmuskeln zu spannen und sich ein paar Zoll h�herzuziehen, obwohl ihre Kraft l�ngst aufgebraucht war.</p><p>Es waren Emerelle und Meliander, die sie aus der Dunkelheit bis zum Ende des Seils geleiteten. Ersch�pft schlang sie es sich zweimal um den Leib.</p><p>�Ailyn.� Sie brachte nur heiseres Fl�stern heraus. Unm�glich, dass die Drachenelfe es h�rte. Aber sie vermochte auch nicht, noch weiter zu klettern. Energisch zog sie am Seil. Ailyn musste doch bemerken, wie es ruckte�� M�de legte Nandalee den Kopf in den Nacken und sah hinauf zum Sternenhimmel, der vom Kraterrand zu einem engen Kreis zusammengestutzt wurde. Ailyn war nirgends zu sehen. Nandalee lie� sich in das Seil sacken. Wie konnten der stets so aufmerksamen Drachenelfe die Bewegungen des Seils entgangen sein? Waren die Kinder Nangogs zur�ckgekehrt? Hatten die Gr�nen Geister Ailyn bezwungen?</p><p>Das Seil bewegte sich. Langsam wurde es nach oben gezogen. Nandalee war so unendlich erleichtert, dass sie sich erlaubte, ihre Augen zu schlie�en. Die M�digkeit �bermannte sie. Ihre Gef�hrtin holte sie aus dem Abgrund herauf. Sie war gerettet!</p><p>Sie erwachte, als starke H�nde sie griffen und �ber den Rand des Kraters zogen. Benommen blinzelte sie, als sich etwas Schweres auf ihre Brust legte. Mit einem Schlag war sie hellwach. �ber ihr stand Apfelbl�te. Die Stute hatte ihr einen ihrer Hufe auf die Brust gesetzt und dr�ckte sie nieder.</p><p><emphasis>Sch�n, dass du noch gekommen bist. Wir hatten auf dich gehofft. Es wird eine Offenbarung sein, einen Leib wie den deinen zu bewohnen, und wir werden sehr viel �ber euch lernen k�nnen.</emphasis> Die Stimme in ihrem Kopf klang freundlich. Jetzt sah Nandalee den zerschundenen Menschensohn. Er stand bei dem Pegasus. Und hinter ihm war noch etwas�� In den langen Schatten, die das Schiffswrack warf, war eine dunkle Bewegung. Eine Hand?</p><p>Nandalee versuchte, sich zur Seite wegzurollen, doch der Huf dr�ckte sie so fest aufs Eis, dass sie sich kaum regen konnte. Selbst zu atmen fiel ihr schwer. Sie tastete nach dem Dolch an ihrer Seite, als der verst�mmelte Menschensohn einen Fu� auf ihre Hand stellte.</p><p><emphasis>Du musst nicht mehr lange warten, Elfe. Du wirst es kaum sp�ren, wenn er in dich eindringt und deine Seele frisst.</emphasis></p><p>Etwas st�rzte aus dem Himmel. Eine lange Klinge blitzte im Sternenlicht, bevor sie zwischen den Schulterbl�ttern von Apfelbl�te verschwand. Die Stute b�umte sich auf.</p><p>Nandalee rollte sich unter den trommelnden Hufen hinweg. Kaum dass sie auf den Beinen war, landete Ailyn federnd neben ihr. Mit einem kraftvollen R�ckhandhieb trennte sie dem Menschensohn den Kopf vom Rumpf. �Lauf!�, schrie die Drachenelfe und packte Nandalee bei der Hand.</p><p>Nicht weit entfernt landete Sternauge und preschte ihnen entgegen.</p><p>Ailyns Stute folgte ihnen. Jetzt erst bemerkte Nandalee die Augen aus Eis.</p><p>�Lauf!�, befahl ihr Ailyn erneut. Dann lie� die Drachenelfe sie los.</p><p>Die J�gerin zog Todbringer aus der Scheide auf ihrem R�cken. Sie hatte keine Kraft zu fl�chten. Sie w�rde Ailyn beistehen.</p><p>Ohne Furcht rannte die Meisterin ihrer Stute entgegen. Eis spritzte unter den schweren Hufen. Als der Pegasus sie fast erreicht hatte, lie� Ailyn sich auf die Knie fallen und f�hrte einen m�chtigen Hieb gegen das linke Vorderbein Apfelbl�tes. Die Klinge durchtrennte das Bein dicht unter dem Rumpf. Die Stute strauchelte. Sofort war die Drachenelfe �ber ihr und rammte ihr Schwert seitlich durch ein Auge tief in den Sch�del. Wie vom Blitz getroffen brach der Pegasus zusammen. Gr�ner Nebel stieg aus ihren N�stern und dem durchbohrten Auge.</p><p>Ailyn befreite hastig ihre Klinge und trat ein paar Schritte zur�ck.</p><p>Inzwischen hatte Sternauge Nandalee erreicht. Er stupste sie mit seinen warmen N�stern gegen die Wange. Nandalee versuchte, auf den Sattel zu steigen, doch schaffte sie es nicht.</p><p>Ailyn war pl�tzlich hinter ihr und schob sie hinauf auf das Sattelbrett aus z�hem Leder. Dann war sie hinter ihr auf dem R�cken des Pegasus.</p><p>Nandalee kniete. Sie schaffte es nicht, sich aufzurichten.</p><p>�Lauf, Sternauge. Trage uns in den Himmel.� Panik klang in Ailyns Stimme.</p><p>Nandalee lehnte sich an die Meisterin, die hinter ihr im Sattel stand. Ihr sackte der Kopf zur Seite. Und da sah sie es. Gr�nes Licht loderte im Schiffswrack auf. Nebel quoll aus dem geborstenen Rumpf. Z�h wogte er gegen den Wind. Die Kinder Nangogs folgten ihnen!</p><p>�Steig auf! Schneller!�, rief Ailyn erneut.</p><p>Den m�chtigen Schwingen Sternauges fehlte es an Kraft. Die Tage im Eis hatten auch an ihm gezehrt. Er w�rde sie nicht beide zu den Sternen tragen k�nnen.</p><p>�Hast du deine Kristalle gefunden?� Ailyn hatte sich zu ihr hinabgebeugt. Ihre Lippen ber�hrten fast Nandalees Ohr.</p><p>�Nein.�</p><p>�Du musst zu deinen Kindern zur�ck. Sie brauchen dich���</p><p>�Wir schaffen das zusammen�, begehrte Nandalee auf.</p><p>�Erz�hl ihnen nicht nur die schlimmen Geschichten �ber mich.�</p><p>�Du wirst nicht���</p><p>�Lass uns nicht im Streit scheiden�, sagte Ailyn weich. �Sieh zur�ck!�</p><p>Der Nebel holte zu ihnen auf. Die Geister w�rden sie alle bekommen, wenn Sternauge nicht fliegen konnte.</p><p>�Geh zu den Himmelsschlangen! Sag ihnen, dass Nangog f�r alle, die ihre Welt stehlen wollen, nichts als Verderben bereith�lt. Du hast geh�rt, was der Geist sagte. Sie w�chst. Sie wird am Ende �ber alle triumphieren. Diesen Krieg k�nnen weder Alben noch Devanthar gewinnen. Sag es ihnen.� Mit diesen Worten sprang sie �ber die Kruppe ab. Leichtf��ig landete sie auf dem Eis, zog ihr Schwert und wartete auf den gr�nen Nebel.</p><p>Sofort wurde Sternauge schneller. Nandalee sp�rte, wie ihr Hengst mit verzweifelter Kraft mit seinen Schwingen schlug. Dann endlich hob er ab! Er strebte nach S�den, dem Albenstern entgegen, durch den sie hierhergekommen waren, in diese verfluchte Welt, die ihnen nicht einmal Gr�ber g�nnte.</p><p>Als die J�gerin zur�ckblickte, war Ailyn im gr�nen Nebel verschwunden.</p><p>Nandalee hatte keine Tr�nen. Alles in ihr war wie tot. Ailyn war f�r nichts gestorben, dachte sie verzweifelt. Sie kehrte mit leeren H�nden in den Jadegarten zur�ck. So wie alle Albenkinder, die hierherkamen, letztlich mit leeren H�nden heimkehrten.</p></section></section><section><title><p>Zweites Buch</p><p>Himmel in Flammen</p></title><section><subtitle>Sieben Jahre sp�ter��</subtitle></section><section><title><p>Gottesworte</p></title><cite><p>Es begab sich aber zu der Zeit, als der Krieg gegen die Daimonen in das siebente Jahr ging, dass ein Herrscher unter den Klingen der Dunkelheit fiel. So war nur noch ein einziger der Unsterblichen verblieben. Doch die G�tter selbst stiegen herab in den Palast von Valesia, und als da ward ein strahlendes Licht, vernahm alles Volk eine Stimme, die da sagte: Sehet, ich verk�nde euch die Erhebung des Einen, der da wird beenden alle Kriege. Und Friede wird sein bei allen Menschen. F�r die Daimonen aber wird da kommen eine dunkle Zeit, dass sie werden vom Himmel st�rzen, von den Flammen verzehret, und unter denen, die leben, wird sich erheben ein Heulen und ein Z�hneklappern, denn es wurde ihnen geweissagt: Was das Tier in sich tr�gt, das wird auch vom Verstand des Tieres regieret sein. Und als die G�tter den neuen Unsterblichen im Palaste Valesias erhoben, da wussten die Daimonen, dass ihre Tage gez�hlt waren, denn schon als Sterblicher war sein Namen wie Donnerhall. Nun aber, erw�hlt von den G�ttern, ward die Macht des Himmels in seine H�nde gegeben, um Rache an jenen zu �ben, die gekommen waren, die Erde den Menschen zu nehmen. Und der Name des Mannes war Arcumenna, und er wird �berdauern alle Zeit, denn es ist der Name des Heils.�</p><text-author>Zitiert nach: Der Heilsbringer, Beginn des II. Kapitels von: Gottesworte, verfasst von Sakul, Weggef�hrte des Heiligen Tjured</text-author></cite><p>Anmerkungen des Meliander von Arkadien zu Gottesworte:</p><cite><p>�Wie es scheint, greift Sakul hier einen �lteren Text auf. So fand sich in der Oase von Valemas in der Zerbrochenen Welt eine Stele, die einen K�nig zeigt, der seinen Fu� in den Nacken eines Elfen mit �bergro�en Ohren stellt. Die Inschrift nennt diesen K�nig Arcumenna, Daimonenhammer, und er soll von den G�ttern erhoben worden sein. Letztlich jedoch scheint auch er verderbt gewesen zu sein, denn Tjured erhob den Anspruch, dass es nur einen Gott geben kann. Dennoch bleibt festzuhalten, dass Gottesworte wohl ein ferner Nachklang auf Ereignisse ist, die tats�chlich stattgefunden haben, und nicht, wie Unkundige behaupten, nur eine Sammlung erfundener Geschichten.�</p><text-author>Brennende Himmel, Auszug aus dem XXXVII. Kapitel von: Die Wege der Alben, verfasst von Meliander, F�rst von Arkadien</text-author></cite></section><section><title><p>Das Lebende Licht</p></title><p>Arcumenna stieg die blutigen Palaststufen hinauf. Er vermochte den Blick nicht vom Antlitz des Unsterblichen Ansur zu wenden. Die Angst stand immer noch in den weiten grauen Augen des Herrschers. Er h�tte hier sein sollen, dachte Arcumenna bitter. Nicht in weiter Ferne auf einem g�ttervergessenen Schlachtfeld.</p><p>Hinter ihm erstarben die schweren Schritte genagelter Sandalen auf Stein. Er war mit hundert seiner besten M�nner gekommen, als ihn die Nachricht erreicht hatte. Er wandte sich um und lie� seinen Blick �ber den weiten Hof schweifen. Die Diener und Beamten zuckten zur�ck, wenn er sie ansah. Was f�r niedertr�chtige Schleimer! �Du da!� Er zeigte auf einen Grauhaarigen. Der breite Purpurstreifen am Saum seiner Tunika wies ihn als hohen Hofbeamten aus. �Komm hierher!�</p><p>Z�gernd trat der H�fling vor ihn und achtete sorgsam darauf, dass das Blut auf den Stufen nicht seine Sandalen benetzte.</p><p>�Warum ist keiner bestattet? Wie konntet ihr das Haupt des Herrschers auf den Stufen liegen lassen? Ist dies die Art, wie ihr Ansurs Gro�mut vergeltet?�</p><p>�Wir�� wir haben die Kr�hen mit Steinen vertrieben. Wir���</p><p>Arcumenna versetzte dem Grauhaarigen eine Ohrfeige, die ihn zur�cktaumeln lie�. �Die Kr�hen mit Steinen vertrieben�, wiederholte er in �tzendem Tonfall. �Ich h�tte nicht �bel Lust, euch allesamt den Kr�hen zum Fra� vorzuwerfen.�</p><p>Er stieg die Stufen hinauf und beugte sich nach dem Haupt Ansurs.</p><p>�Nicht, Herr!�, rief einer aus der Menge der Diener. �Die Daimonin hat die Leichen verflucht. Wer sie ber�hrt, der wird blutig sterben.�</p><p>Der Feldherr lachte auf. �H�tte ich f�r jedes Mal, dass ich bedroht wurde, blutig zu sterben, ein Goldst�ck bekommen, w�re ich ein reicher Mann.� Er packte Ansurs Kopf bei den Wangen und hob ihn an. Das Fleisch f�hlte sich bereits schwammig an. Maden purzelten aus dem Halsstumpf auf die Marmorstufen, und ein �bler Gestank lie� Arcumenna sich abwenden.</p><p>Warum waren die G�tter nicht gekommen, um Ansur zu helfen? Der Feldherr begriff es nicht. Was f�r ein niedertr�chtiger Scherz des Schicksals, dem Unsterblichen, der das Sch�ne und die K�nste so sehr geliebt hatte, ein solches Ende zu schenken. Ermordet auf den Stufen seines Palastes, wo ihn seine H�flinge zum Fra� der Maden liegen lie�en.</p><p>Arcumenna hob den Blick. Weiter oben auf den Stufen und vor dem Portal des Palastes sah er die Leibwache des Herrschers. Siebzehn Tote z�hlte er stumm. Sie hatten gek�mpft, versucht, Ansur mit ihrem Leben zu sch�tzen. Sie waren die einzigen M�nner mit Ehre in diesem Palast schmieriger Schmei�fliegen, die sich in der Gunst Ansurs gesonnt hatten, ohne f�r ihren Herrscher einzustehen, als er sie gebraucht hatte. Nicht einmal nach seinem Tod.</p><p>�Wie viele Daimonen sind im Schutz der Dunkelheit in den Palast gekommen?�, fragte er den Grauhaarigen, der immer noch am Fu� der Treppe stand.</p><p>�Es�� es war nur eine Daimonin, Herr. Und sie kam am helllichten Tag.�</p><p>�Nur eine?�, wiederholte der Feldherr nachdenklich und versuchte, dies mit all den Geschichten in Einklang zu bringen, die er �ber die anderen Mordanschl�ge gegen die Unsterblichen geh�rt hatte. �Und sie brachte keine Dunkelheit mit sich?�</p><p>�Nein, Feldherr. Sie war pl�tzlich hier�� Bevor auch nur einer die Hand an sein Schwert legen konnte, waren die ersten drei Wachen bereits tot. Es war unheimlich, die Daimonin k�mpfen zu sehen.�</p><p>Arcumenna hatte schon in erster Reihe gegen Daimonen gefochten. Er wusste, dass man gegen sie bestehen konnte, wenn man nur tapfer genug k�mpfte und dazu in der �berzahl war. Er l�chelte wissend. Der Grund, warum sie sich immer wieder daran versuchten, Unsterbliche zu ermorden, war offensichtlich: Es ging mit ihnen zu Ende. Die Daimonen wussten, dass sie den Krieg um Nangog verlieren w�rden. Der �bermacht der Menschenheere waren sie auf Dauer nicht gewachsen. Also versuchten sie, die sieben K�nigreiche zu ersch�ttern, indem sie ihnen die Herrscher nahmen.</p><p>Zwei Mal hatten sie den Unsterblichen der Schwimmenden Inseln ermordet. Der neue Herrscher wagte es nun nicht mehr, nach Nangog zu kommen, da er �berzeugt war, ein bevorzugtes Opfer der Daimonen zu sein. Es hatte einen gescheiterten Anschlag auf die Unsterblichen Volodi und Aaron gegeben, und letzten Herbst war der Unsterbliche Acoatl ermordet worden. Nun f�hrte der Unsterbliche Necahual das Reich der Zapote. F�r Arcumenna war die Strategie hinter all diesen Angriffen klar zu erkennen: Es waren Verzweiflungstaten. Taten des Terrors in einem Krieg, den die Daimonen nicht gewinnen konnten.</p><p>Er winkte Horatius, den Hauptmann seiner Leibwache, heran. �Bring die Toten in die gro�e Halle des Palastes und sorg daf�r, dass sie mit allen Ehren aufgebahrt werden. Ich nehme an, du hast keine Angst vor angeblichen Daimonenfl�chen?�</p><p>Horatius l�chelte grimmig. �Es sind nicht Worte, sondern Klingen, die einen Krieger verletzen. Worte sind die Zuflucht der Wehrlosen.�</p><p>�Das sehe ich auch so�, best�tigte Arcumenna. Darauf stieg er die letzten Treppenstufen zum Palastportal hinauf und setzte das Haupt Ansurs neben dessen Rumpf auf den Boden. Sanft strich er dem toten Herrscher durch das verklebte Haar. �Ich werde dich r�chen, Ansur. Du h�ttest in friedlicheren Zeiten herrschen sollen. Es war dir nicht���</p><p>Ein glei�endes Licht erschien �ber dem Palasthof und sank langsam zu Boden. Es bannte jeden Schatten, ohne die Augen zu verbrennen, wenn man es ansah.</p><p>Dem�tig gingen die H�flinge und Krieger auf die Knie und senkten die H�upter, bis sie mit der Stirn die Marmorplatten des Hofes ber�hrten. Auch Arcumenna kniete nieder. Doch den Kopf senkte er nicht. Inmitten des Strahlens sah er eine Gestalt aus flie�endem Licht.</p><p>�Euer Sohn wurde gemeuchelt, Licht des Lebens�, sagte der Feldherr, bem�ht, sich seinen Zorn und seine Entt�uschung nicht anmerken zu lassen. Und wieder fragte er sich, warum die Devanthar ihre Unsterblichen nicht besser besch�tzten. Sie waren G�tter! Es m�sste ihnen doch m�glich sein, diese Morde zu verhindern.</p><p>�Mit dem Tod Ansurs ist diese Welt um ein Licht �rmer geworden.� In den Worten des Gottes lag eine Traurigkeit, die jedes andere Gef�hl in Arcumenna verl�schen lie�. �Ansur war ein strahlendes Leuchtfeuer der Weisheit unter euch Menschen. Einer, dem Kunst mehr bedeutete als Eroberungen, der wusste, dass die Sch�nheit seiner St�dte auch dann noch sein Reich schm�cken w�rde, wenn Waffenruhm l�ngst zu fernen Erinnerungen verblasst sein wird. In dem Kampf zu stehen, der uns aufgezwungen wurde, hat ihn ungl�cklich gemacht. Es hat ihn gegr�mt, ein Zeitalter zu erleben, in dem sich die Weisheit dem Schwerte beugen muss.�</p><p>Der Devanthar n�herte sich dem toten Unsterblichen und schien nun direkt zu ihm zu sprechen: �Du warst der Letzte, der es verdient h�tte, durch das Schwert zu sterben, Ansur. Mein Herz ist voll von einer Trauer, die kein Ma� kennt. Du hattest alles, was einen Unsterblichen auszeichnen sollte. Du warst der gr��te Sohn deines Volkes. Niemand wird je die L�cke schlie�en k�nnen, die die feige Mordlust unserer Feinde gerissen hat.�</p><p>Arcumenna war kein Mann f�r pathetische Worte. Manchmal, vor einem Kampf, hielt er Ansprachen an seine Krieger. Er wusste sehr wohl, wie die Lust zu t�ten und die Zuversicht zu siegen zu wecken waren. Welche Gleichnisse er setzen musste, um seine Krieger im Herzen zu ber�hren. Doch f�r ihn waren es nur Worte. Er benutzte sie, um andere zu ber�hren, ohne dass ihn diese Worte selbst ber�hrt h�tten. Sie waren nur Werkzeuge im Gesch�ft des T�tens wie das Schwert in seiner Hand.</p><p>Dieses Mal jedoch war es anders. Sein Verstand verarbeitete die Rede des Devanthar wie stets. Er analysierte und fand die Worte des Gottes nicht einmal sonderlich wohlgesetzt. Und dennoch ber�hrten sie etwas in ihm. Er f�hlte etwas tief in sich schwingen. Einen dumpfen Schmerz, der nicht vom Herzen oder vom Bauch ausging. Er lie� sich mit keinem Teil seines K�rpers verbinden, den er zu benennen vermochte, und doch f�llte er ihn ganz aus, so als w�re er, Arcumenna, der gr��te Feldherr Valesias, ganz Schmerz geworden.</p><p>Das Lebende Licht schwebte ihm entgegen. Und pl�tzlich streckte der Devanthar eine Hand nach ihm aus. Die Fingerspitzen ber�hrten Arcumenna k�hl an der Stirn, und das Strahlen der Gottheit umfing ihn.</p><p>�Arcumenna aus Truria, sei du nun die Fackel des Krieges, um unsere Feinde auszubrennen und Rache f�r den Tod des friedfertigen Ansur zu nehmen. Sei du nun mein Unsterblicher!�</p><p>Der Feldherr sp�rte ein leichtes Brennen auf der Haut. Sein Bronzek�rass wog pl�tzlich leichter, und sein Helm ver�nderte sich. Das Metall schloss sich enger um seinen Kopf, bis nur noch schmale Sehschlitze blieben. Er ahnte, dass sich seine R�stung zum Lederpanzer der Unsterblichen ver�ndert hatte und er nun einen Adlerhelm, wie einst Ansur, trug.</p><p>�Heil Arcumenna, Unsterblicher von Valesia!�, rief Horatius als Erster.</p><p>Noch bevor die �brigen seiner Krieger in seinen Ruf einstimmen konnten, war der Devanthar verschwunden. Zur�ck blieben jubelnde Krieger. �Heil Arcumenna�, hallte es laut �ber den weiten Palasthof, und die Diener und Hofbeamten beeilten sich einzustimmen.</p><p>Arcumenna l�ste die beiden Scharniere an der Seite des neuen Helms, klappte das Visier, das nun wie ein m�chtiger Adlerschnabel geformt war, zur Seite und nahm den Prunkhelm dann ab. Es war so gekommen, wie er es sich erhofft hatte. Bislang hatten die Devanthar stets den ersten W�rdigen, der sich dem Leichnam eines Unsterblichen n�herte, zu dessen Nachfolger gemacht. Unsterblicher! Er war einen weiten Weg gegangen f�r einen kleinen Provinzf�rsten mit zweifelhafter Herkunft. Und er war noch lange nicht am Ende.</p><p>Er w�rde einfordern, vor den Devanthar sprechen zu d�rfen, wie es Aaron einst getan hatte. Und er w�rde den G�ttern unterbreiten, wie er gedachte, den Krieg gegen die Daimonen zu einem Ende zu bringen. Sie mussten gr��er denken. �ber den n�chsten Sieg hinaus.</p><p>�Mein Gebieter!�, sagte Horatius voller Stolz. �Lasst mich Euch begl�ckw�nschen.� Ergeben verneigte sich der ein�ugige Hauptmann. �Jetzt werden wir Nangog, ihren Geistern und dem Daimonenpack den Arsch aufrei�en!�</p><p>�Das werden wir�, entgegnete der Unsterbliche selbstbewusst l�chelnd und wandte sich an den Hofstaat. Mit ausgebreiteten Armen brachte er die Jubelnden zum Schweigen. �Ich wei�, dass der Unsterbliche Ansur stets einige Dichter an seinem Hof versammelt hatte. Ich m�chte sie bitten, an meine Seite zu treten. Es gilt eine Totenklage f�r unseren Herrscher zu verfassen, und ich m�chte erfahren, wer sich bef�higt f�hlt, ihm diesen letzten Ehrendienst zu erf�llen.�</p><p>Arcumenna war �berrascht, dass nicht weniger als sieben M�nner und zwei Frauen unter den H�flingen hervortraten. Er winkte sie herbei und wies Horatius an, f�r Ordnung im Palast zu sorgen und nach Gaius zu schicken, der sich der Verwaltung des Hofstaats widmen sollte.</p><p>Ein verweichlicht aussehender, bartloser J�ngling, der eine Per�cke aus blondem Frauenhaar trug, erreichte als Erster Arcumenna. Im Gegensatz zu den anderen war er geradewegs �ber die blutbesudelten Stufen geschritten. �Oh, tugendhafter Held!�, rief er voller Inbrunst. �Oh, Schwert der Gerechtigkeit und Erleuchter der Unwissenden. Ich hatte die Ehre, der Letzte zu sein, der den Unsterblichen Ansur mit seiner Dichtkunst unterhalten durfte. Der Erste unter den Erhabenen hat mich stets besonders gern���</p><p>Arcumenna schnitt dem Laffen mit einer harschen Geste das Wort ab. Dann hob er die Stimme und bedachte die anderen Dichter mit einem stechenden Blick. �Tretet so nahe an mich heran, dass ihr mich mit ausgestrecktem Arm ber�hren k�nntet, aber wagt es nicht, mich zu betatschen.�</p><p>Der Herrscher genoss das Befremden im Blick der Poeten. Aus den Augenwinkeln sah er, wie Horatius die H�flinge verscheuchte und Wachen an den Zug�ngen zum Palasthof postierte. Au�er den Dichtern war nun niemand mehr in H�rweite.</p><p>�Tausend Lichter werde ich entz�nden als Dank daf�r, dass mir die Gnade zuteilwurde, als Erster mit Euch sprechen zu d�rfen, mein allweiser Gebieter.� Der J�ngling griff sich mit beiden H�nden in dramatischer Geste an die Brust. �M�ge unser Bund auf ewig���</p><p>�Schweig!�, zischte Arcumenna erbost. �Wisset, ich bin der Dichtkunst nicht sonderlich zugetan. Wenn ihr euch k�nftig auch nur einen Hauch meiner Gnade erhalten wollt, dann sprecht nur noch, wenn ich euch dazu auffordere. Ohrenbl�ser und Speichellecker sind mir zutiefst zuwider. Ich dulde euch allein aus einem Grund an meinem Hof. Ich wei� um den Wert guter Geschichten.� Der Unsterbliche machte eine kurze Pause, um der kleinen Schar Gelegenheit zu geben, sich der Bedeutung seiner Worte bewusst zu werden. Dann fuhr er selbstbewusst fort: �Ich erwarte zwei Werke von jedem Einzelnen von euch: Eine Totenklage zu Ehren Ansurs und eine epische Dichtung, die meine Erhebung zum Unsterblichen auf das Ergreifendste in Worte fasst. Wer mich mit beiden Werken �berzeugt, der wird von mir ein Landhaus am Meer mit zwanzig Bediensteten geschenkt bekommen. Wer mich aber entt�uscht���, Arcumenna wandte sich an den Dichter mit dem Frauenhaar, ���der wird die Ehre haben, beim n�chsten Kampf gegen die Daimonen meine Krieger in der ersten Kampfreihe zu begleiten, damit ihm in Zukunft bei der Beschreibung epischer Ereignisse nicht mehr die rechten Worte fehlen. Nat�rlich vorausgesetzt, dass er diese Erfahrung �berlebt.� Der blonde Weichling erblasste, w�hrend ihn eine der beiden Dichterinnen, ein hageres Gesch�pf mit langem, rotem Haar mit abf�lligem Blick ma�. Er war sich sicher zu wissen, was sie dachte.</p><p>�Wer mich in heimlichen Versen verspottet oder gar zum Tyrannen macht, der wird diesem Tyrannen begegnen. Wer mich aber zur Lichtgestalt verkl�rt, dem wird auf ewig das warme Licht meiner Gnade leuchten. In f�nf Tagen w�nsche ich eure Verse zu h�ren!� Er klatschte in die H�nde. �Und nun hebt euch hinweg, ich habe ein K�nigreich zu ordnen!�</p><p>Eilends machten sich die W�rterschmiede davon. Arcumenna war sich bewusst, dass ein sch�pferischer Geist stets auch ein rebellischer Geist war. Wahrscheinlich w�rde Horatius daf�r sorgen m�ssen, dass eine dieser Kanaillen einen wirklich h�sslichen Unfall hatte. Dann w�rden die �brigen begreifen, wie bedeutsam es war, sich um jeden Preis seine Gnade zu erhalten und das Andenken an den Unsterblichen Ansur hinter neuen Lobeshymnen auf den Unsterblichen Arcumenna verblassen zu lassen.</p></section><section><title><p>Auf tr�gerischem Grund</p></title><p>Ein messingbeschlagener Eichenstamm schmetterte auf das Mauerwerk. Roter Lehmziegelstaub wogte durch die gl�hende Hitze. Breite Risse klafften im Torbogen. Steine polterten auf den Torweg hinab.</p><p>Obwohl Solaiyn zehn Schritt vom Tor entfernt stand, atmete er nur flach. Es war so hei�, dass der Elfenf�rst bef�rchtete, sich die Lunge zu versengen, wenn er einen tiefen Atemzug nahm. Wie ein Blick in einen gut befeuerten Kamin wirkte die Aussicht durch den Torbogen. Temil brannte lichterloh. Es tat Solaiyn leid um die Stadt. Er hatte ihre engen Gassen mit den bunt bemalten Lehmh�usern gemocht. Sie waren auf archaische Art sch�n gewesen. Drei Monde lang hatte er Temil belagert, bis er auch den vierten Ring aus hohen Lehmmauern bezwungen und die innerste Stadt erst�rmt hatte. Wozu? Er seufzte. Nicht einmal zwanzig Tage hatte er in Temil geherrscht, bis seine Sp�her ihm meldeten, dass ein gewaltiges Entsatzheer auf dem Weg war. Er hatte nicht genug Albenkinder in seinen Truppen, um den �u�eren Wall zu bemannen. Er w�rde die Stadt nicht halten k�nnen. Also hatte er keine andere Wahl gehabt, als sie niederzubrennen. Und zum Abschied rissen seine drei Riesen mit m�chtigen Eichenst�mmen das pr�chtige Haupttor nieder. Es war zum Verzweifeln! Der Kampf um Temil fasste im Kleinen die Trag�die der Feldz�ge in Nangog zusammen. Sie konnten alles erobern, aber es gelang ihnen nicht, etwas zu halten, wenn die Menschenkinder mit geballter Macht zum Gegenschlag ausholten.</p><p>�Herr, es ist an der Zeit zu gehen�, fl�sterte Aloki ihm ins Ohr. �Der Albenstern ist ge�ffnet. Die Vorhut marschiert bereits ins Goldene Netz.�</p><p>Er schnippte mit den Fingern, und sein bocksbeiniger Stallbursche brachte ihm einen Schimmel. Mit weiten Augen starrte die Stute auf die Schlangenfrau. Kein einziges Pferd in seinem Gest�t hatte sich je an Aloki gew�hnt. Sie alle f�rchteten sie.</p><p>Schlecht gelaunt schwang sich der Elfenf�rst in den Sattel und ritt an den Kolonnen des abziehenden Heeres vorbei. Die Stra�e, der seine Truppen folgten, lief parallel zum Meer. Auf dem roten Strand kauerten die Menschenkinder. Ihre hasserf�llten Blicke folgten dem abziehenden Heer. Solaiyn hatte sie aus der Stadt treiben lassen, bevor die Br�nde gelegt worden waren.</p><p>Als mit Get�se das Stadttor hinter ihm zusammenst�rzte, scheute seine Stute. Mit festem Schenkeldruck brachte er sie zur R�son. Die Riesen hinter ihm verfielen in r�hrendes Triumphgeheul. Sie waren schlichte Gem�ter. Einfache Aufgaben zu erf�llen, f�r die man nichts als Kraft ben�tigte, machte sie gl�cklich.</p><p>Nodon preschte auf seinem Fuchs heran. �Die Verwundeten und Kranken bilden die Spitze der Kolonne. Danach bringen wir den Belagerungstross durch den Albenstern�, berichtete er und lie� seinen Hengst neben Solaiyns Stute in den Trab wechseln. �Heermeister Hornbori hat seine M�nner auf dem H�gelkamm nahe dem Tor postiert. Er wird als Letzter nach Albenmark gehen, zusammen mit deiner Elfengarde. F�rst Sekander patrouilliert mit seinen Kentauren am Strand, damit die Menschenkinder nicht noch im letzten Augenblick auf die Idee kommen, sich als Helden aufzuspielen.�</p><p>Solaiyn nickte beif�llig. Alles lief also nach Plan. Sie hatten �bung darin, sich geordnet zur�ckzuziehen. Schweigend ritt er die Kolonne ab und erreichte schon bald den gro�en Maultiertreck. Nur wenige Tiere trugen Pl�ndergut. Die meisten hatte man mit eigens w�hrend der Belagerung gefertigten Lasts�tteln aufgeschirrt. Links und rechts der S�ttel waren Tragen befestigt, �ber denen Bahnen aus zartem Gazestoff hingen, um die Stechm�cken von den Kranken und Verwundeten fernzuhalten, die zu schwach waren, um auf eigenen Beinen den R�ckzug anzutreten.</p><p>Diese verfluchten M�cken aus den nahen S�mpfen! Sie hatten seinem Heer einen h�heren Blutzoll abverlangt als drei Sturmangriffe auf die Festungsmauern. W�rde er nur Elfen befehligen, h�tte er solche Sorgen nicht. Sie wurden so gut wie nie krank, und auch die st�rrischen Zwerge des Heermeisters Hornbori waren schwer umzubringen. Aber all die anderen�� Am schlimmsten hatte es die Kobolde erwischt. Hunderte von ihnen waren an dem Fieber gestorben, das die M�cken verbreiteten.</p><p>Solaiyn hatte die breiten Schilfg�rtel der S�mpfe niederbrennen lassen. Ohne Erfolg. Eine ganze Karawanenladung Weihrauch hatte er heranschaffen lassen und in kupfernen R�ucherpfannen im Heerlager abbrennen lassen. Die H�lfte seiner Truppen war von den Wohlger�chen so berauscht worden, dass sie kein Schwert mehr halten konnten, doch gegen die M�ckenplage hatte es nicht geholfen. Nicht einmal mit Zauberweberei war diesen Viechern beizukommen gewesen. Die Menschenkinder hatten ihre Stadt verloren, die Albenkinder hatten ihren Stolz verloren und mussten aufgeben, was sie gerade erst erobert hatten. Einzig die M�cken waren unbesiegt. Vielleicht war dies die Rache Nangogs an ihnen. Wom�glich hatte die gefesselte G�ttin dieses Ungeziefer ausgebr�tet.</p><p>Eines Tages, wenn diese endlosen Feldz�ge vor�ber waren und er wieder die Mu�e hatte, auf der Terrasse seines Winterpalastes in Tanthalia zu sitzen, die einen wunderbaren Blick auf das weite Meer bot, dann w�rde er ein Gedicht auf die winzigen blutsaugenden Recken ersinnen, die weder sein Heer noch sein Scharfsinn hatten besiegen k�nnen.</p><p>Der F�rst presste der Stute die Hacken in die Flanken und trieb sie zu einem leichten Galopp an. Von den fiebernden Kobolden auf den Tragen stieg �bler Gestank auf. Der Geruch von saurem Schwei� und eingen�ssten Kleidern. Wolken schwarzer Fliegen tanzten �ber der Karawane der Leidenden.</p><p>In melancholischer Stimmung erreichte er den Torbogen aus schillerndem Licht, durch den seine geschlagenen Krieger das Goldene Netz betraten. Er sah den Schrecken in den Gesichtern der bocksbeinigen Faune, die gerade im Begriff waren, den magischen Weg zu betreten, der sich durch die Finsternis des Nichts spannte. F�r die meisten seiner Krieger verlor die Reise zwischen den Welten niemals ihre Schrecken, obgleich sie ungleich sicherer als jede Seefahrt war, jedenfalls solange man den Goldenen Pfad nicht verlie�.</p><p>Solaiyn sa� ab. Er sa� nicht gern lange im Sattel. Aloki hatte mit ihm mitgehalten. Doch jetzt blieb sie im Hintergrund. Die Schlangenfrau wusste, dass sie der Mehrzahl der Albenkinder unheimlich war.</p><p>Der Feldherr gr��te einige der Hauptleute, die ihre Truppen an ihm vorbeif�hrten. Hier und da lie� er ein aufmunterndes Wort f�r einen der Krieger fallen, deren Namen ihm vertraut waren. Allzu viele waren es nicht. Er mochte es nicht, sich mit den einfachen M�nnern gemeinzumachen. Es hatte keinen Zweck. Wenn er versuchte, mehr als zwei S�tze mit ihnen zu wechseln, w�rden sie nur bemerken, dass sie sich im Grunde nichts zu sagen hatten.</p><p>W�rde er ein Heer von Elfenkriegern befehligen, w�re alles anders, dachte Solaiyn bitter. Sie wurden nicht krank, sie k�mpften besser, ihre Moral war unersch�tterlich. Fast�� er sollte nicht tr�umen. Er wusste, dass die reichen Familien versuchten, ihre S�hne und T�chter freizukaufen, damit sie nicht nach Nangog mussten. Es wurde immer schwieriger, neue Rekruten f�r die nicht enden wollenden Feldz�ge zu finden.</p><p>Nodon hatte ihm erz�hlt, dass Nandalee in den Norden geschickt worden war, um K�mpfer unter den Elfenv�lkern der Normirga und Maurawan anzuwerben. Ein Unterfangen, das der Schwertmeister f�r aussichtslos hielt. Die eigenbr�tlerischen J�ger und Krieger der beiden V�lker kamen entweder freiwillig, oder sie kamen gar nicht.</p><p>Tief in Gedanken versunken, sah Solaiyn den abr�ckenden Truppen nach. Die Sonne neigte sich dem Horizont entgegen, als ihn ein pl�tzlicher Schmerz zusammenzucken lie�. Der Goldene! Er war wieder in ihm, sah durch seine Augen�� Der Feldherr wusste, dass sich die Himmelsschlangen versammelt hatten, um �ber die n�chsten Schlachten zu beraten. Wenn sie hier mit ihnen k�mpfen w�rden, mochte der Krieg eine Wende zum Guten nehmen. Beratungen halfen nicht! Solaiyn war sich bewusst, dass der Goldene seine Gedanken wahrnahm, wenn er in ihm war. Sollte er nur! Es war die Wahrheit, dass sie diesen Krieg schon bald verlieren w�rden, wenn die Himmelsschlangen nicht mithalfen, eine Entscheidung herbeizuf�hren.</p><p>Solaiyn keuchte. Der Schmerz stach wie gl�hende Dolche in seinen Kopf. Pl�tzlich sah er nichts mehr. Aloki war an seiner Seite und st�tzte ihn. Es geschah nicht jedes Mal, dass seine Welt in Dunkelheit versank, wenn der Goldene sich seiner Augen bem�chtigte. Vielleicht bestrafte ihn der Drache ja.</p><p>�Es ist an der Zeit, dass auch wir gehen�, fl�sterte die Schlangenfrau.</p><p>Er hielt sich eng an ihrer Seite. Er war schon oft mit ihr auf den Goldenen Pfaden gegangen. Sie gab ihm das Gef�hl von Sicherheit. Obwohl all seine anderen Sinne sch�rfer wurden, wenn er erblindete�� als versuchte sein Leib, auf diese Weise auszugleichen, was ihm fehlte��, f�hlte er sich ohne sie hilflos. Er sp�rte die warme Haut der Schlangenfrau. Sie hatte einen festen Leib. Manchmal stellte er sich vor, sie zu verf�hren. Dass seine H�nde ihren K�rper erkundeten, �berall, auch an den verborgensten Stellen. Ihr haftete ein Duft an, der ihn erregte.</p><p>Um sich abzulenken, dachte er an die Heimkehr ins Feldlager in Albenmark. Vielleicht brauchten die Himmelsschlangen einige Tage, um die Truppen neu zu organisieren und die Verluste zu ersetzen. Falls sie Verst�rkungen gefunden hatten�� Es w�re sch�n, eine Woche in einem seiner Pal�ste zu verweilen. Mit Aloki��</p><p>Er sp�rte das Prickeln des machtvollen Zaubers, der das Tor zum Goldenen Netz ge�ffnet hatte. Sie schritten durch das Tor. Instinktiv dr�ckte er sich ein wenig enger an die Schlangenfrau. Ein falscher Schritt, und er w�rde in die endlose Finsternis st�rzen.</p><p>�Diesmal ist es ein langer Weg�, erkl�rte sie ihm. �Ein St�ck vor uns gehen die Riesen. Trotz der Dunkelheit kann ich sie sehen.�</p><p>Solaiyn mochte es, wenn sie versuchte, ihm durch Worte die Bilder zu ersetzen, die seine Augen ihm nicht mehr schenkten.</p><p>�Die Zwerge treten hinter uns auf den Pfad. Ihr Heermeister f�hrt sie an.�</p><p>Der F�rst war froh, dass sie ihn fest untergehakt hielt. Dieser Weg durch das Nichts war von einer seltsamen Beschaffenheit. Es f�hlte sich an, als w�rde man �ber eine weiche Matratze schreiten. Jetzt, da er blind war, sp�rte er umso deutlicher, wie unsicher der Grund war.</p><p>�Wir n�hern uns der ersten Kreuzung�, erkl�rte Aloki. �Der Albenstern hinter uns hat sich geschlossen. Das Licht am Ende des Pfades ist verschwunden. Du hast es geschafft, dein Heer ist in Sicherheit.�</p><p>Er sp�rte das machtvolle Pulsieren, dort, wo sich vor ihnen mehrere Albenpfade kreuzten. Drei Albensterne wie diesen w�rden sie �berqueren, bevor sie ihr Tor nach Hause erreichten. Solaiyn hatte das Gef�hl, dass der Pfad unter seinen F��en leicht vibrierte. Er war nichts als Magie. Es gab hier nirgends festen Untergrund. Das Nichts war, wie der Name schon sagte, die Abwesenheit alles Stofflichen. Der vermeintliche Pfad, auf dem sie dahinschritten, war geb�ndelte Magie. Ein Kraftfeld, das der Wille der Alben erschaffen hatte. Gab es etwas Fragileres als Willen?</p><p>Solaiyn l�chelte. Es war dumm, sich solche Gedanken zu machen. Er hatte unz�hlige Male die Albenpfade �berquert. Es gab keinen Grund�� Da war etwas. Ein fremdes Schwingen. Es kam von au�erhalb des Weges. Von dort, wo nichts h�tte sein d�rfen.</p><p>�Aloki! Was ist links von uns?�</p><p>�Dunkelheit.� Sie klang �berrascht.</p><p>Solaiyn sp�rte, wie sich die Hand der Schlangenfrau fester um seinen Oberarm schloss. �Ich sehe etwas. Eine gefl�gelte Frau! Sie kommt���</p><p>Ein machtvoller Sto� riss den F�rsten von der Schlangenfrau los. Er taumelte, trat �ber den Rand des Pfades und st�rzte.</p></section><section><title><p>Unentschieden</p></title><p>Der Goldene schnappte nach I�ta, hieb mit seinen Klauen auf sie ein�� da war nichts! Seine Br�der sahen ihn verwundert an.</p><p><emphasis>Ich habe durch seine Augen gesehen</emphasis>�� Er bem�hte sich, seine Gedanken zu ordnen. I�ta und der L�wenh�uptige waren so pl�tzlich erschienen. Sie hatten Solaiyn ins Nichts gesto�en und die Nachhut seines Heeres angegriffen.</p><p><emphasis>Wir m�ssen sie retten!</emphasis></p><p><emphasis>Deshalb also warst du so still, Bruder,</emphasis> bemerkte der Fr�hlingsbringer tadelnd. <emphasis>Du warst nicht wirklich bei uns. Zumindest nicht mit all deinen Sinnen. Du hast wieder durch die Augen dieses Elfen gesehen.</emphasis></p><p><emphasis>Wir werden angegriffen! Die Devanthar haben Solaiyns Heer im Nichts aufgelauert.</emphasis> Der Goldene stand immer noch ganz unter dem Eindruck des pl�tzlichen Angriffs der Gefl�gelten.</p><p><emphasis>Nicht wir werden angegriffen. Sammle dich,</emphasis> ermahnte ihn der Rote.</p><p><emphasis>Doch, es sind sehr wohl wir, die angegriffen werden,</emphasis> unterst�tzte ihn der Erstgeschl�pfte.</p><p>Der Goldene nickte ihm zu und fuhr fort: <emphasis>Wenn wir Solaiyn und sein Heer verlieren, dann werden wir viele Jahre brauchen, um wieder eine �hnlich kampfstarke Streitmacht aufzustellen. Falls es uns je wieder gelingt�� Genau dar�ber haben wir doch die ganze Zeit gestritten. Unsere Kr�fte ersch�pfen sich! Die Albenkinder sind kriegsm�de. Wir k�nnen unsere Verluste kaum noch ersetzen. Wohingegen die Reserven der Menschenkinder unersch�pflich zu sein scheinen. Ganz gleich, wie viele wir von ihnen t�ten, sie schicken Nachschub und schlie�en ihre Reihen. Die St�dte, die wir niederbrennen, sie bauen sie wieder auf. Asugar bestand nur noch aus Ruinen, als der Heermeister Hornbori den Sohn der G�ttin t�tete. Jetzt ist es wieder eine bl�hende Stadt. Es ist, als versuchten wir, mit einem Sieb einen Ozean leer zu sch�pfen.</emphasis></p><p><emphasis>Seht ihr denn beide nicht, dass die Devanthar genau das wollen?,</emphasis> fragte der Smaragdene ruhig, und der Goldene empfand die Stimme seines Nestbruders wie Balsam in seinen aufgew�hlten Gedanken. <emphasis>Dieser Angriff hat nur den einen Zweck, uns in die Falle zu locken.</emphasis></p><p><emphasis>Und was geschieht, wenn wir nicht gehen?</emphasis> Der Dunkle peitschte aufgew�hlt mit dem Schwanz. <emphasis>Wir gestehen unsere Niederlage ein. Wenn wir unsere besten Truppen verlieren, dann endet der Krieg um Nangog schon in dieser Nacht!</emphasis></p><p>Der Goldene sprach ein Wort der Macht und schlich sich erneut in Solaiyns Kopf. Wieder sah er mit den Augen des Elfenf�rsten. Solaiyn st�rzte nicht, wie man in einen Abgrund st�rzt, obwohl er es so empfand. Es war eher ein Abgetriebenwerden, so wie es ist, wenn man in eine Flussstr�mung ger�t.</p><p>Nur undeutlich sah der Drache die beiden Devanthar. Sie w�teten unter den Truppen auf dem Goldenen Pfad. Etliche Krieger sprangen lieber ins Nichts, als sich den Devanthar zu stellen.</p><p>Der Goldene hatte genug gesehen. Er unterbrach die Verbindung zu Solaiyn und �ffnete sich wieder dem Streit, der unter seinen Br�dern herrschte.</p><p><emphasis>Es sind nur zwei!</emphasis></p><p>Seine Nestbr�der sahen ihn an. Der Smaragdene und der Fr�hlingsbringer zweifelnd. In den Augen des Nachtblauen glomm Kampfeslust. Der Flammende wirkte unentschlossen.</p><p><emphasis>Na und?,</emphasis> sprach der Rote.</p><p><emphasis>So oft h�tte unsere Anwesenheit den Unterschied gemacht, wenn unsere</emphasis><emphasis>Albenkinder f�r uns in die Schlacht gezogen sind. Die Devanthar verlassen sich darauf, dass wir nicht kommen, um unseren Kriegern zu helfen. Sie haben nur zwei geschickt! Wir k�nnen sie �berw�ltigen.</emphasis></p><p><emphasis>Und wenn die anderen noch verborgen im Nichts lauern?,</emphasis> wandte der Rote ein.</p><p><emphasis>Dann gehen wir eben nicht allein,</emphasis> schlug der Dunkle vor. <emphasis>Der Sturz ins Nichts l�st den Verstand schlichterer Gem�ter auf. Wir d�rfen keine Zeit verlieren, wenn es uns darum geht, unser Heer zu retten oder das, was von ihm noch �brig ist. Rufen wir all unsere Drachenbr�der ins Goldene Netz. Wir brauchen furchtlose Flieger, die sich in die Dunkelheit st�rzen und die Verlorenen wieder einsammeln.</emphasis></p><p><emphasis>Und ich sage dir, Bruder, genau darauf warten die Devanthar,</emphasis> ermahnte ihn der Smaragdene. <emphasis>Lassen wir die Albenkinder sterben! Sie sind nichts als Werkzeuge. Lassen wir den Krieg um Nangog f�r ein Jahrhundert ruhen und bauen ein neues Heer auf! Jeder, der in dieser Stunde auf den Albenpfaden steht, ist ersetzbar. Doch wir, wir sind es nicht. Jeder von uns, der stirbt, weil wir leichtfertig in eine Falle tappen, wird auf immer fehlen.</emphasis></p><p><emphasis>Wenn wir heute nicht um Nangog k�mpfen, dann werden wir es nie mehr tun!</emphasis></p><p>Die Worte des Dunklen brannten im Kopf des Goldenen. Sein Bruder war entschlossen, den Kampf aufzunehmen.</p><p><emphasis>Dann stimmen wir ab,</emphasis> forderte der Fr�hlingsbringer. <emphasis>Die einfache Mehrheit gen�gt. Ganz gleich, wie die Entscheidung ausf�llt, wir alle werden sie anerkennen. Ich bin dagegen, in diese Falle zu tappen.</emphasis></p><p><emphasis>So denke auch ich,</emphasis> bekr�ftigte der Smaragdene.</p><p><emphasis>Ich lasse unsere K�mpfer nicht im Stich,</emphasis> entschied der Dunkle.</p><p>Die Krallen des Goldenen kratzten �ber den Felsboden der Versammlungsh�hle. Es sah nicht gut aus. Nun war er an der Reihe. <emphasis>Ich will ins Goldene Netz und meine Rei�z�hne in die Kehle I�tas schlagen.</emphasis></p><p><emphasis>Auch ich will k�mpfen,</emphasis> entschied der Nachtblaue. <emphasis>Kehlen zerfetzen h�rt sich immer gut an.</emphasis></p><p>Voller Sorge sah der Goldene zu den beiden verbleibenden Nestbr�dern. Als Letzter w�rde der Flammende seine Stimme abgeben. Der Unbest�ndigste von ihnen, der sich meist den Worten seiner Vorredner anschloss und dessen �berzeugungen etwa so fest gef�gt waren wie die Form einer Wolke, an der Sturmwinde zerrten.</p><p><emphasis>Ins Goldene Netz zu gehen ist eine gro�e Dummheit,</emphasis> sagte der Rote �berzeugt. <emphasis>Wir tun genau, was die Devanthar von uns erwarten, wenn wir dem Rat des Goldenen folgen. Wir werden mit unseren Leben daf�r bezahlen, wenn wir uns von sentimentalen Gef�hlen gegen�ber ein paar Albenkindern beherrschen lassen. Noch wichtiger jedoch ist, dass wir uns mit unserem Eingreifen gegen die Befehle der Alben wenden w�rden. Wir</emphasis><emphasis>d�rfen die verbotene Welt nicht betreten! Wollen wir wirklich unsere Sch�pfer herausfordern?</emphasis></p><p>Der Goldene hielt den Atem an. Sein Bruder, der Flammende, nickte zu den Worten des Roten. War damit die Entscheidung gefallen?</p></section><section><title><p>Im Nichts</p></title><p>Der Hieb kam einfach zu schnell. Nyr wich ein St�ck zur�ck, und dennoch schrammten die Krallen der l�wenh�uptigen Kreatur funkenstiebend �ber seinen Schuppenpanzer. Er wurde nach hinten gerissen und trat �ber den Rand des Weges hinweg. Erschrocken keuchte er auf, lie� seine Axt fahren und versuchte, nach dem Goldenen Pfad zu greifen, doch es war zu sp�t. Er trieb ins Nichts. Ein Schrei kam ihm �ber die Lippen, ungewollt. Er ruderte mit den Armen, strampelte. Es half nichts�� er glitt immer weiter ins endlose Dunkel.</p><p>Das also war das Ende! Er k�mpfte gegen das Grauen an. Gegen die Verzweiflung. Er hatte sich immer vorgestellt, in einem ehrenhaften Kampf zu fallen. Und nun war er beil�ufig vom Weg gest�rzt. Wut �bermannte seine Furcht. Und mit der Wut kam seine F�higkeit, klar zu denken, zur�ck. Obwohl er das Gef�hl hatte, wie ein Stein in einen bodenlosen Brunnenschacht zu st�rzen, entsprach das nicht dem Bild, das sich seinen Augen bot. Der Goldene Pfad war nicht mehr als zehn Schritt entfernt. Und er selbst st�rzte nicht senkrecht in die Tiefe, sondern trieb seitlich vom Pfad fort in die Finsternis.</p><p>Nyr versuchte es mit Schwimmbewegungen, doch er vermochte es nicht einmal, sich um seine eigene Achse zu drehen. Und nat�rlich half es auch nicht, mit den Armen zu rudern. Er trieb immer weiter vom Goldenen Pfad ab, ganz gleich, was er auch tat. Und so wie ihm erging es Dutzenden anderen. Sie schwebten in die unterschiedlichsten Richtungen davon.</p><p>Ein gellender Wutschrei lie� Nyr zur�ck zum Goldenen Pfad blicken. Dort griff Galar den L�wenh�uptigen an. W�tend drosch er mit seiner Axt auf den Devanthar ein und schaffte es, den Gott einen Schritt zur�ckzudr�ngen.</p><p>Nyr hielt den Atem an.</p><p>Die Klauen des L�wengottes fuhren nieder. Dem Schmied wurde die Axt aus der Hand geprellt. Er wurde an der Schulter getroffen. Krallen durchschlugen sein Kettenhemd und zerfetzten die Eisenringe. Dann hob der L�wenh�uptige seinen Freund mit einem wilden Br�llen hoch empor und schleuderte ihn ins Nichts hinaus.</p><p>Eine Spur unregelm��iger, seltsam wabernder Blutstropfen folgte Galars Weg. Er trieb viel schneller davon als Nyr. Vielleicht lag es an der Wucht, mit der der Gott seinen Freund hinaus ins Dunkel geworfen hatte.</p><p>Wieder ruderte Nyr mit den Armen. Es geschah nichts! Er blieb auf der Bahn, die ihn in langsamem Flug von der Schlacht fortf�hrte. Und mit jedem Atemzug entfernte sich Galar weiter von ihm.</p><p>Er h�rte den Schmied fluchen, den feigen Katzenkopf verdammen. �Komm her und k�mpf wie ein Mann mit mir, Pissm�hne! Oder hast du Angst vor meinen F�usten?�</p><p>Der Gott ignorierte Galar, der schlie�lich aufgab und seine Hand auf die Wunde an der Schulter presste.</p><p>Ersch�ttert sah Nyr, wie sich die beiden Devanthar immer weiter �ber den Goldenen Pfad vorarbeiteten. Es schien, als w�re es ihnen wichtiger, die Albenkinder ins Nichts zu st�rzen, als sie zu t�ten. Immer mehr ihrer Krieger schwebten hilflos in der gro�en Dunkelheit. Sie w�rden verdursten, an ihren Wunden langsam verbluten oder vom Entsetzen, das das endlose Nichts jeder Seele einfl��te, in den Wahnsinn getrieben werden. Die G�tter der Menschen waren grausam! Sie gew�hrten ihnen nicht die Gnade eines schnellen Todes.</p><p>Nyr entdeckte unter sich zwischen den treibenden Kriegern auch Hornbori. Ihr Heermeister war eine auff�llige Erscheinung. Er trug einen pr�chtigen Helm, der mit goldenen Adlerschwingen geschm�ckt war, und einen scharlachroten Umhang, der nun, da er im Nichts schwebte, wie eine Fahne hinter ihm wogte. Er war der Einzige weit und breit, der einen Umhang angelegt hatte. In der stickigen Hitze vor Temil war jedes unn�tige Kleidungsst�ck nur eine Qual. Krieger, die nicht k�mpfen mussten, hatten im Lager kaum mehr als einen Lendenschurz getragen. Etliche der Kobolde und die �ber und �ber t�towierten Minotauren waren sogar ganz nackt herumgelaufen. Nur Hornbori stellte das Bed�rfnis, seinen Rang durch angemessene Kleidung zu zeigen, stets �ber sein Bed�rfnis nach Bequemlichkeit. Galar nannte ihn deshalb einen eitlen Stutzer. Aber Hornbori war mehr als das. Auch wenn der Schmied es nie zugeben w�rde: Hornbori war ein Held! Die meisten Krieger, die ins Nichts gest�rzt waren, schrien vor Entsetzen oder strampelten mit Armen und Beinen. Hornbori tat nichts dergleichen. Er hatte die Arme vor der Brust �berkreuzt und war ganz ruhig. Eben ein Held, der gefasst seinem Schicksal entgegensah.</p><p>Ihr Feldherr vertraute offensichtlich darauf, gerettet zu werden! Sie sollten sich ein Beispiel an ihm nehmen, dachte Nyr aufgew�hlt. Allein Hornbori mit seiner kalten Ruhe zu sehen gab ihm neuen Mut.</p><p>Sie w�rden hier herauskommen! Galar irrte sich in dem Heermeister. Hornbori war alles Erdenkliche, aber ganz gewiss kein Schisser!</p></section><section><title><p>Eine G�ttin verf�hren</p></title><p>Hornbori war wie versteinert vor Entsetzen. Als diese schreckenerregende gefiederte Frau pl�tzlich aufgetaucht war, hatte er nat�rlich nicht nach seiner Axt gegriffen. Nur ein Narr legte sich mit G�ttern an. Er hatte stattdessen die Arme �ber der Brust gekreuzt und versucht, sich vor diesem Fl�gelweib zu verbeugen. So hatte er es auf Wandreliefs der Menschenkinder gesehen. Es schien eine �bliche Geste der Demut zu sein, wenn die G�tter vor sie traten.</p><p>Leider hatte es nicht geholfen. Die Gefl�gelte hatte ihn mit einem Tritt in den Abgrund jenseits des Goldenen Pfades bef�rdert. Wie einen Hund, der einem schnuppernd hinterherlief. Sie hatte nicht einmal ihre Waffe gegen ihn erhoben. Es war so schnell gegangen, dass er kein einziges Wort �ber die Lippen gebracht hatte.</p><p>Jeden Augenblick w�rde er auf etwas aufschlagen. Niemand wusste, was sich in der Dunkelheit neben den Goldenen Pfaden verbarg. Sicher scharfkantige Felsen, auf denen er zerschmettert w�rde. Allein der Gedanke daran erf�llte ihn mit kalter Furcht, die all seine Glieder durchstr�mte, als w�re er in Eiswasser gest�rzt. Er war wie versteinert vor Entsetzen, ja, er konnte nicht einmal seine Panik hinausschreien. Seine Kehle war wie zugeschn�rt, und er glaubte an den Entsetzensschreien ersticken zu m�ssen, die von seiner Angst eingekerkert wurden.</p><p>Sieben lange Jahre war er als Heermeister in unz�hlige Schlachten gezogen. Und obwohl seine M�nner in Scharen um ihn herum gestorben waren, war es ihm dank gr��ter Anstrengungen immer gegl�ckt, unbeschadet davonzukommen und zugleich wie ein Held dazustehen. Nun erwischte es ihn also doch noch. Dabei war er schon fast in Sicherheit gewesen�� Hornbori hatte viele Geschichten �ber das Sterben geh�rt. Schlie�lich half es, gut informiert zu sein, wenn man dem Tod aus dem Weg gehen wollte. Alles um ihn herum schien langsamer geworden zu sein. Der Tod gab ihm noch ein bisschen Zeit, um seine Angst voll und ganz auskosten zu k�nnen. All die anderen Zwerge, die er sah, st�rzten tr�ge. Es war mehr so, als w�rden sie durch Wasser langsam auf den Grund eines finsteren Ozeans sinken. Er sah den dicken Ulur. Er schrie sich die Lunge aus dem Hals. So hatte sich der Schiffsf�hrer seinen Abgang gewiss nicht vorgestellt.</p><p>Und da war noch etwas. Eine bedrohliche Gestalt mit Haaren, die in dicken Str�hnen �ber die Schultern wogten. Eine G�ttin, halb nackt und bewaffnet mit einem langen Speer, auf dem ein m�chtiges Schwertblatt steckte. Sie st�rzte nicht, sie flog, obwohl sie keine Fl�gel besa�! Dieses Mistst�ck stach die Todgeweihten mit ihrer Klinge an und lachte! Jetzt hatte sie ihn entdeckt. Sie deutete mit der Spitze ihrer Waffe auf ihn. Und nun erkannte Hornbori, was mit ihrem <emphasis>Haar</emphasis> los war. Das waren keine dicken Str�hnen! Der G�ttin wuchsen lebende, sich windende Schlangen aus dem Kopf. Und sie hatte sich ihn als ihr n�chstes Opfer auserkoren!</p><p>Pl�tzlich war die eisige L�hmung vergessen. �Du machst einen Fehler�, stammelte er, als sie nur noch wenige Schritt von ihm entfernt war. Sie musste ihn doch verstehen k�nnen, auch wenn er keine Sprache der Menschenkinder beherrschte. �Setzt mich auf den Weg, und ich verrate dir, wer unser Heerf�hrer ist. Den wollt ihr doch sicher gefangen nehmen. Wenn ihr ihn ein wenig foltert, wird er ganz bestimmt jede Menge interessante Dinge erz�hlen k�nnen. Er ist ein Elfenf�rst���</p><p>�Du musst der Heermeister Hornbori sein!� Obwohl die G�ttin mit seltsamer Satzmelodie sprach, konnte er ihre Worte klar verstehen. Sie nahmen ihm jedoch nicht seine Angst. Einige der Vipern auf ihrem Haupt hatten die M�uler weit aufgerissen und zischten ihn an. Dabei sah er das Gift von ihren nadelspitzen Z�hnen tropfen. �Ich habe geh�rt, du hast den Sohn der G�ttin get�tet. Den Meerwanderer.� Sie schnalzte mit der Zunge. �Das war �beraus freundlich von dir. Er hat etliche unserer Schiffe auf den Meeresgrund gezogen. Ein Mann wie du sollte wirklich keine Gelegenheit mehr haben, gegen unsere Krieger zu k�mpfen. Es hei�t, du allein ersetzt hundert Daimonen. Aus Respekt vor deinem Mord am Meerwanderer werde ich gn�dig zu dir sein.� Sie l�chelte ihn an.</p><p>Abgesehen von den Schlangen war sie nicht h�sslich, ging es Hornbori durch den Kopf. Vielleicht sollte er die Sache ja ganz anders angehen. �Habt Ihr Erfahrung in der Minne, meine Holde?� Er bedachte sie mit einem L�cheln, das er hundertfach auf Siegesfeiern erprobt hatte. Ein L�cheln, dem kaum eine Zwergin widerstand.</p><p>Die Augen der Devanthar weiteten sich.</p><p>Es klappte, dachte Hornbori erleichtert. So fing es immer an. Jetzt noch ein Blick, der Frauenherzen dahinschmelzen lie�. �Ihr habt wirklich sinnliche Lippen���</p><p>Die Stirn der Devanthar kr�uselte sich. �Das ist nicht dein Ernst, Zwerg.� Sie lachte auf. �Glaubst du wirklich, ich w�rde mir so einen Halbmann ins Bett holen? Da k�nnte ich mich ja auch gleich auf Langarm einlassen.� Ihr Blick verd�sterte sich. Ihre Schlangen richteten sich auf und fauchten ihn an.</p><p>�Meine Gnade wird es sein, dir nur die Arme abzuhacken, du Held!� Ihr Speer schnellte vor.</p><p>Hornbori stie� einen gellenden Schrei aus. Im Reflex riss er die rechte Hand hoch, seine ber�hmte Drachenfaust. Das Speerblatt traf ihn mit einer Wucht, die ihm das Handgelenk brach, doch vermochte die G�tterwaffe den flachen Handteller, auf den sie getroffen war, nicht einmal zu ritzen. Er wurde weggesto�en. Trieb durch die Wucht des Aufpralls davon.</p><p>Die G�ttin sah ihm verwundert nach. �Diese Hand werde ich mit mir nehmen�, sagte sie ernst, hob erneut ihre Waffe und nahm die Verfolgung auf.</p></section><section><title><p>Der letzte Schuss</p></title><p>�Bei den Alben!�, keuchte Nyr.</p><p>Da war etwas Gro�es drau�en im Dunkel. Erst sah er nur die Ahnung einer Bewegung. Dann manifestierte sich ein Schatten in der Finsternis. Ein Drache! Einer von den riesigen Roten, von denen er zwei w�hrend der K�mpfe um Asugar get�tet hatte. Sie waren seit Jahren nicht mehr in die Schlacht gezogen. Hinter ihm folgte ein zweiter, ein dritter, und dort waren Quarzaugen! Diese Drachenart kannte Nyr nur aus den Bestiarien, die er in den letzten Jahren studiert hatte. T�ckische, kleine Biester mit einem K�rper etwa so gro� wie ein Stierleib. Ihre Augen sahen aus wie Quarzkristalle. Auf gelbwei�en Schwingen glitten sie aus dem Dunkel und griffen sich die vom Weg Gesto�enen. Warum konnten sie hier fliegen? War das ihrer Magie geschuldet? Quarzaugen galten als heimt�ckische Zauberweber, die zu jagen extrem gef�hrlich war. Und sie kamen jetzt als Retter? Das f�hlte sich falsch an. Und doch war Nyr froh, sie zu sehen. Sie��</p><p>Er traute seinen Augen nicht. Inmitten des Schwarms von Quarzaugen flog ein riesiger Drache, dessen Schuppen wie poliertes Gold strahlten. Ja, sie schienen von innen heraus zu leuchten. Wo er war, wich die Finsternis. Der Goldene! Der Zweitgeschl�pfte unter den Himmelsschlangen!</p><p>Er war einer der Acht, die entschieden hatten, dass die Tiefe Stadt zerst�rt wurde. Nyr tastete nach dem Lederriemen, an dem seine Armbrust �ber seinem R�cken hing. Der Goldene�� In all den Jahren waren Galar und er nie in die Lage gekommen, unbemerkt auf eine der Himmelsschlangen schie�en zu k�nnen. Manchmal hatten sie die gro�en Drachen von ferne gesehen. Aber sie zeigten sich nicht auf einem Schlachtfeld.</p><p>Der Goldene glitt langsam durch das Nichts. Wachsam sp�hte er in die Dunkelheit. Er rettete niemanden, das �berlie� er den niederen Drachen.</p><p>Die Armbrust glitt in Nyrs Hand. Mit der Linken tastete er nach der breiten Lederkappe, die den Bolzenk�cher an seiner Seite verschloss. Ein einziger Drachent�terbolzen war noch �brig. Galar hatte ihm das Geschoss vor drei Jahren �berlassen, weil Nyr der bessere Sch�tze von ihnen beiden war. Damals hatten sie sich feierlich geschworen, dass sie diesen Bolzen f�r eine Himmelsschlange aufheben w�rden. Nun war der Augenblick gekommen, ihn zu nutzen.</p><p>Nyrs tastende Finger erkannten die Befiederung des Bolzens. Unz�hlige Male hatte er das Geschoss in H�nden gehalten und davon getr�umt, auf einen der M�rder anzulegen. Sachte legte er den Bolzen auf die F�hrungsschiene der Armbrust und begann, die Kurbel zu drehen. Noch immer hatte er das Gef�hl zu st�rzen, obwohl er nur langsam vom Goldenen Pfad forttrieb.</p><p>Der riesige Drache glitt zwischen den Gest�rzten hindurch, ohne einen einzigen von ihnen zu ber�hren. Jetzt entdeckte Nyr eine zweite Himmelsschlange. Sie hatte leuchtend rote Schuppen. Und dahinter flog eine dritte Himmelsschlange von hellem Lindgr�n. Waren sie etwa alle gekommen?</p><p>Die alten Drachen flogen etwa zweihundert Schritt �ber ihm. Alle hatten sie ihre K�pfe in Richtung des Pfads aus Licht gereckt. Von ihm nahmen sie keine Notiz. Perfekt!</p><p>Die Kurbel der Armbrust blockierte. Die Sehne war gespannt. Er hob die Waffe zum Schuss, als irgendwo unter ihm ein gellender Schrei erklang. Hornbori! Diese Stimme h�tte er unter Hunderten erkannt. Nyr blickte hinab und sah, wie der Heermeister gegen eine Devanthar k�mpfte. Mit blo�er Hand blockte er den Speer, der auf sein Herz zielte.</p><p>Hornbori glitt davon, doch dieses Biest setzte ihm nach. Sie w�rde ihn aufspie�en! Ihn, den gr��ten Helden der Zwerge! Das durfte nicht sein!</p><p>Nyr senkte seine Waffe und peilte �ber die F�hrungsschiene. Er w�rde seinen feierlichen Eid brechen, dachte er bedr�ckt. Dann zog er ab.</p></section><section><title><p>Davongekommen</p></title><p>Die Stirn der G�ttin riss auf. Hirn spritzte Hornbori ins Gesicht.</p><p>�Heilige Albenschei�e!�</p><p>Die Devanthar sah mit glasigen Augen auf ihn herab. Sie kippte nicht um. Sie schwebte nach wie vor dicht vor ihm. Fast mit derselben Geschwindigkeit wie er. Nein, ein klein wenig schneller. Sie kam n�her. Ihre Schlangen wanden sich, zischelten, reckten sich vor und versuchten, ihn zu bei�en.</p><p>Hornbori griff nach der Axt an seinem G�rtel. Schlangen! Dem f�hlte er sich gewachsen. �Kommt her, ihr Kriecher! Euch mach ich zu Hackfleisch!� W�tend drosch er in das angewachsene Schlangennest auf dem Kopf der G�ttin. Binnen weniger Augenblicke trieben abgetrennte Schlangenleiber davon.</p><p>Brennendes Gift spritzte ihm �ber die Finger. Er ignorierte den Schmerz, schlug einfach immer weiter auf die Devanthar ein, und seine Axt machte ihrem Namen alle Ehre.</p><p>Er war davongekommen, dachte er erleichtert, als er schlie�lich die Waffe sinken lie�. Wieder einmal!</p></section><section><title><p>Ein wunderbarer Plan</p></title><p>�Die Sturmruferin ist tot!�, rief Langarm schockiert.</p><p>Der Gefiederte sp�rte das Entsetzen seiner Br�der und Schwestern. Sie waren G�tter! Wie hatte es geschehen k�nnen, dass ihre Schwester gestorben war?</p><p>�Gewiss sind Himmelsschlangen gekommen�, stie� Langarm panisch hervor.</p><p>�Schweig!�, befahl ihm der Gefiederte. Solch Geschw�tz war das Letzte, was sie nun brauchten. Sie alle hatten sich im Nichts versammelt, au�er Sichtweite des Goldenen Pfades, �ber den das Heer der Albenkinder zog. Ihr Plan war ebenso einfach wie brillant. Sie stie�en Hunderte Albenkinder ins Nichts. Nat�rlich h�tten sie sie auch t�ten k�nnen, aber es ging hier nicht um ein paar Elfen und Zwerge�� sie hofften darauf, dass die Himmelsschlangen magiebegabte Drachen schickten, um ihre Krieger zu retten. Drachen, die es vermochten, im Nichts zu fliegen. Die sich frei bewegten, wo einfachere Kreaturen verloren waren. Und sie w�rden diese Drachen t�ten. Alle! Seit Jahren hatten die Himmelsschlangen ihre niederen Br�der aus den K�mpfen herausgehalten. Sie waren ihre Reserve f�r die letzte Schlacht. Und nun w�rden sie diese Reserve vernichten.</p><p>�Die Sturmruferin ist tot!�, wiederholte Langarm seine Litanei. �Die Himmelsschlangen sind hier.�</p><p>�Bleib ruhig, Bruder. Sie haben sich noch nie in die K�mpfe eingemischt�, wandte das Lebende Licht ein.</p><p>Der Gefiederte hatte seinen Bruder, der sich so gerne als Lichtgestalt zeigte, nie sonderlich gesch�tzt. Er hielt ihn f�r �berspannt, verweichlicht und den falschen Zielen zugewandt. Aber jetzt tat er endlich einmal das Richtige und half ihm. Es war eine verdammte Plage, alle dazu zu bringen, gemeinsam zu handeln. Es gab zu viele Intrigen, zu viele selbstverliebte Individualisten, zu��</p><p>Deutlich sp�rte der Gefiederte die fremde Macht, die nahte. Viele Pr�senzen. Er sp�rte auch die Anspannung seiner Br�der und Schwestern. Er erhob die Stimme:</p><p>�Wir alle haben einen Plan gefasst. Und dieser Plan war gut! Lasst ihn nun Wirklichkeit werden! Niederlagen beginnen meist damit, von seinen einmal gefassten Vors�tzen wieder abzulassen. Gehen wir Drachen t�ten! R�chen wir unsere Schwester!� Ohne sich umzusehen, ohne ihnen Zeit f�r weiteres Wortgepl�nkel zu lassen, flog er dem Albenpfad entgegen. Es war leicht, sich im Nichts zu bewegen. Man brauchte nur den Willen und ein wenig Zauberweberei.</p><p>Er freute sich auf den Kampf. Endlich hatten nicht nur I�ta und der L�wenh�uptige ihren Spa�. Er hatte nicht verstanden, warum die beiden die Sturmruferin mitgenommen hatten. Sie war nie wirklich eine Kriegerin gewesen. Vielleicht war sie auf einige Drachenelfen gesto�en? Sie waren alle mit verwunschenen Klingen bewaffnet und konnten selbst einem Devanthar gef�hrlich werden.</p><p>Der Gefiederte n�herte sich dem breiten Goldenen Pfad. Fl�chtende Heerscharen zeichneten sich als Schatten darauf ab. Und dann sah er einen fahlgelben Drachen. Ein Hochgef�hl �berkam ihn. Er war ein J�ger, und solche Beute hatte er sich schon immer gew�nscht! Der Devanthar fasste seinen Speer fester und beschleunigte seinen Flug. Vor Freude wie ein Adler schreiend, st�rzte er auf den Drachen nieder, der in seinen Krallen einen Zwerg trug. Die Bestie versuchte auszuweichen, doch in elegantem Bogen folgte er ihrer Fluchtbewegung. Er umkreiste sie halb, zog die Beine an, als ein gieriges Drachenmaul nach ihnen schnappte. Dann schleuderte er seinen Speer. Die lange Spitze bohrte sich in eines der seltsamen Augen des Drachen. Wie klares Glas sahen sie aus, ganz ohne dunkle Pupille. Das Speerblatt zerteilte das vermeintliche Glas und verschwand tief im Kopf des Drachen, der im Todeskampf, von einem Krampf gesch�ttelt, den Zwerg zerquetschte, den er getragen hatte.</p><p>Zwei auf einen Streich, dachte der Gefiederte zufrieden, rief ein Wort der Macht und lie� den Speer zur�ck in seine Hand schnellen.</p><p>Einige seiner Br�der und Schwestern zogen es vor, sich auf die Albenkinder auf dem Goldenen Pfad zu st�rzen. F�r sie hatte er nichts als Verachtung �brig. Es war unw�rdig, sich an Gegnern zu messen, die derart unterlegen waren. Er wollte jetzt einen gro�en Drachen. Einen R�uber, der �ber Jahrhunderte an Erfahrung verf�gte. Er flog ein St�ck den Weg entlang, lauschte dem Geschrei und genoss die Panik unter ihren Feinden. Viele Albenkinder sprangen jetzt freiwillig ins Nichts.</p><p>Pl�tzlich sah er I�ta. Neben ihr schwebte der L�wenh�uptige. Beide winkten ihm zu.</p><p>�Wir haben uns geirrt!�, rief die Gefl�gelte. �Sie sind gekommen! Sieh nur! Dort!� Sie deutete mit ausgestrecktem Arm voraus. �Einer von ihnen�� er ist noch zu weit entfernt. Benutze dein Verborgenes Auge, dann wirst du ihn sehen.�</p><p>I�ta hatte recht. In der magischen Welt sah ihn nun auch der Gefiederte ganz deutlich. Die Aura der Himmelsschlange �berstrahlte alles in seiner N�he. Er war wie ein Mond unter Sternen. Gewaltig! Und er kam auf sie zu.</p><p>�Ich glaube, seine Br�der sind mit ihm gekommen�, knurrte der L�wenh�uptige. �Ich sp�re sie. Sie sind weiter oben am Weg. N�her beim n�chsten Albenstern.�</p><p>Der Gefiederte sp�rte nichts, aber er vertraute dem L�wenh�uptigen. Er verabscheute den rebellischen Unsterblichen, den sein Bruder sich erw�hlt hatte, doch davon abgesehen war er ein guter J�ger. Besser als die meisten; er hatte die Instinkte eines Raubtiers.</p><p>�Schnappen wir uns den Einzelg�nger�, schlug I�ta vor. �Fliegen wir zu ihm, packen ihn und springen zu dem Albenstern, durch den wir hierhergekommen sind. Dort k�nnen wir ihn in aller Ruhe abstechen, ohne dass seine Br�der ihm zu Hilfe kommen werden.�</p><p>Der Gefiederte dachte daran, wie er mit I�ta und Langarm gegen den Purpurnen gek�mpft hatte. Sein Bruder war dabei so schwer verwundet worden, dass ihm die Lust auf einen zweiten Kampf mit einer Himmelsschlange f�r alle Zeiten vergangen war. Auch wenn sie den gro�en Drachen von seinen Nestbr�dern trennten, w�rde es ganz gewiss nicht einfach werden, ihn <emphasis>abzustechen</emphasis>.</p><p>�Tun wir es�, entschied der L�wenh�uptige und flog mit I�ta der Himmelsschlange entgegen. Kurz z�gerte er, ver�rgert, dass die beiden nicht auf seine Entscheidung gewartet hatten. Dann folgte er ihnen doch. Er wollte nicht als Feigling dastehen. Zugleich sp�rte er die Panik der anderen Devanthar. Sie alle konnten nun sp�ren, dass nicht nur gew�hnliche Drachen, sondern auch die Dracheng�tter Albenmarks gekommen waren. Langarms panisches Geschwafel hatte sich als wahrhaftig gewordene Prophezeiung erwiesen.</p><p>Seine Br�der und Schwestern waren keine Feiglinge, doch schreckten sie davor zur�ck, unerwartet in den Kampf mit fast ebenb�rtigen Gegnern zu treten. Ihr wunderbarer Plan war dabei, sich in eine katastrophale Niederlage zu verwandeln. Nur Mut konnte das noch �ndern.</p><p>Der Gefiederte schloss das Verborgene Auge. Jetzt war die Himmelsschlange zu erkennen. Der Drache war vom Gr�n junger Fr�hlingstriebe. Auch er hatte sie entdeckt und begr��te den L�wenh�uptigen, der ihm am n�chsten war, mit einem Flammenstrahl. Sein Bruder wich den Flammen fast aus. Nur seine M�hne fing Feuer. Einen Herzschlag nur, dann erstickte ein Wort der Macht die Flammen.</p><p>W�hrend I�ta und der L�wenh�uptige versuchten, nach den Enden der Drachenschwingen zu greifen, hielt der Gefiederte auf den langen, schlangenhaften Hals des Ungeheuers zu.</p><p>Der Drache drehte sich um seine eigene Achse und versuchte, sie abzusch�tteln. Dabei traf ein Schwanzhieb I�ta. Die scharfen Schuppen zerfetzten ihr Gewand.</p><p>Diesen Moment nutzte der Gefiederte, streckte sich und ber�hrte den Hals der Bestie. Zugleich wich er vor dem Kopf zur�ck, der sich zu ihm herabbeugte. So gelenkig der Drache auch war, vermochte er seinen Hals doch nicht so weit zu kr�mmen, dass die Fangz�hne ihn erreichten.</p><p>�Jetzt!�, rief der L�wenh�uptige mit Donnerstimme.</p><p>Der Gefiederte umschlang mit beiden Armen den Drachenhals, vermochte ihn jedoch nicht einmal zur H�lfte zu umfangen. Fest dachte er an jenen Albenstern, an dem sie in das Nichts getreten waren, und sprach ein Wort der Macht. Es f�hlte sich an, als w�rde ihn eine unsichtbare Riesenhand packen und ihn davonschleudern. Einen Lidschlag lang glaubte er, es m�sse ihn zerrei�en und sein Innerstes w�rde sich nach au�en kehren. Dann war es vorbei. Er sp�rte die magischen Schwingungen des nahen Albensterns. Das kraftvolle Pulsieren.</p><p>Die Himmelsschlange b�umte sich auf. Sie stie� einen wilden Schrei aus.</p><p>Der Gefiederte konnte sich nicht l�nger an den glatten Schuppen halten. Er wurde davongeschleudert. Er sah, wie der Drache mit seinen Klauen auf den L�wenh�uptigen losging, der mit Zaubermacht einen Schild herbeirief, um sich zu sch�tzen. Doch der Drachenzorn zerfetzte das Metall, und sein Bruder trug tiefe Wunden davon.</p><p>I�ta versuchte, der Himmelsschlange ihren Speer in die Seite zu rammen, wurde aber von einem Fl�gelschlag weggefegt.</p><p>Der Gefiederte hob seine Waffe und schleuderte sie voller Zorn. W�tend rief er ein Wort der Macht, um den Flug seines Speers kraft seines Willens zu lenken. Die Waffe beschrieb einen weiten Bogen und raste auf die Drachenbrust dicht unterhalb des Halsansatzes zu. Die Spitze des Speers ergl�hte durch die zornbebende Zaubermacht.</p><p>Augenblicklich reagierte der G�tterdrache. Er spie ein Wort der Macht, und der Gefiederte sp�rte, wie sich die Echse der Magie bediente, die durch den nahen Albenstern floss, um seinen Zauber zu st�rken.</p><p>Hunderte lindgr�ne Schuppen l�sten sich vom Drachenleib, sodass es aussah, als zerrte ein pl�tzlicher Sturmwind das Laub von einem Fr�hlingsbaum. Sie warfen sich dem Speer entgegen, lie�en sich aufspie�en und durchbohren, um den Flug der Waffe aufzuhalten.</p><p>Ihr Duell war zu einem Kampf des Willens geworden. Auch der Gefiederte griff nun nach der Zaubermacht, die das Goldene Netz erf�llte, und lenkte sie in seinen Speer. Er musste sein Ziel finden, durfte sich nicht aufhalten lassen. Unerbittlich durchdrang er Schuppe um Schuppe.</p><p>Eine neue Nuance wandelte die Magie des Drachen. Weitere Schuppen rissen von seinem Leib. In torkelndem Flug, gleich dem von Schmetterlingen, rasten sie dem Gefiederten, aber auch den beiden anderen Devanthar entgegen. Schon erreichte die erste von ihnen ihr Ziel. Auch wenn sie f�r den fl�chtigen Beobachter wie Falter aussahen, waren es doch immer noch Drachenschuppen. Sie streiften das Antlitz des Gefiederten und zogen tiefe Schrammen �ber seine Wangen. Im Reflex schloss er die Augen.</p><p>Dann folgten Hunderte von ihnen. Sie zerfetzten sein Federkleid, zerschrammten seinen Schnabel und schlitzten seine Augenlider, als er sie schloss, um sich vor dem Sturm der messerscharfen Schuppen zu sch�tzen.</p><p>Er h�rte das Schmerzensgeheul I�tas und die Fl�che des L�wenh�uptigen. Erbarmungslos zerfetzten die Schuppen sein Gefieder, schnitten in sein Fleisch�� doch er schwieg.</p><p>Er k�nnte die Schmerzen beenden. Er m�sste seine Macht nur nutzen, um sich zu verteidigen, statt anzugreifen. Doch das wollte er nicht. Er wollte siegen. Um jeden Preis! Also verdr�ngte er den Schmerz und konzentrierte sich ganz und gar auf den Speer. Er dr�ckte ihn vorw�rts, gegen den Sturm aus Schuppen, gegen den Willen der Himmelsschlange, und er sp�rte, wie die Spitze der Waffe das Fleisch des Drachen ber�hrte, wie der gl�hende Stahl eindrang, wie das Drachenblut zu kochen begann und als hei�er Dampf aus der Wunde austrat.</p><p>Sein eigenes Gesicht war inzwischen bis auf die Knochen abgesch�lt. Sein Schnabel nur noch ein trauriger Stumpf. Die Schuppenschmetterlinge zerschnitten seine Augen, bis glasiger Gallert aus den Augenh�hlen trat. Der Schmerz �berschritt jedes Ma�, das er gekannt hatte. Der Drache oder er. Nur wenige Herzschl�ge trennten sie beide vom Tod. Die Schuppen schrammten �ber den Knochen seines Sch�dels.</p><p>Er war ein Gott, er hatte die Welt der Menschen erschaffen! Er w�rde auch sich neu erschaffen, wenn er weiterlebte. Es war so verlockend nachzugeben. Ein Gedanke und ein gefl�stertes Wort und er w�re in Sicherheit.</p><p>Gnadenlos trieb sein Wille den Speer tiefer ins Drachenfleisch. Er sp�rte, wie nah das pulsierende Herz der Bestie war. Und er sp�rte, wie sein eigenes Herz immer schw�cher schlug. Er verlor zu viel Blut. Nicht nachgeben, war sein einziger Gedanke!</p><p>Der Speer stie� ins Drachenherz. Der m�chtige Muskel b�umte sich auf und erschlaffte. Die schneidenden Schuppen fielen von ihm ab, trieben davon ins endlose Nichts. Doch der Schmerz h�rte nicht auf. Er zerrte an ihm, wollte ihn hinabziehen in die Dunkelheit des Wahnsinns. Sein Herz pumpte nur noch in schwachen, unregelm��igen St��en.</p><p>�Wir sind bei dir, Bruder�, h�rte er die Stimme I�tas ganz nah. Sie ber�hrte ihn, und seine Pein steigerte sich in neue, nie gekannte H�hen. Er war nur noch Schmerz. Und ein letzter Gedanke.</p><p><emphasis>Er geh�rt mir!,</emphasis> lie� er seine Stimme im Kopf seiner Schwester erklingen. <emphasis>Bringt ihn zum Blutteich. Er wird f�r immer mein sein.</emphasis></p></section><section><title><p>Umme</p></title><p>�Priester, schafft die Scherben heran!�, befahl Solomon, der Erste H�ter des Lichtes, mit Donnerstimme.</p><p>Ilmaris Herz schlug schneller. Dies war die Stunde, die �ber Gedeihen und Verderben entschied. Er hatte sich gedem�tigt und war am Morgen zum Hohepriester von Tiefwasser gegangen. Er hatte ihn angebettelt, seiner Frau zu helfen, ein einziges Mal dem Gl�ck ein wenig auf die Spr�nge zu helfen. Der fette Priester war unerbittlich geblieben. So war ihm nichts geblieben, als auf das Scherbengericht zu hoffen. Auf die Gnade der G�tter, die sich schon zwei Mal als grausam erwiesen hatten.</p><p>Ein kahlk�pfiger Priester stand vor ihm und hielt ihm einen Krug voller Scherben hin. Sie hatten die Zeremonie vor ein paar Jahren ge�ndert. Es wurde kein Scherbenhaufen unter Solomons marmorner Kanzel mehr aufgesch�ttet, seit es wiederholt zu Tumulten sich streitender Sippen gekommen war. Der Erste H�ter des Lichts duldete nichts, was die Heiligkeit dieses Augenblicks st�rte. So mussten die Ungl�cklichen, die hierherkamen, nun blind ihre Scherben aus Tonkr�gen ziehen.</p><p>Ilmari streckte die Hand durch die enge �ffnung des Krugs. Pl�tzlich war ihm kalt. Alles hing von diesem Augenblick ab. Von der Hand, die niemand im Dorf ber�hren wollte, weil sie zu viele Tote auf die letzte Reise gebracht hatte. Seine Finger tasteten �ber die Scherben. Welche w�rde die Eine sein? Welche w�rde die Reise ins Licht schenken?</p><p>�Mach hin!�, dr�ngte ihn der Priester, der den Krug hielt. Es war ein junger Mann, der seine kalten grauen Augen mit schwarzer Farbe umrandet hatte. Wie alle von Solomons Untergebenen war er kahl geschoren. Nun, zur Zeremonie, hatte er sich Tupfer in allen Regenbogenfarben auf die Glatze gemalt. Trotz seiner Jugend neigte er bereits zur Fettleibigkeit. Die Priester waren die Einzigen in Tiefwasser, die dick waren. Selbst die �rmsten Bauern steckten ihnen regelm��ig Beutel mit Reis, Korn und ger�uchertem Fisch zu, um sie sich gewogen zu halten. Alle wussten, dass sie auf kurz oder lang hier auf dem Marktplatz stehen und um ihr eigenes oder das Schicksal ihrer Liebsten bangen w�rden. So war das gnadenlose Gesetz der verborgenen St�dte des Tarkon Eisenzunge.</p><p>�Wenn du dich nicht entscheiden kannst, wirst du gar keine Scherbe bekommen.�</p><p>�Einen kleinen Augenblick noch�, fl�sterte Ilmari dem�tig. Seine Finger gruben sich tiefer hinab zwischen den Scherben. Das Gl�ck lag nie an der Oberfl�che. Es war nie zum Greifen nahe. Er ertastete eine lange, schmale Scherbe. Sie war anders als die anderen. Auff�llig�� das war gut! Seine Hand schloss sich darum. Er zog sie aus dem Krug, und der Priester schritt grummelnd weiter.</p><p>Mehr als siebzig hagere Gestalten hatten sich auf dem Markt versammelt, und Hunderte standen weiter oben auf den Stufen, die den Platz einfassten. Sie alle beteten stumm zur Gro�en G�ttin, hatten ihre Gl�cksbringer mitgebracht oder ihren Glauben an die alten G�tter ihrer Heimat Daia, deren Talismane sie unter den Kleidern verborgen trugen, weil sie Nangog nicht vertrauten.</p><p>Ilmari ritzte mit der Spitze seines Messers <emphasis>DIE STUMME</emphasis> in die Scherbe. Er hatte ungez�hlte Stunden damit verbracht, seiner Frau Namen aufzuz�hlen, um zu erfahren, wie sie gehei�en hatte, bevor Urs ihr die Zunge geraubt hatte. Sie hatte stets nur den Kopf gesch�ttelt. Es war ein Spiel zwischen ihnen geworden. Er suchte auf jeder seiner Reisen in die anderen St�dte nach neuen Namen. Bald war er davon �berzeugt, dass es keinen zweiten Mann gab, der so viele Namen kannte wie er. Doch was immer er auch sagte, die W�scherin sch�ttelte stets den Kopf. Als ihre kleine Tochter gelernt hatte, die ersten Worte zu brabbeln, nannte sie ihre Mutter Mama oder aber Umme, weil sie �die Stumme� noch nicht aussprechen konnte. Bei diesem Namen blieb Serin, bis sie den H�hlentod starb. Auch ihr j�ngerer Bruder Talam �bernahm diesen Namen.</p><p>Ilmari wusste, dass seine Frau ihn gern geh�rt hatte, auch wenn er nie aufgegeben hatte, nach ihrem richtigen Namen zu suchen.</p><p>Er starrte auf die Buchstaben auf der Scherbe. Vielleicht sollte er Umme aufschreiben? Au�erhalb ihrer Familie kannte niemand diesen Namen. Hier im Dorf nannten alle seine Frau die Stumme. Wom�glich vertrieb er so das Gl�ck? Er kratzte die ersten Buchstaben fort, bis nur noch <emphasis>UMME</emphasis> auf der Scherbe stand. Leise sprach er den Namen aus, und es wurde ihm leicht ums Herz. Der Name, den ihre Kinder gefunden hatten, w�rde Gl�ck bringen. Ganz sicher!</p><p>Erneut machte der unfreundliche junge Priester seine Runde. Diesmal sammelte er die beschrifteten Scherben in einem leeren Krug ein. Ganz vorsichtig bettete Ilmari sein t�nernes Los auf die anderen Scherben.</p><p>Wie um ihn zu verh�hnen, sch�ttelte der Priester den Krug, sodass die Scherben darin krachend aufeinanderschlugen. �Dir klebt das Ungl�ck an den H�nden, Totentr�ger. Wer sich mehr mit Leichen abgibt als mit Lebenden, der steht dem Tod auch stets ein St�ck n�her als alle anderen.�</p><p>Ilmari presste seine Lippen zusammen. Er musste diese dummen Reden schlucken, musste dem�tig sein. Wenn er sich mit dem Priester anlegte, w�rde er nur erreichen, dass seine Scherbe aus dem Krug genommen wurde.</p><p>Der Priester ging mit einem triumphierenden L�cheln weiter. Wenn er w�sste, wen er beleidigt hatte�� Es hatte einmal eine Zeit gegeben, da w�re Ilmari ihn in der Nacht besuchen gekommen, um ihm die Kehle durchzuschneiden.</p><p>Schlie�lich wurde der Krug zu Solomon hinaufgetragen und auf der breiten Br�stung der Kanzel abgestellt. Der Erste H�ter des Lichts streckte seine Arme feierlich der Sonne entgegen, die einen breiten Strahl klaren Lichts durch die �ffnung in der hoch �ber ihnen liegenden H�hlendecke hinabsandte.</p><p>�H�re mich, Gro�e G�ttin�, rief er mit wohlt�nender Stimme. �Heute wird nur eine Seele aus unserer Mitte deine Gnade erfahren. Zu zahlreich sind deine Feinde am weiten Himmel geworden, sodass der edle Tarkon nur eines seiner Schiffe auf die Reise schicken kann. Zeige deinen dem�tigen Dienern nun, wer der W�rdigste unter ihnen ist.� Mit diesen Worten griff er in den Krug und begann ger�uschvoll zwischen den Scherben zu w�hlen.</p><p>Ilmari betete stumm zu I�ta, der er in seinem Leben schon nahe gewesen war. Dabei blickte er angespannt zu Solomon auf. Die Edelsteine auf der goldenen Schmucktafel, die er vor seine Brust gebunden trug, schillerten in allen Farben des Regenbogens. Der Priester sah eindrucksvoll aus. So wie seine Brust vor Licht spr�hte, mochte man meinen, die Gro�e G�ttin habe ihn ber�hrt. Sicherheitshalber begann Ilmari auch ein Gebet f�r sie zu murmeln, als Solomon eine Scherbe aus dem Krug zog. Sie war nicht l�nglich.</p><p>Das Herz wurde Ilmari schwer.</p><p>�Mikael!�, rief Solomon laut von der Kanzel herab. �Es ist Mikael, den die G�ttin in den Himmel aufsteigen l�sst!�</p><p>Seine Beine vermochten ihn pl�tzlich nicht mehr zu tragen. Dort wo er stand, lie� er sich auf den gepflasterten Boden sinken. Er war nicht der Einzige, dem es so erging. Die meisten aber verlie�en stumm den Scherbenplatz.</p><p>Nur eine junge Frau schluchzte vor Gl�ck. Ilmari kannte sie vom Sehen. Sie war eine auff�llige Erscheinung. Eine Frau mit Haaren wie Gold. Sie und ihr Mann waren die einzigen Drusnier in Tiefwasser.</p><p>Solomon stieg von der Kanzel hinab und ging auf sie zu. V�terlich schloss der Priester sie in die Arme und dr�ckte sie. �Ich begl�ckw�nsche dich, Jelena. Deine Gebete sind erh�rt worden, und ich freue mich f�r dich. In einer Stunde schon werden meine Priester zu dir kommen, um Mikael abzuholen und auf dem ersten St�ck seiner gro�en Reise zu begleiten.�</p><p>�Eure Gebete sind es, die erh�rt wurden�, stammelte sie dankbar und sank vor Solomon auf die Knie. Sie bedeckte seine H�nde mit K�ssen.</p><p>Er t�tschelte ihr �ber den Kopf, wie man einen treuen Hund t�tschelt. �Ich ziehe keine Seele in unserer Gemeinde einer anderen vor. Ich bin sicher, es waren deine Gebete, die deinen Mann zum Auserw�hlten machten. Nun geh und hilf, ihn auf seine Reise vorzubereiten. Vertue deine Zeit nicht mit mir. Dein Mann wird lange fort sein, und ich bin sicher, es gibt noch vieles, das ihr euch zum Abschied zu sagen habt.�</p><p>Wieder k�sste sie seine Hand. Dann stand Jelena auf und lief eilends davon.</p><p>Solomon schritt weiter und blieb dicht vor Ilmari stehen. V�terlich l�chelnd blickte er auf ihn herab. Sie waren keine Freunde. Dass er den Faustkampf gegen Rufus gewonnen hatte, hatte der Hohepriester ihm nie verziehen. Vielmehr hatte er Ilmari seither immer wieder bedr�ngt, von seiner Vergangenheit zu erz�hlen. Er schien ihm nicht mehr zu trauen.</p><p>�Es tut mir leid f�r dich.� In der Stimme Solomons lag keine Wahrhaftigkeit.</p><p>�Ich beuge mich dir.� Es kostete Ilmari �berwindung, diese Worte �ber die Lippen zu bringen. �Gib meiner Frau einen Platz im Licht, und du kannst ganz und gar �ber mich verf�gen.�</p><p>Der Priester sch�ttelte den Kopf. �Ilmari, unsere Gemeinschaft ruht auf den S�ulen von Gleichheit und Gerechtigkeit. Ich kann niemanden bevorzugt behandeln. Ganz gleich, was du mir bietest, meine Antwort wird nein sein. Die G�ttin hat entschieden, wer in den Himmel reisen wird, und wer bin ich, mich �ber den Willen der G�ttin hinwegzusetzen. Geh heim! Ich verspreche dir, ich werde f�r das Wohl deiner Gemahlin beten, so wie ich f�r jede Seele bete, die mir anvertraut wurde.�</p><p>�Bitte��� Ilmari beugte sich vor und k�sste den Saum des Priestergewandes.</p><p>�W�rdest du mit derselben Leidenschaft zur Gro�en G�ttin beten, h�tte sie dir deine Bitte sicherlich gew�hrt. Hast nicht auch du zur Sicherheit noch zu deinen alten G�ttern gebetet? Falls ja, dann sei gewiss: Die G�ttin schickt nur jene ins Licht, die rein im Glauben sind. Denn dies, Ilmari, ist der Schl�ssel zu allem.�</p><p>W�hrend der Totengr�ber so fest die Kiefer zusammenpresste, dass es schmerzte, t�tschelte Solomon ihm gro�m�tig den Kopf und fuhr fort: �Bem�he dich weiter, und du wirst erh�rt werden.�</p></section><section><title><p>Ohne Worte</p></title><p>Sie sah noch zerbrechlicher aus als sonst. Ihre Haut war wie Wachs. Die Augen in dunklen H�hlen eingesunken. Doch obwohl es ihr an Kraft fehlte, ihn anzusehen, hatte sie bemerkt, dass er zur�ckgekehrt war. Der Hauch eines L�chelns spielte um ihre schmalen Lippen.</p><p>�Solomon war einsichtig�, sagte er mit fester Stimme. �Oder besser gesagt, er war genauso gierig, wie wir schon immer vermutet hatten. Du bekommst deinen Platz am Himmel! Allerdings wird es uns die H�lfte der Sch�tze kosten, die du�� zur Seite gelegt hast.�</p><p>Er hob sanft ihren Kopf und versuchte, ihr ein wenig von der Fleischbr�he einzufl��en, die er gekocht hatte.</p><p>�Du musst bei Kr�ften sein, meine Liebste. Also, bitte, mach keinen Unsinn. Heute werde ich die neuen Toten waschen. Und ich dulde keine Widerworte.�</p><p>Es kostete sie sichtlich M�he, die Br�he zu schlucken. Ilmari stellte die Schale zur Seite. Er hielt sie mit einem Arm. So leicht war sie�� Mit der freien Hand sch�ttelte er das mit Daunenfedern gef�llte Kissen auf, das er f�r sie gen�ht hatte. Sanft bettete er sie auf das helle Leinen. Sie gab einen leisen Seufzer von sich, als ihr Kopf in das Kissen einsank. Ihre Lider flatterten, und dann sah sie ihn an. In den sieben Jahren der Gemeinsamkeit hatte er gelernt, in ihren Augen zu lesen. Sie brauchten keine Worte mehr, um sich zu verstehen. Ihr Blick l�chelte. Sie bedankte sich.</p><p>Ilmari lief ein Schauer �ber den R�cken. �Tu das nicht. Du wirst noch ein wenig durchhalten. Du kommst auf ein Wolkenschiff!�, flehte er. Er w�rde seine L�ge nicht aufgeben, doch sah er an ihrem Blick, dass es sinnlos war. Sie hatte ihn l�ngst durchschaut. Sie wusste, dass es keine Hoffnung mehr auf eine Reise zur Sonne gab und auf sie nur noch Dunkelheit wartete.</p><p>Ilmari hatte jede �llampe, die er finden konnte, in ihre Kammer getragen und entz�ndet. Nie war der Raum mit den kahlen W�nden so hell gewesen wie in diesem Augenblick. So viele Lampen waren es, dass sie eine angenehme W�rme verbreiteten und dem Grau der W�nde einen goldenen Schimmer verliehen.</p><p>Sie rollte die Augen und sah zu der Wandnische auf, in der die kleinen, h�lzernen Krieger standen, die er f�r Talam geschnitzt hatte. Ihre Schwerter und Speere waren l�ngst abgebrochen. Ihr Sohn hatte die Figuren geliebt und sich viele Schlachten mit ihnen geliefert. Daneben lehnten die beiden Puppen, die Umme f�r Serin gen�ht hatte. Sie waren aus Tuchresten gefertigt. Augen und Lippen waren mit feinem Garn in die Gesichter gestickt. Umme hatte auf beiden Puppen Haar von sich aufgen�ht. Serin war mit den Puppen im Arm gestorben. Mehr als ein Jahr war das nun her. Als drei Monde sp�ter auch Talam gestorben war, war etwas in Umme zerbrochen. Sie hatte weiter gearbeitet, gegessen, ihm ihre Liebe geschenkt, aber ihr Lebenswille, der sie so viele schwere Jahre hatte �berstehen lassen, war mit dem Tod ihrer Kinder erloschen.</p><p>�Ich bringe dich hinauf ins Licht!�, sagte er feierlich. �Ich schw�re dir jeden Eid darauf. Wir schaffen das auch ohne Solomon. Du wei�t, wie stark ich bin. Ich kann dich viele Meilen weit tragen. Wir kehren zur�ck nach Daia und fangen noch einmal von vorne an. Du musst nur deine Kr�fte sammeln���</p><p>Ihre gro�en, dunklen Augen sahen zu ihm auf. Sie waren noch immer voller Dankbarkeit. Und Liebe.</p><p>Er ergriff ihre H�nde. So kalt waren sie. �Wir schaffen das. Wir werden die Ersten sein, die einen Weg hinaus aus Tarkons H�hlenreich finden. Wir werden allem entfliehen.�</p><p>Sie schloss die Augen.</p><p>�Schlaf, meine Sch�ne.� Er nahm ein Tuch und tupfte ihr �ber die von Schwei� benetzte Stirn. �Schlaf, dann wirst du gekr�ftigt erwachen, und wir planen unsere Flucht.�</p><p>Er wich nicht von ihrer Seite und hielt weiterhin ihre H�nde. Stumm machte er sich Vorw�rfe. Sie h�tten viel fr�her fliehen sollen. Es musste einen Weg aus diesen verfluchten H�hlen geben, die alle t�teten, die hier Zuflucht suchten. Einmal mehr zerbrach er sich den Kopf dar�ber, woran das Sterben in den H�hlen lag. Manche glaubten, es liege nicht an der mangelnden Sonne, sondern an einem Gift im Wasser oder in den Felsen, das sie langsam umbrachte. Oder es sei ein Fluch, da die G�ttin letztlich niemand anderen als ihre eigenen Gesch�pfe in ihrer Welt duldete, ganz gleich, wie inbr�nstig man auch zu ihr betete.</p><p>Ilmari sah auf. In diesen H�hlen war die G�ttin schlie�lich �berall! Er dachte an die Kristalle, die er auf seinen Reisen gesehen hatte. Sie wuchsen aus dem unebenen Boden der langen Tunnel, auf dem Grund der Flussbetten, selbst in H�usern hatte er sie schon gesehen.</p><p>Umme war eingeschlafen. Ilmari sah, wie sich die Aug�pfel unter ihren Lidern bewegten, und dachte an den Tag, an dem ihre Tochter sie zum ersten Mal Umme genannt hatte. Sie hatten sch�ne Zeiten im Haus der Toten erlebt. Er war hier unten gl�cklich gewesen. Umme und die Kinder hatten ihn mit Gef�hlen erf�llt, die er nie zuvor gekannt hatte. Doch das vertiefte nur seinen Schmerz. Er wusste, welches Gl�ck er gehabt hatte. Dass es eine Gnade gewesen war und dass, ganz gleich, was er auch tun w�rde, dieses Gl�ck nicht zur�ckkehren w�rde.</p><p>Lamgi, der M�rder, der er einst gewesen war, der Vertraute des Unsterblichen Muwatta und des Unsterblichen Aaron, er war tief unter diesen Gef�hlen begraben gewesen. Doch nun regte er sich wieder. Es war Lamgi, der einen Weg aus den H�hlen finden w�rde, und wenn er daf�r �ber Leichen gehen musste, dann w�rde es nicht sein Gewissen belasten.</p><p>�Ich bringe uns hier heraus!�, wiederholte er mit kalter Entschlossenheit. Selbst seine Stimme hatte sich ver�ndert.</p><p>Er sah hinab auf Umme. Ihre Augen bewegten sich nicht mehr unter ihren Lidern. Vorsichtig strich er �ber ihr blasses Antlitz. Es f�hlte sich k�hl an, so wie auch die H�nde, die er immer noch hielt.</p><p>Er tastete nach ihrer Brust, f�hlte nach ihrem Herzen. Es schlug nicht mehr. Sie war gestorben, wie sie gelebt hatte: still.</p></section><section><title><p>Am weissen Schlund</p></title><p>Behutsam wickelte Ilmari seine Frau in das Leichentuch. Er hatte das feinste Tuch ausgesucht, das er hatte finden k�nnen. Makellos wei� und ohne Webfehler. Ein Tuch, das selbst die Seidene nicht zur�ckgewiesen h�tte.</p><p>Mit eng gesetzten, sorgf�ltigen Stichen vern�hte er das Tuch. Er lie� sich Zeit. Immer wieder sah er zu Ummes Gesicht. Sie sah friedlich aus. Nur viel zu schmal. Ihre dunklen Augenh�hlen hatte er behutsam geschminkt. Ihnen die Farbe von gesunder Haut gegeben. Ein Hauch von Rot lag auf ihren Lippen. Umme hatte nur sehr selten die Schminke und die Duft�le benutzt, die sie in reicher Auswahl besa�en, um die Toten ein wenig lebendiger aussehen zu lassen, wenn ihre Familien kamen, um sich zu verabschieden.</p><p>Manchmal, wenn sie ihn verf�hren wollte, hatte sie sich geschminkt. Sie war eine sinnliche Frau gewesen. Und eine gute Mutter. Er erinnerte sich an den Abend, als er von einer langen Reise zur�ckgekehrt war und Umme und die Kinder ihn erwartet hatten. Sie alle waren in den Farben des Regenbogens geschminkt gewesen und hatten vor Freude, ihn wiederzusehen, um ihn herumgetanzt. In der Woche danach war Serin erkrankt. Es war das letzte Mal gewesen, dass sie getanzt hatte.</p><p>Ilmari schluckte schwer. �Alles, was in meinem Leben gut war, hast du mir geschenkt�, fl�sterte er, beugte sich vor und k�sste sie z�rtlich auf die Lippen. �Du wirst alles mit dir nehmen, was gut an mir war.�</p><p>Er richtete sich auf und zog das Leichentuch �ber ihr Gesicht. Seine Hand zitterte, als er es vern�hte, und er vermochte es nicht, ihr beim letzten Stich die Nadel durch die Nase zu sto�en, so wie die Tradition es verlangte.</p><p>Als die Arbeit getan war, hob er Umme vom steinernen Tisch, von dem er schon so viele Leichen gehoben hatte. Sie kam ihm leicht wie eine Feder vor. Behutsam legte er sie auf seine Schulter und trug sie die gewundene Treppe hinauf, in die gro�e Eingangshalle des Hauses der Toten.</p><p>Niemand war hier, um von ihr Abschied zu nehmen. Als er Talam zum Wei�en Schlund getragen hatte, war Umme an seiner Seite gegangen.</p><p>Es war nichts geblieben von seiner Familie. Einsam schritt er den Schwarzg�rtel entlang bis zu jener Stelle, an der sich der Fluss mit Get�se in den Abgrund ergoss. Ilmari trat auf den Felssporn, der sich �ber den Wei�en Schlund erhob. Feiner Spr�hnebel benetzte sein Gesicht und vermischte sich mit seinen Tr�nen, als er Umme hochhob. Lange vermochte er sie nicht in den Abgrund zu werfen. Er hielt sie im Arm, wie man ein schlafendes Kind im Arm h�lt. Hoffte gegen jede Vernunft, dass sie gleich erwachen und sich im Leichentuch regen w�rde.</p><p>Es verging eine lange Zeit, bis er sie endlich freigeben konnte. Als er sie dem Schlund �bergab, ging mit ihr auch der Totentr�ger.</p><p>Zur�ck im Haus der Toten, war er voller dunkler Gef�hle. Er holte ein Messer. Dann ging er zum Tempel. Solomon hatte dazu beigetragen, Lamgi wiederzuerwecken. Nun sollte er sehen, wie es war, mit ihm Bekanntschaft zu machen.</p></section><section><title><p>Das Gottesurteil</p></title><p>Es war l�cherlich einfach gewesen, �ber die hohe Mauer des kleinen Tempels zu steigen. Es gab keine Wachen und keine Hunde, die anschlugen. Die beiden jungen Priester waren mit dem Auserw�hlten abgereist. Nur Solomon war noch dort.</p><p>Ilmari pirschte durch den gut gepflegten Garten auf die R�ckseite des Tempelbaus, wo sich die privaten Gem�cher der Priester befanden. Es war ein lang gestreckter Anbau mit kleinen Fenstern. In einem von ihnen erstrahlte das warme gelbe Licht von �llampen.</p><p>Als Ilmari n�her kam, h�rte er schweres Keuchen durch das Fenster. Es war nur eine kleine �ffnung, hoch in der Wand des Anbaus. Nicht geschaffen, Licht hineinzulassen, sondern allein, um den Raum zu l�ften. Der Meuchler griff in die hoch gelegene Fenster�ffnung und zog sich hoch. Die Kammer, in die er sah, war durch zahlreiche �ll�mpchen erleuchtet. Blumenb�ndel hingen von den W�nden, und der Wohlgeruch von Weihrauch stieg Ilmari in die Nase.</p><p>Auf dem Lager des Ersten H�ters des Lichtes lag Jelena. Ihr gr�nes Kleid war ihr bis �ber die H�ften hochgeschoben. Ihr Gesicht wurde auf das Bett gepresst. Sie hatte es in ihren H�nden vergraben und gab leise wimmernde Laute von sich, w�hrend der nackte Priester sie mit kr�ftigen St��en keuchend von hinten nahm.</p><p>Ilmari lie� sich wieder zu Boden sinken. Er hatte immer schon den Verdacht gehabt, dass Solomon seine Position ausnutzte. Pl�tzlicher Zorn brandete in ihm auf. War es ein Zufall, dass der Mann einer sch�nen Frau die Reise ins Licht gewonnen hatte? Er k�mpfte gegen seine Gef�hle an. Zorn war nie ein guter Ratgeber. Vielleicht nutzte Solomon auch nur die Gunst eines gl�cklichen Zufalls. F�r alles andere gab es keine Beweise. Sollte der Priester sich ein letztes Mal an der Macht �ber die Menschen erg�tzen, die ihm die Gro�e G�ttin geschenkt hatte. Es war auch besser, wenn die Drusnierin nicht mehr im Tempel war, wenn er mit ihm abrechnete. Sonst w�rde man am Ende noch ihr den Mord anh�ngen. Oder schlimmer noch, sie w�rde versuchen, ihn abzuhalten, und er m�sste auch sie t�ten.</p><p>Rastlos ging er am Anbau auf und ab. Das Keuchen wollte kein Ende nehmen. Schlie�lich trat er durch eine schmale T�r an der Seite des Tempels in das Allerheiligste. Hier war ein mannsgro�er gr�ner Kristall aus dem Boden gewachsen. In den letzten sieben Jahren war Ilmari nicht oft in den Tempel gekommen. Er hatte Serin und Talam nach der Geburt segnen lassen, wie es �blich war. Nicht aus �berzeugung, sondern um Gerede zu verhindern. Erst als Serin erkrankte, war er regelm��ig zum Gebet hierhergekommen. Damals war der Kristall kaum einen halben Schritt hoch und nur so dick wie ein M�nnerarm gewesen.</p><p>Ilmari hielt respektvoll Abstand von dem Stein, in dessen Tiefe ein unstetes gr�nes Licht glomm. Die Priester behaupteten, gleich dem Kristall wachse die Macht der Gro�en G�ttin. Aber sollte die G�ttin dann nicht daf�r sorgen, dass ihre treuen Anh�nger in den H�hlenst�dten nicht starben wie die Fliegen?</p><p>Rechts neben dem Kristall gab es eine T�r zum Anbau. Es war den Gl�ubigen verboten, ohne Einladung durch die Priester den Teil der Tempelanlage zu betreten, der dahinter lag: die Archive, Vorratsr�ume und die privaten Gem�cher der Priesterschaft. Ilmari gab nun einen Dreck auf solche Verbote. Er dr�ckte gegen die gr�n gestrichene T�r. Sie war unverschlossen. Ein winziger Lichtfunke glomm in dem angrenzenden Raum. Eine �llampe stand in einer Wandnische gleich neben dem Eingang. Behutsam schob Ilmari den Docht der Lampe hoch und wartete, bis die Flamme wuchs. Die Kammer, in der er sich befand, war lang und schmal. Unz�hlige Tonkr�ge standen entlang der Wand zu seiner Linken.</p><p>Er kniete nieder und blickte durch die �ffnung des vordersten Kruges. Darin lagen Tonscherben. Er nahm eine heraus. Sie war leicht gew�lbt. Eine Seite dunkel glasiert, die andere Seite rau und von rotbrauner Farbe. Auch die Glasur f�hlte sich eigent�mlich rau an. <emphasis>MARA</emphasis> war in deutlichen Buchstaben eingekerbt.</p><p>Bedr�ckt sah der Totentr�ger die lange Reihe der Kr�ge an. Dies also war das Archiv der entt�uschten Hoffnungen. Er erhob sich und ging bis ganz zum Ende der Reihe. Dort erkannte er den Krug vom Nachmittag. Er griff hinein und holte die oberste Scherbe hervor. <emphasis>MIKAEL</emphasis> stand darauf. Gedankenverloren rieb er sie zwischen den Fingern. Siebzehn Mal war er auf den Platz der Scherben gekommen. Nie hatte er Gl�ck gehabt.</p><p>Ilmari griff erneut in den Krug. Er zog Dutzende Scherben heraus, bis er jene fand, auf der <emphasis>UMME</emphasis> stand. Es h�tte nicht mehr geholfen, selbst wenn ihr Name gezogen worden w�re, dachte er traurig. Oder doch? War die Entt�uschung, wieder einmal verloren zu haben, wie ein Windzug gewesen, der ihr Lebenslicht ausgeblasen hatte?</p><p>Z�rtlich streichelte er die Scherbe. Ihm traten Tr�nen in die Augen. Was f�r ein sentimentaler Dummkopf er doch war. Er stutzte�� Etwas stimmte bei der Scherbe nicht. Verwundert sah er sie an. Sie war wie alle anderen, leicht gew�lbt, auf einer Seite dunkel glasiert, auf der anderen Seite rotbraun. Und doch war etwas anders. Er nahm erneut die Scherbe, auf der <emphasis>MIKAEL</emphasis> stand. Er hielt sie in der Rechten, in der Linken die Scherbe von Umme. Er rieb mit Daumen und Zeigefinger �ber die Oberfl�chen. Die Glasur! Auf der Scherbe des Siegers war sie rau. Auf der von Umme glatt.</p><p>Er nahm andere Scherben aus dem Krug in die Hand. Alle hatten eine glatte Glasur.</p><p>Misstrauisch widmete er sich dem n�chsten Krug. Auch hier lag die Scherbe mit dem Namen des Siegers zuoberst. Ihre Glasur war rau. Alle anderen Scherben aus dem Krug waren auf der Innenseite glatt.</p><p>Er ging zum dritten Krug. Dann zum n�chsten und immer weiter. Es war �berall dasselbe. Alle Scherben sahen gleich aus, aber rieb man sie zwischen den Fingern, gab es einen deutlich sp�rbaren Unterschied.</p><p>Ilmari verglich die Scherben der Gewinner miteinander. Die Schrift war auf allen �hnlich. Klar geschnittene Buchstaben von schriftkundiger Hand. Wie hatte Solomon seinen Betrug eingef�delt? Schrieb er die Namen auf die Scherben und schmuggelte sie heimlich in den Tonkrug, wenn er oben auf der Kanzel die Lose zog? So oder �hnlich musste es geschehen sein. Und bei dem Spektakel, bei dem angeblich die Gro�e G�ttin seine Hand f�hrte, tastete er so lange �ber die Scherben, bis er die mit der rauen Glasur fand.</p><p>Kalte Wut packte Ilmari. Siebzehn Mal war er in treuem Glauben auf den Platz der Scherben gekommen. Seine ganze Familie war dabei voller Hoffnungen gewesen. Nun waren sie alle tot. Nie hatte auch nur die geringste Aussicht bestanden, dass einer ihrer Namen gezogen wurde. Solomon hatte sie ermordet! Er hatte ihnen den Schicksalsentscheid verweigert, f�r Liebesn�chte wie jene, die er gerade gefeiert hatte, und andere Gef�lligkeiten.</p><p>Ilmari atmete ruhig ein und aus. Seine Wut beherrschte nicht sein Denken. Sorgf�ltig legte er alle Scherben zur�ck in die Kr�ge. Dann drehte er den Docht der �llampe zur�ck, bis nur ein kleiner, schwach glimmender Funke blieb. Leise verlie� er das Archiv und den Tempel. Beh�nde kletterte er �ber die Mauer des Tempelgartens und ging an der dunklen Stadt vorbei in Richtung des Hauses der Toten. Dort hielt er aber nicht an. Es gab hier nichts mehr f�r ihn. Alles, was er jetzt noch wollte, war ein echtes Gottesurteil. Wer immer an diesem Ort �ber ihn wachte, sollte entscheiden. Sei es nun die Gro�e G�ttin oder I�ta.</p><p>Er folgte dem Schwarzg�rtel bis zum Abgrund und stieg auf den Felsdorn, der �ber den Wei�en Schlund ragte. Entschlossen blickte er in die tosenden Fluten. Hier begann das Reich der Toten. Und wie ein Toter f�hlte er sich auch. Sein Hass war auf dem Weg hierher erloschen. Es war nicht einmal mehr Trauer um seine Familie geblieben. Nur ein einziger Gedanke: Solomon die Kehle durchzuschneiden war nicht genug.</p><p>Wenn er nach Tiefwasser zur�ckkehrte, dann als Hauptmann im Heer des Unsterblichen Aaron. Er w�rde Solomon aus seinem Tempel zerren, bis hinab zum Platz der Scherben. Und dann w�rde er sich einige der Scherben mit der rauen Glasur nehmen. Er w�rde dem L�genmaul damit Zunge und Lippen abschneiden, er w�rde ihm die Augen langsam aus den H�hlen hebeln. Er w�rde einen sehr langen Tod haben, und alle in Tiefwasser w�rden dabei zusehen. Und er w�rde ihnen sagen, auf welche Art sie der Erste H�ter des Lichts all die Jahre betrogen hatte.</p><p>Ja, sollten die G�tter entscheiden! Wenn die Macht Nangogs so gro� war, wie ihre Anbeter glaubten, dann w�rde er auf den Felsen zerschmettert werden oder irgendwo unten in der sch�umenden Gischt ertrinken. Ihm war es gleich. Dann w�re er zumindest dort, wo seine Familie war.</p><p>Wenn er aber �berlebte und einen Weg durch den Dschungel fand, dann w�rde er vor den Unsterblichen Aaron treten, der ihn vor sieben Jahren ausgesandt hatte, um den verborgenen Unterschlupf von Tarkon Eisenzunge zu finden. Er kannte die verborgenen St�dte wie kein Zweiter. Fast jedes Haus hatte er als Totentr�ger betreten. Er wusste um die Pfade zwischen den St�dten. Er wusste, wo die �ffnungen in den H�hlendecken lagen, die aus der H�he betrachtet unter Baumwipfeln verborgen blieben. Er hatte sich sogar in Mu�estunden �berlegt, wie die St�dte am besten anzugreifen waren. Umme und die Kinder waren es gewesen, die ihn bisher vom Verrat an Tarkon abgehalten hatten.</p><p>Ilmari trat an das �u�erste Ende des Felsvorsprungs. Dorthin, wo er sonst stand, wenn er die Toten ihrem nassen Grab anvertraute. Tief atmete er ein. Dann sprang er, ohne zu z�gern. Er schloss die Augen, und seine liebste Erinnerung erf�llte ihn. Er sah Umme, Talam und Serin, wie sie mit Regenbogenfarben bemalt f�r ihn tanzten, als er nach langer Reise zu ihnen heimgekehrt war.</p></section><section><title><p>Unvergessen</p></title><p>Voller Unbehagen hielt Nyr den Kopf gesenkt, als sie in den Amethystsaal der Ehernen Hallen einzogen. Ihm war unbegreiflich, warum die Himmelsschlangen entschieden hatten, die �berlebenden Zwerge hierher zu bringen. Sie sollten sich von den Schrecken des Nichts und dem Angriff der Devanthar erholen. Doch die Stimmung unter den einziehenden Truppen war gedr�ckt. Die Himmelsschlangen hatten die Devanthar zwar besiegt, und Hornbori galt als gr��ter Held Albenmarks, der Einzige, der je eine Devanthar erschlagen hatte, doch niemand hier f�hlte sich als ein Sieger.</p><p>Viele Zwerge vermochten nur gest�tzt auf Kameraden zu gehen. Andere hatte der Sturz ins Nichts den Verstand gekostet. Sie fingen zuweilen ohne Grund an zu kichern oder zu schreien, als w�rde ihnen ein Speer in den Leib gerammt.</p><p>Nyr ging neben Galar. Der Schmied lag auf einem gro�en Elfenschild, der ihnen als Trage diente. Der Schild ruhte auf drei Speeren, die von sechs Zwergen getragen wurden. Es stand schlecht um seinen Freund. Sich einem Devanthar in den Weg zu stellen war die mit Abstand d�mmste Idee in einem Leben gewesen, in dem an unvern�nftigen Entscheidungen kein Mangel geherrscht hatte.</p><p>Aus den Augenwinkeln sah Nyr zu den Zwergen, die gekommen waren, sie zu begr��en. Er hatte das Gef�hl, angegafft zu werden. Und nicht dazuzugeh�ren. Sie waren wie wilde Tiere, die zur Schau gestellt wurden. Wieder lie� er den Kopf sinken. Er durfte kein unn�tiges Risiko eingehen! Deshalb hatte er Galar auch die Decke, die ihn w�rmen sollte, halb �bers Gesicht gezogen. Sie beide waren von Eikin, dem Alten in der Tiefe, zum Tode verurteilt worden. Nicht �ffentlich. Es h�tte eine heimliche Hinrichtung werden sollen, der sie vor sieben Jahren nur knapp entronnen waren. Doch Nyr war �berzeugt, dass Eikin sie nicht vergessen hatte. Sie durften keinem seiner Vertrauten auffallen!</p><p>Irgendein W�rdentr�ger stand weit vorne in der Halle auf einer Trib�ne und hielt eine Rede, von der Nyr nur vereinzelte Worte verstand. Der �bliche Unsinn �ber Heldenmut und glorreiche Siege, den nur jene M�nner von sich gaben, die nie in einer Schlacht in vorderster Reihe gestanden hatten. Nyr war stolz auf seine Siege in den vergangenen Jahren, so war es nicht. Aber er w�rde niemals auf solche Art davon sprechen. Vor allem nicht dar�ber, dass er es gewesen war, der die Frau mit dem Schlangenhaar get�tet hatte. Eine Devanthar! Sollte Hornbori nur diesen Ruhm ernten. Sein glorreicher Gef�hrte w�rde mehr Nutzen aus dieser Heldentat ziehen, als er es k�nnte. Und das w�rde ihnen letzten Endes allen zugutekommen.</p><p>Nyrs Blick wanderte zu den W�nden der weiten H�hle, die ganz und gar mit Amethysten bedeckt waren. Das Licht der Fackeln und Feuerschalen brach sich in den lilafarbenen Kristallen. Doch da war noch ein anderes Licht. Eines, das den Edelsteinen selbst innezuwohnen schien. Es lief in Wellen �ber die W�nde und hatte etwas an sich, das Nyr schwindelig werden lie�.</p><p>Pl�tzliche Hochrufe und beif�lliges Murmeln in den Reihen der Zwerge deuteten an, dass die Rede beendet war.</p><p>�Diesen Klugschei�er w�rde ich gerne mal auf eine Reise in die <emphasis>Wilde Sau</emphasis> mitnehmen�, grummelte Ulur. �Nach drei Tagen an der Kurbelwelle h�tte der �nen anderen Blick auf Helden. Ich hoffe, sie fangen jetzt bald mit dem Fressen und Saufen an. Was Worte angeht, bin ich satt f�r heute.�</p><p>Ulur sollte entt�uscht werden. Schon betrat der n�chste Festredner die B�hne. Und an dessen Seite stand nun auch Hornbori. War ja klar, dass ihr Held und Wortedrechsler sich eine solche Gelegenheit nicht entgehen lie�. Auf solchen Festen war Hornbori in seinem Element. Doch zuerst sprach der Zwerg an Hornboris Seite. Ein alter Kerl, dessen kr�chzende Stimme kaum zu verstehen war.</p><p>In die Reihen vor ihnen kam Bewegung. Wachen in schimmernden Kettenhemden schoben sich zwischen die Heimkehrer. Welch Unterschied doch zwischen diesen schmucken Vorzeigekriegern und richtigen K�mpfern bestand.</p><p>Sie winkten die Verwundeten durch einen Seitengang aus der Halle.</p><p>�D�rfen wir euch eure Last abnehmen?�, fragte ein junger Zwerg mit blondem Bart und rosigen Wangen und deutete auf Galar. Ihn begleiteten noch f�nf andere Wachen.</p><p>�Heh, was bildest du dir ein, Puderdosenfresse!�, fuhr Ulur den Wachmann an. �Da liegt ein Held. Wie kannst du es wagen, ihn eine Last zu nennen!�</p><p>�Ist schon gut�, beschwichtigte Nyr. Das Letzte, was er und Galar gebrauchen konnten, war Aufmerksamkeit.</p><p>�Entschuldigt meine unbedachte Wortwahl�, sagte der junge Zwerg zerknirscht. �Ich bin hier, um die Helden in unsere Krankenkammern bringen zu lassen. Ich glaube, sie brauchen gute Betten und die kundige Hilfe von Heilern, die ihre Schmerzen lindern, mehr als lobende Worte.�</p><p>�Das h�rt sich schon besser an!� Ulur ma� den jungen Krieger mit abf�lligen Blicken. �Ich hoffe doch, ihr habt da auch ein paar ansehnliche Gehilfinnen an der Seite eurer Heiler. Ein L�cheln und ein paar h�bsche Augen wirken gr��ere Wunder als irgendwelche Salben und �belriechenden S�fte.�</p><p>�In den Ehernen Hallen ist f�r Helden das Beste stets gerade gut genug�, erkl�rte der Jungzwerg beflissen. �Im �brigen m�chte der edle Eikin nicht, dass ihr das Festessen vers�umt, weil ihr pflichtschuldig eure Verwundeten in die Krankenkammern tragt.�</p><p>Ulur sah Nyr unschl�ssig an.</p><p>Kein Aufsehen, dachte der Richtsch�tze. Wenn sie jetzt ein vern�nftiges Angebot ablehnten, w�rde dies Verdacht erwecken. �In Ordnung. Geht ihr zum Essen, ich allein k�mmere mich um Galar.� Er rang sich ein L�cheln ab. �Und vielleicht k�mmere ich mich auch um eine der h�bschen Gehilfinnen der Heiler.�</p><p>Ulur lachte. �Gut, tu das. Mich finden die H�bschen immer erst nett, wenn sie ein paar Kr�ge Pilz intus haben.�</p><p>Die Wachen �bernahmen die improvisierte Trage, auf der Galar lag. Der Schmied war nicht bei Bewusstsein. Kalter Schwei� stand ihm auf der Stirn.</p><p>Eilig folgten sie den anderen Tr�gern und Verwundeten, deren Zug sich durch lange, verlassene Tunnel bewegte. Offenbar hatte sich alles, was Beine hatte, in der Amethysthalle versammelt, um die Heimkehrer zu begr��en, obwohl auch eine Himmelsschlange zugegen war. Der Goldene hatte sie in Gestalt eines Elfenkriegers begleitet. Eine weitere schlechte Idee, wie Nyr fand. Drachen, ganz gleich welche, waren unter den Zwergenv�lkern nicht sonderlich beliebt. Viele w�rden in diesem Besuch eine Provokation sehen. Er hatte auf einem Zwergenfest nichts verloren. Es sei denn, er war dort, um ihnen die Stimmung zu verderben.</p><p>Langsam l�ste sich der Verwundetenzug vor ihnen auf. Die meisten Tragen waren in Seitentunnel gebracht worden. Nun �berholten sie nur noch hin und wieder ein paar hinkende Zwerge, die, auf ihre Gef�hrten gest�tzt, nur langsam vorankamen. Nyr dachte an Frar. Wie der Junge jetzt wohl aussah? Er musste gro� geworden sein. Ob Amalaswintha gut auf ihn achtgegeben hatte? Frar nach mehr als sieben Jahren des K�mpfens endlich wiederzusehen war das einzig Gute, was die Ehernen Hallen ihm zu bieten hatten.</p><p>Wie so oft rief er all die Erinnerungen an den Kleinen wach. Wie sie ihn mit Drachenblut ges�ugt hatten, weil sie nichts anderes hatten. Wie der Kleine sie in Glamirs Turm in die Verbannung begleitet hatte. Nyr war sich ziemlich sicher, dass er ein lausiger Ersatz f�r die tote Mutter des Jungen gewesen war, aber nach einer Weile hatte Frar ihn stets mit einem L�cheln empfangen. Dieses L�cheln hatte er vermisst. Es war so rein, so unverf�lscht und ohne Hintergedanken.</p><p>Als Nyr, der mit gesenktem Haupt hinter den anderen hergetrottet war, aufblickte, sah er, dass der Blonde seinen Kriegern ein Zeichen gab, woraufhin diese in einen ungew�hnlich engen Seitentunnel abbogen. Die wenigen, die von der Kolonne noch �brig geblieben waren, nahmen keine Notiz davon und folgten weiter dem Hauptgang.</p><p>�Wohin bringst du uns?�, fragte Nyr nerv�s.</p><p>�An einen ganz besonderen Ort. Wir sind schon fast angekommen.�</p><p>Vor ihnen �ffnete sich eine schwere, mit Eisenb�ndern beschlagene Eichent�r. Bevor Nyr reagieren konnte, war die Trage mit Galar bereits durch die T�r. Der blonde Zwerg hielt sich nun dicht hinter ihm, in der Hand ein Kurzschwert.</p><p>�Wirst du so freundlich sein, mir zu erlauben, Gewalt anzuwenden?�</p><p>�Was soll das? Dieser Zwerg ist ein Held���</p><p>Der Blonde setzte ihm die Schwertspitze auf den Schuppenpanzer und dr�ckte leicht zu. �Los, rein mit dir! Ich wei�, was dieser Zwerg ist. Es ist Galar der Schmied, und er hat ein Mordkomplott gegen meinen Gro�vater geschmiedet. Glaubst du, Eikin w�rde nicht darauf achten, wer seinen Berg betritt? Habt ihr beiden Dummk�pfe wirklich gedacht, ihr k�nntet euch hier einschleichen, um es noch einmal zu versuchen?�</p><p>�Sieht Galar vielleicht so aus, als w�rde er k�mpfen k�nnen?�</p><p>Statt darauf zu antworten, befahl der Blonde seinen M�nnern barsch: �Absetzen!� Augenblicklich krachte der Schild, auf dem Galar lag, auf den Boden. Die Krieger hatten ihn einfach fallen lassen.</p><p>�Du und dein Freund, ihr seid hier unvergessen, Nyr. Ihr m�gt mehr als sieben Jahre davongelaufen sein, aber das Urteil, das mein Gro�vater �ber euch Hochverr�ter gef�llt hat, wurde niemals aufgehoben. Diesmal werdet ihr nicht lange auf eure Hinrichtung warten m�ssen.� Er bedachte Galar mit seinem abf�lligen Blick. �Er soll schlie�lich noch leben, wenn er den Kopf auf den Richtblock legt.�</p></section><section><title><p>Auf jene, die heute an dieser Tafel fehlen</p></title><p>Nie zuvor war sich Hornbori auf einem Festgelage so deplatziert vorgekommen. Seine M�nner f�hlten sich nicht wie Sieger, und ihnen stand nicht der Sinn nach einem Fest mit Fremden. Ihnen allen war bewusst, dass es der Drachen bedurft hatte, sie zu retten. Ausgerechnet der Drachen! Und nun sa� auch noch einer dieser Drachen am Ehrenplatz der Festtafel zur Rechten von Eikin. Ganz gewiss h�tte der Goldene Zwergengestalt annehmen k�nnen, wenn er es nur gewollt h�tte. Aber er war ihnen als ein blonder Elf erschienen, der in Licht zu baden schien. Eigentlich hasste Hornbori alle Himmelsschlangen aus tiefstem Herzen. Aber wann immer er dem Goldenen begegnete, verga� er dies r�tselhafterweise und war ganz und gar von der Erscheinung des Drachen eingenommen, gleich welche Gestalt er annahm. Heute war er ganz in Wei� gewandet, so wie die ber�chtigten Drachenelfen. Jene M�rder, die die Schmutzarbeit in der Tiefen Stadt erledigt und all jene umgebracht hatten, die vom Drachenfeuer verschont geblieben waren.</p><p>Au�erdem sa� der Goldene nicht neben ihm. Hornbori hatte sich mit dem Platz zur Linken von Eikin begn�gen m�ssen. Und weder der Alte aus der Tiefe noch der Drache hatten auf dem Fest auch nur ein einziges Wort mit ihm gesprochen.</p><p>Voller Missfallen sah er, wie es am Ende der Halle schon wieder eine Schl�gerei gab. Es war bereits die dritte an diesem Abend. Kein Wunder, seine M�nner wollten nicht hier sein, und Eikins M�nner hatten ganz offensichtlich auch keine Lust, sie als G�ste zu bewirten.</p><p>�Du f�ngst an, grau zu werden.�</p><p>Hornbori seufzte. Das hatte ihm an diesem wunderbaren Abend noch gefehlt! Zu seiner Linken sa� Amalaswintha. Sie war immer noch sch�n, und in ihrem rabenschwarzen Haar zeigte sich keine einzige graue Str�hne.</p><p>�Es war nicht immer leicht���, sagte Hornbori matt.</p><p>�Ich habe von dir geh�rt. Es gibt viele Geschichten �ber dich. Du bist einer der gro�en Feldherren Albenmarks, und man raunt, dass die Menschenkinder demjenigen dein Gewicht in Rubinen zahlen werden, der ihnen deine Leiche bringt.�</p><p>�Ich hoffe mal, dass sich dieses Ger�cht nicht unter meinen M�nnern herumgesprochen hat. Mir w�rden zwei- bis dreihundert einfallen, die bei so einem Angebot schwach werden k�nnten.�</p><p>Amalaswintha lachte. �Du hast dich ver�ndert.� Als sie nach ihrer Gabel griff, ber�hrte sie wie zuf�llig seine Hand.</p><p>Hornbori schloss die Augen. Die Zwergin hatte nichts von ihrem Zauber verloren. Aber auch er hatte Ger�chte geh�rt. Sie war die Geliebte Eikins, so hie� es. Und mit dem Alten aus der Tiefe wollte er es sich nicht verderben. Er war der einflussreichste unter den Herrschern der Zwergenst�dte.</p><p>�Wie geht es Frar? Nyr vermisst ihn. Und ich glaube sogar, unser stinkender und �bellauniger Schmied w�rde ihn gerne mal wiedersehen.�</p><p>�Das ist keine gute Idee�, zischte Amalaswintha. �Frar hat euch ganz und gar vergessen. Ihr seid mehr als sieben Jahre fort gewesen. Was denkt ihr? Dass ihr einfach mal vorbeischauen k�nnt, um das Herz von ihm in Aufruhr zu versetzen. Es ist besser, wenn er sich nicht mehr an euch erinnert.�</p><p>�Aber���</p><p>�Kein Aber! Der Junge hat es schwer genug. Das Letzte, was er braucht, ist, die drei T�lpel wiederzusehen, die ihm das angetan haben.�</p><p>Hornbori stocherte ver�rgert in der Wildschweinkeule, die ihm aufgetischt war. �Was haben wir ihm angetan? Ihm das Leben gerettet? Was f�r ein Verbrechen!�</p><p>�Das Blut!� Amalaswintha sprach so leise, dass au�er ihm niemand h�ren konnte, was sie gesagt hatte.</p><p>�Wie��?�</p><p>Sie stand auf und verneigte sich vor Eikin und dem Goldenen. �Bitte vergebt mir, meine Herren, mich hat eine leichte �belkeit befallen, und ich werde mich nun zur�ckziehen.�</p><p>Eikin wedelte g�nnerisch mit der Hand. �Geh nur, meine Liebe.�</p><p>�Mit Euch verl�sst die Sch�nheit diesen Saal�, sagte der Goldene mit einem L�cheln, das seine Wirkung bei Amalaswintha sichtlich nicht verfehlte.</p><p>�Mich d�nkt, ich habe nicht Euer Format, Unsterblicher�, sagte die Zwergin vieldeutig und beeilte sich, die Tafel zu verlassen.</p><p>Ein unangenehmes Schweigen senkte sich �ber die Ehreng�ste.</p><p>Es gab nichts, was schlimmer war als Schweigen. Verzweifelt suchte Hornbori nach einem Thema. Gerne h�tte er Eikin nach Galar und Nyr gefragt. Dass der Schmied nicht unter den G�sten war, war nicht weiter verwunderlich. Ihn hatte es schlimm erwischt. Aber dass Nyr auch fehlte, lie� �bles ahnen. Hornbori wusste nur zu gut, wie Eikin zu den beiden stand.</p><p>Pl�tzlich erhob sich der Goldene, nahm einen Pokal in die Hand und schlug mit seinem Messer dagegen. Ein Ton rollte durch den weiten Amethystsaal, als w�re ein gro�er Gong angeschlagen worden. Schlagartig verstummten alle Gespr�che. Selbst die Raufbolde hielten inne. Alle sahen zur Festtafel.</p><p>�Liebe Freunde���</p><p>Es lag etwas in der Stimme des G�tterdrachen, das ihn vom ersten Wort an in dessen Bann zog. Hornbori w�nschte sich, er k�nne einen solchen Zauber weben, wenn er sprach. Wie leicht w�rde es dann sein, sich einen der Zwergenthrone zu erobern.</p><p>�Ich bin an diesem Abend an eure Festtafel gekommen, um die Helden unter euch zu ehren. Wie kein anderes Volk Albenmarks haben sich die Zwerge in Nangog als unnachgiebige, tapfere K�mpfer ausgezeichnet.� Er hob den Pokal. �Auf jene, die heute an dieser Tafel fehlen.�</p><p>Hornbori sp�rte, wie der Zauberbann des Drachen die Halle durchdrang. Niemand vermochte sich der Macht seiner Worte zu entziehen. Alle standen sie auf und hoben ihre Trinkh�rner, Becher und Pokale. Und aus Hunderten Kehlen erklang der Trinkspruch: �Auf jene, die heute an dieser Tafel fehlen.�</p><p>�In f�nf Tagen werden all meine Br�der hierher in die Ehernen Hallen kommen, und es werden die F�rsten aller Zwergenst�dte mit uns zu Rate sitzen, um �ber die Zukunft des Krieges in Nangog zu beraten. Ich will es nicht sch�nreden. Unsere Feinde haben uns in eine Falle gelockt, und sie haben uns schwer zugesetzt. Einer meiner Br�der z�hlt zu jenen, die wir zu beklagen haben. Ich werde euch nun verlassen und um den Fr�hlingsbringer trauern. In f�nf Tagen jedoch werden Himmelsschlangen und Zwerge einen Plan schmieden, wie wir unseren Feinden ihre Heimt�cke vergelten.�</p><p>Hornbori h�rte Eikin neben sich scharf einatmen. Er hatte ganz den Eindruck, als h�rte der Alte aus der Tiefe gerade zum ersten Mal von diesem Vorhaben. Das konnte nichts Gutes hei�en!</p></section><section><title><p>Eisennaht</p></title><p>Galars Verb�nde waren durchgeblutet. Seine Wunde musste wieder aufgebrochen sein, als sie ihn samt Schild auf den Boden der Kerkerzelle hatten fallen lassen. Diese verdammten Schweine. Wie konnten Zwerge anderen Zwergen so etwas antun?</p><p>�M�ge dich Che in die Finger kriegen, wenn er einen besonders schlechten Tag hat�, murmelte Nyr w�tend und hilflos. Was konnte er tun? Er hatte gegen die T�r getrommelt, bis seine F�uste wund geschlagen waren. Aber hier am Ende des einsamen Seitentunnels w�rde ihn niemand h�ren. Offensichtlich hatten sie auch keine Wache vor der T�r zur�ckgelassen.</p><p>Galars Atem ging immer schw�cher. Er brauchte einen Heiler, und zwar sofort! Die Wunde w�rde sich nicht von alleine schlie�en. Nyr hatte zugesehen, als sie notd�rftig vern�ht worden war. Der L�wenh�uptige hatte Galar aufgespie�t.</p><p>Tr�nen der Wut standen Nyr in den Augen. Sie hatten so gro�e Tr�ume gehabt. Sie hatten Waffen erschaffen, die selbst Himmelsschlangen zu t�ten vermochten. Sie k�nnten die Herrschaft der Tyrannen brechen. Das alles durfte doch nicht hier im schmutzigen Kerker eines kleingeistigen Zwergenf�rsten enden.</p><p>Verzweifelt sah er sich um. Die W�nde des Kerkers waren aus gewachsenem Fels. Ohne schweres Grabwerkzeug w�rde er nichts ausrichten. Er br�uchte eine Spitzhacke oder zumindest Hammer und Stemmeisen. Und die T�r war solide, wie er schon hatte feststellen m�ssen. Es w�rde kein Entkommen geben.</p><p>Nyr fluchte laut und trat gegen den Eimer f�r die Notdurft. Au�er dem Schei�k�bel und Stroh, das aussah, als w�rde es hier schon seit Jahrzehnten liegen, gab es hier nichts. Die Speere, auf denen der Elfenschild gelegen hatte, hatten die Wachen nat�rlich mitgenommen.</p><p>Blut tropfte von dem Schild und benetzte das Stroh. Er konnte doch nicht einfach zusehen, wie Galar starb! Vielleicht war nur eine einzelne Naht aufgeplatzt? Vielleicht k�nnte er die Wunde mit seinen H�nden zudr�cken, sodass die Blutung aufh�rte? Er w�rde tagelang neben seinem Freund sitzen, wenn es half��</p><p>Unschl�ssig kauerte er sich neben ihm nieder. Galars zerfetztes Kettenhemd lag zu seinen F��en. Sein Wams war aufgeschnitten worden und nur notd�rftig mit einer groben Schnur geschlossen. Nyr kn�pfte die Knoten auf. Zog das gepolsterte Wams auseinander und starrte auf den blutgetr�nkten Verband. Vorsichtig, mit spitzen Fingern schob er die Stoffbahnen auseinander.</p><p>Vier parallele Schnitte f�hrten von der rechten H�lfte des Rippenbogens aufw�rts und endeten dicht unter dem linken Schl�sselbein. Dort hatten sich die Krallen des L�wenmannes tief in Galars Fleisch gegraben. Eine Handbreit tiefer und sie h�tten das Herz seines Freundes zerfetzt, aber die Krallen waren an den Rippen abgeglitten. Die Wunden reichten bis auf die Knochen. Und drei der vier N�hte waren zerrissen. Er hatte nicht genug H�nde, um sie alle zu schlie�en.</p><p>�Was soll ich tun, mein Freund?�</p><p>Nat�rlich antwortete Galar nicht. Sein Atem ging so flach, dass er nicht zu h�ren war. So viele N�chte hatte er sich �ber das ma�lose Schnarchen seines Gef�hrten ge�rgert. Jetzt w�nschte er sich, ihn w�rde noch einmal dieses kr�ftige, kehlige R�hren qu�len.</p><p>�Das ist nicht dein Abgang, verdammt! Hilf mir! Was kann ich tun?�</p><p>Leise tropfte das Blut vom Schild auf den Kerkerboden.</p><p>�Du l�sst ihnen nicht die Genugtuung, deinen Kopf auf einen Richtklotz zu legen, nicht wahr? Du gehst vorher���</p><p>Nyrs Blick streifte das geschw�rzte Kettenhemd. Es war dicht gewoben, doch der Kraft eines Gottes hatte es nicht widerstehen k�nnen. Er beugte sich vor, betrachtete die zerfetzten Ringe. Die Ringe�� Er las einige, die sich aus dem Verbund gel�st hatten, vom Schild auf. Dann blickte er auf die Wunden. Die Ringe! Sie konnten Galar retten. Er w�rde sie aufbiegen, auf die Wundr�nder setzen und sie wieder zusammendr�cken. Galar w�rde eine Naht aus Eisen bekommen.</p><p>Zwei seiner N�gel splitterten, als er die ersten zehn Ringe jeweils ein kleines St�ck aufbog. Dann dr�ckte er mit den Fingern einen der Schnitte zusammen und setzte den ersten Ring an. Zwei Mal glitt der Ring ab, wollte einfach nicht halten. Erst als er den Mut fand, die offenen Enden durch das hochgew�lbte Fleisch zu bohren, blieb der Ring an seinem Platz.</p><p>Bald waren die ersten zehn Ringe aufgebraucht, und er hatte gerade einmal ein fingerlanges St�ck zugeklammert. Doch dort sickerte kein Blut mehr aus der Wunde.</p><p>�H�r jetzt blo� nicht auf zu k�mpfen�, murmelte Nyr und las die n�chsten Ringe vom Schild.</p></section><section><title><p>Das Opfermahl</p></title><p>�Was machst du da?�</p><p>Langarm duckte sich aus dem aufgebrochenen Brustkorb hervor und sah zum Gefiederten auf. Sein Bruder bot einen �blen Anblick. Da w�hlte er doch lieber im Drachenfleisch! Das Gesicht war noch immer zerfetzt. Zwei kugelrunde Augen lagen in den H�hlen, die keine Lider mehr hatten. Die Augen hatte er als Erstes nachwachsen lassen. Langarm wunderte sich, wie langsam der Gefiederte es anging. Man konnte meinen, er wolle zelebrieren, was er getan hatte.</p><p>�Was machst du da?�, wiederholte sein Bruder seine Frage.</p><p>�Was glaubst du wohl, wozu die Stahlb�gen dort vorne gut sind. Ich ziehe dem Biest ein paar zus�tzliche Rippen ein. So bleibt sein Fleisch sch�n straff.�</p><p>Der Gefiederte nickte.</p><p>Er sah wie ein gerupftes Huhn aus, schoss es Langarm durch den Kopf. Keineswegs wie der Held, als der er sich seit Tagen aufspielte. Sein Bruder hatte eine Himmelsschlange get�tet, na sch�n. Er hingegen konnte f�r sich beanspruchen, sieben w�tenden Himmelsschlangen entkommen zu sein! War das etwa nichts? Und spielte er sich vielleicht auf? Aber das w�rde er seinem Bruder nat�rlich nicht ins Gesicht sagen.</p><p>�Diese Dinger dahinten, was machen die?�</p><p>Langarm reckte den Hals. �Das sind meine kleinen Helfer.�</p><p>�F�r mich sehen die Dinger eher aus wie metallene Spinnen.�</p><p>�Auf den ersten Blick vielleicht. Hast du eine Ahnung, wie viel Arbeit in ihnen steckt? Ohne sie w�re ich aufgeschmissen. Seid ihr euch �berhaupt im Klaren, was ihr mir antut? Seit Jahren kommt ihr mit immer neuen W�nschen zu mir. Fliegende L�wen, fliegende B�ren, fliegende Ich-wei�-nicht-was. Und kaum habe ich sie gefertigt, haben die Menschenkinder sie auch schon wieder demoliert. Wenn es nach euch ginge, k�nnte ich mir das Schlafen ganz abgew�hnen���</p><p>�Du bist ein Devanthar, du musst nicht schlafen�, entgegnete der Gefiederte gereizt.</p><p>Langarm schnaubte. So waren sie, seine Br�der und Schwestern. Vollkommen humorlos! �Es macht mir eben Spa�, auf der faulen Haut zu liegen.�</p><p>�Das kannst du tun, wenn die Himmelsschlangen besiegt sind. Sie haben die Sturmruferin get�tet. Wir m�ssen���</p><p>Langarm hob abwehrend die H�nde. �Ja, ja, ich wei�. Noch mehr Waffen. Und nat�rlich noch schneller. Komm einmal mit!� Er f�hrte ihn um den Kadaver des Drachen herum. Dort waren die Spinnen, die er erschaffen hatte, damit besch�ftigt, das Haupt der toten Himmelsschlange abzutrennen. Doch nicht etwa mit einem einzigen glatten Schnitt, so wie es einer seiner Heldenbr�der getan h�tte.</p><p>�Na, was siehst du?�</p><p>�Metzelnde Spinnen.�</p><p>Langarm lachte. �So eine Antwort hatte ich erwartet. Wei�t du, dass wir Muskelstr�nge erhalten m�ssen, um sie sp�ter mit dem neuen Kopf zu verbinden? Wenn ich hier schlampig arbeite, wird dein wunderbarer Drache niemals den Kopf drehen k�nnen oder seinen Kiefer �ffnen.�</p><p>Der Gefiederte nickte beil�ufig, wirkte aber nicht mehr sonderlich interessiert. Er war genauso ein Banause wie die meisten seiner Br�der.</p><p>�Sieh ihn dir an, den Kopf!� Langarm f�hrte ihn ein St�ck weiter, nah zum aufgemauerten Ufer des k�nstlichen Sees. Dort war der H�hlenboden mit Marmorplatten ausgelegt. Auf dem Marmor lag ein gro�er goldener Drachenkopf. Mehr als drei Schritt lang und einen Schritt hoch, war er noch eindrucksvoller als das wirkliche Haupt des Drachen. �Ist er nicht wunderbar?� Etliche Metallspinnen unterschiedlicher Gr��e krabbelten �ber den Kopf. Sie justierten letzte Teile der aufwendigen Mechanik im Inneren des Kopfes und drehten die letzten st�hlernen Rei�z�hne in die goldenen Kiefer. Ein Seitenblech �ber dem linken Auge fehlte noch, sodass man ins Innere des Hauptes blicken konnte. Dort glomm ein faustgro�er gr�ner Kristall. Ein St�ck des Herzens von Nangog.</p><p>�Er wird deinen ersten Drachen noch �bertreffen.� Langarm strich liebevoll �ber die goldene Schnauze. �Er hier ist mein Meisterst�ck. Er ist besser als das Original aus Fleisch und Blut.�</p><p>�Wie lange wirst du noch ben�tigen, um fertig zu werden?�</p><p>Der G�tterschmied knurrte unwillig. �Wenn du Schrott willst, kannst du ihn schon morgen haben. Dann kannst du die Federn selbst auf den Drachenleib aufbringen. Hast du eigentlich die geringste Vorstellung davon, wie viele Arbeitsstunden darin stecken?�</p><p>Der Gefiederte deutete auf die Stufenpyramide am Ende des Blutsees. �Ich habe meinen Kindern verboten, hier hinabzusteigen. Sie sollen nicht sehen, wie die Schlangendrachen im See entstanden sind. Doch je l�nger es dauert, desto unruhiger wird die Priesterschaft. Ich kann diese H�hlen nicht unbegrenzt sperren. Morgen w�re nach dem Kalender das n�chste Opfer f�llig, und in sieben Tagen sollen neue Adlerkrieger geweiht werden. Sie haben sich Jahre auf diesen Tag vorbereitet. Dieses Fest ist unaufschiebbar!�</p><p>Langarm l�chelte in sich hinein. �Ich kenne den Kalender, Bruder. Es sind auch nur noch sieben Tage bis zum Fest der Heiligen Hochzeit in Luwien. Ein Freudentag, den ich in keinem Jahr vergesse. Manchmal ist die Vorfreude auf ein Ereignis besser als das eigentliche Ereignis. Kennst du das?�</p><p>Soweit man in den verst�mmelten Z�gen des Gefiederten �berhaupt eine Regung ablesen konnte, schienen ihm solche Gef�hle wie Vorfreude nicht vertraut zu sein. Er blickte mit seinen lidlosen, �bergro�en Aug�pfeln einfach nur finster drein. �Du musst dich beeilen, Langarm.�</p><p>�Ich tue, was ich kann.� Der Schmied kannte die Schwachstelle seines Bruders. �Wenn ich allerdings fl�chtig arbeite, k�nnte es sein, dass die F�higkeit der Regeneration darunter leidet. Aber ich werde alles Fleisch nat�rlich gut pr�parieren. Da ist es nicht n�tig, dass etwas nachw�chst.�</p><p>�Das darf nicht passieren!� Der Gefiederte wedelte aufgeregt mit den H�nden. Eine Geste, die so gar nicht zu seinem sonst so herrischen Auftreten passte.</p><p>Langarm erinnerte sich gut, wie nachdr�cklich sein Bruder vor Jahrhunderten, als er die purpurne Himmelsschlange in die Gefiederte Schlange umgearbeitet hatte, darauf bestanden hatte, dass er die besondere F�higkeit der Regeneration unbedingt erhalten m�sse.</p><p>�Warum darf das nicht passieren? Ich bin ein guter Pr�parator. Ich werde den Drachen schon hinbekommen. Wenn es sein muss, ist er morgen fertig. Arbeite ich halt noch eine Nacht���</p><p>�So geht das nicht!�, unterbrach ihn der Gefiederte entschieden. �Wenn das Fleisch seines Leibes nicht nachw�chst, hat er keinen Wert f�r mich.�</p><p>Langarm stemmte die F�uste in die H�ften. �Also, es w�rde schon helfen, wenn du mir erkl�ren k�nntest, wof�r du das tote Vieh genau brauchst. Nur dann kann ich dir garantieren, dass du auch wirklich das bekommst, was du brauchst.�</p><p>Sein Bruder trat an die gemauerte Br�stung des k�nstlichen Sees und blickte �ber das Wasser. �Du wei�t wirklich nicht, was hier unten geschieht?�</p><p>�Woher?�, fragte er �rgerlich. Sein Bruder machte seit jeher ein gro�es Geheimnis darum, was in dieser H�hle geschah. Es gab unz�hlige Ger�chte und keinerlei Gewissheiten. Wie es schien, wurden dem Schlangendrachen regelm��ig Menschenopfer dargebracht. Angeblich blonde M�nner. Mehr wusste Langarm nicht. �Wie ich schon sagte, du kannst nur dann ein wirklich perfektes Werk von mir erwarten, wenn ich wei�, welchen Zweck es erf�llen soll.� Mit diesen Worten wandte er sich wieder dem goldenen Drachenkopf zu. Er ber�hrte einige der Spinnen, die daran arbeiteten, und lie� sie, allein durch Gedanken, wissen, was sie als N�chstes tun sollten. Er hatte die Spinnen urspr�nglich als eine Spielerei entworfen. Sie hatten zu seiner Unterhaltung Kapriolen aufgef�hrt und seine Werkstatt aufger�umt. Erst mit der Zeit hatte er ihnen mehr und mehr Aufgaben anvertraut. Sie besa�en keinen Verstand und keine Erinnerung. Der kleine Splitter von Nangogs Herzen, der sich in ihrem K�rper verbarg, erlaubte ihnen stets nur, eine Art von Arbeit zu verrichten. Schneiden, etwas zusammenn�hen oder sortieren�� Doch das taten sie ohne Fehl. Heute sah er in ihnen die n�tzlichste Erfindung, die er je gemacht hatte.</p><p>�Also gut�, sagte der Gefiederte pl�tzlich hinter ihm. �Ich sage dir alles, aber du wirst es niemandem verraten. Es bleibt weiterhin ein Geheimnis.�</p><p>�berrascht drehte sich Langarm zu seinem Bruder um. �Nat�rlich. Ich schw�re dir jeden Eid. Ich werde���</p><p>�Dein Wort gen�gt mir�, unterbrach der Gefiederte ihn ungeduldig. �Du wei�t, meine Jaguarm�nner und Adlerkrieger sind anders�� Sie sind keine gew�hnlichen Menschen mehr. Sie haben einen Teil ihrer Menschlichkeit aufgegeben und erhalten daf�r F�higkeiten, die��� Er sch�ttelte den Kopf. �Das musst du nicht wissen. Wenn sie hierherkommen, um ihre Weihe zu empfangen, dann trinken sie vom Blut des Purpurnen und essen ein St�ck von seinem Fleisch. Es ver�ndert sie. Sie �bernehmen Eigenschaften der Tiere, denen sie sich verschrieben haben, und noch mehr�� Dieses Ritual ist das gr��te Geheimnis der Zapote. Au�er den Jaguarm�nnern und den Adlerkriegern wei� nur eine Handvoll auserw�hlter Priester darum. Die Krieger aber begreifen nicht wirklich, dass sie danach keine normalen Menschen mehr sind. Sie sehen sich als Auserw�hlte der Gefiederten Schlange.�</p><p>Gebannt lauschte Langarm. Das war weit interessanter, als er erwartet hatte. Sein Bruder baute also Menschen ebenso um wie er diesen Drachen hier. Er h�tte sich diese Zeremonie gerne einmal angesehen.</p><p>�Wei�t du jetzt genug?�</p><p>�Es, �h�� es w�re hilfreich, dabei einmal zuzusehen.�</p><p>�Ausgeschlossen!� Sein Bruder bedachte ihn wieder mit einem seiner finsteren lidlosen Blicke. �Diese Zeremonie ist heilig. Du hast dort nichts verloren.�</p><p>Langarm lag es auf der Zunge zu antworten, dass sie als die G�tter der Menschen entschieden, was heilig war, aber er wusste, dass sein Bruder v�llig humorlos und uneinsichtig war. So blieb er stattdessen freundlich. �Du brauchst also ein sich nie aufzehrendes Opfermahl f�r deine Lieblingskrieger.�</p><p>�Ich w�rde es nicht genauso ausdr�cken�, entgegnete der Gefiederte trocken, �aber es trifft im Wesentlichen die Tatsachen.�</p><p>Pl�tzlich wogten Wellen �ber die Oberfl�che des Sees, die bis dahin spiegelglatt gewesen war. Die Gefiederte Schlange erhob sich aus dem Wasser und blickte auf sie hinab. Der Gefiederte trat einen Schritt von der Uferbefestigung zur�ck.</p><p>�Kann sie verstanden haben, was wir besprochen haben?�, fragte er. �Das sieht ja fast aus, als h�tte sie etwas von unserem Gespr�ch mitbekommen. So hat sie fr�her nie reagiert.�</p><p>�Ausgeschlossen! Das ist ein Kopf aus Goldblech, ohne Hirn. Deine Schlange ist nicht verst�ndiger als eine gut dressierte Ratte.� Obwohl er das sagte, wich auch Langarm ein wenig zur�ck. Ganz sicher war er sich nicht. Die Himmelsschlangen waren durch und durch magische Gesch�pfe. Es w�re t�richt zu glauben, dass er all ihre Geheimnisse kannte. Vielleicht behielten sie selbst ohne Kopf noch eine vage Erinnerung daran, was sie einmal gewesen waren.</p><p>Die Kreatur, die einmal der Purpurne gewesen war, betrachtete lange den goldenen Drachenkopf nahe dem Ufer und den Kadaver der lindgr�nen Himmelsschlange. Schlie�lich glitt das Ungeheuer wieder in die Tiefen des Sees zur�ck.</p><p>�Er wei� wirklich nichts?�, wiederholte sein Bruder misstrauisch.</p><p>�Nicht das Geringste!� Langarm l�chelte breit. �Wie ich schon sagte, Blech ist nicht sonderlich vernunftbegabt. Nicht einmal Goldblech.� Insgeheim schwor er sich aber, sich mit seiner Arbeit ranzuhalten. Je schneller er aus dieser H�hle fort war, desto besser! Au�erdem brauchte er mindestens einen Tag Zeit, um seine Werkstatt auf die sch�nsten Stunden des Jahres vorzubereiten. Sein L�cheln wurde noch breiter.</p><p>�Ich brauche den Kopf des Drachen bis sp�testens morgen Mittag. Ich werde dann zusammen mit I�ta kommen, um ihn zu holen.�</p><p>Langarm blickte zu den Spinnen und den Fortschritten, die ihre Arbeit machte. �Ich denke, das wird sich einrichten lassen.�</p><p>�Du bist fertig, oder I�ta erledigt die restliche Arbeit mit dem Schwert.�</p><p>�Ich sagte dir bereits���</p><p>Der Gefiederte wies gebieterisch mit ausgestrecktem Zeigefinger auf ihn. �Du bist fertig!� Ohne sich auf weitere Diskussionen einzulassen, ging er in Richtung der Stufenpyramide davon.</p><p>Das war so typisch f�r seine Geschwister! Den Kopf mit dem Schwert abtrennen und nicht weiter dar�ber nachdenken, welche Konsequenzen das haben w�rde! Na ja, in diesem Fall fast keine. Aber das w�rde sein bornierter Bruder niemals von ihm erfahren. Schon als er am Purpurnen gearbeitet hatte, hatte Langarm sich eingestehen m�ssen, dass all seine mechanischen K�nste nichts geholfen h�tten, w�re der enthaupteten Himmelsschlange nicht die wunderbare Eigenschaft der Selbstheilung erhalten geblieben.</p><p>Als er entdeckt hatte, wie gro� diese Kraft war, war Langarm versucht gewesen, das Haupt des alten Drachen an dessen Rumpf zu legen, nur um zu sehen, was geschehen w�rde. Er war froh, dass er es nicht getan hatte. Er hatte sich schon den ganzen gestrigen Tag immer wieder mit Entsetzen angesehen, was geschah. Seine Spinnen hatten die Enthauptung deshalb immer noch nicht vollendet, weil die Muskelstr�nge, die sie durchtrennten, wieder zusammenwuchsen. Es geschah immer schneller.</p><p>Jetzt arbeiteten schon doppelt so viele Spinnen am Rumpf wie gestern und erreichten kaum einen Fortschritt. Er sollte all seine Spinnen herbeirufen oder es selbst tun. Dieser Kopf musste hier fort. Nur so konnte verhindert werden, dass die verfluchte Himmelsschlange wieder zum Leben erwachte.</p><p>Sie waren tats�chlich unsterblich, diese verdammten Biester. Ob sie selbst das wohl wussten? Wohl nicht, sonst w�rde sie nichts davon abhalten, mit aller Entschlossenheit gegen die Devanthar zu k�mpfen. Solange sie es schafften, ihre Toten zu behalten, waren sie unbesiegbar. Sie mussten alle Himmelsschlangen in einer einzigen Schlacht vernichten. Und dann daf�r sorgen, dass ihre abgetrennten H�upter nicht in derselben Welt waren wie ihre toten Leiber.</p><p>Er ging zum K�rper des Drachen und t�tschelte �ber die Schuppen. �Das werden wir diesmal noch hinbekommen, mein H�bscher, das verspreche ich dir. Der Gefiederte und I�ta werden morgen deinen Kopf mitnehmen. Komme, was da wolle. Und dann werde ich deine Gabe gegen dich kehren. Dein K�rper wird immer weiter versuchen, sich zu heilen. Er wird vollenden, was mir nie gelungen w�re. Er wird daf�r sorgen, dass du mit diesem neuen Kopf, den ich erschaffen habe, untrennbar zusammenw�chst.� Langarm blickte zu den Spinnen, die am Hals arbeiteten. �Nun ja, untrennbar ist ein relativer Begriff. Aber dank dir wird mein Gesch�pf leben und meinem Bruder zu Diensten sein.�</p><p>Ein Augenlid des Drachen begann zu flattern. F�r einen Herzschlag nur. Dann war es wieder erstarrt.</p><p>Er w�rde mehr Spinnen holen, entschied Langarm. Alle! Mit einem mulmigen Gef�hl sah er zum Blutsee. Wie weit die Selbstheilungskraft des Purpurnen gereicht hatte! Zu gerne w�rde er den goldenen Sch�del seiner Kreatur �ffnen und hineinsehen. War ihm ein neuer Verstand gewachsen? Hatte er eben zugeh�rt?</p><p>Langarm dachte eine Weile dar�ber nach und entschied dann, dass er es lieber doch nicht herausfinden wollte. Er wollte nur eins: fertig werden und verschwinden!</p></section><section><title><p>Die Toten und die Lebenden</p></title><p>I�ta setzte den riesigen Drachenkopf ab. Sie hatte ihn gemeinsam mit dem Gefiederten tragen m�ssen. Er war ebenso gewaltig wie der skelettierte Kopf an der anderen Seite des weiten Saals. Der Kopf, der ihrer Schwester Anatu f�r ihren Verrat zum Gef�ngnis geworden war.</p><p>Fast alle Devanthar hatten sich im weiten Saal versammelt. Sie hatte ihre Br�der und Schwestern gebeten, sich hier und nicht im Saal von Licht und Schatten zu versammeln. Sie wollte sie alle sehen, wollte ermessen k�nnen, was sie bewegte.</p><p>�Eine von uns gegen einen von ihnen�, sagte I�ta ruhig. �Von ihnen gibt es noch sieben. Nun seht euch um, wie zahlreich wir sind. Ich nenne das einen Sieg!�</p><p>�Ist es auch noch ein Sieg, wenn du die n�chste Tote bist?� Das Lebende Licht wurde mit jedem Wort heller. �Du verh�hnst die Sturmruferin, wenn du hier von einem Sieg sprichst.�</p><p>�Zu deiner Frage, Bruder. Da ich bei K�mpfen nicht davonzulaufen pflege, glaube ich nicht, dass ich die n�chste Tote sein werde. Und was unsere Schwester angeht: Ich verh�hne ihren Tod nur dann, wenn ich zulasse, dass sie f�r nichts gestorben ist. Und das t�te ich, wenn ich euch hier nicht zusammengerufen h�tte, um zu beraten, wie wir nach unserem Sieg weiter vorgehen werden.� Sie drehte sich zu dem Drachenhaupt um, das an der Wand lehnte. �Seht ihn euch an, wenn ihr Zweifel an unserem Sieg habt. Wir k�nnen sie �berwinden! Alles, was es dazu bedarf, ist, entschlossen zu handeln.�</p><p>�Und das Drachenhaupt zeigst du uns, weil du schon einen wunderbaren Plan hast, der h�chstens sechs oder sieben von uns das Leben kosten wird?�</p><p>Der L�wenh�uptige erntete f�r seine Worte beif�lliges Gemurmel. Auch wenn sie gegen die Himmelsschlange zusammen gek�mpft hatten, verabscheute I�ta ihn zutiefst. Er war der geborene Anf�hrer, strebte aber nicht nach Macht. Sie fiel ihm einfach zu, und er nutzte sie nicht, dieser Narr. Eines Tages w�rde sie ihn genauso verschwinden lassen wie den Ebermann.</p><p>�Ich habe in der Tat einen Plan.� Sie w�rde sich von seinem Gerede nicht aus der Ruhe bringen lassen! �Unser einziger Fehler war, dass wir bei der Schlacht im Nichts nicht einkalkuliert hatten, dass die Himmelsschlangen selbst erscheinen k�nnten. Einen solchen Irrtum werden wir nicht wieder begehen. Wir werden vorbereitet sein. Beim n�chsten Mal werden wir nicht fliehen.�</p><p>�Sollten dann nicht wenigstens alle K�mpfer anwesend sein?� Der Gro�e B�r sprach langsam und gedehnt. Er galt nicht als ein herausragender Denker, und I�ta war �berrascht, dass er �berhaupt etwas sagte. �Ich vermisse seit einiger Zeit meinen Freund, den Ebermann. Ich bin gerne mit ihm durch die verschneiten W�lder Drusnas gestreift. Er ist ein guter J�ger und Krieger. Wei�t du, wo er geblieben ist?�</p><p>Ahnte er etwas? Einen Moment lang war I�ta von der Frage so �berrascht, dass sie nicht antwortete.</p><p>�Unser Freund, der Ebermann, war immer schon daf�r bekannt, dass er gerne f�r sich blieb. Ich kann mich erinnern, ihn einmal drei Jahrzehnte nicht gesehen zu haben�, eilte ihr der Gefiederte zu Hilfe.</p><p>Einzelne Lacher erklangen.</p><p>�Mir war noch gar nicht aufgefallen, dass er fehlt�, fuhr der Gefiederte fort.</p><p>�Ebenso wie unser Bruder Langarm�, warf der L�wenh�uptige ein.</p><p>�Langarm arbeitet an etwas, das wir zur Vernichtung der Himmelsschlangen ben�tigen werden�, ergriff nun wieder I�ta das Wort und war sich des verwunderten Seitenblicks des Gefiederten wohl bewusst. Er w�rde nicht m�gen, was sie nun zu sagen hatte. Aber ihr Plan war zu verlockend, um nicht umgesetzt zu werden. Sie w�rden die Himmelsschlangen in eine Falle locken und sie so alle auf einmal vernichten.</p><p>�Ich gedenke der Lebenden und der Toten und der Schuld, die ich gegen�ber den einen wie den anderen habe. Nichts Geringeres als die Verpflichtung zu siegen ist diese Schuld. Und ich will, dass wir alle gemeinsam diesen Sieg in einer einzigen Schlacht erringen. Einer Schlacht, die an dem Ort und zu der Stunde, die wir gew�hlt haben, stattfinden soll. Um dies zu erreichen, werden wir alle Opfer bringen m�ssen. Wir werden alles, was wir von Nangogs Herz noch besitzen, f�r diesen gro�en Plan opfern m�ssen��� I�ta hielt kurz inne. Davon wusste Langarm noch nichts. Aber sie w�rde es ihm in einer Stunde beibringen, in der er zu keinem ihrer Vorschl�ge Nein sagen k�nnte. �Und das ist noch nicht alles.�</p><p>Sie sah zum Gefiederten, der sich immer noch nicht von seinen Wunden erholt hatte. Nun kam der Teil, der ihm nicht gefallen w�rde. Aber dass es so war, w�rde ihr vermutlich die Unterst�tzung fast aller anderen einbringen. Und so erkl�rte die Devanthar, auf welche Weise sie die G�tterdrachen an den Himmel Nangogs bringen w�rde.</p></section><section><title><p>Zuschauen</p></title><p>�Du konntest nichts tun, Herrin�, versuchte Ashot sie zu beschwichtigen.</p><p>Shaya blickte auf das brennende Lager hinab und auf die Mannpferde, die die gro�e Rinderherde davontrieben, um die es bei diesem �berfall gegangen war. Das Mittsommerfest stand kurz bevor. Die Trockenzeit in der Messergrassteppe hatte ihren H�hepunkt erreicht, und die wandernden Viehherden wurden zu den wenigen Wasserl�chern getrieben, die das ganze Jahr �ber nicht austrockneten.</p><p>�Ich h�tte wenigstens versuchen k�nnen, etwas zu unternehmen, statt dem Morden einfach nur zuzusehen.�</p><p>�Das sind die Lasten des Herrschens�, sagte er lakonisch. Obwohl er Shaya nun schon viele Jahre kannte, war sie ihm immer noch ein R�tsel. Er wusste nicht, warum sie sich in Asugar den Namen Shaya gegeben hatte. Als sie zum ersten Mal in Aarons Palast erschienen war und als K�chengehilfin gearbeitet hatte, hatte sie sich Kirum genannt. Als Aaron sich in sie verliebte, hatte er ihr die Verantwortung �ber die k�niglichen St�lle �bertragen. Eine Arbeit, die sie ausgezeichnet gemeistert hatte. Sp�ter, in der Eisw�ste, war sie eine Heilerin gewesen, ebenso wie in Asugar. In den letzten sieben Jahren aber war sie immer wieder als Kriegerin in die Schlacht gezogen, w�hrend Aaron sich mehr und mehr von den K�mpfen zur�ckzog.</p><p>Ashot hatte den Verdacht, dass keins der vielen Gesichter die wirkliche Shaya zeigte, wer immer sie auch sein mochte. Sie war eine m�rderische K�mpferin, ritt wilde Hengste ohne Decke und Zaumzeug und vermochte Streitwagen mitten im Schlachtget�mmel zu lenken. Sogar Bogenschie�en konnte sie so gut, dass sie sich den Respekt Ormus verdient hatte, und das gelang nicht vielen. Als Frau an der Seite des Unsterblichen war sie anfangs bei Hof unter den Satrapen und bei der Priesterschaft des Reiches auf Ablehnung gesto�en, aber die meisten ihrer Widersacher hatte sie mit den Jahren von sich �berzeugt. Einige sogar mit F�usten. Bei ihrer �berraschenden R�ckkehr war sie von etlichen noch Kirum genannt worden, doch mit den Jahren hatte sich ihr anderer Name durchgesetzt. Nun kannte alle Welt sie als Shaya.</p><p>Das einfache Volk war von Anfang an von der K�chenmagd, die Herrscherin wurde, fasziniert gewesen. Es gab unz�hlige Geschichten �ber sie. Und die Mehrheit davon war nicht im Auftrag Aarons verbreitet worden. Aber nicht eine erz�hlte auch nur ann�hernd die Wahrheit �ber sie, da war er sich ganz sicher.</p><p>Ashot stand in seinem Streitwagen. Neben ihm der Wagenlenker. Er zog dies dem Reiten vor, obwohl inzwischen mehr als die H�lfte seiner M�nner vom Streitwagen auf Pferder�cken gewechselt war. �Sie haben uns bemerkt, Herrin. Vielleicht w�re es klug, wenn wir uns zur�ckziehen w�rden.�</p><p>Shaya bedachte ihn mit einem L�cheln. �Sie haben uns schon vor mehr als einer Stunde bemerkt, Ashot. Schon bevor sie den Angriff begonnen haben. Sie m�gen zwar allesamt Pferde�rsche haben, aber Trottel sind diese Daimonen deshalb nicht. Sie haben �berall im Grasland ihre Sp�her.�</p><p>�Warum haben sie uns dann nicht angegriffen? Sie sind in der �berzahl���</p><p>�Tja, sie haben uns wohl nicht als w�rdige Gegner befunden. Ich wei�, wie diese Bastarde denken.�</p><p>Ashot fragte sich, woher sie das wusste. Aber er h�tete lieber seine Zunge. Wer sich bei Shaya unbeliebt machte, der hatte auch einen schweren Stand bei Aaron. Das hatte er schon mehrfach miterlebt.</p><p>�Wir h�tten trotzdem ein paar dieser Pferde�rsche erlegen sollen.�</p><p>Der Feldherr sah beunruhigt, wie etliche der M�nner, die ihrem Gespr�ch lauschten, beif�llig grinsten.</p><p>�Der Unsterbliche Subai hat schon mit deutlicher �bermacht im Kampf gegen die Pferdedaimonen verloren.�</p><p>�Ich bin nicht Subai!�, sagte sie �berraschend ver�rgert und spuckte aus, um ihre Worte zu unterstreichen. �Ein kluger Feldherr findet einen Weg, die vermeintlichen St�rken seines Feindes gegen ihn einzusetzen.�</p><p>War das auch eine Spitze gegen ihn? Shaya war sich sicherlich bewusst, dass er an ihrer Seite war, um sie von Dummheiten abzuhalten, die sie in ihrem Ungest�m vielleicht begehen w�rde.</p><p>Sie hob den rechten Arm und winkte den Reitern, ihr die Bergflanke hinab zu folgen. �Begraben wir die Toten!�, rief sie. �Beim n�chsten Mal werden es die Daimonen sein, die mit ihrem Leben bezahlen, das schw�re ich euch. Wir werden nicht noch einmal nur zusehen!�</p><p>Ashot bef�rchtete, dass sie das ernst meinte.</p></section><section><title><p>Von Reisenden und Trinkern</p></title><p>Sekander sah vom H�gel herab auf die gro�e Herde, die vor ihm auf dem weiten Grasland weidete. Es war jedes Mal ein langwieriger Kampf, die v�llig ver�ngstigten Tiere �ber den Goldenen Pfad zu treiben. Dutzende waren ausgebrochen und ins Nichts gest�rzt. Aber jetzt war es geschafft, und der Kentaur frohlockte. Als F�rst von Uttika war er immer schon ein reicher Mann gewesen, aber jetzt war er�� Er stutzte. War er eigentlich mehr als reich? Es war die f�nfte Herde, die er dieses Jahr schon geraubt hatte, und der Sommer hatte noch nicht einmal die Mitte erreicht. Er konnte es sich leisten, das Vieh mit vollen H�nden zu verschenken. Jede Sippe, die ihm Krieger gestellt hatte, bekam f�nfzig St�ck Vieh als Lohn. Sein Ruf reichte bis zum K�nigsstein in der Snaiwamark und Alvemer im fernen Osten des Graslands. Selbst Trolle hatten schon an seiner Seite in den Kampf ziehen wollen, doch er hatte sie zur�ckgewiesen.</p><p>Vor f�nf Jahren hatte er vor den Himmelsschlangen durchgesetzt, dass ihn nichts mehr begleitete, das nicht mindestens vier Hufe hatte. Er l�chelte selbstbewusst. Das war die beste Entscheidung seines Lebens gewesen. Nach dem Feldzug in der Eisw�ste und einem zweiten Feldzug in irgendeinem namenlosen Sumpfland, wo seine M�nner zu Hunderten verreckt waren, hatte er die alten Drachen davon �berzeugen k�nnen, dass Kentauren Krieg in der Steppe f�hren mussten. Daf�r waren sie geschaffen. Dort konnten die Menschenkinder sie nicht besiegen.</p><p>Trafen sie auf ein Heer, das gr��er war als sie, konnten sie ihm davonlaufen�� denn kein Menschenpferd konnte sich in langer Verfolgung mit der Ausdauer eines Kentauren messen. Trafen sie aber auf eine Streitmacht, die kleiner war, wurde diese eingekreist und gnadenlos niedergemacht. Es sei denn, sie hatten eine Herde davonzutreiben, so wie vorgestern. Sollten die Menschenkinder auf Knien vor ihren G�ttern herumrutschen und ihnen danken, bis ihnen die Stimme erstarb, dass es so gewesen war.</p><p>Er war der unumschr�nkte Herrscher der Messergrassteppe. Er konnte sich nehmen, was immer er wollte. Sekander bedauerte zutiefst, dass die Menschenkinder es so schnell aufgegeben hatten, gegen ihn zu k�mpfen. In den f�nf Jahren, die er mit seinen Mannen das weite Grasland durchstreifte, hatte es nur sieben gr��ere Schlachten gegeben. Jedes Mal hatten sie triumphiert. Es wurde ein wenig langweilig, zumal ihm f�r jeden Streifzug mehr Krieger zur Verf�gung standen.</p><p>Selbstzufrieden sah er �ber die Herde, die sie erbeutet hatten. Es war unzweifelhaft eine �u�erst angenehme Art, sich zu langweilen. Vielleicht sollte er beim n�chsten �berfall nur tausend Kentauren mitnehmen. Dann trauten sich die Menschenkinder wom�glich noch einmal, ihn zur Schlacht zu stellen.</p><p>Der Gedanke gefiel Sekander. Schlie�lich konnte ihnen nichts geschehen. Sollten die Menschen eine eindeutig �berlegene Streitmacht aufstellen, k�nnten sie ihr ja leicht ausweichen.</p><p>�Junge?�</p><p>Der Kentaurenf�rst straffte die Schultern. Es gab nur einen, der es wagte, ihn so anzureden, und das auch nur, wenn sie allein waren. Doch selbst dann st�rte es ihn. Er war kein Junge mehr! �Parmenion?�</p><p>Der alte Waffenmeister seines Vaters kam den H�gel hinauf. Er war ein pr�chtiger Schimmel und einer der wenigen in der Herde, die sich den Bart abrasierten. Einst hatte er ihm den Kampf mit dem Doppelschwert gelehrt.</p><p>�Shanadeen ist f�r die Kaufherren von Uttika gekommen, Sekander. Er wird dir einen guten Preis machen, wenn du ihm die Herde f�r seine Schlachth�user �berl�sst. Er ist der Wortf�hrer aller Kaufherren.�</p><p>Sekander zuckte mit den Schultern. �Gold. Was soll ich mit noch mehr Gold? Wenn ich die Rinder an meine Gefolgsleute verschenke, w�chst mein Name. Was bringt es mir, wenn ich noch eine mit Gold gef�llte Kiste in meinen Palast stelle? Mein Name hingegen wird mich �berdauern.�</p><p>�Wird es dich in deinem Grabh�gel lebendiger machen, wenn in hundert Jahren irgendwelche Kentauren Lieder �ber dich gr�len, w�hrend sie sich besaufen?� Parmenion stieg die Zornesr�te ins Gesicht. �Du musst ans Hier und Jetzt denken!�</p><p>Sekander fand es immer �beraus am�sant, wenn sein alter Lehrer in Rage geriet und sich auff�hrte, als w�re er, der F�rst, immer noch ein Fohlen, dem man die Welt erkl�ren musste. �Du findest also, ich br�uchte noch ein oder zwei Kisten voller Gold.�</p><p>�Nat�rlich nicht!� Jetzt sah Sekander das Zornesrot sogar durch das wei�e Haupthaar seines Lehrers leuchten. �Rede mit Shanadeen! Er hat Verbindungen zu Zwergenschmieden. Wenn du deinen M�nnern Brustpanzer fertigen l�sst und bessere Helme, dann werden wir weniger Verluste in unseren Schlachten haben.�</p><p>�Ich werde dar�ber nachdenken.� Sekander wandte sich ab und blickte wieder �ber die grasende Herde. Das war wahrer Reichtum! Was sollte er mit Sch�tzen?</p><p>�Shanadeen hat auch seine Frau mitgebracht�, sagte Parmenion wie beil�ufig, obwohl der alte Fuchs nat�rlich genau wusste, dass das alles �nderte. So viele N�chte hatte Sekander schon mit ihm �ber diese r�tselhafte Elfe gesprochen. Das gef�hrliche Kinderm�dchen, das es geschafft hatte, den reichsten Kaufmann an der Westk�ste zu verf�hren. Die Elfe mit den seltsamen Freunden.</p><p>Seit ihrer ersten Begegnung war Sekander von ihr besessen. Er fand sie h�bsch, aber das war es nicht, was daf�r sorgte, dass sie ihm nicht mehr aus dem Kopf ging. Was sollte ein gestandener Hengst schon mit einer Elfe anfangen? Ihn interessierte das Geheimnis, das sie umgab. Sie war ganz gewiss nie ein Kinderm�dchen gewesen. Aber wer war sie dann? Und wer hatte sie in seine Stadt geschickt?</p><p>�Ein wenig mit Shanadeen zu reden kann ja nicht schaden�, lenkte der F�rst ein.</p><p>Als er gemeinsam mit Parmenion zum Opferstein hinabtrabte, sah er aus den Augenwinkeln, wie sein aufbrausender Lehrer breit grinste. Der Halunke wusste immer noch ganz genau, wie er seinen F�rsten zu packen bekam, dachte Sekander und musste ebenfalls l�cheln.</p><p>Shanadeen stand neben dem flachen grauen Findling, inmitten der Wiese am Fu� des H�gels. Der einsame Stein, der aussah, als h�tten Alben dort einen Tisch f�r ihre Festgelage abgestellt, diente seinem Volk schon seit Jahrhunderten als Opferplatz. Die ersten Jungtiere, die im Fr�hling geboren wurden, schenkten sie dort den Alben. Gelegentlich war es auch ein Gefangener ihrer Feldz�ge, der sich durch besondere Tapferkeit ausgezeichnet hatte. Die Kadaver wurden auf Holzger�sten im warmen Wind getrocknet, und es geh�rte zu den Pflichten junger Kentauren, dar�ber zu wachen, dass sich keine Aasfresser am toten Fleisch g�tlich taten. Zurzeit waren es auf Pf�hle gespie�te Menschenkinder, die das Ehrenrund um den Opferstein beherrschten. Einen hatten sie erst vorgestern den Alben geschenkt. Zwei Jungen mit F�chern, die auf langen Stangen steckten, hielten die Fliegen von dem toten Helden fern.</p><p>Shanadeen war nur mit kleinem Gefolge gekommen. Der Handelsf�rst wedelte mit einem parf�mierten Tuch vor seinem Gesicht. Dabei war der Leichengestank nicht sonderlich ausgepr�gt. Sein langes, m�rrisches Gesicht spiegelte sein Missfallen dar�ber, sich an diesem Ort mit Sekander treffen zu m�ssen. Der Kentaur mochte den Elfen nicht sonderlich. Seine Gesellschaft war anstrengend, er betrank sich nie, machte in lustiger Runde niemals einen Witz und schien an nichts anderes als die Warenlisten in seinen Kontoren zu denken. Warum er nach dem Selbstmord von Nevenyll noch einmal geheiratet hatte, entzog sich g�nzlich Sekanders Verst�ndnis. Ebenso wenig konnte er sich vorstellen, wie Shanadeen seine beiden T�chter gezeugt hatte. Er sah nicht aus wie ein Mann, der es genoss, bei einer Frau zu liegen.</p><p>Zu seiner Rechten stand Graumur, der in die Jahre gekommene Minotaur, der den Handelsf�rsten seit Jahrzehnten als Leibw�chter begleitete. Der Stiermann wirkte genauso m�rrisch wie sein Herr. Er st�tzte sich auf eine riesige, doppelk�pfige Axt und beobachtete aus den Augenwinkeln die Kentauren, die in kleinen Gruppen beim Opferstein herumlungerten und trotz der fr�hen Stunde bereits begonnen hatten, das rauschende Siegesfest der letzten Nacht fortzusetzen.</p><p>Bidayn war die interessanteste Erscheinung unter seinen Besuchern. Sie trug ein Jagdgewand aus hellem Hirschleder, das mit roten und blauen Perlen bestickt war und ihre schlanke Figur betonte. Ihr Blick war m�nnlicher als der ihres Gatten. Und im Gegensatz zu ihm trug sie auch eine Waffe, wenngleich es nur ein langes Jagdmesser war.</p><p>�Ihr seid einmal nicht auf Reisen, Dame Bidayn.� Ihm war bewusst, dass er gegen die Gesetze der H�flichkeit verstie�, indem er nicht Shanadeen zuerst ansprach.</p><p>�Ihr seid einmal nicht betrunken, F�rst Sekander?�</p><p>Sekander h�rte Parmenion neben sich scharf einatmen. Der F�rst lachte laut. Er mochte diese Elfe. Niemand sonst h�tte es gewagt, ihm so etwas zu sagen. �Ich habe vorz�glichen Wein im Heerlager, meine Dame. Vielleicht wollt Ihr mich ja begleiten? Bei einem kleinen Umtrunk l�sst sich viel entspannter verhandeln.�</p><p>�Darf ich das so verstehen, dass Ihr mich gerade ohne die Begleitung meines Mannes in Euer Zelt einladet, F�rst?�</p><p>Sekander sah, wie alle Farbe aus Shanadeens Gesicht wich. �Aber, meine Dame. Auf Feldz�gen belastet sich mein Volk nicht mit Zelten. Was immer wir beide tun, werden alle Interessierten sehen k�nnen.�</p><p>Sie schenkte ihm ein angedeutetes L�cheln. �Dann muss sich also niemand Sorgen machen.� Sie wandte sich kurz an ihren Mann und fl�sterte ihm etwas ins Ohr.</p><p>Shanadeen sch�ttelte entschieden den Kopf. �F�rst Sekander, wollen wir nun zur Sache kommen���</p><p>�Nein, Kaufmann. Wir beide ganz gewiss nicht!�</p><p>Neben ihm prustete Parmenion, und selbst der m�rrische Minotaur schnitt eine am�sierte Grimasse.</p><p>�Ihr wisst, was ich meine.� Shanadeen rang sichtlich um Fassung.</p><p>�Aber nat�rlich, mein Freund.� Sekander war sich bewusst, dass es kl�ger war, diese Scherze nicht auf die Spitze zu treiben. Shanadeen mochte ein Langweiler sein, aber er war auch ein einflussreicher Mann. Es war besser, ihn sich nicht unn�tig zum Feind zu machen. �Trinken wir also alle einen Becher Wein und reden �bers Gesch�ft. Parmenion sagte mir, dass Ihr gute Verbindungen zu Zwergenschmieden unterhaltet. Kennt Ihr vielleicht auch Gobhayn? �ber diesen Elfen und seine Schmiedekunst erz�hlt man sich die unglaublichsten Geschichten. Es hei�t, seine Klingen k�nnten sogar durch Stein schneiden.�</p><p>�Was f�r ein Narr schl�gt ein Schwert gegen einen Stein?�, murmelte Bidayn abf�llig.</p><p>�Der Narr, der nicht erst in der Schlacht erproben will, was seine Klinge taugt�, entgegnete Sekander ruhig. �Sollte ich lieber Euch nach Gobhayn fragen? Ich h�rte, dass auch Ihr mit dem Schwerte umzugehen versteht.�</p><p>��ber meine Frau wird leider sehr viel Unsinn erz�hlt�, sagte Shanadeen und bedachte Bidayn mit einem frostigen Blick. �Und was Gobhayn angeht, habe ich im S�dmeer die Geschichte geh�rt, dass er sich in eine Dryade verliebt hat und mit ihr in der undurchdringlichen Wildnis des Smaragdwaldes lebt. Nicht einmal mehr die Himmelsschlangen bekommen von ihm ein Schwert. Aber die Eisenarbeiten der Zwerge sind durchaus auch von herausragender Qualit�t. Ich bin mir sicher, dass ich mit ihrer Hilfe auch Eure ausgefallensten W�nsche erf�llen kann. H�ttet Ihr nicht gerne einen Brustpanzer und einen Helm aus Silberstahl? Selbstverst�ndlich ma�gefertigt.�</p><p>Sekander kannte Klingen aus Silberstahl. Von einer R�stung aus Silberstahl hatte er noch nie geh�rt. Dies w�re tats�chlich etwas, das eines F�rsten w�rdig w�re. �Ihr seid ein guter Kaufmann, Shanadeen. Ihr versteht es, Begehrlichkeiten zu erwecken, derer man sich noch gar nicht bewusst war.� Sekander stellte sich vor, wie er in einem K�rass aus poliertem Silberstahl aussehen mochte. Und dazu ein Helm mit einem wallenden roten Federbusch und ein Doppelschwert aus dem kostbaren Stahl. Er w�rde aussehen wie ein Held, den die Alben selbst in Metall gekleidet hatten. Er sollte dem Langweiler zuh�ren. Dabei konnte er die r�tselhafte Elfe betrachten und �ber ihr Geheimnis nachsinnen.</p><p>In all den Jahren hatte er es nicht geschafft, einen Spitzel im Haus des Kaufherrn unterzubringen. Aber er w�rde schon noch herausfinden, was es mit Bidayn und den seltsamen Gestalten, mit denen sie sich umgab, auf sich hatte.</p></section><section><title><p>Nicht eingeladen</p></title><p>Keuchend sank Hornbori in die Kissen zur�ck. Er war ein angenehmer Liebhaber. Einer, der nicht nur daran dachte, schnellstm�glich alles zu bekommen, oder schlimmer noch, der mitten im Liebesspiel zu schw�cheln begann. Er hatte sich ernsthaft M�he gegeben, auch sie zu befriedigen. Amalaswintha war, was das anging, nicht mehr sehr verw�hnt.</p><p>Zudem litt Eikin unter krankhafter Eifersucht. Er lie� ihren Palast beobachten. Dieser blonde Schn�sel Virfir, sein Enkel und gr��ter Speichellecker, folgte ihr auf Schritt und Tritt. Wahrscheinlich war er auch jetzt nicht weit. Zwei Mal hatte sie versucht, ihn zu verf�hren, aber weibliche Reize schienen ihn nicht zu interessieren. Oder fand er sie alt? Der Gedanke beunruhigte sie.</p><p>Hornbori streckte sich neben ihr. �Tut das gut, endlich wieder in einem richtigen Bett zu liegen.�</p><p>�Das ist das Bemerkenswerteste an diesem Abend?�, sagte sie spitz.</p><p>Er drehte sich um und l�chelte. �Das ist jetzt nicht dein Ernst, oder? Du wei�t, wie unvergleichlich eine Nacht mit dir ist.�</p><p>�Ob es wirklich eine Nacht wird, wei� ich im Augenblick nicht.�</p><p>Er beugte sich �ber sie. Seine Zunge glitt �ber ihre linke Brust, dann saugte er an ihrer Brustwarze und knabberte leicht mit den Z�hnen daran. Augenblicklich breitete sich in ihrem Bauch eine sinnliche W�rme aus. Sie unterdr�ckte ein St�hnen. Eikin machte das nie. Und Hornbori sah unendlich viel besser aus als der Alte aus der Tiefe. Sie hasste die faltige, schlaffe Haut des Herrschers. Seinen Geruch. Die grunzenden Ger�usche, die er von sich gab, wenn er kurz davor war, sich zu vergie�en, was er stets nur dann schaffte, wenn er selbst Hand anlegte. Die l�cherlichen zwei Tr�pfchen, die auf ihre samtene Haut fielen. Seine unpassenden Kommentare dar�ber, wie er sie wieder einmal mit seiner Manneskraft begl�ckt hatte. Stets schlief er kurz danach ein, um ihr laut schnarchend f�r den Rest der Nacht den Schlaf zu rauben. So oft hatte sie davon getr�umt, ihm die Kehle durchzuschneiden.</p><p>Sie war reich. Aber Eikin verhinderte unter stets neuen Ausfl�chten, dass sie die Ehernen Hallen verlassen konnte. Seit Jahren war sie im Grunde seine Gefangene. Und nun kam Hornbori zur�ck, als Held. Sie sollte ihn umgarnen, statt ihn durch schnippische Reden zu ver�rgern. Wenn sie es richtig anfing, w�rde er vielleicht Eikin t�ten. Ob er das wagte? Er hatte eine Devanthar erschlagen�� Sie konnte sich das kaum vorstellen. Ihr klang noch im Ohr, dass Galar ihn bevorzugt einen Schisser genannt hatte. Hatte sich Hornbori so grundlegend ge�ndert?</p><p>Seinen Feind Galar musste er jedenfalls nicht mehr f�rchten. Gestern erst hatte Eikin bei ihr im Bett damit geprahlt, dass er die beiden Hochverr�ter Galar und Nyr hatte wegsperren lassen. Er hatte ihr beschrieben, in welchem Kerker die beiden lagen. Einer einzelnen Zelle am Ende eines fast vergessenen Seitentunnels. Er erwog, den Schacht mit Abraum f�llen zu lassen und die beiden lebendig zu begraben. Ungenutzte Tunnel wieder zu verf�llen war nicht ungew�hnlich. Niemand w�rde Verdacht sch�pfen. Und niemand w�rde Galar und Nyr je wiederfinden.</p><p>Sie tastete zwischen Hornboris Schenkel, und der Heermeister st�hnte lustvoll auf. �Wie t�tet man eine Devanthar? Ich h�tte dich nie f�r einen Frauenm�rder gehalten.� Sie l�chelte. �Und dann gleich noch eine G�ttin���</p><p>Hornbori hatte sichtlich M�he, sich zu sammeln. �Ich hatte Gl�ck�, brachte er schlie�lich hervor. �Sie war abgelenkt, und ich habe zugeschlagen.�</p><p>Amalaswintha traute ihren Ohren nicht. Sie hatte mit einem Zeugen gesprochen, der von einem wilden Kampf berichtet hatte, in dem Hornbori der G�ttin jede Giftschlange einzeln vom Kopf schnitt, um ihr dann zuletzt den Sch�del zu spalten. �Wie �berrascht man eine G�ttin?�</p><p>�Ich glaube, die gr��te �berraschung f�r sie war, dass meine Waffe sie verletzen konnte. Du wei�t, meine Axt Sch�delspalter wurde von den Himmelsschlangen geschmiedet.�</p><p>Das ist nicht mehr der Hornbori, den ich einmal kannte, dachte Amalaswintha. Sie betrachtete die Narben auf seinem K�rper. Er hatte in vielen K�mpfen gestanden, seit sie ihn das letzte Mal gesehen hatte. Pl�tzlich setzte er sich auf.</p><p>�Was ist los?�</p><p>�Ich sollte gehen�, sagte er entschieden und schwang die Beine �ber die Bettkante.</p><p>�Warum?�</p><p>�Eikin! Wenn er uns gemeinsam im Bett���</p><p>Sie lachte. �Du t�test eine G�ttin und f�rchtest dich vor Eikin?�</p><p>�Ihm kann ich nicht einfach den Sch�del spalten. Wenn ich das t�te, w�re ich ein Ge�chteter. Dies hier ist sein Berg. Er macht hier die Gesetze, und ich bin nur ein Gast.�</p><p>�Aber ein Gast, dessen Wort schwer wiegt.� Sie musste ihn dazu bringen, Eikin zu erschlagen. Dann w�re sie endlich wieder frei.</p><p>Hornbori griff nach seiner Hose.</p><p>�Du musst dir keine Sorgen machen, mein H�bscher. Eikin ist auf einem Treffen mit den Alten aus der Tiefe.�</p><p>Der Heermeister hielt mitten in der Bewegung inne. �Sie sind schon da?�</p><p>�Nat�rlich, ebenso wie die Himmelsschlangen. Sie halten in dieser Nacht einen geheimen Rat ab. Wahrscheinlich wird jetzt schon alles besprochen, was sie morgen gemeinsam im Amethystsaal verk�nden.� Er hatte keine Narben auf dem R�cken, dachte Amalaswintha. Sie waren ein untr�gliches Merkmal von Feiglingen. Sie erhielten ihre Wunden nicht im Kampf, sondern w�hrend sie davonliefen.</p><p>�Woher wei�t <emphasis>du</emphasis> das?�</p><p>�M�nner erz�hlen gern nach Liebesn�chten. Eikin war gestern v�llig au�er sich. Die Alten sind nicht gewohnt, dass ihnen irgendjemand Befehle gibt. Und schon gar nicht die Himmelsschlangen.�</p><p>Hornbori lie� die Hose sinken und drehte sich zu ihr um. �Du hast recht, ich sollte den Rest der Nacht bei dir verbringen.�</p><p>Sie l�chelte kokett. �Was hat dich umgestimmt? Was ist an der Nachricht �ber ein Treffen von alten M�nnern und Echsen so viel �berzeugender, als meine Reize es sind?�</p><p>�Das meinst du nicht ernst, oder?�</p><p>�Doch. Dein Verhalten ist wenig schmeichelhaft���</p><p>�Ich bin der Heermeister, Amalaswintha! Verstehst du nicht? Ich h�tte auch eingeladen sein m�ssen. Dass ich es nicht bin, kann nur eines bedeuten. Es wird �ber Dinge gesprochen, die ich nicht erfahren soll. Es geht um meinen Kopf���</p><p>Ganz unrecht hatte er nicht. �Das passt�, sagte sie leise.</p><p>�Wozu passt das?�</p><p>�Eikin hat Nyr und Galar in aller Heimlichkeit einkerkern lassen. Wom�glich schmiedet er ein Komplott gegen euch drei.�</p><p>�Wo sind die beiden?�</p><p>Amalaswintha beschrieb ihm, wo der abgelegene Seitentunnel zu finden war. Wenn er sich jetzt daranmachte, seine Gef�hrten zu befreien, dann w�rde das unweigerlich zum Konflikt mit Eikin f�hren. Und einen Kampf mit Hornbori Drachenfaust w�rde der Alte aus der Tiefe nicht �berleben.</p><p>Der Heermeister lie� sich zur�ck auf das Bett sinken. �Meine Freunde eingekerkert. Mein Feind schmiedet ein Komplott mit den G�tterdrachen�� Ich glaube, das Beste, was ich jetzt noch tun kann, ist diese Nacht mit der aufregendsten Frau zu verbringen, die ich kenne.�</p><p>�Du willst nicht versuchen, Galar und Nyr zu befreien?�</p><p>Hornbori schnaubte ver�chtlich. �Eikin ist kein Narr. Er wird daf�r gesorgt haben, dass der Kerker gut bewacht ist. Wahrscheinlich stehen sogar vor deinem Palast Spitzel. Er wird wissen, was wir hier tun. Also lass es uns in vollen Z�gen genie�en.� Er leckte sich anz�glich mit der Zunge �ber die Lippen. �Du gibst eine wunderbare Henkersmahlzeit ab. Ganz gleich, welches Schicksal die Alben mir bestimmt haben, in dieser Nacht habe ich es besser getroffen als irgendein anderer Zwerg in diesem Berg.�</p><p>Amalaswintha war �berrascht, dass er nicht einmal den Versuch unternehmen wollte zu k�mpfen. Er war doch ein Held�� Lange dachte sie dar�ber nicht nach. Ob Held oder nicht, er war zweifelsohne ein guter Liebhaber.</p></section><section><title><p>Das Tribunal</p></title><p>Er hatte das Gef�hl, dass er der Letzte war, der den Amethystsaal betrat. Hornbori hatte das Vergn�gen gehabt, Virfir, Eikins Speichellecker, kennenzulernen. Der blonde Hauptmann hatte ihn abgefangen, nachdem Hornbori Amalaswinthas Palasth�hle verlassen hatte. Begleitet von vier kr�ftigen Kriegern hatte Virfir daf�r gesorgt, dass sie sich erst unterhielten, und der Mistkerl hatte durchblicken lassen, dass Eikin es nicht sch�tzte, wenn andere M�nner �ber Nacht bei seiner Geliebten blieben.</p><p>Hornbori war �berzeugt, dass dieses ganze Schauspiel nur stattfand, damit Eikin �ber die n�chtlichen Abenteuer in Kenntnis gesetzt werden konnte. Der Heermeister l�chelte versonnen. Ganz gleich, was geschah, die Stunden mit Amalaswintha w�rde er nicht bereuen.</p><p>Der Blick durch den weiten Saal lie� ihn dann aber doch zweifeln. Hunderte Zwerge standen in langen Reihen. Alle in R�stungen, als wollten sie gleich zum Kampf ausr�cken. Am Ende des Saals, auf einer B�hne, sa�en an einem langen Tisch elf Graub�rte. Das mussten die Alten aus der Tiefe der elf gr��ten Siedlungen sein. Und leicht rechts von ihnen stand eine Gruppe von sieben Elfen. Er ahnte, wer sie sein mussten.</p><p>Eine schmale Gasse f�hrte durch das Heer der Krieger direkt zur B�hne. Hornbori hatte das Gef�hl, dass jedes einzelne Augenpaar im Saal auf ihn gerichtet war. Ihm wurde �bel. Der Tisch mit den Alten, das sah aus wie ein Tribunal. Waren sie ihm endlich auf die Schliche gekommen? War aufgeflogen, was f�r ein Feigling er in Wirklichkeit war?</p><p>Am liebsten h�tte er sich umgedreht und w�re davongelaufen, aber hinter ihm standen Virfir und dessen Spie�gesellen. Es war aussichtslos! Er konnte nicht entkommen. Dann w�rde er dieses Spiel zumindest mit Anstand hinter sich bringen.</p><p>Ihm zitterten die Beine, als er langsam der B�hne entgegenging. Die Masse der Gesichter verschwamm. Es war unglaublich hei�. Schwei� rann ihm in Sturzb�chen den R�cken hinab.</p><p>Wie sahen ihn die Alten denn an? Als w�rden sie ihn fressen wollen. Die buschigen Augenbrauen zusammengekniffen, mit zornigem Blick. Hornbori w�nschte sich, er h�tte zum Fr�hst�ck nichts getrunken. Seine Blase schien ihm so voll, dass er sich jeden Augenblick einn�ssen konnte.</p><p>Endlich stand er am Ende des Spaliers vor der hohen B�hne. Er f�hlte sich l�cherlich klein.</p><p>Der Goldene trat aus der Gruppe und winkte ihm. �Hornbori von der Tiefen Stadt, komm zu uns herauf, damit dich ein jeder im Saal sehen kann.�</p><p>Er schluckte. Sein Mund war staubtrocken. Was war herausgekommen? Wie er seine M�nner auf der Eisebene verraten hatte? Dass er den Meerwanderer nur aus Versehen get�tet hatte? Dass er keineswegs der erste Angreifer in der Bresche der Stadtmauer von Weithall gewesen war? Dass die Kentauren ihre �beraus erfolgreichen Raubz�ge in der Messergras-Steppe nicht auf seinen Befehl hin, sondern aus Eigeninitiative ausf�hrten? Sollten alle, mit denen er gek�mpft hatte, nun sehen, wie er vernichtet wurde?</p><p>Etwas in den Worten des Goldenen �bte einen unwiderstehlichen Zwang aus. Obwohl er das Gef�hl hatte, seine Beine m�ssten jeden Augenblick unter ihm wegknicken, stieg er die schmalen Stufen zur B�hne herauf.</p><p>�Ich�� ich kann alles erkl�ren.� Seine Stimme war nur ein heiseres Fl�stern.</p><p>Der Goldene sch�ttelte nur den Kopf. Die Zwergenf�rsten betrachteten Hornbori mit versteinerten Mienen. Blanke Verachtung spiegelte sich in ihren Z�gen. Hier also endete sein Traum, selbst einmal ein F�rst zu werden.</p><p>Die Hand des Goldenen legte sich schwer auf Hornboris Schulter. Der Zwerg brachte es nicht fertig, in das Meer der Gesichter vor der B�hne zu sehen. Er wusste, viele M�nner dort unten kannten ihn aus den Feldz�gen der vergangenen Jahre. Und die meisten von ihnen hatten ihm, gegen jede Vernunft, vertraut. Nun w�rde die Maske also fallen. Er w�nschte sich, er w�re auf einem der vielen Schlachtfelder gefallen.</p><p>�Vor uns steht ein Zwerg, dessen Taten mich und meine Nestbr�der zutiefst aufgew�hlt haben�, sagte der Goldene laut.</p><p>Hornbori �berlegte, welche Strafe die Himmelsschlangen wohl f�r ihn ersonnen hatten. Auf einen schnellen Tod durfte er gewiss nicht hoffen.</p><p>�Kein Albenkind wurde je geboren, das diesem Zwerg gleich ist.�</p><p>Hornbori w�re am liebsten im Boden versunken. Er war also der gr��te entlarvte Betr�ger aller Zeiten. Gut, dass seine Eltern in der Tiefen Stadt umgekommen waren, sonst h�tte sie die Schande des heutigen Tages ins Grab gebracht.</p><p>�Vor uns steht der Krieger, der eine Devanthar get�tet hat. Eine G�ttin! Kann man gr��eren Waffenruhm erringen? Kaum dass meine Nestbr�der und ich ihn zum Heermeister berufen haben, erschlug er den Meerwanderer. Man muss dieses Ungeheuer gesehen haben, um zu ermessen, was dies hei�t. Es war eine Bestie, gro� wie ein Berg.� Der Goldene machte eine weite Geste zum Saal hinab. �Ich wei�, dort unten stehen M�nner, die in der Schlacht um Asugar an Hornboris Seite gefochten haben. M�nner, die diesem Schrecken ins Auge geblickt haben. In unz�hligen Schlachten habt ihr mit dem Heermeister gek�mpft. Auch wenn niemand immer siegen kann, so kann man keinem von euch vorwerfen, dass es den Zwergen Albenmarks an Tapferkeit mangelt. Ihr haltet die Schlachtlinie, wo alle anderen l�ngst die Flucht ergriffen haben.�</p><p>Hornbori traute seinen Ohren kaum. Er war sich zwar nicht im Klaren, worauf das hier hinauslaufen sollte, aber es h�rte sich nicht so an, als w�rde er verurteilt werden. Endlich wagte er es, die versammelten Zwerge anzusehen. Der Goldene hatte es geschafft, dass viele der Krieger breit grinsten. Kampferprobte Veteranen, die sonst f�r Drachen kein gutes Wort �brig hatten.</p><p>�Es ist l�ngst an der Zeit, dass h�chster Tapferkeit durch h�chste Ehre Anerkennung gezollt wird. Deshalb haben wir beschlossen, den Heermeister Hornbori an diesem Tag zum Herrscher aller Tiefen auszurufen. Zum Herrscher aller Zwerge!�</p><p>Ein Raunen ging durch den weiten Amethystsaal. Hornbori war v�llig �berrumpelt. Er konnte es kaum fassen. Nun war ihm klar, warum die Zwergenf�rsten ihn mit versteinerten Blicken angesehen hatten. Dieser Ehrung hatten sie ganz gewiss nicht freiwillig zugestimmt.</p><p>All seine Tr�ume hatten sich in diesem Augenblick erf�llt. Ja, sie waren bei Weitem �bertroffen worden! Er hatte der F�rst eines Berges werden wollen. Das war die h�chste W�rde, die ein Zwerg erreichen konnte. Der Alte in der Tiefe zu werden. Sie alle zu beherrschen, das hatte es bisher noch nie gegeben, und Hornbori sp�rte, wie die Stimmung auch unten im Saal umzuschlagen drohte. Er konnte das nicht annehmen. Jedenfalls nicht einfach so�� Auch wenn er nichts mehr wollte.</p><p>�Ich bin �berw�ltigt!�, rief er. Seine Stimme hatte zu ihrer alten Kraft zur�ckgefunden. �Doch kann ich diese Auszeichnung nicht annehmen.� In seinem Inneren nahm ein k�hner Plan Gestalt an, und er breitete die Arme aus. �Wie k�nnte ich hier stehen und mich feiern lassen, wo ich wei�, dass in dieser Stunde zwei der tapfersten Zwerge meines Heeres eingekerkert sind, ohne dass sie sich etwas h�tten zuschulden kommen lassen. Galar und Nyr, die seit Beginn des Feldzugs in jeder Schlacht gek�mpft haben, wurden Opfer einer Intrige. Eikin, der Alte aus der Tiefe der Ehernen Hallen, will ihren Tod. Warum, wei� ich nicht, doch liegen die beiden zu Tode verwundet auf fauligem Stroh. Nicht einmal ein Tier w�rde man so wegsperren, wie Eikin es mit den Helden aus unserer Mitte getan hat. Wer je an meiner Seite gek�mpft hat, wer ein Herz in seiner Brust tr�gt, das f�r die Gerechtigkeit schl�gt, der folge mir nun, auf dass dem Unrecht ein Ende bereitet werde!�</p><p>Er sah, wie sich Eikin an der Tafel erhob. Der Alte aus der Tiefe durfte nicht sprechen! Wenn er den Himmelsschlangen verriet, warum er Galar und Nyr hatte beseitigen wollen, dann war alles verloren. Der Herrscher wusste um das Geheimnis der Drachent�terpfeile.</p><p>Hornbori sprang auf den Tisch, an dem die Zwergenf�rsten sa�en, und zog seine Axt. �Glaubst du, du kannst dich der Gerechtigkeit noch einmal in den Weg stellen?� Mit einem wuchtigen Hieb schlug er die flache Seite der Axt gegen Eikins Schl�fe. Der alte F�rst fiel wie vom Blitz gef�llt zu Boden.</p><p>�Befreien wir unsere Helden!�, rief Hornbori der Menge zu. Dann wandte er sich an die Zwergenf�rsten, und diesmal war er es, der mit versteinerter Miene auf sie hinabsah. �Achtet mir auf Eikin. Wenn ich zur�ckkehre, werde ich �ber ihn zu Gericht sitzen.�</p><p>Die G�tterdrachen sahen ihn verwundert an, aber sie lie�en ihn gew�hren, ja, ein Rothaariger trat sogar aus der Phalanx seiner Br�der und sprach: �Ich komme mit dir!�</p></section><section><title><p>Gef�hrten</p></title><p>Ein letzter Hieb, und die schwere Eichent�re gab endg�ltig nach und st�rzte in den Kerker. �bler Gestank schlug Hornbori entgegen.</p><p>Galar und Nyr lagen am Boden inmitten von blutdurchtr�nktem Stroh. Vier Wunden quer �ber die Brust des Schmiedes waren mit Eisenringen zugeklammert. Nyr lag neben Galar. Er hatte sich mit einem Eisenring eine Arterie am Arm aufgestochen und offensichtlich versucht, Galar durch einen Strohhalm Blut von sich zukommen zu lassen. Und ebenso offensichtlich war es gr�ndlich schiefgegangen.</p><p>Hornbori st�rzte in die Kerkerzelle. Er fasste an den Hals des Schmieds. Da war kein Puls. Er legte die Linke auf Nyrs Hals. Auch bei dem Richtsch�tzen konnte er keinen Puls mehr f�hlen. Ihre K�rper waren kalt, die wettergegerbten Gesichter blass wie Marmor.</p><p>Hinter Hornbori dr�ngten andere Zwerge in den Kerker. Der dicke Ulur kniete als erster neben ihm. Auch er f�hlte nach dem Puls der beiden. Leises Gemurmel ert�nte.</p><p>�Es sieht nicht gut aus�, sagte jemand zu all denen, die im schmalen Gang vor der Kerkert�r warteten.</p><p>Hornbori h�rte, wie die gefl�sterte Botschaft den Gang hinab zu den Zwergen im Haupttunnel wanderte. Hunderte waren ihm gefolgt, als er den Amethystsaal verlassen hatte. Und es waren nicht nur Krieger gewesen, die unter ihm gedient hatten, auch Bergleute aus den Ehernen Hallen, Leibw�chter, die mit den Alten aus der Tiefe gekommen waren, Schiffer, die sich in den Aalen abstrampelten, und Lastentr�ger, die das taube Gestein aus den Minen hinausschleppten.</p><p>Ulur dr�ckte den beiden Toten die Augen zu. Wie stets trug er kein Hemd, um all die r�tselhaften Karten, die er sich in seine Haut hatte stechen lassen, zur Schau zu stellen. Sein m�chtiger Brustkorb bebte, und er rang mit den Tr�nen. So hatte Hornbori ihn noch nie gesehen. �Bringen wir sie hier fort�, sagte der Bootsf�hrer mit belegter Stimme.</p><p>Hornbori konnte nicht anders, als auf die beiden Toten zu starren. Er konnte nicht glauben, was er sah. Noch einmal f�hlte er nach dem Puls der zwei. Nichts! Galar, der Mann, der ihm seine Drachenfaust verschafft hatte, der ihn hatte ermorden wollen, der ihn so voller Inbrunst verabscheut hatte und doch immer in seiner N�he geblieben war, und Nyr, der immer um Ausgleich bem�ht gewesen war, der ihm vor ein paar Tagen erst das Leben gerettet hatte. Sie beide tot�� das konnte nicht sein. So viele Gefahren hatten sie gemeinsam �berlebt. Die beiden konnten nicht einfach in einem schmutzigen Kerker verreckt sein. H�tte er Amalaswintha noch in der Nacht verlassen, um zu ihnen zu gehen, dann h�tte er sie noch gerettet.</p><p>�Du kannst nichts mehr f�r sie tun, Heermeister�, sagte Ulur.</p><p>Das war wahr. Aber Galar und Nyr konnten noch etwas f�r ihn tun. Ein letztes Mal. Er musste schnell und entschlossen handeln, dann w�rden die beiden ihn zum Herrn aller Tiefen machen.</p><p>�Ich will Gerechtigkeit�, rief er mit vollt�nender Stimme. Er sah den bartlosen Ginnar inzwischen im Eingang des Kerkers stehen. �Helft mir!�, forderte er entschieden. �Du, Ginnar, und du, Ulur, und all die anderen. Wir wollen die beiden Helden auf unseren Schultern in den Amethystsaal tragen. Und dort fordern wir, was ihnen im Leben genommen wurde: Gerechtigkeit!�</p></section><section><title><p>Gerechtigkeit</p></title><p>�Gerechtigkeit!� Das war ihr Schlachtruf. Hunderte Kehlen schrien ihn heraus, und die glitzernden W�nde des Amethystsaals hallten wider von diesem Ruf, als Nyr und Galar auf die Trib�ne gehoben wurden.</p><p>�Dorthin!�, befahl Hornbori und deutete auf den langen Tisch, an dem die Alten aus der Tiefe noch immer sa�en.</p><p>Hornbori hatte den Marsch zur�ck zum Festsaal genutzt, um seine Gedanken zu ordnen. Er musste Eikin loswerden. Der F�rst konnte ihn vernichten, und er w�rde es tun, wenn er ihm die Gelegenheit dazu lie�. Doch noch sa� er zusammengesunken auf seinem Lehnstuhl.</p><p>�Packt den M�rder!�, befahl der Heermeister harsch.</p><p>Es war Ginnar, der als Erster dem Befehl nachkam. Kalter Hass lag in den Augen des Kriegers aus Ishaven. Er zerrte Eikin hoch, der benommen blinzelte, und dr�ckte ihn auf den Tisch.</p><p>�Dies ist der Mann, der verwundete Helden wegsperrt!�, rief Hornbori und deutete auf den F�rsten. �Der Mann, der sie in ihrem Kerker verbluten l�sst.� Er machte eine Pause, und es geschah, worauf er gehofft hatte. Das Geschrei nahm wieder zu.</p><p>�Gerechtigkeit! Gerechtigkeit!�, skandierte die aufgeputschte Menge.</p><p>�Welche Gerechtigkeit kann einen Mord s�hnen?�, rief Hornbori von der Trib�ne herab. �Was erwartet einen Mann als Strafe f�r zu Unrecht vergossenes Blut?�</p><p>�Das ist nicht wahr��� Eikin versuchte, sich aufzub�umen, doch Ginnar dr�ckte ihn erbarmungslos auf die Tischplatte zur�ck.</p><p>�Welche Strafe fordert ihr?�, rief Hornbori erneut.</p><p>�Den Tod!� Es war nur eine einzige Stimme, die dies rief, doch sie hob sich deutlich von all den anderen ab. Amalaswintha. Die Zwergin stand inmitten der aufgebrachten Menge. Sie trug ein scharlachrotes Kleid, war ganz die Fleisch gewordene Verf�hrung. Die Krieger um sie herum hielten Abstand zu ihr, als scheuten sie vor ihrer unnahbaren Sch�nheit zur�ck. Es wurde ein wenig stiller im Saal, und ein zweites Mal war laut und deutlich ihre Stimme zu h�ren. �Ich fordere den Tod f�r Eikin, den Alten aus der Tiefe der Ehernen Hallen. F�r Eikin, den feigen Meuchler von Helden!�</p><p>�T�te ihn!�, schrie noch jemand in der Menge.</p><p>�T�te ihn!�, erklang in der vordersten Reihe vor der Trib�ne der tiefe Bass von Ulur.</p><p>�T�te ihn!� Der Ruf griff um sich. Immer mehr Krieger stimmten ein.</p><p>Hornbori zog die Axt Sch�delspalter aus der Lederschlinge auf seinem R�cken. Er wandte sich zum Tisch um. Ginnar hielt den F�rsten weiterhin auf die schwere Eichenplatte niedergedr�ckt.</p><p>�Das ist nicht wahr���, protestierte Eikin, doch seine Worte gingen in den wilden Schreien der aufgebrachten Menge unter.</p><p>�T�te ihn!�</p><p>Besser h�tte es nicht laufen k�nnen, dachte Hornbori, hob die Axt und lie� das schwere Blatt niedersausen. Ohne M�he durchtrennte er den Hals. Die anderen F�rsten sprangen von ihren St�hlen auf.</p><p>�T�te ihn!�, stammelte der Herrscher von Ishaven opportunistisch.</p><p>Hornbori griff Eikin ins wei�e Haar und hielt den Kopf hoch, sodass die Menge das Haupt deutlich sehen konnte. �Dies ist die Gerechtigkeit des Volks!�, rief Hornbori.</p><p>Die Drachen in Elfengestalt hatten die ganze Zeit �ber am Rand der B�hne gestanden und dem grausigen Treiben mit unbewegter Miene zugesehen. Nur der Rote, der ihn auch zum Verlies begleitet hatte, wirkte aufgew�hlt. Er nickte ihm zu, als wollte er ihm zeigen, dass dieses Urteil gerecht gewesen war.</p><p>Pl�tzlich l�ste sich der Goldene aus der Gruppe der Drachen und trat an den langen Tisch, von dem in Str�men Eikins Blut spritzte. Er legte Nyr und Galar je eine Hand auf die Brust.</p><p>Langsam erstarben die Wutschreie der Menge. Verwundert sahen sie der Lichtgestalt zu, denn es sah aus, als wolle die strahlende Aura, die den Goldenen umgab, auch auf die beiden Toten �bergreifen.</p><p>Hornbori stellte den Kopf des F�rsten neben dessen Rumpf ab. Es war nicht gut, dass die Himmelsschlange die Toten betatschte. Der Heermeister kannte seine Zwergenbr�der gut. Die meisten von ihnen w�rden das �belnehmen.</p><p>�Sie sind nicht tot!�, verk�ndete der lichtumflorte Elf, gerade als Hornbori einschreiten wollte.</p><p>�Das kann nicht sein�, stammelte er. �Sie hatten keinen Puls mehr. Sie��� Er blickte hinab zu Ulur in der vordersten Reihe. �Du hast es auch gesp�rt. Sie hatten keinen Puls. Sie waren tot!�</p><p>�Das stimmt�, bekr�ftigte der Bootsf�hrer. �Auch ich habe meine Hand an ihre Kehle gelegt. Das Blut in ihren Adern stand still. Sie waren von uns gegangen.�</p><p>�Sie hatten nur noch so wenig Blut im Leib, dass ihr es nicht flie�en sp�ren konntet.� Die Stimme des Goldenen hatte allen L�rm in der weiten Halle verstummen lassen. �Doch glomm in ihnen beiden noch ein Funke Leben, den ich wieder zu einem Feuer entfachen konnte. Sie werden wieder genesen!�</p><p>Beif�lliges Gemurmel breitete sich unter den Kriegern aus. Hornbori war �berrascht. Hier retteten die Himmelsschlangen zwei Zwerge, und�� zumindest f�r den Augenblick�� war ihnen vergeben, dass sie in der Tiefen Stadt Tausende ermordet hatten. Er aber w�rde ihnen das nicht verzeihen. Niemals! Ganz gleich, mit welchen W�rden sie ihn bedachten.</p><p>Der Goldene ging zur�ck zu seinen Nestbr�dern. Sie besprachen sich.</p><p>Hornbori hingegen trat zu seinen beiden Gef�hrten. Nyr und Galar lagen immer noch reglos vor ihm. Er tastete nach ihrem Hals. Jetzt sp�rte er wieder einen starken Puls. Doch statt sich zu freuen, lief ihm ein Schauder �ber den R�cken. Die beiden waren tot gewesen! Was hatte der Goldene mit ihnen gemacht? Waren das noch die beiden Rebellen, die er kannte?</p><p>Ein anderer der Elfen trat nun aus der kleinen Gruppe. Eine durch und durch finstere Gestalt, mit schwarzem Haar und schwarzem Gewand. Er musste sich nicht vorstellen, damit Hornbori wusste, dass er den Erstgeschl�pften vor sich hatte.</p><p>�Heermeister Hornbori!�, sagte er. Seine Stimme f�llte die Halle bis in den hintersten Winkel, obwohl er nicht laut sprach. �Meine Br�der und ich haben entschieden, dich zum Herrn aller Tiefen zu machen. Knie nun nieder, empfange meinen Segen und erhebe dich als Erster unter den Zwergen.�</p><p>Obwohl Hornbori auf dem R�ckweg vom Kerker alles genau �berlegt hatte und ihm sein Entschluss klar und einfach erschienen war, fiel es ihm nun doch schwer, seine Entscheidung vor dieser finstren Gestalt stehend auch umzusetzen. Er musste all seinen Mut zusammennehmen, um �berhaupt eine Silbe �ber die Lippen zu bringen. �Ich kann�� diese W�rde nicht annehmen.� Die Worte f�hlten sich wie scharfkantiges Glas in seiner Kehle an. Hornbori wusste ganz genau, dass diese Ehrung nichts wert war, wenn sie von den Drachen kam. Nicht einmal, wenn es die Himmelsschlangen waren. Seine Br�der w�rden diesen Titel einfach nicht anerkennen. Er wandte sich an die Zwerge, die sich im weiten Saal versammelt hatten.</p><p>�Dort unten stehen Hunderte Helden. Warum sollte ich geehrt werden? Jeder Einzelne von ihnen verdient es, ein F�rst zu sein. Wenn ich einen Titel empfange, dann k�nnen nur sie es sein, die ihn mir zuerkennen. Ein Herrscher �ber alle Zwerge kann nicht von Drachen benannt werden, nicht einmal von Himmelsschlangen. Nur Zwerge k�nnen diese W�rde verleihen.�</p><p>Hornbori sp�rte den Zorn des Dunklen. Der Drache in Elfengestalt blickte auf ihn herab. Durchbohrte ihn mit Augen, las in seinen Gedanken.</p><p>Der Heermeister klammerte sich an die Erinnerungen der letzten Nacht. Er dachte an Amalaswintha. Ihre schweren Br�ste. Daran, wie er sie liebkost hatte. Ihr sinnliches L�cheln. Mit aller Macht beschwor er die Bilder der letzten Nacht in seinen Gedanken.</p><p>Er war auch da, der Erstgeschl�pfte. Tief in seinem Kopf. So pr�sent, als w�re er in der letzten Nacht bei ihnen gewesen. Er grub, wollte tiefer in seine Vergangenheit. Wollte an die verborgensten Geheimnisse. Es war ein Gef�hl, als s��e etwas tief in seinem Kopf. Eine Maus, eingesperrt in seinem Sch�del, die mit kleinen Krallen in seinem Hirn zerrte. Der Schmerz nahm zu.</p><p>Hornbori f�hlte sich schwanken. Sein Empfinden war seltsam distanziert, als w�rde er sich selbst von au�en betrachten. Und da war noch etwas�� Ein Druck auf seinen Ohren. Etwas, das anwuchs, st�rker und st�rker wurde, als wollte etwas von au�en jene Maus vertreiben, die sich in seine Gedanken fra�.</p><p>Pl�tzlich war der Schmerz verschwunden. Alles, was blieb, war �belkeit und der Druck auf seinen Ohren, der sich langsam wandelte. Es war ein tosendes Ger�usch. Ein Ruf aus Hunderten von Kriegerkehlen. �Herr aller Tiefen!�</p></section><section><title><p>Die Geweihten</p></title><p>Hunderte Trommeln dr�hnten in der weiten H�hle tief unter der verborgenen Stadt. Adlerkrieger st�rzten sich mit schrillem Kreischen von einem Holzturm und glitten mit weit ausgebreiteten Schwingen �ber den Blutsee hinweg. Die Jaguarm�nner tanzten in selbstvergessener Ekstase vor der Stufenpyramide, auf deren unterster Terrasse sich die Auserw�hlten versammelt hatten, die heute in die beiden Kriegerorden aufgenommen werden sollten.</p><p>Langarm hielt sich abseits. Er stand im Eingang zu einem Tunnel, der tief unter die Pyramide f�hrte. Dort wurde in gro�en Urnen die Asche verdienter Priester aufbewahrt. Sein gefiederter Bruder hatte sich �berraschend dankbar gezeigt, als seine zweite Schlange rechtzeitig fertig geworden war. Nicht nur konnte er von dort unbeobachtet dem bizarren Ritual beiwohnen, sein Bruder hatte ihm�� wohl auch unter dem Druck der anderen Devanthar�� die zweite H�hle �berlassen, die von diesem Tunnelsystem abging.</p><p>Sie erstreckte sich unter dem Westhang des Weltenmunds bis hin zum Gro�en Fluss und war so weit, dass ganze Viertel der Goldenen Stadt dar�ber errichtet standen.</p><p>Schon bei der ersten Besichtigung war Langarm begeistert gewesen. Turmdicke Felss�ulen trugen die Decke; und es lag wohl an der Existenz der H�hle, dass die Stadtteile, die �ber ihr lagen, von dem gro�en Beben weit weniger schlimm betroffen waren. Zu welchem Zweck Nangog diesen gewaltigen Hohlraum erschaffen hatte, wusste auch sein Bruder nicht. Doch Langarm war sich sicher, dass es einen Grund daf�r geben musste. Es bestanden schlie�lich Verbindungen hinab zum Schlund, der bis ins Innerste der Hohlwelt f�hrte. Hinab zu dem Gef�ngnis, in dem Nangog bis ans Ende aller Zeiten eingesperrt sein w�rde.</p><p>Abgesehen von den S�ulen und einigen Kristallpfeilern, die aus dem Boden der H�hle wucherten, war der Ort leer. Er war wie daf�r geschaffen, sein gr��tes Werk zu vollenden: den Rei�zahn! Langarm hatte schon etliche vorgefertigte Teile f�r dieses Wunderwerk in die H�hle schaffen lassen. Das w�rde seine genialste Sch�pfung werden. Er konnte es kaum erwarten, dort mit der Arbeit zu beginnen. Einige seiner gr��eren Spinnen hatten bereits angefangen, Schmelz�fen zu errichten. Die Vorr�te an Erz und Holzkohle, die er ben�tigen w�rde, waren gewaltig. Es war eine Aufgabe, wie sie nur ein Gott bew�ltigen konnte, dachte er voller Stolz. Nicht so ein Maskenball, wie ihn sein Bruder hier aufzog.</p><p>Der Gefiederte stand neben dem Unsterblichen Necahual und umringt von federgeschm�ckten Priestern am Ufer des Blutsees. Mit theatralischen Gesten deutete er auf das aufgew�hlte Wasser und rief d�stere Worte, die zu keiner Sprache geh�rten, die Langarm kannte. Wahrscheinlich hatte sein Bruder sie nur wegen ihres Klangs erfunden.</p><p>Beide Drachen erhoben gleichzeitig ihre goldenen H�upter aus dem dunklen Wasser. Langarm nickte zufrieden. Die beiden gefiederten Schlangen waren ihm gut gelungen. Sie bewegten sich ganz nat�rlich, trotz der vielen Metallteile, die er in ihre Leiber hatte einziehen m�ssen.</p><p>Der Trommelschlag steigerte sich zu frenetischen Wirbeln. Nun beugte sich einer der Schlangendrachen vor. Fasziniert beobachtete Langarm, wie sein Bruder einen tiefen Schnitt in den Drachenleib setzte und in einem goldenen Pokal das Blut auffing, das aus der Wunde str�mte.</p><p>Nun stiegen die Auserw�hlten von der Pyramide herab. In langer Reihe traten sie vor den Gefiederten. Ein jeder von ihnen nahm einen Schluck von dem Blut, w�hrend sein Bruder ihnen seine Hand auf die Stirn legte und einen Zauber wob.</p><p>Die Auswirkungen auf die Menschenkinder waren sehr unterschiedlich. Manche brachen nach ein paar Schritt, von Kr�mpfen gesch�ttelt, in die Knie. Andere schlugen schreiend ihren Kopf gegen die gemauerte Einfassung des Sees oder sprangen sogar in das dunkle Gew�sser. Wieder andere waren still.</p><p>Wie viele M�nner sein Bruder wohl opfern musste, um einen einzigen Jaguarmann oder Adlerkrieger zu bekommen? Je l�nger Langarm sich dieses Spektakel ansah, desto mehr missfiel es ihm. Es lag nicht an der Grausamkeit. Es war die Verschwendung von Leben, die ihn �rgerte. Da war seine Arbeit doch wesentlich effektiver.</p><p>Muschelh�rner wurden geblasen, und jene M�nner, die nicht in unsinnige Raserei verfallen waren, reihten sich ein zweites Mal vor dem Gefiederten ein. Jetzt schnitt sein Bruder kleine Fleischbrocken aus der Brust der zweiten Himmelsschlange und legte sie den Kriegern, die vor ihn traten, in den weit ge�ffneten Mund.</p><p>Der Zauber, den sein Bruder wob, hatte eine solche Macht, dass Langarm ein unangenehmes Brennen auf der Haut sp�rte. Jedes Haar an seinem K�rper richtete sich auf. Der Gefiederte nahm den Kriegern einen Gro�teil ihrer Menschlichkeit. Er st�rkte die Seite des Tieres, mit dem sie sich verbunden f�hlten. Es waren nicht l�nger M�nner, die sich mit einer Jaguarhaut oder einem Federgewand verkleideten. Die �berlebenden fauchten und kreischten. Einige griffen sich gegenseitig an.</p><p>Langarm entschied, dass er genug gesehen hatte, und zog sich unbemerkt aus der H�hle zur�ck. Er w�hlte den verborgenen Weg der Priester hinauf in die Goldene Stadt. Es war die Nacht der Heiligen Hochzeit auf der Stufenpyramide von Isatami. Die Nacht des Festes, das er einst ersonnen hatte, damit I�ta niemals ihr Versprechen vergessen w�rde. Es gab noch vieles zu tun, und eine Mischung aus Unruhe und Vorfreude ergriff ihn, als er, der lebende Gott, durch die Stra�en ging und die Menschenkinder ihn ungl�ubig ansahen oder sich gar vor ihm in den Staub warfen. Diese Verehrung wurde ihm nur selten zuteil. Es war ein gutes Vorspiel f�r die Ereignisse des kommenden Tages, die ihm noch weit gr��ere Freude bescheren w�rden.</p></section><section><title><p>Der Preis der Herrschaft</p></title><p>�Nun, wie war dein Fest?�</p><p>I�ta sah kalt auf ihn herab. �Labarna sieht aus wie ein Tier, aber er verh�lt sich nicht so. Er ist ganz anders als Muwatta. Er erw�hlt nur Frauen zur Heiligen Hochzeit, die sie mit ihm auch wirklich begehen wollen. Und er nimmt es schwer, wenn sie nicht schwanger werden�� Warum hast du dir dieses Ritual ausgedacht? Die Opferung? Dass die Frauen ihr Blut und ihr Leben f�r die Fruchtbarkeit des Landes geben m�ssen, wenn sie kein Kind empfangen?�</p><p>Langarm schnitt den Pfau auf, den er in vollem Federkleid zubereitet hatte, was selbst f�r ihn eine Herausforderung war. Geschickt holte er die Leber heraus, legte sie neben die beiden Kl��e und die rohe M�hre. An den Tagen mit I�ta mochte er es, sich vulg�r zu geben. Mit Schwung verteilte er ein wenig dunkle Sauce �ber dem Arrangement und reichte den Teller dann der gefl�gelten G�ttin.</p><p>�Ich habe keinen Hunger. Was soll das? Wir sind G�tter! Wir m�ssen nicht essen.�</p><p>�Du wirst essen, weil ich es so will. Muss ich dich an unseren Pakt erinnern? Diesen einen Tag im Jahr geh�rst du ganz und gar mir. Das ist der Preis daf�r, dass dir Luwien geh�rt. Der Preis f�r deinen Verrat an Anatu und den Mord am Purpurnen. Ein Tag mit mir. Jedes Jahr nach der Sommersonnenwende.�</p><p>Sie nahm den Teller entgegen.</p><p>Langarm mochte es, wenn sie w�tend war und sich doch hilflos f�gte. Ausgeliefert zu sein war ein Gef�hl, das seiner Schwester ganz und gar unvertraut war. Damit zu spielen geh�rte zu den vielf�ltigen Freuden, die ihm dieser Tag bereitete.</p><p>Er sah zu, wie sie ein St�ck von der Leber abschnitt und sich widerwillig in den Mund schob.</p><p>�Du solltest von der Sauce kosten!�</p><p>Sie schnitt ein weiteres St�ck Leber ab und schob es in den Mund.</p><p>�Das war kein Wunsch!�, fuhr er sie an. �Tu es!�</p><p>Sie hob ver�chtlich eine Braue. �Sonst was?�</p><p>�Das wei�t du!�</p><p>Sie seufzte. �Ja, das wei� ich. Ich geh�re dir nur einen einzigen Tag im Jahr, und ich kann dir wahrlich nicht den Vorwurf machen, sehr originell bei der Gestaltung des Ablaufs dieses Tages zu sein. Du hast vor, mich auf jede nur erdenkliche Art zu erniedrigen. Was also �ndert es, ob ich mich nun f�ge oder nicht?� Sie sah ihm auf den Schritt und das auf eine Art, die jegliche Gef�hle erstickte. �Es wird wieder geschehen, dass deine Tr�ume deine M�glichkeiten �bertreffen. Du wirst mir die Schuld daran geben. Du wirst deine gewaltt�tigen Fantasien an mir ausleben. So ist bislang jeder <emphasis>unserer</emphasis> Tage verlaufen. Bestehst du deshalb darauf, dass die Frauen, die bei der Heiligen Hochzeit nicht schwanger werden, geopfert werden m�ssen? Ist es einfach deine Neigung?�</p><p>Er betrachtete das Messer in seiner Hand. Eine Spur Sauce verdeckte einen Teil des wundersch�nen blauen Linienmusters auf der Klinge. Er hatte viele Arbeitsstunden in dieses Messer investiert. Und er stellte sich vor, wie er damit in das weiche Fleisch seiner Schwester schnitt. Nicht nur, um sie zu qu�len. Er mochte den Anblick ihres rubinfarbenen Blutes auf der fast marmornen Haut. Wie es m�andernd Muster zeichnete. In diesen Anblick konnte er sich ganz und gar verlieren.</p><p>Es ging ihm gar nicht in erster Linie darum, ihr Schmerzen zu bereiten. Er liebte die Bilder aus Wei� und Rot, die seine Schnitte entstehen lie�en. Ebenso, wie er sich stundenlang am Anblick der Wellenlinien auf einer besonders gut gegl�ckten Klinge erg�tzen konnte. Ihm war bewusst, dass keiner seiner Br�der seine Neigungen verstand. Auch keine seiner Schwestern��</p><p>�Die Opfer�, sagte er geistesabwesend. �Eine Laune, f�rchte ich. Entt�uscht? Es war kein Plan. Keine lang ersonnene Boshaftigkeit. Eher eine spontane Eingebung. Ich hatte immer den Eindruck, dass die Menschenkinder sich an Grausamkeiten dieser Art begeistern. Manchmal besuche ich in Menschengestalt die Heilige Hochzeit und bin erstaunt, welche Begeisterung eine �ffentliche Vergewaltigung auf einer Zikkurat ausl�sen kann. Mir ist nie aufgefallen, dass jemand Mitleid mit den Jungfrauen h�tte.�</p><p>�Mag es daran liegen, dass die Menschen von grausamen G�ttern erschaffen wurden?� I�ta schob den Teller von sich. Sie hatte kaum an den Speisen ger�hrt.</p><p>�Grausam? Sind wir das? Oder sind wir skrupellos und machtversessen? Oder vielleicht sind wir alle anders? Ich glaube, keine deiner Schwestern h�tte sich an mich als Hure verkauft, nur um die G�ttin eines der sieben K�nigreiche zu werden.�</p><p>Ein mordlustiges Glitzern lag in ihren Augen. �Vielleicht kennst du unsere Schwestern einfach nicht gut genug. Eines ist allerdings wahr: Du bist anders. Du musstest ein Gesch�ft abschlie�en, um zumindest einer deiner Schwestern beiliegen zu k�nnen. Ich kann dir versichern, das hatte keiner deiner Br�der n�tig. Ich habe mich an fast allen versucht��� Sie fuhr sich mit der Zunge �ber die Lippen. �Manche verstehen sich wirklich darauf, sinnliche Stunden zu schenken.�</p><p>�Was f�r ein Gew�sch�� Mir geht es nur darum, mir selbst ein paar sinnliche Stunden zu schenken.� Langarm deutete in Richtung des Bettes. �Mir scheint, du hast keinen Appetit mehr. Dann beenden wir nun den kulinarischen Teil des Abends. Ich nehme an, dass du das auch willst. Sonst h�ttest du das Essen doch l�nger hinausgez�gert.�</p><p>I�ta erhob sich von der Tafel.</p><p>Wie stets bewunderte Langarm die Anmut, mit der sie sich bewegte. Sie trug nur ein kurzes wei�es Kleid. Lose fallend, betonte es ihre Br�ste. Ein angenehmes, warmes Gef�hl breitete sich in seinem Bauch aus. Die Vorfreude, sie anzusehen und sich auszumalen, was er mit ihr tun w�rde, bereitete ihm mehr Freude, als sich zu ihr zu legen. Er war sich seiner M�ngel wohl bewusst. Auch er konnte, wie alle seine Br�der und Schwestern, seine Gestalt ver�ndern, doch was immer er auch tat, er blieb stets missgestaltet. Seine Glieder waren zu lang, sein Rumpf gedrungen. Selbst wenn er eine Tiergestalt w�hlte, �nderte sich daran nichts�� Oft f�hlte er sich verh�hnt, wenn er sah, wie die anderen Devanthar sich L�wen- oder Eberk�pfe erw�hlten. Wie sie vollkommene K�rper bewusst entstellten, als w�re das ein Spa�. Und schlimmer noch, sich auf ihn einzulassen, den einzigen unter ihnen, der nicht die Wahl hatte, �ber sein �u�eres frei zu entscheiden, fanden sie absto�end! Es war die reine Verzweiflung, die ihn zum Pakt mit I�ta getrieben hatte.</p><p>�Zieh dich aus!�, befahl er mit heiserer Stimme. Diese eine Nacht musste f�r ein weiteres Jahr der Einsamkeit reichen. Er hatte viele Pl�ne mit ihr.</p><p>I�ta gehorchte. Sie hob das Kleid �ber den Kopf und lie� es zu Boden gleiten. Dabei zeigte sie ihm nur den R�cken. So makellos war er��</p><p>Manchmal hatte Langarm die Angst gequ�lt, I�ta w�rde ihn t�ten oder verschwinden lassen, so wie den Ebermann. Doch nicht in dieser Nacht, da hatte sie sich immer genau an ihre Absprache gehalten. An einem der anderen Tage im Jahr aber�� Der G�tterschmied l�chelte versonnen. Diese Sorge musste er nicht mehr haben. Seine Br�der und Schwestern brauchten ihn. Er w�rde den Untergang der Himmelsschlangen herbeif�hren. Sein Plan hatte sie alle �berzeugt.</p><p>Er nahm sein Messer vom Tisch und strich �ber die makellose Klinge. Sie war eine G�ttin. Ihre Wunden verheilten schnell wieder. Er m�sste ihr schon das Gesicht absch�len, so wie es dem Gefiederten geschehen war, damit es einige Zeit dauerte, bis sie ihre Sch�nheit zur�ckerlangte.</p><p>�Leg dich auf das Bett. Auf den Bauch.�</p><p>Sie gehorchte.</p><p>�Streck dich!�</p><p>Er beobachtete das Spiel ihrer Muskeln und stellte sich vor, welche Mechanik es simulieren k�nnte. Dr�hte unter d�nnem Leder, st�hlerne Gelenke, �sen�� Seine Gedanken schweiften zum Rei�zahn ab. Das war seine eigentliche Erf�llung. Er brauchte das hier nicht��</p><p>Langarm setzte sich neben I�ta auf das Bett. Auch wenn ihre Wunden schnell heilten, empfand sie dennoch Schmerz. Ahnte sie, welche Schmerzen ihm ihre unber�hrbare Sch�nheit an all den anderen Tagen des Jahres bereitete. Ihre Verachtung�� Von diesen Schmerzen w�rde er ihr nun ein wenig zur�ckgeben. Er setzte die Messerspitze unter ihrem linken Schulterblatt an. Diesmal sollte es kein langer Schnitt sein. Der Stahl drang glatt durch Haut und Fleisch. Er schob ihr die Klinge unter das Schulterblatt, erfreute sich an ihrem keuchenden Atem. Daran, wie sie dagegen ank�mpfte, ihn mit einem Schmerzenslaut zu erfreuen.</p><p>Dunkles Blut rann in die l�ngliche Mulde, unter der ihre Wirbels�ule lag. Dort sammelte es sich zu einer kleinen Pf�tze. Er tauchte den Finger hinein und malte Linien �ber ihre blasse Haut. �berrascht sah er, dass er ihren Namen geschrieben hatte.</p></section><section><title><p>Die verlorene Stadt</p></title><p>Hornbori sah in die Gesichter der noch verbliebenen zehn Alten aus der Tiefe. In ihren Augen glomm derselbe Hass, der ihn empfangen hatte, als er auf die Trib�ne im Amethystsaal gestiegen war.</p><p>Dieses Mal gab es keine Zeugen f�r das, was besprochen wurde. Sie hatten sich in einem der pr�chtigen Esszimmer von Amalaswinthas Palast versammelt. Hornbori schreckte davor zur�ck, Eikins R�umlichkeiten zu nutzen. Formal geh�rte ihm nun der Palast des Toten, doch er hatte ihn noch nicht betreten. Stattdessen hielt er Hof bei seiner Geliebten. Er bekannte sich ganz offen zu ihr, sich wohl bewusst, was �ber sie beide geredet wurde. Er l�chelte versonnen. Die meisten dieser Ger�chte stimmten.</p><p>�Du glaubst doch wohl nicht, dass wir dich als einen der Unseren anerkennen�, sagte Grimm, der Alte aus der Tiefe von Ishaven. Er war alt wie sein Berg, das Gesicht verwittert und von einer breiten Narbe gezeichnet, die von seiner linken Braue bis hinab zum Kinn reichte. Sein Bart war schlohwei� und zu zwei Z�pfen geflochten. Er galt als unnachgiebig, ja grausam. Der Krieg, den sein Volk gegen die Kobolde f�hrte, war ein gro�es St�ck weit sein Werk.</p><p>Hornbori hielt dem Blick des F�rsten stand. Im Vergleich zu den Schlachtfeldern, die er gesehen hatte, war das hier ein feuchter Dreck. Glaubte der Alte wirklich, er w�re mit b�sen Blicken und Spr�chen einzusch�chtern?</p><p>�Du hast recht, Grimm. Ich bin nicht euresgleichen. Ich stehe �ber euch allen. Es sei denn, das Wort der Himmelsschlangen gilt f�r dich nicht.�</p><p>�Du dreckiger, kleiner���</p><p>�H�r mir zu!�, schrie Hornbori den Alten nieder. �H�rt mir alle zu! Ihr sitzt hier in meinem Berg! Ihr alle habt gesehen, was ich mit Eikin getan habe.� Er ber�hrte die riesige Axt, die nun in seinem G�rtel steckte. �Drau�en vor der T�r stehen einhundert Krieger, die ohne zu z�gern jeden Befehl ausf�hren werden, den ich gebe.� Er sah die Alten der Reihe nach an. �Es sind M�nner, die einmal euch geh�rt haben, wie Ginnar aus Ishaven. Ihr habt sie an mich verloren.� Er machte eine Pause, um den F�rsten Gelegenheit zu geben nachzudenken. �Die meisten von euch haben M�nner in ihrer Leibwache, die unter meinem Befehl gek�mpft haben. Ich kann die Hand nach jedem Berg ausstrecken, in dem Zwerge Tunnel graben. Denn ich habe Gefolgsleute in jedem Berg. Aber ich will Frieden zwischen uns. Ihr seid meine Br�der, nicht meine Feinde. Ich m�chte, dass die Edlen der Ehernen Hallen einen neuen Alten in der Tiefe aus ihrer Mitte w�hlen.�</p><p>�Und wo willst du dann herrschen, aufgeblasener Trottel?�, fragte ihn Grimm. �Ein F�rst braucht einen Berg.�</p><p>Hornbori l�chelte. �Ganz meine Meinung, Br�der. Mein Berg ist die Tiefe Stadt.�</p><p>Der Heermeister genoss die Verbl�ffung, die seine Worte ausl�ste. �Aber die Drachen���, wandte Grimm ein.</p><p>�Ich bin ein Zwerg! Seit wann lasse ich mir von Drachen vorschreiben, in welchem Berg ich lebe. Ganz gleich, was ihr denkt, ich bin nicht der Lakai der Himmelsschlangen. Ich will mir zur�ckholen, was sie unserem Volk genommen haben: die zw�lfte Stadt. Meine Heimat wird wieder erbl�hen. Ich werde in jeder unserer St�dte nach Freiwilligen suchen, die mir in die ru�geschw�rzten Hallen meines Bergs folgen wollen, um ein neues Leben zu beginnen. Und ich erwarte, dass ihr diesen Siedlern keine Steine in den Weg legen werdet.� Wieder machte er eine Pause, um die Worte sacken zu lassen.</p><p>�Ich werde nicht akzeptieren, dass Zwerge verhindern, dass wir unsere verlorene Stadt zur�ckholen. Ich gebe euch drei Tage. Dann fordere ich von jedem einzelnen von euch einen Eid darauf, mich bei diesem Plan zu unterst�tzen.�</p><p>�Und wenn wir das nicht tun?�, fragte Grimm herausfordernd. �Was machst du dann mit uns? Uns hinrichten wie Eikin?�</p><p>�Was glaubt ihr vom Herrn aller Tiefen?� Hornbori lachte. �Nat�rlich werde ich das nicht wiederholen. Ich werde eure Entscheidung bekanntgeben. Ich werde verbreiten lassen, wie ihr euch aus selbsts�chtigen Gr�nden gegen ein Wiedererstarken unseres Volkes einsetzt, und das Ger�cht streuen lassen, dass ihr mit den Drachen paktiert. Ihr werdet euch am Ende selbst hingerichtet haben.�</p><p>�Du wirst viel Gold brauchen, um die Tiefe Stadt wieder zu bev�lkern�, wandte ein anderer Alter ein. �Woher soll das kommen? Wirst du besondere Abgaben einfordern?�</p><p>�Nein.� Hornbori sch�ttelte l�chelnd den Kopf. Eigentlich hatte er damit gerechnet, dass dieser Einwand zuerst kommen w�rde. �Ich werde niemandem in sein Gelds�ckel greifen. Die Dame Amalaswintha unterst�tzt mich. Unsere Mittel sind mehr als ausreichend, um mit der Besiedlung zu beginnen. Au�erdem hat nie jemand die Sch�tze der Tiefen Stadt geborgen. Sollten sich keine Erben melden und in der neuen Stadt siedeln wollen, werden diese Sch�tze zum Wohl der Allgemeinheit eingesetzt.�</p><p>�Das ist Diebstahl�, ereiferte sich Grimm.</p><p>�Ist es das? Ich glaube eher, dass sich in der Hoffnung auf wohlwollende Pr�fung der Besitzverh�ltnisse erstaunlich viele entfernte Neffen und Nichten bei mir melden werden. Und nat�rlich gehen solche Reicht�mer immer nur an denjenigen, der sich zuerst meldet.�</p><p>�Eine Stadt von raffgierigen Aasgeiern wirst du da gr�nden!�</p><p>�Du wolltest auch kommen?� Hornbori bedachte Grimm mit einem abf�lligen L�cheln. �Ihr seht, ihr habt die M�glichkeit, mich sehr schnell loszuwerden. Ich werde mein Amt als Erster, der �ber euch allen steht, kaum aus�ben k�nnen, wenn ich einer ganzen Stadt wieder Leben einhauchen m�chte. Nat�rlich k�nnt ihr euch auch gegen mich stellen, gegen den Heermeister der Himmelsschlangen. Gegen den gr��ten lebenden Helden unseres Volkes. Ihr habt nun drei Tage, �ber euren Weg nachzudenken.� Hornbori verneigte sich knapp und ging.</p></section><section><title><p>Der Pakt</p></title><p>Galar trat unruhig von einem Bein auf das andere. Er h�tte erst gar nicht hierherkommen sollen! Das war der Arsch der Welt. Ein Tunnel im hintersten Winkel der Ehernen Hallen. Mehr als eine Meile tief unten im Fels, nah den Wurzeln des Berges. Galars Laterne schnitt nur einen winzigen Kreis aus der Dunkelheit. Hier gab es nichts au�er der Dunkelheit. Nicht einmal Ratten kamen hier hinab.</p><p>W�tend spuckte der Schmied aus. Die Finsternis setzte ihm zu. Das war neu! Und es war nicht gut! Er war dazu geboren, in H�hlen zu leben. Aber dieser Angriff im Nichts�� So oft war er schon verwundet worden. Er hatte es immer �berstanden. Aber diesmal war es so, als h�tten die Krallen des Gottes etwas aus ihm herausgerissen. Er f�hlte, dass ihm tief in seinem Inneren etwas fehlte.</p><p>Hornbori hatte ihm �ber Nyr ausrichten lassen, er solle sich hier einfinden. Was wollte der Schisser von ihm? Dank? Darauf k�nnte Hornbori warten, bis ihm die Sonne aus dem Arsch strahlte. Er hatte ihn schlie�lich nicht darum gebeten, gerettet zu werden. Er schuldete ihm nichts! Und er w�rde sich ganz bestimmt nicht von ihm vor den Karren spannen lassen.</p><p>Seit der Drecksack wichtig geworden war, war er kaum noch zu sehen. Entweder traf er sich mit reichen Kaufleuten, den Eignern der Aal-Flotten oder den verfluchten Alten aus den anderen St�dten. Vielleicht auch noch mit den Himmelsschlangen�� Wer wusste das schon? Und die restliche Zeit hurte er mit Amalaswintha herum.</p><p>Er sollte sich abregen. Der Schmerz in seinen Wunden begann wieder zu pochen. Die Schnitte in seiner Brust waren noch nicht tief verheilt. Was f�r eine Schei�welt! Er war von diesem Devanthar fast ausgeweidet worden, und was hatte er davon? Der Schisser erntete allen Ruhm. Wie immer.</p><p>Schritte lie�en ihn aufhorchen. Weit entfernt kam der Lichtkreis einer Laterne in Sicht. Wenigstens versetzte ihn der Schisser nicht. Galar lehnte sich an den k�hlen Fels. Ein Dutzend Zwerge hatte ihm schon erz�hlt, wie der Goldene ihn zur�ckgeholt hatte. Ausgerechnet eine Himmelsschlange! Ob das Biest wohl in seinen Gedanken gelesen hatte? Wahrscheinlich nicht. Das h�tte er nicht �berlebt, dachte er schmunzelnd. Der Goldene h�tte die Arbeit des Devanthar vollendet, wenn er gesehen h�tte, was ihn in seinem Innersten bewegte.</p><p>Hornbori kam allein. Er sah gut aus, der verdammte Schisser. Jetzt lebte er ja erst recht wie eine Made im Speck. Herr aller Tiefen. Galar konnte es noch immer nicht fassen.</p><p>�Wirst du mit mir in die Tiefe Stadt kommen?�, kam es statt einer Begr��ung.</p><p>�Was sollte ich da? Knochen einsammeln?�</p><p>�Du sollst deine Werkstatt wieder einrichten. Und ich werde dir jeden verdammten Koboldk�se besorgen, der sich in Albenmark auftreiben l�sst, oder was immer sonst du haben willst, um deine verqueren Ideen Wirklichkeit werden zu lassen.�</p><p>F�r einen Moment verschlug es Galar die Sprache.</p><p>Hornbori genoss das ganz offensichtlich. �Du bist abgesehen von den Alten in der Tiefe und Amalaswintha der Erste, der davon erf�hrt. Ich werde die Tiefe Stadt wieder besiedeln. Wir werden uns zur�ckholen, was uns die Drachen gestohlen haben.�</p><p>�Eine Expedition���, brachte Galar schlie�lich hervor.</p><p>Der Heermeister sch�ttelte den Kopf. �Nein, wir gehen nicht mehr fort, wenn wir einmal dort sind. Die Krieger, die abberufen werden��� Er seufzte. �Darum werden wir nicht herumkommen. Aber wir werden der Stadt wieder Leben einhauchen!�</p><p>�Warum sagst du mir das?�</p><p>�Weil es f�r mich keine Tiefe Stadt ohne Galar den Schmied geben kann! Ich brauche dich dort.�</p><p>Da kamen sie dem Braten n�her. Der Drecksack brauchte ihn. �Wozu?�</p><p>�Weil du der verdammt genialste Erfinder bist, den unser Volk je hervorgebracht hat. Du bist der Gobhayn der Zwerge! Nur dass du im Gegensatz zu dem Elfen nicht bei einer verdammten Schatzsuche auf Nangog von Gr�nen Geistern in St�cke gerissen worden bist.�</p><p>Galar hatte ganz andere Geschichten �ber den Elfenschmied geh�rt. Angeblich hatten die Himmelsschlangen ihn von ihren verfluchten Drachenelfen ermorden lassen, weil er nicht bedingungslos ihren Befehlen gehorchen wollte.</p><p>�Was z�gerst du, Galar? Hast du vergessen, wie du dich bei mir beklagt hast, deine Werkstatt sei zu klein und dass dir die Tintenpisser des Alten in der Tiefe keine Genehmigung geben wollten, deine H�hle zu erweitern? Diese Zeiten sind vorbei. Wenn du es brauchst, bekommst du von mir eine Werkstatt so gro� wie der Amethystsaal. Au�erdem alles Werkzeug, das du dir w�nschst. Alle Metalle und Gehilfen, so viele du um dich ertragen kannst.�</p><p>�Was ist der Haken?� Der Drecksack machte so ein Angebot nicht ohne Hintergedanken, da war Galar sich sicher.</p><p>Hornbori nickte. �Du kennst mich gut. Es gibt tats�chlich eine Bedingung. Du h�rst nicht damit auf, Drachen zu t�ten.�</p><p>�<emphasis>Nicht?</emphasis> Ich hab mich wohl verh�rt.�</p><p>�Keineswegs.� Der Heermeister deutete mit seiner Laterne in Richtung eines Seitentunnels, der hier vom Hauptgang abzweigte. �Komm mit mir. Ich werde dir etwas zeigen.�</p><p>Wenn Hornbori glaubte, er w�rde ihn jetzt mit neugierigen Fragen l�chern, hatte er sich geschnitten. In b�rbei�iges Schweigen geh�llt, folgte Galar dem Heermeister, bis sie nach etwa f�nfzig Schritt an eine T�r gelangten, die ganz und gar aus Eisen gefertigt war und �ber drei Schl�ssell�cher verf�gte.</p><p>Der Schisser nahm einen Lederriemen vom Hals, von dem drei Schl�ssel mit au�ergew�hnlich breiten B�rten hingen. �Nimm sie. Du sollst diese T�r �ffnen.�</p><p>Misstrauisch trat Galar vor die Schl�sser. Was sollte das Ganze? W�rde Hornbori ihn �ber die Schwelle sto�en und wieder absperren, sobald er diese T�r �ffnete? Er traute dem Schisser grunds�tzlich jede Schurkerei zu.</p><p>Er brauchte einige Versuche, bis er die Schl�ssel richtig zugeordnet hatte. Vorsichtig drehte er sie. Die Schl�sser knirschten, als w�ren sie seit vielen Jahren nicht mehr ge�ffnet worden. Langsam schob er die schwere T�r auf und hob seine Laterne, um die Kammer auszuleuchten. Sie war etwa so gro� wie seine verlorene Werkstatt. Es gab eine Esse voller Asche, daneben einen Amboss und einen staubtrockenen Wassertrog. �berall lag Werkzeug herum. Weiter hinten stand eine schwere, h�lzerne Werkbank. Und darauf lag etwas, das in all den Jahren keinen Rost angesetzt hatte. Etwas, das Galar auf den ersten Blick erkannte: die Speer- und Pfeilspitzen, die er einst mit dem einbeinigen Glamir geschmiedet hatte. Seine Drachent�terpfeile!</p><p>�Die sind f�r dich und Nyr. Und ich w�nsche mir, dass ihr sie benutzt!�, sagte Hornbori hinter ihm entschlossen.</p><p>Galar traute dem pl�tzlichen Sinneswandel seines Freundes nicht. �Der Lakai der Himmelsschlangen gibt mir diese Waffen�� Wie geht das zusammen?�</p><p>�Ich musste ihr Lakai sein, um es bis hierher zu schaffen. Um dir heute diese Schl�ssel geben zu k�nnen. Ich wei�, dass du nichts von mir h�ltst, aber auch ich habe den Drachen nie verziehen, was sie unserer Stadt angetan haben. Willst du noch Drachenblut vergie�en, oder muss ich mir einen anderen Helden suchen?�</p><p>Galar nickte z�gerlich. �Das will ich. Aber glaube nicht, dass du dir damit meine Freundschaft erkauft h�ttest. Auch dann nicht, wenn du die W�nde meiner Werkstatt mit Goldplatten auskleidest.�</p><p>Hornbori schenkte ihm ein einschmeichelndes L�cheln. �Ein Schisser und ein Schmied, der so riecht, wie er mich nennt, als Freunde? Nein, ich m�sste verr�ckt sein, das zu glauben. Wir haben einen Pakt geschlossen, weil wir dieselben Feinde haben. Und wir werden sie bek�mpfen, solange noch Leben in uns ist. Ich f�hre einen Krieg gegen Drachen, Galar, und ich werde nicht ruhen, bis die letzte der Himmelsschlangen stirbt.� Er streckte ihm die Hand entgegen. �Stehst du in diesem Krieg an meiner Seite? Haben wir einen Pakt?�</p><p>Diesmal z�gerte Galar nicht. Er schlug ein.</p></section><section><title><p>Nahendes Unheil</p></title><p>�Sie kommen!�, rief Ormu atemlos. Der Hauptmann der Bogensch�tzen stand vorgebeugt, sein Atem ging keuchend. Er hasste es zu reiten und musste mehrere Meilen gelaufen sein.</p><p>Shaya wandte sich an Ashot. �Ich werde���</p><p>�Nein!�, widersprach der Feldherr heftig. �Ihr werdet Mira sofort verlassen, ganz so, wie es der urspr�ngliche Plan war. Der Unsterbliche wird mich h�uten lassen, wenn ich es Euch gestatte, hier in diesem Kaff zu bleiben. Ihr seid auch so schon viel zu nah dran.�</p><p>�Du widersetzt dich Befehlen deiner Herrscherin, du��� Sie griff nach der Dornaxt an ihrem G�rtel. Seltsamerweise gab sie dieser Waffe aus dem Volk der Ischkuzaia den Vorzug gegen�ber den in Aram �blichen �xten und Schwertern.</p><p>�Ich widersetze mich und befolge damit die Befehle des Unsterblichen, meine Herrin. Und wenn Ihr nicht freiwillig Mira verlasst, dann werde ich Euch hinaustragen lassen. Ihr werdet nicht hier sein, wenn der Tanz losgeht. Und es ist auch keine Zeit zum Reden mehr. Ihr geht <emphasis>jetzt!</emphasis> Ormu, du wirst���</p><p>Shaya winkte ab. �Ich gehe. Aber das wird ein Nachspiel haben.�</p><p>Beklommen sah Ashot zu, wie sie sich auf eines der Pferde schwang und mit der Mehrzahl der Krieger durch das n�rdliche der beiden Tore die kleine Ortschaft verlie�.</p><p>Seit sieben Wochen waren sie hier in Mira. Shaya hatte die Siedlung bei einer tiefen Wasserstelle unmittelbar nach dem letzten �berfall durch die Pferdem�nner als jenen Ort bestimmt, an dem sie den Daimonen eine t�dliche Falle stellen w�rde. Mira war nicht viel mehr als eine Ansammlung einfacher Grash�tten rings um ein schlammiges Wasserloch. Ein Rastplatz f�r Viehtriebe, die weiter nach Nordosten, nach Naga gingen. Sieben Wochen lang hatte sie jedes St�ck Vieh angekauft, das hier durchkam. In den Pferchen bei der Wasserstelle dr�ngten sich inzwischen mehr als viertausend der gro�en Steppenrinder. Jeden Tag wurde es schwieriger, die gro�e Herde mit Futter zu versorgen. Sie durften die Pferche nicht verlassen.</p><p>Rings um die Siedlung war eine drei Schritt hohe h�lzerne Palisade errichtet worden. Sie hatten das Holz eigens durch ein magisches Tor unweit der Siedlung heranschaffen lassen, da es im Umkreis von mehr als hundert Meilen nicht gen�gend B�ume gegeben h�tte, um eine solche Verteidigungsanlage zu errichten.</p><p>Ormu klopfte Ashot auf die Schulter. �Bist ein tapferer Mann.�</p><p>�Wegen der Kentauren?�</p><p>�Wegen Shaya. Ihr zu trotzen erfordert schon Mut.� Er grinste. �Ich m�chte wirklich nicht in deiner Haut stecken. Alles, was dich hier mit den Kentauren erwartet, wird ein Spaziergang im Vergleich zu dem �rger, den dir Shaya machen wird.�</p><p>�Vielleicht hab ich ja Gl�ck und geh in diesem g�ttervergessenen Nest drauf���</p><p>�Damit macht man keine Scherze, mein Freund.� Ormu packte ihn mit beiden H�nden bei den Oberarmen. �Es sind zu wenige von uns alten K�mpfern �brig geblieben. Es kommen weit �ber tausend von diesen verfluchten Pferdedaimonen. Schau, dass du hier herauskommst, wie es geplant ist.�</p><p>Ashot rang sich ein L�cheln ab. �Wird schon.� Er k�mpfte zu lange in diesem Krieg, um sich noch der Illusion hingeben zu k�nnen, dass jemals eine Schlacht wie geplant laufen w�rde. Er sah Ormu zu, der sich beeilte, aus dem zum Untergang verdammten Kaff zu kommen. Mit ihm zog sich die Mehrzahl der Krieger zur�ck.</p><p>Erst dann wandte sich Ashot an jene, die mit ihm in Mira geblieben waren. Er sah die Angst in ihren Gesichtern. Es waren �berwiegend junge Spunde, die gut klettern und laufen konnten. Einer von ihnen stach ihm besonders ins Auge. Er trug sein Schwert in einem Gurt auf dem R�cken und spielte sich auf, als w�re er ein schlachterprobter Veteran, dabei spross ihm noch nicht einmal der erste Flaum auf den Wangen.</p><p>�He, Daron! Sind alle bereit?�, sprach er ihn an.</p><p>�Ja, Feldherr!� Der Junge verschluckte sich fast an den Worten. Er stand stocksteif und vermied es, ihm in die Augen zu sehen. Der Knabe war offensichtlich �berw�ltigt, dass ein Vertrauter des Unsterblichen seinen Namen kannte. Ashot lauschte gerne, wenn seine M�nner sich unterhielten. Und einige der Namen, die er dabei h�rte, pr�gte er sich ein. Sie waren stets v�llig �berrascht, wenn er sie pers�nlich ansprach. Manche glaubten, er w�rde sie alle kennen. Doch es war nur ein Trick, der die Moral hob.</p><p>Ashot h�tte sein Verm�gen darauf verwettet, dass der Knabe noch keine f�nfzehn war, was eigentlich das Mindestalter war, um unter die Krieger aufgenommen zu werden. Doch je l�nger der Krieg gegen die Daimonen dauerte, desto weniger w�hlerisch wurden die Werber, die frisches Fleisch f�r die Schlachtfelder rekrutierten.</p><p>�Was ist deine Aufgabe, Junge?�</p><p>�Bei den Viehgattern bleiben, Feldherr! Ich soll sie �ffnen, sobald die Daimonen in das Dorf eindringen.�</p><p>Ashot w�nschte sich, er h�tte nicht gefragt. Er wusste, dass die meisten der jungen Krieger dort draufgehen w�rden. Wenn erst einmal das Vieh ausbrach und die Pferdedaimonen durch die engen Stra�en preschten, w�rden es nur noch wenige aus der Mitte des Dorfes bis zu den Palisaden schaffen. �Sobald du das Gatter ge�ffnet hast, l�ufst du, verstanden? Du wirst nicht stehen bleiben und die Daimonen angaffen und du wirst erst recht nicht versuchen, gegen sie zu k�mpfen. Haben wir uns verstanden?�</p><p>�Jawohl, Feldherr!�</p><p>�Man gewinnt Schlachten, weil sich alle an ihre Befehle halten, Junge. Ich hoffe, du vergisst das nicht im Eifer des Gefechts.�</p><p>�Ganz gewiss nicht, Feldherr!�</p><p>�Dann ab auf deinen Posten!� Ashot wandte sich ab. Er wollte sich noch einige der H�tten ansehen. Ein letztes Mal�� Nur um die Zeit zu vertreiben und hier nicht dumm herumzustehen. Er wusste, dass alles gut vorbereitet war.</p><p>�Feldherr?�</p><p>�Ja?� Unwirsch drehte er sich noch einmal zu dem Jungen um.</p><p>�Stimmt es, dass Ihr aus dem Dorf Belbek stammt?�</p><p>�Ja��� Misstrauisch sah er den Knaben an. �Aber all die anderen Geschichten stimmen nicht. Ich war nie Ziegenhirte oder ein armer Pachtbauer.�</p><p>Der Junge wurde rot. �Nat�rlich nicht���, stammelte er, dann lief er davon.</p><p>Etwas mit dem Knaben stimmte nicht. Nachdenklich verfolgte er ihn mit Blicken, bis er in dem Labyrinth aus engen Gassen zwischen den Viehpferchen verschwunden war. Der Junge war klein, von leicht gedrungener Gestalt. Er hatte ein offenes Gesicht und l�chelte oft. Ein einf�ltiger Bauernsohn halt, wie sie zu Hunderten nach Nangog kamen, um zu sterben. Einzig dieses gro�e Schwert zeichnete ihn aus. Wo er es wohl herhatte? Beute konnte es nicht sein. Die Jungen, die hier in Mira verblieben waren, waren ausnahmslos junge Rekruten. Sie hatten noch in keiner Schlacht gefochten.</p><p>Ashot verdr�ngte die Gedanken an den Jungen. Es war besser, sie nicht kennenzulernen. Dann musste er auch niemanden betrauern. Mit festem Schritt ging er zur n�chsten H�tte. Die W�nde wie auch das Dach waren aus geflochtenen Grasmatten gefertigt. Nicht ungew�hnlich in dieser Gegend, wo das hohe Messergras das Einzige war, was reichlich vorhanden war. Im Durchgang hing ein verschlissenes Stofftuch, das wohl fr�her einmal t�rkisfarben gewesen war. Ashot duckte sich darunter hindurch. Der Teergestank, der �ber dem ganzen Dorf hing, war hier besonders intensiv. �berall auf den W�nden waren gro�e Flecke der schmierigen schwarzen Paste. Ein junger Krieger spritzte Lampen�l auf die Grasw�nde. Er fuhr erschrocken herum, als Ashot eintrat. �Feldherr?�</p><p>�Nur die Ruhe. Ich drehe eine letzte Runde. Die Daimonen sind auf dem Weg. Du wei�t, was du zu tun hast?�</p><p>�Jawohl, beim dritten Hornsto� setze ich die H�tte in Brand und sehe zu, dass ich fortkomme!�</p><p>Ashot nickte. �Gut!� Er sah auf die kleine Lampe, die neben dem Fass mit dem Stein�l stand. Die Flamme auf dem Docht brannte ruhig. Rings um das Fass stapelte sich mit Teer beschmiertes Holz, darunter lag Reisig und Stroh. �Pass blo� auf, dass du dir kein Lampen�l auf die Kleider spritzt, Junge.�</p><p>�Ich bin vorsichtig, Herr. Keine Sorge.� Der Knabe grinste ihn breit an. Er hatte ein schmales Gesicht mit schiefer Nase, �ber die er sich sicher schon so manchen Witz hatte anh�ren m�ssen. �Den Daimonen werden wir es zeigen, nicht wahr?�</p><p>�Sie werden diesen Tag nicht so schnell vergessen�, best�tigte Ashot. �Also, beim dritten Hornsto�. Und dann nimmst du die Beine in die Hand.�</p><p>�Jawohl, Feldherr!�</p><p>�Wir sehen uns drau�en, Junge. Ich sch�tze, du wirst mich alten Mann im Laufen schlagen.�</p><p>Statt einer Antwort bekam Ashot ein breites Grinsen. Er bewunderte die Jungen f�r ihren Mut und ihr bedingungsloses Vertrauen in ihre Anf�hrer. Lange w�rde das nicht halten�� Er duckte sich unter dem Tuch hindurch und trat wieder auf den Platz, der fast v�llig von Pferchen ausgef�llt wurde.</p><p>Die Steppenrinder bl�kten noch mehr als sonst. Sie sp�rten, dass etwas in der Luft lag. Eine Anspannung. Nahendes Unheil.</p><p>Ashot atmete tief ein. Er hatte sich geirrt. Der Teer war �berall zu riechen. Hoffentlich begriffen die Pferdedaimonen nicht, worauf das hier alles hinauslaufen w�rde.</p><p>Ein Hornsignal erklang. Der erste Hornsto�. Ihre Feinde waren also auf den H�geln vor Mira erschienen. Pl�tzlich war sein Mund staubtrocken. Nerv�s ging er zu dem Krieger, der ein St�ck entfernt neben dem gr��ten der Grash�user stand. Er hielt ein gro�es, gekr�mmtes Messinghorn, auf das er unabl�ssig mit den Fingern der Linken trommelte.</p><p>�Ich hoffe, du bist gut bei Puste, Mann.�</p><p>�Bin ich, Feldherr! K�nnte eines dieser verdammten Grash�user umpusten, wenn ich wollte.�</p><p>Erleichtert sah Ashot, dass dem Kerl wenigstens schon ein paar Stoppeln im schmutzigen Gesicht wuchsen. Es fiel ihm leichter, M�nner in den Tod zu schicken als Knaben. �M�gen die G�tter gleich deinen F��en Fl�gel verleihen. Und nun verrate mir, wie wir es von hier aus am schnellsten zur Palisade schaffen.� Nat�rlich kannte Ashot den Weg, er war seit sieben Wochen in dem Dorf, um diesen Tag vorzubereiten, aber es war immer besser zu reden, als einfach nur schweigend beieinander zu stehen.</p><p>Der Hornbl�ser deutete zur n�chsten Gasse. �Dort entlang, Feldherr. Merkt Euch meinen R�cken und folgt ihm, dann schafft Ihr es�, sagte der Krieger frech grinsend.</p><p>�Du glaubst, du kannst schneller laufen als ich?� Ashot erwiderte das Grinsen. �Ich wette eine Amphore Roten von den �gilischen Inseln gegen einen Ziegenschlauch sauren Fusel, dass ich vor dir bei der Palisade ankomme.�</p><p>�Das tut Ihr nur, damit ich stehen bleibe und Euch helfe, wenn es hart auf hart kommt.�</p><p>Ashot lachte. �Verdammt, um mich kann es als Feldherr ja nicht weit bestellt sein, wenn ich so leicht zu durchschauen bin.� Er hob die Rechte. �Schl�gst du ein?�</p><p>Der Krieger packte seine Hand. Er hatte einen selbstbewussten, kr�ftigen H�ndedruck. �Wird mir ein Vergn�gen sein, Euren Weinvorrat zu pl�ndern, Feldherr.�</p></section><section><title><p>B�se W�lfe</p></title><p>�Und, Parmenion, was denkst du?� Sekander sah vom H�gelr�cken auf die kleine, befestigte Siedlung hinab. Rechts und links von ihm nahmen immer mehr seiner M�nner Stellung auf dem lang gezogenen Kamm.</p><p>�War zu erwarten, dass die Menschenkinder irgendwann damit anfangen.� Er deutete nach Osten, wo eine Gruppe Fl�chtlinge in den H�geln auf der anderen Seite der Siedlung verschwand. �Sie scheinen nicht sonderlich viel Vertrauen in ihre Verteidigungsanlagen zu haben.�</p><p>W�hrend sie sprachen, ert�nte unten im Dorf ein Hornsignal, und das Tor wurde vor ihren Augen geschlossen.</p><p>�Wie dick sch�tzt du die Bretter des Tors?�</p><p>Parmenion strich sich �ber seinen wei�en Bart. �Ich habe keine Adleraugen mehr. Aber es sollte kaum mehr als ein Zoll sein. Das wird uns nicht aufhalten. Die Palisade ist da schon eher ein Hindernis. Aber etwas an diesem Ort schmeckt mir nicht. Es zeigt sich kaum jemand auf den Gassen, und nicht ein Mann ist auf den Palisaden. Es gibt nicht einmal einen Wehrgang. Niemand kann auf dem Wall stehen, um Pfeile auf uns abzuschie�en oder Speere herabzuschleudern. Die k�nnen von diesem Wall aus ihre Siedlung nicht verteidigen. Findest du das nicht seltsam?�</p><p>�Vielleicht sollte man es sehen wie einen Zaun, um die b�sen W�lfe drau�en zu halten.� Sekander l�chelte breit. �Das hilft nat�rlich wenig, wenn die b�sen W�lfe schwere �xte und Brechstangen dabeihaben.�</p><p>Der alte Waffenmeister wiegte den Kopf. �Mir gef�llt das da unten nicht���</p><p>�Woran liegt es?� Der F�rst vermochte beim besten Willen nichts Verd�chtiges zu entdecken. Neben dem s�dlichen Tor standen ein paar aufgegebene Heuwagen. Keine Menschen zeigten sich. Die riesige Herde bei der Wasserstelle wurde immer unruhiger. Bis hier zu den H�geln war ihr Bl�ken zu h�ren.</p><p>Parmenion seufzte. �Ich kann nicht wirklich sagen, was mich beunruhigt. Es ist einfach so ein Gef�hl���</p><p>�Mein Gef�hl ist, dass uns dieses Tor nur wenige Augenblicke widerstehen wird und wir binnen einer Stunde auch das letzte St�ck Vieh da unten rausgeholt haben werden. Die Mehrzahl der Bewohner ist weggelaufen. Wollen wir uns l�cherlich machen, indem wir uns vor einem fast verlassenen Dorf f�rchten?�</p><p>Der Waffenmeister schnaubte gereizt. �Lass uns noch ein wenig auf die Siedlung hinabblicken. Was kostet uns das? Gib mir etwas Zeit, dann werde ich herausfinden, was da unten nicht stimmt.�</p><p>Sekander winkte Nikanor, Parmenions Sohn. Der junge Rappe geh�rte zu den neu ernannten Hauptleuten und brannte nur darauf, sich Schlachtenruhm zu erwerben. �Nimm dir ein paar Mann mit schweren �xten, Nikanor! Schlagt das Tor ein und seht nach, ob dort unten eine Falle auf uns lauert. Eure Belohnung sind f�nfhundert St�ck Vieh nach eurer Wahl.�</p><p>Der junge Hauptmann hob sein Doppelschwert zum Gru�. �Danke, dass du an mich gedacht hast, F�rst. Wir werden diesen Ort ganz alleine f�r dich erobern�, sagte er selbstsicher und preschte davon.</p></section><section><title><p>Wie einst in Kush</p></title><p>�Schei�e!�, zischte Ashot, als er sah, dass nur eine kleine Gruppe von Kentauren den H�gelkamm verlie�. Shaya war sich so sicher gewesen, dass sie wie eine wilde Horde �ber das Dorf herfallen w�rden.</p><p>Sie brauchten einen neuen Plan, und das schnell.</p><p>�Stimmt etwas nicht, Feldherr?�, fragte ihn der Hornbl�ser sichtlich nerv�s.</p><p>�Ich f�rchte, wir werden die verdammten Pferdem�nner ein wenig reizen m�ssen, wenn sie tun sollen, was wir uns von ihnen erhoffen.� Verzweifelt sah er sich um. Mit drei�ig kampferfahrenen M�nnern h�tte er sich beim Tor der kleinen Truppe von Feinden stellen k�nnen, um sie wieder aus Mira hinauszujagen. Aber mit diesen gr�nen Jungs, die in den H�tten versteckt kauerten, w�rde ihm das nicht gelingen. Ein einziger silberner L�we w�rde auch gen�gen��</p><p>Er sollte besser aufh�ren zu tr�umen. �Alle M�nner bei den Pferchen zu mir!�, br�llte er �ber das Muhen der Rinder hinweg. �Los, bewegt eure �rsche! Sofort!�</p><p>Was w�rde der Unsterbliche Aaron jetzt tun, fragte er sich. Sein Herrscher war schon oft in aussichtslose Schlachten gezogen und hatte dennoch gesiegt. Kush! Er musste es machen wie auf der Hochebene von Kush, als Aaron mit einem Bauernheer die weit �berlegene Armee des Unsterblichen Muwatta besiegt hatte.</p><p>Der kleine, gedrungene Knabe mit dem riesigen Schwert erschien als Erster.</p><p>�Los, bewegt euch zu mir!�, schrie Ashot erneut. �Kommt mit zur Werkstatt!�</p><p>Nur sieben junge Krieger waren seinem Ruf gefolgt. Mit blassen Gesichtern klammerten sie sich an ihre Speere, als w�rden ihnen die Holzsch�fte Halt geben.</p><p>�Du kommst auch mit!� Ashot winkte dem Hornbl�ser.</p><p>�Aber ich darf meinen Posten nicht���</p><p>�Was du darfst oder nicht, bestimmt allein dein Feldherr! Los, folge mir!� Er brachte die kleine Schar zum gro�en Werkstattschuppen, zwei Gassen weiter. Auf dem Weg dorthin holte er aus jedem Haus den Feuerw�chter.</p><p>Als sie den offenen Schuppen erreichten, waren sie mehr als drei�ig Mann. �Sucht euch H�mmer!�</p><p>Keiner fragte, warum. Alle waren eingesch�chtert. Auf dem Weg zur Werkstatt hatten sie die Pferdedaimonen auf dem H�gel vor der Siedlung gesehen und begriffen, dass etwas ganz und gar nicht nach Plan lief.</p><p>Unter einem Tisch zerrte Ashot einen Eimer voller langer Vierkantn�gel aus geh�mmertem Kupfer hervor. �Sucht euch jeder ein Brett. Und dann schl�gt mir jeder von euch Milchgesichtern mindestens zwanzig von diesen N�geln in dieses verdammte Brett. Ich will, dass sie mindestens so lang wie mein Finger aus dem Holz ragen.� Mit diesen Worten zeigte er ihnen den vorgestreckten Mittelfinger. �Und ihr haltet euch besser ran, wenn euch euer Leben lieb ist!�</p><p>Ashot griff selbst nach einem Hammer. Diese verdammten, unerfahrenen Kinder. Sie starrten ihn an. Er holte sich ein Brett, nahm einen Nagel und drosch mit aller Kraft darauf ein. �Los! Macht es mir nach, ihr verdammten ziegenfickenden Bauernt�lpel. Macht einfach nach, was ich tue!� Er nahm einen zweiten Nagel, hielt ihn mit Daumen und Zeigefinger und schlug mit dem Hammer zu.</p><p>Endlich kam Bewegung in die Frischlinge.</p><p>Vor dem Tor erschollen laute Rufe. Dann Gel�chter. Im n�chsten Augenblick war ein dumpfer Schlag zu h�ren. Die beiden Torfl�gel waren aus fast zwei Zoll dickem Eichenholz gefertigt. Wie lange w�rden sie halten?</p><p>�Beeilt euch!�, feuerte er seine Knaben an. �Schneller! Ihr werdet���</p><p>Einer der Jungen schrie auf. Sein Daumen war zu einer unf�rmigen, blutigen Masse zerquetscht. �Weitermachen!�, feuerte Ashot die anderen an und schlug selbst Nagel um Nagel in sein Brett.</p><p>Kurz blickte er zu dem Verletzten auf. �Du f�ngst jetzt nicht an zu flennen! Du holst mir einen Arm voll Stroh und bringst es zum Tor!�</p><p>Die �xte schmetterten in schnellem Rhythmus gegen das Tor. Schon h�rte Ashot Holz splittern. Ihm wurde bewusst, dass sie nicht warten durften, bis die Pferdedaimonen ein Loch ins Tor geschlagen hatten. Wenn diese Bastarde sehen konnten, was sie taten, dann war alles verloren.</p><p>Zweifelnd blickte der Feldherr auf sein Brett. Er hatte gerade einmal ein Dutzend N�gel durch das Holz getrieben. Das musste gen�gen! �Aufh�ren!�, befahl er mit ruhiger Stimme. Sein Rekrutentrupp war schon ver�ngstigt genug. Er musste ihnen den kaltbl�tigen Helden vorspielen, damit sie nicht endg�ltig in Panik verfielen. �Nehmt die Bretter und vergesst eure Speere nicht! Auf zum Tor! Wir werden den verdammten Pferde�rschen beibringen, wie eine Niederlage schmeckt!�</p></section><section><title><p>Der Sohn des Waffenmeisters</p></title><p>Nikanor sp�rte sein Blut in den Ohren rauschen. Es war nicht seine erste Schlacht, aber es war das erste Mal, dass er ein Kommando hatte. Er wusste, sein Vater sah jetzt vom H�gel auf ihn hinab. Er musste alles richtig machen. Verfluchtes Tor! Die dicken Bohlen machten mehr �rger, als er erwartet hatte. Seine H�nde schlossen sich fester um den lederumwickelten Griff seiner Doppelklinge. Sein Vater hatte sie ihm vor einer Woche geschenkt. Am selben Tag, an dem F�rst Sekander ihn zu einem Hauptmann gemacht hatte. Heute w�rde er die Klingen zum ersten Mal in Blut tauchen.</p><p>�Los, ihr Stuten!�, feuerte er seine M�nner an. �Schlagt endlich das verfluchte Tor ein!�</p><p>Lange Sp�ne spr�hten von den Bohlen. Endlich splitterte das erste der dicken Bretter.</p><p>�Platz!� Nikanor dr�ngte seine Kameraden mit den �xten zur Seite.</p><p>�Nicht!�, schrie sein Freund Lamos ihn an, als er begriff, was er tun wollte.</p><p>Doch Nikanor ignorierte ihn und sp�hte durch das Loch, das von ausgefranstem Holz gerahmt wurde. Ein St�ck die Stra�e hinauf waren Menschenkinder. Sie machten sich am Heu, das auf der Stra�e lag, zu schaffen. Unmittelbar am Tor konnte er niemanden entdecken. Allerdings w�rde er es auch nicht sehen, wenn sie mit dem R�cken gegen das Tor gepresst rechts und links der L�cke lauerten.</p><p>Er war der Sohn des Parmenion. Der Sohn des Waffenmeisters! Er musste mindestens genauso mutig wie sein Vater sein. Immer st�rker rauschte das Blut in seinen Ohren. Das Ger�usch �berlagerte die warnenden Rufe seiner Gef�hrten. Er streckte den Arm durch die L�cke im Holz und tastete nach dem Querbalken, der das Tor verschlossen hielt. Dabei stellte er sich vor, wie nur ein paar Zoll entfernt, und doch unsichtbar f�r ihn, ein Mann mit einer Axt stand. Auf welchen Teil des Armes w�rde er zielen. Das Handgelenk? Sicher k�nnte sogar ein Menschensohn mit einem einzigen Hieb sein Handgelenk abtrennen.</p><p>Seine Finger ertasteten den Sperrbalken. Er streckte sich, schob die Hand unter die Holzkante. Jetzt w�re der Augenblick! Er biss die Z�hne zusammen.</p><p>Es kam kein Hieb. Er spannte seine Muskeln zum Zerrei�en. Der Balken bewegte sich. Er w�rde ihn heben�� Etwas schlug mit dumpfem Laut in das Tor. Er sp�rte die Bohlen erzittern. Ein Speer?</p><p>Er presste sich dicht gegen das Tor. Holzsplitter bohrten sich in seine Achsel. Jeder Muskel im Arm zitterte vor Anstrengung. Der Balken glitt zur Seite weg. Das Tor gab unter dem Druck seines K�rpers nach und schwang nach innen.</p><p>Seine M�nner schrien auf! Der Weg in die Siedlung war offen. Ein Augenblick Heldenmut hatte ihnen f�nfhundert Rinder eingebracht! Sie w�rden ihn feiern. Und sie w�rden seine Geschichte im Windland erz�hlen. Die Geschichte von Nikanor, dem heldenhaften Sohn des Parmenion.</p><p>Die paar Menschenkinder, die auf der Stra�e einen Wall aus Speeren auf ihn richteten, w�rden ihn nicht aufhalten. Seite an Seite mit seinen M�nnern preschte er voran, als Lamos neben ihm pl�tzlich aufschrie. Nikanor ignorierte ihn. Es konnte nichts Ernstes sein. Ihnen schlugen weder Pfeile noch Speere entgegen. Da war nur der Speerwall.</p><p>Nikanor sah die Angst in den Augen der jungen Menschenkinder. Die H�nde, in denen sie ihre Waffen vorstreckten, zitterten. Nur ein �lterer Mann, ein hagerer Kerl mit ausgezehrtem, stoppelb�rtigem Gesicht, wirkte ganz ruhig. Wenn er sich den Kopf von dem Alten holte, dann w�rden die anderen schreiend davonlaufen.</p><p>Pl�tzlich bohrte sich ein scharfer Schmerz durch seinen linken Vorderhuf. Etwas hatte ihn getroffen. Er wurde langsamer, hinkte. Ein Brett klemmte unter seinem Huf! N�gel ragten aus der Hufkrone und der Fessel.</p><p>Er durfte jetzt nicht abbrechen. Er musste dem Schmerz trotzen. Einfach durchhalten. Er w�rde diesen l�cherlichen Speerwall durchbrechen. W�tend ging er weiter vor. Nur noch im Schritt. Gleich h�tte er sie!</p><p>Ein dumpfer Schlag traf ihn in der Brust. Ein Pfeil hatte ihn getroffen. Woher war der gekommen? Er sah keinen einzigen Bogensch�tzen. Was�� Taubheit floss in seine Glieder. Er blinzelte.</p><p>Der alte Mann st�rmte ihm entgegen. Nikanor wollte den Speer, der auf ihn zielte, zur Seite wischen, aber seine Arme waren wie Blei. Er hob das Doppelschwert zu langsam. Die Speerspitze raste ihm entgegen. Er starrte auf den funkelnden Stahl. Dann verschwand er unter seinem Kinn.</p></section><section><title><p>Der dritte Hornstoss</p></title><p>Ashot schwenkte den Kopf des toten Pferdemanns, sodass ihn die anderen auf dem H�gel gut sehen konnten. Die Provokation verfehlte ihre Wirkung nicht. Alle Daimonen preschten vom H�gel herab. Und ihnen voran ein alter, wei�b�rtiger Kerl.</p><p>Der Feldherr warf den Kopf ins zertrampelte Gras bei der Palisade und beeilte sich, dicht bei den H�tten, wo sie einen schmalen Streifen der Stra�e nicht mit Nagelbrettern gepflastert hatten, zur�ckzulaufen.</p><p>Nun lief endlich wieder alles nach Plan. Sie hatten nur drei der Pferdem�nner get�tet, die �brigen waren Hals �ber Kopf geflohen.</p><p>�Lauf!�, rief er Ormu zu. Der rotb�rtige J�ger war zu ihnen zur�ckgekehrt, als er gesehen hatte, dass Shayas Plan nicht aufging. Es war sein Schuss gewesen, der den Anf�hrer der Pferdedaimonen aufgehalten hatte.</p><p>Ashot wusste, dass die paar Nagelbretter die anst�rmende Horde nicht aufhalten w�rden. Die Daimonen waren blind vor Zorn. Genau das hatte er erreichen wollen.</p><p>Ein Pfeil zischte dicht �ber den Feldherrn hinweg.</p><p>�Hierher!� Ormu zog ihn in eine Seitengasse. �Die Kerle sind verdammt gute Sch�tzen. Wer vor ihnen �ber die Hauptstra�e zu den Pferchen l�uft, ist ein toter Mann.�</p><p>�Aber das Signal���</p><p>�Dein Hornbl�ser ist kl�ger als du, alter Mann. Der ist dort vorne in eine der Gassen gehetzt.�</p><p>Obwohl die Pferdedaimonen das Dorf noch nicht erreicht hatten, vibrierte der Boden schon unter ihren donnernden Hufen. Sie waren wie eine Naturgewalt. Tausende. Eine Flutwelle aus Fleisch, die alles hinwegrei�en w�rde, was ihnen im Weg stand. Wie mussten sich all die jungen Rekruten jetzt f�hlen? In jeder H�tte kauerte einer der Knaben und wartete auf den dritten Hornsto�, auf das Signal, eine weitere Naturgewalt zu entfesseln.</p><p>Ashot lief neben dem Bogensch�tzen. Sein Herz schlug immer schneller. Er war noch nie ein sonderlich guter L�ufer gewesen. Schon ging sein Atem keuchend. Sie bogen nach links in die Gasse ein, die zur Wasserstelle in der Mitte der kleinen Siedlung f�hrte.</p><p>Hinter sich, beim Tor, waren nun wilde Schreie zu h�ren. Ashot h�tte gerne gesehen, wie seine Nagelbretter wirkten. Wie die ersten der Daimonen strauchelten, andere �ber sie st�rzten, wie ein Kn�uel aus Leibern sich auf der Stra�e wand. Wie sie sich in ihrer blinden Wut gegenseitig tottrampelten. Der zweite Hornsto� ert�nte. Das Zeichen, dass der Feind in die Stadt eindrang. Bald w�rde ihre Falle zuschnappen, dachte Ashot und lief so schnell seine Beine ihn trugen.</p><p>Ormu hatte nun einigen Vorsprung. Der Bogensch�tze hatte bereits die M�ndung zum Viehmarkt erreicht. Er hielt Ashot mit dem Arm zur�ck. F�nf Schritt vor ihnen lag, von Pfeilen durchbohrt, der Hornbl�ser. Er war halb gegen ein Viehgatter gesunken. Sein Horn hielt er in der Hand, als h�tte er es gerade zum dritten Mal an die Lippen setzen wollen.</p><p>Ashot schob die Hand zur Seite. �Wir brauchen das Horn!� Geduckt wagte er sich aus der Gasse heraus. Pfeile empfingen ihn. Da war kein Chaos auf der Stra�e, die vom Tor kam. Der wei�b�rtige Pferdedaimon hinkte ungeachtet der Verletzung durch die Nagelbretter auf sie zu. Dicht neben ihm schritten einige Bogensch�tzen, die zwar viel kleiner waren als er, aber nicht weniger entschlossen.</p><p>Ashot warf sich nach vorne in den Staub und packte das Horn. �berall auf der Stra�e lagen tote Knaben. Die meisten der Rekruten, die mit ihm das Tor verteidigt hatten, waren in gerader Linie vor den Sch�tzen fortgelaufen. Leichte Ziele��</p><p>Aus den Augenwinkeln sah er, wie Ormu aus der Gasse trat und einem Sch�tzen, der gerade auf Ashot anlegte, einen Pfeil in den Hals schoss. Dann brachte sich der J�ger mit einem Satz wieder in Deckung.</p><p>Ein Pfeil zupfte an Ashots Haaren. Die verfluchten Pferdedaimonen. Sie gingen langsam und systematisch vor. Der Wei�haarige rief Befehle. Seine M�nner schw�rmten bereits in die Seitengassen aus, w�hrend von hinten weitere Daimonen vordr�ngten. Das alles lief viel geordneter ab, als Shaya es sich vorgestellt hatte.</p><p>Ashot packte den toten Hornisten und zog ihn als Schutz vor seinen Leib. �Du musst den Wei�haarigen t�ten, Ormu. Er h�lt sie zusammen.�</p><p>Pfeile schossen an der H�userecke vorbei, hinter der sich Ormu verbarg, und sorgten daf�r, dass er in Deckung blieb.</p><p>�Lenk sie ab!�, rief Ormu.</p><p>Was dachte der verdammte Hinterw�ldler sich? Dass er jetzt aufsprang und die Zielscheibe spielte. Ashot setzte das Horn an die Lippen. Mit aller Kraft blies er hinein, doch er brachte nur einen kl�glichen, wimmernden Laut zustande. Das w�rde niemand h�ren. Und das Wei�haupt h�tte ihn auch gleich erreicht.</p><p>�Schei�e!�, schrie Ashot wild heraus, sprang auf und schwenkte wild mit den Armen. Aber das waren keine d�mlichen G�ule, die er da vor sich hatte. Keiner der Pferdem�nner scheute. Zwei legten auf ihn an, doch ein Befehl des Alten lie� sie die B�gen senken. Der Anf�hrer der Pferdedaimonen lie� eine seltsame Klinge wirbeln. Ein Holzschaft, etwa so lang wie ein Arm, an dessen beiden Enden funkelnde Schwertklingen angebracht waren.</p><p>Ashot hielt mit der Linken das Horn umklammert und zog mit der Rechten sein Schwert. Dieser Daimon war knapp drei Schritt hoch! Seine Oberarme waren massiger als Ashots Oberschenkel. Der Kerl w�rde ihn einfach in St�cke hacken, das wusste der Feldherr. �Schie� ihn nieder, Ormu, das hier ist kein Ehrenh�ndel!�</p><p>Mehrere Bogensch�tzen der Pferdem�nner belauerten mit gespannten B�gen die Hausecke, hinter der sich Ormu versteckte. In dem Augenblick, in dem der J�ger vortrat, um zu schie�en, w�rde er selbst von Pfeilen durchbohrt werden.</p><p>�Komm her, Gro�er!� Ashot hob herausfordernd sein Schwert. �Glaubst du, ich hab Angst vor dir?� Er f�hrte einen Stich nach oben, der auf die Brust des Pferdemanns zielte.</p><p>Der Daimon parierte mit Leichtigkeit, prellte Ashots Schwert zur Seite und zog seine Waffe zur�ck, sodass der Feldherr nur mit einem verzweifelten H�pfer der Klinge entkam, die nach unten wies.</p><p>�Ist das alles, was du draufhast, d�mlicher Gaul?�</p><p>Der alte Daimon l�chelte geh�ssig. Dann sagte er etwas, von dem Ashot kein Wort verstand.</p><p>Gehetzt sah sich der Feldherr um. Immer mehr Pferdem�nner f�llten die kleine Siedlung. Warum ergriffen die Knaben in den H�tten denn nicht von sich aus die Initiative? Sie mussten doch sehen, dass es an der Zeit war, die Feuer zu entz�nden. Stattdessen warteten sie auf den dritten Hornsto�.</p><p>Ein Hieb, der auf seinen Kopf zielte, zwang Ashot, sich zu ducken. Kaum dass er das tat, zuckte das untere Schwert der b�sartigen Daimonenwaffe vor. Die Breitseite der Klinge traf ihn mit solcher Wucht vor die Brust, dass er von den Beinen gerissen wurde. Ein Huf schnellte herab, auf seine Rechte. Seine Finger brachen wie d�rres Reisig. Ashot keuchte auf, doch f�hlte er keinen Schmerz, obwohl er seine Knochen splittern h�rte.</p><p>�F�r Aram!�, ert�nte pl�tzlich ein Schrei.</p><p>Zwei seiner jungen Krieger st�rmten aus dem Wegelabyrinth zwischen den Viehpferchen hervor. Einer schwang ein gro�es Schwert �ber dem Kopf.</p><p>Ashot nutzte die Gelegenheit, sprang auf und stach dem Pferdemann das Mundst�ck des Horns in die Brust. Nicht, dass er ihn damit verletzt h�tte, doch sein riesiger Gegner t�nzelte ein St�ck zur�ck. In diesem Augenblick trat Ormu hinter der H�userecke hervor und lie� einen Pfeil von der Sehne schnellen.</p><p>Das Geschoss traf den Wei�bart mitten in die Stirn.</p><p>�Lauft, Jungs!�, schrie Ashot den Knaben zu und lief geduckt zur Gasse zur�ck.</p><p>Pfeile umschwirrten ihn wie w�tende Hornissen, aber die G�tter waren auf seiner Seite. Zwei Geschosse zupften an seiner Tunika, doch keines verletzte ihn.</p><p>Kaum dass er bei Ormu stand, hielt er ihm das Horn hin. �Ich hoffe, du kannst das.�</p><p>Mit einem gurgelnden Schrei taumelte der Junge mit dem Schwert in die Gasse. Zwei Pfeile ragten ihm aus dem R�cken. Der andere Rekrut lag tot neben dem wei�b�rtigen Pferdemann.</p><p>Ashot schloss Daron in die Arme. �Du wirst mir jetzt nicht verrecken, Kleiner! Du bist gerade ein verdammter Held geworden.�</p><p>Daron l�chelte schwach, w�hrend neben ihnen endlich das dritte Hornsignal erklang.</p><p>Hastig packte Ashot Daron und zog ihn mit sich. Der Junge vermochte sich kaum noch auf den Beinen zu halten.</p><p>Ormu blieb dicht hinter ihnen und deckte ihren R�ckzug mit gespanntem Bogen. Wer immer sich in ihre Gasse wagte, wurde von ihm mit einem wohlgezielten Pfeil empfangen.</p><p>Bald erreichten sie die Innenseite der Palisade, an der alle paar Schritt Leitern aufgestellt waren. Ashot schob Daron vor sich her die Sprossen hoch. Jedes Mal, wenn seine verletzte Hand gegen den K�rper des Jungen stie�, peinigte ihn sengender Schmerz. Aber er gab ihn nicht auf. Zu viele w�rden hier sterben! Diesen einen wollte er retten. Wenigstens einen.</p><p>�berall entlang des h�lzernen Schutzwalls tauchten nun junge Krieger auf, die ihre Brands�tze gez�ndet hatten. Allerdings waren auch die ersten Pferdem�nner bis zur Palisade vorgedrungen. Mit Schrecken sah Ashot, wie sie ihre Doppelschwerter einsetzten. Seine Krieger vermochten nicht gegen diese t�dlichen Waffen zu bestehen und fielen wie �hren unter Sichelschnitten.</p><p>Unendlich langsam schob sich Daron �ber die Krone der Palisade. Ashot hielt ihn mit der gesunden Hand, als der Junge sich an den Holzst�mmen hinabsinken lie�. Es fehlte immer noch etwas mehr als ein Schritt bis zum Boden.</p><p>�Wenn ihr etwas schneller machen k�nntet, werde ich vielleicht auch meinen Arsch retten k�nnen!�, zischte Ormu hinter ihm.</p><p>Als Ashot sah, dass der Sch�tze seinen letzten Pfeil verschossen hatte, fuhr er den Jungen an:</p><p>�Spring!�</p><p>Daron sah verzweifelt zu ihm auf, dann lie� er los. Mit einem leisen Schmerzenslaut landete er auf den F��en und taumelte zur Seite. Ashot schwang sich hastig �ber die zugespitzten Pf�hle. Federnd landete er neben dem Jungen, dicht gefolgt von Ormu.</p><p>Die beiden Anf�hrer blickten zu dem lang gezogenen H�gel, auf dem eben noch die Pferdem�nner gestanden hatten. Eigentlich sollte dort jetzt Shaya mit ihren Reitern erscheinen. Sie sollte den Pferdedaimonen in den R�cken fallen und die letzten Nachz�gler in das Dorf treiben. Wo waren sie? Was hatte sie aufgehalten?</p><p>�Wenn wir das Tor nicht versperren, sind wir alle tot�, stellte der Bogensch�tze n�chtern fest. �Selbst wenn wir in die Steppe hinauslaufen. Sie werden uns nachstellen. Und sie werden bald verstehen, was f�r eine Falle wir ihnen gestellt haben. Dann werden sie jeden von uns hetzen, bis unsere K�pfe auf ihren Speeren stecken.�</p><p>Ashot seufzte. Er hasste Tage wie diesen. Pl�tzlich f�hlte er sich todm�de und steinalt. �Du bleibst hier�, befahl er Daron. Der Junge war ohnehin nicht in der Verfassung, weit zu laufen, aber er sollte seine letzten Kr�fte nicht vergeuden, um irgendwelchen Unsinn zu machen. In diesem Augenblick erkannte er ihn wieder. Trotz all der Jahre, die vergangen waren. Er sah seinem Vater erstaunlich �hnlich. �Erinnerst du dich, wie ich dir den Hintern versohlt habe, als du in den Dorfbrunnen gepinkelt hast?�</p><p>�Ihr wisst, wer ich bin��� Es klang zugleich �berrascht und erleichtert.</p><p>�Nat�rlich erinnere ich mich an den Sohn meines besten Freundes. Und ich sag dir eins, die Tracht Pr�gel von damals war ein Dreck gegen das, was dich erwartet, wenn du deinen Arsch von der Stelle bewegst. Also warte hier und verblute inzwischen gef�lligst nicht!�</p><p>Trotz der Schmerzen l�chelte ihn Daron selig an. Dann nickte der Junge und lie� sich im hohen Gras nieder.</p><p>Ashot folgte Ormu entlang der Palisade in Richtung des Tors. �berall sprangen jetzt junge Krieger, die ihre Aufgabe erf�llt hatten und den Daimonen entkommen waren, �ber den h�lzernen Wall. Dichter Rauch stieg im Dorf auf. Ashot blickte wieder zum H�gel. Bei den G�ttern, wo blieb Shaya?</p><p>�Siehst du das?�, zischte Ormu. �Die meisten haben nicht einmal Waffen. Wir sind so was von erledigt.� Der Sp�her hielt sich mit dem R�cken dicht an der Palisade. Sie konnten das Tor jetzt sehen. Es war nur noch knapp drei�ig Schritt entfernt. Ein Trupp von Pferdem�nnern lungerte vor dem Durchgang zur Siedlung. Die mit Heu beladenen Karren, die wie zuf�llig neben dem Tor standen, versperrten den Daimonen die Sicht.</p><p>Ashot konnte unter den Wagen hindurch nur ihre Beine sehen. Unsicher blickte der Feldherr zur�ck. Etwa zwanzig seiner Rekruten hatten es hier �ber den Wall geschafft. Aus der Siedlung waren gellende Schreie zu h�ren. Auf der anderen Seite des Holzwalls donnerten Hufe. Wer jetzt noch nicht auf der sicheren Seite war, der w�rde nicht mehr herauskommen. Die Pferdedaimonen hatten die Leitern entdeckt. Sie w�rden��</p><p>�Da!� Ormu deutete auf den H�gel.</p><p>Shaya! Endlich! Sie preschte an der Spitze von etwa hundert Reitern den Hang hinab. Die meisten von ihnen waren mit langen Speeren bewaffnet.</p><p>Ein einzelner Pferdemann galoppierte ihnen wild schreiend entgegen und schwang dabei seine Doppelklinge �ber dem Kopf. Eine Salve Pfeile brachte ihn zu Fall. Weitere Pfeile trieben die �brigen Daimonen in die Sicherheit des Walls.</p><p>�Jetzt!�, rief Ashot und lief in Richtung der Heuwagen.</p><p>Ormu und einige der Jungen folgten ihm. Sie schoben den schweren Wagen vor das Tor, sodass es blockiert war. Dann zerschmetterten sie mit �xten, die sie unter der Ladung hervorzogen, die Achsen der Wagen.</p><p>Ashot wusste, dass sich unter dem Heu verborgen zwei F�sser mit Teer befanden.</p><p>�Entz�ndet die Wagen!�, befahl Shaya, die mit ihrer Stute knapp vor ihnen zum Stehen kam. �Ormu?� Sie bedachte den Hauptmann der Bogensch�tzen mit einem finsteren Blick. �Ich hoffe, deine M�nner sind auch ohne dich in Stellung gegangen.�</p><p>�Das hoffe ich auch.� Der Sch�tze l�chelte sie an, doch Ashot sp�rte, wie unwohl sich sein Freund f�hlte.</p><p>Shaya nickte ihm zu. �Ihr habt gut gek�mpft, Ashot. Ich hoffe, es wird sich gelohnt haben. Ziehen wir uns ein St�ck zur�ck und beobachten die W�lle.�</p><p>�Herrin���</p><p>�Ja?� Sie wirkte ungehalten.</p><p>�Bitte, gebt mir unseren Heiler mit, ich�� Es gibt da einen Verwundeten. Ich wei�, dass er Aaron am Herzen liegt.�</p><p>Shayas Maske der Unnahbarkeit fiel. �Ich werde mit dir kommen.� Ihre Stimme klang nun ganz ver�ndert.</p><p>Ashot war erleichtert und �berrascht. Sie blieb ein Geheimnis. Mal eiskalte Kriegerin, dann mitf�hlende Heilerin. Nur eins war sie immer: verschwiegen.</p></section><section><title><p>Die Grenze �berschreiten</p></title><p>Shaya wischte sich mit einem schmutzigen Tuch das Blut von den H�nden und sah auf den bewusstlosen Jungen im Gras. Er hatte Gl�ck gehabt. Beide Pfeile hatten Rippen getroffen und nicht mehr die Kraft gehabt, die Knochen zu zerbrechen. Weder seine Lunge war verletzt noch die Nerven seiner Wirbels�ule. Allerdings war es ein �bles Gemetzel geworden, die mit Widerhaken versehenen Pfeilspitzen herauszuschneiden. Der Knabe hatte viel Blut verloren.</p><p>Schweren Herzens drehte Shaya sich zur kleinen Siedlung um. Sie war froh gewesen, einen Grund zu haben, nicht zu beobachten, was geschah. Doch nun zwang sie sich hinzusehen. Ihr Plan war aufgegangen: Beide Tore waren mit brennenden Wagen unpassierbar gemacht. Ihre M�nner hatten �ber die Leitern an der Palisade fliehen k�nnen. Die Pferdedaimonen konnten das nicht. Sie sa�en gefangen in einem Dorf, in dem jedes einzelne Haus brannte.</p><p>Der verletzte Junge war auf den H�gel vor dem s�dlichen Tor geschafft worden, bevor sie die Pfeile aus seinem R�cken geholt und seine Wunden vern�ht hatte. Andere Verwundete gab es nicht. Entweder hatte man es aus dem Dorf geschafft oder nicht. Die Rekruten, die verletzt worden waren, fielen unter <emphasis>oder nicht</emphasis>. Auch Daron h�tte es nicht geschafft, wenn er nicht Ashot und Ormu an seiner Seite gehabt h�tte. Der Feldherr hatte ihr nicht erz�hlt, welches Interesse Aaron an diesem Knaben hatte. Aber sie zweifelte nicht an Ashots Worten. Die Zeit w�rde zeigen, was es mit diesem Gl�ckskind auf sich hatte.</p><p>Unangenehm deutlich sp�rte sie die Hitze des Feuers, obwohl sie mehr als hundert Schritt von der Palisade entfernt war. Dichter schwarzer Rauch stand �ber der Siedlung. Der Wind trieb ihn nach Westen, und doch waren der brennende Teer und das verbrannte Fleisch deutlich zu riechen.</p><p>Das Bl�ken der Rinder war verstummt. Die vielen einzelnen Flammen der brennenden H�user wuchsen langsam zu einer einzigen, riesigen Flammens�ule zusammen. Der Wind ver�nderte sich. Sie sah es am hohen Gras rings um das Dorf. Er schien jetzt aus allen Richtungen auf Mira einzust�rmen.</p><p>Ein �bler Geschmack lag Shaya auf der Zunge. Das musste der Teer sein�� Sie wusste es besser. Nach der Schlacht um Asugar hatte sie viele Monde lang kein gebratenes Fleisch mehr essen k�nnen. Selbst der Geruch hatte ihr �belkeit verursacht.</p><p>Zwei der dicken St�mme aus der Palisade brachen nieder, und ein ru�geschw�rzter Pferdedaimon zw�ngte sich durch die L�cke. Ormu war sofort mit seinen Sch�tzen zur Stelle. Sie lie�en den Pferdemann durch die L�cke steigen, dann schossen sie ihn nieder. Ein zweiter in einer R�stung, die einmal silbern gewesen sein musste, folgte ihm. Jetzt zeugten nur noch einzelne silberne Flecken von der verlorenen Pracht. Das Metall war geschw�rzt. Den Helm auf seinem Kopf hatte wohl einst ein pr�chtiger Federbusch geschm�ckt. Nun waren nur noch ein paar versengte Borsten geblieben.</p><p>Die Pfeile prallten am Brustpanzer des Pferdemanns ab. Dann traf ein Geschoss mitten zwischen die Wangenklappen, die bis unter das Kinn reichten. Der Pferdemann fiel wie vom Blitz getroffen. Kein weiterer folgte den beiden durch die L�cke.</p><p>Shaya musste sich zwingen, weiter hinzusehen. Als sie den Plan ersonnen hatte, war ihr alles so klar, so einfach und gerecht erschienen. In einer Feldschlacht konnten sie die Pferdedaimonen nicht stellen. Waren sie unterlegen, wichen ihre Feinde einfach aus. Sie hatten ihnen eine Falle stellen m�ssen. Mira war ihr riesiger Daimonenk�fig gewesen. Die Rinder der K�der. Alles war gelungen, und doch empfand sie keinen Stolz.</p><p>Sie dr�ckte ihren R�cken durch und dachte erneut an Asugar. Selbst heute wachte sie manchmal noch zitternd aus dem Schlaf auf, geplagt von Albtr�umen �ber die K�mpfe in der Felsenstadt. Ihr R�cken war entstellt von Brandnarben, die nie ganz verschwunden waren. Die Daimonen hatten es verdient! Sie hatten zuerst das Feuer zu ihrer Waffe gemacht.</p><p>Ashot kam zu ihr. �Ich glaube, in Mira lebt niemand mehr. Von den Rekruten haben es zweiundf�nfzig nicht �ber die W�lle geschafft. Von den Pferdedaimonen sind wohl mehr als tausend gestorben.� Der Feldherr klang niedergeschlagen, als empf�nde auch er keine Freude �ber diesen Sieg.</p><p>Sie sah ihn an. Seine Hand war �bel zugerichtet. Vorhin hatte sie ihm angeboten, danach zu sehen, aber er wollte sich nicht verbinden lassen, bevor alles entschieden war.</p><p>�Sollten wir nicht abziehen?�, fragte Ashot.</p><p>Sie nickte langsam. �Ja, aber ich werde bleiben���</p><p>�Warum? Hast du Sorgen, dass doch noch jemand entkommt? Sieh dir diese riesige Flammens�ule an. Da unten lebt gewiss nichts mehr.�</p><p>�Ich wei߫, sagte sie m�de. �Ich bleibe, weil ich dies dort unten ersonnen habe. Ich schulde es ihnen, es mir bis zum Ende anzusehen.� Sie schenkte Ashot ein freudloses L�cheln. �Ich erwarte nicht, dass du das verstehst. Ich kann es mir selbst nicht richtig erkl�ren. Sie sind unsere Feinde! Und trotzdem f�hle ich mich schuldig, als h�tte ich eine Grenze �berschritten und etwas Unrechtes getan.�</p><p>Zu ihrer �berraschung nickte Ashot, und sein Gesicht wirkte mit einem Mal fast sanft. �Ich kenne dieses Gef�hl. Ich werde bei dir bleiben, aber die anderen schicke ich fort.�</p></section><section><title><p>Licht und Dunkel</p></title><p>Nandalee lehnte an der sonnenwarmen Wand des Palas in der Alten Veste. Wie sie das genoss! Gestern war sie aus der Snaiwamark zur�ckgekehrt. Sie hatte dort Elfen f�r die K�mpfe auf Nangog anwerben sollen. Eine Liste mit siebzig Namen hatte der Dunkle ihr mitgegeben. Sie hatte nur einundsechzig der Genannten finden k�nnen. Nur siebzehn waren der Aufforderung gefolgt, sich zum Kampf zu melden. Sie konnte verstehen, dass ihre Br�der und Schwestern aus dem hohen Norden nicht nach Nangog wollten. Zu viele, die diese Reise antraten, kehrten nicht mehr zur�ck.</p><p>Ganz oben auf der Liste hatten die Namen Cullayn und Tylwyth gestanden. Der Hieb einer Trollkeule hatte einst das Gesicht Cullayns schrecklich entstellt. Nie war sie einem Elfen begegnet, der so schrecklich anzusehen, aber zugleich auch so freundlich war. Er galt als der beste F�hrtensucher des Nordens. Nandalee hatte ihm nicht vergessen, wie er ihr auf der Suche nach den �berlebenden ihrer Sippe und im Kampf gegen den Immerwinterwurm geholfen hatte. Sein Freund Tylwyth war das genaue Gegenteil von ihm. Er war von anr�hrender Sch�nheit, wenngleich manchmal ein wenig naiv. Beide hatten sie sich einst der Blauen Halle verschrieben, doch mit dem Tod des Himmlischen war ihr Bund mit den alten Drachen zerbrochen.</p><p>Zwei Mal hatte sie morgens Zeichen der beiden in ihrem Lager gefunden. Sie war ihnen nahe gekommen, und doch w�rde sie Cullayn und Tylwyth nie finden, wenn sie es nicht wollten. Sie hatte das gewusst, bevor sie sich auf die Suche gemacht hatte.</p><p>Dennoch war sie es dem Dunklen schuldig gewesen, den beiden nachzusp�ren. Er hatte sie in den letzten Jahren aus fast allen K�mpfen auf Nangog herausgehalten. Sie war als Werberin gereist. Die meiste Zeit jedoch hatte sie bei den Kindern in der Alten Veste verbracht.</p><p>Ihr war bewusst, wie oft Nodon und all die anderen Elfen in der Alten Veste auf Missionen geschickt wurden. Bewusst, welche Privilegien sie genoss. Und auch wenn sie nicht wieder Freunde geworden waren, hatte sie mit dem Dunklen einen Waffenstillstand geschlossen und duldete, dass er zu den Kindern kam.</p><p>Es war so gut, hier zu stehen. Die W�rme im R�cken. Die Kinder vor Augen. Gro� waren sie geworden. Emerelle war die kleinere der beiden. Von zierlicher Gestalt, mit dunkelblondem Haar, das ihr in Wellen auf die schneewei�en Schultern fiel. Nur ihre Augen wirkten zu verst�ndig. Sie hatten dieselbe Farbe wie das Fell eines jungen Rehkitzes: rotbraun, mit hellen Sprenkeln. Darunter ein waldbeerroter, lachender Mund. Sie zu sehen lie� Nandalee alles vergessen. Die einsamen N�chte im Eis. Die Morde, die sie begangen hatte. Doch Meliander�� In ihm lebte alles auf. Verst�mmelt sa� er auf der Pferdetr�nke im Hof und scherzte mit Eleborn, der nur f�r die tr�gerische Hoffnung, dem Jungen helfen zu k�nnen, ein Bein gegeben hatte. Meliander lachte, ganz in sein Spiel verloren. Er und seine Schwester hatten etliche unregelm��ige Kugeln aus Wasser erschaffen, die sie von der Tr�nke aufw�rts in die breite Bahn aus klarem Sonnenlicht aufsteigen lie�en.</p><p>Eleborn hatte sie das Zauberweben gelehrt. Hatte ihnen beigebracht, spielerisch mit Wasser und Licht umzugehen. Wenn Nandalee auf Reisen musste, nahm Eleborn die Kinder zu sich in den verwunschenen Palast, den er sich am Grund des Sees neben der Pyramide erschaffen hatte. Emerelle und Meliander halfen ihm manchmal, neue R�ume zu verwirklichen. Er lehrte sie, Tr�ume Wirklichkeit werden zu lassen.</p><p>H�tte Gonvalon seine Kinder nur sehen k�nnen! H�tte er nur einen einzigen Nachmittag wie diesen erleben d�rfen! So lange war er nun schon tot. Verloren in Selinunt�� Wenn sie an jene Nacht dachte, verlor der Sommernachmittag seine W�rme. Eisfinger krochen durch ihr Ged�rm.</p><p>Sie schlang die Arme um den Leib.</p><p>�Mama��� Meliander deutete auf das Tor der Alten Veste. Etwas in seiner Stimme lie� all ihre Erinnerungen verblassen. Er hatte seltsame Gaben, das wusste sie schon lange. Manchmal machte er ihr richtiggehend Angst.</p><p>Meliander nahm die Kr�cke und richtete sich auf.</p><p>Im selben Augenblick erklang das Horn vom Posten �ber dem Turm. Drei kurze St��e�� Alarm!</p><p>Die Wasserkugeln st�rzten in den Hof.</p><p>Der Zauber, der nichts au�er Sch�nheit schenken wollte, war dahin.</p><p>Schwere Schritte hallten in verborgenen G�ngen. Nandalee sah Schatten hinter den Schie�scharten des Torturms.</p><p>Zwei riesige Adler landeten auf dem Felsplateau vor dem Tor. Eine Gestalt, wie in strahlendes Sonnenlicht geh�llt, sprang von dem gr��eren der beiden V�gel und durchquerte das dunkle Torgew�lbe. Ihm folgte eine schlanke Frau mit langem, dunklem Haar, die ein schlichtes, �rmelloses Kleid trug. Es erinnerte an die Gew�nder der Wei�en Halle, auch wenn es nicht mit der Goldstickerei geschm�ckt war, die seine Tr�gerin als die Meisterin ausgewiesen h�tte, die sie war.</p><p>Vor zwei Wochen erst war Nandalee auf ihrer Reise in den Norden kurz in Uttika gewesen. Jetzt bereute sie es. Sie war Ger�chten �ber eine geheimnisvolle Elfe gefolgt. Und sie hatte gedacht, vorsichtig genug gewesen zu sein�� Nur einen halben Tag hatte sie die Stadt besucht, und als sie entdeckt hatte, wer die Gemahlin des Kaufmanns Shanadeen wirklich war, hatte sie sich eiligst zur�ckgezogen. Und nun stand sie hier, Bidayn. Gemeinsam mit ihrem Herrn.</p><p>�Ihr also seid Emerelle und Meliander�, begr��te der Goldene ihre Kinder mit einem strahlenden L�cheln. �Ich habe schon viel �ber euch geh�rt.�</p><p>Seine Worte jagten Nandalee unwillk�rlich einen Schauder �ber den R�cken, der im Gegensatz zu den Wohlgef�hlen stand, die der Anblick des Goldenen sonst erweckte.</p><p>Der G�tterdrache ging in die Knie und weitete die Arme. Emerelle kam ihm lachend entgegengelaufen, als w�re ein lang vermisster Freund heimgekehrt. Und selbst Meliander, der Fremden gegen�ber sonst stets verschlossen blieb, hinkte auf seiner Kr�cke zum Zweitgeborenen.</p><p>Der Goldene hatte den gesamten Hof mit seiner unvergleichlichen Aura durchtr�nkt. Nandalee sah, wie die Bogensch�tzen hinter den Schie�scharten ihre Waffen senkten. Und nicht einmal die sonst so scheuen Felstauben, die meist schon eine unbedachte Bewegung zu panisch flatternder Flucht bewegte, flogen davon.</p><p>�Bist du Gonvalon?�, fragte Meliander ergriffen.</p><p>Der Goldene warf Nandalee einen �berraschten Blick zu. �Wie kommst du darauf, Meliander?�</p><p>�Mutter sagt immer, unser Vater ist in ein helles Licht gegangen. Und dann wird sie ganz traurig und spricht nicht mehr weiter�� Sie hat uns nie erz�hlt, was f�r ein Licht das war. Und du�� du bist ganz aus Licht. Du bist���</p><p>Nandalee zitterten die Lippen. Sie war unf�hig, auch nur ein Wort zu sagen. All die so lange unterdr�ckten Gef�hle �bermannten sie. Tr�nen traten ihr in die Augen, und sie hasste sich daf�r. Ebenso, wie sie sich daf�r hasste, dass sie den Kindern nie ganz deutlich gesagt hatte, was mit ihrem Vater geschehen war. Wie er in den geb�ndelten Flammen der Himmelsschlangen gestorben war.</p><p>�Es tut mir leid, mein Junge. Ich bin nicht dein Vater.�</p><p>Er klang so aufrichtig betroffen�� so mitf�hlend. Nandalee musste sich zwingen, sich daran zu erinnern, dass der Goldene Gonvalon versto�en hatte und dass er sich sicherlich dessen Tod gew�nscht hatte.</p><p>�Wisst ihr, euer Vater war ein sehr guter Freund von mir. Er war mein Schwertmeister, f�r sehr lange Zeit, bis er eure Mutter kennenlernte, sich verliebte und mich verlassen hat.�</p><p>Emerelle kicherte leise.</p><p>Der Goldene richtete sich auf. �Kommt, gehen wir zur Tr�nke. Ich setze mich, ihr nehmt neben mir Platz, und ich erz�hle euch von dem Schwertmeister, wie er den Mondriesen besiegte oder bis zum Grund der Karyn-See tauchte, um dort eine der schwarzen Perlen zu finden, die einen Toten zur�ck ins Leben holen, wenn man sie auf seine Lippen legt.�</p><p>Die Kinder jauchzten vor Vergn�gen.</p><p>�Wirst du ihnen die ganze Geschichte erz�hlen, Bruder?�</p><p>Das Tor zum Hof hatte sich schon mit dem ersten Wort mit Schatten gef�llt. Eine Gestalt, dunkel wie die Nacht, l�ste sich daraus. Nachtatem. Auch er hatte Elfengestalt, und nie, seit er sie t�towiert hatte, war Nandalee so gl�cklich gewesen, ihn zu sehen.</p><p>Die graubraunen Felstauben, die eben noch friedlich pickend um die F��e des Goldenen geh�pft waren, stoben erschrocken auf und flogen davon.</p><p>Emerelle gab einen leisen, �ngstlichen Laut von sich und wich zur�ck. Meliander stellte sich sch�tzend vor sie. Wohl nie zuvor hatten die beiden die bedrohliche Aura des Dunklen so deutlich gesp�rt.</p><p>Nandalee versetzte es einen Stich, was sie sah. Nicht ein einziges Mal waren die Kinder mit Nachtatem so herzlich umgegangen wie mit seinem goldenen Bruder. Es war ungerecht. Er war immer f�r sie da gewesen. Auch jetzt war er augenblicklich erschienen, als er eine Gefahr sp�rte.</p><p>Der Elfe wurde bewusst, dass es nicht allein die Kinder gewesen waren, die Nachtatem ungerecht behandelten. Auch sie hatte nie mehr als ein freundliches Wort f�r ihn gehabt. Nach der Zeit des Hasses, den sie nach Gonvalons Tod empfunden hatte, war es nie wieder so geworden wie in der Nacht, in der er sie t�towiert hatte. Sie konnte ihn nicht mehr lieben, sosehr er sich auch darum bem�hte.</p><p>Mit dem Dunklen war die sp�tsommerliche Hitze gewichen. Die Spannung zwischen den beiden Himmelsschlangen war fast k�rperlich zu sp�ren. Der Goldene war in das Revier Nachtatems eingedrungen. Er wollte seinen Bruder provozieren, die Macht des Erstgeschl�pften auf die Probe stellen.</p><p>�Nun, Bruder?� Der Goldene l�chelte herausfordernd. �Wie machen wir weiter? Von anderswo bin ich es gewohnt, dass ein Gast an einem hei�en Tag auf einen k�hlen Trunk im Schatten eingeladen wird. Wie ist es um die Gastfreundschaft im Jadegarten bestellt?�</p><p>�Freunde sind hier stets willkommen�, kam es eisig zur�ck. Dann folgte langes Schweigen. Nandalee bef�rchtete schon, Nachtatem w�rde seinen Bruder br�skieren und zum Gehen auffordern, als der Herr des Jadegartens doch noch auf den Eingang zum Palas wies.</p><p>Selbstsicher ging der Goldene voran. Sein Bruder folgte ihm dichtauf.</p><p>Bidayn aber verharrte noch einen Augenblick. Neugierig sah sie sich um. Nur Nandalee beachtete sie nicht. Wie sehr Bidayn sich ver�ndert hatte! Von dem etwas pummeligen, sch�chternen M�dchen, das Nandalee einst in der H�hle des Schwebenden Meisters kennengelernt hatte, war nichts mehr geblieben. Sie war gertenschlank, ihre Muskeln gest�hlt, und sie bewegte sich mit der anmutigen Selbstsicherheit einer erprobten Kriegerin.</p><p>Bidayn, wie sie jetzt war, erinnerte Nandalee an Lyvianne. Sie hatte etwas Bedrohliches, und selbst wenn sie l�chelte, wich die K�lte nicht aus ihren Augen. Sie war nicht hier, um einen H�flichkeitsbesuch abzustatten!</p></section><section><title><p>Die Wette</p></title><p>Misstrauisch sah Bidayn zu den Elfen hinter den Schie�scharten, die auf den Hof wiesen. Abgesehen von dem Stalltor, dem Eingang zum Palas und dem Festungstor gab es nur noch zwei Treppen hinauf zu den Wehrg�ngen. Sorgsam pr�gte sie sich jeden Weg ein, auf dem Krieger zum Hof gelangen konnten.</p><p>Als sie nun dem Goldenen hinauf zum Eingang des Palas folgte, z�hlte Bidayn ihre Schritte. Das Tor zur Alten Veste und der Eingang lagen versetzt zueinander. Es gen�gte ihr, ein einziges Mal hier gewesen zu sein. Wenn sie wiederkehrte, w�rde sie den Eingang auch in v�lliger Dunkelheit finden.</p><p>Sie sollte ihre Gedanken beherrschen! Sie besa� nicht die unvergleichliche Gabe Nandalees. Eine Himmelsschlange w�rde wom�glich ihre Gedanken lesen k�nnen. Noch war der Dunkle ganz auf seinen Bruder fixiert, aber das mochte sich jeden Augenblick �ndern.</p><p>Nandalee st�tzte ihren verkr�ppelten Sohn. Auch sie ging in den Palas. Auf der anderen Seite schritt ihre Tochter. Ein h�bsches, kleines M�dchen. Eleborn hingegen bedachte Bidayn mit einem abf�lligen Blick. Noch so ein Versehrter. Eine Ansammlung von Einbeinigen war das hier, keine furchterregende Kampftruppe.</p><p>Noch einmal sah sie unauff�llig zu den Schie�scharten auf. Ob dort oben Nodon war? Neben Nandalee war er der beste K�mpfer unter den Drachenelfen des Dunklen. Dann trat sie durch das Portal in die dunkle Eingangshalle. Ein niedriger Tisch mit einer gro�en Kristallsch�ssel stand in der Mitte des Raums. Schlichte Gl�ser standen umgedreht rings um die Sch�ssel. Zwei Treppen f�hrten nach oben zu einer umlaufenden Galerie. An der Wand neben der Treppe zu ihrer Rechten hingen f�nf Schwerter. Eines davon war Todbringer, der ber�chtigte Bidenh�nder Nandalees. Die vier anderen vermochte Bidayn nicht zuzuordnen. Leere Haken in der Wand verrieten, dass noch zwei weitere Schwerter aufgeh�ngt werden konnten. Es waren also sieben Drachenelfen in der Alten Veste untergebracht. Das waren mehr, als sie erwartet hatte.</p><p>Bidayn drehte sich langsam, sog jedes Detail des Raums in sich auf. Licht fiel allein durch die offene T�r und zwei schmale Fenster ein. Es war angenehm k�hl. Sie f�hlte sich an die Wei�e Halle erinnert. Auch wenn dort alles viel gr��er gewesen war.</p><p>Emerelle brachte ihr ein Kristallglas mit Wasser. �Magst du etwas trinken?�</p><p>Bidayn ging in die Hocke. �Danke, meine Dame.�</p><p>Nandalees Tochter l�chelte sie an. �Ich bin doch noch gar keine Dame���</p><p>�Ich finde, eine Dame zeichnet sich nicht durch Gr��e oder Alter, sondern durch gute Manieren aus.� Sie nahm das Kristallglas entgegen und nahm einen Schluck. Das Wasser war k�hl. Ein wenig Zitronensaft war beigemischt. �Das schmeckt gut! Was f�r ein k�stlicher Willkommenstrunk. Habt ihr mit Besuch gerechnet?�</p><p>�Das Wasser gibt es immer hier. Jeden Morgen wird es ausgewechselt. Alle in der Veste trinken davon. Mit Zitronen und Orangen schmeckt es viel besser als das einfache Brunnenwasser.�</p><p>Bidayn trank das Glas aus. �Es ist wirklich k�stlich.� Aus den Augenwinkeln sah sie, dass Nandalee sich gerade um die beiden Kr�ppel k�mmerte. �Deine Mutter und ich, wir kennen uns schon sehr lange, Emerelle. Vor vielen Jahren hat uns ein wei�er Drache die Kunst zu zaubern beigebracht. Wir lebten mit den anderen Sch�lern in seiner H�hle. Er war ein sehr strenger Lehrmeister. Und ein bisschen verr�ckt.� Sie rollte mit den Augen. �Stell dir vor, abends, wenn er schlafen wollte, hat er sich immer mit dem Kopf nach unten an die H�hlendecke geh�ngt. Wie eine Fledermaus. Dabei war er ein m�chtiger Drache.�</p><p>Emerelle kicherte. �Das hat sicher lustig ausgesehen.�</p><p>Auch Bidayn lachte leise. �Das sag ich dir. Er fand immer, wir sollten auch so schlafen. Damals haben wir uns alle geschworen, nie wieder in einer H�hle zu leben. Und jetzt sehe ich, ihr lebt doch in einer H�hle.�</p><p>Sie sah kurz zum Goldenen. Er ging ein St�ck die Treppe hinauf und betrachtete die Schwerter der Drachenelfen. In dem Augenblick, in dem er Nandalees Bidenh�nder von der Wand nahm, waren Nachtatem und Nandalee an seiner Seite. In der Halle lag eine bedrohliche Spannung.</p><p>�Nat�rlich leben wir nicht in einer H�hle. Das hier ist doch eine Burg.�</p><p>�Aber sie steht in einer H�hle�, beharrte Bidayn. �Ich wette, du musst in einem finsteren Tunnel leben.�</p><p>�Nein!� Wieder lachte Emerelle.</p><p>�Magst du mir dein Zimmer denn zeigen?�</p><p>Schlagartig wurde die Kleine ernst. Sie sah zu ihrer Mutter. �Ich glaube nicht, dass ich das darf���</p><p>Bidayn l�chelte schief. �Ich wusste es. Ihr schlaft <emphasis>doch</emphasis> in einer H�hle, und jetzt sch�mst du dich, sie mir zu zeigen.�</p><p>�Nein�, grummelte Emerelle. �Aber ich glaube nicht, dass Mama erlaubt���</p><p>�Ah! So streng war sie fr�her auch schon��� Bidayn beugte sich vor. �Aber ich kenne einen Trick. Einen Zauber, der es uns erlaubt, hinauf und wieder zur�ck zu sein, bevor deine Mutter etwas merkt. Machst du mit?�</p><p>Die Kleine sah wieder �ngstlich zur Treppe. Der Goldene schwang ausgelassen den Bidenh�nder und lobte die Ausgewogenheit der Klinge.</p><p>�Ich verspreche dir, mit meinem Trick sind wir schneller wieder zur�ck, als du ein Glas Wasser austrinken kannst.�</p><p>Das M�dchen sah sie mit ihren gro�en Rehaugen ungl�ubig an. �Das geht?�</p><p>Bidayn legte feierlich ihre Rechte auf ihr Herz. �Das geht. Versprochen! Du musst mir nur deine H�nde geben.�</p><p>Ohne zu z�gern streckte Emerelle ihre Arme nach vorne.</p><p>Die Drachenelfe sprach ein Wort der Macht und hob die Kleine auf den Arm. Sie sp�rte die Macht flie�en. Sp�rte, wie das Weltennetz gegen den widernat�rlichen Zauber aufbegehrte. Doch nach Jahren der �bung wusste sie sich und das Kind zu sch�tzen. Ruhig nahm sie den linken Treppenaufgang zur Galerie.</p><p>�Schneller!�, fl�sterte Emerelle �ngstlich. �Du musst schneller sein.�</p><p>�Sieh doch mal zu deiner Mutter, Kleines.� Sie h�rte das M�dchen erschrocken nach Luft schnappen.</p><p>�Was hast du gemacht? Sind sie versteinert?�</p><p>Bidayn musste schmunzeln. �Sehen sie denn aus wie Steine? Ihnen geht es gut. Solche Zauberspr�che gibt es nur in M�rchen. Nein, die Zeit l�uft f�r uns viel langsamer als f�r sie. Wenn du lange genug hinschaust, wirst du sehen, dass sie sich noch bewegen. Aber im Moment sind Schnecken im Vergleich zu ihnen schnell wie Falken.�</p><p>�Werde ich das auch einmal lernen?�</p><p>�Wenn du sehr mutig bist.� Bidayn umrundete die Galerie und trat auf den einzigen Gang, der von dort fortf�hrte. Bei jeder T�r, die sie passierten, lie� sie Emerelle den Namen desjenigen nennen, der dort lebte.</p><p>Schlie�lich erreichten sie Nandalees Zimmer. Erst hier trat sie ein. Es war erstaunlich karg. Eine Matratze f�r die Kinder, ein schmales Bett f�r sie. Eine sch�ne gr�ne Lacktruhe, die mit Delphinen bemalt war, ein schlichter Tisch, auf dem eine Skulptur aus in warmem Bernsteinlicht erstrahlendem Barinstein stand. Daneben lag ein zerkn�lltes Tuch. Vermutlich, um den Stein bei Nacht abzudecken. Eine Schale mit Obst, ein paar schlichte Tonbecher und ein Wasserkrug. Das war ja fast schon �rmlich!</p><p>Auf Haken an der Wand ruhte Nandalees Bogen. Ein K�cher lehnte neben dem Bett.</p><p>�Siehst du, wir wohnen nicht in einer H�hle!�, sagte Emerelle triumphierend.</p><p>�Ja, ich habe wohl verloren.� Bidayn drehte sich langsam um die eigene Achse. Sie nahm jedes Detail in sich auf. Dann trat sie an das Fenster und sah kurz zum Hof der Festung hinab.</p><p>�Wir sollten wieder gehen�, quengelte Emerelle unruhig. �Mutter wird es sonst bemerken. Wir d�rfen���</p><p>Bidayn sp�rte, wie jemand anderes nach der Macht des magischen Netzes griff. Sie trat vom Fenster zur�ck, dr�ckte Emerelle fester an sich und beeilte sich, in den Flur zu kommen. Diesmal rannte sie. Kaum dass sie die Galerie erreichte, sah sie Nandalee und den Dunklen. Sie waren nicht ganz so schnell wie sie. Sie w�rde entkommen. Sie lief bis zur Mitte der Treppe auf der linken Seite und sprach ein Wort der Macht. Ein Ruck durchlief sie. Emerelle auf ihrem Arm keuchte erschrocken auf.</p><p>Augenblicklich erschienen der Dunkle und Nandalee bei ihr, w�hrend Eleborn und Meliander erstaunt zu der Treppe hinaufsahen, die eben noch leer gewesen war.</p><p>Nandalee nahm ihr die Tochter vom Arm. �Alles ist gut�, fl�sterte sie. �Sie wird dir nichts tun. Mama ist bei dir. Alles ist gut.�</p><p>F�r sie aber hatte Nandalee kein einziges Wort. Nicht einmal einen Tadel oder eine Drohung. Von fr�her wusste sie nur zu gut, was Bidayn wirklich verletzte: Schweigen.</p><p>Der Dunkle sah Bidayn an, als wollte er sie zerrei�en.</p><p>�Bitte�, erklang die Stimme des Goldenen. �Nichts ist geschehen. Kein Grund, sich zu streiten.�</p><p>�Ihr geht. Sofort! Und ihr kommt nicht wieder! Ihr seid im Jadegarten nicht mehr willkommen!� Die Worte des Dunklen rollten wie Donner durch die Halle.</p><p>Der Goldene winkte Bidayn. �Komm, meine Liebe. Ich hatte immer schon den Verdacht, dass mein Bruder ein recht ungastlicher Geselle ist. Und obendrein neigt er zu z�gellosen Wutausbr�chen. Fordern wir ihn also nicht heraus.�</p><p>Bidayn stieg aufreizend langsam die Treppe hinab. Sie w�rde nicht fortlaufen. Die drohenden Blicke des Dunklen folgten ihr.</p><p>Der Goldene hob seine Rechte. Auf der offenen Handfl�che lagen zwei Ringe. �Ein Geschenk f�r die beiden Kinder.�</p><p>�Was ist das?�, fragte Nandalee schroff. Sie dr�ckte Emerelle immer noch fest an sich.</p><p>�Schutz. Wenn sie die Ringe tragen und sie drei Mal um ihren Finger drehen, aktivieren sie den Zauber, den ich in das Gold gewoben habe. Eine unsichtbare Kugel entfaltet sich um sie. Kein Pfeil, keine Klinge und kein b�ser Zauber k�nnen diese Schutzaura durchdringen. Es ist ein gutes Geschenk.�</p><p>�Ich besch�tze sie�, sagte der Dunkle drohend. �Das gen�gt!�</p><p>Bidayn stand nun neben dem Goldenen, der beschwichtigend die H�nde hob. �Nat�rlich, Bruder. Das tust du. Aber diese Welt kann ein sehr gef�hrlicher Ort sein. Man wei� nie, wann man Schutz braucht.�</p></section><section><title><p>Schwebendes Unheil</p></title><p>Der Dunkle folgte seinem Bruder und dessen Elfe durch das Tor der Alten Veste und sah zu, wie sie ihre Adler bestiegen und davonflogen. Als sie schon hoch am Himmel waren, h�rte er Schritte hinter sich.</p><p>�Was sollte das? Warum waren die hier?� Nandalee war au�er sich. Sie war leichenblass, und t�dlicher Zorn funkelte in ihren Augen.</p><p>�Die Kinder sind nicht in Gefahr, meine Dame�, versuchte er sie zu beruhigen.</p><p>�Und warum hat Bidayn das getan? Warum war sie mit Emerelle fort? Wollte sie uns zeigen, wie leicht sie sich die Kinder holen kann?�</p><p>Der Dunkle wusste nicht, was er darauf antworten sollte. Der Besuch seines Bruders war ihm ein R�tsel. Er war eine Drohung, daran konnte es keinen Zweifel geben, aber welche Absicht steckte dahinter?</p><p>�Ich werde noch heute die Kinder nehmen und den Jadegarten verlassen. Hier ist es nicht l�nger sicher f�r uns.�</p><p>�Und wenn sie genau das erreichen wollten? Diese Reaktion ist zu vorhersehbar, meine Dame. Sie werden sie eingeplant haben. Welcher Ort sollte sicherer sein als der Jadegarten? Denkt an Meliander. Ihr werdet Euch mit ihm nicht so bewegen k�nnen, wie Ihr es allein t�tet. Wenn Ihr flieht, gewinnt Ihr nicht�� im Gegenteil, Ihr gebt die letzten Sicherheiten auf.�</p><p>Nandalee ging rastlos auf und ab. Nie hatte er sie so aufgew�hlt erlebt. �Aber ich kann doch nicht einfach so tun, als w�re nichts geschehen. Es war eine Drohung. Und dabei wird es nicht bleiben. Als N�chstes folgen Taten. Ich werde nicht warten, bis es so weit ist.�</p><p>�Ich glaube, mein Bruder war hier, um seine Brut zu beschnuppern.�</p><p>�Seine Brut?�, fuhr sie ihn an. �Was soll das hei�en?�</p><p>�Das wisst Ihr genauso gut wie ich, meine Dame. Er wollte wissen, ob es vielleicht seine Jungen sind. Er wollte sie nahe bei sich haben. Wollte ihre Aura sp�ren. Etwas in ihnen finden, das ihm vertraut ist.�</p><p>�Nein!� Sie sch�ttelte entschieden den Kopf.</p><p>�Doch, genau so hat er sich verhalten. Und Bidayn war bei ihm, um das Nest auszusp�hen. Deshalb hat er Euer Schwert von der Wand genommen, meine Dame. Ihm war klar, dass wir in diesem Augenblick ganz bei ihm sein w�rden. So hat er seiner Dame Gelegenheit verschafft, Euer Zimmer zu besuchen. Vielleicht solltet Ihr mit den Kindern��� Er z�gerte, dachte an den, den er verbarg. �Vielleicht k�nnte Eleborn Euch in seinem verwunschenen Palast aufnehmen?�</p><p>�Und du? Was denkst du?�, fuhr sie ihn an. �H�ltst du sie auch f�r deine Brut? Deine��� Etwas in ihr schien in diesem Augenblick zu zerbrechen. Ihre Schultern sackten herab. Ihr Zorn war verraucht. �Sind sie es?�, fragte sie leise.</p><p>�Es sind Eure Kinder, meine Dame. Dies ist die einzige Gewissheit, und sie war mir stets Grund genug, die beiden zu sch�tzen.�</p><p>Sie sah ihn durchdringend an, so als verm�ge allein ihr Blick die Wahrheit seiner Worte zu ergr�nden. Pl�tzlich trat sie dicht vor ihn, k�sste ihn auf die Wange und ging.</p><p>Verwundert sah er ihr nach. Er w�rde sie niemals verstehen, die Albenkinder, und auch die Liebe w�rde ihm ein Mirakel bleiben. Aber er w�rde Nandalee mit seinem Leben besch�tzen. Immer!</p><p>Er dachte an die beiden Ringe. Er hatte sie seinem Bruder abgenommen. Die Kinder hatten sie nicht einen Augenblick in H�nden gehalten. Er glaubte nicht, dass aus einem Geschenk des Goldenen Gutes erwachsen konnte, auch wenn es scheinbar n�tzliche Geschenke waren. Er w�rde schon bald wieder fortm�ssen. Seine Br�der wollten sich treffen, um �ber den Krieg auf Nangog zu beraten. Er konnte nicht immer im Jadegarten bleiben. Andererseits traute er seinem Bruder nicht zu, ein Geschenk ohne Hintergedanken zu machen. Es musste mehr geben als das, was er ihnen verraten hatte.</p><p>Nachtatem �berlegte, wie lange Nandalee wohl brauchen w�rde, bis sie herausfand, dass er sie belogen hatte. Die Absichten des Goldenen waren eindeutig. Er wollte die Kinder. Nachtatem hatte es in seinen Augen lesen k�nnen.</p></section><section><title><p>Emerelle</p></title><p>Emerelle lag wach in ihrem Bett und lauschte in die Nacht, wie sie es oft tat. Drau�en h�rte sie die leisen Schritte der Wachen. Sie mochte das Ger�usch. Es vermittelte ihr das Gef�hl von Sicherheit. Es tat gut zu wissen, dass es immer jemanden gab, der wachte. Und doch fand sie in dieser Nacht keinen Schlaf.</p><p>Ihr war jetzt klar, dass es ein Fehler gewesen war, mit Bidayn hierher in ihr Zimmer zu kommen. Mutter hatte ihr das sehr nachdr�cklich klargemacht. Ihr schmerzte jetzt noch der Hintern davon. Was genau aber der Fehler gewesen war, hatte ihr Mutter nicht erkl�rt. Bidayn war nett gewesen, und der Goldene�� Sie seufzte, als sie an ihn dachte. Er war wie Licht! Die beiden waren so anders als ihre Mutter und Nachtatem. Lebendiger��</p><p>Sie h�rte das Flattern der Felstauben. Irgendetwas hatte sie bei ihren Nestern, drau�en an der Steilklippe, aufgeschreckt. Vielleicht ein Marder oder irgendein anderer Nestr�uber. Sie lebte hier auch in einem Nest, dachte Emerelle und schlang die d�nne Decke enger um sich. Ein Nest aus Stein. Die Alte Veste war in eine gro�e H�hle in eine der Steilw�nde, die den Jadegarten einfassten, gebaut. Die Tauben konnten fliegen. Sie kam hier nie fort. Nur wenn sie mit Eleborn in dessen verwunschenen Palast am Grund des Sees ging. Den Jadegarten aber hatte sie in ihrem ganzen Leben noch nicht verlassen.</p><p>Alle, die wichtig waren, mussten immer wieder fort. Die Drachenelfen, die hier in der Veste lebten. Ihre Mutter und Nachtatem. Sie aber war gefangen, und es war immer jemand in der N�he, der auf sie und Meliander aufpasste. Warum?</p><p>Sie lauschte auf die ruhigen Atemz�ge ihres Bruders. Ihn kannte sie ganz und gar. Manchmal mussten sie nur Blicke tauschen, um einander zu verstehen. Wenn er nicht in der N�he war, f�hlte sie sich unwohl, als w�rde ein Teil von ihr fehlen. Und ihm ging es ganz genauso. Wenn er schlief, ber�hrte er sie stets mit einer Hand oder einem Fu�, als brauchte er auch in seinen Tr�umen die Gewissheit, dass sie in der N�he war.</p><p>Wieder h�rte sie die Felstauben. Sie gurrten unruhig. Was ihnen wohl den Schlaf raubte? Es waren seltsame Tiere. Sie verbrachten freiwillig ihr ganzes Leben in der Steilwand. Obwohl sie �berall hinfliegen konnten, waren sie nie im Garten. Das verstand Emerelle nicht. Keine Mauern hielten die Tauben, und sie beschr�nkten sich trotzdem darauf, immer in der N�he der Veste zu sein. Wie Gefangene.</p><p>Die Tauben pickten zwischen den warmen Felsen nach Ameisen und Fliegen oder kamen zu ihnen auf den Hof, um sich f�ttern zu lassen. Dann besch�tzten Meliander und sie die Tauben vor Steinmardern und Falken. Allerdings erlaubte Eleborn nicht, dass sie in der Veste Nester bauten. Er mochte die Tauben nicht und beschwerte sich st�ndig, dass sie auf seine Reliefs im Innenhof schissen, die irgendwie niemals fertig wurden, obwohl er schon, solange Emerelle denken konnte, daran arbeitete.</p><p>Jetzt flatterten mehrere Tauben auf. Was war da drau�en? Emerelle �berlegte, ob sie aufstehen sollte, um nachzusehen. Ihr wurde bewusst, dass sie eine Weile auch keine Schritte der Wache mehr geh�rt hatte. Wahrscheinlich stand der Posten irgendwo still und sp�hte den Felshang hinauf.</p><p>Sie setzte sich im Bett auf. Meliander murmelte unruhig im Schlaf, als sie sich von ihm zur�ckzog. Mondlicht fiel durch das Fenster in ihr vertrautes Zimmer. Es war nicht wirklich hell, aber sie konnte alle M�bel sehen.</p><p>Sie h�rte das Flappen der Taubenfl�gel. Die Tiere kreisten �ber der Veste. Gleich w�rden sie im Innenhof landen und sich verstecken.</p><p>Wurden sie hier auch versteckt? Daran hatte Emerelle noch nie zuvor gedacht. Vor wem? Gab es einen Feind, der ihnen B�ses antun wollte?</p><p>Wieder lauschte sie in die Nacht. Wenn da ein Feind war, wurde vieles klarer. Dass sie bewacht wurden und nicht von hier fort durften��</p><p>Drau�en war es jetzt ganz still. Es fr�stelte Emerelle. Sie zog sich erneut die d�nne Decke um die Schultern und lauschte. Sie h�rte den Atem ihrer Mutter. Zu ruhig, zu regelm��ig. So atmete sie, wenn sie ihnen vormachen wollte, dass sie schlief.</p><p>Vorsichtig setzte Emerelle ihre F��e auf den Boden. Er war eisig. Auf Zehenspitzen tippelte sie zum Bett ihrer Mutter.</p><p>�Du bist wach?�, fl�sterte Nandalee.</p><p>�Du doch auch�, entgegnete Emerelle und kuschelte sich in die Arme ihrer Mutter. �Ist dort drau�en etwas.�</p><p>�Nein, du musst keine Angst haben. Schlaf.�</p><p>Emerelle merkte es immer, wenn Nandalee sie anlog. Eine Weile lag sie ganz still. Sie sp�rte an ihrem R�cken den Herzschlag ihrer Mutter. Angespannt lauschte sie auf Nandalees Atem.</p><p>�Warst du in unseren Vater sehr verliebt?�</p><p>Sie sp�rte ihre Mutter l�cheln. �Ja.�</p><p>�Wie merkt man das, dass man sehr verliebt ist?�</p><p>�Liebe ist, wenn du dich ohne den anderen unvollst�ndig f�hlst. Wenn du jemanden immer um dich haben willst��� Ihre Mutter seufzte. Vielleicht wollte sie noch etwas sagen, aber sie schwieg.</p><p>�Ich glaube, ich bin in Meliander verliebt�, sagte Emerelle sehr ernst. �Manchmal ist er ein schrecklicher Bl�dmann, aber wenn er nicht da ist, fange ich sofort an, ihn ganz doll zu vermissen.�</p><p>Nandalee lachte leise. �Zwischen mir und Gonvalon war es eine andere Art von Liebe. Es war��� Sie seufzte erneut. �Da gibt es Dinge, die wirst du erst verstehen, wenn du �lter bist.�</p><p>Das war ihre Lieblingsausrede, wenn sie etwas nicht erkl�ren wollte. Eine Weile schmollte Emerelle, entschied dann aber, dass es klug war, die Zeit noch zu nutzen. Es kam nicht oft vor, dass sie mit Mutter ganz allein war und mit ihr reden konnte, ohne dass Meliander mit seinen bl�den Fragen alles kaputt machte. �Du hast immer gesagt, unser Vater sei in ein Licht gegangen. Wann wird er denn aus dem Licht zur�ckkehren? Ich w�rde ihn so gerne endlich sehen. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie er ist. Mehr wie Eleborn oder wie Nodon? Oder vielleicht sogar ein bisschen wie der Goldene?�</p><p>�Er ist ganz anders als sie alle.� Ihre Mutter klang traurig, als sie das sagte. �Ich bin sicher, du wirst ihn sofort m�gen, wenn du ihn triffst. Er wird immer f�r dich da sein. Er���</p><p>�Aber wann? Wann wird er endlich f�r mich da sein? Ich warte jetzt schon mein ganzes Leben auf ihn.�</p><p>�Du wei�t, dass er ein Drachenelf ist. Manchmal werden wir auf sehr lange Missionen geschickt, und niemand kann sagen, wann sie zu Ende sind.�</p><p>Emerelle bekam pl�tzlich Angst. �Du wirst aber nicht auf so eine Mission gehen, oder? Letztes Mal war es ganz schrecklich ohne dich. Eleborn sind schon nach drei Tagen keine neuen Spiele mehr eingefallen und���</p><p>Ihre Mutter schlang die Arme um sie. �Ohne euch ist es auch ganz schrecklich f�r mich. Ich kann nicht noch�� Ich��� Statt weiterzureden, dr�ckte Nandalee sie ganz fest.</p><p>Emerelle wusste, dass ihre Mutter sie und ihren Bruder liebte, aber irgendetwas stimmte auch da nicht. Wenn Nandalee glaubte, dass sie beide sie nicht beachteten, war ihr Gesicht oft ganz traurig. Bei ihnen zu sein war nicht genug, um sie gl�cklich zu machen. Bestimmt dachte sie an Gonvalon, wenn sie so war. Auch jetzt. Ihr Atem ging unregelm��ig. Er f�hlte sich traurig an.</p><p>Emerelle streichelte �ber die starke Hand, die auf ihrer Brust lag und sie festhielt. Verliebt sein war keine gute Sache, ganz gleich, was Mutter sagte. Es machte zu traurig. Sie w�rde sich niemals verlieben, schwor sie sich stumm. Sie wollte nicht nachts allein im Bett liegen und traurig atmen. Sie wollte wie der Goldene sein, strahlend und machtvoll.</p></section><section><title><p>Der Herrscher, den wir schufen</p></title><p>�Sie sind alle tot, deshalb kam keine Nachricht. Die Menschenkinder waren sehr gr�ndlich.�</p><p>�Ihr d�rft gehen, meine Dame Valarielle. Wir danken Euch f�r Eure Hilfe, auch wenn die Nachrichten, die Ihr uns zu �berbringen hattet, so tragisch sind.� Deutlich sp�rte der Goldene den Sturm der Gef�hle seiner Nestbr�der. Er hatte Valarielle auf die Suche nach Sekander und seinen Kentauren geschickt. Die Elfe aus dem Gefolge Bidayns hatte nicht sehr lange gebraucht, die Vermissten zu finden. Ihr Grab war un�bersehbar. Ein riesiger Aschenfleck inmitten des Graslands.</p><p><emphasis>Noch eine Niederlage,</emphasis> w�tete der Rote. <emphasis>Seht ihr die Zeichen nicht? Erst die Schlacht im Goldenen Netz und nun das. Sie l�schen uns aus. Und es geht immer schneller.</emphasis></p><p><emphasis>Sei nicht so ein K�tzchen!</emphasis> Der Nachtblaue bedachte seinen roten Bruder mit einem abf�lligen Blick. <emphasis>Wenn so ein d�mliches Pferdehirn seine M�nner in den Untergang f�hrt, was hei�t das schon? Wir haben einen unf�higen Feldherrn verloren. Das macht uns am Ende st�rker, nicht schw�cher.</emphasis></p><p><emphasis>Tut es das?,</emphasis> fragte der Smaragdene s�ffisant. <emphasis>Sekander war ein erfolgreicher Feldherr. Er hat viele Jahre lang die Menschenkinder auf der Messergras-Steppe in Atem gehalten. Kein Viehtrieb und keine Karawane waren sicher. Er war ein erfolgreicher Feldherr. Ihn als Pferdehirn zu verunglimpfen bringt uns nicht weiter.</emphasis></p><p><emphasis>Wie es scheint, hat er jetzt einen besseren Feldherrn getroffen,</emphasis> entgegnete der Nachtblaue k�mpferisch. <emphasis>Wenn es stimmt, was die Elfe erz�hlt hat, dann kamen auf jedes tote Menschenkind zwanzig tote Kentauren. Wir sollten diesen Feldherrn f�rchten.</emphasis></p><p><emphasis>Nicht</emphasis> f�rchten, <emphasis>ich bitte euch, meine Br�der,</emphasis> mischte sich nun der Goldene ein. <emphasis>Seit wann f�rchten Himmelsschlangen Menschenkinder? Wir m�ssen herausfinden, wer es war, und dann schicken wir ihm Bidayn. Wir d�rfen nicht zulassen, dass dieser Feldherr weitere Schlachten schl�gt.</emphasis></p><p><emphasis>Aber womit wollen wir unsere Schlachten schlagen?,</emphasis> fragte der Flammende in die Runde der G�tterdrachen. Seine Niedergeschlagenheit hatte etwas Ansteckendes. Der Goldene hatte seinen Bruder so noch nicht erlebt. <emphasis>Seht hinab ins Tal. Seht das Heer, das uns noch geblieben ist. Jedes Jahr wird es kleiner. Die Menschenkinder aber sehe ich nicht schw�cher werden.</emphasis></p><p>Nachtatems Krallen fuhren mit leisem Knirschen �ber den Fels. <emphasis>Was sagt das schon? Schicke eine Drachenelfe gegen zehn Menschenkinder. Wer wird siegen? Zahlen sind nichts! Es sind die Krieger, die z�hlen. Unsere Truppen dort unten sind in vielen Schlachten erprobt. Und sie haben nach wie vor den Willen zu siegen. Was wir uns fragen sollten, ist, ob vielleicht wir es sind, die den Willen zum Siegen verloren haben.</emphasis> Er sah seine Br�der der Reihe nach herausfordernd an.</p><p><emphasis>Ich bin derselben Meinung,</emphasis> schlug der Goldene in die gleiche Kerbe, wenn es ihm auch nicht gefiel, dem Erstgeschl�pften recht zu geben. <emphasis>Die Devanthar werden unvorsichtig. Sie sind ins Nichts gekommen, um unsere Drachen zu t�ten. Locken wir sie noch einmal hervor! Stellen wir ihnen diesmal eine Falle und bringen wir zu Ende, was wir schon so lange planen. Lassen wir sie in unserem Feuer des Zorns vergehen!</emphasis></p><p><emphasis>Das nenne ich einen Plan,</emphasis> jubilierte der Flammende. <emphasis>Ich bin dabei!</emphasis></p><p>Der Goldene gab nicht viel auf die Meinung seines wankelm�tigen Bruders. Wie so oft stimmte der Flammende dem zu, der zuletzt gesprochen hatte. Es waren der Smaragdene und der Nachtblaue, die z�hlten. Waren sie auf seiner Seite, dann w�rde er all seine Br�der gewinnen.</p><p><emphasis>Was ist mit dem Fr�hlingsbringer?,</emphasis> wandte der Smaragdene ruhig ein. <emphasis>Wollen wir nichts unternehmen, um den Leichnam unseres Bruders zu bergen? �berlassen wir ihn einfach den Devanthar?</emphasis></p><p><emphasis>Was willst du tun?,</emphasis> fragte der Goldene zur�ck. Auch er war ratlos, was dies anging. So sehr er den Gedanken hasste, dass die Devanthar seinen toten Bruder zur Troph�e machten, so wenig wusste er, was dagegen zu unternehmen war. <emphasis>Sie werden ihn wahrscheinlich in den Gelben Turm gebracht haben. Wenn wir versuchen, die Devanthar dort anzugreifen, dann haben sie alle Vorteile auf ihrer Seite. Es ist aussichtslos.</emphasis></p><p><emphasis>Wir werden einfach den besseren Plan haben. Wir locken sie aus ihrem Turm und t�ten sie. Und dann bekommen wir auch den Leichnam. Es ist��</emphasis> Der Dunkle brach ab und sah den Hang hinab.</p><p>Der Goldene folgte dem Blick seines Bruders und sah den Zwerg Hornbori zu ihnen hinaufkommen. <emphasis>Wer hat ihn bestellt?,</emphasis> fragte er ungehalten.</p><p>Niemand antwortete ihm. Sie alle warteten schweigend ab, bis der Herr aller Tiefen vor ihnen stand. Der Goldene konnte die Angst des F�rsten riechen. Er vermochte kaum, ihnen in die Augen zu sehen.</p><p>�Was f�hrt dich hierher, Heermeister?�, fragte der Dunkle. Er bem�hte sich, trotz seiner Drachengestalt die Worte der Albenkinder zu formen. Es gelang ihm nicht ganz.</p><p>Der Zwerg verneigte sich dem�tig.</p><p>�Allm�chtige Herrscher des Himmels, ich bin gekommen, Euch mitzuteilen, dass ich die Tiefe Stadt wieder besiedeln werde.�</p><p><emphasis>Was?</emphasis> Der Rote war so aufgebracht, dass er seine Gedanken statt seiner Zunge nutzte. Sein pl�tzlicher Zorn brannte wie gl�hende Lohe in ihrer aller K�pfen.</p><p>�Wir verbieten das!�, sagte der Nachtblaue anstelle des Roten.</p><p>�Ich bin ein K�nig, kein Bittsteller. Ich bin hier, um Euch mitzuteilen, was ich tun werde, nicht, um Euch um Erlaubnis zu bitten.�</p><p>Der Nachtblaue richtete sich drohend auf und weitete die Schwingen. Erschrocken wich ihr Gast ein St�ck zur�ck. Nicht schnell genug. Der Kopf des Nachtblauen stie� nieder. Mit aufgerissenen Kiefern schnappte er nach dem Zwerg, um ihn mit einem einzigen Biss zu verschlingen.</p><p>Ein Schwanzhieb des Goldenen wischte den Zwerg zur Seite und rettete ihm das Leben. <emphasis>Beherrsche dich, Bruder!</emphasis></p><p><emphasis>Ich werde mich von einem Wurm nicht beleidigen lassen!</emphasis> Der Nachtblaue richtete sich auf, um erneut zuzuschnappen.</p><p><emphasis>Nicht!</emphasis> Der Dunkle stellte sich ihm in den Weg. <emphasis>Was wollt ihr? Wir haben einen K�nig erschaffen, und nun wundert ihr euch, dass er wie ein Herrscher auftritt.</emphasis></p><p><emphasis>Ein K�nig, der sich in die Hose gemacht hat,</emphasis> bemerkte der Smaragdene trocken.</p><p>Jetzt roch es auch der Goldene. Voller Ekel sah er auf den Zwerg herab, der sich wieder aufgerichtet hatte. Der Drache hauchte ein Wort der Macht, um in den Gedanken dieses Wurms zu lesen. Doch alles, was er dort sah, waren Erinnerungen an ein dralles, schwarzhaariges Zwergenweibchen. Dieser aufgeblasene Wicht sehnte sich nach nichts so sehr wie danach, mit ihr wieder in einem Bett zu liegen und sich zu paaren. Sie beherrschte all seine Gedanken, ganz wie beim letzten Mal, als er versucht hatte, die innersten Beweggr�nde des Zwergs zu erforschen. Erstaunlich, wie primitiv seine Begierden waren.</p><p>�Warum h�ltst du es f�r einen klugen Einfall, diese Stadt der Toten und der dunklen Erinnerungen wieder mit Leben zu f�llen?�, fragte Nachtatem.</p><p>�Ihr habt mich zum Herrscher aller Zwerge gemacht, doch meine Macht beruht nur auf Worten.�</p><p><emphasis>Willst du etwa sagen, unser Wort gilt bei euch Zwergen nichts, du Wicht!</emphasis> Nun war es der Flammende, der Hornbori ans Leben wollte.</p><p>Der Goldene hielt seinen Bruder nur mit M�he zur�ck, w�hrend Hornbori, der nicht wissen konnte, welche Gedanken sie tauschten, weitersprach: �Ich stamme nicht aus den Ehernen Hallen. Und ich habe Eikin eigenh�ndig get�tet. Wenn ich dort Herrscher sein will, dann wird es nicht lange dauern, bis alle in mir einen Tyrannen sehen, der sich durch einen feigen Mord einen Thron gestohlen hat. Ich brauche eine Stadt, in der ich als ihr nat�rlicher Herrscher anerkannt werde. Das kann nur die Tiefe Stadt sein.� Der Zwerg spielte nerv�s mit seinem Bart. �Es gibt aber noch einen zweiten Grund, der viel schwerer wiegt. Habe ich Eure Unterst�tzung, allm�chtige Himmelsherrscher, dann ist es ein Zeichen, dass der alte Groll zwischen Drachen und Zwergen endg�ltig begraben ist.�</p><p><emphasis>Der Hosenschei�er hat recht,</emphasis> �bermittelte ihnen der Erstgeschl�pfte seine Gedanken. <emphasis>Lasst ihn gew�hren. Wir vergeben uns nichts dabei.</emphasis></p><p><emphasis>Warum lassen wir diesen Dreck einfach gew�hren?</emphasis> Der Nachtblaue fletschte die Z�hne.</p><p><emphasis>Du willst diesen Dreck fressen?,</emphasis> mischte sich der Goldene ein. <emphasis>Umbringen k�nnen wir ihn immer noch, wenn sich herausstellt, dass er nicht n�tzlich ist. Bisher hat er uns gute Dienste geleistet. Er ist ein Gl�ckskind. Die sind selten.</emphasis></p><p>Als keiner seiner Br�der mehr widersprach, wandte er sich an Hornbori. �Wir werden nichts gegen eine Besiedlung der Tiefen Stadt unternehmen. Aber vergiss nicht, dass du als Heermeister in unserer Pflicht stehst. Wir brauchen tausend weitere Krieger aus deinem Volk. Wir erwarten sie binnen Mondesfrist.�</p><p>�Das geht nicht���</p><p>�Wenn du Siedler finden kannst, wirst du auch Krieger auftreiben. Du bist nun der Herrscher aller Tiefen. Benutze deine Macht. Und feilsche nicht mit uns. F�r heute hast du dein Ma� an Gl�ck ausgereizt. Geh! Und entt�usche uns nicht!�</p><p><emphasis>Tausend neue Krieger?,</emphasis> fragte der Dunkle dr�ngend.</p><p>Der Goldene sp�rte auch die Neugier seiner anderen Br�der.</p><p><emphasis>Gobhayn hat das Himmelland fast vollendet. Wenn es so weit ist,</emphasis><emphasis>werden wir Zwerge brauchen, um die Gesch�tze zu bemannen. Und Tausende von Kobolden.</emphasis> Er blickte auf das Heer im Tal. Alle dort unten w�rden im Himmelland Platz finden und noch viel mehr von ihnen! Diese Waffe w�rde alles ver�ndern. Sie w�rde den Krieg auf Nangog entscheiden.</p><p>Jetzt musste ihnen nur noch gelingen, die Devanthar dazu zu verleiten, sich au�erhalb des Gelben Turms an einem Ort zu versammeln.</p></section><section><title><p>Die Verwandelten</p></title><p>Lydaine hob ihre Armbrust. Ihre Hand blieb v�llig ruhig. Sie zielte auf das junge Kitz, das aus dem Birkenhain getreten war. Ohne auch nur einen Herzschlag zu z�gern, zog sie den Abzugshebel durch. Als das Kitz vom wuchtigen Treffer zu Boden gerissen wurde, stie� sie einen leisen Jauchzer aus.</p><p>Die zierliche kleine Elfe gab Graumur die Armbrust und nickte ihrer Schwester zu. �Los, Farella, wer als Erste dort ist, bekommt die besten St�cke.�</p><p>Die beiden liefen los wie der Wind.</p><p>Anerkennend sah Graumur zu Bidayn. �Ihr habt mehr f�r sie getan als ihr Vater. Ihr habt sie endlich aus dem Gef�ngnis ihrer Kindheit befreit.�</p><p>Die Elfe sch�ttelte den Kopf. �Ich habe ihnen nur einen Weg gezeigt, Graumur. Sie sind ihn alleine gegangen. Und wir sollten ihnen folgen. Du wei�t, wie sie sind, wenn sie ihre Beute ausweiden. Sie werden ein solches Gemetzel anrichten, dass Maya uns keinen Braten, sondern h�chstens noch Geschnetzeltes auftischen kann.�</p><p>Mit weiten Schritten folgte der alte Minotaur den beiden M�dchen durch das hohe Gras. Es war ein warmer Tag, und seine Knie schmerzten etwas weniger als sonst. Sein Fell wurde grau. Er wusste, er w�rde Shanadeen nicht mehr lange dienen k�nnen. Ein Jahr noch oder vielleicht zwei, und er w�rde vom gef�rchteten Leibw�chter endg�ltig zum unn�tzen Esser werden. Bevor es so weit war, w�rde er gehen. Er war ein Leben lang ein Krieger gewesen. Er konnte sich nicht vorstellen, als Greis in einer Ecke des Hofes in der Sonne zu sitzen und anderen zur Last zu fallen. Er w�rde wie ein Krieger sterben. Die Werber der Himmelsschlangen w�rden ihm dabei helfen. Es hie�, sie seien so verzweifelt, dass sie jeden nahmen. Sein Leben sollte auf einem Schlachtfeld enden.</p><p>Als er Farella und Lydaine erreichte, hatten sie bereits begonnen, das Kitz auszuweiden. Bis zu den Ellenbogen waren ihre Arme mit Blut besudelt. Gerade stritten sie dar�ber, ob sie die Leber zur�cklassen oder f�r die Kobolde mitnehmen sollten.</p><p>�Die Leber geh�rt mir!�, ging Graumur mit tiefem Bass dazwischen.</p><p>�Warum?� Die blonde Lydaine sah ihn herausfordernd an. �Wir haben das Kitz erlegt. Wir bestimmen, wie die Beute verteilt wird.�</p><p>�Dann k�nnt ihr das Kitz auch alleine nach Hause tragen.�</p><p>Lydaine tauschte mit ihrer Schwester einen kurzen Blick, dann hielt ihm die schwarzhaarige Farella die Leber hin. Fr�her einmal war sie ausgesprochen sch�chtern gewesen, jetzt liebte sie es, sich m�rrisch wie ein alter, schlachterprobter Krieger zu geben.</p><p>Graumur nahm die Leber und biss herzhaft hinein. Sie war noch warm. K�stlich! Schmatzend sah er den beiden zu, wie sie dem Kitz gekonnt das Fell abzogen. Sorgsam breiteten sie es im Gras aus. Dann sch�lten sie ebenso geschickt das Fleisch von den Knochen, legten es auf das Fell und schn�rten es schlie�lich zu einem Sack zusammen.</p><p>�Dann schauen wir mal, was Maya uns daraus zaubern wird.� Gut gelaunt hob er die Jagdbeute auf die Schulter und folgte den beiden M�dchen, die ein St�ck voraus Seite an Seite mit Bidayn gingen.</p><p>Graumur kannte sich nicht gut mit Elfenm�dchen aus. Von der Gr��e sch�tzte er sie auf irgendwo zwischen acht und zehn Jahren. So sahen sie seit Jahrzehnten aus. Sie waren keinen Zoll gewachsen, seit er vor fast vierzig Jahren als junger Krieger ins Haus Shanadeens gekommen war. Und so wie unausstehliche kleine M�dchen hatten sie sich auch stets benommen. In all der Zeit hatten sie sich nie ver�ndert. Die anderen Diener tuschelten, es sei ihre eigene Mutter, Nevenyll, gewesen, die sie dazu verflucht hatte, auf ewig Kinder zu sein.</p><p>Nun, sie sahen vielleicht noch immer aus wie Kinder, aber sie benahmen sich nicht mehr so�� daf�r hatte Bidayn gesorgt.</p><p>Anfangs hatte Graumur die Elfe kaum beachtet. Sie war als unscheinbares Kinderm�dchen in Shanadeens Haus gekommen. Und dann hatte sie es zur �berraschung aller geschafft, den Kaufherrn zu heiraten. Aber noch viel mehr hatte ihn beeindruckt, was sie mit den M�dchen getan hatte. Wenn er daran dachte, wie Farella und Lydaine zum ersten Mal ein Kaninchen, das sie essen wollten, hatten schlachten m�ssen, musste er stets schmunzeln. Bidayn war einen harten und guten Weg mit den M�dchen gegangen. Sie hatten dem Fluch, der auf ihnen lastete, etwas von seinem Gewicht genommen.</p><p>Graumur war seinem Herrn Shanadeen immer treu gewesen, aber sein Herz geh�rte inzwischen Bidayn. Wie hatte er den Schwindel mit dem Kinderm�dchen nur glauben k�nnen? Ihre schmale Taille, die Art, wie sie sich bewegte, ihr Selbstbewusstsein. Sie machte ein Geheimnis daraus, was sie wirklich war, aber ein Kinderm�dchen war sie ganz gewiss nie gewesen.</p><p>Immer wieder verschwand sie f�r viele Wochen. Und inzwischen nahm sie manchmal auch Lydaine und Farella mit. Selbst die Kleinen verrieten kein Wort dar�ber, wohin sie mit ihr gingen. Ab und zu erschienen auch noch die seltsamen Freunde Bidayns. Sie alle waren auf ihre Art unheimlich. Sogar der l�chelnde Kerl, den sie als ihren Halbbruder Asfahal ausgab, war nicht, was er vorgab zu sein. Anfangs hatte Graumur geglaubt, dass Asfahal seinen Boxkampf mit F�rst Sekander durch schieres Gl�ck �berstanden hatte. Heute war er sich ganz sicher, dass nichts von dem, was auf dem Hochzeitsfest geschehen war, Zufall gewesen war. Ein ganzer Trupp m�rderischer Elfen folgte Bidayn aufs Wort. Wahrscheinlich war sie die Gef�hrlichste von allen.</p><p>Graumur dr�ckte mit der Zunge gegen eine Zahnl�cke, bis sich das St�ck Leber l�ste, das sich dort festgesetzt hatte. Er w�nschte, Bidayn w�rde ihn auch einmal auf eine ihrer geheimnisvollen Reisen mitnehmen. Da, wo sie hinging, gab es sicher Ruhm zu ernten. Oder einen Tod zu finden, der besser war als ein Ende als zahnloser Greis, der nur noch von Gnade und Hafersuppe lebte.</p></section><section><title><p>Eine alte Rechnung</p></title><p>Etwas stimmte nicht in der Stadt. Farella und Lydaine hatten es auch bemerkt. Sie scherzten ausgelassener als sonst, spielten die kleinen M�dchen, die sie schon l�ngst nicht mehr waren. Sie hatten keinen einzigen Kentauren gesehen, seit sie Uttika betreten hatten. Das war ungew�hnlich. Es h�tten Wachen beim Tor sein m�ssen oder irgendwelche jungen Flegel auf den Stra�en. Aber die Stadt war au�ergew�hnlich still. Nur ein paar Kobolde waren unterwegs, um Boteng�nge zu erledigen oder Eink�ufe in die H�user der Reichen zu tragen.</p><p>Auf dem Weg zu Shanadeens Stadtpalast hatten sie zwei Schankh�user passiert. Nirgends wurde gesungen wie sonst.</p><p>Bidayn winkte die M�dchen und Graumur an der protzigen Fassade des Stadtpalastes vorbei. Aus den Augenwinkeln beobachtete sie die Fenster. Niemand war zu sehen. Shanadeen war nicht im Haus. Er war mit Alarion, seinem ersten Kapit�n, zu einer Reise ins S�dmeer unterwegs. Er w�rde fr�hestens in drei oder vier Wochen zur�ckkehren.</p><p>Sie erreichten die schmale Gasse an der R�ckseite des Hauses. Jetzt wirkte auch Graumur alarmiert. Er sah sie fragend an. Bidayn deutete auf die Axt, die an seinem breiten G�rtel hing. Er l�chelte, als freute er sich darauf, sie benutzen zu k�nnen.</p><p>Trottel, dachte die Elfe. Niemand, der auch nur einen Funken Verstand besa�, freute sich auf einen Kampf, f�r den er nicht selbst den Ort und die Zeit bestimmt hatte.</p><p>Kaum dass sie in die Gasse getreten waren, gab sie den M�dchen ein Zeichen, sich ihre Armbr�ste zu holen, die Graumur trug. Farella und Lydaine verhielten sich diszipliniert. Ihr Kichern war verstummt. Ernst spannten sie die Waffen, legten die Bolzen auf und dr�ckten sich dann mit dem R�cken gegen die hohe Hofmauer, die eine Seite der Gasse einnahm.</p><p>Bidayn trat an das Tor. Sie dr�ckte mit der Hand dagegen. Der schwere Holzfl�gel schwang auf, ohne zu quietschen.</p><p>Auf dem Absatz der K�chent�r sa� Maya in der Sonne. Ansonsten war der weite Hof verlassen. Sie gr��te sie mit erhobenem Tonbecher und einem breiten L�cheln.</p><p>Eilends st�rmte Bidayn �ber den Hof. �Was ist hier los?�</p><p>Das L�cheln der einbeinigen Koboldin wurde noch breiter. �Schlechte Nachrichten.� Ihre Stimme war ein wenig belegt.</p><p>Als Bidayn sie erreichte und vor ihr niederkniete, um besser in ihre Augen sehen zu k�nnen, roch sie den sauren Wein in Mayas Atem.</p><p>�Ihr habt es noch nicht geh�rt?�, fragte die Koboldin und lachte leise. �Die Alben haben Gerechtigkeit ge�bt.� Sie klopfte auf ihr Holzbein. �Nach all den Jahren. Endlich! Ich w�nschte, Kruppa h�tte es noch erlebt. Dann w�rden wir hier zusammen sitzen und uns betrinken�� Jedes ihrer Gebete hat meine Mutter mit einem Fluch auf die dreckigen Kentauren beendet. Manchmal muss man wohl erst im Grab liegen, damit Fl�che endlich wirken���</p><p>Es fiel Bidayn schwer, freundlich zu bleiben. �Was ist passiert?�</p><p>�Ihr wart zwei Stunden fort, Herrin, da ging die Nachricht um wie ein Lauffeuer. F�rst Sekander ist tot und mit ihm alle Krieger, die ihn zu seinem gro�en Viehdiebstahl in die fremde Welt begleitet haben�� Der Mann, der daf�r gesorgt hat, dass der Kentaur, der mich verst�mmelt hat, niemals bestraft wurde, ist tot.� Sie hob ihren Weinbecher und nahm dann einen tiefen Schluck. �Auf die Gerechtigkeit!�</p><p>Bidayn fragte sich, wie das hatte geschehen k�nnen. So viele Jahre war Sekander auf Beutez�ge gegangen. Auf wen war er in der Messergras-Steppe getroffen?</p><p>Die Elfe schickte die beiden M�dchen und Graumur ins Haus, dann setzte sie sich neben Maya. �Du solltest deinen Zorn auf die Kentauren besser verbergen. Und rede niemals wieder von irgendwelchen Fl�chen, oder du wirst in dieser Stadt deines Lebens nicht mehr sicher sein. Wenn die erste Trauer vor�ber ist, werden sie nach Erkl�rungen und Schuldigen suchen. Und sie werden nicht dulden, dass jemand schlecht von Sekander spricht. Ein anderer S�ndenbock wird herhalten m�ssen. H�te dich also, was du sagst, sonst wirst du dieser S�ndenbock sein.�</p><p>Maya sah sie entt�uscht an. �Ich dachte, Ihr m�gt Sekander auch nicht, Herrin.�</p><p>�Das mag so sein oder auch nicht. Ich werde meine Gef�hle in meinem Herzen verschlie�en, und ich rate dir dringend, tu es mir gleich.� Sie nahm den Weinkrug an sich, der neben Maya stand. �Dein Fest endet nun. Geh und k�mmere dich um die K�che, bevor die M�dchen oder gar Graumur auf den t�richten Gedanken kommen, sie k�nnten kochen.�</p><p>Maya l�chelte und erhob sich, um ins Haus zu gehen. �Ich wei�, was Ihr denkt, Herrin.�</p><p>Bidayn sah ihr nach. Das war keine gute Entwicklung. Sie mochte die kleine Koboldin, auch wenn sie vor zwei Jahren ihre Mutter Kruppa vergiftet hatte. F�r alle anderen hatte es ausgesehen, als w�re die alte Haustyrannin friedlich im Bett entschlafen. Bidayn wusste es besser. Sie hatte der Koboldin einen t�dlichen Opiumtrank gemischt. Sie war das m�rrische Gerede der Alten leid gewesen. Auch Maya w�rde sterben m�ssen, wenn sie es nicht schaffte, ihre Zunge im Zaum zu halten. Sollte sie von den Kentauren wegen ihres Geredes aufgegriffen werden und erz�hlen, dass auch ihre Herrin einen Groll gegen Sekander gehegt hatte, mochte alles geschehen. Wom�glich w�rden die w�tenden Horden das Haus niederbrennen und sie samt der M�dchen steinigen.</p><p>Einen Tag w�rde sie Maya geben, sich wieder zu fangen, dann musste sie entscheiden. Danach w�rde sie versuchen zu ergr�nden, was mit den Kentauren geschehen war. Auf Ausk�nfte der Himmelsschlangen hoffte sie dabei nicht. L�ngst hatte sie begonnen, ihre eigenen Gefolgsleute als Spitzel nach Nangog zu schicken, selbst wenn das den Befehlen der alten Drachen zuwiderlief. Sie hatte wissen wollen, wer es war, der au�er ihr Unsterbliche t�tete.</p><p>In dieser Stunde war Kyra in der Goldenen Stadt. Auch die Menschenkinder behandelten M�rchenerz�hler mit Respekt. Und so gelangte die Elfe an Orte, die f�r alle anderen Spitzel unerreichbar waren.</p></section><section><title><p>Die Ausgeburt der Gosse</p></title><p>�Ich muss zum Unsterblichen Aaron�, wiederholte Ilmari zum dritten Mal.</p><p>Der Torw�chter sah ihn ver�chtlich an. �Und ich muss dir gleich eins auf die Schnauze hauen, wenn du dich nicht davonmachst. Was bildest du dir eigentlich ein? Glaubst du, du seist der Unsterbliche der Schwimmenden Inseln und dass Aaron nur auf dich gewartet hat. Geh zum Mondtor! Da werden Verr�ckte und Narren durchgef�ttert, weil unser Herrscher ein gro�es Herz hat, aber empfangen kann er euch Abschaum nicht auch noch.�</p><p>�Bitte, lass ihm ausrichten, Lamgi sei gekommen.�</p><p>�Eben hast du dich noch Ilmari genannt. Wei�t du selbst nicht mehr, wer du bist? Sieh dich doch einmal an, du Ausgeburt der Gosse.�</p><p>Ilmari war zu schwach, um noch l�nger zu streiten. Er st�zte sich schwer auf eine Kr�cke. Allein der Gedanke, bei Aaron vorzusprechen und Rache f�r den Betrug des Priesters zu nehmen, hatte ihn auf den Beinen gehalten. Aber jetzt brach alles in sich zusammen. Wenn er ausruhen k�nnte und ein paar Tage vern�nftig essen w�rde, w�re er wieder der Alte. Aber er hatte kein Geld, und die Goldene Stadt strafte nichts h�rter als Armut.</p><p>Er hatte nicht einmal mehr die Kraft, etwas zu stehlen. So wie er aussah, w�rde jeder H�ndler ihn schon misstrauisch be�ugen, lange bevor er an seinen Marktstand trat. Und sollte er doch etwas greifen k�nnen, h�tte er nicht mehr die Kraft, schnell genug davonzulaufen.</p><p>Er hatte den Sturz in den Wei�en Schlund �berlebt, war den wei�en Krokodilen im Leichensee entkommen, war in den unterirdischen Fl�ssen, durch die er tauchen musste, um aus Tarkons St�dten zu entkommen, gegen jede Wahrscheinlichkeit nicht ertrunken und hatte es geschafft, den m�rderischen Dschungel zu �berleben. Fieber sch�ttelte ihn. Sein K�rper war ausgezehrt und mit verschorften Wunden bedeckt. Geschw�re wucherten in seinem Gesicht, auf dem R�cken und seinen H�nden. Er sah aus wie der Tod auf Beinen. W�re er der Torposten, er h�tte eine solche Gestalt auch nicht in den Palast gelassen. Vor sieben Jahren war er reich und m�chtig gewesen. Jetzt wagte er es nicht, seinen Besitz einzufordern. Seine Gef�hrten und Untergebenen von einst w�rden ihm kurzentschlossen die Kehle durchschneiden, wenn sie ihn so sahen. Von dem Mann, der er damals gewesen war, war nichts mehr geblieben.</p><p>�Das Mondtor!� Die Torwache deutete die hohe Palastmauer entlang nach S�den. �Das ist der einzige Ort in dieser Stadt, wo Gestalten wie du mit Essen durchgef�ttert werden. Jetzt mach dich davon!�</p><p>W�hrend ihn der Torw�chter weiterhin misstrauisch beobachtete, tat Ilmari auf den Kr�ckstock gest�tzt ein paar Schritt und lehnte sich dann an die Mauer aus getrockneten Lehmziegeln. Sie war staubig und warm. Seine Kehle brannte ihm. Er hatte seit Stunden nicht mehr getrunken, und es war ein hei�er Sp�tsommertag. Er schloss die Augen und versuchte, Kr�fte zu sammeln. Er hatte noch nie aufgegeben! Sein Ziel war so nah! Es w�re, wie nach einem Schiffbruch, das rettende Ufer vor Augen, zu ertrinken. Er l�chelte m�de�� So etwas geschah. Vielleicht sollte er einfach loslassen. Vielleicht hielt ja die Gro�e G�ttin doch ihre sch�tzende Hand �ber die St�dte Tarkons. Hatte Nangog ihm die ganze Zeit �ber am�siert zugesehen, wie er sich qu�lte, um ihn nun vor Aarons Palast verrecken zu lassen?</p><p>�berall im Dschungel hatte er gr�ne Kristalle aus dem Boden wachsen sehen. Die Gr�nen Geister selbst, die dort fr�her ihr Unwesen getrieben hatten, waren verschwunden gewesen. Etwas geschah auf dieser Welt�� in aller Heimlichkeit.</p><p>Doch Heimlichkeit war sein Leben gewesen. Er kannte sich aus mit dem Verborgenen. Etwas ging vor sich, auch wenn er es nicht zu benennen vermochte.</p><p>Er lachte, ein trockenes, bellendes Ger�usch, das an den Husten eines Siechenden erinnerte. Vielleicht waren das ja nur Fieberfantasien? Vielleicht war sein vorget�uschtes Leben als Totentr�ger das Wirklichste gewesen, was er je gehabt hatte. Dort hatte er das kleine Gl�ck gefunden. Das Gl�ck eines einfachen Lebens. Der alte Ilmari, der K�nig der Spitzel, der M�rder, der mit den Unsterblichen verkehrte, hatte dieses Gl�ck nie gekannt.</p><p>Das Ger�usch von Marschtritten auf trockenem Lehmboden lie� ihn aufblicken. Eine Eskorte pr�chtig ger�steter Krieger marschierte auf das Tor zu. Staub lag auf bronzenen R�stungen und bl�tenwei�en Umh�ngen. Ilmari kannte diese Krieger. Es waren Himmelsh�ter, die Leibwachen des Unsterblichen Aaron, wenn er auf einem Wolkensammler reiste. Jetzt jedoch eskortierten sie einen m�rrisch dreinblickenden, hageren Mann, dessen Wangen von Stoppeln bedeckt waren.</p><p>In einem anderen Leben hatte Ilmari einmal Seite an Seite mit diesem Mann gek�mpft. Er wollte seinen Namen rufen, doch nur ein heiseres Kr�chzen entwand sich seiner ausged�rrten Kehle.</p><p>Der Wachposten vom Tor bedachte Ilmari mit einem warnenden Blick.</p><p>Der Feldherr war nur noch zehn Schritt entfernt.</p><p>Ilmari klemmte sich die Gabel der Kr�cke unter den linken Arm und schwenkte den rechten Arm. Wieder kam nur ein Kr�chzen aus seiner Kehle.</p><p>Ashot sah ihn. Einen Herzschlag lang blickten sie einander in die Augen, dann sank seine bandagierte Rechte auf sein Schwert, als wollte er die Waffe ziehen. Ein Reflex. Der Feldherr gab einen grunzenden Schmerzenslaut von sich und lie� das Schwert stecken.</p><p>Wutentbrannt st�rmte der Torw�chter auf Ilmari zu. �Nein�, kr�chzte er, als der Wachposten ihn zu Boden stie� und einen Fu� auf seine Brust setzte.</p><p>Ashot war nun auch �ber ihm. �Was geht hier vor?�</p><p>�Ein verr�ckter Bettler, Herr. Er ist schon �ber eine Stunde hier. Er verlangt, den Unsterblichen zu sprechen.�</p><p>Ashot schnitt eine Grimasse. �Dummkopf�, murmelte er.</p><p>Ilmaris Gedanken �berschlugen sich. So nah w�rde er Ashot und damit dem Unsterblichen nie wieder kommen. Er musste ihn hierbehalten. Musste sein Interesse wecken. Er r�usperte sich, hoffte seiner Kehle wenigstens ein einziges Wort abringen zu k�nnen.</p><p>�Nar� Narek.�</p><p>�Halt�s Maul!� Der Wachmann verpasste ihm einen Tritt in die Rippen. �Wei�t du jetzt, wann es genug ist?�</p><p>Ilmari kr�mmte sich zusammen. �Narek!�, rief er.</p><p>Ein weiterer Tritt brachte ihn zum Verstummen. Grelle Lichtpunkte tanzten vor seinen Augen. Ein �bler, galliger Geschmack stieg ihm in den Mund. Er musste w�rgen.</p><p>Pl�tzlich packte ihn jemand bei der Schulter und zog ihn herum, sodass er wieder auf dem R�cken lag. Ashot beugte sich �ber ihn. �Was hast du gesagt?�</p><p>Ilmari versuchte zu sprechen, aber er schaffte es kaum, bei Bewusstsein zu bleiben. Immer wieder verschwamm das Gesicht des Feldherrn vor seinen Augen. Sein Magen, den der zweite Tritt getroffen hatte, war eine Kugel gl�hender Lohe.</p><p>�Ein Becher Wasser f�r den Mann! Tragt ihn in die Wachstube beim Tor und lasst ihn nicht aus den Augen.�</p><p>Aus dem kleinen Bauern war tats�chlich ein Befehlshaber geworden, dachte Ilmari, als er emporgehoben wurde, dann schwanden ihm die Sinne.</p><p>Als er wieder zu sich kam, lag er auf einer groben Decke in einem halbdunklen Raum. Er sah F��e in Sandalen. M�nner unterhielten sich halblaut.</p><p>�Er hat die Augen ge�ffnet, Feldherr!�, sagte jemand, den Ilmari nicht sehen konnte.</p><p>Ashot kniete sich neben ihn nieder. �Wer bist du?�</p><p>Ilmari leckte sich �ber die spr�den Lippen. Sein Mund war immer noch staubtrocken.</p><p>�Gebt ihm zu trinken!�, befahl der Feldherr.</p><p>Jemand richtete ihn auf. Ashot selbst setzte ihm den Becher an die Lippen.</p><p>Ilmari trank vorsichtig, in kleinen Schlucken. Er stillte nicht seinen Durst. Er trank nur so viel, wie gerade n�tig war. Er wusste, er w�rde sich erbrechen, wenn er jetzt gierig war. Sein Magen schmerzte immer noch von dem Tritt, der ihn getroffen hatte.</p><p>�Ich bin Lamgi�, sagte er leise. Das war der Name, unter dem er sich vor der Schlacht auf der Hochebene von Kush in das Heer des Unsterblichen Aaron eingeschlichen hatte.</p><p>Ashot musterte ihn misstrauisch. So heruntergekommen, wie er hier lag, konnte er dem Feldherrn seine Zweifel nicht verdenken.</p><p>�Was tat Narek w�hrend der Schlacht?�, fragte Ashot.</p><p>Ilmari l�chelte. Das konnten nur die wissen, die ganz nah beim Unsterblichen gestanden hatten.</p><p>�Er stand hinter Aaron��� Ilmari schloss kurz die Augen und k�mpfte einen Anfall von �belkeit nieder. �Er hielt die L�wenstandarte���</p><p>�Wo warst du? Du giltst bei Hof als tot.�</p><p>�Tarkon�� Ich wei�, wo���</p><p>Ashot legte ihm die Hand auf den Mund. �Bringt ihn in den Palast. Er kommt in das G�stehaus f�r Unsterbliche. Stellt Wachen vor sein Zimmer. Ich w�nsche, dass von nun an niemand mehr mit ihm spricht, wenn ich nicht zugegen bin. Und sucht mir einen verdammten Heilkundigen!�</p><p>Geschafft, dachte Ilmari unendlich erleichtert. Er schloss die Augen und lie� alles mit sich geschehen. Wieder wurde er getragen. Diesmal jedoch viel vorsichtiger. Nach einer Weile legte man ihn auf eine weiche Matratze in einem Zimmer, das nach Rosen�l duftete.</p><p>Behutsame H�nde schnitten die Lumpen auf, die er am Leib trug. Seine Haut wurde mit k�hlem Wasser abgetupft. Als er die Augen wieder �ffnete, brachte gerade eine h�bsche Dienerin eine Schale mit duftender H�hnerbr�he und fl��te ihm vorsichtig L�ffel f�r L�ffel ein.</p><p>Es tat so gut, etwas Warmes zu essen. Wochenlang hatte er sich von Dreck ern�hrt. K�fer und W�rmer hatte er im Dschungel gefressen, und wenn er auf Siedlungen gesto�en war, die Abfallhaufen durchw�hlt.</p><p>Aus den Augenwinkeln sah er Ashot. Der Feldherr blieb die ganze Zeit �ber in seiner N�he.</p><p>Ein scharfer Ruf erklang irgendwo drau�en.</p><p>Ilmari h�rte, wie zum Gru� Speersch�fte auf den Boden gerammt wurden.</p><p>Er konnte sp�ren, wie sich alles im Raum �nderte, als der Unsterbliche eintrat. Jeder war aufmerksamer und auch angespannter.</p><p>Die Dienerin tupfte Ilmari die Lippen ab, dann zog sie sich lautlos zur�ck.</p><p>Ashot und der Unsterbliche traten vor das Lager, auf das man ihn gebettet hatte. Tiefe Falten hatten sich in Aarons Antlitz eingenistet. Breite graue Str�hnen durchfurchten seinen ge�lten und zu Locken gedrehten Bart. In seinen Augen lag eine H�rte, an die Ilmari sich nicht erinnern konnte. Der Herrscher wirkte m�de.</p><p>�Du bist also zur�ckgekehrt, Lamgi. Du warst lange fort.�</p><p>�Es war leicht, das Versteck Tarkons zu finden, aber sehr schwer, es wieder zu verlassen.�</p><p>�Und du bist willens, uns dorthin zu f�hren?�</p><p>�So wahr ich hier liege, Unsterblicher. Gebt mir ein paar Tage, damit ich wieder zu Kr�ften komme, und ich bringe Euch zu Tarkon und seinen verborgenen St�dten.�</p><p>Aaron zog seine breiten Brauen zusammen. Alle M�digkeit war aus seinem Antlitz gewichen. �Verborgene St�dte?�</p><p>�Es ist weit mehr als nur ein Piratenversteck, das Ihr angreifen werdet, Beherrscher aller Schwarzk�pfe. Tarkon herrscht �ber ein eigenes K�nigreich.�</p><p>�Wie ist es m�glich, dass ein ganzes K�nigreich verborgen blieb? So viele Jahre suchen wir schon nach ihm. So viele Wolkensammler haben ihm nachgestellt.�</p><p>�Die St�dte liegen in hohlen Tafelbergen verborgen, mein Herrscher. Ihre einzige Verbindung zur Au�enwelt sind weite Felsspalten, durch die Tageslicht hereinf�llt. Die Spalten sind durch B�ume und Tarnnetze vor Blicken aus der Luft verborgen.�</p><p>Stockend erz�hlte er von seinem Leben als Totentr�ger, von der Priesterschaft, von der H�hlenkrankheit. Dass er eine Familie gehabt hatte, verschwieg er ebenso wie sein brennendes Verlangen nach Rache.</p><p>Als er endete, nickte der Unsterbliche anerkennend. �Ich gebe dir zehn Tage, Lamgi, dann wird eine Flotte die Goldene Stadt verlassen, um die Schreckensherrschaft des Himmelspiraten f�r immer zu beenden. Wenn du bis dahin genesen bist, wirst du an Bord meines Flaggschiffs sein.�</p></section><section><title><p>Geballte Macht</p></title><p>Der geflochtene Korb glitt z�gig nach oben. Fasziniert sah Ilmari zu, wie noch sieben weitere K�rbe zum Schiff unter dem Wolkensammler aufstiegen. Ohne zu rucken glitten sie dem h�lzernen Rumpf entgegen, dessen Unterseite gleich mehrere gl�serne Lotsenkanzeln aufwies. Eine, weit vorne im Rumpf, schien ganz und gar aus Eisen geschaffen zu sein. Galerien f�r Bogensch�tzen und Stellungen f�r m�chtige Speerschleudern waren ebenfalls unter dem Schiff angebracht. Es hatte sich viel getan in den sieben Jahren, die er verschwunden gewesen war, dachte er staunend. Dieses Wolkenschiff war ein Gigant, ebenso wie der riesige Rochen, der es trug. Er war so gro�, dass sein Schatten ein ganzes Stadtviertel verdunkelte. Er sch�tzte die Kreatur von Fl�gelspitze zu Fl�gelspitze auf mehr als vierhundert Schritt. Das Schiff, das der Wolkensammler trug, hatte nur etwa ein Drittel dieser Abmessungen.</p><p>Sein Frachtkorb erreichte den Rumpf und glitt an einem Deck vorbei, auf dem Dutzende silberner L�wen standen. Noch etwas, das er in seiner Zeit im Exil vers�umt hatte. Aaron hatte darauf bestanden, dass er lernte, eines dieser magischen Gesch�pfe zu fliegen. Es war mit nichts zu vergleichen gewesen, was er je zuvor getan hatte. Am Himmel den Sternen entgegenzufliegen�� Er seufzte. Umme h�tte das geliebt. Er stellte sich vor, wie er sie vor sich in den Sattel genommen h�tte oder wie er mit Talam oder Serin durch den Himmel geritten w�re. Pl�tzlich sa� ihm ein Klo� im Hals. Er sollte nicht solchen Unsinn denken. Diese Zeit war vergangen. Der Frieden war vor�ber. Nun w�rde die Zeit des Blutes, die Zeit des Begleichens alter Rechnungen beginnen.</p><p>Mit einem Ruck hielt sein Korb an.</p><p>�Hauptmann an Deck!�, br�llte eine Bassstimme, und schrilles Pfeifen begr��te Ilmari.</p><p>Aaron hatte ihm den Rang eines Hauptmanns der Himmelsh�ter verliehen, damit er sich frei im Palast und an Bord aller Schiffe der Himmelsflotte Arams bewegen konnte. Nun trug er einen Brustpanzer aus Bronze, in den ein gro�er goldener L�wenkopf gepr�gt war. Dazu Arm- und Beinschienen aus z�hem Leder. Seine Tunika war an den S�umen mit Purpurstreifen geschm�ckt, die silbern eingefasst waren. Unter den Arm geklemmt, trug er einen Helm mit purpurn gef�rbtem Pferdeschweif. Man begegnete ihm mit Respekt.</p><p>Was f�r ein Unterschied zu dem Ilmari, der er vor zwei Wochen gewesen war. Er genoss es, gewaschen zu sein, t�glich warm zu speisen und saubere Kleidung zu tragen.</p><p>�Hauptmann Lamgi?� Ein junger Scharf�hrer der Himmelsh�ter gr��te ihn, indem er seine Rechte auf die Brust legte und sich leicht verneigte. �Wenn Ihr mir bitte folgen w�rdet? Die Unsterblichen erwarten Euch.�</p><p>Ilmari stieg aus dem Korb und folgte dem jungen Offizier �ber das Oberdeck. Er fand es beklemmend, sich unter den sich windenden Tentakeln zu bewegen. Schiffsjungen schrubbten Schleim vom Deck, der von den Fangarmen tropfte. Dann sah er die metallenen T�rme, die in den Leib des Wolkensammlers hineinwuchsen, und fast blieb ihm der Mund offen stehen. Er war schon �ber einige der Himmelsgiganten hinweggeflogen und wusste, dass sie Gefechtsplattformen auf ihrem R�cken trugen, und er hatte auch schon davon geh�rt, dass Treppen durch die Leiber der Kreaturen f�hrten. Aber davon zu h�ren und es zu sehen war doch ein Unterschied. Mit wie viel Hingabe mussten diese Kreaturen den Unsterblichen dienen, dass sie es erduldeten, dass metallene Tunnel durch ihre K�rper getrieben wurden.</p><p>Gesch�tzmannschaften in roten Tuniken schleppten jeweils zu zweit geflochtene K�rbe, in denen Steinkugeln lagen, die deutlich gr��er als Menschenk�pfe waren. Torsionsgesch�tze in drehbaren T�rmen waren auf das Deck verteilt. Ilmari versuchte zu ermessen, wie viele M�nner auf diesem Schiff dienten. Es mussten Hunderte sein! Er blickte zu dem Streifen Himmel, den er zwischen der Reling und den sich sanft auf und ab bewegenden Schwingen des Wolkensammlers sah. Es lagen noch zw�lf weitere Wolkensammler, die �hnlich gro� waren, an den Ankert�rmen der Stadt. Und mehr als f�nfzig kleinere. Diese Flotte w�rde die Drachen der Daimonen einfach vom Himmel fegen! Er vermochte sich nichts vorzustellen, was dieser geballten Macht widerstehen k�nnte.</p><p>Der junge Scharf�hrer brachte ihn bis zum Heck, wo sich unter einer Segelplane, die sie vor den Schleimtropfen der Tentakel sch�tzte, die Unsterblichen samt ihrer Heerf�hrer und Schiffskommandanten zusammengefunden hatten und ihn erwarteten. Sie alle waren dort versammelt, im vollen Ornat ihrer Macht, in den R�stungen, die von G�ttern f�r sie geschaffen worden waren. Ihre Maskenhelme hatten sie vor sich auf dem gro�en Tisch abgestellt, der das Modell trug, das Ilmari in den vergangenen Tagen gemeinsam mit einigen Elfenbeinschnitzern geschaffen hatte. Alle Tafelberge waren nachgebildet worden. St�be aus Ebenholz zeigten an, wo sich die Tunnel befanden, welche die Berge miteinander verbanden. Mit roter Farbe war auf die flachen Bergkuppen die Lage der weiten Felsspalten skizziert, durch die Sonnenlicht auf die verborgenen St�dte fiel, wenn der Himmel nicht bew�lkt war.</p><p>Bisher noch nicht gesehen hatte er die Modelle der Wolkenschiffe, die entlang der Tischr�nder standen. Jedes einzelne Schiff der Flotte schien ein winziges Gegenst�ck zu besitzen.</p><p>�Hauptmann Lamgi!�, deklamierte ein Priester, der in ein Leopardenfell gekleidet war, laut.</p><p>Ilmari verbeugte sich tief. �Herrscher aller Welten!�, begr��te er die Unsterblichen. Als er sich wieder aufrichtete, verharrte er kurz, um die sieben Herren der Welt zu betrachten. Einige kannte er, wie Labarna, der nach dem unr�hmlichen Ende Muwattas der Herrscher Luwiens geworden war. Verwundert hatte er die Geschichte des S�ldners Volodi geh�rt, der nun Drusna beherrschte, und des Feldherrn Arcumenna, der ebenfalls zum Unsterblichen aufgestiegen war. Der Herrscher der Schwimmenden Inseln sagte ihm nichts. Er war ein muskul�ser, aber auch �beraus nerv�ser Krieger, dessen Augen immer wieder unstet zum offenen Himmel schweiften, als rechnete er jeden Augenblick mit einem Angriff. Der Herrscher der Ischkuzaia war ein aufgeblasener Wicht, der ihn voller Herablassung musterte. Neben ihm stand der Herrscher der Zapote. Er hatte das Gef�hl, den Mann schon einmal gesehen zu haben. Vielleicht hatte er zu den Kriegern geh�rt, die f�r Aaron auf der Hochebene von Kush gek�mpft hatten. Er trug das Fell eines schwarzen Leoparden zur R�stung des Unsterblichen. Pl�tzlich blieb sein Blick am Waffeng�rtel des Herrschers haften. Der Dolch! Das konnte doch nicht sein�� War das die Waffe, die er einst von Muwatta erhalten hatte, um Aaron zu t�ten?</p><p>�Lamgi?� Der Unsterbliche Aaron sah ihn verwundert an. �W�rdest du uns nun darlegen, was du �ber die verborgenen St�dte Tarkons wei�t?�</p><p>�Ich bitte um Entschuldigung, Herrscher aller Welten.� Er trat an den Tisch und griff nach einem Zeigestock, der f�r ihn bereitlag. Dann benannte er der Reihe nach die St�dte, die sich in den Tafelbergen verbargen, und erkl�rte, mit welcher Art von Widerstand jeweils zu rechnen war. Die meisten Krieger Tarkons bewachten die Hochplateaus, um sicherzustellen, dass niemand aus den St�dten floh. Die Felsspalten f�r das Sonnenlicht waren die einzigen �ffnungen, die es gab.</p><p>Er warnte die Herrscher, dass vereinzelt vielleicht mit Harpyien zu rechnen sei, allerdings hatte er diese gefl�gelten Weiber in den letzten Jahren immer seltener gesehen. Es schien, als h�tten sie sich aus den St�dten zur�ckgezogen.</p><p>Ausf�hrlich beschrieb er die gro�e H�hle hinter dem Wasserfall, in der Tarkons Wolkenschiffe vert�ut lagen. Von dort k�nnte der Himmelspirat einen Gegenangriff f�hren, wenn der Wasserfall nicht gut bewacht wurde. �ber wie viele Schiffe Tarkon verf�gte, konnte Ilmari nicht sagen. Er war nur sehr selten in dieser H�hle gewesen, und er hatte dort nie mehr als drei Wolkensammler gesehen.</p><p>Die vereinzelten Fragen der Unsterblichen beantwortete er so ausf�hrlich, wie es ihm m�glich war.</p><p>�Besitzt Tarkon einen Palast, in dem er sich aufh�lt, wenn er nicht an Bord seiner Schiffe ist?� Es war Arcumenna, der das wissen wollte.</p><p>�Ja, in der Tat.� Ilmari deutete auf den Tafelberg, der jenem mit dem Wasserfall am n�chsten lag. �Hier liegt sein Palast, hoch �ber der Stadt, in den Felsen gebaut. Unangreifbar, es sei denn, man kommt aus der Luft. Ich kann nicht wirklich benennen, wie viele Wachen im Palast sind, es sollten aber nicht mehr als zwanzig sein. Seine Lage sch�tzt den Palast besser als Schwerter und Speere.�</p><p>�Wei�t du, wie viele Diener es gibt? Und hat Tarkon Familie?�, hakte der Unsterbliche Arcumenna nach.</p><p>��ber die Dienerschaft kann ich nichts sagen. Allerdings wei� ich, dass er mit einer Priesterin zusammenlebt, die die Seidene genannt wird.�</p><p>Leises Murmeln erhob sich. Ilmari war klar, dass die Seidene unvergessen war. Und durch sein Netz aus Spitzeln, das er fr�her einmal unterhalten hatte, wusste er auch, dass Arcumenna ein gro�es Interesse an der ehemals kostspieligsten Konkubine der Goldenen Stadt besa�.</p><p>Der Unsterbliche von Valesia schob mehrere Wolkenschiffmodelle zum Tafelberg mit dem Palast. �Ich bitte um die Ehre, diesen Angriff f�hren zu d�rfen. Es w�re mir ein besonderes Anliegen, Tarkon pers�nlich zu stellen. Wie ihr alle wisst, sind sehr viele Himmelsschiffe Valesias durch diesen Piraten gekapert worden.�</p><p>Ilmari sah aus den Augenwinkeln, wie Aaron und Labarna schmunzelten. Ihnen war offenbar klar, welche Beweggr�nde Arcumenna in Wirklichkeit hatte.</p><p>�Schnapp dir dich deine Hure, aber vermassele dich nicht nix mit Tarkon!�, sagte Volodi. Das Gesicht des Unsterblichen war aufgedunsen, seine Nase von roten �derchen durchzogen. Er war nur noch ein Schatten des Mannes, an den Ilmari sich von fr�her erinnerte.</p><p>�H�te deine Zunge, Drusnier!�, fuhr Arcumenna Volodi an.</p><p>�Bitte��� Aaron hob beschwichtigend die H�nde. �Wollen wir uns ernsthaft wegen solcher Kleinigkeiten streiten? Seit fast zwei Jahrzehnten terrorisiert Tarkon den Himmel Nangogs. Nun haben wir Gelegenheit, ihn zu vernichten. Gehen wir diesen Plan mit aller Kraft an und vergessen wir alte Feindschaften.�</p><p>W�hrend die Unsterblichen beratschlagten, welche Schiffe wo angreifen w�rden, sah Ilmari zum Himmel. Der Anblick der Flotte berauschte ihn regelrecht. Es war sein Werk, dass sich all diese Schiffe versammelt hatten. Sein Werk, dass nun ein himmlisches Strafgericht �ber den betr�gerischen Priester hereinbrechen w�rde.</p><p>�Hauptmann?� Der Unsterbliche der Zapote winkte ihn heran. �Gibt es Felsspalten, die zu eng sind, um unsere Flieger einzusetzen? Um eine Engstelle sicher passieren zu k�nnen, erwarten wir, dass sie mindestens das F�nffache der Fl�gelspannweite misst. Also mindestens f�nfundzwanzig Schritt.�</p><p>Ilmari �berlegte kurz. Er hatte die Spalten stets nur vom Boden der H�hlen aus gesehen. Aber eigentlich sollten sie deutlich gr��er sein. Er wollte nicht, dass jetzt noch irgendetwas ins Stocken kam. �Die Spalten sind deutlich gr��er!�, behauptete er einfach. �Es wird keine Schwierigkeiten geben, Herrscher aller Welten. Gestattet Ihr mir, zwei Bitten vorzutragen?�</p><p>Der Zapote sah ihn missbilligend an. Fragen war er von seinen Untergebenen ganz offensichtlich nicht gewohnt.</p><p>�Rede!�, sagte Aaron in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete.</p><p>�Die M�nner und Frauen in diesen St�dten sind oft verzweifelt. Bei Tarkon zu leben hat ihnen kein Gl�ck gebracht. Es ist etwas in diesen H�hlen, das jedem das Mark aus den Knochen zieht. Kinder sterben, starke M�nner vergehen manchmal in wenigen Wochen. Doch wer sich einmal f�r Tarkon entschieden hat, kann dort nicht mehr fort. Der einzige Weg nach drau�en sind die Spalten in den H�hlendecken, und sie werden scharf bewacht. Es gibt nur ein Verbrechen in den sieben St�dten, das immer mit dem Tode bestraft wird: der Versuch zu fliehen. Die meisten von ihnen sind Gefangene. Lasst ihnen gegen�ber Gnade walten, wenn Ihr sie nicht mit der Waffe in der Hand antrefft.�</p><p>�Gnade?� Der Unsterbliche der Ischkuzaia schlug mit der Faust auf den Tisch. �Jeder Einzelne, der dort in den H�hlen lebt, hat uns verraten. F�r Verrat kennt mein Volk keine Gnade. Ich werde sie t�ten. Und wer so feige ist, nicht gegen uns zu k�mpfen, der wird einen langen, schweren Tod erleiden.�</p><p>�Meine Jaguarm�nner kennen ebenfalls keine Gnade�, bemerkte der Zapote. �Wenn ich sie in die Schlacht schicke, vernichten sie unsere Feinde und jeden, der sich in der N�he unserer Feinde aufh�lt. Gnade ist Schw�che!�</p><p>�Jeder verf�hrt nach seinem Gutd�nken�, erkl�rte Aaron k�hl. �Es ist nicht die Art der Krieger von Aram, Wehrlose zu t�ten, aber ich mische mich nicht in eure Art, Krieg zu f�hren, ein, Br�der.� Er sah zu Ilmari. �Du sagtest, du h�ttest zwei W�nsche.�</p><p>Ilmari deutete mit dem Zeigestock auf den Tafelberg, in dem die kleine Stadt Tiefwasser lag. �Ich w�rde es als gro�e Gunst betrachten, wenn ich hier den Angriff f�hren d�rfte.�</p><p>Der Ischkuzaia lachte auf. �Das h�rt sich f�r mich ganz so an, als h�ttest du auch noch blutige Rechnungen zu begleichen.�</p><p>Ilmari widersprach ihm nicht.</p></section><section><title><p>Unter Geschlagenen</p></title><p>Kyra wendete ihren Mantel. Mit dem roten Futter nach au�en sah sie augenblicklich anders aus. Sie nahm den wei�en Seidenschal ab und wickelte ihn zu einem Turban. Zuletzt l�ste sie ihre Augenbinde und lie� sie in einer Tasche ihres Mantels verschwinden. Pr�fend rieb sie mit ihren Handfl�chen �ber ihre Wangen. Der Stoppelbart w�rde f�r eine letzte T�uschung herhalten, befand sie.</p><p>Misstrauisch sah sie sich in der einsamen Gasse um. Niemand hatte gesehen, wie aus dem heruntergekommenen M�rchenerz�hler ein luwischer Kaufmann geworden war. Zwei Monde lang hatte sie es diesmal in der Goldenen Stadt ausgehalten. Es war das f�nfte Mal, dass sie f�r Bidayn hierhergekommen war. Kyra mochte diese riesige, ausufernde Stadt mit all ihren Ger�chen, all den Menschenkindern, die voller Hoffnungen hierherkamen. Sie hatte sich gut eingelebt, ja, es gab sogar eine Handvoll �lterer M�nner, die regelm��ig zu ihr kamen, um ihren Geschichten zu lauschen. Sie k�nnte hierhergeh�ren, wenn sie das wollte��</p><p>Kyra mochte es unterzutauchen, eins zu werden mit der Menge. Sie hatte es genossen, dass Bidayn sie geschickt hatte, doch das, was jetzt hier geschah, machte ihr Angst. Die Drachenelfe sah zum Himmel hinauf, z�hlte noch einmal all die riesigen Schiffe. Sechsundsechzig der neuen Wolkensammler lagen an den Ankert�rmen �ber der Stadt. Nie zuvor hatte es eine solche Flotte gegeben. Zu welchem Ziel auch immer diese Schiffe fliegen w�rden, sie w�rden dort alles vernichten. Die Himmelsschlangen mussten wissen, was hier geschah!</p><p>Kyra schritt durch das Labyrinth der Gassen und stieg die endlosen Treppen der Goldenen Stadt hinauf. Von Terrasse zu Terrasse f�hrte sie ihr Weg, h�her und h�her. �berall in der Stadt patrouillierten Krieger. Es war ungew�hnlich still. Die Verk�ufer an den Marktst�nden schrien heute nicht heraus, welche Kostbarkeiten sie quasi verschenkten. Immer wieder blickten sie wie alle anderen Menschen zum Himmel. Auch ihnen machte das, was sie dort sahen, Angst.</p><p>Hei�er Schwei� rann Kyra den R�cken hinab. Seit Tagen schon herrschte eine bedr�ckende Hitze. Sie gab einem Wasserverk�ufer ein Kupferst�ck und trank einen Becher leicht mit Essig versetzten Wassers. Das half gegen den Staub im Mund.</p><p>Endlich erreichte sie den Platz vor der Goldenen Pforte. Wie stets dr�ngten sich hier die Karawanen, die die Sch�tze Nangogs nach Daia verschleppten, Korn, Reis, Bohnen, Gold, Silber, Eisen�� Es war das Blut dieser Welt, das genutzt wurde, um eine andere Welt zu st�rken, die, in ihrer Begierde zu wachsen, keine Scham kannte. Wann immer sie das hier sah, wusste Kyra wieder, wof�r sie k�mpfte. Die Unsterblichen waren gewissenlose Diebe, und wenn sie niemand aufhielt, dann w�rden sie eines Tages Albenmark dasselbe antun.</p><p>Unruhig sah sie zum Albenstern. Vier silberne L�wen wachten dort, als wollten die Unsterblichen ganz sicher sein, dass ihnen kein Spitzel entschl�pfte. Unwillk�rlich tastete Kyra �ber ihre Kleider. Alles, was sie am Leib trug, stammte aus Nangog. Ein sch�biges, schlecht gemachtes Messer war die einzige Waffe, die sie bei sich trug.</p><p>Vier L�wen�� Kyra z�gerte. So viele waren es sonst nie. Sie hatte keinen Zauber gewoben, der ihre Gestalt ver�nderte und der nun aufgesp�rt werden konnte. Ihre falschen Bartstoppeln waren angeklebt. Ihre spitzen Ohren unter ihrem Turban verborgen. Wenn die L�wen sie nur fl�chtig ansahen, w�rde sie nicht auffallen. Aber was, wenn sie in die magische Welt blickten? Sahen sie ihre Aura, dann war nicht zu verbergen, was sie war. Da unterschied sie sich so deutlich von den Menschenkindern, wie sich eine Katze von einem Hund unterschied.</p><p>Wieder sah sie zum Himmel hinauf. Sollte sie es wagen, den Lauf der Zeit zu ver�ndern? Bidayn war auf diese Weise zwei Mal von hier entkommen. Aber sie hatte auch nicht an vier L�wen vorbeigemusst�� Die silbernen Bestien w�rden sofort auf den Zauber reagieren.</p><p>Sie musste das Wagnis eingehen, es auf die unauff�llige Art zu versuchen.</p><p>Kyra suchte einen der Karawanenf�hrer, die darauf warteten, ins Goldene Netz zu ziehen. Sie kaufte sich einen Platz und schloss sich einem Trupp von Maultieren an, die mit Reiss�cken beladen waren und von M�nnern am Z�gel gef�hrt wurden, die in ihre Heimat zur�ckkehrten. Es waren abgerissene Gestalten, ausgemergelt und mit leerem Blick. Sie hatten in Nangog ganz gewiss nicht ihr Gl�ck gemacht.</p><p>Kyra wendete ihren Mantel, sodass wieder die schmuddelige Seite nach au�en gekehrt war. Dann reihte sie sich zwischen den Geschlagenen ein und hoffte darauf, genauso gebrochen wie die anderen auszusehen.</p></section><section><title><p>Das Vergangene</p></title><p>Artax stand am Rand des Flugdecks und sah sie zweifelnd an. �Kann man die Vergangenheit zur�ckholen? Ich glaube nicht.�</p><p>�Seit wann gibst du auf, ohne es versucht zu haben?�</p><p>Er sah sie lange an. Sie war nicht mehr die Shaya, die einst die Leibwache Kanitas, des Statthalters ihres Vaters, befehligt hatte. Ein Daimon hatte ihr Gesicht ver�ndert, um sie vor der Rache I�tas zu sch�tzen. Ein Daimon war ihr Retter gewesen, und eine ihrer G�ttinnen wollte ihren Tod. Die Welt war so verdreht, so durch und durch in Unordnung. Seit er Herrscher war, hatte er darum gerungen, die Welt zu ordnen und zu einem gerechten Ort zu machen. Aber vielleicht k�mpfte er ja in den falschen Schlachten��</p><p>�Mein Geliebter���</p><p>Er nickte. Ein Daimon hatte ihm Shayas Leben geschenkt. Steckte eine verderbte Absicht dahinter? In d�steren Stunden hatte er sich das immer wieder gefragt. Konnte ein Daimon den Menschen etwas Gutes wollen? Oder war Shaya ohne ihr Wissen Teil eines perfiden Plans geworden? Mataan war nie mehr an seinen Hof zur�ckgekehrt. Artax hatte geglaubt, dass sie beide Freunde waren, doch als er Shaya an den Hof zur�ckgeholt hatte, war der Satrap in seine Heimat gegangen. Mataan hatte ihn eindringlich vor ihr gewarnt.</p><p>�Komm!� Sie nahm ihn bei der Hand und trat mit ihm an den Rand des Flugdecks. �Lass uns in die Vergangenheit reisen, f�r eine halbe Nacht.�</p><p>Au�er dem Gesicht hatte sie sich nicht ver�ndert. Sie war die wilde Steppenreiterin, und dann gab es noch ihre geheimnisvolle Seite, die Heilerin. Shaya hatte ihm die Geschichte erz�hlt. Es war wie mit ihm und den Unsterblichen, die vor ihm in Aram geherrscht hatten. So wie ihr Wissen in ihm fortlebte, lebte die Gelehrsamkeit Shen Yi Miao Shous in Shaya weiter. Nur dass sie nicht von ihm besessen war. Er qu�lte sie nicht. Er hatte nicht versucht, in ihr weiterzuleben.</p><p>�Bereit?�</p><p>Artax nickte. Seine Hand schloss sich ein wenig fester um die ihre, und gemeinsam taten sie den Schritt in den Abgrund.</p><p>Sofort straffte sich das Fluggeschirr. D�nne Tentakel wanden sich unter seinen Achseln hindurch, hielten ihn, w�hrend er sanft nach oben schwebte. Sie waren an zwei junge Wolkensammler angeschirrt. Der Wind blies aus der richtigen Richtung. Sie trieben dem Lastschiff entgegen, das am benachbarten Ankerturm vert�ut lag.</p><p>Artax stellte sich vor, wie alle Lasten von ihm abfielen und in die Tiefe st�rzten. Er sehnte sich so sehr nach Frieden, nach einem Leben ohne die B�rde des Herrschens.</p><p>Als Shaya aus der Messergras-Steppe zur�ckgekehrt war, war sie ver�ndert gewesen. Sie hatte ihm nur in groben Z�gen geschildert, dass die Pferdedaimonen keine Gefahr mehr waren. Artax hatte Ashot einbestellen m�ssen, um zu erfahren, was geschehen war und wie ungl�cklich ihr Sieg seine Gemahlin gemacht hatte. Dieser Krieg zerst�rte sie langsam alle. Er fra� ihre Menschlichkeit auf. Er musste enden!</p><p>K�nnte es auch nur um Nangog eine letzte Schlacht geben! Eine Schlacht, wie er sie mit Muwatta auf der Hochebene von Kush gef�hrt hatte.</p><p>Sie glitten am aufgedunsenen Leib des Wolkensammlers nach oben. Es war einer der alten Himmelsgiganten, die sich geweigert hatten, das Traumeis anzunehmen, den Menschen aber dennoch wohlgesinnt geblieben waren.</p><p>Artax war sich sicher, dass einige von Ormus Bogensch�tzen sie heimlich beobachteten, obwohl er dem Hauptmann ausdr�cklich befohlen hatte, in dieser Nacht nicht nach ihm zu sehen. Aber Ormu konnte nicht aus seiner Haut. Die Morde an den Unsterblichen bereiteten dem Hauptmann mehr schlaflose N�chte als ihm, der das Opfer der Daimonen sein sollte. Schon vor Langem hatte Artax entschieden, es einfach zu akzeptieren, wenn seine Stunde gekommen sein sollte, und nicht sein Leben zu vergeuden, indem er es von der Angst vor den Meuchlern bestimmen lie�. Er hatte wahrlich schon Sorgen genug. Diese Sorge wollte er nicht auch noch tragen.</p><p>Endlich erreichten sie den R�cken des Wolkensammlers. Shaya hatte einen Enterhaken mitgenommen. Sie hakte sich bei einem der z�hen Seile ein, die das Lastschiff an den Wolkensammler fesselten, und zog sich hinab. Dann fing sie mit dem Haken Artax� Leine und zog auch ihn auf den R�cken des Wolkensammlers. Beide l�sten sie ihr Fluggeschirr und vert�uten die jungen Wolkensammler, die sie hier hinaufgebracht hatten.</p><p>Artax hatte ganz vergessen, wie es war, auf dem R�cken der riesigen Kreaturen zu gehen. Der Boden unter seinen F��en war weich und gab bei jedem Schritt ein wenig nach. Er f�hlte sich an wie nichts anderes, das er kannte.</p><p>Shaya neben ihm h�pfte ausgelassen und jauchzte dabei vor Freude. Sie so zu sehen machte ihm das Herz leicht, und langsam begann auch er, sich frei zu f�hlen. Er legte den Kopf in den Nacken und blickte zu den Zwillingsmonden und dem Sternenmeer am wolkenlosen Himmel hoch. Die dr�ckende Hitze des Tages war gewichen. Nun war die W�rme angenehm.</p><p>�Komm, versuch es!�, rief ihm Shaya zu und streckte ihm die H�nde entgegen. �Einfach nur zu h�pfen macht den Kopf frei.�</p><p><emphasis>Komm, versuch es,</emphasis> �ffte die Stimme in seinem Kopf Shaya nach. Nur selten mischte sich der Aaron, der vor ihm der Unsterbliche gewesen war, in seine Gedanken. <emphasis>Du wirst hier gesehen werden, du d�mlicher Bauer! Willst du wirklich, dass man sich erz�hlt, dass du nachts mit einer nackten Frau auf Wolkensammlern h�pfst.</emphasis></p><p>Sie ist doch noch gar nicht nackt, hielt Artax in Gedanken der Stimme vor.</p><p><emphasis>Geschichten sind immer ein bisschen bunter als die Wahrheit. Du bist der m�chtigste unter den Unsterblichen. Ihr Anf�hrer! Setz deinen guten Ruf nicht wegen solcher Albernheiten aufs Spiel.</emphasis></p><p>Artax sah unsicher zu den anderen Wolkensammlern, die an den Ankert�rmen lagen. Man konnte sie beide hier oben sehen, da hatte der andere Aaron schon recht. Aber sie waren nur zwei Silhouetten vor dem Sternenhimmel. Ganz sicher w�rde niemand in den h�pfenden Narren den Unsterblichen Aaron und dessen Gef�hrtin vermuten.</p><p>Im ersten Morgenlicht w�rde die Flotte die Leinen l�sen. Die Lotsen hatten berechnet, dass sie bei den herrschenden Windverh�ltnissen etwa dreiundzwanzig Stunden bis zu den Tafelbergen mit Tarkons St�dten ben�tigten. Sie sollten also vor dem Morgengrauen des �bern�chsten Tages eintreffen und w�rden sofort angreifen.</p><p>Noch einmal warf Artax einen Blick zum n�chsten Schiff. Sollten sie ihn doch sehen! Eine Nacht wie diese w�rde so schnell nicht wiederkommen!</p><p>Dann griff er nach Shayas H�nden, rang die Stimme in sich nieder und h�pfte mit ihr zusammen, so wie sie einst f�r ihren Vater in der Wandernden Stadt auf der Trommel getanzt hatte.</p><p>Und sie hatte recht, wie fast immer. Als er sich ganz auf sie einlie�, verga� er alles andere. Nur die klare Nacht blieb, ihr rasender Herzschlag, der den Rhythmus f�r ihre wilden Spr�nge vorgab.</p><p>Schlie�lich st�rzten sie eng umschlungen auf den weichen Untergrund. K�ssten sich wild und voller Leidenschaft. Rissen sich die Kleider vom Leib, die ihrer Lust, einander zu erkunden, Grenzen setzen wollten, und liebten sich, wie sie es schon lange nicht mehr getan hatten.</p></section><section><title><p>Sturzflug</p></title><p>Volodi hatte in dieser Nacht nicht getrunken. Auch hatte er sich keine Huren ins Bett geholt, obwohl er etliche auf die Reise mitgenommen hatte. Er war sehr fr�h erwacht, wie es ihm oft in den letzten Jahren geschah. Den leeren Jahren�� Er hatte die L�cke in seinem Herzen niemals schlie�en k�nnen. Keine Frau, die er je getroffen hatte, ersetzte Quetzalli. Manchmal wurde er wach und war sich bewusst, dass er im Schlaf ihren Namen gerufen hatte. Und oft sch�mte er sich, dass er den Verlust Wanyas nicht �hnlich stark empfand. Doch das Band zu seinem Sohn, seinem eigenen Fleisch und Blut, war nicht ann�hernd so stark wie jenes, das ihn an die Zapote-Priesterin gefesselt hatte.</p><p>Er hatte die letzten Stunden damit verbracht, an sie zu denken. Und ganz bewusst hatte er nicht jene R�stung angelegt, die ihm der Alte B�r geschenkt hatte. Er wollte nicht l�nger unsterblich sein. Er wollte da hingehen, wo Quetzalli und Wanya waren und vielleicht auch Kolja. Sollte es aber keinen solchen Ort geben, w�rde ihm der Tod zumindest Vergessen schenken.</p><p>Begleitet von Leibwachen in B�renfellen, stieg er zum Flugdeck hinab. Im Osten zeigte sich erstes graues Licht �ber dem Horizont. Das Flugdeck aber wurde noch von Laternen erhellt. Als er zwischen die Reihen der gefl�gelten B�ren trat, ert�nten keine schrillen Pfiffe. Niemand stand stramm. Er fand die Zeremonien, die auf den Schiffen Arams, Luwiens und Valesias abgehalten wurden, seltsam. Sie waren eine Bruderschaft von Kriegern. Solche albernen Spielchen waren �berfl�ssig.</p><p>�M�nner!� Seine tiefe Stimme brachte alle Gespr�che zum Verstummen. Seine Krieger wandten sich ihm zu. Es waren stolze und selbstbewusste M�nner. Sie waren die B�renreiter, die Besten der Besten.</p><p>�Heute wird sich ein lang gehegter Traum von mir erf�llen. Wir werden bei dem verdammten Bastard Tarkon vorbeischauen, und ich wette meinen Bart, dass wir ihn mit heruntergelassenen Hosen in seinem Bett erwischen werden. Ich habe nur eine Bitte an euch: Tretet dem verdammten Piraten in den Arsch, dass er eure Stiefelsohlen auf der Zunge sp�rt, und k�mmert euch erst dann darum, die h�bschen M�dels zu befreien, die zweifellos in seinem Bett liegen werden.�</p><p>Die M�nner grinsten breit. Volodi wusste, dass er beliebt war. Er war wie sie. Und er wollte nicht anders sein. Den Hochsitz in seiner Festhalle hatte er verbrannt. Wenn sie zusammen a�en oder zechten, sa� er mitten unter seinen M�nnern. Und manchmal, wenn es ein guter Tag war, gelang es ihm dann, Quetzalli f�r ein paar Stunden zu vergessen.</p><p>Der Unsterbliche trat an eine der Kisten mit Sand, die bei den Fliegern aufgestellt waren. Er nahm eine Handvoll davon und verrieb ihn zwischen den H�nden, damit sie trocken wurden und ihm die schwere Lanze nicht entgleiten w�rde.</p><p>�Noch was, ihr verdammten Hurens�hne. Lasst euch verdammt noch mal nicht umbringen. Heute Nacht wird es die rauschendste Siegesfeier geben, die ihr je erlebt habt. Und ich habe es geschafft, zwei Wagenladungen mit aegilischem Roten, die f�r die L�wenreiter des Unsterblichen Aaron bestimmt waren, in unseren Laderaum umzuleiten. Ich w�re euch sehr verbunden, wenn ihr mir diese Nacht helft, die Spuren meines kleinen Diebstahls verschwinden zu lassen. Bis zum n�chsten Morgengrauen darf keine volle Amphore mehr an Bord sein.� Er nahm seine Lanze aus dem Waffenger�st neben seinem B�ren und gr��te seine Krieger. �Gute Jagd, M�nner!�</p><p>Volodi stieg in den Sattel seines gefl�gelten B�ren. Zwei Krieger halfen ihm, die Ledergurte festzuzurren, die ihn an die hohe Lehne banden. Als sie fertig waren, zog er den geschnitzten Stab aus der Lasche an seinem G�rtel. Seit sieben Jahren trug er ihn jeden Tag bei sich. Das Holz war dunkel geworden. In den tiefen Einkerbungen hatte sich Schmutz abgesetzt, der die geschnitzten Figuren noch deutlicher hervortreten lie�. Sanft k�sste er das Abschiedsgeschenk seiner geliebten Priesterin. �Wenn die G�tter mir gewogen sind, sehen wir uns gleich wieder.� Er schob den Stab zur�ck in den G�rtel. Dann beugte er sich vor und klopfte dem B�ren auf den Hals. �Ziehen wir in die Schlacht, mein alter Stinker.�</p><p>Mit leisem Knirschen setzte sich die widernat�rliche Kreatur in Bewegung. �l trat zwischen ihren Gelenken hervor. Das war eine Eigenart seines B�ren. Langarm hatte ihm schon oft angeboten, ihm einen anderen zu geben, doch Volodi wollte nicht. Sein B�r stank wie ein Fass voller Stein�l. Er mochte das.</p><p>Mit schweren Schritten trat der B�r in die Mitte des Flugdecks. Volodi w�rde sich als Erster in die Tiefe st�rzen, wie er es bei jedem Angriff tat. Seine Krieger wussten, dass er es nicht sch�tzte, wenn ihn jemand �berholte. In respektvollem Abstand reihten sie sich hinter ihm ein.</p><p>Langsam begann Stinker loszulaufen. Volodi sp�rte stets ein unangenehmes Kribbeln im Bauch, wenn der B�r mit ihm auf dem R�cken dem Abgrund entgegentrottete. Weit �ber hundert Mal hatte er sich schon in die Tiefe gest�rzt, aber je �fter er es tat, desto mehr wunderte er sich, dass man eine solche Narretei �berleben konnte.</p><p>Das Ende des Flugdecks war erreicht. Sie st�rzten. Der Dschungel, der das Hochplateau unter ihnen bedeckte, war eine undeutliche schwarze Masse. Noch war keine Felsspalte zu entdecken.</p><p>Stinker weitete seine Schwingen. Ihr Sturz wurde nicht langsamer. Hoffentlich hatte dieser Haufen Metall bessere Augen als er, dachte Volodi.</p><p>Der verdammte B�r beugte sich vor. Sein massiger Kopf wies wie eine Pfeilspitze auf das Hochplateau unter ihnen. Volodi sah immer noch nichts als B�ume, und sie kamen viel zu schnell n�her. Warum hatte er auch gleich wieder darauf bestanden, den Angriff zu f�hren? Weil er ein verdammter Idiot war? Sich in eine feindliche Schlachtreihe zu werfen war glorreich. Aber sie warfen sich in dichtes Ge�st.</p><p>�Schei�!� Sein Schrei erstickte, als ihm ein Ast ins Gesicht peitschte. Volodi riss die Arme hoch. Bl�tter prasselten ihm entgegen. Der verdammte B�r war nicht aufzuhalten. Sie schlugen mit aller Macht in etwas, das unter ihrem Aufprall federte. Die Luft wurde ihm aus der Lunge gepresst. Die Gelenke Stinkers kreischten noch bedenklicher als sonst. Seine Fl�gel k�mpften gegen Fesseln an. Fesseln?</p><p>Im Zwielicht war kaum etwas zu sehen. �ber ihm brachen andere fliegende B�ren durch die �ste. Schreie erklangen.</p><p>Volodi tastete nach dem Ge�st, das ihn gefangen genommen hatte. W�hrend Stinker wie ein w�tender Dachs um sich biss, den Jagdhunde am Eingang seines Baus gestellt hatten.</p><p>Volodis Finger glitten �ber die seltsam verdrehten �ste. Das war kein Holz. Ein Netz! Seile! Sie waren in ein riesiges Netz geflogen.</p><p>Pl�tzlich gab es einen Ruck, und Stinker gab einen grunzenden Laut von sich. Noch ein Ruck. Sie st�rzten wieder. Unter ihnen lag ein weiter Abgrund. Vereinzelte gelbe Lichter erstrahlten in der Finsternis.</p><p>Der B�r schlug hektisch mit den Fl�geln, und ihr m�rderischer Sturz ging in einen kontrollierten Flug �ber. Jetzt konnte Volodi mehr erkennen. Gerade Linien wuchsen zu Fl�chen. Die Schemen einer gro�en Stadt zeichneten sich am Grund der riesigen H�hle ab. Und in die Wand der H�hle, �ber der Stadt schwebend, war auf Terrassen ein Palast erbaut. Genau dorthin trug ihn Stinker.</p><p>Volodi kniff die Augen zusammen, um besser zu erkennen, was ihn erwartete, als ein Horn erklang. Tarkons Wachen hatten sie entdeckt.</p><p>Der Drusnier drehte sich, so weit er konnte, im Sattel und blickte zur�ck. Wie Flederm�use, die im ersten Morgenlicht heimkehrten, zeichneten sich die Schatten der Himmelsreiter gegen das fahle St�ck Himmel ab, das durch den weiten Spalt in der H�hlendecke zu sehen war.</p><p>Ein Pfeil prallte klirrend von den Fl�geln seines B�ren ab. Bogensch�tzen hasteten auf die Palastterrassen. Es gab deutlich mehr als nur die zwanzig Wachen, die Aarons Spitzel hier vermutet hatte.</p><p>Volodi grinste. Er w�rde seine Schlacht bekommen.</p></section><section><title><p>Erwachen</p></title><p>Tarkon schreckte aus dem Schlaf hoch. H�rner wurden geblasen! Er war augenblicklich hellwach. Der Tag, den er so lange gef�rchtet hatte, war gekommen. Sie hatten ihn gefunden! Zarah sah ihn erschrocken an. Das Licht der kleinen �llampe neben dem Bett schmeichelte ihr. Es gab ihr einen goldenen Teint, so als w�re das Alter spurlos an ihr vor�bergezogen. Sie war f�r ihn noch immer die begehrenswerteste Frau, der er je begegnet war.</p><p>�Schnell, meine Liebe.� Er war mit einem Satz aus dem Bett, warf sich eine Tunika �ber und griff nach dem Schwertgurt, der von einem Stuhl hing.</p><p>�Schnell!� Er streckte die Hand nach ihr aus, als sie sich ein d�nnes Seidenhemd �berwarf.</p><p>�Die Kinder���</p><p>Drau�en auf der Terrasse klirrten Schwerter. Wie hatten die Angreifer so schnell bis hier kommen k�nnen?</p><p>�Es ist keine Zeit���</p><p>Zarah sah ihn ersch�ttert an. �Du willst sie zur�cklassen?�</p><p>�Sie werden ihnen nichts tun! Sie sind zu kostbar. Wir werden sie austauschen.� Er riss die T�r zu dem schmalen Tunnel auf, der tief unter der Ebene zum benachbarten Tafelberg f�hrte.</p><p>�Wir k�nnen sie nicht zur�cklassen�, beharrte Zarah. �Es sind unsere Kinder!�</p><p>Sie hatte nicht begriffen, und es blieb auch keine Zeit zu streiten. �Die Feinde sind bereits auf den Terrassen. Wenn wir hinab zum Schlafgemach der Kinder laufen, wird uns der R�ckweg abgeschnitten sein. Es ist nicht vern�nftig���</p><p>Sie h�rte nicht auf ihn, sondern lief hinaus in den dunklen Flur.</p><p>Er war Tarkon Eisenzunge, der von den Toten wiedergekehrt war. Wenn er ihr jetzt folgte, w�rde es keine Wiederkehr mehr geben. Er nahm die kleine �llampe, �ffnete die verborgene T�r, trat in den Tunnel, der ihn in Sicherheit bringen w�rde, und begann zu laufen.</p><p>Er war allein mit der Dunkelheit, dem Ger�usch seiner Schritte und seines Atems. Jetzt, da er den ersten Schrecken hinter sich gelassen hatte, vermochte er klar zu denken. Die Unsterblichen selbst mussten mit ihren Himmelsreitern gekommen sein. Anders war nicht zu erkl�ren, dass sie so schnell zu seinem Palast vorgesto�en waren. Und wenn sie dort waren, dann waren sie auch jenseits des Wasserfalls. Sie w�rden auf ihn warten. Es gab kein Entrinnen mehr. Er h�tte mit Zarah gehen sollen, das w�re ehrenhafter gewesen. Nun war es zu sp�t, noch umzukehren.</p><p>Der Weg schien ihm endlos. Fast eine halbe Stunde musste er gelaufen sein, bis es wieder aufw�rts ging. In engen Kreisen wand sich eine aus dem Fels geschlagene Treppe hinauf zur Hafenh�hle. Alarmierte Wachen empfingen ihn und geleiteten ihn zu Rubal, seinem Flottenmeister. Nur ein einziger Wolkensammler lag in der weiten H�hle. Es war eine der ver�nderten Kreaturen. Vor f�nf Jahren hatte sie sich ihm angeschlossen. Eine eigenwillige Kreatur. Sie hatte sich einen neuen Namen gegeben, der ungew�hnlich kurz f�r die Traditionen der Wolkensammler war. <emphasis>Sternenfresser,</emphasis> so nannte er sich, weil seine Schwingen so weit in den Himmel griffen und das Licht der Sterne verschwand, wenn er durch die Nacht glitt. Sie hatten den Durchgang hinter dem Wasserfall erweitern m�ssen, weil er selbst mit angelegten Schwingen nicht hindurchgepasst hatte. Einen wie ihn hatte Tarkon noch nicht erlebt. Er war schon auf vielen Wolkensammlern gereist, aber <emphasis>Sternenfresser</emphasis> hatte sich nicht nur �u�erlich ver�ndert, als er das Traumeis genommen hatte. Er fand Gefallen daran, seine Artgenossen zu t�ten. Deshalb setzte Tarkon ihn nur selten ein. Er wollte Beute machen, Schiffe pl�ndern und seine Flotte erweitern. Heute d�rfte <emphasis>Sternenfresser</emphasis> seinen Gel�sten freien Lauf lassen.</p><p>Rubal erschien vor ihm. Sein Flottenmeister hatte eine leichte Lederr�stung angelegt und war offensichtlich bereit f�r den Kampf. Er trug eine Federkrone, seine Arme waren mit Rautenmustern t�towiert, die vor seiner dunklen Haut nur bei hellem Licht zu sehen waren. Er war im kargen S�dwesten Arams geboren und entstammte einer Familie von Priestern, die durch die Schergen des Unsterblichen Aaron ermordet worden waren.</p><p>�Dein Schiff ist bereit, Tarkon, wir alle sind bereit. Keiner wird in der H�hle zur�ckbleiben. Unsere Sp�her berichten, dass zwei gro�e Wolkensammler vor dem Wasserfall schweben. Weitere sind im Anflug. Noch k�nnen wir durchbrechen.�</p><p>Der Piratenf�rst blickte zu dem schmalen Tunnel zur�ck, durch den er gekommen war. Er stellte sich vor, wie Zarah ihren H�schern entkam und mit den Kindern die lange Flucht durch die Dunkelheit wagte, um dann in der leeren H�hle zu stehen.</p><p>�Ich komme an Bord�, sagte er mit rauer Stimme, �und werde mich von der Gefechtsbereitschaft des Schiffes �berzeugen. Dies wird unsere schwerste Schlacht werden. Ich will ganz sichergehen, dass wir wirklich vorbereitet sind.�</p><p>Rubal sah ihn erschrocken an. �Du willst was? Zweifelst du an meinen F�higkeiten, das Schiff zu f�hren?�</p><p>�Gelten meine Befehle nicht mehr f�r dich?�, entgegnete Tarkon harsch. �Gehen wir an Bord! Ich inspiziere das Schiff!� Wieder blickte er zu der kleinen �ffnung in der H�hlenwand und betete stumm, dass Zarah es schaffte zu entkommen.</p></section><section><title><p>Das Unerwartete</p></title><p>Necahual blickte auf den Wasserfall herab, der sich aus einem kleinen See auf dem Hochplateau des Tafelbergs speiste. Dort lag Tarkons Flotte verborgen. Er hatte einige seiner Himmelsreiter ausgeschickt, um auszusp�hen, was ihn hinter dem Vorhang aus Wasser erwartete. Es reizte ihn, vorzusto�en und den Ruhm zu ernten, Tarkon erschlagen zu haben. Auf der anderen Seite wollte er nicht die Schmach erleiden, sich wie ein verpr�gelter Hund zur�ckziehen zu m�ssen. Es w�rde sehr schwer werden, durch die enge H�hlen�ffnung einzudringen. Sein Wolkensammler <emphasis>Tanzende Schneeflocken unter Wintermonden</emphasis> war zwar zuversichtlich, dass es ihm gelingen w�rde, doch w�hrend dieses Man�vers w�ren sie so gut wie wehrlos.</p><p>Zwei gefiederte Schlangen schossen durch die Silberschleier des Wasserfalls. Schwere Felsbrocken und armdicke Speere folgten ihnen. Die beiden Flieger hielten auf den Bug des Wolkensammlers zu. Schwer mit den Fl�geln schlagend, erreichten sie den Unsterblichen. Die Vogelbeine der Schlangenleiber krallten sich in die Reling. Ein Krieger in einem Gewand aus schillernd roten Federn sprang ab und warf sich vor Necahual zu Boden.</p><p>�Herr der Himmel, ein gro�es, wohlbewaffnetes Schiff erwartet uns hinter dem Wasserfall. All seine Gesch�tze sind auf den Eingang gerichtet. Zwei meiner Br�der sind durch den Beschuss der Schiffsmannschaft umgekommen. Die Decks stehen gedr�ngt voller Krieger.�</p><p>Necahual trommelte nerv�s mit den Fingern auf die Reling. Es war sein Wunsch gewesen, sich Tarkon zu stellen und den Himmelshafen anzugreifen. Er l�chelte zynisch. Was f�r ein eitles Unterfangen. Nun w�rde er f�r seine Ruhmessucht b��en.</p><p>Er konnte tollk�hn angreifen! Der Himmelspirat wartete offensichtlich darauf. Oder aber er tat das Unerwartete�� Leicht versetzt zum Wasserfall wuchs eine turmgro�e Felsnadel aus der Steilwand des Tafelberges. Sie war ein nat�rlicher Ankerturm. Vielleicht konnte er sie sich zunutze machen? Er w�rde noch weitere Schiffe aus seiner Flotte herbeiordern.</p><p>Diese Felsnadel�� Der Rhythmus, in dem seine Finger trommelten, verlangsamte sich. Sie mochte noch als etwas anderes dienen als nur als Ankerturm. Er wandte sich an einen der Hauptm�nner aus seinem Gefolge. �Ich brauche sofort einen Arbeitertrupp dort unten in der Felswand. Mindestens zweihundert Mann! Landet sie unterhalb der Felsnadel an.�</p></section><section><title><p>In Dreck greifen</p></title><p>Nat�rlich hatten sich die Drusnier nicht an den Schlachtplan gehalten! Arcumenna kochte vor Wut! Diese d�mlichen Hinterw�ldler waren zu fr�h losgeflogen! Es sah ganz so aus, als wollte Volodi den Ruhm alleine ernten. Eines Tages w�rde er nach Drusna zur�ckkehren, dachte der Unsterbliche finster. Und dann w�rde er zu Ende bringen, was er einst als Feldherr begonnen hatte. Er w�rde dieses K�nigreich der Trottel unterwerfen.</p><p>Geschickt lenkte er seinen silbernen Adler durch die weiten L�cher, die von den gefl�gelten B�ren in das riesige, mit �sten getarnte Netz gerissen worden waren, das die weite Felsspalte vor neugierigen Blicken aus der Luft sch�tzen sollte. Mit grimmiger Genugtuung sah er die Drusnier, die sich mit gebrochenem Genick im Netz verfangen hatten. Im Zwielicht vor der D�mmerung hatten sie vermutlich kaum gesehen, wohin sie flogen.</p><p>�Dort links!�, h�rte er hinter sich die bellende Stimme seines Hauptmanns Horatius, der den Kriegern die Richtung zum Palast wies. Eigentlich war es nicht n�tig. Die schreiend bunten Bauten, die sich an die Steilwand der riesigen H�hle klammerten, waren nicht zu �bersehen. Auch die gro�e Stadt, die unter ihnen lag, schm�ckte sich mit den fantastischsten Farben. Sie bestand �berwiegend aus einfachen Lehmh�usern mit flachen D�chern. Doch die H�user waren in allen T�nen des Regenbogens verputzt. Im Zwielicht des Morgens entfalteten die Farben allerdings nicht ihre Pracht, sondern im Gegenteil, betonten die Tristesse des Ortes noch.</p><p>Arcumenna wandte den Blick ab und betrachtete den Palast, auf den sein Adler zuflog. Man konnte Tarkon vieles vorwerfen, aber gewiss nicht, dass er sich mit Pomp und Luxus umgeben h�tte. Die Palastbauten unterschieden sich�� einmal abgesehen von ihrer Gr��e�� nicht von den einfachen H�usern in der Stadt.</p><p>Etliche der drusnischen B�ren waren schon gelandet, die Krieger aus den S�tteln gesprungen, und auf allen Terrassen wurde gek�mpft. Mutig waren sie, die Himmelspiraten. Obwohl ihre Waffen die schweren B�ren nicht wirklich besch�digen konnten, leisteten sie verzweifelten Widerstand.</p><p>Ein schlecht gezielter Pfeil verfehlte den Unsterblichen um mehr als einen Schritt. Er lie� seine Lanze in einer Halterung seitlich seines Sattels einrasten und zog aus dem langen K�cher auf der anderen Sattelseite einen leichten Wurfspie�.</p><p>Sein Adler wusste, was er wollte. Er flog eine leichte Kehre, dicht �ber dem Krieger, der geschossen hatte. Arcumenna beugte sich weit zur�ck und schleuderte dann den kurzen Wurfspeer mit aller Kraft. Er traf den Sch�tzen zwischen Hals und Schl�sselbein. Der Mann taumelte kurz und ging dann zu Boden, ohne dass noch ein Laut �ber seine Lippen gekommen w�re.</p><p>Der Adler flog dicht �ber einer Brustwehr hinweg und riss mehrere Verteidiger zu Boden, bevor er mit einem wenig eleganten H�pfer auf dem Flachdach landete. Arcumenna wurde in die Ledergurte gepresst, die ihn an die Sattellehne fesselten. Hastig l�ste er die Gurte. Dicht neben ihm landeten weitere Adlerreiter.</p><p>Der Unsterbliche sah sich kurz um. Seine M�nner hielten die wenigen Verteidiger in Schach. Als die Piraten erkannten, dass jeder weitere Kampf aussichtslos war, lie�en sie die Waffen sinken.</p><p>�Was tun wir mit ihnen?�, fragte Horatius.</p><p>Arcumenna war an die Br�stung getreten und blickte �ber den Palasthof unter ihm. Allenthalben wurde noch gek�mpft. Vor einem Eingang hatte sich eine Gruppe von Kriegern mit gro�en Turmschilden verschanzt. Dort w�rde er finden, was er suchte!</p><p>�Bringt sie um! Wir k�nnen uns jetzt nicht mit Gefangenen belasten!�</p><p>�Aber wir sollten doch���, setzte der ein�ugige Hauptmann an.</p><p>�Wir sollten uns nicht mit ihnen belasten!�, wiederholte der Unsterbliche scharf. �Es sind nur Piraten. Sie haben durch ihre Taten ihr Leben verwirkt!� Er stieg die Treppe zum Hof hinab und zog sein Schwert. Einige Drusnier hatten sich um einen Mann geschart, der am Boden lag. Volodi! Zwei Pfeile steckten ihm in der Brust. Verwundert hielt Arcumenna inne und sah auf den blonden Krieger hinab. Blut quoll �ber seine Lippen. Der Idiot hatte nicht die R�stung angelegt, die die G�tter f�r ihn erschaffen hatten. Fast h�tte der Valesier �ber so viel Dummheit gelacht. Aber das w�re w�rdelos. Auch wenn Volodi seinen Tod verdient hatte, durfte er ihn nicht in aller �ffentlichkeit verspotten. Also hob er sein Schwert zum Gru�: �M�gest du einen leichten Tod haben.�</p><p>Volodi sah ihn mit m�dem Blick an. �M�gen die Piraten dir einen Speer in den Arsch stecken, um dir damit das Hirn aus dem Sch�del zu kratzen.�</p><p>Arcumenna schnaubte abf�llig. Er h�tte es wissen m�ssen. Es war immer ein Fehler, einen Drusnier mit W�rde zu behandeln. Reichte man so einem Hinterw�ldler die Hand, griff man in Dreck. So waren sie halt.</p><p>Ruhig ging der Herrscher den Himmelspiraten entgegen. Er sah die Angst in den Gesichtern der M�nner. Sie wussten vielleicht nicht, wer er war, aber sie hatten erkannt, was er war. Ein Unsterblicher! Der Maskenhelm, der einen Adlerkopf darstellte, und die wei�e Lederr�stung, die jeden Flecken seiner Haut bedeckte, waren unverwechselbar. Ein silberner Adler mit geweiteten Schwingen schm�ckte seine Brust. In der Hand hielt er ein G�tterschwert. Eine Klinge, der keine R�stung widerstehen w�rde.</p><p>�Ich schenke euch keine Gnade, aber vielleicht rettet es euch ja, wenn ihr davonlauft.�</p><p>Trotz ihrer Angst blieben sie stehen.</p><p>�Ich respektiere euren Mut!� Ohne zu z�gern ging er auf die Gruppe zu. Er h�rte die Schritte seiner M�nner hinter sich. Er brauchte sie in seinem R�cken, dessen war er sich bewusst. Er war kein Narr! Wenn die Piraten tapfer genug waren, konnten sie ihn dank ihrer �bermacht zu Boden werfen, seine Arme niederdr�cken und ihm einen Dolch durchs Auge sto�en. Davor k�nnte ihn nicht einmal die R�stung der G�tter bewahren.</p><p>Arcumenna f�hrte sein Schwert in weitem Schwung. Die Klingen, die gehoben wurden, um seinen Angriff zu parieren, brachen unter der Wucht des Treffers. Sein Schwert fuhr einem der Piraten in die Schulter.</p><p>Mit einem Ruck befreite er die Waffe, lie� sie kreisen, w�hrend seine Krieger hinter ihm mit Speeren auf die Verteidiger einstachen.</p><p>Ein Schwertsto� traf ihn mit Wucht gegen die Brust. Er taumelte zur�ck. Seine Klinge fuhr nieder und trennte den Arm des Mannes ab, der ihn angegriffen hatte.</p><p>Ein wuchtiger Schlag traf seinen Helm. Arcumenna machte einen Schritt nach vorn. Seine Ohren dr�hnten ihm vom Treffer. Er blockte einen zweiten Schwerthieb, der auf seinen Kopf zielte. Mit einer Riposte schlitzte er dem Piraten vor ihm die Kehle auf und brach durch den Schildwall der Verteidiger.</p><p>Sich unter einem weiteren Angriff duckend, stach er dem Mann neben ihm sein Schwert tief in die H�fte. Die Klinge steckte im Leib des Gegners, der schreiend zu Boden ging. Arcumenna entwand dem Sterbenden das Schwert und schmetterte es einem weiteren Gegner in den Nacken. Pl�tzlich war alles vorbei. Seine Krieger hatten die �brigen Verteidiger niedergemacht. Der Schildwall war zu einem Wall von Leichen geworden.</p><p>Entschlossen trat er durch die T�r, die das Piratenpack mit dem Leben verteidigt hatte. Unter seinem Fu� zerbrach eine Reiterfigur aus Ton. Zwei Kinder duckten sich unter die Arme ihrer Mutter, die erschrocken zu ihm aufsah. Sie sagte kein Wort, bat nicht um Gnade. Arcumenna war sich sicher, dass sie wusste, wer er war.</p><p>Er nahm seinen Helm ab. �So kreuzen sich unsere Wege also wieder, Zarah.�</p><p>Nur wenig Licht drang in das Zimmer. Sie war immer noch atemberaubend sch�n, die Seidene, die Konkubine, der einst die Statthalter der Goldenen Stadt zu F��en gelegen hatten. Nun geh�rte sie ihm ganz allein.</p><p>�Ich bin mir sicher, deine Kinder und ich, wir werden uns sehr gut verstehen, solange wir beide uns verstehen, Zarah.�</p><p>Tr�nen rannen �ber die Wangen der Hure, doch sie schluchzte nicht. �Wir werden uns verstehen, mein Gebieter�, sagte sie unterw�rfig.</p></section><section><title><p>Von dem Toten, der zur�ckkehrte, die Lebenden zu retten</p></title><p>Ilmari landete mit seinem silbernen L�wen auf dem Platz der Scherben. Er war der einzige Himmelsreiter, der nach Tiefwasser gekommen war. Hier gab es keine Krieger. Hier war nicht mit Widerstand zu rechnen.</p><p>Er l�ste die breiten Ledergurte, die ihn an die R�ckenlehne fesselten, und sprang aus dem Sattel. Niemand hatte sein Kommen bemerkt, wie es schien. Er l�chelte. Das h�tte er wissen k�nnen. Bei den Bauern siegte die Angst �ber die Neugier. Sollte jemand gesehen haben, wie ein Krieger auf einem gewaltigen L�wen vom Himmel herabkam, dann hatte er gewiss ein sicheres Versteck gesucht.</p><p>Ilmari setzte das Horn, das er am G�rtel getragen hatte, an die Lippen. Er sah zum Tempel hinauf, als er seine Herausforderung herausblies.</p><p>Wie zur Antwort verdunkelte sich der Himmel �ber der Felsspalte hoch �ber der kleinen Stadt. Ein Wolkensammler war erschienen, und Landungsk�rbe voller Krieger wurden abgeseilt. Ilmari hatte den M�nnern eingesch�rft, dass er kein Blutbad sehen wollte, dass sie die Menschen zusammentreiben, aber nicht t�ten sollten. Als Hauptmann der Himmelsh�ter genoss er Respekt und Autorit�t, aber ihm war nur zu bewusst, wie wenig all dies bedeutete, wenn die Krieger provoziert wurden.</p><p>�Solomon!�, rief er zum Tempel hoch. �Stell dich! Heute ist der Tag, an dem all deine L�gen offenbar werden, denn ein Toter ist zur�ckgekehrt, um die Lebenden zu retten.�</p><p>Nun regte sich doch etwas. In den T�ren einiger H�user nahe am Platz zeigten sich blasse Gesichter.</p><p>Ilmari nahm seinen Helm ab. �Seht her, ich bin es, der Totentr�ger!�</p><p>Nun wagten es einige, auf die Gassen hinauszutreten.</p><p>Ilmari hob erneut das Horn an die Lippen und lie� seinen Ruf erklingen. �Stell dich, Solomon!�</p><p>Endlich erschien der glatzk�pfige Gebieter �ber Leben und Tod. Er trug das Prachtgewand seines Amtes und wurde von seinen Novizen begleitet, die weit weniger selbstsicher wirkten, als ihr Herr es tat.</p><p>Solomon trat nicht etwa auf den Platz der Scherben. Er stieg auf die Kanzel, die sich dar�ber erhob. �Seht ihn euch an!�, setzte er mit Donnerstimme an, wie in einer seiner Predigten. �So sieht das Gesicht des Verrates aus! Dieser Mann, der ein Hauptmann der Unsterblichen ist, hat sich in unsere Mitte geschlichen. Er hat unser Vertrauen missbraucht. Er hat uns alle hintergangen, und nun kommt er mit seinen Meuchlern.� Er hob in gro�er Geste die Arme der weiten H�hlendecke entgegen. �Ich rufe dich, Gro�e G�ttin, lass dein Strafgericht walten. Zermalme den Betr�ger und seine M�rder!�</p><p>Ein St�ck entfernt ging der erste Landungskorb in einem Reisfeld nieder, und gr�lende M�nner sprangen heraus.</p><p>�T�tet den Verr�ter, solange ihr es noch k�nnt, und ihr werdet die Gunst der Gro�en G�ttin erringen!�, rief Solomon.</p><p>Ilmari war erstaunt �ber den Wahn des H�ters des Lichtes. Er schien tats�chlich zu glauben, den Zorn der Stadtbewohner aufstacheln zu k�nnen. Doch als sich niemand regte, um seinem Wunsch Folge zu leisten, ging auch ihm auf, wie sehr er sich versch�tzt hatte. Selbst seine Novizen, die bis eben immer in seiner N�he gewesen waren, zogen sich in den Tempel zur�ck. Solomon war allein. Und er war der Einzige, der es noch nicht begriffen hatte.</p><p>Der Totentr�ger klopfte seinem L�wen auf die Schulter. �Komm!�</p><p>Gemeinsam schritten sie zur Kanzel.</p><p>�Ergreift ihn!�, schrie Solomon mit sich �berschlagender Stimme. �Straft den Betr�ger!�</p><p>�Ich werde euch zeigen, wie sehr ihr betrogen worden seid!�, rief Ilmari, hielt aber nicht in seinem Marsch zur Kanzel inne. �Ihr glaubt, ihr seid dazu verdammt, hier im Zwielicht zu leben, weil ihr euch von den Unsterblichen und ihren G�ttern abgewandt habt? Ich bin hier, um euch Vergebung zu verk�nden. Ich bin hier, um euch alle zum Licht zu erheben.�</p><p>Er hatte die kleine Treppe, die zur Kanzel hinauff�hrte, erreicht und drehte sich um. �Solomon ist es, der euch auf sch�ndliche Weise um das Licht betrogen hat. Das Scherbengericht ist nur eine groteske Kom�die!� Ilmari blickte finster in Richtung der versammelten St�dter. �Einige von euch wissen das. Sie wissen, welcher Preis daf�r zu entrichten war, einen geliebten Menschen ins Licht aufsteigen zu lassen.�</p><p>Er entdeckte Jelena, die sich Solomon hingegeben hatte, in der Menge, doch vermied er es, sie durch Blicke oder Gesten zu verraten. Frauen wie sie musste es viele gegeben haben, oder auch M�nner, die mit wohlgeh�teten Reicht�mern das Wohl ihrer Liebsten erkauft hatten. Er kannte sie. Jeden! So oft hatte er auf diesem Platz gestanden. So oft waren andere Namen aufgerufen und all seine Hoffnungen zu Scherben zerschlagen worden.</p><p>Er stieg die Kanzel hinauf und zerrte Solomon herunter. Der Priester zeterte und schlug um sich, doch war er seiner Kraft nicht gewachsen. Ilmari wies die Krieger, die aufmarschierten, an, Solomon zu ergreifen.</p><p>Es war dieser Augenblick, in dem er gepackt wurde, in dem Solomon aufh�rte zu schreien. Der Moment, in dem er sah, dass der Totentr�ger ein Kommando f�hrte. Er es nun war, der die Macht in H�nden hielt. Ilmari genoss es, den Widerstandswillen in Solomon zerbrechen zu sehen.</p><p>Er wandte sich erneut an die Menge. �Nun gehen wir zum Tempel, und ich werde euch zeigen, auf welche Weise ihr betrogen worden seid.�</p><p>Die Menschen waren erstaunlich still. So still, dass Ilmari sich fragte, wie gro� die Zahl der Mitwisser um den Betrug wohl sein mochte.</p><p>Beim Tempel befahl er seinen M�nnern, die Tonkr�ge mit den Scherben aus dem Archiv zu holen. Ilmar schritt durch die Reihen der Bauern und Handwerker, der Frauen und Kinder. Alle waren sie gezeichnet vom Leben in den H�hlen. Fahl und ausgemergelt. Er dr�ckte ihnen die Scherben in die Hand. Manche begannen zu weinen, als sie vertraute Namen lasen. Die Namen von Toten, denen das Gl�ck nicht gewogen gewesen war.</p><p>Er lie� sie mit den Fingern �ber die Scherben tasten, bis ihnen klar wurde, auf welche Art sie betrogen worden waren. Wie es dem Priester m�glich gewesen war, stets nur den Namen zu ziehen, den er im Voraus als Gewinner bestimmt hatte.</p><p>Erste Steine flogen nach Solomon. Einige der M�nner hatten ihre Hacken geholt oder Werkzeuge. Immer lauter erscholl der Unmut der Bewohner Tiefwassers. Eine Gruppe von Bauern trieb Solomons Novizen vor sich her. Sie waren wohl dabei entdeckt worden, wie sie �ber die Mauer des Tempelgartens zu fliehen versuchten.</p><p>Ilmari unternahm nichts, um den jungen Priesteranw�rtern zu helfen. Mit kaltem Herzen sah er zu, wie sie von der w�tenden Menge zu Tode gepr�gelt wurden. Solomon aber lie� er von Wachen sch�tzen.</p><p>Als der Zorn des Volkes sich legte, stieg Ilmari auf den R�cken seines L�wen, sodass er f�r alle deutlich zu sehen war. �Ich werde f�r jeden von euch vor dem Unsterblichen Aaron bitten. Ihr seht, seine Krieger sind nicht gekommen, um euch zu t�ten. Geht in eure H�user, nehmt das N�tigste, denn heute ist der Tag, an dem die L�gen der Priester endlich enden. Es ist der Tag, an dem ihr alle ins Licht erhoben werdet. Ihr werdet den H�hlen f�r immer den R�cken kehren. Ihr werdet keine W�rmer mehr sein, die sich unter Steinen verkriechen. Nehmt von mir das Geschenk eines neuen Lebens.�</p><p>Seine Rede erntete keinen Jubel. Die Bewohner Tiefwassers wirkten unsicher, ja ver�ngstigt. Sie schienen nicht sein Geschenk zu sehen, sondern nur, was er ihnen fortnahm. Das Leben, in das sie sich eingerichtet hatten, so ungerecht und grausam es auch sein mochte, es war ihnen vertraut.</p><p>Er wies einige seiner Scharf�hrer an, wie sie die Evakuierung der Stadt umsetzen sollten, dann w�hlte er zwei besonders gro�e und starke M�nner unter den Kriegern aus und ritt zu Solomon, der an der Gartenmauer des Tempels kauerte.</p><p>Der Priester empfing ihn mit einem frechen L�cheln. �Hast du gedacht, sie w�rden dich lieben? Dich? Den Totentr�ger! Du stehst f�r sie f�r das Ende des Lebens, nicht f�r einen Neuanfang. Selbst wenn du sie nicht belogen haben solltest, dankbar werden sie dir niemals sein.�</p><p>�Wie kommst du darauf, dass mich ihre Dankbarkeit interessiert?�</p><p>Solomon sah ihn verbl�fft an. �Ja, aber�� Warum tust du all das?�</p><p>�Weil es richtig ist.� Ilmari winkte den beiden Wachen. �Packt ihn und folgt mir.�</p><p>Er nahm den vertrauten Weg zum Haus der Toten. Erst dort stieg er von seinem L�wen. Solomon, der wohl ahnte, was ihm bevorstand, str�ubte sich gegen die Wachen, war ihrer Kraft aber nicht gewachsen. Sie zerrten ihn hinter Ilmari her durch die gro�e Eingangshalle des Totenhauses die gewundene Treppe hinab bis zu den Steinbl�cken, auf denen die Toten gewaschen worden waren.</p><p>�Rei�t ihm die Kleider vom Leib! Sein Schmuck geh�rt euch. Sorgt daf�r, dass er nackt auf dem Stein liegen bleibt. Ich werde ihn waschen.�</p><p>�Nein!�, begehrte Solomon auf. �Das darfst du nicht. Du entweihst diesen heiligen Ort. Ich bin kein Toter!�</p><p>Die Wachen nahmen ihm seine kostbare Brustplatte ab, die Armreife und Ringe. Sie w�rden reiche M�nner sein, wenn sie ins Licht zur�ckkehrten.</p><p>Als Ilmari in die Kammer ging, in der Umme fr�her so gerne geschlafen hatte, h�rte er, wie die kostbaren Gew�nder des Priesters zerrissen. Er holte ein Leichentuch, eine Sch�ssel mit Wasser und die gro�e Bronzenadel, mit der er in den letzten sieben Jahren so viele Tote eingen�ht hatte.</p><p>Zur�ck am Stein, auf dem Solomon inzwischen ganz nackt lag, sammelte er einige der zerrissenen Lumpen ein, die einmal Priestergew�nder aus kostbarstem Leinen gewesen waren. Er tauchte sie in kaltes Wasser und wusch den Leib des Priesters, der sich unabl�ssig im Griff der Wachen wand.</p><p>�Bitte, ich lebe doch noch�, stammelte Solomon. �Das ist ein Frevel. Du erz�rnst die G�ttin. Sie wird euch alle verdammen. Ich bin einer ihrer Auserw�hlten.� Er sah die Wachen fest an, und pl�tzlich lag wieder etwas von jener Autorit�t in seiner Stimme, die er so lange besessen hatte. �Sie w�rde eure Eingeweide verrotten lassen. Ihr werdet von innen heraus verfaulen, wenn ihr auf diesen Frevler h�rt.�</p><p>�Wo ist deine G�ttin, Priester? Unsere G�tter, I�ta, der L�wenh�uptige, Langarm und all die anderen, sie leben unter uns. Wir sehen sie! Sie zeigen uns unsere Macht, und allzu oft zeigen sie uns unsere Ohnmacht. Deine G�ttin aber liegt gefesselt in einem Kerker. Sie hat geduldet, dass du jene hintergehst, die zutiefst an sie glauben. Wovor sollte ich mich f�rchten, wenn ein Mann wie du die Gro�e G�ttin vertritt?�</p><p>�Sie ist hier!�, beharrte Solomon und rollte wie verr�ckt mit den Augen. ��berall hier! Sie lebt in den gr�nen Kristallen! Es sind ihre Augen und Ohren.�</p><p>�Was sind Augen und Ohren ohne H�nde, die sch�tzend �ber dich gehalten werden, Priester?� Ilmari begann damit, ihn in das Leichentuch einzuwickeln.</p><p>�Wenn der Tag des Gerichtes kommt, dann wird sie sich an alles erinnern, Totentr�ger.�</p><p>Er war es leid und stopfte dem Priester einen der Lumpen in den Mund. �Begreifst du es nicht, Solomon? Der Tag des Gerichtes ist bereits gekommen. Ich bin das Gericht!� Er schlug ihm das Leichentuch �bers Gesicht und begann es mit groben, weit gesetzten Stichen zu vern�hen. Zuletzt stach er ihm die Nadel durch die Nase.</p><p>Solomon b�umte sich unter Schmerzen auf und wurde von den Kriegern wieder auf den Stein zur�ckgedr�ckt.</p><p>Ilmari sah zu, wie sich das Leinen rings um die Nase mit Blut vollsog. �Talam, Serin und Umme�, sagte er bitter. �Wisset, dass auch er nicht mehr ins Licht gehen wird.� Er gab den Wachen ein Zeichen, den Priester anzuheben und ihm zu folgen.</p><p>Schweigend verlie�en sie das Totenhaus und folgten dem Schwarzg�rtel bis zum Wei�en Schlund. Solomon stie� verzweifelt unartikulierte Laute aus und wand sich in seinem Leichentuch. Er wusste, wo sie waren.</p><p>Als ihn die Krieger auf den Boden legten, beugte sich Ilmari zu ihm hinab. �Ich w�nsche dir, dass dein Leib nicht auf die Klippen aufschl�gt. Du bist nur lose in das Tuch gen�ht. Du wirst es zerrei�en k�nnen. Ich hoffe, du hast einen langen Atem, dann wirst du in dem unterirdischen Fluss nicht ertrinken, sondern lebend an den Ort gelangen, an dem ich dich gerne sehen m�chte. Zum See der Toten. Zu den wei�en Alligatoren. Und ihnen, Solomon, wirst du ganz gewiss nicht entkommen.�</p><p>Er trat einen Schritt von dem Priester zur�ck und gab den Wachen ein Zeichen. Sie packten Solomon bei den Schultern und F��en. Drei Mal lie�en sie ihre Arme hin und her pendeln, um Schwung zu holen, dann warfen sie ihn in weitem Bogen in den Schlund.</p><p>Ilmari sah zu, wie der Priester im sch�umenden Wei� verschwand.</p><p>Die beiden Wachen gingen. Der Totentr�ger aber kniete am Abgrund nieder, schaute auf den Fluss, dem er als Einziger lebend entstiegen war. Er dachte an die, die er verloren hatte, und daran, dass sich diese L�cke nie mehr schlie�en w�rde. Die gl�cklichen Tage seines Lebens waren verstrichen. Er war nichts mehr als ein lebender Toter.</p></section><section><title><p>Sternenfresser</p></title><p>�Sie wird nicht kommen.� Rubal sah ihn flehend an. �Wir m�ssen fort. Wenn du nicht an Bord kommst, wird <emphasis>Sternenfresser</emphasis> ohne dich aufbrechen. Du wei�t, er hat einen freien Willen. Er wird tun, was er f�r richtig h�lt. Er will k�mpfen.�</p><p>Tarkon blickte noch einmal zum Ausgang des Tunnels, durch den er gekommen war. Er hatte mehr als eine Stunde auf Zarah gewartet. Wenn sie es geschafft h�tte, h�tte sie l�ngst mit den Kindern hier sein m�ssen. <emphasis>Sternenfresser</emphasis> hatte recht. Sie mussten hier heraus. Je mehr Zeit verstrich, desto unwahrscheinlicher wurde es, dass sie noch entkommen konnten.</p><p>�Gehen wir!� Tarkon ging Rubal voran �ber die Laufplanke auf das Hauptdeck. Seine M�nner sahen ihn erwartungsvoll an. Einige wirkten ver�ngstigt. Sie wussten nicht, was vor sich ging, hatten aber sicherlich schon Ger�chte geh�rt.</p><p>Seiner Erfahrung nach k�mpften Krieger besser, wenn sie wussten, wof�r sie fochten. Er sollte ihnen reinen Wein einschenken. Tarkon stieg auf ein Podest nahe dem Schiffsbaum, der seine �ste in den Leib des Wolkensammlers streckte und dessen Wurzeln bis in den letzten Winkel des Schiffes reichten. Hier konnten ihn die meisten M�nner vom Oberdeck sehen.</p><p>�Krieger, wir sind verraten worden! Drau�en vor dem Wasserfall erwartet uns der Feind. Die Himmelsreiter der Unsterblichen �berfallen in diesem Augenblick unsere St�dte. Sie morden Frauen und Kinder. Vielleicht sind wir die Letzten, die noch Widerstand leisten. Noch nie konnten die Tyrannen, die sich Unsterbliche nennen, es ertragen, dass es M�nner gibt, die frei denken und handeln. Deshalb sind sie hierhergekommen. Doch die Freiheit stirbt niemals! Und noch sind wir nicht besiegt! Nun werden wir ihnen zeigen, wie freie M�nner k�mpfen, und sie wieder einmal das F�rchten lehren! Sieg oder Tod!�</p><p>�Sieg oder Tod!�, nahmen die M�nner seinen Schlachtruf auf. �Sieg oder Tod!�, hallte es durch die weite Hafenh�hle.</p><p>Der Wolkensammler l�ste die letzten Tentakel, mit denen er sich an den Ankerbalken festgeklammert hatte.</p><p>Tarkon trat zum Schiffsbaum, legte seine Hand auf die von tiefen Furchen durchzogene Rinde und schloss die Augen.</p><p><emphasis>Eine sch�ne Rede war das</emphasis>. Die Stimme des Wolkensammlers schmeichelte sich in seine Gedanken. <emphasis>Du hast die Moral deiner M�nner wieder aufgerichtet, aber ich f�rchte, zu sp�t. War sie das wirklich wert? Warum hast du auf dein Weibchen so lange gewartet?</emphasis></p><p>�Wenn ich das mit euch Wolkensammlern richtig verstanden habe, k�nnt ihr euch aus euch selbst heraus fortpflanzen. Ihr seid beides, M�nnchen und Weibchen, das ist doch richtig?�</p><p><emphasis>Sternenfresser</emphasis> sagte nichts, doch Tarkon sp�rte die Zustimmung des riesigen Gesch�pfs, w�hrend es langsam dem Wasserfall entgegenglitt.</p><p>Tarkon l�chelte und klopfte mit der flachen Hand auf die Rinde des Schiffsbaums. �Genau deshalb wirst du niemals verstehen, warum ich auf Zarah und meine Kinder gewartet habe. Ganz gleich, wie viele Worte ich aufbiete, es �berschreitet deinen Horizont.�</p><p>Rubal, der den Worten gelauscht hatte, sah ihn besorgt an. �Das ist kein guter Zeitpunkt, um ihn zu ver�rgern�, fl�sterte der Flottenmeister.</p><p>�Ist er jemals nicht ver�rgert?� Tarkon stieg von dem Podest herunter und eilte dem Bug des Schiffes entgegen. Dort waren nebeneinander drei schwere Torsionsgesch�tze aufgestellt, die Steine, gro� wie ein Brustkorb, verschossen. �Hast du je einen Wolkensammler erlebt, der Gefallen daran findet, seine Artgenossen umzubringen?�</p><p>�Vielleicht haben ihn seine Br�der ge�rgert, als er noch ein kleiner Luftsack war und einem Adler zum Fr�hst�ck gen�gt h�tte.�</p><p>�So wie sich <emphasis>Sternenfresser</emphasis> auff�hrt, h�tten sie ihn dann wohl mehr als nur ein bisschen ge�rgert.�</p><p>Der Wolkensammler presste seine Fl�gel eng an den Leib und streckte Tentakel nach dem H�hleneingang aus. Die Fleischstr�nge spannten sich.</p><p>Tarkon griff nach der Reling. �Festhalten, M�nner!�, schrie er laut heraus, wohl wissend, wie die Bestie den sch�tzenden Hafen verlassen w�rde.</p><p>Wie ein Pfeil von der Sehne schnellte der Wolkensammler vor. Er brach durch den Schleier des Wasserfalls. Licht blendete Tarkon. Zun�chst sah er nur unf�rmige Schemen, dann kl�rte sich sein Blick, w�hrend Rubal neben ihm Kommandos rief.</p><p>�Gesch�tze voraus ausrichten! Nehmt das vorderste Schiff unter Beschuss. Zielt auf die Bugbatterie!� Zahnr�der drehten sich klackend, als die Steinschleudern in der H�he justiert und ein wenig nach steuerbord ausgerichtet wurden.</p><p>Sie rasten mit hoher Fahrt dem Wolkensammler, der direkt vor ihnen lag, entgegen. Steuerbord und backbord von ihm trieben weitere Schiffe, ein viertes und f�nftes leicht versetzt �ber ihnen.</p><p>Mit dumpfem Grollen rollten die Steine �ber die F�hrungsschienen der Torsionsgesch�tze. Tarkon sah die Splitter, die sie aus dem Rumpf des Wolkenschiffes vor ihnen rissen. Eines der Geschosse flog dicht �ber das Deck hinweg und zerfetzte Wolkenschiffer und Bogensch�tzen.</p><p>Wie Faustschl�ge auf rohes Fleisch klangen die Treffer, die ihr Wolkensammler einsteckte. Doch er zuckte nicht zur�ck. Stattdessen schnellten zwei seltsam aussehende Tentakel <emphasis>Sternenfressers</emphasis> nach oben. Im Gegensatz zu seinen �brigen Fangarmen erinnerten sie an jene dicken Adern, die man oberhalb des Herzens fand, wenn man ein Schaf schlachtete. Beide drangen sie tief in die zwei Wolkensammler zu ihren Seiten ein. Warum griff <emphasis>Sternenfresser</emphasis> nicht den Wolkensammler unmittelbar vor ihnen an?</p><p>Das Schiff, dem sie entgegentrieben, wendete sanft, sodass es ihnen seine Breitseite zeigte und mehr Katapulte gegen sie zum Einsatz bringen konnte.</p><p>Pfeile prasselten rings um Tarkon nieder. Ein Wolkenschiffer, der mit einem Kameraden einen Korb mit einem gro�en Stein getragen hatte, ging schreiend in die Knie. Tarkon nahm die Stelle des Gefallenen ein und half, die massige Steinkugel auf die F�hrungsschiene des Gesch�tzes zu wuchten, w�hrend der Rest der Besatzung an den Hebelr�dern drehte, um die Arme der Steinschleuder erneut zu spannen.</p><p>Rubal trat an seine Seite und sch�tzte ihn mit einem gro�en, wie eine Acht geformten Schild. Zwischen den Gesch�tzen tummelten sich nun auch einige ihrer Bogensch�tzen. Sie zielten auf das Oberdeck des feindlichen Schiffes, das kaum f�nfzig Schritt entfernt war.</p><p>Deutlich konnte Tarkon sehen, wie sich mit Federn geschm�ckte Krieger fertig machten, um ihr Schiff zu entern, sobald sie Bord an Bord lagen. Einige dunkle Gestalten huschten zwischen den K�mpfern. Sie waren in schwarze Felle gekleidet und trugen Helme, die an Jaguark�pfe erinnerten.</p><p>Tarkon fluchte stumm. Ausgerechnet ein Schiff der Zapote. Er kannte den Ruf, den diese schwarzen Bestien hatten. Gegen jeden anderen h�tte er lieber gek�mpft.</p><p>Wieder rollten die Steinkugeln grollend davon und sausten dem Schiff vor ihnen entgegen, das mit einer Breitseite aus mindestens zehn Gesch�tzen antwortete. Im n�chsten Augenblick verwandelte sich das Deck um ihn herum in ein Chaos aus fliegenden Holzsplittern. Schreiende Verwundete krochen bet�ubt von den Treffern �ber Deck und tasteten nach abgetrennten Gliedma�en, die zwischen den Gl�cklicheren lagen, die auf der Stelle get�tet worden waren.</p><p>Tarkon sah einen Wolkenschiffer, dem beide F��e weggerissen worden waren, neben seinem Gef�hrten weiterhinken, mit dem er einen Korb mit einer behauenen Steinkugel trug.</p><p>Der Himmelspirat wischte sich Blut aus dem Gesicht. Eines der drei Gesch�tze war getroffen und aus der Verankerung an Deck gerissen worden. Ein Wolkenschiffer, der unter dem schweren Holzrahmen eingequetscht lag, schrie gellend nach seiner Mutter.</p><p>Tarkon stieg �ber den Mann hinweg und half an einem der Hebelr�der der verbliebenen Gesch�tze aus. Beide Schiffe waren sich jetzt so nah, dass sich die Tentakel der Wolkensammler zu bek�mpfen begannen und vereinzelt Pechv�gel von Deck rissen und in die Tiefe schleuderten.</p><p>Zwischen den Fleischstr�ngen hindurch sah Tarkon die beiden Wolkenschiffe schr�g �ber ihnen, die <emphasis>Sternenfresser</emphasis> zuerst angegriffen hatte. Beide Himmelsrochen sahen aus wie Ziegenlederschl�uche, aus denen bereits die H�lfte des Wassers ausgelaufen war. Blut spr�hte in Font�nen aus den Flanken der Himmelsgiganten, w�hrend sie selbst in der kurzen Zeit, die Tarkon zu ihnen aufblickte, noch weiter zusammenschrumpelten. Die Schiffe, die sie trugen, hatten bereits Schlagseite bekommen. Nicht vert�utes Frachtgut st�rzte �ber Bord.</p><p>Er w�nschte sich, so ginge es dem Gegner, der unmittelbar vor ihnen lag. Dann w�re jetzt der Weg frei, um durch die Linie der Feinde zu brechen. Aber <emphasis>Sternenfresser</emphasis> zog es vor, sich im Gemetzel Wolkensammler gegen Wolkensammler zu bew�hren. Dass dies bedeutete, dass sie geentert w�rden, war ihm offensichtlich egal. An die Besatzung aus Menschen, die er trug, verschwendete er wohl keinen Gedanken.</p><p>Die beiden verbliebenen Buggesch�tze schossen trotzig auf den Feind. Eine Geste, die eine weitere Salve der Zapote herausforderte. Wieder schlugen die Kugeln blutige Gassen. Eine flog so dicht an Tarkon vorbei, dass er den Luftzug auf dem Gesicht sp�rte. Dem Mann, der neben ihm am Hebelrad stand, fehlte pl�tzlich der Kopf.</p><p>�Du musst hier weg!�, schrie Rubal ihm ins Ohr.</p><p>Tarkon sch�ttelte trotzig den Kopf. Bisher hatte er immer dort gek�mpft, wo es am gef�hrlichsten war. Das w�rde er in seiner letzten Schlacht nicht �ndern.</p><p>Steine, gro� wie Taubeneier, prasselten dicht wie Hagelschlag auf sie nieder. Entlang der Reling des Flugdecks der Zapote hatten �ber hundert Krieger Stellung bezogen, die mit Lederschlingen Steine auf sie schleuderten. Tarkon w�nschte, er h�tte seinen Helm mitgenommen. Er wusste zu gut, was Treffer mit solchen Steinen anrichten konnten. Sie waren genauso t�dlich wie Schwerthiebe.</p><p>Ein Fangarm schwang �ber ihn hinweg. Der Himmelspirat trat zur�ck und zog sein Schwert. Die beiden Schiffe hatten sich auf weniger als zehn Schritt gen�hert. Ein abgetrennter Fangarm streifte ihn. Blut und Schleim spritzten �ber das Deck. Kleine Jungen, kaum zw�lf, schleppten Eimer mit Sand heran und streuten ihn �ber das Deck, damit der Boden nicht zu schl�pfrig f�r die K�mpfer wurde.</p><p>Pl�tzlich stie� <emphasis>Sternenfresser</emphasis> schrille, pfeifende Laute aus. Goldgelbe, dampfende Fl�ssigkeit troff dicht an der Reling vorbei von seinem R�cken. Handgro�e Hautfetzen glitten durch den dampfenden Vorhang.</p><p>�Siedendes �l�, keuchte Rubal.</p><p>Die Schmerzenslaute des Wolkensammlers wurden noch h�her, noch dringlicher. Er zuckte zur�ck. Tarkon sah, wie Tentakel zum Durchgang hinter dem Wasserfall griffen. Die Bestie, die ihr Schlachtschiff trug, versuchte, sich in die Sicherheit des H�hlenhafens zur�ckzuziehen.</p><p>Brandpfeile zogen d�nne Rauchfahnen durch den stahlblauen Morgenhimmel. �ber ihnen war ein Ger�usch zu h�ren, als w�rde ein St�ck Fleisch in eine hei�e Pfanne gelegt.</p><p>Eine weitere Salve schwerer Steinkugeln schmetterte in den Schiffsrumpf und ihren Wolkensammler. Die Kn�uel k�mpfender Tentakel trennten sich.</p><p>D�nne Rinnsale aus Flammen troffen vom R�cken <emphasis>Sternenfressers</emphasis>. Als sie durch den Schleier des Wasserfalls glitten, zischte es und Dampfwolken waberten zum Deck hinab. Dann umfing sie das sch�tzende Zwielicht der Hafenh�hle.</p><p>Tarkon st�tzte sich m�de auf die Tr�mmer des zerst�rten Gesch�tzes. �Ich brauche einen Bericht, wie viele M�nner wir verloren haben und wie stark das Schiff besch�digt ist.� Er blickte zum Ge�st des Schiffsbaums, das von Geschossen zerfetzt war. �Ich werde mit <emphasis>Sternenfresser</emphasis> sprechen, wie es ihm geht. In der Nacht werden wir noch einen Ausbruchsversuch wagen.�</p></section><section><title><p>Ohne Ruhm</p></title><p>Necahual blickte auf die Tr�mmer der beiden abgest�rzten Schiffe. Die Kadaver der Wolkensammler, die sie einst getragen hatten, verdeckten sie halb. Wie riesige Leichent�cher wirkten die Hauts�cke, die alles waren, was von zwei stolzen Himmelsrochen geblieben war. Selbst jetzt, wo ihr erstes Scharm�tzel seit mehr als drei Stunden beendet war, sp�rte der Unsterbliche die Emp�rung und den Schrecken seines Wolkensammlers, auch ohne mit ihm direkt in Verbindung zu stehen.</p><p>Er hatte diesen Kampf gew�hlt, weil er den Ruhm ernten wollte, Tarkon zur Strecke gebracht zu haben, dachte er bitter. Stattdessen hatte er Schande auf sich geladen. Trotz vielfacher �bermacht hatte er den Himmelspiraten nicht besiegt, sondern lediglich in sein Versteck zur�ckgetrieben. Ganz sicher w�rde Tarkon im Schutz der Nacht einen zweiten Ausbruchsversuch wagen. Doch mit ein wenig Gl�ck w�rde er das vereiteln. Was er zu tun gedachte, war zwar nicht ruhmreich, aber effektiv.</p><p>Necahual trat an den Rumpf seines Schiffes, das <emphasis>Tanzende Schneeflocken unter Wintermonden</emphasis> trug. Er blickte �ber die Narben, die Tarkons Geschosse hinterlassen hatten. Die Toten waren fortgeschafft, das Deck war gewischt, doch das Blut hatte dunkle Schatten auf dem Holz hinterlassen. Ebenso wie ein Schatten auf der Seele seines Wolkensammlers verblieben war.</p><p>Der Unsterbliche legte die Hand auf einen Wurzelstrang des Schiffsbaums, der sich in die Reling gegraben hatte. Er hoffte darauf, Verbindung zu <emphasis>Tanzende Schneeflocken unter Wintermonden</emphasis> aufzunehmen. Er brauchte ihn. Brauchte, dass er den anderen Wolkensammlern sagte, was zu tun war.</p><p>�Willst du deine toten Br�der r�chen?� Necahual sprach langsam und leise, betonte jede Silbe �berdeutlich. �Willst du den bestrafen, der das getan hat?�</p><p><emphasis>Rache ist kein Teil unseres Denkens��</emphasis></p><p>�Dann wirst du also erlauben, dass es wieder geschieht?�</p><p>Schweigen.</p><p>Necahual lauschte auf die Rufe der M�nner, die in den zerschmetterten Wracks nach �berlebenden suchten. Er selbst war dort unten gewesen. Hatte geholfen, Verletzte zu bergen. Nicht viele hatten den Sturz aus dem Himmel �berstanden. Vor allem hatte er sich die toten Wolkensammler angesehen. Er hatte ihre Haut aufgeschnitten, um zu verstehen, was mit ihnen geschehen war. Es gab kein Fleisch mehr, keine Blasen, in die jene Gase eingeschlossen waren, die die Wolkensammler schweben lie�en. Alles hatte sich zu einem d�nnfl�ssigen Brei aufgel�st, der �berall rings um die toten Himmelsgiganten verspritzt war.</p><p>Das Gift, das dies angerichtet hatte, w�rde die Herrschaft der Wolkensammler �ber die Himmel Nangogs beenden. Kaum dass sie sich eine Waffe geschaffen hatten, die den Drachen der Daimonen trotzen konnte, hatten sie diese Waffe auch schon wieder verloren. Die �ra der Wolkensammler war beendet, wenn sich herumsprach, wie dieses Gift zu brauen war, das Tarkons Wolkensammler in seine Br�der gepumpt hatte.</p><p><emphasis>Was willst du tun?</emphasis></p><p>Necahual war �berrascht, dass <emphasis>Tanzende Schneeflocken unter Wintermonden</emphasis> ihn noch einmal in Gedanken ansprach. Er deutete auf die m�chtige Felsnadel �ber dem Wasserfall. Arbeiter waren dort zugange. Aber sie w�rden viel zu lange ben�tigen, um das zu erreichen, was der Unsterbliche im Sinn hatte.</p><p>�Es gibt keine Felsspalten auf der Hochebene dieses Plateaus. Soweit ich wei�, f�hrt nur ein einziger Tunnel dorthin. Und es gibt den Ausgang hinter dem Wasserfall.�</p><p>Wieder schwieg der Wolkensammler lange Zeit. Necahual wollte sich schon abwenden, um sich anderen Pflichten zu widmen, als schlie�lich doch noch eine Antwort kam. <emphasis>Ich verstehe. Tun wir es jetzt. Meine Br�der werden helfen.</emphasis></p><p>Ohne einen Befehl erhalten zu haben, schwebte er n�her an den Wasserfall heran. Alle Wolkensammler in der N�he des Tafelbergs folgten ihm. Sie streckten ihre st�rksten Tentakel nach dem Felsturm. Fleischstr�nge, so dick wie M�nnerleiber. Mehr als ein Dutzend der Himmelsgiganten hatte sich <emphasis>Tanzende Schneeflocken unter Wintermonden</emphasis> angeschlossen.</p><p>Die Arbeiter, die mit Hacken den Fu� des Felsturms bearbeitet hatten, flohen in Panik, als das Gestein zu knirschen begann.</p><p>Die Wolkensammler schlugen mit ihren weit ausgreifenden Schwingen. Kraftvoll, zornig. Staub und Ger�ll ergossen sich in Sturzb�chen aus Spalten der verwitterten Felsnadel.</p><p>Necahual sah, wie Tentakel von innen durch den Wasserfall griffen. Der Feind musste mitgeh�rt haben, was die Wolkensammler abgesprochen hatten.</p><p>Pl�tzlich neigte sich die Felszinne leicht zur Seite. Schwere Felsbrocken st�rzten von ihrem Fu� in den Wasserfall. Dann geriet der ganze Felsturm ins Rutschen. Er st�rzte vor den Eingang des verborgenen H�hlenhafens. Eine Wolke aus Staub rollte Necahual entgegen und nahm ihm die Sicht.</p></section><section><title><p>Das Fell des L�wen</p></title><p>Es war also vor�ber, dachte Artax. So viele Jahre hatte Tarkon sie besch�ftigt. War unauffindbar, ihnen immer einen Schritt voraus. Und nun w�rde ihm sein Versteck zum Mausoleum werden.</p><p>�Du bist sicher, dass er von dort nicht entkommen kann?�, fragte Labarna misstrauisch. Der Herrscher Luwiens trug ein sch�biges, altes Wolfsfell um seine Schultern, das in seltsamem Gegensatz zur pr�chtigen R�stung eines Unsterblichen stand. Artax kannte keinen Mann, der gr��er als Labarna war. Er war wahrlich ein H�ne unter den Menschen. Den Kopf hatte der Herrscher sich kahl geschoren, nur zwei lange Z�pfe an seinen Schl�fen waren von seinem Haar geblieben. Er sah zum F�rchten aus, aber er war gerecht.</p><p>�Wir haben einen geheimen Tunnel gefunden, der von Tarkons Palast zur Hafenh�hle f�hrt. Der Tunnel wird bewacht. Durch ihn ist niemand gekommen�, erkl�rte Arcumenna.</p><p>�Und wenn es weitere Tunnel gibt?�, mischte sich Subai ein. �Dein Spitzel hat sich geirrt.� Der Unsterbliche der Ischkuzaia sah an Artax vorbei zu Hauptmann Lamgi. �Vielleicht hat er sich ja auch noch in anderen Dingen geirrt?�</p><p>�In welchen?�, fragte Artax herausfordernd. Er konnte Subai nicht leiden. Shaya h�tte an seiner Stelle herrschen sollen. Nat�rlich w�re das nie geschehen, selbst wenn dieser intrigante Drecksack beizeiten gestorben w�re. Nie war eine Frau eine Unsterbliche geworden. Dabei w�re Shaya so unendlich viel geeigneter.</p><p>�Er hat zum Beispiel vergessen, uns zu sagen, was dieser verdammte Wolkensammler Tarkons so alles kann�, fuhr Subai fort. �Ich w�rde mich wirklich gerne f�r eine Nacht oder zwei alleine mit deinem Hauptmann unterhalten.�</p><p>Nun sahen alle Unsterblichen Artax an. Sie waren unzufrieden. Sie hatten gesiegt. Aber es war nicht glorreich gewesen. In den sieben St�dten waren sie kaum auf Widerstand gesto�en. Nur Necahual hatte eine Schlacht schlagen m�ssen, und auch sie war anders verlaufen, als sie erwartet hatten. In gewisser Weise hatten sie sich mit der riesigen Flotte, die �ber den Tafelbergen schwebte, l�cherlich gemacht. Sie hatten einen L�wen aufgeboten, um eine Maus zu jagen. Aber das lag nicht an Lamgi. Sie waren es, die so versessen darauf gewesen waren, Tarkon zu stellen. Jeder Unsterbliche hatte an dem Ruhm teilhaben wollen, den ber�chtigten Himmelspiraten zu stellen. Und nun zeigte sich, dass, wenn sieben diesen Ruhm teilten, nichts mehr blieb.</p><p>�Wenn einer von euch einen solchen Wolkensammler bes��e, mit wie vielen M�nnern w�rde er dieses Geheimnis teilen?�, brach Artax schlie�lich die Stille.</p><p>Die Unsterblichen schwiegen weiter. Doch er gab ihnen Zeit, �ber seine Frage nachzudenken. Sie hatten sich auf dem Schiff, das <emphasis>Tanzende Schneeflocken unter Wintermonden</emphasis> trug, versammelt, dem Flaggschiff der Zapote. Deutlich sah man die Verw�stungen der Schlacht an Bord. Die Reling war von Steinkugeln zerfetzt. Die Tr�mmer der beiden abgest�rzten Schiffe lagen unter ihnen. Sie standen ganz vorne am Bug, sodass sie die Bergflanke, an der einmal der Zugang zu Tarkons H�hlenhafen gelegen hatte, deutlich sehen konnten. Riesige Felsbrocken, zwischen denen ein br�unliches Rinnsal zum Fu� des Tafelbergs floss, waren alles, was von dem Wasserfall und dem so geschickt versteckten Zugang zum Hafen geblieben war.</p><p>�Nun? Macht ihr es wirklich unserem Totentr�ger zum Vorwurf, dass er nicht in die gr��ten Geheimnisse Tarkons eingeweiht war? Wie h�tte er von dem Tunnel im Palast wissen sollen? Oder von den F�higkeiten von Tarkons Wolkensammler? Was st�rt euch wirklich? Dass das Fell eines L�wen, verteilt unter sieben Herrschern, eine ziemlich k�mmerliche Beute ist? Braucht ihr nun einen S�ndenbock? Wir sind Unsterbliche! Hier auf diesem Deck stehen die Herrscher �ber zwei Welten versammelt. Bitte sagt mir, dass wir nicht so klein sind!�</p><p>Volodi klatschte. Er war der einzige der Unsterblichen, der sa�. Artax hatte geh�rt, dass der Drusnier verwundet worden war. Es gab Ger�chte, dass er die R�stung der G�tter nicht mehr trug. Artax ahnte, warum.</p><p>�Bravo, mein Freund�, rief Volodi. �Er ist sich scharfsinnig wie immer. Ist hier sich noch jemand, der sich m�chten pflegen mit sich Eitelkeiten, oder wollen wir uns reden wie M�nner? Sehen wir sich Wahrheit in Auge. Dieser Sieg ist sich nicht nix gro�. Ich habe mir mich zwei Pfeile gefangen. Das war mich mein Lohn. Was wollt ihr euch geben?� Er grinste die anderen frech an. �Du, Arcumenna, hast dir dich Weib geholt, wie mich h�rte. Du redest hier nicht nix mehr. Deine Beute liegt sich schon in dein Bett.�</p><p>Auch wenn er zu viel trank und nur noch ein Schatten des Mannes war, der er einmal gewesen, mochte Artax Volodi immer noch unter allen Unsterblichen am liebsten. Er trug sein Herz auf der Zunge. Bei ihm musste er nie eine Intrige bef�rchten.</p><p>�Du versoffener, dreckiger���, setzte Arcumenna an, wurde aber von Labarna unterbrochen.</p><p>�Das gen�gt! Wir alle wissen, dass es wahr ist, was er sagt. Du hast deine Beute, Arcumenna. Du hast hier nichts mehr zu fordern.�</p><p>�Ich fordere, hierbleiben zu d�rfen.� Subai deutete mit der Reitgerte, die er stets bei sich trug, auf den Steinschlag. �Ich werde daf�r sorgen, dass dort nichts mehr hervorkriecht, was f�r immer begraben sein soll. Ich lasse die Tunnel verf�llen, die zum Himmelshafen f�hren. Meine Flotte bleibt hier, bis ich ganz sicher bin, dass es kein Schlupfloch mehr gibt, durch das Tarkon entfliehen kann. Und wenn dies getan ist, fordere ich f�r mich die Ehre ein, als Tarkons Bezwinger zu gelten. Ich bin dann der Mann, der f�r seinen Tod verantwortlich ist.�</p><p>�Ein dreckiger Leichenfledderer bist du, sonst nichts�, zischte Arcumenna.</p><p>Subai bedachte ihn mit einem abf�lligen L�cheln. �Ein Hurenbock glaubt, mir Vorhaltungen machen zu k�nnen? Du, der du���</p><p>�Das gen�gt!�, ging Aaron dazwischen. �Ich kann damit leben, Subai diesen Ruhm zu �berlassen. Wenn jemand Einw�nde hat, m�ge er jetzt sprechen. Dieses Gez�nk ist unser nicht w�rdig! Ich hoffe, ihr erinnert euch, wer ihr seid.�</p><p>�Ich bin der Einzige, der hier wirklich eine Schlacht geschlagen hat.� Ihr Gastgeber Necahual sah Artax herausfordernd an. �Ich fordere etwas.�</p><p>Der Unsterbliche seufzte leise. Warum war es nie einfach mit diesen Bastarden. �Und was?�</p><p>�Ich will die Daimonin, die am Tag unserer Abreise aus der Goldenen Stadt versucht hat, durch die Goldene Pforte zu schl�pfen. Ich m�chte sie in Anwesenheit meiner ruhmreichen Krieger dem Gefiederten opfern. Ich wei�, dass sie in deinen Kerkern gefangen gehalten wird, Aaron. Wirst du sie mir bei unserer R�ckkehr ausliefern?�</p><p>Es lag Artax auf der Zunge zu fragen warum, aber er ahnte, dass er eine Antwort erhalten w�rde, die nur f�r einen Zapote einen Sinn ergab, und so schwieg er. Kein anderer der Herrscher erhob Einspruch, obwohl die meisten Necahual verwundert ansahen.</p><p>�Sobald wir an den Ankert�rmen der Goldenen Stadt anlegen, wird sie dir �berstellt werden.� Artax hatte ein ungutes Gef�hl bei dieser Entscheidung. Unter allen Unsterblichen war Necahual derjenige, den er am wenigsten einzusch�tzen vermochte. Er hatte das Gef�hl, dass mehr hinter dieser Bitte steckte als nur ein Opferritual.</p></section><section><title><p>Ein leeres Herz</p></title><p>Ilmari h�rte dem endlosen Palaver der Unsterblichen nicht l�nger zu. Diesen Abend hatte er sich anders vorgestellt. Es war vollbracht. Alle Einwohner Tiefwassers waren auf das Flaggschiff des Unsterblichen Aaron gebracht. Sie waren in Sicherheit. Er wusste, dass es bei der Einnahme der anderen St�dte rau zugegangen war. Es hatte viele Tote gegeben, Gewaltexzesse jeglicher Art�� Er hatte geh�rt, wie die Hauptleute der anderen Unsterblichen sich mit ihren Untaten auch noch br�steten. Das Flaggschiff der Zapote war voller Krieger aus allen Teilen Daias. Und die meisten waren weitaus zufriedener als ihre Unsterblichen. Sie waren auf keinen nennenswerten Widerstand gesto�en, hatten gepl�ndert und sich alles genommen, was ihr Herz begehrte. F�r sie war heute ein guter Tag gewesen.</p><p>Doch Ilmari f�hlte sich leer. Er hatte es genossen, Solomon den Tod zu geben, den er verdient hatte. Doch dieses Hochgef�hl vermochte die Leere nicht zu f�llen, die der Tod seiner Kinder und Ummes in ihm hinterlassen hatte. W�ren sie nicht gestorben, er w�re in Tiefwasser geblieben und ein zufriedener Greis geworden. H�tte er w�hlen k�nnen, w�re dies das Leben gewesen, das er begehrt h�tte.</p><p>Aber er hatte keine Wahl gehabt. Nur seine Rache.</p><p>Er blickte in die Runde der streitenden Unsterblichen. Ein Hauptmann Aarons zu sein w�rde ihn nicht erf�llen. Auf Ansehen und Ehre legte er keinen Wert. Er hatte immer nach seinem ganz eigenen Begriff von Ehre gelebt. Was andere von ihm dachten, war ihm meist egal. Nur vor sich selbst wollte er bestehen.</p><p>Aber wie konnte er das noch? Einst hatte er einem Unsterblichen sein Wort gegeben, etwas f�r ihn zu tun. Dieses einst abgelegte Versprechen war ihm jahrelang egal gewesen. Doch nun, da ihm unm�glich war, der Mann zu sein, der er gerne gewesen w�re, der liebende Familienvater, welche Wahl hatte er da noch? Er konnte nur wieder der Mann sein, der er einst war, der kaltbl�tige M�rder. Wenn er dies akzeptierte, musste er auch dem Kodex des M�rders folgen. Sein Wort war alles. Und es gab noch einen Mord, den er versprochen hatte, f�r den er Geld genommen hatte, ohne ihn je auszuf�hren.</p><p>Ilmari trat einen Schritt von Aaron zur�ck. Dann noch einen. Niemand scherte sich darum. Er wurde hier nicht l�nger gebraucht. Wenig sp�ter verschwand er in der Menge der Hauptleute, Hofschranzen und Krieger. Es hatte einmal eine Zeit gegeben, in der er sich f�r den K�nig der Diebe gehalten hatte. Ob dies immer noch galt?</p></section><section><title><p>Bestohlen</p></title><p>Endlich waren sie alle fort! Necahual trat durch den Vorhang aus Perlschn�ren, der sein Schlafgemach von dem Teil seiner Kabine trennte, in dem er sonst seine Vertrauten und die Priester des Gefiederten empfing. Hierher aber kam niemand. Dieser Ort gew�hrte ihm die seltenen Momente der Abgeschiedenheit, die er so sehr brauchte, um das Raubtier in sich zu beruhigen. Er war ein Jaguarmann gewesen, und auch wenn er nun zum Unsterblichen erhoben war, w�rde dieser Teil in ihm nie vergehen. Er sehnte sich danach zu jagen, das Blut seiner Beute zu vergie�en. Viel zu lange hatte er das nicht getan. Ihn qu�lten Tr�ume voll ungestillter Gier. Niederringen konnte er dies nur, wenn er sich in die Einsamkeit eines gesch�tzten Ortes zur�ckzog und meditierte.</p><p>So viele Stunden unter Fremden zu sein, ihre Heucheleien zu ertragen, Gespr�che durchzustehen, in denen allenfalls eines von hundert Worten z�hlte, das war nicht seine Art. Zuletzt hatte er sich immer wieder vorgestellt, diesem niedertr�chtigen Arcumenna die Kehle herauszurei�en. Auch dieser Mann wurde von Trieben geleitet, so wie er. Doch dessen Trieb nach Frauen konnte Necahual nicht akzeptieren. Er wusste, dass auch einige seiner Jaguarm�nner diesen Begierden huldigten. Ihnen wurde <emphasis>Fleisch</emphasis> vorgeworfen. Frauen, die ihr Leben verwirkt hatten und deren einzige Aufgabe es noch war, den Jaguarm�nnern und Adlerkriegern zu Gefallen zu sein. Seine Schwester Quetzalli war nach ihrem ersten gro�en Verrat Fleisch gewesen. Er wusste, was das bedeutete. Er hatte die Narben auf ihrem Leib gesehen.</p><p>Mit einem Seufzer wandte er sich zu seiner Wand der stolzen Erinnerungen. Auch sie half ihm, dunkle Gedanken zu vertreiben und das Tier, das in ihm lauerte, niederzuringen. Dort stand seine Jaguar-R�stung, die er so viele Jahre wie eine zweite Haut getragen hatte. Er legte sie nur noch sehr selten an. Es ziemte sich nicht f�r einen Unsterblichen, stolz darauf zu ein, wie ein Tier werden zu k�nnen, aber er bereute auch nicht, was er getan hatte, als er noch diese R�stung getragen hatte.</p><p>Daneben ruhte auf einem Holzgestell eine Kopie des Stabs, den Quetzalli f�r ihren barbarischen Ehemann geschnitzt hatte. Necahual hatte nie verstanden, was sie an diesen goldhaarigen Dummkopf gebunden hatte. Aber in den letzten Tagen ihres Lebens hatte sie gehandelt wie eine Hohepriesterin des Gefiederten. Die Art, wie sie versucht hatte, Ungl�ck von ihrem Mann und seinem Reich abzuwenden, war selbstlos und mutig gewesen. Damit hatte sie all seinen �rger �ber sie ausgel�scht.</p><p>Sein Blick wanderte gerade weiter zum Sch�del des ersten Mannes, den er get�tet hatte, als er stutzte. Er sah noch einmal zu dem St�nder, auf dem die letzte Nachricht seiner Schwester lag. Auf dem Sockel des kleinen Holzgestells sollte der Dolch liegen, den Volodi ihm geschenkt hatte. Ein Geschenk zweifelhafter Intention. Immer wenn er diese Waffe ber�hrte, �berkam ihn das Gef�hl, dass etwas Dunkles mit ihr verbunden war. Vielleicht ein Fluch�� Vielleicht war sie auch nur f�r ruchlose Taten genutzt worden. Er trug sie nicht oft.</p><p>Nun war der Dolch verschwunden! Jemand war in seiner Abwesenheit in sein Allerheiligstes eingedrungen. Den einzigen Platz an Bord dieses Schiffes, der nur ihm geh�rte, den er mit niemandem teilte!</p><p>Er sp�rte, wie das Tier sich in ihm regte. Sp�rte, wie es danach verlangte, diesen Frevel durch Blut zu s�hnen. W�tend blickte er durch den Perlvorhang hindurch zur T�r, die auf den Flur f�hrte. Dort standen ausgesuchte M�nner, um �ber ihn und seinen Frieden zu wachen. Sie hatten versagt! Sie waren nichtsw�rdige��</p><p>Er lie� sich auf sein Bett nieder. Zorn war ein schlechter Ratgeber. Es war ganz gewiss unm�glich, an diesen Wachen vorbeizukommen. Der Dieb musste auf einem anderen Weg hierhergelangt sein.</p><p>Aufmerksam sah er sich in der kleinen Kammer um. Es gab zwei Fenster. Beide zu klein, als dass ein Mann oder auch nur ein Kind h�tte hindurchsteigen k�nnen. Vielleicht war ja ein Daimon gekommen?</p><p>Unruhig erhob er sich wieder. Eigentlich waren die Fenster zu seiner Kammer von au�en nicht zu �ffnen�� Er entriegelte das Fenster, das dem Holzgestell n�her lag, und untersuchte den Rahmen, in den d�nn gegerbte Tierhaut eingelassen war, sodass blasses Licht hindurchfallen konnte. Das Holz war durch die Witterung gedunkelt. Unten am Rahmen fand er eine leichte Schramme. Vielleicht war ein sehr schmaler Dolch durch den Spalt zwischen Rahmen und Bordwand geschoben worden, um von au�en den Sperrriegel zur Seite zu dr�cken. Und da war noch etwas�� Er beugte sich vor und griff mit spitzen Fingern danach. Ein Stofffetzen. Pr�fend rieb er ihn zwischen Daumen und Zeigefinger. Feines Leinen. Das war kein Stoff, wie ihn niedere Handlanger trugen. Es musste ein Hauptmann oder ein Hofbeamter gewesen sein, der sich am helllichten Tag an der Au�enwand des Wolkenschiffes abgeseilt hatte, um ihm den Dolch zu stehlen.</p><p>Was steckte dahinter? War dieser Einbruch etwa im Auftrag eines der Unsterblichen ver�bt worden? Sollte er dem nachgehen, oder war es am Ende vielleicht eine g�nstige F�gung des Schicksals, dass er diesen Dolch nicht mehr besa�?</p><p>In den n�chsten Tagen w�rde er keine Zeit haben, sich �ber den Dieb Gedanken zu machen. Auf der Reise hierher war ihm der Gefiederte erschienen und hatte ihm aufgetragen, die Daimonin zur Opferung in die Kerker des Tempels �berstellen zu lassen. Es w�re das Erste, worum er sich k�mmern w�rde, wenn er wieder in der Goldenen Stadt war. Er w�rde seinen Gott nicht entt�uschen! Allein das z�hlte jetzt!</p></section><section><title><p>In der Scheisse stehen</p></title><p>Sie senkten ver�ngstigt die K�pfe, als Artax das Flugdeck �berquerte. �berall waren sie jetzt, Fl�chtlinge aus den Himmelsst�dten Tarkons. Die meisten einfache Bauern. Ein B�ndel Decken, mehr war ihnen nicht geblieben. Er war auch einmal so gewesen. So lange war das nun her.</p><p>�Unsterblicher!�</p><p>Lamgi bewegte sich durch die Menge auf ihn zu. Er schien gehetzt. Artax seufzte. Dieser Tag sollte endlich zu Ende sein.</p><p>�Unsterblicher?�</p><p>Artax hob abwehrend die H�nde. �Was es auch ist, es wartet bis morgen!�</p><p>Lamgi blieb nicht stehen. Ja, er stie� die Fl�chtlinge grob zur Seite. Artax h�rte, wie eine Frau in seiner N�he �ngstlich vom Totentr�ger fl�sterte. Ver�rgert wandte er sich Lamgi zu. �Was es auch ist, es kann bis morgen warten�, sagte er entschieden.</p><p>Lamgi blieb stehen. Sein Blick schweifte �ber das Deck. Er wirkte wie ein Mann, der gerade aus einem schweren Traum erwacht war. Langsam nickte er. �Ihr habt recht, Unsterblicher. Bitte verzeiht, dass ich Euch bedr�ngt habe.�</p><p>Artax antwortete darauf nicht. Er war zu m�de. An Tagen wie diesen hatte er das Gef�hl, dass jeder Blick, der auf ihm ruhte, von seiner Lebenskraft zehrte. Und es sahen ihn Hunderte Fl�chtlinge an. Er stieg in den Bauch des Schiffes hinab, folgte Fluren, deren W�nde nur aus Segeltuch bestanden und durch die die Ger�che ungewaschener Krieger drangen. Schon ohne die Fl�chtlinge war sein Flaggschiff ein ungem�tlicher, hoffnungslos �berf�llter Ort. Aber jetzt�� Endlich, schon nahe dem Heck, wurden die Segeltuchw�nde durch Holz abgel�st. Hier waren die bedeutendsten Berater und Hauptleute untergebracht. Ganz am Ende des Ganges aber lag die rote T�r, die zu durchschreiten er sich schon seit Stunden gew�nscht hatte.</p><p>Seine Leibwachen blieben stehen. Die letzten Schritte tat er ohne Begleitung. Er drehte den schweren Messingring, und seine eigene kleine Welt tat sich auf. Seine Kaj�te war, gemessen an allen anderen Quartieren an Bord, von verschwenderischem Luxus. Sie erstreckte sich �ber die gesamte Breite des Schiffes und war sieben Schritt tief. Ein kleiner Palast mit gro�en Fenstern aus bleigefasstem Kristallglas.</p><p>Shaya erwartete ihn. Sie lag unbekleidet auf dem gro�en Bett vor den Fenstern. Und ohne an ihre Nacktheit zu denken, lie� sie mehrere Lampen brennen. Wolkenschiffe, die wom�glich hinter ihnen ankerten, w�ren Aussichtsplattformen auf alles, was in dieser Kaj�te geschah.</p><p>Sie sah von einem jener seltsamen B�cher auf, die sie so gerne aus den St�dten am Seidenfluss kommen lie�. Sie bestanden aus flachen, beschrifteten Knochen, die durch d�nne F�den miteinander verbunden waren. Ein unbedachter Betrachter mochte sie auf den ersten Blick f�r eine ausgerollte Fu�matte halten. Doch sie erz�hlten von den tieferen Geheimnissen der Heilkunst. Sie wurde niemals m�de, darin zu lesen, ebenso wie sie nie auf ihre t�glichen Waffen�bungen verzichtete. Sie war eine seltsame Frau. Den Tag �ber tat sie alles, um noch besser darin zu werden, Wunden zu schlagen, und ihre N�chte widmete sie der Kunst, Wunden zu heilen.</p><p>�Kein erfreulicher Tag, nicht wahr?�</p><p>Er l�chelte m�de und begann, an den Schn�ren seitlich seines Brustpanzers zu nesteln. Sie brauchte stets nur einen einzigen Blick, um seine Stimmungen einzusch�tzen.</p><p>�Wir haben Tarkon lebendig in seinem Berg begraben. Aber es w�re besser gewesen, seinen Kopf zu haben, um ihn herumzuzeigen. Dein nichtsnutziger Bruder wird hierbleiben, um den Berg zu bewachen.�</p><p>Sie lachte. �Wollen wir wetten, dass er darauf hofft, doch noch Tarkons Kopf zu bekommen? Sind die Tunnel zur Hafengrotte schon verf�llt?�</p><p>�Nein.�</p><p>Shaya erhob sich, um ihm zu helfen, seine R�stung abzulegen. �M�ge der Wei�e Wolf den Kriegern Ischkuzas gn�dig sein. Dir ist klar, was er unternehmen wird?�</p><p>Er nickte. �Subai wird versuchen, den Hafen zu st�rmen und sich seine Troph�e zu holen.�</p><p>�Warum bringen die verfluchten Daimonen ihn nicht um?�, schimpfte Shaya, w�hrend sie ihm den ge�ffneten Lederpanzer abnahm und an das Ger�st neben der T�r h�ngte.</p><p>�Den Daimonen ist klar, dass sie uns einen Gefallen t�ten. Ganz gleich, wer deinem Bruder folgt, er w�re ein besserer Herrscher.�</p><p>Sie schnaubte ver�chtlich. �Du kennst meine anderen Br�der nicht.�</p><p>Er �ffnete die mit Schnallen verschlossenen Schaftstiefel. �Manchmal denke ich, ich m�chte niemanden mehr kennenlernen. Ich bin schon viel zu vielen Menschen begegnet. Du glaubst gar nicht, wie sehr ich mich nach Belbek sehne. Nach einer kleinen Welt, in der ich jeden Menschen schon mein Leben lang kenne.�</p><p>�Du hast die Angewohnheit, gelegentlich von diesem Traum zu sprechen���</p><p>Er klatschte ihr mit der flachen Hand auf den Hintern. �Und du hast mal wieder eine viel zu scharfe Zunge.� Er hob die Arme. �Ich bitte um Gnade. Ich bin zu m�de f�r Wortgepl�nkel. Du hast gewonnen.�</p><p>�Ich bin eine Ischkuzaia. Das Wort Gnade kennt mein Volk nicht.�</p><p>Er lie� sich mit einem Seufzer r�cklings auf das Bett sinken, und sie zog ihm die Stiefel aus. �Ich w�rde gerne einen Boten zu den G�tterdrachen schicken.�</p><p>�Du willst sie f�ttern?�</p><p>�Kannst du heute gar nicht ernst sein?�, murrte er unwillig und lie� zu, dass sie ihm die enge Lederhose vom Leib zog. �Wir haben die Daimonen in drei gro�en Schlachten besiegt. Erst im Goldenen Netz, dann hast du diese Mannpferde verbrannt, und heute haben wir den liebsten Rebellen der schlafenden G�ttin besiegt. Es sieht nicht gut f�r sie aus. Zu verhandeln w�re klug.�</p><p>�Glaubst du, Echsen, ganz gleich wie gro� sie sind, denken wie Menschen? Sie werden eine gro�e Schlacht suchen. Ich bin sicher, sie haben begriffen, dass sie einen langen Krieg nicht gewinnen k�nnen. Also werden sie alles in einer einzigen, entscheidenden Schlacht wagen. Und wir waren so dumm, ihnen heute zu zeigen, wie m�chtig unsere vereinigten Flotten sind. Das wird ihnen helfen.�</p><p>Shaya ging zum Tisch in der Mitte des Raums und f�llte einen goldenen Becher mit Wein. Sie nippte kurz daran, dann reichte sie ihm den Trunk. �Was w�rdest du den G�tterdrachen denn anbieten, um ihnen einen Frieden schmackhaft zu machen. Einmal abgesehen von deinem Boten���</p><p>�Wir k�nnten uns langsam aus Nangog zur�ckziehen. Ich glaube, in zehn Jahren k�nnten wir es schaffen, jede Siedlung aufzugeben und allen, die hier sind, in ihrer Heimat wieder einen Platz zu geben.� Er kostete von dem Wein. Er schmeckte angenehm beerig. Vielleicht ein klein wenig zu s��.</p><p>�Daia kann ohne das Fleisch und Korn Nangogs nicht mehr leben�, bemerkte sie trocken.</p><p>�Nein!�, protestierte er leidenschaftlich und versch�ttete etwas vom Wein auf die Bettlaken. �Das ist die falsche Art zu denken. Wei�t du, warum es uns in der Heimat an Essen mangelt? Weil zu viele M�nner unter Waffen stehen und hierherkommen, um zu k�mpfen und um viel zu jung zu sterben. W�ren sie alle auf den Feldern, um als Bauern und Viehhirten zu arbeiten, dann w�rde daheim niemand hungern.�</p><p>�Du bist ein Bauer�, sagte sie mit einem L�cheln in der Stimme. �Aber es sind nicht Bauern, die die Geschicke der Welt lenken. Der Krieg wird weitergehen. Und die Drachen haben keine andere Wahl, als eine alles entscheidende letzte Schlacht zu suchen, solange ihre Heere noch stark genug sind. Ihnen l�uft die Zeit davon, und ich sage es noch einmal: Ich bin mir sicher, dass sie das wissen.�</p><p>�Dann w�re es doch umso vern�nftiger, wenn sie mit uns �ber Frieden verhandeln w�rden.�</p><p>�Vern�nftig�� ja. Aber ihr Stolz wird ihnen im Weg stehen. Und deine Unsterblichen werden auch keinen Frieden wollen. Wir haben zu lange gek�mpft und gelitten, um jetzt abziehen zu k�nnen.�</p><p>�Aber es wird nur immer mehr Tote geben�, begehrte er auf.</p><p>�Dreh dich auf den Bauch.� Shaya kniete sich neben ihn auf das Bett. �Vergiss die Zukunft f�r heute Nacht. Sie wird mit all ihren Daimonen auch morgen noch auf dich warten.� Ihre Hand fuhr sanft seinen R�cken hinab.</p><p>Artax sp�rte, wie sich ihr Gewicht verlagerte und sie nach dem kleinen Tiegel neben dem Bett griff. K�hles �l tropfte auf seine Schultern, und sie begann, kraftvoll seine verspannten Schultern durchzukneten. Fast augenblicklich sp�rte er, wie die Last des Tages von ihm abfiel. Ihre starken H�nde fanden die Knoten in seinen Muskeln und bearbeiteten sie.</p><p>�Wovon tr�umst du?�, fragte sie pl�tzlich.</p><p>�Von dir�, entgegnete er schl�frig.</p><p>�Das wei� ich. Aber wovon noch? Wenn du dir einen Wunsch erf�llen k�nntest, m�chtigster Herrscher der Menschheit, was w�re das? Und komm mir jetzt nicht mit Frieden. Diesmal geht es nur um dich.�</p><p>�Ein Geh�ft. Weit drau�en auf dem Land. Am Rand eines kleinen Dorfs. Ich habe es vermisst, mit nackten F��en in warmem Mist zu stehen.�</p><p>Shaya hielt in ihrer Massage inne. �Was? Du hast vermisst, in Schei�e zu stehen?�</p><p>Er nickte. �Ein wohliges Gef�hl. Wenn sich der Dung weich und warm zwischen die Zehen schiebt. Und Dung ist ein Schatz. Er macht die Felder fruchtbar.�</p><p>�Ich k�nnte hundert Jahre alt werden und w�rde euch M�nner niemals verstehen. Davon tr�umen, durch Schei�e zu wandern, w�hrend man mit einer wundersch�nen Frau im Bett liegt.� Sie versetzte ihm einen Klaps auf den Hinterkopf. �Wovon tr�umst du sonst noch?�</p><p>�Frisch geerntete Oliven und selbstgemachter Ziegenk�se.� Allein bei der Erinnerung an die K�stlichkeiten lief Artax das Wasser im Munde zusammen. Seit Jahren wurden ihm die besten Speisen aufgetischt, aber nichts, was er je bekommen hatte, konnte es mit einem Mahl aus eigener Ernte aufnehmen. Er vermisste das. Auch den Duft von frischen Fladenbroten, der aus Erd�fen aufstieg.</p><p>�Ich werde also zur B�uerin, wenn du dir jemals deine Tr�ume erf�llst.�</p><p>Artax drehte den Kopf und sah sie �ber die Schulter hinweg an. Er wusste, wie die nomadischen Ischkuzaia �ber Bauern dachten. In ihren Augen waren sie allesamt geizige Betr�ger. �Es ist ja nur ein Traum���</p><p>�Wenn du ein Gest�t hast und wir auch Pferde z�chten, komme ich mit dir. Und du bekommst alle Schei�e geschenkt, die meinen stolzen R�ssern vom Arsch f�llt.� Sie l�chelte. �Glaubst du, ich w�rde dich jemals verlassen? Dazu war mein Weg zu dir zu lang.�</p></section><section><title><p>Das Verborgene</p></title><p>Das war es! Es war so einfach, dachte der Dunkle ern�chtert. So selbstverst�ndlich, dass er es all die Tage �bersehen hatte. Er schloss sein Verborgenes Auge. Sein Kopf schmerzte. Sein m�des Haupt ruhte auf seinen gekreuzten Vorderpranken. Vor ihm, auf einem kleinen, mit Intarsien geschm�ckten Tischchen, lagen die beiden Ringe, die sein Bruder Emerelle und Meliander geschenkt hatte. Er war brillant, sein goldener Bruder, das musste er ihm zugestehen.</p><p>So viele Stunden hatte er das verschlungene Zaubergewebe studiert. Er war kurz davor gewesen aufzugeben. Die ganze Zeit hatte er nach dem Besonderen gesucht und dabei das Gew�hnliche g�nzlich �bersehen. In jedes der Schwerter f�r ihre Drachenelfen hatten sie nicht nur einen Zauber gewoben, der es zur�ckbrachte, sollte sein Besitzer im Kampf sterben. Es gab auch einen Zauber, der es erlaubte, das Schwert ausfindig zu machen, ganz gleich, wo es sich befand. Dieser Zauber war es, der neben allen Schutzzaubern in den Ringen steckte. Er war so simpel und grundlegend, dass Nachtatem ihn �bersehen hatte. Legten die Kinder die Ringe an, w�rde sein goldener Bruder sie finden, ganz gleich, wohin sie gingen.</p><p>W�rde er nun versuchen, diesen Zauber zu bannen, w�rde er alle anderen besch�digen. Es war so aussichtslos, wie einen einzelnen Faden aus einem Spinnennetz ziehen zu wollen, ohne das Netz zu sch�digen.</p><p>Wie sollte er diesen Zauber umlenken? Ihm fiel nichts ein, und so lauschte er dem Murmeln seiner Gazala, der Orakel, die ihn in seiner H�hle tief unter der Pyramide umgaben. Ohne Unterlass raunten sie von den zahllosen m�glichen Zuk�nften der Welt. Viele von ihnen waren unheilvoll. Und Nandalees Kinder spielten eine bedeutende Rolle. Sie brauchten Schutz. Das war der Grund, weshalb Nachtatem z�gerte, ihnen die Ringe einfach zu verweigern!</p><p>Der Erstgeschl�pfte schloss die Augen und lie� seine Gedanken schweifen. Die gro�e Schlacht war etwas, wovon die Gazellenfrauen immer h�ufiger sprachen. Sie nahte. Und sie mochte den Untergang Albenmarks bringen. Das alles verschlingende Feuer war etwas, wovon immer wieder die Rede war. Aber er verstand es nicht. Was f�r ein Feuer sollte das sein? Selbst wenn er und all seine Br�der ihren Flammenodem vereinten, wie sie es �ber Selinunt getan hatten, w�rde keine Flamme entstehen, die alles verschlang.</p><p>�Erhabener?�</p><p>Nachtatem blinzelte. Firaz war vor ihn getreten. Sie vermochte sich erstaunlich lautlos zu bewegen.</p><p>�Erhabener, Ihr d�rft nicht l�nger z�gern. Die gro�e Schlacht steht unmittelbar bevor. Handelt, statt darauf zu warten, dass unsere Worte mehr Klarheit schaffen. Wenn die Zukunft Gegenwart geworden ist, ist alle Hoffnung verloren, sie zu ver�ndern.�</p><p>Gro�e Worte, dachte er bitter. Darin waren sie gut, die Gazala. Sie waren es ja nicht, die ihr Gewissen unter dunklen Taten begruben. Er reckte sich. Nat�rlich hatte Firaz recht. Wenn er nicht agierte, �berlie� er die Zukunft seinem Bruder.</p><p>Wieder musste er an all die Prophezeiungen denken. Das Schicksal dreier Welten lag in der Schwebe. Jede einzelne von ihnen konnte in den n�chsten Wochen untergehen. Alles hing von den Entscheidungen der n�chsten Tage ab.</p><p>Wenn die Kunde von den Goldh�uptigen zu seinen Br�dern gelangte, war es zu sp�t. Noch eines der Mirakel seiner Gazala. Er hatte keine Ahnung, wer die Goldh�uptigen sein sollten. Das Einzige, was er wusste, war, dass, sobald ihr Geheimnis aufgedeckt wurde, die Herrschaft der Vernunft endete. Dann w�rde seine Zukunft den dunkelsten aller Wege nehmen.</p><p>In Stunden wie dieser w�nschte Nachtatem sich, er h�tte die Gazala nie erschaffen. Ihre Orakelspr�che nahmen ihm die Freiheit, die der Ahnungslose besa�, sein Schicksal zu gestalten.</p></section><section><title><p>Ein anderes Leben</p></title><p>Nachdenklich strich Hornbori �ber die verkohlte Oberfl�che der Werkbank, auf der ihm einst ein Gemisch aus Drachenblut und Koboldk�se aus Drashnapur seine ber�hmte Drachenfaust beschert hatte. Seine unverwundbare Hand, die ihm schon manches Mal das Leben gerettet hatte. Das erste Mal an jenem Tag, an dem Galar versucht hatte, ihm einen Eisendorn in die Stirn zu rammen.</p><p>Er beobachtete den stinkenden Schmied, der ganz und gar in seinem Element war, w�hrend er zwei Dutzend Arbeitern das Leben sauer machte. Galar hatte die M�nner in zwei Gruppen aufgeteilt. Die einen r�umten die unbrauchbaren Tr�mmer aus der Werkstatt, w�hrend die anderen damit begonnen hatten, die H�hle zu erweitern, und mit Spitzhacken, Brecheisen und schweren H�mmern an der Westwand arbeiteten.</p><p>Ein ohrenbet�ubendes Get�se herrschte. Schlimmer als auf einem Schlachtfeld. Immer wieder hielt Galar die M�nner, die den Schrott forttrugen, auf und beharrte darauf, die unm�glichsten Gegenst�nde doch noch zu behalten. Gerade holte er ein halb geschmolzenes, in Spiralen gewundenes Kupferrohr zur�ck, das wohl einmal zu einer Destille geh�rt hatte.</p><p>Galar war verr�ckt! Aber das war er ja immer schon gewesen. Und verr�ckt musste man auch sein, wenn man sich mit den Himmelsschlangen anlegen wollte. Also war er genau sein Mann.</p><p>�Galar?� Zu Hornboris nat�rlichen Gaben geh�rte eine wahrlich mannhafte Stimme. Er �bert�nte den L�rm der Arbeiter m�helos. Der Schmied wandte sich zu ihm um.</p><p>�Was���</p><p>Hornbori sah, dass Galar das Wort Schisser auf der Zunge lag. Aber der Schmied beherrschte sich. Vielleicht hauste doch noch ein Hauch von Vernunft in seinem Dicksch�del.</p><p>�Ich hab etwas f�r dich.� Er hob die schwere Ledertasche hoch, die er aus den Ehernen Hallen mitgebracht hatte. Die Tasche, die bis zu diesem Augenblick niemand au�er ihm hatte ber�hren d�rfen.</p><p>Die Arbeiter hielten bei ihren Verrichtungen nicht inne. Ja, Hornbori hatte den Eindruck, dass einige von ihnen erleichtert waren, dass ihr Sklaventreiber abgelenkt war.</p><p>�Ich hab jetzt keine Zeit f�r Gelaber. Ich will auch nichts �ber Politik h�ren.�</p><p>�In dieser Tasche steckt der interessanteste Teil unserer Zukunft.� Hornbori sprach mit gesenkter Stimme. Bei dem L�rm, den die Steinhauer veranstalteten, konnte er sich sicher sein, dass ihn niemand au�er Galar h�rte.</p><p>�Hier drinnen sind unsere Mitbringsel aus Glamirs Turm. Alle! Mehr als diese Pfeil- und Speerspitzen gibt es nicht mehr. Aber es sind mehr als genug, um die Tyrannen vom Himmel zu holen.�</p><p>�Du �berraschst mich.� Ein Hauch von Misstrauen lag in Galars Stimme.</p><p>�Du und Nyr, ihr seid die Henker. Ihr sollt nicht zu mir kommen und um euer Werkzeug bitten m�ssen, wenn ihr es braucht. Ich w�rde vorschlagen, du versteckst diese Kleinode im verborgenen Tunnel in deinem Brunnen, sobald deine Handlanger gegangen sind.�</p><p>Galar sah ihn nachdenklich an. �Vielleicht wei� ich noch ein besseres Versteck.�</p><p>�Wie du meinst.� Hornbori zuckte mit den Schultern. �Du entscheidest, wo du sie l�sst.� Er war froh, diese Waffen nun los zu sein. Er w�rde es ganz sicher so einrichten k�nnen, niemals in der N�he zu sein, wenn Nyr und Galar sie benutzten. Und sollten die Himmelsschlangen oder ihre Elfen den beiden jemals auf die Spur kommen, w�rde er einfach alles abstreiten. Er hatte nun ein anderes Leben: Mit Amalaswinthas Hilfe w�rde die Tiefe Stadt in wenigen Jahren reicher und m�chtiger sein, als sie es je gewesen war. Er w�rde Nyr und Galar heimlich f�rdern und ihnen Gelegenheit verschaffen, in die N�he der Himmelsschlangen zu kommen. Das musste gen�gen.</p><p>Er l�chelte. Au�erdem hatte er einen gr��eren Posten Koboldk�se aus den verschiedensten Regionen Drashnapurs bestellt. Nun fehlte nur noch Drachenblut, und Galar konnte seine alten Experimente wieder aufnehmen. Mit ein wenig Gl�ck w�re eines Tages nicht nur seine Hand unverwundbar. Und Gl�ck zu haben war bislang die verl�sslichste Gr��e in seinem Leben gewesen.</p></section><section><title><p>Ohne Vergangenheit</p></title><p>Nyr sa� auf einem Stapel Frachtgut und beobachtete Frar, der mit einer Stange in einem Haufen Schutt und Metallresten herumstocherte.</p><p>Amalaswintha stand an einer Anlegestelle und verhandelte energisch gestikulierend mit einem Bootsf�hrer, dessen Aal gerade beladen wurde. Was sie tat, interessierte Nyr nicht sonderlich. Er war froh, den Jungen zu sehen. Bisher hatte er weder in den Ehernen Hallen noch hier auch nur ein einziges Wort mit Frar wechseln k�nnen.</p><p>Der Junge hatte sich gut entwickelt und war gro� f�r sein Alter. Allerdings wirkte er ungew�hnlich ernst, w�hrend er den Abfall untersuchte. Erinnerte er sich vielleicht noch daran, unter welch dramatischen Umst�nden er aus der Tiefen Stadt geflohen war?</p><p>Nat�rlich nicht, dachte Nyr. Frar war viel zu klein gewesen. Der Richtsch�tze versank ganz und gar in melancholischen Erinnerungen daran, wie er den Jungen mit Drachenblut ges�ugt hatte und wie die Frachtnetze von Aalen seine Wiege gewesen waren.</p><p>Wie wohl seine Stimme klang? Ob er ein aufgeweckter Junge war?</p><p>�Du wirst ihm nichts erz�hlen!�, riss ihn eine Stimme, die keinen Widerspruch gewohnt war, aus seinen Tagtr�umen. Amalaswintha stand pl�tzlich neben ihm. Der Frachtaal war abgetaucht. Er hatte all das gar nicht mitbekommen.</p><p>Nyr r�usperte sich. �Was soll ich ihm nicht erz�hlen?�</p><p>�Was ihr drei Deppen mit ihm angestellt habt. Und am wenigsten, wie ihr ihn gefunden habt. Er h�lt mich f�r seine Mutter und glaubt, dass sein Vater hier in der Tiefen Stadt beim Angriff der Drachen umgekommen ist. Du wirst ihn nicht mit der Wahrheit verwirren, haben wir uns verstanden?�</p><p>Nyr schluckte. �Warum hast du das getan?�</p><p>�Glaubst du, die Wahrheit h�tte ihm geholfen? Bestimmt will er nicht wissen, dass er ein Waise ist. Und dass die drei Trottel, die ihn hier aus der Tiefen Stadt gerettet haben, ihn dann auch verlassen haben. Er hat keinerlei Erinnerung an euch, an die Reisen oder Glamirs Turm. Und so soll es auch bleiben. Wenn du ein wenig nachdenkst, wirst du vielleicht auch darauf kommen, dass die Wahrheit ihm nicht guttun wird.�</p><p>�Du meinst, alles, was wir getan haben�� das alles z�hlt nicht? So darf das nicht sein!�</p><p>�Was habt ihr denn getan? Ihr wart sieben Jahre verschwunden. Und auch jetzt haben Galar und Hornbori andere Dinge im Kopf als���</p><p>�Aber Hornbori hat Umgang mit ihm!�, begehrte Nyr auf, der diese Ungerechtigkeit nicht l�nger ertragen konnte. Er hob w�tend die F�uste. �Ich�� ich werde���</p><p>�Beruhige dich, er sieht uns zu!�, sagte Amalaswintha gefasst und zischte ihm nun leiser zu: �Glaubst du, das ist der Weg, sein Herz zu erobern? Seiner Mutter mit der Faust zu drohen.�</p><p>�Du bist nicht seine Mutter!�, fauchte Nyr, nahm die F�uste aber herab.</p><p>�Ach?� Die Verachtung in ihrem Blick traf ihn wie ein Axthieb. �H�ltst du dich etwa f�r seine Mutter? Ich habe nicht vergessen, wie du dich in Glamirs Turm aufgef�hrt hast.�</p><p>�Aber Hornbori! Du sagst selbst, der Junge bedeutet ihm nichts. Und er darf���</p><p>�Was denkst du denn, du Trottel. Ich habe ihn mir zum Gef�hrten erw�hlt. Er ist gut im Bett, und er ist der Herrscher �ber alle Zwerge. Das hei�t, es verbindet sich das Angenehme mit dem N�tzlichen.�</p><p>�Ihr beide, ihr passt wirklich zusammen. Ihr beide��� Ihm versagte die Stimme.</p><p>�Was willst du? Zu mir ins Bett oder Zeit mit dem Jungen verbringen?�</p><p>Nyr war perplex. Sie hatte immer schon eine ordin�re Ader gehabt, aber das hier��Sie sah jetzt zu Frar, und Nyr konnte beobachten, wie eine Ver�nderung in ihr vorging. Sie wirkte nicht mehr so hart, so skrupellos. Es war der Blick einer besorgten Mutter. Sie mochte sich diese Seite an ihr vielleicht nicht eingestehen, aber es gab sie, das wusste Nyr in diesem Augenblick.</p><p>�Er braucht Freunde�, wandte sich Amalaswintha in vers�hnlicherem Ton an ihn. �Andere Kinder haben Angst vor ihm. Er ist sehr einsam. Sei sein Freund, hier und jetzt, aber lass das Vergangene ruhen.�</p><p>�Aber wie soll ich denn��� Er hob hilflos die H�nde. �Ich habe keine Ahnung, wie man mit Kindern umgeht.�</p><p>�Das h�ttest du dir fr�her �berlegen sollen!� M�hsam beherrschte Wut lag in ihrem Blick. �Dass du keine Ahnung hast, hat dich nicht davon abgehalten, dich mit dem S�ugling einzulassen. Nun bring zu Ende, was du begonnen hast.�</p><p>�Ich habe meinen Marschbefehl bekommen�, sagte er z�gerlich und rang mit dem Sturm von Gef�hlen, der �ber ihn hereinbrach. Er durfte zu Frar, endlich, wenn es auch anders war, als er sich vorgestellt hatte. Aber Amalaswintha hatte recht. Der Junge konnte ihn nicht kennen, er war ein Fremder f�r Frar. Also konnte er auch von vorne beginnen.</p><p>�Was z�gerst du? Ist dein Wunsch doch nicht so stark, wie du gedacht hast? Von der Einberufung wei� ich. Auch Hornbori wird gehen.�</p><p>�Dann wei�t du auch, dass es diesmal anders ist.�</p><p>Sie bedachte ihn mit einem zynischen L�cheln. �Ist es das? Ihr geht, und keiner wei�, ob ihr jemals wiederkommt. F�r mich ist es wie immer.�</p><p>Nur dass diesmal alles noch geheimnisvoller war. Sie w�rden sich nicht in dem Tal versammeln, von dem aus sie zu fr�heren Feldz�gen aufgebrochen waren. Es gab auch das Ger�cht, dass es zumindest zun�chst nicht nach Nangog gehen w�rde. Nyr hatte ein ungutes Gef�hl dabei. Er mochte es nicht, wenn sich Altvertrautes �nderte.</p><p>�Und, reicht dein Mut f�r einen neuen Anfang mit ihm?�</p><p>Nyr sah zu dem Jungen. Frar sah so verloren aus. Er war ganz in sein Spiel versunken. Nur einmal hatte er aufgesehen. Dabei hatte Nyr das Gef�hl, dass es nicht der Schutthaufen war, der den Jungen so fesselte. Frar rechnete einfach nicht damit, dass jemand etwas von ihm wollte.</p><p>Statt Amalaswintha zu antworten, ging Nyr. Er umrundete das Hafenbecken und trat hinter den Jungen.</p><p>Frar hatte zwischen den Tr�mmern eine Axt gefunden. Das Blatt war ausgegl�ht, der Schaft schwarz verkohlt.</p><p>�Wem sie wohl geh�rt hat�, sagte Nyr, unsicher, ob es weise war, auf diese Art ein Gespr�ch zu beginnen.</p><p>Frar drehte sich zu ihm um. �Er liegt dort unter dem Schutt. Er hat die Axt immer noch festgehalten. Ich habe sie aus seiner Hand gezogen.�</p><p>Nyr ging neben ihm in die Hocke. Er sah nur Schutt, keine Knochen. Der Junge hatte wohl sehr viel Vorstellungskraft. �Es war ein schlimmer Tag, als die Drachen gekommen sind.�</p><p>Frar nickte ernst. �Ich wei�.�</p><p>Er sagte das in einem Ton, als w�re er selbst dabei gewesen. Und das war er ja auch�� Aber er konnte sich doch unm�glich erinnern! �Hat Amalaswintha dir davon erz�hlt?�</p><p>�Meine Mutter redet nicht �ber diesen Tag. Ich wei� nur, dass mein Vater gestorben ist.� Er stockte. �Aber ich wei� nicht einmal, wie.�</p><p>�Viele von uns wissen nicht, wie ihre Liebsten an diesem Tag gestorben sind. Es ging alles zu schnell. In einem Moment waren wir noch mitten im Leben, sa�en an einer Werkbank oder einem gedeckten Tisch, und im n�chsten Augenblick war das Feuer da.�</p><p>Frar strich �ber die alte Axt. �Er hier hat das erste Feuer �berlebt. Er kam hierher, weil er darauf hoffte, noch einen Aal besteigen zu k�nnen. Dann hat ihn eine wei�e Schlange aus dem Hafenbecken angegriffen. Schwer verletzt ist er zu dieser Stelle gekrochen, als ein Teil der Decke einst�rzte und ihn unter sich begraben hat. Er hielt noch im Tod seine Axt umklammert. Als Letztes hat er voller Verbitterung daran gedacht, dass es ihm nicht gelungen war, eine der Echsen auch nur zu verwunden.�</p><p>Nyr begann zu begreifen, warum der Junge keine Freunde hatte. �Du denkst dir gruselige Geschichten aus.�</p><p>�Das ist keine Geschichte.� Frar klang niedergeschlagen. Er senkte den Kopf und ballte die F�uste. �Ich dachte, du w�rst anders�� Du warst doch auch hier! Du wei�t, wie es war!�</p><p>�Ja, und deshalb dulde ich nicht, dass jemand an der Ehre der Toten r�hrt und einfach irgendwelche Geschichten erz�hlt. Nicht einmal einem kleinen, traurigen Jungen werde ich das gestatten!�</p><p>�Das sind keine Geschichten!�, schluchzte Frar. �Es ist jedes Wort wahr! Ich wei�, ihr anderen k�nnt das nicht, aber ich�� Ich bin eben anders���</p><p>�Wovon redest du?�</p><p>�Die Axt!�, sagte er beschw�rend. �Wenn ich sie ber�hre, bin ich bei ihm. Bei Bodir. So hie� er�� Ich f�hle mit ihm. Ich wei� von seinem Leben. Von so vielen seiner Gedanken. Und ich sehe ganz deutlich, was er gesehen hat, bevor er starb. Das alles ist einfach da, wenn ich die Axt ber�hre.�</p><p>Nyr betrachtete nachdenklich die alte Waffe. Wie eine Kindergeschichte h�rte sich das nicht an. Er streckte die Hand aus, strich sanft �ber den verkohlten Schaft. Ru� blieb an seinen Fingerspitzen haften, aber Erinnerungen des Toten �berkamen ihn nicht.</p><p>�Es ist nur bei mir so.� Frar wirkte, als w�re er erneut den Tr�nen nahe. �Und niemand will mir glauben.�</p><p>�Ber�hre mein Kettenhemd, und dann erz�hlst du mir etwas �ber mich.�</p><p>Frar sch�rzte die Lippen, und Nyr ging auf, dass er wahrscheinlich nicht der Erste war, der den Jungen auf diese Weise auf die Probe stellte. Aber nun konnte er seine Worte nicht mehr zur�cknehmen. �Komm, versuch es. Ich habe ein abenteuerliches Leben gehabt. Du darfst mich danach fragen, was du willst.�</p><p>�Ich habe Hornboris Axt ber�hrt�, fl�sterte er ehrf�rchtig. �Er wei� nichts davon���</p><p>Nyr l�chelte. �Ich werde es ihm nicht verraten. Allerdings bin ich kein so gro�er Held wie er.�</p><p>Z�gerlich streckte Frar die Hand aus und lie� seine erstaunlich kr�ftigen Finger �ber die Eisenringe gleiten. �Du hast in vielen Schlachten gek�mpft�, sagte er entr�ckt. �Du hast Kobolde und Trolle als Freunde. Und du hast��� Erschrocken sah Frar zu ihm auf. �Du hast Drachen get�tet�, fl�sterte er.</p><p>�Ich war hier, als die Tiefe Stadt brannte. Wie k�nnte ich da keine Drachen t�ten.�</p><p>Frar nickte ernst. �Und du kennst mich. Schon lange���</p><p>��hm��� Das hatte Nyr nicht bedacht.</p><p>�Du musst dir keine Sorgen machen.� Er sah zu dem Tunnel, an dessen Eingang Amalaswintha vorhin noch gestanden hatte. �Ich wei� auch, dass sie nicht meine Mutter ist. Aber sie bem�ht sich. Sie war immer gut zu mir, trotz all der Dinge���</p><p>�Dinge? Du meinst, was du wei�t, wenn du etwas ber�hrst.�</p><p>Frar sch�ttelte den Kopf. �Da ist noch mehr.� Er schloss die Augen, und pl�tzlich erhob sich die alte Axt und schwebte ein paar Zoll �ber dem Schutt. Dann sank sie sanft wieder zu Boden. �Manchmal passiert mir das, ohne dass ich es will. Es macht den anderen Angst.�</p><p>Nyr rang um Fassung. �Elfen k�nnen solche Sachen. Und sehr m�chtige Drachen��� Kaum war das Wort �ber seine Lippen, traf ihn die Erkenntnis wie ein Schlag. War es das? War er daran schuld, dass der Junge so anders war und gef�rchtet wurde? Hatte das Drachenblut, das er ihm gegeben hatte, damit er nicht verhungerte, ihn ver�ndert?</p><p>�Jetzt wirst du mich auch meiden, nicht wahr?�</p><p>Nyr legte Frar beide H�nde auf die Schultern und sah ihn fest an. �Du glaubst, du bist seltsam? Du hast ja ein wenig von meinem Leben gesehen, und ich schw�re dir jeden Eid, dass ich schon weit merkw�rdigere Kameraden gehabt habe. Wusstest du, dass Trolle die Herzen ihrer toten Freunde fressen, wenn sie deren Mut bewundert haben? Das ist seltsam, wenn du daneben stehst und deine Kameraden die Brust eines Toten aufschneiden, um einen ganz eigenen Leichenschmaus zu halten. Einer wie du ist da eine echte Erholung.�</p><p>Frar sah ihn mit gro�en Augen an. �Trolle tun so was?�</p><p>�Oh, ja! Das und noch ganz andere Sachen. Es ist wirklich nicht leicht, sie zu m�gen. Aber ich habe auch gesehen, wie sie t�dlich verwundete Zwerge oder Elfen tagelang auf ihren Armen getragen haben, obwohl sie genau wussten, dass niemand die Verletzten mehr retten konnte. Aber sie wollten sie nicht den Gr�nen Geistern �berlassen.�</p><p>�Es muss sch�n sein, so gute Freunde zu haben. Freunde, die immer zu dir stehen, egal, was passiert.� Die Bewunderung in den Augen des Jungen zu sehen ber�hrte Nyr zutiefst. F�r ihn war er ein Held. Und nie hatte sich das so gut angef�hlt wie in diesem Augenblick.</p><p>�Ich w�rde es so gerne wissen�� Ich��� Frar senkte den Blick, als w�re es ihm peinlich, einen gestandenen Krieger mit seinem Kummer zu behelligen.</p><p>�Was willst du wissen?�</p><p>�Meine Eltern�� Wer waren sie? Warum lebe ich und sie nicht? Wie kann das sein?�</p><p>Der Richtsch�tze blickte auf die Axt, dann zum Schutthaufen. �Du suchst nach ihnen. Du hoffst, dass du sie erkennen wirst, wenn du ihre letzten Gedanken erlebst.�</p><p>Frar nickte, immer noch schluchzend.</p><p>Nyr dachte an das Versteck im Brunnen und die Drachenelfe, die sie dort aufgesp�rt hatte. Diese Furie hatte Galar einen Dolch in den Hals gesto�en. Aber sie hatte ihnen auch das Kind gebracht. Nur wo sie es gefunden hatte, hatte sie ihnen nicht erz�hlt. Hatte sie es lange auf ihren Armen getragen? �Ich glaube, wir sollten nicht hier mit der Suche nach deinen Eltern beginnen.�</p><p>�Du wei�t, wo sie sind?�</p><p>Es tat Nyr weh, die Hoffnung in den Augen des Jungen zu sehen. �Nein, ich wei� es nicht. Aber du wurdest uns von einer Elfe gebracht. Ich denke, es ist kl�ger, mit der Suche in der N�he des Ortes zu beginnen, an dem wir ihr begegnet sind. Das ist ein ganzes St�ck fort von hier.�</p><p>�Du wirst mir helfen?�</p><p>�Nat�rlich, das habe ich immer getan. Ich konnte nicht wiederkommen, weil Eikin meinen Tod wollte. Aber ich habe dich jeden Tag in den letzten sieben Jahren vermisst.�</p><p>Frar ergriff seine Hand. �Jetzt bist du zur�ck.�</p><p>Nyr schn�rte es fast die Kehle zu. Aber er musste es sagen. �In ein paar Tagen werde ich wieder fortm�ssen. Ein neuer Feldzug.�</p><p>Der Junge sagte nichts. Ihm sank der Kopf auf die Brust. Seine kleine Hand dr�ckte Nyrs schwielige Hand fest.</p><p>�Keine Sorge, ich werde wiederkommen. Nichts auf der Welt wird mich davon abhalten k�nnen. Und dann gehe ich nie wieder fort. Wei�t du, ich bin auch ein seltsamer Kerl. Ich habe nicht viele Freunde. Ich finde, wir beide passen ganz gut zusammen. Wenn du es mit mir aushalten kannst���</p><p>Frar nickte ernst. �Ich glaube schon, dass ich das kann.� Er sah ihn zweifelnd an. �Und du kommst ganz sicher wieder?�</p><p>�Ganz sicher! Freunde versetzt man nicht.�</p></section><section><title><p>Zwei Worte</p></title><p>Es setzte ihr zu, wenn er so war wie jetzt. Eine Stunde oder noch l�nger stand sie nun schon im Rosengarten und wartete darauf, dass er Notiz von ihr nahm. Der Goldene hatte Elfengestalt angenommen und sich �ber die Silberschale gebeugt. Mit verz�cktem Antlitz betrachtete er, was immer sie ihm �ber die Zukunft enth�llte.</p><p>Bidayn war erst an diesem Nachmittag aus der Goldenen Stadt zur�ckgekehrt. Nachdem Kyra nicht zur vereinbarten Zeit nach Uttika gekommen war, hatte sie nach ihrer Gef�hrtin gesucht. Und hatte die Geschichte von der Daimonin geh�rt, die gefangen worden war, als sie versuchte, die Goldene Pforte zu passieren. Bidayn hatte nicht herausfinden k�nnen, wo Kyra gefangen gehalten wurde oder ob sie �berhaupt noch lebte. Und auch sie hatte nicht durch die Goldene Pforte zur�ckkehren k�nnen. Dieser Albenstern wurde zu streng bewacht. Ein Blick zum Himmel hatte alles gekl�rt: Die Menschenkinder bereiteten einen Angriff vor.</p><p>Eine Flotte, wie sie an den Ankert�rmen der Stadt vert�ut lag, hatte die Elfe nie zuvor gesehen gehabt. Aus Nangog zur�ckzukehren hatte sich als schwierig erwiesen. Sie war schlie�lich drei Tage flussabw�rts gereist, bis sie einen Albenstern gefunden hatte, durch den sie nach Albenmark reisen konnte, und nun stand sie vor ihrem Meister, der sie nicht beachtete.</p><p>Sein Zauber wirkte auf sie. Sie wollte ihm gefallen, wollte seine Anerkennung. Doch sie bekam nichts. Und sie wagte es nicht, n�her zu treten, um einen Blick in die Silberschale zu werfen, obwohl sie sich vor Neugier verzehrte zu sehen, was ihn so sehr faszinierte, dass er seine Betrachtung ihr vorzog.</p><p>�Ihr seid ohne meine Erlaubnis in Nangog gewesen, Dame Bidayn. Nicht wenige meiner Br�der erz�rnt Eure Impertinenz. Es ist keine Bagatelle, sich �ber die Befehle der Himmelsschlangen hinwegzusetzen. Es ist meine Pflicht, Euren Ungehorsam beim n�chsten Treffen mit meinen Br�dern zur Sprache zu bringen. Und ich muss gestehen, ich bin erstaunt �ber Eure Verwunderung, dass ich einer solchen Dienerin die Gunst meiner Aufmerksamkeit verweigere.�</p><p>Die Worte trafen Bidayn ins Herz. Erschrocken kniete sie nieder. �Ich bitte um Verzeihung, mein Gebieter.� Sie zog ihren Dolch und legte ihn vor sich auf die gerissenen Steinplatten des Hofs. �Ein Wort von Euch, und ich werde mit eigener Hand die einzige Strafe vollziehen, die der Gr��e meiner Verfehlung angemessen ist.�</p><p>Er wandte sich ihr zu. �Nehmt die Waffe auf.�</p><p>Sie gehorchte augenblicklich. So also ging alles zu Ende. Langsam richtete sie die Spitze des Dolches auf ihre Brust, bereit, den Stahl in ihrem Herzen zu versenken. Besser sie war tot, als mit der Gewissheit leben zu m�ssen, ihn entt�uscht zu haben.</p><p>�Seht mich an, meine Dame!�</p><p>Gehorsam, doch mit schwerem Herzen hob sie das Haupt. Sie wollte nicht die Entt�uschung in seinen Augen sehen. Aber was sie dort entdeckte, war Interesse. Er studierte sie.</p><p>�Ich nehme an, Ihr habt mit den besten Absichten gehandelt, meine Dame, weil Ihr der Ansicht wart, dass etwas Wichtiges meiner Aufmerksamkeit entgangen sein k�nnte. Ferner vermute ich, dies ist auch der Grund, aus dem Ihr Euch die Freiheit herausnehmt, Eure Gef�hrten auf waghalsige Missionen nach Nangog zu schicken.�</p><p>�Sie trifft keine Schuld�, beteuerte Bidayn. �Ich habe meine Position ausgenutzt, um ihnen Befehle zu erteilen, die ihrer Auffassung von Loyalit�t zu Euch zuwiderliefen. Ich verdiene es, nun die Strafe f�r meine Eigenm�chtigkeit zu erfahren.�</p><p>�Und wieder ma�t Ihr Euch an, meine Entscheidungen f�r mich zu treffen, Dame Bidayn. Was Ihr verdient und was nicht, obliegt einzig meinem Urteil, nicht dem Euren.�</p><p>Jedes dieser Worte war ein Dolchstich in ihre Seele.</p><p>�Nun erweist mir die G�te, mich dar�ber in Kenntnis zu setzen, was mir Eurer Meinung nach entgangen ist.�</p><p>Gehetzt berichtete sie von der Elfe, die Unsterbliche ermordete und zuletzt den Herrscher Valesias hingerichtet hatte. �Ich konnte mit einem Krieger sprechen, der sie hat k�mpfen sehen. Es muss eine Drachenelfe sein! Welcher Eurer Br�der verfolgt die Mission, die mir und den Meinen zugedacht war?�</p><p>Es war unm�glich, in seinen Z�gen abzulesen, was er dachte. Er wirkte nicht erz�rnt, als er ihr antwortete. �Muss ich Euch darauf hinweisen, dass nicht ich es bin, der Euch Rechenschaft schuldet, meine Dame. Ich muss Euch weder meine Entscheidungen erl�utern noch die meiner Br�der.�</p><p>�Gewiss�, fl�sterte sie. So war es also. Sie hatten schon jemanden gefunden, der sie ersetzen konnte.</p><p>�Ihr vergesst, dass ich in Euren Gedanken lesen kann, meine Liebe.�</p><p>Das hatte sie in der Tat vergessen, doch bereute sie nichts. Er durfte wissen, was sie f�hlte. Diese eine Freiheit beanspruchte sie f�r sich, auch wenn sie ihm ansonsten ganz und gar ergeben war.</p><p>�Ihr seid noch immer meine erste Dienerin, meine Dame, allerdings w�re es sch�n, wenn Ihr Euer Wohlbefinden weniger abh�ngig von Bekundungen meines Wohlwollens machen k�nntet. Und nun seid so gut und schiebt dieses Messer in seine Scheide. Ich werde Eure Eigenm�chtigkeiten vor meinen Br�dern verantworten.�</p><p>Ihre Hand zitterte, als sie den Dolch in seine Lederscheide gleiten lie�. Bidayn sch�mte sich daf�r, dass er sie hatte r�gen m�ssen. Und zugleich war sie unglaublich erleichtert, nicht seine Gunst verloren zu haben.</p><p>�Was habt Ihr mir noch zu berichten? Ich ziehe es vor, es mit Euren eigenen Worten zu h�ren, statt danach in Euren Gedanken zu suchen.�</p><p>In allen Einzelheiten schilderte sie ihm die Flotte aus Wolkensammlern, die sie gesehen hatte. Er zeigte sich wenig beeindruckt. �Es wird eine letzte gro�e Schlacht geben, die unmittelbar bevorsteht. Und Ihr, ebenso wie die zwei Kinder, werdet �ber die Zukunft Albenmarks entscheiden. Die Stunde, in der Ihr einl�sen m�sst, worauf Ihr Euch all die Jahre vorbereitet habt, ist nahe. Ihr werdet Euch in h�chste Gefahr begeben, doch ich vertraue Euch ganz und gar.�</p><p>Er schenkte ihr ein L�cheln, das sie mit Sehnsucht erf�llte. Sich seiner Gunst bewusst zu sein war mit keinem anderen Hochgef�hl zu vergleichen, das sie je genossen hatte. Der Goldene war voller Zuversicht, das sp�rte sie deutlich. Und sie war erleichtert, dass sie nun endlich beweisen k�nnte, dass sie jeden seiner W�nsche erf�llen konnte.</p><p>Er winkte ihr, und ein Verlangen blitzte in seinen Augen, das er ihr allzu lange nicht gezeigt hatte. �Dies ist kein Ort, um �ber das Schicksal dreier Welten zu parlieren, meine Dame. Wir k�nnten es gem�tlicher und auch intimer haben als auf diesem verfallenen Burghof voller trauriger Erinnerungen. Wollt Ihr mir diese Gunst erweisen, sch�ne Bidayn?�</p><p><emphasis>Sch�ne Bidayn,</emphasis> so hatte er sie seit Jahren nicht genannt. Schauder �berliefen sie bei der Erwartung dessen, was seine Worte verhie�en. Allein um diese zwei Worte zu h�ren, w�rde sie alles f�r ihn tun, auch zwei Kinder auf dem Altar seines Ehrgeizes opfern.</p></section><section><title><p>Als der Umhang fiel</p></title><p>�Das wirst du r�ckg�ngig machen!� Es war das erste Mal in ihrer an Spannungen so reichen Ehe, dass Shanadeen sie anschrie.</p><p>�Ausgeschlossen�, entgegnete Bidayn ruhig.</p><p>Wie sehr sie ihren hageren, fantasielosen Mann doch verachtete. Noch immer sp�rte sie die Ber�hrungen des Goldenen, wenn sie die Augen schloss. Wahrscheinlich nistete noch sein Wohlgeruch in ihrem Haar, und h�tte sie sich vor Shanadeen entbl��t, k�nnte er die Spuren der Leidenschaft der Himmelsschlange auf ihrem R�cken sehen. Sich dem Goldenen hinzugeben hie�, eine Wollust zu erleben, die durch Schmerz vers��t wurde. Eine Wollust, wie sie ihr nicht einmal Asfahal zu schenken vermochte, obwohl er ein erlesener Liebhaber war.</p><p>�Wenn du nicht gehst, werde ich ihre Namen von der Liste streichen lassen.� Shanadeen sah zu Graumur. �Du wei�t, wo dieser verdammte Werber seinen Tisch aufgestellt hat.�</p><p>�Ja, Herr.� Es war dem Minotauren anzusehen, wie unwohl er sich in diesem Augenblick f�hlte, obwohl er ein tapferer, im Kampf erprobter Krieger war. Er hatte an ihrer Seite gestanden, als die beiden M�dchen ihre Namen auf die Liste gesetzt hatten.</p><p>�Worauf wartest du? Bring mich dorthin!�</p><p>Graumur wand sich vor Verlegenheit. �Herr, ich glaube, es ist richtig, wenn Lydaine und Farella dein Haus verlassen und ein Abenteuer erleben. Es wird ihnen guttun.�</p><p>�Ein Abenteuer?�, fauchte Shanadeen seinen Leibw�chter an. �Hast du dir das letzte bisschen Hirn zwischen deinen H�rnern weggesoffen? Ein Abenteuer? Sie werden in einen verdammten Krieg ziehen.�</p><p>�Bei allem Respekt, Herr�, beharrte Graumur, �auch wenn sie so aussehen m�gen, sind Lydaine und Farella keine M�dchen mehr. Gestatte ihnen, durch ihre Taten die Gr��e zu erlangen, die ihnen ein grausames Schicksal auf immer verwehren wird.�</p><p>�Wer hat dir denn diese Worte in den Mund gelegt?� Shanadeen bedachte Bidayn mit einem hasserf�llten Blick. �Nun, ganz gleich, was ihr beide hier treibt, ich werde dem ein Ende setzen.�</p><p>�Ich glaube, du �bersch�tzt deine M�glichkeiten, mein Gemahl. Diese Werber unterstehen dem unmittelbaren Befehl der Himmelsschlangen.�</p><p>�Und ich glaube, du hast die erstaunliche Zaubermacht des Goldes immer noch nicht verstanden. Es gibt nichts, das man nicht erreichen kann, wenn nur das Angebot stimmt.�</p><p>Bidayn bedachte ihren Gemahl mit einem sp�ttischen L�cheln. Er war eine solche Kr�merseele. Doch die Zeit ihrer Maskerade in seinem Haus war nun vor�ber. �Graumur, dies ist der Augenblick, in dem du dich f�r ihn oder f�r den Ruhm entscheiden musst. Ich w�nsche, dass du die M�dchen als ihr Leibw�chter begleitest. Du wirst mit ihnen an der Seite der gr��ten Helden unseres Zeitalters in die Schlacht ziehen.�</p><p>Sie sah, wie seine m�den Augen aufleuchteten. Sie wusste genau, wovon er tr�umte.</p><p>�Du begleitest mich jetzt, Graumur! H�r nicht auf ihr Geschw�tz. Ich habe dich in Dienst genommen. Du bist allein mir verpflichtet!�</p><p>Der alte Minotaur rang mit sich. Er schwankte zwischen Loyalit�t, die sein Leben bestimmt hatte, und der Hoffnung auf unsterblichen Ruhm als Krieger. Obwohl sie ihn so viele Jahre kannte, war Bidayn sich nicht sicher, wie er entscheiden w�rde. Sie k�nnte ihren Willen auch ohne ihn durchsetzen, aber sie wollte Shanadeen dem�tigen. Sie wollte, dass sein Leibw�chter, der ihn drei Jahrzehnte lang mit seinem Leben besch�tzt hatte, die Seiten wechselte. Sie wollte, dass dieser verfluchte M�nzenz�hler sah, dass er nicht alles kaufen konnte.</p><p>Aus diesem Grund hatte sie den ganzen Tag einen weiten Kapuzenumhang getragen. Nun griff sie nach der Brosche, die ihn geschlossen hielt. Mit einer theatralischen Geste, die sie zutiefst genoss, lie� sie den Umhang zu Boden fallen. Darunter trug sie das Gewand einer Meisterin der Wei�en Halle: das lange wei�e Kleid, an den S�umen bestickt mit Gold, das nur Drachenelfen zu tragen gestattet war. Um die H�ften war das Wehrgeh�nge geschlungen, von dem das kostbare Schwert hing, das ihr der Goldene �berlassen hatte.</p><p>Graumur starrte sie mit offenem Maul an und sah wie ein einf�ltiger Ochse aus. Auch wenn nur die wenigsten Albenkinder je eine leibhaftige Drachenelfe zu Gesicht bekamen, gab es Hunderte Geschichten �ber sie.</p><p>�Du wei�t, wer vor dir steht, Graumur?�</p><p>Der Minotaur nickte.</p><p>�Dann bring Shanadeen nun in den Keller und kette ihn dort an, damit wir unbehelligt das Haus verlassen k�nnen. Anderenfalls w�re ich gezwungen, den Willen des Goldenen mit dem Schwert zu vollstrecken.�</p><p>�Den Willen des Goldenen�, stammelte Graumur.</p><p>Bidayn weidete sich am Entsetzen im Angesicht Shanadeens. �Hast du nun, nach all den Jahren, begriffen, wen du in dein Haus geholt hast? Der Goldene wei� um deine T�chter, und er will sie in seinen Dienst nehmen. Du wirst das nicht verhindern. Die beiden sind stolz darauf, auserw�hlt worden zu sein. Wenn du klug bist, wirst du nicht nach ihnen suchen.� Sie nickte Graumur zu. �Nun bring ihn fort und erweise ihm einen letzten Dienst, indem du ihn vor sich selbst besch�tzt.�</p><p>�Ich verfluche dich, Betr�gerin. M�ge das Gl�ck dich meiden. M�gest du alt werden, um alles vergehen zu sehen, was dir jemals etwas bedeutet hat.�</p><p>Graumur schlug das Zeichen des sch�tzenden Horns.</p><p>Shanadeen hatte keinen Zauber gewoben, doch Bidayn sp�rte die Kraft, die im Raum schwang. Es war mehr als nur Worte. Sie lachte, um ihre Zweifel zu vertreiben. �Leeres Gerede ist alles, was den Narren am Ende bleibt. Dein Fluch hat sich l�ngst an dir erf�llt, Shanadeen. Mein Leben wird er nicht ber�hren.�</p><p>Sie stieg die Treppe hinauf zu den Zimmern der M�dchen, und mit jeder Stufe, die sie nahm, wurde ihr die Last, die sie in den letzten Jahren getragen hatte, leichter. Die Zeit, sich zu verstecken, war vor�ber. Sie w�rde dieses Haus f�r immer verlassen, und sie w�rde wieder offen die Auserw�hlte des Goldenen sein. Alles �nderte sich!</p><p>Die beiden M�dchen erwarteten sie in Farellas Zimmer. Es war die blonde Lydaine, die sie ansprach. Wie stets war sie es, die ihre Neugier und ihr Temperament nicht im Zaum halten konnte. �Was hat er gesagt?�</p><p>�Er wird euch ziehen lassen, aber es hat ihm nicht gefallen. Es ist besser, wir gehen schnell.�</p><p>Beide nickten, ohne zu z�gern. Auch sie brannten darauf, Shanadeens Haus zu verlassen. Sie hatten sich ganz und gar ihr verschrieben. Ihrem Vater hatten sie sich v�llig entfremdet.</p><p>Bidayn zog zwei Kristallphiolen aus ihrem G�rtel und �berreichte sie ihnen. �Ihr wisst, was damit zu tun ist. Der Goldene vertraut auf euch. Ihr werdet es sein, die das Tor in ein neues Zeitalter �ffnen. Und dies sind die Schl�ssel dazu.�</p></section><section><title><p>Zu viel der Ehre</p></title><p>Necahual war ver�rgert, wie lange es gedauert hatte, ihm die Gefangene zu �berstellen. F�nf Tage waren sie nun schon zur�ck in der Goldenen Stadt. F�nf Tage voller Ausfl�chte, warum die Daimonin nicht zu ihm gebracht werden konnte. Doch nun stand sie endlich vor ihm. Ashot, der Feldherr des Unsterblichen Aaron, hatte sie mit einer �bertrieben gro�en Eskorte zum Wei�en Tor der Tempelstadt gebracht. Dort war sie von seinen Jaguarm�nnern �bernommen und hierher zum Blutsee gebracht worden.</p><p>Die Daimonin sah sich aufmerksam um. Sie trug eine schlichte wei�e Tunika, die mit ihrem eigenen Blut besudelt war. Langes, blondes Haar wallte �ber ihre Schultern. Ihr schmales Gesicht war von Schl�gen gezeichnet. Eines ihrer Augen war zugeschwollen, das andere, t�rkisblau, sah ihn herausfordernd an. Angst schien sie nicht zu kennen. Sie war ein w�rdiges Opfer f�r die beiden gefiederten Schlangen im See.</p><p>�Verstehst du meine Sprache?�</p><p>�Um mich mit einem Mann, der einmal eine Katze war, zu unterhalten, wird es gen�gen.� Ihre Stimme war angenehm, wenngleich etwas zu dunkel f�r eine Frau.</p><p>Necahual nahm die Frechheit mit einem L�cheln. Sie war also dar�ber unterrichtet, wer er war. Sie war offensichtlich gut als Spitzel.</p><p>�Eure �ra endet, Daimonin.� Necahual umrundete seine zierliche Gefangene. Er betrachtete erstaunt die schweren eisernen Fesseln, die sie banden. Ihre H�nde waren auf den R�cken gezwungen, ein Eisenring lag um ihren Hals. Eine Kette, die den R�cken hinablief, verband Eisenring und Handfesseln. Auch um ihre Kn�chel lagen schwere Eisenringe. Eine Kette dazwischen erlaubte ihr nur kleine, trippelnde Schritte zu machen.</p><p>Der Unsterbliche sah die Kraft in den schlanken Gliedern, den unbeugsamen Willen in ihrem Auge. Was f�r eine Frau! Er selbst w�rde sie den gefiederten Schlangen zum Geschenk machen.</p><p>Pl�tzlich sanken seine Krieger ergeben auf die Knie. Necahual sp�rte die Pr�senz, ohne dass er sich umdrehen musste. Der Gefiederte war gekommen. Er sollte seinem Gott die Ehre erweisen, doch sp�rte er auch einen Hauch von Ver�rgerung, dass es ihm nicht verg�nnt war, diesen Augenblick f�r sich allein zu haben.</p><p>�Herr der Himmel und all dessen, was unter ihnen liegt�, begr��te ihn der Gott, und nun wandte Necahual sich doch um. Sein Gebieter kam in der Gestalt des Vogelmanns mit Adlerkopf, Fl�gelarmen, einem Menschenleib und Adlerklauen. Jede seiner Bewegungen war voller Kraft. Seine schwarzen Augen funkelten wie Obsidian. Begierig blickte er auf die Daimonin. In der Gestalt des Vogelmanns war der Gott mehr als drei Schritt gro�, und alle um ihn herum erschienen wie Kinder.</p><p>�Sie ist eine Elfe�, erkl�rte der Devanthar.</p><p>Necahual war das Wort unvertraut.</p><p>Der Gefiederte streckte seinen Fl�gelarm aus und streifte mit seinen Schwungfedern das Antlitz der Daimonin. Sie wich nicht vor dem Gott zur�ck. Necahual war beeindruckt von so viel Mut.</p><p>�Sie geh�rt zu jenen, die unsere Unsterblichen t�ten. Euch ist ein ganz besonderer Fang gelungen.�</p><p>Der Unsterbliche hatte geh�rt, welchen Preis dieser Fang gekostet hatte. Neun Krieger hatte sie get�tet und einen Silberl�wen zerst�rt, dabei hatte sie nicht einmal eines der verwunschenen Schwerter mit sich gef�hrt, mit denen die Daimonen sonst k�mpften.</p><p>�Wei�t du, wo du hier bist, Elfe?� Der Gefiederte machte eine weit ausholende Bewegung. �Dies ist der Ort, an dem wir G�tter zu Sklaven machen. Du bist eine Drachenelfe, nicht wahr? Du hast dich den Himmelsschlangen verschworen. Was f�r ein elendes Gew�rm. Ich werde dir nun etwas zeigen.� Er gab den Jaguarm�nnern ein Zeichen, sich zu erheben. �F�hrt sie zum See.�</p><p>Necahual war entt�uscht, dass der Gefiederte kein Wort f�r ihn hatte. Er erwies der M�rderin zu viel der Ehre. Warum tat er das? Warum war er �berhaupt hier?</p><p>�Leider siehst du diesen Ort nun nicht in all seiner Pracht. Die Gesetze der Priesterschaft verlangen, dass alle mir geweihten Heiligt�mer nach sieben mal sieben Jahren erneuert werden m�ssen.� Der Devanthar wies auf die m�chtigen Steinquader, die nah der Ufermauer aufgereiht lagen.</p><p>Necahual hatte schon vor Stunden alle Arbeiter aus der H�hle abziehen lassen. Er hatte nicht gewollt, dass allzu viele seiner Untertanen die Daimonin sahen, bevor sie nackt und in Fesseln zum Altar getragen wurde.</p><p>�Wenn dein Blut auf dem Altar dort oben auf der Pyramide vergossen wurde, dann wird der ganze Bau mit einer neuen Schicht aus massigen Steinquadern ummauert.�</p><p>Die Daimonin lauschte aufmerksam den Worten des Gottes. Necahual gefiel das ganz und gar nicht. Es war nicht notwendig, dass sie all dies erfuhr. Ihr Leben war verwirkt. Sie musste nicht verstehen, warum und auf welche Weise sie sterben w�rde. Der Gefiederte hatte ihm den Befehl gegeben, sie einzufordern und zu opfern. Hatte er es getan, um sich diese Daimonin anzusehen, mit ihr zu sprechen?</p><p>�Zweifel stehen meinem Unsterblichen nicht gut zu Gesicht�, wandte sich der Devanthar nun �berraschend an ihn.</p><p>Necahual beugte dem�tig das Haupt. �Bitte verzeiht, mein Gebieter. Es sind keine Zweifel, die mich umtreiben. Ihr seht mich lediglich verwundert.�</p><p>�Nun, so soll es auch sein, Necahual. Bin ich nicht ein Fleisch gewordenes Wunder?�</p><p>�Selbstverst�ndlich, F�rst der Winde.�</p><p>Sie hatten das Ufer des Sees erreicht. Der Gott rief mit einer Stimme, die Herzen ersch�tterte, nach den Schlangen. Augenblicklich brachen die goldenen K�pfe durch die Oberfl�che des dunklen Wassers.</p><p>Eine Geste des Devanthar hie� die beiden riesigen Kreaturen sich aufrichten, wie angriffslustige Schlangen es taten.</p><p>�Sieh hin, Elfe! Siehst du die Schuppen unter dem Gefieder? Purpurn beim Linken und lindgr�n beim Rechten. Ahnst du, wen du da vor dir hast? Dein Herz und dein Blut werden die beiden n�hren. Ein passendes Ende, nicht wahr? Du hast dich als Drachenelfe doch ganz und gar den Himmelsschlangen verschrieben. Sie werden dich fressen, wie meine Adlerritter und Jaguarm�nner sich von ihrem Fleisch und ihrem Blute n�hren.�</p><p>Die Elfe schwieg, doch Necahual sah das ma�lose Entsetzen in ihrem t�rkisfarbenen Auge. Sie wusste, dass der Gefiederte sie nicht angelogen hatte.</p><p>�Du hast nun einen Tag, dar�ber nachzudenken, wem die Zukunft geh�ren wird. Ein paar Echsen wie jene, die wir uns als Sklaven halten, oder uns, den Devanthar.� Der Gefiederte wandte sich an Necahual. �Ich w�rde gerne noch ihren Kerker sehen.�</p><p>�Euer Wunsch ist mir Befehl.� Das mulmige Gef�hl, das Necahual empfand, wollte nicht weichen.</p><p>Schweigend gingen sie bis zu den Kerkern nahe der Stufenpyramide. Der Gefiederte inspizierte aufmerksam die Zelle, in die die Daimonin gesperrt werden sollte. Sie war aus dem blanken Fels geschlagen. Der einzige Weg hinaus f�hrte durch eine niedrige T�r, die aus drei Zoll dicken Bohlen aus dem Holz des Knochenbaums gefertigt war. Dieses Holz wurde hart wie Eisen, wenn es gut abgelagert war.</p><p>�Das ist der rechte Platz f�r sie.� Der Devanthar strich mit den Spitzen seiner Fl�gelarme �ber den Leib der Daimonin, und alle Eisenringe und Ketten fielen von ihr ab.</p><p>Erschrocken hoben die Jaguarm�nner die Krallenh�nde, und Necahual griff nach dem Opferdolch, den er am G�rtel trug. �Mein Gebieter, was tut ihr?�</p><p>�Ich bitte dich, in dieser Kerkerzelle ist sie wie lebendig eingemauert. Sie auch noch mit diesen albernen Ketten zu beh�ngen ist zu viel der Ehre. Soll sie denken, dass in der Brust meiner besten Krieger Hasenherzen schlagen?� Der Gott fl�sterte ein unverst�ndliches Wort, und die Daimonin sank in sich zusammen.</p><p>�Sie schl�ft nun�, erkl�rte der Gefiederte. �F�hlst du dich jetzt besser, Herr der Himmel und all dessen, was unter ihnen liegt?�</p><p>Der Spott traf Necahual bis ins Mark. Er war kein Hasenherz! Wie hatte der Gefiederte das vor den Kriegern sagen k�nnen? Ihm achtlos seine Ehre nehmen k�nnen?</p><p>�Wenn ich Euch entt�uscht habe, mein Gebieter, dann geh�rt mein Leben Euch.�</p><p>Der Gott ber�hrte ihn mit seinem Fl�gelarm. �Du bist der Erste unter all meinen Kriegern und der Weiseste unter meinen Priestern. Kein Mann wandelt auf Erden, in den ich mehr Vertrauen setze als in dich, und sollte ich dich je verlieren, werde ich den Himmel in Trauer kleiden und alle Winde ein Klagelied anstimmen lassen. Vertraue mir, Necahual. Ich befehle, dass sie nicht mehr in Ketten geschlagen wird. F�r sie ist das ein Zeichen unserer Furcht, und wir n�hren ihren Hochmut auf diese Weise. Sie ist nur eine M�rderin, Necahual. Nur Fleisch, das morgen von ihren versklavten G�ttern zerfetzt werden wird.� Der Gott wandte sich von ihnen ab und ging zum Blutsee. Noch bevor er dessen Ufermauer erreichte, verschwand er in strahlendem Licht.</p><p>Der Unsterbliche blickte auf die schlafende Daimonin zu seinen F��en. Den Dieb, der in seine Kabine auf dem Flaggschiff eingedrungen war und den Dolch entwendet hatte, hatte er trotz aller Bem�hungen nicht aufsp�ren k�nnen. Der Frevel war unges�hnt geblieben, und jetzt sollte er auch noch gegen�ber dieser Daimonin Milde walten lassen�� Diese M�rderin hatte neun Krieger get�tet. Er war nicht bereit, das Leben auch nur eines seiner M�nner zu gef�hrden, bevor sie auf dem Opferstein lag.</p><p>�Bring mir einen der schweren H�mmer der Steinmetze�, wies er den Krieger an, der ihm am n�chsten stand.</p><p>Kurz darauf wog er pr�fend das schwere Werkzeug in der Hand. Der Hammerkopf, gro� wie ein Ziegelstein, war aus schwarzem Eisen. Pr�fend strich er �ber das k�hle Metall. Er w�rde sein Wort halten. Die Daimonin w�rde nicht in Eisen geschlagen.</p><p>Necahual riss den schweren Hammer hoch und lie� den Hammerkopf auf das linke Schienbein der M�rderin niedersausen. Der Knochen brach, seine Enden ragten aus dem gequetschten Fleisch. Auch das Wadenbein schien zersplittert. Das Glied war unnat�rlich zur Seite verdreht.</p><p>Keuchend erwachte die Daimonin. Voller Hass sah sie zu ihm auf, wand sich und beherrschte sich zugleich. Kein Schmerzenslaut kam �ber ihre Lippen.</p><p>�Haltet sie fest!�, befahl der Unsterbliche seinen Kriegern. �Vor allem das rechte Bein.�</p><p>Sechs M�nner waren n�tig, um die Furie am Boden zu halten.</p><p>Wieder hob Necahual den Hammer. Er zerschmetterte auch das zweite Schienbein. �Bindet die Wunden ab, damit sie uns nicht verblutet�, befahl er. Die Daimonin war in sich zusammengesunken. Der brennende Schmerz schien ihr das Bewusstsein geraubt zu haben.</p><p>Necahual sah zu, wie sie in den Kerker geschleppt wurde. Als die schwere T�r sich schloss, war er zufrieden. Sie hatte Unsterbliche hingerichtet! Ihr war widerfahren, was sie verdiente. Und morgen w�rde er ihr Herz den gefiederten Schlangen vorwerfen.</p></section><section><title><p>Fern in Gedanken</p></title><p>Kyra dachte an Dylan, der einst in der Wei�en Halle ihr Meister gewesen war. An einem Nachmittag hatte er sich beim Schwertkampf den Arm gebrochen, die �bung aber deshalb nicht beendet. Er hatte sie gelehrt, wie sie aus jedem Gef�hl Kraft ziehen konnte, um weiterhin ihre Ziele zu verfolgen. Ganz gleich, ob es Freude, Schmerz oder Liebe war. Er hatte sie darin unterwiesen, doch nie hatte sie einen Schmerz wie in diesen Stunden erlitten. Sie war eine Zauberweberin, doch keine Heilerin. Eine Schnittwunde h�tte sie schlie�en k�nnen, aber diese zerschmetterten Knochen, das ging weit �ber ihre M�glichkeiten hinaus. Sie k�nnte sich selbst bet�uben, doch dann w�re sie v�llig wehrlos. Sie k�nnte die Nerven in ihren Beinen abt�ten, sodass sie den Schmerz nicht mehr sp�rte, doch das war unumkehrbar. Sie w�rde dann nie wieder Gef�hl in ihren Beinen haben, es w�re, als w�rde sie auf h�lzernen Beinen laufen. Also versuchte sie, aus dem Schmerz Kraft zu ziehen, und ein unb�ndiger Zorn erwuchs in ihr. Der half ihr jedoch nicht, die schwere Holzt�re zu �ffnen.</p><p>Die Stunden zogen sich. Irgendwann h�rte sie Schritte. Menschenkinder! Sie fl�sterten miteinander. Eine Gruppe von Kriegern und zwei Sklavinnen. Sie sollten kommen, sie ausziehen und waschen. Sie sollte sauber sein, wenn ihr der Unsterbliche Necahual das Herz aus der Brust schnitt. Necahual. Sie malte sich aus, wie sie ihn t�ten w�rde.</p><p>Der schwere Riegel der Zellent�r wurde zur�ckgezogen. Zwei Schatten glitten hinein. Jaguarm�nner. Sie bewegten sich wie Raubkatzen. Sie waren vorsichtig. Kyra roch die Angst der beiden. Und sie konnte h�ren, wie sich der Herzschlag der beiden beruhigte, als sie sie scheinbar bewusstlos am Boden des Kerkers liegen sahen. Sie kamen n�her.</p><p>In diesem Augenblick stemmte Kyra beide H�nde gegen den Boden. Dann schwang sie sich hoch, machte auf den H�nden laufend drei Schritt, schlang ihre Oberschenkel um den Hals des vorderen der beiden Jaguarm�nner und brach ihm mit einer raschen Drehung das Genick. Mit ihm st�rzte sie zu Boden. Noch w�hrend sie fiel, rief sie ein Wort der Macht, das den Fluss der Zeit ver�nderte. Sie wusste um die Gefahren des Zaubers, den sie wob, also �bertrieb sie es nicht. Sie ver�nderte die Zeit nur so sehr, dass sie den Nachteil durch ihre Verwundung ein wenig ausglich.</p><p>Ihr Sturz verlief so langsam, dass es ihr noch im Fallen gelang, sich die Krallenh�nde des Toten �berzustreifen. Dann griff sie an. Der zweite Jaguarmann starb nur zehn Herzschl�ge nach seinem Gef�hrten.</p><p>Wieder schwang sie sich auf ihre H�nde. Die Krallen klackten auf dem Boden, als sie aus der Zelle eilte. Sie war wie im Rausch. Die Kraft, von der Dylan, ihr Meister, gesprochen hatte. Sie war da. Kyra war wie ein verwundetes Raubtier. Schnell und ohne Gnade. Was sie tat, dauerte nur Augenblicke. Als sie den Zauber beendete und wieder ganz bei Sinnen war, sah sie sich umgeben von Toten. Auch die Sklavenm�dchen hatten ihren Blutrausch nicht �berlebt.</p><p>Kyra kroch zu den Werkzeugen bei den behauenen Steinen f�r den Tempelbau. Sie zog die Sch�fte aus langstieligen H�mmern und sammelte die G�rtel der Toten ein. Dann setzte sie sich nieder und dachte an die Wei�e Halle. Dachte an das Antlitz ihres Meisters, friedvoll und voller Kraft. Sie versuchte, den Schmerz ganz aus ihren Gedanken zu bannen, doch als sie die gebrochenen Knochen richtete, traten ihr Tr�nen in die Augen. Sie entging nur knapp einer Ohnmacht. Sie wusste, jetzt die Besinnung zu verlieren bedeutete den sicheren Tod. Es w�rde nicht lange dauern, bis die Jaguarm�nner vermisst wurden.</p><p>Als Erstes legte sie die Holzsch�fte um ihr rechtes Bein und wickelte die G�rtel darum. Sie keuchte vor Schmerz, als sie die G�rtel straff zog. Halb von Sinnen wiederholte sie die Marter an ihrem linken Bein.</p><p>Sie musste es zu den Himmelsschlangen schaffen! Die G�tterdrachen mussten wissen, was die Devanthar ihren Br�dern angetan hatten. Diese Barbarei durfte nicht ungestraft bleiben. Wohl nie wieder w�rde ein Albenkind hier hinabgelangen, vom Blutsee erfahren und entkommen, um anschlie�end davon berichten zu k�nnen. Sie sp�rte, wie die Enden der gebrochenen Knochen gegeneinander rieben, als sie sich aufrichtete und sich auf den Stiel einer Hacke aufst�tzte. Wieder dachte sie an Dylan, an die G�te in seinem Gesicht. Sie musste Kraft aus diesem Schmerz ziehen. Kraft!</p><p>Kyra fand einen Weg, der nach oben f�hrte. Zwei Mal musste sie sich im tiefen Schatten von Mauernischen verstecken, weil sie Schritte auf der langen Treppe h�rte. Als sie im Garten des Tempelbezirks anlangte, war es Nacht. Sie versteckte sich zwischen B�umen und B�schen, wurde eins mit den Schatten und entging der Aufmerksamkeit der Wachen. Als sie �ber die hohe Mauer kletterte, die den Garten einfasste, h�rte sie Alarmrufe. Die Toten waren entdeckt.</p><p>Sie lie� sich in die angrenzende Gasse gleiten. Blut rann aus den offenen Wunden der Br�che. Mit jedem Schritt f�hlte sie sich schw�cher.</p><p>Kyra fl�chtete durch Ruinen, die seit dem gro�en Beben nicht wieder aufgebaut worden waren. Als sie einen schlafenden Bettler fand, erdrosselte sie ihn, stahl ihm seinen Stab und seine Kleider. Es waren erb�rmlich stinkende Lumpen. Doch nun passte ihre Gewandung zu dem j�mmerlichen Hinken, mit dem sie sich vorw�rtsbewegte.</p><p>Wenn sie sich versteckte, w�rden die Aussichten zu entkommen deutlich schlechter. Mit jeder Stunde w�rden die Zapote mehr Krieger aufbieten, die nach ihr suchten. Vielleicht hatten die Jaguarm�nner schon ihre Witterung aufgenommen. Jagten diese Halbmenschen wie Raubtiere? Vermochten sie, einer Duftspur zu folgen? Kyra wusste es nicht, und sie wollte es nicht herausfinden.</p><p>Unbeirrt strebte sie dem Platz entgegen, an dem die Goldene Pforte lag. Trotz des Stabes, auf den sie sich st�tzte, taumelte sie bei jedem Schritt. Ihre Kraft drohte sie endg�ltig zu verlassen. Glei�ende Lichtpunkte tanzten ihr vor den Augen. Gegenwart und Erinnerungen mischten sich zu grotesken Wahnbildern. Sie sah Dylan, er nahm sie beim Arm und f�hrte sie, wie damals, als sie sich bei einem der endlosen Ausdauerl�ufe in den W�ldern nah der Wei�en Halle einen Kn�chel gebrochen hatte. Dann erz�hlte sie ein M�rchen. Menschenkinder lachten. Sie wurde durch eine dicht gedr�ngte Menge geschoben. Unbarmherzige gr�ne Augen blickten auf sie herab. Dylan fl�sterte ihr ins Ohr, dass alles gut werden w�rde. Der Boden unter ihren F��en ver�nderte sich. Weich und federnd war er. Sie w�re fast gest�rzt. Undurchdringliche Dunkelheit umfing sie.</p><p>Doch Dylan war da. So viele Jahre hatte sie ihn nicht mehr gesehen, doch in dieser Stunde h�chster Not wies er ihr den Weg. Sie sp�rte, dass sie allein war. Die Menschenkinder hatten sie verloren. Sie st�rzte durch ein Licht. Dann drangen vertraute Stimmen an ihr Ohr. Kobolde! Sie richtete sich auf die Knie auf. Kleine, aufgeregt fl�sternde Gestalten umringten sie.</p><p>�Bringt mich zu den Himmelsschlangen�, hauchte sie mit letzter Kraft. Dann st�rzte sie vorn�ber, und Dunkelheit umfing sie.</p></section><section><title><p>Mit heissem Blut</p></title><p>Kyra endete mit ihrem Bericht, und ein Sturm der Entr�stung brach los. Nie zuvor hatte Nachtatem einen solchen Tumult der Gef�hle bei seinen Nestbr�dern erlebt. Der Rote, der leidenschaftlichste von ihnen, der gerne in Elfengestalt den T�chtern der Elfenf�rsten nachstellte, weinte in namenloser Trauer. Der Smaragdene, der sich stets um Ausgleich zwischen ihnen bem�hte, war fassungslos, er versuchte zu erfassen, was mit ihren beiden Br�dern geschehen war, und fragte sich entsetzt, ob sie sich einen Teil ihrer Vernunft erhalten hatten und wussten, was ihnen angetan worden war.</p><p>Der Nachtblaue war erf�llt von Rachegedanken. Er stellte sich vor, die Devanthar zu zerfetzen, ihre Goldene Stadt niederzubrennen und die Kadaver des Fr�hlingsbringers und des Purpurnen aus dem Blutsee zu retten.</p><p>Sein flammender Bruder, der Wankelm�tige, schwankte in seinen Gef�hlen zwischen Trauer und flammendem Zorn. Wobei der Zorn begann, �berhand zu gewinnen. Auch er wollte Vergeltung.</p><p><emphasis>K�mpfen wir!,</emphasis> sandte der Goldene ihnen allen seine Gedanken. <emphasis>Holen wir unsere toten Br�der zur�ck.</emphasis></p><p>Nachtatem beugte sich zu der verwundeten Elfe hinab. Kyra hatte einst dem Himmlischen gedient. Dem H�ter des Wissens unter ihnen und dem W�chter �ber die Blaue Halle, in der er vor Jahren gestorben war, als die Devanthar die Bibliotheken tief unter der Erde einst�rzen lie�en.</p><p>Kyra zitterte. Auch sie empfand all die Gef�hle der alten Drachen, wenn auch l�ngst nicht so stark wie er und seine Br�der.</p><p>Er sprach ein Wort der Macht, nahm der Elfe ihren Schmerz und lie� sie in einen tiefen Schlaf sinken. Sie sollte nicht mit ansehen, wie die W�chter ihrer Welt stritten.</p><p>Nachtatem sp�rte, dass selbst der Smaragdene kurz davorstand, seine Zur�ckhaltung aufzugeben und dem Krieg das Wort zu reden.</p><p><emphasis>Habt ihr bedacht, dass die Devanthar vielleicht genau das erreichen wollten, was gerade geschieht? K�nnte es nicht ihre Absicht sein, uns zu einem unbedachten Angriff zu verleiten</emphasis>.</p><p><emphasis>Ich habe in Kyras Gedanken gelesen,</emphasis> best�rmte ihn der Nachtblaue. <emphasis>Ich habe unsere Br�der gesehen. Sie sind wirklich dort. Es sind keine L�gengeschichten!</emphasis></p><p><emphasis>Steht das etwa im Widerspruch zu meinen Worten?,</emphasis> entgegnete Nachtatem k�hl und ahnte, wie es weitergehen w�rde. Zu oft hatten sie schon gestritten.</p><p><emphasis>Du bist also bereit zu dulden, was unseren Br�dern angetan wurde?,</emphasis> kam es lauernd vom Goldenen.</p><p><emphasis>Ich bin bereit zu denken, bevor ich zu Taten schreite.</emphasis> Es kostete Nachtatem �berwindung, die Ruhe zu bewahren. Er sp�rte, wie sich Stimmung gegen ihn aufbaute. Er durfte sie nicht noch weiter anheizen.</p><p><emphasis>Was l�sst dich z�gern? Wenn wir jetzt angreifen, werden wir sie �berrumpeln. Wenn wir warten, lassen wir ihnen Zeit, sich vorzubereiten. Kriege werden von den K�hnen gewonnen!</emphasis></p><p>Der Erstgeschl�pfte wusste, dass die Worte des Nachtblauen genau das waren, was seine Br�der h�ren wollten.</p><p><emphasis>Fragt ihr euch nicht, warum Kyra bei ihrem ersten Versuch, die Goldene Pforte zu passieren, gefasst wurde, beim zweiten Mal aber ungehindert passieren konnte? Warum haben die Zapote nicht als Erstes die Wachen vor dem Albenstern verst�rkt, als sie entkommen ist? Warum waren die Wachen, die dort schon standen, pl�tzlich so unaufmerksam?,</emphasis> fragte er.</p><p><emphasis>Vielleicht scheuten die Zapote davor zur�ck, es die anderen V�lker wissen zu lassen, dass ihnen eine so bedeutsame Gefangene entfliehen konnte,</emphasis> entgegnete der Goldene. <emphasis>F�r sie ist es sehr wichtig, unter allen Umst�nden ihr Gesicht zu wahren. Aaron von Aram h�tte anders gehandelt, aber ich sehe in den Ereignissen keine Widerspr�che. Es war, wie unser Bruder sagte�� es sind die K�hnen, die gewinnen. Kyra hat alles gewagt, und sie hat es zu uns geschafft.</emphasis></p><p><emphasis>Schicken wir das Himmelland,</emphasis> forderte der Nachtblaue. <emphasis>Dazu wurde</emphasis><emphasis>es geschaffen. Wir k�nnen nicht verlieren. So wie Kyra berichtete, wurde die gesamte Kriegsflotte der Unsterblichen versammelt, um den Piraten Tarkon zu vernichten, was gl�ckte. Noch liegen all diese Wolkensammler an einem Ort. Zerst�ren wir diese Schiffe. Ihr werdet sehen, dieser Angriff zwingt die Devanthar einzugreifen. Und wenn sie das tun, werden wir sie vernichten. Wir erwarten sie, so wie wir es in Selinunt getan haben. Und dieses Mal werden sie kommen. Verlieren sie ihre Flotte, dann werden sie auch Nangog verlieren.</emphasis> Die Gedanken seines kriegerischen Bruders entsprangen einem k�hlen Gem�t, was es dem Dunklen umso verlockender machte zuzustimmen.</p><p><emphasis>Aber das Himmelland ist noch nicht bereit, in die Schlacht zu ziehen,</emphasis> wandte der Smaragdene ein. <emphasis>Es ist noch nicht fertig gebaut.</emphasis></p><p><emphasis>Es wird niemals fertig sein, wenn wir auf seinen Baumeister h�ren. Er vergr��ert es ohne Unterlass. Dabei ist es mehr als zwei Meilen lang. Es w�rde die H�lfte der Goldenen Stadt unter sich begraben, wenn es landet.</emphasis><emphasis>Wie gro� muss es noch werden?</emphasis> Der Nachtblaue fauchte �rgerlich. <emphasis>Lasst keinen Baumeister �ber Schlachten entscheiden. Ich bin ein Krieger, und ich sage euch, unsere Waffe ist bereit.</emphasis></p><p><emphasis>Es fehlt auch noch an eingewiesener Besatzung��</emphasis></p><p><emphasis>Wie lange muss man eingewiesen werden, um in ein Laufrad steigen zu k�nnen?</emphasis> Der Goldene schnaubte ver�chtlich, als er dem Smaragdenen das Wort abschnitt. <emphasis>Suchen wir doch bitte nicht l�nger nach Ausreden, die uns davon abhalten, das Richtige zu tun. Treiben wir ein paar Tausend Kobolde f�r die Laufr�der zusammen und die Zwerge, um die Gesch�tze zu bedienen und mechanische Teile zu warten. Dann k�nnen wir losschlagen.</emphasis></p><p><emphasis>Nachtblauer, du bist der gr��te Krieger unter uns��</emphasis> Der Dunkle sprach nun direkt zu seinem Bruder. <emphasis>Die Devanthar haben den Ort und die Zeit f�r diese Schlacht bestimmt. Wie gut sind die Aussichten, dass wir gewinnen werden und dies keine Falle ist?</emphasis></p><p><emphasis>Ausreden!,</emphasis> fauchte der Goldene.</p><p><emphasis>Meine Gazala reden immer �fter vom Ende der Welt. Bitte, Br�der, denkt</emphasis><emphasis>nach! Wir sind nicht gezwungen, unsere Entscheidungen mit hei�em Blut zu treffen.</emphasis></p><p>Der Schweif des Goldenen knallte auf den Felsboden. <emphasis>Genug! Denkt an das, was dem Purpurnen und dem Fr�hlingsbringer angetan wurde. Was interessiert uns das Geschw�tz der blinden Seherinnen? Ich habe die Zukunft in der Silberschale gesehen. Wir werden die Devanthar vernichten. Die Zukunft geh�rt uns, wenn wir das Herz haben, nach ihr zu greifen, statt zu zaudern.</emphasis></p><p><emphasis>Du vertraust der Silberschale, die vielleicht von den Devanthar erschaffen wurde, Bruder?</emphasis> Nachtatem wandte sich an die anderen. <emphasis>Ich bitte euch nur um einen Tag. Bedenkt euer Handeln, meine Br�der.</emphasis> Er sp�rte die Ablehnung in ihren Herzen.</p><p>Der Goldene sah ihn lange an. Auch er schien zu sp�ren, dass die Entscheidung bereits gefallen war. <emphasis>Ich vertraue vor allem darauf, dass ich es bin, der meine Zukunft schmiedet. Wer von euch ist wie ich der Meinung, dass wir das Himmelland in die Schlacht schicken sollen? Wer will, dass noch in dieser Stunde alle Befehle ergehen, die letzte Schlacht zu schlagen?</emphasis></p><p>Alle stimmten sie zu. Nachtatem f�hlte den Triumph des Goldenen. Er gab sich keine M�he, dieses Gef�hl zu verbergen. Er hatte nun die F�hrung der Himmelsschlangen �bernommen, und er w�rde sie nicht mehr abtreten.</p><p><emphasis>Wirst du mit uns k�mpfen, Bruder?</emphasis></p><p><emphasis>Ich bin der Erstgeschl�pfte. Euch alle habe ich unter meinen Schwingen besch�tzt. Ich gehe, wohin ihr gehen werdet.</emphasis></p></section><section><title><p>Ausgesetzt</p></title><p>Nachtatem sah in die flehenden, dunklen Augen. Er hatte in den letzten Jahren verstanden, sein Wachstum zu beherrschen. Sein Sohn sah aus, wie man es bei einem Jungen zwischen sieben und acht erwartete. Er wirkte hager und zerbrechlich. Und diese Augen vermochten ohne Worte Herzen zu gewinnen.</p><p>Nachtatem wusste, dass sein Sohn es schon erprobt hatte. Er wusste, dass sein �u�eres nicht mit seinen tats�chlichen F�higkeiten �bereinstimmte. Allerdings war ihm nicht klar, was dieses Spiel nun sollte.</p><p>Sein Sohn war alles, aber ganz gewiss nicht harmlos. Und mochten die Alben jedem Gnade schenken, der darauf hereinfiel.</p><p>�Ich werde dich holen, wenn alles vor�ber ist. Du bist im Jadegarten nicht l�nger sicher.�</p><p><emphasis>Warum?</emphasis></p><p>Nachtatem lag in Drachengestalt auf der Lichtung inmitten des Eichenhains nahe dem Albenhaupt, den er als Zuflucht gew�hlt hatte. Der Duft von gesplittertem Holz lag in der Luft. Seine Schwingen hatten einige der St�mme zerschmettert, als er gelandet war. Er zog es vor, mit seinem Sohn zu sprechen. In seinen Gedanken zu sein hatte er immer schon als unangenehm empfunden.</p><p>�Mein Bruder, der Goldene, w�nscht sich sein Leben lang, der Erstgeschl�pfte zu sein. Dieser Wunsch kann sich nicht erf�llen. Aber er kann der �lteste unter den Lebenden werden, und ich f�rchte, dass er dies beabsichtigt.�</p><p><emphasis>Warum t�test du ihn dann nicht, Vater?</emphasis></p><p>�Weil er mein Bruder ist und ich mir nicht ganz sicher bin. Ich bin auf das Schlimmste vorbereitet und hoffe auf das Beste.�</p><p><emphasis>Damit begibst du dich freiwillig in die schw�chere Position, Vater. Ist das klug?</emphasis></p><p>�Nein, das ist Bruderliebe. Ein Gef�hl, das du nicht kennst.�</p><p><emphasis>Weil du es mir verweigert hast. Ich wei� um meine beiden Geschwister in der Alten Veste.</emphasis></p><p>Nachtatem hatte lange geahnt, dass es so war. In den letzten Jahren waren drei Kobolde spurlos im Jadegarten verschwunden. Er hatte immer bef�rchtet, dass sein Sohn etwas damit zu tun gehabt hatte. Dass er wissen wollte, was er vor ihm verborgen hielt. �Sie sind nicht wie du. Du w�rdest dich nicht mit ihnen verstehen.�</p><p><emphasis>Ich w�nschte mir, du h�ttest mir Gelegenheit gegeben, es selbst herauszufinden.</emphasis></p><p>�Du hattest die Gelegenheit im Leib deiner Mutter. Du hast dich bereits damals gegen deine Geschwister entschieden.�</p><p><emphasis>Weil mich mein Instinkt lenkte, Vater.</emphasis></p><p>Nachtatem sch�ttelte bed�chtig seinen schweren Kopf. Sie beide wussten, dass er seinen Instinkten zwar gerne nachgab, aber sich niemals von ihnen beherrschen lie�. �Es gibt in diesem Wald nichts, was dir gef�hrlich werden k�nnte. Aber gehe nicht nach Westen, zu den Slanga-Bergen. Solltest du auf die Wei�e Frau treffen, wird sie nicht z�gern, dich zu t�ten.�</p><p><emphasis>Wer ist das?</emphasis></p><p>�Sie ist fast so alt wie wir Himmelsschlangen und uns nicht wohlgesinnt. Es gibt kein zweites Gesch�pf wie sie, und ich habe sie stets gemieden, also wei� ich nichts �ber sie. Betrachte dies einfach als einen langen Jagdausflug. Wir beide wissen, wie gerne du jagst und wie sehr du es genie�en wirst, dass ich nicht in der N�he bin, um �ber dich zu wachen.�</p><p>Sein Sohn legte den Kopf in den Nacken und atmete tief ein. Ein L�cheln spielte um seine schmalen Lippen. <emphasis>Es gibt hier W�lfe. Ich habe ihre Witterung.</emphasis></p><p>Nachtatem dachte daran, dass die J�ger vermutlich den Fehler machen w�rden, seinen Sohn f�r leichte Beute zu halten. Unter anderen Umst�nden h�tte er ihn nicht unbeaufsichtigt in der Wildnis zur�ckgelassen. Aber er mochte sich nicht vorstellen, was geschehen w�rde, wenn der Goldene ihn fand. Sein Bruder w�rde die schlechtesten Seiten des Jungen zum Vorschein bringen, w�hrend er sich stets darum bem�ht hatte, die Dunkelheit in dem Kind zu beherrschen. �Ich wei� um deine F�higkeiten als Zauberweber. Ich vermute, wenn du es wolltest, k�nntest du einen Drachenpfad erschaffen und in dein Versteck in der Pyramide im Jadegarten zur�ckkehren. Glaube mir, dass dies keine kluge Entscheidung w�re.�</p><p><emphasis>Sind nicht auch meine Geschwister in Gefahr?</emphasis></p><p>�Um dich habe ich mich zuerst gek�mmert.�</p><p><emphasis>Ich bin also gef�hrdeter als der kleine Kr�ppel?</emphasis></p><p>Nachtatem hasste es, wenn er so war. �Ziehe deine Schl�sse aus meinen Taten.�</p><p><emphasis>Das habe ich bereits, Vater.</emphasis> Er l�chelte. <emphasis>Dann werde ich mir nun den Wald ansehen, den du mir auserw�hlt hast.</emphasis> Damit wandte er sich ab und schlenderte betont l�ssig davon. Nach ein paar Schritten begann er ein Lied zu pfeifen. So zerbrechlich sah er aus. So fehl am Platz in dieser Wildnis.</p><p>Sein Sohn drehte sich nicht mehr nach ihm um, bis er im Unterholz verschwunden war. Nachtatem hatte ihm nie einen Namen gegeben, doch manchmal verglich er ihn mit Sonnentau. Er war s��, verlockend und ebenso t�dlich, wie Sonnentau f�r Insekten war. Nur dass es seinen Sohn immer schon nach Beute gel�stet hatte, die sich ihm �berlegen w�hnte.</p><p>Er weitete die Schwingen und erhob sich in die Luft. Er verlie� den Alten Wald voller unguter Gef�hle. Ihn hierherzubringen war die beste unter schlechten L�sungen gewesen. Gut war es nicht.</p></section><section><title><p>Eine unfehlbare Falle</p></title><p>�Die Drachenelfe ist entkommen�, erkl�rte der Gefiederte. �Obwohl Necahual ihre Flucht fast verhindert h�tte.�</p><p>�Gehorcht dein Unsterblicher dir etwa nicht?�</p><p>Langarm, der bislang als stummer Zuh�rer zugegen gewesen war, fragte sich, wer diese impertinente Frage gestellt hatte. Sie alle hatten sich im Saal von Licht und Dunkelheit versammelt. Dem Raum, der in bedr�ckender Finsternis lag, die von Lichts�ulen durchbrochen wurde, die in unregelm��igem Rhythmus von der hohen, gew�lbten Decke herabstachen. Dieses Licht schnitt nur eng abgezirkelte Inseln in die Dunkelheit, es reichte trotz seiner Intensit�t nicht aus, die Finsternis zu vertreiben. So war nie klar, wie viele von ihnen sich in dem weiten Saal aufhielten, und oft konnte man nicht sehen, wer sprach.</p><p>Die Art des Einwurfs erinnerte Langarm an den Ebermann. Aber es war unm�glich, dass sich sein Bruder jetzt schon aus seinem einsamen Gef�ngnis befreit hatte.</p><p>�Mein Unsterblicher leidet daran, ein vern�nftiger, selbstst�ndig denkender Mann zu sein�, entgegnete der Gefiederte ruhig. �Nat�rlich habe ich ihn nicht in unsere Absichten mit der Drachenelfe eingeweiht. Und er war besorgt �ber meinen leichtfertigen Umgang mit ihr. V�llig zu Recht. Er konnte ja nicht ahnen, dass es unser Wunsch war, dass sie entkommt.�</p><p>�Und sie hat alles gesehen?�, fragte eine andere Stimme aus dem Dunkel.</p><p>�Alles, was sie sehen sollte. Sie wei� um das Schicksal der beiden Himmelsschlangen. Aber sie ahnt nichts von dem Verderben, das auf ihre Gebieter lauert.�</p><p>�Aber wie k�nnt ihr euch so sicher sein, auf welche Weise sie angreifen werden�, meldete sich der L�wenh�uptige mit seiner unverwechselbaren, sonoren Stimme zu Wort.</p><p>�Sie haben im Grunde nur eine Wahl.�</p><p>Langarm �berlief jedes Mal ein wohliger Schauder, wenn er I�ta sprechen h�rte. So lange w�rde es noch bis zur n�chsten heiligen Hochzeit dauern. So lange, bis die herrschs�chtige G�ttin sich ihm, dem meistverspotteten der G�tter, wieder f�gen musste.</p><p>�Die Drachenelfen werden die m�chtigen K�rper der gefiederten Schlangen nicht aus dem Blutsee befreien k�nnen, um sie fortzubringen�, erkl�rte I�ta. �Sie werden also eine Streitmacht aufbieten m�ssen, um sich bis zur Tempelh�hle der Zapote durchzuk�mpfen. Letztlich aber geb�hrt es eigentlich nur den Himmelsschlangen, ihre Br�der zu holen. Der einzig erfolgversprechende Weg ist ein Angriff aus der Luft. Nach unseren Informationen gebieten sie �ber etwa zehn der neuen Wolkensammler und eine unbekannte Anzahl von Drachen. Die Flotte �ber unserer Stadt ist ihnen mit Gewissheit �berlegen. Es wird also nicht gen�gen, wenn die Himmelsschlangen ihre Handlanger schicken. Sie werden selbst eingreifen m�ssen. Genau darauf warten wir.�</p><p>�Und wenn ihnen klar ist, dass dies nur eine Falle sein kann.�</p><p>Der Einwand des L�wenh�uptigen �rgerte Langarm. Wie konnte er nur in jeder Br�he nach einem Haar suchen!</p><p>�K�nnen sie es sich leisten, nicht zu kommen?�</p><p>Langarm konnte I�ta zwar nicht sehen, aber so wie ihre Stimme klang, war er sich sicher, dass sie l�chelte.</p><p>�W�rden wir einen von uns so vegetieren lassen, wenn er von den Himmelsschlangen gefangen worden w�re?�, fragte der Gefiederte in die Dunkelheit. �Sie haben keine Wahl. Sie werden kommen.�</p><p>�Und wenn sie auch eine List ersinnen?�, setzte der L�wenh�uptige nach.</p><p>�Wie sollten sie siegen? Unsere Flotte ist st�rker. Sollte das nicht gen�gen, schicken wir den Rei�zahn. Und sollte auch er nicht triumphieren, gehen wir das Wagnis ein und erscheinen h�chstselbst auf dem Schlachtfeld. Entweder um die Himmelsschlangen untergehen zu sehen oder um ihnen, falls n�tig, den Todessto� zu versetzen.�</p><p>Die Worte I�tas verletzten Langarm. W�hrend unter seinen Br�dern und Schwestern ver�rgertes Gemurmel losbrach, dass sie ihr Leben wagen sollten, trat er in eine der Lichts�ulen. �Der Rei�zahn ist unvergleichlich! Ihr habt ihn nicht gesehen. Es gibt nichts, was ihm gleichkommt. Er wird mit Leichtigkeit eine Himmelsschlange zerfetzen. Daf�r stehe ich mit meinem Leben ein.�</p><p>�Ein Leben, das sich schon die Himmelsschlangen geholt haben werden, wenn du dich irrst!�, spottete der L�wenh�uptige.</p><p>Langarm sp�rte, wie ihm das Blut in den Kopf stieg. �Komm mit mir und sieh ihn dir an. Dann wirst du nicht mehr schwafeln. Ihr alle seid eingeladen, den Rei�zahn anzusehen. <emphasis>Er ist unvergleichlich!</emphasis> Ich mache keine gro�en Worte.�</p><p>Einige seiner Br�der und Schwestern traten zu ihm ins Licht. Sie waren neugierig.</p><p>�Bevor sich diese Versammlung aufl�st, gilt es noch eine Warnung auszusprechen�, sagte der Gefiederte gebieterisch. �Ganz gleich, auf welche Art diese Schlacht letztlich ausgefochten wird, sie wird �ber der Goldenen Stadt und in ihren Stra�en stattfinden. Sollte es Menschenkinder geben, deren Leben wichtig f�r die Zukunft ist, solltet ihr erw�gen, sie nach Daia zu bringen. Die Stadt und ihre Bewohner werden in Mitleidenschaft gezogen werden. Aber geht mit Bedacht vor! Schafft nicht zu viele H�flinge fort. Wir d�rfen unsere Absichten den feindlichen Spitzeln nicht kundtun, indem wir die Pal�ste und Handelskontore evakuieren. Bringt nur jene fort, die wirklich unersetzlich sind.�</p><p>Langarm musste an sich halten, um dazu nichts zu sagen. Er war kein Freund der Menschenkinder. Er empfand nichts f�r sie und hatte sich nie darum bem�ht, einer ihrer G�tter zu sein. Allerdings war der Zynismus, den der Gefiederte und auch I�ta an den Tag legten, verabscheuungsw�rdig. <emphasis>Die Stadt und ihre Bewohner werden in Mitleidenschaft gezogen werden,</emphasis> dr�ckte nicht einmal ann�hernd aus, was geschehen w�rde, wenn der Rei�zahn sich erhob. Gerade die beiden wussten das ganz genau.</p></section><section><title><p>Der Traum der G�ttin</p></title><p>Sie sp�rte ihr Herz. Die fehlende H�lfte. Es war nah! Nangog war sich bewusst, dass sie tr�umte. Doch es war ein Traum am Rande des Erwachens. Einer jener Tr�ume, deren Verlauf man lenken konnte. Und sie war sich sicher, dass ihr Herz wirklich in der N�he war. Die Albenkinder hatten ihr dem�tig zur�ckgebracht, was sie ihr genommen hatten. Doch die Devanthar w�rden dies niemals tun. Sie verstand nicht, warum sie so leichtfertig waren, die zweite H�lfte ihres Herzens nach Nangog zur�ckgebracht zu haben. Es war alles da, nicht nur winzige Splitter wie in der Vergangenheit.</p><p>Sie hatte begonnen, ihre Kinder um sich zu sammeln. Jene, die gerne gekommen waren, und auch jene, deren Willen sie hatte brechen m�ssen. Ihre Macht wuchs. Dass die Devanthar Splitter ihres Herzens auf ihre Welt gebracht hatten, hatte das Gleichgewicht verschoben. Sie war nicht mehr ganz so gel�hmt wie fr�her. Sie hatte begonnen zu lenken. Im Traum�� Aber sie wusste, dass manche dieser Tr�ume Wahrheit geworden waren.</p><p>Die Gr�nen Geister gab es nicht mehr. Sie hatten sich in Fleisch gekleidet, und sie hatte sie alle zu sich befohlen. Sie waren in der weiten H�hle im Herzen der hohlen Welt versammelt. Sie klammerten sich an den Fels, trauten ihrem Versprechen, dass dieser Albtraum schon bald vor�ber war. Die Stunde des Erwachens war nah. Sie musste nur noch die fehlende H�lfte ihres Herzens finden. Und es war hier! Sie sp�rte es.</p><p>W�rde ihr Sohn doch noch leben. Er w�rde es ihr bringen. Seinen Tod hatte sie lange nicht verwunden. Die M�rder w�rden es ihr b��en, sobald ihr Herz wieder vollst�ndig war. Die verlorenen Splitter in den K�pfen der fliegenden Kreaturen spielten keine Rolle. Das gro�e St�ck, das die Devanthar gebracht hatten�� das musste sie aufsp�ren!</p><p>Die G�ttin streckte ihre F�hler aus. Ihre gr�nen Kristalle. Zu Zehntausenden wuchsen sie ihr aus dem Hinterkopf. Ein Gespinst, das in alle Winkel ihrer Welt reichte. Sie brauchte mehr davon�� Sie sammelte ihre Kraft. Trieb neue Kristalle durch den Fels. In jene Gegend, die von den Menschenkindern der Weltenmund genannt wurde. M�chtige, baumdicke Str�nge schoben sich durch das Gestein. Es dauerte qu�lend lange�� ein paar Tage noch.</p><p>Doch was waren Tage? Ihre Gefangenschaft w�hrte ein Zeitalter. Sie musste sich gedulden. Musste ganz genau sehen, wo ihr Herz verwahrt wurde. Es schien in Metall eingeschlossen zu sein. Doch das w�rde ihre Kinder nicht aufhalten. Sobald sie den verborgenen Ort fand, w�rde sie ihr Heer entfesseln. In dichten Trauben hingen sie im Fels. Und sie waren alle wieder folgsam und brannten darauf, sich vor ihr zu beweisen.</p><p>Sie sp�rte die Kristalle wachsen. Viele. Nicht mehr lange��</p></section><section><title><p>Brutpflege</p></title><p>Nandalee sp�rte ihn kommen. �Eleborn, nimm die Kinder und zieh dich mit ihnen zur�ck. Und sorg daf�r, dass sie nicht aus den Fenstern sehen.�</p><p>�Was ist denn los, Mama?�, fragte Emerelle.</p><p>Sie antwortete ihr nicht. Ein �berw�ltigendes Gef�hl der Beklommenheit eilte ihm voraus. Dann war er auf dem Landeplatz vor dem Tor zur Festung. Er musste den m�hsamen Weg durch die Felsen gew�hlt haben. Wahrscheinlich, weil er seine Gedanken noch einmal ordnen wollte, bevor er mit ihr sprach.</p><p>Eleborns Kr�cke klackte auf den Steinen. Die Kinder liefen an seiner Seite durch das Portal des Palas, als der Schatten in den Hof fiel. Die Dunkelheit, die den Erstgeschl�pften stets umgab.</p><p>Nandalee fr�stelte es. Etwas war heute anders.</p><p>Die schlanke, hochgewachsene Gestalt trat aus dem Tortunnel. �Die Zeit, in der sich alles ver�ndern wird, ist angebrochen, meine Dame�, sagte er, ohne sich mit den �blichen H�flichkeiten aufzuhalten. �Es ist wichtig, dass Ihr genau tun werdet, was ich Euch sage, auch wenn mir bewusst ist, dass dies zutiefst Eurem Naturell entspricht.�</p><p>�Und was �ndert sich?�</p><p>�Nodon und der gr��ere Teil meiner Drachenelfen werden binnen der n�chsten Stunde die Festung verlassen, und auch ich werde nicht mehr lange im Jadegarten weilen. Ich w�nsche, dass Ihr die Kinder in die Pyramide bringt. Dort werden sie vor den meisten Feinden sicher sein.�</p><p>�Welchen Feinden?�</p><p>Er machte eine �rgerliche Geste, als wollte er ihre Worte aus der Luft wischen. �Ihr wisst, dass der Goldene Emerelle und Meliander holen will.� Er schnippte mit den Fingern, und pl�tzlich waren da die beiden Ringe. Sie lagen in seiner ausgestreckten Hand. �Ich habe entdeckt, was mein Bruder mit diesem Geschenk bezweckt. Wann immer die Kinder die Ringe tragen, wei� er bis auf zehn Schritt genau, wo sie sich aufhalten. Wenn die Ringe aber f�r l�ngere Zeit aufh�ren, sich zu bewegen, wird er wissen, dass die Kinder sie abgelegt haben, und seine Pl�ne vielleicht �berst�rzt in die Tat umsetzen. Ihr seht, es ist ein Geschenk voller Heimt�cke. Dennoch w�rde ich empfehlen, die Ringe den Kindern zu geben. Zumindest vorerst. Dann wird mein Bruder glauben, dass seine List unentdeckt geblieben ist.�</p><p>�Ihr glaubt, er wird hierherkommen?� Sie hatte gewusst, dass dies eines Tages geschehen w�rde, aber so schnell�� �Wenn die Kinder schlafen, bewegen sie sich auch nicht.�</p><p>�Ihr wollt mir erz�hlen, dass die beiden v�llig still in ihren Betten liegen, wenn sie sich zur Ruhe begeben? Habt Ihr vergessen, dass ich gelegentlich die Freude hatte, �ber ihren Schlaf wachen zu d�rfen? Er wird es merken, wenn die Ringe sich f�r eine Stunde lang nicht einmal mehr um einen Zoll bewegen. Sie sind ein Geschenk voller Heimt�cke.�</p><p>Nandalee begriff. Sobald sie den Kindern die Ringe abnahm, w�rde der Goldene wissen, dass sie auf der Flucht waren. Und wenn sie es nicht tat, wusste er zu jeder Zeit, wo sie sich aufhielten.</p><p>�K�nnt Ihr den Zauber brechen, mein Gebieter?�</p><p>�Auch das wird er bemerken, Dame Nandalee. Die letzte Schlacht, jene, die uns den Tod oder den ewigen Frieden bringen wird, steht unmittelbar bevor. Mein Bruder wird abgelenkt sein. Und auch die Devanthar. Alle werden mit all ihrer Kraft an der Vernichtung der jeweils anderen wirken. Deshalb ist dies die Stunde, Euch noch einmal von der Seite Eurer Kinder zu rei�en, meine Dame. Dieses eine Mal tue ich es jedoch nur, um eine Schuld bei Euch zu tilgen. Ihr m�sst nach Daia gehen. An einen Ort, den noch nie zuvor ein Albenkind betreten hat.�</p><p>Er erkl�rte Nandalee, was er von ihr erwartete.</p><p>�Nun, werdet Ihr diese Mission annehmen?�</p><p>Sie verbeugte sich vor ihm, aufgew�hlt von widerstreitenden Gef�hlen. Sie hatte Angst um die Kinder, aber auch vor dem, was sie erwarten w�rde. Und zugleich hoffte sie zum ersten Mal seit Langem wieder darauf, dass es f�r ihre kleine Familie eine gl�ckliche Zukunft geben k�nnte.</p><p>�Warum, mein Gebieter, soll ich die Kinder in die Pyramide bringen? W�ren sie nicht auch hier in der Alten Veste oder am Grund des Sees in Eleborns verborgenem Reich in Sicherheit.�</p><p>�Nein!�</p><p>Nandalee war �berrascht von der Heftigkeit des Ausbruchs, und sie hatte den Eindruck, dass es ein Geheimnis hinter der Entscheidung Nachtatems gab.</p><p>�Ihr m�sst in die Grotte unter der Pyramide. Dies ist mein Nest. Es ist mein letzter R�ckzugsort. Er ist meinen Br�dern heilig. Sie w�rden es nicht wagen, dieses uralte Gesetz zu brechen. Nicht einmal der Goldene w�re so unverfroren, denn er wei�, er w�rde die Unterst�tzung all meiner anderen Br�der verlieren, wenn er dort eindringt. Noch kann er sich das nicht leisten. Schickt sie mit Eleborn dorthin, damit sie jemanden um sich haben, dem sie vertrauen. Und sch�rft den Kindern ein, dass sie die Pyramide unter keinen Umst�nden verlassen d�rfen. Das Tal ist nicht sicher. Am wenigsten die Alte Veste. Der Goldene und Bidayn kennen sie nun.�</p><p>Nandalee war ergriffen von der F�rsorge des Erstgeschl�pften�� bis ihr der Gedanke kam, dass auch er Meliander und Emerelle als seine Brut betrachtete. Eine Vorstellung, die ihr zutiefst missfiel. Und dennoch w�rde sie ohne Widerspruch gehorchen. Die anstehende Mission �bertraf alle Verr�cktheiten ihres Lebens. Wenn sie in die Welt der Menschen reiste, um dort den verbotensten aller Orte heimzusuchen, wollte sie zumindest ihre Kinder in Sicherheit wissen.</p></section><section><title><p>Vor den Sch�pfer treten</p></title><p>Was f�r eine Ein�de! Hornbori hatte, bevor er durch den Albenstern geschritten war, aufgeschnappt, dass es zum Himmelland gehen sollte. Das Wort war nur beil�ufig gefallen. Wirklich unterrichtet hatte ihn niemand. Er war verbittert dar�ber. Immerhin war er der Herrscher aller Zwerge! Wer musste man denn noch werden, damit die Himmelsschlangen und die wenigen Elfen, die ihr Vertrauen genossen, einen in ihre Pl�ne einweihten.</p><p>Er trat ein wenig beiseite, damit er den Zwergen, die aus dem Albenstern traten, nicht im Weg stand. Siebenhundert erfahrene Krieger hatte er mitgebracht. Und bald w�rden noch weitere folgen.</p><p>Galar und Nyr gesellten sich zu ihm. Sie blickten so missmutig, wie er sich f�hlte.</p><p>�Was ist das denn f�r ein l�chriger Kuhfladen�, grollte der Schmied.</p><p>Seine wie stets etwas zu bildhafte Sprache traf es auf den Punkt. Vor ihnen lag eine weite Ebene, die mit gro�en, wassergef�llten Kratern �bers�t war. Das gesamte Erdreich wirkte aufgerissen. Kein Baum wuchs hier, nur zerzaustes Buschwerk und Disteln. Ein tiefer Himmel hing �ber der Ebene. Dichte blassgraue Wolken, die zum Greifen nahe wirkten. Zwischen einigen der Krater stiegen Dunstschwaden auf.</p><p>�Herr aller Tiefen?� Ein Elf erschien zwischen den Zwergen, die aus dem Albenstern traten. Hornbori erinnerte sich, dass sich der Kerl ihm in der Tiefen Stadt vorgestellt hatte. Allerdings hatte er den Namen schon wieder vergessen. Es war irgendetwas gewesen, das auf <emphasis>yn</emphasis> endete. Wer konnte sich schon Elfennamen merken?</p><p>�Was?�</p><p>Der Elf verbeugte sich. �Willkommen auf der Ebene von Forlon. W�rdet Ihr mir gestatten, dass ich Eure stolzen Krieger in Gruppen ordne, damit es gleich z�giger vorangehen kann? Es w�re auch von Vorteil, wenn ich sie schon an die Pl�tze bringen w�rde, von denen sie abgeholt werden.�</p><p>�Dachte mir schon, dass dies hier nicht das Himmelland sein kann.�</p><p>Der Elf wirkte �berrascht. �Ihr seid also eingeweiht���</p><p>�Nat�rlich�, log Hornbori. �Immerhin bin ich der Herr aller Tiefen.� Aus den Augenwinkeln sah er, wie ihn seine beiden Gef�hrten anstarrten. Nyr �berrascht, Galar ver�rgert.</p><p>Landek�rbe sanken aus der dichten Wolkendecke herab. Hornbori kannte solche K�rbe von den Schiffen der wenigen Wolkensammler, die sich den Albenkindern angeschlossen hatten. Er hatte schon ein paar �beraus unangenehme Fahrten in den Himmeln Nangogs in solchen K�rben hinter sich. Dass es nun auch in Albenmark Wolkensammler gab, wunderte ihn. Wieder blickte er �ber die zahlreichen K�rbe, von denen die ersten bereits den zerschundenen Boden ber�hrten. Es waren genug, um alle siebenhundert Zwerge aufzunehmen.</p><p>�Du wolltest meine M�nner aufteilen. Aber sag mir doch zuerst, wohin ich mit meinen beiden Kameraden soll.�</p><p>Der Elf hob abwehrend die H�nde. �Nein, Ihr k�nnt doch nicht in einem Korb in den Himmel fahren. Ihr werdet �berdies erwartet. Nur ein K�nig soll einen K�nig tragen, wenn er vor den Sch�pfer tritt.�</p><p>Diese Formulierung fand Hornbori �beraus beunruhigend. �Ich trete vor den Sch�pfer?�</p><p>�Der K�nigsfurz tritt vor seinen Sch�pfer�, mischte sich jetzt Galar ein und legte eine Hand an seine Axt am G�rtel.</p><p>�Nein, so habe ich das nicht gesagt�, wehrte der Elf entschieden ab. �Er tritt vor <emphasis>den</emphasis> Sch�pfer. So nennen wir ihn alle. Den Sch�pfer des Himmellandes.� Ein verkl�rter Glanz trat in seine Augen. �Er ist einfach unvergleichlich, auch wenn sein Name ein Geheimnis bleiben muss.� Er sah auf Galar hinab, und der Glanz wich aus seinem Blick. �Ihr zwei werdet in einem Korb nach oben fahren und�� Ah!� Er streckte den Arm aus und wies zur Wolkendecke.</p><p>Hornbori drehte sich um und erblickte den gr��ten Adler, der ihm je begegnet war. Auf weit ausgebreiteten Schwingen glitt er majest�tisch vom Himmel herab und landete nur wenige Schritt von ihnen entfernt.</p><p>�Darf ich Euch bekannt machen? Dies ist Streiter, der neue K�nig der Schwarzkopfadler.� Der Elf verneigte sich tats�chlich vor dem Vogel. �Und dies, Majest�t, ist Hornbori, der Herr aller Tiefen.�</p><p>�Du willst dich wirklich dem Federhaufen anvertrauen?�, raunte Galar. �Der sieht aus, als w�rde er �berlegen, dich zu fr�hst�cken.�</p><p>In der Tat drehte der Adler ruckartig den Kopf und sah mit seinen schwarzen Augen �beraus ver�chtlich auf ihn herab, wie es Hornbori erschien. Er k�nnte dem riesigen Vogel zwischen den Beinen hindurchlaufen und zwischen seinem Helm und dem Federkleid w�re noch ein halber Schritt Platz.</p><p>��hm�� Wie reist man denn auf so einem Adler?�</p><p>�In Anbetracht Eurer Gr��e w�rde ich vorschlagen, Ihr steigt auf einen Fu� und haltet Euch am Bein fest. Ihr werdet doch nicht h�henkrank, Herr aller Tiefen?� Der Elf wirkte pl�tzlich sehr besorgt.</p><p>�Nat�rlich nicht�, murmelte Hornbori in seinen Bart, ohne sich sicher zu sein.</p><p>�Bekomme ich deine Axt, wenn du verreckst?�, fragte Galar grinsend.</p><p>Hornbori bedachte ihn mit einem b�sen Blick. �Wir sehen uns im Himmel�, sagte er, trat auf den Fu� des Adlers und umklammerte mit beiden Armen das knochige Bein.</p><p>Der K�nig der Adler weitete die Schwingen und machte einige H�pfer, bei denen Hornbori fast abgeworfen worden w�re. Dann hoben sie ab. Mit kr�ftigen Fl�gelschl�gen gewann der Raubvogel rasch an H�he, und sie verschwanden in den Wolken.</p><p>F�r Augenblicke schien es Hornbori, als st�nden sie still in der Luft, obwohl der Adler immer noch mit den Fl�geln schlug. So dicht war der Dunst, dass der Zwerg seine eigenen F��e nicht sehen konnte.</p><p>Ein gro�er Schatten erschien zu seiner Linken und verschwand. Dann war rechts etwas Dunkles in den Wolken. Hornbori hatte das Gef�hl, dass sie zwischen Felsen hindurchflogen, was nat�rlich v�lliger Unsinn war, da unter ihnen eine Ebene lag, auf der sich kein einziger Berg erhoben hatte.</p><p>Feuchtigkeit benetzte sein Gesicht, und schon schimmerten feine Wasserperlen auf seinem Bart, als pl�tzlich der Dunst zerriss. Der Adler schwenkte ruckartig nach links, und Hornbori klammerte sich verzweifelt an das Bein�� und dann h�tte er fast losgelassen. Vor ihnen schwebte ein graubrauner Fels, von dem Kondenswasser troff. Ein schwebender Fels! Und daneben noch einer und noch einer�� Aus einer Felsspalte blickte ein Kobold zu ihm herab.</p><p>Der Adler flog eine weitere Kehre und stieg dann in eine weite H�hlung inmitten eines der Felsen auf. Sie flogen zwischen den Fl�geln einer mehr als f�nfzehn Schritt durchmessenden Schiffsschraube hindurch. Sie lag waagerecht und still! Das Metall war von rotbraunem Flugrost �berzogen. Sie sah aus wie die Schiffsschrauben der Aale, nur dass sie hundertfach gr��er war. Ein Kranz aus Eisen, der im Fels eingebettet war, fasste die Schiffsschraube ein.</p><p>Die Schwingen des Adlers streiften �ber die Wand der H�hlung, durch die sie flogen, dann erreichten sie eine Grotte. �ber einem holzbeplankten Deck erhob sich eine Vogelstange, die aus einem dicken Eichenstamm gefertigt war. Dort kauerte bereits ein weiterer Schwarzkopfadler.</p><p>Streiter landete auf der Stange neben ihm.</p><p>Augenblicklich schoben Kobolde eine rollende Treppe herbei. Erst als sich die frechen kleinen Diener r�usperten, l�ste Hornbori seine Arme vom Adlerbein. Staunend sah er sich um. Dann trat er mit weichen Knien auf die Treppe und legte beide H�nde auf die Handl�ufe. Nie zuvor hatte er so etwas gesehen, ja, er hatte nicht einmal davon geh�rt. Schwebende Felsen!</p><p>�Der Sch�pfer erwartet Euch, Herr aller Tiefen�, sprach ihn einer der Kobolde an, klang aber nicht im Mindesten so dem�tig, wie seine Worte h�tten vermuten lassen. Ver�rgert blickte Hornbori herab und sah in ein vertrautes Gesicht.</p><p>�Che?�</p><p>Der Kobold grinste ihn breit an. Er trug immer noch seine rote, in Zwergenblut getr�nkte M�tze. �Heermeister. Du bist jetzt also der Obermotz aller Zwerge. Das l�sst hoffen! Vielleicht kannst du ja eines Tages deinen vertrottelten Br�dern in Ishaven klarmachen, dass es nicht klug ist, sich mit den Eisb�rten anzulegen.�</p><p>Hornbori seufzte. Da war die Hoffnung gr��er, dass eines Tages die Sonne im Westen aufgehen w�rde. �Vielleicht wenn Ginnar eines Tages der Alte in der Tiefe wird.�</p><p>Che zog die Stirn in Falten. Seine Rebellen hatten Ginnar vor langer Zeit seinen Bart samt der Haut darunter aus dem Gesicht geschnitten. Das w�rde er ihnen niemals vergeben. Allerdings hatten sie in der Vergangenheit schon gemeinsam gek�mpft. Der Krieg in Nangog hatte ihnen keine andere Wahl gelassen.</p><p>�Er ist hier an Bord�, sagte Che k�hl. �Wenn du ihn triffst, kannst du ihm gleich ausrichten, dass wir trotz aller M�nner, die wir nach hier oben gebracht haben, noch �ber gen�gend Krieger verf�gen, um seine Zwergenbrut weitere zwanzig Jahre zu bekriegen.� Pl�tzlich grinste er wieder. �Und wir haben Freunde im Volk der Trolle, die gerne Zwerge fr�hst�cken. Groz ist mit ein paar seiner Kumpels in derselben Grotte zum Dienst eingeteilt wie ich mit meinen M�nnern.�</p><p>Hornbori erinnerte sich noch lebhaft an den Troll. Einst hatte der Fleischberg Galar vorgeschlagen, ihn, den Heermeister, mit dem Kopf voran in die Jauchegrube unter einem Donnerbalken zu tunken.</p><p>�Sch�n, alte Bekannte um sich zu wissen�, bemerkte Hornbori knapp. �Aber ich w�rde gerne���</p><p>�Nat�rlich!�, unterbrach ihn Che beflissen. �Du bist ja hier, um vor den Sch�pfer zu treten. Er erwartet dich bereits. Komm!�</p><p>Der Kobold f�hrte ihn durch einen Tunnel, zwei kleinere Grotten, die von Dutzenden Kobolden bev�lkert wurden, und dann �ber eine Br�cke aus dicken Eisentr�gern. Bewundernd betrachtete Hornbori die von Rost �berzogene Konstruktion. Sie war aus gutem Stahl gefertigt. Der Rost hatte zwar die ganze Oberfl�che rotbraun �berpudert, er fra� sich aber an keiner Stelle in die Tiefe, sodass er die Stabilit�t des Bauwerks nicht gef�hrdete.</p><p>�Da ist er�, fl�sterte Che, und zum ersten Mal, seit sie sich wiederbegegnet waren, klang er respektvoll.</p><p>�Pr�fst du meine Arbeit, Herr aller Tiefen�, erklang eine melodische Stimme.</p><p>Hornbori sah auf. Und er traute seinen Augen kaum��</p></section><section><title><p>Das Himmelland</p></title><p>Hornbori starrte den hochgewachsenen Elfen fassungslos an. Es war das erste Mal, dass er ihn ohne eine Ledersch�rze sah. �Ich dachte, dich h�tten die Gr�nen Geister zerrissen.�</p><p>Gobhayn erwiderte das L�cheln. �Es hei�t auch, ich sei mit einer Dryade in den Dschungeln des Waldmeers verschollen oder dass der Nachtblaue mich in einem Anfall von J�hzorn gefressen h�tte. Wenig gefallen hat mir die Geschichte, dass ich in einem Sturm in der Jadesee ertrunken sei.� Er hob die H�nde in nonchalanter Geste. �Wie du siehst, ist die Wirklichkeit viel unglaublicher als jede Geschichte, die die Himmelsschlangen �ber mich verbreiten lie�en.�</p><p>�Du bist der <emphasis>Sch�pfer?</emphasis>�</p><p>�Ich finde den Namen etwas hochtrabend und mag ihn nicht sonderlich. Ich w�rde mich freuen, wenn du mich weiterhin mit meinem richtigen Namen ansprechen w�rdest.�</p><p>�Was ist das alles hier?� Hornbori konnte noch immer nicht glauben, dass er im Inneren eines schwebenden Felsens stand. Fels sollte fest mit der Erde verbunden sein. Alles andere war ihm unheimlich.</p><p>�Komm, lass uns an einem gastlicheren Ort reden. Wie ich h�rte, haben sich unsere gepanzerten Schlitten gut geschlagen.�</p><p>Dar�ber sprach Hornbori nicht gerne. Er war der einzige �berlebende der einzigen Schlacht, in der die Schlitten des Elfen zum Einsatz gekommen waren. Alle hielten ihn deshalb f�r einen Helden. Er wusste, was wirklich geschehen war. Nichts, was ihm schlechte Tr�ume beschert h�tte, aber er schwieg dazu lieber.</p><p>Gobhayn schien es zu bemerken. Jedenfalls stellte er keine weiteren Fragen, sondern f�hrte ihn �ber die Br�cke hinweg in einen Tunnel, dessen W�nde verputzt waren. Ein pr�chtiges Fresko, das eine weite Flusslandschaft zeigte, war an die W�nde gemalt. Mitten in der Landschaft erhob sich eine schwarze T�r, mit Perlmuttintarsien geschm�ckt, die hauchzarte Rosen zeigten.</p><p>�Manchen ist der Gedanke unertr�glich, dass diese Felsen hoch in der Luft schweben�, erkl�rte Gobhayn und �ffnete die T�r. �Ich trage mich mit dem Gedanken, alle Tunnel und Gew�lbe mit Bildern zu schm�cken, die das Auge erfreuen und die �ngste vergessen lassen. Was meinst du?�</p><p>�Ein guter Plan�, stimmte Hornbori aus tiefster �berzeugung zu. Er w�rde zusehen, dass er hier so schnell wie m�glich wieder verschwinden k�nnte. Doch vorerst folgte er dem Elfen in eine weitl�ufige Kammer, die so aussah, wie er sich immer den verschwenderischen Palast eines Elfenf�rsten vorgestellt hatte. Auch hier waren die W�nde verputzt und bemalt, doch nur in dezenten Pastellfarben. Mehrere Bilder waren aufgeh�ngt. Schwere M�bel, geschm�ckt mit erlesenem Schnitzwerk, f�llten den Raum, dessen R�ckwand ganz von gro�en Bogenfenstern eingenommen wurde, um die schwere blaue Samtvorh�nge drapiert waren.</p><p>�Am liebsten sitze ich an den Fenstern.� Gobhayn wies auf zwei mit Leder gepolsterte St�hle. Einer war so gefertigt, dass ein Zwerg bequem darauf sitzen konnte. Es wirkte ganz so, als h�tte der Elfenschmied dieses Treffen lange vorbereitet.</p><p>Hornbori gefiel es, dass ihm so viel Aufmerksamkeit zuteilwurde. Er nahm auf dem Stuhl Platz und blickte �ber eine leuchtend wei�e Wolkenlandschaft. Dieses Anblicks w�rde man wohl niemals m�de werden, dachte er bei sich.</p><p>�Was m�chtest du trinken? Ich k�nnte dir einen gek�hlten aegilischen Roten anbieten. Es ist der Wein, der auf den Tafeln der Unsterblichen serviert wird, und, f�r ein Getr�nk der Menschenkinder, von wahrhaft erlesener G�te. Ein Freund war so aufmerksam, mir einige Amphoren zukommen zu lassen, die er auf Nangog erbeutet hat.�</p><p>Der Zwerg fragte sich, ob das ein Scherz sein sollte. Aber so, wie er Gobhayn kannte, waren Scherze nicht seine Sache. �W�re es m�glich, auch ein Pilz zu bekommen?�</p><p>Der Elf l�chelte breit. �Selbstverst�ndlich. Auf dem Himmelland gibt es drei zwergische Braumeister. M�chtest du ein Ispilz, ein Schwarzpilz oder lieber ein mildes Goldpilz.�</p><p>Hornbori traute seinen Ohren nicht. �Du kannst mir drei verschiedene Pilzsorten bringen lassen?�</p><p>�Ich sagte doch, es gibt drei Braumeister an Bord. Nat�rlich habe ich Spezialisten f�r verschiedene Biere ausgew�hlt. Allerdings w�re das Ispilz wahrscheinlich warm, bis es uns erreicht hat. Es wird am anderen Ende des Himmellands gebraut und gelagert.�</p><p>Der Zwerg sch�ttelte den Kopf. Wie es schien, war er in jeder Hinsicht im Himmel angekommen. �Ein Goldpilz w�re sch�n.�</p><p>Gobhayn klatschte in die H�nde, und eine junge Elfendame erschien. Sie musste sich in einer angrenzenden Kammer aufgehalten haben. �Ein Goldpilz und einen Pokal des aegilischen Roten bitte, meine Liebe.�</p><p>Die Dienerin verbeugte sich und verschwand ebenso lautlos, wie sie gekommen war. �Steht dir der Sinn nach einem kleinen Imbiss, mein Freund? Wie ich h�rte, hast du eine besondere Vorliebe f�r Koboldk�se aus Drashnapur. Ich k�nnte dir eine Auswahl verschiedener K�se bringen lassen.�</p><p>Hornbori winkte ab. Er w�re im Leben nicht darauf gekommen, diesen K�se zu essen. Und er war erschrocken, wie gut Gobhayn �ber ihn informiert war.</p><p>Der Elf lehnte sich in seinem Stuhl zur�ck und stie� einen wohligen Seufzer aus. �Ich bin mir sicher, dir brennen tausend Fragen auf den Lippen, Hornbori, aber ich glaube, es ist zielf�hrender, wenn ich zusammenh�ngend erz�hle. In gewisser Weise bist du schuld daran, dass es das Himmelland gibt.�</p><p>Der Zwerg setzte sein gut einstudiertes, unverf�ngliches L�cheln auf, obwohl ihm ein einzelner eisiger Schwei�tropfen den Nacken hinabrann. Er hatte das Gef�hl, dass die Worte des Elfen nichts Gutes bedeuten konnten.</p><p>�Begonnen hat alles nach der Schlacht um Asugar. Die r�tselhaften Tode der Drachen dort haben f�r eine Panik unter unseren geschuppten Freunden gef�hrt. Gerade die gro�en unter diesen Bestien waren es bislang nicht gewohnt, dass sie von einem Augenblick zum anderen tot vom Himmel fallen konnten. Wie man mir berichtete, wurden sie der L�nge nach von r�tselhaften Geschossen durchbohrt, von denen sich nicht die geringste Spur fand, obwohl die Himmelsschlangen selbst Nachforschungen �ber diese neuen Waffen anstellten.�</p><p>Inzwischen rann Hornbori ein ganzer Strom aus eiskaltem Schwei� den R�cken hinab.</p><p>Es war nur eine Frage der Zeit gewesen, bis sie ihm, Galar und Nyr auf die Schliche kamen. Er wollte irgendetwas Unverf�ngliches sagen, brachte aber kein Wort �ber die Lippen. Stattdessen blickte er zu dem Winkel des weiten Raums, aus dem vorhin die Dienerin erschienen war. Wartete dort schon sein Scharfrichter auf ihn?</p><p>Ein Bild dr�ngte sich ihm in Gedanken auf, wie Nyr und Galar gerade hingerichtet wurden und man ihre K�pfe hinab in das Wolkenmeer warf.</p><p>�Wegen der Ereignisse bei Asugar haben mich die Himmelsschlangen einbestellt. Unsere Drachen waren keine zuverl�ssige Waffe mehr. Ihre Moral war ersch�ttert, und die Himmelsschlangen sahen es ihnen nach. Sie baten mich, eine andere Waffe zu ersinnen. Einige Wolkensammler waren zu diesem Zeitpunkt schon in unser Lager gewechselt. Doch obwohl sie in den letzten Jahren bereits mehrfach f�r uns gek�mpft haben, haben die Himmelsschlangen ihnen nie wirklich vertraut. Gerade in dieser Stunde werden alle Schiffsbesatzungen von unseren Wolkensammlern abgezogen und hierhergebracht, weil die Drachen argw�hnen, diese Himmelsquallen k�nnten im entscheidenden Augenblick noch einmal die Seiten wechseln.�</p><p>Hornbori grub nerv�s seine Fingern�gel in das weiche Leder der Armlehnen. Wann w�rde Gobhayn auf seinen Verrat zu sprechen kommen? Auf die Drachent�terpfeile? Wenn die Himmelsschlangen einen von ihnen auf dem Meeresboden vor Asugar gefunden hatten, w�rden sie sich sicherlich zusammengereimt haben, woher sie kamen.</p><p>�Die alten Drachen w�nschten sich von mir eine Flotte fliegender Schiffe. Allerdings sollten diese Schiffe nicht von Magie durchwoben sein, denn sie bef�rchteten, dass die Devanthar sie dann durch Bannzauber leicht aus dem Himmel st�rzen lassen k�nnten.� Gobhayn seufzte. �Dieser Wunsch hat mir viele schlaflose N�chte bereitet, mein Freund. Irgendwann entsann ich mich einiger Geschichten �ber die Knallholzb�ume aus Forlon. Angeblich sollten einige dieser B�ume schweben, wenn man sie von ihrem Wurzelwerk trennte. Das stimmte. Allerdings schwebten sie alle unterschiedlich hoch. Manche blieben ein paar Schritt �ber dem Boden in der Luft h�ngen, andere stiegen bis zu den Wolken empor. Und sie hatten eine �u�erst unangenehme Eigenschaft. Jene, die ihnen ihren Namen gegeben hatte. Wenn sie Feuer fingen, explodierten sie.�</p><p>Die junge Elfe erschien und brachte ihnen ihre Getr�nke. F�r Hornbori hatte sie gleich einen ganzen Krug Goldpilz mitgebracht. Der Zwerg entspannte sich ein wenig. Zumindest im Augenblick sah es nicht mehr so aus, als w�rde das Gespr�ch eine f�r ihn bedrohliche Wendung nehmen.</p><p>Gobhayn nippte an seinem Wein und wartete, bis die Dienerin gegangen war, bevor er weitersprach: �Ich hatte nun also ein Material gefunden, aus dem ich fliegende Schiffe bauen konnte. Schiffe, auf denen ich nicht wirklich gerne an Bord gehen wollte. Ein Feuer an Bord w�rde zur Katastrophe f�hren. Und wie lange mochte es dauern, bis unsere Feinde das herausfanden? Zu dem Zeitpunkt entsann ich mich der Schlitten, die wir gebaut hatten. Ich entschied, auch die Schiffe zu panzern.� Der Elf schnitt eine s�uerliche Grimasse und nippte erneut an seinem Wein. �Es zeigte sich jedoch, dass das Knallholz selbst mit einer Metallpanzerung d�nn wie Pergamentseiten zu schwer wurde, um noch zu fliegen. Du kannst dir nicht vorstellen, wie es war, hier in der Einsamkeit von Forlon zu sitzen und immer zu scheitern. Schlie�lich bat ich die Himmelsschlangen, mir Zauberweber aus dem kleinen Volk der Lamassu zu schicken, die als besonders findig beim Ersinnen neuer Spielarten der Magie galten. Wir fanden heraus, dass die B�ume schwebten, weil in ihrem Holz Gasblasen eingeschlossen sind. Die Zauberweber manipulierten einige der B�ume, sodass die Zahl der Gasblasen zunahm und die einzelnen Blasen gr��er wurden. �bertrieb man es, starben die B�ume ab. Drei Jahre haben wir daran gearbeitet, bis eines Morgens ein Baum mit einem gro�en Felsblock in seinen Wurzeln unweit unseres Lagers schwebte. Der Auftrieb des Baumes war so stark geworden, dass er den Fels aus dem Boden gerissen hatte. Der Felsbrocken mit dem Baum schwebte h�her und h�her und verschwand in den Wolken. An jenem Morgen wurde das Himmelland geboren.�</p><p>Gobhayn strahlte eine Zufriedenheit aus, wie Hornbori sie nur empfand, wenn er eine Liebesnacht mit Amalaswintha verbrachte. Und die letzte dieser N�chte war schon viel zu lange her.</p><p>�Erinnerst du dich an die Begeisterung, mit der wir deine gepanzerten Schlitten gebaut haben.� Der Elf l�chelte verschw�rerisch. �Diese Begeisterung durfte ich in den letzten vier Jahren an jedem Tag empfinden. Sehr schnell gaben wir den Plan auf, eine Flotte zu bauen, denn ein einziges, gewaltiges Schiff w�rde viel unverwundbarer sein. Wir haben Felsbrocken in unserem Verbund, die so gro� sind, dass kleine W�lder auf ihnen wachsen. Und selbst wenn mehrere dieser W�lder abbrennen sollten, w�rde das Himmelland nicht abst�rzen, weil der Auftrieb durch die anderen B�ume immer noch gro� genug ist.�</p><p>�Aber wenn es einen wirklich gro�en Brand geben sollte, dann st�rzen die Felsen ab, nicht wahr?� Hornboris Unwohlsein verst�rkte sich wieder bei diesem Gedanken.</p><p>�Wenn wir viele B�ume verlieren sollten, beginnen wir langsam zu sinken. Sollte es sich aber zeigen, dass unser Sinkflug unkontrollierbar wird, besitzen wir noch die liegenden Luftschrauben. Du musst mit Streiter durch eine der Schrauben geflogen sein, als du an Bord gekommen bist. Dieser verr�ckte Federball fliegt jedes Mal durch die Luftschrauben, selbst wenn sie sich drehen�� Nun, sie arbeiten ganz �hnlich wie die Schiffsschrauben, mit denen sich eure Aale bewegen. Sie erlauben, das Himmelland langsam aufw�rts oder abw�rts zu bewegen.�</p><p>Er bedachte Hornbori mit einem ernsten Blick. �Zu einem gro�en Brand kann es unm�glich kommen. Schlie�lich k�mpfen die feuerspeienden Drachen auf unserer Seite, und Wolkensammler haben eine nat�rliche Abneigung gegen Flammen.�</p><p>�Und wie gro� ist diese Ansammlung von fliegenden Felsen?� Hornbori begann zu ahnen, dass er bislang nur einen Bruchteil des Schiffes gesehen hatte.</p><p>�Der Stand von gestern Abend liegt bei dreihundertvierundsiebzig verbundenen Felsen. Wir haben zwar noch mehr als vierzig weitere Felsen so weit vorbereitet, dass sie aufsteigen k�nnten, aber wir sollen baldm�glichst Kurs auf den n�chsten Albenstern nehmen.�</p><p>Die Zahl der Felsen half Hornbori immer noch nicht, sich dieses fliegende Monstrum vorstellen zu k�nnen. �Wie gro� ist das Schiff?�</p><p>�Etwas weniger als drei Meilen in der L�nge. An den meisten Stellen ist es etwa eine halbe Meile breit und nirgends h�her als neunzig Schritt. Bei der H�henangabe sind die Schraubenmasten schon eingerechnet.� Gobhayn war sichtlich stolz, diese Zahlen nennen zu k�nnen.</p><p>Hornbori begriff, dass er nicht auf ein paar Felsen, sondern auf einer regelrechten fliegenden Insel stand. �Schraubenmasten?�</p><p>�Was glaubst du, was mit schwebenden Felsen geschieht? Es ist dasselbe Dilemma wie mit den alten Wolkensammlern. Der Wind k�nnte uns treiben, wohin es ihm gef�llt�� was nat�rlich nicht akzeptabel ist. Wir haben auf allen Felsen drehbare Masten errichtet, an denen senkrecht ausgerichtete Windschrauben angebracht sind. Auch sie sind den Schiffsschrauben eurer Aale nicht un�hnlich. Die Kraft dieser Schrauben zieht uns durch den Himmel. Sie werden durch Laufr�der gedreht, die sich im Inneren der Felsen befinden. Wir sind wahrlich nicht sehr schnell. Jeder Spatz kann uns mit Leichtigkeit davonfliegen. Aber wir bewegen uns in die Richtung, in die wir wollen.�</p><p>Hornbori goss sich einen zweiten Becher Pilz ein. �Ich bin wirklich neugierig, mir dein Himmelland anzusehen.�</p><p>�Das solltest du auch sein, schlie�lich wirst du heute Abend das Kommando �bernehmen.�</p><p>Hornbori verschluckte sich und spie eine Font�ne goldenen Pilzbr�us aus. �Ich soll was?�, stie� er prustend hervor.</p><p>�Nun, es ist nicht das Himmelland, das uns Probleme macht. Es erf�llt all unsere Erwartungen. Die Besatzung ist��� Gobhayn rang eine Weile um das richtige Wort. �Sie ist schwierig. Wir haben mehr als siebentausend Kobolde aus allen Gegenden Albenmarks an Bord und etwa zw�lfhundert Zwerge. Ein Gemisch aus allen Tiefen St�dten. Dazu kommen rund achthundert Trolle und mehr als tausend Besatzungsmitglieder aus allen �brigen V�lkern. Wir haben sogar zwei Apsaras in Wasserbecken untergebracht, die uns das Wetter der n�chsten Tage vorhersagen. Wobei wir dank der Wolkenrufer aus dem Volk der Lamassu auch in der Lage sind, in einem gewissen Umfang unser eigenes Wetter zu machen. Vor allem, um sicherzustellen, dass der Pegelstand unserer Zisternen nie unter die kritische Grenze sinkt. Wir k�nnen���</p><p>�Halt!�, unterbrach Hornbori den Redefluss des Elfen. �Du willst mir sagen, dass wir mehr als zehntausend Besatzungsmitglieder an Bord haben?�</p><p>Zum ersten Mal wirkte Gobhayn besch�mt. �Ja, ich wei�, wir haben noch nicht volle Gefechtsst�rke erreicht. Aber in den n�chsten zweiundsiebzig Stunden werden wir die Mannschaft noch mehr als verdoppeln.�</p><p>Hornbori lie� sich gegen die Lehne seines Stuhls sinken und versuchte, die aufkeimende Panik mit einem tiefen Schluck aus seinem Becher zu bek�mpfen, was leider nicht gl�ckte. �Es werden mehr als zwanzigtausend Albenkinder an Bord sein?� Ihm schwindelte es. �Wer in der Alben Namen ist auf die Idee gekommen, dass ich der geeignete Kommandant f�r dieses V�lkergemisch bin?�</p><p>�Die Himmelsschlangen. Dir eilt ein gewisser Ruf voraus, mein Freund. Du hast es geschafft, dass Zwerge aus Ishaven Seite an Seite mit Kobolden aus den V�lkern der Eisb�rte gek�mpft haben. Du hast Todfeinde auf dem Schlachtfeld zu Kameraden gemacht.�</p><p>Hornbori st�hnte. Das hatte die Elfe Ailyn vollbracht. Er wollte Gobhayn gerade �ber diesen Irrtum aufkl�ren, als er es sich anders �berlegte. Er hatte gar nicht gewusst, dass ihm der Ruf vorauseilte, ein Zaubermeister der V�lkerverst�ndigung zu sein. Daraus lie�e sich in Zukunft sicher noch Nutzen ziehen.</p><p>�Dies erfordert einige Zeit und die richtigen Berater. Ich brauche die Elfe Ailyn. Au�erdem sollten ein Vertreter der Kobolde und einer der Trolle benannt werden.� Kurz erwog er, auch Nyr und Galar als Berater zu besch�ftigen, verwarf es aber schnell. Galar w�rde �rger machen, statt Streit zu schlichten. �Ich h�rte, der Kobold Che von den Eisb�rten ist an Bord und der Troll Groz. Sie sollen die Sprecher ihrer V�lker werden.� Die beiden w�rde er im Griff haben, hoffte er. Zumindest kannte er sie. Aber er brauchte noch mehr Berater! Sollte das alles schiefgehen, w�rde eine stolze Anzahl von Beratern auch eine stolze Zahl von S�ndenb�cken liefern, denen er sein m�gliches Versagen in die Schuhe schieben konnte.</p><p>�Ailyn ist verschollen�, unterbrach ihn der Elf. �Ansonsten w�hle als Berater, wen immer du willst.�</p><p>�Verschollen?� Hornbori war �berrascht. Ihm war die schwarzhaarige Meisterin aus der Wei�en Halle immer unbesiegbar erschienen. Es gab das Ger�cht, dass sie einmal mit blo�en H�nden ein ganzes Rudel Trolle niedergerungen hatte.</p><p>�Seit Jahren hat sie niemand mehr gesehen. Man wird wohl davon ausgehen m�ssen, dass sie tot ist.� Gobhayn sagte das so sachlich, als w�rde er �ber einen verlegten Hammer in seiner Werkstatt sprechen.</p><p>Hornbori konnte immer noch nicht recht fassen, dass ihm der Oberbefehl �ber das gr��te Heer, das Albenmark je in eine Schlacht geschickt hatte, anvertraut worden war. �Warum bist du nicht der Befehlshaber? Du hast all dies hier erschaffen.�</p><p>Der Elf setzte seinen Pokal ab. Ein wenig zu heftig, wie es Hornbori erschien.</p><p>�Ich bin ein Schmied und Erfinder. Ich werde alle H�nde voll damit zu tun haben, dass im Himmelland alles reibungslos funktioniert.�</p><p>Hornbori war sich sicher, dass da auch ein Hauch von Verbitterung in der Stimme Gobhayns lag. �Entschuldige, wenn ich frage, aber was ist denn noch alles f�r dich zu tun? Das�� �hm�� Schiff�� ist gebaut und fliegt. Deine Arbeit ist doch vollendet.�</p><p>Der Elf stie� ein Schnaufen aus, dem sein �rger nun deutlich anzuh�ren war. �Du hast keine Ahnung. Ich muss als Erstes entscheiden, welche Gesch�tzstellungen mit Ballisten best�ckt werden. Wir haben mehr befestigte Bastionen, als wir Stein- und Speerschleudern haben. Du solltest dir das mit den anderen Decksoffizieren �berlegen. Wie willst du das Himmelland im Kampf einsetzen? Zur Verteidigung oder zum Angriff? Willst du viele Gesch�tze auf die Goldene Stadt ausrichten oder dich besser rundherum verteidigen? Aber das sind Kleinigkeiten. Ich werde mehr als zehntausend neue Helfer auf Posten verteilen m�ssen, wo sie einen n�tzlichen Dienst verrichten oder zumindest kein Unheil anrichten. Die meisten von ihnen werden in die Laufr�der steigen, die unsere Luftschrauben antreiben. Aber man kommt auch mit Bagatellen wie �berlaufenden Latrinen und einem Brand in einer Gark�che zu mir. Der Tag hat nicht genug Stunden, um sich um alles zu k�mmern. Da muss ich nicht noch milit�rische Entscheidungen treffen.�</p><p>Hornbori war sich sicher, dass noch etwas unausgesprochen geblieben war. Dies alles h�rte sich vern�nftig an. Warum also war Gobhayn so aufgebracht? Er entschied, diese Frage direkt anzugehen. �Willst du mir sagen, was dich �rgert? Wir werden besser zusammenarbeiten, wenn ich es wei�.�</p><p>Der Elf starrte in seinen leeren Weinpokal. Seine Lippen bebten vor m�hsam unterdr�cktem Zorn. �Warum siehst du das Problem und die Himmelsschlangen sehen es nicht? Es tut gut, dich hierzuhaben. Und ja, du hast recht, du solltest wissen, was mir Sorge bereitet. Das Himmelland ist riesig. Es ist furchteinfl��end. Es erscheint als die ultimative Waffe. Aber diese Waffe ist nicht erprobt. W�rdest du dein Leben einem Schwert anvertrauen, mit dem noch nie ein Streich gef�hrt wurde? Einer Klinge, die noch nicht bewiesen hat, dass sie nicht bricht, wenn sie auf Stahl schl�gt? Sie h�tten mir mindestens noch einen Mond geben sollen, um das Schiff zu vollenden. Dann h�tten wir alle Gesch�tze an Bord und unsere Mannschaft h�tte Gelegenheit gehabt, sich in ihre Pflichten einzufinden. Wir werden jede Menge Trottel an Bord haben, die bei Gefahr nicht wissen, was zu tun ist. Ich habe jahrelang am Himmelland gebaut, und nun verweigert man mir drei�ig Tage, um es auf seinen ersten Einsatz vorzubereiten! Morgen werden wir uns in Richtung des Albensterns bewegen, durch den wir Nangog erreichen sollen. Einen gro�en Teil der fehlenden Besatzung nehmen wir an Bord, w�hrend wir bereits fliegen. Ich verstehe diese Hast nicht. Der Krieg um Nangog w�hrt nun schon fast acht Jahre. Was h�tte es gekostet, einen Mond lang zu warten?�</p><p>Darauf wusste Hornbori auch keine Antwort.</p><p>�Und wei�t du, was besonders spannend wird?� Ein todesverachtendes L�cheln spielte um Gobhayns Lippen. �Es ist noch nie etwas, das auch nur ann�hernd so gro� ist wie das Himmelland, durch einen Albenstern bewegt worden. Niemand kann vorhersagen, ob es uns zerrei�t.�</p><p>Hornbori schloss verzweifelt die Augen und w�nschte sich, er w�rde in Amalaswinthas Bett liegen. Er sollte einen Weg finden, erst nach diesem Steinhaufen den Albenstern zu passieren. Auch wenn sein guter Name dabei mit Sicherheit Schaden nahm.</p></section><section><title><p>Myrella</p></title><p>Myrella wischte sich mit dem Arm �ber die schwei�nasse Stirn. Es war dr�ckend hei� auf dem Ladedeck. Gerade verschwanden die letzten vorlauten Kobolde mit einer Gruppe von Veteranen, die ihnen den Weg zu ihren Quartieren weisen w�rden.</p><p>�M�de, S��e?� Che schenkte ihr ein breites L�cheln. �Ich hoffe, du hast dich bis heute Abend wieder halbwegs erholt.�</p><p>�Warum?�</p><p>�Ich dachte, wir sind verabredet.�</p><p>Myrella lachte. Das versuchte Che jetzt mindestens zum zwanzigsten Mal. �Wieso wei� ich nichts davon?�</p><p>Der Kobold machte ein best�rztes Gesicht. �Wie konntest du das vergessen?�</p><p>Sie setzte ihm einen ihrer schlanken Finger auf die Nasenspitze. �Du wirst jetzt damit aufh�ren.�</p><p>Che h�rte nicht auf zu grinsen. �F�r den Augenblick tue ich das. Morgen geht es weiter. Und eines Tages wirst du Ja sagen zu unserer Verabredung, nur damit ich aufh�re.�</p><p>�Das hast du wohl schon oft ausprobiert.�</p><p>Der Kobold lachte. �Es klappt am Ende immer.� Dann folgte er den anderen, um die Neuank�mmlinge �ber das Leben im Himmelland zu unterrichten.</p><p>Dylan winkte ihr von der anderen Seite der Frachtluken zu. �Braucht Ihr Hilfe mit ihm?�</p><p>�Nein!� Myrella wurde ganz aufgeregt. Endlich hatte er sie angesprochen! Es war das erste Mal, dass sie beide auf demselben Deck Dienst hatten. Schon an ihrem ersten Tag hier an Bord war er ihr aufgefallen. Er war anders als alle anderen Elfen, denen sie je begegnet war. Dylan wirkte wie aus Licht und Wind gewoben. �therisch, nicht greifbar. Er war von schlanker Gestalt. Dass er ein ber�hmter Krieger, ein Drachenelf, ja, sogar ein Meister der Wei�en Halle gewesen war, hatte sie erst sp�ter erfahren. An ihrem ersten Tag war sie an ihm vor�bergegangen, hatte in seine verwunschenen Augen geblickt und sich unsterblich verliebt.</p><p>Diese Augen! Sie hatten eine silberfarbene Iris mit himmelblauen Einsprengseln.</p><p>Und nun sah er sie an. Er wirkte besorgt. Aber sie wollte nicht wie ein kleines M�dchen erscheinen, das besch�tzt werden musste. Sie wollte begehrenswert f�r ihn sein! Also war es wichtig, dass sie alles im Griff hatte. So wandte sie sich ab, machte ihre Eintr�ge in die Liste �ber die Neuank�mmlinge und genoss es, seinen Blick in ihrem R�cken zu sp�ren.</p><p>Ein kleines M�dchen hatte sie aufgeh�rt zu sein, als sie damals auf Tanthalia im Wald ihrer Mutter jener geheimnisvollen Elfe begegnet war. Sie hatte sie mitnehmen wollen und es dann doch nicht getan. An jenem Tag hatte Myrella beschlossen, das Erbe ihres verstorbenen Vaters zu leben. Er war Seemann gewesen, Kapit�n auf einem stolzen Segler, und hatte es geliebt, in die Welt hinauszugehen, Wunder und fremde St�dte zu sehen und allen Gefahren zu trotzen, die sich ihm in den Weg stellten. Sie war auch so! Oder sie wollte zumindest so sein. F�nf Jahre hatte ihre Mutter sie noch in ihrer kleinen Welt gefangen gehalten. Eine Welt, die nicht �ber die Grenzen des Waldes hinausreichte, in dem ihre unscheinbare H�tte stand. Dann war sie durchgebrannt. Sie hatte sich als W�scherin verdingt, als N�herin, als �bersetzerin. Wer auf sie aufmerksam geworden war, hatte sie nie erfahren. Doch eines Tages war ein F�rst Arkadiens an sie herangetreten: Solaiyn, der Mann, der angeblich Bilder aus Stein mehr sch�tzte als Gesch�pfe aus Fleisch und Blut. Er hatte sie gefragt, ob sie eine unvergleichliche Reise wagen wolle. Und sie hatte, ohne Fragen zu stellen, sofort zugestimmt. So war sie hierher auf das Himmelland gekommen. Und sie hatte es noch an keinem Tag bedauert. Sie bekleidete den Rang einer Hauptfrau und f�hrte das Kommando auf diesem Felsen, auf dem sie gerade stand. Gut, es war nur einer von fast vierhundert, aber dies war ihr Felsen, und sie kannte jeden Zoll von ihm. Dylan war nur als Wache hier.</p><p>Tief unter ihnen erklang ein langgezogener Hornruf. Die Trolle an den Seilwinden begannen klaglos mit ihrer Arbeit und hoben die drei Frachtk�rbe aus der Tiefe. Myrella griff nach dem Seil der Schiffsglocke neben ihr und l�utete zwei Mal kurz. Es war das Signal, dass weitere Kobolde aus dem Speisesaal kommen sollten, um ihre neu eintreffenden Kameraden abzuholen.</p><p>Auch wenn sie einen recht derben Humor hatten, mochte sie die kleinen Gesellen. Sie waren das Herz des Himmellandes. Ihrer unerm�dlichen Arbeit in den Laufr�dern war es zu verdanken, wenn sich das Schiff bewegte. Bislang hatten sie nur kleinere Reisen von mehreren Meilen unternommen, oder aber dagegen ank�mpfen m�ssen, von Winden abgetrieben zu werden. Aber �berall im Himmelland ging das Ger�cht um, dass sie schon sehr bald eine gro�e Reise antreten w�rden. Endlich!</p><p>Sie blickte wieder zu Dylan. Der Meister der Wei�en Halle l�chelte ihr zu. Hoffentlich fand er sie nicht aufdringlich. Rasch wandte sie sich ab und sah in die Sch�chte im Fels, durch die ihre Frachtk�rbe aufstiegen. Diesmal waren es nicht nur Kobolde. Sie erkannte einen blonden Haarschopf und die alle �berragenden Glatzen mehrerer Trolle.</p><p>Diese grauen H�nen waren ihr unheimlich. Einige standen unter ihrem Kommando, aber es fiel ihr schwer, Gesch�pfe zu befehligen, die sie manchmal so ansahen, als d�chten sie dar�ber nach, sie zu fressen. Obendrein waren sie fast doppelt so gro� und ganz gewiss zehn Mal so schwer wie sie.</p><p>Sie straffte sich. Ihr Unbehagen den neuen Mannschaftsmitgliedern gegen�ber sollte man ihr nicht ansehen. Dylan w�rde sie sonst bestimmt f�r ein d�mmliches, kleines M�dchen halten, wenn sie mit ihrer Aufgabe nicht zurechtkam.</p><p>Noch f�nf Schritt. Die Trolle wirkten unruhig. Die meisten von ihnen mochten die Frachtk�rbe nicht. Und um ihre Angst zu �berspielen, gaben sie sich besonders r�pelhaft.</p><p>Die Seilwinden rasteten ein. Schwingend kamen die K�rbe dicht �ber dem Deck zum Halt.</p><p>Es war, wie sie bef�rchtet hatte. Einer der H�nen zerquetschte beinahe zwei Kobolde, als er sich aus dem Korb zw�ngte. Seine Gesichtsfarbe war von fahlem Grau. Kaum an Deck, ging er in die Knie und kotzte ihr vor die F��e.</p><p>Myrella trat einen Schritt zur�ck. �Du wischst den Dreck durch den Schacht. Sofort!�</p><p>Der Troll sah aus blutunterlaufenen Augen zu ihr auf. �Mit dein Haar wisch isch!�</p><p>Sie hatte es gewusst und fl�sterte ein Wort der Macht. Sie hatte nicht viele Zauber zu weben erlernt, doch dieser hier wirkte fast immer. Ohne Vorwarnung br�llte sie ihn an wie ein gereizter Silberl�we. Einer von den ganz gro�en mit den S�belz�hnen.</p><p>Der Troll machte einen Satz zur�ck und w�re fast in den Schacht gest�rzt.</p><p>�Du���, grollte er w�tend.</p><p>Eine schlanke Klinge legte sich unter das Kinn des H�nen. �Nein <emphasis>du,</emphasis> mein Freund. Du wirst dich benehmen. Deine Kameraden da vorne werden dich in deine neue H�hle bringen, sobald du hier sauber gemacht hast. Und ich bin mir sicher, sie haben dort etwas Bek�mmlicheres zu essen als Hauptmann Myrella.�</p><p>Die Elfe war verlegen. �Das w�re nicht n�tig gewesen�, sagte sie leise, als der Troll nach einem b�sen Blick in ihre Richtung zu den anderen H�nen bei den Seilwinden ging. �Ich w�re allein mit ihm klargekommen.�</p><p>�Daran habe ich keinen Zweifel, meine Dame. Ich hatte lediglich Sorge um meine Trommelfelle und auch ein wenig Angst, Ihr k�nntet ihn in den Frachtschacht sto�en, wenn er Euch erz�rnt.�</p><p>Myrella sp�rte, wie ihr das Blut in die Wangen stieg. <emphasis>�Meine Dame�</emphasis> war sie noch nicht oft genannt worden. �Ich�� ich bin normalerweise nicht so laut.� Bei den Alben, was hatte sie da gerade gesagt? Fiel ihr denn wirklich nichts Gescheiteres ein?</p><p>Dylan l�chelte sie an. �Ich habe in meinem Leben schon viel gesehen, aber noch nie, wie eine junge Elfe so mit Trollen umsprang. Ein wirklich bemerkenswerter Trick!�</p><p>Das war besser als in ihren Tr�umen. Wenn ihr jetzt nur irgendetwas halbwegs Kluges einfallen w�rde. Zwanglose Plaudereien waren nicht ihre besondere Begabung. Sie stammte nun einmal nicht aus einem Palast, sondern aus einer Waldh�tte, und sie�� Alle Gedanken an Dylan waren wie weggeblasen. Aus dem Landekorb stiegen zwei kleine Elfenm�dchen in Seidenkleidern!</p><p>�Bei den Alben, was macht ihr denn hier?�, entfuhr es ihr. �Das ist kein Ort f�r Kinder.�</p><p>Eines der M�dchen hatte goldblondes Haar wie sie. Die Kleine sah zu ihr auf. �Wir sind hier, um unseren Gro�vater zu besuchen.�</p><p>Myrella hob abwehrend die H�nde. �Das geht nicht. Ihr steigt sofort wieder in den Korb und fahrt nach unten. Das ist kein Platz f�r Kinder. Los!�</p><p>�Unser Gro�vater ist F�rst Solaiyn!�, sagte das schwarzhaarige M�dchen ruhig.</p><p>Myrella biss sich auf die Lippen. Ausgerechnet Solaiyn! Er, dem sie zu verdanken hatte, dass sie hierhergekommen war. Solaiyn geh�rte zu den Befehlshabern im gl�sernen Pavillon. Hatte er die M�dchen etwa eingeladen? Das konnte sie sich eigentlich nicht vorstellen. Und doch wagte sie es nicht, ihn zu erz�rnen.</p><p>�Ich kann das Kommando hier �bernehmen, w�hrend Ihr unsere beiden G�ste zum F�rsten Solaiyn geleitet, meine Dame�, bot ihr Dylan an.</p><p>�Das ist sehr gro�m�tig von Euch, Meister.� Myrella gefiel gar nicht, wie die Blonde den Drachenelfen ansah. Dieser Blick passte gar nicht zu einem kleinen M�dchen. �Ihr beiden kommt mit mir!�, sagte sie barsch. �Soll euer Gro�vater entscheiden, was mit euch geschieht.�</p></section><section><title><p>Weltensprung</p></title><p>�Das hier ist ein Luftaal�, erkl�rte Solaiyn fl�sternd. �Ihr m�sst dieses Luk aufklappen und von innen wieder verriegeln. Im Inneren werdet ihr gut gepolsterte Sitze finden. Ihr benutzt die Lederg�rtel, die daran h�ngen, um euch festzubinden. Erst wenn ihr das getan habt, sagt ihr laut: <emphasis>Liuvar</emphasis>. Dann verl�sst der Aal das Himmelland, findet seinen Weg zum n�chsten Albenstern und bringt euch in Sicherheit.�</p><p>�Sind wir denn in Gefahr, Gro�vater?�, fragte Farella und blickte mit gro�en Augen zu ihm auf.</p><p>Solaiyn bemerkte, wie Aloki l�chelte. Er hasste es, so genannt zu werden.</p><p>�Nein, nat�rlich sind wir das nicht! Aber jeder im Himmelland bekommt erkl�rt, wie die Luftaale eingesetzt werden. Nur f�r den Fall der F�lle.�</p><p>�Das Luk sieht so klein aus�, bemerkte Lydaine. �Da passt sicher niemals ein Troll hinein. D�rfen die Trolle sich nicht retten, weil sie gro�e Stinker sind? Ich mag mir gar nicht vorstellen, mit einem Troll in so einem Aal zu sitzen.�</p><p>�Das wird auch nicht geschehen, meine Kleine. Siehst du hier im Pavillon einen Troll? Dort, wo Trolle arbeiten, gibt es nat�rlich gr��ere Luftaale. Sie werden auch gerettet werden.� Insgeheim hatte Solaiyn seine Zweifel, dass es auch nur f�r die H�lfte der mehr als f�nfundzwanzigtausend Albenkinder auf diesen Felsen Luftaale gab. Das Himmelland wurde zu fr�h in den Kampf geschickt, das hatte ihm Hornbori anvertraut.</p><p>Er blickte zu den beiden M�dchen hinab, die endlich einmal keine Fragen stellten. W�re er doch nur nicht so weichherzig gewesen! Er h�tte ihnen nicht erlauben d�rfen, an Bord zu bleiben. Aber er hatte es auch nicht geschafft, noch einmal Kinder seines Sohns Asfahal abzuweisen.</p><p>Anfangs hatte er seine Zweifel gehabt, ob Farella und Lydaine tats�chlich seine Enkelt�chter waren. Er hatte sie �ber seinen Sohn ausgehorcht. Und sie hatten so viel von ihm erz�hlen k�nnen�� Sie kannten diesen verdammten Bruder Leichtfu� wirklich gut. Wie viele Frauen er wohl noch geschw�ngert hatte?</p><p>Wenn Solaiyn daran zur�ckdachte, wie er die geschundene Elfe mit dem Kind im Arm abgewiesen hatte, wurde ihm ganz �bel. Jahre waren seitdem vergangen. Der Krieg in Nangog hatte ihn ver�ndert. Je mehr Albenkinder er sterben sah, desto deutlicher erkannte er, welchen Schatz er einmal besessen hatte. Seine Familie war zerst�rt. Und das war einzig sein Werk. Asfahal hatte geschworen, nie wieder einen Fu� �ber seine Schwelle zu setzen. Sein zweiter Sohn Talawain war auf Daia verschollen. Auch von seinen T�chtern Maylin und Kyra fehlte jede Spur. Nicht einmal die Elfe, die mit ihrem Kind zu ihm gekommen war, hatte er wiederfinden k�nnen. Alles was er wusste, war der Name seines Enkelsohns: Falrach.</p><p>Er blickte auf die beiden wunderbaren M�dchen. Nein, er hatte sie nicht fortschicken k�nnen. Und er brauchte keine Beweise f�r ihre Abstammung. Diesen Fehler w�rde er in seinem Leben nicht mehr wiederholen! Ihr Wort und ihre Geschichten �ber Asfahal gen�gten ihm.</p><p>Die beiden unterhielten sich jetzt fl�sternd mit Aloki. Er bestaunte ihren Mut. In ihrem Alter h�tte er es nicht einmal im selben Zimmer mit der Schlangenfrau ausgehalten. Aber die Kinder zeigten keinerlei Scheu vor ihr.</p><p>Solaiyn trat n�her an das Frontfenster und vermied es dabei, zu Boden zu sehen. Er mochte den Pavillon nicht. Dieses Gebilde war ganz und gar aus Glas gebaut, von dem Gobhayn behauptete, es sei unzerbrechlich. Der Pavillon lag am Ende eines zehn Schritt langen Tunnels, der ebenfalls aus Glas gefertigt war. Die ganze Konstruktion ragte aus dem vordersten Felsen des Himmellands. Dieser Granitklumpen war flach und keilf�rmig. Er erinnerte Solaiyn an den Kopf einer Kobra. Und der verdammte Pavillon war die gl�serne Zunge dieser Kobra.</p><p>Dennoch, von hier aus hatte er eine unvergleichliche Sicht auf den vorderen Teil des Himmellands. Er sah die gedeckten Gesch�tzstellungen, die Knallholzb�ume und die Luftschraubenmasten, die zu Hunderten aus dem Granit wuchsen.</p><p>Eine halbe Meile vor ihnen leuchtete ein helles Licht im Grau der Abendd�mmerung.</p><p>�Es beginnt!�, erkl�rte Hornbori �berfl�ssigerweise. Auch der Zwerg stand an der Frontscheibe des Pavillons. Dicht neben ihm Gobhayn. Der Elfenschmied wirkte angespannt.</p><p>Solaiyn rang um Gleichmut. Es waren nur vier Schritt bis zu den Luftaalen. Wenn etwas schiefging, w�rde er mit den Kindern entkommen.</p><p>W�rde er? Er r�usperte sich und gab Nodon einen Wink. Sein Leibw�chter stand ein kleines St�ck hinter ihm. Wie ein treuer Hund kam er auf das Zeichen. Ein Hund mit unheimlichen Augen. Wie stets war der Drachenelf ganz in Scharlachrot gewandet.</p><p>�Mein F�rst.�</p><p>�Du bist mir f�r die M�dchen verantwortlich�, fl�sterte Solaiyn. �Wenn etwas��� Er r�usperte sich erneut, rang um die Formulierung, schlie�lich wollte er kein Ungl�ck heraufbeschw�ren. �Wenn etwas Unvorhergesehenes geschieht, k�mmerst du dich um die beiden. Kann ich mich darauf verlassen?�</p><p>Sollte es Nodon unangenehm sein, als Kinderm�dchen verpflichtet worden zu sein, so gelang es ihm meisterhaft, sich nichts anmerken zu lassen. �Du holst sie hier heraus!�, sagte Solaiyn mit Nachdruck.</p><p>Nodon nickte.</p><p>�Noch hundert Schritt�, murmelte Hornbori. Dem Zwerg zitterten die H�nde. Er hakte die Daumen in seinen breiten G�rtel, um es zu verbergen.</p><p>�Siebzig Schritt�, sagte Gobhayn. Der Schmied klang sehr gefasst.</p><p>Das Licht vor ihnen begann sich zu weiten. Der Durchgang ins Nichts wuchs. Aber wuchs er schnell genug? W�rde dieses ungeheuerliche Schiff hindurchpassen?</p><p>Solaiyn trat unwillk�rlich einen Schritt von der Frontscheibe zur�ck. Er w�nschte, seine Enkelt�chter w�ren nicht hier. Bislang hatte er dem Tod gefasst ins Auge blicken k�nnen, doch sie ver�nderten alles.</p><p>Der F�rst sp�rte, wie sein Herz schneller schlug. Was er nicht sp�rte, war der Goldene. Bislang hatte der Zweitgeschl�pfte jeden bedeutsamen Augenblick durch ihn verfolgt. Warum war er jetzt nicht hier? Vielleicht weil es kein bedeutsamer Augenblick war? Wusste er, dass sie es schaffen w�rden?</p><p>Nur noch zwanzig Schritt. Das Tor ins Nichts war noch nicht so gro� wie das Himmelland. Solaiyn trat wieder dicht vor die Scheibe und blickte auf den Zwerg neben sich. �Nerv�s?�</p><p>Hornbori r�usperte sich. Er versuchte, seine Angst zu verstecken, aber Solaiyn konnte sie riechen. Auch war die Stirn des Oberbefehlshabers mit Schwei� bedeckt. Und so einer f�hrte das Kommando��</p><p>Als der Pavillon die Grenze ins Nichts durchstie�, kniff der Zwerg die Augen zusammen. Solaiyn sah tief unter ihnen den Goldenen Pfad, dem sie folgten. Keine Schreie ert�nten. Kein Knirschen von Felsbrocken, die aus dem Verbund des Himmellands gerissen wurden. Nicht einmal ein Ruckeln war zu sp�ren. Sie glitten durch die gro�e Dunkelheit.</p><p>Hornbori stie� einen tiefen Seufzer aus. Dann sah er zu ihm auf. �Hattet Ihr keine Sorgen, F�rst?�</p><p>�Ich pflege Dinge, die ich nicht zu �ndern vermag, mit Gelassenheit zu nehmen. Ihr solltet Euch auch darin �ben. Es ist schlecht f�r die Moral, wenn ein Anf�hrer wegen jeder Lappalie schwei�nasse Achseln bekommt.�</p><p>Der Zwerg bedachte ihn mit einem finsteren Blick und wandte sich dann abrupt Gobhayn zu. Solaiyn war von seinen Worten selbst �berrascht. War er eifers�chtig auf Hornbori? All die Jahre hatte er sich eingeredet, als Feldherr aufzutreten sei ihm eine Last, da er in Wirklichkeit ja nur dem Goldenen die Augen lieh. Doch nun, da ein anderer der Feldherr in der letzten Schlacht sein w�rde, f�hrte er sich so auf.</p><p>Er w�rde sich nicht entschuldigen, dachte er, w�hrend der Pavillon durch ein zweites Tor glitt und vor ihnen ein Himmel mit zwei Monden sichtbar wurde. Nangog! Einen Augenblick lang hielt er den Atem an. Er wartete, ob etwas mit dem Himmelland geschah, doch die fliegende Insel trat genauso reibungslos in die fremde Welt ein, wie sie Albenmark verlassen hatte.</p><p>Im Westen schimmerte ein letzter blasser Abglanz des Abendrots am Himmel. Etwas erhob sich von einem einige Meilen entfernten Bergzug, dessen Gipfel wie schwarze Scherenschnitte vor dem Abendrot aufragten. Nun spien diese Gipfel Schatten in den Himmel. Hunderte davon. Auf gro�en, ledrigen Schwingen flogen sie dem Himmelland entgegen. Die Drachen Albenmarks.</p><p>Fast alle waren gekommen, um in der letzten Schlacht zu k�mpfen. Doch sechs fehlten. Die unverwechselbaren Silhouetten der Himmelsschlangen vermochte Solaiyn in dem Schwarm, der ihnen entgegenstrebte, nicht zu entdecken.</p></section><section><title><p>Wenn du w�sstest��</p></title><p>Emerelle wollte sich gar nicht mehr aus der Umarmung l�sen. Eleborn musste sie schlie�lich mit sanfter Gewalt von ihr fortziehen. �Es ist doch kein Abschied f�r immer�, sagte Nandalee l�chelnd und k�mpfte zugleich gegen den Klo� in ihrem Hals.</p><p>�Warum sind wir hier?�, fragte Meliander k�hl. �Ich mag diesen Ort nicht.� Er stand ein paar Schritt entfernt auf seine Kr�cke gest�tzt und machte keine Anstalten, ihr zum Abschied auch nur die Hand zu geben.</p><p>�Ihr seid doch nicht zum ersten Mal hier�, versuchte Nandalee, seine Bedenken auszur�umen. �Dieser Ort ist einfach sicherer���</p><p>�Wovor m�ssen wir denn in Sicherheit gebracht werden?�, setzte er nach.</p><p>Sie blieb ihm die Antwort schuldig. Die Grotte unter der Pyramide war wahrlich kein gastlicher Ort. Die Gazala standen im seichten Wasser, ihre K�pfe so weit in den Nacken gelegt, dass ihre gewundenen H�rner ihren Stei� ber�hrten. Unabl�ssig murmelten sie vor sich hin. Sie schienen die neuen G�ste auf der flachen Insel, auf der der Dunkle sonst in Drachengestalt ruhte, gar nicht wahrgenommen zu haben.</p><p>�Geh bitte nicht, Mama!� Eleborn konnte Emerelle, die sich in seinen Armen wand, kaum noch halten. �Bitte, Mama! Ich habe ein ganz dunkles Gef�hl���</p><p><emphasis>Ein dunkles Gef�hl</emphasis>. Sie seufzte. Das traf genau ihre Stimmungslage. Aber sie musste gehen. Die Gelegenheit, alles wieder zum Guten zu wenden, w�rde sie nur in diesen Stunden erhalten. Wenn sie bliebe, w�rde sie es sich den Rest ihres Lebens nicht verzeihen k�nnen.</p><p>Mit schwerem Herzen wandte sie sich ab und strebte, ohne sich noch einmal umzusehen, dem Ausgang aus der Grotte entgegen.</p><p>�Mutter!�, rief Emerelle mit sich �berschlagender Stimme.</p><p>Nandalees Schritte wurden langsamer, als sie den Durchgang zum Labyrinth aus Tunneln erreichte, die hinauf zum Jadegarten f�hrten. Schwer wie ein Fels lastete der Bidenh�nder Todbringer auf ihren Schultern. Sie hatte ihren Bogen zur�ckgelassen. Dort, wo sie hinging, w�rde ihr nur die Drachenklinge helfen k�nnen. Kein Pfeil k�nnte t�ten, was dort vielleicht auf sie lauerte.</p><p>Sie h�rte jemanden hinter sich im Wasser.</p><p>�Warte!�, rief Eleborn.</p><p>Sie drehte sich nicht um. Wenn sie es t�te und noch einmal die Gesichter ihrer Kinder s�he, w�rde sie nicht mehr gehen k�nnen. Langsam schritt sie in den Tunnel. Das Klacken der Kr�cke ert�nte in schnellen, kurzen Abst�nden auf dem steinernen Boden. Dann war der Elf an ihrer Seite.</p><p>�Was ist mit Emerelle?�</p><p>�Firaz k�mmert sich um sie.�</p><p>Nandalee nickte. Die Gazala hatte ihr bei der Geburt ihrer Kinder beigestanden. Ihr vertraute sie wie keiner zweiten dieser seltsamen Gazellenfrauen.</p><p>�Bitte, Nandalee, sag mir, was vor sich geht.�</p><p>�Der Dunkle ist zur letzten Schlacht aufgebrochen. In den n�chsten Stunden werden die K�mpfe beginnen���</p><p>Er sah sie scharf an. In den letzten Jahren hatte sie mehr Stunden mit ihm verbracht, als ihr einst mit Gonvalon verg�nnt gewesen waren. Er kannte sie gut.</p><p>�Aber du wirst nicht dort sein, nicht wahr? Was hast du vor? Was���</p><p>�Wenn du w�sstest, wohin ich gehen will, w�rdest du alles tun, um mich aufzuhalten.� Sie l�chelte traurig. �Und doch muss ich meinen Weg gehen. Alles, was ich je getan habe, lief darauf hinaus, mich f�r das vorzubereiten, was mich nun erwartet.�</p><p>�Aber die Kinder. Du musst���</p><p>�Nein!� Sie unterbrach ihn mit einer herrischen Geste. �Ich muss gehen.� Sie begann zu laufen. Es war wie eine Flucht. Sie wusste, er w�rde sie nicht einholen. Nicht mit nur einem Bein. Auch daran war sie schuld.</p><p>Sie trat aus der Pyramide. Unter dem weiten Nachthimmel erwartete sie Sternauge. Ihr Pegasus begr��te sie mit leisem Schnauben. Vor ihr lag der Tag, an dem sie all ihre Schuld begleichen w�rde.</p></section><section><title><p>D�stere Omen</p></title><p>Shaya verlie� die Palastst�lle. Die Pferde waren unruhig. Sie sp�rten, dass ein Unheil heraufzog. Sie keilten aus, wieherten und bissen sich gegenseitig in den Nacken.</p><p>Hunderte Fackeln brannten auf dem weiten Hof. �berall waren Menschen. Unabl�ssig wurden Frachtk�rbe zu den Wolkensammlern hochgezogen, die �ber dem Palast ankerten.</p><p>Vor einer Stunde hatte Aaron den Befehl gegeben, die Wolkenschiffe gefechtsbereit zu machen. Warum, hatte er ihr nicht gesagt. Er hatte niedergeschlagen ausgesehen, und sie hatte den Eindruck gehabt, dass sein �berraschend anberaumtes Treffen mit den anderen Unsterblichen ihm ein willkommener Anlass war, vor ihr zu fliehen.</p><p>In dem Durcheinander entdeckte sie Ashot, der einige Abteilungen der Palastwache der Kushiten hinauf zum Flaggschiff des Unsterblichen schickte.</p><p>Shaya trat an die Seite des Feldherrn, der m�de wirkte, und sprach ihn an: �Das wird �rger geben. Dort oben sind die Himmelsh�ter Aarons Leibwache. Sie werden die Kushiten nicht gerne an Bord sehen.�</p><p>�Aaron wird morgen gar nicht genug Leibwachen um sich haben k�nnen.�</p><p>Wusste der Feldherr etwa mehr als sie? �Was steht uns bevor?�</p><p>�Ein Heer von Daimonen, Hunderte Drachen��� Er zuckte mit den Schultern. �Ich kenne auch nur Ger�chte. Aber da die Unsterblichen sich mitten in der Nacht versammeln, erwartet uns etwas.� Er seufzte. �Es gibt den geheimen Befehl, die h�chsten W�rdentr�ger sofort durch die Goldene Pforte in Sicherheit zu bringen. Wusstest du, dass Mataan den Palast besucht hatte? Ich habe vorhin Befehl gegeben, auch ihn fortschaffen zu lassen.� Er schmunzelte. �Arcumenna hat nur seine Konkubinen und deren Kinder fortgeschickt. Ich hab sie vor der Goldenen Pforte gesehen. Eine ganze Karawane war das. Aaron hingegen���</p><p>Der Boden unter ihren F��en vibrierte. Erschrockene Schreie erklangen von allen Seiten. Aus dem s�dlichen Ankerturm brachen Ziegelsteine und st�rzten am Mauerwerk hinab.</p><p>�Ein Beben!�, keuchte Shaya.</p><p>�Ein b�ses Omen�, entgegnete Ashot d�ster. �Ich f�rchte, Aaron wird k�mpfen wollen. Er wird an der Spitze der Truppen auf seinem silbernen L�wen reiten.�</p><p>�Du musst ihn davon abhalten!�</p><p>Der Feldherr legte den Kopf in den Nacken. �Es ist Blut auf den Monden. Noch ein schlechtes Omen.�</p><p>Shaya sah ebenfalls zum Himmel hinauf. Sie hatte noch gar nicht bemerkt, dass in dieser Nacht ein r�tlicher Schleier �ber den Monden lag. Das kam selten vor. Aber sie weigerte sich, in allem ein Omen sehen zu wollen.</p><p>Die Unruhe auf dem Hof hatte sich gelegt. Es war nur ein kurzes Vibrieren gewesen. Die Stimmen von Hauptleuten erschallten. Die Ordnung wurde wiederhergestellt.</p><p>�Ich habe ihn bedr�ngt, auf dem Kommandodeck zu bleiben.� Er seufzte erneut. �Aber wenn wirklich Drachen kommen, wird es nirgends am Himmel einen sicheren Ort geben.�</p><p>�Er sollte gar nicht hier sein! Das Reich braucht ihn! Er sollte mit den H�flingen durch die Goldene Pforte gehen�, ereiferte sich Shaya.</p><p>Ashot sah sie an, als w�re sie von Sinnen. �Kennst du ihn wirklich so schlecht? Nichts wird ihn davon abhalten, das zu tun, was er f�r seine Pflicht h�lt.�</p><p>�Das kannst du nicht zulassen!� Sie packte ihn bei den Armen. �H�rst du! Du bist sein bester Freund! Du musst ihn aufhalten. Er geht zu viele Risiken ein. Wenn er morgen dort oben ist, dann wird er sterben.�</p><p>Der Kopf sank dem Feldherrn auf die Brust. �Ich wei߫, sagte er traurig. �Aber er ist ein Unsterblicher. Niemand gibt ihm Befehle. Niemand wird ihn aufhalten. Nicht einmal du.�</p></section><section><title><p>Ein Wunsch</p></title><p>Artax landete auf einem der Seitenh�fe des Palastes. Dennoch waren sofort Diener zur Stelle, die ihm aus dem Sattel helfen wollten. Der ganze Palast glich einem aufgescheuchten Ameisennest.</p><p>Er befreite sich allein von den Ledergurten und sa� ab. Kurz nach Sonnenuntergang war ihm der L�wenh�uptige erschienen und hatte ihn aufgefordert, seine Flotte gefechtsbereit zu machen, da die Goldene Stadt am n�chsten Morgen angegriffen werden w�rde. Er hatte noch etwas von Drachen gemurmelt und war dann wieder verschwunden.</p><p>Artax hatte gerade seine Befehle erteilt, als ihn eine Botschaft von Labarna erreicht hatte. Die Unsterblichen sollten sich auf dem Flaggschiff des Luwiers versammeln. Tats�chlich waren alle gekommen. Aber neue Erkenntnisse hatte das Treffen ihnen nicht gebracht. Sie alle hatten Besuch von ihrem Devanthar erhalten. Alle waren sie vor Drachen gewarnt worden. Necahual und Subai jedoch hatten noch den zus�tzlichen Hinweis erhalten, dass der Himmel trotz der Drachen am n�chsten Tag der sicherste Ort sein w�rde. Au�erdem hatte das Lebende Licht Arcumenna etwas von einem steinernen Schiff gesagt, das erscheinen w�rde. Aber darunter konnte sich keiner von ihnen etwas vorstellen. Subai hatte ihnen berichtet, wie es ihm noch gelungen war, sich Tarkons Kopf zu holen. Auch wenn es sich in seiner Erz�hlung so anh�rte, als h�tte er das fast allein vollbracht, war sich Artax sicher, dass Hunderte von Subais Kriegern dabei ihr Leben gelassen hatten. Danach gab es nichts mehr zu besprechen, und so hatte ihr Treffen nicht lange gedauert. Sie kehrten zu ihren Pal�sten zur�ck, um die Morgend�mmerung abzuwarten.</p><p>Artax sah zu den Ankert�rmen. Unabl�ssig wurden Geschosse und Ausr�stung zu den riesigen Himmelsschiffen hinaufgetragen. Alles ging seinen Lauf. Auch ohne ihn. Ashot war ein guter Feldherr geworden. Auch wenn er immer noch nicht wusste, wem er in Wahrheit diente. Er sollte ihm sagen, was aus seinem verschollenen Freund Artax geworden war. Aber zun�chst galt es, noch etwas anderes zu erledigen.</p><p>Er strebte den Quartieren der Hauptleute entgegen und hoffte, dass er den Mann, den er suchte, noch antreffen w�rde. Als er an die unscheinbare T�re klopfte, �ffnete ihm niemand. Doch matter Lichtschein fiel unter dem T�rspalt hindurch. Ohne eingeladen zu sein, trat er ein. Das Zimmer des Hauptmanns war nicht gro�. Er war zugegen. Sa� auf seinem Lager und blickte auf eine �llampe hinab, die zwischen seinen F��en stand. Mit leeren Augen sah er zu Artax auf.</p><p>�Ich wei�, was du verloren hast, Totentr�ger.�</p><p>Lamgi reagierte nicht auf seine Worte.</p><p>�Deine Frau und die beiden Kinder. Die Fl�chtlinge aus Tiefwasser haben mir davon erz�hlt. Die Fl�chtlinge, die dank dir nun ein besseres Leben haben werden. Sie w�rden dich gerne noch einmal sehen.�</p><p>Lamgi sch�ttelte m�de den Kopf. �Ich habe nichts mit ihnen zu bereden.�</p><p>�Du wolltest Rache nehmen. Deshalb hast du uns Unsterbliche zu Tarkons St�dten gef�hrt. Geht es dir jetzt besser?� Artax hatte versucht, nicht vorwurfsvoll zu klingen, w�hrend er das sagte.</p><p>Jetzt sah Lamgi ihn an. Der Hauptmann straffte sich. �Ihr seid hier, um mir Mut zuzusprechen? Das ist gro�m�tig von Euch. Aber ich glaube, nur Pflichterf�llung kann die Leere in mir besiegen. W�rdet Ihr mir eine Gunst erweisen?�</p><p>Etwas im Blick des Hauptmanns beunruhigte Artax. Er vermochte es nicht zu benennen, doch leer waren diese Augen nicht mehr. Lamgi wirkte gefasst, ja sogar zielstrebig. �Wenn es im Rahmen meiner M�glichkeiten liegt, werde ich dir gerne eine Gunst gew�hren.�</p><p>�Ich m�chte in der Zeit zur�ckgehen. Ich m�chte mein Leben neu erfinden�� Ich kann Umme, Serin und Talam nicht zur�ckholen. Aber vielleicht den Mann, der ich einst war. W�hrend der Schlacht auf der Hochebene von Kush stand ich in Eurem R�cken, um �ber Euch zu wachen. Es war ein stolzer Tag f�r mich. Lasst mich noch einmal so wie damals der Mann sein, der Euren R�cken besch�tzt.�</p><p>Artax z�gerte. Eigentlich hatte er auf seinem L�wen in die Schlacht reiten wollen. Er konnte sich aber vorstellen, was Ashot und Shaya davon hielten. Wenn er auf dem Kommandodeck seines Flaggschiffs blieb, w�rde das die beiden beruhigen. Von dort h�tte er vermutlich auch einen besseren �berblick �ber die Schlacht. Er dachte an eine Lehre, die Ashot niemals m�de wurde zu wiederholen: Ein Feldherr k�mpft nicht in der vordersten Reihe, wo er nur ein Schwert mehr ist, er f�hrt das Kommando von seinem H�gel aus, beh�lt den �berblick und hat so die Bedeutung von tausend Schwertern.</p><p>�Als Hauptmann der Himmelsh�ter steht dir ein Platz in meiner N�he zu. Dein Wunsch ist dir gew�hrt, Lamgi. Zumindest zu Beginn der Schlacht werde ich auf dem Kommandodeck stehen. Ich hoffe, du findest zu dem Mann zur�ck, der du einmal gewesen bist.�</p><p>Lamgi erhob sich von seinem Bett und kniete dem�tig vor ihm nieder. �Ihr habt mir gerade den Weg dazu geebnet. Ich danke Euch, Aaron, Herr aller Schwarzk�pfe.�</p><p>�Dann sehen wir uns im Morgengrauen auf dem Flaggschiff.� Artax verlie� die Unterkunft des Hauptmanns. Lamgi hatte nicht gl�cklich geklungen, als er ihm seinen Wunsch erf�llt hatte. Er war ein seltsamer Mann. Und er musste ihn nicht verstehen.</p><p>Zu seiner Schande musste er sich eingestehen, dass er mehr an Shaya als an ihn gedacht hatte, als er dem Wunsch Lamgis zugestimmt hatte. Sie zumindest w�rde gl�cklich sein, wenn er ihr gleich offenbarte, dass er den Schutz des m�chtigen Flaggschiffs nicht verlassen w�rde.</p></section><section><title><p>Daron</p></title><p>Ashot hob den Sack neben seinem Bett auf und schulterte ihn. Er hatte in der Nacht keine Ruhe gefunden, nur ged�st. Die Gedanken an seine Taten lie�en ihn keinen Frieden finden, obwohl er meist in seinem Leben richtig gehandelt hatte. Aber das war nicht der Augenblick, besinnlich zu werden. Er verlie� sein Quartier und ging �ber den Hof. Entlang der westlichen Mauer lagen etliche junge Krieger hingestreckt. Sie hatten dort die Nacht verbracht und erwachten langsam im ersten Morgenlicht. Einer von ihnen winkte ihm zu. Daron!</p><p>�Komm her!�, rief er dem Jungen zu und verlagerte den Sack auf seinem R�cken ein wenig, weil der Helm darin unangenehm auf seine Schulter dr�ckte.</p><p>Daron kam mit dem Elan jugendlicher Begeisterung zu ihm gelaufen.</p><p>�Feldherr!� Daron versuchte, wie ein Veteran strammzustehen.</p><p>�Warum seid ihr hier unten? Ich hatte eure Gruppe doch gestern Abend auf das Flaggschiff befohlen.�</p><p>�Es sind zu viele M�nner an Bord, Feldherr! Man hat uns wieder heruntergeschickt. Wir sollen den Palast bewachen.�</p><p>Ashot knurrte leise. Er hatte ausdr�cklichen Befehl gegeben, die Knaben an Bord zu nehmen. Wie viele M�nner waren jetzt wohl dort oben? Er hatte schlechte Laune, weil er an diesem Morgen nicht den Kr�utersud getrunken hatte, mit dem er �blicherweise den Tag begann. Er vermisste die wohlige W�rme in seinem Magen und die Kraft, die er daraus sch�pfte. Eigentlich sollte er sich nicht mit solchen Bagatellen herumschlagen. Heute hatte er wahrlich ganz andere Herausforderungen zu meistern.</p><p>Wieder sp�rte er den Boden unter seinen F��en vibrieren. Seit gestern Nacht war es mindestens das zwanzigste Mal. Einmal, in der Stunde vor Sonnenaufgang hatte er geglaubt, ein metallisches Kreischen tief unter sich im Fels geh�rt zu haben. Er sch�ttelte den Kopf�� Wahrscheinlich war er in Wirklichkeit in Halbschlaf gesunken und hatte das nur getr�umt.</p><p>Er sah Daron an. Und sah seinen alten Freund Narek in den Z�gen des Jungen. Er konnte ihn nicht hier zur�cklassen. �Du kommst mit mir. Du wirst heute zur Leibwache des Unsterblichen geh�ren. So wie dein Vater in der Schlacht bei Kush, wirst auch du neben Aaron stehen.�</p><p>Die Augen des Jungen wurden gro�. �Aber ich bin doch nicht einmal���</p><p>�Ich bin der Feldherr Arams, es ist vollkommen egal, was du einmal warst. Ich kann dich jederzeit in die Leibwache des Unsterblichen aufnehmen. Und jetzt schwafel mir nicht die Ohren voll, sondern folge mir schweigend, wie es sich f�r einen Mann der Leibwache unseres Herrschers geziemt!�</p><p>Ashot konnte sehen, wie der Knabe fast platzte, weil er noch tausend Dinge loswerden wollte, aber Daron presste die Lippen zusammen.</p><p>Schmunzelnd wandte Ashot sich ab. Er dachte an seine Kindheit in Belbek, daran, wie er mit Artax und Narek im Palmgarten von Behruz Datteln gestohlen hatte. An ihre Angst vor der Strafe. K�nnte er doch noch einmal zu jenen gl�cklichen Tagen zur�ckkehren.</p><p>Der lange Weg den Ankerturm hinauf lie� ihn ganz wach werden. Es war ein angenehmer Morgen. Eine leichte Brise kam von Westen �ber den gro�en Fluss. Es w�rde ein sch�ner Tag werden, w�re da nicht ein Heer von Drachen im Anflug, um die Goldene Stadt und die Flotte an ihrem Himmel in Flammen vergehen zu lassen.</p></section><section><title><p>T�dliche Langeweile</p></title><p>Es war t�dlich langweilig! Meliander hatte in der Nacht schlecht geschlafen. Immerzu murmelten diese h�sslichen Gazellenfrauen. Nie war es still. Au�erdem herrschte eine dr�ckende, schw�le Hitze in dieser Grotte. Warum hatte Mutter sie nur hierhergebracht? Sie h�tte es ihnen sagen sollen! Schlie�lich waren sie beide keine Kleinkinder mehr.</p><p>Mutter konnte hinaus in die Welt, auf ihren zwei Beinen. Bestimmt w�rde sie wieder gro�artige Abenteuer bestehen. In dem wei�en Gewand der Drachenelfen, mit dem Bidenh�nder auf den R�cken geschnallt, sah sie aus wie eine Heldin. Auch der stille Nodon mit seinen unheimlichen Augen war ein Held und all die anderen Drachenelfen in der Alten Veste. Nur er, er w�rde niemals ein Held sein. Schon bei seiner Geburt hatte er nur einen Arm gehabt und war mit Narben bedeckt gewesen. Und seine Beine waren so zerschunden, dass sie ihn nur, wenn er sich auf eine Kr�cke st�tzte, gerade einmal trugen. Ihm ging es nicht besser als Eleborn. Aber der hatte zumindest seine ruhmreichen Tage gehabt. Eleborn war ein Drachenelf gewesen. Meliander rang gegen Tr�nen der Wut. Er war ein Kr�ppel, der unter Helden aufwuchs. Manchmal w�nschte er sich, er w�re tot.</p><p>Emerelle stand zwischen den Gazala und sprach mit Firaz. Er h�rte die beiden lachen. Es fiel seiner Schwester so leicht, auf andere zuzugehen und deren Herzen zu gewinnen. Er war da ganz anders. Er mochte nicht, wie er angestarrt wurde. Er sp�rte ihr Mitleid. Nur bei Eleborn war es nicht so. Der Elf hatte sich in Decken eingerollt und schlief. Dabei gab er leise, r�chelnde Laute von sich. Bei ihm f�hlte sich Meliander besser. Aber er war oft fort.</p><p>Missmutig blickte er zu dem dunklen Tor, dem Ausgang aus der Grotte. Niemand beachtete ihn gerade. Vielleicht sollte er die Gelegenheit nutzen und einen Ausflug machen. Ein wenig frische Luft schnappen. Er war dieses Gef�ngnis hier so leid.</p><p>Er nahm seine Kr�cke und k�mpfte sich auf die Beine. Er wartete, bis das Zittern vor�ber war. Dann stapfte er los. Das Wasser am Boden der Grotte schluckte das verr�terische Klacken seiner Kr�cke. Er schlich die W�nde entlang. Die blinden Gazala beachteten ihn nicht, Emerelle und Firaz waren in ihr Gespr�ch vertieft und Eleborn schlief noch immer.</p><p>Meliander erreichte den Ausgang, ohne dass ihn jemand bemerkte. Von da an st�tzte er sich gegen die Tunnelwand. Hier, auf festem Boden, wollte er die Kr�cke noch nicht benutzen. Wollte nicht im letzten Augenblick jemanden auf sich aufmerksam machen. In die W�nde waren Bilder geschnitten. Seine Finger krallten sich in die Vertiefungen. So fand er Halt und zog sich vorw�rts, rang seinen zitternden, schw�chlichen Beinen Schritt um Schritt ab.</p><p>Erst als er ein gutes St�ck vorangekommen war und an einer Gabelung des Tunnels stand, gestattete er sich wieder den Luxus, auf seine Kr�cke gest�tzt zu gehen.</p><p>Rechts oder links? Er konnte sich nicht erinnern, welchen Weg sie hinab genommen hatten. Also entschied er aus einer Laune heraus. Links war gut. F�r den R�ckweg pr�gte er sich die Bilder an den W�nden ein. So w�rde er sich nicht verlaufen.</p><p>Der Tunnel, dem er folgte, stieg leicht an. Die W�nde hier waren aus Steinquadern gef�gt und nicht mehr aus dem gewachsenen Fels geschlagen, wie es weiter unten der Fall war. Die Bilder zeigten Landschaften, Schiffe in st�rmischer See, manchmal auch St�dte. Sie f�hrten ihm vor Augen, wie gro� die Welt war, und er f�hlte umso schwerer die B�rde seiner Gefangenschaft. Nie hatte er den Jadegarten verlassen. Ein Entdecker sein, jemand, der �berall hinreiste und Geheimnissen auf den Grund ging, das war sein Traum. Und heute wollte er beginnen, diesen Traum zu leben. Er w�rde den Geheimnissen der Pyramide des Dunklen nachstellen.</p><p>Wieder gelangte er an eine Gabelung. Wieder w�hlte er den linken Weg. Es war dunkel hier. Keine Fackeln brannten. Aber davon w�rde er sich nicht abhalten lassen, dachte Meliander und sprach ein Wort der Macht. Augenblicklich erschien ein blasses, vor ihm schwebendes Licht. Nicht so hell wie eine Fackel, aber hell genug, um die Bilder an den W�nden weiterhin betrachten zu k�nnen.</p><p>Dieses Mal zeigten die Reliefs Schlachten. Hochgewachsene M�nner mit Tierk�pfen, die zwischen Schlachtreihen aus Speertr�gern auftauchten. Wei� gewandete Drachenelfen, die zwischen ihren Feinden zu tanzen schienen. Ob es hier auch Bilder von seiner Mutter gab?</p><p>Er hielt inne. Ein leichtes Prickeln �berlief ihn. Ein Zauber war gewoben worden. Nicht weit entfernt! Hatte Eleborn bemerkt, dass er fort war, und suchte schon nach ihm?</p><p>Ein kalter Lufthauch zog den Tunnel hinab. Er kam von vorne! Und er war viel zu k�hl, um von einem Ausgang in den Jadegarten zu stammen. Meliander schluckte. Jetzt hatte er sein Abenteuer. Wollte er entdecken, was da vor ihm war? Oder doch lieber in Sicherheit fl�chten?</p><p>Vielleicht k�nnte er sich ja erst einmal anschauen, was dort war, und dann entscheiden. Er lie� seine flackernde Lichtkugel den Gang hinaufschweben. Pl�tzlich war sie verschwunden.</p><p>Er starrte in die Finsternis. Sie war viel dichter, als sie h�tte sein sollen. War das der Zauber? Versteckte sich dort jemand in einem Kokon aus Dunkelheit.</p><p>�Komm!�, rief ihn eine Knabenstimme.</p><p>Schritte entfernten sich.</p><p><emphasis>Er</emphasis> w�rde nicht fortlaufen, entschied Meliander. Wer auch immer dort war, er hatte ihm seinen Wunsch erf�llt. Er hatte ein echtes Geheimnis aufgesp�rt, und wenn er dieses Geheimnis aufkl�rte, war er auch ein Held und nicht nur ein Kr�ppel.</p><p>So schnell ihn seine Kr�cke trug, eilte er den Gang weiter hinauf, der Finsternis entgegen.</p><p>Da war wirklich ein Zauber, ganz �hnlich der Aura, die den Dunklen umgab. Etwas, das Licht trank. Nach ein paar Schritten hatte er es �berwunden. Jetzt war es so kalt, dass ihm der Atem vor dem Mund stand. Licht sickerte aus den W�nden. Fahlgr�n und unnat�rlich. Wieder teilte sich der Tunnel. Der linke Gang lag in dieses verderbte Licht getaucht. Der rechte war dunkel.</p><p>Meliander z�gerte. Licht hatte noch niemanden verletzt. Und au�erdem wollte er kein Feigling sein! Wenn es nur nicht so kalt w�re. Pl�tzlich vermisste er Emerelle. Sein ganzes Leben lang war sie immer in seiner N�he gewesen. Es w�re sch�n, sie auch jetzt an seiner Seite zu haben.</p><p>Helden mussten nicht von ihrer Schwester besch�tzt werden! Er trat in den gr�n leuchtenden Tunnel. Ihm klapperten die Z�hne vor K�lte. Ganz kurz �ffnete er sein Verborgenes Auge, um die Beschaffenheit des Zaubers zu durchschauen. Es war, wie er es sich gedacht hatte: Er zog seine Kraft aus der W�rme der Luft. Das war nicht bedrohlich, nur unangenehm.</p><p>�Komm, mein Bruder!�</p><p>Was sollte das? Jetzt zeigte sich eine schattenhafte Gestalt vor ihm im Gang. Das Licht wurde langsam st�rker. Dort stand ein Junge in seinem Alter. Er hatte freundliche Gesichtsz�ge und rabenschwarzes Haar. Der fremde Junge streckte ihm die Hand entgegen. Noch nie hatte er au�er seiner Schwester ein anderes Kind getroffen. Einen Spielkameraden.</p><p>�Willst du mit mir fortgehen?�</p><p>Da lag eine Traurigkeit in der Stimme des Jungen, die Meliander vertraut war. Nur dass die Augen nicht zu diesem Ton passten. Sie wirkten hart, ja grausam.</p><p>�Willst du nicht von hier fort?�</p><p>Doch, entschied Meliander. Aber zun�chst musste er etwas anderes wissen. �Wie kannst du mein Bruder sein?�</p><p>Der fremde Junge winkte ihn n�her. Er war von schlanker, fast zerbrechlicher Gestalt. Jetzt leckte er sich �ber die Lippen. �Komm mit mir, und du wirst alles verstehen.�</p></section><section><title><p>Die schwebende Insel</p></title><p>�Verdammter B�renschiss!� Volodi sa� auf seinem silbernen B�ren, der ganz am Rand des Flugdecks stand. Vor einer halben Stunde war ihm sein Devanthar erschienen und hatte ihm eingesch�rft, dass er den Daimonen nicht entgegenfliegen durfte. Kein einziger Wolkensammler, kein silberner L�we, nichts sollte sich von der Stelle r�hren. Nie zuvor hatte der Gro�e B�r so eindringlich zu ihm gesprochen. Und er hatte es mitten unter seinen Hauptleuten getan. Jeder an Bord w�rde wissen, dass er gegen einen Befehl des Devanthar verstie�, wenn er fr�her losschlug.</p><p>Der Gro�e B�r hatte darauf bestanden, dass die Schlacht �ber der Goldenen Stadt geschlagen werden musste. Warum, hatte er nicht erkl�rt. Volodi erinnerte sich nur zu gut, was der Stadt drohte, wenn an ihrem Himmel gek�mpft wurde. Er hatte den Aufstand der Wolkensammler nie vergessen. Es war der Tag gewesen, an dem Quetzalli und Wanya gestorben waren. Schiffstr�mmer waren �berall in die Stadt gest�rzt. Es hatte Br�nde gegeben. Aber das alles war nichts im Vergleich zu dem, was die Goldene Stadt erwartete, wenn der Kampf gegen die Daimonen an ihrem Himmel gef�hrt wurde.</p><p>Der Feind am Horizont war nur eine undeutliche, dunkle Masse. Sie kam langsam n�her. Etwas stimmte mit der verdammten Daimonenflotte nicht. Sie war kleiner, als er erwartet hatte. Und die Schiffe flogen so dicht zusammen, dass sie wie ein Klumpen erschienen. Warum taten sie das?</p><p>Nerv�s trommelten seine Finger auf den Hals des B�ren. Die Sonne stand hoch am Himmel. Gerade war die Mittagsstunde verstrichen. Er hasste es, einfach nur dazusitzen. Und er wusste, die meisten seiner M�nner empfanden �hnlich.</p><p>Er sah zu den anderen Schiffen, die an den Ankert�rmen lagen. Fast zweihundert Himmelsreiter warteten auf den Flaggschiffen der Unsterblichen darauf loszuschlagen. Sie waren die ungest�msten Krieger der sieben K�nigreiche. Volodi w�nschte sich, dass endlich einer von ihnen die Befehle missachtete. Dann w�rde auch er losfliegen, ganz gleich, was der Gro�e B�r von ihm verlangt hatte.</p><p>�Kommt schon�, murmelte er. �Einer von euch bricht jetzt den Befehl!�</p><p>Er suchte den Himmel mit Blicken ab. Kein Silber gl�nzte dort. Nun denn, auch so w�rde er die Ehre haben, als Erster zu k�mpfen. Wenn die Angriffsflotte nicht im letzten Moment abschwenkte, w�rde sie genau in seinem Abschnitt �ber der Goldenen Stadt ankommen. Seine Schiffe w�rden als erste im Gefecht stehen. Seine�� Etwas ber�hrte ihn k�hl und glitschig an der Wange. Ein Tentakel. Die Gedanken von <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont im Fr�hlingsmorgenlicht �ber dem Gr�nen Meer</emphasis> flossen in seinen Kopf.</p><p><emphasis>Sie haben keine Wolkensammler. Sie greifen mit einer fliegenden Insel an. Wei�t du, wie man einen gro�en Steinhaufen besiegt?</emphasis></p><p>Volodi musste an das steinerne Schiff denken, von dem Arcumenna beim Treffen der Unsterblichen gesprochen hatte.</p><p>�Verdammter B�renschiss!�, fluchte er erneut.</p><p><emphasis>Wie sollen uns die F�kalien von verfluchten B�ren helfen, in dieser Schlacht zu gewinnen?,</emphasis> erkundigte sich <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont</emphasis> sehr ernsthaft. Der Wolkensammler mochte ein Philosoph und unglaublich intelligent sein, aber er hatte nie verstanden, dass er nicht alles, was Menschen sagten, w�rtlich nehmen sollte.</p><p>�Es wird bestimmt gen�gen, wenn wir alle umbringen, die auf diesem Steinschiff hocken. Und nat�rlich auch die, die stehen�, erg�nzte er, bevor es eine weitere Frage gab.</p><p><emphasis>Dann werde ich das meinen Br�dern sagen und�� Oh, sie haben auch schon Befehle erhalten. Subai will alle Daimonen mit Pfeilen spicken. Und Necahual fordert gerade seine M�nner auf, ihm die K�pfe der Daimonen zu bringen.</emphasis></p><p>�Da sehe ich keinen Widerspruch�� Hauptsache, sie sind tot.� Volodi kniff die Augen zusammen, um das Ding am Horizont besser zu erkennen. Es war furchteinfl��end gro�. Aber gro� waren ihre Wolkensammler auch. Sie w�rden siegen.</p><p>Der Feind war weniger als eine Meile entfernt. Deutlich konnte Volodi die Drachen erkennen, die um die schwebende Insel herum ihre Kreise zogen. Es sah so aus, als h�tten auch sie den Befehl bekommen, nicht voranzust�rmen.</p><p><emphasis>Darf ich gleich den Ankerturm loslassen?</emphasis></p><p>Sp�rte er da so etwas wie Angst bei <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont?</emphasis> Das kannte er bisher noch nicht von seinem Wolkensammler.</p><p><emphasis>Ich f�rchte mich nicht, aber diese fliegende Insel hat eine viel gr��ere Masse als ich. Meine Tentakel werden zerrei�en, der Ankerturm wird auf deinen Palast st�rzen, und auch ich und dieses Schiff werden erheblich besch�digt werden, wenn wir zusammensto�en. Und all das, ohne diese Insel in ihrem Flug nennenswert aufzuhalten. Steine nehmen in aller Regel sehr wenig Schaden, wenn man mit Fleisch auf sie einschl�gt.</emphasis></p><p>�Dann lass den Turm los�, sagte Volodi halblaut. Augenblicklich sp�rte er die Erleichterung des Wolkensammlers.</p><p>Die Insel war jetzt so nah, dass er erkennen konnte, dass sie aus verschiedenen Felsbl�cken zusammengef�gt war. Wahrscheinlich wurden sie von Tauen oder Ketten zusammengehalten. Etwas, das so hell in der Sonne funkelte, dass er es nicht erkennen konnte, ragte aus dem vordersten Felsblock. Auf den Steinen wuchsen B�ume. Und zwischen den B�umen war etwas, das sich drehte. Windm�hlenfl�gel? Er w�rde gar nicht erst versuchen zu verstehen, was die Daimonen dort in den Himmel gesetzt hatten. Er w�rde es einfach nur zerst�ren.</p><p>Volodi gab seinem B�ren ein Zeichen, sich ein wenig zu drehen, sodass er nun auf seine M�nner blicken konnte. Sie waren ein wilder Haufen! Angeber, Kraftprotze, gro�artige S�ufer und Weiberhelden. Mit ihren pr�chtigen B�rten, den bronzenen K�rassen und den Helmen, die sie mit Vogelschwingen geschm�ckt hatten, boten sie einen gro�artigen Anblick. Sie waren die besten M�nner, die je ein F�rst Drusnas befehligt hatte.</p><p>�Sieht so aus, als w�ren den Daimonen ihre Wolkensammler davongeflogen�, rief er �ber das Flugdeck. �Ein paar Drachen und ein Haufen schwebender Steine sind ihr letztes Aufgebot. Heute wird der Tag sein, an dem wir ihnen derart die Schei�e aus den D�rmen pr�geln, dass sie niemals wiederkehren. Ich wei�, ihr brennt darauf genauso sehr wie ich. Also zeigt es ihnen! Ich wei�, wir k�nnen siegen. Sie haben nur eine einzige Waffe, die euch gef�hrlich werden kann: h�bsche M�dels, die euch bezaubernd anl�cheln, um euch die Kehle durchzuschneiden, sobald ihr versucht, sie zu k�ssen. Also, Jungs, das Knutschen kommt nach der Schlacht mit den Schankmaiden, die in der Gro�en Halle auf euch Hurenb�cke warten. Jetzt gilt es, Klinge gegen Klinge zu fechten!�</p><p>Zufrieden sah Volodi die Kampflust in den Augen seiner M�nner. Sie w�rden ihm �berallhin folgen. Er wendete seinen B�ren. Das verdammte Steinschiff war nur noch hundert Schritt entfernt. Schon schw�rmten ihnen die ersten Drachen entgegen. L�nger zu warten w�rde hei�en, seine M�nner der Gefahr auszusetzen, dass ein Flammenstrahl sie auf dem engen Flugdeck erwischte. Er l�ste die Lanze aus der Halterung an der Flanke des B�ren, stie� sie in die Luft und schrie aus Leibeskr�ften. �Los, ihr Bastarde! Ziehen wir ihnen die Schuppen �ber die Ohren!�</p><p>Er schlug seinem B�ren mit der flachen Hand auf den Hals. �Los, Stinker! Auf in den Kampf.�</p><p>Schwerf�llig und mit knirschenden Gelenken setzte sich sein metallener Kampfgef�hrte in Bewegung. Kaum machte er einen Schritt �ber die Kante des Flugdecks, war es wie immer. Er st�rzte wie ein Stein der Stadt entgegen. Volodi schloss die Augen und stie� einen inbr�nstigen Fluch aus, w�hrend Stinker schwerf�llig mit seinen Fl�geln schlug. Als der B�r sich fing, waren sie h�chstens zwei Schritt �ber den flachen H�userd�chern der Stadt.</p><p>Er war sich nicht sicher, ob dieser verfluchte B�r das absichtlich machte oder ob er tats�chlich so ein lausiger Flieger war. Hart gegen die Schwerkraft ank�mpfend, gewann Stinker wieder an H�he. Flammenstrahlen schossen durch den wolkenlosen Himmel. Nur ein paar Schritt entfernt st�rzte einer seiner M�nner, zur Unkenntlichkeit verbrannt, der Stadt entgegen.</p><p>Ein Drache mit Augen wie aus Glas kam Volodi entgegen. Der Drusnier hielt die Lanze waagrecht neben dem B�ren. Der Drache n�herte sich ihm leicht von links. Vielleicht war ihm die Waffe noch nicht aufgefallen.</p><p>Als das Biest sein Maul mit dolchlangen F�ngen aufriss, hob Volodi die Lanze quer vor den K�rper. Nicht die ideale Position, einen Drachen abzustechen, dachte er noch, als die Lanzenspitze dem Biest in den Rachen drang. Der Schaft der Waffe wurde ihm so hart vor die Brust geschlagen, dass ihm pfeifend die Luft aus der Lunge entwich.</p><p>Der Ruck riss die Lanze aus seiner Hand. Der Drache stie� ein gurgelndes Ger�usch aus. Blut spritzte aus seinem Schlund. Er st�rzte der Stadt entgegen.</p><p>Volodi war von dem Treffer noch ganz benommen. Grelle Lichtpunkte tanzten ihm vor den Augen. Stinker stieg weiter in den Himmel hinauf. Die Masse aus schwebenden Felsen war nun dicht vor ihnen. <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont</emphasis> wich vor der fliegenden Insel zur�ck. Steinkugeln aus den Bordgesch�tzen des Wolkensammlers schlugen gegen die Felsflanken, richteten aber keinen nennenswerten Schaden an.</p><p>Stinker stieg immer noch h�her. �berall um sie herum waren Himmelsreiter und Drachen. Aus Gefechtsst�nden in den Felsen wurden Speere abgeschossen. Pfeile schwirrten durch die Luft. Gellende Schreie t�nten Volodi in den Ohren.</p><p>Jetzt war er an der fliegenden Insel vorbei und sah von oben auf sie herab. Der Atem setzte ihm aus. Die verfluchte Insel war mehr als zwei Meilen lang.</p><p>Wie eine Sense durch Korn schnitt sie durch die Wolkensammler �ber der Stadt. Die Himmelsgiganten Nangogs wichen dem steinernen Unget�m aus. Gleichzeitig schossen alle Gesch�tze auf die Insel. Flammenstrahlen zuckten �ber den Himmel.</p><p>Einer der alten quallenf�rmigen Wolkensammler griff das Daimonenschiff mit seinen Tentakeln an. Seine Fangarme rissen M�nner aus ihren Gesch�tzstellungen und schleuderten sie zur Stadt hinab, w�hrend hinter ihm zwei gro�e rote Drachen erschienen.</p><p>Wie Stangen aus gl�hendem Stahl bohrte sich ihr Feuerodem in den R�cken des Wolkensammlers. Volodi zog einen kurzen Wurfspeer aus dem K�cher an der B�renflanke und schleuderte ihn einem der Drachen entgegen. Die st�hlerne Spitze stanzte ein Loch in die Lederschwinge. Er schien es nicht bemerkt zu haben, drehte einfach ab und flog den Wolkenschiffen �ber der Stadt entgegen.</p><p>Der verwundete Wolkensammler stie� schrille Laute aus, die wie Nadeln in Volodis Ohren stachen. Immer noch hielt sich der Himmelstitan mit seinen Tentakeln an der fliegenden Insel fest. Er schlug gegen die Felsen. Das Schiff, das er trug, zersplitterte. Dutzende M�nner st�rzten schreiend in den Abgrund. Volodi flog zu hoch. Er konnte nichts unternehmen, um ihnen zu helfen.</p><p>Etwas tief im Inneren des Wolkensammlers schien durch die Drachenflammen Feuer gefangen zu haben. Die Gase in ihm explodierten. Font�nen aus brennendem Fett und kochendem Wasser schossen aus seinem zuckenden Leib, den er mit letzter Kraft zur Oberseite des steinernen Schiffes schleppte.</p><p>Das brennende Fett setzte B�ume und Windm�hlen in Flammen. Kochende Br�he aus seinem Inneren versickerte in Felsspalten. Volodi sah kleine Daimonen in den W�ldern der beiden Felsen, auf denen der sterbende Wolkensammler ruhte, todesmutig gegen die Flammen ank�mpfen. Dann zerplatzte ein gro�er Baum. Brennende �ste wurden in andere Waldst�cke geschleudert. In Todeszuckungen pfl�ckten die Tentakel Windm�hlenr�der von starken Holzmasten, als w�ren sie nur Strohhalme.</p><p>�Heilige Schei�e!�, fluchte Volodi. Er war nur einen Moment lang abgelenkt gewesen. Einen Atemzug hatte er nicht aufgepasst. Er riss an den Z�geln, doch er wusste, es war zu sp�t. Ein Schwanzhieb schmetterte auf Stinkers linken Fl�gel. Der B�r geriet ins Trudeln, und Drachenz�hne schnappten nur wenige Zoll vor Volodis Brust ins Leere. Ein weiterer Schwanzhieb des Drachen traf die hohe R�ckenlehne seines Sattels. Holz splitterte. Etwas traf auf die R�stung des Gro�en B�ren, und Volodi war froh, dass er sie heute angelegt hatte. Er musste leben, denn er hatte gesehen, wie man dieses steinerne Schiff besiegen konnte.</p><p>Unter ihm explodierten weitere B�ume in der Feuersbrunst, die der sterbende Wolkensammler verursacht hatte.</p></section><section><title><p>Der �berblick</p></title><p>Hornbori presste sich an die Scheibe des Pavillons und sah zu dem brennenden Ungeheuer, das auf seinem Schiff hing.</p><p>�Das darf nicht noch �fter passieren�, bemerkte Gobhayn ruhig.</p><p>Hornboris Gedanken �berschlugen sich. Da drau�en waren weit �ber hundert Wolkensammler. Noch zehn, die brennend auf dem Himmelland lagen, und sie w�rden auf die Stadt unter ihnen st�rzen. Hatten die Menschenkinder das auch begriffen?</p><p>�Die Drachen���, stammelte er. �Sie d�rfen keinen Wolkensammler in der N�he mehr angreifen. Das darf sich nicht wiederholen. Am besten, sie stecken gar keinen Wolkensammler mehr in Brand.� Er f�hlte sich von den Ereignissen am Himmel �berfordert. Er konnte eine Schlacht auf dem Boden f�hren�� und auch dabei hatte er in der Vergangenheit schon bedauerliche Fehler gemacht��, aber das hier �berstieg bei Weitem seine F�higkeiten. Es geschah zu viel gleichzeitig. Und obwohl er im Pavillon stand, hatte er das Gef�hl, keinen �berblick zu haben.</p><p>Eine kopfgro�e Steinkugel prallte gegen die Scheibe, an der er stand. Er schreckte zur�ck. Ein Richtsch�tze auf dem Wolkensammler, der hundert Schritt entfernt trieb, hatte ihn entdeckt und mit einem Gesch�tz auf ihn gezielt.</p><p>�Eure Befehle, Herr aller Tiefen�, ermahnte Gobhayn ihn.</p><p>Hornbori sah hilfesuchend zu Solaiyn. Doch der erprobte Feldherr wirkte abwesend, wie schon so oft in der Vergangenheit. Er schwankte leicht, und die Schlangenfrau st�tzte ihn.</p><p>�Nodon!�</p><p>�Herr!�, h�rte er die Stimme des rot gewandeten Elfen hinter sich.</p><p>�Du nimmst die Adlerreiter. Alle Adlerreiter! Und du sorgst daf�r, dass sich nicht noch ein brennender Wolkensammler an das Himmelland klammert.�</p><p>�Mit Verlaub, Herr, wir werden einen brennenden Wolkensammler mit Adlern nicht aufhalten k�nnen. Aber wenn es Euer Wunsch ist, wird der Befehl selbstverst�ndlich ausgef�hrt.�</p><p>�Nodon hat recht!�, raunte Gobhayn neben ihm.</p><p>Hornbori war versucht, darauf zu bestehen, dass seine Befehle ausgef�hrt wurden. Aber vielleicht w�rde er noch einen der Adler brauchen, um zu fl�chten. Diesen Luftaalen wollte er sein Leben nicht anvertrauen.</p><p>�Das Feuer!�, ermahnte ihn Gobhayn.</p><p>�Was k�nnen wir tun?� Selten zuvor hatte sich Hornbori so hilflos in einer Schlacht gef�hlt.</p><p>�Die Telepathen. Sie sollen den Drachen befehlen, keinen weiteren Wolkensammler in der N�he des Himmellands in Flammen zu setzen.�</p><p>�Genau! Das hatte ich auch schon gedacht.� Hornbori wandte sich an die Adjutanten, die hinter ihm darauf warteten, seine Befehle weiterzugeben. �Also, ihr habt es geh�rt. Informiert die Telepathen. Und ein bisschen hurtig, wenn ich bitten darf!�</p><p>Solaiyn hatte nicht mehr die Kraft, auf den Beinen zu stehen. Er lag in den Armen seiner unheimlichen Schlangenfrau. Warum nur beharrten diese verdammten Drachen darauf, diesem unf�higen Kerl Befehlsgewalt zu geben? In jeder zweiten Schlacht kippte er um.</p><p>Hornbori hatte ein wenig von seinem Selbstvertrauen zur�ckgewonnen. �Wie l�schen wir jetzt den Brand?�, wandte er sich an Gobhayn.</p><p>�Das k�nnen wir nicht. Dazu fehlt es uns an L�schwasser und M�nnern.�</p><p>Hornbori traute seinen Ohren nicht. �Es fehlt uns an M�nnern? Wir haben doch weit �ber zwanzigtausend���</p><p>�Und damit ist das Himmelland immer noch dramatisch unterbesetzt. Wir sollten erst einmal an H�he gewinnen.�</p><p>Hornbori sah zwar nicht ein, warum, aber Gobhayn w�rde es schon wissen. �Also��� Er wandte sich zu seinen restlichen Adjutanten um.</p><p>Der Elf packte ihn bei der Schulter. �Solche Befehle gehen direkt raus. Dort!� Er deutete auf das vergoldete Rohr, das neben Hornbori aus dem Boden ragte. �Daf�r haben wir das Sprachrohrsystem.�</p><p>Leicht ver�rgert zog der Zwergenf�rst den St�psel aus dem Rohr. ��hm�� Achtung.� Er fand es immer noch seltsam, mit einem Rohr zu sprechen, obwohl er es, seit er an Bord gekommen war, mehrfach ge�bt hatte. �Also�� �hm�� Befehl an alle Felsen: Wir steigen auf. Sofort!�</p><p>Durch das ganze Himmelland erstreckte sich eine Kette von mehr als drei�ig Ohrengrotten. In diese Befehlsst�nde m�ndeten die Sprachrohre. Sobald ein Befehl eintraf, wurde er in das Hauptrohr an der gegen�berliegenden Seite der kleinen Grotte weitergesprochen. So wurden die Befehle binnen k�rzester Zeit von einem Ende des Himmellands an das andere weitergegeben. Erst wenn der Befehl �ber das Hauptrohr an die n�chste Ohrengrotte weitergegeben war, wurden all die anderen Sprachrohre ge�ffnet, um den Befehl nun auch an die unmittelbar angrenzenden Felsen zu �bermitteln. Umgekehrt konnten �ber dieses Rohrsystem auch Meldungen aus jedem Felsen an das Erste Ohr, die Grotte, die vor dem Eingang zum Pavillon lag, weitergegeben werden.</p><p>Ein Bote kam durch den Glasgang gelaufen und �berreichte Gobhayn mehrere Papiere. Der Elf blickte fl�chtig dar�ber, w�hrend der Bote sich bereits wieder zur�ckzog. Hornbori war leicht ver�rgert. Er h�tte diese Papiere bekommen sollen.</p><p>Wieder knallte eine gro�e Steinkugel gegen die Scheiben des Pavillons, und er zuckte zusammen. Gobhayn nicht. Wie schaffte es dieser verdammte Elfenschmied nur, so kaltbl�tig zu sein?</p><p>Endlich w�rdigte Gobhayn ihn eines Blickes. �Es sind die Felsen zweiundf�nfzig und dreiundf�nfzig, auf denen die Br�nde am schlimmsten toben. Auf fast allen angrenzenden Felsen sind bereits kleinere Feuer ausgebrochen, die wir aber noch beherrschen k�nnen.�</p><p>�Dann lassen wir die Felsen am besten sofort evakuieren.�</p><p>�Nein, das w�re unklug. Dann fl�chtet die Besatzung der Felsen �ber die Br�cken und Stahltr�ger, die wir abtrennen m�ssen. Das wird das ganze Prozedere erheblich verlangsamen. Wir benachrichtigen die Besatzungen der beiden Felsen nicht.� Er beugte sich �ber das Sprachrohr. �Sprechverbindung zu den Felsen zweiundf�nfzig und dreiundf�nfzig kappen�, befahl er knapp. Dann setzte er sorgf�ltig den St�psel auf das Rohr und blickte missbilligend auf Hornbori herab. �Nachdem wir gesprochen haben, muss das Rohr immer zugest�pselt werden. Sonst h�ren sie im Ersten Ohr alles mit, was hier im Pavillon gesprochen wird. Und denen fehlt der �berblick, um die Entscheidungen zu verstehen, die hier getroffen werden.�</p><p>Ihm fehlte dieser �berblick auch, dachte Hornbori. �Wie viele M�nner sind auf den beiden Felsen?�</p><p>Gobhayn schloss kurz die Augen, als m�sste er einige Zahlen im Kopf �berschlagen. �Etwa sechshundert�, sagte er schlie�lich. �Es sind �u�ere Felsen mit Gesch�tzstellungen, deshalb gibt es dort mehr M�nner.�</p><p>�Wir k�nnen doch nicht einfach���</p><p>�Wir k�nnen nicht nur, wir m�ssen!�, unterbrach ihn der Elfenschmied. �Die beiden Felsen entsprechen etwa einem Prozent unserer Schiffsmasse. Wir verlieren gerade die B�ume, die das Gewicht der Felsen tragen, und es besteht die Gefahr, dass sich die Feuer von dort weiter ausbreiten. Wenn f�nf Prozent des Himmellands keinen Auftrieb durch B�ume mehr haben und dies ein zusammenh�ngendes St�ck ist, bekommen wir Schlagseite. Und es wird ein zusammenh�ngendes St�ck sein, wenn das Feuer von Fels zu Fels springt. Verlieren wir zehn Prozent unserer B�ume, zieht es uns nach unten. Wir k�nnen das dann auch nicht mehr durch den Betrieb der liegenden Luftschrauben aufheben. Wir werden zu Boden sinken. Und dort sind wir wehrlos.�</p><p>Hornbori vermochte den Ausf�hrungen nicht ganz zu folgen. Er starrte hinaus in den Himmel. Ganz offensichtlich hatten noch nicht alle Drachen die Botschaft der Telepathen erhalten. Zwei weitere der alten Wolkensammler standen bereits in Flammen.</p><p>Pl�tzlich erschien ein Krieger mit wildem Bart und irrem Blick in den Augen unmittelbar vor ihm. Er ritt auf einem gefl�gelten B�ren, der es schaffte, in der Luft stehen zu bleiben, w�hrend sein Reiter einen riesigen Hammer aus einem Sattelholster zog und damit nach Leibeskr�ften auf die Scheibe eindrosch.</p><p>�Er kann keinen Schaden anrichten�, bemerkte Gobhayn.</p><p>�Herr?�, meldete sich Nodon hinter ihm zu Wort. �Soll ich mit den Adlern abfliegen, oder habt Ihr Euch anders entschieden.�</p><p>Ein Bote mit neuen Papieren lief an Hornbori vorbei und reichte sie dem Elfenschmied. Und drau�en h�mmerte der verr�ckte Menschensohn immer noch mit dem Hammer gegen die Scheibe.</p><p>Hornbori schloss die Augen. Das war zu viel!</p><p>�Die Felsen zweiundf�nfzig und dreiundf�nfzig werden aus dem Verband gel�st�, h�rte er Gobhayn langsam und �berdeutlich sprechen. �Ich wiederhole: die Felsen zweiundf�nfzig und dreiundf�nfzig werden aus dem Verband gel�st. Es sind sofort Arbeitstrupps auszuschicken, um den Befehl auszuf�hren.�</p><p>Als Hornbori die Augen �ffnete, traf eine Steinkugel den Mann vor der Scheibe und riss seinen Rumpf entzwei. Blut klatschte auf die Scheibe und rann daran herab. Gobhayn stand �ber das Sprachrohr gebeugt und setzte gerade wieder den St�psel ein.</p><p>Hornbori musste an die sechshundert Mann denken, die bald in den Tod st�rzen w�rden und ihr Schicksal nicht einmal kommen sahen. Er war kein sonderlich guter Heerf�hrer. Seine Befehle hatten viele tapfere M�nner das Leben gekostet. Aber so etwas Kaltbl�tiges hatte er niemals getan. Und er w�rde nicht heute damit beginnen. �Gobhayn, ich �bertrage dir das Kommando hier im Pavillon�, sagte er so laut, dass es jeder der Anwesenden h�ren konnte. �Ich trete nicht den Oberbefehl ab, dass das klar ist. Aber du entscheidest hier.�</p><p>�Und du?�, fragte der Elf verbl�fft.</p><p>�Ich inspiziere jetzt die Gesch�tzstellungen steuerbord. Ich glaube, man kann deren Leistungen noch verbessern.�</p><p>�Die Felsen zweiundf�nfzig und dreiundf�nfzig liegen steuerbord�, bemerkte Gobhayn. �Willst du etwa���</p><p>Hornbori wandte sich an Nodon. �Du bist zwar der Leibw�chter Solaiyns, aber da ich in der Befehlshierarchie �ber Solaiyn stehe, kann ich auch dir Befehle erteilen. Richtig?�</p><p>Nodon z�gerte kurz, dann nickte er. �So ist es, Herr.�</p><p>�Gut. Sollte Gobhayn den Befehl geben, einen Felsen abzuwerfen, auf dem ich gerade stehe, wirst du ihn sofort enthaupten. Hast du das verstanden?�</p><p>�Ja, Herr!�, entgegnete Nodon, ohne sich anmerken zu lassen, was er von diesem Befehl hielt.</p><p>�Du kannst nicht���, setzte Gobhayn an.</p><p>�Ich kann!� Hornbori funkelte ihn w�tend an. �Vergiss nicht, ich bin der Oberkommandierende hier an Bord.� Dann wandte er sich ab und verlie� den Pavillon durch den Glastunnel. Nat�rlich w�rde er nicht zu den Felsen zweiundf�nfzig und dreiundf�nfzig gehen. Er war ja nicht lebensm�de! Aber das konnte Gobhayn nicht wissen.</p><p>Als er den Glastunnel hinter sich lie� und in die vertraute Sicherheit massiver Felsw�nde trat, f�hlte er sich unglaublich erleichtert. Ihm war klar, dass er nichts gegen das Chaos der Schlacht, die um sie herum tobte, unternommen hatte. Aber diesen Wahnsinn nicht mehr mit ansehen zu m�ssen tat gut.</p></section><section><title><p>Das Richtige tun</p></title><p>�Die Hubschrauben antreten!�, rief Myrella in ihr Sprachrohr und st�pselte es wieder zu. Neugierig trat sie an den Abgrund. Zwanzig Schritt unter ihr war der gro�e rostrote Rotor in den Fels eingelassen. Sie h�rte das Metall in seiner Fassung knirschen, als die Kr�fte der Laufr�der auf die Hubschraube zu wirken begannen.</p><p>Da war eine Bewegung tief unter der Schraube. Etwas blitzte silbern. Als sich der gro�e Rotor langsam zu drehen begann, schnellte zwischen seinen Fl�geln ein silberner Wolf hervor. Ein Menschensohn sa� auf einem Sattel, der aussah wie ein gro�er Stuhl. Fasziniert beobachtete Myrella, wie der Wolf in engen Kehren durch den Rotorschacht aufstieg.</p><p>Der Menschensohn im Sattel wirkte zerzaust. Er hatte str�hniges schwarzes Haar, das im Flugwind flatterte. In den H�nden hielt er einen kurzen Reiterbogen, auf dessen Sehne schussbereit ein Pfeil lag.</p><p>Eine der Schwingen des fliegenden Wolfs war mit Blut besudelt. Pl�tzlich traf sie der Blick des Reiters. Er hob den Bogen, zog die Sehne durch und passte sich der Bewegung des Wolfs an. Der Pfeil schnellte ihr entgegen.</p><p>Myrella wurde zur Seite gerissen. Das Geschoss verfehlte sie um Haaresbreite. Als sie hinab in den Schacht blickte, sah sie, dass dem Reiter ein Messer in der Brust steckte.</p><p>�Ihr m�sst vorsichtiger sein, meine Dame. Ihr seid ganz offensichtlich keine Kriegerin.� Es war Dylan, der sie gerettet hatte. �Bitte entschuldigt mich nun. Ich habe die Befehle geh�rt��� Er sch�ttelte den Kopf. �F�r das Schiff mag es das Richtige sein, moralisch ist es das nicht. Ich kann nicht zusehen, wie sechshundert Mann dem Tod �berantwortet werden, ohne dass jemand den geringsten Versuch unternommen hat, sie zu retten.�</p><p>Myrella war noch v�llig �berw�ltigt von den Ereignissen. Dylan nahm den Tunnel, der zur Br�cke zweiundf�nfzig f�hrte. Mehrere Trolle folgten ihm.</p><p>�Meister!�, rief sie schlie�lich so laut sie konnte und folgte ihm ebenfalls.</p><p>Er nahm keine Notiz von ihr. Erst auf der Terrasse, von der die Br�cke zum benachbarten Felsen f�hrte, hielt er inne. Myrella blieb dicht bei ihm. Hier, in der Kluft zwischen zwei Felsen, war ein St�ck Himmel zu sehen. Es war nur ein schmaler Streifen, der Abstand zwischen den Felsen betrug wenig mehr als vier Schritt. Die Br�cke, die zum benachbarten Steinbrocken hin�berf�hrte, war ganz und gar aus Stahl gefertigt. Dylan wies die Trolle an, die Halterungen der Br�cke im Fels zu zerschlagen. Die grauen H�nen hatten gewaltige H�mmer mitgebracht. Ohne zu z�gern folgten sie dem Befehl des Elfen.</p><p>Myrella sah Rauchschwaden am Himmel treiben. Dann schoss eine Font�ne brennender Fl�ssigkeit durch ihr Blickfeld. Silberl�wen jagten vorbei, ohne von ihnen Notiz zu nehmen.</p><p>An zwei der drei Stahlb�gen, die den benachbarten Felsen auf Abstand hielten, standen ebenfalls schon Trolle. Auf ein Zeichen des Elfen begannen sie ebenfalls ihr Zerst�rungswerk.</p><p>�Was tut Ihr, Meister?�</p><p>Dylan wirkte angesichts der Umst�nde ungew�hnlich ruhig. �Die Felsen abzuwerfen ist f�r das Himmelland eine vern�nftige Entscheidung.� Er legte seine Rechte auf sein Herz. �Aber was richtig und falsch ist, entscheide ich seit Langem allein hier, und ich bin kein Mann f�r blinden Gehorsam. Sechshundert Albenkinder zu opfern ist falsch.�</p><p>Er trat an eine Felsnische, in der ein Stundenglas stand, und winkte den Befehlshaber der Trolle herbei. �Wenn der Sand durchgelaufen ist, trennt ihr auch den dritten Tr�ger vom Himmelland.� Er wandte sich ab, setzte mit elegantem Sprung auf den st�hlernen Bogen und lief hin�ber zu Fels zweiundf�nfzig.</p><p>Ohne zu z�gern folgte Myrella ihm. Auch sie h�rte auf ihr Herz.</p></section><section><title><p>Wir machen den Himmel brennen</p></title><p>Volodi landete auf dem Flugdeck des Flaggschiffs von Aram. Auf seinem Weg hierher war es ihm gelungen, zumindest einen Teil seiner B�renreiter um sich zu scharen.</p><p>Hektisch l�ste er die Ledergurte seines Sattels, sprang ab und fragte den erstbesten Hauptmann nach Aaron. �Auf dem Kommandodeck, aber���</p><p>Volodi wartete nicht. Es war un�blich, auf dem Deck eines fremden Flaggschiffs zu landen. Das Chaos, das ohnehin schon herrschte, wurde dadurch noch gr��er.</p><p>Er kam an einem Behelfslazarett vorbei, in dem sich Heiler um schreiende Verwundete k�mmerten. Aarons Flaggschiff zeigte deutliche Spuren des Kampfes. Schanzkleider waren von schweren Steinkugeln zersplittert. Blut troff durch Spalten in den Decks.</p><p>Volodi stieg eine der �berf�llten Treppen zu den oberen Decks hoch. Hauptleute br�llten Befehle. Ein Wolkensammler, der keine hundert Schritt entfernt flog, stand in Flammen. Doch all seine Gesch�tze schossen noch auf das nahe Steinschiff. Volodi kam es so vor, als w�rde man mit Erbsen und einem Blasrohr einen w�tenden Stier aufhalten wollen.</p><p>Zwei Gesch�tzt�rme, die er passierte, drehten sich knirschend auf ihrem gefetteten Laufkranz. Bislang hatte Volodi ihre Flotte f�r unbesiegbar gehalten. Und gegen die Drachen allein w�ren sie vielleicht auch angekommen, aber dieses Steinschiff�� Es erf�llte ihn mit stiller Genugtuung zu sehen, dass auch die Daimonen den Brand auf ihren Felsen nicht beherrschen konnten. Bis hier h�rte er die explodierenden B�ume, und er sah, wie brennendes Astwerk weit durch die Luft geschleudert wurde, um anderswo neue Brandherde zu sch�ren.</p><p>Er passierte einen Decksabschnitt, auf dem ein toter gr�ner Drache lag. Es war nicht einmal ein besonders gro�er. Etliche Speere ragten aus seinem Leib. Doch der Preis daf�r war schrecklich gewesen: Himmelsh�ter lagen um ihn herum, ihre schneewei�en Umh�nge von Blut durchtr�nkt. Die Drachenkrallen hatten ihre bronzenen Brustpanzer mit einer Leichtigkeit zerfetzt, als w�ren sie aus d�nnem Pergament.</p><p>Endlich entdeckte er Aaron auf einem noch h�her gelegenen Deck, umringt von Kriegern, �ber denen die L�wenstandarten aufragten, in deren Schatten auch er einst gefochten hatte. Ein weiterer toter Drache versperrte den Weg, bevor er Aaron erreichte. Es sah aus, als h�tte die Bestie versucht, den Unsterblichen zu t�ten. Einige der Leibwachen waren verwundet. Misstrauische Blicke verfolgten Volodi.</p><p>Aaron beriet sich mit einer Gruppe von Hauptleuten.</p><p>�Achtung!�, rief pl�tzlich der Mann, der hinter Aaron stand. �Der Unsterbliche Volodi betritt das Deck!� Jetzt erkannte er den Mann. Es war der Kerl, der Tarkon ans Messer geliefert hatte. Das mochte n�tzlich gewesen sein, doch sch�tzte Volodi Verr�ter nicht. Seltsam, dass Aaron ihn in seiner N�he duldete.</p><p>�Mein Freund, gut zu sehen, dass du noch lebst!� Aarons Stimme klang blechern durch den Maskenhelm. Er trug die volle R�stung, sogar mit Handschuhen. Wahrscheinlich kl�ger an diesem Tag.</p><p>�Ich wei�, wie wir sich Steinschiff holen vom Himmel�, kam der Drusnier augenblicklich auf den Punkt, w�hrend keine drei Schritt entfernt eine Steinkugel durch die Leibwachen pfl�gte und gleich drei Mann den Kopf abriss.</p><p>�Feuer! M�ssen wir sich Wald in Flammen machen. Sind sich besonders, die B�ume. Zerplatzen sie sich mit Donnerschlag, wenn sie sich brennen. Und haben die sich Daimonen Angst vor sich brennende B�ume. Sind sich viele Helfer oben auf Steinen, um zu machen sich Schutz f�r B�ume. Sch�tzt man sich nicht nix, was ist sich nicht wichtig!�</p><p>Der Maskenhelm machte es unm�glich, in Aarons Gesichtsz�gen zu lesen. Er st�tzte sich schwer auf einen kleinen Tisch, auf dem etliche Tontafeln lagen. �Dieses Steinschiff schie�t uns in St�cke�, sagte er niedergeschlagen. �Unsere Geschosse hingegen scheinen fast keinen Schaden anzurichten. Und die Drachen�� Wir haben jetzt schon f�nf Wolkensammler verloren, und die Schlacht dauert noch nicht einmal eine halbe Stunde.�</p><p>�So wie sich Drachen machen Wolkensammler kaputt, machen wir uns Steinschiff kaputt!�, beharrte Volodi. �Musst du dich geben Befehle an alle. Wenn sich ein Wolkensammler brennt, muss sich werfen auf Steinschiff. Darfst du dir nicht nix Steine schie�en. Musst du dich Feuerkr�ge nehmen! Und lass die Himmelsreiter sich Brandt�pfe werfen. Feuer! Feuer und noch mal Feuer! Das muss sich sein unsere Antwort.�</p><p>�Und warum kommst du damit zu mir?�</p><p>Volodi fand befremdlich, dass Aaron das fragte. �Weil sich andere Unsterbliche nie nix h�ren auf mich. Musst du dich sagen ihnen, dann ist sich Rat klug. Ich wei� mich, wie sie nennen mich. Saufkopf von Drusna. Ist mir mich egal�� Aber musst du dich ihnen guten Rat geben. Feuer ist sich auch unser Weg. Wir machen den Himmel brennen.�</p><p>Aaron nickte. �Ich werde die Nachricht verbreiten. Und nach der Schlacht wird jeder von mir zu h�ren bekommen, dass es dein Rat gewesen ist, der die Schlacht gerettet hat.�</p><p>�Musst du dich machen nicht nix M�he, mein Freund.�</p><p>Aarons dunkle Augen funkelten ihn durch die Sehschlitze der silbernen Maske an. �Wie meinst du das, Volodi.�</p><p>�Ist sich gro�es Schlacht gutes Ende f�r gro�es Krieger. Ich werde mir mich Quetzalli suchen und Wanya. Glaub ich mich, kann ich finden die beiden in Herz von Steinschiff.�</p><p>Aaron trat vor und packte ihn beim Arm. �Tu das nicht!�</p><p>Volodi machte sich los. �Warst du dich guter Freund, Aaron, Herr aller sich Schwarzk�pfigen.�</p><p>Aaron machte keinen weiteren Versuch, ihn aufzuhalten. Als Volodi sich abwandte, fiel ihm auf, dass Shaya gar nicht an Deck war. Er l�chelte in sich hinein. Bestimmt hatte sie das Kommando �ber einen eigenen Wolkensammler an sich gerissen.</p><p>Hinter sich h�rte er Aaron schon lauthals nach Schreibern rufen. Er w�rde daf�r sorgen, dass der Befehl, das steinerne Schiff abzubrennen, in der Flotte verbreitet wurde. In solchen Dingen war er gut, dachte Volodi.</p><p>Ein zuckender Tentakel fiel ihm vor die F��e�� Aarons Schiff wurde erneut beschossen! F�nf Schritt vor Volodi nagelte ein Speer einen Wolkenschiffer gegen die Holzwand eines Gesch�tzturms. Der Mann zuckte wie ein Frosch, der auf eine Knochennadel aufgespie�t worden war. Dann hingen seine Glieder pl�tzlich schlaff. Mehrere Kugeln zerfetzten die Reling und lie�en einen Hagel von Splittern �ber das Deck spr�hen. Zwei streiften seine R�stung. Die M�nner ringsherum warfen sich zu Boden. Er nicht. Dies war nicht der Ort, an dem der Tod auf ihn lauerte, da war er sich ganz sicher.</p><p>Auf dem Flugdeck angelangt, suchte er sich einen Mann, der wie ein Hauptmann aussah. �Du wirst mir mich holen Amphoren voll mit sich Lampen�l.�</p><p>Der Kerl sch�ttelte unwillig den Kopf.</p><p>Volodi packte ihn bei seinem �ppigen schwarzen Bart und zog ihn zu sich heran. �Muss ich dich aufmachen Loch von Arsch, oder willst du dich h�ren auf Befehl von sich Unsterblichem Volodi.� Er stie� den Mann von sich.</p><p>�Gewiss, Unsterblicher���, stammelte der Hauptmann.</p><p>�Dann machst du dich schnell!�</p><p>Volodi wandte sich seinen M�nnern zu, die bei den B�ren warteten. Sie sollten Amphoren voll �l auf jeden Brand abwerfen, den sie auf dem steinernen Schiff entdecken konnten. Er aber w�rde einen anderen Weg suchen. Er hatte Adler aus dem Steinschiff herausfliegen sehen. Da, wo die herauskamen, w�rde er ganz sicher mit seinem B�ren auch hineinkommen. Er w�rde so viele Amphoren mit sich nehmen, wie Stinker tragen konnte. Und er w�rde ganz sicher im Inneren des steinernen Schiffes auch noch etwas finden, das sich verbrennen lie�.</p></section><section><title><p>Unvorschriftsm�ssige Geschosse</p></title><p>Nyr sah den Mann zucken, den er mit dem Speer getroffen hatte. Das Geschoss hatte ihn an die h�lzerne Au�enwand eines der Gesch�tzt�rme genagelt. Eines Gesch�tzturms, dessen �ffnungen in ihre Richtung wiesen. Er war sich sicher, dass da drin einer stand, der jetzt genau die kreuzf�rmige Schie�scharte anvisierte, hinter der er an seiner Speerschleuder stand.</p><p>Galar drehte bereits wieder aus Leibeskr�ften an der Kurbel und spannte ihr Gesch�tz. Sie beide hatten Gl�ck gehabt und waren in eine Kammer eingeteilt worden, die leicht versetzt unter der Hauptgesch�tzstellung dieses Felsens lag. Hier konnten sie f�r sich schalten und walten, ohne dass ihnen jemand auf die Finger sah. Jedenfalls die meiste Zeit. Alle halbe Stunde schaute der Hauptmann vorbei, der �ber ihnen das Kommando f�hrte. Dann gab er ihnen ein paar stumpfsinnige Ratschl�ge und stieg wieder zur gro�en Gesch�tzstellung hinauf.</p><p>Ein Menschensohn auf einer fliegenden Schlange flog dicht an ihrem Felsen vorbei und schleuderte einen Wurfspeer nach ihnen, der sich klappernd in der schmalen Schie�scharte verfing.</p><p>Nyr sah, wie sich Schatten vom Gesch�tzturm l�sten, und riss Galar mit sich zu Boden. Der Aufschlag der schweren Steinkugeln lie� den Felsen erzittern. Putz rieselte von der Decke. Die Salve der Menschenkinder hatte wohl die Gesch�tzstellung �ber ihnen getroffen.</p><p>Galar rieb sich die Augen. �Dem Kerl, der auf die Schei�idee gekommen ist, hier die Decke zu kalken, werde ich die Eier abschneiden, wenn das hier alles vor�ber ist. Dem haben sie wohl einen Schei�k�bel ins Hirn entleert���</p><p>�He, ihr beiden, h�rt auf, mit dem Boden zu kuscheln, und macht eure Arbeit!�</p><p>Nyr wandte den Kopf. In der T�r zur Gesch�tzstellung stand ihr Hauptmann. Hor hatte schon an den beiden vorangegangenen Tagen nicht durch gute Umgangsformen gegl�nzt. Der schwarzb�rtige Hauptmann war ungew�hnlich klein, machte diesen Mangel aber mit seinem Stimmvolumen mehr als wett. Wenn er losschrie, konnte man ihn vermutlich auch zwei Felsen weiter noch h�ren.</p><p>Nyr rappelte sich auf. �Jawohl, Hauptmann! Sind wieder ganz bei der Sache. Der Treffer hat uns von den Beinen gerissen. Wird nicht wieder vorkommen.� Nyr blickte zu einem unbestimmten Punkt �ber dem Kopf Hors und gab ganz den arglosen, dienstbeflissenen Dummkopf. Die Jahre auf den Feldz�gen in Nangog hatten ihn gelehrt, dass man so mit den meisten Vorgesetzten hervorragend zurechtkam.</p><p>�Weitermachen!�, knurrte Hor und trat in die Gesch�tzkammer.</p><p>Galar rieb sich immer noch leise fluchend die ger�teten Augen, w�hrend der Hauptmann zu den gro�en K�chern mit Speeren trat, die an der Wand lehnten. �Was ist denn das hier?� Er deutete auf den einen Lederk�cher, den sie mitgebracht hatten. Den, in dem sie ihre Drachent�terspeere verwahrten.</p><p>Neugierig schlug der Hauptmann die Lederklappe zur�ck.</p><p>Galar h�rte auf, sich die Augen zu reiben. Seine Hand sank auf die Axt an seinem G�rtel. Nyr schob sich zwischen ihn und den Hauptmann, der nun einen der kurzen Speere aus dem K�cher gezogen hatte. �Das ist kein vorschriftsm��iges Geschoss�, murmelte er ver�rgert und sah zu ihnen auf. �Die Spitze ist viel zu leicht. Da steckt doch kein Wums dahinter, wenn ihr damit trefft.� Er schob den Speer wieder zur�ck und sch�ttelte �rgerlich den Kopf. �Solche Eigenm�chtigkeiten sind der Anfang vom Untergang. Ich beschlagnahme diese Speere. Ihr werdet die Feinde Albenmarks gef�lligst mit den eigens daf�r gefertigten Speeren umbringen.�</p><p>Galar versuchte, Nyr zur Seite zu schieben. �Der wird gar nichts an sich nehmen���, zischte er seinem Freund ins Ohr.</p><p>�Was sagst du?� Hor sah sie beide herausfordernd an. �Ihr m�gt ja ber�hmte Kriegshelden sein, aber hier an Bord des Himmellands herrscht Disziplin, und ihr werdet tun, was ich euch beiden sage.� Er hob den K�cher auf und machte einen Schritt in Richtung der Schie�scharte.</p><p>Nyr trat zur Seite. Er w�rde nicht dulden, dass dieser bornierte Drecksack ihre Drachent�terspeere �ber Bord warf. Sollte Galar ihm doch den Sch�del spalten!</p><p>�Du wirst jetzt���, br�llte Galar los.</p><p>�Achtung!�, rief eine vertraute Stimme von der Eingangst�r. �Alter aus der Tiefe an Deck!�</p><p>Hor fuhr herum, und Nyr sah den Hauptmann erbleichen, als er erkannte, wer da gekommen war.</p><p>�Herr aller Tiefen�, stie� er stammelnd hervor.</p><p>�Sie haben vollkommen recht, Hauptmann. �bertriebener Individualismus ist der Anfang vom Untergang. Wenn Sie gestatten, werde ich diese beiden Rebellen unter meine Aufsicht stellen und ihnen zeigen, wie man vorschriftsm��ig eine Speerschleuder bedient.�</p><p>Ein gl�ckliches L�cheln spielte um die Lippen des Hauptmanns.</p><p>Hornbori trat ein und nahm Hor den K�cher mit den Speeren ab. �Sie sollten auf dem oberen Gesch�tzdeck nach dem Rechten sehen, Hauptmann. Ihre M�nner haben einen �blen Treffer abbekommen. Da wird eine ordnende Hand gebraucht.�</p><p>�Wie Ihr befehlt, Herr aller Tiefen!� Hor beeilte sich, die enge Treppe hinaufzukommen.</p><p>Als seine Schritte verklungen waren und Nyr h�rte, wie er weiter oben seine Untergebenen anschrie, nahm Nyr Hornbori den schweren K�cher ab und lehnte ihn wieder an die Wand. �Danke!�</p><p>�Glaub ja nicht, dass wir uns von dir die vorschriftsm��ige Bedienung einer Speerschleuder zeigen lassen, Klugschei�er�, fuhr Galar den Herrscher an.</p><p>Hornbori lachte. �Keine Sorge. Ich bin hier, weil ich danebenstehen m�chte, wenn ihr die Drachen vom Himmel holt, die die Tiefe Stadt niedergebrannt haben.� Er zwinkerte ihm zu. �Au�erdem m�chte ich verhindern, dass man den Felsen abwirft, auf dem ihr hier steht.�</p><p>�Den Felsen abwerfen, auf dem wir stehen�, �ffte Galar ihn nach. �Was f�r ein gequirlter Schwachsinn, Schisser!�</p><p>Da konnte Nyr nur zustimmen. Felsen abwerfen. Das ergab doch keinen Sinn. Ihm war ein R�tsel, wie Hornbori es geschafft hatte, zum Herrscher aller Zwerge zu werden.</p></section><section><title><p>Fischsuppe und Luftaale</p></title><p>Che half einem seiner M�nner aus dem sechs Schritt hohen Laufrad. Rauch zog in ihre H�hle. Etliche der Kobolde, die �ber den Wald oben auf dem Felsen wachen sollten, hatten sich nach unten gefl�chtet.</p><p>�Fischstinker!�, rief ihm Groz zu.</p><p>Der Troll beaufsichtigte einige seiner Br�der, die in einem weiteren massigen Laufrad daf�r sorgten, dass sich die Hubschraube drehte.</p><p>�Sie sind Feiglinge!�, schimpfte Che. Und tats�chlich, mit den Fliehenden zog ein Geruch wie von Fischsuppe in die H�hle. Es war Che �u�erst peinlich, dass nur Kobolde nach unten gekommen waren. Zu den W�chtern des Waldes hatten auch Faune und sogar eine Dryade geh�rt. Sie waren wohl lieber in den Flammen umgekommen, als vor ihrer Aufgabe zu fl�chten. �Ich h�tte dort oben sein sollen.�</p><p>�H�henangst?�</p><p>Groz sagte selten mehr als ein paar Worte, aber das musste er auch nicht, denn die wenigen Worte sa�en in der Regel. Ja, er hatte H�henangst, dachte Che ver�rgert. Deshalb war er zum Dienst tief im Inneren des Felsens eingeteilt. Aber vielleicht h�tte er seine Angst ja �berwinden k�nnen.</p><p>�rgerlich betrachtete er die f�nf Laufr�der. Hundert Kobolde standen unter seinem Befehl, damit er die Luftschrauben an den Masten hoch �ber ihnen in Bewegung hielt. Es war seine Verantwortung, die Ersch�pften rechtzeitig aus den R�dern zu holen, bevor sie zusammenbrachen und niedergetrampelt wurden oder wom�glich sogar in die Aufh�ngung des Rades gerieten.</p><p>Gellende Schreie rissen ihn aus seinen Gedanken. Aus der Decke ihrer Grotte spr�hte dampfende Fl�ssigkeit auf das mittlere der Laufr�der.</p><p>�R�umen�, schrie Che. �Alle raus aus dem Rad!� Er lief zu dem Hebel, der das Laufrad abbremste, und stemmte sich mit aller Macht dagegen. So w�rden seine M�nner leichter abspringen k�nnen. Immer mehr Schreie gellten durch die Grotte.</p><p>Groz war pl�tzlich an seiner Seite. F�r den Troll mit seinen B�renkr�ften war es ein Leichtes, den Bremshebel bis zum Anschlag durchzudr�cken. Bedenklich knirschend kam das Laufrad zum Stehen.</p><p>Groz trat an das h�lzerne Rad, strich mit einem Finger �ber einen der hei�en Spritzer auf dem Holz und leckte daran. �Fischbr�he�, murmelte er.</p><p>�Der Wolkensammler!�, rief einer der gefl�chteten Kobolde. �Hei�es Wasser und Fett sprudeln aus seinem K�rper. Oben waren �berall Pf�tzen.�</p><p>Che blickte zur verputzten Decke ihrer Grotte. Der wei�e Kalk war mit Rissen durchsetzt, durch die noch immer kochendes Wasser auf das Laufrad niederspr�hte. Dampfschlieren wogten durch die Grotte und verbreiteten einen Geruch, der ihn erneut an Fischsuppe erinnerte.</p><p>Der Kobold rang mit sich. Mochten die Alben wissen, wie viel kochendes Wasser schon in die Felsen gesickert war. Er konnte warten, bis es mit Macht durch die Decke brach und seine M�nner bei lebendigem Leib verbr�ht wurden, oder er konnte befehlen, die Grotte zu r�umen. Wenn sie jetzt wegliefen, taten sie dasselbe, was die Kobolde oben im Wald getan hatten. Mitten in der Schlacht ihren Posten aufgeben. Er fluchte stumm.</p><p>�Raus hier!�, schrie er. �Groz, hilf mir, alle Laufr�der anzuhalten.� Er wandte sich an seine M�nner, die ihn verbl�fft ansahen. �Raus hier!�, wiederholte er. �Springt aus den Laufr�dern! Bringt euch tiefer im Himmelland in Sicherheit. Wir verlassen Fels dreiundf�nfzig!�</p><p>Seine M�nner gehorchten. Groz gab auch den Trollen Befehl zu fl�chten. Dann hielt er alle R�der an. Mit schlechtem Gewissen betrachtete Che die stillstehende Anlage.</p><p>�Komm!� Groz winkte ihm.</p><p>Der Kobold stie� einen Seufzer aus. Jetzt kam schon an drei Stellen in der Decke kochend hei�es Wasser herab. Er hatte richtig entschieden!</p><p>Pl�tzlich war vor ihnen lautes Geschrei zu h�ren. Seine M�nner im Tunnel gingen nicht mehr weiter. Ja, sie sprangen zur�ck. Schmerzhaft hei�er Wasserdampf quoll in den Tunnel.</p><p>�Der Fluchtweg ist versperrt!�, schrie jemand vorne in der Menge. Zugleich erzitterte der ganze Felsen. Vielleicht lag es daran, dass ihre Laufr�der stillstanden.</p><p>�Hier entlang!� Eine blonde Elfe erschien zwischen seinen M�nnern. Myrella, die nie mit ihm hatte ausgehen wollen. �Los, folgt mir! Schnell!� Sie deutete auf einen kleinen Seitentunnel.</p><p>Che fluchte leise. Das war nicht gut. Dort ging es zu den Luftaalbuchten.</p><p>Myrella hatte ihn entdeckt und eilte ihm entgegen. Sie packte ihn bei den Armen und hob ihn hoch. Gestern noch h�tte er sich das gew�nscht, aber jetzt, vor all seinen M�nnern, war es ihm trotz der Katastrophe, die sich gerade ereignete, unglaublich peinlich.</p><p>�Sie werden den Felsen abwerfen�, zischte sie ihm ins Ohr. �Ihr m�sst die Aale nehmen!�</p><p>�Aber der Fels sollte langsam zu Boden sinken���</p><p>Sie sch�ttelte entschieden den Kopf. �Wird er nicht. Es sind zu viele B�ume zerst�rt. Er wird sich so verhalten wie jeder andere Felsen. Wer hierbleibt, wird sterben.�</p><p>Ohne auf Befehle zu warten, waren schon etliche seiner M�nner in den Tunnel zur Aalbucht gelaufen.</p><p>Tropfen kochenden Wassers spr�hten �ber seinen Arm und verbr�hten Myrellas linke Hand. Mit einem Schmerzensschrei lie� sie ihn los. Che landete vor ihren F��en und zog sie mit sich. Sie wirkte wie jemand, der noch nie verwundet worden war. Desorientiert sah sie auf ihre Hand.</p><p>Groz fl�chtete ebenfalls, doch er bewegte sich gemessenen Schritts zwischen den Kobolden. Der Tunnel f�hrte sie in weiten Spiralen tief hinab in den Felsen. Immer wieder wurden sie durchger�ttelt. Noch schien der Stein nicht abgeworfen worden zu sein.</p><p>Endlich erreichten sie eine kreisrunde Grotte, in deren Wandnischen Aale standen. Myrella hatte sich so weit gefasst, dass sie den Kobolden zeigen konnte, wie die Luftaale zu bedienen waren. Che hatte als einer der Hauptleute an Bord schon vor etlichen Monden eine Einweisung bekommen.</p><p>Einer nach dem anderen verschwanden die Aale durch die Fluchttunnel. Der Kobold war �berrascht, wie schnell sie fast hundert seiner M�nner gerettet hatten. Nur er, Groz und die Elfe waren noch �brig.</p><p>�Wir nehmen diesen Aal dort!�, sagte sie entschieden und deutete auf das letzte Schiff in der Grotte. Es hatte im Gegensatz zu den anderen eine gro�e, rot gestrichene Frontklappe.</p><p>�Wo sind Trollaale?�, fragte Groz gereizt.</p><p>Myrella wirkte sichtlich verlegen. �Es muss einen Fehler gegeben haben, als dieser Aalhafen geplant wurde.�</p><p>�Keine Trollaale���</p><p>Obwohl Che seinen Gef�hrten nun schon seit Jahren kannte, fand er es immer noch schwer, in seinem Gesicht zu lesen. War er w�tend? Oder machte es ihm nichts aus, dass die Elfen vergessen hatten, Fluchtschiffe f�r Trolle bereitzustellen?</p><p>�Wir sollten jetzt nicht streiten!� Mehr als nur ein Anflug von Panik lag in Myrellas Stimme. �Wir werden jeden Augenblick abgeworfen.� Sie trat vor den Aal, �ffnete die rote Klappe und keuchte auf. Es war offensichtlich, dass sie nicht zu dritt darin Platz haben w�rden. Vermutlich nicht einmal Groz alleine. Dieses Schiff war darauf ausgelegt, sechs eng beieinandersitzende Elfen auf schmalen, an den W�nden befestigten Sitzen aufzunehmen. Ein St�ck �ber dem Boden verlief eine Tretkurbel.</p><p>�Hinein mit dir!� Myrella schob den Troll auf den Aal zu.</p><p>�Ist eng.� Groz versuchte tats�chlich, sich in das kleine Rettungsschiff zu zw�ngen.</p><p>�Das ist ein roter Aal�, bemerkte Che und r�hrte sich nicht von der Stelle.</p><p>�Na und? Rein mit dir!�, befahl Myrella.</p><p>�Die sind nur f�r Elfen. Die sind�� verhext.�</p><p>�Verzaubert�, verbesserte ihn die Elfe.</p><p>�Nur, dass ich nicht zaubern kann.� Che hatte die wildesten Ger�chte �ber die Dinger geh�rt. Ein einziges Mal hatte er bei einer �bung mitbekommen, wie so ein Luftaal eingesetzt worden war. Und er war mitten im Flug verschwunden! Die Elfen, die darin gesessen hatten, hatte er nie wiedergesehen.</p><p>Myrella packte ihn einfach, hob ihn hoch und trug ihn zum Aal.</p><p>Groz k�mpfte immer noch damit, seinen massigen K�rper zwischen die Sitze zu falten. Fast hatte er es geschafft.</p><p>Die Elfe schob Che am Troll vorbei in den Aal. Und als Groz seinen linken Arm in das Schiff zog, quetschte er Che damit so fest in einen Sitz, dass er kaum noch atmen konnte.</p><p>Myrella stand nun �ber sie gebeugt. �Ihr m�sst keine Zauberweber sein, um den Aal zu fliegen.�</p><p>�Was?�, japste der Kobold in h�chster Atemnot. �Kommst du nicht mit?�</p><p>Sie l�chelte auf ihn herab. �Ich werde nicht mehr hineinpassen. Mein Volk hat mir Schande gemacht, als es vergessen hat, hier Aale f�r Trolle unterzubringen. In einem Felsen mit einem Laufrad f�r Trolle. Es ist an mir zur�ckzubleiben.�</p><p>�Das Quatsch!�, protestierte Groz und versuchte aufzustehen, was ihm, so verkeilt, wie er in dem Aal lag, aber nicht gelingen wollte.</p><p>�Wenn ihr <emphasis>Liuvar</emphasis> sagt, sobald ich die Klappe geschlossen habe, l�st sich der Aal. Sagt ihr es ein zweites Mal und bedient zeitgleich die Kurbelwelle, bringt euch der Aal an den Ort, an den ihr gerade denkt. Die Himmelsschlangen selbst haben die Zauber in diese besonderen Luftaale gewoben. Sie verm�gen nur ein einziges Mal zu fliegen. Ihr werdet gerettet sein.� Mit diesen Worten schloss sie die schwere rote Metallklappe.</p><p>Groz grunzte, als er am Ellenbogen getroffen wurde.</p><p>Che konnte Myrellas Gesicht durch ein winziges Fenster in der Luke sehen. Sie winkte ihm.</p><p>�Wie war das?�, murmelte Che halblaut. Er hatte die Sprache der Elfen stets als ein ohrenpinselndes Ges�usel empfunden. �L�war!�, rief er, und nichts geschah.</p><p>�Ging anders�, kommentierte Groz seine Bem�hungen, als ein m�chtiger Ruck durch den Felsen lief.</p><p>Die haben uns wirklich abgeworfen, dachte Che erschrocken. �L�nwar!�, rief er erschrocken. �Luiwahr!�</p><p>Myrella sah sie verwundert durch die Scheibe an. Dann schlug sie mit der flachen Hand auf den Luftaal und schrie etwas, was Che durch die dicke Metallwand nicht h�ren konnte.</p><p>Pl�tzlich st�rzten sie. So schnell und so unvermittelt, dass Che darum ringen musste, sein Fr�hst�ck bei sich zu behalten. Dann sah er die Unterseite ihres Felsens �ber sich. Er fiel. Sie aber st�rzten noch viel schneller.</p></section><section><title><p>Zauberworte und Adlerschreie</p></title><p>Myrella stand inmitten der Aalbucht. Kein einziges der Schiffe war mehr �brig geblieben. Aber vielleicht war es besser, zusammen mit dem Felsen in die Tiefe zu st�rzen und zerschmettert zu werden. Die einfachen Aale w�rden nicht sehr weit fliegen. Sie w�rden irgendwo im Umfeld der Goldenen Stadt niedergehen. Und dann br�uchten die Kobolde wohl sehr viel Gl�ck, um nicht von w�tenden Menschenkindern niedergemetzelt zu werden.</p><p>Das Ger�usch von Schritten riss sie aus ihren Gedanken. Dylan! Wie aus dem Nichts stand er im Durchgang zur Aalbucht. Er packte sie und zerrte sie zu dem Schacht, durch den der Aal mit dem Troll und Che verschwunden war.</p><p>�Alles wird gut!�, sagte er so selbstsicher, dass sie ihm glaubte�� selbst dann noch, als er sie fest an sich presste und in den Schacht sprang.</p><p>Einige Augenblicke fielen sie mit rasender Geschwindigkeit, dann verlangsamte Dylan mit gespreizten Beinen an der Schachtwand ihren Sturz, bis sie kurz vor der M�ndung ganz anhielten. Der Felsen st�rzte doch nicht so schnell zu Boden, wie sie erwartet hatte. Ein paar B�ume hatten den Flammensturm wohl noch �berlebt. Unter sich sah Myrella den Aal mit der roten Klappe. Er fiel trudelnd der Stadt entgegen. Konnten die beiden etwa das Zauberwort nicht aussprechen?</p><p>Dylan stie� einen schrillen Schrei aus, der an das Kreischen eines Adlers erinnerte.</p><p>Myrella beobachtete immer noch ungl�cklich den st�rzenden Luftaal. All die anderen Schiffe wurden durch die Kraft der eingebauten Kurbeln davongetragen. Nach dem Austritt aus den Startsch�chten hatten sie Fl�gel ausgefahren, und die gro�en Luftschrauben an ihrem Heck hielten sie erstaunlich stabil in der Luft.</p><p>Ein Schatten erschien unter ihnen, und Dylan lie� sich fallen. Sie landeten auf dem R�cken eines gro�en Adlers, der in rasendem Flug aus dem Schatten des Felsens davoneilte und dann steil nach oben stieg.</p><p>Mit angehaltenem Atem sah Myrella das Schauspiel am Himmel: Die Wolkensammler, die an Rochen erinnerten, umzingelten inzwischen das Himmelland. Schwere Steine und m�chtige Speere h�mmerten gegen die Felsen. Menschenkinder auf silbern schimmernden Kreaturen lieferten sich Luftk�mpfe mit Elfen, die auf Adlern ritten. Einige Drachen hatten sich in Flugrochen festgekrallt und zerfetzten die fleischigen Fl�gel mit Krallen und Z�hnen.</p><p>Eines der Schiffe, das von den Himmelsrochen getragen wurde, stand in hellen Flammen, und die Tentakel der Kreatur peitschten verzweifelt darauf ein und versuchten, es sich vom Leib zu rei�en.</p><p>Dylan hielt sie immer noch mit der Rechten fest an sich gedr�ckt. Seine Linke war in das Gefieder gekrallt. Ein Krieger auf einem fliegenden Wolf versuchte, sie mit seiner Lanze aufzuspie�en, doch der riesige Adler wich ihm geschickt aus.</p><p>Myrella wurde sich bewusst, dass Pfeile um sie schwirrten. Sie sah eine ganze Gruppe von Bogensch�tzen, die auf einer langen, schmalen Plattform entlang der Wirbels�ule auf dem R�cken eines Himmelsrochens standen.</p><p>Zwei Pfeile steckten im Fl�gel des Adlers, der aber nicht langsamer wurde, bis sie die Schluchten zwischen den schwebenden Felsen erreichten. Gl�cklich landeten sie in einer weiten Nische, wo noch andere Schwarzkopfadler kauerten.</p><p>Dylan klopfte dem m�chtigen Adler auf den Hals. �Danke, Streiter.� Dann lie� er sich mit ihr im Arm vom R�cken des Vogels gleiten. �W�rdet Ihr mir einen Wunsch erf�llen, meine Dame?� Er sprach sehr ernst und sah sie durchdringend mit seinen silbernen Augen an. �Bleibt bitte in meiner N�he, bis diese Schlacht geschlagen ist. Ich m�chte nicht, dass Euch ein Ungemach widerf�hrt. Es liegen gewiss noch einige schlimme Stunden vor uns. Aber wir werden siegen.�</p><p>�Euer Wunsch ist mir Befehl, Meister Dylan.� Warum war sie nur so schrecklich f�rmlich, dachte sie verzweifelt. Sie sollte ihn umarmen, ihn �berschw�nglich auf die Wangen k�ssen und sich f�r ihre Rettung bedanken.</p><p>�Mein Herz wird leichter sein, wenn ich Euch um mich wei�, Dame Myrella. Es war sehr mutig, wie Ihr Euer Leben gewagt habt, um die Besatzung von Fels dreiundf�nfzig zu retten. Nicht viele h�tten so gehandelt. Es ist mir eine Ehre, an der Seite einer jungen Heldin zu k�mpfen.� Er dr�ckte ihre Hand, um seine Worte zu bekr�ftigen, und sie brachte gar keinen Ton mehr heraus</p><p>Ein Vorhang aus brennendem �l troff an ihrer Felsnische vorbei. Die Adler kreischten �ngstlich, doch sie hatte nur Augen f�r Dylan. Er strahlte eine Ruhe aus, die ihr die Gewissheit gab, dass er jede Gefahr meistern konnte. Schlie�lich war er ein Meister der Wei�en Halle und eine lebende Legende.</p></section><section><title><p>Fremdsprachenkenntnisse</p></title><p>�L�hwar!�, schrie Che mit sich �berschlagender Stimme. Ihr Luftaal drehte sich rasend um die eigene Achse. Deutlich konnte der Kobold durch das kleine Fenster die Stadt unter sich sehen. Sie waren h�chstens noch hundert Schritt von den D�chern entfernt. �berall lagen Tr�mmer zwischen den H�usern, Drachenkadaver und Tentakel, die immer noch zuckten, obwohl sie schon l�ngst zu keinem Leib mehr geh�rten.</p><p>�Du musst die verdammte Kurbel bedienen. Sonst wirkt das Zauberwort nicht�, schimpfte Che. Unglaublich, wie lethargisch der Troll war. �Warum kurbelst du nicht?�</p><p>�Ist unter Arsch.�</p><p>�Dann beweg dich doch, bei den Alben. Schieb dir eine Hand unter den Arsch!�</p><p>Der Troll ruckte hin und her, was ihren Luftaal noch mehr ins Trudeln brachte. Che hatte das Gef�hl, dass der H�ne ihm gleich alle Rippen brechen w�rde, als er den Arm bewegte, der ihm quer �ber der Brust lag.</p><p>�Hab�s gleich.�</p><p>�Bitte nicht gleich, sondern sofort!�, zeterte Che. �Li Uh Wahr!�, versuchte er es erneut. �L�fhaar! Schei�e, warum passiert denn nichts! Verdammtes Lui Nahr. Li H�h wa!� Die Flachd�cher waren h�chstens noch zehn Schritt entfernt. Mit aller Klarheit sah er einen Sonnendrachen von Ischemon auf einem Haus liegen. Sein Kiefer klaffte weit auf. Die Zunge hing zwischen zersplitterten Z�hnen hervor. Ein Hund, der irgendwie seinen Weg auf das Dach gefunden hatte, zerrte daran.</p><p>�Liwawa���, schrie Che in heller Verzweiflung, und auch Groz sagte etwas. Pl�tzlich war der Drache verschwunden. Er sah nur noch strahlendes Wei� durch das Fenster. Dann schlug der Luftaal auf. Sie rutschten, wie ein Schlitten rutschte.</p><p>Durch Wei� rutschen, dachte Che verwundert. So hatte er sich den Tod nicht vorgestellt.</p><p>Irgendwann h�rte die Bewegung einfach auf.</p><p>�Dein Elfisch ist schei�e!�, emp�rte sich der Troll.</p><p>Che stie� einen tiefen Seufzer aus. Er war verflucht! Er musste das Leben nach dem Tod mit einem Troll verbringen. Er hatte auf Besseres gehofft. Er war ein Held! Er hatte in den Bergen von Ishaven f�nf Zwerge mit eigenen H�nden umgebracht�� Na ja, genau genommen mit der Armbrust.</p><p>Groz regte sich. Er stemmte sich gegen die rote Metallklappe, die schlie�lich mit einem gr�sslichen Kreischen aufschwang. Eisige Luft drang in den Aal.</p><p>Der Troll wuchtete sich aus dem Aal. Che war verwundert, einen bleigrauen Himmel �ber sich zu sehen.</p><p>�Kannste laufen?�</p><p>Was f�r eine bl�de Frage, dachte der Kobold. Er war sich nicht einmal sicher, ob er noch lebte. Jeder Knochen in seinem K�rper schmerzte, als er sich aufrichtete.</p><p>Groz packte ihn, hob ihn aus dem Aal und setzte ihn ab. Che versank bis �ber die Knie in Schnee.</p><p>�Wo sind wir hier, verdammt?�</p><p>Der Troll wies mit dem Arm auf eine zerkl�ftete Felsformation. �Mordstein.� Er klang stolz. �Mein Rudel da.�</p><p>�Wie jetzt?� Che sah sich fassungslos um. Die Felsen waren das einzige auff�llige Gel�ndemerkmal in einer tief verschneiten, leicht h�geligen Landschaft.</p><p>Groz machte eine Bewegung, als wollte er das ganze Land umarmen. �Snaiwamark!�</p><p>Der Kobold dachte an die Anweisung der Elfe. Offenbar hatte er doch noch das richtige Wort hinbekommen. Aber der verfluchte Aal musste kaputt gewesen sein. Er hatte nicht an die Snaiwamark gedacht, als er geschrien hatte, nur daran, wie sie jeden Augenblick zwischen den H�usern der Goldenen Stadt zerschellen w�rden.</p><p>�Wort von Elfe hie� Frieden.�</p><p>�Ja und?� Der Kobold wunderte sich, dass Groz die Bedeutung elfischer Worte kannte. Und dann noch ausgerechnet das Wort Frieden!</p><p>�Hab�s in Trollsprache gesagt. Klappte.� Groz packte ihn und hob ihn sich auf die Schultern. �Mein Rudel dich m�gen.�</p><p>Was f�r wunderbare Aussichten! Trolle, die ihn m�gen w�rden. Wo doch schon jedes Koboldkind wusste, dass die grauen H�nen alles fra�en, was sich bewegte.</p><p>Che sah sich um. Die Eisw�ste w�rde ihn umbringen. Abzuhauen war keine Option. Er war den Trollen auf Gedeih und Verderb ausgeliefert.</p><p>�Bist mutig und klug. Wenn tot, wir essen dein Herz und dein Hirn.�</p><p>Der Kobold atmete erleichtert auf. Das war so ziemlich das gr��te Kompliment, das man von einem Troll bekommen konnte. Trolle glaubten, dass man die Eigenschaften von Toten �bernahm, wenn man sie fra�. Das Herz eines tapferen Mannes machte den, der es auffra�, mutiger, und das Hirn eines klugen Anf�hrers verlieh auch einem Troll mehr Weisheit. Am besten war es jedoch, jeden, der �ber solche herausragenden Eigenschaften verf�gte, lebendig im Rudel zu haben. Sie w�rden ihm nichts tun, da war sich Che jetzt ganz sicher, und zum ersten Mal seit Langem sah er mit ein wenig Optimismus seiner Zukunft entgegen.</p><p>Vielleicht, wenn er sehr viel Gl�ck hatte, w�rden die Trolle ihn nach Norden in seine heimatlichen Berge bei Ishaven bringen. Er stellte sich vor, wie ihn Groz auf seinen Schultern dorthin trug. Einen Troll zu reiten, das hatten nur die allergr��ten Helden seines Volkes vollbracht.</p></section><section><title><p>Ein Ort f�r G�tter</p></title><p>Schnee stach Nandalee wie tausend eisige Nadeln ins Gesicht. T�ckische B�en zwischen den Bergen warfen Sternauge hin und her. Der gro�e Rappe k�mpfte hart gegen den Sturm an, in den sie beide geraten waren, als sie aus dem Albenstern flogen.</p><p>Nandalee sprach ein Wort der Macht, und ein sch�tzender Kokon aus W�rme legte sich um sie und Sternauge. Nachtatem hatte ihr verboten, Zauber zu weben, weil die Devanthar sonst auf sie aufmerksam w�rden. Doch ohne den Schutz h�tten sie in einer H�hle Zuflucht suchen m�ssen, um abzuwarten, dass der Sturm vor�berzog, und dazu blieb ihnen keine Zeit. Jede Stunde z�hlte!</p><p>Der Dunkle hatte ihr die Berge beschrieben, in denen sie suchen sollte, doch die Sicht betrug kaum hundert Schritt. Sie wusste nicht, wo sie war. Sie kannte nur einen Namen. Irgendwo im Osten der Provinz Garagum sollte sie sein.</p><p>W�hrend sie verzweifelt nach ihrem Ziel Ausschau hielt, pulsierte der Schwarze Stab, den sie sich in den G�rtel geschoben hatte, vor Kraft. Der Dunkle hatte ihn ihr zum Abschied gegeben und ihr eingesch�rft, ihn nur in h�chster Gefahr zu nutzen.</p><p>Wie wei�e Fahnen wogte Schnee um die nahen Gipfel, wenn der Nordwind ihn davonblies. Sternauge flog durch Hocht�ler von eisiger Pracht. Stunden suchten sie nun schon. Das Schneetreiben hatte nachgelassen. Sie sp�rte, wie der Pegasushengst langsam erm�dete. Immer heftiger geriet er ins Trudeln, wenn Fallb�en ihm zusetzten. Zwei Mal w�ren sie fast gegen eine Bergwand gedr�ckt worden.</p><p>Erst als die Schatten der D�mmerung von Osten in die verschneiten T�ler griffen, entdeckte sie ihn: den Sensengipfel. Wind und Frost hatten das verwitterte Gestein so lange verformt, bis der Berg wie ein aufrecht stehendes Sensenblatt aussah.</p><p>�Das Tal im Westen!�, rief Nandalee Sternauge zu. Der lange Ritt hatte auch ihre Kr�fte ersch�pft. Ihr zitterten die Beine, w�hrend sie im Sattel zwischen den Schwingen des Pegasus stand.</p><p>Wieder dr�ckte eine B� sie vom Kurs, und sie kamen der Granitsense gef�hrlich nah. Und dann sah sie ihn! Den Ort, an den nicht einmal die Himmelsschlangen zu gehen wagten: der Gelbe Turm. Eisverkrustet schien er direkt aus den Felsen zu wachsen, selbst gro� wie ein Berg. Die Festung der Devanthar.</p><p>Nandalee lie� Sternauge etwa eine Meile vom Turm entfernt im Tal landen und folgte dann allein dem Pfad, der an einer Bergflanke vorbei in schwindelnder H�he zum Turm f�hrte. Ihre M�digkeit war vergessen. Verbissen k�mpfte sie sich den eisigen Pfad entlang. Dort oben, hinter den himmelhohen gelben Mauern lagen ihre verlorenen Hoffnungen begraben.</p><p>Bald sah sie den Torbogen, der ins Innere des Festungsbaus f�hrte. Es gab keine Torfl�gel, die zugeschlagen werden konnten. Nur den dunklen Tunnel, der ins Innere des Gem�uers f�hrte. Einige Schie�scharten waren die einzigen weiteren �ffnungen in den Mauern. Sie hatte das Gef�hl, beobachtet zu werden�� tief im Turm war etwas, das sp�rte, dass sie gekommen war.</p><p>Der Dunkle hatte ihr versprochen, dass alle Devanthar fort sein w�rden. Ein paar Stunden nur. In dieser Zeit musste sie das Unm�gliche vollbringen und die G�tter der Menschenkinder bestehlen. Eine zweite Gelegenheit w�rde es nicht mehr geben. Aber Nachtatem hatte sich get�uscht. Etwas war zur�ckgeblieben.</p><p>Nandalee trat in den Tunnel. Ein letztes Mal spielte der Wind mit ihrem weiten Umhang, dann fiel er still herab. Sie zog ihr Schwert aus der Scheide auf dem R�cken und folgte entschlossen dem Weg ins Innere des Turms. Alles hier war so gebaut, dass sie sich winzig und bedeutungslos f�hlte. Als sie die erste Treppe erreichte, fand sie kniehohe Stufen vor. Sie war schon einem Devanthar begegnet. Einer Kreatur halb Mann, halb Eber. Er war gro� gewesen, doch nicht so riesig. Wie mochten seine Br�der und Schwestern aussehen?</p><p>Nicht lange, und Nandalee hatte das Innere des Turms erreicht. Einem weiten Saal, aus dem mehrere Treppensch�chte in die Tiefe f�hrten, folgte ein Labyrinth aus Hallen, schwebenden Stiegen und tief ins Mauerwerk eingeschnittenen Nischen. Sie konnte nichts entdecken, das an M�bel erinnerte. Nirgends gab es eine T�r, die geschlossen werden konnte. Die G�tter schienen keinen Platz zu ben�tigen, an den sie sich zur�ckzogen, um allein zu sein. Zumindest nicht hier im Turm.</p><p>Als sie dann doch noch ein doppelfl�geliges Portal entdeckte, wusste sie, dass sie sich dem dunklen Herzen des Turms n�herte. Mit einem Quietschen wie ein lang gezogener Schrei �ffnete sich das Tor, und sie blickte auf das abgetrennte Haupt des Fr�hlingsbringers. Es lehnte an einer Wand. Staub hatte sich auf die Schuppen gelegt. Gro�e gelbe Augen starrten sie an, als w�re der Kopf eben erst vom Rumpf getrennt worden, ja, als g�be es hinter den Pupillen immer noch einen schwachen Lebensfunken.</p><p>�Elfe�, zischelte es aus einem dunklen Winkel am anderen Ende der Halle.</p><p>Erschrocken fuhr Nandalee herum. Im Halbdunkel erkannte sie einen weiteren Drachenkopf. Einen Sch�del. Von dort war die Stimme gekommen. Vorsichtig, das Schwert erhoben, trat sie n�her. Sie sah zwei schlanke, knochige H�nde, die an einem der unteren Schneidez�hne im Sch�del r�ttelten. Er schien lose im Kiefer zu sitzen.</p><p>�Wer bist du?�</p><p>Die Gestalt im Sch�del zischelte etwas Unverst�ndliches. Dann l�ste sie die H�nde vom Zahn und zog sich ganz in den Schatten zur�ck. Nandalee �ffnete ihr Verborgenes Auge und prallte erschrocken zur�ck. Nie hatte sie so glei�endes Licht gesehen. Benommen beendete sie den Blick in die magische Welt. Nicht nur die Kreatur im Sch�del, die W�nde dieses Bauwerks selbst waren durchdrungen von Magie, und der angrenzende Saal hatte etwas ganz und gar Widernat�rliches an sich. Auch hatte sie gesp�rt, dass das, was sie suchte, tief in den Gew�lben unter dem Turm verborgen sein musste. Es war fremd in dieser Welt, genau wie sie. Nicht mit der magischen Matrix Daias im Einklang. Doch machtvoll!</p><p>Wieder ert�nte das Zischeln im Sch�del. Herausfordernd und zugleich auch vorwurfsvoll.</p><p>Nandalee wandte sich ab. Sie wollte nicht unn�tig lange verweilen. Sie war nicht neugierig darauf, die Geheimnisse der Devanthar zu ergr�nden. Sie wollte lediglich etwas stehlen.</p><p>In gro�er Hast eilte sie aus der Halle und wieder die Treppen hinab. Abw�rts ging es schneller �ber die gro�en Stufen. Bald erreichte sie den Saal hinter dem Tortunnel und nahm eine der Treppen hinab zu den Kellergew�lben. Erst jetzt, w�hrend sie in die Tiefe des gewachsenen Felsens stieg, fiel ihr auf, dass �berall im Turm graues Zwielicht herrschte, obwohl es nur schmale Fenster gab. Hier im Fels nun h�tte es v�llig finster sein m�ssen. Doch das Licht war in der Luft, als h�tte es ein Zauber hineingewoben.</p><p>Bald betrat sie ein weites Gew�lbe. Es musste sich tief im Felsgestein befinden. Es war eiskalt, und es roch nach erkalteter Holzkohle und ausgegl�htem Metall. Haufen von Blechen und merkw�rdig gezahnten R�dern lagen auf dem Boden verteilt. Gemauerte Schmelz�fen standen hinter Kr�nen, deren Arme bis unter die hohe Gew�lbedecke reichten. Die Werkstatt war riesig. Ihr anderes Ende verlor sich im grauen Zwielicht.</p><p>Als Nandalee sich vorsichtig umsah, entdeckte sie zwischen den Schrottbergen ein protziges, au�erordentlich gro�es Bett mit zerw�hlten Laken. Die Devanthar kannten also doch M�belst�cke, dachte sie schmunzelnd. Zumindest der eine, der hier wirkte.</p><p>Ein Metallrohr l�ste sich aus einem der Schrotthaufen und rollte in ihre Richtung. Wieder qu�lte sie das Gef�hl, beobachtet zu werden. Jetzt war es noch viel st�rker als drau�en auf dem Weg zum Turm. Etwas lauerte hier.</p><p>F�r einen Moment war sie versucht, noch einmal ihr Verborgenes Auge zu �ffnen. Doch dann �berkam sie Angst. Sie dachte an die Lektionen des Schwebenden Meisters �ber die Macht der Magie. Vorhin, als sie geblendet worden war, hatte sie noch Gl�ck gehabt. Ein leichter Kopfschmerz war ihr davon geblieben, doch dar�ber hinaus schien sie keinen Schaden genommen zu haben. Das konnte ganz anders enden. Nie w�rde sie vergessen, wie einst ihr Mitsch�ler Sayn gestorben war. Sein Innerstes hatte sich nach au�en gekehrt, als ihm beim Zauberweben ein Fehler unterlaufen war. Ebenso konnte sie von innen heraus verbrennen, wenn sie durch ihr Verborgenes Auge in ein Licht blickte, das Sterbliche nicht h�tten sehen d�rfen.</p><p>Hier unten war etwas Bedeutsames erschaffen worden. Wieder sah sie zu den Kr�nen auf. Etwas sehr Gro�es war hier entstanden. Und es war von Magie durchdrungen. Ein Nachhall der Zauber, die hier gewirkt worden waren, hing noch in dem weiten Gew�lbe.</p><p>In dem Haufen, neben dem sie stand, knirschte Metall. Etwas bewegte sich darin.</p><p>Nandalee fasste ihr Schwert fester und ging weiter. Rastlos getrieben, untersuchte sie Schrottberg um Schrottberg. Und dann�� endlich�� fand sie orangerote Tonscherben, an denen Teerreste klebten und der wei�e Kranz einer Seepocke. Sie lagen auf einem Haufen mit Abf�llen. Ihr Herz machte einen Satz, als sie weitere Seepocken und sogar eine zerbrochene Muschel auf den anderen Scherben entdeckte. Diese Amphore hatte zumindest einige Zeit im Meer gelegen. Sie hatte fast gefunden, was sie suchte!</p><p>Nandalee erhob sich und lie� ihren Blick umherschweifen. War da nicht ein gr�nes Blitzen unter einer Reihe von Werkb�nken, auf denen filigrane Metallarbeiten verstreut lagen? Etwas knirschte tief im Inneren des Schrottbergs links von ihr. Metall rieb an Metall. Alarmiert hob sie ihr Schwert. Darauf bedacht, keinen verr�terischen Laut zu verursachen, schlich sie zu den Werkb�nken und duckte sich darunter. Zwischen all den Abf�llen lag ein gr�ner Kristallsplitter! War es das? War das alles, was geblieben war?</p><p>Ihr Herz schlug wie eine Trommel, als sie mit spitzen Fingern �ber den Kristall tastete. Sie sp�rte die Macht, die dem Stein innewohnte. Eine Macht, die ihr vertraut war, weil sie sie bereits in H�nden gehalten hatte. Dies musste ein Splitter vom Herzen Nangogs sein! War es dieser Splitter gewesen, dessen Pr�senz sie oben in der Halle mit den beiden Drachenk�pfen empfunden hatte? Sie legte ihn auf die Werkbank. F�r sie hatte er keinen Wert. Es gab nur eins, das sie hier finden wollte. Die Amphoren, denen sie vor sieben Jahren so nahe gekommen war.</p><p>Nandalee erhob sich und suchte weiter. Immer verzweifelter. Sie fand Kisten voller Werkzeuge. Einen Schrank, in dem seltsame Gew�nder verwahrt wurden. Nur das, weswegen sie gekommen war, vermochte sie nicht zu entdecken.</p><p>Aus den Augenwinkeln sah sie etwas unter dem Schrottberg, den sie eben untersucht hatte, hervorkriechen. Es war flach wie ein verbogenes Blech, unter dem einige Eisenstangen hervorragten. Aber diese Stangen bewegten sich, sie besa�en Gelenke! Bevor Nandalee dieses Ding n�her in Augenschein nehmen konnte, war es unter dem n�chsten Schrotthaufen verschwunden.</p><p>Sollte sie vergebens gekommen sein? Oder lag das, was sie suchte, vielleicht unter einem der Schrotthaufen. Sie dachte an die Amphorenscherben. Sie waren der Beweis. Selbst wenn sie es fortgebracht hatten, es war zumindest eine Zeit lang hier gewesen.</p><p>Ein rhythmisches Quietschen schreckte sie aus ihren Gedanken. Nur f�nf Schritt entfernt l�ste sich eine Spinne aus dem Schrott. Eine Spinne, mit einem Leib so gro� wie der eines Ponys, stelzte auf langen Beinen zur Treppe, die Nandalee herabgekommen war. Und dort warteten schon weitere Spinnen. Sie alle waren aus silbern gl�nzendem Metall gefertigt.</p><p>Ihre Zeit hier unten lief ab, begriff Nandalee. Aber sie konnte nicht mit leeren H�nden in den Jadegarten zur�ckkehren. Nicht schon wieder!</p><p>Wollten diese metallenen Gesch�pfe ihr den Weg hinauf versperren? Oder gab es noch einen anderen Grund f�r ihre Wanderschaft?</p><p>Nandalee schlug einen weiten Bogen um die Spinnen. Dabei entdeckte sie gro�e Nischen, die unter der Treppe in die Felswand geschlagen waren. Dort hatte sie noch nicht gesucht.</p><p>Entschlossen ging sie darauf zu. Dabei behielt sie aufmerksam die Schrotthaufen im Blick. �berall krochen nun Metallspinnen, Tausendf��ler und Kreaturen, die an gro�e Kellerasseln erinnerten, hervor. Doch keines der Gesch�pfe versuchte, sie anzugreifen. Vielleicht waren sie ja friedlich�� Nandalee vermochte sich nicht vorzustellen, welchen Nutzen sie f�r die Devanthar hatten. Hoffentlich waren sie nur eine verr�ckte Spielerei.</p><p>In den Nischen stapelten sich G�ter, die unter grauen Filzdecken verborgen waren. Aufgeregt zog sie die erste der Decken fort. Darunter lagen Rohre aus Kupfer, und in einer offenen Kiste befanden sich Dutzende Goldbarren.</p><p>Kaum dass sie die Decke anger�hrt hatte, kam Bewegung in die Metallspinnen. Klirrend schnappten die ersten Mandibeln zu, und eine Metallassel versuchte, ihre Fu�kn�chel zu rammen. Eine Kreatur, die gr��er als die anderen war und an einen Krebs erinnerte, kam mit hocherhobenen Scheren auf sie zugetippelt.</p><p>Die Elfe schob die Spinnen mit ihrem Fu� beiseite, ging zur zweiten Nische und zog die Decke fort. Dort stapelten sich Kisten und S�cke. Eilends trat sie zur dritten Nische, als sie der Krebs erreichte.</p><p>�Weg mit dir!�, fuhr sie die Kreatur an und machte einen Ausfallschritt.</p><p>Das Ding versuchte, ihr mit seinen langen Scheren ein Bein abzukneifen. Sie wich aus. Todbringer sauste nieder und trennte mit einem einzigen Schlag beide Scheren ab. Nandalee t�nzelte zur Seite und versetzte dem Krebs einen weiteren Hieb. Kreischend schnitt der Elfenstahl durch den R�ckenpanzer, und die metallene Kreatur blieb mit zuckenden Beinen liegen.</p><p>Eine kleinere Spinne hatte sich mit ihren Mandibeln im Lederschaft ihres linken Stiefels verbissen. Mit der Breitseite des Schwertes schlug Nandalee das Ding weg, das mit verbogenen Beinen neben einem Schrotthaufen liegen blieb. Doch immer mehr der Kreaturen umringten sie nun. Und einige von ihnen bewegten sich erschreckend schnell.</p><p>Nandalee zog die dritte Decke fort und keuchte auf. In dieser Nische lehnten f�nf unversehrte Amphoren. Sie waren mit Seepocken und Muscheln bewachsen. Ihre M�nder mit Teer versiegelt. Das musste der Rest der Gef��e sein, die der Unsterbliche Aaron vor sieben Jahren vom R�cken des Meerwanderers geborgen hatte!</p><p>Aus den Augenwinkeln sah sie gleich mehrere der gro�en Spinnen �ber ihre kleineren Geschwister hinweg auf sie zustaksen. Die Schrottberge schienen als Ganzes lebendig geworden zu sein. �berall in dem weiten Gew�lbe waren nun Metalltiere erwacht. Die weitaus meisten �hnelten Spinnen, aber es gab auch Tausendf��ler, Ameisen und K�fer aus silbern gl�nzendem Stahl. Keines der Gesch�pfe war mit Rost behaftet. Es sah aus, als w�rde sie jemand sehr gut pflegen.</p><p>Nandalee trat gegen die vorderste der Amphoren. Der rote Ton splitterte, und Stoffr�llchen fielen aus dem Inneren des Gef��es. Ohne den Blick von den Metallkreaturen zu wenden, hob Nandalee eines der R�llchen auf. Darin eingeschlagen fand sie etwas, das an eine dicke Kerze erinnerte. Kein Kristall? Jetzt lie� sie alle Vorsicht fahren, kniete nieder und �ffnete noch eines der Stoffr�llchen und noch eines. �berall fanden sich die dicken Wachsrollen. Gerade entdeckte sie in einer Rolle einen Schatten, als ihr eine Spinne in die Hand biss.</p><p>Sie war umstellt! W�tend hob sie das Schwert und f�hrte einen Rundumschlag durch. Etliche der Metallspinnen wurden durch die Wucht des Hiebes davongeschleudert. Einige b��ten ihre langen Glieder ein oder wurden schlicht gespalten.</p><p>Eine Spinne eilte mit einem der Wachsr�llchen davon. Ein Tausendf��ler packte eine zweite. Nandalee lie� den Knauf des Schwertes auf den R�cken des Insekts niederfahren. Metall knirschte. Das Ding wurde so stark zerquetscht, dass es zuckend liegen blieb.</p><p>Weitere Metallbestien drangen auf sie ein. Jetzt versuchten sie auch die Stoffr�llchen zu bergen, die noch in der zerschlagenen Amphore steckten. Nandalee packte eine der Wachsstangen und schlug sie gegen die Wand der Nische. Da war etwas im Wachs�� ein l�nglicher gr�ner Kristall. Und das war kein weiterer Splitter vom Herzen Nangogs. Das musste das Traumeis sein! Es durfte nichts anderes sein! Ihr traten Tr�nen in die Augen. Alles w�rde wieder gut. Sie musste es nur noch schaffen, hier herauszukommen.</p><p>Ein Scherenarm schnappte nach ihren Augen. Sie zuckte zur�ck, hob das Schwert und verschaffte sich mit einigen wuchtigen Schl�gen gegen die Metallkreaturen Platz. In fliegender Eile sammelte sie einige der Stoffr�llchen ein. Vier, f�nf. Eine der gro�en Spinnen war jetzt ganz nah. Sie durfte sich nicht in die Nische dr�ngen lassen. Es waren zu viele von diesen st�hlernen Biestern. Aber sie war eine Drachenelfe�� sie w�rde k�mpfend untergehen oder siegen.</p><p>Nandalee schob sich ihren lang gesuchten Schatz in den Lederbeutel an ihrem G�rtel. Mehr als vier der sorgf�ltig verpackten Traumeiskristalle passten nicht hinein. Das w�rde gen�gen.</p><p>Mit einem wilden Schrei schleuderte sie die f�nfte Wachsrolle weit in das Gew�lbe hinein, dann brach sie aus der Nische hervor. Gnadenlos h�mmerte Todbringer in die Reihen der Metallbiester. Sie hackte der gro�en Spinne die linken Beinpaare ab und bef�rderte sie mit einem Tritt in die Reihen der anderen Angreifer. Bei jedem Schritt trat sie auf kleinere der Kreaturen. Etwas durchdrang den Schaft ihres linken Stiefels und bohrte sich in ihre Wade. Sie sch�ttelte ein Ding ab, das wie eine M�cke ohne Fl�gel aussah. Blut sammelte sich in dem Stiefel.</p><p>Endlich erreichte sie die Treppe. Die hohen Stufen waren eine Barriere f�r viele der Metallkreaturen, aber l�ngst nicht f�r alle. Sie sah Tausendf��ler, die sogar an W�nden entlanglaufen konnten. Und aus der Tiefe des Gew�lbes r�ckten immer mehr der ponygro�en Spinnen an. Auch eine zweite Treppe, die ein St�ck weiter hinten nach oben f�hrte, war dicht von den Bestien bev�lkert.</p><p>Nicht z�gern! Jeder Augenblick, den sie verlor, machte es schlimmer. Sie hob die Klinge, der keines dieser Viecher zu widerstehen vermochte, und k�mpfte sich die Stufen empor. Nur noch der Saal, dann w�re sie im Tortunnel.</p><p>Eine der fl�gellosen M�cken sprang Nandalee, kaum dass sie die Treppe hinter sich gelassen hatte, aus einer dunklen Nische heraus an. Ihr Stachel traf sie dicht �ber dem rechten Handgelenk. Mit der Linken packte sie das heimt�ckische Biest und schlug es hart gegen die Wand, wo es zerbarst.</p><p>Vor ihr bewegte sich der Boden. Metall schimmerte im Zwielicht. Der Saal vor dem Tunnel war von Hunderten Metallkreaturen bev�lkert. Ganze Heerscharen von ihnen quollen aus den anderen Treppensch�chten hervor, die hinab zur Werkstatt in der Tiefe des Gelben Turms f�hrten. Nandalee wusste, sie w�rde sich durch diese silberne Brut nicht hindurchk�mpfen k�nnen.</p><p>Ohne zu z�gern, wandte sie sich um und nahm die Treppe nach oben, die sie bereits kannte. Es gab nur noch einen Fluchtweg: die Turmplattform! Dort w�rde Sternauge sie holen k�nnen.</p><p>�Das schaffe ich!�, sagte sie laut, w�hrend sie hinter sich das Kratzen metallener Insektenbeine auf den Treppenstufen h�rte. �Das schaffe ich!�, wiederholte sie, und schon der Klang der Worte machte ihr neuen Mut.</p><p>Sie lief weiter. H�her und h�her, bis sie erneut den Saal mit den beiden Drachensch�deln erreichte. Eine der gro�en Spinnen hatte so dicht zu ihr aufgeschlossen, dass sie die Bedrohung nicht l�nger ignorieren konnte. Sie drehte sich um, wartete und stoppte das Ungeheuer mit einem wuchtigen Schwerthieb zwischen die Mandibeln. Die kleinen Zangen zuckten noch, als sie ihre Klinge aus dem Leib befreite, ebenso wie die langen Beine. Doch das Biest w�rde ihr nicht weiter folgen.</p><p>Aus den Augenwinkeln sah sie einen Tausendf��ler, der leise rasselnd �ber die Wand neben dem skelettierten Drachensch�del glitt. Vielleicht w�rde der sich ja das Ding vornehmen, das in diesem Sch�del sa�. Das Ding, das sie�� All ihre Gedanken waren wie weggewischt. Der lose Schneidezahn! Er fehlte! Was immer in dem Sch�del eingesperrt gewesen war, hatte sich befreit.</p></section><section><title><p>An A Tu</p></title><p>Immer mehr Tausendf��ler wanden sich �ber die W�nde des Saals. Nandalee riss sich vom Anblick des Drachensch�dels los. Es ging sie nichts an, was dort herausgekrochen war. Sollten sich die Devanthar damit herumschlagen, wenn sie zur�ckkehrten. Sie musste es nur noch zur Turmspitze schaffen, dann war es vorbei. Sie w�rde von den Zinnen aus in den Sattel springen.</p><p>Sie tastete nach dem Beutel an ihrem G�rtel. Alles w�rde gut, redete sie sich ein und sah noch weitere Tausendf��ler. Dann nahm sie mit langen Schritten Stufe um Stufe. Der Turm schien bis in die Wolken zu reichen. Sie durchquerte immer neue S�le. Und immer gab es noch eine Treppe, die weiter nach oben f�hrte.</p><p>Pl�tzlich, sie bog gerade um einen Treppenabsatz, stand eine hagere, gro�e Frau vor ihr. Erschrocken blieb Nandalee stehen. Die Fremde �berragte sie um zwei K�pfe. Sie hielt einen riesigen Schneidezahn in ihren knochigen H�nden. Aus hohlen Augen starrte sie auf Nandalee herab.</p><p>�An A Tu�, sagte sie, und Speichel troff ihr von den Lippen, w�hrend sie sprach. Mit Spinnweben durchsetztes schwarzes Haar hing ihr wirr ins Gesicht und weit �ber die Schultern hinab. Sie war nackt. Ihr Leib entsetzlich ausgezehrt. �An A Tu!�, wiederholte sie, dr�ngender, als k�nnte sie nicht verstehen, dass Nandalee nicht begriff, was sie ihr mitzuteilen versuchte.</p><p>Eine der ponygro�en Spinnen holte auf�� gleich w�rde sie den Treppenabsatz erreichen. Jetzt war nicht die Zeit, sich mit dieser Devanthar zu besch�ftigen. Denn nichts anderes konnte die Frau sein. So elend sie auch aussah, Nandalee sp�rte die ungeheuerliche Macht, die in ihr schlummerte, auch ohne ihr Verborgenes Auge zu �ffnen.</p><p>Nandalee wollte weiter, doch die Devanthar vertrat ihr den Weg. Sie bewegte sich be�ngstigend schnell. �An A Tu!�</p><p>Die Elfe verstand nicht, was die G�ttin ihr damit sagen wollte. Sie z�gerte, ihr Schwert zu heben. Sie konnte nicht einsch�tzen, wie m�chtig die Devanthar noch war. Schnell war sie jedenfalls ganz gewiss.</p><p>�Bitte, lass mich vorbei.� Weitere Tausendf��ler glitten die W�nde entlang. Nandalee wusste, die Biester w�rden sie auf der Turmspitze erwarten. Auch die n�chste gro�e Spinne hatte sie jetzt fast erreicht. �Bitte lass mich ziehen. Ich habe nicht alles Traumeis gestohlen. Ich muss die retten, die ich liebe.�</p><p>Der Blick in den leeren Augen der G�ttin ver�nderte sich. �Lie Be?� Es kostete sie sichtlich M�he, das Wort zu wiederholen. �Liebe!�</p><p>Die Spinne hatte sie beide fast erreicht, als die Devanthar pl�tzlich vorschnellte. Mit blo�er Hand griff sie zwischen die klickenden Mandibeln. Sie zerteilte Metall, als w�re es nichts als weicher Schlamm. Bis zum Ellenbogen griff sie in die Spinne hinein, zog einen winzigen gr�nen Splitter heraus, und die Bestie sackte augenblicklich reglos zu Boden.</p><p>�Geh!�, befahl die Devanthar. �Ret Te Liebe!�</p><p>Nandalee war verbl�fft, als sie die so hinf�llig wirkende Frau zur n�chsten Wand eilen sah, wo sie sich einen Tausendf��ler, so lang wie ihr Arm, griff und in mehrere Teile zerbrach. Doch jetzt war nicht die Zeit, sich �ber eine Devanthar den Kopf zu zerbrechen. Sie musste Meliander und Eleborn retten. Deshalb war sie hierhergekommen.</p><p>Sie nahm weitere Treppen. Unter sich h�rte sie metallisches Scheppern. Es war gut, diese Devanthar hinter sich zu wissen. Und sie f�hlte sich schlecht beim Gedanken daran, was sie w�rde tun m�ssen. Der Dunkle war sehr deutlich gewesen, als er ihr den Stab gegeben hatte.</p><p>Endlich erreichte Nandalee die Plattform des Turms. Eisiger Wind empfing sie. Es war Nacht. Der Sturm hatte sich gelegt, und ein pockennarbiger, voller Mond stand tief hinter den Bergen.</p><p>Etwas Eisiges wand sich ihr Bein hinauf. Nandalee lie� Todbringer fallen. Ein Tausendf��ler glitt mit schnappenden Mandibeln an ihr hoch. Sie packte das Biest, doch seine Beine stemmten sich gegen ihren Leib. Das Metall durchdrang den Stoff. Schnappende Fresszangen gierten nach ihrer Kehle.</p><p>�Sternauge!�, rief sie aus Leibeskr�ften und griff nach ihrem G�rtel. Schon glitt ein zweiter Tausendf��ler ihr Bein hinauf. Sie zog ihr Messer. Rammte die Klinge in den Kopf des ersten Tiers, dessen Beine in ihren Todeszuckungen in Nandalees Leib stachen. Ohne auf den Schmerz zu achten, packte sie den zweiten Tausendf��ler, riss ihn sich vom Bein und schleuderte ihn �ber die Zinnen des Turms davon.</p><p>Gehetzt sah sie sich um. Sie waren �berall. Mit einem heftigen Tritt zerstampfte sie einen metallischen Kopf unter dem Stiefelabsatz und trat an den Mauerkranz.</p><p>�Sternauge!�, schrie sie erneut in die Nacht, dabei trat sie nach einigen der kleineren Metallkreaturen.</p><p>Sie k�mpfte die Panik nieder, nahm ihr Schwert auf und k�mpfte. Der Pegasus musste sie geh�rt haben. Er w�rde kommen. Sie musste nur durchhalten.</p><p>Es war ein brutaler Kampf, ohne Raffinesse. Es gab keine Finten, keine eleganten Ausweichman�ver. Nur kurze, harte Schl�ge. Sie hielt sich in der Mitte der Turmplattform und drehte sich unabl�ssig um die eigene Achse. Kurzen Ausfallschritten folgten schnelle R�ckz�ge. Es beeindruckte die Metallkreaturen nicht im Geringsten, wie viele sie von ihnen t�tete. Immer neue Tausendf��ler und Spinnen schoben sich �ber die K�rper ihrer zerschmetterten Gef�hrten.</p><p>Endlich h�rte Nandalee Fl�gelschlagen. Sternauge war gekommen. Sie versuchte, den Tausendf��ler abzusch�tteln, der ihre Verteidigung durchbrochen hatte und nun ihr Bein heraufkletterte. Er war nur klein. Sie entschied, ihn zu ignorieren, zog den kurzen schwarzen Stab aus ihrem G�rtel und rammte ihn mit seinem Ende mit aller Kraft auf den Boden.</p><p>Das Mauerwerk unter ihren F��en erzitterte. Sie sp�rte Schockwellen den Turm hinablaufen. Einige Zinnen gaben nach und rutschten ab. Immer neue Wellen gingen vom Stab aus und lie�en den Turm regelrecht vibrieren.</p><p>Nandalee wartete nicht ab, was noch geschehen w�rde. Weitere Tausendf��ler kletterten nun an ihr hinauf, als w�re sie die Rettung. Ihre metallenen Glieder stachen durch den Stoff ihres Kleides. Sie hatte jetzt M�he, sich auf den Beinen zu halten, so sehr zitterten die Mauern.</p><p>Sie erklomm eine der intakten Zinnen, breitete die Arme aus, um ihr Gleichgewicht zu halten. Fast w�re ihr Todbringer entglitten, den sie wieder aufgenommen hatte und nun in der Rechten hielt. Mit ge�bter Bewegung schob sie das gro�e Schwert in die Halteschlaufe auf ihrem R�cken.</p><p>Dann glitt der Schatten des Rappen unter ihr vorbei. Ohne zu z�gern sprang die Drachenelfe und landete auf dem Sattelbrett. Mit den Armen rudernd, ging sie in die Knie und griff nach den ledernen Fu�schlaufen des Sattels.</p><p>Die Tausendf��ler, die sich auf ihr wanden, lie�en von ihr ab. Vielleicht wollten die Biester ja nahe beim Turm bleiben. Mit kurzen Tritten bef�rderte sie alle in die Tiefe, die sie entdecken konnte. Dann wandte Nandalee sich um und sah zur�ck zum Turm, den sie mit hoher Geschwindigkeit hinter sich lie�en. Ein gro�es St�ck Mauerwerk l�ste sich aus der Flanke und st�rzte in die Tiefe.</p><p>Sternauge wieherte schrill. Nandalee sah nach dem Hengst. Ein Tausendf��ler, kaum l�nger als eine Hand, klammerte sich an den Kopf des Pegasus. Dann stach er auf das linke Auge des Hengstes ein und schob sich durch das zerlaufende Gallert in die Augenh�hle. Nandalee reagierte sofort. Ohne auf ihre Sicherheit zu achten, warf sie sich nach vorn, um den Tausendf��ler zu packen, doch er glitt ihr durch die frostklammen Finger und verschwand ganz im Kopf von Sternauge. Der Pegasus warf sich von Schmerz gepeinigt in der Luft hin und her, schlug mit seinen Schwingen nach seinem Kopf und st�rzte schlie�lich wie ein Stein in die Tiefe.</p><p>Als sie fast den Boden erreicht hatten, sprang Nandalee mit einem R�ckw�rtssalto vom Sattelbrett. Sie landete federnd auf den Beinen und versank bis zu den Waden im Schnee.</p><p>Sternauge hatte weniger Gl�ck gehabt. Mit gebrochenen Fl�geln lag er am Boden. Seine Hufe scharrten im Schnee. Das schrille Wiehern war zu einem leisen, wimmernden Laut erstorben.</p><p>Nandalee tastete nach dem Beutel mit dem Traumeis. Seine Verschn�rung hatte sich ge�ffnet, doch drei der Stoffr�llchen waren noch da. Sie hatte nur eines verloren.</p><p>Sorgsam klopfte sie sich ab, ob sich noch einer der Tausendf��ler in ihren Kleidern verfangen hatte. Dann erst kniete sie sich neben Sternauge. Sein gesundes Auge starrte sie an. Sie f�hlte sich elend. Sie hatte ihm den Tod gebracht. Noch ein Opfer mehr auf ihrer Suche nach dem Traumeis.</p><p>Sanft strich sie ihm �ber die Stirn. �Bitte verzeih mir, mein Freund.�</p><p>Warme Atemwolken aus seinen N�stern umschmeichelten ihre Hand. Er lag jetzt ganz still und blinzelte ihr einmal mit dem Auge zu.</p><p>Ein Get�se wie von einer Lawine rollte das Tal hinab.</p><p>Sie sah nicht auf. War ganz bei ihrem Weggef�hrten, der sie so viele Jahre unerschrocken getragen hatte. Nandalee dachte an den Tag, an dem sie sich zum ersten Mal begegnet waren. Sie hatte mit Gonvalon verborgen in einem Busch darauf gewartet, dass die Pegasi zu einem Wasserloch kamen. �Ich werde nie vergessen, wie du gegen den Rotr�cken gek�mpft hast, der deine Herde angegriffen hat. Wie du bereit warst, dich zu opfern, um die anderen zu retten.�</p><p>Es stieg kein Atem mehr von seinen N�stern auf. Die Schneeflocken, die der Wind in sein offenes Auge blies, schmolzen nicht l�nger.</p><p>Nandalee blieb keine Zeit f�r einen langen Abschied. Erstes Morgenlicht stand schon fahl hinter den Bergen, als sie sein Auge zudr�ckte und sich erhob. �Liuvar, mein Freund.�</p><p>Sie zog ihren Umhang vor der Brust zusammen. In ihrer Trauer hatte sie vergessen, einen Zauber zu wirken, um sich vor der K�lte zu sch�tzen. Jetzt waren ihre Glieder steif, und der Frost hatte sich tief in ihr Innerstes gefressen.</p><p>Wieder tastete sie nach dem Traumeis. Sie sp�rte die Stoffrollen durch das Leder.</p><p>M�de sah sie zum Ende des Tals. Der Gelbe Turm war verschwunden. Dort, wo er gestanden hatte, reichte ein Tr�mmerfeld eine halbe Meile den verschneiten Hang hinab. Nandalee dachte an die Devanthar, die ihr geholfen hatte. Die so ganz anders gewesen war als ihr Bild von den G�ttern der Menschen. Ohne ihre Hilfe w�re sie vielleicht nicht entkommen. Und ihr Dank war gewesen, die Devanthar zu opfern.</p><p>Nandalees Bild von der Ordnung in den drei Welten brach auseinander. Was war noch gut? Was war b�se? Nobel waren ihre Taten in dieser Nacht ganz sicher nicht gewesen.</p><p>Sie verbeugte sich in Richtung des Tr�mmerfeldes und hauchte einen Abschiedsgru� in das Tal. �Liuvar.�</p><p>Dann machte sie sich auf den Weg. Bis zum n�chsten Albenstern hatte sie mindestens drei�ig Meilen unwegsames Bergland vor sich. Es w�rde ein erbarmungsloser Wettlauf werden, dort anzukommen, bevor die Devanthar zur�ckkehrten, wo immer diese gerade auch waren.</p></section><section><title><p>Nangogs Kinder</p></title><p>Obwohl das Geschehen ihn erschreckte, war der L�wenh�uptige von dem Schauspiel, das sich ihm �ber dem spiegelglatten Blutsee darbot, begeistert. Figuren aus Licht fochten den Kampf, der sich hoch �ber der H�hle, vor ihren Blicken verborgen, am Himmel der Goldenen Stadt abspielte. Drei Schritt lang schwebte die fliegende Insel der Albenkinder �ber dem dunklen Wasser. Dutzende Drachen umkreisten sie, dazu winzige Gestalten auf Adlern und fliegenden L�wen. Ihre Wolkensammler hatten die Insel eingekreist, doch es wollte ihnen nicht gelingen, sie zu besiegen. Sieben der gro�en Himmelsschiffe waren schon abgest�rzt, und die Wolkeninsel hatte drei der Felsbrocken, aus denen sie bestand, abgeworfen.</p><p>Das Lebende Licht, der Devanthar Valesias, hatte dieses Spektakel erschaffen, und der L�wenh�uptige vermochte sich nicht einmal im Ansatz vorzustellen, welche Zauber zu wirken waren, um diese beweglichen Bilder zu kreieren.</p><p>Sie alle standen um den weiten See versammelt. Er hatte seine Br�der und Schwestern �berzeugen k�nnen, dass dies hier der sicherste Ort in allen drei Welten war, denn schlie�lich drehte sich die Schlacht um die beiden Himmelsschlangen, die als willenlose Sklaven am Boden des Sees ruhten. Wenn es einen Ort gab, den die G�tterdrachen ganz gewiss nicht mit ihrem vernichtenden Flammenstrahl angreifen w�rden, dann war es dieser. Ging es f�r sie doch darum, die Kadaver ihrer toten Br�der zu retten.</p><p>�Sie werden unsere Flotte vernichten�, sagte I�ta laut, was sie alle dachten. �Wenn es so weitergeht, werde ich hochgehen und k�mpfen.�</p><p>�Das wirst du nicht!�, fuhr der L�wenh�uptige sie an. Wie konnte sie nur daran denken, all ihre Pl�ne �ber den Haufen zu werfen. �Noch ist nichts verloren!�</p><p>�Wie lange willst du denn noch zusehen?�, entgegnete sie nicht minder scharf. �Wie viele unserer Menschenkinder m�ssen noch in den Tod st�rzen?�</p><p>�Wie viele habt ihr beide auf der Hochebene von Kush f�r weit weniger geopfert?�, mischte sich das Lebende Licht ein. �Warten wir noch etwas ab. Wenn wir in die Schlacht eingreifen, werden die Himmelsschlangen argw�hnen, dass wir ihnen eine Falle stellen.�</p><p>�Aber wir k�nnten doch���, begann der Gefiederte, wurde aber augenblicklich von Langarm unterbrochen.</p><p>�Nein, wir k�nnen nicht!�, rief der G�tterschmied mit hochrotem Gesicht. �Der Rei�zahn wurde erschaffen, um die Himmelsschlangen zu zerfetzen. Ihn wegen der paar schwebenden Steine dort oben loszuschicken w�re eine unverzeihliche Dummheit.�</p><p>�Und wenn sie nicht kommen?� I�tas H�nde lagen auf der steinernen Einfassung des Blutsees. Ihre m�chtigen Schwingen zuckten nerv�s. Sie machte eine ausholende Geste hin zu den bewegten Bildern �ber der Wasseroberfl�che. �Vielleicht haben sie uns schon l�ngst bemerkt, weil wir unsere Neugier nicht beherrschen konnten und diesen dummen Zauber wirken mussten.�</p><p>�Dieser <emphasis>dumme Zauber</emphasis> st�rt die Harmonie des Goldenen Netzes nicht�, bemerkte das Lebende Licht gekr�nkt. �Er wird die Aufmerksamkeit der Himmelsschlangen ganz gewiss nicht erwecken.�</p><p>�Warten wir noch ein wenig!�, forderte der L�wenh�uptige erneut. �Das ist nun einmal das Los der Feldherren. Manchmal muss man ein paar Einheiten sehenden Auges in den Tod schicken, damit am Ende eine Schlacht gewonnen werden kann, und wir��� Er stockte. Eine seltsame Gestalt lief in h�chster Eile durch den hinteren Bereich der H�hle. Sie war gr��er als ein Troll, hatte aber lange, schlanke Glieder, fast wie eine Elfe. Ihre Haut war von fahlgr�ner Farbe. Kein einziges Haar wuchs auf ihrem Kopf, aus dem sich zwei lange, gekr�mmte Knochenspiralen dem R�cken entgegenstreckten. Gro�e schwarze Augen lagen neben einer flachen Nase. Die Lippen waren nur ein schmaler Strich. Fast wie eine Narbe. Die Gestalt war nackt.</p><p>Der L�wenh�uptige kannte diese Kreaturen aus Berichten seiner Br�der und Schwestern, hatte bisher aber noch keine leibhaftig gesehen. Es musste sich um einen der Fleisch gewordenen Gr�nen Geister handeln.</p><p>I�ta hatte seinen verwunderten Blick bemerkt. In Gedankenschnelle erschien sie an der Seite der Kreatur und enthauptete sie mit ihrem Sichelschwert.</p><p>Pl�tzlich erzitterte der Boden unter ihren F��en, und Wellen kr�uselten sich auf dem Blutsee. Eine gefiederte Schlange brach durch das Wasser und blickte mit ihrem goldenen Haupt auf die versammelten Devanthar herab. Neben ihr schob sich ein gro�er gr�ner Kristall aus dem See. Er wuchs mit be�ngstigender Geschwindigkeit. Weitere, d�nnere Kristalllanzen sprossen aus dem Wasser hervor. Sie alle waren stark nach links geneigt.</p><p>�Da kommen noch mehr�, rief I�ta erstaunt.</p><p>Der L�wenh�uptige eilte an ihre Seite. Aus dem langen Tunnel, der von der Opferh�hle hinab in die Tiefe f�hrte, liefen ihnen weitere Gr�ne Geister entgegen.</p><p>Der Gefiederte gesellte sich zu ihnen. Er hob beide Arme, und der L�wenh�uptige sp�rte, wie sein Bruder nach der Macht der magischen Matrix griff.</p><p>�Nicht!�</p><p>�Was soll das? Lass sie uns in einem Feuersturm vernichten!�</p><p>Immer mehr der Kinder Nangogs erschienen in dem Tunnel. Sie schenkten ihnen keine Beachtung. Es schien, als wollten sie an einen anderen Ort.</p><p>�Der Rei�zahn!�, schrie Langarm.</p><p>Der Schmied war am Ufer des Blutsees zur�ckgeblieben. Er deutete auf die Kristalle, die der H�hlendecke entgegenwuchsen. Noch zwei weitere, sehr massige Kristallk�rper hatten sich aus dem Wasser geschoben.</p><p>�Dort oben ist die H�hle des Rei�zahns!� Langarm zeigte auf den Abschnitt der Decke, dem die Kristalle entgegenstrebten. �Versteht ihr nicht? Nangog! Sie will sich ihr Herz zur�ckholen.�</p><p>I�ta hob ihr Sichelschwert und ging dem Tunneleingang entgegen. �Ich brauche keinen Feuersturm, um diese Biester zu t�ten. Kommt!�</p><p>�Wir m�ssen den Rei�zahn fliegen lassen!�, beharrte Langarm. �Wenn die Kristalle durch die Decke sto�en, werden sie ihn aufspie�en. Dann wird es zu sp�t sein, ihn noch loszuschicken.�</p><p>Der erste der fassdicken Kristalle hatte jetzt fast die H�hlendecke erreicht.</p><p>Der L�wenh�uptige konnte I�ta ansehen, wie sie mit sich rang. Dann nickte sie. �Lass ihn aufsteigen, Langarm.�</p><p>�Aber ihr m�sst diese Dinger aufhalten.� Der Schmied deutete auf die Kristallb�ndel. �Ich brauche noch ein wenig Zeit.�</p><p>�Dann beeilst du dich besser!�, fuhr ihn der L�wenh�uptige an.</p><p>Sein Bruder hatte sich in den letzten Monden zu sehr in seine Arbeit verkrochen. Offensichtlich war er nicht auf dem Laufenden. Sie hatten bereits an anderen Orten versucht, die Kristalle zu zerst�ren. Versuchte man sie zu zerbrechen, wuchs der Stumpf, der blieb, danach mit doppelter Geschwindigkeit weiter. Keiner ihrer Zauber vermochte ihnen etwas anzuhaben, denn Nangog selbst lie� sie erstehen. Wozu, konnte sich der L�wenh�uptige nicht vorstellen. Doch hatte er die Riesin auch fr�her schon nicht verstanden.</p><p>Er sah zu dem Tunnel in die Tiefe. Immer dichter wurde der Strom von Nangogs Kindern. Sie vermochten selbst �ber die W�nde und die Decke zu krabbeln. Er hatte das Gef�hl, eine Welle aus gr�nem Fleisch auf sich zukommen zu sehen. All ihre Pl�ne waren damit zunichtegemacht. Ein neues Zeitalter war angebrochen. Nangog begann, um ihre Welt zu k�mpfen. Und sie durfte auf keinen Fall die zweite H�lfte ihres Herzens erbeuten, das Langarm so leichtfertig hierhergebracht hatte.</p><p>Er lie� die Krallen aus seinen kr�ftigen Fingern fahren und folgte I�ta, um sich gegen die gr�ne Flut zu stemmen.</p></section><section><title><p>Der Gefangene</p></title><p>Er wandte den Kopf zur Seite, ohne dass er es gewollt h�tte. Solaiyn hasste es, ein Gefangener in seinem eigenen K�rper zu sein. Er sp�rte den Goldenen in sich. Die Himmelsschlange beherrschte ihn ganz und gar. Er war nur noch Zuschauer dessen, was andere f�r seine Taten hielten.</p><p>Dass der Herr aller Tiefen einfach desertiert war, hatte den Goldenen bis zur Wei�glut gereizt. Solaiyn wusste zwar nicht, was der alte Drache dachte, aber er hatte Anteil an all seinen Gef�hlen. So sp�rte er auch die sich langsam verbessernde Stimmung des Zweitgeschl�pften. Die Schlacht dauerte nun seit mehr als drei Stunden mit unvermittelter H�rte an. Das Himmelland hatte einige schwere Treffer einstecken m�ssen. Auf f�nf neuen Felsen w�teten schwere Br�nde. Doch die Verluste der Menschenkinder wogen schwerer. �berall in der Stadt zeigten sich die Spuren des unbarmherzigen Kampfes am Himmel. Brennende Wracks hatten H�userblocks eingeebnet. Tote Drachen lagen auf D�chern und Stra�en. Fetzen zerst�rter und verwundeter Wolkensammler prasselten unabl�ssig auf die geschundene Stadt nieder. Wolkenschiffer und Krieger wurden von den Decks der Schlachtschiffe in die Tiefe hinabgeschleudert, wenn Salve auf Salve des Himmellands die schweren Planken der Gesch�tzstellungen zerschmetterte.</p><p>Der Pavillon sah l�ngst nicht mehr aus wie ein funkelnder Kristall, der wie ein Rammsporn aus der fliegenden Insel ragte. Die Scheiben waren mit Blut bespritzt. Ru�spuren hatten schwarze Streifen auf dem Glas hinterlassen. Sie waren mit allem beschossen worden, was die Arsenale der Menschen zu bieten hatten: Steinkugeln, Feuerkr�ge und unz�hlige Pfeile. Doch der Pavillon hatte widerstanden.</p><p>�ber ihnen lag ein Wolkenschiffer auf dem Glas hingestreckt, der in den Tod gest�rzt war. Solaiyn hatte den Kopf des Mannes beim Aufprall wie eine �berreife Melone zerplatzen sehen. Hirnmasse war in langen Spritzern �ber ihnen auf den Scheiben eingetrocknet und behinderte die Sicht.</p><p>Manchmal, wenn der Goldene zuf�llig seinen Kopf in die richtige Richtung drehte, erhaschte er einen kurzen Blick auf die beiden M�dchen. In ihren Seidenkleidern wirkten sie v�llig deplatziert. Er w�nschte, sie h�tten das Grauen hier nie mit ansehen m�ssen.</p><p>Tief unter ihnen war ein seltsamer Laut zu h�ren. Ein unangenehmes Knirschen, als schliffe Metall �ber Stein. Nur dass es absurd laut war. Solaiyn sah, wie H�userblocks eines ganzen Viertels erzitterten. Nein, nicht eines Viertels, das Beben lief �ber den gesamten Hang des Weltenmundes!</p><p>Pl�tzlich st�rzte das Dach der gro�en Halle, die zum Palast Drusnas geh�rte, in sich zusammen. Die Ankert�rme neigten sich zur Seite und begruben die Stuben der Palastschreiber unter sich.</p><p>Der Goldene zwang Solaiyn niederzuknien und durch den gl�sernen Boden des Pavillons zu blicken. Entsetzt sah der Elf, wie sich der Fels des Hangs hochw�lbte. Ganze Stra�enz�ge wurden fortgerissen. Lawinen aus Staub und Ziegelsteinen prasselten den Hang hinab. Er sah, wie eines der gro�en Wasserr�der aus seiner Verankerung gerissen wurde und die Prachtallee zu einem Statthalterpalast hinabrollte. Dutzende M�nner, die wegen des Bebens in Panik aus ihren H�usern geflohen waren, wurden von den Schaufeln des wohl acht Schritt hohen Sch�pfrades zerquetscht. Selbst aus gut zweihundert Schritt H�he war die Blutspur auf dem Pflaster zu sehen.</p><p>In den Staubwolken, die sich �ber dem Schutt erhoben, erschien etwas silbern Strahlendes. Ein Segel aus Metall? Nein, es war gr��er als jedes Segel, das er je gesehen hatte. Vor seinen Augen entfaltete sich eine gewaltige silberne Schwinge. Die Uferquartiere der Goldenen Stadt verschwanden unter dem weiten Schatten des Fl�gelpaars. Zwei K�pfe schoben sich aus dem Staub, und gro�e bernsteinfarbene Augen sahen zum Himmelland empor. Dann erschien noch ein Kopf. Und noch einer. Zuletzt waren es f�nf Drachenk�pfe, die zu ihnen hinaufblickten. Ein jeder von ihnen so gro� wie ein kleines Frachtschiff.</p><p>Solaiyn sp�rte das Entsetzen des Goldenen. So gro� war der Schreck der Himmelsschlange, dass sie f�r einen Augenblick die Kontrolle �ber ihn aufgab.</p><p>�Nodon!� Solaiyn wandte sich zum Schwertmeister um. �Du nimmst die M�dchen und verl�sst mit ihnen das Himmelland. Sofort. Dieses Ungeheuer wird uns��� Seine Zunge gehorchte ihm nicht mehr. Doch zu seiner Erleichterung sah er, wie der Drachenelf Farella und Lydaine in den Luftaal schob.</p><p>�Auch Ihr solltet gehen, Herr�, sprach Nodon ihn an.</p><p>Nur zu gerne, dachte Solaiyn, doch der Augenblick, den der Goldene ihn freigelassen hatte, war bereits verstrichen. Er musste mit ansehen, wie der silberne Drache seine Fl�gel streckte und deren Kraft erprobte. Jeder war wohl eine Meile weit. Dieses Ungeheuer stand dem Himmelland in nichts nach. Vielleicht war es ihrer Insel auch weit �berlegen. Solaiyn wollte nicht verweilen, um es zu sehen.</p><p>Mehr als die halbe Stadt war w�hrend der Geburt des Silberdrachen aus dem Fels zerst�rt worden. Das Flattern der Schwingen lie� einen Staubsturm durch alles fegen, was von der Goldenen Stadt noch �brig geblieben war. Ein Kopf des Drachen schnellte vor. Erstaunlich, wie weit er seinen Hals recken konnte. Wie eine Forelle eine Fliege schnappt, holte er sich ein Quarzauge. Beide Fl�gel wurden glatt abgetrennt, als die st�hlernen Kiefer aufeinandertrafen. Auch der Kopf des Drachen st�rzte in den aufgewirbelten Staub. Der Rest aber verschwand im Schlund des Silbernen.</p><p>Gierig beteiligten sich auch die anderen K�pfe an der Drachenjagd. Ein Sonnendrache schw�rzte mit seinem Feuerstrahl die Schnauze des Silberkopfes, der ganz links au�en aus dem Rumpf wuchs. Allein es half ihm nichts�� auch er wurde mit einem einzigen Bissen verschlungen.</p><p>Diese metallene Bestie w�rde es mit ihnen aufnehmen k�nnen, dachte Solaiyn. Und dass sie unter der Stadt gewartet hatte, konnte nur eines bedeuten: die Devanthar hatten gewusst, dass sie kommen w�rden.</p><p>Sanft ber�hrten Alokis Lippen seinen Nacken. Ein warmer Kuss, gefolgt von einem kurzen Schmerz, dann wurde ihm schwarz vor Augen.</p></section><section><title><p>Ein Lebenswerk</p></title><p>�Speer!�, sagte Nyr vollkommen ruhig.</p><p>Hornbori konnte nicht fassen, dass seine beiden Kameraden nicht im Mindesten beunruhigt wirkten.</p><p>�Wir sollten wirklich���</p><p>�Halt�s Maul, Schisser, und kurbel weiter. Hier will keiner h�ren, was du glaubst, was wir tun sollten�, fuhr ihn Galar an.</p><p>Hornbori biss sich auf die Lippen. Es war immer dasselbe mit den beiden. Sie begriffen einfach nicht, wann es angebracht war, den Schwanz einzuziehen und sich zu verpissen. Sieben Jahre lang hatte Hornbori geglaubt, dass er nie mehr etwas sehen w�rde, was auch nur ann�hernd so gro� war wie der Meerwanderer. Dummer Irrtum! Aber <emphasis>einen</emphasis> Fehler w�rde er ganz sicher nicht wiederholen: Er w�rde nicht abwarten, wie dieser Kampf ausging. Ihm war bewusst, was f�r ein unglaubliches Gl�ck er gehabt hatte, die Begegnung mit dem Meerwanderer zu �berleben. Und Gl�ck war endlich!</p><p>Der eiserne Schlitten, der die Sehne �ber die F�hrungsschiene der schweren Speerschleuder zur�ckgezogen hatte, rastete ein. Galar legte einen der Drachent�terspeere in das Gesch�tz.</p><p>�Den legen wir flach�, murmelte Galar selbstsicher, und Nyr nickte dazu.</p><p>Sorgf�ltig drehte der Richtsch�tze an zwei Stellr�dern, um sein Ziel ins Visier zu nehmen.</p><p>Hornbori sp�hte an ihm vorbei zu dem Drachen. Wer hatte dieses Ding gebaut? Die G�tter der Menschen. Es wirkte wie Stahl gewordener Zorn auf ihn. ��hm�� wenn das Ding nicht lebendig ist, sondern nur etwas aus Metall�� Wie soll man es dann t�ten?�</p><p>�Immer sch�ne Worte parat, um deine Feigheit zu verstecken, nicht wahr�, schnarrte Galar ihn an. Es war un�bersehbar, dass der Schmied diese Herausforderung genoss. Verdammter Idiot!</p><p>Nyr zog den Abzug durch. Angespannt sp�hte er �ber die F�hrungsschiene des Gesch�tzes.</p><p>�Und?�, bedr�ngte Galar ihn.</p><p>�Er lebt noch�, murmelte der Richtsch�tze, und Hornbori sp�rte, dass zumindest an ihm Zweifel nagten.</p><p>�Dann versuchen wir es eben noch mal.� Galar zog den n�chsten Drachent�terspeer aus dem K�cher. �Diesmal solltest du auf ein Auge zielen. Du musst sein Gehirn zerst�ren.�</p><p>Hornbori sah, wie die Steinkugeln ihrer Gesch�tze wirkungslos an den Schuppen des Drachen abprallten. Das Biest ignorierte sie alle! Stattdessen schnappte es sich Drachen aus Fleisch und Blut aus der Luft.</p><p>�Das ist nur etwas Gebautes�, versuchte Hornbori es ein letztes Mal. �Das Ding da unten hat gar kein Gehirn, das du zerst�ren k�nntest. Ein Schiff oder eine Festung hat auch kein Gehirn.�</p><p>Nyr wirkte nachdenklich.</p><p>�Kurbel!�, zischte Galar ihn an. �Das ist das Einzige, wovon du etwas verstehst. Der Drache bewegt sich von alleine. Also hat er auch ein Gehirn. Dass du ihn mit einem Schiff vergleichst, zeigt schon, wie beschr�nkt du bist.�</p><p>�Und in welchem der f�nf K�pfe vermutest du das Gehirn?� Hornbori lie� die Kurbel los und trat von der Speerschleuder zur�ck. Es gab nur ein Ende, das dieser Kampf nehmen konnte. Und dieses Ende wollte er nicht erleben. �Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, sich einen Luftaal zu nehmen. K�mpfen wir an einem anderen Tag! Retten wir die Drachent�terpfeile.�</p><p>�Du verstehst es einfach nicht, Schisser.� Galar nahm seinen Platz an der Kurbel ein. Vielleicht auch, um Nyr daran zu hindern, seinen Posten zu verlassen. �Es gibt nur zwei M�glichkeiten, wie das hier ausgehen kann. Entweder wir legen diesen st�hlernen Drachen um und sind diejenigen, die das Himmelland retten. Oder aber wir schaffen es nicht. Und wenn das geschieht�� und ehrlich gesagt hoffe ich darauf��, dann werden die Himmelsschlangen erscheinen. Sie werden nicht tatenlos dabei zusehen, wie ihr Himmelland zerst�rt wird. Dann ist endlich die Stunde der Rache gekommen. Dann werden sie daf�r bluten, was sie der Tiefen Stadt angetan haben.�</p><p>�Ihr werdet nicht lange genug �berleben, dass es so weit kommt.�</p><p>Jedes weitere Wort an diese beiden Narren war verschwendet! Hornbori wandte sich ab, trat durch die schmale T�r und stieg die Wendeltreppe hinauf. Sie f�hrte ihn an der gro�en Gesch�tzstellung vorbei, in der Hauptmann Hor immer noch den Befehl f�hrte. Die fest gemauerten Stellungen hatten einige �ble Treffer abbekommen. Ein gro�es Loch klaffte in der Au�enwand. Zwei Gesch�tze waren aus ihren Bodenhalterungen gerissen. Die wei� gekalkte Decke dar�ber war mit Blut bespritzt. An der Wand neben der T�r lagen f�nf Tote aufgereiht. Hor trieb unerm�dlich die Gesch�tzbedienungen an weiterzuschie�en. Keiner bemerkte Hornbori, und er stieg weiter die Treppe hinauf, bis er zu dem Gang gelangte, der ihn hinab zur Aalbucht f�hrte. Krieger mit aufgerollten Tragen �ber den Schultern kamen ihm entgegen. Sie gr��ten ihn ehrerbietig. Er war zu bekannt, dachte er besorgt. Das war nicht gut.</p><p>Die Aalbucht war eine kreisrunde Kammer tief im Fels. Zwei Dutzend der Luftaale hingen hier �ber Abwurfsch�chten, um den Felsen zu verlassen. Sieben Aale fehlten bereits. �berall auf dem Boden kauerten Verwundete. In erster Linie Zwerge, aber es waren auch Kobolde darunter, zwei Faune, ein alter Minotaur und ein Troll mit schrecklichen Verbrennungen.</p><p>Einige Helfer hoben die Schwerverletzten in Aale und sorgten daf�r, dass gen�gend leichter verletzte M�nner hinzustiegen, um die Kurbelwelle zu betreiben. �berrascht sah Hornbori, dass lediglich Aale mit roten Ladeluken genutzt wurden. Eigentlich waren sie allein Elfen vorbehalten.</p><p>�Der Herr aller Tiefen.� Es lag kein Respekt in der Stimme, die hinter ihm erklang.</p><p>Hornbori drehte sich um, entschlossen, diesen Schn�sel zurechtzustutzen. Es war ein Zwerg mit �ppigem, blondem Bart und verbittertem Blick. Er war ihm schon einmal begegnet�� Doch konnte er sich nicht erinnern, wo.</p><p>�Ihr wollt zur�ck ins Bett Amalaswinthas, Herr aller Tiefen? Erstaunlich, was Ihr an einer Frau findet, die schon mein Gro�vater gehabt hat.�</p><p>�Das wird f�r einen Mann, der noch nie eine Frau gehabt hat, auch immer ein R�tsel bleiben, Virfir!� Jetzt erinnerte er sich wieder. Dieser aufgeblasene Bastard war der Enkel Eikins, des Alten aus der Tiefe in den Ehernen Hallen. Er h�tte ihn damals zusammen mit seinem Gro�vater k�pfen sollen! Was f�r ein verdammtes Pech, ausgerechnet ihn hier zu treffen!</p><p>�Bisher haben nur Verwundete das Himmelland verlassen. Was fehlt Euch denn, Herr aller Tiefen? Mut?�, setzte Virfir seine impertinenten Sticheleien fort.</p><p>�So redet man nicht mit dem gr��ten Helden unseres Volkes�, stie� ein �bel zugerichteter Rotbart hervor, der neben Hornbori auf einer Trage lag. Seine H�nde lagen auf seinem Bauch gefaltet, der mit breiten Leinenstreifen verbunden war. Blut rann durch den Verband. Der Krieger war aschfahl. �Ich war mit ihm in Asugar�, stie� er schwer atmend hervor. �Ich sah, wie er den Meerwanderer t�tete. Er ist ein�� Held.� Nach dem letzten Wort stie� er einen langen Seufzer aus.</p><p>Hornbori kniete neben dem Rotbart nieder und strich ihm �ber die schwei�nasse Stirn. �Sie werden dich hier herausbringen, Kamerad. Das verspreche ich dir!� Er erinnerte sich nicht an den Krieger, war aber sicher, dass dem Rotbart das nicht auffallen w�rde. Niemand mochte es, dass man sich nicht an ihn erinnerte.</p><p>Der Zwergenherrscher richtete sich wieder auf. �Mir war zu Ohren gekommen, dass du die Luftaale der Elfen stiehlst, Virfir. Mach weiter damit!�</p><p>Eikins Enkel starrte ihn mit offenem Mund an.</p><p>�Wenn ihr in die Luftaale steigt, die die Elfen uns zugedacht haben, werdet ihr irgendwo nahe der Goldenen Stadt landen. Der Stadt, die schon jetzt nur noch ein Tr�mmerhaufen ist. Die Menschenkinder werden euch die Kehlen durchschneiden.� Er blickte in die Runde und lie� seine Worte wirken. �Mir sind Zwergenkehlen kostbarer als Elfenkehlen. Raubt ihnen ihre Aale, und du, Virfir, bist mir daf�r verantwortlich, dass all unsere Jungs hier unten es sicher in die Tiefen St�dte schaffen. Haben wir uns verstanden?�</p><p>�Ja�, stammelte Virfir �berrumpelt.</p><p>Er erkl�rte ihm, wie die magischen Luftaale zu bedienen waren und dass die Gef�hrte sie an jenen Ort bringen w�rden, an den derjenige, der zum zweiten Mal <emphasis>Liuvar</emphasis> aussprach, in diesem Moment dachte. Virfir war verbl�fft, dann bedankte er sich �berschw�nglich.</p><p>�Drachenfaust!�, riefen ihm die Verwundeten voller Begeisterung zu. �Drachenfaust!�</p><p>�Ich w�nsch euch Gl�ck, M�nner! Ich muss zur�ck in die Schlacht. Wir sehen uns bei einem Pilz auf der Siegesfeier. Das ist ein Befehl! Dass sich hier also keiner untersteht abzukratzen.�</p><p>Schweren Schrittes verlie� er die Aalbucht, w�hrend die M�nner immer noch Drachenfaust riefen. Was w�rde er nicht darum geben, im n�chsten Aal zu sitzen, der in die Heimat zur�ckkehrte. Fast alles! Aber wenn er jetzt fl�chtete, w�rde es ihn das Einzige kosten, was er nicht mehr aufgeben wollte. Sein Ruhm hatte ihn zum Herrn aller Tiefen gemacht. Wenn es den nicht mehr gab, dann war es auch mit seiner Herrschaft vorbei. Und wenn er kein Herrscher mehr war, dann war es mit Amalaswintha vorbei, da brauchte er sich nichts vorzumachen.</p><p>Sie war nicht in ihn verliebt, sondern in seine Macht. Im Grunde waren sie sich ziemlich �hnlich. Er war mehr geworden, als er sich je hatte tr�umen lassen. Wenn er aus dieser letzten Schlacht mit dem Ruf heimkehrte, ein Feigling zu sein, dann w�rde es nicht lange dauern, bis er wieder ein Niemand war. Und das k�nnte er nicht ertragen, nachdem er zum Herrscher aller Zwerge aufgestiegen war.</p><p>Hornbori war sich bewusst, dass es nicht helfen w�rde, in die Aalbucht eines anderen Felsens zu fl�chten. �berall w�rde es M�nner geben, die ihn kannten, den gr��ten Helden der Zwerge, und die mit der Geschichte von seiner feigen Flucht heimkehren w�rden, wenn er sich jetzt verdr�ckte.</p><p>Wieder kam er an der oberen Gesch�tzbatterie vorbei. Der Fels der Kammer erbebte unter den Treffern der Menschenkinder. Steinsplitter spritzten durch die Schie�scharten. �Durchhalten, M�nner!�, rief er mit vollt�nender Stimme. �Wir werden dieses St�ck Stahl da unten plattmachen! Wir sind Zwerge. Wenn einer wei�, wie man mit Stahl umgeht, dann sind wir es, nicht wahr, Hauptmann Hor!�</p><p>Der Kommandant der Batterie wandte sich zu ihm um. Ein Holzsplitter, gro� wie ein Stuhlbein, steckte in seiner Schulter. Sein Kettenhemd war dunkel von Blut, und er schwankte leicht, aber er l�chelte ihn an. �So ist es, Herr aller Tiefen�, stie� er unter Schmerzen hervor. �Wir machen ihn platt.�</p><p>Die abgek�mpften Gesch�tzmannschaften sahen ihn d�mmlich grinsend an. Seine Worte bedeuteten ihnen wohl viel. Dabei waren Worte billig. �Weitermachen, M�nner! Ich steig zum unteren Gesch�tzdeck und seh zu, dass ich dem Stahlding da unten auch ein paar nette Beulen verpasse.�</p><p>Sie nickten ihm zu. �Wir gehen hier eher drauf, als dass wir fl�chten�, rief ihm ein junger Zwerg zu, der eine Steinkugel zu einem Gesch�tz rollte. �Hier gibt es keine Schisser!�</p><p>�Ich wei߫, sagte Hornbori. Dann stieg er tiefer hinab.</p></section><section><title><p>Aus den Augen</p></title><p><emphasis>Wir m�ssen ihnen helfen,</emphasis> hallten die Gedanken seines dunklen Bruders im Kopf des Goldenen. <emphasis>Wir k�nnen nicht einfach zusehen, wie das Himmelland zerst�rt wird. Und dieser Drache wird es zerst�ren!</emphasis></p><p>Zugleich drangen die Worte Gobhayns in sein Bewusstsein. Der Sch�pfer, wie ihn alle an Bord des Himmellands nannten, z�hlte auf, auf welchen Felsen es Feuer gab. Drei neue Br�nde waren nicht mehr zu beherrschen. Die Felsen, auf denen sie w�teten, w�rden bald abgeworfen werden.</p><p>Auch hatte das Erscheinen des st�hlernen Drachen eine Panik unter ihren kleinen Br�dern ausgel�st. Etliche flohen vom Schlachtfeld, nachdem sie gesehen hatten, mit welcher Leichtigkeit das Ungeheuer, das die Devanthar erschaffen hatten, sie t�ten konnte.</p><p><emphasis>Alles geht schief,</emphasis> lamentierte der Flammende. <emphasis>Nichts l�uft mehr, wie wir es geplant haben. Wir sollten aufgeben.</emphasis></p><p><emphasis>Das werden wir nicht tun!</emphasis> Die Gedanken des Nachtblauen stachen wie Schwerter in ihre K�pfe, und er gab sich nicht die mindeste M�he, seinen Zorn zu m��igen. <emphasis>Diese Schlacht ist noch nicht verloren.</emphasis><emphasis>Zerst�ren wir den Drachen! Alle Zauber sind gewoben. Wir k�nnen binnen</emphasis><emphasis>eines Augenblicks dort sein. Worauf wartet ihr noch? Wir sind Krieger! Wir sind zum K�mpfen geboren.</emphasis></p><p><emphasis>Wir haben das Himmelland geschickt, um die Devanthar aus ihren Verstecken zu locken.</emphasis> Der Goldene konnte sp�ren, wie sein smaragdener Bruder bereits alles verloren gab. <emphasis>Sie sind leider kl�ger, als wir gedacht haben. Sie sind nicht erschienen, stattdessen haben sie dieses st�hlerne Ding geschickt, von dem der Goldene berichtet. Ein Drache! Sie verh�hnen uns damit! Und ich sehe nicht, was wir dagegen tun k�nnten.</emphasis></p><p><emphasis>Sie sind da!,</emphasis> beharrte der Goldene. <emphasis>Ganz sicher beobachten sie in diesem Augenblick, was ihr Drache tut. Und ich verwette mein Leben, dass sie nahe dem Teich stehen, in dem die toten Leiber unserer Br�der, des Purpurnen und des Fr�hlingsbringers, in Knechtschaft gehalten werden.</emphasis></p><p><emphasis>Warum?,</emphasis> fragte der Rote. Auch seine Stimmung war niedergeschlagen. Es reizte den Goldenen bis aufs Blut, zu sp�ren, wie seine Br�der die Schlacht um Nangog einer nach dem anderen verloren gaben. <emphasis>Warum sollten sie dort sein?</emphasis></p><p><emphasis>Weil sie, genau wie wir, wissen wollen, wie die Schlacht verl�uft.</emphasis> Es kostete den Goldenen M�he, seine Wut im Zaum zu halten.</p><p><emphasis>Wir schaffen es, durch Solaiyn die Schlacht sogar aus einer anderen Welt zu beobachten. Glaubst du wirklich, dass nicht auch die Devanthar solche M�glichkeiten haben?,</emphasis> wandte der Smaragdene ein.</p><p><emphasis>Warum sollten sie das tun, wenn sie in n�chster N�he des Schlachtfeldes einen Ort haben, an dem sie in Sicherheit sind. Sie sind �berzeugt, dass wir die K�rper unserer toten Br�der bergen werden. Also k�nnen wir keinen Angriff wie in Selinunt unternehmen.</emphasis></p><p><emphasis>Wollen wir das denn?</emphasis> Der Flammende klang ernsthaft �berrascht.</p><p>Zum ersten Mal sp�rte der Goldene nun auch Nachtatems �rger. Der Erstgeschl�pfte hatte sich bislang zur�ckgehalten, doch damit war es nun vorbei.</p><p><emphasis>Wof�r streiten wir eigentlich?,</emphasis> fuhr er den Flammenden an. <emphasis>F�r die Toten oder f�r die Lebenden? Was, glaubst du, w�rden unsere Br�der</emphasis><emphasis>wollen? Dass wir sie r�chen und den Kampf gegen die Devanthar f�r immer</emphasis><emphasis>beenden oder dass wir ihre Leichen bergen, um diesen Krieg dann noch endlos weiterzuf�hren?</emphasis></p><p><emphasis>Und wenn sie nicht dort sind, die Devanthar��,</emphasis> wandte der Smaragdene ein. <emphasis>Du hast sie nirgends entdecken k�nnen. Alles, was wir haben, sind Vermutungen. Das ist keine Basis, auf der man��</emphasis></p><p>Pl�tzlich sah der Goldene nichts mehr. Eben noch hatte er seinen Br�dern gelauscht und den gro�en f�nfk�pfigen Drachen vor Augen gehabt, doch jetzt war da nichts mehr. Ein Schauer �berlief ihn, und ihm wurde bewusst, dass all seine Br�der das sp�ren mussten.</p><p><emphasis>Was ist geschehen?,</emphasis> bedr�ngte ihn Nachtatem.</p><p><emphasis>Mein Band zu Solaiyn ist durchtrennt��</emphasis> Der Goldene f�hlte sich durch die abrupte Trennung von dem Elfenf�rsten benommen.</p><p><emphasis>Das Himmelland!</emphasis> Der Flammende war in Panik. <emphasis>Haben sie das Himmelland zerst�rt?</emphasis></p><p><emphasis>Ich sehe nichts mehr��,</emphasis> murmelte der Goldene und k�mpfte blinzelnd darum, wieder mit all seinen Sinnen bei seinen Br�dern zu sein.</p><p><emphasis>Hat der st�hlerne Drache das Himmelland angegriffen? Was hast du als Letztes gesehen?,</emphasis> setzte Nachtatem ihm zu. Der Goldene sp�rte, dass sein Bruder kurz davorstand, sich in seine Erinnerungen zu dr�ngen. Ungefragt die letzten Augenblicke, die er mit Solaiyn verbunden gewesen war, aus seinem Ged�chtnis abzurufen.</p><p><emphasis>Der Stahldrache hat zum Himmelland aufgeblickt. Ich glaube, er wollte angreifen. Das ist das Letzte, was Solaiyn gesehen hat.</emphasis></p><p><emphasis>Retten wir das Himmelland!</emphasis> Es war keine Frage, die Nachtatem stellte. Er nahm sich heraus, ihnen Befehle zu geben. <emphasis>Ich werde nicht tatenlos zusehen, wie mehr als f�nfundzwanzigtausend Albenkinder f�r uns sterben. Die Alben haben uns erschaffen, um ihre Kinder und ihre Welt zu h�ten. H�ren wir auf zu reden und tun wir endlich, wozu wir geboren wurden.</emphasis></p><p>Nachtatem sprach ein Wort der Macht und �ffnete den Drachenpfad, der sie zum Himmel �ber der Goldenen Stadt bringen w�rde. Ohne auf ihre Antwort zu warten, st�rzte er sich hindurch.</p></section><section><title><p>Der letzte Schuss</p></title><p>Nyr klammerte sich an sein Gesch�tz, als ein entsetzlicher Tatzenhieb ihren Felsen traf. Er h�rte Stein bersten und Galar fluchen, der von den Beinen gerissen wurde. �ber ihnen schrien die M�nner der oberen Gesch�tzstellung. Der Prankenhieb schien ihnen gegolten zu haben.</p><p>Der Richtsch�tze sah Steine aus dem Mauerwerk der Gesch�tzbastion in die Tiefe st�rzen. Und er sah Leiber zwischen den Steinen.</p><p>Ihr Felsen, in den die Stellungen hineingebaut waren, bewegte sich seltsam. Er taumelte, drehte sich halb.</p><p>�Die Verbindungen zum Himmelland m�ssen gerissen sein�, sagte Hornbori mit zitternder Stimme. Erschrocken drehte sich Nyr zu ihm um. Der Herr aller Tiefen stand in der T�r zur Wendeltreppe. Er st�tzte sich mit beiden H�nden im T�rrahmen ab.</p><p>�Was machst du hier, Schisser?�, fuhr in Galar an. �Hatten schon alle Luftaale abgelegt?�</p><p>�Ich bin zur�ckgekommen, um daf�r zu sorgen, dass ihr nicht vergesst, was wir uns einmal geschworen haben�� Wir wollen nur eins, die Tiefe Stadt��� Ein weiterer Tatzenhieb traf ihren Felsen, und er wurde gegen das Himmelland geschleudert, w�hrend sich kreischend Stahl in Gestein bohrte.</p><p>Diesmal wurde auch Nyr von den Beinen gerissen. Galar kugelte quer durch die kleine Gesch�tzkammer, und Hornbori st�rzte auf die Treppenstufen hinter ihm.</p><p>Pl�tzlich stach ein breiter Lichtstrahl durch die wei� gekalkte Decke. Im vorderen Bereich des Gew�lbes klaffte ein Loch.</p><p>�Er muss die ganze obere Bastion aus dem Fels gerissen haben�, stammelte Galar ersch�ttert.</p><p>Nyr zog sich an seinem Gesch�tz hoch. Die Waffe war gespannt, bereit, den n�chsten Schuss abzugeben. Ihr Fels taumelte durch die Luft wie ein St�ck Kork, das auf Wellen treibt.</p><p>�Gib mir den n�chsten Speer!�, forderte er. Ihm war schwindelig. Durch den schmalen Kreuzschlitz der Schie�scharte sah er abwechselnd das blaue Firmament, funkelnden Stahl, Drachen, zersplitterte B�ume, die im Himmel trieben, und Wolkensammler. Und noch etwas. Da war ein Schatten am Himmel. Lebendig gewordene Dunkelheit.</p><p>�H�r auf damit, auf dieses Stahlmonster zu schie�en!� Hornboris Stimme klang ungewohnt schroff. �Wie viele Speere hast du schon gegen das Ungeheuer vergeudet?�</p><p>�Vier�, gab Nyr zu.</p><p>�Und hast du den Stahldrachen damit aufhalten k�nnen?�</p><p>�Nein, aber ich��� Es stimmte, ihr Beschuss schien �berhaupt nichts bewirkt zu haben. Er hatte ein Auge zerst�rt und einem der K�pfe ein Loch in die Stirn gestanzt. Ein Speer musste auf voller L�nge durch den Leib des Ungeheuers gedrungen sein. Sein vierter Schuss war fehlgegangen. Und alles, was sie erreicht hatten, war, das Ungeheuer zu reizen. Wahrscheinlich waren es seine Treffer, die das Schicksal der oberen Batterie besiegelt hatten.</p><p>Wieder knirschte Stahl �ber Stein. Der Drache schien einen weiteren Abschnitt des Himmellands anzugreifen.</p><p>�Du bist dem Schisser keine Rechenschaft schuldig!� Galar reichte ihm einen weiteren Speer, warf einen Blick durch die Schie�scharte und erstarrte.</p><p>F�r einen Herzschlag war das ganze Blickfeld von einem bernsteinfarbenen Auge ausgef�llt. Der Stahldrache hatte sie entdeckt. Jetzt zog sich der Kopf zur�ck. Das Unget�m flog eine Kehre. Es w�rde angreifen.</p><p>Etwa dreihundert Schritt entfernt zerfetzte ein gro�er, schattenhafter Drache einen der Himmelsrochen. Wie ein w�tendes Kind ein St�ck Pergament zerrei�t, vernichtete er den Himmelstitanen, dessen Tentakel gegen die Drachenwut nicht ankamen.</p><p>�Du wei�t, worauf du schie�en musst�, meldete sich Hornbori von der Treppe. �Ich hab ihn gesehen. Er dort drau�en, der Dunkle. Er ist ihr Anf�hrer! Ein Wort von ihm, und die Tiefe Stadt w�re niemals zerst�rt worden. Denk an unseren Eid! Das wird unser letzter Schuss sein.�</p><p>Nyr wollte nicht. Dreihundert Schritt! Die Entfernung war gro�, und ihr Fels taumelte immer noch, auch wenn es langsam nachlie�. Es w�re ein Gl�cksschuss. Er wollte nicht bei seinem letzten Schuss sein Ziel verfehlen.</p><p>Er sah den St�hlernen. Ihn w�rde er treffen. Es blieben nur noch Augenblicke zur Entscheidung. Das Monstrum hob schon seine Pranke. Ein Schuss, der traf, aber nicht z�hlte, oder ein Schuss, der mit hoher Wahrscheinlichkeit sein Ziel verfehlte. Womit sollte es enden?</p><p>Nyr legte das Geschoss auf, das Galar ihm gereicht hatte.</p><p>Kaum, dass es die F�hrungsschiene ber�hrte, zog Nyr den Abzugshebel durch. Der Speer schnellte davon.</p><p>Dann traf sie der Tatzenhieb. Krallen zerteilten das dicke Mauerwerk. Ihre Bastion wurde aus dem Hang gerissen. Sie st�rzten der verw�steten Stadt entgegen.</p><p>Nyr wusste nicht, ob er getroffen hatte. Es war ihm egal. Galar, der mit ihm in der Lawine aus Steinschutt st�rzte, schrie.</p><p>Nyr fiel an einem schwebenden Baum vorbei. Sonne gl�nzte auf den Schuppen des St�hlernen. Es h�tte ein sch�ner Tag sein k�nnen. Nun war es der Tag, an dem er sein Versprechen an Frar gebrochen hatte. Er w�rde nicht mehr wiederkommen.</p></section><section><title><p>Auf der Flucht</p></title><p>Nachtatem lie� von dem Wolkensammler ab, der keinen Widerstand mehr leistete. Sein Maul war voller Blut. Sengender Schmerz hatte ihn durchbohrt, und er wollte nicht mehr weichen.</p><p>Er schlug noch mit den Fl�geln, hielt sich in der Luft, doch seine Kraft schmolz dahin.</p><p>Er schloss die Augen, wurde eins mit dem Schmerz, f�hlte den Weg, den er genommen hatte. Etwas hatte ihn im Unterleib getroffen und war pfeilgerade durch ihn hindurchgeglitten. Hatte seine Brust, seinen vorderen Unterkiefer durchschlagen und einen Rei�zahn seines Oberkiefers zerschmettert, bevor es ins Blau des Himmels verschwunden war.</p><p>Er kannte keine Waffe, die so etwas vermocht h�tte. Und doch war es geschehen. Er sah an sich hinab. Sah das Blut, das aus seiner Brust sprudelte und seine schwarzen Schuppen gl�nzen lie�.</p><p>Er w�rde das �berstehen! Er war der Erstgeschl�pfte! Ein Pfeil konnte ihn nicht t�ten. Das war unm�glich!</p><p>Die Geschosse der Menschenkinder hatten auch L�cher in seine Schwingen gerissen. Aber das waren nur leichte Wunden, die bald wieder heilen w�rden.</p><p>Nachtatem h�rte die Rufe auf einem nahen Wolkenschiff. Schwenkt�rme richteten sich auf ihn aus. Zwei Herzschl�ge sp�ter trafen ihn steinerne Kugeln in die Flanke. Sie prallten an seinen Schuppen ab. Nur ein wenig Steinstaub blieb zur�ck. Doch eines der Geschosse hatte einen Punkt getroffen, von dem sich Schwingungen in seinem Leib fortsetzten. Die Wunde, die sich quer durch seinen Leib zog, erzitterte. Er keuchte vor Schmerz.</p><p>Keiner seiner Br�der war ihm �ber den Drachenpfad gefolgt. Er k�mpfte allein.</p><p>Wieder trafen ihn Steinkugeln. Speere zupften an seinen Schwingen. Pfeile prasselten gegen seinen Leib. Er musste sich erholen.</p><p>In weiten Kreisen schraubte er sich h�her. Einige der Himmelsrochen folgten ihm. Die Menschenkinder setzten den Beschuss fort. Sollte er fl�chten? Er brauchte eine Atempause. Seine Wunde w�rde schnell heilen. Lange m�sste er nicht ruhen. Es w�rde gen�gen, wenn er auf ausgebreiteten Schwingen im Aufwind schwebte.</p><p>Aber die neuen Wolkensammler lie�en nicht locker. Sie wollten Rache f�r ihren Bruder, den er get�tet hatte. Rache�� was f�r ein t�richter, ewiger Kreislauf. Sie waren hier, um Rache f�r den Purpurnen und den Fr�hlingsbringer zu nehmen, und mit jedem Wolkensammler, den er t�tete, s�te er k�nftige Kriege, geboren aus dem Wunsch nach Rache.</p><p>Die st�hlerne Bestie, die die Devanthar erschaffen hatten, ignorierte ihn. Es war auch besser so. Sie war deutlich gr��er als er, und er war verwundet. Und doch traf es seinen Stolz. Sein st�hlerner Bruder sah in ihm eine kleinere Bedrohung als im Himmelland. Die Bestie hatte sich auf der schwebenden Insel aus Felsen niedergelassen, und Gobhayns Sch�pfung hatte bedenklich Schlagseite bekommen.</p><p>Lange Krallen zerschmetterten das Felsgestein. Die f�nf M�uler rupften Windschrauben und B�ume von den Felsen, wie eine weidende Kuh Gras rupft. Er sollte den Drachen aufhalten, doch er wusste, dass seine Kr�fte nicht ausreichen w�rden. Das war ein neues Gef�hl. Er hatte seit der Riesin Nangog nie wieder einem Feind gegen�bergestanden, dem er sich nicht gewachsen f�hlte. Diesen Drachen w�rde er allein ganz gewiss nicht besiegen! Vielleicht w�rden sie es nicht einmal alle gemeinsam schaffen.</p><p>Mit diesem Gedanken kam noch ein weiteres neues Gef�hl. Angst! Er f�rchtete sich nicht vor dem Tod. Den konnte er sich gar nicht vorstellen. Es war die Gefahr, das zu werden, was der Fr�hlingsbringer und der Purpurne schon waren. Ein Schaust�ck, an dem die Devanthar sich belustigten. Nicht mehr lebendig, aber auch nicht wirklich tot.</p><p>Diese Angst weckte neue Kr�fte in ihm. Er stieg h�her. Der Abstand zu den Himmelsrochen wurde ein wenig gr��er. Er sah hinab zu dem Silberdrachen, der das Himmelland verw�stete, als ihm ein gr�ner Kristall ins Auge fiel. Er wuchs zwischen den Tr�mmern am Hang empor. In jenem Krater in der Flanke des Weltenmundes, aus dem der f�nfk�pfige Drache geschl�pft war. Unglaublich schnell wucherte die Kristalls�ule dem Himmelland entgegen. Etwas bewegte sich auf der glatten Oberfl�che. Er flog schon zu hoch, um es deutlich zu erkennen.</p><p>Steinkugeln h�mmerten in seine Flanken, und wieder war da der stechende Schmerz. Besorgt sah er, dass sich immer noch ein Strom von Blut aus seinen Wunden ergoss. Sie heilten nicht, solange er keine Ruhe fand. Solange er von Menschenkindern gejagt wurde.</p><p>Wieder dachte er an die Erz�hlung �ber die Himmelsschlangen mit den goldenen K�pfen. So wollte er auf keinen Fall enden! Eher w�rde er das Drachenfeuer, das in seinem Innersten loderte, gegen sich selbst wenden.</p></section><section><title><p>Unzerbrechlich</p></title><p>�Fels dreiundsiebzig hat den Gro�teil seines Waldes verloren.�</p><p>�Gesch�tzbatterien siebenundvierzig, achtundvierzig und neunundvierzig sind ausgefallen.�</p><p>�Fels zweihundertzw�lf ist abgerissen!�</p><p>Unabl�ssig drangen die Katastrophenmeldungen aus dem Sprachrohr vor ihm. Gobhayn versuchte, sich ein Bild vom Zustand seines Himmellands zu machen, doch die Nachrichten kamen so schnell, dass es seine Vorstellungskraft �bertraf, wie das Himmelland nun aussah. Der st�hlerne Drache war im vorderen Drittel seiner Insel gelandet, und seitdem hatte sie so stark Schlagseite, dass sich Solaiyn am Sprachrohr festhalten musste, um noch stehen zu k�nnen.</p><p>Das Gewicht des Drachen, verbunden mit den Verw�stungen, die dieses Ungeheuer unter dem Baumbestand anrichtete, dr�ckte das Himmelland langsam zu Boden. Und dort zeigte sich eine neue Gefahr: Aus dem Krater, der alles war, was von der n�rdlichen H�lfte der Goldenen Stadt geblieben war, wuchsen Kristalls�ulen fast so massig wie Festungst�rme dem Himmelland entgegen. Vor seinem geistigen Auge sah Gobhayn schon, wie die Kristalle seine Insel aufspie�en w�rden und wie sie sterbend daran hinabglitten.</p><p>Seltsame gr�ne Kreaturen wimmelten auf den Kristallt�rmen. Sie quollen aus dem Krater hervor, und das Ganze erinnerte den Elfen an Ameisen, die, �bereinander krabbelnd, w�tend einen Stock emporeilten, den ein Wanderer in ihren kunstvoll geschichteten H�gel gesto�en hatte. Nur dass diese gr�nen Ameisen mehr als drei Schritt lang waren.</p><p>�Fels zw�lf ist abgebrochen!�, schallte es aus dem Sprachrohr.</p><p>Gobhayn sp�rte seine Insel unter den Bewegungen des Drachen rucken. Nie war er auf etwas, das er erschaffen hatte, so stolz gewesen. Er konnte immer noch nicht fassen, dass dieser st�hlerne Drache �ber ihn triumphieren sollte. Wo war die Genialit�t bei diesem Ding? Es war nichts weiter als eine besonders gro�e Maschine.</p><p>Der erste Kristall ber�hrte jetzt fast das Himmelland. Zwei weitere wuchsen bereits turmgro� aus dem Krater. Und etliche d�nnere sprossen aus dem Schutt der verschwundenen Nordstadt. Diese gr�nen Kreaturen, die daran heraufkletterten, waren gr��er als seine Trolle. Und an ihrer Spitze lief eine kleinere wei�e Gestalt, mit wirrem, schwarzem Haar. Vielleicht eine Drachenelfe, die den Sturz aus dem Himmelland �berlebt hatte.</p><p>�Feuer auf Fels dreiundneunzig wurde gel�scht.�</p><p>Gobhayn l�chelte. Es gab also nicht nur schlechte Nachrichten.</p><p>Der Kristall hatte das Himmelland erreicht. Jetzt w�rden die gr�nen Riesen �ber seine Besatzung herfallen. Der Elf legte die Linke auf das Schwert an seiner Seite. Sollten sie es bis in den Pavillon schaffen, w�rde er ihnen zeigen, dass er mehr als nur ein Schmied war.</p><p>�ber den besudelten Deckenscheiben des Pavillons erschien eines der f�nf Drachenh�upter. Wer immer das gebaut hatte, hatte Sinn f�r Anmut und Zweckm��igkeit gehabt. Es war mehr als nur eine plumpe, gro�e Maschine, musste er sich eingestehen.</p><p>Eine der gr�nen Gestalten stieg zu einem Auge des Drachen hinab, der unwillig sein Haupt sch�ttelte. Der gr�ne H�ne glitt ab, schlug auf die Glasplatten der Pavillondecke, fand keinen Halt und rutschte schreiend in die Tiefe.</p><p>Gobhayn stutzte. Dann fing er lauthals an zu lachen. Jetzt verstand er, was hier vor sich ging. Diese H�nen waren die Kinder Nangogs! Und sie waren gekommen, um sich zu holen, was in einem der f�nf K�pfe stecken musste. Ein gro�er Splitter des Herzens ihrer G�ttin. Wenn sie das schafften, w�rde der Drache sterben. Na ja, nicht sterben, er w�rde aufh�ren, sich zu bewegen. Die Schlacht war also noch nicht verloren.</p><p>Er �berlegte fieberhaft, ob es vielleicht eine M�glichkeit gab, den Kindern der Riesin zu helfen, als sich das Drachenhaupt zum Pavillon hinabbeugte. Die Kiefer des Unget�ms klafften auf. St�hlerne Z�hne kratzten �ber das Glas. Der Drache hatte den ganzen Pavillon im Maul.</p><p>�Versuch�s nur!� Gobhayn lachte dem Ungeheuer entgegen. �ber lange Jahre hatte er daran gearbeitet, unzerbrechliches Glas zu erschaffen. Zuletzt hatte der Smaragdene ihm geholfen, machtvolle Zauber in die Glasplatten zu weben.</p><p>Der ganze Pavillon erzitterte unter dem Druck der Kiefer. Doch nicht eine Schramme zeigte sich, obwohl es �berall knirschte.</p><p>�Du wirst uns nicht��� Die Worte blieben Gobhayn im Hals stecken. Eine Glasplatte senkte sich in den Tunnel zum Himmelland. Dann zerbarst der ganze Pavillon.</p><p>Es war nicht das Glas, das den Kiefern des Drachen nachgegeben hatte. Es waren die Fassungen zwischen den Glasplatten.</p><p><emphasis>Sein Glas</emphasis> war unzerbrechlich, war Gobhayns letzter Gedanke, als er unter der Deckenplatte des Pavillons zerquetscht wurde.</p></section><section><title><p>Das Gl�ckskind</p></title><p>Hornbori stand immer noch in der T�r zur Gesch�tzkammer, die es nicht mehr gab. Er hatte Gl�ck gehabt, wieder einmal. Aber dieses Mal hatte das Gl�ck sein Ende nur hinausgez�gert. Er trieb auf einem Felsen, in dem es keine Luftaale mehr gab, am Himmel von Nangog. Und alle Gesetze der Welt waren aus den Angeln gehoben worden. Es regnete Blut. Hoch �ber ihm k�mpfte der Erstgeschl�pfte gegen mehrere Wolkensammler, die er dazu verf�hrt hatte, ihm in den Himmel hinauf zu folgen. Allem Anschein nach war Nyrs letzter Schuss ins Leere gegangen. Hornbori l�chelte bitter. Das w�rde niemand mehr erfahren.</p><p>Er konnte den Ort am Firmament ausmachen, durch den der Erstgeschl�pfte erschienen war. Dort gab es einen seltsamen Wirbel in der Luft, der ein kreisrundes St�ck Himmel umfing, das deutlich dunkler war als der �brige Himmel.</p><p>Das Himmelland war inzwischen tiefer als die meisten seiner verlorenen Felsen gesunken. Zersplitterte �ste und Baumst�mme trieben am Himmel. Manche von ihnen brannten und zerbarsten irgendwann mit einem dumpfen Knall, als fiele eine schwere T�r ins Schloss. Die schwebende Insel trieb vielleicht siebzig Schritt unter Hornboris Felsen. Der Schweif des st�hlernen Drachen peitschte auf eine Kristalls�ule nieder, die sich von unten in das Himmelland gebohrt hatte. Er wirkte, als wollte er sich von der Insel absto�en. Er verlagerte sein Gewicht nach hinten und warf seine f�nf K�pfe hin und her. Auf irgendeine Weise schienen ihm die in Fleisch gekleideten Gr�nen Geister zu schaffen zu machen, die �berall auf ihm herumkrochen.</p><p>Ein gezielter Fl�gelschlag des Stahldrachen zerschmetterte Hunderte B�ume, und ein dichtes Gewirr gesplitterter �ste stieg in den Himmel hinauf.</p><p>Unter all den Gr�nen Geistern war eine Elfe. Sie strebte dem mittleren Kopf des Stahldrachen entgegen.</p><p>Hornbori hatte einmal einen gefl�gelten Wolf auseinandergenommen. Er war aus dem Himmel gest�rzt und konnte sich nicht mehr wehren. In seinem Kopf hatte er einen gr�nen Kristallsplitter, kleiner als ein Fingernagel, gefunden. Trug auch der Drache einen solchen Kristall in sich? War es das, was die Elfe dort suchte? Er sah sie mit ihrem Schwert auf den Kopf des Drachen einschlagen, doch das half nicht. Einige der Gr�nen Geister versuchten, durch die L�cken, die es bei den Fl�gelgelenken des Drachen gab, ins Innere seines Rumpfs zu gelangen. Die meisten von ihnen wurden zerquetscht.</p><p>Das Stahlbiest rutschte ein St�ck weit zum Rand des Himmellands. Immer noch drosch sein Schweif auf die Kristalls�ule ein. Kaum einer der Geister schaffte es nun noch hinauf, und gro�e Splitter flogen aus der S�ule.</p><p>Hornbori strich �ber seine Axt. Bis heute hatte sie ihrem Namen alle Ehre gemacht. Sie hatte jeden Sch�del gespalten, an dem er sich mit ihr versucht hatte. Er konnte hier oben auf dem Felsen bleiben, im Himmel Nangogs gefangen, wo er irgendwann verhungern w�rde. Oder er konnte etwas wirklich Verr�cktes tun. Wenn das da unten eine Drachenelfe war und er ihr half, w�rden sie beide vielleicht irgendwie entkommen. Ja, vielleicht w�rde das Himmelland diese Schlacht doch noch �berstehen, wenn er nur den Drachen t�tete?</p><p>Er sp�hte zu den treibenden �sten hinab. Im ung�nstigsten Fall hatte er einen schnellen Tod. Langsam dahinsiechen w�re nicht seine Sache. Er dachte an Amalaswintha. Das war der Weg zu ihr oder in die ewige Nacht. Er sprang. Und sofort tat es ihm leid.</p><p>Mit einem gellenden Schrei st�rzte er in die treibenden �ste und versuchte, einen von ihnen zu packen zu bekommen. Seine H�nde glitten ab. Etwas schlug ihm hart gegen die Rippen. Ein d�nner Stamm! Er kr�mmte sich darum, hustete. Beim Aufprall hatte er sich die Unterlippe durchgebissen. Blut rann ihm in den Bart.</p><p>Mit seinem zus�tzlichen Gewicht sank der Knallbaumstamm dem Himmelland entgegen.</p><p>Der Drache sch�ttelte in diesem Moment wild sein mittleres Haupt. Die Gr�nen Geister wurden davongeschleudert. Nur die Elfe schaffte es, sich an einem Augenlid des Monsters festzuhalten. Wenn das Biest jetzt blo� nicht sein Maul aufsperrte. Hornbori trieb genau auf den Kopf zu. Er konnte es schaffen! Noch f�nf Schritt. Gleich konnte er sich fallen lassen.</p><p>Die Elfe bemerkte ihn nicht. Sie stach mit ihrem Schwert auf das Drachenauge ein. Metall kreischte �ber Glas. Es bewirkte nichts.</p><p>Noch zwei Schritt. Hornbori lie� los. Er landete auf der Stirn des Drachen. Jetzt musste es schnell gehen! Ein erster wuchtiger Hieb trieb einen Spalt ins Metall der Stirnplatte. Ja! Genau so hatte er sich das gedacht. Ein zweiter Hieb. Er w�rde dem Stahlbiest eine T�r in den Sch�del h�mmern!</p><p>Pl�tzlich zuckte der Drache. Seine Fl�gel klappten herunter. Was war das? Jetzt nicht von deinem Plan ablassen, machte sich Hornbori Mut. Der n�chste Axthieb sauste nieder. Er hatte ein U in die Stirn geschlagen. Ein Hieb noch, und es g�be ein passabel gro�es Loch. Er w�rde nicht hindurchpassen, aber diese schlanke Elfe konnte es schaffen.</p><p>Der vierte Hieb traf. Ein quadratisches Metallst�ck l�ste sich und fiel ins Innere des Drachenkopfes. Gr�ne H�nde streckten sich Hornbori entgegen. Sie schoben einen Kristall, gro� wie eine Schweineh�lfte, durch den Spalt.</p><p>Hornbori grinste. Er war einfach ein Gl�ckskind. Dieser d�mliche Fleisch gewordene Geist dachte, er geh�rte zu ihm. Der Zwerg kniete nieder, legte seine Axt neben sich und nahm den Kristall entgegen. Der Gr�ne Geist war viel zu gro�. Er w�rde niemals durch dieses Loch passen.</p><p>Er hielt das Herz einer G�ttin in H�nden, dachte er aufgew�hlt. Was w�rde das f�r eine Geschichte geben! Und die Elfe konnte alles bezeugen. Besser noch, er w�rde das Herz als Troph�e in die Tiefe Stadt bringen. Wer k�nnte es ihm jetzt noch abnehmen!</p><p>Zufrieden richtete er sich auf und trat einen Schritt von dem Loch zur�ck, damit der Gr�ne ihn nicht noch mit seinen langen Armen zu packen bekam, wenn er merkte, wem er das Herz gegeben hatte.</p><p>Hornbori h�rte Schritte hinter sich. Er drehte sich um. Die Elfe hatte es hinauf zur Stirn geschafft. �Ich w�rde sagen, ich habe den Drachen erlegt�, stellte er mit fester Stimme klar. Es war besser, solche Dinge sofort zu kl�ren.</p><p>Seine neue Gef�hrtin trug das wei�e Gewand einer Drachenelfe. Allerdings war es in einem ziemlich �blen Zustand. Ihr schwarzes Haar hing ihr str�hnig ins Gesicht. Sie kam ihm bekannt vor.</p><p>Sie hob ihr Schwert und deutete auf den Kristall. �Du l�gst!�</p><p>Was f�r eine Stimme! Dunkel, unheilschwanger und irgendwie seltsam. Sie klang so, als h�tte sie M�he, die Worte zu finden.</p><p>Hornbori wich einen Schritt zur�ck und setzte einen Fu� auf seine Axt. Bei den Alben! Jetzt erst erkannte er die abgerissene Elfe. Er war ihr nach dem Feldzug in Wanu nicht mehr begegnet. Wenn er sich richtig erinnerte, war sie eine Meisterin der Wei�en Halle. �Ailyn?�</p><p>Sie strich sich die Haare aus der Stirn, sodass er ihre Augen sehen konnte. Augen wie zerschrammtes Eis.</p><p>Ihm war klar, dass nun der Augenblick gekommen war, an dem sein Gl�ck endete. �Also eigentlich brauche ich diesen Kristall nicht. Willst du ihn haben? Da k�nnen wir dr�ber reden. Ich bin der Drachent�ter, und du hast den Kristall gerettet.�</p><p>�Nein!�</p><p>Irgendwie hatte er das Gef�hl, dass sie ihm die Kehle durchschneiden w�rde, sobald sie den Kristall hatte. Und nun wurde ihm auch klar, warum dieses Ding, das nicht Ailyn war, hier oben war. Dieser Gr�ne Geist, der der Elfe ihren K�rper gestohlen hatte, w�rde Nangog ihr Herz zur�ckbringen. Das Herz�� Es war der Schl�ssel zu allem!</p><p>Er wich ein wenig vor der Elfe zur�ck. Es gab noch einen letzten Weg, hier herauszukommen. Er wich noch ein St�ck zur�ck. Der Drachenkopf ruhte am Rand eines Felsens. Es gab einen drei Schritt weiten Spalt bis zum n�chsten Felsen.</p><p>�Wenn du nicht nett zu mir bist, k�nnte mir das Herz aus den H�nden rutschen. Das willst du doch sicher nicht. Wir finden jetzt eine L�sung, die uns beide gl�cklich macht. Ich bin gut in so was.�</p><p>Die Elfe kam energisch auf ihn zu. �Keine L�sung. Das Herz ist h�rter als du.� Mit diesen Worten versetzte sie ihm einen Sto�, der ihn von den Beinen riss.</p><p>Hornbori st�rzte durch den Spalt und weiter hinab zur sterbenden Stadt.</p></section><section><title><p>Die Hand im Himmel</p></title><p>Hornbori st�rzte durch weiteres Knallbaumholzge�st. Er lie� den Kristall fahren, griff wie wild um sich und fand keinen Halt. Ein Ast schlug ihm gegen die Stirn. Benommen sah er den Krater unter sich. Das war es.</p><p>Pl�tzlich endete sein Sturz mit einem Ruck. Etwas hielt den Ledergurt, in dem er seine Axt auf dem R�cken getragen hatte, wenn er besonders martialisch aussehen wollte.</p><p>�Du bist wohl nicht totzukriegen, Schisser.�</p><p>Galar! Der Schmied zog ihn auf einen schwebenden Stamm, der allerdings unter ihrer beider Gewicht zu sinken begann.</p><p>�Wo ist Nyr?�</p><p>Galar presste die Lippen zusammen und sch�ttelte den Kopf.</p><p>Jetzt war nicht der Augenblick zu trauern, entschied Hornbori. Er blickte hinauf zu dem Spalt, durch den er gest�rzt war. Dort oben auf dem Drachenkopf lag noch seine Axt. Die konnte er wohl abschreiben.</p><p>�Hast du gesehen, wie ich diesem Stahlmonster den Sch�del gespalten habe?�</p><p>�Du?� Galar runzelte die Stirn. �Im Leben nicht. Wenn du glaubst, ich werde deine L�gengeschichten unterst�tzen, hast du dich geirrt. Ich hab gesehen, wie du von unserem Felsen gesprungen bist. Das fand ich ziemlich mutig. Aber wahrscheinlich wolltest du nur Selbstmord begehen, nicht wahr?�</p><p>�Nein!�, emp�rte sich Hornbori. �Ich wollte den st�hlernen Drachen t�ten.�</p><p>Galar grinste zynisch. �Nat�rlich.� Er griff nach einem gr��eren treibenden Baum und zog daran. �Da hinten, im Wurzelwerk. Siehst du das?�</p><p>Hornbori blickte den Stamm entlang. Dieser Baum war wirklich gro�. Und in seinen Wurzeln hatte sich ein Luftaal verfangen.</p><p>�Das Ding ist herausgefallen, als der Stahldrache unseren Felsen des Himmellands zerschmettert hat. Damit werden wir nach Hause kommen. Los jetzt!� Galar schwang sich auf den gr��eren Stamm und streckte ihm dann die Hand entgegen. �Komm, Schisser!�</p><p>Hornbori ergriff die Hand. Hintereinander schritten sie den Stamm hinab.</p><p>Ein Pfeil schlug dicht vor Galar ins Holz. Etwas mehr als hundert Schritt entfernt schwebte einer der riesigen Himmelsrochen. L�wenbanner flatterten �ber seinen Decks. Die gro�en Steinschleudern schossen wieder auf das Himmelland. Und ihre schwebende Insel, �bel angeschlagen, mit brennenden W�ldern und einem st�hlernen Koloss auf dem R�cken, der sie langsam zu Boden dr�ckte, erwiderte die Sch�sse.</p><p>�Gaff nicht, komm!�, fuhr Galar ihn an.</p><p>Sie liefen den restlichen Stamm hinab und kletterten durch das Wurzelwerk. Der Luftaal, der sich dort verfangen hatte, besa� keine rote Klappe. �Schei�e�, murmelte Hornbori.</p><p>�Was denn?� Galar �ffnete die Einstiegsklappe. �Ist irgendwas kaputt?�</p><p>�Das ist kein Elfenaal. Damit kommen wir nicht nach Hause. Alles, was der uns bringt, ist ein kontrollierter Absturz.�</p><p>�Kontrollierter Absturz? Du hast dir wohl den Kopf angeschlagen.� Galar nahm ihn bei der Hand und zog ihn durch die Einstiegsklappe.</p><p>Hornbori nahm auf einem der harten Holzsitze Platz. Leder gab es nat�rlich nur f�r Elfen. �Wir werden damit nicht weit kommen���</p><p>�Ich find, hundert Meilen sind ein gutes St�ck. Nat�rlich nur, wenn er sich aus dem Wurzelwerk l�st.� Galar stellte sich in die Mitte des Aals, ein Bein auf jede Seite der Kurbelwelle, und fing an, wie ein Verr�ckter auf und ab zu h�pfen.</p><p>Hornbori konnte sp�ren, wie sich der Aal im Wurzelwerk zu bewegen begann. �Das reicht!�, zischte er. �An die Kurbel! Wir st�rzen sonst ab. Das ist ein Boot f�r acht Mann, ich hoffe, wir k�nnen es zu zweit �berhaupt in der Luft halten.�</p><p>Galar lachte und h�pfte einfach weiter. �Du hast mal wieder nichts begriffen, nicht wahr.�</p><p>�Ich habe begriffen, dass wir gleich unten im Schutt liegen, umringt von Hunderten mordlustigen Menschenkindern, die uns f�r die Zerst�rung ihrer Stadt vierteilen werden.�</p><p>Der Luftaal l�ste sich. Glitt mit der Spitze voran ein St�ck in die Tiefe, wurde langsamer und st�rzte nicht ab.</p><p>Breit grinsend setzte sich Galar auf den Holzsessel gegen�ber von Hornbori. �Diese Luftaale sind aus Knallbaumholz gefertigt und nur mit einem d�nnen Blech verkleidet. Hast du wirklich geglaubt, die Stummelfl�gel und die Luftschraube w�rden gen�gen, um sie fliegen zu lassen.� Er lachte wieder. �Du solltest dir �fter von mir die Welt erkl�ren lassen, vielleicht wirst du dann am Ende noch ein ganz passabler Herrscher, Hornbori.�</p><p>Er war �berrascht, dass der Schmied ihn nicht Schisser nannte, sondern seinen Namen benutzte. �Egal, warum dieser Aal fliegt. Hauen wir von hier ab!�</p><p>Galar nickte. �Kannst du das Ding steuern?�</p><p>Hornbori ahnte, was kommen w�rde. Glamir hatte sie auf ihren Reisen durch die unterirdischen Fl�sse Albenmarks nie an die Steuerkn�ppel seines Aals gelassen. Und Ulur hatte sich auf der <emphasis>Wilden Sau</emphasis> nicht anders verhalten. �Nat�rlich kann ich das nicht.�</p><p>�So ein Pech.� Galar erhob sich gut gelaunt von seinem Sitzplatz. �Dann wirst du wohl alleine die Kurbel treten m�ssen. Ich hoffe, deine Beine sind so kraftvoll wie deine Worte, wenn du schlaue Reden schwingst.�</p><p>Mit einem Seufzer setzte Hornbori seine F��e auf die Pedale und begann, die Kurbel zu treten. Langsam richtete sich der Luftaal auf, bis seine Schnauze in den Himmel wies. �Dort oben ist ein Wirbel. Eine Stelle, die dunkler aussieht�� Dort ist der Erstgeschl�pfte erschienen. Vielleicht ist es ein Tor zu unserer Welt. W�re doch besser, als hier irgendwo im Dschungel zu landen.�</p><p>�Du meinst, es gibt einen Drachenpfad?� Galars Stimme klang ganz anders als eben noch. Nachdenklich, fast verwirrt.</p><p>�Ich hoffe es.� Hornbori war nicht danach, noch l�nger mit dem Schmied zu plaudern. Er stemmte sich mit aller Kraft in die Pedale. Bald rann ihm Schwei� den R�cken hinab, und er schwor sich stumm, dass er in seinem ganzen weiteren Leben in keinem Aal mehr sitzen w�rde, wenn sie es hier herausschafften.</p><p>�Ich sehe den Drachenkopf��� Galars Tonfall war immer noch seltsam. Die Kanzel mit den Steuerhebeln hatte mehrere kleine Fenster, das wusste Hornbori. So war es auch bei den Aalen, die unter Wasser fuhren.</p><p>�Ich sehe deine Axt und das Loch�� Hast du etwa wirklich��?� Galar klang wie jemand, f�r den gerade eine Welt zusammengebrochen war.</p><p>�Ich habe dir gesagt, was geschehen ist. Was deine Wahrheit ist, Schmied, musst du dir selbst aussuchen.�</p><p>Beklommenes Schweigen, nur unterbrochen von seinem leisen Keuchen, herrschte nun im Aal. Er war f�r diesen Schei� nicht gemacht, dachte Hornbori m�de. Hier sollten acht Mann an der verfluchten Kurbelwelle sitzen, nicht nur einer! Und es sollten��</p><p>Der Luftaal erbebte. Dann f�hlte es sich an, als w�re er in eine starke Str�mung geraten. Hornbori packte nach den beiden Haltegriffen rechts und links von seinem Sitzplatz.</p><p>�Schei�e!�, klang es gedehnt aus der Steuerkanzel.</p><p>Ihr Himmelsboot wurde gepackt und im Kreis gewirbelt wie Wasser, das im Abfluss eines Beckens verschwand. Hornbori wurde schwindelig, dann �bel. Die Ger�usche aus der Steuerkanzel verrieten, dass es Galar nicht besser ging.</p><p>Genauso pl�tzlich, wie sie begonnen hatten, waren die Turbulenzen wieder vorbei.</p><p>�Treten!�, klang es halb erstickt von vorne.</p><p>Hornbori stemmte sich in die Pedale. Er konnte sp�ren, wie der Luftaal in einen sanften Sinkflug �berging. Dann setzten sie hart auf.</p><p>Schwankend stemmte sich Hornbori aus dem Sitz hoch und dr�ckte die Einstiegsklappe des Aals auf. �ber ihm spannte sich ein dunkler, wolkenverhangener Himmel, in dem sich inmitten von Turbulenzen ein Loch zeigte, aus dem ihm ein helles Sommerhimmelblau entgegenstrahlte. Um diese �ffnung kreisten f�nf Drachen, und die Tatsache, dass er sie auf diese Entfernung noch so deutlich erkannte, konnte nur bedeuten, dass es Himmelsschlangen waren. Zwei waren rot, eine von dunklem Blau, die vierte tiefgr�n. Die letzte aber funkelte wie Gold, auf dem sich Sonnenlicht brach.</p><p>Der Goldene war der erste, der durch die himmelblaue �ffnung flog. Dann folgten ihm seine Br�der.</p><p>�M�gen sie allesamt in der anderen Welt verrecken�, brummte Galar, der sich aus der Steuerkanzel geschoben hatte und nun neben ihm stand. Blut rann dem Schmied aus einer Platzwunde an der Stirn. �War meine erste Landung mit so einem Luftaal�, murmelte er. Pl�tzlich spielte ein L�cheln um seine Lippen. �War eigentlich gar nicht so �bel, nicht wahr?�</p><p>Hornbori entschied, dazu nichts zu sagen. Sie waren am Hang �ber einem weiten Tal gelandet. Weiter unten erkannte er unz�hlige Baracken. Es war der Ort, an den sich die Heere Albenmarks zwischen den Feldz�gen in Nangog immer wieder zur�ckgezogen hatten.</p><p>Wir sind zu Hause, dachte Hornbori unendlich erleichtert. Sie waren zwar Hunderte Meilen von der n�chsten Zwergenstadt entfernt, aber wenigstens hatten sie ihre Heimat erreicht. Und sie waren nicht die Einzigen. Auf den umliegenden H�ngen entdeckte er noch weitere Luftaale. Und w�hrend er aus dem Gef�hrt stieg, das sie letztlich sicher nach Albenmark gebracht hatte, trudelte ein weiterer Luftaal durch das himmelblaue Loch �ber ihnen.</p><p>Wenn er sehr viel Gl�ck hatte, w�rde es vielleicht doch noch ein Augenzeuge seiner letzten Heldentat nach hier schaffen. Diese Geschichte vom Silberdrachen w�rde seine Herrschaft f�r immer festigen. Er sah Galar von der Seite an. Am besten w�re es, wenn er sie erz�hlte. Aber da w�rde wohl eher nachts die Sonne scheinen, bevor Galar ein gutes Wort �ber ihn verlor.</p><p>Er brauchte ihn nicht, entschied Hornbori. Er w�rde auch ohne ihn zurechtkommen. Und in aller Heimlichkeit w�rde er jeden unterst�tzen, der gegen die verfluchten Drachen k�mpfte, sollten sie es schaffen, aus Nangog zur�ckzukommen. Vielleicht konnte er weiteres Metall f�r Speerspitzen aus der st�hlernen Wand tief unter Glamirs Turm abbauen lassen.</p><p>�Wollen wir langsam nach Hause gehen?�, grummelte Galar. �Ich glaub, wir haben noch einen verdammt weiten Weg vor uns!�</p><p>Hornbori nickte. Und er registrierte, dass er schon wieder nicht als Schisser angesprochen worden war. Vielleicht �nderte sich ja etwas zwischen ihnen. Ganz sicher hatten sie noch einen langen Weg vor sich. Doch der erste Schritt war getan. Und es war �berraschenderweise Galar gewesen, der sich dazu aufgerafft hatte.</p></section><section><title><p>Wenn die Toten in die Schlacht ziehen</p></title><p>Es war ein Schrei blanker Panik, der Ilmari zum Himmel blicken lie�. Noch weitere der gro�en Drachen erschienen nun am Himmel �ber Nangog.</p><p>�Das sind die G�tter der Daimonen�, fl�sterte der Krieger an seiner Seite eingesch�chtert. �Wann werden sich unsere G�tter endlich zeigen?� Er war ein einfacher Mann aus den kargen T�lern des s�dlichen Garagum. Ein Mann, der von seiner Geburt an ein hartes Leben voller Entbehrungen gewohnt war. Jemand, dem nichts so leicht Angst machte.</p><p>Vor wenigen Augenblicken noch war der Sieg zum Greifen nahe gewesen. Doch jetzt r�hrte sich der st�hlerne Drache nicht mehr, der der fliegenden Insel mehr Schaden zugef�gt hatte als all ihre Wolkensammler zusammen.</p><p>�Bleibt ruhig!�, ermahnte Aaron seine Leibwache. Unersch�tterlich stand der Unsterbliche an der dem Schiff zugewandten Reling des Kommandodecks, w�hrend etliche seiner Himmelsh�ter nach steuerbord eilten, um einen besseren Blick auf die G�tterdrachen zu haben.</p><p>Auch der Krieger aus Garagum trat zwei Schritt vor, um besser sehen zu k�nnen. Nur der Junge, der die L�wenstandarte hielt, blieb auf seinem Posten hinter dem Unsterblichen.</p><p>Das war der Augenblick, dachte Ilmari, seine letzte offene Pflicht zu erf�llen. Er tastete nach dem Dolch an seinem G�rtel.</p><p>Niemand beachtete ihn. Der Ring aus Leibw�chtern, den bislang kein Daimon und kein Drache hatte durchbrechen k�nnen, war verschwunden. F�r ein paar Herzschl�ge�� Jetzt oder nie!</p><p>Er zog den Dolch, und im selben Moment drehte sich der Junge zu ihm um. Es war unglaublich! War er dazu verflucht, dass sich das Ungl�ck von Kush nun wiederholte? Der Junge sah Narek sogar �hnlich.</p><p>Ohne zu z�gern trat Ilmari vor.</p><p>Der Junge lie� die Standarte fallen und griff nach dem gro�en Schwert, das er �ber dem R�cken trug.</p><p>Zu langsam. Schon war Ilmari bei ihm, presste ihm die Linke fest auf den Mund, w�hrend er dem Jungen die schlanke Klinge in den Bauch rammte. Warmes Blut rann ihm �ber die Hand. Es war so leicht gewesen, den Bronzepanzer mit dem meisterlichen Stahl zu durchdringen. Er befreite die Waffe und zog sie dem Jungen noch �ber die Kehle, w�hrend er ihn zu Boden dr�ckte.</p><p>Der Mann aus Garagum schrie auf.</p><p>Der Unsterbliche Aaron drehte sich um. Ilmari sah die dunklen Augen des Herrschers hinter der Maske seines Helms aufblitzen.</p><p>Schon war er bei ihm. Und als Aaron nach seinem ber�chtigten Geisterschwert griff, traf ihn der Dolch unter dem Rippenbogen. Die Waffe schnitt durch die G�tterr�stung.</p><p>Ilmari richtete die Klinge beim Sto� nach oben. Selbst wenn sie das Herz verfehlte, konnte niemand eine solche Wunde �berleben. Hatte der Unsterbliche Pech, lebte er eben noch ein paar Stunden, falls nicht die G�tterdrachen bis dahin ihnen allen ein Ende bereitet hatten.</p><p>Aaron taumelte zur�ck, wollte sein Schwert erheben, doch die Hand, die es hielt, zitterte. Dunkles Blut quoll �ber seine leuchtend wei�e Lederr�stung.</p><p>�Schnappt den M�rder!�, schrie der Krieger aus Garagum.</p><p>Ilmari rannte los. Er wusste, dass sein Leben verwirkt war, doch er wollte nicht in die H�nde dieses w�tenden Mobs geraten. Er lief nach backbord, sprang auf die Reling und st�rzte sich in die Tiefe. Am Wei�en Schlund hatten die G�tter ihn nicht zu sich nehmen wollen, als er sich dem Abgrund anvertraut hatte. Heute w�rde es anders sein.</p><p>Ein Speer zischte an ihm vorbei. Er sah nach oben, in die hasserf�llten Gesichter der Leibw�chter �ber der Reling, die allesamt unf�hig gewesen waren, ihren Herrscher zu besch�tzen. Dann verschwanden sie hinter einem seltsamen Flugger�t, das knapp �ber Ilmari durch den Himmel zog. Ein mumifiziertes Antlitz mit leeren Augenh�hlen blickte zu ihm herab. Ein Krieger in leichter Lederr�stung war mit weit ausgebreiteten Armen unter ein Flugger�st gebunden. Es war einer jener toten Helden, die am Himmel des Weltenmundes bestattet worden waren. Mitunter trieben sie jahrelang in den warmen Aufwinden des Kraters.</p><p>Ilmari blickte nach Osten. Ein Teil des Kraterrandes war eingest�rzt. Durch die breite Kluft trieben noch etliche andere Tote hinaus auf das Schlachtfeld, als h�tten sie nur darauf gewartet, noch einmal in der letzten aller Schlachten in den Kampf zu ziehen.</p><p>Die Welt endete, dachte der Meuchler. Er h�tte Aaron nicht t�ten m�ssen. Aber es war ihm vorherbestimmt gewesen! Warum sonst h�tte er den Dolch wiedergefunden. Die G�tter wollten es so. Er war nur ihr Werkzeug gewesen.</p><p>Er dachte an seine Toten. An Umme, Serin und Talam. Daran, wie sie mit Regenbogenfarben bemalt um ihn herumgetanzt waren, als er nach einer langen Reise mit einem Karren voller Leichen zum Haus der Toten zur�ckgekehrt war. Wenn es eine andere Welt nach dieser gab, dann hoffte er, dass sie ihn noch einmal so empfangen w�rden.</p><p>Gleich w�rde er es wissen.</p></section><section><title><p>Das Herz der G�ttin</p></title><p>I�ta zog sich aus der vordersten Reihe der k�mpfenden G�tter zur�ck. Sie waren nur eine Insel, umringt von einer gr�nen Flut, die Klingen allein nicht aufhalten konnten. Sie alle waren �berrascht, wie zahlreich die Kinder Nangogs waren. Sie hatten mit einigen Tausend gerechnet, doch egal, wie viele sie auch t�teten, es wurden immer mehr. Ja, sie hatten sogar zwei ihrer Br�der an die gr�nen H�nen verloren.</p><p>Die gefl�gelte G�ttin stieg auf einen H�gel von Toten, der inmitten des Runds lag, jenes kleinen Fleckens der Welt, der in diesem Augenblick noch ganz ihnen geh�rte.</p><p>Etwas in der Bewegung der gr�nen Masse hatte sich ver�ndert. Jubelrufe wurden laut. Die ersten begannen, sich in den weiten Tunnel zur�ckzuziehen, der sie ausgespien hatte.</p><p>Und dann sah I�ta, warum es so war: Eine Elfe war dort inmitten der Kinder Nangogs. Die gr�nen H�nen trugen sie auf ihren Schultern. Und die Elfe hielt triumphierend einen gr�nen Kristall hoch �ber ihren Kopf erhoben. Sie hatten es also geschafft! Das Herz Nangogs! Sie hatten es dem st�hlernen Drachen entrissen.</p><p>I�ta weitete ihre Schwingen und erhob sich in die Luft. Sie musste das Herz zur�ckgewinnen! Sonst war alles verloren. Wenn die Riesin Nangog erwachte, w�rden sie ihr ihre Welt niemals mehr entrei�en k�nnen.</p><p>Die Elfe sah sie kommen und lie� sich von den Schultern der H�nen gleiten. Augenblicklich war sie in der w�tenden Menge verschwunden.</p><p>I�ta hieb mit ihrem Sichelschwert auf K�pfe und erhobene Arme ein. Sie musste das Herz finden! Um jeden Preis!</p><p>Sie flog ein wenig h�her, vermochte die Elfe aber nicht mehr zu entdecken.</p><p>Entschlossen griff sie nach der Macht tief in ihrem Innersten. Der Macht, derer sie sich so lange nicht bedient hatte und aus der einst, gemeinsam mit der Macht ihrer Br�der und Schwestern, eine ganze Welt geboren worden war.</p><p>Ein Gedanke von ihr gen�gte, und die Luft um sie herum ver�nderte sich�� und dann lie� sie sie mit der Wucht eines Berge entwurzelnden Sturms auf die Kinder Nangogs niederschmettern.</p><p>Tausend Kehlen schrien auf, als tausend Leiber zerschmettert wurden, als w�ren sie zwischen Hammer und Amboss geraten. Die Druckwelle riss auch jene noch von den Beinen, die dem Zentrum der Vernichtung nicht nahe gestanden hatten.</p><p>Inmitten des Durcheinanders von ineinander verschlungenen Leibern entdeckte sie die Elfe. Selbst im Tod hielt sie das Herz der G�ttin noch fest umklammert.</p><p>�Was hast du getan!� Der L�wenh�uptige war mit einem weiten Satz an ihrer Seite. �Was hast du nur getan? Nun werden die Himmelsschlangen wissen, dass wir hier sind.�</p><p>�Ich habe uns gerettet!�, entgegnete sie ihm bestimmt. �Es war notwendig!�</p><p>Doch noch w�hrend sie das sagte, erhoben sich jene unter den Kindern Nangogs, die der Sturmschlag nicht get�tet hatte, und die W�nde der weiten H�hle hallten wider von ihrem Wutgeschrei.</p><p>�Wir m�ssen zur�ck in unsere Welt!� Auch der L�wenh�uptige lie� nun alle Vorsicht fahren und griff nach der alten Macht. �Nur auf Daia, im Gelben Turm, wird das Herz noch sicher sein.�</p></section><section><title><p>Die Flamme, die Welten verschlingt</p></title><p><emphasis>Sie sind da, ganz wie ich es gesagt habe!</emphasis></p><p>Wie Flammenspeere stie�en die Worte des Goldenen in seine Gedanken. Als seine Br�der erschienen waren, hatten die Himmelsrochen von ihm abgelassen und waren in die Sicherheit des gro�en Flottenverbandes �ber der Goldenen Stadt gefl�chtet.</p><p>Nachtatem sah, wie seine Br�der zu kreisen begannen.</p><p>Er sp�rte, wie sie ihre Macht sammelten.</p><p>M�de legte der Erstgeschl�pfte seine Fl�gel an und lie� sich aus der sicheren H�he hinabst�rzen, die er mit letzter Kraft erreicht hatte. Noch immer bluteten seine Wunden. Das Blut, das ihn am Leben erhielt, hatte er allzu freiz�gig auf die Erde Nangogs regnen lassen. Es fiel ihm schwer, gegen die M�digkeit zu bestehen. Mit offenen Augen tr�umte er von dem Felsen unter der Pyramide im Jadegarten. Davon, wie ihm das endlose Gemurmel der Gazala zum Schlaflied wurde.</p><p>Er weitete die Schwingen, um seinen Sturzflug abzufangen. Der Ruck lie� ihn vor Schmerz aufkeuchen.</p><p><emphasis>Schnell, Bruder!,</emphasis> erscholl der Nachtblaue in seinen Gedanken. <emphasis>Sie versuchen zu fliehen!</emphasis></p><p>Der Erstgeschl�pfte sp�rte es. Die Devanthar griffen nach dem Goldenen Netz, auf dem die Ordnung der Welten beruhte. Sie versuchten, es zu verzerren, sich hindurchzuzw�ngen, gegen die Gesetze, die sie einst selbst festgeschrieben hatten. Ganz wie wir es mit dem Drachenpfad getan hatten, dachte er.</p><p><emphasis>Sie haben Nangogs Herz!</emphasis> Auch in den Gedanken des Smaragdenen lag brennende Hast.</p><p>Sie h�tten ihn nicht erinnern m�ssen. Der Dunkle wusste, dass sie die Devanthar kein zweites Mal zu einer solchen Schlacht stellen konnten. Entweder sie triumphierten jetzt �ber die G�tter der Menschenkinder oder sie hatten die Zukunft verloren, obwohl sie diese Schlacht gewannen.</p><p>Seine Macht war aus der Sorge um die Welt geboren, die ihm die Alben einst anvertraut hatten. Es war das gl�hende Verlangen, nicht in der wichtigsten aller Aufgaben zu versagen: jedes �bel von den Kindern ihrer G�tter abzuwenden.</p><p>Ihm war bewusst, dass die Macht seiner Br�der aus anderen Beweggr�nden geboren wurde. Aus Zorn und Ehrgeiz, aus der Lust zu k�mpfen und dem Verlangen nach Rache. All diese Gef�hle vereinten sie zu einer einzigen Flamme. Er aber gab Hoffnung hinzu. Die Hoffnung, dass dies wirklich die letzte Schlacht sein w�rde.</p><p>Nachtatem verschloss die Lider vor der glei�enden Helligkeit, die jedes ungesch�tzte Auge schmelzen lie�.</p><p>Und das Feuer, das sie einst gegen Selinunt gerichtet hatten, fuhr nun auf den Krater in der Goldenen Stadt hinab, um die G�tter der Menschen Schatten werden zu lassen und ihren geschundenen Br�dern im Blutsee den letzten Frieden zu schenken.</p></section><section><title><p>Licht war der Anfang</p></title><p>I�ta sp�rte, wie sich die Flammen der Himmelsschlangen vereinten, und hielt den Blick abgewandt. Das Tor in ihre Heimat hatte begonnen, sich zu �ffnen. Drei Herzschl�ge zu sp�t.</p><p>Der Gefiederte und Langarm schrien Worte der Macht, versuchten aufzuhalten, was auf sie herabkam. Tats�chlich war es, als tr�fe das Himmelsfeuer auf einen unsichtbaren Schild.</p><p>Doch die drei riesigen Kristalls�ulen, die dem Blutsee entsprossen waren, nahmen das Licht der Drachen in sich auf und vergingen in einer Helligkeit, der auch die Zaubermacht ihrer Br�der nichts mehr entgegenzusetzen hatte. Der Fels, der die Kristalle einschloss, schmolz, wurde rot gl�hende Magma. Der Boden unter ihnen erbebte. I�ta sp�rte, wie sich das Licht der Drachen weiter durch die Kristalle fra�, die diese ganze Welt durchdrungen hatten.</p><p>Alles war verloren, dachte sie ohne Bedauern und sp�rte ihr Sein vergehen, trotz all der verzweifelten Versuche ihrer Br�der und Schwestern, sie alle zu retten. Lange waren sie nicht mehr ein Gedanke gewesen. Zu sp�t hatten sie zu sich gefunden.</p><p>Licht war einst das Erste gewesen, das sie aus den verwobenen F�den ihrer Zaubermacht hatten erstehen lassen, kaum dass sie ihrer selbst bewusst geworden waren. In dieses Licht hatten sie ihre Welt gepflanzt. Ihr gr��tes Werk. Es w�rde weiter bestehen, hoffte I�ta, w�hrend sich f�r sie der Kreis nun schloss.</p><p>Licht war der Anfang. Licht war das Ende, war I�tas letzter Gedanke.</p></section><section><title><p>Ein Ast</p></title><p>Eleborn war erleichtert, als er Meliander wieder in die Grotte zur�ckkehren sah. Zwei Stunden hatte er mit sich gerungen, ob er den Jungen suchen sollte. Ihm war bewusst, dass es Meliander nicht passte, hier unten zu sein. Und dass es ihm noch viel weniger gefallen hatte, dass Nandalee es einfach entschieden hatte, ohne auch nur mit ihnen zu reden. Meliander hatte es gebraucht, mit seiner kleinen Flucht zu rebellieren. Und was sollte ihm hier auch schon geschehen? Die Pyramide im Jadegarten war ganz gewiss einer der sichersten Orte in Albenmark.</p><p>Auch Emerelle hatte ihren Bruder entdeckt. Sie hatte eine Ewigkeit mit Firaz gesprochen. Jetzt brach sie die Unterhaltung abrupt ab und eilte zu Meliander.</p><p>Verwundert beobachtete Eleborn, wie ihr Bruder, so gut es mit der Kr�cke ging, gestikulierend auf sie einredete. Etwas schien ihn zutiefst aufgew�hlt zu haben. Und so, wie Meliander zwischendurch zu ihm her�bersah, war sich Eleborn ganz sicher, dass ihm der Junge nicht erz�hlen w�rde, was der Grund daf�r war.</p><p>Seit er nicht mehr unbeschwert herumlaufen konnte, hatte Eleborn sich mit vielen Spielarten der Magie besch�ftigt. Keineswegs nur mit Spielereien mit Licht und Wasser, wie die meisten glaubten. Er hauchte ein Wort der Macht und konzentrierte sich ganz auf Meliander und Emerelle. So gelang es ihm, nacheinander alle Stimmen der Gazala auszublenden, bis er nur noch die beiden h�rte, obwohl sie sich bem�hten zu fl�stern.</p><p>�Ich glaube dir kein Wort!�</p><p>�Dann komm doch einfach mit mir und sieh ihn dir an. Er wartet auf uns.�</p><p>Emerelle blickte unsicher zu ihm her�ber, und Eleborn winkte ihr fl�chtig zu, als w�re er mit etwas anderem besch�ftigt.</p><p>�Er wird merken, wenn wir weglaufen.�</p><p>�Na und?�, kam es patzig von Meliander. �Wenn wir schnell sind, dann wird der Kr�ppel uns nicht einholen.�</p><p>Eleborn schluckte. Das h�tte er von Meliander nicht erwartet.</p><p>�Du nennst ihn einen Kr�ppel. Das sagt ja gerade der Richtige.�</p><p>�Er kann uns von hier fortbringen. Er hat ein Tor ge�ffnet, keinen Albenpfad. Er kennt die geheime Magie der Drachen.�</p><p>Eleborn lief es kalt den R�cken herunter. Von wem sprach Meliander? Hatte sich etwa der Goldene in die Pyramide geschlichen? Nein, das konnte nicht sein. Beim Goldenen w�rde der Junge ganz gewiss nicht betonen, dass er die geheime Magie der Drachen beherrschte. Wer also war <emphasis>er?</emphasis></p><p>�Er hat uns beide in seinen Wald eingeladen. Es ist sch�n dort. Er hat ihn mir gezeigt. Dort ist es auch nicht so hei�. Er sagt, es w�re viel sicherer als hier.�</p><p>�Und du glaubst ihm das einfach?� Emerelle sch�ttelte den Kopf. �Ich nicht.�</p><p>�Aber er sagt die Wahrheit!�, entgegnete Meliander trotzig. �Er ist so alt wie wir. Die Gro�en bel�gen uns alle. Er meint es nur ehrlich.�</p><p>�Wer bel�gt uns?�</p><p>�Hat uns Mutter etwa gesagt, warum sie uns hier versteckt? Es muss uns irgendeine Gefahr drohen. Ich wette, Eleborn wei� es. Warum sollten wir es nicht auch wissen? Und wohin musste Mutter so dringend, dass sie uns verlassen hat, obwohl sie bef�rchtet, dass wir in Gefahr sind? Und warum hat sie uns die sch�nen Ringe abgenommen, die wir vom Goldenen bekommen haben?�</p><p>�Etwas nicht zu sagen und jemanden zu bel�gen sind zwei ganz verschiedene Dinge�, entgegnete Emerelle und klang dabei, als w�re sie selbst nicht ganz �berzeugt von ihren Worten.</p><p>�Haarspalterei. In beiden F�llen wird die Wahrheit vor uns versteckt. Ich mach da keinen Unterschied mehr.�</p><p>�Sind das seine Worte? So was hast du vorher noch nie gesagt.�</p><p>Meliander nickte widerstrebend. �Aber er bel�gt uns nicht, denn er versteht uns besser als jeder andere.�</p><p>�Ach�, sagte Emerelle auf ihre schnippische Art, die Eleborn schon so manches Mal zur Verzweiflung getrieben hatte.</p><p>�Er ist unser Bruder, Emerelle. Noch so eine L�ge der Gro�en. Man hat ihn aus dem Bauch unserer Mutter gerissen und seitdem vor uns versteckt. Er wollte immer bei uns sein. Er hat gewusst, dass es uns gibt. Und sie haben ihn nicht zu uns gelassen.�</p><p>Eleborn dachte daran, wie er Nodon mehrmals auf die Geburt der beiden angesprochen hatte. Der schwarz�ugige Elf hatte immer sehr abweisend darauf reagiert. Eleborn hatte das nie verstanden. Auch Firaz sprach nicht �ber die Nacht der Geburt. Er hatte schon lange geahnt, dass es ein Geheimnis geben musste. Aber ein drittes Kind�� konnte das wirklich sein? Und dieses Kind sollte geheime Drachenmagie beherrschen?</p><p>Emerelle hatte sichtlich Schwierigkeiten zu akzeptieren, dass sie noch einen zweiten Bruder haben sollte.</p><p>Meliander l�chelte. �Er wusste, dass du mir nicht glauben w�rdest, dass er mich in seinen Wald mitgenommen hat.� Er griff hinter seinen R�cken und holte etwas hervor, das er sich in den G�rtel gesteckt haben musste.</p><p>Emerelle war �berrascht.</p><p>Eleborn aber keuchte auf. Selbst auf die Entfernung erkannte er die Eichenbl�tter an dem Ast, den Meliander seiner Schwester zeigte. Im Jadegarten gab es keine Eichen! Die Geschichte vom Bruder war vielleicht eine L�ge, aber nun war er �berzeugt, dass etwas im Dunkel der G�nge auf die beiden Kinder lauerte.</p><p>Meliander sah zu ihm her�ber. �Eleborn hat etwas bemerkt!� Er lie� den Ast fallen und nahm Emerelle bei der Hand. �Lauf! Unser Bruder wartet auf uns!�</p><p>Eleborn hielt den Atem an�� wie w�rde sich Emerelle entscheiden?</p><p>Als sie mit einem letzten, fast entschuldigenden Blick zu ihm davonlief, wusste er, dass er handeln musste.</p><p>�Firaz!�</p><p>Die Gazala sah �berrascht zu ihm auf.</p><p>Eleborn humpelte zum Ausgang der Grotte, so schnell seine Kr�cke ihn trug, doch er wusste, er w�rde sie nicht mehr einholen.</p><p>�Fang die Kinder! Lass sie nicht los, ganz gleich, was sie dir sagen. Dort in den G�ngen ist etwas Dunkles, und es will sie holen.�</p><p>Ohne Fragen zu stellen oder auch nur einen Augenblick zu z�gern, lief die Gazala los. Ihre schlanken Gazellenbeine lie�en das Wasser der Grotte aufspritzen. Sie bewegte sich so sicher durch die Reihen ihrer Schwestern, als h�tte sie niemals ihr Augenlicht f�r ihre Sehergabe geopfert. Bald schlugen ihre Hufe einen schnellen Takt auf das Pflaster des Ganges, der in die Dunkelheit f�hrte.</p><p>Nie war sich Eleborn seiner Langsamkeit so schmerzlich bewusst gewesen wie jetzt. Wie hatte Nandalee ihm die Kinder anvertrauen k�nnen? Wenn Firaz sie einholte, w�rde er die Pyramide verlassen! Sofort! Die Alte Veste war viel geeigneter, um auf die beiden aufzupassen.</p><p>Ihm war ganz gleich, was er Nandalee versprochen hatte. Hier war etwas, das er f�rchten sollte. Als er den Tunnel erreichte, strich k�hle Luft �ber sein Gesicht. Ganz sicher kam sie von dort, wo auch der Eichenast herstammte.</p><p>Warum nur hatte ihre Mutter die beiden hierher geschickt? Was war hier sicherer? Nachtatem hatte nach dem Besuch des Goldenen eigens einen Fluchttunnel aus der Veste angelegt. Einen Tunnel, den au�er ihm nur noch Nodon und Nandalee kannten. Hier aber gab es keinen zweiten Ausweg!</p><p>Der Hufschlag der Gazala verstummte abrupt. Dann h�rte er Meliander aufschreien.</p></section><section><title><p>Die sich verzehrende Welt</p></title><p>Seine Br�der flohen! Alle hatten sie gesp�rt, dass der Flammenstrahl ein Unheil heraufbeschworen hatte, das alles, was sie beabsichtigt hatten, bei Weitem �bertreffen w�rde. Die Devanthar waren vergangen. Doch nun sah es so aus, als w�rde mit ihnen diese ganze Welt vergehen.</p><p>Er h�tte fliehen sollen, doch Nachtatem konnte den Blick nicht von dem l�sen, was sie entfesselt hatten. Die S�ulen aus gr�nem Kristall hatten ihr Feuer aufgenommen, und sie trugen es tief unter die Goldene Stadt hinein. Es folgte den Kristalladern bis zum Herzen der Welt.</p><p>Der Krater, den der st�hlerne Drache in die Flanke des Weltenmunds gerissen hatte, wuchs an. Doch nun st�lpte er sich nach innen. Ja, es schien, als h�tte die hohle Welt der Riesin Nangog beschlossen, sich selbst zu verschlingen.</p><p>Mit verzweifelten Schl�gen seiner m�chtigen Schwingen stemmte Nachtatem sich gegen den Sog aus der Tiefe. Die Welt starb, und sie wollte ihn mit sich rei�en, hinab in ihr lichtloses Grab. Felsbrocken, gro� wie T�rme, wirbelten leicht wie Ascheflocken durch den Himmel.</p><p>Er winkelte die Fl�gel an, wollte h�her steigen, um nicht an der himmelhohen Steilwand des Weltenmunds zu zerschellen, doch noch bevor er sie erreichte, sackte sie in den Abgrund. Das Get�se von berstendem Gestein und ein unheimliches Heulen aus dem weltenverschlingenden Schlund l�schten jedes andere Ger�usch.</p><p>Er k�mpfte vergebens. Immer tiefer wurde er hinabgezogen, und dann verschlang ihn die Staubwolke aus zermahlenem Fels, die der Abgrund emporspie. Steinsplitter prasselten wie Hagelschlag auf ihn ein. Geblendet �ffnete Nachtatem sein Verborgenes Auge und sah, wie die Magie der Welt in einem glei�enden Feuerwerk verging. Das Goldene Netz, in das sie eingebunden war, zerriss.</p><p>Der Sog wurde st�rker, und er fauchte ihm ein Wort der Macht entgegen. Sein Sturz verlangsamte sich. Weit breitete er die Fl�gel aus. Steinsplitter durchschlugen das z�he Leder seiner Schwingen. Er verschloss sich gegen den Schmerz der peinigenden Wunde, die er hoch am Himmel empfangen hatte. Kraftvoller schlugen seine Schwingen und zorniger. Er triumphierte �ber den Abgrund und k�mpfte sich dem Himmel entgegen. Gl�hend rot leuchtete die Sonne durch den Staub. Bald h�tte er es geschafft. Ein paar Fl�gelschl�ge noch, und er w�rde in den Himmel entkommen.</p><p>Tentakel peitschten die Luft, streiften ihn, griffen nach ihm, als schrien sie, er m�ge sie halten, retten, mit sich nehmen, hinauf in die endlose Weite. Er wich ihnen aus. Die Sonne kam n�her. Nein, sie st�rzte ihm entgegen! Das Entsetzen kam wie ein Donnerschlag und l�hmte ihn. Nur einen Wimpernschlag lang, doch zu lang. Hitze wogte durch den Staub, Tentakel schlangen sich um seine Fl�gel, seine Fesseln, seinen Hals. Die Sonne kam n�her.</p><p>Er wollte leben!</p><p>Nachtatem schnappte nach den Fangarmen, zerriss z�hes Fleisch, sammelte tief in seinem Innersten all seine Glut und beherrschte sich doch. Ein Feuersto� inmitten der Staubwolke mochte den Himmel rings um ihn herum in Brand setzen.</p><p>Endlich konnte er sich aus der Umklammerung befreien. Wie ein Ertrinkender durch die Wasseroberfl�che stie� er durch die Staubwolke. Keine hundert Schritt entfernt st�rzte ein brennendes Schiff aus dem Himmel. Stetig sank es dem Abgrund entgegen. Der Wolkensammler, der es getragen hatte, vermochte sich nicht mehr vom t�dlichen Ballast des Schiffes zu befreien. Hunderte mit Draht verst�rkte Seile hielten die riesige, aufgedunsene Kreatur an den h�lzernen Rumpf gefesselt. Seine Tentakel peitschten die Luft und suchten Halt, wo es keine Rettung geben konnte: Die Kreatur selbst fing Feuer. Ein ganzer Schwarm kleinerer Wolkensammler quoll aus einem der Flugdecks hervor. Hunderte. Und an jedem von ihnen hing zappelnd ein Menschenkind.</p><p>Auch sie entgingen dem Mahlstrom des Untergangs nicht. W�hrend der Erstgeschl�pfte langsam in den freien Himmel emporstieg, sah er, wie die kleineren Wolkensammler in den Strudel aus Staub und Fels hinabgerissen wurden�� schneller noch als das gro�e Schiff, dem sie entflohen waren.</p><p>Selbst das riesige Himmelland vermochte sich den Kr�ften des Verderbens nicht zu widersetzen. Seine W�lder standen in Flammen, Flugrochen hatten es umringt, um es mit Brandgeschossen einzudecken, als wollten sie es um jeden Preis mit sich in den Untergang ziehen. Der St�hlerne lag reglos auf der Insel, die stark Schlagseite hatte. Einzelne abgerissene Felsen schwebten �ber ihr. Nachtatem konnte sehen, wie ihm Albenkinder aus Fels�ffnungen zuwinkten, in der Hoffnung, er k�nne ihre Rettung sein.</p><p>Ein baumlanger Speer durchschlug seinen rechten Fl�gel. Die Wunde schmerzte nicht, doch ein gro�es Loch klaffte inmitten des Fl�gels. Er w�rde nun noch langsamer h�her steigen. Das Wolkenschiff unter ihm war auf die Seite gekippt, und das Feuer breitete sich �ber immer mehr Decks aus. Stichflammen aus entz�ndeten Gasen entwichen der sterbenden Kreatur, die das riesige Schiff so lange durch den Himmel getragen hatte. Einige der Dreht�rme, in denen die Gesch�tze standen, hatten auf ihn eingeschwenkt. L�wenbanner flatterten von den Masten, die seitlich aus dem Schiffsrumpf ragten. Ein Bogensch�tze in einem Mastkorb zielte auf ihn, blind f�r den eigenen Untergang und offenbar nur noch von dem Gedanken beherrscht, den gro�en Drachen zu verwunden.</p><p>Die Menschenkinder an Bord hatten begriffen, dass sie ihrem Tod nicht mehr entfliehen konnten. Und der Erstgeschl�pfte erkannte, dass sie mit Freuden ihren letzten Atemzug geben w�rden, um ihn mit sich in den Abgrund zu ziehen, so gro� war ihr Hass.</p><p>Ein weiterer Speer, massig wie ein Rammbock, verfehlte ihn knapp. Dann war er au�er Reichweite, und das pr�chtige Schiff wurde vollends von der Staubwolke verschlungen.</p><p>Nachtatem stieg in weiten Kreisen h�her. Er musste nun kaum noch mit den Fl�geln schlagen. Der Aufwind trug ihn in den Himmel. Geschafft! Er w�rde�� Der Drachenpfad! Er war verschwunden. Seine Br�der mussten das Tor hoch im Himmel verschlossen haben, vielleicht aus Angst, die Kr�fte des Untergangs k�nnten durch den magischen Tunnel auch nach Albenmark greifen. Oder hatten sie ihn opfern wollen?</p><p>Kurz lie� er sich treiben, holte Atem, sammelte sich und verschloss die Ohren vor dem ungeheuerlichen Tosen, in dem die Welt versank. Erst hoch vom Himmel herab sah er das ganze Ausma� der Zerst�rung.</p><p>Tief unter ihm, inmitten des Mahlstroms aus Felsgestein, Staub und Tod verglomm das brennende Wolkenschiff in glutrotem Licht wie eine sterbende Sonne. Immer mehr weitete sich der Strudel aus Fels und Staub aus, fra� unerbittlich, was eben noch sicherer Boden gewesen war. Spalten, weit wie T�ler, griffen ins Land hinaus. Am Horizont st�rzte der Gro�e Fluss in meilenweiten silbernen Kaskaden in den Abgrund.</p><p>Ja, die Welt verschlang sich wirklich selbst.</p><p>Nachtatem wandte sich ab. Stieg weiter in den Himmel hinauf und flog schlie�lich gen Osten. Er wusste, dass dieses Unheil unumkehrbar war und welchen Anteil er daran hatte. Er hatte seine Macht zu z�gerlich gebraucht, es anderen �berlassen, seinen Kampf zu f�hren. Er hatte gewusst, dass die Devanthar den alten Vertrag brachen. Gleich als sie die ersten Menschen hierherbrachten, h�tte er seine Br�der zum Kampf rufen sollen. Doch er hatte sich entschieden abzuwarten. Er hatte darauf vertraut, dass sie von einer Welt, in der keine Kinder geboren wurden, wieder ablassen w�rden. Er hatte sich in den Menschen get�uscht. Vielleicht h�tte er auch viel fr�her seine Stimme erheben m�ssen�� Schon damals, als Alben und Devanthar die Riesin Nangog bestraften.</p><p>Warum hatten die G�tter der Riesin keine eigene Welt g�nnen k�nnen? H�tte sein Einspruch den Lauf aller Dinge ver�ndern k�nnen? Damals hatte er das Urteil gegen die Riesin als ungerecht empfunden. Warum hatte er geschwiegen? Wie nie zuvor empfand er sein langes Leben als Last. Diese Schlacht heute h�tte nicht geschlagen werden d�rfen�� Nie zuvor hatte er erleben m�ssen, wie sich ein Sieg in eine so verheerende Niederlage verwandelte.</p><p>Der Erstgeschl�pfte suchte nach einem der Albensterne. Er war m�de. Lange flog er durch den blutroten Himmel, bis er einen Albenstern fand�� weit entfernt vom Mahlstrom des Verderbens, auf einer Lichtung bei einem dunklen Teich voller Seerosen. Hier war das Beben nicht zu sp�ren. Noch nicht.</p><p>Ein Wort der Macht, ein Gedanke, und zwei Lichtschlangen entsprangen dem Wasser. Sie neigten sich einander zu und formten ein Tor, hinter dem ein Goldener Pfad durch die Finsternis f�hrte.</p><p>Tausende Male war er auf Pfaden wie diesem gegangen, und ohne M�he fand er den Weg zur�ck in den Jadegarten, wo tief unter einer Pyramide, alt wie die Welt, die weite Grotte lag, die seine Zuflucht geworden war.</p><p>Dort rollte er sich zusammen und �berlie� sich seinem Schmerz.</p></section><section><title><p>Der letzte Kuss</p></title><p>Dylan hielt den Arm um sie gelegt, das war alles, was er noch tun konnte. Myrella war tapfer. Die Tr�nen, die �ber ihre Wangen liefen, hatten nichts mit dem nahen Ende zu tun. Es war der grelle Lichtblitz, der sie weinen lie�. Obwohl sie sich beide abgewandt hatten, war das Licht durch ihre geschlossenen Lider geschossen wie sengende Pfeile. Es war ein letzter Schmerz, der sie daran erinnerte, dass sie noch am Leben waren.</p><p>Beide sa�en sie in einer Nische in einem der �u�eren Felsen. Es war verlassen hier. Die Adler waren l�ngst fortgeflogen. Die meisten Besatzungsmitglieder des Himmellands hatten versucht, mit Luftaalen zu entkommen, oder aber sich tief ins Innere der Felsen zur�ckgezogen.</p><p>Dylan blickte in den Abgrund. Die Erde brach immer weiter auf. Spalten streckten sich meilenweit ins Umland. Der Fluss wurde in die Tiefe gerissen. Die Wolkensammler wurden vom Sog ergriffen und verschlungen. Nur einige Himmelsrochen hatten fliehen k�nnen. Doch f�r wie lange?</p><p>Dylan war �berzeugt, dass das Ungl�ck alle einholen w�rde, die noch auf Nangog waren. Er war ein guter Zauberweber, doch fliegen konnte er nicht. Er h�tte Myrella gerne gerettet, das unausgesprochene Versprechen, dass er sie immer besch�tzen w�rde, eingel�st.</p><p>Das Schwert war sein Leben gewesen. Manche hielten ihn f�r weise, blickte er aber durch den verkl�renden Schleier, mit dem sie seine Taten umgaben, war er stets den Weg des Schwertes gegangen, um L�sungen zu finden. Dieser Weg war es, der ihn hierher gef�hrt hatte. An den Ort, an dem sein Schwert nichts auszurichten vermochte.</p><p>Myrella dr�ckte sich noch fester an ihn. So gerne h�tte er ihr �ber das Haar gestrichen und ihr gesagt: Alles wird gut. Er w�rde sie nicht bel�gen. Sie war sch�n. Er mochte sie. So gerne w�re er der f�r sie gewesen, den sie in ihm sah.</p><p>Das Himmelland neigte sich noch steiler dem Abgrund entgegen. Ein infernalischer L�rm stieg von dort unten auf. Dylan hatte nicht gewusst, dass Wolkensammler schreien konnten. Sie waren zu h�ren�� die Menschenkinder nicht. Ihre Schreie wurden vom Donner gegeneinanderschlagender Felsen �bert�nt. Er war vergleichbar mit dem Tosen eines Wasserfalls, nur dass hier nicht Wasser st�rzte, sondern ein Strom aus Felsen, H�usern, Erde und B�umen. Alles, was fest sein sollte, war beweglich geworden. Es gab keinen Halt mehr.</p><p>An der Wei�en Halle hatte er oft mit Gonvalon gestritten. Er hatte es stets f�r unverantwortlich gehalten, wenn er eine Aff�re mit jenen begann, die ihm anvertraut waren. Er h�tte ihnen ein Vorbild, ein weiser Lehrer, sein m�ssen. Bewundert zu werden war erstrebenswert. Doch die Grenze aufzugeben war eines Meisters der Wei�en Halle unw�rdig. So hatte Dylan immer gedacht. Hatte er sich geirrt? Stand aufrichtige Liebe �ber dieser Regel?</p><p>Es war diese Regel, die ihn in der kurzen Zeit, die er Myrella kannte, immer einen Abstand hatte halten lassen, obwohl er gesp�rt hatte, dass sie sich w�nschte, diese Distanz �berwinden zu k�nnen. Jetzt gab es keine M�glichkeit mehr, mit ihr zu sprechen. Das Get�se der einst�rzenden Welt w�rde jedes Wort verschlingen, bevor es ihr Ohr erreichte.</p><p>Er beugte sich zu ihr hinab. Suchte in ihren Augen nach Widerspruch�� Stattdessen zog sie ihn an sich und k�sste ihn. Ihre warmen Lippen zu sp�ren l�schte die Welt aus. Er schloss die Augen. Da war nur noch sie. Ihre unschuldige Sehnsucht. Ihr�� H�tte er nur fr�her seiner Sehnsucht nachgegeben!</p><p>Pl�tzlich �nderte sich etwas. Ihre Lippen��</p><p>Er sah sie an. Sie wirkte �berrascht. Traurig�� Silbernes Licht umspielte sie. Sie war nur noch Licht. Eine �therische Erscheinung, die binnen Augenblicken verblasste. Myrella versuchte, weiter seine Hand zu halten. Wollte sie bleiben oder ihn mit sich nehmen? Ihre Finger glitten durch ihn hindurch. Dann war sie fort. Ihr Leben hatte sich erf�llt. Sie war ins Mondlicht gegangen.</p><p>Aufgew�hlt strich er mit der Rechten �ber seinen Leib. Er war noch ganz hier. Er w�rde bleiben. Mochte er auch in diesem Leben seinen letzten Kampf gefochten haben, das Ziel seines Seins hatte er noch nicht gefunden. Er w�rde wiedergeboren werden, den Weg von Neuem gehen, bis er das Schicksal fand, das ihm vorherbestimmt war. Myrella aber w�rde ihm nie wieder begegnen. Ihre Seele war aus dem Zyklus von Tod und Wiedergeburt getreten.</p><p>Gefasst sah er in den Abgrund. Er sah, wie andere Albenkinder von benachbarten Felsen sprangen, um dem Grauen schneller ein Ende zu bereiten. Das w�rde er nicht tun. Er w�rde bis zuletzt auf seinem Posten verharren. Aber er erlaubte sich, seine Augen zu schlie�en und das Bild Myrellas in seinem Inneren erstehen zu lassen. Er sp�rte ihre Lippen noch auf den seinen. Und war ganz bei ihr, wo immer sie jetzt auch sein mochte.</p></section><section><title><p>Metamorphose</p></title><p>Der Goldene landete hinter der Felsoase, in der sein dunkler Bruder sein Refugium hatte. Er hatte sich Zeit gelassen hierherzukommen. Mehr als zwei Stunden waren seit seiner Flucht von der sterbenden Welt vergangen. Die meisten Wunden, die er empfangen hatte, waren geheilt.</p><p>Er faltete seine weiten Schwingen, dann tastete er nach dem Schmerz an seinem Rumpf. Er sa� dicht unter dem Ansatz seines rechten Fl�gels. Sehr vorsichtig hatte er das Schwert dort unter seine Schuppenhaut geschoben. Es hatte ihn geschw�cht, unbarmherzig von seiner Lebenskraft getrunken, obwohl er seine Kr�fte genutzt hatte, es mit einer Haut zu umgeben, die es von seinem Muskelfleisch trennte. Er hatte es isoliert und doch nicht ganz beherrschen k�nnen. Es war erschaffen, nicht zu beherrschen zu sein.</p><p>Seine Krallen schlitzten die Schuppen. Vorsichtig zog er die Waffe hervor, wie einen langen Dorn, der in ihm steckte. Todbringer! Er hatte das Schwert in der Alten Veste in die Hand genommen, um jedes seiner Geheimnisse zu ergr�nden. Nicht nur das kunstvolle Blattwerk, mit dem die Parierstange des Bidenh�nders geschm�ckt war, oder die Windungen des Silberdrahts, der um den mit Leder umwickelten Griff geschlungen war, damit die Hand besseren Halt fand. Dies war Nandalees Werk gewesen, das hatte er ebenso gesp�rt wie alle Zauber, die in den Silberstahl gewoben worden waren. Es war eine b�sartige Waffe. Der Tod war auch jenen, die diese Klinge f�hrten, stets nahe. Erstaunlich, dass Nandalee immer noch lebte.</p><p>Nun, es war sein Gl�ck! Vorsichtig legte der Goldene die Waffe in den Sand zu seinen F��en. Dann begann er die Metamorphose. Es war ein schmerzhafter Vorgang, sich auf den viel kleineren K�rper einer Elfe zu reduzieren. Als dies vollbracht war, war es eine Kleinigkeit, sich das Prachtgewand einer Drachenelfe erstehen zu lassen.</p><p>Nun rief er in Gedanken den Hengst, den er sich schon vor Wochen im Bainne Tyr erw�hlt hatte. Einen pr�chtigen Rappen, der Sternauge, abgesehen von einer Kleinigkeit, vollkommen glich.</p><p>Es dauerte fast eine halbe Stunde, bis der Pegasus an seiner Seite landete. Er war erhitzt vom Flug. Schaum bedeckte seine Flanken, so eilig hatte er es gehabt, dem Zauberzwang zu folgen, den er auf ihn gelegt hatte. Er war ein sch�nes Tier. Man merkte ihm nicht an, dass er es ganz und gar seinem Willen unterworfen hatte. Nun lie� er Zaumzeug und ein Sattelbrett erstehen, wie die Drachenelfen es nutzten. Der Hengst scheute vor der ungewohnten Last.</p><p>Sanft strich der Goldene ihm �ber die N�stern und lie� seine Hand zur Stirn hinaufgleiten. Ein letztes Wort der Macht lie� im Fell eine sternf�rmige Blesse erscheinen, ganz wie jene, die Sternauge auf seiner Stirn trug.</p><p>Der alte Drache verharrte. Er sah an sich hinab. Nun war er ganz und gar sie geworden, die Rebellin, die jeder seiner Br�der kannte und deren Namen bis in die entferntesten Elfensiedlungen getragen worden war. Er wusste durch die Bilder, die ihm die Silberschale gezeigt hatte, wie gef�hrlich Nandalee werden w�rde, wenn ihr nicht Einhalt geboten wurde. Und er wusste auch, dass Nachtatem dies nicht tun w�rde.</p><p>Vielleicht war sein Bruder ja nicht zur�ckgekehrt. Er hatte es nicht zum Drachenpfad geschafft, bevor sie ihn hatten verschlie�en m�ssen. Wenn er es aber auf anderen Wegen in den Jadegarten geschafft haben sollte, dann war nun zu tun, was notwendig war, um das Zeitalter der Schw�che zu beenden. Der Erstgeschl�pfte war kein Anf�hrer mehr. Den aber w�rde Albenmark brauchen, denn ihre G�tter waren anders als die der Menschenkinder. Die Alben zeigten sich nicht, und sie griffen nicht mehr in das Schicksal der Welt ein. Es gab keine Ordnung mehr, und das Gef�hl beh�tet zu sein, wenn man sich nur an die Regeln hielt, war den V�lkern Albenmarks verloren gegangen.</p><p>Er w�rde ihnen eine neue Ordnung schenken. Mit ihm w�rde das Goldene Zeitalter seiner Welt beginnen.</p></section><section><title><p>Todbringer</p></title><p>Firaz stand vor ihm. Ihre blinden Augen waren weit aufgerissen. �Ihr m�sst gehen, Himmlischer. Sie kommt, Nandalee. Ich habe es gesehen! Ihr d�rft nicht bleiben!�</p><p>Die Gazala warf sich �ber seine Vorderpranken und versuchte, sie anzuheben. �Bitte, Himmlischer! Erhebt Euch! Ich habe es gesehen. Noch ist Zeit. Noch��� Sie drehte sich um. Lie� von ihm ab und wich erschrocken zur�ck.</p><p>Nachtatem blickte auf. Und wie stets ber�hrte es ihn, sie zu sehen. Sie war seine Auserw�hlte. Schon als sie sich zum ersten Mal begegnet waren, hatte er gewusst, dass es so kommen musste. Er mochte ihren rebellischen Geist. Mochte, dass sie immer schon mehr gewesen war als eine M�rderin in Diensten der Himmelsschlangen. So wie sie h�tten die neuen Drachenelfen sein sollen. Stolz, mit einem freien Willen erf�llt. Elfen, die von dem �berzeugt waren, was sie taten, und nicht nur Befehle empfingen, ohne sie zu hinterfragen. Sie war immer so gewesen. Die strahlende Erste einer Zukunft, die nicht mehr kommen w�rde.</p><p>Nandalee trug ihr Prunkgewand. Ein langes, �rmelloses Kleid in strahlendem Bl�tenwei�, ges�umt von goldenen Stickereien. Der Schwanz des schwarzen Drachen wand sich um ihren linken Arm. In der Rechten trug sie den m�chtigen Bidenh�nder, den sie sich zur Waffe erw�hlt hatte. Die schwere Klinge steckte in einer abgewetzten braunen Lederscheide.</p><p>Mit festem Schritt durchquerte Nandalee das flache Wasser. Sie hielt den Kopf stolz erhoben, sah ihm herausfordernd in die Augen. Ihr langes sommerblondes Haar wallte ihr um die Schultern. Sie schien von innen heraus zu strahlen.</p><p>Nachtatem musste schmunzeln. Ihm war bewusst, dass er sah, was er in ihr sehen wollte. �Hattet Ihr Erfolg, meine Dame?�</p><p>�Nein�, sagte sie mit klarer, kalter Stimme. �Und doch stehe ich kurz davor, mir meinen geheimsten Wunsch zu erf�llen.�</p><p>Nandalee hatte ihn nun fast erreicht. Sie zog die Klinge, die er einst erschaffen hatte. Das Schwert, dem er vor einem ganzen Zeitalter seinen unheilschwangeren Namen gegeben hatte: Todbringer.</p><p>Nachtatem hob verwundert sein m�des Haupt. Etwas war fremd an ihr. Sie sollte nach Winter riechen, dem der Welt der Menschenkinder, doch es ging gar kein Geruch von ihr aus. Und sie��</p><p>Ohne zu z�gern rammte sie ihm die lange Klinge in die Kehle. Sein Blut schoss in dunklen Font�nen �ber den schimmernden Stahl. Er wollte etwas sagen, doch die Wunde machte es ihm unm�glich, noch Worte zu formen.</p><p>Die Gazala schrien auf�� doch eilten sie ihm nicht zu Hilfe. Was h�tten sie auch tun k�nnen?</p><p>Er sp�rte, dass diese Wunde ihm nach all den anderen Verletzungen des Tages das Leben nehmen w�rde. Er hatte nicht l�nger die Kraft zu k�mpfen.</p><p>Er sah der Elfe in die Augen. Ihr, der er mehr vertraut hatte als selbst seinen Br�dern. Und er erkannte seinen Irrtum. Ihm begegnete ein Blick, der Jahrhunderte hatte vor�berziehen sehen.</p><p>Nachtatem sp�rte, wie die Klinge seine Lebenskraft stahl. Wie war er an Nandalees Schwert gekommen?</p><p>Zorn wallte in ihm auf. Sie musste tot sein. Nandalee h�tte niemals ihr Schwert aufgegeben! Er wollte�� Sein Kopf sank herab.</p><p>Er hatte sie nicht besch�tzen k�nnen, dachte er verzweifelt. Nicht einmal das.</p><p>�Du warst immer ein Tr�umer, Bruder. Die Welt braucht Tr�umer, doch sie sollten nicht herrschen. Ich musste das �ndern. Endg�ltig. Es tut mir leid.�</p><p>Der Erstgeschl�pfte h�rte ihre Stimme, doch das t�uschte ihn nicht. Er wusste, wer da zu ihm fl�sterte, so leise, dass die Gazala diese letzten Worte nicht h�ren konnten.</p><p>Nachtatem wurde sich bewusst, dass sein eigener Hochmut ihn get�tet hatte. Ihm war immer klar gewesen, was sein Bruder wollte: herrschen. Er h�tte ihn aufhalten k�nnen. Aber er war so dumm gewesen zu glauben, dass noch ein anderer Weg m�glich gewesen w�re als jener, den der Goldene nun beschritten hatte.</p><p>Er sah noch, wie der Goldene den Griff Todbringers packte, um das Schwert zur�ckzuholen. Er sp�rte den Ruck der Klinge. Dann sp�rte er nichts mehr.</p></section><section><title><p>Die M�rderin</p></title><p>Nodon stie� die Luke auf und stieg aus dem Luftaal. Ihre Landung war hart gewesen. Solaiyn jammerte, w�hrend Aloki sich mit �berraschender Leichtigkeit aus dem Aal erhob. Die Schlangenfrau sah sich neugierig um. �Dies also ist der Jadegarten.�</p><p>Der Schwertmeister beobachtete sie misstrauisch, w�hrend die beiden M�dchen aus dem Aal stiegen und Solaiyn halfen.</p><p>�Glaubst du, du musst Nachtatem vor mir besch�tzen?�, fragte sie zischelnd.</p><p>Er entspannte sich ein wenig. Der Gedanke, dass der Erstgeschl�pfte Schutz ben�tigen k�nnte, war in der Tat absurd.</p><p>�Nie wieder setze ich einen Fu� in so einen verfluchten Luftaal�, murrte Solaiyn. �Mir ist spei�bel.�</p><p>�Ich fand es toll!� Lydaine lachte begeistert. �Immer im Kreis und im Kreis. Ich w�rde es sofort noch mal machen.�</p><p>�Sie fliegen nur einmal.�</p><p>Solaiyn h�rte sich jetzt vers�hnlicher an. Wenn er sich den M�dchen zuwandte, war er ein anderer, dachte Nodon. Er erkl�rte den beiden geduldig, dass Zauber der Himmelsschlangen nur in die Luftaale mit den roten Luken gewoben waren, die einzig von den Elfen benutzt werden durften. Sie alle hatten die F�higkeit besessen, ein Mal einen Tunnel zwischen die Welten zu rei�en. Einen Drachenpfad. Nur leider waren die Reisen auf diesen Pfaden �u�erst turbulent. Was das anging, konnte Nodon dem F�rsten nur zustimmen. Auch er wollte nie wieder in einem Luftaal sitzen.</p><p>�Nodon?�</p><p>Der Schwertmeister sah sich erschrocken um. Nah am See, etwa zweihundert Schritt entfernt, stand eine Gruppe von Elfen. Sie hatten Schutz im Schatten eines gro�en Mangobaums gesucht. Der Ruf war von dort gekommen.</p><p>Er war zu leichtfertig, schalt sich Nodon und musterte aufmerksam die Umgebung. Auf der Wiese nah der Pyramide war ein weiterer Luftaal gelandet. Drachenelfen aus der Alten Veste, dachte er. Aber sie waren ganz gewiss nicht allein gekommen. Bestimmt waren alle kostbaren Elfenaale so gut es ging besetzt worden. Das hie�, es gab zehn oder mehr Fremde im Jadegarten. Nachtatem hasste es, hier Besuch zu haben.</p><p>Er ging zum Mangobaum. Sheryll, eine ausgezeichnete Fechterin, die bevorzugt zwei kurze, gekr�mmte Schwerter benutzte, gr��te ihn. Als sie bemerkte, wie er die anderen, die mit ihr gekommen waren, ansah, senkte sie ihren Blick. �Ich konnte sie doch nicht zur�cklassen�, sagte sie leise.</p><p>Wer war er, �ber Sheryll zu urteilen, dachte Nodon. Schlie�lich hatte er die verdammte Schlangenfrau hierhergebracht. Sie war gef�hrlich, das wusste er, auch wenn sie sich jetzt so gab, als w�re sie nur die Leibdienerin Solaiyns.</p><p>Nerv�s griff Nodon nach seinem Schwert. Etwas im Jadegarten stimmte nicht. Es war nur ein unbestimmtes Gef�hl, aber seine Gef�hle hatten ihn in der Vergangenheit selten getrogen.</p><p>Er bemerkte den Pegasusrappen, der im Schatten der Pyramide graste.</p><p>�Nandalee ist vorhin hineingegangen�, sagte Sheryll, die erneut seine Gedanken erriet.</p><p>Solaiyn ging von Aloki begleitet ebenfalls zur Pyramide. Was nahm der F�rst sich heraus? Nodon querte mit einer Eile, die kaum mit seiner W�rde zu vereinbaren war, die Wiese. �F�rst Solaiyn, was tut Ihr da?�</p><p>�Nun, wonach sieht es denn aus, mein Freund? Ich mache dem Drachen, in dessen Garten ich gefallen bin, meine Aufwartung, um mich zu entschuldigen.�</p><p>Nodon vertrat ihm den Weg. �Nachtatem mag es nicht, in seinem Refugium gest�rt zu werden.�</p><p>�Was wir schon getan haben.� Der F�rst sah ihn herausfordernd an. �Also gebietet es mir die H�flichkeit, mich bei ihm zu entschuldigen und ihm zuzusagen, dass wir seinen Garten auf dem schnellsten Weg wieder verlassen werden.�</p><p>Schritte erklangen auf dem Weg, der tief ins Herz der Pyramide f�hrte. Eine Drachenelfe in ihrem wei�en Prachtgewand trat aus dem Halbdunkel der Tunnel, ein blutbesudeltes, langes Schwert in der Hand.</p><p>�Nandalee?�</p><p>Sie sah nur kurz zu Nodon auf, hielt aber auf ihrem Weg nicht inne. Sternauge kam zu ihr gelaufen. Sie sprang auf das Sattelbrett und flog davon, ohne auch nur ein einziges Wort zu sagen.</p><p>Aloki beugte sich nieder, fuhr mit dem Finger durch einen einzelnen Blutstropfen auf den Steinplatten und leckte daran. �Drachenblut�, bemerkte sie ruhig.</p><p>Nodon h�rte die Rufe der Gazala durch die G�nge unter der Pyramide hallen.</p><p>Ohne der Schlangenfrau noch einen weiteren Blick zu schenken, lief er hinab ins Halbdunkel.</p><p>Einige verst�rte Prophetinnen kamen ihm entgegen. �Nandalee!�, riefen sie durcheinander. Und auch: �Drachent�terin!�</p><p>Nodons Gedanken �berschlugen sich in heillosem Chaos. Das konnte nicht sein. Bei allem Streit, der zwischen den beiden immer wieder ausgebrochen war, sie h�tte ihn niemals get�tet. Das war undenkbar! Und doch bef�rchtete er es. Alles, was er gesehen hatte, sprach daf�r. Wie hatte sie��?</p><p>Er erreichte die weite Grotte. Nur wenige Gazala waren noch dort. Nodon erkannte Firaz, die neben Nachtatem kauerte. Er sah friedlich aus. Sein gro�es Haupt war auf seine Vorderpfoten gesunken, fast so, als w�rde er schlafen. Aber Nodon wusste, dass er das nicht tat. Er sp�rte die dunkle Macht nicht mehr, die jeden Ort erf�llt hatte, an dem sein Meister sich aufhielt.</p><p>Er stieg auf die Insel hinauf. Sah das Blut, das den Fels hinablief und sich mit dem Wasser der weiten Grotte vermengte.</p><p>�Sie hat ihn get�tet!�, entfuhr es Solaiyn.</p><p>Nodon war so aufgew�hlt gewesen, dass er gar nicht bemerkt hatte, dass der F�rst ihm gefolgt war.</p><p>�Sie war es! Ich habe ihr blutiges Schwert gesehen. Und sieh dort, an seinem Hals! Die Stichwunde. Er muss ihr bis zuletzt vertraut haben, dass er sie so nah an sich herangelassen hat.�</p><p>Pl�tzlich war sein Schwert in seiner Hand. �Geh!�, fuhr er Solaiyn an. �Geh!�</p><p>Aloki schob sich sch�tzend vor ihren Herrn.</p><p>�Geht beide�, sagte er ein wenig beherrschter. �Und lasst niemanden mehr hier hinab. Ihr steht in der Gruft des Erstgeschl�pften. Es geziemt sich nicht, hier zu sein und ihn anzugaffen.�</p><p>Aloki verneigte sich sanft vor dem toten Drachen. Solaiyn tat das nicht. Dann verlie�en die beiden die Grotte.</p><p>Nodon vermochte nicht zu begreifen, was geschehen war. Alles schien so eindeutig, und doch passte nichts zusammen. Nandalee konnte das nicht getan haben. Er sollte sie befragen. Und er musste sicherstellen, dass niemand etwas �bereiltes unternahm. Gewiss war sie zur Alten Veste geeilt, um nach ihren Kindern zu sehen. Dort w�rde er sie stellen.</p><p>Aber Solaiyn�� wenn der Goldene durch die Augen des F�rsten sah�� Hatte er es vielleicht schon getan? Wenn er jetzt noch retten wollte, was zu retten war, musste er schnell sein. Er wusste, wozu die Himmelsschlangen f�hig waren. Sie w�rden vor nichts zur�ckschrecken, um die M�rderin des Erstgeschl�pften zu strafen.</p><p>Er lief durch die Tunnel, versuchte Solaiyn einzuholen, doch der F�rst hatte schon den Ausgang erreicht und verk�ndete keuchend, was geschehen war.</p><p>�Sheryll�, wies der Schwertmeister die Drachenelfe an. �Du nimmst die beiden Enkelt�chter des F�rsten Solaiyn mit dir zur Alten Veste.� Er hielt mit gezogenem Schwert Aloki auf Abstand. �Mach schnell!�</p><p>�Du willst die M�rderin verteidigen?�, fuhr ihn der F�rst an. �Bist du von Sinnen?�</p><p>�Es kann nicht so gewesen sein, wie es scheint�, beharrte der Schwertmeister.</p><p>Farella und Lydaine leisteten keinen Widerstand, als Sheryll sie mit sich zog. Die wenigen Drachenelfen der Veste, die in den Jadegarten zur�ckgefunden hatten, folgten ihr, ohne Fragen zu stellen.</p><p>�Wir beide haben die M�rderin gesehen, mit ihrem Schwert in der Hand, von dem das Blut des Erstgeschl�pften troff. Welchen Grund gibt es, sie zu decken, Nodon? Bist du etwa Teil dieses Komplotts?�</p><p>Dieser absurde Vorwurf war ihm keine Antwort wert. Ohne Aloki aus den Augen zu lassen, wich er langsam zur�ck. Er musste zur Alten Veste und Nandalee stellen.</p></section><section><title><p>Nur Kinder</p></title><p>�Was soll das hei�en, sie war nicht hier?�</p><p>Farella war �berrascht, Nodon so aufgeregt zu sehen. Niemals h�tte sie erwartet, dass er seine kalte Ruhe verlieren k�nnte. Im Pavillon hatte sie ihn bewundert. Er war nicht in Panik geraten, und nie hatte er auch nur mit einer Wimper gezuckt, wenn Steinkugeln direkt neben ihm gegen die Fenster geschmettert waren. Doch seit der Einbeinige aus dem Palas gekommen war, hatte er v�llig die Fassung verloren.</p><p>�Wo sind die Kinder?�, wollte Nodon nun wissen.</p><p>�In Sicherheit!�</p><p>�Was hei�t das?�</p><p>Der Kr�ppel nahm Nodon beiseite und redete fl�sternd auf ihn ein, sodass Farella kein Wort mehr verstand. Und sie wagte es nicht, n�her an die beiden heranzutreten. Das h�tte nur Verdacht erregt. Kein Kind schlich sich an streitende Fremde heran.</p><p>So blieb ihr nichts, als neben ihrer Schwester auf der steinernen Bank neben den St�llen sitzen zu bleiben. Auch Lydaine beobachtete den Schwertmeister und den Kr�ppel.</p><p>Farella war ein wenig entt�uscht. Sie hatte sich die Alte Veste gr��er vorgestellt.</p><p>Sheryll und die �brigen Drachenelfen, die mit Nodon gekommen waren, verbreiteten die Geschichte vom Tod des Erstgeschl�pften. Farella glaubte f�rmlich zu sp�ren, wie Entsetzen Einzug in die Burg hielt. Es war ihre Aufgabe gewesen, �ber Nachtatem zu wachen. Sie waren nicht nur darin gescheitert, es war auch noch eine aus ihren eigenen Reihen, die den Erstgeschl�pften get�tet hatte.</p><p>�Die werden Nandalee und ihre Kinder gefangen nehmen�, raunte ihr Lydaine zu. Farella hoffte, dass es nicht so kommen w�rde. Sie wollte den Kampf erleben, auf den Bidayn sich so lange vorbereitet hatte und in dem sie eine so wichtige Rolle spielen sollte.</p><p>Sie blickte zum Palas. An einem der Fenster entdeckte sie zwei Kindergesichter. Sie winkte hinauf, doch die beiden reagierten nicht. So also sahen Meliander und Emerelle aus. Zwei richtige Kinder. Bald w�rde sie ihnen begegnen.</p><p>Nodon hatte sich ihr gegen�ber sehr ehrenhaft verhalten. Auf dem Weg zur Festung hatte er sich drei Mal daf�r entschuldigt, dass er sie als Geiseln genommen hatte, und ihnen zugesichert, dass sie sich frei in der Alten Veste bewegen durften, solange sie nicht versuchen w�rden, sie zu verlassen. Nat�rlich hatte sie feierlich mit Lydaine geschworen, dass sie das niemals tun w�rden.</p><p>Jetzt trat der Schwertmeister mitten in den Hof. Er richtete verzweifelte Worte an seine Gef�hrtinnen und Gef�hrten. Beschwor sie, besonnen zu bleiben und ihre Gemeinschaft nicht zerbrechen zu lassen.</p><p>�Nandalee wird kommen! Ihre Kinder sind hier. Sie wird sie nicht im Stich lassen. Und die Himmelsschlangen werden uns nicht angreifen, solange die Enkelt�chter des Feldherrn Solaiyn unsere G�ste sind. Bitte, Br�der und Schwestern, vertraut unserer Gemeinschaft. Das kann nur ein Komplott sein. Ihr alle kennt Nandalee seit vielen Jahren. Sie kann es nicht getan haben!�</p><p>Farella war sich nicht sicher, ob er die Drachenelfen �berzeugt hatte, doch das Tuscheln unter den Kriegern begann nicht von Neuem. Sie bezogen ihre Posten in der kleinen Burg, ohne irgendwelche Fragen zu stellen. War es das, was einen Drachenelfen ausmachte: Gehorsam ohne Zweifel. Eine unheilvolle Stille legte sich �ber den Hof.</p><p>Es war ein hei�er Tag. Die Luft zerfloss �ber dem Pflaster zu glasigen Schlieren. Das war gut. �Jetzt�, raunte sie Lydaine zu. Dann erhob sie sich und setzte ihr unschuldigstes Kleinm�dchengesicht auf. Mit z�gerlichen Schritten ging sie zu Nodon und dem Kr�ppel, die erneut leise miteinander redeten. �Mir ist so heiߠ�. Darf ich in den schattigen, k�hlen Palas, Schwertmeister?�</p><p>�Selbstverst�ndlich, junge Dame.� Nodon schlug einen ausgesucht h�flichen Ton an. �Es tut mir wirklich aufrichtig leid, dass ihr beide unter diesen Umst�nden hierhergekommen seid. Ich werde mit meinem Leben daf�r haften, dass euch kein Leid geschieht.� Er deutete in Richtung des Portals. �Ich habe dir versprochen, dass du dich frei bewegen darfst. M�chte deine Schwester nicht mit dir kommen.�</p><p>Farella sch�ttelte den Kopf und vermied es, dem Schwertmeister in seine unheimlichen Augen zu sehen. �Sie mag die Sonne. Sie will hierbleiben.�</p><p>Mit einem artigen Knicks verabschiedete sie sich und ging hin�ber zum Eingangsportal. Die T�r lie� sich leicht �ffnen. Zwei Lichtbahnen fielen durch Schie�scharten in die Eingangshalle. An dem Platz, den Bidayn ihr beschrieben hatte, stand die tiefe Sch�ssel mit dem Wasser. Farella f�llte sich einen kleinen Becher. Limonensaft war unter das Wasser gemengt worden, das angenehm k�hl ihre Kehle hinabrann.</p><p>Argw�hnisch sah Farella sich um. Sie war ganz allein. Hier in der Alten Veste gab es keine Kobolddiener, die sie vielleicht aus verborgenen Winkeln bespitzeln w�rden.</p><p>Entschlossen zog das M�dchen die Phiole hervor, die Bidayn ihr gegeben hatte, und lie� das Schlafgift darin in die Wassersch�ssel tr�ufeln. Es war geruchs- und geschmackslos. Und es war wohlbemessen. Niemand w�rde einschlafen, aber wer von diesem Wasser trank, w�rde im Kampf benommen und ein leichter Gegner sein.</p><p>Lydaine w�rde in den Brunnen im Hof ein st�rkeres Gift sch�tten.</p><p>Farella war ein wenig entt�uscht. Alles war so einfach gewesen. Und wenn Bidayn in einigen Stunden kam, w�rde es keinen richtigen Kampf geben, nur ein Gemetzel.</p></section><section><title><p>Ich weiss, du hast mich geliebt</p></title><p>Schon als sie durch den Albenstern getreten war, hatte Nandalee gesp�rt, dass etwas nicht stimmte. Mit gezogenem Schwert ging sie auf die flache Insel zu, auf der Nachtatem schlief. Alle Gazala bis auf Firaz waren verschwunden. Sie kauerte beim Kopf des Erstgeschl�pften, als wachte sie �ber seinen Schlaf. Unheimliche Stille hatte sich �ber die weite Grotte gelegt, die sonst vom Murmeln der Orakel erf�llt war.</p><p>Lautlos schritt Nandalee durch das flache Wasser. �Was ist hier geschehen?�</p><p>Firaz zuckte erschrocken zusammen. Die blinden Augen der Seherin starrten in ihre Richtung. �Du? Wie kannst du es wagen, noch einmal zur�ckzukehren?�</p><p>�Was ist hier geschehen?�</p><p>�Geh!�, fauchte die Gazala sie an und kam ihr entgegen. �Geh! Ich verfluche den Tag, an dem du hierhergekommen bist. Den Tag, an dem er dir sein Vertrauen geschenkt hat.�</p><p>Nandalee verstand nicht. Warum erwachte der Dunkle nicht? Sie hatte es geschafft. Dank ihm, das war ihr bewusst. Er hatte an sie geglaubt, und er hatte ihr die Gelegenheit verschafft, nach Daia zu gehen.</p><p>�Ich verfluche dich!�</p><p>Nandalee trat einen Schritt zur�ck. Firaz schlug nach ihr. Es waren unbeholfene Faustschl�ge, denen die Elfe leicht ausweichen konnte. Die Gazala war keine Bedrohung. Aber der Dunkle�� Nandalee wurde sich bewusst, dass seine alles beherrschende, d�stere Pr�senz fehlte. Die Aura seiner Macht, durchwoben von einer Melancholie, wie man sie wohl nur empfinden konnte, wenn man alt wie die Welt war.</p><p>Die Grotte war nicht l�nger ein magischer Ort.</p><p>Nandalee stie� Firaz zur Seite und lief zum flachen Felsen hinauf. Sie ber�hrte das Haupt des Dunklen, strich sanft �ber die schweren Lider, die �ber seine Augen gesunken waren. Sie h�tten warm sein m�ssen. Dann sah sie das Blut auf dem Fels, entdeckte die Wunde. Es war offensichtlich, und doch weigerte sich ihr Verstand, es zu akzeptieren. Er war ewig! Eine Welt ohne ihn hatte es nie gegeben! Er war das erste Gesch�pf der Alben. Der Tod existierte f�r ihn nicht, so zumindest war es Nandalee immer erschienen. Er war �lter als der Tod.</p><p>�M�rderin!� Firaz, die ihr gefolgt war, schlug mit F�usten auf sie ein. Nandalee sp�rte es kaum.</p><p>Die Elfe lie� Todbringer zu Boden gleiten und legte eine zweite Hand auf das kalte Augenlid des Drachen. �Ich wei�, du hast mich geliebt�, sagte sie leise. �Und ich habe es dir schlecht vergolten. Ich��� Ihr fehlten die Worte. Es w�re noch so vieles zu sagen gewesen, h�tte er noch gelebt. Jetzt musste sie an die denken, die noch nicht tot waren. An jene, f�r die sie in den Gelben Turm gegangen war. So w�rde sie sein Andenken wahren. Er h�tte es nicht anders gewollt.</p><p>Sie beugte sich vor und hauchte dem Dunklen einen Kuss auf das Augenlid. �Danke.�</p><p>Firaz hatte sich an sie geklammert. Noch immer schlug die Gazala auf sie ein. Eine Hand griff in Nandalees Gesicht, kratzte ihr die Haut blutig und verfehlte nur knapp ihr rechtes Auge. Sie sch�ttelte die Gazala ab.</p><p>�Ich w�nschte, du und deine Brut, ihr w�rt allesamt bei der Geburt verreckt. Ich verfluche die Stunde, in der ich euch geholfen habe���</p><p>Nandalee nahm ihr Schwert und rannte. Sie musste zu den Kindern. Und sie musste begreifen, wie das hatte geschehen k�nnen. Sie h�tte blind den Weg aus der Pyramide gefunden. Sie dachte daran, wie sie hier eine Gefangene gewesen war. Daran, wie Nachtatem sie erw�hlt hatte, und den Rausch aus Schmerz und Leidenschaft, als er sie t�towierte. Wie konnte er tot sein?</p><p>Benommen von dem, was sie nicht begreifen konnte, trat sie aus der Pyramide. Da waren andere Elfen. Und eine schlangenhafte Kreatur��</p><p>�Ergreift sie!�, rief eine befehlsgewohnte Stimme. Das musste Solaiyn sein. Nodon hatte ihr von dem F�rsten erz�hlt. �Packt die M�rderin!�</p><p>Nandalee sprach ein Wort der Macht und nahm der Zeit ihre Hast. Die Worte des Elfenf�rsten wurden zu gedehnten, unverst�ndlichen Lauten. Seine Bewegungen verlangsamten sich.</p><p>Sie wollte nicht k�mpfen. Sie wollte ihre Kinder retten. Ihre Kinder! Warum waren sie nicht mehr in der Pyramide? Sie blickte auf zu der Alten Veste, die sich in die weite H�hle in der Steilwand duckte. Dort w�rde sie alle Antworten finden.</p><p>Sie begann zu laufen, wie sie noch nie in ihrem Leben gelaufen war.</p></section><section><title><p>Im Zweifel</p></title><p>Nodon hatte geahnt, dass es so kommen musste. Er h�tte es so getan. Und er war vorbereitet. Die anderen hatten nichts bemerkt. F�r sie stand er nur reglos Wache, doch hatte er den Puls der Zeit verlangsamt. Es war ein gef�hrliches, kr�ftezehrendes Spiel. Das magische Netz, das unsichtbar die Welt durchdrang, k�mpfte gegen ihn an. Er hatte begonnen, sich diesem Zauber zu widmen, als er gesehen hatte, wie schnell Aloki war. Er hatte sich ihr nie mehr ausgeliefert f�hlen wollen. Und auch nicht Bidayn. Manche Geschichten aus der Welt der Menschen waren selbst bis zu ihm gedrungen. Die Art, wie ihre Unsterblichen starben. Er wusste, was dort geschehen war. Und er wusste, dass es auch hier geschehen w�rde. Alles lief darauf hinaus. Die einzige Frage, die blieb, war, wer zuerst kommen w�rde: Nandalee oder Bidayn.</p><p>Nandalee gab ihm die Antwort. Er erwartete sie beim Tor. Angespannt. Er wusste, wie t�dlich sie war. Es w�re ungef�hrlicher, sie mit gezogenem Schwert zu erwarten. Aber er brauchte Antworten.</p><p>Sie kam den Weg zur Veste hinauf, so schnell, dass ihre Konturen zu einem wei�en Schemen verschmolzen, und das, obwohl auch er f�r sich den Lauf der Zeit ver�ndert hatte.</p><p>Nodon lie� alle Vorsicht fahren und verst�rkte seinen Zauber gegen den Widerstand der magischen Welt.</p><p>Keinen Augenblick zu fr�h. Sie kam durch das Tor. Seinen Fausthieb sah sie nicht kommen. Sie musste blind vor Sorge um ihre Kinder sein.</p><p>Der Treffer wirbelte Nandalee herum, lie� sie hart gegen die Mauer des Torturms schlagen. Doch sie war nicht benommen. Sofort hob sie Todbringer, bereit zum Gegenangriff.</p><p>Nodon sah ihren gehetzten, verzweifelten Blick. Er wusste, dass ihm nur ein Herzschlag blieb, bevor sie auf ihn losgehen w�rde. �Reden oder k�mpfen?�</p><p>Sie lie� die Waffe nicht sinken, griff aber auch nicht an. �Der Dunkle�� Wer?�, schrie sie ihn an.</p><p>Er sah, dass ihr Gewand zerfetzt war. Sie blutete aus vielen leichten Wunden. Ein Umhang lag um ihre Schultern, und in ihrem Haar schmolz Eis gewordener Schnee. Sie sah ganz anders aus als vor der Pyramide.</p><p>�Alle glauben, du h�ttest Nachtatem get�tet.�</p><p>�L�gen!� Sie trat einen Schritt vor.</p><p>Nodon legte die Hand an den Schwertgriff. Noch einen Schritt durfte er ihr nicht gew�hren, sonst k�nnte er nicht mehr schnell genug ziehen, um ihren Angriff abzuwehren. �Ich selbst sah dich mit blutigem Schwert aus der Pyramide kommen.�</p><p>Ihre Augen weiteten sich. Sie wirkte ersch�ttert. �Das kann nicht sein�, sagte sie leise.</p><p>Nodon blickte hastig zu den anderen Wachen. Auch wenn sie beide die Zeit beschleunigt hatten, w�rden sie f�r die anderen sichtbar werden, wenn sie zu lange an einer Stelle stehen blieben.</p><p>Nandalee hatte sofort begriffen. �Zieh dein Schwert, lass uns einander umkreisen, so verschwimmen wir zu Schemen.�</p><p>Eben noch war Nodon unsicher gewesen, doch nun hatte er das Gef�hl, dass es kl�ger war, ihr nicht l�nger unbewaffnet gegen�berzustehen. Da war immer noch der gehetzte Blick in ihren Augen. Sie wollte zu ihren Kindern. Viel Zeit zum Reden w�rde ihm nicht bleiben.</p><p>Leise zischend glitt sein Schwert aus der Scheide. Er wusste, wie sie k�mpfte. Wusste, welche Vorteile ihm seine k�rzere, schnellere Klinge gew�hrte. Wenn sie es herausforderte, w�rde er nicht z�gern, sie zu t�ten. �Alle halten dich f�r eine M�rderin. Ich war nicht der Einzige, der dich aus der Pyramide kommen sah. Solaiyn und etliche andere waren ebenfalls dort.�</p><p>�Alles f�gt sich ganz wunderbar, nicht wahr?�, sagte sie bitter. �Ich lag viele Jahre im Streit mit Nachtatem, und nun habe ich die Gunst der Stunde genutzt und ihn get�tet.�</p><p>�Genau so werden es viele sehen.�</p><p>�Der Erstgeschl�pfte hat mich nach Daia geschickt. Ich war im Gelben Turm und habe das Traumeis gestohlen.� Sie deutete mit einem Nicken zu dem Lederbeutel an ihrem G�rtel.</p><p>�Es sind Stunden vergangen, seit du aus der Pyramide gekommen bist. Du kannst die Zeit dehnen. Du h�ttest es���</p><p>�Wenn ich vor dem Gelben Turm die Zeit gedehnt h�tte, w�re ich wie ein Leuchtfeuer f�r die Devanthar gewesen.�</p><p>�Die Devanthar, die <emphasis>alle</emphasis> auf Nangog waren, um zu k�mpfen?� Er wollte ihr glauben, aber er brauchte bessere Beweise.</p><p>Nandalee lie� den Bidenh�nder sinken. �Ich trete vor den Rat der Himmelsschlangen�, sagte sie entschieden.</p><p>Misstrauisch beobachtete Nodon, wie sie in die Hocke ging. Seine Klinge folgte ihren Bewegungen. Er war gefasst auf einen pl�tzlichen Angriff, der nicht kam. Sie legte das Schwert auf den Boden und richtete sich wieder auf. �Ich ergebe mich dir.�</p><p>War das ein Trick? Er war sich nicht sicher.</p><p>Die Elfe trat von ihrem Schwert zur�ck, sodass er einen Fu� auf die Klinge stellen konnte. W�rde sie das tun, wenn sie schuldig war? Vielleicht�� Bei jeder anderen Elfe h�tten die Himmelsschlangen in den Erinnerungen geforscht. Sie h�tten sich mithilfe von Magie den Zugang zu ihrem Ged�chtnis erzwungen und gewusst, was Wahrheit war und was L�ge. Doch bei Nandalee war das unm�glich, das wusste er. Auch argw�hnte er, dass vielleicht einigen der Himmelsschlangen an einer schnellen Verurteilung der Elfe gelegen sein konnte. Er aber wollte kein Urteil. Er wollte die Wahrheit �ber den Tod des Drachen, dem er so lange gedient hatte.</p><p>�Hast du noch irgendeinen anderen Beweis f�r die Wahrheit deiner Geschichte?�</p><p>Sie sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Warum kommst du so sp�t?�</p><p>�Sternauge wurde get�tet. Ein metallener Tausendf��ler drang durch sein Auge in sein Hirn. Ich hatte einen langen Weg bis zum n�chsten Albenstern.�</p><p>Der Schwertmeister seufzte. Auch das konnte einfach nur eine Geschichte sein. Und doch, vor der Pyramide war sie mit ihrem Pegasus erschienen und in unversehrter Kleidung. Nachtatem hatte sie geliebt, obwohl sie seine aufs�ssigste Dienerin war. Vielleicht auch gerade deshalb. Er hingegen hatte sich selbst immer als den hingebungsvollsten Diener des Erstgeschl�pften gesehen. Das wollte er auch �ber den Tod seines Gebieters hinaus sein. Alles, was er jetzt noch f�r Nachtatem tun konnte, war, so lange an Nandalees Seite zu stehen, bis er ganz sicher wusste, ob sie die Wahrheit sprach oder ihn anlog. Niemand sonst w�rde sich diese M�he machen. Die Beweise gegen Nandalee waren zu erdr�ckend. Die Himmelsschlangen w�rden sie schnell aburteilen. Nachtatem h�tte gewollt, dass er sie besch�tzte. Sie und ihre Kinder. Er w�rde sich allerdings��</p><p>Schlieren von Dunkelheit tasteten sich durch den Torbogen in die Alte Veste. Langsam, wie Tentakel aus Fleisch gewordener Nacht, schoben sie sich in den Hof. Der Angriff hatte begonnen. Nodon stie� den Bidenh�nder mit dem Fu� zu Nandalee. �Nimm Eleborn und die Kinder, ich werde sie so lange aufhalten, wie ich kann.�</p></section><section><title><p>Die im Dunkel</p></title><p>Bidayn sah, wie Valarielle Dunkelheit durch den Torbogen der Alten Veste blies. Die schwarzen Rauchschlieren griffen schnell in den Hof hinein und f�llten ihn. Keiner ihrer Feinde war zu sehen, aber ihre Gef�hrten wussten, wo die Wachen stehen w�rden. Bidayn hatte mit Bedacht bis zur D�mmerung gewartet. So hatte die Besatzung der kleinen Burg Zeit genug gehabt, von dem mit Schlafgift versetzten Wasser zu trinken. Jetzt tat es ihr leid, zu dieser Kriegslist gegriffen zu haben. Wom�glich w�rde ihr Kampf zu leicht werden.</p><p>Lemuel, der ihre Adler h�tete, lief als Erster durch das Tor. Sie hatten die gro�en V�gel am Fu� der Felsen zur�ckgelassen, um durch ihren Anflug keine Aufmerksamkeit zu erwecken. Dort unten hatten sie auch den Zauber gewirkt, der die Zeit ihrem Willen unterwarf. So war es m�glich gewesen, so schnell den schmalen Weg zur Veste hinaufzukommen, dass keine Wache sie bemerken konnte.</p><p>Kyra folgte ihm. Lemuel sollte sich links halten, die M�rchenerz�hlerin, die in den letzten Jahren ihre Schwertkunst noch weiter verbessert hatte, ging durch die Mitte. Als sie schwer verletzt aus Nangog zur�ckgekehrt war, hatte Bidayn bef�rchtet, im letzten Kampf auf sie verzichten zu m�ssen, doch der Goldene selbst hatte Kyra geheilt.</p><p>Bidayn entschied, sich rechts zu halten, um in den St�llen das zu tun, wovor ihre Gef�hrten vielleicht zur�ckschrecken w�rden. Asfahal aber w�rde im Tor bleiben, um jeden aufzuhalten, der es vielleicht schaffte, den Schwertern der Angreifer zu entkommen. Die gr��te St�rke der Alten Veste war auch ihre gr��te Schw�che: Es gab nur einen Weg hinein oder hinaus. Niemand w�rde diesem Angriff entkommen.</p><p>Bidayn sprach ein weiteres Wort der Macht, dann trat sie ins Dunkel. Valarielle hatte ihren Zauber so lange verfeinert, dass selbst das Verborgene Auge, dem sich sonst die magische Welt offenbarte, nicht die Finsternis durchdringen konnte. Das Einzige, was half, war, die anderen Sinne zu sch�rfen, was Bidayn mit einem weiteren Zauber getan hatte. Deutlich h�rte sie nun das feine Klingeln der Silbergl�ckchen, die sie alle um ihre Fu�kn�chel gebunden hatten. Links von ihr traf Stahl auf Stahl. Lemuel musste einem Feind begegnet sein, der auf sie vorbereitet war. Kyra w�rde dem Adlerreiter zu Hilfe eilen.</p><p>Bidayn trat in die Stallungen f�r die Pegasi. Der Geruch der Tiere �berw�ltigte fast ihre �berempfindliche Nase. Doch da war noch ein anderer Duft. Waffen�l! Der Geruch einer gut gepflegten Klinge.</p><p>Bidayn durchstach die Finsternis gleich neben der Stallt�r. Ihre Klinge traf auf Widerstand. Wer immer dort stand, starb, bevor er sie nur hatte bemerken k�nnen. Sie stie� ihr Schwert hoch in den Leib, zog es heraus und versetzte dem Feind, den der Duft seines Schwertes verraten hatte, zur Sicherheit noch einen zweiten Stich.</p><p>Ein Rumoren lag in der Luft. Die Pegasi waren unruhig, doch f�r Bidayn gab es kein Wiehern, kein Stampfen mit Hufen, nur bis zur Unkenntlichkeit gedehnte Laute. Es stank nach Fell und Pferde�pfeln, darunter mischte sich nun der Duft frisch vergossenen Blutes. Eine zweite Wache war in den St�llen nicht zu erwarten. So lie� Bidayn sich Zeit und trat vor den ersten Pegasus, ertastete seinen Hals und streichelte ihn sanft. Das Fell f�hlte sich samtig und warm an. �Es tut mir leid�, sagte sie sanft und schnitt mit ihrer Klinge tief in die Kehle des Pegasus.</p><p>Ruhig ging sie weiter zum n�chsten Verschlag. Es musste getan werden. Nandalee und ihren Kindern durfte keine auch noch so kleine M�glichkeit zur Flucht gelassen werden. Ihre Gef�hrten h�tten vor dem Mord an den Pegasi vielleicht zur�ckgeschreckt. Au�er Asfahal hatten sie alle einst einen gefl�gelten Hengst besessen. Und wie alle Drachenelfen hatten sie ihre stolzen Himmelsr�sser geliebt. Dass sie jetzt auf den gro�en Schwarzkopfadlern flogen, war allein der Art geschuldet, wie sie k�mpften. Ihrer Liebe zu den Pegasi hatte dies keinen Abbruch getan. Doch heute durften solche Befindlichkeiten keine Rolle spielen.</p><p>Die Elfe t�tete alle sechs R�sser.</p><p>Als sie auf den Hof trat, kam ihr das leise Klingeln von Silbergl�ckchen entgegen.</p><p>�Bidayn?�</p><p>Kyras Stimme klang ruhig und dunkel.</p><p>�Ja?�</p><p>�Die Wachen auf dem Wehrgang und im Turm sind tot. Sie m�ssen vom Wasser getrunken haben. Es war, als w�rde ich Schlafende abstechen.� Nicht der leiseste Hauch des Bedauerns lag in ihrer Stimme. Das, was Kyra durch den Unsterblichen der Zapote widerfahren war, hatte den letzten Funken von Mitgef�hl in ihr ausgel�scht. �Die beiden M�dchen sind im Turm. Sie werden uns nicht im Weg sein, wenn wir es zu Ende bringen.�</p><p>Vom Palas erklang Schwertergeklirr.</p><p>Bidayn begann zu laufen. Sie hatte sich zu lange auf diesen Tag vorbereitet. Nun wollte sie mindestens einen echten Kampf haben, bevor es vor�ber war.</p></section><section><title><p>Ein offensichtliches Geheimnis</p></title><p>Nodon ber�hrte Sheryll sanft am Arm und bedeutete ihr mit einer weiteren Ber�hrung, nach links zu gehen. Er h�rte das leise Klingeln von mindestens zwei Angreifern.</p><p>Sheryll war die Letzte, die noch lebte. Die einzige unter seinen Drachenelfen, die den Zauber gemeistert hatte, der f�r sie die Zeit dehnte.</p><p>Nodon wich zur Treppe zur�ck und stie� mit dem Fu� gegen einen K�rper am Boden. Kalte Wut stieg in ihm auf. Statt mit Nandalee zu reden, h�tte er die anderen auf den Angriff vorbereiten sollen. Es war das zweite Mal, dass er heute versagt hatte. Nachtatem war tot, ebenso wie es nun auch die meisten seiner Drachenelfen waren.</p><p>Schwerter klirrten. Sheryll st�hnte auf. Er hastete zu ihr hin�ber. Verfluchte Finsternis. Er sollte den Quell dieses Zaubers finden. Dann w�ren sie den Angreifern nicht ganz so hoffnungslos unterlegen.</p><p>Vielleicht hielt die Zauberweberin sich ja aus dem Kampf zur�ck? Nodon hielt inne. Er h�rte gepresstes Atmen. So wie man atmete, wenn man einen Schmerz unterdr�ckte. Sheryll musste verwundet sein.</p><p>Wieder ert�nten Schwertklingen. Er konnte h�ren, dass Sheryll in der Defensive war, nur noch zur�ckwich und mit ihren beiden Klingen verzweifelt versuchte, den Feind aufzuhalten.</p><p>Glocken fl�sterten neben ihm. Er hielt den Atem an. Dann lie� er sein Schwert ins Dunkel wirbeln. Er hasste es, zuzuschlagen und nicht zu sehen, was er angriff. Doch es war nicht nur Dunkelheit, die sein Schwert durchschnitt.</p><p>Ein kurzer, japsender Laut erklang. Jemand fiel zu Boden. Neuerlicher Schwertersturm �bert�nte die Ger�usche. Nodon kniete nieder, als er Sheryll aufschreien h�rte.</p><p>Seine H�nde ertasteten einen Leib vor ihm auf dem Boden. Ein leises Frauenkeuchen erklang. Er dr�ckte ihr die Hand auf den Mund und schnitt ihr die Kehle durch.</p><p>�Valarielle?�, rief jemand leise.</p><p>Nodon erinnerte sich, vor vielen Jahren bei einem Besuch in der Wei�en Halle einem schwarzhaarigen M�dchen begegnet zu sein, das diesen Namen getragen hatte. Die Meister hatten damals gesagt, sie habe das Talent, einst zu einer gro�en Zauberweberin zu werden. Doch sie konnte es nicht gewesen sein, die die Dunkelheit herbeigerufen hatte. Es wurde nicht heller.</p><p>Stattdessen h�rte Nodon zwei weitere K�mpfer mit Gl�ckchen an den Kn�cheln durch das Portal eintreten. Gegen drei w�rde er nicht bestehen. Es gab nur noch eine Hoffnung! Er griff nach den Gl�ckchen am Fu�gelenk der Toten. Vorsichtig l�ste er sie. Dann pirschte er zur Treppe, die rechts des Portals hinauf zur Galerie f�hrte.</p><p>Auch auf der Treppe auf der gegen�berliegenden Seite der Halle ert�nte feiner Silberklang.</p><p>Nodon strebte dem Flur entgegen, an dem die Zimmer der Drachenelfen lagen.</p><p>Der Silberklang war nun unmittelbar vor ihm. Und da war noch ein nur allzu vertrauter Laut. Das Ger�usch einer Klinge, die durch Luft schnitt. Er warf sich zur�ck.</p><p>Zu sp�t! Der Stahl traf seinen rechten Oberarm und schnitt bis auf den Knochen. Den Schmerz ignorierend, warf er sich nach vorn. Seine Stirn traf mitten ins Gesicht des Angreifers. Er h�rte dessen Nasenbein knirschen, packte ihn und dr�ngte ihn gegen das Gel�nder der Galerie, das unmittelbar hinter ihnen lag. Ein zweiter Sto�, und sein Gegner verlor das Gleichgewicht. Mit einem entsetzten Schrei st�rzte er in die Tiefe.</p><p>Nodon lie� das Band mit den Silbergl�ckchen fallen, das er noch in der Linken hielt. Es hatte ihm nicht geholfen, sondern ihn verraten. Der Klang der Gl�ckchen musste sich um eine feine Nuance unterscheiden, sodass die Angreifer stets wussten, wer von ihnen wo stand. Und damit, dass er nicht geantwortet hatte, hatte er verraten, dass er nicht Valarielle war.</p><p>Sein Gegner schlug auf den Boden der Eingangshalle und fluchte leise. Der verdammte Bastard hatte auch noch Gl�ck! Offenbar hatte er sich nicht das Genick gebrochen.</p><p>Nodon floh in den Gang in Richtung seines Zimmers. Er riss eine T�r auf und lie� sie wieder zufallen. Dann schlich er weiter, sorgsam darauf bedacht, kein Ger�usch zu verursachen.</p><p>Die Angreifer konnten nun nicht sicher sein, ob er sich nicht in eines der Zimmer am Flur gefl�chtet hatte. Das w�rde sie ein wenig aufhalten.</p><p>Lautlos schob er sein Schwert in die Scheide und tastete nach seinem Arm. Die Wunde blutete stark. Sobald die anderen die Dunkelheit bannten, w�rde seine Blutspur verraten, wohin er gegangen war. Er erreichte das Ende des Flurs. An der Stirnseite hing ein Gobelin, der einen Pegasus-Schimmel zeigte. Nodon schob den schweren Wandteppich zur Seite und tastete nach dem Stein, der sich ins Mauerwerk hineindr�cken lie�. Diese verborgene T�r war ein so offensichtliches Geheimnis, dass es nicht lange dauern w�rde, bis seine Verfolger sie fanden. Aber so sollte es auch sein.</p><p>Lautlos glitt die Stirnwand zur Seite, und Nodon trat in einen Tunnel, der nach Felsstaub roch. Auch hier herrschte absolute Finsternis. Er hielt inne, l�ste seinen Schwertgurt und schlang ihn so eng es ging um seinen rechten Oberarm, um die Blutung zu stillen.</p><p>Erst als er sich halbwegs sicher war, keine Spur verr�terischer Blutstr�pfchen zu hinterlassen, stand er auf und folgte dem Tunnel. Sorgsam z�hlte er die Schritte. Bei dreiunddrei�ig hielt er inne. Bevor er �ber die unebene Felswand tastete, wischte er seine blutbesudelte Linke sorgf�ltig an seiner Hose ab. Er durfte keine Spur hinterlassen!</p><p>Bald fand er den Felsvorsprung, der sich gro� wie ein H�hnerei in seine Hand schmiegte, und drehte ihn leicht nach links. Eine zweite verborgene T�r �ffnete sich. Ein Meisterwerk der Tarnung. Nodon hatte sie im Fackelschein betrachtet, als der Dunkle diesen Tunnel vollendet hatte. Wer nicht wusste, wo er suchen musste, w�rde es schwer haben, sie zu finden.</p><p>Niedergeschlagen trat er in den Tunnel, der ihn in die W�ste jenseits des Jadegartens f�hren w�rde.</p></section><section><title><p>Die Vogelfreundin</p></title><p>Bidayn kniete neben Valarielle. In der Dunkelheit konnte sie die Wunden ihrer Gef�hrtin nur ertasten. Die Zauberweberin war tot, daran konnte es keinen Zweifel geben. Aber ihr Zauber dauerte an. Wie war das m�glich? Die Dunkelheit wollte einfach nicht weichen. Und wie hatten Nodon, Nandalee, der Kr�ppel und die Kinder entkommen k�nnen?</p><p>Angst �berkam Bidayn. Jahrelang hatten sie sich auf diesen Angriff vorbereitet. Und er war missgl�ckt! Sie wagte kaum, sich auszumalen, was geschehen w�rde, wenn sie dem Goldenen unter die Augen treten musste, um das zu berichten.</p><p>Ob sie noch hier waren? In irgendeinem geheimen Unterschlupf in der Veste? Asfahal hatte geschworen, dass niemand an ihm vorbeigekommen war, und sie glaubte ihm. Also musste es noch einen zweiten Ausgang geben.</p><p>Valarielles M�rder war nach oben in den Flur entkommen. Dort musste das Versteck sein. Sie durfte jetzt nicht aufgeben! Sie w�rde das Loch finden, in dem Nandalee und die anderen sich verkrochen hatten.</p><p>�Bringt sie hinaus!�, befahl sie Asfahal und Lemuel. Der Adlerreiter hinkte. Nichts Ernstes, aber bei einer Verfolgung w�rde er sie nur aufhalten. �Du kommst mit mir, Kyra. Ich vertraue auf deine Instinkte. Du wirst mir den R�cken freihalten.�</p><p>Bidayn schritt die Treppe hinauf. Von dem Besuch, den sie hier gemacht hatte, wusste sie sogar noch die Zahl der Stufen. Vom Treppenabsatz waren es achtundzwanzig Schritte bis zur T�r von Nandalees Zimmer. Dort war sie schon gewesen. In jedem Zimmer an diesem verfluchten Flur. Aber Nandalee und ihre Gefolgschaft blieben unauffindbar. Wenn sie wenigstens Licht h�tten! Die Dunkelheit, die sie gerufen hatten, hatte sich gegen sie gewandt, dachte Bidayn bitter. Sie wollte nicht mehr weichen.</p><p>Das Geheimnis der Entflohenen verbarg sich in diesem Flur. Schritt um Schritt tastete sich Bidayn vorw�rts. Ihr Stiefel rutschte. Ganz leicht nur. Etwas Schmieriges war auf dem Boden. Vorhin war ihr das nicht aufgefallen. Aber vorhin war sie auch auf der anderen Seite des Flurs gegangen.</p><p>Die Elfe ging in die Hocke und tastete �ber den Boden. Da war Blut. Ein wenig klebrig, schon leicht angetrocknet. Lemuel hatte also die Wahrheit gesagt. Er hatte seinen Gegner verwundet. Und er war sich sicher gewesen, dass er gegen einen Mann gek�mpft hatte. Das konnte nur Nodon gewesen sein. Bidayn seufzte erleichtert. Das war ein Hoffnungsschimmer. Ihr vielleicht gef�hrlichster Gegner war geschw�cht. Und er w�rde ihr den Weg weisen.</p><p>Sie sprach ein Wort der Macht, und der metallische Duft des Blutes war f�r ihre Sinne hundertfach verst�rkt. Sie vermochte ihm nun so leicht zu folgen wie einem Lichtstrahl durch die Dunkelheit.</p><p>Die Blutspur f�hrte sie zur Wand am Ende des Flurs. Ihre tastenden H�nde strichen �ber den Wandteppich. Kyra zog ihn schon zur Seite. Etwas klackte leise.</p><p>�Du bist schnell�, bemerkte Bidayn anerkennend.</p><p>�Es war beleidigend simpel�, entgegnete sie, doch schwang auch ein wenig Stolz in ihrer Stimme.</p><p>Bidayn sp�rte einen leichten Luftzug auf dem Gesicht, als sie in den Tunnel trat. Die W�nde waren nicht gegl�ttet. Es war eine hastige Arbeit.</p><p>Die Drachenelfe witterte, ging ein St�ck vor und kam wieder zur�ck. Der Blutgeruch wurde im Tunnel schw�cher. Sie ging in die Hocke, tastete �ber den Boden und fluchte. Unmittelbar hinter der T�r konnte sie eine kleine Blutlache ertasten. Das bedeutete, Nodon hatte hier verharrt und seine Wunde abgebunden.</p><p>Aber es gab noch eine letzte M�glichkeit. Sie konnte die Kinder finden. Und dort, wo Meliander und Emerelle waren, befand sich sicher auch Nandalee. Bidayn schloss die Augen und wob den Zauber, den der Goldene sie nur widerstrebend gelehrt hatte. Sie wusste nicht, warum er ein solches Geheimnis darum machte. Es dauerte ein wenig, doch dann fand sie eine Verbindung zu den beiden Ringen, die der Goldene den Kindern geschenkt hatte. Sie waren nicht weit fort. Sie konnte zwei einzelne F�den im Gespinst der magischen Matrix ersp�ren, die sie nun mit den Ringen verbanden. Sie musste sie nicht einmal sehen. Sie konnte ihnen blind folgen.</p><p>�Den Tunnel entlang�, sagte sie zuversichtlich.</p><p>Mit den H�nden �ber die unebenen W�nde tastend, arbeiteten sie sich langsam vorw�rts. Es war ein langer Weg, der in geschwungenem Bogen zur Steilwand, die sich �ber dem Jadegarten erstreckte, f�hrte. Bald sahen sie ein rechteckiges St�ck Sternenhimmel.</p><p>Bidayn sp�rte, wie sie den Kindern n�her und n�her kam. Der Tunnel endete auf einem Felssims hoch �ber dem Tal. Doch hier war nichts! Es gab keinen Weg hinab oder hinauf.</p><p>Sie standen quasi im Himmel. Dennoch sp�rte sie die Ringe.</p><p>Tauben gurrten leise. Sie hatten sie in ihrem Schlaf aufgeschreckt.</p><p>Bidayn blickte auf und sah ein P�rchen, ganz nah auf einem Felsvorsprung. Ihr Nest bestand nur aus einem Kreis d�rrer �ste. Die beiden dr�ckten sich gegeneinander, als g�ben sie sich gegenseitig Halt. Und da sah die Elfe etwas an ihren F��en im Licht der Sterne funkeln. Die beiden Ringe. Nandalee hatte sie den Tauben aufgesteckt, und obwohl Bidayn damit endg�ltig die Spur ihrer einstigen Freundin verloren hatte, konnte sie nicht anders und musste lachen. Sie dachte an ihre Zeit in der Wei�en Halle zur�ck. Daran, wie Nandalee das Ei der Misteldrossel bebr�tet hatte und wie sehr sie den kleinen Vogel sp�ter umhegt hatte.</p><p>Auch sie hatte den Vogel manchmal gef�ttert. Piep hatte Nandalee ihn genannt. Sie erinnerte sich, wie sie mit ihrer Freundin im selben Bett geschlafen hatte, wenn sie sich f�rchtete. So viele Jahre waren seitdem vergangen. So verschieden waren ihre Wege gewesen.</p><p>�Du kehrst besser zu den anderen zur�ck�, sagte sie Kyra. �Ihr solltet den Jadegarten verlassen. Wenn ihr klug seid, werdet ihr schnell und weit reisen. Ich werde dem Goldenen die Nachricht �berbringen, dass wir die Spur von Nandalee und ihren Kindern verloren haben. Und ich wei� nicht, wie er es aufnehmen wird.�</p></section><section><title><p>Ein Hauch von Hoffnung</p></title><p>Wieder sah Nandalee die kreisenden Schatten am Nachthimmel. F�r Geier waren sie zu gro�. F�r Drachen zu klein. Und Pegasi hatte sie so nie fliegen sehen.</p><p>Sie wusste nicht, wohin sie sich wenden sollte. Der W�stenstreifen, der den Jadegarten umgab, war viele Meilen breit. Und bis zum n�chsten Albenstern waren es mehr als f�nfzig Meilen. Sie w�rden ihn nicht vor dem n�chsten Nachmittag erreichen. Aber schon im Morgengrauen w�rden ihre Verfolger damit beginnen, in der W�ste nach ihnen zu suchen. Da war sie sich sicher.</p><p>Wegen der Kinder sprach sie nicht dar�ber, aber sie konnte es an den Gesichtern von Eleborn und Nodon ablesen, dass auch sie wussten, was sie alle erwartete. Ihre Spur im Sand war sehr auff�llig. Es war unm�glich, sie nicht zu bemerken.</p><p>Der Schwertmeister st�tzte Eleborn, der mit seiner Kr�cke immer wieder im Sand eingesackt war. Dennoch kamen sie nur langsam voran. Sie selbst trug Meliander auf ihren Schultern. Er war eingeschlafen.</p><p>�Ich bin m�de�, sagte Emerelle leise.</p><p>Sie hatte sich bisher gut gehalten. Nicht gejammert und keine Fragen gestellt. Aber sie war solche M�rsche nicht gew�hnt.</p><p>�Nur ein kleines St�ck noch. Siehst du die Schatten am Himmel?�</p><p>M�de hob die Kleine den Kopf.</p><p>�Was glaubst du, was das ist.�</p><p>�Pegasi�, antwortete Emerelle ohne zu z�gern.</p><p>�Aber die Himmelspferde kommen normalerweise nicht in die W�ste. Was glaubst du, warum sie hier sind? Sieh nur, einige landen jetzt. Und andere steigen wieder in den Himmel.�</p><p>Ihre Tochter beobachtete eine Weile die Schatten. �Ich glaube, sie haben ein Geheimnis.�</p><p>Das dachte Nandalee auch. Und sollten die Himmelsr�sser entgegen ihrer Gewohnheiten nicht sofort davonfliegen, wenn sich Elfen zeigten, gab es vielleicht noch einen Hauch von Hoffnung.</p><p>�Sollen wir dem Geheimnis nachsp�ren?�</p><p>�Ja!� Emerelles M�digkeit schien vergessen. F�r den Augenblick. Aber es lag noch mindestens eine Meile Weg vor ihnen.</p><p>Ihre Tochter dr�ckte fest ihre Hand. Sie hatte den beiden nicht gesagt, dass Nachtatem tot war und sie nun gejagt wurden. Eleborn hatte angedeutet, dass etwas in der Pyramide geschehen war, aber in Anwesenheit der Kinder hatte er nicht dar�ber reden wollen. Wozu auch viele Worte machen? Ihr Schicksal war ohnehin unausweichlich.</p><p>Auch Nodon zog es vor zu schweigen. Hatte er ihr geglaubt? Oder hielt auch er sie f�r die M�rderin Nachtatems? Die Intrige gegen sie war wohldurchdacht. Sie w�rde sie niemals entkr�ften k�nnen. Bis ans Ende aller Zeiten w�rde man sie unter den Elfen als die heimt�ckische Verr�terin kennen, die den Erstgeschl�pften ermordet hatte.</p><p>Der Goldene hatte am Ende obsiegt. Er w�rde die Himmelsschlangen nun anf�hren. Und er w�rde sich die Kinder holen. Nandalee ballte in hilfloser Wut die F�uste. Sie konnte nichts dagegen tun. Zumindest w�rden die zwei �berleben. Schlie�lich hielt er sie f�r seine Brut.</p><p>Sie versuchte, all diese Gedanken zu vergessen. Dies war ihre letzte Nacht. Sie sollte sie genie�en. Jetzt dr�ckte sie Emerelles Hand. Ihre Tochter sah zu ihr auf und l�chelte.</p><p>�Wir ergr�nden ein Geheimnis, und Meliander wird es verschlafen�, sagte sie gut gelaunt.</p><p>Nandalee konnte nicht anders, als auch zu l�cheln.</p><p>Nun, da sie alles losgelassen hatte und sie sich ihrem Schicksal stellte, war ihr Herz ein wenig leichter. Es war eine wundersch�ne Nacht. Sie erfreute sich am Licht der Sterne und der k�hlen Brise, die den Sand um ihre Kn�chel tanzen lie�.</p><p>Ein Wiehern st�rte die Stille der Nacht. Eine wei�e Pegasusstute kam auf sie zugaloppiert. Etwa zehn Schritt entfernt blieb sie stehen und weitete die Fl�gel. Es schien, als wollte der Schimmel sie warnen, n�her zu kommen.</p><p>�Ich glaube, sie wird uns treten�, sagte Emerelle eingesch�chtert.</p><p>Nandalee kniete nieder und legte Meliander behutsam in den warmen Sand. �Ich gehe zu ihr. Passt du auf deinen Bruder auf?�</p><p>Emerelle nickte.</p><p>Nandalee gab Nodon und Eleborn ein Zeichen, stehen zu bleiben. Dann hob sie beide H�nde und ging langsam auf die Stute zu, wobei sie beruhigend auf sie einsprach.</p><p>Das Tier stampfte nerv�s und schnaubte herausfordernd. Kurz bevor Nandalee es erreichte, weitete es bedrohlich seine m�chtigen Schwingen.</p><p>�Wir werden deine Herde nicht st�ren�, sagte sie leise. �Ruhig, meine Sch�ne. Ganz ruhig.� Sie wob Magie in ihre Worte und verst�rkte den Geruch Sternauges, der noch an ihren Kleidern haftete. Pegasi waren zug�nglicher, wenn man roch wie sie.</p><p>Immer noch stampfte die Stute mit den Hufen. Nandalee war jetzt bis auf drei Schritt an sie heran.</p><p>Ein zweiter und dritter Pegasus landeten hinter der Stute und kamen mit bedrohlich geweiteten Schwingen n�her.</p><p>�Ich bin verwundet�, sagte Nandalee. �Und ich bin auf der Flucht. Drachen jagen mich.� Ihr war bewusst, dass die Stute sie nicht verstand, aber sie wusste nicht, was sie sonst sagen sollte. Sie musste die Pegasi friedlich stimmen. Die Himmelsr�sser w�rden �ber ihr Leben oder ihren Tod entscheiden.</p><p>�Bitte, ich muss meine Jungen retten.� Zoll um Zoll arbeitete sie sich an die Stute heran. Zwei Mal scheute sie zur�ck, dann gestattete sie es, dass Nandalee ihre N�stern ber�hrte.</p><p>Die beiden anderen Pegasi waren nur noch einen Schritt entfernt. Beide hatten die Ohren angelegt. Eine falsche Bewegung, und sie w�rden sie mit trommelnden Hufen angreifen.</p><p>Doch die Stute schien Vertrauen zu ihr gefasst zu haben. Sie lie� es zu, dass Nandalee ihre Stirn streichelte. Und nun wagte sie etwas, das sie oft mit Sternauge getan hatte. Sie presste ihre Stirn an die der Stute und versuchte, sie an all ihren Gef�hlen teilhaben zu lassen. An ihrem Zorn und ihrer Angst wegen der Himmelsschlangen. An ihrer Trauer um Sternauge und an der Sorge um ihre Kinder.</p><p>Auch sie sp�rte etwas. Trauer. Dieses Gef�hl teilten sie beide. Als sie in die gro�en schwarzen Augen der Stute aufblickte, war alle Scheu daraus verschwunden. Sie wandte den Kopf zur Seite, ging zwei Schritte und blickte dann zu Nandalee zur�ck, als wollte sie sie auffordern, ihr zu folgen. Auch die beiden anderen Pegasi wirkten nicht mehr so nerv�s wie vorhin noch.</p><p>Nandalee erklomm eine flache D�ne. Auf der R�ckseite sah sie einen dunklen K�rper, halb im Flugsand versunken. Ein Rappe.</p><p>Die Stute hielt neben ihm an. Sanft stie� sie mit den N�stern gegen den leblosen K�rper, als hoffte sie, sie k�nne ihn so aufwecken.</p><p>Die Elfe stieg zu dem toten Hengst herab. Sie streichelte ihn. Sein Kopf war schon halb im Sand versunken. �Es tut mir leid�, sagte sie leise und dachte an Sternauge. Nicht einmal ein Tag war vergangen, seit sie von ihm Abschied genommen hatte.</p><p>Nach einiger Zeit stand sie auf und ging zu den anderen zur�ck. Die drei Pegasi blieben bei ihrem Toten.</p><p>�Und, hast du das Geheimnis herausgefunden?�, best�rmte Emerelle sie.</p><p>�Ja.�</p><p>�Darf ich es auch sehen? Bitte!�</p><p>�Manche Geheimnisse sind traurig, wir jagen ihnen nach, doch wenn wir sie finden, stecken wir uns an ihrer Traurigkeit an. Dieses ist so ein Geheimnis. Willst du es wirklich wissen?�</p><p>Emerelle z�gerte kurz, dann nickte sie.</p><p>Nandalee nahm sie bei der Hand und f�hrte sie zum Kamm der D�ne. Dort verharrte sie kurz, bis sie sich sicher war, dass die Stute erlaubte, dass sie noch einmal zur�ckkam.</p><p>�Ein toter Pegasus?�, sagte Emerelle leise und klang weniger ersch�ttert als entt�uscht.</p><p>�Ich glaube, es war ihr Gef�hrte oder ihr Bruder�, sagte Nandalee, und als sie den Eindruck hatte, dass die Stute es gestattete, dass sie sich noch einmal n�herten, ging sie mit Emerelle hinab.</p><p>Ihre Tochter kniete sich neben den Kopf, so wie sie es eben getan hatte. Sie schob Sand zur Seite. �Er sieht aus wie Sternauge�, sagte sie leise, ohne in ihrer Arbeit innezuhalten.</p><p>Jetzt erst sah Nandalee die Blesse, die eben noch unter dem Sand verborgen gewesen war. Sie �hnelte der von Sternauge nicht nur. Sie war genau gleich!</p><p>Pl�tzlich gab Emerelle einen halb erstickten Laut von sich und sprang auf. Sofort scheuten die Pegasi und wichen zur�ck. Nandalee zog ihre Tochter zu sich in die Arme. Und dann sah sie, was Emerelle erschreckt hatte: Ein tiefer, sandverklebter Schnitt klaffte im Hals des Pegasus.</p><p>�Wer tut so etwas?�, schluchzte sie. �Das ist so b�se!�</p><p>�Ich wei� es nicht.� Nandalee dr�ckte ihre Tochter an sich und strich ihr �ber das Haar, bis sie sich beruhigte.</p><p>Aus den Augenwinkeln sah sie Nodon und Eleborn, die zum Kamm der D�ne heraufgestiegen waren. Die beiden hatten alles gesehen.</p><p>�Kannst du ihm den Sand aus der M�hne streichen, oder graut es dir zu sehr vor ihm? Ich glaube, die Stute w�rde es m�gen, wenn du das tust.�</p><p>Emerelle nickte, doch Tr�nen standen ihr in den Augen.</p><p>Als sie sich wieder neben dem toten Hengst niederlie�, stieg Nandalee die D�ne hinauf.</p><p>�Er sieht aus wie Sternauge�, sagte Nodon kalt, und es war �berdeutlich, dass all seine Zweifel an ihrer Geschichte wieder erwacht waren.</p><p>�Es ist nicht Sternauge! Benutze deinen Verstand. Warum h�tte ich ihn hier t�ten sollen? Wie w�re ich von hier zum Albenstern im Jadegarten gelangt?�</p><p>�Du kannst sehr schnell sein, wenn du willst.�</p><p>Er klang noch distanzierter. W�rde er sie zum Kampf herausfordern? Hier, vor den Kindern?</p><p>�Sternauge starb in dem Tal, in dem der Gelbe Turm steht�, erkl�rte sie beschw�rend. �Glaubst du wirklich, ich w�rde meinen Pegasus ermorden? Welchen Grund h�tte ich dazu?�</p><p>Die letzte Frage schien ihn zum Nachdenken zu bringen. Jedenfalls nickte er z�gerlich.</p><p>�Ich werde versuchen, die Pegasi dazu zu bringen, uns zu helfen. Vielleicht tragen sie uns zu einem Albenstern.�</p><p>�Besser, unsere Wege trennen sich schon hier, und sie tragen uns zu drei verschiedenen Albensternen�, warf Nodon ein. �Das wird es den Himmelsschlangen schwerer machen, uns zu verfolgen.�</p><p>Das war ein vern�nftiger Einwand, doch Nandalee sp�rte, dass es dem Schwertmeister vor allem darum ging, fort von ihr zu kommen. Er konnte ihre N�he nicht l�nger ertragen.</p><p>Sie griff nach dem Lederbeutel an ihrem G�rtel, nahm eines der Stoffr�llchen heraus und �berreichte es Eleborn. �Ich habe das Traumeis gefunden. Ich werde dir nie genug f�r all das danken k�nnen, was du f�r die Kinder und auch f�r mich getan hast.� Sie stockte. �Vielleicht wird dir das Traumeis helfen, wieder der zu sein, der du einst warst.�</p><p>Er sch�ttelte den Kopf. �Ich werde mir mehr als nur ein Bein wachsen lassen. Ich werde mich von Grund auf ver�ndern. Nach allem, was geschehen ist, bedauere ich, jemals ein Drachenelf gewesen zu sein.�</p><p>Nandalee bemerkte den ver�chtlichen Blick Nodons. Er w�rde immer ein Drachenelf bleiben, ganz gleich wie viel Zeit verging. Sie war sich auch sicher, dass er sich keinen neuen Meister suchen w�rde. Seine Treue geh�rte allein Nachtatem. Sie gab auch ihm eines der Stoffr�llchen. �Wann immer du an mir zweifelst, nimm dies in die Hand. Ich war im Gelben Turm, und ich habe Nachtatem niemals verraten.�</p><p>Es war unm�glich, in seinen schwarzen Augen zu lesen, was er dachte. Nandalee hoffte, dass sie ihn niemals zum Feind haben w�rde. Er w�rde sie finden, wenn er zu der �berzeugung gelangte, dass sie die M�rderin seines Herrn war. Und wenn es dazu kam, w�rde es keine Gelegenheit zu reden mehr geben.</p><p>�Ich wei�, wohin ich gehen werde�, durchbrach Eleborn das beklemmende Schweigen zwischen ihnen. �Ich werde���</p><p>�Lass uns nicht voneinander wissen!�, unterbrach ihn Nodon schroff. �Die Himmelsschlangen werden uns nachstellen. Sollten sie einen von uns finden, ist es besser, wenn wir nicht verraten k�nnen, wo die anderen sind.�</p><p>Er hatte recht, und doch fand es Nandalee niederschmetternd, sich so zu trennen.</p><p>Sie ging zu den Pegasi. Noch einmal stand sie Stirn an Stirn mit der Stute. Und schlie�lich gestatteten die beiden Hengste Eleborn und Nodon aufzusteigen. Ohne ein weiteres Wort des Abschieds flogen sie in den Nachthimmel davon.</p><p>Nandalee hob Meliander auf, der noch immer schlafend im Sand ruhte. Mit ihm in den Armen ging sie zu Emerelle.</p><p>Ihre Tochter hatte die M�hne des toten Hengstes mit den Fingern ausgek�mmt und den tiefen Schnitt im Hals wieder unter Sand verschwinden lassen. Die Stute trat hinter sie und stupste sie sanft mit der Schnauze in den Nacken, als wollte sie sich bedanken.</p><p>�Wohin gehen wir, Mama?�</p><p>Nandalee sah all die anderen unausgesprochenen Fragen in den Augen ihrer Tochter und wusste, dass sie schweigen w�rde. Zumindest in dieser Nacht. Manchmal war sie schon zu erwachsen, dachte sie bedr�ckt. �Wir machen eine weite Reise. Ihr beide wolltet doch immer schon fort aus dem Jadegarten. Wir werden W�sten und Dschungel erkunden, ich werde euch den Winter in Carandamon zeigen, wo ich gelebt habe, als ich Kind war, und die Basare von Drashnapur. Alle Wunder dieser Welt werde ich mit euch teilen.�</p><p>Emerelles Augen strahlten.</p><p>Was sie ihr nicht sagen w�rde, war, dass sie gleich beim ersten Durchschreiten eines Albensterns absichtlich einen Fehler machen w�rde. Sie wollte nicht allein an einen anderen Ort. Sie wollte in die Zukunft gehen. Zehn, vielleicht f�nfzehn Jahre.</p><p>Nachtatem hatte gesagt, Meliander und Emerelle w�rden eine gro�e Zukunft haben. Der sollten sie etwas n�her kommen, denn eine Gegenwart hatten sie alle drei nicht mehr.</p></section><section><title><p>Ohne Mass</p></title><p>Der Zorn der Himmelsschlangen kannte kein Ma�. Wohin Bidayn auch blickte, der Horizont stand in Flammen. Seit Stunden schon w�teten die Drachen �ber dem Bainne Tyr, und obwohl das Grasland viele Meilen entfernt war, trieb der Wind die Asche bis zu den Felsen des Jadegartens.</p><p>Der Goldene hatte allen befohlen, hier hinaufzusteigen, um dem Strafgericht beizuwohnen. Solaiyn war da und seine Schlangenfrau, Farella, Lydaine und die anderen Elfen, die sich mit den Luftaalen hierher gerettet hatten, alle Kobolddiener der verborgenen Oase, ja selbst die Gazala, die von ihnen allen am meisten darunter litten, den ganzen Tag unter der sengenden Sonne zu stehen.</p><p>Keiner wagte es, ein Wort zu sagen oder gar in die Oase hinabzusteigen, um Wasser zu holen.</p><p>Die Himmelsschlangen waren sp�t am Morgen gekommen. Bidayn vermutete, dass sie sich noch beraten hatten. Sie wussten, dass ihr Bruder Nachtatem tot war. Der Goldene hatte sogar gewusst, dass Nandalee entkommen war. Sein Zorn war ausgeblieben, und er hatte vielmehr lobende Worte f�r ihren harten Kampf gefunden und ihr sein Beileid f�r Valarielle ausgesprochen.</p><p>Dann waren die Himmelsschlangen hinaus in die W�ste geflogen, und als sie wiederkamen, war alles anders gewesen. Ihr Zorn hatte keine Grenzen mehr gekannt. Sie hatten die Spuren von Nandalee und den Kindern gefunden. Die M�rderin und ihre Helfer waren in der W�ste auf Pegasi getroffen. Dort, wo es eigentlich keine Pegasi h�tte geben d�rfen. Und die Himmelsr�sser hatten die Fl�chtlinge davongetragen, ohne eine Spur zu hinterlassen.</p><p>Sie alle waren hier versammelt, weil ihnen der Goldene eine Lektion erteilen wollte: Das Strafgericht, das sich vor ihren Augen abspielte, w�rde k�nftig jeden treffen, der der M�rderin half. Und sie sollten es in die Welt hinaustragen, damit alle erfuhren, was hier geschehen war.</p><p>Was die Himmelsschlangen so erz�rnt hatte, konnte Bidayn nur erraten. Vielleicht hatte der Goldene in der Silberschale eine Zukunft gesehen, in der er Nandalee in der W�ste stellte, sie t�tete und ihre Kinder zu sich nahm? Dabei h�tte doch gerade er wissen m�ssen, wie tr�gerisch die Bilder waren, die jene verfluchte Schale zeigte.</p><p>Ein weiterer Flammenstrahl erhellte den Horizont.</p><p>Bidayn sah die Angst in den Gesichtern der anderen. Nandalee w�rde es k�nftig schwer haben, einen Unterschlupf zu finden.</p><p>Kaum dass der Feuerschein verschwunden war, stand ein Blauer Stern �ber dem brennenden Grasland. Das Himmelsschiff des S�ngers! Kaum ein Albenkind hatte es nicht mindestens ein Mal in seinem Leben gesehen. Der Blaue Stern stand f�r Hoffnung. Und auch wenn der S�nger sich nie leibhaftig zeigte, so lie� er sie durch sein Himmelsschiff doch als Einziger wissen, dass die Alben mehr waren als nur Geschichten.</p></section><section><title><p>Der blaue Stern</p></title><p>Der Blaue Stern war wie aus dem Nichts am rauchverhangenen Himmel erschienen.</p><p>Der Goldene landete zwischen den Kadavern verbrannter Pegasi. Der Geruch des gebratenen Fleischs lie� Speichel von seinen Lefzen tropfen. Herausfordernd sah er zum Himmelsschiff des S�ngers empor. Sollten sie nur kommen, die Alben.</p><p><emphasis>Wir m�ssen nicht kommen, wir sind immer da.</emphasis> Die Worte waren in seinem Kopf. Ein St�ck voraus erschien ein unstet tanzendes silbernes Licht.</p><p>Sie wagten es nicht, sich in seiner Gegenwart in Fleisch zu kleiden, dachte er abf�llig.</p><p><emphasis>Du irrst. Wir ehren dich nicht damit, uns zu offenbaren. Du und deine Br�der, ihr seid ohne Ma� und ohne Weisheit. Nichts von dem, was ihr heute begonnen habt, wird Bestand haben</emphasis>.</p><p>�Wir sind der Schild eurer Welt. Wir tun, was ihr l�ngst aufgegeben habt.�</p><p><emphasis>Wir haben nie eine Welt zerst�rt. Auch haben wir niemals Tausende unserer Kinder auf dem Altar unseres Stolzes geopfert. Albenmark war beh�tet. Nangog war euch verboten. Habt ihr all dies vergessen?</emphasis></p><p>�Ihr habt uns Macht gegeben, um uns dann zu verlassen. Also wundert euch nicht, dass wir diese Macht nun nutzen. Eure vermeintliche Freiheit f�hrt nur zu Unsicherheit und Chaos. Heute ist der erste Tag der neuen Ordnung. Und auf die Schrecken dieses Tages werden Frieden und Sicherheit folgen.�</p><p><emphasis>Frieden, wie ihn die Pegasi erfahren haben? Ihr habt sie alle gefunden. Es gibt keine Pegasi mehr in Albenmark. Was f�r ein Gef�hl ist das, etwas f�r immer in dieser Welt vernichtet zu haben? Der Welt, die zu sch�tzen wir euch Himmelsschlangen erschaffen haben.</emphasis></p><p>Leere Worte, dachte er ver�rgert. Phrasen, hinter denen sich jene versteckten, die l�ngst aufgegeben hatten, die Welt zu ordnen. �Am Anfang aller Ordnung steht ein Opfer. Ein paar tote Pferde erscheinen mir ein geringer Preis f�r den Frieden zu sein.�</p><p>Das Licht wurde so grell, dass der Goldene den Blick senken musste.</p><p><emphasis>Du tr�umst von einem Zeitalter der Drachen. Einem Zeitalter, in dem du dich vom H�ter zum Herrscher aufschwingst. Nun wisse: Wir Alben haben der Ordnung heute auch ein Opfer gebracht, und auch wenn du es noch nicht sp�rst, ist es bereits vollzogen. Du und deine Br�der, ihr habt unsere Gunst verloren. Wir haben euch Himmelsschlangen die Gnade genommen, alterslos zu sein. Ihr werdet erfahren,</emphasis><emphasis>wie es ist, euch jeden Tag ein wenig zu verlieren. Jene anderen Drachen aber, denen wir Vernunft geschenkt hatten, werden dazu verflucht sein, dass ihre Brut in Zukunft das sein wird, als das ihr euch heute geb�rdet habt: Raubtiere! Statt des Verstandes, den ihre Eltern nicht zu nutzen wussten, werden Instinkte ihr Leben beherrschen.</emphasis></p><p>Das Licht verblasste. Der Blaue Stern verschwand, und der Goldene blieb zur�ck inmitten von Rauch und Asche.</p></section><section><title><p>Ein geschenkter Traum</p></title><p>Artax b�umte sich auf. Es war dunkel. Er war so eng eingeschn�rt, dass er sich kaum bewegen konnte, und ein mit Speichel vollgesogenes St�ck Stoff steckte in seinem Mund.</p><p>�Ist ja schon gut, ich hab gesehen, dass du erwacht bist.�</p><p>Ein Ruck, und er schlug auf einen festen Untergrund. Dann wurde er herum und herum gewirbelt. Die Dunkelheit wich einem grenzenlosen blauen Himmel, dessen ferner Horizont in blassem Rosa verging. Artax tastete um sich. Er lag auf einem Teppich. �ber ihm stand breitbeinig Shaya.</p><p>�Versuch jetzt nichts Dummes. Ich kenne mehr gemeine Tricks als du, und ich w�rde dir nur ungern wehtun.� Sie grinste ihn breit an, auf eine Art, wie sie es lange nicht mehr getan hatte. Ganz mit sich und der Welt im Reinen.</p><p>�Wo bin ich?� Das Land, das ihn umgab, war flach und steinig. Gesprenkelt von vertrockneten Grasb�scheln und kr�ftig lila bl�henden Disteln. Ein Land, das ihm seltsam vertraut vorkam und dessen Anblick ihn mit Sehnsucht erf�llte. �Wo bin ich?�, fragte er erneut.</p><p>�Das K�nigreich hei�t Aram, die Provinz Nari, und wie das n�chste Kaff hei�t, wissen allein die G�tter.�</p><p>Artax setzte sich auf. �Was hast du getan?�</p><p>�Das einzig Richtige. �brigens waren Ashot und ich darin ausnahmsweise einmal einer Meinung. Er war es, der dir hinterr�cks den Schlag auf den Kopf gegeben hat. Mich wollte er das nicht machen lassen. Er hatte wohl Angst, dass ich dir den Sch�del einschlage.�</p><p>�Wie konntest du���</p><p>�Es war Blut auf den Monden! Das war ein �beraus schlechtes Omen. Ashot war derselben Meinung. Er fand auch, dass die Erdbeben ein schlechtes Omen waren. Da war ich mir nicht ganz so sicher���</p><p>�Weil die Monde rot waren und die Erde gebebt hat, dachtest du, du entf�hrst mich. Mich, den Unsterblichen? Und das am Abend vor der Schlacht!�</p><p>Shaya sah ihn beleidigt an. �So leicht habe ich es mir nat�rlich nicht gemacht. Ich war bei Volodi und habe ihm davon erz�hlt. Er hat mir gezeigt, was Quetzalli gemacht hat, wenn sie den Schleier der Zukunft zerrei�en wollte. Wir haben gemeinsam einen schwarzen Hahn geschlachtet.�</p><p>Artax st�hnte. �Lass mich raten�� die Leber war voller schwarzer Flecke und W�rmer.�</p><p>Shaya sch�ttelte den Kopf. �Nein, sie war v�llig in Ordnung, aber nachdem ich mit Volodi ein wenig getrunken hatte, waren wir �bereinstimmend der Meinung, dass nur Zapote auf diese Weise die Zukunft bestimmen sollten und H�hnerlebern f�r alle anderen keine Aussagekraft haben. Er fand es �brigens eine gute Idee, dich vom Schlachtfeld fernzuhalten. Er meinte, du seist zu sehr in den Tod verliebt.�</p><p>Das sagte der Richtige, dachte Artax, sprach es aber nicht aus. �Ich habe f�r immer mein Gesicht verloren�, sagte er ersch�ttert.</p><p>�Du meinst diese st�hlerne Maske unter dem L�wenhelm? Ashot hat deine R�stung angelegt. Der Unsterbliche Aaron hat also auf dem Kommandodeck gestanden und seine Flotte befehligt, wie es die Pflicht verlangt. Niemand wird bemerkt haben, dass du fehlst.�</p><p>�Ich bin mehr als eine R�stung�, sagte er gekr�nkt.</p><p>Shaya ergriff seine H�nde. �Endlich sind wir einer Meinung. Du bist unendlich viel mehr. Du bist der Mann, der seinem K�nigreich all seine Tr�ume geopfert hat. Der selbstlose Herrscher, den alle lieben und der doch an seiner Selbstlosigkeit schon fast zerbrochen ist. Glaubst du, ich h�tte nicht gesehen, wie du dir Tag f�r Tag neue B�rden auferlegt hast? Und wei�t du, worin Ashot und ich noch einer Meinung waren?�</p><p>Sie lie� ihm keine Zeit, darauf zu antworten.</p><p>�Wir beide waren �berzeugt, dass es dir egal w�re, ob du in einer Schlacht stirbst oder nicht. Wer so denkt, der kommt nicht mehr zur�ck.�</p><p>Artax f�hlte sich ertappt. Manchmal hatte er wirklich gedacht, der Tod sei ein Segen, so unendlich m�de machte ihn die Herrschaft.</p><p>Shaya wies in weit ausholender Geste �ber das Land. �Ich hoffe, das hier entspricht deinen Vorstellungen. Du hast mir so oft von der Sch�nheit von Distelbl�ten vorgeschw�rmt. Also bitte, Distelbl�ten bis zum Horizont.�</p><p>Er mochte das Lila der Bl�ten. Wenn der Wind �ber ein Distelfeld blies und es auf und nieder wogte, sah es aus wie ein lila Ozean.</p><p>�Gef�llt es dir auch?�</p><p>Shaya sah ihn �berrascht an. �Ob mir ein Meer von Disteln gef�llt? Dieses Land ist keinen Hundefurz wert. Hier kann man keine Pferde weiden. Nicht einmal eine Ziege, die auch nur ein bisschen Hirn in ihrem Sch�del tr�gt, w�rde sich in so ein Distelfeld wagen. Das hier ist dein Traum, nicht meiner.�</p><p>�Dann ist es nichts wert. Ich habe mir immer vorgestellt, dass wir zusammen ein Geh�ft���</p><p>�Ja, ja. Du hast mir �fter als einmal erz�hlt, wie wunderbar es ist, mit nackten F��en in warmem Mist zu stehen. Noch so ein Traum, den wir nicht teilen��� Sie l�chelte, wie nur sie l�cheln konnte. Dann deutete sie nach Osten. �Ein paar Meilen in diese Richtung soll es einen Bach geben und an seinen Ufern ganz passables Weideland.�</p><p>�Das ganz bestimmt schon jemandem geh�rt���</p><p>Shaya blickte zu den beiden Packtieren, die auf der staubigen Stra�e standen. �Wir haben ein paar Beutel Gold dabei. Ich bin zuversichtlich, dass am Ende alle zufrieden sein werden. Und sollte jemand uneinsichtig sein��� Sie legte die Hand auf die Dornaxt an ihrem G�rtel. �Du wei�t ja, dass ich sehr �berzeugend sein kann.�</p><p>Er lachte und dachte bei sich, dass er die Verhandlungen f�hren w�rde.</p><p>�Der L�wenh�uptige wird kommen und uns holen.� Und wahrscheinlich bestrafen��</p><p>Sie wirkte ver�rgert. �Du k�nntest aufh�ren, dich zu waschen, deinen Bart nicht mehr �len und eine schmutzige Tunika tragen. Dann siehst du aus wie tausend andere Bauern auch.�</p><p>�Ich glaube, ich habe mich in dich verliebt, weil du so unglaublich charmant sein kannst.�</p><p>Ihr �rger war verflogen, aber ihre Augen wirkten traurig. �Ich wei�, dass der L�wenh�uptige uns finden wird, wenn er es will. Wahrscheinlich haben wir nur diesen einen Abend f�r unseren Traum. Deshalb ist es so wichtig, dass wir die Zeit gut nutzen und nicht hier herumstehen und reden. Ich m�chte mit dir am Ufer des Flusses liegen, dem Wasser lauschen, zu viel Wein trinken und dich lieben, bis die Sonne wieder aufgeht.�</p><p>Er ergriff ihre Hand. So viele Jahre hatte er versucht, anderen ein gutes Leben zu schenken. Seine eigenen Tr�ume hatte er dabei l�ngst aufgegeben. �Gut, dass es dich gibt�, sagte er leise. �Nutzen wir diese eine Nacht.�</p></section></section><section><title><p>Epilog</p></title><subtitle>Viele Jahrhunderte sp�ter��</subtitle><p>Da waren sie wieder, die flackernden Schatten. Dem Ebermann war bewusst, dass die Menschenkinder stundenlang reglos vor der Eiswand knien mussten, damit er sie �berhaupt wahrnahm. Sie beteten zu ihm! Wie sie ihn wohl nannten?</p><p>Sie hatten ein l�cherlich schlecht gearbeitetes Holzbild dort drau�en am Eingang der H�hle aufgestellt. Es war mit Hunderten N�geln gespickt. Was f�r erb�rmliche Wichte das sein mussten, wenn ihnen schon ein Nagel als ein angemessenes Geschenk f�r einen Gott erschien!</p><p>Der Devanthar wusste nicht, wie viele Jahrhunderte vergangen waren, seit seine Geschwister ihn eingesperrt hatten. Geduldig hatte er den Zauber studiert, der seinen Kerker versiegelte. Er hatte versucht, ihn zu zerst�ren, und gelernt, dass dieses verfluchte magische Gespinst die au�erordentliche F�higkeit besa�, Schaden, der ihm zugef�gt wurde, durch die Kraft der Albenpfade zu heilen.</p><p>Doch mit der Zeit lie� die Macht des Zaubers nach. Oder vielleicht war es auch seine Macht, die wuchs. Er wusste, er w�rde entkommen. Er war nicht darauf angewiesen, dass I�ta ihm die Gnade erwies, ihn zu befreien. Seine Br�der und Schwestern schienen den Gelben Turm aufgegeben zu haben. Seit langer Zeit sp�rte er ihre Pr�senz nicht mehr in der Welt. Es war folgerichtig, wenn sie Nangog zum neuen Mittelpunkt ihrer Herrschaft gemacht hatten, oder vielleicht sogar Albenmark. Daia war die Welt, aus der sie gekommen waren. Sie war sicher. In den anderen Welten hingegen mussten sie ihre Herrschaft erst noch festigen.</p><p>Der Ebermann stand vor der Scheibe aus tr�bem Eis und betrachtete einen Betenden, der dort kauerte. Ein paar Herzschl�ge nur, dann war er verschwunden. Wieder blickte er auf das Holzbild. F�r was hielten ihn diese Barbaren? Einen b�rtigen Kerl?</p><p>Er schnaubte. Nicht mehr lange, und er w�rde ausbrechen. Immer wieder hatte er sich ausgemalt, was er als Erstes tun w�rde. Vermutlich klares Quellwasser trinken. Er vermisste es, etwas zu schmecken. Bei dem Gedanken an Blut und warmes Fleisch wurde ihm ganz flau. Er ben�tigte kein Essen, um zu leben. Aber es war ein Genuss, etwas zu schmecken. Seine Hauer in warmes Fleisch zu schlagen. Es zu schlucken.</p><p>Er w�rde kein Wort �ber den Verrat von I�ta, Langarm und dem Gefiederten verlieren. Ob Anatu noch lebte? Egal! Auch das war nicht seine Sorge. Er w�rde sich anpassen. Er w�rde allein durch die Wildnis streifen, so wie fr�her. Und er w�rde Elfen jagen. Lyvianne war der Schl�ssel zu seinem Ungl�ck gewesen. Er h�tte sie t�ten sollen, als er entdeckte, dass sie nach der zweiten H�lfte des Herzens Nangogs suchte. Wie hatte er glauben k�nnen, dass Elfen und Devanthar ein Ziel verfolgen k�nnten!</p><p>Seine Krallen glitten �ber das Eis. Dieses Mal hinterlie�en sie tiefe Schrammen. Nicht mehr lange, und der Bannzauber w�rde brechen.</p></section><section><title><p>Danksagung</p></title><p>Warum erscheint ein Buch ein halbes Jahr sp�ter als angek�ndigt? Das ist eine Frage, die ich mir in den letzten Monaten des �fteren�� v�llig zu recht�� anh�ren musste. Die Gr�nde sind vielschichtig, doch einer steht sehr im Vordergrund: Trennungsschmerzen! L�cheln Sie? Viele der Figuren aus diesem Buch haben mich f�r mehr als sechs Jahre begleitet. Da der <emphasis>Drachenelfen</emphasis>-Zyklus nun abgeschlossen ist, werde ich die meisten von ihnen nicht wiedersehen. Sie sind in dieser langen Zeit in meiner Fantasie sehr lebendig geworden und verlangten sehr energisch nach einem guten Ende. (Nicht zu verwechseln mit einem Happy End.) So ist der Abschlussband der <emphasis>Drachenelfen</emphasis>-Saga mit fast 1100 Seiten das umfangreichste all meiner Elfen-B�cher geworden.</p><p>Ich hoffe, dass es Euch, liebe Leserinnen und Leser, ganz �hnlich ergehen wird wie mir, und Ihr am Ende ebenfalls zufrieden, vielleicht auch ein wenig wehm�tig, das Buch zuschlagt. Der Epilog endet �brigens unmittelbar vor dem Beginn des Romans <emphasis>Die Elfen,</emphasis> sodass sich auch hier ein Kreis schlie�t und ein Weg, der vor zw�lf Jahren begonnen hat, nun wieder zu seinem Ausgangspunkt f�hrt.</p><p>Der Weg des Autors ist oft einsam und besteht aus vielen Stunden unentschlossenen Br�tens, ob die Geschichten, die man ersinnt, auch wirklich lesenswert sind. In diesen Stunden sind es die unz�hligen Mails, Briefe, Posts und freundlichen Kritiken, die ich erhalten habe, die mir Mut und Kraft geben. Auch wenn ich nur selten antworte, lese ich doch fast alles, was mir �ber meine Homepage oder meine Facebook-Seite geschickt wird. Sie lassen mich schmunzeln oder ber�hren mich, und manchmal schenken sie mir auch neue Ideen f�r meine B�cher. Dass ich diese Briefe�� insbesondere die unerledigten�� selten vergesse, wissen alle, die mich bei Lesungen darauf ansprechen. Probieren Sie es aus!</p><p>Entschuldigen muss ich mich�� wieder einmal�� bei meiner Familie, bei Xinyi, Melike und Pascal, denen meine Arbeit in diesem Jahr ein sehr spezielles Weihnachten beschert hat, bei dem ich mehr Zeit in Albenmark verbrachte als neben unserem Tannenbaum. Es waren die durchgekicherten Fr�hst�cke, wilde Schwertk�mpfe mit Latexklingen und Ginseng-Tees tief in der Nacht, die mich nie ganz vergessen lie�en, in welche Welt ich geh�re.</p><p>Als treue Weggef�hrten auf dem Schlachtfeld der Literatur erwiesen sich: Karl-Heinz, der nie m�de wurde, meine unorthodoxen Ansichten zur Verteilung von Kommas in Texten mit den Regeln der Rechtschreibung in Einklang zu bringen. Elke, die darauf achtete, dass einige verbale Eskapaden meiner Elfen wieder auf den Boden des allgemein Verst�ndlichen zur�ckfanden und Babette, die mich wieder einmal dabei erwischt hat, das ich nicht alle mit dem richtigen Namen angesprochen habe.</p><p>Tr�ume, die Musik geworden sind, schenkte mir erneut Maite Itoiz, die mich in langen Schreibn�chten mit exklusiven H�rproben neuer Lieder versorgte und dar�ber hinaus in den dunkleren Stunden des Jahres eine treue Freundin war.</p><p>Wieder war es Martina Vogl, die den Roman als Lektorin betreute und mit Empathie meine Reisen durch jene verwunschenen Welten begleitete, die ihr inzwischen genauso vertraut sind wie mir. Danke f�r die R�ckendeckung und den unersch�tterlichen Glauben an ein gutes, wenn auch etwas versp�tetes Ende.</p><p>Mein besonderer Dank aber gilt all jenen Buchh�ndlerinnen und Buchh�ndlern, die den Elfen so lange schon die Treue halten. Jenen, mit denen ich in den vergangenen Jahren so viele gute und manchmal auch schwere Gespr�che gef�hrt habe und denen ihr Beruf auch in diesen unruhigen Zeiten Berufung geblieben ist. Wir wissen: B�cher sind mehr als ein Gesch�ft, sie sind eine Leidenschaft.</p><cite><text-author>Bernhard Hennen</text-author><text-author>Januar 2016</text-author></cite></section><section><title><p>Dramatis personae der <emphasis>Drachenelfen</emphasis>-Saga</p></title><subtitle>Die Devanthar und andere G�ttergleiche</subtitle><p><strong>Anatu</strong>���Devanthar, einst G�ttin der Luwier, die sich mit dem <emphasis>Purpurnen,</emphasis> einer der Himmelsschlangen, einlie� und ihn verf�hrte, nach Daia zu kommen.</p><p><strong>Ebermann</strong>���Oder auch <emphasis>Manneber</emphasis>. Name, den die Menschen einem der Devanthar gaben, da er h�ufig in einer Gestalt halb Eber und halb Mensch auftritt.</p><p>Der <strong>Gefiederte</strong>���Name f�r den Devanthar der Zapote, der gerne in Gestalt eines Vogelmannes auftritt. Mentor des Unsterblichen <emphasis>Acoatl,</emphasis> sp�ter der von <emphasis>Necahual</emphasis>.</p><p><strong>I�ta</strong>���Einer der Namen der Menschen f�r die <emphasis>Gefl�gelte</emphasis>. Sie wird in Luwien als Hauptg�ttin verehrt. I�ta richtete den Unsterblichen Muwatta nach der Schlacht von Kush hin und setzte daf�r den Unsterblichen <emphasis>Labarna</emphasis> als den Herrscher Luwiens ein.</p><p><strong>Langarm</strong>���Devanthar, der meist in gedrungener, haariger Gestalt auftritt. Ein begnadeter Schmied, der die R�stungen und Waffen der Unsterblichen anfertigt, sowie die Silbernen L�wen und sp�ter den Rei�zahn schuf.</p><p>Der <strong>L�wenh�uptige</strong>���Devanthar, der das K�nigreich Aram besch�tzt. Tritt als Mentor des Unsterblichen <emphasis>Aaron</emphasis> auf.</p><p><strong>Nangog</strong>���Eine Riesin, die von den Devanthar und den Alben gemeinsam erschaffen wurde. Sie formte die Welten der Menschen, der Albenkinder und eine dritte Welt, Nangog, f�r sich selbst und ihre Kinder. Wurde vor der Vollendung ihres Werkes von Alben und Devanthar mit einem m�chtigen Bannzauber belegt und ihres Herzens beraubt.</p><p>Die <strong>Sturmruferin</strong>���Devanthar, erscheint meist als verf�hrerisch sch�ne Frau mit Schlangenhaar. Gebietet �ber die Winde, ist frei und launisch und an keines der sieben Gro�reiche gebunden. Wird w�hrend der K�mpfe im Goldenen Netz get�tet.</p><p>Der <strong>Weisse Wolf</strong>���Devanthar, erscheint meist in Gestalt eines wei�en Wolfs. Tritt als Mentor des Unsterblichen <emphasis>Subai</emphasis> auf. Besch�tzt das Reich der Ischkuzaia.</p><p>Der <strong>Grosse B�r</strong>���Devanthar des Gro�reiches Drusna, erscheint meist in B�rengestalt. Ist der Mentor des Unsterblichen <emphasis>Iwar</emphasis> und sp�ter von dessen Nachfolger <emphasis>Volodi</emphasis>.</p><p>Das <strong>Lebende Licht</strong>���Devanthar von Valesia, erscheint in Gestalt einer Flamme oder eines Mannes mit einem Adlerkopf. Tritt als Mentor des Unsterblichen <emphasis>Arcumenna</emphasis> auf.</p><subtitle>Die Drachen</subtitle><p>Der <strong>Dunkle</strong>���Synonym f�r <emphasis>Nachtatem</emphasis>. Der Dunkle, ein Elf mit Augen vom Blau des Winterhimmels, ist eine der Gestalten, die der �lteste Drache, Nachtatem, annimmt, wenn er sich unter Elfen mischt.</p><p>Der <strong>Flammende</strong>��� Himmelsschlange mit gelb-karmesinrot changierender Schuppenfarbe; gilt als aufbrausend, sehr nachtragend und wankelm�tig.</p><p><strong>Fr�hlingsbringer</strong>���Himmelsschlange (Letztgeborener unter ihnen). Seine Schuppen leuchten im hellen Gr�n des Fr�hlings; gilt als ruhig und pragmatisch.</p><p>Der <strong>Goldene</strong>���Himmelsschlange. Verk�rpert Macht und Sch�nheit in vollkommener Harmonie. Seine Schuppen erstrahlten urspr�nglich in warmen Gelbt�nen, wurden von ihm jedoch mit goldenem Glanz verfeinert, um seinen Anspr�chen von �sthetik zu gen�gen.</p><p>Der <strong>Himmlische</strong>���Himmelsschlange mit strahlend hellblauer Schuppenfarbe; gilt als der Weiseste der acht. Der Himmlische starb beim Angriff der Devanthar auf die Blaue Halle.</p><p><strong>Nachtatem</strong>���Himmelsschlange, �ltester Drache Albenmarks. Manche nennen ihn auch ihren K�nig. Er ist der Erstgeschl�pfte und residiert im Jadegarten.</p><p>Der <strong>Nachtblaue</strong>���Himmelsschlange. Liebt es, sich wie ein Raubtier zu geb�rden, was so weit geht, dass er besiegte Gegner frisst. Gilt als der Kriegerischste der acht.</p><p>Der <strong>Purpurne</strong>���Himmelsschlange. Im Goldenen Netz begegnete er der Devanthar <emphasis>Anatu</emphasis>. Die Liebe zu ihr kostete ihn das Leben.</p><p>Der <strong>Rote</strong>���Himmelsschlange. Liebt es, sein Leben mit allen Sinnen zu genie�en. Manchmal neigt er zu �berraschender Grausamkeit.</p><p>Der <strong>Smaragdfarbene</strong>���Himmelsschlange. Er strebt Harmonie und Ausgleich zwischen seinen Br�dern an. Oft ist er derjenige, der den Kompromiss findet, dem letztlich alle folgen.</p><p>Der <strong>Schwebende Meister</strong>���Name der Elfen f�r jenen Drachen, der die Auserw�hlten die Kunst des Zauberwebens lehrt. Er gilt als schrullig und manchmal willk�rlich grausam.</p><subtitle>Die Elfen</subtitle><p><strong>Aillean</strong>���Elfe, zu der der <emphasis>Goldene</emphasis> als Experiment eine �Liebesbeziehung� eingeht, was auf tragische Art scheitert.</p><p><strong>Ailyn</strong>���Meisterin der Wei�en Halle. Ausgezeichnete Schwertk�mpferin mit unglaublichen Reflexen. Unerreicht ist sie im waffenlosen Kampf.</p><p><strong>Alarion</strong>���Erster Kapit�n der Handelsflotte des <emphasis>Shanadeen</emphasis> in Uttika.</p><p><strong>Asfahal</strong>���Sohn des <emphasis>Solaiyn</emphasis> und Bruder <emphasis>Talawains</emphasis>. Gilt als Lebemann und Gl�cksspieler. Geh�rt zu den Auserw�hlten <emphasis>Bidayns</emphasis>.</p><p><strong>Bidayn</strong>���Sch�lerin der Wei�en Halle. Kennt <emphasis>Nandalee</emphasis> seit ihrer gemeinsamen Zeit beim <emphasis>Schwebenden Meister</emphasis>. Begabte Zauberweberin. Seit ihrer ersten Mission als angehende Drachenelfe von entstellenden Narben �berzogen. Als Drachenelfe w�chst ihr Selbstbewusstsein, und sie entwickelt einen Zauber, der ihre mangelnden F�higkeiten im Schwertkampf mehr als ausgleicht.</p><p><strong>Cullayn</strong>���Maurawan. Lebende Legende. Gilt als der beste J�ger und F�hrtensucher unter den Elfen. Verletzungen, die er im Kampf gegen einen Troll davontrug, haben ihn grausam entstellt. Sucht die Einsamkeit; <emphasis>Tylwyth</emphasis> ist sein einziger Gef�hrte und Freund.</p><p><strong>Dylan</strong>���Ehemals Meister der Wei�en Halle, begnadeter Zauberweber und einer der hochrangigen Befehlshaber auf dem Himmelland.</p><p><strong>Eleborn</strong>���Sch�ler der Wei�en Halle. Gilt als versponnen und erschafft Kunstwerke aus Wasser und Licht. Sp�ter einmal wird er einer der bedeutenden Herrscher Albenmarks sein. Hat sich dem <emphasis>Himmlischen</emphasis> verschrieben.</p><p><strong>Farella</strong>���Tochter des Kaufherren <emphasis>Shanadeen</emphasis> und der Nevenyll, ein in sich gekehrtes M�dchen, auf der der Fluch lastet, niemals ihrer Kindheit zu entwachsen.</p><p><strong>Gobhayn</strong>���Legend�rer Schmied der Elfen. Er half den Himmelsschlangen dabei, die Waffen f�r ihre Drachenelfen zu schmieden. Wird ber�hmt als Sch�pfer des Himmellandes.</p><p><strong>Gonvalon</strong>���Meister der Wei�en Halle. Ein exzellenter Schwertk�mpfer mit einem Hang zu Aff�ren, bis er <emphasis>Nandalee</emphasis> begegnet. Ohne es zu wissen, ist er der Sohn von <emphasis>Lyvianne,</emphasis> die ihn einst aussetzte. Sein Name bedeutet Winterkind.</p><p><strong>Kyra</strong>���Tochter der <emphasis>Lisandelle</emphasis> und des <emphasis>Solaiyn</emphasis>. Geh�rt zu den Auserw�hlten <emphasis>Bidayns</emphasis>. Kyra wurde in der Wei�en Halle zu Meuchlerin ausgebildet und bereist Albenmark in der Tarnung einer blinden M�rchenerz�hlerin aus Tanthalia.</p><p><strong>Lemuel</strong>���Drachenelf aus dem Volk der Maurawan. Er versteht sich besser mit den Adlern des Albenhaupts als mit anderen Albenkindern. Geh�rt zu den Gef�hrten <emphasis>Bidayns</emphasis>.</p><p><strong>Lisandelle</strong>���Elfenf�rstin aus Arkadien. Frau des <emphasis>Solaiyn</emphasis> und Mutter von <emphasis>Talawain</emphasis> und <emphasis>Asfahal</emphasis> sowie von <emphasis>Kyra</emphasis> und <emphasis>Maylin</emphasis>. Stirbt jung, was bei Solaiyn zu einer krankhaften Melancholie f�hrt. Nach ihrem Tod beginnt er, seine Kinder zu vernachl�ssigen.</p><p><strong>Lydaine</strong>���Tochter des Kaufherren <emphasis>Shanadeen</emphasis> und der Nevenyll, ein �berm�tiges, blondes Elfenm�dchen, auf der der Fluch lastet, niemals ihrer Kindheit zu entwachsen.</p><p><strong>Lyvianne</strong>���Meisterin der Wei�en Halle. Lehrerin von <emphasis>Bidayn</emphasis>. Verfolgt sehr radikale Ideen �ber die Vervollkommnung des Volkes der Elfen. Hat sich dem <emphasis>Goldenen</emphasis> verschrieben und erlernte heimlich von Matha Naht die dunkle Kunst der Blutmagie.</p><p><strong>Maylin</strong>���Tochter der <emphasis>Lisandelle</emphasis> und des <emphasis>Solaiyn</emphasis>.</p><p><strong>Myrella</strong>���Junge Elfe aus Tanthalia. Eine Begegnung mit <emphasis>Lyvianne</emphasis> ver�nderte ihren Lebensweg, und sie meldete sich freiwillig zum Dienst im Himmelland.</p><p><strong>Nandalee</strong>���Drachenelfe, entstammt der Sippe der Windg�nger aus dem Elfenvolk der Normirga in Carandamon, erst Sch�lerin und sp�ter Geliebte <emphasis>Gonvalons,</emphasis> Freundin <emphasis>Bidayns.</emphasis> Hat ein ausgepr�gtes magisches Talent, sieht sich selbst aber vor allem in der Rolle der J�gerin. Gewinnt das Vertrauen von <emphasis>Nachtatem,</emphasis> dem �ltesten unter den Drachen.</p><p><strong>Nodon</strong>���Drachenelf und Erster unter den Elfen des Jadegartens. Ber�hmt f�r seine Heilkunst. Gilt als Schwertmeister <emphasis>Gonvalon</emphasis> als ebenb�rtig. Hat sich <emphasis>Nachtatem</emphasis> verschrieben.</p><p><strong>Shanadeen</strong>���Kaufherr, der sich mit seinen beiden T�chtern, <emphasis>Lydaine</emphasis> und <emphasis>Farella,</emphasis> in der Hafenstadt Uttika niedergelassen. Heiratet Bidayn.</p><p><strong>Sheryll</strong>���Drachenelfe, die sich <emphasis>Nachtatem</emphasis> verschrieben hat und zur Besatzung der Alten Veste im Jadegarten geh�rt.</p><p><strong>Solaiyn</strong>���Vater von Talawain, <emphasis>Asfahal, Kyra</emphasis> und <emphasis>Maylin</emphasis>. Einer der F�rsten Arkadiens. Wird vom <emphasis>Goldenen</emphasis> zum Feldherrn im Kampf um Nangog erw�hlt.</p><p><strong>Tylwyth</strong>���Maurawan. Ber�hmt f�r seine Sch�nheit und engster Vertrauter <emphasis>Cullayns.</emphasis></p><p><strong>Valarielle</strong>���Drachenelfe und Zauberweberin mit einer Vorliebe f�r die dunkleren Spielarten der Magie. Geh�rt zu den Auserw�hlten <emphasis>Bidayns</emphasis>.</p><subtitle>Die Menschen</subtitle><p><strong>Aaron</strong>���Herrscher von Aram, dem eine Fahrt auf seinem Palastschiff am Himmel von Nangog zum Verh�ngnis wurde (siehe <emphasis>Artax</emphasis>). Sch�tzling des Devanthar <emphasis>Der L�wenh�uptige</emphasis>. Wird nach dem Fall Selinunts zum Ersten unter den Unsterblichen.</p><p><strong>Acoatl</strong>���Herrscher der Zapote, der es liebt, im Gewand eines Adlerritters aufzutreten.</p><p><strong>Anisja</strong>���Falscher Name der <emphasis>Bidayn,</emphasis> unter dem die Elfe sich als Dienerin am Hof des Unsterblichen <emphasis>Volodi</emphasis> einschleicht.</p><p><strong>Ansur</strong>���Herrscher Valesias. F�hrt einen jahrelangen Krieg an der Grenze zu Drusna. Sch�tzling des Devanthar <emphasis>Das Lebende Licht</emphasis>. Kunstm�zen.</p><p><strong>Arcumenna</strong>���Laris (F�rst) von Truria, ein begnadeter Kriegsherr. Sp�ter Statthalter des Gro�reiches Valesia in der Goldenen Stadt. Schl�gt die Schlacht um Asugar und steigt schlie�lich zum Unsterblichen von Valesia auf.</p><p><strong>Artax</strong>���Ein Bauer aus Belbek, wird nach dem �berraschenden Tod von <emphasis>Aaron</emphasis> durch den <emphasis>L�wenh�uptigen</emphasis> in <emphasis>Aaron</emphasis> verwandelt und nimmt dessen Platz ein. Versucht, einen eigenen, gerechteren Regierungsstil durchzusetzen. Ungl�cklich verliebt in <emphasis>Shaya</emphasis>.</p><p><strong>Ashot</strong>���Ein verarmter Bauer aus Belbek. Steigt nach der Schlacht auf der Ebene von Kush zum Hauptmann der Kushiten, der neuen Leibwache des Unsterblichen <emphasis>Aaron,</emphasis> auf.</p><p><strong>Behruz</strong>���Der reichste Bauer in Belbek. Vater Sinas und ein �bler Tyrann.</p><p><strong>Daron</strong>���Sohn des <emphasis>Narek</emphasis>, der sich dem Heer Arams anschlie�t und von <emphasis>Ashot</emphasis> erkannt wird, der versucht, ihm einen sicheren Posten zu verschaffen.</p><p><strong>Dascha</strong>���Alte Dienerin im drusnischen Statthalterpalast in der Goldenen Stadt. Stirbt beim Angriff der Drachenelfen.</p><p><strong>Elias</strong>���Begr�nder von Asugar. Bedeutendster Kaufherr der Stadt.</p><p><strong>Eloni</strong>���Unsterblicher und Herrscher der Schwimmenden Inseln.</p><p><strong>Enak</strong>���Junger Heiler in Asugar.</p><p><strong>Gaius</strong>���Hauptmann der Stadtgarnison von Asugar, bevor <emphasis>Arcumenna</emphasis> erschien. Aufstrebender junger Offizier mit besonderem Talent f�r milit�rische Logistik.</p><p><strong>Hattu</strong>���Erster Heiler im Palast der Kranken in Asugar.</p><p><strong>Ilmari</strong>���Der eigentliche Name des Meuchelm�rders <emphasis>Lamgi</emphasis>. Er erhielt von Muwatta den Auftrag, den Unsterblichen <emphasis>Aaron</emphasis> zu t�ten. Ilmari gilt als sehr loyal.</p><p><strong>Jascha</strong>���Angeh�riger von <emphasis>Volodis</emphasis> Leibwache, der einen saum��igen Tod stirbt.</p><p><strong>Jelena</strong>���Drusnische B�uerin, die in Tiefwasser lebt und einen hohen Preis daf�r zahlt, dass ihr kranker Mann ins Licht reisen darf.</p><p><strong>Kirum</strong>���Falscher Name, unter dem <emphasis>Shaya</emphasis> als K�chenhilfe im Palast <emphasis>Aarons</emphasis> dient.</p><p><strong>Kolja</strong>���Neben <emphasis>Volodi</emphasis> gleichberechtigter Anf�hrer der Zinnernen und Hauptmann in der Leibwache des Unsterblichen <emphasis>Aaron</emphasis>. Leitete die Freudenh�user der Zinnernen. Das Gesicht des einst ber�hmten Faustk�mpfers war von zahlreichen K�mpfen entstellt, ihm fehlte ein Unterarm, bis er in der Eisw�ste Nangogs das Traumeis findet.</p><p><strong>Labarna</strong>���Unsterblicher. Ein au�ergew�hnlich gro� gewachsener Krieger, der mit einer m�chtige Keule bewaffnet in die Schlacht zieht. Nach der Hinrichtung Muwattas steigt er zum neuen Unsterblichen Luwiens auf.</p><p><strong>Lamgi</strong>���Urspr�nglich ein Meuchelm�rder in Diensten Muwattas, erschleicht er sich das Vertrauen des Unsterblichen <emphasis>Aaron</emphasis>. Dieser befiehlt ihm, das Versteckt des Himmelspiraten <emphasis>Tarkon Eisenzunge</emphasis> zu finden. Sein eigentlicher Name ist <emphasis>Ilmari</emphasis>.</p><p><strong>Madyas</strong>���Einer der Unsterblichen. Gro�k�nig von Ischkuza, H�ter der Herden, Licht der Sonne, Sohn des Wei�en Wolfes, Vater <emphasis>Shayas</emphasis>. Sch�tzling des Devanthar <emphasis>Der Wei�e Wolf</emphasis>.</p><p><strong>Makar</strong>���Geh�rt zur Leibwache <emphasis>Volodis,</emphasis> steht vor der Kammer <emphasis>Quetzallis</emphasis> Wache.</p><p><strong>Mara</strong>���Gewinnt auf dem Platz der Scherben in Tiefwasser eine Reise ins Licht.</p><p><strong>Mascha</strong>���Dienerin in <emphasis>Volodis</emphasis> Palast. Ersetzt die verschwundene <emphasis>Anisja</emphasis>.</p><p><strong>Mataan</strong>���Satrap von Taruad. Einer der engsten Vertrauten <emphasis>Aarons.</emphasis> Rettet Aaron das Leben, wird dabei jedoch schwer verletzt und dient fortan als dessen Hofmeister.</p><p><strong>Mikael</strong>���Drusnischer Bauer, der in Tiefwasser lebt und an der H�hlenkrankheit leidet. Seine Frau <emphasis>Jelena</emphasis> verschafft ihm eine Reise in Licht.</p><p><strong>Miladin</strong>���Alter Braumeister im Palast des Statthalters von Drusna.</p><p><strong>Narek</strong>���Bauer aus dem Dorf Belbek, der sich gemeinsam mit <emphasis>Ashot</emphasis> dem Heer des Unsterblichen <emphasis>Aaron</emphasis> anschlie�t. Ehemals bester Freund von <emphasis>Artax</emphasis>. Vater des <emphasis>Daron</emphasis>.</p><p><strong>Natan</strong>���Krieger aus dem Gefolge des luwischen Viehh�ndlers <emphasis>Pithana</emphasis>.</p><p><strong>Necahual</strong>���Zapote. Anf�hrer der Jaguarm�nner. Bruder der Priesterin <emphasis>Quetzalli</emphasis>. Steigt zuletzt zum Unsterblichen der Zapote auf.</p><p><strong>Ninwe</strong>���Name, den <emphasis>Shaya</emphasis> vor dem Kaufherrn <emphasis>Pithana</emphasis> benutzt.</p><p><strong>Oleg</strong>���Drusnischer Hauptmann, ehemals Angeh�riger der Zinnernen, dient im Palast des Statthalters von Drusna in der Goldenen Stadt.</p><p><strong>Ormu</strong>���J�ger aus Garagum. Schlie�t sich den Kushiten, der Leibwache des Unsterblichen <emphasis>Aaron,</emphasis> an, in der er schnell in den Rang eines Hauptmanns aufsteigt.</p><p><strong>Pithana</strong>���Viehz�chter in Nangog, stammt aus Luwien und unterh�lt ein ber�hmtes Gest�t nahe der Tempelstadt Isatami.</p><p><strong>Quetzalli</strong>���Zapote, Priesterin. Erst Geliebte, sp�ter Frau <emphasis>Volodis</emphasis>. Schwester des <emphasis>Necahual</emphasis>. Mutter <emphasis>Wanyas</emphasis>.</p><p><strong>Roona</strong>���Reisb�uerin in Tiefwasser, einer der verborgenen St�dte <emphasis>Tarkons</emphasis>.</p><p><strong>Rubal</strong>���Flottenmeister <emphasis>Tarkons</emphasis>. Feind des Unsterblichen <emphasis>Aaron</emphasis>.</p><p><strong>Rufus</strong>���Wolkenschiffer aus dem Gefolge des Himmelspiraten <emphasis>Tarkon</emphasis><emphasis>Eisenzunge</emphasis>. Tritt gegen <emphasis>Ilmari</emphasis> in einem Gottesurteil an.</p><p><strong>Saham</strong>���Alter Krankenpfleger, der <emphasis>Shaya</emphasis> in Asugar hilft.</p><p><strong>Serin</strong>���Tochter des <emphasis>Ilmari</emphasis> und der stummen W�scherin in Tiefwasser.</p><p><strong>Shaya</strong>���Tochter des <emphasis>Madyas,</emphasis> lange Zeit Anf�hrerin der Palastwache in der Goldenen Stadt. Verliebt in <emphasis>Aaron.</emphasis> Nach der Heiligen Hochzeit mit dem Unsterblichen Muwatta soll sie im Haus des Himmels den Opfertod sterben. Wird gerettet und begleitet das Heer Arams als Heilerin ins ewige Eis. Auch in Asugar wirkt sie als Heilerin, bis Aaron sie wiederfindet und an seinen Hof holt.</p><p><strong>Shen Yi Miao Shou</strong>���Ein begnadeter Heiler. Wird vom Unsterblichen <emphasis>Madyas</emphasis> an dessen Hof gerufen. �bertr�gt <emphasis>Shaya</emphasis> vor seinem Tod all sein Wissen.</p><p><strong>Solomon</strong>���H�ter des Lichtes in der Verborgenen Stadt Tiefwasser. Leitet die Verlosungen der Reisen ins Licht auf dem Platz der Scherben.</p><p><strong>Subai</strong>���Missg�nstiger �lterer Bruder <emphasis>Shayas</emphasis>. Sohn des Unsterblichen <emphasis>Madyas</emphasis>. Statthalter in der Goldenen Stadt. Steigt nach dem Tod seines Vaters zum Unsterblichen auf.</p><p><strong>Subar</strong>���Luwischer Hirte aus dem Gefolge <emphasis>Pithanas</emphasis>.</p><p><strong>Talam</strong>���Sohn des <emphasis>Ilmari</emphasis> und der stummen W�scherin in Tiefwasser.</p><p><strong>Tarkon Eisenzunge</strong>���Anf�hrer der Himmelspiraten. Sein Versteck, die Wolkenstadt, gilt als unauffindbar. Erw�hlt <emphasis>Zarah,</emphasis> die Seidene, als Gemahlin und bekommt zwei Kinder mit ihr.</p><p><strong>Umme</strong>���Kosename ihrer Kinder f�r die stumme Totenw�scherin aus Tiefwasser.</p><p><strong>Vladi</strong>���Drusnier, Haushofmeister im Palast des drusnischen Statthalters in der Goldenen Stadt. Bei der Dienerschaft ber�chtigt daf�r, seine Augen stets �berall zu haben.</p><p><strong>Volodi</strong>���F�rstensohn aus Drusna. Gemeinsam mit <emphasis>Kolja</emphasis> einer der Anf�hrer der Zinnernen. Den blonden H�nen verband eine kurze, leidenschaftliche und unheilvolle Aff�re mit der Zapote <emphasis>Quetzalli,</emphasis> die sp�ter seine Frau wird. Wird nach der R�ckkehr in seine Heimat Hauptmann des Unsterblichen Iwar, um dann sp�ter selbst zum Unsterblichen aufzusteigen.</p><p><strong>Wanya</strong>���Sohn des <emphasis>Volodi</emphasis> und der <emphasis>Quetzalli</emphasis>.</p><p><strong>Zarah</strong>���Auch die Seidene genannt. Sie ist die ber�hmteste Hure der Goldenen Stadt. Zarah geh�rt zu den einflussreichsten Anh�ngerinnen der Gr�nen Geister. Sie wird die Frau <emphasis>Tarkon</emphasis><emphasis>Eisenzunges</emphasis> und sp�ter die Gefangene <emphasis>Arcumennas</emphasis>.</p><subtitle>Die Zwerge</subtitle><p><strong>Amalaswintha</strong>���Eine ebenso beg�terte wie einflussreiche Zwergin aus der Tiefen Stadt. Kn�pft enge Bande zum Herrscher der Ehernen Hallen, <emphasis>Eikin</emphasis>. Nach dessen Tod geht sie eine Verbindung mit <emphasis>Hornbori</emphasis> ein. Ist die Ziehmutter des Findelkindes <emphasis>Frar</emphasis>.</p><p><strong>Eikin</strong>���F�rst, der Alte in der Tiefe in den Ehernen Hallen. Umsichtiger Herrscher, der trotz seines Alters den Reizen <emphasis>Amalaswinthas</emphasis> verf�llt.</p><p><strong>Frar</strong>���Kleinkind aus der Tiefen Stadt. Wurde von der Elfe <emphasis>Nandalee</emphasis> verschont und den Zwergen <emphasis>Nyr,</emphasis><emphasis>Hornbori</emphasis> und <emphasis>Galar</emphasis> �bergeben, die sich seiner annahmen und ihm den Namen Frar Drachentod gaben. Lebt sp�ter unter der Vormundschaft <emphasis>Amalaswinthas</emphasis>.</p><p><strong>Galar</strong>���Von unb�ndiger Neugierde getriebener Forscher, Schmied und Alchemist aus der Tiefen Stadt. Sucht nach einem Elixier, das Zwergenhaut unverwundbar machen soll. Gemeinsam mit <emphasis>Hornbori, Nyr, Frar</emphasis> und <emphasis>Amalaswintha</emphasis> in <emphasis>Glamirs</emphasis> Turm verbannt. Danach auf dem Feldzug im ewigen Eis von Nangog, k�mpft noch in vielen weiteren Schlachten.</p><p><strong>Ginnar</strong>���Zwerg aus Ishaven, der in der Fehde mit den Koboldv�lkern der Eisb�rte f�r immer seinen eigenen Bart verloren hat.</p><p><strong>Glamir</strong>���Schmied aus den Ehernen Hallen. Hat im Meer der Schwarzen Schnecken einen Turm errichtet, in dem er seinen Forschungen nachgeht. Er verlor im Kampf gegen die Smaragdspinnen sein rechtes Bein, seinen rechten Arm und sein rechtes Auge.</p><p><strong>Hor</strong>���Hauptmann einer der Gesch�tzbatterien des Himmellands. Versessen darauf, dass alles seine Ordnung hat.</p><p><strong>Hornbori</strong>���Gl�ckskind aus der Tiefen Stadt, leider nur bedingt mutig. Trotzdem sorgen sein �u�eres und sein selbstbewusstes Auftreten bei Zechgelagen immer wieder daf�r, dass ihm die Heldentaten anderer zugeschrieben werden. Einer der Helden des Feldzugs im ewigen Eis von Nangog. Schlie�lich steigt er zum Herren aller Tiefen auf, dem Herrscher �ber alle Zwerge, und besiedelt die verlassene Tiefe Stadt erneut.</p><p><strong>Nyr</strong>���Ehemaliger Gesch�tzmeister aus der Tiefen Stadt. Freund <emphasis>Galars</emphasis>. Gemeinsam mit diesem, <emphasis>Hornbori, Nyr, Frar</emphasis> und <emphasis>Amalaswintha</emphasis> in <emphasis>Glamirs</emphasis> Turm verbannt. Danach auf dem Feldzug im ewigen Eis von Nangog, k�mpft in vielen weiteren Schlachten.</p><p><strong>Ulur</strong>���Schiffsf�hrer, der mit der Wilden Sau den ersten hochseetauglichen Aal der Zwerge gebaut hat. Die Karten seiner Reisen lie� er sich in seine Haut einstechen.</p><p><strong>Virfir</strong>���Enkel <emphasis>Eikins,</emphasis> des Alten in der Tiefe der Ehernen Hallen. Gilt als ergebener Gefolgsmann seines Gro�vaters. Hilft dabei, <emphasis>Galar</emphasis> und <emphasis>Nyr</emphasis> verschwinden zu lassen.</p></section></body><binary id="cover" 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