<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>prose_contemporary</genre><author><first-name>Clemens</first-name><last-name>Meyer</last-name></author><book-title>Im Stein</book-title><annotation><p>Ein vielstimmiger Gesang der Nacht: Prostituierte, Engel und Gesch�ftsm�nner k�mpfen um Geld und Macht und ihre Tr�ume. Eine junge Frau steht am Fenster, schaut in den Abendhimmel, im Januar laufen die Gesch�fte nicht, die Gedanken tanzen ihn ihrem Kopf.�Der Pferdemann�, der alte Jockey, sucht seine Tochter.�Der Bielefelder �rollt mit neuen Gesch�ftskonzepten den Markt auf, investiert in Clubs und Eroscenter.�AK 47�liegt angeschossen auf dem Asphalt. Schonungslos und z�rtlich schreibt Clemens Meyer in seinem gro�en Roman von den Menschen, den Nachtgestalten, von ihrem Aufstieg und Fall, vom Schmutz der Stra�e und dem Fluss des Geldes. Mit gro�er Kraft und Emotion erz�hlt er die Geschichte einer Stadt, die zum Epochen-Roman unserer Zeit wird.</p></annotation><date/><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang></title-info><document-info><author><first-name>Meyer,</first-name><last-name>Clemens</last-name></author><program-used>calibre 0.9.28, FictionBook Editor Release 2.6, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date value="2016-05-12">29.4.2016</date><id>0bc33ece-ee6c-4bcc-ae14-64e8e496e937</id><version>1.0</version><history><p>1.0 � &#x441;&#x43E;&#x437;&#x434;&#x430;&#x43D;&#x438;&#x435; &#x444;&#x430;&#x439;&#x43B;&#x430; &#x438; &#x432;&#x451;&#x440;&#x441;&#x442;&#x43A;&#x430; (sibkron)</p></history></document-info><publish-info><book-name>Im Stein</book-name><publisher>S. Fischer</publisher><year>2013</year></publish-info></description><body><title><p>Clemens Meyer</p><empty-line/><p>Im Stein</p></title><epigraph><p>Dank an den Deutschen Literaturfonds</p></epigraph><section><title><p><strong>Eins, zwei, drei</strong></p></title><section><title><p><strong>I&#x2002;(Girl Girl Girl. Lass mal sehn, wie die Sterne heut stehn.)</strong></p></title><p>Wenn es Abend wird, stehe ich am Fenster. Ich schiebe die Lamellen der Jalousie mit den Fingern auseinander und sehe den Abendhimmel hinter den H�usern auf der anderen Seite der Stra�e. Es wird immer noch fr�h dunkel. Das Jahr ist nichtmal einen Monat alt, aber es f�hlt sich schon lang und schwer an. Obwohl es nicht so viel Arbeit gibt zurzeit. Im Januar jammern wir alle. Ich will immer noch einmal die Sonne sehen und den letzten Streifen Licht. Ich gehe fr�h um acht zur Arbeit, da ist es immer noch nicht richtig hell. Im Sommer ist alles besser, so geht es sicher den meisten, aber andererseits denke ich im Sommer an Urlaub und habe oft keine Lust auf die Arbeit. Und ich glaube, dass es im Winter am besten l�uft, wenn man jetzt mal den Januar au�en vor l�sst. Obwohl das viele bestimmt anders sehen. Ich finde es schade, dass die Wohnung keinen Balkon hat. Im Sommer k�nnte ich dort sitzen und mich sonnen, besser als das bl�de Solarium, und im Winter k�nnte ich vor der D�mmerung dort stehen und eine rauchen und den Himmel beobachten, wie er rot wird. In den klaren N�chten sehe ich gerne den Mond. Da muss ich immer an das Kinderlied denken. Meine Mutter hat mir das oft vorgesungen vorm Einschlafen. Der Mond ist aufgegangen. Wenn ich das heute h�re, und das ist nicht oft, wei� nicht, wann ich das �berhaupt mal h�re, also dann�� Ich kann das schlecht beschreiben. In Gedanken singe ich es manchmal. Magda hat immer gesagt� dann krieg ich Gef�hl�, wenn sie meinte, dass sie traurig wird. Aber es ist Quatsch, wegen den Jahreszeiten. Ob Sommer oder Winter, Herbst oder Fr�hling, das Telefon klingelt immer. Nur im Januar nicht so oft. Als Kind habe ich gedacht, aber da war ich noch sehr klein, dass es noch eine f�nfte Jahreszeit gibt. Und ich habe meine Mutter einmal gefragt, ob das Jahr jedes Jahr am ersten Januar beginnt und ob Silvester immer einen Tag davor ist. Und ob es im Juni schneien kann. Sie hat gelacht und mich in den Arm genommen, deswegen habe ich das nicht vergessen. Genau wie das Lied. �ber den wei�en Nebel habe ich oft nachgedacht, vorm Einschlafen. Wenn ich mal ein Kind habe, werde ich meinem Kind ein anderes Lied vorsingen. Eins, was nicht so traurig ist. Ich bin ja auch eher ein lustiger Mensch.�Aufgeweckt und lebendig �stand fr�her mal in meinem Zeugnis. Da gab es ja immer so Einsch�tzungen von den Lehrern. Und Magda hat immer gesagt:�M�dchen, sei nicht so aufgedreht, du bist flattrig wie ein Vogel. �Sie hatte viele so komische Spr�che, manchmal passten die und manchmal gar nicht, und das fehlt mir. Sie ist jetzt in Hannover. Manchmal schreibt sie mir eine Karte, an meinen Geburtstag denkt sie immer. Sie hat immer gesagt, dass Briefe und Karten pers�nlicher sind als SMS. Sie schickt mir die kitschigsten Postkarten, Hundewelpen, riesige Herzen, Rosen mit Glitzer dran, und manchmal auch welche mit Musik. Ich schreibe ihr trotzdem E-Mails oder SMS. Postkarten schicke ich nur meiner Mutter. Die letzte zu Silvester. Die war auch noch f�r Weihnachten. Wir sehen uns nicht mehr so oft, aber ich habe mir vorgenommen, wie man das eben so macht zum neuen Jahr, dass ich sie �fters besuchen werde, denn zu mir, in die Stadt, kommt sie nicht so gerne.</p><p>Der Winter ist kalt wie selten dieses Jahr. Und im Dezember bin ich kaum auf Arbeit gekommen, musste das Auto stehenlassen. Die ganze Stadt versank im Schnee, und die sind kaum hinterhergekommen mit dem R�umen. Mir graut�s schon vor meinen Nebenkosten, denn ich lasse die Heizung zu Hause meistens den ganzen Tag an, damit es sch�n warm ist, wenn ich von Arbeit komme. Im Dezember habe ich oft hier geschlafen, und auch jetzt bleibe ich manchmal �ber Nacht. Weil ich nicht raus in den Schnee will. Als Kind bin ich jeden Tag rodeln gegangen, wenn es geschneit hat. Und manchmal hat meine Mutter mich auf den Schlitten gesetzt, wenn wir einkaufen gegangen sind. Das war noch in Jena. Wir haben dort Berge zum Rodeln und Skifahren. Ski war nie so meins. Da habe ich mich echt bl�d angestellt. Da haben meine M�dels mich immer ausgelacht, und die Jungs sowieso. Aber auf dem Schlitten war ich gut. Da bin ich jede Todesbahn runter, da haben selbst die Jungs Respekt gehabt. Eigentlich ist es ganz gut, dass die Winter jetzt wieder so kalt werden. Von wegen Klima. Das kann aber n�chstes Jahr schon wieder ganz anders sein. Wenn ich ein Kind habe, m�chte ich das auch auf einen Schlitten setzen, wenn wir einkaufen gehen. Junge oder M�dchen ist mir eigentlich egal. Obwohl ich vielleicht lieber ein M�dchen h�tte. Ich denke, in der Zukunft kann man sich das aussuchen. Also selbst bestimmen, was man m�chte. Mit einer Pille vielleicht. Aber das wird sicher noch dauern. Obwohl ja manches pl�tzlich ganz schnell geht, mit der Technik und dem Fortschritt. Und eigentlich ist es auch Unsinn. Das w�rde sicher gleich bleiben im Verh�ltnis. Ich wei� noch, dass ich, bevor ich aus Jena weggegangen bin, einen Jungen haben wollte. Das war noch mit Bert. Kann ich heute gar nicht mehr verstehen, warum ich ihn verlassen habe. Ich dachte, ich muss da weg, von wegen Jena Paradies, aber er wollte eben dableiben, hatte sich alles sch�n geplant. Weil ja sein Vater diese Apotheke hatte und er extra Pharmazie studiert hat deswegen. Apotheken bringen richtig Geld. Weil doch die Leute immerzu krank sind. Zu jeder Jahreszeit. Und besonders jetzt. Und wenn�s dann mal die Pillen f�rs Geschlecht gibt, werden die noch mehr Umsatz machen. Man kann ja sogar schon Aids heilen, oder so gut wie. Trotzdem m�chte ich mir das nicht vorstellen. Ich habe noch nie jemanden getroffen, der Aids hat. Was die Leute manchmal f�r Unsinn erz�hlen deswegen. Wir gehen ja regelm��ig zum Gesundheitsamt. Auch wenn wir�s nicht mehr m�ssen, vom Gesetz her, das war ja fr�her anders. Aber die Leute denken und erz�hlen ja �berhaupt jede Menge Unsinn, was das betrifft und was uns betrifft. Und ich stehe am Fenster und schiebe die Lamellen der Jalousie mit den Fingern auseinander und gucke auf die H�user auf der anderen Seite der Stra�e, hinter denen der Himmel jetzt rot wird und die Nacht auftaucht. Sechzehn Uhr drei�ig, und das Telefon hat erst viermal geklingelt, und an der T�r erst zweimal. Also f�r mich.</p><p>Weil Jenny seit zw�lf da ist und bis zw�lf bleibt. Zw�lf Stunden, das w�re mir zu viel. Zehn Stunden ist bei mir das h�chste der Gef�hle. Dann ist Schluss mit Kaffee Latte. Da muss ich lachen, denn das h�tte auch von Magda sein k�nnen. Obwohl�s ein ziemlich bl�der Spruch ist, eigentlich nicht lustig, wenn ich jetzt so dr�ber nachdenke. Wann ging das eigentlich genau los mit diesem Latte-Kaffee, da hat man schonmal geschmunzelt zu Anfang. Goodbye, mein Filterkaffee. Aber da kriege ich Gef�hl, wenn ich an sie denke. Ja, ja, das h�chste der Gef�hle. Nur nicht sentimental werden. Denn wir waren doch ziemlich eng, und alles f�hlte sich leichter an, mit der Arbeit und �berhaupt. Mit Jenny ist�s schon o.k. Sie kommt nur vier Tage die Woche, aber auch Samstag und Sonntag, und da habe ich frei. Das Wochenende ist mir echt heilig. So wie mein Arsch. (Das nun wieder!) Jetzt kann ich mir endlich eine anz�nden. Ich achte n�mlich drauf, dass ich nicht zu viel rauche. Jede Stunde eine Zigarette. Ich versuch�s zumindest. Komme auf h�chstens f�nfzehn Zigaretten am Tag, das geht noch, denke ich. Jenny ist nur am Qualmen und spr�ht st�ndig mit diesem Raumdeo rum. Lavendel-Fr�hlingsduft. Ich hasse das. Viel quatschen wir jetzt nicht. Sitzen manchmal zusammen im Wohnzimmer, wenn wir warten. Ich w�rde sagen kollegial. Sie ist ja ein ganz anderer Typ als ich. Wiegt bestimmt zwanzig Kilo mehr, geht schon Richtung Mutti, aber da stehen genug Kerle drauf, ob man�s glaubt oder nicht. Und ich w�rde jetzt nicht sagen, dass sie nicht h�bsch ist. Nein, die Jenny ist schon h�bsch. Vom Gesicht her, und das mein ich jetzt gar nicht b�se. Aber eben fraulich, und <emphasis>das</emphasis> mein ich jetzt als Kompliment. Und wir kommen gut miteinander aus, jeder hat sein Publikum, sag ich mal. Nur wer sich als Gast f�hlt, f�hlt sich wohl. Magda habe ich lange nicht gesehen und frage mich oft, wie�s ihr so geht in Hannover. Dort ist ja alles ruhig, und der Pate und die Engel haben alles im Griff. Und die M�dels haben wohl gut zu tun. Was man eben so h�rt. Seit die Engel auch hier sind. Habe ich aber nichts zu tun mit denen. H�re eben nur viel. Seit acht Jahren bin ich jetzt in der Firma vom Chef. Ich sag immer� Chef �und� Firma�. Manchmal sage ich auch� der Alte�, weil einige ihn so nennen. Aus Respekt. Ich glaube, dass er gut steht mit denen, also den Engeln, weil doch der Typ, der da der Oberengel ist, wohl mal mit ihm befreundet war, oder jedenfalls standen sie ganz gut miteinander, haben sich die Stadt aufgeteilt, aber genau wei� ich�s nicht. Es gibt M�dels, die wissen hundertprozent, was l�uft, Klatsch und Tratsch eben, obwohl das dann meist weniger als f�nfzig ist, also Prozent, was die Wahrheit betrifft, aber wenn ich nach der Arbeit nach Hause komme und mich an die Heizung setze, will ich von dem ganzen Mist gar nichts mehr wissen.</p><p>Letztens habe ich irgendwo gelesen, dass der Anwalt von dem Paten aus Hannover-City, der ja wohl der gro�e Boss der Engel ist, dass der auch der Anwalt von Schr�der ist, also dem Ex-Kanzler. So einen Anwalt h�tte ich auch gerne. Und was soll da schon dran sein, dass er mit den Engeln zu tun hat. Gesch�fte machen sie eh alle. Oder wollen�s zumindest. Russendeals, Gazprom, M�dels und Aktien. Das gro�e Geld. Aber ich denke schon viel zu sehr dr�ber nach, aber so ist das auf Arbeit, wenn ich warte. Und sehe, wie der Tag verschwindet. Und die Lichter der Autos und Stra�enlaternen zwischen den Lamellen der Jalousie. Wie sie �ber die W�nde huschen, zusammen mit den Schatten. Da wird mir ganz anders, da krieg ich Gef�hl und ziehe den Rei�verschluss meiner Adidas-Sportjacke bis hoch zum Hals. An der h�nge ich sehr. Die habe ich schon seit Jahren, habe sie mir damals in Berlin gekauft. Ist eine mit roten Streifen an den �rmeln, die sieht man nicht so oft. Achtundneunzig habe ich Schr�der gew�hlt. War meine erste Wahl. Das war auch noch in Jena. Ich muss mir die Beine eincremen. Die Luft ist zu trocken. Die Heizung auf der F�nf. Und drau�en minus zehn. Mindestens. Ich krieg auch wieder Schuppen. Hatte ich ewig nicht. Aber ich nehm so ein Naturshampoo, Brennnessel, davon gehen sie gut weg. Ist besser f�r die Haare. Das Chemiezeug ist mir zu aggressiv drauf. Eine Zeitlang habe ich das versucht, Alpecin und sowas, aber davon wurde es noch schlimmer. Das Zeug brennt an der Muschi wie Feuer. Nicht dass ich mich da mit Alpecin eingerieben h�tte, weil Schuppen hab ich da keine, es gibt M�dchen, die leiden da unter permanent trockener Haut, aber beim Sp�len unter der Dusche ist�s ja �berall. Ist ja eh ein Problem mit der trockenen Haut beim Duschen, wenn man so viel duscht. Und mit der Muschi, weil man st�ndig rasiert. Aber das bringt die Arbeit nunmal so mit sich. Dieses Naturshampoo habe ich von Jenny. Die hat auch so Cremes, die sie mir empfohlen hat wegen der trockenen Haut. Auf dem Bahnhof gibt�s so einen Naturladen, da gehe ich jetzt oft hin. Ich vertrage das wirklich besser, wobei Parf�m und Deo w�rde ich mir da nicht kaufen. Da gehe ich weiter zu Douglas. Obwohl die ja Embryos verarbeiten. Come in and find out.</p><p>Jetzt brauche ich doch noch eine Zigarette. Die achte heute, ich habe genau mitgez�hlt. Ich versuche, das wirklich zu minimieren. Aber ganz ohne kriege ich�s nicht hin. Alle M�dels, die ich durch die Arbeit kenne, rauchen. Na ja, neunzig. Also Prozent. Ich denke manchmal dr�ber nach, warum das so ist. Wenn ich warte, wenn ich am Fenster stehe und sogar wenn ich <emphasis>mittendrin</emphasis> bin.�M�dchen, du l�gst doch wie gefickt�, w�rde Magda jetzt sagen, auch nicht wirklich lustig, und gedruckt und gefickt reimt sich nichtmal, aber wir lachen trotzdem �ber so �nen Mist, aber wirklich, was soll man machen, wenn die dummen Gedanken in deinem Kopf tanzen, als w�re dort Fasching. Karneval gibt�s bei uns gar nicht richtig, obwohl paar Idioten ihre kleinen Festumz�ge machen. Aber besser und billiger als Koks oder Speed oder dieser Glasfasermix. Kristall. Mit C. Also die Raucherei. Also billiger. Aber das bringt eh nix, weil das frisst dich auf Dauer. Also Koka. C, und was auch immer. Habe ich damals alles durch in Berlin. Sch�n bl�d. Come in and find out. Aber so schlecht war es auch nicht. Kann und will ich nichts h�ren von dem Opfer-Gerede. Weil war �ne sch�ne wilde Zeit. Ach, das arme M�del! Passt alles in denen ihr Bild. Und in die� Bild�. Ich sag mir eher immer: Ach, die armen Kerle. Wobei ich das andererseits schon verstehe. Dass sie zu mir kommen. Und weil es auch gut so ist. Und jetzt ist grad wieder Fasching im Kopf. Richtige Karnevalsumz�ge. Weil ich seit zwei Stunden warte und immer wieder aufs Telefon starre, wenn ich nicht grade am Fenster stehe. Ist stockdunkel drau�en inzwischen. Magda und ich, wir hatten damals nur ein Telefon. Ging gut. Mehr als kollegial. Jetzt h�re ich manchmal das Handy von Jenny im anderen Zimmer. Sie merkt auch, dass Januar ist, denke ich. Alle merken das. Nicht nur die M�dels. Mein liebster Taxifahrer sagt immer, eigentlich hat er�s nur zwei- oder dreimal gesagt:�Im Januar ist Winterschlaf. Taxi, B�rse, Nacht. �Mit der� Nacht �meint er mich. Auch wenn der Hauptteil meiner Arbeit am Tag ist. Das meint er nicht b�se. Weil erstmal keiner mehr Geld hat im neuen Jahr, sagt er. Ist ein ganz Lieber. Hat vor der Wende in einer gro�en Druckerei hier in der Stadt gearbeitet. Erz�hlt er viel von. Mitte f�nfzig. Und seit fast drei�ig Jahren verheiratet. Und zwei Kinder. Erz�hlt er immer. Das tut gut. Das h�r ich gern. Wobei ich das mit der B�rse nicht so genau wei�. War nie meins und wird�s auch nie werden. Ich kenne paar M�dels, die haben auf sowas geschworen. Und die haben gekauft und verkauft und gezockt wie bl�d. Ein richtiger kleiner B�rsenverein. Aber doch die Ausnahme. War ich nicht mit drin, weil ich ja immer sage, nach der Arbeit will ich nichts mehr wissen von der Arbeit. Obwohl das nat�rlich nicht so einfach ist. Mit Magda war das anders, aber ich will da jetzt langsam weg von, dass ich immer von ihr erz�hle und oft an sie denke. Weil das ist jetzt, wie�s ist, und es ist auch gut so, weil, und das hat meine Mutter immer gesagt, wenn es mal nicht lief und sie traurig war �ber irgendwas:�Die Dinge sind, wie die Dinge eben nunmal so sind.�</p><p>Aber die �rgern sich sehr, denke ich, die M�dels, von denen ich wei�, dass sie ihr Geld an der B�rse untergebracht haben. Wie viel, wei� ich nicht. Da gibt�s keine Versicherung, die dir irgendwas zur�ckzahlt. Ich habe eh keine Ahnung davon. Ich spiele Lotto. So bl�d das klingt. Vor kurzem hat ein Bekannter von mir �ber drei�igtausend gewonnen. Ich kenne ihn nur �ber drei Ecken. Eher zwei. Aber nicht als Gast. �ber Mandy, die arbeitet bei Hans. Und die kennt den Alten, der da so viel Geld gewonnen hat. Mit verk�rzter Kombination. F�nfer. Hab ihn mal gesehen in Hans seiner Buchte. Obwohl,�Buchte �ist unfair. Denn bei dem ist alles sauber. Klein, aber fein. Wirklich sauber. Was das Drumherum betrifft. Sicher nicht das Gelbe von den Eiern (Magda!), aber ich habe nur Gutes dr�ber geh�rt. Prozentual. Auch wenn ich sage, dass ich nach der Arbeit meine Ruhe haben will, kommt es doch immer zu dir. Also der Tratsch. Denn nat�rlich kann ich nicht einfach sagen: Ich bin dann mal weg. Das Buch von dem Kerkeling habe ich gelesen. War ganz witzig. Aber mir w�re das nichts mit der ganzen Latscherei. Santiago de Compostela. Zu sich selbst finden oder zu Gott oder der Welt oder was auch immer. Klingt wie Kompost. Und nat�rlich kann ich das sagen. Dass ich weg bin. Wie jeder B�rger und jeder Mieter seine Wohnung k�ndigen kann. Dr�ben klingelt das Handy. Bei mir ist Ruhe, und ich schalte das Radio an.</p><p>Meine Tochter soll Sabine hei�en. Ist total verr�ckt, aber ich w�rde auch gerne Sabine hei�en. Weil mir der Name wirklich gef�llt. Sind so seltsame Arbeitsgedanken. Fasching halt. Und meint auch nur den Arbeitsnamen, also K�nstlernamen. H�tte ich mich fr�her nicht Babsi genannt, also K�nstlername, w�rde ich mich jetzt Sabine�� Weil ich mit einer Sabine gearbeitet habe und ganz gut konnte mit ihr, gar nicht so lange her. Nicht so gut wie damals mit der Magda, die war ja fast wie �ne Schwester, die Magda. An die ich so oft denke. Mit der ich ja zusammen angefangen habe. Schneewittchen und Rosenrot. Nee, Wei�chen. Die hat sich nicht die Muschi rasiert, also Sabine, nichtmal �n Streifen, da habe ich gro�en Respekt vor, ganz ehrlich, ich mag das, wieso mag das keiner mehr von den G�sten, Achtziger-Style, aber glatt und blank ist eine Bank, aber bei ihr lief�s ganz gut, hat das extra annonciert, wenn alle pl�tzlich rasiert sind, macht man mit schwarzen Locken richtig Geld, sie hatte lange schwarze Haare, aufm Kopf nat�rlich, und jetzt macht sie in Kunst, unter ihrem richtigen Namen, ist schon seit fast zwei Jahren nicht mehr in der Firma. Fotos und so Mediensachen. Und Zeichnen auch. Viele hier in der Stadt machen in Kunst. K�nstler eben. Die das k�nnen. Oder studiert haben. Wenn ich dran denke, dass ich auch mal studiert habe. Fachhochschule. Der Alte sammelt Bilder, habe ich geh�rt. Aber nur die Gro�en, die teuer sind und Geld bringen. Ich bleib am Boden kleben. Die Cola wollte ich vorhin schon wegwischen. Der zweite Gast hat die Flasche umgeschmissen, die auf dem kleinen Couchtisch steht. Ich lege mich aufs Bett. Riecht immer noch nach Arbeit, obwohl ich vorhin eine neue Decke draufgetan habe. Der Erste war schei�e, der Zweite ganz o.k. Wenn ich mir nicht die Muschi rasiere, werden sie blond. Ich bin naturblond. Ich h�tte immer gerne dunkle Haare gehabt, deshalb f�rbe ich sie mir manchmal. Ob man unten f�rben kann? Dann w�rde ich mir vielleicht einen kleinen Streifen stehen lassen. Obwohl das nicht gesund sein soll mit der F�rberei, vielleicht hat das auch mit den Schuppen zu tun, die ich jetzt wieder habe, wenn ich nicht jeden Tag das Brennnesselzeug benutze. Ich schalte den Fernseher ein, immer noch ohne Ton. Den habe ich vorhin runtergedreht, als der zweite Gast kam. Das Radio l�uft leise im Hintergrund. Wenn jemand so Junges kommt, der auch noch ganz gut aussieht, frage ich mich manchmal, eigentlich war�s auch nur ganz zu Anfang so, ob der eine Freundin hat und nur Abwechslung braucht oder sie nicht gut genug bl�st oder �berhaupt nicht oder was wei� ich oder ob er echt nicht zum Ficken kommt, weil sch�chterne Typen gibt es ja jede Menge. Aber eigentlich ist�s mir schei�egal. Bei mir ist das so f�nfzig/f�nfzig, also zwischen Arschl�chern und Gro�schnauzen und den Sch�chternen. Aber genau kann ich�s nicht sagen, weil die Sch�chternen manchmal genauso schei�e sind, obwohl mir die Stillen eher lieber sind, Mutti macht das schon. Da kann ich selbst dirigieren, und die h�mmern mir nicht alles wund. Aber f�nfzig/f�nfzig trifft�s eh nicht richtig, weil�s noch jede Menge andere Typen gibt, da kommt das mit den Prozenten wieder durcheinander, ich habe manchmal dr�ber nachgedacht, eine Liste zu schreiben, eine Art Typentabelle.</p><p><emphasis>Achtzehn Uhr, die Nachrichten</emphasis>. Der Erste war schei�e. Der Zweite ganz o.k. Muss man so sehen, sonst wird man bl�d. Also ich zumindest. Die Superhits der Achtziger. H�re ich gerne. Bin neunzehnhundertneunundsiebzig geboren, und meine Musik ist eher aus den Neunzigern, Techno, Scooter, Hyper-Hyper, wegen den Rolling Stones bin ich f�nfundneunzig mit meiner Mutter nach Berlin gefahren, Voodoo-Lounge-Tour, durfte keiner wissen von meiner Technoclique, aber meine erste Schuldisko war neunzehnhundertachtundachtzig, kurz vor der Wende. Da liefen diese ganzen Kracher. Live is life. K�ss die Hand, sch�ne Frau, Ihre Augen sind so blau. Da Da Da.</p><p>Das Telefon klingelt. Ich lieb dich nicht, du liebst mich nicht. Jaaaa? Hm. Jaaa. Nat�rlich. Sofort. Rotk�ppchenweg�12. Bei Bose. Ja, wie diese Elektrofirma. Hmmm. Ja. Ich freu mich auf dich. Bis gleich. Da Da Da.</p><p><emphasis>Es ist siebzehn Uhr f�nfundf�nfzig. Die Stadt und die Welt. Immer f�nf Minuten fr�her informiert.</emphasis> Da bin ich wohl kurz weggenickt. Ich bin st�ndig m�de in letzter Zeit. Muss am Wetter liegen. Liegt immer am Wetter. Wie so vieles. Kaum mache ich die Augen zu, fange ich an zu tr�umen. Von wegen Rotk�ppchenweg. Den gibt�s hier schon in der Stadt, das ist dr�ben im S�den, da gibt�s ein ganzes M�rchenviertel, wo die Stra�en und Wege nach den M�rchen hei�en. Den Grimms. Meine Mutter hat mir manchmal welche vorgelesen. Nicht oft. Aber an ein paar kann ich mich erinnern. Ich meine jetzt nicht die �blichen, die man so kennt. Und nach denen auch die Stra�en in diesem Viertel im S�den hei�en. Dornr�schenstra�e. Froschk�nigweg. Schneewittchenweg. Aschenputtelstra�e. Frau-Holle-Platz. Schneewei�chen und Schneerosenrot. Ich wei� das wegen Sabine, die hat da gewohnt, ist dort aufgewachsen, hat sie mir erz�hlt. Und auch zur Schule gegangen, zu Zonenzeiten, sie ist zwei oder drei Jahre �lter als ich. Die Schule hie� aber nicht� Rumpelstilzchen POS �oder so. An die M�rchen kann ich mich noch genau erinnern, wie an das Lied� Der Mond ist aufgegangen�, und tats�chlich steht er dr�ben hoch �ber den H�usern, ganz klein in der kalten, klaren Nacht, und ich gehe zum Couchtisch und setze mich auf einen der beiden Sessel, denn aufs Bett habe ich grad keine Lust. Die Jalousie bewegt sich noch und macht Ger�usche am Fensterglas.�Der Eisenhans �hie� eins von den M�rchen. Und� Frau Trude�. Und an den� Fischer und syne Fru �kann ich mich auch noch erinnern.�Manntje, Manntje, Timpe Te�/�Buttje, Buttje in der See�/�myne Fru, de Ilsebill�/�will nich so, als ik wol will. �Oder so �hnlich. Oma und Opa kamen von der K�ste. Bad Doberan. Und meine Mutter kann ganz gut Platt. Wir sind oft hochgefahren, als ich klein war. Was hei�t Manntje, Omi? Und was ist eine Timpe? Als ich acht geworden bin, haben mir Oma und Opa das M�rchenbuch geschenkt. Das war gr�n, und seltsame Bilder waren drin, die haben mir manchmal Angst gemacht. Ich wei� nicht, wo es jetzt ist. Mutti wohnt noch in derselben Wohnung in Jena, und mein altes Zimmer gibt es auch noch. Bestimmt liegt es dort irgendwo im Regal. Ich habe mir ja vorgenommen, dass ich jetzt �fters hinfahre. Der Erste hat gut Geld gebracht heute, und da bin ich froh dr�ber. F�r Januar-Verh�ltnisse. Und so ein Idiot war�s nun auch wieder nicht, h�tte sich nur mal die Fingern�gel schneiden k�nnen, und saubermachen sowieso. Weil ich finde, dass es nichts Schlimmeres gibt als M�nner mit richtig Dreck unter den N�geln. Klar sage ich:�Wasch mal die Pf�tchen�, aber ich kann ihm ja kaum �nen Spachtel geben. Gibt nat�rlich Schlimmeres. Blumenkohl zum Beispiel. Das geht auf keine Vorhaut, sagte Magda immer. Also die Schweinerei. Sabine war seltsam, die hat sich nie beschwert. Ich habe sie wirklich sehr sehr gemocht, aber sie war schon seltsam.</p><p>Ich hab ja so �ne Art Skala, dreckige N�gel und fauliger Atem ganz oben, nimmt sich aber alles nichts. Nicht viel. Und bei Atem gibt�s auch noch �ne Unterskala. Wenn sie dich dann anjapsen, muss man sich so gekonnt wegdrehen, also den Kopf, dass es nicht unh�flich wirkt. Ich habe �ne Flasche Mundwasser im Bad stehen, aber das ist eher selten, also nie, dass die mal einer benutzt. Na ja, selten. Nat�rlich sage ich, wenn sie f�r �ne Stunde bleiben wollen, und auch so, dass sie vorher �ne Dusche nehmen k�nnen. Beziehungsweise sollen. Und ich sag das so charmant, dass sie�s auch machen. Mach dich frisch f�r mich, S��er, damit ich dich ablecken kann. Sind nicht alle so diplomatisch, das wei� ich. Vielleicht jetzt gerade, wegen Januar. Die gro�e Depression. Aber f�r mich gelten die Januar-Regeln das ganze Jahr. Obwohl das so Zickenkram ist, von wegen� Ich kann�s besser �und so. Wei� ich eigentlich. Muss jede selbst wissen, wie sie�s anstellt. Ich bin die Beste, ich bin die Sch�rfste, na ja, bin ich auch, ich schau dir in die Augen��, aber sch�n duschen vorher. Die meisten M�dels wissen schon genau, wie�s geht. Denn wer zufrieden ist, kommt wieder. So einfach ist das manchmal. Oder eben schwierig. Wie man�s nimmt. Das mit diesen ganzen� mans �hat meine Freundin Sabine gesagt, wie die jetzt richtig hie�, hab ich grad vergessen, obwohl wir uns alle mit unseren richtigen Namen ansprechen, Jenny hei�t ja wirklich Jenny, nur in der Annonce nennt sie sich� Lola�, ich finde das bl�d, weil das glaubt doch keiner, aber sie sagt, dass sie ein gro�er Fan von Franka Potente ist, der Schauspielerin. Meinetwegen.�Jenny rennt�. Katrin, hei�t sie, also Sabine. Ich wollte schon diese Kunstzeitschrift raussuchen, die ich hier irgendwo haben muss, wo was �ber die drinsteht. Sabine ist viel sch�ner als Katrin, also der Name, denn sie sind ja ein und dieselbe, und sie hat mir mal gesagt, dass sie sich auf dem Amt umbenennen will, also den Antrag darauf stellen, f�r den Ausweis, K�nstlername sozusagen, das war noch bevor sie sich mit Fotos und Videos und Zeichnungen versuchte, aber sie hat auch schon damals immer gesagt:�Beruf: Liebesk�nstlerin�. Das fand ich gut. Aber ich geh mit der ganzen Sache pragmatischer um, wie die meisten von uns. Aber Geld machen ist ja auch �ne Art Kunst. (�<emphasis>Pragmatischer? Quasi</emphasis> sozusagen? H�tteste mal weiterstudiert, M�dchen!�Magda im Gespr�ch mit Lilli, Februar 2003) Bisschen hat�s mich schon genervt, dass sie immer so getan hat, als w�re sie zig Jahre �lter als ich, also Magda, gro�e gro�e Schwester, dabei war sie nur dreieinhalb vor mir, obwohl wir in der Annonce damals fast gleichaltrig waren. <emphasis>Hallo? Hallo? Der gr��te Baumarkt Deutschlands!</emphasis> Immer diese bescheuerte Werbung. In <emphasis>den</emphasis> Baumarkt geh ich ganz bestimmt nicht. Mit der Sabine, das habe ich verwechselt, die war n�mlich ein oder zwei Jahre j�nger als ich, also fast gleichaltrig.</p><p>Und wenn Mutti vorgelesen hat, war doch ziemlich oft, hat sie immer nur diese M�rchen genommen, die keiner kannte. Oder den Fischer mit seiner Frau. Das hat ihr Spa� gemacht, das auf Platt zu lesen, obwohl ich das meiste nicht verstanden hab, aber es klang wirklich sch�n. Eine ganz seltsame Melodie. Und Muttis Stimme war dann ganz anders. Als w�re sie selbst wieder ein Kind. Ich denke, dass Oma ihr das oft vorgelesen hat, oben in Bad Doberan. Da dampft die Molli fast an dem Haus vorbei, wo die Gro�eltern wohnen und wo Mutti auch aufgewachsen ist. Das ist eine kleine Dampfbahn, die Molli, Schmalspur, f�hrt bis zur K�ste, bis zum Meer. Bei� Frau Trude �habe ich mich unter der Bettdecke versteckt. Und wenn die Molli mit diesem lauten Pfeifen am Haus von Oma und Opa vorbeiratterte, meistens waren wir nach Weihnachten dort, und manchmal sind wir alle zusammen mit der Molli durch die verschneite Ebene gefahren, bis hoch zum Meer, und als ich dann das gr�ne sch�ne Buch in Jena hatte und Mutti draus vorgelesen hat, oft war das ja nicht, aber an� Frau Trude �kann ich mich genau erinnern, da h�rte ich immer die schrillen Schreie dieser kleinen Lok. Und ich lag in Bad Doberan unter der gro�en Bettdecke im kalten Zimmer, Mutti schlief immer neben mir, aber sa� noch lange meistens mit Oma und Opa, bis sie dann kam; die letzten Z�ge fuhren irgendwann nach acht, aber ich war ja erst acht und noch j�nger, und dann immer dieses <emphasis>Dschuhuuu Dschuhuuuu,</emphasis> ich wei� noch, wie ich immer ins Dunkel unter der Decke geschl�pft bin in dem gro�en kalten Bett, und einmal habe ich so laut geweint, dass sie alle ins Zimmer gekommen sind. Mutti, Oma, Opa. Eins, zwei, drei.</p><p>Ich habe dem Chef mal spa�eshalber gesagt, dass er doch dr�ben im M�rchenviertel eine <emphasis>Dependance</emphasis> (Magda:�Hallo! <emphasis>Hallo</emphasis>?�) aufmachen soll. Weil das sicher der Renner w�re. Wenn er da Wohnungen h�tte. Rotk�ppchenweg. Froschk�nigweg. Und die M�dels aus Tausendundeiner Nacht. Da hat er nur gelacht. Rumpelstilzchen halt. Aber er ist schon in Ordnung. Sonst w�rde ich nicht seit acht Jahren hier arbeiten. Obwohl ich manchmal dran denke, nach Hannover zu gehen. Niedersachsen-City ist stark im Kommen, seit die Engel und der Pate der Engel da alles regeln. Was man eben so h�rt.</p><p>Die war wirklich ein bisschen Richtung Emanze, die Kunst-Sabine, was immer das jetzt aussagt. Also nichts. Und vertr�gt sich ja auch nicht mit dem Job. Also wie man�s nimmt, denn eigentlich schon nat�rlich. Weil wir doch die Frauenquote hochtreiben und knallhart die Kerle ausnehmen. Na ja, mal so, mal so. Bisschen durcheinander jetzt.</p><p>Sabine Sabine. Englisch. Radio. Wie das Lied. Wie damals in der Schuldisko. Da Da Da. Wenn ich daran denke, wie wir Kinder, wir M�dels und die Jungs, da so �ber die Tanzfl�che gehuscht sind�� Sabine sagte immer, dass man nicht� man �sagen soll so oft. Auf der Arbeit und nach der Arbeit. Weil man mit man, also den M�nnern, ja eh immer genug zu tun h�tte. Das stimmt schon. Aber� frau�? Oder� mensch�? Klingt doch bl�d. Ist doch Achtziger. Schwarzer. Ist doch Unsinn. War schon <emphasis>strange,</emphasis> die Kleine. �ndert doch auch nichts an den Tatsachen. Und die finde ich jetzt so schlecht nicht. Und h�tte sie nicht so gut verdient, h�tte sie auch nicht in Kunst machen k�nnen, denn sie hat schon ganz sch�n was angespart. Denke ich mir zumindest. Aber sie hat kein Blatt vor den Mund undsoweiter, immer voll da, immer aggressiv und um nichts verlegen und doch gleichzeitig mit einer dunklen Stille in den Augen, kann ich schwer erkl�ren jetzt, aber ich denke, das haben die G�ste an ihr gemocht. Und ihren kleinen Busch. Der letzte Tango�� Aber ich glaube manchmal, dass sie das alles ganz genau kalkuliert hat, als sie dann die Fotos und Bilder von der Arbeit ausgestellt hat, G�ste, Kolleginnen, Blicke aus dem Fenster, Zeichnungen zwischen zwei G�sten, also was sie so gekritzelt hat, wenn einer weg war und bevor der n�chste kam�� Da war das Geschrei ganz sch�n gro�. Bei den M�dels, bei den G�sten, beim Alten. Ziemliche Aufregung. Aber ich fand�s gut.</p><p>Und kurz bevor ich wegnicke, weil das Flimmern der Fernsehbilder mich m�de macht und die Achtziger jetzt auch nicht so viel hergeben im Radio, klingelt das Telefon.</p><p>Jaaaa? Ich habe nie verstanden, warum Mutter mir solche Sachen wie� Frau Trude �vorgelesen hat, wenn sie denn mal vorgelesen hat. F�r meine Tochter w�re das eher� Froschk�nig �oder� Hase und Wolf�, ach nee, das ist dieser russische Trickfilm��, Nu pagadi, Na warte! F�r das Mondlied bin ich ihr bis heute dankbar. Ja, die Babsi. Hmmm. Ja. Nat�rlich. Hotel? Das kostet aber extra�� Und wo ist das? Ja. Gerne. Ja, nat�rlich. Gib mir doch deine Nummer auf dem Zimmer, dann rufe ich sofort zur�ck. Jaaa. Warte kurz��, ja, jetzt. Ja. Zwo vier sechs. Drei�ig Sekunden. Bis gleich.</p><p>Habe ich das Radio noch schnell leise gemacht. Superhits der Achtziger. Ich liebe George Michael. Und im Fernsehen lief was �ber Sexy Cora. Still. Und das Telefon klingelt. Und dr�ben bei Jenny klingelt�s auch. Vorhin hat�s auch an der T�r, und ich bin kurz raus in den Flur, und Jenny hatte schon ihre Titten arrangiert und stand an der Gegensprechanlage und nickte mir zu und� Ja, komm hoch, ich warte schon�, weil oft auch Stammkunden klingeln, ohne vorher anzurufen, und das k�nnte genauso gut f�r mich sein, aber sie sagt� Holger �und grinst und macht schonmal die T�r auf, und ich h�re ihn unten auf der Treppe schnaufen, dabei ist er im besten Alter. Aber das sagen sie alle, wenn sie knapp �ber f�nfzig sind. Bei mir ist er auch schon gewesen, aber Jenny ist eher sein Fall, da bin ich ehrlich. Also wieder rein ins Zimmer, die Kollegin macht das schon.</p><p>Und ich stehe am Fenster und wei� nicht, ob das gut ist, wie das jetzt grad ist. Haus- und Hotel-Besuche stehen zwar in meiner Sedcard, Internet und Zeitung, H�&amp; H, aber gerne gehe ich nicht raus aus dem Nest. Vor allem im Januar. Minus zehn. Und habe ihn an der Strippe. Klingt zumindest freundlich. Immer nur mit Nummer, bei der ich zur�ckrufen kann. Sonst k�nnte ja jeder kommen. Wie mit den Pizzas, die dann keiner bestellt haben will. Aber ich kenn die Nummern vom Hotel, habe ab und an Besuche gemacht dort in den letzten Jahren. Frage mich, was er in der Stadt will, ist grad keine Messe. Unten auf der vereisten Stra�e verliert irgendein Depp die Kontrolle �ber seine Karre und schliddert fast wie in Zeitlupe und stellt sich quer und ber�hrt lautlos die parkenden Autos, die ihn abfangen. W�hrend ich mich anziehe, gucke ich nochmal, und da stehen sie auch schon auf dem Fu�weg und gestikulieren, wie schnell der Besitzer des parkenden Autos seinen Weg in die K�lte gefunden hat. Mein Auto, mein Haus, meine Wut. Vielleicht hat er auch am Fenster gestanden wie ich. Wie ich.</p><p>Und ich ziehe mich an, w�hle die Kleider. Enge Jeans, das schwarze Top, die Jacke mit dem Glitzer dr�ber und den Mantel. Und da muss ich nochmal raus aus den Klamotten, weil ich doch noch den kleinen Schwamm wechseln muss, ist immer �ne ganz sch�ne Fummelei, ist so �n Spezialschwamm, der liegt ganz hinten, ziemlich weit drin, wegen der Tage, gehen heute los, prima Timing, nehmen die M�dels auch beim Porno, funktioniert, sollte nur keiner mit so �nem Viertelmeterzollstock ankommen. Und dann klingelt das Telefon. Aber nicht bei mir, sondern in der Firma, wo Gerd rangeht, das Milchgesicht, fr�her war da noch Alex, das Milchgesicht, der jetzt bei den Engeln ist, und ich sage ihm, wo ich hinmuss und dass ich mich melde, wenn ich zur�ck bin, und ja, ich schreibe eine SMS, wenn ich da bin und alles klar ist. Ich gehe nicht gern raus zum Arbeiten. Verlasse nicht gerne das Nest. Egal, ob Winter oder Sommer. Die Hausbesuche versuche ich immer davon zu �berzeugen, doch lieber zu mir zu kommen. Ich meine, wozu zahle ich Tagesmiete, wenn ich mich drau�en rumtreibe. O.k., ist alles Geld und sind alles Kunden, die wieder anrufen, wenn sie zufrieden sind. Wenn ich ihnen gefalle. Und ihnen gef�llt, was ich ihnen biete. Ich sehe mich im Spiegel, stehe im Bad und h�re, wie Holger Jenny fickt. Oder Jenny Holger. Es waren schon paar gute Stunden dabei in den Hotels. Wenn die Typen Schampus spendierten, die halbe Nacht mit mir verbringen wollten f�r �n Haufen Geld. Da bin ich schon fast Escort. Bei der Automesse gab�s immer viel zu tun. Das war ein Kommen und Gehen. Da habe ich auch am Wochenende gearbeitet manchmal. Letztes Jahr und das Jahr davor war nicht mehr so viel los, die haben ihre Sexpartys wohl nach ausw�rts verlegt, wie man so liest und h�rt. <emphasis>Sex in the city, sex on the beach</emphasis>. Portugal, S�damerika, Budapest. Das kann ich alles unterschreiben, die waren vollkommen hemmungslos, richtige Drecks�ue dabei, aber wenn du Gl�ck hattest, bist du bei �nem kleinen Angestellten auf dem Zimmer gelandet, der eine war ganz niedlich, im Jahr zweitausendsieben, kann ich mich noch gut dran erinnern, was mich wundert manchmal nach all den Jahren und all den G�sten, vorher und nachher, aber eigentlich macht�s keinen Unterschied, ob Verk�ufer oder Chef, wenn sie zahlen, denken sie, das w�re der Drecksau-Tarif. Die H�flichen, Angenehmen sind rare Ware auf dem gro�en kalten Markt. Da muss ich lachen und sehe mich im Spiegel, sehe meine wei�en Z�hne und bin <emphasis>ready to goho</emphasis>. Habe sie vor kurzem erst bleichen lassen.</p><p>Und das Telefon klingelt, aber ich bin auf dem Weg zur Nachtschicht. Kurz vor neunzehn Uhr. Die Stadt und die Welt. Das Taxi steht schon unten. Mein Lieblingsfahrer. Der Motor l�uft. Polizei auf der anderen Stra�enseite. Wegen den paar Kratzern kommt in Deutschland das Einsatzkommando mit allem Drum und Dran. Ich war mal in Belgrad, da juckt das keinen, wenn�s mal Beulen gibt. Er �ffnet mir die T�r, ein wahrer Gentleman, rennt extra um die Karre rum, verbeugt sich halb und bewegt seine Hand im weiten Bogen durch die Luft,�Steigen Sie ein, Madame�, und schlie�t die T�r vorsichtig, als ich auf der R�ckbank sitze. Er macht immer solche Scherze, und ich f�hle mich gut, wenn er mich f�hrt.</p><p>�Na, da hab ich mich gefreut, als deine Nummer bei mir geblinkt hat. Lange nicht gesehen. Was macht das gro�e Leben?�</p><p>�F�hlt sich klein an�, sage ich. Und er schweigt, weil er merkt, dass ich meine paar Sekunden Ruhe brauche. Dass ich in den Audrey-Hepburn-Modus schalte, oder meinetwegen Sharon Stone, aber ich mag dunkle Haare eher als mein Naturblond, deswegen f�rbe ich manchmal, und Sharon Stone ist mir zu k�hl jetzt im Winter. Julia Roberts. Die Kom�die kann beginnen. Und ich schlie�e die Augen. Sehe und sp�re das Flie�en des Lichtes.�Schalt das Radio ein, bitte.�</p><p>�Wird gemacht.�</p><p>Irgendein Techno l�uft, harte B�sse, aber nicht zu schnell, und er schaltet rum, bis ich sage:�Mach wieder aus, sei so lieb.�</p><p>�F�r dich alles.�</p><p>Und wir fahren langsam durch die gro�e wei�e Stadt. Die Hauptstra�en sind ger�umt, das digitale Thermometer zeigt minus zw�lf. Wenig Verkehr, auch auf den Fu�wegen sind nur wenige Menschen unterwegs.</p><p>Neunzehn Uhr zehn. Wann kannst du denn da sein? Halb acht. Gut. Ich mache aber nur bis zehn. Drei Stunden? Ja. Halb elf. Gerne. Zimmer 405? Nee? Sorry, nochmal. Ja. Bis gleich.</p><p>Sie sieht das Hotel schon von weitem. Eins der h�chsten Geb�ude der Stadt. Ein grauwei�er Monolith. Ein paar kahle B�ume drum herum. Es dampft aus den Gittern und Gullideckeln. Flugzeuge blinken am Himmel und ziehen Schneisen durch den Frost. Fenster hell, Fenster dunkel. Zur Weihnachtszeit versuchen sie, die Zimmer so zu belegen, dass der Umriss eines Weihnachtsbaums auf der Hauptfassade erscheint. Ein Fragment davon ist noch zu sehen. Schlitten stehen in der Auffahrt. Der Atem der Pferde dampft und steigt an der Fassade hoch. Ein b�rtiger Mann in einem Pelzmantel steht vor der gro�en Dreht�r und schl�gt langsam eine bunte Trommel, die an einem Band um seinen Hals h�ngt. Bumm. Bumm. Bumm.</p><p>Wir kommen nur langsam voran. Vor uns eins dieser riesigen R�umfahrzeuge. Neben uns auf dem Fu�weg dampft es aus einem kleinen Gitter direkt an der Bordsteinkante. Wieder Rot. Mein Lieblingsfahrer schimpft leise �ber die Schaltphasen. Ich sehe seine Augen immer noch im R�ckspiegel. Mir ist heute nicht der Sinn nach Kom�die. Manchmal habe ich das so gemacht, witzige Spr�che, rasanter Schritt, wie Julia Roberts in� Pretty Woman�, mein Lieblingsfahrer spielt mit, und wir kabbeln uns, und die Pointen fliegen nur so hin und her, ich sage:�How do you do?�, wenn ich an der Rezeption vorbeigehe, und zwinkere den Boys zu�� Muss am Wetter liegen. Wie jede Frau in jedem Job hab ich auch mal �n schlechten Tag. Wie gesagt. Drei Stunden. Wird �ne lange Zeit. Sind aber vierhundertf�nfzig Euro. Bei Hotelbesuchen nehme ich hundertf�nfzig die Stunde. Davon tr�umen doch andere, von solchen Stundens�tzen. Wenn ich dran denke, was mein Lieblingsfahrer so verdient. Ich meine, schlecht isses sicher nicht, gibt andere, die haben noch weniger heutzutage. Hartz IV und so. Und deswegen habe ich zweitausendf�nf nicht Schr�der gew�hlt. Wenn er nur halb so o.k. wird wie die Nummer zwei heute Mittag, wie sp�t war�s da eigentlich genau. Bei der eins h�tte ich am liebsten wieder mit Gummi geblasen, wie bis vor drei Jahren, aber heutzutage geht das nicht mehr, zumindest seit die anderen das mehr und mehr anbieten, also mit <emphasis>ohne</emphasis>, aber nur <emphasis>oben</emphasis>, und die G�ste bestehen immer mehr drauf, aber Gummi schmeckte auch schei�e, und wenn sie ihn vorher saubermachen, und deswegen schicke ich sie alle unter die Dusche, und am liebsten w�rde ich kontrollieren, ob sie auch sch�n die Vorhaut zur�ckschieben, es m�sste eine Beschneidungsverordnung geben, Juden haben wir ja kaum hier, ich habe jedenfalls immer literweise Listerine und sowas auf Vorrat. Nat�rlich blase ich auch noch oft mit. Meistens nur dran z�ngeln, und viele gehen ja eh schnell ab, und dann ziehe ich ihn drauf und mach�s ihnen, bis sie kommen, oder warte, bis sie sich beruhigt haben, wenn sie ihn noch reinstecken wollen in mich. Aber ich habe eben nunmal FO in der Annonce seit vier Jahren, und normalerweise kann man sich da nichts holen, da m�sste man schon ziemlich gro�e Wunden haben im Mund und er an der Eichel, und Saft kommt bei mir eh nicht zwischen die Lippen. KB, K�rperbesamung, o.k.</p><p>Wenn das Jahr gut l�uft, habe ich dann ganz sch�n was angespart. Die meisten k�nnen�s nicht halten, so wie viele Kerle ihren Saft, also das Geld. Gucci hier, Prada da. Na klar, g�nne ich mir schonmal was, was denken Sie denn? (Zwinker, zwinker! Da l�chele ich in die Kamera, und meine kleine Winterkom�die l�uft so langsam doch an, was soll�s, das wird �n sch�ner kleiner Hotel-Job, perfekt zum Feierabend, und der Gentleman mit dem Champagner und hoffentlich nicht so �nem gro�en Monsterschwanz, obwohl, mal schaun, zwinker, zwinker!) Wenn ich nach der Arbeit mal ausgehe, da habe ich schon die feinen Sachen, wozu verdient man denn viel Geld? Aber die hohe Kante ist genauso wichtig. Sage ich zu jedem M�del, das einsteigen will. Wenn du nicht aufpasst, stehst du irgendwann da, und die Kohle ist verprasst, die Zeiten werden schlechter, und du kannst schuften und ackern, bis du grau wirst und die Titten faltig, um wieder rauszukommen aus der Misere. Kann mir nicht passieren. Habe Pl�ne.</p><p>Und da rollen wir langsam �ber die gro�e Hauptstra�e, die durchs Zentrum f�hrt, die Stadt scheint hellblau zu leuchten, Schnee auf den D�chern, und da ist schon das gro�e Hotel. Siebenundzwanzig Etagen und �n paar noch oben drauf. Wieder stehen wir an einer Kreuzung, die Stra�e runter geht�s in den Zoo, dort bin ich als Kind ein paarmal mit meiner Mutter gewesen, wir sind extra von Jena gekommen deswegen, weil�s so ein gro�er und ber�hmter Zoo ist, das war in den Sommerferien, ich erinnere mich ganz gut daran, ich hatte so einen Ferienpass, mit dem man fast �berall umsonst reinkam, und die gro�en Ferien gingen damals noch zwei Monate, das war wirklich eine lange Zeit, was wohl die Tiere bei dieser K�lte machen? Aber heute ist der Zoo ganz anders als fr�her, als die gro�en Raubtiere in den alten K�figen hin und her tigerten, Sommer und Winter, sie taten mir leid als Kind, das wei� ich noch, vielleicht tun sie mir aber auch nur jetzt leid, wenn ich mich an sie erinnere, aber den Affen in diesem alten Affenhaus ging es wohl ganz gut, so wie sie spielten und Bananen fra�en und die H�nde ans Glas legten. Und heute sind sie alle in riesigen Freiluftgehegen, L�wen, Tiger, Affen, nat�rlich nicht zusammen, das w�rde ja Mord und Totschlag geben, auch die verschiedenen Affenarten haben jede ihr eigenes Gehege, ist wirklich ein riesiger Zoo, fast wie eine kleine Stadt, und ich muss mal wieder hingehen, wenn ich eine Tochter habe, werde ich mit ihr ganz oft in den Zoo gehen und ihr alle Tiere zeigen, die Fische fand ich als Kind immer langweilig, dabei hatten die die sch�nsten Farben. Den neuen Zoo, also so wie er jetzt ist, denn es ist ja nat�rlich derselbe Zoo, aber trotzdem ganz anders, kenne ich nur aus dieser Fernsehsendung� Tiger und �ffchen�. Wir M�dels gucken das alle. Kennen jedes Tier. Mit Namen. Und finden den oder diesen Pfleger gut. Oder s��. Ich guck�s nur ab und zu beim Durchzappen. Ich zahle und steige aus.�Pass auf dich auf.�</p><p>�Dank dir. Bis bald. �Und ich winke und sehe, wie er wegf�hrt. Es ist saukalt, ich r�cke meinen Schal zurecht, cremefarben, Kaschmir, tut gut auf der Haut, ich trippele durch die gro�e Dreht�r, durch die anderen T�ren, links und rechts, ziehen Leute riesige Rollkoffer, die Portiers halten die T�ren auf, Taxis kommen und fahren wieder, ich schiebe meine kleine Tasche auf die Schulter, eine Hand auf dem Gurt, dann trippele ich an der Rezeption vorbei durch die gro�e Lobby. Ein Springbrunnen pl�tschert. Es gab ein Bassin mit Fischen drin, im Zoo, das war voll mit M�nzen. Links neben den Fahrst�hlen die Bar, dort habe ich schonmal gesessen, war mit einem Gast verabredet, ich dachte erst, der kommt nicht, obwohl ich ihn ja auf seiner Zimmernummer zur�ckgerufen habe, aber wenn er sagt� unten an der Bar�, kann ich ja schlecht hochgehen und klopfen, und ich hab das alles schon erlebt, dass man dann vor �ner T�r steht, Hotel oder Wohnung, und keiner macht auf. Weil sie pl�tzlich Schiss gekriegt haben oder sich einen von der Palme gewedelt oder was wei� ich. In Wohnungen gehe ich ja nicht so gerne, und das ist auch eher selten, dass da einer anfragt. Weil bei vielen ja die Frau zu Hause wartet. Aber da war ich schon in Buden gewesen, da wollte ich rennen, nur noch rennen. Da denkt man, dass die sich nicht sch�men. Also ich w�rde mich sch�men. Und da nicht noch jemanden reinholen. Hotel ist dann doch schon was anderes. Da stehen wir zu dritt im Fahrstuhl. Ich dr�cke die F�nfundzwanzig. Ein junger Mann und eine Frau, die geh�ren wohl zusammen. Da muss ich an meinen letzten Freund denken. Und krieg sofort Gef�hl. Weil ich mit dem auch mal in �nem schicken Hotel war. Auch wenn�s inzwischen anderthalb Jahre her ist. Ist jetzt keine Zeit f�r sowas. Wir fahren. Die kleinen blauen Ziffern �ber der T�r flimmern, in der F�nfzehn halten wir, in meinem Ohr knackt es, �n alter Knacker steigt zu, sieht m�de aus, m�de Augen, altes kleines Gesicht, ich bin jetzt einunddrei�ig, die meisten denken Mitte zwanzig, so steht�s in der Zeitung, so steht�s in meiner Sedcard, ich habe Pl�ne, noch einen Winter, noch einen Sommer, ich bin ein Profi, cool wie Sharon Stone mit schwarzgef�rbten Haaren, wir sind die erste Liga, wir ziehen den M�nnern das Geld aus den Eiern (Klappe, Magda! Zwinker, zwinker!), und wir fahren, der Alte steigt in der Achtzehn aus, Ding! zieh �n Finger, Alterchen, ich muss zum Honeymoon! die beiden wollen bestimmt hoch in die Siebenundzwanzig, da ist eine Bar �ber den D�chern der Stadt, dort bin ich noch nie gewesen, aber heute, wenn ich die Scheinchen ins Dekollet� stecke, nat�rlich kommen sie ins Portemonnaie, heute werde ich dort oben eine Margarita trinken an der Bar, mit Blick auf die Stadt. In der F�nfundzwanzig steige ich aus, nicke den beiden kurz zu, bevor sich die T�r schlie�t. Ich sehe die Zimmernummern. Ich laufe den langen Gang entlang. Eine Frau kommt mir entgegen, sieht aus wie ein Zimmerm�dchen, wei�er Kittel.�Guten Tag�, sage ich<emphasis>. Es war einmal ein kleines M�dchen, das war eigensinnig und vorwitzig.</emphasis> Ich habe mich immer gefragt, was das sein soll. Vorwitzig. Als Kind. Als meine Mutter mir die� Frau Trude �vorgelesen hat. Und wie die Frau Trude dann am Ende das M�dchen in ein Holzscheit verwandelt und ins Feuer wirft und sich an ihr w�rmt. Wer denkt sich so etwas aus. Und wer liest so etwas vor. Manchmal denke ich, dass ich�s vielleicht selbst gelesen habe in dem gr�nen Buch, und weil meine Mutter mir auch einige M�rchen vorgelesen hat�� Gehirnfasching, Erinnerungen im Winter, Januar zwo-elf. Ist doch auch schon lange her. Ich bleibe vor der T�r stehen. Ich warte kurz und bin ganz still. Musik von drinnen. Ich l�chele. Lege die Hand auf die T�r. F�hle mich stark. Na, dann wolln wir mal.</p></section><section><title><p><strong>II&#x2002;(Und in den Stra�en, hoher Schuh, schlankes Bein.)</strong></p></title><p>Menschen schieben schweigend das Leben und die Nacht und den Tag vor sich her,�Sechshundertf�nfundf�nfzigtausend sind sicher keine gro�e Sache, kein Weltstadtniveau, aber wir expandieren! Die Million ist das Ziel!�(Ich sagte <emphasis>schweigend</emphasis>!), Farben flimmern durch die Stadt, Baumaschinen auf zerrissenen Stra�en, Wetterleuchten weit im Norden, drei Zeppeline kreisen �ber den H�usern.�Nimm deine schei� Zunge aus meinem Mund! Und komm mir nicht mit deinem <emphasis>Das hat der und der und die und die</emphasis>. Ich habe gesagt, dass ich nicht���</p><p>Gr�ne Wellen, Stra�enbahnen quietschen in den Kurven, S-Bahnen auf Br�cken, Bahnd�mmen, in Tunneln, Bahnh�fen, Gelenkbusse winden sich durch den Verkehr, Nummer�60, Zehnminutentakt, 76, 69, Rotstopp, am G�terring kreuzen sich S-Bahnen und G�terz�ge, mehrere Ebenen, ein steinernes Viadukt hinterm Sportplatz, Kleing�rten rauchen, Ostvorstadt, Angrillen, Abgrillen, Westvorstadt, badamm, badamm, badamm,�Die Z�ge rattern heutzutage anders, klingt anders als fr�her�, sagt ein Alter zu seiner Frau, die neben ihm auf dem Balkon��, graue H�user oberhalb der Schienen, die Z�ge fahren durch Felsenschluchten, Vorstadtz�ge, rostbraune Waggons, verfallene G�terbahnh�fe, die gro�en Seen am Rand der Stadt verdunsten ganz langsam, auf dem Grund liegen die alten Bagger, Braunkohlereste in den Schaufeln. Das Restaurant am Pier ist gut besucht, die Leute starren aufs Wasser und warten��</p><p><emphasis>Wo bleibt der Regen, wir warten auf den Regen, nehmen Sie sich Urlaub und fahren Sie ans Meer�� auf zweiundneunzig Komma drei��</emphasis> Und die Sonne wandert schnell.</p><p>�Das war, weil das Stampfen der Fabriken�, sagt der Alte unterm Sonnenschirm, den sie mit Draht fixiert haben an der Wand, gegen die St�rme, weil es ja bald gewittern soll, ah, ah, ah, jemand bumst laut, offene Fenster im Hinterhof, Frauenstimmen, Tachometer,�Ich brauche �ne Taxe, sofort!�, die Sommerluft leitet die Ger�usche, Elektrosound,�das war, weil���</p><p><emphasis>Zisch</emphasis> macht das Bier, Kronkorken mit Wernesgr�neremblem, in der Sonne funkelt alles, immer im Kreis, Metall, Stra�enbahnen quietschen in den Kurven, Tausende Arbeiter str�men in die Fabriken, aus den Fabriken, w�hrend der Alte trinkt mit geschlossenen Augen, neunzehnhundertvierundsechzig, Sonnenfinsternis neunzehnhundertneunundneunzig,�und weil die doch alle zu sind jetzt, dichtgemacht und��, ahhhh, mein Gott, tut das gut, stampft das nicht mehr, klingt das anders jetzt, und G�terz�ge sind doch auch nur noch selten und leer, wenn �berhaupt. �Was quatscht der Alte nur f�r einen Bl�dsinn, denkt die Frau, seit drei�ig Jahren, wenn�s wo stampft, dann in seinem Kopp, nicht dass er mir senil wird, und sie geht nach drinnen, wo die K�chenuhr tickt. <emphasis>Der hei�este Sommer seit zweitausenddrei��</emphasis> badadadamm <emphasis>� kauft�� zweiundneunzig Komma</emphasis>, ein Bulle schl�ft �ber der Bildzeitung, unten vorm Haus, Zivilbulle�1, Golf�2, Kopf auf der Brust,�Bild �aufm Lenkrad, Annoncen neben der lokalen Sportseite, FO machen jetzt die meisten, am Knochenplatz um die Ecke soll�s �ne neue Lieferung geben, die Fixer machen sich d�nn bei achtunddrei�ig Grad, und Kristall regiert die Stadt, der Bulle�2 trinkt Cola Zero und �berfliegt die Annoncen, was die wohl mit FF meinen? ping, ein Kronkorken auf der Motorhaube, zu faul zum Aussteigen, Radio dudelt, was, verdammt nochmal, ist KB?� Heh, sag mal, du wei�t doch bestimmt, was KB bedeutet, und FF, h�rst du, KB!�</p><p>�Lass mich in Ruhe mit HB, F6 kann ich dir sagen. �Er wischt sich den Sabber vom Kinn, da bin ich wohl kurz weggenickt. Fr�her gab�s Hitzefrei bei solch einer Demmse.</p><p>�Wei� ich doch selber. Wegen der F6, also der Fernverkehrsstra�e, weil dort die Tabakfabrik stand, in Dresden.�</p><p>�Ja, ja. Wer wird Million�r. Dresden hin, Dresden her, Chemnitz och nichts mehr. �Er streicht sich �ber die Glatze.�Ein kaltes Bier, ein kaltes Bier. �Er steigt aus und blickt an der H�userfront nach oben. Sieht einen bunten Sonnenschirm, der im dritten Stock �ber die Balkonbr�stung h�ngt. Er f�hrt mit der Hand �ber die hei�e Motorhaube, sp�rt den winzigen Kratzer, den der Kronkorken gemacht hat. Er blickt r�ber zum Taxistand. Der kleine Flachbau mit dem Imbiss ist leer seit ein paar Tagen. Dabei m�sste das doch laufen jetzt im Sommer. Bei der Hitze macht�s ihm gar nichts mehr, dass er aufgeh�rt hat zu rauchen. Da fehlt der Appetit. Das legt sich nur aufs Herz mit dem Ozon. Er sieht, wie eine Frau �ber die Stra�e rennt, direkt zum ersten Taxi in der Schlange der sieben, acht Autos, er z�hlt. Sind sieben. Er blickt auf die Uhr. Clock drei. Sie steigt ein. Hinten. Gro�e blonde Frau. Sehr gro�. Hohe Schuhe. Sehr hoch. Sch�ne Titten. Sehr sch�n. Sehn aus wie gemacht. Sie fahren.</p><p>�Hol mal den Grill raus.�</p><p>�Du willst doch nicht bei dieser Hitze grillen! Das zieht wieder alles in die Wohnung.�</p><p>�Wir k�nnen doch runter auf den Hof, da gibt�s mehr Schatten.�</p><p>�Ich mach keinen Schritt mehr heute.�</p><p>Das Taxi kommt zur�ck. Stellt sich hinten an. Wie die Zeit vergeht. Und die Sonne wandert. Er beobachtet die beiden Bullen, die immer noch dr�ben vorm Haus in der Sonne stehen. Keine B�ume, kein Schatten, und die Sonne wandert schnell.</p><p>�Wo dieser Penner bleibt?�</p><p>�Steig mal wieder ein. Stehst wie �n Bauer am Schie�stand.�</p><p>�Als ob unser Kai was mitkriegt. Hab geh�rt, ist wieder Kleinmesse gerade. W�rde gern wieder mal hin mit meiner Tochter.�</p><p>�Du bist ja �n richtiger Insider! F�hrste nicht jeden Tag dran vorbei?�</p><p>�Nee. Wenn ich fahre, nehme ich immer die 7 an der Rennbahn vorbei.�</p><p>�Die�6.�</p><p>�Kennste denn nicht den Spruch mit der 7?�</p><p>�Nee.�</p><p>�Na dann.�</p><p>�Erz�hl mal.�</p><p>�Nee. �Er steigt wieder ein. L�sst die T�r offen. Er beugt sich zur R�ckbank und nimmt eine Flasche Wasser.�Gib mir mal �ne Cola�, sagt Bulle�2 zu Bulle�1.</p><p>�Bitte!�</p><p>�Bitte.�</p><p>�Cola Zero?�</p><p>�Siehste �ne andere Cola?�</p><p>�Wie kannst�n das Zeug blo� trinken, ist das pure Gift.�</p><p>�Danke, Genosse. Gift? Wie kommst�n auf den Schei�?�</p><p>�Ja, was denkst du, was da drinnen ist. Das ist wie bei den Light-Zigaretten.�</p><p>�Ist aber nicht light, ist Zero.�</p><p>�Noch schlimmer. Zuckeraustauschstoffe. Chemie und Gift. Ich kannte mal einen, der hat R1 geraucht, immer nur R1���</p><p>�Steffen vom schwarzen Block?�</p><p>�Steffen von der Abteilung Hooligan.�</p><p>�Also, ich krieg sicher kein� Krebs von Cola Zero.�</p><p>�W�r doch mal �n Werbespot.�</p><p>Sie sitzen und sehen, wie es f�nfzehn Uhr drei�ig wird im Viertel. Ein Kronkorken f�llt neben dem Golf�2 auf den Asphalt. Hoher Bogen, dritter Stock. Kriegen sie aber nicht mit, weil sie den Imbiss auf der anderen Seite der Stra�e beobachten, der seit paar Tagen zu hat. Keiner wei�, wieso. Und auch jetzt kommen wieder Leute und r�tteln an der T�r. Und die beiden Bullen haben auch den kleinen Bahnhof im Blick, ein St�ck die Stra�e runter. Sehen Leute aus der Unterf�hrung kommen, in die Unterf�hrung runtergehen. Bulle�1 macht das Radio an, Bulle�2 schaltet es aus. Bulle�1 wieder an. Bulle�2 dreht es leise. Bulle�1 wieder bisschen lauter. Der Klassiksender l�uft, wer hat das denn eingestellt, obwohl das manchmal ganz gut ist, um zu entspannen, um runterzukommen, wenn wieder mal so ein Arschloch wartet, von dem sie wissen, dass er die T�r nicht aufmacht. Dem sie die Bude halb eintreten m�ssen, damit er mitkommt. Immer langsam mit der Fahndung. Weil da kann man auch mal an den Falschen kommen. Weil da gibt�s auch den einen oder anderen Assi, der einen guten Anwalt hat. Oder Beziehungen. Obwohl man sich das schlecht vorstellen kann. Ist auch selten. Bulle�1 kurbelt weiter. <emphasis>Mega-Hits der Achtziger</emphasis>. Die meisten Assis machen nichts, wenn sie dann bl�d fallen, wenn die T�r endlich mal offen ist. <emphasis>Live is life</emphasis>. Dass dieser Schei� doch wirklich immer noch kommt. Und sie kurbeln an dem alten Radio rum und hauen sich gegenseitig auf die H�nde, und die Zeppeline mit den gro�en Werbespr�chen on board drehen ab zur Landung irgendwo vor der Stadt, weil das Wetterleuchten n�her r�ckt.</p><p>�Aber unser Assi, verstehen Sie, der kommt immer zu diesem Imbiss. Der hat keinen festen Wohnsitzt, wo wir ihn uns sacken k�nnen. Also obsen wir ihn hier. Der wei� auch genau, wie das Spiel geht. So bl�d, wie das jetzt klingt. Denn da hinten sehen Sie die verfallene Mauer, ja, da auf der Wiese hinterm Imbiss, die zu der kleinen Ruine geh�rt, ehemals Reichsbahn, jetzt DB. Heim ins Reich. Unser Kai. Der Kristall-Junge. Aber kein Interesse, so oder so. Will keiner kaufen, keiner investieren. Verkommt. Der kommt also hierher, unser Jungchen, flatterig wie das HB-M�nnchen, wenn Sie wissen, was ich meine. F6. Und da hinten hat er sein Depot. Da holt er seine Schorre. Ein Zombie. Wenn ich�s doch sage. Je hei�er das wird, umso d�rrer wird der Kerl. Kai. Bald in der Kiste, wenn Sie verstehen, was ich meine. Zombie-Kai. Und der wei� viel und singt gerne seine Lieder. Sonst sacken wir ihn ein und sperren ihn weg. Und da gibt�s keine Schorre. Und kein Kristall auch nicht. Obwohl�s da alles gibt, wenn man wei� wie. Aber ist eh knapp zurzeit. Kann einer vielleicht argumentieren, dass man drinnen jetzt, also im Moment, mehr kriegt als drau�en. Aber �berall ist der gro�e Ausverkauf. Aber kein Sommerschluss. Genau wie Koka und der andere Schei�. Und wir haben Druck von oben, weil die Zombies jetzt auf die Alten und Schwachen gehen, Rentnerklatschen, weil ja die Preise steigen. Also sollen wir aufr�umen. Nicht nur unten, sondern auch oben. Ist jetzt nicht unser Job. Wir sind nur Fahndung. Fahren die Assis in den Kahn. Schiff ahoi. Aber da gegen die meisten Zombies was offen ist, spricht man sich mal ab mit der D zwodrei. Droge. Dezernat. Holt sich einen und macht bisschen Druck und leitet die Info weiter. Kriegen wir dann �ne andere Info, wenn �n gro�er Hirsch irgendwo steht und auf den Blattschuss wartet. Sonst kehren wir alles weg, aber jetzt ist�s grad speziell, weil die Zombies gehen auf alles, was nach Kleingeld aussieht, steigen sogar in B�ckereien ein, mit Knarren und Messern, und da soll der Sumpf jetzt��, verstehen Sie? Trocken und hei�. Was aber auch nichts bringt, weil f�r die Presse und die Politik alles prima, wir haben die Schorre und den Koks und rotten die Szene aus, was nat�rlich auch ein absoluter Quatsch ist, aber da kommen dann immer mehr Zombies, die auf der Suche nach Stoff und Geld sind. Und die m�ssen wir dann auch noch wegkehren. Und auf der anderen Seite spielen die Kanacken verr�ckt und dr�ngen in die Stadt und in den Markt. Nur die Fidschies in Chinatown machen ihr eigenes Ding. Bisschen kompliziert, gelle? Ja. Wie sagt man? Win-win-Situation. Oder so �hnlich. Sie verstehen? Alle f�r alle, wie die Musketiere.�</p><p>Und die Taxis schw�rmen aus. Sechzehn Uhr. Die Stadt kocht. Alle Fenster offen. Wenn der Regen nur k�me. Schei� auf die paar Blitze. Jetzt fahren zu viele mit dem Radl. Schlecht f�rs Gesch�ft. Und atmosph�rische St�rungen knacken im Radio und in den Ohren. <emphasis>Back to the future</emphasis>. Die Pferdestaffel durchk�mmt die Parks. Die Abbruchh�user werden abrissreif geschossen von den Cowboys der schwarzen Schwadron. Nur Assis und Kleinvieh drin. Die Legenden und Ger�chte kreisen wie eine Windhose vom Zentralbahnhof durch die ganze Stadt. <emphasis>Mutter, der Mann mit dem Koks ist da. Jawoll, mein Junge</emphasis> �, pack die Badehose ein. An den Seen vor der Stadt liegen sie dicht an dicht. Sommer zweitausendneun. Wenn die Uhren noch stimmen. Und in der Nacht fallen Sch�sse, wer braucht so einen Schei�, die machen uns den Markt kaputt. Chaos ist der Anfang vom Ende. (�So ein Schwachsinn! Es gibt immer Leute, die vom Chaos profitieren. Stichwort Neuordnung.�)</p><p>Und der Fahrer f�hrt durch die Schatten des alten Stra�enstrichs, wo er fr�her, vor vielen Jahren, die Kunden hingebracht hat. F�hrt weiter �ber die� Allee der sch�nen Augen�, Heiterblick, links und rechts die Wohnwagen, lange Reihen, wenige Lichter, Menschen, Frauen, Fehlz�ndungen oder Sch�sse, Jahr�1 nach der Wende, Jahr�2 nach der Wende, da stehen die Luden der alten Republik in der neuen Republik und warten drauf, dass sie rausgeschmissen werden von der Garde der Zonenschl�ger, die sich grad organisiert, Wind weht durch Haare, blondiert, vorne lang, hinten kurz, Glatzen, Lederm�ntel, Davidoff im Lederetui, Schneetarnbomberjacken im Licht der Laternen, jede zweite war damals kaputt, er f�hrt weiter zur Burg, weil der Mann hinten im Wagen f�r Kleingeld bumsen will, die Fu�ballkommandos kriegen alles in den Griff langsam, sind ja auch am besten und schlagkr�ftigsten organisiert, damals, Jahr�1, Jahr�2, Jahr�3, aber das wei� der Mann hinten nicht, weil der Fahrer durch Jahrzehnte f�hrt vor dieser Zeit, in der die Fremdinvestoren den Markt �bernehmen wollen. Neben der Stra�e der Bahndamm. Und Gewerbegebiete, wo damals Ruinen waren. Wer kennt noch die Witze �ber die wackelnden Wohnwagen. Wo sie dich abgezockt haben, dass die Eier voll blieben, aber die Geldtaschen sich leerten. Wo die Reviere abgesteckt umk�mpft waren. Und wurden. Ost gegen West. Ost gegen Ost. Und die Rollkommandos rollten. Eine Frau (19) steht am Bordstein und schimpft leise. <emphasis>Drecks�ue! Arme Kerle? Nee.</emphasis> Wie die Jahre vergehen. Und zweitausendneun finden sie bei Stra�enarbeiten Lockenwickler, Hunderte versteinerte Zigarettenkippen und Kondome in einem ausgetrockneten Arm der Kanalisation. Sie ist jetzt einundvierzig und arbeitet in einer Kaffeebude im Zentralbahnhof. Und der Mercedes beschleunigt auf 88�Meilen pro Stunde. Weil die R�cklichter der Burg hinter den H�usern zu sehen sind. Fr�her gab�s den Rotlichttaler. Den Bumsbonus. Wer uns G�ste bringt, kriegt Geld. Die L�den �bertrumpften sich gegenseitig. Die Zeiten sind lange vorbei. Und wieder zur�ck, durch die� Allee der sch�nen Augen�. Nur noch eine zerknitterte� Bild �auf der R�ckbank. Er hatte ja versucht, ihm paar Adressen schmackhaft zu machen, h�tte sofort Babsi, also Lilli, anrufen k�nnen, hat ihm gesagt, guck lieber in den Annoncen, aber der Typ war ein Kleingeldficker, der wollte in die Burg. Und dort kann er nat�rlich am billigsten. Hinterm Drehkreuz. Und ob�s dort jetzt ruhig ist, hat er gefragt, weil ja die Zeitungen, und der Krieg und die Stadt. Sicher, alles bestens bei uns! Bestens, alles sicher bei uns! Genau hat er�s nicht gewusst, also hundert Prozent, was wei� man schon hundert Prozent in diesen Tagen, wo sie alle durchdrehen bei dieser verdammten Hitze, wo die Clubs und die T�ren der Diskotheken attackiert werden, wo diese arme Sau, die er sogar kannte, den er paarmal gefahren hat, auch zu Babsi, auf dem Bordstein krepieren musste. Armer Ficker, zur falschen Zeit am Ort ohne Zeit. Wie damals vor zehn Jahren, denkt er, bumm bumm, und beschleunigt seinen Mercedes auf der 7, beziehungsweise der 6, der Stadtschnellstra�e, auf 88�Meilen pro Stunde. Aber die Geister sind zur�ck in town. Und da muss er lachen. Und sp�rt und sieht, wie die Lichter an ihm vorbeifliegen.</p><p>Zerrissene Stra�en mit Baumaschinen. Da schimpft einer, weil seine Gummisohlen schmelzen. Die Pferdestaffel sorgt f�r den gro�en Stau. Die Parks in der Innenstadt sind leer ger�umt. Die Musketiere im Zentrum tragen MP vor der Brust. Der Zentralbahnhof liegt still und strahlt die W�rme des Tages ab. Der Himmel zieht zu �ber der Stadt. Dann sieht�s aus, als w�rde jemand in den Wolken w�hlen. Im Zoo, nicht weit vom Zentralbahnhof entfernt, wird eine Giraffe pl�tzlich wei�, so dass sie von einer Schneegiraffe sprechen in der Zoosendung, die im Ersten kommt, die Schneegiraffe, das hat mit der Atmosph�re zu tun und dem Druck, so wie ein Mann auch pl�tzlich ergrauen kann �ber Nacht. Das Wasser in den Kan�len bewegt sich nicht und f�ngt an zu stinken. Seit Tagen schon. Und die Z�ge fahren bis elf in der Nacht im Stundentakt. Frankfurt/Main, Berlin, Hannover. Und ein Mann rennt durch die Bahnhofshalle, die gro�e Treppe zu den Bahnsteigen, nimmt zwei Stufen mit einem Schritt, sind zwei M�nner jetzt, die rennen, eine Frau schiebt vorsichtig ihren Kinderwagen an ihnen vorbei, klack klack, die Stufen nach unten in die gro�e Bahnhofshalle aus Marmor und Glas, warum sie nicht den Fahrstuhl nimmt? Tauben flattern auf, und drau�en: Tausende m�de Tauben im vertrockneten Gras; einer nach Berlin, einer nach Hannover-City. Keine Eile, sind noch zehn Minuten und f�nfzehn Minuten. Die Mietwagen stehen an den Bahnh�fen bereit. Man nimmt die Deutsche Bahn und f�hrt erster Klasse. Weil das weniger auff�llt. Man h�tte ja auch mit dem Auto��, f�r und wider, immer wieder. Aber die Bullen gehen einem auf den Sack. Stau wegen der Pferdestaffel. Die nur Kleinvieh erwischt hat, aber darum geht�s hier nicht. Halten jeden an zurzeit, der mit gr��erem Kaliber unterwegs ist, h�tte man einen Smart leihen sollen, aber Gesch�fte m�ssen gemacht werden, Angebote �berbracht, und atmosph�rische St�rungen knacken im Radio und in den Ohren. Mit 88�Meilen pro Stunde geht es zur�ck in der Zeit. An den Bahnsteigen ist es erstaunlich leer, Sommerzeit, Ferienzeit. Alle schon weg.</p><p>Drei Stra�en weiter, man kann den Zentralbahnhof nicht sehen, weil der gro�e Quader des Hotels dazwischen liegt, dort, wo die Familien am Tag Richtung Zoo laufen, und nicht nur die Familien, weil der Zoo das Popul�rste ist, was es hier gibt in der Stadt, das liegt auch an dieser Fernsehsendung,�Tiger Tiger�, und der Eisgiraffe, und dort also ist das Wettb�ro, wo es nur um Pferde geht, wo also die Jugos�&amp; Co. nicht ihre Hand drin haben, denn der Fu�ball macht am meisten Umsatz und Profit, wenn man mal die Automaten au�en vor l�sst, da gibt es einige Betreiber zwischen Deutschland und Babylon, und Pferde ist was f�r die Kleingeldzocker, was aber so auch nicht stimmt, der Fahrer nickt, der sich inzwischen dr�ben im Osten der Stadt hinter drei anderen Taxen eingereiht hat an seinem Stammhalteplatz, denn er kennt die gro�en Pferdewetter, die er fr�her noch, Jahr�1, Jahr�2, Jahr�3, auf die Bahn gefahren hat, wo es da noch so viele Rennen gab, von der Zone ganz zu schweigen, aber da hat er noch in der gro�en Druckerei gearbeitet, die jetzt, eingebettet zwischen den neuen H�usern des Zentrums, leer steht und verf�llt, das tut ihm weh jedes Mal, wenn er dran vorbeif�hrt, 140�km/h, was f�r ein Quatsch, so beschleunigt er nur auf der Autobahn, wenn er jemanden zum Flughafen f�hrt. Das Zentrum der Stadt leuchtet blau, rosa, wenn es Abend wird. In den Villenvorst�dten im S�den steht die Sonne am tiefsten.</p><p>Dort, Richtung Gangway zum Zoo, zu den Tieren, rennen sie jetzt, die Meisterdiebe. Aber in die andere Richtung, also vom Zoo weg. Am grauen Beton des Hotels vorbei, die Fensterfront funkelt rot jetzt am Abend, die letzte Sonne, die Lichter der Stadt, eine Frau (30) steht an der Scheibe, presst beide H�nde gegen das Glas und l�sst sich von hinten ficken von einem Kerl, der noch das Hemd anhat und die Socken, und sie wei� nicht, �ber was sie nachdenken soll, ist das nicht asozial, Socken beim Ficken nicht auszuziehen, aber sie kann sich ja die Stadt angucken, f�nfundzwanzigste Etage, da hat man ja mal eine Aussicht, der Sonnenuntergang macht sie etwas traurig, und sie sp�rt, wie der Typ in ihr rumfuhrwerkt.</p><p>Und da sind sie schon au�er Atem an der Kreuzung. Die Meisterdiebe. Quer �ber die Stra�e, zwischen den Autos. Da flattert das Geld aus den Taschen. War alles ein paar Tage oder Wochen vorher. Kanacken? Nee. Zombies. Und denen flattert das Geld aus den Taschen und den Plastikbeuteln. Der gr��te Bruch des Jahres. Alles geplant und bis auf die Sekunde getimed. Rein ins Wettb�ro, Schreckschussknarre raus, rumschreien, Maske verrutscht, Gesicht klatschnass unter der Wolle bei dreiunddrei�ig Grad im Schatten, Geld in die Plastikt�ten, sind nur zweitausendsechshundert, da riskiert keiner was, denn die Wumme sieht echt aus, und die Typen drehen am Rad, wenn sie keinen Stoff haben, nix zu fixen, kein Kristall. Da sitzen die Alten auf ihren Hockern, an ihren Tischen, w�hrend die Rennen aus �bersee und England �ber den Bildschirm flimmern. Sehen, wie die Boxen sich �ffnen in Belmont Park, New York, bumm, und die Pferde �ber die Bahn galoppieren. Und die Scheine flattern im Wind, und die Alten meckern, als die Bullen kommen, weil sie weiterzocken wollen.</p><p>Und die Profis der letzten Tage und Wochen fliehen gemeinsam zu Fu� und auf Fahrr�dern, atemlos der Marathon durch die Stadt, <emphasis>drei Raub�berf�lle am Wochenende</emphasis>, der Mann aus Ghana taumelt mit blutendem Hals durch die gro�e Stra�e im Osten, wo die T�rken und Araber ihre Reviere haben, <emphasis>betagter Tourist aus der Schweiz hinterr�cks �berfallen</emphasis>, wer kommt denn auf die Idee, dass der schwarze Mann genug Geld einstecken hat? ein Schwarzer aus der Schweiz? aber die Zeiten sind schlecht, vor zehn, f�nfzehn Jahren h�tten ihn h�chstens paar Glatzen attackiert, jetzt hei�t es alle gegen jedermann, und besser mit Messer, die Musketiere tagen im Zoo, die Jackp�tte schrumpfen gewaltig im Sommer null-neun.</p><p>�Wir brauchen noch Kuchen f�r morgen.�</p><p>�Ich sitz gut hier. Du sagst doch <emphasis>morgen</emphasis>.�</p><p>�Du faules Schwein, komm endlich vom Balkon runter.�</p><p>�Nu mach mal halblang. Hier drau�en ist�s besser als Fernsehen.�</p><p>Weil die beiden Bullen sich endlich den Zombie geschnappt haben und ihn jetzt �ber die Wiese schleifen, die Acht (8) klickt, mitnehmen,�Kopf runter, du Aas!�, Hausordnung durchgehen im Hauptquartier�2.�Wenn du uns was Sch�nes singst, mein lieber Kai, bist du morgen wieder frei!�</p><p>Der Mond ist aufgegangen. Und schimmert durchs Glas der Bahnhofshalle. Noch ist es nicht ganz dunkel, die Tage ziehen sich oft bis nach Mitternacht und ber�hren sich fast noch am Morgen. Die Winter neun, zehn, elf werden hart und dunkel, zweiunddrei�ig Penner erfrieren, insgesamt. Davon f�nf auf dem Weg nach Hause. Einen zu viel in der Kneipe. Sperrstunde gibt�s nicht in der Stadt. Die Diskos, Puffs und Clubs r�sten sich f�r die Nacht. In den Wohnungen gehen die Schichten langsam zu Ende,�Endlich Feierabend, kommst du mit auf die Kleinmesse?�, nur wenige Frauen arbeiten bis nach Mitternacht, hohe Schuhe klappern im Treppenhaus,�Nee, lass mal, ich lass mir jetzt �ne Massage�,�Pass auf dich auf�,�Du auch�, ab acht werden die T�ren gesichert, die Securities schlie�en sich kurz, man muss wissen, wo der Feind steht. Auch Hans instruiert seine Leute in seinem kleinen Club, die Diskos sind nur der Anfang. Wie hat mal jemand zu ihm gesagt?� Der Kuchen ist gro� genug, aber wer tot ist���Nee, das ging doch anders. Ist schon Jahre her. Er sp�rt, dass er alt wird. Etwas muss passieren, und zwar schnell.</p><p>Zwei M�nner stehen am Kaffeestand, direkt vor den Bahnsteigen. Links der Zug nach Berlin, rechts der Zug nach Hannover. Waren noch kurz bei� WC Wei߫, die von der Schweiz bis weit nach Deutschland expandierten, einmal pissen f�r 50�Cent.�Schei�en 1�Euro, Duschen 2,50�. Noch f�nfzehn Minuten. Als wenn der Planet sich r�ckw�rts dreht.</p><p>�Bei �WC Weiߋ ist�s immer sch�n k�hl.�</p><p>�Die machen im Moment mehr Geld als wir.�</p><p>�Mhm. Geniales Konzept, das muss man zugeben.�</p><p>�Ich mag die Schei�hauskabinen. Immer sauber. Und kein Spaltbreit nach drau�en. Man ist f�r sich.�</p><p>�<emphasis>Den</emphasis> Laden sollten wir �bernehmen.�</p><p>�Und uns zur Ruhe setzen.�</p><p>�Geschissen wird immer.�</p><p>�Gebumst wird immer.�</p><p>�Aber denen macht keiner Stress.�</p><p>�Und wenn ich hier mein Billig-Pissoir aufmache, �Mister Piss�?�</p><p>�Wirste keine Lizenz f�r kriegen. Und selbst wenn, was willste anbieten. Und �WC Weiߋ ist einfach gut. Teuer, aber gut!�</p><p>�Dann biete ich Flatrate-Schei�en.�</p><p>�Du wei�t aber, dass dieses ganze Flatrate-Gebumse nur den Markt und die Preise kaputt macht auf Dauer.�</p><p>�Die sollten an die B�rse gehen. �WC Weiߋ, mein ich.�</p><p>�Wir auch.�</p><p>�Wann kommt der Alte nach?�</p><p>�Hannover, Berlin. In der Reihenfolge. Ich denke, am Montag.�</p><p>�Montag ist ein guter Tag f�r Gesch�fte.�</p><p>�Wird Zeit, dass was passiert.�</p><p>�Wird Zeit. Die Diskos sind nur der Anfang.�</p><p>Und der Driver, der jetzt ein anderer ist, sp�rt und sieht die Lichter, die an ihnen vor�berrasen, da geht er in die Eisen. Die Blitzer werden durchgesagt, und er f�hrt von der Stadtautobahn, f�hrt eine Weile hinter der M�llabfuhr her, biegt dann ab, sieht kurz die alten leeren Hafenspeicher am Kanalbecken, hinter denen der Himmel dunkelrot wird, biegt wieder ab, h�rt weit weg die Gewitter donnern, die Frau steht schon vorm Haus und raucht. Sie wirft die Zigarette weg und steigt ein. Sie fahren. Die Bullen stehen neben ihm an der Ampel. Golf�2. Sparprogramm, oder was? Ein d�rres Gesicht auf der R�ckbank, struppige Haare, gelbe Augen,�Kopf runter, du Aas�, er h�rt die Schreie und das Kreischen von der Achterbahn. Im bunten Chinatown, den gro�en Hallen am anderen Ende der Stadt, st�rmen die Bullen die letzten Depots, Kristall im Tausch gegen Ware, Technik, Taschen, Geld und Brot vom B�cker, Autoreifen, Autoradios, was die Zombies kriegen auf ihren Wegen durch die Nacht, die olympischen Ringe werden durchfahren, kopf�ber, kopfunter, ber�hmte Achterbahn aus M�nchen, er sieht die Frau im R�ckspiegel, dunkle Haare mit blonden Str�hnchen drin, jetzt summt sie ein Lied, das kennt er, ist ein sch�nes Lied, hat seine Mutter ihm oft vorgesungen, als er ein Kind war. Kurz vor Mitternacht gibt es das gro�e Feuerwerk, zwischen Riesenrad und Achterbahn, sie fragt sich, ob sie das sehen kann nachher, hoch oben �ber der Stadt, die Bullen beschlagnahmen elf Tonnen Pyrotechnik in Chinatown, gelb, gr�ne Wellen. Sie fahren, und sie h�lt die Hand in den Fahrtwind, alle Fenster offen.�Machst du das Radio an, bitte?�</p><p>�F�r dich immer. �Etwas ber�hrt kalt und klein und feucht ihre Hand, wie eine Schneeflocke.</p></section><section><title><p><strong>III&#x2002;(Bumm Bumm)</strong></p></title><p>Du liegst auf der Stra�e. Und dabei hast du gedacht, die neunziger Jahre sind vorbei.</p><p>Und sie sind ja auch fast vorbei, kurz �berlegst du, welches Jahr genau ist, du wei�t es, du wei�t es doch, bist das ganze Jahr �ber aufgestanden und schlafen gegangen, aufgestanden und schlafen gegangen und hast deine Gesch�fte gemacht, und viel Schlaf war nicht��, aber es ist nicht richtig greifbar, du sp�rst deinen Kopf auf dem Pflaster, als w�re er leckgeschlagen beim Aufprall, regnet es? du liegst zwischen den Autos und siehst die R�der und Felgen, in einer Alu-Felge direkt vor dir bricht und spiegelt sich das Licht, Stra�enlaternen, Scheinwerfer, Nacht, und du versuchst, dein Gesicht zu erkennen, neunzehnhundertneunundneunzig.</p><p>Nein, nichts ist vorbei. Die Zeit der Gewalt war lang, aber auch lange her, schon fast nicht mehr wahr, die Jahre der Ruhe, dein Kopf auf dem Pflaster, die Stadt ist still am Sonntag, und der Regen ist rot, das Auto ist rot, direkt neben dir. Du bist alleine gekommen, obwohl sie alle gesagt haben:�Geh nicht alleine!�, aber du musstest allein gehen, die Neunziger sind fast vorbei, wir wollen nur Gesch�fte machen, du hast kurz geschlafen und bist aufgestanden, da war es schon fast Abend. Du hattest noch Zeit und hast Kaffee getrunken und eine Weile drau�en im dunklen Garten gestanden, es wird wieder zeitig dunkel jetzt, du wolltest runter zum See laufen, aber das Telefon hat geklingelt. Nein, es hat nicht geklingelt, du hattest es leise gestellt und hast es blinken sehen durch die Scheibe der Veranda, das Display blinkte und blinkte im Aufladeger�t wie ein kleiner Leuchtturm. Nein, du h�rst es klingeln, du stellst es doch nie leise, das muss woanders gewesen sein, du hast das ganze Haus voller Telefone, und keins ist leise gestellt, das Handy in der Jackentasche summt. Du drehst dich auf die Seite, versuchst, in die Jackentasche zu greifen. Das f�llt dir schwer, obwohl deine Arme in Ordnung sind. Dein Handy summt und summt, und du sp�rst deinen Herzschlag, und dann h�rt es auf, und du holst tief Luft und atmest aus, holst tief Luft, atmest die Angst aus, da kommt keiner mehr, nein, da kommt keiner mehr, er war allein gewesen, genau wie du, und du hast ihn weggehen sehen, er hat sich einfach umgedreht und ist gegangen. Hat er noch was gesagt? Was hat er vorher zu dir gesagt? Du kannst es nicht greifen.�Das ist von���Nein, keine Namen, nie Namen, fang schon jetzt damit an, sie werden dich fragen, gut, dass sie dich noch fragen k�nnen, aber sie k�nnen dich fragen, bis ihre schei� Zungen vertrocknen, du atmest die Angst aus und blickst auf deine Beine, die du nicht mehr sp�rst. Edo, du Drecksau, ich mach dich�� Nein, h�r auf, die Neunziger sind�� Aber du wei�t, dass du was tun musst, dass du das tun musst, jetzt wieder, wo du dachtest��, du hast zu viel gedacht, viel zu viel gedacht und zu wenig, bist allein gegangen. Geh nie allein, immer ein Mann dabei, immer ein Mann in der N�he. Halt dir den R�cken frei, aber er ist nicht von hinten gekommen, kam direkt auf dich zu, wir wollen Gesch�fte machen, mehr ist doch nicht, wir wollen nur Gesch�fte machen. Edo, du Dreckschwein�� Hat er den Namen genannt, hat er Gr��e �bermittelt? Du kannst es nicht greifen, du wirst es rausfinden, wirst noch mehr rausfinden, aber wie lange kannst du hier noch liegen? wenn der Regen nur aufh�ren w�rde, es ist schon k�hl in den N�chten, aber es regnet doch gar nicht, oder?</p><p>Jetzt hast du das Handy aus der Tasche, die H�nde zittern, dir zittern die H�nde, das ist doch zum Lachen, hast du was genommen vorher, um dich ruhig zu halten oder um dich munter zu machen? nein, du nimmst nie was, fast nie was, wenn du verhandeln willst. Nur ein kleines Palaver, Sonntag in der stillen Stadt, und dann f�llt dir das Handy runter, als du es auf Summen stellst, du b�ckst dich und hebst es auf, wischst es ab, und da kommt er auf dich zu, was f�r ein bl�der Treffpunkt, du kannst die dunklen T�rme des alten Stadions erkennen, ein paar hundert Meter entfernt, jetzt versperren die parkenden Autos die Sicht, der Akku springt raus, und jetzt sp�rst du den Schmerz im Knie und im anderen Bein weiter oben, nein, du hast nichts genommen, Adrenalin, dein Herz, wie es den Stoff durch deinen K�rper pumpt, du wirst m�de, aber du musst munter bleiben, darfst nicht einschlafen, und m�de bist du, so m�de, nicht schlafen, das wei�t du, bis sie dich holen, wenn nur die Richtigen kommen und dich holen, aber nein, er war allein und ist weg, und du atmest die Angst aus und siehst die SIM-Karte deines Handys neben dem Akku auf dem Pflaster. Du siehst die kleinen goldenen Metallpl�ttchen auf der Karte. Da blinkt noch was anderes, auch golden, auch auf dem Boden, ein paar Meter entfernt. Eine M�nze, denkst du, sieht aus wie der Anh�nger einer Kette, ein Talisman, der Schutzengel der H�ndler, der heilige Michael, und du greifst nach deiner Brust, bist so gl�cklich, dass du dir �ber die Brust streichen kannst, bist so gl�cklich, dass dir die Tr�nen in den Augen stehen, die H�nde zittern dir, und du flennst, das ist doch zum��, wenn sie dich so sehen w�rden, und du greifst nach deiner Kette, fr�her war�s ein kleiner goldener Boxhandschuh, damals, als du noch gek�mpft hast, Kickboxen, ist auch schon ein paar Jahre her, da warst du ein richtiges As, AK�47 haben sie dich genannt, wie das Maschinengewehr, Arnold Kraushaar, Arnie Schamhaar, das war in der Schule, aber denen hast du schon damals Saures gegeben und sie �ber den ganzen Schulhof gejagt, nie wieder Arnie Schamhaar, AK�47, im Boxen warst du auch ganz gut, schon damals in der Schule, hast sogar ein paar Amateurk�mpfe gemacht, Kickboxen gab�s erst richtig nach der Wende, die Beine, die F��e, die Kicks, da warst du besser als nur mit den F�usten, du hast jeden Tag trainiert, hast die besten Jungs im Ring mit deinen Kicks erledigt, du blickst auf deine Beine, deine hellen Hosen sind schwarz.</p><p>Wie lange liegst du hier schon? Es k�nnen nur Minuten sein, du wei�t das. Die Zeit stimmt nicht mehr, wenn das Adrenalin im K�rper ist.</p><p>Ein Taxi f�hrt vorbei, du willst dich bemerkbar machen, winkst, aber du liegst direkt neben den Autos, und er kann dich nicht sehen. Jetzt rei� dich zusammen! du versuchst hochzukommen, versuchst, dich mit beiden Armen an dem Auto hochzuziehen, versuchst, den T�rgriff zu packen, pack zu, Junge, wo ist deine Kraft, verdammt nochmal, aber deine Arme sind schlaff und weich, Gummi, denkst du, nur mit Gummi, M�dels, wie oft muss ich euch das noch sagen, da k�nnen sie hinlegen, was sie wollen, was n�tzt euch das, wenn ihr euch die Syph und die verdammte Pest holt, habt ihr schonmal was von Aids geh�rt, Mensch, bist du bl�d! schei�egal, ob es ein Stammkunde ist, kapierst du? Mensch, M�del, ich denk doch an dich bei der ganzen Sache! Du wei�t, du musst warten, tief atmen, immer tief atmen, wenn du doch nur deine Beine sp�ren k�nntest, musst warten, bis deine Kraft wieder da ist, du willst schreien�� Hilfe! Holt doch jemand die Bullen, aber was n�tzen dir die Bullen, du brauchst einen Arzt, und zwar sofort. Wie bl�d musst du sein, mitten in der Nacht, wie in einem billigen Gangsterfilm, du bist unvorsichtig geworden, die Jahre der Ruhe haben dich unvorsichtig gemacht, warum hast du nicht auf Alex geh�rt,�Ich komm mit�, hat er immer wieder gesagt am Telefon, ist erst eine Stunde her, drau�en im Garten,�Nein�, hast du gesagt und hast auf den See geblickt hinter den B�umen, dein bester Mann, du musst l�cheln, du erinnerst dich, wie Alex letzte Woche im Ring wieder seine Show abgezogen hat,�Nimm die Deckung hoch, Alexander!�, wolltest du rufen, aber hast doch den Mund gehalten, weil du wei�t, wie gerne er im Ring seine Show abzieht, hat zu viele Ali-Videos gesehen, oder wie hie� dieser Boxer noch gleich, den er so verehrt, ein schwarzer Amerikaner,�der K�nig �nennen sie ihn, Jackson��, Jones, Jones Junior oder so �hnlich, der l�sst die Arme baumeln, erz�hlt Alex, macht seine Gegner l�cherlich, streckt sein Kinn raus, um es im letzten Augenblick zur�ckzuziehen, wenn der Schlag kommt, aber Alexander der Gro�e ist kein K�nig, h�chstens ein Herzog oder sowas, denn er kassiert jede Menge, taumelt ohne Deckung vor seinem Gegner rum, und du bist dir nicht sicher, ob das noch zu Alexanders Show geh�rt oder ob er kurz vorm K.o. steht, aber dann in der dritten und letzten Runde hat er ihn umgehauen, wie meistens drehte er zum Schluss richtig auf,�der zweite Atem�, sagt er immer,�le deuxi�me souffle�, da gibt er immer an, der Spinner, weil er ein bisschen Franz�sisch kann, und du l�chelst immer noch und w�nschst dir, er w�re hier, und dein Gesicht ist ganz steif, du musst schrecklich aussehen, aber niemand kann dich sehen, warum gibt es keine verdammten Fu�g�nger um diese Zeit, kein Mensch mehr unterwegs, was f�r eine miese Stadt, vielleicht der Regen, da sitzen sie lieber im Trocknen, Sonntagabend,�Tatort�-Zeit�� Jetzt dreh nicht durch, es regnet nicht, es regnet doch gar nicht, hat die ganze Woche nicht geregnet, dabei war der Himmel heute dunkel gewesen, schon am Mittag zogen Wolken auf, verdammt, wo ist nur dein Riecher geblieben, dein sechster, siebter, achter Sinn, ohne den w�rst du nicht dort, wo du heute bist��, auf der Stra�e, denkst du, im Dreck, und du lachst, und dir klappern die Z�hne, Sch�ttelfrost, und du wei�t, dass das kein gutes Zeichen ist.</p><p>Als Kind warst du immer der Gangster, der Indianer, der Seer�uber, und du liegst im Gras hinterm Haus und blickst in den Himmel und h�rst die anderen, wie sie schreien, h�rst die Z�ndpl�ttchen knallen, Peng! Peng! Peng! und du denkst, dass Sterben vielleicht ganz einfach ist. Du hast dich immer gefragt, ob es Menschen gibt, die nicht sterben m�ssen, Halbg�tter, von denen hast du gelesen, du hast viel gelesen damals, aber so viel wieder vergessen, konntest schon in der ersten Klasse besser lesen als die meisten deiner Freunde, Herakles, aber ist der am Ende nicht auch krepiert, nach all seinen Pr�fungen? und Thor, das war doch dieser Nordmann mit dem Zauberhammer, ein Gott? ein Halbgott? oder doch nur ein Mensch?�� Mussten die nicht immer die Fr�chte von diesem Baum essen, damit sie die Zeiten �berdauern? Hast du das wirklich geglaubt, als du Kind warst? Einmal bist du in den Botanischen Garten gegangen und hast dir die exotischen Pflanzen und B�ume angeguckt, kurz bevor sie zumachten am Abend, hast extra deinen kleinen Rucksack mitgenommen, Campingbeutel hie� der, war der rot oder blau? alle hatten so einen Rucksack, so einen Campingbeutel, den gab�s nur in diesen beiden Farben, und auf den Wandertagen und Schulausfl�gen gab es die Roten und die Blauen. Bestimmt hast du Rot gehabt, denkst du, ein guter Witz, das Schicksal, Vorbestimmung, an sowas glaubst du manchmal, auch wenn du die G�tter abgehakt hast.</p><p>Du hast den Rucksack vollgestopft, wie alt warst du da, neun, zehn? hast Feigen, Kaktusfeigen, Granat�pfel, Guaven und wie dieses ganze Zeug auch immer hie�, abgerissen, bist �ber die Absperrschn�re in die Beete gelatscht, die Zweige und Bl�tter im Gesicht, das sieht gut aus, und das auch! und diese kleinen steinharten Knollen, deren fremde Namen du nichtmal richtig entziffern konntest�� Und dann die Angst.</p><p>Der Pf�rtner oder irgendein Aufpasser hat dich angesprochen, als du gehen wolltest, ich muss einen Vortrag halten in Biologie, exotische Pflanzen, Bromeliengew�chse, hast du gesagt, das hast du in einem Lexikon gelesen, verr�ckt, dass dir das jetzt wieder einf�llt. Gestottert hast du, und dieses Brennen und Ziehen im Unterleib, bis runter in die Eier, das wirst du nie vergessen, weil es sp�ter immer mal wiederkam, auch Jahrzehnte sp�ter, Jahrzehnte�� Wie gewaltig das klingt, das ist jetzt fast drei�ig Jahre her, und damals hattest du noch nicht die Kraft, es als Lust zu empfinden, als Ansporn�� Dann musst du eher kommen, hat dieser Typ gesagt, ein alter Mann, der W�chter der Lebensb�ume, du musst eher kommen, da sind unsere Studenten da, die k�nnen dir viele hilfreiche Sachen sagen, damit dein Vortrag richtig gut wird. Der Alte h�rt nicht auf zu erz�hlen, und er steht ganz dicht vor dir, und hinter dir die Bl�tter und Zweige, und er spricht so feucht und riecht sauer aus dem Mund, dass du dich abwenden m�chtest, und du sp�rst die Fr�chte und Knollen auf deinem R�cken durch den Stoff. Der Alte streicht dir durch die Haare, seine Finger sind so hart und schwielig wie diese langen Knollen, die du vorhin erst bef�hlt und dann abgerissen hast. Komm doch morgen nach der Schule, wann musst du denn deinen Vortrag��, und dann sind unsere Studenten hier�� Du bist nie mehr in den Botanischen Garten gegangen, und die Finger des Alten waren noch auf deinem Kopf, als du schon l�ngst zu Hause warst.</p><p>In deinem Zimmer hast du deine Beute mit deinem Taschenmesser zerkleinert, wie lange das gedauert hat, und die kleine Klinge war viel zu stumpf. Du bist in die K�che gegangen und hast ein gro�es Brotmesser geholt, das besonders scharfe, und dann hast du alles in dich reingeschlungen, weil du so lange leben wolltest wie Thor und Herakles. Geschissen und gekotzt hast du, die G�tter h�tten es nicht besser gekonnt, noch den n�chsten Tag, dass du nicht zur Schule gehen konntest, und als du wieder gesund warst, hat Mutter dich gepr�gelt, und das hat sie sonst nie gemacht, mit dem Pantoffel, und geheult hat sie und geschrien:�Junge, mach mir nie wieder solche Angst!�</p><p>Du liegst auf dem R�cken und h�rst das Knallen der Z�ndpl�ttchen, Peng! Peng! Peng! und blickst in den Himmel, die Sterne�� Alex muss in den Stein, wenn es schlecht l�uft, das Pflaster ist kalt unter dir, es war so sch�n, auf der Wiese zu liegen, ob ihm die Anw�lte helfen k�nnen? Deine Anw�lte sind die besten in der Stadt, und nicht nur in der Stadt, wie oft haben sie dich rausgehauen, wie oft haben sie deine Leute rausgehauen und deine M�dels, auch die Beatriz vor kurzem, als das M�dchen bei Lady Kira halbtot im Schrank hing, aber Alex hat wieder mal Schei�e gebaut, du hast es ihm immer wieder gesagt:�Wenn du nicht aufpasst, musst du weg, und ich brauche dich hier.�</p><p>Und diesmal wird�s schwer, ihn aus der Sache rauszuhauen, du wei�t das, auch wenn er�s noch nicht wahrhaben will. Vielleicht wolltest du deshalb nicht, dass er mitkommt heute, in dieser Nacht, und wenn du wieder auf den Beinen bist, wirst du daf�r sorgen, dass seine Zeit kurz wird dort. Im Ring ist er kein K�nig, aber ganz gut, nein, du hast keine Sterne gesehen, die Wolken treiben immer noch �ber den Nachthimmel, und auch wenn sie nicht da w�ren, man sieht keine Sterne hier, nicht einmal drau�en bei dir am See siehst du die Sterne so, wie du sie auf dem Land siehst, in den Bergen, wenn dir hier alles zu viel wird. Im Ring ist er kein K�nig, obwohl er ganz gut ist, ein Graf vielleicht, aber auf der Stra�e��, so wie du fr�her�� Wie oft hast du ihm gesagt in der letzten Zeit:�Einen Kampf gewinnst du am besten, indem du ihn vermeidest. �Du h�ttest sowas nie gesagt, fr�her�� AK�47. Was das f�r Zeiten waren. Ist das jetzt die Quittung f�r all die Gewalt, das Schicksal, an das du manchmal noch glaubst? Bl�dsinn, nein! Du w�rst nicht dort, wo du jetzt bist, ohne all das, ohne die K�mpfe, ohne die F�uste, vergiss die Stra�e und den Dreck, in dem du jetzt liegst, du bist oben, verstehst du, oben! Und du willst noch weiter und h�her kommen, und deswegen musst du hier weg und zur�ckschlagen und alles ins Reine bringen! Und du schreist und wunderst dich, wie hoch und d�nn deine Stimme klingt. Vergiss deinen Stolz und schrei! Schrei um Hilfe. Und dann versuchst du, dein Handy wieder zusammenzubauen, aber der verdammte Akku ist unter das Auto gerutscht. Wieso hast du dein anderes Handy zu Hause gelassen? Du w�rst fr�her nie mit nur einem Handy in die Nacht gegangen�� Aber fr�her war ein Handy gro� wie ein Ziegelstein, einen Ziegelstein h�ttest du auf seinen Sch�del krachen lassen sollen, immer und immer wieder, bis er am Boden und im Dreck gelegen h�tte, und das Pflaster w�re dunkel geworden unter ihm, und du h�ttest den Stein mitgenommen und ihn da vorne von der Br�cke in den Fluss geworfen.</p><p>Jemand muss dich h�ren, so laut, wie du br�llst, vielleicht hat jemand schon l�ngst die Bullen gerufen, vorhin, als es passiert ist, und laut genug war es ja. Und du erinnerst dich, dass du eine Uhr tr�gst, du hebst den Arm ein wenig, dass der �rmel verrutscht, und siehst auf deiner Breitling�&amp; S�hne, fr�her hast du mal eine Rolex gehabt, dass du h�chstens zehn Minuten hier liegst, und du wunderst dich nicht, denn du wei�t, dass die Zeit��, als w�rden die Fr�chte von damals doch noch wirken, anders, als du gedacht hast��, du st�rmst in die Bar, Alex und die anderen sind neben dir, keine Z�ndpl�ttchenpistolen mehr, und ihr schlagt und pr�gelt, mit F�usten und Kn�ppeln, und das Krachen und Splittern und Schreien, Typen, die zur Seite wegspringen und doch erwischt werden, Typen, die sich unter den Tischen ducken und verkriechen und doch erwischt werden, das Gro�maul, das die Treppe hoch will und doch erwischt wird, und dann sp�rst du wieder die H�nde des Alten, ganz langsam gleiten sie �ber deinen Kopf.</p><p>Ein Kind ist gestorben, da vorne an der Br�cke, vor ein paar Wochen. Du hast es in der Zeitung gelesen. Ruderverein f�r Kinder, sie sind mit ihren Booten zu nah ans Wehr gekommen, und zwei Boote sind in die Str�mung geraten und den kleinen Wasserfall runter, die anderen Kinder aus den beiden Booten konnten sie rausholen. Ein Kind liegt noch im Koma. Der Junge ist erst nach Tagen wieder aufgetaucht. Etliche Kilometer weiter. Die Str�mung. Du warst an diesem Tag dr�ben am Stra�enbahnhof gewesen, hast bei den M�dchen nach dem Rechten geschaut. Und hast dich gewundert, was der Hubschrauber da am Fluss will. Er kreiste eine Weile �ber der Br�cke, bevor er gelandet ist. Du hast am Fenster gestanden, die M�dchen hinter dir, und das schrille Quietschen der Stra�enbahnen, und dein sechster, siebter, achter Sinn hat dir gesagt, dass dort, wo er landet, der Tod ist. Und jetzt liegst du nicht weit davon�� Dein Junge darf nie rudern auf dem Fluss.</p><p>Du bist froh, dass er jetzt nicht in der Stadt ist. Du hast ihn auf eine Schule geschickt, au�erhalb.</p><p>Du siehst die Wolken ziehen. Du sp�rst, dass es k�hl her�berweht vom Fluss. Du siehst die dunklen T�rme des alten Stadions. Ein Auto f�hrt langsam auf der Gegenspur. Es f�hrt weiter Richtung Ampel, die gelb blinkt.</p><p>Du kannst einen Kampf nur gewinnen, indem du ihn vermeidest. Der Bielefelder hat dir das damals gesagt. Aber das ist Unsinn, Bielefelder! denkst du. Jetzt siehst du, dass es Unsinn ist, Bielefelder. Aber wenn Alex drauf geh�rt h�tte, m�sste er nicht in den Stein. Dir ist schwindlig, und du sp�rst nur noch deinen Kopf und bewegst ihn auf dem Pflaster hin und her. Du h�rst Sirenen. Sie kommen, denkst du, endlich kommen sie.</p><p>Der Bielefelder wollte damals hier einen gro�en Laden aufmachen, Anfang der Neunziger, ein Eroscenter, f�nfzig Zimmer oder mehr, und sp�ter haben�s seine Leute auch gemacht. Du hast dich oft mit ihm getroffen in der Zeit. Du hast mit deinen Leuten damals Einiges �berrannt. Nach oben und immer weiter, Thor mit seinem Hammer, du wolltest Gesch�fte machen, gute Gesch�fte, und daf�r hast du investiert. F�uste und Scheine und noch viel mehr. War ein guter Mann, der Bielefelder. Alte Schule, so wie sie dr�ben im Westen sagten, damals. Aber er ist in den Krieg gekommen, hier in die Stadt, wo keiner die alte Schule kannte, der Bielefelder, damals.</p><p>Dein Freund Schweine-Hans, war er nicht urspr�nglich Schlachter oder Fleischer oder sowas gewesen? hat immer gesagt:�Das Vieh wurde geschlachtet, und jetzt will jeder seine paar Kilo Fleisch!�</p><p>Er ist zu dir gekommen, der Bielefelder, weil er wusste, dass er mit deinem Rollkommando verhandeln muss. Hat er dir nicht m�chtig imponiert damals? Ein gro�er Kerl, graue Haare, bester Zwirn, und breite Schultern unter dem besten Zwirn, Davidoff Filter, und ein Bein hat er etwas nachgezogen, aber mit W�rde, und ein Stock dazu, mit silbernem Knauf, ein L�wenkopf, der Knauf und der Mann, bestimmt schon sechzig. Er wusste, wie er dich auf seine Seite bringt. Hat dir gute Scheine in Aussicht gestellt, wenn du ihn nicht bei seinen Gesch�ften st�rst, und deine Leute k�nnten die Security, und wenn du jemanden kennst, der seine M�dchen unterbringen will, erste Wahl, wenn du das willst, und sein guter Name, gute Kontakte, und einige Leute mit Geld hinter ihm�� Alte Schule, und du hast langsam begriffen, was das hei�t.</p><p>Und jetzt leckst du dir mit der Zunge �ber die Lippen, mit deiner Zunge, die taub ist, und du sp�rst den kalten Schwei�, der dein Gesicht nass macht, das ist also der Regen, die Wolken da oben sind ganz friedlich, und du fragst dich, warum dich der Typ vorhin nicht erledigt hat, und du h�rst die Sirenen ganz in der N�he. Und dann kriechst du ein paar Meter, ach was, Zentimeter, und Peng! Peng! Peng! bist du wieder auf der Wiese hinterm Haus, wie weich das ist, und sagst dir, dass Sterben einfach schei�e ist, und blickst in den Himmel, wo die Sonne und die Sterne und kein Mond und die Planeten, dein Gro�vater hat dir mal den Mars gezeigt, der gl�hte r�tlich irgendwo ein St�ck �berm Horizont�� Und schwarz auf einmal, so schwarz, dass dir eine Angst die Eier zerrei�t.</p><p>Ein d�nner Schlauch in deinem Arm. Zwei Sanit�ter. Dann eine Decke. Die Sirene fern, als wenn noch ein zweiter Wagen heulend nebenherfahren w�rde. Das Auto schlingert. Bremsenquietschen? Die Sanit�ter hantieren. Du bist noch da. Wieder da. Dann wieder Dunkel. Die Sirene mal laut, mal leise. Du bist noch da. Nicht unter die Decke, bitte. Nicht �ber den Kopf, bitte. Du willst nicht unter die Decke und versuchst, dich zu sch�tteln, die Decke verrutscht, du hebst den Kopf ein wenig und siehst deine Beine, die Hose ist zerschnitten, du siehst dein Fleisch, dunkelrot und wei� und zerfetzt und fast schwarz. Wo hat es angefangen? Deine Augenlider flackern, das Licht wie ein Stroboskop. Oben an der K�ste. Du w�rst so gern am Meer. Diese Bar. Wie hie� sie noch gleich�� Der Name eines Vogels. Pelikan�� Ein wei�er Schwan auf dem Schild �ber der T�r. Goldmuschi. Und wie sie abkassiert hat. Das hat dir m�chtig imponiert. Goldmuschi und die anderen, und alles auf eigene Rechnung, die gr��te Kuppelbar der DDR, Seem�nner aus der ganzen Welt und Dollars, als w�re es L.�A. So ein Laden, und die Prozente an mich, irgendwann. Du h�rst Goldmuschi lachen, und sie verschwindet mit drei kleinen Philippinos. Short time, nannten sie das, drei hintereinander, hundert Dollar, die waren zweitausend Mark wert bei den Kursen auf dem Schwarzmarkt, im Stehen und nichtmal ein Bett, was f�r ein Gesch�ft, hast du gedacht und dein Bier getrunken, Goldmuschi, Koffergriff und die anderen, und du gibst ihnen die Betten, Mister Manager, irgendwann. Du sitzt an der Bar und lachst und glaubst an das Schicksal. Sie sagen was zu dir, fassen dir auf die Schultern und dr�cken dich vorsichtig auf die Trage, w�hrend das Auto rast, und du wirfst dich hin und her, musst alles begreifen, die Decke, und dann beruhigst du dich langsam, warum sollten sie dir die Decke �ber den Kopf ziehen? du sp�rst es bis in deinen Unterleib, wie das Auto rast. Alles ist nass, und sie hantieren, und du willst was sagen, aber dein Mund ist so ausgetrocknet, dass du nichts sagen kannst. Wasser, willst du sagen. Wasser. Du w�rst so gerne am Meer.</p><p>Das Blut, woran hat dich nur das viele Blut erinnert? Du hast viel Blut gesehen, vor allem Anfang der Neunziger. Du fragst dich, ob der Bielefelder mal jemanden umgelegt hat, er ist seit vierzig Jahren im Gesch�ft, war auch mal in Hamburg, hat er erz�hlt. Gewalt schadet dem Gesch�ft, hat er immer gesagt, aber da ist was in seinen Augen, und dein sechster, siebter und��, du musstest dein Gesch�ft erst aufbauen, und das Blut, du wei�t, dass das alles n�tig war��, du w�rst nicht dort, wo du jetzt bist. Du hebst die H�nde ein wenig, h�ltst sie ins Licht der Deckenlampe, es ist gut, denkst du, dass das Licht die ganze Nacht brennt. Du bist noch schwach, hast viel davon verloren, woran du die ganze Zeit denkst. Sie h�tten nicht viel sp�ter kommen d�rfen. Du hattest Alex nur kurz am Telefon, darfst noch keinen Besuch empfangen.�Die verdammten schei� Kanacken!�Was hat er gesagt? Hat Claudia nicht angerufen? Und dein Sohn? Die Tabletten und das Zeug, das in deinen Arm tropft, verwirren dich, du hast �ber zwanzig Stunden geschlafen, du sp�rst die Einstiche an den Armen von den Transfusionen. Viel haben sie dir gegeben, neues, unverbrauchtes, und das wird dich stark machen. Hat Alex Namen genannt, wissen sie, ob Edo ihn geschickt hat? Du versuchst, alles in deinem Kopf zusammenzusetzen, aber kannst es immer noch nicht richtig greifen, du wei�t, du brauchst Zeit, dann wirst du die Antworten finden. Dieser Typ, der Vater von dem M�dchen damals, hat gedroht, dich umzubringen, obwohl du gar nichts mit der Sache zu tun hattest. Nein, so eine Schweinerei w�rdest du nie�� Aber dieser Idiot ist dort hingegangen, wo du warst. Nach oben. Aber noch bist du nicht ganz dort, vielleicht wird das jetzt der letzte Schritt, ein Wink des Schicksals, an das du manchmal noch glaubst. Wieso hat er so lange gewartet? Das muss dreiundneunzig gewesen sein. Und er ist vier Jahre sp�ter gekommen. Nein, du hattest nichts zu tun damit. Aber du hast es gewusst, alle haben es gewusst. Und dann ist er aufgetaucht und ist zu dir gekommen, weil er dachte�� Was hat er gedacht, dieser Idiot?� Wenn du deine Drecksfinger mit da drinnen hattest, bring ich dich um!�Sie haben ihn nach drau�en geschleift, ein kleiner Mann, eins sechzig, Ex-Jockey, Ex-Trinker, wie du sp�ter erfahren hast.�H�rst du, Lude! Dann bring ich dich um!��Sollen wir ihn����Nein. Lasst ihn gehen. Und wenn er nochmal kommt, lasst ihn nicht rein. Mehr nicht. Lasst ihn nur nicht rein. �Du hast ihn schreien geh�rt, w�hrend sie ihn rausschleiften.�Ich bring dich um! Ich stech dich ab!�</p><p>Du hast dich umgeh�rt. Wusstest dann, wo seine Tochter ist. Achtzehn war sie damals, also vierzehn neunzehnhundertdreiundneunzig, und alle haben es gewusst. Von ihr und den anderen.</p><p>Dir ist kalt, und du schiebst die H�nde unter die Decke. Du h�ttest den Laden kurz und klein schlagen k�nnen, so wie du andere L�den kurz und klein geschlagen hast. Wolltest du damals schon an die Papiere? Staatsanw�lte, Richter und Bullen und Gelds�cke, die auf kleine M�dchen standen. Du bist abends allein durch die Stra�e gefahren, hast ein paar andere M�dchen nach ihr gefragt. Die meisten kannten dich nicht. Mit diesem Dreck hattest du nichts zu tun. Drogenwracks. Fixer. Solche M�dchen arbeiten nicht bei dir. Da hatte der Bielefelder recht,�Drogenm�dchen machen das Gesch�ft kaputt. �Ein bisschen Koka und sowas hat noch keinem geschadet, in Ma�en, in Ma�en��, aber das�� Dir ist schlecht geworden, als du all das kaputte Fleisch gesehen hast. Dunkelrot und wei� und zerfetzt und fast schon schwarz.</p><p>Und da stand sie an einer Ecke, direkt vor einem Blumenladen, der auch Zeitungen und Getr�nke verkauft, die M�dchen, die du nach ihr gefragt hattest, wollten sich in deinen BMW dr�ngen, rieben sich an der T�r, beugten sich �ber die Motorhaube, und du h�ttest kotzen k�nnen, obwohl, wenn die Nadel nicht w�re, k�nntest du ihnen ein Zimmer in einem deiner Objekte geben, ein Hurenentzugsprogramm, das w�r vielleicht was, aber ohne den Suchtdruck w�rden sie wahrscheinlich sonstwas machen, Verk�uferin in einem Laden f�r Blumen und Zeitungen und Bier, was f�r eine Mischung! und die meisten haben die Syph oder den Tripper oder vielleicht sogar Aids, die bumsen doch ohne, sonst w�rden diese ganzen Penner, die hier langsam mit ihren Karren vorbeifahren, die Augen gro� wie F�nfmarkst�cke, zu deinen M�dels kommen.</p><p>Du hast sie gleich erkannt, dein siebter, achter Sinn��, sieht dem Vater ein kleines bisschen �hnlich, und dessen Gesicht wirst du nie vergessen, wie es geschrien hat. Und dann sitzt sie neben dir, genauso klein und schmal wie der Vater, kurze struppige Haare, Pickel auf der Stirn und im Gesicht, mit Schminke verkrustet, ein Minirock wie ein G�rtel, ein T-Shirt, durch das du ihre mageren Br�ste und die Nippel siehst, als w�re sie noch vierzehn, wie damals, aber da kanntest du weder sie noch die anderen, hattest nichts damit zu tun, und sie erz�hlt dir, was sie alles macht und f�r wie viel, und das ist wirklich nicht viel, und du �berlegst dir, ob sie das auch mit vierzehn gemacht hat und ob sie da clean gewesen ist, als die S�ue �ber sie dr�bergerutscht sind, erinnerst dich, dreiundneunzig kam man hier auch schon an jeder Ecke an Heroin, �berlegst, ob die Papiere und die Filme das wert sind, dass du damals stillgehalten hast, �berlegst, ob vielleicht nicht so oder so alles so gekommen w�re, wie es jetzt ist, aber wei�t, dass das damals sie kaputtgemacht haben muss. Sie fingert an dir rum, und du sagst:�Lass das �und gibst ihr Geld und sagst ihr, dass sie gehen soll, und wei�t, was sie mit der Kohle machen wird, und denkst, dass du wiederkommen musst, aber vielleicht nicht wiederkommen wirst. Du siehst sie �ber die Stra�e trippeln, an dem Laden vorbei und dann weiter Richtung Bahnhof. Du hast ihr eine Menge Geld gegeben, wie erstaunt sie geguckt hat, die Augen gro� wie��, aber tr�b und rot. Vielleicht ist sie schlau und nimmt irgendeinen Zug, es gibt Nachtz�ge nach Paris und Kopenhagen, aber du wei�t es besser, der Bahnhof, nachts.</p><p>Du hast ein Einzelzimmer, und alles ist wei� und sauber, ein Kunstdruck an der Wand, Blumen, und du erinnerst dich an das Piepen der Notaufnahme, Intensivstation, das gleichm��ige leise Piepen aus all den Betten, dann und wann ein St�hnen, Schnarchen laut, Schnarchen leise. Der Neuner-Rat, denkst du, die Ritter der Tafelrunde, denkst du, w�hrend du schon halb schl�fst und woanders bist, du bist weg und wieder da, weg und wieder da, der Neuner-Rat trifft sich bald wieder, und dann musst du fit sein und ihnen zeigen, dass du all das regeln kannst, notfalls alleine, du und Alex und deine Leute. Ein Piepton, langgezogen und nicht enden wollend, und du fasst auf deine Brust und sp�rst das gleichm��ige Pochen und h�rst das gleichm��ige Piepen, der lange Ton wird zu einem Pfeifen, zu einem schrillen Pfeifen in deinen Ohren, in deinem einen Ohr, auf dem anderen bist du fast taub, seit ein Tritt im Ring dir dein Trommelfell zerfetzt hat, und dann die Knarre, die der Typ, der heute kaum noch laufen kann, neben deinem Ohr abgefeuert hat, die Ritter der Tafelrunde, wie gern hast du das gelesen als Kind, K�nig Artus und Parzival, der den Gral gesucht hat, bis er wahnsinnig geworden ist, Sir Galahad und seine Freunde, und du h�rst das Trappeln der �rzte, w�hrend du noch halb woanders bist, die Seiten rascheln, die Schwerter klirren, und du am Kopfende mit goldenem Helm, aber wie soll das gehen bei so einem runden Tisch, du h�rst ein Husten, ein dumpfes Luftaussto�en, das fast wie ein Br�llen klingt, leben, da will jemand leben, und dann h�rst du das gurgelnde Einatmen der Luft. Die �rzte und Pfleger sprechen leise miteinander, das gleichm��ige Piepen um dich herum, und dein guter alter Sinn kann dir nicht sagen, ob da der Tod war oder ob es weitergeht.</p><p>Deine Augenlider flackern, das Licht wie ein Stroboskop, und du siehst Schatten um dein Bett herum. Wie sp�t ist es? du f�hlst nach deiner Breitling, aber die ist weg. Deine Beine sind steif, als w�ren sie aus Holz, du drehst den Kopf und siehst den Druck mit den Blumen wie einen dunklen Farbklecks an der Wand gegen�ber. Du w�nschst dir, dass es Tag w�re, aber dann w�rde das Sonnenlicht ins Zimmer fallen.</p><p>Du �ffnest die Augen, und du bist nicht allein. Eine Frau sitzt da, auf dem Stuhl an der Wand, direkt unter dem Druck mit den Blumen. Sie ist schwarz, die Haut, und schwarze lockige Haare und ein hellrosa Kleid. Du begreifst nicht gleich, denn das kann nicht sein. Ein paar Afrikanerinnen arbeiten bei dir, am Anfang waren es die Fidschis, jetzt sind es die Afrikanerinnen, aber wieso kommt ausgerechnet diese dich besuchen. Und haben sie dir nicht gesagt, Besuch erst in ein, zwei Tagen. Aber vielleicht hat sie sich reingeschlichen. Ein Mann ist immer unten im Auto direkt vorm Eingang, daf�r hat Alex gesorgt, und auch die Bullen passen auf. Aber nur die besten M�dels arbeiten f�r dich. Du richtest dich halb auf, drehst dich zu ihr. Sie sitzt da, blickt dich an und bewegt sich nicht. Ihr Gesicht wie aus schwarzem Stein.�Arnie�, sagt sie, und ihre Lippen bewegen sich kaum.�Mary�, sagst du, und sie spricht weiter, und das klingt seltsam in dem kleinen Zimmer, das dir vorhin noch so gro� vorkam. Irgendetwas stimmt nicht, denkst du, was macht sie hier? und was sie sagt, ist falsch. Du m�chtest dich wegdrehen, und jetzt w�re die Decke �ber deinem Gesicht vielleicht ganz gut, aber sie ist hier. Und als du irgendwann, vorhin oder gestern oder vor Stunden, an das viele Blut gedacht hast, war sie auch hier.�Wir haben damals alles getan�, sagst du. Und das stimmt sogar. Ihr habt ihn erwischt, ein paar Wochen sp�ter, und wenn die Bullen nicht dazwischengefunkt h�tten, w�rde er jetzt irgendwo vor der Stadt liegen, und in ein paar Jahren w�re dort das Gras besonders saftig�� (Nein, das war nur dein erster Zorn damals, sie war eins von deinen M�dchen, in deinen R�umen, und deine Schultern und dein Nacken und deine Brust haben geschmerzt, als h�ttest du Gewichte gestemmt, die ganze Nacht und den ganzen Tag, aber ihr h�ttet ihm wahrscheinlich nur ein paar Knochen gebrochen.)�Er hat mich geliebt�, sagt sie.</p><p>�Vielleicht�, sagst du und versuchst, ganz locker zu sein, aber das Blut und sie kriechen in deinen Kopf, da ist ein Pflaster oberhalb der Stirn, dort, wo du auf die Stra�e geschlagen bist, vor Tagen, vor Stunden, irgendwann. Der Typ war jung, Anfang zwanzig vielleicht, neunzehn, wie du sp�ter erfahren hast.�Du h�ttest eher kommen sollen�, sagt sie, und das verstehst du nicht und willst es nicht verstehen, denn sie ist doch gekommen. Das Laken unter dir ist nass.�Du solltest nicht hier sein�, sagst du. Und die Schatten, die du vorhin durch deine Augenlider gesehen hast, sind wieder da, und du sch�ttelst den Kopf, weil da eine Hand in deinen Haaren ist, sie steht jetzt vor deinem Bett, und du ziehst die Decke bis unter deine Nase und sp�rst deinen warmen Atem auf deinem Gesicht. Wie sie dich anblickt, du kannst das nicht ertragen, du kannst so vieles pl�tzlich nicht mehr ertragen, und das Zimmer ist jetzt voller Menschen, ihr Atem, ihre Ger�usche, ihre Ger�che, sie tuscheln und wispern.�Ich liege vor der Stadt�, h�rst du, und du wei�t, wo sie liegt, im Moor, wei�t es nur ungef�hr, hast sonst nichts damit zu tun.�Und bei meiner Arbeit, auf dem Gericht, wie l�uft es da ohne mich?�Das h�rst du und ziehst dir die Decke bis hoch zu dem Pflaster �ber deiner Stirn. Denn du wei�t, wenn du aufstehst und zwischen ihnen durchs Zimmer humpelst und die Tischschublade aufziehst, liegt dort ein kleiner Mensch drin und lacht dich meckernd an. Lasst mich in Ruhe, denkst du, und vielleicht fl�sterst du es auch, geh weg, Mary, denn du hast das alles mitgebracht!</p><p>Du stehst vor ihr und blickst auf diese riesige Wunde in ihrem Hals, wie ein schwarzes Grinsen von einem Ohr zum andern.�Da ist ein Typ, Arnie, der kommt immer wieder, der macht mir Angst.�</p><p>�Ein Stammkunde, M�dchen, den musst du dir warmhalten, mach ihm ruhig sch�ne Augen, und wenn es Probleme gibt, ruf mich an.�</p><p>Dein Telefon klingelt. Du suchst in deinen Taschen, kein Klingeln, ein Summen und Vibrieren, du hast es leise gestellt. Es f�llt runter, der Akku springt raus, wo ist die SIM-Karte? und du rollst dich auf die Seite. Da blinkt und glitzert etwas neben dir. Du greifst danach. Eine Patronenh�lse. Die Sirenen werden leiser. Der Boden unter dir ist nass. Du drehst dich wieder. Da vorne blinkt eine Ampel, gelb. K�hl vom Fluss. Du zitterst. Die T�rme des alten Stadions. So dunkel.</p></section></section><section><title><p><strong>Die Nacht des Reiters</strong></p></title><p>Sie erz�hlen sich Geschichten �ber den kleinen Mann. Dass er nie schl�ft. Und dass er sucht. Seit vielen Jahren. Jede Nacht. Dass er mal ein ber�hmter Reiter gewesen ist. Ein Pferdemann. Bevor er anfing zu trinken. Manche erz�hlen, dass er auch schon getrunken hat in seinen gro�en Zeiten. Andere sagen, dass sie ihn selbst noch gesehen haben, auf dem R�cken der Pferde. Als sie Kinder waren. Der kleine Mann sucht sein Kind, sagen sie. Seine Tochter. Und dass er nicht mehr trinkt, weil seine Leber kaputt ist. Andere sagen, dass er wieder angefangen hat. Und dass er immer kleiner und d�nner wird, weil der Schnaps ihn auffrisst. Und dass er einmal das gro�e Derby gewonnen hat, in den Achtzigern, als sie Kinder waren. Genau wissen sie�s aber nicht. Die meisten sind zu jung, k�nnen ihn nicht gesehen haben, als sie Kinder waren, in den Neunzigern, denn da ritt er nicht mehr. Nur jetzt, in den N�chten.�Da habe ich ihn mal gesehen.�</p><p>�Ach, gesehen hast du ihn?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Wo denn?�</p><p>�Das muss paar Jahre her sein, zwo-drei, zwo-vier���</p><p>�Auch schon wieder lange��, aber nicht so lange. Und seitdem nicht mehr?�</p><p>�Aber ich h�re ihn manchmal. Hinterm Bahnhof, auf dem Bahnhof.�</p><p>�H�ren? Du bist doch nicht wieder auf Koks oder rauchst die Diamanten? Kristall?�</p><p>�Nat�rlich nicht, das wei�t du doch. Sonst w�r ich doch nicht mehr hier, oder?�</p><p>�Ja, ja. Nichts gegen eine kleine Nase, wenn du zu Hause bist, ist ja dein Feierabend, aber wenn du richtig cash machen willst �ber die Jahre, trink M�hrensaft, ACE. Aber Steine, Kristalle��, schlimmer als jede Nase, die Diamanten brennen dich aus.�</p><p>�Ich wei�, ich wei�. Das ist schon lange her, Arnold.�</p><p>�Ja, ja, ist immer alles lange her. Und da erz�hlst du mir trotzdem von Hufen, Hufger�uschen, in der Nacht.�</p><p>�Tut mir leid, Arnold, ich h�tte nicht davon anfangen sollen.�</p><p>�Schon gut, schon gut. Wir alle tr�umen mal schlecht.�</p><p>�Ich bin dir wirklich dankbar, dass ich bei dir���</p><p>�Tu mir einen Gefallen���</p><p>�Ja?�</p><p>�Wenn du arbeiten willst, arbeite. Und zahl deine Miete. Und du zahlst deine Miete. Und wenn du nicht mehr arbeiten willst, sag es mir. Sag es mir einfach. Wenn du nicht mehr kannst. Und wenn du Urlaub brauchst���</p><p>�Ich brauch keinen Urlaub. Und ich bin seit f�nf Jahren sauber.�</p><p>�Du wei�t, dass ich diese Drogenschei�e hasse.�</p><p>�Ich wei� das. Und deswegen���</p><p>�Und das ist nicht nur wegen den Bullen oder wegen dem Gesundheitsamt oder wegen irgendwelcher bescheuerter Lizenzen���</p><p>�Nein, ich���</p><p>�Sei still. Lass den Alten bisschen erz�hlen���</p><p>�Du bist nicht alt, Arnold.�</p><p>�Ja, ja. Nat�rlich nicht. Kennst du das, wenn du im Herbst �ber alles nachdenkst?�</p><p>�Ich wei� nicht. Ja.�</p><p>�Ich meine nicht diesen Oktober-Herbst, Indianer-Sommer, wie die Amis sagen���</p><p>�Habe ich noch nie geh�rt.�</p><p>�Wenn alles bunt und golden ist. Und wenn du denkst, der Sommer kommt nochmal zur�ck.�</p><p>�Wie sch�n du das sagst. Das habe ich immer gemocht.�</p><p>�Halt dich fern von diesem Burschen. Denk nichtmal an ihn. Er ist wahnsinnig. Und sucht die Geister, wo sie nicht sind. Nie gewesen sind. Der sucht seine eigenen Geister, aber ist Jahre zu sp�t dran damit.�</p><p>�Die Leute sagen, dass du���</p><p>�Wer sagt das? Wer sagt was?�</p><p>�Dieses Haus damals, war das dreiundneunzig?�</p><p>�Wie alt warst du da, Baby?�</p><p>�Ich wei� nicht. Noch ziemlich jung���</p><p>�Das macht mich w�tend. Das macht mich traurig. Dass dir die Leute sowas erz�hlen���</p><p>�Nein, Arnie, h�r zu, das ist doch nur, weil�s jetzt wieder in der Zeitung war���</p><p>�Sei kurz still, Baby, sei kurz still. Und fang nie wieder damit an. Ein Freund von mir sagt immer, Coppenrath�&amp; Wiese���</p><p>�Die Tortenfirma?�</p><p>�Nicht die schei� Torten. Die Leute, die <emphasis>du</emphasis> auch kennst, ganz genau kennst. Die denken, dass sie was Besseres sind. Denen die Augenbrauen zucken, wenn sie uns sehen und von uns h�ren. Halt kurz die Klappe, Baby! Die denken, dass das alles gleich ist. G�nther Jauch, Wer wird Million�r. Die denken, dass der Schmutz rot ist. Und h�ren was und lesen was und denken, der, der da, das ist einer von denen, die, die da, das ist eine von denen��, und denken, das ist alles gleich, dass das alles gleich ist. Und wissen nichts, und wissen gar nichts. Und gehen zu dir und gehen zu den M�dels und erz�hlen Schei�e und denken���</p><p>�Dass sie besser sind als wir? Tut mir leid. Ich wollt nicht, dass du dich aufregst, aber das ist, weil doch der kleine Mann seit Jahren�� Bin schon still.�</p><p>�Ach komm, M�dchen, nicht so. Nicht so. Fang nicht an, dich f�r irgendwas zu entschuldigen. Nicht bei mir, nicht bei denen. Das hat mit dir nichts zu tun, und das hat mit <emphasis>euch</emphasis> nichts zu tun. Das war ein St�ck Dreck. <emphasis>Der</emphasis>. Nicht der <emphasis>Kleine</emphasis>. Der Ex-Boxer, wie�s im Buche steht. Weniger noch als Dreck. <emphasis>Der</emphasis>. Dreiundneunzig. Die Gesch�fte waren damals anders als heute. Der Dreck ist verschwunden. <emphasis>Wir</emphasis> haben auch daf�r gesorgt, dass der Dreck verschwunden ist. Nichts davon, nein, nichts davon ist irgendwo in meinen Taschen. Und dieser Mann reitet��, ach, was sag ich, jetzt quatsche ich schon eine Schei�e wie du��, dieser Bursche, klein und gerissen, wie er ist, w�hlt im Dreck und denkt, und denkt, dass da was von dem Dreck bei mir in den Taschen liegt. In meinem Haus, in meinem Kopf, Herbst oder Winter, oder sonstwo.�</p><p>�Ich wei� doch, Arnie, dass bei dir���</p><p>�Nichts wei�t du. Gar nichts wei�t du. Ich hab ihn mal gesprochen, den Reiter��, noch bevor���</p><p>BUMM BUMM (Die Erdgeschosswohnung erzittert, das Wasser im Whirlpool zittert, kleine Wellen auf der Oberfl�che, obwohl keiner mehr drin ist und keine Blasen und keine Bl�schen, millionenfach, an den nackten Leibern kitzeln. Feierabend, fast schon zw�lf.)</p><p>�Sind die nicht verr�ckt, Arnie? Mit ihrem Tunnel?�</p><p>�Ja, ja, ja, das sind sie. Da hast du recht, M�dchen, da hast du wirklich recht, Baby. Geh jetzt nach Hause. Was f�r eine wahnsinnige Bande, in dieser wahnsinnigen Stadt. �Der Stock, den er an den Tisch gelehnt hat, f�llt um, als sie aufsteht und aus dem Zimmer geht. Der Boden bebt und vibriert unter seinen F��en. Er hat nicht gewusst, dass sie auch nachts bohren. Er nimmt den Stock nur selten mit, aber wenn es Winter wird, kann er sp�ren, wie sein Bein langsam steif wird. Eigentlich wollte er nochmal auf den Bahnhof, aber nun ist�s zu sp�t. Bisschen was einkaufen, es gibt dort einen guten Wein- und Whisky-Laden. Die M�dels fahren nach Hause oder legen sich hin, wo sie sind. Zeit f�r Feierabend. Nur in wenigen Wohnungen l�uft das Gesch�ft bis nach Mitternacht. Die Handys werden ausgeschaltet, die automatischen Ansagen auf den Festnetztelefonen angeschaltet.�Hallo, hier ist Sissy, meinen umfangreichen Service kannst du wieder von neun bis���Er muss Frank sagen, dass er den Whirlpool leeren und saubermachen soll.���genie�en. �Der Club hat noch ein paar Stunden ge�ffnet. Zeit, nochmal ins B�ro zu fahren. Zeit, schlafen zu gehen. Er muss telefonieren, dass sie nochmal in den Club schauen, Alex anrufen, ist das immer noch Alex nach all den Jahren? Manchmal kann er sich kaum erinnern. Wenn der Boden vibriert. Die Ger�usche der Nacht. Das Quietschen von Stra�enbahnen und S-Bahnen, die er aus seiner Kindheit kennt. Er reibt sich das linke Bein, sp�rt seine Kniescheibe hart durch den Stoff.</p><empty-line/><p>Er trinkt seinen Kaffee in dieser kleinen Kaffeebude gleich bei den Bahnsteigen. Gegen�ber den Bahnsteigen. Er mag diese obere Ebene des Bahnhofs, so dicht bei den Z�gen. Erst dort, in dieser kleinen Kaffeebude, hat er den Geschmack eines guten Americano zu sch�tzen gelernt. Hatte erst nicht gewusst, was das sein soll. Americano. Amerikanischer Kaffee, oder was?� Ist der s��?�, hat er gefragt, als er es das erste Mal gelesen hat �ber der kleinen Verkaufstheke.�Nein. Ist nicht s��. �Espresso mit kochendem Wasser aufgegossen. Er mag die Kaffee-Variationen, seit er nicht mehr trinkt. Diese Americanos kann er tassenweise in sich reinsch�tten, ohne dass ihm die Pumpe geht. Das liegt daran, dass so viel kochendes klares Wasser drin ist. Er hat das vorher nicht gekannt, Espresso mit kochendem Wasser aufzugie�en. Espresso gab�s auch erst nach der Wende. <emphasis>Ex</emphasis>presso, weil�s schnell geht. Magenschonend. Herzschonend. Und �ber Leber und Bauchspeicheldr�se brauchen wir gar nicht zu reden.</p><p>Bevor diese Bude an den Bahnsteigen aufmachte vor ein paar Jahren, war er unten bei den B�ckereien. Da war und ist der Kaffee billiger. Er �berlegt, wann die den Bahnhof komplett umgebaut haben. Er kennt noch das dunkle Loch. Den schwarzen Sarkophag. Bevor sie alles umgegraben und renoviert haben. Da war er noch in den Kneipen und hat gesoffen. In den Bahnhofskneipen. Eine war unten im Tunnel, der zwischen den beiden Hallen verlief, eine oben bei den Bahnsteigen. Er erinnert sich an das schmutzige gew�lbte Glasdach, �ber den beiden Hallen und �ber den Bahnsteigen. Jetzt scheint und f�llt das Licht durchs Glas, Sonne, Sterne, Flugzeuge; damals, vor Jahren, waren die kleinen gl�sernen Quadrate dreckig und schwarz. Das Flattern der Tauben, er h�rt und sieht es noch. Und h�rt das Klappern und Klirren von den Bahnsteigen und Gleisen, die Ger�usche der Z�ge, der Schienen, der Fahrt, die verschwanden, als das Licht durchs Glas fiel. Alter Bahnhof. Neuer Bahnhof. Wohin die Tauben wohl verschwunden sind? Die Baugruben kommen und gehen, und die Jahre spielen keine Rolle f�r ihn. Wenn die Nacht kommt.</p><p>Seitdem er aufgeh�rt hat zu trinken, trinkt er Kaffee und raucht. Er hat fr�her, als er noch getrunken hat, auch Kaffee getrunken und geraucht. Aber l�ngst nicht so viel wie heute. Zumindest nicht so viel Kaffee. Geraucht hat er schon damals wie ein Schlot. Aber anders. Als er noch ritt, war das wegen des Gewichts. Und wegen der Sauferei. Die auch zum Teil wegen des Gewichts war. Weil er nach ein paar Schn�psen immer rauchen musste. Nicht dass er immer die Gewichtsprobleme gehabt h�tte, das begann, als die Vierzig in Sicht kam. Kurz vor der Wende. Und das mit dem Saufen war nur eine Entschuldigung daf�r. Das Gewicht. Wenn er heute darauf zur�ckblickt, sieht er das so. Aber der Schnaps hat immer den Appetit und den Hunger hei� ausgebrannt. Und ihm den Mut gegeben, als seine besten Jahre vorbei waren. Koks gab es damals noch nicht. Aber Apotheker und Veterin�re, die hatten genug Pillen und Tropfen, Pulver und Spritzen. Koks nehmen sie heute doch alle, die Top-Jockeys und auch die Mittelklasse-Jockeys. Denkt er. Wei� es aber nicht genau. Vor kurzem oder vor paar Jahren haben sie den Starke erwischt, in Hongkong, was f�r ein klasse Mann, was f�r ein Reiter, aber der Hunger und das Gewicht und der Mut k�nnen einem ganz sch�n zu schaffen machen. Wenn�s um so viel Geld geht. Nicht zu vergleichen mit den Erdn�ssen damals. Peanuts. Sein Problem war, dass er kein Englisch konnte, sonst w�re er sicher irgendwo untergekommen nach der Wende. Auch daran denkt er, w�hrend er seine H�nde um den gro�en Pappbecher Americano legt. Und die Nacht �ber dem Glasdach und hinter den Ausg�ngen sp�rt. Diesen Seitenausg�ngen. West und Ost. Durch die manchmal der F�hn zieht, der manche N�chte w�rmer macht als den Tag.</p><p>Er zieht die Aufschl�ge seines Trenchcoats zusammen. Er wei�, dass er riecht, nicht schlimm, aber ein bisschen zumindest, er und sein Trenchcoat; er hat lange nicht mehr geduscht, sp�rt sein fettiges Haar, obwohl das immer noch ganz gut aussieht, silbern gl�nzend, wenn er es k�mmt, und er wei�, dass der Stoff, sein alter Trenchcoat, nicht mehr sauber ist. Er hat ihn neunundachtzig in Westberlin gekauft. Wie lange das schon her ist, fast nicht mehr wahr�� Kaffeeflecken. Essensflecken. Kleine Brandl�cher von Zigaretten. Aber es ist Nacht, und hinter ihm, Westseite, das schwarze Loch. Und auf der anderen Seite, im Osten, die Stra�e der Drogen. Zwei schwarze L�cher, sollten die sich nicht gegenseitig aufheben? Kokain h�lt ihn munter, ab und an, wenn es sein muss. Er hat auch eine Kanone gekauft, aber die hat er wieder weggeworfen, obwohl sie ihn��, das muss noch zu Mark-Zeiten gewesen sein, sicher ist er sich nicht mehr. Das sind die Jahre und die N�chte. Und der Kaffee und die Kippen und der Koks. Den er so selten durch seine Nase zieht. Weil er schonmal eine Knarre hatte. Und weil er nie wieder trinken will, muss er auch das Koks sein lassen.</p><p>Als er am Fluss stand, die wilden Lichter des Rummels hinter sich, hat er die Kanone in den Fluss geworfen. Achterbahn, Riesenrad, Lichter auf dem Wasser. Die Schreie der durch die Luft Geschleuderten. Seine Erste. Eine Makarow. Von einem Russen, den er durchs Wetten kannte. Der eigentlich ein Jugo war, wie er sp�ter rausfand. Aber perfektes Russisch sprach. Und beste Kontakte zu den Russen hatte, die nach neunzig anfingen, ihre Knarren und alles andere zu verscherbeln, bevor sie langsam aus der Stadt verschwanden.</p><p>Handgranaten und Panzerf�uste waren billiger, als man dachte. Einen Panzer zu kaufen w�re sicher schwierig gewesen. Er hat sich das manchmal vorgestellt. Er war Panzerfahrer gewesen bei der Asche. Weil er so klein war. Manche seiner Kollegen, bei den Pferden, waren so klein, dass man sie ausgemustert hatte. Zumindest f�r den Schreibtisch brauchbar. Dreiundneunzig h�tte er gerne einen Panzer gehabt. Oder eine Panzerfaust. Mit dem Panzer ins Gericht rein und diese Schweine alle plattgemacht. Durch W�nde und Verhandlungen gebrochen, bis in den Saal, wo das Schwein�M. vor sich hin grinste, zusammen mit dem Richter und dem Staatsanwalt, und dann immer noch grinste mit seinen nichtmal vier Jahren. Das h�tte sicher Kollateralsch�den gegeben. Aber die gab es auch vorher, und keinen hat es interessiert. Da hat er noch schwer gesoffen in der Zeit. Und ist ganz froh, dass er nicht an einen Panzer rankam. Nichtmal an eine Panzerfaust. Zwei-, dreimal hatte er die M�glichkeit gehabt, an schwere Artillerie zu kommen. Da gab�s auch sp�ter einen Tschechen, der ihm ein Bren angeboten hat. Als er schon dabei war, vom Schnaps wegzukommen.�Was, verdammt nochmal, soll das sein?�</p><p>�Gutes MG. Schweres MG. Rei�t L�cher in Ziegelw�nde wie Faust.�</p><p>Wenn er gewusst h�tte, wo das Schwein wohnt, h�tte er sich das Bren gekauft, ein paar Reserven hatte er noch, die Erbschaft der Mutter, und h�tte ihn und am besten auch sein Haus pulverisiert. Weil er immer in seinem Kopf hatte, dass das Schwein in einem sch�nen kleinen, mittelgro�en Haus wohnte. Nicht zu fassen. Das war, als er wieder r�ckf�llig wurde. Man darf nichts nehmen, auch kein Koks, wenn man sauber ist. Aber das Koks ist nur einmal im Monat, ungef�hr, h�chstens, wenn er nicht aufh�ren kann, durch die Stra�en zu irren, an den T�ren zu klingeln, die Nummern anzurufen, den M�dchen ins Gesicht schaut, ganz genau hinschaut, weil er nicht wei�, wie sie jetzt aussieht.</p><p>Er ist sogar nach Berlin gefahren, als er einen Tipp bekam. Weil der Tscheche, den er durchs Wetten kannte, sich f�r ihn umgeh�rt hat. Wohin das Schwein verschwunden ist, hat er nie rausbekommen.</p><p>Hat dies geh�rt, hat das geh�rt, dass das Schwein�M., als er aus dem Knast raus ist, dies und das gemacht hat, hatte der nicht �ne Baufirma gehabt��, aber dass muss in der Phase gewesen sein, als er selbst so tief, so tief geschlafen hat��</p><p>Und in Berlin hat er einige Stra�en abgeklappert, hat in einige Clubs geschaut. Weil er nichtmal wei�, ob sie im Freien arbeitet oder in einer Wohnung. Oder in einem Club. Oder vielleicht gar nicht mehr. Aber er hat ein paar M�dchen getroffen in all den Jahren, die sie kannten. Er hat Informationen gesammelt in all den Jahren. Wenn er bei den Frauen in den Zimmern sa�, dachte er manchmal, dass es vielleicht sogar gut w�re, wenn sie solche Arbeitsbedingungen h�tte. Und er will sie doch nur wiedersehen. Und er wei�, dass die Arbeitsbedingungen nichts �ndern. Weil er dreiundneunzig nicht auf sie aufgepasst hat, weil er sie dreiundneunzig nicht besch�tzt hat, weil er dreiundneunzig nicht mit einer Panzerfaust in diese H�lle im dritten Stock rein ist. Und weil sie keine Wahl hatte. Und weil sie noch ein Kind war. Er hat die Knarre oft genug an seinem Kopf gehabt. Auch als der Rummel hinter ihm flackernde Lichter aufs Wasser warf. Aber er kann nicht so einfach verschwinden. Klack klapp klack. Hufe klappern in der gro�en leeren Bahnhofshalle, fast schon zw�lf. Keine Z�ge mehr nach Berlin. Wieso verl�ngern sie den Tunnel, der unter seinen F��en vibriert, nicht gleich bis in die Hauptstadt? <emphasis>Eine U-Bahn, eine U-Bahn, eine U-Bahn bauen wir��</emphasis></p><p>An der Synagoge standen sie. Am S-Bahnhof stehen sie. Die meisten sind j�nger, als <emphasis>sie</emphasis> jetzt ist. Der Tscheche hat gesagt, er soll nach Charlottenburg schauen, und meinte den Kurf�rstendamm, ist das nicht Sch�neberg? Bahnhof Zoo, zumindest alles in der N�he, gibt auch noch die Kurf�rstenstra�e, da irgendwo w�re so ein alter Sack, der hat eine Kleine aus dem Osten, die k�nnte deine sein, ich geb dir gerne paar Infos, eine Hand�� undsoweiter, dass er jetzt noch Mitte abklappert, hat mit anderen Informationen zu tun, die er sammelt und sammelte in all den Jahren. <emphasis>Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin��</emphasis></p><p>Er geht an Menschen vorbei, Wochenendmenschen, Touristenmenschen, die Kneipen sind ge�ffnet und leuchten auf die Stra�en, er sieht die Frauen und M�dchen an den Hausw�nden, am Stra�enrand, auf Verkehrsinseln. Er schaut in die jungen Gesichter, ein paar alte Gesichter dazwischen, die K�rper in R�hren und H�lsen gezw�ngt, sie biegen sich im Sommerwind, oder ist schon Herbst, ein goldener Oktober, Indian Summer, wie der Ami sagt, er hat ein Foto von ihr in seiner Geldtasche, nein, er hat es schon l�ngst dort rausgenommen und in die Brusttasche seines Jeanshemdes gesteckt, er tr�gt seinen Trenchcoat �berm Jeanshemd, wie immer, das Foto hat er sich laminieren lassen in einem Schreibwarengesch�ft in Berlin, weil�s in seinem Schreibwarenladen sowas nicht gab und er auch nicht wusste, dass so etwas m�glich ist, bevor er die Werbung im Schaufenster dieses Schreibwarenladens in Berlin sah. Wo er jetzt zwischen Mitte und Kurf�rstendamm hin und her stolpert. Die Kuppel des Bundestages verschwindet und leuchtet in der Sonne. Er kennt sich nicht aus in dieser Stadt, zwischen den Jahren. Fr�her war er oft im Hoppegarten gewesen, die langen Nachmittage der Reiter, manchmal war seine Frau mit dabei, und <emphasis>sie</emphasis> im Sportkinderwagen, eine bunte Decke gegen den Wind, wenn Herbst war, und es war oft Herbst, weil in dieser Jahreszeit die Rennen magisch werden, wenn die Sonne tief steht, er sp�rt den weichen Boden unter den Hufen, sieht die Farben der B�ume und W�lder aus den Augenwinkeln, wie feuchter Ackerboden, h�rt das dumpfe Trommeln der Hufe, legt sich und schmiegt sich und dehnt sich, auf den warmen K�rper, an den warmen gro�en K�rper, <emphasis>sein</emphasis> K�rper liegt lang �berm Sattel, �berm Hals, die Peitsche zwischen den Fingern, die Lederb�nder zwischen den Fingern, als er auf der Zielgraden die Peitschenschl�ge intuitiv z�hlt, diese kurzen Aufforderungen, fliegt er, fliegen sie, w�hrend er sie nach au�en dirigiert, lenkt, dort ist die L�cke, der freie Raum, die Spur, wenige Sekunden der Entscheidung, der Boden ist zerw�hlt von den Hufen der vorangegangenen Rennen an diesem Nachmittag, auf der �u�eren Spur wirst du gewinnen, das wei�t du und sp�rst und siehst, dass du nur noch zwei, drei Gegner, Reiter, Pferde �berwinden, �berfliegen musst��, und denkst (im Nachhinein?), dass sie beide da am Zaun stehen und dich anfeuern, dieser dunkle Geruch nach Erde und Gras und Tieren, Leiber, die verschmelzen, er ist nass und schmutzbedeckt nach dem Rennen, sie galoppieren aus, nach dem Ziel, langsamer werdend, um den Bogen herum, an der Trib�ne vorbei, und er wei� nicht genau, ob er Erster, Zweiter oder vielleicht nur Dritter geworden ist, das Pferd, dessen Namen er schon l�ngst vergessen hat, macht sich lang, streckt den Hals, weil er sich mit ihm streckt und es mit H�nden und B�ndern dirigiert, streckt seinen langen Leib ins Ziel, �ber diese unsichtbare Linie, auf der kurz die Zeit stehenbleibt, aber er sp�rt und sieht aus den Augenwinkeln, wie sich zwei andere Leiber neben ihm strecken, die Farben wie ein feuchter Acker.</p><p>Und er sitzt ersch�pft vorm Monitor, vor einem der Fernsehger�te in dem gro�en, kleinen Raum, Licht flackert, Menschen flackern neben ihm, keine Fenster, er trinkt alkoholfreies Bier und einen Kaffee, raucht, hustet, sieht die anderen Monitore aus den Augenwinkeln, Staubpartikel und winzige Geschosse, Fu�ball, Bundesliga, englische Liga, italienische Liga, Hunderennen, Pferde, und er wei� nicht, ob er in Mitte, am Kurf�rstendamm oder in seiner Stadt, im Osten, ist. Irgendwann mal, die Luft riecht nach Erde und Rauch, kommen zwei Typen mit Skimasken und Kanonen. Obwohl er sich fast sicher ist, dass das keine echten Kanonen sind. Er hat doch echte Kanonen gehabt, um das Schwein zu erledigen. Und dann, weil er schon eine Weile nichts mehr trinkt und auch die Kokserei sein l�sst, weil er auch so nicht schlafen kann, begreift er einiges. Begreift, dass da <emphasis>was</emphasis> durcheinander war, durcheinander ist, in seinem Kopf, w�hrend er sich lang machte und streckte, in der Bahnhofshalle, in der Dunkelheit der Ausg�nge Ost und West, in den Stra�en, durch die er irrte, unterm Glasdach.</p><p>Er gibt Anweisung, das Rohr zu laden. Stickige Luft in diesem verdammten Panzer. Er sp�rt das Brummen dieses gewaltigen Motors in seinem K�rper, in seinem Kopf. Das Geschoss klappert ins Rohr, jemand l�dt die Granate, w�hrend er die Apparaturen bedient. Der Gesch�tzturm dreht sich und st��t durch die Jahre. Er h�rt seine Schritte in der Bahnhofshalle. Keine Tauben flattern auf.</p><p>�Du musst sie dir ganz genau anschauen, dann erkennst du sie vielleicht.�</p><p>�Was denkst du denn, was soll ich denn erkennen auf diesem Foto?�</p><p>�Nun schau doch, das ist ein gutes Foto. Wenn man�s laminieren l�sst, dann kann�s doch ewig halten���</p><p>�Ich wei� nicht, ich wei� nicht, ich m�chte lieber wieder gehen.�</p><p>�Nein. Schei�e, nichts ist mit Gehen! Ich hab dich f�r eine Stunde bezahlt, ich will, dass du jetzt genau hinguckst, dass du ganz genau hinguckst!�</p><p>�Es spiegelt bisschen���</p><p>�Nein, nein. Nichts spiegelt. Du musst es nur kippen, so gegens Licht! Schau doch, das ist das Gesicht, das ist ihr Gesicht���</p><p>�Du sagst doch selbst, dass es alt ist���</p><p>�H�r auf mit der Zeit, M�dchen, davon verstehst du nichts. Was soll sich denn da �ndern, mit dieser Nase, da kann mir doch keiner��, da kannst du mir doch nicht erz�hlen, dass diese Nase heute anders aussieht!�</p><p>�Nun fass doch ruhig an, fass doch mal an, meine Titten, die sehen heute auch anders���</p><p>�Die sind nicht gemacht, nun l�g doch nicht, die sind nicht gemacht, du kannst mir nicht erz�hlen, dass die gemacht sind! Und schau doch auf die Nase, schau auf die Nase!�</p><p>�Nichts wei�t du �ber meine Titten, gar nichts. Du denkst, dass du was wei�t, weil du bezahlst. Dann fick mich doch wenigstens, du bl�der Arsch. Und mach meine Titten nicht schlecht.�</p><p>�Deine Titten sind in Ordnung, deine Titten sind wunderbar. Du hast wundersch�ne Br�ste, wundersch�ne Br�ste���</p><p>Sein Trenchcoat riecht nach Pferd, weil es regnet drau�en. Er hat ihn auf den Tisch geworfen. Das Zimmer ist so klein. Wie kann man nur zu Fu� fliehen, denkt er, die Scheine flattern �ber die Stra�e, flattern �ber die Kreuzung, w�hrend sie zu Fu� �ber die Kreuzung fliehen, Richtung Innenstadt. Die eine Knarre war Spielzeug, die andere Schreckschuss, wahrscheinlich aufgebohrt. Das war im Sommer, in jenem hei�en Sommer, alle schwitzten, nicht nur die, die rannten. Scheine kleben auf dem Asphalt. Skimasken auf der Haut. Er schwitzt unterm Leder, sp�rt die Peitsche im R�cken. Und fragt und fragt und kriegt doch keine Antwort.�Hast du noch nicht genug, du Drecksau?�</p><p>�Nimm deine Pfoten weg, du St�ck Dreck, ich bin nicht schwul. �Kurf�rstendamm oder Mitte oder seine Stadt?� Ich wollt sie immer machen lassen, bitte, sag niemandem, dass meine Titten schei�e sind, ich lass sie bald schon machen��, ich hab schon jemanden in Polen, Doc Poland macht mir die Titten���</p><p>�Deine Br�ste sind sch�n, jetzt h�r doch auf damit��, die sind��, die sind doch in Ordnung!�</p><p>�Du musst mich ficken, sonst ist es nicht richtig.�</p><p>�Lass mich, lass mich doch��, du hast doch gesagt, dass du diese Nase vielleicht kennst.�</p><p>Ist das Nebel, oder ist er m�de? Die Luft ist feucht, als w�re dort ein Fluss hinter den H�usern.�Ich will, dass sie gro� sind und dass sie alle lieben. Dass mich alle lieben.�</p><p>Er sieht das M�dchen an diesem Imbiss stehen. Sexy Coras Titten schwellen in seinen schlimmen Tr�umen. Die tr�umt er am Tag, wenn er in der Stra�enbahn sitzt, wenn er im Zug sitzt, wenn er im Waschsalon sitzt und auf das runde Fenster schaut, hinter dem sich sein alter Trenchcoat dreht und im schaumigen Wasser wirbelt. Wie sch�n das ist.�Ich hab auch einen Schwanz. Willst du meinen kleinen Schwanz streicheln? Mach ihn sch�n hart, dann fick ich dich!�</p><p>�Lass mich in Ruhe, du Ledertier, und sag mir, ob du���</p><p>Wer hat ihm erz�hlt, dass sie am Kurf�rstendamm steht? In der Hauptstadt, von der er nur den Hoppegarten kennt. Er ist neunundachtzig in Westberlin gewesen und hat sich den Trenchcoat gekauft. Er denkt, dass das im KaDeWe war, Kaufhaus des Westens, aber sicher ist er sich nicht. Da war seine Karriere grad vorbei, Pause, dachte er damals noch und sa� irgendwann mit einem Beutel Bierb�chsen auf einem Zugklo, Flachm�nner in den Taschen, w�hrend sie drau�en in den G�ngen und Abteilen auf- und �bereinander lagen, im Zug Richtung Westen. Sie sind zu dritt zum Bahnhof gefahren, zu dieser H�hle aus schwarz gewordenem Granit, dunkles schmutziges Glasdach, Tauben flatterten auf, Menschenmassen an den Gleisen, Klirren und Rumpeln der Z�ge, und da haben sie sich aus den Augen verloren. Er sieht <emphasis>sie</emphasis> noch an ihrer Hand und stolpert in den Zug. Und auf dem Klo war er nicht allein. Zu dritt hockten sie dort auf- und �bereinander, blo� gut, dass er so klein ist, Reiter, Ex-Jockey, und da wollen sie auch noch was von seinem Bier abhaben! Finger weg! Aber nur �n Schluck�� Die T�r ist offen, und die Leiber schl�ngeln sich zu ihm rein, und H�nde greifen nach ihm, und er sp�rt seine alten Narben, St�rze und Br�che, auf der Klosch�ssel. Schwitzend. Und halbnackt.</p><p>Was soll er bei den Transen? Was k�nnen ihm die Transen erz�hlen? Wo er doch sein M�dchen sucht. Aber er wei� nicht, wo er ist. Und er wei� nicht, wo sie ist. Sie h�lt sich an ihrer Mutter fest, krallt sich ins Bein ihrer Mutter, die winkt, und <emphasis>sie</emphasis> winkt, und er dreht sich und wendet sich und windet sich zwischen den Leibern und kann nicht einmal springen, der kleine Mann, der Reiter, der Ex, und im KaDeWe ist er so besoffen, dass er alles f�r einen Trenchcoat ausgibt. Begr��ungsgeld. Ersparnisse. Und er versucht, sich daran zu erinnern. Und ihm f�llt ein, wie er vor den Vitrinen mit dem Schmuck und Diamanten gestanden hat. Was f�r ein hartes und kaltes und wundersch�nes Glitzern.</p><p>Weil da doch was nicht stimmt. Mit den Jahren, nach all den Jahren. Weil dreiundneunzig zu achtundneunzig wird. Weil das eine Schwein doch das andere Schwein wird. Aber weit oben dr�ber, �ber den beiden Schweinen, den Todeskandidaten, <emphasis>er</emphasis>, den er erledigen muss, aber erst, nachdem er <emphasis>sie</emphasis> gefunden hat; weit oben dr�ber, in seinem Kopf, seinem Hirn, das anschwillt wie Sexy Coras Titten, sitzt <emphasis>er</emphasis>, der Mann mit dem Plan, der Mann mit dem Geld, <emphasis>Mutter, der Mann mit dem Schmott ist da, jawoll, mein Junge, das wei� ich ja</emphasis>, der die Informationen hat, die er braucht, dreiundneunzig, achtundneunzig, und der ihm vielleicht sagen kann, wo genau er jetzt im Kalender steht, zweitausendeins oder zweitausendzehn, und ob die verdammten Mayas nicht doch recht haben. Weil sich die Luft seit Jahren dunkel und feucht anf�hlt, wie ein Acker im Herbst.</p><empty-line/><p>�Das ist doch Schwachsinn. Wer braucht diesen Schei�?�</p><p>�Warte, warte kurz, ich mach mal leiser, da stimmt was nicht mit der Anlage. Kann ja kein Mensch h�ren, aushalten. Das muss am��, das klingt ja, als wenn �ne Horde���</p><p>�Was sagst <emphasis>du</emphasis>, Hans, was sagst <emphasis>du</emphasis> zu dieser Schei�e?�</p><p>�Wir sollten mal hin zu unseren serbischen Freunden��, vielleicht, wir sollten ihn uns mal���</p><p>�Und dann? Er hat�s mir pers�nlich. Mir pers�nlich. Mir hat er auf den Fu� gepisst!�</p><p>�Hat er? Hat er? Ja, hat er.�</p><p>�Wolltest du nicht das Ding abstellen? Sind wir auf der Rennbahn?�</p><p>�Ellen! Ellen, geh doch mal hinter und zieh einfach den Stecker��, h�lt ja kein Mensch aus!�</p><p>�So ist�s besser. Die Abmachungen, die Abmachungen sind doch klar! Da kann keiner kommen und sagen: Das sind jetzt meine Gesch�fte!�</p><p>�Nat�rlich hast du recht. Seine Gesch�fte sind keine Gesch�fte.�</p><p>�Ja. Ja. Jeder wei� doch, dass bei mir alles ruhig l�uft. Alles nach Regeln l�uft. Regelkunde bei AK. Das wei� doch jeder. Und deshalb kommen sie zu mir. Zimmer, Miete, Kohle, Schutz. Da brauch ich keinen, der meine M�dchen abkassiert.�</p><p>�Du sagst es, du sagst es! Zimmer, Miete, Kohle, Papierkram, Schutz. Hat alles seine Ordnung.�</p><p>�Man darf nicht den Kopf verlieren. Das f�hrt nur zu Chaos. Und Chaos, das wei�t du���</p><p>�Ist nicht gut f�rs Gesch�ft. Nur f�r den, der Chaos stiftet. Vors�tzlich. Hab ich von dir gelernt.�</p><p>�Sag ich keinem sonst, dass mein Arsch auf der Schulbank. War fr�her ja anders. Lernen, lernen, nochmals lernen, so bl�d das klingt.�</p><p>�Lenin?�</p><p>�Kann schon sein. Und wenn�s Karl Marx w�re. Wir sind nicht die Gewerkschaft, und wir schleppen keinen Schmarotzer mit.�</p><p>�K�nnen wir uns nicht leisten, was?�</p><p>�Ist nicht unser Geld. Wir haben Tagesmiete. Aber da geht�s auch ums Prinzip. Da kommt Jenny, da kommt Moni, und die sagen, da ist dieser Typ��, da ist dieser Wichser, der zweigt ab.�</p><p>�Wenn man�s so nimmt, k�nnt�s uns, also k�nnt�s <emphasis>dir</emphasis> egal sein���</p><p>�Nein, nat�rlich nicht.�</p><p>�Nat�rlich nicht.�</p><p>�Das <emphasis>Gesch�ftsmodell Miete</emphasis> kann nur so gehen und kann so nicht gehen! Dann kommt da einer, der sagt, dass sind <emphasis>meine</emphasis> M�dels, ich nehme f�nfzig Prozent, oder was wei� ich, von deinen M�dels. Das sorgt f�r Stress im Betrieb. Das ist nicht Karl Marx, das ist nicht Erhard oder Keynes und auch nicht Lenin, das ist Schei�e, das ist unmodern!�</p><p>Der Boden vibriert. Die Scheiben klirren. Ger�usche auf der Stra�e, die sie nicht kennen. (�Du darfst eins nicht vergessen, Arnold, diese Typen sind nicht ganz sauber, die kommen aus ihrem Krieg hierher�� Die haben die Hand am Abzug und wollen Gesch�fte machen.�)</p><p>Sie tragen den kleinen Mann, dass er den Boden nicht mehr ber�hrt mit den F��en. Schmei�en ihn wieder raus, weil der Boss jedes Mal sagt, dass sie ihn in Ruhe lassen sollen.�Der quatscht, der quatscht zu viel!�</p><p>�Lasst ihn reden. Wir haben andere Sorgen. Oder denkt ihr, dass da was dran ist?�</p><p>�Woran? Nat�rlich nicht.�</p><p>�In wenigen Monaten stecken wir mitten in der Zweitausend. Wenn die Computer durchhalten. Wir halten durch. Wir brauchen Ruhe, die M�rkte brauchen Ruhe�� Wir lassen uns die Gesch�fte nicht st�ren von irgendwelchen Wichsern.�</p><p>�Wir fahren, wohin wir fahren?�</p><p>�Weit und hoch.�</p><empty-line/><p>Er beobachtet diesen Imbiss schon seit einigen Tagen.</p><p>Zweitausendzehn. Er f�hlt sich alt, f�hlt sich m�de. Sucht seit Jahren. Immer weiter, kleiner Reiter. Jemand hat ihm ein Foto gezeigt. Eine junge Frau. Wegen der Nase ist er sich nicht sicher. Ist das der kleine Knubbel kurz vor der Spitze, der Nasenspitze, dieser kleine Knubbel in der Mitte ihrer Nase? Sie m�sste jetzt einunddrei�ig sein. Er ist in Berlin und beobachtet den Imbiss. Er hat sie schon am Abend vorher dort gesehen. Hat sich aber nicht getraut hinzugehen. Weil er denkt, dass sie es doch nicht ist. Weil er denkt, dass sie es ist. Er steht auf der anderen Stra�enseite an einem Bauzaun. Er sieht den Mann hinterm Verkaufstresen. Er kann die Curryw�rste und Pommes frites riechen. Ob der Typ was damit zu tun hat? Die M�dels, die hier auf der Stra�e arbeiten, machen oft Pause bei ihm. Trinken einen Kaffee. Essen ein Br�tchen oder eine Wurst. Manchmal denkt er, dass sie tot ist. Manchmal stellt er sich vor, dass sie irgendwann mit dem Zug nach Paris gefahren ist, sie wollte doch immer nach Frankreich, als sie noch klein war, seit er ihr vom gro�en Prix Arc de Triomphe erz�hlt hat, wo die besten Pferde und Reiter der Welt antreten und dem gro�en Millionen-Preisgeld entgegenfliegen. Als die Mauer fiel, h�rte sie gar nicht mehr auf, von Paris, Frankreich zu erz�hlen. Da war sie erst zehn, und er nur noch besoffen. Der Imbiss ist rund um die Uhr ge�ffnet.</p><p>Am Vorabend, als sie wieder weg war, in der Dunkelheit verschwand, Minirock, viel zu eng und kurz das alles, wo doch im Oktober die N�chte so kalt werden schon. Aber es ist Juni, und es regnet. Regnet seit zwei Tagen. Hat auch schon in seiner Stadt geregnet, als er in den Zug nach Berlin stieg.</p><p>Seine Tochter trug keinen Minirock, sondern schwarze Stoffhosen und eine Bluse. Er ist vor paar Monaten �ber den Kurf�rstendamm geirrt, weil er einen Tipp bekommen hatte, dass da ein junges M�dchen aus dem Osten, sogar aus seiner Stadt���Aber sie ist nicht mehr so jung.�</p><p>�Na ja, die kann auch schon drei�ig sein, oder was wei� ich, k�nnte die sein, die du suchst.�</p><p>Er wei�, dass er sein Geld verschwendet. Sie bringen ihm Tipps, und er bezahlt sie daf�r. Er wei�, dass er bald pleite ist. Vielleicht kann er die Knarre verkaufen. Er hat schon einen original Emil Volkers verkauft, den er von einem alten Zocker bekommen hatte, vor fast f�nfzehn Jahren. War ein sch�nes Bild. Zwei Pferde, ein braunes und ein wei�es, galoppierten mit ihren Reitern durch eine gr�ne H�gellandschaft. Manchmal tr�umt er noch von diesem Bild. Er sitzt auf einem alten Pony und versucht, den Pferden zu folgen. Die Reiter drehen sich um und lachen. Die bescheidene Erbschaft seiner Mutter ist fast aufgebraucht. Er wei� nicht, wie es mit der Scheidung steht und wem er da noch Geld schuldet. Seine Ex-Frau ruft er jede Woche an und fragt nach seiner Tochter. Sie wei� nichts. Oder sagt nichts. Will nur Geld. Er wohnt in der Wohnung eines Freundes, der vor ein paar Jahren gestorben ist. Magendurchbruch. Ex-Jockey. Manchmal denkt er, dass er sie erschie�en muss. Weil sie das alles zugelassen hat. Weil sie nicht aufgepasst hat auf sie, als er nicht aufpassen konnte. Er hat die Knarre auch schon an <emphasis>seinem</emphasis> Kopf gesp�rt, als w�rde sie ein Fremder dagegen pressen. Als er sie in den Fluss schmei�en wollte, hinter sich die Lichter des Rummels.�Die ist nicht mehr im Gesch�ft�, hat ihm der Typ erz�hlt, als er an dem anderen Imbiss stand, in der N�he der Kurf�rstenstra�e, wo der Bahnhofsvorplatz und die Stra�enecken nach Pisse rochen, dass er es kaum aushielt. Aber Kurf�rstenstra�e und Kurf�rstendamm sind doch ein ganzes St�ck auseinander, oder? oder? Frankfurt/Main, Bahnhofsviertel, wo hat er nur die Pl�ne der St�dte, scanne die Stra�en, scanne die Menschen, scanne die Haut�� T�rkenkanacken, nee, Libanesen im Mercedes Benz kreuzen die Kurf�rstenstra�e.</p><p>�War fr�her immer hier, immer unterwegs, war sehr beliebt. Sind viele wegen ihr gekommen. Die hat sich ganz sch�n Ruhm erfickt. Rumgefickt, verstehste, nun lach doch mal. Weil doch die Ostweiber besser ficken, sagt man doch, nicht wahr? Alter? und weil die alles machte. Spitzen-Service. Die lief f�r Kurti, wenn dir das was sagt.�</p><p>Er h�tte auch den am liebsten erschossen, nicht Kurti, der ihm nichts sagte, den auch, wenn das alles wirklich stimmte, was dieser Typ ihm erz�hlte. Ihn wollte er am liebsten umlegen, den Schw�tzer, den Currywurst-Fresser, dem der Ketchup schon in den Mundwinkeln festtrocknete. Der jedem M�del hinterherglotzte und jedem jungen d�rren Kerl. Minirock, enge Hosen, kurze Pullis, regennasse Haare, Beate-Uhse-Center, Wichskabinen, Fu�ballkneipen, graue flache Plattenbauten, Schlecker, verwirrte Penner mit steifen Jeans, beklebte Schaufenster, blaue Neonschrift, D�nerbuden, Wettb�ros, Taxis nach Tegel, Flughafenstra�e, M�lleimer, M�llt�ten, Stadtrundfahrten, Millionen Zigarettenkippen neben dem Bordstein, kleine F��e, gro�e Schuhe, Sport, Krampfadern, eine Frau mit Schnurrbart, Flachm�nner, Mutter Beimer, Transe mit Beule in der Hose, blau-wei� gestreifte T�ten, Schulthei�eck, Kindl, f�nfzig Jahre und kein bisschen��, Zeitungskiosk, Minirock, Lederhaut, Videokabinen, M�llermilch, Autos am Stra�enrand, laufende Motoren, nachts unterwegs, Weltzeituhr, Mitte, Zoo, M�dchen, Stoffk�gelchen, Papierk�gelchen, Billig-Rum, Reiseb�ro, Keller mit U-Bahn-Anschluss,�Wo is Kugel, wo is Ball�, Neutrinos im Licht der Laternen, M�dchen, Jungs, alte Frauen,�Alles muss raus!�, Achtziger, Neunziger, gr��te Hits, Gr��e aus der Kneipe, Licht in der Nacht, Licht am Morgen, August, altes Bullenauto, Billig-Friseur, der zerbrochene Turm einer Kirche hinter den H�usern, D�mmerungen, Hair-Cut.�Ich komm vom Dorf�, sagt er. (Viel sp�ter erf�hrt er, dass das M�dchen, das er f�r seine Tochter hielt, vom Dorf kam.)</p><p>Um die gro�e dunkle Kirche reitet er immer und immer wieder. Setzt sich dann auf eine Bank. Weil ihm schwindlig ist. Im Kreis herum, im Kreis herum. Wenig Licht, zwischen den B�nken, zwischen den B�umen. Die dunkle Kirche. Der Norden der Stadt. Wo er sie seit Jahren immer wieder sucht. Wo er sie suchte, bevor er bis hoch zum Meer fuhr, Rostock, bis weit in den Osten in die Stadt an der Grenze. Bis nach Berlin, wo sie den Bundestag aus Glas und Stahl und Beton bauen, um neue Gesetze f�r die Huren zu verabschieden. Klapp klack klapp. Er reitet durch seine Erinnerungen, w�hrend er den Torbogen der alten leeren Schule beobachtet, die schwarz ein St�ck neben der Kirche liegt. Wo die M�dchen manchmal stehen. Erst Jahre sp�ter, in the year 2525, hat er begriffen, wie alles zusammenhing; in seiner Stadt, hinterm Bahnhof, an der Kirche im Norden, glaubte er zu verstehen, dachte er, sah er Strukturen, Linien der Macht und des Geldes, Stra�e und Politik, der Genosse der Bosse und umgedreht. KLAPP KLAPP KLAPP, das Trommeln der Daten, Zahlen, Stimmen verwirrt ihn, weil jeder Hufschlag etwas Neues bringt, KLAPP KLAPP, die wilden Horden wie einst die Mongolen, konzentrier dich, kleiner alter Mann, du musst das Portal der Kirche in den Augen behalten.</p><p><emphasis>Es gibt nicht die eine Familie in Berlin, die das Sagen hat�/�Jede der hier genannten Familien spielt eine gewisse Rolle in den kriminellen Strukturen der Stadt�/�Und wenn man sich als Unbedarfter mit einer der Familien anlegt, kann man �rger bekommen�/�Aber nur einen Boss in dieser Stadt gibt es nicht, und die Strukturen �ndern sich st�ndig�/�Das hat selbst Winne in der Oranienburger auf die harte Tour lernen m�ssen�/�Auch die beiden MC-Gruppierungen mischen mit�/�Aber die werden noch schlimmer von den Organen �berwacht als die arabischen Familien�/�Und so schlau sind die alle nicht�/�Immerhin sitzen 3 der Abou-Chacker gerade in Haft�/�Einer f�hrt st�ndig ohne F�hrerschein und hat einen Haftbefehl, einer hat den Pokerraub organisiert und wartet auf sein Urteil (wirklich, wie dilettantisch das war), der andere wurde gerade verhaftet wegen Einflussnahme auf einen Zeugen�/�Das Oberhaupt der El bzw. Al-Zein Familie habe ich selber in Haft kennengelernt�/��ber Jahre hat er sich nicht brechen lassen, und dann hat er doch klein beigegeben�/�Jetzt hat er den gr��ten Teil seiner Macht verloren�/�Aber mal zur�ck zum Thema: Bei den vorgenannten Familien kann man immer an den Falschen geraten, aber eigentlich sind die alle harmlos, wenn man das mit anderen L�ndern vergleicht�/�Und wenn man �rger haben will, kann man das auch mit den Albaniern haben, die halt einfach in einem anderen Bereich fischen und sich so nicht mit den arabischen Familien in die Quere kommen�/�Ich bin ein ganz normaler Junge aus dem Leben mit einer ehemaligen kriminellen Vergangenheit, f�r die ich bezahlt habe�/�Aber Berlin ist halt multikulturell, und als Berliner muss man sich damit arrangieren�/�Die Polizei hat l�ngst aufgegeben�/�Die versuchen zwar immer wieder einmal die eine oder andere Aktion, aber die Polizei hat in Berlin keinerlei Macht. Stopp.</emphasis></p><p>Er sitzt in der U-Bahn-Station, sitzt ganz still auf der Bank, sp�rt die Sonne und den Tag, die die Leute an ihm vorbeitragen, die U-Bahnen fahren und bringen die Winde mit aus den Sch�chten. Er lacht. Eine Zeitung auf den Knien. Die nimmt jemand weg. Aber er sitzt ganz still. Er erinnert sich an diesen Schimmel, dessen Bein brach, w�hrend des Rennens, und als er zu Boden ging, sich abzurollen versuchte vom st�rzenden, einknickenden Schimmel, und als er dann auf dem Rasen liegt, dem feuchten Gr�n, sieht er ihn weiterhumpeln, weit hinterm Pulk der Pferde, die Richtung Ziel galoppieren, sieht, wie der rechte Vorderlauf, nur noch von Haut gehalten unterm Gelenk, hin und her schlenkert. Wo gehst du nur hin.</p><p><emphasis>Und abschieben lassen sich diese Familien l�ngst nicht mehr�/�Aber Angst haben vor den Familien muss niemand, der Eier hat�/�Die sind auch alle nicht kugelfest. Heute kommt doch jeder an eine Waffe heran, wenn er denn will�/�Die Deutschen sind halt nur meist schlauer und wollen nicht in den Knast�/�Das kann man auch als Schw�che auslegen�/�Aber es gibt genug Deutsche, die sich durchaus gegen einzelne Araber wehren k�nnten. Stopp.</emphasis></p><p>Und er sieht sie im Schatten, sieht sie wie durch zwei kleine Spinnennetze hindurch, die seine Pupillen bedecken, Iris I, Iris II, M�dchen, zwei, jung und d�nn, sp�ter h�lt ein Auto, er umklammert die Pistole, die er nicht in den Fluss geworfen hat, was interessiert ihn die Hauptstadt, dort ist jetzt Winter, er tr�gt zwei Pullover �bereinander unter seinem Trenchcoat und fragt sich, wie die beiden M�dchen sich nur so d�nn anziehen k�nnen bei dieser K�lte und warum sie nicht in einer Wohnung sitzen, aber in den Wohnungen hat er nicht solche Wracks getroffen, und er hofft und betet nach irgendwo in die oberen, k�lteren Schichten der Luft, wo die V�gel und das Wasser gefrieren, dass sie in einer Wohnung sitzt, dass sie im Warmen sitzt, besser tot als auf der Stra�e, denkt er manchmal, er steht auf und geht zu dem Auto, die alte Kirche im R�cken, er ist in seiner Stadt, das wei� er ganz genau, holt seine Stabtaschenlampe aus seinem Trenchcoat, sieht, wie der Freier zur�ckschreckt, die T�r seines Wagens zuziehen will, wahrscheinlich denkt, das ist eine Kanone, eine von diesen langen Schalld�mpferknarren, plopp, plopp, er schaltet die Maglite an und leuchtet den beiden M�dchen direkt ins Gesicht, viel zu jung, viel zu jung, er sieht und h�rt den Wagen wegfahren, sieht, wie sie ihn mit gro�en, aufgerissenen Augen anschauen, ins Licht seiner Maglite blicken, wei�e Gesichter, kein Solarium, Pickel auf der Stirn, kaum zugeschminkt, sie drehen sich weg, �berlegen wohl, ob sie einfach abhauen sollen, in der Dunkelheit verschwinden, vor diesem kleinen, abgehetzten Mann, der doch unm�glich ein Bulle sein kann, und als sie das dann merken, kein Bulle, nur er allein mit seiner langen Maglite, fangen sie an, ihn zu beschimpfen:�Bl�der Wichser, vertreibst uns die Kundschaft, schwule Sau�, ihm ist aufgefallen, dass sie in den Wohnungen das Wort� G�ste �bevorzugen,�Kunden und Kundschaft gibt�s beim Fleischer�, hat ihm mal eine nette mittelalte Hure gesagt, bei der er vor einigen Jahren gewesen ist, das Bild seiner Tochter als Vorwand f�r diese Flucht aus der Einsamkeit, die Frau kam aus Polen, war zumindest dort geboren, er hat im Internet von ihr gelesen, ja, das war dieser Ecki, diese Legende, dieser Alles-Schecker, nix geht mehr bei Schlecker (also diesem Drogeriemarkt, Mondos und Gleitcreme, wozu nur, ach, wozu nur), meine Fresse, was er alles nicht wei�, und da sa� er dort rum, wie ein dummer Sch�ler sa� er bei der Polin auf der Bettkante, die ihm erz�hlte, dass sie Krebs hat, Innendrinnen-Krebs hat, und da glaubte er zu verstehen, warum sie AV so offen in ihrer Annonce anbot, oder hat sie ihm das auch erz�hlt, weil sie ja Krebs hatte, <emphasis>angeblich</emphasis>, denn er glaubt l�ngst nicht mehr alles, was sie erz�hlen, da drinnen, vorne, GV, und sie gab ihm, nach OV, das hat sie ihm f�rmlich aufgezwungen, gab ihm dann sp�ter eine kleine T�te mit Erdn�ssen mit Schoko�berzug, polnische Erdn�sse mit Schoko�berzug, mit polnischem Namen auf der T�te, die knistert heute noch in seiner Manteltasche, gut geschmeckt haben die, und die Frau hat gejammert die ganze Zeit, wo sie herkommt, wo sie�� herkommt und wo sie gewesen ist. Dass sie da, irgendwo an der Grenze, Grenzstadt, Grenzfluss, dass sie in diesem Haus �ber Monate und l�nger, viel l�nger noch, kein Sonnenlicht gesehen hat. Und erz�hlte dann sp�ter, am selben Abend, in derselben Nacht, diese Stunde, diese f�nfzig Minuten,�Nein, nein, ich hab noch zehn�, vergingen, als w�re sie jenseits von�� Eden City, die Stadt des Vergessens. (So hie� ein Buch, das er in den Achtzigern gelesen hat, irgendwas Utopisches, sp�ter sagte man� Science-Fiction�<emphasis>.)</emphasis> Zeit, Zeit, vergiss, reit durch den Abschaum, aber das war so eine nette und liebe Frau gewesen, dass er sich neben sie legen wollte und schlafen. Schlafen.</p><p>Und da schlief er wirklich. Ist eingeschlafen neben ihr. Die trocknende Wichse auf seinem Trenchcoat aus Berlin, aus der Hauptstadt. Dabei hatte er den ein paar Tage zuvor erst in der Reinigung gehabt.</p><p>�Sie haben da noch was in der Manteltasche.�</p><p>�Hab doch alles leer ger�umt. �Das war in den guten Tagen, als er noch eine Reinigungskarte besa�, als er seine Hemden und Pullover immer in diese Reinigung brachte. Das war so eine Kette gewesen, sie hatten einige Filialen in der Stadt, und eine war gleich neben der Bude, in der er damals wohnte.�Sie haben da noch was in der Manteltasche.�</p><p>Und er greift in den Mantel, w�hlt in den Taschen, findet eine T�te, halbleer, mit schokolade�berzogenen Erdn�ssen. Mit der Karte konnte er preiswert reinigen lassen, eine Bonus-Karte. Bonus-Bums-Karte. Ein Stempel f�r jeden Fick. Bumm bumm bumm. Das geht ihm durch und durch. Er hat mal geh�rt, dass sie fr�her den Boden, den sie bestellen wollten, mit Hilfe von Sprengstoffen aufgelockert, umgegraben haben. Sowas war damals noch �blich.</p><p>Wenn er durch die Stra�en der Hauptstadt und durch die Stra�en der Stadt l�uft, knistert die fast leere Nascht�te in seiner Manteltasche. <emphasis>Ich fiel in ein Delirium aus Angst. Hab doch alles leer getr�umt.</emphasis></p><p>Er erinnert sich an die Container bei Rostock. Diesen Containerpuff bei Rostock. Wie ist er dahin gekommen, und war das nicht Mitte der Neunziger gewesen, oder sechsundneunzig oder siebundneunzig. Als kurz darauf dort das gro�e Umlegen begann. <emphasis>Wer reitet so sp�t nach seinem Kind.</emphasis> Er denkt, dass irgendwas mit den Zeiten nicht stimmt. Als es das Schwein hier in der Stadt erwischt hat, das muss neunundneunzig gewesen sein, ein Jahr bevor die Nullen das Chaos ausl�sten, das bis heute andauert, warum haben sie ihn nicht endg�ltig weggeblasen, eine Zeitlang ging ja das Ger�cht, dass��, und warum f�hrt das Schwein heute noch durch die Stra�en, kein Projektil mehr im Fleisch, Informationen machen genauso schuldig, Dokumente und Fotos machen genauso schuldig, obwohl ihm genug Leute gesagt haben, dass das Schwein nichts damit zu tun hat und dass es kein Todesurteil sein kann, Informationen zu verwenden, wo doch keiner wei�, ob er die Informationen �berhaupt h�lt.</p><p>Aber der kleine Mann im Trenchcoat, in diesem schmuddelig gewordenen Trenchcoat, wei�, dass der Aufstieg ohne Informationen, ohne Fotos und Dokumente nicht m�glich gewesen w�re. Er denkt, dass er wei�. Auf seinen Wegen zwischen den Stra�en und Jahren und St�dten. Er sucht seine Tochter, die auf einem der Fotos sein muss, die das Schwein haben muss. Die dort nicht allein drauf ist. Er hat Informationen bekommen, wo der ist, der dort war, der Herr der kleinen M�dchen, M. F�r den das Wort Schwein nicht reicht. F�r den keine Worte reichen. Den er so viel mehr hasst als den, der seinen Aufstieg mit Informationen und Fotos�� finanzierte. Schulden. Er wird ihn nie finden, den Herrn der kleinen K�rper. Immer wenn er nah dran zu sein scheint, die Knarre in der Tasche, ist der verschwunden, als w�rde er immer wieder durch Fallt�ren im Asphalt in Fluchth�hlen kriechen. Ob der Mann mit den Informationen, <emphasis>der gro�e Vermieter</emphasis>, ihn sch�tzt, ihm die Tunnel gr�bt? Obwohl, er hat M�nner und Frauen getroffen in diesen Jahren, die haben ihm ganz andere Dinge erz�hlt, dass der Vermieter dem Schwein�M. nur <emphasis>einen</emphasis> Tunnel graben w�rde, mit einem Stein drauf, und sagten dann: <emphasis>Das</emphasis> ist <emphasis>das</emphasis>, als w�re es die einzige Wahrheit. Aber er muss ihn und ihn vergessen, muss sie alle vergessen, Eden City, muss sein Kind finden. Findet anderes. Andere. Steht an der Imbissbude, in der N�he dieser einen Stra�e in Westberlin, wischt sich einen Ketchupfleck von seinem Mantel, er muss sich bald mal einen neuen kaufen, bevor der ihm wie ein Fetzen um den Leib schlottert, der Mantel bauscht sich im Wind, wenn er reitet, so wie er fr�her geritten ist, ohne Angst, mit Angst, wer reitet so sp�t durch Nacht und Licht, so oft war er in dieser Stra�e im Osten der Hauptstadt, die nie seine Hauptstadt war, ist durch diese geschwungene, schmale Stra�e flaniert, obwohl er dieses Wort jetzt nicht benutzen w�rde, vorbei an den M�dchen, die an den Abenden kommen, Sonne und Wind und Schnee aus den Sch�chten, wie jung die sind, die Alten stehen meist dr�ben im Westen, verwitterte Frauen, die B�uche gebl�ht unter den engen Stoffen, <emphasis>am Eckstein, am Eckstein, jede will gedeckt sein</emphasis>, wenn die Hengste kommen, Hurenparaden, <emphasis>the great race, it�s post-time</emphasis>, abends, wenn die Kassen schlie�en, das Klappern und Rauschen der Scheine in den Automaten, die Schlitze zahlen aus; und er flaniert an den Gesichtern vorbei, ach, ihr blonden Barbies, mit den sanften Gesichtern, im Abendlicht, im Morgenlicht, <emphasis>Ken kann</emphasis>, h�rt Stimmen,�Wir m�ssen das Netz abschaffen, wir m�ssen es zumindest sabotieren�, er versteht nicht,�sonst bumsen sie nur noch im Netz�, schaut nur, Gesichter, Haare, Stoffe, Haut.</p><p>�He, S��er, bist du einsam?�</p><p>�He, S��er, willst du mich einsamen. �Nein, das hat er nun doch nicht geh�rt, aber es kann auch so gewesen sein. Eine Pension, dort um die Ecke, er h�rt den Muezzin von der Synagoge rufen, gro�er barmherziger Gott, hoch oben auf den Kuppeln der Stadt, Kupplerinnen, Kupplungen verhaken, Wohnwagen <emphasis>woanders</emphasis> und <emphasis>wannanders</emphasis>, wenige Autos auf diesen Stra�en,�Schau sie dir doch genau an, schau genau auf das Foto, und bitte, sag mir���, bis diese Typen kamen und ihn wegtrugen. Nichtmal allzu unfreundlich. Engel. Aufn�her oder Logos auf den Lederjacken. Gefl�gelte Sch�del, hoch �ber der Stadt. Er kann das sogar verstehen. Touristen und D�rfler flanieren durch diese geschwungene Stra�e, er st�rt. Die jungen Damen haben sich beschwert. Er kann das verstehen. Wischt sich den Ketchup mit einer Serviette von seinem Mantel. Er hat Pommes gegessen. Und einen kleinen Kaffee dazu getrunken. Der Mann hinter der Imbisstheke hat eine gro�e rote geschwollene Nase. Auch sein Gesicht ist rot, die Haut sieht ungesund aus. Das liegt sicher daran, dass��, denkt der kleine Mann und steckt die Serviette ein, die leere Schokonusst�te knistert in der Manteltasche, das liegt sicher an den Fettd�nsten, den Frittierd�nsten, die er t�glich einatmet. Ein Freund von ihm hat einen Imbiss aufgemacht, kurz nach der Wende, dort in seiner Stadt, in die er wieder zur�ckf�hrt, bald, in die er nie wieder zur�ckf�hrt, bald, hat einen Pommes-Imbiss er�ffnet und viel Geld verdient, damals nach der Wende, hat ihn, so erinnert er sich jetzt, bevor er mit dem M�dchen, endlich unendlich, redet, hat ihn doch dieser Freund damals, der wie er in den Stallungen gearbeitet hat, gefragt, ob er nicht mit einsteigen will in das Gesch�ft mit den Fritten. Der Frittenmarkt war gro� im Kommen damals, noch kein RonaldMcDonald on the road �berall und kein Burger-K�nig, und so ein Imbiss, an der richtigen Stelle, war ein Goldesel, oder besser: eine Gold-Marie, aber er war nach dem Ende seiner glorreichen Karriere am Ende seiner glorreichen Karriere. Erinnerungen an die wenigen Siege, die immer mehr wurden in den Jahre der Erinnerungen, und seine Tochter, sein kleines M�dchen, weit weg. So weit, und als er das merkte, noch viel weiter.</p><p>Undsoweiter. Ihm tat die Leber weh, ihm tat das Herz weh.</p><p>Es war an einem sehr warmen Tag. Die Pollen flimmerten durch die Luft dieses warmen Tages. Es war einmal, k�nnte man bald sagen, nicht wahr? Wohin gehst du.�Was du liebst, lass frei. Kommt es zur�ck, geh�rt es dir � f�r immer.�</p><p>Es war an einem sehr warmen Tag. Die Pollen flimmerten durch die Luft. Einmal musste sie sehr lachen. Unten in der U-Bahn. Weil sie <emphasis>das</emphasis> in einer Zeitung las: <emphasis>Gro�e Aufregung um ein kleines Verkehrsschild. Zwei Polizisten montierten in W. ein Verkehrsschild ab, da sie es f�r eine F�lschung hielten. Eine Pr�fung ergab, dass das Schild echt ist. Die Polizisten mussten es wieder anschrauben!</emphasis></p><p>Dann wird die Sehnsucht immer gr��er. Endlich Berlin! Und der Tag war sehr warm, und die Pollen flimmerten�� Hatschie, hatschie, streichle die bebenden Flanken. Hunde schwitzen nicht, Pferde schon.</p><p>�Ich bin l�ngst nicht mehr dabei.�</p><p>�Kannst du dich an sie erinnern?�</p><p>�Du scheinst nett zu sein, aber ich kann dir nicht helfen.�</p><p>�Du bist ein h�bsches M�dchen. Und ich habe gedacht���</p><p>�Tut mir leid. Wei�t du, was <emphasis>ich</emphasis> gedacht habe?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Der alte Gast kehrt zur�ck. Oder noch schlimmer���</p><p>�Was w�re noch schlimmer.�</p><p>�Das wei�t du doch. Jemand fragt nach mir. Ich bin l�ngst nicht mehr dabei. Ich fahre jede Woche zu meinem Kind. Jedes Wochenende.�</p><p>Er h�lt ihr die Pistole an den Kopf, aber sie ist es nicht. Und sie wei� nichts. Was f�r ein warmer Tag, und wie die Pollen flimmern.</p><p>�Wie meinst du das, mit diesem Spruch, deinem sogenannten Lebensmotto?��, f�r immer.�</p><p>�Ich wei� nicht, was du meinst. Und wei�t du, was mir am meisten Angst gemacht hat?�</p><p>�Als du mich sahst?�</p><p>�<emphasis>Er</emphasis> ist in deinem Alter.�</p><p>�Woher wei�t du kleine Sau, wie alt ich bin?�</p><p>�Du bist nett. Zum Essen hat mich lange keiner mehr eingeladen.�</p><p>�An dieser dreckigen Frittenbude konnten wir ja schlecht reden.�</p><p>�Die machen gute Fritten, kleiner Mann.�</p><p>�Ich bin einsf�nfundsechzig!�</p><p>Ich war eine G�rtnerin. Ich liebe die Blumen. Da ist sehr viel Natur in unserem Dorf. Ich war auch mal in der Stadt, von der du mir erz�hlt hast. Aber da war ich schon lange hier. So fein essen war lange mehr keiner mit mir. Meine Oma ging immer in den Landgasthof mit mir.�Als du noch klein warst.�</p><p>�Als ich noch klein war.�</p><p>�Und ich dachte, ich h�tte dich gefunden.�</p><p>Tulpen waren meine Lieblingsblumen. Ich hatte eine gute Freundin, die ist dann f�r immer in die Stadt gegangen, von der du mir erz�hlt hast und in der ich auch kurz war. Die wollte hier weg aus der Riesenstadt, aus der Stadt der Riesen, und dort richtig und in Ruhe Geld verdienen.�Du hast sicher auch gut Geld verdient. Zeig mal deine Nase her.�</p><p>�Anspritzen kostet extra. Und fass mir nicht ins Gesicht. �Und es war so ein warmer Tag, dass ich mir wieder meinen kurzen Rock angezogen habe. Das Bl�mchenkleid. Da muss ich hin, da bin ich frei.</p><p>Einhundertzwanzig Kilometer sind�s bis Berlin. Ich bin gerne G�rtnerin. Und ich wollte irgendwann wieder arbeiten, als G�rtnerin, aber erstmal gucken. In der Schule war ich ja nicht schlecht. Und die Lehre fiel mir auch leicht. Weil ich war gerne�� Was f�r ein warmer Tag. Mit den Pollen hatte ich nie Probleme. Das w�re ja sonst gar nicht gegangen. Die Pflanzen, die B�ume, die Blumen und ich.</p><p>�Hat er noch andere M�dchen gehabt?�</p><p>�Er hat mich nicht gehabt, kleiner Mann.�</p><p>�Guck sie dir genau an. Du warst doch sicher nicht die Einzige.�</p><p>�Ich bin weg davon. Ich will davon nichts mehr wissen.�</p><p>�Du brauchst keine Angst vor mir zu haben. Wozu geb ich dir Sekt aus, wenn du nichts erz�hlst, du kleines Mistst�ck.�</p><p>�Ich hab doch ein Kind jetzt, das ist bei der Oma.�</p><p>�Als du noch klein warst.�</p><p>Party in der Hauptstadt. Ich war flei�ig, um mir alles leisten zu k�nnen. Ich war das Kioskm�dchen. Ich war das Imbissm�dchen mit den Blumen im Kopf. Ich war Julia Roberts mit dem flachen Bauch.</p><p>�Du hast wohl Angst, dass er wiederkommt?�</p><p>�Ich hab keine Angst. Vor niemandem mehr.�</p><p>�Wenn sie auch bei ihm war, kann ich ihn totmachen f�r dich.�</p><p>�Du bist doch krank.�</p><p>�Trink noch einen Sekt mit mir und denk genau nach.�</p><p>�Wo hast du eigentlich das Geld her? Er hat mir sogar Champagner gekauft.�</p><p>Wenn man ein Kind hat, braucht man doch viel mehr Geld. Die Oma hat immer aufs Kind aufgepasst. Aber sooft es ging, bin ich zu meinem Kind gefahren.</p><p>�Ich hatte auch mal ein Kind.�</p><p>�Ich kann dir nicht helfen, kleiner Mann. Wo hast du eigentlich das viele Geld her?�</p><p>Als ich schwanger war, habe ich nie was genommen. Ich habe nie was genommen. Nur manchmal, nachts, wenn wir unterwegs waren. Hier und da. Aber nicht viel. Nein, es war ein Junge. Da bin ich froh, wenn ich jetzt so dr�ber nachdenke, da bin ich irgendwie froh dr�ber. Nein, das will ich nicht sagen, wie er hei�t, das will ich dir nicht sagen. Weil es mein Kind ist und weil das privat ist und weil das hier in der Welt niemand wissen darf. Das war dann so, dass ich eigentlich nur noch m�de war. Dass ich nur noch sitzen oder liegen wollte, nein, liegen eigentlich nicht, aber vielleicht ganz f�r mich alleine, ich wollte mich immer hinsetzen oder irgendwo anlehnen, weil ich so m�de war. Er hat gesagt, dass das vorbeigeht und dass er sich mit mir zusammen um das Kind, um den Jungen, k�mmern will, wenn wir genug Geld zusammenhaben.</p><p>�Wenn das Kind von mir w�re, ich h�tte dich nie allein gelassen. Dich und deinen Jungen.�</p><p>Manchmal hab ich sogar gedacht, wenn ich drauf war, dass es ein M�dchen ist. Weil ich ganz fr�her mir immer vorgestellt habe, dass ich mal ein M�dchen kriege, weil Blumen und Pflanzen, das ist ja nun doch nichts f�r Jungs. Anfangs hat er mir Blumen geschenkt. Nein. Das stimmt nicht. Das denke ich mir aus, weil�s sch�n gewesen w�re.</p><p>�Du sollst mich doch nicht anl�gen, verdammt nochmal.�</p><p>Ich kann dir nicht helfen. Vielleicht habe ich sie wirklich mal gesehen, vielleicht habe ich sie sogar mal��, und mit ihr gesprochen. Aber versteh doch, alles leer, alles m�de. Ich hab doch keine Ruhe, weil er mich sucht. Erz�hlen sie hier.</p><p>�Ich denke, du bist raus, M�dchen?�</p><p>�Bin ich auch. Aber wenn man die Leute hier kennt���</p><p>Und ich geh manchmal noch vorbei hier, wenn ich von der Arbeit bei Karstadt komme, ich arbeite n�mlich jetzt wieder richtig, obwohl ich Angst habe, dass er hier auf mich wartet. Er ist sechsundf�nfzig. Und am Anfang war er so gut zu mir.</p><p>�Red�s dir nicht sch�n, verdammt nochmal, hier, trink noch einen Sekt. Und du hast dir wirklich nie die Nase operieren lassen? Und l�g mich nicht an, du kommst doch nur hierher, um dir ab und an etwas Schorre zu besorgen. L�g mich nicht an, du���</p><p>In paar Wochen bin ich hier weg. Dann gehe ich zu Oma, und dann will ich versuchen, wieder Arbeit zu finden, irgendwo bei uns in der N�he. Da ist Natur und Tourismus, da will ich wieder G�rtnerin��</p><p>�Ein Dreck ist dort! Verrecken kannst du dort! Nur Wald und Idioten. Wie willst du da jemals�� L�g dich doch nicht selbst an, M�dchen.�</p><p>�Du bist ein guter Mann. Mir hat lange keiner mehr zugeh�rt.�</p><p>Und ich hab eine Freundin, dort in der Stadt, wo du herkommst, kleiner Mann. Ich habe schon gedacht, ob ich nicht dorthin gehen kann. Aber sie arbeitet in einer Wohnung, verdient richtig gut Geld, aber ich will damit doch gar nichts mehr zu tun haben.</p><p>�Du bist ein sehr sch�nes M�dchen. Jemand sollte sich um dich k�mmern, ich meine, du bist was ganz Besonderes.�</p><p>Als er aufwacht, ist er wieder im Containerpuff in der Hafenstadt. Wei� nicht, in welcher Zeit seiner Suche er sich befindet. Pl�sch �ber den Metallw�nden. Bl�uliches Licht. Vielleicht Schwarzlicht. Ein rotes Herz, auch Pl�sch. Er liegt auf dem gro�en Bett. Seine Tochter ist nackt und sitzt auf ihm. Ihre Z�hne leuchten im offenen Mund. Sie hat sich die Nase operieren lassen, aber er erkennt sie trotzdem. Als er aufwacht, ist sie weg. Er blinzelt, erkennt nicht sofort, wo er ist. Er taumelt durch einen langen halbdunklen Gang, Wasser tropft von den W�nden. Vor sich und hinter sich h�rt er Schritte, oder ist das der Widerhall seiner eigenen? Er erkennt verrostete Eisent�ren in den W�nden, links und rechts. Die W�nde, die Decke, der Boden, die T�ren vibrieren, ein Grollen irgendwo �ber dem Stein, oder ist es das Dr�hnen des riesigen Bohrers, der sich durch den Grund frisst, die Stadt unterh�hlt, Projekt City-Tunnel, warum nicht gleich bis Berlin, was w�re das f�r eine Hurenpipeline,�Nein!�, ruft er immer wieder, und endlich h�rt er seine Stimme in dem verklingenden Dr�hnen der Bohrer, der Z�ge,�das sind nicht meine Gedanken, das sind Fremde in meinem Kopf�, und als er eine der verrosteten T�ren aufrei�t, mit einem endlosen Quietschen �ffnet sie sich, mit einem furchtbaren Kreischen in den alten Scharnieren, sieht er seine Tochter, festgeschnallt auf einem Krankenhausbett, nackt, die Beine auseinandergerissen, sie gl�nzt, ihr K�rper gl�nzt, er steht in der T�r, sieht die M�nner, die in langen Reihen neben dem Bett stehen, sie bespritzen, ihre steifen Schw�nze an ihr reiben, andere M�nner dr�ngen ihn zur Seite, dr�ngen vom Gang her in den Raum, dr�ngen von allen Seiten in sie, nein, er erkennt sie nicht, will sie nicht erkennen und l�uft weiter, alles wird kleiner, wie das schrumpfende Bild einer kaputten Fernsehbildr�hre, R�ume, Zimmer hinter eisernen T�ren, Wasser tropft von den W�nden, und er wischt sich �ber seine k�hle, feuchte Stirn.</p><p>Sein Kopf liegt neben der Sektflasche. Er hatte zwei Tr�ume, an die er sich erinnert, obwohl er nur kurz weg gewesen sein kann. Leere Teller, leere Gl�ser, leerer Stuhl. Paris, Frankreich. Er tr�umte, dass er Geld in den H�nden hielt, viele Scheine. In irgendeinem Raum, in irgendeinem dunklen Gang, eher so halbdunkel. Die Pistole h�ngt irgendwo schwer in seinem Mantel. Ein M�dchen in einem kleinen Bett im Schatten.�Gib das schei� Geld her, du Mistst�ck. Und l�g mich nicht an, dass du sie nicht kennst. �Er sieht alles verschwommen, schlechtes Bild auf altem Schwarzwei�fernseher, als w�ren kleine Spinnenweben auf seinen Pupillen. Die Kirche, die dunklen Stra�en hinter dem Bahnhof. Die langgezogenen Signale von Z�gen h�rt er in der Nacht. Er wird weitergehen m�ssen. Er sieht nicht die Blaulichter, die Krankenwagen, weil das sp�ter ist, aber nicht sehr viel sp�ter. Hauptstadt. Eden City zwo. Er bezahlt und setzt sich dabei auf ihren Stuhl, der noch warm ist. Pollen treiben �ber den Fu�weg und Asphalt. Sie h�tte <emphasis>sie</emphasis> sein k�nnen, und er h�tte es nichtmal gemerkt. Sch�sse? H�rte er keine. Er verschwindet in die andere Richtung, den zweiten Traum noch in seinem Kopf, auf seiner Netzhaut. Obwohl es Nacht ist, bildet sich ein Ring aus Leibern um den Imbiss. Um die Bullen, um die Krankenwagen, um <emphasis>sie</emphasis>. Den grimmigen Alten werden sie sp�ter erwischen. Zwei L�cher im Bl�mchenkleid. Dichter und dichter r�cken sie auf. Wenn sie auf den Kuppeln und T�rmen stehen k�nnten��</p><empty-line/><p>�Und wenn ich dir sage, dass ich ihn sogar gesehen habe���</p><p>�Erz�hl nicht, M�dchen. Schlaf dich mal wieder aus. Und mach was gegen deine schlechten Tr�ume.�</p><p>�Ja, du hast recht. Gute Nacht.�</p><p>�Nun renn doch nicht weg, ich fahr dich nach Hause.�</p><p>�Mein Auto steht doch unten.�</p><p>�Lass gut sein, ich seh doch, dass du zu viel Sekt���</p><p>�Prosecco, Arnie, wir trinken jetzt immer Prosecco.�</p><p>Klapp klapp klapp. Gro�e, endlose Halle unter den B�gen aus Stahl und Glas. Die Tauben flattern auf. Langsam, weil Schlafenszeit ist.</p></section><section><title><p><strong>In the year 2525</strong></p></title><section><title><p><strong>I</strong></p></title><p>Zuh�lter? Nein. Nein.</p></section><section><title><p><strong>II</strong></p></title><p>Das Jahr hat 365�Tage, meine Damen und Herren, und gehen wir einmal davon aus: pro Tag�5000�Euro Umsatz. Plus�X. Gesch�tzt. Genauer: Wenn in ca. 50�Wohnungen jeweils mindestens 2�Dienstleisterinnen arbeiten. Also 100�Dienstleisterinnen. Und das w�re ca. ein Siebtel der offiziell in der Stadt Gemeldeten, entsprechend den Zahlen, von denen wir ausgehen. Jede dieser 100 zahlt 80�Euro Tagesmiete. In Euro: 8000. Umsatz. Das sind im Jahr: 2920000. (In Worten: zwei Millionen neunhundertzwanzigtausend) Euro. Umsatz. Plus minus. Wobei, wie wir wissen, es sich oft um ein Vielfaches der Summe handelt, da das Unternehmen X expandiert. Wir m�ssen uns vor Augen f�hren, was diese Zahlen an Steuereinnahmen bedeuten. Dazu die zu versteuernden Einnahmen aus dem Kundenbetrieb der Dienstleisterinnen! �berschlagen Sie das einmal <emphasis>scherzeshalber</emphasis> bis zum Jahr 2025. Meine Damen und Herren. Jetzt ganz intern, unter uns, aber beh�rden�bergreifend, zum Wohle des Staates, des Bundeslandes und der Stadt: Der Rubel muss weiter rollen!</p><p>(Finanzamt I, Sektion B2, Zimmer 001)</p></section><section><title><p><strong>III</strong></p></title><p>Fr�her h�tte ich gesagt, und das sicher mit der entsprechenden Lautst�rke, und da w�rst du sch�n nass geworden: Willst du mich rollen, Arschloch?</p><p>Oder vielleicht doch etwas h�flicher, weil <emphasis>offiziell</emphasis> oder <emphasis>inoffiziell</emphasis>, das ist hier die Frage: <emphasis>Sie</emphasis> Pimmel wollen mich wohl verarschen? �berlegen Sie mal, wann hat Sie jemand das letzte Mal als Pimmel bezeichnet, wenn das �berhaupt schonmal vorgekommen ist. Das Wort Fotze habe ich als Schimpfwort nie benutzt, da habe ich viel zu viel Respekt vor den Frauen. Aber zur�ck zum Thema: Sie haben doch keine Ahnung, �berhaupt keine Ahnung. Ich kann Ihnen was erz�hlen, kann Ihnen jede Menge erz�hlen �ber Zuh�lter, passend zum Anlass��, kann Ihnen da viel erz�hlen, aber ich, mein Beruf, oder sagen wir: das, was ich mache, mein Job, meine Profession? Nein. Und was soll das hier �berhaupt darstellen? Eine Art Ausschuss zur Untersuchung unamerikanischen, will sagen <emphasis>unmoralischen</emphasis> Verhaltens? McCarthys Hurenjagd, Rotlicht im Jahre null? Da staunen Sie, Herr Kraushaar ist gebildet! Ach, kommen Sie, als wenn mich Ihr Aufgebot beeindrucken k�nnte, Sie kennen doch die Olsenbande, das d�nische Gaunertrio mit seinen genialen Coups, nat�rlich kennen Sie die Olsenbande, aber andererseits wei� ich nichts �ber Sie, wo Sie herkommen, denn die Olsenbande ist doch eher eine Ostsache, �ber die Bullen jedenfalls haben wir immer nur gelacht, seit der Olsenbande, im Kino und sp�ter. Obwohl ich ganz gut auskomme mit den Bullen in der Stadt. Mit fast allen. Gutes Verh�ltnis, w�rde ich sagen. Mehr noch zur Justiz. Politik. Und ich habe ganz andere Marken gesehen, <emphasis>die Firma</emphasis>, wenn Sie das verstehen. Staatssicherheit. Aber das klingt ja heute schon so wie in einem Science-Fiction-Film,�Blade Runner �oder was wei� ich, Totalit�rstaaten der Zukunft wie in� Judge Dredd�, kennen Sie den, mit Stallone. Staatssicherheit, Big Mother, Robotzuh�lter, Replicanten, tr�umen wir bald von <emphasis>elektrischen</emphasis> Frauen?</p><p>Als Kind habe ich manchmal davon getr�umt, dass mich Au�erirdische entf�hren. Nein, nicht wegen E.�T. Denn das muss ja so Anfang der Achtziger gewesen sein, dass� E.�T. �in der Zone lief, und da war ich schon Anfang zwanzig, also sagen wir zehn Jahre eher. Anfang der Siebziger. Irgendein Film muss mich dazu gebracht haben, obwohl, ich habe viel gelesen damals, utopische Literatur hie� das,�Science-Fiction �war mir lange unbekannt als Wort. Da gab es jede Menge Klassiker, DDR-Literatur, die Russen, nehmen Sie nur� Solaris �von Stanis&#x142;aw Lem, Sternentageb�cher, der war ein Pole, wenn ich mich nicht irre. Das hat mich beeindruckt, richtig beeindruckt, viel mehr noch als diese germanischen G�ttersagen, die mich davor interessiert haben, Thor, Odin und wie sie alle hie�en, mein Gro�vater hat mir ein Buch geschenkt damals, Anfang der Siebziger, zu Weihnachten, ein altes Ding, mit Illustrationen, Thor schwingt seinen Hammer Smjolnir, die gro�e Weltenschlange am Ragnar�k, Buri der Schaffende, die Nornen waren schon vor den G�ttern, Orlog, das Schicksal, die ewige Weltordnung �ber den G�ttern und Menschen, Odin, der die Sterne am Himmel ordnete, gen Ginnungagab, den kalten Weltenabgrund, Nacht und Mond, Urd � die Vergangenheit, Werdandi � die Gegenwart, Skuld � die Zukunft, <emphasis>Wild toste das Wasser in steigender Flut,�/�Es brausten die Wellen in z�gelnder Glut,�/�Dann st�rzte das All,�/�Ein riesiger, m�chtiger, flammender Ball</emphasis>, ja, was f�r eine pathetische Schei�e, und warum ich das alles noch so gut wei�, wollen Sie wissen? weil die Worte und Zahlen durch meine Synapsen rattern, Jahr um Jahr, und das k�nnen Millionen sein, aber� Solaris �oder dieses andere von den Russen,�Picknick am Wegesrand�, genau! da habe ich immer gedacht, bevor ich sterbe, irgendwann mal, wie man das eben so denkt als Kind, also bevor ich sterbe, m�chte ich einmal diese au�erirdischen Wesen kennenlernen, das riesige flammende All, einmal m�chte ich aufgehen in diesen Weiten. Dieser Ozean in� Solaris�, dieser intelligente Ozean, da wollte ich immer reintauchen als Kind, eintauchen, weil ich dachte, dass dort die Unendlichkeit drin ist und man im Prinzip dann da drin aufgeht. Habe ich mir also vorgestellt, wie die Au�erirdischen mich holen��, habe mir richtig vorgenommen, dass das nachts in meinen Tr�umen auftaucht, und manchmal hat�s auch geklappt, und ich war weit drau�en im All mit ihnen.</p><p>Will damit sagen, auch wenn Sie das vielleicht jetzt nicht begreifen, ich war fr�h damit vertraut, die Dinge mit etwas �berblick zu sehen. Von oben, denn wenn du den �berblick nicht hast, bist du ganz schnell weg in unserer Branche. Aber das ist nun nat�rlich keine branchenspezifische Weisheit, ist �berhaupt keine Weisheit, ist nur so, dass ich viel �ber die Standpunkte nachgedacht habe. Wo stehe ich, und wo will ich hin, und von wo aus habe ich die beste Sicht. Auf meinen Kram und den der anderen. Auch deswegen habe ich studiert Anfang, eher Mitte der Neunziger, vierundneunzig? Sechsundneunzig? da stimmt doch was nicht, dass ich das jetzt nicht sofort im Kopf habe, ich habe Zahlen und Daten und Summen und Jahre immer sofort parat. Ratternde Synapsen.</p><p>Das w�rden Sie vielleicht Paradox nennen. Das mit dem Studium und den Zahlen, aber ich bin Unternehmer! Jeder wei�, dass ich fr�her beim Fu�ball dabei war, dritte Halbzeit, wenn Sie verstehen, unsere Brigade war sofort pr�sent nach der Wende. Ich habe darin nie einen Widerspruch gesehen. Firma Coppenrath�&amp; Wiese hat das nie verstanden. Damit meine ich die��, wie soll ich das jetzt nennen,�B�rger�? Also Coppenrath�&amp; Wiese, wie die Tortenfirma, habe das von einem bescheuerten Luden, der Anfang der Neunziger hier kurz mal sein Gl�ck versucht hat. Und das war einer aus dem Bilderbuch, <emphasis>Luden. Fr�he Neunziger</emphasis>, so wie ich vorhin meinte. Also genaugenommen bin ich auch ein B�rger, ein unbescholtener B�rger, wie man das so sagt. Hab meine Firma. Bau und Vermietung. Wollte eigentlich noch in Werbung und Logistik machen, wozu habe ich denn all die Jahre��, na ja, so lange war�s dann auch nicht��, studiert. War ja auch nebenher, Fachhochschule, Fachuni. Daf�r musste ich mein Abitur nachmachen. Mit fast drei�ig. Weil ich fr�her��, weil es fr�her nicht so einfach war, auf die EOS zu kommen, die erweiterte Oberschule. In der Zone. Musste man angepasst sein. Ich w�rde sagen, ich war immer ein Individualist. Jedermanns Freund ist jedermanns Narr.</p><p>Die ganzen Fr�hrentner, nichts gegen die Rentner und die wirklichen Fr�hrentner, mein Vater ist auch oder bald Fr�hrentner, Pension�r, sagt er immer, obwohl das so nicht ganz stimmt, f�r die Fr�hrentner, und Sie verstehen schon, dass ich da alle m�glichen Altersklassen mit meine, Coppenrath�&amp; Wiese, immer war und bin ich f�r die der Zuh�lter. Der Rotlichtmann. Der Ludenk�nig. Was soll der Schei�? Vermietung. Ich bin in der Vermietungsbranche. Habe zwei gutgehende Firmen. Investiere in mein eigenes Fitnessstudio mit Gym. Gesch�ftsmann. Manager. Ja. Aber Zuh�lter? Lude? Der den M�dchen die Kuppe maust? Der die M�dchen f�r sich ackern l�sst? Pfui Deibel. Nein, dann verstehen Sie nichts, aber auch gar nichts vom Gesch�ft. Von der Szene. Oder sagen Sie� Milieu�, wenn Sie unbedingt wollen. Bin ich auf der Anklagebank? Nein. Wo ich bin? Wo ich bin. Wo. Ich. Manchmal wache ich nachts auf, und dann bin ich erschrocken �ber die Dunkelheit. Diese tiefe Dunkelheit, in der man nachts manchmal zu sich kommt. Dann ber�hre ich mich. Nein, nicht <emphasis>so</emphasis>, verdammt nochmal. Ber�hre mit den Fingerspitzen meinen Arm, dr�cke mit den Fingerspitzen in die Haut, damit ich sp�re, dass ich noch da bin.</p><p>Milieu. Was soll das sein, bitte? Die Muschi besitzt ein feuchtwarmes Milieu. So steht das in den B�chern, in den Schulb�chern, Biologieb�chern. Vagina. Scheide. Feuchtwarm, ja, in der Tat. It�s all about Muschi, hat mal��, wer hat das gesagt, dieser Japaner, it�s all about Sushi, der immer zu Hans in den Club kam? Das kam mir gerade in den Sinn, bei Milieu. M�se. Auch nicht schlecht als Wort. Fotze, na ja. Nein, nicht wirklich. Hatten wir ja vorhin schon. Respekt. Pussy. Hm. Hm. Sagte man neunzehnhundertneunundneunzig noch nicht, war noch nicht so �blich, in einigen Pornos schon. Ein paar von den M�dels, die f�r mich arbeiten, also in meinen Wohnungen arbeiten, haben��, verdammt, jetzt ist der Faden weg, was wollte ich gleich nochmal��, Pornos, ein wirklich gutes Gesch�ft, habe ich lange dr�ber nachgedacht und hatte nie was dagegen, wenn die M�dels��, hartes Gesch�ft, aber gutes Gesch�ft. Immer mit Zukunft. Immer. VHS. DVD. Netz.</p><p>Zuh�lter gibt es fast keine mehr in der Stadt, wenn Sie das so genau wissen wollen. Ob die eine oder andere nun f�r ihren Mann das Geld nach Hause schleppt, kann man nie wissen, genau wissen zumindest. Und ich will auch nicht zu hundert Prozent ausschlie�en, dass hinter paar von meinen ausl�ndischen M�dels nicht eine��, sagen wir mal eine Vermittlungsgesellschaft steht, die��, sagen wir mal <emphasis>mitkassiert</emphasis>. Aber ich habe kein Interesse daran, dass meine M�dels, ich nenne sie jetzt mal� meine M�dels�, denn sie mieten ja bei mir nur den Arbeitsraum an, das muss ich ja immer wieder betonen, also gar kein Interesse habe ich daran, dass da etwa Druck ausge�bt wird, dass da Schweinereien laufen, dass da psychischer Druck herrscht, und Zwang, Zwang auch, denn dann, und das wei� jeder gute Manager und Vermieter in unserer Branche, wird das Gesch�ft nicht besser, im Gegenteil. Da w�rde ich Ma�nahmen ergreifen. Hundertmal, ach was, tausendmal und noch viel �fter habe ich immer wieder, immer wieder gesagt:�Gebumst wird immer�, ja, das auch, so simpel, wie das ist, stimmt es auch, aber ich muss aufpassen, ein wenig zu viel Konfusion, ich wollte auf etwas ganz anderes hinaus, Chaos brauchen wir nicht, das schadet dem Gesch�ft, Sie m�ssen entschuldigen, mein Bein��</p><p>Warum erz�hle ich das �berhaupt alles? Ach ja, ich verga�, das gro�e Ausmisten��, die Sauberm�nner wollen wissen, ob wir Dreck am Stecken haben��, aber warum, verdammt nochmal, ist es dann da drau�en, ich seh doch das Fenster, so stockdunkel und der Himmel so voll mit Leuchtelementen wie in einem Planetarium?</p><p><emphasis>Der Erfolg der neu gegr�ndeten Existenz wird sich erst dann einstellen, wenn das sachliche Unternehmensumfeld ein solides Fundament darstellt. Hier sind das Marktumfeld sowie Standort- und Finanzierungsfragen zu pr�fen.</emphasis></p><p>Wollen Sie mich testen? Erstes Semester. Nat�rlich. Solide. Was sonst? Gebumst wird immer. Schon ein Tag nach dem elften September wird weitergebumst, o.k., wir haben neunzehnhundertneunundneunzig, aber das ist jetzt nicht zu weit weg, um dr�ber zu reden, und Sie haben die Regeln gemacht und mich in diese��, was ist das �berhaupt? Eine Raumkapsel? Verh�rzimmer zwischen den Sternen? Und wenn Sie den K�lner Dom sprengen, am n�chsten Tag klingeln die Telefone und T�rklingeln bei den M�dels, dass sie �berstunden schieben m�ssen. Ja, ja, das Marktumfeld. Kennen Sie die Taxi- und Hurenformel? Der Goldene Schnitt f�r den goldenen Schritt. <emphasis>Der kapitalistischen Produktion gen�gt keineswegs das Quantum disponibler Arbeitskraft��</emphasis> Was soll der Schei�, das geh�rt hier nicht hin. Das bringen wir weiter hinten. Beziehungsweise unten. Nichts kapiert ihr, nichts versteht ihr:</p><p>Eine Hure und ein Taxi auf eintausend Einwohner. Das sind bei siebenhunderttausend siebenhundert. Plus minus. Bei drei Millionen schon dreitausend. Also sollten in Berlin ungef�hr dreitausendf�nfhundert Huren Geld verdienen. Es sind mehr. Ich wei� das. Wenn ich hier in der Stadt die H�lfte abdecke, also Wohnungen und Clubs f�r zweihundertf�nfzig Frauen stelle, muss ich nat�rlich aufpassen, dass von anderswo nicht noch mehr dazukommt. Ich bleibe konstant. Solides Fundament. Was nicht hei�t, dass ich nicht investiere und moderat expandiere. Aber die Konkurrenz? Also eine Situationsanalye? Informationen �ber Marktlage, �ber Kunden- und Konkurrenzstruktur, �ber das bestehende Lieferangebot. <emphasis>Der Wert der Ware aber stellt menschliche Arbeit schlechthin dar, Verausgabung menschlicher Arbeit �berhaupt. (�) Alle Arbeit ist einerseits Verausgabung menschlicher Arbeitskraft im physiologischen Sinn, und in dieser Eigenschaft gleicher oder abstrakt menschlicher Arbeit bildet sie den Warenwert. Alle Arbeit ist andererseits Verausgabung menschlicher Arbeitskraft in besonderer zweckbestimmter Form, und in dieser Eigenschaft konkreter n�tzlicher Arbeit produziert sie Gebrauchswerte.</emphasis></p><p>Oh ja, Gebrauchswerte, das haben wir analysiert Anfang der Neunziger, Mitte der Neunziger. Als die Gucci-Luden alle langsam wieder verschwanden. Back to the West. Die Ausl�nder kriegten auch ihre Finger nicht weit genug in die T�r, dann RUMMS, T�r zu, Finger AUA. Edo? Ich kenne keinen Edo. Mein Bein? Was soll sein damit? Man hat mir was in den Tee getan, deswegen erz�hle ich und erz�hle ich, und drau�en fliegt die Nacht vor�ber<emphasis>. Here comes the sun, here comes the sun, little darling��</emphasis></p><p>Schei�e, die Beatles! Also doch psychischer Druck. Im physiologischen Sinn. Nat�rlich. Davon profitieren wir. Druck. Trieb. Sicher wie die Bank of England. Einer meiner Fahrer hat immer erz�hlt, dass sein Vater die Beatles pers�nlich kannte. Star Club, Hamburg. Der war Seemann, der Vater von meinem Fahrer. Ich fand das jetzt nicht so spektakul�r. Wenn er sie selbst getroffen h�tte, ja. Aber Frankie war erst paarundvierzig, vielleicht f�nfzig, aber eher noch drunter, als er die M�dels rumfuhr. Keine Ahnung, wo er jetzt ist, manche erz�hlen, er hat im Lotto gewonnen, andere sagen, der hatte Krebs, Gehirntumor, b�se Sache, war ein richtig netter Kerl. Frankie goes to Hollywood. Vielleicht. Ich bin m�de. Ich wei� nicht, was ich hier soll. Aber ich kann nicht schlafen. Wie hei�t diese Schleife, in der man festh�ngt. Lipsiusschleife? Nein. Ich bin in einem kalten Tunnel, zwischen den Jahren und Sternen, und drau�en fliegt das All vor�ber.</p></section><section><title><p><strong>4</strong></p></title><p>�Ich meine, ich bin nicht bescheuert, ich hab meine Schulbank abgedr�ckt bis zur Zehnten, und auch bisschen was gelesen, immer schon, obwohl mein Vater �n einfacher Arbeiter war in der Stahlstadt, aber diese r�mischen Zahlen, diese r�mischen X, V undsoweiter, eins bis drei, vollkommen o.k., aber danach muss ich immer �berlegen, wie jetzt, minus 1, plus 1, V wie vier oder wie f�nf, und ab zehn wird�s ganz bescheuert, o.k., so weit geht das meistens gar nicht��, aber trotzdem, wir sind doch in Deutschland, also finde ich, wir sollten deutsche Schrift, also Zahlen, ja, ja, ich wei�, lateinisch, nee, oder arabisch oder wie man das auch nennt��, ach, Schei�e. �Hans Pieczek im Gespr�ch mit Arnold Kraushaar, Februar 1998)</p><empty-line/><p>Abends lernte er. Sa� in seinem B�ro in der N�he seiner Wohnung, die B�cher und Hefte vor sich auf dem Tisch. Das Telefon immer in der N�he. Schon neunzehnhundertzweiundneunzig hatte er sich eins von den riesigen Loewe-Handys besorgt, obwohl er es dann kaum benutzte. Die Stadt war nicht so gro� wie Berlin oder Hamburg, und jeder wusste, wo er zu erreichen war im Notfall. Eine Flasche Rotwein oder Cognac (Hans brachte ihm manchmal eine gute Flasche mit vom Gro�handel), Kaffee und ein paar Kippen, ab und an eine kleine Nase Speed, aber nicht zu viel, und so sa� er oft bis in den Morgen �ber den B�chern und Heften. Wenn man mehr wollte als die Luden und die Halbseidenen und die Gro�schnauzen mit den gro�en Uhren, die irgendwann ihre Uhren zum Pfandleiher brachten oder ihre Koksnasen zur�ck in die Gosse, wenn man mehr wollte, musste man mehr tun. Das mit dem Abitur ging ganz schnell��, aber das Studium war h�rter, als er gedacht hatte. Nat�rlich lernte er was �ber die M�rkte und das Kommen und Gehen des Geldes, �ber Steuermodelle und Analysen verschiedenster Markt-Situationen. Dass im Jahr zweitausendzwei das Prostitutionsgesetz vieles einfacher machen w�rde, konnte er nicht wissen. Das Geld ist die Droge. Mit Koks ist er kaum noch dabei. Er sitzt in dem gro�en wei�en Raum, vor sich seine B�cher und Hefte, h�rt dem Dozenten zu, beobachtet die M�dels vor sich, Anfang zwanzig sind die h�chstens. Das Geld ist die Droge. F�r neunzig Prozent der Frauen, die in seinen Wohnungen arbeiten. Die meisten Menschen arbeiten f�r Cash und nicht, weil es ihnen Spa� macht. Ein paar von den Frauen, die in seinen Wohnungen arbeiteten, haben sich vorher auch in der Pornobranche versucht, und was er so geh�rt hat��, h�rtere Arbeit oder mindestens genauso hart. Eine Zeitlang hat er �berlegt, ob er nicht in diesen Gesch�ftszweig investieren soll, er hatte damals, kurz nach der Wende, den Pornopapst kennengelernt, der in einer riesigen Halle seinen Kram verkaufte, seine Leute machten den Sicherheitsdienst. Der Typ hat Zehntausende abgesch�pft an einem Wochenende. Wie hat der gesagt? Gebumst wird�� Nee, anders: Aktie Fick steht immer oben! <emphasis>Der Wert einer Ware ist gleich dem Wert des in ihr enthaltenen konstanten Kapitals, plus dem Wert des in ihr reproduzierten variablen Kapitals, plus��</emphasis></p><p>Bevor er zur Abendschule fuhr, um sein Abitur zu machen, hat er immer noch im Club und bei den M�dchen nach dem Rechten gesehen, hat seine Leute instruiert, das ist jetzt ein, zwei Jahre her, aber die Zeiten �ndern sich schnell in seinem Gesch�ft, das Geld flie�t und flie�t, und deswegen braucht er solide Fundamente. Chaos ist ein Feind des Gesch�fts und nutzt nur dem, der �bernehmen will. <emphasis>Auf den Punkt gebracht. Danke, Herr Kraushaar</emphasis>. (Das hat er alles schon vorher gewusst, zumindest mit dem Bauch und der Faust, hat ja das Chaos ergr�ndet in den Jahren nach der Wende, aber jetzt geht ihm das alles st�ndig durch den Kopf, seit er in den N�chten sitzt und lernt, er begreift jetzt die Dinge anders, gleicht die Geschehnisse und Erinnerungen ab mit den Lehrs�tzen und Theorien aus den B�chern und den Seminaren, versucht, das Geheimnis des Marktes zu begreifen, und es ist �berall derselbe Markt, das begreift und sieht er immer mehr und immer klarer, ob Bumsen, Badelatschen oder Millionen made by Ackermann.) Er lacht, gie�t sich etwas Schnaps in den Kaffee und blickt aus den Fenstern seines B�ros in die Nacht. Er sieht die Lichter der Stra�e hinterm Zaun des Gewerbegebietes, Scheinwerfer blenden, R�cklichter verschwinden im Dunkeln, sicher fahren einige von denen in seine Clubs, zu seinen Wohnungen.</p><p>Der Dozent geht mit einem Zeigestock �ber die Tafel.�Wachstumsstrategien�. Ja, das interessiert Arnold Kraushaar. Da h�rt er zu und beobachtet nicht mehr die beiden M�dels, die schr�g vor ihm sitzen. Die eine w�rde er� scharf �nennen, das ist was anderes als� h�bsch �oder� sch�n�. Typ Sexbombe. Blond, jung, gro�e Titten, aber nicht zu gro�. F�nfzig Wohnungen, denkt er, das sollte machbar sein in dieser Stadt in den n�chsten Jahren, er kennt die goldene Formel, und er kennt sein Ziel. F�nfzig Prozent. Und dann die n�chste Etappe. Er ist jung. Er hat gute Leute. Und Visionen. Und er bringt das Geld zur Bank, f�nfzig Prozent, und den Rest investiert er, plus minus, denn: <emphasis>Das Bankkapital besteht 1. aus barem Geld, Gold oder Noten, 2. Wertpapieren. Diese k�nnen wir wieder in zwei Teile teilen: Handelspapiere, Wechsel, die schwebend sind, von Zeit zu Zeit verfallen und in deren Discontierung das eigentliche Gesch�ft des Bankiers gemacht wird; und �ffentliche Wertpapiere, wie Staatspapiere, Schatzscheine, Aktien aller Art, kurz zinstragende Papiere, die sich aber wesentlich von den Wechseln unterscheiden. Hierzu k�nnen auch Hypotheken gerechnet werden. Das aus diesen sachlichen Bestandteilen sich zusammensetzende Kapital scheidet sich wieder in das Anlagekapital des Bankiers selbst und in die Depositen, die sein banking capital oder geborgtes Kapital bilden.</emphasis></p><p>Der Dozent legt den Zeigestock auf� Spezialisierer �und erz�hlt. Und Arnold Kraushaar h�rt gut zu und beobachtet nicht mehr die beiden M�dels, die schr�g vor ihm sitzen. Er muss keine M�dels anquatschen. In der Gr��enordnung, in der er jetzt arbeitet, findet er genug, kommen genug, wollen viele in seinen Wohnungen Geld verdienen. Er ist dabei, sich einen Ruf aufzubauen, und das ist unbezahlbar und mit keiner Werbung zu erlangen. <emphasis>Mundpropaganda</emphasis>. Wenn sie sagen:�Bei Arnie, bei AK, l�uft alles fair. Und wenn�s �rger gibt, ist er da. �Unbezahlbar. <emphasis>Die allgemeine Wertform, welche die Arbeitsprodukte als blo�e Gallerten unterschiedsloser menschlicher Arbeit darstellt, zeigt durch ihr eigenes Ger�ste, dass sie der gesellschaftliche Ausdruck der Warenwelt ist.</emphasis></p><p>Aber mehr noch interessiert ihn die Kleine neben der Kleinen mit den gro�en Titten. Blond interessiert ihn privat eher weniger. Er glaubt auch nicht daran, dass die Haarfarbe entscheidend ist. Trotzdem m�ssen immer gen�gend Blonde da sein. Weil es M�nner gibt, die einfach auf Blondinen stehen. Das ist immer mal wieder angesagt und dann wieder weniger. Wenn gerade eine Blondine Schlagzeilen macht, eine Schauspielerin durchstartet oder irgendeine halbbescheuerte Tante auf RTL ihre blondierten Titten zeigt. Die Kleine da vor ihm ist eher so Marke graue Maus, oder besser br�nette Maus. Ein angenehm dunkles Dunkelbraun. Fast schon schwarz. Er mag ja Frauen mit Brillen, aber die, die sie tr�gt, ist eindeutig zu gro�. Aber vielleicht ist das ein Zeichen von Intellektualit�t. Oder ein Sprung in die Moden der Zukunft. Es gibt so eine Liga der Weiber, da tragen sie gro�e schwarze Brillen. Heute und morgen. Und da kennt er sich nicht so sehr aus. Aber das M�dchen w�rde die M�nner abkriegen, die M�nner verr�ckt machen, dass die das Geld aus der Tasche holen, ohne nachzudenken, mehr als die Sexbombe neben ihr. Das wei� Arnold Kraushaar. <emphasis>Diese Unternehmen bewegen sich in schmalen Marktsegmenten und bieten hochwertige G�ter zu einem guten Preis-Leistungs-Verh�ltnis an, die auf spezielle Kundenbed�rfnisse zugeschnitten sind.</emphasis></p><p>Er mag den Dozenten, ein Wessi, um die f�nfzig, der wei�, wovon er spricht. Sieben Jahre nach der Wende und sechs nach der Vereinigung rennen immer noch jede Menge Idioten durch die Stadt, die keinen Plan haben, wie das Spiel jetzt l�uft und laufen muss. Die sich �ber den Tisch ziehen lassen von Treuhand�rschen und Immobilienwichsern.</p><p>Die Kleine ist recht flach, h�ngende Schultern, die Haare auch bisschen zu kurz. Mit etwas l�ngeren Haaren w�rde sie ein wenig aussehen wie Adrian aus� Rocky�1�, als die noch so �ne richtige Maus war. Er stand immer auf Adrian. Ganz oft hat er es schon erlebt, wenn ein M�del vorsprach, die einen Raum bei ihm mieten wollte, und das war eine ganz H�bsche, eine Granate, dass die noch eine Maus mitbrachte, die auch gerne��, aber nur zusammen und am besten in derselben Wohnung. <emphasis>Kostenf�hrer stellen gro�e Mengen an Produkten her. Der Effizienzgedanke steht daher im Mittelpunkt. Dementsprechend muss sich auf der h�chsten F�hrungsebene ein Gesch�ftsf�hrer finden, der sich um ebendiesen Bereich intensiv k�mmert. Die Prozessorganisation ist m�glichst straff organisiert</emphasis>. Weil sie Sicherheit brauchen f�r den Anfang. Und eine Maus, eine Unscheinbare, eine kleine graue Mutti, gibt dann erstmal der H�bschen, der Sexbombe, das Gef�hl, dass die M�nner auf sie, dass denen der Zahn tropft�� und dass sie die Begehrenswerte w�re, und all so ein Psychokram. Und die Unscheinbare f�hlt sich bei ihrer h�bschen klugen Freundin gut aufgehoben, weil die sich ja auskennt mit den M�nnern. Aber meistens stehen dann die M�nner bei der kleinen Unscheinbaren Schlange, die da schr�g vor ihm sitzt und jetzt ihre runden Brillengl�ser putzt. Und sich kurz zu ihm umdreht und ganz kurz l�chelt, unsicher, so scheint es Arnold, und sich dann wieder dem Dozenten zuwendet, die Brille zurechtr�ckt, und Arnold denkt, dass die der Renner w�re. Er steht auf Adrian. Weil die M�nner, und da ist er sich sicher, obwohl er noch nicht so lange im Gesch�ft ist wie zum Beispiel der Bielefelder, der anscheinend doch nicht aus Bielefeld kommt, weil die M�nner, die G�ste, die Kunden, sich selbst auch sicherer f�hlen bei einer kleinen s��en Durchschnittsmaus, der man auf der Stra�e bestimmt nicht gleich hinterherpfeifen w�rde.�Das betrifft die Wachstumsstrategie der Kostenf�hrer�, sagt der alte Dozent und tippt mit dem Stock an die Tafel. Er blickt �ber seine Brille hinweg in die Klasse, und irgendwie mag Arnold den alten Mann. Die Brille, die er tr�gt, ist sogar ziemlich schick, hat Stil, der alte Wessi, m�chte wissen, wie�s den hierher verschlagen hat, Strenesse oder Porsche, der Bielefelder tr�gt manchmal so eine �hnliche, verdammt teuer. Aber der Kuchen ist gro� genug im Moment. Auch wenn der Bielefelder, der gar nicht aus Bielefeld kommt, ihn immer warnt, dass die Zeiten und der Markt schlechter werden.�Der Tag wird kommen, und wir m�ssen vorbereitet sein.�<emphasis>Der kapitalistischen Produktion gen�gt keineswegs das Quantum disponibler Arbeitskraft, welches der nat�rliche Zuwachs der Bev�lkerung liefert. Sie bedarf zu ihrem freien Spiel einer von dieser Naturschranke unabh�ngigen industriellen Reservearmee.</emphasis></p><p>Die Kostenf�hrer. Die Wachstumsstrategien. Die Reservearmee. Preiskriege hat er genug gesehen in den paar Jahren nach der Wende. Macht man sich gegenseitig kaputt. Und was soll er den M�dels die Preise diktieren, die machen das schon selbst, auch wenn er�s versucht, das Netzwerk der Muschis untereinander ist permanent aktiv und ist kaum zu kontrollieren, die wissen schon, wie sie ihren Schnitt machen, damit er seinen macht, er hat seine Vertrauensm�dels deswegen, mit denen er sich hin und wieder trifft und die ihn auf dem Laufenden halten, was es so Neues gibt, wer welche Probleme hat, wer in eine andere Stadt weiterziehen will und was die Kunden von der Konkurrenz erz�hlen.</p><p>Er sitzt in seinem B�ro, den Kopf �ber den B�chern, und blickt zum Fenster, sieht sein Spiegelbild dort, blass gegen die Nacht, von den Lichtern der Autos zerschnitten, Scheinwerfer, R�cklichter, das Gewerbegebiet ist dunkel, Schatten, Geb�ude, Z�une, und irgendwo zwischen den LKW der Spedition Z sieht er die Taschenlampe eines Wachmanns, er blickt auf die Uhr, Breitling�&amp; S�hne, ist keiner von seinen Leuten, er steht auf, geht zu dem Fenster, lehnt kurz die Stirn an die Scheibe und sieht, wie das Glas vor seinem Mund beschl�gt, dann zieht er die Jalousie runter. Ein Gef�hl der Angst. So viel da drau�en. Zu viel da drau�en. Drinnen. <emphasis>Der Kuchen ist gro� genug, und wer tot ist, kann nichts mehr davon essen.</emphasis></p><p>Recht hat er, der gute Mann, denkt Arnold, aber der Markt ist ruhig und konstant im Moment, die Zeit der Sch�sse auf der Allee der sch�nen Augen scheint vorbei zu sein, er wusste schon fr�h, dass die Zukunft nicht auf der Stra�e, sondern in der Immobilie liegt, und er bl�ttert in seinen Heften, w�hrend der Dozent immer noch erz�hlt und erl�utert, der Bielefelder hat viel gesehen, und er hat Visionen, Ideen, Einfluss, hat seine Ohren �berall, Frankfurt/Main, Frankfurt/Oder, er kennt die Leute in der Immobilienbranche, wei�, wie man die weichkochen kann oder auf seine Seite bringt. Er liefert gute Informationen, damit wir seine Burg besch�tzen und beliefern. Man muss im Hintergrund bleiben, denkt Arnold Kraushaar und hat pl�tzlich Lust auf die Br�nette schr�g vor ihm, auf die unscheinbare, unber�hrbare Brillenschlange, aber er hat keine Lust auf den Stress zu Hause, Claudia kriegt alles raus, und solange es nichts mit den Gesch�ften zu tun hat, kann sie ihm ganz sch�n die H�lle hei� machen, nein, verdammt nochmal, das braucht er nicht. Genug Stress mit der Lernerei und den Gesch�ften, und sein Sohn��, <emphasis>ja, ja schon gut, unser Sohn, Claudia, unser Sohn</emphasis>, ist er ein guter Vater? Manchmal fragt er sich das, aber er wird sich k�mmern, mehr k�mmern, in wenigen Jahren, wenn Stefan sieben, acht Jahre alt ist, wenn er in die Schule kommt, dann braucht er mich am meisten, und dann werde ich da sein. Und ich bin doch auch jetzt da, denkt er und fragt sich, ob er ein� Innovations-Champion �ist, jede freie Minute, wenn es denn mal freie Minuten gibt, k�mmert er sich um seinen Sohn. Denn wenn es anders w�re, w�rde sich Claudia schon aufregen, ihm die H�lle hei� machen, und das kann sie, aber sie gibt ihm die Zeit, die er braucht. Und wenn Arnold Kraushaar, aka, AK47, eins wei�, dann, wie er mit Frauen umzugehen hat. (Ja, selbstverst�ndlich, da gibt es nichts zu lachen! Wer lacht denn? Der Alte, der junge AK, greift nach seinem Stock. Er ist drin im Deal. Die Engel fliegen.)</p><p><emphasis>Solche Unternehmen kennzeichnen sich durch eine T�tigkeit in einem schmalen Marktsegment mit innovativen Produkten und umfangreichem Service.</emphasis> Der Alte, der Dozent da vorne, hielt sie ganz sch�n auf Trab. Innovations-Champion. Was f�r ein selten bescheuertes Wort. Und schmales Marktsegment, na ja. <emphasis>Der Gesamtprozess stellt sich dar als Einheit von Produktionsprozess und Zirkulationsprozess; der Produktionsprozess wird Vermittler des Zirkulationsprozesses und umgekehrt��</emphasis> Aber man wird etwas bieten m�ssen in den n�chsten Jahren, bis jetzt waren ein schneller Fick und ein schneller Blowjob das, was die meisten wollen. Vielleicht wird es ab zweitausend bei denen am besten laufen, die ohne Gummi blasen. Das ist jetzt noch anders. Wenn sie�s ihm sagen, wird er das so f�r sie inserieren. Franz�sisch ohne.�Innovativ �und� Service�, denkt er. AV aktiv/AV passiv, Arschficken in beide Richtungen, klassisch Mann bockt Frau auf, oder aber Frau mit Umschnallriemen bockt Mann auf, ist gro� im Kommen, und er wird darauf achten, dass immer ein paar von den M�dels, denen er einen Raum vermietet, das im Angebot haben�� SM, NS, alles im Kommen, KV auch, was f�r eine Sauerei, von wegen <emphasis>gebumst wird immer</emphasis>. Das Jahr zweitausend ist noch fern. Aber er hat gro�e Pl�ne, Service und Innovation, Sextempel, Internet, Gangbang Specials, die Zeit wird kommen, er wird investieren m�ssen, Geld muss flie�en, damit Geld flie�t. Fast muss er laut auflachen, weil das alles so simpel erscheint. <emphasis>In diesem Fall ist der Marktwert oder der gesellschaftliche Wert der Warenmasse � die notwendig in ihnen enthaltene Arbeitszeit � bestimmt durch den Wert der mittleren Masse.</emphasis></p><p>Manchmal hat Arnold Kraushaar das Gef�hl, dass ihn alle anglotzen in den Seminaren, oder wenn er kommt und geht. Dann m�chte er am liebsten sagen:�Was glotzt�n so, Arschloch. �Die M�dels k�nnen ruhig glotzen, das ist schon o.k. Die meisten seiner Kommilitonen wissen, wer er ist. Er ist mit der �lteste in den Kursen und Seminaren, BWL, was die anderen wohl sp�ter mal anfangen werden, mit dem Abschluss in der Tasche? Karriere machen? Das wollten sie doch alle irgendwie und irgendwann. Ihm geht es nicht so sehr um den Abschluss, obwohl der sich gut machen wird im Lebenslauf und bei den Immobilienfritzen, den Banken, den Bullen, der Justiz, all den Leuten, die ihm das Leben schwermachen k�nnen. Er sp�rt, wie sein Arm hochf�hrt. Na, da hat er sich doch schon wieder gemeldet und will antworten und will erz�hlen, was er wei� und denkt �ber die Mechanismen des Marktes und die Chancen auf die Marktf�hrerschaft. Aber seine Stimme ist pl�tzlich ganz hoch und br�chig, als w�re er im Stimmbruch, und er h�rt sich selbst sagen, schnell und atemlos und ohne Pause fast:�Wenn es au�erirdisches Leben gibt, haben die dann auch den Sozialismus auf ihren Planeten? Vielleicht gibt es noch andere Systeme, von denen wir gar nichts wissen, Wesen ohne Geschlecht. Weil das ja keine Menschen sind. Und wenn sie irgendwann auf die Erde kommen, vielleicht in f�nfzig Jahren oder hundert Jahren, und uns zeigen wollen, dass sie besser leben als wir, wenn sie den Sozialismus gar nicht brauchen, wenn sie uns dann verschmelzen wollen, Mann und Frau zu einem Wesen, das ewig leben kann?�</p><p>Er sp�rt, wie er nicht die Lehrerin anguckt bei seiner Frage, die keine Frage ist, Biologieunterricht, sondern Katrin, die zwei Reihen vor ihm sitzt. Direkt an der Wand. Er kann ihre linke Gesichtsh�lfte sehen, manchmal lehnt sie den Kopf an die Tapete �ber dem Stein. Er wei�, dass links bei ihr links ist, weil sie dort ein kleines Muttermal hat. Auf dem Jochbein, direkt unterm Auge. Das Wort Jochbein kennt er aus der Box AG. Der Kopfschutz sch�tzt das Jochbein. Das kleine Muttermal ist ganz flach, sonst w�re es ein Leberfleck. Kommen Leberflecken von der Leber? Er wei�, was ein Leberhaken ist. Er ist zw�lf Jahre alt. Einmal hat er ihr Muttermal ber�hrt. Vorsichtig, mit den Fingerspitzen. Hinter den H�usern, am Kanal. Er blickt sie an, h�rt die anderen lachen, h�rt auch die Lehrerin lachen,��ber Zwitter reden wir ein andermal�, sp�rt, wie er rot wird, und stellt sich vor, wie er die Alte mit einem Leberhaken erwischt. Sp�ter erz�hlt er Katrin von seinen Tr�umen, und sie fragt ihn, ob er Bumsen meint. Aber er redet vom Jahr 2525 und dass dann die Erde von einem riesigen Ozean bedeckt sein wird, der aus einer Art organischem Plasma besteht und in dem alle Lebensformen zu einer einzigen verschmelzen. Sie schmei�t einen Stein in den Kanal, dessen Wasser schmutzig ist und stinkt, aber sie haben sich dran gew�hnt, sitzen fast jeden Nachmittag hier.</p><p>Und ich glaube, dass wir uns nur einbilden, dass wir da sind, sagt Arnold. Wie alt muss man sein, damit man bumsen kann, sagt Katrin, aber er blickt an ihr vorbei in die Nacht. Sieht die Lichter der Autos hinterm Zaun. Dr�ckt seine Zigarette aus. Er raucht kaum noch, ist dabei, es sich abzugew�hnen. Er sagt manchmal den M�dels, dass sie nicht zu viel rauchen sollen. Manche rauchen Kette, und die Gardinen und Betten und Klamotten stinken. Regelm��ig l�sst er alles waschen und auswechseln. Bergeweise W�sche. Er hat einen guten Deal mit einer W�scherei. Wenn er sich nicht k�mmern w�rde��, manche von den M�dels sind extrem reinlich, die meisten; aber um das Bettzeug, die Handt�cher und den ganzen Textilkram muss er sich k�mmern, also einer seiner Leute, sonst w�rden die Buden verrotten. Der W�schemann kommt, der W�schemann kommt, macht alles weg, bei neunzig Grad! Steuern, W�sche, Werbung, das Studium, sein Sohn, Claudia, die Baufirma, die Spielotheken, das Gym, die Weiber, die Investitionen, die Vertr�ge, Papierkram, Absprachen�� Er z�ndet sich wieder eine an, steht auf und geht zum Fenster. Er lehnt die Stirn an die Scheibe, die Zigarette im Mundwinkel. Er bl�st den Rauch an die Scheibe, dann zieht er die Jalousie runter. �ber den Spiegel. Er dreht sich um, l�sst die Zigarette fallen. <emphasis>Was, verdammt nochmal, wollen Sie hier?</emphasis></p></section><section><title><p><strong>5</strong></p></title><p>Nun hat das Prostitutionsgesetz von 2002 die Dinge etwas ver�ndert, wie Sie alle mit Sicherheit wissen! Grunds�tzlich. Und nehmen wir die bereits angesprochene Umsatz- und Einkommensteuer dieser bereits genannten ca. 100 selbst�ndigen Dienstleisterinnen, von denen jede im Durschnitt monatlich ca. 6000 bis 9000�Euro umsetzt. Tats�chlich wird nat�rlich eine viel geringere Summe an Ums�tzen angegeben, �ber das tats�chliche einkommensteuerpflichtige Einkommen brauchen wir da gar nicht zu reden, das wird Sie jetzt nicht �berraschen, meine Damen und Herren, werte��, ein Glas Wasser, bitte! Wir versuchen dem mit der Pauschaltagessteuer von 25�Euro�� Danke. Ah.�� mit der Pauschalsteuer von 25�Euro pro Tag entgegenzuwirken. Wenn wir von den Sch�tzungen ausgehen, arbeiten deutschlandweit ca. 400000 Frauen, wobei Insider von weit �ber einer halben Million sprechen, einige Quellen sogar von nahezu einer Million. Umsatz�9,125 Milliarden Euro. Wie Sie sehen, geht es hier um Summen und Zahlen, die wir unter unsere Kontrolle bringen m�ssen, nichts anderes kann das Ziel sein. Wenn der Staat aus wirtschaftlichen, juristischen, organisatorischen und moralischen Gr�nden nicht das Monopol �bernehmen kann, dann, meine sehr geehrten Damen und Herren, kann unsere Direktive nur lauten: Die Syndikate m�ssen weiterexistieren, aber wir m�ssen abkassieren!</p><p>(Finanzamt I, Sektion B2, Raum 001)</p></section><section><title><p><strong>6</strong></p></title><p>Sex.</p><p>Business. Manchmal denke ich, das ist ein und dasselbe. Sternbilder, Gro�er Wagen, Gro�er B�r. Komische Sache. Venus, Mars, die Ringe des Saturn, dem Weltall ist das schei�egal, da wird nicht gebumst, nirgendwo, kalt und leer, das schwarze Loch von Cygnus X-1, so weit weg und doch hier bei uns, hier bei uns�� Man denkt doch sein halbes Leben an nichts anderes, f�nfundsiebzig Prozent, wenn das reicht. Und das h�ngt, denke ich mir, auch mit der K�lte und Leere da drau�en zusammen. Cygnus X-1, sechs Millionen Jahre alt, sieben Milliarden Wege zu sterben, Mann, Frau, das spielt �berhaupt keine Rolle. 6070 Lichtjahre entfernt.�� ist die ganze Sache doch mit einem gewissen Druck verbunden, m�nnlich, rein physisch jetzt, <emphasis>die Materie sammelt sich in einer flachen Akkretionsscheibe</emphasis>, und damit auch psychisch, versteht sich. Da ist man arm dran. Wenn das anders w�re, also bei den Frauen genauso mit einem physisch-psychischen Druck verbunden w�re, h�tte ich nochmal zwanzig, drei�ig Wohnungen (also das sind jetzt nur Zahlen, theoretische Expansionen) mit Kerlen drin, Mietrammlern. Hetero versteht sich. Nichts gegen Schwule, aber die Homos suchen sich ihre Ficker schon so. Und die Frauen eben auch. Stammtisch? Evolution. Darwin. Biologieunterricht. BWL. Das wird 2121 so sein und war auch schon zu Christi Geburt�� Nein, ich bin nicht religi�s. Bin im Sozialismus sozialisiert. Was denken Sie, wie da gefickt wurde. Gefickt und gebumst. Was aufs selbe rausl�uft, nicht wahr? Aber keine Huren. Kein Business. Nur am Rande.</p><p>Nur bisschen Messe-Sex, paar Kneipen-Luden in Berlin, und oben in Rostock gab�s diese Bar. Wozu auch? Man heiratete fr�h, man bumste fr�h, und dann heiratete man jemand anderes, und dann wurde hier mal schnell und da mal schnell�� Gab ja auch keine Pornos, offiziell, ich glaube schon, dass das damit zusammenh�ngt. Dass jetzt das Business so floriert, meine ich, wegen der Pornos, Sex, �berall Sex. Also neunzehnhundertneunundneunzig. Ist nat�rlich gut f�r mich. Wo das noch nicht im Netz frei verf�gbar und wo auch noch nicht im Netz die Bumstreffen so frei und ohne finanzielle Interessen�� P�dophilenschei�e auch in vielen Foren versteckt, also ich bin ja schon f�r die Todesstrafe, obwohl ich meinen Kant sehr wohl gelesen habe. Im Jahr 2322 wird das Netz sich selbst aufl�sen. Neulich, verdammt, das war doch neulich, wollte mir jemand eine Achtzehnj�hrige unterjubeln. Ich hatte zwei neue Objekte g�nstig angemietet und konnte noch gut und gerne ein oder zwei M�dels gebrauchen. Und er h�tte da eine, die braucht dringend einen Raum, einen Job, bisschen Kohle, die ist gut, die ist h�bsch, hat schonmal undsoweiter. Ja, nat�rlich, sag ich, wie alt ist sie denn? Zweiundzwanzig? Gut, gut. Schon mit einer Neunzehn- oder Zwanzigj�hrigen kann ich verdammt viel��, also �rger, weil dieses bescheuerte Gesetz bis zweitausendzwei den Zwang nicht richtig definiert.</p><p><emphasis>Ebenso wird bestraft, wer eine Person unter einundzwanzig Jahren zur Aufnahme oder Fortsetzung der Prostitution oder zu den sonst in Satz�1 bezeichneten sexuellen Handlungen bringt.</emphasis></p><p>Nat�rlich arbeiten bei mir trotzdem Achtzehnj�hrige. Vollj�hrig, und Schluss! Ich habe noch keine Frau zu etwas gebracht. Erzwungenerma�en. Wozu? Ich vermiete nur. Es gibt Heerscharen von M�dels, die bei mir die gro�e Kohle verdienen wollen, Business. Die bringen sich von ganz alleine. Das ist das! Das ist das, was sich Firma Coppenrath�&amp; Wiese nicht vorstellen kann. Annoncieren sie: Begleitdamen f�r exklusiven Nachtclub gesucht. Ihr Telefon wird klingeln � all night long, tags�ber, immer. Aber bitte, fragen Sie! Die M�dels. Gehen Sie rum, Commander, beamen Sie sich runter und fragen Sie. Und nehmen Sie <emphasis>das</emphasis> weg, verdammt nochmal, das ist zu hell, das ist viel zu hell!</p><empty-line/><p>Zwei Frauen. Eine Dreiraumwohnung. Magda aus Cottbus und Lilli aus Jena. Inserate in 3�Zeitungen. K�nstlernamen: Anna (24)�&amp; Babsi (23). Zwei s��e M�dels vom Lande. 9.00�23.00. Franz�sisch ohne, GV, Kuscheln, KB, Dildospiele, hei�er Duschspa�, NS, Mehrfachentspannung. Tel: 0173XXXXXX. Und da klingelt das Telefon auch schon wieder. Beide sitzen im Wohnzimmer, das das Wartezimmer ist. Aufenthaltsraum klingt besser. Da lachen sie, und das Telefon klingelt. Magda, also Anna, geht ran. Jaaaa? Ja. Sehr gerne. Anna und Babsi. Ich bin die Anna. Hmmm. Wir warten auf dich. Also das ist in der Bauhausstra�e�72. Ich freu mich! Bei Engel. Bis gleich.</p><p>Sie haben die Wohnung einfach eingerichtet. Ikea-M�bel. Ein Sofa mit Couchtisch im Aufenthaltsraum. Wo sie nun beide warten. Einfache Doppelbetten in jedem der Zimmer. Die Jalousien sind runtergelassen. Rote Gl�hbirnen in allen Lampen. Ikea-Teppiche. Lavalampen auf dem Fensterbrett. In Annas Zimmer eine und in Babsis Zimmer eine. Ged�mpftes Licht ist immer wichtig, dann f�llt vieles nicht so auf. Wird dann alles automatisch bisschen lockerer. Sie haben beide schon im Business gearbeitet und wissen, wie sowas am besten l�uft. Magda in einem Laufhaus in Cottbus, aber nach einigen Monaten war ihr das zu viel Stress, die polnischen M�dels waren aggressiver beim Kundenangeln, und irgendwie gefiel ihr die Atmosph�re in dem Laden auch nicht. Lilli hat in Jena studiert, hat das dann aber abgebrochen, wusste kurzzeitig nicht, wie�s weitergehen soll, hat sich von ihrem Verlobten getrennt und dann in Berlin als Messehostess gearbeitet und in der Gastronomie, da hat sie dann Magda kennengelernt. Und jetzt die Wohnung in der gro�en Stadt, die nicht ganz so gro� ist wie Berlin, und das Telefon klingelt, und die Gesch�fte laufen nicht schlecht, drei Wochen jetzt schon. <emphasis>Wie lange ziehen wir das durch? So lange, wie�s geht!</emphasis> Die Mieten sind preiswert hier, kein Vergleich mit Berlin. Oder M�nchen erst. Oder Hamburg. Und Frankfurt/Main, oder? In Frankfurt/Oder ist die Welt zu Ende. Und das Telefon klingelt. Und dann klingelt�s an der T�r. <emphasis>Wer geht?</emphasis> Magda hatte heute schon drei G�ste, also geht Lilli. Hatten sie so ausgemacht. Sie arbeiten immer zusammen, nicht im Schichtsystem wie andere. Und ausgemacht ist ausgemacht. Der Kuchen ist gro� genug. Hausgemacht. Magda �berlegt, ob sie AV anbieten soll in ihren Annoncen oder ob das unfair Lilli gegen�ber w�re, m�ssten sie aber sowieso absprechen, Lilli w�rde das nicht machen, das wei� Magda, sie selbst hat�s paarmal gehabt, aber noch nie mit G�sten, aber wenn sie die Annoncen in den Zeitungen durchbl�ttert, sieht sie, dass das immer �fter angeboten wird, muss was mit dem neuen Jahrtausend zu tun haben, das seit zwei Jahren l�uft. Sie kann sich an die Freaks und Spinner erinnern, die gesagt haben, dass die Welt untergehen wird, wenn die Nullen kommen. Wo ist sie gewesen zur gro�en Jahrtausendwende, die irgendwie doch ein Jahr sp�ter erst wirklich und richtig war, weil das mit dem Z�hlen anders geht, als man denkt, irgend so etwas war da doch gewesen, sie versucht, sich zu erinnern. Und mit Freaks und Spinnern kennt sich Magda aus, die jetzt sieht, wie Lilli ihre Adidas-Trainingsjacke auszieht und mit blankem Busen zur T�r geht. An der es inzwischen nochmal geklingelt hat. Da kann�s aber einer wieder mal nicht abwarten. Sie haben schon ganz sch�n diskutiert, bis sie das mit dem FO, also dem Franz�sisch ohne, beschlossen haben. <emphasis>Ich meine, es bringt doch nichts, wenn eine mit macht und die andere ohne.</emphasis> Aber selbst im Jahr zweitausenddrei ist das noch was Besonderes, FO, obwohl es um sich greift, und wenn es die einen anbieten, fragen die Kunden, also die G�ste, wir sind ja hier nicht aufm Markt! obwohl manche G�ste ganz sch�ne Kunden sind, also nicht� h�bsche �oder� ansehnliche�, die sind n�mlich manchmal die schlimmsten, siehe oben, Freaks und Spinner, und Magda h�rt, wie Lilli den Summer dr�ckt, nachdem sie� Ja, hier ist die Babsi �in die Gegensprechanlage gehaucht hat, ganz und gar unn�tig das Ganze, findet Magda, aber sie will eben schonmal klarmachen, wer da jetzt oben an der T�r steht. Manchmal sitzen sie auch beide im Wohnzimmer (Das klingt am besten. Wooohnzimmer. So wie: gem���tlich.) und schwatzen ein bisschen mit dem Gast, fragen, ob er vielleicht einen Kaffee oder ein Glas Wasser m�chte, Kaffee ist eh immer welcher da auf der Kochplatte der Maschine, manchmal kommt es Magda so vor, als w�rden mehr G�ste dann zu Lilli ins Zimmer gehen, die kann irgendwie besser quatschen, hat eben studiert, aber dann z�hlt sie nach und merkt, dass das mal so und mal so ist, und jetzt sind sie am Diskutieren seit ein paar Tagen, ob sie <emphasis>hei�er 3er</emphasis> mit in die Annonce reinnehmen beim n�chsten Mal, weil gefragt haben schon welche, und da haben sie nicht nein gesagt, weil der f�nfhundert zahlen wollte f�r eine Stunde, und was ist schon dabei, und gegenseitig streicheln ist meistens besser, als wenn die G�ste, die sind doch sowieso meist Grobmotoriker, ist ja nur f�r die Show, und die meiste Zeit sind sie mit dem Typen besch�ftigt, aber ganz sicher sind sie sich nicht, aber in der Stadt arbeiten bestimmt f�nfhundert Frauen, da muss man schon was bieten, also von wegen Konkurrenz und so, und manchmal liegen sie nach Feierabend noch ganz dicht nebeneinander und streicheln sich, keine Musik, kein Fernseher, nur das Summen des K�hlschranks aus der K�che, aber das ist was ganz anderes, und das w�rden sie nie weggeben und verkaufen und hat mit lesbisch nichts zu tun, auch wenn sie sich schon gek�sst haben.</p><p>Magda sieht, wie Babsi, die eigentlich Lilli hei�t, r�ckw�rts zur Couch zur�ckkommt, Schritt f�r Schritt. Ein kahlk�pfiger Mann betritt ihr Wohnzimmer. Er tr�gt einen offenen schwarzen Ledermantel, beide H�nde h�lt er in den Taschen des Mantels. Er bleibt stehen, blickt sich um. Geht ein paar Schritte, es scheint ihnen, dass er ein wenig das Bein nachzieht, dreht sich, blickt zu den T�ren ihrer Zimmer, nickt, zieht langsam die linke Hand aus der Manteltasche und streicht sich �bers Kinn. Er ist nicht glattrasiert, und seine Bartstoppeln schimmern silbern, als w�rde er schon grau werden. Er ist vielleicht Anfang, Mitte vierzig, k�nnte aber auch schon �lter sein, tiefe Falten auf der Stirn und neben den Mundwinkeln. Er ist nicht besonders gro�, schlank.</p><p>Setz dich, sagt er zu Lilli. Sie setzt sich. Seine Augen sind leer. Ihr f�llt kein anderes Wort dazu ein. Blau. Leer. Als w�re er irgendwo weit weg. Und es ist kalt dort. Er geht zu dem Sessel auf der anderen Seite des kleinen Couchtisches, nimmt die Zeitschrift� Bild der Frau �und legt sie auf den Tisch neben den Aschenbecher und die Zigarettenschachteln, das Telefon und die Vase mit den Plastikblumen, dann setzt er sich. Langsam. Er legt die Aufschl�ge seines Mantels �ber die Lehnen des Sessels, zieht das schwarze Leder glatt, schaut sich wieder um, nickt.</p><p>�&#x2002;Ihr macht gute Gesch�fte.</p><p>�&#x2002;Es geht so.</p><p>Lilli schaut zu Magda, Magda schaut zu Lilli.</p><p>�&#x2002;Wie lange seit ihr schon in der Stadt?</p><p>�&#x2002;Drei Wochen.</p><p>�&#x2002;Wie lange wollt ihr bleiben?</p><p>Lilli zuckt mit den Schultern. Magda zuckt mit den Schultern.</p><p>�&#x2002;Wo kommt ihr her?</p><p>�&#x2002;Berlin. Sagt Lilli.</p><p>�&#x2002;Cottbus. Sagt Magda.</p><p>�&#x2002;Ich bin hier geboren. Berlin ist eine gro�e Stadt.</p><p>Das Telefon auf dem Tisch klingelt. Das Display leuchtet auf. Der Mann hebt eine Hand. Zeigt ihnen zwei Finger, den Zeigefinger, den Mittelfinger, wie das Victory-Zeichen.</p><p>�&#x2002;Es gibt zwei M�glichkeiten.</p><p>Sie schweigen, blicken sich an. Magda greift nach der Zigarettenschachtel auf dem Tisch und nimmt sich eine raus. Das Telefon hat aufgeh�rt zu klingeln. Sie nimmt das Feuerzeug, raucht.</p><p>�&#x2002;Ihr k�ndigt diese Wohnung. Ich gebe euch eine neue. Alles da. Alles drin. Ich k�mmere mich um eure Annoncen. Ich k�mmere mich ums Finanzamt. Gesundheitsamt. W�sche. Vertr�ge. Papierkram. Meine Leute. Ihr zahlt Tagesmiete. Hundert. Du. Und du. Wie jede andere. Ihr bleibt frei. K�nnt verdienen, wie viel ihr wollt. K�nnt machen, was ihr wollt. F�nf Tage, sechs Tage, fulltime. Acht Stunden, zehn Stunden, zw�lf Stunden. Duo oder Schicht. Eure Entscheidung, nur muss ich�s wissen.</p><p>Sie blicken sich an. An ihm vorbei. Wann hat Lilli wieder ihre Adidas-Trainingsjacke angezogen? Asche f�llt von Magdas Zigarette auf den Teppich, und sie zerreibt sie mit der goldenen Spitze ihres Schuhs. Sie tr�gt offene schwarze hochhackige Schuhe von Versace. Peep-Toe-Pumps. Mit der ber�hmten goldenen Lasche um die Spitze. Die hat sie sich in Berlin gekauft. Fast f�nfhundert Euro. Manchmal wollen die G�ste, dass sie die anbeh�lt, wenn sie ficken. Es sind ihre Lieblingsschuhe. Am Anfang hat sie die nie w�hrend der Arbeit getragen. Aber jetzt gibt ihr Versace ein gutes Gef�hl. Sie hat die Schuhe an, sie ist die Lady. <emphasis>Kiss my Versace, Kleiner!</emphasis> Und sie will sich neue Schuhe kaufen. F�r die Freizeit.</p><p>�&#x2002;Der Vermieter��, sagt sie und dr�ckt ihre Zigarette aus.</p><p>�&#x2002;K�mmere ich mich drum.</p><p>Er steht auf. Geht zum Fenster. Schiebt die Lamellen der Jalousie mit den Fingern auseinander.</p><p>�&#x2002;Ist nichts Pers�nliches. Aber was soll ich machen? Heute seid ihr es. In einer Woche vier andere. Ich habe Wohnungen. Ihr k�nnt auch in einen Club gehen, wenn ihr wollt.</p><p>�&#x2002;Wir m�chten zusammen��, sagt Lilli.</p><p>�&#x2002;Gut. Gut. Kein Problem. So wie ihr es wollt. Ich sage nicht: morgen. Ich sage nicht: �bermorgen. Ich k�mmere mich um alles. Ich k�nnte auch sagen: Ab heute, oder r�ckwirkend, zahlt ihr mir die Tagesmiete. Du und du.</p><p>�&#x2002;Wir��</p><p>�&#x2002;Nein. Nein. Da drau�en��</p><p>Er tippt mit dem Finger gegen die Scheibe.</p><p>�&#x2002;Da drau�en herrscht die Pest. Und die Cholera. Und der Abschaum wackelt durch die Stra�en, als w�re er der neue Adel unserer verseuchten Zeit. Das Telefon klingelt. Und dann klingelt es an der T�r. Und der grimme Schnitter ist auf dem Weg zu euch.</p><p>�&#x2002;Wir��</p><p>�&#x2002;Ja. Wir.</p><p>Er dreht sich zu ihnen um. Die Jalousie bewegt sich, klappert gegen die Fensterscheibe. Drau�en schneit es, aber das k�nnen sie nicht sehen.</p><p>�&#x2002;Du?</p><p>Er zeigt auf Lilli.</p><p>�&#x2002;Lilli.</p><p>�&#x2002;Und du?</p><p>�&#x2002;Magda.</p><p>�&#x2002;Babsi und Anna.</p><p>Er l�chelt. Seine Augen sind bei ihnen und woanders. Blau. Leer.</p><p>�&#x2002;Die Zeiten haben sich ge�ndert. Die Gesetze haben sich ge�ndert. Aber es gibt Regeln. Und meine Firma bietet das, was ihr alleine nicht k�nnt. Sicherheiten. Ihr seid kluge Frauen. Ihr habt keine Schmarotzer zu Hause auf dem Sofa, f�r die ihr euch die Pussy wund arbeitet! Hart, aber fair. Hart, aber fair. Es gibt andere in der Stadt. Die w�rden gerne auf diesem Sofa sitzen, oder auf einem anderen, und jeden Cent umdrehen, den ihr hier macht. Die Gesch�fte gehen gut, nicht wahr?</p><p>Sie nicken. Blicken sich an. Blicken auf den Teppich.</p><p>�&#x2002;Sch�ne Schuhe. Versace?</p><p>Sie nickt.</p><p>�&#x2002;Tr�gt meine Frau auch. Anderes Modell. Die machen das beste Design. Fast wie aus der Zukunft.</p><p>Er l�chelt und streicht sich �bers Kinn.</p><p>�&#x2002;Ihr k�nnt nat�rlich hier wohnen bleiben. Das ist nicht meine Sache. Vielleicht habt ihr eine andere Wohnung, zum Wohnen. Das geht mich nichts an. Ihr k�nnt dort wohnen, sp�ter, wenn ich euch sage, wo. Arbeiten, schlafen, wie ihr wollt. Jeder macht das anders. Manche fahren nur am Wochenende nach Hause. Manche arbeiten am Wochenende. Ich muss es nur wissen. F�r die Annoncen, f�r den Papierkram.</p><p>Er geht wieder zu dem Sessel und setzt sich hin.</p><p>�&#x2002;Ich halte euch den R�cken frei. Versteht ihr?</p><p>Sie blicken sich an. Lilli hat die Arme vor ihrer Brust gekreuzt, ber�hrt ihre Schultern mit den H�nden. Umgreift ihre Schultern mit den H�nden.</p><p>�&#x2002;Versteht ihr?</p><p>Sie nicken.</p><p>�&#x2002;Ja, sagt Magda, das klingt fair.</p><p>Lilli st��t sie vorsichtig an, ganz kurz nur das Bein mit der Schuhspitze, aber wieder sagt sie:</p><p>�&#x2002;Ja.</p><p>�&#x2002;Ihr m�sst gar nichts. Ihr k�nnt jederzeit nach Hause fahren. Cottbus. Berlin. Hawaii. Der Weg zu den Sternen�� Aber ihr seid klug. Ihr seid smart. Clever�&amp; Smart, aber nicht wie diese Deppen in dem Comic. Ihr kennt doch das Comic? Clever�&amp; Smart? Und ihr wollt Geld verdienen. In meinen R�umen k�nnt ihr Geld verdienen, ohne dass euch irgendein Bulle, irgendein schei� Jugo oder Russe oder irgendein perverses Arschloch an die W�sche oder an die Geldtasche will. Oder sonstwas will, was ihr nicht wollt. Ihr arbeitet auf eigene Rechnung in meinen R�umen. Das ist mein Vorschlag, wir verstehen uns.</p><p>Und sie verstehen sich. Es ist Donnerstag. Montag kommt er wieder. Er hat seine Karte dagelassen, er hat eine Adresse dagelassen, er hat eine Telefonnummer dagelassen, die geh�rt einem M�dchen, das bei ihm arbeitet,�in meinen R�umen�, wie er sagt, die k�nnen sie anrufen. Lilli steht am Fenster, sieht, wie er �ber den Fu�weg zu einem BMW geht, der vorm Haus parkt, sieht, dass es angefangen hat zu schneien, sieht den anderen Mann, der im Auto sitzt, auf der Beifahrerseite, sieht, wie der Mann im schwarzen Ledermantel einsteigt, sp�rt, dass Magda hinter ihr steht. Sp�rt ihren Atem im Nacken, riecht die Zigaretten in ihrem Atem, <emphasis>du rauchst zu viel</emphasis>, wei� nicht, ob die Dinge gut sind, so wie sie sind, Magda hat ihr schon oft gesagt, wie die Dinge laufen k�nnen im Business Sexuelle Dienstleistungen, hat ihr erz�hlt, dass man in Cottbus oder anderswo die Konkurrenz einfach aus der Stadt rausbrachte, <emphasis>so</emphasis> oder <emphasis>so</emphasis>, irgendeinen pisst man immer an, die anderen Weiber bei�en, und die Manager wollen managen. Aber hier im kleinen Metropolis der B�rger und H�ndler hatte sich der Markt beruhigt in den letzten Jahren, und Magda hatte ihr von einer Freundin erz�hlt, die seit Jahren in M�nchen auf eigene Rechnung in einer eigenen kleinen Wohnung arbeitete. Und was in M�nchen geht��</p><p>Sie blicken dem Auto hinterher. Der Schnee f�llt und schmilzt an der Scheibe. Er schaltet den Scheibenwischer ein. Bin ich weich geworden? denkt er und sieht sein Gesicht im R�ckspiegel, es ist bald Weihnachten, aber��, aber�� das stimmt doch nicht. Februar zweitausenddrei. Lichter blenden ihn. Alex, sagt er und dreht sich zu seinem Beifahrer, zu seinem jungen Soldaten und Begleiter und Chef of Security, Alexander der Gro�e, sag mir ganz ehrlich��</p><p>Ja, sagt Alex, du kennst mich doch. Ehrlich, bis es weh tut.</p><p>Nun�� Habe ich mich sehr ver�ndert in den letzten Jahren, oder meinetwegen Monaten.</p><p>Du bist tot, Chef. Das ist dein Problem.</p><p>Verdammter Witzbold! Pimmel! Und als sie anfangen zu lachen, blendet ein Licht von irgendwo, und als er noch versucht nachzudenken, ob die Schneeflocken immer so lang und golden sind wie Patronenh�lsen und dass das an den seltsamen Ver�nderungen des Lichts im Winter liegen muss�� Fass mich mal an, Alex, ber�hr mich einfach, leg mir die Hand auf die Schulter, damit ich wei�, dass ich noch da bin.</p></section><section><title><p><strong>7</strong></p></title><p>So weit sind wir noch nie gekommen.</p><p>Und du hattest einen Vortrag vorbereitet.�Irrationales Einkaufen�.</p><p>Als ob nicht alles irrational w�re. Darauf l�uft es doch hinaus. Mit oder ohne Stein. (Was f�rn Stein? Woher wei�t du von dem Stein?) Oder Sein.</p><p>Einstein. Eckstein. Nicht-Sein. Alles muss perfekt sein.</p><p>Die Engel kommen in die Stadt. Nein. Das ist sp�ter. In the year��</p><p>Du stehst vor der Klasse. <emphasis>Wenn man so will, war Katrin meine erste gro�e Liebe</emphasis>.</p><p>War klar. Das kommt immer irgendwann. Mit der gro�en Liebe. Die ist dann immer an allem schuld.</p><p>Bl�dsinn. Irrational. Wie das Einkaufen. Nicht Biologie. BWL. Du sitzt also wieder mal in der Schule.</p><p>Die Vergangenheit ist nicht totzukriegen, was? Und die Zukunft auch nicht. Irrational. Nicht vergangen, nicht begonnen.</p><p>NA, NU IS ABER MAL WIEDER GUT JETZT. Die ewige Wiederk�uerei�� What the fuck ist ein Wiederk�uer-Ei? EL? Eierlecken. Service haben die da, vom Feinsten. Schrieb so einer im Netz. Stammkunde. Ecki�1. Hurenplattform. Internetz. Davon wussten wir noch nichts in den Neunzigern.</p><p>Du hattest also einen Vortrag vorbereitet. Am Vortag.</p><p>Nee. Von langer Hand. KV. Kurzvortrag. Da drau�en herrschen Pest und Cholera. Die Drecks�ue lassen sich echt in den Hals schei�en. KV. Kaviar. Oder auf den Kopf. Oder wollen zugucken, wie die Wurst kommt. Aus dem Arschloch. Da kommt mir die Suppe, wenn ich nur dran denke. Herzen wie Diamanten, die M�dels. Denn die kommen ja nicht auf solche Ideen. Coppenrath�&amp; Wiese. Clever�&amp; Smart. Die sind das. Wackeln durch die Stra�en und m�sten ihre Perversionen. Heeme nat�rlich auch. Porno und was wei� ich, muss ja irgendwo herkommen. Nichts Genaues wei� man nicht. Da erz�hlte mir die Babsi��</p><p>Lilli?</p><p>YEP. Dass da mal einer kam und wollte, dass sie in ihre Peep-Toe-Pumps pisst, damit er draus trinken kann beziehungsweise ablecken, weil ja offene Schuhe, flie�t ja raus. Aber ich glaube, die hie� anders. Und wenn da einer sagt: hundert extra. Oder zweihundert, was wei� ich. O.k., Versace. Und die Schuhe kann man ja saubermachen. Sagrotan. Die sollten meine Firma sponsern. Aber wenn man das alles so sieht und h�rt �ber die Jahre, Jahre, Jahre, da denkt man doch��</p><p>Dass die Mayas vielleicht doch mal h�tten recht haben sollen mit ihren Prophezeiungen f�r zweitausendzw�lf?</p><p>Nee. Nee. Nee. Herzen wie Diamanten. Und wenn ich nachts manchmal aufwache, dann ber�hre ich mich, kneife mich, dr�cke den Zeigefinger gegen die Rippen, wegen der Angst, nicht mehr da zu sein.</p><p>Du stehst also vor der Klasse.</p><p>Immer und immer wieder.</p><p>Hast du dein Russisch eigentlich noch drauf?</p><p>Darum geht�s doch nicht. Verstehen tu ich�s noch ganz gut.</p><p>Gut f�rs Gesch�ft?</p><p>Gut f�rs Gesch�ft. Und was soll ich sagen, ein gro�er Redner bin ich nie gewesen. Ach��, dieses verdammte Russisch haben wir alle gehasst. Dann ist der Russe weg, und dann ist er pl�tzlich wieder da. Gorbatschows Muttermal, Kopfzeichen, Pest und Cholera.</p><p>Du klingst m�de.</p><p>Bin ich auch, verdammt nochmal. Und wenn wir schon bei den Russen sind, wir haben daf�r gesorgt, dass diese Tante, die mit ihrer Tochter da ganz in meiner N�he, also wo ich auch Objekte hatte, diesen Laden betrieb. In ein paar Jahren ist das, also von neunundneunzig aufw�rts. Da haben wir auch daf�r gesorgt, dass sie diese beiden Hexen hochgenommen haben��</p><p>Aha. Lampenbauer?</p><p>Willst du mich verarschen, Commander? Willst du mich��</p><p>Rollen? Das hatten wir doch schon. Schieben wir es doch auf deine guten Beziehungen��</p><p>Dieser Sarkasmus, diese ewigen Verurteilungen. <emphasis>Die</emphasis> hatten da M�dchen, die sie wei� der Teufel wie hierher gelockt haben��</p><p>Das wei�t du schon, wie sowas funktioniert��</p><p>Und wieder. Und immer wieder. Nat�rlich wei� ich es. Schalte den Fernseher an, und du wei�t es. Vom Netz, also sp�ter dann, wollen wir gar nicht reden. W�rt ihr froh, wenn die Russen und Jugos hier alles �bernommen h�tten? Und von den Fleischm�rkten im Kosovo importiert h�tten? Nat�rlich wei� ich, aber ich versuche sauber zu bleiben. Im Verh�ltnis. Und denken wir doch mal weiter��, ich meine Ackermann, der gr��te Geldlude��</p><p>DAS SPAREN WIR UNS JETZT. (Was soll das? Mir den Mund verbieten, dort wo die Sterne vergl�hen bei Cygnus X-1? Wo die den Leuten das Schlafzimmer wegpf�nden unterm Arsch? Wo die drauf wetten, dass die Systeme verbrennen im Sternensturm? Und dabei so tun, als w�ren sie besser als die, die am Monitor f�r kleines oder auch mal gro�es Geld wetten, also bei die Pferde, ja, ich hatte einmal einige Spielotheken, so fing es an, wenn ich so w�re, wie ich nicht bin, ich w�rde auf den gro�en Fall setzen, ach was, nicht die Griechen, denn Arschficken l�uft immer, jenseits der gro�en Sp�lung, wir setzen auf das Leben, wenigstens auf das Leben, die Banken verkaufen jetzt Pakete mit amerikanischen Versicherungen, wo es darum geht, dass die Versicherten fr�h sterben, weil dann das Gold fl�ssig wird�� Wir dealen wenigstens mit dem Fleisch und dem Leben��)</p><p>Ja. Ja.</p><p>Ich w�hle CDU und FDP, seit Jahren. Wegen den Steuern und dem Mittelstand. Und weil die Linken nur Schei�e im Kopf, nix mit rot und Rotlicht, aber��</p><p>DAS SPAREN WIR UNS JETZT.</p><p>Du stehst also vor der Klasse. Wenn nur das Licht nicht so hell w�re. Die besten Deals macht man im Hinterzimmer und im Dunkeln. Binsenweisheit. Aber wie sagt man? Das geht alles in die Binsen?</p><p>Binsenmarkt und Binnenmarkt.</p><p>Ja. Ja. Willy, wink doch mal!</p><p>Wir staunen. So weit weg. Und hei�t das nicht: Willy ans Fenster?</p><p>Erfurt. Neunzehnhundertsiebzig. Da war ich acht Jahre alt. Willy Brandt zu Besuch. Und ob du�s glaubst oder nicht, meine olle Mutter mit mir in den Zug und ab nach Erfurt. Wollte dabei sein. Vater keine Zeit. Immer am Schuften. Da oben steht die freie Welt. Hat sie mir ins Ohr gefl�stert.</p><p>Wirklich?</p><p>Hat sie. Ganz leise. Und das war gar nicht so einfach, mal fix eben r�ber nach Erfurt. Umsteigen, und gedauert hat�s. Drei Stunden bestimmt. Und dann kommt der Stoph, der Vorsitzende des Ministerrates, auf diesen Balkon, der hie� ja auch Willy, oder Willi. F�nfe gegen Willi haben wir immer gesagt. Sp�ter. Katrin. Hm.</p><p>Wichsen?</p><p>Na ja, was sonst? Aber die wollten den Brandt sehen. Da habe ich gedacht, als er dann da oben stand in diesem Hotel, gleich am Bahnhof war das, ich sag immer, ich habe eine Erinnerung, das ist schon so Richtung 3-D, da habe ich gedacht, jetzt pusten die den weg, wie Kennedy.</p><p>So wie dich?</p><p>DAS SPAREN WIR UNS JETZT.</p><p>Gut gekontert. Gleiche Waffen, gleiches Recht.</p><p>Nee. Nee. Nee. Wenn nur das Licht nicht��</p><p>Ist doch dunkel. Und kalt.</p><p>Zweitausenddrei. Das wird oder war ein verdammter Winter. Januar. Februar. M�rz. 3-D-K�lte. Hart. Herzen wie Diamanten.</p><p>Zum Dritten.</p><p>Wir haben nie eine versteigert. Jede hatte ihre Chance. Jede hat ihren Schnitt gemacht, damit ich meinen Schnitt machen konnte. Fair geht vor.</p><p>Kann ich fragen? Kann ich jede einzeln fragen? Kann ich mich runterbeamen, K�pt�n o K�pt�n?</p><p>Wegen Willy Schneider. Deswegen. Das muss mir keiner sagen, dass da was ohne Plan war. Nur deswegen der Willy. Mein KV.</p><p>Immer rein mitten in die Schei�e, was? Kaviar. Der Mann mit dem Plan.</p><p>Na siehst du, da verstehen wir uns. Und meine Frau, Versace��</p><p>Peep-Toe-Pump?</p><p>Nee. Python-Ankle-Boot. Peep-Toe-Ankle-Boot. Schei�teuer.</p><p>Aber das beste Design?</p><p>Kann man so sagen. Waren sch�ne Geschenke. Shoppingtour am Geburtstag. Zukunftsschuhe.</p><p>Und nun wieder zur�ck. Kurzvortrag. Aber sch�n langsam. Hat schon so manch einer das gro�e Kotzen gekriegt zwischen Schall und Licht.</p><p>Ach was. Seit Alfons Zitterbacke wollten alle pl�tzlich Kosmonauten werden.</p><p>Alfons who? Ich dachte seit Gagarin oder Sigmund J�hn?</p><p>Ja. Auch. Aber Zitterbacke��, das ist jetzt wieder so �ne Olsenbanden-Sache. Ich dachte, die Informationen flie�en.</p><p>Solange das Geld flie�t.</p><p>DAS SPAREN WIR UNS JETZT.</p><p>Deine Joker sind langsam weg. AK.</p><p>Die hab ich nie gebraucht. Nichtmal f�r die Hurenfrage bei der halben Million.</p><p>Findet man heute auch alles im Netz. Vicky P. Dia.</p><p>So weit sind wir noch nicht. Nein, so weit sind wir noch nicht. Neunzehnhundertneunundneunzig. (Dieser kluge Hippielude in Hamburg erz�hlt�s mir sp�ter. Weiterbildung. <emphasis>Hure</emphasis>. Indogermanisch, sagt der, <emphasis>die Liebliche</emphasis>. Sage ich doch die ganze Zeit. Nix Fotzen. Herzen wie��)</p><p>Und du stehst vor der Klasse, und der Alte sitzt vorne am ersten Tisch und nestelt an seiner schicken Brille, und alle blicken dich an.</p><p>Und du sp�rst, dass du hier alleine bist und weit weg, und du denkst an Alfons Zitterbacke, der einer der Helden deiner Kindheit war, und wie der einmal in einer dieser Geschichten (Kapitel?) Kosmonaut werden wollte und auf Tubennahrung umstieg und, da es die ja nicht einfach so gab in der Zone und sicher auch nicht in Moskau oder Silicon Valley, USA, anfing, Senf und Zahnpasta zu fressen, bis ihm das gro�e Kotzen kam, und da musst du lachen, und dann legst du los, die Kladde mit den Notizen vor dir. Und du erz�hlst �ber Willy Schneider, seine Thesen, und �ber das m�chtige Instrument des Rabatts und wunderst dich, irgendwo ist da noch Platz in deinem Hinterkopf, warum du da so hemds�rmelig stehst, wei�es Hemd von Hugo Boss, yes I�m the Boss, wo es doch da drau�en irgendwo den harten Winter des Jahres zwo-drei oder wann auch immer geben muss, weil doch deine F��e, und vor allem der eine, noch so kalt und klamm sind von dem Schnee auf den Stra�en und Fu�wegen, du parkst immer ein St�ck weit weg mit deinem BMW, nicht dass du was zu verbergen h�ttest, aber sicher ist sicher, und du brauchst die frische Luft, wenn du zur Hochschule f�r Wissenschaft und Technik l�ufst, wo du dich eingeschrieben und beworben hast, irgendwann in den Jahren, und du sprichst laut und deutlich �ber die Farbstrategien und die Beeinflussung durch die Farben beim Kaufmoment und der Kaufentscheidung und �ber das Werbemoment der Farben und �ber die Marktforschung, die das <emphasis>Irrationale</emphasis> mit zu erfassen sucht, und �ber Handelsprofessor Willy Schneider, mit dem du tats�chlich am Telefon �ber die von ihm aufgestellten Thesen sprechen konntest, ein feiner, kluger Mann, wie du findest, Weiterbildung, Weiterbildung, aber hier geht es um mehr. Und du blickst zum Fenster und siehst den Schnee fallen und sprichst mit seinen Worten, und der Klang deiner Stimme verwirrt dich, weil du doch sicher und tief und kenntnisreich und m�nnlich klingen willst, <emphasis>bei roten Preisschildern denken die Konsumenten beziehungsweise die angehenden Konsumenten, dass die Ware billig ist, aber</emphasis>, aber das stimmt eben nicht und ist Teil der��, und dass das von Schneider (warum hei�en eigentlich so viele kluge Leute Schneider, wie der Immobilien-Mann mit dem gro�en Plan, der auf das <emphasis>Chaos</emphasis> vertraute und genau wusste, dass Firma Coppenrath�&amp; Wiese bis hoch in die h�chsten Etagen existiert?) so genannte Belohnungszentrum des Gehirns des Konsumenten�� Du musst Luft holen und auf die Notizen und Stichpunkte blicken und siehst das anerkennende Nicken des Alten��, und dein dicker Batzen Gehirn (�Nix mehr als ein Batzen darm�hnlicher Graufleischstr�nge!�Hans Pieszek, der Ex-Butcher, am 22.�10.�1999 im Gespr�ch mit Arnold Kraushaar) gleicht alles ab mit deinem Business, so wie an den Abenden und in den N�chten, als du lerntest und dich vorbereitet hast auf deine gro�e Stunde.</p><p>Und Enge macht Angst. Sagt Willy. Und die Unsicherheit des Konsumenten ist der Feind des Konsums. <emphasis>Allen drei Kreisl�ufen ist gemeinsam: Verwertung des Werts als bestimmender Zweck, als treibendes Motiv.</emphasis> Und alle starren gebannt auf dich, und der Alte nickt wie ein Wackeldackel. Und du erkl�rst das Prinzip des� open space �und der R�ume und G�nge und dass die ganze verdammte Wirtschaft� linksherum �l�uft. Die Konzerne m�ssen die Geschwindigkeit des Kunden verlangsamen.</p><p>Du hockst vorm Klo und kotzt. Die gro�e Sause ist vorbei. Wie hat dein Freund Willy dir am Telefon gewinkt, w�hrend du drau�en vorm Fenster die M�dels beobachtet hast, und Alex, der den Laden schmei�t, w�hrend du lernst, und hinten im Hof die Baumaschinen, wie willst du das alles koordinieren? <emphasis>Die Rationalit�t der Konsumenten wurde fr�her viel zu hoch eingesch�tzt</emphasis>.</p><p>KV. NS. AV. Aktiv/Passiv. SM. EL. FO. KB. GB. HE. AD. FS. TS. H&amp;H. (Eierlecken, Franz�sische ohne, K�rperbesamung, Gesichtsbesamung, Handentspannung, Analdehnung, Facesitting, Transsexuell, Haus und Hotel) Je gr��er der Einkaufswagen, umso mehr denken wir, da fehlt doch noch was, verdammt nochmal! Wenn nur dieses riesige Handy, Anno sechsundneunzig, nicht so laut klingeln w�rde. Aber er kennt die Nummer, das Finanzamt ist dran. Wie konnten Sie damals so viel investieren? Wir finden keine Einnahmedaten �ber diese Summen. Gradlinig und durchschlagskr�ftig und immer abschlussbereit, wie Marschall Olaf, die St�rmerlegende vom FC Lok. Nur dass der Verr�ter dann zu Dynamo gegangen ist. Aber lasst mich in Ruhe mit diesem Ostschei�. So lang her. So weit weg. Orion. Ringe des Saturn. X-1. AHF. FE. DP. (Achselh�hlenfick. Fu�erotik. Doppelpenetration.)</p><p><emphasis>Doch glauben Sie mir, Herr Kraushaar, inzwischen wei� die Forschung, und das ist das, was auch ich denke, dass der Konsument, also auch wir, hormon- und triebgesteuert sind</emphasis>.</p><p>Ist das nicht wunderbar? Katrin will, dass er Wein besorgt, dabei ist sie, sind sie erst vierzehn. Und das Wasser im Kanal ist mit Schaum bedeckt. Wie schmutzig. Eisblumen am Glas. Alex geht in die Eisen, dabei f�hrt er doch selbst, oder ist das die verdammte Fahrschule? Sein Kopf knallt aufs Lenkrad. Er sieht bleich und wei� aus im R�ckspiegel, als w�re er leer geblutet. Tu doch Schneeketten drauf, Alex. Schneeketten? Alpentour oder was? Schei� auf Coppenrath�&amp; Wiese.</p><p>Falsch. Vollkommen falsch. <emphasis>Das</emphasis> ist unsere beste Kundschaft.</p></section><section><title><p><strong>8</strong></p></title><p>���und ab zehn wird�s ganz bescheuert, o.k., so weit geht das meistens gar nicht!�)</p><p>�Die ganze verdammte Wirtschaft l�uft linksherum. Der Mensch geht eben gerne im Uhrzeigersinn.�)</p><p>�Ein Schnitt, und dann sind die leer geblutet. Runter in die Rinne. Literweise. Der Geruch. Vergisst du nie.�)</p><empty-line/><p>Und da er nicht religi�s ist und sowieso glaubt, dass die Moslems ihm auf der ganzen Welt das Gesch�ft kaputtmachen wollen, obwohl er wei�, weil ihm das der kluge Hippielude in Hamburg erz�hlt hat, dass die Huris und die Harems undsoweiter��, aber da muss man ja aufpassen, weil ab 2525 sp�testens weltweit die Regeln in Mekka von den Sch�chtern gemacht werden und die Syndikate und Firmen verdammt viel zahlen m�ssen, um halbwegs Ruhe vorm Halbmond zu haben, bis irgendwann die Sonne implodiert��</p><p>Katrin, warum schwitze ich nur so im Winter?</p><p>Du verreckst in deinem Koma. Ledermantel. Das Geld flie�t weiter. Unser Sohn ist zu jung. Oder war es. Kein Erbe deines Fleisches. Man hat sich arrangiert, seit du weg bist.</p><p>Alex? Nein? Der hinter den Spiegeln? Der ist doch noch eine kleine Nummer. Die Jugos? Die bleiben doch immer auf der Stra�e. Der Bielefelder?</p><p>Wer wird Million�r.</p><p>Nein. Nein. Dieser Hochstapler, der immer so fein tut? Der von seiner Burg erz�hlt? Der seit hundert Jahren in Hamburg, Berlin und Frankfurt/Main und sonstwo die Gesch�fte macht, erz�hlt er doch immer mit seinen smarten Spr�chen, und Geld investiert und jeden Politiker und jeden Luden kennt von der Maas bis an die Esch? Als w�re er der Highlander. Wenn wir nicht zugelassen h�tten, dass er sich hier einkauft, dass er hier Deals machen kann und seinen Laden aufmacht und mit den Politikern Sekt trinkt, w�hrend wir ihm den Arsch versichern, der Mann aus dem Westen�� Der Repr�sentant eines ach so m�chtigen Syndikats. Der? Warst du mal drin in seiner Burg? Die immer mehr verkommt? Wo die kleinen Fidschis mit der Hand zwischen den Beinen die Kunden abmelken, als w�ren die Pussies vernagelt? Die kommen dann ganz sicher wieder, die lieben G�ste, die bei ihm nur Kunden sind. Flie�band. Und wo die deutschen Arbeiterinnen mehr kosten als die Ausl�nder? Wo�s nichtmal Bier gibt an der Bar, weil�s kein Schankbetrieb ist? Kaffee und Becks ohne. Kein Sekt, kein Schampus, kein Cognac VSOP, und die G�ste m�ssen durch ein Drehkreuz. Die Kaufhalle oder der� Supermarkt�, wie man jetzt sagt, des Fleisches. Innovation? Visionen? Gammelfleisch. Alles nur Legenden. Ich wei� von nichts. Keine gro�en Taten, keine Heldenmythen an Bord des Raumschiffs Ragnar�k. Vielleicht in einem anderen Universum. Parallel, verstehst du.</p><p>Lass mich mal raus, Alex, halt mal da an. Ich muss an die frische Luft. Nur kurz Luft holen.</p><p>Er blickt in den Himmel, und der Schnee f�llt k�hl auf sein Gesicht. Er �ffnet den Mund. Sp�rt Salz auf den Lippen. H�rt Musik aus dem Auto, die T�r noch offen. Alex fummelt am Radio rum. Oldie-FM. Er muss die Dinge ordnen in seinem Kopf. Lichter blenden ihn. Er taumelt gegen die Hauswand. Vor ihm, ein St�ck die Stra�e runter, der Bahndamm, der das Viertel zerschneidet, und eine eiserne Br�cke. Eine S-Bahn oder ein Zug rumpelt �ber die Gleise. Er sieht ihn noch nicht. Die D�mmerung hinter den H�usern. Morgen oder Abend. Er blickt zum Auto. Er sieht, wie ein kahlk�pfiger Mann im schwarzen Mantel den R�ckspiegel mit beiden H�nden justiert. Wenn er in den Himmel blickt, wei� er�� Sterne. Diamanten. Astronauten. Und er irgendwo dazwischen, und l�ngst nicht mehr hier oder dort, in einem kleinen Raum aus gl�nzendem Chrom.</p></section><section><title><p><strong>9</strong></p></title><p>�Aber durch die ewige Nacht funkelt</p><p>Sternenlicht von unendlich weit her.</p><p>Vielleicht ist es dort gerade gestern.�</p><p>�Von dir, Hans?�</p><p>�Nee. Im Internet �besetzt, Songtext, USA.�</p><p>�Feine Sache.�)</p><empty-line/><p>�Wie ist Arnold Kraushaar Anfang und Mitte der Neunziger so weit nach oben gekommen?�</p><p>�Immer druff. Immer feste druff. �Mallorca-Frank, Ex-Mitarbeiter, im Interview, Mai 2018, Mallorca.)</p><empty-line/><p>Bl�dsinn. Vollkommener Bl�dsinn. K�nnt ihr mich h�ren? Ich kenne diesen Frank �berhaupt nicht! Und auf Mallorca war ich nie. Ibiza. Dominikanische Republik. Ich fahr doch nicht zum P�bel.</p></section><section><title><p><strong>10</strong></p></title><p>�Sag mal, Arnold, hast du eigentlich �ne Rechtsschutz?�</p><p>�Hm. Advocaat.�</p><p>�Anwalts Liebling?�</p><p>�Genau. Kann ich nur empfehlen!�Arnold Kraushaar im Gespr�ch mit Hans Pieczek, August 1997)</p><empty-line/><p>Eigentlich wollte ich hier noch etwas vom Aldi-Prinzip erz�hlen und wie die ihre Mitarbeiter aussp�hen und reglementieren, und vom Ackermannprinzip und dass, wenn es einen Nachruf gegeben h�tte��, und dass der Vorwurf des Mietwuchers gegen�ber AK doch nicht recht haltbar w�re, weil doch die Dinge, sagt man das so? die Vorteile, ja, die er bietet, und dass die Sicherheitsfrage, also was die Frauen betrifft��, und dass es doch eine feine Sache ist, dass er den Markt so lange in deutscher Hand gehalten hat��, und dass, als dann sp�ter die Engel, weil die Kanacken��, und dass, wenn man jetzt mal die M�rkte vergleicht, und damit meine ich jetzt eine Art Moralit�tsvergleich, doch so oder so zuungunsten der��</p><p>In the year 2525.</p></section></section><section><title><p><strong>Mandy, das Bett bricht!</strong></p></title><p><strong>�&#x2002;Mandy, das Bett bricht!</strong></p><empty-line/><p><strong>�&#x2002;Nein, Mister, das Bett nicht,</strong></p><empty-line/><p><strong>es ist ein Band von meinem Herzen,</strong></p><empty-line/><p><strong>das da lag in gro�en Schmerzen.</strong></p><empty-line/><empty-line/><p>Ich mache mir nicht viel aus Sex. Habe mir noch nie viel draus gemacht. Da habe ich wohl immer die falschen Typen gehabt, wenn ich so zur�ckdenke. Nur einmal, da war ich achtzehn, der war immer sehr zart zu mir, aber das hat nicht lange gehalten.</p><p>Der Typ schraubt an meinen Brustwarzen rum. Und ich tue so, als w�rde mich das ant�rnen, sein Gefummel, dieses Teenie-Gekicher habe ich ganz gut drauf, dieses Film-Gekicher, st�ndig laufen Filme im Fernsehen, wo diese Ami-Girlies ganz genauso bescheuert kichern, kann man �ben, kann man lernen, stehen die G�ste drauf, die meisten, in Japan bedeutet Kichern Masturbieren, hat mir mal jemand gesagt, und das stimmt sogar, ich habe im Internet geguckt und dort erstmal nichts gefunden und dann aber in der Stadtb�cherei, da gab�s ein Buch �ber Geishas, diese japanischen Liebesdienerinnen, ich habe schon ewig nicht mehr masturbiert, vielleicht stimmt da was nicht mit mir? aber mir geht�s ja ganz gut so weit, ich bin zufrieden, wenn man das so sagen kann, und ich st�hne und winde mich ein wenig unter ihm, damit er endlich zur Sache kommt. Ich k�nnte auch einfach so daliegen und die Lampe anblinzeln und warten, bis er mit der Schrauberei fertig ist. Aber ich habe ihn schon paarmal unten gesehen, ist ein Stammgast, da hat er mit der Kohle rumgeschmissen, ist meistens mit der Steffi hoch, aber die ist nicht mehr da jetzt, arbeitet jetzt in �ner kleinen Wohnung, und ich beneide sie um die Ruhe, die sie da hin und wieder hat. Immer das Sektgetrinke unten an der Bar, und immer dieselbe Marke, ich kann�s schon nicht mehr sehen, und wenn ich nicht arbeite, trinke ich �berhaupt keinen Sekt mehr, nichtmal Silvester. Schampus ja, aber auch eher selten, ist eben teuer, aber auch was Besonderes. Silvester bin ich eh fast immer allein, gucke zu Hause Filme oder lese in meinen B�chern, esse Pizza und trinke ein Glas Wein. Ich mache mir auch nicht viel aus Silvester. So auf Knopfdruck abfeiern? Nee.</p><p>Ein Piccolo f�r drei�ig Euro, und wir sitzen an der Bar, die Musik dudelt mal wieder die Achtziger hoch und runter, danke, Hans! und er trinkt Gin Tonic, du s��es Rotk�ppchen, fl�stert er sp�ter oben aufm Zimmer in mein Ohr, dass es ganz feucht wird und ich mir das auswasche und auswasche, als er weg ist, weil ich da nun keine Spucke will, sonst ist�s, wie�s ist, aber im Ohr? bis die ganze Ohrmuschel brennt. Und er trinkt Gin Tonic und raucht und bietet mir eine an, und ich sage:�Nein, danke�, seine Schachtel liegt aufm Tresen, und ich nehme mir dann doch eine raus und l�chele ihn an. Ich rauche nicht viel, aber das spielt eh keine Rolle, passiv und aktiv, und die ganze Belegschaft qualmt, und der Chef qualmt und die meisten G�ste auch. Als wenn das mit den ganzen Rauchergesetzen an uns vorbeigehen w�rde, also am Markt, am Club, ich denke manchmal, wie das war, als ich fr�her noch im Zug rauchen konnte, weil ich manchmal nach Berlin musste, und da stand ich im Bistro, ist ja nicht weit, und trank Kaffee und rauchte eine, dass da die ganzen Kinder durchmussten, hat gar keinen gest�rt, das muss schon noch so zweitausendsechs oder zweitausendf�nf gewesen sein, da habe ich n�mlich mal wieder angefangen, hatte aber fast zwei Jahre ohne durchgehalten. Zweitausendsechs habe ich Geld verdient wie nie wegen der WM. Und da musste ich ja wieder anfangen bei dem Stress.</p><p>Ja, danke, gerne, nee, die Steffi is heut nicht da, ja, also die Silvana mein ich, ja. Und ja, nein, die Schweiz kenn ich nicht, war noch nie��, und was er da jetzt erz�hlt von wegen meinem Bubikopf, wie die��, nee, hab ich noch nie geh�rt, �sterreich? nein, auch nicht, das ist ja ganz nett, aber��, dass ich ihm schon immer aufgefallen bin, was das f�r �n komisches Wort ist,�Bubikopf�, das sagt doch heute keiner mehr��, aber wenigstens nett bist du, und ich lege meine Hand auf dein Knie, na klar geh�n wir gleich nach oben, und ich schlage meine Beine fast so gekonnt �bereinander wie Sharon Stone in diesem Film. Es sind nur die kleinen Gesten, und ich leg mich nicht so ins Zeug wie manch andere von den M�dels, die ja sonstwas f�r Shows abziehen, ich bin eher zur�ckhaltend, aber das m�gen eben auch manche G�ste, und von wegen die Beine gekonnt wie��, ich w�nschte manchmal, ich k�nnte so verf�hrerisch sein, so in dem Sinne, dass�� Hab das einfach nicht in mir drin, nur das bl�de Kichern hab ich ge�bt, aber bisschen still sein ist doch auch was Sch�nes�� Und wenn er nicht mit hochkommt? na ja, wird ein anderer kommen, der Abend ist noch lang, und die Steffi, die Silvana, ist doch ein ganz anderer Typ als ich, vielleicht will er erstmal die Lage sondieren, wer alles so da ist heute, und einen viel gr��eren Busen hat sie, obwohl, ganz viele M�nner m�gen meine kleine Handvoll, sind sch�n fest, ja, das kommt, denke ich, auch vom vielen Schwimmen. Ich schwimme sehr gern, manchmal gehe ich direkt nach der Arbeit, weil ich dann nicht gleich schlafen kann, oder ich wache nach zwei, drei Stunden wieder auf, fr�h am Morgen, da ist die Schwimmhalle noch sch�n leer, und ich schwimme ganz alleine meine Bahnen.</p><p>Du bist sehr sch�n, du bist sehr s��. Danke, du bist lieb. Sekt, Sekt, jeden Abend Sekt, ach, Gro�mutter��, ja, mein Kind? und nat�rlich gie�en wir die H�lfte weg oder nippen nur, aber es l�ppert sich doch��</p><p>Das kennt er nicht, das Wort, ist einer von au�erhalb, also� l�ppert�, wei�t du, das hei�t sowas wie��, aber da ist er schon an meinen Br�sten und schraubt an ihnen rum. Ich wei�, dass die Silvana richtig laut ist und so, und ich versuche schon, es ihm recht zu machen, weil er ja dann vielleicht wiederkommt, und dass er oft in der Stadt ist, hat er erz�hlt.</p><p>Und wir sitzen immer noch und wieder und immer wieder unten an der Bar, und die Beatriz sitzt schon auf der anderen Seite neben ihm und wartet, dass ich ihn langweile, und ich trinke und lache und neige den Kopf und gebe mir doch richtig M�he jetzt, so wie ich�s kann, aber die Beatriz hat wirklich Feuer, so ein Latina-Typ, kommt ja auch aus Bolivien, ist bestimmt schon Mitte vierzig, sieht aber nicht wirklich so aus, ganz ehrlich, also wenn ich vierzig bin und noch so gut aussehe wie sie, und zwei Kinder hat sie auch, von denen erz�hlt sie manchmal, der eine Junge ist schon sechzehn, was sie dem wohl sagt, vielleicht habe ich auch zwei Kinder, wenn ich mal vierzig bin, ach, na ja, eins w�r schon sch�n, ein kleines M�dchen (Hat der jetzt echt� Du s��es F�tzchen �in mein Ohr gefl�stert, manchmal denke ich, ich krieg einen Sekt-Koller, und er st��t und st��t und kommt nicht zum Ende) oder auch einen Jungen, einen kleinen Jungen, aber ich habe einen ganz unsch�nen Traum, den habe ich komischerweise oft, und ich finde nicht raus, warum das so ist, da tr�ume ich, dass da jemand kommt, in das Haus, in dem ich dann wohne, dass ein Mann kommt, der ist nackt und hat �berall Haare, fast wie ein Fell, und der nimmt mir mein Kind weg��, ein M�dchen ist das.</p><p>Also die Beatriz macht wirklich fast alles, und wenn der das wei�, geht der bestimmt mit ihr hoch, die hat auch mal als Domina gearbeitet, war sogar angestellt bei der Lady K., glaube ich, die war stadtbekannt, ist aber im Gef�ngnis jetzt, wegen so einer Geschichte, die in dem Studio passiert ist, und ich habe auch schon geh�rt, dass Beatriz auch kurz im Gef�ngnis gewesen ist wegen der Sache��, hast dich im dunklen Wald verlaufen��, und da wache ich auf und will schwimmen gehen, will mich in dem lauwarmen Wasser treiben lassen und liege dann doch nur in der Badewanne, weil ich so fertig bin, und starre an die Decke und �berlege, ob ich mir den Mini mit der Englandfahne auf dem Dach jetzt oder doch erst n�chstes Jahr kaufe � der fetzt n�mlich, aber der Verk�ufer kann ihn nicht mehr allzu lange f�r mich zur�ckhalten.</p><p>Und da liegt er wieder auf mir und fummelt und schraubt an meinen Brustwarzen rum, seinen Gin Tonic hat er mit hoch genommen, und mir dreht der Kopf von den drei Piccolos unten an der Bar, obwohl ich, wenn�s hoch kommt, vielleicht die H�lfte getrunken habe, aber er hat so komisch geguckt, hab ich mir eingebildet, als ich immer nur so dran nippte, manche M�dels trinken ja gerne, und es gibt Tage, da geht bei mir auch was, aber dann eher ein Glas Wein. Habe heute schon sch�n mit den Piccolos verdient, deswegen will ich gar nicht meckern, weil doch vorhin schon einer mit mir am Tresen sa� und mir ein Fl�schchen spendiert hat, der ist dann aber mit der Anette auf Zimmer, die ist ein bisschen dicker, da kann man nichts machen, aber manchmal f�hle ich mich dann doch ein wenig leer, so alleine, das ist bl�d, ich wei�, ist gar nicht so sehr wegen dem Geld, nee, der n�chste Gast kommt bestimmt, und ich w�rde jetzt auch nicht sagen, ich bin deprimiert, dass der jetzt die Anette st��t, nee, ist einfach so ein kurzer Moment der Einsamkeit. Schwer zu sagen, und schnell vorbei. F�nf Piccolos, wenn ich richtig z�hle, da habe ich ja schon bisschen was verdient, krieg ja Prozente, und die Nacht ist noch lang. Manchmal, an ganz bl�den Tagen, bleibt kaum was �ber, obwohl Hans nur seine Geb�hr kassiert, wenn ich auf Zimmer geh, und je nachdem, f�r wie lange die G�ste zahlen, Model M/L nennt er das manchmal, wei� nicht, wie er das meint, was das bedeutet, also kassieren wir beide nichts, wenn ich keinen Gast habe, der mit mir hoch geht. Im� Penthouse deluxe �in Berlin, wo ich mal kurz gearbeitet habe, kassierte der Chef f�nfzig Prozent. Schon viel, finde ich, wo wir doch die meiste Arbeit machen.</p><p>Siehst du, jetzt gefall ich dir doch, und ich hab n�mlich gesehen, wie du immer zu Beatriz r�bergeguckt hast, direkt �ber meine Schulter. Meine Br�ste h�ltst du immer noch fest, w�hrend du mit dem Gesicht an mir runterrutschst. Ach, ich wei�, das hat die Steffi manchmal erz�hlt, wie gern du leckst. Und dass du ganz gef�hlvoll leckst, hat sie gesagt, nicht so hart und fest wie mit �nem Hobel, hat sie gesagt, weil da gibt�s Kerle, die saugen und dr�cken da an dir rum��, aber wei�t du, ich mach mir nicht viel draus, so oder so, o.k., kneifen muss es ja nicht, und auch wenn ich jetzt st�hne, ist eher so ein leises Piepsen, weil das m�gen die M�nner, ich piepse wie ein kleiner Vogel. Und du versuchst, meinen Kitzler zu finden, ihn genau mit der Zunge rhythmisch zu treffen, aber das ist nur sowas wie ein ganz leises fernes Pochen irgendwo in mir drin, nicht unangenehm, nicht angenehm, ist so, wie�s ist, und ich piepse wie ein��, hatten wir schon. Und pl�tzlich bin ich m�de.</p><p>Ach, die Beatriz, was h�ttest du bei der Beatriz gewollt, und ich mach eben nur das �bliche, was ja schon viel ist, und weil man das auch erstmal richtig machen muss, nur das, was ich ihnen sage, was ich vorher, also meistens auf dem Zimmer erst, sage, wenn sie nicht schon unten am Tresen fragen, aber meistens reden wir erst auf dem Zimmer richtig und reden dar�ber, was du denn willst, na ja, manchmal auch unten schon, das kommt immer drauf an, wer sich da schon was traut, nur ganz selten lass ich mich k�ssen, also auf den Mund, und mach den Mund dabei auf, fast nie eigentlich, aber��, irgendwie kann ich da mit umgehen, dass das manchmal passiert, schon komisch, weil die meisten M�dels sagen, nee, nie. Wie die Steffi. Die Silvana. Nie. Die hat immer, also zu mir, gesagt, dass sie das nicht weggibt.</p><p>Die Beatriz, ja warum denn die schon wieder in meinem Kopf drin ist, will ich gern mal wissen. Wir haben immer was zu lachen, wenn sie von ihrer Zeit bei der Domina erz�hlt, und sie war wohl auch noch woanders und �fters aktiv als Domina und in so Studios, vor der krassen Sache oder nachher, weil wir alle anscheinend nicht genau wissen, wann das nun genau war. Und ich meine, dass wir da lachen, mit ihr zusammen, und sie da wie �ne alte Showmasterin, <emphasis>mit allen Wassern gewaschene</emphasis> Showmasterin in unserer Mitte sitzt, ich meine, da finde ich die L�sterei, wenn sie mal nicht da ist, schon bl�d. Schon schei�e. Ja.</p><p>Weil wir da lachen m�ssen. Das glaubst du nicht. Wie die mal einen Gast gehabt hat, der wollte ihr Hund sein, der wollte das und hat sich nichts so sehr gew�nscht und auch da richtig viel Geld f�r gezahlt, sagt sie, und ich glaub das sofort, weil man ja selbst auch so G�ste und Kunden, die man so gehabt oder abweisen und wegschicken musste, weil man das ja nicht anbietet, Kacke und sowas, sie f�hrt den also spazieren, so richtig an der Leine mit Halsband, und der nur in T-Shirt und Shorts, weil der wollte das, dass die ihn spazieren f�hrt, dass die mit ihm Gassi��, da mussten wir immer so lachen��, und einmal ist die mit ihm raus, weil sie sich Zigaretten holen wollte, in so einem kleinen Sp�tverkauf, oder, ich glaub, das war ein Konsum, so einer von den Eck-Konsums, wie�s sie kaum noch gibt, Nachbarschaftsl�den nannten die das, also die Konsum-Leute, die Konsum-Chefs, so einer, wo die ganzen Alten immer hingehen, weil�s eben um die Ecke ist und sie alle kennen, die Verk�uferinnen und die anderen Alten, die da auch hingehen, und sie leint den da drau�en an, an �ner Regenrinne, glaub ich, an so einem Rohr, und vorher ist er hinter ihr her auf allen vieren �ber die Stra�e. Und wie sie ihn da anleint und in dem Laden drin ist, f�ngt er an zu jaulen und zu winseln, aber wie. Und als sie wieder rauskommt, da springt der Hundemann an ihr hoch, schreit fast, also so ein Freudenjaulen, leckt ihr die Schuhe, leckt ihr die Beine, kriegt sich gar nicht wieder ein. Ich glaub, wenn hier so einer w�re, wenn hier so einer einen auf Hund machen w�rde, der Hans w�rde ihn am Kragen packen und raus auf die Stra�e schmei�en. Obwohl��, wenn der Gast zahlt. Aber wir haben hier kein SM-Zimmer. Wird vielleicht noch.</p><p>Olaf hie� der, als ich achtzehn war, der so zart und lieb zu mir war, das kannte ich nicht so, und da habe ich schon gelitten, als der weg war. Und dann kam er wieder, zwei Jahre sp�ter. Und der war eigentlich, wenn ich so zur�ckdenke, der Einzige, bei dem ich was gesp�rt habe. Ist bl�d. Ist komisch. Aber ist, wie�s ist. Oder war. Hab eben immer die falschen Typen gehabt. Manchmal glaube ich, dass da was nicht stimmt mit mir. Aber da suche ich und find nichts, und es ist eben nicht immer die K�chenpsychologie. Wo�s mir doch gutgeht. Und ich jede Menge Zeit so f�r mich habe. Nach der Arbeit.</p><p>Er rutscht wieder an mir hoch, Zunge wohl m�de geworden. Und ich sehe, dass er fast steif ist. Das wird leicht. Manchmal muss ich sie bearbeiten wie verr�ckt, dass mir fast der Arm abbricht, weil sie zu viel getrunken haben. Oder wenn ich sie ewig blasen muss, ich hab nunmal einen kleinen Mund, dann knackt das, wenn ich mir selbst die Wangen und die Kieferknochen massiere und meinen kleinen Mund �ffne und schlie�e. So kommt�s mir jedenfalls vor. Verspannt, verkantet und verkannt. <emphasis>Ach, Rotk�ppchen�� Ja, Gro�mutter? Warum hast�n du so einen schiefen Mund, mein M�dchen</emphasis>. Bleib mir blo� weg mit dem Sekt. Ob ich ihn dir lutsche? Na klar. S��er, was denkst du denn, wo du bist? Das Letzte sage ich nicht, weil er nat�rlich genau wei�, wo er ist. Plus Tr�ume. Plus Illusionen. Da l�chele ich und ziehe ihm einen Gummi dr�ber. Manche M�dels k�nnen das mit dem Mund, ich m�chte das auch mal probieren.</p><p>Die G�ste sollen ja drauf abfahren, habe ich geh�rt. Eigentlich egal. Ging immer so. Ja.</p><p>Er wird jetzt richtig hart. Und w�hrend wir noch unten und vorhin und dann sp�ter und immer mal wieder an der Bar sitzen und die Achtziger um uns rum dudeln, beobachte ich dich. Wie du doch ein bisschen unruhig bist. Nur ein bisschen. Wir sind beide routiniert. Das passt schon.</p><p>Nach der Arbeit geh ich nach Hause, mache meine T�r zu und z�hle mein Geld. Also virtuell. Immer sch�n aufs Konto. Das meiste. Vieles lieber cash. Ich kenn den Hans schon lange. Da finden wir immer einen Weg. Wegen der Steuer. Letztens waren hier wirklich welche vom Arbeitsamt. Die Sitte, wie man so sagt, also die Bullen von der Sitte, filmm��ig, die kommen eigentlich nicht mehr. Ist auch alles sauber hier. Aber vom Amt, die sind die Sch�rfsten, die wollen Papiere, die checken alles. Hab ich kein Problem mit. Die wollen eben sehen, dass keiner doppelt kassiert. Also Staat macht und Club. Doppelt kassieren? Nee. Da w�r ich ja sch�n bl�d. Verdiene genug. Trotz Steuer. Und zahl privat in die Continentale. Keine Schleichwerbung. Eine von vielen. Krank werden m�chte ich nie. War�s auch nicht weiter gro� bis jetzt. Was ein Gl�ck. Bin ja auch noch keine��, also noch l�ngst nicht drei�ig. F�nfundzwanzig, sechsundzwanzig, vierundzwanzig, siebenundzwanzig, wie schnell das geht. Muss keiner wissen. Sehe mich auch immer noch ganz zufrieden in den Spiegeln.</p><p>Dass es da welche gibt, die auf den Prinz warten oder wie immer man so jemanden nennen will? Schon m�glich. Glaub ich aber nicht. Kann�s mir nicht vorstellen, obwohl eine winzige Nische oben im Hirn sicher immer offen ist f�r so einen Bl�dsinn.</p><p>Er wird jetzt richtig hart, als ich ihn im Mund hab, ja, ja, sch�n mit Gummi, da bin ich mittlerweile schon old school, obwohl ich ihn immerhin ohne Gummi anlutsche, kurz nur, aber dann ziehe ich ihm das Teil dr�ber, mit beiden H�nden, sch�n vorsichtig, vielleicht ist er entt�uscht, dass ich nicht ohne Gummi weiterblase, weil�s eben noch kurz ohne war, aber er ist immer noch hin und weg, drin und weg, in meinem Mund, und ich sehe, wie sein Kehlkopf sich auf und ab bewegt, sein St�hnen ein leises Gurgeln. Ich kann nicht sagen, wer von den M�dels, au�er der Beatriz, aber das ist eben auch viel Geschw�tz, jetzt bl�st und bl�st ohne Gummi, ich meine komplett.</p><p>Gute Nacht, mein Prinz, lass dich fallen.</p><p>Was soll das sein? Ich bin doch kein Bubi. Wir hatten mal einen Wellensittich, hie� der nicht auch Bubi? Ich und meine Schwester. Oder hie� der Rudi? Ich m�sste dr�ber nachdenken, und dann f�llt�s mir ganz bestimmt wieder ein. Ich wei� nur, dass sie auf ihn draufgetreten ist, aus Versehen. Wir haben schrecklich geweint, und Blut lief ihm ausm Schnabel, bis er dann endlich tot war.</p><p>Ich versuche, ihn sch�n weit hinter zu nehmen. Dann geht�s schneller. Dieses Deep Throat ist wirklich eine Kunst. Kann�s mir nicht vorstellen. Und glaube auch nicht, dass Miss Allesk�nnerin�B. das so kann. Nein, wirklich nicht. W�rgereflex abstellen. Hallo. Wie das? Nein. Man h�rt und liest das jetzt �berall, dass das jetzt hier und da auf den Sedcards auftaucht. Nutten-Punkt-Net. Eckis Radio. Undsoweiter. Ich bin m�de und w�rde jetzt gerne Filme gucken bei mir zu Hause oder in meinen B�chern lesen.</p><p>Und vor kurzem habe ich mit den M�dels vor Schichtbeginn diesen Film gesehen, dieses alte Ding, aus den Achtzigern oder sogar aus den Siebzigern war der, glaub ich, wo�s darum geht, dass da die M�dels die Klitoris, den ach so kitzligen Kitzler, was f�r ein bescheuertes Wort eigentlich, dass die den hinten, wie sagt man das? in der Kehle drin haben. Und dass die nur kommen k�nnen, wenn die Kerle da so richtig reinsto�en tun, na ja, das war schon was zum Lachen. Haben wir gelacht auch. Weil die dann Atomraketen gesehen haben, wenn sie dann gekommen sind��, im Hals nat�rlich. Ja, Kehlenorgasmus. Sch�ner Unfug. Aber immer noch besser, aber nicht wirklich, denn der war wirklich zum Wegschmei�en, dieser andere Uralt-Porno, wo so ein Typ eine Flasche findet, mit einem Flaschengeist drin, und der muss ihm, also der Geist, W�nsche erf�llen. Wie das eben nun mal so ist. Und der w�nscht sich erstmal Frauen, ja klar. Sch�ne, willige Frauen, ja klar. Gro�e Br�ste undsoweiter, ja klar. Aber weil ihm das irgendwann nicht reicht, was f�r ein Idiot, m�chte er gerne einen zweiten Schwanz haben, ein Typ mit zwei Schw�nzen, was f�r ein Albtraum, da waren wir uns alle einig. Und Hans nervte, weil gleich Schichtbeginn. Aber er hatte zu tun, weil vom Gro�handel die Piccolos undsoweiter geliefert wurden. Bleib mir vom Hals mit Rotk�ppchen. Und da ist ihm fast das ganze Zeug zu Bruch gegangen, ist ihm fast runtergefallen, und paar Fl�schchen konnte er echt nicht halten, so hat er sich erschrocken, weil wir mehr br�llten, als dass wir lachten. Weil dem Mister W�nschelrute der zweite Schwanz n�mlich auf der Stirn steif wurde. Wie ein Einhorn sah der aus. Sah wirklich echt aus, also in dem Film, nicht nur wie ein Umschnalldildo aufm Kopf.</p><p>Da war die Steffi noch da, als wir diesen Unsinn auf dem Fernseher �ber der Bar gesehen haben. Schade, dass sie woanders ist jetzt. Mit ihr habe ich manchmal noch einen Absacker genommen. Einen Campari oder einen Southern Comford oder einen Pernod, um den bl�den Sekt wegzukriegen. Und den Gummi. Da nimmt man schon die, die am besten schmecken, oder sich zumindest nicht wie�n gro�er Gummifinger von �nem Fingerhandschuh anf�hlen.</p><p>Ich glaube, dass sie, also Steffi, Sekt und Schampus und all das Prickelwasser ganz gerne gemocht hat, ganz gerne getrunken hat. Hat mich ja manchmal in den Star-Club eingeladen, der hei�t eigentlich anders, aber wir haben ihn immer Star-Club genannt, da haben sich paar von den M�dels manchmal noch getroffen, wenn sie Feierabend hatten oder am Wochenende. Da war auch der Hans manchmal da und der Alte und paar von den Leuten von den Securities oder die auch kleine Clubs oder paar Wohnungen haben. Da war damals richtig Party, auch mit Koks und so, aber ich bin nicht oft mit ihr dahingegangen, ich bleib ganz oft lieber zu Hause oder gehe schwimmen.</p><p>Komm, ich bin scharf auf dich, steck ihn mir rein. Ich drehe den Kopf ein wenig, w�hrend er sich auf mich legt, w�hrend wir unten am Tresen sitzen, ich drehe den Kopf ein wenig und l�chele, so wie ich immer l�chele, er wird langsam schwer auf mir, ich sage: Komm Baby, ich reite dich. Ich sehe die Uhr auf dem Nachttisch, zweite Runde noch knapp f�nfundzwanzig Minuten, ich h�re die Musik dumpf und leise von unten, sehe die roten Jalousien, ob man die Sterne sehen kann, ob die Nacht klar ist, ob es Regen geben wird bis zum Morgen? Wie das wohl ist, in so einer Wohnung zu arbeiten, wie die Steffi jetzt? Ich bin seit zwei Jahren in Hans seinem Club, ich war vorher ein halbes Jahr in W. bei M. Ich habe damals angefangen in diesem kleinen Laufhaus bei J., da warn die Berge ganz in der N�he, und ich bin manchmal wandern gegangen, jetzt fehlt mir das manchmal, obwohl ich viel schwimme und spazieren gehe auch manchmal, aber die Stadt ist so flach, weit muss man fahren, bis man in die Berge kommt, ja.</p><p>Und dann ist man wohl immer alleine. Ich meine, wenn keine G�ste da sind. Und wie viel G�ste da wohl kommen m�ssen, damit man bisschen Geld weglegen kann, schon richtig was bei rauskommt, wenn das so hundert Miete kostet am Tag, wenn man eine Wohnung beim Alten mietet, hab ich geh�rt��, aber o.k., da ist wohl dann alles mit drin, und kann alles in mein eigenes Portemonnaie tun, und die G�ste w�ren nicht so oft besoffen oder angetrunken��, die Steffi war schon clever, ja, das war sie, und sie wird sich schon was bei gedacht haben, als sie hier raus ist und in �ne Wohnung rein ist. Hat der Hans nicht gerne gesehen, dass sie wegwollte, weil sie gut mit ihm auskam, mehr als gut, wenn du verstehst, wie das Bett wieder mal knarrt heute, als ich mich immer schneller immer schneller auf ihm bewege, ihn abreite, obwohl, mal bisschen langsam, sind noch zwanzig Minuten, und nicht, dass er dann nochmal will oder kann, wobei ich mir das bald nicht vorstellen kann, weil er ja nun auch keine zwanzig mehr ist, <emphasis>ich mache mir nichts aus��, h�rst du!</emphasis>, und eigentlich bin ich doch gerne allein, oft allein, aber wenn ich auf Arbeit noch die meiste Zeit allein w�re�� Und da spritzt er. Ich sp�re ihn pumpen, sp�re seinen Schwei�. Und da beugt er sich zu mir r�ber, legt seine Hand kurz auf meine, die neben dem Ascher auf dem Tresen liegt, und dann gibt er einen aus. Hey, Rotk�ppchen. Danke.</p><p>Und ich m�chte gerne mal wieder am Tag arbeiten. Abends nach Feierabend dann in der Bahn sitzen und mit den anderen Feierabendfahrern nach Hause��, fr�h schweigen wir, abends reden wir und tuscheln wir, weil wir uns auf zu Hause freuen, die ganze Stra�enbahn freut sich auf zu Hause, Feierabend. Und dann k�nnte ich auch mal abends wieder weggehen, k�nnte vielleicht mal wieder ins Kino gehen, ein paar Freundinnen besuchen, aber wenn ich so dr�ber nachdenke, die meisten sind weg aus der Stadt, und die anderen wohnen in meiner Heimatstadt, das ist n�mlich nicht hier, und die M�dels von Arbeit��, na ja, die will ich nun nicht st�ndig sehen, obwohl wir fr�her manchmal schon was zusammen gemacht haben, aber die meisten hingen dann blo� im Star-Club ab.</p><p>Dort um die Ecke, wo Steffi in der Wohnung arbeitet, ist immer der Rummel. Ich war noch nie bei ihr, also bei ihr auf der Arbeit, aber ich wei� ungef�hr, wo das ist. Wir sind da als Kinder immer hin. Ich, meine Mutti und meine Schwester. Und in der Geisterbahn, wie wir da gekreischt haben manchmal. Wir waren immer ganz wild auf den Rummel und vor allem auf die Geisterbahn. Obwohl die eigentlich nicht wirklich gruselig war. Und da gab�s auch so eine kleine Eisenbahn, die haben so zwei alte Leutchen betrieben, sie hat die Fahrkarten verkauft, und er war der Schaffner, und links und rechts waren lauter Holzfiguren und Geb�ude, Ritter und Zauberer und Schl�sser und Hexenh�tten, ein kleines M�rchenland, Runde um Runde sind wir da durchgerattert, und manchmal kam�s uns vor wie Stunden und l�nger noch, und da k�nnt ich mit Steffi doch mal hingehen, also nicht unbedingt in die Eisenbahn, sowas gibt�s da bestimmt auch nicht mehr, aber Achterbahn und richtig schnelle Karussells, ich bin manchmal dran vorbeigegangen oder mit der Bahn dran vorbeigefahren, und hab das Knallen der Luftgewehre geh�rt, vielleicht konnte man das gar nicht h�ren in Wirklichkeit, also die Luftgewehre, aber ich hab�s genau geh�rt, weil ich doch so gut Luftgewehrschie�en kann, und ich hab lange �berlegt, einfach mal reinzugehen, mich da treiben zu lassen, von Bude zu Bude, von Fahrgesch�ft zu Fahrgesch�ft, und eben mal den gr��ten B�ren, oder was die da haben, zu erschie�en. Also den mir zu erschie�en. Aber w�re mir bl�d vorgekommen, mit so �nem Riesen-Pink-B�r durch die halbe Stadt, obwohl das vielleicht auch irgendwie sch�n gewesen w�re.</p><p>Und Steffi, die w�rde staunen, die w�rde aus dem Staunen gar nicht mehr raus��, wie ich da uns Pl�schtier um Pl�schtier und Sangria und Kulis und Aschenbecher, der Olaf hat mir das damals beigebracht. Nein, Vater hat�s mir beigebracht. In der kleinen Stadt, wo ich herkomme, da gibt�s auch �ne Sternwarte. Waren wir mit der Schule drin, war ich auch mal mit Olaf drin. Wir haben viel zusammen gemacht, auch wenn�s nur kurz war. Vati hat mir das beigebracht, das mit dem Luftgewehr. Ganz fr�her, als ich noch klein war, vor der Wende, da ist er oft jagen gegangen mit so Leuten aus der Politik oder so, hat er manchmal von erz�hlt, aber nicht so viel jetzt. Aber er hatte kein richtiges Gewehr mehr, nur das Luftgewehr noch. Das sah schick aus, gl�nzendes Holz, wie so Edelholz, der Kolben. Im Garten haben wir oft geschossen. Meine Schwester war nicht so gut. Ich glaube, dass sie das Gewehr jetzt hat. Sie hat das meiste von Vati mit zu sich genommen, als er gestorben ist. M�chte ich nicht dran denken. Ich w�rde sie gerne mal besuchen fahren. Ist aber nicht mehr so einfach, seit Mutti das wei�. Mutti, sage ich, ich tanze da nur. Meine Schwester wohnt wieder im Haus, seit sie den Job nicht mehr hat. K�nnte ja hier anfangen, jederzeit. Aber nee��, ich bin m�de langsam. Sitze an der Bar und warte auf einen Gast, der nett ist und mit mir �ne Stunde nach oben geht. Oder zwei, drei Quickies. Nach Mitternacht kommt immer noch �n Schwung.</p><p>Mein Handy hat die ganze Zeit geklingelt, und ich bin nicht rangegangen, kannte ja die Nummer. Mutti schreibe ich oft noch. Im Juli hatte sie Geburtstag. Ich arbeite in einer Bar, Mutti, habe sogar einen Cocktaillehrgang gemacht. Warum ich es ihr nicht erz�hlen kann��, ich bin sechsundzwanzig und hab mich selbst entschieden. Und wie sie mich angeguckt haben, als sie�s wussten. Als h�tt ich irgendwas, als w�r ich krank. Weil�s jemand im Internet gesehen, weil mich da jemand erkannt hat, irgendeine von Muttis bl�den Freundinnen. Ich w�rde gern wieder mal in die Sternwarte gehen. Wir durften durch das gro�e Fernglas schauen. Planeten und Sterne. Wenn man mit sowas in die Sonne schaut, wird man blind.</p><p>Manchmal beneide ich Steffi, weil die mit ihrer Familie nichts mehr zu tun hat. Und auch gar nichts mehr zu tun haben will. Ich hoffe und glaube, dass Mutti das akzeptiert, dass ich das mache, was ich mache, weil ich mich entscheiden kann. Jederzeit.</p><p>Und ich kann das verstehen, dass die Steffi da keinen Kontakt mehr hat und will. Ihre Eltern sind in den Westen gegangen, abgehauen, da war sie noch ganz klein. Und da musste sie dann eine Zeitlang ins Heim, in so eine Art Heim, und dann zu einer Pflegefamilie. Sie ist dort dann ein paarmal abgehauen, hat sie mir erz�hlt, als wir mal auf einen unserer eher seltenen Absacker waren, an die ich so gerne zur�ckdenke. Die Frau h�tte ihre Gro�mutter sein k�nnen. Was o.k. gewesen w�re, sagte sie, aber sie war wohl einfach �ne furchtbare Alte. �ne richtige Vettel muss die gewesen sein. Und da hat sie die Speisekammer leer ger�umt, alles in den Rucksack rein, was da eben so reinpasste in den kleinen blauen Campingbeutel, und ist abgehauen. Und da das nicht so einfach war, in der DDR abzuhauen, ich meine, heute geht das auch nicht richtig, mal eben so als Neunj�hrige abzutauchen, aber Bahnhof Zoo und Co., nein, Mutti, das hat �berhaupt nichts, aber auch gar nichts mit meiner Arbeit zu tun.</p><p>Renn, M�dchen, und versteck dich im Wald��</p><p>Ich kann mich kaum noch an was aus dem Osten erinnern, war eben noch zu klein, f�nf Jahre zur Wende, aber Vater hat oft erz�hlt. Hat Zeit gehabt, war meistens zu Hause, hat mir�s Luftgewehrschie�en beigebracht.</p><p>Er wird immer schneller, na komm, na komm, spritz, spritz, ja, ja, ja! Meistens kommen sie ja schneller, wenn man sie anfeuert. Kann ein Stammgast werden. Der sieht zufrieden aus. Stammg�ste sind echt wichtig. Da geht vieles leichter. Wenn sie denn halbwegs sympathisch und vor allem gepflegt und sauber sind. Einen Stammkunden habe ich, der ist mir richtig unangenehm. Fragt jedes Mal, ob ich nicht doch ohne Gummi blase. Komm in f�nf Jahren wieder, vielleicht muss ich��, nee, m�ssen tu ich nix, aber vielleicht mach ich�s dann wirklich oder habe mich zur Ruhe gesetzt. Kleines Haus. M�sst mir einen suchen, der nett ist, Geld hat und mir viel meine Ruhe l�sst. Sex k�nnen wir schon haben, denn aus Sex mach ich mir nichts�� Die Steffi, die hat immer gerne Sex gehabt. Viel. Schon zeitig. Bei mir ist das eben alles rein��, klingt jetzt bl�d��, mechanisch, und dann eben professionell, dass mir das nicht nahegeht. Normal, sag ich mal. In meiner Kindheit��, ich war immer sp�t. Meine Schwester, die ist anderthalb Jahre j�nger, die hat masturbiert, da habe ich��, ach, was wei� ich. Vielleicht verpass ich ganz viel, und vielleicht kommt das noch. Glaub ich aber nicht. Weil ich doch mehr Sex gehabt habe als die meisten, rein gesch�ftlich. Streicheln, kuscheln, ja. Sch�n ist das, ja. So wie mit Olaf. Damals. Ist nicht so, dass ich da nicht dran denke, manchmal.</p><p>Der Behaarte fragt mich manchmal, ob ich ihn nicht auch privat besuchen k�nnte, also nat�rlich w�re er da auch entsprechend spendabel. Er h�tte ein Haus, eine Villa, am Stadtrand. Na klar, und bestimmt gibt�s da auch einen Keller. Er ist paarmal mit Beatriz aufs Zimmer, und die hat erz�hlt, dass er ein Switcher ist. Hat ich noch nie geh�rt. Dass er von ihr mit �nem Dildo hart gesto�en werden will und dass er aber auch gerne ihren Po st��t und sie beschimpft dabei. Irre. Da wird mir kalt.</p><p><emphasis>Nicht das Geringste habe ich dir gestohlen!</emphasis> Was? Nein, nichts, es geht Richtung Feierabend. Manchmal denke ich, hier spukt�s. Spuk unterm Rotlichtbogen. Wie hie� dieser Film, dieser DDR-Kinderfilm gleich nochmal? Spuk unterm Riesenrad? Spuk im Hochhaus? Oder warn das zwei Filme, zwei verschiedene Filme? Ich habe die sp�ter, also nach der Wende, im Fernsehen gesehen, auf dem Zonensender bringen sie ja immer diese alten Dinger, aber sehr sch�n, nein, wirklich. Da habe ich Vater verstanden. Dass der so��, traurig w�r da jetzt das falsche Wort��, nach der Wende, als die Wende kam. War ich noch sehr klein. Bald ist Weihnachten. Lichterb�gen in den Fenstern. Quatsch, was erz�hlst du, M�dchen, noch �ber �n Vierteljahr. Manchmal denke ich, hier spukt�s. Wie in einem gro�en alten Schloss. So wie die Kollegin�B. immer von diesem Studio erz�hlt hat, hab ich mir das immer als Schloss vorgestellt. Zumindest wie �ne gro�e alte Villa. Wo die dieses M�dchen, diese Frau, diese Sub, fast tot gemacht haben. Die sie da als Zofe ausgebildet und in den Schrank geh�ngt haben. Mit Nadeln gespickt. Und lauter so Sachen. Und irgendwie ist das dann wohl au�er Kontrolle geraten. In diesem Film konnte der eine mit dem Kopf durch die Wand, und einmal kam er aus dem Abfluss vom Waschbecken, und da haben ihm die Kinder immer wieder eins mit der Bratpfanne �bergebraten. Das war sowas wie ein Geist, der mit seiner Frau, die auch Geist nat�rlich, gute Taten vollbringen m�ssen in diesem DDR-Hochhaus, weil sie vor hundert Jahren oder l�nger einen Polizisten umgebracht haben, der ihnen auf die Schliche gekommen ist, weil sie R�uber waren. Hatten eine Schenke und haben dort die G�ste ausgeraubt und auch gleich totgemacht. Und haben sie die nicht auch in den Schrank geh�ngt erst, aber vielleicht kommt da jetzt was durcheinander bei mir. Im Kopf im Kopf. Da klopft�s. Nee, nat�rlich nicht.</p><p>Und dann k�nnte ich mir ja eine Wohnung mit der Steffi teilen, wenn ich jetzt so dr�ber nachdenke. Er ist fertig. Liegt neben mir. Ruh dich nur aus, hast dich ganz sch�n abgerackert.</p><p>Und dann k�nnten wir auch mal ins Kino gehen, nach Feierabend, gemeinsam. Was war das nur f�r ein Film, den wir mit den M�dels damals gesehen haben zusammen? Die meisten sind weitergezogen inzwischen. Manchmal kommen sie wieder, und dann gibt�s �n Hallo, du wieder! Ist schon ein Kommen und Gehen. Das fahrende Volk. Aber ich hab irgendwie meinen Platz gefunden hier. Sitze an der Bar, lasse mich treiben im Strom der Musik, der Lichter, der Stimmen, die T�r �ffnet sich, G�ste, Kundschaft, G�ste, Hans musste vor kurzem eine neue L�ftung einbauen, wegen der Rauchergesetze, das ist schon deutlich besser, und ich habe mir echt vorgenommen, mal ganz aufzuh�ren, aber noch bin ich jung und kann das alles ab. Der Rauch und die Nacht und der Sekt, das zehrt auf Dauer. Muss mir keiner was erz�hlen. Aber ich mag die Nacht.</p><p>Ja. Man ist irgendwie auf der anderen Seite. Auch wenn das komisch klingt jetzt. Was Besonderes. Nachtarbeiter. Wir sind mit der Stille verb�ndet. Ich denke manchmal, dass wir alle Schlafwandler sind. Auch wenn�s hier immer und oft hoch hergeht.</p><p>Halt das Kondom nur sch�n fest, das war ein Fest, was? warte, ich nehm�s sofort in die K�chenrolle.</p><p>Hans wollte, dass ich mich Mandy nenne. Fand ich erst bl�d, aber hab mich dran gew�hnt. Wie die Mandy, sagte er anfangs manchmal. Relativ oft. Weil da vor Jahren schon mal eine Mandy in seinem Club gearbeitet hat. Ich glaub, dass er in die verliebt war. Jedenfalls stell ich mir das manchmal vor. Und denke dann, dass ich auch wieder gerne verliebt w�re. Dass dann vielleicht alles anders werden w�rde. Mit Sex und Spa� und Rock �n� Roll. Aber ich glaube, das ist durch. Obwohl ich ja noch jung bin. Dort, wo ich herkomme, da gibt�s den Max, der war bis letztes Jahr Jungfrau. Mit Ende zwanzig, muss man sich mal vorstellen. Obwohl, ich kann�s. Also mir das vorstellen. Und jetzt hat der geheiratet. War seitdem nicht mehr da. Und als ich da war, und kurz auf seine Hochzeit, da habe ich Mutter auch nicht gesehen. Weil sie�s nicht wollte. Alles geht irgendwie immer weiter.</p><p>Leicht verdientes Geld, sage ich mir oft. Der Typ sitzt auf der Bettkante und zieht sich an. Sein R�cken ist feucht. Wer verdient schon hundertzwanzig in der Stunde. Zehn Minuten auf der Uhr. Jetzt redet er. Sagt, er hei�t Holger. Bietet mir eine Zigarette an. Danke. Er gibt mir Feuer, und ich reiche ihm sein halbvolles Glas Gin Tonic. Er trinkt und raucht und erz�hlt so dies und das.</p><p>W�hrend ich kurz abschalte und in mir versinke und Kraft sammele, kleine F�nfzehn��, und so ein h�bsches M�dchen wie du�� Ach, nee. H�r auf bitte. Fang jetzt blo� nicht an, dass ich das nicht n�tig h�tte. Ich mach�s n�mlich, weil ich will, verstehst du?</p><p>Und unten an der Bar und oben auf dem Zimmer, Bar, Zimmer, <emphasis>die gr��ten Hits der 80er</emphasis>, Hans, dieses supergute Gel ist alle! Rotk�ppchen, nein, Gro�mutter��, vor kurzem ist Maike hier aufgetaucht, <emphasis>Hans, ich glaube, das Bett ist mal wieder hin�ber</emphasis>, hat dann paar Wochen hier gearbeitet. Letztens waren Engl�nder hier und die Japaner. Ich glaub, mein Englisch ist noch ganz gut. Ist eine Freundin von Olaf, die Maike. Oder war�s jedenfalls. Bin ich aber schon l�ngst dr�ber weg. Im Prinzip. So lange her schon. Die Maike ist schon in Ordnung. Hat mir damals im� Deluxe �alles gezeigt, alles erkl�rt.</p><p>Und wieder wird es Morgen. Und wieder wird es Morgen. Und sp�ter, im warmen Wasser des Schwimmbeckens drehe ich mich auf den R�cken, liege einfach, ohne zu sinken, treibe und f�hle eine gro�e Ruhe in mir, als ich durch das gew�lbte Glasdach in den bew�lkten, tr�ben Himmel blicke. Der dann blau wird, in dem ich mich spiegele und sehe, wie ich da treibe und liege. Wie gut sich das anf�hlt.</p></section><section><title><p><strong>Amalgam</strong></p></title><p>Der Flic, <emphasis>le</emphasis> Bulle, der Hauptmann, der ewige Greifer, der Schn�ffler, der alte Cop liegt im Herzen der Meere, als sie drau�en vor der gro�en Stadt die Moore ausr�umen, trockenlegen und <emphasis>urban</emphasis> machen (wie einst die Bauern das Land <emphasis>urbar</emphasis> machten, seine Gro�v�ter den Boden, die harten Erden einst noch mit Hilfe von Sprengstoffen lockerten), neues Bauland erschaffen, weil dort die Stadt hindr�ngt, die Vorst�dte expandieren, Waben von Einfamilienh�usern, Siedlungen, durchbrochen von den flachen Quadern der Gro�m�rkte, Superm�rkte, Baum�rkte, er erinnert sich, w�hrend er langsam aus diesem Traum auftaucht, den er immer tr�umt, von einer unendlichen Fl�che Wasser, kein Schiff, kein Land, nur hin und wieder ein Fisch, ein Wal, etwas <emphasis>Gro�es</emphasis> zumindest, das aus der Tiefe kommt, diesem <emphasis>Blau</emphasis>, diesem <emphasis>Schwarz</emphasis>, er erinnert sich und sp�rt das Kribbeln seiner eingeschlafenen H�nde.</p><p>Als sie die K�rper finden, im Boden, im Moor, w�lzt er sich von der gro�en dicken Frau, mit der er sich abqu�lt, als wollte er sich selbst qu�len, denn f�r sie scheint das alles keine Qual zu sein, aber was wei� man schon, sie versteckt sich ja inmitten ihres ungeheuren Fleisches. Er taucht auf, aus den Tiefen, Tausende Meter.</p><p>Bluthochdruck. Stechen im Kopf. Er sp�rt seine Gef��e und sein Hirn hinter den Glask�rpern seiner Augen, ein Druck, hinter der Aderhaut, hinter der Netzhaut, wo sich alles spiegelt, wo der blinde Fleck sitzt. Punkte, Striche, Ellipsen flimmern vor ihm durch den Raum. Er muss eine Tablette nehmen. Kommt sicher von dem Sekt.</p><p>Er war hinabgesunken in diesem Traum, tief ins Blau, ins dunkelblaue Schwarz. Dort sieht er manchmal Ruinen, Mauern, der Boden ist faltig, diese Reste von St�dten, oder was immer das sein mag, sind halb versunken im zerkl�fteten, faltigen Boden, Tempelanlagen vielleicht, denkt er manchmal nach dem Erwachen; er ist sechsundf�nfzig, seit siebzehn Jahren in der Stadt, und seitdem hat er diesen Traum. Er hat schon oft �berlegt, sich versetzen zu lassen, zur�ck nach K�ln, vielleicht zum BKA, zur�ck zum BND, wo er einst als junger Mann in den Kellern hockte und forschte, Fotos, Materie, Fleisch, oder er k�nnte sich pensionieren lassen und irgendwo an die K�ste ziehen. Die Luft des Meeres w�rde ihm guttun. Er hat eine kleine H�tte, eine Datscha, wie sie <emphasis>hier</emphasis> und <emphasis>dort</emphasis> sagen, in der N�he der Grenzstadt, am Grenzfluss, oben im Nordosten. Billig gekauft vor zehn Jahren. Weit weg von <emphasis>hier</emphasis>. Im Niemandsland zwischen Polen und Deutschland. Er hat ein kleines Motorboot dort, das im Winter in einem winzigen Schuppen steht, seinem Bootshaus, er nimmt sich seit Jahren vor, einmal bis hoch zur M�ndung zu fahren, ins Haff, diesem gro�en verzweigten Becken, aus dem drei schmale Arme ins Meer f�hren. Er ringt nach Luft, wie jedes Mal, wenn er aus dem Traum von der Tiefe erwacht. Sein Handy auf dem Nachttisch. Neben den zerrissenen Verpackungen der Gummis. Er h�rt sie im Bad, h�rt das Rauschen der Dusche. Sie hat nicht viel Kundschaft, das wei� er, und deshalb ist ihre Haut nicht trocken wie Pergament, die M�dchen, die nach jedem Gast duschen, meistens machen sie das sowieso nur am Anfang, wenn sie noch neu sind. Bei ihr, denkt er, glaubt er, ist es ein Zeichen, dass es ihr gutgeht, dass sie gute Laune hat. Weil sie auch singt. Das muss am Sekt liegen. Aber den trinkt sie immer. Schon beim ersten Mal, wie lange ist das jetzt her? �ffnete sie die T�r im Morgenrock, oder war es ein seidener Unterrock? oder wie immer man das auch nennt, ein Sektglas in der Hand, lachend, dass ihre Titten und ihre H�ften wie G�tterspeise bebten:�Mein Guter, komm rein, die Sonne geht auf!�Und es war wirklich am Morgen gewesen, aber ein Wintermorgen, die Sonne ein fahler zerrissener gelber Fleck hinterm Dunst und f�r sie sicher nicht zu sehen, Erdgeschoss, die Jalousien geschlossen, nur in der K�che f�llt etwas Tageslicht durchs K�chenfenster, ein kleiner Hinterhof, das sieht er im Vor�bergehen durch die angelehnte T�r.</p><p>Er hat immer noch Kopfschmerzen und sp�rt den stolpernden Schlag seines Herzens. Er wei� nicht, wer nach ihr hier arbeitet, wenn sie um sechzehn Uhr geht, oder ob ab zw�lf schon jemand kommt. Er sieht die zwei Anrufe auf dem Display, sieht, dass er beim ersten rangegangen sein muss. Ein kleiner Briefumschlag blinkt, und er �ffnet die SMS, liest die Wegbeschreibung.�Waterworld�, sagt sie pl�tzlich und sitzt neben ihm. Wasser tropft aus ihren Haaren auf seine Beine und seinen Bauch.</p><p>�Was?�Er richtet sich auf, und sie massiert ihm die Eier, streicht durch sein graues Schamhaar.�Lass. �Er schiebt ihre Hand weg.�Ich bin keine f�nfundzwanzig mehr.�</p><p>�Ach, mein Gutster, ich mach ihn dir ratzfatz wieder hart.�</p><p>�Ich muss los.�</p><p>Er ist sehr sparsam mit den Viagra, eine viertel Pille, eine halbe Pille, nie mehr, aber er merkt es trotzdem und setzt sich wieder hin. Es ist unvern�nftig, noch Sekt dazu zu trinken. Er wird Blocker nehmen m�ssen, nachher, um das System etwas runterzufahren. Ihm ist schwindlig, aber die Kopfschmerzen verschwinden langsam. Das Blut sinkt.</p><p>�Na, dieser Film mit Kevin Costner, wo sie die ganze Zeit auf dem Meer sind, wo die so durchs Wasser, und er kriegt schon Schwimmh�ute am Ende. Zwischen den Zehen.�</p><p>�Und was hat das mit mir zu tun?�</p><p>�Wegen deinem b�sen Traum.�</p><p>�Was wei�t du von meinem Traum? Woher wei�t du, was ich tr�ume?�Er will ihre Hand wieder wegschieben, aber sie hockt schon vor ihm.</p><p>�Weil du�s mir erz�hlt hast, mein Guter!�</p><p>Er blickt kurz auf das metallische, stumpf gl�nzende, schw�rzliche Silber ihrer Plomben, als sie den Mund �ffnet und anf�ngt, seinen halbsteifen Schwanz zu lutschen.�Du bist der Einzige�, nuschelt sie, und sein Schwanz federt mit einem <emphasis>Plopp</emphasis> aus ihrem Mund,�der Einzige, dem ich�s ohne Gummi mache, meine Sonne. �Er wei�, dass sie l�gt. Er kennt ja ihre Annonce, <emphasis>Franz�sisch ohne, Franz�sisch beidseitig</emphasis>. Er erinnert sich an ihren Geruch, als sie das erste Mal nackt vor ihm lag. Und wie er erschrocken ist, als sie die T�r �ffnete. Das Sektglas in der Hand. Fr�h halb neun.�Ohhh, die Sonne geht auf, komm rein, mein Guter!�Er hatte kein Frauenbild, das ihm behagte, das er bevorzugte. Blond, dunkel, schlank, vollschlank, gro�e Titten, kleine Titten, lange Beine, gro�er Arsch�� Aber mit so einem dicken Weib hatte er noch nie gebumst. Und er hatte auch nicht damit gerechnet, eine Hundertzwanzig-Kilo-Frau anzutreffen, unter� fraulich�, wie in ihrer Annonce zu lesen war, hatte er sich etwas anderes vorgestellt. Er mochte das altmodische Wort� bumsen�. Oder war sie es, die es benutzt hatte?� Komm, bums mich richtig durch!�Warum nur ging er seit diesem ersten Mal immer wieder zu ihr?� Wo ist eigentlich deine Katze?�, fragte er, als sie im Bad war. Er h�rte, wie sie seinen Saft ins Waschbecken spuckte und sich den Mund aussp�lte und gurgelte. <emphasis>Franz�sisch total</emphasis> stand nicht in ihrer Annonce. Und wahrscheinlich log sie nicht, wenn sie sagte, dass er der Einzige war, bei dem sie das machte. Es ist gut, einen Bullen bei Laune zu halten. Sein Telefon klingelte, keine Melodie, nur ein Art Tonleiter, er konnte sich nicht erinnern, das so eingestellt zu haben. Er packt sie an den Schultern, als er kommt. Krallt seine Finger in ihr Fleisch. Sieht rote Sterne, weil ihm der Kopf fast platzt. Er hustet, sein Hals kratzt. Wie alt sie wohl ist? Schwer zu sch�tzen. Anfang drei�ig, Ende drei�ig. Vielleicht auch �lter. Nein, eher j�nger.�Was f�r eine Katze?�Sie streckt den Kopf ins Zimmer, eine Zahnb�rste im Mundwinkel. Schaum am Kinn. Er f�hrt mit den Fingern durch ihre Zellulite, durch ihre Wachstumsnarben auf den Oberschenkeln, w�hrend sie sich vor ihm auf dem gro�en Bett bewegt.�Ich hab keine Katze, und schon gar nicht hier, mein Guter! Die einzige Katze ist die hier!�Sie lacht und wiegt sich in den H�ften und zieht ihre Schamlippen mit beiden H�nden auseinander, verschiebt dabei die Wellen ihres Bauches. <emphasis>Give me pink</emphasis>. Dann verschwindet sie wieder im Bad. Er nimmt seine Unterhose von dem Stuhl, dann seine Hose. Er sucht die Blocker in seinen Jackentaschen. Er braucht was zum hintersp�len, will aber keinen Sekt mehr. Er will ihr Champagner mitbringen, seit einer ganzen Weile schon hat er sich das vorgenommen. Seit �ber einem Jahr schon. Aber immer Rotk�ppchen halbtrocken. Dann nimmt er doch einen kleinen Schluck aus seinem Glas und w�rgt die Tablette runter. Setzt sich wieder aufs Bett und lehnt sich mit dem R�cken an die Wand. Nach wenigen Sekunden schon sp�rt er, wie sein Herz ruhiger schl�gt. Wie sich Ruhe in seinem ganzen K�rper ausbreitet.�Ich gehe nachher Kaffee trinken mit meiner Mutti. Ich mach heut zeitig Feierabend.�</p><p>�Machst du richtig. �Er k�nnte schw�ren, dass er anfangs diese Katze hier rumstreichen sah. Vielleicht ist die Katze in dem verschlossenen Zimmer. Die Wohnung hat zwei kleine Zimmer, die T�r des einen ist immer verschlossen, wenn er am Morgen oder Vormittag kommt. Er wei� nicht, wer die Wohnung vermietet, hat nie gefragt. Der Alte sicher. Der Mann im Schatten, der Mann hinterm Spiegel, hat nur wenige Wohnungen, in denen die Frauen sitzen. Die Frauen sitzen in seinen Clubs. Aber vieles kann sich �ndern, von heute auf morgen, und der Bulle, der ewige Cop, der Hauptmann, ist sich nicht sicher, ob er auf dem neuesten Stand ist. In Clubs oder Laufh�usern ist er seit K�ln nicht gewesen. Vielleicht arbeitet sie allein hier und auf eigene Rechnung. Er m�sste das doch wissen, nach all den Monaten, Jahren. Es gibt nicht viele Frauen in der Stadt, die auf eigene Rechnung arbeiten. Beziehungsweise in der eigenen Wohnung. Ohne Tagesmiete. Das wei� er.</p><p>Waterworld. Er hat noch nie davon geh�rt. Kennt sich nicht gut aus mit Filmen. Kann sich nichtmal erinnern, wann er das letzte Mal im Kino gewesen ist. K�ln? Nein, das ist nun doch zu lange her.</p><p>Er dachte, dass er nie jemandem von dem Ertrinken in diesem dunklen Meer, in und auf und unter dieser schwarzblauen Fl�che, erz�hlt hat. Sie summt und singt, w�hrend sie sich drau�en anzieht. Er f�hrt mit seiner Zunge durch die Wachstumsnarben auf ihren Oberschenkeln. Oder was er daf�r h�lt, diese schneewei�en Spurrinnen in ihrem Fleisch. Es w�rgte ihn fast, als er sie das erste Mal leckte. Die Zunge brannte ihm, so feucht, so nass und so sauer war sie.�Oh, mein Guter, die Sonne geht auf. �Der antiseptische Seifenspender auf dem Rand des Waschbeckens. Das breite Feld ihrer kurzen Stacheln auf seinem Gesicht. Jetzt klingelt <emphasis>ihr</emphasis> Telefon, irgendwo im Flur. Sp�ter h�lt er an einer Tankstelle und trinkt eine Dose Cola. Es ist dumm, denkt er, dar�ber nachzudenken, wer <emphasis>so etwas</emphasis> mag. Wer sie wohl mag. Wer au�er ihm zu ihr geht. Anfangs wollte er manchmal umdrehen, die paar Stufen runter zur Haust�r gehen, Hochparterre, und wieder verschwinden. Zur�ck ins Pr�sidium. Zur�ck zur Arbeit. Aber da war etwas in ihrer Stimme, in ihr, an ihr, wie sie ihn lachend ansprach, ihr dickes rundes Gesicht, ihre riesigen, h�ngenden Br�ste. Die er jetzt leckt und k�sst. Sekt am Morgen, Sekt am Vormittag. Es war die einzige Annonce, in der <emphasis>8.00</emphasis> stand. Die meisten der M�dchen beginnen die Arbeit um neun oder um zehn. Die Luft und die Stadt kalt, die fleckige Sonne hinter den H�usern, Berge von schmutzigem Schnee an den Stra�enr�ndern. Sein Auto zwei Seitenstra�en weiter. So wie jetzt auch. Er hat f�r drei Stunden bezahlt, wie immer, und m�chte bleiben. Sp�rt, wie der Blocker ihn beruhigt. Den Kampf gewinnt gegen die rosa Pille, die halbe Pille, die er genommen hat nach dem Aufstehen, aus dem kleinen Lederetui, in dem er fr�her seine Zigaretten aufbewahrte, ein Geschenk von��, <emphasis>Oh my lover</emphasis>, ist das Musik aus der K�che? ein jaulender englischer Schlager. Sie werden gleich wieder anrufen. Vor siebzehn Jahren, und auch noch vor f�nfzehn Jahren, konnte er sagen, dass er sich verfahren hat, im Aderwerk der Stra�en und kleinen Stra�en, Stau, Baustellen, weil die Stadt sich bewegte und bewegt, damals machte er einmal einen Zeppelinrundflug und staunte �ber die gl�nzenden Eisenbahnschienen, die sich tausendfach verzweigen, schnurgerade, aber auch in wilden, harmonischen B�gen, Kurven und Ellipsen. Das war in einem unglaublich hei�en Sommer gewesen, und das Zentrum der Stadt leuchtete blau und rosa in den Abendstunden, aus dieser H�he gesehen. Als w�re es eine andere Stadt und nicht die, aus der sie aufgestiegen waren. Er sah die Bewegungen und das Ineinander-Verwachsen der H�user und Stra�en und Vororte. Den Bahnhof, die tempelartige Kuppel, die tiefer gelegenen Strecken, wie Schluchten, durch die die Z�ge und S-Bahnen langsam fuhren, die hochgelegenen Bahnd�mme, Br�cken und steinernen Viadukte, sah die d�nnen Rauchfahnen aus und �ber den Kleingartenanlagen, Angrillen, Abgrillen, sa� in der langen, schmalen Gondel unter dem aufgebl�hten Leib des Zeppelins und dachte, dass er���Meine Sonne, dein Telefon!�</p><p>Er hat sich jetzt ganz angezogen, sie sitzt neben ihm und streicht den Stoff seiner Jacke glatt und erz�hlt von dem Kaffeetrinken mit ihrer Mutti. Er hat den Anruf weggedr�ckt und das Handy in seine Innentasche gesteckt. Drei K�rper im Moor. Im Sumpf. Drau�en im Wald. Den sie jetzt abholzen. Ein W�ldchen eher. Unterwegs wird er halten und eine Dose Cola trinken. Vielleicht noch einen halben Blocker nehmen. Er geht vorsichtig um mit dem Zeug.�Wir fahren raus zu den Seen. Da gibt�s ein sch�nes Restaurant am Pier, direkt am Pier. Mutti hatte Geburtstag gestern.�</p><p>�Welche Seen?�</p><p>�Die gro�en Seen, mein Gutster. Da solltest du auch mal hin, da kriegst du bisschen Farbe!�</p><p>�Die gro�en Seen sind in Amerika. �Aber er wusste, welche Seen sie meinte, drau�en vor der Stadt, wo sie einst den Boden aufgew�hlt hatten, riesige Bagger, die nach Braunkohle w�hlten. Er hatte die Gruben noch gesehen, als er in die Stadt kam vor siebzehn Jahren, am s�dlichen Rand, direkt hinter den H�usern der Vorst�dte, riesige Gruben, in denen die Bagger demontiert wurden, die Flutung sollte schon bald beginnen, und jetzt, nach all den Jahren, war es zur Mode geworden, sich eine Jacht zu kaufen oder ein Boot, um �ber die Seen und die Kan�le zu schippern, wie Meerbusen, wie ein Bodden oder ein Haff wirkten sie auf die Ferne, als w�re man durch seltsame Portale von der flachen, flusslosen Stadt bis an die K�ste gereist.</p><p>�Mach�s gut, Schimanski!�</p><p>�Viel Spa� mit der Mutti.�</p><p>Er w�rde sie gerne fragen, wie alt sie ist. Mitte drei�ig, hatte er von Anfang an gesch�tzt. Aber er wusste, dass man sich da gut t�uschen kann, wie bei den Toten. Er erinnert sich, wie sie einmal in K�ln zu einer alten Frau gerufen wurden, die sa� hinterm Hauptbahnhof, seitlicher Blick auf den Dom, in einer kleinen Nische zwischen Mauer und Fu�weg, die war neunzehn, wie sie sp�ter feststellten, aber die Haut durchfurcht wie ein Acker und strohiges graublondes Haar. Sie war einfach gestorben, keine �berdosis, der K�rper voll mit Giften, sie hatte sich in diese Nische gesetzt, die so winzig war, dass sie sie f�rmlich hinaushebeln mussten. Er sch�ttelt den Kopf, verortet sich wieder in der Wohnung, der Stra�e, der Stadt, <emphasis>Gewinnen Sie eintausend Euro, nur auf zweiundneunzig Komma drei, der Montag wird golden</emphasis>, das Radio fl�stert heiser aus der K�che, die T�r angelehnt wie immer, ein kurzer Blick in den Raum, etwas Licht f�llt auf den Tisch, der am Fenster steht.</p><p>�Was sie jetzt wohl f�r mich haben?�, denkt er, f�hlt sich m�de nach den Stunden bei ihr, der Blocker wirkt gut an diesem Vormittag, sie legt ihre Hand auf seine Schulter, bevor er die T�r �ffnet und geht.�Komm bald wieder, Schimanski, und pass auf dich auf.�</p><p>�Und du auf dich.�</p><p>Anfang der Achtziger geh�rte er einmal f�r kurze Zeit zu einer Art Filmberatungskommission, die f�r den� Tatort �gearbeitet hat, <emphasis>Kommen Sie mal mit, junger Mann</emphasis>, um die Morde und die Aufkl�rungen realistischer zu machen. Er hielt nicht viel davon. Tote am Bahnhof, Raubmord im Trinkermilieu, Drogen, Ehepartner, wen interessierte sowas schon? Dann lieber die Dramen, die dramatischen Seifenopern, Schimmis Faust, Cognac und Zigaretten f�r Haferkamp, lange her, er kann sich noch erinnern, wie er Anfang der Siebziger staunend diese Serie sah, wie hie� die noch,�Der Alte�, nein,�Der Kommissar�, staunend �ber die unz�hligen Gl�ser Wein, Bier, Weinbrand, Korn, Whisky, die die Ermittler, stets rauchend, konsumierten, M�nchen, Stadt des Lasters, mond�ner als K�ln, er kann sich an das kleine blaue B�chlein erinnern, das damals von Hand zu Hand ging, auf der Akademie,�Der Quartiermacher f�r erotisch interessierte M�nchen-Besucher�, er n�hert sich der Kreuzung, wo es Richtung Autobahn geht, Richtung Hauptstadt, die Autobahn nach S�den, Richtung M�nchen, kreuzt am anderen Ende der Stadt ihren zerfransten Rand, schwarze Lettern SALON-NUTTEN, HOSTESSEN UND SONSTIGE SOLISTINNEN DES HORIZONTALEN GEWERBES auf hellblauem Grund, ein T�rkis fast, obwohl er sich nicht ganz sicher ist, ob das, was er f�r T�rkis h�lt, auch wirklich T�rkis ist, Farbenlehre, eine blonde schlanke Dame neben den Buchstaben, R�cken Beine Arsch, eine Brust gerade so zu sehen, die Spitze einer Brust neben dem ausgestreckten Arm. Er kann sich an die �berschriften der Kapitel erinnern, in denen die M�dchen vorgestellt wurden, am Ende eine Telefonnummer.�Michaelas Brust ganz ausgezeichnet �oder� Michaelas Brust ist ausgezeichnet�,�Das junge V�tzchen�,�Kleopatra in Schwabylon�, da muss er lachen und bremst, obwohl er das Gelb sicher noch geschafft h�tte, aber es treibt ihn nicht dort hinaus, wo die K�rper liegen m�ssen, wo sie auf ihn warten und langsam die ganze Maschinerie beginnt, sich in Gang zu setzen, Autos, Experten, viel viel Absperrband, von wegen einfach mal das Blaulicht aufs Dach. Er bewegt sich langsam im Strom der Fahrzeuge, vielspurig der Verkehr, das Gewimmel der Vorst�dte, die schon bald in die Nachbarstadt hineinreichen werden, Baum�rkte dazwischen, Felder, der Flughafen, der nachts wie ein leuchtendes UFO auf dem Feld liegt, er schaltet und f�hrt langsam in das Gr�n hinein, ein M�llauto auf der Spur neben ihm, hat das damit zu tun, dass die Nadel in seinem Kopf springt wie auf einer alten kratzigen Platte? Blocker, Viagra, Sekt. Die schwarze Dame im M�ll�� In einen grauen Metallcontainer gestopft. Wie hat der Junge es nur geschafft, sie dahin zu schleppen? Am helllichten Tag. Sie haben ein Kopfgeld ausgesetzt damals, der Alte und die anderen, die Jungs von der Tafelrunde, der M�llmann fand sie. Ihr Fenster ging hinten raus. Sie war allein zu dem Zeitpunkt. Oder nein, die Kollegin im Nachbarzimmer. Aber bei der Arbeit, und das nicht leise.</p><p>Er hat sie dann aus dem Fenster geworfen, das ergaben die Untersuchungen der Gerichtsmedizin, zahlreiche Knochenbr�che, sie muss noch etwas Leben in sich gehabt haben, also nichtmal postmortem, aber das Hirn wohl schon tot oder am Einschlafen, keine Nadel, die zur�ck und vor springt, aber wer wei� das schon so genau, Afrika, Geld, Gl�ck, Liebe, der Junge, der seine H�nde pl�tzlich um deinen Hals legt, du stirbst und fliegst, nicht lange, nicht weit, weil nur zweiter Stock, dann geht er in aller Ruhe, schlie�t das Fenster vorher, geht in die Seitenstra�e und stopft sie in den Container. Wie alt war er? Einundzwanzig? Zweiundzwanzig? Und sie? Den Namen hat er l�ngst vergessen. Aber nicht das Gesicht und die Augen. Rot von geplatzten �derchen. Sexualstrafrecht an der Akademie. Das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung. Strafnormen f�r Verhaltensweisen mit Sexualbezug. Die sogenannte Sehstrahlung bringt die letzten Bilder von der Netzhaut �ber die Sehnervenkreuzung bis in ihr Hirn, <emphasis>Weil ich dich doch so sehr liebe, Mary</emphasis>, da ist er doch wieder, ihr Name, er f�hrt, hat das Navigationssystem nicht eingeschaltet, will keine fremden Stimmen in seinem Wagen, er wei�, dass er <emphasis>dort</emphasis> ankommen wird, sp�rt und h�rt das Klingeln und Vibrieren seines Handys in der Jackentasche, er wei�, dass sie auf ihn warten, die Lebenden und die Toten, dass eine der Toten fast nackt ist, wei� er noch nicht, und es ist auch das erste Mal, wird das erste Mal sein, dass er im Moor konservierte K�rper sieht. Oder halbkonserviert. Dem Mann wird ein Bein fehlen, was er lange nicht verstehen wird. Sauber abgetrennt wie mit einem Fleischerbeil, einer Knochens�ge, ge�bt, glatt. Aber warum? Postmortem, so werden sie <emphasis>noch</emphasis> sp�ter mit Sicherheit sagen k�nnen. Todesursache: sechs Schusswunden im Oberk�rper, gro�kalibrige Waffe. Das sieht er sofort. Drei K�rper in einem kleinen Moor. Einer aber, beziehungsweise eine, l�nger dort ruhend als die anderen beiden. Eigentlich ein gutes Versteck, ein guter Ort. Auch wenn die K�rper und Indizien nicht z�gig zersetzt werden, die W�rmer drau�en bleiben. Moore und S�mpfe sind tief. Niemand schwimmt, keiner angelt, keiner f�hrt mit einem Boot durch das moorastige dicke Wasser. Fr�her hatten die Leute Angst, Irrlichter w�rden sie dort hineinlocken. Erscheinungen wurden gesehen. Trotzdem legte man Moore trocken, Landwirtschaft, Ackerboden. Aber das ist lange vorbei, wer konnte ahnen, dass die Stadt so schnell dorthin dr�ngt und die Toten aus dem Schlamm pult. Er steht an der Tankstelle, vor seinem Wagen, trinkt eine Dose Cola, sp�lt sich den Mund und gurgelt, um <emphasis>ihren</emphasis> Geschmack loszuwerden.�F�nf Minuten�, hatte er in den H�rer gesagt, ohne abzuwarten und zu h�ren, wer dran war. Er hatte seinen Rhythmus, und das wussten sie. Die letzten Bilder gehen ihm wieder durch den Kopf, der Junge im Zimmer. Sein hektisches rotes Gesicht. Die dunkle Haut, die ihn erregt. Die Br�ste, das <emphasis>Rosa</emphasis>. Er geht seit Wochen zu ihr. Mord aus Liebe sozusagen. Es dauerte nicht lange, bis sie ihn erwischten, genug Zeugen, das andere M�dchen, die im Nachbarzimmer bumste, w�hrend die �derchen in den Augen der schwarzen Frau platzten, Fingerabdr�cke, eine Telefonnummer in einem Notizbuch, eine Karte mit Melodie, I�m singing in the rain, wenn man sie �ffnet. Mord aus Liebe sozusagen. Eifersucht. Keine Erf�llung. Gedanken und Ideen von Liebe und Erf�llung, die sich nicht mit den R�umen der Realit�t deckten. Dummer Deckhengst. Armes M�dchen. Und als er vor den drei K�rpern steht, die in einer Art Verschalung aus Brettern liegen, zu der ein provisorischer Steg f�hrt, Baumaschinen, Schaufeln, Baggerarme, wie in der Bewegung erstarrt, kommt es ihm vor, als w�ren zwischen seinem Cola-Stopp an der Tankstelle und seinem Eintreffen am Fundort Tage vergangen, Monate vergangen. Ein W�ldchen. Ein Sumpf, ein Geflecht aus mehreren kleineren Mooren. Nur ein Feldweg, der von der Landstra�e dorthin f�hrt. Zu diesem Ausl�ufer der Heidelandschaft, die sich weiter im Nordosten erstreckt, hier und da die Vororte ber�hrt, der beiden fast eins gewordenen St�dte, bin ich der Einzige, der das sieht? dass sich die M�rkte und Marktpl�tze mehr und mehr verbinden, Rath�user aus Stahlbeton, die Fleischm�rkte expandieren, der Stein w�chst, im roten Kreis, wo alles miteinander verbunden ist, das M�llauto, die fette Frau, die Cola, die Viagras, die Blocker, Upper und Downer, verschwundene Katzen, das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung, Erinnerungsst�cke wie alte Dienstmarken, die Engel auf den Motorr�dern, Torfmoose, Hochstra�en, sechsundsechzig st�dtische Bordelle im Jahr 1865, Chroniken des Handels, er w�hlt in den alten Akten, Immobilien an silbernen Dr�hten, die bis nach Italien f�hren, und der Fall des Immobilienchefs Silvio L�bbke, drei Kugeln, bumm bumm, die Allee der toten Augen, H�user f�r Taschengeld, Spuren, Spuren, wie gut die Landluft tut, bald werden sie hier bauen, aber wir halten den Betrieb noch auf, die Frage ist, wer bringt drei Leichen in dieses Moor, diesen versumpften T�mpel, wo man doch wei�, dass die Zersetzung nicht einsetzen wird, wo man doch L�cher graben kann im Sandboden der Heide oder zu Waldseen fahren kann wie dem� Blauen Auge�, und dort sind wohl die Angler, die selbst die abgelegensten Seen f�r sich entdecken, die W�lder bewegen sich in einem Bogen um den nord�stlichen G�rtel der Vororte und eingemeindeten D�rfer bis nach S�den, flach wie ein Teller das Ganze.</p><p>Er zieht sich die Gummistiefel an, die eine junge Kollegin, die er nicht kennt, ihm gegeben hat, riesige gelbe Stulpen, wahrscheinlich noch aus der Zone, er schlappt unsicher in den viel zu gro�en Stiefeln �ber den kleinen Holzsteg, einige zusammengenagelte Bretter, schon fr�h am Morgen sind die Bagger auf die K�rper gesto�en, das Wasser war schon in den Tagen zuvor abgepumpt worden, nur noch braunschwarzer, z�her Schlamm und Torfmoose, uraltes, versteinertes Astwerk, gr�n und wei� an den Spitzen, die aus dem Oberfl�chenwasser ragten, �berall gr�ne Inseln von� Entengr�tze�, so nennt man das doch, so nannten sie es als Kinder, wenn sie in den Waldseen baden gingen, die Kollegen haben dann die Feinarbeit �bernommen, die Spurensicherung, der Erkennungsdienst ist vor Ort, Tatort, Fundort, Bein ab; er hockt sich auf den Steg, beugt sich vor, blickt in das holzverschalte Rechteck, <emphasis>passt doch</emphasis>, denkt er, drei in einem Sarg, es sind zwei Frauen, die eine liegt deutlich entfernt von den beiden anderen K�rpern, es gibt nur diese eine Stelle am Ufer, wo er jetzt steht, wo sie den Steg gelegt haben, wo man etwas entsorgen kann in diesem Moor, diesem Sumpf, was ist der Unterschied? m�ssen wir Biologen hinzuziehen, Vermoorungsexperten? er nimmt an, dass das Wasser, das da abgef�hrt wurde, fr�her ein Teich war, Wasserlachen, die im Lauf der Jahre oder Jahrhunderte zu versumpfen begannen, zu Moorland wurden, der Boden hier ist sandig und tonig, das wei� er aus anderen Untersuchungen im Umland, das sind nicht die ersten K�rper, die man vor der Stadt ablegte, vergrub, versenkte. Er erinnert sich an den alten Bauern, das kann nicht so weit weg gewesen sein, der seine Frau ertr�nkt hat in einem Wutanfall, in einem Streit, der ihren Kopf in die Regentonne dr�ckte, wo sie sp�ter die silberne Kette der Frau fanden, auf dem Grund des Fasses, und er hat sie in die Heide geschleppt und versucht zu vergraben, ist dann aber schon kurze Zeit sp�ter selbst zu ihnen gekommen, so viele Selbststeller, die zwischen ihren Albtr�umen hin und her stolpern.</p><p>Er sieht die schmalen l�nglichen Betonteile mit den kleinen L�chern unter den beiden beieinanderliegenden K�rpern, an denen man sie befestigt hat, Standf��e f�r Bauabsperrungen, denkt er, ziemlich schwer. Ziemlich schwer f�r einen Mann. Aber machbar. W�re vielleicht gar nicht n�tig gewesen. Aber die Wasserlachen auf der Oberfl�che machten ihn, sie, unsicher. Kannte er diesen Sumpf? Der eine K�rper, die Frau, die allein liegt, ist l�nger hier als die beiden anderen. Sieht zumindest so aus. Die Haut ledriger. Dunkel. Rotbraun das Gesicht. Der K�rper wie geschrumpft. Die hochhackigen Schuhe an den F��en sehen riesig aus. Die andere Frau ist barfu�. Er steigt vorsichtig zu ihnen hinunter. Seine gelben Stiefel versinken schmatzend im Boden. Fast bis zum Schaft sinkt er ein. Sieht dann das schlammverschmierte Brett, mehrere Bretter nebeneinander, auf die er steigt. Er bekommt die Stiefel kaum aus diesem saugenden Grund. Von hier aus haben die Kollegen wohl die drei, diese drei Fragezeichen, vorsichtig freigelegt. Schlamm und Erde und Torfmoose stehen in Kunststoffkisten und zwei Zinkbadewannen am Ufer. Um sie sp�ter durchzusieben, auf der Suche nach dem Gold oder wenigstens dem Goldstaub eines Indizes. Das Bein ist verschwunden. Oder an einer anderen Stelle im Schlamm? Nachtr�glich im hohen Bogen hineingeworfen vom Entsorger, beschwert oder unbeschwert. Ein Sumpf gibt nichts mehr frei. Das Eigengewicht allein zieht dich in die Tiefe. Die Frau, die allein liegt, ist nicht beschwert. Zumindest nicht sichtbar. Sie haben ihm gesagt, dass sie schon halb auf der Schaufel des Baggers gehangen hat, der sich, vom Ufer her kommend, immer weiter in den schon zur H�lfte trockengelegten Sumpf grub. Ein Schreck am Morgen. Er kippte die Schaufel an, wie im Affekt, zur�ck mit dir! und der K�rper glitt wieder zu den beiden anderen. Er zieht sich die Gummihandschuhe �ber. Kein Geruch nach alten Leichen, nach zerflie�enden K�rpern, den er so oft schon gerochen hat. Er hat immer eine dieser kleinen D�schen mit Chinasalbe einstecken, die er sich dann unter die Nasenl�cher reibt. Ist auch gut gegen Kopfschmerzen. Oder wenn man erk�ltet ist. Ein Klassiker. Er ber�hrt das Gesicht der Frau, die auf der Seite liegt, zusammengekr�mmt neben dem Mann. Wie Holz, wie Leder, Stirnfalten noch erkennbar, die Lippen leicht ge�ffnet. Die Z�hne schwarz. Aber vielleicht ist das nur das Moor, das in ihre Mundh�hle eingedrungen ist. Wieder ber�hrt er ihr Gesicht mit den Fingerspitzen und wundert sich, wie weich und elastisch sich ihre Haut anf�hlt. Er sp�rt und h�rt, wie er leise vor sich hin summt. <emphasis>Oh my lover</emphasis>. So gut erhalten, wie die drei aussehen, muss dieser Teil des Moores relativ trocken gewesen sein. Sp�ter best�tigt das der Moorexperte, der seinen Vortrag �ber� Moorleichen und die Konservierung in Mooren �im Pr�sidium h�lt, die� SOKO Moorleichen�. Sie lernen alle eine Menge. Ein wenig ratlos hockt er auf den Brettern zwischen den K�rpern. Immer noch beugt er sich �ber die Frau. Es ist f�r ihn nicht zu erkennen, wie sie gestorben ist. Ihr Hals scheint ein wenig deformiert zu sein, aber ihr ganzer K�rper ist verkr�mmt, als h�tten die chemischen und biologischen Vorg�nge in diesem luftdichten Raum ihren Knochen den Halt genommen�� Keine Haltung jedenfalls.</p><p>Jetzt erst sieht er, dass sie nackt ist. Was er f�r ein Kleid hielt, ist angetrockneter Schlamm. Pflanzenpartikel. Wenn sie schon auf der Gabel des Baggers hing, dann lag sie sicher vorher anders, aber es scheint ihm, dass sie seit Jahren so auf der Seite gelegen hat. Eine Hand, einen Arm auf den Bauch gelegt, unter ihre Br�ste, als wollte sie sich sch�tzen, jetzt sieht er etwas auf ihrem Leder-Dekollet�, das ein Loch sein k�nnte, eine Schusswunde, eine Stichverletzung, aber das m�ssen andere feststellen, Gerichtsmedizin, er hebt ihren K�rper kurz an. Was passiert mit dem Fleisch der Toten, wenn sie einmal in diesen schlammigen Tiefen verschwinden? Sp�ter h�rt er sich die S�tze auf seinem Diktierger�t an. Und h�rt das Hintergrundgezwitscher der V�gel. Und ist ein wenig durcheinander, weil er sp�ter den Vortrag des Moorkundigen aufgenommen hat. Nicht alles, aber immer mal wieder, wenn es ihm interessant schien, dr�ckte er auf die Aufnahmetaste.</p><p>Da liegt ein Mann ohne Bein. Festgebunden auf einem kleinen Betonsockel. Das linke Bein ist direkt unterhalb der H�fte abgetrennt. Die Konservierung hat auch hier bereits eingesetzt. Die Hautfarbe ist stellenweise noch erhalten. Braun, dunkelbraun. Wei� und gelb durchsetzt. Die andere Frau, die weiter weg liegt, sehr dunkel, sehr schwarz. Keine helle Haut. Mehr wie Bitumen. Bei Ber�hrung f�hlt sich auch diese Haut sehr weich an und beinahe elastisch. Dr�cke meinen Finger rein. (�) ja, ist gut, ich schaue, wirf runter, wo denn sonst!</p><p>Gro�e L�cher in der Brust dieses Mannes. Eindeutig sichtbar. Einschussl�cher. Sieht gro�kalibrig aus. Die Kleidung weitfl�chig zerfetzt, die Einschussl�cher teilweise faustgro�. Beide K�rper haben den gleichen Betonsockel untergeschnallt. Sieht aus wie W�scheleine. W�scheleinen. Wie das befestigt ist. Direkt unterm Rumpf. Was mir auff�llt, ist��, als wenn die Frau, und das ist eindeutig eine j�ngere Frau als die andere, als wenn die von ihm wegkriechen will, von dem Mann mit den gro�en L�chern in der Brust, beide K�rper auf dem R�cken, aber sie dreht sich weg oder versucht das. Kr�mmt sich von ihm weg auf ihrem Sockel. Nicht dass sie noch gelebt hat. M�glich so etwas. Soweit das m�glich ist. Vielleicht auch der Bagger. Der die K�rper auseinandergebracht hat.</p><p>Die nackte Frau wohl vorher und eindeutig separat hier entsorgt. Circa anderthalb Meter liegt <emphasis>Paar</emphasis> von <emphasis>Frau</emphasis> entfernt. Zufall m�glicherweise. Nein. Zusammenh�nge immer m�glich. Der Ort. Kein Zufall. Unm�glich. Die Nackte hat rote, als rot erkennbare, hochhackige Schuhe an den F��en, an ihren F��en. Bei der anderen Kleider, aber keine Schuhe. Barfu�. (�) Ja, ja, ist gut, lasst mir meine Zeit, Kollegen. Ich brauch Akten, �ber alle verschwundenen jungen Frauen der letzten zwanzig Jahre. (Lachen) Das sieht aus wie ein glatter Schnitt. Sucht nach dem Bein, Kollegen, sucht nach dem Bein, bitte.</p><p>Die Gerichtsmedizin sagt, dass das ein Schnitt �hnlich wie beim Schlachten w�re. Beim Zerteilen eines Rindes beispielsweise. Sauber, sauber. Tag drei.</p><p>Die im Moor vorhandenen Torfmoose bewirken, dass Moore ein stark saures Milieu besitzen.</p><p>Das Torfmoos ist ma�geblich f�r diese extremen Lebensbedingungen in den Hochmooren verantwortlich. Auch im Niedermoor.</p><p>Fuck you, geh heeme. Ich h�re mein Band ab. Wieder und wieder. Ich habe Stunden auf dem Ger�t. Kein Band. Wenn ich weit zur�ckspule, bin ich in K�ln. Bin ich bei der Frau, wo ich oft bin. Meist wird der K�rper zuf�llig gefunden. Bald ist wieder Sommer. Wieder Herbst.</p><p>Es gibt eine Spur zu der Frau. Der Frau ohne Kleider. Sie wurde erw�rgt und erstochen. Ihr Freund, also ihr Ex-Freund, hat sie identifiziert. Moormoose sei Dank! Justizsekret�rin B�rbel Kahn. Verschwunden neunzehnhundertsiebenundneunzig. Ihr Auto voller Blutspuren, blutverschmiert die Vordersitze, fanden wir damals vor einem Baumarkt, dr�ben im S�den der Stadt. In der N�he der gro�en Seen. Die damals noch halbgeflutete Tagebaugruben waren. Wieso wurde sie nicht dort abgelegt? Nur ihre Fingerabdr�cke im Auto. Ihre Finger sind in einem so guten Zustand, dass wir vergleichen konnten. Nicht hundertprozentig. Aber es sind mit sehr gro�er Wahrscheinlichkeit die Finger der Justizsekret�rin B�rbel Kahn.</p><p>Riesige S�mpfe, tiefe Moore, undurchdringlicher Urwald, gigantische B�ume, die mehr als hundert Meter in den Himmel wuchsen. Dazwischen haushohe Farne, Halme, Gew�chse und Str�ucher��</p><p>Was hat dieser Mist mit der Spezifik von Moorleichen zu tun? Aber der Mann, der Experte, ging zur�ck bis zum Anfang. Holte weit aus. Gewaltige Moore, verrottete W�lder in den Schichten unter uns. �berstunden. Vortr�ge. Gerichtsmedizin. Akten. Papiere. Daten und Fleisch.</p><p>Dieses Moor ist wie der Wal aus dem alten M�rchen, der die drei Menschlein wieder ausspuckt. Bl�dsinn. (Lachen) Ich muss Eliot Ness besuchen, den sie kaltgestellt haben. Informationen. Sie wollen den Fall B�rbel Kahn in die Beziehungsecke abschieben. Tat aus Eifersucht. Aber wer? Ihr Ex-Freund. Ganz bestimmt nicht. Er sagte, dass sie an was dran war. Dass sie an irgendeiner gro�en Sache dran war. Immobilien. Alte Geschichten inzwischen. Hast zu lange geschlafen im dunklen Moor, Justizsekret�rin B�rbel Kahn. Neunzehnhundertsiebenundneunzig. Ein anderes Jahrtausend.</p><p>Der Mann ist identifiziert. Kleine miese Nummer. Drogen. Drogenstrich. War vor vielen Jahren mal Hauptverd�chtiger in der Mordsache Professor. Endete aber mit Freispruch. War nicht besonders beliebt. Hing wohl auch im Objekt Kolumbusfalter mit drin. Am Rande. Nie nachgewiesen. Als die Bosse des Fleischmarkts sich sauber gaben, sich die H�nde s�uberten, als der gro�e Frieden begann, der Gesch�ftsfrieden, war er schnell weg vom Fenster. Ich denke, dass er mit seinen kleinen Drecksgesch�ften jemanden ver�rgert hat. Das gro�e Kaliber sieht nach verdammt viel Wut aus. Wer t�tet mit einem tschechoslowakisch-englischen Maschinengewehr? Eine Hinrichtung. Ein R�tsel. Das M�dchen starb an Herzversagen. Medikamente. Drogen. Die muss drinnen so schwarz ausgesehen haben wie drau�en. Hat sie auch. Es wird schwierig sein, in diesem ganzen Chaos, das zurzeit herrscht, die T�ter zu finden. Den T�ter. Ich gehe immer noch davon aus, dass es verschiedene T�ter sind. Nicht nur auf Grund der Jahre, die dazwischenliegen. Eliot Ness meint, der Mann mit der zerfetzten Brust wusste zu viel. Genau wie B�rbel. Aber das sagt Eliot Ness, seit ich ihn kenne. Geheimnisse. Zu viel Wissen. Irgendjemand wird irgendjemandem gef�hrlich. Durch Wissen. Durch zu viel Wissen. Schmutzw�sche der Vergangenheit. Geheimnisse. Belastendes. Materialien. Der h�lt sich nur <emphasis>da oben</emphasis>, weil�� Der ist nur verschwunden, weil�� Wir sind nicht in Hollywood, sage ich immer zu Eliot Ness. Aber er schweigt und bohrt sich weiter in die letzten beiden Jahrzehnte. Obwohl sie ihn kaltgestellt haben.</p><p>Die Kleine im Moor war mit Sicherheit eine Hure, wenn auch in einer ganz anderen Branche als seine dicke Hure, in einem ganz anderen Umfeld, Gift und Bordstein, gar nicht zu vergleichen mit seiner Dicken und ihrem gem�tlichen Warten im Warmen, sie haben immer noch nicht ihre Identit�t feststellen k�nnen, keine Fingerabdr�cke, keine Vorstrafen, keine Akte, die zu ihr passt, keine Vermisste der letzten Jahre, die ihr �hnelt, sie kann von au�erhalb sein, Hepatitis C, unsch�ne Sache, er war auch um den Bahnhof herumgefahren, den Zentralbahnhof, der im Herbstlicht in anderen, weicheren Farben leuchtet, wie das Laub der B�ume, Ocker, Rot und Braun, aber in den N�chten, wenn es auf den Winter zugeht, wenn der Atem schon anf�ngt zu dampfen, wird der Monolith schwarz. Von oben gesehen ein silbernes Aderwerk, das zum dunklen Klumpen des Herzens f�hrt. Ob das M�dchen hier arbeitete? Arbeiten ist vielleicht das falsche Wort. Sein fideles Dickerchen, seine Lieblingshure, die arbeitet. Vern�nftig. Gesch�tzt. Zumindest halbwegs. Versichert. Gemeldet. Hygienisch. So denkt er sich das, w�hrend er, die Augen halbgeschlossen, sich mit seinem Wagen durch die Stra�en treiben l�sst. Aber was wei� ich schon von ihr, denkt er. Er versteht ja nicht einmal, warum er bei ihr bleibt. Als stetiger Gast. Er ist bei <emphasis>vielen</emphasis> gewesen in den Jahren, Jahrzehnten, hat den Wandel der Sitten und Gebr�uche als Gast erlebt, hat hier in der Stadt den Wandel erlebt, hat versucht, darauf zu achten, dass��, auf was eigentlich? Dass er nur dort ist, wo die Hygiene ist, wo die Schatten nicht zu sehen sind? Fahren durchs Rot, Gr�n, Gelb. Das Blinken der Phasen. Der Winkel des einfallenden Lichts fast waagerecht inzwischen. Wie es sich rot und r�tlich f�rbt ganz langsam.</p><p>�Versumpfungsmoore bilden sich vor allem in flachen Landschaften mit sandigen oder tonigen B�den durch den Anstieg des Grundwasserspiegels���Ja, verdammt nochmal, er hatte genug von diesem Fachidioten. Was sollte das bringen? Nat�rlich wusste er, dass es manchmal sinnvoll war, sich �ber die Umwege beziehungsweise den <emphasis>Ursprung</emphasis> den Dingen anzun�hern, aber was hatte dieses Kauderwelsch mit ihren Leichen zu tun? Au�er, dass sie erfuhren, wie Jahre und Jahrhunderte in diesen Schichten erhalten blieben, entstanden, sich bewegten�� Er war der Einzige in der Truppe, der sich von dem Moorvortrag eine Weile berieseln lie�, auch auf seinem Diktierger�t, weil er hoffte, dass das seine Gedanken zur Sache in Schwung bringen w�rde. Aber er l�schte fast alles, bevor er zu Eliot Ness fuhr.�Als sich vor zw�lftausend Jahren die Saale-Eiszeit aus dem von ihr geformten Schliebener Becken zur�ckzog, hinterlie� sie eine ausgedehnte Sumpf- und Moorlandschaft. Doch vor allem in den letzten f�nfhundert Jahren wurden die meisten Gebiete trockengelegt und so fruchtbar gemacht.�</p><p>Er sch�ttelt die Stimmen aus seinem Kopf. Er sieht die kleine Glaskuppel des kleinen sandsteinfarbenen Bahnhofs, des Nachbarbahnhofs der Nachbarstadt, die langsam zur Vorstadt wird, neben der Hochstra�e, �ber die er jetzt f�hrt. Das verzweigte Schienennetz, das das letzte Licht auff�ngt. Ein dunkles Silber. Wer schneidet einem Mann das Bein ab, nachdem er ihn get�tet hat, ihm fast die Brust zerhackt hat mit einer antiken Riesenwumme; versenkt ihn dann zusammen mit einer Frau, einer jungen Frau, die zwischen f�nfundzwanzig und drei�ig ist, die schon tot ist, gestorben, verreckt an ihren Jahren der Gifte, wenn das Herz pl�tzlich stillsteht, auf schmale Betonbl�cke geschnallt mit W�scheleinen, weil beide scheinbar zusammengeh�rten, auch wenn sie sich noch im Tode von ihm wegzudrehen versuchte, was er gut verstehen konnte, wenn die Dinge so lagen, wie er dachte.</p><p>Sie wussten inzwischen, wo er abgestiegen war. Also wo er wohnte, in welcher Absteige er gewohnt hatte. Hinterm Zentralbahnhof. Und dass das M�dchen dort mit ihm war. Die junge Frau.</p><p>Wir leben im Jahrhundert der Gifte, dachte er und denkt dann, dass ja schon l�ngst ein neues Jahrhundert, Jahrtausend, also wie man�s sieht�� Kleine Einraumwohnung, die jemand ausger�umt hatte, bevor der Vermieter nachschaute, als die Miete nicht mehr bezahlt wurde. Ein Typ, der Wohnungen und Zimmer an Bauarbeiter vermietete. Nicht nur an Bauarbeiter, nat�rlich. Sie hatten ihn sich lange vorgenommen. Ohne viel zu erfahren. Nat�rlich. Ein Jahr, sagte die Gerichtsmedizin. In dem Zimmer wohnten jetzt zwei Bosnier. Die auf dem Bau arbeiteten. Sogar mit Vertrag. Aber selbst wenn die beiden schwarzgearbeitet h�tten, w�re das nichts gewesen, was sie interessiert h�tte. Sie hatten die Bude trotzdem auseinandergenommen. Einbaum�bel. Dielen. Tapeten. Nischen und Zwischenr�ume. Nichts. Nat�rlich. Der T�ter, oder ein zweiter oder dritter Mann, hatte wohl zuerst versucht, den K�rper zu teilen. Um die Teile einzeln zu entsorgen. Hier nicht, kein Blut, nirgends. Aber aus irgendwelchen Gr�nden davon Abstand genommen. Weil der Sumpf pl�tzlich auftauchte in ihren, seinen Gedanken. Warum? Weil er, sie die Justizsekret�rin B�rbel Kahn dort schon neunzehnhundertsiebenundneunzig entsorgt hatten? Oder weil sie dar�ber Bescheid wussten? Aber dann w�re es doch dumm, auch diese K�rper dorthin zu bringen. Oder war man sich sicher, dass erst kommende, zuk�nftige Eis- oder W�rmezeiten die schwarz gewordenen Leiber umw�lzen und vielleicht irgendwann an die Oberfl�che bringen w�rden? Oder im Gegenteil noch weiter umschichten w�rden, immer tiefer in den Grund.</p><p>Die Sache mit dem Immobilien-K�nig, sagte Eliot Ness. Welchem Immobilien-K�nig? Der die alten Handelsh�user und Passagen der Stadt mit gro�en Krediten wieder aufbaute? Der sich verspekulierte? Den die gro�en Banken und die gro�en und kleinen Politiker liebten? Im ganzen Land. Dessen Imperium der Kredite und Grundst�cke zusammenbrach, als die Stadt wieder zu gl�nzen begann? Vor so vielen Jahren. Obwohl, so viele sind es nicht, sagen wir <emphasis>einige</emphasis>. Vier, f�nf Jahre vorm neuen Jahrtausend. Damals. Er sieht die Deutschlandfahne oben auf dem Dach dieses Altbaus, direkt hinterm Bahnhof der Nachbarstadt, wie sie flattert und knattert im Wind, obwohl er das Knattern des Stoffes nat�rlich nicht h�ren kann in seinem Wagen.</p><p>Das Chaos kommt. Alles nur eine Frage der Zeit. Beziehungsweise schon da. Auch hier. Die Schienen glitzern nur noch matt im Licht der Oktobersonne, die fast verschwunden ist. Eine rote Sichel hinter den H�usern, nur zu sehen, wenn man in die Seitenstra�en und Gassen schaut, zwischen die H�user. Mond, Sonne. Schwarz Rot Gold. Er kennt die Frau in diesem Haus. Die sie� die Chefin �nennen. Obwohl sie nur bedingt die Chefin ist. Komisch, dass die Fahne so in Bewegung ist, denkt er. Wo doch kaum ein Wind geht, wenn er das Fenster runterkurbelt. Wie froh er ist, dass er schon vor Jahren aufgeh�rt hat zu rauchen. Und auch die Trinkerei im Griff hat. Wie man sowas eben im Griff haben kann. Er kurbelt die Seitenscheibe runter. Vielleicht haben sie eine Windmaschine oben auf dem Dach installiert, hinter der Fahne. Das war ein gro�er Coup damals, wie die Chefin diese Fahne ersteigert hat. Original Bundestag. Original Reichstag. Er kann sich an die Prozession der Huren erinnern, gar nicht so lange her, da hatten sie diese Fahne dabei, da war das Dach leer, Berlin Berlin, wir fahren nach Berlin! all die Huren vorm Reichstag, vorm Bundestag, wie hat er gelacht, als er das im Fernsehen sah, und wie haben sie beide gelacht, sein Dickerchen, die gerne dabei gewesen w�re, aber sich dann doch da raushielt, aber es gut fand, dass es da abging, dass da die Rechte eingefordert wurden. Schilder und Transparente, der Chorus der Huren und dazwischen die Fahne, die jetzt wieder hier anzeigt, dass die Gesch�fte immer noch gehen, dass die Frauen aufeinander bauen, aber das ist auch irgendwie nur eine Utopie. Aber eine sch�ne. Die wenigstens halb wahr ist, halb wahr geworden ist. Mit dem Marsch nach Berlin.</p><p>�Au�erdem ist der Zersetzungsgrad �u�erst gering, und der Grundwasserspiegel ist innerhalb des Moores h�her als in der weiteren Umgebung. Auf den Hochmoorfl�chen befinden sich meistens kleine Erhebungen, Bulte, und wassergef�llte Senken, Schlenken, sowie kleine Seen, die auch �das Moorauge� genannt werden.�</p><p>Er sch�ttelt den Kopf, damit die Stimmen verschwinden. Er dr�ckt und piept sich durch die Dateien seines Diktierger�tes. Er hat zwar vieles gel�scht, aber das befindet sich noch zu Hause auf seinem Rechner. Nicht im Pr�sidium. Hat ihn denn Eliot Ness schon irre gemacht? Er findet Dateien, die kennt er nicht. Er findet Daten und Fakten, die kennt er nicht. Er f�rchtet sich, dort reinzuschauen, und tut es doch. Schlie�en und �ffnen. Vielleicht alles l�schen. Irgendwo hier in der N�he werden sie den Chef der Gruppe der Outsiders anschie�en. BUMM BUMM. Die dem Alten vom Berge, so nennt Eliot Ness den Vermieterk�nig Kraushaar, den R�cken freihalten. Gesch�ftlich. Gesch�fte f�r dieses Gesch�ft. Handel. Was hat das mit seinen Leichen zu tun? Letztens rief er Mondauge in Berlin an, um sich zu verabreden, um ein paar Informationen zu bekommen. Aber der sagte ab.</p><p>Er wei�, dass er die Grenzen �berschreitet. Er will nicht so werden wie Eliot Ness. Er ist nicht zust�ndig f�r diese Gesch�fte. Er will nur H�kchen machen hinter seine drei K�rper. BUMM BUMM. Ein blutverschmiertes Auto. Mehr oder weniger. Ihm ist schwindlig. Vor kurzem hat er hier, im Haus der Madame Gourdan, an der Bar was getrunken. Weil er die Chefin kennt. Neue Jungs an der T�r. Gruppe Outsiders. Er hat noch seine alte Marke aus K�ln, nur zur Erinnerung. Gl�cksbringer. Was soll hier werden, wenn die Gro�familien aus Berlin anr�cken? Das Syndikat der Los Locos ist bereits hier. Was hat das mit seinen moorgegerbten K�rpern zu tun? Er sollte verschwinden. Er sp�rt seine Marke mit der Kette dran in der Innentasche seines Jacketts.�Pass auf dich auf, Schimanski.�</p><p>Er wei�, dass er das Chaos bald nicht mehr �berblicken kann. Ist auch nicht sein Bier, an und f�r sich. Eliot Ness wartet auf ihn.</p><p>Wie die Chefin stolz war auf diese Fahne, die sie ersteigert hat. Wie sie sie mit den M�dchen zusammen pr�sentierte, der Presse, den G�sten. Aber erstmal der Presse, weil die G�ste erst wiederkamen, als die Presse verschwunden war. Die nackten jungen �rsche neben Schwarz Rot Gold. Titten links, Titten rechts. Und dann die aufgeregten B�rger in Berlin und hier. Die Deutschlandfahne aufm Puff, der Verfall der Sitten.</p><p>Eine wunderbare Frau, die Chefin. Die genau wei�, wie sie sich zu arrangieren hat. Die richtigen Leute an der T�r. Die richtige <emphasis>Gruppe</emphasis> auf ihrer Seite. Presse, f�r korrekte Gesch�fte, Hygiene undsoweiter. �ffentlichkeit. Sauberer Barbetrieb. Saubere Steuerzahlerin. Er denkt, dass seine kleine Leiche, die Frau, deren Herz aufh�rte, hier doch besser aufgehoben w�re, aufgehoben gewesen w�re als bei diesem Hund, der sie nur mit den Giften versorgte, die sie brauchte. Oder in einer Wohnung des Alten vom Berge oder in dem kleinen Laden, wo er einmal mit einem Japaner getrunken hat. Dr�ben in der Zentralstadt. In die er jetzt wieder f�hrt.</p><p>Er muss lachen, als er die Nachrichten h�rt. Info-Radio. Sie melden eine Explosion, nicht weit von dem Fundort. Wo die Kollegen dann sp�ter was ausheben unter den Tr�mmern. Ein Feuer von Chemikalien. Hat nichts, aber auch rein gar nichts mit seinem Fall zu tun. Und er denkt, dass das ein Sperrfeuer der Ablenkung ist. Ein anderes Gesch�ft, das weder ihn noch Eliot Ness, den er gar nicht kontaktieren darf, interessieren sollte. Ein kleines Meth-Labor. Ein kleiner Bauernhof, wo die Tschechen mit drinhingen. Expansion von der Crystal-Grenze im Erzgebirge, was gar nicht so weit weg ist. Wie sie das verschl�sseln im Info-Kanal, da muss er lachen. Fast Nacht inzwischen. BUMM BUMM. Die Projektile eines Bren. Tschechisch-englisches Fabrikat. Brno und Enfield. Daher der Name. Leichtes Maschinengewehr. Zufall m�glicherweise.</p><p>Zwei Kocher verbrannt in diesem Inferno. Eine Frau. Ein Mann. Zw�lf, dreizehn Kilometer vom Moor entfernt. Zufall m�glicherweise.</p><p>Diktierger�t: Tag zwanzig.�Warst lange nicht da, Schimanski.�</p><p>Er klingelte bei Eliot Ness. Das Arbeitszimmer des auf Eis gelegten Bullen, ein Chaos aus Pinnw�nden. Fotos, Bl�tter voller Notizen, Gerichtsakten, Zeitungsartikel, Stimmen, Worte, Bilder. Sie sind fast gleich alt. Aber dar�ber reden sie nicht. Ehemaliger Chefermittler im Bereich Organisierte Kriminalit�t. Der Kriminalhauptkommissar. KHK OK.�Nix ist o.k.�, sagt der Mann inmitten seiner Pinnw�nde. Sie trinken einen Cognac.�Was macht die Arbeit?�, fragt der KHK Ness.</p><p>�Wir stecken fest.�</p><p>�Alles steckt fest�, sagt Ness.�Schon geh�rt von dem kleinen Feuerwerk in der Meth-Schmiede?�</p><p>�Schon geh�rt.�</p><p>�Die Crystal-Grenze r�ckt vor�, sagt Ness,�die Front ist in unserer Mitte.�</p><p>�Ist sie das?�</p><p>�Mein Lieber, mein Lieber, alles h�ngt zusammen, der Kl�ngel regiert, das musst du doch aus K�ln kennen.�</p><p>Und wie Eliot Ness dieses� Mein Lieber, mein Lieber �in der Mundart der Einheimischen sagt, denkt er, der alte Bulle, an das� Meine Sonne, mein Gutster�, das sein Dickerchen ihm immer �ber die ewige Grenze der T�rschwelle entgegenruft.�Komm rein, die Sonne geht auf. �Er �bertritt diese Grenze, geht zu ihr und <emphasis>l�sst seinen Drachen steigen</emphasis>, ein Lied, das manchmal im Radio kommt, wenn sie den Oldie-Sender in der K�che eingeschaltet hat, ein Lied, von dem sie ihm erz�hlt, ein Lied ihrer Jugend, obwohl sie so alt noch gar nicht sein kann, aber ein Oldie eben, ein Ost-Oldie, ein Immergr�n. Er denkt oft in den letzten Woche und Monaten, dass er sie gern hat. Diese dicke Frau mit den wunderbaren dummen Spr�chen.�Schreite ein, mein holder Ritter�, welche Grenzen soll er �berschreiten, denkt er, die Toten sind mit mir, und der Boden tut sich auf an ganz anderen Orten.</p><p>Er sitzt, und das ist nur eine Form der Erinnerung, an der Theke des beflaggten Hauses, trinkt ein Bier, weil ein Bier immer geht, trinkt dann ein zweites, als sie eintreten, einer nach dem anderen, w�hrend er mit der Chefin redet. So und so, die Dinge, was passiert, was h�rt man, wie geht�s den Frauen, dies und das und jenes, unverbindlich, weil er als Bulle hier keine Fragen stellt. Weil er gelernt hat in all den Jahren, dass man Antworten eher bekommt, wenn man nicht fragt.�Schei�e�, sagt Eliot Ness,�man muss bohren. �Die Gruppe Outsiders, er hat ihre Motorr�der, ihre� Mopeds�, wie sie selber sagen, kaum geh�rt, kaum kommen geh�rt, und er wei� auch, dass nichtmal die H�lfte von ihnen Mopeds hat, Eliot Ness best�tigt ihm sp�ter, dass sie die Vorhut des Alten vom Berge sind, aber dass auch das br�ckelt. Dass sie den Engeln nahestehen. Aber auch das br�ckelt. Aber alles nicht sein Bier. W�hrend er sein Radeberger trinkt.</p><p>Und da marschieren die sieben, acht, neun M�nner ein bei der Chefin, und die Fahne flattert oben im Wind. Herzen wie Diamanten. Wo hat er das schonmal geh�rt? Von wegen, dass die riechen, dass er ein Bulle ist. Weil sie gesehen haben, dass er mit der Chefin im vertraulichen Gespr�ch gewesen ist, als sie reinkamen, geben sie ihm sogar die Hand. <emphasis>Dabei sein ist alles</emphasis>. Die M�dchen marschieren langsam auf, es wird Zeit, es wird Abend. Die Chefin sagt:�Ich muss mal kurz �und geht mit den M�nnern an einen der Tische, im Schatten, im Halbdunkel, und die M�dchen sitzen neben ihm an der Bar. Lederjacken. T-Shirts. Gro�e Kerle. <emphasis>Outsiders</emphasis> eingebrannt, eingeschrieben. T-Shirts, Jacken, Haut. Er nippt an seinem Bier, und eine der Frauen geht hinter die Bar. Vertretung sozusagen. Er legt Geld auf die Theke und gibt aus. Eine junge Frau neben ihm. Dunkle Haare. Du k�nntest meine Tochter sein, denkt er. Du k�nntest mein Vater sein, denkt sie. Und denkt es nat�rlich nicht. Weil sie den alten Bullen schonmal hier gesehen hat. Weil sie wei�, dass er nur ausgibt. Weil die Chefin ihr gesagt hat, dass der Alte nur ausgibt. Dass sie aber trotzdem nett zu ihm sein soll. <emphasis>Nett</emphasis>. Wie nett? Sie wei�, dass er bald verschwindet, jetzt, wo der Abend sich in die Nacht verdunkelt, st�rt er blo�.</p><p>Er versucht, sich an den Namen der Blume zu erinnern, die da am Rand des Moores w�chst. F�nf rote Bl�tenbl�tter kommen aus einem Kelch, gelblich, wie eine kleine Vase dieser Kelch. Jetzt erst wird ihm bewusst, dass rings um das Moor, das sie ausgehoben haben, unz�hlige Blumen bl�hen und verbl�hen, dabei ist schon Herbst, aber in der Abgeschiedenheit und der D�mmerung des kleinen Waldst�cks vor der Stadt ist die Zeit vielleicht ein wenig hinterher. Denkt er. Ist das eine Heidenelke? Er sieht die Kollegin, deren Namen er nicht kennt, auf der anderen Seite der Moorsenke, wie sie sich b�ckt und ein paar Blumen pfl�ckt. Er wei� nicht genau, wie lange er schon bei den K�rpern hockt, wie viele Minuten oder Stunden, es d�mmert bereits, er sieht die Abendsonne zwischen den Zweigen und Bl�ttern der B�ume, wahrscheinlich lassen sie mehr Licht durch im beginnenden Herbst, und deswegen bl�ht es hier noch. Denkt er. Und wegen des nahrhaften Bodens.�Heidenelken�, h�rt er die Kollegin von dort dr�ben rufen. Vielleicht sagt sie es auch nur zu sich selbst. Sein linkes Bein ist eingeschlafen. Es ist das rechte Bein, das dem Mann fehlt. Jemand wollte ihn zerteilen, lie� es aber dann. Denkt er.�Sumpfwurz�, h�rt er die Kollegin,�Augentrost�.</p><p>Wer bist du, M�dchen? Und warum kriechst du im Tode noch von diesem Einbeinigen weg. Was sie hier wohl bauen wollen? Und werden. Die Toten verschwinden, und die H�user und Grundst�cke wachsen. Ob sie hier schonmal siedelten? Die Reste der H�user und K�rper in den Schichten unter ihm. Und vielleicht noch ein Moor und noch drei K�rper. Und vielleicht die Spuren eines Mannes, der dort einst am Rand stand und auf die dunkle Fl�che des Sumpfes starrte.</p><p>Die roten Lichter der Windr�der verschwinden in der Nacht, blinken wieder auf, dort und woanders, unterschiedliche Intervalle, ein Blinken und Erl�schen, Aufleuchten und Erl�schen, von dem er kaum den Blicken wenden kann. Er f�hrt. Sein Diktierger�t fl�stert vor ihm auf dem Armaturenbrett, die Stimmen mischen sich mit der leisen Musik eines Lokalsenders, er h�rt Daten und Tage, Moorgeschichten, Eliot Ness.�Herbstzeitlose�, wie kommt die Stimme seiner Kollegin aufs Band?� Bein anscheinend mit einer Art Knochens�ge abgetrennt�, jemand erz�hlt von gewaltigen Farnen, abgestorbenen B�umen und Schichten �ber Schichten, trocken und feucht, er h�rt das St�hnen der Dicken, wann bin ich das letzte Mal bei ihr gewesen?; <emphasis>Nehmen Sie sich Urlaub und fahren Sie ans Meer</emphasis>, was soll der Bl�dsinn, es ist Herbst und die Saison l�ngst vorbei. K�hl geworden auch.�Trollblume�. Eine andere Frauenstimme, die er nicht kennt. Anfang November hat er ein paar Tage Urlaub. Vielleicht f�hrt er dann endlich mal ins Haff. Und weiter zum Meer, die Oder stromabw�rts. <emphasis>Auf zweiundneunzig Komma drei�� Hast du dich schonmal gefragt, wer die Papiere Valachi besitzt�� Was f�r Papiere?�� Warum er aufsteigen konnte und die besten Immobilien besitzt und vermietet?�� Wenn Weihnachten ist�� Der Typ l�uft schon wieder frei rum, obwohl ich ihn festnageln konnte. Nur dreieinhalb Jahre�� Es ist wieder Piemontkirschen-Zeit�� Ein rituelles Versenken von Leichen im Moor�� Die Outsiders halten dem Alten den R�cken frei�� Herbstzeitlose</emphasis>.</p><empty-line/><p>Sie sitzen im Wintergarten von Eliot Ness. Es ist dunkel drau�en, die Nacht kommt schnell. Als er das letzte Mal bei ihm war, an einem Sonntagnachmittag, schien drau�en die Sonne, als w�re noch Sommer, aber das Licht war golden und schwer. Ness raucht. Sie reden eine Weile �ber Betablocker. Ness� Frau wohnt seit einigen Jahren in Berlin. Hat wohl das alles nicht mehr ausgehalten. Ness wohnt in einem Mehrfamilienhaus am s�dlichen Rand der Stadt. Weit weg von dem Moor, wo sie bald schon Fundamente legen werden, der Fundort war kein Tatort, die Investoren wollen vorankommen vorm Winter. Sie trinken Cognac, wie immer, wenn er Ness besucht. Die lichten Momente des ehemaligen Chefs der Abteilung Organisierte Kriminalit�t werden seltener. So oft hat er ihn gar nicht besucht in den letzten Jahren. Er �berlegt. Drei-, viermal. Daf�r zweimal in den letzten Wochen. Er muss aufpassen, dass er sich nicht in dem Netz des Eliot Ness verliert. Er hat drei Leichen. Und keine T�ter. Sie reden eine Weile �ber neunzehnhundertneunzig. Und neunundachtzig. Wo sie waren, was sie machten. Was sie wollten. Sp�ter. Die gro�en Seen k�nnen nicht weit sein. Wenige Lichter in den H�usern um sie herum. Der Wintergarten ist der einzige Ort in der Wohnung, der frei vom Chaos ist. Obwohl Ness es nicht als Chaos bezeichnen w�rde. Dieses Netz aus Dokumenten, Zetteln, Zeitungsartikeln, Aktenkopien, Namen und Chiffren, mit Pfeilen verbunden. Mit Notizen �bers�ht. Der alte Bulle will nicht, dass seine drei K�rper dort hineingeh�ren. Aber er wei�, dass zumindest die Justizsekret�rin B�rbel Kahn in dieses Netz geh�rt.</p><p>�Sie war dem gro�en Monopoly auf der Spur.�</p><p>�Diese kleine Angestellte? Bist du sicher? Sie hatte doch keinerlei Einfluss.�</p><p>�Sie hatte Material. Wer Material hat, hat Einfluss. Ob er will oder nicht. Ist gef�hrlich und gef�hrdet. Ob er will oder nicht.�</p><p>�Und was wollte sie?�</p><p>�Vielleicht wollte sie gar nichts. Vielleicht ist sie nur der Sache auf die Spur gekommen. Hat zu viel gesehen, hat zu viel geh�rt. Und hat das gesammelt. Vielleicht wollte sie ihr Wissen zu Geld machen. Vielleicht war sie auch einfach nur emp�rt. �ber die Sache.�</p><p>Er will Eliot Ness wieder einmal fragen, was genau die <emphasis>Sache</emphasis> ist. Aber er wei�, dass dann das Chaos auf den stillen k�hlen Wintergarten �bergreifen wird. Seit Jahren forscht und gr�bt und w�hlt Ness nur noch f�r sich, Akten, Daten, Geld, Namen, Verbindungen, Verschiebungen.</p><p>�Noch einen Cognac, Kollege?�</p><p>�Aber gerne, Mister Ness.�</p><p>Eliot Ness steht auf und geht zu dem altmodischen Bar-Wagen, der an der Glaswand steht. Zwei der gro�en Fenster sind angekippt, und es scheint ihm, dass er das Rauschen der B�ume drau�en h�rt. Ein Garten mit verschiedenen B�umen, Apfelb�ume, einige schon alt und verkr�ppelt, und eine gro�e Kastanie, um die die Apfelb�ume wachsen, kreisf�rmig fast, die Kastanie in der Mitte wie der Mutterbaum. Oder Vater. Als seine Mutter neunzehnhundertneunzig starb, rauchte er noch. Es ist schwer, nicht zu rauchen, wenn die Angeh�rigen gehen. Ness gibt ihm da recht. Hinter ihnen an der Wand, links und rechts neben der T�r, h�ngen zwei Bilder unter Glas, Graphiken oder sowas, er kennt sich da nicht so aus. Der alte Bulle hat das Diktierger�t in seiner Jackentasche.�Leg doch ab.�</p><p>�Danke. Ich f�hl mich besser mit Jacke. �Was f�r ein bl�der Spruch, denkt er.</p><p>�Dann lass uns doch in den Wintergarten gehen.�</p><p>Und da sitzen sie nun. Das Diktierger�t ist aus. Was soll er auch aufnehmen, sein Ged�chtnis ist noch ganz gut.</p><p>Ness bringt die beiden Cognac-Schwenker zu den Bastst�hlen und dem kleinen Tisch. Stellt sie auf die Marmorplatte. Passt irgendwie nicht zusammen das Mobiliar, denkt der alte Bulle.�Warst du bei ihr?�</p><p>�B�rbel Kahn? Bei ihrem damaligen Freund. Der wei� nichts.�</p><p>�Der sagt nichts. Ich wei�. �Ness setzt sich. Er raucht wieder. Prince of Denmark.�Ohne Zusatzstoffe, reiner Tabak�, wie ihm Ness einmal sagte.</p><p>�Schonmal was von den �Outsiders� geh�rt, Mister Ness?�</p><p>�Hm. �Ness nickt. Schwenkt den Cognac im Glas. Fast schon bizarr gro� sind diese Cognac-Tulpen, der alte Bulle hat solche riesigen bauchigen Cognac-Schwenker noch nie gesehen.</p><p>�Alles im Wandel. Aber auch die werden aus der Stadt verschwinden. Was wird mit den Engeln, musst du dich fragen.�</p><p>�Und der Alte?�</p><p>�Vom Berge���Ness lacht.�Wird vielleicht auch verschwinden.�</p><p>�Einfach so?�</p><p>�Nein. Daf�r sitzt er zu lange dort, wo er sitzt. �Auf seiner Schulter leuchtet das blonde Haar der B�rbel Kahn. Gut sieht sie aus f�r eine Achtundvierzigj�hrige. Das ist ein gutes Alter, um gut auszusehen.�Ich habe dir doch erz�hlt, von den Valachi-Papieren. Was denkst du, warum der Mann dort sitzt, wo er sitzt. �ber all die Jahre.�</p><p>�Immer feste druff?�Der alte Bulle grinst, weil er den Tonfall der Einheimischen imitiert.</p><p>�Das auch, mein Freund, das auch. Zumindest zu Anfang. Aber die Silberf�den greift man sich nicht einfach so.�</p><p>�Du meinst���</p><p>�Er wei�. Und er hat Material. Du kannst dich doch an diese b�se Sache erinnern, dreiundneunzig. Das Haus. Die Wohnung. Im Winter dann flog alles auf.�</p><p>�Der Alte hatte damit nichts zu tun, soweit ich wei�. Nein, definitiv hatte er damit nichts zu tun.�</p><p>�Richtig, Herr Anwalt. Aber andere. The Princes of Denmark. Nicht k�niglich zwar, aber weit oben. Und gerngesehene G�ste in diesem dunklen Haus.�</p><p>�Und mein Fall���Er bereut sofort, dass er zu schnell war. Er trinkt einen Schluck Cognac aus dem riesigen Glas, atmet den Duft ein, alt, dunkel und schwer.</p><p>�Hat nichts damit zu tun, im Prinzip. �Sie blicken schweigend auf die Fenster, sehen ihre blassen Spiegelbilder, die mit den Schemen der B�ume und des Gartens zu verschmelzen scheinen. Nur eine kleine Stehlampe neben ihnen gibt Licht. VSOP � very superior old pale.</p><p>Ness tippt auf die kleine Bronzestatue auf dem Tisch.�Ist ein Puma. Habe ich mal in Amerika gekauft. Ist von einem ber�hmten K�nstler, Bildhauer und Maler, seine Pferde und Cowboys und Tiere sind einzigartig. Selbst im Oval Office steht eine Arbeit von ihm.�</p><p>�Jetzt klingst du selbst wie der Alte vom Berge oder die Prinzen mit den Silberf�den���</p><p>�Wenn ich ein Machiavelli w�re, w�rde ich jetzt nicht hier sitzen. Und Cognac trinken mit dir. Und �ber die Toten reden.�</p><p>Und die Toten liegen in der Rechtsmedizin, der veralteten Gerichtsmedizin, liegen in Metallschubf�chern, ihr Verfall beginnt durch den Sauerstoff, der ihnen in den Jahren ihrer Ruhe im Moor kaum zu nahe kam, unaufhaltsam, im Kalten erhalten sie sich halbwegs bis zur Beisetzung, aber die Stunden im Freien haben ihnen zugesetzt. <emphasis>Ach, legt euch nieder, ihr m�den Glieder</emphasis>. Dennoch sind es die H�ute, die Hautschichten ihrer Augen, die ihn interessieren. Die letzten Blicke. Ein Blick nur auf diese letzten Blicke. Manchmal denkt er, dass er tr�umt, dass er schl�ft, und schreckt hoch, ringt nach Luft.</p><p>Er versinkt immer noch im Wasser, in diesen Tiefen, aber es ist anders jetzt. In den Tr�mmern und Resten von Tempeln oder Betonbauten, genau kann er es nicht erkennen, sieht er Menschen. Er wirft den Kopf auf dem Kissen hin und her, was ist das f�r ein Blinken? Positionslichter von U-Booten? als er aufwacht, sitzt sie nackt neben ihm, beugt sich �ber ihn, er sp�rt ihre Br�ste auf seinem Bauch, auf seiner Brust, und es geht ihm besser, er atmet und atmet, erleichtert, obwohl sie sich mit all ihrem Fleisch auf ihn w�lzt und ihn umarmt.</p><p>�Aber die anderen beiden���</p><p>�Sind uninteressant.�</p><p>�Sind uninteressant�� Sind zu jung f�r dich?�</p><p>�Was soll das hei�en, mein Lieber, zu jung? Wie lange?�</p><p>�Ein Jahr ungef�hr.�</p><p>�Dann m�ssten sie frisch sein, wie ein St�ck Eierschecke, das man in einen Eimer Teer wirft. Das k�nnte man essen nach einem Jahr. Wenn man es s�ubert.�</p><p>�Eierschecke, Mister Ness?�</p><p>�Sie wollen mir doch nicht sagen, dass Sie in all den Jahren nicht diese Spezialit�t der Backkunst sch�tzen gelernt haben.�</p><p>�Quarkkeulchen kenne ich. �Seit wann siezen sie sich? Ist das der Mond hinter den B�umen?</p><p>�Und die Dresdner Eierschecke, ich war dr�ben in Dresden, als sie den Mann aus der braunen Zelle weggeschossen haben.�</p><p>�Ich hab davon geh�rt. War das nicht auch dreiundneunzig?�</p><p>�Ein bewegtes Jahr. Bewegte Jahre. Aus allen Himmelsrichtungen kamen sie. Die Karawane, Tausendundeine Nacht.�</p><p>�Aber���</p><p>�Dein Fall, ich wei�. Aus B�hmen kam dieses wunderbare Backwerk. Urspr�nglich. August der Starke importierte es. Aber wir wollen keine Geschichtsstunde.�</p><p>�Wenn die Geschichte uns dorthin f�hrt, wo wir die Antworten finden���</p><p>�Wir suchen, hin und zur�ck. Im Kreis herum. Warte���Eliot Ness stellt sein Glas ab und geht zur T�r.</p><p>Und dann sitzen sie wieder, zwei Teller neben ihren Cognac-Schwenkern, zwei Kuchengabeln neben den Tellern, wei�gelbe Eierschecke auf den Tellern, gro�e St�cke, frisch. Der alte Bulle hat fast f�nfzehn Minuten allein im Wintergarten gesessen und nachgedacht. Die Toten und das Moor. Die T�ter, die er nie zu fassen kriegen w�rde. Wie auch? Die Kugeln des Bren m�ssten zum Bren zur�ckfinden. R�ckw�rtslaufend beziehungsweise <emphasis>fliegend</emphasis>, hinein in die Explosion. Kein Bren in der ganzen Stadt. Die Spur f�hrt nach Tschechien? Aber dieser Fall scheint Eliot Ness nicht allzu sehr zu interessieren. B�rbel Kahn, ja.</p><p>Er erinnert sich, dass Eliot Ness sogar Verbindungen zum damaligen Fall� Kino �vermutete, nein, nicht nur vermutete, darlegte, weil dieselben Mechanismen in der Stadt unten an der Elbe abliefen,�Wer hat Interesse, dass die sich gegenseitig ausschalten?�Er selbst wusste zu wenig dar�ber und glaubte nicht an alle Zwangszusammenh�nge des Eliot Ness. Zwei kleine Zuh�lter irgendwo aus dem Ruhrpott schie�en einen braunen Kameraden weg, weil der ihren Gesch�ften in die Quere kommt, im neuen Deutschland darf es keine Huren und keine Huren-Verwalter geben. Was f�r eine bescheuerte Idee. Weil doch das Tausendj�hrige Reich der Tausendundeinen N�chte das m�chtigste ist. Und der braune Kamerad kam selbst aus dem Ruhrpott. Um hier zu agitieren. Ironie, k�nnte man sagen. Aber die Versuche der Kameraden waren schnell beendet. Ruhrpottluden weg, braune Kameraden weg. (�Na ja, weg nicht, aber nicht mehr marktst�rend zumindest.�) Zu gro� der Markt, zu neu der Markt, zu viel zu holen f�r zu viele, die Braunen werden von innen ausgebremst. Zu gro� der Markt, zu neu der Markt, noch ungeordnet. Er kann sich an die ausgebrannte Bar erinnern, in der ein Gast verbrannt ist. Kann sogar im selben Jahr gewesen sein. Erste H�lfte der Neunziger. Der hockte zusammengesunken vor der Treppe. Erstickt. Kollateralschaden. Fall� Hotelbar�. Weil dort die M�dels sa�en und das der Konkurrenz nicht gefiel. Er hat mit den Kollegen in der Stadt unten an der Elbe damals kommuniziert. Wenn er endlich Auskunft von seinen Quellen bek�me, wer ein altes Bren verkauft oder gekauft hat in den letzten Jahren�� Die Elbe runter, die Oder rauf, die Elbe runter. Die Fl�sse m�nden alle in die Sache, sagt Eliot Ness.</p><p>Und dann essen sie ihre n�chtliche Eierschecke wie zwei alte Tanten. Und ihm ist immer noch nicht ganz klar, was denn nun die <emphasis>Sache</emphasis> sein soll. Obwohl er es schon wei�, so ungef�hr. Einen K�rper kann er einordnen. Aber die anderen beiden? Seine anderen beiden Sch�fchen? Sicher, es gibt genug neue F�lle inzwischen. Und keiner hat Interesse an diesen alten Geschichten. Von denen zwei gerade mal ein Jahr her sind. Als er neben ihnen im Moor hockte, h�tte er nicht gedacht, dass sie so frisch sind. Der Moorexperte hat es genau erl�utert, dass es Sauerstoffeinschl�sse oder so etwas �hnliches gab. Alles auf Band, alles auf Band.</p><p>Der Mann ohne Bein, ein kleiner Schmierlapp, den die Gro�en fallenlie�en. In den Neunzigern an der T�r aktiv. Verstrickt in die Sch�sse auf diesen Punk. BUMM BUMM. War nicht sein Fall, aber er erinnert sich gut. Im Kreis herum, im Kreis herum��, wenn er sich denn schlie�en w�rde! Den Schwiegervater des Schmierlapps, den Professor, haben sie damals ordentlich verknackt. War ja auch seine Wumme, Jagdgewehr, und sein Auto, Mercedes, ein riesiger Schlitten, den der Punk gestohlen hatte. Zumindest dachte das der Schwiegervater � t�dlicher Irrtum. Und der Schmierlapp und die Freunde vom Schmierlapp sind zusammen mit dem Professor losgezogen, um das Auto zur�ckzuholen. Dabei l�ste sich ein Schuss.�Schmierlapp�, so nannten sie fr�her die kleinen Fische in K�ln. Fische. Kein gutes Wort daf�r. Es erinnert ihn an diese Vorabendserie. St.�Pauli. Die Folklore von den guten Bullen und den goldherzigen Huren. Alle meine Huren. <emphasis>Kleine Fische, gro�e Haie.</emphasis> Alles Unsinn. Gesch�fte, wie �berall. Und ob er im dunklen Haus aktiv war, wissen sie nicht. Vielleicht am Rande, so wie er immer am Rande war, Mister Schmierlapp.</p><p>�Lieber Freund, wie schmeckt es Ihnen?�</p><p>�Gut, sehr gut. Ich glaube jetzt doch, dass ich diesen Kuchen schon einmal gegessen habe, in all den Jahren, die ich jetzt hier bin. K�hl und cremig zugleich.�</p><p>�Ich h�tte es nicht besser sagen k�nnen. Es sind die Schichten und der Quark im Teig, der die Dresdner Schecke so einzigartig macht. Und wie Sie sehen und schmecken, auch hier in dieser Stadt.�</p><p>Ohne eine Antwort abzuwarten, spricht er weiter:�Es gibt noch eine Nebenart der Dresdner Eierschecke. Die Freiberger Eierschecke. Die, lieber Freund, ist weitaus flacher und enth�lt, leider leider! keinen Quark. Aber auch sehr schmackhaft. Waren Sie schon einmal in Freiberg?�</p><p>�Wenn Sie das Freiberg mit der Bergakademie meinen, nein.�</p><p>�Hm, hm.�</p><p>Dann sitzen sie, zur�ckgelehnt in ihre Korbst�hle, und starren durch den Spiegel hindurch in die Dunkelheit des Gartens.</p><p>�Wenn Sie wissen, wer von ihrem Tod profierte, damals wie heute���</p><p>�Das sollten eine ganze Menge Leute sein, wenn es stimmt, was Sie sagen.�</p><p>�Sie haben Zweifel.�</p><p>�Wenn ich die nicht h�tte, w�re ich nicht hier.�</p><p>�Sie werden keinen T�ter finden, weil es keinen gibt.�</p><p>�F�r alle drei?�</p><p>�Nat�rlich gibt es den Mann mit der Waffe, den Mann mit der Pistole, den Mann mit dem Dolch���</p><p>�Und den Mann mit dem Bren.�</p><p>�Und den Mann mit dem Bren, meinetwegen. Ja, vielleicht. Erinnerst du dich an den <emphasis>Steinmann,</emphasis> Mister L�bbke, den Verwalter der H�user und Grundst�cke.�</p><p>�Der Hauptabteilungsleiter f�r Immobilien- und Eigentumserkl�rung? Nat�rlich. War ich mit dran an dem Fall. Frau Kahn, ja. So weit waren wir schon.�</p><p>�Frau Kahn, nat�rlich. So weit waren wir schon. Sie wissen es doch alles selbst.�</p><p>�Wenn ich alles w�sste, w�re ich nicht hier.�</p><p>�Gemach, gemach. Trinken Sie noch einen mit, Herr Kollege?�</p><p>�Aber sehr gerne, Mister Ness.�</p><p>BUMM BUMM. Der letzte Blick. Der Steinmann. Auf den sie viermal geschossen haben. L�bbke, Schnauze! Der trotzdem immer noch lebt. Weit weg jetzt. Und ganz woanders. Die Abteilung OK hat damals den Fall �bernommen. Andere waren noch mit drin. Die A, die �mter. BKA. LKA. Lange her.�Und wer hat damals weggeschaut? Wer hat gewusst, dass die Sch�sse fallen, und die anderen machen lassen, AK und die anderen���Das Netz legt sich �ber ihn. Er wei�, dass sein K�rper noch schl�ft. Apnoe. Hat er �fters. Er h�rt, wie er immer wieder nach Atem ringt. Der Silberfaden zwischen den Immobilien und denen, die investieren. Die Immobilien wollen. Denen der Hauptabteilungsleiter im Weg steht. Pr�teritum. Lange her. Eliot Ness hat recht. Es gibt keinen T�ter. Die Gesch�fte haben sich selbst�ndig gemacht. Er will nichts davon wissen. Jetzt nicht mehr. Die Valachi-Papiere. Was f�r ein Schei�. Legenden und M�rchen.�Nat�rlich gibt es den Mann mit dem Dolch, den Mann mit der Pistole���Ja, aber wo, verdammt nochmal, ist er? Die Steinmann-Killer haben sie erwischt. War auch sein Fall damals. Jeder wusste, dass da mehr dahinter war als diese vier kleinen Negerlein, die vielleicht nur Warnsch�sse abgeben sollten, vielleicht ins Bein, vielleicht aber auch in den Kopf. Gewarnt werden immer auch andere. Sie schwiegen. Auch eine tschechische Waffe. Nur paar Kaliber kleiner. Die Crystal-Grenze. Er will, dass das alles Zufall ist, und schlafen, schlafen�� Wo immer er auch ist, wo immer er auch liegt. Schlafen, bis das alles vorbei ist.</p><p>Alle drei m�ssen sie zu tief dort hineingeschaut haben. So wie Eliot Ness, den sie kaltgestellt haben. Und seine kleine Truppe liegt in den schmalen metallenen K�hlschr�nken der Rechtsmedizin. Frau Kahn damals, die beiden vor nicht allzu langer Zeit. Also was sie dahin gebracht hat. Bei den beiden ist er sich nicht sicher. Dieses Todespaar, an die Betonsockel geschnallt, sie, von ihm wegkriechend. Selbst im dunklen Moor noch. Die Einzige, von der sie nichts wissen. Sie haben ein Bild angefertigt von ihr, basierend auf den Fragmenten ihres Gesichts. Und es �berall verteilt. Hinterm Bahnhof, bei den vergifteten jungen Huren des Stra�enstrichs. <emphasis>Spieglein, Spieglein an der Wand��</emphasis> Es kann auch sein, dass man ihr die Gifte vors�tzlich verabreicht hat. Alles kann sein. Ihr Bild h�ngt an seinem K�hlschrank. Kurzes dunkles Haar. Schmale Oberlippe, volle Unterlippe. Was schmollst du mir, M�dchen?</p><p>Der Mann schien froh, als B�rbel jetzt wieder auftauchte. Nach so vielen Jahren.�Ich hab gewusst, dass sie tot ist. �Papiere fanden sie nicht, finden sie nicht. Keine Hinweise auf ihre angeblichen Entdeckungen, Ermittlungen im Monopoly der Immobilien. Er schreckt hoch, ringt nach Luft. Seine Augen gew�hnen sich an die Dunkelheit. Ein Bett. Sein Bett? Er riecht die Frische der Laken und Bez�ge. Jemand liegt neben ihm. Er tastet und f�hlt, Haut wie Leder, glatt und rau, und als er sich umdreht, liegt das Moorm�dchen neben ihm und l�chelt ihn an mit einem schiefen Spalt in ihrem braunen, faltigen Gesicht.</p><p>Ihr letzter Blick: Das Zimmer, in dem sie mit ihm wohnte. Klein, schmutzig. Nein, eigentlich nicht allzu schmutzig. Ein Bett, ein Tisch. Flaschen auf dem Tisch, sp�rliches Licht durch die Gardinen vorm Fenster. Drau�en, nicht weit, der Zentralbahnhof, den sieht sie nicht. Sie sp�rt, dass sie stirbt, h�rt Schritte auf der Treppe, blickt auf die zwei Flaschen auf dem Tisch, das Licht bricht sich in ihnen, es sind diese Lichtvorg�nge, die sie fesseln, w�hrend sie langsam verd�mmert. Ob das die Sonne ist oder eine Stra�enlaterne oder die Scheinwerfer eines Autos oder eine Leuchtreklame. Sie hat sich auf den Boden gesetzt, an die Wand gelehnt, vor einigen Stunden. Sie hat einige Tabletten genommen und alles, was sonst noch da war. Sie ist seit Wochen drauf, und jetzt will ihr Herz nicht mehr. Ihr letzter Blick. Dieses Gefunkel auf den Flaschen am Fenster, das in Wirklichkeit weit weniger spektakul�r war.</p><p>Das Bild auf den H�uten des Augapfels.</p><p>Der Totendoktor l�sst ihn wieder mal allein. Das ist ihr Deal. Daf�r f�hrt er ihn an manchen Wochenenden in die Berge, Richtung Kristall-Grenze, wo der Totendoktor ein Wochenendgrundst�ck hat, eine Datscha, wie sie hier sagen. Der Doktor hat keinen F�hrerschein mehr, seit Jahren, aber sie sagen, dass er trocken ist. Manchmal ist der alte Bulle stundenlang bei seinen Toten. Diesmal allerdings nicht, er hat schon sehr viel Zeit bei ihnen im Moor verbracht. Zu viel. Sie sind auch nur noch zu zweit. Justizsekret�rin B�rbel Kahn ist schon seit einigen Tagen unter der Erde. Beziehungsweise zur�ck in ihr. Er war auf ihrer Beerdigung. Ihre Mutter war da. Ihr damaliger Lebensgef�hrte mit seiner Frau. Ihr Sohn aus einer fr�hen Ehe. Sonst nur Friedhofsangestellte. Und der alte Bulle stand im Hintergrund, wollte sich nicht zu der kleinen Gruppe stellen, zu denen, die gekommen waren. Man war wohl eher erschrocken, dass sie wieder auftauchte, dachte er sich. �ber zehn Jahre verschwunden, man versucht, das irgendwann und irgendwie zu vergessen, und dann, pl�tzlich, w�hlen sie vor der Stadt, am Rand der Stadt, zwischen den St�dten, im Boden, im Moor, legen trocken, um zu bauen, was f�r eine Ironie, wo sie doch laut Ness den faulen Immobiliengesch�ften auf die Spur gekommen sein muss, damals, und dann, Jahre der Ruhe, Jahre, in denen das Suchen und Fragen sich langsam in ein Vergessen wandelte: Hallo! Ich bin wieder da. <emphasis>War nie richtig weg, hab mich nur versteckt</emphasis>. Jetzt wissen sie wenigstens, dass sie tot ist. Keine unn�tigen Tr�umereien mehr. Er geht zwischen Reihen der Grabsteine hindurch, auf diesen kleinen Wegen, die ihn wieder zum Hauptweg bringen sollen, zumindest zu einem der Hauptwege, er blickt �ber Hunderte, Tausende Gr�ber und Steine hinweg, wie eine Miniaturstadt, denkt er. B�ume dazwischen, B�nke dazwischen, weite und schmale Wege dazwischen, er verliert die Orientierung. Er kann sich nicht erinnern, schon einmal auf diesem riesigen Friedhof gewesen zu sein. Er dreht sich um und erkennt Eliot Ness, der am Rand steht, aber direkt neben der Gruppe der Angeh�rigen und Offiziellen, und zusieht, wie sie den kleinen Sarg hinablassen. Ihre Mutter wollte nicht, dass sie verbrannt wird. Er �berlegt kurz, ob er noch einmal zur�ckgehen soll. Er hatte ja auch nicht vorgehabt zu verschwinden, bevor sie verschwindet. Er hatte sogar einen kleinen Blumenstrau� mitgebracht, den er dann aber auf ein anderes Grab legte auf seinem Weg, als er die kleine Prozession schon erkennen konnte aus der Ferne. War ein vertrocknetes, verwildertes Grab, das ein paar Blumen n�tig hatte, den Namen sah er nur aus den Augenwinkeln.</p><p>Was will Ness hier? denkt er. Abschied nehmen von den gro�en F�llen? Weil es keine L�sungen mehr gibt? Weil die Silberf�den bis ganz nach oben f�hren, wo immer das auch sein mag. Unten. Oben. Eliot Ness redete immer weiter, immer mehr Namen, Daten, Vorg�nge und Nummern und Zahlen drangen aus seinem sich pausenlos �ffnenden und schlie�enden Mund zu ihm, legten sich wie ein Netz um ihn, um sie beide, um alles, denn es ging um alles, wie Eliot Ness immer wieder sagte, die Welt, die Kartelle, die Krisen, oh nein, keine Krisen, ein Krieg, seit �ber zwanzig Jahren. In dem sich alles ineinanderschiebt, die Legierungen der Macht und des Geldes.</p><p>Der alte Bulle denkt an die gro�en Reden des Eliot Ness, der ihn an der Schulter packte, als er begann, langsam zu verd�mmern, zu viel Cognac, zu viel Zeit, der ihn an der Schulter packte, ihm mit verzerrtem Gesicht Akten �ber Akten zeigte, ihm mal fl�sternd und mal br�llend erkl�rte, wer ihm wann die Ermittlungen erschwert hatte, damals. Oder hat er die ganze Zeit gefl�stert? In der n�chtlichen Stille des Wintergartens. Die beiden Burgen. Das Rathaus, das die B�rger� die Burg �nennen, und das gro�e Laufhaus, die Burg, das Bordell in der N�he der Allee der sch�nen Augen, Autobahnauffahrt, Autobahnabfahrt. Dort l�uft es nicht gut, hat er geh�rt. Die Jahre haben alles abgenutzt. Vergiss die Burgen, vergiss die Provinz, fl�stert Eliot Ness. Die Grenzen wurden in der Vergangenheit �berschritten. Dem alten Bullen reicht es. Zu viel Theorie. Zu viel Verschw�rung. Selbst wenn Ness recht hat mit allem, seine Toten bleiben ohne T�ter.</p><p>Er sitzt auf dem Schemel, sieht die Reihen der leeren oder belegten K�hlk�sten. Das Licht der Neonr�hren f�ngt an, seinen Augen weh zu tun, und er nimmt die Sonnenbrille aus dem Etui und setzt sie auf. Er wei� nicht genau und denkt auch sp�ter nicht dar�ber nach, warum er dann von dem Schemel aufstand, seinen Mann herauszog aus der K�lte und die H�nde des Mannes noch einmal ganz genau untersuchte. Weil doch alles schon getan worden ist. Abdr�cke, Faserreste, DNA. Nichts. Kein Verkrallen in den K�rper des T�ters. Wie auch, bei der Riesenwumme. Die ihm den Brustkorb f�rmlich zerfetzt hat. Schon ein Schuss w�re t�dlich gewesen. Da war wohl jemand m�chtig w�tend auf ihn. Er muss die Sonnenbrille abnehmen, um wirklich zu begreifen, was er sieht. Muss sie dann wieder aufsetzen, um wirklich zu begreifen, was er sieht.</p><empty-line/><p>Und wieder sinkt er. Sinkt in diese dunkelblaue Tiefe. Schreckt hoch. Herzen der Meere, oder was? Zwei Sonnen �ber dem Wasser, oder ist das eine der Mond?</p><p>Sp�ter denkt er, dass das wahrscheinlich ihr <emphasis>Mondgesicht</emphasis> war, als sie sich �ber ihn beugte, als er nach Luft rang.</p><p>Sp�ter erz�hlt er ihr von seinem Gro�vater, der, und das hat er, also sein Gro�vater, von seinem Vater gelernt, also seinem Urgro�vater, sie lacht, und sie trinken Sekt, der ihm das Herz rasen l�sst, trotz der Blocker, die er nimmt, er erz�hlt ihr von seinem Gro�vater, der auf seinem St�ck Land, nicht weit vor K�ln, wenn man auf den Kirchturm der Dorfkirche stieg, konnte man den Dom sehen, der dort, auf seinem Land, den Boden mit Hilfe von Sprengstoffen lockerte. Nein, sagt sie, das glaube ich dir nicht.</p><p>Aber ja, das war fr�her �blich. Vor hundert Jahren ungef�hr, Gang und g�be.</p><p>So alt bist du doch noch gar nicht.</p><p>�Unser Ackerboden ist bekanntlich nichts Totes.�</p><p>Auf dem Grund sieht er die sich bewegende Ebene der Gr�ber, das Sichheben und � senken der H�gel, auf denen sich das endlose Feld der Steine erstreckt. Aber es ist nur das Wasser, das sich bewegt.</p><p>Bevor er aufwacht, sieht er diesen altar�hnlichen Grabstein mit der Figur, der Statue. Ein b�rtiger, grimmiger, zerfurchter Mann aus Stein oder Bronze, so genau kann er das nicht erkennen, der eine Weltkugel stemmt. Gro�e Fl�gel, die bis zum Boden reichen, wachsen aus seinem R�cken. Jemand steht vor der Figur, vor der Grabstelle, die wohl f�r einen bedeutenden Mann errichtet wurde, steht dort, w�hrend Blasen aus seinem Mund dringen. Ist er das selbst? Nein. Er kennt den Mann. Der Alte oder der Mann hinter den Spiegeln? Schon fr�her hat er versucht, diese tempel�hnlichen Anlagen genauer zu erkennen. <emphasis>Du sollst diese Stadt, die du nicht kennst, erforschen.</emphasis> Aber immer wieder fuhr er gurgelnd, nach Atem ringend, aus diesem Traum.</p><p><emphasis>Amalgam</emphasis>, das Flattern und Knattern der Fahne im Wind auf dem Hurenhaus, die Outsiders, die Engel,�Kanacken-Attacken�, sagen sie in den Puffs, Diskos, Hurenh�usern und verteidigen den Markt, die Grenzen bleiben; <emphasis>Kristall</emphasis>, denkt der alte Bulle zuerst, als er den kleinen schimmernden Stein zwischen Daumen und Zeigefinger h�lt, er ist kalt, weil er in der K�lte lag zusammen mit dem Einbeinigen, fast schien er eingewachsen in die Haut, in die Hand, abgestorbene Schichten, letzte Bilder, vier Sch�sse auf den Immobilienmann, den Herrn der Steine, damals, Messerstiche in Brust und Hals der Justizsekret�rin, nachdem sie gew�rgt und fast erw�rgt worden war, blinkende Windr�der, Zeppeline �ber der Stadt, Post aus Berlin, Verst�rkung aus Hannover, die Einwohnerzahlen nehmen stetig zu, <emphasis>Leb wohl, Schimanski</emphasis>, n�chtliche Fahrten, OK, KO, gro�e Mercedeslimousinen voller Kanacken, die langsam durch die Stadt rollen, als w�re hier die Kurf�rstenstra�e oder <emphasis>fucking Berlin</emphasis>, Flaneure, die Presse vergisst die Leichen im Moor, der alte Bulle liest die Hurenanzeigen in der� Bild�, werden das mehr oder weniger? alles <emphasis>on-line</emphasis>? die beiden werden einge�schert, und niemand kommt, er liegt bei seinem Dickerchen und riecht ihren Schwei� und ihren Saft, er trinkt Gin Tonic mit der Chefin und den <emphasis>sch�nen Augen</emphasis> vor Schichtbeginn,�Ich wollte mich sexuell engagieren�, Eliot Ness sortiert seine F�den, die pl�tzlich Stricke werde, Seile, armdicke Schlangen,���als das �bersch�ssige Wasser von dem Elbe-Urstromtal abgeflossen war, lagerten sich auf dem Grund des �briggebliebenen Sees �ber Jahrhunderte und Jahrtausende allm�hlich Reste organischer Substanzen ab�, die Lautsprecheransagen treiben unter den gro�en st�hlernen Rundb�gen und verhallen, im� Toten Eisenbahner �zeigt das Skatblatt ein Grand Ouvert, weswegen das Lachen immer noch und immer weiter�� Jemand k�nnte es stehlen, der auf der Durchreise ist, Kindheitserinnerungen einer Hure auf der S-Bahn-Fahrt zur Schicht an jenen verlorenen Jungen Thaler, die silbernen F�den verzweigen sich gemeinsam mit den silbergl�nzenden Schienen, wer f�llt? und wer sitzt hinter den Spiegeln? Z�ge fahren ein, und Z�ge fahren aus, und das Lachen seines Dickerchens kratzt ihm in den Ohren, dieses heisere kratzige Lachen,�Komm, noch ei Gl�schen Prickelwasser, mei Gutsder!�, Rotk�ppchen, Rotk�ppchen, immer nur Rotk�ppchen,�Die Sonne geht auf!�, Kapitaldelikte, Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung, Vermisstensachbearbeitung, Bandendelikte (Bet�ubungsmittel, Gl�cksspiel, organisierte Kriminalit�t, Falschgelddelikte), der alte Cop, <emphasis>le Bulle</emphasis>, erinnert sich an seine Zeit auf der Akademie, wie ihn sein Gro�vater einmal besuchte, kurz bevor er starb, die H�nde schwielig, der alte Erdarbeiter, der noch den Boden mit Hilfe von Sprengstoffen lockerte, so wie er es einst gelernt hatte, ein kleines B�chlein �ber diese fast vergessene Verfahrensweise lag immer auf seinem Schreibtisch in der Bauernstube, neben dem Pfeifenst�nder und der selbstgeschnitzten Holzschatulle mit den bunten Muscheln, die, wie er immer erz�hlte, von der Hochzeitsreise waren, Deauville, Frankreich, davon erz�hlte er bis zum Schluss, weiter ist er nie rumgekommen in der Welt, hatte auch kein gro�es Interesse daran, rumzukommen in der Welt, der alte Cop, den seine Frau fr�her� Hauptmann �nannte im Scherz, denkt an das Haff oben im Nordosten, denkt an seinen n�chsten Urlaub, f�hrt durch die n�chtliche Stadt, die Nacht beginnt schon sechzehn, siebzehn Uhr im Sp�therbst, im Fr�hwinter, die Facettenaugen einer sterbenden Schwebefliege sehen das Bild des Zimmers in unz�hligen Bruchst�cken,�Geldgier, nat�rlich auch oder vor allem Geldgier, oder ein��, nennen wir es mal so��, undifferenziertes Freiheitsbed�rfnis, ja, ja, es war so, dass ich dachte, ich m�sste mich sexuell engagieren�, Stimmen Stimmen, er erinnert sich an die Stunden, die er im Moor hockte und in die halbmumifizierten K�rper der Toten lauschte, in denen er davon tr�umte, ihnen die H�ute der Augen abzuziehen, um einen Blick auf ihre letzten Blicke werfen zu k�nnen, Miniaturbilder, Leuchten unterm Elektronenmikroskop, die Vergangenheit durchdringt alles, aber was soll das sein? wenn er pl�tzlich irgendwo beziehungsweise irgendwann in diesem Kreis aufwacht, aus dem Schlaf und dem Traum, den sie, sein Dickerchen, in einem pl�tzlichen Anfall von Gef�hligkeit,�im Herzen der Meere �nannte, er ist nicht anf�llig f�r Kitsch,���mehrere enge und abgelegene Stra�en, wie die Zimmerstra�e, das Kupfer- und das Sporerg�sschen f�r feinere Anspr�che, die Ulrichsgasse f�r Soldaten und Arbeiter, sind reich an solchen H�usern, wo er vor jedem, sage jedem Hause derselben von Dirnen in phantastischen Kost�men angerufen und zum Eintritt aufgefordert wurde�, er h�rt seine B�nder ab und denkt �ber den neuen Fall nach, Leichenteile im Fluss, ein junger Mann ganz oben auf der Liste, <emphasis>Mord im Computerspielerausch</emphasis>? T�ter und T�ter,�Die Ruhe in der Stadt t�uscht�, sagt ein V-Mann �ber die motorisierten Syndikate, welche Ruhe? denkt er, aber nat�rlich ist es eine Ruhe, denkt er sp�ter, als er am Flughafen vorbeif�hrt, der in den N�chten wie ein gro�es UFO auf dem Feld��, aber das hatten wir schon, es ist doch der nat�rliche Gang der Dinge, denkt er und freut sich auf seinen Gin Tonic bei Madame Gourdan, der Chefin der flatternden Fahne, er hat das Gef�hl, er trifft au�er ihr und den anderen bei ihr keine normalen Menschen mehr, mit denen er sich unterhalten kann.</p><p>Und als er den kleinen Diamanten aus den eingerissenen Hautschichten der Hand seines einbeinigen Toten holt, der ihn so fest gepresst haben muss im Moment des Sterbens, dass er sich durch die Schichten der Haut tief in sein Fleisch schob, ihn gegen das Licht der Neonr�hren h�lt, fast geblendet wird von den winzigen und wundersch�nen Brechungen und Strahlungen, <emphasis>wie die Facettenaugen einer Schwebefliege</emphasis>, wei� er, dass das endlich eine Spur ist. Aber es ist Nacht drau�en, und er f�hrt mit einem Boot aus Mahagoni den Grenzfluss stromabw�rts ins Haff.</p><p>Und als sie neben ihm schl�ft, schnarchend, weil die Arbeit anstrengend ist in jenen Vormittagsstunden und der Sekt und der Kreislauf und das verdammte Geficke miteinander kollidieren, legt er den kleinen Diamanten zwischen ihre riesigen Titten, auf denen noch sein Sperma klebt,�Spritz, mei Gutsder, ja, jaaa, spritz sch�n, meine Sonne, spritz mich voll, du geiler Hund!�, und beobachtet, w�hrend in Sekunden nichts passiert in der Stadt und in dem gr��er werdenden Kreis, sieht mit angehaltenem Atem, wie der Stein sich bewegt im unruhigen Schlag ihres Herzens.</p></section><section><title><p><strong>Ewigkeit zwo</strong></p></title><p>HALLO, MEINE LIEBEN,</p><p>hallo, hallo, hallo! und einen sch�nen guten Abend, eine wunderweiche Nacht w�nsche ich allen, die jetzt live dabei sind, bei� Eckis Edelkirsch�! Setzt die Kopfh�rer auf, dreht die Boxen leise und schickt eure Frauen ins kalte Ehebett oder dreht die Boxen laut, wenn ihr allein seid. Ecki bringt euch die n�chtliche Stadt in die Herzen und Hosen, und wir bringen den Huren unsere Rosen, Applaus, Applaus, drei�ig Minuten direkt in die Netze der Kavaliere und Suchenden, Wanderers Nacht-Glied.</p><p>Es gibt Ger�chte, und das sind ganz �ble Ger�che, dass ich nicht mehr unter euch bin, nicht mehr weile mit meiner immergeilen Eile, ich bin ersch�ttert, bis tief ins Mark, meine Lieben, dass der geile Ecki angeblich keine Kirschen mehr testen kann f�r euch. F�r euch, f�r uns und f�r sich selbst, ganz selbstverfreilichst! Moment��<emphasis>Anja�P., geboren 1988 in Wei�enfels, Realschulabschluss 1994 (mit 2,1), Lehre als B�rokauffrau 2004 bis 2007 in Magdeburg, 2006 und 2007 gelegentlich t�tig im Escortservice, Aufenthalte in Berlin, 2009 Umzug nach��, dort gemeldet, ab 2009 Arbeit in einer Wohnung in der G.-Stra�e, Arbeitszeit Montag bis Freitag, 10 bis 20�Uhr.</emphasis></p><p>Oh nein, Ecki gl�ht rot und ist noch lange nicht tot! steif steht der Mast des Lebens, und die M�dels blasen meine Fahne tief in den Wind hinein! Da wird euer Ecki, der ewige Ecki, ganz sentimental. Keine gro�e Flatter, der tote Eisenbahner f�hrt immer noch und immer doch auf den Schienen der Lust. Lust, Lust, Lust und ab und an mal Frust, weil dem geilen Ecki nicht alle Kirschen den gro�en Kick��, meine FICK�� geben k�nnen, weil euer Ecki unbestechlich seinen Stich macht, oder eben auch nicht, ihr Kreuzritter der Nacht, ihr fahrendes Volk, habt Acht und lauscht und tauscht, also die Tipps, Eckis Tipps f�r geile Stunden�� oder auch mal Minuten, denn auch ein Quickie ist mal schickie!</p><p>Ich habe gelesen und geh�rt, wie das eben so fl�stert im Netz, in unserer kleinen weltumfassenden Kommune, dass gerade jetzt die gro�e Frage nach den Puszta-Pussies. Und ob ich euch da nicht die Schwanz- und Lust-Versicherung geben kann. Und der Ecki kann.</p><p>Die Ungarn-Welle h�lt an, wie damals neunundachtzig, als die Hunderttausende in Z�gen und Autos gen Buda und Pest str�mten, weil die Tore in den Westen sich dort �ffneten, jetzt aber Wirtschaftskrise in Hungary, der Staatsbankrott gerade mal so abgewendet, sagen die Zeitungen und die Zeitzungen, der Sommer ist hei�, der Herbst ist hei�, und wenn die M�dels bleiben, wird auch der Winter heiߠ� Schwei�, Schwei�, Schwei�, so wahr ich Ecki hei�.</p><p>Aber dazu gleich, meine Lieben, denn in den letzten Wochen und Monaten hat euer Ecki getestet, dass der Gummi raucht, man k�nnte sogar sagen: auf der hei�en Haut und in der hei�en Braut schmilzt und vergl�ht! Bei der hammergeilen Ariella vom Balaton zum Beispiel, die findet ihr wie immer bei Nutten-Punkt-Net oder auf unserer Seite unserer rot belichteten Zeitung, gleich hinterm Sport, Fick dir deine Meinung, oder auf den Seiten von Sex-Punkt-Punkt-Punkt-�� Netz wie Netzstr�mpfe, ihr wisst schon, St�dtenamen sind wie Gesichtsbesamen, aber ihr wisst auch so und so von welchen Punkt-Punkt-Punkt euer Ecki spricht und schreibt in der gro�en gro�en Stadt, Online-Radio, Sex on the City-Beach, ja, ja, ja.</p><p>�Hammer Body �wirbt die Hammer-Braut beziehungsweise l�sst sie werben von unserem legend�ren Manager der Lust, und f�r hundert die Stunde beziehungsweise hundertf�nfzig, wenn sie euch besuchen soll in eurem Liebesnest, da will man nur noch den Hammer, den Bello, versenken in ihrem geilen steingemei�elten K�rper. Jawoll und wollja! Und den hat sie, obwohl ich an den vierundf�nfzig Kilos in ihrer Sedcard bei Nutten-Punkt-Net zweifele. Da packt nochmal f�nf bis zehn drauf, und wenn der Gummi voll ist, und ihr k�nnt ihr auch auf die�� uups Titten spritzen, ist sie sicher bei knappen siebzig. Aber sie ist kein Vollweib, geiler Arsch und Hammer-Titten. Daumen nach oben. Daumen rein. Reine Daunen-Ware. Deutsch kann die Kleine so weit ganz gut, Ficken, Blasen, Natursekt passiv, Zungenanal passiv, das lese ich jetzt bei einigen, das ist auch so ein Trend, und die Rosette ist echt zum Abschleckern, JA, JA, JA. Und der Akzent ist allererste Sahne, da steigt der Saft, wenn die S��e so rumgeilt beim Abficken.</p><p>Und weil hier jemand fragte, durchs Hintert�rchen ist sie leider nicht begehbar, aber sie rei�t euch den Arsch auf, wenn ihr das wollt, und ihre kleine Faust �lt sie gerne ein f�r FF passiv.</p><p>Der Mannie-Fuchs aus Geithain schrieb mir gestern, er hat zehn Meter weit gespritzt, als ihre kleine Faust in seinem Arsch war. Ja, meine Lieben, f�r unsere offenen Worte sind wir beliebt, ganz offiziell. Wie die Worte, so die L�cher.<emphasis>Zuzsa�F., geboren 1991 in Budapest, Vater Offizier, Mutter Dolmetscherin f�r Englisch und Deutsch, 2008 Verlust des Ausbildungsplatzes im Zuge der Staatskrise, der Wirtschaftskrise, 2008 Partyszene in Budapest, 2009 Reise mit zwei Freundinnen nach Prag, T�tigkeiten in Tabledancebars, als Bedienung in einem Casino, Kontakte zur Vermittlungsagentur des Zoltan�M., ab 2009 erste T�tigkeiten im Bereich sexuelle Dienstleistungen in einer Wohnung in der K.-Stra�e in Dresden.</emphasis></p><p>Aber die Unruhe kocht ein wenig hoch in unserem noch hei�en Sp�tsommer, was geht, was passiert, k�nnen wir noch in Ruhe ficken? Fremde Frauen, samth�utige, schwarzh�utige, t�rkischer Honig, Blumen aus Hanoi, das lieben wir, und auch die deutsche Hausmannskost und die deutsche kleine Drecksau und russisches� Krieg und Liegen�, wenn sich die s��en K�rper verbiegen, aber Hauptsache, die Auswahl ist da, und der Markt saugt uns aus bis aufs Mark, und die Preise bleiben, wie sie waren, das gute Bewahren, nicht wahr? Aber alles wird teurer, und die Renten sind sicher. Und da kriegt auch euer Ecki, euer ewiger Ecki, es mit der Angst zu tun. Wenn das wilde Kurdistan hier durchkommt, durch unsere�� Punkt-Punkt-Punkt gro�e Stadt. Locos aus nicht unserer Herren L�nder. Abschaum aus der Hauptstadt. Aber unsere Stadt hat den Abschaum satt. Wir sind liberal und politisch Konfekt. Und weil wir ja hier den offenen Worten wie den offenen L�chern huldigen: Schickt sie heeme, am besten ohne Beene.</p><p>Da stehen wir voll hinter unserem fast schon legend�ren Manager der Lust, unserem Alten vom Berge, ich wei� noch, als sie ihn vor �ber zehn Jahren fast erledigt haben, da ist er wieder aufgestanden und hat die Jugos und Kanacken (Ich hab nichts gesagt, da war nur so ein <emphasis>Knacken</emphasis> in der Leitung) ordentlich einge�lt und zur�ck durch ihr Schl�sselloch geschoben, wenn ihr wisst, was ich meine. Da blieben nur Gebeine. Was man so h�rt, unter den Stra�en, in den Salons.</p><p>Aber die Tagespolitik und der Verfall der deutschen Sitten sollen nicht unsere Tagesthemen sein, ihr h�rt� Eckis Edelkirsch�, Ecki auf der Pirsch. Ich will nur sagen, �ngstigt euch nicht, die Sch�sse sind gefallen, der Rauch ist verdampft, die <emphasis>Situation</emphasis> schon fast entkrampft. Aus der Hauptstadt und aus Hannover-City nahet Hilfe, der Markt wird wieder reguliert, und dann k�nnen wir wieder ungest�rt wandern gehen, wandern durch die Nacht, Bumm-Bumm ohne BUMM BUMM, Girl Girl Girl, wolln mal sehn, wie die Sterne heut stehn.</p><p>Und zur�ck zu unserem Balaton-Girl, unserem Puszta-M�dchen. Wer die Romantik liebt und leibt, kommt bei Wachs- und Kerzenspielen auf seine Kosten, ich hab�s selbst noch nicht ausprobiert, der alte Ecki steht mehr auf den guten alten Reinsteckefuchs. Frei nach Goethe, reinecke die Fl�te.</p><p>Aber was f�r eine Sch�nheit, kann ich euch sagen, h�rt, die Uhr hat zw�lf geschlagen. Die Ariella hat scheinbar Kiemen, so tief nimmt diese kleine Meerjungfrau den Aal in den Mund und nuckelt euch in einen samenlosen Schlaf. Kehle, leider nein. Aber fast, k�nnte man wagen. Die gro�en Sagen.</p><p>Wer tiefer noch in die Mundfotze ficken will, der wird woanders f�ndig, dazu gleich, ihr Freunde des gepflegten Deep Throat, aber ich kann und will nicht aufh�ren, die rassige Ariella zu r�hmen und zu loben, denn sie k�sst auch und zeigt euch, wie euer Schwanz schmeckt, denn sie bl�st nat�rlich ohne, will aber keinen Schuss in ihrem s��en Mund. Und dass sie vierundzwanzig ist, will ich ihr und unserem legend�ren Manager der rotleuchtenden Pussycats fast glauben, der Paria der Paviane, verzeih, Meister! vierundzwanzig, denn ihre Haut und ihre runden Winkel zwischen Arsch und Muschi, zwischen Oberschenkel und H�fte, sind samtig und glatt und weich, dass ich gleich wieder ihre Nummer w�hlen will. Achtzehn bis Mitte zwanzig. Und keine Eile macht sie, und keinen Stress hast du, oh Gast, oh spendabler Freund der Lust, wenn du die volle Stunde bezahlst, denn z�rtlich und geil, wie wir es wollen und brauchen, ein Zigarettchen, einen Kaffee, ein paar nahe Worte in ihrem Bett��, dem Genie�er schl�gt dort keine Stunde��, heh��, der alte Ecki wird noch zum Poeten, wenn er an Ariellas hei�en Atem denkt. Wer ihre Pussy geschleckt hat, wie die Geile vor dir hockt, ihre Arschbacken auseinanderzieht beim Ficken��, heh, die Frau scheint Spa� zu haben, Eckis ganz besondere und besamte Edelkirsche f�r unseren heutigen Abend, eine weitere Oase f�r unsere Wanderungen durch die Wohnungen und Stra�en der Nacht.</p><p>Und ihre ebenfalls ungarische Kollegin Aruscha saugt eure Schw�nze bis tief in die Kehle, ohne Gummi versteht sich (allerdings nur beim Saugen, nicht beim Ficken, ist ja klar), das wollt ich euch vorhin noch sagen! Wo ich letztens in der Wohnung in Punkt-Punkt-Punkt war, bei unserer Ariella, war Aruscha im Nachbarzimmer, das ungarische Doppel-A, Arschficken leider bei keiner von beiden, trotzdem der Hammer-Hammer, aber macht schnell, ihr Lieben, mir ist zu Ohren gekommen, dass Aruscha, dieses blonde, ob Natur kann ich nicht sagen, Kehlenfickwunder, bald schon wieder weiterwill. Ich habe sie beide getestet, in den Hals spritzen darf man Aruscha allerdings nicht, sie gurgelt zwar sch�n, wenn sie euren Aal verschlingt, sp�rt aber ganz genau, wenn euch der Saft kommt beziehungsweise wenn er langsam aus den Eiern nach oben wandert, unbezahlbar dieses Nachtlied im Abendkleid, all inklusive nimmt sie allerdings einen HuFu f�r die Stunde, daf�r darf man ihr auch das s��e, etwas rundliche Gesichtchen besamen. Geil, geil.</p><p>Schreibt mir doch letztens jemand, was das mit� Eckis Edelkirsch �auf sich h�tte, also mit dem Namen.</p><p>War sicher ein junger Ficker, ein junger Nachtwanderer, der noch nie was von diesen g�ttlichen Pralinen Namens� Eckes Edelkirsch �geh�rt hat, ein Klassiker, den gab�s ja auch als Lik�r, aber ich muss zugeben, dass ich gar nichtmal genau wei�, ob die immer noch auf dem Markt sind. Aber wer noch immer auf dem Markt ist, und fast schon ein Klassiker, ist die Moni, die Moni-Milf im Haus Nummer�23, dr�ben im S�den der Stadt, wo die Sonne immer scheint, obwohl dort ja nicht allzu viele Modelwohnungen auf unseren Besuch warten. Der ehemalige Fleischermeister hat ja dort in der N�he seinen Club, obwohl er das ja nicht gerne h�rt, also dass er Fleischermeister und ehemalig��, und ich r�hme seinen Club nun schon seit Jahren als eine Old-School-Oase, kommen wir nachher vielleicht noch drauf zu sprechen, wenn die Zeit reicht, wenn die Quote reift, aber ich mache hier ja modernes Theater und muss mir keine Sorgen machen �ber Zeiten und Quoten; klein, aber fein sein Laden and think a little big und XXX-besser als die gro�e Burg am anderen Ende der Stadt, die ja angeblich auch fast pleite ist, wie man so h�rt, aber ich schweife ab, meine Lieben, vor achteinhalb Wochen haben wir uns das letzte Mal geh�rt, war ich das letzte Mal auf Sendung, und das ist eine verdammt lange Zeit, da kann man schonmal ins Plaudern kommen, gelle?</p><p>Aber wir wollen ja Tipps unter die Tausende bringen, zu euch unerm�dlichen Rammlern, uns unerm�dlichen Rammlern und Sammlern, die wir die einzig wahre Volkswirtschaft am Laufen halten, ins Leben schalten. The big titt. F�r kein Geld der Welt fickt�s sich besser als f�r Geld. HEHHH, APPLAUS APPLAUS. Denke ich manchmal. Im Hintergrund h�rt ihr grade einen Oldie, einen Klassiker,�In the year twentyfive twentyfive�, den lassen wir mal kurz laufen und lauschen und f�hlen und erinnern uns, dass wir in unruhigen Zeiten leben, aber euer Ecki gibt euch die Sicherheit, gibt euch die Konstante, HEH HEH HEH, besser, es w�re eine Constanze, ich kannte mal eine Constanze, WOW WOW WOW, sage ich euch, die war auch eine Konstante, das war gleich nach der Wende auf der legend�ren Allee der Wohnwagen, wir brachten so manche Nacht zum Wackeln, noch Fragen?</p><p>Und wer sich daran erinnert, an jene Jahre zwischen Zeit und Strom, Fels und Geweb, es f�hrt kein Weg zur�ck, und das ist gut so, auch wenn die Luft kocht wieder im Moment, Wohnungen und Luxusgirls gab�s damals keine oder so gut wie.<emphasis>Zofia�G., geboren 1988 im Dorf�H. nahe der ungarisch-kroatischen Grenze, nach Abschluss der 10.�Klasse Arbeit auf dem Hof der Eltern, �ber eine Agentur, vermutlich die des Zoltan�M., nach Deutschland vermittelt, T�tigkeiten ab 2009 in Erotikshows und Stripbars, seit 2010 t�tig in der Wohnungsprostitution in verschiedenen deutschen St�dten zusammen mit einer ehemaligen Klassenkameradin aus dem Dorf�H., zuletzt in XXX, schickt der Familie regelm��ig Geld.</emphasis></p><p>Von dort nach hier, die Gegenwart ohne Vergangenheit, wir wandern wie die alten Philosophen.</p><p>Gott ist tot. Sex lebt. Hoch hoch hoch. Moni-Milf is very milf. Mit der k�nnt ihr alles anstellen. Was das Hirn begehrt. Dreilochstute. Altes Luder. Aber da will ich nicht unh�flich sein, ganz und gar nicht. Weil, und jetzt kommt�s: Ich liebe diese alten Leder. Allein ihre Stimme macht den Sex. Nix Ex. Der K�rper noch stramm wie ein alter Sattel. Sagen wir lieber: das Leibchen. Eine Jahrhundertfrau, zumindest das halbe Jahrhundert. Dem Jungchen, der mir letztens schrieb, von wegen: Was hat das zu bedeuten mit dem� Edelkirsch�, dem habe ich sie gleich empfohlen, Brief und Siegel drauf, weil: (Kalauer an)�� auf alten Stuten lernt man reiten. Das braucht uns alte Profis nun nicht zu interessieren, aber der gute Ecki hilft, wo er kann. Hab noch keine Antwort von ihm, wahrscheinlich liegt er mit leeren Eiern irgendwo im Koma, denn eine Stunde mit Moni sind Lust und Schmerz und Wahnsinn, und das Hirn zerspringt und zerflie�t irgendwo in ihren L�chern.</p><p>�Sch�n bist du, meine Freundin,�/�ja, du bist sch�n. Hinter dem Schleier�/�deine Augen wie Tauben. Dein Haar gleicht einer Herde von Ziegen,�/�die herabzieht von Gileads Bergen. Deine Z�hne sind wie eine Herde�/�frisch geschorener Schafe,�/�die aus der Schwemme steigen. Jeder Zahn hat sein Gegenst�ck, keinem fehlt es. Rote B�nder sind deine Lippen; lieblich ist dein Mund. Dem Riss eines Granatapfels gleicht deine Schl�fe�/�hinter dem Schleier.</p><p>Wie der Turm Davids ist dein Hals,�/�in Schichten von Steinen erbaut; tausend Schilde h�ngen daran,�/�lauter Waffen von Helden. Deine Br�ste sind wie zwei Kitzlein,�/�wie die Zwillinge einer Gazelle,�/�die in den Lilien weiden. Wenn der Tag verweht und die Schatten wachsen�/�will ich zum Myrrhenberg gehen,�/�zum Weihrauchh�gel. Alles an dir ist sch�n, meine Freundin;�/�kein Makel haftet dir an.�</p><p>Das Hohelied des guten alten Salomo.</p><p>Ich sage, meine Lieben, immer die Wahrheit, und da muss ich sagen, dass in der XXX bei der Moni, also wo die Moni wohnt, wenn sie sich f�r Cash ficken l�sst, das ist ja ein richtiges Wohnhaus, wie ihr wisst oder jetzt von mir erfahrt, und da sind ja noch andere M�dels drin, hab ich schon vor neuneinhalb Wochen dr�ber geschwatzt, wenn ihr euch erinnert, also dass es in diesem Haus, mir sind ja ehrlich, schon ein bisschen h�bscher sein k�nnte, bisschen Staub wischen auf den Fensterbrettern, w�r ja der Anfang. Da liegen die Fliegen, und die sind tot. Unser verehrter Manager der Macht hat seine Hand da nicht drauf, soweit ich das wei�, denn bei ihm, in seinen Oasen der Willigkeit und Verf�gbarkeit, gibt es schon eine gewisse Sauberkeit, soweit ich das beurteilen kann. <emphasis>Eden City</emphasis>.</p><p>Aber das soll jetzt nicht hei�en, dass es bei Moni und in der Dreiundzwanzig r�udig ist, denn wie r�udige Hunde k�nnen wir uns dort austoben, vor allem eben bei der��, YES, GENTLEMEN.</p><p>Sie macht im Prinzip alles. A�bis�A. Zungenanal bis Fr�hlingsgef�hle. HEH, ihr da drau�en, haben wir grad Sommer, Herbst, oder schneit es in der gro�en gro�en Stadt?</p><p>Im Gesicht wie Oma, der K�rper wie Omas Urenkelin. HEHHH, da werdet ihr hellh�rig, was? Gespitzte Ohren, gespitzter Schwanz. Das ist die Geilheit der Diskrepanz. Und ich will nicht unh�flich sein, weil� Oma �war vielleicht ein bisschen b�se, aber was f�r eine M�se! Ausgeleiert? Nein. Eng. Mein Gott ist die eng. GIRL GIRL GIRL, sie hat blonde kurze freche Haare, sie ist bissel faltig in the face, aber sie bl�st, sie schluckt, sie rei�t sich den Arsch auf f�r euch, f�r uns, eine Stunde f�r unschlagbare Hundert und kein Aufpreis f�r AV oder den ber�hmten Kehlenfick, das kommt alles von ganz allein, wenn der Schein in ihrer Tasche ist.</p><p>LOB LOB LOB, ihr findet sie bei Nutten-Punkt-Net und auch auf der Webseite�XXX. Und wenn es einen Kontest g�be, welches Girl am nettesten fickt und welches Girl die bezahlte Stunde, jene blaue, farbige, aufregende Stunde, ohne Uhr auch mal verl�ngert, dann haben wir bei der Dreiundzwanzig und weit dar�ber hinaus, eine geile abgerockte Siegerin. Und da ist unser Song�� LIKE A VIRGIN�� UHHH�� VERY FIRST TIME�� LIKE A VIR-HIR-HIR-GIN. Es sind ja einige unter uns, das wei� ich, die die jungen Leiber sich lieber einverleiben. Und manchmal geht�s mir genauso, siehe unsere Puszta-Nymphen, diese gierigen Mittzwanziger, und ich habe jederzeit paar Tipps auf Lager bis runter zur Achtzehn, wo man das Jungblut kriegt, gut und g�nstig sozusagen.</p><p>Die kalten Winde bliesen�/�Mir grad ins Angesicht.</p><empty-line/><p>IHR LIEBEN. Ecki ist immer noch on-line. Aus der gro�en Stadt in die kalten Betten. Aus den hei�en Betten in die leere Stadt. Seid ihr noch da, seid ihr noch bei mir? Aber ich sehe, die Mails und Nachrichten gl�hen rein. Da schreibt doch einer, dass ich mal ganz und gar stillos w�re und die Zunft der Freier verunglimpfen undsoweiter�� Alles Stiletto, oder was? Wo ich mich doch tief verneige vor den Damen der Nacht, vor den wunderbaren Grabennymphen (denn so nannte man sie fr�her, vor Hunderten von Jahren, als sie noch vor den St�dten arbeiten mussten, wieder was gelernt, Herr Graf, gelle?).<emphasis>Anja�N., geboren 1991 in der Industriestadt�D. in der Ukraine, abgebrochene Lehre als Industriemechanikerin, 2009 nach eigener Aussage als Hotelangestellte in W., Deutschland, eingestellt, 2010 im Nachtclub XXX in F. als Sexarbeiterin t�tig, laut eigener Aussage �ber den genauen Inhalt der T�tigkeit anfangs get�uscht, Kontakt zur Hurenorganisation Hydra, Anfang 2011 kurzzeitige R�ckkehr nach D., seit Ende 2011 t�tig im Club XXX in Berlin.</emphasis></p><p>Was wissen wir schon �ber unsere Frauen��, diese und jene. Wir z�umen sie auf, die s��en Ponys. Drei haben wir besprochen. Unabh�ngig und f�r alles offen. Unsere Hohelieder der Leiber. Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal��, f�rchte ich kein Ungl�ck��, keine samenlose Zeit. Unser Stecken und Stab��, tief dringen sie ein.</p><p>HAUS UND HOTEL. CODENAME CARMEN. Gar nicht lange her, dass ich bei ihr war. Mit der Carmen war das Problem, dass sie nicht rauswollte aus ihrer Bude. Und ihr R�cken war eine einzige Narbe. Sie hat sich irgendwas rausschneiden oder bestrahlen lassen auf dem R�cken. Und ich sag noch: Hotel bitte. Aber sie: Nee, sorry, das geht grad nicht, komm doch nach da und da. Und ich ins Taxi rein. Ewig gesucht nach dem Eingang. Wie damals nach dem Keller der Blutjungen. Mein Gott, war die geil, war die h�bsch, blank rasierte Muschi, GEF�LLT DIR MEIN KLEINES BLANKRASIERTES SCHNECKCHEN? h�tt meine Tochter sein k�nnen vom Alter her. Die Kleine war wunderbar. Einziges Problem: Sie wollte keine Stunde. Wo doch die Stunde�� Sie wollte nur f�r Einzeln, hundert f�r einmal, hundert f�r keinmal, aber da muss ich sagen: Die war nicht bei der Sache, bei der Sache war sie nicht richtig. Obwohl ich ihr zweihundertf�nfzig f�r eine Stunde bot, sie aber wolle alles PRO zu PRO, nix all inklusive, wasch dir die H�nde, wenn du mich fingern willst, hab ich doch! ich mag das nicht, das kostet so und so, old school, heute sind die M�dels kaum noch so, der Markt�� Aber ihre Pussy schmeckte nach Pisse, das werde ich nie vergessen. MIR IST DIE FR�HLICHKEIT ABHANDEN GEKOMMEN.<emphasis>Peggy�D., geboren 1971 in Plauen/Vogtland, Ausbildung zur Sekret�rin, mehrere Weiterbildungen und Lehrg�nge bis 1989, von 1987 bis 1989 t�tig als Stenographin in Moskau f�r Interdruck, spricht flie�end Russisch, verheiratet seit 1993, Geburt der gemeinsamen Tochter 1993, Er�ffnung eines Fachgesch�fts f�r B�robedarf in der Stadt XXX zusammen mit dem Ehemann Ulf�D. 1995, Insolvenz 1996, seit 1998 t�tig in der Wohnungsprostitution im Unternehmen des XXX.</emphasis></p><p>Die Frau, dr�ben im Amalgam der Stadt, der Nachbarstadt, der Vorstadt��, ich kann�s hier nicht sagen, aber ich habe mich fast verliebt in sie. SIND WIR JETZT GERADE OFF-LINE? Unser geachteter Mann, unser Manager der behinderten, will sagen verhinderten Prothesen (denn wir wissen ja alle, was neunundneunzig geschah, in jenem dunklen Jahr), unser K�nig der Vermietung ist dort und vermietet, ich habe gesehen, wie er in seinen Mercedes gehumpelt ist. Ich habe gesehen, wie seine Jungs, seine Armee die Gesch�fte ruhig h�lt, und w�hrend ich sie bespritzte, lobte sie. Ihn.�Das ist ein ganz Guter!�Und die Arbeitsbedingungen. LOB LOB LOB: <emphasis>devote Lady mit Geilheit und Hingabe.</emphasis> Nun wei� ich nicht, ob sie f�r <emphasis>ihn</emphasis> oder den anderen Mann im Schatten arbeitet, obwohl der ja nur die Puffs und Clubs verwaltet, aber wen st�rt das schon, beide sind sie korrekte Gesch�ftsm�nner. Wenn ihr mich fragt, M�nner.</p><empty-line/><p>Und da sind wir wieder. HALLO, MEINE LIEBEN. War nie wirklich weg. ICH BIN WIEDER HIER, IN MEINEM REVIER.</p><p>Und ihr erwartet die Tipps von mir. Ich bin dabei. Es schmeckt mir nach Pisse auf der Zunge. Geil. Wir wandern durch die Hunderte Weiber, wir testen sie aus, wir probieren, wir geben gerne Geld f�r die L�cher. Wir sind wieder on-line. Losgehen, losfahren, klingeln. Wohnungen, kleine Puffs, sch�ne Clubs, wunderbare Frauen. Sechs- bis siebenhundert in unserer Stadt, Tendenz steigend, immer parallel zur Einwohnerzahl�� Jetzt meckert nicht rum, die ersten Mails flattern schon rein in endloser Flatulenz, dass ich zur Sache kommen soll, denn wir haben ja noch einen �berraschungsgast, aber vorher: Die Rubrik� Kaviar � wo ist das wahr?�, die gibt�s nicht mehr, die habe ich gestrichen, der Braunstift malt hier nicht mehr in der Hose und auch nicht Richtung Dose, wenn ihr versteht, meine Lieben, was ich meine, meine Lieben. Ich habe immer versucht, mir vorzustellen, was daran geili geil sein soll, wenn die Wurst unser Gesicht oder unsere vor Geilheit straffe M�nnerhaut umspielt��, nein, sage ich, da bin ich ganz Egoist, auch wenn ich verstehe, dass die Wonnen einer blonden Dusche nicht zu verachten sind, da habe ich gleich unter der Hand einen Tipp. Tippt mit! Da ist jene Nicole, jene nimmersatte Nymphe, die Nummer seht ihr auf meiner Seite, hier nochmal schnell die Adresse, weil mitgeh�rt ist mitgemacht. Das Eisenschloss, dieses wunderbar verhurte Haus im S�den unserer Stadt Eden, und das meine ich als Kompliment f�r die Huren, unsere Frauen, die sich dort dem hartschw�nzigen Stamm der G�ste hingeben, Stra�e XXXX, Nummer X, unten klingeln, die Auswahl wartet drinnen, die feuchtwarme Nicole war letztens in der zweiten Etage, wo sie sich bereitwillig und breitwillig, meine nat�rlich breitbeinig, �ber dich hockt, Champagner-Wetter, und dich in der wei�en k�hlen Badewanne mit ihrem gelben hei�en Saft��, und jetzt versagt meine Poesie, diese meine nachtgegebene��, einfach geil und herrlich vollpisst. Wenn du das w�nschst. Als ich noch verheiratet war, war die Dusche, waren die Wasserwerke danach wichtig. Oh, wie wichtig. Denn vergesst nicht, die Nasen der Frauen sind misstrauisch. Nun haben wir den Faden verloren. Der Faden des Safts, der aus dem preisverd�chtigen Mundf�tzchen der N.�N. l�uft�� Schaut auf meiner Seite, wo die Rubrik der liebevollen Mundfickerinnen schon beim Lesen��, da muss ich selbst bald nochmal schauen, wer diesen wunderbaren Entsaftungsservice bietet, denn viele sind es nicht��, ihr seht, ihr schwebt, f�r jeden ist was dabei. Aber nun wieder zur knallharten Berichterstattung, zur knallharten Aufkl�rungsarbeit, FAKTEN FAKTEN FAKTEN, nicht nur �ber die Nackten und Gefickten! J�accuse, ich klage an: jenen Ger�chtek�chenkoch, der den Alten vom Berge, unseren Gesch�ftsmann der Lust, den Vermieter der Paradiese, anklagt, dass er Frauen importiere, dass er Frauen zwinge beziehungsweise mit den Importeuren und Erzwingern eng zusammenarbeite, und dann f�hrt dieser Ankl�ger in den Weiten des Netzes sogar Namen ins Feld. Rechtlich bedenklich scheint mir das, aber lassen wir die Fakten sprechen, das Protokoll der Schande ungek�rzt hier auf meiner Seite, nur einen Klick entfernt, und gleich hier und live in Ausz�gen gelesen von eurem Ecki und mit Anmerkungen von eurem Ecki, der euch, meine Lieben, versichern kann, dass alles legal und koscher ist in den Zimmern unseres Vermieterk�nigs! Und gerade die hei�en Puszta-M�dels, unsere s��en Ungarinnen, sollen es sein, die da unter Zwang stehen! Und nicht nur eine f�hrt der besorgte B�rger namentlich an, wir haben sie vorhin besprochen, rezensiert wie ein gutes Buch, und ich zitiere des Weiteren aus den Protokollen der Unweisen beziehungsweise des Unweisen, und wer alles wissen und lesen will, die gro�e Hurenverschw�rung beziehungsweise � ausbeutung, klicke nicht dem s��en M�del ganz oben auf meiner Seite zwischen die Beine, da findet ihr die Nummern und Adressen und Bewertungen, klickt auf den kleinen Hydra-Kopf unten auf der Seite, um den sich die Schlangen winden, und bevor unser �berraschungsgast zu Wort kommt, lese ich jetzt einige Ausz�ge, ganz unkommentiert:</p><p>�Die osteurop�ischen Frauen m�ssen t�glich siebzehn, achtzehn Stunden in den Wohnungen arbeiten, das ist wie eine Dritte-Welt-Ausbeutung. Sie d�rfen keine eigene Freizeit haben, sie d�rfen die Wohnung nicht alleine verlassen, werden unter Zwang festgehalten. Die Vermittlerbande schickt die M�dchen immer wieder in andere St�dte Deutschlands und Europas, damit sie keinen Kontakt zu anderen M�dchen au�erhalb der Wohnungen aufbauen k�nnen.</p><p>Die Zuh�lter wenden Gewalt an, wenn die Frauen die Forderungen nicht erf�llen. Sie m�ssen Extraleistungen erbringen, ohne Schutz. Die Strafen, wenn die Frauen die Leistungen nicht erf�llen, sind so hoch, dass sie unter Zwang alles ausf�hren, was die Freier und Zuh�lter von ihnen verlangen. Sie m�ssen f�r die Wohnungen auch viel h�here Tagesmiete zahlen als die deutschen Frauen und fast alle Einnahmen an die Hinterm�nner abgeben. Ich habe starke Hinweise darauf, dass die Beh�rden von diesem Zwangssystem profitieren und deshalb nichts gegen diese Verbrechen unternehmen.�</p><p>So weit, so schlecht, meine Lieben. Und unsere Leitung summt, und die Daten flimmern durchs Netz, und ich, euer Ecki, euer ewiger Ecki, flie�e durch die Stimmen und die Seiten und gleite durchs Gewirr der silbernen F�den, und das Telefon klingelt, und ich freue mich auf meinen �berraschungsgast, den Mann, der wie einst Orpheus den Weg aus der Unterwelt fand, zur�ck ins Licht, zur�ck ins Licht.</p><p>Aber bevor wir den gro�en Mann zu Wort kommen lassen, noch ein vorher aufgezeichneter Kommentar einer Liebesk�nstlerin, einer Sexarbeiterin, die ich pers�nlich schon mehrfach besucht habe und die ich hier in einer der letzten Sendungen in h�chsten T�nen lobte, die aber mittlerweile � leider, leider!�� in einem anderen Beruf t�tig ist. Und die sich unbedingt �u�ern wollte zu diesen Vorw�rfen gegen ihren ehemaligen Chef und Vermieter. Band ab, meine Lieben:</p><p>�Ich wei� nicht, was hier f�r ein Szenario �ber BIEP gemacht wird. Ich habe bei ihm �ber Jahre Wohnungen angemietet zu fairen Preisen. Auch habe ich mit Ungarinnen und Kolleginnen aus aller Herren L�nder zusammengearbeitet, und meistens gut zusammengearbeitet. Habe diesbez�glich nichts von Schl�gereien und Zwangsprostitution erfahren oder miterlebt. BIEP ist ein korrekter Mensch, ist jederzeit f�r seine M�dels da. Ich sch�tze ihn sehr in dieser Branche. Und all das negativ Ge�u�erte, all diese Anschuldigungen kann ich nicht nachvollziehen, kann ich nur negieren. Er ist fair und ein gro�artiger Mensch.�</p><p>Der Mann mit dem BIEP wird uns gleich berichten, was es mit all den Anschuldigungen oder L�gen, oh Pardon � aber im Zweifel f�r den Angeklagten, und keine Rosen f�r den Staatsanwalt, und der Verteidigungsinstinkt ist nunmal gro�, wenn man uns Freier und Nachtwanderer zu Nutznie�ern des Elends und des Zwanges machen will � , was es also mit dem ganzen Kaviarsturm auf sich hat. Und ebenfalls vorher aufgezeichnet, bitte, meine Liebe:</p><p>�Lieber Ecki, sch�n, dass ich bei dir zu Wort komme, das ist ja heute gar nicht mehr �blich. K�sschen, mein Lieber. Aber sende das n�chste Mal nicht so viel geilen Schweinkram durch den �ther, du machst meine G�ste ganz irre, nun ja, mein Lieber, du wei�t schon, wie du den Verkehr anheizt! Also, wie du wei�t, bin ich eine gestandene, deutsche Frau, und ich miete seit einigen Jahren bei BIEP eine Wohnung an und w�rde niemals mehr einen anderen Vermieter haben wollen, kann mir kein besseres Arbeiten als in seinem Objekt vorstellen. Was dieser XXX da schreibt sind alles Unwahrheiten und in keinster Weise Fakten, da ist nichts bis zum Ende ermittelt oder recherchiert! Der Gute sollte sich mal aufkl�ren lassen! Und ich habe das schon oft erlebt, als Berufserfahrung sozusagen, dass eine ausl�ndische junge Frau einem Gast auf die Mitleidstour kommt, denn es gibt gen�gend G�ste, die darauf reinfallen und Geld oder sonstiges den M�dels spendieren, ist doch schlau von den M�dchen, obwohl ich glaube, dass das auf Dauer sich nicht auszahlt, aber dieser Typ ist da anscheinend voll auf den Leim gegangen. Und bevor er solche Verleumdungen verbreitet, was ja vielleicht sogar strafbar ist, aber da kenne ich mich jetzt nicht so aus, h�tte er sich doch besser an den richtigen Stellen informiert. Ich will gar nicht abstreiten, dass es genug Stress und Probleme in der Branche gibt, Neid, Mobbing, wenn ihr wisst, was ich meine, aber ich habe immer versucht, fair und sauber zu arbeiten, und ich kann nur sagen, dass BIEP auch fair und sauber arbeitet.�</p><p>Danke f�r die Blumen und die Kritik, meine Liebe, und jetzt ist es Zeit, Ladies and Gentlemen, meine Lieben, ihr Nachtwachen und Nacktwachen, live bei� Eckis Edelkirsch�, wir werden unsere kleine Sendung wohl demn�chst umbenennen, <emphasis>it�s blowtime</emphasis>, sendet mir einfach eure W�nsche und Vorstellungen, und jetzt aber genug gewartet, ich mache die Leitung frei f�r einen unserer angesehensten B�rger, ich nenne ihn manchmal respektlos� den Alten vom Berge�, aber das nur, um meine Achtung auszudr�cken, aus rechtlichen Gr�nden und aus rechtslosen Gr�nden m�chte er heute aber anonym bleiben, rein formell, wie er mir vorhin versicherte, ich muss zugeben, ich bin ein wenig aufgeregt:</p><p>R�USPER R�USPER</p><empty-line/><p>�Also, herzlich willkommen und vielen Dank, dass Sie sich bereit erkl�rt haben, zu den Vorw�rfen Stellung zu nehmen in meiner kleinen Sendung!�</p><p>�Guten Abend allerseits. Also �Vorw�rfe� nennen Sie das.�</p><p>�Nun���</p><p>�Zuerst einmal m�chte ich Ihnen sagen, dass Sie mit Ihrer �kleinen Sendung�, wie Sie es nennen, einen gro�en Schritt in Richtung Aufkl�rung gehen, in dem Sinne, dass wir unverkrampft und offen mit dem Thema der Sexarbeit, der sexuellen Dienstleistungen und vor allem der sexuellen Dienstleisterinnen umgehen, umgehen m�ssen, auch wenn Sie da manchmal arg dem Kalauer verfallen und in eine, auch wenn ich denke <emphasis>ironische</emphasis>, sexuelle Raserei geraten���</p><p>�Nun, da geht es mit dem guten Ecki hin und wieder durch, muss ich zugeben.�</p><p>�Es ist ein Geben und Nehmen, wie in anderen Gesch�ften auch, mein lieber Ecki, ich darf Sie doch Ecki nennen���</p><p>�Selbstverfreilichst d�rfen Sie!�</p><p>�Sie haben sich ja da schnell auf meine Seite geschlagen, wenn ich die letzten Minuten, die mir zugegebenerma�en wie Stunden vorkamen, richtig verfolgt habe.�</p><p>�Ich konnte mir einfach nichts anderes vorstellen, wissen Sie, wo ich doch in den meisten Ihrer Objekte gewesen bin.�</p><p>�Ich wei� das zu sch�tzen, mein lieber Ecki, aber ich bin mir nicht immer sicher, ob Sie die Dinge durchschauen, aus Ihnen spricht der Gast, der ewige gl�hende Gast���</p><p>�Oh ja, der Ecki gl�ht, hin und wieder zumindest. Aber deswegen freue ich mich ja, dass ich mit Ihnen �ber die Fakten sprechen kann.�</p><p>�Fakten, Ecki. Genau darum geht es. Viel zu wenige unserer Mitb�rger wissen um die Fakten. Sie schauen in die Nacht und glauben, den Sumpf zu sehen���</p><p>�Ich? Nein, ich���</p><p>�Nicht Sie, lieber Ecki. Unsere Mitb�rger, Ecki.�</p><p>�Sie haben einen ungew�hnlichen Schritt gew�hlt, dass Sie sich hier unserer zugegebenerma�en kleinen H�rergemeinde stellen.�</p><p>�Sagen Sie nicht �stellen�, mein lieber Ecki. Das klingt nun doch zu sehr nach Pranger. Sie haben Respekt vor unserer Arbeit, das sch�tze ich an Ihnen. Und damit meine ich die Arbeit der Frauen, ohne die ich nichts w�re, und ich meine das mit dem �nichts� so, wie ich es sage, und meiner Arbeit, der Arbeit meiner Firma.�</p><p>�Danke, danke. Und der Pranger liegt mir nun doch sehr fern, Herr��, wie darf ich Sie in unserer kleinen Plauderrunde nennen��, Mister Orpheus?�</p><p>�Typisch Ecki!�(LACHEN)�Eckis Edelkirsch.�(LACHEN)�Nun, Sie d�rfen. Wie es Ihnen gef�llt. Ich wei� nat�rlich, worauf Sie da anspielen, und genau das meinte ich auch, als ich sagte, dass Sie die Fakten, die Dinge, sicher nicht immer so klar durchschauen���</p><p>�Ich bem�he mich, Mister Orpheus.�</p><p>�Die franz�sische Variante w�re Orph�e.�</p><p>�Wie��?�</p><p>�Nein. Vergessen Sie�s. Mein lieber Ecki, Sie haben recht: Wir wollen transparent sein. Transparenz ist mir in den letzten Jahren immer wichtiger geworden. Sie haben mich als einen angesehenen B�rger vorgestellt. Tats�chlich liegen die Dinge aber etwas anders. Was wei� die �ffentlichkeit von mir? Ganz sicher wei� sie nicht, dass ich nicht unerhebliche Summen an verschiedene Organisationen spende, auch an die Hurenorganisation Hydra, aber ich will das auch weiterhin nicht an die gro�e Glocke h�ngen���</p><p>�Wahrscheinlich w�rden die wohlfeilen B�rger sagen: Er will sein Gewissen beruhigen.�</p><p>�Gewissen? Eine Dame hat es vorhin sehr sch�n ausgedr�ckt: Wir versuchen, fair zu sein. Und wir sind es. Geben und nehmen. Was die absurde Behauptung betrifft, einige der Frauen in meinen Objekten w�rden f�nfzehn, sechzehn Stunden am St�ck arbeiten, kann jeder auf den Sedcards sehen, dass das nat�rlich nicht so ist. In den meisten Objekten arbeiten mindestens zwei Damen, die ihre Arbeitszeiten, und das sind selten mehr als neun Stunden, miteinander abstimmen. Und spazieren gehen, Pause machen, mal was einkaufen, ich bin Vermieter, Ecki, kein Schlie�er. Fragen Sie ruhig weiter, Ecki, wenn Sie dahingehend Fragen haben.�</p><p>�Meine Lieben, ihr h�rt �Eckis Edelkirsch�, die Sendung f�r die Freunde und G�ste der Huren. Mir liegen wie immer die Kalauer auf der Zunge, aber hier geht es um ernste Dinge. Also, lieber Mister Orpheus, der Verfasser dieser��, ich sage jetzt mal �Anklageschriften��� spricht beziehungsweise schreibt von Zwangsprostituierten in Ihren Objekten, spricht beziehungsweise schreibt von Zw�ngen, von Ausbeutung, von Organisationen im Hintergrund, ungarischen Zuh�ltern, B�ndnissen, die Sie, Mister Orpheus, mit den Beh�rden, sprich den �mtern und der Polizei, h�tten. Schreibt weiterhin von mit Druck erzwungenen Vorgaben, was die Dienstleistungen der Frauen betrifft, er bezieht sich damit auf die ungarischen Sexarbeiterinnen, die ich in meinen letzten Sendungen zugegebenerma�en ironisch und werbewirksam Puszta-Pussies nannte, was aber ganz und gar nicht respektlos klingen sollte, sondern nur der Sicht der hungrigen, aber durchaus respektvollen Sicht der G�ste Rechnung tragen sollte���</p><p>�Ecki, Ecki, Sie verstricken sich. Sie m�ssen sich nicht rechtfertigen f�r Ihre Wortwahl. Die ich zugegebenerma�en manchmal auch f�r recht drastisch halte���</p><p>�Sie sind also ein treuer H�rer meiner kleinen Sendung?�</p><p>�So w�rde ich das jetzt nicht ausdr�cken. Aber wor�ber reden wir? Nat�rlich kenne ich die Dinge, nat�rlich versuche ich zu verstehen, wie ticken die G�ste. Am schlimmsten sind doch die, die alles in sich behalten, die ihre Lust und ihren Sex nicht ausdr�cken k�nnen. Dann lachen wir doch lieber gemeinsam �ber Puszta-Pussies, �ber blonde Duschen, �ber die Umwege des Sex-Alphabets, �ber die kleinen und gro�en S�nden, und was hei�t schon S�nden? Ihr k�nnt Gas geben, wenn ihr den Respekt nicht verliert. Nun, lieber Ecki, das ist bei deiner kleinen Sendung manchmal hart an der Grenze. Aber wenn ihr kommt und euch respektvoll auslebt, dann kommt. Und dann sprecht, wie ihr sprecht. Nicht einmal habe ich das Wort �Nutte� bei dir vernommen. Denn das ist das.�</p><p>�Das ist das.�</p><p>�Ja, Ecki. Du kennst doch unsere Sedcards, unsere Annoncen. Wenn wir euch G�ste geil machen, haben wir doch alles richtig gemacht. Ihr bewegt euch in der Scheinwelt, die wir euch schaffen. Glaubt weiter. Und duscht vorher. Die Damen werden sachlich sein und gleichzeitig den Schein wahren.�</p><p>�Einen Applaus wollen wir h�ren, weit �ber die D�cher der Stadt, einen dr�hnenden Applaus f�r unseren gesch�tzten Mister Orpheus, f�r unsere gesch�tzten Damen, denen unsere Geilheit gilt, die wir mehr sch�tzen als unsere eigenen Frauen, nun ja, mal so, mal so, einen Applaus, der das Dr�hnen der Flugzeuge �bert�nt, die tief fliegen �ber die Randbezirke, Ladies und Gentlemen, live aus Eden City���</p><p>�Ecki, der Entertainer. Ich glaube, Sie haben den Faden verloren.�</p><p>�Zur�ck auf Los. Die Vorw�rfe dieses Menschen. Sie haben das Wort, Mister Orpheus. Wir haben Zeit, Jahrhunderte Zeit.�</p><p>�Was soll ich weiter gro� dazu sagen? B�ndnisse mit der Polizei, mit den Beh�rden? Jede der Damen, die in meinen Objekten arbeiten, ist angemeldet, jede meiner Wohnungen ist den Beh�rden bekannt. Ich zahle meine Steuern, die Damen zahlen ihre Steuern, das ist der einzige Pakt. Und was den gro�en selbstgerechten Chefankl�ger betrifft, der aus dem Schatten des Netzes auf mich schie�t��, aber lassen wir das��, denn ein Verfahren wegen Verleumdung und �bler Nachrede l�uft bereits gegen ihn.�</p><p>�Eine anonyme Anruferin teilte mir vor der Sendung mit, dass er sich wohl in eine der Frauen, die in Ihren Objekten gearbeitet hat, verliebt h�tte���</p><p>�Ich m�chte das hier weder best�tigen noch dementieren. Fakt ist, es kommt hin und wieder vor, dass sich ein Gast in eine Sexdienstleisterin verliebt und den Drang versp�rt, sie rauszuholen, auch wenn die betreffende Dame sich m�glicherweise gar nicht als Opfer f�hlt, sondern aus freien St�cken ihrer Arbeit nachgeht. Das kann dann bis zum Stalking f�hren. Von vielen meiner Mieterinnen, vor allem denen aus dem osteurop�ischen Ausland, wei� ich, dass sie ihr Geld in Gesch�fte oder Immobilien gesteckt haben, meistens in ihrer Heimat. Ich k�nnte ihnen gen�gend Beispiele f�r Damen aus Ungarn, Tschechien oder Russland geben, die l�ngst nicht mehr als Sexdienstleisterinnen arbeiten, die nach einigen Jahren wieder zur�ck in ihre L�nder gegangen sind.�</p><p>�Ja. Wir vermissen sie.�</p><p>�Was die gro�e omin�se Vermittlungsorganisation betrifft, die die M�dchen angeblich hierherschleust, kann ich nur sagen, dass meine Gesch�ftsmaxime ist: von frei zu frei.�</p><p>�Und k�nnen Sie ausschlie�en, dass es da jemanden, wie immer man das nennen will, Organisation, Zuh�lterring oder wie auch immer, gibt, dass so etwas im Hintergrund existiert?�</p><p>�Sie nennen mich doch Herr Orpheus.�</p><p>�Mister Orpheus.�</p><p>�Und wir beide wissen doch genau, warum.�</p><p>�Hm. Alle wissen das.�</p><p>�Nein. Wissen tut keiner etwas von euch. Ihr speist euch aus Legenden. Damals habe ich mich in eine Organisation hineinbewegt. Frontal. Es ging um ein bulgarisches M�dchen. Die in Ruhe bei mir arbeiten wollte. Den Jungs von Marschall Tito hat das nicht gefallen.�</p><p>�Marschall Tito?�</p><p>�Lieber Ecki, habe ich da gerade ein Feuerzeug klicken geh�rt?�</p><p>�Das haben Sie.�</p><p>�Filter?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Brandbeschleuniger.�</p><p>�Wie��?�</p><p>�Im Zigarettenpapier befinden sich Brandbeschleuniger. Es gibt deklarierte Zigaretten, m�sste es mittlerweile �berall geben, fr�her bekam man die nur in Tabakl�den, die sind ohne Brandbeschleuniger. Ich w�rde Ihnen von den Brandbeschleunigern abraten.�</p><p>�Rauchen Sie?�</p><p>�Habe es aufgegeben, mein lieber Ecki. Und deswegen schmerzt mir heute das Bein, wenn das Wetter umschwingt.�</p><p>�Beide Beine?�</p><p>�So sagen die Legenden. Und seitdem bin ich allergisch gegen Organisationen, die meinen Mieterinnen Druck machen. Ich brauche keine Brandbeschleuniger. Aber wenn es sein muss, neige ich den Kopf und bin frontal.�</p><p>�Verstehe.�</p><p>�Nat�rlich ist Transparenz wichtig. Aber alle Gesch�fte t�tigt man nicht im grellen Licht. Wir sind, wer wir sind.�</p><p>�Und wer sind Sie?�</p><p>R�USPER R�USPER.</p><p>�Was sagt die Sendezeit?�</p><p>�Wir machen modernes Theater, Mister Orpheus, wir haben die ganze Nacht Zeit.�</p><p>�Stellen Sie mir noch einige konkrete Fragen.�</p><p>�Mieten.�</p><p>�Das ist keine Frage. Aber ich wei�, worauf Sie hinauswollen. Sie werden verstehen, dass ich Ihnen hierauf nicht konkret antworten kann, aber was den Umsatz und die Gewinne betrifft, liegt bei mir alles offen. Dieser Mensch, gegen den bereits mehrere Verfahren laufen, hat in seinem Pamphlet einige Zahlen genannt. Ich k�nnte im Gegenzug Ihnen und Ihren H�rern nat�rlich einige grobe Pi-mal-Daumen-Zahlen nennen, aber Sie werden verstehen, dass ich da nicht ins Detail gehen kann. Der Mietpreis, den die Damen f�r ihre jeweiligen Objekte entrichten, setzt sich schlie�lich aus mehreren Faktoren zusammen. Die Zeitungsannonce zum Beispiel kostet mehr als drei�ig Euro pro Tag, dazu kommt die Internetwerbung, dazu ein Anteil an der Grundmiete, dann die Tagessteuerpauschale, dazu kommen anteilige Personalkosten, und das ist noch nicht alles, meine Mieterinnen wissen genau, f�r was sie zahlen, Sicherheit, Sauberkeit���</p><p>�Und wir, also der nimmerm�de Strom der Freier, zahlt f�r das dritte S.�</p><p>�Sexus. Ich will nur zeigen, wie sich das Geld verteilt, ich biete auch bestimmte R�cklagen an, falls da ein Wunsch besteht, und wir d�rfen ja nicht vergessen, lieber Ecki, dass die Objekte arbeitsbereit an meine Mieterinnen �bergeben werden. Ich bin immer f�r die M�dels da, meine Firma ist sauber. Rufen Sie bei den Bullen an, meine Firma ist sauber.�</p><p>�Dieser Mensch, wie Sie ihn nennen, der Verfasser dieser Anklage, behauptet, die Polizei w�rde die Zwangsprostitution in Ihren Objekten decken, das���</p><p>���ist absurd, wollten Sie hoffentlich fortf�hren.�</p><p>�So etwas in der Art. Ich meine, wir sind doch nicht in einer Bananenrepublik.�</p><p>�Sie sagen es, mein lieber Ecki. Ich bewege mich voll und ganz in den Bahnen unseres kapitalistischen Rechtsstaates. Fr�her versuchten sie uns beizubringen, dass das unvereinbar sei.�</p><p>�Lange her, <emphasis>die Internationale erk�mpft das Menschenrecht</emphasis>.�</p><p>�Lange her, Ecki. <emphasis>Diese Welt muss unser sein, nicht der m�chtgen Geier Fra�</emphasis>. Nat�rlich gibt es den Menschenhandel, die Zwangsprostitution undsoweiter. Ein Auswuchs des Systems. Den wir hier in unserer Stadt nie haben wollten, von dem wir nicht profitieren wollten. Keine soziale Marktwirtschaft. Sklavenhalter. Und letztlich, lieber Ecki, sind wir alle irgendwo Sklaven des Systems.�</p><p>�Und Sie k�nnten also garantieren, dass in Ihren Objekten keine Zwangsprostituierten arbeiten, dass es keine Hintergrundorganisation gibt, von der Sie vielleicht nichts wissen���</p><p>�Ja. Ich kann nur noch einmal wiederholen, dass ich mich in jenem Jahr, als die Sch�sse fielen, f�r eine Dame einsetzte. Marschall Titos Leute betrachteten sie als ihr Eigentum. Lange her. Jede der Frauen, die in meinen Objekten arbeiten, hat ihre eigene Geschichte. Ich besitze nach all den Jahren ein gewisses Menschenverst�ndnis. Ich erkenne, wenn etwas faul ist. Und rein pragmatisch gesprochen: Wozu soll ich mir Probleme in meine Objekte holen, wenn eine einfache Zeitungsannonce reicht, ich habe keinen Mangel an Mieterinnen, freiwilligen m�ndigen Mieterinnen. Nat�rlich wird es die ein oder andere geben, wo eine gewisse materielle Not eine Rolle spielt. Schulden. Eine gro�e Familie. Keine Lust auf Hartz�IV. Wenn Sie das Zwang nennen, lieber Ecki, dann bin ich schuldig. Dann sind wir alle schuldig. In allen Teilen unserer Gesellschaft. Jede Frau hat ihre eigene Geschichte. Das, mein lieber Ecki, m�ssen die Leute lernen, tolerieren, und nicht alles �ber einen Kamm aus Blei scheren.�</p><p>�Kamm aus Blei?�</p><p>�Nur so eine Redensart.�</p><p>�Sie sprachen eben �ber die Sch�sse in der Vergangenheit, Mister Orpheus. Aber vor allem in den letzten Monaten waren wir alle sehr besorgt. Fremdinvestoren drohten mit feindlichen �bernahmen. Die Engel kamen in die Stadt�� Wie ist die Situation jetzt?�</p><p>�Sie ist stabil. Sie werden verstehen, dass ich zur aktuellen Lage nichts Konkreteres sagen kann.�</p><p>�Mister Orpheus, ich danke Ihnen sehr f�r dieses Gespr�ch und habe nur noch eine letzte Frage���</p><p>�Ja?�</p><p><emphasis>Ein Strom aus Licht, ein Strom aus Stimmen, Gesichter, Frauen, silbernes L�cheln, Haare aus Kupfer, Dr�hte, Leitplatten, Stra�en�� Bin ich immer noch on-line? Ecki? Hallo? Sind Sie noch da. Dreh dich nicht um und sieh nie in den Spiegel. Hallo? Hallo. Es ist kalt.</emphasis></p></section><section><title><p><strong>Am Grenzfluss</strong></p></title><p>Er schiebt den Pappteller mit dem halbgegessenen K�sebr�tchen zur Seite, wischt die Finger mit der Serviette ab, die er zusammenkn�llt und neben das Br�tchen legt. Er zieht den Mantelkragen hoch, r�ckt seinen Schal zurecht. Kalt f�r November. Er wirft den halbleeren Kaffeebecher in den Papierkorb neben dem Stehtisch, l�sst den Pappteller aber stehen, nimmt seinen Lederkoffer, steckt die Zeitung in die Manteltasche und geht durch die Halle zu den Bahnsteigen. Erst muss er suchen; der Tunnel links. Sein Atem dampft. Eine junge Frau versucht, einen Kinderwagen die Treppe hochzuziehen. Klack. Klack. Stufe f�r Stufe.�Warten Sie���</p><p>�Danke. Der Fahrstuhl ist kaputt.�</p><p>Er greift mit einer Hand nach der Stange zwischen den R�dern. Das Kind im Wagen kann er nicht sehen, dick eingepackt und versteckt zwischen Decken und Kissen. Als sie oben am Bahnsteig sind, f�ngt es an zu weinen. Die Frau bedankt sich nochmal, und er sagt:�Keine Ursache. �Er �berlegt, wo sie herkommen k�nnte. Nach Osten klang sie nicht. Eher Hannoveraner Ecke. Der Zug ist noch nicht da, und er nimmt sein Zigarettenetui aus der Innentasche. Er muss seinen Mantel aufkn�pfen und sp�rt den Herbstwind kalt am Hals und auf der Brust. Er hat Davidoff Filter in seinem Lederetui, die sehen am elegantesten aus. Lang und wei� und mit einer kleinen goldenen Banderole vorm langen wei�en Filter. Und bei dieser Reise z�hlt der Eindruck, wie meistens, und er hat oft genug dr�ber nachgedacht. Er zieht einen Handschuh aus zum Rauchen. Sein silbernes Feuerzeug liegt k�hl in seiner Hand. Vor zwanzig Jahren h�tte er einen Hut aufgesetzt. Borsalino oder irgendwas Nobles in der Richtung. Heute tr�gt kein Mensch mehr Hut, schon gar nicht in der Branche, und schon gar nicht im Osten.</p><p>Er hat immer wieder �berlegt, ob er nicht doch mit dem Auto anreisen soll. Aber sein Nummernschild w�re aufgefallen, egal ob er den Bielefelder Benz nimmt oder den Audi aus der Stadt. Und am Telefon haben sie ihm nahegelegt, die Dinge erstmal langsam anzugehen, sie h�tten sowieso einen Fahrer, der Oberst kann f�r alles garantieren, aber die Grenze ist nah undsoweiter. Und er hat seinen Wagen, den Audi, bei einem Freund in Neuk�lln abgestellt. Mit dem Taxi zum Ostbahnhof, der jetzt Hauptbahnhof hei�t. Er hatte kurz �berlegt, ob er sich gleich zur Grenzstadt fahren l�sst. Aber manchmal ist es gut, sich den Dingen langsam zu n�hern. Er war eine Weile nicht in Berlin gewesen, das letzte Mal neunzehnhundertachtundachtzig, vor acht Jahren, und da hat keiner geglaubt, dass ein Jahr sp�ter das Land hinter der Mauer zusammenbrechen wird, so schnell und pl�tzlich wie eine Spielzeugburg. Die Stadt ist anders, f�hlt sich anders an als damals. Aber er hat Berlin nie gemocht.�Wie gehen die Gesch�fte?�, hat er seinen Bekannten gefragt.</p><p>�Ach, wei�t du, die Zeiten sind nicht einfach. Die Russen, die Jugos, die Libanesen. Wo soll man da Platz haben? Die alten Deals gelten nicht mehr. Aber man schl�gt sich durch.�</p><p>�Das ist er, das ist er. Immer noch.�</p><p>�Und du? Aufbau Ost hab ich geh�rt?�</p><p>�Auch. Du kennst mich doch.�</p><p>�Komm, darauf nehmen wir einen.�</p><p>�Whisky am Mittag. Ist doch noch alles beim Alten. �Und da sa�en sie in dem dunklen Laden in Charlottenburg und tranken Johnnie Walker Black Label und redeten �ber die alten Zeiten, die mit jedem Whisky besser wurden und sie selbst j�nger, w�hrend die Putzfrau hinter ihnen die Spuren der Nacht wegwischte.</p><p>Er beobachtet die Frau mit dem Kinderwagen, die einige Meter von ihm entfernt steht und ebenfalls raucht. Das gef�llt ihm nicht. M�tter sollten nicht rauchen. Da ist er altmodisch oder neumodisch, wie man�s nimmt. Aber wer wei�, vielleicht raucht sie nur zwei, drei Zigaretten am Tag, weil sie�s nicht ganz schafft aufzuh�ren, das w�re o.k. Die Ostweiber qualmen wie die Schlote, mehr als die von dr�ben, also aus seiner Heimat. Denkt er manchmal. Kommt ihm so vor. Kann er sich aber auch t�uschen. Denn gequalmt haben sie fr�her doch alle in der alten Republik; Politiker, Huren, Schauspieler, Hausfrauen. Einmal, gar nicht so lange her, hat er einer Hure, die im sechsten oder siebten Monat war, die Kippe aus der Hand geschlagen. Also einer Ex-Hure. Bei ihm hat sie nicht mehr gearbeitet. Nur bis zum vierten. Obwohl die Kunden auf sowas stehen. Wenn da eine Schwangere arbeitet, sowas spricht sich rum. Da kommen die Kunden und wollen alle drauf. <emphasis>Den hohen Leib bespritzen.</emphasis> Aber nicht bei ihm. Sie hat aber weitergeackert, hat er sp�ter erfahren. Also nichts mit Ex. Erst auf eigene Rechnung und dann woanders. <emphasis>Schwanger und geil</emphasis>. Er hat ihr ein-, zweimal die flache Hand durchs Gesicht gezogen. Wegen der Kippe. Wegen dem Kind. Das andere ging ihn nichts an. Aber sitzt in seiner Lounge, weil sie noch Papiere bei ihm hat oder irgendeine Schlamperei am Laufen, f�r die sie Stempel und Unterschrift und sonstwas braucht, und qualmt eine nach der anderen, mit einem Bauch bis zum Kinn. Bl�de Kuh.</p><p>Er wirft seine Zigarette auf die Gleise. Er st��t den letzten Rauch aus, beobachtet die Frau mit dem Kinderwagen, sonst ist nicht viel los auf dem Bahnsteig. Nur vereinzelt stehen sie vor den Fahrpl�nen und B�nken. Es ist d�ster zwischen den eisernen B�gen, das Nachmittagslicht kommt kaum durch das schmutzige Glasdach. Er blickt auf seine Breitling, sieht, wie die Frau fast synchron ihren �rmel hochschiebt und sich dann ein St�ck �ber die Bahnsteigkante beugt und in beide Richtungen blickt. Sie sieht ihn, schnippt die Zigarette weg und l�chelt. Na, M�dchen, denkt er, ich k�nnte dein Vater sein. Das ganz junge Blut reizt ihn nicht mehr. So zwischen drei�ig, f�nfunddrei�ig und vierzig muss eine Frau schon sein, damit sie ihn interessiert. Gibt nat�rlich auch Ausnahmen. Seine Frau, mit der er nicht verheiratet ist, ist f�nfundvierzig und sitzt in seiner Residenz in der N�he von Osnabr�ck. Keine Kinder, keine Frau. Das ist seine Maxime seit fast�� drei�ig Jahren? Er z�ndet sich noch eine an. Obwohl er die Raucherei runterfahren will. Jetzt sagen sie den Zug endlich an. Fast p�nktlich.</p><p>Wo die wohl hinwill? Definitiv keine Ostpocke. Damit hat er Erfahrung inzwischen. Schei�egal. Er muss sich konzentrieren. In zwei Stunden muss er klar sein. Er hat nicht viel Gep�ck mit, rechnet mit ein, zwei Tagen. Er hatte kurz �berlegt, Artillerie mitzunehmen. Die Grenze ist ein dunkler Ort, ein wildes Land, Nebel �ber dem Fluss und tiefe W�lder auf der anderen Seite, Urmenschen, auch sechs Jahre nach der Wende. Aber man muss damit rechnen, kontrolliert zu werden. Er hatte zwar eine Waffenbesitzkarte und auch einen Waffenschein, den hatte er sich in Osnabr�ck ausstellen lassen, Anfang der Achtziger, da hatte er gute Beziehungen in der Politik und den �mtern, er war damals oft in Hamburg, gesch�ftlich, und da begann es Mitte der Achtziger, ziemlich hei� zu werden, dunkle Tage, dunkle N�chte, Nebel vom Meer. Das war zwar nichts im Vergleich mit dem Wahnsinn, der Anfang der Neunziger durch die St�dte zu rasen schien, wie eine Seuche aus Gier und Gewalt, aber was kann man schon wissen, neunzehnhundertsechsundneunzig, auch wenn man die Zeiten und Menschen zu kennen glaubte. Er wei� gar nicht, ob der Schein f�r seine Knarre �berhaupt noch gilt. Er schmei�t seine Kippe auf die Schienen, sieht den Zug ein St�ck weit weg noch, Schienen und H�user und der Himmel, der immer grauer wird. Vielleicht ist�s auch ein anderer Zug, f�r einen anderen Bahnsteig. Er sieht die Kippe zwischen den Schwellen qualmen. Aber er will ja eh weniger rauchen. Die achte heute, er z�hlte neuerdings mit. Er sp�rte noch die sechs Whiskys, die er mit seinem Bekannten Mondauge getrunken hat, der eigentlich fast ein Freund ist. Ein guter sogar, wenn er l�nger dr�ber nachdenkt. Sechs Whisky, sechs Davidoff Filter. Er sch�ttelt sich, schlie�t kurz die Augen, sieht die Lichter des Zuges durch die geschlossenen Lider, der aus dem tr�ben Nachmittag quietschend und zischend auf dem d�steren Bahnsteig einf�hrt, h�rt wieder die Stimme aus den Lautsprechern, seltsam verzerrt, kaum zu verstehen, und die Augen seines Freundes schimmern im Dunkel der Bar, die erst am Abend wieder �ffnen wird.</p><p>Er hatte nie so viel mit ihm zu tun gehabt, aber jetzt f�hlt er sich ihm seltsam nahe, will ihn um Rat fragen, wegen seiner Reise, l�sst es aber dann. Manchmal fragt er sich, warum er nicht nach Berlin gegangen ist, warum er nichts in Berlin am Laufen hatte, also nichts Gro�es, aber irgendwie war das nicht seine Stadt. M�nchen, Neuss, Bielefeld, der Ruhrpott, Hamburg, da f�hlte er sich sicher. Meistens. Und auch jetzt in der Stadt im Osten, seiner neuen Zweigstelle, seiner Dependance seit ein paar Jahren. Aber Berlin, diese gro�e, zerrissene Stadt, die ihm jetzt noch gr��er und zerrissener erschien���Mondauge�, sagte er,�wir leben in seltsamen Zeiten.�</p><p>�Die Zeiten sind doch immer seltsam. So oder so. Wei�t du, dass mich nur noch meine Alte so nennt.�</p><p>�Ich denke manchmal, wir sollten alle unseren Kram packen und nach S�damerika verschwinden.�</p><p>�Und den mongolischen Heerscharen das Feld �berlassen?�</p><p>�Hast schon recht, Mondauge. Was w�ren die Weiber ohne uns���</p><p>�Nichts, mein Freund, nichts. Sie w�rden weinen. Wie die Bullen. Und wie das Finanzamt.�</p><p>Als er in den Zug steigt, ist ihm kurz schwindlig. Eine Sekunde nur, oder noch k�rzer, setzt etwas aus in ihm, in seinem Kopf, als w�re das System kurz unterbrochen, ein schwarzer, nein, ein wei�er Fleck, ein Sekundenbruchteil Nichts. Dann ist er wieder da, h�lt sich am Haltegriff neben der T�r fest, sp�rt, dass jemand hinter ihm steht, sp�rt, wie er diesen Jemand kurz ber�hrt, bevor er in den Waggon steigt. Er rei�t die Schiebet�r auf und setzt sich auf den ersten freien Platz. Der Koffer steht zwischen seinen F��en. Sein Herz schl�gt normal. Alles in Ordnung. Bumm. Bumm. Bumm. Der Bahnsteig ist leer, das Fenster schmutzig. Ein paar Leute laufen an ihm vorbei. Dann f�hrt der Zug schon an. Ruckelt. H�lt kurz. F�hrt wieder. Er nimmt die Zeitung aus seiner Manteltasche, legt sie auf den kleinen Tisch unterm Fenster.</p><p>Ihm f�llt ein, dass er eine 1.-Klasse-Fahrkarte gekauft hat. Sp�ter, als der Schaffner kommt und ihn darauf hinweist, sagt er:�Sitzt sich gut hier�, das klingt komisch, er merkt das, der Schaffner nickt und geht weiter. Er hat keine Lust aufzustehen. Er ist ein wenig m�de. Sie fahren durch einen Regen, er sieht die W�lder verschwommen, D�rfer, der Zug h�lt oft. Hat auch in Berlin noch oft gehalten. Viele Baustellen dort. Gro�e Kr�ne hinter den H�usern. Baugruben direkt neben dem Bahndamm. Halbfertige Burgen aus Glas. Man h�tte in Baufirmen investieren k�nnen, denkt er, wenn man dumm gewesen w�re. Besser in Bauland, aber auch das h�tte schiefgehen k�nnen, heute eine Million, morgen Hunderttausend. Auch in der Stadt im Osten, seiner neuen Dependance, bauten sie wie die Irren. Das Grau dort verschwand und verschwindet langsam. Die Banken schmissen mit Krediten um sich. Aber als die Luft aus dem gro�en Immobilien-Paten, der die halbe Stadt gekauft hatte, rauspfiff wie ein gewaltiger Furz und die Banken ihn fallenlie�en bis ganz nach unten in den Knast, und das war ja auch ein Gestank! da war er froh, dass er nicht in eine Baufirma investiert hat in der Stadt im Osten und in kein Grundst�ck in der goldenen Mitte. Er hat gewusst, dass die Dinge so laufen w�rden. Treibsandprinzip. Domino-Day. Und er hat fr�h genug und in die richtigen Objekte investiert, und die Preise und der Preisverfall im Stadtzentrum haben den Markt reguliert, so wie er es gebraucht hat. Am Rand der Stadt. Bauland. Autobahnauffahrt, Autobahnabfahrt. Die Burg. Gro�e Sache. Hat Kraft und Zeit und Geld gekostet. Kredite hat er auch bekommen. Er hat einen guten Ruf. Hat mit seinen Leuten in Bielefeld gebaut, vor Jahren und Jahrzehnten schon in Neuss investiert, hat Anteile und Prozente in Frankfurt/Main und anderswo, und gar keine schlechten. Und mit einer eigenen Baufirma ist man immer drauf angewiesen, dass man die richtigen Auftr�ge bekommt und mit den richtigen Leuten dealt. Das w�re schon machbar gewesen. Mit oder ohne Paten. Das neue Land ist gro� genug. Aber letztendlich doch nur Peanuts. Nur die Sehnsucht nach was Solidem, die jeder manchmal hat, der das endlose Flie�en des Geldes und des Marktes fast schmerzhaft sp�rt nach all den Jahren. Baggertr�umereien. So wie er mit seinem Bruder kleine H�user baute im Wald, aus Holz und Stein und Lehm. Hat er oft dr�ber nachgedacht und sich erinnert. Aber er ist der Mann mit dem Plan. Der die Auftr�ge in Auftrag gibt. Der die Nase hat und die Gelder verwaltet und investiert. Sein Bruder. Seine Leute. Die Gesellschaft im Hintergrund. Die stillen Teilhaber. Seine Firma. Aktie Rotlicht. Und jetzt die Grenze.</p><p>�Gro� zu sein zahlt sich aus. �Das hatte er selbst gesagt.�Je gr��er die Firma, umso besser der Profit. Think big, wie unsere Freunde aus der Wirtschaft sagen.�</p><p>Das muss vor zwei, drei Jahren gewesen sein. Er hatte immer solche Spr�che drauf, um die Leute zu beeindrucken. Er war der Mann mit dem Plan. Der Mann aus dem Westen. Nicht einer von den kleinen Luden, den Stra�eninvestoren, die man alle nach und nach rausfischte aus dem gro�en Goldfischglas Aufbau Ost, in dem selbst die Paten absaufen konnten.</p><p>�Ich schau�s mir an. Kann gut werden. Kann gro� werden. Spricht vieles daf�r im Moment. Der Zeitpunkt ist gut. Die richtigen Leute. Die richtigen Informationen. Ist viel Geld drin. Muss viel Geld rein. �Und jetzt ist er auf dem Weg, auf der Reise. Wollte das selbst machen, so wie fr�her.</p><p><emphasis>Du musst etwas finden, im Dunkeln, am Rand, und dann dort das Licht anz�nden, dass es bis ins Zentrum leuchtet wie ein riesiger Weihnachtsbaum!</emphasis> Das wei� sein Partner in der Stadt im Osten. Der eine eigene Baufirma hat. Unter anderem. Der ihm zuh�rt. In Immobilien macht. Unter anderem. Ein junger Mann mit Visionen. Mit Pl�nen. Der an die Rotlicht-Aktie glaubt. Dreiunddrei�ig Jahre alt. Oder vierunddrei�ig? Spielt ja keine Rolle, also so genau. Und auf dem Weg nach oben. Der dazulernt. <emphasis>Lernen, lernen und nochmals lernen</emphasis>. (Da mussten sie beide lachen, weil das von Lenin ist. Und sie heben die Becher und schmieden den Pakt. Oben in jenem Hotel, die Bar in der siebenundzwanzigsten Etage.) Der Kontakte aufbaut und ausbaut. Informationen verwaltet. Das Monopol der Modelwohnungen besitzt beziehungsweise auf dem Weg dorthin ist. Der ihn an seine eigene Jugend erinnert. Obwohl die anders war. An seinen eigenen Weg. An seine eigene Kraft. Initiative. Der Wille, etwas aufzubauen, etwas Gro�es zu schaffen, auf einem Markt, der nur noch von seinen Mythen lebte, der pl�tzlich hier im Osten, nach der gro�en Stunde null, geformt werden konnte. Und der Junge war dabei. Hatte mit ein paar Spielotheken angefangen, so hie� es. Hatte das Geld in Wohnungen investiert. Hatte von Anfang an gewusst, dass auf der Stra�e nur das Kleingeld zirkulierte. (Und sie blicken �ber die abendliche Stadt und tr�umen von der Aktie Rot, dem seri�sen Markt der Leiber. Und der alte Bielefelder vergisst f�r einen Moment, dass er Pl�ne hatte, die weit �ber diese Zusammenarbeit hinausreichten, dass der Junge nur das Mittel��, und die Stadt, seine Dependance im Osten, glitzert tr�be im Abendlicht wie ein Haufen bunter Glasmurmeln.)</p><p>W�lder, Felder, D�rfer. Verfallene Bauernh�user und H�fe im Regen. Und der Abend kommt schnell. Von wegen S�damerika. Was sollte er dort? In der N�he von Osnabr�ck hat er ein kleines Haus, wo seine Frau sitzt, die nicht wirklich seine Frau ist. Nur einmal hat sie was gesagt, wegen Heirat. Das wundert ihn, dass sie ihn nicht dr�ngt, nach all den Jahren. Oder gedr�ngt hat. Weil sie ja aus einer sehr b�rgerlichen Familie kommt. Kleine Stadt. Fast ein Dorf. Und ihre Eltern haben nicht viel von ihm gehalten. Obwohl er ein <emphasis>von</emphasis> im Namen hatte. Aber was hei�t das schon? Und er hatte seinen Namen ge�ndert, viele Jahre vorher. Hat es ihr aber irgendwann erz�hlt. Die Legenden waren eh nicht aufzuhalten. In den Siebzigern nannte man ihn den� Graf�. Er hat mit Ministern gesoffen, mit und ohne <emphasis>von</emphasis>, weil�s eh nur um die Kohle geht, und die H�nde der gro�en Banker gesch�ttelt, B�nder zerschnitten und Richtfeste gefeiert mit Presse und Prominenz. Hurenh�user, Saunaclubs, Modelwohnungen, Call the Girls! Und in der Branche hat er die gr��ten Spie�er getroffen, Nippes in der Schrankwand und wei�e Couchgarnitur und Kindersitz im Auto. Er hasst diesen Familienschei�. Sein Partner in der Stadt im Osten baut sich was auf. Auch mit Familie. Macht�s richtig. Aber was hei�t das schon?</p><p>Das Haus hat er Ende der Achtziger gebaut, als er sie kennenlernte. Da war sie noch Lehrerin. Grundschule. Soziale Ader. Studium Soziologie nebenher. Da galt sie schon als Exotin in diesem Nest. Jetzt kommt�s ihm h�sslich vor, aus einer anderen, l�ngst vergangenen Zeit. Dieses Haus. Flaches Dach. Kleiner Garten. Alles wei�. Da drau�en, einen von diesen verkommenen H�fen, sowas sollte er kaufen. F�r die Rente. Und aufbauen. Baggertr�ume. Als Ruhesitz. Mit oder ohne sie. Das ber�hrt ihn nicht. Ist noch verdammt lange hin. Es findet sich immer jemand. Kaltes Herz. Aber er braucht die Gesch�fte. Die Stadt. Die St�dte. Die Burg. Die Clubs. Die Weiber. Das Geld. Die Strategien des Marktes. Die Konkurrenz. Die Spekulation. Die Investitionen. Die Informationen. Die Spieler. Das <emphasis>Flie�en</emphasis>. Die Blicke in die Zukunft. Und die Blicke zur�ck. Sein Bruder hat die Ruhe weg (inzwischen) und verdient gutes Geld in Bielefeld. Wie sie zusammen aufgewachsen sind in der N�he von Stuttgart. Da muss er oft dran denken in der letzten Zeit. Er war acht Jahre �lter als sein Bruder und auf dem Internat. Und dann sp�ter, als der Alte endg�ltig pleite war, gingen sie in den Pott. Kleine LKW-Spedition. Diese graue Luft. Da muss er oft dran denken in der letzten Zeit. Die Jahre spielen keine so gro�e Rolle mehr nach all den Jahren. Und doch immer mehr. Er begreift, dass die ber�hmte M�nze (Medaille?) dreidimensional ist, vier-, f�nfdimensional, mit so vielen Seiten, parallelen M�glichkeiten. Adler, Kopf, L�we, Taube, Kupfer, Silber. Pfeil. Der Blick nach vorn, der Blick zur�ck. Und vergiss nie links und rechts, die Flanken. <emphasis>Jawoll, Herr von Clausewitz!</emphasis> So wie die Tage und N�chte sich an einem Punkt immer ber�hren und alles stetig auseinanderflie�t und doch zusammen. Er lacht laut in dem leeren Waggon. Das machte Eindruck. Bei den Zonen-Gabys und ihren M�nnern. Sie wissen nichts oder wenig �ber ihn, in dieser Stadt im Osten. Legenden. Das ist wichtig. Und das ist gut so. Er ist der Mann mit dem Plan. Der Bielefelder. Der Graf. Sechs Whiskys bei Mondauge. Und der macht die Gl�ser immer sch�n voll. Friedrich von Pfeil. Sein Vater. Und der Ur-Ur-Ur-Ur-Gro�vater, Schwertadel aus der Zeit Friedrichs des Zweiten. Irgendein Generalleutnant in Breslau. Jeder m�nnliche Nachkomme der Familie muss Friedrich hei�en, was f�r ein Bl�dsinn, aber steht so im Familienbuch von 1792. Hat ihnen der Alte hundertfach erz�hlt. Von Pfeil. Der sich um neunzehnhundert einen kleinen Landsitz in Baden-W�rttemberg zugelegt hat. �ber Umwege. Nur weg aus Preu�en. Zu viel rumgehurt. Der Gro�vater kaputtgeschossen in WK�1. Und sein Vater, immer sch�n in der Etappe geblieben in WK�2, hat sie das Wirtschaftswunder mit der Knute gelehrt. Ein von Pfeil ist immer oben, beste Gesellschaft. Das alte Landhaus am Walde, nachts haben die Kinder aus der Gegend �pfel und Steine gegen die Fenster geschmissen. Schneeb�lle im Winter. Und gesungen. <emphasis>Ihr seid Preu�en, asoziale Preu�en��</emphasis> Mutter verschwunden, als sie noch klein waren. London oder Paris. Der Alte schwieg. <emphasis>Ihr schlaft unter der Br�cke oder bei der Bahnhofsmission.</emphasis> Und die kleinen H�user, die er mit seinem Bruder im Wald baute, haben sie jedes Mal kaputt gemacht. Der Alte schwieg. Internat, Jurastudium. Abgebrochen. Nach London abgehauen. The Count von Pfeil. Mit der Familienkohle nach M�nchen. Dem Alten das Hemd ausgezogen, als er das Land verkauft hat. Sex-Industrie im Wirtschaftswunder. <emphasis>Swinging</emphasis>. Zimmervermietung in M�nchen. <emphasis>Beim Bumsen im Abonnement gibt�s 20�% Rabatt</emphasis>. Drei seiner M�dels waren im Rotlichtf�hrer 1974.�Der Quartiermacher f�r erotisch interessierte M�nchen-Besucher�. Der Alte ist langsam zugrunde gegangen im Pott. Und sein Bruder hat die Spedition gef�hrt. Ist selbst gefahren eine Zeitlang, on the road, um vom Alten und seinen Geschichten und Tr�umen wegzukommen, bis sie ihn dann auf einem Bergmannsfriedhof begraben haben, und die von Pfeils immer in erster Linie (jetzt in der letzten Linie, denn auch sein Bruder hat keine Kinder, soweit er das wei�), Friedrich, Bismarck, die Kaisertreuen, und wie alle Guten bei Stauffenberg zum Kaffee, und immer der Glaube an das andere Deutschland. Da war die Sache mit den Huren ein� real deal�, wie sie in London sagten. <emphasis>Swinging</emphasis>. In M�nchen lie� er sich die blonden Haare bis zu den Schultern wachsen. Der Graf und seine M�dchen.</p><p>�Eisenh�ttenstadt �liest er auf einem Schild auf einer Stra�e neben den Gleisen. Der Zug f�hrt langsam auf der B�schung. Neigt sich so weit auf die Seite in der langgezogenen Kurve, dass seine Zeitung auf den Boden f�llt. Wie weit das weg sein soll, kann er nicht erkennen im Regen. Der dann aufh�rt, zehn Minuten sp�ter. Kommt da nicht dieser Elefant her? Dieser Grobmotoriker, der den kleinen Club �bernommen hat vor paar Jahren? Der zufrieden ist mit dem, was er hat. Der Fleischermeister. Der BFC-Hauer. Der sein Leben lang nach den Stra�en riechen wird, die ihn ausgespuckt haben? Fu�volk, das er mit seinen Worten und seinem Ruf und seinen Anz�gen beeindruckt. Die wegen nichts die Wand hochgehen. Immer am Rumdr�hnen sind. Keine zwei, drei Jahre in die Zukunft blicken k�nnen. Ein gewaltiges Werk, Schornsteine, Rohre, eiserne T�rme, mitten auf dem Feld vor der Stadt. Weitverzweigte Geb�ude, �ber denen die Wolken ziehen, und die Schornsteine spucken Flammen in den Himmel. Kleine Loks auf kleinen Gleisen, offene Loren, gef�llt mit rotgl�hendem Stahl.</p><p>Da ist er wohl kurz weggenickt. Er schreckt hoch, die aufgefaltete Zeitung f�llt von seinen Knien. Lag die nicht eben schon im Dreck? 9.�11.�1996.�Regierungsumzug: Goldene Br�cken nach Berlin�. Samstag. Er blickt auf die Uhr. Sie m�ssten gleich da sein. Er darf nicht vergessen, nach den Lottozahlen zu schauen. Ist so eine Marotte von ihm. Jeden Samstag einen Schein. Acht Zahlen. Vollsystem. Mit ein paar Millionen k�nnte er die Brauerei kaufen, dr�ben in Baden-W�rttemberg. Ohne Verluste zu machen. Der Wald ist fast abgeholzt. Drau�en ist es dunkel. Geht schnell jetzt im Herbst. Er sieht sein Gesicht in der Scheibe. Schr�g gegen�ber ein kleiner dicker Mann mit Hut. Den sieht er auch in der Scheibe. Der scheint zu schlafen, den Kopf auf der Brust, die H�nde �berm Bauch gefaltet. Sein eigenes Gesicht hager und wei�. Graue Haare. Was sagen seine Augen? Blau. Kalt. Das gef�llt ihm. Keine Informationen mehr. Er ist der Highlander auf seinem Weg durch die Zeit. Die Frau, die ihm nie fehlt, weit weg. Geht keinen was an. Muss er bald mal kl�ren. Sieht er mal so und mal so. Die Burg und die Anteile an den anderen Enden der Welt. Somewhere over the rainbow. Ist das ein Fluss, auf dem sich die Lichter spiegeln? und eine Stra�e neben dem Fluss. Sonst nur Felder. Oder Wiesen. Oder Steppen. Lautsprecherstimmen. Ich habe immer erfunden, wenn es sein musste. Ich bin der Mann ohne Vergangenheit. Nur das Geld und der Einfluss erz�hlen die wichtigen und richtigen Geschichten. Ich bin von weit her gekommen (also nach deutschem Ma�stab), und wir wollen��, was wollen wir eigentlich an der Grenze? Gesch�fte, mein alter Freund, Gesch�fte. Und halt deine Augen klar wie zwei Monde im Winter, aber immer drauf achten�� Wei� ich doch, wei� ich doch.</p><p>Er holt sein Brillenetui aus der Manteltasche, da fahren sie schon ein, kleiner Bahnhof, �berdachte Bahnsteige, Endstation. Flie�ende T�nung. Oben mehr, unten weniger. Er ist kurzsichtig. Minus eins Komma acht. Links eins Komma neun. Minus. Irgendein Zylinder auch noch. Spezieller Wert. Die Augen werden schlechter und vertragen das Licht auch immer schlechter. Jahrelange Nachtarbeit. Leben unter der Erde. Sagt sein Arzt. Leichte T�nung. Gut f�r die Augen. Sagt sein Arzt. Weil die immer �fter entz�ndet waren. Rot. Wie Bindehautentz�ndung. Ist aber die Lichtempfindlichkeit. Die Augen gut gesch�tzt hinterm blassen Blau der T�nung. Bevor er aussteigt, weckt er den Dicken mit dem Hut.�Endstation, Meister!�</p><p>�Wer? Was? Sind wir schon in Polen? Danke!�Der Dicke schreit ihn an, als w�re er aus irgendeinem b�sen Traum erwacht. Er r�ckt seinen Schal zurecht und die Brille, nimmt seinen Lederkoffer und betritt den Bahnsteig. Die Brille hat er sich vor anderthalb Jahren in der Stadt machen lassen, bei Fielmann. Modell Porsche.</p><p>Er steht direkt unter einer Laterne, und die Brille tut ihm gut. Keiner am Bahnsteig. Sie wissen, wann er kommt. Ein paar Gleise, halb�berdacht, der Wind f�hrt ihm in die Haare. Wenig Licht. M�ll unter den B�nken. Weiter vorne am Zug wird die Frau mit dem Kinderwagen abgeholt. Ein gro�er Kerl in Bullenuniform. Oder Grenzer. So genau kann er das nicht erkennen. Ankunft. Nichts mehr privat. Was f�r ein sch�biger Bahnhof, denkt er. Wie auf einem Dorf. Man merkt, dass die Russen und Polen nicht weit sind. Auf dem Gleis gegen�ber steht eine schmutzige dunkelrote Lok ohne H�nger, ohne Zug. Ein Mann im blauen Kittel lehnt sich aus dem kleinen Fenster der Lok und raucht.</p><p>Er geht Richtung Treppe, holt sein Zigarettenetui aus der Manteltasche, nur noch drei Kippen hinterm Gummiband. Aber er hat noch zwei Schachteln Davidoff in seinem Koffer. Vor ihm ein gelber Fahrplan in einem Kasten hinter Glas. Ehemals hinter Glas. Das Glas zerschlagen, der Fahrplan beschmiert, leere Bierb�chsen und Kippen auf der breiten Unterkante des Kastens. Glasscherben knirschen unter seinen Schuhen. Er will wegen der R�ckfahrt schauen, l�sst es aber dann. Rings um die Gleise die Nacht. Er geht die Treppe runter, die Zigarette auf Brusth�he. Er steht in einem dunklen Tunnel, der nach Pisse stinkt. Neben den Treppenaufg�ngen K�sten mit gelben Fahrpl�nen. Mit Glas. Ohne Glas. Er steht im Tunnel von G�tersloh. Er steht im Tunnel von Neuss. Iserlohn. Die Pisse stinkt. Das Glas knirscht. Die M�lleimer h�ngen schief in ihrer Verankerung. Grauer Nebel zieht durch diese Bahnh�fe, er kennt den Geruch. Ihm ist, als w�rden die Jahre ineinanderflie�en, gelbe Fahrpl�ne, schmutzige Loks, leere Bierdosen, nachts unterwegs. Er lacht, und sein Lachen dr�hnt in dem Pissetunnel der Grenzstadt. Nein, er l�chelt nur, es ist ein anderer, der lacht, der betrunken lacht, und dann sieht er den dicken Mann aus dem Zug vor�bergehen.</p><p>Sie warten in der Bahnhofshalle. Es ist Punkt sieben. Kommt ihm aber vor wie Mitternacht. Ein Zeitungskiosk, der auch Bier verkauft und Schnaps und Zigaretten und alles andere, was man so braucht. Paar Typen lungern dort rum. Alte, junge. Trinken Holsten-Pilsner aus Dosen. Mal was Feines, Samstagabend. Er h�rt seine eigenen Schritte. Klack. Klack. Klack. Er liebt das Ger�usch. Hat die Schuhe mit den hohen Abs�tzen genommen. Die Biertrinker blicken ihm hinterher. Wie eine H�hle diese Halle. Sie warten an der Fl�gelt�r. Der Gro�e im dunklen Mantel muss der Oberst sein. Der andere Typ tr�gt eine Schimanski-Jacke, Schnurrbart Marke Frauenfreude, Ruhrpott-Style, Rollkragenpullover unter der offenen Jacke, er h�lt einen eingefalteten Regenschirm mit Kr�ckstock neben seinem Bein wie eine Flinte. Er geht auf sie zu. Bleibt direkt vor ihnen stehen und sagt:�Einen sch�nen guten Abend. Was macht der Aufbau Ost?�</p><p>Der Gro�e lacht und sagt:�Die Leuna-Millionen im Koffer?�</p><p>Sie reichen sich die H�nde. Der Graf sp�rt Schwei�. Kann aber auch der Regen sein.�Willkommen in der Stadt der Humanisten.�</p><p>Schimanski nickt erst nur, reicht ihm dann auch die Hand.�Gute Reise gehabt?�, fragt der Oberst. Er muss um die f�nfzig sein. Kurze graue Haare, glattrasiert. Bismarckknoten am lila Kragen, Krawatte lila. Der Graf l�chelt und sagt:�Bin nicht oft unterwegs auf den Schienen. Aber wir wollen ja nicht den PKW-Export f�rdern hier in der Stadt. Ihr habt die Dinge im Griff, wie es scheint, nur nicht auf dem Parkplatz. �Sie gehen nach drau�en. Drei Taxis direkt vor der T�r. Die Fahrer stehen unterm Vordach und rauchen. Nieselregen.�Unsere polnischen Freunde nehmen nichts, was <emphasis>wir</emphasis> verzollen, wenn du verstehst. Hat alles seine Gr�nde. Anonym, anonym, wenn du verstehst. Kein neues Nummernschild im Spiel. Zu viel Verkehr an der Grenze. Alle hier. Russen, BKA, BND, Polen, Luden aus dem Ruhrpott, verr�ckte Ex-Jugos, Immobiliensyndikate.�</p><p>Der Graf nickt. Flache kleine H�user um den Bahnhofsplatz. Keine Zeichen, keine Architektur einer Stadt, einer mittelgro�en Stadt. Er blickt sich um, speichert, bevor er spricht.</p><p>�Wir verstehen schon. Aber in Zukunft k�nnen meine Partner und ich nicht mit der Regionalbahn kommen. Und wir haben nichts zu verbergen.�</p><p>�In Zukunft�, sagt der Oberst, w�hrend sie zum Parkplatz gehen, wo ein russischer Wolga steht, lang und schwarz und feucht gl�nzend im Licht einer Laterne,�machen <emphasis>wir</emphasis> die Zukunft. Und alles legal.�</p><empty-line/><p>Und sp�ter, als er in seinem Hotel auf dem Bett liegt, in voller Robe, wei� er nicht genau, wie er die Dinge einordnen soll. Die Rezeption wird ihn um drei Uhr morgens anrufen, wecken, falls er schl�ft, er ist mit dem Oberst verabredet, sie wollen sich zusammen den Mike-Tyson-Kampf auf Premiere anschauen. Er macht sich nicht allzu viel aus Boxen. Aber darum geht es nicht. Er hat den Graf von Homburg ein paarmal getroffen, das muss f�nfundzwanzig Jahre her sein. Hat einen Gin Tonic mit ihm getrunken in der� Ritze�. Wo sich die Welt und die Luden und die Boxer und die Trinker und �berhaupt alle trafen. Der Mann war eine Ber�hmtheit damals. Kein besonders guter Boxer und auch kein Graf, hat sich trotzdem mit der Weltspitze in den Ring gestellt. Davor hatte er Respekt. Dieser Argentinier, wie hie� der nochmal�� Oscar Fueventura oder so �hnlich, der vorher schon gegen Ali und Frazier boxte, hat dem Grafen von Homburg das blaue Blut endg�ltig aus dem Leib gepr�gelt.</p><p>Nein, <emphasis>Prinz</emphasis> von Homburg hie� er. Prinz Wilhelm von Homburg. Eine Art K�nstlername. Der ist im Pelz und mit Hut und Zigarre �ber den Kiez in Hamburg flaniert. Der Graf und der Prinz, aber er war nur ein Zugereister aus M�nchen. Viel haben sie nicht geredet. �ber M�nchen hat er ihn ausgefragt, das wei� er noch. Ob er den und den kennt. Sp�ter haben sie ihn drangekriegt wegen Zuh�lterei und Drogen und Verstrickungen in organisierte Kriminalit�t, er hat Gesch�fte mit den Engeln in Hamburg gemacht.�Wer Geld machen will, ist immer organisiert. �Er lacht, wieder eine seiner Weisheiten, nimmt sein Zigarettenetui vom Nachttisch, aber das ist leer. Er rollt sich vorsichtig auf die Seite und steht auf. Nach langen Tagen und langen N�chten tut ihm der R�cken manchmal weh. Er hat einen guten Physiotherapeuten in Frankfurt/Main, aber allzu oft schafft er�s nicht zu ihm, obwohl er fast jede Woche nach Frankfurt f�hrt. Mit dem Audi ist er in vier Stunden dort. Auch wenn die Autobahnen im Osten beschissen sind. Der renkt ihn auch sch�n wieder ein. Er staunt jedes Mal �ber dieses Krachen und Knacken seiner Knochen und Gelenke. Wenn er vorher mit dem Bauch auf dem Ball liegt und all diese �bungen macht, kommt er sich richtig bescheuert vor.</p><p>Er geht zu seinem Koffer, der noch neben der T�r steht. Zieht seinen Mantel aus und h�ngt ihn in den Schrank. Sein Schal ist feucht, und er sch�ttelt ihn, streicht ihn glatt und legt ihn �ber einen B�gel. Das Hotel ist ganz gut, gleich neben dem Rathaus. Die Stadt kam ihm sehr klein vor, als sie mit dem Wolga erst in ein Restaurant und dann zum Hotel fuhren. Die Sache mit den Flederm�usen geht ihm nicht aus dem Kopf. Was sollte das?</p><p>�Und wei�t du, was ich vorhin meinte, die Stadt der Humanisten?�</p><p>�Henry Maske?�</p><p>�Ein Boxfan! Nat�rlich. Und eigentlich geh�rt unser guter Henry da mit rein. Im gro�en Zusammenhang. Aber���</p><p>�Aber?�</p><p>�Wie gef�llt dir eigentlich mein Wolga?�</p><p>�Sch�nes Auto. Sieht man selten. Gut gepflegt.�</p><p>�Nicht wahr? Im Osten habe ich immer von einem Chevrolet getr�umt. Keine Chance.�</p><p>�Und ich dachte immer, die Stasi w�re die Nummer drei. Nach CIA und KGB.�</p><p>�Waren wir, waren wir. Aber ein Chevy im Osten? Selbst Honecker fuhr einen Volvo. Und ich bin nicht Mielke. Aber dieser Wolga�� Habe ihn f�nfundachtzig direkt aus Moskau geholt. KGB-Ware. Kein Kratzer dran. Sieht einem Chevy durchaus �hnlich. F�r mich, und das sage ich dir nicht, weil mir der Kommunismus fehlt, ist der Wolga eins der besten Autos des zwanzigsten Jahrhunderts.�</p><p>�Die Zeit der Humanisten.�</p><p>Er w�hlt in seinem Koffer. Legt die frisch geb�gelten und gut gefalteten Hemden aus der W�scherei auf den Tisch. Er hat eine R�ver-Filiale in der Stadt seiner Dependance, mit der ist er mehr als zufrieden. Die alten ostdeutschen Weiber, die dort arbeiten, wissen, wie man Hemden w�scht, b�gelt und legt. Und dass sie gut riechen m�ssen. Nicht zu aufdringlich, nicht nach irgendeinem schei� Weichsp�ler oder parf�miert. Einfach frisch. Das ist eine eigene Wissenschaft, man muss sich wohlf�hlen in einem glatten, frischen, weichen Hemd. Er hat eine Hemdenkarte f�r f�nfzig Mark. Die haben drei Filialen in der Stadt und weitere Gesch�fte in den kleineren Nachbarst�dten und in Dresden an der Elbe. Waschen, B�geln, N�hen, Schl�sseldienst. Machen gutes Geld. Er mag diese Firma. Er kannte einen Mann in Neuss, der hat sein ganzes Geld in einen W�scheservice gesteckt, als es mit den Weibern nicht mehr so lief und die Konkurrenz in den Schleudergang schaltete. In D�sseldorf. Keine schlechte Idee. Einer der Marktf�hrer mittlerweile.</p><p>Er nimmt die zwei Schachteln Davidoff Filter, legt eine wieder in den Koffer zur�ck, rei�t die andere auf. Zieht zw�lf Zigaretten aus der Packung, Zigarette f�r Zigarette, seine Hand ist ruhig, das ist gut, das sieht er gern, und schiebt sie hinter das Gummiband seines Lederetuis. Zigarette f�r Zigarette. Als er wieder zum Bett gehen will, er braucht Ruhe und Zeit zum Nachdenken, sieht er seinen kleinen Weltempf�nger zwischen seiner Waschtasche und dem Stapel mit Unterhosen und Unterhemden. Er beugt sich wieder �ber den Koffer, und dann liegt er auf dem Bett, das Etui neben dem Kissen, der Weltempf�nger auf dem Nachttisch, und dann muss er nochmal aufstehen, weil sein Feuerzeug noch in der Manteltasche steckt. Schaut er auch gleich in die Minibar. Der Whisky bei Mondauge ist l�ngst verdampft, und in diesem italienischen Restaurant hat er nur einen Campari vor dem Essen und ein Glas Chianti zum Essen getrunken. Und das ist auch verdampft inzwischen, bei den Flederm�usen.</p><p>Auf Bier hat er keinen Appetit. Auch wenn�s gutes Holsten ist. Bei DAB, der Dortmunder Aktienbrauerei, die anfangs den ganzen Osten �berschwemmt und �bernommen hat mit ihren Aktien, h�tte er vielleicht eins getrunken. Wegen der Heimat. Die ja eigentlich gar nicht seine richtige Heimat ist. Kalter Chianti muss auch nicht sein. Obwohl, schlechter als der beim Italiener kann der auch nicht sein. Jim Beam? Nee. Geht gar nicht. J�germeister? Hasst er, seit er siebzehn ist. Zu s��. Obwohl da irgendwelche Kr�uter drin sein sollen, die aggressiv machen. Bei Dauerkonsum. Goldkrone. Na, wenn das nichts ist. Hatte er anfangs ganz sch�n zu k�mpfen in der Stadt im Osten.�Wie w�r�s mit einem Cognac?�, hat ihn allen Ernstes ab und zu, und ziemlich oft sogar, jemand gefragt und dann diese Granate auf den Tisch gestellt. Aber mittlerweile schmeckt�s ihm ganz gut. Ist zumindest nicht zu scharf. Zweiunddrei�ig Umdrehungen. Gut zum Nachdenken. Auch �ber die Flederm�use. Er hockt im Licht des K�hlschranks, schraubt die beiden 4-cl-Fl�schchen auf und gie�t den Schnaps in ein Glas. Schlie�t den K�hlschrank, geht zum Bett.</p><p>Er raucht, der Aschenbecher steht auf seiner Brust und bewegt sich, wenn er tief einatmet oder den Rauch ausst��t. Schimanski hat die ganze Zeit die Schnauze gehalten, w�hrend sie gegessen haben, Tomatenso�e im Schnurrbart. Der Oberst hat Pizza bestellt, ohne ihn zu fragen. Drei verschiedene Pizzen. Meeresfr�chte. Quattro Formaggi. Salami. Eine Flasche Chianti, eine Flasche San Pellegrino. Und ein Glas Cola f�r sich. Schimanski nimmt ein Glas Fanta.</p><p>Er isst ganz gerne Pizza, aber h�tte lieber eine Pasta genommen, obwohl er sich nicht sicher ist, ob die die in diesem Laden gut hinkriegen. In seiner Dependance im Osten gibt es jetzt ein, zwei ganz gute Italiener. Bei dem einen sollen die Paten mit drinstecken, aber das erz�hlt man sich �ber jede Ittaker-Bude. Geldw�sche. Aber deswegen macht man kein Restaurant auf am anderen Ende der Welt. Und weil die Paten scharf auf ostdeutsche Immobilien sind. W�ren sie sch�n baden gegangen im ostdeutschen Meer, als der gewaltige Furz seine Wellen schlug. <emphasis>Die</emphasis> sitzen faul und bequem in M�nchen und im Ruhrpott, das wei� er. Und vielleicht in Berlin. Wo Geld zu machen und zu waschen ist, investieren die Pizzas gerne. Quattro Formaggi. Aber das tangiert seine Gesch�fte nicht.</p><p>�Und wie sagt man�s richtig?�Der Oberst macht die Gl�ser voll und ordert noch eine Flasche. Der Graf wei� genau, was das Zeug im Einkauf kostet. Das ist so billig, das es nichtmal jeder Gro�markt f�hrt.</p><p>�Pizze. Versteht ihr! Pizze! Due Pizze, por favor! Und nicht izzen oder izzas! Pizze!�Er macht mit Daumen und Zeigefinger einen Kreis in der Luft.</p><p>Halt die Luft an, denkt der Graf, halt die Luft an und friss deinen Schei�. Aber Hunger hat er auch, bleibt aber bei den vier K�sen, die Salami sieht aus wie Dauerwurst, und auch mit den Meeresfr�chten will er sich nicht n�her besch�ftigen. Aber er ist Gast, und die Formaggi ganz in Ordnung. Die beiden fressen wie die Schweine. Nichtmal Antipasti stehen auf dem Tisch, nur ein Korb mit Brot.</p><p>�Wir hatten mal einen von den Roten Brigaden hier, Ende der Siebziger. Wir haben ja nicht nur die von der RAF r�bergeholt. Mein Gott, hat gelitten, der arme Mann. Weil weit und breit kein Italiener in der Zone. Nichts! Nulle Pizze!�Er lacht, und Schimanski lacht mit, und in seinem Lachen zerrei�t ein langer Faden K�se, der zwischen seinen Z�hnen und dem St�ck Pizza h�ngt, das er vorm Gesicht h�lt. Seine Jacke hat er auf den Stuhl neben sich gelegt, in einer der Brusttaschen steckt ein Mobiltelefon, eins von diesen riesigen Dingern mit langer Antenne, die wie ein Funkger�t aussehen, das ist ihm vorhin gar nicht aufgefallen, dabei hat er die beiden genau gemustert, auf seinem Weg durch die Bahnhofshalle.</p><p>Er legt seine Brille auf den Nachttisch, neben den Aschenbecher, die Zigarette hat er ausgedr�ckt. Vor zwei Monaten war er das letzte Mal in Osnabr�ck bei seiner Frau, in dem Haus. Da war noch Sommer. Sie macht viel ehrenamtlich mit Kindern. Halbtags noch an der Schule. Sie wird hager und kriegt graue Haare. Er wundert sich, dass sie bei ihm bleibt.</p><p>Er nimmt den Weltempf�nger. Den hat er immer dabei, wenn er reist. Wenn er allein im Hotel liegt, will er nicht Fernsehen. Er dreht durch das Pfeifen und Rauschen und die Worte und die Musik, bis er den Westdeutschen Rundfunk findet. Viel Polnisches und Russisches dazwischen. Zumindest klingt es f�r ihn wie Polnisch und Russisch.</p><p>�Mensch, Harald, das ist ja harter Tobak!�</p><p>Domian, das klingt nach dem schwulen Domian, den erkennt man immer sofort. Wen hat er da an der Strippe? Er will einen anderen Sender suchen, aber der WDR erinnert ihn an seine Jugend, seinen Bruder, die LKW-Spedition, den Bergmannsfriedhof, auf dem der Vater liegt.</p><p>�Das war eine Schmusesendung�, sagt Domian. Wie hei�t dieser Typ richtig? Ist das sein Nachname oder ein K�nstlername wie <emphasis>Domenica</emphasis>, die Hure der Huren? die er einmal in Hamburg getroffen hat. Er hat sich nie f�r dieses Psychotelefon interessiert.</p><p>���die zwei, drei, die da Kritik ge�u�ert haben�, sagt der Mann, der irgendwo am Telefon sitzt und dessen Stimme ihm bekannt vorkommt,�diese Leute haben nat�rlich auch recht. Und ich habe fast bisschen bedauert, dass du den einen jungen Mann abgew�rgt hast, der gemeint hat, ich bin �n Arschloch, denn das ist ja nicht in allen Punkten falsch.�</p><p>�So. �Domian lacht.�In welchen Punkten ist es denn richtig?�</p><p>�Ich kann diese Leute, die, wo, �h, �h, sag ich mal, anrufen und sagen: Gaywatch gef�llt mir nicht und so, ich kann das nachvollziehen, dass da manche Leute sich �n bisschen auf den Schlips getreten f�hlen.�</p><p>�Ja.�</p><p>�Ja. �Jetzt wei� der Graf, wer da beim schwulen Domian anruft, dieser Talkmaster, Schmidt, Harald Schmidt, den hat er ein paarmal bei� Verstehen Sie Spa�?�gesehen, als er die Sendung noch moderiert hat, muss einige Jahre her sein, und jetzt hat er wohl eine Show im Nachtprogramm bei einem der Privaten, die M�dels erz�hlen st�ndig davon, er hat�s noch nie gesehen.�Verstehen Sie Spa�?�hat er gerne gesehen, und� Wetten, dass��?�auch, das war noch mit Elsner, in den Siebzigern, Achtzigern, in M�nchen mit den M�dels, bei Schampus und Wei�bier und H�hnchen, das waren immer sch�ne Samstagabende gewesen. Dieser Schmidt, denkt er, scheint auf dem Weg nach oben zu sein, die Leute regen sich auf �ber ihn.</p><p>���ob du Schwule und Lesben in deinem Bekanntenkreis hast?�Es sind immer die Schwulen und Lesben bei Domian, denkt er. Er nimmt sein Glas, ein kurzer Pfeifton, als er das Radio ber�hrt, ein Rauschen.</p><p>�Nein, nat�rlich nicht. Ich habe allerdings sehr viele im Verdacht, dass sie schwul sind und sich vor mir, �h, verstellen, und wenn ich denen so nachts hinterherschleiche, durch die Kneipen oder in den Parks undsoweiter, in dem Moment, wo ich rauskriegen w�rde, dass die schwul sind, �hm, w�rde ich nat�rlich sagen: Mensch, ihr seid schwul. Und das w�rde ich nat�rlich am n�chsten Tag in der Sendung verwenden, ratet mal, wer alles schwul ist.�</p><p>�Ja. �Da muss der Graf lachen. Und ist froh, dass er seinen Weltempf�nger immer dabeihat. Er nimmt sich noch eine Zigarette, und die Flederm�use und der Oberst und sein Partner in der Stadt, den er vorhin noch angerufen hat, um ihm den neuesten Stand durchzugeben, der sa� wieder �ber seinen B�chern, wegen seiner Weiterbildung, oder ist das sogar ein Studium?; all das ist pl�tzlich weit weg. Er lacht, und etwas Asche f�llt auf seine Brust. Er pustet sie weg. Keine Spuren auf dem wei�en Hemd. Die F�nfzehnte heute, obwohl er k�rzertreten will.</p><p>���nat�rlich kenne ich Schwule. Und ich kenne auch viele Schwule, �h, gerade die kein Problem haben mit diesem Humor, ne?�</p><p>�In diesem Gesch�ft arbeiten nun gerade sehr viele Schwule.�</p><p>�Hab ich noch nicht so erlebt. Aber es soll vereinzelt Homosexuelle in der Unterhaltungsbranche geben. �Der Graf erinnert sich an einen Unternehmer in M�nchen, das muss Anfang der Siebziger gewesen sein, der wollte die schwulen Callboys und Stricher organisieren in einem Club, Zimmervermietung mit Bar sozusagen, das sollte alles �ber seine Frau laufen, feiner Laden, ganz diskret, da ist Potential drin, meinte der, Geld ohne Ende, denn Schwule gibt�s genug, die da kommen und zahlen w�rden, meinte er, denn was gibt�s da f�r schmuddelige Ecken, wo die Notgeilen hinm�ssen, er wollte, dass der Graf mit investiert, aber der wollte damit nichts zu tun haben. Mit den warmen Br�dern l�uft das nicht. Die arbeiten auf eigene Rechnung, und es gibt genug Bars im Schwulenviertel, wo sie sich treffen k�nnen, einen gro�en professionellen Tuntenpuff, sowas hatte noch keiner probiert, jedenfalls wusste er nichts davon. Hin und wieder gab es da Versuche, Geld zu verdienen, Geld abzusch�pfen, aber eigentlich wollte keiner was zu tun haben damit. Das sind andere Regeln, andere Kreise. Ist auch nichts geworden mit dem Projekt. Sein Vater, und das wundert ihn, wenn er jetzt daran denkt, hat immer h�flich und mit Achtung von den Schwulen gesprochen, ein paar schwule Adlige, mit denen sie um viele Ecken verwandt waren und von denen der Graf zumindest immer dachte, als er ein Kind war, dass die schwul waren, zumindest waren sie <emphasis>anders</emphasis>, das konnte er damals verstehen, kamen den Vater manchmal besuchen in seinem Landhaus am Wald in Baden-W�rttemberg. Abgehalfterte Existenzen, nirgendwo zu Hause, keine Familien mehr, kein Geld, vielleicht waren <emphasis>das</emphasis> die Gemeinsamkeiten, und dann sa�en sie zusammen und tranken Wein und rauchten (die langen Zigarettenspitzen aus Perlmutt oder verziertem Holz haben ihn immer sehr beeindruckt) und erz�hlten �ber die alten Zeiten, noch vor dem Krieg.</p><p>�Die Humanisten, mein Freund, die Humanisten. Die Humboldts waren hier zu Hause. Ulrich von Hutten. Martin Opitz, wenn die dir was sagen, aber du bist ja ein gebildeter Mann, was man so h�rt. Thomas M�ntzer, obwohl der ja den Humanismus und den Fortschritt mit dem Schwert verbreiten wollte. Ja, und unsere Humanboxer Henry Maske und Axel Schulz nat�rlich auch.�</p><p>�Danke f�r die Stadtf�hrung. Ich bin beeindruckt. Und wir sind die Erben der Tradition?�</p><p>�Sicher, sicher. Vielleicht wird man in hundert Jahren nicht mehr von uns sprechen. Aber wer wei� das schon. Die Grenze hat ihre eigenen Gesetze. Und wir heben den Standard und die Volkshygiene und den Profit. �Der Oberst hebt sein Glas.�Auf die Zukunft. Auf die Gesch�fte. Auf unsere Zukunft. Auf unsere Gesch�fte. Auf die Humanisten und das Schwert. M�ge es in der Scheide bleiben!�</p><p>Sie trinken. Der Kellner r�umt die Teller mit den Resten weg.</p><p>�Ich denke�, sagt der Oberst und wischt sich die Lippen ab und blickt auf die Rotweinspuren auf der Serviette,�ich denke, <emphasis>jetzt</emphasis> haben wir ein bisschen Zeit f�r eine <emphasis>richtige</emphasis> Stadtf�hrung.�</p><p>Das Telefon klingelt. Er f�hrt hoch. Dr�ckt die Zigarette in den Aschenbecher, wirft das Radio um. Beim dritten Klingeln ist er am Telefon und nimmt den H�rer ab.�Ja. �Nur ein Klicken, niemand in der Leitung, ein Knacken, dann das Besetztzeichen, er legt wieder auf. Er blickt auf die Uhr. Noch l�ngst nicht drei. Ob er an der Rezeption anrufen soll und fragen, ob sie ihn angeklingelt haben oder ob sie die Nummer des Anrufes registriert haben? Nur keine Aufregung. Er braucht Ruhe. Als er wieder zum Bett gehen will, das Radio rauscht, und nur noch leise h�rt er die Stimmen von Domian und diesem Schmidt, klingelt es wieder. Er wartet. Beim f�nften Mal will er abheben, aber da h�rt es auf. Er geht zum Fenster, schiebt die Gardinen etwas auseinander und blickt auf den Rathausplatz. Das gro�e Rathaus ragt gegen�ber aus dem Dunkel auf, gotische Spitzb�gen �ber gro�en runden Fenstern, dar�ber noch weitere kleine T�rmchen, Spitzen, ein Krankenwagen steht im Schatten des Portals, als h�tte ihn jemand dort abgestellt und vergessen, oder der Notfall zieht sich hin, er hat diese Stadt an der Grenze noch nicht geordnet in seinem Kopf, als sie vorhin mit dem Wolga durch die Stra�en fuhren, sah er wei�e und graue Neubaubl�cke hinter den kleinen schiefen alten H�usern, ein seltsames Durcheinander vor dem Abendhimmel, der jetzt klarer wird, Sterne, die Wolken treiben Richtung Fluss, der dort irgendwo hinter den H�usern sein muss. Sp�ter sieht er die B�gen einer Br�cke, Lichter und H�user auf der anderen Seite, eine andere Stadt oder ein Teil dieser, das muss Polen sein. Eine Reihe LKW auf dem Seitenstreifen der breiten Stra�e, die zur Br�cke f�hrt, langsam gleiten die Bilder an ihm vorbei, dunkle LKW, kaum ein F�hrerhaus ist beleuchtet, Schatten zwischen den gro�en langen Fahrzeugen und Anh�ngern, das sind doch Frauen? da sieht er ganz genau, als w�rde das Bild kurz stehen bleiben, wie eine Frau, wei�e Haut, <emphasis>wei�e Haut unterm kurzen Stoff,</emphasis> in einen LKW klettert, ein Fu� noch auf dem Asphalt, die Hand am T�rgriff der ge�ffneten T�r, wie sie sich hineinschwingt dort, im F�hrerhaus verschwindet, dicht an dicht stehen die Lastkraftwagen, eine graue gewundene Schlange in der Nacht, endlos, die Grenze, den Kopf, kann er nicht sehen; sie biegen ab, ein Park neben der Stra�e, wie ein kleiner Wald, umz�unt, am Zaun lehnen Gestalten, Frauen? wieder Frauen? aber das kann er nicht genau erkennen, zu viele Schatten, vielleicht auch Gesindel, Nachtwanderer, der Bahnhof ist immer sehr nah in dieser kleinen, mittelgro�en Stadt, der Oberst f�hrt schnell und geht rasant in die Kurven, scheinbar regungslos stehen sie dort am Zaun und unter den B�umen, in den folgenden Tagen sieht er fast nur junge und blutjunge M�dchen auf den Stra�en, dem Fleischmarkt der Grenzstadt.</p><p>�Kai, 32, hat gefragt, �h, die Samantha-Fox-Geschichte, ob das abgesprochen war?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Nein? Das war spontan���</p><p>�Das war spontan, sie hat mich ja direkt aufgefordert, ich hatte auch das Gef�hl, sie war hinterher vielleicht �n bisschen sauer, und�� als ich ihr dann noch an die andere Titte langen wollte, war sie schon weg.�</p><p>Domian lacht. Der Graf steht im Zimmer und bl�ttert durch seinen Kalender. Am Dienstag hat er einen Termin bei einem seiner Steuerberater, sein Anwalt aus Frankfurt kommt extra in die Stadt im Osten, da muss er p�nktlich wieder zur�ck sein. Aber am Sonntag oder sp�testens am Montag sollte er die Dinge hier gekl�rt haben, die n�tigen Informationen bekommen, die Entscheidung getroffen, die Immobilie gekauft, der Oberst deutete schon mehrfach an, dass andere Interessengruppen interessiert w�ren und bereitst�nden, aber was soll er auch anderes sagen, um das Gesch�ft anzukurbeln, der Graf hat seine Informationen, das Projekt ist noch frisch, alles muss gut durchdacht sein, er wird seine Nase und seinen Bauch und sein Wissen und seine Strategie��, er nimmt keine Valium, keinen Betablocker, auch wenn er schlafen m�chte, das System ins Dunkel fahren, um traumlos zu erwachen, aus einem Schwarz zu erwachen und analytisch die Dinge anzugehen��, so wie er es immer gemacht hat. Aber da war doch noch was. Richtig, der verdammte Tyson. Aber br�ll mit den L�wen im Chor, wenn es sein muss. Das Telefon klingelt. Er geht zum Radio zur�ck.</p><p>�Nat�rlich hat man den Eindruck, dass du sehr, sehr respektlos mit allem und jeglichem umgehst. �h, vor was hast du Respekt?�</p><p>���das ist jetzt auf Anhieb f�r mich schwer zu sagen, wovor ich Respekt habe. Ich mein, �h��, das, das wei� ich ehrlich gesagt nicht. Ich mein, wenn uns �n Witz zu irgend �nem Thema einf�llt, wird der gemacht���</p><p>�Kennt ihr den? Was ist ein Pole ohne Arme? Na?�</p><p>�Und was ist ein Pole ohne Arme?�</p><p>�Eine Vertrauensperson.�</p><p>Sie stehen vor einem verfallenen Geb�ude, um das ein Gitterzaun f�hrt. Das Ziegelportal liegt im Dunkeln, drei Fensterl�cher, keine Laternen weit und breit. Die Lichtkegel der Scheinwerfer ber�hren die Mauer ein St�ck �ber dem Boden.�Und du bringst mich hierher, um mir Polenwitze zu erz�hlen?�</p><p>�Nein, nein, nein. Geduld mein Freund, Geduld. �Der Oberst steht hinter der ge�ffneten T�r seines Wolga, st�tzt sich auf dem Dach ab.�Das ist �ne einmalige Sache hier. Siehst du sonst nirgends. So wie <emphasis>unsere</emphasis> gerechte Sache, der Sozialismus, einmalig war. Scherz, Scherz! Aber das hier �berdauert Zeiten und Systeme. Und so wie unser Zukunftsbordell einmalig wird, was? Was?�</p><p>�Wir werden sehen.�</p><p>Und dann sieht er. Zuerst denkt er, es sind V�gel. Scharen kleiner V�gel. Jetzt kreisen einige direkt �ber den Lichtkegeln der Autoscheinwerfer. Und er erkennt, dass es Flederm�use sind. Aus den Fensterl�chern kommen sie. �ber dem flachen Dach kreisen sie. Werden immer mehr, als h�tten sie sie aufgeschreckt. Die, die �ber und in dem Licht kreisen, kann er genau erkennen, ihre Fl�gel sind durchscheinend, durchsichtig fast. Er kann sich erinnern, als Kind ein paar Flederm�use gesehen zu haben, zwischen Wald und Haus, in den Abendstunden, wenn sie oft drau�en sa�en, aber so nah und so genau hat er diese kleinen Tiere noch nie gesehen. Er kann die d�nnen Arme und winzigen H�nde erkennen, �ber die sich die Fl�gel spannen.</p><p>�Jetzt ist die Zeit, wo sie rauskommen, wo sie auf Jagd gehen. �Der Oberst starrt auf das Haus, aufs Dach des Autos gelehnt, Schimanski sitzt noch auf der R�ckbank und raucht.�Jetzt ist die Stunde der Flederm�use. �Der Graf steht auf der anderen Seite des Autos. Er nickt und sagt:�Beeindruckend. Wirklich. �Er nimmt sein Zigarettenetui und z�ndet sich eine an.�Ja, ja, nicht wahr? Wir stehen genau im Sperrstreifen, genau in der Zone. Vierzig, f�nfzig Meter. Hinterm Zaun. Baustopp. Absolutes Verbot. Soll bald offiziell Naturschutz. Aber ich sage dir, wenn ich entspannen will, wenn ich runterkommen will, wenn mich alles ankotzt, die Grenze, der Dreck, die Gesch�fte, die Nutten, na ja, du wei�t schon. Dann steig ich in meinen Wolga und komm hierher. �Er klopft aufs Autodach. Er raucht nicht, denkt der Graf, vern�nftiger Mann.�Komm, steig mal aus, erz�hl unserem Gast mal bisschen was �ber die Vielfalt der Flederm�use!�</p><p>Der Graf blickt auf seine Uhr. Das Radio rauscht, polnische Stimmen, die Sender wandern. Zwei Uhr.�Vergiss nicht, um drei. Ich will dir paar Leute vorstellen. �Er braucht einen Kaffee. Er schaltet den Weltempf�nger aus, geht zum Telefon und ruft die Rezeption an. F�nf Minuten sp�ter klopft es an der T�r. Eine junge blonde Frau mit einem Tablett, auf dem ein K�nnchen und eine Tasse stehen. Auf der Untertasse ein wei�er Keks und ein brauner Keks und zweimal Kaffeesahne. Er nimmt ihr das Tablett ab, sagt:�Danke, das ging schnell.�</p><p>�Sehr gerne�, sagt sie, mit leichtem Akzent. Er gibt ihr einen F�nfmarkschein.�Vielen Dank�, sagt sie und macht einen halben Knicks. Er schlie�t die T�r, stellt das Tablett auf den Tisch.�Wenn du was brauchst, ein M�dchen oder zwei M�dchen oder sonstwas, sag mir Bescheid.�</p><p>�Danke. Ich bin wegen Gesch�ften hier.�</p><p>�Schau, schau, ein kluger Mann.�</p><p>Er trinkt seinen Kaffee, schwarz. Geht die Dinge nochmal durch im Kopf, Vertr�ge, Anwalt, Prozente, maximale Summe der Investition. Wenn nur die verdammten Flederm�use nicht w�ren, die ihn vorhin noch so faszinierten.�Eine Bartfledermaus, dort oben, genau in der Mitte des Fensters, siehst du?�</p><p>�Sie h�ngt.�</p><p>�Ja, ja, da hat sie sich kurz mal abgeh�ngt. Ungew�hnlich. Gibt die Kleine und die Gro�e. Ziemlich selten. Siehst du die langen spitzen Ohren? Kann man von hier nicht sagen, ob�s die Gro�e oder die Kleine ist. Ich tippe auf die Gro�e. Schwer zu unterscheiden. Die Bartflederm�use jagen meistens unten am Fluss.�</p><p>�Ein Fledermausfachmann, ein richtiger Fledermausfachmann!�</p><p>�Ich war fr�her in der Forstwirtschaft. Und die da, die da direkt �ber uns kreist, wupp, schon is sie wieder weg, das war��, na guck, da ist sie wieder, und noch eine! Und noch eine.�</p><p>�Die sind verdammt gro�! Fast wie ein Vogel!�</p><p>�Ja, ja, das sind mit die Gr��ten. Hei�en auch so. Gro�es Mausohr. Beziehungsweise Gro�e Mausohrfledermaus. Die sind hier am h�ufigsten.�</p><p>�Das hier ist das exklusivste Fledermaushotel in ganz Deutschland�, sagt der Oberst.</p><p>�Verstehe. Verstehe schon.�</p><p>Er gie�t sich Kaffee nach, l�uft mit der Tasse im Zimmer auf und ab. Zwei Uhr drei�ig. Er geht zu seinem Koffer und nimmt die Mappe aus der Innentasche. Nimmt den Stadtplan aus der Mappe und geht zum Tisch. Er stellt die Tasse aufs Tablett und schiebt es zur Seite, faltet den Plan auseinander und breitet ihn auf dem Tisch aus. F�nf Orte sind auf dem Plan markiert, f�nf rote Kreuze. Drei davon mit Fragezeichen, weil sie doch etwas au�erhalb liegen. Aber das muss nicht unbedingt ein Nachteil sein. Die Stadt wird wachsen, davon kann man ausgehen. EU-Gelder flie�en, die neue Hauptstadt ist nicht weit, der gro�e und kleine Grenzverkehr, Unternehmen siedeln sich an, und andere zeigen bereits Interesse. Der Einwohnerschwund nach der Wende wird bald drei�ig Prozent erreichen. Er legt die Tabellen mit Plus und Minus auf den Stadtplan, bl�ttert durch seine Unterlagen und Notizen. Der Bund wird investieren, Vorzeigestadt der guten nachbarschaftlichen Beziehungen zu Polen. Das Au�enministerium wird hier Geb�ude bekommen. Das Tor zum Osten. Die Amis wollen investieren und die Japaner. Arbeitslosigkeit fast zwanzig Prozent. Ziel und bereits in Arbeit: die Zerschlagung des zurzeit bestehenden Sex-Marktes. Konzentration auf ein Objekt. Maximal zwei Objekte. Exklusivit�t in ganz Brandenburg. IC-Trasse nach Berlin ist in Planung. M�glicherweise auch �ber Schwerin nach Hamburg.</p><p>Das Ganze kann eine Geldverbrennungsanlage werden oder eine Aktie mit Zukunft. Auf der anderen Seite der Grenze stehen die M�dels in jeder Stadt, in jedem Dorf. Clubs, Sexshops, Puffs, Stra�enstriche, Wohnwagen, Privatwohnungen, polnische Zuh�lter, russische Syndikate. Die Touristen kommen mit Bussen und bumsen f�r einen Hunderter das ganze Wochenende durch. Zigaretten und Schnaps f�r ein Drittel, wenn das reicht.</p><p>Der Faktor ist der Bulle. Den er nachher treffen wird. Der Oberst hat die Hand auf den Immobilien, alte Kontakte, alte Seilschaften, neues Geld. Die Strategie muss klar sein: Diesseits der Grenze sind wir. Nur wir. Jenseits der Grenze beginnt der Sumpf. Die polnische Politik will die Gesetze versch�rfen. Plus. Holt die besten Huren r�ber nach Deutschland, dort wird das gute Geld verdient. Infiltration des Grenzmarktes. Dr�ngt das polnische Grenzgesch�ft zur�ck nach Polen. Ein Club, wie es ihn diesseits und jenseits der Grenze noch nicht gibt, noch nie gegeben hat.</p><p>�Handel?�, es knackt kurz im Telefon,�du bist doch lange genug im Gesch�ft. Du wei�t doch, dass die polnischen M�dels verr�ckt sind nach unserer harten Mark. Da, da, da! Und in Brandburg sind wir die Jobvermittlung Nummer eins! Wir mieten und vermieten! Der Sumpf ist hinter der Grenze. �Er sitzt in seiner Burg, in der Stadt im Osten, und wei� nicht, was er von dem Oberst halten soll. Als er sp�ter seinen Bruder anruft, sagt der nur:�Lass die Finger aus der Sache. <emphasis>Eine</emphasis> Dependance Ost reicht.�</p><p>Alles legal, Br�derchen, alles legal. Wenn die Karten neu gemischt werden, brauchst du eine gute Hand. Naiv? Wir sind nicht naiv. Das Ding wird sauber, denn das ist die Zukunft. Jetzt schlagen sie sich noch die Sch�del zu Brei, in ein paar Jahren sieht hier alles anders aus. Wenn das Chaos vorbei ist, wird das Geld flie�en. Und dort, wo alles sauber ist, wird die Rendite am gr��ten. Wobei man das nie wei�, wegen der Sauberkeit. Das wei�t du doch selbst. Das Gesch�ft ist hart, und wir sind keine Samariter. Da m�ssen wir uns nicht bel�gen. Du wei�t genau, dass ich deiner Meinung bin, <emphasis>wo alle zufrieden sind, ist auch die Geldb�rse zufrieden</emphasis>. Am Ende. Aber in erster Linie geht es ums Gesch�ft. Nur ums Gesch�ft. Erstmal. Die Informationen sind zu gut, die Kontakte sind zu gut. Die Versicherungen scheinen seri�s zu sein. Der Bulle. Der Oberst. Die Russen halten still. Die Konkurrenz ist im Griff. Die Politik ist daran interessiert, dass sich die Reihen lichten und dass im Licht gearbeitet wird. Saubere Steuergelder. In ein paar Jahren werden sich die Gesetze �ndern. Die Liberalisierung des Sex-Marktes steht kurz bevor. Die richtigen Leute sind auf unserer Seite.</p><p>�Zu undurchsichtig. Lass die Finger davon.�</p><p>�Ich bin seit drei�ig Jahren im Gesch�ft.�</p><p>�Das ist was anderes. Was wissen wir schon von den Russen, Ex-KGB, m�chtige Syndikate, die verschiffen die Weiber �berallhin. Von �berallher. Kosovo. Baltikum. Warentermingesch�fte, du verstehst. Die M�rkte werden �berrannt. Damit wollten wir doch nie was zu tun haben. Bleib weg von der Grenze.�</p><p>�Man muss schauen. Man muss die Chancen �berpr�fen. Sie suchen Leute von au�erhalb, Investitionen von sauberen Investoren. Es geht nur um Prozente. Das Risiko ist nicht zu hoch. Ich habe den Kontakt und die Information von einem alten Russen, den ich seit fast zwanzig Jahren kenne! Nichts ist fix. Warum soll man nicht schauen, wenn die Firma verdienen kann?�</p><p>�Dann schau. Du hast ja meistens die richtige Nase.�</p><p>Er hat seit Jahren nicht mehr mit seinem Bruder geredet. Der Kleine ist sesshaft geworden, wie es scheint. Dabei hat er gehofft, dass er mit einsteigt. Wollte am Telefon vorf�hlen und dann hinfahren. Bielefeld. Wo er lange nicht mehr war. Er h�tte ihn gleich besuchen sollen. Er vertraut den Leitungen nie. Die Stimmen werden zu Daten und Wellen und gleiten durch die �mter und Umschaltstationen, Verteiler, werden aufgespalten in Nanoteilchen, elektrische Impulse im �ther, Zischen und Rauschen, Wetterleuchten durch den Himmel der Stimmen, wenn die Planeten in der exakt selben Position stehen wie vor Jahren schon einmal, kann man sich selbst anrufen, sie reden meist nur in Chiffren, �ber Autos und Waren und Gesch�fte mit Aktien, Wertstoffe, Rohstoffe, Optionen, Ost, West, S�d, Nord, von den Grenzen ins Land und zur�ck. Europa wird sich �ndern, glaub mir. Der ganze Markt wird sich �ndern. Noch ist Polen nicht verloren. Er sitzt im Zug und schl�ft und tr�umt von dem Wald hinterm Haus, wie sie dort kleine H�uschen bauen aus Holz und Stein und Lehm. Flederm�use h�ngen in den B�umen.</p><p>�Ich habe dir, verdammt nochmal, gesagt, du sollst nicht rauchen. Geht das nicht in deinen Kopf? Und willst du hier bumsen, bis das Kind kommt, oder was? Du setzt keinen Fu� mehr in meinen Laden, du bl�de Kuh! Geh, verdammt nochmal, aufs Amt, wenn du pleite bist!�</p><empty-line/><p>Der Neubaublock steht fast leer. Nur in wenigen Fenstern ist Licht. Zweitausenddrei werden die Geb�ude abgerissen, wie fast alle Plattenbauten in der Grenzstadt. Sie stehen zu dritt im Fahrstuhl. Schimanski tr�gt jetzt eine blaue Bomberjacke und ein wei�es Hemd und sieht wirklich ein bisschen aus wie einer aus der Forstwirtschaft. Das Deckenlicht flackert. Der Graf setzt seine get�nte Brille auf. Sie sind in einem der beiden hohen schmalen Blocks, die ihm schon vorhin aufgefallen sind, als sie von den Flederm�usen kamen oder zu den Flederm�usen fuhren, genau wei� er es nicht mehr. In der vierzehnten Etage steigen sie aus. Sie laufen einen langen Gang entlang, der Oberst vorneweg. Die T�ren links und rechts sind aus braunem Holz, das an vielen Stellen abgesplittert ist, zerkratzt ist, Worte und Buchstaben, die kleinen runden Spione in Kopfh�he sehen tr�b und blind aus, die Klingeln neben den T�ren kleine graue Kn�pfe auf der grauwei�en Wand, an einigen T�ren noch Namensschilder, Schmidt, Lorkowsky, Janka, Meier, A.�Wei�, G.�Barth, der Oberst bleibt vor einer T�r am Endes des Flurs stehen. Der Graf h�rt leise Musik von drinnen. Der Oberst klingelt. Ein paarmal dr�ckt er auf den Knopf. Vielleicht ein bestimmter Code, aber er hat auch schon unten geklingelt, und nur einmal.</p><p>Schimanski hat sie w�hrend der Fahrt mit seinem Totschl�gertelefon angek�ndigt.�Ich bin�s. F�nf Minuten.�</p><p>Die T�r wird ge�ffnet. Ein Mann im schwarzen Sakko, unter dem er einen grauen Rollkragenpullover tr�gt. Gute Ware, die nicht zu seinem Gesicht passt. Der Oberst nickt ihm zu, sie geben sich die Hand, und der Typ winkt sie alle rein, schlie�t die T�r hinter ihnen. Der Oberst f�hrt sie sofort in ein Zimmer. Der Graf hat kaum Zeit, den Flur zu mustern, Garderobenleiste mit ein, zwei Jacken dran, da dr�ben muss das Bad sein, drei weitere T�ren, die zur K�che ist halboffen, und der Graf sieht einen Mann mit gr�ner Bomberjacke direkt hinterm T�rspalt auf einem kleinen Hocker sitzen. Ein Melkschemel, denkt er noch, so ein M�bel hat er hier nicht erwartet. Und dass die Bomberjacken irgendwie eine Ost-Sache zu sein scheinen. Obwohl sie in der Stadt im Osten, wo er seine Dependance hat, langsam aus der Branche verschwinden.</p><p>Das Zimmer ist nicht besonders gro�, wie ein Wohnzimmer in einer Wohnung eben. An der Wand eine Bar. Vier Barhocker davor. Eine junge Frau hinter der Bar, ein Regal mit Flaschen, ein gro�er K�hlschrank. Paar Teelichter auf der kleinen Theke, paar Teelichter auf den Tischen, niedrige Couchtische vor den Sitzgarnituren. Ein gro�er Fernseher direkt vor der Fensterfront.</p><p>Premiere l�uft, die Vorberichte, ist das Axel Schulz? Auf den Sofas und Sesseln z�hlt er f�nf M�nner. Und zwei Frauen. Einer der M�nner steht auf und kommt auf sie zu. Er hat schulterlange Haare und eine kurze dicke Schweinsnase. Tr�gt ein schwarzes weites Hemd von Hugo Boss.�Mario�, sagt er und reicht ihm die Hand.�Wir haben telefoniert.�</p><p>Der Graf blickt sich um und nickt und sagt:�Gem�tlich habt ihr�s hier.�</p><p>�Ist nur f�r die Feierabendentspannung. Bisschen Boxen gucken, paar Bier trinken, paar gute Drinks, Freunde treffen. Willkommen an der Grenze. �Der Graf erkennt Reste von Aknenarben oder Pockennarben in seinem Gesicht.�Sch�n, dass du jetzt da bist. Wir haben ja einiges zu besprechen. Heidi, mach uns mal vier Bier!�Dann dreht er sich wieder zu ihm und sagt leise:�Nur deutsche M�dels hier, mal was anderes, unsere deutsche Botschaft sozusagen.�</p><p>�Ich h�tte lieber einen Cognac oder einen Whisky.�</p><p>�Wie w�r�s mit Gin Tonic? Heidi, mach uns mal vier Gin Tonic!�</p><p>Der Oberst schiebt die Barhocker zur Seite und stellt sich neben sie an die Theke.�Von unserem Mario hier habe ich dir ja schon erz�hlt. Wir haben alles im Griff entlang der Grenze, nicht wahr. �Er legt seinen Arm um die Schulter der Schweinsnase. Sein Schatten, Schimanski, geht zu einem der Sessel und setzt sich.�Wir h�tten uns auch in meinem Laden treffen k�nnen�, sagt die Schweinsnase,�feiner Laden, feiner Club, hast du sicher schon von geh�rt, aber da ist jetzt Wochenendbetrieb. Und warte, bis du die Aussicht hier siehst. Nur im alten Oderturm hast du eine bessere Aussicht als hier. Und in den sind wir leider nicht reingekommen.�</p><p>�M�ssen wir auch gar nicht�, sagt der Oberst,�viel zu gro�e Immobilie, Geldschlucker, aber die vier anderen T�rme��, na, das wirst du morgen alles sehen.�</p><p>�Vierzehn Uhr, der Besichtigungstermin steht!�Mario lacht und verteilt die vier Flaschen Bier und die vier Gin Tonic, die das M�dchen anscheinend in Rekordzeit fertig gemacht hat, auf der Theke.</p><p>�Ich habe schon einiges gesehen heute. �Der Graf nimmt sich ein Glas, die Eisw�rfel klimpern.�Sch�ne kleine Stadt.�</p><p>Das Zucken des Mundwinkels, dieses Zucken, dieses immer wiederkehrende Zucken, bei dem Kriminalhauptkommissar, der sp�ter zu ihrer kleinen Runde sto�en wird, das zuckt auch Jahre sp�ter noch in seinem eigenen Mundwinkel nach, links, Herzseite, wenn er an all das zur�ckdenkt, und manchmal auch einfach so. Er sieht Zigarettenqualm und Staub in dem Licht des gro�en Fernsehers. Als h�tte der Typ mal einen leichten Schlaganfall gehabt, denkt er, denn hinter und neben diesem Zucken ist eine Gesichtsh�lfte seltsam starr, wie festgefroren, nur der Mundwickel bewegt sich:</p><p>�Alle glauben an Tyson. Man nimmt kaum noch Wetten an auf ihn. Aber ich sage Ihnen, ich sage Ihnen das mit der Erfahrung und der Menschenkenntnis, die ich mir, und das soll jetzt nicht gro�spurig klingen, in all den Jahren, hier und hinter der Grenze und weit weg in M�tterchen Sowjetunion���</p><p>Was, verdammt nochmal, denkt der Graf, hat dieser Bulle bei den Russen gemacht? Aber er hat einiges geh�rt bei seinen Kontakten in Berlin, Hamburg und Frankfurt/Main. Von der Elitetruppe des Dezernat�1, die angeblich mit dem KGB zusammengearbeitet hat. Ger�chte. Legenden.</p><p>�Und wissen Sie, da ist ein Faktor, ein wichtiger Faktor��, ich wei� nicht, ob Sie sich f�r den Boxsport so sehr interessieren wie ich���</p><p>�Schon. Ein wenig schon. Ich kannte fr�her den Prinzen von Homburg und J�rgen Blin, der mal gegen Ali��, ist aber schon lange her.�</p><p>�Blin? Homburg? Das m�ssen Sie mir nachher erkl�ren. In aller Ruhe. Worauf ich hinauswill, der Henry sagte mir vor paar Tagen, genaugenommen am letzten Donnerstag, also nicht den vergangenen, sondern den davor, da habe ich ihn nach dem Training zum Essen eingeladen, aber er muss ja aufpassen wegen der Kalorien, also da sagte der Henry, dass er glaubt, dass der alte Holyfield die richtige Taktik, die richtige Strategie und auch das Herz hat, den Willen, die Maschine, die da vor ihm steht, auszuschalten, verstehen Sie, denn darauf kommt es an���</p><p>�Es kommt auf vieles an.�</p><p>���das Gef�ngnis, wissen Sie, und damit kenne ich mich aus, das geht tiefer, viel tiefer, als man denkt, das ist ein Gift, das immer in seinen Adern sein wird, das sein Blut und sein Herz und seinen ganzen K�rper und sein ganzes kleines Hirn und auch alles um ihn herum���</p><p>�Gift, sagen Sie. Wie lange hat denn Tyson��, ich kann mich erinnern, dass er Anfang der Neunziger���</p><p>�Drei Jahre. Und das ist der springende Punkt. Der Faktor. Dieses ganze dumme Gerede, dass das Gef�ngnis einen h�rter macht undsoweiter, es macht dich schwach. Ich will Ihnen jetzt nicht zu nahe treten, aber ich wei� ja���</p><p>�Sie wissen <emphasis>was</emphasis>?�</p><p>�Nun, Sie sind ein Mann der alten Schule, seri�s, ein Gesch�ftsmann, ein Investor, deswegen treffen wir uns hier, und selbst wenn Sie���</p><p>�Sparen wir uns das. Alte Schule�� Was soll das sein? Nur M�rchen und Legenden. Sie sind anscheinend gut informiert.�</p><p>�So wie Sie. Informationen sind alles. Auch wenn ich andere Gr�nde habe als Ihre Gesch�ftspartner. Mir geht es um Transparenz. Um Regulierung. Um Sauberkeit. Um einen sauberen, regulierten, seri�sen Markt.�</p><p>�Das sind gute Gr�nde, wie es scheint. Aber sicher nicht alle.�</p><p>�Wir beide tragen ein gewisses Risiko. Fr�her h�tten wir gesagt �operative Informationsbeschaffung�.�</p><p>�Damit habe ich nichts zu tun. Ich vertrete Interessen. Und die Entscheidung liegt nicht allein bei mir.�</p><p>�Und damit habe <emphasis>ich</emphasis> nichts zu tun. Wissen Sie, es ist ein guter Anfang f�r ein gutes Gesch�ft, wenn wir offen reden. �Sie trinken Gin Tonic, w�hrend der Ringsprecher den Kampf ank�ndigt, der jeden Moment beginnt. <emphasis>Ladies and Gentlemen, live from Las Vegas��, it isssss Showtime!</emphasis>� Wenn Sie auf Tyson wetten wollen, ich halte dagegen. Hier und jetzt.�</p><p>�Nein. Ich glaube an die Chancen von Holyfield.�</p><p>Er blickt auf den Bildschirm. Kann die K�mpfer kaum auseinanderhalten. Hat Tyson in den Achtzigern einmal k�mpfen sehen, aber das war in einer anderen Zeit. Sie stehen sich gegen�ber, dunkle Statuen, die Gesichter starr. Tausende Lichtblitze um sie herum. Schwei� l�uft in Kurvenbahnen �ber ihre Gesichter. Die Tropfen schimmern in der Luft, wenn sie sich von der Haut l�sen, kleine Projektile aus Salz auf ihren Wegen durch den Raum, die Sekunden ticken, wenn sie auf dem Ringboden aufschlagen, in Las Vegas klimpert das Geld in Zeitlupe aus den einarmigen Banditen. <emphasis>Let�s get it on.</emphasis></p><p>�Holyfield. Alte Schule. Sie sind ein kluger Mann. Ein Old-School-Boxer, wie die Amis sagen w�rden. Nat�rlich, alles kann passieren in so einem Kampf.�</p><p>�Ein gewisses Risiko ist immer vorhanden.�</p><p>�Aber es gibt Versicherungen. Deswegen sitzen wir hier. Haben Sie schon die Aussicht genossen?�</p><p>�Ich habe einiges gesehen heute, ja.�</p><p>�Lassen Sie sich nicht t�uschen. Die Zeiten werden sich �ndern. Sicher nicht heute. Vielleicht auch nicht morgen. Aber schneller, als hier manche denken.�</p><p>�Davon gehen wir aus. Sonst w�re ich nicht hier.�</p><p>�In einigen Jahren sind wir die Vorzeigestadt an der Grenze. Die Au�enbefestigung von Berlin. Die deutsch-polnische Dependance der Politik und der Wirtschaft. Das Au�enministerium wird hier Abteilungen haben. Nicht am Ende von Europa. Am Anfang. In der Mitte.�</p><p>Der Graf raucht zu viel. Er beobachtet den Raum durch seine get�nte Brille, die das Licht filtert. Menschen bewegen sich hinterm Zigarettenrauch. Die Vorberichte laufen. Ohne Ton. Man sieht die K�mpfer in den Kabinen sitzen. Der Ring ist leer. Er h�rt leise Musik, l�sst seine Augen �ber die W�nde wandern, auf der Suche nach den Lautsprechern. Eine kleine Diskokugel dreht sich direkt �ber der Bar und streut bunte Sterne und Punkte auf die Haut der Frau, auf seine H�nde, die abwechselnd die Zigaretten halten, links rechts, blinkendes Licht auf den Gl�sern und Flaschen. Mario, der Mann mit dem Puff in der Stadt und der Mann mit den Puffs und Anteilen entlang der Grenze, steht neben ihm an der Bar, blickt in die Farben auf den Brillengl�sern des Grafen und redet dann leise direkt in sein Ohr.�Wenn der Bulle nachher kommt, lass dich nicht t�uschen. Er denkt, er spielt die Karten, doch wir spielen sie ihm zu. �Eine Serviette liegt vor ihm, und Mario schreibt mit einem Kugelschreiber ein Wort auf die Serviette. Einen Gro�buchstaben, ein Bindestrich, und dann ein Wort. V-Mann. Er zerkn�llt die Serviette und steckt sie in seine Hosentasche.�Ich muss gleich mal pinkeln. Und dann kommt das ins Klo. Nur damit du wei�t, dass ich offen bin zu dir. Die Sache ist gro�. Und lass dich nicht t�uschen, er redet nicht nur. Was denkst du, warum die Konkurrenz hier verschwindet. Und ich da bin. Alles geht zusammen, eine Versicherung wie hier kriegst du nirgends.�</p><p>�Ich wei� nicht, ob meinen Partnern die Serviette gef�llt.�</p><p>�Vergiss nicht: <emphasis>Wir</emphasis> sind deine Partner. Und der Bulle ist unser Mann.�</p><p>�Dass du mich nicht falsch verstehst, alles was heute und morgen���</p><p>�Wir wissen, dass du ein diskreter und ehrlicher Mann bist, dass du deine Gesch�fte immer sauber �ber die Trib�ne bringst. Und was hei�t das schon, was ich dir sage�� Heidi! Mach uns mal noch zwei Gin Tonic.�</p><p>�Was meinst du, wer gewinnt heute?�</p><p>�Klare Sache. �Mario nimmt den Gin Tonic, den das M�dchen wieder in Rekordzeit fertig gemacht hat, vom Tresen und reicht ihm das Glas. Die Eisw�rfel klimpern, und der Graf sp�rt, wie es langsam kalt wird in seiner Hand.</p><p>Die K�rper lehnen aneinander. Wanken vor, wanken zur�ck. Die K�pfe verschmelzen, die Beine und der Rumpf biegen sich ineinander wie fl�ssiges Plastik, der Mundschutz rot und blau in einem einzigen riesigen Mund, die Schl�ge dr�hnen durch den Raum, rei�en den K�rper wieder auseinander, dritte Runde, vierte Runde, damals, in der anderen Zeit, war Tyson schneller als das Licht, jetzt bohren sich seine F�uste wie in Zeitlupe durch das Glas und in den Raum. Das Zimmer ist voll jetzt, jedes Sofa und jeder Sessel besetzt, M�nner und ein paar Frauen stehen zwischen den Sitzelementen und Tischen. Halbnackte Nummerngirls kommen vom Flur, dr�ngen sich mit den Schildern durch die Boxsportfreunde, vorbei an den K�rpern, der Bulle sitzt an der Wand auf einem Stuhl, f�r sich allein. Sein Zucken direkt an der Tapete. Von wegen <emphasis>deutsche Botschaft,</emphasis> denkt der Graf, ein paar Kanacken sind auch gekommen. Rum�nen, Russen, soweit er das einsch�tzen kann. Den Bullen beachtet keiner. Und nach der siebten Runde ist er pl�tzlich weg, an der Tapete ein wei�er Fleck. <emphasis>Alles klar, Herr Kommissar?</emphasis></p><p>Von irgendwo h�rt er noch Musik in der Wohnung, seltsame Musik, Gesang, klingt wie Volksliedgut, das muss aus einem der anderen Zimmer kommen. Ziemlich leise. Zwei, drei Zuh�lter erkennt er sofort als Zuh�lter: Der eine tr�gt eine goldene Kette mit einem goldenen Schriftzug PIMP. (�Zuh�lter im Trainingsanzug mit Goldkette, �Der Pimp an der Grenze�, Szene�5, Klappe�1!�) Der Graf legt seine H�nde ineinander. Kleine funkelnde Steine auf den Buchstaben. Las Vegas. (�Audioeinspieler mit Hintergrund-Lachen, immer wenn der Typ auftaucht!�) So wie er die Russen und Rum�nen erkennt. Zwei, drei Anzugtypen sind auch da, leger mit gelockertem Schlips, Bismarckknoten, bei denen sitzen oder stehen die M�dels, einige haben lange pl�schige Hasenohren, Playboybunnies, Wirtschaft, w�rde er sagen, oder eher Stadtpolitik. Oder Luden. Oder wei� der Teufel was auch immer. Sein Gesp�r ist weg, und er sp�rt nur, dass ihm schwindelt. Bl�dsinn, ist die M�digkeit von der Reise oder die M�digkeitsblocker oder was auch immer. Die Kanacken und Luden h�tte er nicht reingelassen. Und die M�dels sollten keine Hasenohren tragen.</p><p>Die M�dels bilden eine Kette bis zur Bar und transportieren Bier und Drinks zu den Boxsportfreunden. Die Mischung gef�llt ihm nicht. Das Licht verwirrt ihn. Zu viele Stimmen in dieser Nacht. Unseri�s. Obwohl er diese Mischung ganz genau kennt. Aus der Stadt im Osten und von fr�her. Du bist �bervorsichtig, denkt er, scheinbar haben sie alles im Griff. Man muss mit den W�lfen heulen��, ach, was f�r ein Schwachsinn. Leise Musik, der Boxkampf l�uft.</p><p>�Du siehst nachdenklich aus, Partner. �Der Oberst steht pl�tzlich neben ihm, war f�r eine ganze Weile verschwunden.</p><p>�Der Partner �berlegt, wer die Partner sind. �Er trinkt und stellt das Glas auf die Theke.</p><p>�Ich habe zweitausend auf Tyson laufen. <emphasis>Herr</emphasis> Partner! Was h�ltst du davon?�</p><p>�Achte Runde. Sieht nicht gut aus f�r ihn. Aber vielleicht kommt er ja noch.�</p><p>�Und tausend gehen auf Holyfield. Bei einer Quote von zehn zu eins.�</p><p>�Das hei�t���</p><p>�Das hei�t, gewinnt Tyson, so wie wir alle dachten���</p><p>�Ich habe das nicht gedacht.�</p><p>�Du bist ein kluger Mann, so wie es bis jetzt l�uft.�</p><p>�Intuition.�</p><p>�Hast du gewettet?�</p><p>�Ich wette nicht. Nicht auf Sport.�</p><p>�Vern�nftig. Zu unsicher, nicht wahr?�</p><p>�Darum geht es nicht. Prinzip.�</p><p>�Ein Mann braucht seine Prinzipien.�</p><p>�Sagt John Wayne?�</p><p>���gewinnt also Tyson, und danach sieht es gerade nicht aus, habe ich meine investierten dreitausend wieder zur�ck. Hab�s in Moskau platziert, Privatbuchmacher, die einzigen, die mir f�nfzehn f�r zehn zahlten, hatten wohl eine Ahnung und wollten die Tyson-Wetter locken.�</p><p>�Ist ihnen anscheinend gelungen. Aber vielleicht kommt er ja noch.�</p><p>�Ich w�rde mit dir hier am Tresen wetten, dass er nicht mehr kommt. Wenn du wetten w�rdest.�</p><p>�Sieht ganz so aus. Und wenn Holyfield gewinnt���</p><p>�Den habe ich <emphasis>hier</emphasis> gespielt. Good old Germany. Hier gesetzt. Zw�lf zu eins. Das w�ren zw�lf Riesen. H�tte ich h�her kriegen k�nnen, habe nicht aufgepasst. Aber das Gesch�ft steht trotzdem.�</p><p>�Zw�lftausend. Auf beide gesetzt. Kein Risiko. Aber kein Gewinn, wenn der Favorit das Rennen macht.�</p><p>Mario ist vor zum Bildschirm gelaufen, hat die Leute und die Bunnies zur Seite gesto�en und br�llt jetzt:�Hau ihn weg, hau ihn um! Friss ihn endlich auf, Mike!�</p><p>Aber Mikes Hunger ist anscheinend im Knast geblieben. Er kassiert von Runde zu Runde mehr, und jeder im Wohnzimmer, der auf Iron-Mike gesetzt und gehofft hat, wird immer stiller, und in der zehnten Runde h�ngt er in den Seilen, sein K�rper von einem seltsamen Licht umgeben (�Da isses doch wieder, verdammt nochmal!�), in das Holyfields H�nde eindringen wie in fl�ssiges Plasma, und der Kampf ist vorbei. Ganz unspektakul�r. Und out the Show! Das Plasma erstarrt, als der K�rper f�llt. F�llt. F�llt. Lichtschleifen. Cut.</p><p>�Schau dir unseren Mario an, schau ihn dir an! Unser glattrasierter, l�chelnder Junge. Lass dich nicht t�uschen, er ist ein guter Gesch�ftsmann, hat meistens die richtige Nase, auch wenn sie bisschen breit ist, auf wen er setzen soll und auf wen nicht, aber du, und ich und der Kommissar���, als er� Kommissar �sagt, es fast fl�stert, lacht der Oberst,�er wei�, dass die Zeiten sich �ndern werden���</p><p>�Mario?�</p><p>�Mario. Er kontrolliert den Markt diesseits der Grenze. Er denkt, dass er ihn kontrolliert, aber ohne den Kommissar und ohne meine Immobilien, ohne die alten Kontakte, w�re er�� Er ist bereit zu teilen. Anteile zu verkaufen, und unser neues gro�es Ding, es ist auch sein Ding, kann auch sein Ding sein, vorerst, du verstehst doch���</p><p>�Ich glaube schon, dass ich verstehe.�</p><p>Der Graf trinkt und raucht Davidoff Filter, beobachtet die nackten Menschen in dem nackten Raum und denkt an seine Informationen. Der KGB, die Grenze, das Geld, die Frauen, die H�ndler und wie man den Fu� da reinkriegt, ohne dass der Sumpf gierig dran leckt. Er will fragen, welche Rolle die Russen in Zukunft spielen werden und ob die Rum�nen gro� aufspielen wollen wie bei der WM vierundneunzig, als dieser kleine Karpaten-Maradonna Gheorghe Hagi��, aber das passt jetzt nicht, und er wei�, dass diese Fragen und Antworten die Dinge nicht kl�ren, nicht klarer machen w�rden. Was machen all diese Gestalten hier, wenn doch der Bulle einen sauberen, regulierten, seri�sen Markt anstrebt. Und was macht der Bulle hier, wenn die Kanacken und das Viehzeug der Zuh�lter, viele waren es ja nicht, das muss er zugeben, Premiere gucken mit ihnen. In einer gro�en Show. Bunnies und Gold. In dieser h�sslichen Wohnung �ber der Stadt. Aber er wei� auch, dass es besser ist, die Leute zusammenzuholen, die letzten Spieler, um sie im Blick zu haben, um sie dann auszusortieren, wenn es sein muss, keine gro�e Sache an und f�r sich. Die Nummerngirls sind verschwunden. Poker oder Mau-Mau.</p><p>Er steht unten am Fluss und blickt auf den schmalen wei�en Plattenturm. In dem er vorhin noch gesessen hat. Und am Fenster gestanden und aufs Land und den Fluss und das Land hinterm Fluss geblickt hat. Lange nach dem Kampf, der ihn nicht wirklich interessierte. Weil er andere Dinge sah auf dem Bildschirm. Und dann hinterm Fenster in der Nacht, die bereits Morgen wurde. Einen Turm, von Ger�sten umgeben. Arbeiter. Maschinen. Er selbst mit einem gelben Helm auf dem Kopf, die Baupl�ne in den H�nden. Der Faktor ist der Bulle. Die Versicherung. Der den Markt leer r�umt. Die Konkurrenz zerschl�gt. Zwei Zimmer waren verschlossen in der Wohnung. Er versucht zu erkennen, wo er vorhin am Fenster gestanden hat. Auf der anderen Seite sieht er den blassrosa Morgen hinter den W�ldern. Er hat ein Taxi im Hotel bestellt und sich hierherfahren lassen. Der Wagen steht ein ganzes St�ck weiter weg, oben auf der B�schung. F�nfzig Mark auf dem Armaturenbrett. Dezernat�1. Davon hat er schon geh�rt. Sie sind an einem Imbiss vorbeigekommen vorhin, mit dem Taxi,�Zur Friedensgrenze�, ein kleiner Flachbau, eine Holzbude, die noch ge�ffnet hatte. Eine kleine Br�cke f�hrte �ber einen Graben zu dem Imbiss, vor der Br�cke ein Schild aus Schiefer, eine Art Tafel, auf der die Preise standen. Er hat sich eine kleine Flasche Goldkrone gekauft, die Auswahl war nicht allzu gro�. Eine alte Frau, ein M�tterchen, sa� auf einem Stuhl hinter der Verkaufstheke und schaute erstaunt auf, als er den Raum betrat.</p><p>Er blickt aufs Wasser, das dunkel zur K�ste flie�t. Ins Haff, dieses verzweigte Becken, aus dem drei Arme ins Meer f�hren. Ein paar Nutrias laufen �ber die Uferb�schung, nicht weit von ihm. Verschwinden irgendwo �berm Wasser, haben dort wohl ihre Wohnh�hlen. Schimanski aus der Forstwirtschaft, den er seit der Ankunft in der Wohnung nicht mehr gesehen hat, k�nnte ihm sicher einiges �ber diese bieber�hnlichen Tierchen erz�hlen. Dreizehn Jahre sp�ter wird er in einem Restaurant sitzen, in der Stadt im Osten, und Cordon bleu mit Nutria-Fleisch essen. Nutria-Farmen entstehen rund um die Stadt. Er mag den Geschmack des Fleisches nicht, ein wenig wie H�hnchen, aber mit einer leicht strengen, bitteren Note. Er isst die kleine Schale nur zur H�lfte leer. Sein Stock mit dem schweren silbernen Knauf, den er an den Tisch gelehnt hat, kippt um und schl�gt laut auf den Boden auf. Er blickt die Frau an, die ihm gegen�bersitzt und ein leeres Weinglas auf dem Tisch hin und her bewegt. Es ist das erste Mal, dass sie ihn hier besucht.</p><p>Als er die T�r zum Zimmer �ffnet, st��t er irgendetwas um. Ein Stuhl, wie er sp�ter sieht. Wer stellt einen Stuhl so nah an die T�r? Eine Frau hockt auf einer Plastikplane, drei M�nner stehen vor ihr und wichsen ihre Schw�nze. Sie tragen schwarze Sturmhauben. Die Frau hat ihre H�nde auf dem R�cken, Handschellen. Eine Hand liegt auf seiner Schulter. Der Mann von der T�r. Die drei beachten ihn gar nicht und wichsen weiter. Plastikplanen auf dem Boden, zwei Matratzen, die Kleider neben dem umgekippten Stuhl. Der Mann schiebt ihn schweigend zur Seite und schlie�t die T�r wieder.�Privat�, sagt er. Musik aus dem anderen Zimmer.</p><p>Er geht mit seiner Frau am Ufer des Kanals spazieren. Eisschollen auf dem Wasser. Der k�lteste Winter seit Jahren. Der Flughafen hat geschlossen, Z�ge fallen aus. Sie tr�gt die russische Tschapka, die er ihr vor vielen Jahren geschenkt hat. Nerz. Die alten verfallenen Hafenspeicher ragen wie T�rme vor ihnen auf in der D�mmerung. Die Tage sind kurz. Er will ihr von seinem Traum erz�hlen. Nutria-Fleisch zwischen den Z�hnen. Ein Club, ein Laufhaus mit mehreren Etagen, wie das� Pascha �in K�ln, direkt am Kanal. Er w�rde die Burg schlie�en daf�r. Mit Dachterrasse. Mit mehreren Bars. Whirlpools. Aber die Speicher sind zu verfallen, niemand will investieren, die Stadt ist zu klein, die Gesch�fte laufen nicht mehr so gut. Feindliche �bernahmen drohen.</p><p>Er liegt auf dem Bett und wartet auf das Klingeln des Telefons. Er gie�t sich etwas Goldkrone in den Kaffee. Zwischen den Gardinen sieht er das Portal des Rathauses, ein grauer Morgen, Wolken, er sieht Regentropfen auf der Scheibe. Die Pl�ne und Unterlagen liegen neben ihm auf dem gro�en Doppelbett. Der Besichtigungstermin steht. Vier alte Wassert�rme. Ein kleines Haus im Zentrum. Aber es sind die T�rme, die ihn faszinieren, und einen davon werden sie ausbauen. Eigenkapital und Kredite. Er kann bis f�nfhunderttausend bieten. AK und seine eigenen Leute. Er hat einen Traum von einem Club an der Grenze. Ein St�ck au�erhalb dieser seltsamen Stadt. Ein runder alter Turm mit vielen Zimmern. Bars, Whirlpools. Exklusiv. Und eine wunderbare Aussicht. Einmalig in der Region. M�dchen aus Polen, M�dchen aus Deutschland. Schwarze und Russinnen. Vollweiber und schlanke Models. Girlfriendsex und SM. Und der IC f�hrt st�ndlich nach Berlin und �ber Schwerin bis nach Hamburg. Die Politik unterst�tzt das Projekt, die Beh�rden sind mit im Boot, die Steuergelder flie�en in beide Richtungen, und der Kommissar vom Dezernat�1 h�lt ihnen die Konkurrenz vom Hals. Europa-City. Alles wird sich �ndern. Er schaltet seinen kleinen Weltempf�nger ein. Domian und Harald Schmidt. Er lacht, was ist das nur f�r eine Type, dieser Schmidt. Kein Respekt vor niemand.</p><p>�Abt�rnerpornos. Das w�r eigentlich im Grunde �ne Idee. Da hast du mich auf �ne gro�e Marktl�cke gesto�en. Ich produziere in Zukunft mit mir in der Hauptrolle Abt�rnpornos. Das hei�t, wer zu geil ist oder das Gef�hl hat, dass er zu scharf ist, der schiebt sich einfach so �n Porno mit mir rein und kann dann beruhigt einschlafen, ohne Medikamente.�</p><p>Er setzt sich aufs Gras der B�schung. Er kann das linke Bein kaum noch bewegen. Kein Blut. Nur eine Schwellung dick wie eine Faust. Im Knie ist was kaputt, das sp�rt er. Er hat immer ein paar Schmerztabletten dabei. Wegen seinem R�cken. Valium sowieso. Und Betablocker, zum Runterfahren. Damit er traumlos schlafen kann, ins Schwarz eintauchen und wieder auftauchen, bevor er die Dinge analytisch angeht, so wie er es immer gemacht hat. Neben ihm liegt der Kr�ckstock, den er der Alten f�r hundert Mark abgekauft hat in der kleinen Holzbude� Zur Friedensgrenze�.</p><p>Zwischen den W�ldern, wie in einer gro�en Schneise, sieht er die Lichter der Stadt auf der anderen Seite der Grenze. Sie verschwinden langsam im blassen fr�hen Tageslicht. Er hat lange keinen Sonnenaufgang in der Natur beobachtet. Nebel zwischen den B�umen und �berm Fluss. Er h�rt die V�gel, leise und von fern. Sein Pass steckt in der Innentasche. Wann hat er das letzte Mal das Land verlassen?� Manchmal denke ich, wir sollten unseren Kram packen und nach S�damerika verschwinden.�</p><p>�Was willst du in S�damerika, die schleppen dich in den Dschungel und nehmen dich aus.�</p><p>�Mondauge, wir leben in seltsamen���</p><p>�Immer dieselben Lieder.�</p><p>Als er aufstehen will und zum Taxi humpeln, den Stock hat er in der Hand, h�rt er Musik. Gesang. Leise Echos. Er hat zu viele Tabletten genommen. Und dann sieht er das Schiff. Es f�hrt mit dem Strom, kommt langsam um die Biegung des Flusses. Noch halb vom Morgendunst verdeckt. Eine Art Ausflugsdampfer. Ein Schaufelraddampfer mit flachem breiten Schornstein, aus dem es nach Diesel riecht, ein Rauchfaden, der sich mit dem Nebel mischt, zwei Decks, die leer sind.�Am Brunnen vor dem Tore���Er denkt, dass das vom Band kommt. Oder Platte. Wie Grammophon klingt es. Kratzig, mit einem Rauschen unterlegt. Furchtbar �bersteuert. Er kann die gro�en Boxen auf dem Oberdeck erkennen, oder sind das schwarze rechteckige Kisten? Selbst die V�gel werden �bert�nt. Und dann das zweite Boot. Einige Meter dahinter. Ein kleines Polizeiboot. Es bewegt sich in Schlangenlinien �bers Wasser, als w�rde es Abstand halten wollen, ein Geleitschutz.���ich tr�umt� in seinem Schatten���Er rutscht, klettert die B�schung nach oben. Er ist sich nicht sicher, als er weiter nach oben zu einem kleinen Baum kriecht, den Kr�ckstock in der Rechten, ob diese Musik nicht vielleicht aus dem grauen trichterf�rmigen Bordlautsprecher der Bullen kommt. Die Strophen mischen sich, die Liedfetzen verschwinden in den W�ldern und kommen zu ihm zur�ck.�Die kalten Winde bliesen�/�Mir grad ins Angesicht. �Jetzt sieht er eine Frau auf dem Oberdeck des Ausflugsdampfers. Sie zieht die Aufschl�ge ihres Mantels zusammen und st�tzt sich auf die Reling. Steht dort ein Glas vor ihr auf dem schmalen Metall? Sie geht ein paar Schritte und beugt sich nach vorn, weit �ber den Bug, wie eine Galionsfigur, und ihr Mantel flattert im Fahrtwind. Und ihr Haar. (�Welche Farbe? Was spielt die Farbe f�r eine Rolle, Messieurs! Wenn ich �une blonde� sage, glaubt�s mir eh keiner! Aber einen Pelzmantel trug sie in der Tat, vorne offen. Ihr blondes Schamhaar kr�uselte sich im Fahrtwind, sie sah der wunderbaren Kerri Kendall wirklich sehr �hnlich.�,�Kerri Kendall?�,�Playmate des Monats September neunzig, ihr Kulturbanausen!�) Gestalten hinter den Bullaugen. Leiber. H�nde. Gesichter pressen sich ans runde Glas, verformt, wie in einem Spiegelkabinett. Das Schiff f�hrt Richtung Meer. Zum Haff. An der Ostsee ist er noch nie gewesen.</p><p>Er h�rt das Tuckern des Motors. T�FF T�FF T�FF T�FF T�FF. Leiser werdend. Sieht noch den Diesel, d�nne, zitternde Linien im Nebel, riecht den Diesel. Sieht das Schaufelrad im schaumigen Wasser, als das gro�e Schiff und das Polizeiboot l�ngst verschwunden sind. Und fernes Verklingen, aber immer noch hier, wo er hockt:�Ich musst� auch heute wandern�/�Vorbei in tiefer Nacht,�/�Da hab ich noch im Dunkel�/�Die Augen zugemacht.�</p><p>Er l�uft die Treppe runter, seine Brille verrutscht auf seiner verschwitzten Nase; er ist mit dem Fahrstuhl bis zur Siebten gefahren, dann ausgestiegen. Jetzt h�rt er Schritte im Treppenhaus, weiter oben noch, er l�uft schneller, nimmt seine Brille ab und steckt sie in die Innentasche, und dann st�rzt er. H�rt auch unten Schritte, w�hrend er st�rzt, aber das sind viele. Sehr viele. Getrampel, Stimmen. Gebt euch doch wenigstens M�he und seid verdammt nochmal leise! Er versucht, sich noch am Gel�nder festzuhalten. Sein Knie kracht auf die Betonstufen. Einmal, zweimal. Er will sich irgendwie abrollen, aber er verdreht sich das Bein. Ihm wird schwarz vor Augen, aber er schreit nicht. <emphasis>Ich bin zu alt f�r diesen Schei�!</emphasis> Der Absatz des linken Schuhs ist abgebrochen. Er ist im f�nften Stock. Er humpelt zu einer Wohnung. Dr�ckt die T�r, die nur noch halb in den Angeln h�ngt, mit der Schulter auf. Bei�t sich in die Hand, weil er das Gef�hl hat, seine Kniescheibe ist im Arsch. Zieht die T�r hinter sich zu und hockt sich auf den Boden. Wartet f�nf Minuten. H�rt Sirenen. H�rt das Rollkommando im Haus. Kriecht dann durch den Flur ins Wohnzimmer. Sieht den Oberst unten vorm Haus, als er mit beiden Ellenbogen und dem Oberk�rper auf dem Fensterbrett liegt. Jemand ist hinter ihm. Zwei M�dchen. Die sich jetzt auf den Boden setzen, nebeneinander, die R�cken an die Wand gelehnt.�Ist o.k.�, sagt er,�ist alles o.k. �Er sieht die Einsatzwagen unten vorm Haus. Kurz scheint es ihm, der Oberst blickt zu ihm hoch, nickt ihm zu, als sie ihn, die H�nde auf dem R�cken, verladen.</p><p>Den Kommissar holen sie zu Hause ab. Zur selben Zeit. Haben ihn wohl nur um Minuten verpasst. Er sa� vorm Fernseher und schaute sich den Kampf an, den er aufgenommen hatte. Das liest der Graf zwei Tage sp�ter in der Zeitung.</p><p>Neben dem Fenster steht ein kleines Regal. Ein paar Porzellanfiguren. Fotos, schwarzwei�. Eine Feier, wie es scheint, irgendwo auf einem Dorf. Leute sitzen um einen gro�en Tisch im Freien, M�nner, Frauen, ein M�tterchen mit Kopftuch, ein Bauernhaus im Hintergrund, eine Pumpe, W�sche auf einer Leine, sie halten gro�e Biergl�ser in die Kamera und lachen. Er nimmt sich eine Zigarette aus seinem Etui. Schiebt es dann zu den M�dchen r�ber. Er sieht, wie sie Mario verladen in der Morgend�mmerung. Wer jetzt wohl die Puffs �bernimmt? Alles schien gut organisiert, gut geplant. Die Kontakte stimmten. (Er konnte nicht wissen, dass die Staatsanwaltschaft seit Monaten gegen den Hauptkommissar, seinen V-Mann Mario und den Oberst ermittelt.)�Willst du einen Rat?�, sagt der Mann mit der Bomberjacke, der aus der K�che kommt, eine Tasse Kaffee in der Hand,�hm?�Das Gesch�ft ist geplatzt. Das wei� er sofort, sagt ihm sein Instinkt. Russischer Akzent. Kann aber auch polnisch sein. Was wei� er schon?� Geh. F�nf Minuten. Das Gesch�ft ist geplatzt. �Er trinkt und lacht, wirft die Zeitung neben sich aufs Bett. Die Krankenschwester bringt seine Pillen. Sp�ter ruft er seinen Anwalt, seinen Steuerberater und seinen Partner an. <emphasis>V-Mann des V-Manns. LKA startete Gro�aktion. Weitere Verd�chtige in U-Haft. Der am selben Tag festgenommene Bordellbesitzer�M., 42, angeblich ein V-Mann des Kommissars�� Die Ermittler des LKA standen vor der Frage,�wer da eigentlich wessen V-Mann war�� Die Ermittler zerschlugen damit auch einen internationalen Menschenh�ndlerring, der �ber Jahre�� Der auf Abwege geratene Erfolgspolizist war nicht nur V-Mann der Bordellmafia�� Das stasiartig arbeitende Dezernat�1 k�mmerte sich im Polizeiapparat der DDR um�� F�r die Gunstbezeugungen des Ordnungsh�ters revanchierte sich der Freudenh�usler�� Weitere zahlreiche Festnahmen.</emphasis> Ob die Typen wenigstens noch mit Wichsen fertig geworden sind?</p><p>Er nimmt das Taxi bis nach Berlin. In der Charit� k�mmern sie sich um sein Bein. Er muss so schnell wie m�glich zur�ck in die Stadt, die Gesch�fte laufen weiter. Er sa� �ber eine Stunde mit den M�dchen in der leeren Wohnung.�Das ist eine miese Stadt�, sagt er,�wenn ihr vern�nftig Geld verdienen wollt, ich habe einen Laden unten im Osten. Seid ihr jederzeit willkommen. Zahlt ihr nur f�rs Zimmer. Oder wollt ihr nach Berlin?�</p><p>Sie tuscheln. Die Blonde scheint aus Polen zu sein. Oder Russland. Was wei� er schon? Sp�ter findet er ein P�ckchen Spielkarten in dem kleinen Regal neben seiner Schulter. Das Knie macht ihn fertig.</p><p>Sie spielen Mau-Mau um seine letzten Zigaretten. Sie kommt aus Litauen, spricht Russisch und etwas Deutsch. Jana kommt aus einem kleinen Nest in der N�he. Im Taxi nach Berlin sitzen sie auf der R�ckbank und streicheln �ber das gl�nzende Fell der Tschapka, die der Oberst ihm am ersten Abend geschenkt hat.</p><p>�Hast Besuch mitgebracht?�, sagt Mondauge am Nachmittag, <emphasis>Smog in Berlin, nichts wie hin</emphasis>. Er sitzt allein am Tresen und h�rt Oldies und liest Zeitung. Blickt nur kurz auf.</p><p>�K�mmer dich um die M�dels, ich hab einen Termin in der Charit�.�</p><p>�Betriebsunfall oder schlecht getr�umt?�</p><p>�Nur �u�erlich. Wenn�s auf den Kopf �bergreift, ruf ich bei Domian an.�</p><p>�Die schwule Stimme des Rheinlands. Trink erstmal einen. Und geh lieber ins Urbankrankenhaus, ist gleich um die Ecke. Die Ossis versauen�s dir blo�.�</p><p>�Haben sie schon. Bin bald wieder hier.�</p><p>�Im gro�en Revier�� Und die Gesch�fte?�</p><p>�Laufen weiter. Wie gehabt. Was denkst du denn?�</p><p>�Das mit dem Denken hab ich mir abgew�hnt. In manchem s��en Traum, vorbei in mancher Nacht.�</p><p>�Was?�</p><p>�Ach, schei� drauf. Schieb deinen Arsch zur Oberschwester.�</p><p>�Ja, ja. �Er schlie�t die Augen und sieht: Lichtschleifen. K�rper wie aus fl�ssigem Plasma. Blinkende Steine. Las Vegas.</p></section><section><title><p><strong>Der Kongress der Huren</strong></p></title><p>Liebe Kolleginnen, liebe Mitstreiterinnen, liebe Freundinnen, liebe Freunde, ich begr��e euch nochmal aufs herzlichste! Ich bin �beraus stolz, <emphasis>von ganzem Herzen stolz</emphasis>, wie meine Vorrednerin sagte, dass ihr hier heute in so gro�er Zahl erschienen seid! Ich bin eine Hure, und ich zeige mich!</p><p>(�) Danke, vielen Dank.</p><p>Drei Jahre Prostitutionsgesetz. Ich wei� noch, wie viele von uns damals dachten, jetzt sind wir endlich in der Gesellschaft angekommen. Jetzt werden wir elementare Rechte wahrnehmen k�nnen, die Zeit der Halblegalit�t, in der wir in all den Jahren agieren mussten, arbeiten mussten, leben mussten, ist nun vorbei.</p><p>Ich zitiere noch einmal aus dem Gesetz, liebe Kolleginnen, liebe Mitstreiterinnen:</p><p>�Sind sexuelle Handlungen gegen ein vorher vereinbartes Entgelt vorgenommen worden, so begr�ndet diese Vereinbarung eine rechtswirksame Forderung. Das Gleiche gilt, wenn sich eine Person, insbesondere im Rahmen eines Besch�ftigungsverh�ltnisses, f�r die Erbringung derartiger Handlungen gegen ein vorher vereinbartes Entgelt f�r eine bestimmte Zeitdauer bereith�lt.�</p><p>Wie ihr alle wisst, wurde gleichzeitig im Strafgesetzbuch festgehalten, dass das Schaffen eines angemessenen Arbeitsumfeldes nicht strafbar ist, wenn � und das ist ein Punkt, den wir hier sicher in den n�chsten Stunden und Tagen noch diskutieren werden und m�ssen!�� es nicht zu einer Ausbeutung der Sexarbeiterin kommt.</p><p>Wo stehen wir heute, drei Jahre nach Inkrafttreten des Prostitutionsgesetzes? Wie viele von euch, von uns, besitzen Arbeitsvertr�ge? Sind wir auch de facto vom Vorwurf der Sittenwidrigkeit befreit? Werden wir durch weiterhin existierende Sperrbezirksverordnungen in der Aus�bung unserer Arbeit eingeschr�nkt? Warum gibt es keine einheitlichen Regelungen durch die Beh�rden beziehungsweise keine einheitlichen Auslegungen der bestehenden Gesetze, was die Anmeldung von Betrieben und die Ausarbeitung von Arbeitsvertr�gen betrifft?</p><p>Hier m�chte ich auch die anwesenden Betreiber und Betreiberinnen von Bordellen oder, wie es so sch�n hei�t, bordell�hnlichen Betrieben begr��en, leider nehmen nur wenige an unserem Kongress teil, aber ich freue mich auf die Diskussionen mit euch, die ihr gekommen seid, auf eure Anregungen und Erfahrungsberichte.</p><p>Ich m�chte daran erinnern, dass die Vereinigte Dienstleistungsgewerkschaft ver.di im Jahr zweitausendzwei bereits einen Musterarbeitsvertrag vorgelegt hat, der den Sexarbeiterinnen und Sexarbeitern umfassende Rechte einr�umte, wie das in anderen Arbeitsverh�ltnissen allt�glich ist. Wir sollten und m�ssen uns auch selbst hinterfragen, sowohl wir Sexarbeiterinnen als auch die Betreiber und Betreiberinnen von Betrieben, warum es seit dem Inkrafttreten des Prostitutionsgesetzes einfach wenige, nein, viel zu wenige �nderungen und Verbesserungen in unserem Arbeitsumfeld und in unserer Arbeit gegeben hat. Gleichzeitig und vor allem m�chte ich die anwesenden Mitglieder der Regierungs- und Oppositionsparteien bitten, und auch hier muss ich sagen, leider sagen, dass sich nur wenige Politiker eingefunden haben, aber ich m�chte euch bitten, euch intensiv all diesen Fragen zu widmen, sie in eure Fraktionen zu tragen! Ihr k�nnt euch jederzeit nach den Beitr�gen der Rednerinnen per Handzeichen zu Wort melden! Wir alle sind gefragt, wir alle m�ssen zusammenstehen und offen miteinander sprechen, es geht darum, elementare Dinge zu �ndern, Probleme, die seit Jahrzehnten bestehen, zu l�sen! Die Doppelmoral, was die Sexarbeit betrifft, muss endlich ein Ende haben! Wir brauchen anwendbare Regelungen, um auf dem Arbeitsmarkt und nicht zuletzt in der Gesellschaft als m�ndige, versicherte, gemeldete, aber freie, Rechte wahrnehmende und Rechte einhaltende Arbeitnehmerinnen oder Selbst�ndige zu agieren, zu leben und�� ja�� zu arbeiten!</p><p>Ich wei�, dass viele meiner Kolleginnen den Status als Selbst�ndige vorziehen! Und dagegen ist auch in keinster Weise etwas einzuwenden! Der Weg in die Selbst�ndigkeit war und ist ja oft der erste Schritt! W�rde aber eine ad�quate Alternative in einem geregelten Arbeitsverh�ltnis bestehen, welches ein Grundgehalt beinhaltet��, ein Mindestgehalt, wie das schon vielerorts mit vielf�ltigen Modellvorschl�gen diskutiert worden ist�� Aber, liebe Freundinnen, liebe Freunde, wie soll das vonstattengehen? Frage ich ehrlich, frage ich euch, frage ich auch und vor allem die anwesenden Betreiberinnen und Betreiber.</p><p>Zumindest was die Arbeiterinnen an der Bar und die T�nzerinnen und K�nstlerinnen betrifft, sind wir da zum Teil weitergekommen. Und sollten auch in diesem Bereich weiterarbeiten, dort weitermachen.</p><p>Ich sage hier ganz offen und ehrlich, dass ich als selbst�ndige Sexarbeiterin, als selbst�ndige Dienstleisterin arbeiten m�chte, so wie bisher! So wie die meisten von euch, von uns.</p><p>Ich besitze seit zweitausendzwei einen sogenannten Werkvertrag. Meine Chefin lobt die neue Rechtssicherheit, die sie zumindest ein St�ck weit vor Razzien sch�tzt. Mein Werkvertrag regelt eindeutig meinen Status als selbst�ndige Dienstleisterin, er verpflichtet mich dazu, meine Eink�nfte selbst zu versteuern.</p><p>Ich bin in einer privaten Krankenversicherung. Ich wei�, dass viele von euch unter Angabe einer anderen T�tigkeit krankenversichert sind. Was ich unter anderem vorweisen musste, war ein sogenanntes Drogenscreening. Des Weiteren einen Untersuchungsbericht meines Hausarztes. Ich habe diesen Schritt bewusst gew�hlt. Und wir alle sollten diesen Schritt bewusst w�hlen!</p><p>F�r Sexarbeiterinnen mit Migrationshintergrund gibt es allerdings weitere Schwierigkeiten, die aber bei Vorlage aller erforderlichen Dokumente auch zu meistern sein sollten! So ist es � wenn ich das so nennen darf � de jure, das sind unsere Rechte, das sollten sie sein! Ich wei� aber aus vielen Gespr�chen mit Kolleginnen, dass es h�ufig anders aussieht. Dass es gute Gr�nde gibt, warum andere T�tigkeiten bei den Versicherungen angegeben werden. Ich w�rde mich freuen, wenn in der anschlie�enden Diskussion alle Schwierigkeiten, alle Hindernisgr�nde hier offen angesprochen werden!</p><p>Wir wollen das Prostitutionsgesetz, was ein gro�er Schritt in die richtige Richtung war, weiterentwickeln, unser Ziel ist es, dass es keine Stigmatisierung, keine woher auch immer resultierende Abwertung unserer Bestrebungen geben darf! Wenn ich beispielsweise h�re, dass behauptet wird, dass das Gesetz nur den Betreibern n�tzlich sei, dann m�ssen wir das auf unserem Kongress diskutieren!</p><p>Was ich zum Schluss noch sagen will, und ich muss zugeben, dass mir seit Tagen, seitdem ich mich vorbereitet habe auf meine Rede hier, dass mir da ganz sch�n die Muffe ging, so wie wir das in meiner Stadt nennen, denn ich hab das noch nie gemacht vor so vielen Kolleginnen: Ich freue mich sehr auf die Kolleginnen, die jetzt gleich nach mir sprechen. Auf die Kollegin aus Griechenland, wo eine Sexarbeiterin die Lizenz verliert, wenn sie heiratet, so habe ich das zumindest in unserer Brosch�re gelesen, ja verdammt nochmal, wo gibt�s denn sowas, und ich freue mich auf die Kollegin aus England, die uns von den� antisozialen Verhaltensregeln �berichten wird, mit denen sie verfolgt und eingeschr�nkt wird, und auch auf die Kollegin aus Frankreich, wo ihr immer noch Freiheitsstrafen drohen. Wir sind hier richtig international, und ich glaube, dass wir da alle zusammenfinden m�ssen, wenn wir schon immer von Europa reden. Ich kann hier nur von unserer Situation in Deutschland reden und wie ich sie wahrnehme. Und was wir da verbessern m�ssen.</p><p>Wir brauchen auf jeden Fall einen Erlass von Durchf�hrungsrichtlinien zum Prostitutionsgesetz. Wie sichern wir unsere Renten ab? Wir denken doch alle dar�ber nach. Und wie k�nnen wir sichergehen, dass wir nicht in einen Topf mit den Frauen geworfen werden, denen man Unrecht tut. Ich wei�, dass der Zwang ein gro�es Thema ist, in der Politik, in den Medien, in der Gesellschaft. Und ich wei�, und wir alle wissen, dass es so etwas gibt. Zwangsprostitution ist ein Verbrechen. Aber ich w�nsche mir, dass man das nicht alles �ber einen Kamm schert. Ich w�nsche mir eine Gewerkschaft. Ich w�nsche mir, dass die <emphasis>Hydra</emphasis> weiterhin so unabh�ngig arbeitet. Ich w�nsche mir, dass wir unseren Dialog fortsetzen, untereinander. Ich w�nsche mir, dass wir uns weiterhin regelm��ig treffen, auf Kongressen, in Diskussionsrunden, auf Demonstrationen. Und es gibt noch vieles, was ich mir sonst noch so w�nsche.</p><p>Aber erstmal euch allen und uns allen einen sch�nen und ergiebigen Kongress, dass es Ergebnisse gibt, dass wir weiterkommen. Vielen Dank.</p><empty-line/><p>(Tag�1, 18.�M�rz 2005)</p></section><section><title><p><strong>Lichter in der Kathedrale</strong></p></title><p>Die Musik ist hier unten kaum zu h�ren. Wie ein leises Grollen hinter den W�nden, �ber den Mauern.</p><p>Manchmal denkt er, er kennt die Zeiten, in denen die Z�ge �ber die nahe Strecke rumpeln. Aber vor allem in den N�chten scheint es keine Regelm��igkeiten zu geben. Er sitzt oben im B�ro und lauscht. Dreiundzwanzig Uhr drei�ig, ein Uhr vierzig, stundenlang nichts, und am n�chsten Tag vollkommen anders. Der Bahndamm f�hrt ums Viertel, die G�terstrecke verl�uft unterhalb der H�user, unterhalb der Stra�en, jetzt im Herbst liegt h�ufig Nebel �ber den Gleisen, sammelt sich in dieser Schneise, in den feuchten k�hlen N�chten. B�sche wachsen dort, die alten Nebengleise, die in die Fabriken f�hrten, enden auf Brachfl�chen, Hinterh�fen, verschwinden im Erdreich, h�lzerne morsche Schwellen. Und in den Sommern windet sich der Stahl in der Hitze, liegt ein Flimmern �ber dem alten G�terring, als w�re alles schon asphaltiert. Er hat geh�rt, dass sie diese Strecke in den n�chsten Jahren stilllegen wollen. Das alte Galvanowerk verschwand schon Anfang der Neunziger. Nur das Haus der Verwaltung blieb stehen, ein Wessi kaufte es billig, Treuhandkl�ngel, richtete einen Club drin ein, verkaufte es wieder. Vor fast zwanzig Jahren.</p><p>Wo kam der her? Und wie hie� der nochmal? Hagen? Siegen? Hildesheim? St�dte, durch die er vor wenigen Jahren erst gefahren ist. H�ssliche Platten, flache Zentren, schmutzige Stra�en, Bahnh�fe wie dunkle H�hlen, stinkende Tunnel zwischen den Gleisen, wie vor drei�ig Jahren in Bitterfeld oder Frankfurt/Oder, das langgezogene Leuchten der Spielotheken, D�nerl�den, Sp�tverk�ufe, Puffs, das er aus seinem Auto sah, das er manchmal aus den Zugfenstern sah, er wollte das Land kennenlernen, nahm sich frei, der Club lief auch einige Tage ohne ihn, Urlaub w�rde er das nicht nennen, Dortmund, er wollte einmal im Westfalenstadion stehen und stand dann auch, f�hlte sich fremd unter und zwischen den siebzig-, achtzigtausend, an das Spiel kann er sich nicht mehr erinnern, Hagen�W. aus Hagen? Siegfried Augentaler? er k�nnte in seinen Unterlagen nachschauen, Kopien liegen im Tresor, dort steht auch noch eine Flasche� Springer Urvater�, die ihm der Vorbesitzer damals hinterlassen hat. Drei viertel voll. Er hat sich in all den Jahren vorgenommen, sie zu einem besonderen Anlass zu trinken. Dann verga� er sie wieder. Er fand auch eine kleine silberne Edelstahlschatulle. Aber nur ein Spiegel, im Deckel, als er sie aufklappte. Und einen Notizzettel.�Ich muss Laura schreiben�. Er wollte das wegschmei�en, Zettel und Schatulle, aber sie steht immer noch im Tresor neben der Flasche oben im B�ro. Hans nimmt sich vor, nachzuschauen, wie der Mann hie�, wo er herkam. Die Erinnerungen t�uschen ihn oft. Er wird alt. Vieles ist wie gestern. Vieles ist fern. In Hildesheim hatte er einmal Aufenthalt. Vor drei, vier Jahren. Als es ihn pl�tzlich aus der Stadt trieb. Er kam am fr�hen Abend aus der Kneipe im Zentralbahnhof, die sie den� Toten Eisenbahner �nennen, neben der Treppe zu den Gleisen, und ist in einen Zug gestiegen. Stand dann in Hannover, Nacht inzwischen, das Steintor nicht weit, aber was sollte er da. Das war, bevor die Engel in die Stadt kamen. <emphasis>Sind schon l�ngst da. Waren es immer. Nein.</emphasis></p><p>Durchs Steintor gehen. Nein. Er stieg in einen Zug. Und stieg in Hildesheim wieder aus. War das die Endstation? Vielleicht. In Hannover hatte er in seinem Club angerufen. Hatte seinen Mann an der T�r angerufen, hatte dann noch Alex angerufen. Ja, ja, der Pakt. Wir haben die Gl�ser gehoben und den Pakt geschmiedet, auf dass ewig Frieden herrsche in den Puffs, in den Stra�en. Vor so vielen Jahren. Musste kurz weg, bin morgen, �bermorgen wieder da. Ja. Ja. Ruft an, wenn was ist. Hatte bei Mandy angerufen, Mandy�2.</p><p>Er w�rgte. Stolperte an die Fliesenwand. H�rte sich w�rgen in diesem gefliesten Schei�hausraum des Bahnhofs Hildesheim.</p><p>Er hatte ihn nie getroffen, den gro�en Mann aus Hannover. Der Pate. Der Kanzler der Engel. (Der Anwalt des gro�en Mannes arbeitete tats�chlich in derselben Kanzlei wie der ewige Ex-Kanzler und Anwalt Schr�der, Hannover-Connection.) Er war nur ein kleiner Puffbesitzer (Puff? nee, wollt ihr mich verarschen?) mit einem kleinen Club. Hans� Nachtclub. Das war nicht der Name.�Zum toten Eisenbahner�. Nein.�Die sch�nen Augen�. Ja, das schon eher.�The Paradise�. So hatte der Unbekannte, dessen Namen und Erinnerungen im Tresor und in der kleinen Schatulle lagen, es damals genannt.�Die rote M�hle�. Wie in Paris? Nein. Er gr�belte im Zug, dachte nach. Alles war schon abgesteckt, hatte seine Namen, umbenennen machte keinen Sinn. Wozu auch. Der Laden lief. Mal so, mal so.�Das Diamantenherz�. Was f�r ein Unsinn.</p><p>Und er blickte in den Abend, in die D�mmerung, dunkelrot, grau, Wolkenfetzen, Landschaften davor, Schemen von W�ldern, H�usern und Lichter, die sich auf den Stra�en bewegten, verschwanden, bald w�rde er nur noch sein Spiegelbild sehen. Er trinkt seinen Wein, er trinkt seinen Kaffee, er fragt den Mann, der mit einem W�gelchen durch die G�nge der Waggons kommt, nach einem Kaffee, denkt daran, wie er damals den Namen f�r seinen Club gesucht hat, und in Hildesheim wirft er f�nfzig Cent in den Schlitz neben der T�r, das Behindertenschei�haus ist gesperrt, die sind meistens am saubersten, denkt er sich, sein Club ist noch nicht rollstuhlgerecht, aber es kamen in all den Jahren vielleicht drei, vier Rollstuhlfreunde, wie damals, der kam sogar mit seinem Pfleger oder Betreuer oder wei� der Teufel, wer das war, den haben sie reingehoben, er selbst und der Martin und der Freund vom Rollimann, der hat geschimpft, weil der ganze Stuhl quer stand und fast umgekippt w�re, hat ihnen von den �mtern erz�hlt, die da intervenieren k�nnten, aber anstatt ihn rauszuschmei�en, Hausrecht, haben sie dem eine Pulle Extra-Dry aufgemacht, w�hrend sein Boy, also der Kr�ppel, so darf man das ja gar nicht mehr sagen, ohne dass die Korrekten einem die H�lle hei� und den Himmel kalt��, und ist auch nicht b�se gemeint, sch�n an der Bar stand, bisschen tief halt, und alle M�dels um ihm rumflatterten, wo hat der denn sonst so eine Aufmerksamkeit, rein weiblich gesehen, da hat Hans im B�ro gesessen und gelacht und die M�dels angewiesen, w�hrend der Pfleger oder Kumpel von dem Rollator vorne noch geschimpft hat, aber dann ganz still war, der hat das Geld von den beiden verwaltet und hat den besten Whisky getrunken an der Bar, erstmal��, zufrieden warn sie. Ja. Das kann man nicht anders sagen. Gebumst haben sie beide. Der Kr�ppel und sein Boy. Der Pfleger und sein Boy. Die M�dels haben den zu dritt aufs Zimmer getragen, also den Kr�ppel.</p><p>Und da wirft Hans in Hildesheim ein Geldst�ck in den M�nzschlitz des Bahnhofklos und lehnt sich in das Summen der T�r (<emphasis>Bitte sofort dr�cken, sonst Einwurf ung�ltig!</emphasis>), steht im gefliesten Raum des kleinen wei�en Klo-Tempels, alles leer, kein Mensch, kein Ger�usch, vollkommene Stille, dann h�rt er das Aufschlagen eines Wassertropfens auf einer Wasseroberfl�che, irgendwo, h�rt das Summen der Neonr�hren �ber sich an der Decke, geht zu den beiden Klokabinen, �ffnet die T�r der ersten, blickt auf das runde verschissene Wei� eines Toilettenk�rpers, stolpert w�rgend zur�ck, �ffnet die zweite T�r, sieht dieselbe Explosion der Exkremente im Becken, an den W�nden sogar, braunes Gesprenkel, rennt w�rgend, br�llend fast, zur�ck auf den Bahnsteig, dort holt er tief Luft. Spucke l�uft �ber sein Kinn.</p><p>�In meinem ganzen Leben habe ich noch nie so ein verschissenes Klo gesehen. Unglaublich. Einfach unglaublich.�</p><p>Die Musik ist hier unten kaum zu h�ren. Ein leises Grollen. Vielleicht auch die Z�ge. Null Uhr, drei Uhr, dreiundzwanzig drei�ig. Hinter den W�nden, �ber den Mauern.</p><p>�Was interessiert mich dein Schei�haus.�</p><p>Er setzt sich. �ber dem kleinen Tisch, den ihm ein alter Schwei�erfreund vor ein paar Jahren geschwei�t hat, liegt eine Tischdecke aus Kaschmir.�Wenn du auf <emphasis>mein</emphasis> Schei�haus gehst, also oben��, ist was ganz anderes. Sauberkeit, verstehst du. Man muss sich wohlf�hlen, der Gast muss sich wohlf�hlen. Das geht beim Schei�haus los. Und das lass ich mir was kosten. Es geht nichts �ber eine gute Klobrigade. Wenn du mal musst���</p><p>�Willst du mich loswerden?�</p><p>�Nein. Ich will dir nur etwas erz�hlen. Oder hast du keine Zeit? Bist du in Eile?�Er legt seine rechte Hand auf den Tisch. Der Schwei�erfreund hat auch die Regale an den W�nden gefertigt. Stahl, Holz. Einfach, funktional. Zuerst hatte er die Idee gehabt, den ganzen Raum zu t�feln, Marke Herrenzimmer.</p><p>�Du wei�t, warum ich hier bin.�</p><p>�Zu zeitig, viel zu zeitig. Timing, verstehst du, Timing ist alles, immer.�</p><p>�Du kannst dir deine Spielchen sparen, Mister Piezceck.�</p><p>�Spielchen? Keine Spielchen. Steigen wir also direkt ein.�</p><p>�Du bist unvorsichtig.�</p><p>�Und du bist wohl kl�ger, als ich dachte, ein echter Mister Kray.�</p><p>�Was?�</p><p>�Nur so ein Spruch, keine Angst.�</p><p>�Angst? Warum sollte ich Angst haben. Ich bin hier, um ein Gesch�ft zu machen. Wir k�nnten���</p><p>�Uns einigen. <emphasis>Das</emphasis> meinst du.�</p><p>�Ja.�</p><p>�Und du hast recht. Setz dich doch. �Er greift nach einem der St�hle, schiebt ihn zu ihm r�ber. Zusammengeschwei�te Stahlrohre mit d�nnen feinen Blechen als Sitzfl�che. Rote Samtkissen auf den Sitzfl�chen. Er hat nur diese Art der M�bel hier unten. Alles von seinem alten Schwei�erfreund, dem er damit einen guten Auftrag beschafft hat. Weil der seit Jahren arbeitslos war. Der Mann setzt sich. Die zwei Neonr�hren an der Decke leuchten auf ihre K�rper.</p><p>�Wei�t du, wo wir hier sind?�</p><p>�In deinem Club.�</p><p>�Drunter. In den Katakomben der alten Fabrik.�</p><p>�Das Galvanowerk? Das war die Patenbrigade meiner Schule, neunzehnhundertvierundachtzig.�</p><p>�Sag mir, was du wei�t.�</p><p><emphasis>Er wei� gar nichts, du bl�des Arschloch. Er blufft. Er will nur was.</emphasis> Hans zieht einen dritten Stuhl zu ihnen ran. <emphasis>Ich steh lieber.</emphasis></p><p>�Ich wei� genug. Man k�nnte auch sagen, was diesen Vorgang betrifft: alles. Und ich bin nicht gierig. Ich will nur hier weg. Aus der Stadt weg.�</p><p>�S�damerika oder Mallorca? Du h�ttest alleine kommen sollen.�</p><p>�Ich bin alleine.�</p><p>Die Keller des alten Galvanowerkes, von dem nur noch das Verwaltungsgeb�ude steht, verzweigen sich bis unter die H�user, sind verbunden mit den Kellern der anderen l�ngst verschwundenen Fabriken des Viertels, in manchen G�ngen rieselt der Putz, wenn ein G�terzug wenige Meter oberhalb die Bahnschneise durchf�hrt. In manchen G�ngen rosten eiserne T�ren, nummeriert, es gibt Treppen in tiefere Kellergeschosse. In einen dieser kleinen Treppenabg�nge leuchtete er einmal mit einer Taschenlampe, ging ein paar Stufen nach unten, richtete den Strahl seiner langen Maglite-Taschenlampe auf den Boden, lie� ihn wandern, bis er sich im Dunkel verlor, keine W�nde, keine Mauern ber�hrte der Strahl seiner Taschenlampe, ein ungeheurer Raum. Wasserpf�tzen leuchteten auf, und als der Strahl in ein graues piepsendes Gewimmel fuhr, machte er, dass er wegkam.</p><p>�Der leckt und leckt und leckt, und sp�ter raucht er eine und geht dann. Ist doch �ne Drecksau. Na ja, ich meine, mir soll�s egal sein. Aber der hatte ja den Ring am Finger, soll mir auch recht sein, aber ich stell mir vor, der geht zu seiner Frau und k�sst die. Ich meine, der war bis zum Kinn in mir drin, hat das ganze Bett vollgesabbert. Aber wahrscheinlich k�sst er seine Frau gar nicht. Wenn ich meinen Marco k�sse, ich meine nach der Arbeit, wenn ich nach Hause komme, da habe ich mir vorher aber sowas von den Mund��, und eh immer mit Gummi, die meisten blasen ja jetzt ohne��, ist die neue Zeit. Ich meine, so alt bin ich noch nicht, und die meisten sch�tzen mich sowieso j�nger als f�nfundvierzig��, aber das kann �ber Nacht passieren, dass man durch ist und nicht mehr kann, aber ich bin gut drauf im Moment, und dann ist der Marco f�r mich da, wir sparen und sparen, und ich schufte, und er schuftet���</p><p>Die Klimaanlage l�uft auf Hochtouren, das ehemalige Verwaltungsgeb�ude des alten Galvanowerkes schwitzt, Zink- und Chrompartikel tropfen aus den Mauern, schweben Monate sp�ter zwischen den Nebeln, Herbst, Sommer, November, Juli, nur noch wenige G�terz�ge rumpeln �ber den G�terring, Gin Tonic ist wieder im Kommen, Gin <emphasis>and</emphasis> Tonic, sagte der alte Graf immer, er hat an der B�rse viel verloren, Ger�chte, Hans sitzt in seinem B�ro, will aufh�ren zu rauchen, z�ndet sich aber doch wieder eine an, sein Vater stirbt langsam oben in der Stahlstadt, aus der er vor vielen Jahren gekommen ist, ein blau leuchtendes Bild hat ihm sein Vater gezeigt, so sieht der Tod aus, Hans wartet, schaut auf die Uhr, Glash�tte, die hat mal Honecker geh�rt, Rubine im Inneren, im Geh�use, Ger�chte, jemand wei� zu viel, er denkt an das Wasserschloss in den W�ldern weit vor der Stadt, in der Heide, ein Teich, bedeckt mit Seerosen, der Schlossgraben hinterm Park, das Wasser still und dunkel, was will dieser Mann von mir, denkt er, h�rt auf die Musik drau�en, drinnen, Stimmen, Lachen, sp�ter wird er wieder die Hits der Achtziger einlegen, <emphasis>eine unerh�rte Angst</emphasis>, er dreht sich um, ist allein im Raum, schaut wieder auf die Uhr, dann auf sein Handy, das rote Festnetztelefon steht vor ihm, nur noch wenige Anrufe �ber diese Leitung, bald wird er es abmelden k�nnen, aber ein B�roanschluss ist ein B�roanschluss, mit seinem Freund in Tokio, dem Diamantenh�ndler, kommuniziert er �ber Skype, mit wechselnden Accounts und meistens in Chiffren, mit den libanesischen Zwillingsbr�dern aus Berlin kommuniziert er gar nicht, die warten, bis er sich meldet, er schwitzt, die Klimaanlagen halten die Arbeitsr�ume ertr�glich k�hl, was das alles kostet, die Dunkelheit in den Ecken des Raumes, Aktenschr�nke, Regale, ein Tresor, er bewegt den schwenkbaren Kopf der Schreibtischlampe, der Laptop ist zugeklappt, Alex hat ihm das vor einigen Jahren beigebracht, gar nicht so schwer, Windows, Excel, Apple, er hat das Netz gehasst zu Anfang, sich lustig gemacht, hat dennoch Werbung schalten lassen, Webseiten einrichten lassen, bevor er selbst anfing, die Gesch�fte per Mail oder Online-Banking abzuwickeln, das G�stebuch zu lesen, ganz vertraut er dem System nicht und t�tigt wichtige �berweisungen am �berweisungsterminal der Postbank im Stadtzentrum, sein Steuerberater wird bald wieder anrufen, er will nach unten in seine kleine k�hle Kathedrale unter dem Stein, unter dem Boden, der Keller unter dem Keller, Geheimg�nge wie in einer Burg, aber hell erleuchtet seine kleine Kathedrale, sein Hobbyraum, von dem kaum einer was wei�, dem Graf hat er einmal erz�hlt, dass er sich da unten was ausbauen will,�Wie, da unten?�,�Nur ein Hobbykeller�,�Basteln beruhigt die Nerven, was? Als Kind hatte ich mal eine elektrische Eisenbahn, ich und mein Bruder, eine alte wundersch�ne M�rklin, die w�re bestimmt einiges wert heute�,�W�r was f�r deine Kinder�, Schweigen, das Haus schwitzt, die Klimaanlage l�uft, der Stromz�hler rotiert, Hans schwitzt, das Arbeitsamt war letztens da, hat kontrolliert, ob die M�dels nicht vom Staat kassieren, die Zust�ndigkeiten ver�ndern sich, die Bullen lassen ihn seit Jahren in Ruhe, weil er den Laden sauberh�lt, weil AK mit den Bullen, den �mtern und der Stadt gut steht, die Bullen wussten immer, wer bei ihm arbeitet, seine B�cher sind in Ordnung, alle profitierten von der Ordnung im System, er muss wieder mehr Sport machen, hat f�nf Kilo zugenommen, das reicht nicht, es beruhigt ihn, die Antiquit�ten zu ber�hren, zu pflegen, auf Samtunterlagen in den Regalen zu platzieren, <emphasis>nur ein Wahnsinniger sammelt diese alten Dinger wie Artefakte</emphasis>,�Werd ja nicht frech, du!�, es klopft,�Ja?�, Mandy schaut rein,�Ja?�,�Kannst du mal kurz kommen, bitte�,�Ja�, er nimmt das Jackett von der Stuhllehne, trinkt dann einen Sambuca bei Mandy an der Bar, mit drei Kaffeebohnen, Mandy�2, er denkt manchmal an Mandy�1, wo die wohl jetzt ist, er hat damals geschwiegen, als sie gegangen ist, <emphasis>Wohin gehst du?</emphasis>, bin gleich wieder da, Klaus sitzt auf seinem Stuhl neben der T�r, nickt ihm zu, Hans sieht, wie der Rauch zur Decke steigt, die G�ste schwatzen mit den M�dels, rauchen, trinken, ordern Sekt f�r die M�dels, die rauchen auch, fast alle, die L�ftung hat ein Verm�gen gekostet, nicht ganz, schei� auf den Nichtraucherwahnsinn, auch wenn er selbst aufh�ren will, er z�ndet den Schnaps an, bewegt das kleine Glas mit der bl�ulichen Flamme vor seinem Gesicht ein wenig hin und her, sp�rt, wie seine Finger warm werden, wei�, dass er die Flamme auspusten muss, bevor das Glas platzt oder seine Haut schmilzt, er sieht, wie von den r�stenden Bohnen feine dunkle Schlieren in den klaren Schnaps sinken, komm ja nicht vorne rein, hat er ihm am Telefon gesagt, Mandy beugt sich vor und pustet die Flamme aus,�Schl�fst du, mein eiserner, furchtloser Hans?�,�Was?�</p><p>Er zieht das Handtuch weg, das auf der Kaschmirdecke liegt.�Was soll das sein?�</p><p>�Geld. Siehst du doch.�</p><p>�Wie viel?�</p><p>�Du kannst z�hlen. Bitte.�</p><p>�Du verstehst mich nicht, oder?�</p><p>�Zwanzigtausend.�</p><p>�Ich bin nicht gekommen, um zwanzigtausend zu z�hlen.�</p><p>�Mehr ist nicht drin.�</p><p>�Ich will die Steine sehen.�</p><p>�Koka? Crack? Kristall? Du bist nicht bei deinem schei� Dealer.�</p><p>�Ich will die Steine sehen.�</p><p>�Und was erhoffst du dir davon?�</p><p>�Das h�ngt von dir ab, Hans.�</p><p>�Dar�ber k�nnen wir nicht diskutieren. Du wei�t, dass das unm�glich ist.�</p><p>�Da ich der Einzige bin, der die Umst�nde kennt�� Nichts ist unm�glich.�</p><p>�Wir k�nnen auch alles an die Wand klatschen, und nichts, gar nichts kommt dabei raus.�</p><p><emphasis>Und schmieden B�nder um dein Herze und schauen, wie es in dir pocht.</emphasis></p><p>�Was?�</p><p>Die Treppen knarren. Paare gehen nach oben. H�nde und Arme um H�ften. Kleine H�nde auf Beinen, auf B�uchen. Arme in Armen. Einige seltsam separiert, als w�rde der Herr gerne den Schein wahren, wo man ihn noch sieht, um dann im Zimmer richtig loszulegen hinter der verschlossenen T�r. Und drau�en bewegt sich die Stadt. Der dicke Klaus rutscht auf seinem Stuhl hin und her. Steht ab und an auf. Blickt durch den Spion, wenn es klingelt. Kein lautes Klingeln, wir wollen die G�ste nicht verst�ren. Hans schaut in die blaue Flamme seines Sambucas, bevor er ihn trinkt. Die oberen Schichten der drei Kaffeebohnen beginnen zu brodeln unter der Hitze, schlagen winzige Blasen, sondern dunkle Schlieren ab, die langsam in den Schnaps sinken. Wir m�ssen munter sein. Er sp�rt den unruhigen Schlag seines Herzens. Stellt das leere warme Glas auf den Tresen.�Sie sagen, Sie haben nur drei Piccolos bestellt, nicht vier?�</p><p>�Ja! Zwei Damen, drei Piccolos.�</p><p>�Zwei Damen, vier Piccolos. Aber���</p><p>�Nein, ich���</p><p>�Sie sind unser Gast. Wir sagen: Pardon. Seien Sie unser Gast. Ich sehe, Sie trinken Gin and Tonic. Eine gute Wahl. Sapphire? Gestatten Sie uns einen aufs Haus. Mandy!�Er winkt, hebt den Arm, Mandy nickt, er geht zwei, drei Schritte r�ber zum Barhocker, auf dem Caro sitzt, fl�stert ihr ins Ohr, dass sie vorne in der Sitzecke doch einfach kurz warten soll, sich�s bequem machen soll,�Ich bring dir gleich �n Kaffee oder �n Sambuca, wenn du willst�, weil er sieht, dass Gabriella, die s��e Ungarin, die links neben dem Schnorrer sitzt, die Dame ist, die ihm, also dem Schnorrer, gef�llt,�F�hlen Sie sich wohl bei uns, und entschuldigen Sie die Unannehmlichkeiten. Drei Prosecco. Das darf nicht passieren, aber verstehen Sie��, und wenn Sie W�nsche haben, wenn Sie Fragen haben, sagen Sie einfach unserer Mandy hier Bescheid, wir sind immer f�r unsere G�ste da!�Mandy�2 stellt einen Gin and Tonic neben den fast leeren Gin and Tonic des Gastes. Hans h�rt die Klingel, die sonst keiner h�rt. Blickt r�ber zum dicken Klaus, der aufsteht und den Samtvorhang zur Seite schiebt, um durch den Spion zu schauen. In seinem B�ro hat er den kleinen Monitor auf dem Tisch neben dem Schreibtisch. Kamera �ber der T�r. Auch neu. Relativ. Wie lange das schon her ist, dass Steffen hier manchmal an der T�r stand. AKs Mann. Sein bester Mann, so erz�hlte man damals. Hans bezahlte fair f�r AKs Brigade. Mit Steffen konnte man reden, waren angenehme Gespr�che nach Feierabend, bei �nem Glas Wein an der Bar oder bei��, wie hie� diese Dreiundzwanzig-Stunden-Kneipe nochmal? Fu�ball, Philosophie, Leben und Krieg und Sinn und sowas. Auch wenn der immer fr�her oder sp�ter mit seinem Japan-Schei� anfing. Oder war das China? Fernost in der Eastside. Der ist verschwunden, wollte Kariere machen bei den Engeln, lange bevor er, Hans, den Japaner kennenlernte und via Skype���Was f�r ein verdammtes schei� Netz? H�ngen wir da drin im Jahr zweitausendzwanzig, oder was? Ihr habt zu viele Science-Fiction-Filme gesehen, Steffen, Arnold. Ihr seid doch wahnsinnig, �Bild�, Rotlichtf�hrer, wir sind bereits in der Zukunft!�</p><p>Hans h�lt das Foto, versucht, sich an ihn zu erinnern, wie sah der Typ fr�her aus, bestimmt hatte er ihn schonmal gesehen vor fast zwanzig Jahren, Anfang, Mitte der Neunziger. Stra�enstrich? Security? Damals hie� das noch anders. Kam der aus der Fu�ballbrigade? Er wusste nur von der Schei�e, in die er verstrickt war, damals, Mitte der Neunziger. Er hatte nur sehr vorsichtig Informationen �ber ihn eingeholt, um kein Aufsehen zu erregen. Er musste die Sache ruhig angehen. Aber wie? Woher hatte das Arschloch seine Informationen? Ein Anruf vor f�nf Tagen, am Nachmittag. Hier im B�ro. Unbekannte Nummer auf dem Display.�Die Steine der Weisen glitzern.�</p><p>�Was?�</p><p>�In deiner Post ist ein Brief mit einer Nummer und einer Zeit. Ruf von einer Zelle an.�</p><p>�Wer spricht da? Was willst du?�</p><p>�Reisegeld. Hoch zwei.�</p><p>Hans hatte sofort seine Post durchgesehen. Finanzamt, Freundeskreis der Sozialdemokratie, Bonusprogram Deutsche Bahn, Brosch�ren von Remy Martin und Rotk�ppchen, Steuerberater, wieder Finanzamt, Anwalt�2, Rechnungen von Getr�nke Herrmann, mit dem er hin und wieder noch Gesch�fte machte, aus alter Verbundenheit, obwohl er meist in den Gro�markt fuhr, Post von der st�dtischen M�llabfuhr, die Stadtwerke, das Kirchenbl�ttchen der Gemeinde in der Nachbarschaft, seit er der halbverwirrten Alten, die hier mal wegen Spenden vorbeigekommen war, weit nach Mitternacht, seltsame Arbeitszeiten, einige Scheine in einem Anfall von Gro�z�gigkeit in den leinenen Spendensack gesteckt hatte, bekam er jeden Monat das Kirchenbl�ttchen, zwei Arztrechnungen, er war ja privat versichert, eigentlich m�ssten die ihm Provisionen bezahlen, weil er in den letzten Jahren einige der M�dels in diese Kasse gebracht hat, Firmensitz in Dortmund, ein Brief vom Arbeitsamt, sicher ging es um die letzten Besuche der Mitarbeiter im Au�endienst, der Kontrolleure, die Kompetenzen hatten sich verschoben, wieder mal, ein dicker A5-Brief von der Hurengewerkschaft, so nannte er sie, obwohl sie einen anderen Namen hatte, und irgendwo inmitten dieses Packens im Briefkasten seines Clubs ein Umschlag, ohne Marke, ohne Absender,�An Herrn Pieszeck �stand dort in kindlicher Schrift, einer Mischung aus Blockschrift und Schreibschrift. Er hatte ihn zur Seite gelegt und die anderen Briefe sortiert und teilweise ge�ffnet. Er hatte schon vor Jahren eine Sekret�rin einstellen wollen, eine Miss Moneypenny, die sich um den ganzen Kram k�mmerte, aber was sollte sowas kosten, verdammt nochmal, wo ihn die Kosten sowieso schon auffra�en. Ja.�Morgen, Dienstag, 16.30�.</p><p>Er hatte sofort rausgefunden, was das f�r eine Nummer war. Telefonzelle auf dem Zentralbahnhof, oben an den Gleisen. Der Typ schien nicht besonders hell zu sein. Er hatte �berlegt, ob er hingehen sollte, zur genannten Zeit. Aber um sechzehn Uhr drei�ig war dort der gro�e Betrieb, das Kommen und Gehen, die Fernz�ge fuhren im Stundentakt, die Regionalbahnen transportierten die Pendler in die D�rfer, die Kassen der Gesch�fte in den unteren Geschossen des Zentralbahnhofs ratterten um diese Zeit. Immer Polizei unterwegs, Bahnhof-Security, alles video�berwacht��, er h�tte sich gefahrlos diesem Fremden, der von den Steinen der Weisen erz�hlt hatte, die angeblich so glitzerten, n�hern k�nnen, ihn ansprechen k�nnen. Aber er wusste ja nicht, was genau und wer genau hinter alldem steckte. Was lief, verdammt nochmal, was lief�� Jemand wusste, aber was genau? Und wer genau. War es ein Zufall, dass die Kanacken-Attacken seit Monaten��, aber er hatte die Versicherung aus Berlin. Er war der Mann mit dem Weg nach Japan. Er w�rde die Steine nach Japan vermitteln.</p><p>Er hatte einen der Studenten, die sich um seine Webseite k�mmerten, angerufen. Das schien ihm risikofrei. Und w�hrend er zu einer Telefonzelle vor der Kaufhalle am Busbahnhof schlenderte, stand seine studentische Hilfskraft mit einem Fotoapparat vor dem kleinen Caf� in der N�he der alten Wartehalle, in der jetzt ein Zeitungsladen war, und hatte den Anschluss mit der Nummer, die in dem Brief gestanden hatte, im Visier.�Hundert. Nur paar Fotos. Du hast doch sicher �ne gute Kamera mit �nem guten Zoom.�</p><p>�Hallo?�</p><p>�Hans Pieszeck?�</p><p>�Wer sonst. �Der Typ, der Noch-Unbekannte hatte anscheinend zu viele Filme gesehen. Was f�r ein Bl�dsinn. Mitspielen, vorerst.</p><p>�Damit wir uns verstehen, ich bin nicht allein.�</p><p>�Du. Ihr. Und weiter?�</p><p>�Ich denke, du wei�t, worum es geht.�</p><p>�Hm. Erz�hl�s mir.�</p><p>�Es glitzert hell, so hell���</p><p>�Du solltest deutlicher werden, sonst lege ich auf.�</p><p>�Nein, Hans Pieszeck. Das wirst du nicht tun.�</p><p>Hans h�rte die Lautsprecheransagen im Hintergrund. Rauschen und Knacken in der Leitung, das Klimpern von M�nzen, der Typ warf wohl Geld nach. Stimmen, wieder Lautsprecheransagen, Stimmen von Frauen, die sich anscheinend direkt neben dem M�nzfernsprecher unterhielten, dann leiser wurden. Bahnsteige und Z�ge neben und hinter dem Mann, der vom gro�en Glitzern sprach.</p><p>�Die Frage ist, was wirst du tun.�</p><p>�Die Frage, Hans Pieszeck, ist: Was ist es dir wert.�</p><p>�Ich bin ein Arbeiter, ich schufte seit Jahren f�r mein Geld. Und glitzern, glaub mir, wo soll es gro� leuchten? Wenn du einen Job suchst, komm zu mir. Stell dich vor. Du wei�, wo du mich findest.�� Warte, einen Moment. �Hans warf ein Zweieurost�ck in den Schlitz. Ein paar Meter hinter ihm �ffnete und schloss sich die T�r der Kaufhalle, des Supermarkts, im stetigen Strom der Einkaufenden, der Beladenen, die nach Feierabend ihre Depots auff�llen wollten und mit gro�en F�llmengen wieder rauskamen. Er h�rte das Klappern der Einkaufswagen, die leer aus dem dreigleisigen Verschlag gezogen wurden und leer wieder in den dreigleisigen Verschlag geschoben wurden. Schnell noch eine angez�ndet.�Wo waren wir stehengeblieben?�</p><p>�Du bist nicht bei der Sache, mein lieber Hans.�</p><p>�Ich glaube nicht, dass wir uns so gut kennen.�</p><p>�Ich kenne das, was du hast.�</p><p>�Du hast Angst, dass man mich abh�ren k�nnte, deswegen diese Filmkulisse.�</p><p>�Nein. Du bist sauber. Wer wei� das nicht. Aber wir sind vorsichtig. Mach mir ein Angebot.�</p><p>�Eins, das du nicht ablehnen kannst? Ich war ehrlich vorhin.�</p><p>�Ich kannte mal einen, der sagte immer: Herzen wie Diamanten.�</p><p>�Wie kann ich dir ein Angebot machen, wo du von Anfang an sagst: hoch zwei.�</p><p>�Das war nur die Tendenz. Ich denke, ich wei�, um wie viel es geht.�</p><p>�Du denkst, Unbekannter. Wie sollen wir jemals zusammenfinden, wenn du so viel denkst.�</p><p>�Hans, Hans. Herr Pieszeck. Ich habe geh�rt, sie zahlen viel Geld in Berlin f�r Informationen. Die �mter, die Schmieren. Ich habe geh�rt, dass die Nullen wachsen hintendran. Und ich komme zu dir mit weit weniger Nullen. Es kann und wird alles unter uns bleiben. Die Reinheit, Hans. Du kennst doch auch noch diese Band �Karat�.�</p><p>�Erspar uns den Ostrock. Du wei�t nicht, worauf du dich da einl�sst. Und damit meine ich nicht mich.�</p><p>�Und deswegen ist meine��, versteh mich nicht falsch��, Forderung moderat. Ich will dir nicht reinfunken in deine Gesch�fte. Aber vergiss mich nicht, damit ich vergesse.�</p><p>Hans drehte sich um, den H�rer immer noch dicht an sein Ohr gepresst. Ihm war nicht schwindlig, nein, nichts dergleichen. Er war vollkommen klar, sp�rte die Herbstluft, atmete tief ein und roch diese k�hle feuchte Herbstluft, blickte in das gelbe Licht des sich �ffnenden und schlie�enden Eingangs der Kaufhalle, strich mit der freien Hand �ber das Metall des M�nzfernsprechers, schnippte die bis auf den Filter runtergebrannte Kippe weg, beobachtete einen Wagen mit Berliner Kennzeichen, der auf den Parkplatz fuhr, zog die Aufschl�ge seines Jacketts zusammen, w�hrend er den H�rer zwischen Wange und Schulter hielt, er hatte zugenommen, das gefiel ihm nicht, das Sakko passte kaum noch, er fingerte eine Zigarette aus seinem Etui, dunkelbraunes Leder, das hatte ihm damals und vor Jahren die Mandy geschenkt, und sp�rte das Vibrieren der Stimme auf seiner Brust, weil der H�rer verrutscht war.</p><p>�Hans?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Wir sollten die Details bereden.�</p><p>�Das sollten wir.�</p><p>�Wie sieht es morgen bei dir aus?�</p><p>�Nein. In drei Tagen. Ich brauche etwas Zeit, ich denke, das verstehst du.�</p><p>�Polizeiruf eins-eins-null. Die sch�ne Hundert. Und tausendundeine Nacht.�</p><p>�Red Klartext! Wie viel?�</p><p>�Einhunderttausend.�</p><p>�Komm zu meinem Hintereingang. Null Uhr.�</p><p>�Und denk daran, was ich wei�, wei� noch ein Zweiter.�</p><p>Hans blickte auf die Fotos, die vor ihm auf seinem Schreibtisch lagen. Seine studentische Hilfskraft hatte gute Arbeit geleistet. War auch mit seiner Webseite immer zuverl�ssig und hinterher. Die Frauen kamen und gingen. Nur noch wenig Kontinuit�t.</p><p>Was machte dieses Arschloch wieder in der Stadt? Er hatte schnell rausgefunden, wer er war. Hatte seinen Mann bei den Bullen kontaktiert. Bis vor zweieinhalb Jahren mit einer Berliner Adresse. Vermutlich in dem Dreck hinterm Zentralbahnhof aktiv. Kristall und braune Schorre und kaputte junge K�rper. Der Bulle hatte auch eine Adresse bei einer Zimmervermietung f�r ihn gehabt. Auch das hatte gekostet. War dann aber relativ schnell gegangen. Wie auch sonst, wo er nicht viel Zeit hatte. Drei Tage. Was dann wieder mehr gekostet hatte. Obwohl es nur ein paar Klicks auf einem Rechner waren, aber auch der Bulle wollte seinen Schnitt machen.�Bin ja nicht das Einwohnermeldeamt. Und registriert isser noch in Berlin. �Aber der Mann war sicher und verschwiegen, die Rente stand ja auf dem Spiel, und so w�rde es keine Kreise ziehen auf dem tr�ben vorwinterlichen See.</p><p>Drei Tage. Er hatte sich gewundert, dass dieser Idiot am Telefon darauf eingegangen war. Seinen Termin beim Urologen hatte er gecancelt. Weil das eh nicht akut war. Er war ins Gym gegangen, in AKs Fitnessbude, dr�ben im Nordosten der Stadt, und hatte versucht, paar Kilos runterzukriegen. Dort trainierten sie jetzt hinten im K�fig. Die Freefighter. Er hatte wie fr�her am Sandsack gestanden. Und hatte das Gef�hl, dass er langsam geworden war. Die Linke hing, und wenn er alles reinlegte, h�rte und sp�rte er das Knacken im Ellenbogen. Es war Herbst, und alles roch nach Abschied.</p><p>Er konnte kaum in Ruhe trainieren und arbeiten, die Kanacken-Attacken waren das Thema der Stunde, nat�rlich. Die T�ren der Diskotheken waren nicht mehr sicher, die Los Locos GmbH machte sich breit in der Stadt, die Securities wurden attackiert, die Wohnungen waren nicht mehr sicher, die gro�e �bernahme drohte, im Stripclub der Gebr�der W�hler sa�en sie schon an der Bar, AK�&amp; Co. verhandelten, der Mann hinter den Spiegeln lenkte das Licht und leitete die Strahlen weiter nach Hannover, <emphasis>ist ein Pakt ein Pakt?</emphasis>, ja, ja, ich bin da, ich bin dabei, nat�rlich. Ruhe muss einkehren. Die Gesch�fte. Freifahrtschein aus Berlin. Die libanesischen Zwillingsbr�der hatten ihm �ber Mittelsm�nner eine gewisse Sicherheit geboten. Anscheinend hatten sie Verbindungen zu den Los Locos in der Stadt. Er sollte sich ruhig verhalten und nicht in vorderster Front k�mpfen. So einfach war das nicht.</p><p>Er breitete die Fotos wie einen F�cher vor sich aus. Schob den Aschenbecher an die Tischkante.</p><p>Diesem bl�den Schnorrer drau�en an der Bar w�re er fr�her anders gekommen. Schei� auf den einen Sekt oder Prosecco. Da ging�s ums Prinzip. Es ging ums Gesch�ft. Er musste f�r beide da sein, f�r die Frauen und die G�ste. Die Zeiten, wo die M�dels gerne mal beschissen, waren l�ngst vorbei. Er hatte in den Lehrg�ngen und Schulungen, die er zusammen mit der Beatriz leitete, auch immer gesagt, worauf es ankam. Geld, nat�rlich. Das war aber nur das eine. Wohlf�hlen. Stammg�ste kreieren. Wohlf�hlfaktoren. Vergesst die Erdn�sse. Peanuts. Wollen wir Highclass sein? Ja, das wollen wir.</p><p>Wir haben die besten Getr�nke und die besten M�dels. Mandy�2 und zwei andere, die ihm solide erschienen, die bis auf weiteres bei ihm arbeiten wollten, hatte er sogar in einen Cocktaillehrgang geschickt. Obwohl er nur Longdrinks und zwei, drei Cocktails anbot. Caipirinha und Mojito und Cuba Libre. Die Zeiten von Rum-Cola waren vorbei. Hatte ihnen sogar Arbeitsvertr�ge angeboten. Aber die M�dels wollten lieber freiberuflich arbeiten. Vierhundert-Euro-Basis will ja auch keiner, und dann auf Zimmer extra, lieber freiberuflich, und klar doch, viel unter der Hand. Er hatte bis vor kurzem eine Festkraft f�r die Bar, prima Frau, aber die ist nach M�nchen, hatte da wohl �n Angebot von irgend �nem schicken Laden. Briefe vom Arbeitsamt. Jede Stunde, die sie auf Zimmer waren, war auch in den B�chern, aber die Extras dort waren ihre Sache. Aber wer die Bar machte, bekam eine Art Gehalt. Er war dabei, sich zu ruinieren. Dem Gesetz von zwotausendzwo sei Dank. Aber er wollte mit der Zeit gehen, und wenn die Anfangsschwierigkeiten �berwunden waren, wenn sein <emphasis>Klein, aber fein!</emphasis> sich wiederfand im Strom der Zeiten und der Gelder��, schei� auf den Bielefelder Graf und dessen Gesch�ftspartner aus �sterreich, die beide immer predigten, dass man gro� sein m�sse, think big und die Aktie ROT oder so �hnlich�� Und die Stripstunden an der Stange hinter der Bar verrechnete beziehungsweise bezahlte er auch. Er hatte sogar eine Zeitlang zwei Studentinnen gehabt, die wollten nur tanzen, aber die gingen mittlerweile auch auf Zimmer. Die Kohle ist eben immer zu verlockend.</p><p>Was machte dieses Arschloch nur wieder in der Stadt? Der Typ, dieser Schmierlapp, war damals fast f�r den Professor in den Kahn gegangen, hatte wohl auch schon in U-Haft gesessen, <emphasis>Schiff ahoi</emphasis>, weil er mit dessen Tochter verheiratet oder zumindest zusammen gewesen ist und am Anfang die Sch�sse aus der Jagdflinte auf sich nahm. Irgendein dummer Junge ist damals im Dreck verblutet, obwohl er nichtmal das Auto des Professors geklaut hatte. Bumm, bumm.</p><p>Alte Geschichten. Was war nun wahr? Nach all den Jahren. Geschichten und Legenden, die ihn nicht interessierten, er hatte zu arbeiten, sich um sein Gesch�ft, seine Angestellten und die M�dchen zu k�mmern.�Wenn die T�r zu ist, da geht�s nur noch ums Geld, ich meine, ist ja klar. Wir l�stern und quatschen da an der Bar so vor uns hin, wie man eben so schwatzt, <emphasis>Sex and the City</emphasis>, nee, und die und die macht jetzt ohne, also das Blaskonzert, haha, nee, und die und die��, das ist ja eben so ein Geschwatze, und das tut uns auch gut irgendwie, da lachen wir auch viel, geh�rt ja auch dazu irgendwie!�</p><p>�Wenn die T�r zu ist, geht�s nur noch ums Geld.�</p><p>�Alles in Ordnung, Hans?�</p><p>�Ja, ja, Mandy. Nur Selbstgespr�che.�</p><p>Der Keller unter dem Keller. In einer der Ecken steht ein Tisch mit einer Holzplatte, auf der die Schienen einer elektrischen Eisenbahn zwischen kleinen Bahnh�fen und Berglandschaften verlaufen. Und die Artefakte, die Antiquit�ten, liegen in den Regalen auf Samt.</p><p>�Leg dieses Ding weg. Was soll der Schei�.�</p><p>�Ja, ja, schon klar. Du liebst ja die Doppell�ufigen.�</p><p>�Wenn die mit Diamanten geladen sind.�</p><p>�Das ist nicht so einfach, wie du dir das vorstellst. �Hans legt den seltenen Hybrid aus Revolver, Schlagring und Messer zur�ck ins Regal. Er f�hrt sich mit der Hand �bers Gesicht, riecht das �l, die Schmiere. Ein guter Geruch ist das. Er pflegt die Artefakte, die Antiquit�ten regelm��ig, �lt sie regelm��ig ein.�Ist von der holl�ndischen Armee. Ende Neunzehntes, Anfang Zwanzigstes. Ein Bastard. Im Prinzip unbrauchbar. W�rde man abdr�cken, w�rde es dir die Faust wegrei�en. Weil es keinen Lauf gibt. Die Kammer schlie�t ab. Gro�es Kaliber. Neun Komma f�nf. Sonderanfertigung. Selbst im Nahkampf macht diese Freakshow keinen Sinn. Das Messer wie ein Mini-Bajonett. Der Griff ein Schlagring. Die Klinge nur mit einer Schraube fixiert. Der Abzug durch keinen B�gel umschlossen. Offiziere trugen das Ding. �Er greift wieder ins Regal, f�hrt die Finger in den Schlagring des Griffs.�Ein Kuriosum meiner kleinen Sammlung.�</p><p>�Und ist�s was wert wenigstens?�</p><p>�Doch, doch. Schon. Einiges. Zwei-, dreitausend. Ich kann dir eine kleine T�te zusammenpacken. Kann dir zum Beispiel noch diesen Sch�neberger 1892 drauflegen.�</p><p>�Was?�</p><p>Hans geht zu einem anderen Regal.�Eine Selbstladepistole im Bauhausstil, obwohl viel fr�her, mit einem wundersch�n gezogenen, schlanken, schmalen Lauf. Siehst du den Ring unten am Kolben? Kann man ans Schl�sselbund h�ngen das gute St�ck.�</p><p>�Bleib mir vom Hals mit diesem Schei�.�</p><p>�Was ist? Haben wir nicht alle Zeit der Welt? Da dr�ben liegt das Papier. Unsere sch�nen bunten Bilder. Du kannst es nehmen.�</p><p>�Darf ich dir noch etwas anbieten?�</p><p>�Entschuldige. Bin ich nicht ein schlechter Gastgeber? Wir m�ssen doch trinken, auf das Gesch�ft und auf das Schweigen. Sind fast alles Schaust�cke hier. Schie�en nicht. Ich habe eine Waffenbesitzkarte, aber die Schlagbolzen sind raus. Bei den meisten. �Springer Urvater�, uralt, das ist was f�r uns zwei.�</p><p>Hans dreht den Verschluss von der Flasche, die er am Nachmittag aus dem Tresor geholt hat. Er geht zu dem Tisch in der Ecke, auf dem die gro�e Holzplatte liegt, auf der er an seiner elektrischen Eisenbahn bastelt. Er nimmt das eine Glas, das zwischen den Schienen und Bergen und H�usern steht, und geht wieder r�ber zu dem kleinen B�rotisch, auf dem die geb�ndelten Geldscheine liegen, dazwischen das andere Glas. Er macht beide Gl�ser voll. Das Arschloch nimmt sich eins und blickt sich im Raum um.�Sch�n hast du�s hier.�</p><p>�Ja, sch�n ruhig.�</p><p>�Ein richtiger Hobbykeller.�</p><p>�Du meinst wegen meiner kleinen Eisenbahn? Als Kind hatte ich nie eine. War immer mein gro�er Wunsch. Aber mein Vater war �n einfacher Mann, �n einfacher Stahlarbeiter. Da gab�s keine Eisenbahn zu Weihnachten.�</p><p>�Eisenbahn, Waffen, Diamanten�� Du hast ein erf�lltes Leben, Hans.�</p><p>�Kann man so sagen. B�rgerliche Werte, und dann Jules Vernes Visionen.�</p><p>�Was?�</p><p>�Alte Waffen, das neunzehnte Jahrhundert. Das achtzehnte Jahrhundert. Und dann der Fortschritt in der Technik. Erst Duell, dann Massenmord. �Die Erfindung des Verderbens�. Hab ich als Kind gelesen. Hat mich immer fasziniert.�</p><p>Er nimmt einen dunklen gl�nzenden Holzkasten aus dem Regal, �ffnet den Deckel, neigt den Kasten so, dass das Arschloch die beiden Steinschlosspistolen mit den langgezogenen L�ufen in den mit Samt ausgelegten F�chern sehen kann.�Habe ich letztes Jahr ersteigert. Die wundersame Perfektion veralteter Technik. Die Pulverpfannen schlie�en regendicht. Ein Wunderwerk der Feinmechanik vom alten Meister Prochaska aus B�hmen.�</p><p>�Die Tschechen. Waffen und Kristall. Du solltest ein Museum f�hren, Hans.�</p><p>�Ich sollte auf einer Insel wohnen, weit drau�en im Meer, wo mich keiner st�rt.�</p><p>Er stellt den Kasten zur�ck, hebt sein Glas, sie stehen voreinander, zwischen den Regalen, in denen die Waffen auf Samt liegen, in denen kleine Pappkisten stehen, mit Eisenbahnzubeh�r, ein paar B�cher, Holzkisten, in denen Hans einige seiner gr��eren Exponate aufbewahrt. Auch das Arschloch hebt sein Glas, und sie trinken.</p><p>�Die Steine, ich m�chte die Steine sehen�, sagt das Arschloch, trinkt noch einen Schluck,�gib mir doch einen von den Steinen.�</p><p>�Das geht nicht. Die geh�ren mir nicht. Ich lagere die nur.�</p><p>�Du erz�hlst mir, wie schlecht die Gesch�fte laufen, erz�hlst mir von deinen Schwierigkeiten und willst doch nicht verschwinden mit dem Zeug?�</p><p>�Setz die Kapuze ab!�</p><p>�Was?�</p><p>�Du sollst die bescheuerte Kapuze absetzen, damit ich dein Gesicht richtig sehen kann.�</p><p>�Was soll der Schei�?�</p><p>�Bitte.�</p><p>Der Mann stellt das Glas weg, greift langsam mit beiden H�nden nach der Kapuze seiner wei�en Sportjacke und zieht sie zur�ck. Hans blickt in sein zerfurchtes Gesicht.</p><p>�Du siehst fertig aus. Deswegen erz�hlst du diesen Schei�. Die w�rden dich einfach ausknipsen.�</p><p>Der Mann setzt sich auf den Stuhl. Legt die H�nde auf das Geld.�Ich will hunderttausend.�</p><p>�Ich kann dir keine hunderttausend geben. Steuernachzahlungen, Gesch�fte, Alimente und die Nebenkosten bringen mich um, was denkst du, mit wem du sprichst, verdammt nochmal. Das hier ist nicht das schei� �Pascha�. Ich kann dir das geben, was hier liegt. Und ich habe keine Garantie, dass du nicht ruml�ufst und schwatzt. Du wei�t nicht, worauf du dich einl�sst, Junge.�</p><p>�Zeig mir die Steine. Wenn du mir nicht die Steine zeigst, gehe ich wieder. Und wenn ich nicht wieder gehe���</p><p>�Ja, ja, dein zweiter Mann. Schon klar. Und was erwartest du dir davon? Erleuchtung? Der Quell der Jugend?�</p><p>�Zeig mir die Steine. Ich will sie sehen.�</p><empty-line/><p>Hans sitzt im B�ro. Die Musik dr�hnt, Stimmen, Lachen, viel Betrieb heute, die M�dels gehen mit den G�sten die Treppe nach oben in die Zimmer oder in die beiden verspiegelten Zimmer hinter der Bar, wo fr�her mal die Duschen gewesen sein m�ssen. Hans fand vor vielen Jahren Pl�ne im Tresor, die Grundrisse des Verwaltungsgeb�udes des alten Galvanowerkes, zusammen mit der kleinen Schatulle und der Flasche� Springer Urvater�. Stimmen, Lachen, ab und an klopft jemand an der T�r, und er sagt:�Ja, bitte�, und sagt dann:�Sp�ter, sp�ter, nicht jetzt, muss nochmal weg. �Er wei� nicht, wie lange er hier schon sitzt. Die Flasche vor sich. In der Ecke das schwarzwei�e Leuchten des kleinen Monitors, der den Eingangsbereich zeigt. Langsam, ganz langsam bewegt er seinen Arm, bis der �rmel seines Jacketts verrutscht und er seine Glash�tte sehen kann. Eins durch.</p><p>Er wei� nicht, was er mit der Leiche machen soll. Der Mann liegt unten zwischen den Regalen. Die Schulter schmerzt ihm. Er wei� nicht mehr, wie er das Bren aus der Kiste geholt hat. <emphasis>Eine kleine Ausstellungsf�hrung</emphasis>. Was soll er jetzt mit dem Mann machen? Sein Kontakt bei den Bullen wird nicht erz�hlen, dass er nach ihm gefragt hat, wenn sie ihn suchen. Wenn ihn jemand sucht. Aber die Spur ist da. Der Student. Der Bulle. Die m�sste er alle wegmachen. Aber der Bulle ist nur ein kleiner Fisch, der auf die Rente wartet und kassiert hat. Und irgendjemand wartet. Er muss rausfinden, wo. Er muss runtergehen und ihn durchsuchen. Hat schon zu viel Zeit verloren. Nichts darf schiefgehen. Ihm f�llt ein, dass er doch die Adresse hat, dass sein Bulle ihm die Adresse besorgt hat. Er steht auf. Setzt sich dann wieder hin. Die Flasche vor ihm ist fast leer. Er kann sich erinnern, dass der Mann viel getrunken hat. Sich sein Glas mehrfach wieder vollgemacht hat. Er musste ihn gar nicht zum Trinken �berreden, wie er sich das vorgenommen hatte. Was hatte er sich �berhaupt vorgenommen f�r diesen Abend. Er wei� es nicht mehr. Steht auf und setzt sich dann wieder hin. War es ein Zufall, dass ein G�terzug durch die Schneise des G�terrings rumpelte, als er das riesige Bren aus der Kiste geholt hatte? Aber die Mauern sind dick. Die Musik dr�hnt �ber dem Stein. Und die Explosionen waren nicht so laut, wie er sich das vorgestellt hatte. Aber eigentlich hatte er sich nichts vorgestellt.</p><p>�Jetzt m�ssen wir kalt und klar sein�, sagte er, und dann drehte er sich zu dem schwarzwei�en Bild des Monitors, zwei M�nner standen vor seiner T�r, einer dr�ckte die Klingel. Zwei M�ntel, der, der die Klingel dr�ckte, trug eine Wollm�tze. Die N�chte wurden frisch. Er sah, wie die beiden lamentierten, lachten, die H�nde in die Manteltaschen schoben und wieder rauszogen, sich einander zudrehten, lachten. Klaus sah sie auf dem kleinen Monitor in der Nische neben der T�r, sah sie dann wahrscheinlich durch den Spion, dr�ckte den Summer und lie� sie ein. Kommt nur herein, Freunde. Sein zweiter Mann war krank. Wahrscheinlich hatte er sich krankgemeldet, weil alles explodierte im Moment in der Stadt. Bei ihm waren sie noch nicht gewesen. Er hatte zwar eine Versicherung, aber sicher konnte man sich nie sein. Zu viele Interessen mischten mit. Die nichts von den Steinen wussten. Was auch gut so war. Er hatte vor zwei, drei Tagen einen Audi mit Berliner Kennzeichen gesehen, dr�ben auf dem Parkplatz. In paar Tagen war ein Treffen mit AK und den anderen anberaumt. Er musste in seinen Kalender schauen. War es ein Zufall, dass der Mann, das Arschloch, jetzt auftauchte und Geld haben wollte, ein paar Steine wom�glich? Aber der Mann war ein Narr, der nichts wusste, nur wenig wusste. Aber woher? Aber jetzt nicht mehr. Nichts.</p><p>Hans sah, wie die W�nde verschwanden, wie sie durchsichtig wie Glas wurden, eine gro�e gl�serne Zelle, sah die Damen aus den Spiegeln treten, sah rote Nebel durch die R�ume seines Clubs ziehen, sah sich selbst unten im Keller, wie er das gro�e sperrige Bren aus der Kiste nahm.</p><p>�In einem Nachtclub zu arbeiten, das ist schon anstrengend. Ja. Nat�rlich auch locker und auch entspannt. Ich war vorher in einem Laufhaus gewesen und, nee, das war mir zu sehr, wie soll ich sagen, Flie�band. Da sitzt du nur und wartest, sitzt vor deiner T�r, wir hatten da so Barhocker, und das war dann oft nur kurz, meist blasen, und dann wurde immer versucht, da rumzuhandeln, was ich ja �berhaupt nicht leiden kann, was �berhaupt die allergr��te Schei�e ist, viele Arschl�cher, viele Ausl�nder, nicht, dass ich was gegen Ausl�nder hab, aber eben so Typen, denen�s nicht billig genug sein kann, wo einen das richtig ankotzt, aber das blendet man��, blende ich dann eben so aus. Und da sind wir hier schon anders aufgestellt. Hm. Das ziehe ich dem Laufhaus vor, f�r mich ganz klar, da denken sicher andere anders dr�ber. Das��, das hat eben alles seine Vor- und Nachteile. Man muss��, also ich muss da nat�rlich immer aufpassen, wegen der Trinkerei und so und dass man sich da nicht so runterrockt, aber wenn ich so dr�ber nachdenke, scheint mir das hier die bessere Arbeitssituation zu sein. Chef ist o.k. Und Chef w�rde ich da jetzt auch nicht unbedingt sagen, ist ja freiberuflich��, der H., der��, ich f�hl mich da im Moment ganz wohl. Klar, hab ich da so Sachen, wo ich sage, wo ich sagen w�rde, du, h�r mal, da ist das und das�� Und ich hab auch das Gef�hl, dass er sich das anh�rt. In �ner Wohnung zu arbeiten ist, denke ich, immer �ne Option. Auch f�r die Zukunft.�</p><p>Hans beugt sich �ber den Mann. Die wei�e Kapuzenjacke verschwindet in den L�chern auf seiner Brust, der Stoff krempelt sich in den K�rper rein. Und ist auch nicht mehr wei�. Das Bren liegt auf dem Tisch, zwischen den Scheinen, ein paar der gr�nen Hunderter sind durch die Hitze des Laufes und der Kammer zu kleinen R�hren verdreht. Wollte er ihm wirklich diese zwanzigtausend anbieten?</p><p>H�tte er rausspazieren k�nnen, wenn er sie genommen h�tte? Woher hatte der Mann nur seine Informationen? Und wohin sollte er diesen K�rper bringen? Er hatte von dem Mann im Krematorium geh�rt, aber das war nicht sicher. Legenden m�glicherweise.<emphasis> Bren Mark�1, tschechoslowakisches Erzeugnis</emphasis>. Er warf die Einzelteile sp�ter in verschiedene Kan�le, die den Westen der Stadt zwischen den alten, verschwundenen oder umgebauten Fabriken zerschnitten. Es gab auch noch ein Enfielder Bren, das dem Typus seines Bren fast bis ins Detail glich. Nur der ausklappbare St�tzfu� war wohl etwas anders konstruiert. Er h�tte in seinen B�chern nachschauen k�nnen. Er hatte die Riesenkanone vor vier Jahren von einem Tschechen gekauft. Der Typ war in den Neunzigern auf dem Balkan unterwegs gewesen, hatte alte Russenware und Restbest�nde der tschechoslowakischen Armee an die Verr�ckten der dortigen Kriege verkauft. So sagte man. Nie benutzt das Teil, angeblich. Mit Ladestreifen. Die meisten seiner St�cke waren ja vollkommen harmlos. Ein alter Nagant-Revolver mit verk�rztem Griff und verk�rztem Lauf. �ber den hatte er als Kind viel gelesen. <emphasis>Wie der Stahl geh�rtet wurde, der Marinedolch</emphasis>, die Roten und die Wei�en benutzten jenen legend�ren Nagant-Revolver beziehungsweise wurde er legend�r durch sie. Wei�gardisten, Rotgardisten. Er ging zum Regal, um den K�rper herum, legte die Hand auf den k�hlen Nagant. Er hatte ihn nie ausprobiert. Die Kammern waren geladen, seit er ihn gekauft hatte. Einige seiner St�cke hatten keinen Schlagbolzen, konnten nicht abgeschossen werden und waren auch nicht munitioniert. Die Ruger Blackhawk zum Beispiel. Er geht ein paar Schritte. Legt die Hand auf dieses Metall. Von neunzehnhundertf�nfundf�nfzig. Magnum-Kaliber. Die Trommel aber leer. Eine Hommage an die alten Westernrevolver, die durch die Westernfilme pl�tzlich wieder beliebt werden. In Amerika. Er versucht seit einigen Jahren, eine Winchester-B�chse zu bekommen, wie Wyatt Earp, wie Butch Cassidy. Er dreht sich um, blickt auf den K�rper, der zwischen den Regalen liegt, sch�ttelt den Kopf, bewegt seine Schultern, wei� nicht genau, welcher Tag und welche Stunde jetzt ist. Bewegt ganz langsam seinen Arm, bis er seine Glash�tte sehen kann. Eins durch.</p><p>Der Oberk�rper ist vollkommen verdreht, wie ein S. Die Beine gerade nach hinten gestreckt, die Arme, links und rechts, wie weggeschleudert. Der untere R�cken, der Rumpf flach auf dem Boden, der Oberk�rper wie eine menschliche Spirale. Die blutigen L�cher in der Brust. Er wei� nicht, wie viele Sch�sse ihn getroffen haben.�Du bl�der Idiot.�</p><p>Er geht die paar Schritte zur�ck zum Regalfach mit dem Nagant-Revolver, nimmt ihn vom Samt. Er wei� noch, wie er f�r viel Geld all die Samtunterlagen gekauft hat. S�ckchen aus Segeltuch neben jeder Waffe, kleine Kisten, die er sich hat anfertigen lassen, gro�e Holzkisten f�r die gr��eren Waffen, die Karabiner, die MG, von denen er nicht viele besitzt. Er nimmt den Revolver, zielt auf den K�rper und dr�ckt ab. Er muss den Abzug mit aller Kraft durchdr�cken. Sp�rt die mechanischen Vorg�nge im Inneren der kleinen Maschine. Wie sich der Zylinder, die Trommel, vorne an den Lauf presst, bevor der Bolzen in die Patrone schl�gt. Eine kleine, winzige Detonation nur. Ein PAFF, kaum zu h�ren. Er sieht den Einschlag auf dem Boden, direkt neben dem Kopf des Mannes, duckt sich, weil er sich vor dem Querschl�ger f�rchtet, aber nichts prallt vom Boden ab, schl�gt in sein Fleisch, f�hrt mit einem Pfeifen in seinen K�rper. Der Nagant ist leise, genau wie er es vor Jahren gelesen hat. Die Trommel schlie�t w�hrend des Schussvorganges mit dem Lauf. Das NKWD, der Geheimdienst der verdammten Roten, nutzte diese Kanone mit Schalld�mpfern. Hinrichtungen. Stille Exekutionen. Weil die Belgier, die dieses �berkonstruierte Schie�eisen konstruierten, einen einmaligen Revolver erschaffen wollten. Der seine Detonationen innerhalb des metallenen Geh�uses behielt. Weil Trommel und Lauf durch diese Mechanik eine Einheit bilden. Der einzige Revolver, bei dem ein Schalld�mpfer Sinn machte.</p><p>Hans setzt den Lauf an seine Stirn. Keiner w�rde ihn hier unten h�ren. Beim ersten Schuss hatte er den rechten Unterarm mit seiner linken Faust umklammert. Dennoch verriss dieser Schuss. Der nicht der erste war an diesem Abend. Er sp�rt die k�hle M�ndung auf seiner Schl�fe, verschiebt und sp�rt sie auf seiner Stirn.</p><p>Das Telefon hatte geklingelt und geklingelt, w�hrend er oben im B�ro sa�. Er dr�ckt ab und sieht die Flasche� Springer �zersplittern. Er schleudert den Nagant zwischen die Regale. Packt den Mann bei den Schultern, bewegt den K�rper hin und her. Wie schwer der ist. Erstaunlich wenig Blut auf dem Boden. Er muss eine Plane holen, hat er nicht Plastikplanen im Lager? Dann erinnert er sich an den kleinen Leinenbeutel, den der Mann in der Hand gehalten hat, ein kleiner kanariengelber Diamant und ein borblauer liegen vor dem ge�ffneten Beutel, vor der ausgestreckten Hand des Mannes, und er sammelt sie ein. Presst die Faust zusammen und sp�rt die scharfen, k�hlen Kanten des erbsengro�en Brillantschliffs, f�hlt die winzige abgeflachte Tafel auf der Oberseite, sp�rt, wie die Strahlungen der mindestens zweiunddrei�ig Facetten im Oberteil und der mindestens vierundzwanzig Facetten im Unterteil durch Haut und Knochen dringen. Er hockt auf dem Boden, w�hrend das Haus sich bewegt.</p><p>�Als ich achtzehn war, kam ich erstmals in Kontakt. Das war am schwarzen Meer, das war meine Heimat. Ich wollte doch nur weg von zu Hause, ich wolle doch nur irgendwohin, wo ich Chancen habe. Wo ich Geld richtig verdienen kann. Die Schwester von meinem Schwager fragte mich dann. Das war in V., und da waren vor allem die Touristen. Das lief. Ja. Sex war halt Sex, da habe ich nie viel dar�ber nachgedacht. Das lief so ganz gut, und weil ich ja auch die Schwester von meinem Schwager kannte, weil das ein guter Kontakt war. Der Boris. Da hatte ich erstmal meine Ruhe, ja schon, budjit, budjit, und da habe ich auch gut verdient. Das war immer o.k., nur die Engl�nder waren schlimm, manchmal, die waren��, die haben genervt. Aber das war ein richtig guter Laden dort in V. Und in der Saison vor allem, da hab ich so viel verdient, ich dachte damals, dass das eben richtig viel ist. War viel. Ich hab da immer f�r mich selbst gearbeitet. Deutsch konnte ich wegen der Schule ganz gut, und da war ich immer richtig gut, und mit den deutschen Urlaubern wurde das noch besser. Ich hatte da auch Freundinnen, die kannte ich von fr�her, das kann schon sein, dass die jemand hatten, weil da jemand war, der hinter ihnen war, der alles kontrolliert hat. Ich hab alles f�r mich gemacht. Und mir war schon fr�h klar, dass ich dann bald ins Ausland gehe. Mit der L. bin ich dann nach Deutschland. Da haben wir uns zusammengetan. Mit dem Flugzeug sind wir geflogen. Die wusste auch, wer da mit der Arbeitsgenehmigung die Kontakte hat. Wir hatten dann auch Deutsche in der Verwandtschaft, ja wirklich. Hier in der Stadt haben wir uns jetzt eingelebt��, zu Hause. W�rde ich sagen. Will ich. Wenn wir uns treffen, reden wir Russisch, na klar. Schwarzes Meer, da denke ich manchmal dran. Nat�rlich. Aber ich f�hl mich schon als Deutsche jetzt. Das ist gut.�</p><p>Er h�lt das Bein in der Hand. Der Knochen hatte Schwierigkeiten gemacht. Er legt es vorsichtig auf die Eisenbahnplatte, �ber die er eine Plastikplane gezogen hat. Auch der K�rper liegt auf einer Plane. Er hat ein gro�es Steakmesser aus dem Lagerraum geholt, er hat dort jede Menge Werkzeug, das Messer war schon da gewesen, als er Ende zweiundneunzig den Laden �bernommen hatte, zusammen mit anderem K�chenkram, Messern, Kisten mit Tellern, der Typ aus dem Pott hatte wohl gro�e Pl�ne, wollte vielleicht irgendwo ein Restaurant aufmachen oder eine K�che in den Club einbauen, der erste Puff mit warmer K�che, aber sicher gab es das schon l�ngst irgendwo anders, gar keine schlechte Idee, hatte Hans damals gedacht, er erinnerte sich wieder daran, als er das Messer holte. Es ist nicht einfach, ein Bein abzutrennen. Sein Vater hat noch selbst geschlachtet und wollte, dass Hans eine Lehre als Schlachter begann, aber er hat dann als G�rtner angefangen, auch um den Alten zu �rgern.</p><p>Er dreht sich weg und kotzt.�Verdammte Schei�e, du bl�des Arschloch. Hans der Schlachter. Ja, ja. Von wegen. �Er hat das Bein mit dem Riesenmesser und mit Hilfe eines Hammers unterhalb des H�ftgelenks abgetrennt.</p><p>Er holte tief Luft, nahm den� Springer �und trank einen Schluck aus der Flasche, sp�lte sich den Mund aus und spuckte den Schnaps auf den Boden. Er hockt sich neben dem Mann an die Wand, macht die Beine lang, drei Beine dicht nebeneinander. Er passt auf, dass er nicht an die Plane kommt mit den F��en.�H�tte ich denn rumerz�hlen sollen, dass ich G�rtner bin und doch kein Schlachter? Was meinst du, Kamerad? Die h�tten doch nur bl�de Spr�che gemacht. Schweine-Hans, der kann�s. Ist doch nicht schlecht. Aber Hans der G�rtner? Nee. Und bestimmt hatten da immer �n paar Angst, dass ich sie zerlege. So wie dich jetzt.�</p><p>Er z�ndet sich eine Zigarette an. Das Bren hat er wieder in die Kiste gelegt. Ihm ist schlecht, und er f�hlt sich leicht. Vollkommen leer. Als w�re sein K�rper ein l�nglicher Luftballon, nur seinen Kopf und sein Hirn kann er f�hlen.�Du bist doch selber schuld. Du bl�des Arschloch. Ich kann nur mein eigenes Ticket bezahlen. Du kannst nicht einfach hierherkommen und mir alles kaputtmachen. Wie hast du dir das vorgestellt? Kommst hierher und willst mir alles kaputtmachen. Wei�t du, was mir immer am wichtigsten war? Dass ich meine Ruhe habe. Ich wollte nur in Ruhe meinen Laden f�hren. Bald wird hier eh alles anders. Und jetzt will ich mir meine Rente verdienen, und du kommst hierher und machst mir alles kaputt. �Die Augen des Mannes sind aufgerissen, die Aug�pfel verdreht, so dass nur das Wei�e und ein kleines St�ck der Pupille zu sehen ist, er blickt nach innen in seinen Kopf. Der Mund ist leicht ge�ffnet, als hatte er noch etwas sagen wollen. Er ber�hrt mit den Fingerspitzen das Gesicht, streicht langsam �ber die Bartstoppeln, legt die Hand auf die Haare des Mannes.�Du und ich. Wir haben�s versaut.�</p><p>Er steht auf, wirft die Kippe weg, stolpert gegen die Wand, tritt in seine Kotze, d�nn und gelb, er hat seit dem Nachmittag nichts mehr gegessen, er lehnt an der Wand, setzt sich dann wieder hin.�Tut mir leid, dass ich dich zerschneiden muss, aber ich muss dich ja irgendwie hier wegkriegen. Ich glaub nicht, dass ich dir den Kopf abmachen kann. �Er lacht und sp�rt, wie ihm wieder die Suppe hochkommt. Er atmet tief ein und wieder aus, blickt ins Licht der Neonr�hren an der Decke. Wenn er den Kopf ein wenig dreht, sieht er den Fu�, der mit den Zehen nach unten auf seiner Eisenbahnplatte liegt. Er steht auf, nimmt das Tuch, unter dem er das Geld deponiert hatte, wickelt das Bein darin ein. Es f�hlt sich kalt an. Unter der Plane sieht er wie durch eine Milchglasscheibe die Schienen, die kleinen gr�nen Berge, die H�user und Bahnh�fe. Er nimmt das eingewickelte Bein ganz vorsichtig in beide H�nde, geht zur Stahlt�r, die in die tieferen Keller und Katakomben f�hrt, legt den gro�en eisernen Riegel um, �ffnet die T�r, w�hrend er das Bein unter den Arm klemmt. Er geht nochmal zur�ck und holt seine Maglite-Taschenlampe. Langsam l�uft er durch den dunklen Gang, der vollkommen leer ist, der Strahl der Taschenlampe vor ihm auf dem Boden.</p><p>Als er zur�ckkommt, ohne das Bein, scheint es ihm, der Mann h�tte sich ein St�ck bewegt, w�re einen oder einen halben Meter Richtung Stahlt�r gekrochen, als wollte er seinem Bein folgen. Der Oberk�rper ist von der Plastikplane heruntergerutscht, die jetzt pl�tzlich zerknittert ist wie ein ungemachtes Bett, unter der Plane sieht er das Blut auf dem Steinboden, dunkle Flecken. Er legt den Riegel wieder vor die T�r, schlie�t zus�tzlich noch ab. Er muss den K�rper zum Hintereingang schleppen, dort wird er sein Auto hinfahren. Die blutige Hose des Mannes liegt auf der Eisenbahnplatte, auf der eben noch das Bein lag. Hans greift in die Taschen, findet eine Kette mit einem wei�-schwarzen Stein, ein H�hnergott.</p><p>Er steckt sie ein. Als er sich neben den Mann hockt, um die Taschen der Sportjacke zu durchsuchen, sieht er, dass die wei�e, etwas zu gro�e Unterhose vorne feucht ist. Er versucht, nicht auf den schwarzroten Beinstumpf zu schauen. Die Ratten werden sein Bein fressen. Und der Knochen? Aber wer soll das dort unten finden. Er hatte auch �berlegt, den ganzen Mann dort hinzuschleppen. Aber das w�rde anfangen zu riechen. Der Gestank der Verwesung musste schrecklich sein. Und er war sich nicht sicher, ob nicht hin und wieder, in den Wintermonaten vielleicht, Penner irgendwo in den verzweigten G�ngen und Kellern hausten. Was hatte er sich gedacht, als er das Bein abtrennte, als er den ganzen K�rper zerlegen wollte? Ihn St�ck f�r St�ck entsorgen? Er hatte einmal einen Film gesehen, in dem hatten sie einen K�rper komplett verschwinden lassen, ihn zerlegt und ausgeweidet. Die Ged�rme in die Kanalisation gepresst, alles andere immer weiter zerkleinert, in die Kanalisation gepresst. Vielleicht war es schon ein Fehler, das Bein hierzulassen. Aber es war zu sp�t. Die Spuren waren da. Die Taschen der Sportjacke sind leer. Er erinnert sich, dass der Mann oben im B�ro noch einen Mantel h�ngen hat. Er geht zu der anderen, kleineren T�r, �ffnet sie��, und als er durch die dritte T�r, oberhalb der kleinen metallenen Stiege, tritt, in den Lagerraum�2, in dem er Putzmittel und Schrubber und Besen und Kisten mit Klosteinen und stapelweise Schei�hauspapier aufbewahrt, h�rt er sofort wieder die Musik, glaubt, auch die Stimmen und Schritte zu h�ren, das Lachen der M�dels, das Knistern der Scheine, das Klirren der Gl�ser. Er schlie�t die dritte, unscheinbare T�r hinter sich, muss sich b�cken, so niedrig ist dieser Ein- und Ausgang, manchmal denkt er, dass jeder wei�, dass es dieses <emphasis>da unten</emphasis> gibt, das er neunzehnhundertvierundneunzig entdeckt hat, und dass jeder wei�, was er da unten treibt, aber er bastelt ja nur, pflegt seine Sammlung, sitzt nach Feierabend lange dort, um seine Ruhe zu haben, lauscht in die Stille, trinkt ein Glas Cognac, w�hrend er an seiner Eisenbahn bastelt oder seine Sammlung pflegt und begutachtet. Eisenbahn und Waffen, die Geschichte der Moderne. Er geht ins B�ro, das einen direkten Zugang zum Barraum hat. Er sieht den Mantel, Drykorn, wie er sp�ter feststellt, eine ganz gute Marke, so k�nnte auch ein Schnaps hei�en, fein s�uberlich �ber die Stuhllehne geh�ngt. <emphasis>For beautiful people</emphasis>. Zwei Gl�ser noch auf dem Schreibtisch. Hatte er ihm nicht erst unten den� Springer �angeboten? Er kriegt die Geschehnisse der letzten anderthalb Stunden nur noch schwer zusammen.</p><p>Er nimmt den Mantel, w�hlt in den Taschen, den Seitentaschen, den Innentaschen. Findet das Formular einer Zimmervermietung. Ein Schl�sselbund mit drei gro�en Schl�sseln und zwei kleineren, einer sieht aus, als ob er zu einem Fahrradschloss geh�rt. Findet Taxiquittungen, eine ist von heute. Hat dieses Arschloch nichtmal ein Auto? In einer kleinen Innentasche, die er nicht sofort erf�hlte, als er den Stoff abklopfte, findet er dann ein kleines Portemonnaie. Rosafarbenes Leder. <emphasis>Willst du mich verarschen?</emphasis> Er setzt sich hin, schiebt die beiden leeren Gl�ser auf der Tischplatte hin und her. Ein Ausweis mit dem Foto eines anderen Mannes. Der denselben Namen tr�gt, den ihm sein Bullenkontakt nannte.</p><p>Das Anmeldedatum vor �ber zehn Jahren. Das Foto sicher noch �lter. Hochgegeltes Haar. Der Mann da unten hat nur noch kurze graue Stoppeln. Hans rechnet. Er ist sieben Jahre �lter. Aber, verdammt nochmal, besser in Schuss. <emphasis>Spar dir die Wortspiele, Arschloch</emphasis>.�Was?�</p><p>Er geht zum dicken Klaus und sagt ihm, dass er nochmal kurz wegmuss, aber bis Feierabend wieder da ist.�Wenn was sein sollte, ruf an. �Sieben, acht G�ste sitzen an der Bar. Zwei kennt er, die waren schon oft da. Daf�r, dass die Stadt in manchen N�chten explodiert, l�uft es ganz gut. Ist aber auch eine Messe zurzeit, Sanit�r? Er kann sich nicht erinnern, obwohl er genau wei�, wann welche Messe ist. Mandy mixt. Er muss demn�chst die Bewerbungen durchgehen, er braucht eine feste Barfrau. Sie wechseln sich zwar ab, aber er braucht die M�dels f�r die Zimmer. Die Studentin f�r die Aushilfe hat sich krankgemeldet. Verdammtes Chaos. Er geht kurz an den Tresen, denkt dann aber daran, dass er noch fahren muss.</p><p>�Alles in Ordnung, Mandy?�</p><p>�Alles gut, Hans. �Er braucht eine feste Barfrau, verdammt nochmal, so schnell wie m�glich. Mandy m�sste sich zu den G�sten setzen. Am besten eine Marke Milf, zuverl�ssig, erfahren. Ohne <emphasis>aufs Zimmer.</emphasis> Die f�nf M�dels haben alle H�nde voll zu tun. Ordern Prosecco oder Rotk�ppchen. Sitzen zwischen den G�sten, beugen sich links, beugen sich rechts. Die kleinen Proseccob�chsen kann er nicht leiden, ist aber der Trend.�Gib mir mal �n kleinen Johnnie Black.�</p><p>�Gerne doch, Hans. �Er hat das Gef�hl, er ist in diesem bescheuerten Computerspiel, das er manchmal auf seinem Laptop im B�ro spielt.�Der Rotlicht-Manager�. Ein Billigding, das ihm vor ein oder zwei Jahren AK zu Weihnachten geschenkt hat. Mit �ner Flasche Johnnie Black. Immerhin. Es gelingt ihm fast nie, das Chaos dort zu verwalten. Entweder er organisiert die falschen M�dels, die zu alt oder zu billig sind, oder er vergisst die Reinigungsfrauen, oder er spart an der T�r, was das Personal betrifft, obwohl er es doch in der Wirklichkeit kann, seit so vielen Jahren schon. Dann wieder gibt er alles Geld aus f�r die beste und exklusivste Einrichtung der Zimmer. Wenn dann dort gebumst wird, sieht man nur ein gro�es rotes pulsierendes Herz, das �rgert ihn. Vor zehn Jahren, kann auch schon l�nger her sein, hatte er, er erinnert sich ganz genau an dieses dumme morgendliche Geschwatze in der Dreiundzwanzig-Stunden-Kneipe, die es inzwischen bestimmt nicht mehr gibt, er ist sich aber nicht sicher, ist seit Jahren nicht mehr dort gewesen, da hatte er n�mlich die Idee f�r dieses Spiel gehabt, f�r ein Spiel, in dem man einen Puff, eine Bar, einen Nachtclub betreiben muss. Aber die anderen hatten nur gelacht. Aber es tr�stet ihn, dass der Erfinder dieser Billigvariante damit sicher keinen gro�en Reibach macht. Und er verschwendet die Gelder, diese virtuellen Gelder, f�r die Einrichtung der Zimmer, kauft die besten Getr�nke f�r den Barbetrieb, engagiert eine professionelle Barfrau, spart dann zu viel bei der Reinigungsbrigade, ja, verdammt nochmal, zwei alte Weiber, die putzen, m�ssen doch reichen, vergisst dann, rechtzeitig bei den anderen M�dels, die bei ihm arbeiten wollen, anzurufen, weil er nicht rechtzeitig merkt, dass da welche krankmachen oder pl�tzlich keine Lust mehr haben, weil er, als der Manager mit der Maus, die G�ste nicht gut verteilt beziehungsweise die Reizpunkte und Stripshows nicht gut genug koordiniert, ist ja auch ein viel gr��erer Laden als seiner, dann hat er pl�tzlich Probleme mit der Steuer, obwohl er immer im Men� das Anwaltstelefonat anklickt, sein Club auf dem Laptop versinkt jedes Mal oder oft im kompletten Chaos und geht dann Pleite. <emphasis>Leckt mich doch</emphasis>.</p><p>Die Stimmen, die Frauen, die G�ste. Die kleine Russin ist wie immer oben auf dem Zimmer. Die hat es echt drauf, kann den G�sten jeden Drink aus dem Herzen oder sonstwoher zaubern. Und jeden mit nach oben nehmen, ob der will oder nicht. Der Laden l�uft gut. Er schiebt das leere Glas Richtung Mandy�2, die ihn seit einigen Minuten anschaut, eine Zigarette raucht,�Bis sp�ter�,�Bis sp�ter, Hans.�</p><empty-line/><p>Vor der Kreuzung biegt er ab. Die kleine Seitenstra�e ist leer, und er parkt direkt an der Ecke. Dreht den Schl�ssel, legt den Kopf aufs Lenkrad, lehnt sich dann zur�ck. Er hat zwei Bettlaken aus dem Lagerraum�1 geholt, aber �rgert sich jetzt, denn wozu soll das gut sein. Noch mehr Stoff, den er entsorgen muss. Er wird den Boden seiner kleinen Kathedrale mit Waschbenzin schrubben m�ssen, mal sehen, was er f�r seine Reinigungsbrigade im Lagerraum�2 hat. Als er pissen war, hat er gesehen, dass das Papier knapp war. Er m�sste anrufen, dass da nicht das Papier pl�tzlich alle ist. Er macht sich �ber all diesen Unsinn Gedanken, obwohl der Mann in seinem Kofferraum liegt. <emphasis>Ist kein Unsinn. Halt doch die Fresse, verdammt nochmal.</emphasis> Er h�rt das Grummeln von Flugzeugen, weit �ber den dunklen H�usern. Die Post hat eigene Flugsteige auf dem gro�en Flughafen drau�en vor der Stadt, auf denen starten und landen auch nachts die Maschinen.</p><p>Er ist nicht eingeschlafen, er starrt nur in die Nacht und auf die Mauern. Der Morgen neigt sich langsam �ber die H�user. Noch kein heller Streifen, noch kein Dunkelblau, in das das Schwarz der Nacht langsam �bergeht an den R�ndern, aber er sp�rt, dass er nicht mehr viel Zeit hat in der Dunkelheit. Er f�hrt das Fenster herunter, die k�hle Luft ber�hrt sein Gesicht, er wirft die Kippe auf den Fu�weg und dreht den Schl�ssel um. Er schlie�t das Fenster nicht, w�hrend er f�hrt.</p><empty-line/><p>Durch die ge�ffneten Jalousien sieht er das erste Rosa hinter den H�usern, hinterm Zentralbahnhof, dem gro�en grauen Sarkophag. Vielleicht t�uscht er sich auch, eine Leuchtreklame spiegelt sich in der Scheibe, das Licht zerschnitten von den Lamellen der Jalousie. Er sitzt vor dem toten M�dchen. Er denkt daran, wie er den Revolver vor wenigen Stunden an seine Stirn gepresst hat. Vier Uhr. Vier Uhr paarunddrei�ig. Er h�rt die Z�ge �ber die Gleise Richtung Zentralbahnhof rumpeln oder von ihm weg. Er nimmt den K�rper, hebt ihn hoch und sp�rte ihre kleinen Br�ste an seiner Brust. Sie tr�gt nur ein T-Shirt. Sein Hemd wird nass, das muss ihr Speichel sein. Er hat sich Lederhandschuhe �bergezogen. Ein kleines leichtes M�dchen. Er hat sie schon halb �ber seine Schulter gelegt. Er stolpert zur�ck. Das M�dchen wieder auf dem Boden. Er legt seine Hand auf ihr Gesicht. Hockt sich vor sie. Das ist noch warm, oder ist das seine Hand? Der Handschuh seiner rechten Hand liegt zwischen ihren Beinen auf dem Boden. Er ist so m�de, dass er an ihrem toten K�rper einschlafen k�nnte. <emphasis>Oh, mein Dornr�schen.</emphasis></p><p>Er durchsucht die Kaschemme. Hat sich den Handschuh wieder angezogen. Die beiden kleinen Zimmer. Das Bad. Ob sie f�r das Arschloch angeschafft hat? Er findet ein T�tchen mit Kristall. Ein anderes mit H. Er schmei�t beides ins Klo und sp�lt. Er hebt sie hoch. Wie leicht sie ist. <emphasis>M�de bin ich, geh zur Ruh</emphasis>.</p><p>Er legt ihren Arm um seine Schulter, schiebt seinen Arm unter ihre Achsel, schleppt sie zur T�r.</p><p>Den Schl�ssel nimmt er mit. Steckt ihn in die Manteltasche, wo er auch das Handy des Typen hat. War ausgeschaltet. Er findet kein anderes Telefon in der Wohnung. Er wei�, wer die Bude vermietet. Der wird alles leer r�umen. Nur ein paar Klamotten in dem Schrank. Ein Bett, ein Tisch, zwei St�hle. Ein Campingkocher in der K�che. Mit Gasflasche. Paar leere Tetrapacks, Milch, Wein, Saft, ein angeschnittener Laib Brot. Butter, die schon gelb geworden ist. Vielleicht sollte er die Kleine hierlassen. In das Bett legen. Zudecken. Ihre Augen �ffnen sich pl�tzlich, er legt seine H�nde mit den Lederhandschuhen um ihren Hals, dann nimmt er ein Kissen, dr�ckt es auf ihr Gesicht, lehnt sich auf das Kissen, aber er sp�rt keine Bewegung. Eine Reisetasche mit schmutziger W�sche neben dem Bett.</p><empty-line/><p>Er f�hrt. Weite, schneebedeckte Felder links und rechts. Er sch�ttelt den Kopf. Da bin ich wohl kurz weggenickt. Die Stra�en sind leer. Die Lichter des Flughafens. Er biegt ab. Er sp�rt die Stadt hinter sich. Der Himmel wird heller. Ein Dunkelblau am Horizont. Er schaut in den R�ckspiegel, hat das Gef�hl, er w�rde r�ckw�rts fahren, schaltet runter in den dritten Gang und wei� nicht, warum, er sieht die Explosionen des Bren in seinem R�ckspiegel, er schaltet wieder in den vierten, ein dunkelrotes Gl�hen vor ihm, ein dunkelrotes Gl�hen hinter ihm, er macht das Radio an, er redet seit einigen Minuten und wei� nicht, was er redet,�Oh ja, oh ja, nun geht das alles seinen Gang, Br�der, zur Sonne, zur Freiheit�, er sch�ttelt sich, raucht, Werbung, er dreht den Sender weg, Musik, Stimmen, Info-Radio, rund um die Uhr, <emphasis>auf zweiundneunzig Komma ba-da-da-damm kauft��</emphasis>, bald kommt der Winter, was soll er machen, er muss nach Berlin, er muss hier weg, langfristig gesehen, Br�der zum Lichte empor, die schei� Alimente fressen ihn auf, kaum jemand wei�, dass ich �ne Tochter habe, man hat so seine Tr�ume, nicht wahr? Wir sind die Moorsoldaten und ziehen mit den Spaten, ins Moor, ins Moor.</p><p>Da fl�stern sie hinter ihm im Kofferraum. An der Baustelle hat er nochmal kurz angehalten. Wir brauchen Ballast. W�scheleine hat er in der Wohnung gefunden. Ich habe einen Plan! <emphasis>M�chtig gewaltig, Egon</emphasis>. Jetzt kommt mir blo� nicht mit der ollen Olsenbande. Kennt doch kein Schwein mehr heute. Habe ich als Kind immer gesehen. So alt biste doch nicht. So jung biste doch gar nicht. Du siehst m�de aus, M�dchen. Wir waschen dir die Haare zum letzten Mal, wir legen deinen kleinen Kopf ganz vorsichtig in die Dusche rein. So weich. Wohin f�hrt die Spur? Die Spur f�hrt zur�ck. Nein, Unsinn. Wir fahren, wohin wir fahren. Du siehst m�de aus, Arschloch. Und sie fl�stern im Kofferraum, und er redet und redet. Man muss funktionieren. Weitermachen. Ist ja wohl klar. Die Renten sind sicher. <emphasis>M�de bin ich, geh zur Ruh, schlie�e meine Augen zu. Du, mein Vater, hab gut Acht, auch auf mich in dieser Nacht.</emphasis></p><p>Und dann ist da pl�tzlich eine Stille und eine K�hle, in ihm, hinter ihm, vor ihm, er �ffnet das Seitenfenster, atmet die k�hle Morgenluft, sein Atem dampft, er blickt in die D�mmerung hinterm Wald, und er wei� pl�tzlich, dass alles gut werden wird.</p></section><section><title><p><strong>Sag beim Abschied leise Servus</strong></p></title><section><title><p><strong>I</strong></p></title><p>Ich habe kein Auto. Jeden Morgen fahre ich mit der Stra�enbahn und steige einmal um. Ich habe schon oft �berlegt, ob ich den F�hrerschein mache. Aber ich bin jetzt dreiundf�nfzig und wei� ehrlich nicht, ob ich das hinkriege. Ich k�nnt mir�s zwar schon irgendwie vorstellen, dass ich das noch lerne, aber mein Mann hatte fr�her auch keinen F�hrerschein, das war ja nicht ungew�hnlich in der DDR, dass man nicht Auto fuhr. Auch dass man ewig und Jahre warten musste, bis das Auto dann da war. Mein Mann, also mein Ex-Mann, der hat den F�hrerschein Mitte der Neunziger gemacht, da waren wir noch verheiratet. Manchmal denke ich, dass er dann so viel mit dem Auto unterwegs war, und das war ja wegen seinem neuen Job, auch au�erhalb und weit weg, dass da alles kaputtging oder anfing kaputtzugehen, aber das hatte auch andere Gr�nde, so viel anderes spielte da rein, wie das immer oder meistens so ist, und wir warn ja auch fast f�nfundzwanzig Jahre verheiratet, kennengelernt, zusammengekommen, geheiratet, Kinder gekriegt, wie das eben damals so war.</p><p>Das sind so Sachen, �ber die denk ich nach, wenn ich am Morgen in die Stra�enbahn steige und auf Arbeit fahre. Die Kolleginnen, die ich kenne, haben alle ein Auto, und die k�nnen sich das gar nicht vorstellen, dass ich fast eine Stunde oder f�nfundvierzig Minuten, je nachdem, unterwegs bin und durch die halbe Stadt fahre. Aber auf jeden Fall ist das viel preiswerter, das m�ssen sie auch zugeben, vor allem jetzt, wo der Sprit immer teurer wird. Und ich versuche eben zu sparen. Ab und an fahre ich mal mit dem Zug zu meiner Schwester, die wohnt kurz vor Mei�en, und da gibt�s ein Dorf, kurz hinter Leisnig, da stehen lauter kleine H�uschen, und manche scheinen leer zu sein, also direkt am Waldrand, und ich stelle mir immer vor, dass ich mir dort mal was kaufe, weil so teuer ist das nicht, da habe ich mich n�mlich schon erkundigt, ich meine, so als Sommerhaus oder Altersresidenz, das klingt zwar bl�d, weil ich mich noch gar nicht so f�hle, aber an sowas muss man ja auch immer mal denken, in meinem Alter, obwohl ich auch denke, dass ich noch etliche gute Jahre vor mir hab, vier, f�nf auf jeden Fall, na ja, mir ist klar, dass ich dann wohl doch ein Auto brauche, also den F�hrerschein, um da richtig und bequem hin- und auch wieder wegzukommen.</p><p>Wir hatten mal einen Garten, schon mehr so Richtung Wochenendgrundst�ck war das, gleich vor der Stadt und ganz in der N�he, wo wir damals gewohnt haben, Steinlaube und fast vierhundert Quadratmeter Grundst�ck und sch�n mit Hecken drum rum, dass man seine Ruhe hat, das w�r mir n�mlich am wichtigsten, aber den haben wir dann, gleich nach der Scheidung, verkauft. Das �rgert mich jetzt manchmal, weil�s da doch sehr sch�n war, aber der Junge hatte auch kein Interesse, wollte damals schon ins Ausland, Kopenhagen, da arbeitet er jetzt, und da war uns das Geld doch erstmal wichtiger.</p><p>Dass ich ihn mal wieder besuchen muss in D�nemark, daran denke ich auch oft, wenn ich am Morgen in der Stra�enbahn sitze und auf Arbeit fahre. Weil ich doch die M�dchen, die Enkel, mal wieder sehen will. Meinen Jungen nat�rlich auch. Aber das ist nicht immer so einfach, weil mit dem Henry, was mein Freund ist, und wir wollen vielleicht auch heiraten, weil wir doch schon seit sechs Jahren zusammen sind, weil da die Chemie nicht so richtig stimmt mit meinen Enkeln.�Fahr ruhig alleine�, sagt er immer, und er hat auch ein Kind mit seiner Ex, und deshalb geht das f�r uns beide eigentlich ganz gut, dass da jeder noch sein Eigenes hat, seinen eigenen Kram mit der Familie, und auch mein Junge ist da jetzt lockerer, aber der richtige Opa ist eben der richtige Opa f�r die beiden. Meine Enkelinnen. Die sind jetzt neun. Der Henry ist noch kein Opa, er ist auch acht Jahre j�nger als ich, und sein Sohn��, manchmal denke ich, der ist schwul, traut sich aber nicht, es zu sagen, weil das ist so ein ganz zarter, ich kann ihn gut leiden, und er mich auch, denke ich. Dass das alles so Patchwork ist, wie man heute sagt, finde ich eigentlich ganz in Ordnung. Der Henry hat auch noch eine Tochter, aber da ist der Kontakt fast weg. Finde ich schade, aber kann es auch irgendwie verstehen, weil das vor seiner ersten und bis jetzt ja auch einzigen Ehe passiert ist, und die Frau wohnt in Berlin, und irgendwie ist das damals wohl so passiert, wie das eben manchmal so geht, und die hat jetzt wohl eine starke Bindung zu ihrem neuen Vater.</p><p>Erz�hlen tue ich sowas ja eigentlich nicht und niemandem, privat ist privat, obwohl ich mit den meisten Kolleginnen ganz gut kann, aber die sind auch alle etliches j�nger als ich, so junge H�hner, und manchmal gackern die einem wirklich in die Ohren, manche erz�hlen dir wirklich alles plus Phantasie, wenn du nicht aufpasst, dass ich denke: Ohhh nee, es reicht jetzt, mit denen kann ich sowieso nicht �ber Familienprobleme, Patchwork, Alter undsoweiter reden, die sind eben noch zu gr�n, und ich will das eben auch nicht. Weil privat ist privat. Nur die Birgit ist ungef�hr mein Alter. Also um die f�nfzig. Aber ausm Westen. Und sie ist sehr f�r sich, sehr still und zieht sich zur�ck. Bisschen verh�rtet, w�rde ich denken, aber wer ist das bei unserem Job nicht? �ne ganze Menge, denke ich mir manchmal, wenn ich mit allem so im Ganzen und Gro�en zufrieden bin. Da stell ich mir manchmal vor, wir beide, also ich und die Birgit, w�rden herzlich lachen, wenn ich ihr mein Familienlabyrinth zeigen w�rde, bei �nem Kaffee zum Beispiel, und wenn ich da so durcheinanderkomme mit den Kindern und den Enkeln und dem Henry seinen Kindern. Weil�s ja auch wirklich irgendwie lustig ist. Und weil das auch alles schlimmer und verstritten sein k�nnte, nein, da bin ich eigentlich froh, dass das alles halbwegs funktioniert.�Und du meinst wirklich, der ist schwul, ist ja s��, dass du dich da so k�mmerst. �Sagt sie. Wenn ich mir das vorstelle. Obwohl wir in Wirklichkeit nie reden. Und mit den anderen Freundinnen, die ich so habe, spare ich das andere aus. Spare ich viel aus. Ist bl�d manchmal. Weil die das doch nicht ganz verstehen.</p><p>Aber wenn ich was kann, dann mich so reinf�hlen, sozusagen, in die Leute. Denn ich hab ja immer mit Menschen gearbeitet, fr�her als Fris�se. Da macht die Birgit auch immer ihre Sp��e, wenn ich mir das so vorstelle, wie wir beide beim Kaffee und �nem Riesling danach zusammensitzen, und dann muss ich lachen, manchmal mitten bei der Arbeit, ich obenauf, das m�gen sie, wenn die reife Lady reitet.�F�nfzig Prozent der Huren waren Fris�sen.�</p><p>Nee, ist nat�rlich Quatsch,�F�nfzig Prozent der Fris�sen werden Huren�, sagt sie dann, aber das ist, wie gesagt, nur ein dummer Witz. Eigentlich habe ich ja gelernt in so �nem Galvanisierungsbetrieb beziehungsweise bei der Galvanotechnik, da haben wir verzinnt und Metalle veredelt, aber weil ich so leichte Asthmaprobleme hatte, was ich vorher noch gar nicht wusste, bin ich da dann wieder weg. Das war alles noch in der DDR. Da wei� die Birgit nichts von beziehungsweise denke ich mir das so, die kommt n�mlich aus dem Westen. Und ich wei� auch gar nicht, ob die so interessiert w�re an meinem Kram. Da ist sie fast schon �n Exot, dass sie ausm Westen kommt, also bei uns. Kenn ich keine Kollegin weiter, die aus dem Westen kommt. Na ja, allzu viele Kolleginnen kenn ich eh nicht, aber schon ein paar.</p><p>Nach der Wende, also fast bis Ende der Neunziger, so von vierundneunzig an, da war ich auch bei der Altenpflege. Friseurinnen gab�s pl�tzlich wie sonst nichts, und ich wollte auch was Neues machen. Ja, so kann man�s sagen. Das hat mir schon Spa� gemacht, das war schon eine gute Arbeit. Und da habe ich viel gelernt, auch f�r sp�ter, also f�r jetzt.</p><p>Zu windeln und so etwas, die wunden Stellen, das Wenden der K�rper, das Zuh�ren. Ger�che, Haut, die sich sch�lt. Tropfen. Reden. Trockenes Fleisch. Wundes Fleisch. Nachsichtig sein. Auch mal streng sein. Hornige N�gel. Sterben und Zuh�ren. Manchmal rede ich mit dem Henry dar�ber. Wir kannten uns damals noch nicht. Er h�rt gern zu, wenn ich erz�hle. Manchmal. Weil er doch so viel Eigenes hat, was er erz�hlen muss, wenn wir uns am Abend, nach dem langen, langen Tag, sehen. Und weil ich ihn dann frage:�Wie war dein Tag, Alterchen?�So nenne ich ihn meistens, eine Zeitlang habe ich ihn� Boy �genannt, das war vor allem in der Zeit, als ich Englisch gelernt habe, also mein Englisch aufgefrischt habe mit so �nem Kurs an der Abendschule. Direkt von der Arbeit bin ich dahin. Das ist nun schon doch �ne Weile her, war n�mlich vor dem Gesetz. Weil ich da nat�rlich mehr Geld hatte. Abendschule, Sprachkurs, Sprachreise. Weil da mehr schwarz ging, aber da sollte ich einfach mal die Klappe halten. Und jetzt, das hat nicht nur mit dem Gesetz zu tun, dass es nicht mehr so l�uft. Also schon noch gut genug l�uft, weil sonst w�rde ich mir sicher �berlegen, was ich nun machen soll, wenn das gar nicht mehr l�uft, aber zum Gl�ck l�uft es noch. Auch mit dem Henry. Denn es ist nicht so, dass wir wenig Sex haben. Nein, im Gegenteil. Der Henry war immer ein Puffg�nger, ist immer schon ein Puffg�nger gewesen. Weil sonst h�tten wir uns gar nicht kennengelernt. Und das haben wir nicht im Puff, nat�rlich nicht. Da lege ich jetzt so gro�en Wert drauf, denn das hat�s auch schon gegeben. Aber soweit ich das beurteilen kann, ist das eher die Ausnahme. War aber �ne �40-Party damals, wo ich ihn kennengelernt habe. Und was ich f�r einen Bammel hatte, ihm reinen Wein einzuschenken, wie man so sagt. Und dann ist er so ein alter Bock, jetzt h�tte ich fast Hurenbock gesagt, der fr�her immer hin zu den Frauen, in die Puffs und in die Wohnungen.</p><p>Ich vermisse diese alten Stra�enbahnen. Diese hellgelben kantigen Waggons. Nach der Wende fuhren noch ein paar von diesen Oldtimern, einige Jahre noch, soweit ich mich erinnere. Vorne hatten die nur einen runden Scheinwerfer, das sah geheimnisvoll aus in den N�chten, vor allem im Winter. Als ich ein Kind war. Und das Rumpeln und Quietschen in den Kurven. Und manchmal blitzte und knisterte der Strom zwischen Oberleitung und dem B�gel, bl�ulich. Auf die Locher, also die Entwerter f�r die Fahrscheine, musste man draufhauen, richtig doll draufhauen. Wie das immer knallte. Und immer verschieden das Muster der kleinen L�cher in der Pappe. Das war doch Pappe? damals. Wie die Zugfahrkarten f�r den Bummelzug auf dem Land. Wenn wir �ber die D�rfer fuhren. Wie grau die Gesichter am Morgen sind. Der vor mir breitet die Zeitung aus wie ein Segel. Da lese ich anfangs ein bisschen mit. Sie schreiben was �ber die Engel. Und �ber den Mann, der aus Versehen erschossen wurde. Ich glaube, dass ich den kannte. Bin aber nicht sicher. Dass der mal bei mir gewesen ist. Was die Leute wohl so denken, wenn sie w�ssten�� Dabei ist das alles ganz solide. Seit dem Gesetz f�hrt der Alte, also mein Chef, jeden Tag f�nfundzwanzig Euro Pauschale ans Amt ab, also an die Steuer. Ich rechne manchmal, wie viel Rente ich mal kriege. Der Morgen spielt in meinem Kopf und sp�lt alles durcheinander. Ich bin m�de heute. Das ist selten, weil ich doch immer schon ein Fr�haufsteher war. Der fr�he Vogel���stirbt im Sturm�, sagte einmal eine��, kann das sein, dass das jetzt losgeht mit dem Vergessen, weil ich mir doch fr�her die Namen immer merken konnte. Die war aber auch nur kurze Zeit bei mir in der Wohnung. Die hat studiert. Hat sie jedenfalls gesagt. Und das stand auch tats�chlich so in der Annonce. Weil der Chef sagte, dass auf sowas die Leute stehen, dass da die G�ste scharf drauf sind, wenn sie vorher lesen:�Studentin, jung�, und weil er wohl dachte, dass das die richtige Kombination w�re. So � la Mutter und Tochter. Jetzt sind wir manchmal �ne richtige Rentner-WG. Wenn die Birgit auch da ist. Und tats�chlich hat das M�del immer mal B�cher mitgehabt und gelernt, also drin gelesen und Notizen gemacht undsoweiter, und manchmal auch mit Laptop. Jura war das wohl. Wenn wir manchmal ins Plaudern kamen, wenn grad nicht so viel los war, ich kann mich noch genau an die Januar-Flaute vor zwei Jahren erinnern, dann erz�hlte sie, dass sie Anw�ltin werden will. Ich meine, das ist doch verr�ckt. Da denkt man doch, dass die aus reichen Verh�ltnissen kommen. Aber die kam vom Dorf, und wenn das sp�ter mal irgendwie rauskommt, kann sie doch ihren Laden zumachen, da kann sie doch einpacken, wenn ein Gast sie wiedererkennt. Stell dir mal vor, du bist vor Gericht, und dann sitzt da der Staatsanwalt oder der Richter, der so eine richtige Drecksau war, und wie du den scharf gemacht hast, damit er sch�n wiederkommt und l�hnt, das ist sicher f�r beide peinlich, aber sie wollte wohl eh r�ber in den Westen dann, in eine gro�e Stadt, vielleicht auch Berlin, aber in M�nchen oder Hamburg, da kann man ja von vorne anfangen, das ist weit weg. Die trank immer Milchkaffee. Latte macchiato. Was wohl dasselbe ist. Brachte sich immer, wenn sie kam, nachmittags meistens, und auch nicht jeden Tag, nur in den Semesterferien zog sie durch, das hat sie alles mit dem Alten so vereinbart, die kam also immer mit einem gro�en Pappbecher, der Schaum war schon lecker, das muss ich zugeben, aber ich mag eher das Modell Filterkaffee. Trink ich viel zu viel, und neuerdings krieg ich Sodbrennen und nehme deshalb so ein Magengel. Rezeptfrei. Ich bin ja privat versichert und versuche, wenig auf Rezept und mit Arzt zu machen, weil dann die Beitr�ge steigen, aber ich krieg jedes Jahr was zur�ck bis jetzt, da klopfe ich dreimal an die Scheibe. Weil krank werden m�chte ich nicht, aber wer m�chte das schon, aber bei uns ist das immer bl�d, weil dir ja keiner das Gehalt weiterzahlt. Da sitzt man dann zu Hause und verdient nichts. Oder liegt im Spital, wenn�s ganz bl�d kommt. F�r die Kasse bin ich selbst�ndige Masseuse und Osteopathin. Und im Prinzip stimmt das ja fast und ist nicht so weit weg von meiner Arbeit, von der gro�en Kleeche. Das Wort kennt kaum noch einer von den jungen M�dels, und die Birgit sowieso nicht. Kleeche. S�chsisch ist das. Hart arbeiten meint das. Kurz lehnt meine Stirn an der Scheibe, aber die ist schmutzig, und das ist nicht gut f�r die Haut. Da muss ich eh aufpassen, ich mache viel f�r meine Haut, gebe da auch gerne viel Geld aus f�r��, ich w�re sicher eine gute Verk�uferin in der Kosmetikbranche.</p><p>Als ich dem Henry letztens erz�hlt habe, dass ich jetzt auch so leicht dominante Sachen anbieten will, also dass ich mich auch ein bisschen weiter��, ich meine als Domina, das geht nicht so mir nichts, dir nichts, aber die Vorstellung, dass das was w�re f�r mich, also beruflich, die hatte ich schon eine Weile. Ich hab mich auch schon mit der Feliz getroffen, die hie� fr�her Beatriz, und die hat mir erstmal so einen Crashkurs gegeben, ich meine so ganz und gar und Lady�L. wird das bei mir sicher nicht werden.�Leichte Dominanz �sollte da erstmal in meiner Annonce stehen, werde ich dem Alten bald mal sagen, und dann gucke ich mal, wie das so l�uft.�Domina statt Hartz IV �habe ich letztens in �ner Zeitung gelesen. Da sa� ich auch grad in der Bahn. Die hat tats�chlich wie ich sich als freie Gewerbetreibende angemeldet. Massage. Scheint ein Trend zu sein. Wo wir grad am Amt vorbeifahren. Fr�her waren da die Russen drinnen. Riesige Kasernen. Wenn da die Panzer rauskamen, standen wir auf den Bordsteinen und guckten. Das war schon was. Fuhren die zu �bungen oder Man�vern oder sowas. Und ich wei� auch noch, wie es da vorne im alten Stra�enbahnhof gebrannt hat. Das muss Anfang der Siebziger gewesen sein. Die ganze Nacht hat es da gebrannt. Und wir haben an den Fenstern gestanden und den Lichtschein des Feuers beobachtet. Das konntest du unglaublich weit sehen. Ich schrecke hoch, und da bin ich schon fast an der M�rchenwiese. Nee, doch nicht, doch noch nicht. Der gro�e Quader vom Hotel, das gro�e grauwei�e Ding taucht da neben uns auf. Da bin ich wohl tats�chlich kurz vorm Finanzamt weggeduselt. Dr�ben im Hotel, in der Bar, die war exklusiv, und da durfteste nur mit Westgeld bezahlen, wenn ich mich richtig erinnere, im Hotel hat damals meine Freundin Mia, die ich komischerweise ganz oft Pia genannt hab, die hat da gearbeitet, wenn Messe war. Hat sie gutes Westgeld f�r gekriegt, oder Dollars manchmal, ich wei� noch, wie sie mir das erz�hlt hat. Bei �n paar Gl�sern Sekt, die hatte immer richtig gute Marken, Mumm und S�hnlein und sowas, wo ich immer dachte, Mensch, die musses ja dicke haben, und da f�ngt die an zu erz�hlen, als wir schon zwei Flaschen weggepichelt hatten, und erst h�tt�s mich fast umgehauen, von wegen die biedere PiaMia, denn so wirkte die manchmal, aber faustdick, wie man sich das manchmal auch so denkt. Das hatte ich immer schonmal geh�rt, dass da die M�dels hin sind, wenn Messe war. Wem das so lag eben. Ich meine, das ist ja auch spannend, und kann man auch nicht vergleichen, wie wir heute arbeiten. Zweimal im Jahr, zwei, drei Abende mal ackern gehen, und richtig ackern war das n�mlich nicht, was die Mia mir jedenfalls so erz�hlt hat. W�re f�r mich aber damals �berhaupt nicht in Frage gekommen. Na klar denkt man dr�ber nach undsoweiter, aber in den Achtzigern war das, und ich mit meinem ersten Mann noch gl�cklich und gl�cklich, aber damit hatte das nicht immer was zu tun. Die Pia n�mlich auch. Soweit ich das in Erinnerung habe. Verheiratet, Kind in der Schule. Einer von beiden war ihr richtiger Name, und den anderen habe ich ihr so aus Jux gegeben, wei� gar nicht, wie das so kam. Gab�s da nicht �ne Schauspielerin, Pia Cramling? Mia Farrow? Die wollt�s wissen. Ich habe mich dann sp�ter immer gefragt, was denn ihr Mann so gewusst haben wird. Ich meine, die ganze Kohle, das ganze sch�ne Westgeld, das kann sie ja nun nicht alles verstecken oder f�r sich verramschen. Da gab�s bestimmt auch welche, die haben gehofft, dass sie da den reichen Westprinzen finden, der sie r�berholt. Oder zur n�chsten Messe wiederkommt. Und dann wickelt sie ihn so um den Finger. Hin und wieder passiert�s ja, dass man einen richtig gut findet. Hin und wieder. Wie das da gebrannt hat, das werd ich jetzt irgendwie nicht mehr los. Der Gestank noch tagelang. War ja viel Gummi und Kunststoff und �l. Komisch, dass ich heute drauf komme, dass mir das heute wieder einf�llt, dabei fahre ich nun schon seit Jahren an dem alten Stra�enbahnhof vorbei. Den sie relativ schnell dann wieder aufgebaut haben.</p><p>Ich darf nicht wieder wegnicken, sonst fahr ich noch bis raus zur Wendeschleife� B�rgerruhe�. Ob�s da die Gastst�tte� B�rgerruhe �noch gibt? War ich mit meinem Ersten manchmal essen. Sind wir auch meist mit der Bimmel hin. Vorbei an der Allee der sch�nen Augen, wo die Wohnwagen standen. Nee, das w�re nun gar nix f�r mich gewesen. In so �nem gammeligen Wagen. Jemand sagt, dass der Alte da angefangen hat. Aber das kann ich mir nicht vorstellen, und die Leute erz�hlen viel. Ist schon halb acht jetzt. Fast. Um neun fang ich an. Aber ich bin gerne eine Stunde eher da. Trinke Kaffee. Koche erstmal eine Kanne. Fenster auf. Durchl�ften. Die Ger�che des letzten Tages, der letzten Nacht. Manchmal treffe ich jemanden auf der Treppe. Ich denke, dass die schon wissen, was da bei uns abgeht. Einige zumindest. Die sagen alle ganz freundlich guten Tag, aber das ist doch eigentlich auch ganz normal. Hab da schon andere Sachen geh�rt aber. Bin von Anfang an in dem Haus und wei� nicht, wie es woanders so l�uft. Der Chef wei� schon, wo er welche Wohnung machen kann. Dr�ben im Westteil der Stadt geh�ren ihm ganze H�user. Hab ich jedenfalls geh�rt. Am Museum fahren wir vorbei. Sind wir oft mit der Schule gewesen, mit der Klasse, in dem Museum. V�lkerkunde. Da haben wir vor den Vitrinen mit den Artefakten gestanden, T�pfe, Scherben, Amulette. Da haben wir einmal in einer Jurte gesessen, so eine Art Zelt war das von den Mongolen. Als wir am Zoo vorbeigefahren sind vorhin, habe ich gedacht, dass ich da gerne mit der Birgit mal auf einen Kaffee gehen w�rde, aber das w�re zu intim, denn da geht man ja mit seinen Kindern hin oder der Familie. Vielleicht ins altehrw�rdige Teehaus im Wildpark. Wenn es das noch gibt. Muss ich meinen Henry mal fragen, ob�s das noch gibt, mein gutes Alterchen. Fehlt blo� noch, dass ich ihn� Vati �nenne. Ist mir ein Gr�uel. So hat meine Mutti n�mlich meinen Vati immer genannt.�Vati, kommst du mal!�Mensch, ich dusele gleich wieder weg�� Aber manchmal liegen so Sachen in der Luft, gibt es so��, will jetzt nicht sagen� Schwingungen�, das f�hlt sich so an, als wenn man schonmal an dem Punkt im��, wie soll ich sagen��, also so D�j�-vu-m��ig. Also, ich glaube, ich steig zwei eher aus und laufe ein St�ck. Wollte eh noch Kaugummis kaufen. Luft.</p></section><section><title><p><strong>II</strong></p></title><p>Zwei K�nnchen Kaffee. Zwei St�ck Apfelkuchen. Eine Weile haben sie schweigend die Karte studiert.</p><p>Sie h�tte nie gedacht, dass sie mit der mal auf einen Kaffee. Da war sie immer konsequent. Da warst du immer konsequent. Privat ist privat, und Arbeit bleibt auf Arbeit. Eine richtige Ostpocke. Denkst du und lachst.</p><p>Aber nett. Da lacht sie sogar mit, obwohl sie nicht wei�, warum du lachst. So wie das Caf� hier auch sehr nett ist. Sehr fein. Alte M�bel. Stuckdecken. Kleine runde Tische. Hell get�felte W�nde. Wie ein Kaffeehaus. Wien.</p><p>Zwei Gl�schen Lik�r. Sie prosten sich zu. Ohne anzusto�en. Zum Wohl, Susanne. Zum Wohl, Birgit. Es ist sch�n, dass wir so sitzen und gar nicht viel sagen m�ssen. Ein Gl�schen Kaffee, ein T�sschen Lik�r. Birne. Ist eher ein Brand. Christbirne? Schon bald wieder Weihnachten? Ja, das trinkt man oft, dort, wo ich herkomme. Pfalz. Nein, nicht Bayern. In Bayern reden sie anders. Du denkst, dass du bald weggehen wirst aus der Stadt. Noch ein kleines K�nnchen? Ja, gerne. Kuchen? Ein St�ck noch. Aber diesmal K�sekuchen.</p><p>Gut, der Kaffee.</p><p>Latte macchiato? Nein, lass mal. Zur Wende war ich in Saarbr�cken. Saarland, ja. Lafontaine, ja. Hat die den Lafontaine gew�hlt. Nein, wirklich? Bl�hende Landschaften, das war ja nun wirklich des Guten zu viel. Ach so. Undankbar, denkt sie. Da denkst du, dass sie eigentlich sehr nett ist. Dem Kohl hast du auch nicht vertraut damals. Dem Lafontaine zwar auch nicht, aber das hatte andere Gr�nde. Wie sie den damals abstechen wollten. Also diese Irre. Ja, ja, nat�rlich kann ich mich daran erinnern.</p><p>Wie wir hier rumreden, um nicht an die unangenehmen Themen zu kommen. Nein, wirklich sch�n hier. Ja, in der Stadt auch. Das sehe ich sofort, dass sie h�chstens zehn Jahre dabei ist. Was schon viel ist nat�rlich. Du k�nntest erz�hlen, wie du in Essen das erste Mal in einem gr��eren Laufhaus warst. Aber sie wollen Kaffee trinken und die Welt vergessen. Ein Nachmittag im Sp�tsommer, Fr�hherbst. Das Laub ist golden und bunt. Und die Sonne steht fr�h schon tief am klaren Himmel. Wenig Wolken. Die Menschen wimmeln durch die Stra�en. Langsam. Nicht wie im Rausch des Hochsommers oder sp�ter zur Weihnachtszeit. Ja, ist schon bald wieder Weihnachten. Ich k�nnte schw�ren, dass sie Kinder hat. Ein Kind bestimmt. Du h�ltst deine Tasse, den Arm angewinkelt und siehst sehr seri�s aus. Wanderratten, denkst du, du bist immer eine Wanderratte gewesen. Saarbr�cken, Essen. Nein, Essen � Saarbr�cken � M�nchen � Hannover � K�ln � D�sseldorf.</p><p>Ob du mal in Wien gewesen bist, will sie wissen.</p><p>Warum Wien?</p><p>Ach nur so. Weil doch��, der Weg ist doch k�rzer von��</p><p>In Wien warst du schonmal. Nat�rlich. Und der Weg ist �berhaupt nicht k�rzer. Im Gegenteil. Ein Urlaub vor vielen Jahren. Zweiundzwanzig warst du da. Das ist nun fast drei�ig Jahre her. Allein bist du gefahren, weil du es wolltest. Keiner hat dich jemals sitzenlassen. Weil du keinem die Chance dazu gegeben hast. Wanderratten, das ist nicht von dir. Das hat dir vor Jahren einmal eine alte Frau gesagt. So alt war die noch gar nicht. Sah aber alt aus. Auf der Toilette stehst du vorm Spiegel und siehst wieder, dass du noch nicht so alt aussiehst, wie du eigentlich aussehen m�sstest. Weil du die Dinge an dir abprallen l�sst. Dir f�llt auf, dass deine Erinnerungen oft mit� vor vielen Jahren �losgehen. Wenn du sie aufschreiben w�rdest. Woran du schon oft gedacht hast. Ja, auch schon vor vielen Jahren. Die Ger�usche des Caf�s hinter dir, weil die Toilettent�r sich �ffnet. Ach du. Nein, eine andere Frau. Kurzer Blick, kurzes L�cheln. Die Frisur sitzt.</p><p>Wieso bist du auf Wien gekommen vorhin?</p><p>Nur so.</p><p>Warst du denn schonmal in Wien?</p><p>Nein.</p><p>Nein?</p><p>Ja. Mein Mann will immer nach Wien. In den Alpen waren wir schon paarmal�� Noch einen Lik�r?</p><p>Gerne. Schmeckt dir die Birne?</p><p>Birne find ich gut.</p><p>Dort, wo ich herkomme, brennen sie das selbst. In den D�rfern. Fast jeder Bauer brennt dort. Birne, Apfel, Quitte. Den besten Schnaps bei uns machte der Pfarrer.</p><p>Bist du in der Kirche?</p><p>Bist du in der Kirche?</p><p>Nein. Sind nicht viele in der Kirche hier in der Zone.</p><p>Zone�� Du lachst. Sie lachen. Wir lachen.</p><p>Aber viele sch�ne Kirchen habt ihr in der Stadt.</p><p>Ja, das stimmt.</p><p>Ist mir von Anfang an aufgefallen.</p><p>Bist du schon lange��</p><p>Du bist immer schon hier gewesen, stimmt�s?</p><p>Stimmt. H�rt man wohl.</p><p>Ein bisschen.</p><p>Sie bestellen zwei Gl�ser Birnenbrand bei einer Dame in Schwarz-Wei�, die ein leeres Tablett an die Brust dr�ckt und die leeren Gl�ser dann auf das leere Tablett stellt. Und die Kuchenteller. Auf der Stra�e drau�en vorm Fenster flanieren die Menschen. Schieben sich langsam an den Schaufenstern vorbei. Als sie vorm Spiegel stand, sah sie pl�tzlich die Arbeitsutensilien vor sich, auf einem Board unterm Spiegel und auf dem Rand des Waschbeckens. Sprays, Cremes, Gel, die Spender, die B�rste, das Mundwasser, die Rolle mit dem K�chenpapier an dem Halter in der Wand. Sie h�rt Stimmen von der anderen Seite. Essen � Hannover � D�sseldorf. Die Oberfl�che des Spiegels wellt sich wie Wasser. Die Luft flimmert. Sie tritt einen Schritt zur�ck. Auch als sie dann wieder am Tisch sitzt, wei� sie, dass Distanz immer ihre erste Regel bleiben wird. Auf dieser Seite und auf der anderen.</p><p>Sie k�nnte sagen: Distanz, zugleich freundlich und nett. Menschlich. Professionell. Ein Profi, eine Profi. Professionell zu sein bedeutete ihr immer viel. Es w�rde zu weit gehen zu sagen, dass es sie stolz machte. Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die professionell Sch�nste im ganzen Land��</p><p>Sie trinken Wasser, echt Selters, aus kleinen Flaschen und kleinen Gl�sern, zu ihren Birnenbr�nden.</p><p>Sie nippen, blicken sich um, setzen wieder ab. Weniger Bewegung auf der Stra�e vor der Scheibe jetzt.</p><p>Ein sch�ner Nachmittag.</p><p>Fast schon Abend.</p><p>Gut, dass man frei hat.</p><p>Gut, dass wir frei haben.</p><p>Da sitzt man sich direkt fest.</p><p>Ich mag es, dass die Musik hier nicht so laut l�uft.</p><p>Walzer. Bist du deswegen auf Wien gekommen vorhin?</p><p>Walzer, ja. Hat du tanzen gelernt?</p><p>Ich war auf der Tanzschule. Vor der Kommunion��, nach der Kommunion.</p><p>Kommun-was?</p><p>Du kennst nur Kommunismus.</p><p>Du lachst und frierst dich wieder ein. Distanz. Dann machst du dich wieder locker. Gut, dass man frei hat.</p><p>Sozialismus, sagt sie. In wenigen Jahren ist das alles vergessen.</p><p>Wenn du mit wenig f�nfzig meinst. So schnell geht das doch nicht.</p><p>F�nfzig�� Manchmal wei� ich nicht, ob das wenig ist? Ob das viel ist. Jahre��</p><p>Jahre. Nach Wien solltest du unbedingt mal fahren. Ihr. Solltet ihr unbedingt mal fahren. F�hrst du manchmal weg? Ich meine, richtig weit weg. Oder nach��</p><p>Sie schweigt pl�tzlich. Sie schweigen. Leiser Walzer im Hintergrund. Das Gemurmel der G�ste.</p><p>Ich mag, dass es hier so ruhig ist. H�rst du dich sagen. Und siehst du dich trinken. Und siehst du euch still l�cheln. In Wien habe ich mal Walzer getanzt. Aber das ist wirklich lange her. Der arme Junge. Ein Rosenkavalier.</p><p>Du schaust sie an, aber sie scheint nicht zu verstehen. Oder ist abgetaucht in ihre eigenen Erinnerungen. Rosenkavalier, was f�r ein Bl�dsinn auch. Goodbye, hochgelobte Distanz. Der Spiegel ist �berall. Aber lass es sein, mach dich nicht verr�ckt und entspann dich. Nur noch vereinzelte Menschen spazieren auf der Stra�e drau�en vorm Fenster. Das Gemurmel hinter ihr verdichtet sich. Gl�ser klappern.</p><p>Wenn du wirklich nicht tanzen kannst��</p><p>Nein, ich kann nicht tanzen.</p><p>Dann��</p><p>Also ich kann schon irgendwie tanzen, ich bin immer gern in die Disko, also fr�her��, aber eben nicht so das Klassische. Walzer. Nein, wirklich. Nein, nicht.</p><p>Sie l�chelt und st�tzt das Kinn auf beide H�nde. Verschiebt die Gl�ser dabei. Du nippst den kleinen Rest aus deinem Glas, sp�rst den Birnenbrand auf deiner Oberlippe, sp�rst die feinen H�rchen dort, als du mit dem Zeigefinger �ber deine Oberlippe streichst. Du gehst mit einem Rasierer hin und wieder �ber deine Oberlippe, sehr vorsichtig, wenn du deine Beine machst, aber du magst den Flaum, der so zart ist, dass ihn keiner sieht, nur wenn du lange nicht dr�bergehst mit dem Rasierer, wird er dunkler. Das ist erst seit du vierzig bist, und das ist auch schon wieder bald zehn Jahre��, und wieder die Jahre. Hunkepus, Hunkepus, wie in dem M�rchen, wo die Tiere alle krank und alt sind und humpeln, Hunkepus, Hunkepus, aber zum Gl�ck seid ihr beide gesund, gelle, und du schaust sie an, wie sie da so sitzt und die Arme aufgest�tzt hat und sinniert, und schaust dich an im ewigen Spiegel, der Lik�r, wie sie es nennt, der ein Brand ist aus deiner fernen, jedenfalls nicht ganz so nahen Heimat, die Birne macht eure Gesichter rot, f�rbt eure B�ckchen rot, nur gut, dass ihr beide keine Solarienfrauen seid, dass ihr euch nicht die Haut bis auf die Knochen runterkochen lasst, dunkel, so dunkel sieht die Haut der jungen Huren bisweilen aus, dass du denkst: Hautkrebs��, dass du denkst: Nein. Zugegeben, ab und an gehst du unter die H�hensonne, die du seit Jahren bei dir zu Hause hast, also in deiner Wohnung hast, aber mit Vorsicht genie�t du diese Strahlen, und nur ganz selten und nur f�r kurze Zeit. Feine englische Bl�sse, nicht wahr? Wo waren wir stehengeblieben�� Ist der Arbeitstag vorbei, habe ich das alles aus meinem Kopf. Alles raus. Sofort. Ich kann nicht sagen, dass ich irgendwie darunter leide, und die meiste Zeit, die meiste Zeit denke ich da auch nicht dran, denke da nicht dr�ber nach. Sage ich mir. Und das ist das. Die Wahrheit muss man sich immer wieder sagen. So zu sich selbst. Es sind Phantasiegeschichten, nur Phantasiegeschichten. Hinterm Spiegel stehe ich und pr�gele auch, wenn es verlangt wird. Lack und Leder. Die Anschaffung lohnt. Distanz. Professionalismus. Heimat? Was soll ich dazu sagen. Tanzen?</p><p>Walzer ist nicht einfach. Aber schon relativ leicht zu erlernen.</p><p>Meinst du, dass ich nochmal, also �berhaupt mal��</p><p>Das kann auf jeden Fall nicht schaden. H�r doch mal, wie das gleitet, wie man sich da�� Ich w�rde sagen: Ja.</p><p>Meinst du jetzt Tanzschule, Mia?</p><p>Mia?</p><p>Schei�e, sorry!</p><p>In der Zeile verrutscht?</p><p>Ja, so �hnlich.</p><p>Aber das gab�s doch bestimmt auch bei euch im Osten, sowas wie Tanzschulen.</p><p>Klar gab�s das. Aber zuerst mal haben wir zusammen gesungen, sind zusammen marschiert, sind zusammen zu den sowjetischen Freunden, Wandzeitungen haben wir zusammen gestaltet und viel viel Sport gemacht. Geturnt, am Barren, Sportgymnastik.</p><p>Sag blo�, du konntest Spagat?</p><p>Konnt ich. Noch mit siebzehn, achtzehn, neunzehn konnt ich das.</p><p>Ich hab Tennis gespielt und mir dabei ein wenig die Knie versaut.</p><p>Na, das glaubst du mir nicht.</p><p>Was?</p><p>Dass ich Spagat kann.</p><p>Konnte! Hast du gesagt.</p><p>Und da steht sie auf pl�tzlich, geht ein paar Schritte hinter den Tisch, geht ein paar Schritte in den leeren Raum, den Fu�bodenraum zwischen den Tischen, greift mit beiden H�nden auf ihre weiten dunklen Stoffhosen, stellt sich breitbeinig in Position und l�sst ihre Beine langsam, ganz langsam auf dem get�felten Holzboden auseinandergleiten. Und du denkst: Nee, M�dchen, mach es nicht, wir sind doch beide f�nfzig, auch wenn wir nicht so aussehen.</p><p>Aber sie l�sst ihre Beine immer weiter, ganz langsam, auseinandergleiten, die Dame in Schwarz-Wei�, das Tablett an die Brust gedr�ckt, blickt erst mit gro�en Augen zu ihr, zu ihnen, geht dann aber weiter auf ihren Wegen zwischen den Tischen, w�hrend sie sich dem Spagat ann�hert. Aber dann ist Schluss, und sie springt auf und schreit.�Verdammt nochmal, verdammte Schei�e!�</p><p>Das klingt so schrill und hoch und tief, wie man eben mit f�nfzig klingt, wenn man versucht, kalt einen Spagat zu machen. Sie humpelt noch ein wenig hin und her, Walzer, Walzer in der Endlosschleife, greift sich immer wieder an den Oberschenkel und verzerrt das bleiche, englische Bl�sse! Gesicht, dann setzt sie sich.</p><p>Du lehnst dich zur�ck, die Gl�ser sind leer, du sp�rst das Pulsieren des Obstlers in deinem Gesicht, beugst dich vor, lehnst dich wieder zur�ck, lachst in Gedanken, schweigst in Gedanken, sch�ttelst den Kopf, greifst dann nach ihren H�nden, die du nicht so schnell zu greifen, zu fassen kriegst, legst dann deine H�nde auf ihre Schultern, beugst dich wieder vor, und da seid ihr euch so nah mit den K�pfen, mit den Haaren, die sich ber�hren, und sie legt ihre H�nde, immer noch leise jammernd, auf deine, und immer noch schweigend, also ohne Worte, lacht ihr.</p></section><section><title><p><strong>III</strong></p></title><p>Kaputt. Ich trinke nicht mehr. Kaputt. Nur noch wenig. Seit vielen Jahren. Sehr vielen Jahren schon. Mein K�rper und mein Kopf brauchen das nicht. Ich bin auf dem Sprung. Wenn es am sch�nsten ist, sollte man aufh�ren. Ich wei� nicht, ob meine Mutter noch da ist. Dort und weit weg. Falls und die Pfalz. Vielleicht bewundere ich sie. Die T�nzerin, nicht Mutter. Mir geht es gut. Ich habe meine Regeln. Am Hafen, dieser l�cherliche Hafen dieser l�cherlichen Stadt, wo ich jetzt sitze, liege, sitze, warte, es ist die letzte Station. Was soll man bereuen, wenn es nichts zu bereuen gibt. Kaputt sind nur die anderen. Das war in Essen so, das ist hier so. Es sind Spiegel, in die ich mich kleide. An denen sie an mir abgleiten. Ich habe immer die bewundert, die sich den Witz bewahrt haben, meine Kolleginnen, alle meine Frauen. Das kann ich nicht. Der Chef, der Alte, ist in Ordnung. Da habe ich andere Arschl�cher gekannt. Fr�her hatte ich einen Hass, einen kleinen Hass, gegen die Ostpocken. Als die alle r�berkamen zu uns. Wo all das Volk wissen wollte, wie die so zu v�geln sind. Weil da die Legenden umgingen, ach, wie freiz�gig die alle sind. Weil�s da Jahrzehnte und gef�hlte Jahrhunderte keine Gesch�fte gab, bei den Ostpocken, keine richtigen Gesch�fte, was den gro�en goldenen Bums betrifft. Kamen die feinen Damen alle zu uns und machten uns die Gesch�fte schwer. Aber da sind inzwischen viele Jahre vergangen. Jetzt kreuzen sich unsere Wege wieder hier. Ich bin nicht verbittert. Ich habe noch einige gute Jahre. Aber in denen will ich weiterziehen. Ich habe einen guten Kontakt in Hannover, dem gro�en Fleischmarkt, wo die Engel regieren.</p><p>Ich sehe das alles rein rational. Ich melke und melke und schaffe zur Seite, was geht. Hatte sogar Fonds und Aktien, aber das ist alles kaputt jetzt. Wer konnte das ahnen, dass Europa verblutet. Aber ich war nicht ganz dumm zum Gl�ck. Zum Gl�ck war ich nicht ganz dumm. Habe das Konto, wo es immer noch reinflie�t. Und von den Fonds und Bonds und Aktien habe ich einiges behalten, weil doch ein �berma� an Chaos irgendwann wieder zur Ordnung f�hrt. Und umgedreht. Wir haben es ja gesehen. Da warte ich und halte den Rest.</p><p>Dr�ben, wenn ich aus dem Fenster schaue, sind die alten verfallenen Speichergeb�ude des alten Hafens. Dahinter beginnt schon der Wald. Ein Kanal f�hrt bis weit ins Land. Viele sch�ne Kan�le, neu, fast wie Amsterdam. Dass die Engel jetzt auch hierher gekommen sind und Vertr�ge und Gesch�fte machen, habe ich nicht mitbekommen. Weil mich das alles nicht ber�hrt und betrifft. Und dass da vor einem Jahr einer gestorben ist, den ich wahrscheinlich sogar kannte, ein Gast, Kollateralschaden, habe ich erst viel sp�ter erfahren. Ich habe oft in solchen Kriegen gesessen und mein Geld verdient. Essen � Hannover � D�sseldorf. Das ist nicht sch�n, aber es geht immer weiter. Nat�rlich will ich nicht, dass die Russen, die Jugos oder andere Kanacken in unsere fairen Deals reinschie�en. Nicht weit von mir gibt�s noch einen Club. Da ist wohl der Chef mit drin. Aber nur noch ein bisschen hier, und ich bin weg. Ziehe weiter. Habe noch einige Jahre. Bin alles in allem zufrieden. Und ich sage immer: Ist der lange Tag der Arbeit vorbei, werde ich danach alles vergessen. Schnell. Sofort. Ich leide nicht, und ich denke auch nicht allzu viel dar�ber nach, dass es da so seltsame Damen gibt, die keine Ahnung haben, aber immer sowas behaupten, wie es w�re. Undsoweiter.</p><p>Einige von den jungen M�dchen ticken ganz anders. Was den Profit betrifft. Schnelles sch�nes Geld und schnell wieder raus. Ich brauche keine dummen Spr�che. Von niemandem. Wenn ich in meiner kleinen Wohnung verschwinde, verschwindet alles andere, verschwindet alles, was auf Arbeit war. Man darf nur keine Illusionen haben. Nat�rlich habe ich Tr�ume. Aber die behalte ich f�r mich.</p><p>Wenn ich so auf den alten Hafen blicke, erinnere ich mich, dass es wohl mal einen Mann hier gab, der hatte einen Traum, das Ding auszubauen, aufzukaufen, den nannten sie den Bielefelder, und manche nannten ihn den Graf, warum, kann ich nicht sagen, dem geh�rt die Burg am anderen Ende der Stadt, wo ich nicht arbeiten will, weil ich mal in einer �hnlichen Burg in Hannover war. Da wohnen V�gel oben unter den D�chern. Die ich sehe, wenn sie aufflattern. Wer h�tte das bezahlen sollen? Ich h�re die Menschen unten auf der Stra�e. Ich warte. Ich rechne jeden Tag und denke: Gebt mir euer Geld, ihr Narren.</p><p>Nur noch kurze Zeit, dann nach Hannover, und dann ist Schluss.</p><p>Ich bin die gute geile Mutter unter dem jungen Volk. Ich blase ohne, ich schlucke, wenn das Geld stimmt, und ich erwarte dich in Leder, wenn du das willst. Meine L�cher sind offen f�r dich. Kaputt bin ich nicht. Ich warte. Ich schnall mir den dicken Schwanz um, wenn du das willst, und auch meine Titten kannst du ficken. Dein Saft l�uft aus meinen Haaren, l�uft aus meinem Mund. Du kannst mir den Arsch aufrei�en, ich nehme deine Eier in meinen Mund. Du zahlst hundertzwanzig die Stunde, all inklusive. Und f�nfzig f�r den Quickie, wenn ich an der Wand stehe. Ich bin deine Mutti, wenn du es willst. Ich spuck dir deinen Saft in deinen Mund, wenn du das willst. Schlag mir auf den Arsch, wenn du willst. Und ich bepisse dich, wenn du das willst, in meiner Badewanne. KV gibt�s bei mir nicht, da musst du in die 53 zur Janine. Du kannst mich auch streicheln. Und du kannst mich k�ssen. Im Bad steht das Mundwasser. Du kannst dich an mich schmiegen, weil deine Mutter b�se zu dir war. Du kannst mich auch bestrafen, ich bin leicht devot, wenn es dir danach ist und du mich daf�r bezahlst.</p><p>Zungenanal gibt es bei mir nur passiv. Aktiv in 53, ist selten, ist eine Goldgrube, aber ansonsten: Du darfst, du darfst, wenn du vorher zahlst.</p><p>Und ich sehe das Geld auf meinem Konto, das ist zwar nicht in der Schweiz, aber sicher genug. Ich sehe es wachsen. Sehe genug andere, die alles verschwenden wieder.</p><p>Ich bin auf dem Sprung. Und ich tanze. Wer h�tte das gedacht. In Wien war ich damals allein. Ich bin froh, dass ich keine Kinder habe. Wo da drau�en doch alles kaputt ist. Vor fast drei�ig Jahren, in Wien. Ich schweige lieber. Hab viel zu viel erz�hlt. Aber als ich mit ihr tanzte. Diese Ostpocke. Wo ich seit Jahren unter den Ostpocken lebe. Das werde ich nicht vergessen. In den Jahren, die mir noch bleiben. Den guten Jahren. Den arbeitsamen. Wie wir da Walzer tanzten und die Tische verschoben. Wie ich sie da f�hrte. Diese unglaubliche Frau. Die Arme auf den Schultern. Das Caf� fast leer. Immer Walzer, Walzer in der Endlosschleife. Wie wir da tanzten. Und wie sie zu mir sagte, wie gro�artig ich bin. Das war besser als in Wien. Wo ich so allein herumirrte, Mitte der Neunziger, und ich sage, du musst dein Bein mehr an meinem orientieren. Und ich sage gar nichts mehr, weil sie�s schon begreift, wie sie da mitgehen muss. Und sie hat�s auch recht schnell raus, wie wir beide den Walzer tanzen m�ssen. Der Schwung, das war fast, als wenn wir schweben w�rden. Dass die Leute da guckten, war ja klar.</p><p>Und pl�tzlich war die Musik aus. Und die spielten so ein Rausschmei�er-St�ck. Wo sie es fast raushatte. Wo sie so weit war, dass sie mich f�hren konnte. Und wir tanzten noch eine Weile in der Stille, in dem leeren Caf�. Das m�ssen zehn Minuten gewesen sein, von Anfang bis zum Ende. Das haben die bestimmt noch nicht gesehen, zwei feine alte Damen wie uns, reife Damen, feine Damen, die ihr endloses Walzerkonzert��, und wir schwebten durch diese barocke Gr�nderzeit- oder wie auch immer Stube. Und dann dieses Genuschel aus den Boxen zum Schluss. Da waren wir kurz davor, ein richtiges Fass aufzumachen, wir beide. Auch mal ein Glas zu schmei�en. Weil doch unsere Haare und K�pfe sich ber�hrten. Weil wir einfach nur tanzten.�Sag beim Abschied leise Servus���</p><p>Und da lie�en wir uns los.���denn diese Worte tun nur weh���</p><p>So male ich mir das aus in Gedanken, wo ich so auf den Hafen schaue. Nach dem missgl�ckten Spagat haben wir uns verabschiedet. Das war sehr nah, auch ohne Walzer, auch ohne kitschiges Servus.</p><p>Es klingelt. Ich stehe auf. Ich bin da.</p></section></section><section><title><p><strong>In der Stahlstadt</strong></p></title><p>Es schneite wieder. Hans blickte aus dem Fenster auf die flachen, viergeschossigen Plattenbauten, die sich in einem langgezogenen Betonband hinterm Hotel erstreckten. Jenseits der H�user konnte er die schneebedeckten Felder sehen, ein paar vereinzelte Geh�fte, und weiter hinten, im tr�ben Nachmittagsdunst und im Schneetreiben kaum zu erkennen, die W�lder, durch die er als Kind oft gelaufen ist.</p><p>Er zog die Gardinen zu, suchte nach einer Minibar, fand aber keine. Nur eine Flasche Mineralwasser stand auf dem Tisch neben dem winzigen Fernseher.</p><p>Er h�ngte seinen schwarzen Anzug in den Schrank. Er war froh, dass er seinen F�hrerschein vor anderthalb Wochen zur�ckbekommen hatte, der gute Anzug w�re in einer Reisetasche nur unn�tig zerknittert. Wahrscheinlich h�tte er sich ein Taxi genommen, auch wenn es mehr als zweihundert Kilometer waren. Er hatte im Internet geschaut, wie lange er mit dem Zug gebraucht h�tte. Mehr als drei Stunden. Sein Vater hatte sein ganzes Leben lang kein Auto gehabt. War immer mit dem Fahrrad ins Werk gefahren und in den harten Wintern mit dem Bus. Oder er ist querdurch bis zur Br�cke marschiert, �ber fremde Grundst�cke, Wiesen, Bauland. Wenn sie mal nach Berlin fuhren oder zur Verwandtschaft an die K�ste, haben sie den Zug genommen. Hans erinnerte sich an diese Zugfahrten vor Jahrzehnten, in einer anderen Welt, unter einem anderen Himmel. Wie sie zum Bahnhof liefen, alle schleppten sie Koffer, manchmal nahm der Vater den Bollerwagen mit und stellte ihn beim Bahnhofsverwalter unter, mit dem er in der Kneipe oft Skat spielte. Als Hans ganz klein war, durfte er oben auf dem Bollerwagen sitzen, die gro�en Koffer im R�cken.</p><p>Er stellte die Flasche auf den Tisch und machte das Glas voll. Johnnie Black. Da schwor er seit fast zwanzig Jahren drauf.�Kann man trinken�, hatte der Graf immer gesagt,�kann man trinken. �Er konnte sich noch an seine erste Flasche erinnern, die er irgendwann Ende der Achtziger in Berlin getrunken hatte, ein paar Gl�ser zumindest, und wie er sich wunderte �ber das Etikett:�Schwarz? Aber der ist doch immer rot.�</p><p>Er trank das Glas in einem Zug aus, goss etwas weniger nach, trank etwas langsamer. Er zog die Vorh�nge wieder auseinander, �ffnete das Fenster und z�ndete sich eine an. Seit fast einem Jahr versuchte er, das Rauchen aufzugeben. Aber er w�rde den Abend und den n�chsten Tag nicht ohne durchstehen.</p><p>Er stand am Fenster und rauchte, Nichtraucherzimmer, und stellte fest, dass er die Felder nicht sehen konnte hinter den flachen Plattenbauten, die nur wenige Meter vor ihm lagen, auf der anderen Seite der Stra�e. Aber er hatte doch vorhin auf die endlosen wei�en Felder geblickt. Aber vielleicht war das w�hrend der Fahrt gewesen, die ihn an diesen verschneiten Ebenen vorbeigef�hrt hatte, der Scheibenwischer schabte �ber das Glas, im Radio sprachen sie leise, er mochte keine Musik im Auto und h�rte meistens Deutschlandfunk, wo sie fast ununterbrochen redeten, oder es waren andere Erinnerungen an andere Blicke, wo auch der Fluss floss, kahle B�ume in langen Reihen, dort mussten fr�her Wege oder Stra�en gewesen sein, das Schneetreiben wurde st�rker, er sp�rte die kalte Luft, warf seine Kippe nach drau�en und schloss das Fenster wieder.</p><p>Er nahm seinen Mantel, band sich den Schal um, zog die Lederhandschuhe �ber, steckte die M�tze in die Manteltasche, trank das Glas aus und ging zur T�r.</p><empty-line/><p>Schon von weitem sah er, dass die Stra�e vor ihm anstieg, �ber die erste Br�cke f�hrte, und da wusste er, dass er richtig war. Er hatte das Auto auf dem Hotelparkplatz stehengelassen. Er war froh, dass er den F�hrerschein endlich wiederhatte. Was f�r einen Stress hatte er in diesem halben Jahr gehabt. Hunderte Taxiquittungen hatte er bei seinem Steuerberater abgeliefert, weil er nicht immer jemanden fand, der ihn rumfuhr, sogar Mandy�2 hatte er eine Zeitlang eingespannt, aber das war ihm schon etwas peinlich gewesen, dann lieber der dicke Klaus, aber dann doch lieber Taxi.</p><p>Sie hatten in der Altstadt gewohnt damals, die fr�her nur ein Dorf gewesen war, das Zentrum der Stahlstadt lag dort vor ihm, hinter den zwei Br�cken, zwischen den Armen des Kanals, der Fluss, den er noch nicht gesehen hatte an diesem Nachmittag, lag irgendwo hinter ihm, am Rand der Altstadt, wo sie gewohnt hatten, damals, nicht weit vom Fluss.</p><p>Er wischte sich den Schnee vom Kopf, setzte sich seine M�tze auf. Vielleicht h�tte er doch den Wagen nehmen sollen. Aber er ging den Weg seines Vaters, der sp�ter dann, als alles zugebaut war, auch nicht mehr so einfach <emphasis>querdurch</emphasis> konnte, ging auch den Weg, den er als Kind und als junger Mann so oft gegangen war. R�ber ins Zentrum. Aber seit �ber f�nfundzwanzig Jahren nicht mehr.</p><p>Als die Stra�e sich teilte, hatte er kurz �berlegt, in welche Richtung er musste, hatte den Bus vorbeifahren sehen, der anders fuhr, als er sich erinnerte, aber sicher machte er einen Umweg �ber die Neubauten am �u�ersten Rand der Altstadt, diesem Dorf, das sie vor sechzig Jahren in eine Stadt umgebaut hatten, nein, nicht umgebaut, eine neue Stadt bauten sie drum herum, aber ein, zwei Kilometer weiter gab es noch zwei andere Br�cken, �ber die man ebenfalls das Zentrum der Stahlstadt erreichen konnte. Hans stapfte weiter durch den Schnee, den Strom der Autos neben sich, sah den Bus zwischen den H�usern verschwinden.</p><p>Er stand auf der ersten Br�cke, blickte auf die Bahngleise. Mehrere Spuren, am Rand standen G�terwaggons, einige waren oben offen, sahen aus wie gro�e Bergbauloren und f�llten sich mit Schnee. Irgendwo dort hinten musste der Bahnhof sein. Vom Hotel konnte er in f�nfzehn Minuten zum Bahnhof wandern, sch�tzte er. Er kam dann am Friedhof vorbei und der alten Kirche. Vielleicht gab es die kleine Kneipe in der Bahnhofstra�e noch, dort hatte sein Vater immer Skat gespielt.</p><p>Er stand zehn Minuten oder l�nger, bis ihm die F��e kalt wurden. Kein Zug fuhr unter ihm. Er z�ndete sich eine an, das Feuerzeug ging zwei-, dreimal aus im Schneetreiben, er drehte sich zur Stra�e, blickte auf die vielen Autos, die alle schon mit Licht fuhren, es wurde langsam dunkel, der ganze Tag war tr�b und d�ster gewesen, und auch er hatte die Scheinwerfer eingeschaltet, als er die Stadt verlie�, Richtung Stahlstadt fuhr am Morgen.</p><p>Auf der anderen Seite der Br�cke, auf dem Fu�weg, sah er einen alten Mann und eine alte Frau, dicht aneinandergedr�ngt und leicht gebeugt stapften sie durch den Schnee. Hans lehnte sich aufs Gel�nder, sp�rte das eisige Metall durch den Filzstoff seines Mantels, warf die halbgerauchte Kippe auf die Gleise und ging weiter, es schien ihm, dass er einen Zug h�rte, aber er drehte sich nicht nochmal um, blickte auf das gro�e, nach oben dreieckig zulaufende Speichergeb�ude am Kanal, das jetzt vor ihm auftauchte, unterhalb der zweiten Br�cke, �ber die die Stra�e f�hrte. Fr�her fuhren die Schlepper auf dem Kanal, der am Speicher vorbei fast bis direkt zum Werk f�hrte. Schlepper um Schlepper, Schiff um Schiff fuhr �ber das dunkle Wasser, die Ufer begradigt und befestigt, asphaltierte Wege neben den Ufern. Als Kind hatte er oft da unten oder hier oben gestanden und auf die Schlepper und Schiffe geschaut. Eisschollen auf dem dunklen Wasser. Es schien ihm hier viel k�lter als �ber den Gleisen.</p><p>Eisschollen auf dem dunklen Wasser. Hinter der Biegung die Lichter und Geb�ude des Stahlwerkes, die Schornsteine, aus denen der Dampf drang, der das Stahlwerk zu umh�llen schien, der gewaltige Hochofen ein schwarzer Turm in der D�mmerung; Hans spuckte in den Kanal, sah seinen Vater, der mit einer langen Stange in den rotgl�henden Fluss stach, der sich aus einer Art riesigem Fass ergoss, die Funken spr�hten, Lichtb�gen umgaben den Mann, der sein Vater sein musste, Hans stand am Werkstor, eine Flasche Bier an die Brust gedr�ckt und wartete, sp�rte die K�hle der Flasche, blickte auf das graue Gewirr von Stangen, Rohren, Geb�uden, kleinen T�rmen, gro�en T�rmen, von F�rderb�ndern verbunden, Stra�en dazwischen, Schienen, auf denen kleine Waggons standen, Menschen in Arbeitsanz�gen mit dunklen Gesichtern, die Luft schmeckte nach Holzkohle und Salz��</p><p>Hans lief weiter, die Stra�e f�hrte in ein Neubaugebiet, graue, wei�e Plattenbauten, die mussten aus den Sechzigern, Siebzigern sein, soweit er sich erinnerte. Ein Netto-Einkaufsmarkt auf der einen Seite der Stra�e, auf der anderen Seite leuchtete das gro�e rote K eines Kaufland-Marktes. Er hatte das nie begriffen, warum sich die gro�en Konzerne das Wasser gegenseitig abgruben. AK hatte ihm einiges erkl�rt �ber das Konkurrenzverhalten der Discounter, er hatte ja Betriebswirtschaft studiert.</p><p>Ja, ja, Konkurrenz belebt das Gesch�ft. Wenn bei ihm gegen�ber ein Club oder ein Laufhaus er�ffnen w�rde, da w�rde er aber alle Register ziehen, aber das ging eh nicht so einfach, mal eben rein ins Gesch�ft in der Stadt. Anderseits gab es genug St�dte, in denen sich das alles auf engstem Raum konzentrierte, auf Grund der Sperrbezirksregelungen�� Weg damit! Er zog sich die Lederhandschuhe aus, steckte sie in die Manteltaschen, b�ckte sich und griff in den Schnee, formte einen Schneeball, den er in Richtung der Plattenbauten warf. Vor den H�usern verliefen helle Ziermauern, ein steinerner Maschendrahtzaun aus unz�hligen L�cken und kleinen Fenstern, Hans rannte ein St�ck, b�ckte sich wieder und schleuderte einen Schneeball gegen eine der Mauern, hinter der eingeschneite B�nke standen, zwei Tischtennisplatten aus Beton, er hielt einen dritten Schneeball zwischen seinen roten klammen H�nden, als er zwei Jugendliche sah, die ihm entgegenkamen, wahrscheinlich in eine der Kaufhallen wollten, und er warf den Klumpen Schnee weg, l�chelte, als sie ihn musterten im Vor�bergehen, ein st�mmiger mittelalter, f�r sie sicher sehr alter Mann, der im Schnee spielte.</p><p>Die Stra�e der Republik kreuzte die Karl-Marx-Stra�e, Stalinbauten aus den F�nfzigern links und rechts, die Berliner Stalinallee in klein, als er das erste Mal mit seinem Vater und seiner Schwester in Berlin gewesen ist, Ende der Sechziger, Anfang der Siebziger musste das gewesen sein, standen sie staunend zwischen den riesigen Prospekten, die schon l�ngst nicht mehr Stalin hie�en, der Vater erz�hlte, und sie f�hlten sich, er und seine Schwester, als w�re die Stahlstadt zwischen Fluss und Kanal nur ein Dorf f�r Zwerge. Und der Vater erz�hlte von den noch gr��eren Prospekten der Russen, der sowjetischen St�dte, und wie die kleinen Menschen auf diesen gro�en Fl�chen umherliefen. <emphasis>Als der Stahl geh�rtet wurde</emphasis>.</p><p>Hans stand an der Lindenallee, die die Stra�e der Republik kreuzte, erinnerte sich, dass die mal Leninallee hie�, die Einkaufsstra�e der Stahlstadt, der Abend war schnell gekommen, und Hans blickte auf die Lichter und Schaufenster der wenigen Gesch�fte, blickte auf den wei�en W�rfel des leerstehenden Hotels auf der anderen Stra�enseite, das Schneetreiben war dichter geworden, er ging mit gesenktem Kopf gegen den Wind, der ihm den Schnee ins Gesicht trieb, an den Schaufenstern vorbei, kein Hund geht auf die Stra�e bei diesem Wetter, sah das Oval des kleinen Theaters verschwommen ein St�ck weit vor sich, die S�ulen vorm Eingang, der halbkreisf�rmige Treppenaufgang, er sah, dass in einem Glaskasten das Programm beleuchtet wurde, direkt neben der Treppe, er fand sich wenig sp�ter in einer B�ckerei wieder, setzte die M�tze ab, musste seine Lesebrille aufsetzen, bestellte einen Kaffee und ein St�ck Mohnkuchen. Er zog nur einen Handschuh aus, w�hrend er an einem Stehtisch lehnte, durch die Scheibe ins Schneetreiben blickte, einige Leute kamen aus einem Laden auf der anderen Stra�enseite, stand da� B�cherstube��ber der Eingangst�r? Er sp�rte das Vibrieren seines Handys in der Innentasche seines Mantels, trank seinen Kaffee und wartete, bis es still wurde unter dem Stoff. <emphasis>Wir ehren heute in Erinnerung an den ersten Aktivisten Genosse Adolf Hennecke die Genossen Stahlarbeiter, die sich bei der �bererf�llung des Dreijahresplanes besonders verdient gemacht haben��</emphasis></p><empty-line/><p>Er sa� am Tisch seines Hotelzimmers, trank ein Glas Johnnie Black, sah durch den Spalt zwischen den Gardinen die dunklen Fenster der Neubauten, nur in einem flimmerte das Licht eines Fernsehers, neben der Flasche lag sein Handy, seine Schwester hatte zweimal angerufen. Er nahm das Telefon, tippte eine SMS, Buchstabe f�r Buchstabe, er hasste dieses T9-System und konnte auch nicht damit umgehen.�Bin morgen um 11 am Friedhof. Gr��e, Hans�.</p><p>Er sah, dass es schon fast zw�lf war. Wahrscheinlich schlief sie schon. Aber wer kann schon zeitig schlafen an so einem Abend, in so einer Nacht. Wie lange hatte er sie nicht gesehen? Vier, f�nf Jahre. Nein, l�nger. Als er seinen Vater vor zwei Wochen das letzte Mal besucht hatte im Krankenhaus, war sie nicht da gewesen. Sie war nie da gewesen, wenn er ihn besucht hatte. Er hatte ein Krankenhaus in Berlin rausgesucht, sp�ter ein sehr gutes Hospiz, wollte alles bezahlen, aber der Alte hatte sich geweigert. <emphasis>Ich sterbe hier. Und mit meinem Geld</emphasis>. Er wusste nicht, dass er in der Grenzstadt flussaufw�rts lag, im alten Bezirkskrankenhaus. Und dann wusste er es doch wieder. <emphasis>Bring mich nach Hause, Hans.</emphasis></p><empty-line/><p>Vor zwei Wochen konnte er nicht mehr mit ihm sprechen. Der Alte lag schmal wie ein St�ck verwittertes Holz in seinem Bett und starb. Langsam.</p><p>�Warum hast du mir nicht eher was gesagt, Hanna?�</p><p>�Er will dich nicht sehen, Hans.�</p><p>�<emphasis>Du</emphasis> willst nicht, habe ich recht?�</p><p>�Du bist all die Jahre weg gewesen.�</p><p>�Ja, das bin ich.�</p><p>�Hast dich einen Dreck um uns gek�mmert.�</p><p>�Ich habe immer an euch gedacht�� Ich wollte euch immer Geld schicken, das wei�t du.�</p><p>�Wir wollen dein Geld nicht, Hans.�</p><p>Er goss sich das Glas wieder voll. Kippte das Fenster an und rauchte eine Zigarette, w�hrend er trank. Schei� auf das Nichtraucherzimmer. Er hatte einen kleinen runden Reiseaschenbecher neben die Flasche gestellt, eine Art Medaillon zum Aufklappen, Marilyn Monroe l�chelte auf dem Deckel. Mandy hatte ihm das vor Jahren geschenkt, also Mandy�1. <emphasis>Die</emphasis> Mandy, seine Mandy. Er hatte nie versucht rauszukriegen, wo sie jetzt war.</p><p>�Ich w�re immer gekommen, das wei�t du��, ich wollte immer���</p><p>�Hast du dich nie gefragt, warum Vater so gelitten hat in all den Jahren?�</p><p>�Ja, er hat gelitten, in den letzten Monaten, und das hat nichts mit mir zu tun.�</p><p>�Hast du dich nie gefragt, was ich meinen Kindern erz�hlen soll?�</p><p>�Sag ihnen doch einfach, dass Onkel Hans in der gro�en Stadt ist und Geld verdient.�</p><p>Ein Klicken in der Leitung.</p><p>Hans schaltete den Fernseher an, dr�ckte alle Kan�le durch mit der Fernbedienung, bei irgendeiner� Tatort�-Wiederholung in irgendeinem Dritten blieb er kurz h�ngen, die beiden M�nchner Kommissare, die mochte er sehr, grau waren sie geworden, alle beide, Familie hatten sie auch keine, soweit er das beurteilen konnte, aber unzufrieden schienen sie nicht zu sein, soweit er das beurteilen konnte, der Franz und der Ivo, ja, die mochte er, die strahlten so eine Ruhe aus, waren wie ein altes Ehepaar, der Lockenkopf und der Langnasige, hatte er diese Folge schon einmal gesehen? der Ivo stapfte durch einen dichten Wald, ach, schei� drauf, er schaltete wieder aus.</p><p>Er hatte seinen Mantel noch an, sp�rte den feuchten schweren Stoff, er hatte auch seine Schuhe noch an, sah die schmutzigen Abdr�cke auf dem Boden. Wie lange sa� er schon hier und blickte durch den Spalt zwischen den Gardinen nach drau�en? Das Fenster musste er immer wieder angekippt haben, denn im Raum war es kalt. Und der kleine runde Reiseaschenbecher mit Kippen gespickt. Er nahm den Ascher, ging ins Bad und sch�ttete die Kippen und die Asche ins Klo. Er dr�ckte den Deckel des Aschenbechers zu, h�rte das Klicken des Schlie�mechanismus, Marilyn Monroe l�chelte. Er blickte kurz in den Spiegel. Strich sich durch die kurzen grauen Haare, die er wieder wachsen lassen wollte. Die Haare seines Vaters waren recht lang gewesen, dort im alten Bezirkskrankenhaus. Wei� und d�nn reichten sie fast bis zu seinen Schultern. Er hatte seine Hand kurz auf den Kopf seines Vaters gelegt, auf diese seidigen weichen Haare. Und fr�her hast du geschimpft �ber meine langen Haare, bis ich mich kahlschor und nach Berlin ging.</p><p>Die Lippen waren fast verschwunden, sie hatten ihm das Gebiss rausgenommen. Wo war das nur? Er konnte es nirgendwo entdecken, weder auf dem Nachttisch noch in dem kleinen Schrank. Und auch die Schublade war leer. Er hatte daf�r gesorgt, dass er ein gutes Zimmer bekam, das wusste seine Schwester nicht oder redete nicht dar�ber. Am Telefon. Wir haben viel zu wenig geredet in all den Jahren.</p><p>Er stand am Spiegel. Nun guck mich nicht so an. Er sah, dass die Kippen im Klo schwammen, und dr�ckte die Sp�lung. Nach dem kurzen Wirbel des Wassers war immer noch mindestens die H�lfte da. Er hielt den Zahnputzbecher unter den Wasserhahn, drehte auf, bis er �berlief, dann trank er. Er nahm den halbvollen Becher mit zum Tisch. Zog dann seinen Mantel aus und h�ngte ihn �ber einen B�gel und an die Schrankt�r. Ich darf den feuchten Mantel nicht in den Schrank tun. Sonst riecht er muffig am Morgen.</p><p>Als er wieder am Tisch sa�, merkte er, dass er fror. Das Fenster war gekippt. Er z�ndete sich eine an. Ich wei�, ich sollte aufh�ren, Vater.</p><p>Wie blau dieses Bild geleuchtet hat. Tomographie oder sowas �hnliches. Er hatte mit den �rzten telefoniert, war hingefahren in die Grenzstadt, ins ehemalige Bezirkskrankenhaus. Obwohl seine Schwester davon nichts wissen wollte. Die ihn erst sp�t angerufen hatte.</p><p>So sieht der Tod aus, hatte er damals gedacht. Er stand mit seiner Zigarette am Fenster, das er ganz ge�ffnet hatte, die Gardinen zur Seite gezogen, er blickte auf dieses eine Fenster in dem grauen Neubau gegen�ber, das Licht des Fernsehers flackerte dort noch immer, und je l�nger er in dieses blauwei�e Licht blickte�� Er warf die Kippe runter in den Schnee, beugte sich weit nach drau�en, sp�rte die Schneeflocken auf seinem Gesicht, bevor er sich mit einem Ruck umdrehte und das Bett sah, die Laken zerw�hlt, das Kissen zerdr�ckt, die Decke an die Wand gekn�llt, obwohl er doch noch nicht gelegen hatte. Vorsichtig schloss er das Fenster und zog die Gardinen zu.</p><empty-line/><p>Die Erde prasselte auf den Sarg. <emphasis>Ihr d�rft mich nicht verbrennen</emphasis>. Das hatte sein Vater zweimal zu ihm gesagt. Oberhalb des Stroms, in der Grenzstadt, im ehemaligen Bezirkskrankenhaus.</p><p>Er nickte, ein-, zweimal, sp�rte, wie die letzten Kr�mel der Erde aus seiner Handfl�che fielen, blickte kurz auf den langen Deckel des Sargs, auf dem nur einige Handvoll Erde lagen, nickte noch einmal in das Dampfen seines Atems hinein, dann drehte er sich um. Sah das Gesicht seiner Schwester, die einige Meter neben dem Grab stand, mit ihren beiden Kindern. Sie trug eine schwarze Fellm�tze, eine Tschapka. Es schneite seit dem Morgen nicht mehr. Er ging zu ihr, stellte sich neben sie. W�hrend die anderen Trauerg�ste ans Grab traten, versuchte er, sie so anzuschauen, dass es ihr nicht auffiel. Das runde ovale Gesicht. Wie die Mutter. Dunkelblonde Haare unter der Tschapka. Und er wollte nicht aufs Grab der Mutter blicken, direkt neben dem Loch in der Erde. Seit fast zwanzig Jahren schickte er Blumen auf ihr Grab. Vorhin hatte er die Tannenzweige unterm Schnee gesehen. Wie haben sie nur das Loch in diese steinharte Erde bekommen? Mit einem kleinen Bagger wahrscheinlich. Der Pfarrer stand gebeugt neben dem langen, schmalen Loch. Zwanzig Leute ungef�hr waren gekommen. Die meisten kannte er nicht. Oder nicht mehr. Er hatte noch ein paar Gro�tanten und Gro�onkel hier. Er blickte �ber die wei�en Gr�ber, kahle B�ume mit kahlen, d�nnen �sten und schneebedeckte Nadelb�ume zwischen den Gr�bern. Wenn er den Kopf ein wenig drehte, konnte er seine Schwester sehen, wenn er den Kopf ein wenig drehte, konnte er die kleine Kapelle sehen. Wie alt die beiden Kinder jetzt wohl waren? Er versuchte zu z�hlen<emphasis>. Vater unser, der du bist im Himmel, geheiligt werde dein Name��</emphasis> Das war vorhin gewesen und noch in seinem Kopf. Dabei war Vater kein Kirchg�nger gewesen. Die Mutter schon. Sie sind oft zusammen in den Gottesdienst gegangen, Mutter, er und seine Schwester. Oft hatten sie Kollegen von Vater getroffen, die ihnen Gr��e f�r den Vater mitgaben. Als Mutter gestorben war, einundsiebzig, sind sie nie mit dem Vater in die Kirche gegangen. Nur zu Weihnachten. Weil seine Schwester immer gedr�ngt hatte. Zu Weihnachten. Auch die Kirche konnte er sehen, den spitzen roten Turm, weit hinter den B�umen der Allee vorm Friedhof. Altstadt. Vorstadt. Dorf.</p><p>Er sp�rte pl�tzlich die Zigarette in seinem Mundwinkel, musste husten, warf sie in den Schnee, sah und sp�rte, wie seine Schwester ihn anblickte, er drehte sich zu ihr, sagte leise:�Entschuldige�, sah sie l�cheln, legte seine Hand auf ihre Schulter, ging n�her an sie ran, legte dann seinen Arm um ihre Schulter, sagte noch einmal:�Entschuldige �und sp�rte, wie sie sich an ihn lehnte, dr�ckte mit der Hand ihre Schulter, sp�rte, wie er r�ckw�rts stolperte, sp�rte, wie sie ihn hielt, wie sie mit ihrer Hand an seiner Brust vorbeigriff und seine freie Hand nahm und hielt, und als er ihr ins Gesicht blickte, lie� sie ihn wieder los.</p><p>Die Kinder standen still neben ihnen und blickten ihn an, als w�rden sie nicht wissen, dass er ihr Onkel war.�Leckt mich doch. �Er zog seine Handschuhe an. Das hatte er so leise gefl�stert, dass es keiner geh�rt haben konnte, w�hrend er ging. Die H�nde mit den Lederhandschuhen in den Manteltaschen lief er am Grab vorbei zum Tor.</p><empty-line/><p>Er stand in� Liv�s Blumenboutique �in der Bahnhofstra�e, der Geruch nach Tannennadeln und Erde, die H�nde hatte er auf die Verkaufstheke gelegt. Die Frau kam durch die T�r zwischen den Regalen an der R�ckwand, Blumen, Gebinde, Tannenzweige, Kakteen, gro�e Pflanzen mit dunkelroten Bl�ten in gro�en T�pfen, sie hielt ein paar Zettel in der Hand.�Das ist alles bezahlt, Herr Pieszeck.�</p><p>�Ich wei�. Ich wollte mich nur nochmal bedanken.�</p><p>�Das ist nett. Sie sind das also, der die ganzen Jahre die Blumen und Gebinde bezahlt.�</p><p>�Ja.�</p><p>�Ich habe mich immer gefragt, ob Sie jemals hier auftauchen. M�chten Sie eine Quittung?�</p><p>�Nein. Und jetzt bin ich aufgetaucht.�</p><p>�Und <emphasis>ich</emphasis> m�sste mich bei Ihnen bedanken.�</p><p>�M�ssen Sie gar nicht. �Er sch�ttelte den Kopf. Lehnte immer noch auf dem Tisch, auf dem die Kasse stand.</p><p>�Mein ehrliches Beileid, wegen Ihrem Vater.�</p><p>�Danke. �Er richtete sich auf, schob die H�nde in die Manteltaschen.�Zum Schluss war es das Beste f�r ihn.�</p><p>Sie strich �ber die Aufschl�ge ihres blauen Kittels. Nickte. Er blickte auf die Falten neben ihren Mundwinkeln. Jetzt l�chelte sie.�Manchmal�, sagte sie,�manchmal ist es�� irgendwann eine Erl�sung�� Entschuldigen Sie���</p><p>�Nein. Sie m�ssen sich f�r nichts entschuldigen. Liv. Sie sind doch Liv?�</p><p>�Ja�, sagte sie.</p><p>Er nickte.�Sie sind wohl schon immer hier gewesen, Liv?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Dann kannten Sie meinen Vater?�</p><p>�Nur vom Sehen, Herr Pieszeck.�</p><p>�Hans.�</p><p>�Hans. �Er blickte auf die Falten neben ihren Mundwinkeln. Kurze schwarze Haare, ein schmales Gesicht. Anfang vierzig vielleicht.</p><p>�Und Sie sind schon immer hier gewesen in der Stadt?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Und meinen Vater kannten Sie auch?�</p><p>�Vom Sehen, nur vom Sehen, Hans.�</p><p>�Wissen Sie, wo er wohnte, unten am Fluss?�</p><p>�Nein, nicht wirklich.�</p><p>�Da bin ich gro� geworden, da bin ich aufgewachsen.�</p><p>�Dann haben wir uns vielleicht schonmal gesehen.�</p><p>�Wo sind Sie denn gro� geworden, Liv? Ich darf Sie das doch fragen.�</p><p>�Auf der anderen Seite.�</p><p>�Beim Werk?�</p><p>�Kennen Sie das kleine Viertel am Hafen?�</p><p>�Ja. Nat�rlich. Mein Vater war im Werk.�</p><p>�Mein Onkel war im Werk.�</p><p>�Vor vielen Jahren habe ich dr�ben im Dorf�3 in der G�rtnerei gearbeitet.�</p><p>�G�rtnerei Schmidt?�</p><p>�Hm.�</p><p>�Die ist schon sehr lange zu.�</p><p>�Das habe ich mir gedacht, Liv. Sie hei�en bestimmt nach Liv Ullmann.�</p><p>�Der Schauspielerin? Nein. Meine Urgro�mutter hie� Liv. Ihr Vater, also mein Ururgro�vater, kam aus Schweden.�</p><p>�Schweden�� Da fahren Sie wohl manchmal nach Schweden? Zur Verwandtschaft?�</p><p>�Oh nein. �Sie lachte.�Da haben wir keine Bindung mehr.�</p><p>�Dort muss es immer sehr kalt sein�, sagte Hans,�und das Tageslicht verschwindet schon am Mittag���</p><p>�Ich glaube, ganz so schlimm ist es nicht.�</p><p>�Dann waren Sie also doch schonmal in Schweden, Liv.�</p><p>�Nein, war ich nicht.�</p><p>�Ich hab nur Spa� gemacht. Nehmen Sie�s mir nicht �bel.�</p><p>�Nein. Ist schon in Ordnung. Sie wollen nach Hause?�</p><p>�Ich bin auf dem Sprung. �Er stie� mit dem Fu� an seine Reisetasche.</p><p>�Ach, Sie sind mit dem Zug?�</p><p>�Nein. �Er lachte.�Ich wollte, ich w�re es. Ich hatte nur���, er b�ckte sich, zog den Rei�verschluss seiner Tasche auf,�ich wusste ja nicht, dass ich <emphasis>Sie</emphasis> hier treffe, ich dachte eher an eine alte Blumendame. �Er stellte die Flasche Wein auf die Verkaufstheke.�Und ich hatte Ihnen ja gesagt, dass ich mich bedanken m�chte.�</p><p>�Das w�r gar nicht n�tig gewesen.�</p><p>�Doch. Jetzt w�rde ich sagen, dass es n�tig war.�</p><p>�Und deswegen schleppen Sie Ihre Reisetasche hier rein.�</p><p>�Wissen Sie, Liv, ich bin ein seltsamer Mensch.�</p><p>�Ja. Ich glaube, das sind Sie.�</p><empty-line/><p>Hans sa� auf dem Bett in seinem Hotelzimmer. Er trug immer noch seinen schwarzen Anzug. Er w�nschte, er h�tte lange Unterhosen eingepackt. Aber er hatte die K�lte nicht gesp�rt auf dem Friedhof. Der Fernseher lief auf dem Tisch, war still gestellt. Er griff neben sich �ber die Laken, suchte die Fernbedienung. Seine Zigarettenschachtel lag neben ihm. Er nahm sie, hielt sie Richtung Fernseher und dr�ckte auf die Buchstaben, die Folie, den Schriftzug �ber dem Tod.�Nun geh schon aus, du Schei�ding. �Er schmiss sie gegen das Bild, gegen die R�hre, gegen das dicke Glas.</p><p>Er hatte zwei Neffen, die hie�en Klaus und Manfred. Einmal hatte seine Schwester am Telefon gesagt, dass sie ja froh sein k�nne, dass sie keine T�chter h�tte, sonst w�rden die ja vielleicht irgendwann bei ihm landen. Ja, schei�e. <emphasis>Leckt mich doch</emphasis>. Irgendeine bescheuerte Talkshow lief. <emphasis>Und Familie?</emphasis> W�hrend die Assis sich ohne Ton zerfleischten, trat pl�tzlich ein kleiner Junge mit einer Zuckert�te ins Bild und auf die B�hne. Gro�aufnahmen von Gesichtern, flennende M�tter, V�ter mit H�nden vorm Gesicht. Bilder, Bilder, Schriftz�ge. Und Hans erinnerte sich an die Einschulung von AKs Sohn, vor Jahren. Vielen Jahren. Was war mit AKs Eltern gewesen, wie war da das Verh�ltnis von Vater und Sohn, Eltern und Kind nach all den Jahren?� Und kommst du gut aus mit ihnen?�</p><p>�Nat�rlich, was denkst du denn?�</p><p>�Gar nichts. Ich frag nur.�</p><p>�Alles bestens. Als w�r ich �n Kaufmann, als w�r ich �n Kr�mer. Und das bin ich doch auch.�</p><p>�Bist du. Und was ham die so gemacht, also so beruflich?�</p><p>�Der neugierige Hans.�</p><p>�Sorry. War zu viel Wein.�</p><p>�Schon in Ordnung, mein Schweine-Hans.�</p><p>�Sag sowas nicht.�</p><p>�Na siehst du. Pari.�</p><p>�Pari?�</p><p>�Meine Eltern, Hans. Ganz normal. Wie sonstwo. Nichts Besonderes. Nat�rlich schon. Angestellte. Ihr Leben lang.�</p><p>�Und keiner ist dir b�se?�</p><p>�Nee. Keiner. Alles bestens.�</p><p>�Hm. �Und er erinnerte sich, w�hrend er mit seiner Zigarettenschachtel durch die Programme zappte, bevor er sie wegschleuderte, wie er bei der Einschulungsfeier f�r AKs Sohn, wie viele Jahre ist das jetzt her? wie er da am Ufer des gro�en Sees gestanden hat, die Feier im R�cken, der Geruch nach Gegrilltem, das Lachen der Kinder, die Stimmen der Verwandten, eine schei�normale Familienfeier, ein Schulanfang mit Zuckert�ten an den B�umen, mit Tischen voller Essen und Getr�nke, Bowle in gro�en Glasgef��en, aus denen die alten Damen sch�pften, AKs Mutter, AKs Vater, wie sie den Jungen verw�hnten, der seine Freunde, die etwas �lter waren, und auch die gleichaltrigen von den Nachbarn, mitgebracht hatte, samt den Familien, damit sie hier gemeinsam feiern konnten, <emphasis>der Junge kommt schlie�lich nur einmal in die Schule</emphasis>, nur paar Atzen mit Anz�gen zwischen den Schulanfangsverwandten, bei der Kleidungsordnung war Arnold rigoros gewesen damals, Alex mischte die Bowle nach einem alten Rezept seiner kanackischen Vorfahren, sagte er jedenfalls, lachend, einer der Gebr�der�W. war da, hatte seinen Sohn mitgebracht, die W. hatten in Restaurants und in den gro�en Stripclub investiert, zogen sich langsam aus dem Wohnungsgesch�ft zur�ck��, war Karate-Steffen damals noch in der Stadt gewesen? Hans hatte am See gestanden, die offene Flasche Rotwein unter den Arm geklemmt, hatte auf das andere Ufer geblickt, das im Abenddunst lag, die Berge verschwommen wie durch eine gro�e Lupe, er stand dort am Ufer und sah, wie die gl�nzende Wasseroberfl�che sich langsam rosa f�rbte unter dem gro�en Abendhimmel��</p><p>Und er packte zusammen, w�hrend der Schnee drau�en wieder fiel.</p><empty-line/><p>�Und der Hans muss nicht nach Hause?�</p><p>�Was denkst du, wo mein Zuhause ist?�</p><p>�In der gro�en Stadt.�</p><p>�Wolltest du jemals hier weg, Liv?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Wegen deinem Laden?�</p><p>�Wo sollte ich sonst hin, lieber Hans?�</p><p>Sie sa�en im� Peking-Restaurant �in der Bahnhofstra�e, zwei-, dreihundert Meter unterhalb des Bahnhofs. Er hatte Sake bestellt, und sie tranken hei�en Sake, gossen das dampfende klare Getr�nk aus den kleinen Kannen in noch kleinere Becher.</p><p>�Und du warst wirklich noch nie hier?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Und hast auch noch nie hei�en Sake getrunken?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Aber dein Laden ist doch hier um die Ecke, Liv.�</p><p>�Mein Laden ist um die Ecke.�</p><p>�Du bist eine seltsame Frau, Liv.�</p><p>�Vielleicht bin ich das.�</p><p>Einer der asiatischen Kellner brachte die Vorspeisen, verschiedene Taschen, verschiedene Rollen, Fr�hling, Sommer, vegetarisch, dazu eine Flasche Wei�wein.�Bitte sch�n�, sagte er und goss ihnen ein.</p><p>�Sake und Wei�wein�, sie l�chelte, und Hans blickte sie an,�ob das gutgeht.�</p><p>�Gutgehen, schiefgehen, ich wei� nichtmal deinen Nachnamen�, sagte Hans.</p><p>�Was spielt das f�r eine Rolle�, sagte sie und griff nach einer Fr�hlingsrolle, und auch Hans griff in die Gef��e mit den Vorspeisen.�Wahrscheinlich keine�, sagte er und a� und kaute und wischte sich �bers Kinn,�vielleicht m�chte ich mehr �ber dich wissen.�</p><p>�Der neugierige Hans.�</p><empty-line/><p>�Wann bist du weggegangen?�</p><p>�Die neugierige Liv. �Er schob seinen Arm unter ihren R�cken, schob und schob, sp�rte das Laken, wie es unter seinem Arm zerkn�llte, bis sie leicht den Oberk�rper hob und er seine Hand durchschieben und auf ihre Schulter legen konnte und ihren Kopf zu sich auf die Brust zog.</p><p>�Du musst mir nichts erz�hlen, Hans. Aber du warst pl�tzlich da.�</p><p>�Und du warst pl�tzlich da. Vierundachtzig bin ich weggegangen.�</p><p>�Vor drei�ig Jahren.�</p><p>�Nicht ganz. �Er legte sich auf die Seite und wollte sie ganz nah an sich ranziehen, aber sie war schon da.�Die Zeit rennt so�, sagte sie, und er legte beide Arme um ihren R�cken. Presste seinen Kopf an ihre Br�ste.�Ja, sie rennt�, sagte er, presste seine Stirn an sie.</p><p>�Und jetzt bist du in der gro�en Stadt. �Er sp�rte das Vibrieren ihrer Stimme an ihren Br�sten und ganz tief in ihr drin.</p><p>�Ich hab �ne Bar�, sagte Hans,��ne Cocktailbar.�</p><p>�Ach, deswegen kennst du dich so aus.�</p><p>�Wie meinst�n das?�</p><p>�Was die Getr�nke angeht, Mister Rick.�</p><p>�Mister Rick?�</p><p>�Casablanca, Hans.�</p><p>�Ist lange her, Miss Blume.�</p><p>Sie fuhr mit der Hand �ber seinen Kopf. Er nahm ihre Hand und f�hrte sie durch sein stoppeliges Gesicht.�All die Jahre bin ich nicht hier gewesen. �Er drehte sich auf den R�cken, blickte an die Decke ihres Schlafzimmers, ihre Hand immer noch in seinen Haaren.</p><p>�Da hast du gewartet, damit du mich treffen kannst, was?�</p><p>�H�tte ich gewusst, dass du da bist, w�re ich schon vor Jahren gekommen.�</p><p>�Und warum bist du weggegangen?�</p><p>�Das fragst du wirklich, Liv?�</p><p>�Nein, nicht wirklich. Ich will nur wissen, wer mein Hans ist. Heute.�</p><p>�Dein Hans?�</p><p>�Entschuldige. Ich bin nur so froh, dass du jetzt da bist.�</p><p>�Nichts zu entschuldigen, meine Liv. Ich kann mir grad nichts Besseres vorstellen. Kann mir �berhaupt nichts Besseres vorstellen, jetzt gerade. Quatsche wahrscheinlich wieder M�ll.�</p><p>�Bist du verheiratet? Selbst wenn, spielt keine Rolle, ist mir egal. Entschuldige, spielt f�r mich jetzt keine Rolle, ist mit egal.�</p><p>�Nein, bin ich nicht.�</p><p>�Vielleicht bist du ein wunderbarer L�gner, ich will jetzt nur mit dir zusammen sein.�</p><p>�Und ich mit dir. Das ist keine L�ge. Sonst w�rd ich�s dir sagen. Und���</p><p>�Halt den Mund, Hans, und komm her.�</p><empty-line/><p>Er blickt ins Dunkel. Das ist sein zweiter seltsamer Traum. Seit er bei ihr schl�ft. Sein Handy hat er seit drei Tagen nicht eingeschaltet. Sie wird neben ihm wach.�Was�n los?�</p><p>�Nichts, nichts. Schlaf weiter, Liv.�</p><p>�Haste wieder schlecht getr�umt?�</p><p>�Was hei�t hier <emphasis>wieder</emphasis>?�</p><p>�Ach, Hans. �Er sp�rt ihre Hand auf seiner Brust. Er tr�gt den Schlafanzug ihres Ex-Mannes.�Hatter nie getragen, wollte ich ihm zu Weihnachten schenken.�</p><p>��n Schlafanzug zu Weihnachten?�</p><p>�Tr�gt sich doch aber gut.�</p><p>�Hm, ja.�</p><p>Er legt seine Hand auf ihre, sp�rt den Schwei� auf der Stirn und der Brust.�Willste nicht fragen?�</p><p>�Was meinst�n?�</p><p>�Na, was ich getr�umt hab.�</p><p>�Beim letzten Mal wolltstes nicht erz�hlen.�</p><p>�Ich bin ins Werk gegangen. Ganz allein. Die ganze Stadt war leer. Es schneite�� Schneit es drau�en, Liv?�</p><p>�Ich wei� nicht. �Er h�rt, wie sich die Decke bewegt, er steht auf, sp�rt die K�hle der Luft, er sieht sie vor den Gardinen stehen, sie tr�gt eins seiner Unterhemden, er kann sich nicht erinnern, wann sie sich das �bergezogen hat, trug sie nicht ein kurzes Nachthemd, aber sie hatten den ganzen Abend Wein getrunken und gebumst. Sie war vierundvierzig und hatte seit drei Jahren mit keinem Mann mehr geschlafen. Sie zog die Gardinen zur Seite, die gro�e wei�e Fl�che des Gartens hinter ihrem Haus, ein paar Schneeflocken trudelten durch die Luft, in der letzten Nacht hatte es drau�en gest�rmt, jetzt schien es windstill zu sein, sie drehte sich zu ihm,�Kr�melt nur ein bisschen�, er blickte auf ihren Hals, sah ihre spitzen, etwas h�ngenden Br�ste unter seinem Unterhemd, sie sah aus wie ein kleines M�dchen, als sie da so stand in der Helligkeit des Schnees, die Gardinen fielen wieder zu, und er sah nur noch die Umrisse ihres K�rpers, und als sie wieder bei ihm lag, nahm er ihre Hand, wunderte sich wieder, wie rau und rissig die Innenfl�chen waren, streichelte diese Arbeitshand, die von den Pflanzen und Dornen und Nadeln zerstochen und rau geworden war in den langen Jahren,�Du hast so weiche H�nde, Hans�,�Ach, uninteressante H�nde, du hast sch�ne H�nde, ich f�hle das gern�,�Ach, h�r auf�, er konnte sp�ren, wie sie l�chelte, und er tastete in die Dunkelheit, bewegte die Hand in der Luft, strich �ber ihr Gesicht und ihren l�chelnden Mund.�Und ich bin durch den Schnee gelaufen, barfu�, aber ich habe gar nicht gefroren, ich hatte eine kurze Lederhose an, ich glaube, dass ich so eine Hose als Kind manchmal trug, aber ich war kein Kind in meinem Traum. Ich lief �ber die beiden Br�cken, auf der ersten bin ich lange stehen geblieben, und alles war in einem D�mmerlicht, gro�e Dampflokomotiven standen auf den Gleisen, und ich ging weiter durch den Schnee, und der Kanal war zugefroren, aber unterm Eis war ein seltsames dunkelrotes Leuchten, ein Gl�hen, und der Schnee fiel, ganz ganz gro�e Flocken waren das, und langsam fielen die, die schwebten, die waren wie wei�e Schmetterlinge.�</p><p>Er lehnte jetzt an der Wand, hatte sich das Kopfkissen hinter den R�cken geschoben, sie legte ihren Kopf an seine Schulter.�Wie Schmetterlinge�, sagte sie.</p><p>�Und ich bin dann durch die langen Stra�en gelaufen, Lenin, Republik, kennst du ja, aber die nahmen und nahmen kein Ende, wie das manchmal so ist im Traum. Am Theater vorbei, und da waren auch H�user, die hatte ich so noch nie gesehen. Gro�e graue T�rme. Endlos hoch waren die. Und dieses D�mmerlicht, als w�rde es von einem riesigen Mond kommen, aber den Mond habe ich nicht gesehen, ich habe mal gelesen, dass man im Mondlicht alles nur schwarzwei� erkennen kann, also wenn du eine Zeitung liest zum Beispiel.�</p><p>�Ich glaube nicht, dass das wirklich so ist.�</p><p>�Wenn der Mond wieder scheint, probieren wir das aus.�</p><p>�Ja, Hans, das machen wir.�</p><p>�Und ich also immer weiter, immer weiter durch den Schnee. Und dann habe ich Spuren gesehen, die waren ziemlich gro�, also meine eigenen k�nnen es nicht gewesen sein, dass ich im Kreis gelaufen bin, verstehst du. Und das waren Spuren, die waren riesig. Und mehr so quadratisch, als w�re da einer mit Schneeschuhen gelaufen. Und da bin ich denen gefolgt, aber die h�rten dann auf. Und als ich so an mir runtergucke, sehe ich pl�tzlich, dass ich riesige, behaarte F��e habe.�</p><p>�Na ja�, sie lachte an seiner Schulter,�du hast ja wirklich mindestens f�nfundvierzig. Und Haare sind auch drauf.�</p><p>�Ach was, stimmt ja gar nicht. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie gro� die pl�tzlich waren, und es schien mir sogar, dass die immer gr��er wurden. Da bin ich dann gerannt. Und das ging gut, mit dem Rennen. Nicht so, wie das manchmal ist, dass man gar nicht von der Stelle kommt, nee, ich bin fast geflogen, habe Riesens�tze gemacht, aber irgendwie auch in Zeitlupe. Und dann war ich am Werk.�</p><p>�Am Stahlwerk.�</p><p>�Ja. Aber nee, warte, vorher, da habe ich noch dieses dumpfe H�mmern geh�rt, mehr so eine dumpfe Trommel, so ein Trommeln. Bumm, bumm, bumm. Ganz monoton, und irgendwo aus der Ferne kam das. Da war ich noch in den leeren Stra�en. Und das kann auch sein, dass das von mir kam, dass das von meinen Riesens�tzen kam, wie ich da mit meinen Fellf��en immer auf den Boden bin. Bumm, bumm, bumm. Und ich wei� gar nicht genau, ob ich das am Tor, also am Werkstor, auch noch geh�rt habe. Und dann bin ich da rein.�</p><p>�Hast du deinen Vater getroffen?�</p><p>�Ja. �Er sp�rte, dass er schwer atmete, dass er au�er Atem war, musste sich zusammenrei�en um weiterzureden, und sie streichelte wieder sein Gesicht mit ihrer rauen Hand.</p><p>�Der stand da, am Hochofen, trug die grobe Ledersch�rze und die Gesichtsmaske mit dem get�nten Glas vorne drauf, und er machte einen Abstich mit der gro�en, langen Eisenstange, und er warf die pl�tzlich weg und beugte sich vor, und der Stahl floss �ber seine H�nde, und der rotgl�hende Stahl war �berall. Und da hab ich gerufen. Vater, habe ich gerufen, pass doch auf, Vater, du verbrennst. Aber der hat�s gar nicht geh�rt. Und auch ich hab mich selbst nicht geh�rt. Schei�e.�</p><p>�Ist gut, Hans, ist alles gut. �Sie k�sste ihn auf den Hals und aufs Kinn und dann auf die Stirn.</p><p>�Ja, ja. Ist schon gut. Ist schon alles gut. Was man so tr�umt. Und ich hab gerufen und gerufen. Aber der sture Alte mit beiden H�nden in diesem gl�henden Strom. Der formte da irgendwas, der hat da irgendwas geformt. Figuren, Stahltr�ger, ich konnt das nicht richtig erkennen. Geb�ckt stand er da, ganz ohne Handschuhe, und das Komische war, dass der ganze Boden, dass da alles voller Handschuhe, voller Arbeitshandschuhe lag. Und ich will zu ihm hin. Die Halle ist riesig mit einer hohen Kuppel, wie eine Kathedrale, ja, und das flackert und spr�ht Funken, der Stahlfluss da vor ihm aus dem gro�en hohen Konvertgef��, das war nicht der normale Hochofen, den kannte ich ja, den hat er mir doch mal gezeigt, da sind wir doch sogar mal mit der Schule hin, ich krieg das Bild auch kaum noch zusammen. Aber gestolpert bin ich, immerzu bin ich �ber diese bescheuerten Handschuhe gestolpert. Und da dreht er sich zu mir um und nimmt die Maske ab, und sein Gesicht ist so wei�, dass ich im Traum kurz meine Augen schlie�en muss, so blendet mich das, sein wei�es Gesicht. Und die Augen leuchten rot, als w�re der Stahl reingeflossen, als w�re der schon in ihm drin, und da sagt er: Ich habe schon lange auf dich gewartet.�</p><p>�Hast du ihn denn oft besucht im Krankenhaus?�</p><p>�Nein, nicht oft. Wir�� haben uns nicht so gut verstanden. Das Letzte, was er zu mir gesagt hat, war, dass wir ihn nicht verbrennen sollen. Dass er nicht in eine Urne will.�</p><p>�Aber ihr habt ihn doch gar nicht verbrannt. Es war doch kein Urnengrab.�</p><p>�Nein. Haben wir nicht. War es nicht. Und irgendwas anderes hat er auch noch gesagt.�</p><p>�In deinem Traum?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Du erinnerst dich nicht?�</p><p>�Nein, warte�� Nein.�</p><p>�Denk nicht dr�ber nach, Hans. Vergiss den b�sen Traum.�</p><p>�Aber ich wei� genau, dass es wichtig war. Ich wei�, dass er mir irgendwas Wichtiges noch gesagt hat.�</p><p>�War er dir b�se, dass du weggegangen bist, damals?�</p><p>�Er hat das nie verstanden. Eine Bar. Das war keine ehrliche Arbeit f�r ihn. Er kam aus �ner Bauernfamilie und war dann sein ganzes Leben Stahlarbeiter. Er hat was gesagt, ich wei� es ganz genau, dass er noch was gesagt hat.�</p><p>�Lass uns schlafen, Hans. Vielleicht f�llt es dir morgen wieder ein.�</p><p>Er f�hrt mit beiden H�nden unter das Unterhemd, das sie tr�gt, sein Unterhemd, legt seine H�nde auf ihre Br�ste, streichelt sie, zieht ihr das Unterhemd �ber den Kopf, k�sst sie, streicht �ber ihr Schamhaar, saugt an ihrer Brust und schiebt seine Finger in sie, sie fl�stert an seinem Ohr, zerrt die Decken zur Seite, presst sich an ihn, und er wei�, dass er die Stadt und die Steine und die Toten f�r immer vergessen muss.</p><empty-line/><p>Er f�hrt. Die weiten wei�en Felder links und rechts der Stra�e. W�lder. D�rfer. Kleine H�user zwischen den kahlen B�umen. Irgendjemand musste es ihr sagen, irgendwann. Verdammtes Dorf, verdammte Stahlstadt.</p><p>Sie laufen am Fluss entlang. Eisschollen auf dem Wasser. Er erz�hlt ihr von seiner Tochter. Dass seine Ex-Frau nicht will, dass er sie sieht. Erz�hlt von seinem Gro�vater, der einmal ein Bauer gewesen ist, bis die LPG ihm das Land wegnahm. Sie erz�hlt von ihrem Ex-Mann, der eine andere Frau in Berlin kennengelernt hat, als er dort arbeiten musste.</p><p>Er hat die Kindersachen im Schrank gesehen, und sie hat ihm von ihrer Fehlgeburt erz�hlt, vor vielen Jahren. Sie stapfen durch den Schnee, er wirft einen Schneeball ins Wasser, bleibt etwas zur�ck und wirft dann einen Schneeball nach ihr.�Ich will, dass du mir einen Cocktail machst, Hans�, ruft sie,�was Besonderes und nur f�r mich!�</p><p>�Klar, mach ich. Casablanca-Liv. Rum und Schnee und frische Minze.�</p><p>Er greift in den Schnee, rennt hinter ihr her, h�rt sie lachen und sp�rt, wie der Schnee in seiner Hand schmilzt.</p></section><section><title><p><strong>Der Kolumbusfalter</strong></p></title><p>Vorgeschichte: Bertel sitzt hinterm Schreibtisch, als seine Sekret�rin reinkommt mit einer wichtigen Meldung. Der Notizblock, den sie in einer Hand h�lt, ist allerdings leer. Sie nimmt einen Bleistift und schreibt� ACHTUNG WICHTIG �auf den leeren Notizblock. Die Schrift ist zu gro� und geht bis �ber den Rand und ins Bild hinein.</p><p>�Ein Herr Schmitz w�nscht, Sie zu sprechen, Herr Duck!�, ruft sie aufgeregt.</p><p>�Soll reinkommen!�</p><p>Und da kommt er auch schon, in Schwarzwei�.�Einen wundersch�nen guten Morgen���</p><p>Der Mann hat blonde Haare, sie malt sie sp�ter blond. Mit einem gelben Buntstift. Die schwarzwei�en Seiten habe ich fr�her immer ausgemalt, manchmal mache ich das heute noch. Im Sommer habe ich auf dem Flohmarkt viele LTBs gekauft. F�r zwei Mark oder zwei f�nfzig. Manchmal kosten sie auch drei Mark, das ist mir zu viel. Manche machen auch Sonderpreise, wenn man mehrere auf einmal kauft. Ich mag die Ausgaben mit Donald am liebsten. Micky ist ganz o.k., vor allem Goofy mag ich.</p><p>Der Erste heute hatte graue Haare. Das passt ganz gut, denn ich stelle sie mir immer in Schwarzwei� vor. Alles eigentlich. Sp�ter male ich. Auf den Flohmarkt gehe ich seit zwei oder drei Jahren. Genau wei� ich das grad nicht. Jedenfalls waren das die ersten Flohm�rkte, auf denen es Comics und Videos gab.�Stopp! Sparen Sie sich die M�he! Schon abgelehnt!�Bertel ist streng und in Fahrt. Da kann ja jeder kommen. Alle wollen ihm was aufschwatzen. Die Nummer�86 ist eins der letzten LTBs mit Vorgeschichte. Ich friere und ziehe mir einen Bademantel an. Drau�en ist es schon kalt. Das Jahr ist bald zu Ende, und dann wird es richtig Winter. Aber die Winter hier in der Stadt k�nnen auch mild sein. Weil wir so tief liegen. Tieflandbucht, das haben sie uns damals in Heimatkunde beigebracht. Ich hoffe, dass es n�chstes Jahr wieder mild wird. Geschneit hat es zu Weihnachten lange nicht mehr. Ganz sicher bin ich mir aber nicht. Bevor die Geschichte losgeht, ist Bertel mit zwei S�cken Geld zu sehen. Die schwenkt er und wackelt in den H�ften. Breitbeinig steht er mit diesen S�cken da. Tina macht bescheuerte Witze �ber Bertels S�cke. Die hat wirklich immer noch einen bl�den Spruch drauf. Das kommt davon, weil sie zu viel� Bravo �liest, obwohl sie zwei Jahre j�nger ist als ich. Sagt sie jedenfalls. Daisy Duck im Bademantel. Wir h�ren viel Musik. Tina Turner, Michael Jackson, Modern Talking, ich mag George Michael am liebsten. Die Nummer�86 hei�t� Aus dem Leben eines Milliard�rs�, und auf der zweiten und dritten Seite zieht Bertel eigenh�ndig eine gro�e eiserne Plattform mit einem Seil nach oben. Auf der Plattform stapeln sich die S�cke. Die Gelds�cke. Bertel steht auf einem Haufen Kohle. Alles M�nzen. Goldene M�nzen. Die Geldm�nzen habe ich ausgemalt. Nat�rlich nicht jede einzeln. Nur die zwei, drei, die von dieser eisernen Plattform runterfallen, weil einer der S�cke wohl undicht ist.</p><p>Ich habe immer schon viel gemalt. Da konnte sonstwas los sein. Das war wie Ohrenzuhalten und Augenzuhalten oder � zumachen. Ich habe alles vollgemalt. Auch meine H�nde.</p><p>Der Erste heute hatte graue Haare und roch gut. Am Anfang. Dann brennt das in der Nase und in den Augen und �berall. Ich habe angefangen, manche von den M�nzen lila auszumalen, auf den schwarzwei�en Seiten. Den Kuli hat er mir weggenommen, weil Buntstifte nicht auf der Haut halten. Manchmal ist mein Spitzer weg, und dann frage ich die anderen nach einem Spitzer. Ich wei� nicht, wo der immer verschwindet. Neulich fand ich ihn in einer Ritze im Bett. Hinterm Kissen, wo der Kopf immer liegt, mein Kopf immer liegt. Manchmal liegt er aber auch unten, wo sonst die F��e liegen, seine F��e, je nachdem, oder ich atme in den Stein hinter der Tapete, wenn ich stehen muss. Die Bude riecht muffig. Die Tapete riecht muffig. Der Stein ist feucht, denke ich. Wir haben auch in so einem muffigen Haus gewohnt fr�her. In so einer muffigen Wohnung. Weil das direkt unterm Dach war und das Dach nicht dicht war. Wenn ich auf dem Dachboden sa� und gemalt habe. Und drau�en war der Regen. Und unter mir, also unter der Decke, der Zimmerdecke, war mein Zimmer. Da hatte ich noch nicht so viele LTBs. Die Nummer�86 ist mein Lieblings-LTB, weil es das erste LTB war, das mir geh�rt hat. Das hat meine Mutter mir geschenkt. Weihnachten. Oder ich glaube Geburtstag. Mein Geburtstag ist im November, also kurz vor Weihnachten. Es muss <emphasis>doch</emphasis> einmal geschneit haben. Weil ich mich erinnere, dass wir Schlitten fahren waren. Aber da war ich noch so klein, dass ich mich kaum noch dran erinnere, wann genau das war. Das muss auf diesem kleinen Berg gewesen sein in diesem Stadtw�ldchen. Der kam mir damals riesig vor, aber das ist normal, hat mir Tina gesagt, das ist wie mit den Schw�nzen, nur manchmal sagt sie� Pimmelm�nner �und lacht dabei, dass ich Angst kriege. Dabei kriege ich nicht schnell Angst. Auf diesem H�gel bin ich dann sp�ter nochmal gewesen, also vor einem oder zwei Jahren, wenn ich genau nachdenke, das ist manchmal nicht einfach, war�s vor anderthalb. Als ich anfing, auf die Flohm�rkte zu gehen. Meine Uhr ist kaputt. Vor paar Tagen hat er mir eine neue geschenkt. Eine Quarzuhr. Ich soll das Armband nicht so eng stellen, sagt er, und er hat recht. Ich habe noch neue L�cher reingestochen, jetzt hat er mir die Gabel weggenommen, und manchmal kribbelt mein Arm. Weil ich die so eng drum rum schn�re. Da will er mir auch die Uhr wieder wegnehmen. Und ich verspreche, weil ich Angst habe, dass er mir die Uhr wieder wegnimmt, dass ich sie immer lose um mein Handgelenk trage. Und meistens mache ich sie ab, weil sie mir manchmal sagen, dass das st�rt, mit der Uhr. Ich verstecke sie im Bad in der Sp�le, also der Klosp�le. Denn sie ist ja wasserdicht. Steht hinten drauf. Ich wei� genau, dass die anderen neidisch sind auf meine Uhr. Vorne auf der Nummer�86 zeigt Bertel seine leeren Taschen. Dreht sie nach au�en, die Taschen seines Mantels. Da, ich habe keine Uhr mehr! Ist ein Gehrock. Sagt Bertel n�mlich selbst in einigen LTBs. Und Bertel hat auch keine Uhr. Bestimmt ist er zu geizig. Bertel guckt ganz unschuldig mit seinen gro�en Entenaugen. Die vom Schnabel bis hoch zu seinem Hut gehen. Ist ein Zylinder. Da will er sagen und will, dass wir ihm das glauben, dass er nichts hat. Aber hinter ihm, also auf dem Einband, Berge von Geld. M�nzen. Goldm�nzen. (Manchmal hat Bertel eine Taschenuhr, an einer Kette, f�llt mir jetzt grad wieder ein.)</p><p>Die Uhr, die ich davor hatte, also vor dieser Quarzuhr, war eine Ruhla. Mit einer schwarzen Katze zwischen den Zahlen. Einem schwarzen Katzenkopf mit wei�en Augen. Das war nat�rlich eine Kinderuhr, aber ich mochte sie. Die hat mir der Mann von Mutti geschenkt. Der damals ihr Mann war. Die Augen waren so gemacht, dass sie sich bewegten, wenn man die Uhr bewegt hat. Da waren so kleine Murmeln drin in den wei�en Augenh�hlen. Die sich bewegt haben und rumkullerten, das sah sehr lustig aus.</p><p>Ich wollte die Uhr verkaufen, aber das ging nicht. Weil es �berall schon neue Uhren gab. Weil keiner meine Ruhla wollte. Trotzdem haben sie mir die geklaut. Gleich in der ersten Nacht, als ich von zu Hause weg bin. Manchmal stelle ich mir vor, wo die Uhr grade ist. Und wer die mir wohl gemaust hat. Da habe ich bei Tina geschlafen. In so einem Abrisshaus. Aber eigentlich war�s noch gar kein Abrisshaus, nur die Wohnungen waren fast alle leer. Das war dort, wo die gro�en Fabriken sind. Die jetzt auch leer sind. Und der alte Hafen war gar nicht weit. Ich habe gar nicht gewusst, dass wir einen Hafen hier in der Stadt haben. Weil das gar nicht mein Viertel ist. Ich bin hier noch nie gewesen. Und hab gar nicht gewusst, dass die Stadt so gro� ist. Ist wie mit den Schw�nzen, hat Tina gesagt. Das habe ich am Anfang gar nicht verstanden, woher sie das immer mit den Schw�nzen hat. Da habe ich erst gedacht, sie meint das Schule-Schw�nzen. Wo sie doch zwei Jahre j�nger ist als ich. Sagt sie immer. Ist sie auch. Ein Jahr mindestens. Und da kann sie sich schminken und machen, wie sie will. Aber sie sagt immer so Sachen wie� Frechheit siegt �oder� Besser ein Schwanz als auf der Stra�e�. Da habe ich schon Respekt vor, wie sie das sagt. Weil ich das nicht k�nnte. Und wegen ihr bin ich ja auch hier. Aber da kann sie erz�hlen, was sie will, wenn sie weint, h�re ich das.</p><p>Und ich denke manchmal, dass die Uhr ein Uhrenliebhaber hat jetzt. Nicht dass der die geklaut hat. Weil das war einer von den M�dchen oder den Jungs, mit denen ich da in der Wohnung war. Wenn ich meine Tage kriege, ist es richtig schei�e.</p><p>Sie liest das Vorwort. Das sie fast auswendig kann. Und eigentlich <emphasis>kann</emphasis> sie es auswendig, bei Nummer drei tr�nen ihr wieder die Augen, weil der sich so viel Aftershave draufgemacht hat. Bei den Aftershave-Spr�chen von Tina lacht sie nicht. Oder tut nur so. Weil ihr der After brennt. Wenn sie auf dem Klo sitzt, klappt sie den Deckel von dem Sp�lkasten hoch und guckt, ob ihre Uhr noch da ist. Sie schwebt im Wasser.</p><p>�Liebe junge Leser! Wenn ihr mal in mein Alter kommt, wird man euch vielleicht auch vorschlagen, eure Memoiren zu schreiben � wie es mir gerade passiert ist. Und wenn ihr dann ebenso vielbesch�ftigt seid wie euer alter Freund Dagobert Duck, nehmt ihr wom�glich genauso dankbar die Hilfe eines sogenannten Ghostwriters (was w�rtlich �bersetzt �Geisterschreiber� hei�t) in Anspruch, wie ich das tat. Ich muss zugeben: Was dabei herauskam, kann sich sehen und lesen lassen. Denn Talent hat der junge Mann�� und Phantasie! Ihr werdet nat�rlich gleich feststellen, dass all die aufgeschriebenen Hist�rchen nicht wahr sind � daf�r aber ausnehmend gut erfunden. Das werdet ihr best�tigen m�ssen, wenn ihr die nun folgenden �fast wahren� Episoden aus meinem Leben gelesen habt:�</p><p>Und gleich ist es vorbei, das kann ich h�ren und sp�ren mittlerweile, und ich will nicht steif wie ein Brett sein, denn dann ist es nie vorbei, und ich stelle mir die Katze in meiner alten Ruhla-Uhr vor, wie sie mit den Augen klappert. Und wie sie der Uhrensammler durch die ganze Welt tr�gt. Afrika oder Buenos Aires. Und vielleicht Paris � London. Weil das nicht so weit weg ist. Weil ich da auch schonmal war, also fast war. In London. Weil meine Mutter die Reise f�r uns beide schon gebucht hatte. Im Sommer oder Herbst neunzig, gleich als es die D-Mark gab. Bis dann Manfred auftauchte. Da war London vorbei. Da habe ich trotzdem in der Schule erz�hlt, dass ich da gewesen bin. In London. Am Tower. Aber da habe ich mich bl�d angestellt. Weil ich zu viel Bl�dsinn erz�hlt habe. Wollte ich eben angeben.</p><p>Wie wir mit einem Schnellboot �ber die Themse sind. Und dass der Tower gleich hinten im Garten vom Palast ist. Und dass die K�nigin da spazieren gegangen ist, na klar, und dass wir ein Autogramm gekriegt haben von ihr. Und dass Michael Jackson dort grad ein Konzert gemacht hat und dass man uns reingelassen hat, weil die K�nigin uns Sonderkarten geschenkt hat�� Da konnte ich gar nicht aufh�ren mit Erz�hlen, da war ich richtig au�er Atem auf dem Schulhof. Weil sie doch alle um mich rumstanden. Weil sie doch alle wissen wollten, wie es in London war. Und sonst n�mlich nicht. Und von denen war noch keiner in London. Noch nie. Nur der eine. Stephan. Ich stelle mir vor, wie ich den zusammenschlage. Weil wenn er allein ist, bin ich st�rker als er. Wie schwach ich bin, merke ich nur, wenn sie auf mir sind. Aber da w�rde ich auch nicht auf die Idee kommen zuzuschlagen.</p><p>Bertel rastet ziemlich oft aus. Wenn�s n�mlich an sein Geld geht. Dann sch�ttelt es ihn und r�ttelt es ihn.�Hab ich mich doch schon wieder verz�hlt!�Tina und die anderen M�dels k�nnen nicht dar�ber lachen, das verstehe ich nicht.�Das ist doch Kinderkram�, sagen sie.</p><p>�Noch einmal von vorn! Es ist zum Aus-der-Haut-Fahren!�Und da w�lzt er sich auf den M�nzen, die ich bunt ausgemalt habe.�Mir geht einfach der Traum von heute nacht nicht aus dem Kopf!�Und Bertel legt die H�nde auf den R�cken und steht ungl�cklich in seinem Geldspeicher.</p><p>�Das ist falsch geschrieben�, sagt Tina. Sie tr�gt nur ein T-Shirt, das sie bis �ber ihre Oberschenkel zieht. Ihr dritter Besucher hat sie vorhin erst rasiert.</p><p>�Was denn? Was ist denn falsch?�</p><p>�Nicht �nacht�. Nacht!�Sie legt ihren Zeigefinger auf die Sprechblase.</p><p>�Das kann man bestimmt auch klein schreiben. Sonst w�rde es nicht so da stehen.�</p><p>�Es hei�t aber eben �Nacht�. Die Nacht. Weil Substantiv.�</p><p>�Ja, aber �heute nacht� ist nochmal was anderes. Da ist das eine Ausnahme. Weil man �nachts� n�mlich auch klein schreibt!�</p><p>�Trotzdem ist es ein Substantiv und deshalb gro�. Immer gro�.�</p><p>�Woher willst du denn das so genau wissen, du hast ja nichtmal die sechste Klasse fertig!�</p><p>�Ach, und du wohl?�</p><p>�Ja. Hab ich. Und sogar die achte.�</p><p>�Du l�gst doch!�</p><p>�Nein, tu ich nicht!�</p><p>�Sag mir doch mal, was acht hoch zwei ist.�</p><p>�Pippi, sechzehn nat�rlich. Willst mich ver�ppeln?�</p><p>�Sechzehn? In deinen bl�den LTBs vielleicht, bei deinem Onkel Flegelbert vielleicht!�</p><p>�Dagobert!�</p><p>�Was liest du �berhaupt diesen Mist, wenn�s doch nur schwarzwei� ist. Ist doch Beschiss. Und Kinderkacke!�</p><p>�Ist zur H�lfte bunt, du Klugschiss. Besser als dein Doktor Sommer!�</p><p>�Ha, ha, ist �ne Frau. Nichtmal das wei�t du, dass der �ne Frau ist!�</p><p>�Nat�rlich wei� ich das! Nur dass mich keiner mehr aufkl�ren muss. Krieg erstmal deine Tage.�</p><p>�Hab ich schon l�ngst. Du hast doch keine Ahnung. Du denkst doch noch, dass von der Pille deine Titten wachsen!�</p><p>�Deine m�ssen vielleicht noch wachsen, kein Arsch und kein Tittchen, wie Schneewittchen.�</p><p>Tina greift nach ihr, schl�gt ihre Faust auf ihre Schulter und gegen ihre Brust und zerrt an dem Bademantel. Sie fallen beide vom Sofa, Tinas T-Shirt verrutscht, und sie sieht die roten Striemen um ihre Muschi, w�hrend sie versucht, ihr Gesicht zu sch�tzen, die anderen zwei M�dchen stehen auf, gehen an die Wand, auch sie sind fast nackt, und sie blicken auf die beiden, die sich �ber den Boden w�lzen, sich bei�en und kratzen.�Bl�de Kuh!�</p><p>�Kleine Fotze!�Tina schl�gt ihr mit der flachen Hand ins Gesicht und auf die Brust. Dann h�rt sie pl�tzlich auf, rollt sich von ihr runter.</p><p>Als <emphasis>er</emphasis> dann wieder weg ist, sitzen sie beide nebeneinander auf dem Sofa, als w�re nichts gewesen. Tinas T-Shirt ist jetzt ausgeleiert und reicht ihr fast bis zu den Knien wie ein Minirock. Wie ein Kleid. Aber auch, weil sie so dran zieht. Der Bademantel ist weg, und auch das andere M�dchen tr�gt jetzt ein T-Shirt. Wie sie da so nebeneinandersitzen in den wei�en T-Shirts, sehen sie fast aus wie Schwestern. Die eine ist ein bisschen �lter. Sie r�cken n�her zusammen, und ihre H�nde ber�hren sich.</p><p>Ich verstehe nicht, warum die Wohnung so klein ist. Wir sind zu viert oder zu f�nft. Ich meine, es muss ja nicht gleich der Geldspeicher sein oder Bertels Villa, aber hier kann sich doch keiner wohlf�hlen. Wie k�nnen sich denn die M�nner hier wohlf�hlen, in dieser kleinen, muffigen Wohnung. Aber �ber manche Dinge will ich nicht nachdenken, kann es auch nicht. Und will es auch nicht. Wo soll ich denn hin, wenn es drau�en schneit. Jetzt schneit es noch nicht, obwohl ich nicht oft rausgucke. Bald ist Weihnachten. Mein Geburtstag ist schon vorbei. Ich wei�, dass ich bald gehen kann. Dass er mir dann das Geld gibt, was er f�r mich zur�cklegt. Das er mir aber nur gibt, wenn ich nichts sage. Wenn ich nichts erz�hle. Aber wem soll ich denn was erz�hlen, wem soll ich denn das erz�hlen. Sie sch�mt sich. Sitzt auf dem Teppich, in der Ecke, und malt. Ich mag den Stadtteil nicht, mag das Viertel nicht. Es ist immer dunkel hier.�Es hilft alles nichts! Heute ist arbeitsm��ig nichts mit mir anzufangen!�Bertel sieht m�de und traurig aus und trottet aus seinem Geldspeicher. Er ist ja auch nur eine Ente. Dabei singt er weiter oben noch, in einer Traumblase. Das ist sowas wie eine Sprechblase, nur mit einem Bild drin. Ich male manchmal auch in den bunten Bildern rum. Weil ich alle schwarzwei�en Seiten schon ausgemalt habe. Weil Weihnachten schon vorbei ist. �ber der Traumblase schwebt noch eine Sprechblase, der Gesang von der kleinen Ente, und die ist wirklich viel kleiner als der Bertel, der vor der Traumblase sitzt und auch noch was sagt. Ich glaube, er ist da ein Kind, in der Traumblase, in der er angelt und singt.�An einem B�chlein helle�� dada�� dada-dadadada���Noten flattern um ihn rum. Die Angel ist ein Holzst�ckchen mit einer Schnur dran.</p><p>Ich habe noch ein anderes LTB bei mir. Aber das ist kaputt, die haben mir das kaputt gemacht, als ich mal nicht aufgepasst hab. Ich wei� aber nicht, ob das in dem Abbruchhaus war oder hier. Jetzt ist nur noch die Vorgeschichte da und ein St�ck vom Anfang. Zu Weihnachten gab�s nur� Bravos�, einen Stapel� Bravos �und� Pop Rockys �und S��kram. In einer� Pop Rocky �war was �ber George Michael. Die habe ich mir gleich zur Seite gelegt. Dann durften wir ausschlafen. Ich habe Kopfschmerzen von dem Sekt. Ich mag eigentlich keinen Alkohol. Obwohl ich schon welchen trinken darf. Letztes Silvester, da war ich noch f�nfzehn, da durfte ich auch welchen trinken. Aber nur ein halbes Glas. Da war ich sofort bisschen beschwippert, und Mutti hat gelacht. Wir haben viel gelacht. Meine ganzen LTBs sind noch bei Mutti. Wenn Jochen sie nicht weggeschmissen hat. Ich sehe wirklich nicht viel �lter aus als Tina. Oder sie sieht �lter aus, als sie ist. Ich habe das Gef�hl, sie wird immer d�nner. Manchmal schlafen wir hier, manchmal bringt er uns woanders hin. Wenn wir wegrennen, findet er uns. Ich bin nicht so schnell. Wenn ich ein Junge w�re, w�re ich viel schneller. Wir sind von zu Hause weggerannt und wollen schon wieder wegrennen.</p><p>Sie rennen. Sie rennen durch diese dunkle leere Stra�e. Die hei�t wie das Bundesland im Norden, wo sie so gerne Urlaub machen w�rden, am Meer. Vorbei an alten Fabriken, noch dunkleren Seitenstra�en, �ber Eisenbahnschienen, die aus gro�en Fabriktoren kommen und die Stra�e kreuzen. Neben ihnen, unterhalb der Stra�e, fahren S-Bahnen wie durch eine Schneise. Doppelst�ckige Waggons, die Leute in den Waggons starren zu ihnen hoch, bewegen ihre Lippen, �ffnen den Mund, legen die H�nde an die Scheiben, als w�rden sie schreien. Oder rufen. Sie sehen die n�chste Station Hunderte Meter entfernt, ein paar hundert Meter entfernt, sie k�nnen das nicht richtig einsch�tzen. Ein kleiner Bahnhof am Rand der Stadt. Vor ihnen. Als sie im Tunnel sind, der zu den Bahnsteigen f�hrt, h�ren sie das Rumpeln des Zuges �ber sich. Er f�hrt weiter, ohne zu halten, wird leiser, dadam, dadam, da��, und der Tunnel ist dunkel und still. Riesige Smileys an den W�nden, die sie anl�cheln. Schritte auf der Treppe, auf den Treppenstufen. Vor ihnen. Hinter ihnen. Sie halten sich an den H�nden, laufen zur Mauer und pressen sich dicht an den Stein. Aber es ist nur��</p><p>�Auf dem Land sollte man leben! Drau�en in der freien, unber�hrten Natur! An der frischen Luft!�</p><p>Bertel kommt auf sie zu. Er tr�gt einen roten Schlafrock und eine blaue Schlafzipfelm�tze mit roter Bommel, die auf seinem R�cken baumelt und auf und ab springt bei jedem Schritt.�Nicht in dieser grauen Betonw�ste!�Er wackelt mit den H�ften,�Hallo, ihr Lieben!�, sie sehen ihre Gesichter in seinen riesigen Entenaugen, er schwingt seinen Spazierstock, und die blaue Bommel seiner roten Schlafzipfelm�tze tanzt auf seinen Schultern.</p><p>Ich bin oft m�de. Und ich schlafe oft. Immer wenn es geht. Weil ich mich verstecken kann, dort. Weil ich nicht tr�umen will und weil dort <emphasis>nichts</emphasis> ist, wenn ich nicht tr�ume. Zwei von den anderen M�dchen sind aus dem Heim. Onkel Dagobert ist der Einzige, den ich kenne, also von denen, die Geld haben, viel Geld haben, und der mich nicht durchficken will. Ich h�tt gerne einen Onkel wie ihn. Das mit dem Vater habe ich aufgegeben.</p><p>�Vielleicht nimmt uns ja einer von denen mit. Mich nimmt bestimmt einer von denen mit�, sagt Tina. Sie hat ihre Tage, sagt sie, und es geht ihr schei�e.�Und dann?�</p><p>�Vielleicht adoptiert er mich.�</p><p>�Nachdem er dich gebumst hat?�</p><p>�Warum denn nicht? Das soll vorkommen. �Sie versucht zu lachen. Aber sie lacht kaum noch, seit der Silvesterfeier. Sie hat eine kleine Flasche Lik�r hinter der Heizung versteckt. Silvester kamen die M�nner, die wir schon kannten. Die Nummer�86 ist verschwunden. Keiner wei� was davon. Keiner will was wissen. Wenn ich nur kurz nach Hause k�nnte, um die anderen Comics zu holen. An einem der St�nde auf dem Flohmarkt, wo ich die Comics gekauft habe, das letzte Mal war ich, glaube ich, im Sommer da, oder Anfang Herbst, denn die B�ume waren schon bunt, fingen schon an, bunt zu werden, aber der Herbst beginnt ja erst Ende September, an diesem Stand war immer ein Junge, der geh�rte zu den Leuten, die dort die Comics verkauften. Und Videos auch. Aber ich hatte keinen Videorekorder, deswegen habe ich nie Videos gekauft. Obwohl Jochen einen mitgebracht hat, als er bei uns einzog. Aber den durfte ich nicht benutzen, und selbst wenn ich gedurft h�tte, ich wollte mir keine Videos auf seinem Videorekorder anschauen. Einmal hat er mit Mutti einen Porno geschaut. Da kam ich zeitiger aus der Schule, weil ich nicht mehr zum Sport gehen wollte, und habe mich reingeschlichen, das war, bevor er und Mutti mir den Schl�ssel weggenommen haben. Eigentlich war�s nur er, aber wenn Mutti nichts tut, um mir zu helfen, ist sie genauso dran schuld. Denke ich. Trotzdem hasse ich nur ihn und nicht Mutti. Pornos haben sie an dem Stand nicht verkauft. Obwohl ich manchmal gesehen habe, wie da Typen kamen, die mit den Leuten vom Stand gefl�stert haben. Und dann sind die mit denen zu dem Kleintransporter gegangen, wo die ihren ganzen Kram drinhatten. Manchmal war ich schon so zeitig am Morgen da, da habe ich gesehen, wie sie den Stand aufgebaut haben. Da war ein Baum, gleich neben dem Stand. Die haben den immer an derselben Stelle aufgebaut. Da habe ich mich immer an die Wurzel gehockt. Und zugeguckt, wie sie den Stand aufgebaut haben. Ganz fr�h am Morgen. Da war�s noch dunkel. Und die Sonne hinter dem alten Stadion. Manchmal schon halb sechs. Einmal bin ich die ganze Nacht durch die Stadt gelaufen, habe mich immer mal paar Stunden irgendwo versteckt, habe nur ganz wenig geschlafen. Und bin dann zum Flohmarkt gefahren mit der Stra�enbahn. Ich bin immer schwarzgefahren, und man hat mich nur einmal erwischt. Ich finde das komisch, dass jemand Kontrolleur werden will. In der N�he vom Bayerischen Bahnhof ist ein Haus, da sind die Punker drin. Ich mag die Punker nicht besonders, weil viele von denen stinken. Aber wenn ich dr�ber nachdenke, haben die immer noch besser gerochen als die Typen und ihr Aftershave und ihr Parf�m. Und die haben einen immer schlafen lassen bei sich. Ich habe genau gewusst, wie man da reinkommt. Weil sie�s mir gesagt haben. Aber schlafen konnte ich da nicht richtig in den dunklen R�umen, die hatten ja keinen Strom. Nur Kerzen. Und Teelichter. Und meistens waren die gar nicht da, weil sie bis zum Morgen irgendwo rumzogen. Saufen und Punkmusik und sowas. Manchmal kamen die dann, und ich habe im Flur gehockt. Und sie haben gefragt, ob ich was trinken will. Oder einen Joint. Ich mag keinen Alkohol, nur manchmal habe ich einen Schluck genommen.</p><p>Weiter im S�den, da ist ein komisches Viertel. Da bin ich auch oft gewesen im Herbst. Nun ist das schon letztes Jahr, von heute aus. Aber ich denke und z�hle, wenn ich auf dem Bett liege und warte, bis sie fertig sind. Sie sieht immer den gro�en F�cher, der �berm Bett an der Wand h�ngt, wenn sie unten liegt und mit dem Gesicht nach oben, sieht sie den. Sonst die Wand und den Stein und das Fenster und das Fensterbrett, auf dem tote Fliegen liegen. Jede Seite, jeder Abschnitt dieses F�chers zwischen den Speichen aus Holz ist eine Seite der Nummer�86, die verschwunden ist. Bunt und schwarz-wei�. Sp�ter hat sie Ged�chtnisl�cken und verz�hlt sich und taucht in das Dunkel ein, wenn sie schl�ft.</p><p>Dort h�ngen die Crashkids rum. Die gibt�s auch in meinem Viertel, aber viele sind in den S�den gegangen, wo die Punker die H�user besetzen, weil sie dort sein d�rfen. Das sind Kinder, genau wie ich, nur ein bisschen �lter, wenn �berhaupt. In den N�chten habe ich die oft getroffen. Sogar in der� Bravo �stand was �ber sie. Vielleicht steht ja auch mal was in der� Bravo��ber uns. Aber auch dort durfte ich schlafen. Sp�ter haben die da einen erschossen, aber damit hatte ich nichts zu tun. Das kann ich jetzt noch nicht wissen.</p><p>�Was ist das?�</p><p>�Ich schie� die Goldwolke mit Antigravitationsstrahlen in die Stratosph�re! Ganz einfach!�</p><p>Und mit der Stra�enbahn fahre ich durch die ganze Stadt am Morgen. Ich habe mich bei denen in einer Kneipe gewaschen, also in einer Kneipe, die die Zecken da haben. Weil ich sauber sein wollte, wenn ich am Flohmarkt bin, wo die ihren Stand aufbauen. Lippenstift und was gegen die Pickel habe ich bei Schlecker geklaut. Da haben sie mich noch nie erwischt. In der Stra�enbahn habe ich geschrien und geheult und gesagt, dass meine Mutti zu fr�h und aus Versehen ausgestiegen ist. Und denen dann die Adresse von einer Schulfreundin gegeben. Weil eine richtige Freundin war das nicht.</p><p>Weil ich doch h�bsch aussehen will, wenn ich an dem Stand bin. Die kennen mich ja schon. So viele Comics hab ich dort gekauft. Dass jemand Kontrolleur wird, kann ich nicht verstehen. Aber jetzt sind so viele arbeitslos, und wenn ich Geld h�tte, also mehr Geld h�tte, denn ein paar kleine Scheine hab ich noch in meinem Rucksack versteckt, dann w�rde ich mir auch eine Fahrkarte kaufen. Am besten eine Monatskarte. Mit der k�nnte ich durch die Stadt fahren. Durch jedes Viertel. Hin und zur�ck. Und sogar mit der S-Bahn, wenn ich die teure kaufe, da kann man sich auf die B�nke legen und schlafen, zwischen den Endstellen.</p><p>Diese Crashkids im S�den wohnen auf einem Hinterhof und in einem Haus. Auf dem Hof verstecken sie die Autos, wenn sie die nicht irgendwo schon kaputt gefahren haben. Ich glaube, dass die verr�ckt sind. Aber sie waren immer o.k. zu mir, in den zwei, drei N�chten, wo ich bei ihnen geschlafen habe.</p><p>Und ich glaube, dass ich da auch l�nger bleiben darf. Und dann sitze ich an dem Baum und schaue den M�nnern bei der Arbeit zu. Sp�ter habe ich dann mal mitgemacht und die Kisten mit den Comics und Videos zu den Verkaufstischen getragen. Weil der Junge, der Robert hie�, mich gefragt hat. Mich drum gebeten hat. Weil er mich schon so oft dort gesehen hat. Und vielleicht hat ihm auch der Lippenstift von Schlecker gefallen. Das war mein Sch�nstes, wenn ich mich so erinnere, und das klappt manchmal gut und manchmal schlecht. Mein Sch�nstes in den letzten Jahren. Wie ich da die Kisten tragen durfte. Und auch von mir aus. Weil ich helfen konnte.</p><p>Tina erz�hlt mir �ber ihren Vater. Den sie seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen hat.�Ewigkeiten? Du bist doch erst dreizehn!�</p><p>�Vierzehn!�</p><p>�Hast du Geburtstag gehabt?�</p><p>�Interessiert doch eh keinen.�</p><p>�Doch, doch, doch. Ich will�s gerne wissen. Und ich will dir was schenken.�</p><p>�Was denn?�</p><p>�Na warte, na warte mal!�</p><p>Es ist die Zeit, in der sie nackt sind. <emphasis>Er</emphasis> ist immer da, fast immer da, und stellt sie den M�nnern vor. Tinas Vater hatte wohl was mit Pferden zu tun. Er trinkt, und deswegen sieht sie ihn nicht mehr. Weil ihre Mutter nicht will, dass sie ihn sieht. Weil er trinkt, weil er traurig ist. Und sein Geld verspielt. Und Tina erz�hlt viel, und sie wei� nicht, was davon stimmt. Und Tina auch nicht, denkt sie manchmal. So wie London, so wie die Queen, aber das ist lange her. Manchmal, wenn sie mit <emphasis>ihm</emphasis> im Auto sitzt, glaubt sie wirklich, dass sie mit ihrer Mutter in London war. Dann sieht sie alles von oben. Wie von oben. Den Tower und die Themse und den Flohmarkt und sich selbst und Tina und an den R�ndern der Bilder den Schnabel der kleinen Ente, der ins Bild hineinpickt. Sie friert. Sie sieht die Bilder der Nummer�86 zwischen den Speichen des F�chers an der Wand. Sie beginnt zu z�hlen. Es spielt keine Rolle mehr, was sie denkt. In ein paar Wochen darf sie nach Hause. Sagt <emphasis>er</emphasis>. Sie wei� nicht, was sie zu Hause soll. Sie ist sechzehn, aber eigentlich f�nfzehn, und sieht sich von oben. Weit weg. Ganz klein sitzt sie auf dem Sofa und bewegt den Kopf vor und zur�ck. Vor und zur�ck. Ein Entenschnabel pickt. Sie presst die Beine zusammen. Damit sie einen Entenschnabel hat, rasiert <emphasis>er</emphasis> sie. Die M�nner m�gen ihren Entenschnabel. Und wenn <emphasis>er</emphasis> sie nicht rasiert, rasieren <emphasis>sie</emphasis> sie. Sie erkennt sie am Aftershave und am Parf�m, nicht an den Gesichtern. An den Gesichtern manchmal auch. Aber in die will sie nicht blicken.</p><p>�Hattest du denn wirklich Burzeltag?�</p><p>�Was f�r einen Tag?�</p><p>�Nun stell dich nicht bl�d. Geburtstag!�</p><p>�Na, was denkst du denn? Denkst du, ich l�ge?�</p><p>�Bei dir wei� man nie, Schwesterherz.�</p><p>�Wenn du mir bl�d kommen willst�� Da warn heut schon genug da.�</p><p>�Nee, nee. Warte eine Sekunde. �Und sie rennt ins Bad. Greift in den Klokasten und holt die Uhr dort raus. Rennt, nackt wie sie ist, zur�ck ins Zimmer. Das Klowasser l�uft �ber ihre Hand. Sie sieht die M�nner im Flur, die sich dort unterhalten, aber sie ist schnell wieder im Zimmer bei ihren nackten Freundinnen. Die Uhr ist kaputt. Das merkt sie erst sp�ter. Als sie die Quarzuhr am Arm von Tina sieht. Die so tut, als w�rde sie sich am T�rrahmen festhalten, als w�rde sie einen kleinen Tanz dort machen, bevor sie im Schlafzimmer verschwindet. Und da ist die Uhr, an ihrem d�nnen Handgelenk. Direkt am T�rrahmen. Einige sehr langgezogene Sekunden. TICK TACK. Und sie sieht, dass sie steht, vielleicht schon seit Tagen oder Wochen. Von wegen wasserdicht. Aber Tina sagt nichts und schimpft nicht und freut sich �ber die Uhr an ihrem Geburtstag, der gar nicht ihr Geburtstag ist.</p><p>�Huch! Was sehen meine entz�ndeten Augen! Der Berg l�st sich in Luft auf!�Sei still, Bertel.</p><p>Sie sitzen zusammen an der Wand, ihre Beine verknotet �ber dem Teppich. Dann legen sie ihre K�pfe aneinander, sp�ren ihre nackte Haut unterm T-Shirt, und der Mann auf dem Kamel sagt:�Nichts als Sand, so weit das Auge reicht! Wo soll man da anfangen zu suchen?!�</p><p>Die Augen der Katze klappern und zwinkern, TICK TACK, Tina sieht den F�cher an der Wand, TICK TACK.</p><p>Und ich gucke immer zu diesem Jungen. Er ist ungef�hr so alt wie ich, vielleicht auch schon siebzehn.</p><p>Ich sitze wieder an meinem Baum, der steht neben den St�nden, und beobachte, wie er die Kunden bedient, was in ein Heft schreibt, so ein Mutti-Heft, bestimmt die Nummern und Jahrg�nge von den Comics, die er grad verkauft hat. Ob sie endlich den� Kolumbusfalter �haben? Von den Ostcomics fand ich� Atze �und� Mosaik �ganz gut. Andere gab es auch gar nicht, glaube ich. Diese beiden M�use in der� Atze �waren ganz witzig. Fix und Fax. Jetzt gibt es Fix und Foxy, aber das sind keine M�use, ich wei� nicht genau, was das f�r Tiere sein sollen. Am Anfang hat <emphasis>er</emphasis> mir was zu trinken gegeben, da war was drin. Und ich war wie im Halbschlaf, als er auf mir lag. Dabei mag ich keinen Alkohol. Ich konnte nichtmal schreien. Tina trinkt einen Schluck von dem Lik�r, den sie versteckt hat. Aber dann sch�ttet sie ihn weg, weil sie sagt, dass er so riecht wie das Aftershave von dem einen. Der so gute Anz�ge tr�gt und eine teure Brille. Sie macht auch keine bl�den Witze mehr �ber das Wort. Aftershave. Fix und Fax haben immer in Reimen gesprochen. Die standen unter den Bildern. Und alles, was sie so erlebt haben, war in Reimen. Ich habe mich immer gefragt, wer sich das ausdenkt. Das muss doch schwierig sein. Ich blicke zu dir r�ber, mein Lieber. Nee, nicht ganz. Ich mag euren Comicstand, weil ich dich gut fand, also gut finde. Auch nicht wirklich, aber schon besser. Weil ich ja von da aus nicht nach vorne gucken kann, also in die Zukunft. Lustig. Eigentlich bist du s��. Und irgendwann kommt er zu mir und dem Baum und fragt mich, ob ich eine Limo trinken will mit ihm. Na klar, sage ich. Er hat braune halblange Haare, die sind ein bisschen fettig. Wo ich mich doch extra h�bsch gemacht hab f�r ihn. Ich frage ihn, ob der� Kolumbusfalter �da ist. Nein, sagt er, aber vielleicht das n�chste Mal. Und dass der mehr kostet als die anderen LTBs. Dass er da aber sicher was machen kann. Ich frage ihn, ob das seine Eltern sind an dem Stand. Nein, sagt er. Wir stehen an einer Limo- und Fressbude, und er spendiert mir noch eine Portion Pommes. Ich erkl�re ihm, dass man nicht Pommes sagt, sondern PommFritt, weil das aus Frankreich kommt. Und ich war mal mit meiner Mutter in Paris. Echt? Na klar. Gleich nach der D-Mark. Im Sommer neunzig. Ich esse die Pommes viel zu schnell und bin viel eher fertig als er. Weil ich seit gestern nichts Richtiges mehr gegessen habe. Weil ich mein Geld f�r die LTBs spare. Und weil ich nicht mehr nach Hause will wegen Jochen.</p><p>Er tr�gt nur ein T-Shirt und hat ziemlich kr�ftige Arme. Das kommt sicher von der Kistenschlepperei. Er hei�t Robert. Hie� der nicht anders? In meiner Klasse gab�s auch einen Robert, aber der war schei�e. Seine K�sse schmecken nach PommFritt. Ich bin froh, dass ich keine Jungfrau mehr bin. Ich lese jetzt doch die� Bravo �und Doktor Sommer. Tina sagt, wir k�nnten da ja auch mal hinschreiben von unseren Sexerlebnissen. Da guckt sie wieder so, dass ich Angst kriege, und sp�ter liege ich mit Robert auf der kleinen Anh�he vor dem alten Stadion in der Sonne. Ob er nicht zur�ckmuss, frage ich ihn. Aber er sagt, dass er jetzt Pause machen kann, weil die meisten Kunden ja am Vormittag kommen, und jetzt ist schon Nachmittag, und er muss erst beim Abbau wieder da sein. Die schimpfen dann aber trotzdem mit ihm, und der eine Mann gibt ihm einen leichten Klaps auf seine fettigen Haare. Das sollte ich ihm mal sagen, dass er die �fters waschen soll. Obwohl die sich gut angef�hlt haben beim K�ssen. Meine Haare habe ich gewaschen, bei den Streetworkern, gestern nachmittag, da habe ich auch das letzte Mal was gegessen. Nachts ist es seltsam in der Stadt. Alles bewegt sich. Und jede dunkle Stra�enecke lebt. Tina erz�hlt mir von den Wohnwagen, da habe ich aber noch nie was von geh�rt. Der Freund ihrer Cousine hat damit was zu tun. Genau wei� sie es nicht. Aber der ist riesig. Sagt sie. Bestimmt zwei Meter. Und viel st�rker als <emphasis>er</emphasis>. Er passt auf Leute auf, das ist sein Beruf. Und wenn der wei�, dass wir hier sind, kommt er bestimmt.</p><p>Robert verspricht mir den� Kolumbusfalter�, als wir auf der Wiese in der Sonne liegen. Ich bin sogar ein bisschen braun geworden im Gesicht an diesem Nachmittag. Er will mich zu oft k�ssen, und ich nehme ein Taschentuch, mache bisschen Spucke drauf und wische ihm den Ketchup aus dem Mundwinkel.</p><p>Er wohnt in Karl-Marx-Stadt, das hei�t jetzt Chemnitz, erkl�rt er mir, schon seit zwei Jahren, und arbeitet in dem Kramladen, wo sie Comics und Videos und Platten und M�bel und sonstwas verkaufen. Er sagt, dass er am liebsten die Hulk-Comics mag. Den kenne ich nicht. Er sagt, und ich glaube, dass er das nur sagt, damit er mich wieder k�ssen kann, dass er aber auch Micky gut findet.</p><p>Micky ist schei�e, sage ich. Und er k�sst mich trotzdem. Und er sagt, dass er fragen will, ob ich mitarbeiten kann an dem Stand, oder vielleicht sogar in Karl-Marx-Stadt. Da kann ich ihm noch nicht erz�hlen, dass alles schrecklich ist. Dass ich die Nummer�86, die er mir verkauft hat, fast auswendig kann. Weil er doch sagt, dass Hulk so stark ist. Und weil er doch sagt, dass ich ja fast so stark wie Hulk bin, den ich �berhaupt nicht kenne, als ich ihm einen kleinen Klaps auf seine fettigen Haare gebe, als er frech wird. Und ihn wegsto�e, aber nur im Spa�. Und er erz�hlt mir vom Hulk. Interessierte mich aber nicht besonders, damals. G�hn. Diese Superhelden-Kacke ist eben was f�r Jungs. Was ich nicht gewusst habe, ist, dass Micky auch im� Kolumbusfalter �mitmacht. Manchmal tut mit alles weh, und dann m�chte ich nur noch schreien, aber das mache ich leise, weil�s sonst noch mehr weh tut, wenn <emphasis>er</emphasis> kommt, und die Traumblasen und Sprechblasen sieht keiner.</p><p>Es sind fast immer dieselben G�ste, die kommen. Stammkunden, die sie besuchen. Sie wissen nicht, was sie kosten, denn <emphasis>er</emphasis> kassiert das Geld. Sie m�ssen fast immer nackt sein. Das sieht seltsam aus von oben. Vier, f�nf nackte M�dels. In diesem Zimmer. In dieser Wohnung. Drau�en f�llt der Schnee. Winter dreiundneunzig.</p><p>Wenn ich die ganze Zeit ich selbst bin, w�rde es nicht gehen. Die hatten nur schei� Videos an diesem Stand. Vorgeschichte:�Hallo Freunde! Stellt euch vor, neulich haben die Panzerknacker�� Doch halt, das lest ihr lieber selbst. Hier in diesem Buch aus der Serie� Walt Disneys lustige Taschenb�cher �k�nnt ihr die gef�hrlichsten Abenteuer miterleben, die ich im Kampf gegen die Panzerknackerbande bestehe. Onkel Dagobert und Tick, Trick und Track sind nat�rlich auch dabei in den Geschichten:</p><p>Dagobert und das W�nschelkraut</p><p>Donald als Klassensprecher</p><p>Dagobert glaubt nicht an Horoskope</p><p>Donald und der L�gendetektor</p><p>Dagobert und der Aurum Nigrum</p><p>Donald bei den gr�nen Wilden</p><p>Donald auf der Suche nach seltenen Erden</p><p>Viel Spa� bei dieser spannenden Lekt�re w�nscht euch</p><p>euer Donald!</p><p>Wenn es klingelt, r�cken wir zusammen. Telefon oder T�rklingel. Dann wissen wir, was kommt.</p><p>Wenn das Telefon klingelt, wei� <emphasis>er</emphasis>, dass er bald den Laden zumachen muss. Weil ihm das Leute sagen. Dass er dann dichtmachen muss. Aber das Geld flie�t und flie�t. Die kleinen Muschis von der Stra�e bringen so viel Geld, wie er sich das vorgestellt hat. Noch ein paar Monate, und er kann mit der Kohle abhauen und woanders investieren oder sie verprassen. Es ist eine Frage der Zeit. Und die Zeit ist gut zurzeit. Weil: Chaos auf den Stra�en. Er wei� genau, wo sie sich rumtreiben. Er hat seine Quellen auf der Stra�e, ohne dass die wissen, was l�uft. Er muss nur zugreifen bei den kleinen Fotzen. Was soll er sagen, die h�ngen eh nur im Dreck. Er hat einen Freund bei den Bullen, und das ist der Faktor. Seine Kontakte rennen ihm die Bude ein. Der Markt explodiert in der Stadt, aber er ist die Ausnahme. Hat mit dem Markt an sich nichts zu tun. So wie die mit ihm nichts zu tun haben wollen. Die� Bild �druckt seine Annonce genauso wie die anderen Annoncen. Und der Faktor ist die Mund-zu-Mund-Propaganda. �ber die Mund-zu-Mund-Behandlung. Deswegen ist seine Wohnung der Bestseller. Und deswegen flie�t das Geld, dass er stolz drauf ist, dass er das alles so aufziehen kann. Dass er diese kleinen Muschi-Wracks von der Stra�e aufliest. Da soll ihm mal einer sagen, wo die sonst landen w�rden. Und wenn er die einreitet, lernen die was f�rs Leben. Und wenn er den Laden dichtmacht, k�nnen sie abhauen, wohin sie wollen!</p><p>Nat�rlich hat er die Gunst der Stunde genutzt. Und da kann ihm keiner was erz�hlen! denn die, die kommen und gutes Geld bezahlen, suchen doch so oder so! Und da k�mmert er sich um die M�dels noch am besten. Und was die erz�hlen und l�gen, wie alt die sind. Und wenn er den Laden zumacht und verschwindet, geht�s keiner von denen schlechter als zuvor. Aber sicher nicht!</p><p>Die Sache ist die, dass er verschwinden muss. Bald. Die Kohle einsacken und verschwinden. Aber das Geld flie�t und flie�t. Und sein Bulle sagt, dass alles in Ordnung ist. Weil er frei bumsen kann. Der Bulle. Weil er diese eine, die J�ngste, am liebsten bumst. Er wei� genau Bescheid, �ber die Drecksauen, die bei seinen kleinen Fotzen ein und aus gehen. Es gibt paar Leute aus der Szene, die nicht seine Szene ist, die ihn fragen, was da so l�uft bei ihm. Das �bliche, sagt er, Weiber, die j�nger aussehen, als sie sind. Und dummes Geschw�tz, kennt ihr ja. L�gen. Verleumdung.</p><p>Und weil er auch noch eine andere Wohnung betreibt, wo die Weiber nicht so jung sind, geht das alles seinen Gang. Und weil die M�nner gerne zu seinen jungen Fotzen kommen und gar nicht aufh�ren k�nnen, zu seinen jungen Fotzen zu kommen. Die M�nner, von denen er genau wei�, dass sie die Gesetze machen und vertreten und investieren in dieser dunklen chaotischen Stadt. Anw�lte, Justiz, Immobilien-Haie, Walfische, Ex-Stasis, Politik. Seine Versicherungen. Winter dreiundneunzig, er schleppt das Geld zur Bank.</p><p>Wenn ich nicht so nett w�re, w�rde das gar nicht laufen. Ich gehe doch in kein Schlafzimmer und sage:�Heh, M�dchen, komm mit!�Die sind am Ende. Wurden vorher schon durchgefickt. Wenn ich sage� Rudelbumsen!�, wissen die genau, was ich meine. Und wenn die mit� Lutschen �und� Arschficken �anfangen, staune ich selbst. Das muss doch jeder kapieren in der heutigen Zeit, dass es da nur ums Geld geht. Ich meine, wir sind in der Zone. Und vor allem in der Zeit nach der Zone. Da gibt�s genug M�glichkeiten f�r jeden und f�r jede. Kann mir keiner was erz�hlen von Ausbeutung. Eben nicht. Ich hab gelernt, und ich bin sicher kein Lamm, wenn das jemand versteht. Ich steck den Schwanz in die Fotzen rein, damit die wissen, was heute so geht, was heute so los ist. Was soll denn das? Die klauen und flittern auf der Stra�e rum, und ich sorg daf�r, dass das bisschen organisiert ist. Was wei� ich denn, wie alt die sind, denn die l�gen, l�gen, wenn sie ihr Fotzenmaul aufmachen. Dass ich jemanden geschlagen habe, ist die Ausnahme. Und das rei�en die so gerne auf, kann ich nur immer wieder sagen.</p><p>�Grummel�� grummel�� Wo mag er nur hingegangen sein?�</p><p>�Alle Mann Herrn D�sentrieb suchen gehen! Los!�</p><p>�Ich bin aber m�de!�</p><p>�Du bist immer m�de, wenn�s drauf ankommt!�</p><p>Ich kann nur noch zur�ck. Weil ich nicht mehr kann. Ich habe schon l�ngst aufgeh�rt zu z�hlen.</p><p>Er hat gesagt, wenn er mich anfassen darf und wenn ich ihn anfasse, kann ich mit nach Chemnitz. Der vom Flohmarkt. Ich denke jetzt oft an meine Mutti. Und ich will die Tablette, die er uns manchmal gibt. Der. Und ich will meine Comics, weil ich nur noch das halbe, das kaputte habe, mit der Vorgeschichte und einem kleinen St�ck nichtmal bis zu Mitte. Und selbst an Jochen denke ich oft, der hat mich nur manchmal geschlagen und eigentlich nur geschimpft.</p><p>Mutti hat nach neunundachtzig oft �berlegt, in den Westen zu gehen. Wir sind nur einmal im Westen gewesen, in Berlin. Das war im Dezember neunundachtzig. Da hat�s mir gefallen. Die vielen L�den, die gro�en Stra�en.</p><p>Das bunte Leuchten am fr�hen Abend in diesen gro�en Stra�en.</p><p>Das war kurz vor Weihnachten. Es schneite. So viel Schneematsch auf dem Fu�weg. Und meine Schuhe waren ganz nass, und als wir zur�ck zu Hause waren, der Zug fuhr die ganze Nacht, habe ich mich erk�ltet. Musste f�nf Tage nicht in die Schule. Das war noch vor Jochen. Mutti hat mir Tee gekocht, und ich habe den ganzen Tag im Bett gelegen und Fernsehen geguckt. Und meine ersten LTBs gelesen, die ich mir in Berlin mit meinem Begr��ungsgeld geholt habe. Die H�lfte von meinem Geld hat Mutti genommen. Die alten Lieder sind verschwunden. Wir haben sie von einem Tag auf den anderen nicht mehr gesungen in der Schule. Ich habe immer viel gesungen. Bei den Pionieren. Da war ich im Chor. Das hat mir geholfen, weil ich in den anderen F�chern nur so mittel war. Ich will nie wieder unten sein. Ich will nie wieder liegen.�Unsere Heimat, das sind nicht nur die St�dte und D�rfer,�/�unsere Heimat sind auch all die B�ume im Wald.�/�Unsere Heimat ist auch all das Gras auf der Wiese���, das war ein Klassiker, obwohl ich nicht gut auswendig lernen konnte. Aber ich kann fast das ganze LTB auswendig, komisch, ich versteh�s selber nicht, also bin ich gar nicht so schlecht mit dem Auswendiglernen. Nur vor der Klasse fiel�s mir schwer. Da war sogar mal eine, die hat sich eingemacht, vor der ganzen Klasse. Pille, Pille, und die Hose war nass. Die helle Hose. So eine h�ssliche helle DDR-Hose, Hochwasserhose, kann ich gar nicht verstehen, wie man sowas tragen konnte. Direkt bei der Muschi. Ein Fleck. Und das hat gerochen. Das stimmt doch alles nicht.</p><p>�Und wir lieben die Heimat, die sch�ne,�/�und wir sch�tzen sie. �Das ist alles durcheinander, Robert, ich mag dich auch. Ich will mitkommen. Tina kann nur noch lachen, wenn ich Unsinn erz�hle. Weil ich das alles gesammelt habe, in einem St�ck von meinem Kopf. Aber das war in Ordnung, mit dem Begr��ungsgeld, f�r f�nfzig Mark kriegt man schon eine Menge. Mutti hat geweint, als die Mauer fiel. Weil sie so gro�e Angst hatte, was jetzt werden soll. Weil sie doch getippt hat bei der Partei. Bei dieser Zeitung von der Partei. Ich verstehe das alles nicht richtig. Und will�s auch gar nicht. Und sie hat uns einen F�hn gekauft und einen Mixer f�r die K�che und ein kleines Radio, auch f�r die K�che. Da waren die anderen f�nfzig Mark von mir mit drin. Dabei hatten wir schon einen Mixer und einen F�hn auch, aber die neuen waren was Besonderes. Ich habe mir dann immer Pudding mit dem Mixer gemacht, also diese neuen Cremes, weil richtiger Pudding war das nicht, so leichte, ganz cremige Sachen. Schoko. Vanille. Mit Milch anger�hrt. Ich will nicht, dass er die Filme sp�ter verkauft. Ich habe Angst, dass es die Filme dann auf dem Flohmarkt gibt. Oder die Fotos. Ich wei�, dass er da eine Kamera versteckt hat. Und dass ich drauf bin. Und weil ich Angst habe, dass Mutti das irgendwann sieht. Und dass sie dann noch mehr trinkt aus Kummer. Ich will nicht, dass das irgendjemand sieht. Ich denke manchmal, ich kann alles zur�ckspulen und l�schen. In meinem Kopf. Wenn alles vorbei ist, will ich wieder auf den Flohmarkt gehen. Aber ich wei� nicht, ob der im Winter auch da ist, drau�en schneit es. Ich schlafe meistens im Sitzen, wenn das geht. Im Sessel oder so. Ich will nie wieder liegen.</p><p>�Oje! Das war das schlimmste Abenteuer meines Lebens! Aber jetzt kann ich sagen: Ende gut, alles gut!�</p><empty-line/><p>(Nachgeschichte: Im M�rz 1993 wird die Wohnung in der Mecklenburger Stra�e von der Polizei ger�umt. Der Betreiber�M. wird sp�ter zu knapp dreieinhalb Jahren Gef�ngnis verurteilt. �ber die Kundschaft wird nichts in der �ffentlichkeit bekannt. Angebliche Videos und Fotos bleiben verschwunden.)</p></section><section><title><p><strong>Tokio im Jahre null</strong></p></title><section><title><p><strong>I&#x2002;Der Tempel</strong></p></title><p>Wo bist du?</p><p>Schau nach oben. Aber der Himmel �ber dir ist grau, ein gro�es graues Loch, und dein Gesicht wird nass. Schneeflocken schmelzen auf deinem Mantel.</p><p>Du stolperst und st�tzt dich auf deinen Stock. Du f�hlst das glatte Holz auf deiner Hand, die den Knauf umklammert.</p><p>Du stehst auf dem Fu�weg an einer gro�en Stra�e, Menschen laufen an dir vor�ber, w�hrend es immer noch schneit. Es sieht aus, als w�rden sie Masken tragen, wei�e Masken aus Schnee, aber Lichter blenden dich, ein buntes Leuchten, flimmernde fremde Neon-Zeichen, die du nicht verstehst, nicht lesen kannst, noch nie gesehen hast. Orange, rot, rosa, hellblau, gr�n, violett, �berall um dich herum, n�chtliche Regenb�gen �ber bunten Sonnen, du schlie�t kurz die Augen und suchst die Dunkelheit und suchst die Stille, wie bist du in diese Stadt, die du nicht kennst, gekommen? Wie lange irrst du schon durch diese endlose Nacht?</p><p>Du willst in eine der schmalen Gassen gehen, aber die Lichter und die Farben, die von dort zu dir dringen, sind noch viel heller und strahlender als die, zwischen denen du jetzt stehst und den Kopf bewegst und deinen K�rper drehst und dich immer noch auf diesen Stock st�tzt. Hohe H�user, Rechtecke, aus denen farbige Ranken wachsen, auf denen die Zeichen und Symbole leuchten. Du lehnst dich an eine Hauswand und nimmst den Stock und betrachtest den Knauf. Ein Drachenkopf, denkst du. Oder der Kopf eines D�mons. Ein Mann hat dir diesen Stock gegeben, ihn dir �berreicht, er lag auf beiden H�nden des Mannes, als er ihn dir reichte. Den Oberk�rper leicht nach vorn gebeugt. Das war vor�� Stunden, Tagen, Wochen?� It will not only help you walking. This is an old symbol and it will protect you in our world.�</p><p>Vor dir laufen die Menschen, ein ungeordnetes Flie�en in alle Richtungen, die Autos auf der Stra�e bewegen sich sehr langsam, du siehst unz�hlige schwarze Limousinen, die zu einem dunklen Band verschmelzen in der Mitte der strahlenden Quader und T�rme, und du blickst auf diese gro�e langsame Bewegung der schwarzen Fahrzeuge, blickst auf die bunten Ranken, die aus den Fassaden wachsen und die sich auch zu bewegen scheinen, zu wachsen scheinen, nach oben und quer und diagonal, entlang den Fassaden, gro�e Schriftzeichen, die dir r�tselhaft sind. Niemand beachtet dich, wie du da an der Hauswand lehnst, den Stock in beiden H�nden h�ltst, den Kopf des Drachen, den Kopf des D�mons betastest, als w�rst du blind. Du bist unter fremden Menschen. Fremde Gesichter. Wei�e Masken, wie aus Schnee.</p><p>Du durchsuchst deine Taschen, findest einen kleinen Kalender, AOK, neunzehnhundertneunundneunzig, alle Tage und Monate sind durchgestrichen, �bermalt. Du findest ein Flugticket, aber du kannst dich nicht daran erinnern, dass du aus einem Flugzeug gestiegen bist, dass du in ein Flugzeug gestiegen bist. 11.�2.�2000 kannst du noch erkennen, bevor es dir aus der Hand f�llt, nein, aus dem Strom der Menschen vor dir, der immer dichter wird, griff eine kleine Hand danach, und es verschwand. Du schlie�t die Augen und siehst, wie sie dir winken. Du sitzt in einem Zugabteil und lehnst den Kopf an die Scheibe, presst die Stirn an das kalte Glas, blickst zu dem Bus, der unterhalb der Bahnstrecke f�hrt. Kinder heben die H�nde, lachen, Uniformen, Schulranzen, der gelbe Bus biegt ab, verschwindet zwischen flachen, schmalen und grauen Wohnbl�cken, und du schaust dem Winken hinterher. Dann pl�tzlich ein Wald, die B�ume, die wie gro�e Farne aussehen, ber�hren die Scheibe, hinter der dein Kopf ist. Ein Stock lehnt zwischen deinen Beinen. Der ber�hrt deine Knie und klopft an deine Knie, wenn der Zug durch die Kurven f�hrt, und du streichst mit den H�nden �ber deine verheilten Wunden und hast das Gef�hl, dass da immer noch zwei L�cher unterm Stoff deiner Hosenbeine sind, in die du deine Finger hineindr�cken kannst. Und der Wald kommt auf dich zu, und der Wald bewegt sich von dir weg, und Schneisen zwischen den B�umen, in denen kleine flache H�user stehen, mit geschwungenen D�chern.</p><p>Das Schneetreiben beginnt. Wo bist du? Wohin gehst du? �ffne deine Augen. Ein dunkler Fluss unterm Zug und unter dir. Kleine Eisschollen auf dem Wasser. Wie die Ger�usche sich �ndern, wenn du �ber die Br�cken f�hrst. Hast du nicht Berge gesehen, vor Stunden, Tagen? Als der Mann dir den Stock �berreichte. Als der Mann dich zum Ufer des Meeres f�hrte. Flache, geschwungene H�gel. Oder waren das die braunen D�cher der H�user?</p><p>Der Mann spricht zu dir. Du sitzt in einem Raum aus Papier. Du bist am anderen Ende der Welt.�Sekai, do�, sagt der Mann, und du trinkst aus einer kleinen Schale etwas, das warm in dein schmerzendes Bein dringt, K�lte und das Gef�hl, dass es die Beine eines anderen sind,�indeed, it is difficult to understand���, ja, das verstehst du und willst sprechen und �ffnest den Mund und sp�rst, dass du trinkst, w�hrend du sprechen willst, und sinkst zur�ck auf der kleinen Bank��,�to understand the world as it is���Der Mann spricht langsam und mit rollendem R, er blickt beim Sprechen auf den kleinen Tisch mit den Gef��en und Schalen, graue Haare h�ngen in seine Stirn.</p><p>�Die Welt�, willst du sagen, weil du verstehst, zu verstehen glaubst, und deine Brust wird nass, und die Schale rutscht leer auf den Boden, und du legst die Beine zur Seite und bewegst den Arm und bewegst die Hand, damit er geht,�Wer bist du?�</p><p>�Although it seems true, it is not, and although it seems false, it is not.�</p><p>Du sitzt in einem Zimmer. Der Schl�ssel mit dem gro�en Plastikanh�nger vor dir auf dem Tisch. Zwei andere Schl�ssel daneben. Silberne Anh�nger, die kugelf�rmig enden, wie Miniatur-Schlagst�cke. Eine Chipkarte in einem kleinen Pappschuber. Eine Nummer darauf. Du blickst aus dem Fenster.</p><p>Ein Park gegen�ber. Schnee auf den B�umen, T�rme hinter dem Park, hinter den B�umen, weit weg oder ganz in der N�he, die Entfernungen ver�ndern sich, Hochh�user, die durch Br�cken verbunden sind, G�nge aus Glas. Ein tempelartiger Flachbau mit geschwungenem Dach zwischen dem Wei� und dem Gr�n des Parks, denn die B�ume sind nicht kahl, Winter in dieser Stadt, aber Tage, daran erinnerst du dich jetzt, die nach Fr�hling rochen, die Luft pl�tzlich mild, und der Himmel klar, kein Grau mehr, aus dem der Schnee nass auf dein Gesicht fiel, aber dann wieder ein eisiger Wind, der dich packte auf deinen Wegen durch die Nacht, durch die Neongassen, am Fluss entlang, durch leere Parkanlagen, die kleinen W�ldern glichen, wohin gehst du? Und was suchst du?</p><p>Das Fenster ist ge�ffnet, du wei�t nicht, wie lange du hier schon sitzt. Du starrst auf das gelbe Licht, das aus der T�r des Tempels zu dir dringt. Du nimmst den Fahrstuhl und f�hrst in die siebenundzwanzigste Etage, eine kleine alte Frau steht neben dir. Du liegst auf dem Bett, hast dich mit deinem Mantel zugedeckt, und das gelbe Licht des Tempels dringt durch die Gardinen. Sitzt dort nicht ein Mann an dem Tisch? an dem du selbst eben oder irgendwann gesessen hast? du blickst an die Decke, um ihn nicht sehen zu m�ssen. Aber du siehst ihn und kennst ihn. Und wei�t, dass er nicht hier sein darf.</p><p>�Keine Angst, ich bin allein gekommen.�</p><p>Sp�ter fliehst du vor dieser Stimme. Du stehst in einer Halle, in einem ungeheuren Raum, <emphasis>Pachinko, Pachinko</emphasis>, das Dr�hnen von Lautsprecheransagen, du blickst auf die Gesichter der M�nner, der Spieler, die in endlosen Reihen in ihren Raumsesseln sitzen und in die Tiefen der Spiegel schauen, in denen silberne Kugeln durch ein Labyrinth aus Stahlstiften, Gassen, Klappen und Kan�le laufen, auf sich drehenden Scheiben, und neue Labyrinthe aus Tausenden von Stahlstiften entstehen, Urw�lder aus N�geln, du hast so ein Spiel noch nie gesehen, du l�ufst durch die Reihen der schlafenden Spieler, du l�ufst durch die Stra�en deiner Stadt, stehst vor den Maschinen deiner ersten Spielothek, wirfst Geld ein, um zu testen, h�rst das Rasseln im Schacht der Maschine, sp�rst, wie das Geld der Spieler in deinen Maschinen rotiert, zwei Spielotheken im Westen der Stadt, <emphasis>du sollst diese Stadt, die du doch kennst, erforschen</emphasis>, weiter und immer weiter, <emphasis>es f�hrt kein Weg zur�ck</emphasis>, du siehst, wie du als junger Mann (��������������������������� ��������������)�Du musst nicht weglaufen, ich wollte doch nur einmal schauen, wie es dir geht�, (�������. �������������), weiter und immer weiter, und du taumelst aus dem ungeheuren Raum, wie lange bist du durch das Labyrinth der Maschinen geirrt? auf der Flucht vor der Stimme,�Nun haben wir beide h�bsche L�cher in unserem K�rper, nicht wahr?�,�Ich habe mit deinen L�chern nichts zu tun, Steinmann�,�Wie sch�n, dass sich noch einer an diesen dummen Namen erinnert, den sie mir gegeben haben. Aber die gro�en Immobilien waren frei, auch f�r dich, als ich weg war, nicht wahr?�,�Du bist nicht hier, du bist nicht tot�, und dann verstummte alles, verstummte alles, das Gewirr der Melodien, das Klimpern der M�nzen, die Lautsprecheransagen, das Rattern der Kugeln, und die Spieler in den Raumsesseln drehten sich Richtung Gang und blickten dich an. Silberne Augen, als l�gen M�nzen drauf.�Nein, ich bin nicht tot. Fast zu sterben ist manchmal kein Gl�ck. Aber du musst doch zugeben, dass du es damals wusstest���</p><p>�Ich habe nichts gewusst. Verschwinde und lass mich in Ruhe, Steinmann.�</p><p>�Und die Immobilien waren frei, als ich fast starb. Als dein gro�er Aufstieg begann.�</p><p>Die Gassen kreuzen sich und verzweigen sich und verlieren sich im Dunkeln, um dann wieder aufzuflammen, Bar an Bar, Hotels, Strip-Bars, Karaoke-Bars, Love-Hotels, Massage, Blowjob-Salons, Manga-Tanga, grell erleuchtete Glasfronten, dunkelrot gl�hen die Fenster woanders, unter vielen der Zeichen erkennst du die englischen Worte, W�nde aus Glas, Schulm�dchen in Uniform im Schaufenster, kleine Frauen stehen dichtgedr�ngt in einer dunklen Seitengasse, die Glutpunkte der Zigaretten, es werde Licht, du bist im Inneren der gro�en Maschine, und weiter, immer weiter l�ufst du und wei�t nicht, wohin, und wei�t nicht, warum, der Steinmann ist verschwunden, die Stimme hat keine anderen Stimmen mitgebracht von <emphasis>dort</emphasis>, M�nner in Anz�gen reden auf dich ein, Englisch, du wei�t, dass es Aufrei�er sind, aber du willst nicht in diese H�user eintreten, du willst nicht in diesen Bars sitzen, und sitzt dann doch in einer Bar, an einem Tisch, eine Frau, die nur einen Slip tr�gt, tanzt unbeholfen an einer Stange auf einem Podest, du blickst auf die sch�bige Tapete an der Wand, F�chermuster, und immer lauter dringt die Musik in dich, nimmt dir die Angst, dass da wieder jemand hinter dir oder neben dir sitzen wird, der da nicht sein sollte, nicht sein kann, die Frau im Slip tanzt, eine andere Frau sitzt neben dir und redet mit dir, du versuchst zu begreifen, versuchst, dich zu erinnern an deine Wege in den letzten Tagen oder Wochen, du siehst den Stock, der am Tisch lehnt und der dich besch�tzen soll, das hat der Mann zu dir gesagt, und davor oder danach hast du in einem Becken mit hei�em Wasser gesessen, das riecht nach Schwefel, und du legst deine Hand im Wasser auf dein Bein und sp�rst deine andere Hand auf deinem anderen Bein, du atmest auf die Wasseroberfl�che, und du siehst die kleinen Wellen vor deinem Gesicht, vor deinem Atem, zwischen dem Dampf, ein halbdunkler Raum, aber als du den Kopf zur�cklegst, siehst du den klaren Nachthimmel �ber dir und die Sterne, <emphasis>This is Hakone, Grauhaar-San, where the hot water comes from the heart of the earth and goes into your mind and goes into your body</emphasis>,�Mein Name ist Kraushaar�, sagst du, und die junge Frau l�chelt und nippt an ihrem Drink. Auch vor dir steht ein Glas, und du willst einen Schluck trinken, sp�rst die Eisw�rfel kalt an deinen Lippen, das Glas scheint leer zu sein, nur Eisw�rfel, du erkennst einen Tresen hinter der Frau an der Stange, die unbeholfen zur Musik tanzt,�Mimi�, sagt die Frau, die vor dir an dem Tisch sitzt, ein Teelicht,�you American�.</p><p>Du wei�t nicht, was du sagen sollst, und nickst und blickst �ber ihre Schultern zu den anderen Tischen, die meisten sind leer, Kerzen in Gl�sern, nur vor der Frau an der Stange sitzt ein Mann in einem dunklen Anzug und blickt dich �ber nackte Schultern an, aber er sitzt allein am Tisch, ein wei�er schmaler R�cken bewegt sich, als w�rde diese Frau, die sich zu ihm beugt und die nicht da ist, aufgeregt mit dem Mann im dunklen Anzug reden. Der Mann dreht sich zu dir um und blickt dann wieder auf die T�nzerin.</p><p>Die kleinen Br�ste an der Stange. Tapeten mit F�chermuster, ein schmaler Raum, ein schmaler Korridor, aber als du den Kopf zur�cklegst, siehst du den klaren Nachthimmel und die Sterne.�Where is Hakone?�, fragst du, und sie l�chelt, Stra�en und Gassen und Menschen und Schneeflocken treiben zwischen den H�usern, den Fassaden, wer tanzt da vorne, und wer sitzt allein? und Schneeflocken ber�hren deine Augen.</p><p>�You Hakone-San?�</p><p>�Hakone, hot fountain, near the coast.�</p><p>�You want Hako? In Haikyo?�</p><p>�Tokio?�</p><p>�Hai!�</p><p>�Hello.�</p><p>�You want amai, girl, ima, you onaka?�</p><p>Du verstehst nichts, und deine Beine sind kalt und steif, und du bewegst deine Beine unterm Tisch und siehst, wie sie den Kopf sch�ttelt und dann nickt und ihr leeres Glas hebt. Sie hat blonde Haare. Tr�gt ein braunes Kost�m.�Keine Angst, ich bin allein gekommen. Es ist einsam in den S�mpfen. �Dunkelheit. Du sp�rst, wie dein Kinn dein Hemd ber�hrt. Ger�usche. Das Klirren von Gl�sern, Eisw�rfel, die Stimme des M�dchens wie ein Silberfaden inmitten der immer lauter werdenden Musik,�You want good meal?�,�Nein�, sagst du,�No�, sagst du,�sayonara�, sagst du, als du aufstehst, irgendwann sp�ter, ein B�ndel Geld liegt auf dem Tisch, dein Geld, und als du dich umdrehst, drau�en, in diesem bunten Nebel, der sich vor dir �ffnet und von allen Seiten in deine Augen und deinen K�rper dringt, steht das M�dchen hinter dir, sie h�lt einen dampfenden Teller Nudeln in beiden H�nden so dicht vor deinem Gesicht, dass du in den Dampf atmest und dicke Fleischklumpen zwischen den wei�en F�den erkennst, dir wird �bel, ein Mann neben ihr, gelber Anzug, jemand singt laut und falsch hinter der halbge�ffneten T�r, ein kleiner Mann hat auf dem Podest gestanden, das Hemd aufgekn�pft, die Brille beschlagen, ein Mikrofon in der Hand, die T�nzerin sitzt nackt auf seinem Stuhl, an seinem Tisch.�Where you go?�, und du schiebst das M�dchen und den Mann im gelben Anzug zur Seite und gehst zwischen ihnen wieder durch die T�r, durch die du eben auf die Stra�e getreten bist, h�rst, wie der Teller auf dem Pflaster zerspringt, gehst an dem singenden Mann vorbei, hinter dem die Frau wieder tanzt und immer noch tanzt und die Stange mit beiden H�nden h�lt, als w�rde sie sonst zu Boden sinken, der Mann im dunklen Anzug, der eben noch gesungen hat, ist verschwunden, du nimmst deinen Stock, den du fast vergessen h�ttest, deine Beine sind kalt und taub, und du humpelst nach drau�en, <emphasis>Love-Hotel</emphasis>, fl�sterte das jemand in dein Ohr, oder hast du die englischen Worte nur gelesen auf deinen Wegen durchs Licht dieser Nacht? Der Mann im schwarzen Abzug l�uft neben dir und legt seine Hand auf deine Schulter.</p><p>�Welcome in Hakone, Mister Kraushaar. Willkommen. You good friend von��, mein guter Freund Hans. I don�t speak German, just a little. I am very sorry. Good friend of Hans is good friend of mine. Welcome to Hakone. Willkommen, Kraushaar-San. We will do all the best for you, that you can rest. And you will forget all the hard times and all your troubles. It is a great honour for us to have you here. You can stay as long as you want. Please be my guest, my houses are yours, sit down and feel comfort, Mister Kraushaar.�</p></section><section><title><p><strong>II&#x2002;Schneeland</strong></p></title><p>Du betrittst den Tempelhof, der von einer kleinen Mauer umgeben ist, durch das rotbraune h�lzerne Tor. Es hat aufgeh�rt zu schneien. Du bist am Ufer eines Flusses entlanggelaufen. Verlassene Schiffe, die du f�r Dschunken hieltest, schaukelten vert�ut am Ufer. Gro�e M�wen sa�en auf den verrotteten Aufbauten, zwischen denen bunte Laternen baumelten. Der Wind fuhr dir kalt ins Gesicht und unter den Mantel. Ein schmaler Weg direkt am Wasser, dar�ber die Stra�en und H�user. Niemand kommt dir entgegen, du h�rst keine Autos auf den Stra�en �ber dir. Du gehst �ber eine gro�e h�lzerne Br�cke, blickst auf das dunkle Wasser. Der Fluss verschwindet zwischen den H�usern.</p><p>Du stehst an einer Kreuzung, siehst eine riesige goldene Rolex-Werbung, deren Licht dich noch vor Tagen geblendet h�tte. Es ist kurz nach elf auf deiner Rolex, hast du die Zeit noch nicht verstellt, seit du in diesem Land, auf dieser Insel am anderen Ende der Welt bist? Silberne B�ume auf einem Boulevard. Zehntausende L�mpchen zwischen den kahlen Zweigen. Du versuchst, dich an Weihnachten zu erinnern, an Silvester, aber da ist nichts. Und du l�st den Verschluss deiner Rolex, wirfst die Uhr in den gro�en Pappbecher eines Bettlers, der unter einem der silbernen B�ume hockt, ganz allein auf diesem gro�en leeren Boulevard. Es klappert und klimpert, als die Uhr auf die M�nzen trifft, und du h�rst, wie der Bettler, ein hagerer Mann mit braunem hageren Gesicht, in das seine grauen Haare fallen, dir etwas zuruft, als du weitergehst.�Bleib doch, mein Freund, ich bin hier ganz allein!�Das leuchtende Werbeschild einer Stripbar, aber das interessiert dich nicht. Du suchst den Tempel, dessen gelbes Licht in den Raum drang, in dem du lagst. <emphasis>Gentlemen�s Club � Live Nude � Topless</emphasis>. Du bist nicht mehr oder noch nicht in diesem Neon-Bezirk, in dem Zehntausende Frauen und Tausende Aufrei�er und Zehntausende Clubs und Bars und Salons und Keller und Hochebenen voller Frauen in Manga-Uniformen, in Schul-Uniformen, in edlen Kost�men, halbnackt, im Licht und im Dunkeln warten und ausschw�rmen, K�rper und Stein kriechen auf dich zu, und die Scheine rascheln zwischen den Schildern, <emphasis>sich einmal nur ausruhen, sich einmal nur ablegen</emphasis>, wie sp�t es wohl ist, und du wechselst die Stra�enseite, l�ufst langsam auf den�24-Hours-Pet-Shop �zu. Keine Autos. Dieser Teil der Stadt scheint verlassen zu sein. Du drehst dich um, die hohen Fenster des Gentlemen�s Club im ersten Stock, eine kleine Treppe f�hrt zu einer kleinen T�r, ein hellblaues Leuchten, du sitzt nicht an der Bar, du siehst nicht die M�dchen, die alle sehr japanisch aussehen, wie sie nackt tanzen, mit Gasmasken vor ihren Gesichtern, in gl�sernen K�figen (��������..), <emphasis>Ming-Vase ist Ming-Vase</emphasis>, habt ihr fr�her gescherzt, Fidschi-Town, aber jetzt arbeiten nur noch wenige Asiatinnen in deinen Objekten (���� ����..), du bist dir nicht sicher, ob diese Informationen, die pl�tzlich auftauchen, stimmen. Dunkelheit. Du liegst. Es ist kalt. Schnee oder Eis bedeckt dich. Ein Ger�usch, als w�rde jemand ein gro�es Schubfach aufziehen. Du liegst. Jemand beugt sich �ber dich und ber�hrt mit einer silbernen Pinzette deine Augen.�Lass mich deine letzten Bilder sehen, gro�er Mann.�</p><p>Wie eine Explosion dringt es durch deine Augenh�ute, und du duckst dich, zuckst zusammen, stehst im endlosen Strom der Fahrzeuge, in der Mitte der gro�en Stra�e, l�ufst auf die B�ume mit den L�mpchen zu und bleibst vor dem�24-Hours-Pet-Shop �stehen. K�fige sind im Inneren des Ladens �bereinandergestapelt. Stehen �bereinandergestapelt im Schaufenster. Du erkennst Kaninchen und kleine Hunde hinter den Gitterst�ben. Siehst V�gel und Glask�sten, in denen seltsame Reptilien hocken. Und ein Mann mit wei�er Kittelsch�rze l�uft zwischen den K�figen und K�sten emsig hin und her. Hohe K�fige mit gro�en Papageien. Flache Glask�sten mit Ratten oder M�usen. Ein junges M�dchen kommt aus der T�r, sie tr�gt eine kleine Gasmaske vorm Gesicht, deren R�ssel mit dem Atemschutzfilter ein wei�es Kaninchen ber�hrt, das sie an ihre Brust presst. Die dunklen Augen eines kleinen Hundes, den ein Mann an einer mit Glitzersteinen besetzten Leine hinter sich herzieht, die er wohl mit dem Hund in dem Laden gekauft hat. Der Hund stemmt die Vorderbeine in den Stein des Fu�wegs. Du hockst dich hin und streckst deine Hand aus.</p><p>Der Hund leckt etwas Schnee von deinen klammen kalten Fingern. Und du schiebst deine Hand unter seinen K�rper. Sp�rst, wie er bebt und zittert, und du siehst die kleine Pf�tze auf dem Stein. Der kurze Schwanz klemmt zwischen seinen Hinterbeinen. Nur das Wort� Gaijin �verstehst du, als der Mann dich anschreit. Und eigentlich schreit er dich nicht an. Er redet laut und mit Nachdruck und mit tiefer Stimme. Er beugt sich runter und greift nach dem kleinen Hund, welche Rasse das ist, kannst du nicht sagen. Die Leine verheddert sich um die Vorderbeine des Hundes, den der Mann jetzt, wie die Frau vorhin das sehr gro�e und lange Kaninchen, an seine Brust dr�ckt. Er tr�gt eine Jacke mit dem Aufdruck irgendeines Sportvereins. Wo ist dein Stock? Er liegt auf dem Gehsteig neben dir. Als du ihn aufhebst, siehst du, dass er nass geworden ist. Die Pisse des kleinen Hundes tropft von dem Holz.</p><p>Der Hund blickt dich an. Die Augen weit aufgerissen. Er sitzt auf einem steinernen Sockel. Im Hof des Tempels. Du stehst vor dem Sockel, siehst das Fletschen der Vorderz�hne. Schnee auf dem Kopf des Hundes wie wei�es Haar. Lacht er, oder heult er den Himmel an voller Zorn? Der kr�ftige Oberk�rper ruht auf den breiten Pfoten. Du stehst allein im Hof des Tempels. Gelbe Laternen leuchten im Inneren des Tempels, zu dem eine kleine Treppe f�hrt. H�lzerne Pfeiler in diesem Portal, dahinter ein Raum, weitere schmale S�ulen, W�nde aus Holz und Papier, weit hinten erkennst du die gro�en Laternen. Weit weg scheint das dir. Hineingehen. Nur einen Moment ruhen. Es ist Nachmittag. Die D�mmerung liegt schon �ber den B�umen.</p><p>Bist du nicht in Hakone, diesem seltsamen Ort, an den sie dich geschickt haben aus deiner Stadt, auch im Hof eines Tempels gewesen, im Inneren eines Tempels sogar? Mit dem Mann, dessen Gast du warst. Der dir Tee bereitete in jahrhundertealten Gef��en, den Tee in kleinere Gef��e goss, die nur ein wenig j�nger waren. Der dir die Zeremonien erkl�rte, aber dein K�rper und dein Hirn waren zu schwach, um alles aufzunehmen. Ein ewiger Kreislauf des Sichverbeugens. Und als du die St�bchen im Reis stecken lie�est, verstummte die Runde. M�nner in dunklen Kimonos. So w�rdest du diese Gew�nder nennen. Die M�nner senkten die K�pfe. Und der Schatten deiner St�bchen an der papiernen Wand. Wie die d�nnen, kn�chernen Ohren eines Kaninchenskeletts. Was f�r ein Unsinn.�Shin-de-iru.�</p><p>�Put this down, Grauhaar-San.�</p><p>�Mein Name ist Kraushaar.�</p><p>�Put this down, please. This means death. The sign of the death.�</p><p>Und seine St�bchen stachen vor ihm wie zwei Finger aus dem Reis. Und als er versuchte, sie zu greifen, gelang es ihm nicht. Seine H�nde sp�rten, wie alle Kraft aus ihnen wich. Die M�nner, die zum Essen eingeladen waren, in ihren dunklen Kimonos, hielten die K�pfe gesenkt, r�hrten sich nicht, nur der Mann, der dir sp�ter oder fr�her den Stock �berreichte, sprach leise, aber mit ebenfalls gesenktem Kopf auf dich ein.</p><p>�This is the shadow of death. You must put it down please.�</p><p>�Kage�, h�rst du eine sonore Stimme aus der Tiefe des Raums.</p><p>Ein dicker, in wei�e Gew�nder gekleideter Mann geht auf der Terrasse des Tempels auf und ab, in stetiger Hast, sich immer wieder Richtung Tempel verbeugend, verschwindet er dann im Inneren. Du schreitest langsam an dem Hund vorbei, siehst dann einen anderen Hund, eine andere steinerne Statue an dem Tor auf der anderen Seite des Tempelhofes. Auch der fletscht die Z�hne, sieht aber nicht so zornig aus wie sein Bruder am gegen�berliegenden Tor. Der L�rm der Stadt ist hier nicht zu h�ren. Du sp�rst, wie kalt es wieder geworden ist, schiebst die H�nde in die Manteltaschen, sp�rst, dass sich dort etwas bewegt zwischen deinen Schl�sseln, eine kleine silberne Kugel f�llt auf den Steinboden und bleibt in dem kleinen Streifen Schnee vor der Treppe liegen, die zum Hauptgeb�ude f�hrt, zum heiligen Schrein, du kennst dich nicht aus mit diesen Dingen, hattest du nicht einen Freund, einen Mitarbeiter, deinen dritten Mann, der sich auskannte mit all diesen Dingen. Fernost, Buddha, Kung Fu und Konfuzius. Steffen, du erinnerst dich. Fragmente in deinem Kopf. Karate-Steffen aus��, wie hie� das Nest, und was machst du im Hof dieses Tempels? <emphasis>Kleinmutzschen</emphasis>? weit weg von <emphasis>allem</emphasis>. Und du willst die silberne Kugel aufheben, greifst in den Schnee am Fu� der Treppe, du findest die Kugel nicht, aber was willst du �berhaupt mit ihr, sie geh�rt wohl zu diesem seltsamen Spiel� Pachinko�, ratternd f�llt und l�uft die Kugel durch die Kan�le und Gassen zwischen den Stahlstiften, �ndert die Richtung, rotiert zur�ck, verschwindet in einem Schacht. Wann sind die Jugos gekommen, denkst du pl�tzlich und legst die H�nde in den Schnee. Ein Krieg hier, ein Krieg dort. Du stehst auf und wischst dir mit den feuchten, kalten Innenfl�chen deiner H�nde �bers Gesicht. Du sp�rst deine Bartstoppeln und fragst dich, wann du dich das letzte Mal rasiert hast. Wie lange bist du schon in dieser Stadt? Und warum ist hier Winter, wo doch in deiner Stadt, so weit weg, auf einer anderen Rundung der Welt, auch Winter ist. Und du stehst zwischen den beiden Hunden auf den steinernen Sockeln, zwei, drei Schneeflocken bewegen sich ganz langsam vor deinem Gesicht, als w�rden sie schweben, als w�rden die Sekunden langsamer vergehen auf dem Hof des Tempels, wieder schlie�t du die Augen, und wieder siehst du einen Blitz und zwei silberne Projektile, die irgendwo in der Dunkelheit verschwinden, ganz langsam gehst du �ber den leeren Hof, die Augen immer noch geschlossen, du h�rst deine Schritte, den Tempel im R�cken, den Tempel vor dir, was spielt das f�r eine Rolle, denkst du, ob die Vergangenheit stimmt, was wann einmal wahr war, und ob deine Wege hier enden�� Das gelbe Licht aus dem Inneren des Tempels. Es ist Abend geworden, und du bist immer noch hier. Auf dem kalten Stein des Hofes. Deine Haare sind feucht, dein Atem dampft wei� in der D�mmerung.</p><p>Wie eine �berdachte Futterkrippe steht das kleine Wasserbecken im Schatten des Tempelgeb�udes. Das Wasser ist mit einer Eisschicht bedeckt. Ein h�lzerner Sch�pfl�ffel an einem Strick. Du greifst nach dem L�ffel, sp�rst, wie ausgetrocknet dein Mund ist, kannst dich nicht erinnern, wann du das letzte Mal etwas getrunken hast. Dann siehst du den dunkelgr�nen, fast schon schwarzen K�rper des Frosches, gro� wie eine Faust, unter dem d�nnen Eis. Reglos treibt er im Wasser, die Glieder weit vom K�rper abgespreizt.</p></section><section><title><p><strong>III&#x2002;Kabukich&#x14D;</strong></p></title><p>Du hebst den Kopf. Du sitzt am Tresen einer sehr schmalen Bar. Gr�ne gl�nzende Kacheln an der Wand neben dir. Der Tresen ist aus poliertem Holz. Vor dir steht ein volles Glas. Der schmale Raum ist nur einige Meter lang, wie ein winziger Tunnel.</p><p>Du siehst eine Frau vor den Regalen, in denen unz�hlige Flaschen stehen. Sie scheint dich nicht zu beachten. Ihre schwarzen Haare sind hochgesteckt, und sie tr�gt ein traditionelles blaues Gewand. Du hast diese Art von Gew�ndern schon einmal gesehen. Irgendwann in den letzten Tagen, deine Beine und deine F��e schmerzen, du musst viel gewandert sein. Durch Hakone, wo immer dieser seltsame Ort liegt, nur einige Bilder und Erinnerungen in deinem Kopf, das Meer, flache, geschwungene H�gelketten, und durch diese Stadt, Tokio, wie immer du auch hierhergekommen bist, eine lange Zugfahrt, wie bist du aus dem Haus mit den W�nden aus Papier zum Bahnhof gekommen, du erinnerst dich an einen schneebedeckten Berggipfel, den du aus dem Zugfenster gesehen hast. Wann genau ist das gewesen? Kein Bahnhof in deinen zerschnittenen Erinnerungen. Dein Haar ist feucht. Du streichst �ber dein glattes, kaltes Gesicht, sp�rst einen kleinen verkrusteten Schnitt unterhalb des Jochbeins. Du drehst dich um und erkennst kaum den Stock, der hinter dir an der Wand im Schatten lehnt. Ein mattes gelbes Licht liegt �ber dem Tresen und der Frau und den Regalen. Du greifst nach dem Glas, die Eisw�rfel klimpern leise. Als du es zum Mund f�hrst, merkst du, dass es leer ist.�Konichawa�, sagst du in Richtung der Frau und erinnerst dich, dass der Mann in Hakone versucht hat, dir ein paar Brocken Japanisch beizubringen. Der Mann, der dir den Stock �berreicht hat, der jetzt hinter dir im Schatten steht. Der Stock mit dem Drachenkopf. Oder war es der Kopf eines D�mons, eine hundeartige Fratze��, du willst dich nicht noch einmal umdrehen.�Konichawa�, sagst du, der Mann, der dich zu den hei�en Schwefelquellen gef�hrt hat. Der Mann, zu dem sie dich geschickt haben, ein langer Flug, ein langer Flur, entlang den Grenzen zum All.</p><p>Jetzt erst h�rst du die leise Musik. Irgendeine japanische Schnulze, eine Frau singt klagend zum Klavier.�Und meine Tr�nen, Perlen, an einem Wintertag���Du blickst auf. Summt das die Frau, genau zur Melodie der leisen Musik, oder ist das irgendwo in deinem Kopf, irgendein deutscher Schlager, den du irgendwann einmal geh�rt hast? Du hast Angst, dass die Stimmen zur�ckkommen. Die Frau dreht sich zu dir. Die Aufschl�ge ihres blauen Gewandes hat sie auseinandergeschoben, so dass du ihre Br�ste sehen kannst. Eine Brust, ihre linke? ist braun, fast schon schwarz, und erschrocken erkennst du das gro�e Muttermal, das fast ihre gesamte Brust bedeckt, sich bis zum Schl�sselbein zieht. Die Frau summt wieder etwas vor sich hin, beugt sich vor, greift unter den Tresen und h�lt dann eine kleine Nagelschere in der Hand.</p><p>Du willst etwas sagen, aber sie b�ckt sich noch einmal, breitet eine Zeitung vor sich auf den Tresen, legt eine Hand unter die Brust mit dem dunkelbraunen Muttermal, schiebt ihren Oberk�rper so weit vor, dass ihre Brust sich direkt �ber der Zeitung befindet, und bef�hlt sie mit der Hand und schneidet ein paar Haare ab, die an einigen Stellen aus dem Muttermal wachsen, du siehst, wie sie langsam und kaum sichtbar aufs Papier der Zeitung fallen, zwischen den schwarzen Zeichen verschwinden.</p><p>�Was machst du�, willst du sagen und kannst fast ihre Schulter ber�hren, ihre Brust ber�hren, ohne den Arm weit auszustrecken, so klein und schmal ist der Raum der Bar, so nah bist du ihr.</p><p>Du h�rst das leise Klappern der Schere zwischen der immer gleich klingenden Schlagermusik. Du kn�pfst deinen Mantel zu und stehst auf. Du willst einen Schein auf die Theke legen, sp�rst dein Portemonnaie in der Innentasche, l�sst es aber dann. Die Frau beachtet dich immer noch nicht, scheint sich nicht zu st�ren an deiner Anwesenheit. <emphasis>Du bist gar nicht hier</emphasis>. Du willst gehen, drehst dich zur Wand, siehst aber keine T�r zwischen den gl�nzenden gr�nen Fliesen. Ein Ger�usch auf der anderen Seite des Tunnels. Wieder drehst du dich um. Die Frau streicht mit beiden H�nden �ber die Zeitung, ein winziges H�ufchen schwarzer Haare. Du kannst nicht anders und musst auf das Muttermal blicken. Du erkennst die dunkelbraune Brustwarze inmitten dieses Flecks. Ein Mann steht am anderen Ende der Bar. Du gehst auf ihn zu, er geht an dir vorbei. Deine Schulter ber�hrt seine Schulter. Das Rascheln von Papier. Du h�rst, wie er etwas zu ihr sagt. Du greifst die Klinke der kleinen dunklen Holzt�r, durch die er gekommen sein muss. <emphasis>Wo bist du. Du willst nach Hause.</emphasis> Als du dich umdrehst, die Klinke in der Hand, die T�r schon halbge�ffnet, siehst du, wie der Mann im hellen Anzug, der dich an den Mann in Hakone erinnert, der dich an irgendeinen Mann erinnert, ihre Brust mit dem Muttermal mit beiden H�nden gepackt hat und sich lachend �ber den Tresen zu ihr beugt.</p><p>Als du sp�ter in dem Auto sitzt und durch die get�nten Scheiben auf die Stra�en aus Glas und Licht schaust, ist deine Hand warm und feucht, weil der Knauf deines Stockes warm und feucht ist.�Willkommen in Kabukich&#x14D;�, sagt die alte Frau, die dir gegen�bersitzt und ein Glas in der Hand h�lt, in dem die Eisw�rfel leise klirren. Sie spricht Deutsch mit einem dunklen Akzent, in einem h�lzernen Barkasten neben ihr und vor dir stehen Flaschen und Gl�ser.�Willkommen in Tokio. Bedienen Sie sich, Kraushaar-San. �Sie weist mit beiden H�nden auf den Barkasten, zeigt ihm ihre Handfl�chen dabei. Kleine H�nde. Sie tr�gt einen aufgekn�pften grauen Mantel �ber einem dunklen Kost�m. Ihr Haar ist fast wei�. Sie ber�hrt dein Knie. Nein, nur der Wagen bremst ab, und sie beugt sich kurz zu dir, lehnt sich dann wieder in die Ledersitzbank. Du sp�rst ein Summen in deinem Knie, im Oberschenkel, wo die Wunde ist.�Verzeihen Sie die Umst�nde, Sie sind sicher m�de.�</p><p>�Nein�, sagst du,�ich bin nur��, bin nur�� eben noch woanders gewesen.�</p><p>�Ja�, sagt die alte Frau und l�chelt,�hai. Sie sind weit gereist.�</p><p>Die T�r hinter dir ist geschlossen. Du bist nicht auf der Stra�e. Eine halbdunkle Halle.</p><p>Menschen, die dir bis zur Brust reichen, tanzen im Halbdunkel. Tanzen direkt vor dir. Bewegen sich dann langsamer. Du blickst in ihre starren Gesichter, auf ihre kantigen Kiefer. Erkennst dann, dass es Puppen sind. Siehst die langen d�nnen F�den. Und M�nner in schwarzen Gew�ndern, ohne Gesichter, die kaum erkennbar hinter den Puppen stehen. Du rutschst an der T�r nach unten. Gesang und Worte dringen zu dir. Du erkennst Gestalten auf einem langgezogenen Podest, vor dem sich ein Gitter aus hellen Bambusst�ben befindet, einige sitzen, einige stehen, von dort kommt der Gesang, kommen die Worte, die du nicht verstehst, du siehst, wie sie die Arme bewegen hinter dem Gitter, oder sind das die Arme der gro�en Puppen? wie sich die Schatten bewegen, auf dem Boden, zwischen den Puppen, deren hervorstehende Augen dich anblicken, und die schwarzen gesichtslosen M�nner mit den F�den bewegen sich mit ihren Puppen von dir weg.</p><p>�Ich h�tte Sie gern in ein besseres Theater gef�hrt.�</p><p>�Was f�r ein Theater?�</p><p>�Eine alte, sehr alte Tradition, Kraushaar-San. Sie waren am Rand von Shinjuku, am Rand von Kabukich&#x14D;, Kraushaar-San.�</p><p>�Ich wei� nicht, wo ich war.�</p><p>Und du tastest dich an der Wand entlang, sitzt auf dem Boden, aber das st�rt dich nicht, weil du gesehen hast, dass sie hier viel und oft auf dem Boden sitzen, in diesem fernen Land, in das sie dich geschickt haben, damit du dich erholst. Du kannst dich nicht daran erinnern, aber der Mann in Hakone hat es gesagt.</p><p>Und du schaust aus dem Schatten,�Kage�, sagt einer der M�nner, ohne aufzublicken, w�hrend du dich zu den St�bchen, die in deinem Reis stecken, beugst. Schaust aus dem Schatten auf die Puppen und erkennst immer noch kaum die schwarzgekleideten Marionettenf�hrer, deren Gesichter unter den schwarzen Umh�ngen verborgen sind, die du vielleicht Kimonos nennen w�rdest, aber du wei�t, dass das sicher nicht die richtige Bezeichnung ist. Der Gesang und die Stimmen, die von dem Podest an der Wand gegen�ber kommen, werden immer lauter, klingen immer dramatischer, und du versuchst zu begreifen, wie die Stimmen und die Bewegungen der Puppen zueinanderpassen, zueinandergeh�ren. Und du begreifst, dass du sie nicht sehen musst, nicht sehen sollst, die M�nner mit den F�den.</p><p>Eine Frauenpuppe in einem blauen Kimono klagt laut und singt laut, beugt sich, verbeugt sich. Legt die H�nde an ihre Brust, legt die H�nde an ihre Haare. Irgendein Ungl�ck muss passiert sein, denkst du. Und dann denkst du, dass du deine Frau noch nicht angerufen hast, seit du hier bist, in diesem Land bist, aber dann sp�rst du, dass es dir egal ist. Dann denkst du an deinen Sohn, aber auch das ist fern und ber�hrt dich nicht. Und war in all den Tagen, die du durch diese Stadt gewandert bist, nicht bei dir. Und je l�nger du ins Halbdunkel der Halle starrst, erkennst du auch andere Zuschauer, die auf Matten hocken, je l�nger du auf das Spiel der Puppen starrst, umso mehr verstehst du die Geschichte. Ein Vater und ein Sohn. Die Geliebte des Sohnes. Der Vater will, dass er sie verl�sst. Der Vater ist wohl ein angesehener Samurai. Der Vater der Geliebten des Sohnes geh�rt zu einem anderen Clan. Ein Krieg, eine Fehde. Die alte Geschichte, denkst du. Die Geschichte der Welt. Jede der gro�en Puppen hat mehrere F�hrer, die in einer vollkommenen Abstimmung die Glieder der Puppen bewegen. Und nur die Gesichter derer, die die F�den der K�pfe f�hren, sind zu sehen. Helle Gesichter zwischen dem dunklen Stoff. Du sp�rst eine gro�e M�digkeit. Sich einmal nur ausruhen, sich einmal nur hinlegen. Die lauten Ges�nge, der Chor der Stimmen von der anderen Seite des Raumes. Gitter kannst du keine mehr erkennen. Dein Kopf sinkt langsam auf die Brust. Du sp�rst ein Ziehen in deinen Beinen, ein Ziehen in deinen Armen, wie viele Tage und N�chte bist du ohne Schlaf gewandert. Du erinnerst dich an Hakone, diesen seltsamen Landstrich irgendwo auf der Insel, irgendwo in der N�he dieser riesigen Stadt, erinnerst dich an deine Angst vor der Dunkelheit des Schlafes, wenn du in dem Haus aus Holz und Papier lagst. Die leisen Ger�usche eines fremden Waldes, in den du nachts manchmal gegangen bist, B�ume wie gro�e Farne, manchmal schneite es, und du hast dich gewundert, warum diese Farne auch im Winter ihre Bl�tter behielten, vielleicht eine Art fern�stliche Tanne, <emphasis>wie gr�n sind deine Bl�tter</emphasis>, der Mond manchmal �ber dem W�ldchen, wenn der Himmel klar war, die Sterne in einer Ordnung, wie du sie nicht kanntest, du hast manchmal am Ufer des Sees gestanden, in deiner Stadt, an deinem Haus, mit einer alten drehbaren Sternenscheibe, die du vor vielen Jahren im Astronomie-Unterricht benutzt hast, hast den Fuhrmann gesucht und Perseus und den Gro�en Walfisch, und in dem kleinen W�ldchen legst du den Kopf in den Nacken und denkst, dass die Welt eine andere ist inzwischen, du tr�gst einen wei�en Kimono, als w�rst du schneebedeckt, aber du frierst nicht, gehst ein paar Schritte zwischen den B�umen, blickst in die Schatten, wenn der Mond da ist, blickst in die Dunkelheit, wenn der Mond nicht da ist, der Schnee gibt immer ein wenig Licht, als w�rde er den Tag speichern, du st�tzt dich auf deinen Stock, manchmal h�rst du leise Stimmen zwischen den B�umen, aber du wei�t, dass da niemand ist, du gehst weiter in den Wald hinein und wei�t, dass du nur deinen Spuren folgen musst, um zur�ckzukommen, auch wenn es schneit, ist der Weg nicht weit, <emphasis>ein Reim ein Reim, ein K�nigreich f�r einen Reim</emphasis>, Matthias Reim, <emphasis>Verdammt ich lieb dich</emphasis>, und du lachst laut und w�rdest dich nicht �ber ein Echo wundern, aber dein Lachen verschwindet im Schnee und zwischen den B�umen.</p><p>Einmal hast du einen Hasen gesehen, einen grau-wei� gesprenkelten Hasen, du siehst diesen Hasen wieder im K�fig des�24-Hours-Pet-Shop�, er sa� in der Mitte einer kreisrunden Lichtung, kaum zu erkennen auf dem Schnee, der Mond war da, und der Mond war nicht da, er kam dir gro� vor, dieser Hase, anderthalb Ohren hatte er nur, abgefroren, abgebissen, und deswegen hast du ihn wiedererkannt in dem K�fig des�24-Hours-Pet-Shop�, was hast du nur mit den Tieren in diesem Land, auf dieser Insel, denkst du, ein Ausflug in den japanischen Zoo, aus dem du den Ausgang nicht findest.</p><p>Der Vater verst��t seinen Sohn und klagt und weint und singt dann von seinem Leid. W�hrend der Sohn im Schatten steht und ein Schwert in beiden H�nden h�lt. Und dann in der Dunkelheit verschwindet. Wohin geht er? Du ber�hrst die Bl�tter der gro�en Farne. Die Mutter, zumindest denkst du, dass es die Mutter ist, rennt zwischen Vater und Sohn hin und her, singt hoch und kreischt fast, und du h�rst ein Lachen aus den Reihen der Zuschauer, w�hrend die Krieger aufmarschieren. Ein H�gel inmitten des Waldes. Nur zwei oder drei verkr�ppelte B�ume dort oben. Dein Atem dampft wei� in der Nacht, w�hrend du, auf deinen Stock gest�tzt, �ber den knirschenden Schnee schreitest, vor den drei B�umen stehenbleibst. Der H�gel ist nicht besonders hoch, aber du kannst die Umrisse deines Hauses, des G�stehauses, erkennen. Weit hinter den B�umen. Und die etwas h�heren H�user des Anwesens, in dem der Mann aus Hakone dich als seinen Gast begr��te. Ehrengast. So leicht sagt sich das in deiner Sprache. Einmal hast du gesehen, als du durch eines der Fenster blicktest, wie er sich mit einer Lupe im Auge �ber einen Tisch voller winziger gl�nzender Steine beugte. Du hockst dich hin und presst die H�nde in den Schnee, h�ltst ein paar winzige Flocken zwischen deinen Fingern gegen das Mondlicht. Zwei Nadelb�ume und ein halbverdorrter Farn.</p><p>Die f�cherf�rmigen gro�en Zweige und Bl�tter sind gelb, Zweige oder Bl�tter mit kleineren Bl�ttern wie die breite Klinge eines Messers. Du erinnerst dich, dass du einmal (oder mehr als einmal, so genau ist deine Erinnerung nicht) im botanischen Garten deiner Stadt gewesen bist. Als du ein Kind warst. Hast du da nicht irgendwelche Fr�chte gesucht, von Pflanzen, exotischen Pflanzen, von denen du getr�umt hast? Oder gelesen. Hast harte, holzige Knollen in deinen Rucksack gepackt. Und ein paar weiche, �berreife Fr�chte, die du nicht kanntest? Aber was kanntest du schon und wusstest du schon in dieser Vergangenheit unter den vergangenen Sternen. Und da musst du wieder lachen und siehst den Hasen mit den anderthalb Ohren am Fu� des H�gels. Gr�n und erdig wie ein riesiger Frosch. Und schnell ist der wieder weg, weil ihn dein lautes Lachen in dem stillen Wald erschreckt hat. Denkst du. Und hast du nicht vor Farnen gestanden, den roten oder blauen Campingbeutel auf dem R�cken, die dich an gro�e Brennnesseln erinnerten und die du nicht anzufassen wagtest. Und nun stehst du hier und lehnst dich an den toten Baum, zwischen den verkr�ppelten Nadelb�umen. Du hast nie viel von den gro�en Erkl�rungen gehalten. Nachts in diesem W�ldchen sind deine Erinnerungen seltsam klar. Dein Freund Steffen hatte immer irgendwelche Spr�che parat. Aus seinem� Hagakure �oder den Plaudereien des Buddha, du hast all seine B�cher fast vergessen, obwohl es noch nicht lange her ist. Und hat er dir nicht eins geschenkt zum Abschied? Und war doch auf die Kariere bedacht, wie alle anderen. Wenn es ums Gesch�ft ging. Hat vom Weg des Samurai geschwafelt und ist dann doch gegangen, weg aus der Stadt, weg von dir, den Weg der Engel, aber du hast ihn gemocht.</p><p>Wenige Leute um dich herum, mit denen du reden konntest. Weil er gewusst hat, dass man die Stra�e verlassen muss.�Ja, ja�, sagst du laut, sagst du leise und denkst dir, dass der alte Farn noch nicht ganz gestorben ist, weil die verkr�ppelten Nadelb�ume ihm zumindest etwas Schutz gaben hier oben. Hier und da noch einige gr�ne Bl�tter an den gro�en gelben F�chern des Farns. Ob dein alter Freund Steffen wei�, dass du hier bist? Aber woher sollte er. Du selbst wei�t es ja nicht einmal richtig. Du steigst von dem H�gel herab und rutschst ein paarmal aus und setzt dich auf deinen Arsch. Schei� Kimono. Wenig Stoff �ber deinem K�rper. Du greifst links und rechts in den Schnee.</p><p>Deine Arme schnellen in den Raum. Auf ebener Erde hockst du, und es treibt dich nach oben. Rei�t dich an deinen Gliedern nach oben. Und du drehst sich um und suchst die dunklen Gestalten, die du doch erkennen m�sstest in dem pl�tzlichen, glei�enden Licht. Und Musik dringt in deine Ohren, dringt in deinen Kopf. Frauen vor dir. Eine gro�e Gruppe von Frauen tanzt in seltsamen Mustern durch die Mitte des gro�en Raums. Dieses ungeheuren Raumes, an dessen Wand du eben noch gesessen hast. Oder befindest du dich in einem anderen Raum? Die Gesichter der Frauen sind wei� geschminkt. Sie tragen Lederhalsb�nder in verschiedenen Farben. Du tanzt mit ihnen und wei�t nicht, warum, und wei�t gar nichts. H�rst ohne Gedanken in deinem Kopf die Rufe der Zuschauer. Und synchron verschwinden die Slips der Frauen, und du siehst ihre Schw�nze, kleine, gro�e, dunkelh�utige, hellh�utige, die zwischen den Beinen der Frauen hin und her schwingen (<emphasis>Moment, Moment, so gro� sind die nicht!</emphasis>). Und als ob eine Vakuumpumpe (Marktschreier�1: <emphasis>Schw����nze, gro�e Schw�nze!</emphasis>) dich durch den Raum saugt, taumelst du fremdbestimmt durch dieses verr�ckte Tanzorchester hindurch. Du hockst, du stehst. Glieder und Schw�nze in deinem Gesicht. Zwei kleinw�chsige Frauen klammern sich an deine wunden Beine. Zwerginnen, deren K�pfe an deinen G�rtel schlagen. Du rei�t eine T�r auf und stehst auf der Stra�e, suchst nach deiner Sonnenbrille in den Taschen deines Mantels, in den Falten deines Kimonos. Denn Strahlungen verbrennen deine Netzh�ute, deine Augenh�ute. Du legst den Kopf in den Nacken und siehst eine vielfarbige Sonne �ber den H�usern, du taumelst in die Gasse hinein, eine Hand ber�hrt deine Schulter, du willst dich nicht umdrehen, Schneeregen legt sich auf deine Lesebrille, <emphasis>aber du hast doch noch gar keine, verdammt nochmal</emphasis>.�Bleib bei uns in den Schatten, gro�er Mann. �Und du rennst.</p><p>�Und, wie gef�llt Ihnen unser Disneyland?�</p><p>Du h�ltst ein Glas in der Hand, blickst aus dem get�nten Fenster der gro�en schwarzen Limousine, nichts Neues zu sehen auf diesen Stra�en.</p><p>Du bist m�de und seltsam wach zugleich und nimmst all die Lichter und Bewegungen um die Limousine herum gar nicht mehr wahr, du bist l�ngst ein Teil dieses Stroms geworden.�Woher k�nnen Sie so gut���</p><p>�Mein Gro�vater liebte die deutsche Sprache�, sagt die wei�haarige Dame,�er hat f�r die deutsche Botschaft gearbeitet, vor sechzig Jahren. Die alte Achse, wenn Sie verstehen.�</p><p>�Die alte Achse�, sagst du,�Berlin, Tokio���</p><p>�Berlin, Rom, Tokio�, sagt die wei�haarige Dame,�Gro�vater hat mich auf eine deutsche Schule geschickt. Die deutsche Kultur hat mich immer interessiert. H�lderlin, Brecht��, die Ode an die Freude. Mozart. Gro�vater war ein sehr gebildeter Mann. Ich habe viele deutsche B�cher gelesen. Ich habe viele Jahre einen deutsch-japanischen Club geleitet. Wir haben uns jede Woche getroffen. Bis heute treffen wir uns und reden und lesen.�</p><p>�Ein deutsch-japanischer Club�, sagst du.</p><p>�Gekommen ist der Maie,�/�Die Blumen und B�ume bl�hn,�/�Und durch die Himmelsbl�ue�/�Die rosigen Wolken ziehn. �Sie bewegt die Arme, die H�nde vor ihrer Brust, w�hrend sie rezitiert, und ihre Stimme klingt viel h�her, fast wie ein flie�ender Gesang, so dass es dir einen Augenblick scheint, eine andere alte wei�haarige Dame w�rde vor dir sitzen.�Die Nachtigallen singen�/�Herab aus luftiger H�h,�/�Die wei�en L�mmer springen�/�Im weichen gr�nen Klee.�</p><p>�Sehr sch�n�, sagst du, aber sie ist noch nicht fertig.</p><p>�Ich kann nicht singen und springen,�/�Ich liege krank im Gras;�/�Ich h�re fernes Klingen,�/�Mir tr�umt, ich wei� nicht was. �Sie neigt leicht den Kopf und l�chelt.�Wirklich, sehr sch�n�, sagst du noch einmal.</p><p>�Heinrich Heine. Mein Gro�vater liebte dieses Gedicht. In Ihrer Stadt, Kraushaar-San��, wie arbeiten Sie da?�</p><p>�Wie wir arbeiten���, sagst du und hebst langsam dein Glas, bis es kalt deine Unterlippe ber�hrt, aber du trinkst nicht. Ihre Stimme immer noch in deinem Kopf. <emphasis>Die wei�en L�mmer springen.</emphasis></p><p>�Kabukich&#x14D;�, sagt die wei�haarige Dame,�wir leben in einem Land voller Huren.�</p><p>�Wir leben in einem Land voller Huren�, sagst du.</p><p>�Sind Sie vorher schon einmal in Japan gewesen?�</p><p>�Nein�, sagst du.</p><p>�Vor langer Zeit gab es hier ein Theater. Deswegen der Name, Kraushaar-San. Kabuki. Es gab dieses Haus wirklich, vor �ber f�nfzig Jahren, auch wenn wir es vergessen haben. Sp�ter kamen die Yakuza hierher. Aber ich mag diesen Namen nicht.�</p><p>�Die Yakuza�, sagst du.</p><p>�Nein�, sagt die wei�haarige Dame und l�chelt,�ich bin kein Yakuza. Und ich nenne sie lieber Gokodu. Nicht viele Stra�en weiter beginnt McDonald�s. Kabukich&#x14D; stirbt langsam. Die Grenzen verschieben sich. Unsere eigenen jungen Leute haben keinen Respekt vor den alten Gesch�ften.�</p><p>�Ihr Deutsch ist exzellent�, sagst du.</p><p>�Sie sind sehr freundlich, Kraushaar-San.�</p><p>�<emphasis>Sie</emphasis> sind sehr freundlich�, sagst du,�wie darf ich Sie ansprechen.�</p><p>�Mein Name ist Sansori�, sagt die wei�haarige Dame,�so w�rden Sie es sagen, in Europa.�</p><p>�Wie haben Sie mich gefunden, Frau Sansori�, fragst du.</p><p>�Was spielt das f�r eine Rolle�, sagt die wei�haarige Dame Sansori und l�chelt. Du blickst auf ihre kleinen Z�hne, die fast so wei� wie ihr Haar sind.�Ich wollte Sie gerne kennenlernen, Kraushaar-San. Wir arbeiten in derselben Branche. Sie hatten Probleme mit ihrem Gesch�ft?�</p><p>�Es gab gewisse Meinungsverschiedenheiten�, sagst du.</p><p>�Meinungsverschiedenheiten. Ein sehr sch�nes deutsches Wort. Jemand kam mit einem Schwert aus dem Dunkel? Und Sie waren zwischen den Welten?�</p><p>�Ich wei� nicht, wo ich war�, sagst du.</p><p>�Das ist alles sehr einfach�, sagt die Dame Sansori,�Sie waren zu Gast in Hakone, jetzt sind Sie zu Gast in Tokio. Damit Sie zur�ckkehren k�nnen in Ihre Stadt. Willkommen, Kraushaar-San. �Sie neigt leicht den Kopf. Und auch du neigst leicht den Kopf.�Sie sagten Gokodu���</p><p>�Das ist jemand, der seinen Weg sucht, Kraushaar-San.�</p><p>�Sie k�nnen gerne Arnold sagen.�</p><p>�Hat es Ihnen nicht gefallen in Hakone, Arnold-San?�</p><p>Du antwortest nicht. Die Dame Sansori schenkt sich Whisky nach und nimmt mit einer silbernen Zange Eisw�rfel aus einem Fach des Barkastens, die sie in ihr Glas fallen l�sst.�Bedienen Sie sich, Kraushaar-San. Das ist der beste japanische Whisky. Eine Unsitte, dass die jungen Leute nur amerikanischen oder schottischen Whisky trinken in Japan. Trinken Sie japanischen Whisky in Deutschland?�</p><p>�Ich wusste nicht���</p><p>���dass wir sehr guten Whisky haben in Japan?�Liegt es an ihrer tiefen, weich und doch rau klingenden Stimme, dass du dich so ruhig und vollkommen gelassen f�hlst? Als w�rdest du seit Stunden mit ihr in dieser Limousine durch die Nacht fahren. Und k�nntest weitere Stunden einfach hier sitzen. Wenn die Dame Sansori� Japan �sagt, dehnt sie das letzte A dieses Wortes, ein langes, sekundenlanges A nach dem ersten kurzen. Japaaan.</p><p>�Unsere Welt ist anders. Ein anderer Stern. Ein lautes �Ja� bedeutet: Nein. �Vielleicht�: Niemals. Sie haben sicher viele Fragen, Kraushaar-San.�</p><p>�Ich wei� nicht. Vielleicht nur eine. �Du h�rst dich sprechen und wei�t pl�tzlich nicht, wie viel du schon erz�hlt hast und wie viel du schon gefragt hast und wie viel sie schon gefragt hat und wie viel sie schon erz�hlt hat. Der Strom ihrer Worte.</p><p>�Es ist eine alte Tradition�, sagt die Dame Sansori,�wie bei Ihnen auch. Es war mein Weg, dass ich mich dieser Tradition angenommen habe.�</p><p>Und wieder wunderst du dich, wie nahezu perfekt ihr Deutsch ist. Die alte Achse. Wer h�tte das gedacht. Gro�vater Adolf. Und drau�en, vor den get�nten Scheiben des Wagens, werden die Stra�en jetzt dunkler, du erkennst Hochh�user am Rande der weitl�ufigen Fu�wege, sp�rlich beleuchtete T�rme, weite, freie Fl�chen zwischen ihnen, dann wieder Stein und Glas in seltsamen Ballungen, die Lichter einer Hochstra�e, gr�ne, rote Ampeln, dann wieder stille Stra�en, weite Wege, die Nacht scheint hier jetzt Nacht zu sein. Sitzt noch ein zweiter Mann neben dem Fahrer? Du kannst es nicht erkennen hinter der Trennwand, in deren Mitte sich ein kleines ebenfalls get�ntes Fenster befindet.</p><p>�Die Gesetze, m�ssen Sie wissen, Kraushaar-San, verbieten den Verkehr. Verzeihen Sie mir meine offenen Worte, aber so sagt man doch��, f�r Geld, Kraushaar-San. Hier in Japan.�</p><p>�Sie m�chten etwas erfahren, �ber unsere��, meine Gesch�fte.�</p><p>�Sie sind sehr kultiviert f�r einen Gaijin, Kraushaar-San. Ich mache Scherze. Ich bin eine alte Frau.�</p><p>�In meinem Land sind diese Dinge, von denen Sie sprechen, auch nicht so einfach. Aber es gibt auch dort Wege f�r diese alte Tradition. �Auch im Inneren des Wagens scheint es dunkler geworden zu sein, aber die gelben L�mpchen direkt �ber den T�ren leuchten immer noch.</p><p>�Gokodu�, sagt die Dame Sansori und nickt.�Die Menschen bei Ihnen w�rden es sicher nicht m�gen, wenn sie uns h�ren, wie wir sprechen.�</p><p>�Nein�, sagst du,�w�rden sie nicht. Und bei Ihren Gesch�ften, Frau Sansori��?�</p><p>�Wir sind ein Land voller Huren.�</p><p>Hat sie das nicht schon vorhin einmal gesagt, �berlegst du. Ihre Lippen sind sehr schmal jetzt, ihre dunklen Augen mustern dich. Sie nimmt eine Zigarette mit einem langen wei�en Filter, z�ndet sie an, und du denkst, dass es sehr elegant aussieht, wie sie raucht.�Verzeihen Sie meine Worte, Kraushaar-San. Ich bin eine alte, harte Frau.�</p><p>�Das kann ich nicht beurteilen�, sagst du nach einer Weile, weil du nicht wei�t, was du sagen sollst.</p><p>�Doch, das k�nnen Sie gut, denn Sie wissen, wer ich bin. Was ich bin. Sie verstehen die Dinge, Kraushaar-San. Deswegen sind Sie hier. Und deswegen spreche ich mit Ihnen. Und deswegen sprechen Sie mit mir.�</p><p>Du blickst aus dem Fenster und siehst, dass der Wagen jetzt �ber eine Hochstra�e f�hrt, �ber eine der Hochstra�en, du siehst die tr�ben Lichter der Stadt wie durch einen Nebel, weit weg ein buntes Flimmern, aber deine Augen sind m�de, der Wagen ist in einem Tunnel, verl�sst ihn gleich darauf wieder, du siehst eine andere Hochstra�e, die die Fahrbahn �ber euch kreuzt, dann wechselt der Wagen mehrfach die Spur, und es scheint dir, ihr w�rdet zur�ckfahren, den Weg zur�ckfahren, den ihr gekommen seid, ist das nicht der helle, schneebedeckte Kegel des Fuji-Berges am Horizont? Aber woher willst du das wissen, und deine Augen sind m�de.</p><p>�Wir sagen immer, die Jungen sind respektlos geworden. Die alten Gesetze gelten nicht mehr. Doch wir selbst sind gierig geworden, Kraushaar-San. Es gab eine Zeit, da habe ich die Ware aus Thailand bestellt. Der gro�e Handelsweg der Thai. Habe Gesch�fte mit den Triaden gemacht. Mit den neuen gro�en Syndikaten habe ich Gesch�fte gemacht. Habe bei McDonald�s die Ware gekauft. Doch wozu?�</p><p>�War es vorteilhaft?�, sagst du,�Ware�� bei McDonald�s���</p><p>�Die Dinge sind nicht so einfach, Kraushaar-San. Es gab einst die Frauen, die wir Asobi nannten. Sie waren begabte Unterhalterinnen. In Kabukich&#x14D; stehen jetzt die�� Schulm�dchen. Wie vor tausend Jahren die Ukareme, die einfachen Huren. Und die Triaden bringen die Thai �bers Wasser. Wir haben die alten Werte vergessen. Die Gesch�fte haben uns kalt gemacht, Kraushaar-San. Kalt und gierig. Wie arbeiten Sie in Ihrer Stadt?�</p><p>Sie dr�ckt ihre Zigarette in den silbernen Aschenbecher. Trinkt einen Schluck von ihrem Whisky.</p><p>�Es ist nicht immer einfach, mit den richtigen Leuten Gesch�fte zumachen�, sagst du,�es ist besser, bei seinen eigenen Gesch�ften zu bleiben. Die eigenen Wege zu gehen.�</p><p>�Sie sind ein Gokodu, Kraushaar-San. Aber jemand wird Sie irgendwann vernichten. Vielleicht.�</p><p>Sie l�chelt. Ihre Lippen sind immer noch schmal, Falten bis hoch zur Stirn, Falten auf der Stirn unter ihren wei�en Haaren, aber ihre Lippen sehen jung aus, als sie l�chelt.�Wir wissen nicht, wie wir fortgehen sollen, Arnold-San. Sie, ich. Ehrenvoll gehen, wenn es Zeit ist.�</p><p>�Um nicht alles zu verlieren?�, fragst du.</p><p>�Sie verstehen, Kraushaar-San. Schon vor langer Zeit achteten wir die Asobi. Und die Jokagu waren die Damen am Hof, die Damen des Adels. Sie waren gut ausgebildet f�r den Adel. Sie lebten in den gro�en Burgen und Pal�sten, sie waren oft selbst von Adel. Ihr liebt doch den Adel in Europa.�</p><p>�Es gibt ihn noch�, sagst du,�aber wir haben ihn verjagt. �Du willst ihr vom Bielefelder erz�hlen, der angeblich blaubl�tig sein soll, l�sst es aber dann.</p><p>�Die Queen�, sagt die Dame Sansori,�the Prince of Denmark. Aber diese Welt, unsere Welt, ist anders, Kraushaar-San. Vor vielen Jahren war ich die Mutter der Asobi. Das Syndikat der Unterhalterinnen. Aber die Dinge �nderten sich. Die Gier, Kraushaar-San. Das Gesch�ft. Ich habe die Waren gesehen und den Profit. Wir mussten neue Wege gehen, um nicht unterzugehen. Und verschwinden am Ende dennoch.�</p><p>�Die Waren�, sagst du und blickst sie an, w�hrend drau�en die Stra�en heller und bunter werden. Beginnt der Morgen, oder beginnt die Nacht?</p><p>�Gokodu�, sagt die Dame Sansori,�sie waren f�r nichts anderes vorgesehen in ihrem Leben.�</p><p>�Die Thai?�, fragst du.</p><p>���sie und wir. Es ist nicht einfach, die neuen Wege zu gehen und die alten Wege zu achten. Wir vernichten uns selbst, um weiter unser Gesch�ft zu betreiben.�</p><p>�Ich will Ihnen nicht zu nahe treten, Frau Sansori�, sagst du,�aber ich w�rde in meinem Gesch�ft nie von Ware sprechen���</p><p>Und da lacht sie. Du trinkst. Der Whisky brennt in deinem Mund. Die Dame Sansori holt tief Luft.</p><p>�Sie sind wirklich ein sehr vorlauter Gaijin. Handeln mit denselben Waren. Ohne Ihren Stock h�tte Kabukich&#x14D; Sie schon l�ngst totgeschlagen.�</p><p>Und als du an den W�nden aus Glas entlanggehst, Hunderte Meter �ber der Stadt�� Und als du durch den gro�en Raum schreitest, Hunderte Meter �ber der Stadt�� Und als du deine Hand �ber eine der Kerzen h�ltst, um zu begreifen, dass du noch <emphasis>bist</emphasis>, Hunderte Meter �ber der Stadt�� Und als du dann ihre tiefe Stimme wiederfindest in deinem Kopf��, Hunderte Worte und Hunderte S�tze��</p><p>�Dass das Ficken verboten ist, du Gaijin. F�r Geld. Als Gesch�ft. Du hast doch die Blowjob-Salons gesehen, du Gaijin. In denen der h�lzerne Kopf deines Stockes dir deinen Kopf gerettet hat. Du hast doch die Massage-Salons gesehen, wo das Geld der Gaijins und der Schwanz der Gaijins willkommen ist. Wo die kleinen Thais auf deinem R�cken sitzen. Wo das Ficken verboten ist, Gaijin. Und wo sie dich trotzdem ficken, Gaijin. Du Mann von drau�en. Kennst du nicht deine eigenen Gesch�fte? Hinter dem Vorhang, hinter dem dunklen Glas? Willst du wissen, wie ich seit fast f�nfzig Jahren �ber diese Dinge wache? Erz�hl mir nichts von deinen Engeln, von deiner Unschuld, Gaijin.�</p><p>Und du l�ufst die drei gl�sernen W�nde Meter um Meter ab. Siehst den gro�en Schl�ssel mit der eingestanzten 27 auf einem Tisch. Aber du bist in keinem Hotel. Du ber�hrst die Flaschen in der Bar. Siehst die Kerzen auf den kleinen Tischen neben dem Bett. Ein silberner Aschenbecher, in dem eine Zigarette qualmt. Du legst den Kopf an das Glas. Hast die Zigarette zwischen den Lippen, und die Glut ber�hrt die Scheibe, und Asche und Glut fallen auf den Teppich, und du hockst dich hin und zerst�ubst sie vorsichtig mit beiden H�nden.</p><p>Und unter dir die Stadt. Der Morgen ist grau. Und kein Berg hinter den Wolken. Wo soll der auch sein, wo du ihn nur einmal gesehen hast, zu sehen geglaubt hast, als du aus dem Fenster des Zuges blicktest. Die Stadt liegt ruhig, und nichts bewegt sich dort unten. Du siehst kleine wei�e Fl�chen zwischen den Stra�en und Wegen. Es muss geschneit haben. Und du richtest dich auf und gehst zum Bett. Wirfst deine Zigarette in den Ascher. Du bist nackt. Als du dich auf die alte Frau legst, erwacht sie. Sie hat ein blaues Tuch um ihren Kopf gewunden. An den Seiten siehst du die Spitzen ihres hellen Haares. Du packst sie an den Schultern. Ihr Schamhaar ist grau. Eine lange Narbe zieht sich von dort bis zu den Rippenb�gen unter ihren kleinen h�ngenden Br�sten. Sie ist ganz still, und dann sitzt sie auf dir, und du sp�rst ihre H�nde um deinen Hals, auf deinem Hals. Du gehst langsam durchs Portal des kleinen Tempels.�Ein D�mon, ein besessener Stier, hat dort einst gew�tet. Sie haben sein Haar aufgesammelt und in einen Schrein gepackt. Heilig. Bleib endlich liegen, du verdammter Gaijin, Arnold-San.�</p><p>Und du durchschreitest die T�ren zwischen den W�nden aus Papier. Gehst durch das gelbe Licht wie durch einen Tunnel. Siehst zwei Kinder, die sitzen an einem Tisch. Sie tragen haarige Gew�nder, du kannst ihre wei�e Haut zwischen den Fellen sehen. Sie hantieren mit Papieren, die vor ihnen auf dem Tisch liegen. Sie reichen sich die H�nde �ber den Tisch hinweg. Sie blicken dich an, und du erkennst dich selbst in den runden Spiegeln ihrer Augen.</p></section></section><section><title><p><strong>Fr�her Abend in Eden City</strong></p></title><section><title><p><strong>I</strong></p></title><p>Ecki geht �ber den Naschmarkt: Der� Tote Eisenbahner �ist genau null Komma neun Kilometer vom Naschmarkt entfernt. Steht auf dem Touristenwegweiser, der ist auf alt gemacht, mit verschn�rkelter Schrift, und weist auch nicht den� Toten Eisenbahner �als null Komma neun Kilometer entferntes Ziel aus, sondern den Zentralbahnhof. Ecki geht zum Zentralbahnhof, nicht nur, weil der dort der� Tote Eisenbahner �ist, er will auch Geld ziehen.�Abziehen�? Nee, mich zieht nicht einer ab! <emphasis>Keine? Oder keiner?</emphasis> Schei�egal. Hauptsache keine Keime. <emphasis>Wir sch�tzen uns!</emphasis> Gib mal die Kanne r�ber! (�Abziehen �im Sinne von:�Nachkobern, vor gar nicht langer Zeit durchaus �blich. Erst wurde der Freier gekobert. Erlag er dann dem <emphasis>Werben</emphasis> der Prostituierten und vereinbarte eine Dienstleistung, zum Beispiel Franz�sisch, konnte es passieren, dass die Dame, sofern sie ihren Liebeslohn bereits im Vorfeld erhalten hatte, auf dem Zimmer nur Franz�sisch mit ihm sprach. �Lexikon der Prostitution, 2003. Ecki taumelt raschelnd durch die Seiten und die Jahrzehnte.)</p><p>Ecki sitzt im� Toten Eisenbahner�, oberhalb der Treppe, die zu den Bahnsteigen f�hrt. Register:</p><p>Frank ist da, <emphasis>abziehen!</emphasis> Nee, mich zieht Reiner ab! (Nichtmal beim Skat.) Wenn�s mal was zu lachen gibt! Reiner sitzt ganz hinten am Tresen und trinkt Schnaps. Der Erste, sagt er, ist schon f�nf. <emphasis>Verzeihung, der Herr, der Friseur ist gegen�ber.</emphasis> Bernd ist da, die Steinfresse ist da, den kennt keiner und niemand, der sitzt nur rum seit zehn Jahren. <emphasis>Stasi, oder was, ehemalig?</emphasis> (Gefl�ster: Frank, Reiner, Bernd sind diskret. Ecki auch.) Oder im Stein? Kiste, Knast, Caf� Viereck. Also gewesen, anno danno. Stein macht schweigsam. Und Stasi meschugge? <emphasis>Biste aus Berlin, oder was?</emphasis> Burg, Bunker, blauer Sarg. Was hat�n das jetzt damit zu tun? In eine Kanne Bier im� Toten Eisenbahner �passen zwei Liter.</p><p>Wenn wir heute nicht rauskriegen, warum die Steinfresse nie einen Ton sagt��</p><p>Musste nicht weiter, Ecki?</p><p>Hauptsache heiter. Sterben muss ich.</p><p>Ecki geht �ber den Naschmarkt und lacht. Weil er nicht genau wei�, warum der Naschmarkt Naschmarkt hei�t, und weil er immerzu ans Naschen denkt und weil�s noch einen Neumarkt gibt, und ans Geldziehen und an den� Toten Eisenbahner�. Und weil er riesige Farne sieht, die in den kleinen Gassen wachsen. Die brechen aus dem Boden und wachsen am Stein empor. Donnerstag. Da denkt er ans Donnern. Bumsen. Und die U-Bahnen rumpeln unter seinen F��en. Gleich hinterm Naschmarkt ist auch der Marktplatz. Wie hei�t der� Eisenbahner �wirklich?� Gleisbar�8�? Oder� Bahnhofsbar Gleis�8�? Komisch, dass man nicht mehr auf das Schild achtet, dabei leuchtet das den ganzen Tag, auf dem Zentralbahnhof ist�s immer irgendwie dunkel. Obwohl sie den general�berholt haben vor �ber zehn Jahren mit viel Glas. Nee, muss noch l�nger her sein. In den Rundb�gen sitzen Flugechsen. Das Pech war, dass Ecki in die Wechseljahre kam, als der Zentralbahnhof umgebaut wurde. Hatte er andere Sorgen n�mlich. <emphasis>Was erz�hlst�n da f�r Sachen?</emphasis> Ecki nimmt sich zusammen, als er durch die Rathausarkaden l�uft, am Tabakladen vorbei. Er hat aufgeh�rt zu rauchen, das ist nicht komisch. Das kann keine U-Bahn sein, denn die ist doch noch nicht fertig. Im Bau. Quizfrage: <emphasis>Wer hat schonmal gebrummt?</emphasis> Wer l�gt, zahlt die n�chste Kanne. Und wie willste das rauskriegen, Direktor Detektor?</p><p>Also ich nicht! (Frank, Bernd, Ecki) Reiner sagt: Das wisst ihr doch, vor achtundzwanzig Jahren, wegen der Stasi.</p><p>Nee, ist mir neu, hast du noch nie erz�hlt, ich werd meschugge! (Erz�hl doch mal!) Ecki notiert sich f�r sp�ter die Frage, ob Mister Orpheus oder der Mann hinter den Spiegeln schonmal gesessen haben. Nee, bestimmt nicht. Das sind Gesch�ftsleute, bescheuerte Vorurteile, da kannste genauso den gro�en A von der gro�en Bank fragen. ABC, die Katze liegt im Schnee. Die Farne werden immer gr��er unter der Glocke.</p><p>Am Gleis�8 fahren die Z�ge nach Berlin. International Congress of the Eroscenter. Wenn�s mal was zu lachen gibt. War aber kein Br�ller. Da hat er kurz getr�umt in der Kantine. Im Sekundenschlaf flimmern die Abk�rzungen vor seinen Augen. Ecki arbeitet bei der Versicherung, dieser gro�en, <emphasis>da h�ngt auch die LB mit drin</emphasis>, nee, keine Krankenkasse, also nicht direkt. Seri�se Sache. <emphasis>Da kann man kein Knastologe sein</emphasis>. OV, OV�/�ist genauso gut wie GV!�/�GV, GV�/�jetzt wollen alle AV! <emphasis>Abschnittsbevollm�chtigter, oder was?</emphasis></p><p>Die Lautsprecheransagen sind gut zu h�ren, wenn man bisschen leise ist. Da stellen sie sich vor, wohin �berall sie fahren k�nnen. Paris. Grad mal acht Stunden. Moulin Rouge. Donnerstag ist ein guter Tag. Rennt doch letztens dieses M�dchen, das immer dr�ben am Seiteneingang stand, wo�s in die Dunkelheit geht, zum Zug nach Paris und rennt mich fast um dabei, wo ich aus dem� Eisenbahner �komme und nur mal gucken will. <emphasis>Der geht doch aber nicht direkt</emphasis>. Umsteigen in FFM. Faustfick machen sie jetzt alle.</p><p>Donnerstag ist ein guter Tag. Am Freitag kommen die Wochenendrammler. Im� Eisenbahner �wissen sie genau, wo er hinwill, jeden Donnerstag, aber er sagt�s trotzdem nicht, obwohl sie diskret sind im� Toten Eisenbahner�, <emphasis>roter Mund hat Wahrheitsschwund</emphasis>, Moni mit den Kirschlippen, �berh�ngend die Inneren, in der 3 links. Dr�ben im Haus�X. Wo sie den jeweiligen Service mit Filzstift auf die Wohnungst�ren geschrieben haben. Und die Steinfresse sagt kein Wort seit zehn Jahren. Die LB ist fast pleite.</p><p>Doch, der hat mal was gesagt, vor zwei Komma drei Jahren, jetzt f�llt�s Ecki wieder ein, hab schon f�nf, ist erst eins. Und Reiner hat die Steinfresse angeschrien, <emphasis>Am Gleis�8 steht zur Abfahrt bereit��</emphasis>, dass der ihn pers�nlich, Caf� Viereck, das hat Ecki so vorher noch nie geh�rt, als Beschreibung, Ort und Zustand, und musste auch kurz dr�ber nachdenken, dabei dachte er, dass er all sowas kennt, hat ihm doch mal der ehemalige Fleischer in seinem Club, in den er so gerne gegangen ist und so lange gehen wird, bis der oder bis er��, und weil der ihm doch mal das Lexikon der Knastsprache �ber den Tresen gereicht hat, denn der hat nat�rlich auch nie gesessen, denkt Ecki und wei� es fast und eilt vom Naschmarkt zum Bahnhof und weiter, immer weiter. Und meistens zu Fu�, weil er doch was trinken muss und sich �berzeugen will, dass die Farne noch da sind, dass die immer noch aus den Schichten unterm Asphalt brechen, die <emphasis>Mykose</emphasis> ist seit mehreren Jahrzehnten ausgerottet, keiner pinkelt mehr Schleim und Blut, aus den holzigen St�ngeln der Farne tropft der Kautschuk in die dort festgezurrten Kannen.</p><p><emphasis>Hast du das gelesen, da gibt�s jetzt eine, die bietet AO an, was�n das, alles ohne oder was? Ja. Kann nur �ne Verr�ckte sein.</emphasis> Die Augen der Frauen glitzern wie Diamanten. Frische Luft macht frisches Blut. Er lutscht einen Fisherman�s Friend.�Girlfriend-Sex�, sagt das Inserat. <emphasis>Der versp�tete Intercity zur Weiterfahrt nach Hamburg��</emphasis> Nur meine Freunde nennen mich Ecki! <emphasis>Nur bisschen Regelblut.</emphasis></p><p>Und Reiner wollte einen Bergmannsstollen in die Steinfresse reinschlagen, weil der pl�tzlich und auf einmal Major war, und wenn einer zehn Jahre nichts erz�hlt und nur einen Finger hebt, wenn er ein Bier bestellt, da m�chte man schonmal reingucken, hinter den Granit. <emphasis>Ach, geh doch r�ber zum Friseur</emphasis>.</p><p>Eckbert, was f�r ein sch�ner Name und was f�r ein sch�ner Mann��</p><p><emphasis>Abziehen</emphasis>? Nee, mich nicht. Und das sind eh nur noch Legenden aus einer fernen Vergangenheit. Aber ich bin ja sowieso gro�z�gig, mehr so Gentleman, also so seh ich mich selbst, w�rde mich schon als Gentleman bezeichnen, als gro�z�gig, auch so in meiner Art, alte Schule vielleicht, w�rd ich sagen. <emphasis>Ausziehen</emphasis>.</p></section><section><title><p><strong>II</strong></p></title><p>Unter Eckis F��en rumpelt�s. Und da ist immer noch und schon wieder Donnerstag. Naschmarkt. Null Komma neun Promille. Pl�tzlich ist er ganz allein. Er kann seit einer Weile nicht mehr verstehen, was da passiert in der schwarzen Stadt. Wundert sich aber auch �ber gar nichts mehr. Sieht, wie sich der Riesenleib erst hinter den H�usern und dann �ber den Boulevard bewegt. Na klar. Da sind die alle hingerammelt. Weil sie gucken wollen. Und erinnert sich, wie sie das am Morgen im Radio angesagt haben<emphasis>. Ihr h�rt zweiundneunzig Komma��</emphasis> Die Frauen wurden mit Hilfe eines ausgekl�gelten Bondage-Systems aneinandergebunden, immer dichter, immer h�her, Hunderte Frauen, mehr als f�nfhundert um circa genau zu sein, und mehr noch und mehr noch, weil Gastdemonstrantinnen aus ganz Deutschland sich mit einbinden lassen, <emphasis>V�lker, schaut auf diese Stadt!</emphasis>, die meisten der Einheimischen wird er kennen, bis sie in diesem Riesenk�rper vereint sind. Und der marschiert nun los. Wenn sonst nichts los ist. Der Weihnachtsmarkt ist seit Wochen abgebaut.</p><p>Und da f�llt ihm ein, dass er Geld ziehen muss. Obwohl er ja warten muss, bis der gro�e Protestmarsch vorbei ist, wenn er es an die Frau bringen will. Also bevor er wieder an und in und bei den Objekten, Wohnungen und Clubs klingeln kann. TOCK TOCK. Jemand zu Hause? Auf was f�r Ideen die Hurengewerkschaft manchmal kommt<emphasis>. Wir m�ssen den B�rgern zeigen, dass wir in ihrer Mitte sind!</emphasis> Er w�hlt in seinen Taschen rum. Er sieht die Schlange der Taxen unterhalb des Marktes. Er sieht die riesige wankende Gestalt hinter den H�usern, dann auf dem Boulevard, dann wieder hinter den H�usern. <emphasis>Wohin gehst du?</emphasis> Und da steht er pl�tzlich vor dem kleinen Stand mit den Holzfiguren. Weil heute Markttag ist. Naschmarkt, Neumarkt, Zentralmarkt. Im Sekundenschlaf rotieren die Bilder vor seinen Augen, hinter seinen Augenlidern. Und da steht er wieder Gewehr bei Fu�. Was f�r ein Stuss, rufen ihm die Taxifahrer zu, die Stadt wird noch versinken!</p><p>Sie m�ssen das Donnern und Rumpeln unter seinen F��en meinen, der Bohrer gr�bt. Ecki will Geld ziehen, der Automat hat immer recht. Und immer mehr L�cher im Schweizer K�se unter der Stadt. <emphasis>Da gibt�s den Nachtzug nach Z�rich</emphasis>. Vielleicht trinken wir noch �ne Kanne, dann steigen wir zu.</p><p>Und am Mittwoch gibt�s den Kurzen und den Obstler im� Eisenbahner �f�r halbiert. Ist aber nicht Mittwoch. Ist auch gut so, denn zu einem K�rper geh�rt auch ein Geist. (<emphasis>Heinrich</emphasis> Geist, sagt Bernd, der mal Deutschlehrer war, Himbeer Kleist. Wird aber kein Lacher. Kapiert auch keiner, nichtmal Reiner.)</p><p>Riesenk�rper und halbierte Kurze kennt der Ecki gut, denn er ist achtundvierzig, und die LB finanziert das Beben unter seinen F��en (<emphasis>mit</emphasis> zumindest), und die Personalabteilung bringt die Buchhaltung auf Trab, und alle rennen, und der Au�endienst rennt, und die Chefetagen diskutieren �ber die Farne und die Objekte, in denen die Frauen ersch�pft liegen, weil das Wochenende vorbei ist und weil die Hurengewerkschaft f�r die Modifizierung des Prostitutionsgesetzes demonstriert, <emphasis>Ja, was hat das eigentlich mit uns zu tun?</emphasis>, und Ecki rennt und rennt durch die Ebenen, in denen die neueste Kunst h�ngt, da bleibt er kurz stehen vor den Bildern, bevor er weiterrennt, Riesenfarne streicheln seine Schultern, er schaut in die Glut und in den Abend, und dann rennt er weiter durch die Flure, wie waidwund. Zu Hause muss er sich die K�sef��e wegduschen, vor allem am Donnerstag. <emphasis>Elektronen werden auf ein Molek�l geworfen, das f�hrt zur Oxidation.</emphasis> Wenn�s wenigstens k�hl w�re, das Molek�l, Neutrinos durchdringen K�rper und Stein, Ecki bl�ttert in der Kantine im neuen� Geo-Magazin�. Seine Pornosammlung hat er verkauft, wem soll er das denn vererben.</p><p>Also ich werde jetzt�� sechsundvierzig in diesem Jahr. Ich bin Angestellter in einer Versicherungsgesellschaft.</p><p>Ich hab keine Kinder, und an und f�r sich, mit meiner Frau hat das nichts zu tun. Ja, ich bin geschieden, nein, B�roarbeit w�rde ich das jetzt nicht unbedingt nennen. Ja, ich habe so einiges gemacht nach der Wende, weil��, also dass ich jetzt mit meiner Freundin nicht verheiratet bin, scheint ja eh jeder zu wissen. In der Kantine und im� Eisenbahner�. Ja, was die so erz�hlen hinter meinem R�cken, ist mir auch egal. Ich bin da immer offen gewesen, auch wenn sie das nicht wei�. Theoretisch w�r�s m�glich, da ich ja geschieden bin. Ich habe mal in einer gro�en Chemiebude gearbeitet, ja, hier in der Stadt, Galvanisierung und so, schlecht f�r die Lunge. Deswegen rauche ich auch nicht mehr. Wo das war, da ist jetzt �n Puff drin. Also was da von dem Werk noch �brig ist. Ist nur ein Haus. Obwohl, Puff w�rde ich jetzt nicht sagen, weil das ist ein prima Club. Wenn ich da an der Bar sitze, kriege ich sofort mein Stamm-Getr�nk. Und dann kommt auch schonmal der Chef, und wir schwatzen so dies und das. Wenn er Zeit hat. Hat meistens viel zu tun. Ich auch, wenn ich dort bin. Man sagt das eben so, <emphasis>meine Frau, deine Frau</emphasis>, auch wenn man nicht verheiratet ist. Und mit Kindern, also mit einem Kind, h�tt ich an und f�r sich kein Problem. Mit achtunddrei�ig ist das ja heute keine gro�e Sache mehr. F�r �ne Frau. Der Anthony Quinn hat ja mit fast achtzig noch, hab ich vor �ner Weile mal gelesen. Lebt der eigentlich noch? Und, na klar will sie. Und da hat man schon auch noch Tr�ume nach all den Jahren. Und die Sache ist doch die�� Warum erz�hle ich das eigentlich?</p><p>Ecki steht auf dem Naschmarkt im Schneematsch und f�hrt Selbstgespr�che. Eins sieben drei null auf der Digitalanzeige. Warum die da weiterbohren? Muss doch noch k�lter sein da unten. Und Mister Orpheus f�hrt den Bohrer immer tiefer in den Stein. Da st��t man auf schwarzen Granit, hat ihm mal jemand gesagt. Deswegen dauert das so lange. Und dass die da unten in immer tiefere Schichten dringen. Deswegen die Farne. Ja komisch, wo doch noch Winter ist. Und dass die da auf die alten Stra�en und Gassen und Viertel sto�en. Weil das ein guter <emphasis>N�hrboden</emphasis> war. Und ist. Das Kupferg�sschen, die Ulrichsgasse, die M�nzgasse. Dort haben sie im Untergrund ein fast schon versteinertes Holzschild gefunden.�Leichenbrett�. Was f�r ein bescheuerter Name f�r ein Bordell. <emphasis>Woher wei�t�n das, Ecki?</emphasis></p><p>Jaaa, das w�rdet ihr gerne wissen!</p><p>Der Chef der alten Bude, also wo jetzt die neue Bude drin ist, also der Chef vom Nachtclub, der hat ihm davon erz�hlt, weil der das Schild unter der Hand gekauft hat. Beziehungen. Und er hat�s dann wohl dem Alten vom Berge geschenkt. Alles ohne Gew�hr. Und ohne Gewehr. Wobei ja im Moment zwischen den gro�en runden und dreieckigen Bl�ttern der Farne, die sich um die Fassaden winden, alle m�glichen Gesichter erscheinen. <emphasis>Macht euch zur�ck in euren Dschungel!</emphasis> Es wachsen zwei K�nigsfarne, erz�hlen die Leute, <emphasis>Osmunda regalis</emphasis>, bis hoch �ber die D�cher der Stadt. Einer drau�en am See, neben einer Villa in Ufern�he, man kann die Berge von dort aus sehen, der zweite n�rdlich des Zentralbahnhofs. Dort, wo die Frauen in den Spiegeln warten.</p><p>Da dr�hnt es ihm vom Wochenmarkt her in den Ohren, WURST K�SE K�SE, das echot zwischen den Portalen des Zentralbahnhofs, DER LEBT NOCH, SO FRISCH IST DER, direkt aus dem Herzen der Meere, dabei ist der Zentralbahnhof ungef�hr eintausend Meter vom Wochenmarkt entfernt. Da will Ecki nochmal nachmessen, Schritt f�r Schritt, weil das nicht stimmen kann. Hand im Schritt. <emphasis>Weiter, viel weiter noch</emphasis>. Und Ecki kauft eins von den Fig�rchen am Holzfig�rchen-Stand, f�r seine Frau n�mlich, die noch nicht richtig seine Frau ist, also vorm Gesetz, wie man so sagt. An ihm liegt�s nicht. An ihr auch nicht, denn Ecki lebt allein.</p><p>Da dr�ngt sich ihm die Stadt auf mit Zeitverz�gerung. Grau. Rosa. <emphasis>Give me pink!</emphasis> Er h�rt Musik von weit, weit�� irgendwo, Sexkantine, sieht in einer Schaufensterscheibe seinen eigenen Tod, <emphasis>also das ist mir jetzt wirklich zu billig</emphasis>, ein Haus aus Glas, Mode � Modernes Antiquariat � Lecker Pizza � B�cker Boy � Boyzone � Mode � Moderne K�chen � Kittchen Club � Sven�s Super D�ner � S��sauer � Glaswaren � Teppich Mekka � Crossover Laden � M�c-Geiz � Burgerking � B�rgeramt Talstra�e � King Kong � M�nner Moden. Ecki liest� M�nner Hoden�. Ding Dong. <emphasis>Jaaa?</emphasis> It�s blowtime!</p><p>Was ich sagen will, dass sexuell gesehen, also an und f�r sich, ich eigentlich ausgelastet bin. Ich meine, mit sechsundvierzig, da hat man ja schon dieses und jenes��, nichts Unmenschliches ist mir gedanklich nahe. Nee. Die einen erz�hlen bei den Huren, dass sie alleine sind, ich erz�hl, dass ich �ne Frau hab. Na ja, eigentlich ist sie noch nicht richtig meine Frau, ist nur �n Verlobungsring. Galeria Kaufhof. Da treibt es ihn aus der W�rfelrunde im� Toten Eisenbahner �ins MEKKA DER PORNOGRAPHIE, <emphasis>die Eins kommt doch</emphasis>, und weiter, viel weiter noch, Frank schreibt mit, wer f�ngt an? reich mal die Kanne r�ber. Ecki schleicht durch den Schneematsch. Holz h�lt H�nde fest. Ecki streichelt das Fig�rchen. Ecki wei� nicht, was ihn jetzt weitertreibt, zu Hause isses kalt und leer, beziehungsweise will es auch gar nicht wissen, <emphasis>beziehungsweise ist Beziehungsschei�e</emphasis>, steht hinterm Zentralbahnhof vor der� Sexworld�, die sp�ter� Club der Engel �hei�en wird, und sieht die Frauen in den Spiegeln warten, der Riesenfarn wirft Schatten, weil der Mond schon aufgegangen ist, da bewegt sich pl�tzlich alles anders in den wei�en Nebeln, er denkt, er f�hlt sich, als w�rde er geometrisch genau in der Mitte von <emphasis>etwas</emphasis> stehen, Reduktion, Verlangsamung, verlangsamte Besamung, Galavanisierung der Hoden, <emphasis>wunderbar!</emphasis>, Ecki w�hlt in seinen Taschen, <emphasis>Billard, oder was</emphasis>? er hat aufgeh�rt zu rauchen. Das ist nicht lustig.</p></section><section><title><p><strong>III</strong></p></title><p>Und da sitzt der kleine Holz-Elch, nix Hirsch, auf der Zapfanlage und macht mit einer Riesenschnute einen Kussmund. Da dr�ngt sich ihm die Nacht auf mit Zeitverz�gerung. Grau. Rosa. <emphasis>Give me pink!</emphasis></p><p>Weil die Karin ihn mit aufs Zimmer nimmt. <emphasis>War so einsam, der Kleine!</emphasis> Schrapnelle regnen aus den Wolken, das war nicht angesagt. Das verhagelt mir die Stimmung! Drau�en fahren die gro�en schwarzen Wagen vorbei. Drinnen wird die Musik lauter gedreht. Die erste Nummer des Abends.</p><p>Halbe Stunde Sparprogram. <emphasis>OV, OV�/�jetzt wollen alle OV�/�GV, OV�/�ich biete kein AV!</emphasis> Superhits der Achtziger.</p><p>Und am Gleis�8 kommen die Z�ge aus Berlin an, und Soldaten betreten den Bahnsteig. Reiner und Frank und die anderen, die kleine Rollen spielen, gucken durch die beschlagenen Scheiben des� Toten Eisenbahners�.</p><p>Und da laufen sie an ihnen vorbei die Treppe runter, Adidas, Gold, <emphasis>oh Gold</emphasis>, am Hals, oh Hals, <emphasis>macht Hosen nass</emphasis>, Puma-Socken macht se wieder trocken, gro�e Kerle, Arnie on the beach, sieht hellbraun aus, Dschungel, t�rkische Fr�chte, drau�en warten die dunklen Autos, um die Soldaten aufzunehmen.�Berlin, Berlin, wir schei�en auf Berlin!�Das ist die Steinfresse, die ist aufgesprungen und br�llt:�Bier und Schnaps�, die Luft ist voller Fl�ssigkeit und voller Angst, und alle ducken sich hinter den Tresen. Wo dann sp�ter rauskommt, in der Fl�sterkneipe, im� Toten Eisenbahner�, dass die Steinfresse vor fast zwanzig Jahren mal Fahrer gewesen ist, der Fahrer l�sst einen fahren nach acht Schn�psen, und doch Stasi! ehemalig, und dann Job weg, und zapp-zarapp f�hrt er die M�dels, der alte arbeitslose Major, damals, <emphasis>hammer doch gewusst, ist ja der Hammer!</emphasis>, und jetzt schreit er sich die Lunge wund, und nichtmal Wahrheitsschwund, und der kleine h�lzerne Elch vibriert woanders auf der Zapfanlage, roter Mund, und dann aufm Zimmer, <emphasis>wo is�n Ecki?</emphasis>, und die nubischen Soldaten durchqueren zu Fu� und in den dunklen Wagen die Stadt. Weidwund. Nee, noch kurz hinter LOS das ganze, Badstra�e, E-Werk. Manche sind schlau und fahren in schneewei�en Kutschen. Gebt Gas, gebt Gas, wir wolln Spa�! Schei�dreck, wir wollen Kohlen, wei�es Gold, wir wolln uns beteiligen am gro�en Reigen, coole G�ngster fahrn fahrn fahrn mit der Eisenbahn, da braut sich was zusammen, ob Ecki schon bei seiner Braut ist? <emphasis>Seemannsbraut oder was?</emphasis>, was�n das? Schiff ahoi, so nannte man fr�her die Gummim�dels,�Ich hab geh�rt, jetzt geht viel ohne�, kennst dich wohl aus,�Glaub ich nicht�, bin doch nicht verr�ckt! und Ecki vermisst seinen kleinen h�lzernen Elch, w�hrend er auf der H�he von Gleis 10a in der Unterf�hrung, die die vielen Bahnsteige miteinander verbindet, die Stahlt�r mit einem Vierkantschl�ssel �ffnet, den er wie einen Talisman um den Hals tr�gt. <emphasis>Ins tiefe Tal der Superhexen.</emphasis> Die N�sse an den W�nden ist gefroren. �ber ihm rumpeln die Z�ge. Einbahnstra�en und Eisenbahnstra�en. Im� Toten Eisenbahner �schwatzen sie weiter, als g�be es kein Morgen, als g�b es keine Sorgen.�Hauptsache, das Bier schmeckt!�,�Jaaa, das schmeckt. �Weit weg h�rt er den Bohrer. Der ist auf schwarzen Granit gesto�en. Hat er in der Zeitung gelesen. Er hat mal kurz beim Bauamt gearbeitet und kennt fast alle Zug�nge zu den Katakomben. Das war nach der Galvanisierung und vor der LB.�Habt ihr schon geh�rt, dass der Alte seinen Sohnemann auf so �ne Milit�rschule geschickt hat?�,�Welcher Alte?�,�Nach Afghanistan oder was?�, <emphasis>Reiner, lach doch mal!</emphasis> Die werden ihm kr�ftig einheizen. Heinz, der Heizer, oder was? Dem Sohn vom Alten, Afghanistan? (Der hatte doch �ne G�ng? G�ng B�ng!) Nee, dem Alten. Adidas. Gold, oh Gold�� <emphasis>Wie der Vater, so der Sohn, runter vom Thron!</emphasis></p><p>Und der kleine h�lzerne Elch sitzt wieder auf der Tischkante, im Spiegelzimmer der� Sexworld�, die sp�ter� Club der Engel �hei�en wird, und wippt im Takt der gro�en Bumserei. Das kann doch nicht nur der H�nfling da sein, das muss doch von��, horch, was kommt von drau�en rein, wallerie, wallera! <emphasis>GV, GV</emphasis> �, das gro�e Beben in Eden City. Die Gleitcreme wandert �ber den Tisch. Dildo�1 kippt um. <emphasis>Werd endlich fertig, du alter Bock, und zieh das n�chste Mal die Socken aus.</emphasis> Nee, will gar nicht sehen, was drunter ist.�<emphasis>Respekt</emphasis>, das ist sowas wie Konfekt. Alles billig heute. �Und Eckis Elch sieht mit gro�en Augen, wie Karin im Spiegelzimmer in null Komma nichts zehn, f�nfzehn, zwanzig, Jahre �lter wird unter dem Bock, der pl�tzlich auf schwarzen Granit st��t, Schn�ppchen�/�Schn�ppchen�/�jeder tr�gt sein P�ckchen. Und wieder zwanzig, f�nfzehn, zehn Jahre j�nger. Junges M�dchen, alte Frau. Und drau�en regnet es Schrapnelle aus den Wolken.</p><p>Und <emphasis>Ecki himself</emphasis> (Moment, Moment, die Schule brennt, ich war sogar mal auf der Russisch-Olympiade!) wandert durch die Katakomben zum westlichen Rand der Stadt, wo�s den neuen gro�en FKK-Club gibt. Die legend�re� Love-Burg �liegt in der anderen Richtung und ist nur noch �ne Grotte, die meisten Zimmer verwaist, die meisten Huren verreist, die Zufahrt vereist. Da muss man ja mal reinschnuppern, wenn es was Neues gibt.</p><p>Im Westen ist auch der Hafen und zwischen den Industriekan�len die Wohnungen, die die Firma des Alten vermietet, <emphasis>wenn das Doktor Sommer w�sste, das Herz t�t ihr zerspringen</emphasis>. Ecki hat immer gerne M�rchen gelesen. Und h�rt Hufgetrappel aus der Ferne. <emphasis>Kann ja gar nicht sein! Der Schein l�gt. Der Schein hat immer recht.</emphasis> Und nicht weit von den leeren Speichern des alten Hafens der neue gro�e Club. Vom Schn�ppchenbumsen hab ich eigentlich nie was gehalten. Blo� gut, dass Donnerstag ist. Am Freitag kommen die Gastrammler. Und am Sonntag die Restrammler. Da sind die Weiden leer und wund. Am Schontag ruht der Verkehr, und die perversen Gedankenverbrecher treibt es um. <emphasis>Restgammler.</emphasis> Wir suchen das Maximum. Und heute? Der fr�he Vogel stirbt im Sturm.</p><p>Und Ecki h�rt das Echo seines Trapsens, weiter immer weiter, und da singt doch jemand. <emphasis>Nachtigall</emphasis>, denkt er.</p></section><section><title><p><strong>IV</strong></p></title><p><emphasis>Sing, mein Sachse, sing��</emphasis> Was hast du nur f�r eine h�ssliche Stimme! Und der nackte Mann kriegt eine aufs blanke Fleisch. Ecki ist sich sicher, dass er da eine Frau hat singen h�ren.</p><p><emphasis>Es is een eischen Ding��</emphasis> Das klatscht ganz prima und gibt Striemen, und der Mann singt weiter schief und krumm. Bumm-bumm. (Nee, das ist sp�ter.)</p><p><emphasis>Schon das kleenste Lied, das leecht sich offs Gemiet��</emphasis> Da bekommt er die Dresche seines Lebens und kriecht wimmernd und singend vor der kleinen Vietnamesin rum, die ihn an der Leine f�hrt.�H�re ich: Bitte? Bitte? H�re ich: Bitte?�Und sie steht breitbeinig und nur <emphasis>untenrum</emphasis> (Was f�r ein Wort. Rudeldumm!) nackt �ber ihm, und er rei�t den Kopf in den Nacken. Nich lang Schnacken, Kopp in �n Nacken, rufen sie im� Eisenbahner�. Dass die Leine schlaff auf den Boden h�ngt. Bittebittebitte. Mein H�ngebauchschwein. Eine blonde Kanne geht auf mich! <emphasis>Reiner, mach doch mal!</emphasis></p><p>Und Ecki steht an der offenen Stahlt�r, Wasser tropft ihm auf den Kopp, aber er glotzt trotzdem. Wird ganz sentimental. Ganz sch�n was los in den Katakomben. Und oben fahren die mit fremden Menschen vollgestopften Autos durch die abendliche Stadt. <emphasis>Wenn ihr w�sstet, Freunde der Sonne��</emphasis></p><p>Und um zweiundzwanzig Uhr wird die T�r des Luxus-Stripclubs� Eden �attackiert. Die Disko zwei Stra�en weiter gleich mit. Geh�rt beides den Br�dern�R. Manche behaupten, der S. hat seine Finger mit drin. Aber geschwatzt wird viel, ohne Verstand, ohne Sinn. Eine pl�tzliche Entleerung der Stra�en. Die Fiebertr�ume bleiben zu Hause. <emphasis>Das, mein Junge, ist die Realit�t</emphasis>. Auch der Realmarkt hat bis zweiundzwanzig Uhr ge�ffnet. Netto. Plus. Spar gibt�s nicht mehr.</p><p>Und Ecki, der eigentlich zum Schn�ppchenbumsen will, <emphasis>FKK! FKK!</emphasis>, einmal Eintritt, Getr�nke frei, Fressen frei und jeder Fick Aldipreise�� Mein Junge, mein Junge, mach dich auf die Reise. Steht vor der halbge�ffneten Stahlt�r.�Herrin? H�re ich: Herrin?�</p><p>Da klatscht es wieder. Prima Echo. Prima Po. Also ihrer. (Obwohl der Mann seinen auch reckt, aber nicht so interessant, das olle Wellfleisch.) Hat er besten Blick auf den Prachtr�cken. <emphasis>Ein Arsch, ein Arsch, ein K�nigreich f�r einen sch�nen Arsch!</emphasis> Wie sein kleiner Elch oben im Spiegelzimmer. Der staunend zusieht, wie der d�rre Mann im Leib der wechselweise jungen/alten Lady�K., die auf ihm sitzt, verschwindet. Nur die Socken bleiben auf dem Laken. So muss das sein, da hat ja mal eine den Spie� sch�n weggeg�rtnert. Und kleine Bl�ten wachsen aus ihren wei�en Schultern (Solarium is out, das macht nur Leder), und der Elch ist ganz verliebt. Auf dass ich hierbleibe bis zum Ende meiner Tage. Shut up, Holzkopf!</p><p>Herrin. Das Gesicht des Mannes ist nicht zu sehen unter der schwarzen Maske. Und dann bricht sich das Licht, rot, gold, und er trinkt. Und Ecki bleibt die Spucke weg, weil die tropft am Zahn. Loses Mundwerk, ich sch�me mich. Weil er die kleine Vietnamesin pl�tzlich erkennt.�F�hl doch mal diesen Knubbel da, Ecki, ob das Krebs ist? Oh Gott, das muss Krebs sein, das ist schon seit Monaten da und wird immer gr��er. �Sie presst seine Hand an die Rippen, direkt unter ihrer linken Brust. Warum wei� er jetzt, dass sie ihm gleich von ihrem kleinen Hund erz�hlen wird? Den sie weggeben musste, weil keine Zeit, und der arme Kerl immer allein, und dann immer auf den Teppich gemacht. Macht sie dann doch nicht. Vom Hund erz�hlen. Da haben wir die Streckbank. Den Gyn�kologenstuhl.</p><p>Und vor der� Sexworld�, die sp�ter� Club der Engel �hei�en wird, treffen die Rollkommandos erstmals aufeinander. Und oben im B�ro sitzt einer und denkt und plant und wei�, dass das am Ende alles zu seinem eigenen Vorteil f�hren wird. Dildo�2 kippt um, so heftig geht�s zur Sache.</p><p>Und wenn es nun doch Krebs ist? <emphasis>Ausziehen</emphasis>. Wie einen das manchmal pl�tzlich �berkommt. <emphasis>Dreilochstute</emphasis>. Hast du nicht einen Hund, der immer auf den Teppich kackt? Da sagt sie:�Ich m�chte ein Pferd, irgendwann mal.�</p><p>Und Ecki stapft durch den Schlamm der Katakomben, je tiefer er vordringt, umso feuchter wird es, denkt immer nur an den gro�en neuen FKK-Club, die Polinnen und Tschechinnen und Ungarn-Girls machen wohl mehr als achtzig Prozent der Belegschaft aus, hat er geh�rt. Inder f�r die Nacht, Ausl�nderquoten, Multi-Kulti on the road. Vitaminbomben.�Ich sag ja immer, von wegen Nacht, Nacht, Nacht, Manager der Nacht und was so alles erz�hlt wird. Bl�dsinn. Die meisten Gesch�fte machen die M�dels in meinen Objekten am Tag. Ja, am Tag. O.k., FKK ist abends, ist meist nachts. Ist aber die Ausnahme. �Sexworld� und Co. und Haus X undsoweiter, Club Hans, ja, das ist nachts, deswegen die Arbeitsteilung zwischen mir und meinem gesch�tzten Kollegen, der jetzt oben im baldigen �Club der Engel� sitzt. Einer hat die Majorit�t der Wohnungsgesch�fte, der andere die Majorit�t der Clubs, der Puffs, sag ich jetzt mal so salopp, weil das nat�rlich �n Unterschied ist, Puff, Club etc. der Nacht, da sind wir wieder. Klar arbeiten manche der Sexarbeiterinnen in meinen Objekten bis zwei, drei am Morgen. Sind aber die wenigsten. Der Spie�er, sag ich jetzt mal so salopp, zieht am Tag los, schleicht.�</p><p>Und Ecki schleicht sich von der T�r weg, die auch halbge�ffnet ist, st��t sich an der Wand und sp�rt seinen wunden Popo, <emphasis>Penaten, Penaten, macht ihn froh, den wundgedroschnen Po</emphasis>, Bepanthen ist auch ganz gut, und dann gibt�s da so �ne blaue Tube aus good old England, Saflon, das tuuut guuut. Schleichwerbung. Und Ecki hat M�nner hinter dieser T�r gesehen und geh�rt. Die hoben den Becher und schmiedeten den Pakt. Paar von denen kannte er, vom Sehen, w�rde er jetzt mal ganz salopp sagen, die haben in dem Jahr, in dem er in den Katakomben unterwegs ist, also ganz aktuell, <emphasis>schnell, schnell</emphasis>, Kneipen und Diskos und Restaurants, und haben die rotgl�henden Scheine uminvestiert inzwischen, seit Jahren, ein Restaurantbetrieb f�hrt sich auch einfacher, gelle? Quatsch keinen Mist, genauso schwer, <emphasis>kriegst glei �ne Kelle</emphasis> (ugs. f�r Maulschelle, Ohrfeige, mittelkr�ftiger Gesichtsschlag). Aua, no, mir zwiebelt noch der Po. Nu is aber genug mit diesem Unwort, pro forma, pro Fauna, hat er nicht vorhin �ber die gro�en Farne gestaunt, ob die Wagen, vollgestopft mit den fremden Menschen (die ja gar nicht so fremd sind teilweise, Teilschei�e, weil sie nat�rlich �ber eine Basis hier in der Stadt verf�gen�� die Syndikate kaufen die S�ldner, holen die Br�der��), vor den exotischen Gew�chsen stehen und staunen und vergessen, dass genau um zweiundzwanzig Uhr zweiundzwanzig die n�chste Attacke der n�chsten T�r ansteht?</p><p>Und Ecki wundert sich �ber das Zeugnis in seiner Hand. Ein richtiges feines Formblatt. Die Lampen an der Decke des Ganges, unter vergittertem Milchglas, und nur hin und wieder noch intakt, sprich leuchtf�hig, geben kaum Licht, um das zu lesen. Ich schieb dir den Dildo rein, w�hrend ich dich ficke. <emphasis>O.k.?</emphasis> Sagt Mann, sagt Frau? Der Spie� wird umgeg�rtnert. Kriechen: 3, Hocken: 2, Schmerzen aushalten: 3, Gehorsam: 3+, Singen: 5, Trinken: 2.</p><p>Ich meine, man kann beides sein, nicht wahr? Qu�len und gequ�lt werden. <emphasis>Reiner, lach doch mal!</emphasis></p><p>Die Steinfresse erz�hlt seit drei Stunden ununterbrochen. Leben und Lesben lassen. <emphasis>Wo hast�n den Mist her?</emphasis> Pornoqueen, Dschungelcamp. Sicher, da gibt�s Leute, die sind nur das eine, sind nur auf das eine und einzige spezifiziert. Sado-Maden oder eben maso mir, maso hier, ja. Aber wenn ich so an mich denke, nein, die alte Schule hab ich auch drauf, an und f�r sich�� <emphasis>Es muss nicht immer Kaviar sein.</emphasis> Und ich dann Gentleman, w�rd� ich sagen. Zieh die Socken aus! (Nee, wir wolln gar nicht wissen��, aber die stinken! Und der kleine Elch liegt aufm Boden, halb unterm Bett, und meckert leise vor sich hin und wundert sich �ber den Armani-Anzug, dessen weicher Stoff fast sein Geweih ber�hrt, weil doch der Schl�pper daneben �n Braunstich hat.) Da denke ich, dass das einige von meinen Stammm�dels auch so sehen. W�rde ich mal sagen, felsenfest. Jetzt.</p><p>Und der Bohrer trifft auf schwarzen Granit, und der innere G�rtel der Stadt vibriert. Das gro�e Beben in�� Einen Tag sp�ter wird das Gym attackiert, wo einige der Mannschaften der T�ren trainieren. Paar Monate sp�ter brennt es ab. Von wegen: nur fremde Menschen. Wir haben Anschluss, und wir suchen Anschluss, und wir k�nnen noch nicht wissen, dass wir uns demn�chst bald verpissen. Die gro�e Kom�die. Das gro�e Spiel. Ein Riss tut sich auf im Stein. Und Ecki hat die Zeit verpennt, der Barhocker ist leer im� Toten Eisenbahner�, und die G�ng schwatzt trotzdem weiter, und er legt den Kopf in den Nacken und blickt durch die schmalen Spalten in den grauen Himmel der Nacht. Kann aber auch Tag sein. Wolken ziehen vor�ber. Nicht weit von ihm, im Hafenbecken, schippert eine Jacht. Champagner an Deck. Der Mann hinter den Spiegeln hat sein B�ro verlassen und plant die neuen Deals<emphasis>. Smog aus Berlin, nichts wie hin</emphasis>. Neue G�ste, versteht sich. Die anderen, die mit dem Zug gekommen sind, reiben sich auf auf den Stra�en, auf auf, freie deutsche Jugend, bau auf! Aua, sagt Ecki, f�nf Minuten zu fr�h. Und wei� noch nichts von der baldigen Neuordnung, M&amp;M, bunte Perlen werden zusammengeramscht, wir sn�cken zwischendurch, Mister Machiavelli, dauert ja auch noch Monate, und Ecki steigt die eiserne rostige Leiter nach oben, weil �ber ihm der neue gro�e FKK-Club ist, <emphasis>blo� gut, dass ich �n Erfrischungstuch einstecken hab</emphasis>, die W�nde des Ganges f�hlen sich warm an. Fl�ssigkeiten tropfen durch den Stein.</p></section><section><title><p><strong>V</strong></p></title><p>Bumm-bumm. Und Ecki f�llt. Aus Versehen sozusagen. Ein roter Eisenbahner. Drau�en auf der Chaussee�� U-Boote tauchen ab im Kanal. Der Alte sitzt auf seiner Veranda und blickt auf den gro�en See, sollen sie planen auf der Jacht, erst einmal muss <emphasis>diese</emphasis> �bernahme abgewendet werden, vielleicht ein viel zu gro�es Wort, <emphasis>Attacken, Kanacken, Attacken</emphasis>, M�nner aus der Stadt, M�nner in die Stadt, keine Boote, keine Segel, dabei wird langsam Fr�hling, langsam Sommer, oder tr�umt er wieder von der falschen Jahreszeit? eine Decke liegt �ber seinen Knien, <emphasis>Hauptsache Kaschmir</emphasis>, und Ecki schmiegt seinen Kopf auf den Asphalt.</p><p>Ein Mann mit einer kleinen silbernen Pistole steigt wieder in die Limousine. Der Wagen verschwindet auf der leeren Chaussee. Hinterm Hafen und hinter den Gewerbegebieten kreuzen sich die Scheinwerfer auf der Autobahn. Ferne Rastst�tten. Scheidungsanw�lte im Neonlicht. Blondinen am Naschmarkt. Kauderwelsch im dunklen Wagen. <emphasis>Die Fassade war das Ziel, die Scheiben waren das Ziel, Spiegel inklusive.</emphasis> Kollateralschaden kriecht �ber den Mittelstreifen. Bahnhof in den Wechseljahren. Lange her. In den Chefb�ros der LB h�ngen neue moderne Bilder. Wenn man hinten rausgeht, sieht man die Kolonnen der H�user. <emphasis>Freude, du sch�ner Funke.</emphasis> Ein n�chtlicher Angler am Hafenbecken. Der Kanal endet in der Pampa. <emphasis>Die Million ist das Ziel.</emphasis> Ich sagte: schweigend. Hoch die Kannen. Der K�rper kriecht aus der Kreidezeichnung. Farne der Urzeit. Sie finden H�hlen, tief unter dem Granit. <emphasis>Der Fris�r ist gegen�ber!</emphasis></p><p>Mein Bein, mein Bein��, ein Fleischkrampf. Bye-bye, mein Sachsenland. Es geht um wichtigere Dinge. Gesch�fte. Standhalten. Neuordnungen. Afghanistan. Halbvolle Geldpipelines. Der Angler weint am Hafenbecken. <emphasis>Reiner, lach doch mal</emphasis>. Dass vor �ber zehn Jahren die Computer �berlebt haben, ist doch ein Wunder. <emphasis>Eine Runde Himbeerkleist!</emphasis> Wildg�nse bilden ein V unter den Wolken. S�den, S�den, wo genau liegt der S�den? Im Prinzip haben wir uns alle lieb. Ein Junge in Uniform sitzt auf der Veranda und blickt auf den See. Junger Mann�/�what have you done.</p><p>Schusslinien werden umgeleitet. S-Bahnen halten am Arbeitsamt und fahren leer weiter. In den Bergen endet die Strecke. <emphasis>Sterben muss ich.</emphasis> Hauptsache heiter.</p><p>Ecki im Blitzlicht. Das blendet, ihr Assis! Ecki im K�hlhaus. Das ist kalt, ihr Assis. Sieht einen Diamanten bei seinem neuen Kumpel unter der Haut, nebenan. Vielleicht die falsche Jahreszeit. T�ren brechen, T�ren halten stand. Und der kleine Elch sitzt wieder auf dem Nachttisch, mal im Spiegelzimmer, mal im Billigzimmer, mal auf der Bar. Marktk�mpfe, Machtwaage. Diskret��</p><p>Der Bohrer bohrt weiter. Die U-Bahn f�hrt unter der Stadt. Dildo�3 kippt um. Ecki geht �ber den Naschmarkt.</p></section></section><section><title><p><strong>Der gro�e Coup (Die langen Wege zwischen den Stationen)</strong></p></title><p>Im Fr�hjahr neun, auf der Fahrt in die kleine Stadt�G., wo er den Mann aus der Hauptstadt treffen wollte, las Hans verschiedene Zeitungen. Er war in einem dieser Regionalz�ge unterwegs, die an jedem Dorf hielten, es war Vormittag, und �ber seine Zeitung hinweg beobachtete er die wenigen Leute, die zustiegen.</p><p>Er bl�tterte in der Galopprennzeitung, weil er seit einiger Zeit mit dem Gedanken spielte, sich ein Rennpferd zuzulegen. Ein alter Bekannter von ihm aus Berlin hatte seit mehreren Jahren Galopprennpferde in Hoppegarten im Training, die gewannen hin und wieder ein Rennen, und vor ungef�hr einem Monat hatte der ihn angerufen und begeistert von dem j�ngsten Erfolg eines seiner Pferde erz�hlt. Das hatte wohl ein sogenanntes Listenrennen gewonnen, da gab es mehr als zw�lftausend Preisgeld f�r den Sieg. Hans war nur ein paarmal zu den Rennen gegangen, damals in Berlin, in den Hoppegarten oder nach Karlshorst zum Trab, ein bisschen zocken, ein bisschen saufen, und in den letzten Jahren nur am ersten Mai auf die st�dtische Rennbahn, immer viel los am Tag der Arbeit auf der Rennbahn der Stadt, auf der Trib�ne mit Sekt und Fresserei, viel hatte er von der Materie nie verstanden, aber die Begeisterung seines alten Bekannten aus der Hauptstadt hatte ihn ein wenig angesteckt. Sein Bekannter hatte ihm erz�hlt, wie er regelm��ig die Stallungen besuchte, beim Training zusah, mit dem Trainer die Rennen plante. Irgendwas muss man ja machen, wenn man alt wird. <emphasis>Ruhe! wer fl�stert denn da so einen Unsinn in meinem Nischel!</emphasis> Ist eher was f�r die Zukunft, dachte er, wenn ich mal k�rzertrete. <emphasis>Ein Nischel ist ein Kopf</emphasis>. Er legte die Pferderennzeitung wieder weg, nahm sich die st�dtische Tageszeitung und bl�tterte und faltete und raschelte mit den Seiten. Er hatte einen Becher Kaffee neben sich auf den freien Sitz gestellt, den hatte er kurz vor der Abfahrt erst beim neuen Starbucks kaufen wollen, das in der alten Wartehalle aufgemacht hatte, war dann aber doch in die kleine Kaffeebude ein paar Meter weiter gegangen, als ihm einfiel, dass dort ja jetzt auch eine Kette drin war; die kleine Kaffeebude mit dem dunklen Winkel, in den er sich oft in den letzten zehn Jahren mit einem guten gro�en Americano und ein paar Zeitungen und Zeitschriften (Fu�ball, Boxen, Schach,�Der Spiegel�, Donald Duck) zur�ckgezogen hatte, war irgendwann in den letzten Monaten �bernommen worden (sp�ter fand er heraus, dass diese Kette zahlreiche Filialen in ganz Deutschland betrieb und ein paar in �sterreich), aber immer noch besser als das amerikanische Syndikat. Dummerweise hatten sie den Laden umgebaut, und sein dunkler Winkel war verschwunden. Er hatte von dort ein paarmal den kleinen Ex-Jockey gesehen, �ber den sie so einiges erz�hlten, der in den Abendstunden hereingeschlichen kam, knittriger Trenchcoat, sich ebenfalls einen Americano bestellte, aber meistens einen mittleren, <emphasis>Ist verr�ckt geworden, sucht seine Frau, nee, sein M�dchen, seine Tochter.</emphasis> Das war einige Jahr her. Lasst ihn in Ruhe, hatte AK ein paarmal, warum auch immer, gesagt. <emphasis>Freifahrschein</emphasis>. Sicher schon tot, der arme Kerl.</p><p>Alles wird syndikalisiert, dachte er, bl�tterte weiter in der Tageszeitung, schaute aus dem Fenster, die Strecke verlief in einem weiten Bogen um den See herum, er sah die H�user und Villen der Vororte der Stadt, dabei schien es ihm, dass sie schon mindestens eine halbe Stunde fuhren, aber als er auf seine Glash�tte blickte, sah er, dass es erst zw�lf Minuten waren, er schaute dann nochmal auf sein Handy, da seine Glash�tte angefangen hatte nachzugehen, erst ein, zwei Minuten, jetzt musste er jeden Morgen die Zeit korrigieren, er sah den See hinter den B�umen, hinter den H�usern, irgendwo dort wohnte AK, und in der N�he der ber�hmte Maler, dessen Bilder so viel wert waren und dessen Ausstellung im gro�en Museum er zusammen mit AK besucht hatte, wann war das gewesen, vor zwei Jahren? Er hatte oft �berlegt, auch in diesen Vorort zu ziehen, wo die Reichen und Ber�hmten und die B�rger und die Politik wohnten, der ehemalige Oberbulle ja auch, ganz in der N�he von AK. Aber Hans hatte andere Optionen. Und w�hrend der See aus seinem Blickfeld verschwand und das flache Land immer h�geliger wurde, versuchte er, sich an die Kartelltheorie zu erinnern, die ihm AK einmal erkl�rt hatte, oder war das der olle Graf? weil doch, und das war das Einzige, an das er sich jetzt erinnerte, w�hrend er langsam wegd�mmerte, die Zeitung auf den Knien, weil es doch gar nicht so sehr die negative Bedeutung verdient, das Wort� Kartell�, weil es doch eine �bereinkunft von Regeln war, im Mittelalter, die alten Ritter, <emphasis>the last of the independents</emphasis>, die negativen Auswirkungen der Konkurrenzlosigkeit auf den Markt��</p><p>Er blickte aus dem Fenster, sah weite Felder, noch kahl im beginnenden Fr�hjahr, gr�ne Flecken dazwischen, W�lder, kleine H�user und Geh�fte, wie in Brandenburg, dachte er, die Gegend um die Stahlstadt, entlang der Grenze, der Himmel wolkenbedeckt und ein D�mmerlicht �ber dem Land, als w�rde ein Regen aufziehen, und dann sah er auch den dunkelblauen Horizont im anderen Fenster gegen�ber. Ein junges M�dchen sa� dort, einen Kopfh�rer �ber den blonden Haaren, sie bewegte die Lippen und beachtete ihn gar nicht, als er sie musterte. Der Schaffner musste ihn schon kontrolliert haben, denn er lief an ihm vorbei, blickte kurz zu ihm runter und nickte. Der Mann aus Berlin wusste nicht, dass er seinen F�hrerschein verloren hatte, wegen einer kleinen Delle und null Komma neun. Es war doch f�r beide am unauff�lligsten, mit dem Zug zu reisen, keine Schatten, keine Kennzeichen, und kein Mensch w�rde vermuten, dass Verhandlungen auf dem Bahnhof der kleinen Stadt�G. und in der kleinen Stadt�G. am Arsch der Welt gef�hrt wurden, wo es den l�ngsten Bahnsteig Deutschlands gab, was aber nur Eisenbahnfreaks und Dauerpendler wussten, und wo Hans seit einiger Zeit eine Immobilie im Auge hatte, eine alte Villa, die Schl�ssel hatte er einstecken, ein uralter Gro�- oder Urgro�cousin von ihm wollte die H�tte verkaufen. Das erste Mal war er mit dem Auto nach G. gefahren, um sich mit dem Alten zu treffen, von dem er sich gar nicht sicher war, ob er wirklich mit ihm verwandt war, aber der kannte seinen Vater und war mit ihm verstritten und erz�hlte allerlei Geschichten �ber seine Urgro�mutter, an die konnte er sich erinnern; als er Kind war, in der Stahlstadt, haben sie sie ein paarmal in einem Nachbardorf besucht; auf dem R�ckweg aus G. ist er in diesen Penner und seinen Skoda reingerutscht, ein sehr glatter Dezember, keine Chance, das mal eben unter der Hand zu regeln, <emphasis>Dann ruf eben die Bullen, Arschloch!</emphasis>, er h�tte ihn wegdreschen und abhauen sollen, die Karre sofort nach Polen verkaufen��, aber er hatte keinen Bock mehr auf diesen ganzen Stress. Nun sa� er also in der Eisenbahn, trank seinen Kaffee, schaute aus dem Fenster oder bl�tterte in seinen Zeitungen. Weit konnte es nicht mehr sein. <emphasis>Zeugin erhebt schwere Vorw�rfe</emphasis>.</p><p>Er hatte erst den Sportteil gelesen, Red Bull, Bundesliga, ein sehr interessanter Artikel �ber Snooker, diesen Billardsport, in dem er sich immer schonmal versuchen wollte, schlie�lich war er ja mal ein ganz guter Pool-Spieler gewesen, und als er den vorderen Teil mit Politik und den neuesten Nachrichten aus dem gro�en Sachsenland durchbl�tterte und �berflog, blieb er bei dem kleinen Artikel h�ngen. In Klammern stand� dpa �unter der �berschrift.�Die Hauptzeugin in der sogenannten Akten-Aff�re hat gestern schwere Vorw�rfe gegen Vorgesetzte aus dem Landesamt f�r Verfassungsschutz erhoben. So seien nach Bekanntwerden der Anschuldigungen wesentliche Akten �ber den Fall verschwunden.�</p><p>Er hatte von dieser Sache geh�rt. �ble Geschichte. Die jetzt hochkochte, w�hrend in der Stadt sich die Dinge zuspitzten, die Invasoren r�ckten langsam vor, April zweitausendneun. Ein paar Bekannte hatten ihn gefragt, was er denn davon wisse. <emphasis>Nichts! Was habe ich mit diesem Dreck zu tun?</emphasis> Er wusste, dass AK einmal ein paar Russinnen hatte hochgehen lassen, weil die miese Gesch�fte mit jungen M�dchen und Minderj�hrigen aus Russland machten, nicht weit von einigen Objekten, die AK vermietete. Eine Dreckversicherung gab es leider nicht. Aber das, was er las, war ein ganz anderer Dreck. Die S�mpfe sind unergr�ndlich.�Konkret listete die Juristin XXX Berichte �ber Treffen mit Quellen des Geheimdienstes sowie Aussagen von sieben verschiedenen Auskunftspersonen auf. Sie h�tten unter anderem Hinweise darauf erhalten, dass Kinder aus Osteuropa zum sexuellen Missbrauch nach XXX gebracht werden sollten. Auch Informationen �ber korrupte Polizisten und sexuelle Neigungen von Justizbeamten h�tten sich in den Quellenberichten befunden.�</p><p>Manchmal konnte er diesen ganzen Schei� nicht wirklich glauben. Als w�r�s ein �bler Film, Verschw�rungen, 8�Millimeter. Aber er wusste, dass vor f�nfzehn Jahren, er war damals gerade in die Stadt gekommen, ein �hnlicher Dreck durch den Untergrund schwappte. Richter, Staatsanw�lte, Bullen, die geil auf junges Fleisch waren. Die Gesch�ftsm�nner, die an die Aktie Rot glaubten, hatten wohl dazu beigetragen, dass diese Schweine verschwanden. Und die Legende fl�sterte, dass AK irgendwie an Fotos der Drecks�ue gekommen war�� Er sch�ttelte sich. <emphasis>Shut up, alter Mann</emphasis>. Er kannte genug Leute von der Stra�enbrigade, die trugen hin und wieder T-Shirts� Todesstrafe f�r Kindersch�nder�, und die h�tten alles gegeben, um solche Menschen, das war ja das Problem, mit den Menschen, in die Finger zu bekommen.</p><p>Er fuhr durch eine sch�ne Landschaft. W�re er in seinem alten BMW angereist (da machten sie sich schon lustig, dass er immer noch diese Karre fuhr, die fast ein Oldtimer war), h�tte er den Blick auf die s�chsischen W�lder, die jetzt schon th�ringische W�lder sein mussten, den Blick auf die Felder, auf denen der Nebel stand am Horizont, vom Licht durchdrungen, h�tte den Blick auf die kleinen Seen, die pl�tzlich auf Waldlichtungen auftauchten, die Fl�sse, die H�nge, die sich auf beiden Seiten der Strecke erhoben und wieder abflachten��, h�tte all das nicht in aller Ruhe genie�en k�nnen. Was f�r eine Ruhe. Er war schon immer gerne Zug gefahren, kn�llte die Zeitung zusammen und erinnerte sich, wie er einmal, vor wenigen Jahren erst, die Idee gehabt hatte, das Land, also das ganze Land, mit dem Zug kennenzulernen.</p><p>Er stand schon seit f�nf Minuten mit zugekn�pftem Mantel an der T�r, als der Zug endlich und quietschend hielt. Nein, er hatte still und langsam gestoppt. Das langgezogene Quietschen war nur in seiner Erinnerung, Z�ge in der Zone, schmutzige Z�ge auf dem Bahnhof der Grenzstadt, gr�ne Kunstlederbez�ge bei der Einfahrt in den Ostbahnhof, <emphasis>wir hielten uns die Ohren zu��</emphasis></p><p>�Willkommen auf dem l�ngsten Bahnsteig Deutschlands�. Er blickte auf das Schild, diesen Satz, diesen Gru� unterhalb des Namens des St�dtchens�G., h�rte, wie sich die T�ren hinter ihm mit mehreren Piept�nen und dann einem Knall schlossen, h�rte, wie der Zug wieder Fahrt aufnahm, sp�rte den Wind im R�cken, am Mantel, blickte sich dann um. Mit ihm waren nur drei oder vier Reisende ausgestiegen, die jetzt schon ein ganzes St�ck weit gelaufen waren, dort musste also die Unterf�hrung sein, Richtung Stadt. Auf dem Gleis gegen�ber stand ein anderer Zug. Verdammt nochmal, der Bahnsteig war wirklich lang. Er war ja vorher immer mit dem Auto angereist, also das eine Mal, als er die alte Villa besichtigen wollte.</p><p>Der Bahnsteig war �berdacht und zog sich in beide Richtungen scheinbar endlos hin. Das musste mindestens ein Kilometer sein. Den verschwundenen Zug im R�cken, blickte Hans auf eine B�schung hinter den Gleisen, der Bahnsteig war so lang, dass der andere Zug weit weg stand, Hans blickte auf den letzten Wagen, dann wieder auf die B�schung, sah die blaue Br�cke mit dem geschwungenen blauen Bogen, der sich hoch �ber die Gleise w�lbte, der Bahnsteig schien unter dieser Br�cke erst zu enden. In die eine Richtung. In der anderen Richtung, aus der er gekommen war��, er hatte immer gewusst, dass er langsam eine Brille ben�tigte.</p><p>�Herr Pieszek?�</p><p>�Ja?�</p><p>Vor ihm stand ein Mann, der trug einen grauen Armeeparka und unter dem Parka einen Anzug, ohne Schlips. Und eine Brille, randlos.</p><p>�Entschuldigen Sie, Sie sind doch Herr Pieszek?�</p><p>�Ja, das bin ich, entschuldigen Sie.�</p><p>�Sie m�ssen nichts entschuldigen. Wohl �berw�ltigt von der Aussicht.�</p><p>�Das kann man so sagen. Willkommen auf dem l�ngsten Bahnsteig Deutschlands.�</p><p>Der Mann l�chelte kurz, schaute sich um, und dann gaben sie sich die Hand. Sie hielten beide ihre Lederhandschuhe in der Linken.</p><p>�Respekt vor der Wahl des Opernhauses, Herr Pieszek.�</p><p>�Wie���</p><p>�Nur ein kleiner Scherz. �Sie sch�ttelten sich noch immer die H�nde, musterten sich. Der Mann musste um die sechzig sein. Graue, fast schon wei�e Haare, er setzte eine Wollm�tze auf.</p><p>�Ein frischer Wind im Osten.�</p><p>�Obwohl das hier eher s�dlich ist�, sagte Hans. Er lie� die Hand los und zog sich seine Handschuhe �ber.�Frisch ans Werk?�, sagte der andere.</p><p>�In aller Ruhe�, sagte Hans,�in aller Ruhe. �Der Zug, aus dem der Mann wahrscheinlich gestiegen war, fuhr jetzt ab.</p><p>�Entschuldigen Sie�, sagte der Mann,�Fischer mein Name.�</p><p>�Freut mich, Herr Fischer. Wir sollten uns f�r nichts mehr entschuldigen heute. Direkt aus Berlin?�</p><p>�Via G�ttingen. �Er wies dem abfahrenden Zug hinterher.</p><p>�War eine lange Fahrt?�Sie gingen ein paar Schritte, der Bahnsteig war jetzt menschenleer. Hans strich sich mit dem ledernen Handschuh �ber den Kopf und wusste nicht, was er weiter noch sagen sollte im Moment.</p><p>�Ach�, sagte der Mann, der Herr Fischer hie�,�Zeit zum Nachdenken. Hatten Sie denn eine gute Fahrt?�</p><p>�Im Vergleich war�s doch �n Katzensprung�, sagte Hans.</p><p>�Ja�, sagte Herr Fischer,�<emphasis>wir</emphasis> machen ja auch, wenn ich das so sagen darf, den gr��eren Sprung. Hierher. Zu Ihnen. In diese kleine Stadt���</p><p>�Die keine Rolle spielt�, sagte Hans. Sie standen neben einem h�lzernen braunen Flachbau. Die Fenster vernagelt mit Brettern. Das Holz verwittert. Treppen hinab zur Unterf�hrung, in den Untergrund. Auf der anderen Seite dieses Loches im Bahnsteig, denn mehr war es nicht, in das die Treppen f�hrten, ein weiterer, fast identischer hellbrauner Flachbau, wie der erste mit Brettern vernagelt. Sie standen direkt vor dem Loch und den Treppen, zwischen den beiden h�lzernen Bauten. Auf dem Bahnsteig. Auf dem Tausende Menschen Platz gefunden h�tten.</p><p>�M�chten Sie, dass wir hier reden?�, fragte Herr Fischer und zeigte mit seiner immer noch nackten rechten Hand auf eine Gruppe von B�nken, weit hinter dem zweiten Holzgeb�ude. Vor den B�nken war eine Scheibe, auf der flatterten unbeweglich schwarze V�gel.</p><p>�Wir m�chten doch stilvoll �ber all die Dinge reden�, sagte Hans und wies auf die Treppen, die vor ihnen in die Tiefe f�hrten.</p><p>�Nun, das m�chten wir�, sagte Herr Fischer, nahm seine randlose Brille ab, hielt sie ein St�ck von sich weg und blickte durch die Gl�ser auf das Willkommensschild,�mit einem hatten Sie ja recht, wir sind hier so ungest�rt wie nirgends.�</p><p>�Und alles andere�, sagte Hans und ging die ersten Treppenstufen runter,�alles andere wird sich finden, da bin ich guter Dinge. �Und er h�rte, wie Herr Fischer hinter ihm die steinernen Treppen hinabstieg.</p><empty-line/><p>Dann standen sie auf der blauen Br�cke, mit dem gro�en blauen, geschwungenen Bogen hoch �ber dem Gel�nder, und blickten auf den Bahnsteig, auf dem sie eben noch gestanden und sich begr��t hatten.</p><p>��ne kleine, ruhige Stadt�, sagte Hans.�Da dr�ben�, er zeigte auf die Geb�ude einer verfallenen Fabrik, die vor einem kleinen Berghang standen,�das war mal �n florierender Betrieb. Alte Tradition. �Eins der Geb�ude �hnelte einer Kuppelhalle, aus der Kuppel ragten zwei kleine Schornsteine, auf einem hohen ziegelroten und schwarz verwitterten Rechteck ruhte ein gr�nes dreieckiges Spitzdach, das in die tiefh�ngenden Wolken zu stechen schien, Systeme aus verrosteten Rohrleitungen verbanden die Ansammlung von Tr�mmern, zerfallenen T�rmchen.</p><p>Hans dachte daran, wie er sich am Morgen noch vorgestellt hatte, sie w�rden das Gesch�ft gleich auf dem Bahnsteig abwickeln, auf und ab laufen dabei, verstummen, wenn Menschen aus Z�gen stiegen, oder an einen anderen Ort dieses endlosen Bahnsteigs gehen, wenn Menschen zu penetrant auf Z�ge warten w�rden�� Aber weder er noch dieser Fischer w�rden etwas �berst�rzen. Zu viel stand auf dem Spiel. Aber eigentlich war alles ganz einfach.</p><p>�Und was haben die da gemacht, ich meine: hergestellt?�Herr Fischer nestelte eine zerkn�llte T�te Kr�gerol-Halsbonbons aus der Brusttasche seiner Milit�rjacke. Er nahm eins raus, schob es sich in den Mund hielt Hans die T�te hin.�Aber gerne doch, gute alte Ostware. �Er nahm ein Bonbon, lutschte eine Weile, bevor er sagte:�Malz.�</p><p>�Malz? Eine Malzfabrik. Florierendes Gesch�ft, was?�</p><p>�Malz wurde fr�her �berall gebraucht. Von hier fuhren die G�terwaggons ins ganze Land. Planwirtschaft, Herr Anwalt.�</p><p>�Herr Anwalt?�</p><p>�Der linke Anwalt, der mal die Welt verbessern���</p><p>�F�r die Utopien sind Sie doch zust�ndig.�</p><p>�Utopien. Habe ich als Kind gerne gelesen.�</p><p>�Wichtig ist, dass wir die neue Geschichte schreiben. �Der Anwalt spuckte sein halbgelutschtes Bonbon auf den Fu�weg, drehte sich zu Hans und l�chelte.�<emphasis>Der Weg nach Japan</emphasis>.�</p><p>�Der Weg nach Japan�, Hans nickte.�Wir sollten irgendwo in Ruhe einen Kaffee trinken, bevor wir �ber Fahrpl�ne und Tarife diskutieren.�</p><p>Und w�hrend sie die Br�cke verlie�en, Richtung Innenstadt gingen, vorbei an der Villa, zu der Hans den Schl�ssel besa�, vorbei an einem kleinen Laden f�r Modelleisenbahnzubeh�r, begann der Anwalt, Hans zu nerven, ernsthaft zu nerven, so dass er sich mehrfach zu ihm drehte,�Ja, ja, der ber�hmte Hans���, ihn musterte und zu verstehen versuchte, was, verdammt nochmal, vor sich ging, hier in der Stadt des l�ngsten Bahnsteigs des Landes, der sie immer weiter Richtung Zentrum f�hrte, zum Herzen, zum Ursprung, zum Ziel, und Hans rauchte zwei Zigaretten, um sich zu beruhigen, auf dem Weg zum Marktplatz, wo es eine B�ckerei mit Caf� gab. Vielleicht �ne Art Test, dachte er. Wolkenfetzen trieben grau �ber ihnen.</p><p>�Und Sie sind also ein ganzer, harter Kerl?�</p><p>�Was soll �n der Schei�?�</p><p>�Fr�her in Berlin aktiv gewesen, Brigade Fu�ball, Brigade Knochenbrecher���</p><p>�Und Sie, immer sch�n die Hand aufgehalten?�</p><p>�Gesch�fte, lieber Hans, Gesch�fte���</p><p>�Ich wusste nicht, dass wir uns duzen.�</p><p>�Ich dachte, das sei in Ihren Kreisen so �blich. Und fr�her sowieso. Das <emphasis>Du</emphasis> der Nacht und das <emphasis>Du</emphasis> der Genossen���</p><p>�Verdammte Spielchen!�Hans blieb stehen, zeigte mit seiner Zigarette auf das Gesicht des Anwalts, brachte die Glut so dicht an dessen Mund, an dessen Nase, dass ein d�nner Rauchfaden sich zwischen die grauen Haare des Anwalts zog. Schweigend blickten sie sich an, Hans �ffnete mehrmals den Mund, holte Luft, setzte an, sch�ttelte den Kopf und glaubte dann zu sehen, wie ein kurzes L�cheln die Mundwinkel des Anwalts bewegte, er sah das L�cheln auch in den Augen des Anwalts Fischer, wenn das wirklich sein richtiger Name war, aber auch das spielte keine Rolle.</p><p>�Nehmen Sie�s mir nicht �bel, Herr Pieczek���</p><p>�Sie erz�hlen die Schei�e, nicht ich. Was soll�n das pl�tzlich? Sie k�nnen den ganzen lieben langen Tag lang Schei�e erz�hlen, wenn Sie das so gewohnt sind, aus Ihren Kreisen. Ich kann warten, bis Sie zur Sache kommen. �Er schnippte die Zigarette, die er immer noch in der ausgestreckten Hand gehalten hatte, am Kopf des Anwalts vorbei. Und der Anwalt l�chelte wirklich. Er �ffnete den Mund und lachte kurz.�Vulg�r, vulg�r. Sind Sie unser Mann?�</p><p>�Nein. Ich habe nur die Passage nach Japan. Sicher und diskret und mit sauberen Kohlen. Vulg�r, vulg�r.�</p><p>Da standen sie schon wieder auf einer Br�cke, einer weitaus kleineren diesmal, und schauten auf das sch�umende Wasser eines Fl�sschens.�Zu einem hei�en Kaffee komme ich wohl heute gar nicht mehr�, sagte der Anwalt.</p><p>�Kaffee�, sagte Hans, blickte aufs Wasser und fragte sich, wie AK wohl mit der Situation umgegangen w�re. <emphasis>In den Fluss geschmissen und geschaut, wie er zappelt.</emphasis>�Ach, h�r doch auf���</p><p>�Was?�</p><p>�Nichts. Ich glaube, ich brauche auch dringend einen Kaffee.�</p><p>Und Hans schaute auf das sch�umende Wasser des kleinen Fl�sschens�P., das sich zur�ck durch die H�gel und Berge schl�ngelte, D�rfer und kleine St�dte querte, in eine Talsperre floss, in der das Wasser schwarz lag, auf der anderen Seite die Talsperre wieder verlie�, an den gro�en Seen der gro�en Stadt vorbeifloss; lange Jahre war der Fluss unter dem Stein verschwunden, in den Katakomben unter der Stadt, floss durch R�hren und unterirdische Kan�le, in denen die Ratten lebten, dunkler, stinkender Schlamm, brach erst im Norden der Stadt zwischen den H�usern wieder hervor aus dem Untergrund; jetzt zeigt er sich, wie ein Kanal, unter Br�cken, an Freisitzen von Restaurants, vorm gro�en alten Gericht im Zentrum, versinkt dann wieder und verliert sich irgendwo zwischen den S�mpfen, auf denen die Stadt vor fast achthundert Jahren gebaut wurde, bevor der Rest des kleinen Stroms, schmal wie ein Bach, in einen anderen Fluss m�ndet, die Wasserl�ufe sind ober- und unterirdisch dicht miteinander verwoben, die Tropfen dringen durch den Stein, der Tunnel, den sie f�r die U-Bahn unters Zentrum der Stadt graben, l�uft voll, Mini-U-Boote sondieren die Sch�den, Rohrleitungen werden auf Masten in wirren Mustern in Richtung der gro�en Seen verlegt, aus denen das Wasser wieder in den Grund sickert, in die Fl�sschen und Kan�le und R�hren schwemmt, AK �berlegt, sich eine Jacht zu kaufen, aber keine Zeit, die Stimmen dringen durch seine Gesch�fte, und er ahnt und wei�, dass die Zeiten schlecht werden, dass es Zeit wird, wieder die R�stung anzulegen, w�hrend die ersten Fremden schon durch die Nacht streifen, <emphasis>Kann ich auf dich z�hlen, Hans? Aber immer, das wei�t du doch!</emphasis>, die Geschichten kreisen um den Zentralbahnhof und weiter und weiter durch die ganze Stadt, AKs Makarow liegt in der Villa im Tresor, <emphasis>Die Engel kommen in die Stadt? Wollen wir wirklich, dass sie kommen?</emphasis>, noch ist ja Ruhe, aber die ersten Fremden streifen schon durch die Nacht, im Striplokal der Br�der�W. versucht eine Gruppierung den Frieden am Tresen zu st�ren, <emphasis>Wir sind nur die Vorhut</emphasis>, aus der Hauptstadt dringen Stimmen, aus der Hauptstadt kommen Truppen, verst�rken die Fremden in den beiden St�dten, die fast schon zu einer zusammengewachsen sind, die S�mpfe sind so gut wie ausgetrocknet im Lauf der Jahrhunderte, verst�rken die Terroristen (<emphasis>denn das sind Terroristen, die mit den Mitteln des Terrors uns den Markt nehmen wollen��</emphasis>), die um den Armenier Pierre (<emphasis>Wieso hei�t dieser Kanackenarsch Pierre?</emphasis>) seit einigen Jahren in Heroin und Koks und Kristall investieren, obwohl Koks immer noch Marschall Tito und den Albanern das gro�e Geld zuflie�en l�sst (<emphasis>Wieso haben die Jugos sich nicht gegenseitig weggemacht wie damals auf dem Balkan?</emphasis>), die Ger�chte umkreisen den Zentralbahnhof wie eine Windhose, <emphasis>Einfach mal die Hosen runter, damit ich sehe, was Sache ist!</emphasis>, die Securities an den T�ren der Clubs und Diskotheken r�sten auf, Freitagnacht bis Sonntagmorgen, AK f�hrt durch die Stadt und schaut nach seinen Objekten, besucht alte Freunde und alte Feinde, <emphasis>Knie dich hin, du St�ck Schei�e, und guck mich an, damit ich in deinen Augen sehen kann, ob du l�gst</emphasis>, der Graf sitzt in der Burg und sieht in den B�chern, durch die er bl�ttert, dass die Lichter verl�schen, so oder so, Zeit f�r ein paar Schachz�ge, Zeit, die R�ckkehr vorzubereiten, es ist Zeit��, und die Stra�en glitzern regennass, Eliot Ness lehnt sich zur�ck und telefoniert mit der Hauptstadt und sp�rt, dass die silbernen F�den schwingen, vibrieren, und wartet auf das Dominoprinzip und wartet auf das gro�e Fallen, w�hrend der Mann hinter den Spiegeln �ber die k�hlen Fl�gel einer gr�n verwitternden Engelsfigur aus Metall streicht, die M�dels nach der Arbeit nach Hause fahren oder am Wochenende mal in die Disko fahren��, es ist Zeit��, oder ins Kino gehen, wo die richtigen, gro�en Gangster wohnen, still und dunkel und fast schwarz, bevor das Licht durch den Raum dringt, <emphasis>Eine Invasion wird stattfinden</emphasis>, sagt die alte Wahrsagerin in ihrem Wohnwagen auf dem Rummelplatz, die Schreie wehen von der gro�en Achterbahn mit den olympischen Ringen, die ist zum ersten und letzten Mal in der Stadt, <emphasis>Warum sagst�n das so einfach und nicht in deinen �blichen Hieroglyphen?</emphasis>�� <emphasis>Und dann sehe ich noch ein gro�es Leuchten in der Dunkelheit, Diamantenaugen,</emphasis> und Hans schaut ins Sch�umen des Wassers, wirft eine Zigarette hinein, an deren Filter ein Bonbon klebt,�Malz, das wurde �berall hingekarrt von hier aus.�</p><p>�Also ein florierender Betrieb?�</p><p>�Ja, lange her. Sagte ich doch schon. �Sie blickten auf das gr�ne spitze Dach des Turmes der alten Malzfabrik, der hinter den H�usern zu sehen war.</p><p>�Ja, sagten Sie schon. Sie kennen sich wirklich aus mit gutgehenden Gesch�ften.�</p><p>�Gef�llt mir nicht, wie Sie das sagen.�</p><p>�Nein, im Ernst. Was denken Sie, warum wir Ihnen vertrauen?�</p><p>�Ich bin mir nicht sicher, ob Sie mir wirklich vertrauen���</p><p>Sie waren weitergegangen und standen jetzt vor dem Caf� auf dem Marktplatz der kleinen Stadt�G.</p><p>�Sonst w�re ich jetzt nicht hier�, sagte der Anwalt und zog seine Lederhandschuhe aus und setzte seine bunte Wollm�tze ab. Er steckte seine Handschuhe und die M�tze in die Taschen seiner Milit�rjacke und �ffnete die T�r der B�ckerei. Eine Glocke l�utete, Hans war hinter ihm, und w�hrend der Anwalt schon mit der Dame an der Verkaufstheke sprach, schloss er die T�r mit einem letzten Blick auf den leeren Marktplatz. Das Backsteingeb�ude mit dem kleinen Portal war wohl das Rathaus. Das runde Becken eines wasserlosen Brunnens davor. Der Winter war ja erst seit knapp zwei Wochen vorbei.</p><p>�Was genau ist denn Schmand?�, h�rte er den Anwalt fragen und trat zu ihm an die Verkaufstheke.</p><p>Die Verk�uferin, eine kleine blonde, etwas dralle Dame Mitte vierzig, die perfekte B�ckerin, dachte Hans, wollte etwas sagen, aber der Anwalt redete schon wieder weiter. Nerven kann er, dachte Hans.</p><p>�Also�, sagte die Verk�uferin und holte Luft,�unser Schmand-Kuchen ist aus M�rbeteig, mit einer Mischung aus Pudding und eben Schmand gef�llt.�</p><p>�Nach traditioneller Rezeptur�, f�gte sie hinzu.</p><p>�Klingt gut. Nehmen wir jeder ein St�ck zum Kaffee, nicht wahr, Herr Pieczek?�</p><p>�Sehr gerne�, sagte die Verk�uferin,�Sie k�nnen schonmal Platz nehmen.�</p><p>Sie gingen in den hinteren Teil des Ladens, w�hrend die Verk�uferin mit Geschirr klapperte.</p><p>�Herrlich�, sagte der Anwalt,�kein Latte, keine extra gesch�umte Milch, kein frozen dies und shaken das, keine entkoffeinierte Extravaganz mit Vanille, einfach eine sch�ne Tasse Kaffee.�</p><p>Er zog seine Milit�rjacke aus und h�ngte sie �ber die Lehne eines Plastikstuhls, auch Hans legte seinen Mantel ab. Sie setzten sich. Die Verk�uferin brachte den Kaffee und Kuchen auf einem Tablett, stellte die Tassen und Teller auf den Plastiktisch.�Lassen Sie es sich schmecken.�</p><p>�Besten Dank�, der Anwalt nickte und l�chelte ihr hinterher. Hans nahm sein Tasse und trank.</p><p>�Ah, Sie trinken schwarz. �Der Anwalt nahm einen der kleinen Kaffeesahnebecher, die auf der Untertasse lagen, sch�ttelte ihn kurz, riss ihn auf und goss die Sahne in seine Tasse. Er nahm den halbvollen Zuckerstreuer aus der Mitte des Tischs, sch�ttelte ihn kurz, wie vorher die Kaffeesahne, hielt ihn dann gegens Licht, als k�nnten Fremdk�rper drin sein, und sch�ttete vorsichtig etwas Zucker in seinen Kaffee. Hans trank in kleinen Schlucken und beobachtete ihn �ber seine Tasse hinweg. Er stellte die Tasse ab und sah, wie der Anwalt klimpernd und gef�hlte f�nf Minuten lang mit dem kleinen L�ffel seinen Kaffee umr�hrte.</p><p>�So. �Er legte den L�ffel auf die Untertasse, und dann trank er einen kleinen Schluck.�Wunderbar.�</p><p>Hans sch�ttelte den Kopf.</p><p>Der Anwalt f�hrte ein St�ck des Schmand-Kuchens mit der Kuchengabel zum Mund. Hans nahm den fest aussehenden, ganzen Kuchen mit beiden H�nden und biss hinein.</p><p>�Ja, ja, Sie machen das richtig�, sagte der Anwalt kauend,�bei so einem wunderbaren Kuchen muss man einfach herzhaft zubei�en.�</p><p>Hans wischte sich den Mund ab.�Es is�n Kuchen. Da hab ich schon bessere, da hab ich schon schlechtere.�</p><p>�Nun, da haben Sie sicher recht. Aber es ist die Situation, das Ambiente, das Drumherum, was einen guten Kaffeetisch ausmacht.�</p><p>�Das freut mich, dass es Ihnen mit mir anscheinend besonders gut schmeckt. Ambiente, hm?�</p><p>�Nun, wir beide haben einiges vor. Gesch�fte, Hans. Wichtige Gesch�fte.�</p><p>�Bedeutende Gesch�fte, ja. Sie wissen ja, was ich zu bieten habe. Der Schmuckh�ndler ist ein guter Freund von mir.�</p><p>�Sagen wir es so, meine Auftraggeber sind durchaus interessiert an dieser M�glichkeit.�</p><p>�Es w�re ein Weg, den keiner vermuten w�rde. Ans andere Ende der Welt.�</p><p>�Schonmal in Japan gewesen, Herr Pieczek?�</p><p>�Sie k�nnen ruhig Hans sagen.�</p><p>�Emil. Angenehm. �Er reichte Hans seine Hand �ber den Tisch.�Man k�nnte denken, das Gesch�ft w�re perfekt, Emil�, sagte Hans und dr�ckte kurz die Hand des Anwalts, die sich feucht und warm anf�hlte.</p><p>�Es sind wie immer die Details, Hans�, sagte der Anwalt,�aber da gibt es markt�bliche Richtlinien. Sieben Komma f�nf Prozent f�r Lagerung und Vermittlung.�</p><p>�Mein Mann aus Tokio kommt in der zweiten Jahresh�lfte wieder in die Stadt. Ich wei� nicht, wie Ihr Fahrplan, also was die Zeit betrifft���</p><p>�Wir haben Zeit, mein lieber Hans. Meine Auftraggeber wollen, dass ein Teil der Ware andere Wege nimmt. Wege, mit denen keiner rechnen w�rde. Meine Auftraggeber haben momentan kein Interesse an Hektik, an Stress.�</p><p>�Den hatten sie ja schon, wie man so h�rt.�</p><p>�Hm. Meine Auftraggeber sind Verbrecher.�</p><p>�Wenn Sie das sagen���Hans blickte zu der Verk�uferin, die an der Kasse hantierte. Die Glocke an der T�r l�utete, und eine �ltere Frau betrat das Gesch�ft. Sie schlurfte zur Verkaufstheke, beachtete sie gar nicht oder schien sie nicht zu sehen an ihrem Tisch.�Tag, Marlene�, sagte die Verk�uferin.</p><p>�Verstehen Sie mich nicht falsch, Hans. Ich meine, ganz normale Diebe. Einbrecher. Profis. Kriminelle. Sie��, oder waren wir jetzt per Du��, haben doch sicher genug Berufskriminelle kennengelernt.�</p><p>�Tja, so denkt ihr Anw�lte. Rotlicht, Huren, Nachtclubs und viele b�se Kriminelle.�</p><p>�Nein, Hans. Ganz im Gegenteil. Und darauf will ich doch hinaus, du bist ein ehrlicher Unternehmer. Hast seit Jahren keinen Stress mit den Beh�rden, f�hrst deinen Laden, so gut es geht��, bist transparent, soweit das geht, zahlst deine Steuern, bezahlst deine Leute, h�ltst deinen Laden sauber, soweit das m�glich ist. Hast einen guten Ruf, bietest faire Arbeitsbedingungen, machst deinen Schnitt.�</p><p>�Emil und die Detektive. Und wenn mein Schnitt so blendend w�re, w�rde ich wahrscheinlich nicht hier sitzen.�(<emphasis>Verdammt nochmal</emphasis>, dachte er, AK w�rde sagen, du bist total bescheuert, ein Verhandlungsdepp.)</p><p>�Ach, Hans, wer kann da schon Nein sagen, bei einem lukrativen Nebengesch�ft. Und Sie wissen doch genauso gut wie ich, dass wir unsere Informationen eingeholt haben, bevor wir���</p><p>�Das gro�e internationale Konsortium, was? Sie klingen fast wie der Graf���</p><p>�Der Graf?�</p><p>�Ach, vergessen Sie�s. Und nein, in Japan bin ich noch nie gewesen.�</p><p>�Interessante Kultur. Gro�e Kultur. Ehre. St�rke. Was ich meinte, als ich sagte, dass Sie��, dass du sicher gen�gend Berufskriminelle kennengelernt hast���</p><p>�Brich dir keinen ab. Nat�rlich, damals in Berlin, kurz nach der Wende, jeder wollte das schnelle Geld, aber Beruf w�rde ich das jetzt nicht unbedingt nennen. Gl�cksritter, die auch von dr�ben kamen, Sparkassenknacken war gro� angesagt, Anfang, Mitte der Neunziger, jeder wollte das schnelle Geld��, nat�rlich gab�s da paar Spezialisten, aber das warn doch alles Peanuts. Richtig Kohle gab�s bei Immobilien und Treuhand. Wie kommen <emphasis>Sie</emphasis> denn zu Ihren Kontakten?�</p><p>�In der Knochenbrecherbranche war ich nie, Hans.�</p><p>�Sie verstehen einen Schei�, Emil. War eine Art Freiheit, damals. Sich ausprobieren. Auf die Konventionen schei�en. Auf die Kacke hauen. Also noch in der Zone. Und sp�ter. Eigene Regeln. Bisschen Spa� beim Sport, dritte Halbzeit, also auf der Stra�e. Zusammenhalten, eine starke Einheit bilden. Und wir waren jung. Ende der Achtziger. Und sp�ter alt genug, um mitmischen zu k�nnen im gro�en Spiel. Da sa�en Sie in �ner schicken Kanzlei im schicken Berlin-West���</p><p>�R�udig war das, Hans. Berlin-West. Westberlin. R�udig. Aber gut. Und dann kam der Osten, und alles wurde noch r�udiger.�</p><p>�Wir haben euch doch zugeschissen mit eurem Begr��ungsgeld.�</p><p>�Und jetzt geben wir ein paar Br�ckchen zur�ck. Die Prozente stimmen, wenn der Preis stimmt. Wenn Tokio Ja sagt, haben wir alle goldene Nasen und goldene Herzen.�</p><p>�Tokio wird einen guten Preis machen, Emil. Daf�r kann ich garantieren.�</p><p>Die Alte schlurfte zum Ausgang, wieder ohne zu ihnen zu blicken, sie hielt einen bunt gemusterten Stoffbeutel in der Hand, Brotlaibe oder Br�tchen zeichneten sich in Beulen durch den Stoff ab.</p><empty-line/><p>Sie blickten aus den gro�en Fenstern der Villa auf die bunten Buden und Karussells der kleinen Fr�hjahrskirmes, die sich auf einer Wiese hinter den H�usern erstreckte. Nur ein paar Menschen liefen zwischen den St�nden und Fahrgesch�ften hin und her, es war fr�her Nachmittag und immer noch recht k�hl. Der Himmel war mit Wolken bedeckt, wahrscheinlich w�rde es Regen geben.</p><p>Sie hatten jeder ein Glas Whisky vor sich stehen, hatten auf das Gesch�ft angesto�en. Nur ein Tisch mit drei St�hlen stand in dem leeren Raum, die Tapete hing von den W�nden, an einigen Stellen war der Putz zu sehen, und auch der Holzfu�boden war nicht mehr in bestem Zustand.</p><p>�Du m�chtest wirklich in dieses Haus investieren? Der Traum vom Alterssitz?�</p><p>�Ach, was hei�t Alterssitz. So weit isses nun doch noch nicht. Aber irgendwann m�chte ich schonmal aus der Stadt weg, ich meine zum Wohnen. Und so weit isses mit dem Auto ja nicht.�</p><p>�Mit dem Auto in die Stadt mit dem l�ngsten Bahnsteig Deutschlands���Sie lachten. Hans nahm die Flasche Johnnie Walker Black Label und machte die beiden Gl�ser wieder voll.�Du hast doch vorhin den Pavillon gesehen, also die kleine alte Bahnhofshalle?�</p><p>�Ja. Ein wunderbares Geb�ude. Der Zauber der alten Eisenbahn���Sie hatten in der kleinen Halle gestanden und dem Echo ihrer Stimmen und Schritte gelauscht. Vom Tunnel, durch den sie gekommen waren, wehte ein leichter Wind den Geruch aller Bahnhofstunnel durch den Stein zu ihnen, Hans dachte an die Ausw�rtsfahrten Mitte/Ende der Achtziger, der dr�hnende Chorus der Horde, einige von damals sind zu den Engeln gegangen, andere waren b�rgerlich geworden, aber was hie� das schon��</p><p>�Achtzehnhundertsechzig rum. Die rei�en�s bald weg. Woll�n Parkpklatz bauen.�</p><p>�Ist hier so ein Kommen und Gehen, dass sie einen Parkplatz brauchen?�</p><p>�Nein. Sind Idioten. Fr�her warn�s die Bonzen, dann die Treuhand���</p><p>�So besorgt um die Kulturg�ter der Heimat, Hans?�</p><p>�Eigentlich brauche ich was richtig aufm Land. Ich hab noch �ne andere Option, auch ganz in der N�he der Stadt, aber andere Richtung. �n richtiges Schloss.�</p><p>�Du willst �n Schloss kaufen, Hans? Nicht dein Ernst? Da braucht�s doch aber sicher mehr als unseren kleinen Deal.�</p><p>�Nee, nicht das ganze Schloss. Da gibt�s ein Nebengeb�ude, direkt am Wasser, also auf dem Wasser, wie �ne kleine Insel. Ist �n Wasserschloss. Mitten im Wald. Wie im M�rchen.�</p><p>�Sehnst du dich so sehr nach der Einsamkeit?�</p><p>Hans nimmt eine Zigarette aus seinem Etui, reicht es dann dem Anwalt.�Danke, warum nicht. �Hans gibt ihm Feuer, z�ndet sich dann seine Zigarette an.</p><p>�Wie wollt ihr mir die Ware liefern?�</p><p>�Per DHL. Einschreiben mit R�ckschein.�</p><p>�Nicht dein Ernst?�</p><p>�Wir melden uns vorher.�</p><p>�Ich hab�s einfach satt�, sagte Hans,�der ganze L�rm. Den ganzen Tag dreht sich�s. Die gro�e M�hle. Wird mir zu laut, verstehst du. Irgendwas Gediegenes auf dem Land. Immer mein Traum gewesen.�</p><p>�Und deswegen hast du uns kontaktiert? Um die Stadt verlassen zu k�nnen? Startkapital?�</p><p>�Ist�s so gelaufen? Bin ich zu euch gekommen? Mein Mann aus Tokio wei� ziemlich viel. Nat�rlich k�nnt ich mir den Schei� hier auch so leisten. Aber wie du schon sagtest: Bei einem lukrativen Nebengesch�ft kann man schwer Nein sagen.�</p><p>�Ich sag immer, Hans, ein guter Steuerberater ist das A�und�O. Geht nichts dr�ber. Kann man besser schlafen. �Er nahm einen Schluck von seinem Whisky, dr�ckte die halbgerauchte Zigarette in den Aschenbecher.�Kann man trinken, den Johnnie Black.�</p><p>�Den trink ich am liebsten. Seit �ber zwanzig Jahren.�</p><p>�Ich bin auf die Malts umgestiegen, Hans.�</p><p>�Hm. Hab ich Glenfiddich in meiner Bar.�</p><p>�Schaff dir noch ein, zwei mehr an, ist der neue Trend jetzt. Talisker. Lagavulin.�</p><p>�Vielleicht in Berlin. Schon der Glenfiddich wird kaum getrunken. Im B�ro hatte ich �ne Zeitlang einen guten Japaner. Hatte nicht gewusst, dass die auch Spitzen-Whiskys machen. Hat mein Freund aus Tokio mal mitgebracht.�</p><p>�Dein geheimnisvoller Freund aus Tokio���</p><p>�Da ist nichts geheimnisvoll. Deswegen denkt ihr ja genauso wie ich, dass er der richtige Mann f�r die kleine Transaktion ist. Er verkauft an die Neureichen in China. Die gesch�ftst�chtigen Kommunisten m�ssen den Wohlstand nachholen.�</p><p>�Ja, Hans, die Welt, wie wir sie noch kannten, hier ein Block, da ein Block, gibt�s nicht mehr.�</p><p>�Bin ich froh dr�ber. In der Zone w�rden wir nicht hier sitzen und Johnnie Black trinken.�</p><p>�So meinte ich das nicht���</p><p>�Wie auch immer. Ist sp�t geworden.�</p><p>�Ist sp�t geworden.�</p><p>Sie blickten schweigend aus den gro�en Fenstern. Hans z�ndete sich noch eine an. Drau�en wurde es langsam dunkler, die grauen Wolken hingen tief, es nieselte, winzige Tropfen an den Scheiben, die Lichter der Karussells begannen zu leuchten. Er erinnerte sich an die Rummelpl�tze der Stahlstadt, in der er gro� geworden war. An die Rummelpl�tze in den D�rfern um die Stahlstadt, an die Zelte, in denen getanzt wurde, Blasmusik, an die Schie�buden, die Alten, die im Krieg gewesen waren, schleppten die Preise weg, kleine Karusselle, von denen die Farbe abbl�tterte, h�lzerne Pferde, Feuerwehrautos, Doppeldecker, Giraffen��, sein Vater war oft mit ihm auf den Rummel gegangen��</p><p>�Mein Zug geht bald�, sagte der Anwalt.</p><p>�Meiner auch�, sagte Hans und blickte auf seine Glash�tte.</p><p>�Zeit f�r einen letzten Schluck?�</p><p>�Zeit f�r einen letzten Schluck�, sagte Hans. Der Anwalt nahm die Flasche und goss ein.�Ist eigentlich ganz sch�n hier�, sagte er.</p><p>�Ja�, sagte Hans,�hier oder beim Schloss. Ich bin mir noch nicht sicher.�<emphasis>Erz�hl nicht so viel, du Idiot.</emphasis></p><p>�Meine Auftraggeber���</p><p>�Nein�, sagte Hans,�davon will ich nichts wissen.�</p><p>Der Anwalt lachte.�Nur das, was in den Zeitungen steht. Wenn ich vorhin etwas��, wie soll ich sagen��, forsch war���</p><p>�Schon gut. Teil des Spiels. Teil der Arbeit.�</p><p>Sie tranken. Dann standen sie auf.</p><empty-line/><p>Die Gleise verzweigen sich, f�hren �ber Br�cken, durch Tunnel, durch kleine, gro�e Bahnh�fe, Vorst�dte, Hauptstra�en, n�chtliche Lumpensammler, Passagiere, die m�de nach Hause fahren, der Betonsarkophag S�dkreuz, das Rumpeln der U-Bahn unter den Gleisen, zwei M�nner auf dem r�udigen Boulevard Westberlins, ein Sp�tverkauf, der schlie�t, Stehbierkneipe Bahnhof Zoo, zwei M�nner, die vorm gro�en Kaufhaus des Westens im Auto sitzen, Wachdienste, die ihre Wege verlegen, Diamantschneider auf Glas, dunkle Kleidung der Nacht, Kabelknipser, alarmfreie Zonen, zwei libanesische Br�der, sanfte Bewegungen an der Front des Kaufhauses des Westens, Sternbilder weit �ber den Wolken, Fassaden im gelben Licht der Nacht, Seile an der Fassade, Glas wird beiseitegestellt, Lederhandschuhe, Haarnetze unter M�tzen, Tarnmasken, das Licht der Steine im Licht kleiner Taschenlampen, die k�hle Sch�rfe der Karate, die Uhren ticken r�ckw�rts, Zeitfenster, die Ware gleitet in die S�ckchen, Glasvitrinen, durchtrennte Elektrizit�t, die in der Erde versickert, die vorsichtige Platzierung der Spuren neben den Vitrinen, billige Quarzuhren, die auf die Sekunde gestellt sind nach der Atomuhr, das Licht einer Taschenlampe bricht sich in einer stillen Explosion in einem H�ufchen unglaublicher Sch�nheit, in Tokio sitzt ein Mann mit einer Lupe im Auge, im St�dtchen�G. in Th�ringen halten zwei Z�ge am l�ngsten Bahnsteig des Landes.</p></section><section><title><p><strong>Import/Export�90</strong></p></title><p>Zuh�lter? Ja. Ja.</p><empty-line/><p>Ich meine, ich geh�re zu �ner aussterbenden Gattung. Zu �ner bedrohten Art. Im Prinzip bin ich nicht mehr aktiv, seit paar Jahren schon. M�sste also in der Vergangenheitsform sprechen. Aber wenn ich mich so an die Jahre dran zur�ckerinnere, dann ist das gleich wieder voll da. Klar, mit dem Ruhestand, das h�tte ich mir alles anders vorgestellt. Und die Claudi hat, ich glaub, das muss so um zweitausendf�nf gewesen sein, immer wieder gesagt:�Randy, lass die Finger von die Aktien.�</p><p>Ja, aber Randy wie immer seinen eigenen Kopp gehabt, wenn�s ums Gesch�ft ging. Zwotausendacht warn die Papiere abgelutscht. Alles weg. Ich meine, wenn ich�s wenigstens verprasst h�tte. Jetzt sitz ich hier in Bottrop in mein H�uschen und hab Probleme mit den Raten. Blo� gut, dass die Claudi bisschen was abgezweigt hat. Da h�tt sie aber was erleben k�nnen, wenn das mit den Aktien alles geklappt h�tte. Aber sicher. Aber zwo-acht und auch die Jahre davor, war ich schon nicht mehr der alte Bulldozer, Randy r�umt auf! ja, da war Respekt angesagt damals. Ich meine, fr�her, aufr�umen, einen wegwemmsen, das war auch eher die Ausnahme. Da hat die Claudi aber aufs Wort�� Das ist aber nat�rlich das, was Coppenrath�&amp; Wiese��, �brigens ist das ja meine Kreation, also dieser Begriff��, das kursiert jetzt, und �n Haufen Leute, vor allem so Ostpocken, behaupten, dass sie da das Monopol drauf haben, aber nee! das haben die mir geklaut, als ich einundneunzig dr�ben war. Also wer hat�s erfunden? Der alte Randy, richtig.</p><p>Jedenfalls, was ich sagen will, die Claudi damals noch �n bisschen was auf Tasche gerettet und daf�r in �ne Bahnhofsboutique von der Freundin mit eingestiegen, das l�uft so halbwegs, na ja, und davon leben wir jetzt. Da, wo wir fr�her mit �nem Arsch voll Weiber rumgezogen sind, also Dortmund, Essen, der Pott halt, da sind jetzt die Kanacken oder die Russen am Dr�cker oder die Engel, oder da stehn Riesenpuffs von jungen Investmenttypen, Aktie Rot l�uft irgendwie immer. Aber so Klassiker wie uns, wie die alte Garde, Fehlanzeige.</p><p>Man darf auch nicht untersch�tzen, wie viele Weiber heute auf eigene Rechnung ackern, also in gro�en L�den, FKK-Clubs, Nobelpuffs, Laufh�usern, wo dich keiner so einfach angraben kann.</p><p>Ich hab meine M�dels fr�her immer aufgeteilt, zwei in �n Puff, zwei auf die Stra�e. Also wenn ich vier H�hner auf der Stange hatte. Ich hatte nie �n Gro�harem, da h�tt ich ja gleich �n Puff aufmachen k�nnen, aber nee, viel zu viel Arbeit, das ist n�mlich �n Schweinejob. �n paar von den alten Kumpels sind in �n Laden mit eingestiegen oder haben einen aufgemacht, manche sogar �ne richtige Bar oder �n Restaurant. Mit Bar oder Restaurant hatte ich auch �ne Zeitlang �berlegt, aber siehe oben. Ich meine, ich hatte ja wirklich viel verdient, die M�dels haben geackert wie bl�d in den Neunzigern, die Claudi immer vorneweg. Da hatten wir �n klasse Apartment in Dortmund, wo wir alle gewohnt haben, dann hatte ich noch �ne Wohnung in Essen, da hatte ich die Melanie untergebracht, weil die mit den anderen nicht konnte, und sp�ter die Grit, und dann immer hin und her, ist jetzt nicht so, dass ich da gar keine Arbeit hatte. Im Gegenteil. Halt du mal �ne Handvoll M�dels bei Laune. Gekommen sind die meisten immer von alleine. So ging das auch los, damals in den goldenen Achtzigern.</p><p>Ich war ja kein H�ne oder kein Karate-Champ wie der U., den ich gut kannte. Der hat ja wie so viele an der T�r angefangen im Pott. Also in den damals ber�hmten Diskos. Klar, Sport war immer ein Thema, weil gut aussehen musst du ja schon, also k�rperlich.</p><p>�n Gesichtsquasimodo zieht nat�rlich die Bienen nicht an. Und �n K�rperklaus auch nicht, wenn ihr wisst, was ich meine. Obwohl, da gab�s den F. aus Schwerte, dem sein Gesicht war �n einziges Ungl�ck, wie in den Rasenm�her gekommen, aber eben gef�hrlich. Der war aber �n H�ne. Ich eher so Marke Drahtesel. Also ohne Esel. War fr�her �n Leichtathletik-Ass, aber immer schon gut und geschmeidig unterwegs, was die Keilerei betrifft. Hab mit dem U., also dem Karate-Champ, auch hin und wieder trainiert, aber Verein, nee, das war nicht meins. Jetzt meckert die Claudi immer rum oder macht sich lustig, wenn ich die ollen Geschichten auspacke. Gesichtsquasimodo und K�rperklaus. Hab ja auch ordentlich zugelegt. Aber damals�� Na ja, ich konnt sie echt kaum von der Backe kriegen, das muss achtundachtzig gewesen sein. Wollt ich ja auch gar nicht.</p><p>Ich hab mich seit der Schule, also seit der zehnten Klasse, hab ja �n ganz guten Abschluss gemacht, ja, ja, Realschule, eigentlich immer in den Diskos rumgetrieben. Sah da schon aus wie zwanzig oder so. Einer meiner besten Freunde hatte �ne Bar, der war etliches �lter als ich und kam aus derselben Siedlung in Bottrop, alte Arbeitersiedlung, wo ich gro� geworden bin. Da hing immer die ganze Ludengarde rum. Und dem hab ich oft geholfen, also neben der Lehre, hab Raumausstatter gelernt, wei� gar nicht, ob�s das heute noch gibt, hab da mal im Lager und f�r die Jungs, also die Ludengarde, die da immer rumhing, dies oder das besorgt und geholt, und sp�ter, als ich die Fleppe hatte, bin ich auch f�r ihn und die �n bisschen rumgefahren, hab die M�dels abgeholt, wenn die Jungs mal wieder einen im Tee hatten. Mein Chef, bei dem ich die Lehre gemacht habe, hat da immer bisschen komisch geguckt, wenn ich �n Auftrag angeschleppt hab, f�r �n Laden oder �ne Wohnung.</p><p>Ich hab die, muss ich ehrlich sagen, immer bewundert, von Anfang an bewundert. Die fuhren die geilsten Schlitten, klar, da hat man sich gesagt, so �n Schlitten will man auch mal fahren. Und die hatten immer Zeit, also diese Jungs. Konnten jeden Abend in die besten Bars und Diskos gehen, die�s zu der Zeit gab im Pott. Die hatten die teuersten Lederjacken, Lederm�ntel, Hugo Boss war da noch das Billigste, sag ich mal. Schei�teure Uhren, Klunkers, Ketten undsoweiter. Und nicht nur die geilsten Schlitten, die geilsten Schnitten. Na klar hat der kleine Randy da geguckt. Nur 1-a-Miezen. Ja, ich muss das so sagen, das war wie aus Tausendundeiner Nacht. Und die haben �n Schei� auf gar nichts gegeben. Die lebten in ihrer eigenen Welt. Und wenn mein Kumpel, also der die Bar da hatte, die Jalousien runterzog, ging�s da richtig ab. Wei�es Gold und sowas, wenn ihr versteht. Und dann am Morgen, also irgendwann drei, vier, weiter in die Diskos. Und ihre M�dels klebten richtig an denen dran. Na klar, da hat der kleine Randy auch schon mal mitgekriegt, dass es mal einen Satz hei�e Ohren gab, also mit den Kollegen beziehungsweise der Konkurrenz, aber auch mal bei den M�dels. Aber nie richtig doll. Da muss ich gleich dazusagen, dass ich sp�ter eher Marke Poussierstengel war, ist �n altmodischer Begriff, �ne ganz feine Pflanze, das war dann aber sowas von selten, dass mir mal die Hand��, also bei meinen M�dels. Und die Erste kam von ganz alleine. Da war ich grad mal zwanzig geworden. Da hab ich noch ganz sch�n rumgest�mpert, und das hat noch paar Jahre gedauert, bis ich wusste, wie das alles richtig l�uft, wie man so �n M�del richtig bei der Stange h�lt. Und auch wenn das die Claudi nicht so gerne h�rt, die M�dels von der Ludenbrigade, die haben mich damals ganz sch�n rangenommen, so �nen Pimpf wie mich, und ihre M�nnes haben dr�ber gelacht, weil die mich alle schon gut leiden konnten. Tut dem sch�nen Jungen mal was Gutes. Aber wenn�s dann mal zur Sache ging, weil irgendwelche Typen Streit anfingen, war ich sofort mit dabei. Da haben die mich untersch�tzt, alle. Also nicht lange. Den U., den Karate-Champ, und der war wirklich mal deutscher Meister Anfang oder Mitte der Achtziger, den kannte ich da schon ganz gut. Wobei das schon inflation�r war, mit den Karate-Namen, damals. Da gab�s Karate-Andy, Karate-Mike, Karate-Theo (alias der� sch�ne Theo�), Karate-Werner, dann den sogenannten Karate-Opi, Karate-Schw�rtner, Karate-Mannie aus Essen, Karate-Horst, Karate-Micha, Karate-Steffen, nee, das war so �ne Ostpocke etliche Jahre sp�ter, Karate-Karl, Karate-Bernd, Karate-Schwanz��, obwohl den kaum einer au�erhalb von Bottrop kannte. Da waren schon etliche harte Jungs drunter, aber da gab�s auch den ein oder anderen, der war eher Karate-Film-Fan. Bruce Lee und so. Obwohl, das war ja nun Kung Fu.</p><p>Also mit dem Karate-Boom hatte ich da nicht so viel am Hut, aber, und das war das, ich kannte paar von den Typen ganz gut. Und wenn�s zur Sache ging, war ich auch ohne Karate gut dabei. Die Siedlung in Bottrop, wo ich aufgewachsen bin, das war schon echt Ruhrpott. Hartes Pflaster. Mein H�uschen habe ich mir schon woanders zugelegt, also wir, Bottrop-West, mit sch�nem Landschaftsblick. Klar, das gibt�s hier.</p><p>Und mein erstes M�del, da muss ich so zweiundzwanzig gewesen sein, da bin ich zu gekommen wie Mutter Maria zum Begr�nder des Christentums. Na ja, nicht ganz. Aber ich glaube, die Jungs wollten mich bisschen austesten. Die Disko gibt�s heute schon l�ngst nicht mehr. Ich sagte ja, alles aussterbend. Die hat sich mir, wie man so sagt, an den Hals geschmissen. Und da gab�s �n anderen Assi, meine, �berhaupt �n Assi, weil der Gro�teil, eigentlich alles, von dem, was ich verdient hab in meinem Job, also kurz nach der Lehre, ging f�r Klamotten drauf. �ne Corvette und so konnte ich mir da noch nicht leisten, war immer als Sozius unterwegs mit den Jungs, da war ich auch immer stundenlang beim besten Friseur, ich hatte ja Naturlocken, und das dauerte seine Zeit.</p><p>Jedenfalls macht der Assi Stress, weil da die Kleine bei mir am Tresen und dann auf der Tanzfl�che. Und als der uns und mir bl�d kam, musst ich ran. Ran und rein in den Mann. Das ging aber ganz schnell, weil der hatte mich Leichtathletiker einfach untersch�tzt. Und da hatte ich dann meinen Ruf weg. Das Bl�de war, dass ich da noch heimlich, mehr oder weniger, bei meiner Mutter ein Zimmer hatte. Aber der G., was einer von den Jungs war, hat mir sofort eine seiner Wohnungen weitervermietet. Und dann fing das an zu laufen. Klar, erstmal richtig gut, dann wieder holprig, wie das eben so ist. Und das war schon �ne klasse Frau, die Grit aus Bochum, da kann man gar nichts sagen. �ne junge Frau. Die ist dann bis Mitte der Neunziger bei mir geblieben, also fast zehn Jahre. Die hat dann einen kennengelernt, der wollte mit ihr �ne Familie gr�nden, also sie mit ihm, weil irgendwann wird der Ruf des Nestes �berm�chtig, obwohl wir beide, anfangs allein und dann mit den anderen M�dels, �n ganz prima Nest gehabt haben. Der Typ, und das hat die Grit auch so gewollt, hat dann bisschen was hingelegt, weil der nat�rlich wusste, was los ist, weil der sie ja so kennengelernt hat. Das ist nicht immer so gelaufen, wenn eine von mir wegwollte. Ich meine, da gab�s die Hardcore-Luden, das kann ich von heute aus schon so sagen, die haben da nichts anbrennen lassen und haben den M�dels jede Mark abgeknipst, daf�r hatten die �n sch�nes Leben, also wie man�s nimmt, Disko, Klamotten, Klunkers, Schampus und Highlife, aber ich hab meinen M�dels immer was gegeben, war da nicht knausrig, wenn ich die Kuppe in der Hand gehalten hab, die sch�nen alten D-Mark-Scheine, da k�nnt ich glatt sentimental werden. Die Claudi war da ganz froh, wo die Grit weg war, weil sie immer bisschen eifers�chtig auf meine Erste gewesen ist.</p><p>Na ja, und so hat sich das eingespielt. Den Job hab ich dann irgendwann geschmissen, wann genau, kann ich gar nicht mehr so genau sagen. Sechsundachtzig, Siebenundachtzig. Klar, in den Diskos hat man nat�rlich auch sondiert. Hat geschaut. Was geht, welche geht. Wo kannste dich dranh�ngen. Ich meine, damals, da war ich auch einer zum Anbei�en, immer fit, K�rper und Kopf, immer mit �nem super Wagen, weil die Corvette hab ich mir gleich gekauft, wo die Kohle durch Grit auf Tasche war. Und so weiter. Ich meine, so schwer war das nun doch nicht, wenn man damals bei den Jungs mit dabei war. Na klar kam das vor, dass man das eine M�del mal bisschen mehr beschwatzen musste. So nach dem Motto, da wei� ich ja nun nicht weiter, und wenn du da nichtmal mit dem und dem, dann bin ich halt weg. Aber vorher nat�rlich immer in der Corvette unterwegs, und da �ne Klunker an ihren Hals dran, und dann mal ein Wochenende auf Sylt, ich meine, das waren die Achtziger, da war so �n M�del, was sonst nicht viel auf Tasche hatte und sonst auch nichts, das konnte man schon erkennen; ich war immer im inneren Kreis unterwegs, also bei den Jungs, die ich aus der Bar von meinem Kumpel kannte��, da war man wer��, ja, da war ich wer, und den Ruf, dass der Randy in den Mann reinhaut, den hatte ich auch schon��, und die M�dels hatten meistens ja Freundinnen, an die man leicht rankam��, und wenn da die Karla zum Beispiel grad �nen Job hatte bei Karststadt an der Kasse und seit Monaten immer in meiner Disko rumstand mit ihren sch�nen Augen, ja, sch�nen Augen, da war ich da nat�rlich dran, wenn die Jungs mir gr�nes Licht gegeben haben. Was soll ich sagen, schon bisschen Arbeit manchmal, aber nicht so, dass ich da die Biene anklapsen musste, nee, gar nicht.</p><p>Vielleicht sp�ter, dann und wann mal. Aber wie gesagt, da war ich nie so.</p><p>Ich w�rde sagen, dass die alle gut dabei waren, damals. Erstmal die gro�e Liebe, Schampus, Sex, Schampus�� und immer wieder. Immer wieder. Dann haben wir da auch Sachen inszeniert. Oh je, da kommt dir einer bl�d, Baby, na fix ist der Randy da. Und hilft dir. Aber wie gesagt, da stehst du so rum bei den Kings am Tresen, da sind die fast��, ja, und das k�nnt ihr glauben oder nicht, von ganz alleine gekommen.</p><p>Du, Baby, wei�t du, was wir da an Kohle scheffeln, vergiss alles andere. Und dann aus den Siedlungen im Pott voll rein ins Highlife. Party, Schampus, Koka, Geld. Und der sch�ne Randy, der dich liebt. Na, aber hallo!</p><p>Das ging dann so weiter und weiter. Und Kohle hatten wir ohne Ende. Ich und die M�dels, die M�dels und ich. Die Claudi, was meine wirkliche gro�e Liebe war, hat da schon mitgeholfen. Die geht mal lieber auf die Stra�e, klar, da kannte man alle Brigaden inzwischen, die geht mal lieber in Bochum ins Laufhaus��, und die Claudi selber stand in Essen auf der Stra�e, also nicht auf irgendeiner Stra�e, wie die K�nigin. Alle haben sie gekannt, alle haben die respektiert. Weil sie �ne klasse Frau war, klar, auch noch ist, und der Randy steht dahinter. Und dann kam das, was sie dr�ben die Wende nannten��</p><p>Wir haben das anfangs gar nicht richtig mitgekriegt. Wir waren ja st�ndig am Feiern, die M�dels am Geldranschaffen, da waren die N�chte oft erst am Vormittag zu Ende, Disko, Disko, und der Schampus floss, die M�dels hab ich gut gemanagt damals, die Claudi hat den Laden auf jeden Fall mit zusammengehalten, die wusste immer, wenn einer mal der Schuh dr�ckte oder wenn eine mal Urlaub brauchte, wir waren schon wie �ne gro�e Familie, eher wie so �ne gro�e Ehegemeinschaft, damals hatte ich auch die Rosie, die kam aus Bayern, vom Lande, und der konntest du alles erz�hlen, die stand schon nach paar Tagen f�r mich in Dortmund auf der Meile. Ein guter Lude, und das sage ich mit �nem gewissen Berufsstolz, obwohl ich ja schon l�ngst im Ruhestand bin, muss schon �ne Menge von Psychologie verstehen. Aber die M�dels hatten ein gutes Leben beim alten Randy, das muss ich mal so sagen. Alles im �berfluss, wer sagt da schon Nein? Na ja, und die Wende jedenfalls. Das mit der Mauer war ja alles weit weg. Aber Anfang neunzig, da fing man schon an, sich da Gedanken zu machen. Also was das Gesch�ft betrifft. Oder <emphasis>die</emphasis> Gesch�fte. Da war ja pl�tzlich �n Riesenmarkt offen auf einmal. Da setzte die V�lkerwanderung ein, also beidseitig. Pl�tzlich hatten wir die Ostpocken hier, da schlichen die bei uns ums Eck und wollten auch mal mit �ner richtigen Hure, weil sowas gab�s ja bei denen nicht in all den Jahren. Aber das war nicht so, dass das uns pl�tzlich die Taschen vollgemacht hat. Na klar, ein bisschen schon. Da warn wir auch clever und haben da die Sondertarife f�rs Begr��ungsgeld eingef�hrt. Da ist so manche Ostpocke auf der Bahnhofsmission gelandet, weil er nach ein, zwei Nummern vollkommen pleite war und nichtmal mehr �ne R�ckfahrkarte hatte. Oder die haben ihre Alte zu Karstadt geschickt und standen dann mit offenem Mund und offener Geldb�rse im Bahnhofsviertel oder auf der Meile.</p><p>Aber da war mir schon klar, dass das viel besser in die andere Richtung laufen kann. Mit der V�lkerwanderung, mit der V�lkerverst�ndigung. Und was da Anfang neunzig alles an Waren nach dr�ben in den Osten geflossen ist. Was wir denen alles f�r Nippes und Fresskram r�bergeschleppt haben. Also jetzt nicht wir direkt, die gute alte Luden GmbH, nee, ich meine so Gl�cksritter und Gesch�ftemacher und alle m�glichen Arten von Abziehern. Ein Bekannter von mir kaufte regelm��ig tonnenweise Joghurt auf, wo das Verfallsdatum fast rum war. Haben die eh nicht drauf geguckt in ihrem Wahn. Na klar, dachten die Kumpels und ich da gleich, dass wir da doch unsere M�dels r�berkarren m�ssten, die waren ja wenigstens frisch, und das meine ich jetzt nicht irgendwie respektlos. Der Kuchen-Klaus, ein Freund von mir, ein alteingesessener Zuh�lter aus Bielefeld, hat sich �nen kleinen Imbisswagen besorgt, Bouletten, Hotdogs, Pommes, der kannte sich ein bisschen mit sowas aus, weil er mal in �ner B�ckerei gearbeitet hat in den Siebzigern, der suchte noch �n zweiten Mann, und da bin ich das erste Mal r�ber in den Osten gekommen. Die Claudi und die Rosie hab ich mitgenommen, der Rest der Kompanie blieb im Pott, was im Nachhinein ein Fehler war, weil ohne die Claudi ging�s da drunter und dr�ber bei den M�dels, eine war weg, als ich wiederkam. Der Klaus hatte zwei von seinen M�dels mit. Da sind wir dann durch die s�chsische Provinz getingelt. Zwickau, Karl-Marx-Stadt, Mutzschen. Die Leute haben uns den Fresskram aus den H�nden gerissen, Pommes rotwei� war der Hit in der Zone, und dass wir M�dels dabeihaben f�rs Spezialmen�, hat sich schnell rumgesprochen. Das war noch vor der W�hrungsunion im Juni. Da hatten wir b�ndelweise Ostgeld, das wir dann eins zu zwei zur�ckgetauscht haben, der Klaus kannte da einen von der Sparkasse Bielefeld, also zumindest hatten wir das vor, die Kohle zur Sparkasse b. Da waren manchmal pl�tzlich paar tausend weg, Aber richtig ging der ganze Wahnsinn dann erst im Sommer los. Das mit dem Imbiss war uns dann doch zu anstrengend, die M�dels haben auch nur nach Frittenfett gerochen, weil mit der Braterei und der Fritteuse, das haben die dann doch besser hingekriegt als der Klaus und ich. Also haben wir den Imbiss verkauft, an wen und f�r wie viel kann ich heute gar nicht mehr sagen, das war in irgend �ner Kneipe in �nem Nest namens Altenburg, aber es gab ja auch an jeder Ecke da im Osten �ne Imbissbude pl�tzlich, keine schnelle Mark mehr aufm Frittenmarkt, war ja auch nur so �ne Idee gewesen, um unsere eigentlichen Gesch�fte bisschen zu tarnen.</p><p>Also ich und der Klaus wieder zur�ck in Pott beziehungsweise der Klaus nach Bielefeld. Und wenn ich so an meine erste Ost-Tour zur�ckdenke, muss ich sagen, dass mir da die Zonen-Gabys, also die Ostp�ckchen, richtig gut gefallen haben, eigentlich viel besser als unsere Ruhrpott-Uschis, weil die einfach nat�rlich waren, auch in der Art, wie die gequatscht haben, wie die ihren K�rper immer selbstbewusst so straff und zugleich l�ssig�� Und immer die Ruhe weg. Nix etepetete. Jetzt, wo seit Jahren immer diese ganzen Jubil�en sind, dieses ganze Abgefeier mit Abgeseier wegen der Wende und der Neuerschaffung Deutschlands, da denk ich oft dran, was das eigentlich f�r �ne Welt da dr�ben war, damals. Ich meine, jetzt verf�llt der Pott hier endg�ltig, mehr Stein als Sein, und im Osten gl�nzen die Investpal�ste, aber damals waren wir die Einzigen, die da gegl�nzt haben. Die H�user waren da teilweise so runter, dass ich gesagt hab, wenn wir da irgendwo �n Zimmer hatten, wo die M�dels die Kunden abmelken konnten:�Macht nicht so dolle, sonst sitzt ihr im Keller mit dem Bett. �Ja, so war das. Ich meine, die richtig gro�en Gesch�fte waren ja damals mit der Treuhand zu machen, wir waren da eher so Marke Handbetrieb. Ein Kumpel vom Klaus, also dem Kuchen-Klaus aus Bielefeld, ist dann sp�ter gro� eingestiegen in der gro�en Stadt unten im Osten. Zweihundert Kilometer vor Dresden, da haben die sich in den Arsch gebissen, dass die nicht Landeshauptstadt geworden sind, obwohl die ja m�chtig am Expandieren waren, die gro�e Stadt ist ja f�rmlich verschmolzen mit der Nachbarstadt, da hie� es immer:�Die Million ist das Ziel�, hat sich irgend so ein Arsch dann auch als Slogan sichern lassen, habe ich jedenfalls geh�rt. Ist ja auch �n gutes Ziel, war auch mal meins, obwohl die das ja bev�lkerungstechnisch meinten. Die V�lkerwanderung hat den Osten ja dann an vielen Ecken und Enden ausgeblutet,�Gemeinsam einsam�, aber dort, in der gro�en Stadt, lief�s komischerweise. Jedenfalls ab Mitte der Neunziger. Und da hat dann der Kumpel vom Klaus, der aber auch die Mittel hatte, der geh�rte zu so �nem Rotlichtkonsortium, sag ich jetzt mal, �nen gro�en Laden aufgemacht, �ne richtige Burg. Marke Eroscenter.</p><p>Aber neunzig, ja, da war das alles noch ein w�stes Land. Das gro�e Chaos nach dem gro�en Knall. Da haben wir in Bottrop in der Bar von meinem alten Schulfreund gesessen, also die Vereinigung der freiberuflichen Zuh�lter, die Landkarten aufm Tresen. Und da waren wir nicht die Einzigen. Da dachten die in Hamburg und M�nchen genauso. Dass man da r�bermuss, dass man da die M�dels hinkarren muss, nicht nur den Fu� in die T�r, am besten gleich die ganze T�r. Aufbau Ost. Klang alles gut, klang alles einfach. Und der alte Randy war ja schon mal dr�ben gewesen, Anfang neunzig. Aber mit der zweiten Welle sollte das alles bisschen �berlegter starten. Kein Frittenbudenkapitalismus mehr. Ich denke heute noch, dass wir da heute noch die neuen/alten L�nder verwalten w�rden, wenn wir uns richtig zusammengetan h�tten. Kein Klein-Klein. Aber selbst so �ne Type wie Karate-Schwanz aus Bottrop hatte auf einmal gro�e eigene Ideen. Aber dem haben sie dann in Zwickau ziemlich schnell die Eier ramponiert. Es gibt sogar Leute, die sagen, dass er mit seiner einen Uschi, denn mehr hatte er nicht, in Hof h�ngengeblieben ist, auf �ner LKW-Rastst�tte, weil er dachte, da kann er das gro�e Geld machen. Transit, Transit, Import/Export. Nie wieder was von ihm geh�rt.</p><p>Jedenfalls war das �ne richtige Goldgr�berstimmung damals. Ich war mir mit dem U., also dem Karate-U., und dem Klaus schnell einig, dass wir da mal r�ber in die gro�e Stadt machen. Wo die sich immer noch in den Arsch gebissen haben, dass sie nicht Landeshauptstadt geworden sind. Da kann mir ja einer erz�hlen, was er will, aber die Sachsen, die ticken einfach nicht richtig. Muss mit der Geschichte zusammenh�ngen. Meinte der Kuchen-Klaus jedenfalls immer. Was die Geschichte betrifft. Und ich glaube, aber das sagte ich ja schon, wenn wir damals gemeinsam und mit allen Truppen zusammen einen auf Napoleon gemacht h�tten, die V�lkerschlacht w�re sicher zu gewinnen gewesen. Aber o.k., der alte Randy war ja eher einer von der smarten Sorte. Und so sind wir da zu dritt hin. Der Klaus, der U. und ich.</p><p>Das muss so im Herbst neunzig gewesen sein. Vor kurzem wollte mir die Claudi einreden, dass das schon beziehungsweise <emphasis>erst</emphasis> einundneunzig gewesen war. Meistens hat sie ja recht mit sowas, mit Zahlen kennt sie sich aus, sie hat ja auch jahrelang unsere Steuer gemacht, also das, was �ber der Hand und nicht unter der Hand reinfloss. Den Karate-U. haben sie n�mlich paar Jahre sp�ter ordentlich verknackt wegen Steuerhinterziehung, F�rderung der Prostitution konnten sie ihm dann doch nicht richtig nachweisen. Als w�r er �n Al Capone, den haben sie auch nur wegen der Steuerschei�e drangekriegt. Richtig angefangen mit der Buchf�hrung, also dem Umschreiben von einigen Geldern, habe ich erst Mitte der Neunziger, also was dann die Claudi f�r mich gemacht hat. Die hatte n�mlich �nen Stammkunden, der war Steuerberater, und das war jedes Mal �ne Art Schulung nach der Nummer oder den Nummern. Sogar ein richtig hohes Tier, war mal bei der Finanzbeh�rde gewesen. Der hatte �ne kleine Dienstwohnung, da hat die Claudi mit dem so manches Wochenende verbracht. Was da an Kohlen reinkam, man kann schon sagen, dass der ihr h�rig war. Und sie wiederum mir. Auch wenn die Claudi mir heute ordentlich den Kopf w�scht, wenn sie das h�rt. War ja auch alles kein Wolkenkuckucksheim, lief aber. Bei ihr, bei den M�dels und bei mir. Klar, vor allem bei mir. Ich geb�s zu, so richtig anzupacken, so richtig auf Maloche hatte ich nie Bock. Aber da hatte ich dann �ne Firma, Mitte der Neunziger, �ber die lief das alles. Was eben dar�ber laufen sollte. Der Rest ging in cash in die T�sch, wie immer.</p><p>Und dann die gro�e Kaffeefahrt. Der Klaus hatte sich ja schon bisschen rumgeh�rt. Zur Wiedervereinigung waren wir in Erfurt. Die Claudi hat schon recht mit dem, was sie so sagt. Denn das war damals ein einziges Gependel. Gro�e Stadt, Ruhrpott, Provinz, Ruhrpott, gro�e Stadt. Dann mal r�ber nach Dresden, wo zwei Kumpels von mir �n Laden aufgemacht haben. Lief als Bar, Gastst�ttenbetrieb, aber war �n astreiner Puff. Na, und nicht dass die da meinen M�dels die guten Mietpreise gemacht haben, nee. Die beiden waren ja selbst astreine Luden. Der Micha und der Samuel�G. aus Gelsenkirchen. Heute w�rde ich sagen, Doof und Doof. Obwohl den ihr Laden da in der Landeshauptstadt �ne Zeitlang richtig gut lief. Und ich hatte meine M�dels nur �n paarmal dort am Start. Ging ja auch alles schief dann sp�ter, bei Schalke-Sammy und Micha. Schei� Ruhrpott-Connection.</p><p>Als ich das erste Mal in die gro�e Stadt kam��, na ja, das war schon �n Schock. Aber irgendwie dachte ich auch, ja, das sieht gut aus. In meiner Erinnerung zog da abends der Nebel durch die Stra�en. Grauer Nebel, graue Fassaden. Der Zentralbahnhof wie �ne schwarze, verfallene Sandburg. Die hatten da �berall nur Kohleheizungen, und in dem Herbst, als wir da hinkamen, Fr�hjahr einundneunzig! sagt die Claudi immer, aber das ist Quatsch, da war dort alles wie von �ner Ascheschicht �berzogen. Kurz nach dem Ausbruch des Vesuv. Sagte der Kuchen-Klaus damals immer, aber der war der Erste, der dann weg war. Hat dann woanders weitergebacken.</p><p>Auf dem Weg in die gro�e Stadt hatten wir schon an paar Wohnwagen-Magistralen haltgemacht. Th�ringen zum Beispiel. Bei Weimar. Ja, die Klassiker. Die Wohnwagenschiene gab�s ja bei uns im Pott auch. War aber nicht meins. Ich meine, wir wussten Bescheid und hatten zwei prima Modelle dabei. Da musste ich mir �n Mercedes zulegen, weil das an die Corvette nicht dranging. Aber da habe ich dann gedacht, dass da die Holl�nder die ganzen Bumsmeilen �bernommen hatten. Da war Hurenzeltplatz an Hurenzeltplatz. In Th�ringen kam man da noch halbwegs rein, wir hatten ja Karate-U. dabei und auch Artillerie unterm Sitzpolster. Wenn�s da Stress gab, gab�s auf die ostdeutsche Murmel.�Nischel �sagen die da. Ich meine, ich komme ja aus der Leichtathletik, aber da ging�s um viel, da ging�s um richtig Kohle und Gesch�fte, und da hab ich mich nat�rlich nicht die Bohne lumpen lassen, da gab�s schon mal �n Satz hei�en Eintopf, wenn ihr wisst, was ich meine, aber die Claudi sagt immer, dass das auf dem Weg in die gro�e Stadt doch alles eher harmlos abging. Weil�s da in den Trailerparks der Huren und Zuh�lter relativ international zuging, und damit meine ich deutsch-deutsch. Da standen und parkten sie aus allen Provinzen und Stadtstaaten unseres neuen/alten Deutschlands.</p><p>Und die Claudi sagt, dass man da sogar mal zusammensa� am Morgen der Tage und N�chte und sich beschwatzte, �n Grill aufbaute, sich austauschte, wie machst�n du dein Gesch�ft und wie l�uft das bei dir und deinen M�dels. Aber ich sag immer, das ist ihr Idealismus Marke Ferienlager, aber auf dem Weg in die gro�e Stadt, das stimmt schon, haben schon Spesen hoch zwei gemacht.</p><p>Jetzt h�ngen die Italiener in Erfurt, Th�ringen, drin, also was man so h�rt, und wollen da �n gro�en Laden � la� Pascha �aufmachen, haben�s vielleicht auch schon, nicht dass mich das interessieren t�t, aber klar, dass die Pizzabuden-Connection da auch die Hand drauf haben wollte und will��, die waren ja schon immer in Duisburg und Bochum gewesen, aber gest�rt haben sie uns nicht gro�, da ging�s ja eher um Immobilen und Restaurants und solche Gesch�fte, das war eher das Kaliber von dem gro�en, ach so legend�ren Bielefelder Kumpel vom Kuchen-Klaus.</p><p>Und als wir da, neunzig oder einundneunzig, ist ja schon gut, Claudi! mit unseren Wohnwagen und unseren M�dels on board in die gro�e Stadt reinkutschiert sind��</p><p>Jetzt brauch ich mal �ne kurze Auszeit, �ne Fuffzehn, wie sie da in der Zone immer gesagt haben, da brech ich doch glatt den� Springer Urvater �an, den ich aus Nostalgiegr�nden im Keller hab. Eine ganze Kiste hab ich von dem Stoff. Trinkt heut kein Arsch mehr. Hab ich versucht Mitte der Neunziger, als ich mit meiner kleinen Firma nochmal und wieder in die gro�e Stadt kam, den verr�ckten Ostpocken zu verdealen. Hatte ich n�mlich �ne ganze Wagenladung von. Hat mir mein alter Schulfreund vermittelt. Sechzig Wagen ostw�rts. Nee, is�n Film, �n Western, den hab ich als Kind immer gern gesehen.�Sechzig Wagen westw�rts�. Da ging�s um �ne Riesenladung Schnaps, die mit �nem Wagentreck durchs Indianerland unterwegs war, weil die Saloons westlich von St.�Louis auf dem Trockenen sa�en.</p><p>Und dass die da alle bekloppt sind, dr�ben im Osten, war mir sofort klar, als ich geh�rt hab, damals in der gro�en Stadt hab ich das das erste Mal geh�rt, dass die Mitte der Achtziger pl�tzlich unsere Winnetou-Filme in der Zone sehen konnten. Ja, schei�e! Old Shatterhand und Winnetou. Der gro�e blonde Lex Barker und der sch�ne Pierre Brice. Zwanzig Jahre nachdem das bei uns lief, also Anfang, Mitte der Sechziger, ich kenn noch die Wiederholungen aus den Siebzigern, standen die da Schlange an den Kinos der Zone. Und waren begeistert von dem alten Schrott. Kann mir keiner sagen, dass das normal ist.</p><p>Und in der gro�en Stadt jedenfalls��, da haben wir erstmal paar sch�ne Zimmer in �nem sch�nen Hotel genommen. Direkt im Zentrum. Blick aufs Zentrum. Recht weit oben. Siebenundzwanzigste Etage, man will sich ja nicht lumpen und so weiter. Direkt am Zentralbahnhof. Und nicht weit weg war der gro�e Umschlagplatz der Wohnwagen, die Allee der sch�nen Augen, das war so �ne De-facto-Freihandelszone der Stadt. Will meinen der Stadt-Politik. Kann man sich heut gar nicht mehr vorstellen. Und der alte Randy, also ich, hat damals auch mit gro�en Augen vor diesem flachen Disneyland gestanden. Da h�tt ich mir schon �n Riesenrad drin vorstellen k�nnen. Ein Riesenrad voller Huren. Glitzernd �ber den D�chern der Stadt, glitzernd und bunt �ber den D�chern der Wohnwagen. Und da haben wir gesehen, der Klaus aus Bielefeld, der Karate-U. und ich, dass da bereits ein gro�er Markt am Kochen war. Fleischmarkt w�rde ich heute sagen. So wie die heute, also jetzt, dort Metamphetamin und sonstwas kochen, aber das ist �ne andere Geschichte, �n anderer Markt. Bin ja l�ngst raus, zum Gl�ck.</p><p>Na ja, da haben wir da erstmal schnell angedockt. Mit unseren sch�nen Wohnmobilen, mit unseren sch�nen M�dels. Haben da auch gleich paar Bekannte und Kumpels getroffen. Aber da war die Stimmung schon versch�rft. Lude�12 zu Lude�23:�Fahrt mal lieber nach Hause.�</p><p>Karate-U. hatte nach drei Tagen Migr�ne. Dem musste dann erst sein eigenes M�del und dann meine Claudi den Nacken frei massieren. Das hatte meine Claudi n�mlich besser drauf als dem seine eigenen M�dels. Da hab ich auch gleich gesagt, du, hab ich gesagt, das kostet aber Verdienstausfall. Da haben wir erstmal paar Pullen Schampus gelehrt und uns alle vertragen. Die Artillerie war da schon immer am Mann. Die meisten hatten �n paar Spritzen dabei. Aber da hat man sich schon zusammengenommen, um nicht die zahlende Klientel zu vertreiben. Trotzdem hat�s dort �fters geknallt. Bumm bumm. Ja, genauso wie�s klingt. Paar Schie�ereien. An das Loch im Wohnwagen werde ich mich wohl immer erinnern. Man war da und wollte eben nicht so schnell wieder weg. Ich wei� noch, wie die Leute, also die Kunden, die da hinkamen, wie die durch die Gassen der Wagenburg flanierten. Mit gro�en Augen. Und die Frauen im Spalier. Und wie die Wohnwagen wackelten und das Geld floss.</p><p>Und was soll ich sagen, den Osten hatten wir untersch�tzt. Da gab�s diesen Typen, der hat die T�ren der Ost-Diskos gemacht vor der Wende, der hatte seine Brigade, alte Knochenbrecher aus der Zeit vor neunzig, die hattest du gleich an der Backe, wenn du in der Allee der sch�nen Augen dauerhaft parken wolltest. O.k., da hat man sich arrangiert. Ein Schein hier, ein Schein da.</p><p>Und da haben wir schon auf Augenh�he verhandelt. O.k. oder K.o. Dass was flie�t, ist normal. Aber kommt uns nicht frech. Da haben wir alten Ruhrpottkanacken uns schon versucht zusammenzutun.</p><p>Dieser AK, der BWL-Mann, der dann sp�ter in der gro�en Stadt seinen Weg gemacht hat, sein Ding gemacht hat, von dem man heute so viel h�rt, der hatte damals schon diese Fu�balltruppe hinter sich, hat sich aber klugerweise aus diesem Chaos rausgehalten. Hat in Spielotheken investiert und scheinbar gewusst, dass die Stadt dann all den Wahnsinn in der Allee der sch�nen Augen, den wir nicht so erwartet hatten, verbieten w�rde. Weg von den Stra�en, rein in den Stein. Wohnungen, Immobilien. Die Zukunft.</p><p>Eine Zeitlang ging�s ja gut auf der Stra�e, der Osten liebte unsere M�dels. Und wir hatten die Artillerie. Und die Erfahrung der Gesch�fte. Die Ostpocken hatten die Stra�enbrigaden. Und die Jugos, die aus ihrem zerfallenden Staat kamen, wo�s dann sp�ter und auch damals schon die Kriege gab, die waren vollkommen hemmungslos. Ja, und der alte Randy mittendrin. Eigentlich hei�e ich ja Reinhold, aber man hat mich schon immer Randy genannt.</p><p>Der Osten hat uns ausgespuckt. Und es war nicht so, dass wir nicht versucht h�tten, da in �ner Immobilie mitzumischen. Der Klaus und der U. und ich, wir hatten da schon unsere Kohlen zusammengeschmissen. Da gab�s �ne alte M�hle am Rand der gro�en Stadt, da wollten wir einen Puff reinbauen. Dependance Ost. Aber als wir mitten in den Verhandlungen waren, kamen pl�tzlich die Bullen in unser Hotel, und die wussten genau, wo unsere Artillerie ist. Schei� Kommunisten-Connection. Eine Knarre in der Minibar. Eine Knarre im Ersatzcowboystiefel.</p><p>Und zack! warn wir weg aus der Kriegszone.</p><p>�ber f�nf Ecken kannte ich da einen, der hat�s �ne Weile ausgehalten in der gro�en Stadt. Zwischen den Jugos und den Ost-Brigaden. Der hatte �n kleinen Club. Hat da einiges investiert. Und irgendwann, das muss so dreiundneunzig gewesen sein, da war ich schon l�ngst wieder dr�ben im Pott, die M�dels auf den Stra�en, wie sich das geh�rt, der Ostblock, also die Russen, Rum�nen und diese ganzen Mischbatterien, und die T�rken und Araber noch auf dem Weg zur absoluten Kontrolle, der Kuchen-Klaus sagte immer:�Wie wir doch unsere Ausl�nder lieben, wenn sie doch nur im Ausland blieben�, also was ich sagen will, da traf ich dreiundneunzig diesen Typen, bis zur Halskrause voll mit gescheiterten Pl�nen war der, in Bottrop in der Bar von meinem alten Schulfreund sa� der, und der war so mit den Nerven fertig, der hatte seinen kleinen feinen Club dr�ben in der gro�en Stadt aufgegeben. War ein Fall f�r den Seelenklempner, der gute Mann. Und trotzdem hab ich �ne Weile gequatscht mit ihm am Tresen. Und ich muss zugeben, dass ich damals, bei den Sch�ssen in der Allee der sch�nen Augen, ganz sch�n zu tun hatte, um mich nicht an meine gro�en Leichtathletikzeiten zu erinnern. Randy rennt.</p><p>Und da hab ich dem Typen, der mit vollkommen ruinierten Nerven aus der gro�en Stadt geflohen ist, von Sammy und Micha erz�hlt, die ich beide ganz gut kannte aus der guten alten Zeit im Pott. Wo wir die Diskos beherrschten und den M�dels die Edelsteine auf die nackte Haut geklebt haben. Um sie dann mit Schampus wieder abzul�sen. Randy spinnt mal wieder, sagt die Claudi.</p><p>Die zwei hatten ja in der Landeshauptstadt ihren Puff, ihren Club. Ja, sagt der Typ, �n Club hatte ich ja auch im Osten.</p><p>In der gro�en Stadt?</p><p>In der gro�en Stadt.</p><p>Dem flattern die H�nde auf der Theke, wie mir damals die H�nde in der Allee der sch�nen Augen geflattert haben. Das Geheimnis ist, dass das keiner mitkriegen darf. Wenn deine H�nde mal wieder so auf mir flattern w�rden, ruft die Claudi. Jetzt ist aber gut! Ja, ich wei�, dass du die Kohle ranbringst, Baby! Schei� Rente.</p><p>Aber damals, also dreiundneunzig oder vierundneunzig, erz�hle ich dem Typen die Story mit Samuel und Micha. Wie die da in der Landeshauptstadt pl�tzlich richtig Druck bekommen haben.</p><p>Die einen machen Druck, die anderen haben �ne Schrotflinte.</p><p>Von heute aus gesehen wei� ich ja, dass die beiden dann wegen pr�ventiver Notwehr freigesprochen wurden. Da haben wir hier die Pullen aufgemacht. Obwohl die alten Zeiten unwiderruflich vorbei waren. Aber das war nochmal �n kleiner Sieg �ber den Osten. Oh nein, Randy rennt nicht! Beziehungsweise: OH JA.</p><p>Ich wollte dem Typen ja nur erkl�ren, wie gut er da weggekommen ist. Kann man wie immer so und so sehen. Aber die Nazi-Rollkommandos in der Landeshauptstadt hatten schon ihre ganz eigene Qualit�t. Weil�s da nicht um die Knochenbrecher-Brigade ging, sondern um die ideologische Knochenbrecher-Brigade. Ja, hallo! ich bin immer noch der alte Randy! Aber was sind denn das f�r Assis, denen unser uraltes Gesch�ft, unser jahrhundertealtes Gesch�ft, nicht mehr deutsch vorkommt? Die die Stra�en der Landeshauptstadt wieder sauber und volksdeutsch halten wollen. Hallo?</p><p>Und da erz�hle ich dem Typen, der mit dem Post-Ost-Belastungssyndrom scheinbar heftig belastet ist, wie der Laden von Micha und Sammy einige Male von den Neonazi-Brigaden zerlegt wurde. Aber die zwei hatten �ne Schrotflinte. Hab ich ja schon gesagt. Und als dann der Mister Obernazi, kurioserweise kein Ossi, sondern einer ausm Pott, der dort im Osten die Brigaden ideologisch geschult hat��, als der also mal wieder am Rumst�nkern war, haben die ihn weggeschossen. Bumm, bumm.</p><p>Ja, sagt der, da haben wir uns wohl alle m�chtig versch�tzt. Haben wir, sage ich, haben wir.</p><p>Damals ging das Ger�cht um, dass sie oben an der K�ste, in Rostock, einen Investor aus dem Hessischen radikal aus dem dortigen Markt gedr�ngt haben. Was auch so war. Also wahr war.</p><p><emphasis>Ins Messer gelaufen</emphasis>. Die Armeen marschierten an der Strandpromenade auf. Wie will man im Ausland gewinnen. Und ich sag immer zur Claudi, wenn�s um den ganzen alten Kram geht und wenn�s mal was zu lachen geben soll: Wie hie� der Ministerpr�sident von MV?</p><p>Was f�r �n MV? Wer wird Million�r?</p><p>Mecklenburg-Vorpommern. Applaus f�r Rudi Geil!</p><p>Und da gab�s Containerpuffs, also damals, die die Mecklenburger Brigade betrieb. Die sich auch untereinander totschoss und abstach und ins Koma pr�gelte. Kein gro�er Kuchen. Nur �n kleiner Kuchen. Rauer Wind an der See. Rauer Wind im Osten. Nix f�r Randy. Trotz Rudi Geil. Leckt mich doch!</p><p>Und so blieben wir dann doch unter uns, machten wir unsere Gesch�fte im Pott. Zuh�lter? Ja.</p><p>Ja.</p><empty-line/><p>Sechsundneunzig war ich dann nochmal in der gro�en Stadt. Hatte ja �ne Firma, wegen der Steuern.</p><p>Der alte Randy, also ich, wir hatten �ne Idee vom Sesshaft-Werden. Da hatte ich auch nur noch die Rosie und die Claudi.</p><p>Die gro�e erste Liebe war schon lange weg, aber das darf die Claudi gar nicht h�ren sowas.</p><p>Karate-Opi hab ich �brigens mal wieder getroffen, als ich meine Mutter im Altersheim in Hagen besucht hab. Da sah�s schon immer aus wie im Osten. Also in Hagen, nicht in dem Altersheim. Das war schon vom Allerfeinsten. Da hatte ich noch gut Kohle.</p><p>Ich hatte sogar zwei Angestellte. In der Ausstattungsfirma. Der Bekannte vom Kuchen-Klaus hat mir das damals vermittelt. Den Auftrag im Osten. Da wollen wir gar nicht dr�ber reden, was der Klaus da f�r Prozente f�r bekommen hat. Na ja, wieder zur�ck bei den Irren. Ging ja um Geld.</p><p>Meine Jungs sollten da drei Spiegelzimmer einrichten. In der Burg beim Bielefelder, also dem Bekannten vom Klaus, dann noch in so �nem kleinen Club, und dann gab�s da noch so �n Typen, der war auch schon damals bekannt und hatte den einen oder anderen Laden in der Stadt oder wollte den einen oder anderen Laden er�ffnen, das hab ich jetzt nicht mehr so parat. Heute jedenfalls ist er �ne gro�e Nummer, �n guter Unternehmer, was man so h�rt. H�ngt bei den Engeln mit drin. Sein Auftrag ist jedenfalls damals fl�ten gegangen. Siebenundneunzig! ruft die Claudi. Ja, ja, kann schon sein.</p><p>Wir waren da in �ner Vierundzwanzig-Stunden-Kneipe verabredet. Da hingen die alle rum. Der AK, der da gerade in der Wohnungsvermietung gro� aufstieg, der Bielefelder kam manchmal, auch �n paar Immobilien�rsche, denn wie das so ist, zog sich das �ber Tage hin. Ich wollt nur das Gesch�ft klarmachen. Ein paar Typen kamen da rein, die rannten fr�her auf der Allee der sch�nen Augen rum, Mitglieder der diversen Brigaden, waren aber bei irgendwelchen Securities inzwischen. Erkannt haben die mich nicht. Hatte die Haare auch k�rzer und �n Bart. Haben die M�dels immer geschimpft �ber meinen Bart.</p><p>Es herrschte Frieden in der gro�en Stadt. Die hatten sich an einen runden Tisch gesetzt. Gar nicht so dumm die Ostpocken. Der runde Tisch des Rotlichts. Irgendwie hatten die�s pl�tzlich verstanden mit der Demokratie. Schmiedeten einen Pakt. Verteilten die Kuchenkr�mel. Jeder mit jedem, und alle f�r sich.</p><p>Und wie die da gefeiert haben, Darts gespielt um paar hundert Mark, Fressereien aufm Tresen, Sekt und Bier, und ab vier, f�nf kamen auch die M�dels rein. So wie bei uns damals, nur �ne Nummer kleiner.</p><p>Und einmal, als ich da war, springt da der Typ, dem ich mit meiner Firma das Spiegelzimmer einrichten soll in seinem Club, aufn Tresen und singt die Internationale. <emphasis>Steht auf, Verdammte dieser Erde��</emphasis> Da haben die Ostpocken alle im Chor mitgesungen und dann weiter Darts gespielt.</p><p>Und am zweiten Abend ging�s um irgendwelche Stasi-Sachen, was soll und kann ich da mitreden��, da ging�s um �ne Akte, ich glaube um die von AK, dem gelernten Verk�ufer, der heute so �ne gro�e Nummer geworden ist, da haben die beinhart einen vertrimmt, einen von den Security-Typen, weil der wohl zum Ende der Zone �ber AK irgendwas erz�hlt hat. Aber am n�chsten Abend sa� der schon wieder mit am Tresen. Mit �nem zugeschwollenen Auge. Schien keiner mehr sauer zu sein. Ich hab �ne Runde Darts mitgespielt und zweihundert Mark verloren. Schei� drauf. Meine kleine Firma habe ich Ende der Neunziger abgegeben. Die zwei Zimmer habe ich einrichten lassen in der gro�en Stadt. Mit den M�dels lief�s noch �ne Weile. War dann aber auch Schluss. Zu viel Druck. Zu viel Konkurrenz. Harte Zeiten.</p><p>Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich den Pott. Ich bin ganz zufrieden. Quatsch mich ja nicht bl�d an. Ich bin Randy!</p></section><section><title><p><strong>Gesichter</strong></p></title><p>Er stand vor einer Mauer. Efeubewachsen, B�sche davor, kleinere B�ume. Grabplatten auf dem Mauerwerk oder eingelassen in den Stein. Verwitterte Buchstaben, Namen, Inschriften. Er konnte nirgendwo einen Durchgang erkennen auf die andere Seite. Er war schon zuvor auf weitere Mauern gesto�en, die ihm den Weg versperrten. In einer scheinbar willk�rlichen Anordnung verliefen sie �ber das Gel�nde, er fand hin und wieder ein Tor, einen Durchgang, einmal sogar eine Art kleinen Tunnel, ein auf beiden Seiten offenes, leeres Mausoleum. Ein Grabgeb�ude. Wie ein kleiner Tempel im Inneren. Er konnte die Abdr�cke der herausgebrochenen Grab- und Ziertafeln erkennen. An beiden W�nden ein langer Sims, ein schmaler Vorsprung, auf dem man wohl sitzen konnte. Er war schnell durch diese offene Gruft getreten, er h�rte den lauten Hall seiner Schritte, Laubbl�tter auf beiden T�rschwellen, dann war er auf der anderen Seite. Dasselbe Gel�nde hinter der Mauer, hinter diesem Tor. Was suchte er hier? Und wie war er hierhergekommen? Er wusste nur, dass er pl�tzlich vor dem Haupteingang des gro�en Friedhofs gestanden hatte, den Autoschl�ssel in der Hand. Der Wagen eingeparkt auf der anderen Stra�enseite dieser schmalen stillen Stra�e, direkt vor einem Caf�, Plastiktische auf dem Fu�weg, G�ste sah er nicht, auch keine Passanten.</p><p>Er lief den Hang hinauf; durch Gruppen von Tannen, Fichten, Laubb�umen f�hrte der Weg, das Gel�nde hob sich, ein H�gel vor ihm, er konnte nicht erkennen, wie weit sich der kleine Wald hinzog, je weiter er sich vom Eingangstor entfernte, umso dichter wurde er, B�sche, B�ume, Zierpflanzen, Hecken; und die Steine, die Gr�ber, gro�e, kleine, mittlere Steine, Gr�ber, die von niedrigen eisernen Z�unen umgeben waren, Grabfiguren, Statuen, Felsbrocken, in die Namen hineingemei�elt waren und die wie Findlinge aussahen, dann kleine helle Steine �ber neuen hellen Urnengr�bern, riesige Familiengr�ber, wie Inseln von B�umen ges�umt oder an den Mauern, die die Friedh�fe, die im Lauf der Jahrzehnte zu einem Zentralfriedhof zusammengewachsen waren, immer noch voneinander trennten, aber durch einige Tore und Durchg�nge miteinander verbunden waren, er drehte sich um und konnte h�gelabw�rts in der Ferne hinter und zwischen den B�umen den sehr spitzen und sehr schwarzen Turm einer Kirche erkennen, der wie ein d�nnes, kahles und astloses Gew�chs in den Himmel stach, irgendwo drau�en vorm Friedhof stehen musste. Er konnte sich nicht erinnern, diese Kirche, diesen Turm fr�her einmal gesehen zu haben. Ein schmales, hohes Fenster befand sich unterhalb der langgezogenen Spitze, ein schwarz gerahmtes Blau, ein paar zerfaserte wei�graue Wolken hinter und neben dem Turm, kurz musste er �berlegen, in welcher Zeit er sich befand. Selbst der Monat war ihm nicht ganz klar, und es dauerte ein paar Sekunden, bis er sich wiederfand in diesem Oktober des Jahres zehn. Nachmittag. Er hatte seine Uhr vor einigen Stunden abgelegt, als er schwimmen gewesen war, sie musste noch auf der Veranda liegen. Er war nicht in den Pool gegangen, sondern runter zum See gelaufen. Das Wasser war kalt und klar, weit drau�en konnte er die bunten Rechtecke und Dreiecke der Segel erkennen. Es war ein sch�ner Oktober, aber der Wind war frisch und k�hl, kam aus den H�geln am anderen Ufer, die man mit blo�en Augen von hier nur schwer erkennen konnte, geschwungene Silhouetten, die felsiger wurden, je weiter sie sich von der Stadt wegbewegten, ein bewaldetes Bergland, durchbrochen von schroffen H�ngen und K�mmen. Eine Schnellstra�e f�hrte durch das Bergland, vor einigen Jahren erst verbreitert und neu asphaltiert, manchmal fuhr er dorthin um die gro�en Seen zu den Bergen, den W�ldern.</p><p>Er suchte nach seinem Handy. Dann fiel ihm ein, dass er es im Auto gelassen hatte. Er versuchte, die Uhr an dem Kirchturm zu erkennen, blickte mit zusammengekniffenen Augen gegen das Licht der tiefstehenden Sonne zu der Kirche, an die er sich nicht erinnern konnte, man musste diesen Turm doch kilometerweit sehen, so lang und d�nn stach er zwischen den H�usern hervor. War es vier? Er konnte den Stand der Zeiger nur erahnen. Er brauchte wohl auch bald eine Brille f�r die Ferne, die Lesebrille trug er in einem Lederfutteral in der Innentasche seines Mantels. Er zog sie heraus, hielt sie ein St�ck von sich weg und blickte durch eins der Gl�ser wie durch eine Lupe auf den Turm und die Uhr und sah verschwommen, dass es tats�chlich zehn vor vier war. Ihm fiel die Stille auf. Kein Vogel zwitscherte. Die Stadt war hier nicht zu h�ren. Er war mit dem Wagen ziellos herumgefahren. Fr�her hatte er das oft getan, wenn er nachdenken musste, wenn er die Gesch�fte �berdenken musste, wenn es Probleme gab. Meistens war er dann nachts unterwegs, h�rte Radio, den Klassiksender, das entspannte ihn. Investitionen, Immobilien, was machen die Jugos? soll er die Informationen �ber die Russin weitergeben? die ihre kleinen schmutzigen Gesch�fte machte, zusammen mit ihrer Tochter, aber das war alles vor mehr als zehn Jahren gewesen. Und ein Strom aus Farben, Erinnerungen, Reisen, Frauen, Scheinen, Gesch�ften, H�usern, Aktien, Kalkulationen, Geburtstagen, Krisen, Renditen, Angriffen, Weihnachtsfeiern, Lichtern, Frauen, Kurzschl�ssen, <emphasis>Son, my son, what have you done</emphasis>, dazwischen. Dazwischen. Wie viele Jahre? Wenn er ziellos durch die Stadt f�hrt, durchs Zentrum, durch die Randbezirke, r�ber in jene andere, kleinere Stadt, in der er auch Objekte hat, Eden City�2, aber die D�rfer werden zu Vororten, die Nachbarst�dte wandern und r�cken n�her, die Verbindungsstra�en werden k�rzer und k�rzer, die S-Bahn f�hrt durch einen Tunnel unter der Stadt, er sieht die Baumaschinen und Gruben und die gro�en schmalen Arme der Kr�ne, er sieht die Deutschlandfahne flattern im Wind auf dem Dach des Clubs der Madame Gourdan, wie er sie manchmal scherzhaft nennt, er f�hrt am alten Stadion am Stadtrand vorbei, in dem er fr�her so viel Zeit verbracht hat, �ber zwanzig Jahre her, mehr noch, f�hrt am neuen Stadion vorbei, neben dem Fluss und dem Flutbecken, wo einst die Kinder ertranken, als er am Fenster stand, f�hrt �ber die Br�cken der kleinen Fl�sse und Kan�le, neunzehnhundertneunundneunzig und irgendwo und irgendwann zweitausendzehn. Er h�rt die Turmuhr l�uten. Der Schall der Schl�ge ber�hrt seinen R�cken, breitet sich aus um ihn, geht durch ihn und verliert sich zwischen Steinen und B�umen. Er steht vor der Mauer, die den Friedhof oben auf dem H�gel begrenzt, Brachland dahinter, verfallene leere Kleingartenanlagen, �dland, ein abfallender Berghang, Ger�ll und B�sche, und dann die grauen H�user der Vororte, der Vorstadt, der Randstadt, Ausfallstra�en, und rot und rosa r�ckt der Abend n�her. Er l�uft an der Mauer entlang, dort vor ihm eine breite L�cke, ein Durchgang, gro� wie ein Tor ohne Fl�gel, er st��t auf einen Bauzaun, vielleicht wollen sie den Friedhof hier vergr��ern, ein neues Gr�berfeld anlegen, er sieht in einigen hundert Metern Entfernung drei Gestalten auf dem Brachland. Sie bewegen sich inmitten eines gro�en Quadrates aus rot-wei�em Absperrband. Sie scheinen etwas in den Boden der langgezogenen Brache hinter dem Friedhofsgel�nde zu graben. Hantieren mit Kisten und Apparaturen, die er von hier nicht erkennen kann. Wieder h�lt er seine Brille wie eine Lupe vor sich. Aber bevor er seine Augen zusammenkneifen kann, h�rt er einen dumpfen Knall. Kniff die Augen zusammen und sah die drei, die orangefarbene Anz�ge trugen, hinter dem Absperrband stehen, in der Mitte des abgegrenzten Quadrats stieg eine wei�e, d�nne Rauchwolke empor. Noch ein Knall, sehr dumpf, als w�rde er tief aus der Erde dringen, eine weitere kleine und d�nne Rauchfahne, neben der bereits fast verwehten. Er erinnert sich, dass ihm mal jemand von der alten Methode, den Boden mit Hilfe von Sprengstoffen aufzulockern, erz�hlt hat. Er drehte sich um, ging zur�ck, immer an der Mauer entlang.</p><p>Er blickte auf das steinerne Gesicht. Direkt vor ihm wuchs es aus der Mauer. Leere Augen, der Mund ge�ffnet, wie klagend. Schrift dar�ber, eine Tafel, die Buchstaben und Worte so verwittert, dass er sie kaum lesen konnte. Irgendein Leutnant, jung gestorben, noch vorm ersten Krieg, wie er aus den nur teilweise lesbaren Jahreszahlen entzifferte. Irgendwann zuvor, vielleicht zwanzig, drei�ig Minuten, hatte er pl�tzlich in einer Art kleinem Hof gestanden, durch Mauern abgegrenzt, und in der Mitte des Hofs ragte eine S�ule empor, auf der ein rundes steinernes Emblem ruhte, Hammer und Sichel, hinter der S�ule eine Reihe von Grabsteinen. Er erinnerte sich, dass er hier einmal als Kind gewesen war, mit seiner Schulklasse, mit anderen Schulklassen, irgendein Gedenktag, vielleicht der achte Mai, der Tag der Befreiung, Pioniere und Blauhemden, Lehrer und Parteisekret�re, Offiziere, und langsam kehrte dieses Bild zur�ck, als er da stand und auf diese Gr�ber blickte. Russische Soldaten. Sowjetische Soldaten, so sagten sie damals. Mitte der Siebziger muss das gewesen sein. Reden wurden gehalten. Oder erinnerte sich nur an diesen Gedenkplatz, hatte ihn aber nicht betreten seit damals, <emphasis>jetzt</emphasis>, dieses seltsame steinerne Gesicht vor sich. Auch ein Soldat. Aber im Frieden gestorben. Herz, Krebs, Suff, Selbstmord. Unfall. Duell. Er drehte sich ein paarmal, blickte �ber die Wege, durch die B�ume, wo war dieser kleine Kriegerhain? War es vielleicht seine Erinnerung an dieses gro�e Schweigen zwischen den gro�en Reden, die ihn hierher, auf diesen Friedhof am Rand der Stadt gebracht hatte? Stimmen, Gesichter. <emphasis>Warum bist du hier?</emphasis> Er wollte zur�ck zur Stra�e gehen, zu seinem Wagen, in sein B�ro fahren, nach Hause fahren, runter an den See gehen, aber da hatte er am Vormittag schon gestanden. So weit stimmte das alles. Er dachte an Tokio, dieses neonbeleuchtete Metropolis am anderen Ende der Welt, Roboter und Menschen auf dieser Insel, durch die bald die Strahlung kriecht. Dort war er das erste Mal verschwunden. Im Jahre null. War zur�ck nach Hause geflogen. Hatte weitergemacht. Jahr um Jahr. Hatte alle Attacken und Angebote �berstanden. Jugos, Kanacken, Engel, Politik, Freunde, Russen, Verb�ndete�� Hatte so getan, als w�re alles vollkommen normal. In ihm. Mit ihm. War in den N�chten durch fremde Viertel gefahren. Fand sich in Wiederholungen wieder. Fand Ver�nderungen. Briefe, die er nie geschrieben hatte, Dokumente, die er nicht haben sollte, Informationen, Kontakte, die ihn verwunderten. Ging zu einem Therapeuten. Lie� sich das Gehirn durchleuchten. Lie� sich die Seele durchpusten. War vollkommen normal. Brachte die Gesch�fte voran. Verkaufte seine Aktien, bevor die den Bach runtergingen. Investierte in Immobilien. Verhandelte in Berlin und Hannover. Kaufte Kunst. Trank mit dem Grafen, diesem halben Hochstapler, der ihn immer noch beeindruckte. Und der ihm den �sterreicher vorstellte, der fr�her mal ein Anwalt gewesen war und jetzt einen exklusiven Club betrieb, der ihm ein Verm�gen eingebracht hatte, ein Vorzeigeobjekt f�r die �sterreichische B�rokratie, ein sauberes Haus, das die Beh�rden und die B�rger erfreute. Tr�umte mit ihnen von der Aktie Rot. Champagner. Nein, er hatte vorhin nicht auf diese Gr�ber geblickt, die gefallenen Helden des Gro�en Vaterl�ndischen Krieges. Aber er h�rte die Musik, die damals gespielt wurde, gesungen wurde, der Chor der Soldaten, als er in seiner Pionieruniform, rotes Halstuch, blaues K�ppi, dort gestanden hatte. Leise erst, dann immer lauter, die toten Helden, zerschossene Herzen, zerrissene Lungen, aus denen dieses letzte gro�e Lied�� Selbst diesen verr�ckten Bullen hatte er ausgesessen, als w�re er ein Vollblutpolitiker, diesen hageren Alten, der nicht weit von ihm wohnte und der l�ngst schon kein Bulle mehr war und der ihn mit der Nase, mit der ganzen Fresse in den Dreck hatte dr�cken wollen. Sollte er im Rathaus w�hlen, dieser Wahnsinnige, der doch in seinem eigenen Netz gefangen war, jede Nacht brannte bei ihm Licht, sah er ihn in seinem Wintergarten auf und ab gehen, ruhelos und stundenlang und jahrelang, und sollte er bei den Bonzen w�hlen, die jetzt ganze Stra�enz�ge besa�en. Mit denen er Gesch�fte machte, mehr nicht. Alles sauber. Verdammt nochmal sauber. Er hatte G�nsehaut bekommen, als sie die Hymne der gro�en Sowjetunion gespielt und gesungen hatten. Sein Russisch war immer noch ganz gut. Er k�nnte die Gedenktafeln und Inschriften der Gr�ber gut lesen.���gefallen im Gro�en Vaterl�ndischen Krieg�. Das Ende der Utopien.�Ruhm und Ehre der Sowjetunion�. Das Ende des Wahnsinns. Der Anfang des anderen Wahnsinns. Neunzig. Ein reeller Wahnsinn zumindest. Er starrte immer noch auf das Gesicht im Stein. Junger Mann, <emphasis>what have you done</emphasis>.</p><p>Er h�rte die V�gel. Hatte sich doch die ganze Zeit �ber gewundert, dass er keine V�gel h�rte. Hier in diesem Gr�n, diesem Wald. Wo sie sicher zu Zehntausenden lebten. Aber vielleicht war es der nahende Abend, der sie aktiv werden lie�. Ein Zwitschern und Singen aus den B�umen, das dann aber pl�tzlich verstummte. Dann begann es wieder, dann verstummte es wieder. W�hrend er immer noch auf das Gesicht des jungen Leutnants starrte. <emphasis>F�r Frieden und Sozialismus: Seid bereit!</emphasis> Er blickte auf das M�dchen, das eine Reihe vor ihm stand, wie gern er sie hatte, unten am Kanal, vor zwei Tagen sind sie zusammen in den alten Hafenspeichern gewesen, er hatte ihr von diesem Buch �ber die utopische Stadt Eden City erz�hlt, bevor er sie k�sste, er ist zw�lf Jahre alt, er m�chte so viel wissen, und er tr�umt von den H�fen f�r Schiffe und Raumschiffe, und er sp�rt und sieht den Schlag ihres Herzens, die Hand auf ihrer Brust, und sch�mt sich und will wieder mit ihr allein sein und blickt dann auf das steinerne Emblem, Hammer und Sichel, denkt an den gro�en hydraulischen Hammer, den er durchs offene Werktor sieht und h�rt, die Hitze dr�ckt bis auf den Fu�weg und die Stra�e durch dieses offene Tor, die stetigen Schl�ge des riesigen Hammers, Funken spr�hend bearbeitet er das Metall, den Stahl, was auch immer, sie jagen ihn weg, wenn er zu nah ist, er hockt auf dem Fu�weg und blickt auf die Arbeiter der Gie�erei, der gro�en Schmiede, zusammen hocken sie dort auf dem Bordstein, ihre Schultern ber�hren sich, bis sie zu dem alten verfallenen Hafen gehen, er sieht ihr Gesicht in dieser Stille, der Chor der sowjetischen Soldaten, es sind bestimmt �ber hundert, und mehr noch, er will nicht z�hlen, Thors Hammer hat er schon fast vergessen, das gefiel den Lehrern ganz und gar nicht, utopische Literatur, das ist schon was anderes, das sind Sozialismus und Utopien zwischen den Sternen, jawoll, was willst du mal werden? Kaufmann will ich werden, Gesch�ftsmann will ich werden, H�user will ich bauen, f�r mich und f�r andere, gro�e H�fen will ich bauen, und dann entfernen sie sich, <emphasis>Immer bereit!</emphasis>, laufen Hand in Hand zwischen den Gr�bern, immer tiefer in die kleinen W�lder, diese Baumgruppen, B�sche und verwilderte Zierpflanzen, sto�en auf Mauern, sitzen auf steinernen B�nken, sehen den Abend kommen und ber�hren dann, irgendwo dazwischen, die Fl�gel des Engels, den Bart des Engels, der auf einer steinernen Bank sitzt, am Fu�e einer Grabst�tte, den Kopf gesenkt, die Augen geschlossen unter der zerfurchten Stirn, klopfen an seine Haut und h�ren, TOCK tock, DONG dong, dass die Figur aus Eisen ist, wie sie denken, aus irgendeinem Metall, das gr�n geworden ist im Laufe fremder Jahrzehnte.</p><p>Er starrte immer noch auf das graue Gesicht im Stein. Vielleicht war er deswegen auf diesem Friedhof. <emphasis>Wohin gehst du?</emphasis> Auf dem er seit jenem Jahr, genau konnte er nicht sagen, welches Jahr es gewesen ist, obwohl��, wenn er zw�lf, dreizehn Jahre alt war, dann�� Er z�hlte, nahm die H�nde und Finger zu Hilfe und musste lachen dar�ber. Was spielte das auch f�r eine Rolle. Der Abend kam langsam �ber die Mauer. Leises, dumpfes Knallen. Sie rannten, sich an den H�nden haltend, sahen die drei orangen M�nner auf der anderen Seite der Mauer��</p><p>Er hatte das Buch vor einigen Monaten wiedergefunden.�Eden City�. Er hatte es gekauft, in einem der Antiquariate im Stadtzentrum. Ein sehr langer, sehr hagerer Mann mit Glatze hatte eine Weile in den hinteren R�umen gesucht, er hatte ihn murmeln und fl�stern geh�rt, vielleicht bl�tterte er in einem Register oder Verzeichnis der utopischen B�cher, der sozialistischen utopischen Literatur, und w�hrend der D�rre in seinem Kabuff kramte, ging er an den Regalen auf und ab, studierte einige Titel mit geneigtem Kopf, er las wenig Belletristik, nur hin und wieder einen Kriminalroman, er besch�ftigte sich mit Geschichte, Machiavelli, der Untergang des R�mischen Reiches, die Geschichte der Prostitution,�Das Kapital�, dessen dickleibige Lederb�nde jetzt direkt vor ihm im Regal standen, er hatte es nie ganz durchgeackert, nur gr��ere Teile gelesen, die ihn interessierten, er besa� genau dieselbe Ausgabe, braunes Kunstleder, er zog einen der B�nde aus dem Regal, den ersten,�Dietz Verlag Berlin 1951�, er bl�tterte weiter und sah, dass der ehemalige Besitzer des Werkes ganze Passagen rot unterstrichen hatte, Seite f�r Seite, mal ein, zwei S�tze, mal ganze Abschnitte, mal einzelne Worte, er bl�tterte, zog auch den zweiten Band aus dem Regal, und auch in diesem fand er die roten Unterstreichungen�� <emphasis>Das tendenzielle Sinken der Profitrate ist verbunden mit einem tendenziellen Steigen in der Rate des Mehrwerts, also im Exploitationsgrad der Arbeit�� Die Profitrate f�llt nicht, weil die Arbeit unproduktiver, sondern weil sie produktiver wird�� Der Markt muss daher best�ndig ausgedehnt werden, so dass seine Zusammenh�nge und die sie regelnden Bedingungen immer mehr die Gestalt eines von dem Produzenten unabh�ngigen Naturgesetzes annehmen, immer unkontrollierbarer werden��</emphasis> Heilige Schei�e! Er lachte, schob die B�nde zur�ck ins Regal, ja, daran erinnerte er sich, das hatte er vor einigen Jahren gelesen, w�hrend seines Studiums. Als er seine Lehre gemacht hatte, Ende der Siebziger, Anfang der Achtziger, er will jetzt nicht z�hlen, hatte er, wie die meisten, einen gro�en Bogen um den alten Meister Marx gemacht. Er starrte auf das Gesicht des D�rren, das in der L�cke des� Kapitals �auftauchte, auf der anderen Seite des doppelten Regals, der ihn vielleicht schon eine ganze Weile beobachtete, dann sah er, dass es gar nicht der Antiquar war, der auf der anderen Seite des doppelten Regals stand, irgendein Kunde, ein Gast stand dort und studierte die Titel mit geneigtem Kopf durch eine gro�e braun get�nte Brille und beachtete ihn gar nicht, schien ihn nicht einmal zu sehen. Langsam schob er die beiden B�nde des� Kapitals �zur�ck ins Regal. Sp�ter, der d�rre Antiquar hatte ihm das Buch, das er suchte, endlich gebracht, hatte es aus irgendeiner Kiste gekramt, er h�tte eine gro�e Sammlung utopischer DDR-Literatur vor einigen Tagen angekauft, erz�hlte er,�Da kommen Sie gerade richtig�, sp�ter, bei einem Kaffee im B�ro zwischen zwei Terminen, jemand interessierte sich f�r eine Wohnung in der N�he des alten Hafens, Zukunftslage, weil sie ihn in einigen Jahren wieder in Betrieb nehmen wollten, als er endlich� Eden City. Stadt des Vergessens �durchbl�tterte, die Seiten beroch, sah er, dass das Buch neunzehnhundertf�nfundachtzig erschienen war. Aber er hatte es doch als Kind gelesen. Wieder und wieder war er doch in seiner Phantasie und manchmal auch in seinen n�chtlichen Tr�umen durch die Bunkerwelten gewandert, hatte sich gegen die Hierarchien aufgelehnt, die Klonmenschen vereint und aus ihrer grauen kalten Welt gef�hrt, die Luxuswesen erobert��, er muss zw�lf oder dreizehn gewesen sein, selbst wenn er schon vierzehn oder f�nfzehn war�� Nein. Sp�ter, als der Fu�ball und der Wahnsinn der Spiele in sein Leben traten, hatte er kaum noch gelesen, und die utopische Literatur verstaubte in seinem Regal.�1.�Auflage, 1985�. Aber er hatte aufgeh�rt, sich �ber solche scheinbaren Unklarheiten zu wundern.</p><p>Er entfernte sich langsam von dem Leutnant und dem steinernen Gesicht in der Wand. Die Wege waren voller Laub. Er schob die H�nde in die Manteltaschen, es wurde k�hl. Er nahm jeden Tag zwei Ginkgo-Tabletten, die hatte ihm der Graf einmal empfohlen,�Gut f�r die Durchblutung, gut f�rs Gehirn, kannte und nahm schon der alte Goethe!�Er versuchte, den Weg zu finden, den er gekommen war. Aber immer wieder stie� er auf eine Mauer, hatte das Gef�hl, im Kreis zu laufen, er schwitzte. Gelbes und rotes Laub an den B�umen, auf dem Boden. Ihm fiel auf, dass er, seit er hier war, in dieser Zeit niemanden gesehen hatte. Wieso besuchte keiner die Toten an so einem sch�nen Tag? Doch, eine Frau war ihm begegnet, als er vorhin den H�gel hinaufgegangen war. Sie hatte etwas gesungen, er konnte es nicht genau verstehen, und sie verstummte, als sie ihn sah. Eine �ltere Frau, aber nicht uralt, sechzig, siebzig vielleicht, schwer zu sagen. Kurze Haare, oder hatte sie eine dunkle Wollm�tze getragen? Wollm�tze, ja. Vielleicht ein Trauerlied oder so etwas. Sie hatte zu Boden geblickt, als sie aneinander vorbeigingen, als w�rde sie sich sch�men f�r ihren Gesang, kurz sp�ter hatte er sie wieder singen geh�rt, sehr leise und wie aus weiter Ferne, sich aber nicht noch einmal umgedreht. Er �berflog einige der Namen auf den Grabsteinen, verlie� den gro�en Weg und verlor sich in den kleinen Ver�stelungen zwischen den Gr�bern. <emphasis>Familie Schuster, Jochen Krien, H. und F.�Gehrleben, Familie Leer, Unserer lieben Mutter, 1908�1989, die Liebe w�hret ewiglich.</emphasis></p><p>Er dachte selten �ber den Tod nach. Stimmte das? Der Vermieter der Liebe. Denn die Liebe w�hret ewiglich. Er lachte. Die �ltere Frau konnte auch ein Mann gewesen sein. Sie trug einen hellen, vielleicht grauen Mantel. Oder ein in W�rde gealterter Ladyboy, aber �ltere Semester dieser Absonderlichkeit waren sicher selten, das w�rde noch einige Jahrzehnte dauern, bis die jungen Transen alt geworden waren, ununterscheidbar von M�nnern oder Frauen, je nachdem, die Medizin machte es m�glich, er hatte selbst einige wundersch�ne Frauen gesehen, die fr�her M�nner gewesen waren und jetzt die Liebhaber dieser Transformation f�r gutes Geld empfingen. Nur eine Frage der Zeit bis sich welche bei ihm meldeten, weil sie in seinen Wohnungen arbeiten wollten. Aber vielleicht hatte er sich dann schon zur�ckgezogen aus dem Gesch�ft. In dieser Zukunft, die nicht so weit weg war. <emphasis>Alt wie ein Baum m�chte ich werden��</emphasis> Vielleicht gehe ich deshalb hier spazieren, dachte er, um zu planen, ein wenig in die kommenden Jahre zu schauen. Und so lief er weiter, raschelte mit den F��en im Laub, dachte an dies, dachte an das, f�hlte sich sehr fern von der Stadt, lief mit seiner Gro�mutter durch das kleine Dorf, trug die Gie�kanne auf dem Weg zum Gottesacker, wie sie den Dorffriedhof nannte, versuchte, sich zu erinnern, wie dieses winzige Dorf hie�, das in der N�he der kleinen Industriestadt war, deren Fabriken und Raffinerien nachts weit �bers Feld leuchteten, so dass sie sie sehen konnten, Flammen �ber den Schornsteinen, seine Gro�mutter und er, wenn sie am Dachfenster sa�en, wo der kleine Fernseher stand. Schwarzwei�. Er w�rde das gern jemandem erz�hlen. Seiner Frau? Seinem Sohn? Der ging durch den Wahnsinn anderer Spiele. So wie <emphasis>er</emphasis> fr�her. Vielleicht war das gut, vielleicht musste das so sein. Wenn er ihm einmal alles �bergeben wollte. Die Immobilien, die Firma, das Fitnessstudio. Niemand konnte ihm das wegnehmen. Niemand w�rde ihm das wegnehmen. Zu viele Jahre. Nach all den Jahren. Zu viel Kraft und Zeit. War das alles? dachte er manchmal. Und dachte es wieder.</p><p>Er stand vor einer breiten Treppe. Nur wenige Stufen bis zu einer gro�en T�r, S�ulen links und rechts. Er drehte sich um. Hinter ihm ein Wasserbecken, ein rechteckiger, in Stein gefasster See. Es war noch recht hell. Das Licht eines sp�ten Oktobernachmittages. Das Geb�ude, zu dem die Treppe f�hrte, ein seltsam geometrisches Gebilde, spiegelte sich auf dem Wasser, eine hohe Front mit einem kuppelf�rmigen Dach, wie ein gro�es Eingangsportal. Die T�ren zwischen den S�ulen geschlossen. Er sah den Abendhimmel auf dem Wasser. Wo war er? Den Turm der Kirche konnte er nirgends erkennen, er bewegte seinen Kopf in alle Richtungen. Zwei Enten auf dem Wasser. Er musste zur�ck zu seinem Wagen, zur�ck in die Stadt fahren, die irgendwo weit weg war, zur�ck zu seinem B�ro. Telefonieren. Er griff in die Innentasche seines Mantels und sp�rte die Packung mit den Ginkgo-Tabletten. Keine Enten auf dem Wasser.</p><p>�Ich h�tte nicht gedacht, dass du es sein wirst.�</p><p>Er drehte sich nicht gleich um, die pl�tzliche Stimme im R�cken, schaute �bers Wasser, �ber die Gr�ber und Mauern, �ber dieses sich immer weiter streckende und ausdehnende Areal des Friedhofs, �ber das er gewandert war. Jetzt war er also hier.�Und wer bist du?�</p><p>Er drehte sich langsam zu dem Geb�ude. Ein Mann sa� da, auf der obersten Stufe, direkt vor der immer noch geschlossenen T�r. Er trug einen blauen Arbeitskittel und eine Art Schieberm�tze, die direkt �ber seinen Augen lag, die Stirn verdeckte.�Obwohl ich es nicht wirklich glaubte�, sagte der Mann, den Kopf hatte er auf beide Arme gest�tzt, die Ellenbogen auf den Knien,�dass ihr hierher kommen w�rdet.�</p><p>�Hierher? Ihr? Ich bin allein. �AK ging ein paar Schritte, bis seine Schuhe die unterste Treppenstufe ber�hrten.</p><p>�So? Bist du das?�Der Mann auf der Treppe zog langsam die H�nde unter seinem Kinn weg, legte den Oberk�rper nach hinten und blickte AK an.�Haben sie dich ganz allein geschickt?�</p><p>�Und wer, wer hat mich geschickt?�</p><p>�Die Engel.�</p><p>AK ging in die Knie. Legte kurz beide Handfl�chen auf die Steinplatten des Bodens, die sich warm anf�hlten, blickte dem Mann von dort unten direkt ins Gesicht, bevor er wieder aufstand, erkannte nichts, sah nichts, was vielleicht auch daran lag, dass der untere Teil dieses Gesichts von einem kurzen dunkelblonden Vollbart verdeckt war.�Keine Engel�, sagte er,�ich gehe nur etwas spazieren.�</p><p>�So, so. Spazieren geht der gro�e Mann. Und kommt hierher zu mir.�</p><p>�Und wo bin ich? Und bei wem genau bin ich?�</p><p>�Du wei�t es nicht, gro�er Mann? Stehst vor meiner Pforte und sagst, dass du nicht wei�t, wo du bist?�</p><p>�Ich sagte dir bereits, dass ich nur spazieren war. Aber nun bin ich hier. Komm doch runter und erz�hl mir deine Geschichte. Ich bin ganz Ohr. �Er legte die offene Handfl�che an sein rechtes Ohr. Vielleicht war es auch das linke, weil er die rechte Hand frei neben seiner H�fte behalten wollte. Er war zu alt f�r diesen Schei�.</p><p>�Komm du doch hoch, Arnold Kraushaar, und erz�hl mir <emphasis>deine</emphasis> Geschichte. �Der Mann sa� immer noch auf der Treppe, den Oberk�rper zur�ckgelehnt, die Handfl�chen auf den Knien.</p><p>�Da du mich anscheinend kennst, kennst du bestimmt auch meine Geschichte.�</p><p>�Mehr als die Legenden, gro�er Mann. Ich habe dich lange gesehen auf deinen Wegen.�</p><p>�Was also soll das Spiel? Wer bist du. Was willst du.�</p><p>�Das Spiel, das Spiel, Meister Kraushaar. Du bist es doch, die Engel sind es doch, die spielen. Die ewig gleichen Sandkastenspiele, nicht wahr? Das ist meine Burg, und du darfst hier nicht�� undsoweiter. Wir machen uns den Markt und die Welt, wie sie uns gef�llt.�</p><p>AK ging langsam die Treppe hoch. Stufe um Stufe. Um dem anderen ins Gesicht zu sehen. Um zu erkennen, an was er sich langsam zu erinnern glaubte.�Und�, sagte der Mann mit dem Bart, erhob sich, auch sehr langsam, und sie standen sich direkt gegen�ber, getrennt nur durch eine Treppenstufe,�wer sitzt hinter den Spiegeln?�</p><p>�Ich h�tte nicht gedacht, dich noch einmal wiederzusehen. Nach all den Jahren.�</p><p>�Und ich h�tte nicht gedacht, dass du dich so einkaufst, der gro�e Arnold Kraushaar, bei den Engeln, hinter die Spiegel��, dass mein Kopf dein Eintritt sein wird. Deine Versicherung, dein Geschenk an die neuen Gesch�ftspartner.�</p><p>�Du irrst dich. Ich gehe meinen Weg. Ohne Engel. Keine Spiegel. Nennen wir es einen Zufall, dass ich hier bin.�</p><p>�Einen Zufall, soso. Wie hast du mich aufgesp�rt? Wie habt ihr mich aufgesp�rt?�Der B�rtige ging ein paar Schritte r�ckw�rts, lehnte sich mit dem R�cken an die geschlossene T�r, zwischen die beiden S�ulen.</p><p>�Niemand hat dich aufgesp�rt. Du solltest mich kennen. Auch wenn�s lange her ist. Ich habe immer gedacht, du sitzt irgendwo im Scho� des Staates. Haus, Frau, Kind und mit neuem Namen. Oder willst du mir erz�hlen, dass sie dich hier untergebracht haben?�</p><p>Der B�rtige lachte.�Nein. Auch wenn das sicher nicht das Schlechteste gewesen w�re. Wer sucht schon den Verr�ter vor den Mauern. In der Bestattungsbranche. Im gro�en Flamarium.�</p><p>�Der Verrat�, sagte AK und �berlegte eine Weile, um sich den genauen Wortlaut ins Ged�chtnis zu bringen,���liegt wie die Sch�nheit im Auge des Betrachters. �Er neigte leicht den Kopf, <emphasis>da staunst du, mein Lieber, nicht wahr?</emphasis> und sah, dass der See sich rosa f�rbte unter dem Abendhimmel. Es war wirklich, wie man so sagte, ein goldener Herbstabend im Oktober, auch wenn die Farben durcheinandergerieten.</p><p>�Die Sch�nheit��, da kennst du dich aus, mein Freund, nicht wahr? Aber wenn wir schon dabei sind��, sch�nreden m�ssen wir uns nichts. Gar nichts. Du nicht. Und ich sowieso nicht. Ich habe immer gedacht, die Dinge w�rden sich anders entwickeln, w�rden anders enden.�</p><p>�Wer wei� schon, wann etwas endg�ltig zu Ende ist. Ich konnte deinen Schritt sogar verstehen, als ich davon h�rte. Nicht mehr, nicht weniger. Vielleicht h�ttest du hierbleiben sollen, h�ttest bei mir bleiben sollen���</p><p>�Vielleicht h�tte ich das. Damals. Aber die Engel, die gro�e Fahrt, die gro�en Gesch�fte, die Macht der���, er lachte wieder und bewegte beide Arme kurz auf und ab,�gefl�gelten Horde. Das war immer mein Traum. Glaubte ich damals, dachte ich damals. Und jetzt komme ich mit der Tram zur�ck.�</p><p>�Keiner wei�, dass du hier bist.�</p><p>�Du wei�t es.�</p><p>�Ja. <emphasis>Jetzt</emphasis> wei� ich es. Und das ist auch alles. Wie��?�</p><p>���ich hier gelandet bin, willst du wissen? Das ist keine lange Geschichte. Die Bullen machten mir Angebote, aber ich wusste, dass die nicht mehr sicher waren. Obwohl ich rauswollte und raus war, habe ich immer noch dies und das geh�rt. Hab mich dann abgesetzt.�</p><p>�Du hast viel geplaudert vorher���</p><p>�Willst du was trinken? Ist ja sozusagen Feierabend f�r mich.�</p><p>�Auf einmal so handzahm? Glaubst wohl nicht mehr, dass sie sich gleich auf dich st�rzen werden, aus den B�umen, hinter den Gr�bern hervorkommen?�</p><p>�Es w�re schon vorbei, wenn du es gewollt h�ttest, wenn du deswegen hier w�rst. Warum nicht einmal an den Zufall glauben? Hast du Verwandte hier?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Siehst du. Ein <emphasis>Ja</emphasis> h�tte mich sicher zweifeln lassen.�</p><p>�Vielleicht bin ich zu clever f�r dich.�</p><p>�Schon m�glich. Tritt ein, bring Gl�ck herein. �Er zog ein gro�es Schl�sselbund aus der Tasche seines Kittels und �ffnete die T�r.</p><p>Sie durchquerten einen gro�en Raum, nur ein paar kleine Lampen an den W�nden gaben etwas Licht, Stuhlreihen, helle, schlichte, fast schon kahle Mauern, wieder �ffnete der B�rtige eine T�r, die in eine Art Kuppelhalle f�hrte, Bilder auf und in dieser gro�en blauen Kuppel, die so blau war, dass er erst glaubte, in den Himmel zu blicken, wenn da nicht die Bilder und Fresken gewesen w�ren, die er nicht genau erkennen konnte, die Stimme des B�rtigen vor ihm, Steffen, so hie� er, so war sein Name fr�her gewesen,�dieser Rundbau ist ein Abbild des Kosmos, soll das sein, ein Abbild des Kosmos, wie einen Tempel haben sie das damals gebaut, neunzehnhundertf�nfzehn, allen G�ttern, aber das wird dich nicht gro� interessieren���AK antwortete nicht. Er war sich nicht sicher, was ihn jetzt genau interessierte. Es war seltsam genug, hier zu sein. Steffen wiederzutreffen. Er wusste, dass der obligatorische Preis auf ihn ausgesetzt war. Die Lampenbauer leuchten hell in der Dunkelheit, dachte er. Und ob es nicht m�glich w�re, dass er einen Tipp bekommen hatte und deshalb hier war? Aber von wem? Er war sich sicher, dass niemand wusste, dass Steffen hier war. Als Fremdenf�hrer und Arbeiter im gro�en Flamarium, so hatte er diesen Ort der Toten, dieses Geb�ude, das ein Krematorium zu sein schien, vorhin selbst genannt. Er hatte viel von ihm gehalten, hatte immer gedacht, dass das sein zweiter oder dritter Mann sein k�nnte.</p><p>Ein Mann, der nicht so einfach wegzukriegen war. Der seine Kraft und seinen Einsatz zu kontrollieren wusste. Der damals aus einem der D�rfer um die Stadt herum gekommen war, ein junger Mann, ein Kampfsportler, Judo, Ringen, Kung Fu, der aber seinen Kopf nicht nur nutzte, um in der Schlacht Nasenbeine zu zertr�mmern. Dem es auch um die Philosophie hinter alldem ging. Der wusste, dass dieses ihr Marktsegment ein sehr empfindliches war. Der das Hagakure las, als w�re es seine Bibel. Und das Sun Tsu. Das Buch �ber die Kriegskunst. Steffen hatte ihm das einmal gezeigt. Daran erinnerte sich AK jetzt, obwohl das fast f�nfzehn Jahre her sein musste, und wunderte sich, dass er diese Vergangenheit nicht sofort erkannt hatte in dem b�rtigen Gesicht. Ein anderer Mensch. Dieser da vor ihm. <emphasis>Wahrhaft siegt, wer nicht k�mpft.</emphasis> Stand auf dem Einband der zerlesenen Kladde. Aber es war nicht so, dass Steffen diesen gut klingenden Spruch verinnerlicht hatte, denn k�mpfen konnte er. Wenn es n�tig war. Der b�rtige Mann, der damals sein Gesicht nicht hinter einem Bart versteckte. <emphasis>Verharrt man aber in der Verteidigung, so offenbart man einen Mangel an Kraft und St�rke, greift man hingegen an, so zeigt man ein �berma� an Kraft.</emphasis> AK hatte in diesem Buch gelesen, als Steffen verschwunden war. Es war nicht so, dass er einfach so wegging, er hatte sich abgemeldet, sozusagen, wollte nach Hannover, oder wollte er damals nach Kiel und ist dann sp�ter in Hannover gelandet? Die Bilder und Gespr�che, die Erinnerungen an diese vergangenen Jahre kehrten langsam zur�ck. <emphasis>Der General, welcher erfahren in der Verteidigung ist, wird sich in den tiefsten Tiefen verstecken; jener aber, der den Angriff kennt, der f�hrt aus den h�chsten H�hen des Himmels hernieder. So besitzen wir auf der einen Seite die F�higkeit, uns zu sch�tzen, und auf der anderen, einen vollst�ndigen Sieg zu erringen.</emphasis></p><p>Er wusste nie, was er davon halten sollte. Steffen wollte zu den Engeln. Lange bevor die in die Stadt kamen. Und er hatte sich ins Netz begeben, Steffen, verschwand zwischen den F�den (den <emphasis>Silberf�den</emphasis>, wer hatte das einmal gesagt?), in den Strukturen, kaufte sich ein, diente sich hoch, Kiel, Hannover-City, verlor sich, damals. So wie sein getreuer Alex jetzt. Das Kopfgeld kassieren? F�r welchen Preis? Was konnten <emphasis>sie</emphasis> ihm bieten, was er nicht schon selbst erarbeitet hatte. In all den Jahren. Er, der General, der Alte, der Mann mit den Firmen und Gesch�ften.</p><p>Und als der b�rtige Steffen, den er nicht erkannt h�tte, wenn der ihm nicht selbst auf die Spr�nge geholfen h�tte, als der einen weiteren Raum aufschloss��, nein, als der sagte:�Wir setzen uns hier auf dieses Gestell und fahren mit dem Fahrstuhl nach unten�, wurde er misstrauisch. Was, wenn es umgedreht war? Wer wartete hier auf wen? Und wohin wollte ihn der �berl�ufer, der ehemalige Engel, der jetzt auch ein ehemaliger Kronzeuge war, bringen? Wer war noch dort unten? Stimmten die Geschichten �berhaupt? War er wirklich ehemalig? Aber AK setzte sich neben ihn auf dieses l�ngliche Eisengestell in der schlichten Trauerhalle, das auf einem Podest konstruiert war, auf dem wohl der Sarg platziert wurde vor den Trauernden, er war die Wege gegangen, und er w�rde jetzt hier nicht haltmachen. <emphasis>Kein Rotstopp am G�terring</emphasis> (Wer hatte das vor Jahren gesagt?).</p><p>Es war nicht einmal eine Fahrt zu nennen, war auch kein Fall, eher ein langsames, fast ger�uschloses Sinken, Gest�nge an den W�nden des gemauerten Schachts,�Endstation�, sagte Steffen,�alle Fahrg�ste austeigen, bitte. �Ein Gang, in den das Licht eines Raumes fiel, in den der kurze Gang m�ndete, einige Meter nur entfernt. AK duckte sich ein wenig beim Gehen, obwohl er gerade aufrecht stehen konnte, sein Kopf h�tte die Decke nur ber�hrt, wenn er sich auf die Zehenspitzen gestellt h�tte. Der kleine Raum war durch mehrere zapfenf�rmige Lampen erleuchtet, die direkt aus dem Stein der Decke zu wachsen schienen und von kreisf�rmigen Gittern umgeben waren, zwei schmale eckige S�ulen, und dann sah AK auch schon die beiden �ffnungen in der gro�en rotbraunen gemauerten Wand, auf Bodenh�he.�Warum sind wir hier?�, fragte er, seine Stimme klang dumpf, ged�mpft, untererdig, Steffens Erkl�rungen hatten oben gehallt unter der gro�en Kuppel und auch in dem schlichten Saal, was war hier was? Trauerhalle, Kapelle,�Von Flammen umkreist, h�lt dort ein ebenfalls gefl�gelter Genius eine Schale empor, die, gleichsam brennpunktartig, geb�ndeltes Licht aussendet�, nein, er hatte das nicht gesehen in den Fresken der Kuppel, die Worte und S�tze seines Fremdenf�hrers hallten und doppelten sich und begegneten sich, wie kleine Echos.</p><p>�Warum wir hier sind? Um zu reden?�Ein Stahltr�ger, eine Schiene, verlief in etwa zwei Meter H�he in Richtung der �ffnungen, von st�hlernen oder eisernen Deckenstreben gehalten, eine Art fahrbares Flaschenzugsystem mit Ketten und Haken, sicher um die S�rge zu heben und zu den �ffnungen zu bringen, in die ebenfalls Schienen f�hrten, ebenerdig, seltsamerweise waren die gelb-schwarz gemustert.</p><p>�Reden. Ja. Vielleicht sollten wir das. �Drei kleine zweir�drige Karren standen direkt an der Wand, unterhalb des Flaschenzugsystems. Er setzte sich auf eine, sp�rte M�digkeit, eher eine Mattheit, <emphasis>ach, wie still ist mir am Abend</emphasis>, dachte er, ist das ein Kinderlied? der zweir�drige Karren kippte auf den Boden, er stand wieder auf.</p><p>�Kann ich dir einen Stuhl bringen?�</p><p>�Danke, es geht schon.�</p><p>�Willst du was trinken?�</p><p>�Ein guter Gastgeber bist du. Was hast du denn da?�</p><p>�Cognac. F�r einen guten Gast.�</p><p>�Ein Glas Cognac. Warum nicht.�</p><p>AK sah, wie Steffen zu einem braunen Metallspind ging, der ihn an die Spinde in seinem Fitnessstudio erinnerte. Dann sah er eine weitere T�r, an der Wand gegen�ber den dunklen �ffnungen, die unverschlossen schienen, das Flamarium oder was auch immer dahinter, die Brenner, die Roste, was auch immer. Neben der T�r stand ein kleiner Tisch, AK machte ein paar Schritte in Richtung des Tisches und sah, dass er mit eigenartigen Brosch�ren bedeckt war, kleine und gr��ere Hefte, einige waren aufgeschlagen, er sah Pflanzen, Blumen, B�ume, Kr�uter, in anderen B�chern die Bilder von V�geln, <emphasis>der Schnabel der Bekassine ist gelb und sehr lang</emphasis>. Er lehnte sich an eine der S�ulen, h�rte das �ffnen und Schlie�en der Spindt�r, welchen Genius er wohl meinte dort oben, als er erz�hlte, als w�rde er die S�tze irgendwo ablesen, Steffen reichte ihm einen Plastikbecher,�Mit einem Schwenker kann ich leider nicht dienen�,�Schon in Ordnung�,�Auf dein Wohl, Arnold�,�Vielleicht auch auf deins�, und dann tranken sie. Schien wirklich ein ganz guter Cognac zu sein, kein Billigmist. W�hrend sie tranken, den schweren Duft einatmeten, das Aroma des Brands wieder ausatmeten durch Nase und Mund, vor allem durch die Nase, dem feinen Abgang nachsp�rten, bevor Steffen dann sagte:�Hast du gewusst, dass das Feuer den K�rper nicht direkt ber�hren darf, Gesetz von 1933�, sa� Hans im Keller seines Clubs, am anderen Ende der Stadt, die dort irgendwo da drau�en noch sein musste, sa� in seinem Raum, und er starrte auf den kleinen Tresor in der Wand, in dem die Steine lagen, und er sp�rte sein schweres Gesicht, die geschwollenen Augen, die voll gewordenen, h�ngenden Wangen, sp�rte auch die Bumsenden �ber ihm, das dumpfe, scheinbar ferne Grummeln der Musik, fragte sich, ob er sich alles versaut hatte, jetzt, wo sein Toter auftauchte, glaubte aber immer noch an diese seine Chance (Razzien und �hnlicher Schei� passierten ihm nicht, ihnen nicht, war alles abgesichert, abgesprochen, und niemand wusste, dass und das��, und nur die Steuerfahndung ging ihm auf den Sack und schaute vorbei und die Hurengewerkschaft, der Hurenverband, aber mit denen konnte man gut reden, waren oft Ehemalige, und die sahen, dass bei ihm alles in Ordnung war), die Glockenschl�ge der beiden H�mmer schwingenden M�nner auf dem Dach des sehr alten und gar nicht so hohen Hochhauses im Zentrum der Stadt, eine wei�e Wolke, wie ein langsamer, sich windender Atompilz aus Dampf (�Also doch kein Atompilz!�), steigt hinterm Zentralbahnhof in diesen Himmel, die Flugzeuge blinken rot dazwischen wie die Windr�der, die aus dem Ackerboden wachsen vor der Stadt, die Zentrale der Stadtwerke, dieser Kubus aus Glas und Stein, l�sst Druck ab, die Alten, die nicht schlafen k�nnen, lehnen sich aus den Fenstern der Altersheime und denken, es ist Krieg, Taxis fahren die letzten G�ste nach Hause oder fahren leer nach Hause, weil nicht mehr so viel los ist seit einigen Jahren, der Herbststurm peitscht das Wasser des gro�en Sees, auf dessen Grund die alten Bagger ruhen��, <emphasis>der Mond ist aufgegangen</emphasis>, auch im Club der Engel gehen die letzten G�ste und versuchen die M�dels, ein bisschen runterzukommen, Sternschnuppen fallen in die Seen, wie das Wasser zischt, eine Frau (30?) st�tzt sich mit den H�nden am gro�en Glasfenster ab und schaut �ber die dunkle Stadt und sp�rt fremd und gro� den Schwanz in ihrem K�rper und lacht dennoch in sich hinein, was f�r ein Idiot, was f�r ein idiotischer Gentleman, der so viel zahlt f�r den Hotelbesuch, lacht still, weil manchmal alles so einfach scheint, die Zeit wird umgestellt, die Uhrzeiger rotieren��, <emphasis>die letzten Sternlein prangen</emphasis> �, durch die Burg, in der N�he der Autobahnausfahrt, wandern die Schatten, die Drehkreuze sind geschlossen, leere Taxis ziehen Lichtschweife in der Nacht, Kanacken tr�umen in der Hauptstadt von der Herrschaft, <emphasis>wir nehmen, was wir kriegen</emphasis>, der F�hn zieht wie der Golfstrom bis r�ber nach �sterreich, wo der ehemalige Anwalt in seinem modernen Club sitzt und die Steuer erfreut, <emphasis>wozu verstecken, wenn man vorzeigen kann</emphasis> �, und <emphasis>der wei�e Nebel wunderbar</emphasis>��, und der Graf investiert woanders und sitzt in seiner Burg in Frankfurt/Main<emphasis>, was, verdammt nochmal, ist hier los</emphasis>, guten Morgen, Deutschland, der Oktoberabend legt sich �ber den kleinen Wald am Rand der Stadt.</p><p>�Die Flammen�� Ist k�hl hier unten.�</p><p>�Wenn du noch einen willst.�</p><p>�Bist gut zu deinen G�sten. Auf einmal.�</p><p>�Kann leider nicht anfeuern grade.�</p><p>�Und willst du in der Zukunft immer hier unten sein und in der Glut stochern und die Asche sammeln? Oder oben zwischen den Steinen? Ein G�rtner und Bestatter?�Er hielt Steffen den Plastikbecher hin, den dieser wieder f�llte.</p><p>�Kein Bestatter. Das ist eine andere Branche.�</p><p>�Lass den Quatsch. Darum geht es nicht.�</p><p>�Wenn ihr mich lasst.�</p><p>�Dar�ber waren wir doch schon hinaus, dass es kein <emphasis>ihr</emphasis> gibt.�</p><p>�Waren wir, Arnold? Aber es ist egal, wo ich mich umdrehe, hier oder woanders, immer sind die Schatten da. Ich h�tte nach Frankreich gehen k�nnen. Und denkst du, dass ich dort sicher w�re?�</p><p>�Ich wei� es nicht. Du bist der Lampenbauer. Und die leuchten hell in der Dunkelheit.�</p><p>�Das hatten wir doch schon. Wahrscheinlich willst du wissen, warum���</p><p>�Warum du zur Plauderstunde gegangen bist, bei den Bullen?�</p><p>�Rauchst du?�Steffen zog ein P�ckchen Tabak aus der Kitteltasche.</p><p>�Habe schon lange aufgeh�rt.�</p><p>Steffen legte etwas Tabak auf ein Zigarettenpapier und fummelte und drehte.</p><p>�Haben dir die Bullen nicht etwas und viel versprochen? War nicht mehr f�r dich drin als das hier?�</p><p>Er schlug Steffen leicht gegen den Arm, so dass der Tabak runterfiel, vom Bl�ttchen auf den Boden fiel.�Die Vorz�ge des Tabaks, mein Freund, mein steinerner Gast�, Steffen lie� sich nicht aus der Ruhe bringen, legte neuen Tabak auf ein neues Bl�ttchen, w�hrend das alte, zerknitterte, das er weggeworfen hatte, sehr langsam zwischen ihnen auf den Boden schwebte,�kennen sie schon seit Jahrhunderten. Pfeifen, Zigarren, Zigaretten, die das Wohlbefinden steigern. Die kleinen Gifte, die uns auf dem Weg zwischen diese Pforten begleiten. �Er zeigte mit seiner fertig gedrehten Zigarette auf das Flaschenzugsystem und die unterhalb der Decke verlaufende Schiene. Und auch auf die beiden schwarz-gelb bemalten ebenerdigen Schienenstr�nge vor den beiden �ffnungen, von denen er gesprochen hatte.</p><p>�Ich lass mich nicht verbrennen�, sagte AK,�ein sch�ner gro�er Sarg.�</p><p>�Ich hatte den Glauben verloren, Arnold.�</p><p>�Den Glauben? Bist du unter die Christenmenschen gegangen? W�re mir neu.�</p><p>�Nein. Spar dir die Scherze. Den Glauben an meine Religion der Macht. Ich habe immer gedacht, wir��, also die Engel, w�ren die Speerspitze, die Ordnungsmacht. �Er rauchte, spuckte ein paar Kr�mel Tabak aus.</p><p>�Und deswegen gehst du hin, gehst zu den Bullen und erz�hlst, verr�tst <emphasis>deine</emphasis> Firma, verr�tst all die Jahre, die du investiert und geopfert hast und geerntet, wie ich annehme.�</p><p>�So einfach ist das nicht.�</p><p>�Nat�rlich nicht. War es je einfach gewesen? Hast du mal Marx gelesen��?�</p><p>�Was��?�</p><p>�Nein. Hast du nicht. Du bist beim Hagakure und beim Sun Tsu h�ngengeblieben und diesem ganzen fern�stlichen Palaver. Was hast du dir vorgestellt, als du zu den Engeln gegangen bist, das gro�e Abenteuer, die gro�e Freiheit Nummer�7? Ich meine, du warst doch hier, vier, f�nf Jahre, warst doch bei mir, wusstest doch, wie die Dinge laufen, wie der Markt rotiert.�</p><p>�Was w�rdest du machen, wenn man dich reinlegt? Wenn man deinen Platz einnehmen will? Wenn sie dir Dinge in die Schuhe schieben, mit denen du nichts, aber auch gar nichts zu tun hast. Wenn sie dich rausdr�ngen wollen, dir alles wegnehmen, weil sie irgendeinem Arschloch glauben, das schnell nach oben will���</p><p>�Oben? Du warst ein Soldat, vielleicht ein Unteroffizier, aber immer noch ein Soldat. Im Dienste von�� Wallensteins Feldlager. Alles, was du grad aufgelistet hast wie meine Sekret�rin, ist hier und mir auch passiert. Im Osten und im Westen nichts Neues.�</p><p>�Du stehst doch auch nicht schlecht mit den Bullen in deiner Stadt. Arnold Kraushaar, der Bullenversteher. �Er warf seine runtergerauchte Zigarette auf den Boden, trat sie mit der Schuhspitze aus. AK lehnte immer noch an der S�ule und blickte ihn an. Wie lange war er schon hier unten? Zwanzig Minuten, eine Stunde? Ihr Gespr�ch schien ihm endlos zu sein, irgendwann vor langer Zeit begonnen zu haben. Zwei Spieler, sich fixierend, aber worum ging es? An der hinteren Wand des Raumes erkannte er ein System aus Rohren und Zylinder, aus denen die Rohre kamen, in die sie f�hrten, Ventile, Drehkn�pfe, Messuhren und unterhalb der Decke zwei gr��ere nebeneinanderliegende Rohre, die von Wand zu Wand f�hrten, die beiden �ffnungen und <emphasis>das Dahinterliegende</emphasis> mit etwas zu versorgen schienen, Feuer, Gase, Rauch abf�hrten oder wechselweise zuf�hrten, er verstand nichts von diesen Dingen, welcher normale Mensch kennt schon die Technik und die Funktionen eines Krematoriums, eines Flamariums, der Raum lag im Halbdunkel, <emphasis>piet�tvoll</emphasis>, dachte er, war vorhin nicht mehr Licht gewesen? Er sp�rte, dass er schwitzte. Er war zu alt f�r diesen Schei�. Er war neunundvierzig geworden vor etwas mehr als einem Monat. Er blickte immer noch auf dieses Aderwerk der Rohre. Sp�rte dann pl�tzlich den Plastikbecher in seiner Hand, den er fast zerdr�ckt hatte; als er trank, sp�rte er Cognac auf seiner Hand, ein kleiner Riss im d�nnen, knackenden Kunststoff.</p><p>�Wo waren wir stehengeblieben?�Hatten sie das tats�chlich beide gleichzeitig gesagt? Nein. Wohl eher nicht.</p><p>�Ich habe geh�rt, dass sie dich weghaben wollen, Arnold. Dass die Engel nicht mehr hinter dir stehen. Dass <emphasis>er</emphasis> die F�den ziehen will. Alleine. Keine Marktteilung mehr.�</p><p>�Du erz�hlst nicht nur viel. Du h�rst auch viel, viel Schei�e, wie es scheint. In deinem Loch. Ich sollte gehen. Und du, schlie� die T�ren gut zu, begrab dich hier unten, bleib unter der Erde. Ist besser f�r dich. �Er warf seinen leeren Becher vor die �ffnungen in der Wand, kurz w�nschte er, er k�nnte sich hinhocken und hineinsehen in diese Dunkelheit, ob ein Tor irgendwo hinter den Eing�ngen war oder ob der Weg, die Schienen direkt in jene Kammer f�hrten.</p><p>�Der gro�e AK verliert die Nerven? Setzen sie dir so zu, alter Freund?�</p><p>�Freund? Das war einmal. Das ist lange her. Es ist gar nicht so sehr, dass du ein Verr�ter bist���Er hatte sich wieder beruhigt, war aber langsam Richtung T�r gegangen, aus der sie gekommen waren.</p><p>�Verr�ter? Vielleicht. Wir sind wohl beide nicht mehr die, die wir mal waren.�</p><p>AK blieb an der T�r stehen. Steffen lehnte an der S�ule, blickte ihn nicht an, blickte an die Wand gegen�ber, hielt seinen Plastikbecher direkt vor seiner Brust. AK schwieg, wartete. Er wusste, dass der andere gleich etwas sagen w�rde. Dass er seine Geschichte erz�hlen wollte. Dass er sich rechtfertigen wollte. Sp�ter, am Abend, als er wieder drau�en auf der Veranda am See sa�, ein Glas Rotwein trank und auf die Silhouette der Berge schaute, versuchte er, sich an seine Flucht durch die Katakomben zu erinnern, an sein Zur�ckkehren in den Raum mit den �ffnungen, die Back�fen �hnelten, er hatte einmal als Kind in eine B�ckerstube geschaut, bei der Oma auf dem Dorf, hatte gesehen, wie die riesigen Brotlaibe (in seinen Erinnerungen sind sie gro� wie K�rper) auf den Blechen in die halbrunden �ffnungen geschoben wurden, in denen es rot gl�hte, versuchte, sich zu erinnern, ob��, und ist er wirklich durch diese unterirdischen G�nge geirrt, vor Stunden erst, die Stimme seines ehemaligen Mitarbeiters Steffen hinter sich, der ihm aber nicht gefolgt war, und warum floh er? Oder wollte er einfach raus dort, verschwinden, nach Hause, zur�ck in den Herbstnachmittag, der schon l�ngst zum Abend geworden war. Geducktes Hasten, die Luft mal kalt, mal stickig, T�ren aus Eisen, Abzweigungen, und immer wieder ein Gewirr aus Rohren, R�hren an den W�nden, Zylinder, H�hne mit Messger�ten, graue Zinkrohre, r�tliche Kupferr�hren, die Luft mal hei�, mal k�hl, L�ftungssch�chte sah er keine, alle paar Meter das matte Leuchten einer kleinen Gl�hbirne hinter vergittertem Milchglas, dann pl�tzlich Licht von oben, wellenf�rmig bewegte es sich vor ihm auf dem Boden, ein gro�es, rechteckiges Glasfenster in der Decke, AK blickte in den Teich, das langgezogene Wasserbecken vorm Krematorium, denn weiter konnte er nicht gekommen sein, sah durch das tr�be gr�ne Wasser den Abendhimmel, der sich auch bewegte, von einigen r�tlichen Schlieren durchsetzt, sind das Fische oder V�gel, die �ber der Wasseroberfl�che kreisen, oder Flugzeuge weiter oben, Zeppeline, die der Teich, die das Wasser in einer seltsamen Brechung zu ihm bringt, wie durch mehrere Linsen��, er h�rt das Knirschen der Scheibe �ber ihm,�Komm doch rein, es wird kalt. Und es soll Regen geben.�</p><p>�Gleich, Katrin. Ich trink meinen Wein noch aus.�</p><p>�Katrin?�</p><p>�Entschuldige.�</p><p>�Trink nicht so viel!�</p><p>�Ich hatte einen langen, harten Tag.�</p><p>�Ja, ja, du hast immer lange, harte Tage. Und sag mir lieber gleich, wer Katrin ist.�</p><p>Er rennt durch den Gang, geduckt, st��t sich ein paarmal den Kopf, h�rt Lachen von irgendwoher, aber vielleicht bildet er sich das nur ein, vielleicht muss er sich an die Rohre halten, muss diesem Aderwerk an den W�nden folgen, das nicht in alle Abzweigungen des Ganges f�hrt, der sich wieder teilt, er r�ttelt an einer Eisent�r,�System III �steht dort, schwarze, abgebl�tterte Farbe, jemand klopft von innen, wer ist dort eingeschlossen? h�rt er Stimmen? aber er l�uft weiter, er muss den Weg nach drau�en finden, dann h�rt er das Rauschen hinter sich, das immer lauter wird, das Wasser st�rzt �ber ihn hinweg, er h�lt die Luft an, er f�llt, wird mitgerissen von dem Strom, er treibt mit offenen Augen, Wasserwirbel um ihn, die Lichter hinterm vergitterten Milchglas, er presst die Lippen zusammen, sieht vor sich den Raum mit den beiden halbrunden �ffnungen, er versucht, sich an den W�nden festzuhalten, k�mpft gegen die Str�mung, die ihn dort hinrei�t, er war ein guter Schwimmer gewesen, ist es immer noch��, Meter um Meter��, und da schauen sie ihn an, die Gesichter��, schauen aus den h�hlenartigen Ein- oder Ausg�ngen.</p><p>�Schonmal was von der chinesischen Meile geh�rt?�</p><p>�Was?�</p><p>Sie sitzen beide an der Wand, direkt neben den Schienen, die in die zwei �ffnungen f�hren. Zwischen ihnen steht eine Flasche Weinbrand. Er nimmt sie und schaut auf das Etikett. Seine H�nde sind feucht. Zittern ein wenig.</p><p>�Was hast du erwartet? Remy?�</p><p>�Die Bullen scheinen nicht so gut gezahlt haben. Was waren deine Silberlinge?�</p><p>�Sicherheit. F�r mich, meine Frau���</p><p>�Deine Frau.�</p><p>�Du vertr�gst nichts mehr, alter Mann. Ich habe dir doch von meiner Frau und meinem Kind erz�hlt���</p><p>�Wo���</p><p>�Auch wenn ich dir vertraue, so sehr vertraue ich niemandem. Das ist mein Preis, dass ich sie���</p><p>�Du hast sie verlassen?�</p><p>�Ja. Auch wenn sie�s nicht wollte. Ist alles schiefgelaufen.�</p><p>�Das tut mir leid. Aber du h�ttest nicht���</p><p>�Was blieb mir denn anderes �brig? Mein Posten war begehrt�� Und als ich Schw�che zeigte���</p><p>�Du hast doch gewusst, dass du dich nicht einfach so umdrehen kannst. Weggehen kannst. Oder: Es macht mir doch keinen Spa� mehr. Ich habe meine Ideale verloren���</p><p>�Ideale. Als wenn wir je wirklich Ideale gehabt h�tten. Sauberer Markt. Ja, ja. Macht. Geld. Br�der. Und ob du�s glaubst oder nicht, ich h�tte ja weitergemacht. Ehrlichkeit � Zuverl�ssigkeit � Respekt � Freiheit. Aber wenig davon ist geblieben. Meine Engel sind davongeflogen. Und trotzdem wollte ich weitermachen. Wahrscheinlich. Sehr wahrscheinlich. Nennen wir es eine Midlife-Krise.�</p><p>�Die habe ich auch. Aber ich kann selbst entscheiden, wie weit ich gehe, wann ich wo aufh�re, mit wem ich Gesch�fte mache���</p><p>�Wenn <emphasis>du</emphasis> das glaubst. Die Engel sind gierig, vergiss das nicht.�</p><p>�Und? Ich k�nnte gehen. Jederzeit. Habe meine Firma, meine Agentur. Hab mein Fitnessstudio���</p><p>�Monopoly, Monopoly. Und am Anfang standen zwei kleine Spielotheken. Badstra�e.�</p><p>�Wenn du auch an diese Legenden glaubst���Er nimmt die Flasche und trinkt. Reicht sie Steffen r�ber, will dann auf seine Uhr schauen, aber sein Arm ist immer noch leer.</p><p>�Die haben mich reingelegt�, sagt Steffen,�hast du von dem T�rken in der Hauptstadt geh�rt?�Er bewegt die Flasche vor seinem Gesicht hin und her.</p><p>�Was man so h�rt.�</p><p>�Nat�rlich hast du. �berl�ufer werden pl�tzlich gro�e F�hrer. Gesch�ft, Gesch�fte. Und keine Ehre mehr. Klingt bl�d, ich wei�. Kapitalismus, ich wei�. Die alten Regeln gelten nicht mehr. Vielleicht bin ich ein Nostalgiker. Ich wollte nie singen. Nein, das wollte ich nicht.�</p><p>AK schweigt. Er hat anderes geh�rt. Vor zwei, drei Jahren. Aber er wei�, wie das ist, mit den Geschichten. Variante A, Variante B, System III, es w�re zu einfach, es auf die Blickwinkel zu schieben.</p><p>Und die Bullen warten und machen Angebote. Wenn sie wissen, dass Person X schwach ist, in Schwierigkeiten ist. Aber er hat ganz anderes geh�rt. Dass Steffen von selbst gekommen ist. Zu den Bullen. Vor einigen Jahren schon. Aber er wollte und konnte an all diese Dinge nicht so einfach glauben. Fr�her waren Fotos Fotos. Heute ist das anders. V-Mann Steffen beim Treffen mit dem Kommissar OK. Oha, Oha! Jeder kann das zusammenbasteln, virtuell. Er selbst steht seit zw�lf, dreizehn Jahren nicht besser oder schlechter mit den Bullen als jeder normale B�rger. Kein Kommissar OK ermittelt gegen ihn. Er hat Gesch�fte zu f�hren. Seit Januar zweitausendzwei, seit dem Inkrafttreten des Prostitutionsgesetzes, geht das wesentlich einfacher. So dachte er zumindest zu Anfang, in jenem fast schon mythisch gewordenen Jahr, als sie die alten Gesetze �nderten, als die Beamten entdeckten, dass sie die Gelder unter ihre Kontrolle kriegen mussten, die Rechte der Frauen und die ach so wichtigen Fragen der Moral wurden da nur mal so mitgenommen, kollateral sozusagen, aber besser als nichts, so dachte er damals, ein Anfang, und so dachte auch Mr�B., an den er sich hin und wieder erinnert, an den er sich oft erinnert, sein gesch�tzter Kollege aus und in der Hauptstadt, dessen Wohnungsbordelle all die Jahre geduldet wurden und ohne gro�e Probleme liefen und der seinen Gewinn erwirtschaftete und bei dem die Frauen ihre Gewinne erwirtschafteten, die Ruhe und die Preise und die Arbeitsbedingungen bei ihm waren fast schon legend�r (wie bei AK, sie trafen sich Ende der Neunziger auf einer Tagung der Vermieter und Betreiber von Modelwohnungen und bordell�hnlichen Betrieben), und pl�tzlich, nach zweitausendzwei, begann sein Kollege Mr�B., an den er sich hin und wieder erinnert, an den er sich oft erinnert, in den Fokus der Beh�rden zu r�cken, wurde ins Visier genommen, wurde reglementiert, gesetzlich erfasst, das Bauamt torpedierte die Gewinnabsichten der Steuerbeh�rden, indem sie,�diese doppelk�pfigen Schlangen�, wer hat das so gesagt damals? indem sie��, das OVG Berlin schaltete sich ein, die BAUNVO sowieso, das Finanzamt schickte Agenten aus, die sowohl die Verwaltungsgerichte, die BAUNVO und alle anderen, die mitmischten in diesem Chaos, dazu bewegen sollten, die Terminwohnungen, die Wohnungsprostitution, die bordell�hnlichen Betriebe ja nicht am Geldumsatz zu behindern, die BAUNVO widersprach sich mehrfach, die Gerichte widersprachen sich mehrfach, alles wurde komplizierter als vorher, Terminwohnungen, bordell�hnliche Betriebe oder doch Wohnungsprostitution, aber dann muss die Person, sprich die Prostituierte, auch in dieser Wohnung wohnen, bordell�hnliche Betriebe sind in Wohngebieten unzul�ssig, oder doch nicht? weil das VGH Mannheim schon am 9.�8.�1996 (mein Gott, wie lange das her ist, denkt AK und streicht �ber das steinerne Gesicht am Grab des Leutnants und fragt sich, wann er dieses augenlose L�cheln schon einmal gesehen hat, war nicht dieser seltsame Mann, den sie Mondauge nannten, auch auf der Tagung gewesen?)��, sp�ter aber, am 9.�4.�2003, stellte das OVG Berlin fest:�Bordellartige Betriebe sind im allgemeinen Wohngebiet grunds�tzlich unzul�ssig, sie k�nnen insbesondere nicht gem�� ��4 Nr.�2 BAUNVO als sonstige nicht st�rende Gewerbegebiete zugelassen werden���, und dann setzten sie ihnen zu mit dem Begriff der� milieubedingten Unruhe�,�Oh Coppenrath�&amp; Wiese!�, h�tte er fr�her gerufen, rief es vielleicht auch, obwohl er wusste, dass der Lude aus Tausendundeiner Nacht beziehungsweise Dortmund oder sonst einer Ruhrpott-City neuerdings die Urheberrechte darauf, also auf dieses Bonmot, beanspruchte, und er ist nach Berlin gefahren im Jahr zweitausendzwei, oder war es schon � drei? um seinen Freund und gesch�tzten Kollegen Mr�B. zu unterst�tzen, denn der hatte ihm einmal bei einer Immobiliensache geholfen, danke der Nachfrage! Mr�A., Mr�B., wir m�ssen doch zusammenhalten, wenn es gegen die �mter geht, <emphasis>L�rm im Treppenhaus durch unzufriedene und/oder alkoholisierte Kunden, Klingeln an falschen Wohnungst�ren, Ansprache und Bel�stigung von Frauen und M�dchen, die in demselben Haus wohnten, An- und Abfahrtsverkehr sowie gewaltt�tige Begleiterscheinungen des Rotlichtmilieus</emphasis>, das Bundesverwaltungsgericht hat unter NVWZ-RR 1998, S.�540 die Frage offengelassen beziehungsweise die Antwort offengelassen, ob Bordelle als Vergn�gungsst�tten oder Gewerbebetriebe einzuordnen sind, das Problem der Unterscheidung des bordellartigen Betriebs ist hiermit nicht hinreichend ausgef�hrt, das VG Osnabr�ck wiederum widersprach in seinem Beschluss vom 7.�4.�2005 (der April scheint ein guter Monat f�r Beschl�sse zu sein) dem bisher unver�ffentlichten juristischen Dokument des OVG Rheinland-Pfalz (verdammt nochmal: L�ndersache?) MWRE 101080400, aber wurde nicht schon im Monat zw�lf des Jahres zweitausend von der 35.�Kammer des Berliner Verwaltungsgerichtes die allgemeine Einstufung der Prostitution in bordellartige Betriebe und anderswo und im Allgemeinen als unsittlich, wie es ja all die Jahre vor Einf�hrung des ProstG��, wenn es nicht den B�rgerinitiativen� Kontra Gro�bordell in D�lmen �und� Front gegen Gro�-Bordell in Heidenau�(welche Schreibvariante die richtige sei,�Gro�bordell �oder� Gro�-Bordell �konnte trotz Intervention am OVG Berlin nicht gekl�rt werden) gelungen w�re, eine Klage beim Hessischen Verwaltungsgerichtshof��, was blieb AK da anderes �brig, als Immobilien zu erwerben, schon in den Neunzigern haben sie ihn regelrecht in die Immobilienbranche gezwungen, keine Kinderg�rten in der N�he, keine Kirchen, keine �mter, keine Altersheime, damit er die Objekte ausschlie�lich gewerblich vermieten konnte, damit sich niemand st�rte, nur Huren wurden als Mieter zugelassen, aber irgendeiner st�rte sich immer an seinen Pl�nen, seiner Anwesenheit, seiner Notwendigkeit. Und er wollte doch nur seinen Gesch�ften nachgehen hier in der Stadt, ganz normal, wie in jeder anderen Branche auch. Tr�umte schon Anfang der Neunziger von H�usern, in denen nur Huren arbeiteten, seinen H�usern, hellerleuchtete Fenster beziehungsweise Lichter hinter den Gardinen und Herzen wie Diamanten. Und er hatte seine Beziehungen �ber die Jahre gepflegt, Bullen, Politik, �mter, das war leichter als in Berlin, wo sein gesch�tzter Kollege Mr�B. zweitausendvier Insolvenz anmelden musste (Jahre sp�ter h�rte er, wer angeblich dahintersteckte).</p><p>�Jeder legt jeden rein, Arnold. Gier, alle wollen sie schnell nach oben kommen. �Steffen setzt die Flasche wieder an.</p><p>�War das nicht immer schon so?�</p><p>�Nein. Nicht <emphasis>so</emphasis>. Manchmal denke ich, das hat mit dem Internet zu tun. Mit der Schnelligkeit, dem Verschwinden der�� Kennst du die chinesische Meile, Arnold?�</p><p>�Erinnerst du dich an diesen seltsamen Mann, den sie Mondauge nannten?�</p><p>�Aus Berlin?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Nein.�</p><p>�Schnell nach oben kommen�, AK blickt sich in dem Raum um, Sackkarren, ein Sarg, ein kleiner Tisch, auf dem Papiere und Zeitschriften liegen,�Das wolltest du doch auch. Wolltest weit und hoch mit den Engeln. Damals schon. Und hast alles vergessen, von wegen Versicherungen, l�sst dich abservieren und rennst zu den Bullen, anstatt zu k�mpfen.�</p><p>�So wie du?�Steffen lacht. Reicht ihm die Flasche r�ber.�Du hattest doch deine Versicherungen. AKs gro�e Schwanzversicherung. Jeder wusste das.�</p><p>�Worauf willst du hinaus?�</p><p>�Nichts. Gar nichts. Aber waren Fotos nicht damals noch Fotos?�Er holt seinen Tabak aus der Brusttasche seiner Arbeitsmontur. Dreht sich sehr langsam und mit zitternden Fingern eine Zigarette.�Willst du nicht doch eine? Aufs Wiedersehen.�</p><p>�Du hast Nerven, Steffen. Das muss ich dir lassen, schwingst hier gro�e Reden �ber meinen Schwanz und��, als w�rden wir wie fr�her bei Ivonne in der Kneipe sitzen���</p><p>�Bei Ivonne in der Kneipe. Karate-Steffen mit den eisernen Nerven. �Wieder lacht er.�Das war einmal. Hab ich dir nicht damals schon von der chinesischen Meile erz�hlt?�</p><p>�Man sagt, du h�ttest schon vor Jahren den Ausstieg gew�hlt. H�ttest dich angedient. H�ttest �ber Jahre doppelt gedient.�</p><p>�Man sagt, man sagt�� Du wei� doch selbst, wie das mit den <emphasis>man sagt</emphasis> ist. Ein Dreck ist das.�</p><p>�Nicht alle Informationen sind Dreck.�</p><p>�Informationen? Klatsch und Tratsch, Arnold, das war schon immer ein Faktor in unserer Branche.�</p><p>�Schon m�glich. Aber die Branche, die du damals gew�hlt hast, als du die Stadt verlassen hast, ist nie meine gewesen��, motorisierte Syndikate.�</p><p>�Du hast doch selbst eins hinter dir. Neuerdings. Wie man h�rt.�</p><p>�Klatsch und Tratsch, Steffen.�</p><p>�Touch�, touch�. Ich kann deine Schritte verstehen. Ma�nahmen. Versicherungen. Wie <emphasis>ich</emphasis> schon sagte, die Engel sind gierig.�</p><p>�Dann brauchen wir dar�ber nicht weiter zu reden.�</p><p>�Nein, das brauchen wir nicht. Deshalb bin ich hier. Bei den Toten.�</p><p>�Ich lebe. Du h�ttest zu mir kommen sollen, damals, zur�ck in die Stadt h�ttest du kommen sollen. So oder so. Wir h�tten einen Weg gefunden.�</p><p>�L�g dich nicht selbst an. L�g mich nicht an. Wie h�tte ich f�r dich arbeiten sollen? Die Engel waren im Anmarsch. Und f�r den Moment war das f�r dich das Allerbeste. Kanacken-Attacken, Los Locos. Die gro�e b�se �bernahme. Wir m�ssen uns doch nichts vormachen. Und die Geister, die du riefst���</p><p>�Lass Shakespeare aus dem Spiel. Und ich war nicht der Einzige, der sie gerufen hat.�</p><p>�Goethe. Und was spielt das noch f�r eine Rolle jetzt, wo sie da sind und sich ausbreiten, immer weiter ausbreiten���</p><p>�Ich bin noch l�ngst nicht am Ende, das solltest du wissen. �AK greift nach der Flasche. Sp�rt, dass er viel zu viel redet, dass er sich �ffnet, so wie er sich nicht �ffnen will. Er m�chte die Lippen aufeinanderpressen, h�rt das Rauschen hinter der Wand, an der sie lehnen. Er hat seinen Mantel aufgekn�pft, es ist warm hier unten. Hat sein Hemd aufgekn�pft.</p><p>�Wer sagt denn, dass du am Ende bist? Du selbst f�ngst ja damit an. Aber vor zwei Jahren, oder wann war das genau? da dachtest du, jetzt �berrollen sie dich, nicht wahr? Die Kanacken, die Los Locos. Und schon schickt ihr nach Hilfe, ins ferne K�nigreich���</p><p>�Wir haben nur Angebote gemacht. Haben die Dinge nur forciert, die Truppen der Verb�ndeten standen eh schon bereit. Hannover, Berlin.�</p><p>�Immer frei nach Wallenstein, nicht wahr, General? Und alles wurde gut mit den neuen W�chtern der Nacht.�</p><p>�Clausewitz. Die Gesch�fte gingen weiter. Wie immer. Ein paar neue Vertr�ge, Absprachen��, wie immer.�</p><p>�Wie immer.�</p><p>Und dann schweigen sie und sitzen, lehnen sich schwer an die Wand. Reichen sich die Flasche zu. Die so feucht geworden ist, dass sich das Etikett zu l�sen beginnt.</p><p>�Ich habe keinen anderen Ausweg gesehen. Damals. �Steffen zieht die Knie an, legt die Arme auf die Knie und dreht sich langsam zu AK.�Das erste Mal in meinem Leben hatte ich Angst.�</p><p>�Angst ist manchmal nicht das Schlechteste�, sagt AK.</p><p>�Sicher. Man wird nicht zu unvorsichtig. Aber auf die Dosis kommt es an. Wei�t du noch, wie du mich damals zu den Jugos, in ihren Laden geschickt hast���</p><p>�Du warst nicht alleine. Alex war dabei.�</p><p>�Ja, ja, dein gro�er Alex��, auf die Dosis kommt es an. Das waren damals kleine Geschichten. Und dann h�re ich, dass du tot bist. Und dann h�re ich, dass du lebst.�</p><p>�Ich h�tte dich gebraucht damals. Die Jugos hatten Respekt vor dir.�</p><p>�Vor dir auch. Sonst h�tten sie dir nicht die Beine weggeschossen.�</p><p>�Lassen wir die alten Geschichten���AK steht auf, geht langsam zu dem Tisch, blickt auf die aufgeschlagenen Hefte und B�cher, f�hrt mit der Hand �ber die Abbildungen der Pflanzen, B�ume und V�gel. <emphasis>Gro�es Windr�schen, Trollblume, Rotes Waldv�gelein</emphasis>, zwei B�cher, in denen Zettel und Fotos stecken, <emphasis>Leitfaden der Pflanzenkunde, Leitfaden der Tierkunde</emphasis>. Er zieht ein Foto aus dem Tierkundebuch. Steffen vor einer Harley, neben ihm der Pate aus Hannover, fast zwei K�pfe gr��er, beide in Lederwesten, die rot gl�henden, wei� leuchtenden Engel. Er schiebt das Foto ins Buch zur�ck. Nimmt ein weiteres heraus, Steffen auf der Veranda eines Gartenhauses neben einer Frau, er hat die H�nde auf ihren runden Bauch gelegt und lacht.</p><p>���und als die Engel sagten, ich h�tte dies und das und hinter ihren R�cken. Und als sie sagten, ich h�tte hinter ihren R�cken und dazu noch dies und das��, Gesch�fte, auf eigene Faust, den Br�dern Geld vorzuenthalten ist das schlimmste Verbrechen, Gebot eins: Du sollst nie deinen Br�dern���</p><p>�Und, hast du?�</p><p>�Nein.�</p><p>Und als AK sp�ter am See sitzt, auf seiner Veranda, den Mantel bis oben hin zugekn�pft, der Wind kommt k�hl aus den Bergen am anderen Ufer, als er sein Weinglas nochmal vollmacht, obwohl seine Frau schon wieder zetert, obwohl sie selbst einen Prosecco nach dem anderen trinkt, diese kleinen B�chsen, die sie jetzt pl�tzlich alle trinken, seine Reinigungsbrigade beschwert sich, dass manche Objekte richtig vollgem�llt sind mit diesen Dosen,�Ja, Arnold, das mag schon sein, aber wir trinken immer nur nach Feierabend ein, h�chstens zwei D�schen!�,�Na, klar doch, Dornr�schen�, und als er aufs Wasser blickt, kein Mond, keine Sterne, weder dort noch oben, nur hin und wieder h�rt er das leise Grollen eines Flugzeuges irgendwo hinter den Wolken, die vor einigen Stunden den Himmel zu verdecken begannen, es riecht nach Regen, es riecht nach Herbst, der Wind wird st�rker, das Blinken der Positionslichter zwischen den Wolkenfetzen,�Den ganzen Tag sitzt du schon hier und starrst aufs Wasser�, er h�rt den Fernseher viel zu laut, irgendeine von diesen bescheuerten Talente-Shows,�Sing dich zum Million�r �oder so, wie viele K�rper beziehungsweise S�rge Steffen wohl verbrannt hat, seit er dort unten beziehungsweise dort drau�en arbeitet? und er sieht ihn im Feuerschein Sarg um Sarg in die rotgl�hende Luke des gewaltigen Backofens schieben,�Das ist wie Holz, wenn ich sie verbrenne, nichts, nur lange tote Scheite�, gelber Rauch �ber den B�umen, das Wasser wie ein tr�ber, blinder Spiegel in diesem rechteckigen Becken, wer sitzt hinter den Spiegeln? er hat das Schutzprogramm verlassen, weil es eine undichte Stelle gab, so sagt er doch? sie wussten, wo er war, er hat seine Frau und sein Kind verlassen, um sie zu sch�tzen, er sagte, dass das System nach beiden Seiten undicht w�re, und nicht nur wegen ihm, die Dinge w�rden sich �ndern und neu organisieren und letztlich so bleiben, er hatte von dem V-Mann erz�hlt, dessen M�rchen das ganze BKA auf Trab hielten,�Und du bist dir sicher, dass du nicht von dir selbst sprichst?�, <emphasis>Spieglein, Spieglein im dunklen Raum, wer kommt und holt mich aus meinem Traum</emphasis>, der V-Mann, der sogar die NSU ins Spiel brachte, um sich wichtig zu machen, um so viel wie m�glich rauszuholen aus diesem Spiel,�Du meinst diese verr�ckte braune Clique? Was hat die mit den Engeln zu tun?�,�Nichts. Im Prinzip�, Waffengesch�fte, die Fleischm�rkte im fernen Kosovo,�Ich habe keine Skrupel, das wei�t du, aber ich habe immer gedacht, die Engel w�rden den Markt strukturieren und halbwegs sauber halten�, oh, du Narr, am Ende fragen die Scheine nach nichts, Silberlinge, Schweinsohren haben wir als Kinder doch immer gerne gegessen, aus Hefeteig, nein Bl�tterteig, und Amerikaner auch, die hie�en aber nur im Volksmund so, verdammt hei� hier unten, verdammt kalt hier unten, und jetzt wei� er wieder, was es mit dieser chinesischen Meile auf sich hatte, und Steffen trifft im Knast von Kiel einen halbtoten Typen, der ihm r�t: Belaste die Gro�en, den Paten aus Hannover und alle, die wichtig sind, und die Unwichtigen gleich auch mit, nur dann kommst du in ein Schutzprogramm, S�dfrankreich w�re doch sch�n. Und sie sitzen in� Ivonnes Eck�, AK, Steffen, Alex, Hans, der Mann vom Haus X, das inzwischen unter anderer Verwaltung steht, die Gebr�der W�hler und ein paar andere der �blichen Verd�chtigen, Wichtige, Unwichtige, f�nf Uhr morgens, Dreiundzwanzig-Stunden-Kneipe mit dreiundzwanzig Stunden warmer K�che, Scheine auf dem Tresen, Dartpfeile n�hern sich in Zeitlupe den Zahlenfeldern, Tripple Seven, das Bullen-Auge in der Mitte des Kreises, die M�dchen trinken Sekt oder Wei�weinschorle, oder Kaffee mit und Kaffee ohne,�Hast du gewusst, dass die Chinesen die Wegeabst�nde nicht nach den genauen Abst�nden messen?�,�Wie meinen?�, die Flasche ist l�ngst leer, es muss schon Nacht sein drau�en, einmal hat er in einem Sarg geschlafen, sagt er,�Glaub ich nicht!�, Dartpfeile bohren sich in die Tripple Seven, das Bullen-Auge in der Mitte des Kreises wird wieder mal verfehlt, ein Pfeil prallt ab und klirrt zwischen die kleinen Gl�ser,�Was f�r ein bescheuertes Netz, und was soll das sein genau?�, neunzehnhundertsiebenundneunzig,�Science-Fiction oder was, ein Fall f�r Lem!�, Hans lacht und greift sich die Scheine, weil er seine Punkte ganz sauber und Runde f�r Runde runtergeschossen hat bis zur Null,�Herbert Lem?�, fragt jemand,�Quatsch�, sagt Hans und stopft die Scheine in seine Jackentasche,�Du meinst Herbert Lom, das ist der B�se aus �Schatz im Silbersee��,�Wer den gro�en Lem nicht kennt, dem ist nicht zu helfen�, sagt AK und dr�ckt seine Zigarette aus, die er noch nichtmal zur H�lfte geraucht hat, er will, verdammt nochmal, endlich aufh�ren, aber das ist nicht so einfach, wenn sie alle qualmen wie die Schlote von good old Bitterfeld, aber da raucht ja auch nichts mehr inzwischen, zum Gl�ck, im Winter dr�ngte das alles in die Stadt, Smogalarm Ende der Achtziger, <emphasis>live is life</emphasis>, und da gr�len sie alle mit, Gabi isst Rindsrouladen, bald sieht sie aus wie Molly Luft, sagt das jemand? und diese bl�dsinnige chinesische Meile?� Dir fehlt das Verst�ndnis, Arnold. Die Chinesen, die alten Weisen und Philosophen���, und er l�uft am Ufer entlang, h�lt das leere Weinglas noch in der Hand, schleudert es dann ins Dunkel, h�rt, wie es aufs Wasser prallt, sieht erst die Schatten und dann die Gesichter zwischen den B�schen (sein Sohn? Mary?�� Alex? Das fast vergessene Gesicht des L�bbke, den sie den� Steinmann �nannten? B�rbel? aber das sind nicht seine Baustellen! Wer seid ihr?),���die Schwierigkeit des Weges, verstehst du, so waren die Meilen immer unterschiedlich lang. Je nachdem, was dazwischenlag, wie unwegsam das war, Felsen oder Bergp�sse oder Fl�sse ohne Br�cken. Die konnten nie sagen, so und so ist die Entfernung. Die chinesische Meile kann eine Meile oder anderthalb Meilen lang sein. Zweitausend Meter, f�nfzehnhundert Meter���</p><p>�Und was soll mir das sagen? Soll ich die Welt jetzt neu verstehen?�</p><p>�Nein. Nichts. Ich erinnere mich nur, wie ich es dir einmal erz�hlte.�</p><p>Rauch �ber dem Geb�ude. Er stolpert �ber die Wege. Wieso denkt er, dass sein Sohn sich hier irgendwo rumtreibt? Sich irgendwo hier im Dunkeln rumtreiben k�nnte. Aber das ist ein anderes Kapitel. Steine, so weit er blicken konnte, vor ihm in der Dunkelheit. Die Umrisse von B�umen, B�schen, er stie� auf Mauern, w�hrend er versuchte, den Weg nach drau�en zu finden. Die Berge am anderen Ufer des Sees.</p><p>Er blickt und schaut und wei� nicht, was er sieht. Ein Engel zwischen den B�schen, auf einer steinernen Bank. Den Kopf geneigt, die Stirn gerunzelt, ein langer Bart f�llt bis auf seine Brust. Die Fl�gel w�lben sich �ber seine Schultern. Die Augen hat er geschlossen, eine Hand st�tzt den gesenkten Kopf. Er verwittert in der Zeit. Irgendwo klingelt ein Telefon. AK dreht sich um, sieht das Licht auf der Veranda und geht zum Haus. Zwei Drohnen mit Nachtsichtkameras kreisen still unter den Wolken.</p></section><section><title><p><strong>Hinter den Spiegeln</strong></p></title><p>Gaaaanz elegant! Mit bisschen Alice.</p><empty-line/><p>�Was meinen Sie?�</p><p>�Oh, sorry, hab nur laut gedacht.�</p><p>�Alice, Alice, who the fuck is�� Oder meinen Sie die Alice unten an der Bar?�</p><p>�Ja, wahrscheinlich.�</p><p>�Nun ja, dann hei�t sie jetzt also Alice. Ein gut klingender Name f�r unsere G�ste�</p><p>�O.k. Also wenn Sie wollen, k�nnen wir jetzt anfangen.�</p><p>�Sie kommen also zu mir und denken, Sie k�nnen so mir nichts, dir nichts beginnen.�</p><p>�Es hei�t, Sie seien nicht mehr der Vorsitzende der Engel, also der Engel GmbH hier in der Stadt.�</p><p>�Sie steigen ja gro� ein, mein Freund, ich denke, wir sollten unser Gespr�ch etwas vertagen.�</p><empty-line/><p>Abwarten. Tage und N�chte. Und schweigen. Tage und N�chte. Und zuh�ren. Und sehen. In einem Raum aus Spiegeln.</p><empty-line/><p>�Und, wie geht es Ihnen heute?�</p><p>�Gut. Und Ihnen?�</p><p>�Gut. Sie haben sicher eine Menge Fragen vorbereitet.�</p><p>�Ihr Pressesprecher war mir gegen�ber, was das betrifft, was die Auswahl betrifft, sehr hilfreich.�</p><p>�Der Pressesprecher. Warum sitzen Sie nicht bei unserem Pressesprecher? Sie wissen, wie weit Sie da kommen���</p><p>�Nicht weit?�</p><p>�So weit wie jeder andere. Sind Sie wie jeder andere?�</p><p>�Ich wei� nicht.�</p><p>�Ja, Sie wissen nichts. Nat�rlich wissen Sie nichts. Wir k�nnen uns ruhig duzen. W�rden Sie das gut finden?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Vergessen Sie den Alice-Schei�. Haben Sie mit ihr gesprochen?�</p><p>�Ja. Kurz.�</p><p>�Und was meinen Sie, was Ihnen unsere Damen erz�hlen?�</p><p>�Ich versuche, nicht zu viel zu fragen.�</p><p>�Es w�rde auch keinen Sinn machen. H�ren Sie gern Musik?�</p><p>�Ja, ich w�rde jetzt nicht sagen, dass ich���</p><p>�Langsam, langsam. M�gen Sie die Musik in unseren Bars, in unseren R�umen?�</p><p>�Ich wei� nicht. Es ist eben einfach Musik. Ich bin da relativ offen.�</p><p>�Man kann Ihnen also jede Art von Musik vorspielen?�</p><p>�Es gibt wenig, was mich da st�ren w�rde���</p><p>�Sie wollen mir doch nicht weismachen, dass Sie keinen Standpunkt haben, was Musik betrifft. Sie haben doch wohl eine Lieblingsband, einen Lieblingskomponisten���</p><p>�Ich bin fr�her ganz gerne zu Jazzkonzerten gegangen.�</p><p>�Na also!�</p><p>�Also ich versuche, ich meine, was unser Gespr�ch betrifft, die Klischees zu vermeiden���</p><p>�Sie versuchen. Wie finden Sie diesen Raum, mein B�ro?�</p><p>�Es ist�� schon beeindruckend.�</p><p>�Die Spiegel st�ren Sie also nicht?�</p><p>�Nein.�</p><p>�K�nnen Sie sich noch an Ihre letzte Frage erinnern, vor zehn Tagen?�</p><p>�Ja. Aber es ist mehr als zehn Tage her.�</p><p>�Sie f�hren Buch?�</p><p>�Nein. Nicht �ber die Einzelheiten, die wir hier besprechen.�</p><p>�Und wollen Sie immer noch Details �ber die Ver�nderungen in unserer F�hrungsebene erfahren?�</p><p>�Auf der Stra�e h�rt man, ein gewisser P. w�rde in K�rze die F�hrung �bernehmen.�</p><p>�So, so. Auf der Stra�e. Nicht in den Salons der Stadt? Sie h�ren viel, wie es scheint.�</p><p>�In diesem Fall geh�rt wirklich nicht viel dazu.�</p><p>�H�ren ist das eine. Sehen und Wissen das andere.�</p><p>�Sie dementieren das also nicht?�</p><p>�F�rs Dementieren ist unser Pressesprecher zust�ndig. Das hier ist kein offizielles Gespr�ch. Ich kann also alle m�glichen Dinge erz�hlen. Zum Beispiel, dass ein gewisser P., wie du es formulierst, die offizielle F�hrung der Engel hier in der Stadt �bernommen hat.�</p><p>�Und dennoch treffe ich mich mit <emphasis>dir</emphasis> hier in diesem Raum, in deinem B�ro���</p><p>�Hier sitze ich schon seit vielen Jahren. Du wei�t ja, dass die Gesch�fte schon vor all den Ver�nderungen liefen, dass ich schon seit einigen Jahren, Jahrzehnten kann man schon fast sagen, meine Gesch�fte betreibe.�</p><p>�In der Stadt.�</p><p>�In der Stadt. Ich bin ja hier geboren.�</p><p>�Und wie���</p><p>�Wie es jetzt weitergeht? Im Prinzip wie bisher. Was hast du erwartet? Den gro�em Umsturz, die gro�e Revolution?�</p><p>�Hat es die nicht schon gegeben, als vor drei Jahren die GmbH hier einen Standort er�ffnete? Und haben Sie nicht damals die Dinge vorangetrieben?�</p><p>�Bleiben wir doch beim Du, mein Freund. In unserem inoffiziellen Gespr�ch. Also noch einmal�� Wie war deine Frage?�</p><p>�Hast du nicht damals den entscheidenden Anteil daran gehabt, dass die GmbH hier ihren Standort er�ffnet hat, und hat sich der Status quo, haben sich die Gegebenheiten im��, im���</p><p>��Milieu� willst du sagen, nicht wahr? Was soll das sein. Ein �feuchtwarmes�, wie mein alter Gesch�ftsfreund�A. immer zu sagen pflegte? �Coppenrath�&amp; Wiese� war auch noch eine seiner zugegebenerma�en selten d�mlichen Formulierungen. Aber die war ja nicht von ihm. Ein alter Lude aus dem Ruhrpott pflegte das so zu formulieren. Einige aus dem Westen versuchten sich hier damals in der Stadt, lange her, die gro�e Goldgr�berzeit. Als w�r�s San Francisco, achtundvierzig/neunundvierzig. Als hier und in Europa die Barrikaden brannten, sch�rften sie Gold in der neuen Welt. Westk�ste. Wildes neunzehntes Jahrhundert. Status Quo. Eine alte Rockband. Klasse Rockband. Kennen Sie sich ein wenig aus in Geschichte? Sorry, mein Fehler.�</p><p>�Wie meinen Sie?�</p><p>�Das Du, mein wissbegieriger Freund, das Du. Also noch einmal.�</p><p>�Ich verstehe nicht���</p><p>�Langsam. Ganz langsam. Schweigen. Zuh�ren. Abwarten. Tage und N�chte. Und einen Fehler ruhig und ohne Angst r�ckg�ngig machen beziehungsweise zugeben. Wir wollten uns doch duzen.�</p><p>�Du hattest das vorgeschlagen.�</p><p>�Und daran halten wir uns. Also mein Fehler. Nimm das zur Kenntnis. Dass hier kein Mann sitzt, wie sagt ihr, hinter den Spiegeln? der nicht in der Lage ist, f�r die Dinge geradezustehen. Also, kennst du dich ein wenig aus in der Geschichte? Und damit meine ich nicht alte Rockbands wie Status Quo.�</p><p>�Ich w�rde mich nicht als Experten bezeichnen.�</p><p>�Nun, so weit w�rde ich auch nicht gehen, was mich betrifft. Aber ich bin interessiert, versuche, mich dahingehend zu bilden. Milieu. Dieses Wort scheint mir ein Zeichen von Ahnungslosigkeit derjenigen zu sein, die es so gerne benutzen f�r alle unerkl�rlichen und unappetitlichen Dinge jenseits ihrer Vorstellung. Nehmen wir Alice���</p><p>�Alice?�</p><p>�Ja, Alice beispielsweise. Schau, da sitzt sie, da dr�ben im Spiegel Nr.�3, nun tu nicht so erschrocken, man muss informiert sein, was passiert, wenn man so ein Gesch�ft f�hrt. Wenn man �berhaupt ein Gesch�ft f�hrt. Vor zwei Wochen hie� sie noch Caro, aber ich fand deinen Vorschlag, was den K�nstlernamen betrifft, doch recht annehmbar. Zumal hier vor drei, vier Jahren schon einmal eine Alice gearbeitet hat, und ich muss sagen, das war ein gutes M�dchen. In meinem Gesch�ft w�nscht man sich nur solche M�dchen wie damals Alice. Sie hatte das Besondere. Den Funken. Und war klug genug, das Geld zu nehmen und zu verschwinden, auf zu neuen Ufern. Caro, die jetzt wegen dir, mein Freund, Alice hei�t, ist ebenfalls eine wunderbare Frau. Notier dir das ruhig. Eine wunderbare Frau.�</p><empty-line/><p>Ein junges schwarzhaariges M�dchen an der Bar. Sie wippt mit dem Kopf zur Musik. Andere M�dchen, andere Frauen, neben ihr an der Bar, in den Sitzecken, auf den dunklen Ledersofas. Alice schiebt sich die Haare aus der Stirn, raucht eine Zigarette. Ein Mann setzt sich neben sie. Noch nicht viel los, wie es scheint. Fr�her Abend in Eden City.</p><empty-line/><p>�Es ist sch�n f�r mich, diese Momente der Ruhe von hier oben zu sehen. Der Abend beginnt. Noch sind die M�dchen unter sich. Es ist nicht so, dass ich sie beobachte. Ich werfe nur hin und wieder einen Blick auf die Spiegel. Es geh�rt auch dazu, hin und wieder mal nach unten zu gehen, ein paar Stammg�ste zu begr��en, mit den M�nnern an der T�r zu plaudern, kurzer Smalltalk mit den M�dchen�� Wei�t du, wir haben hier einen gro�en Trumpf���</p><p>�Die Sicherheit?�</p><p>�Du hast deine Hausaufgaben gemacht. Die GmbH bietet Sicherheit.�</p><p>�Und die Rivalit�t mit der GmbH der Los Locos? Vor einiger Zeit war von Sicherheit doch keine Spur, also hier in der Stadt���</p><p>�Die Los Locos��, lassen wir diesen Namen doch einfach f�r sich stehen.�</p><p>�Soll das bedeuten, dass im Gegensatz dazu die Engel GmbH�&amp; Co. KG eine rational handelnde Organisation, eine Gesellschaft ist, die den Markt, die M�rkte, also auch Teile des sogenannten Rotlichts, mit rationalen, kontrollierten Gesch�ftsgebaren���</p><p>�Moment, Moment. Mein Sch�del brennt. Kleiner Scherz. Nat�rlich wei� ich, worauf du hinauswillst. Zum einen: Ich will nicht nachtragend sein. Die Sandkastenspiele in unserer Stadt sind l�ngst beendet. Und unter uns, aber das ist auch kein Geheimnis, in der Stadt�M. an der sch�nen Elbe laufen die meisten der Gesch�fte im Rotlicht �ber die GmbH der Los Locos.�</p><p>�Ja, das ist mir bekannt. Wird die Engel GmbH dort versuchen, in den Markt zu dr�ngen?�</p><p>�Du bist zu schnell, mein Freund, viel zu schnell. Und du denkst doch in den alten Klischees. Geduld ist in meiner Branche eine der untersch�tztesten Tugenden. Worauf ich hinauswollte, ist nicht die allseits bekannte Tatsache, dass die Los Locos in der Stadt�M. einen Teil der Gesch�fte betreiben und kontrollieren, sondern dass ihr Vorsitzender ein alter Freund von mir ist. Ich respektiere ihn, er respektiert mich. Wir arbeiten nur f�r konkurrierende Unternehmen. Oder denkst du, dass Merkel und, sagen wir, Steinbr�ck oder Steinmeier nicht auch hin und wieder ein Glas Wein zusammen trinken���</p><p>�Aber eine gro�e Koalition ist zwischen den Unternehmen der Locos und der Engel ja nun doch nicht m�glich. De facto.�</p><p>�Und de jure. Bravo. Da hast du einen etwas unpassenden Vergleich enttarnt. Aber sagen wir die Vorstandsvorsitzenden zweier gro�er Betriebe. Fusion nat�rlich ausgeschlossen���</p><p>�Und feindliche �bernahme ja auch nur, was die Gebiete und M�rkte betrifft, verbessere mich bitte sp�ter, wenn ich falschliege. Wenn wir aber schon bei Fusionen und �bernahmen und Koalitionen sind���</p><p>�Ja?�</p><p>���dann m�chte ich doch den wunden Punkt Berlin ansprechen.�</p><p>�Die gute alte Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik. Wunder Punkt, sagst du���</p><p>�Nur nebenher, wie alt warst du zur Wende?�</p><p>�Da war ich vierundzwanzig. Das beste Alter, wenn du mich fragst. Aber ich halt�s da mittlerweile mit Udo J�rgens. Das war doch Udo J�rgens.�</p><p>�F�nfzig Jahr, graues Haar? Nur ein kleiner Scherz. Mit sechsundsechzig Jahren���</p><p>�Genau das. Da bin ich noch zwanzig Jahre drunter. Aber das geht jetzt alles sehr schnell, mit den Jahren, mit den stetigen Wechseln. Die Engel versuchen, eine Konstante zu sein. Aber wo waren wir stehengeblieben���</p><p>�Berlin. Unter anderem.�</p><p>�Ja.�</p><p>�Ich meine, man las und liest ja viel dar�ber in der Presse���</p><p>�Und genau das ist das Problem.�</p><p>�Aber es gibt doch Fakten, die sich nicht bestreiten lassen���</p><p>�Niemand streitet. Niemand bestreitet. Ich habe dir doch eben erz�hlt, dass es durchaus Beziehungen, Freundschaften, Bekanntschaften und Achtung gibt, was das Verh�ltnis der Locos und der Engel betrifft.�</p><p>�Aber dass eine ganze Abteilung der Locos zu den Engeln �berl�uft, wie es aus Berlin zu h�ren war, ist dennoch ein besonderer und auch in ihrer Organisation h�chst umstrittener Vorgang.�</p><p>�Zum einen: Ich stehe f�r die Engel. Immer f�r die Engel. Das ist unser Wahlspruch���</p><p>�Ehrlichkeit, Zuverl�ssigkeit, Respekt, Freiheit.�</p><p>�Nat�rlich. Das auch. Aber was ich sagen will: Ich bin ein Teil der Organisation. Einer weltweiten Organisation���</p><p>�Ist die Mafia nicht auch eine weltweite Organisation?�</p><p>�Die Mafia. Erstens: welche? Die Italiener? Welche. Die Russen? Die Triaden? Was f�r einen Schei� erz�hlst du mir?�</p><p>�Entschuldige. Ich wollte die Engel GmbH�&amp; Co. KG nicht mit irgendeiner Mafia gleichsetzen, aber���</p><p>�Dann lass diesen Schei�. Du beleidigst die Engel, du beleidigst mich. Und sitzt hier in meinem Raum und denkst, ich lasse dir das durchgehen.�</p><p>�M�chtest du, dass wir unser Gespr�ch ein andermal weiterf�hren?�</p><p>�Du bist ein kleiner cleverer Bastard. Entschuldige. Jetzt sind wir pari. Was denkst du, wer vor dir sitzt, ein bockiges Kind?�</p><p>�Der Ex-Chef der Engel, Niederlassung Eden City?�</p><p>�Ein Science-Fiction-Freund, ich sehe schon. Nein, atmen wir einmal kr�ftig durch. Respektlosigkeit ist etwas, mit dem ich schlecht umgehen kann und auf das ich reagieren muss. Zugegebenerma�en. Mafia��, mein lieber Scholli, wie wir Sachsen sagen.�</p><p>�Ich wollte nicht respektlos sein, ich wollte nur etwas Sch�rfe in unsere Diskussion bringen.�</p><p>�Ich muss zugeben, dass ich das verstehe und dass ich es durchaus respektiere, wenn du hier gewisse Fragen stellst, gewisse Verbindungen ziehst, und dass du denkst, du kommst damit durch. Weil die wenigsten den Arsch dazu in der Hose haben.�</p><p>�Danke.�</p><p>�Spar�s dir. War kein Kompliment. Grunds�tzlich kannst du aber nat�rlich alles fragen. Und was Berlin betrifft���</p><p>�Die Los Locos sind ja nach dem �bertritt einer ihrer wichtigsten und st�rksten Abteilungen in Berlin nun de facto nicht mehr existent.�</p><p>�Ich werde dir da nicht widersprechen. Aber sieh es doch einmal so, wenn wir vorhin von Fusionen sprachen, wobei diese Fusion, das hast du ja schon richtig erkannt, den Namen und die Firma au�en vor l�sst, es geht nur um den Wechsel, um die �bernahme eines qualifizierten Personals. W�ren wir, also die Niederlassung der Engel in Berlin, nicht sch�n bl�d, wenn wir dieses Angebot, diese M�glichkeit ausschlagen w�rden? Ich w�rde sogar in der Folge von einer Befriedung des Marktes sprechen. Die Dinge haben sich nun beruhigt in der Hauptstadt.�</p><p>�Der Markt, von dem wir hier sprechen, ist das Rotlicht.�</p><p>�Gut, dass du uns zu diesem Punkt zur�ckbringst. �Rotlicht� ist f�r mich ein �hnliches Unwort wie �Milieu�. Was soll das sein? Wir lesen die Schlagzeilen, wir sehen die Filme im TV, erst k�rzlich dieser �Tatort� beispielsweise���</p><p>�Der die Engel und ihre Gesch�ftspartner in der Stadt�H. thematisierte���</p><p>�Ihre angeblichen Gesch�ftspartner. Genau. Und die Engel zu Menschenh�ndlern stilisierte, sie als permanent gewaltbereite, vollkommen skrupellose Organisation verunglimpfte. Die grimmig in die Landschaft schauend wie die H�llenreiter der Apokalypse auf ihren Mopeds durch die Stadt brausten, um hier und da die M�dchen auf den M�ll zu werfen.�</p><p>�Zumindest was das grimmig Dreinschauen betrifft, muss ich hier kurz anmerken, dass���</p><p>�Was erwartest du? Bubis mit Mittelscheitel auf Schwalben und Vespas?�</p><p>�Coppenrath�&amp;�� Weil du es erw�hnst, ich habe eine Schwalbe bei mir im Keller stehen. Baujahr 78, eins a gepflegt und gewachst. Ist schon �n Kult-Moped.�</p><p>�Da sind wir uns einig. Als ich f�nfzehn geworden bin, hat mir mein Opa �ne Schwalbe geschenkt. Ein Jahr nach der Jugendweihe. In Blau. Ich habe das Teil geliebt. Hab dran rumfrisiert mit meinen Kumpels, bis sie fast hundert Sachen brachte. Hab�s dann sp�ter dummerweise gegen �ne S51 getauscht.�</p><p>�Und dann mit achtzehn kam die ETZE, hunderfuffzig oder zwohundertfuffzig, stimmt�s?�</p><p>�MZ. �ne 125er.�</p><p>�Jetzt Harley?�</p><p>�Klar. Bist du �n Motorradfreak?�</p><p>�Nicht wirklich. Hab nur noch die Schwalbe. Fahr ich manchmal im Sommer mit an den See.�</p><p>�W�rste mal mit der ollen Schwalbe bei uns vorgefahren. H�tte Eindruck gemacht.�</p><p>�Die Engel als ein Club der Motorradfreaks?�</p><p>�Nat�rlich. Auch das. Entschuldige mich mal paar Minuten, muss kurz runter. Wenn du was trinken willst, Bier, Whisky, Wodka oder Wasser, bedien dich.�</p><empty-line/><p>Allein zwischen den Spiegeln. Die Bilder auf dem Glas. Harleys stehen in einer Reihe unten auf der Stra�e vorm Club der Engel. Ein Polizeifahrzeug vorne an der Kreuzung. Das Logo der Engel �ber dem Schreibtisch am anderen Ende des Raums. Silbern schauen diese gefl�gelten K�pfe aus den Spiegeln. Musik und Stimmen, kleine Lautsprecher �ber dem Glas. Alice im Gespr�ch mit einem Gast, unten an der Bar. <emphasis>Das ist ja wundervoll! Nie h�tte ich erwartet, so schnell K�nigin zu werden. Wenn alle blo� reden, nachdem sie gefragt worden sind und das Gegen�ber immer darauf wartet, angeredet zu werden, dann w�rde doch keiner jemals etwas sagen, so dass��</emphasis></p><p>Der Club f�llt sich langsam. Alice trinkt einen Piccolo. Der Mann ein Bier. Beide rauchen. Auf einem schwarzen Ledersofa sitzt ein �lterer Herr zwischen zwei Damen. Er tr�gt ein Cordjackett. Im Eingangsbereich steht ein Mann im wei�en Trainingsanzug, eine wei�e M�tze mit dem schwarzen Schriftzug� Engel �auf dem Kopf, er redet mit den beiden dunkelgekleideten Securities, begr��t einen Mann im Ledermantel, der den Club betritt, mit Handschlag. Der Mann auf dem Sofa steht auf und geht mit einem der beiden M�dchen an der Bar vorbei zu den Zimmern. Zigarettenqualm dringt aus den Spiegeln in den Raum. Zwei F�chse mitten auf der Fahrbahn der kleinen Stra�e vorm Club, kurz schleichen sie um die Harleys, verschwinden dann zwischen den H�usern. Auf einem Abstellgleis des Zentralbahnhofs, das seit Jahren nicht mehr genutzt wird, haben sie sich in einem alten Waggon ihr Winterquartier eingerichtet.</p><empty-line/><p>�Der ewige alte Reinstecke-Fuchs.�</p><p>�Wo waren wir stehengeblieben?�</p><p>�Rotlicht m�glicherweise? Deswegen meine erste Dialogzeile, als ich in den Spiegel blickte. Kleiner Scherz.�</p><p>��h, ja. Wir haben ja kein Programm, dem wir folgen m�ssen.�</p><p>�Nein. Wir k�nnen einfach plaudern, �ber Gott und���</p><p>�Bist du gl�ubig? Vielleicht eine bl�de Frage.�</p><p>�Es gibt d�mmere. Nein. Nicht im eigentlichen Sinne. Fr�her, in der Zone, habe ich einige Christenmenschen kennengelernt. Wer den Staat damals kritisch sah, hatte meine Sympathie. Obwohl es eine vollkommen andere Welt war. Also die der Christenmenschen. Aber einige von denen haben sich was getraut. Hatten Mut. <emphasis>Schwerter zu Pflugscharen</emphasis>, das habe ich schon verstanden, das machte schon Sinn, damals. Vielleicht auch heute. War aber nie meins gewesen. Ein Ideal, dem der Mensch einfach nicht entspricht. Es sind eher die alten Philosophen, die mich interessiert haben. Selbst der gr��te Esel fragt sich irgendwann, warum er <emphasis>ist</emphasis>.�</p><p>�Die Platon GmbH�&amp; Co.�</p><p>�Bis hin zum alten Heidegger. Es freut mich, dass ich mich mit dir dar�ber unterhalten kann.�</p><p>�Ich w�rde nicht sagen, dass ich da ein Experte bin. Aber da du den Esel erw�hnst, mich hat das auch immer ein wenig interessiert.�</p><p>�Den Esel lass mal sch�n stecken, mein Freund, war nur ein �berspitzter Vergleich.�</p><p>�Nein, ich meinte das vollkommen ironiefrei.�</p><p>�Ironie ist etwas f�r Besserwisser und Dummschw�tzer. Aber nichts gegen einen Witz. Und ich sto�e immer wieder an diese gro�en und vielleicht sogar kleinen Fragen, Platon GmbH hast du gut gesagt, auch und vor allem wenn jemand wie du mich l�chert, was die Engel und das Rotlicht��, da wollt ich ja eh noch was sagen, aber wir haben ja Zeit���</p><p>�Wenn du Zeit hast. Ich will dich nicht von deinen Gesch�ften abhalten. Und auch nicht l�chern.�</p><p>�Die Nacht ist lang. Und ich kann mich auf meine Leute verlassen. Aber wer sich abhalten l�sst und ablenken l�sst, ist fr�her oder sp�ter raus aus dem Spiel, raus aus dem Gesch�ft. Disziplin.�</p><p>�Hat dir da deine sportliche Erfahrung, so nenne ich das jetzt mal, geholfen? Du hast ja fr�her geboxt und hast auch eine Zeitlang im Trainingsbereich gearbeitet.�</p><p>�Ach, das ist lange her. Das ist wirklich lange her. Und ich bediene ja damit wieder eins der typischen Klischees. Aber das sind so Sachen, wo man einfach dr�bersteht, dr�berstehen muss. Weil man ja wirklich mit dem Herzen dabei war. Egal. Nee, nat�rlich nicht egal. Der Boxer, der Ex-Boxer, der sich seinen Weg�� undsoweiter. Aber es war ein toller Sport. Den ich bis heute liebe. Und ich habe gro�artige Menschen kennengelernt. Auch sp�ter als Trainer, das war dann schon Ende der Achtziger, Anfang der Neunziger. Der R�cken hat schon fr�h angefangen zu streiken, da konnte ich nicht so lange im Ring aktiv sein, wie ich das wollte, weil ich da gerne viel l�nger im Ring aktiv gewesen w�re. Aber wir hatten eine tolle Amateurboxszene hier in der Stadt. Ist leider alles nicht mehr so, obwohl�s da immer noch paar Verr�ckte gibt, die sich nicht unterkriegen lassen, auch im Profi-Bereich.�</p><p>�Philosophie und Boxen und Rotlicht. Ist dann die Philosophie das Ungew�hnliche in diesem Triptychon?�</p><p>�Du willst mich wohl testen, was? Denkst wohl, der Mann wird blind und taub und bl�d hinter den Spiegeln?�</p><p>�Nein, so hab ich das jetzt nicht gemeint.�</p><p>�Und was das Rotlicht betrifft, da waren wir doch eigentlich stehengeblieben.�</p><p>�Du sprachst vorhin von einer m�glichen Befriedung der Szene in Berlin, dass dort die Auseinandersetzungen um den Markt ein Ende finden k�nnten. Wie erkl�rst du dir das Attentat auf den neuen sogenannten Paten von Berlin, der ja, aus der Abteilung der Locos kommend, mittlerweile eine hohe Position bei den Engeln innehat, um es mal vorsichtig auszudr�cken. Oder die Sch�sse am Germanenhof, was ja ein bekannter Rockertreff ist.�</p><p>�Ich bin nicht das gro�e Orakel oder Onkel Jean P�tz, der alles erkl�ren kann und alles wei�, was irgendwo ein Mitglied der Engel treibt. Ja, ja, Krise in Berlin, Krise �berall. Und die europ�ische Krise dauert auch an, manche sagen, es ist ein Krieg, die sind pleite, und jener ist bankrott, und der kommt auf die B�hne��, und dann gibt es dort einen Quertreiber��, bem�hen tuen wir uns doch alle, nicht wahr?�</p><p>�Besser ein Quertreiber als ein Querschl�ger.�</p><p>�Was soll dieser Quatsch jetzt bedeuten? Spielst du auf den armen Kerl an, der hier vor einigen Jahren auf der Stra�e liegengeblieben ist? Wir haben zu diesem Zeitpunkt bereits versucht, die Invasion einzud�mmen. Es w�re wohl zynisch, von einem Kollateralschaden zu sprechen. Ich kann mich auch nicht erinnern, dass wir Engel �hnliche Personensch�den hier in der Stadt oder meinetwegen in H. oder der Hauptstadt verursacht h�tten. Wir haben unser ehrliches Mitgef�hl damals in einer Zeitungsannonce zum Ausdruck gebracht. Die auch nur gedruckt wurde von den Schmierfinken der hiesigen Presse, weil sie unter einem Pseudonym lief. Also worauf willst du hinaus.�</p><p>�Ich meine nur, der vielbeschworene Frieden zwischen den beiden gro�en konkurrierenden Firmen scheint nicht zu funktionieren. In unserer Nachbarstadt, die ja mittlerweile und seit einigen Jahren de facto schon ein Teil unserer Stadt geworden ist, scheinen die Locos noch aktiv zu sein, nachdem sie sich von hier, also dem Zentrum des gro�en Steins, zur�ckgezogen haben. Die Haust�r r�ckt n�her. Die R�nder r�cken n�her. Kurzzeitig gab es hier das motorisierte Syndikat der Outsiders, das aber wieder aufgel�st wurde, und wie man h�rt, durchaus unter einem gewissen Druck, weil es dem Gesch�ft des A.���</p><p>�Ein gewisser P., ein gewisser Druck�� Ich habe dir vorhin schon einmal gesagt, dass du nichts wei�t.�</p><p>�Und da sind wir wieder bei Platon.�</p><p>�Zumindest gibst du es zu.�</p><p>�Was? Die Allgemeing�ltigkeit der gro�en Philosophen?�</p><p>�Nein. Auch, dass wir alle weniger wissen, als wir glauben. Was denkst du, welche Rolle ich spiele. Wir sind hier. Die anderen sind dort. Und die anderen sind auch wir. Und dennoch nicht. Reim dir das zusammen.�</p><p>�Wenn die Deutsche Bank, entschuldige den Vergleich, irgendwo auf der Welt investiert beziehungsweise fehlinvestiert, ist es dennoch die Deutsche Bank, nicht wahr?�</p><p>�Mein Freund, das sind Totschlagargumente. Die Engel sind nicht zentral organisiert durch einen Betriebsrat oder einen Weltpr�sidenten. Hegel sagt und beruft sich dabei auf Aristoteles und andere beziehungsweise zitiert sie: In der Metaphysik, und meiner Meinung nach damit auch zwangsl�ufig in unserer sogenannten Realit�t, haben wir den Gegensatz von Substantialit�t und Individualit�t. Im Grunde genommen sind wir Chemie. Die sich im Raum bewegt. Ich bin als Individuum nicht verantwortlich f�r die Dinge, die im Club der Engel weltweit passieren.�</p><p>�Ich bin beeindruckt���</p><p>�Nichts ist zu bestimmen. Das Sein, was soll das sein? Sind wir nichts au�erhalb unserer Zeit? Wer, verdammt nochmal, klopft an unsere T�r.�</p><p>�Ist es m�glich, dass ich vorhin deinen alten und, wie man h�rt, ehemaligen Gesch�ftsfreund�A., so nanntest du ihn zu Anfang, unten an der T�r gesehen habe?�</p><p>�Ach, haben die Spiegel zu dir gesprochen?�</p><p>�Wie soll man hier ohne sie sein.�</p><p>�Da hast du dich wohl verguckt. Nat�rlich war er ein paarmal hier, nat�rlich kennen wir uns seit vielen Jahren. Haben Gesch�fte gemacht, haben uns ausgetauscht, haben Vereinbarungen getroffen, der alte AK und ich. Aber heute haben dich die Spiegel get�uscht. Da hast du einen anderen Ledermantel gesehen.�</p><p>�Wie stehst du zu eurem alten Pakt?�</p><p>�Welcher Pakt? Hast du wieder auf das Gefl�ster der Stra�e geh�rt?�</p><p>�Wie soll ich es sagen��, ein Mann: die R�ume, die Clubs. Ein Mann: die Wohnungen, die Zimmer. Korrigier mich, wenn ich wieder mal vollkommen falschliege.�</p><p>�Der Tag war lang. Die Nacht ist lang. Und die Erkl�rungen sind endlos���</p><p>�Ich���</p><p>�Ja. Du. Komm in �ner Woche wieder.�</p><empty-line/><p>Alice ist verschwunden. Die Bar ist fast leer. Die beiden F�chse liegen in dem alten Eisenbahnwagen auf dem stillgelegten Abstellgleis hinterm Zentralbahnhof. Noch gucken sie aus der offenen T�r des G�terwagens in die Nacht. Sie h�tten gerne eine Frau. Aber die anderen F�chse sind woanders. Wenn sie die Autobahnen und Schnellstra�en �berqueren, sterben sie. In den Parks ist viel Platz. M�ll und Essbares unter den Br�cken. Drei Harleys stehen noch vorm Club der Engel. In dem Polizeifahrzeug an der Kreuzung, einem Kleinbus, umgangssprachlich Sixpack, schlafen zwei M�nner in Uniform. Eine Frau sitzt hinterm Lenkrad und liest in einer bunten Zeitschrift, die sie aufs Lenkrad gelegt hat. Prince Charles ist tot. Nee. Eine tote Dame, namens Sexy Cora, bekommt einen Nachruf. Ist aber schon lange tot. Hat sich die Titten machen lassen und ist dabei eingeschlafen. Schlechte Narkose. Die uniformierte Frau zieht eine Schachtel Zigaretten aus der Jackentasche des schlafenden Kollegen. Hab doch schon l�ngst aufgeh�rt. Der Mann, der seinen Club im Westen der Stadt hatte, S�dwesten eigentlich, um genau zu sein, ist verschwunden. Die Frau legt die Illustrierte vorsichtig auf den breiten doppelten Beifahrersitz neben ihren Kollegen. Sie z�ndet sich die Zigarette am Zigarettenanz�nder an. Sixpacks haben keinen Zigarettenanz�nder. Die letzte Stra�enbahn quietscht zwei Stra�en weiter in die Endstellenschleife.</p><p>Im Club der Engel kommt Alice vom Duschen. <emphasis>K�nigin Alice.</emphasis> Leckt mich doch. Feierabend. Da kommt noch �n Stammgast. Der sie immer sehr begehrte. Da setzt sie sich doch nochmal hin. Wassertropfen auf ihrer Stirn. Auf der Zapfanlage wippt ein kleiner Elch aus Holz. Kussmund. Keiner wei�, wo der herkommt. Der sp�te Gast setzt sich dann aber doch zu Magda aufs kaltgewordene Leder des Sofas. Leck mich doch. Auch gut. Feierabend. Wir schlafen schon im Stehen und im Sitzen.</p><p><emphasis>Im n�chsten Augenblick kamen Soldaten durch den Wald gerannt, anfangs zu zweit und zu dritt, dann in Gruppen von zehn bis zwanzig Mann und schlie�lich in solchen Mengen, dass sie den ganzen Wald zu f�llen schienen. Alice stellte sich hinter einen Baum, um nicht umgerannt zu werden, und sah zu, wie sie an ihr vorbeiliefen.</emphasis></p><empty-line/><p>�Bist du eigentlich bei Facebook?�</p><p>�Nein. Ich halte dieses Medium f�r gef�hrlich. Es zerst�rt unsere sozialen Strukturen. Es beginnt, die Gesellschaft zu kontrollieren. Da bin ich vielleicht etwas altmodisch. Obwohl fr�her einige aus unserer Branche �ber das Netz an sich, als es noch neu war, also Mitte der Neunziger, auch gelacht haben. Und jetzt hat jeder kleine Schmuddelpuff seine Seite. Die Werbem�glichkeiten sind nat�rlich enorm, fr�her lief alles �ber die Printmedien, �Bild�, Rotlichtf�hrer�� Wobei �Bild��&amp; Co. auch nicht zu untersch�tzen sind, wir haben da nach wie vor unsere Annoncen. Die aber gleichzeitig auf unsere Webseite hinweisen. Das Ende der Printwerbung werde ich sicher nicht mehr erleben.�</p><p>�Du denkst also schon, dass es so etwas wie ein Ende der Printkultur geben wird. Was h�ltst du von Sexcams, ist das ein Markt, wo du dir vorstellen kannst, aktiv zu werden?�</p><p>�Wer sagt, dass ich das nicht bereits bin? Unsere Webseite, also die des Clubs, wird seit Jahren st�ndig weiterentwickelt. Es gibt ein Kundenforum, man kann die Damen virtuell besuchen, es gibt kleine Filme, aber nicht mit ihnen sprechen oder chatten, es gibt ein G�steforum, wo man sich austauschen kann, auch mal Kritik �u�ern kann, wir sind dabei, einige spezielle R�ume hier im Haus mit Sexcams auszustatten, so dass ein oder zwei M�dchen dort sitzen und auf Kundenwunsch strippen oder eine Live-Dildo-Show abliefern oder eine lesbische Performance, man glaubt nicht, wie viele Leute da mit ihren Kreditkarten��, stundenlang. Mach dies, mach das, schieb dir das da rein.�</p><p>�Nochmal zur�ck zu Facebook. Es gibt dort jetzt ja den sogenannten Bums-Bottom. Sind diese vielf�ltigen M�glichkeiten, sich Sexualpartner zu suchen, �My dirty Hobby� und Co., schlecht f�r das Gesch�ft mit den Sexdienstleistungen?�</p><p>�Ich denke schon. Webcams, Pornos, YouPorn und alle diese Onaniemaschinen heizen ja die M�nner eher an. Die sind dann fr�her in Scharen in unsere Clubs gekommen. Aber heute gibt es die vielf�ltigsten M�glichkeiten, sich einen Sexualpartner auf diversen Seiten zu suchen. Obwohl ich davon �berzeugt bin, dass es immer und im ausreichenden Ma�e die Klientel geben wird, der das alles viel zu anstrengend ist. Und am Ende kann mir keiner erz�hlen, dass diese Formen der Sexualma�nahmen nicht doch Kosten aufwerfen. Fr�her hat man ja immer wieder geh�rt, ach, da gehe ich mit einer essen, spendiere dann noch paar Drinks, das Taxi��, da kann ich ja gleich in �n Puff. Das war nat�rlich nur so �n dummer, salopper Spruch, aber wie das eben so ist mit den Spr�chen, die Wahrheit���</p><p>�Entschuldige, dass ich dich unterbreche, aber du sprichst von fr�her. Damit kannst du ja nur eine r�ckw�rtige Zeitspanne bis Anfang der Neunziger meinen oder die Marktmechanismen, die in der alten Bunderepublik vorherrschten und die man nat�rlich auch, bedingt zumindest, kennt. Also du, denke ich. Bordelle und bordell�hnliche Betriebe existierten ja zu DDR-Zeiten de facto nicht.�</p><p>�Eher de jure. Wenn wir schonmal wieder dabei sind. Es gab schon ein paar M�glichkeiten, und damit meine ich nicht die ber�hmte Messeprostitution oder die altehrw�rdige �Storchenbar� oben in Rostock. Das war ja eher f�r die Westgeld- oder Dollar-Kundschaft. Es gab schon ein paar Kneipen, wo man wusste, da kann ich den oder den fragen, er gibt dir dann �ne Adresse��, aber das war schon sehr vereinzelt. Das lag nat�rlich am System.�</p><p>�Nicht an einer gewissen Offenheit, an einer gewissen Lockerheit, was die sexuelle Kontaktaufnahme betrifft? FKK, schnell heiraten, damit�s Wohnung gibt, mal eben mit der Kollegin usw.���</p><p>�Das wiederum lag ja auch am System. Ich glaube, dass, wenn es von Staats wegen her einige organisierte bordell�hnliche Betriebe, wie du es nennst, gegeben h�tte�� Meine Fresse, wir reden wie Meister Kolle und Doktor Sommer���</p><p>�Wir hatten da ja ein paar Punkte, die wir letztens nur angesprochen haben beziehungsweise zu denen ich dich���</p><p>�Nicht so f�rmlich. Schie� los. Ich habe gegen eins noch einen Termin.�</p><p>�Menschenhandel.�</p><p>�Was soll das sein? Was hat das mit mir zu tun?�</p><p>�Ich wei�, dass ich da jetzt Dinge aufgreife, die der gemeine B�rger, sag ich jetzt mal, eben so permanent in der Presse liest. Wenn es um die weltweit operierende GmbH der Engel geht���</p><p>�Kommt ein Mann zum Import/Export und sagt, ich h�tte da gerne ein paar Frauen aus der Ukraine, oder was? Du kannst gerne, mein Freund, durch den Club gehen und jede der hier t�tigen Frauen darauf ansprechen, kannst sie gerne fragen, auch in den anderen L�den���</p><p>�Du sagtest selbst, dass ich da nicht sehr weit kommen w�rde���</p><p>�Amazon, Leiharbeit, Putzkolonnen aus dem Ostblock, Hosen und Schuhe aus Singapur. Ist das nicht Menschenhandel?�</p><p>�Es gibt da ja immer wieder mal Zahlen, also was das Rotlicht betrifft���</p><p>�Das Rotlicht. Das ber�hmte Rotlicht. Sind wir die Einzigen, die in diesem Segment arbeiten? Geh lieber zu den Russen, zu den Albanern, wenn du nach Menschenhandel fragen willst. Und Zahlen? Ja, wir zahlen. Und zwar nicht zu knapp. An die gute alte Gro�mutter Staat. Du hast doch gesehen, dass vorne an der Kreuzung immer �n Sixpack steht. Und du willst nicht wissen, wie oft wir hier kontrolliert werden, wie transparent unsere Gesch�fte sind. Meinst du, ich k�nnte es mir leisten, dass hier irgendwelche illegalen oder halblegalen Schmuddeleien ablaufen? Wir bewegen uns hier eindeutig und seit Jahren im Rahmen unserer Gesetze.�</p><p>�Der deutschen?�</p><p>�Nat�rlich. Welchen sonst?�</p><p>�Den Gesetzen der Engel?�</p><p>�Welche w�ren das, deiner Meinung nach?�</p><p>�Vielleicht als erstes <emphasis>Macht</emphasis>? Vorherrschaft auf der Stra�e, im Rotlicht, entschuldige, dass ich wieder dieses Wort verwende.�</p><p>�Sehr viele unserer Mitglieder haben ganz normale Berufe. Einige, wie ich auch, sind in der Dienstleistungsbranche t�tig. Das ist alles. Einige arbeiten f�r Security-Unternehmen. Macht interessiert mich vielleicht im philosophischen Diskurs. Was ist das, und wer hat sie, und wie wirkt sie sich aus. Und wann korrumpiert sie�� Und wann f�hrt Macht zur Aus�bung eines gewissen Gewaltmonopols. Hier geht es nicht um Macht, hier geht es um ganz normales Geldverdienen. Und um gewisse Werte, die es so in der b�rgerlichen Gesellschaft nicht mehr gibt. Ich hab ein paar Clubs. Ich will meine Gesch�fte machen, zusammen mit den Engeln. Und ich und die Engel garantieren f�r eine gewisse Unangreifbarkeit unserer Gesch�fte.�</p><p>�Du hast zwei Kinder, bist verheiratet.�</p><p>�Ja. Keine weiteren Kommentare.�</p><p>�Stimmt es, dass deine Unternehmen, auch deine Clubs, auf den Namen deiner Frau eingetragen sind?�</p><p>�Noch einmal: Einzelheiten �ber meine Familie, �ber mein Privatleben, denn stell dir vor, so etwas habe ich auch, gebe ich grunds�tzlich nicht zum Besten.�</p><p>�Das verstehe ich gut, dass du deine Privatsph�re so sch�tzt. Und ich wollte in keinster Weise behaupten, dass du mit so etwas wie Menschenhandel zu tun hast. Doch das Netz der Engel GmbH zieht sich ja bekannterma�en �ber den ganzen Globus. Und Schlagworte wie dieses, also Menschenhandel, oder auch Waffen- und Drogenhandel tauchen nun immer wieder auf. Sind auch, was zum Beispiel Niederlassungen in Kanada oder den USA, dem Mutterland der Engel, betrifft, durchaus belegt.�</p><p>�Du schaust wohl auch immer diese Dokus auf NTV, oder welcher Sender ist das nochmal���</p><p>�Na ja, ich meine, es sind <emphasis>Dokumentationen</emphasis> ��</p><p>�Die Welt dreht sich und dreht sich���</p><p>�Ja, das tut sie.�</p><p>�Kein Grund, spitzfindig zu werden, mein Freund. Worauf ich hinauswill, ist, dass es seit Anbeginn der Menschheitsgeschichte, ich formuliere das jetzt mal bewusst so schwammig, dass es Kriege und Gewalt gibt, dass das ein elementarer Teil unseres Seins ist. Was nicht bedeutet, dass ich das guthei�e. Aber es ist so. Es muss keine Engel GmbH geben, damit es Waffen gibt. Auf der ganzen Welt sterben in diesen Minuten vollkommen sinnlos Menschen in irgendwelchen Kriegen���</p><p>�Aber die Vorw�rfe, dass Niederlassungen oder Mitglieder der Engel in Menschen- beziehungsweise Frauenhandel verstrickt sind���</p><p>�Die Niederlassung in unserer Stadt ist sauber. Da kann ich nur f�r uns sprechen. Und ich w�rde meine Hand ins Feuer, wie man so sch�n sagt, dass die Niederlassungen in ganz Deutschland sauber sind. Menschenhandel? Nein. Unsere Mitglieder haben bestimmte Werte und sind dazu die meist�berwachten Menschen in Deutschland.�</p><p>�Vor einigen Monaten kam es in der Stadt�H. zu einer spektakul�ren Polizeiaktion gegen den Vorsitzenden der dortigen Niederlassung, der einer der einflussreichsten Engel in Deutschland gewesen sein soll.�</p><p>�Spektakul�r nennst du das, wenn sich milit�risch organisierte Spezialkr�fte aus Hubschraubern auf ein privates Grundst�ck abseilen, Hunde erschie�en, Hausfriedensbruch begehen, T�ren eintreten, den Mann mit entsicherten Schnellfeuergewehren bedrohen���</p><p>�Es m�ssen ja gewisse Verdachtsmomente gegen ihn vorgelegen haben.�</p><p>�Verdachtsmomente, aha. Andere B�rger werden vorgeladen. Und was wurde gefunden? Nichts. Wurde er inhaftiert? Nein. Am Ende konnte er, und das meine ich vollkommen ironiefrei, froh sein, dass er nur seine Hunde begraben musste. Es scheint mir, dass man als Mitglied der Engel GmbH elementare Rechte verliert in diesem Land.�</p><p>�Inzwischen ist er zur�ckgetreten beziehungsweise hat den Vorsitz der Niederlassung abgegeben. War das ein taktischer Schachzug, um die GmbH und sich selbst aus der Schusslinie zu nehmen, die Gesch�fte anderweitig weiterzuf�hren? Er besitzt oder besa� ja, �hnlich wie du, mehrere L�den im Rotlichtbezirk der Stadt�H.�</p><p>�Spielst du Schach?�</p><p>�Nicht besonders gut.�</p><p>�Dann w�re es vielleicht sogar m�glich, dass ich dich schlage, denn auch ich spiele leider nicht besonders. Habe zu sp�t angefangen. Habe mir vor kurzem aber ein Schachprogramm zugelegt. Lernen, lernen, nochmals lernen���</p><p>�Lenin?�</p><p>�Ich habe die Roten nie gemocht, wie du dir denken kannst. Dogmatiker. Spie�er. Halbe Faschisten. Schach und der Boxsport haben einige bemerkenswerte Gemeinsamkeiten.�</p><p>�Dann ist dein eigener R�cktritt also kein��, wie soll ich sagen��, keine Ma�nahme, um deine Gesch�fte in Ruhe zu betreiben, der gewisse P. nicht nur ein Strohmann, w�hrend du in Ruhe hinter den Spiegeln���</p><p>�Du schaust zu viele Filme, mein Freund. Und damit meine ich nicht die Dokus auf NTV. Du kennst einen der Leitspr�che der Engel���</p><p>�Einmal Engel, immer Engel?�</p><p>�Fast. Engel f�r immer, f�r immer Engel.�</p><p>�Ist es f�r dich als Ex-Pr�sident einfacher, das gro�e Gesch�ft mit der ehemaligen Burg zu t�tigen?�</p><p>�Welches gro�e Gesch�ft? Und welche Burg? Burg bei Magdeburg? Oder Burg bei Chemnitz? Ich t�tige dort keine Gesch�fte.�</p><p>�Also ist es nur ein Ger�cht, dass du die leerstehende Immobilie der �Love-Burg�, die damals der Bielefelder und dieses Konsortium er�ffnet haben, ich habe den Namen dieser Organisation jetzt vergessen, ist aber ja auch schon fast zwanzig Jahre her, also dass du dort eine Art Nobelbordell er�ffnen willst? Und dass der Bielefelder paradoxerweise einer deiner Gesch�ftspartner bei dem Vorhaben ist?�</p><p>�Ich w�rde sicher keine Gesch�fte mit ihm machen. Er hat den Laden schlie�lich �ber die Jahre runtergewirtschaftet. Die Burg, die �Love-Burg�, was f�r ein bescheuerter Name���</p><p>�Ich kann dir hier jetzt kein Ja oder kein Nein entlocken?�</p><p>�Entlocken kannst du mir gar nichts. Wir unterhalten uns nur, plaudern nur ein bisschen.�</p><p>�Dann lass uns doch noch ein bisschen �ber die momentane Situation hier in der Stadt plaudern���</p><p>�Ich fand es wesentlich angenehmer, mit dir �ber die alten Philosophen zu sprechen. Boxen, Schach, Musik, die virtuellen Welten���</p><p>�Fu�ball vielleicht? Da hattest du ja fr�her gute Kontakte zur Fanszene in Berlin���</p><p>�Berlin ist gro�. Lassen wir doch diese alten Geschichten. Damals, also in der Zone, war es ein Aufbegehren gegen den Staat���</p><p>�A., der hier in der Stadt den Bereich der Wohnungsprostitution abdeckt, aber dar�ber sprachen wir ja schon���</p><p>�Nein. Nicht dass ich w�sste.�</p><p>�Wir hatten aber doch die alte Aufteilung des Marktes kurz gestreift.�</p><p>�Streifschuss oder was? Worauf wolltest du hinaus?�</p><p>�Na ja��, dass es auff�llt, dass er, also AK, was die Biographie betrifft, dass es da durchaus �hnlichkeiten gibt.�</p><p>�Das sehe ich nicht so.�</p><p>�Zumindest was die Fu�ballsache, die Hooliganszene betrifft���</p><p>�Diesen Begriff gab es damals noch nicht einmal. Ihr seht die Dinge immer schwarz-wei�, ihr differenziert nicht genug. Und meinst du, ein Mann studiert jahrelang Jura oder Wirtschaft und �bernimmt oder er�ffnet ein Bordell oder einen Club oder vermietet Objekte an Dienstleisterinnen?�</p><p>�Hin und wieder kommt das wohl vor. A. hat auch in BWL gemacht, soweit ich informiert bin.�</p><p>�Ja, sp�ter. Er ist aber nicht von der Uni oder der Fachhochschule und hat dann beschlossen, diesen Gesch�ften nachzugehen. Nat�rlich gibt es Ausnahmen. Wie diesen Ex-Juristen in �sterreich. Und es gibt keine manifestierten Regeln, um in diesem Marktsegment erfolgreich zu arbeiten, zu unternehmen. Aber es erfordert nat�rlich gewisse F�hrungsqualit�ten, die lernst du auf keiner Uni, gewisses Durchsetzungsverm�gen, Gesch�ftsbeziehungen��, aber du brauchst nat�rlich schon mindestens ein Grundwissen BWL oder einen Partner, der das hat, und denke nicht, dass das kein einfacher und kein langer Weg war���</p><p>�Doppelte Verneinung? Kennst du eigentlich einen Steffen?�</p><p>�Was? Nein. Nat�rlich, nicht nur einen. Ich habe mir meine Position in all den Jahren hart erarbeitet. Das war unser kleines Wirtschaftswunder, damals, w�hrend um uns der Wahnsinn tobte. In den Neunzigern. Aber ich will mir hier nicht selber auf die Schulter hauen, das sollen andere beurteilen. Frag doch mal einen Manager oder einen Banker oder einen Unternehmer, was ihren Erfolg ausmacht. Wir haben das Rotlicht, wenn wir zum wiederholten Male diesen Begriff verwenden wollen, nicht erfunden. Wir versuchen nur unser Bestes, damit es ein ganz normales Gewerbe wird, was es ja unserer Meinung nach auch ist���</p><p>�Wir? Du und AK? Es gibt ja Ger�chte, dass seine Position hier in der Stadt nicht mehr besonders gefestigt ist. Dass der Markt mittlerweile viel zu aufgebl�ht ist, dass es Leute gibt, denen sein Monopol im Bereich der Wohnungsprostitution schon l�nger ein Dorn im Auge�� Der alte Spruch vom Kuchen, der gro� genug ist, gilt wohl nicht mehr?�</p><p>�Es wundert mich immer wieder, wie sehr du auf irgendwelche Ger�chte h�rst. Wenn du mich fragst, halte dich fern von diesen �blen Ger�chten. So etwas vergiftet einen nur. Und wenn du von Dornen sprichst, am Ende ist er es vielleicht selbst, der sich die Dornenkrone aufsetzt, auch wenn das �n drastischer Vergleich ist, die Schuld bei anderen sucht, weil die Gesch�fte in unserer heutigen Zeit einfach nicht mehr so gut laufen wie vor wenigen Jahren noch, die Wirtschaftskrise macht auch vor uns nicht halt, und manchmal muss man gewisse Zugest�ndnisse machen. Mehr will ich dazu nicht sagen, wir haben uns immer respektiert in all den Jahren.�</p><p>�Muss man vielleicht offensiv investieren, zum Beispiel in einen exquisiten Nachtclub, eine Art Gro�bordell mit Ambiente, wie das �Pascha�, wie man das aus K�ln kennt, aber m�sste man dann nicht an anderen Standorten, sagen wir, k�rzertreten? Beziehungsweise sie ganz schlie�en?�</p><p>�Konkurrenz hat immer das Gesch�ft belebt. Das solltest sogar du wissen. Der Markt regelt das von ganz alleine.�</p><p>�Du erw�hntest ja eben die vielzitierte Wirtschaftskrise�� �ber die eventuellen Auswirkungen, die die explodierenden virtuellen M�glichkeiten, das Sex-Net, verursacht, sprachen wir ja schon.�</p><p>�Sicher ist das f�r uns nicht gut, wenn jeder auf jede Mark achten muss. Wenn�s eine gro�e Unsicherheit im Land gibt. Es darf in unserer Branche auf keinen Fall zu einem Preisverfall kommen, auch schon aus moralischen Gr�nden nicht.�</p><p>�Aus moralischen Gr�nden?�</p><p>�Nat�rlich. Da musst du gar nicht so erstaunt tun. Eine Zeitlang gab es die Gefahr, dass diese ganze Flatrate-Schei�e auch auf das Marktsegment der sexuellen Dienstleistungen �bergreift. Wenn ich mit einer Dame eine Stunde verbringen will, hat das nat�rlich seinen Preis und soll auch seinen Preis haben. Es gibt ja viele Assis, und ich wei�, wovon ich spreche, ich sitze ja nicht nur hinter den Spiegeln, sondern spreche seit all den Jahren mit den M�dels, die hier bei mir t�tig sind, Alice zum Beispiel k�nnte dir da Geschichten erz�hlen, also die alte und die neue, wobei wir in unserem Club gl�cklicherweise ein gewisses Niveau bei den Stammg�sten haben. Worauf ich hinauswollte, ist, dass diese ganze Geiz-ist-geil-Schei�e doch auch zu einem Verfall der gegenseitigen Achtung f�hrt.�</p><p>�Der ber�hmte Verfall der Sitten?�</p><p>�So weit w�rde ich jetzt nicht gehen. Wenn ich �ber Moral spreche, will ich mich hier nicht als Moralapostel auff�hren. Aber die Idee, dass man f�r wenig immer mehr bekommt, ist doch kontraproduktiv, und das im wahrsten Sinne des Wortes. Ich habe ja gesagt, dass ich AK und seine Gesch�fte hier in der Stadt respektiere, und dazu stehe ich auch, aber vom Modell FKK-Club halte ich nunmal nicht besonders viel.�</p><p>�Von seinem FKK-Club, den er seit einiger Zeit neben den Wohnungen betreibt?�</p><p>�Von dem Gesch�ftsmodell an sich. Einmal zahlen, und dann f�r so wenig wie m�glich so viel wie m�glich bumsen. Dann lieber das �Pascha�.�</p><p>�Aber der Markt regelt das selbst, sagst du. Und da es eine Nachfrage vonseiten der Verbraucher anscheinend gibt, was das Modell FKK-Club betrifft���</p><p>�Die vielzitierte Wirtschaftskrise l�ste vor allem im Ostblock eine Art V�lkerwanderung aus. Die Frauen kommen aus Ungarn, der Tschechoslowakei, Polen, den russischen Teilstaaten, also den ehemaligen, und nat�rlich ist auch die Arbeit im FKK-Club, und das ist jetzt nur ein Beispiel, f�r sie immer noch ein guter Geldverdienst. Ich will mich da jetzt auch nicht drauf einschie�en, denn dieses Modell gibt es schon seit vielen Jahren. Und nicht dass wir uns missverstehen, in meinen Clubs arbeiten nat�rlich Frauen aller Nationen, auch Ostblock, und dagegen ist auch nichts einzuwenden, im Gegenteil, solange die Mischung stimmt. Es gibt G�ste, die bevorzugen die deutschen M�dchen, andere lieben die Exotik oder die Tiefe der russischen Seele. Wie sieht das bei dir aus?�</p><p>�Ach, ich habe da jetzt keine speziellen Vorlieben.�</p><p>�Setz dich doch nachher einfach mal runter und genie�e die Atmosph�re.�</p><p>�Was w�rdest du eigentlich sagen, wenn ich jetzt zu dir komme und sage: Du, ich habe da �ne kleine Immobilie am Stadtrand im Auge, da m�chte ich gerne �n kleinen Nachtclub er�ffnen. Vier, f�nf Zimmer, Barbetrieb, vier, f�nf M�dchen���</p><p>�Wenn du denn welche findest.�</p><p>�Ungarn, Tschechen, Polen, sagst du���</p><p>�Schlag dich mit den Beh�rden rum, w�rde ich sagen, und wundere dich nicht, wenn du h�ufig Besuch kriegst.�</p><p>�Wie meinst du das?�</p><p>�Stell dir das alles nicht so einfach vor, ich bin nicht der einzige Mann in der Branche in unserer kleinen gro�en Stadt.�</p><p>�Das war jetzt auch nur <emphasis>was w�re wenn</emphasis>.�</p><p>�Wer wird Million�r. Der Markt w�rde dich schnell wieder ausspucken, ohne dass irgendjemand einen Finger r�hren m�sste. Du br�uchtest Beziehungen, Kontakte, Security, da w�rdest du nichts finden auf die Schnelle. Es w�re nicht m�glich. Mehr will ich dazu nicht sagen.�</p><p>�Es ist gleich eins.�</p><p>�Du solltest mein Agent werden. Hast du noch viele Fragen?�</p><empty-line/><p>In den Spiegeln flimmern die Bilder der Nacht. Wei�t du eigentlich, woher der Begriff� Rotlicht �kommt? Alice hat einen Tag frei. Sie macht einen Ausflug zu ihrer Mutter. Mit ihrer Tochter. Die wird bald f�nf. In vier Tagen ist Sommerfest im Club der Engel, drau�en auf dem Hof wird ein mobiler Swimmingpool aufgebaut. Die Bullen bereiten sich vor auf die gro�e Filzaktion aller G�ste. Engel aus Holland haben sich angesagt. Engel aus Berlin. Die Outsiders, die keine Niederlassung mehr im Zentrum der gro�en Stadt haben, kommen zum Freundschaftsbesuch. In der Nachbarstadt, die immer mehr in diese Stadt hineinw�chst, ist die Lage angespannt. Madame Gourdan steht oben auf dem Dach und hisst die gro�e Fahne. Freut mich, dass du auch gerne klassische Musik h�rst. Wir sollten uns ab und an auf �ne Partie Schach treffen. Alice will irgendwann mal ein Kind. Da kann ich aber noch warten bis Anfang drei�ig, Mitte drei�ig, ist heutzutage ja ganz normal. Meine Mutter war dreiundzwanzig, als sie mich gekriegt hat. Mit der Katze geht�s ganz gut. Katzen kommen auch allein zurecht. Manchmal sehe ich F�chse hinten auf dem Hof<emphasis>. Es kann nur einen geben.</emphasis> Der alte Bulle sitzt unten am Tresen und tr�umt immer noch von seinem Mahagoni-Boot, die lange Fahrt ins Haff. Der Diamant liegt in seiner Brusttasche. Was interessieren mich die Kollegen, ich gehe hin, wo ich will. Eliot Ness sitzt im Wintergarten und schl�ft. Den Kopf auf dem Gewirr aus Papieren. Who the fuck ist der Eierschecken�quator. F�nfhundert Meter vom Sixpack entfernt tritt ein Crystalfreak einem alten Mann einen Zahn aus. Der hat aber nur zehn Euro einstecken. War wohl auf dem Weg zur Tankstelle. Der Club der Engel ist gut besucht. Im Eingangsbereich reden sie dar�ber, dass Hans verschwunden ist. Ist heute Vollmond? Alice schl�ft oben im Zimmer. Ihr letzter Gast ruft sich ein Taxi. Im Schlaf wird alles seltsam. Der Mond verformt sich zu einem gro�en gelben Ei. Alice liegt auf dem Bett, aber ihre nackten F��e ber�hren den Boden. Sich einmal nur kurz ablegen, die Augen schlie�en. Der Mann hinter den Spiegeln tr�gt eine silberne Kette mit einem kleinen silbernen Boxhandschuh um den Hals. K�mmert euch doch lieber um den wirklichen Abschaum. Die bewahrt er zu Hause in einem Fach seines alten antiken Sekret�rs auf, ein wunderbares Biedermeier-M�bel. Die Schubf�cher sind voll. Erinnerungen an die alten Zeiten. W�hrend der Arbeit trag ich �ne andere Kette. Ist schon fast �n Vierundzwanzig-Stunden-Shop. Nee, Job. <emphasis>Als w�r�s ein Teil von mir.</emphasis> Wo ist Alice? Sie tr�umt. Ich fahre mit einem Segelbett, wie der kleine H�welmann, durch den n�chtlichen Himmel. <emphasis>Indessen wurde das Ei immer gr��er und menschlicher. Als Alice ein paar Schritte von ihm entfernt war, sah sie, dass es Augen, Nase und Mund bekam.</emphasis> Jemand bestellt Champagner. AK f�hrt seine letzte Runde und sitzt dann auf der Veranda und schaut auf den dunklen See. Sein Telefon leuchtet in seiner Manteltasche. Bald bin ich wieder bei dir. Am liebsten w�rde ich den Club mit Mahler beschallen, aber die w�rden sagen, ich bin verr�ckt. Als Cora ins Zimmer kommt, sitzt da ein kleines schwarzhaariges M�dchen mit wei�em Kleid auf der Bettkante. Das glaubt mir doch keiner, dieses L�cheln.</p><empty-line/><p>�Scheint es dir nicht absurd, dass der Sex �berall regiert, in allen Medien, im Internet, in der Werbung, �berall, dass aber das uralte Gewerbe der Prostitution immer noch gesellschaftlich ge�chtet ist. Oder ist es das nicht, und ich sehe das falsch?�</p><p>�Nein, du siehst das schon so, wie es ist. Vor einigen Wochen oder Monaten, ich glaube, wir haben schon bei unserem letzten Treffen dar�ber gesprochen, gab�s diesen �Tatort�.�</p><p>�Du guckst regelm��ig �Tatort�?�</p><p>�Wenn es m�glich ist, ja.�</p><p>�Entschuldige, dass ich kurz deinen beziehungsweise unseren Gedankengang unterbreche, wir kommen gleich drauf zur�ck, aber hast du einen Lieblingsermittler, ein Team oder einen Kommissar, die du besonders gerne siehst?�</p><p>�Ach, ich habe da jetzt keine speziellen Vorlieben. Die M�nchener sieht meine Frau am liebsten.�</p><p>�Batic und Leitmeier?�</p><p>�Ja, genau die. Den Axel Prahl fand ich mal ganz gut mit diesem Boerne, aber das hat sich bisschen abgenutzt. Und fr�her, da war ich, ja, das kann man schon so sagen, ein richtiger Schimanski-Fan.�</p><p>�Schimmi fandst du gut?�</p><p>�Ja, das war schon ein guter Typ. Zusammen mit seinem Kollegen, diesem Spie�er, der war auch wunderbar. Ich habe �brigens so einen Festplattenrekorder, der nimmt mir das alles auf, wenn ich, und das ist oft, wegen dem Betrieb, nicht gucken kann. Solltest du dir auch zulegen. Oder hast du schon?�</p><p>�Nein. Aber macht schon Sinn.�</p><p>�Die, die hier in der Stadt unterwegs sind, finde ich ehrlich gesagt richtig schei�e.�</p><p>�Also diese beiden Kommissare, die kleine Dunkle und dieser Typ.�</p><p>�Ja, der hat auch so �n l�cherlichen Mini-Schn�uzer.�</p><p>�Obwohl, die letzte Folge ging.�</p><p>�Der mit diesen Kids, die in der Stra�enbahn gepr�gelt haben?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Ja, der war ganz o.k.�</p><p>�Aber du sprachst gerade von diesem �Tatort�, der dich wohl etwas ver�rgert hat�� War das der, der in H. spielt, wo�s um diese Motorradgang ging?�</p><p>�Ja, der. So in etwa. Das war, muss ich sagen, an Dummheit und Unwissenheit kaum zu �berbieten.�</p><p>�Man versuchte, sich authentisch zu geben, aber im Prinzip war es doch die reine Kolportage. Willst du darauf hinaus?�</p><p>�Nat�rlich. Ich bin mir jetzt nicht sicher, ob wir das nicht schon bei einem unserer letzten Gespr�che abgehandelt haben.�</p><p>�Ich auch nicht. Da war doch der b�se Chef dieser den Engeln nachempfundenen Truppe. Die mit den Wegwerfm�dchen handelten und sie dann auch tats�chlich auf dem M�ll entsorgten.�</p><p>�Nat�rlich ist es ein Film. Und es muss da nat�rlich einen gewissen Spannungsbogen geben. Auch was diese l�cherlichen Verquickungen mit der Politik anging. Aber es gab da diese eine Szene, in der die Kommissarin, diese blonde Kommissarin, ihren Freund fragte, ob er schonmal bei einer Hure gewesen ist.�</p><p>�Ich kann mich jetzt nicht konkret daran erinnern.�</p><p>�Er druckst jedenfalls rum, und sie ist zutiefst ersch�ttert. Das ist diese Art der gemalten, der weichgezeichneten Verlogenheit, die mich ankotzt. Und nat�rlich das Bild der Engel, also wie dieser Retortenverein, der der GmbH nachempfunden ist, da dargestellt wurde. Und das dunkle Rotlicht, das nur unter einem Zwang existiert. Bei G�nther Jauch, also nach diesem �Tatort�, behaupteten sie doch tats�chlich, neunzig Prozent aller Prostituierten w�ren Zwangsprostituierte. Als w�rde es so etwas wie das Prostitutionsgesetz, was ja durchaus noch verbesserungsw�rdig ist, gar nicht geben. Und das Wissen �ber dieses alte Gesch�ft, die Geschichte, die Mythen, das ist doch auch die Geschichte unserer Geschichte, unserer Jahrhunderte.�</p><p>�Wie meinst du das jetzt?�</p><p>�Zum Beispiel haben wir da ja jetzt unseren deutschen Papst. Nicht, dass mich das irgendwie tangiert, aber dass es da einen Pius den Vierten gab, der im vierzehnten Jahrhundert ein riesiges Bordell bauen lie�, um die Einnahmen, also einen Teil der Einnahmen, der Kirche zuzuf�hren, das ist doch��, das taucht doch nie auf, wenn es mal wieder um das uns�gliche Milieu geht.�</p><p>�Uns�glich?�</p><p>�Nur das Wort, nur das Wort. Weil ich dieses ganze scheinheilige Gequatsche nicht mehr h�ren kann.�</p><p>�Du hast dich also schon mit der Geschichte und der Vergangenheit des Rotlichts auseinandergesetzt?�</p><p>�Zumindest wei� ich, woher all das kommt, wo es einmal seinen Anfang nahm. Und immer schon ein Teil der Gesellschaften gewesen ist. Ob�s die Leute wahrhaben wollen oder nicht.�</p><p>�Was w�rdest du zum Beispiel einer Alice Schwarzer entgegnen, die ja ein entschiedener Feind der���</p><p>�Feindin, Gegnerin.�</p><p>�Ja.�</p><p>�Nichts. Gar nichts. Weil sich da eine Diskussion �berhaupt nicht lohnt.�</p><p>�Wie wird man eigentlich ein Engel?�</p><p>�Schon immer hat mich dieser Mythos fasziniert. Da hab ich immer gedacht, ob das nicht ein besonderer Weg sein kann. Schon Mitte der Neunziger. Ein eigener Weg, weil die Gesellschaft keine Wege mehr zeigte, eine Vereinigung, die f�r etwas steht.�</p><p>�Ich k�nnte jetzt fragen, f�r was���</p><p>�Das hatten wir doch schon.�</p><p>�War es auch die Faszination eines M�nnerbundes, einer Art Geheimloge?�</p><p>�Quatsch. Schon in den Neunzigern hatte ich Kontakte zu Mitgliedern der Engel. Habe die Biographie des alten Gr�nders�B. gelesen. <emphasis>Born to be wild.</emphasis> Habe einige Engel getroffen, mit denen ich bis heute befreundet bin.�</p><p>�Auch den gro�en Mann aus H.?�</p><p>�Ja. Nat�rlich. Sonst w�rde ich mich nicht so sehr �ber diesen bescheuerten �Tatort� aufregen. Ein Mensch, der mich sehr beeindruckt hat. In seiner ganzen Konsequenz. Er ist immer unbeirrbar seinen Weg gegangen. Und den Weg der Engel. Das zu vereinbaren, vielleicht ist das eins unserer gro�en�� Ideale.�</p><p>�Es gab ja viele Jahre hier in der Stadt eine Niederlassung eines kleineren Motorradclubs, der als Ableger beziehungsweise Unterst�tzer der Engel gilt. Es war doch kein Zufall, dass die Engel erst kamen und du den Vorsitz �bernommen hast, als die feindliche �bernahme des Marktes durch die Locos drohte���</p><p>�H�r mal, mein Freund, erspar mir die Mutma�ungen. Nur weil ich m�de bin, solltest du nicht den Bogen �berspannen.�</p><p>�Und jetzt hast du den Vorsitz der Niederlassung niedergelegt. Aus welchen Gr�nden auch immer���</p><p>�Wei�t du eigentlich, woher der Begriff Rotlicht kommt?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Im Mittelalter mussten die Frauen als Zeichen dieser Zunft rote Kappen tragen.�</p><p>�Rotk�ppchen war also eine Hure?�</p><p>�Du solltest jetzt gehen. Ich habe noch viel zu tun.�</p><empty-line/><p>Nacht. Morgen. Der Club ist leer. Die Stadt ist leer. Der Mond ist ein gelbes Ei. Katzen kriechen �ber den Hof. Ein kleines M�dchen steht am Fenster. Ein Mann sitzt hinter den Spiegeln.</p></section><section><title><p><strong>Tote Taube in der Flughafenstra�e</strong></p></title><p>Hans blinzelt in die Sonne, die direkt �ber dem Flachbau vor ihm noch recht hoch am Himmel steht. Keine Wolken, kein Wind, er wischt sich �ber den schwei�nassen Hals. Wieder der Geruch nach F�ulnis, und er blickt kurz auf die �berquellenden Aschentonnen neben ihm an der Hauswand.</p><p>Es scheint ihm, dass es auf dem kleinen Hinterhof viel schw�ler und hei�er ist als drau�en auf der Stra�e. Er kann den Verkehr h�ren, kurz nach vier, Freitag, vor drei Tagen war der l�ngste Tag des Jahres, Rushhour, Hauptverkehrszeit, Pendlerzeit, Feierabend, Schritte in der Toreinfahrt hinter ihm, er dreht sich um, aber da ist niemand. Er blickt auf die Fenster des Flachbaus, das geteerte, nach vorne abfallende Dach gl�nzt fl�ssig in der Sonne. Au�er dem mal lauter und mal leiser werdenden Verkehrsl�rm ist nichts zu h�ren in dem Innenhof, als st�nden alle H�user leer. Hans blickt an der Fassade der Wohnh�user empor, einige Fenster sind ge�ffnet, und die Gardinen bewegen sich leicht, obwohl kein Wind zu sp�ren ist.</p><p>Hans greift in die Innentasche seines Jacketts, steckt das Zigarettenetui aber dann wieder zur�ck. Viel zu hei� zum Rauchen, und ihm ist noch leicht schwindlig von dem Sekt, den er vorhin getrunken hat. H�tte er sich sparen k�nnen alles. Bin ich zu alt f�r diesen Schei�? denkt er, schiebt die Aufschl�ge seines Jacketts zur Seite, wieder scheint es ihm, in einem der Fenster des Flachbaus w�rde sich etwas bewegen, und er ber�hrt kurz seinen G�rtel, an dem er sein Handy in einer kleinen Lederg�rteltasche tr�gt. Vor einigen Monaten hatte er wieder seine Herrenhandtasche rausgekramt, weil er geh�rt hatte, dass die alten Dinger wieder angesagt waren, Handys, Sonnencreme, Zigaretten, Sonnenbrille, K.o.-Spray, alles f�r den Herrn, aber jetzt muss er lachen, als er sich vorstellt, wie er mit der Hand in der Schlaufe der kleinen braunen Ledertasche �ber die Flughafenstra�e flaniert. Sein Vater hatte sie ihm zu seinem siebzehnten Geburtstag geschenkt, und dass sich mache Leute �ber diese Handgelenkstaschen lustig machten und sie� Stasi-Taschen �nannten, hatte er erst ein paar Jahre sp�ter in Berlin erfahren. Und tats�chlich trugen einige von der <emphasis>Firma</emphasis> diese Taschen, damals, als sie ihn anwerben wollten, zwei Jahre vor der Wende. <emphasis>Vorw�rts, und nicht vergessen�� Den Sozialismus in seinem Lauf h�lt weder Ochs� noch Esel auf.</emphasis> Bis zum Schluss. Standhaft bis zum Schluss. Ich ja auch, dachte er und blinzelte in die Sonne und ging ein paar Schritte auf den Flachbau zu. Er kannte ein paar Leute, die direkt von der Firma ins Gesch�ft eingestiegen sind. Oder Ex-Bullen, Ost. Die hatten gute Kontakte und waren Experten in Sachen Sicherheit. Von der Stasi in den Puff. Wieder lachte er leise, und als h�tte sein Lachen in dem stickigen Hinterhof gehallt und die tr�ge Stille zerrissen, �ffnete sich die T�r des Flachbaus, und ein Mann trat auf das kleine h�lzerne, veranda�hnliche Podest, von dem ein paar Stufen runter in den Hof f�hrten.</p><p>Hans legte die flache Hand an die Stirn, �ber die Augen, sah wei�e T�rme, Plattenbauten, hinter dem Flachbau, verschwommen in dem flimmernden Licht �berm Asphalt der vielen Stra�en, sah, wie die Stadt und das Viertel und die H�user sich in diesem Licht bewegten, graue W�nde, rote Ziegelquader, hohe Silos, Tausende Fenster warfen ihre gl�sernen Strahlen f�cherf�rmig durch den k�rzer werdenden Tag, Kondensstreifen von Flugzeugen dar�ber im Hellblau, Hans blickt in das Gesicht des Anwalts Emil Fischer, mit dem er vor etwas mehr als zwei Jahren Eierschecke im St�dtchen�G. in Th�ringen gegessen hat, oder war es eine �rtliche Spezialit�t namens Kaiserschmand mit einer dezenten Malznote? der Anwalt stand auf der untersten Stufe und reichte ihm die Hand. In der anderen Hand hielt er einen Aktenkoffer, �ber den er sein Jackett gelegt hatte.�Freut mich, Hans, sch�n dich zu sehen, die Kollegen kommen gleich. Nichts f�r ungut, aber ich muss weiter. Hab�s eilig. Gesch�fte, Gesch�fte.�</p><p>Er trug eine weite braune Bundfaltenhose und ein kurz�rmliges wei�es Hemd. Eine dunkelrote Krawatte klebte auf dem verschwitzten Stoff.�Und <emphasis>unser</emphasis> Gesch�ft?�Hans lie� die schlaffe, feuchte Hand los, die sich ihm bereits wieder entwand, weil der Anwalt Emil Fischer sich schon halb zum Gehen weggedreht hatte.�Unser Gesch�ft�, sagte er und legte seine kurz auf Hans� Schulter, und Hans sp�rte, dass sie pl�tzlich nicht mehr schlaff war, sondern fest zudr�ckte,�da ist doch alles klar, ist doch alles gekl�rt, mein Lieber, die Ware ist auf dem Weg ins Land der aufregenden Sonne, der Rest der Provision wartet, alles klar wie ein sch�ner Sommertag.�</p><p>�Ich dachte nur, du w�rst dabei, um die�� hm�� <emphasis>Formalit�ten</emphasis> zum Abschluss zu bringen. Ist ja eine gro�e Summe. So hatten wir das doch���</p><p>�Abgesprochen. Ich wei�, ich wei�. Aber ich muss nun doch nochmal�� kurz�� weg. �Er griff etwas umst�ndlich in seine Hosentasche und zog eine Taschenuhr heraus, Hans war �berrascht von diesem pl�tzlichen silbernen Funkeln in der Hand des Anwalts.�Aber ich denke�, der Deckel der silbernen Uhr sprang auf, und Emil Fischer blickte auf das Ziffernblatt, und kurz glaubte Hans, eine leise Melodie zu h�ren,�dass wir uns nachher noch sehen. Dann k�nnten wir vielleicht etwas essen gehen. Nicht weit von hier gibt�s ein sehr gutes Lokal.�</p><p>�In der Flughafenstra�e�, sagte Hans. Der Anwalt lachte.�Nein, nicht in der Flughafenstra�e. Lass dich �berraschen���</p><p>�Tr�ume werden wahr�, sagte Hans.</p><p>�Rudi Carrell�, sagte der Anwalt,�mit dir k�nnte ich mich stundenlang unterhalten �ber die alten Relikte. Freut mich, dass ihr die Sternstunden der Unterhaltung auch in der Zone zu sch�tzen wusstet.�</p><p>�Was denkst du denn, was wir��, wo wir��? Die dunkle Seite des Mondes?�</p><p>�Hans, die Kollegen kommen gleich, Rushhour, Gesch�fte, du verstehst, also bis nachher���Er winkte kurz und verschwand in der dunklen Toreinfahrt, Hans h�rte die Schritte leiser werden. Er setzte sich auf die Stufen, die zu dem h�lzernen Podest und der T�r f�hrten.�Ist ein guter Treffpunkt�, hatte der Anwalt am Telefon gesagt,�eine kleine verschwiegene Oase, meine Mandanten haben da eine Art kleines B�ro, Import/Export.�</p><p>Hans war am fr�hen Morgen schon nach Berlin gefahren. Die Stadt war ruhig im Moment. Die Kulissen schienen sich nicht zu bewegen. Eine Frau stand an einem der Fenster im vierten Stock und blickte zu ihm runter. Sie schloss das Fenster, und er sah, wie sie die Gardinen zuzog. W�hrend der Fahrt hatte er dar�ber nachgedacht, ob er einen Teil der Summe nicht doch in den Immobilien anlegen sollte, die ihm der Anwalt so ans Herz gelegt hatte. Aber diese M�glichkeit w�rde es sp�ter auch noch geben. Er hatte sich immer rausgehalten aus den steinernen Gesch�ften. Sein Freund AK hatte dort schon vor vielen Jahren (wie klingt das denn jetzt, wie ein vergangenes Jahrhundert, aber Schei�e, es stimmt ja!) investiert und mitgemischt. Aber alles ver�nderte sich in kurzer Zeit, seit zwei, drei Jahren, nach der Invasion, obwohl man es nicht direkt sehen konnte und immer noch vom gro�en Frieden sprach.�Geh doch ein wenig vom Gas, Arnold, du musst doch keinem mehr was�� Lass sie sich doch gegenseitig ficken. Die Engel, die Bengel, wer hat den gr��ten Schwengel���</p><p>�Jetzt sag blo� nicht, ich��, wir sind zu alt f�r diesen Schei�!�</p><p>�Nein, nein, so meinte ich das doch nicht. Aber all die Jahre��, all die Jahre warst du��, hast du die Dinge geregelt. Jeder wei� das. Wir waren, und wir sind.�</p><p>�Vollkommen richtig, Hans. Wir waren, und wir sind. Ich habe geh�rt, dass du���</p><p>�Was hast du geh�rt?�</p><p>�Dich zieht es in die Ferne, dich zieht es weg, mein Freund.�</p><p>�Ein kleiner Urlaub hat noch keinem geschadet, Arnold.�</p><p>�Solange du gest�rkt zur�ckkommst. Ich setze auf dich. Ich brauche dich hier.�</p><p>�The last of the independents. Mehrzahl.�</p><p>Die Kulissen scheinen sich nicht zu bewegen, dachte er, w�hrend er die Spur wechselte und sich der Hauptstadt n�herte, aber�� <emphasis>Die Silberf�den werden zu Stolperdr�hten.</emphasis> Shut up! Aber so �hnlich h�tte er es auch formuliert. Die Engel arbeiten jetzt schon mit den Kanacken zusammen. Die absolute Syndikalisierung ist das Ziel. So w�rde er es formulieren. Schalte das Radio ein und h�re Musik. Warum nicht, mon g�n�ral, wer immer du�� auch rumschwatzt in meinem Kopf. Aber sein Radio h�ngt zwischen zwei Stationen und dudelt verschiedene Songs und Stimmen, Nachrichten, die Superhits der Achtziger, <emphasis>Ba-da-da-dam�� kauft�� auf neunundneunzig Komma neun</emphasis>.</p><p>Es ist erst zehn, als er �ber den Ring f�hrt. In einer Rastst�tte hat er gefr�hst�ckt. Bei McDonald�s. Aber irgendwie war das schei�e, und er ist noch r�ber in die Tankstelle gegangen und hat ein Schnitzelbr�tchen gegessen. Die gro�e Schlange der LKW. Da dachte er, dass das fr�her mal so ein Trend gewesen ist, <emphasis>Haus&amp;Hotel&amp;LKW</emphasis>, dicht gedr�ngt in den Annoncen, Raum kostet Geld, er selbst hatte so etwas nie f�r seine Freiberuflerinnen, seine Arbeitnehmerinnen, angeboten. Die Sicherheit des Clubs, und Ausw�rtsspiele nur nach Absprache mit den M�dels. Weil da mussten sie gewisse Konditionen aushandeln, Zimmerpreis auch drau�en, wo der Mond scheint. Keine Einsamkeit der kleinen Kabinen. Obwohl das sicher ein Verdienst war, eine Gesch�ftsm�glichkeit, f�r sie. Wenn sie das gewollt h�tten��, woanders, AK, die Wohnungen des S., der dank der Absprachen mit AK eine Zeitlang ein kleines Marktsegment bedienen konnte�� Hans hatte sich stets an Absprachen, an diese einst und vor langer Zeit heiligen Vertr�ge (<emphasis>Wir hoben die Becher und schmiedeten den Bund.</emphasis> Shut up!), gehalten. Aber wer mir zu nahe kommt, dem breche ich den Hals. Jetzt reicht�s aber. Endlich l�uft ein Sender, Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin. Die kleine verr�ucherte Oase seines Nachtclubs. Er sieht den Fernsehturm, dessen Spitze in die Wolken sticht.</p><p>Hans blickt wieder in den blauen, vollkommen wolkenlosen Himmel, der ihn blendet, ein hellblauer Spiegel, so dass er die Hand �ber die Augen legt, obwohl die Sonne hinter ihm langsam, ganz langsam sinkt.</p><p>Er h�rt Ger�usche in der Toreinfahrt,�Is wohl �n Erbst�ck, dein fetter Silberdollar�, er kann sich nicht erinnern, dass der Anwalt damals im St�dtchen�G. diese Uhr bei sich trug,�Erinnerungen, Hans, reine Sentimentalit�t, ein altes Geschenk�, Schritte verklingen, Gardinen bewegen sich, jemand �ffnet das Eingangstor der Toreinfahrt, leise Stimmen, er bleibt sitzen, ob am Freitag in Berlin die M�llabfuhr kommt? seinen BMW hat er paar Stra�en weiter abgestellt. Er kennt sich nicht aus in Neuk�lln, war das letzte Mal vor fast zwanzig Jahren in der Ecke gewesen. Am Vormittag ist er durch den Prenzlauer Berg und Mitte gefahren. Hat sich langsam Richtung Mauer bewegt, Richtung Stadion, wollte kurz bei Biene reingucken, auf der Prenzlauer Allee, lie� es aber dann. Die Kneipe gab es noch, er war sich nicht sicher gewesen, schaltete dann den Warnblinker ein und rauchte eine Zigarette und blickte auf die T�r und das Schaufenster. Er konnte nicht erkennen, ob sie schon ge�ffnet hatten, aber dann sah er einen alten Mann und eine alte Frau, Hand in Hand, sie blieben vor dem Lokal stehen, der Alte sagte irgendwas, sie gab ihm einen Klaps auf die Backe, sie lachten, und dann gingen sie hinein.</p><p>�Gib mir mal noch �n Bier, Biene.�</p><p>�Gerne, Hans. �Und sie legte ihre Hand auf seine Hand, und er bewegte ihre H�nde �ber den Tresen und summte ein Lied, weil das Lied im Radio lief, und Biene summte mit:�If I had a hammer, I�d hammer in the morning, I�d hammer in the evening���</p><p>�Der Hans hat �n Hammer, er h�mmert am Morgen, er h�mmert auch am Abend, er h�mmert immerzu���Sie lachten. Sie tranken. Nacht bei Biene. Irgendeine Nacht im Jahr neunundachtzig, im Jahr achtundachtzig.</p><p>Er h�lt auch noch vor einigen anderen H�usern, erinnert sich, wie er auf den Ger�sten gestanden hat, wie er auf den D�chern gestanden hat, wie er W�nde gestrichen hat, <emphasis>rauf und runter immer munter</emphasis>, Farbe im Haar, wie er in dunklen feuchten Kellern ausgeschachtet hat, Ziegel schleppte, Zement mischte, Hilfsarbeiter Hans, Bauhelfer Hans, Hilfsmaurer Hans, an den Wochenenden hat er manchmal in den Diskos oder drau�en in D�rfern beim Tanz gearbeitet. Wenn er nicht ins Stadion gegangen ist, wenn er nicht bei irgendeinem Ausw�rtsspiel in der Provinz mit dabei war. Wenn sie in der Stahlstadt spielten, ist er nie mitgefahren. Er war auch nicht so verr�ckt wie die anderen, die jedes Wochenende, jedes Spiel den Wahnsinn rausbr�llten, aber er war ja froh, dass er Leute kennengelernt hatte, auf die er sich verlassen konnte, damals, als er in die gro�e Hauptstadt der DDR gekommen war. Nach der gro�en Wende ging das richtig los auf dem Bau. Die Kr�ne wuchsen in den Himmel, <emphasis>so w�rde er das formulieren</emphasis>. Shut up. Er f�hrt durch die Vorst�dte, die Plattensiedlungen, Schweine�de-Sch�neweide, an irgendeiner Baustelle hat er angehalten, ist aus dem Wagen gestiegen und ein paar Schritte Richtung Ger�st gelaufen, hat diesen Geruch nach Staub, Erde und Feuchtigkeit tief eingeatmet. Manchmal w�nscht er sich, er k�nnte wieder auf den D�chern stehen, �ber die Ger�ste laufen, Wohnungen entkernen, die Mischung machen, diesen Geruch einatmen.</p><p>War �ne sch�ne Zeit.�Heh, das ist hier aber unbefugt. �Halt die Fresse, ich verfug dich gleich.</p><p>�Hansi?�So hat ihn schon seit fast zwanzig Jahren keiner mehr genannt. Er steht am Auto, den Schl�ssel in der Hand, und dreht sich um. Der Mann im staubigen Blaumann kommt auf ihn zu. Er nimmt den gelben Helm ab, auch seine Haare sind staubig und grau unter dem Staub.</p><p>�Wer will das wissen?�Nein, er hat nichts gesagt und schweigend gewartet, bis der Blaumann vor ihm stand, den Helm an die Brust gedr�ckt.</p><p>�Du bist doch der Hansi, ich erkenn dich doch, jetzt sag blo�, dass du nicht der Hansi bist.�</p><p>Der Blaumann l�chelt, lacht fast, lacht und l�chelt mit dem ganzen schmutzverkrusteten Gesicht, Augen, Nase, Mund, Stirn.�Achim?�</p><p>�Ja, Hans, Achim.�</p><p>Hans f�hrt langsam durch die Brunnenstra�e. Kein Verkehr hinter ihm. Seine Schultern sind noch etwas staubig. Sie haben sich lange umarmt. Alt geworden, der Achim. Der hat ihm damals viel beigebracht. Auf dem Bau. Seine steinernen Gesch�fte. Hat ihn an machen Wochenenden mit zum Pfuschen aufs Land und in die Vorst�dte genommen. So nannten sie die kleinen Nebenverdienste. Fliesen, Mauern, Fu�b�den legen, D�cher ausbessern. Geld und Naturalien. Einmal hatten sie zwanzig K�sten Radeberger von einem Kneiper in einem kleinen Nest bei Neubrandenburg bekommen. Die haben sie dann in der Hauptstadt verscheuert. Hatten das zumindest vorgehabt. Blieb aber nicht viel zum Verscheuern. Drei K�sten hat er Biene geschenkt.</p><p>Achim wusste, wie sie Material organisieren konnten, er kannte fast jeden Vorarbeiter in Berlin, da was abgezweigt, da was verschoben, zehn K�sten Bier, tausend cash, Gipskarton gegen Fliesen, Terminlieferungen, Schneeballsystem, Achim der Fuchs, so nannten sie ihn damals. Neunzig hatten sie sich aus den Augen verloren. Als Hans nur noch in den Diskos und Bars und Tanzschuppen arbeitete, �berall gab es neue T�ren, und er hatte schon einen gewissen Ruf. Der Hans, der kann�s. Schweine-Hans.�Wie hast du mich jetzt genannt, du Arschloch?�</p><p>�Achim. Bist immer noch auf den D�chern, schwingst immer noch den Hammer. Einmal im Stein, immer im Stein, was?�</p><p>�Ach���Er atmet laut aus, sie sitzen auf dem Bordstein neben Hans� BMW und rauchen.�Ich will ja nicht klagen���</p><p>�Du klagst schon, Achim���</p><p>Und Hans f�hrt Richtung Mauer, durch die Mauer, f�hrt um das Areal, das jetzt Mauerpark hei�t, f�hrt zu weit und wei� kurz nicht, ob er schon auf der anderen Seite der Mauer ist, ein Bahndamm hindert ihn am Weiterfahren, und er f�hrt eine Weile parallel zur Strecke, unter einer Br�cke wendet er und bewegt sich wieder Richtung Osten, sieht dann die Flutlichtmasten des Stadions �ber und hinter den H�usern, er hat die Fenster runtergekurbelt und schwitzt, vielleicht h�tte er seinen Mercedes-Kombi nehmen sollen, der hat Klimaanlage, wie sich das geh�rt heutzutage, aber der ist voller Kisten und Flaschen und anderem Kram, und er war zu faul, das alles rauszuladen, am Abend zuvor, am Morgen, er hat bis drei im B�ro gesessen, eine Flasche Limo vor sich, er muss klar und frisch sein in der Hauptstadt, zuckerfrei, weil er Probleme hinten rechts hat, da tupft er Nelken�l drauf seit ein paar Wochen, und die M�dels sagen, er riecht nach Zahnarzt, ein Glas Talisker g�nnt er sich, den hat er seit einigen Monaten auf der Karte stehen, zw�lf Euro f�r vier cl, das ist moderat, wenn er vergleicht, was der woanders kostet und was der Sekt und der Schampus kosten bei ihm. Fr�her h�tte er sich was reingezogen am Morgen oder wann auch immer, vor der Abreise, aber seit er die leuchtenden Steine vor Augen hat und tief in seinen Tr�umen, wo sie neben den K�rpern im tr�ben Wasser schweben und Strahlen durch diese endlosen Fluten schie�en��, ja, verdammt nochmal, es sind doch S�mpfe, unterirdisch, z�h, schwarz, kein Licht und kein Sauerstoff und gar nichts�� Ein Moor, und leer, denkt er und sitzt schwitzend, den Kopf zur�ckgelehnt, in seinem BMW, den er vorm Kreisverkehr geparkt hat, und blickt auf die verrostete, fast schon schwarze Eisenbahnbr�cke, unter der der Kreisverkehr hindurchf�hrt. Kleine W�lder auf beiden Seiten der Stra�e. Er kurbelt die Fenster hoch, obwohl er so schwitzt. Die dumpfen Detonationen eines Motorrads. Sieht aus wie �ne Harley. Zwei Harleys, drei Harleys. Macht euch vom Acker, ihr Engel. Der T�rke ist jetzt der Pate, neue B�ndnisse, alte Pakte werden aufgek�ndigt, neu geschmiedet, weggeworfen, aufgefrischt, Pakete verschickt. Oben und unten, die Kan�le wechseln die Flie�richtung��, dunkle Limousinen fahren von Mitte �ber die Kurf�rstenstra�e, Kurf�rstendamm, Charlottenburg, gefl�gelte Motorr�der, macht euch vom Acker, ihr Engel, ein Hoch auf den neuen F�rst��, der K�nig ist tot, lang lebe��, Kingsize-Betten, Klappliegen�� Hans hat vorm KaDeWe gestanden, ist nicht reingegangen, eine Menge Steine, so viele Steine. Er lehnt sich zur�ck und sieht, dass die Eisenbahnstrecke, die zur Br�cke f�hrt, nicht mehr existiert. Keine Bahnd�mme mehr, nur noch diese schwarze eiserne Br�cke, vergessen, mitten zwischen den B�umen �ber den Stra�en, �berm Kreisverkehr. Er bewegt sich, neigt den Kopf, sucht die Sonne, das Blech seines Wagens gl�ht, aber sie stehen im Schatten, und die Baumwipfel schlie�en sich �ber ihm und seinem BMW wie ein gro�es dunkles Dach.</p><p>Hans blickt auf die Motorhaube des Wagens, der sich langsam, ganz langsam aus der Toreinfahrt in den Hof bewegt. Er sitzt immer noch auf den Stufen der h�lzernen Treppe. Der silber-metallic Mercedes h�lt im Schatten, die Sonne wandert seltsam, dann steht er wieder im Licht, Wolken oder Zeppeline am Himmel. Hans legt die Hand �ber die Augen, nimmt sie weg, legt sie wieder �ber die Augen, beschlie�t aufzustehen, bleibt dann doch sitzen. Zeit, eine zu rauchen, denkt er und greift nach dem Etui in seiner Innentasche. Er schiebt sich die Zigarette zwischen die Lippen und sucht das Feuerzeug. Die hinteren Scheiben des Wagens sind get�nt, und er sieht nur den Fahrer und den Mann auf dem Beifahrersitz, verschwommen, als st�nde der Wagen auf fl�ssigem Asphalt, Hans steht auf, die Kippe im Mundwinkel, sucht mit der linken Hand immer noch das Feuerzeug in den Taschen seines Jacketts.</p><p>�Herr Pieczek?�Die Seitenscheibe auf der Beifahrerseite wird heruntergefahren.</p><p>�Ja�, sagt Hans. <emphasis>Wer will das wissen?</emphasis></p><p>�Sch�n, Sie zu sehen�, sagt der Mann und beugt sich aus dem Fenster. T�rke, denkt Hans. Oder sowas in der Richtung. Der Mann tr�gt ein graues Sakko �ber einem schwarzen T-Shirt, die dunklen Haare hat er zu einem Scheitel aus der Stirn gek�mmt.</p><p>�Sch�n, Sie zu sehen�, sagt Hans und geht ein zwei, drei Schritte in Richtung des Wagens, dessen Heck noch in der Toreinfahrt steht.</p><p>�Entschuldigen Sie, dass wir zu sp�t sind�, sagt der Mann mit dem grauen Sakko, sein Arm h�ngt aus dem Fenster, und seine Hand ber�hrt das silberne Metall der Seitent�r,�aber die Stadt hat uns ein wenig aufgehalten.�</p><p>�Schon in Ordnung�, sagt Hans,�ich warte erst seit zwei Stunden hier.�</p><p>�Sie machen Scherze�, sagt der Mann und l�chelt, jedenfalls kommt es Hans so vor,�nehmen Sie doch bitte meine Entschuldigung an. Darf ich Ihnen Feuer geben?�</p><p>�Sie d�rfen�, sagt Hans und geht an dem silbernen Stern vorbei zur Beifahrert�r.</p><p>�In Tokio ist es jetzt ungef�hr null Uhr�, sagt der Mann mit dem grauen Sakko, bewegt den Arm langsam zwischen die Aufschl�ge seines Sakkos und h�lt Hans ein Feuerzeug hin. Ist ein gr�nes Einwegfeuerzeug, und Hans braucht ein paar Sekunden, um im Gegenlicht der Sonne zu erkennen, dass die kleine Flamme brennt. Er beugt sich runter, so dass seine Zigarette die Flamme des Feuerzeugs ber�hrt.�Kein Raucherwetter, nicht wahr?�, sagt der Mann.</p><p>�Nein, nicht wirklich. �Hans legt eine Hand aufs warme Dach des Wagens, schaut �ber die Schulter des Mannes im grauen Sakko, der seinen Kopf immer noch aus dem offenen Fenster streckt, schaut auf die Hinterbank, auf der zwei M�nner sitzen, zur�ckgelehnt, entspannt, wie es scheint. <emphasis>Vorne zwei, hinten zwei, und das Gesch�ft ist gleich vorbei.</emphasis> Also gut abgewickelt. Ist�s ja schon. Shut up.</p><p>�Was unser Gesch�ft betrifft, Hans���</p><p>�Nun, ich h�re. �Hans beugt sich wieder vor, bl�st den Rauch an dem Mann vorbei ins Innere des Wagens.</p><p>�Im Prinzip ist ja alles gekl�rt�, sagt der Mann und dreht sich kurz zum Beifahrer um, ein kleiner dicker T�rke, <emphasis>oder sowas in der Art</emphasis>, der scheinbar teilnahmslos und ohne sich gro� zu r�hren durch die Frontscheibe auf den Flachbau und in die Sonne blickt. Hans wirft seine Zigarette, von der er nur wenige Z�ge genommen hat, weg, bewegt den Arm, so dass er seine Glash�tte sehen kann, und sagt:�In Tokio ist es jetzt genau drei�ig Minuten nach Mitternacht.�</p><p>�Bestens, dann k�nnen wir ja gleich ins B�ro.�</p><p>Hans hatte Lust zu bumsen. Schei�e, dachte er, was ist denn jetzt los? Er klopfte sich den Staub von den Schultern und lief durch Neuk�lln. Die T�ren der Spielhallen waren geschlossen, in den get�nten Scheiben sah er sein Spiegelbild, Hauptsache, kein Licht st�rt die Zocker, dachte er.</p><p>Rathaus Neuk�lln, auf der anderen Stra�enseite ein gl�sernes Einkaufszentrum. Er ging kurz in den Eingangsbereich, stand still zwischen den vielen Menschen, die an ihm vor�berliefen, kamen und gingen, sah die Werbung eines Juweliergesch�ftes, das in der oberen Etage war. Daneben die Werbung eines Buchladens im Untergeschoss. Bis zur Pannierstra�e war es nicht weit. Als er merkte, dass er Lust aufs Bumsen hatte, war er in einen Zeitungsladen gegangen und hatte sich eine Bildzeitung gekauft. Und noch eine Berliner Tageszeitung, aber die brauchte er nicht, er hatte beim Studium der Annoncen was gefunden, das gleich ums Eck war. Eigentlich hatte er am Morgen noch vorgehabt, zu Mondauge zu fahren auf einen Schluck, aber dann fiel ihm ein, dass es den Laden gar nicht mehr gab.</p><p>Hatte ihm vor kurzem jemand erz�hlt. War das nicht sogar AK gewesen? Aber der konnte ja nicht wissen, dass er in die Hauptstadt fuhr, keiner wusste, dass er hier Gesch�fte machte. Und hier bewegten sich die Kulissen, und hier wurden die Silberdr�hte neu verlegt. Und hier hatten die Engel fast alles �bernommen. Der Mann hinter dem gro�en Hauptstadtspiegel war jetzt ein T�rke. Was man so h�rte, weit weg, in der kleinen gro�en Stadt, und doch nah. Aber was ging ihn dieser ganze Schei� an? Hans hatte Lust zu bumsen. Verdammt, dachte er, was ist denn jetzt los.</p><p>Er lief an unz�hligen Spielhallen und Zockerbuden vorbei, die Sonne im R�cken, die Sonne im Gesicht, kurz nach halb eins auf seiner Uhr. Die Glash�tte ging immer paar Minuten vor. Und er stellte sie immer ein bisschen zur�ck, alle zwei, drei Tage. Hatte sie schon zweimal general�berholen lassen.�Das ist normal�, hatte der alte Uhrmachermeister, der vor Hunderten von Jahren in Glash�tte gelernt hatte, gesagt,�das ist das alte Spezimatic-Laufwerk���</p><p>�Aber die hat Erich Honecker pers�nlich���</p><p>�Sind Sie da sicher�, sagte der alte Uhrmachermeister, die Lupe im linken Auge, beugte er sich �ber das ge�ffnete Geh�use.</p><p>�Vollkommen sicher�, sagte Hans,�schauen Sie doch auf die kleinen Brillanten links und rechts auf��, auf den Halterungen f�rs Armband, und da sieht man auch die Initialen.�</p><p>�In der Tat, ein sch�nes St�ck.�</p><p>�Sag ich doch.�</p><p>Hans hielt die Uhr an sein rechtes Ohr. Er bewegte den Arm hin und her und h�rte das leise Rascheln des Spezimatic-Laufwerkes, das jede Bewegung registrierte, auffing und in Energie umwandelte. <emphasis>So w�rde er es formulieren.</emphasis> Und das leise stetige Ticken der Glash�tte in seinem Ohr, blickte er �ber die Pannierstra�e.</p><p>B�ume wuchsen in regelm��igen Abst�nden auf beiden Seiten der Stra�e. Daddelbuden wie in der Flughafenstra�e konnte er keine erkennen. Fr�her hatte er ab und an gezockt und gedaddelt. Nichts Besonderes. Nur um die Nerven zu beruhigen. Automaten, Roulette, Poker. Nichts Besonderes, hatte auch nach einigen Jahren die Lust dran verloren. Kostete nur Zeit. Hatte AK nicht mit zwei Spielhallen begonnen, damals, in den ersten Jahren nach der gro�en Wende? Das Sonnenlicht zerfaserte sich in den Baumwipfeln, die Stra�e sah still und ruhig aus, und er schaute noch einmal auf die Annonce, die er aus der Zeitung gerissen hatte, und verglich sie mit den Hausnummern. Na, dann wolln wir mal, dachte er und lief los.</p><p>Im� Sweet Life �entschied er sich f�r eine blonde Russin. Der Laden lag ebenerdig, die T�r direkt neben dem Fu�weg, er hatte geklingelt, es hatte gesummt, und die Chefin, Mitte f�nfzig, die ihn mit� Hallo, junger Mann �empfing (<emphasis>Was soll�n das jetzt?</emphasis>), f�hrte ihn in einen kleinen Raum der ausgebauten Kellerwohnung, wo er auf einem Sofa Platz nahm, ein Couchtisch davor, auf dem ein Strau� Blumen stand (<emphasis>Ja, ja, Schweine-Hans, der kann�s��</emphasis>), dann die Parade der M�dels, die Chefin stellte sie vor, f�nf M�dels, die blonde Russin kam als Dritte,�Das ist unsere Tanja, eine ganz liebe Perle�, Tanja, in Slip und BH, Badewetter, blieb l�chelnd vor ihm stehen, drehte sich einmal, drehte sich zweimal, st�tze die H�nde in die H�fte, suchte Blickkontakt, er nickte ihr zu, und sie verschwand wieder.</p><p>Sp�ter versuchte er, sich an die anderen vier M�dels zu erinnern. Und wie die Chefin sie ihm vorgestellt hatte. Eine frauliche, leicht mollige T�rkin. Aisha? Hie�en nicht die meisten T�rkinnen in der Branche <emphasis>Aisha</emphasis>? Eine d�nne blonde Deutsche, eine dunkle Kroatin mit Schmollmund�� Er hatte gleich gewusst, dass es Tanja sein w�rde, oder wie immer sie auch hie�. Wann war ich eigentlich das letzte Mal privat in einem Laden, dachte er, w�hrend er duschte. Er hatte sich f�r das Spiegelzimmer entschieden. Tanja hatte ihn durch die Zimmer gef�hrt. Ja, das Spiegelzimmer war nicht �bel, so �hnlich wie das Spiegelzimmer bei ihm. �n Spiegelzimmer ist �n Spiegelzimmer, wenn�s nicht zu klein oder zu versifft ist. Die Spiegel m�ssen permanent ges�ubert und gepflegt werden. Und zwar so, dass sie keine Schlieren kriegen, zu scharf darf das Zeug auch nicht sein, vor allem die Deckenspiegel sind aufw�ndig, da stand er oft selbst mit dabei, wenn seine Putzbrigade sich um sein Spiegelzimmer k�mmerte. Wie hie� der Typ gleich nochmal, der ihm das damals eingerichtet hat? Der hatte alle oder fast alle Spiegelzimmer in der Stadt, in der Nachbarstadt und in der Region eingerichtet. Hatte das Spiegelmonopol. Obwohl es so wahnsinnig viele Spiegelzimmer ja nicht gab. War dann irgendwann verschwunden. Mit der Firma weitergezogen, umgesattelt oder sich zur Ruhe gesetzt. Aber eigentlich kannte er keinen, der sich zur Ruhe gesetzt hatte. Da muss man schon �ne ganze Menge auf der Kante haben, und einen guten Grund braucht�s auch. Das Geld flie�t und flie�t, meist in beide Richtungen, rein und raus, das alte Spiel, und wir waren, und wir sind, und wenn man seinen Platz hat im gro�en Spiel, geht es weiter�� Immer weiter. Was sollte man auch sonst tun. Am Strand liegen? Jeden Nachmittag Torte essen? Er lehnte sich an die Fliesen und lie� das Wasser �ber seinen K�rper laufen. <emphasis>Wir denken heute wieder mal um viele Ecken.</emphasis> Hatte er einen guten Grund? Das kleine Schloss? Beziehungsweise das kleine Nebengeb�ude des gro�en Wasserschlosses. War das nicht zu nah dran an allem? Und was sollte er da allein rumsitzen? War ja nicht so, dass er keine Optionen hatte. In den ganzen Jahren, seit die Scheidung durch war, hatte er immer mal wieder �ne Frau, was Festes, was halb Festes, manchmal sogar �ne Option. In seinem Spiegelzimmer ist er paarmal mit Mandy, also Mandy�1, gewesen. Das war so �ne Option. Aber die ist dann weg. Diese etwas unscheinbare Dunkle war auch nicht schlecht gewesen. Um die vierzig. Bisschen unsicher. Die Unworte. Aber Tanja hatte Ausstrahlung, ihr rundes, sehr h�bsches Gesicht hatte Kraft. Ja, so w�rde er das formulieren.</p><p>Er stellte die Dusche ab, trocknete sich die Haare, richtig viel war da ja nicht mehr zu trocknen, er zog sich die Badelatschen an, die Tanja ihm gegeben hatte, trocknete sich nochmal richtig ab und nahm dann den Bademantel. Dann merkte er, dass er schei�en musste, setzte sich auf das Klo, sp�lte schon vorher kurz, um den L�rm zu �bert�nen, es war ruhig im Objekt, vielleicht war er der einzige Kunde (<emphasis>Gast! Comprende?)</emphasis> um diese fr�he Zeit. Er wischte sich den Arsch ab, und dann duschte er nochmal. Kurz. Sein Laden �ffnete erst um einundzwanzig Uhr. War aber auch �n Nachtclub. Mit Barbetrieb. Im� Sweet Life �ging�s mittags los, wie er der Annonce entnommen hatte. Hauptstadt, Neuk�lln, viele Menschen, viele L�den, viele M�nner, dreiundzwanzig Stunden warme K�che, sweet life, und wer zuerst kommt�� <emphasis>Zahlst du noch, oder f� du schon?</emphasis>, hatte er �ber einer anderen Annonce gelesen. Da ging�s aber erst am Abend los.�Willst du was trinken�, sagte Tanja, als er ins Spiegelzimmer kam.</p><empty-line/><p>Wo bist du? Staub in der Sonne.</p><p>�Manchmal, Hans, da denke ich, das kann doch nicht alles sein.�</p><p>�Wer denkt das manchmal nicht. Das �bliche.�</p><p>�Und dann denke ich, dass das doch nicht einfach weg sein kann.�</p><p>�Was? Und <emphasis>was</emphasis> weg?�</p><p>�Na, die Zeit. Unsere Zeit.�</p><p>�War�s f�r dich so gut damals?�</p><p>�Besser als heute, Hans. Denkst du nicht manchmal auch sowas?�</p><p>�Wegen damals?�</p><p>�Nee. Allgemein. Irgendwann geh ich in Rente. Der R�cken geht noch. Komisch. Und Berlin geht auch noch. Komisch. Die Maxi ist l�ngst ausm Haus�� Du kannst dich doch noch an die Maxi erinnern?�</p><p>�Da war�se gerade mal so da.�</p><p>�Ich wei� gar nicht, wie ich das sagen soll, wie ich das jetzt�� Man wird halt �n bisschen bekloppt, hast du nicht auch das Gef�hl?�</p><p>�Nee. Na ja. Doch. Aber �s geht ja immer weiter.�</p><p>�Was quatschen wir hier eigentlich f�r M�ll.�</p><p>�Ich wei� nicht, Achim.�</p><p>���dass man zur�ck kann. Wei�t du, wie fr�her mit �nem Flaschenzug. Kannste heute keinem mehr erz�hlen. Wie wir die S�cke und das Zeug mit �nem Flaschenzug�� Wie so �ne Linie. Dass das mal da war und mal da. Ger�sttechnisch. Erster, zwoter, dritter. Und dass du das Seil doch noch in der Hand h�ltst. Ach, vergiss es.�</p><p>�Das Seil, Achim.�</p><p>�Wie �ne Linie, Hansi. Wo�s mal war, da war�s halt. Dass das nicht weg sein kann. Eigentlich. Verstehste, was ich sagen will?�</p><p>�Ich denk schon.�</p><p>Wo bist du? Wie lange siehst du dich schon selbst, ausgestreckt und nackt? Blickst auf dich und schl�fst doch noch.</p><p>�Wie sp�t is�n, Tanja?�</p><p>�Warte, ich geb dir deine Uhr.�</p><p>Sie rollt sich zur Seite und greift auf den Stuhl, wo deine Sachen liegen. Hans neigt den Kopf, blickt zur Seite in einen anderen Spiegel. Sieht, wie sie die Uhr auf seine Brust legt. Sp�rt die Uhr k�hl auf seiner Haut.</p><p>�Zwei Uhr�, sagt sie,�wir haben noch Zeit.�</p><p>�Gut�, sagt er und will Russisch mit ihr reden, aber er findet die F�den nicht in seinem Kopf.</p><p>Sie sitzt auf ihm, und er sieht ihren Arsch in den Spiegeln. Legt seine H�nde auf ihren R�cken.</p><p>Sieht sich allein auf dem gro�en Bett. Ein Laken �ber den Beinen. Wo bist du?</p><p>Sie greift nach seinen Eiern, und er rei�t sich zusammen. Blickt dorthin, blickt dahin und schlie�t die Augen. Die Flughafenstra�e leuchtet, denn die Sonne steht hoch. In der Pannierstra�e zerbrechen die B�ume das Licht.</p><p>�Noch viel Zeit�, sagt die dunkle Kroatin zu ihm, sagt die T�rkin mit den riesigen Br�sten, sagt die d�nne blonde Deutsche, und sie tippen mit ihren Fingern auf seine Uhr, die er wieder an seinem linken Arm tr�gt. <emphasis>Als w�r�s ein Teil von mir. Shut up.</emphasis></p><p>Sie trinken S�hnlein, und die Russin erz�hlt. Tochter, Schwester, Geld verdienen, kleines Nest. Anderthalb Stunden ticken in der Glash�tte.</p><p>Was f�r ein Nest war das, denkst du sp�ter, von dem sie dir erz�hlt hat? Wo sie wohnt. Du hast noch f�r eine Stunde mehr bezahlt, weil ja dein Termin gleich ums Eck ist. Vielleicht wirst du dir trotzdem ein Taxi nehmen. Irgendwo Richtung Schwerin. Hans h�rt zu, denn sie erz�hlt von ihrer Tochter. Und dass sie nur drei Tage die Woche hier arbeitet. Dienstag, Mittwoch und Freitag. Warum nicht Donnerstag? denkt Hans.�Und es l�uft?�, fragt er.</p><p>�Ja�, sagt sie und l�chelt,�ganz gut. �Er kramt sein Russisch raus, das ist gar nicht so einfach.</p><p>�Menja sawut Gans�, sagt er, als sie auf ihm sitzt und er ihren Arsch in allen Spiegeln betrachtet.</p><p>Sie lacht und verschluckt sich fast dabei und lehnt sich zur�ck und rollt dann doch von ihm runter.</p><p>Er sieht seinen Schwanz mit dem Gummi, der wie eine M�tze von der Eichel h�ngt, was f�r ein bl�des Wort, der Herbst kommt, und die Eicheln fallen, weil es im Russischen doch das H nicht gibt und sie das G oder so einen anderen komischen Buchstaben nehmen, der wie ein heiseres Husten klingt, so erinnert er sich zumindest, in der Schule haben sie das so gelernt,�Menja sawut Gans�, und die Flasche S�hnlein ist fast leer, und sie hat nur ein Glas getrunken, und er erinnert sich an all die russischen Worte, <emphasis>Morozhenoe s fruktami</emphasis>,�Ja, du bist schon ein Fruchteis, du Gans�,�Nee, du bist ein Fruchteis, ochen krasivoe Fruchteis�, und er wei� nicht, wie oft sie gebumst haben in den drei Stunden, Moment, wie kann das sein, da ist ihm wohl mit der Zeit was durcheinandergekommen, das lange Seil des Flaschenzuges, dreihundert Euro, oder waren es vierhundert wegen dem Spiegelzimmer? und w�hrend er dann doch zu Fu� durch die Flughafenstra�e l�uft, wie hat er wieder geschnattert als alte Gans, die kann�s, und dass ihr Kind, ihre Tochter, jetzt bei ihrer Schwester ist, wenn sie arbeitet, weil ihre Schwester da in einem Imbiss arbeitet, aber nicht so, dass sie die ganze Zeit keine Zeit h�tte�� undsoweiter, du kennst diese Geschichten und lauschst ihnen trotzdem, weil diese blonde, sehr nette Russen-Tanja sie dir nach anderthalb Stunden erz�hlt, und du bei�t dir auf die Lippen, um nicht von deinem Laden zu erz�hlen, als wenn das einen Unterschied machen w�rde, aber vielleicht doch, und Hans liegt im Sekundenschlaf, der Minuten dauert, und kommt zu sich und greift neben sich, und sie sagt:�Heh, meine Gans, ich bin nicht Liv�, und er w�lzt sich auf sie, dass sie sagt:�Moment�, und nochmal rausgeht, weil keine Gummis mehr da sind, aber er wollte sie nur an sich pressen,�Na komm, M�dchen, nun hab dich nicht so�, <emphasis>Na, bel�g dich doch selbst</emphasis>, nee, nix L�ge, und die Sonne wandert schnell, und er gibt ihr einen Extraschein, den sie erst nicht nehmen will,�Na komm, M�dchen, nun���, aber dann trinken sie noch ein Glas, ihr zweites, neue Flasche, schei�egal, die bleibt halbvoll, halbleer am Kopfende stehen, und Hans blinzelt in die Sonne, f�hlt sich schwach, f�hlt sich stark, wei� kurz nicht, in welche Richtung er gehen muss, versucht, sich an die Wegmarken zu erinnern und��, und wacht nach Luft ringend auf, streicht �ber die lederne Haut, <emphasis>Moment mal, Tanja</emphasis>, ihre Haare liegen feucht nach der Dusche auf seiner Brust, er wirft M�nzen in diesen bescheuerten Daddelautomaten in einer Spielhalle in der Flughafenstra�e, wie die M�dchen fr�her manchmal geschimpft haben hinter seinem R�cken, wie war das noch, damals in der Schule? <emphasis>Lernen, lernen, nochmals lernen</emphasis>, Lenin, ist eben nicht einfach, so einen Laden zu f�hren, Tanja setzt sich auf ihn, und er sp�rt die Spiegel im Halbdunkel auf seinem K�rper, seinem Gesicht, und Hans steht auf der Pannierstra�e unter den B�umen und blickt auf seine Uhr.</p><p>Noch ist Zeit, und er hat Kleingeld, das ihm die Hosentaschen ausbeult. <emphasis>Dass man dann doch wieder und wieder versucht, privat zu sein. Oder es wird. Weil sich�s manchmal nicht vermeiden l�sst. Dass das kommt, so wie es kommt, ob man will oder nicht.</emphasis></p><p>�Und, schonmal ganz gut gewonnen heute�, sagte der Mann im grauen Sakko und stieg immer noch nicht aus,�drau�en auf der Stra�e. Wir sollten alle in diese Maschinen investieren.�</p><p>�In der gro�en Zeit des Wartens�, sagte Hans und wunderte sich, weil er das so sonst nicht formulieren w�rde,�habe ich mich nur umgeschaut, wie ihr so lebt, wenn es das ist, was du meinst.�</p><p>�Es geht doch hier nicht darum, wie irgendjemand lebt�, sagte der Mann im grauen Sakko und �ffnete die T�r,�wir haben ein gutes Gesch�ft gemacht. Du warst der richtige Mann. Deutsch-deutsche Beziehungen und die alte Achse Tokio. �Er stieg aus dem Mercedes, und Hans ging ein paar Schritte zur�ck, damit die T�r ihn nicht ber�hrte.�Lass uns hoch ins B�ro gehen und alles zum Abschluss bringen. Ich glaube, dass wir alle zufrieden sein k�nnen.�</p><p>Er reichte Hans die Hand.�Das glaube ich auch�, sagte Hans und nahm die Hand und drehte den Kopf, nur ein wenig, w�hrend er die Hand hielt, Richtung Flachbau und blinzelte in die Sonne und blinzelt in die Stadt. Bewegungen.</p><p>Es ist immer noch hei� am Nachmittag, und er schwitzt. Wischt die H�nde an seiner Hose ab und wirft ein paar M�nzen nach und wartet auf die Diamanten. Es ist ein alter Automat, und er kann sich erinnern, dass er vor Jahren schon einmal an so einem Daddelding gesessen hat. Um die Nerven zu beruhigen. Wo war das gewesen? Und er sieht seine verschwitzte Stirn auf dem Automaten, sieht die anderen Spieler, neben ihm, hinter ihm, die leisen Melodien, die elektronischen Drehger�usche der virtuellen Walzen, wischt mit dem �rmel seines Jacketts �ber das Glas, denkt an das versiffte Spiegelzimmer in Hildesheim, weil er vorhin doch �berlegt hat, wo das gewesen ist, als er �ber die Spiegel nachdachte. <emphasis>An der Wand, an der Wand��</emphasis> Besoffen ist er in diesen Laden getaumelt. Bl�d angequatscht haben die ihn dort von der Seite. Das kann er gar nicht leiden, wenn ihn jemand bl�d anquatscht, so von der Seite.�Halt mal du deine Fresse, sonst brech ich dir den Hals. �Da hatte er die Hand schon am Hals, den Hals schon an der Hand, der bescheuerte Doorman, aber sich selbst noch halbwegs unter Kontrolle. <emphasis>So kann man�s auch sagen, Hans, nicht wahr?</emphasis></p><p>Die haben dann auch Ruhe gegeben, und er ist in dem versifften, viel zu kleinen Spiegelzimmer eingepennt. An eine Frau kann er sich nicht erinnern. Hildesheim, Ruhrpott undsoweiter, Midlife-Krise, so w�rde er das formulieren. Als er dachte, er m�sste das Land kennenlernen und rumfahren. Er hat sich immer gewundert, warum die ihn in dieser Absteige in der N�he des Bahnhofs der Stadt�H. nicht zur Sau gemacht haben, ihn nicht fertiggemacht haben. Vielleicht, weil er die Kohle in dem Laden verteilt hat und weil er �n teuren Mantel getragen hat, und das war kein Laden, der so aussah, als w�rde da viel Kohle verteilt werden. Die Diamanten kommen nicht. Die bringen Extraspiele, da gehen die Zahlen nach oben. Warum spielt er das? Vielleicht �ne Art Aberglauben. Tokio im Jahre null. Der Mann am anderen Ende der Welt. Dem er vor Jahren in der Stadt geholfen hat. Nicht jeder Japs kann Kung Fu. Und da steht Hans im Schatten und sieht, wie die den Mann fertigmachen. Warum auch immer. Und da �berlegt er kurz und greift dann ein. Junge Typen, die klatscht er weg wie nichts.</p><p>Na ja, ein Zahn war raus. Vorne, da hat er Gold seit fast f�nfzehn Jahren.</p><p>Und die Melodien daddeln in seinen Ohren, <emphasis>Ich m�chte ein Pferd, irgendwann mal</emphasis>, und dann steht er wieder auf der Flughafenstra�e, oder ist das immer noch die Pannierstra�e? und er wei� nicht, wo er sein Auto geparkt hat, dann f�llt es ihm wieder ein, und er wei�, wo er hinmuss, hat schon vor einigen Stunden an der Toreinfahrt gestanden, um das Terrain zu pr�fen, <emphasis>Aber wir sollten doch alle zufrieden sein mit diesem Vermittlungsgesch�ft</emphasis>, er �rgert sich, dass er nur kurz am alten Stadion gestanden hat, die vier Flutlichtmasten wie gekr�mmte st�hlerne Finger, und die meisten alten Kneipen und L�den hat er nicht wiedergefunden und ist doch deshalb so zeitig losgefahren, und er blickt auf seine Uhr und denkt: Na dann wolln wir mal.</p><p>Und als die T�ren des silber-metallic Mercedes sich �ffnen und er schon an den Stufen zum Flachbau steht��</p><p>�Schei�e�, sagte er,�nimm deine Finger weg von mir. �Der Typ tr�gt eine Pudelm�tze mit Bommel, die sich auf seinem R�cken bewegt, hin und her schwingt, diese dicke bunte Bommel, weil der Typ seinen Oberk�rper auf und ab bewegt. Er spricht nicht, er lallt. Und greift nach Hans und packt Hans an den Schultern.�Ach so, Geld willste, na, da kann ich dir mit �ner kleinen Spende aushelfen. Aber nicht anfassen, Kollege.�</p><p>Er sch�ttelt sich, ist wieder voll da und blickt den Mann mit der bunten M�tze an, der da vor ihm steht und lacht und den Mund dabei so weit aufrei�t, dass Hans die braunen, schwarzen Stummel sehen kann. Ein Geruch nach F�ulnis weht ihm entgegen. Hans tritt ein paar Schritte zur�ck und blickt in den kleinen Sackkarren, den Handwagen, den der Typ hinter sich herzieht. Plastikbeutel, leere Flaschen und B�chsen, Zeitungen, und zwischen dem ganzen M�ll sieht er graue Federn auf einem kleinen grauen K�rper, ein Schnabel sticht durch das Papier, das diesen K�rper kaum verdeckt. Schwarze Augen, die sich bewegen, die sich nicht bewegen. Ein toter Vogel, der auf der Seite liegt, die Krallen geschlossen.</p><p>Der Typ lallt irgendwas und beugt sich fast bis auf den Bordstein und geht ein paar Schritte und zieht den Wagen mit dem M�ll und der toten Taube hinter sich her.</p><p>Hans schwitzt und w�hlt in seinen Taschen nach Geld, Kinder sind pl�tzlich da und rennen um den Mann und seinen Karren rum. Sie tippen den Mann an, sto�en ihn mit den H�nden, reden T�rkisch oder was auch immer, und Hans steht da, die H�nde in den Taschen, und wei� nicht, was er machen soll.</p><p>Er steht zwischen der Meute der Kinder und will sie wegjagen, die ganze Flughafenstra�e scheint ihm voller Kinder zu sein, die schreiend und lachend um ihn und den Bommelm�tzenmann und seine Sackkarre tanzen.</p><p>Und Hans sieht, wie sein linkes Bein immer l�nger wird. Wie sein Fu� �ber den Boden gleitet. Was f�r ein gewagter gro�er Spreizschritt. Da knackt was in seinem R�cken. DONG, und die Sonne flammt dunkelrot auf, hinter den H�usern, vor seinem Gesicht. Er dreht sich um und f�llt in den Sackkarren, dieses gro�e graue Loch, in dem die Federn gl�nzen.�Jetzt passt mal sch�n auf, ihr Rotzer!�</p><p>�Gans, hee, Gans, es ist fast drei, du wolltest doch weg.�</p><p>�Nee, Achim, so darf man das nicht sehen.�</p><p>�Geh ruhig ran, das scheint wichtig zu sein.�</p><p>Ein Telefon klingelt, Hans greift nach seinem Handy, jemand tritt auf seine Hand, erst kurz und dann heftig, der Knochen bricht, ein Mann springt auf seinen Kopf, ein Telefon klingelt, alt und schrill. In den Boden zu atmen���Ja? Wisst ihr nicht, wie sp�t�s ist?�</p><p>�Acht Uhr drei�ig. Haste Interesse an �nem Club?�</p><p>�An was? Swingerclub?�</p><p>�Nee. Nachtclub. Ist grad was freigeworden. Ist aber nicht Berlin.�</p><p>�Ja und?�</p><p>�Du willst dich doch selbst�ndig machen.�</p><p>�Wer���</p><p>�Du selbst. Wir geben dir Kredit, du �bernimmst, die Jungs in der Stadt sind einverstanden. Hast einen guten Ruf, hast dir den erarbeitet.�</p><p>�Was solln der Stra�enm�ll�� Jetzt lasst mich doch erstmal munter werden�� Wer spricht�n da �berhaupt? Markus?�</p><p>�Wer wohl, die ehemalige Knochenbrecher GmbH. Wird Zeit f�r seri�se Gesch�fte. Wir geben dir Kredit, du versorgst uns mit Informationen aus der Stadt, hin und wieder���</p><p>�Sind wir bei der Stasi, oder was? Kommt vorbei, wenn ihr was wollt. �Er knallt den H�rer auf die Gabel, sein Sch�del bricht. Sein Nasenbein dringt in den Sch�del. Jemand steht auf seinem Becken.</p><p>Seine Augen bewegen sich und bewegen sich nicht. Silber-metallic reflektiert. Die H�user hinterm Flachbau bewegen sich, schnell und immer schneller. Seine Wirbels�ule biegt sich, und er versucht, sich wegzurollen. Da muss man doch mal auf die Beine kommen. Die Welt ist bunt und rot und stimmt nicht mehr.</p><p>Sich wegrollen, immer nur wegrollen, still trifft ihn die Sonne, sein Kehlkopf wird in die Luftr�hre getreten. <emphasis>Und er bewegt sich noch.</emphasis>�Andere Tr�ume�, sagt Liv, sagt Sonja, sagt Mandy, sagt�� Neunzehnhundertdreiundneunzig. Das Telefon klingt wie ein Faxanschluss. Der erste Schlag. Mehrzahl. Er sitzt und wirft Geld nach und wartet auf die Diamanten. Aber nur die bescheuerten V�gel flattern �ber <emphasis>den Screen</emphasis>. Ein Holz trifft seinen Kopf, als er sich umdrehen will. In der Kneipe, neben der Toreinfahrt, schwatzen sie �ber die besten Rezepte f�r Buletten, hausgemacht.�Wenn ich�s doch sage, da muss das Verh�ltnis anders sein��, mehr Br�sel���</p><p>Als er auf die Treppe f�llt, schafft er es noch, den Arm unter den Kiefer zu kriegen. Ein Fu� auf seinem Hals, und er sp�rt, wie die Vorderz�hne brechen.</p><p>Im Nebengeb�ude des Schlosses ist es ruhig um diese Zeit. Das Licht f�llt durch die Baumwipfel und besprenkelt die Stra�e, den Fu�weg.�Wir haben doch immer einen Schei�dreck auf irgendwelche Ger�chte gegeben, Arnold.�</p><p>�Wenn du das h�rst, Hans, ich versuch�s nachher nochmal, hau sofort ab, wo immer du auch bist, Berlin, schei�egal, ich��, jemand will sich mit dir einkaufen, ruf mich zur�ck, sobald du kannst���</p><p>Acht F��e bearbeiten den K�rper. Haut platzt, die Trommelfelle rei�en, Gef��e werden traumatisiert. Blut in der Lunge. Ein Auge ist ge�ffnet, wei�. Ein Auge ist geschlossen. Die Hand, die Hans geh�rte, bewegt sich.</p><p>Er l�uft am Fluss entlang. Im Ufersand findet er einen wei�-schwarzen H�hnergott. Er winkt einem Schiff, das unter der eisernen Br�cke verschwindet. Und die Sonne wandert schnell.</p><empty-line/><p>�Und bis diese�� Steine in deinem Leben pl�tzlich aufgetaucht sind, ich meine, du hattest doch ein gutgehendes Gesch�ft���</p><p>�Wie man�s nimmt. Und was ist jetzt deine eigentliche Frage? Was ich gemacht habe ohne den Flitterkram vor Augen?�</p><p>�Ja. Bevor die���</p><p>�Sag�s doch ruhig. Die Diamanten kamen���</p><p>�Ja.�</p><p>�Das �bliche nat�rlich. Und von ihnen getr�umt.�</p></section><section><title><p><strong>Der Traum von Reinharz</strong></p></title><p>�Ich kann dir das alles nicht erz�hlen, aber da gibt�s diesen kleinen Kurort, nicht weit von der Stadt weg. Ich meine, <emphasis>das</emphasis> kann und k�nnte ich dir schon erz�hlen. Ich fahr da seit paar Jahren regelm��ig hin. Da gibt�s wunderbare Moor- und Schwefelb�der. Is wegen dem R�cken. Ja, mit meinem R�cken, das hast du ja schon mitgekriegt, Liv. Ist sicher wegen der Zeit auf dem Bau. Jetzt h�r mir aber auf von wegen Alter. Willst mich wohl �rgern. �n Freund von mir, Arnold, den kenn ich schon seit fast zwanzig Jahren inzwischen, hat mir den Tipp gegeben. Der ist dort manchmal wegen seinem Bein, also beiden Beinen. Der hat mal �n Unfall gehabt. Ist aber schon zw�lf Jahre her. Ach, Quatsch, jetzt sind wir einfach mal ehrlich. Dem haben sie die Beine weggeschossen. Sollte nur so �ne Art Warnung sein, aber das ging irgendwie daneben. Manche sagen, der Jugo war zu bl�d, aber ich denke, dass er einfach �berreagiert hat, durchgedreht ist. Ich meine, die hatten ja da kurz vorher noch diesen schrecklichen Krieg. Und im selben Jahr, also das muss neunundneunzig gewesen sein alles, mit dem Bein und den��, da bombten die Nato und unsere deutschen Flieger in Belgrad rein. Also <emphasis>Ex</emphasis>-Jugo, um genau zu sein. Serbe. Serben. Die waren damals noch gut im Gesch�ft in der Stadt. Der Arnold, also mein Freund Arnold, ist in der Vermieterbranche. Wohnungen. F�r Frauen. Ja. Huren. Die mieten sich �ne Wohnung bei ihm, �n FKK-Club hat er auch noch. Ich hab �n Nachtclub. Auch mit Frauen. Ist �ne prima Bar, und alles im Prinzip legal. Ich meine, Liv, ich bin nichts weiter als ein stinknormaler Gesch�ftsmann. Im Prinzip. Wie ich dazu gekommen bin? ach, das ist �ne lange Geschichte. Nee, �n FKK-Club ist kein Spa�bad f�r Nacktbader. Du bist s��.</p><p>Mein Laden ist �n ganz normaler Nachtclub. �ne Art Bordellkommune mit Barbetrieb, na ja, ist jetzt so halb im Scherz. Aber nix hier Eckkantine, wir haben da die besten Drinks und Cocktails und Weine und Schampus��, na ja, alles.</p><p>Und wir achten da immer drauf, dass wir nicht zur selben Zeit in dem kleinen Kurort sind. Ich und Arnold. Und soll auch keiner wissen, dass wir da unsere maladen Knochen bekuren. Da quatschen die Leute blo�, und du wei�t ja, wie das ist mit dem Tratsch. Die beiden Opis sitzen im Schlammbad und reden �ber alte Zeiten. Ist auch ziemlich runtergekommen, das ganze Nest, war fr�her mal �n richtig florierender Kurbetrieb. Ber�hmt, sag ich jetzt mal. Wunderbarer Bahnhof, da hielt die alte B�derbahn, gibt n�mlich noch �n anderen Kurort ganz in der N�he. Der ist jetzt stillgelegt, der Bahnhof, ob in dem anderen Kurort noch gekurt wird, wei� ich nicht. W�r wahrscheinlich bl�d, wenn man da so nebeneinander im Schlammbad sitzen w�rde. In seiner Freizeit will man ja schon seine Ruhe haben. Ja, ja, das Alter, nun fang du wieder an, mit deiner Stichelei. Und warum ich jetzt so weit aushole, bevor ich dir meinen Traum erz�hle, wobei ich mich nat�rlich frage, wie��, wie sowas zusammenkommt, wie solche Tr�ume entstehen. Ich meine, so richtig versteh ich�s nicht, warum ich�s jetzt tr�ume, weil es nun schon einige Monate her ist, dass ich dort war. Im Herbst. Und kurz zuvor habe ich��, habe ich einen totgeschossen. Ist irgendwie bl�d gelaufen. Man kann sagen, dass ich ihn nur warnen wollte, eigentlich, manch anderer wird sagen, ich sei durchgedreht. War dummerweise ein Riesen-Kaliber. Also nicht der Mann, die Wumme.</p><p>Und wenn du da aus den B�dern wieder rauskommst, wieder raussteigst, das ist �ne Wonne, kann ich dir sagen. Da m�ssen wir unbedingt mal�� Da f�hl ich mich so richtig. Da bin ich locker und entspannt, ja, so wie jetzt, aber eben mit richtiger Tiefenwirkung, nee, so mein ich das nicht, das geht eben in jeden festen Muskel rein, na, die Scherze kannste dir jetzt aber sparen, geht zwischen jeden schiefen Wirbel. Und wie ich da so rauskomme aus der B�deranstalt, der Typ, den ich totgemacht habe, war �brigens ein wirkliches Arschloch, Liv, kannst du mir glauben! also da kriege ich Lust, noch �ne Runde zu wandern. W�lder sind da gleich in der N�he, da gibt�s eine riesige Heidelandschaft, die zieht sich fast bis vor unsere Stadt, nein, nicht die Stahlstadt, so gro� ist dieser M�rchenwald nun auch wieder nicht, also bis vor <emphasis>meine</emphasis> Stadt.</p><p>Und ich fahr mit dem Auto noch ein St�ck �ber die D�rfer, bis ich �n sch�nen Weg und �n sch�nes St�ck Wald sehe, latsche dann am Rand eines Feldes los. Es is �n sch�ner Herbsttag, obwohl schon fast November ist. Anfang November war�s, glaube ich, schon. Ich mag den Wald, Liv. Bin als Kind oft alleine in den W�ldern spazieren gegangen. Ja, ich mag die W�lder. Wenn�s Abend wird oder ganz fr�h am Morgen. Der Alte hat immer geschimpft, wenn ich so sp�t nach Hause kam oder am Morgen ausgeb�xt bin. Hat eben immer schon geschimpft. Und sp�ter, also viele Jahre sp�ter und bis zu seinem Tod, hat er geschwiegen. Ja, ja, geht gleich los mit meinem Traum. Ich muss dir ja nur noch erz�hlen, wie ich das Schloss gefunden hab. Reinharz. �n komischer Name. Kommt einem irgendwie bekannt vor, aber ich hatte vorher noch nie was von diesem Nest geh�rt, denn das ganze Dorf, �n ziemlich winziges Dorf, wo das Schloss steht, hei�t so.</p><p>Ich marschiere also durch den Wald, es ist Nachmittag, aber noch recht hell. Fr�her Nachmittag. In die B�der gehe ich meist immer schon am Morgen. Fahre dann richtig zeitig los, damit ich gegen neun, wenn die aufmachen, mit meinem Programm beginnen kann. Schwefel, Schlamm��, na ja. Und da sehe ich pl�tzlich �n Wegweiser. Neben einer kleinen Wiese, direkt an einem sehr schmalen Hohlweg, der vom Hauptweg abgeht. So sumpfige Wiesen waren da zwischen den B�umen. Ich find S�mpfe unheimlich. Hat mich aber immer fasziniert. Da gab�s �n Sumpf, direkt an �nem See, der hie�, glaube ich, Blauer See. Kennst du den, Liv? Kann nicht weit weg sein. Der versumpft langsam. Unz�hlige S�mpfe um ihn rum. Und schmale Wege dazwischen. Einmal hab ich �nen langen Holzstock genommen, riesenlang war der. Und hab den in den Sumpf, direkt neben dem Weg��, der war weg. Ja, ja, ich komm schon zur Sache. Der Wegweiser, genau. �Schlosscaf� stand da. Und ich denke, schei�e, wo soll denn hier �n Schloss sein oder �n Caf�, ich meine, ich war ja mitten im Wald. Und nichts zu sehen zwischen den B�umen. Ich laufe also den kleinen tiefer gelegenen Hohlweg lang, man sagt doch Hohlweg, oder? auf der einen Seite B�ume, auf der anderen die sumpfigen Wiesen. Und dann macht der Weg �n Knick und f�hrt in �ne Art Park, in �ne Art Garten. Alles aber schon bisschen verwildert. �ne riesige Kastanie. Kleinere Zierb�ume. Beete, aber schon alles verbl�ht, weil ja Herbst. Und paar kleine halbverwitterte Steinstatuen zwischen den Wegen und Wiesen und B�umen. �ne kleine Ziegelmauer konnte ich erkennen, auf der anderen Seite vom Park. Und so gro�e leere Blument�ppe aus Stein. Ja, und steinalt. Und eine unglaubliche Stille. Nur das Rauschen der B�ume. Im Herbst machen die V�gel ja nicht mehr so �n L�rm, aber hier war kein einziger Piepmatz zu h�ren, als h�tten die Ehrfurcht oder sowas. Und ich, das muss ich sagen, auch ganz sch�n beeindruckt. Das war wie �n verwunschener Garten, wie in �nem M�rchenbuch. Und ich laufe also durch den Park, der von B�umen, gro�en Laubb�umen, umgeben ist. Der Wald war eher so �n Mischwald. Stellenweise Nadelwald. Und Wasser schimmert durch die B�ume. Erst denke ich, das ist der Himmel, aber dann sehe ich �n Schwan, direkt zwischen den �sten, ganz kahl waren die B�ume ja noch nicht, im Gegenteil, wenn ich mich zur�ckerinnere, waren die bunt, golden, wie das im Herbst eben so ist, aber in meinem Traum sah ich sie sp�ter kahl, und lauter Raben oder Kr�hen auf den �sten, das war aber erst am Ende meines Traums, obwohl, so �ne richtige Chronologie��, ich wei� nicht, das war alles ziemlich durcheinander, und ich wei� gar nicht genau, was da nun Ende, Anfang oder Mitte gewesen ist, ja, ja, Liv, ich komm zur Sache, noch etwas Geduld, S��e, und ich muss aufpassen, dass mir nicht alles entgleitet, und der Schwan jedenfalls. Und ich gehe auf die B�ume zu, die den Park umgeben, und sehe einen gro�en See. Eigentlich mehrere Seen, die miteinander verbunden sind. Also zwei waren es, glaube ich. Der eine voller Seerosen, dicht mit Seerosen bedeckt, dass ich ihn erst f�r eine Wiese oder so etwas in der Art hielt. Dunkelgr�ne Seerosenbl�tter, in meinem Traum bl�hten die Seerosen, irgendwann mal jedenfalls, es kommt mir vor, als h�tte ich ihn vor Jahren getr�umt, dabei war es doch gerade erst eben gewesen, ja, Liv.</p><p>Und vor mir eine kleine Br�cke, die B�ume �ffnen sich wie ein Tor, eine kleine steinerne Br�cke �ber einen Graben, der in den See f�hrt, auf dem zwei Schw�ne schwimmen, nur ein paar Seerosen liegen dunkelgr�n auf dem Wasser. Die vielen Seerosen, fragst du? Ein St�ck weiter hinter dem See mit den Schw�nen, neben dem Weg, den ich gekommen bin, dem Hohlweg, am Waldrand, ein schmaler Damm zwischen den beiden Seen.</p><p>Aber das interessierte mich alles nicht mehr, Liv. Denn da sah ich zum ersten Mal das Schloss. Ich stand auf der Br�cke, und direkt vor mir lag es. Wei�graue Mauer, ein rotes hohes Ziegeldach, die Au�enmauern direkt am Wasser des Sees mit den Schw�nen, und in der Mitte des langgezogenen, mehrst�ckigen Geb�udes erhob sich ein Turm, dessen Spitze ich kaum erkennen konnte, ich legte den Kopf zur�ck. Er war beinahe doppelt so hoch wie das Geb�ude, ganz oben verj�ngte er sich noch einmal, eine zwiebelf�rmige gr�ne Kuppel. Ich wei� nicht, wie ich dir dieses Schloss genau beschreiben soll, da m�ssen wir unbeding mal��, ja, ja, langsam mit den jungen Hunden. Das Ding war wie ein gro�es U, was anderes f�llt mir jetzt nicht ein, nur dass die �u�eren��, wie soll ich das jetzt sagen��, Balken�� k�rzer waren, in den Hof hineinstanden, also die beiden �u�eren Geb�udefl�gel. Und der untere Balken, also wenn du dir ein U vorstellst, eben etwas l�nger, und der Turm zwischen den beiden Geb�udefl�geln, er war nicht direkt rund, eher achteckig, das habe ich nun nicht gez�hlt��, ja, schei�e, das ist eben schwer zu beschreiben, bin eben ein Nachtclubbetreiber, der eigentlich Schlachter, meine nat�rlich G�rtner, gelernt hat. Jedenfalls war dieser Turm so gebaut, dass er��, ja, aus dem Geb�ude hervortrat, der hintere Teil im Geb�ude drin��, ach, verflucht, Liv, ein wundersch�nes Schloss, mir sind bald die Tr�nen gekommen, sowas habe ich, wei�t du, noch nie gesehen habe ich so ein sch�nes verwunschenes Schloss. Das lag da, wie auf einer gro�en Platte, mitten auf dem Wasser. Und kein Mensch zu sehen. Und da beginnt mein Traum. Wie ich in diesem Hof stehe. Und ich habe damals, also so lange ist das ja noch gar nicht her, ganz kurz gedacht, wie man eben sowas denkt, ob du�s glaubst oder nicht, dass ich irgendwie in eine andere Zeit geraten bin. Schon als ich den Schlosspark betrat, von dem ich ja da noch nicht wusste, dass es ein Schlosspark war, weil ich das Wasserschloss ja noch nicht sehen konnte hinter den B�umen. Vielleicht lag�s auch am Oktober. Weil alles so ruhig und so�� golden war. Laub auf den Wiesen, Laub auf den Steinplatten des Schlosshofes. �ber die kleinen Mauern konnte man sich beugen und aufs Wasser blicken. Und sp�ter, vielleicht habe ich ja deshalb das alles getr�umt, entdeckte ich ein Nebengeb�ude, eine andere Br�cke f�hrte dahin �ber einen Wassergraben, das muss ein Gesindehof oder ein Wohnhaus f�r die Dienerschaft gewesen sein, was wei� ich, wie so etwas genau hei�t, und das stand jedenfalls zum Verkauf. War ein Schild dran. Mit �ner Telefonnummer. Habe ich mir nat�rlich gleich aufgeschrieben. Und sp�ter auch angerufen. Ein sch�nes kleines gelbes Haus, zweist�ckig, Barock, na ja, das konnte man schon sehen, ohne dass man sich mit sowas gro� auskennt, barock. So wie das ganze Schloss. Ich hab sofort gewusst, dass das was f�r mich ist.</p><p>Dass ich mich da mal zur Ruhe setzen werde.</p><p>Und vielleicht hab ich ja deswegen diesen Traum hier bei dir gehabt. Und in der Stahlstadt, wo ich geboren wurde. Ich habe vorher nie von diesem Schloss getr�umt. Und ich stehe also wieder auf diesem Hof, aber das Schloss sieht etwas anders aus. Das war n�mlich schon ein bisschen angeranzt. Das Dach war neu, aber die Mauern, also der Putz, schon bisschen br�ckelig. Ich meine, klar, das steht ja auf dem Wasser, direkt �ber dem Wasser. Und erst dachte ich, also in meinem Traum, verdammt, jetzt bist du in der Zeit zur�ckgereist, nein, ernsthaft. Hast noch keinen totgeschossen, obwohl, und dabei bleib ich, dieser Typ ein Oberarschloch war, der mir da was kaputtmachen wollte, mich kaputtmachen wollte, aber�� das ist doch jetzt egal. Und dann sehe ich zwei Diener, direkt am Eingangstor, das sich unten, am Fu�e des Turmes, befand. Die hatten so Per�cken auf, Barockper�cken, mit �nem kleinen Zopf. Ich hab fr�her immer gerne das �Mosaik� gelesen, du kennst doch dieses Comic-Heft, ja, aus der Zone, und irgendwann Ende der Siebziger waren diese drei Kobolde im fr�hen achtzehnten Jahrhundert unterwegs, also in der Barockzeit. Nee, da war ich kein Kind mehr, aber das war ja auch nicht nur f�r Kinder. Da waren die in Wien, K.u.k., und dann sogar in Paris, wo dieser Sonnenk�nig herrschte. Und genauso sahen die Typen aus, also die Diener. Mit so Livrees an. Und dann sehe ich, dass ich auch so gekleidet bin. Also schon etwas anders, nobler, wie ein Herzog oder sowas. Und hinter mir f�hrt �ne Kutsche �ber die Br�cke. Und wie ich so gucke, f�hrt da �ne Stra�e durch den Park und weiter mitten durch den Wald. Zwei wei�e Pferde und ein Typ aufm Bock. Alles Barock. Hm, ja. Und ein Bekannter von mir steigt aus. Und der sagt auch irgendwas zu mir, aber ich kann�s nicht richtig verstehen. Klang franz�sisch. Oder italienisch. Und der ist auch im wirklichen Leben ein Graf. Von Geburt her, wie man so sagt. Also zumindest erz�hlt man sich das.</p><p>Der betreibt �n gro�es Laufhaus. L�uft aber nicht gut grad. Ja, da sind viele, viele Zimmer, und in denen sitzen die Frauen. L�uft �ber die Miete, die sie zahlen. Alkoholausschank gibt�s da n�mlich keinen. Ja, dem geh�rt das. Also zumindest hat er da Anteile. Bei uns und auch woanders.</p><p>Volle Montur. So wie ich. Knickerbocker. Hohe Schuhe. �ne Riesenper�cke. Rocksch��e bis zu den Kniekehlen. Und dann sind wir pl�tzlich im Schloss drin, laufen durch die langen G�nge, �berall T�ren und �berall Diener. Und �berall Leuchter an den W�nden. Kerzen. Und Wandteppiche dazwischen und olle �lschinken. Vielleicht hab ich das mal so im �Mosaik� gesehen, denn drin gewesen bin ich ja nicht im Schloss. Und dann ist�s mir so, als wenn ich da schon immer gewesen bin, schon immer dort gewohnt habe. Also im Traum. Reinharz. Das ist alles in meiner Erinnerung, in meinem Kopf.</p><p>Und irgendwann sitzen wir in �nem riesigen Zimmer, mehr so �ne Halle, die feinsten Kristallleuchter baumeln an der Decke, und ein Licht, weil Hunderte Kerzen drauf sind, so ein strahlendes Licht hast du noch nicht gesehen. Und Kerzenleuchter auch auf der Tafel, an der wir dann sitzen. Oben am Kopfende mein alter Freund Arnold, von dem habe ich dir ja schon erz�hlt, ja, der Vermieterk�nig, nee, nix Rotlicht, das h�rt er n�mlich nicht gerne, und am anderen Ende der langen Tafel sitzt��, nee, da sitzt keiner, da ist nur ein leerer Stuhl, prunkvoll verziert, wie �n Thron. Und ich und der Graf sitzen an den Seiten der Tafel. Die ist gedeckt nat�rlich. Hunderte Karaffen, Flaschen, Gl�ser, Platten mit Braten und Platten mit Obst und Trauben, so wie man sich das vorstellt, so wie die damals wohl auch geschlemmt haben, also die Reichen, die Adligen.</p><p>Und an einer Wand steht so �n Cembalo-Klavier, an dem sitzt einer und klimpert, und paar Typen daneben, die fiedeln Bach oder H�ndel, so genau kenn ich mich da nicht aus. Wundersch�ne Musik. Und an den W�nden h�ngen Musketen und S�bel und Schwerter und lauter so Waffen.</p><p>Und ich gucke zu Arnold, der mit seiner wei�en gro�en Per�cke dasitzt, die H�nde gefaltet, einfach nur dasitzt, einen silbernen Kelch vor sich, erhaben wie ein K�nig. Oder �n Graf, Herzog, aber schon wie der Boss unserer kleinen Runde. Und der guckt uns aber gar nicht an, blickt nur auf den leeren thron�hnlichen Stuhl am anderen Ende der Tafel.</p><p>Und du kennst das doch, wenn man pl�tzlich alles sieht, nicht nur das, was du von deinem K�rper aus sehen kannst, normalerweise. Und trotzdem war�s echt, f�hlte sich jeden einzelnen Augenblick so echt an. Nein, kein Traum. Unten auf dem Hof fahren die Kutschen vor. Kutsche um Kutsche. Zehn, zw�lf sind das bestimmt. Der ganze Schlosshof voll von Adligen. Und dann sitzen die alle mit uns an der Tafel, nur der eine Stuhl bleibt frei. Und ich muss auch immer da hingucken und wei� gar nicht, warum. Und einige von den Leuten, die da mit uns schlemmten, die kannte ich. Unser B�rgermeister zum Beispiel, nee, der war noch nie in meinem Nachtclub. Aber so �n paar andere Typen ausm Rathaus, aus der Landeshauptstadt, die sahen alle aus wie August der Starke oder so.</p><p>Und so Leute wie die Br�der�W. waren auch da, die haben �n Stripclub und paar Bars. Und auch so Typen wie Alex, na ja, das f�hrt jetzt zu weit. Und auch Immobilien�rsche oder so Wichser von BMW oder Audi. Nee, ich hab nichts gegen die. Na ja. Ist halt Kundschaft. AK und so, die machen �fters mal Gesch�fte mit denen. Also Immobilien. Ich wollt ja nie expandieren, und mein Geld anlegen wollt ich auch nicht, wahrscheinlich w�r das das Beste gewesen, wenn ich�s mir jetzt so �berlege. Stein is �n bleibender Wert, wenn man�s richtig macht.</p><p>Und sp�ter wache ich dann auf, bin wohl kurz weggenickt. Das Saufen und Fressen war ein gewaltiges Durcheinander. Ich wei� nur noch, dass ich da viel, wirklich sehr viel gelacht habe. Also w�hrend der Schlemmerei. Und nur AK sa� unbeweglich am Kopfende und trank hin und wieder aus seinem gro�en silbernen Kelch. Und ich bin ganz allein an der langen Tafel. Alles eingesaut inzwischen. Flaschen kaputt, alles aufm Boden, Tischdecke bunt, frag blo� nicht. M�chtest du nicht saubermachen, Liv.</p><p>Und keiner mehr da, auch die Musikanten sind weg. Und ich gehe zu einem der gro�en Fenster. Und drau�en wird�s Abend, ganz seltsames r�tliches Licht hinter den B�umen am Horizont. Weit weg sieht man da ja manchmal alles ganz unscharf. Im Traum, mein ich.</p><p>Und da schwimmen Leute im See. Also K�rper. Die scheinen tot zu sein, aber ganz sicher bin ich mir nicht. Lauter bunte Kleider. Und die beiden Schw�ne mitten zwischen ihnen. Und ich kann dir nicht sagen, ob mich das wundert oder ob ich Angst hab. Weil ich�s von da oben ja auch nicht so genau erkennen kann.</p><p>Und ich bin dann durch die G�nge gewandert und habe die anderen gesucht. Dass ich �n Degen oder �n S�bel am G�rtel hab, habe ich da erst gemerkt.</p><p>In jedes Zimmer schaue ich. Hab �n Leuchter in der Hand. Die Kerzen flackern. Breite Himmelbetten. Wie durch Nebel sehe ich, dass die da bumsen. Ja, entschuldige. Da kann ich ja nun nichts daf�r. Auch wenn�s mein Schloss ist, anteilsm��ig wahrscheinlich. Das verschraubt sich da alles ineinander, ich kann keine Gesichter erkennen. Und wo die Frauen herkommen, wei� ich nicht.</p><p>Aber Lachen h�re ich. Irgendwie von weit her. Das Lachen von Frauen. Und ich sag dir, das war �ne richtige M�nnerrunde vorher. Und in einem Zimmer sitzt der Graf, also der, der angeblich im wirklichen Leben Graf ist, von Geburt her, sein Vater muss wohl ein Adliger gewesen sein, erz�hlt man sich zumindest, da sitzt er und redet mit dem B�rgermeister, den ich ja nur vom Sehen her kenne, und andere Typen mit ihm am Tisch, Immobilienfuzzis, in der Ecke steht ein Neger mit einem Tablett, und als ich da reinschaue, sind sie pl�tzlich still. Und ich kann nicht erkennen, ob da AK mit dabeisitzt. Lauter Goldm�nzen auf dem Tisch. Und Papiere, jede Menge Papiere, mit Siegellack drauf. Wie Kerzenwachs. Und paar gl�nzende Steine.</p><p>Und irgendwie bin ich pl�tzlich in den Kellerr�umen des Schlosses, wei� nicht, wie ich da hingekommen bin, ganz schwerelos ist man ja manchmal, in den Tr�umen.</p><p>Und da sind die Frauen, und komischerweise ganz viele schwarze Frauen. Und ich war dieser Neger, gleichzeitig mit mir selbst, und hab mich selbst gesehen und in den Raum geblickt, weil ich sehen wollte, ob da AK oder jemand anderes in einer der dunklen Ecken sitzt, �ne Lesebrille oder so �n altmodisches Monokel konnte ich n�mlich erkennen, mehr aber nicht, wahrscheinlich weil ich meine Brille bei dir aufm Nachttisch vergessen hab, Liv, und ich als Neger und ich als Hans, wir hatten beide kein gutes Gef�hl bei der Sache in diesem Raum, also was die da getrieben und verhandelt haben. Aber ich war immer gut darin, mich an meine eigenen Sachen zu halten.</p><p>Die Kellergew�lbe sind voll von Frauen. Dichtgedr�ngt stehen sie da, und alle nackt. Da isses kalt. Wasser tropft von den W�nden.�Nubische Perlen�, sagt jemand hinter mir, aber als ich mich umdrehe, ist da nat�rlich keiner. Ha, ha, war ja klar. Ja, vollkommen nackt. Und aus anderen T�ren kommen die Diener und holen immer wieder einige der Frauen. Ich meine, wenn ich jetzt dr�ber nachdenke, ich bin ja nicht Freud, und ich hab, verdammt nochmal, ein absolut reines Gewissen. Ja. Und was soll der ganze Schei�, bei mir ist keiner im Keller, also keine Frauen. Und so SM-R�ume habe ich auch nicht. Obwohl ich oft dr�ber nachgedacht habe. Ich mein, das ist sicher so �n schei� Traum, weil die Leute immer genau das denken. Ja, Liv. Von wegen das w�rn Riesenkl�ngel und so. In jedem bescheuerten �Tatort�, in jedem bescheuerten Fernsehfilm. Alles erzwungen, alles in den Kellern, die b�sen, b�sen Luden, die in Wirklichkeit �berhaupt keine Luden sind. Leckt mich doch. Entschuldige, S��e. Klar, hier und da l�uft schon was schief. Wie �berall im Leben, wie in jedem Gesch�ft. Da kenn ich genug Leute, die mich ankotzen. Da kann ich dir Geschichten erz�hlen, nee, lass mal. Und vielleicht bin ich auch einfach zu bl�d und zu alt, um alles mitzukriegen, was da hintenrum alles l�uft mit der gro�en, gro�en Politik. Und wir sind nunmal nicht in der Knusperflockenbranche. Und die Frauen, also die in den Kellerr�umen des Wasserschlosses, die lachen. Die lachen und lachen. So wie ich am Tisch gelacht hab, oben bei dem Fest. Klingt unheimlich. Dieses vielstimmige, nicht enden wollende Lachen��</p><p>Und dann bin ich wieder woanders im Schloss, das Lachen und Musik begleiten mich, den Degen halte ich in der Hand. Der Kerzenleuchter ist verschwunden. Und ich laufe und laufe, bin mal in diesem Zimmer, mal in diesem Raum, dann im Park pl�tzlich und dann wieder im Hof und dann wieder woanders. Und ich denke, dass das doch irgendwann mal ein Ende haben muss. Weil ich keinen Augenblick das Gef�hl hatte, ich tr�ume.</p><p>In einem Zimmer steht Arnold und peitscht seinen Sohn aus. Und schei�e, die sind nackt alle beide. Und Papiere liegen neben den beiden auf einem verschn�rkelten Tischchen, und ich will einen Blick drauf werfen, kann aber nichts erkennen, nur ein gro�es schwarzes Siegel, und das breche ich auf, um den Brief zu �ffnen, es ist ein gro�er Briefumschlag, und du kennst doch diese gepressten Bl�ten, die man fr�her immer in alten B�chern fand, und in dem Briefumschlag liegt eine kleine gepresste Hand, wie von einem Kind. Man sagt ja immer, das will ich dir gar nicht erz�hlen, Liv, und erz�hl�s dir auch nicht, dass Arnold Fotos und Dokumente h�lt, da gab es mal�� Anfang der Neunziger, nein, das erz�hle ich dir nicht, da war ich auch noch gar nicht in der Stadt, h�chstens auf dem Weg in die Stadt. Und verdammt, in einem anderen Zimmer hockt Arnold auf dem Boden, und sein Sohn peitscht ihn aus und tr�gt die Kleider von seinem Alten und eine wei�e Per�cke mit einem gro�en schwarzen Dreispitz. Und ich begreif das alles nicht. Sein Sohn, musst du wissen, war beim Milit�r, weil sein Alter das so wollte. Ist aber zur�ck inzwischen. Und ich will was sagen, und Arnold dreht sich um, mit blutendem R�cken, die Peitsche in der Hand, und er sagt sowas wie: �Wenn du mitmachen willst��� Und da hab ich ihn erstochen. Ging ganz leicht. Obwohl die Klinge durch beide durchging, also Vater und Sohn. Den Degen hab ich stecken gelassen in den K�rpern und bin weitergegangen. Aber sp�ter, auf dem Turm, hab ich Arnold wieder gesehen. Da war er wieder da, als w�re nichts gewesen. Sch�n angezogen, Barock, versteht sich, die Per�cke aufm Kopp. Mit riesigen Fernrohren hat er hantiert. Die waren da festgeschraubt. Ganz oben auf dem Turm. Direkt unter der Spitze der Zwiebel standen wir hinter einer kleinen Mauer, eine Art Aussichtsplattform. Zwei altmodische Kr�cken lehnten neben ihm an der Mauer. �Ich habe schon auf dich gewartet, Hans.� Ja, schei�e, dasselbe hat mein Vater auch gesagt. Aber das kann ich ja noch gar nicht wissen. Und dann schauen wir �bers Land. Und jede Menge Reiter in der Ferne. Zwei Horden. Die eine ein ganzes St�ck weiter entfernt als die andere. Aber beide noch hinterm Wald. Und alle B�ume sind kahl. �Wir m�ssen alles, alles niederbrennen, wenn wir unser Schloss behalten wollen.� Ja, das hat er gesagt. Und das Fernrohr ganz woandershin geschwenkt, hoch zu den Sternen. War Abend inzwischen. Und als ich dann wieder, nach Stunden, vielen Stunden, so kam es mir vor, als ich dann wieder in unserem Festsaal stehe, nur noch ein paar Kerzen brennen, sitzt da ein Mann auf dem Stuhl, der den ganzen Abend, das ganze Fest �ber leer gewesen ist. Als h�tte er schon immer da gesessen. Na ja, und nat�rlich kenne ich ihn. Wir hatten uns immer engagiert, nee arrangiert, in den Jahren. <emphasis>Wir hoben die Becher und schmiedeten den Pakt��</emphasis> Ach, vergiss es, Liv. Aber dass er jetzt hier, in unserem Schloss, sitzt, das kotzte mich schon an. Die wilden Reiterhorden vor den Toren. Mein Degen ist weg, steckt wohl noch in einem von den Arnolds, und ich sp�re, dass ich auf zwei Kr�cken humpele. Und lauter Spiegel an den W�nden, und ich wei� nicht, ob das nur unsere Spiegelbilder sind, einige sind starr und r�hren sich nicht, als h�tten die Originale schon vor langer, langer Zeit den Saal verlassen, andere dr�cken ihre Nasen von innen gegen das Glas. Und da muss ich zugeben, da f�rchte ich mich, das erste Mal in meinem Traum. Ganz entsetzlich und wie ein kleines Kind. Weil schon die ersten H�nde und F��e und Gesichter durch die Spiegel dringen. Na ja, und das war�s auch schon. Bin ich aufgewacht. Und war so froh, dass ich hier bei dir bin. Obwohl, das mit dem Schreibtisch, diesem alten Sekret�r, hab ich vergessen, der stand in dem Zimmer, was wohl mein Arbeitszimmer war in unserem Schloss, und wie ich da ein Schubfach aufziehe, und da liegt�n kleiner Mensch drin und meckert mich an, und der hat auch so �ne gro�e Per�cke auf, Barock, nat�rlich in seinem Ma�stab, und weil der nackt ist, sehe ich, dass das �ne Frau ist. Ich hab ja �ne Tochter, da brauch ich keinen Freud, die habe ich nicht mehr gesehen, seit sie klein war. Und ich hatte mal �ne Kleinw�chsige, also die arbeitete in meinem Club��, also ganz klein und winzig war die nun nicht, aber doch schon so �ne Halbzwergin, und die hat nur kurz bei mir gearbeitet, war �ne Sensation damals, eine Saison, die wollte sich was finanzieren, wollte sich was aufbauen mit dem Geld und war dann auch gleich wieder weg, nee, lass mal, hab ich mir ausgedacht diese Wahrheit jetzt, und das mit der kleinen halbrunden Steinbank am Waldrand hab ich vergessen, als die Frauen pl�tzlich �berall im ganzen Schloss waren und riesige Reifr�cke trugen mit eng geschn�rten H�ften, die Reiterhorden waren verschwunden, und nur noch Frauen, als ob denen das Schloss geh�rte pl�tzlich, und wir sa�en da wie ausgesto�en auf dieser stillen Bank��, aber da wei� ich nicht, ob���</p><p>�Hans, heh, Hans!�</p><p>�Ja?�</p><p>�Jemand zu Hause?�</p><p>�Was?�</p><p>�Seit �ner Stunde sitzt du hier rum und redest mit dir selbst. Alles in Ordnung?�</p><p>�Ja, Liv. Ja, Arnold.�</p><p>�Wer? Du wolltest doch die Finger vom wei�en Gold lassen, mein Freund.�</p><p>�Ich sauf nur, Arnold.�</p><p>�Mach doch mal Urlaub.�</p><p>�Hab ich auch vor.�</p><p>�Aber bleib nicht irgendwo h�ngen, wo die Sonne scheint.�</p><p>�Wie meinst�n das?�</p><p>�Man h�rt, du willst die gro�e Flatter machen. Hast irgendwo Gesch�fte laufen.�</p><p>�Schwachsinn.�</p><p>�Ich brauch dich hier in der Stadt, mein Freund.�</p><p>�Keine Sorge, Volksf�rsorge.�</p><p>�Komm, ich ruf dir �n Taxi.�</p><p>�Hast du auch das �Mosaik� so geliebt, damals? Das gibt�s ja noch, aber ist schei�e geworden.�</p><p>��Mosaik�, Hans? Deine Tr�ume m�chte ich haben.�</p><p>�Nein, m�chtest du nicht.�</p></section><section><title><p><strong>Transfer (Bye-bye, mein Ladyboy)</strong></p></title><p>Champagner zu trinken. Etwas, das ich sp�t zu sch�tzen gelernt habe. Sekt, das war �blich. Und man trank schon hin und wieder ein Glas mit den Damen. Aber das machte mir Kopfschmerzen, sp�ter. Herzrasen. Zerriss mir den Kopf fast, mein Herz wie ein Maschinengewehr. AK. Seit jenem Jahr, seit jener Nacht im gro�en Jahr vor den Nullen, konnte ich keinen Sekt mehr trinken.</p><p>Champagner zu trinken. Etwas, das ich vor Jahren noch bel�chelte, das ich nie zu sch�tzen wusste, und ich l�chelte, wenn der Bielefelder Graf, der uns alle mit seinem blaubl�tigen Schwindel beeindruckte, die Flaschen mit einem S�bel k�pfte. Kein Kopfschmerz, kein rasendes Herz von Champagner. Das wird an der Lagerung und der Herstellung liegen. Edel. Und dunkel. Und herb.</p><p>Die Flasche mit einem S�bel zu k�pfen. Etwas, das ich mir jetzt manchmal vorstelle. Wenn ich auf den See blicke und an die Zeit denke, in der ich so viel Zeit haben werde, dass ich die Winterabende am Kamin verbringen kann, Champagner trinkend. Ich habe nicht gewusst, dass ein oberer Teil des Flaschenhalses mit abgeschlagen wird, abgesprengt f�rmlich von der Wucht des von unten schr�g nach oben ausgef�hrten Hiebes, bis der gr�fliche Hochstapler es mir zeigte. Der alte Mann wird mit diesen Tricks die ein oder andere Gesellschaft beeindruckt haben in seinen Jahren, in seinen Gesch�ften. Weit gereist. Das muss man ihm lassen. Und hier nun, nach f�nfzehn Jahren, ungef�hr, die Burg verlassen muss. Nun, ich bin sicher, dass er sich abgesichert hat, und ich wei� um seine Anteile an anderen Unternehmen, wei� um die anderen Standorte seiner Kette.�Schlecker �ist fertig, er nur ersch�pft, ausgebrannt in dieser Stadt. Sein Traum von der Aktie. Wie wir gelacht haben. Aktie Rot. Und wie er erz�hlt, dass irgendwann in der Zukunft es so kommen wird. Man m�sste nur <emphasis>ein</emphasis> Unternehmen sein. Man m�sste ja nichts gr�nden, sich nur zusammentun, ein Syndikat, deutschlandweit. Die Gesetze h�tten sich ge�ndert. F�r uns. Und er, wie sollte es auch anders sein, habe genug Kontakte in Wirtschaft und Politik. Wer�s glaubt, wird�� <emphasis>Plopp. Wir trinken. Kehren zur�ck aus unseren Gedanken.</emphasis> Die Seele, mir ist, als ob ich deine Seele sehen kann, M�dchen. Ich sch�me mich. Gef�hlsanwandlungen. Und blicke in dein Auge, deine Pupille, die so weit und fern und leuchtend ist wie ein Sternennebel, ein Planetennebel, das bl�ulich-rosa schimmernde� Katzenauge�, jener Nebel im Sternbild� Drache�, so weit weit�� Woher ich das kenne und wei�, willst du wissen. Der Ringnebel der� Leier�. Wenn ich in deine Augen schaue, unterschiedlich die Farben und die Spektren, links, rechts.</p><p>Nun, ich glaubte anfangs und lange an seine Kontakte. Wirtschaft, Politik. Hatte und vor allem habe genug eigene, aber er, der gro�e Weltenmann, der Deutschlandreisende, der Graf, der Flaschenk�pfer, der Champagnerkenner. Wie lange das alles her ist jetzt. Und sein Traum? Hatte er recht? K�rzlich, vor ein, zwei Jahren vielleicht, traf ich den Mann aus �sterreich, jenen B�rger, der einst als Anwalt begann und dann den Weg ins Gesch�ft der sch�nen Augen fand, der leuchtenden Sternennebel, ich fl�stere dir schweigend den Vergleich ins Ohr, lege ihn schweigend mit meinen Fingerspitzen auf deine Augen und sch�me mich f�r diese Gef�hligkeiten. Aktie Rot, ja, das w�re auch sein Traum. Der expandierende �sterreicher. Ich erinnerte mich an die Lehrs�tze �ber das Prinzip der Aktie, wie lange her das ist. Die Gr�ndung einer Aktiengesellschaft. Der �sterreicher hatte Visionen. Wie der Graf, dieser halbe Hochstapler, den wir bel�chelt haben. Aber doch geachtet anfangs. Die Kr�fte vereinen? Jeder spielt f�r sich allein. Ketten. Schlecker? Nein, danke. Gr��er. Sagte das der Graf oder der �sterreicher? K.u.k. Kaiserlich-k�niglich. Oder umgedreht.</p><p>Champagner zu trinken. Sich nicht zu verlieren. Unm�glich. Und m�glich. Zu tr�umen. Es ist einsam geworden, dort oben. Und hier. Es ist immer die doppelte Optik. Ich wei�. Wo wir herkommen, und wo wir sind. Viel mehr noch. Und weiter. Das Kapital ist doch da, der Umsatz ist doch da. Gewaltig, ja.</p><p>Du erz�hlst mir, dann pl�tzlich, mit deiner verwirrenden Stimme, dass du seit zweitausendsechs, wie lange her das ist und doch vor kurzem erst, jeden Tag bezahlen musst. Ich wei� das und halte dich. Nat�rlich wei� ich das, denn du bist Teil der Aktie. Ich m�chte von der doppelten Optik erz�hlen, von der ich gelesen habe. Du meinst die f�nfundzwanzig Euro Pauschalsteuer. Ich wei�, mein M�dchen, Erdn�sse, ich wei� doch, vergiss es. Du bist, sage ich. Und du? fragst du. Ich sch�me mich. Floskeln. <emphasis>Wert, von seiner symbolischen Darstellung im Wertzeichen abgesehen, existiert nur in einem Gebrauchswert, einem Ding.�� verwandelt sich die Ware in ein gesellschaftliches Produkt. Fressen Flederm�use Katzen?</emphasis></p><p>Und dass wir zur Musik gehen. Und dass wir sowieso nicht denken, was im Allgemeinen gedacht wird. �ber die Dinge. Da bin ich genauso <emphasis>Ding</emphasis> wie du. Dass man es mit Z�rtlichkeit ausspricht. Dass ich nie vergessen habe, dass das <emphasis>das</emphasis> ist.</p><p>Du verstehst mich nicht? Du verstehst mich, sagst du dann doch. Weil wir zusammen im Restaurant sitzen, bevor wir zur Musik gehen. Weil wir Champagner trinken. Und weil wir essen und weil wir dort oben sitzen, an der Scheibe sitzen und �ber die Stadt schauen, und weil es mir egal ist, ob man mich kennt oder erkennt. Weil ich all diese Gedanken abschneide in diesem Moment. In dieser Zeit, in der ich angreifbar bin. Wo man in meine weichen Seiten hineinstechen kann. Wo du �ber meine weichen Seiten streichst. Wo du fast nackt bist in diesem Zimmer, dort oben, das ich f�r uns gemietet habe.</p><p>Korkprojektile. Und du willst wirklich mit mir zur Musik, fragst du. Ich ber�hre deinen Arsch, fahre mit meiner Hand �ber diese lange, <emphasis>dazwischen</emphasis> verschwindende Stoffschnur. Du bist fast nackt. �ber den Fluss und in die W�lder. Ich kann nicht m�de sein. Nicht so. Ich sch�me mich, ich k�mpfe mit meinem Mund, meinem Hirn, die all die dummen Dinge und Gedanken und Ideen und Tr�ume hervorbringen, zu dir bringen. Aber was soll man machen? Ich sitze auf der Bettkante, das rechteckige, quadratische Glas vor mir, Lichter, Flugzeuge, Stadt, St�dte, Familie und Freunde? Ich sage, dass das keine Rolle spielt f�r mich. Jetzt. Und die Zeit dehnt sich. Und ich wei� nicht, ob ich l�ge.</p><p>Dass meine Stirn an deiner liegt. Dass wir in unsere Tunnel fallen und fallen. Dass ich dich k�sse und dass ich will, dass du mich k�sst. Und du erz�hlst, obwohl wir schweigen. NEIN, verdammt, wir schweigen nicht. Floskeln. Wir beide. In unseren Geschichten verschwinden wir. Du bist fast nackt, und ich ziehe dir den Rest runter.</p><p>Dass du sagst:�Nein, nein�, obwohl ich die Zeit zerflie�en lasse und das Licht nur durch die gro�e rechteckige, viereckige Scheibe f�llt. Wo also nur wenig Licht ist. Drau�en. Wo drinnen die Deckenlampe nur glimmt, kaum wahrnehmbar zittert das Licht im Draht, dimmen dimmen, weil wir uns noch fremd sind. Aber sind es dann doch nicht. Weil du seit einigen Monaten im Westend in einer Wohnung sitzt und liegst und wartest, die mir geh�rt. Bist weit gereist, mein fremdes M�dchen.</p><p>Und ich bin weit gereist zu dir, mein fremdes M�dchen. Ist das die neue Zeit? Sind wir schon elf Jahre im neuen Jahrtausend? Ich habe dir die Sedcard eingerichtet, nicht diktiert. Habe dich damals, es ist nicht lange her, aber es scheint vergangen, so lange vergangen (wie sehr wir �bertreiben in unserer Verwirrung), habe dich damals gefragt, wie und was und welche Zahlen. Das Volk wollte mehr und Au�ergew�hnliches. Du kamst von der Westgrenze des Landes. Und ich fragte mich, was willst du hier? In dieser seltsamen Stadt.</p><p>Und habe gedacht, was f�r ein wundersch�nes M�dchen. Wo doch die Medien und das Netz den Horror �ber unsere Stadt verbreiteten. BUMM BUMM. Die Kriege an den Grenzen. Als damals der Bielefelder den kegelf�rmigen Korken mitsamt Glas von der Flasche schlug mit seinem alten S�bel, der angeblich ein Erbst�ck seiner V�ter war, aber den er sicher oder vielleicht irgendwo und irgendwann auf einem Flohmarkt gekauft hat, da dachte ich��, dieses trockene Plopp im Ohr, da dachte ich nicht��</p><p>Er sitzt am Fenster und raucht. Ich sitze hinter ihm. Lege meine Arme um seinen K�rper. Legte meine H�nde auf seine Brust. Er f�hlt sich kalt an. Aber wenn ich meine H�nde, meine Haut, meinen K�rper an seine Haut presse, ist keine K�lte mehr zu sp�ren. Seine Haare, sein Kopf, schimmern grau. In einigen Tagen stellen sie die Zeit um. Noch ist es dunkel am fr�hen Abend. Doch warm jetzt. Noch nie hat mir jemand so viel �ber die Sterne und das All erz�hlt. All das. Und �ber meine Augen. In denen er all das sieht. Dass ich Angst bekomme. Und doch wieder nicht. Es ist die Angst, in der ich f�hle, dass ich noch bin, wie ich nicht mehr sein will. Die Kinderangst. Die Jungsangst. Die einem zwischen die Beine f�hrt. Die mir zwischen die Beine f�hrt. Dass ich sp�re, was ich nicht sp�ren will. So brennend. Dass ich mich erinnere an die Zeit, als ich ein Kind war. Und dass mir das so lang her ist. Dass mir das endlos vergangen scheint, aber dann doch wieder pl�tzlich da ist. Wie ich meine Beine zusammendr�cke, dass sich die Knie ber�hren. X. X fast. Dass ich meine Knie zusammendr�cke, wieder zur�cknehme, auseinanderdr�cke, beide Beine, und wieder zusammenschlage. Ein Sch�ttelfrost der Knie. Das klingt dumpf, ganz leise eigentlich auf dem Hosenstoff, und ich presse und ziehe und schlage, als w�re ich nicht ganz dicht, beide Beine immer wieder aneinander. Reibe die Knie aneinander, beuge den Oberk�rper vor dabei, verkrampfe mich, verkrampfe im ganzen K�rper und wiege den Oberk�rper vor und zur�ck dabei. Ich wei� nicht, ich wei� nicht, ich wei� nicht. Und ich will nicht. Will das nicht. Klemme mir den kleinen d�nnen und nassen�� Schwanz zwischen die Beine. Der immer kleiner wird in meiner Angst. Mein ganzer K�rper verkr�mmt sich. Und ich als Kind denke. Wie man gerade so denken kann als Kind. Und sp�ter wird es immer schlimmer. Pubert�t. Was f�r ein dummes Wort, kein Sternennebel, schwarze L�cher. Wie ich aus dem Kino komme. Wie ich jemand anders sein will. <emphasis>Ist doch mein Kapital��, und ich mache so viel Sport. Weil ich nicht glaube, dass ich mit �bergewicht viel Geld verdienen w�rde.</emphasis> Ich habe das Gef�hl, dass er auch Angst hat. Ich��, aber es ist komisch, dass ich eigentlich keine Angst habe, wenn ich hinter ihm bin und mich an ihn lehne, wenn er hinter mir ist und sich an mich lehnt. Wenn ich dr�ber nachdenke, darf ich gar nicht dr�ber nachdenken. Ich w�rde ihn ja nie fragen, wie alt er ist. Ich wei� es nur ungef�hr. Da bin ich so froh, dass er nicht mein Vater sein k�nnte, altersm��ig, sonst w�rde mir das schon��, wei� nicht. Also fast nicht. Vater. Altersm��ig. Obwohl es schon m�glich w�re. Nur theoretisch. Ich bin jetzt einunddrei�ig, ein L�we ein L�we ein L�we, total bescheuert, und er muss so an die F�nfzig sein, eher noch drunter. Genau wei� ich es aber nicht. Seine kurzen silbernen Haare. Dass er so grau ist. Und dass er Angst hat. Nicht vor mir. Oder doch vor mir. Und doch vor so vielen. Vielem. Dass sie ihm alles wegnehmen wollen, sein Gesch�ft, aber was wei� ich schon davon. Gut so. Da sind seine H�nde in meinem Nacken. Auf meinem Nacken. Da f�hrt er mit seinen H�nden �ber meine Br�ste. Da gibt er mir seine Zigarette. Und auch wenn ich nur selten rauche, weil sich das nicht vertr�gt mit meinen Tabletten und �berhaupt, rauche ich mit und atme den Rauch aus, sein silberner Kopf, sein R�cken, an den ich meine Br�ste dr�cke, presse. Unsere Arme verwirren sich. Wie ich aus dem Kino komme. Dass ich immer denke, ich m�sste meine Haare wachsen lassen. Nennt man das <emphasis>Pagenschnitt</emphasis>? Seine H�nde auf meinem ausrasierten Nacken. Und dann doch wieder die Angst zwischen meinen Beinen. Wie ich aus dem Kino komme. Wie ich wegrenne. Wie ich zwar eine Hose anhabe, eine Art Leggins, aber dr�ber ein ganz langes T-Shirt. Wie ein Kleid. Fast bis runter zu den Knien. Wie ich mir das vorher so ausgesucht habe. In Hellblau. Und die Haare im Pagenschnitt. Obwohl das schon auch Jungs-m��ig war, hat ja Mutti geschnitten. Und Lippenstift von Mutti. Ja, heimlich. Was ich mich nie getraut habe. Und nie gewusst habe, ob ich das machen soll. Ob ich das machen darf. Und gewusst hab, dass das nicht geht. Und vorm Spiegel gestanden und geguckt, ob meine kleinen winzigen Br�ste nicht doch wie die eines M�dchens werden. Hab den Oberk�rper durchgedr�ckt, dass es mir �berm Po, hinten im R�cken, schon fast weh tat. Und ganz enge Schl�pfer. Damit er sich ganz eng ans Bein dr�ckt, weg ist. Und bin extra ganz weit weg gegangen ins Kino, in unserer kleinen Stadt, in ein kleines Kino am Stadtrand. Da konnte man die Fabriken sehen, die Zechen, die schon fast alle stillgelegt waren zu der Zeit. Anfang oder Mitte der Neunziger, ich will nicht z�hlen. Mit zwanzig habe ich angefangen zu arbeiten. Weil ich dachte, dass ich dann so Frau sein kann, wie ich das bin, dass ich das dann endlich in der �ffentlichkeit sein kann. Was f�r ein Unsinn, denke ich heute. <emphasis>Was f�r ein s��er Ladyboy!</emphasis></p><p>Ich war Nageldesignerin. An vieles kann ich mich nicht mehr erinnern. Weil ich es verdr�nge, weil ich diese Erinnerungen abschneide, weil es Qualen sind und weil ich <emphasis>jetzt</emphasis> sein will, und hier. Ich sp�re seinen Schwanz in mir, mit ihm ist es jedes Mal, als w�re das alles neu und voller Sehnsucht. Ich habe mir das Recht auf ein bisschen Kitsch, auf ein bisschen Gef�hl so lange aufgespart. <emphasis>Fick mich, fick mich!</emphasis> So feuere ich die G�ste an, damit sie schneller spritzen, damit ich sie abhaken kann und nur noch das Geld sehen kann. Es ist dumm, wie oft man sagt, dass man sich geborgen f�hlt, wie so etwas zu f�hlen ist, verstehe ich nicht. Aber jetzt schon. Ein wenig. Der graue Mann, ich glaube, dass ich Angst hatte vor ihm. Anfangs. Oder Achtung, Respekt, wollte Distanz wahren zu diesem Mann, der mir kalt erschien, der mir fremd erschien. Und weit weg. Auch wenn er mit dir redete. Vielleicht war das die Bedrohlichkeit, das Gef�hl von Angst. Denn Angst hatte ich nat�rlich nicht. Ich bin in Freiburg gewesen, in K�ln, in Bremen, in Bochum, Laufh�user, Massage-Salons, Clubs, Wohnungen, Hotels�� Champagner zu trinken. <emphasis>Was f�r ein geiler Ladyboy!</emphasis></p><p>Mein Schwanz ist sehr klein und spielt f�r mich keine Rolle, wenn man das so sagen kann. Zwei Freundinnen von mir, die ich in K�ln kennengelernt habe, sind jetzt ohne. Ich f�hl mich als Frau und bin�s auch. So oder so. Und ich mag es gar nicht so sehr, wenn man mich da anfasst. Meine Br�ste sind sehr sch�n, durch die Hormone und zwei kleine Polster. Ich bin immer schon eine Frau gewesen, ich bin immer schon ein M�dchen gewesen. Wir k�nnen nicht verstehen, warum es uns so schwergemacht wurde, so zu sein, wie wir sind. Mein Vater ist Italiener, aus einer Gastarbeiterfamilie. Katholisch. Streng, wie man so sagt. Ich verstehe nicht, warum er mich nicht mehr sehen will. Ich verstehe, warum er mich nicht mehr sehen will. Ich denke immer, dass ich mein Kind lieben w�rde, egal, wie es ist, und egal, ob sein Geist, seine Seele, oder wie immer man das nennen will, und sein K�rper, so sind, wie sie sind. Ich habe ja nicht gesagt, ich k�nnte jetzt dies <emphasis>und oder aber</emphasis> das. Weil man doch keine Wahl hat. Oder sich kaputtmacht, weil man sein ganzes oder halbes Leben sich selbst bel�gt. Sich selbst kaputtmacht. Ich glaube, dass das alles seine Richtigkeit hat, auch wenn es einen Gott oder sowas wie einen Gott, der ja meiner Meinung nach sowieso eine Art Zwitter sein m�sste, ein FrauMann, oder wie immer man das nennen will, also wenn es da was gibt, das einen zu dem macht, was man ist, wie man ist, und dass man dann eben das selbst in Einklang bringen soll, bringen darf, wie auch immer. Klingt alles immer esoterisch, vielleicht ist das der Rest meiner katholisch verseuchten Kindheit, aber ich hab mir in den Jahren, die einen hart machen, etwas Weiches verdient. Endlich. Und einmal.</p><p>Wieso lachst du, fragst du. Und ich sage, dass es nur ist, weil ich mich sehr wohl f�hle gerade. Und dass du jetzt hier bist, mit mir, dass wir hier oben zusammen liegen, sitzen, trinken, ficken und reden, dass das was Besonderes ist. Dass ich sowas noch nie gef�hlt habe, wir sind ja keine Kinder mehr, aber dass das f�r mich��</p><p>Er zieht mich zu sich ran, mein Kopf liegt auf seiner Brust. Champagner zu trinken, sich in die Ruhe zu legen�� Und ich renne aus dem Kino, h�re das Lachen hinter mir, wieso wissen sie, dass ich hier in dieses kleine Kino gehe, keiner aus meiner Schule oder Klasse geht sonst hierher, kein� Dirty Dancing�, kein� Rocky�5�oder so ein Schei�, ich bin dreizehn und will Audrey Hepburn sehen. Ich trage Leggins und ein langes T-Shirt dr�ber und habe mir die Lippen geschminkt und habe mir die Augen gemacht und trage einen BH mit kleinen Schaumstoffpolstern, und ich will allein sein. Im Dunkel des Kinos, im Licht des Films.</p><p>Ich habe dir etwas mitgebracht, sagst du. Dein Handy summt irgendwo im Raum, aber du gehst nicht ran, du suchst es nicht, und es wird noch ein paarmal summen, bis du es irgendwann ausschaltest, vorher die Nummern und Nachrichten pr�fst. Kurz nur.</p><p>Ich wei�, dass du viel zu tun hast. Ich wei�, dass deine Firma, dein Unternehmen sich in einer schwierigen Lage befindet. Ich wei�, dass die letzten Schwierigkeiten, die K�mpfe, die Unruhen, von denen man so viel las in den Zeitungen in den letzten Monaten, Jahren fast, ausgestanden sind. Dass deine Gesch�fte wieder gut liefen, st�rungsfrei, erstmal, und dass nun die n�chsten Unruhen beginnen, diese Wellen, diese Bewegungen, in denen du navigieren musst. Ich habe vieles geh�rt, was man eben so h�rt, wo immer nur die H�lfte wahr ist, oder die H�lfte halbwahr, und seit wir hier oben sind, hier oben liegen, trinken, ficken, uns ineinanderschieben, redest du. Liegst manchmal wie im Schlaf, wie im Traum, auf dem R�cken, auf der Seite, die Augen geschlossen, dunkle Ringe unter den Augen, deine Bartstoppeln schimmern grau, deine Stimme ist leise und bewegt sich an mir und in mir, die Engel in der Stadt, die Outsiders um die Stadt herum, diese Stadt, die sich seit Jahren langsam in die n�chste, kleinere Stadt hineinbewegt und seltsam �ber die Karten wandert, so hast du es mir erkl�rt, Flugzeuge blinken in der Einflugschneise. Und du siehst das auch oder h�rst es, weil deine Augen geschlossen sind im D�mmerlicht unseres Raumes, und erz�hlst davon wegzugehen, und dass du einmal in Tokio warst, diesem leuchtenden Metropolis auf und zwischen den Inseln am anderen Ende der Welt, durch das jetzt die Strahlung langsam kriecht, ich bin so froh, dass der Fernseher hier oben schweigt, weil er w�hrend der Arbeit und zwischen der Arbeit immer an ist und von Dingen berichtet, die mich nicht interessieren sollten und die mich tats�chlich auch nicht interessieren, aber Ablenkung bringen, aber Bilder zeigen, die mir helfen, auch wenn sie mich nichts angehen, ich lese die Nachrichten in der Zeitung, und es ist nicht so, dass ich Hilfe br�uchte, und du sagst und sagtest es und sagst es immer wieder, oder es hallt immer wieder nach in meinem Kopf, dass ich so stark bin, dass du bewunderst, wie stark ich bin, dass du viele der Frauen, die bei dir arbeiten, die in deiner Firma, in deinem Unternehmen, arbeiten, dass du die bewunderst, wie stark sie sind, und dass das Teil des Gesch�fts ist, starke Frauen in dein Unternehmen zu lassen und nicht jedes Lieschen M�ller, ich wei� nicht, wo ich diesen Namen herhabe, von dir, aus unseren stillen Gespr�chen, aus den zerschnittenen Erinnerungen an meine Kindheit?� Coppenrath�&amp; Wiese�, sagst du einmal, und ich wei� genau, was du meinst, dass jedes Lieschen M�ller sich wie �ne Zicke auff�hren w�rde, so in der Art:�Was haben diese bl�den Weiber mit mir zu tun?�, sich aufregen w�rde �ber dies und das, �ber die Art, �ber die Weise, in der du erz�hlst, �ber wen du erz�hlst. Aber <emphasis>das</emphasis> ist <emphasis>das</emphasis>. Weil wir anders sind. Und uns �ffnen. Und uns dennoch festhalten und umarmen.</p><p>Kann es nur einen geben? fragst du. Und meinst die Unruhen in deinen Gesch�ften, in deiner Firma. Erw�hnst den Mann hinter den Spiegeln, der seit der Abwehr der feindlichen �bernahmen immer m�chtiger wird, den Chef der Engel. Ich mag es, wie du meinen Schwanz wie beil�ufig streichelst. Obwohl ich das sonst nicht mag. Wie Federn. W�hrend du mich fickst und dann meine Br�ste mit beiden H�nden umfasst.</p><p>Ich renne und renne und h�re nicht auf zu laufen und zu rennen, obwohl niemand mehr hinter mir ist. Aber das Lachen weht durch die Stra�en, echot zwischen den Hausw�nden hin und her. Ich bin auf einen der alten F�rdert�rme gestiegen, im Brachland vor der Stadt. Das beginnt gleich hinter den H�usern, die alten Zechen, die rostenden Stahlgerippe der alten Fabriken und F�rdert�rme. Stahl rostet doch nicht? Ich sitze dort oben und schaue �bers Land und schaue �ber die Stadt, wenn ich mich umdrehe. Irgendwo dahinten flie�t der Fluss. Irgendwo dahinten geht gleich die Sonne unter. Irgendwo dahinten ist sie bereits untergegangen, fast, blassrosa im Wolkendunst. Wie ein Nebel dahinten �berm Fluss. Sp�tsommer, Ende September. Ich wische mir �bers Gesicht, und meine H�nde sind nass, und meine Wimpern f�rben aus, und meine Schminke zieht Schlieren �ber meine Handfl�chen. Ich sch�me mich. Ich will keine Tucke sein. Nur eine Frau, nur ein M�dchen, nur Audrey Hepburn. Da muss ich lachen, denn das ist nat�rlich kein <emphasis>nur</emphasis>. Und� Dirty Dancing �fand ich auch gut, obwohl der schon vor Jahren im Kino war und jetzt nur nochmal kommt, weil�s da einen zweiten Teil von gibt, und alle tun so, als w�re Patrick Swayze jetzt der Star der Neunziger, dabei wollen sie nur die Achtziger nachholen, in denen wir noch Kinder und viel zu klein f�r sowas waren, und dann f�llt mir ein, dass� Dirty Dancing�2�doch erst viele Jahre sp�ter, zweitausendvier, ins Kino kam oder kommen wird, und ich sitze oben auf dem alten F�rderturm und lache. Ich gehe zum Friseur und lasse mir die Haare so schneiden, wie sie die M�dchen und die jungen Frauen in den Achtzigern trugen. Ich f�rbe sie mir auch schwarz. Das h�lt prima, auch wenn�s regnet. Ich darf so nicht nach Hause kommen, sonst dreht mein Alter durch. Ich bin ihm heute dankbar, dass ich Italienisch spreche. Ich habe ein paarmal Urlaub gemacht in der Toskana. Ich mag das Meer. Und bin zum Meer gefahren. Die Kerle, die Jungs um mich herum wie ein Rudel junger Hunde. Meine schwarzen Haare vorne verstrubbelt und hinten und an den Seiten etwas l�nger, aber immer noch relativ kurz, so wie das die Frauen und M�dchen in den Achtzigern trugen.</p><p>Dass mein Vater mich zu schlagen pflegte. Das stimmt nun nicht. Nur einmal. Dass er zeitig schon gesehen haben muss, dass ich nicht der Junge war, den er sich w�nschte. Was die Entwicklung betrifft. Aber Vater, mein Vater, ich war schon immer so. Und die Jungs um mich herum, Toskana, Meer, und ich stolz und Champagner trinkend, nein, Prosecco war es wohl, stolz und unnahbar, aber scherzend mit ihnen, unter ihnen, in den Caf�s, am Strand, in der Ebene der Toskana.</p><p>Was lachst du, fragst du, wor�ber lachst du? Und wachst auf wie aus den Tiefen eines Traums. Die Augen offen jetzt. Deine Bartstoppeln schimmern grau in dem gedimmten Licht unter der Zimmerdecke. Dass ich mich an dich und auf dich lege. Dass du mich wegschiebst, aber nur, um dich wieder an mich zu dr�ngen. Mit deiner Kraft, mit deiner Ungeduld, mit deiner Geduld. Dass ich dich bewundere, dass du mit mir hier oben liegst. Dass du mich bewunderst, sagst du, oder sagtest es in den Minuten und Stunden zuvor. F�r was? mein kalter Mann, dessen K�hle und Fremdheit mich immer wieder an dich ziehen. Als w�r�s ein Teil von mir. Als w�r�s kein Teil von allem da drau�en.</p><p>Als w�re alles Wichtige nur hier drin, hier oben, hier bei uns. Die kurzen Tage und Stunden der L�ge. Warum eigentlich? Warum L�ge? Weil wir doch sind und weil wir doch hier sind. Ist das nicht alles, und ist das f�r uns <emphasis>alles</emphasis>?</p><p>Champagner zu trinken�� Wie Audrey Hepburn. Und er erz�hlt. Erz�hlt von seinem Sohn. Wie kann ich ihm b�se sein, sagt er, wenn er doch so ist, wie ich fr�her war.</p><p>Ich streiche �ber die Narben auf seinen Beinen. Erst links, dann rechts. Dar�ber erz�hlt er nie. Das muss vor elf Jahren gewesen sein, ungef�hr, ich will nicht z�hlen. In der Zeit bin ich in K�ln gewesen. Habe mich mit meinen M�dels getroffen, arbeitete noch als Nageldesignerin, und wir hatten unseren kleinen Treff, Kaffee, Prosecco, Dom Caf�, Transenclub, wir warteten alle auf das Jahr mit den vielen Nullen. Da lachten wir dr�ber sp�ter. Da waren wir noch Exoten und Extravaganzen auf dem gro�en roten Markt. Und lachten �ber die M�nner, diese Nullen, die uns das Geld brachten, weil sie wild drauf waren, dass wir, dass sie�� <emphasis>B�ck dich, mein Ladyboy.</emphasis></p><p>Vater?</p><p>Ja, mein Sohn?</p><p>Du triffst dich mit den Homos?</p><p>Mein Junge, du wei�t, was das Geschw�tz anrichten kann.</p><p>Du triffst dich mit einer Transe, Vater!</p><p><emphasis>O son, my son, what have you done.</emphasis></p><p>Ich wache auf. Und ich sage, dass wir los m�ssen, dass die Musik beginnt, und sp�re dann, dass ich immer noch nicht ganz da bin, meine Hand kraftlos auf ihrer Schulter, und dass ich gleich wieder in den Traum zur�cksinken kann, mein Sohn, das Bettlaken voll Blut, das Kissen voll Blut, was tue ich nur? spielt es eine Rolle, was ich tue? <emphasis>Lass sie in Ruhe, Sohn!</emphasis> In diesen Zeiten. Zu verschwinden, nach all den Jahren. Oder: Jetzt erst recht. Die Dispute nehmen zu, aber ich bin noch da. Der Alte geht nicht, <emphasis>oh nein</emphasis>, der Alte k�mpft. Setzt ein Zeichen, als er einen der frisch geborenen Engel weghaut, den er seit Jahren kennt, aber der die Territorien und Aufgabenverteilungen nicht akzeptieren will, die neue starke Macht im R�cken, als neugeborenes Mitglied im Wartestand, <emphasis>Die Engel kommen in die Stadt! Hurra, sind schon da!</emphasis>, die er, der Alte, der Manager (�Manager? Ich bin Unternehmer, das ist ein Unterschied. Ich plane, unternehme, investiere, erweitere. Aber ich grabe mir und uns nicht selbst den Boden weg auf Dauer, wir holen nur Geld, wo Geld ist, einfacher Deal.�), die er einst und vor nicht allzu langer Zeit auch in die Stadt einlud, Eden City, Markt der Tr�ume. Der Alte hat seine Leute, was will er mit dir? Und er haut ihn weg. Als er frech wird. Ein Fu�tritt zum Kopf, ein Kick an die Schl�fe. Und der geht zu Boden. Ich stehe, der Alte, der Mann, der verschwinden m�chte, aber doch k�mpft. Der zu m�de ist, um noch viel l�nger zu k�mpfen. Der dachte, dass die Gesch�fte laufen und laufen und er die Ruhe hat, mit einem Boot, einer kleinen Jacht, �ber den See zu fahren. Zu reisen und zur�ckzukommen. Kunst zu sammeln. Und den Fluss des Geldes zu lenken, wie in all den Jahren. Fast war er erschrocken, wie schnell er den frisch geborenen Engel auf den Boden brachte. Als w�re er wieder f�nfzehn Jahre j�nger. Wie vor der Nacht in jenem Jahr, im Herbst jenes Jahres. <emphasis>Tr�ume? Nein, K�lte.</emphasis> Aber warum dann <emphasis>sie</emphasis>?</p><p>Und immer noch tut ihm der R�cken weh von diesem unverhofften Kick, die d�nne Haut �ber der rechten Narbe ist aufgeplatzt, nur wenig Blut, der am Boden blutet gar nicht und versucht, wieder hochzukommen, wochenlang tut ihm der R�cken weh, und sie sitzt auf ihm, w�hrend er auf dem Bauch liegt, massiert seinen schmerzenden R�cken, und er sp�rt ihren kleinen Schwanz ganz zart auf seiner Haut.</p><p>Champagner zu trinken, Hormone zu schlucken, Frau zu sein. Und er redet im Traum, seine Hand auf meiner Schulter. Sie f�hlt sich kalt an und bewegt sich, und ich sehe auf seiner Uhr, dass es zehn nach sieben ist. Die Musik beginnt in f�nfzig Minuten. Ich war einmal mit meinem Vater bei einem Konzert gewesen und einmal in der Oper. Was Italienisches nat�rlich. Mahler will er h�ren. Mich hat noch nie ein Mann zu einem Konzert eingeladen. Irgendwelche Festspiele sind in der Stadt. Ich kenne Mahler nicht besonders gut. Vielleicht mal was geh�rt, kann mich aber nicht konkret erinnern. Fr�her h�rte ich oft das Klassikradio oder die jeweiligen regionalen Kulturprogramme. Weil mich Klassik immer beruhigt. Die Filmmusik von diesen alten Schnulzen habe ich immer gemocht. Ist ja auch wie Klassik, Audrey Hepburn,�Giganten �mit der sch�nen Loren, die beiden habe ich eigentlich am meisten gemocht, das haben die anderen nie verstanden, dass ich auf die Frauen und M�nner in den alten Schinken so stand. Aber die haben mich eh nicht verstanden. Dass ich so war, wie ich war. Die H�lle eigentlich, wenn ich so zur�ckdenke. Vielleicht liebe ich <emphasis>ihn</emphasis> deswegen. Liebe ich? Ich wei� es nicht. So wie diese schlanken dunkelhaarigen, fast schwarzhaarigen, dunkel�ugigen M�dchen wollte ich sein, und die sch�nen M�nner wie Rock Hudson und James Dean und Marlon Brando habe ich bewundert und mich in sie verliebt, wie diese��, mein Vater ist Maler gewesen, Anstreicher, hat ganz unten angefangen, wie er immer gerne und wieder und wieder erz�hlte, hat sich in Duisburg und dann in Bochum auf den Baustellen abgearbeitet und mit Mitte vierzig seine eigene Firma aufgemacht. <emphasis>Warum bist du nicht unter die Erde gegangen, Vater? So wie die anderen.</emphasis></p><p><emphasis>Das Herz, Junge, mein Herz, M�dchen.</emphasis> Gl�ck auf, Gl�ck auf, der Steiger kommt. Vater hat Tabletten genommen, bis zum Ende. Er war immer ein alter Vater gewesen. Was hat dein Vater gemacht, frage ich <emphasis>ihn</emphasis>. Als wir nach dem Konzert wieder in unserem Zimmer liegen, ganz oben in dem rechteckigen Turm, wieder Champagner trinken, als w�rde es nichts anderes geben auf der Welt, und die Vielfalt der erlesenen Getr�nke verwirrt uns, nur einige Transportmaschinen nachts am Himmel. Gelb wie die Post sind die, das habe ich schon oft gesehen, wenn sie neben der Autobahn starteten und landeten. <emphasis>Kr�ftig. Entschieden.</emphasis> Er sagt mir, dass er selten klassische Musik h�rt, aber ein Freund ihm diesen Komponisten empfohlen hat. Obwohl der eigentlich kein richtiger Freund sei. Wir haben den B�rgermeister gesehen. Mit seiner Frau. Wir gingen direkt an ihm vorbei. Ich kenne ihn aus der Zeitung. Und er nickte uns, ihm zu. H�flich, den Oberk�rper leicht beugend dabei, und er, mein Vermieter der Nacht, nickte zur�ck,�Guten Abend, guten Abend�, nein, schweigend, Vermittler der Macht, die Frau l�chelte kurz, eine mittelalte Blonde in einem wei�en Kleid, angemessen ihrer W�rde, ihrem mittleren Alter,�Ich habe Immobilien in der ganzen Stadt�, sagst du pl�tzlich, w�hrend du meine Br�ste streichelst,�mehr noch. Ich, dann eine ganze Weile nichts. Ein Kinderbuch, das wirst du nicht kennen, aus der Zone, habe ich damals meinem Sohn geschenkt, auch wenn die Zone da schon vorbei war���Du lachst.�Lustig im Tempo und keck im Ausdruck. �So las ich es im Programmheft. Tats�chlich einmal eine muntere lustige Stelle. Weit gegen Ende. Diese Festspiele. Zwei Konzerte haben wir nun besucht. <emphasis>Oh Mensch. Oh Mensch.</emphasis> Das hat mich ergriffen. Wie pl�tzlich dieser Gesang einsetzte, womit ich nicht gerechnet hatte. Die Augen geschlossen. <emphasis>Ich schlief, ich schlief.</emphasis> Tief im Vergangenen. Der Vater auf der Leiter, die wei�e Malerhose. Auch als er l�ngst seine eigene kleine Firma hatte, arbeitete er, konnte es nicht lassen. <emphasis>Oh Mensch. Gib Acht.</emphasis></p><p>Immer wieder das Kino, aus dem ich komme, im Sommer, dass ich ein M�dchen war, das erste Mal, ganz und gar und doch nicht. Das Lachen. Und wie ich laufe. Die T�rme der Zechen am Horizont. Wollte ich hinunterspringen? Nein, sicher nicht. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich das wollte. Aber wenn es einen so ausf�llt von innen, dass man brechen k�nnte, kotzen k�nnte, weil es einem schon bitter in den Mund dringt, man klammert sich an Einzelheiten, die noch niemand wissen kann, das Finale im Dr�hnen der Trommeln, aber ich denke immer noch an dieses klagende <emphasis>O Mensch</emphasis>, war es nicht Herbert Gr�nemeyer, der �hnliches sang vor einigen Jahren, ja, der Tod hat doch damals sein Leben��, Bochum, meine Kindheit, wie ich fortging, wie ich immer wieder bei den �rzten sa�, k�rperlich, geistig, die Arbeit, manchmal Frieden, wie ich lange �berlegte, auch noch den Schwanz verschwinden zu lassen, mein neuer Name im Pass und auf dem Ausweis, das Transsexuellengesetz (<emphasis>um auch den Geschlechtseintrag anzupassen, musste die Person bis 2011 zus�tzlich: dauernd fortpflanzungsunf�hig sein</emphasis>), und wie ich heute noch �berlege, mich zu �ffnen, weiter noch und ohne Schwanz, endg�ltig, und wie es mich anfangs wunderte, dass <emphasis>er</emphasis> nicht einmal sagte, dass ich doch aufh�ren soll in seiner Immobilie und �berhaupt zu arbeiten, nicht ein Mal, und wie er begann, mit mir Champagner zu trinken und zu v�geln und zu reden und auszugehen, als w�re alles andere weit weg und ganz egal. Das Verklingen der Stimmen in diesem Konzerthaus, dem W�rfel gegen�ber der Oper, die Leuchtschilder der Taxis in langen Reihen, <emphasis>wann habe ich beschlossen, Hure zu werden, und wann habe ich beschlossen, es zu bleiben</emphasis>, Hunderte Menschen in Abendkleidern und Anz�gen, die um und in den erleuchteten Glasw�rfel flanieren, sp�ter das Meer der Wei�haarigen unter uns, vor uns, wir kommen uns jung vor, keiner wei�, dass ich einen kleinen Schwanz in meinem Slip trage, zwischen den Beinen, ich trage ein lilafarbenes Abendkleid von Dolce, feinste Spitze, wie sch�n meine Br�ste aussehen in den Spiegeln an der Garderobe, wie sch�n wir sind, er strahlt eine W�rde aus und eine H�rte zugleich, dass sie sicher Respekt vor ihm haben, auch wenn sie nicht wissen, wer er ist, die B�rger, die Firma Coppenrath�&amp; Wiese, so wie er es mal sagte, kurzzeitig habe ich Angst, dass ich einen Gast treffe, und tats�chlich kommt es mir einen Augenblick so vor, als w�rde der alte Herr��, als h�tte der Graumelierte im schwarzen Anzug mir vor einigen Tagen in den Arsch gefickt, ein hohes Tier von der Sparkasse, aber nur <emphasis>wir</emphasis> z�hlen, und ich sp�re <emphasis>ihn</emphasis> noch immer in mir, ohne Gummi, denn das ist der Schutz vor <emphasis>ihnen</emphasis>, so wie ich das Tier von der Sparkasse nicht in mir sp�re und nie sp�rte, in meinem Mund nicht, er hat wunderbar gezahlt, und ich muss zugeben, dass ich auch angenehme G�ste habe und nicht nur solche B�cke. Wenn <emphasis>er</emphasis> will, w�rde ich aufh�ren zu arbeiten. Aber ich bin keine Tr�umerin. Bin ich nie gewesen. Vielleicht damals, im Kino, und damit meine ich die Zeit, als ich elf, zw�lf, dreizehn war. Und vielleicht auch noch als ich meinen Namen �nderte und Nageldesignerin lernte. Ich wei� nicht, wie es weitergehen soll.</p><p>Ich wei� nicht, wie es weitergehen soll. Die Gesch�fte laufen. Die Stadt bewegt sich. Gehen oder bleiben? Wo soll ich hin? Ich sitze am Fenster, und sie schl�ft hinter mir. Ich h�re sie atmen, mal schnell, mal langsam, als w�rde sie unruhig tr�umen. Anderthalb Stunden in diesem W�rfel, als w�ren wir ganz woanders, als w�ren wir ganz weranders. Was f�r eine ergreifende Musik. Werde ich alt? Werde ich wahnsinnig? Was tue ich hier? Die Invasion haben wir �berstanden. Haben uns die Engel als Teufel geholt. Kommt auf den Standpunkt an, w�rde Alex jetzt sagen. Meine Leute wandern ab. Verrat geht um. Ich k�nnte sofort verschwinden, die Gesch�fte �bergeben. Noch mehr Geld? Darum geht es nicht. Noch mehr Markt? Kontrolle? Macht? Ich blicke in den n�chtlichen Himmel. Dreizehntausendachthundert Millionen Jahre sind seit dem Urknall vergangen. Die entferntesten Galaxien leuchten zehn Milliarden Mal schw�cher, als das menschliche Auge sehen kann. Das Jahr neunzehnhundertneunzig ist irgendwo da drau�en. Genau wie die anderen Jahre. Die Zeit beschleunigt sich, die Grenzen verschwinden. Wo bin ich? In Tokio habe ich einmal die Ladyboys gesehen. Voll Abscheu und Faszination. Den gro�en Tanz der Kathoeys aus Thailand. Futunari, wie sie die Japaner nannten. Wundersch�ne Frauen mit kleinen Schw�nzen. Manche hatten auch gro�e Schw�nze. Im Verh�ltnis. Zeigten sie der begeisterten Menge. Einige Kathoeys hatten bereits eingebaute Muschis. Was f�r Drecksauen, dachte ich damals, meinte das fast als derbes Kompliment, und sp�rte doch auch eine Faszination, als Vorahnung, die �nderungen des Raumes. Und Sch�nheiten dabei und geile St�cke dabei und Sch�nheiten dabei, wie sie in meinen Zimmern und R�umen nur selten sitzen. Oder sa�en. Damals. Im Jahre null. Als ich dachte, die Neunziger w�ren vorbei. Transen waren selten. Es gab keine in der Stadt. In Berlin sa�en ein paar Transenhuren, in Hamburg�� Jetzt w�rde ich nicht Transe zu ihr sagen. Wie sch�n sie ist. Und ihre Augen, fern und tief und wie Sternennebel, das Verschwimmen der Farben, Erinnerungen, Welten. <emphasis>Genug Science-Fiction</emphasis>. Ich wei�, dass es mein Ende sein k�nnte, dass es mein Ende ist, wenn ich l�nger mit ihr durch die Stadt gehe, mit ihr hier oben liege. Wo auch immer. Liebe ich sie? Du fehlst mir, alter Bielefelder Graf, du warst kultivierter und gebildeter als die anderen, auch wenn <emphasis>er</emphasis>, der hinterm Zentralbahnhof im Norden der Stadt hinter den Spiegeln sitzt, das sicher bestreiten w�rde. Ja, ja, wir geh�ren zur Gesellschaft, sammeln Kunst, gehen in die Oper, lesen��, und demn�chst dichten wir auch noch? Der B�rgermeister nickt nur, oder immerhin, die Hand geben? Nein, das nun doch nicht. Wir sind die Vermieter der Nacht, haben wir Blut an den H�nden? Nur nicht zu dramatisch werden. <emphasis>Schmutz?</emphasis> Nein. Nicht mehr und nicht weniger als jeder andere, der sich durch irgendeinen Markt bewegt. Nicht mehr oder weniger als der B�rgermeister selbst. Der Oberbulle will ihn herausfordern bei der n�chsten Wahl, h�rt man. Wie soll der die Stadt regieren, wenn er nichtmal die Stra�en kontrolliert.</p><p>Ich blicke auf die wenigen Lichter im Zentrum der Stadt. Die meisten meiner M�dels schlafen jetzt.</p><p>�Mein �ist auch das falsche Wort. Ich habe das immer pragmatisch gesehen, rein gesch�ftlich. F�r das Geld, was ihr mir zahlt, seid ihr unabh�ngig, sicher, gut gemanagt, gut vermittelt, gut repr�sentiert. Unabh�ngig. Management und Manege, ist das <emphasis>ein</emphasis> Wortstamm? Nein, sicher nicht. Dr�ben, bei den Gewerbegebieten, wo der Nachthimmel bl�ulich schimmert, sind das die n�chtlichen Raffinerien? diese Fabriken, gro� wie kleine St�dte und immer erleuchtet und immer in Rauch und Flammen, nein, die sind weiter weg, fr�her arbeiteten dort Tausende, auch einige meiner Freunde, Bekannte, um die drei�ig Jahre her, jetzt nat�rlich kaum noch Flammen und Rauch und Gifte in der Luft, aber ein modernes Glei�en und Leuchten, dass einem die Augen weh tun, wenn man in der Nacht an diesen st�hlernen gl�sernen Anlagen vorbeikommt, ich bin fr�her viel allein durch die Nacht gefahren, wenn ich nachdenken musste. Was zieht mich nur zu ihr? Dort dr�ben, in der N�he des Gewerbegebietes, wo ich mal ein B�ro hatte und Container und Maschinen meiner Baufirma standen, wo ich damals sa� und lernte in den N�chten, an den Abenden, BWL, dort dr�ben machen drei Objekte Nachtschicht, f�r die Ruhelosen, die Wanderer, die Notgeilen, die Alkoholgeilen, an denen sie sich einen Muskelkater wichsen werden, eine Maulsperre blasen, die feinen Herren, die eben nochmal raus wollen. Die Preisdr�cker. Die Perversen. Die Stammg�ste, die Einsamen, die Z�rtlichkeit Suchenden. Die Hardcore-Ficker. Die Streichler. Die Ungehobelten. Die Schmeichler. Die Irren. Mein Handy ist immer an, und meine Leute sind zuerst und immer erreichbar, aber die N�chte sind ruhig. Die Kanacken sind weg. Was kommt? Ob meine Leute wissen, dass ich hier bin? �bermorgen wird <emphasis>sie</emphasis> wieder arbeiten. Nicht eine Sekunde denke ich, dass sie ein Mann ist. War. Es ist ihre Seele und fast ihr ganzer K�rper, der Weib ist. Auch ohne Pussy, auch ohne Fotze. Ich dringe in sie ein. Es muss ein Ende finden. Bevor ich mich ganz verliere. In ihr. Was sagte der Graf einmal, oder war ich das, als ich aus Tokio zur�ckkam, damals?� Wir m�ssen diesen ganzen Mythos vollkommen neu erfinden.�</p><p><emphasis>Janine � hei�er Betthase! Hall�chen, hast du Lust, dem Alltag zu entfliehen? Suchst du den Kick in Sachen Sex? Hast du unerf�llte W�nsche, oder tr�umst du von was? Dann bin ich die Richtige. Ganz diskret, privat und ohne jeglichen Zeitdruck m�chte ich deine Geliebte auf Zeit sein��</emphasis></p><p>Da dr�ben, wo auf den Autobahnen und Schnellstra�en nur vereinzelte gelbe Punkte sich bewegen, sitzt die flei�ige Janine, bis zwei Uhr morgens. Wir haben nichts neu erfunden. Wir sind alle zu arm. Nicht was das Geld betrifft.</p><p>Mein Gott, wie jung du wirkst, du siehst wirklich nicht aus wie drei�ig. Deine dunklen Haare, dein schmales Gesicht, deine Br�ste, o.k., da hast du nat�rlich den Vorteil, dass die erst seit knapp zehn Jahren da sind. Ein kleiner Scherz nach Mitternacht. Um mir selbst zu zeigen, wie k�hl ich bin, immer noch sein kann. Dort hinten, etwas weiter nach rechts, der Mond ist nicht sehr voll �ber der dunklen Stadt, dort sitzt du in meiner Wohnung, meinem Objekt, und arbeitest. Zahlst deine Tagesmiete wie alle anderen. <emphasis>Hi, mein Name ist Bella, ich bin eine junge Transsexuelle mit einem femininen und sehr schlanken Body. S��es Schneewittchen mit einem kleinen Geheimnis. Sei mein Liebhaber, und ich gebe mich dir hin.</emphasis></p><p>In welcher Jahreszeit befinden wir uns �berhaupt? Manchmal glaube ich, einfach so zu verschwinden, mich aufzul�sen. Aber nein, das k�nnte dir so passen! Sitzt dr�ben im Norden der Stadt, nicht weit von hier, hinterm Zentralbahnhof, sitzt dort hinter deinen Spiegeln und wartest, dass ich verschwinde. <emphasis>Es kann nur einen geben.</emphasis> Aber so war es nie. Und waren wir nicht Freunde? Gesch�ftspartner? Genossen? Kollegen?</p><p>�Man kann einen Kampf nur gewinnen, indem man ihn vermeidet. �Solch einen Unsinn habe ich nie gesagt. Nat�rlich stimmt das hin und wieder. Aber ich habe es viele Jahre mit dem gro�en Machiavelli gehalten. K�nnte mit dem alten Grafen dr�ber diskutieren. Und h�re dich hinter den Spiegeln klirrend lachen. Was sind wir heute wieder kulturvoll, nicht wahr?</p><p>�Wir haben geh�rt, du hast den Verr�ter�S. getroffen?�</p><p>�Wie kann das sein, wo er doch tot ist.�</p><p>Kein Champagner mehr da, und ich nehme ein 5-cl-Fl�schchen Cognac aus der Minibar. Ich werde auf die Outsiders trinken, die sich aufl�sen werden, weil die Konkurrenz schie�t und die Bullen h�rter werden, die Los Locos sind in der Nachbarstadt und blicken zu uns r�ber. Lebt wohl, Outsiders, die hier und dort hinter mir standen und gleichzeitig den Engeln nahestanden. Ach, Machiavelli. Ein blutverschmiertes Auto in der N�he der Schienen. Das Handy summt mal wieder. SMS. Das Licht des K�hlschranks blendet mich. Man sollte den Cognac nie in die Minibar stellen. Obwohl uns so etwas fr�her schei�egal war. Ich gie�e den Stoff, VSOP, Vronie schluckt ohne Pause (Wer hat mal diesen Schei� erz�hlt? Hans?), Very Superior Old and Pale, in den kleinen Schwenker, w�rme das bauchige Glas von unten mit meinem Feuerzeug. Buchstaben und Worte auf dem Display. Objekt�11 macht Feierabend. <emphasis>Evelyn � ein aufgewecktes Lustluder.</emphasis> Ich h�re dich atmen hinter mir. Ruhig jetzt, ruhig. Als w�rdest du meine Bewegungen im Zimmer und auf der Bettkante sp�ren. Und als w�rde das deine Tr�ume woanders hinf�hren. Was wei� ich denn schon von dir. Obwohl du erz�hlst und erz�hlt hast. Und ich auch. Man schweigt Jahre und Jahrzehnte. Ich w�rme den kleinen Schwenker mit meinem Feuerzeug, bis mir fast das Glas aus der Hand f�llt, so hei� ist es geworden. Ich stelle es auf den Nachttisch. Dort k�hlt es eine Weile. Ich rieche den Cognac. Wenn alles so einfach w�re, wie einen guten Cognac zu erw�rmen. Zwei-, dreimal habe ich mit meiner Frau Urlaub in Frankreich gemacht. In Biarritz. Ich will jetzt nicht z�hlen. <emphasis>� manche F�rsten haben die Herrschaft verloren, sobald sie ein Genie�erdasein dem Kriegshandwerk vorzogen�� Zu den anderen �beln, die die Abneigung gegen den Krieg mit sich f�hrt, geh�rt das, dass sie Verachtung erregt: und sie ist etwas, wovor sich der F�rst am allermeisten h�ten muss��</emphasis></p><p>Das Dr�hnen eines letzten sp�ten oder fr�hen Flugzeugs dringt bis zu uns. Fast scheint es mir, die Scheibe w�rde vibrieren. Das Werk, das wir in unseren gemeinsamen Tagen h�rten, dort im Kubus der Musik, war es nicht sein unvollendetes? Seine Unvollendete? Zumindest las ich das im Programmheft. Ich bin kein Kenner seiner Werke, wie sie dachte. Oder wie ich glaubte, dass sie denkt. Es war nur dieses Festival, ein paar Leute haben es mir empfohlen. Hatten Karten. Internationale Orchester, weltber�hmte Dirigenten, und dieser alte, seit fast hundert Jahren tote Komponist. Zu viel Bedeutung in allen Dingen. <emphasis>Disney World.</emphasis> Da tr�ume ich wohl schon. Was f�r eine ergreifende Musik. Ich will mich zu dir legen. Liege ich schon? Was macht diese lange Feder auf dem Nachttisch? Hat <emphasis>sie</emphasis> die mitgebracht? Ich ziehe die Feder �ber die Knochenkette ihrer Wirbels�ule, hoch zu ihrem Hals, den Haaransatz, kurze schwarze Haare, Pagenkopf. Unschuld, Verlorenheit, tiefe einstige Verletzungen��, oder wie immer man das nennen will. Vielleicht ist es das. Was ich in ihren Augen, ihrem Gesicht�� sehe. Ich ziehe die Feder, die mir immer gr��er und breiter erscheint im Halbdunkel des Zimmers, �ber ihren R�cken, �ber ihren Arsch. Ich habe ihr ein Buch geschenkt, eine alte, seltene Ausgabe. Sch�ne Illustrationen, alte Kupferstiche. Bin selbst in das Antiquariat neben der gro�en Stadtkirche gegangen, in dem ich noch nie zuvor gewesen bin. Ein Kinderbuch, weil sie mir davon erz�hlte, wie sie so sein wollte wie das kleine M�dchen im Buch. Nein, nicht Schneewittchen, verdammt nochmal!</p><p>Wenn wir schlafen: <emphasis>Hier kriegt das Kr�henvieh mich nicht! dachte sie. Es ist viel zu gro�, als dass es sich zwischen den B�umen hindurchzw�ngen kann. Aber es sollte lieber nicht so heftig mit den Fl�geln schlagen, es verursacht ja einen Sturm im Wald.</emphasis> Ich werfe die Feder ins Dunkel, klirrend schl�gt sie auf den Boden.</p><p>Irgendwann wacht er auf, und die T�r des Zimmers ist offen. Er sp�rt das sofort. Bevor er es sieht. Der Flur drau�en im D�mmerlicht. Er kann die Ziffern auf seiner Uhr nicht erkennen. Er lauscht, aber alles ist still. Er sieht das Handy auf dem Nachttisch blinken. <emphasis>Kein Speicherplatz f�r neue Mitteilungen.</emphasis></p><p>Nein, sie ist noch da. Sie liegt auf dem R�cken, und er sieht ihre offenen Augen. Sie starrt an die Decke, es scheint so. Er will aufstehen und zur T�r gehen. Wo die Schatten sind. Etwas ist warm unter ihm und um ihn. Da wacht er auf. <emphasis>Son, my son, what have you done.</emphasis></p><p>Champagner zu trinken. Sich zu ihr zu legen. Er blickt auf das Blinken der Stra�en, das rote Leuchten der hohen Schornsteine am Stadtrand. Er legt sich zu ihr. Streicht �ber ihr Gesicht. Ja. Ja. Ja.</p></section><section><title><p><strong>Ich m�chte ein Pferd, irgendwann mal</strong></p></title><p>Ich k�sse nicht.</p><p>In all den Jahren ist es nicht einmal vorgekommen, dass ich gek�sst habe, mit Zunge. Und auch nicht ohne Zunge, jedenfalls nicht auf den Mund. Nein, das mache ich nicht. H�chstens zum Abschied d�rfen sie, aber nur links und rechts auf die Wangen. Wenn sie wollen, aber wenn ich dr�ber nachdenke, sind�s nur die Stammg�ste mit den Abschiedsk�ssen. Denn die meisten verschwinden still.</p><p>Ich hab eine Freundin, die ist im Escort, also Begleitung und sowas, erst essen, dann ficken, manchmal auch erst ficken und dann essen. Feine Restaurants und Hotels, sagt sie. Vier Sterne, f�nf Sterne. Manchmal auch nur ficken. Aber immer Champagner. Sagt sie. Ich schei� auf Champagner. Also die k�sst. K�sst sogar gerne. Ist ja nicht so, dass ich nicht gerne k�sse. Privat. Hab gerade keinen Freund. Also k�ss ich auch nicht. Doch, letztens auf �ner Party hab ich rumgeknutscht. Aber mit �ner Frau. War sch�n. War vielleicht das Koka. Hab schon paarmal mit Frauen, ist aber lange her. War so �ne junge, s��e, war ganz verr�ckt nach meinem Koka. Und nat�rlich nach mir. Oh ja, vor allem nach mir. Der Hans hat noch gesagt, das ist Verf�hrung Minderj�hriger. Schweine-Hans, so nennen wir ihn, aber nicht, weil er so ein Schwein ist oder st�ndig Schweinereien macht, sondern weil er mal Fleischer war. Hat Riesenh�nde, wie Teller. War vor Jahren paarmal mit ihm im Bett, und da kann er ganz lieb sein mit seinen Riesenh�nden. Hab ja damals angefangen in seinem Club. Oder war der Schlachter? Der kam doch vom Dorf? Ist komisch, dass ich das nicht mehr genau wei�, ist zwar lange her, aber�� Das mit der Party, wo ich ihn getroffen hab und mit der Kleinen rumgemacht hab, muss schon paar Monate her sein, vielleicht sogar �n halbes Jahr, weil sein Club doch zu ist seit �ner Weile, und keiner wei� was Genaues. Paar M�dels, die ihn auch kennen, meinen, dass er in den S�den abgehauen ist, Mallorca, Rio oder sowas, sich zur Ruhe gesetzt hat. W�rde mir auch guttun. In paar Jahren. Ich kann mir nichts mehr merken und vergesse alles M�gliche, und ganze Erinnerungsbl�cke sind pl�tzlich weg, dass mir ganz komisch wird, wenn ich dran denke, wie viel mir verschwindet in letzter Zeit. Wollte schon zum Arzt gehen deswegen, aber was soll ich denn da sagen, guten Tag, ich bin dreiunddrei�ig und krieg Alzheimer. Ist schon komisch, dass der Hans ausgerechnet Fleischer oder Schlachter war, da haben wir oft Witze gemacht damals, aber wenn da jemand Fremdes kam und ihn drauf angesprochen hat, dann war�n die Riesenh�nde vom Schweine-Hans gar nicht mehr lieb. Hab ihn zwei-, dreimal in Aktion gesehen, wenn er einen Gast rausschmei�en musste oder jemand Stunk gemacht hat. Da hatte dann wirklich kein Schwein mehr was zu lachen. Ich hab manchmal das Gef�hl, wenn ich aufwache, dass ich in der Zeit zur�ckgesprungen bin, dass pl�tzlich wieder zweitausendzwei oder zweitausendzehn oder neunzehnhundertneunundneunzig ist, da hab ich angefangen zu arbeiten, da war ich neunzehn. Viele Neunen in dem Jahr.</p><p>Ich hab doch gesagt, dass ich nicht k�sse. Nein, da kannst du machen, was du willst, ich dreh den Kopf weg. Ja, ja, ich blas ihn dir, aber nur mit, das hab ich doch auch schon gesagt. Ich bin �ne Old-School-Hure! Und was geht mich das an, was die anderen machen. Jetzt biste bei mir, Kleiner, und ich sag dir, ich blas ihn dir gut, auch mit. Ich krieg ihn n�mlich ganz tief rein, und ich hab keinen Bock, dass du mir dein Zeug in den Hals spritzt. Ja, ja, du kannst mir deinen Schwanz richtig tief in den Mund schieben, ja, bis zum Anschlag, keine Angst, ich komme mit deinem Schwanz schon klar. Ja, ja, auch wenn er riesengro� ist, na klar isser das. Willste wissen, wo der auf meiner Schwanzskala ist? Nee, besser nicht. F�r mich aber ganz prima, dass das nicht so �n Monsteraal ist. Nein, kein FT und auch kein FO. Mann, der Junge nervt. Kleiner gr�ner Junge, Welpenformat, die meisten sind so f�nfunddrei�ig/vierzig aufw�rts. Obwohl ich da jetzt nicht drauf schw�ren w�rde. M�sst mal �ne Statistik machen. Kann ich vielleicht F�rdergelder beantragen f�r. Letztens hatte ich einen Vierundachtzigj�hrigen, jedenfalls hat er gesagt, dass er so alt ist. Sah aber j�nger aus. Also ich h�tte ihn auf achtzig gesch�tzt. Aber der war sowas von fit im Schritt, bestimmt Viagra, war Berufssoldat gewesen, hat er gesagt, wahrscheinlich noch beim F�hrer, der hat mich im Stehen gefickt, von hinten, der hat �ne Stunde gebraucht, bis er fertig war, und <emphasis>ich</emphasis> war erst fertig, hatte tagelang Muskelkater, aber dem Welpen hier werde ich mal zeigen, wie schnell er die T�te vollkriegt. Franz�sisch ohne und Franz�sisch total. Also ich mache das nicht.�Wenn ich ihn lutsche�, sagt meine kleine Escort-Maus, manchmal denke ich, die w�re was f�r mich, die hat so sch�ne wei�e Haut, schwarze Haare und so �ne zarte Bl�sse, ich geh ja so oft ins Solarium, dass ich bald als Negerin durchgehe, da muss ich manchmal dran denken, wenn wir uns treffen auf ein Gl�schen, Wei� auf Braun, und wie sch�n das riechen muss,�also wenn ich ihn lutsche, da kann ich mir doch gar nix holen���</p><p>Ja, ja, kleine schlaue Maus, lutsch sie nur und lass dir in den Mund spritzen, aber ich��</p><p>Ob er mich anspritzen darf, fragt jetzt der gr�ne Junge und wimmert dabei, als wenn Mutti ihm den Arsch versohlen w�rde, und zuckt und zappelt in meinem Mund, dass ich aufpassen muss, dass ich den Gummi nicht zerbei�e, fr�her hatte ich mal Erdbeergeschmack, aber nur paar Monate, das war n�mlich schei�e, da war grad Sommer, Erdbeerzeit, und wenn ich dann an so �nem Obststand, an so �nem Erdbeerstand vorbeikam��, nee, das war nicht sch�n. Mittlerweile alles geschmacksneutral, und auch die Erdbeeren schmecken wieder. �ne Frau ohne Beine? �n Erdb�r.</p><p>Haha, selten so gelacht, Babsy, ich meine Petra. Was die immer f�r bl�de Witze erz�hlt. Ist verr�ckt, ich kenne eine andere, die nennt sich Petra und hei�t in Wirklichkeit Barbara, und wir nennen sie alle Babsy, also umgedreht wie die Babsy, also die Petra.</p><p>Hals abw�rts, aber nur bis zum Bauch, is ja klar, d�rfen sie mich vollkleistern, wenn sie unbedingt wollen, klassische K�rperbesamung, KB, komm schon, Bubi! und ich nehme ein Hygienetuch aus dem Spender und ziehe den Gummi ab und halte seinen Schwanz und sorg daf�r, dass er mich ordentlich anspritzt und nicht mein Gesicht erwischt.</p><p>�Auf die Br�ste, bitte, auf die Br�ste!�Klar, Junge, auf meinem Schl�sselbeineckgelenk bringt�s dir nichts, was?</p><p>Ich wichse seinen Schwanz und ziele wie mit �ner Knarre auf meine Titten. Komisch, ich nenne sie Titten, und er sagt, nein wimmert, ganz ordentlich und sittsam:�Br�ste, bitte auf die Br�ste!�</p><p>Also ich hab sch�ne Br�ste. Sch�ne Titten? Titten ja, aber <emphasis>sch�ne</emphasis> Br�ste. Sind sie ganz scharf drauf, sie anzuspritzen, bin ja auch so braungebrannt, Copacabana, verstehste.</p><p>Halleluja, mein Kleiner, du hast dir wohl eine Saftpresse implantiert. Und noch ein Schuss. Da denkste, es ist vorbei, und dann noch so �ne Ladung. Berufsprofil Samenspender.</p><p>�Kannst du�s��, na ja��, verreiben?�Zu viele Pornos geguckt oder was? Nee. Zewa-K�chentuch. Und mit einem Wisch ist alles weg.�Du bist wundersch�n.�</p><p>Ja, ja, mein Junge, das wei� ich selbst und h�r es st�ndig. Aber ein Kompliment am Arbeitsplatz verbessert das Arbeitsklima.�Du bist wundersch�n. �Und jetzt muss ich doch l�cheln. Er legt seinen Kopf auf meine Titten, dort, wo eben noch sein Saft war, und es kommt mir vor, als w�rde er verstohlen und ganz vorsichtig schn�ffeln. Der meiste Saft riecht grau.</p><p>Ich streichle ihm durch die Haare, hab wohl kurz Muttergef�hle, und wieder sagt er, wie sch�n er mich findet, und ich sp�re das Vibrieren seiner Stimme zwischen meinen Titten. So, jetzt ist aber gut, dreimal hat der kleine Hahn gekr�ht. Und meinst du mich oder meine Pussy? Denn dort geht jetzt die Reise hin, und so, wie er seine Hand erst auf meinen Bauch und meinen Schamh�gel und dann auf meine Pussy dr�ckt, gibt�s wohl keinen R�ckfahrschein. Und mein Mittelstreifen scheint ihm zu gefallen. Bis vor �ner Weile hatte ich alles glatt, da stand auch noch� blank rasiert �in meiner Annonce. Hab�s eigentlich gerne gemocht, als ich so weich und glatt war.</p><p>Mit elf oder zw�lf hatte ich so �n Flaum, so zart ist der nie wieder gewesen, und trotzdem hat mich das gest�rt, wollte meine glatte Muschi wiederhaben, und da habe ich mir den Rasierer von Vati genommen und mich b�se geschnitten, meine Lippen sind n�mlich ziemlich gro� und h�ngen bisschen raus, was aber den meisten gef�llt, was aber auch wieder problematisch ist, weil sie dann so viel fummeln wollen, und das mag ich ja nun gar nicht und sag das denen auch, wenn sie zu viel fummeln.</p><p>Da musste ich das meiner Mutter zeigen, wegen dem ganzen Blut. Und da hat mich Vati �bers Knie gelegt, also nachdem das mit dem Blut halbwegs gestillt war, da hatte ich noch nichtmal die Regel und schon �ne saubere Blutung, und wie weh das tat, also nicht die paar Schl�ge aufn Arsch, o.k., die taten auch �n bisschen weh. Was muss mich der Alte auch �bers Knie legen, siehste, Vati, �ne verst�mmelte Muschi und Schl�ge aufn Arsch, Berufsprofil��</p><p>Wenn ich heute �ber die linke Lippe streiche, kann ich den winzigen Knubbel noch sp�ren. Ob den die Kerle auch sp�ren, wenn sie mich lecken? Also zumindest meine Privat-Lecker. Der Alex, mit dem ich �ne Zeitlang zusammen war, dem hab ich das mal erz�hlt. Die Rasiermesser-Aktion. War aber eher �ne Aff�re. War ein Guter, der Alex. Schade, dass er nicht mehr f�r den Chef arbeitet. Ist jetzt wohl bei den Engeln. Ich kannte mal eine, die hat als Sklavin bei �ner Domina gearbeitet, die hat sich mal die Lippen, ja, die Schamlippen, zun�hen lassen. Glaubt mir kein Mensch, wenn ich das erz�hle. Die hatte Narben, aufm R�cken und anderswo. Kann ich nicht verstehen. Aber die stand wohl wirklich drauf. So, jetzt ist�s aber genug, wir sind hier nicht im Streichelzoo. Ich stehe auf und gehe ins Bad. Wie alt er wohl ist? Anfang zwanzig? Als ich Anfang zwanzig war��</p><p>Ich wische mir mit dem Waschlappen �ber die Titten und l�chele in den Spiegel. Gro� und blond und nordisch. Hallo, Miss Walk�re. Bist weit gereist aus Schwerin.</p><p>Und ich wische mir mit dem kalten Lappen �bers Gesicht. Und ich gucke in den Spiegel und wische und wische, Schultern und Hals��, und da habe ich doch glatt wieder vergessen, was mir da eben noch durch den Kopf ging, Guten Tag, ich bin dreiunddrei�ig, und mein Gehirn l�uft aus. Da war doch was, irgendein bl�der Witz von der Petra, also der Babsy, nee, umgedreht, die andere erz�hlt n�mlich nie Witze. Jetzt hab ich�s wieder. Als der Junge vorhin seinen Hektoliter abgeladen hat, da fiel mir dieser bescheuerte Kifferwitz ein. Einen Dauerkiffer erkenne ich sofort, sp�testens, wenn er mich anspritzt. Oder sagen wir mal so, wenn er mich anspritzen <emphasis>will</emphasis>. Es ist jetzt nicht so, dass da Horden von Kiffern zu mir kommen, aber ein paar sind�s schon gewesen, in den Jahren. Gegen einen kleinen Joint ab und an, so zur Entspannung, habe ich gar nichts einzuwenden. Der verr�ckte Deutschlehrer, der bis vor ein, zwei Jahren Stammgast war, hat am Anfang noch jedes Mal die T�te auspacken wollen, ich meine, einen Joint. Biste bekloppt, nicht in der Wohnung. Komm ja auch nicht in seinen Unterricht und drehe mir einen Riesen-D�bel. Hat schon gereicht, dass der Typ immer mit Gedichten anfing, wenn er sich entspannt hat nach der ersten Nummer. Das ist dann immer wie ein tropfender Wasserhahn bei denen. Den Kiffern. Pitsch, patsch und noch ein Tr�pflein. Da l�uft mir die Suppe immer �ber die Hand, und wenn sie selber wichsen, manche wollen ja unbedingt selber wichsen, bevor sie mich anspritzen, ja, Baby, ja, Baby, ich geb�s dir, na dann gib doch endlich! und pitsch, patsch aufs Bettzeug, obwohl ich das K�chentuch schon parat hab. Schei� Sauerei. Guten Tag, ich bin Kiffer, und mein Schwanz l�uft aus.</p><p>Ja, genau, jetzt hab ich den Witz wieder. Und lass ihn nicht mehr los. Drei Kiffer, nee, zwei Kiffer, die sitzen so in ihrer Bude rum und rauchen ein sch�nes Pfeifchen oder meinetwegen �ne Bong, die ziehen jedenfalls richtig sch�n einen durch. Und quatschen auch, so wie die Kiffer eben quatschen. �n Haufen M�ll. Aber das ist nicht so wichtig f�r den Witz. Und da klingelt�s dann. Und die rauchen ihr Zeug, und f�nf Minuten sp�ter sagt der eine Kerl:�Du, da hat�s doch eben geklingelt.�</p><p>�Hm, ja�, sagt der andere,�da musste wohl mal an die T�r gehen.�</p><p>�Nee�, der will n�mlich nicht,�geh du mal bitte.�</p><p>�O.k.�, sagt der,�gleich. �Und dann rauchen die weiter, und wieder sind f�nf Minuten um, und die gucken sich an.�Hat�s nicht grad geklingelt?�</p><p>�Stimmt. Wolltest du nicht gehen?�</p><p>�Nee, du.�</p><p>�Stimmt. O.k. �Und dann rauchen sie noch was, und wieder sind so f�nf Minuten um, und dann steht der eine auf und geht zur T�r und macht auf. Steht ihr Kifferkumpel drau�en und freut sich.�Mensch, eben erst geklingelt und schon is offen.�</p><p>Da hab ich den tats�chlich zusammenbekommen. Und dabei vergesse ich Witze eigentlich sofort. Herr Doktor, ich bin dreiunddrei�ig, und mein Alzheimer ist geheilt.</p><p>Ich gehe zur�ck ins Behandlungszimmer, und da hat der gr�ne Welpe doch tats�chlich wieder einen St�nder. Hast wohl heimlich gewichst, du Schlingel, damit sich der Stundenservice lohnt.�Bl�st du ihn noch mal, bitte.�</p><p>Oha! Ein kleiner Kavalier, der das W�rtchen� Bitte �kennt. Nette Umgangsformen am Arbeitsplatz verbessern das Betriebsklima.�Na klar�, sage ich und rolle ihm einen Gummi drauf. Er st�hnt schon wieder, da habe ich ihn noch gar nicht richtig in der Hand. Dann k�sse ich ihn, also seinen verpackten Schwanz, und dann fickt er mich, er liegt auf mir und ist ganz aufgeregt und zittert fast.�Ist�s gut so�, fragt er,�ist�s gut so?�</p><p>�Ja�, sage ich,�du machst das wunderbar. Besorg�s mir richtig.�</p><p>Und da will er mich doch schon wieder k�ssen, und ich drehe meinen Kopf weg, und er streift mit seinem Gesicht �ber meine Schultern, meinen Hals. Dann ist er pl�tzlich fertig, so pl�tzlich kam das f�r mich aber nicht, denn ich hab �ber seinen R�cken nach seinen Eiern gegriffen, und er wird steif wie ein Brett, und von der Stunde, f�r die er bezahlt hat, ist grad mal eine halbe um.</p><p>Ich streiche �ber meine Pussy, die ist schon etwas geschwollen, denn Welpe ist Nummer�5. War �n guter Tag heute. Und es wird erst langsam Abend. Ich muss mehr Gleitgel nehmen. Gestern war ich fast den ganzen Tag alleine. Nur ein Feierabendrammler um sechzehn Uhr. Der ist f�r hundertf�nfzig geblieben, und damit war meine Wochenbilanz wieder o.k. Und heute wird wieder in die H�nde gespuckt, ich steigere mein Bruttosozialprodukt. Eigentlich wollte der NS-J�rgen gestern kommen. Dieser Arsch ist echt unzuverl�ssig. NS-J�rgen, so hab ich ihn in meinem Arbeitshandy gespeichert, und wenn ich das Leuten erz�hlen w�rde, was ich nat�rlich nicht mache, Diskretion ist alles, so rum und andersrum, die w�rden bestimmt fragen:�Was, der Nazi-J�rgen?�</p><p>Nee, nix Nazi. Natursekt. Der legt sich in die Badewanne, und ich pisse auf ihn drauf. Dann wichst sich der J�rgen einen ab. Schnelles Geld, aber ich muss immer literweise Tee trinken, weil ich n�mlich �ne ganz gute Blase habe, und danach ist immer Gro�reinemachen angesagt in der Badewanne. Essig ist das Beste. Und baden tu ich nur zu Hause.</p><p>Der Junge w�lzt sich von mir runter und kuschelt sich an mich. Ich steh nach �ner Weile auf, und er rollt sich zusammen. Welpe eben. Und ich rei� was von der Zewa-K�chenrolle ab, ich sollte Werbung machen f�r die,�F�r jeden Schuss, das beste Tuch! Und kein Tropfen geht daneben!�, und zieh ihm das Kondom runter und mache seinen Schwanz sauber. Nehme ein Hygienetuch aus dem Spender.�Du bist���</p><p>�Ja, ja�, will ich sagen, lasse es aber dann. G�stepflege. Und ich geb ihm �n Klaps aufn Arsch, und er spielt sich schon wieder an seinem schlaffen Schwanz rum. Lass dir blo� Zeit, Rambo.</p><p>Ich kn�lle das Papier mit dem Gummi drin zusammen und werfe es in den kleinen M�lleimer. Der Deckel �ffnet sich, wenn ich den Fu� auf das kleine Pedal stelle. Ich gehe ins Bad und wasche mir wieder die H�nde. Und dann liege ich wieder neben ihm und rauche. Der Ascher steht auf dem Nachttisch. Ich biete ihm eine an. Mache ich eigentlich nie.�Danke�, sagt er und nimmt das Feuerzeug. Er hustet kurz, als er den Rauch ausst��t. Komm nur �fters zu Mutti, Jungchen, das kriegen wir schon hin. Wir liegen eine Weile rum und schweigen. Manche fangen ja ohne Ende an zu quatschen, wenn sie fertig sind und noch viel Zeit auf der Stechuhr ist. Andere k�nnen gar nicht schnell genug in die Klamotten rein, wenn der Gummi voll ist. Viele zahlen ja nur f�r eine Nummer. Hat alles seine Vor- und Nachteile. Endlosschleife in meinem Kopf.</p><empty-line/><p>Der Junge ist noch keine zehn Minuten weg, da habe ich schon fast wieder vergessen, wie er aussah. Blond? Nee. Egal. Hat er mir links und rechts einen Kuss auf die Wange gegeben, bevor er gegangen ist? Ja, hat er.</p><p>Vielleicht kommt er ja wieder. W�r �n netter Stammgast. Aber ob nett oder fett�� Am Abend geh ich nach Hause. Wenn alle so w�ren, w�r�s einfach. Im Prinzip isses das auch. Wenn der Chef sich mal zur Ruhe setzt, und man h�rt ja so einiges, da bewegt sich wieder einiges, die Engel und so, dann k�nnt ich woanders arbeiten. Bis ich mich auch zur Ruhe setze. Aber vorerst geht�s weiter. Egal wo, egal wem ich meine Miete zahle. Obwohl der Alte, der Chef, schon �n angenehmer Chef ist und ich mich auch sicher f�hle. Geht weiter. Einfach weiter.</p><p>War pflegeleicht, der Junge. Keine gro�en Schweinereien. Und da muss ich wieder an Schweine-Hans denken. Und was der wohl jetzt macht. In Clubs w�rde ich nicht mehr arbeiten. Zu viel Alk, zu schlechte Luft. Da z�nde ich mir gleich eine an. Hat alles seine Vor- und�� Geschichten erz�hlen, von nah und von fern, Geschichten erz�hlen, die keiner mehr wei�. Fragt doch die Leute, fragt doch die Leute�� Das summe ich vor mich hin. Hat so �n Typ mit Klampfe im Fernsehen gesungen, als ich klein war. Und dann kam immer �n Trickfilm. Manche der G�ste stehen total auf Prostatamassagen. Ist jetzt �n neuer Trend. Zieh die Gummihandschuhe an. Ist aber besser, als wenn sie losrammeln wie Black&amp;Decker Black&amp;Decker Black&amp; Decker�� Endlosschleife in meinem Kopf. Einmal bin ich mit Hans nach Feierabend in diese Vierundzwanzig-Stunden-Kneipe gegangen, wo die alle rumhingen. Da hat er meistens Roulade mit Rotkraut und Kl��en gegessen, direkt am Tresen. Und Sekt und Wein hat er ausgegeben. Der Chef, also mein jetziger Chef, war manchmal auch da. Ist alles l�ngst viel ruhiger geworden. Der Chef auch, seit er aus dem Krankenhaus zur�ckkam, damals, aber da habe ich ja noch bei Hans gearbeitet. Und einmal ist der Hans abgehauen, hat sogar die Rouladen stehen gelassen, da wollte er nach Amerika. Manchmal tauchen so Erinnerungsbl�cke pl�tzlich wieder auf bei mir. Aber sowas kann man auch nicht vergessen. Glaubt mir keiner die Geschichte, wenn ich sie erz�hle. Weil er behauptet hat, dass in Amerika auf den Klopapierrollen draufsteht, wie oft du damit kacken kannst. Dreihundert Shits pro Rolle, hat er behauptet, aber vielleicht war�s auch �ne andere Zahl.</p><p>Das war dann paar Monate <emphasis>das</emphasis> Gespr�chsthema bei uns. Hans in Amerika. War das zweitausendeins? Wie lange das schon wieder her ist. Und die haben ihn alle ausgelacht, von wegen dreihundert Shits. Weil doch jeder anders kackt. Aber der Schweine-Hans hat einfach nicht lockergelassen. Ist eben Amerika, hat er gesagt, das is �ne andere Welt. Und �ne Woche sp�ter war er wieder da und hat �ne Rolle mitgebracht und die in dieser Vierundzwanzig-Stunden-Kneipe auf die Theke gelegt. Und da stand dann wirklich was von dreihundert oder tausend, war eine ziemlich hohe Zahl. Aber nix mit Shits, mein lieber Hans. Da stand n�mlich� Sheets�. Und das hei�t� Blatt�, also� Bl�tter�, so wie an meiner Zewa-K�chenrolle. In Englisch war ich immer gut. Und Hans hat richtig Geld verloren, weil er nat�rlich gewettet hat, warn das noch Mark oder Euro? weil er nach der Wende mal in New York gewesen ist. Pauschalreise. Da hat er oft von erz�hlt. Als ich damals bei ihm angefangen hab.</p><p>Das Telefon klingelt. Eigentlich klingelt�s gar nicht, es steht neben mir auf dem Tisch im Aufladeger�t, und nur das Display blinkt immer wieder wie ein kleiner Leuchtturm. Hab das Klingeln weggeschaltet. Hab eh immer �n Auge drauf. Geh auch nicht ran, wenn ich mitten bei der Arbeit bin.</p><p>Ich nehme die Fernbedienung, mache den Fernseher leise, als der Welpe weg war, habe ich den Ton ganz laut gedreht, auch wenn�s nur �ne bl�de Show war, mit Untertiteln, wo sie h�ssliche Kerle mit h�sslichen Fruggen verkuppeln, irgendwo auf der Welt.</p></section><section><title><p><strong>�ber Clemens Meyer</strong></p></title><p>Clemens Meyer, geboren 1977 in Halle / Saale, lebt in Leipzig. 2006 erschien sein Deb�troman �Als wir tr�umten�, es folgten �Die Nacht, die Lichter. Stories� (2008) und �Gewalten. Ein Tagebuch� (2010). F�r sein Werk wurde Clemens Meyer mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter dem Preis der Leipziger Buchmesse.</p><empty-line/><p>Weitere Informationen, auch zu E-Book-Ausgaben, finden Sie bei www.fischerverlage.de</p></section></body><binary id="cover" 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